
        
                              Otto Julius Bierbaum
                                     Stilpe
                      Ein Roman aus der Froschperspektive
                                   Erstes Buch
                              Der Knabe Willibald
 Eine schlechte Kinderstube wird durch kein Begräbnis erster Klasse wett gemacht.
                       Aus Stilpes zerstreuten Papieren.
 
                                 Erstes Kapitel
Als mein Freund Stilpe geboren worden war, herrschte, wie das so üblich ist,
viel Freude in der Familie. Dies umsomehr, als die Sache anfangs gedroht hatte,
bös auszugehn.
    Tante Pauline, die nachgezählt hat, will es beschwören, dass Stilpe-Vater an
jenem schweren Tage dreiundachtzig Mal: Umgotteswillen! gesagt hat, wobei er
sich, zornig halb, halb mit der Miene eines zerknirscht auf alles Gefassten, in
den Achselausschnitt der Weste fuhr und mit sämmtlichen Fingern, ausser den
Daumen, die eben hinten steckten, auf beide Seiten der Westenbrust trommelte.
Und dabei war Stilpe-Vater eigentlich ein sehr ruhiger Mann, seines Zeichens
Lepidopterologe, und konnte von sich sagen, dass er die Welt mit Gelassenheit
betrachtete.
    Aber dieser Fall war zu sehr ausserhalb der Erfahrungen seines Metiers. Das
Kind lag nämlich schief, und Doktor Schatzheber, schon durch diesen Namen zum
Geburtshelfer prädestiniert, sah sich genötigt, mit der Zange einzugreifen.
    Umgotteswillen! Mit der Zange! Dem Lepidopterologen, der an die gelinde Art
dachte, wie sich die Schmetterlinge auf diese Welt bringen, hätte sich das Haar
gesträubt, wenn es nicht schweissnass am Schädel geklebt wäre.
    - Nu, nu! sagte Tante Pauline: das ist das Schlimmste noch nicht. Die
Hebamme hat mir erzählt ...
    - Umgotteswillen, Pauline, verschone mich! Du bist nie in der Lage gewesen.
Also solltest du auch nicht ...
    Tante Pauline rauschte ab. Es muss gesagt werden, dass die ganze aufregende
Geschichte ihr eine gewisse Genugtuung bereitete.
    Das Verheiratetsein hat also auch seine Schattenseiten! Ja, ja, ja!
    Das versöhnte sie auf eine Weile mit der Welt.
    Schliesslich lief also Alles gut ab, nur dass der kleine Stilpe eine kleine
Eindöllung am Hinterkopfe aufwies. Tante Pauline hatte die Güte, fragend zu
bemerken, ob derlei nicht Blödsinn zur Folge haben könnte?
    - Nein! schnaubte Doktor Schatzheber, aber, wenn die Wöchnerin nicht
bewusstlos wäre, würde ich Sie ....; dann wusch er seine Zange in Karbol.
Tante Paulinens Benehmen ist schuld daran, dass ich vergessen habe, den
Schauplatz von Stilpes Geburt zu nennen. Es vollzog sich dieser Akt in Leissnig,
einer kleinen sächsischen Stadt, über die ich in Kürschners Quartlexikon nichts
weiter finde, als dass sie an der Freiberger Mulde und nicht weit von dem Schloss
Muldenstein liegt. Ich habe auch keinen Anlass, mich bei diesem Gemeinwesen
länger aufzuhalten, denn, wenn ich auch zu Beginn meiner Geschichte eine kleine
Stilpopädie zu liefern gedenke, so bin ich doch weit entfernt, mich nach dem
preiswürdigen Muster des lieben Meisters Rabelais auch mit den Windelerlebnissen
meines Freundes zu beschäftigen. Selbst die erste Hose und die Schulzuckertüte
bringt mich nicht von dem Vorsatz ab, erst in dem Augenblick einzusetzen, wo
mein Freund in das versandfähige Alter eintritt, da man ihn von Hause weg und in
fremde Hände gab, genauer gesprochen, da man ihn aus Leissnig nach Dresden und
zwar in die Königliche Erziehungsanstalt für Knaben in Friedrichstadt-Dresden
gab, die unter dem Namen Freimaurerinstitut bekannt ist.
 
                                Zweites Kapitel
Das Freimaurerinstitut in Dresden-Friedrichstadt verfolgt nicht, wie man aus dem
Namen schliessen könnte, den Zweck, Freimaurer zu züchten, sondern es erblickt
seine Bestimmung darin, aus jungen Knaben, die zu Hause schwer zu glätten sind,
wohlpolierte Jünglinge zu machen. Es führt sie aber nicht bis zu jenen Höhen der
Bildung, deren Erklimmung die Tore einer Universität öffnet, sondern es begnügt
sich mit der bescheideneren, aber zuweilen doch recht mühereichen Aufgabe, seine
Pflegebefohlenen nur bis zum Vorhofe des Tempels zu bringen. Dort gibt es ihnen
einen leisen Schlag auf die Schulter (so, wie es den jungen Fohlen geschieht,
wenn man sie aus dem Stalle lässt) und befiehlt sie der fördernden Gnade dessen,
der aus Tertianern nach und nach Primaner und weiterhin im sanften Gleisgange
Studenten, Doktoren, Pastoren, Professoren, geheime Räte, wirkliche geheime
Räte, kurz allerlei Lichter oder auch wohl bloss Leuchter macht.
    Mein Freund Stilpe, von dem ich hoffe, dass ich ihn einst unsern Freund werde
nennen dürfen (aber man hofft manchmal verwegen), wurde aus zweierlei Gründen in
die Obhut dieser wissenschaftlichen und moralischen Brutanstalt gegeben.
    Einmal geschah es deshalb, weil der Vater notwendig nach Südamerika reisen
musste, um dort auf irgendwelchen besonders begnadeten Wiesen irgendwelche
Schmetterlinge zu fangen, die sich darauf kaprizieren, just und nur dort ihr
Dasein hinzubringen, und die deshalb noch immer nicht in die ihnen gebührende
Klasse der wissenschaftlichen Schmetterlingsordnung eingetragen waren.
Stilpe-Vater hätte aber nicht mit der Seelenruhe, die zu einem solchen Geschäfte
nötig ist, in das ferne Land ziehen können, wenn er seinen Sohn nicht in
männlicher striegelnden Händen gewusst hätte, als es die der guten Stilpe-Mama
waren. Denn es muss gesagt werden, dass Mama Stilpe kein eigentliches Talent für
Knabenerziehung besass. Sie war, eine liebe, nette und hübsche Frau übrigens, zu
sanftlebig dazu und hatte das, für andere Kinder vielleicht recht passende, auf
Willibald angewandt aber nicht ganz richtige Prinzip, lediglich mit Bonbons zu
erziehen.
    Sie handelte dabei nicht nach irgend einer pädagogischen Schulmeinung,
sondern ganz instinktmässig. Da sie nämlich selber eine Liebhaberin von
Konfitüren aller Art war, so hatte sie die Bemerkung gemacht, dass nichts auf
ihre Psyche so beruhigend, begütigend, ja im eigentlichsten Sinne bessernd und,
wenn die Bonbons besonders auserlesen waren, erhebend wirkte, als die linde sich
lösende Süssigkeit dieser Konditorerzeugnisse, und sie meinte nun, es müsse das
bei dem noch naiveren Kontakt zwischen der kindlichen Zunge und Seele im
Kindesalter erst recht so sein.
    In den einzelnen Fällen hatte es auch immer den Anschein, als ob sie recht
hätte. Der kleine Willibald, so hatte man ihn in der Taufe benannt, reagierte
wie ein Engel auf Bonbons. Aber von der höheren Betrachtungswarte der
väterlichen Kritik aus machte es sich bald bemerkbar, dass das Allgemeinbild der
Willibaldschen Entwickelung sich nicht völlig so süss ausnahm wie die einzelnen
Reaktionserscheinungen. Kurz gesagt: Willibald war ausserhalb der jeweiligen
Bonbonwirkungen eine beträchtliche Range.
    Der andre Grund zur Überführung des jungen Knaben ins Freimaurerinstitut lag
mehr auf wissenschaftlichem Gebiete.
    Wenn jemand einen Sohn bekommen hat, so meldet sich, kaum dass die erste
Windel trocken geworden ist, die ernste Frage: Was soll der Junge werden? Ist es
erstaunlich, dass Stilpe-Vaters Antwort darauf mit der Sicherheit einer
Reflexbewegung lautet: ein Lepidopterologe? Diese Antwort ist durchaus
begreiflich. Stilpe senior empfand wie jeder Vater seinen Sohn als eine
Fortsetzung seiner selbst; was lag da näher, als dass er in ihm auch den
zukünftigen Fortsetzer seiner Lebensaufgabe sah? Und nun konnte er sich zwar
sagen, dass er selbst schon manchen Schmetterling zur Ehre der Wissenschaft
aufgespiesst hatte, aber die sattsam bekannte Bescheidenheit unsrer exakten
Wissenschaftler erfüllte ihn doch zu sehr, als dass er nicht auch hätte
hinzufügen müssen: Es gibt immer noch unaufgespiesste Schmetterlinge genug, ja
übergenug. Welch ein lieblicher Gedanke aber, dass der Sohn die Schmetterlinge
einregistrieren wird, die einzuregistrieren dem Vater von einem neidischen
Schicksale versagt gewesen!
    Indessen: Stilpe-Vater war ein starker Geist und wusste die Subjektivität des
väterlich Angenehmen von der Objektivität der Pflichten zu trennen. Er sagte
sich: Man muss alle Türen offen lassen und bis zu dem Zeitpunkt warten, wo man
aus den Schritten des jungen Menschen ungefähr ersehen kann, zu welchen er sich
am fügsamsten leiten lassen wird. Nur nicht schieben und stossen! Er war durch
seinen Beruf an zartere Hantierung gewöhnt.
    Daher gab er denn seinen Sohn, als der im lateinfähigen Alter war (ach, wie
bald ist das ein Deutscher!), nicht mit plumper Hast auf ein Gymnasium, sondern
richtete sein Augenmerk auf eine Anstalt, die beide Wege, den in die Humaniora,
und den in die Realistika, offen liess. Eine solche Anstalt war das
Freimaurerinstitut. Im Allgemeinen mehr den realistischen Disziplinen des
menschlichen Wissens gewidmet, besass es doch auch eine Selekta für die unter
seinen Zöglingen, die es nach den Reizen des klassischen Altertums oder
wenigstens nach den Laufbahnen gelüstete, die nur der lateinisch und griechisch
geaichte Jüngling betreten darf.
    So ward Willibald, als er acht Jahre alt war, in die Zöglingsschaar des
Freimaurerinstitutes eingereiht.
    Acht Jahre alt! Mit Bonbons erzogen! Sehr eigensinnig! Sehr zart! Sehr blass!
Und nun plötzlich unter dem Glassturz zärtlichster Bemutterung hervorgezogen und
einer Knabenstriegelungsanstalt überantwortet, die geradezu spartanischen
Erziehungsgrundsätzen huldigte ...!
    Oh mein kleiner Willibald, was wirst du erleben müssen! Wehe, die Zeit der
Bonbons ist vorüber.
    Willibald erhielt die Nummer 171, als er ins Institut eintrat. Man schrieb
sie ihm mit Tinte in die Wäsche, nähte sie ihm in die Kleider, klebte sie ihm in
Stiefel und Mütze; sie stand auf seinem Kleider- und Bücherschrank, sie stand
auf seinem Bette, sie stand auf seinem Waschbecken, seinem Stiefelwichsplatz,
seinem Seifenkasten;und auch auf dem hölzernen Gewehre stand sie, mit dem er
exerzierte. Denn es wurde exerziert in diesem Institute, exerzirt unter der
Leitung zweier schnauzbärtiger ehemaliger Unteroffiziere, die auch sonst als
Knabendresseure einen wichtigen Platz im Erziehungsplane dieser martialischen
Anstalt hatten Man kann daraus erkennen, wie eminent modern die Anlage dieses
pädagogischen Institutes war. Sie ging nicht aufs Sentimentale, sondern aufs
Robuste aus, sie wollte nicht Romantiker erziehen, sondern Realisten, sie wusch
die jungen Häute nicht mit Mandelmilch, sondern mit Bimsteinseife. Wie in den
meisten dieser Internate, so lebte auch in ihr das bewährte Staffelprinzip des
Lebens, das sich in Kürze so darstellen lässt: Die Unteren sind die Fussschemel
der Oberen, und keiner kommt ungetreten in die Höhe. So erfüllen diese Anstalten
aufs Vollkommenste den erzieherischen Zweck, aufs Leben vorzubereiten. Denn sie
nehmen es in seiner ganzen Rohheit vorweg. Der Spaltpilz des Illusionismus wird
mit kräftiger Hand ausgemerzt, und die bedenkliche Neigung mancher jungen Seelen
ins Optimistische wird durch reichlich und konsequent applizierte Blitzgüsse
weggeschreckt.
    So redet unsere erwachsene Philosophie. Aber, liebe Leute, so ein kleiner
Junge von acht Jahren ... Mein Gott, woher soll der erwachsene Philosophie
haben? Er begreift mit nichten die Heilsamkeit des lebensvorbildlichen
Getretenwerdens, er versteht ganz und gar nicht, wie wertvoll es ist, sich die
junge Haut durch Schinden abhärten zu lassen, ihm fehlt jeder Sinn für das
realistisch Tüchtige dieser ganzen Metode. Er fühlt sich einfach
kreuzunglücklich. Er denkt an Muttern und weint.
    So auch Willibald.
    Was hat der arme kleine Kerl geheult unter seiner Bettdecke! Und wie hat er
manchmal mit den Zähnen geknirscht vor Ingrimm, wenn ihn die Oberen drangsalten,
ihn, den »Battling«. So wurden nämlich die Kleinen genannt.
    Die Battlingschaft war bitter wie die Rekrutenzeit. Ach nein: Wohl bitterer
noch. Denn, was so eine junge Seele empfindlich ist, das kann sich ein
erwachsenes Gehirn manchmal gar nicht mehr vorstellen.
    Deshalb wird es gut sein, ich lasse den Battling selber reden.
 
                                Drittes Kapitel
                           Die Briefe des Battlings.
Liebste Mamma!
    Du hast mir gesagt, das ich Dir gleich schreiben soll, wie mir es gefellt im
Institut. Es gefellt mir gar nicht. Die Jungens sind furchbar grob und haun mich
immer und nenen mich Badling. Sie sagen, ich wär ein dumes Gescheeche. Ich mag
nicht mer dableiben und will wieder nach Leisnig. Ach, liebste Mamma, ich weine
die ganze Nacht und dann kommen sie und haun mit einem Rohrstock auf die
Bettdecke, die dinne ist. Und früh lässt mich der Schüsseloberst den Zucker
karieren beim Kaffe und Mittags der Schisselvice den Braten, wen's welchen
gibt,aber's gibt bloss einmal welchen. Ach liebste Mamma komm doch gleich und hol
mich ab. Sonst lauf ich dervon.
                              Mit herzliche Grüsse
                                                                            Dein
                                                             Dich liebender Sohn
                                                               Willibald Stilpe.
                            Meine liebe gute Mamma!
Du denkst, ich liege Dir was for, aber es ist doch alles war was ich Dir
geschrieben habe. Gestern haben sie mich wieder das Fleisch wollen karieren
lassen. Da hab ich gesagt ich sags dem Lehrer, da haben sie mich untern Tisch
gesteckt und gesagt ich soll die Wacht am Rhein singen und sie wollen den Takt
treten mit den Beinen, und haben mich auch getreten. Aber gesungen hab ich
nicht. Ach meine liebe gute beste Mama, schick mir doch eine Kiste mit Wurst und
Gänsefett, dass ich auch was hab auf die trockenen Dreierbrotchen, die wir zum
Frihstick kriegen, und ich dem Schisseloberst was abgeben kann, dass er mich
nicht immer den Zucker frih karieren lässt.
                             Mit herzlichen Grüssen
                                                        Dein Dich liebender Sohn
                                                               Willibald Stilpe.
Ich hab einen Freund, der heisst auch Willi, er sitzt neben mir in der Klasse.
Dem will ich auch Wurst geben, weil er mir auch Wurst gibt.
                         Meine allerliebste gute Mamma!
Ich liege Dir ganz gewiss nichts vor. Wenn ich in die Ferien komme will ich Dir
schon zeigen, was ich für blaue Flecke hab, und einen ganzen Bischel Haare hat
mir Einer ausgerissen, wo ich gar nichts gemacht hatte. Blos, weil ich ihm die
Stieweln nicht butzen wollte. Und den Lehrern darf man nichts betzen, dann krigt
man bloss noch mehr Keile, und die Lehrer tun den Grossen doch nichts. Wenn ein
Battling betzt, missen ihn auch die andern Battlinge mit verhauen, und er darf
auch nicht mitspielen.
    Die andern Jungens krigen alle Taschengeld für wenn die Obstfrau kommt. Die
kommt zweimal in der Woche und hat viele schöne Sachen, Johannisbrot und Äpfel
und Birn und Mispeln, aber Blockzucker darf sie nicht haben. Du darfst mir aber
das Geld nicht selber schicken, sondern dem Herrn Inspektor Teurig, der gibt
mir dann jede Woche zwanzig Fenge.
                               Es grüsst Dich Dein
                                                             Dich liebender Sohn
                                                               Willibald Stilpe.
Mein Freund Rammer lässt Dich auch grüssen.
                        Liebe, gute, allerliebste Mama!
Ich bedanke mich sehr schön für die grosse Kiste. Ich habe der ganzen Schissel
Leberwurst und Pfannkuchen gegeben und stehe jetzt sehr gut beim
Schisselobersten und den andern. Du schreibst, ich soll Dir schreiben, was ich
den ganzen Tag mache. Das will ich tun. Also pass auf: Um fünf Uhr frih klingelt
eine Klingel am obern Schlafsaal und dann schreien die beiden Herrn Inspektoren:
Aufstehn! Aufstehn! Die erste Abteilung sich da zuhalten! Die erste Abteilung
sind nämlich die Battlinge. Wir springen nun schnell aus den Betten raus und
rennen in den Stiefelwichssaal und wichsen unsre Stiefel an den Beinen ohne
Ausziehn sehr blank. Dann rennen wir in den Waschsaal, wo jeder sein Waschbecken
hat, aber nicht aus Borzelan, sondern zum Umkippen aus Blech. Die Herren
Inspektoren passen auf, dass wir die Hemden runterziehn und nicht so spritzen.
Das Wasser ist wie Eis, und die Seife hat jeder in einem Schiebeksten bei sich,
wo sich auch der Waschlappen und die Kämme aufhalten. Dann rennt jeder in den
Kammsaal und kämmt seine Haare. Ich hab einen Scheitel machen missen links aber
ohne Bomade, mit Wasser. Wenn Einer Läuse hat, so nennen sie ihn Lausewenzel. Es
kommt beim Haareschneiden raus und ist eine grosse Schande und wird mit Essiig
gewaschen. Ich dachte schon, ich hätte welche, weil michs immer picken tat,
aber ich hatte keine. Mein Freund Rammer hat mal welche gehabt, aber dann hat er
beim Haareschneiden immer gebetet Lieber Gott gieb das ich keine Läuse hab, und
dann hat er keine mer gehabt.
    Ich muss nun schliessen, weil es gleich zum Bettegehn klingelt.
                             Es grüsst und küsst Dich
                                                   Dein Dich treu liebender Sohn
                                                               Willibald Stilpe.
                       Meine gute liebe allerbeste Mama!
Der Herr Inspektor hat mir gesagt, das Du Taschengeld fir mich geschickt hast.
Das hat aber der Schisselvice gehehrt, und da hat er mir gesagt, ich solls keim
sagen und soll ihm finf Pfenge borgen. Das ist aber verboten; aber ich muss ihm
doch borgen, weil er mich sonst am Sonntag das Apfelmus karieren lässt und selber
isst.
    Nun will ich fortfahren, was ich tu, wenn ich meine Haare gekämmt hab. Dann
gehts nauf in die Arbeitszimmer und wird die Schulsachen nochmal durchgegangen.
Wenn alle Abteilungen mit Wichsen und Waschen und Kämmen fertig sind wird
angetreten und die Herren Inspektoren sehen Einen an, ob man reine gewaschen ist
und auch die Stiewelsohlen ganz sind, besonders hinter den Ohren, wo sich
manchmal Schmutz befindet und man dann karieren muss. Dann singen wir in der Aula
Nun danket alle Gott oder andere schöne Gesangbuchslieder und ein Herr Lehrer
betet ein Gebet, was er grade auswendig kann. Dann gehts zum Kaffetrinken, wo
immer jede Schissel, welche aus vier jungens besteht und einen Schisseloberst,
Schisselvice, Schisselterz und Schisselschund hat, eine Kanne Kaffe krigt und
jeder drei Eckchen Semmel und zwei Stikchen Zucker. Der Zucker wird gewöhnlich
in die Semmeln nein gebohrt und dann gedunkt, das schmeckt wie Kuchen. Die
Schisselschunds krigen aber nicht immer alle zwei Stickchen Zucker, weil
manchmal welche fehlen. Wenn Kaffe getrunken ist, ist eine Arbeitsstunde, wo
Schularbeiten gemacht werden. Ein Herr Lehrer passt auf, das keiner abschreibt.
Manche Jungen schreiben aber doch ab. Ich wage mirs nicht.
    Nun lebe wohl meine liebe gute Mamma, mein Nachbar schubt mich immer, dass ich
Messerspiessen soll mit ihm. Das ist ein sehr schönes Spiel. Auch Federtippens
wird gespielt. Ich habe drei Goldhahnfedern gewonn, eine ganz neue dabei.
                          Es grüsst und küsst Dich Dein
                                                                     treuer Sohn
                                                               Willibald Stilpe.
                                  Liebe Mama!
Du weisst nicht, was Blockzucker ist? Ich werde es Dir erklären. Das sind rote
oder gelbe oder weisse Tafeln, und die roten schmecken nach Himbeer, die gelben
nach Apfelsine und die weissen nach Citrone. Die roten schmecken am schönsten.
Wenn man eine Tafel kauft, das kostet zehn Pfennige, und jede Tafel hat fünf
Abteilungen zum Abrechen. Nicht wahr, jede Abteilung müsste doch bloss zwei
Pfennige kosten? Kostet aber einen Dreier. Rammer sagt, im Biedchen draussen
kostet eine Tafel iberhaupt bloss fünf Pfennige. Aber die Jungens, die bloss in
die Schule kommen hier und zu Hause wohnen, die bringen sie mit und sagen, sie
kosten zehn Pfennige. Wenn ein Junge kein Geld hat, so kann er auch seinen
Braten dervor geben. Vor Schweinebraten krigt man zwei Stückchen, aber vor
Rinderbraten bloss eins, das heisst, weisst Du, das ist bloss bei den Battlingen.
Die Grossen kriegen schon mehr. Nun weisst Du, was Blokzucker ist.
    Ich will Dir nun schreiben, was nach der Arbeitsstunde frih kommt. Da kommt
die Schule. Rechnen ist sehr schwer hier, weil der Lehrer, den die Jungens
Buschklepper nennen, so ein eklicher Fritze ist. Das sagen alle. Biblische
Geschichte ist sehr schön, aber im Lateinischen sind die Verba schwer zum
abwandeln. Ich will aber doch in die Selekta. Die Selekta darf abends eine
Stunde länger aufbleiben. Geographie ist sehr ausgedehnt. In der Geschichte
gefallen mir die alten Germanen vortrefflich gut. Aber die Römer siegen immer.
Naturgeschichte ist sehr mies, weil sie auch der Buschklepper hat. Nicht wahr,
liebe Mama, die Menschen legen keine Eier. Rammer sagt, sie legten welche. Dann
kommt das Mittagessen. Erst betet einer komm Herr Jesu sei unser Gast und segne
was Du uns bescheret hast, und wenns alle ist, betet wieder einer Wir danken Dir
Herr Jesu Christ, das Du unser Gast gewesen bist. Aber er ist natürlich nicht
wirklich da, sondern man muss sich ihn selber denken. Es gibt meistenteils
Rindfleisch mit Gemiese, und Brot kann sich jeder nachholen, wenn er noch nicht
satt ist. Ich hole mir immer welches. Bier gibts keins, bloss Wasser. Wir haben
einen neuen Schüsseloberst. Das ist der schönste Junge im ganzen Kasten und ein
Serbe. Er ist sehr gut und macht feine Witze. Gestern sagt er zu mir: Du,
Schund, jetzt lass ich Dichs Wasser karieren. Da haben wir aber alle gelacht. Er
heisst Miokovitsch. Ist das nicht ein schöner Name? Wenn ich gross bin, geh ich
mit ihm nach Serbien. Er kann den Ball übern Turm pritschen. Auch die
Riesenwelle kann er. Er hat aber auch schon beinah einen Schnurbart. Ich hab ihn
furchtbar gern. Liebe Mama, die Kiste ist schon lange alle.
                             Es grüsst und küsst Dich
                                               Dein Dich vielmals liebender Sohn
                                                       Willibald Stilpe No. 171.
                               Liebe gute Mamma!
Der Schisseloberst hat gestern dem Terz eine Schelle neingehaun, weil er mich
geknufft hat. Schick mir doch Pfannkuchen in der Kiste. Er isst sie furchtbar
gerne. Denke Dir nur: sein Vater ist Feldherr der Serbier. Ich hab sein Bild
gesehen. Es ist keine Sohle. Überhaupt: Miokovitsch schwindelt nicht. In seinem
Photographiealbum hat er auch viele furchtbar schöne Bilder von Mädchens. Die
Grossen nennen ihn alle den schönen Mio. Dem seine Muskeln solltest Du mal sehen,
liebe Mamma! Sie sind so dick wie meine Waden. Er braucht sich auch keinen
Scheitel zu machen, weil er Locken hat. Niemals lässt er mich karieren, denn er
ist überhaupt sehr edelmütig. Seine serbischen Briefmarken krieg ich alle. Er
kann furchtbar turnen. Gestern ist er in der Nacht ausgestiegen und am
Blitzableiter nunter geklettert. Weil ich gerade an dem Fenster liege, hab ichs
gesehen. Dass Du nicht petzt, hat er gesagt, und ich solls auch keinem Jungen
sagen; ich sags gewiss keinem. Er ist erst nach einer Stunde wieder gekommen, und
da war er so lustig, dass er mir einen Kuss gegeben hat. Ich weiss auch, warum er
nunter geklettert ist. Er hat sich einen Strauss geholt. Den ganzen Tag hat er
ihn immer in seiner Tasche gehabt. Mir gefellts jetz ganz gut hier. Liebe Mamma,
schick doch ja recht viele Pfannkuchen.
                           Es grüsst Dich Dein treier
                                                          Sohn Willibald Stilpe.
                                  Liebe Mamma!
Weil Du schreibst, dass ich Dir nicht geschrieben habe, was wir nach dem Essen
tun, so will ich es schreiben. Da wird exeziert. Das ist sehr mühsam und mit
Grobheit verbunden, weil die Herren Inspektoren so schreien müssen und sich
ärgern, wenn die Jungens alles falsch machen, was natürlich ist, denn wenn man
es noch nicht kann, so ist es sehr schwer. Ich möchte lieber bei den Tromlern
sein, und Miokovitsch will schon dafür sorgen. Dann werden die Kleider
ausgekloppt und vorgezeigt. Der Inspektor kloppt auf die Hosen, und wenn Staub
kommt, so wirds aufgeschrieben, und wer drei Mal aufgeschrieben ist, der darf
nicht mit spielen später. Bei manchen kloppt der Inspektor aber leise und bei
manchen derb. Dann ist wieder Schule. Hernach aber gibts Vesperbrot und dann
dürfen wir drei Stunden spielen. Räuber und Dragoner ist das Schönste. Ich hab
einen Versteck, den keiner rauskrigt. Da können sie lange suchen, wenn ich
durchs Fenster in den Badebassin krauche. Pritschball ist auch sehr schön, aber
die Pritschen sind so lang, dass man oft vorbeihaut, und dann brillen die andern.
Die Seite, wo Miokovitsch ist, gewinnt immer. Er hat die schwerste Pritsche,
aber er macht selten mit. Überhaupt ist er oft nicht da, wenn gespielt wird. Ich
hab ihn mal gefragt, warum er immer nicht da ist. Da hat er gesagt: Du bist
neugierig, Schund, aber wenn du's niemand sagst, will ich Dir's verraten. Aber
er hat mich bloss verulken wollen, denn es ist doch Unsinn, dass er auf dem Mond
spazieren geht. Solche Witze macht er immer.
    Liebe Mama, warum schickst Du die Pfannkuchen nicht.
                               Es grüsst Dich Dein
                                                                     teurer Sohn
                                                                    Williwitsch.
                               Liebe, gute Mama!
Ich habe furchtbar lachen müssen, weil Du schreibst, ob es nicht recht wehtut,
wenn der Herr Inspektor auf die Hosen kloppt. Du denkst wohl, wir haben sie an,
wenn er kloppt? Nein, das sind die andern, die erste Garnitur, die gekloppt
werden. Nun will ich aber endlich schreiben, was abends gemacht wird. Da wird
erstens Abendbrot gegessen, wobei auch Biertrinken stattfindet. Es ist aber
natürlich bloss einfaches. Dazu gibt es Brot und Butter oder Fett. Fett ist mir
lieber, denn die Butter ist sehr häufig ranzig. Viele Jungens schmieren sie dann
untern Tisch oder schnippen sie mit dem Messer an die Decke. Dann fällt sie
manchmal nächsten Tag in die Suppe. Weshalb es ein Unfug ist und man Schellen
kriegt, wenns gemerkt wird. Natürlich wagen sichs bloss die Grossen. Im Winter
soll die Butter auch von vielen Jungens gesammelt werden, und sie machen dann
abends auf dem Ofen im Arbeitszimmer Butterbäbe draus mit geriebenen Brot. Das
muss fein schmecken. Dann gehts wieder naus zum Spielen und dann ist
Arbeitsstunde oder Selbstbeschäftigung, wobei Briefe geschrieben werden oder
sonst welcher Unsinn gemacht wird, weil kein Inspektor dabei ist. Dann gehts um
Neune schlafen, wobei das Schnarchen durch Anspritzen beseitigt wird.
Miokowitsch klettert jetzt egal zum Fenster nunter. Mit Rammern bin ich schiech,
weil er sagt, Miokowitsch wär ein Schlowake. Ich brauch überhaupt keinen Freund,
weil mich Miokowitsch zu seinem Leibschund ernannt hat. Deshalb heiss ich auch
Williwitsch.
                              Dein Dich liebender
                                                                            Sohn
                                                                          W. St.
                                  Liebe Mama!
Schiech sein ist, wenn man mit Einem nicht mehr Freund ist. Leibschund ist kein
Schimpfname sondern sehr ehrenvoll.
    Wie's am Sonntage zugeht, das ist sehr langweilig, wenn man niemand in der
Stadt hat, zu dem man Urlaub kriegt. Weisst Du denn gar niemand, wo ich hingehen
kann? Früh gehen wir in die Kirche. Da haben wir einen besondern Platz und alle
Bänke sind furchtbar bekritzelt, wo die Freimaurer sitzen. Die meisten Jungens
nehmen sich Bücher zum Lesen mit. Ich sitze aber so nahe beim Inspektor. Zu
Mittag gibts Kompot und abends Tee und Käse. Wenn schönes Wetter ist wird
Spaziergang gemacht. Es ist aber ledern, weil man so zwei und zwei in einer
Reihe geht. Und ich muss mit Rammern gehn, mit dem ich schiech bin. Er will immer
zu reden anfangen, aber fällt mir gar nicht ein. Er soll erst sagen, dass
Miokowitsch kein Schlowake ist.
    Liebe Mama, ich danke recht schön für die Pfannkuchen, aber es waren sechs
ungefüllte dabei.
                             Es grüsst und küsst Dich
                                                                Dein teurer Sohn
                                                                    Williwitsch.
                                Viertes Kapitel
Man hat, denk ich, aus den Briefen des Battlings ersehen, dass Klein-Willibald,
nicht ohne instinktive Lebenskunst, es verstanden hat, aus dem sauren Apfel, in
den zu beissen er gezwungen war, nach Möglichkeit Süsses zu saugen. Er hat
unbewusst nach einem Rezept gehandelt, das auch Erwachsenen häufig probat
erscheint zur Aufhöhung des Lebens: er hat sich einen kleinen Heroënkult
eingerichtet. Und, wie klug der kleine Bursche doch war! Er blieb nicht in der
Ferne stehen und schwärmte platonisch, sondern er begab sich frohgemut und
entschlossen in die Klientele seines Idols.
    Die Gelegenheit, jetzt schon zu konstatieren, wohin sich das Häkchen krümmen
will, wäre günstig, aber ich möchte dem Leser auch etwas zu tun geben und
überlass es also ihm, nachzumessen. Nur bitte ich, sich nicht gleich ein Schema
zu machen. Des Menschen Seele ist manchmal schwankender als der Gang eines
Betrunkenen durch einen Sturzacker. Aber: wie Sie wollen!
    An mir ist es, weiter zu erzählen und zu sagen, dass Jung-Stilpe allmählich
aus dem Stande eines Battlings in den nächst höheren eines Quarks emporrückte.
Das heisst: Er wurde nun nicht mehr bloss geschunden; er durfte auch selber ein
bisschen mitschinden.
    Es wäre nur menschlich gewesen, wenn er sich in diesem Zustande wohler
befunden hätte, als in dem vorigen. Aber es war nicht so. Am Selberschinden fand
er wenig Geschmack, und so entging ihm die tröstliche Genugtuung, die nicht
bloss im Freimaurerinstitut in Dresden-Friedrichstadt den meisten Menschen das
Geschundenwerden erträglicher macht. Er hatte keinen Sinn für das Wohltuende,
das in der Möglichkeit liegt, von oben empfangene Püffe nach unten weiter zu
geben.
    Es tut mir leid, aber ich muss es feststellen: Er dokumentierte damit einen
betrüblichen Mangel an Begabung für realistischen Lebensverstand. Die Strafe für
diesen Defekt konnte nicht ausbleiben: Er fühlte sich jetzt elender als früher.
Denn, während er sich die jetzt offenstehende Gelegenheit der Ableitung nach
unten entgehen liess, verringerte sich doch nicht seine Empfindlichkeit für die
Stösse von oben. Im Gegenteil: Er empfand sie viel peinlicher. Denn er hatte an
Kritik zugenommen. Die Grossen standen ihm jetzt näher, und so erkannte er, dass
allerlei Dinge an ihnen waren, die sie eigentlich nicht berechtigten, die
Kleinen stolz und schlecht zu behandeln. Er sah, dass es keineswegs alle Helden
waren wie der gepriesene Mio, es entging ihm vielmehr nicht, dass es unter ihnen
Burschen von unzweifelhaft gemeinen Qualitäten gab. Von diesen sich schinden zu
lassen, das hielt schwer und tat ungemein weh.
    Es kam für Jung-Stilpe die Zeit der ersten Zweifel an der zweckmässigen und
gerechten Einrichtung dieser Welt. Zehn Jahre erst alt, und schon musste er an
allerlei Warums nagen.
    Warum darf mich Börner knuffen, da er doch unter den Grossen als Feigling
verachtet ist?
    Warum darf mich Roscher Dummer Quark nennen, da es doch allgemein bekannt
ist, dass er der Dümmste in seiner Klasse ist?
    Warum darf ich den Bodemann nicht wieder ohrfeigen, da er doch schwächer
ist, als ich?
    Alles bloss, weil ich noch ein Quark bin?
    Ja, zum Teufel, warum tun sich die Quarks nicht zusammen und wehren sich?
Wenn sie alle zusammenstünden und vielleicht noch die Battlinge herangezögen, so
müssten sie die Grossen, die ja viel weniger sind, unterkriegen!
    Aber auf dieses Warum wusste er die Antwort. Die Quarks waren, bis auf
wenige, zu denen er gehörte, Memmen, Gesindel. Sie machten es mit den Battlingen
nicht besser, als die Grossen mit ihnen, und untereinander knufften und pufften
sie sich noch mehr, als sie von den Grossen geknufft und gepufft wurden. Ganz
sicher, wenn er es sich etwa einfallen liesse, gegen die Grossen aufzumucken: Die
meisten Keile würde er von den Quarks kriegen.
    Das war eine böse Situation für den kleinen Stilpe, um so böser, als Mio ins
Land seiner Väter zurückgekehrt war.
    Die Umstände, unter denen sich dieses Ereignis vollzogen hatte, waren nicht
ganz normaler Natur: Herr Mio war geschasst worden.
    Warum? Der kleine Stilpe hörte was läuten, aber nicht zusammenschlagen. Es
ging ein Munkeln durch die Jungens, als ob ganz Unerhörtes sich begeben hätte.
Mio hatte etwas völlig Unsagbares getan, etwas, wofür den Quarks und gar den
Battlingen die Begriffe fehlten.
    Gewiss etwas Grossartiges, dachte sich Stilpe, und sein Held erschien ihm nun
im Zauber des Geheimnisvollen noch gewaltiger. Ihn selber hatte er wohl gefragt,
aber es war ihm wieder die Anwort vom Monde geworden:
    - Die Pauker wollen nicht, dass man auf dem Mond spazieren geht und
vorzüglich nicht mit ihren Töchtern.
    Mit ihren Töchtern? Auf dem Monde? Welche furchtbaren Geheimnisse! Dem
kleinen Stilpe rollte es gruselig, aber warm übers Rückenmark.
    Er fühlte: Der Mond war bloss ein Symbol, so wie der Herr Jesus Christ als
Mittagsgast, aber die Töchter der Pauker, die waren reell gemeint.
    Himmel, wer das Symbol vom Monde ergründen könnte?
    Eine Paukerstochter fragen?
    Pfui, wer wird sich mit Mädchen einlassen!
    Jung-Stilpe war noch im Alter des Jungenstolzes, der im Mädchen etwas
befleckend untergeordnetes sieht. Mädchen! Das kam noch weit hinter den
Battlingen. Was das für jämmerliche Dinger sind! Höchst feige Geschöpfe. Also
kein standesgemässer Umgang für ritterliche Enkel der alten Germanen.
    Aber Mio war trotzdem mit solchen Dingern »auf dem Mond spazieren gegangen«?
Konnte Mio, der Held, etwas Unritterliches tun? Nie! Es musste vielmehr etwas
höchst Ritterliches gewesen sein.
    Wer weiss: Vielleicht war eben das Spazierengehen auf dem Monde das einzig
Ritterliche, das man mit diesen Wesen tun konnte.
    Wenn man nur erst wüsste, was es wäre!
    Mio hatte, als der kleine Willibald durchaus wissen wollte, was unter dem
Mondspazierengehen zu verstehen sei, die Schonung seines Schnurrbartes
gestrichen und mit einem sonderbaren Lächeln gesagt: Williwitsch, wenn ich dir
das erkläre, schassen sie dich auch. Warte noch, bis dir so was wächst, und dann
wirst du's von selber erfahren.
    Mein Gott, wie geheimnisvoll! Es hing also mit dem Schnurrbart zusammen! Für
Quarks war demnach der Mond durchaus unerreichbar, denn ein Quark mit einem
Schnurrbart war undenkbar. Man musste mindestens ein Strunk werden. Aber auch
unter den Strunks war ein Schnurrbart, d.h. die erste Andeutung eines Anfluges
davon, ein unerhörtes Wunder. Fliczek war der einzige unter den Strunks, der so
etwas wie einen Flaum auf der Oberlippe hatte.
    So wurde Fliczek das Idol.
    Willibald machte sich an ihn heran. Er opferte Hekatomben von mütterlichen
Pfannkuchen, ihn zu gewinnen. Schliesslich gelang es ihm mit einem Osterfladen.
Aber Fliczek war kein Held, kein Mio. Er ass den Osterfladen und würdigte
Willibald seines Umgangs, aber es stellte sich heraus, dass dieser schnurrbärtige
Strunk vom Monde einstweilen nicht viel mehr wusste als der schnurrbartlose
Quark.
    Also hing es vom Schnurrbart allein nicht ab.
Da wurde Willibald selber ein Strunk. Zwölf Jahre war er nun alt. Die Periode
der wesentlich körperlichen Schindung mit Ohrenlangziehen, Andenhaarenreissen,
Schellenkriegen war im allgemeinen vorüber. Die Drangsale fingen an,
hauptsächlich seelischer Natur zu werden. Die Strunks, die nur die Grossen noch
über sich hatten, wurden von diesen nicht geprügelt, sondern verhöhnt.
    So ein Strunk, das ist wohl was! Bildet sich vielleicht ein, dass er schon
ein Grosser ist? So ein Jämmerling! Hat noch kurze Hosen an und tut sich dicke!
Vielleicht, weil er Selektaner ist? Weil er seinen Namen mit griechischen
Buchstaben in alle Bücher schreibt? Ist was Rechtes! Ist doch noch ein kleiner
Junge, mit dem man lange noch nicht über Alles reden kann.
    Aber immerhin kamen die Selektaner unter den Strunks schon mit den Grossen in
einige Berührung. Da sie mehr Schularbeiten zu machen hatten, als die übrigen,
durften sie mit den Grossen eine Stunde länger aufbleiben. Diese Arbeitsstunde
wurde, da die Inspektoren im Schlafsaal sein mussten, nicht ständig überwacht. Es
kam nur zuweilen der Direktor, um nachzusehen, ob die Stunde nicht etwa
ausgedehnt wurde, und um nachzuriechen, ob nicht geraucht worden war. Aber, wenn
der Direktor Kegelabend hatte, war man sicher. Dann rauchte alles, auch die
Strunks. Es gab sogar eine Wasserpfeife! Und wer gut turnen konnte, kletterte
die Mauer hinan, liess sich auf den Briefkasten hinab, sprang auf die Strasse,
lief ins Böhmische Brauhaus und holte Bier.
    Ha, was für Gelage! Richtige, grosse Deckelgläser schwang man, und Lagerbier
war drin! Da wurden die Grossen vertraulicher. Aber Alles durften die Strunks
doch nicht mitmachen. So, wenn ein Nachtscheuern war und die Dienstmädchen in
den Corridors herumkicherten. Dann kicherten die Grossen draussen mit, aber die
Strunks mussten im Hofe und Garten Posten stehen.
    Zweifellos: Das hing mit dem Monde zusammen. Freilich nicht im hohen Sinne
des Miokowitsch! Der hätte nie mit Dienstmädchen gekichert, die den
Scheuerlappen in Händen hatten.
So kam Jung-Stilpe ins dreizehnte Jahr, und seine Sehnsucht war vergeblich
hinter dem Monde her und was dessen tiefster Sinn eigentlich wäre.
    In der Schule ging alles passabel, bis aufs Rechnen; seine Mitstrunks
achteten ihn als einen, der alles Verbotene kühn und heiter mitmachte und nie
petzte, aber enge Freunde hatte er keine, weil er, wie die andern sagten, zu
eingebildet war. In der Tat hielt er sich für reichlich dreimal so gescheid wie
alle übrigen, wenn auch nicht gerade in den Fächern, die auf dem Stundenplane
standen.
    Dass er sich auch in die spezifische geheimkunst der Knabeninstitute
einführen liess, bedarf nicht besonderer Erwähnung. Er übte sie aber noch ohne
jene Perspektive, die erst aus der Erkenntnis vom Wesensunterschiede der
Geschlechter erwächst. Indessen: Es liegt in der Natur dieser bedenklichen
Kunst, dass sie den Hunger nach jener bedenklichen Erkenntis weckt. Oh, die Augen
Willibalds damals! Was wollten sie nur, dass sie zuweilen so weit offen und starr
waren, glühten und glosten, flackerten und sich weiteten ...?
    Wirklich, meine werten Herren Pädagogen, es genügt nicht, mensa abzufragen
und den Jungens auf den Zahn zu fühlen, ob der peloponnesische Krieg fest sitzt,
- Sie müssten ihnen auch manchmal in die Augen sehen. Sie, die Sie mit
unfehlbarer Sicherheit jedes Jota subscriptum aufstöbern, das zuviel geschrieben
wird, sehen Sie denn nicht, dass da unten in diesem Auge ein hässlicher Wurm
sitzt? Umgotteswillen, rotten Sie diesen Wurm aus, Herr Professor, er ist viel
bedenklicher als zehn falsche Jota subscripta. Aber es ist mehr dazu nötig, als
rote Tinte, und der Rohrstock tuts freilich nicht. Denken Sie bloss an sich, und
was alles Ihnen der Wurm weggefressen hat! Wie? Sie verbitten sich diese
Verdächtigung? Ja, dann freilich!
    Jung-Stilpe also, dreizehn Jahre alt, war bereits wurmstichig. Werden wir
uns wundern, dass er in puncto puncti frühreif ward? Nun, es gibt viele solche
Wunderkinder. Wir wollen uns nicht anstellen, als fänden wir das so
verwunderlich. Oder wollen wir doch? Schön, wem es würdig dünkt, der tue seinem
Herzen keinen Zwang an und entrüste sich. Hier stehe ich mit meiner ganzen
Breitseite; es haben viele faule Äpfel Platz.
    Also: Jung-Stilpe suchte mit sonderbaren Blicken nach jener Perspektive, die
ihm noch fehlte. Da kam das, was wir den Zufall nennen, und was unsre Vorvordern
den Teufel genannt haben, riss den Nebel entzwei und sagte leise und mit infam
linder Stimme: Bitte, da!
    Es kam so: Der Direktor hatte wieder einmal Kegelabend, und die Selektaner
taten sich gütlich an Alkohol und Nikotin. Sie waren alle bei einander, nur
Einer fehlte, der mit dem Schnurrbart, Wenzel Fliczek.
    Sie sitzen alle recht sorglos und im süssen Genusse des Verbotenen bei
einander, da tut sich die Türe auf und Fliczek schreit herein: Fenster auf!
Lichter aus! Der Alte kommt übern Hof!
    Dann, wie die Lichter ausgelöscht sind, flüstert er leise zu jemand
Unsichtbarem hinter ihm: Schnell, da 'nein, unters Kateder!
    Willibald war gerade daran, als Letzter zum Fenster hinauszuspringen. Da,
aber, wie eigen das war, drehte es ihn um.
    Was denn nur? Unters Kateder!
    Er duckte sich dort in die Ecke.
    Da, wie es raschelt! Und neben ihm, hart neben ihm drückt sich was Weiches.
    Gott oh Gott! Was mag das sein! Wie warm! oh, und wenn tausend Direktoren
kämen! Die süsse Angst!
    - Wer bist denn Du?
    - Sei doch stille! Der Direktor ...!
    Herrgott, wie weich und warm!
    - Rem! Hm! Rem! - Es kommt den Gang herauf. Die Türe schlägt.
    - Rem! Hm! Rem! - Jetzt ist er wohl im Zimmer? Ja, man hört ihn ja
schnaufen.
    Willibald fühlte zwei Arme an seinem Hals und an seiner Seite ein drängendes
Klopfen.
    Gott, was ist das! Was ist das! Er kann nicht anders, er muss seinen Mund
darauf drücken. Oh, ist das schön!
    - Rem! Rem! Hm! Rem! - Die Türe wieder zu. Schritte ... fort ...
    Das Warme neben ihm bewegt sich. Die Arme lassen ihn los.
    - Wer bist Du denn?
    - Wer bist denn Du?
    - Ich bin Stilpe aus der dritten Klasse.
    - Lass mich doch los!
    - Nein. Wer bist Du denn?
    - So lass mich doch!
    - Nein. Wer bist Du denn?
    - Die Josephine.
    - Buschkleppern seine?
    - Ja doch! Lass mich doch!
    - Du! Du!
    Und er hängt sich fest an sie, und es ist ihm, als wenn er schwerer und
grösser würde.
    - Aber so lass mich doch, ich muss fort.
    Nein, er kann nicht loslassen. Er wühlt sich mit seinem Kopf in all das
Weiche, Warme, was um ihn ist.
    Da, jetzt hat er ihren Kopf in den Händen und drückt ihn mit aller Kraft.
    - Du, das tut ja weh!
    Aber sie geht nicht. Sie lässt sich noch eine Weile so halten. Dann kommen
auch ihre Hände an seinen Kopf, und nun fühlt er ihr Gesicht an seinem.
    Ach, wie die Lippen weich sind.
    - Du beisst mich ja!
    Himmel was ist das! Sie küsst ihn.
    Gott! Gott! Gott!
    Jetzt ist sie fort.
    Noch eine Weile liegt er unterm Kateder. Dann taumelt er auf und rennt in
den Schlafsaal. In seinem Bette weint er. Und stammelt ihren Namen. Schläft, nass
von Tränen, ein.
    Wie er am Morgen aufwacht, ist alles verändert um ihn herum. Er möchte vor
Gefühl. Josephine! Josephine! Das ist der Mond! Das ist er!
    Dann wird ihm angst. Er möchte fort. Ausreissen. Nach Hause. Sich verstecken.
    Gottlob, dass Sonntag ist. Er singt in der Kirche so laut, dass der Inspektor
ihn anrüffelt. In sein Gesangbuch, auf seinen Kirchenplatz, überall hin schreibt
er Josephine.
    Und das Wort schiebt sich in ihm hin und her, und nach dem Schema von Nun
danket alle Gott schreibt er in unbeholfenen Versen die Erlebnisse dieser Nacht.
    Das war die erste Regung.
    Denn von nun ab wollte er - ein Dichter werden.
 
                                Fünftes Kapitel
So ein kleiner Junge, der Dichter werden will, ist ein merkwürdiges Phänomen. Es
verlohnt sich wohl, es näher zu betrachten.
    Es ist keineswegs dasselbe, wie wenn etwa Einer in Prima anfängt, die
Papierleier zu schlagen. Da pflegt meist Nachahmungstrieb und Ehrgeiz der
Hauptgrund zu sein, und die Fälle sind selten bemerkenswert. Schon, weil sie,
selbst in unsrer Zeit noch, gar zu häufig sind.
    Aber wenn die Verse so früh flügge werden, wie bei unserm Stilpe, dann liegt
die Sache tief und verdient Beachtung. Bloss Nachahmung ist es nicht, Ehrgeiz
steckt gar nicht dahinter, - was also ist es wohl?
    Es wird das Beste sein, wir studieren die wunderliche Erscheinung an dem
Knaben Willibald.
    Zuerst die Bemerkung, dass vor der Szene unter dem Kateder sich nichts in
ihm geregt hat, was als Hinweis auf das plötzliche Verswesen ausgelegt werden
könnte. Höchstens, dass er sehr gerne im Gesangbuch las, ohne dass ihn Frömmigkeit
dazu veranlasst hätte. Er las, weil es ihm gut klang. Aber es kam ihm dabei
durchaus nicht der Gedanke, auch mal so was Klingendes zu machen. Er dachte
überhaupt nicht daran, dass das etwas gemachtes sei. Er nahm es wie eine Blume,
wie einen Baum und freute sich dran.
    Und nun, nicht wahr, es ist doch sonderbar: Kaum, dass er eine kleine
Josephine neben sich gefühlt hat, setzt er sich hin und schreibt Verse. Und
nicht dies bloss, er empfindet plötzlich, wenn auch verworren und wie aus
drängenden Nebeln: Dies, das Verseschreiben, ist ein unerhörtes Glück, ein Ziel
über allen Zielen.
    Etwas Schwillendes ist in ihm, etwas, das sich nur mit diesem unsagbaren
Gefühle unterm Kateder vergleichen lässt. Und er hütet das Geheimnis dieses
Schwillens mit demselben Gefühle von Scham, wie das Geheimnis seines Abenteuers
mit Josephine.
    Vielleicht sind diese beiden Geheimnisse nur eines? Vielleicht ist es nur
der Biss in den verbotenen Apfel der Erkenntnis?
    Aber er hat an diesem Apfel doch fürs erste nur geleckt, wenn auch zugegeben
werden muss, dass er eine unbestimmte Lust empfindet, nun auch hineinzubeissen.
    Nein, man kann nicht sagen dass Josephine und die Verse ein und dasselbe
sind. Es sind zwei Offenbarungen auf einmal, von denen die eine die andre mit
sich gebracht hat, und sie sind, obwohl sie scheinbar dieselben Erscheinungen
zur Folge haben, doch verschieden von einander. Dass sie einander auch feindlich
sein können, wird gerade dieses Leben Stilpes beweisen.
Der Teufel zieht gerne Unterröcke an. Das wissen wir aus der Geschichte mancher
heiligen Männer. Manchmal hat er aber auch ein »hölzin Röcklin« an und »liegt
beim Wirt im Keller«. Es gibt ein paar lehrreiche Seiten der
Literaturgeschichte, wo sich Belege dafür finden.
    Heilige und Dichter haben mehr mit dem Teufel zu tun, als gute Christen und
schwärmerische junge Mädchen glauben.
    Wer nicht mit allerhand Teufeln den Tanz bestanden hat, kann weder ein
Gloriole noch den Lorbeerkranz erhalten.
    Und die Teufel, die allerhand Teufel, - es ist erstaunlich, was sie tanzen
können. Zu Anfang wissen sie so sanfte zu walzen, und es geht lieblich dahin mit
ihnen, aber auf einmal ist der Wirbel da, der in den Höllentrichter fegt.
    Guter Gott, ich schreibe doch keine Dämonologie! Aber mein Held will (oh
Willibald!) Dichter werden.
Der kleine Willibald schied sich jetzt von seinen Kameraden noch mehr ab, als
früher. Einesteils fühlte er sich hoch erhaben über sie, und andernteils hatte
er Furcht vor ihnen. Er empfand, dass es keinen unter ihnen gäbe, dem er seine
Geheimnisse verraten dürfte, ohne furchtbar ausgelacht zu werden, und er hätte
auch keinen für würdig gehalten, sein Mitwisser zu sein. Auch war er viel zu
sehr mit sich beschäftigt, als dass er Lust hätte haben können, sich an sie
anzuschliessen.
    Er fing an, mit sich zu phantasieren. In den Schul-und Arbeitsstunden sowohl
wie in der freien Zeit liess er seine Gedanken nach unbekannten Dingen fliegen
und machte groteske Ungetüme von Versen daraus. Nebstbei fing er auch an, auf
alles Gedruckte zu fahnden, was kein Schulbuch war. Der Hauptinhalt all seiner
Phantasien war aber Buschkleppers Josephine.
    Er trug die Wärme von ihr, die er unterm Kateder gefühlt hatte, mit sich
herum, und zuweilen war es ihm, wie wenn er in einer lauen Wolke ginge. Manchmal
musste er die Augen zumachen, so stark überkam es ihn.
    Wenn er sie nur einmal sehen könnte, ihr ein Zeichen geben, dachte er sich.
Aber es schien, als ob sie gar nicht mehr da wäre. Jede Minute, die er allein
sein konnte, verwandte er darauf, ihr aufzulauern.
    Es war im Herbst, und so durfte er hoffen, sie einmal im Lehrergarten zu
sehen, der, in verschiedene Parzellen geteilt, für jeden Lehrer ein
Sondergärtchen entielt. Aber immer war es nur der alte Buschklepper in seinem
grauen Ziegenbarte, den er botanisierend dort wandeln sah, oder die Frau
Buschklepperin, von der unter den Jungen die Rede ging, sie prügele ihren Mann
jede Woche mindestens einmal. Das machte sie unter den Jungens zwar sehr
beliebt, aber für Willibalds Zwecke genügte es doch nicht.
    Etwa vier Wochen lang lauerte Willibald auf Josephine, da kam wieder so ein
Selektanerabend, der mit des Direktors Kegelvergnügen zusammenfiel.
    Diesmal waren Alkohol und Nikotin in den Hintergrund gedrängt durch ein
grosses und heroisches Unternehmen. Einer von den Grossen hatte sich den Schlüssel
zur Küche verschafft, neben der ein Keller voll Äpfel lag. Und es war die Losung
verteilt worden, dass jeder Selektaner seinen Reisekoffer bereit halten sollte zu
einem Raubzuge auf diese Äpfel. Nur ein paar Strunks waren ausgewählt,
Postendienste zu leisten. Es war ein Beweis für das Vertrauen, das man Willibald
entgegenbrachte, dass auch er der Vorpostenkette eingereiht wurde. Der
Postenkommandant aber war Fliczek. Er hatte sich zwar dagegen gewehrt und das
verantwortungsvolle Amt durchaus nicht annehmen wollen, aber die übrigen Grossen
hatten ihn beim Ehrenpunkte gefasst und erklärt, er, als der Schlaueste, müsse
unbedingt die Posten leiten, wenn er nicht für einen elenden Feigling gehalten
sein wollte.
    So rückten die Posten, Fliczek an der Spitze, aus. Leise, auf den
Zehenspitzen, obwohl dies eigentlich nicht nötig war, schlich man durch die
langen dunkeln Corridore, dann ging es eine enge Treppe hinunter in das
Souterrain, und von hier aus sollte der Küchenbau umstellt und eine Spähspitze
bis vor an das Direktorhaus gesandt werden. Fliczek verteilte die Posten,
Willibald behielt er zurück.
    - Du musst bis ans Direktorhaus, Stilpe. Ich gehe an Buschkleppern seins.
Wenn alles ruhig ist, pfeifst Du, dass Rille in die Classe läuft und die Andern
ruft. Wenn der Direktor kommt, klatschst Du und reisst aus.
    - Was willst Du denn an Buschkleppern sei'm Haus? Da kommt doch niemand
her!?
    Halt'n Rand und mach, was ich Dir gesagt habe.
    Willibald ging über den Hof geradeaus und hörte, wie sich Fliczek nach links
entfernte.
    Was wollte der zum Teufel denn dort? Willibald begriff durchaus nicht,
weshalb man sich gegen den alten Buschklepper durch einen Hauptposten schützen
wollte, vor diesem alten Mann, der ganz gewiss nicht in der Nacht revidierte.
    Aber er ging, doch ein wenig stolz darauf, dass er den gefährlichsten Posten
erhalten hatte, bis zum Direktorhause und dachte einstweilen nur an seine
Pflicht. Als er aber den vorschriftsmässigen Pfiff getan hatte und ringsum
nichts Verdächtiges zu bemerken war, da kam ihm plötzlich der Gedanke an
Josephine.
    
    Wenn ich durch den Lehrergarten hinten herumginge, dachte er sich, so käme
ich an die Hintertüre von Buschkleppers Hause. Dort wird mich Fliczek nicht
merken, der natürlich an der Vordertüre aufpasst. Vielleicht ist hinten noch
Licht, und ich sehe sie.
    Kaum, dass er sich das gedacht hatte, war er auch schon auf dem Wege. Der war
zwar unbequem, denn er musste immer über die Zäune steigen, die zwischen den
einzelnen Lehrergärtchen waren, auch stiess er sich bald an einen Baum, bald kam
er in ein Gebüsch, bald sank er in ein Beet, aber er wäre ja durch Meere
geschwommen, um in Josephinens Nähe zu kommen.
    Er zählte die Stackete ab. Fünf hatte er nun, nach dem sechsten war er in
Buschkleppers Garten.
    Herrgott, wie ihm das Herz schlug!
    Da, eben, als er übersteigen wollte, hörte er was flüstern.
    Himmel! Wer ist das! Er schlich sich nahe an das Stacket, um genau zu hören,
wo das Geflüster herkam. Rechts hinten wars, drüben in der Laube.
    Er schlich das Stacket entlang nach rechts, der Laube zu.
    Das Geflüster wurde vernehmlicher. Plötzlich hörte er:
    - Pscht!
    - Was denn?
    - Da knackte was!
    - Ä, nee!
    Willibald wurde es siedendheiss. War das nicht ...?
    Aber er ging näher. Und er hörte:
    - Bleib doch noch e bissl!
    - Nein, nein, ich muss zu den andern, sonst merken sie's.
    - Ach, Du!
    Da, an diesem Ach Du! merkte Willibald, dass die eine Stimme Josephinens war,
und mit einem Male wusste er, dass die andre die Fliczeks sein musste.
    Eine jagende Wut überkam den kleinen Burschen. Mit einem Sprunge war er
übers Stacket, mitten in die Finsternis hinein.
    Ein Aufschrei rechts vor ihm. Nur ein paar Schritte.
    Noch ehe Fliczek davon konnte, war Willibald dort und drasch auf den
Fliehenden mit seinen kleinen Fäusten wie rasend los. Dann wandte er sich um und
blieb vor Josephine stehen:
    - Du, Du, Du Luder, Du, Du Luder!
    - Ja, Du, was willst denn Du hier?
    - Ich, ich, ich ... Und nun heulte der arme Junge los, dass das Mädchen
seinen Schreck und seinen Zorn vergass und ihn tröstete.
    Er war ganz besinnungslos und legte seine Hände auf ihre Achseln und lehnte
seinen Kopf darauf und schluchzte: Du ... musst ... mir ... nicht böse sein, ich,
ich ... ach ... Und er heulte wieder.
    - Nein, nein, ich bin Dir ja nicht böse, ich ... ich bin Dir wirklich nicht
böse ... nein, aber nu geh doch, geh!
    Da war der kleine Junge wieder ganz selig und fiel dem Mädel um den Hals und
drückte sie, presste sie, quetschte sie, dass sie ihre Not hatte, ihn von sich
abzustreifen. Ihr Gesicht war ganz nass von seinen Tränen, und die offenen Haare
hingen ihr über die Brust vor. Sie sahen einander nicht, aber ihre Blicken
hingen ineinander.
    Schliesslich versetzte ihr Willibald einen Kuss, so laut und schallend, dass
sie nun, ob auch ungern, es für unumgänglich nötig hielt, ein Ende zu machen.
    - Nu geh, Du, mach, sonst kommt noch jemand. Aber so geh doch!
    Willibald liess sie nicht los.
    - Du, ich schreie nu aber! Und wenn mei Vater kommt!
    Der Gedanke an den alten Buschklepper brachte Willibald zur Besinnung.
    - Ja, ja, aber nicht mehr mit Fliczek'n!
    - Nee, nee, geh nur!
    Willibald liess sie los und lief davon. Er lief, als hätte er keinerlei
Ursache, leise und vorsichtig aufzutreten, er sprang quer über den Hof, nach dem
Classenzimmer zu. Plötzlich zwang ihn etwas, stehen zu bleiben.
    Herrgott, wenn jetzt die Andern geklappt sind! Und ich bin schuld daran!
    Ich? Nee: Ficzek!
    Und jetzt kam die Wut nochmals über ihn, und statt durch die Türe zu gehn,
sprang er durchs Fenster in den Corridor.
    Da roch es wundergut nach Äpfeln.
    Das besänftigte ihn. Leise schlich er sich hinauf in den Schlafsaal.
    Nr. 172, auch ein Selektaner, lag noch wach und kaute an einem Apfel:
    - Was kommst Du denn so späte?
    - Ich hab, ich hab gedacht, ich muss noch Posten stehn.
    - I, Unsinn. Wir sind schon lange oben. Deine Äppel und Fliczek'n seine hat
der lange Ayrich. Willst Du een'? Ich habs ganze Bette voll.
    - Gieb nur!
    Und auch der Apfel schmeckte gut.
 
                                Sechstes Kapitel
Als Willibald am nächsten Morgen erwachte, war sein erster Gedanke Josephine,
sein zweiter Fliczek. Bei dem ersten war ihm linde und gut zu Mute, bei dem
zweiten ballte er die Fäuste.
    Er hatte die Empfindung, dass er sich heute seiner Haut zu wehren haben
werde. Aber er hatte keine Furcht.
    Er soll nur kommen, der Böhmake, dachte er sich, und bei dieser Gelegenheit
regte sich in ihm zum ersten Male der Raufdeutsche. Er soll nur kommen und mir
was sagen! Eine Schelle kriegt er! Und er erschauderte nicht vor dem Gedanken,
dass er, der Strunk, einen Grossen ohrfeigen wollte! So verrückt das Weib die
Standesunterschiede.
    Aber es kam anders. Der Tag wurde zwar reich an Aufregungen im Institute,
aber just Willibald wurde nicht davon betroffen.
    Fliczek wusste offenbar nicht, von wem er geprügelt worden war. Er war sehr
niedergeschlagen und blass, die einzige Farbe in seinem Gesicht war ein blauer
Fleck unterm rechten Auge; er liess den Kopf hängen und schien es nicht zu wagen,
aufzublicken.
    Willibald merkte sofort, wie es stand, und es kitzelte ihn, den gehassten
Böhmen zu reizen.
    - Du, was hast Du denn da für einen Fleck im Gesichte?
    - Was Dich nix angeht, Strunk dummer.
    - Bist wohl hingeplautzt bei Buschkleppern gestern?
    - Halt'n Rand, Strunk, oder ich ...
    - Na, was denn? Wenn ich doch bloss frage ... Überhaupt: Warum bist Du denn
so gerannt?
    - Hast Du mich gesehn, Stilpe? Wo hast Du mich denn gesehen?
    - Nu, Du bist ja im Hofe an mir vorbeigerannt, wie besessen.
    Das war kühn kombiniert von Jung-Willibald. Wenn nun Fliczek gar nicht über
den Hof gerannt wäre? Aber er hatte richtig kombiniert.
    - Ich, ich habe was kommen hören, und da hab ich Leine gezogen. Ich dachte
schon, ich wäre geklappt.
    - Und da bist Du wohl hingefallen?
    - Ja, da, an der Mitteltüre, auf die Treppe hin. Was hast denn Du aufm Hofe
zu suchen gehabt? Du hast doch sollen durch den Souterrain zurück?!
    - Ich hab Dir was sagen wollen.
    - Mir? Was denn? Warum denn? Du Hast Du was gehört?
    - Ja, eben, ich hab was gehört bei Buschkleppern hinten, und da hab ich
gedacht: Das muss ich Dir sagen.
    - Du hast was gehört ... Wars laut? Hast Du auch was gesehn?
    - Nee, s war ja ganz dunkel, aber ich hab jemand schreien gehört.
    - Du, Strunk, das sag ich Dir: Dass Du niemand was davon sagst. Sonst setzsts
Keile!
    - Was soll ich denn sagen? Ich weiss ja gar nichts. Hast Du denn etwa
geschrieen, Fliczek?
    - Ich? Unsinn? Ich hab auch nichts gehört. Du hast wohl geträumt vor Angst,
feiger Strunk.
    Da hätte ihm Willibald von Herzen gerne Alles durch eine Ohrfeige
klargemacht, aber er war doch zu klug dazu. Nur das konnte er sich nicht
verkneifen, dass er sagte:
    - Ich weiss besser wie Du, wer feige ist.
    Worauf Fliczek nichts zu erwidern wusste, als ein verächtliches: Strunk!
Dieses Gespräch fand nach dem Frühstück statt, als sich die Klassen zur
Arbeitsstunde in ihre Zimmer verteilten.
    Die Arbeitstunde selber hatte ein andres Aussehen, als sonst. Es war ein
merkwürdiges Geflüstere unter den Jungen, zumal in den Oberklassen. Unter den
Bänken wurden Äpfel herumgegeben, und häufig hörte man das Schnirpsen, wenn
Einer in einen Apfel biss. Dazu ein Gekicher und Blicke hin und her. Ein
Triumphgefühl ging durch Alle, und wenn sie den beaufsichtigenden Inspektor
ansahen, so konnte man aus den Blicken lesen: Der dumme Kerl weiss von nichts.
    Auch während der Andacht hielt dies Wesen an. Alle Hosentaschen der
Selektaner staken voller Äpfel, und man griff sich gegenseitig an die Taschen
und kicherte dazu. Als einer, mitten in dem sehr langen und feierlichen Gebete
des Vizedirektors, der mit Vorliebe Sprüche aus Jesus Sirach einflocht, zu
seinem Nachbar sagte: Ich hab schon Bauchkneipen, da setzte sich diese
Mitteilung im Flüstertone durch die ganze erste Reihe fort, und der Vizedirektor
musste in seinen Sirach ein grollendes: Ruhe! einschieben.
    Aber schon nach der zweiten Unterrichtsstunde, als die Körbe mit
Dreierbrodchen eben an die Türe gestellt waren, meldete sich das Verhängnis.
Die dicke Küchenmeisterin erschien, ohne angeklopft zu haben, in der 2.
Selektaclasse, wo der Direktor gerade Cornelius Nepos traktierte.
    Entrüstet blickte der Scholiarch die Frau an, und ein aufgebrachtes Rhm!
fuhr ihr entgegen. Sie aber, ohne eine Spur von dem Respekte, der sie sonst nie
verliess, schwappte bis an das Kateder vor und rief mit erregter Stimme: Meine
Äppel hamse gemaust! Meine scheenen Äppel, die nischtnutzgen Jungen!
    - Was behaupten Sie!?
    - Ich behaupte nischt, Herr Derekter, ich behaupte Se gar nischt, ich sage
bloss: Gemaust ham se se, alle ham se se gemaust!
    - Mässigen Sie sich! Gehen Sie in Ihre Küche! Hier wird Schule gehalten!
    - Aber, wenn se doch meine Äppel alle gemaust ham, Herr Derekter!
    In diesem Augenblicke hörte man was fallen, und ein grosser rotbackiger Apfel
rollte langsam aus der ersten Bankreihe vor das Kateder.
    Es war, als ob sich der Apfel seiner Wichtigkeit für diesen Augenblick
bewusst wäre, mit so viel Ausdruck, ja Würde rollte er. Als er zuletzt noch ein
paar Mal hin und her schwankte, war es wie der Schlussapell in der Rede eines
Staatsanwalts.
    Aber es ist Staatsanwälten nur selten beschieden, so überzeugend zu wirken,
wie es dieser schweigend beredte Apfel tat.
    Sämmtliche Selektaner machten eine unbewusste Bewegung, als wollten sie unter
die Bänke kriegen, die Augen des Direktors traten aus ihren Höhlen und hatten
ganz offenbar die Tendenz, in aller Körperlichkeit unter die schuldbeladene
Schülerschaft zu fahren, die Küchenmeisterin aber warf sich mit dem Applomb
eines trächtigen Elephantenweibchens auf den Apfel und schrie: Hammr nu den
Beweis, Herr Derekter? Hammr dn Beweis? Ob das nich eener von mein Äppeln is?
Na? Oh die verfluchte Jungens, die Mausehaken! Nee, so e Volk! Fui Teifel, sag
ch, und noch emal: Fui, schämt eich!
    Und sie setzte den Apfel mit der Wucht des Triumphes auf das Kateder und
fixierte bald die Schüler, bald den Direktor.
    Der sprach: Rhm! Hm! Das ist ... Ich sage: Das ist unerhört! Das ist eine
Schmach ohnegleichen! Wer von euch ...! Hm! Gesteht! Ich sage: Gesteht auf der
Stelle, oder ...! Hrm! Ich werde ein Exempel ... Rhm! ...
    Plötzlich veränderte sich sein Blick, und er wandte sich zornesvoll zur
Köchin: Gehen Sie in Ihre Küche, sag ich! In Ihre Küche! In ... Ihre ...
Küche!!! Hier wird Schule gehalten! Gehen Sie an Ihre Arbeit! Alles andre wird
sich finden. Rhm!
    Die Küchenmeisterin sah den Direktor erschrocken an und floh hinaus.
    Jetzt aber verliess der Direktor das Kateder.
    Niemand durfte zweifeln, dass etwas Fürchterliches nahe bevorstand.
    Es bezweifelte es auch niemand.
    Gänse beim Gewitter ducken sich nicht scheuer, als die braven Selektaner es
taten, während der Direktor stampfend und keuchend auf und ab lief.
    So tat er immer, wenn er Einen am Ohr nehmen wollte.
    Man kannte das.
    Er hatte eine eigene Art, Einen am Ohr zu nehmen; so eine gewisse Drehung,
als wollte er eine Türe aufschliessen und der Schlüssel ging nicht.
    Die in der vordersten Reihe bereiteten sich schon vor, die Ohren zu
schützen.
    Aber es kam anders. Der Fall war zu ausgedehnt. Denn der Direktor hätte
vierzig Ohren drehen müssen.
    Eine Maschine wäre nötig gewesen.
    Er plante Schlimmeres.
    Plötzlich donnerte er: Rhm! Sämmtliche Schlüssel auf die Bank gelegt!
    Die Schlüssel klapperten herauf.
    - Rhm! Primus, die Schlüssel einsammeln.
    Es geschah.
    - Rhm! Hat die erste Selekta auch gestohlen?
    Kein Atemzug im ganzen Raume.
    - Rhm. Ich frage: Hat ...
    - Ja! (Die guten Jungen lispelten das wie kleine Mädchen.)
    - Ach, rhm, das ist ja wirklich ... ich sage: Das ist ... in der Tat ...
rhm! Primus!
    Der Primus erhob sich und neigte das lilienblasse Haupt.
    - Geh in die erste Selekta und bitte den Herrn Doktor Box, er soll die
Schlüssel einsammeln lassen.
    Der Primus fegte davon, froh aus dem Bannkreis dieser rollenden Augen zu
kommen.
    Wir folgen ihm.
    Doktor Box, ein Pädagoge voll Humor, hatte eben einen Witz zum Besten
gegeben, und die grossen Selektaner wollten sich vor Lachen ausschütten, als der
Abgesandte des Zorns seine Botschaft ausrichtete.
    Rups, wie brach da das fröhliche Gelächter ab.
    Nur Doktor Box blieb fröhlich, und er sprach: Die adolescentuli sollen ihre
werten Schlüssel auf die Bank der Wissenschaften und schöne Künste legen! Tuts,
meine Lieben, tuts! Mir scheint: Es stinkt in irgend einem Schranke? Oder in
allen?
    Da klingelte es, und schon erschien auch der Direktor auf der Schwelle.
    - Haben Sie die Schlüssel, Herr Kollege?
    - Hier sind sie. Was ist denn geschehen, Herr Direktor?
    - Sie haben, rhm, Diebe zu Schülern, Herr Kollege!
    - Na, ich danke!
    - Es verlässt niemand das Zimmer! Beide Selekten haben Zimmerarrest bis auf
Weiteres.
In der zweiten Selekta wurde der Zimmerarrest damit eingeleitet, dass man den
Unglücklichen der den Apfel hatte fallen lassen, gemeinschaftlich durchprügelte.
    Das ist die Art, wie sich die Verzweiflung des Volkes gerne entlädt.
    In der ersten Selekta ging ein Gemunkel von Verrat, und man hatte natürlich
die zweite Selekta im Verdacht. Schon war man daran, über die Strafen zu
beratschlagen, die hier am Platze waren, da wurde Fliczek durch den Inspektor
herausgerufen.
    - Der Hund! Die Petze! So ein Schuft! Also der Czeche! Natürlich: Der
Czeche!
    Die entrüstete Schaar ahnte nicht, dass ihnen in dem beschimpften Böhmen ein
Blitzableiter erstanden war.
Die Lehrerconferenz, vor deren Beschluss die beiden Selekten zitterten, befasste
sich einstweilen gar nicht mit dem Raubzug auf die Äpfel, sondern mit einem viel
gräulicheren Faktum: Mit »der unglaublichen sittlichen Verworfenheit dieses
entarteten Burschen da«, wie der Direktor sich in gehobener Rede ausdrückte,
indem er auf Fliczek wies.
    - Wir werden uns nachher mit einer Vergehung zu befassen haben, die leider
den beiden Selekten, wie es allen Anschein hat, ausnahmslos zur Last fällt, mit
einer Vergehung, die schlimm, rhm, sehr schlimm ist, die wir aber im Vergleich
mit der Büberei dieses Menschen noch gelinde ansehen dürfen. Wir können,
vielleicht, rhm, ich sage: vielleicht, annehmen, dass dieses Vergehen der
Selektaner mehr ein übermütiger Jungenstreich als ein Beweis für böse Lust ist.
Aber hier, rhm, hier, meine Herren Kollegen, hier ist sittliche Verlumpteit!
Hier ist, rhm, Seuchenstoff gefährlichster Art! Hier ist geil wucherndes
Unkraut!
    Der Vizedirektor, der die Steigerungstendenz im Stile des Direktors kannte,
erlaubte sich, einzuwerfen, ob es nicht wohl angebracht sei, den Fliczek
einstweilen hinauszuschicken.
    - Rhm, ja, ja wohl, hinaus mit diesem Burschen! Aber unter Bedeckung!
Hinaus, sag ich, Fliczek!
    Fliczek ging.
    - Es ist keine Frage, meine Herren, dass wir, rhm, dass wir diesen
gefährlichen Buben entlassen müssen. Dank der Anzeige des Kollegen Wippe, der
nicht bloss als echter Vater, sondern auch als pflichtbewusster Pädagoge,
gehandelt hat, und von dem wir nie etwas anderes erwartet haben, ist die
Unzucht, rhm, ich sage die Unzucht ...
    - Bitte, Herr Direktor, nicht wohl eben dies, denn so weit wage ich meine
Tochter nicht mit anzuschuldigen ..., wimmerte Herr Wippe.
    - Ich sage doch: Unzucht, ohne dass ich das Grässlichste anzunehmen
verzweifelt genug wäre. Denn schon der Gedanke, nächtlicher Weile ... aber
genug! Wir haben, rhm, die Pflicht, auch den Gedanken zu töten, der ... Aber
genug und gleichviel! Wir wissen, dass dieser Bube auf Schleichwegen gewesen ist,
und nicht zum ersten Male, auf Schleichwegen, sage ich, rhm, die keinesfalls
unschuldiger Natur waren. Er selbst hat es nicht zu leugnen gewagt. Sein Auge -
oh, aber, rhm, genug! Wir müssen ihn dimittiren. Kollege Wippe hat sich in
rühmeswerter Aufwallung entschlossen, seine Tochter, über deren Anteil an dem
Entsetzlichen nicht wir zu befinden haben, noch heute aus dem Hause zu tun, und
es muss auch dieser Bursche heute noch das Institut verlassen. Wir schenken unser
ganzes Bedauern dem schwer getroffenen Vormund des Verworfenen, aber, rhm, wir
müssen das Interesse unserer Anstalt über Alles stellen. Ich zweifle nicht, dass
Sie Alle einer Meinung mit mir sind.
    Sie waren alle einer Meinung.
Für die Entscheidung über den Raubzug der Selektaner war dieser Fall Fliczek
ungemein günstig. Zum grössten Erstaunen der Delinquenten erfolgte nur ein
vierwöchentlicher Zimmerarrest und die Bestimmung, dass die
Selektanerarbeitsstunden nicht mehr abends, sondern früh stattzufinden hätten.
Das war freilich recht bitter, aber, da man sich natürlich auf sehr viel
Schlimmeres gefasst gemacht hatte, so durfte man es mit einem halbwegs angenehmen
Gefühle tragen.
    Gruselig und unheimlich wirkte das Verschwinden Fliczeks. Aber am
unheimlichsten auf Willibald. Es muss gesagt werden: Er hatte eine fürchterliche
Angst.
    Er war ja der Einzige, der den Zusammenhang ahnte. Aber: Hing denn nicht er
selber auch damit zusammen?
    Kein Zweifel: Josephine war erwischt worden und hatte Fliczek genannt.
    Und ihn nicht?
    Das tat ihm einesteils wohl, aber andernteils hatte er die Empfindung, als
ob er da nicht ganz als voll betrachtet worden sei. Doch das Schlimmste war:
Josephine war fort.
    Und jetzt fing er erst recht an, Verse zu machen.
 
                               Siebentes Kapitel
Im Allgemeinen fühlte sich der kleine Willibald doch recht wichtig mit seinen
Geheimnissen, und den alten Buschklepper sah er von nun an immer nur so mit
einem gewissen hohen Bedauern an.
    Aber fatal war es ihm, dass er gar Niemand hatte, den er ins Vertrauen ziehen
konnte.
    Auch wie er mit seinen Altersgenossen in die Reihe der Grossen kam, wo denn
schon manchmal ein wuchtig Wort geredet wurde, fand er keinen, dem er hätte
sagen mögen, was jetzt seine Ansicht vom Monde sei. Er war ja auch ohne dass mans
ihm gesagt hatte dahinter gekommen, was darunter zu verstehen sei, wenn Einer
dem der Schnurrbart erschienen ist, nächtlicher Weile auf dem Monde spaziert.
Nur fand er, dass es auch ohne Schnurrbart ginge.
    Denn er mit allen seinen Erfahrungen bekam sicherlich noch lange keinen.
    Überhaupt, die Natur meinte es nicht gut mit ihm. Er, der nun schon
konfirmiert werden sollte, in die Gemeinde der Gläubigen aufgenommen, sah um
drei Jahre jünger aus, als er war; und das will in diesen Jahren sehr viel
bedeuten, zumal bei Einem, der sich innerlich etwa drei Jahre älter fühlt, als
er in Wirklichkeit zählt, also sechs Jahre älter, als er aussieht.
    Das machte seine Stellung unter all den Jungen noch fataler. Die Grossen
hänselten ihn, weil er sie durch sein kleinjungenhaftes Aussehen gewissermassen
komprommittierte, die Jüngeren liessen es ihm zuweilen fast merken, dass sie ihn
nicht ganz für gross ansahen, und er selbst fühlte sich dabei im Inneren sehr
viel grösser, als die grössten unter den Grossen.
    Er zernagte sich förmlich vor Ingrimm und fing an, sich gegen alle Welt
hochfahrend zu betragen.
    Die meiste Zeit las er. Wahllos Alles, was ihm unter die Hände geriet. Die
Gedichte des Lesebuchs kannte er auswendig, und es war sein Triumph, sich darin
auf die Probe stellen zu lassen. Sonst fand er seine Lust in einem wühlenden
Fabulieren. Während die Andern ihre Ballspiele trieben, lief er im Korridor auf
und ab und machte sich zum Helden unmöglicher Verhältnisse. Ein unglaublicher
Ritter war er auf einem ganz unglaublichen Pferde. Wenn dies Pferd wieherte,
fielen die Wälder um, und wenn er bloss sein Schwert hob, fielen die Köpfe von
ganzen Armeen in den Sand. Aber, wenn die Obstökerin kam, so schwanden alle
Phantasieen, und so lange er was Süsses zwischen den Zähnen hatte, waren ihm
seine Heldentaten ganz gleichgiltig.
    In der Schule taugte er wenig und am wenigsten im Rechnen. Aber Deutsch und
Religion, das waren seine Gebiete. Er schrieb unortographischer, als es den
Ansprüchen seiner Klasse gemäss war, aber in seinen Aufsätzen war eine gewisse
Art von Liebe am Ausdruck.
    Ungemein oft kam bei ihm das Wort Gott vor. Gleichviel, was er zu schildern
hatte: Den Bau des Maikäfers, die Schlacht bei Salamis, die Pflicht, fleissig zu
sein, die Ferienreise, - immer lief Alles auf Gott hinaus.
    Gott, das war ihm jetzt, was ihm Miokovitsch gewesen war, das schlechtin
Grosse, Fabelhafte. Den alten Pastor, der ihm den Konfirmandenunterricht
erteilte, setzte er in ewige Verlegenheiten.
    Was ist Gott? fragte Pastor Schulze.
    - Ein kolossales Wesen.
    - Nicht doch, Stilpe. Wie heisst es im Katechismus?
    Nun, das wusste er wohl auch. Aber das genügte ihm nicht.
    - Herr Pastor: Ist Gott grösser als das Königreich Sachsen?
    - Gott ist so gross, dass ihn menschliche Worte nicht ausdrücken können.
    - Herr Pastor: Kennt mich Gott?
    - Freilich, denn er kennt alle Dinge.
    - Wenn ich bete, hört er mich?
    - Freilich, freilich, und er freut sich, wenn Du betest.
    - Wenn nun aber Rammer auch betet, wem hört er denn da zu, Rammern oder mir?
    - Dir und Rammern und Millionen anderen!
    - Aber vergisst er denn nicht manchmal was?
    - Nie, Stilpe, er weiss jeden Laut und jeden Gedanken, selbst das Summen der
Biene versteht er.
    - Merkt er es auch, wenn ich nicht bete?
    - Er merkt es und zürnt.
    - Warum denn?
    - Weil es Christenpflicht ist, zu beten. Erinnere Dich doch, was ich euch
über das Beten gesagt habe.
    - Ja, ja, ich weiss. Aber, wenn er mir nun nicht erfüllt, was ich bete?
    - Schweig endlich und frag nicht unnütz. Du hast mir selber ja vorige Stunde
ganz genau und gut geantwortet. Bleibe fest bei dem, was ich Dich lehre. Gott
liebt die unnützen Frager nicht.
    Aber Willibald konnte es nicht lassen, wenigstens für sich zu fragen. Zwar
glaubte er felsenfest, was er im Katechismus gelernt hatte, denn es gereichte
ihm zu grosser Genugtuung, dass er durch solchen Glauben fähig werden sollte, in
die Gemeinde der Gläubigen, was so viel wie der Erwachsenen hiess, aufgenommen zu
werden, aber das war eine Sache für sich, das war etwas Feststehendes wie die
Katechismusstunde im Stundenplan, das ging die Fragen eigentlich gar nicht an.
    Er glaubte, weil es ja eine Schande gewesen wäre, nicht zu glauben, und weil
er zudem in der Religion der Erste war.
    Das Fragen war mehr ein Spiel mit Gott. Es ging ihm keineswegs tief. Es lief
nicht auf Zweifel hinaus, wollte nicht etwa dahin kommen, dass plötzlich mal
keine Antwort mehr da wäre. Nein, es geschah in der wunderbaren Zuversicht, dass
man über Gott das Unmöglichste erfragen dürfe, und es würde doch immer eine
Antwort kommen. Überdies war Willibald trotz aller Worte des Pastors davon
überzeugt, dass er gerade durch seine Fragen Gott sehr interessant werden müsse,
und er fing einen förmlichen Sport damit an, Alles in Beziehung zu Gott zu
setzen.
    - Wenn ich jetzt der Fliege ein Bein ausreisse, so ärgert sich Gott.
    - Halt! jetzt werde ich so tun, als wollte ich ihr ein Bein ausreissen ...
Was für ein Gesicht wird er da machen!
    - Aber nein: Ich lasse sie fliegen. Jetzt freut er sich.
    - Heute werde ich bei jedem Bissen, den ich in den Mund stecke, inwendig
sagen: Ich danke Dir Gott! Und wenn ichs einmal vergesse, so will ich nicht
weiter essen.
    Aber er führte es nur bei der Suppe durch. Beim Braten vergass ers bald und
ass doch weiter: Die Andern habens ja nicht einmal bei der Suppe gesagt!
    Christus interessierte ihn viel weniger, und der Heilige Geist gar nicht,
obwohl er im Katechismus über sie ebensogut beschlagen war, wie über Gott. Es
wäre ihm nie eingefallen, Christus etwa zum Orakel zu machen, wie ers mit Gott
unzählige Male tat, dem er die Entscheidung über die geringfügigsten Dinge
liess.
    - Soll ich meine lateinischen Vocabeln noch einmal durchgehen? Ich zähle bis
zwanzig, und wenn der Inspektor sich auf dem Kateder rührt, sagt Gott: Ja.
    Aber, wenn sich der Inspektor rührte, so galt dies doch nicht sogleich, denn
es musste ein deutliches Rühren sein, und wenn er etwa bloss eine Hand erhob, so
hatte Gott schon Nein! gesagt, und das Vocabularium wurde zugeklappt.
    Es gab unter den Zöglingen auch einige Katoliken. Die verachtete Willibald
unsäglich. Der Pastor hatte durchaus nicht eigentlichen Anstoss dazu gegeben,
aber es genügte schon das Wenige, was er gesagt hatte, um Stilpe mit der
Überzeugung zu erfüllen, dass sie mit seinem Gott nichts gemein hatten.
    Unter den Jungen fehlte es nicht an Schimpfnamen gegen die katolische
Minderheit. Die gebrauchte Stilpe selten oder gar nicht. Aber »so ein
Katolischer« kam ihm innerlich wie aussätzig vor.
    Da die meisten Katoliken unter den Schülern Ausländer waren, so erhielt
dieses Gefühl der stillen Verachtung noch einen Beiton von Deutschgefühl. Darin
war er auch sonst sehr stark. Ein »Bardenlied« von Willibald begann mit den
Worten:
    Wir Germanen schleudern mit Speeren
    Nach Römern und nach Bären
    Und trinken Met!
    Unter Met stellte sich Stilpe etwas ungemein Süsses vor, das aber doch wie
Lagerbier wirkte.
    Alles in Allem hatte Gott nebst den allerlei anfliegenden Idealempfindungen
von germanischen Urwäldern, Blücher, Kaiser Wilhelm, Moltke den Sinn Willibalds
vom Monde etwas abgelenkt. Es war nur noch so etwas wie eine heisse Dehnung in
ihm, ein Gefühl, gemischt aus unsagbarer Sehnsucht und augenirrender Furcht.
    Er hätte jetzt nicht mehr den Mut gehabt, wie damals, als er Fliczek
davonprügelte. Er fürchtete sich vor den Mädchen, sobald er einmal eine zu sehen
bekam, und empörte sich dann über diese Furcht.
    Aber manchmal geschah es doch noch, dass er an Buschkleppers Garten ging und
seine Hände auf das Gartengeländer lehnte, starr nach der Laube hinüberlugend
voll heissester, wirrester Wallungen.
    Das stammelte er dann Alles in Versen über Tusnelda aus, die Gattin Armins
des Befreiers.
 
                                  Zweites Buch
                                Das Jünglinglein
 Ich rate Dir, mein Junge,
Bewahre Deine Zunge
Und hüte Deinen Magen
Vorm Obste, wenns noch grün.
Schwer ist es zu vertragen,
Es macht Verdauungsmühn
Und anderweite Plagen.
                      Aus Stilpes Maximen und Reflexionen.
 
                                 Erstes Kapitel
- Was ist denn das? Schämt ihr euch nicht? Obertertianer, die sich wie die
Quartaner balgen! Lasst los, sag ich! Stilpe, wenn Du noch einmal zuschlägst!
    Der stämmige Turnlehrer Stürz kam in mustergiltigen Sätzen hinter den
Kletterstangen hervorgesprungen zum zweiten Reck, wo die Obertertianer der
leipziger Tomasschule mit Kennermiene um einen lebendigen Knäuel herumstanden,
der sich bei den gellenden Rufen des Turngewaltigen langsam entwickelte und als
dessen Bestandteile sich unser Freund Stilpe nebst seinem Klassengenossen
Girlinger präsentierten.
    - Was hats gegeben? In einem Vierteljahr soll man euch siezen, und jetzt
wälzt ihr euch in der Lohe wie die kleinen Jungen. Wollt ihr euch nicht
wenigstens gefälligst entschuldigen? Wer hat angefangen?
    - Stilpe. Er hat mich geohrfeigt. Da hab ich ihm einen Magenstoss
verabreicht.
    Girlinger sagte das mit der Ruhe eines Statistikers, obwohl ihm die
Nasenflügel noch vor Zorn bebten. Es war ein schmächtiger, schwarzhaariger
Bursche mit ungemein lebhaften Augen, einer reichlich grossen aber schmalrückigen
und schön geschwungenen Nase und einem Anflug von Schnurrbart.
    Stilpe machte sich nicht gut neben ihm. Er war dicker, stämmiger und hatte
etwas von einem Bulldog. Seine Lippen waren aufgeworfen wie bei einem Kalmücken,
seine Nase hatte gleichfalls die Tendenz nach oben, seine Augen waren klein und
wässerig blau. Dazu schwarzes, starres Haar, das zu weit in die Stirn ging und
ein paar Wirbel zu viel hatte, und Pockennarben übers ganze Gesicht.
    Der kleine Willibald hatte sich beträchtlich verändert, bis ers zum
Obertertianer gebracht hatte. Selbst seine gute Mutter fand, dass er ein bisschen
»zu charakteristisch« geworden wäre, wie sie sagte. Auch ohne die Pockennarben
wäre er kein Adonis gewesen.
    Dazu trug er sich recht sonderbar. Etwas wild-westartig und nicht eben
sorgfältig. Ein schwarz karrierter Anzug, dessen Grundfarbe ein lehmiges Gelb
war; dazu ein flatternder grüner Hängeschlips. Alles in einem liederlichen
Zustande, der jetzt noch besonders zur Geltung kam, wo die Jacke durch die
Balgerei einen Riss bekommen hatte.
    - So, Stilpe! Also Du ohrfeigst den Primus Deiner Klasse. Natürlich, wer
fast der Letzte ist, muss seinen Zorn an den besseren Schülern auslassen. Willst
Du die Güte haben und sagen, wie Du zu dieser Lümmelei gekommen bist?
    Stilpe kräuselte seine Oberlippe noch etwas nach oben und setzte ein sehr
verächtliches Gesicht auf. dabei zuckte er die Achseln und wischte sich die Lohe
von den Kleidern.
    - Also wirds bald!?
    - Ich mag nicht denunzieren.
    - Was magst Du nicht? Denunzieren sagst Du? Hört mal, leiht euerm Kameraden
doch Heises Fremdwörterbuch; er scheint nicht zu wissen, was denunzieren heisst.
    Jetzt stampfte aber Stilpe mit dem Fusse auf: - Ich weiss sehr wohl, was
Denunzieren bedeutet, und gerade darum sage ich nicht, weshalb ich den Herrn
Primus verdientermassen geohrfeigt habe.
    - Höre, Stilpe, jetzt wird mirs zu bunt. Mit Frechheiten kommst Du bei mir
nicht durch. Wenn Du nicht auf der Stelle Antwort giebst, meld ich die Sache,
und dann läuft sie übel für Dich ab, das weisst Du.
    - Das weiss ich. Aber ich kann nicht antworten ... d.h., wenn Girlinger mich
vielleicht ermächtigt? ...
    - Ja, zum Donnerwetter, ihr seid wohl nicht recht ... Girlinger, was ists!?
    Girlinger machte eine bedeutende Geste und sagte mit kühler Gelassenheit:
Stilpe hat meine Ermächtigung.
    Diese ironische Ruhe brachte Stilpen ganz ausser sich. Das war es ja
überhaupt, was ihm am Primus so widerwärtig war, diese infame Ruhe und
Gleichmütigkeit. Girlinger war der Einzige in der Klasse, der ihm imponierte,
der Einzige, mit dem er »über Dinge« sprach, aber immer endete es auf seiner
Seite mit Wutausbrüchen, weil dieser sich nie dazu herbeilassen wollte, warm zu
werden. Er, Stilpe, fuhr immer mit Kanonen auf, und Girlinger tat so, als könne
er alles mit seinem Taschentuch wegwedeln.
    Also Stilpe brach wütend los:
    - Gut! Wenn er mir's schon gestattet ... Gut! Ich habe ihn geohrfeigt, weil
er Bismarck beleidigt hat!
    Ein schallendes Gelächter brach los. Auch der rotbärtige Stürz lachte.
    - Ah, eine politische Ohrfeige! Ja dann, meine Herren, bin ich nicht
kompetent. Das gehört vor den Reichstag. Wir wollen einstweilen im Klimmzug
fortfahren.
    Stilpe hätte in die braune Lohe greifen und sie dem Turnlehrer ins Gesicht
schmeissen mögen. Jede Strafe wäre ihm willkommen gewesen, aber dieser Hohn traf
ihn schmerzlich. Er wurde blass vor Zorn und ballte die Fäuste.
    Aber auch Girlinger war blass geworden. Dieses Gelächter traf ihn mit. Er
fühlte sich plötzlich mit Stilpe auf der einen und alle Andern auf der andern
Seite.
    Als die Turnstunde aus war, und die Schüler truppweise nach Hause gingen,
trat er auf Stilpe zu.
    - Du, Stilpe, wenn Du wieder mal roh werden willst, dann such Dir wenigstens
eine Gelegenheit, wo wir alleine sind. Oder gefällt Dirs, wenn die Bande sich
über Dich amüsiert? Mir gefällt so was nicht.
    - Mir auch nicht. Ich möchte ihnen Allen in den Bauch treten. Elende Hunde
Alle miteinander, und zumal dieser Turnpauker. Herrgott, na ...! Übrigens, was
willst denn Du bei mir? Ich denke, ich bin ein desolater Reaktionär?
    - Ach, lass doch das. Wir können uns doch unterhalten, wenn wir auch
verschiedener Meinung sind. Wir sind ja doch die Einzigen, die überhaupt
Meinungen haben. Oder willst Du Dich vielleicht mit Pahlmann über Bismarck
unterhalten? Oder mit Schirmern? Oder mit Cohn? Die Drei haben vorhin am
lautesten gewiehert.
    - Ach was, ich geh kneipen.
    - So. Ich geh nach Hause.
    - Das wusst ich vorher. Du bist ja der solide Knabe Primus. Weisst Du, wie
eine Kellnerin aussieht?
    - Das interessiert mich nicht.
    - Dafür interessiert Dich dieser Schweinehund, der Lassalle.
    - Gott, Stilpe, der Mann ist höchstens ein Schweinehund gewesen. Er ist
nämlich schon seit einer ganzen Reihe von Jahren tot.
    - Ach! Willst Du mir nicht die Jahreszahl nennen? Weisst Du, was Du bist? Ein
Protz bist Du! Bildst Dir wunder was ein, dass Du ein bisschen mehr von solchen
Sachen weisst wie ich. Wenn mein Vater Staatsanwalt wäre und solche Bücher hätte,
könnte ich auch Sozialdemokrat sein, d.h., wenn mir das nicht zu niederträchtig
wäre.
    - Ich kann Dir sie ja zu lesen geben. Das ist gescheidter, als mit sechzehn
Jahren in Bumskneipen zu gehn.
    - Bumskneipen? Du sagst Bumskneipen? Du meinst also, diese Mädchen sind
gemeine Frauenzimmer? Wahrhaftig Du, ich sage Dir, es gibt nichts Reineres und
Schöneres als z.B. Marta.
    - Was geht mich denn Deine Marta an?
    - Du hast doch Bumskneipe gesagt! Wie kommst Du denn dazu, jemand zu
beleidigen, den Du nicht kennst? Aber Du ziehst eben alles Edle in den Staub. So
machst Dus mit Bismarck und so mit Allem. Du kannst nichts als kritisieren und
nörgeln. Alles Ideale ist für Dich bloss dazu da, es ironisch schlecht zu machen.
Man könnte Dich für einen Juden halten, und Du liest auch bloss Juden. Ewig mit
Deinem Börne und Lassalle und diesen andern Mauschelmeiern, diesen ekelhaften
Kerlen, die eine Schande für das deutsche Vaterland sind! Pfui!
    - Aber Du kennst ja nicht ein Wort von Börne und Lassalle! Lies sie doch
mal! Lies doch mal Börne! Schimpf doch nicht über das, was Du nicht kennst. Das
sind ja alles bloss Phrasen.
    - Hast Du nicht Bumskneipe gesagt? Kennst Du denn die Marta? Kennst Du denn
das Lokal? ... Weisst Du was: Komm jetzt mit hin, und dafür will ich dann Börne
lesen.
    - Ach Gott, das ist mir so unangenehm, ganz abgesehn davon, wenn wir
geklappt werden.
    - Herrlich! Da haben wir den Revolutionär! Feige bist Du, wie diese ganze
Judenbande, die auch bloss das grosse Maul haben.
    - Mach Dich nicht lächerrlich. So mutig bin ich schliesslich auch, abends,
wenns dunkel ist, in so ein Loch zu kriegen, wo doch kein Pauker hinkommt.
    - Also komm mit!
    - Blos, damit Du siehst, dass ich nicht feig bin. Aber dann liest Du auch
Börne!
    - Mein Ehrenwort, Girlinger, meine rechte Hand! Komm! Es sind bloss ein paar
Schritte. Pass auf, Du wirst ein Mädel kennen lernen ...!
 
                                Zweites Kapitel
Diese Marta war eine schöne, schlank üppige Person von etwa zwanzig Jahren mit
dunkelblauen Augen, zwei langen blonden Zöpfen und sehr blasser Gesichtsfarbe.
Sie hätte zu irgend etwas sehr Unschuldigem Modell stehen können, und wie sie
aussah, so stellen sich sämmtliche Backfische Fausts Gretchen vor. Dazu hatte
sie eine sehr liebe, linde Stimme und die allerweichsten, rundesten Bewegungen.
Professor Tumann hat diesen Typus in die Seele der deutschen Bourgeoisie
gemalt, und wir begegnen ihm noch immer auf Wäschekartons, Cigarrenkisten und
Glaube-Liebe-Hoffnung-Buntdrucken.
    Damit wird es begreiflich erscheinen, dass der sechzehneinhalbjährige Stilpe,
öffentlicher Obertertianer und heimlicher Dichter, Vaterlandsschwärmer und
Idealist, unendlich täppisch verliebt in dieses Mädchen war. Sie erschien ihm
als der Inbegriff dessen, was er früher in dem Idealbilde der Tusnelda verehrt
hatte. Nur kam nun noch das Gretchen aus dem Faust, das Kätchen von Heilbronn
und die Lindenwirtin, die Feine, dazu. Dies, soweit es sich in seinen Versen
aussprach, die er ausgiebig zum Lobe dieses Mädchens hervorbrachte, und deren
Idealismus ihm bitter ernst war.
    Aber es gab auch noch einen andern Gesichtswinkel, unter dem er diese Marta
ansah. Jener Idealismus war mehr das Gefühl aus der Entfernung, eine
Distanceschwärmerei, eine bewegte Andacht hinter blauen Weihrauchnebeln.
Zuweilen aber geriet der schwärmerische Beter durch diesen duftenden Nebel
hindurch und kam auf weiches Fleisch. Und, siehe, mit einem Ruck war die
Situation verändert. Die Gefühle bekamen ein anderes Tempo und einen anderen
Termometergrad; irgend etwas in ihm schien sich zu überschlagen, irgend etwas
pochte von innen an die Wände seines Leibes, - es wurde da etwas lebendig, das
nicht Idealismus war. Der gute Junge hatte böse Tage und bösere Nächte dabei. Es
warf ihn gewaltig hin und her, und durch seine schwärmerischen Verse quollen
zuweilen absonderliche Töne eines unheimlichen Drängens aus der Tiefe.
    Ich glaube, für die Augen der Götter sah seine Seele damals aus wie ein Glas
voll Federweissem, in dem die Gährschichten durcheinanderwallen und die Blasen
steigen. Vielleicht richten die Götter derlei bloss an, weil ihnen dieser
Federweisse der menschlichen Pubertät besonders schmeckt. Für den Menschen selber
aber ist dieser Zustand keine ungemischte Freude.
    Stilpe verkam sichtlich dabei. Er war beim Austragen eines wesentlichen
Stückes seiner selbst: Er ging mit seiner Mannheit schwanger. Vielleicht war es
zu früh, dass es ihm so viel Qualen machte?
    Da war es ein grosses Glück für ihn, dass er nun als Ablenkung Ludwig Börne
kennen lernte. Er stürzte sich auf diesen vielbeweglichen blendenden Geist, wie
eine Frau, der es in der Hoffnung nach Dingen gelüstet, die ihr vielleicht
schädlich sind, im Augenblicke aber wohltun. Es verging kein Monat, und er war
ein wütigerer Revolutionär, als sein Freund Girlinger. Selbst seine deutschen
Aufsätze in der Schule brachten Äusserungen zu Tage, die über das erlaubte Maass
der Lobpreisung antiker Freiheitshelden wie Harmodios und Aristogeiton
hinausgingen.
    Aber in seinen Tagebüchern rumorte sich die Empörung seines Wortschatzes am
wildesten aus. Dort fanden sich in wunderlichem Nebeneinander die Namen von
Gajus und Tiberius Gracchus, Catilina, Marat, Danton, Robespiere, August Bebel
und Eugen Richter. Für Majestätsbeleidigungen hatte er sich eine eigene
Geheimschrift erfunden. Der vor vier Wochen noch angebetete Name Bismarcks war
von nun an durch das Zeichen eines Dolches wiedergegeben, wofür die Erklärung
lautete: »Man kann das nehmen, wie man will. Entweder als den Dolch, mit dem
dieser hochfahrende Strunkjunker die Freiheit Deutschlands hingemordet hat, oder
als den Dolch, mit dem er ...? ...«
    Die Freiheit Deutschlands hatte übrigens auch ihr Geheimzeichen (»denn sie
ist ganz und gar verboten«), nämlich ein Epsilon und Gamma, was heissen sollte:
Eleuteria Germanias. Dieses Epsilon Gamma schnitt sich der entflammte Demokrat
sogar auf seinen linken Unterarm ins Fleisch; aber nicht sehr tief.
    Es versteht sich, dass auch der Herrgott übel wegkam in diesem Tagebuche:
    »Was ist denn Gott? Ein Substantivum generis masculini. Oder ein Eigenname?
Aber was für ein Wesens damit gemacht wird! Wozu denn nur? Das gute Lumen (das
war der Religionslehrer) sieht nie so dumm aus, als wie wenn es Gott sagt. Liegt
das nun an diesem Substantivum oder am Lumen? Ich muss Girlinger fragen.«
»Übrigens sollen ja auch grosse Leute an Gott geglaubt haben. Girlinger behauptet
sogar, sie hätten ihn erfunden. Wer weiss, wo er das her hat. Er liest jetzt viel
Philosophisches. Wenn nur Kant nicht so dunkel wäre. Diese verfluchten langen
Perioden. Schopenhauer geht eher. Aber es ist entsetzlich, wie er über die
Weiber schimpft. Ich glaube, man muss ein alter Knacks sein, um diese Philosophen
lesen zu können.«
»Das Lumen (man sollte es die Funzel nennen) sagt, Gott sei wie die Luft, die
man auch nicht sieht, aber spürt, und ohne die man nicht leben könne. Dann ist
die Philosophie wohl eine Luftpumpe. Man setze die Funzel hinein, und sie wird
verlöschen. Deshalb hat sie auch so einen Abscheu vor der Philosophie.«
Zuweilen gab es aber auch Verzweiflungsausbrüche in diesem Tagebuch, so sehr
Stilpe auch bemüht war, in ihm den scharfen Geist zu posieren, dessen Ateismus
über jeden Zweifel und jede Angst erhaben war. Dann türmte er bedenkliche
Jamben-Quadern aufeinander
Ich bin ein Mensch, und, hat mich Gott gemacht,
So soll er einstehn auch für das Gemachte
Und soll nicht Sünde heissen, was ich tu,
Und seiner Pfaffen ekelhafte Schaar
Auf mich loslassen wie ein Heer von Geiern.
Ich bin voll Wollust, und ich schreie laut
Nach Wollust wie der Hirsch nach Wasser schreit.
So gebt sie mir, denn Gott hats so gewollt,
Und wenn ihr Sünde sagt, so sündigt Gott.
Nein, nein und nein, ihr kennt ihn nicht, den Gott,
Von dem ihr sprecht; er ist kein lieber Gott:
Ein böser Gott! - Ach Gott, er ist ja nicht!
Jeden Sonntag kam Girlinger zu Stilpe und liess sich von ihm das Tagebuch zeigen.
Er war, bei aller eigenen Unreife, doch viel reifer, als jener, denn er hatte
vielmehr Verstand und war wirklich fleissig hinter der Literatur her, die er
Stilpen zutrug. Vor Allem kam ihm zustatten, dass er alle die zu frühe
Gedankenkost kühl in sich aufnahm, während sie Stilpe heiss verschlang. Auch liess
er sich, trotz seiner Jugend, nicht so leicht blenden, und wenn er auch
merkwürdig viel Sinn das Brillante in Stil und Gedanken hatte, so nahm er das
doch schon mit einer Art von Kennerschnalzen hin, während Stilpe sofort wie
überschüttet und überglänzt war und Alles am liebsten gleich subjektiv für sich
zur Tat gemacht hätte.
    Der Fleiss fehlte ihm, wie in der Schule, so auch hier. Keines der Bücher,
die ihn wild begeisterten, las er fertig, und Sitzfleisch hatte er nur in der
Kneipe bei Marta.
Eines Tages kam er auf Girlingers Wohnung gestürzt.
    - Bist Du allein?
    - Meine Schwestern sind im Wohnzimmer.
    - Können sie hören, was wir sprechen?
    - Wenn sie nicht horchen: Nein!
    - Aber sie werden horchen, natürlich!
    - Unsinn, sie machen ihre deutschen Aufsätze.
    - Nein, ich kann das hier nicht sagen.
    - Was denn?
    - Es ... es ... Komm nur! Komm! Ins Freie!
    - Ja, was hast Du denn nur?
    - Ach, es ist schrecklich! Schrecklich!
    Sie gingen zusammen in den Garten, den Stilpes Pflegeeltern vor der Stadt
hatten.
    - Also, was ist denn los? Du siehst ja ganz blass aus!
    - Wie? Sieht man mirs an? Nicht wahr, ich bin furchtbar blass?
    - Ja, blass bist Du ... Und ausserdem stinkst Du nach Sprit.
    - Ja, ich habe sechs Glas Bier getrunken.
    - Pfui Teufel, und natürlich dieses grässliche Lagerbier in der Austria.
    - Ja, aus Verzweiflung Girlinger. Denke Dir nur ... Marta ...! Ach Gott!
    - Ich kann mirs wirklich nicht denken. Dass der Engel einen Bräutigam hat,
der Unteroffizier ist, weisst Du ja schon seit vier Wochen.
    - Ach, ich bitte Dich, sei nicht so spöttisch jetzt. Es ist zu furchtbar.
    Er war wirklich wie zerschmettert. Girlinger fühlte Mitleiden mit ihm, und
wie sie im Garten angekommen waren, redete er ihm sehr teilnahmsvoll zu, sich
ihm auszuschütten.
    Es war ein kleiner Mietsgarten zwischen anderen von der gleichen quadratisch
angelegten Art. Selbst in der schönen Jahreszeit sah er trostlos öde aus mit
seinen kleinen nach der Schnur gepflanzten Bäumen, den kümmerlichen Sträuchern
und den harten gelben Kieswegen. Jetzt, da es Späterbst war, die kahlen Bäume
wie Besen aufragten, verfaultes Laub in den schwarzen Beeten lag und ein kalter
Wind unter grauem Himmel ging, machte er einen völlig jämmerlichen Eindruck.
    Da sie keinen Schlüssel hatten, sprangen sie über das Stacket. Plötzlich
rief Stilpe: Wo ist denn die Bank?! Nicht einmal eine Bank ist da!
    Wütend rannte er im Garten herum. Es kam ihm unbewusst sehr gelegen, dass er
Ursache zu einem Wutausbruch fand.
    - Wir können ja hin- und hergehn!
    - Nein! Ich will eine Bank! Ich bin wie zerschlagen! Ich muss sitzen!
    - Aber, wenn doch keine da ist?
    - In der Baracke sind sie. Wart! Ich werde sie gleich haben!
    Und er stürzte zum Gartenhaus, rüttelte erst mit den Händen an der Tür und
trat diese dann mit den Füssen ein.
    - Hö! Bänke genug!
    Und er schleppte eine heraus und stellte sie mitten auf den Weg.
    - Da, setz Dich!
    - Ich brauche nicht zu sitzen. Ich bin nicht »zerschlagen« wie Du, denn ich
bin nicht betrunken. Übrigens werde ich gleich wieder nach Hause gehn, denn ich
habe besseres zu tun, als Deine Rohheiten mit anzusehn.
    Jetzt wurde Stilpe wieder weinerlich.
    - Setz Dich doch, ich bitte Dich, setz Dich. Ich muss ... ach Gott, sei mir
nicht böse ... Ich bin ja so ...
    Girlinger setzte sich auf die Bank und sah vor sich auf den Boden. Stilpe
stellte einen Fuss auf die Bank und stützte den Kopf in die rechte Hand. Grosse
Tränen rannen ihm aus den Augen.
    Lange konnte er nicht sprechen. Dann sagte er ganz leise:
    - Kennst Du das Haus mit den weissen Fensterscheiben gegenüber der Austria?
    - Das Puff?
    Stilpe schlug sich mit der Faust aufs Knie und schrie: Da drin ist sie!
    Girlinger sah auf und pfiff durch die Zähne. Dann sagte er sehr bedächtig:
So, so! Ja, ja!
    Da packte ihn Stilpe an beiden Schultern und schüttelte ihn wütend:
    - Du bist ein Vieh! Ein Amphibium! Geh aus dem Garten, oder ich schmeisse
Dich naus!
    - Bist Du denn verrückt geworden? Jetzt hör aber auf! Was fällt Dir denn
ein? Glaubst Du, ich bin für Deine Grobheiten da? Das war das letzte Mal!
    Er wollte gehen.
    Aber nun hielt ihn Stilpe wieder fest und drückte seine Hände, und indem ihm
Träne auf Träne über die Backen lief, rief er aus:
    - Ich weiss ja nicht, was ich sage, ich weiss ja nicht, was ich tue, ich bin
Dir ja so dankbar; Du musst mir alles verzeihen, was ich sage, ich bin ja ganz
zerschlagen.
    Girlinger bekam jetzt Angst vor ihm. Dieses Weinen war grässlich, und all
dies Gehaben war ihm so fremd. Er glaubte im Ernste, dass sein Freund verrückt
geworden wäre, und fing an, ihn wie einen Kranken zu behandeln.
    - Sei nur ruhig, Stilpe, ich bring Dich jetzt nach Hause. Du bist so
aufgeregt. Du musst ins Bett gehen ... Und übrigens: Ist es denn auch sicher?
    - Sie hat mirs ja geschrieben; sie hat mich ja eingeladen, ich soll sie in
ihrer neuen Stellung besuchen ...
    Girlinger hatte was Ironisches auf den Lippen, aber er bezwang sich.
    - Ach Gott, wer weiss, was dahinter steckt. Es ist vielleicht gar nicht so
schlimm. Überhaupt: Was ist denn schliesslich dabei? Erinnere Dich, was Lassale
über die Prostitution sagt. Es ist mehr ein Opfer, als eine Schande. Und die
schlimmsten Huren sind nicht in den Bordells.
    So, mit vielen Citaten, abgeklärten Sentenzen und ein paar historischen und
etnographischen Excursen ins alte Griechenland und nach Japan, tröstete er
seinen zerschmetterten Freund nach Hause.
 
                                Drittes Kapitel
Nicht lange nach dieser herbstlichen Gartenscene wurde Willibald Stilpe, im
Alter von 163/4 Jahren, von seiner Mannheit entbunden.
    Damit ging eine merkliche Veränderung in ihm vor. Er bekam etwas
Renommistisches, Überhobenes und trug eine Verachtung seiner Klassengenossen,
Girlinger eingeschlossen, zur Schau, die sich von der, die er schon immer
gezeigt hatte, deutlich unterschied. Früher war darin etwas Erzwungenes gewesen,
als sei er sich doch nicht völlig klar über seine Berechtigung dazu, jetzt hatte
sie etwas sehr Entschiedenes, sehr Selbstbewusstes. Er trat diesen Obertertianern
gegenüber, wie ein Mann, der von einer Reise in unbekannte Länder nach Hause zu
Leuten kommt, die noch nicht den Äquator überschritten haben:
    - Ist es sehr heiss in den Tropen?
    - Es macht sich.
    - Sind die Schlangen wirklich so lang und dick und giftig?
    - Ach ja.
    - Sie sind doch nicht gebissen-worden?
    - Ein bisschen.
    - Wie? Und wieder kuriert?
    - So ziemlich.
    Schade, dass er nur mit Girlinger darüber reden konnte. Dem setzte er aber
dafür auch tüchtig zu, und es machte ihm unverhohlenen Spass, dass dieser so
wissbegierig war. Er flunkerte auch ein bisschen und gab mehr tropische Abenteuer
zum besten, als er erlebt hatte.
    Aber auch ohne die Flunkereien hätte er dem Freunde imponiert. Es gab jetzt
etwas, worin er dem weisen Primus über war.
    - Weisst Du, da helfen Dir alle Deine Bücher nicht hin. Und übrigens: Wie
willst Du denn ohne das Deinen Schopenhauer verstehen? Und dann die Dichter!
    Er dachte dabei vornehmlich an Heine und den Tannhäuser in Rom, der zu
seinem Brevier und Muster wurde.
    Denn jetzt fing er an, aus dem Vollen zu dichten und zwar mit dem Bewusstsein
, ein Dichter werden zu wollen und nichts andres.
    Die Schule wurde ihm dabei immer widerlicher, - und er schwänzte sie mit
grosser Frechheit.
    Seine Pflegeeltern, denen er von Stilpe-Vater übergeben worden war, weil
dieser deutlich fühlte, dass jeder andre ein besserer Pädagoge sei, als er, waren
gute Leipziger Mittelstandsleute, die, mit Stilpes Mutter entfernt verwandt, den
jungen Gymnasiasten aus Gefälligkeit aber nicht mit der Meinung aufgenommen
hatten, dass hier besondere Aufsicht und Wachsamkeit nötig sei.
    Der alte Wiehr hatte einen Porzellanladen am Markte, der ihn ausschliesslich
beschäftigte, und seine Frau ging in der Hauswirtschaft und zahlreichen
Kaffeekränzchen auf. Ihr einziger Sohn war ein zarter junger Mensch gewesen,
bleichsüchtig und solide, nicht sehr begabt, aber fleissig; er war gestorben, als
er in Stilpes Alter gewesen war. Die Alten sahen in Willibald dessen Fortsetzung
und behandelten ihn wie jenen, nämlich mit vollendetem Zutrauen und vollkommener
Ahnungslosigkeit. Dies wurde durch Stilpes mimische Kunst, sich wie ein Lamm zu
benehmen, unterstützt.
    So hatte er eigentliche vollkommene Freiheit, und es fehlte ihm, um mit
dieser Freiheit so viel anfangen zu können, wie er wünschte, nur an Gelde.
    Leider machte sich dieser Mangel, seit sich Marta »verändert hatte,« viel
fühlbarer als früher.
    Ein geradezu lächerlicher Gedanke, jetzt mit den fünf Mark monatlichem
Taschengelde auszukommen. Man musste, da eine regelrechte Erhöhung des Budgets
ausserhalb jeder Möglichkeit lag, auf Extraordinaria sinnen.
    Da fing denn der junge Mann zunächst klein und bescheiden an. Er
durchmusterte seine Bibliotek.
    Nun, da fanden sich ja einige Sächelchen, die vom Überflusse waren: Alle die
überwundenen Standpunkte der durchlaufenen Klassen, wie sie sich in alten
Grammatiken, Lehrbüchern, Schulausgaben, Gesangbüchern verkörperten, und dazu
des Knaben Willibald Belletristik: Der Lederstrumpf, verschiedene Walter
Scott-Romane, »für die Jugend« bearbeitet, eine »ausgewählter Goete« (fahr hin,
Castrat! rief Willibald) und Anderes mehr.
    Diese Literatur überlieferte Stilpe einem alten verwachsenen Antiquar, der
in einem Durchgange von der Petersstrasse zum Neumarkt seine Bude hatte.
    Herr Wopf war ein wunderlicher alter Bursche, ausgestattet mit einer schönen
Meerschaumpfeife, einer sehr grossen, üppigen und noch jungen Gattin und einer
eminenten Rundschrift, mit der er die Neuerwerbungen seines Lagers in gewaltig
grossen Zügen auf Pappendeckel schrieb, die wie die Ahnentafeln vor chinesischen
Tempeln rechts und links seiner Ladentüre standen. Ausserdem besass er noch eine
verworrene Menge von Literaturkenntnissen und eine erstaunlich tremolierende
Stimme, mit der er Passagen aus seinen Büchern vorlas, um diese seinen Kunden
begehrenswert erscheinen zu lassen. Wegen dieser Gabe des rollenden Rezitierens
nannten ihn Stilpe und Girlinger den Deklamator.
    Stilpe liebte ihn direkt und sah in ihm den Helden seines ersten Dramas. In
wiefern Herr Wopf den Anforderungen an einen dramatischen Helden entsprach, das
war ihm freilich unklar, ging ihm aber auch nicht nahe. Sicher war nur, dass die
üppig blühende Gattin, die früher scheuern gegangen war, die Rolle der
Ehebrecherin haben musste. Sich selbst dachte Stilpe als den Galan, doch stellte
er sich in dieser Tätigkeit etwas älter und als berühmten Journalisten vor. Die
Hauptscene, der Drehpunkt des Ganzen, stand schon fest, aber nur im Kopfe, denn,
und dies gilt für die meisten dichterischen Pläne Stilpes in dieser und späteren
Zeit: Er kam selten dazu, seine Entwürfe in Tinte umzusetzen.
    Schade übrigens, dass Stilpe diese Szene nicht ausgeführt hat. Sie war höchst
verwegen naturalistisch gedacht und sehr geeignet, Ärgernis zu erregen, - ein
poetischer Zweck, der dem revolutionären Obertertianer ziemlich deutlich
vorschwebte, obwohl seine Verwegenheit nicht bis zur Phantasmagorie einer
Drucklegung ging. Sie sollte sich direkt in Wopfs Ehebette abspielen.
    Girlinger hatte Einwendungen dagegen, vornehmlich vom Standpunkte der
Bühnenmöglichkeit aus. Aber da kam er bei Stilpe übel an:
    - Bühne!? Du sagst Bühne! Was geht mich denn die Bühne an? Ich pfeife auf
die Bühne. Glaubst Du, ich will mich neben Herrn Blumental stellen?
    - Nein, aber neben Schiller.
    - Ach, Schiller!
    Dieses »Ach, Schiller!« ist um die Zeit, in der Stilpe sein Wopf-Drama
plante, auch sonst noch manchmal ausgesprochen worden. Wer es mit dem
Phonographen aufgefangen hätte, könnte sich heute damit auf den Jahrmärkten
hören lassen.
    Übrigens war der Deklamator Stilpen in erster Linie doch nicht als
dramatischer Held, sondern als zahlungsfähiger Bücherkäufer wichtig. Zwar, er
zahlte niederträchtige Preise und verdiente schon deshalb, dramatisch als
Hahnrei angemacht zu werden, aber er nahm wenigstens Alles, und in schwierigen
Augenblicken gab er auch Vorschüsse auf später zu verkaufende Bücher.
    - Nächstes Ostern brauche ich meinen alten Cicero nicht mehr; können Sie mir
1 Mark 50 drauf geben?
    Der Deklamator durchblätterte das dicke Buch und blies seinen Tabaksrauch
wie desinfizierend hinein.
    - Quousque tandem, Catilina, abutere patientia nostra! Haben wir auch
gelesen! Wie lange noch, Herr Liebknecht, wollen Sie uns mit Ihren Reden mopfen?
Fünfundsiebzig Fenge Herr Stilpe.
    - Nee, mein Lieber, eine Mark doch mindestens. Der Schmöker kostet neu ja
fünfe, und er sieht doch noch ganz jungfräulich aus.
    - Fünfundsiebzig Fenge, Herr Stilpe! Und übrigens: Wenn Sie nu sitzen
bleiben und die Catilinarischen noch ein Jahr lesen müssen?
    - Na, hören Sie mal, das find ich stark! Sie halten mich wohl für ein
Kameel? Also gut, her mit den fünfundsiebzig, Sie Jude.
    Der Deklamator zog seinen Beutel und fischte das Geld heraus. Dann notierte
er sich das Geschäft in sein Notizbuch, wo eine Seite in tadelloser Rundschrift
überschrieben war: Herr Stilpe.
    Leider hielt die Bibliotek der Jugendzeit nicht lange vor, und es war das
Bücherverkaufen überhaupt ein etwas bedenkliches Geschäft, weil Stilpe dabei
doch zuweilen den Deklamationen des Herrn Wopf unterlag und für seine alten
Bücher andre mit in Zahlung nahm. Zwar verkaufte er die gewöhnlich ein paar
Wochen später zurück, aber es versteht sich, dass ihm der Deklamator nicht so
viel zahlte, wie er sich hatte zahlen lassen.
    - Se machen ze viel Randbemerkungen in de Bücher, Herr Stilpe. Und, sehn Se,
wenn de Marginalien auch sehr geistreich sin, wie z.B. hier gleich zweimal
hintereinander: Quatsch! Quatsch!, so verliern Se de Bücher doch dadurch an
Wert.
    - Was!? Warten Sie nur, Herr Wopf, warten Sie nur! Wenn ich mal berühmt bin,
dann verdienen Sie ein Vermögen mit meinen Autogrammen. Ich sage Ihnen: Heben
Sie sich die Bücher auf!
    - Sie närrscher Kunde! Wenn Se nu aber nich berihmt wer'n? -:
Schon Manchen sah ich mit erhobnem Haupt
Im Lenz der Jugend mit den Sternen spielen,
Der, als das Alter ihm den Kranz entlaubt,
Froh war, nach Kegeln auf der Bahn zu zielen.
Schie'm Se Kegel, Herr Stilpe? Das is enne sehr gesunde Übung!
    - Nee, aber fünf Mark können Sie mir pumpen.
    Der Deklamator zog sein Notizbuch: Sehn Se mal her, Herr Stilpe: Jetzt ha'm
Se schon acht Mark und fuffz'g Fenge prae! Jede Nacht treim ich, Se blei'm m'r
sitz'n. Nee, pumpen kann ich Se nischt.
    Also musste Stilpe auf Anderes denken. Ein Glück, dass er nicht ohne
Erfindungsgabe war.
    Bald wurde für ein Ehrengeschenk zum Doktorjubiläum des Ordinarius
gesammelt.
    Dann hatte er eine Fensterscheibe in der Klasse zerschlagen.
    Sehr oft drängte es ihn, eine Klassikervorstellung im Teater zu besuchen.
    Ein Kamerad war gestorben, ein sehr guter Freund von ihm: Da musste ein Kranz
her.
    Unendlich häufig mussten Bücher gebunden, Hefte gekauft, neue Schulausgaben
angeschafft werden.
    Aus Versehen hatte er Tinte über den Atlas eines Nachbars gegossen. Ein
ekliger Kerl, wie der war, wollte er ihn ersetzt haben.
    Es war erstaunlich, wie leicht ihm die Lügen fielen. Er schmückte sie sogar
mit ersichtlichem Vergnügen novellistisch aus. Erzählte z.B. die ganze
Lebensgeschichte des jubilanten Ordinarius, ahmte ihn nach, führte eine ganze
Komödie von ihm auf - Alles freieste Erfindung; und das Ehepaar Wiehr wollte
sich ausschütten vor Lachen.
    Aber auch diese kleinen Mittel halfen nicht auf die Dauer. Stilpe starrte
ins Leere und fand nichts.
    Da überfiel ihn ein Gedanke, vor dem er selber erschrak: Die Ladenkasse ...
    - Aber nein, pfui Teufel, das ist ja eine Gemeinheit! Weg damit! Lieber
diese Sumpfereien da sein lassen. Es ist überhaupt widerlich ... Lieber
arbeiten! ... Wieder mehr mit Girlinger disputieren! ... Ja, und endlich das
Drama schreiben!! ...
    Und gleich holte er ein Heft aus dem Schubkasten und schrieb darüber:
                                  Der Hahnrei
                                 Sittentragödie
                                     in ...
Ja, wieviel Akte mache ich!? Natürlich nicht fünf! Denn das ist banal.
Vielleicht vier? Vier? Bei dem Stoff? Nein! sechs Akte! Also:
                                   in 6 Akten
Und nun die Personen:
    Schopf, ein buckliger Antiquar
    Clara, seine Frau
    Walter Wild, ein berühmter Journalist
Wen denn noch? Girlinger? Ja!:
    Wirlinger, ein Agitator.
Das ist famos! Sozial! Und nun:
    Volk, Arbeiter, Studenten, ....
Nein! Erst noch eine Hauptperson!:
    Marta, eine Prostituierte.
Ah! Das gibt was! Da haben wir den Konflikt! Ganz von selber kommt immer das
Beste. Natürlich: Marta! Das ist die Retterin! Sie opfert sich! Am Schluss
bricht eine Revolution aus!
    Er kam ganz ins Fieber. Die Prostituierte als Retterin! Schopf als Typus des
krämerischen Bourgeois. Walter Wild der Idealist. Clara das verführerische Weib.
Wirlinger der dämonische Volkstribun. Und am Schluss die Revolution!
    Er schrieb gleich die Schlussszene, ungeheuer wild und natürlich bloss so in
Umrissen hingeklitscht wie mit der Maurerkelle. Glockenarten Kanonenschläge.
Barrikaden. Brand. Marseillaise. Carmagnole. Marta im schwarzen Hemd mit der
roten Fahne.
    Aber auf einmal war Alles aus. Der Strom war vorbei geschossen. Es wollte
nicht mehr fliessen. Fortwährend drängte sich, schon bei diesem gewaltigen
Hinpatzen der Farben, das Gefühl ein: Aber der erste Akt? Wieso denn Revolution?
Natürlich muss sie kommen. Freilich! Aber: Wieso denn? Es muss doch irgendwie
motiviert werden?! Und da blieb er stecken und kam nicht heraus.
    Das Schlimmste war, dass er sich in seinem dichterischen Tumulte zu lebhaft
mit Marta beschäftigt hatte.
    - Ach, hols der Teufel! Ich geh hin! ...
    - Haha! Ich, mit meinen zwanzig Pfennigen! ...
    - Girlinger anpumpen? ...
    - Ach der! Schöne Redensarten! Und dabei hat er Geld! ...
    ....... die Ladenkasse ...? ...? ...!
    ....... Es ginge ganz leicht.. Ich brauche bloss 'nunter zu gehn ... Wiehr
sitzt auf dem Stuhl an der Türe ... Hinten auf dem Laden steht die Kasse, offen
... Ich komme durch die Hintertüre und stelle mich vor den Laden und spreche
mit dem Alten ... Und, während ich mit ihm spreche, halte ich die Hände auf dem
Rücken und greife ganz einfach in die Kasse ... Immer, während ich mit ihm
spreche ... Ich muss bloss was Komisches erzählen ... Oder, nein, sicherer, ich
sage: Sehen Sie, Vater Wiehr, da wird Einer arretiert drüben, vor Aeckerleins
Keller! Da stürzt er sicher gleich vor die Türe ...
    Es wurde ihm unbehaglich heiss.
    - Aber das ist ja doch niederträchtig! Das ist ja Diebstahl! Pfui Teufel!
...
    - Und, wenn sie's beim Abrechnen merken? ...
    - Unsinn! ... Sie rechnen ja gar nicht ab, Philemon und Baucis! ...
    - Und schliesslich, drei oder meinetwegen fünf Mark ... Das fühlen Sie ja gar
nicht ...
    - Überhaupt: Diebstahl! Mumpitz! Ich solls ja so mal erben! Lachhaft! ...
    - Ich kann's ja auch später wiedergeben, wenn ich selber Geld habe ...
    - Natürlich: Das versteht sich von selbst. Mit Zinsen! ...
    Und er stülpte sich seinen Hut auf und rannte hinunter.
 
                                Viertes Kapitel
Stilpe war nach Untersecunda versetzt worden, aber nur versuchsweise und mit
Nachprüfung in der Matematik nach einem Vierteljahr. Zudem fand sich in seinem
Zeugnis eine Bemerkung, für die er nur die Bezeichnung Infam! hatte. Es war da
die Rede von »Zerfahrenheit«, »Unaufmerksamkeit«, »Allotria«.
    Wischiwaschi! sagte Stilpe, kaufte sich eine Flasche Eau de Javelle und
wischte die Bemerkung weg. Er tat es in der Hauptsache wegen der alten Wiehrs,
denn es lag ihm daran, dass diese nicht irre an ihm wurden.
    In sein Tagebuch schrieb er mit Geheimschrift patetisch ein:
    »Nachdem ich wöchentlich und konsequent einige Diebstähle begehe, kommt es
auf eine Urkundenfälschung nicht mehr an.
    Ich bin also ein Verbrecher!? Ha! Das ist ausgezeichnet!
    Wenn ich wöchentlich, wie Girlinger, 10 Mark Taschengeld hätte, brauchte ich
nicht zu stehlen, und wenn die Pauker keine überflüssigen Bemerkungen
schmierten, brauchte ich kein Eau de Javelle.
    Also? Logik? Schluss? Die Hauptsache ist: Sich nicht erwischen lassen!«
    An Girlinger verriet er von seinen Streichen nichts. Er wusste, dass dieser
»unfähig war, derlei zu verstehen«.
    Und doch hätte er gerne Jemand gehabt, dem ers sagen könnte.
    Einmal hatte er bei Marta den Versuch gemacht, indem er sie fragte, sehr
feierlich, was sie dazu sagen würde, wenn Jemand ihretwegen ein Verbrechen
beginge. Es gruselte ihn angenehm, wie er das sagte.
    Sie aber antwortete bloss: Den würd'ch anzeigen.
    Das gab ihm einen Stoss, und er fand von jetzt ab, dass »diese Person sehr
gewöhnlich« sei.
Er war ihrer überhaupt überdrüssig und warf sich mehr ins Ideale, Heroische. Es
kam ihm ein Wulst Gedanken wie: Neues Leben! Freiheit! Selbständigkeit!
    Je näher die Matematiknachprüfung rückte, um so dringlicher wurden diese
Gedanken.
    Wenn er nun diese Prüfung nicht bestünde? Die Perspektive war scheusslich,
aber das scheusslichste an ihr war der Gedanke, dass er, der jetzt in Untersekunde
mit Sie angeredet wurde, in Obertertia wieder gedutzt werden würde. Also: Das
Symbol der Knechtschaft!
    Aber auch, wenn er bestünde! Wie grässlich war diese ganze Schule überhaupt!
Und so noch vier Jahre bis zur Freiheit, bis zur Universität!
    Und in diesen vier Jahren immer dieses leere Stroh, das Einem vorgeworfen
wurde: Da, drisch, aber im Takt!
    Und was waren das für Leute, die die Aufsicht dabei führten! Oh, diese
Druschmeister! Herrgott, diese Professoren!
    Ein paar waren ihm ja »interessante Knaben« ein bisschen steifleinen und
steifbeinen, aber man konnte ihnen gut sein, denn, nun ja eben: Sie waren
interessant und hatten zuweilen menschliche Töne.
    Aber die Andern! Diese kalten Pedanten! Diese langweiligen
Schablonenmeister! Kalbsköpfe alle miteinander!
    Er würde einmal eine aristophanische Komödie schreiben: Die Kaulquappen.
Dazu, als Modelle, seien sie zu brauchen, sonst zu nichts.
    Ob wohl Einer von diesen Plärrern eine Ahnung davon hätte, was hinter ihm,
dem Stilpe, steckte?
    Und solchen Leuten war er untertan, er, der Ziele vor sich hatte, an die
sie ebensowenig dachten, wie der Igel an ein Himmelbett!
    Nein, er musste fort aus dieser Sklaverei und fort auch aus diesem Sumpf mit
der Person da, die wirklich kein Hetäre war, wie Aspasia.
Ja, eine Aspasia, das wäre seine Retterin! Ein Weib, himmlisch schön und von
freier Nackteit Leibes und der Seele, und voll Poesie! Voll Ideal!
    Ah! Hellas! Hellas! HELLAS!
    Pfui Teufel, was da auf seinem Arme stand, dieses blödsinnige Epsilon Gamma!
    Was ging ihn dieses Deutschland an, ihn, den Kosmopoliten!
    Er schrieb mit roter Tinte in griechischen Lettern Hellas auf eine Papptafel
und hing diese über seinem Bette auf.
    Griechenland, ja, das war ein Wort und ein Ruf, und sein Schrei!
    Aber nicht das, was dieses Lehrergesindel im Munde führte, sondern das, von
dem Heine schrieb als dem Gegensatz zum Christentum.
    Denn mit dem Christentum war er nun auch im Reinen. Er nannte es die
Weltmasern und tat sich auf das Wort nicht wenig zu Gute.
Eines Tages ging er mit Girlinger ins Rosental.
    Girlinger war sehr niedergeschlagen. Sein Vater war hinter seine Lektüre
gekommen und hatte ihn vor der ganzen Familie als »unreifen Zusammenleser
unverschämter Dummheiten« lächerrlich gemacht und zugleich Massregeln getroffen,
die seine Lektüre unter eine strenge Aufsicht setzten.
    - Der Herr Staatsanwalt hat ein Ausnahmegesetz über mich beliebt. Aber er
soll sich irren. Ich bin nicht der unreife Knabe, für den er mich hält. Ich habe
es deutlich bemerkt, dass er von den Sachen, die er verdammt, so viel versteht,
wie ich von seinem Büttelamte. Ich lasse mich nicht knechten! Ich werde es ihm
zeigen!
    - So? Du? Weisst Du, Dein Vater kennt Dich sehr gut. Der weiss, dass Du wie ein
Pudel über den Stock springst, wenn Du auch vorher bellst.
    - Das wirst Du sehen! Ich habe zwar nicht das grosse Maul wie Du, aber ich
handle!
    - Da bin ich gespannt. Wirst Du es mir nicht verraten?
    - Nein! Der Tag wird kommen, wo Dus siehst.
    - Dann muss er bald kommen!
    - Wieso?
    - Ich verrate auch nichts.
    Sie gingen schweigend nebeneinander her, und Stilpe hieb mit seinem
Spazierstock in die Büsche. Endlich sagte er:
    - Nein, und wenn Du mir auch nichts sagst, ich will offen sein! Aber gieb
mir Deine rechte Hand, dass Dus niemand sagst.
    - Ja doch.
    - Nein, die Hand! Und das ist wie geschworen!
    - Ja doch. Hab' ich schon was verraten?
    - Also gut!
    Und er blieb stehen und sagte leise, aber mit feierlichem Tone:
    - Ich gehe nach Griechenland.
    Girlinger sah ihn gross an:
    - Ja, kannst Du denn Neugriechisch?
    Die Frage kam Stilpen unerwartet. Daran hatte er noch nicht gedacht. Er biss
die Lippen ärgerlich aufeinander.
    - Natürlich nicht.
    - Ja, was für eine Sprache wirst Du denn dort reden?
    - Es gibt eine deutsche Kolonie in Aten.
    Stilpe wusste davon eigentlich nichts, es war eine seiner rettenden
Improvisationen, aber Girlinger fand sie plausibel.
    - So, nun ja, aber was willst Du in dieser deutschen Kolonie machen?
    - Irgend was: Schreiber, Kopist, Sekretair, irgend so was!
    Girlinger schwieg eine Weile. Dann meinte er:
    - Hast du denn Geld zur Reise?
    Stilpe, langsam:
    - Ja.
    - Wieviel denn?
    - Weiss ich noch nicht.
    - Ach so ... Ich habe hundertunddreiundfünfzig Mark.
    - Was? Hundertunddreiundfünfzig! Das ist ja kolossal!
    
    - Das ist viel zu wenig. Ich habe gedacht, Du würdest mindestens tausend
haben.
    - Ja, woher denn?
    - Das ist einerlei.
    Girlinger sagte das etwas im Tone des entschlossenen Bösewichts der Bühne,
dumpf, tremolo.
    - Nein, soviel kann ich nicht.. bekommen.
    - Was denkst Du denn, was die Reise kostet?
    - Ich laufe natürlich.
    - Da werden sie Dich bald einhaben.
    - Ich werde sie auf eine falsche Spur locken. Natürlich denken sie Alle:
Amerika. Übrigens: Du willst doch nicht etwa nach Amerika?
    Girlinger lächelte spöttisch:
    - Du hältst mich für sehr dumm. Nein, ich denke an England.
    Und er setzte nun sehr kühl und eingehend auseinander, welche Vorzüge
England habe: Keine polizeilichen Anmeldungen, Nachfrage nach deutschen Kräften
für kaufmännische Korrespondentenstellungen u.s.w., u.s.w. Er hatte Alles, nach
seiner Weise, praktisch bedacht und sich über Alles in Büchern Gewissheit
verschafft. Englisch und die doppelte Buchführung hatte er sich auch nach
Möglichkeit beigebracht.
    Aber Stilpe übergoss ihn mit ganz anderen Argumenten für seine Idee:
    - Was? England? Dieses grosse Krämernest? Dieses Land des Nebels und der
Kommis? Diese Insel der Pfeffersäcke? Wo sie die Feigenblätter en gros
fabrizieren aus Weissblech mit Ölfarbenanstrich? Wo man Sonntags nicht niesen
darf? Ja, Mensch, kennst Du denn Byron nicht? Byron, siehst du, der wollte
lieber in Griechenland sterben, als in England leben. Nur Griechenland! Nur
Griechenland! Denke doch: Dieser Himmel! Diese Erinnerungen! Und: Diese Weiber!
Ich sage Dir: Ehe diese Bande hier ihr Abiturientenexamen gemacht hat, sind wir
berühmt.
- Ach was, ich will frei sein und nicht dichten.
    - In Griechenland wirst Du frei sein! Und warum verstellst Du Dich denn? Ich
weiss doch, dass Du noch viel ehrgeiziger bist, als ich. Und dann: Die Schönheit!
Die alte Kunst! Die Akropolis! Denke: Wenn wir da hinaufschreiten! Und alles das
Südliche überhaupt! Ölbäume, Orangen, Citronen, Rhododendren!
    Girlinger hatte allerlei praktische Bedenken, aber schliesslich legte auch er
es sich zurecht. Seine Phantasie war nicht so schnell losgelassen, wie die
Stilpes, und sie schwärmte nicht ins Blaue, aber gerade diese Sehnsucht nach dem
Süden war in ihm, und um so stärker, als er sich wirklich ein Bild vom Süden
machte, während Stilpe nur den Abreiz von Worten spürte.
    Sie gingen mit dem Versprechen Girlingers auseinander, dass er am nächsten
Sonntag, in zwei Tagen, seinen endgiltigen Entschluss kund tun wolle.
    Girlinger benutzte die Zeit, um gründlich über den Plan nachzudenken und
nach Möglichkeit zu studieren, was ihm über das Griechenland von Heute
zugänglich war.
    Stilpe aber schwamm in einem heissen Entzücken bei dem Gedanken, die grosse
Tat im Verein mit Girlinger zu vollführen und weidete sich an der Vorstellung,
welchen Eindruck es machen würde, wenn nicht bloss er, der »zweifelhafte
Schüler«, durchgebrannt und verschwunden war, sondern mit ihm der gepriesene
Musterknabe und Primus. Mit besonderem Genusse stilisierte er sich im Geiste die
Notizen, die über dieses Ereignis in den Blättern stehen würden. Er kam sogar
auf die Idee, eine »Rechtfertigung« abzufassen, die er auf irgend eine Weise
(das Wie überliess er späterer Überlegung) drei Tage nach ihrer Flucht (Flucht!)
von Leipzig aus dem Leipziger Tageblatt zukommen lassen wollte. Vielleicht durch
den Deklamator? Oder durch Marta? Diese Frage beschäftigte ihn am meisten.
    Am Sonntag entüllte ihm Girlinger in kurzen Worten, aber sehr ernst, dass er
bereit sei, mitzugehen, aber nicht vor vierzehn Tagen. Denn es sei noch viel zu
ordnen und zu bedenken. Er könne, Alles in Allem, 250 Mark zusammenbringen,
teils durch Bücherverkauf, teils durch seine Schwestern. Mindestens so viel
müsse aber Stilpe beschaffen. Diese Summe werde für jeden zur Hinreise genügen
(er hatte das Hendschelsche Kursbuch bei sich) und ausserdem Lebensunterhalt für
zwei Wochen sichern.
    - Natürlich werden wir in diesem Klima vegetarisch leben.
    - Selbstverständlich.
    Eine ganze Anzahl praktischer Notizen hatte er auf einem Zettel
zusammengeschrieben, und Stilpe musste sich verpflichten, diese auch für sich
anzuerkennen. Da hiess es:
    Es sind mitzunehmen
    pro Person: Ein Koffer
                mit: Einem Anzug
    ein paar Stiefeln
    Zwei Hemden
    drei paar Strümpfen
    (NB. aus der Wäsche sind die Namenzeichen
    auszutrennen!!)
    sechs Taschentüchern
    zwei Kragen.
    Die Koffer werden in St.'s Gartenhaus in der Versenkung, wo jetzt das
Gartengerät aufbewahrt ist, niedergelegt.
    Stilpe muss zwei Koffer stellen, da es für G. unmöglich ist, sich mit einem
Koffer aus dem elterlichen Hause zu entfernen.
    Ein Revolver, wenn billig zu haben, ist wünschenswert.
    Stilpe fand den Revolver in allererster Linie für notwendig und machte sich
anheischig, einen zu besorgen.
    - Natürlich einen, den man in die Brusttasche stecken kann!
    - Ja, aber doch nicht allzuklein!
    Bereits am Dienstag brachte Stilpe den Revolver mit in die Schule und zeigte
ihn Girlingern auf der Retirade.
    - Bist Du verrückt! Steck ihn sofort ein! Und er ist ja viel zu gross!
    - Ich werde doch kein Spielzeug mitnehmen!
    Girlinger entfernte sich eilig, und als sie nach Hause gingen, sagte er sehr
scharf: Wenn Dus so machst, nehme ich mein Wort zurück! Überhaupt, wie benimmst
Du Dich denn? Alle Augenblicke nimmst Du mich auf die Seite und machst mir
Zeichen. Jeder Mensch muss merken, dass wir was vorhaben.
    - Bring lieber Deine Wäsche ins Gartenhaus statt dass Du mir Moral schwingst.
Meine Sachen sind alle draussen.
    - Bei mir geht das nicht so wie bei Dir. Hier (er sah sich nach allen Seiten
um) sind zwei Kragen. Ich muss jeden Tag einzeln was bringen. Wenn ich nur wüsste,
wie ichs mit dem Anzug mache. Ich kann doch nicht mit ein paar Hosen überm Arm
in die Schule gehn.
    - Zieh den Mantel an und nimm sie untern Mantel! Oder, halt: Ich komme und
hole sie!
    - Nein, nein, ich werde schon Alles selber bringen.
Während so bei Girlinger die Schwierigkeiten mehr ins Einzelne gingen, hatte
Stilpe nur ein grosses Problem zu bewältigen: Das Geld.
    So viel war sicher: Die Ladenkasse reichte nicht. Man konnte sie höchstens
mit fünfzig Mark ansetzen.
    Also denn erstmal alles verkaufen, was in Griechenland überflüssig war an
Kleidern, Wäsche, Büchern.
    Geschah. Von Büchern entgingen nur Börnes Werke, Tannhäuser in Rom und
Byrons Don Juan dem Deklamator. Aber Alles in Allem kamen nur vierzig Mark
heraus.
    Wie wär es mit ein paar Anzügen Vater Wiehrs? Ein Gedanke! Der Mann hatte ja
seine ganze Vergangenheit noch im Kleiderschranke hängen.
    Aber Vorsicht! Vorsicht! Und erst in den letzten Tagen. Auf fünfzig Mark
konnte man das aber immerhin ansetzen.
    Fünfzig und fünfzig sind hundert, und vierzig sind hundertundvierzig ...
Wenn ihm nur irgend ein Coup einfiele! Das Geplempere mit kleinen Posten gefiel
ihm gar nicht.
    Hm. Im Glasschrank stand so allerlei herum, auch Schmuckzeug ... Aber da
verging ja kein Tag, an dem nicht Mutter Wiehr den Kram bestreichelte.
    Halt! ... Aber nein ... nein ...! ... Freilich, wenn gar nichts übrig blieb
...? ...: Die Paten- und Konfirmationsgeschenke des verstorbenen Filius ...?
...! Die waren in dem verschlossenen Schranke in seiner Stube, und die Alten
hatten eine grosse Scheu vor diesen Erinnerungen. Sie hatten sie verschlossen, um
sie nicht zu sehen; nie machten sie den Schrank auf. Da mussten ja wohl auch noch
Bücher sein und sonst was ...
    Das war aber doch ein verfluchter Coup! Das war schon nicht mehr bloss, pfui
Teufel, Diebstahl, das war so was wie Frevel. Oder?
    Stilpe versuchte, den Gedanken mit Gewalt loszuwerden und erging sich, um
ihn beiseite zu schieben, dafür in den abenteuerlichsten Plänen.
    Sogar der schmierige Beutel des Deklamators tauchte auf und eine
verbrecherische Intrigue mit der rosigen Gattin.
    Hatte sie ihm nicht kürzlich hinter dem Rücken des Alten zugelächelt?
    Wie, wenn er mit ihr im Bunde den Alten ...? Aber, duliebergott, das war ja
eine Kriminalnovelle und kein Coup!
    Immer wieder der verschlossene, grosse, braune Schrank ...
    Was da wohl alles drin steckte ... Natürlich zuerst sämtliche Hosen und
Höschen, Jacken und Jäckchen des gepriesenen Filius, von der Wiege bis zur
Bahre.
    Verdammt nochmal: Auch noch Rücksicht auf Sentimentalitäten, wo es seine
Freiheit und Zukunft galt! Da gabs doch kein Besinnen! Dort der Tod! Hier das
Leben! Hie Mottenfrass! Hie Freiheit!
    Er ging an den Schrank und versuchte seine Schlüssel am Schloss. Ging nicht.
    Also: Eintreten! Einfach eintreten!
    Er schlug mit der Faust auf die Schranktüre. Aber wie er das Poltern hörte,
lief er gleich weit weg und sah zum Fenster hinaus.
    Wozu überhaupt diese Menge Geld? Hundertfünfzig waren auch genug.
    Er stellte das Girlingern vor. Aber der protzte seine ganze widerliche
Konsequenz auf:
    - Wie wirs ausgemacht haben, so bleibts. Du hast mein Wort, und ich habe
Deins.
    Stilpe empfand eine kochende Wut über dieses Benehmen.
    Nicht einmal sagen kann ichs dem Kerl, was ich vorhabe. Natürlich er: Jede
seiner Schwestern gibt ihm fünfzig Mark. Und ich muss solche Gemeinheiten
aushecken.
    Aber wart nur: Diese Erfahrungen, diese Kämpfe, die werden aus mir was
Ganzes, Eigenes machen, wo Du bloss eine Molluske bist und bleibst! Ich bin der
Kämpfende! Ich werde den Sieg haben! Und dann, oben auf der Akropolis will ich
Dirs in's Gesicht schütteln mit meinen Fäusten: Ich habe stehlen müssen für
meine Freiheit und unendliche Frevel auf mich geladen für meine Ideale! Du aber
bist bloss der Pudel, der hinter mir herlief, aufgefüttert und vollgestopft, ohne
Mark und Entschluss!
    In diesem Aufsud stürmischer Gefühle fiel ihm Karl Moor ein, und er fühlte
sich nun nicht bloss gerechtfertigt, sondern geradezu verpflichtet, den Schrank
aufzubrechen.
    Aber Vorsicht! Vorsicht! Und: Nicht zu früh!
Jetzt waren es noch sechs Tage bis zu dem Sonnabend, wo sie sich nachmittags im
Gartenhause treffen wollten, um abends abzureisen.
    Von Girlinger fehlte immer noch die Hose und ein Hemd im Koffer, aber er
konnte ihn nicht einmal mahnen, denn der Primus blieb aus der Schule weg und
hatte ihm verboten, ihn zu besuchen.
    Er stelle sich krank, hatte er ihm geschrieben, um nicht unnötig durch ihn
aufgeregt zu werden, auch habe er einen besonderen Tric vor mit dieser
Krankheit. Im Übrigen solle er nur Alles genau nach Verabredung besorgen und
tun. Sonnabend um 3 Uhr am Gartenhause!
    Stilpe hatte einen grenzenlosen Respekt vor Girlingers kühler Klugheit, und
er stellte sich irgend etwas unerhört Schlaues vor, das hinter dieser Krankheit
steckte.
    Wer weiss: Er bringt vielleicht 500 Mark mit!
    Wenn mans nur wüsste! Nur wüsste! Dann wäre auch diese infame Chose mit dem
Schrank nicht nötig.
    Schon das Verkaufen von Vater Wiehrs Garderobe war eine verdammt schwierige
Sache gewesen und es war bloss Dusel, wenn es nicht zur Unzeit bemerkt wurde.
    Nun aber der Schrank!
    Das Heiterste wäre, wenn mich Mutter Wiehr angeschwindelt hätte, und es gäbe
da drin gar nicht diese kostbaren Konfirmationskleinodien und Taufbecher.
    Ob ich sie nochmal frage?
    Er nahm wirklich einen Anlauf dazu, brachte es schliesslich aber doch nicht
übers Herz. Dafür machte er sich im Stillen einige moralische Komplimente über
diese Feinfühlichkeit und fand, dass er eigentlich sein Gewissen dadurch für
beruhigt ansehen könnte:
    Denn, wäre ich wirklich ein gemeiner Kerl, so hätte ich gefragt; aber ich
handle eben bloss unterm Zwang der Verhältnisse und schone dabei nach
Möglichkeit, was zu schonen ist.
    Unter diesen Erwägungen brach er kaltblütig den Schrank auf, nachdem er die
Kammertür verschlossen und das Schlüsselloch verhangen hatte.
    Schau, schau, gepfropft voll! Aber ist es nicht sündhaft, alle diese Sachen
von den Motten fressen zu lassen? Es scheint, die guten Wiehrs wissen nicht,
wieviel arme Jungens keine ganzen Kleider am Leibe haben. Natürlich! Die
Sentimentalität geht bei diesen Bourgeois Allem vor ...
    Der Überzieher da ist noch wie neu ...
    Herrgott, wieviel Hüte hat denn der Filius gehabt? ...
    Sogar seine ersten Hosen sind noch da ...
    Übrigens: Insektenpulver haben sie doch gestreut ... Donnerwetter: Das kann
mich ja verraten! Die ganze Kammer wird stinken!
    Er lief und öffnete die Fenster. Unten ging gerade ein Schutzmann vorbei.
Stilpe machte eine Verbeugung:
    Das Auge des Gesetzes wacht! Sie, Schutzmann, hier wird gestohlen! Ja, das
möcht er wohl, der Gute, dass ich ihn raufwinkte. Wird nicht verzapft!
    Nun aber die Kleinodien!
    In der Pappschachtel? Nein: Seidene Tücher. Da könnt ich übrigens eins ...
Unsinn! ...
    Aber es scheint wirklich kein Edelmetall ...
    Er holte sich einen Stuhl und stieg darauf, um besser sehen zu können, was
auf dem oberen Schrankbrett stand.
    Siehstewoll? Der Kasten ist schwer. Und: Er klappert.
    Er nahm ihn langsam herunter.
    Es war eine alte Schatulle aus eingelegtem Mahagoniholze mit zopfigen
Ornamenten. Ein kleiner Schlüssel mit herzförmigem Griff steckte im Schloss.
    Er trug die Schatulle auf den Tisch und schloss sie auf.
    Donnerwetter, was für ne Menge!
    Zwei Uhren! Eine silberne und eine goldene! Und ditto zwei Ketten. Dieser
Filius ist verzogen worden!!
    Und goldene Ringe gar dreie! Was? Auch goldne Manschettenknöpfe? Das ist ja
blödsinnig!
    Am Ende hat der Junge auch noch eine Busennadel gehabt. Richtig! ...
    Ekelhaft, das! So einer muss ja ein Protz werden. Und dabei war er dumm wie
ein Heuross.
    Gut! Gut! Klappe zu!
    Er stellte die Schatulle wieder an ihren Platz, lehnte die Schranktüre fest
an, klemmte ein bisschen Pappe ein und hatte eine deutliche Empfindung von
Zufriedenheit, wie er sah, dass äusserlich nichts an dem Schranke zu merken war.
    Was aber nun anfangen mit dem Zeug? Er beschloss, es erst in Aten zu
verkaufen. Trödler gibts dort sicher auch ...
Nun kam der grosse Tag heran. Das letzte, was Stilpe ins Gartenhaus getragen
hatte, waren seine Tagebücher und Manuskripte gewesen. Die letzten Worte in
seinem Tagebuche lauteten schwungvoll so:
Und nun, mein stolzes Schiff, stich aus ins Meer!
Du trägst mein Alles, und dein Zeichen heisst:
Freiheit, Hoffnung und Zukunft.
Meine Hand,
Mit der ich nun die Ankerkette schnell
Aufwinde, ist beschmutzt, doch wasch ich sie
Im Meer der Schönheit, und ich schwöre: Nie,
Bei allen Göttern, die ich suche, nie
Soll wieder Schmutz an diese heisse Hand!
Die letzte Schulstunde, zu der er sich herabliess, war Griechisch. Es wurden
unregelmässige Verba abgefragt, und da er sich nicht vorbereitet, auch nicht
einmal in der Vorpause, wie er sonst zu tun pflegte, in der Grammatik
nachgelesen hatte, blieb er jede Antwort schuldig.
    - Warum haben Sie Ihr Pensum nicht gelernt?
    Er lächelte und dachte bei sich: Freiheit, Hoffnung und Zukunft!
    - Wollen Sie wohl antworten? Warum haben Sie Ihr Pensum nicht gelernt?
    - Es war mir zu langweilig.
    Der Professor schnappte nach Luft. Das war der Gipfelpunkt der Frechheit.
Das war jenseits aller Bezeichnungsmöglichkeit. Nur das eine Wort: Karzer!
wühlte sich aus dem verstopften Sprachschatze empor.
    - Wie viel Stunden, Herr Professor? fragte Stilpe mit unterwürfigem Lächeln.
    - Ist der Mensch verrückt geworden?
    Die ganze Klasse hatte mit dem Professor nur diesen einen Gedanken und
starrte auf den lächelnden Stilpe. Sein Nachbar rückte ein Stück von ihm ab.
    Er aber setzte sich gelassen und tat, als ob die Sache für ihn erledigt
wäre.
    Der Professor, eben noch violett, wurde weiss wie weicher Käse und rief,
indem er sein Buch von sich warf:
    Verwegener Bube! Ah! Ah! Am Montag werden Sie erfahren, was Sie sich
zugezogen haben.
    Bei dem Worte Montag hätte Stilpe laut auflachen mögen, aber es kam ihm der
Gedanke, dass man ihn gleich heute am Nachmittag einsperren könnte, und so hielt
er sich stille.
    Als die Stunde vorüber war und die Sekundaner ihre Bücher zum Heimgehen
packten, bildete sich ein Kreis um Stilpe:
    - Na, die Unverschämteit kommt Dir teuer zu stehen, mein Söhnchen ... Du
hast wohl Lust, geschwenkt zu werden? ... Du bist wohl nicht bei Troste? ...
    Stilpe lächelte bloss geringschätzig. Gerne hätte er jetzt irgend eine kleine
Andeutung gemacht. Es wurde ihm sehr schwer, sie zu verbeissen. Aber er überwand
sich.
    Und nun kam er in Aufregung. Wenn er nur nicht noch zu Tische zu gehen
brauchte! Aber das musste er natürlich, ganz abgesehn davon, dass er recht gut bei
Appetite war.
Kaum aber, dass er sich vom Tische erhoben und gesegnete Mahlzeit gewünscht
hatte, lief er aus dem Hause und rannte durch die Strassen.
    Es war ein unfreundliches Spät-Frühlingswetter, Regen und Wind. Da er keinen
Schirm hatte, war er bald ganz durchnässt. Aber er lief, so unangenehm ihm diese
eindringende Feuchtigkeit war, immer auf und ab und immer denselben Weg:
Grimmaische und Petersstrasse. Er wollte nicht eine Minute früher als Punkt 3 Uhr
am Gartenhause sein, aber er wollte auch nirgends vorher einkehren, denn er
fühlte, dass er nicht sitzen könnte.
    Sein einziger Gedanke war: Wenn wir nur erst im Zuge sitzen. Und dann bis
Triest in einem Saus! Ah! Nacht und Tag und Nacht! Und dann das Schiff! ...
    Freilich: Die Seekrankheit ... Unsinn! Wenn erst die schimmernde Küste
Griechenlands auftauchen wird ...! Venus Anadyomene! ... Und diese Hellenen in
ihren bunten Trachten; auch Türken, Armenier! Und herrliche Weiber mit Krügen
auf den Köpfen! Grossäugig! Glutäugig! Und broncene Brüste schimmern durch
paphische Gewänder ...! Und Marmorpaläste, südliche Gärten und sengende Sonne!
    Und nun mein stolzes Schiff, stich aus ins Meer!
    Plötzlich kam ihm seine Mutter in Sinn. Es kam so unvermutet und grell, dass
er mitten im Rennen stehen blieb.
    Herrgott, wie wird sie weinen ... Es ist doch eigentlich ... Ah, aber nein:
Wenn ich sicher bin, schreib ich ihr Alles, und wenn sie sieht, wie glücklich
ich bin, dann wird sie stolz auf mich sein! Sie versteht mich ja! Sie weiss, dass
aus mir was Grosses werden wird!
Mütterchen weine nicht, weine nicht so,
Sieh ich bin in der Fremde froh
Und denke Dein.
Er hoffte, es würde ein ganzes Gedicht werden, aber es blieb, wie gewöhnlich,
beim Anfange.
    Endlich 3/43 Uhr! Nun zum Gartenhaus!
    Er lief im Trabe mitten durch Pfützen und ohne aufzusehen, wie ein Junge
neben dem Reifen.
    Jetzt am Garten. Nun die Allee hinauf.
    Ob Girlinger schon da ist?
    Nun den Seitengang. Gott sei Dank, dass es regnet und niemand im Garten ist.
    Aber der Dreck! Der Dreck! Ganz bespritzt!
    Das wird doch auf der Eisenbahn nicht auffallen?
    So, jetzt bei Kürners Garten vorbei und nun mit Barrieresprung übers
Stacket. Teufel! Mitten in eine Pfütze! So ein Blödsinn!
    Punkt drei!
    Aber Girlinger ist noch nicht da. Natürlich; der macht sichs bequem und
kommt sicher in Gummigalloschen und muss um jede Pfütze einen Bogen machen und
womöglich bei jedem Buchladen stehen bleiben. Ekelhaft diese Hundsschnauzigkeit.
    Er ging zum Gartenhaus und griff in seine Tasche nach dem Schlüssel.
    Plötzlich fuhr er zusammen und starrte auf etwas weisses, das in der
Türsperre klemmte. Sein Gesicht verzerrte sich: Ah, du Hund, du!
    Er riss das eingeklemmte Papier heraus. Herunter das Couvert. Da stand mit
den schönen, so oft in der Schule belobten Schriftzügen unter Einhaltung des
Höflichkeitsrandes etc. folgendes:
                                 Lieber Stilpe!
Nachdem ich mir unsern Plan noch vielmals und reiflich überlegt habe, bin ich zu
der unumstösslichen Überzeugung gelangt, dass es im Grunde bloss ein etwas
persönlich drapierter Dummerjungenstreich wäre. Wenigstens was mich angeht. Du
bist ja anders, und Dein Temperament berechtigt Dich gewissermassen zu einem
solchen Schritte, der ins Ungewisse führt. Aber ich bin nicht zu dergleichen
kühnen Entschlüssen geeigenschaftet.
    Also: Ich kann nicht mittun.
    Verachte mich, soviel Du willst und nenne mich einen Feigling und
Wortbrüchigen. Ich kann nichts dagegen tun. Höchstens, dass ich auch Dir rate:
Stehe auch Du von dem Plane ab.
    Selbstverständlich bist Du strengster Geheimhaltung von meiner Seite aus
sicher. Aber ich erwarte auch von Dir, dass Du nicht etwa in einem Deiner
Wutausbrüche mich als Deinen Komplizen nennst. Das wäre keineswegs honorig.
    Indem ich Dir, für den Fall, dass Du den Plan zur Ausführung bringst, alles
Glück aufrichtig wünsche, bin ich, auch wenn Du mich verachtest,
                                                   Dein Freund Robert Girlinger.
P.S. Meine Sachen nimm, wenn Du gehst, mit. Sie werden Dir nützlich sein.
Stilpe geriet in eine masslose Wut.
    Zuerst liess er sie an dem Briefe aus, den er mit den Zähnen zerriss und in
das matschige Erdreich hineinstampfte. Dann warf er seinen Hut auf die Erde und
schlug mit den geballten Fäusten an die Gartenhaustür. Er war aschfahl im
Gesicht und biss sich fortwährend auf die Lippen, als wenn er das Bedürfnis
hätte, etwas zu zerfleischen.
    Dann schloss er die Tür auf und ging ins Gartenhaus. Mit einem Fussstosse
öffnete er die Decktür zu der Versenkung, wo die Koffer standen und spuckte auf
diese. Dann warf er die Decktür zu, dass es krachte und setzte sich auf einen
Gartenstuhl. Ein Windstoss warf die Türe zu, und nun war er im Dunkeln allein
mit seiner kochenden Wut.
    Was tun?! Was tun?!
    Ah, vor Allem Eins: Rache an diesem feigen Hund! Hin zu Girlinger und ihm
laut ins Gesicht schreien, was für ein erbärmliches Subjekt er ist. Das ganze
Haus zusammenschrein! Ihm den Koffer vor die Füsse, nein, vor den Bauch werfen.
Und ihn prügeln!
    Prügeln! Unsäglich und lange prügeln!
    Ach was, erschiessen müsste man ihn!
    Erschiessen! Das ist ein Gedanke! Ah, und da ist ja auch der Revolver!
Gottseidank, dass er so gross ist!
    Aber das war schon mehr bloss patetische Zierleiste. Er merkte das selber,
und den Gedanken, sich hinter her etwa selber zu erschiessen, liess er nur ganz
von Ferne vorbeidrohen.
    Überhaupt nein: Weder Prügel noch Revolver, nur Verachtung! Ein einziges
Wort auf eine Postkarte geschrieben: Lump! und dann fort!
    Fort! Fort! Fort! Er rüttelte das Wort in sich hin und her. Fort! Fort! Aber
es geschah halb mechanisch, wie er sich das in plumpen Stössen immer wiederholte.
    Fort! Fort! Natürlich: Fort!
    Ich werde doch wohl wegen dieser Kanaille nicht hier bleiben!?
    Aber diese Bestie hat ja das Kursbuch! Der ganze Reiseplan stand ja bei ihm!
    Ich Wickelkind habe ihm ja Alles überlassen!
    Sonderbar: Der Gedanke, sich nun selbst ein Kursbuch anzuschaffen und einen
Reiseplan zu machen, kam ihm nicht.
    Dafür entwarf er bereits den Brief, den er nach seiner Ankunft in Aten
»diesem Elenden« schicken wollte: »Hier bin ich, auf der Akropolis, und gottlob
ohne den Pintscher, der mir folgen wollte ... Ich habe eine sehr angenehme
Stelle als Sekretär eines deutschen Privatgelehrten ... Meine Adresse teile ich
Dir nicht mit, um vor Deiner Verräterei sicher zu sein. Denn es gibt keine
Gemeinheit, die ich Dir nicht zutraute ...«
    Dieser Brief, den er vielmal in sich hin und her wandte und mit zahlreichen
vergifteten Spitzen versah, beruhigte ihn ungemein.
    Als er ihn auswendig wusste, war er so weit, die »Jammerhaftigkeit dieses
Staatsanwaltssprösslings« für ein Glück anzusehen.
    Wäre ich denn in seiner Gegenwart frei gewesen? Hätte er mich nicht in
meinen besten Entschlüssen gestört? Was für eine unglaubliche Verirrung dieser
Gedanke überhaupt gewesen ist, mit dieser Hundeschnauze zusammen nach
Griechenland gehen zu wollen. Aber eine gute Lehre das! Immer und Alles allein!
Jedes Vertrauen ist Wegwurf!
    Er schrieb sich diese Maxime in sein Notizbuch und empfand das ganze
differenzierte Wohlgefühl des Pessimisten.
    Er wurde sogar übermütig. Warte, mein braver Knabe, dachte er sich und nahm
die Girlingerschen Sachen aus dem Koffer, hing sie, nachdem er sie zerrissen
hatte, auf eine Bohnenstange und stellte das Ganze nach Art einer Vogelscheuche
in ein Beet. Daran befestigte er ein Stück Papier mit der Aufschrift:
Siegeszeichen des Wohlverhaltens.
    Dann nahm er den Koffer mit seinen Habseligkeiten und schlug den Weg zu dem
Hause ein, in dem Marta waltete.
Es war selten, dass dort ein Mensch männlichen Geschlechtes mit einem Koffer
erschien, denn, wenn auch viele Handlungsreisende in diesem gastfreien Hause
verkehrten, so liessen sie ihre Musterpackete doch gewöhnlich im Hotel. Und so
erregte er ein gelindes Aufsehen.
    - Ja, Schnutchen, kleines, willst Du denn verreisen? rief ihm Marta
entgegen, die, mit einem schwarzseidenen Hemde bekleidet, nicht mehr an die
Gemälde Professor Tumanns erinnerte.
    - Ich bin auf dem Wege zum Bahnhofe und will Dir nur Lebewohl sagen,
erwiderte Stilpe etwas ernster, als es im Stile dieses Milieus war.
    - Nanu, doch nicht ganz fort, Schnutchen? Dann muss ich ja weinen!?
    - Ganz fort. Weit weg. Aber frage nicht. Wir wollen noch einmal fröhlich
sein.
    Er gab sich hier sonst gerne frivol, weil er fürchtete, im andern Falle
seine Jugend zu verraten, die ihn in diesem Hause immer etwas genierte, aber
diesmal konnte er die jugendliche Feierlichkeit nicht verleugnen.
    - Jetzt wird mirs aber ängstlich, Schnutchen. Wer soll mir denn dann Verse
vorlesen?
    - Du brauchst nicht so spöttisch zu sein.
    - Aber nee, ich mein's ernst, auf Ehre. Ich kann sie ja auswendig!
    Und sie deklamierte mit unverstellter Genugtuung:
Wie jene Ritter in der alten Zeit,
Die für die Liebe stritten todbereit,
Streit ich für Dich und Deine Edelheit.
Ich liebe Dich und glühe mich Dir an,
Vor Deinen Füssen lieg ich, sieh mich an,
Ein Knabe bin ich, küsse mich zum Mann!
Nein, bin kein Knabe! Denn ich weiss durch Dich,
Was Liebe ist, Dein Blick erweckte mich,
Drum sing ich Dank Dir heut und ewiglich!
- Siehst Du, ich kann's ganz auswendig!
    Stilpe war selig. Seine Verse klangen ihm aus diesem Munde wie der Inbegriff
aller Poesie, und er fiel dem Mädchen heiss um den Hals.
    - Rotwein! Champagner! Und Cigarretten!
    - Aber Schnutchen, hast Du denn soviel Geld?
    - Ja, ja, massenhaft! Lass nur kommen.
    - Nee, Schnutchen, lass das doch die alten Onkels machen. Ein paar Glas
Bayrisch tuts bei Dir schon.
    - Nein, nein! Heute müssen wir Wein trinken! Weisst Du, eine Orgie feiern!
Eine Orgie! Weisst Du, was das ist?
    - Ja, ja, so was Verrücktes. Aber wozu denn?
    - Mach! Mach! Ich habe nicht lange Zeit. Ich muss fort. Bestelle nur! ... Ach
so, vorausbezahlen? Da, da ist Geld.
    Er gab ihr sein ganzes Portemonnaie.
    - Gehört das ganz meine?
    Stilpe erschrak sehr. Aber er fasste sich und sagte mit edlem Anstande:
    - Wie Du willst. Aber dann kann ich nicht reisen.
    - Gott, bist Du ein anständiger Junge! sagte das Mädchen und gab ihm das
Portemonnaie zurück.
    Diesmal ärgerte ihn das Wort Junge nicht.
    Der Wein nahm seiner Stimmung den Rest von Gedrückteit. Zwar wollte sich
durchaus nicht das entwickeln, was er eine Orgie nannte, denn das Mädchen
bemutterte ihn heute noch mehr als sonst, aber wenn er auch nicht tanzte, so
lief er doch recht lebhaft in dem kleinen Zimmer, soweit es nicht Bett war, auf
und ab.
    - Wenn Du wüsstest, was ich vorhabe! Wenn Du wüsstest, wohin ich reise!
    - Na, so sags mir doch.
    Er blieb stehen und sah sie ekstatisch an.
    - Ja! Wenn Du mir versprichst, mit mir zu reisen!
    - Ja, wenn Du bei Mutter Zanken meine Schulden bezahlst.
    - Wieviel sind es!
    - Na, bloss so dreihundert Märker.
    - Herrgott! Dreihundert! Nein, das kann ich nicht. Oder! Halt! Warte mal!
    Und er stürzte sich auf seinen Koffer und brachte die Uhren und Ringe ans
Bett.
    - Da, was kriegt man dafür?
    Marta kniete sich im Bett auf und breitete die Tauf- und
Confirmationsgeschenke von weiland Wiehr junior vor sich aus, hübsch eins neben
das andere; es gab eine lustige Reihe, die im Lichte der roten Bettampel
verstohlen blinkte.
    - Das kann schon zweihundert Mark geben, wenn Du Dich nicht beschummeln
lässt.
    Sie sah die Sachen verliebt an, steckte sich die Ringe an die Finger,
schüttelte die Uhren und hielt sie ans Ohr und liess die Diamanten der Busennadel
leuchten.
    Plötzlich warf sie den Kopf zurück, dass die langen blonden Haare von den
Brüsten weg über die Schultern fielen und fragte erstaunt: Ja, wo hast Du denn
die Sachen her?
    Stilpe überlegte. Sollte ers sagen? Hatte sie sich damals nicht so verdammt
moralisch gehabt? aber jetzt steht die Sache doch anders. Das Zeug liegt auf dem
Bette und gehört beinahe schon ihr. Ob sie da nicht..?..
    Aber er zögerte doch und sagte bloss: Alte Tauf-und Confirmationsgeschenke.
    - Und das willst Du verkaufen? Das ist aber nicht schön von Dir!
    Was? Schon das fand sie unrecht? Das empörte ihn förmlich, es kam ein Gefühl
von Zorn über ihn, und zugleich regte sich etwas wie Furcht. Er wurde mit
einemmale irre.
    Aber, wart, nun gerade soll sies wissen, diese elende Duckmäuserin. Das wird
einen Effekt geben!
    Ob sie das Zeug aus dem Bette und mir vor die Füsse wirft?
    Und er erzählte ihr ganz kühl, dass er die Sachen gestohlen habe und wem sie
gehörten.
    Sie sah ihn bloss erstaunt an und schüttelte den Kopf.
    Dann sagte sie langsam und wie ungläubig: Nein..!.. Du..!.. Das..?..
    - Ach mach kein solches Gehabe. Es ist so, und ich finde gar nichts dabei.
    Jetzt sprang sie aus dem Bette und fasste ihn an den Schultern:
    - Aber, Junge! Was ist denn mit Dir los? Du bist doch kein so gemeiner Kerl!
Herr du mein Gott, wie kommst Du denn auf so was!
    Sie sagte das fast tonlos und mit einer ganz anderen Stimme, als er an ihr
gewöhnt war.
    Es ging ihm durch und durch. Mit einemmale fühlte er, dass er etwas Gemeines
getan hatte. Hätte sie nur im Geringsten was patetisches gesagt oder getan,
er würde ihr ins Gesicht gelacht, und, wenn sie etwa Miene gemacht hätte, Lärm
zu schlagen, alles geleugnet haben. So aber wars wie ein Urteil, wie eine
Verdammung.
    Er musste auf den Boden sehen und fühlte sich gedemütigt, ohne sich dagegen
aufzulehnen.
    Was sie nun noch sagte, war eigentlich überflüssig und schwächte den
Eindruck der ersten Worte eher ab. Aber er liess Alles über sich ergehen und
sagte nichts dazu.
    Sie legte durchaus den Hauptton darauf, dass er den alten Leuten das genommen
hätte, was ihnen das Liebste war. Sie sagte das nicht in seinen und gefühlvollen
Worten, sondern fast roh und ungeschickt.
    Immer wieder kam das Wort: So eine Sünde, und gar nichts dabei zu fühlen!
    Er wagte nicht ein einziges Mal aufzusehen, und ihre Hände auf seinen
Schultern fühlte er wie eine unerträgliche heisse Last.
    - Was soll ich aber nun tun? sagte er ganz verzweifelt, wie sie schwieg.
    - Gleich Alles wieder hintragen! Alles sagen!
    - Das geht nicht!
    Und nun erzählte er ihr, schluchzend und unfähig, seine Tränen
zurückhalten, Alles, was er vorhatte, Alles, was ihm geschehen war, Alles, was
ihn drückte.
    Das machte weniger Eindruck auf sie. Sie verstand es nur unklar, aber das
Davonlaufen begriff sie.
    - Fahr hin, wo Du willst, wenn Du nicht mehr in die Schule gehn magst. Sie
erwischen Dich doch bald. Aber das Zeug da nimmst Du nicht mit ... Nein ... So
ein Junge! Gottseidank, dass Du zu mir gekommen bist! Denke bloss: Später! Wenn
Dus gefühlt hättest, was Du getan hast ...
    Herr du mein Gott, so ein Unglück! Du wärst ja ein Lump geworden, Junge!
Gott weiss, was Du noch Alles angerichtet hättest! Mord und Todschlag! Wahrhaftig
ein Glück, dass der andere Bengel nicht gekommen ist. Sonst hätt ich Dich nicht
hier.
    Es beleidigte ihn gar nicht, dass sie ihn so in aller Deutlichkeit als Junge
etc. traktierte. Er war vollkommen mürbe.
    Nach langen Beratungen kamen sie schliesslich überein, dass er die Nacht noch
hierbleiben sollte (denn er fühlte sich nun unfähig zu jedem anderen Vorhaben,
als eben hier zu sein); am nächsten Tage möge er dann getrost nach Griechenland
oder Kamerun fahren; sie aber werde die Sachen einpacken und mit einem Brief,
den er schreiben müsse, an die Adresse der alten Wiehrs schicken.
    Der Brief lautete:
Lieber Vater und liebe Mutter Wiehr!
    Seien Sie mir nicht böse, dass ich ohne Abschied von Ihnen fortgegangen bin
und nahe daran war, eine grosse Schlechtigkeit zu begehen. Ich hoffe, Alles gut
machen zu können, und bitte Sie, meinen Eltern nichts von dem zu sagen, was ich
beinahe begangen hätte. Lassen Sie mich nicht verfolgen und melden Sie mich in
der Schule ab. Es dankt Ihnen für alles Gute, was Sie ihm, dem Unwürdigen,
getan haben,
                                                                  Ihr Pflegesohn
                                                                          W. St.
Die Schlusssätze des Briefes waren eigenste Hinzufügung Stilpes. Sonst war der
Brief nicht eigentlich nach seinen Intentionen. Er hatte ihn zerknirschter und
umfangreicher angelegt, mit einer grossen Diatribe gegen das Geschlecht der
Gymnasiallehrer als Mittelstück, aber das Mädchen wollte nichts davon wissen.
    Als aber der Brief geschrieben war, fingen beide an, vergnügter zu werden,
als vielleicht die Leute glauben, die da nicht wissen, zwischen welch fernen
Gegenden die Schaukel in der Seele mancher Menschen hin und her schwingt.
    Denn Himmel und Hölle, Reue und Wollust liegen zuweilen nicht weiter von
einander entfernt, als die Lippen zweier Menschen, die sich küssen.
 
                                Fünftes Kapitel
Die Oberprima des Königlichen Gymnasiums einer kleinen sächsischen
Industriestadt war ausnahmsweise Sonnabend Nachmittag in die Schule berufen
worden, weil der Geheimrat Ammer, der als Königlicher Kommissarius die
bevorstehende Abiturientenprüfung zu überwachen hatte, mit dem Wunsche
hervorgetreten war, die Kandidaten schon zuvor persönlich kennen zu lernen. Er
hatte sich mit ihnen in einer sehr freundlichen und schmeichelhaften Art
unterhalten, nämlich gar nicht so, wie es die Art der Lehrer war, sondern in der
gewinnenden Manier eines älteren Freundes etwa, der seinen Vorsprung an Jahren
und Reife als nebensächlich behandelt und ein Verhältnis von Vertraulichkeit zu
schaffen oder wenigstens vorzutäuschen sucht, soweit dies möglich ist. Er hatte
sogar »Meine Herren!« gesagt. Und statt der Vorprüfung, die man befürchtet
hatte, war es wirklich bloss eine Art Unterhaltung gewesen, bei der der Geheimrat
jeden Anschein von Examinieren vermieden hatte.
    Die Oberprimaner verliessen das Schulgebäude also mit stolz erhobenen
Häuptern, auf denen hellrote Mützen meist sehr weit nach hinten gerückt sassen.
Diese Mützen hatten die Form von umgedrehten kleinen niedrigen Näpfchen, nur
drei der jungen Leute trugen solche von anderer Façon, nämlich breite, hinten
etwas nach abwärts gedrückte Deckel.
    Diese drei Schlappdeckel, wie die anderen sie nach ihren Mützen nannten,
gingen in sehr eifrigem Gespräche abgesondert.
    - Eigentlich wars etwas gewagt von Schaunard, ausgerechnet die beiden
Gracchen als seine Lieblings-Römer zu nennen, nachdem der Hohe Rat ihn wegen
Sozialismus und Ateismus schon mal hat schwenken wollen, sagte der Eine, ein
untersetzter Bursch mit schläfrigen, aber nicht geistlosen Augen und einem
bereits sehr dichten Schnurrbart.
    - Aber mein süsser Rodolphe! Du geruhst immer noch, Dich um drei Gramm dümmer
zu stellen, als wofür Du uns hältst. Du weisst so gut wie wir, dass Schaunard ein
Psychologe von vielen Graden ist. Er hat diesen fürtrefflichen Geheimrat bloss
sehr gut erkannt. Denn siehe da: Schon ist er zu einer Privataudienz
zurückbehalten worden!
    Der das sagte, war ein dürrer brünetter Mensch mit einer sehr schönen Nase
und wunderschönen braunen Augen, die leider hinter sehr starken Klemmergläsern
sassen. Er ging etwas gebückt, aber nicht aus irgend einem körperlichen Grunde,
sondern aus philosophischer Koketterie. Es wäre ihm ein Vergnügen gewesen,
buckelig zu sein.
    - Marcel hat Recht. Schläue und abermals Schläue! Heute hat Schaunard seinen
Abitur gemacht, sag ich! Das Backpflaumenmännchen hat sich in ihn verliebt und
wird ihn trotz allen konrektoralen Gekrähes und Geheules durchschleppen. Wetten?
    Der so sprach, war ein sehr jung und zart aussehender Jüngling, der sich
aber ein bisschen renommistisch geberdete und damit den knabenhaften Eindruck
seiner Person zu verwischen suchte. Auffällig an ihm war seine Haarfrisur, die
etwas an die napoleonische Zeit erinnerte, wo man es liebte, nach dem Vorbilde
des Cäsaren die Haare ins Gesicht und über die Ohren zu streichen.
    Wer Mürgers Bohème-Buch kennt, wird, nachdem die Namen Rodolphe, Marcel und
Schaunard gefallen sind, ohne weiteres wissen, dass sich dieser Jüngling des
Spitznamens Colline erfreute.
    Diese Spitznamen waren übrigens in der Schule nicht allgemein gültig,
sondern ein Reservatrecht des »Cénacles« oder der Vereinigung der vier
Schlappdeckel unter sich, die, als zukünftige Dichter und Künstler, wie sie sich
fühlten, sich das Cénacle in Mürgers Vie de Bohème zum Muster genommen hatten
und sogar nach Möglichkeit die Ausdrucksweise ihrer Vorbilder nachahmten. Sie
hielten sich, im Gefühle ihrer Zukunft, sehr exklusiv gegenüber den anderen
Primanern, die eingestandenermassen bloss Pastoren, Lehrer, Ärzte, Juristen,
Offiziere werden wollten, und wurden dafür wieder von diesen als überspannt und
lächerrlich abgetan. Ihre bürgerliche Nomenklatur war diese:
        Rodolphe: Bruno Wippert,
        Marcel: Max Stöffel,
        Colline: Ludwig Barmann,
        Schaunard: Willibald Stilpe.
    Stilpe war der Gründer des Cénacles und sein anerkanntes Haupt.
Er war damals, nachdem er sich von Marta getrennt hatte, nicht gar weit
gekommen. In Halle, das doch nicht auf der Route Leipzig-Aten liegt, hatte man
ihn in einem Tingeltangel festgenommen, weil er in der Betrunkenheit unablässig
laut und rhytmisch geschrieen hatte:
                             (a+b)2 = a2 + 2ab +b2
Auf die Polizei gebracht und nach dem Grunde dieser matematischen Rezitation
gefragt, hatte er auf die ihm drohende Nachprüfung in der Matematik als einen
höchst triftigen Grund hingewiesen und überdies gebeten, man möge ihm seine
Logaritmentafel holen, die in der Untersekunda der Leipziger Tomasschule Cötus
B auf seinem Platze liege, unten auf der letzten Bank rechts. Damit hatte er
sich zur Genüge als der durchgebrannte Gymnasiast aus Leipzig legitimiert,
dessen Signalelement auch auf der hallischen Polizei eingetroffen war.
    Was sich dann begeben hat, bleibe im Schatten der Vergessenheit, wie auch
Stilpe selbst nie mehr daran dachte. Denn er liebte unangenehme Erinnerungen
wenig und besass ein ausgesprochenes Talent dafür, fatale Dinge zu vergessen.
    Es fehlte nicht viel, dass er damals wirklich, aber nicht in Aten, die
Stelle eines Sekretärs, aber nicht bei einem Privatgelehrten, erhalten hätte.
Der verzweifelte Lepidopterologe wollte ihn durchaus als Schreibgehülfe bei der
Magistratskanzlei in Leissnig anketten. Aber den Bitten der Mutter und den guten
Urteilen über Willibalds Begabung, die einer seiner Leipziger Lehrer abgab,
gelang es, den Vater zu einem letzten Versuche zu bewegen. So kam Stilpe an das
eben begründete Königliche Gymnasium der kleinen Stadt, in dem er es jetzt
wirklich bis zum Oberprimaner gebracht hatte.
Auch hier war sein Studiengang nicht ohne Fährlichkeiten abgelaufen, denn die
Lehrerkonferenz bedachte ihn mit ausgezeichnetem Misstrauen, indem sie ihn bald
für einen Freund wüster Zechgelage und bedenklicher Mädchen, bald für einen
Propagandisten gemeingefährlicher Ideen ansah.
    Aber er war klug geworden. Ohne nach dem Ruhme eines Musterschülers zu
geizen, aber auch ohne sich irgend etwas abgehen zu lassen, was er zu seinem
Wohlbefinden für nötig hielt, lenkte er das scharf beobachtete Schiff seiner
Schülerexistenz geschickt zwischen allen Praezeptorenklippen hindurch, indem er
aufs Genaueste die Taktik befolgte, sich aller offenkundigen Manifestationen
seiner Privatvergnügungen zu entalten. Er war, wie er es selber einmal in
seinem immer üppiger werdenden Tagebuch ausdrückte, »zur Höhe eines vorsichtigen
Cynikers emporgestiegen«. Was er seine Orgien nannte, feierte er in Leipzig, und
den verbotenen Ideen fröhnte er still für sich, ohne etwa in deutschen
Aufsätzen, wie damals als »biederer Sekundaner«, davon etwas merken zu lassen.
Vielmehr kultivierte er jetzt in seinen Schul-Aufsätzen, deren Gewandteit und
Schwung sogar anerkannt wurde, eine virtuosenhafte Jongleurkunst mit
wohlgebauten Phrasen, in die er nur die bestakkreditierten Meinungen silbern und
golden einspann.
    Zum Glück lernte er in den drei bereits genannten Kameraden Leute von
ähnlichen Neigungen kennen. Zwar achtete er sie nicht für seiner ebenbürtig, ja
er hatte sogar ein stilles Mitleid mit ihnen, weil sie, wie er bemerkte, noch
»einige biedere Züge von Wohllöblichkeit« hatten, aber er fühlte es doch als
einen sehr angenehmen Zufall, dass er in ihnen »Instrumente fand, auf denen er
spielen konnte«. Colline-Barmann war seine Bassgeige, Marcel-Stöffel sein Fagott,
Rodolphe-Wippert seine Trommel. Natürlich empfanden sich die Drei selber als
beträchtlich mehr, und er seinerseits liess es ihnen nur selten merken, dass er «
auf ihnen spielte«. Auch liebte er sie in einem gewissen Sinne wirklich. Einer
ganz hingebenden Freundschaft war er zwar nicht fähig, aber die Frivolität
seines zur Schau getragenen Cynismus gegenüber diesen Freunden war doch zum
guten Teile bewusst angeschminkt.
Zuerst begann die Vereinigung der Vier mit einem litterarischen Zirkel »Lenz«
genannt.
    Dieser Titel galt in zweierlei Bedeutung. Einmal in der, wie ihn die Lyriker
als Synonym für Frühling verbrauchen, und dann in der des Namens ihres
literarischen Haupteiligen. Denn sie lasen damals ausschliesslich Dichtungen der
Sturm- und Drangperiode.
    Dann schoben sich Ibsen und die Russen, dann Zola und der Naturalismus ein,
und nun wurde aus dem Lesezirkel, wo man mit verteilten Rollen »Die
Kindermörderin«, »Sturm und Drang«, »Der Hofmeister« gelesen hatte, ein
Debattierklub, wo man vor allem »Herrn Schillinger«, den Dichter »des pp.
Wallenstein«, vernichtete und Vorträge folgender Art hielt: »Die Wahrheit als
einziges Prinzip der Kunst«, »Inwiefern Naturalismus und Sozialdemokratie
Parallelerscheinungen sind«, « Emile Zola und Henrik Ibsen: Die Tragesäulen der
neuen Literatur«, »Worin liegt die Gemeingefährlichkeit des sogenannten
Idealismus?«
    Zu dieser Zeit waren die Vier sehr rabiat.
    Ihr zweites Wort war: Konsequenz. Gewisse Namen durften, bei hohen Strafen,
bis zu zwanzig Pfennigen, unter ihnen nicht genannt werden, so Paul Heise und
Julius Wolf. Wer es wagte »Schiller und Goete« zu sagen, statt »Goete und
Schiller«, musste, da gab es kein Erbarmen, Tabak für alle Vier auf einen Monat
kaufen. Aber auch Goete galt nur für voll, »insoweit er nicht Geheimrat war«.
Das war sogar statutenmässig festgelegt. Shakespeare wurde fortwährend und mit
besonderer Ehrerbietung genannt, aber doch mehr als »merkwürdiges Phänomen eines
frühen Naturalismus«. Denn es stand ihnen fest, dass die eigentliche Litteratur
jetzt erst begänne, und Stilpe führte den Gedanken mit Vorliebe aus, dass man
jetzt in dem wirklichen Sturm und Drang stehe, aus dem der »neue und ganze
Goete« hervorgehen werde.
    Wenn man ihn dann höhnisch fragte, ob er vielleicht Lust habe, diese Rolle
zu übernehmen, so grinste er mit sichtlicher Anstrengung und sagte: Vor der Hand
sind wir Alle bloss Teig. Das Leben wird uns erst kneten und backen.
    - Du aber hast die grossen Rosinen, entgegnete ihm darauf Stöffel.
    - Und Dir fehlt es an Salz, revanchierte sich Stilpe.
    Barmann aber liess etwas von »zukünftigen Dreierbroten« vernehmen, und
Wippert meinte, auch Hundekuchen sei ein Backwerk.
    In diesem Stile bewegten sich die Verhandlungen des Debattierklubs, wenn man
aufs Persönliche kam. Sonst war die Ausdrucksweise trotz der naturalistischen
Tendenz mehr auf höhere Tropen bedacht.
Aber eines Tages, es war ganz zu Anfang des Oberprima-Jahre, begann Stilpe in
einem neuen Stile und von anderen Dingen zu reden. Er baute fürchterliche und
schnöde Hyperbeln, fand den »Naturalismus in Worten« lachhaft, fragte, ob es »in
diesem Neste« nicht ein Trictrac gebe und erklärte, die famoseste Mädchenfigur
der Weltliteratur sei Mamsell Müsette. Dazu kamen die Worte: Nasenwärmer,
Bohème, Cénacle und eine grosse Menge französischer Flüche. Auch trug er
fortwährend ein kleines Buch aus der Reclambibliotek mit sich herum, das er
sein Brevier nannte. Eine Woche später sah man aber an dessen Stelle ein
anderes, französisches. Er sagte: Ich lese jetzt meine Bibel im Urtext.
    Durch diese Geheimtuerei voll herablassend abgegebener Andeutungen fühlten
sich die Anderen beleidigt, und es wäre fast zu einem Bruch gekommen, denn
Stilpe behandelte sie im Grunde wie kleine Knaben, die nicht wissen, was ein
Mädchen ist, da rückte der Adept endlich mit seinem Mysterium heraus, indem er
eine Versammlung mit einem Schreiben einberief, das folgenden Wortlaut hatte:
    Die ehrenfesten und rühmlichst bekannten Säulen des königlich sächsischen
Gymnasialnaturalismus zu ... werden hiermit so höflich wie dringend eingeladen,
in der bescheidenen Behausung des unterzeichneten Renegaten und Müsettisten
Schaunard, weiland Stilpe, zu erscheinen und ausser zwei Steinguttellern mit
Zwiebelwurst und Muldecaviar einen Vortrag entgegenzunehmen, dessen Titel und
Tema ist:
                                Der Müsettismus
als einzige und eigentliche Künstlerreligion, nachgewiesen an dem classischen
Werke wahrer Künstlerfreiheit und Laune:
                           Scènes de la Vie de Bohème
                                      par
                                  Henry Murger
   (NB.! Das Werk wird auch in einer Übersetzung herumgereicht, und im Urtext
  sind die schwierigeren Vokabeln in deutscher Übersetzung beigeschrieben.)
Nach beendigtem Vortrag wird der Unterzeichnete sich die Freiheit nehmen, zu
beantragen was folgt:
    Der naturalistische Debattirklub wird aufgehoben, und an seine Stelle tritt
                                  Das Cénacle
                             der vier Schlappdeckel
Zur Leitung der unausbleiblichen Debatte wird der ehrenwerte Naturalist Barmann
berufen, falls er sich für die Dauer dieses Ehrenamtes seiner ihm angeborenen
Grobheit zu entalten verspricht, die vielleicht einem Naturalisten, nicht aber
einem zukünftigen Cénaclier angemessen ist.
   NB.! Vier pariser Nasenwärmer sind heute eingetroffen und stehen, aber erst
  nach Constituierung des Cénacles, zur Verfügung.
   NB.! Der Unterzeichnete hat sich in Anbetracht des ungewöhnlichen und
  wichtigen Ereignisses in Unkosten gestürzt und vier Flaschen Pontet Canet
  (Marke: Le petit bleu) herbeigeschleift. Doch wird man gebeten, Weingläser
  mitzubringen, da es stilwidrig wäre, Rotwein aus Bierseideln oder Kaffeetassen
  zu trinken.
   NB.! Petita Molinarina wird die Honneurs der Schaunardschen Hütte machen,
  falls der gute Zufall, der Gott des künftigen Cénacles, es so einrichten sollte,
  dass die schauderhafte Mutter des erfreulichen Mädchens zur Zeit der
  Feierlichkeit nicht zu Hause wäre.
   NB.! Da die Schildkröte des Unterfertigten, deren Intelligenz so häufig als
  überlegenes Gegenstück zu der des Hüh-Wüh-Konrektors anerkannt worden ist, sich
  leider entschlossen hat, seit vergangener Nacht als Leiche zu existieren, so
  erscheint es angemessen, sie künftig als Symbol des verewigten naturalistischen
  Debattierklubs in pietätvollen Ehren zu halten. Sie wird in einer rosa
  auswattierten Cigarrenkiste als Tafelschmuck funktionieren.
   NB.! Man spanne seine Erwartungen hoch!
                                                                      Schaunard.
Da man das Muster dieser Einladung nicht kannte und überhaupt lauter Rätseln
gegenüberstand, so wirkte das Schriftstück auf die Drei ungewöhnlich stark.
    Völlig verblüfft war man aber, als man, der Einladung folgend, Stilpe
erblickte. Er präsentierte sich nämlich in Unterhosen und Frack. Im Munde hatte
er eine kurzgebissene rotbraune Tonpfeife, und sein ganzes Benehmen war
ungemein zeremoniell und feierlich.
    - Petita Molinarina kann leider nicht gereicht werden. Diese beklagenswerte
Bourgeoise hat sich an meinen Unterhosen gestossen und war nicht dahin zu
bringen, zu begreifen, dass diese nur als Surrogat für weisse Nangkingpantalons
anzusehen und damit nicht nur entschuldigt, sondern geradezu in die Sphäre des
Schönen und Wohlanständigen erhoben sind. Dafür ist die Schildkröte mit der
ganzen Würde eines amphibisschen Leichnams zur Stelle. Sie darf betrachtet
werden, und ich bitte zu bemerken, wie sie im Tode noch mehr den rührenden Zug
einer Familien- und Intelligenzverwandtschaft mit Sr. Brüllenz Hüh-Wüh hat.
    Da auch der Rotwein keine Fiktion war, so stand einer fröhlichen
Sitzungseröffnung nichts im Wege.
    Barmann übernahm mit einem geharnischten Proteste gegen den Vorwurf der
Grobheit den Vorsitz. Seine Eröffnungsansprache, die er ohne Zweifel auswendig
gelernt hatte, schloss schwungvoll so:
    - Und nun möge Stilpe, den wir einstweilen noch so und nicht anders nennen
wollen, seinen Vortrag halten, an den sich ein so wichtiger Antrag knüpfen soll.
Ich bin beauftragt, ihm zu erklären, dass wir ernstlich indigniert sein werden,
wenn sich seine Machination (Stilpe: Oho!) als Frivolität entpuppen sollte. Wir
sind bereit, uns überzeugen zu lassen, aber wir werden entschieden und scharf
Front machen gegen jeden Versuch, unsre augenblicklichen Prinzipien (Stilpe:
Sehr gut!) nur mit den billigen Waffen seichten Witzes (Stilpe: Tautologie!)
anzugreifen. (Stöffel und Wippert: Bravo!) Stilpe hat das Wort!
    Stilpe erhob sich und machte jedem Einzelnen, zuerst dem Vorsitzenden, eine
tiefe Verbeugung, wobei er beide Hände auf den Bauch legte. Dann fuhr er sich
mit entschlossenen Fingerkammstrichen durch die Haare, schleuderte seinen
Zwicker (sämtliche Schlappdeckel trugen schwarze Hornzwicker mit sehr breiten
Bändern) wie etwas überaus Lästiges von sich und begann:
                           Meine Herren Naturalisten!
Gleich vier Edelaustern unter unzähligen Massen niedrigen Kümmelkäses, harter
Picklinge, zerkrümmter Sardellen und andrer Mobdelikatessen verwandter Art
befinden wir uns in dieser schäbigen Industriestadt und versuchen es, wenigstens
unter uns den Sinn für Geistiges zu kultivieren.
    Wir haben zuerst das denkwürdige Lesekränzchen »Lenz« gegründet und
unterhalten, indem wir uns an den kühnen, wenn auch künstlerisch mangelhaften
Bestrebungen der Sturm- und Drang-Dichter erbauten, die unter dem Rousseaurufe »
retournons à la nature« den Limonadenteich der damaligen Modelitteratur mit
riesigen Klumpen Edelmetalls aus dem Schachte ihrer Seelen ausfüllten und damit
beseitigten. (Wippert: Ist das Bild von Dir? Stilpe: Ich gebe nur eigene Münze
aus und verbitte mir im Übrigen Zwischenrufe von beleidigender Fraglichkeit.
Barmann: Die Kritik der Zwischenrufe steht bei mir. Stilpe macht drei
Verbeugungen vor der Person des Vorsitzenden.)
    Nachdem wir damit zu Ende waren und keine Lust verspürten, die deutschen
Klassiker, die im Pennal ohnehin genug maltraitiert und zu Popanzen der
Langeweile mumifiziert werden, auch unsrerseits privatim zu traktieren, haben
wir uns, mitgerissen von der modernen Sturm- und Drangbewegung, entschlossen,
den Lesezirkel Lenz durch einen naturalistischen Debattierklub abzulösen. Wir
haben die Hauptwerke der nordischen, französischen, russischen und deutschen
Naturalisten nicht allein gelesen, sondern auch in heissen Debatten eingehend
besprochen, und wir haben so, während unsere biedere Lehrerschaft von der
Existenz einer solchen Litteraturbewegung nicht viel mehr weiss, als eine Hebamme
von unser lieben Frau Aspasia (Allgemeines Bravo! Ausgezeichnet! Famos!), in uns
Alles aufgenommen, was heute in der Litteratur aller Völker bewegend ist. Wir
können, wenn uns auch bei dieser Gelegenheit einige unregelmässige Verba im
Griechischen entfallen sein sollten (Stöffel: Man denke!), auf diese Tatsache
stolz sein, denn wir haben nach dem ewig citierten, aber sonst nie befolgten
Satze gehandelt: Non scholae, sed vitae discimus (Barmann, sehr laut: Jawohl!
Haben wir auch! Stilpe: Gewiss, haben wir!)
    Wem aber soll unser Leben dienen?
    Irgend einem dieser sackleinenen »wissenschaftlichen« Broterwerbe, als da
sind: Die Lehre, den Menschen juristisch zu verblöden, die Lehre, den Menschen
teologisch zu kastrieren, die Lehre, den Menschen medizinisch zu vergiften, die
Lehre, den Menschen philosophisch zu benebeln, die Lehre, den Menschen
philologisch zu verschweinsledern?
    Bei allen schönen Mädchen und guten Geistern, wir rufen: Nein! Sapristi!
Nein! (Tosender Beifall. Barmann schwingt die Arme.)
    Unser Leben soll der Kunst dienen! Wir wollen Dichter werden!
(Gläserklingen. Hörbare tiefe Schlucke. Stilpe lächelt.)
    Aber eben darum, meine lieben Debattiernaturalisten, müssen wir jetzt unsern
Debattierklub auflösen, dem Naturalismus Lebewohl sagen und den Müsettismus
proklamieren! (Alle möglichen Rufe durcheinander: Wieso!? Was ist das!? Nur
nicht so fix!? Wo hast Du denn das her?)
    Und nun erging sich Stilpe in einer Schilderung der Mürgerschen Bohème, als
eines Musters für alle künstlerischen Seelen, die nicht bloss von Kunst reden,
sondern Kunst leben wollten.
    Natürlich sei »dieser Haufen Steine hier« nicht Paris, und sie selber seien
ja noch für elf Monate »Geisteigene verschiedener patentierter Knabenerzieher«,
aber der Grundgedanke dieses vorbildlichen Lebens: Die Verbindung von Kunst und
Genuss, von revolutionärem Streben und »Lachesinn« (das Wort wurde beanstandet),
kurz das, was er Müsettismus nenne, der müsse und könne gepflegt werden.
    Um praktisch zu reden: Man müsse, statt über Naturalismus zu debattieren, in
fröhlichen Zusammenkünften brav trinken und eigene Lieder singen, man müsse sich
entsprechende Mädchen beilegen, kurz man müsse nicht bloss in Worten, sondern in
Werken »bald zwanzig« sein. So erst werde man sich dem zukünftigen Berufe recht
vorbilden:
Et nous chanterons à la ronde,
Si vous voulez,
Que je l'adore, et qu'elle est blonde
Comme les blés!
Stilpes glutvolle Rede und zumal die Citate aus dem Zigeunerleben wirkten
absolut überzeugend, und der Antrag auf Gründung des Cénacles wurde mit
ungewöhnlicher Begeisterung durch Acclamation angenommen.
    - Vive le cénacle! Vive le cénacle!
    Stilpe konnte die eigentliche Sitzung mit der Verteilung der »Nasenwärmer«
schliessen, aus denen innerhalb einer Viertelstunde solche Waffen von Tabakrauch
produziert wurden, dass man die Notwendigkeit einsah, morgen in die Schule andere
Röcke anzuziehen.
    - Vive le cénacle! Vive le cénacle!
Das Cénacle schloss die vier Schlappdeckel noch viel enger aneinander, als es die
früheren Vereinigungen getan hatten.
    In diesem Müsettistenklub lagen denn doch noch ganz andere Reize und
Hilfsmittel der Freundschaft als in jenen Deklamier- und Debattier-Zirkeln.
    Zwar waren auch jene unerlaubter und daher verführerischer Natur gewesen,
aber ihr Fehler war Einseitigkeit. Sie hatten die strotzende Fülle des
Unerlaubten nicht kühn genug erschöpft. Stilpe hatte das sehr klar erkannt und
mit den an seine Lektüre von Büchners Kraft und Stoff erinnernden Worten
ausgedrückt: Wir haben an einer Hypertrophie der Cerebralbedürfnisse gelitten;
besinnen wir uns auf die - Niederlande, (hier hatte er gewartet, ob man seinen
Witz verstünde; da es nicht den Anschein hatte, fügte er erklärend hinzu) -: Wir
müssen unsern werten Sinnen auch was zukommen lassen.
    Aber das war es nicht allein.
    Eine Hauptsuggestion lag in dem Worte: Paris.
    Die vier Oberprimaner spürten das Komische, das in ihrer Imitation lag, nur
wenig (bisweilen nämlich doch, anflugweise), aber sie empfanden es als etwas
verteufelt Keckes und Unverschämtes, den Ausbund der französischen
Künstlerschaft zu kopieren. Natürlich konnte die Kopie nicht sehr treu sein,
aber das war ein Reiz mehr, dass sie ihre Muster in vielen Beziehungen wenden und
drehen mussten.
    Sie trieben den verrücktesten Unfug.
    Die tote Schildkröte wurde allmählich ihr Wahrzeichen, indem sie sich daran
erinnerten, dass eine Schildkrötenschale das Urmaterial zur griechischen Lyra
abgegeben hatte.
    Da sie, was Tric-trac sei, nicht ausfindig machen konnten, und es ihnen
höchst notwendig erschien, auch ihrerseits etwas zu spielen, das nicht an den
üblichen Skat der deutschen Primaner erinnerte, so legten sie sich ein
japanisches Bretspiel bei, das »die Gabe hatte, Jeden, der im Verdauen war,
unfehlbar und höchst angenehm zu idiotisieren«, wie Stilpe behauptete.
    Mit Eifer frequentierte man die sonntägigen Tanzvergnügungen auf den
benachbarten Dörfern, die »Kuhschwöfe«, doch stellte es sich bald heraus, dass
sich dort nichts fände, was auch nur mit »Phémie Teinturière« verglichen werden
konnte, geschweige denn mit Mimi oder der völlig götzendienerisch verehrten
Müsette.
    Dafür verliebte sich Stöffel in die Tochter eines Gerbers, Wippert in die
eines Viktualienhändlers und Barmann, der immer was ganz Ausgefallenes haben
musste, in das boshafteste und hässlichste Mädchen der Stadt, die Tochter eines
Arztes.
    Diese Liebschaften fand Stilpe allesammt blamabel, denn, so sagte er, selbst
ein blindes Huhn sieht, dass sie irreparabel platonischer Natur sind.
    Dafür ging er selber ein vollkommen und zielbewusst unplatonisches Verhältnis
mit dem Dienstmädchen seiner Wirtsleute ein, einem stämmig liebenswürdigen
Wesen, das sich für ihn hätte vierteilen lassen, so verliebt war es in ihn.
    Er machte ganz heillose Gedichte auf dieses Verhältnis, und es gehörte zu
den stürmischsten Augenblicken der Cénaclezusammenkünfte, wenn er diese freien
Rhytmen losliess, die an Überschwänglichkeit Alles in den Schatten stellten, was
den Schlappdeckeln an erotischer Lyrik bekannt war. Im Übrigen wurden die
Cénaclezusammenkünfte mit Teetrinken (doch war viel Rum dabei) und den
ungeheuerlichsten Gesprächen ausgefüllt.
    Es durfte von Allem gesprochen werden, nur nicht von der Schule.
Hauptsächlich sprach man von zukünftigen dichterischen Plänen. Stöffel, der
zugleich Musiker war, wollte Opern dichten und komponieren: Wisst ihr, Opern
moderner Art, voll fabelhafter Sinnenfreudigkeit, ungeheuer umfassend,
allegorisch, aber lebendig!
    Mehr war darüber nicht zu erfahren, und wenn er am Klavier sass, kams immer
auf die ungarischen Rhapsodien von Liszt heraus.
    Wippert hatte vornehmlich satirische Pläne. »Juvenalia« sollte sein erstes
Werk heissen mit dem Untertitel: Ein Hechelepos in sieben Zinken. Jede Zinke
sollte »einen Hauptstand der gegenwärtigen Ordnung zerstrählen«. Die erste
Zinke, in gereimten Hexametern, behandelte die Sippe der Gymnasiallehrer und
begann so:
Strähle mir, Zinke, den Mann, der schwitzend auf dem Kateder
Mit höchsteigener Hand verteilt sein eigenes Leder!
Barmann hatte noch viel vom alten und neuen Sturm und Drang. Obwohl er am
wenigsten von der wirklichen Welt wusste (wie denn Alle, mit Ausnahme Stilpes,
ziemlich unwissend in diesem Punkte waren), hasste er diese Welt doch mit einem
sehr grimmigen Hasse und wollte ihr »in machtvoll wahren, meinetalben krassen
Dramen einen Spiegel vorhalten, dass sie sich vor Selbstekel übergeben sollte.«
    Stilpe aber hatte so viel Pläne, dass niemand recht wusste, was er eigentlich
vorhatte.
    Manchmal fühlten sie ihm höhnisch auf den Zahn: Ob er vielleicht immer bloss
seine jeweiligen Bettasen besingen wolle?
    Er aber antwortete gelassen: Wohl möglich! Jedenfalls wird immer mein
Prinzip sein: Erst leben und dann dichten! Ich heisse doch nicht Müller von der
Werra, sapristi! Ich bin doch nicht bloss zum Skandieren da! Das Dichten ist bloss
Wiederkäuen des Genusses. Aber um wiederkäuen zu können, muss man vorgekäut
haben. Verlasst euch drauf: Ich werde enorm vorkäuen!
    Die andern fühlten instinktiv, dass er der Einzige unter ihnen war, der sein
Programm sicher durchführen würde, und sie hatten deshalb viel Respekt vor ihm,
obwohl sie auch nicht ohne Neid waren.
So rollte das Jahr bis an die Schwelle der Abiturientenprüfung.
    Bis auf Stilpe waren die Schlappdeckel so ziemlich sicher, dass sie das
Examen bestehen würden. Was aber ihn anging, so hatte Barmann recht gehabt, als
er sagte, dass auch er jetzt so gut wie durchgekommen sei, da der Königliche
Kommissarius ein so auffälliges Interesse für ihn an den Tag legte.
    Der alte Geheimrat Ammer hatte schon aus den deutschen Aufsätzen dieses
»zwar begabten, aber sonst in mehr als einer Beziehung bedenklichen Schülers«,
wie er ihm bezeichnet worden war, gesehen, dass Stilpe in der Tat ein merkwürdig
frühreifer Kopf und überhaupt ein ungewöhnlich angelegter Jüngling sei. Die
Probestunde mit den Abiturienten hatte ihm das noch deutlicher gezeigt. Er hatte
die Primaner aufgefordert, ihm zu sagen, welche Männergestalten ihnen aus dem
Altertum am nächsten stünden. Die Antworten lauteten durchgängig so, dass er sich
über die völlige Gleichgültigkeit, die die jungen Herren gegenüber den antiken
Männern empfanden, sehr klar wurde.
    Wie oft war Odysseus genannt worden, sogar Cicero dreimal! Nur dieser Stilpe
hatte die Kurasche gehabt, die beiden Gracchen zu nennen und »mit schöner
Offenheit«, wie der Commissarius meinte, zu erklären, sie seien ihm deshalb
besonders lieb, weil sie ihn »fast modern anmuteten in ihren sozialpolitischen
Forderungen«.
    Der Geheimrat machte sich sogleich ein Bild von der Entwickelung dieses
ungewöhnlichen Jünglings, wie sie sich gestalten würde, wenn man ihn rechtzeitig
und früh auf die richtigen Bahnen lenkte. Unzweifelhaft: Ein zukünftiger
Publizist! Jetzt natürlich noch unreif und verworren, eines Tages wahrscheinlich
sozialdemokratischer Idealist, aber dann, immer eine geschickte Beeinflussung
vorausgesetzt, wahrscheinlich einmal eine glänzende und feste Stütze der
staatserhaltenden Institutionen!
    Dieser alte Geheimrat war ein sehr kluger Herr und ärgerte sich im Stillen
rechtschaffen über die Plumpheit, mit der sich die Lehrerschaften der
verschiedenen Gymnasien die Gelegenheit entgehen liessen, Talente für den Staat
zu erziehen, die den staatsfeindlichen Gewalten in der Hauptsache deshalb zum
Opfer fielen, weil sie sich schon auf der Schulbank zu Revolutionären gestempelt
sahen. Sein Bestreben war, wenigstens im letzten Augenblicke gut zu machen, was
noch gut zu machen war. Daher auch sein Verhalten Stilpen gegenüber.
    Er behielt ihn, als die anderen Schüler fortgingen, zurück und machte den
Weg in sein Hotel mit ihm zusammen. dabei verhehlte er ihm nicht, dass seine
Aussichten, das Examen zu bestehen, nicht eben glänzend wären, aber er liess auch
deutlich durchblicken, dass mancherlei zu seinen Gunsten in die Wagschale fiele.
    - Nehmen Sie beim deutschen Aufsatz alle Kräfte zusammen! Gelingt der Ihnen
so gut wie die häuslichen Aufsätze, so haben Sie viel gewonnen. In der
mündlichen Prüfung hoffe ich mir eine gute Leistung im Übersetzen aus dem
Griechischen und Lateinischen ins Deutsche. Zeigen Sie, dass Sie den Geist der
Alten schnell erfassen können! Dass Sie so manches, zumal Matematik und alles
Grammatikalische, so vernachlässigt haben, ist schlimm, sehr schlimm, aber, wenn
Sie zeigen, dass Sie dafür anderen Dingen um so mehr Liebe entgegenbringen, dann
wird sich das gelinder ansehen lassen. Und nun noch dies: Was Sie auf der Schule
in Hinsicht der sittlichen Führung gefehlt haben, machen Sie das auf der
Universität gut! Wenn Sie, wie ich hoffe, auf unsrer Landesuniversität studieren
werden, so wird es mir eine liebe Aufgabe sein, Sie in den Augen zu behalten.
Vergessen Sie das nicht!
    Stilpe antwortete mit edler Offenheit und in gut zu Tage geförderten Sätzen,
die eine heisse Dankbarkeit und tiefe Vorsatznahme alles Guten schön erkennen
liessen.
    Der Kommissarius: So sei es! Ich hoffe, wir werden uns auch in veränderten
Verhältnissen noch sehen und sprechen. Meine Anteilnahme für Sie gründet sich
auf eine gute Meinung und wird so lange andauern wie diese. Denken Sie immer
daran! Es handelt sich um mehr als die Reiseprüfung.
    Stilpe (sehr leise und mit einer fast zärtlichen Tonfärbung): Ich werde
immer an diese gütigen Worte denken und bestrebt sein, mich ihrer würdig zu
erweisen.
    Händedruck und ein tiefer Abwärtsschwung der Schlappmütze.
Als der Geheimrat verschwunden war, setzte Stilpe seine Mütze nicht wie sonst
auf den Hinterkopf, sondern tief in die Stirne. Er kam sich unendlich brav vor
und stiess seine Vergangenheit energisch von sich.
    Kein Zweifel: Er würde das Examen bestehen! Und mehr noch: Seine Zukunft war
gemacht.
    Dieser Geheimrat hatte erkannt, was in ihm steckte, und es wäre ein Frevel,
sein Vertrauen zu täuschen. Wer weiss, was er mit ihm vor hatte! Offenbar ganz
hohe Posten!
    So etwa als litterarischer Regierungssekretär oder ... aber gleichviel:
Irgend etwas sehr Angesehenes. Natürlich: Erst studieren, und zwar neben
Kunstgeschichte und Litteratur auch Jurisprudenz!
    Seine alten Pläne waren durchaus versunken. Hier winkte Ausserordentliches!
War nicht auch Goete Geheimrat und Minister gewesen?
    Das wars, was winkte! Die Verbindung von Staatsmann und Poet.
    Sollte er etwa wie Lenz untergehn? Nein: Seine Sturm- und Drangperiode war
vorüber. Endgiltig.
    Hinter ihm Nebel des Wüstseins, vor ihm die breite, sonnenhelle Marmortreppe
zu Einfluss und Ruhm und Reichtum.
    Oh diese Eselhaftigkeit, zu vergessen, dass ohne Reichtum Genuss undenkbar
ist.
    Was wär ich geworden? Ein genialer Lump! Eine hungrige Berühmteit, nein,
pfui Teufel, ein Litterat!
    Was hätt ich gehabt? Nichts zu essen und mediokre Weiber, Nähmädchen,
höchstens Choristinnen.
    Nun aber! Stellung und Ansehen! Mitten in den höchsten Kreisen!
    Ach, diese aristokratischen Damen! Alles an ihnen Schönheit und Eleganz,
rauschende Seide, feinster Geist!
    Er sah einen ganzen Hofball vor sich von nackten Schultern und Brüsten,
Diademe in duftenden Haaren, heisse Blicke hinter Straussfederfächern. Und er fing
gleich zu dialogisieren an:
    - Ah, Exzellenz, Ihr letztes Drama, wie herrlich!
    - Hat es Ew. Hoheit Beifall?
    - Ach, ich bin hingerissen!
    Und die Herzogin sah ihn glühend an, diese Herzogin, die geistreichste Frau
des Hofes, und so jung und schön! Ah!
    Ein ganzer Roman entzündete sich in ihm. Zuletzt lag er der Herzogin zu
Füssen und küsste ihr die Kniee, und sie neigte sich über ihn, und er küsste sie
auf die ...
    - Höh! Schaunard! Musterknabe! Favorit! Prima-Nota-Jüngling!
    Die drei Schlappdeckel! Ekelhaft!
    Er machte ein ärgerliches Gesicht:
    - Was wollt ihr!!!
    - Na! Na! Na! Stolz und grob wie ein Günstling!
    - Ich verbitte mir diese Albernheiten.
    - Köstlich! Er verbittet sich!
    - er ver-bit-tet sich!
    - Unglaublich! Weil ihm der Geheimrat die Hand gedrückt hat, ist er
übergeschnappt.
    - Das ist ein Zeichen von schwacher Cerebralkonstitution.
    - Affen!
    - Hahahaa!
    - Er sieht förmlich frisiert aus.
    - Guckt nur, wie er die Mütze auftat!
    - Er hat ja einen Heiligenschein!
    - Sogar zweie, einen um den Kopf und einen um den Hintern.
    - Aber ein bisschen verblödet sieht er aus.
    - Man könnte fast stupid sagen.
    Stilpe machte ein Zeichen der Verachtung, und zwar so: Er fuhr über die dünn
stehenden schwarzen Haare seines Schnurrbartes und hustete dann in die Hand.
    - Der reine Gesandtschaftsattaché!
    - Ich glaube, der Geheimrat hat ihm einen Schwur abgenommen, Jurist zu
werden.
    - Habe wenigstens die Gnade, uns zu sagen, ob Du noch mit uns verkehren
willst.
    Das sagte Stöffel. Aber Barmann fuhr hinterdrein:
    - Was! Er! Ob er will! Ob wir wollen! Das ist die Frage! Ein Mensch, der
offenbar zu Kreuze gekrochen ist! Ein Renegat!
    Wippert: Ein Feigling!
    Barmann: Pater peccavi hat er gemacht!
    Stöffel: Höre mal, mein Lieber, Du hast wohl die beiden Gracchen
zurückgenommen?
    Barmann: Ja, und Cicero als Lieblingsrömer proklamiert, wie dieses Stint,
der brave Müller-Emil!
    Das war Stilpen zuviel. Dieser Vergleich wühlte seine ganze Natur auf, und
er sprach:
    -So! Also bis zu dieser Niederträchtigkeit depraviert euch ein jämmerlicher
Neid! Wisst ihr, was ich getan habe? Ich habe diesem Biedermann gesagt: Nicht
die beiden Gracchen verehre ich am höchsten, denn das sind die Nationalliberalen
des alten Rom, und sie kommen mir vor, wie zwei rot angemalte Zuckerstengel ...
    - Das hast Du nicht gesagt!
    - Beim Momus, das hab ich gesagt! Und noch was hab ich gesagt: Mir imponiert
überhaupt gar keiner in der ganzen alten Toga-Gesellschaft mit Ausnahme von ...
    - Von ...!? ... Na ...? ...
    - Von Catilina!
    - Donnerwetter! Ist der Kerl nicht in Ohnmacht gefallen?
    - Ach Der! So ein Amphibium! Habt ihr nicht bemerkt, dass er aussieht, als
wenn er einen Aquarium entsprungen wäre? Wenn man ihn grün anstriche, könnte man
ihn von einem Laubfrosch nicht mehr unterscheiden.
    So sprach Schaunard.
 
                                Sechstes Kapitel
Stilpe kam, während er sich auf das Abiturientenexamen vorbereitete, noch
manchmal auf seine Hofdichterphantasieen, wie er es nun nannte, zurück. Die
Vorstellung, einmal eine Rolle in der grossen Welt zu spielen und dabei
Verhältnisse mit Herzoginnen anzuknüpfen, tat ihm zu wohl, als dass er endgiltig
auf sie verzichten sollte. Aber im Ganzen erwies sich Henri Mürger doch stärker,
als Geheimrat Ammer.
    Wenn sich beides vereinigen liesse! war sein Lieblingsgedanke. Und er
verfabulierte sich auch diesen Gedanken.
    Warum sollte es nicht möglich sein? Es kam lediglich auf den Potentaten an,
mit dem er es zu tun haben würde.
    War nicht Karl August anfangs ein sehr fideler Bruder gewesen? Hatte er
nicht auch mit der Reitpeitsche geknallt? Dass er schliesslich so grässlich
ernstaft geworden ist, wer war daran schuld, wenn nicht Goete selber, der eben
in sich den Geheimratskeim schon geerbt hatte von seinem Vater?
    Goete und Lenz in einer Person zu sein, das war das Problem, das war das
Ideal! Indessen dachte er dabei doch mehr an Lenz, als an Goete.
    Auch Günter, dem »sein Leben wie sein Dichten zerrann«, fiel ihm zuweilen
ein, doch kannte er von diesem nichts. Aber er verehrte ihn sehr und nannte ihn
oft, nur eben, weil Goete so von ihm gesprochen hatte.
    - Ein fabelhafter Kerl, dieser Günter! dachte er bei sich, und er las oft,
was Goete über ihn geschrieben hat. Man sollte ihn eigentlich lesen. Na,
später!
    Überhaupt, er schob jetzt noch mehr auf, als es ohnehin seine Art war.
    Das Examen bedrückte ihn doch, obwohl er nicht mehr daran zweifelte, dass er
durchkommen würde. Aber es blieb eine unangenehme Perspektive und fatal wie
alles Unvermeidliche.
    Sein Haupttrost war Berta, das Dienstmädchen.
In Deinen blauen Augen, Schatz,
Sind keine Wolken,
Also sage ich: Es gibt
Keine Wolken.
Stöffel machte eine Parodie auf diese freien Rhytmen:
Unter Deinen tümpelbraunen Augen, Schaunard,
Sind schwarz-grüne Wolken,
Also sage ich: Du bist
Eine schwarz-grüne Wolke.
Und das war richtig: Stilpe sah sehr schlecht aus, so schlecht, dass man wirklich
glauben konnte, er überarbeite sich wegen des Examens.
    Er fand das riesig interessant und gewöhnte sich überdies an, die Lippen
nach unten zu ziehen, um das Ansehen beständiger Weltverachtung zu haben.
Freilich stimmte das nicht zur Heiterkeitsdevise des Cénacles, aber eben das war
wieder paradox, und das Paradoxe hielt Stilpe damals für die Hauptsache.
Das Examen kam heran. Alle Vorbereitungen waren getroffen. Die Übersetzung ins
Griechische abonnierte er bei Wippert, die ins Lateinische bei Barmann, die
Matematikaufgabe bei Stöffel. Es war sehr gut, dass für jedes Manco seiner
Schultüchtigkeit im Cénacle Rat geschafft werden konnte.
    - Wir sind die reinen Freimaurer, sagte Stilpe, wir lassen keinen *** Bruder
bankerott gehen. Es lebe Müsette! Es lebe der Kommunismus der überflüssigen
Kenntnisse! Schade, dass ich euch gar nichts dagegenbieten kann. Höchstens, dass
Barmann von meinem französischen Stile zehren könnte.
    Aber Barmann verzichtete und meinte, er könne seine grammatikalischen Fehler
alleine machen.
Und es ging Alles gut vorüber, obwohl Stilpe die Matematikaufgabe sogar falsch
abschrieb. Dafür errang er einen Triumph im deutschen Aufsatz, der das tiefe
Tema behandelte: Wie befreite sich Goete von den Fehlern der Sturm- und
Drangperiode?
    Hei, wie da Stilpe ins Zeug ging! Er war ganz Hofpoet, ganz Harmonie, ganz
»Weltauge«. Ohne es sich merken zu lassen, natürlich, identifizierte er sich
während der fünf Stunden, da er seine Perioden baute, völlig mit Goete und
endete mit einem feierlichen Panegyrikus auf Karl August, der gleichfalls »aus
Sturm und Drang emporgedieh zur fürstlichen Ruhe schönheitbeschirmender Macht«.
    So gut hatte er den königlichen Komissarius verstanden.
    Auch im mündlichen Examen ging Alles vortrefflich, und das Ende war, dass
Stilpe mit Note 2b das Zeugnis der Reife zum Universitätsstudium erhielt.
Eine grosse Cénaclefeier schloss sich der Verkündigung der Examenergebnisse an.
    Man trank lediglich deutschen Schaumwein, und Stilpe verwahrte sich gegen
alle literarischen Gespräche. Dafür wurde lebhaft darüber debattiert, ob ein
Cénaclier in ein Corps oder in eine Burschenschaft einspringen müsse. Man kam
aber zu keinem Entschluss, sondern setzte fest, dass darüber endgiltig in einer
letzten Cénaclesitzung zu befinden sei, die man im Freien, draussen an den Ufern
der Mulde, abhalten wollte.
    Im Übrigen waren alle Vier vollkommen betrunken, als dieser Beschluss gefasst
wurde, Stilpe aber immerhin noch mehr als die anderen. Er wollte durchaus ein
Corps »Berta« gründen und rief beharrlich mit lallender Stimme: Berta seis
Panier!
Der Abiturientenball war vorüber, der Abiturientenkommers war vorüber. Nun kam
am letzten Tage ihres Aufentaltes in der Gymnasialstadt die Schlusssitzung des
Cénacles.
    Bedeckt mit grossen schwarzen weichen Filzhüten (aber Stilpes Hut war der
breiteste) wanderten sie zu einem an der Mulde gelegenen Dorfe. Jeder trug einen
dicken Spazierstock, jeder trug ein rotes Klemmerband. Jeder lächelte souverän,
wenn Bürgerin und Bürgersmann mauloffen stehen blieb. Aber Stilpe lächelte am
souveränsten, denn er trug in der linken Hand die Schildkröte.
    Als sie dem Polizisten begegneten, der sie einmal abends beinahe arretiert
hätte, lüftete Stilpe mit grossem Schwunge seinen Hut und fragte ihn:
    - Sagen Sie, Bürger Nationalgardist, ist das der Weg ins Bois de Boulogne?
    - Quatsch! antwortete der Polizeidiener, worauf Stilpe den Kopf schüttelte
und bemerkte:
    - Dieser Funktionär spricht ein ungewöhnliches Französisch. Er scheint das
hiesige Gymnasium frequentiert zu haben.
    - Der Frühling scheint mir noch nicht ganz fertig zu sein, sagte Stöffel,
als sie ausserhalb der Stadt waren.
    - Es ist der richtige Mulus-Frühling, erwiderte Wippert.
    - Der Religionslehrer an der höheren Bildungsanstalt dieser Stadt würde
sagen: Mit ein wenig mehr Eifer hätte der Schüler sein Ziel vollkommener
erreichen können! fügte Wippert hinzu.
    Stilpe aber sang, indem er Fechtiebe phantastischer Natur in die Luft
schlug:
Der Frühling ist ein Mädchen,
Das Berta Linke heisst,
Oh weh, dass aus dem Städtchen
Schaunard, der Knabe, reist,
Ein Knabe sonder Makel,
Der Knabe Schaunard,
Der treu dem Cénacle
Und Fräulein Berta war.
Oheh! Oheh!
Das Leben ist ein Kuhschwof,
Und Scheiden tut nicht weh.
Sofort schwangen die Drei gleichfalls ihre Stöcke und sangen mit Überzeugung:
Oheh! Oheh!
Das Leben ist ein Kuhschwof,
Und Scheiden tut nicht weh.
Stilpe aber sang weiter (es hatte den Anschein einer sorgsamen Vorbereitung):
Der Tacitus
Ist kein Genuss,
Wenn man ihn präparieren muss,
Dagegen lieb ich sehr
Den Vater Homer,
Denn ich lese, denn ich lese,
Denn ich les ihn nimmermehr!
Stürmischer Kehrgesang der drei, sechsmal wiederholt.
    Und wieder Stilpe:
Und die Matematik
Hatt ich lange schon dick,
Fast wärs ihr gelungen, und sie brach mirs Genick.
Da sangen die Drei nicht mit, denn in diesem Punkte fühlten sie sich Stilpen
überlegen.
    Aber das hielt ihn keineswegs ab, weiter zu singen:
Wer weiss mir zu raten,
Wo finde ich, wo,
In Schobern und Schwaden
Das trockenste Stroh?
Liebwerte Kameraden,
Ach, sagt es mir: Wo?
Als wenn er auf Antwort wartete, schwieg er einen Augenblick, dann gellte er in
höchster Fistel:
                                  Im Ci-cero!
Und alle Kehlen stimmten krähend bei:
                                  Im Ci-cero!
                                  Im Ci-cero!
Stilpe aber, in der Melodie des Postillons von Lonjumeau:
Hoho! Hoho!
Das steifste Stroh
Verzapft Herr Konsul Cicero!
Unter diesen und ähnlichen anmutigen Gesängen erreichten sie das Dorf an der
Mulde, das das Cénacle für würdig gefunden hatte, zum Schauplatz seiner letzten
Sitzung zu ernennen.
    Nun, es ging hoch her, und vorzüglich in Versen. Eigentlich hatte man
vorgehabt, hier, mit freier Benutzung des Hambacher Festes als Vorbild,
sämtliche Schulbücher zu verbrennen, aber Stilpe hatte sich rechtzeitig des
Deklamators in Leipzig erinnert, wo man diese nichtswürdigen Schwarten
gewinnbringender anlegen könnte, und so unterblieb dieser Teil des
ursprünglichen Programmes. Dafür wurde die Schildkröte des Cénacles, »in ihrer
Eigenschaft als Symbol einer in Unfreiheit befangenen Vereinigung und um ihrer
nachgerade störend wirkenden Ähnlichkeit mit jenem pp. Pädagogen willen«, in die
Mulde geworfen, wozu man sang:
Lebewohl! Lebewohl,
Niederträchtiges Symbol!
Schwimm vorbei! Schwimm vorbei,
Schauderhaftes Conterfei!
Dann aber hub Stilpe seine grosse Schlussrede an, die mit den beifallumtosten
Worten endete: Le cénacle est mort! Vive le cénacle!
    Und man schwur sich, in Leipzig »keinesfalls den atavistischen
Farbenblödsinn jener kläglichen Jünglinge mitzumachen, die einer bunten Mütze
bedürfen, um sich als Studenten und freie Bürger einer Universität zu fühlen,
sondern sofort ein neues, das eigentliche Cénacle zu gründen als die erste
künstlerische Studentenverbindung mit neuen Bräuchen und neuen Zielen!«
    Eine unendliche Debatte knüpfte sich an diesen Schwur. Stilpe entwickelte
das grösste Programm:
    1) Jeder muss ein Mädchen haben (aber richtig haben, nicht etwa bloss in
dieser knabenhaft blümeranten Manier!).
    2) Jede Ähnlichkeit mit bestehenden Verbindungen muss vermieden werden. Keine
Mützen! Sondern graue Cylinderhüte!
    3) Man geht nur auf Säbel los! Die Schläger sind pur enfantillage. (Das Wort
war ihm aus der Vorrede zur deutschen Übersetzung der Vie de Bohème geläufig.)
    4) Man muss eine Zeitschrift gründen.
    5) Man muss sich einen Barbemuche zu verschaffen suchen, d.h. einen
ehrgeizigen Esel, der für »bessere Bowlen« sorgt.
    Dieses Programm wurde im Allgemeinen angenommen, eine sehr genaue Beratung
und Ausarbeitung jedoch vorbehalten.
    Als man sich dann zum Heimgehen anschicken musste, weil das Dorf eine
»geradezu mittelalterliche« Polizeistunde hatte, war Stilpe so betrunken, dass
die Drei ihn schleppen mussten. Unaufhörlich stellte er den Antrag, für Cénacle
künftig Bertacle zu sagen und ihn zum Geheimrat Ammer zu bringen, wo er sich
durchaus vorstellen müsse.
    Die Anderen aber sangen unablässig, fast pausenlos:
    Auf in den Kampf Tore-e-e-ero!
 
                                  Drittes Buch
                           VIR IVVENIS DOMINVS STILPE
 In Gottes Apoteke gährt
Ein Stoff, der ist mir herzlich wert,
Ihm hab ich mich ergeben.
Wär er nicht da, die Welt wär hohl;
Oh Du viel lieber Alkohol,
Von dir lernt ich das Schweben.
Jawohl!
Jawohl!
Das Schweben zwischen den Polen,
Das lehrte mich der Alkohol;
Will mir einmal der Teufel wohl,
Soll er mich alkoholen.
                        Aus Stilpes zerstreuten Versen.
 
                                 Erstes Kapitel
Wenn ein neues Semester begonnen hat, pflegen die farbentragenden
Studentenkorporationen in Leipzig mit besonderem Eifer das zu kultivieren, was
sie den Grimmschen Bummel nennen. Es ist das eine Art stolz geschrittenen Corsos
auf der Grimmaischen Strasse, wobei sich die zu einem grösseren Gesammtverbande
gehörigen Verbindungen sehr feierlich nach der gerade im Schwange befindlichen
Mode begrüssen.
    Denn die Art, die Mütze abzunehmen, ist unter Couleurstudenten gewissen
cyklischen Schwankungen unterworfen.
    Auch hier ist das Walten harmonischer Gesetze erkennbar. Alte Semester haben
darüber kulturhistorisch bedeutsame Aufzeichnungen gemacht, aber das Verdienst,
das Gesetz des Cyklus erkannt zu haben, gebührt der kleinen Anna, einem Mädchen
von sehr ausgedehnten Bekanntschaften in corpsstudentischen Kreisen.
    Wie die Muse der Geschichte hat sie die Semester an sich vorüber streifen
(ja, streifen) sehen und dabei dies beobachtet:
    Als Beginn eines Cyklus ist allemal die primitive Zeit zu betrachten, wo man
die Mütze ganz einfach vorn beim Schild ergreift und sie in leichtem Bogen
ziemlich senkrecht nach unten schwingt. Dann folgt:
    Die Periode des rechten Randgriffs, die in zwei Unterabteilungen zerfällt:
    a) man ergreift die Mütze am rechten Rande und führt sie mit gebogenem Arm
langsam nach vorn,
    b) man ergreift sie wie unter a, führt sie aber nicht nach vorn, sondern
stösst sie rechtsseitig steif nach oben.
    Sodann folgt die Periode des hinteren Randgriffs, bei der die Mütze also am
hinteren Rande ergriffen wird.
    Sie hat drei Unterabteilungen:
    a) weiter Bogen nach vorn,
    b) steifer Stoss nach oben,
    c) ganz kurze Lüpfung, wobei das Schild und der vordere Rand fest aufliegen
bleiben. Diese Phase, als gewöhnlich letzte des Cyklus, hat etwas marode
Decadentes.
    Zuweilen fügt sich als vierte Periode noch der vordere Randgriff an, der
sich als Pendant zu 3c kennzeichnet. Gewöhnlich indessen beginnt der Cyklus nach
der kurzen Lüpfung aufs Neue.
    Natürlich sind in diesem kurzen Abriss alle Nuancen, deren es sehr feine
gibt, beiseite gelassen worden.
Man befand sich wieder einmal in der Periode 3b, als das weiland Wurzener
Cénacle die Leipziger Universität bezog, und es gab keinen Fuchs, der die Mütze
so energisch nach oben stiess, wie der stud. phil. et jur. Willibald Stilpe oder,
wie er auf der Matrikel feierlich und lateinisch hiess: vir iuvenis dominus
Stilpe leissnigensis.
    Die Mütze, die er in dieser Weise handhabte, sah gelb aus, genauer gesagt:
Kanariengelb, und zeigte ausserdem einen weissen und einen schwarzen Streifen.
    Stilpe war, uneingedenk des Schwurs an der Mulde, einer Verbindung
beigetreten, einer Verbindung schlechtin, die nicht Corps, nicht
Burschenschaft, nicht Landsmannschaft war.
    Das Kanariengelb war schuld daran.
    Stilpes koloristischer Blick hatte sofort bemerkt, dass diese Farbe zu seinen
glänzend schwarzen Haaren eminent (das Wort liebte er jetzt) stehen müsse, und
es lag überhaupt etwas Schmetterndes, Verwegenes in ihr, etwas, das zu seiner
augenblicklichen Stimmung genau passte.
    - Bitte, was kostet diese Handelsstadt? Nur keine Bange! Nur den Preis
genannt! Ich zahle ohne Feilschen.
    Ein Triumphatoren-, ein Sankt Georgsgefühl! Hinter ihm, ein widerlich
geschwollenes Grau, lag der überwundene Drache Gymnasium, vor ihm breiteten
tausend junge schöne Mädchen glänzende Teppiche aus, weit ins Land hinein, wo
rechts und links die angenehmsten Dinge als rotgoldene Ähren auf gelbgoldenen
Halmen schaukelten.
    Blos mitnehmen! Blos einscheuern! Sklaven wimmeln ringsum und schielen aus
tiefer Verbeugung nach Seiner Herrlichkeit gelassenen Winken...
    Und diese vielen Restaurants! Und keins verboten! Kühn darf man mitten in
Damenbedienung sitzen und das Taschentuch behaglicher Paschahwünsche werfen.
    In dieser Stimmung hatte er sich ohne viel Besinnen die kanariengelbe Mütze
aufgesetzt. Und nun sass sie fest und sah gut aus.
    Nachdem er sich für sie einmal entschieden hatte, erbaute er sich aber auch
ein System von Gründen dafür, dass er just in eine simple Verbindung, nicht in
ein Corps, nicht in eine Burschenschaft, nicht in eine Landsmannschaft
eingetreten war:
    Das Corps: Rückständige Institution aus unfreien Zeiten, daher
Fuchsensklaverei, Burschentyrannis, starrer Formelnkram; die Burschenschaft:
Entweder rückständige Romantik, Tugendbund und Keuschheit bis zum Ehebette oder
Form ohne Inhalt; die Landsmannschaft: Traditionslose Neugründung, bemäntelt mit
einem alten Namen, ohne Wurzeln im Alten, ohne Greifranken ins Neue: Zwitter.
Die blosse Verbindung dagegen, nun ja: Das war eben eine Sache für sich, etwas
mehr Improvisiertes, das daher auch nicht so umklammerte und absorbierte.
Zweifellos bot sich hier auch die leichtere Möglichkeit, eine beeinflussende
Stellung zu erhalten. Und das ist doch wohl das Wichtigste!
    So verteidigte sich Stilpe vor sich selber. Erst hinterher kam ihm der
Gedanke: Aber warum denn überhaupt eine farbige Mütze? Das war ja doch wohl
eigentlich eine Kinderei, - wie? Ein Atavismus? Ein testimonium paupertatis
animi? Hatte er nicht das Wort geschliffen: Ein freier Kopf braucht keine bunte
Mütze?
    Gewiss, gewiss! Aber: Si duo faciunt idem, non est idem! (Seitdem er nicht
mehr Latein treiben musste, zitierte er viel Lateinisches.) Für jene anderen ist
die Mütze eine gewisse Notwendigkeit und ein Ziel; für ihn aber nichts als ein
in souveräner Laune frei gewähltes Mittel.
    Mittel, - wozu?
    Erstens zur Erzielung gewisser landsknechtafter Empfindungen! Denn es
steckt Historie in dieser Institution des wehrhaften deutschen Rauf- und
Sauf-Studenten und ein rechter Kerl zeigt seine Rasse; und zweitens zur Kenntnis
eben dieses Milieus für seine zukünftige künstlerische Verwertung, denn: Wie
sollte er einmal den deutschen Studenten darstellen, wenn er nicht auch diese
Spezies studiert hatte?
    So rechtfertigte er, der nicht gerne etwas bereute, aber noch weniger gerne
etwas unterliess, was ihm lustig dünkte, vor sich selber den improvisierten
Schritt, und er legte sich damit auch gleich die Sätze zurecht, mit denen er den
Cénacliers entgegentreten wollte, wenn sie ihm mit den Einwendungen kommen
würden, die ja eigentlich aus der Rüstkammer seines Intellekts stammten. Er
hatte sogar vor, sie für seine Verbindung zu keilen.
    Indes: Er kam zu spät.
    Eines Tages, als er mit seiner Mütze und seinen Verbindungsbrüdern leuchtend
den Grimmschen Bummel absolvierte, gewahrte er, obwohl er regelrecht und stolz
geradeaus ging und scheinbar kein Auge für andre Couleuren hatte, unter den fünf
Mitgliedern eines rotmützigen Corps - Stössel.
    Es gab ihm einen Ruck, und schon wollte die Hand zum hinteren Rande der
gelben Mütze zucken, da kam ihm noch rechtzeitig die Kluft zum Bewusstsein, die
zwischen diesem schmetternden Gelb und jenem trüben Rot lag.
    Und er lächelte nur ein wenig und dachte bei sich:
    - Schau, schau, - Corpsier! Dieser Knabe Marcel war immer ein bisschen eitel.
Nun, mögen sie ihn bisaken, die Herren C.B.C.B. Übrigens sah er schon verbisakt
aus. Natürlich wird er mich verachten... Wie? Er? Mich? Er möge sichs gefälligst
unterstehen! Dieses Knickebein! Sah er nicht aus wie ein frisiertes
Meerschweinchen? Welch ein üppiger Knabe!
    Im Grunde war es ihm höchst ärgerlich, dass Stössel Corpsstudent geworden
war, und er bemerkte plötzlich, dass seine Verbindungsbrüder an äusserer Eleganz
einiges zu wünschen übrig liessen. Er nahm sich vor, da Wandel zu schaffen.
    Kaum, dass er seinen Ärger ein bisschen verwunden hatte, sah er Barmann als
hellrotmützigen Burschenschafter vorüberziehen.
    Diesmal dachte er schon nicht mehr ans Grüssen und verfolgte mit
innerlichstem Wohlgefühl die Hand des wackeren Colline, die schon an der Mütze
sass, und dann freilich schüchtern herabzusinken.
    Und Stilpe dachte dies:
    - Was man nicht Alles erlebt! Dieser Colline, der einen Vortrag im Cénacle
hielt über »die Epoche der patriotischen Phrase«, als Fahnenschwinger für Ehre!
Freiheit! Vaterland! ...! Gut! Gut! Allerliebst und sehr niedlich! Die Haare
haben sie ihm aber schon nach hinten gekämmt. Und wie er errötötöte! Jetzt sieht
er sich sicher nach mir um. Nein, mein Lamm, ich nicht! Ich habe schon genug
gesehn.
    Über diesen Fall ärgerte er sich übrigens weniger. Burschenschaft - bah!
Aber gespannt war er nun, »in welcher Couleur der tüchtige Rodolphe eidbrüchig
geworden sein möchte«. Er taxierte ihn voll Zorn auf Akademischen Turnverein:
    Wir recken den Arm, wir strecken das Bein,
    Wir sind der akademische Turnverein.
    Aber nein: Wippert war Landsmannschafter geworden und trug eine dunkelblaue
Mütze stolz an Stilpes gelber vorüber.
    - So wären wir denn also glücklich nach allen Windrichtungen
auseinandergefahren. Das ist eigentlich eine Direktionslosigkeit. Warum haben es
diese Knaben denn nicht für nötig gehalten, mich aufzusuchen, ehe sie so
weitgehende Entschlüsse fassten? Kein Zweifel: Sie wollten sich meinem Einflusse
entziehen! Sie wussten, dass ihr Wille verloren war, sobald sie sich in die
Zerreibungszone meiner Beredtsamkeit begaben, und feig flohen sie davon.
Crapüle! dabei trug dieser Rodolphe eine Art von nasensteifem Selbstbewusstsein
zur Schau, die mir nicht gefallen hat. Nun, im Walde pfeifen die
Handwerksburschen, wenn ihnen die Hosen schlottern... Eine erstaunliche
Sippschaft. Wie bring ich sie zur Raison?
    Es war ihm doch fatal, dass die Drei sich so ohne weiteres von ihm
emanzipiert hatten. Hätte er nur nicht selber schon die gelbe Mütze aufgehabt!
Das komplizierte seine Stellung den Abtrünnlingen gegenüber stark. Es war, als
wenn er mit vernagelten Kanonen schiessen sollte.
    Aber es dauerte nicht lange, und er hatte seine volle Sicherheit
wiedergewonnen. Er schrieb in drei gleichlautenden Stücken folgenden Brief und
sandte ihn an die Drei.
                                 Landerirette!
Farben sind stärker als Eide, und was die Mulde gehört hat, braucht die Pleisse
nicht zu wissen. Sela.
    Indessen: Soll gelb oder blau oder dunkel- oder hellrot auch stärker sein,
als Herz und Intelligenz? Soll die Pleisse völlig entbehren müssen, was die Mulde
füllereich genoss?
    Nein! Unsre Mützen sind gelb, blau, dunkel- oder hellrot, aber' unsre Herzen
schlagen noch im Takte des momischen Alexandriners:
    O l'Amour! ô l'Amour! prince de la jeunesse!
    Oder? Schmach dem Fragezeichen!
    Wir haben nicht aufgehört, Menschen zu sein, indem wir unsre respektiven
Mützen aufsetzen, und so haben wir auch nicht aufgehört, Cénacliers zu sein.
    Und also darum sage ich euch, ich, der ich Schaunard war, bin und sein
werde: Wir müssen die farbigen Schranken und Planken, hinter die wir uns, jeder
nach freier Wahl und geistvoller Erwägung, begeben haben, wenigstens aller zwei
Wochen einmal mit dem Elan unsrer Cénacleherzen überspringen und einander in die
Arme eilen! Eine Jammerlende, die diesen Sprung nicht wagt, eine Groschenseele,
die sich vor dem Comment mehr fürchtet als ehemals vor dem Konrektor, ein
Castrat des Herzens, wer nicht wenigstens aller zwei Wochen einmal singen will:
Der Freiheit Tabernakel,
Ja -nakel!
Der Freude Heiligenschrein
Ist einzig das Cénacle
Und wird es ewig sein.
Landerirette!
Man trifft mich Sonntag Abend in meiner Wohnung die den Kopf dieses Briefes
ziert.
                                                                      Schaunard.
 
                                Zweites Kapitel
Stilpe hatte sich nicht getäuscht: Die Gründung des »Geheim-Cénacles«, so sehr
sie gegen den Verbindungscomment der Einzelnen war, geschah, und die vier
Cénacliers, die sich, wenn sie ihre Mützen aufhatten, nicht einmal grüssen
durften, fanden sich zweimal des Monats an Sonntagen zu Vergnügungen zusammen,
die jedem viel lieber waren, als die Pflichten ihrer Verbindung. Zwar, keiner
gestand das zu, denn jeder bemühte sich aufs höchste, den Anschein zu erwecken,
als fühle er sich unter seiner bunten Mütze über die Maassen wohl. In Wahrheit
fühlten sich Alle sehr elend darunter, bis auf Stilpe, der auch in diesem
Verhältnisse mit Hingabe aufging.
    Er war fast nie nüchtern und wurde von seinen Verbindungsbrüdern sehr bald
als eine phänomenale Kraft sowohl auf der Kneipe wie auf dem Fechtboden erkannt.
Seine Zügellosigkeit, die ihn in einer Korporation von festerem Gefüge unmöglich
gemacht hätte, war ihm hier, wo er sehr bald anfing, die Rolle des Überlegenen
zu spielen, nur wenig hinderlich.
    Schon im zweiten Semester hatte er »seine Leute« ungefähr auf seinen Ton
gestimmt. Er pflegte zu den Cénacliers zu sagen: Die Bären tanzen schon ganz
wacker die schwierigsten Sachen; nächstens werde ich ihnen das Dichten
beibringen.
    Aber er dachte selber nur wenig ans Dichten. Nur »was er so für die Liebe
und das Cénacle brauchte«, sonst:
    Wie kann ich singen, da ich sausen muss?
    Die heikle Muse meidet meinen Kuss,
    Pfui, sagt sie, pfui, Du stinkst nach Spiritus!
    Das war Selbsterkenntnis, aber keineswegs Selbstanklage. Im Gegenteil, er
tat sich innerlich sehr viel darauf zu gute, dass er »in den Wolken des Alkohols
taumelte wie nur ein Erkorener der neun Grundräusche taumeln kann«. Die neun
Grundräusche waren
    1) das braune Bier,
    2) die blonden Mädchen,
    3) der rote Wein,
    4) die braunen Mädchen,
    5) der weisse Wein,
    6) die schwarzen Mädchen,
    7) die Schnäpse jeglicher Observanz,
    8) die edle Kunst rasender Reime,
    9) die grosse Ewigkeit gewaltigen Ruhmes.
    Er pflegte zu sagen:
    - Hütet euch vor Dichtern, die nicht saufen! Sie bedeuten für die Litteratur
dasselbe, was die alten Jungfern für die Fortpflanzung des Menschengeschlechtes
bedeuten. Sie sind ein Greuel und eine grosse Gefahr. Wehe, wenn sie die Welt mit
ihrem Laster strohtrockener Verse anstecken. Dann ist das Ende nahe
herbeigekommen. Selbst Schiller trank Likör, aber, wenn er nicht trank, schrieb
er diese bedenklichen Sachen, an denen heute noch sämmtliche Gymnasiallehrer
leiden. Shakespeare dagegen soff wie ein Loch. Wie? Ihr fragt nach den Belegen?
Ja, wenn ihrs nicht fühlt! Ich mache mich anheischig, bei jedem seiner Stücke zu
sagen, was er damals gerade getrunken hat. Im Hamlet steckt viel Porter. Daher
diese etwas schwermütige, aber immerhin sublim betrunkene Grundstimmung. Voll
Whisky-Brandy ist Otello, doch mit einem Schuss Sherry. Ale, Ale und abermals
Ale ist King Lear. Es ist das hohe Lied des Ales. Immer, wenn ichs gelesen habe,
muss ich zum alten Krause gehen, der dieses blondeste aller Biere am besten
schänkt. Ein paar Sommersprossen Porter auf diesen weissen Teint gesprjetzt, und
man versteht die Lieder des Narren und weint in grosser Seligkeit. Auch
Knickebein hat Shakespeare getrunken, und zwar viel. Seine Komödien sind der
Beweis dafür. Wie vermählt sich da überall das Ei dem seimigen Liköre! Und da
hat irgend so ein Fünfgroschenphantast behauptet, Andreas Hofer haben den
Knickebein erfunden. Wie kümmerlich! Schon die alten Juden kannten ihn. Das
Prinzip der Parallelität der Verse in den Psalmen ist geradezu ein Symbol des
Knickebeins... Die ganze Litteraturgeschichte, wohl gemerkt, so weit es sich um
Verse handelt, ist nichts als eine grosse Tafel der Getränke. Ich werde meine
Doktordissertation über dieses Tema schreiben.
    In diesem Stile sprach er überhaupt oft, und manche seiner Dikta gingen in
den Schatz der geflügelten Worte der Studentenkneipen über. Auch war er der
fruchtbarste Vermehrer jener ungeschriebenen Litteratur, die sich um die Figur
der Wirtin an der Lahn gebildet hat. Er konnte sich stundenlang damit abgeben,
aus einer Zote einen Reim oder aus einem Reim eine Zote zu locken. Herauskitzeln
nannte er das.
    Zuweilen, aber keineswegs oft, kam ihm der Gedanke, dass er eigentlich etwas
Besseres tun sollte. Dann gruppierte er seine Gedanken um die Worte »schaal und
unerquicklich« und bewarf sich »mit den faulen Eiern des moralischen
Katzenjammers«. Aber es war auch nur eine Art Stilübung.
    Einmal empfing er die Cénacliers in solcher Stimmung und hielt zehn Minuten
einen Monolog in Jamben an
Dieses Lotterfleisch voll Alkohol
Und niederträchtiger Verse, die wie Schmeer
Von trichinösen Schweinen blau geädert sind
Und übel riechen wie die Pestilenz
Des ganz bedreckten Rests des Wiedehopfs.
Aber als er zu Ende war, ganz aufgeregt und wie es schien direkt vor einem
stürzenden Tränenausbruch, so dass niemand im stande war, zu entscheiden, ob
hinter diesen burlesken Selbstanklagen nicht doch eine Spur von Ernst steckte,
da rief er: Aber das kommt von der Abstinenz! Seit 75 Minuten habe ich keinen
Alkohol gesehen. Auf! Lasst uns in ein Gebärhaus tröstlicher Gedanken wallen, und
wenn es eine Gosenstube wäre. Kennt ihr mein Ritornell?:
Molkige Gose!
Bezeugte nicht Dein Rausch sehr hohen Rang,
Nännt ich dich Sauce.
Mit einziger Ausnahme des Brechweines gab es kein alkoholisches Getränk, dem
sich Stilpe nicht mit Hingabe widmete.
    Aber die »schweren Sachen« bevorzugte er. Das Leipziger Lagerbier war bald
nicht mehr im stande, ihm irgend etwas anzuhaben. Er nannte es »schlechterdings
Wasser« und konnte es durchaus nicht begreifen, dass man »es noch immer in
Brauereien herstellt; man sollte doch merken, dass es aus dem Schosse der Erde
quillt, denn es ist im eigentlichen Sinne culturlos.« Dagegen zollte er direkt
Ehrerbietung der ostpreussischen Bowle, die aus Burgunder, Porterbier, Sekt und
Cognac besteht. Dieses Getränk, so sagte er, hat die Kraft und das heilige
Rauschen des germanischen Urwaldes. Man fühlt direkt Speere in der Faust, wenn
man es trinkt. Seine Hauptgnade aber besteht darin, dass es wunschlos macht. Es
ist das Katolikon der Getränke. Auserwählten ist es gegeben, zu sehen, dass
diese Bowle eine tiefgoldene Gloriole hat.
    In dieser Weise charakterisierte er im Kreise des Cénacles »die gesammte
Aristokratie der Spirituosen«, und er lehnte es durchaus nicht ab, wenn man ihn
den Homer des Alkohols nannte.
    Aber die Getränke, die er liebte, waren kostspielig, und weder er noch die
anderen drei Cénacliers waren auf die Dauer im stande, das Geld dafür
aufzubringen. Deshalb beschloss man, einen »Barbemuche zu etablieren«, d.h. nach
dem Muster des Mürgerscher Cénacles jemand ausfindig zu machen, der »also
geeigenschaftet wäre:
Ehrfürchtig vor dem Geiste,
Sehnsüchtig zur Kunst,
Wohlausgestattet mit Gelde,
Ein bisschen dumm und dessen dumpf bewusst,
Demütigen Herzens
und
Angenehm lächerrlich.«
Stilpe war es, der einen solchen Jüngling entdeckte: - Herrn stud. Lehmann aus
Liegnitz.
    Er hatte ihn in »so einem« Hause der Magazingasse aufgelesen. Dort, in einem
Salon, war ihm der blasse, etwas angefettete junge Mann durch eine sehr dicke
Brieftasche und schwermütiges Betragen aufgefallen.
    - Sie fühlen sich nicht wohl in dieser Umgebung, hatte Stilpe zu ihm gesagt,
als sie sich einander vorgestellt hatten. Ich begreife das. Man geht hierher, um
sich nicht wohlzufühlen. Man will sich kasteien. Sie peitschen sich lieber mit
blonden Ruten, ich lieber mit braunen. Das ist der ganze Unterschied.
Temperamentssache.
    - Ach ja, es ist schrecklich, antwortete der Philologe Lehmann; ich
verabscheue diese Häuser, aber, sehen Sie, ich finde ja draussen nichts, und
dabei bin ich doch so... so... so sinnlich. Ach, leider!
    - Wie? Leider? Sie sagen: Leider? Sie haben doch leider gesagt? Hm. Hm. Hm!
    - Aber natürlich: Leider! Es ist doch schrecklich, so direktionslos zu sein!
    - Direktionslos nennen Sie das, wenn Alles so deutlich ins Schwarze zielt?
Das nennen Sie di..., aber Herr Lehmann! Sie sind beneidenswert um diese gerade
Tendenz Ihres Wesens! Seien Sie fröhlich, Herr Lehmann! Es fehlt Ihnen bloss die
rechte Gesellschaft. Sie sind ein Einsiedel-Lehmann, und das ist für solche
Naturen eine Gefahr.
    - Freilich ist es das. Ich fühle es selber. Aber ich schliesse mich schwer
an. Wissen Sie, die meisten' Studenten sind so banausisch, so entsetzlich
interesselos, und ich möchte doch Jemand haben, der auch noch etwas mehr will,
als Doktor werden. Sechs Tage ochsen und einen Tag sumpfen, das mag ich nicht
mitmachen!
    - Das ehrt Sie, Herr Lehmann! Sie suchen den Einklang von Lebenskunst und
Wissenschaft. Sie wollen Streben und Genuss vereinen. Sie wollen, mit einem
Worte, aber verstehen Sie mich recht und nehmen Sie das nicht etwa als einen
Witz: Sie wollen ein runder Mensch werden!
    - Ich ahne, was Sie meinen, und es ist wahr, das deckt sich wohl mit dem,
was ich suche.
    - Rund sein ist alles, Herr Lehmann! Wissen Sie, wie diese indischen Götter:
Rund um den Leib herum tausend Arme, und immer zwischen zwei Armen eine Göttin.
Aber Gott bleiben! Ein runder Gott bleiben mit tausend Armen und fünfhundert
Göttinnen dazwischen! Oder, weniger exotisch gesprochen: Goetehaft!
    Herr Lehmann lächelte höchst bitter:
    - Sie wollen mich wohl verspotten. Goete und - ich! Ich mit meiner
klassischen Philologie. Ich studiere nämlich klassische Philologie. Aber Sie
müssen da nicht gleich denken, dass ich Gymnasiallehrer werden möchte. Nein, ich
möchte mich der akademischen Carrière fürs Griechische widmen. Es ist da noch
viel zu holen, sag ich Ihnen! Mein Fach ist im Niedergange. Es fehlt an
Kapazitäten. Ein neues Alexandrinertum ist eingerissen!
    - So reissen Sie es um, Herr Lehmann! Schmeissen Sie die Perrücken zum Tempel
hinaus! Der Moder stinkt! Hygiene tut not! Fort mit den Schwartenschwenkern!
Das reine Hellas ziehe ein! Und was ist der Hellene des Altertums?
    Der runde Mensch! Was ist Hellas? Die Syntese von Genuss und Erkenntnis!...
Kürzlich stellte ich für einen kleinen Kreis von Freunden, der sich, ganz in
Ihrem Sinne, Herr Lehmann, zu einem Zirkel der Lebenskunst und Kunstliebe
vereinigt hat, eine Namenstafel der Spezialheiligen unsrer Religion auf. Sie ist
noch unvollständig, aber es fiel mir gleich auf, wie viel Hellenen dabei sind.
    - Ach, das interessiert mich, der ganze Zirkel sowohl, als die Namenstafel.
Ich möchte nicht aufdringlich erscheinen, aber vielleicht darf ich Sie bitten,
mir Näheres darüber zu sagen?
    Herr Lehmann sagte das mit dem Tone ernstester Anteilnahme und zog die
Augenbrauen hoch.
    Stilpe lachte wieder einmal »mit den Eingeweiden« und zog sein Notizbuch.
    - Über den Zirkel ist nichts weiter zu sagen, als was ich schon andeutete.
Zur Kunst erhöhtes Leben in jedem Betracht. Die Namenstafel aber, nun, wie
gesagt, sie ist noch unvollständig, aber ich kann Ihnen das Fragment schon
mitteilen. Also:
                                       I.
                            Männlichen Geschlechts:
                                   Anakreon,
                                 Aristophanes,
                                  Alkibiades,
                 (es geht gleich griechisch an, wie Sie sehen)
                                 Georg Büchner
                    (um Gotteswillen: Georg, nicht Ludwig!)
                                     Bizet,
                            Gottfried August Bürger,
                                   Cervantes,
                                    Catull,
                        (aber der hat ein Fragezeichen)
                             Michael Georg Conrad.
- Ist das der preussische Prinz, der die Dramen schreibt? fragte Herr Lehmann
bescheidenen Tones.
    - Gott behüte und Gott bewahre! Machen Sie immer solche Witze? rief Stilpe.
Dafür müssten Sie schon eine Bowle schmeissen, Herr Lehmann. Sind Sie bereit?
    Der Philologe Lehmann errötete und sagte: Es wird mir ein Vergnügen sein,
denn damit werde ich ja das Vergnügen haben, auch die andren Herren kennen zu
lernen.
    - Gut! sagte Stilpe schon im Tone des Cénacle-Präsidenten. Dafür werden Sie
dann auch erfahren, welches unser Conrad ist. Weder Prinz noch Preusse. Also nun
in der Liste der Heiligen weiter:
                                    Danton,
                                  Demokritos,
                          (schon wieder ein Grieche!)
                                    Devrient
             (Sie wissen: Lutter und Wegeners Weinstube in Berlin!)
                                   Fischart,
                        Franz der Erste von Frankreich.
                       - Warum Der? fragte Herr Lehmann.
                         - Lesen Sie im Rabelais nach!
                                    Grabbe,
                        Meister Gottfried von Strassburg,
                               Der junge Goete,
           (Sie wissen doch, dass es drei verschiedene Goetes gibt?)
                               Eduard Grisebach,
                                        
                           Johann Christian Günter,
                                     Horaz,
                          (hat aber zwei Fragezeichen)
                           Teodor Amadeus Hoffmann,
                                Heinrich Heine,
                                    Mozart,
                                   Mirabeau,
                                     Momus,
                       (unser Wirt mit der langen Kreide)
                                    Müsset,
                                    Mürger,
                                     Marat,
- Pardon, sagte Herr Lehmann, dessen Vater Fabrikbesitzer war, warum eigentlich
diese Revolutionsmänner?
    - Sie tranken sämmtlich gerne und waren sehr verliebte Leute. Dass wir keine
Sozialdemokraten sind, sehen Sie an Franz dem Ersten.
                                   Rabelais,
                                   Rembrandt,
                                   Sokrates,
                                   Sullivan,
                             Tschang-hsien-tschung.
- Wer ist das?
    - Das ist ein chinesischer Pelzhändler, später Gegenkaiser, der einmal an
einem Tage 50000 Gelehrte hat köpfen lassen. Ich werde ein Epos auf ihn machen.
    - Ach, dichten Sie? rief Herr Lehmann eifrig.
    - In der Tat, bisweilen. Sie natürlich auch?
    - Ach... nein... ich... nein... ich kann nicht sagen, dass ich... Aber...
    - Sie möchten gerne?
    - Ich... weiss... nicht...
    - Diese Schüchternheit ist ein schönes Zeichen. Übrigens: Dichten, na ja.
Das is nu so ne Sache. Notwendig ist es nicht, Herr Lehmann. Es... aber: Genug!!
Wir sind mit dem männlichen Geschlechte fertig und es folgt
                                      II.
                            Weiblichen Geschlechts:
                                    Aspasia,
                   (also auch hier Griechenland an der Tete!)
                                Die kleine Anna,
                      Anna mit den gewürfelten Strümpfen,
                             Anna Ach-gehn-Se-weg.
- Ja... aber...? ... sagte Herr Lehmann.
    - Ich verstehe: Sie kennen diese drei Annas nicht. Es sind vorderhand noch
Privatpersonen, und sie kommen auf mein Konto. Die mit den gewürfelten Strümpfen
schlägt, glaub ich, in Ihren Geschmack. Ich schenke sie Ihnen.
    Herr Lehmann war ganz verblüfft.
    - Na, wollen sie nicht wenigstens Danke! sagen? Das Mädchen kommt noch in
die Litteraturgeschichte! Ich habe sogar ein Sonett auf ihre Strümpfe gemacht!
Aber weiter!
                                    Berta,
(Hat zwei Ausrufezeichen. Es ist aber nicht jene Berta mit den grossen Füssen,
die Uhland besungen hat, sondern auch dieses Mädchen geht mich an. Ich habe sie
immens geliebt. Und sie liebt mich heute noch, obwohl sie einen Gelbgiesser
geheiratet hat. Achten Sie die Treue des weiblichen Geschlechtes, Herr Lehmann,
aber sehen Sie zu, dass der Andre der Lackierte ist. Übrigens werde ich jetzt die
Privatmädchen weglassen, weil ich Ihnen sonst fortwährend Kommentare geben
müsste; ich werde also nur die historischen Damen nennen, nämlich):
                                  Mimi Pinson,
                              Die Königin Pomare,
                                    Müsette,
                                     Lais,
                                        
                               Ninon de l'Enclos,
                                  George Sand,
                               Berangers Lisette,
                                Päbstin Johanna,
                            Fränzchen mit dem Muff,
                            Margarete von Navarra,
                              La belle heaulmière,
                                Marion Delorme,
                              Die schöne Seilerin,
                           Roswita von Gentersheim.
Die Liste ist noch schrecklich lückenhaft. Vielleicht könnten Sie uns noch ein
paar tüchtige Griechinnen empfehlen. Wie hiess doch gleich die, die sich auszog?
    - Sie meinen Phryne?
    - Richtig! Phryne! Dieses ganz vorzügliche Mädchen! Warten Sie, ich werde
sie gleich einfügen. Es ist eine Schande, dass ich sie vergessen habe. Aber Sie
sehen, wie gut wir Sie brauchen können. Im klassischen Altertum sind wir doch
ein bisschen schwach.
    Herrn Lehmann war es gar sonderbar zumute. Diese Welt war ihm neu, aber er
hatte die Empfindung, dass es sehr lustig in ihr zugehen müsse. Vor allem fühlte
er, dass er im Cénacle Anschluss an »Weiber« finden würde, und daran lag ihm viel,
denn er hatte es nachgerade bemerkt, dass er von sich allein aus diesen Anschluss
nie erreichen würde. Und bei alledem doch diese vielen litterarischen
Aspirationen, also die Gewähr des Höheren! Kein blosser Sumpf! Sondern, wenn
schon Sumpf, so doch von ganz ungewöhnlicher Art! Ein origineller Sumpf. Ach,
darnach hatte er sich ja gesehnt! Er wollte originell, geistreich sumpfen. Da
bot sich die Möglichkeit! Also zugegriffen!
    Er verliess am Arme Stilpes das Haus in der Magazingasse mit dem angenehmen
Gefühl, es fürder nicht mehr nötig zu haben.
    Als er am nächsten Morgen erwachte, lag er auf seinem Sopha und Stilpe in
seinem Bette. Da dieser ihn duzte, mussten sie wohl Brüderschaft getrunken haben.
    Auch einen anderen Namen hatte er erhalten: Barbemuche, und auf seinem
Nachttisch lag ein völlig mit Porterbierflecken bedeckter Zettel dieses
Inhaltes:
                                   Quittung.
Für weiland Herrn Lehmanns Aufnahme ins niedere Barbemuchiat 50 Mark erhalten zu
haben, bestätigt
                                                              i.N.d.C. Schaunard
 
                                Drittes Kapitel
Obwohl das Cénacle keine moralische Anstalt war, so bedeutete es für Stilpe doch
einen Haltepunkt und eine Verbindung wenigstens mit der Fiktion
»extra-alkoholischer Tendenzen«.
    Stilpe führte damals kein Tagebuch mehr, denn er hatte überhaupt das
»unzüchtige Verhältnis mit Büchern« aufgegeben, aber zuweilen, wenn er sich übel
fühlte, ergriff er, wiederum in seinem Stile von damals zu reden, den »Stecken
und Stab des Bleistiftes und wanderte gedankenvoll über die ausgebleichte Wüste
weissen Papieres«.
    Einige dieser Notizen sind geeignet, ein Stück seiner Seele von damals
erkennen zu lassen:
Die Geldmützelei ist ein scheusslicher Unsinn und meiner unwürdig. Aber ich
selbst bin meiner unwürdig, denn ich werfe die gelbe Mütze diesen Idioten nicht
vor die Füsse, sondern ich trage sie noch immer mit einer lachhaften Würde. Heisse
jetzt Erster Chargierter gar. Kann man tiefer sinken?
Ich tyrannisiere diese gelbmützigen Banausen mit vollendeter Kunst und einigem
Genuss, und keiner von ihnen erfreut sich mehr eines intakten Magens. Nie wurde
so gesoffen wie unter meiner Ägide. Was soll man auch mit diesen Knaben anderes
anfangen? Frösche muss man in den Sumpf treiben.
Ich fange an, unzufrieden mit mir zu werden und erwäge den Plan, diese gelbe
Blase zu sprengen. Wenn ich sie nur nicht alle so tiefgründig angepumpt hätte...
    Und ausserdem: Was soll ich denn sonst anfangen? Noch scheint die Zeit nicht
erfüllt zu sein, wo ich mich diesem Herrn Geheimrat Ammer, falls er sich nicht
schon zu seinen Vätern versammelt hat, als Stütze des Staates anbieten kann.
Oder sollte ich tatsächlich studieren? Welch eine Idee!
Nicht mal für Liebe habe ich genügend Zeit. Mann, frage ich, wann kann ich mit
Hingabe und Hinnahme lieben?
    Um zehn Uhr zerrt mich der Leibfuchs aus dem Bett und kredenzt mir das
Antidotum gegen den Datterich, die liebliche Lase voll Culmbacher Biers.
    Bis zwölf Uhr pauke ich der Füchse summende Herde für die Mensuren ein.
    Dann salbt mich der Friseur, und bis um drei Uhr treib ich die braven Knaben
in die Lichtenheiner Schwemme.
    Hol sie der Teufel, ich beneide sie! Denn selbst dieses Lehmwasser macht sie
betrunken.
    Auch mein Mittagsmahl erledige ich um diese Zeit. Es ist erstaunlich, wie
mässig ich darin bin. Rohes Fleisch und Caviar, etliche Eier und Bouillon
erhalten diesen schwachen Leib.
    Von drei bis fünf der Kaffeelachs; doch ist das ein leerer Name, denn ich
habe längst den Kaffee durch Liköre ersetzt, und statt des Skates herrscht der
Lederbecher mit den Knobelknochen. Das ist meine palaestra musarum, denn erstens
erfinde ich neue Knobeltouren und zweitens muss ich beim Mogeln immerhin
aufpassen.
    Das erschöpft mich sehr, und ich begebe mich nun auf das schwarze Ledersopha
in der Kneipe, wo ich der Ruhe pflege, bis das Gas angebrannt wird und die
werten Knaben anrücken, um bis früh zwei, drei Uhr von mir vollgeplumpt zu
werden.
    Mir scheint, das ist kein Leben nach dem Geschmacke Apollos und der neun
Musen, - oder sind es zwölf? Ewig verwechsle ich die Apostel mit den Musen.
    Und die Liebe! Sie muss hungern!
    Liebe und Alkohol sind feindliche Mächte. Tragisches Geschick, beiden hold
zu sein.
Zuweilen gibt es Mensuren. Ich leugne nicht, dass diese kleine Aufregung mich
amüsiert.
    Trinkt man vorher fünf Cognacs, so ist man erstaunlich wacker und liesse sich
mit Heroismus den Schädel spalten. Nein: Lieber bloss die Backe, denn das ists
ja, was den Menschen ziert, und dazu ward ihm der Verstand: Der Durchzieher.
    Ich glaube, jetzt etwa einschockmal gefochten zu haben, wenn man diesen
matematischen Wechsel von Schlag und Parade fechten nennen kann. Man gewöhnt
sich daran wie der Pudel ans Baden.
    Das Schönste dabei ist der Geruch, diese allerliebste Mischung von Jodoform,
Carbol, Cognac und ein bisschen Schweiss. Es wirkt wie ein Aphrodisiacum auf mich.
Aber es ist möglich, dass ich ein bisschen pervers bin. Blutdurst und Wollust!
Gieb mir dein Herz zu saufen Laura: Ich liebe Dich!
    Die schweren Sachen meid ich. Meine Säbelmensur war nicht eigentlich prima
nota. Ich hatte den Cognac überschätzt. Man muss entschieden Porter dabei zur
Hand haben. Porter und Cognac zusammen macht sicher sehr säbelmutig. Man muss nur
auch die Dosis richtig bemessen.
    Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass ich ohne Alkohol mehr horazischen
als achilleischen Mut bewähren würde.
    Dies unter uns gesagt.
Kürzlich focht ein Jüngling auf unsre Waffen, der entsetzliche Angst hatte, sich
aber doch nicht eher umdrehen liess, als bis er einen ausgewachsenen Durchzieher
hatte. Später gestand er mir, dass er »aus Liebe« gefochten hätte.
    - Wie? rief ich, hat Ihr Gegner sich erfrecht, Ihr Fräulein Braut zu
betasten?
    - Ach nein, sagte er, meine Braut wünscht nur, dass ich einen schönen Schmiss
habe.
    So heroisch sind die Töchter Tusneldas angelegt.
    - Hörst du nicht den Eichwald rauschen?
Als ich noch Bücher las, habe ich irgendwo das Diktum gefunden, dass der Mensch
nie verzweifeln könne, denn es bleibe ihm auch beim schlimmsten Zahnweh immer
die tröstliche Möglichkeit des Selbstmordes.
    Ich habe ein Analogon dazu; ich sage mir: Du kannst zwar versumpfen, aber es
bleibt Dir immer noch die Möglichkeit, Journalist zu werden.
Diese Verachtung des Journalismus gehörte zum Repertoire des Cénacles, aber
Stilpe fing doch bereits an, sich mit dem Gedanken sehr vertraut zu machen, dass
ihm schliesslich die Laufbahn des Zeitungslitteraten blühen möchte.
    Zwar war er keineswegs an seiner dichterischen Bedeutung irre geworden; der
Nagel sass fest. Aber der Umstand, dass er jetzt im Grunde nicht einmal mehr Pläne
zu künftigen Werken machte, kam ihm doch manchmal zum Bewusstsein, und dann sagte
er sich: Ich bin eine zersplitterte Natur, der Fluch des modernen Menschen
lastet auf mir, dass wir uns nicht sammeln können; gut also, so ziehe ich ohne
Wehleidigkeit den Schluss daraus und schlage mich zu jenen, die ihre Goldbarren
täglich stückweise und halb ausgeprägt vor die Masse werfen müssen.
    Und sofort malte er sich eine vollkommene Umwälzung der deutschen
Zeitungslitteratur aus, die vor sich gehen würde, wenn er zu ihr gehörte.
    Aber, als ihm ein Artikel, den er einmal in den Ferien geschrieben hatte,
zurückgeschickt wurde, erfasste ihn gleich wieder der grosse Ekel vor diesen
»öffentlichen Männern, die sich zeilenweise prostituieren und sich von ihren
weiblichen Berufsgenossinnen nur dadurch unterscheiden, dass sie nicht gutmütig
wie jene sind.« Und die Zeitungen nannte er nun wieder »Holzpapierbordells«.
Um diese Zeit war es, dass Girlinger wieder vor ihm auftauchte.
    Girlinger hatte in Zürich und Genf studiert, trug schwarze Coteletten, einen
Cylinder und immer Handschuhe. Er war sehr gesetzt und durchaus solide. Sein
Plan war eigentlich gewesen, romanische Philologie zu studieren, und er hatte
diesem Fach, wofür er Fleiss und Talent in sehr hohem Grade besass, auch wirklich
mit Eifer obgelegen, aber, da sein Vater darauf bestand, er müsse sich der
Jurisprudenz widmen, so hatte er sich schliesslich dazu verstanden und trieb nun
auch Jurisprudenz mit Eifer und Zielbewusstsein. Ein gewisser Zug von echter
Resignation stand ihm dabei sehr gut. Äusserlich erlebt hatte er so gut wie
nichts, aber er hatte viel an sich gearbeitet.
    Als er Stilpen zum ersten Mal in seiner gelben Mütze sah, nahm er seinen
Cylinder sehr tief und zeremoniell ab und machte sogar eine Verbeugung dabei.
    Stilpe empfand das als Hohn und stürzte sich auf ihn:
    - Ach, der Herr Referendar! Welch ein Cylinder! Wo hast Du die Sametbürste,
Freund meiner Jugend?
    Girlinger erwiderte: Ich schlage einen anderen Stil vor, wenn wir uns
unterhalten wollen. Übrigens bin ich meinem Examen ferner als Du, denn ich stehe
im ersten juristischen Semester.
    - Ich schlage vor, dass wir weder von Semestern noch von Examen reden, wenn
wir uns unterhalten wollen. Ich spreche nicht gerne von gleichgültigen Dingen.
Nur zu Deiner Orientierung bemerke ich, dass ich immer noch als stud. jur. et
phil. immatrikuliert bin, ohne indes von diesen Würden Gebrauch zu machen. Ich
fahre noch immer fort, mir das Leben anzusehen. Auch trinke ich gerne
Spirituosisches. Du scheinst mir dagegen ein buveur d'eau zu sein.
    - So Mürger kennst Du auch?
    - Es gibt keinen besseren Kenner dieses Klassikers. Schade übrigens, dass
die Stelle eines Barbemuche in unserm Cénacle schon besetzt ist, ich würde sonst
Dir meine Fürsprache nicht vorentalten.
    - Danke. Ich bin nicht für gelbe Mützen.
    - Köstlich! Nein, diese Biermütze hat mit dem Cénacle nichts zu tun. Dein
Cylinderhut läuft keine Gefahr, wenn Du uns die Ehre und das Vergnügen machen
willst, der definitiven Aufnahme des Herrn Lehmann in das höhere Barbemuchiat
beizuwohnen. Morgen Abend um acht auf meiner Bude, wenn ich bitten darf. Oder
fürchtest Du Dich vor ostpreussischen Bowlen...
    - Herr Lehmann ist wohl ein Idiot?
    - Nein, ein Idealist, aber mit Baarmitteln. Du wirst Deine Menschenkenntnis
bereichern, wenn Du kommst, und ausserdem einige Chorgesänge vernehmen, die sich
meiner Verfasserschaft rühmen. Wenn Du aber nicht kommst, so werde ich mich aus
Gram betrinken und in der Betrunkenheit dem Cénacle Deine Flucht nach
Griechenland erzählen.
    - Warum soll' ich nicht kommen? Da Herr Lehmann die Bowle bezahlt, bin ich
ja sicher.
    - Schön, aber Cigarren kannst Du wenigstens mitbringen.
    - Ich rauche nicht.
    - Um so besser, so wirst Du uns nicht berauben. Aber merke Dir die Marke:
Henry Clay. Schreib Dirs ins Notizbuch. Eine Kiste genügt. Schreib aber Clay
richtig, nicht wie das Kuhfutter, sondern so: C... l... a.... y. So ists
richtig. Du wirst wohl empfangen sein!
    - Sind Weiber dabei?
    - Pfui! So einer bist Du? Daher der Cylinderhut und die Koteletten?
Kalipsichore verhüllt ihr Haupt.
    - Wer?
    - Kalipsichore, die Muse der epischen Tanzkunst, wenns gefällig ist. Sie
wird persönlich da sein. Im Civil heisst sie Hulda Ranker. Du kennst doch das
Zeitwort rankern?
    - Ich glaube, Du bist betrunken.
    - Bleibe fest und glaube getrost, Du wirst nicht irre gehn. Aber vergiss die
Cigarren nicht! Du kannst auch Huldan ein Corsett mitbringen. Ich habs ihr schon
lange versprochen. Doch von Seide muss es sein!
    Girlinger hielt es für gut, sich nun zu verabschieden.
    - Total versumpft! dachte er bei sich. Und wie der Mensch aussah! Dieses
angeschwemmte Fett unter fast gelber Haut! Diese unstäten schwimmenden Augen!
Und salopp! In einem Corps scheint er nicht zu sein. Sogar die Wäsche nicht
sauber. Und die Hand feucht. Wie er dahin geht, der richtige Gewohnheitssäufer,
der zwar nicht direkt schwankt, aber doch auch nicht richtig gradeaus gehen
kann. Natürlich auch Gedankenflucht. Er kann sicherlich keine zehn Zeilen
logisch schreiben. Delirantenphantasie. Ein Ragout im Hirnkasten. Wie viel
Schulden mag der Mensch haben!
    Girlinger hatte ein schönes psychologisches Tema für sein Tagebuch.
Stilpes Wohnung lag im Durchgang der grossen Feuerkugel (Einst wohnte Goete hier
- jetzt Wir!) drei Treppen hoch und bestand aus einem mässig grossen Zimmer und
einem Alkoven.
    - Der einzige Fehler dieser Bude ist, pflegte Stilpe zu sagen, dass sie
gerade Wände hat. Schiefe Wände wären stimmungsvoller. Aber man beachte die
charaktervolle Schäbigkeit der Ausstattung! Wer angesichts dieses pöbelhaften
Sophas, dieser kontrakten Stühle, dieses ewig wackelnden Tisches und dieses
immer aufklaffenden Kleidersargs, von dem infamen »Napoleon in der Schlacht bei
Leipzig« ganz zu schweigen, daran dächte, hier die Miete nicht schuldig zu
bleiben, müsste ein gefühlloser Barbar genannt werden. Was aber das Bett anlangt,
meine Lieben, so gibt es keine vorlautere Bestie als dies. Es quietscht schon,
wenn man es ansieht, geschweige denn... aber das ist ein rein musikalisches
Tema.
    In dieser Wohnung also, die wirklich abscheulich war, versammelte sich am
folgenden Sonntage das Cénacle zur Feier der endgiltigen Aufnahme des Philologen
Lehmann, der soviel Geschmack am Cénacle genommen hatte, dass er sich selber an
den gröbsten Verhöhnungen seiner Person beteiligte.
    Stilpe erschien eine halbe Stunde vor Beginn der Festlichkeit. Mit ihm
betrat Hulda Ranker das Zimmer. Sie tat es mit der Sicherheit einer Person, die
mit den Lokalitäten vertraut ist. Hübsch war sie eigentlich nicht, aber sie
hatte das gewisse Pusselig-Graziöse der Leipzigerin, an der der Kenner noch
heute die Erbreste aus jener galanten Zeit bemerkt, in der, wie die
Kulturhistoriker sagen, »die Leipzigerinnen an lockerer Moral mit den
Pariserinnen um die Palme rangen.«
    Die Moral Huldas war wohl nie sehr fest gewesen, aber Stilpe hatte sie,
obwohl er erst vor vier Wochen dem Mädchen »das Taschentuch zugeworfen« hatte,
derart gelockert, dass sie vollkommen durchsichtig geworden war. Aber das stand
Fräulein Hulda gerade gut. Sie gehörte zu den Mädchen, die an Charakter
gewinnen, indem sie an Moral verlieren.
    Im Übrigen war sie schlank, von guter Taille, brünett und passabel
angezogen. Tagüber verkaufte sie Cravatten. Diesem Umstand verdankte die
geistsprühende Scherzfrage Stilpes ihr Dasein: Welcher Unterschied besteht
zwischen Hogart und mir? Antwort: Jener malte ein Crevettenmädchen, ich
bedichte ein Cravattenmädchen.
    Aber mit dem Dichten sah es auch in diesem Falle windig aus. Ausser dem
verwegenen Ritornell:
O holde Hulda!
Ganz ohne Makel wärst Du, reimtest Du Dich nicht
Auf Ludwig Fulda
existierte keine Zeile, zu der Fräulein Ranker Pate gestanden hätte, und auch
dieses zierliche Stachelpoem verdankte seine Entstehung mehr Stilpes Antipatie
gegen »diesen schreibenden Kapitalisten«, als seiner Liebe zu der braunen
Verkäuferin, ganz abgesehen davon, dass es eine von den auch sonst nicht seltenen
Improvisationen seiner Skandierkunst war, die sich auf einen Reimzufall
zurückführen liessen.
    - Lass die Rollfahnen runter, Mädchen, und mach Licht! kommandierte Stilpe.
Es gibt hier in der Umgegend keusche Augen, die sehr lüstern sind. So! Die
Beleuchtung ist mangelhaft, aber das kommt Deinem Teint zugute. Im Schummerigen
wirken die Weiber überhaupt am besten. Daher die vielen Rendez-vous bei der
Gaslaterne. Das elektrische Licht wird die Rendez-vous stark reduzieren, und
Herr Siemens ist für die Moral sehr viel wichtiger, als der Sittlichkeitsverein.
    
    - Quatsch nicht, Käfer. Heute wird so wie so wieder furchtbar geredet
werden.
    - Sehr richtig! Aber auch getrunken, meine braune Taube, ja sogar gegessen,
und zwar keineswegs Schweinsknochen mit Klössen, sondern fabelhafte Sachen.
Ausserdem wirst Du drei neue Männer kennen lernen und zwar 1) jenen Lehmann, 2)
einen Herrn im Cylinder und 3) einen Cylinder mit einem Herrn.
    - Mit Deim närrschen Zeig! (Huldas Aussprüche müssen immer Leipzigerisch
gelesen werden, auch wenn sie deutsch wiedergegeben sind.)
    - Ich rede ernst wie immer. Der dritte Mann ist nämlich der kleine August,
den Kenner trotzdem August den Starken heissen.
    - Warum denn?
    - Nicht bloss im Biceps liegt die Kraft des Manns!...
    - Komm, sag mir, warum er August der Starke heisst!
    - Ich werde mich hüten, denn ich liebe Dich. Nur soviel: Dieser kleine Mann,
der sich durch einen hohen Cylinder zu recken trachtet, ist ein fulminanter
Musikus und würde schon viele Opern geschrieben haben, wenn er nicht immer
trinken müsste. Zwar behauptet er, ich wäre schuld daran, weil ich ihm den Text
nicht schreibe, den ich ihm versprochen habe. Aber das ist eben jene Schlange,
die sich in den werten Schwanz beisst: Ich dichte nicht, weil er nicht
komponiert, und er komponiert nicht, weil ich nicht dichte. Ergo müssen wir
beide saufen.
    - Sag doch nicht saufen, das klingt so ruppig.
    - Kann ich dafür, dass die Wahrheit ein Rauhbein ist?
    - Du bist eins!
    - Und dennoch liebt mich Deine Sanfteit! Aber es klingelt! Schwing Dich
hinaus, Mädchen!
    Es war Herr Lehmann mit drei Packträgern. Er machte eine tiefe Verbeugung,
der man die Tanzstunde ansah, vor Hulda und begrüsste Stilpen ehrerbietig.
    - Schön, mein Engel, sprach dieser, ich sehe, Du hast Alles gut in die Wege
geleitet. Nun lass mich das Auspacken überwachen. Setz Dich zu diesem schlanken
Mädchen, aber halte Dich in den Grenzen der Wohlanständigkeit. Noch bist Du
nicht in der Gemeinde derer, denen Alles erlaubt ist.
    Und nun kommandierte er:
    - Der die Flaschen hat, vortreten!... Ah! Sie! Gut gewählt, der Mann. Er ist
würdig, volle Flaschen zu tragen! Lieben Sie Nordhäuser? Schon gut!... Nun
packen Sie aus! Vorne ran die dicken Flaschen! Gut! ... Wieviel? Sechs? Gut! ...
Jetzt die rotalsigen! Süsse Kerlchen, was? ... Zehne? Da fehlen zweie! Mensch,
Sie werden doch nicht? Ah, da strecken sie ja die roten Hälse vor. Zu den
anderen! Schön ausrichten! Gut! Ganz gut und wacker!... Sie waren gewiss
Unteroffizier. Natürlich! Es lebe der Reservemann!... Aber jetzt die
Gelbkapseln!... Drei! Ja, ja, es werden nicht mehr. Aber reichen Sie mir mal
eine. Schön. Ich bin zufrieden. Lassen Sie sich auszahlen bei dem Herrn dort. Er
wird Ihnen auch ein paar Cigarren geben.
    - Jetzt der zweite mit dem Fresskober und dem Geschirr!... Umgotteswillen
vorsichtig! Den Bowlenbauch mitten auf den Tisch. Die Gläser wie ein Kranz
herum... So! Sie haben Talent, alter Herr... Nun die Teller. Aber da soll dieses
Fräulein helfen... Hulda, arrangiere das Tellerwesen. Und nimm Dich auch der
Messer und Gabeln an. Und nun: Was ruht im werten Schrein!? Gut!... Gut!... Es
ist Alles in rechtem Verhältnis, sowohl das, was dem Meere entstammt, wie das
vom festen Lande. Die ganze Geographie ist vertreten, von der Adria bis zum
schwarzen Meere... Ja, die Eisenbahnen sind ein rechter Segen, nicht wahr,
Mister?... Und nun lassen Sie sich gleichfalls von dem verehrten Gastgeber
auslohnen. Auch Sie haben drei Cigarren extra verdient.
    - Und nun der Düstere in der Ecke mit dem schwarzen Sarg! Heran und
ausgepackt!... Wie? Ein Cello? Seit wann zählt das zu den Viktualien? ... Ah, Du
willst kniegeigen? Schön! Placet! So kann ich mir mein Bettduo sparen.
    Die Packträger traten ab.
    Kaum waren sie draussen, so hörte man in einer Art Bassfistel kreischen:
Infames Rindvieh! Haben Sie keine Augen? Das Luder hat mir die Galloschen
abgetreten!
    Und herein stürmte ein kleiner Mensch mit kurzem weissen Stoppelbarte, kaum
einen Meter hoch, aber mit einem hohen Röhrenhute bedeckt. Er schrie immer noch
und fuchtelte dabei mit seinem Regenschirm herum: Meine rechte Gallosche! Dieses
Trampeltier! Wie? Ochse! Direkt auf die Gallosche! Ich gehe sofort!
    - Aber August! Siehst Du die Dame nicht? klagte Stilpe. Und sofort war der
kleine Mann friedlich.
    - Hehe! Warten Sie, mein Fräulein, gleich komm ich und lege mich Ihnen zu
Füssen. Blos den Hut und Schirm und Mantel, puh, diesen zentnerschweren Mantel,
diese Rüstung, Luder, das...
    Herr Lehmann stürzte herbei und nahm dem Kleinen die Garderobe ab.
    - Sehr nett, Herr...?
    - Leh... Barbe... (Herr Lehmann wusste im Cénacle bis jetzt noch nicht wie er
hiess).
    - Sehr freundlich, Herr Lehbarb!
    Stilpe wieherte vor Entzücken.
    - Gottverdammich, was heulst Du wie eine Lokomotive! Willst Du mich
wahnsinnig machen? Kennst Du keine Rücksicht? Ich gehe sofort!
    - Aber August! Du hast Dich dem Mädchen immer noch nicht zu Füssen gelegt.
    - Oh, oh, oh, oh, Dein Geschrei! Dein Geschrei! Aber jetzt liege ich schon.
    Und er fuhr auf Hulda los und ergriff ihre Hände und machte dabei eine
Verbeugung, so dass er sie niederzog wie einen Plumpenschwengel.
    - Ach, die reizenden warmen Händchen! Uh, uh, uh, ti, ti, ti, so warme
Patschen! Mm, mm, mm! Heissen?
    - Hulda heisst das Mädchen, bemerkte Stilpe.
    - Hab ich Dich gefragt? Weg! Weg! Kommen Sie, Huldachen, zu mir aufs
Kanapee, Huldachen.
    Er schleppte sie förmlich zum Sopha, auf das er sich nach türkischer Art
setzte, weil er europäisch sitzend mit den Füssen nicht zum Boden gereicht hätte.
    Das Zimmer war jetzt eigentlich schon voll, aber es kamen noch sieben
Personen, nämlich:
   1) Girlinger, der sich überaus schüchtern und mit der ganzen Ratlosigkeit
  eines stark kurzsichtigen Menschen benahm, dem die Brille angelaufen ist. Die
  Cigarren hatte er mitgebracht;
   2) Stössel, der diskret den Corpsstudenten zu markieren bemüht war und
  übrigens etwas blasiert aussah. Mit ihm
   3) Fräulein Grete Gramm, genannt das allitterierende Mädchen, eine etwas
  üppige Blondine, phlegmatisch, aber unendlich verliebt. Übrigens eine
  »Bürgerstochter«;
   4) Wippert, der jetzt einen sehr schönen dichten Schnurrbart hatte und nicht
  ganz geschickt den ungezwungenen Weltmann spielte. Mit ihm
   5) Fräulein Clara Winkler, ein sehr lebhaftes rotblondes Ding, das draussen am
  Carolateater Choristin war und den braven Wippert ein bisschen tyrannisierte;
   6) Barmann, der immer noch wie ein Knabe aussah, obwohl er eine Menge
  Schmisse auf der linken Backe hatte und ungemein selbstbewusst auftrat. Dieser
  mit
   7) Fräulein Anna Obersdorfer. Das war eine sehr kleine, flinke Person mit
  grossen lebhaften schwarzen Augen und braunen, lockigen Haaren, die die Stirne
  ganz verdeckten. Sie hatte etwas spätzinnenhaftes in ihrer hupfigen Hurtigkeit.
  Auch »Bürgerstochter«, aber schon eigentlich nicht mehr ganz.
Die elf Personen wurden folgendermassen plaziert:
    Sopha: Linke Lehne: Stössel. Rechte Lehne: Barmann. Neben Stössel das
allitterierende Mädchen. Neben Barmann die kleine Anna. Mittelplatz: Der kleine
August mit Hulda.
    Dem Sopha gegenüber, auf Stilpes Koffer (einst war er, mit Schmetterlingen
angefüllt, in Südamerika gewesen), Wippert und die rote Clara.
    An der linken Schmalseite des Tisches Girlinger, an der rechten Stilpe.
    Herr Lehmann stand, gelehnt an sein Cellogehäuse, zwischen Tisch und
Alkoventür.
Wenn vier Leipzigerinnen mit sechs jungen Männern und einem alten Herrn von der
Art des kleinen August zusammen sind, so geht es nicht leise zu, sondern sehr
schnabellaut wie in einem Spatzenschwarme, der sich auf einem vollen Kirschbaume
niedergelassen hat. Als ob sie vier Wochen in ein Trapistenkloster eingesperrt
gewesen wären, schwatzten die Mädchen, und die Cénacliers taten das Gleiche.
Aber der Quetschdiskant des kleinen August dominierte deutlich. Allen Mädchen
gleichzeitig galante Komplimente zu sagen, aber zugleich die jungen Herren mit
Grobheiten zu regalieren, schien sein Programm zu sein. Die andern spielten nur
ihr Instrument, er, der Kapellmeister, beherrschte die Partitur. Es war wirklich
eine Leistung. Girlinger, neben Herrn Lehmann der einzig Schweigende, duckte
sich unwillkürlich etwas in diesem Gestöber von Worten.
    Da erhob sich Stilpe mit der gelassenen Eleganz eines Hofmarschalls und
sprach:
    - Mädchen und Freunde! Der Wohllaut eurer Stimmen ist lieblich, und ich
möchte ihm gerne noch stundenlang lauschen. Aber die Pflicht hebt ihren ernsten
Zeigefinger. Wir haben heute eine Sache von Wucht und Wichtigkeit vor; lasst uns
sogleich daran gehn! Es gilt, diesen Herrn (treten Sie vor, Novize!), der sich
in den niederen Probegraden nicht ganz übel benommen hat, nun endlich und
formell zu entlehmannen. Seht ihn euch noch einmal prüfend an und lasst euch
nicht den Blick durch diese Flaschen und Viktualien trüben, indem ihr euch die
Frage vorlegt: Darf er der Schwelle bittend nahen?
    - Er darf! riefen die Dreie dumpf.
    - Aber natürlich! sagte die kleine Anna. Warum soll er denn nicht dürfen? S
is ja n ganz netter Herr!
    - Colline, bind Deiner Göttin das Gehege der Zähne zusammen; sie macht den
Novizen eitel. Wir aber wollen beginnen!
    - Novize! Beherrschen Sie die glänzenden Verse, in denen Sie zu uns zu reden
haben?
    Herr Lehmann verbeugte sich und sagte: Ja!
    - Novize! Schwören Sie, demütig und ohne Murren Alles zu vernehmen, was man
Ihnen jetzt sagen wird?
    Herr Lehmann verbeugte sich und sagte: Ja!
    - Novize! Fangen Sie an:
    Herr Lehmann trat einen Schritt vor legte beide Hände kreuzweis über die
Brust, machte in dieser türkischen Haltung eine ganz tiefe Verbeugung, liess dann
die Hände an den Seiten herabsinken und deklamierte, wirklich nicht übel, was
folgt:
Wie Runkelrübenzuckernachgeschmack
Liegt mir im Innern schlammig schwappelig
Ein ekelhaftes je ne fais quoi.
Oh welch ein Bandwurm quält mich Unglückswurm?
Ich frug herum in manchem braven Haus,
Dess Fenster aus bestrichenem Glase sind
Und dessen Hausflur rot beleuchtet ist,
Ich...
Da rief die kleine Anna: Schämen Sie sich, Herr Lehmann!
    Stilpe war empört:
    - Colline! Wenn Dein Ideal nicht den Schnabel hält, musst Du die Bowle...
aber ich will nicht vorgreifen. Weiter, Novize.
    Herr Lehmann fuhr fort:
Ich fragte manche blonde Pytia
(Auch manche braune, wie es grade kam):
Setz auf den Dreifuss Dich und sage mir
Wie heisst der Bandwurm, der mich so zerstört?
Doch da kein Dreifuss gegenwärtig war,
Ward kein Orakel mir. Ich zahlt und ging.
Barmann musste, während Herr Lehmann eine Pause machte, der kleinen Anna eine
Serviette um den Mund binden. Aber der kleine August war ausser sich vor
Vergnügen, und er schrie: Er zahlte und ging! Hehehe! Warum war auch kein
Dreifuss gegenwärtig!? Hulda! Warum?
    Stilpe machte: Pst!
    Herr Lehmann fuhr fort:
Da fuhr aus grauer Wolke breit und schräg
Ein Balken Licht in mein gequältes Herz,
Und eine linde Stimme sprach: Kameel!
Zu viel des Leders frassest Du, darum
Bist Du so ledern selber ganz und gar -:
Geh hin, purgiere Dich des Pergaments,
Stoss aus den Wust von Chi und Phi und Psi
Und zähle fürder keine Kommas mehr
In alten Schwarten, denn ich sage Dir,
Das ist der Wurm, der Dich zum Wurme macht.
Und ich purgierte mich. Das Seminar
Mied ich wie böser Gase üblen Stank
Und wälzte keine Folianten mehr
Und lauschte nicht mehr mit gedehntem Ohr
Dem Oberkommazähler, und ich ward
Beinah ein Mensch.
So steh ich hier am Tor
Und klopfe mit gekrümmtem Finger an:
Lasst mich, nicht in den Tempel, sag ich, oh,
Nein lasst mich in den Vorhof bloss hinein,
Dass, ein bescheidner Wandler, rund herum
Um des Cénacles wunderbaren Bau
Ich leise schreiten darf und hie und da
Hinlegen auf der Schwelle Marmorweiss
Ein kleines Opfer der Ergebenheit.
Herr Lehmann schwieg und machte wieder eine ganz tiefe Verbeugung.
    Stilpe erhob sich mit Priesterwürde und skandierte:
Die ihr Adepten seid, sprecht euern Doppelvers!
Und Barmann brummte:
Ein sehr verwegener Knabe, in der Tat!
Weinreben nehmt und schlagt ihn auf den Steiss!
Herr Lehmann erschrak und trat einen Schritt zurück. (Denn er hielt Alles für
möglich.)
    Wippert aber rief:
Legt mir den Jüngling in ein Lexikon
Als Lesezeichen, klappt das Buch dann zu!
Herr Lehmann schüttelte betroffen das Haupt.
    Und Stössel im Ü-bäh-Tone:
Es müfft der Mensch. Er riecht nach Wasserfleck.
Desinfiziert ihn mir mit Bibergeil!
Herr Lehmann wollte beinahe ärgerlich werden, er erhob schon die Arme. Aber
Stilpe sah ihn durchdringend und zornig an.
    Dann sprach er selbst:
Zu strenge seid ihr, und ich tadle euch.
Seht ihr die Flaschen nicht, das Roastbeef nicht?
Oh lenkt von dieser bangen Menschlichkeit
Den strengen Blick zu diesem Caviar
Und seht der Sprotten goldne Enge an,
Der Flundern breite Liebenswürdigkeit,
Und ach, den Rollmops, wie er zärtlich blinkt
Im Zwiebelkranze, pfeffereingekörnt
Seid milde, milde, milde, sag ich euch,
Wie dieser Tunfisch, der im Öle schwimmt,
Denn wisset, was in Silber rundlich hier
Priapisch leuchtet, ist kein leerer Wahn,
Nein: Echt Strassburger Gänseleberwurst!
Und also sag ich: Wer kein Unmensch ist,
Entlehmannt diesen Lehmann, und mein Wort
Heisst: Heil Barbemuche, tritt in den Vorhof ein,
Und nimm aus Deiner Westentasche das Recept,
Wie man die Bowle, die Imanuel
Der grosse Kant erfunden, weislich mischt!
Bei diesen Worten erhoben sich die drei Cénacliers mit ihren drei Mädchen und
riefen selbsechst sehr laut und stürmisch:
Es lebe Barbemuche! Er mache die Bowle!
Heil! Hurrah! Landerirette!
Der kleine August aber schrie: Komm Se her, Herr Barbemuche, gäm Se mir n Kuss!
Nee, warten Se mal, lieber nich! Gäm Se Huldan n Kuss! Und Hulda gibt mirn
wieder, wenn Stilpe nischt drwider hat.
    Und jetzt gings los. Stilpe sang mit seiner grausamen Stimme das Lied von
der Königsberger Bowle:
Braun, braun, braun,
Braun ist die Bowle, wie was?
Wie was? Wie was?
Ach, Kinder, seid moralisch,
Die Bowle, die ist nass,
Die Bowle, die ist nass.
- Heda, rief Wippert, die Mädchen beengen uns. Sie sollen hinter den Stühlen
stehn und uns bedienen. Wir sind die Herren mit dem Peitschenstiel!
    - Du bist wohl verrückt, rief seine rote Clara, wie er sich mausig macht!
    - Nein, er hat recht! schrie der kleine August. Alle Mädchen raus! Raus!
Mädchen sind gut, aber erst trinken! Dann könn se wieder rein! Zu enge! Zu enge!
    Er hatte schon fünf Glas getrunken.
    Stilpe schlichtete das Problem salomonisch:
    - Es ist zu enge, das ist klar. Aber die Mädchen in den Alkoven zu sperren,
wäre grausam und gefährlich. Ich schlage dies Arrangement vor: Barbemuche und
mein Freund Girlinger schieben diesen köstlich beladenen Tisch in die Ecke, und
wir legen uns in den Lichtkreis dieser Petroleumampel auf die Erde. Hulda, hol
die Kissen rein! So wollen wir schlemmen und schlampampen, nach griechischer
Art, lang liegend wie Schläuche, immer ein männlicher neben einem weiblichen.
    - Ja, liegen, liegen! rief der kleine August. Hulda, kennste Hamletn?
    Und sie lagerten sich griechisch, wie Schläuche.
    Das allitterierende Mädchen nahm sich besonders gut aus.
    - Sie sind das schönste Kanapee im Möbelmagazine des Herrn, sagte der kleine
August.
    Herr Lehmann musste anstatt eines Mädchens sein Cello neben sich legen und
die wichtigsten Reden, zumal, wenn sie rhytmisch wurden, mit leisem
Saitenrupfen begleiten.
    Es entwickelte sich ein unbeschreiblicher Lärm, zumal dann, als die
Delikatessen, von denen Stilpe übrigens einige beiseite gebracht hatte,
aufgezehrt waren und die Henry Clays dampften.
    Der kleine August wälzte sich von Mädchen zu Mädchen und ächzte nur noch,
wenn er nicht trank. Ächzend entwarf er verführerische Schilderungen seines
Schlafrockes, den ihm Richard Wagner geschenkt haben sollte: - Besucht mich doch
mal, Kinder, mein Schlafrock ist aus Seide, hehe, so mollig, und meine Badewanne
ist auch nicht aus Pappe, nee!
    Wenn aber jemand zur Unzeit lachte, wurde er ungeheuer wild und brüllte
Schimpfworte der unerhörtesten Art. Manchmal sang er auch Melodieen aus seinen
vielen ungeschriebenen Opern, die alle höchst erotischer Natur waren und im
Oriente spielten.
    - Hehe, was hat der Meister gesagt? Gottseidank, hat er gesagt, dass der
kleine August säuft, sonst müssten wir uns einpacken lassen.
    - Und deshalb säufst Du ja bloss, August, sagte Stilpe. Er säuft aus Liebe zu
Wagner, weil er den nicht umbringen will. Es lebe August der Grossmütige!
    - Halts Maul, Stilpe, ächzte August, Du bist die frechste Canaille, die ich
kenne, aber ich liebe Dich, ich liebe alle frechen Canaillen. Hulda, klopf mir
den Buckel ab!
Es dauerte nicht lange, und Alle waren betrunken, sogar Girlinger, der sich
abwechselnd einen Rabulisten nannte und provençalische Minnelieder sang.
    Barmann hielt Volksreden, wobei er fortwährend wiederholte, nicht Bebel sei
Präsident, sondern Bismarck.
    Auch der kleine August schrie, dass er Bismarck liebte, nur wäre es schade,
dass er kein Sachse wäre.
    Wippert lag sehr lange auf den Knieen und küsste der roten Clara die Schuhe.
Dazu sang er:
                             Lang, lang, ists her.
Stössel entwickelte Ideen über das Salondrama, das nur geflüstert werden dürfte
und wobei man, wie jetzt Operngucker, Hörröhren im Teater verleihen würde.
    - Das Flüsterteater ist das Teater der modernen Nerven, das Teater der
Seelendüfte. Seelengesäusel! Wollustgewisper! Sanft! Ganz sanft! Hauch!
    Und er flüsterte selber nur noch so leise, dass ihn ein Mensch mehr verstand.
    Aus reiner Opposition stellte Stilpe das Ideal eines »Schmetterteaters«
auf.
    - Nur noch Verse, lang hinhallende Verse wie Fanfaren, Posaunenstösse, die
wie lange Donner machtvoll ausrollen. Z.B. so, und er brüllte mit voller
Lungenkraft:
Ein Meer von Bowle, Dir, Natur, gebracht,
in langen, langen, langen Zügen, ohhh!
Sonst sprach man mehr von unlitterarischen Dingen, und Stilpe stellte sogar die
Behauptung auf, es sei eine Schande, an Litteratur auch nur zu denken, so lange
der Magen noch gesund sei.
    - Nur Magenkranke dichten. Wer gesund ist säuft. Und das ist der Grund
unsres Saufens. Wir saufen, um auf dem Umwege über eine Magenkrankheit einmal
Dichter werden zu können.
    Unendlich oft sank man sich in die Arme, zumal, als die Mädchen
eingeschlafen waren. Die dicke Grete hatte sich mit Hulda direkt ins Bett
gelegt, und die kleine Anna glaubte offenbar, sie wäre zu Hause, denn sie zog
sich bis aufs Hemd aus und legte sich aufs Sopha. Herr Lehmann durfte ihr ein
Schlummerlied auf dem Cello geigen, und sie küsste ihn dafür recht herzlich, wenn
auch im Schlafe. Die rote Clara hatte sich nur die Haare aufgemacht und lag dem
kleinen August im Schosse, der aber keinen Sinn mehr dafür hatte und ein paar mal
rief: Nehmt doch die Apfelsinne weg!
Früh um drei schlief Alles. Nur Stilpe stieg zwischen den Schlafenden hin und
her und trank die Bowle leer. - Die Betrunkenheit hob und senkte sich in ihm.
Ihm war, als führe ihn etwas im Kreise herum. Zuweilen lallte er:
    Wie dieser Lehmann schnarcht!
    Dieser Idiot ist ganz selig. Warum? Er hat seine Kniegeige.
    Und dieser lasterhafte Greis! Glücklich ist der Halunke. Warum? Er glaubt an
Richard Wagner.
    Und diese lieben Knaben, eingeschlossen Girlinger. Unbeschreiblich
zufriedene Burschen! Warum? Sie haben ihre Frauenzimmer oder ihren Cylinder.
    Dahingegen ich!
    Ich muss über ihre schnarchenden Leichen steigen und kann nicht schlafen.
    Ach, was bin ich elend! Ach! Ach! Ach! Heulen! Heulen!
    Warum ist mir so übel? Warum geht Alles in mir auseinander?
    Die Schulden! Die Schulden! Überall Schulden! Und, äh, ich weiss nicht recht,
verlohnt sich denn das Alles? Ich... rutsche ja... ich rutsche ja...
    Plötzlich gab er Girlingern einen Stoss mit dem Fusse.
    Girlinger lallte: Drück mich nicht so, Johanna!
    Stilpen erfasste ein wütender Zorn: Also auch dieser Häring seufzt! Und er
stiess ihn noch einmal: Girlinger!
    - Was denn?
    - Was hältst Du eigentlich von mir! He? Nicht wahr, ich bin ein Lump und
kuhdumm!?
    - Versumpft, ganz versumpft, total.
    - So, so? Reizend! Hast Du gar keinen Respekt vor mir mehr? Wie?
    - Lass mich schlafen, ich muss schlafen. Die Cigarren sind sehr teuer.
    - Ob Du mich für dumm hältst!
    - Ja, ja doch, meinetwegen, Du bist ja natürlich dumm. Das ewige Saufen...
Du musst ja verblöden. Und ausserdem.... geschmacklos... Ah... Ich muss schlafen.
    Natürlich: Dumm!... Ja, ja, das Saufen!... Geschmacklos... Freilich...
Blöde... Hm... Mir ist selber so... Äh, wie die Mädchen schnarchen...
    Er stellte sich vor die kleine Anna hin: Wie rund sie ist. Hm. Fest. Warm.
Und ich stehe da wie ein Klotz. Ich... ich... habe nicht mal mehr Lust an dem.
Ich... Gott! Gott!...
    Er sah sich scheu um und fuhr ihr mit der Hand über die Brust, aber wie
angeekelt zog er die Hand schnell zurück.
    Plötzlich warf er sich mitten ins Zimmer.
    - Ein Sauleben! Ein Sauleben! Alles hin!
    Alles leer! Fertig! Fertig! Jetzt schon fertig!...
    Er lachte laut auf und trank den Rest der Bowle aus dem Löffel.
    - Und was für eine Art Besoffenheit das ist. Ich werde jetzt moralisch, wenn
ich bezecht bin. Köstlich! Über alle Begriffe köstlich! Das ist der Finger
Gottes! Ich soll in mich gehen! Ein ausgezeichneter Fingerwink! Eine sublime
Ironie!:
    Halt ein mir dem Suff, sonst kriegst Du die Moral!
    Man kann nicht deutlicher sein. Oh ja, es gibt eine Vorsehung, meine
Herrschaften!
    Äh, pfui Teufel.
 
                                Viertes Kapitel
Eine kalte Märznacht; Regen, Wind und zerfetzt jagende Wolken. Das Teater ist
aus. Karl Häusser aus München hat den Falstaff gegeben, und trotz des
abscheulichen Wetters ist es den Leuten, die aus dem Teater kommen, behaglich
zu Mute. Auch Girlinger ist darunter. Eben spannt er den Regenschirm auf, um
seinen Cylinder und den neuen langen englischen Überzieher zu schützen, da tritt
Stilpe an ihn heran. Er hat keinen Überzieher, und statt der gelben Mütze sitzt
ihm ein alter Schlapphut auf dem Kopfe. Seine Hosen sind unten ausgefranzt,
seine Stiefel zerrissen, statt Kragen und Shlips trägt er ein wollenes Halstuch.
    Girlinger erschrickt, wie er ihn sieht, und macht eine Bewegung, als wolle
er davon.
    - Aber es ist ja dunkel, Herr Referendar! Du wirst Dich nicht
kompromittieren, und ich werde Dich nicht einmal anpumpen, denn die zwei Mark,
die Du mir spenden würdest, helfen mir nichts. Aber reden möcht ich n bisschen
mit Dir. Mir ist, als hätten wir uns eine gute Weile nicht gesehen.
    - Ich wusste nicht, dass Du noch hier bist. Ich glaubte...
    - Was glaubtest Du? Geniere Dich nicht...
    - Nun, ich dachte, Du wärest vielleicht...
    - Nach Amerika? Oder zur Schutztruppe?
    - Ich meinte, Du wärest fort.
    - Fort! Sehr gut! Aber siehe, noch ist er da! Ja: Bleibe im Lande und nähre
dich redlich, wenn Du kein Reisegeld hast, mein Sohn... Wo gehst Du hin?
    - Nach Hause.
    - Ah so! Nach Hause. Das klingt ungemein nett. Sag mal, Du hast doch einen
Hausschlüssel?
    - Gewiss.
    - Schön. Dann kannst Du mir wohl ein paar Viertelstunden schenken?
    - Eigentlich habe ich keine Zeit, da ich morgen Sitzung habe und mich noch
etwas in den Akten umsehen muss.
    - Sitzung! Akten! Nein, dass ich mit solchen Würdenträgern umgehen darf! Wenn
Leipzig russisch wäre, wärst Du sicher schon Beamter der achten Rangklasse.
    - Ja, wenn Du mich verhöhnen willst...
    - Nein, Girlinger, wirklich nicht. Nee. Ich bin so matsch... Weisst du, meine
Stiefeln haben nur noch nominell Sohlen, und Abendbrot hab ich auch noch nicht
gegessen. Da sollte ich höhnen? Nein, ich höhne nicht.
    - Aber, Mensch, wovon lebst Du eigentlich?
    - Sei unbesorgt: Louis bin ich nicht, obwohl... na, gleichviel. Du warst im
Teater?
    - Ja.
    - Ich auch.
    - Wie? Obwohl Du kein Geld zum Abendbrot...
    - Ja, die Kunst, mein Lieber! Die Kunst! Ich bin nämlich Aushilfsstatist.
Hast Du mich nicht bemerkt? Gelbe Schlappstiefel und einen grünen Busch. Ho!
Wenn nur die Wämmser nicht so stänken.... Aber, was: Der Häusser, das ist ein
Kerl! Wie? Es ist gemein von Heinrich, diesen Falstaff am Schlusse zu
behandeln... man könnte heulen! Überhaupt: Das ganze Stück wird zur Tragödie
durch diesen Schluss. Und diese Parkett- und Galleriewanzen fühlen das gar nicht.
Oder etwa Du? Oh nein! Welch eine Genugtuung, dass das fette Laster sein Teil
kriegt. Widerlich. Auch Shakespeare war ein kluger Herr und verstand das
Geschäft wie Ludwig Fulda. Äh! Mich hats gejuckt, laut aufzuschreien und diesem
grünen Tugendprotz von Heinrich meine Schlappstiefel an den Kopf zu werfen.
    - Ein angenehmer Effekt.
    - Ja, aber er hätte mich meine künstlerische Position gekostet. Nein, ich
darf Shakespearen keine Gemeinheit vorwerfen. Ich bin auch ein rechnendes
Schwein. Mangelnde Abendbrote demoralisieren.
    Girlinger fing an, einen psychologischen Bissen zu ahnen. Es musste wohl
interessant sein, das Problem der Verlumpteit an einem konkreten und dabei
einigermassen vertrauten Fall zu studieren. Er liebte solche Studien, wenn sie
bequem gemacht werden konnten. Also lud er Stilpen ein, mit ihm in ein Lokal zu
gehen und Abendbrot zu essen.
    Stilpe nahm diese Einladung mit Lebhaftigkeit an:
    - Mensch, wie schön sind Deine Gedanken! Und ich hielt Dich keines Schwungs
für fähig! Verzeihe mir! Aber Du musst das Lokal mich bestimmen lassen. Nur ist
es schwer, denn Dein Cylinder passt nicht in meine Milieus... Aber es geht schon.
Die Gosenstube in der Klostergasse ist ein Rahmen, der für Dich und mich passt.
Auch gibt es dort wunderbare Sooleier und einen Nordhäuser, der die Seele mit
feurigem Besen fegt. Du hast das ja nicht nötig; Deine Seele ist rein; dafür
kannst Du Dich ja an die milde Gose halten. Ich aber werde mich auf Deine Kosten
gewaltig ausfegen.
    Sie gingen in die Gosenstube und fanden einen leeren Tisch. Stilpe ass mit
Heisshunger und sehr viel, die Gose aber benutzte er nur als Vorwand für eine
grosse Anzahl von Nordhäusern, die er mit »Kutscherschwung« zu sich nahm, wobei
es stets den Anschein hatte, als wolle er das Glas mit verschlingen.
    Im Lichte der Gasflammen sah Girlinger, wie ihm die letzten drei Jahre
zugesetzt hatten. Das unrasierte Gesicht fahl und aufgedunsen, die Lippen
bläulich, die Augen scheinbar kleiner geworden und sehr unstät. Eine zuckende
Unruhe im ganzen Wesen, zumal in der Bewegung der Hände etwas ziellos Fahriges.
Aber der Nordhäuser schien zu beruhigen. Zuletzt bekam Stilpe sogar seinen alten
Zug von souveräner Ironie und die gewisse, etwas zu deutlich markierte vornehme
Lässigkeit der Gesten. Zumal den Rauch der Cigarre blies er ganz wie früher so
grandios und dabei mit Genussmiene von sich. Auch seinen alten Stil gab ihm der
Nordhäuser ungefähr wieder.
    - Ja, mein Teurer, bis auf diese etwas kleckerige Bank da habe ich mich
glücklich hinabavanciert, seitdem diese lieblichen Idioten mit den gelben Mützen
mich hinausgetan haben: Wie heisst es doch: c.i., das ist cum infamia. Nun ja:
Eine reizende Phrase. Ich hätte die ganze Sache mehr von diesem ästetischen
Standpunkte ansehen sollen. Und wie nett das eigentlich war, ich meine, wie gut
es dieses brave Schicksal eigentlich gedeichselt hat, wie mütterlich
vorbereitend. Erst diese Jünglinge mit ihrem Mikrokosmos von Bierjudikatur, und
drei Monate später dieser Makrokosmos des Senats der freundlichen Alma mater.
Nochmal c.i. So sind die Naturgesetze. Du verstehst mich doch?
    - Ja, aber sag mal: Hast Du denn wirklich...?
    - In der Tat: Ich habe wirklich.
    - Aber Mensch, Du musstest doch bedenken...
    - Was musste ich bedenken? Dass die Kasse der gelben Mützen nicht meine Kasse
war? In der Tat! Dieser Umstand war mir nicht verborgen. Aber ab 1: Eine andre
Kasse hatt ich leider nicht und ab 2 schwang mich die Wiege der Zuversicht, das
biedere Cénacle, inclusive die beiden kapitalkräftigen Barbemuches, würden mich
momento quo (das ist mein Privatlatein) nicht in der Galläpfelsauce sitzen
lassen. Ein falsches Calcul, mein Holder, und wenn Du ein bisschen in der
Weltgeschichte blätterst, wirst Du die Erfahrung machen, dass so was schon
manchmal mehr als eine gelbe Mütze und eine Matrikel gekostet hat. Übrigens wäre
ich wirklich beinahe der honorigen Studentenschaft erhalten blieben. Aber nicht
immer vermögen die Unterröcke zu retten, was die Hosen versehen haben.
    - Das verstehe ich nicht.
    - Tröste Dich: Ich werde es Dir gleich erzählen. Erinnerst Du Dich an meine
erste Liebe?
    - Welche?!
    - Die chronologisch erste... Ich habe es Dir wie jedem Andern damals
unfehlbar erzählt. Josephine hiess sie.
    - Ach so, die, wo Du erst acht Jahre alt warst, in dem Dresdener Institut?
    - Präzis die. Josephine. Buschkleppern seine. Dieser Engel hat mich retten
wollen. Es ist zweifellos rührend.
    - Aber wieso denn?
    - Sehr einfach. Du erinnerst Dich, wie ich euch damals die ganze Sache klar
machte. Nicht wahr? Ich sprach doch, wie Cicero und Catilina in einer Person. Es
war einer meiner Höhepunkte. Ein paar Anakolute hab ich noch in der Erinnerung.
Nun, ihr wart mit Talg gepanzert. Es rollte Alles ruhig ab. Besonders Du warst
ein grosses Achselzucken. Hehe, famos hast Du das gemacht, mein Liebling! Prost!
Dafür sollst Du heute noch viele Nordhäuser bezahlen. Also schön. Ich raste ab.
Du musst Dich daran erinnern. Ich habe in meinem Leben das Wort Schweinehunde!
nie wieder so schön tremoliert. Und überdies warf ich Dir ja ein Bierseidel an
den Bauch. Nicht wahr, Du erinnerst Dich deutlich?
    - Ja, Du warst noch unflätiger, als sonst.
    - Das ist mir lieb, zu hören. Aber sela! Als ich draussen war, sagte ich mir:
So, die Sache ist nun fix; wo tröst ich meine Seele? Und da besuchte ich denn,
aber Du darfst nicht rot werden, Referendar, jene Hausbesitzerin, von der wir
manchmal gesungen haben:
Warum ist Deine Laterne wie Blut so rot, Amalie?
Du hast das sehr schön singen können, mein Engel, und oft habe ich Dich im
Scheine dieser Laterne stehen sehen, überglüht wie von der Morgenröte. So
magisch wirst Du nie wieder aussehen, nie! Und darum prost und sela! Apropos: Du
bist doch verlobt?
    - Das gehört wohl nicht hierher.
    - Nein, es fiel mir in diesem Zusammenhange bloss so ein. Weisst Du, mir fällt
immer das Ungehörige ein, hehe. Übrigens fange ich an, in Stimmung zu kommen,
und da rutschen mit immer die Gedanken aus. Wart mal, wovon sprach ich doch.
Richtig: Von Deiner Braut! Ist sie wieder gesund?
    - Sei nicht albern. Du sprachst von dem Hause dieser alten Bettel, dieser
Amalie.
    - A-ma-li-eh! Richtig! Und, dass ich damals hinging, wie ihr mich verstossen
hattet. Richtig! Ich bin im Gleise wie die Pferdebahn. Nun gerade aus! Hüh! Brr!
Ulrichsgasse! Alles aussteigen! Ah! Was gibts Neues, Mutter der Houris? Wa-as?
Wer ist denn das da? Ruhe! Na ja, is gut...
    - Mensch, Du phantasierst ja.
    - Roll mir ein paar Sooleier her, und ich steige auf die Erde
    Er ass ein paar Sooleier und kam zu sich.
    - Also denke Dir: Ich gehe mit einem Mädchen hinauf und unterhalte mich mit
ihr. Sie gefiel mir nicht etwa. Nein, sie gefiel mir gar nicht. Sie war so, ich
weiss nicht, so fatal dürr und, ja, Gläsern. Sie hatte entschieden grüne Augen
und unendlich viel Sommersprossen. Aber um den Mund rum hatte sie so was
Verächtliches, als ob er schon oft vor Ekel ausgespuckt hätte. Weisst Du, wer so
einen Mund gehabt hat? Unser alter Freund Börne.
    Also, sie setzt sich aufs Bett und sagt: Na?
    - Hm, sag ich, schenken wir uns das!
    Sie guckt mich gross an.
    - Weisst Du was, sage ich, Du kannst mir dafür Deine erste Liebe erzählen.
    - Ich? sagt sie, ich habe gar keine erste Liebe gehabt. Gerade, wies anfing,
wars aus!
    - Nee, sage ich, so was! Das musst Du mir nun grade erzählen.
    Sie wollte durchaus nicht, aber ich hatte die Gabe der Eindringlichkeit,
weisst Du, mit ein bisschen Schauspielerei und ein bisschen Gefühl neben dran. Denn
ich war ja immer gefühlvoll neben dran, hehe. Und so erzählt sie mir denn...
aber das war wirklich... hol mich der Teufel noch einmal!... ich dachte, ich
wäre endlich wieder mal betrunken... ja, denke Dir: Sie erzählt mir meine
Geschichte von damals! Ganz genau! Unterm Kateder und dann im Garten!
    Ich kriegte direkt Angst. Ich packte sie an den Handgelenken und sah sie so
fürchterlich an, dass sie aufschrie. Und da nannte ich ihren Namen, den
richtigen, und dann meinen.
    Nordhäuser! Nordhäuser!
    Er war ganz aufgeregt.
    - Wie sie mich da ansah! Die grünen Augen wurden tiefblau und strahlig. Und
mit einem Male lag sie mir am Halse und heulte, dass ich denke, sie läuft aus.
Und stammelt und stottert und klappert mit den Zähnen. Herrgott! In meinem Leben
habe ich ein fremdes Leben nie wieder so gefühlt. Mir wars, als hätte ich ihr
Herz leibhaftig und blutend und stossend in meiner Hand, und es rönne mir über
die Finger.
    - Du Windelband! Glotze gescheidter. Hehe! Dieser Referendar ist ergriffen!
    Er lehnte sich zurück und blies den Cigarrenrauch lachend von sich.
    - Komisch! Furchtbar komisch! Was? Das Leben ist talentvoll. Es macht die
schwierigsten Sachen ohne allen Apparat. Schmeisst da zwei Zerschmissene
aufeinander und sagt: Da habt ihr euch!
    Er sah Girlingern blinzelnd an:
    - Nicht wahr, die Geschichte ist ein paar Nordhäuser mit Sooleiern wert?
Aber mir wird sie langweilig. Was kam auch noch? Ich hatte das Stichwort und goss
nun meine Geschichte von mir: So, na und dann bist Du also gefälligst bald
dortin gekommen, wo Du jetzt bist, mein teures Mädchen; bon! Des Herrn Wege
sind unerforschlich, und: Wer weiss, wozu es gut ist, sagt der Christ. Ich
aber... Ach, ich mag nicht mehr erzählen! Kurz und gut, wie sie erfuhr, was mir
bevorstand, wollte sie das Geld aufbringen. Viel Gesuche in allen Kasten, dann
Geschrei und Gebettel bei Madame Amalie... Satis superque, es langte nicht.
Die Beiden schwiegen eine Weile.
    Dann Girlinger: Und, was hast Du dann eigentlich getrieben?
    - Ich? Getrieben? Welch ein Tropus! Ich habe mich treiben lassen. Ach so, Du
willst wissen, was ich »gewesen« bin? Höh! Reichskanzler nicht!
    - Haben denn Deine Eltern...?
    - Ich habe eine Schmetterlingssammlung geerbt. Es waren ein paar reizende
Kerle darunter. Das andre hat beinah für die Schulden gelangt.
    - Warum bist Du nicht unter die Journalisten...
    - Du siehst doch, dass ich noch unter die Journalisten gegangen bin.
    - Aber, Mensch, Du hast doch Talent!
    - Aber das Leben hat noch mehr, wie ich mir schon ein Mal zu bemerken
erlaubte. Übrigens, mein Sohn, irrst Du Dich, wenn Du denkst, ich bin unter den
Rädern. Ich bin bloss zwischen dem Rossmist. Du brauchst mir nur das Reisegeld
nach Berlin zu leihen, und ich stürze Herrn Bleibtreu. Oh, es kommt schon noch
die Zeit, wo ihr mit einigem Stolze sagen werdet: Den berühmten Stilpe kenn ich!
Das ist ein Freund von mir.
    Deinen Nordhäusern von heute wirst Du es zu verdanken haben, wenn ich Dich
dann nicht verleugne.
 
                                  Viertes Buch
                                   Ecce poeta
                     Reich mir einen Lorbeerkranz, Schicksal,
                                   oder aber
                             Einen Bund voll Haber.
                      Aus Stilpes zerstreuten Weisheiten.
 
                                 Erstes Kapitel
Ein junger Lyriker und ein noch jüngerer Dramatiker sassen im Café Kaiserhof in
Berlin und erörterten die Zukunft der deutschen Litteratur. Da ging ein Herr an
ihrem Tisch vorüber, und der Lyriker hielt mitten in der Bemerkung, dass erst
nach völliger Austilgung der Tagespresse wieder an eine anständige Litteratur zu
denken sei, inne, um diesen Herrn, der sehr elegant gekleidet war und ein etwas
blasiertes Wesen zur Schau trug, mit tiefer Verbeugung zu begrüssen. Der Herr, an
dem eine Fülle schwarzer, weit in die Stirn gekämmter Haare und ein Klemmer mit
sehr breitem schwarzem Bande besonders auffiel, sagte mit einem schiefen
Lächeln: Nächste Woche kommen Sie dran! Die freien Rhytmen habe ich schon klein
gehackt. Man tut, was man kann.
    Der Lyriker machte noch eine Verbeugung und wollte etwas sagen, aber da war
der Herr mit dem schwarzen Klemmerbande schon weiter gegangen. An einem
Ecktisch, wo der Kellner bereits den Absint filterte, liess er sich nieder.
    - Wer war denn das? fragte eifrig der Dramatiker.
    - Kennst Du denn den nicht! antwortete erstaunt der Lyriker: Stilpe!
    - Was? Den Kerl grüsst Du? Dem schickst Du Deine Bücher? Das ist ja der
infamste Hund, der je kritisch gebellt hat!
    - Schrei doch nicht so! Mit dem ist Freundschaft besser als Feindschaft.
Übrigens hat er wirklich Geist.
    - Ach was: Geist! Ein Molch ist er! Eine niederträchtige Bestie! Ein
impotenter Neidbold, der sich einbildet, mit Schnoddrigkeit alles totmachen zu
können. Die Reitpeitsche gehört ihm! Eine Witzwanze ist er!
    - Was hat er Dir denn getan?
    - Mir wird er erst noch was tun, aber ich hasse ihn schon vorher. Dieses
Gezücht muss ausgerottet werden, Du hast es ja vorhin selber gesagt!
    - Bitte recht sehr! Ich war noch nicht fertig! Leute wie Stilpe nehme ich
aus. Er ist freilich ein Pamphletist, aber, zum Teufel, er hat einen alten Hut
voll Talent.
    - Ich pfeife auf diese Art von Talent, hinter dem kein Charakter steckt.
Galle, Neid und Grössenwahn, nichts weiter! Den alten Hut haben hier Viele auf.
    - Du irrst Dich, es steckt mehr dahinter. Stilpe ist eine der
interessantesten Erscheinungen in der Berliner Litteratur. Ein giftiges Aas,
meinetwegen! Aber: Unerschrocken! Kennst Du denn seine Karrière?
    - Ach was! Er wird sich durchgebohrt haben wie alle diese Holzpapierwürmer.
    - Urteile doch nicht so ins Blaue! Ich sage Dir offen: Ich habe Respekt vor
dem Mann!
    - Oder Angst.
    - Unsinn! Respekt sage ich.
    - Auch Hochachtung?
    - Ach! Hochachtung. Vor einem Kritiker hat man nie Hochachtung. Aber er
imponiert mir. Die Art wie er sich durchgesetzt hat, gefällt mir, weil sie
beweist, dass ihm der ganze Journalismus nur eine Gelegenheit zu Stilübungen ist.
Vor drei bis vier Jahren ist er hier in einem Coupée vierter Klasse angekommen,
ganz abgerissen, ohne die geringsten Verbindungen. Als Reporter hat er
angefangen, d.h. eigentlich bloss als Hilfsreporter, und bei was für Blättern! Es
heisst übrigens, dass er damals in verschollenen modernen Revüen Gedichte
veröffentlicht hat. Jedenfalls hat er, während er hier beim literaraischen Tross
mitschuftete, nach auswärts in Litteraturblättern die unerhörtesten Brandartikel
geschrieben, als wäre er der heimliche Kaiser der deutschen Litteratur. Ich sage
Dir: Dreck und Feuer, aber angemacht mit Flammpunsch! Durch eine Serie von
Ohrfeigen, die er von einem Schauspieler kriegte, wurde er berühmt.
    - In der Tat: Imposant!
    - Ist es auch! Denn diese Ohrfeigenserie war nichts weiter als ein
abgekarteter Coup, wie sich später herausstellte. Er und der Schauspieler
prügelten sich programmmässig nach gemeinsam aufgestelltem Regieplan und zwar mit
nachdrücklichster Naturtreue. Wie der Streich geglückt und ihr Name in allen
Zeitungen war, fuhren sie zusammen in einer offenen Droschke durch die
Friedrichstrasse und Stilpe liess eine höchst amüsante Ehrenerklärung, die von
Witz sprühte, durch die Blätter laufen, und die Aufmerksamkeit der Redaktionen
galt nun nicht mehr seinen Ohrfeigen, sondern seinem offenbar grossen
journalistischen Talent. Er kam an einem konservativ-antisemitischen Blatte an
und schrieb nun das boshafteste Zeug, was sich nur denken lässt, gegen die
»koschere Litteratur«. Er hat geradezu den antisemitischen Knüppelstil erfunden.
Und auf einmal, wie mit einem Krach, sass er auf der anderen Seite und drasch auf
die Antisemiten los, dass es nur so knackte.
    - Na, das ist doch der Cynismus der Charakterlosigkeit in frechster Form!
    - Aber es hat Stil, mein Junge, und, übrigens: Denkst Du heute noch über
Arminius so, wie in Sexta?
    - Erlaube mal, damit lässt sich jede Käuflichkeit entschuldigen.
    - Ich behaupte ja nicht, dass er ein moralisches Exempel ist. Er ist ein
Landsknecht der Feder, jedem zu Diensten und in jedem Dienste ein Draufgänger.
Wie ein General zur Zeit der italienischen Renaissance, der seinem Feldherrnstab
bald das, bald jenes Wappen als Knauf aufsetzte, so schwang er bald diese, bald
jene Fahne. Aus dem Raddau-Antisemiten und fortschrittlichen Losgänger wurde
erst noch eine Art litterarischer Volkstribun der Sozialdemokratie, und es
schien, als würde er dabei stehen bleiben. Es schrieb damals mit einer
merkwürdigen nüchternen Härte und hieb besonders auf den »Bourgeois-Anarchismus«
der jungen Litteratur los. Aber plötzlich ein wilder Quersprung, und er
entüllte die Kunstfeindlichkeit der Sozialdemokratie mit einer solchen
Unerbittlichkeit und bekannte so flammend seinen Irrtum, dass man wirklich
glauben musste, er sei vom Geiste aller freien Künste apollinisch besessen.
Seitdem datiert sein Ruf als litterarischer Kritiker. Er verliess die Politik und
wurde der Schrecken der Belletristen. Er fing an, fein zu werden, Du verstehst
mich: Fein im Berliner Sinne, also witzig und scharf. Natürlich muss er
infolgedessen mehr verreissen, als loben. Kritik ist Scheidekunst sagt er; also:
Scheidewasser her! Aber gerade deshalb liebt ihn sein Leserkreis.
    - Und das findest Du also imposant!
    - Nein, das gerade nicht, aber diese ganze Schamlosigkeit, mit soviel Witz
und frechem Mute vertreten, zwingt mir sehr viel mehr Respekt ab, als die
langweilige Leisetreterei der furchtbar ernstaften Leute, die konsequent und
reputierlich sind, weil ihre Beschränkteit es nicht anders gestattet. Sie
schulmeistern die Literatur, er macht sich über sie lustig. Nenne ihn einen
Lump, aber ist er es in Grossfolio, und wenn Du etwa sagen willst, dass er Schaden
anrichtet, so behaupte ich, dass er das Interesse für Litteratur hundertmal
stärker anregt, als die anständigsten kritischen Registratoren. Übrigens
interessiert er mich im Grunde als Mensch. Ich bin zwar bloss Lyriker, aber ich
wittere hier einen tragischen Fall.
    - Köstlich! Wenn ein Lyriker es mit der Phychologie hält! Jaja! Ich sage
Dir, dieser Mensch fühlt sich in seinem Salonrocke unendlich wohl und verachtet
die gesammte schöpferische Litteratur, wenn er nur immer genügend hohes
Zeilenhonorar kriegt, um gut essen und trinken zu können. Die Absint-Flasche
hat er schon bald leer.
    - Ja, man sagt, dass er säuft, und das stützt wieder meine Meinung von der
Tragik, die hinter diesem Menschen steckt.
    - Du bist wirklich ein Lyriker.
    Dann sprachen sie wieder von der Zukunft der deutschen Litteratur.
Der psychologische Lyriker hatte recht: Stilpe fühlte sich in seiner bevorzugten
Lage sehr unglücklich.
    Er lebte allerdings sehr gut, seitdem er »in der Feuilletonmanège die Pausen
durch schwierige Scherze ausfüllte«, wie er sein kritisches Amt umschrieb. Er ass
bei Kempinsky, liess bei einem englischen Schneider arbeiten, trank nur
ausgesuchte Spirituosen und hatte, wenn auch kein ständiges, so doch eine Art
von Wanderharem »wohlassortiert«.
    Dass darunter keine eigentliche Geliebte war, empfand er nicht als Mangel.
Dieses Bedürfnis hatte er nicht, wenn ihn auch manchmal so etwas wie Sehnsucht
darnach anwandelte.
    - Vielleicht wäre es gut, wenn ich mich einmal richtig verliebte, sagte er
sich; das wäre doch wenigstens ein Surrogat für das Andere. Aber es gelang ihm
nicht.
    Was aber war »das Andere«?
    Ein paar Stellen seines »Heftes der Aufrichtigkeiten« geben darüber
Aufschluss.
    Dieses Heft legte er zu dem Zeitpunkte an, als seine Stellung anfing,
gesichert zu werden; und das war dieselbe Zeit, um die er begann, sich
unzufrieden zu fühlen.
    Auf der ersten Seite stand dies:
    »Jede Pflichtgewohnheit ist gemein, also auch das Lügen, als welche Kunst
ich jetzt gewerbsmässig und, wie ich mir sagen darf, nicht ohne Begabung, aber
ich will ja hier ehrlich sein, also: Mit ungewöhnlichem Talente betreibe.
Deshalb will ich wenigstens zuweilen diese Gewohnheit brechen und auf diesen
Blättern die Wahrheit sagen.
    Dass ich auch dabei lügen werde, versteht sich am Rande. Aber diese Lügen
werden eine eigene und amüsante Nüance haben.
    Ich stelle es mir sehr anmutig differenziert vor: Lügen, die Wahrheiten sein
wollen, aber nicht daran glauben, und Wahrheiten, die sich selber keineswegs
trauen, aber ihrer Lügenhaftigkeit immerhin nicht ganz sicher sind und sich
manchmal im Stillen zweifelnd sagen: Wer weiss, am Ende sind wir wirklich wahr?
    Eine liebliche Sorte Schlinggewächs also, - mein Gehirn mag eine ähnliche
Struktur haben.«
»Es scheint wirklich: Der Mensch lebt nicht von Brot allein und auch nicht von
dem, was besser schmeckt; er braucht ein Ziel, was er lieb hat, um »glücklich«
zu sein. Aber er muss dran glauben.
    Beispiel: Ich war glücklich, als ich das Ziel lieb hatte, ein - Dichter zu
werden, obwohl ich damals lauter Schulden und keine Aussicht hatte, sie zu
zahlen.
    Oder: Ich war glücklich, als ich das Ziel lieb hatte, ganze Stiefeln zu
bekommen. Und ich hatte doch nichts zu essen.
    Nun aber: Bitte, wo ist das Ziel, das ich lieb hätte? Ganze Stiefeln hab
ich, und ein Dichter mag ich einstweilen nicht werden... Alles wüste und leer...
    Das Ziel, einen Rausch zu bekommen...!...?
    Ach, wie erbärmlich sind jetzt meine Räusche! Ich trinke, weils schmeckt,
und das ist niedrig neben dem eigentlichen Ziel des Trinkens, dem grossen Rausch.
    Vielleicht Morphium? Aber ich fürchte den Selbstmord... Meine Krankheit
heisst überhaupt Feigheit... Ich habe mich zu sehr an Kempinsky gewöhnt...
    Halt! Ich werde nach Dressel streben! Jede Woche zwei Feuilletons mehr, und
es geht!...
    Ach, wie kümmerlich und einfältig! Bin ich denn schon ganz verblödet? Jeder
Tag Dressel, das wäre ja eine Rohheit und unsagbar stümperhaft. Ich würde mit ja
selbst die Möglichkeit zu Magen idealen rauben...
    Also: Ideale fehlen mir? Schau, schau, wie tugendhaft ich bin...
    Unsinn: Ideale! Schon das Wort ist die verkörperte Maulsperre: I... e... a!
Pfeifen wir lieber darauf!...
    Aber das schweiss- und lustlockende Ziel... Sollte es die Liebe sein, die
Li-a-bee? Oh nee!
    Indessen... manchmal..?... hm...!...
    Kürzlich liebte ich sehr stark in der Gegend des Weddings. Ich zog mich
schlecht an (wie schade, dass ich meine letzte Leipziger Garderobe nicht mehr
habe!) und entzündete den Scharlachfeuerbrand bei einem recht süssen Ding von
Mantelnäherin.
    Oh ja, es hatte was. Die Armeleutliebe hat ihre Reize wie die
Armeleutmalerei, und ich kam mir vor wie der dicke Commerzienrat Ratz, der einen
Uhde in seinem Speisezimmer hängen hat. Er vertritt ihm die Stelle des
Tischgebets. Aber ich bin wohl nicht so christlich veranlangt wie der
Commerzienrat. Ich zog mich wieder in die Nähe des Wintergartens zurück...
    Nein, die Liebe ist es nicht... Zur Liebe bin ich jetzt entschieden zu
ästetisch geworden... Oder zu niederträchtig? Nur keine Gêne, werter Freund!
Den Sport will ich mir wenigstens bewahren, dass ich mich selber beim rechten
Namen nenne.
    Und jetzt will ich zu Emmy gehn, die mich »Caviarbrödchen« nennt.«
»Ich nähre mich jetzt hauptsächlich von Lyrikern, und was ich dann von mir gebe,
ist das Entzücken meines reizenden Publikums. Nichts erfreut es so von Grund
aus, als wenn man ihm einen gerupften Dichter vorsetzt.
    Es besteht also in dieser deutschen Welt von heute immer noch eine Art Neid
gegen diese Profession?
    Und, wenn ich mir selber auf die Plombe fühle: Beneide ich das Geflügel
nicht auch im Grunde ein bisschen? Zumal die, die sich so verdorben stellen und
so selig in der Einbildung sind, gewaltige und verruchte Sünder zu sein, - sind
sie nicht wirklich beneidenswert? Kerls, die sich noch geisseln können, muss man
die nicht beneiden?
    Und überhaupt dieses Behagen, sich in Versen auszuschwemmen. Es ist ganz
sicher eine ejakulative Wollust.
    Und der Rhytmus ist das Leben,
    Und die Prosa ist der Tod...
    Hol sie der Teufel! Sie genieren mich. Sie erinnern mich an Zeiten, da ich
gerade so dumm und pueril war wie sie, und ich finde, es ist ungerecht, dass ich
leiden muss, weil ich klüger wurde...
    Also: Ich leide? Sehr schön gesagt. Ein dekoratives Wörtchen. Schon die
Stimmgabel zum lyrischen Gesang.
    Ich werde mir auch so eine dicke schwarze Halsbinde kaufen, die Einem so was
Biedermeierischhalbabgewürgtes gibt und zur lyrischen Livrée von heute gehört.«
»Im Grunde genommen, werter Herr, sind Sie den Idealen Ihrer Jugend ein wenig
untreu geworden. Fanden Sie nicht dermaleinsten, dass es die Gemeinheit der
Gemeinheiten sei, ein Dichter sein zu können und um der besseren Speise- und
Weinkarte willen ein Journalist zu werden?
    Ganz richtig. Nur erlaubt sich irgend wer die Frage: Kann ich denn ein
Dichter sein?
    Lächerlich! Höchst lächerrlich! Sind Sie ein Lump, dass Sie sich verstellen?
Wissen Sie nicht ganz genau, dass Sie ein Dichter wären, wenn Sie nicht, leider,
es für bequemer hielten, ein Schubiak zu sein?
    Hm; vielleicht nehmen wir bloss ein Schlammbad! ... So zur Austreibung böser
Säfte, wissen Sie ...
    Aber wer hat es Ihnen denn verschrieben?
    Meine Natur, meine schlechte, niederträchtige, gemeine Natur. Durch Schlamm
zum Rosenöl! sagt sie.
    Reizend, in was für Tropen Ihre Natur lügt. Aber: Sie glauben ihr doch
nicht?
    Ich wo! Ich kenne sie ja.«
»Es fängt an, geschmacklos zu werden, wie unwohl ich mich fühle.
    Mein Ruhm stinkt zum Himmel, dass Pietro Arretino vor Neid semmelblond wird,
meine Honorare könnten einem Cirkusklown den Schlaf rauben, mein Stil, dieses
Gemächte aus Sprachnotzucht und Drehkrankheit, wird mehr kopiert, als die
sixtinische Madonna, - und ich bin der Gelbsucht nahe.
    Was, zum Teufel, sitzt mir in der Leber!?
    Oh, ich fühls! Es ist ein Ekel an dieser Comödie, die ich aus mir gemacht
habe mit dem Vorsatz, sie vom Repertoire zu streichen, sobald ich genug an ihr
hätte, und die ich nun Tag für Tag seit Jahren spielen muss, weil ich sonst
hinter die Coulissen geschmissen würde.
    Ein schundgemeines Kassenstück, aber wehe, wenn ich ein anderes gäbe!
    Es gilt nur die Frage: Verlohnt die Einnahme wirklich den Ekel? Wäre es
nicht besser, ich träte endlich einmal vor und spiee dem werten Publikum ins
Gesicht?
    Hollah! Amende gäbe das erst recht einen Erfolg, und ich wäre obendrein die
Ekelplage los?
    Wie, wenn ich Va-banque spielte?«
»Ich sehne mich nach Unordnung, nach Verrückteit, nach dem Gelächter derer, die
nichts zu verlieren haben.
    Ah, Du altes, treues Wort: Bohème! Ein gelangweilter Lump zu sein, ein Lump
in Wohlsein und Ängsten vor dem bisschen Daseinsgefahr, - wie schaal und schäbig!
Aber ein lachender Lump, ein königlich selbsterrlicher Lump mit leerem Beutel
und den Taschen voll Hoffnung, ein dichtender Lump, ein Lump voll Laune und
närrischen Plänen, ein freier Lump mit der Grazie des selbstbewegten Lebens, -
wie köstlich und gross!
    Bohème! Bohème! Der Gedanke lässt mich nicht mehr los: Heraus aus diesem
behäbigen Lumpentum und hinein in freche Abenteuer!
    Ich muss mich wieder berauschen können und nicht bloss trinken.
    Ich muss wieder einen Kreis um mich haben, in dem man betrunken wird an sich
selber.
    Diese schweren Weine machen faul, diese Champagner lügen bloss von Räuschen,
diese kostbaren Liköre sind wie Seidenpolster, in denen man versinkt, ohne dass
man glaubt, Houri-Arme schlängen sich um Nacken und Brust.
    Was ist das für ein Leben! Kein Ruck und Zuck, kein Taumeln und Drehen.
Geradehin, auf Gummirädern, hinter verschlossenen Kaleschenfenstern, allein.
    Diese »Collegen«! Wie ernst! Wie bedeutend! »Beamte der öffentlichen
Meinung. Richter im Reiche des Schönen. Staatsanwälte des Geistes. Pioniere des
Fortschritts. Enkel Lessings. Verantwortliche Redakteure der Moral.« Oh, ihr
...!
    Na! Ich kenne euch doch? Ihr habt doch allerhand Respekt vor mir? Ich
unterstehe doch annoch makellos eurem Ehrengerichte? Wisst ihr denn nicht, dass
ich täglich Unzucht mit allen Lastern des Witzes treibe? Warum werft ihr mich
denn nicht hinaus?
    Solltet ihr ... auch ...? Blos nicht mit soviel Frechheit ...?...
    Wie, wenn ich einmal meine Comödie, die ja ein Stück der euren ist, ohne
Schminke auf eure Papierbühne brächte? Wenn ich die litterarischen Hungerleider,
die von Gnaden des Elends noch anständig sind, aufriefe gegen die gewürdeten
litterarischen Beutelschneider und Gaudiebe? Wenn ich zeigte, was für Wäsche
unter den schönen Röcken der Würdenträger der öffentlichen Meinung steckt? ...
    Halt! Das ist Stil für die Öffentlichkeit; ich kann die Passage in meiner
Brochüre verwenden, die ich wie einen Klotz in den Tintensumpf werfen will.
    Ah! Da haben wir ja schon Plan und Titel: Eine Brochüre: Der Tintensumpf.
Schon bin ich inspiriert!
    Aber hier wollen wir doch lieber nach Möglichkeit ehrlich sein, - was habe
ich also vor!? Wenn ich es mir recht überlege: Ich will mir, da ich von dieser
Bühne abzutreten gesonnen bin (bin ichs wirklich?) einen guten und womöglich
praktischen Abgang verschaffen. Ich will sensationell abtreten, um - drüben ein
anderes gutes Engagement zu bekommen?
    Nein, das nicht.
    Aber es wäre vielleicht möglich, dass mir dieser Abgang die Möglichkeit gäbe,
eine eigene Bühne, eine Protestbühne zu gründen.?... Hm. Die Perspektive ist gut
... Geht die Brochüre, so findet sich wohl ein spekulativer Herr, der mir meine
eigene Zeitung gründet: Die Zeitung der Zurückgewiesenen, das Blatt der Bohèmes
auf jedem Gebiete...
    Und: Kein Zweifel, dass die Brochüre gehen wird! Welcher Skandal ginge nicht?
Aber ich muss rücksichtslos sein, wie ein Wilder und boshaft wie ein Affe.
    Sagen wir ruhig: Es muss ein braves Pamphlet sein.
    Machen wir! Ist nicht der Tintensumpf unleugbar? Bin ich mir nicht das
schönste Modell? Hat mich dieser Sumpf nicht ruiniert?...
    Der Teufel, ich komme immer in den Stil für die Öffentlichkeit. Ich bin
wirklich allerliebst eingeseucht; es scheint, ich kann mir schon selber nicht
mehr die Wahrheit sagen. Aber für diesen Zweck ist das eigentlich ausgezeichnet!
Ich werde teilweise unbewusst lügen, und eine unbewusste Lüge knattert viel
stärker als zehn bewusste Wahrheiten.
    Eben rieb ich mir die Hände. Es scheint, die Bösewichter auf dem Teater
sind echter, als wir glauben.
    Bösewicht! Ich möchte jetzt mal in den Spiegel sehn.
    Wie sonderbar aufgeregt ich bin. Rein wie betrunken. Oh, ich ahne Räusche!
Wenn ich jetzt schon so ausser mir gerate!
    Und nun hab ich endlich das Wort für mich: Ich will wieder ausser mir geraten
können!
    Komme, was will: Ich muss aus mir heraus, heraus aus diesem meinen Sumpf, und
ich will mit gewaltigem Spektakel ans Land springen! Platschen soll es.«
 
                                Zweites Kapitel
Gleich nach dem Erscheinen des Tintensumpfs hatte Stilpe sein Quartier aus dem
Karlsbad, das ihm längst zu still gewesen war, in die Nähe der Weidendammer
Brücke verlegt. Da hauste er nun vier Treppen hoch nach seinem Geschmack wie ein
Student, nur, dass es keine kümmerliche Bude nach dem Hof hinaus war, sondern
gross, hell, mit dem Blick nach der Spree und weitin über einen guten Teil
Berlin. Und laut war sie, umbrodelt vom Lärm der Friedrichstrasse, den man wie
ein rollendes Rauschen hörte. Dazu das Rattern der Züge, die in den Bahnhof
Friedrichstrasse einfuhren, und von den Arbeiten am Neubau der Weidendammer
Brücke her die dröhnenden Schläge des Rammwolfs, der die Notpfeiler in das
Flussbett trieb.
    Da aber gefiel es Stilpen gut. Hier fühlte er sich zu Hause. Das war nach
seinem Geschmack: Ein schmuckloses Zimmer mit abgenutzten Möbeln, die er nicht
mit besonderer Schonung zu behandeln brauchte; zu Nachbarn Garçons wie er,
Studenten, Künstler und ein »besseres Mädchen«; die Hausordnung dementsprechend
liberal, die Wirtin desgleichen.
    - Ein guter Dunstkreis, hatte er gesagt, wie er die Wohnung bezog; hier lasst
uns die Götter locken mit Pfeifen und klingenden Gläsern.
    Er hatte gleich seine alte Frechheit wieder, die er so lange unter einer
anderen hatte verbergen müssen. Es fehlten ihm nur noch die Genossen.
    Aber sein Aufruf am Schluss des Tintensumpfs: An das bisschen Bohème in
Berlin! hatte bald gezogen. Es kamen sogar sehr viel mehr, als er gewünscht
hatte, und vor Allem kamen sehr viele falsche Bohèmeleute, unglaubliches Volk
voll innerlicher Philistrosität, Teorieenaushecker, Weltverbesserer,
Pseudoanarchisten, auch einige lebendige Beispiele aus Krafft-Ebings
Psychopatia sexualis: Alles, was irgendwie in der Welt nicht zurechtkam,
glaubte zur Bohème zu gehören und im Verfasser des Tintensumpfs den Mann
gefunden zu haben, der ihnen in einer neuen Zeitschrift weisses Papier bogenweise
zur Verfügung stellen würde.
    Dagegen blieben anfangs die aus, an die allein er gedacht hatte: Die Dichter
und Künstler. Nur einige Jünglinge, denen der Dilettantismus mit jenem bekannten
Strohfeuer aus den Augen leuchtete, waren als Vertreter der Kunst bei dieser
ersten Flutwelle.
    Erst nach ein paar Wochen, wie Stilpe von der gesamten Presse mit
Einmütigkeit und ganz kurz als Schandfleck des Journalismus abgetan worden war,
fanden sich die Rechten ein. Stilpe merkte es sogleich daran, dass sie ihn
unverzüglich anpumpten, und dann beim »Orakel der Buttelje«. Sie tranken
ungefähr mit derselben Technik wie er.
    Nach etwa vier Wochen hatte er wieder ein »Cenacle« beisammen, und diesmal
war es ein echtes.
    Eine Maskerade mit französischem Namen war hier nicht mehr am Platze. Seine
neuen Freunde waren selber Originale, kantig geblieben in der grossen Rührbüchse
eines derb zu greifenden Lebens, und gaben den Freunden Mürgers nichts nach. Es
waren köstliche Kumpane für ihn und dabei entschiedene Talente für feinste Kunst
und freiestes Leben. Nur ein paar von ihnen waren schon mit Werken an die
Offentlichkeit getreten, und es war nun eine Quelle gemeinsamer herzlicher
Freude, wenn sie und Stilpe die niederträchtigen Kritiken zitierten, mit denen
»der gefürchtete Kritiker W. St.« sie einst an den Pranger gestellt hatte. Die
Mehrzahl war so gut wie ungedruckt, denn es gab kein Blatt, das excentrisch
genug für sie gewesen wäre.
    Nun sollte Stilpe natürlich dieses Blatt gründen.
    Bei allen Zusammenkünften, soweit sie nicht bloss mit Trinken oder
Rezitationen der »neuesten Sachen von Rang« ausgefüllt wurden, war diese
Gründung das Haupttema. Aber nun waren schon zwei Monate seit dem Erscheinen
des Tintensumpfes verstrichen, das Interesse für diese Brochüre ebbte nach der
Provinz hin ab, und man war noch zu keinem Entschlusse gekommen.
    Da erlies Stilpe an den »inneren Kreis der Eigentlichen« eine Einladung, die
unter dem Hinweis darauf, dass »mit den schwindenden Monden auch die Moneten
verrollten«, zu einer letzten und endgiltigen Sitzung »in punkto Blatt«
zusammenrief. Postskriptum: »Um nüchternes Erscheinen wird gebeten... Der
Peripatetiker soll die unmündige Tochter des Regenschirmhändlers zu Hause
lassen.«
Stilpe erwartete die Gesellschaft ganz mit der Heiterkeit, die ihn immer leise
hob, wenn ihm Gelegenheit zu Trinken und Reden in Aussicht stand.
    Das hatte ihm in seiner »fundierten Periode« vornehmlich gefehlt:
Gesprächweise trinken zu können. Im Rausche die Welt mit Worten aus den Angeln
zu heben, das war ihm immer Bedürfnis gewesen, und das war ihm nicht erfüllt
worden, als er das Dasein des gefürchteten Kritikers führte. Denn damals fehlten
die rechten Geburtshelfer für seine Worte. Diese Art, sich dem Rausche des
improvisierten Wortes hinzugeben, war sein Teil Produktivität, und er hatte sich
im Grunde deswegen so unglücklich damals gefühlt, weil er zur Unfruchtbarkeit
verurteilt war, weil ihm die Wollust, sich auszugeben, nicht wurde.
    Hätte er die Fähigkeit und Freiheit besessen, so zu schreiben, wie er
sprach, hätte er nicht im Grunde wider sein Wesen und wider seinen Stil
schreiben müssen, so wäre die Gewaltaktion des Tintensumpfes kaum in dieser
brückenabbrecherischen Art vor sich gegangen.
    Er selber ahnte dies nur dunkel, in den seltenen Stimmungen, wo er sich
einmal vor die Seele führte, was er eigentlich getan hatte mit seinem Schritt,
den niemand begriff, und hinter dem man in den betroffenen Kreisen allerlei
weitgehende Absichten vermutete, weil man es sich nicht vorstellen konnte, dass
ein so »gerissener Kunde« wie Stilpe, der bisher ein Lager immer nur verlassen
hatte, weil in einem anderen weichere Polster winkten, sich ohne bestimmte
Aussichten eine ausgezeichnete Position verscherzt haben sollte.
    Gerade jetzt, wie er die neuen Freunde erwartete, bedachte er einmal seine
Lage.
    Die Hände unterm Kopf zusammengeschlagen, die kurze englische Pfeife mit Old
Judge im Munde, lag er auf dem breiten Lederdivan und betrachtete ein grosses,
rot, grün und schwarz gehaltenes Plakat, das an der Wand gegenüber befestigt
war. Die Worte darauf, in riesigen ziegelroten Buchstaben, lauteten:
                               !! Sensationell!!
                                Der Tintensumpf
                                  Entüllungen
                                      und
                                        
                               Selbstbekenntnisse
                                      von
                                Willibald Stilpe
Dazu sah man in stilisierten schwarzen Wellen einen aufgeregten Tümpel, aus dem
höchst entsetzte grüne Froschgesichter und die Schwimmfüsse nach unten tauchender
Frösche herausragten, während ein herkulisch gebauter Frosch, von dem das
schwarze Sumpfwasser abfloss, grosse Ziegelsteine mit Aufschriften, wie:
Heuchelei, Prostitution, Bestechlichkeit, Plagiat, Feigheit in den Tümpel warf.
Eine grosse, rote, aufgehende Sonne fehlte nicht.
    Stilpe lächelte. Der herkulische Frosch war also er, und die andern sassen in
der Tinte.
    Gut soweit! Aber was nun?
    Wenn die Zeitschrift den Erfolg hätte, wie die Brochüre, so wäre die Sache
glatt. Aber: Wenn nicht?
    Er war ja ausgesperrt, und es war kaum Aussicht vorhanden, dass man ihn in
Gnaden wieder aufnehmen würde. Denn er hatte sie alle beschimpft, von rechts
nach links, ausnahmslos:
    »Aber es gibt doch auch anständige Elemente in der Presse! rufen Sie, mein
werter Mitbürger. Ei ja wohl. Man hört es sagen. Aber das Element selber ist
unanständig.«
    Stilpe überlegte: Da ist eine Redefigur mit mir durchgegangen, scheint mir.
Hm. Das war wohl ein taktischer Fehler ... Aber es klang!...
    Ach was! Wenn nur die Figur gut war. Das liegt so in der Technik des
Pamphlets. Man muss Stil haben...
    Das Pamphlet liegt mir überhaupt. Jedes Jahr bloss eins, und ich kann auf
alle Redaktionen pfeifen ...
    Äh, was für Ideen! Das wäre eine neue Schweinerei ... Bin ich denn ganz
verkommen?... Warum denk ich immer wieder an so was!... Warum denk ich nicht wie
meine vier Eigentlichen? Warum hab ich nicht bloss Verse, Phantasien, Burlesken,
Träume im Kopfe?...
    Es ist schauerlich, wie zerfahren ich bin. Da steckt nun was in mir; ich
hoffe doch, - oder...? Nein, es steckt schon was irgendwo, aber immer wieder
hundsföttische Anwandlungen.
    Zwei Seelen, ach? Aber die andern haben ja zwei Dutzend! Nur fahren sie
nicht so auseinander...
    Ein Ziel! Ein Ziel! Herrgott nochmal, endlich ein Ziel!...
    Also die Zeitschrift! Ja, ja, ja! Ist das nicht eine Tat? He? Die neue
Litteratur machen? Die freie Kunst zum ersten Male rücksichtslos proklamieren!
Zum ersten Male sagen: Wir sind die Herren, kuscht euch, Gesindel!...?...
    Äh, im Grunde ist mir das wohl auch nicht grade »Herzblut«... Diese ganze
Schreiberei überhaupt: Geplärr...
    
    Kann man zeitlebens seine Freude daran haben, Lesefrass zu kneten? ... Ist
denn Schreiben Leben? Handlangerei für den besseren Mob! Kellnergewerbe...
    Er lächelte nicht mehr. Eine scharfe, steile Falte teilte seine Stirne.
Seine Heiterkeit war verschwunden.
    So ging es ihm immer, wenn er allein über sich nachdachte. Deshalb brauchte
er Leute um sich, die das wegschwemmten.
    - Kommt denn die Bande nicht?
    Die Dämmerung kroch ins Zimmer, sie, die der »Bärenführer« den »Teppich der
behaglichen Lyriker« nannte. Dazu dröhnten von unten her die Dampframmen.
    - Der Bärenführer ist der glücklichste aller Menschen. Zwar hat er kein
Portemonnaie, aber er hat Weisheit. Zwar liebt er die Weiber nicht, aber er
liebt seinen lieben Gott, der ihm täglich von 10-12 Uhr zwanzig Quartseiten
Phantasien schenkt. Hat er die niedergelegt, und hat ihm sein Kochbär ein
tüchtiges Mittagessen mit Grobheiten gewürzt, so wandert er los wie ein
tanzender Derwisch, und die Welt ist ihm eine Crêmestange mit Cognacfüllung. Er
macht sich selbst zum Narren und lacht doch Alle aus, denn seine Narrheit ist
ihm sein Spiel. Er will nichts; das ist sein Geheimnis und seine Heiterkeit.
    Stilpe dachte das nicht ohne Neid.
    Der »Bärenführer« war der »Erste der Eigentlichen«, ein wunderlicher Mensch,
der mitten in Berlin mit dem Gleichmut eines orientalischen Weisen lebte und,
arm wie ein persischer Bettelmönch, sich mit einer köstlichen Grazie des Geistes
aushalten liess. Sein Reich war nicht von dieser Welt, aber wer sein Reich
kannte, diese weiten kosmischen Räume voll unerhörter Phantasien und diese
bunten Fabelstädte mit den intimsten Winkeln geniessender Ruhe nach rasenden
Räuschen, der wusste, dass seine Welt beträchtlich schöner war, als unsere. Ein
Fakir mit Humor. In der Heimat seines Geistes, in Indien, wäre er wohl auch ohne
Alkohol weise und heiter gewesen; in Berlin aber musste er sehr viel trinken.
Doch selbst im Alkohol blieb er harmonisch. Es schien, als ob er wirklich die
Fakirkunst besässe, sich durch seelische Kräfte gegen alles Giftige immun zu
machen.
    Besonders darum beneidete ihn Stilpe, der zuweilen selber merkte, wie der
Alkohol an ihm zehrte, und wie er immer abhängiger von ihm wurde.
    Der zweite der Eigentlichen war der »Peripatetiker«. Auch er repräsentierte
Weisheit in einem ganz unmodernen Sinne. Stilpe behauptete, er sei die
Reincarnation des alten Diogenes, und diese Meinung traf das Wesen des
Peripatetikers im Ganzen wohl. Nur kam ein gut Teil weicher Verträumteit
hinzu. Er übertraf den Bärenführer noch an sozialer Untergrundslosigkeit, denn
er besass keinen weiblichen Bären, der ihm kochte. Es kam vor, dass er im
Tiergarten übernachtete. Sonst wohnte er bei Freunden herum. dabei war er von
sehr edlem Anstande und fühlte die Würde seines Geistes. Traf es sich, dass er in
»bürgerlicher Gesellschaft« war, so trug er sofort, doch ohne Pose, ganz aus
einem inneren Überlegenheitsgefühl, den Propheten zur Schau, der die
Gewöhnlichen milde zum Handkuss zulässt. Er hätte einen guten, feinen Mönch
abgegeben, wenn er nicht etwas Vagantenhaftes gehabt hätte. Sein ganzes Leben
war ein unausgesetztes Denken und Dichten. Wo auch immer er war: Er schrieb, und
stets trug er Manuskripte mit sich herum, reich genug, fünf Nummern der Times zu
füllen. Nur konnten sie nicht abgedruckt werden, da sie niemand ausser ihm lesen
konnte. In schwierigen Fällen war er selber nicht dazu imstande. Stilpe besass
ein Manuskript von ihm, einen Conceptbogen in Quart, der ausser den ersten Scenen
zu einem Drama zwei Kapitel aus verschiedenen Romanen, sechs Gedichte in Prosa,
drei in Versen und ausserdem etwa fünf Dutzend Aphorismen und verschiedene
Essay-Brouillons entielt, alles durcheinander geschrieben, erst wagerecht, dann
in senkrechten, dann in diagonalen Zeilen dazu. Und man durfte mit Recht und
ohne Übertreibung sagen, dass ein geordneter, ökonomisch disponierender Litterat
von diesem einen Bogen gut ein Jahr seine geistigen Ausgabebedürfnisse hätte
bestreiten können.
    Leidenschaften kannte der Peripatetiker nicht, doch liebte er kleine
Mädchen, so bis zum 10. Jahre etwa, sehr. Für die Seele des Kindes war er
geradezu hellseherisch begabt, und man konnte Kleinodien an Kinderscenen von ihm
vernehmen.
    Er konnte übrigens ohne Alkohol auskommen.
    Nicht so der dritte der Eigentlichen: Kasimir, der Fugenorgler. Es war ein
gar wilder Pole voll von Dämonie und allen Künsten der Blague. Er hatte als
Dichter nur ein Tema, Stilpe nannte es die medizinisch-katolische Abgrundweis,
aber dieses beherrschte er mit der Meisterschaft bornierter Genies. Sein Dichten
war eine Art verzückter Drehkrankheit, und man wusste nicht, ob er sich drehte,
um zu dichten, oder ob er dichtete, um sich zu drehen. Doch konnte sich keiner
der Macht dieser grandios wirren Eintönigkeit entziehen. Es war schöpferische
Besessenheit, die indessen manchmal mehr Beängstigung als künstlerischen Genuss
hervorrief. Er wäre als Gesellschafter unmöglich gewesen, wenn er nicht
gleichzeitig ein unübertrefflicher Blagueur, geradezu ein Meister der Blague
gewesen wäre. Stilpen, der selber in dieser Kunst viel vermochte, konnte er
dadurch manchmal rasend machen. Nur der Bärenführer und der Peripatetiker
liessen sich nie beirren, der Bärenführer, weil er überhaupt aus Allem nur
inwendige Heiterkeit schöpfte, und der Peripatetiker, weil sein Geist doch
immer noch schneller lief, als die Blague des Polen.
    Dagegen liess sich der vierte der Eigentlichen, den sie den Zungenschnalzer
nannten, nicht selten verführen, Kasimirn auf das polnische Glatteis mystischer
Schnoddrigkeiten zu folgen. Er liebte das Mystische gar nicht, er war ganz auf
das Ästetische und Erotische gerichtet. Stilpe nannte ihn Doktor der
Erotologie. Er bestritt der Menschheit das Recht, in erotischen Dingen irgend
etwas pervers zu nennen und machte aus dem, was er nun nicht pervers, sondern
kultiviert nannte, ein eifriges praktisches Studium. Er wäre gerne ein Don Juan
der Perversität gewesen, indessen entgleiste seine Don Juanschaft schon auf dem
gewöhnlichen Gebiete der Erotik recht häufig. Aber er nahm Alles für genossen
und schnalzte mit der Zunge. Als Dichter pflegte er das Gebiet des Undruckbaren
mit anerkannter seiner Meisterschaft. Und: Einen sachkundigeren Cirkuskritiker
als ihn gab es nicht. Als Gesellschafter war er unter den Vieren weitaus der
angenehmste, denn er war von einer entzückenden echten Liebenswürdigkeit, voller
Geist und Laune. Nur musste man früh um fünf Uhr nicht schon nach Hause gehen
wollen. Doch trat dieser Wunsch unter den Eigentlichen nie auf.
    - Es kann eine ganze nette Zeitschrift geben mit den Vieren, dachte sich
Stilpe, aber es ist mir unklar, ob irgend eine Nummer davon unverboten bleiben
wird. Man wird sie als Brief versenden müssen und von vornherein darauf
schreiben: Nicht für die Öffentlichkeit.
    Hollah! Ein neuer Tric. Ein unöffentliches Blatt! Das ist eine unbezahlbare
Idee!
    Er war Feuer und Flamme dafür und entwickelte sie sofort mit Leidenschaft,
als die Viere bei einander waren.
    Köstlich sahen der Bärenführer und der Peripatetiker aus, die Stilpes
abgelegte Kleider aus seiner Kritikerzeit anhatten. Er selber trug sich wieder
mit einem Stich ins Salopp-künstlerische. Die eleganten Kostüme aus dem
englischen Atelier waren ihm nie sehr zu passe gewesen. Jetzt nahm sich der
Bärenführer in einem braunen, unendlich langschössigen Gehrock mit hohem,
breitem, geschwungen geschnittenem schwarzem Sammetkragen, eine seidene,
bestickte Weste dazu, sehr drollig aus, und der Peripatetiker in einem
seidenkragigen schwarzen Smoking nebst viereckig ausgeschnittener Weste war ein
grotesker Anblick. Der Pole suchte eine halbe Stunde lang in den weiten grauen
Hosen nach den diogenischen dünnen Beinen.
Dann begann aber die Debatte. Die Idee mit der Unöffentlichkeit schlug ein, doch
hielt das nicht ab, sie sofort auch ein bisschen lächerrlich zu machen.
    Der Bärenführer wollte, dass das Blatt in einer Geheimschrift von arabischem
Charakter und natürlich von rechts nach links gedruckt würde.
    Kasimir schlug vor, die Beiträge des Peripatetikers als Autogramme drucken
zu lassen, um jede Gefahr auszuschliessen, dass sie gelesen werden könnten.
    Der Peripatetiker schüttelte langsam den Kopf: Aber ich möchte sie doch
lesen!
    Stilpe wurde ärgerlich und erklärte, er würde nicht eher etwas zu trinken
geben, als bis man anfinge, ernstaft zu reden. Er fühlte sich beinahe schon als
dekretierenden Redakteur.
    Es wurde die parlamentarische Form bestimmt, damit man doch zu einem
Beschlusse käme.
    - Also, gut, wie gesagt, selbstverständlich: Eugen Richter; wie gesagt: Ich
bitte ums Wort! rief der Bärenführer.
    Stilpe, der natürlich präsidierte, erklärte, dass er ihn vormerken wolle;
zuvörderst aber müsse die Gesellschaft ein paar Worte von ihm entgegennehmen:
    - Erstens, meine Freunde, wollen wir uns geloben, heute zu einem Entschluss
zu kommen. Ich schlage vor, dass wir dies nicht ohne Feierlichkeit tun. Lasset
uns symbolisch vorgehen! Wer sich verpflichtet, mitzuwirken zu einem endgiltigen
Entschlusse und wer zu erklären bereit ist, dass er sich jeder Entscheidung, die
heute fällt, unterwerfen will, auch wenn sie gegen seine etwaigen Anträge sein
sollte, der wähle mit mir aus diesen Flaschen eine gelbgekapselte. Es ist
Cognac. Die Weisskapseln entalten Gin.
    - Ich protestiere gegen diesen Wahlmodus! erklärte zum grössten Erstaunen
Aller der Peripatetiker. Ich habe noch nie Gin getrunken und möchte deshalb
eine weisse Kapsel wählen, obwohl ich zu jeder Verpflichtung bereit bin.
    - Also gut; die Erklärung wird zu Protokoll genommen, und Deine weisse Kapsel
gilt für gelb, erklärte Stilpe. Im Übrigen sehe ich, dass das Skrutinium
allgemein für gelb entschieden hat. Wir können also beginnen. Um zu verhüten,
dass wie bei allen vorigen Sitzungen ein Chaos der Meinungen durcheinander gährt,
schlage ich vor, dass jeder nur einmal das Wort erhält. Damit ist gesagt, dass
jeder sich genau überlegen muss, was er vorbringt, denn er wird keine Gelegenheit
haben, sich später zu korrigieren.
    - Wie gesagt, ich bitte ums Wort! rief der Bärenführer.
    - Du wirst es gleich bekommen. Ich will nur noch das sagen: Die Reden sollen
sich an folgende Punkte halten: 1) Welcher Art soll die Zeitschrift sein? 2) Wie
soll sie heissen? Ich denke, dieses Verlangen ist billig. Wollen wir es so
halten?
    - Ich bitte ums Wort, rief Kasimir.
    - Bitte!
    - Sehr schön! Ausgezeichnet! Aber: Muss man so feierlich sein, wie Stilpe,
wenn man redet?
    - Das wird sich finden, aber ich bitte allerdings um eine ernste Behandlung
des Gegenstandes. Wenn wir uns dazu zwingen, werden wir auch schnell zum Ziele
kommen, denn es ist freilich nicht amüsant, Reden zu halten, wie in einer
Generalversammlung. Wenn nichts gegen meine Vorschläge eingewandt wird, können
wir wohl anfangen.
    Es wurde nichts eingewendet. Alle hatten das Bedürfnis, dieser ernsten
Sitzung bald ein Ende zu machen. Man rauchte stark und trank Toddy dazu.
    Der Bärenführer begann:
    - Wie gesagt, selbstverständlich bin ich für eine in-de-pen-dente
Zeitschrift, wie gesagt. Sie muss anders sein. Wie gesagt: Anders. Ganz anders.
Selbstverständlich, wie gesagt, muss die Honorare zahlen. Aber schliesslich, wie
gesagt, ist das einerlei. Wenn sie nur viel Raum hat. Plakatformat, wie gesagt,
gelbes Papier und zinnoberrote Lettern, von rechts nach links gedruckt, wie
gesagt, in Lederrollen versandt.
    Stilpe runzelte die Stirne und bemerkte: Ich muss Dich wirklich bitten,
ernstafte Vorschläge zu machen.
    
    - Aber er ist doch ganz ernst, Bruder! rief Kasimir. Ich finde das
entzöckend!
    - Wie gesagt, natürlich, das ist mein Ernst, selbstverständlich, wie gesagt.
Das ist doch sehr fein und, wie gesagt: Praktisch! Die erste Nummer lassen wir
an die Littfasssäulen kleben, wie gesagt.
    - Hehe, und solche nette kleine Sandwichmänner lassen wir laufen, die sie
auf dem Rücken herumtragen, hehe, und so werden sie dazu immer schreien und
rufen, hehe: Meine Herren Berliner, hehe, lesen Sie bloss, was der Bärenführer
wieder gemacht hat! Der reine Joete! Hehe! Sie kennen doch Herrn Joete, den
Verfasser der Farbenlehre? Hehe! Er ist auch ein bisschen pervers gewesen, der
gute Mann, hehe; so ein paar niedliche Epigrämmlein hat er gemacht ... ach! er
war nicht ohne Begabung!
    - Was verstehen Sie denn von Goete mein werter Pole, bemerkte der
Zungenschnalzer. Sie sollen erst einmal an die Ahnungsgrenze der Erotik
kommen...
    - Ich bitte, keine Privatgespräche zu führen rief Stilpe. Goete und die
Erotik beiseite: Was will der Bärenführer noch?
    - Wie gesagt, ich bin für das Littfasssäulenplakatformat und rot auf gelb,
wie gesagt, und als Titel, wie gesagt, schlage ich vor: Die gesprenkelte
Nachtigall.
    - Pschakreff, kikeriki, wallahei, Bruder, Du hast recht: Ausgezeichnet!
Kasimir stürzte ein Glas Toddy hinunter.
    Die andern, ausser dem Peripatetiker, lachten. Der Bärenführer mischte Gin
in seinen Cognac.
    Der Peripatetiker aber erhob sich im Tumulte des Lachens, sah gerade vor
sich hin und begann ganz leise:
    - Unsere Zeitschrift sollte: Das Prisma heissen. Damit ist für Alle Alles
gesagt. Wie ein Prisma, das Strahlen fängt und Farben strahlt. Nicht Spiegel des
Körperlichen, sondern Lichtsammler und Scheinwerfer. Nicht willkürlich in Kanten
und Flächen, nicht roh und rauh, nicht zufallschön oder zufallwahr, sondern nach
Gesetzen geschliffen, in reinen Linien verbunden und abgegränzt; nicht irgendwo
liegend, nicht mit irgend einer Seite flach auf dem Boden, sondern an goldenem
Faden aufgehängt in freier Luft, schwebend aus sich bewegt in einem langsamen
Schaukelschwunge oder einen Kreis schreibend, da einen roten, da einen grünen,
da einen gelben Strahl fangend und wieder von sich gebend, aber im Innern Alles
sammelnd, kernreich, keimheiss, in der Tiefe das Auge Gottes, auf den Flächen der
Schein der durchschwebten Lichtwelt ...
    Plötzlich zog er ein Stück Zeitungspapier aus seinem herrlichen Smoking und
schrieb emsig auf den Rand, so weit er noch unbeschrieben war.
    Die Andern lächelten innig und tranken.
    Stilpe erklärte, dass ihm der Titel Das Prisma gut gefiele.
    - Oh, rief Kasimir, mir gefällt besonders der goldene Faden. Das ist das
Symbol des Honorars. Und dann: Wie es im Kreise schwebt: Ausgezeichnet. Hehe: So
angenehm idiotisch, immer im Kreise, hehe, mit dem Auge Gottes.
    Er stürzte wieder ein Glas Toddy hinunter.
    Der Bärenführer fand Das Prisma auch gut, aber er meinte, als Untertitel
müsse Die gesprenkelte Nachtigall stehen: Wie gesagt: Das Prisma, eine
gesprenkelte Nachtigall! Aber natürlich, wie gesagt, in Lederrollen versandt!
    Jetzt lehnte sich der Zungenschnalzer in seinen Stuhl zurück und lächelte
Stilpen überaus höflich mit einem fragenden Ausdruck in den schönen grossen
dunkelblauen Augen an.
    Stilpe machte einen einladende Bewegung, und der Zungenschnalzer begann:
    - Meine Herren! Sie werden (er war der einzige, der sich mit Niemand duzte)
von mir nicht erwarten, dass ich Pläne und Titel vorbringen werde, die an
Originalität und Erhabenheit mit denen meiner Herren Vorredner zu wetteifern
vermöchten. Ich bin der Meinung, dass wir in erster Linie volkstümlich sein
müssen.
    In diesem Augenblicke schlug Kasimir eine grässliche Lache auf und trank mit
einer ungemeinen Schnelligkeit zwei Glas Toddy aus, dann kniete er vor dem
Zungenschnalzer nieder und küsste dessen Stiefel.
    Der Zungenschnalzer leckte sich den Schnurrbart, grinste und fuhr fort:
    - Wir müssen eine Kunst haben, die auf den Mittelpunkt alles Empfindens
geht, auf das Geschlecht. Nur eine Geschlechtskunst ist echt, ist Instinkt, ist
Genuss, ist Leben, ist Volkskunst. Eine ejakulative Kunst, orgastisch, brünstig.
Ein Hineinknieen in die Uraccorde der Animalität, aber in allen Finessen
raffiniert, differenziert bis in die äussersten Nervenenden. (Er schien seinen
Schnurrbart verschlucken zu wollen, so verzückt bearbeitete er ihn mit seiner
Zunge.) dabei aber verwegen bunt, jagend, peitschenknallend, fieberisch!
Tanzmelodien und Hengstwiehern. Corsettkrachen und die Melancholie des
Leierkastens. Blechmusik und das Rauschen von seidenen Unterröcken.
Pubertätswimmern und das Schollern von Eisplatten in breiten, wälzenden Strömen.
Einen Titel dafür weiss ich nicht. Das Unsagbare kann man wohl stammeln, aber
nicht benennen.
    - Hehe, so sagen Sie doch: Der Stammler, werter Herr, oder: Stimmwechsel.
Das sind ausgezeichnete Titel. Hehe, oder: Der Hengst des Volkes. Das ist noch
entzöckender! Oder: Der rote Faden! Oder: Das Nadelör der Welt. Hehe!
Ausgezeichnete Titel!
    Der Pole schien sich ein bisschen zu ärgern.
    Der Zungenschnalzer lächelte verbindlich:
    - Dann würde ich schon lieber gleich Phallus oder Priapus vorschlagen, wenn
es nicht fürs Volk unverständliche Fremdworte wären, und die deutschen Ausdrücke
sind leider zu Rohheiten gestempelt worden. Es versteht sich, dass sie dadurch
für mich unmöglich werden, denn das Rohe schliesse ich ja aus.
    Er lehnte sich wieder vor und lächelte mit einem Ausdruck wie: Ich bin
fertig, Herr Präsident! Stilpen an.
    Stilpe war mittlerweile betrunken worden und konnte nicht mehr an sich
halten; nun musste er reden.
    Er stand auf, setzte seinen Hornklemmer ab und liess ihn an dem breiten Bande
schwingen. Dann begann er sehr laut:
    - Die gesprenkelte Nachtigall! Gut! Bunt! Ornitologisch! Also: Deutsch! Wir
würden sämmtliche Mädchen damit verführen. Oder wie? Es ist kein Zweifel
erlaubt! Denn es ist ein befiederter Titel... Jawohl! ... Indessen! Ah!: Das
Prisma! ... Streng! Keusch! Gläsern! Ideal! Matematisch! Die Welt der
Gymnasiallehrer würde zu uns strömen! ... Sehr gut! Indessen, mir scheint, ...
aber nein: Sehr gut. Nur ... es blendet, es sticht in die Augen, und: es ist
kalt, sehr kalt! Überaus kalt! Ausserdem weiss kein Mensch, was ein Prisma ist.
Der Titel erfordert ein Conversationslexicon. Auch kann man keine Lyrik
unterbringen. Oder? Nein, man kann nicht, durchaus nicht! ... Dagegen: Phallus!
Ja: Hier ist Lyrik, ausgesprochen Lyrik. Sehr warm. Winkend. Kraft und Saft und
Sinndeute der Welt. ... Aber warum nicht: Der Phalluswald? Hört doch nur: Der
Phalluswald! In ihm singt die gesprenkelte Nachtigall mit süssem Geschluchz, in
ihm auch kann man irgendwo das Prisma aufhängen! Sinnend wandelt hier der
Peripatetiker, anmutig lehnt hier der Bärenführer und lässt aus seiner grossen
Zehe eine neue Welt wachsen, neue Tänze übt zwischen den säuligen Stämmen der
Zungenschnalzer nach der Melodie des Bauchtanzes von Hawai, tief bohrt sich ins
Wurzelgeflecht die blutige Seelensuchekralle Kasimirs, und auch ich werde in
diesem Schattenhain der Urgefühle die Lieder finden, die, wie ich mit
Bestimmteit behaupten darf, irgendwo in mir schlummern.
    Lieben Freunde, trinkt Cognac und Gin, machet ein Feuer in euch an, dass eure
Augen glühende Kugeln werden, gross wie die Uhrscheiben am Ratausturm, und eure
Fäuste stark wie die Dampframmen der Weidendammerbrücke, trinket Gin und Cognac,
Freunde, lieben Freunde und Genies, trinkt und glaubt an meine schlafenden
Lieder, diese feisten Murmeltiere, aus deren Fett ich Elender Feuilletons
gebacken habe, trinkt, trinkt, trinkt, schlagt euch rotgeränderte Wolken um die
Schultern als Regenmäntel und kommt mit mir in den Phalluswald!
Kommt, o kommt und seid nicht träge,
Sind auch glitscherig die Wege:
Rot wie Rosen lacht das Ziel,
Und wir wollen ins Behagen
Milde, gütig jeden tragen,
Der in eine Pfütze fiel!
Er war unmässig gerührt und legte sich neben den Polen, der sich mitten im Zimmer
niedergelassen hatte und nichts sagte als: Der Seelenkrebs, Bruder, der
Seelenkrebs, hehe, das ist der Titel, das ist das Programm!
    Der Peripatetiker stand schweigend am Plakate des Tintensumpfs und bedeckte
dessen unbedruckte Flächen mit Hieroglyphen, der Bärenführer ordnete die Cognac-
und Ginflaschen und kommandierte: Leibgarde des Sultans! Prääääsentiert!
Präääsentiert! Der Zungenschnalzer leckte sich den Schnurrbart und trank weiter.
    Da klingelte es, und kurz darauf öffnete sich die Türe. Herein trat mit
einem leichten Aufschrei eine üppig schlanke, teatermässig geschminkte Dame mit
einem weiten blauen Teatermantel und einem riesigen Federhut.
    Der Zungenschnalzer ging ihr mit Anstand entgegen, Stilpe drehte sich bloss
um und rief: Süsse Kamelie, leg Dich an meine Seite, wir haben Grosses geleistet!
    - Das seh ich. Sag mal, wie findest Du das eigentlich? Eine halbe Stunde hab
ich am Wintergarten gewartet. Is das nett?
    Sie sprach mit einem Anflug von Hamburger Dialekt. Wie sie sich im Lichte
der Lampe auf Stilpes leeren Stuhl niedergelassen hatte, sah der
Zungenschnalzer, dass sie sehr hübsch, wenn auch nicht mehr ganz jung war. Man
hätte sie wohl für eine Dänin halten können: Ganz hellblaue Augen mit grossem
Stern, flachsblonde Haare, die Nase ein klein wenig, aber sehr anmutig
abgestumpft; dazu ein sehr kleiner, schön geschwungener Mund, der ganz besonders
zu dem kindlichen Ausdruck dieses Gesichtes beitrug. Die Haare trug sie in der
Mitte gescheitelt und, die Schläfen wie einen grossen Teil der Stirne ganz
bedeckend, glatt über die Ohren gelegt; hinten bildete ihre dichte Fülle einen
üppigen Zopfkranz. Diese Frisur gab ihr etwas süss Frauliches zu dem Kindlichen.
Wenn man ihr aber genauer in die Augen sah, so spürte man, dass eine heitere
Energie der Grundzug dieses Wesens war.
    Sie war, eine geborene Holsteinerin, dänisch-deutsche Liedersängerin und
trat jetzt im Wintergarten auf. Stilpen hatte sie sehr gerne, aber sie war nicht
eigentlich sein Fall. Er liebte »die Weiber nicht sehr, vor denen man Respekt
haben muss«, und vor ihr hatte er Respekt.
    - Ach Gott, Du wärst so reizend, wenn Du nicht im Grunde so anständig wärst,
hatte er oft zu ihr gesagt. Man kommt sich mit Dir immer verheiratet vor.
    Der Respekt, den er vor ihr hatte, brachte es jetzt auch zustande, dass er
sich erhob und ein bisschen nüchtern wurde.
    - Siehst Du, mein blondes Gewissen, ich konnte nicht kommen. Erst die
Litteratur, dann die Liebe. Wir haben soeben die deutsche Litteratur mit einer
neuen Zeitschrift begnadet: Der Mastenwald oder so ähnlich, Organ für
gesprenkelte Nachtigallen und Seelenkrebs. Ja! Das wird eine Nummer, Madame!
    - Ich kann mir den Unsinn schon vorstellen. Du bist nicht mein erster
Dichter. Ich kenne das mit eurem Zeitschriften. Snak! Dich hätt' ich eigentlich
für klüger gehalten. Fällt euch denn gar nichts Neues ein?
    Der Bärenführer, der auch darin Orientale war, dass er die Weiber nur sexuell
nahm, und auch das nicht eben mit Leidenschaft, wurde ärgerlich. Er warf drei
Flaschen um und rief:
    - Kattarattazambu! Plokjo tratuzupina! Pschattu! Pschattu! Pschattu!
    Dazu machte er ein sehr zorniges Gesicht.
    - Mein Gott, was hat denn der Herr? fragte lachend die Sängerin.
    - Ich spreche, wie gesagt, die Affensprache, mein Fräulein,
selbstverständlich platt, wie gesagt.
    - Gott, ist der aber komisch! Was hat denn das geheissen?
    - Wie gesagt, selbstverständlich gar nichts, das heisst, natürlich: Sehr
viel, wie gesagt, nämlich: Was verstehen denn die Weiber von der Wortkochkunst,
wie gesagt.
    - Aber ich verliebe mich doch fortwährend in Dichter, wie gesagt, da gehöre
ich doch mit dazu. Nicht?
    Jetzt drehte sich der Peripatetiker um und schritt langsam auf die Sängerin
zu:
    - Guten Abend, Matilde!
    Er sagte das sehr zärtlich.
    Die Sängerin sah ihn gross mit lachenden Augen an:
    - Ich heisse aber Marta!
    - Nein: Matilde. Ihre Stimme klingt wie Matilde. Ganz seraphimflügelblau
mit einem Kern von willefrohem Ultraviolett. Auch Ihre Hände flüstern Matilde.
So lilienblattschmal und immer betend mit leis durchbluteten Adern.
    Er nahm ihre rechte Hand und hielt sie vor das Lampenlicht:
    - Kinderpatscheken! Sie sind ein guter Mensch, Matilde!
    Die Sängerin schüttelte ganz ernstaft den Kopf:
    - Nein, so was! Sind Sie der liebe Gott, Sie freundlicher Herr?
    Dann lachte sie belustigt:
    - Nein, was hast Du denn da wieder für eine Menagerie? Jetzt weiss ich schon
gar nicht mehr, in wen ich mich verlieben muss.
    - Bitte, in mich! sagte der Zungenschnalzer in einem zärtlich dringenden
ernsten Tone. - Sehen Sie: Ich könnte auf Ihnen spielen! Seien Sie meine
Liebesgambe! Sehen Sie in meine Augen! Was sehen Sie!
    - Sie haben sehr schöne Augen, wirklich.
    - Blos schön? Nicht auch tief? Sehen Sie noch einmal hinein!
    Es sah aus, als wollte er die Sängerin wie eine Auster mit den Augen
verschlucken.
    - Aber Sie müssen meine Kniee in Ruhe lassen. Wirklich: Sehr schöne Augen!
Sind Ihre Gedichte auch so schön?
    - Ach, lassen Sie meine Gedichte! Meine Gedichte sind nichts, aber meine
Liebe ist wie eine tigerbunte Orchidee. Kennen Sie die Orchideen mit den
gekrümmten Pistillen, die wie gelbgepuderte Schlangen sind?
    Die Sängerin schob ein zweites Mal die Hände des Zungenschnalzers von ihren
Knieen, dann lachte sie:
    - Jetzt tut mirs bloss leid, dass der da unten schläft. Das is gewiss auch ein
Netter!
    Stilpe bemühte sich sogleich, Kasimir zu wecken aber der war endgiltig
fertig und konnte bloss noch: Seelenkrebs! schluchzen.
    Die andern aber setzten sich um die Sängerin herum und vereinigten sich, den
Bärenführer nicht ausgeschlossen, in wohlausgesuchten Reden zu ihrem Preise. Die
Sängerin amüsierte sich sehr und tat auch jedem in Toddy Bescheid.
    Das rührte den Bärenführer, der nun immer betrunkener wurde, ungemein, und
er flüsterte:
    - Wie gesagt, Marta, selbstverständlich: Sie sind schön, schön wie mein
Bär, wie gesagt. Ich umarme Sie mit meiner Seele. Ich liebe Sie fabelhaft! Wie
gesagt: Sie sind wie ein Bündel rosengelber Schlangen! Sie müssen die
gesprenkelte Nachtigall abonnieren!
    - Und das Prisma! flüsterte der Peripatetiker.
    - Und den Phallus! stöhnte der Zungenschnalzer.
    - Und den Phalluswald! rief Stilpe.
    - Machen wir! sagte die Sängerin.
    Da schrie Stilpe laut auf:
    - Eine Idee! Gründen wir vier, nein fünf Zeitschriften! Auch Kasimir muss
seine haben. Und jeder schreibt immer seine allein! Wie? Ist das nicht die
Lösung? Jeder sein eigener Redakteur! Ist das nicht, ja, ist das nicht ... Wie?
    - Selbstverständlich, wie gesagt: Fünf Zeitschriften in Plakatformat!
    Die Sängerin schüttelte den Kopf:
    - Aber, Kinder, seid ihr denn wirklich verrückt? Vorhin wart ihr doch bloss
duhn. Wenn ihr durchaus was gründen wollt, so gründet doch ein anständiges
Tingeltangel!
    - Hu hu hu! lachte der Bärenführer; aber die andern sassen da, als hätte sie
jemand von oben fallen lassen.
    - Ernstaft! Ein literarisches Tingeltangel. Wirklich! So was fehlt! Wo gute
Sachen gesungen werden. Sie können ja auch verrückt sein. Aber Sachen von
Dichtern. Und dann überhaupt Alles geschmackvoll, so, wie die englischen
Ballets; überhaupt: Was Schönes!
    Stilpe und der Zungenschnalzer erhoben sich gleichzeitig wie zwei Ergriffene
und riefen durcheinander:
    - Herrgott! Donnerwetter! Natürlich! Das ist es! Das müssen wir tun!
    - Selbstverständlich, wie gesagt: Ein ästetisches Tingeltangel! Ach,
Marta, Sie sind das Sternbild des grossen Bären! Wie gesagt, natürlich,
selbstverständlich ein Tingeltangel, wie gesagt!
    Auch der Peripatetiker war, in seiner patriarchenhaften Weise, von dem
Gedanken ergriffen:
    - Eine Renaissance der Kunst, aller Künste! Leise Singetänze in blauem
Lichte. Die verruchte Holdheit der Bajadere. Der Rhytmus
griechenmeerplätschernder Oden im Schmiegeschwunge nackter Brüste. Sehen Sie,
wie recht ich hatte, dass Sie Matilde heissen?
    Am lebhaftesten aber waren Stilpe und der Zungenschnalzer; Stilpe war durch
die Idee nüchtern geworden, der Zungenschnalzer berauscht.
    Der Abend endete mit dem festen Beschlusse, keine Zeitschrift, sondern das
Literatur-Variété-Teater
                                     MOMUS
zu gründen.
 
                                Drittes Kapitel
Stilpe sass an seinem Schreibtisch und arbeitete. Er machte dazu ein Gesicht wie
der lachende Zola, unendlich zufrieden und mit einem Blick, der auch noch im
Lachen ein Ziel im Auge hat.
    Die Pfeife sass im rechten Mundwinkel, von den Zähnen nach oben gestemmt, so
dass es gar verwegen aussah. Die Dampfwolken fuhren mit Kraft aus dem vollen
Munde mit den aufgeworfenen Lippen.
    Rechts und links türmten sich neben verschiedenen Liqueurflaschen Papiere,
Briefe, Druckproben zu Programmen, Zeitungen, Zeichnungen, Manuskripte,
Notenstösse. Grosse offene Körbe standen im Zimmer, aus denen blumig bedruckte
Musselinstoffe, dünne indische Seidengewebe in hellen schönen Farben, schwere
dunkle Samte, Spitzen, Goldfranzen hervorquollen. An den Mänden hingen grosse
bunte Kostümbilder im Geschmacke der englischen Ästeten, aber heiterer,
frecher. Mit dem Geruch des Old Judge mischten sich Parfüms von der resoluten
Art, wie man sie in den Garderoben von Variétédivas einatmet.
    Stilpe war von Grund der Seele aus vergnügt. Wenn er einmal die Feder
weglegte, rieb er sich die Hände und pfiff vor sich hin. Ja, er murmelte sogar
zuweilen Worte erregter Befriedigung: Hop! So! Tja, tja, tja, tja! Höh! Das
reisst!
    Und doch war der erste Momus-Rausch, der Rausch der Pläne und Phantasieen
vorüber, der Rausch der Tage und Nächte, als sie in täglichen Zusammenkünften
die Idee der Sängerin im Verein mit ihr genauer durchgesprochen hatten.
    Wie hatten sie da über die Zeitschrift gelacht, wie hatten sie die Sängerin
gefeiert als Retterin aus dem schlimmsten aller Tintensümpfe; wie war da Stilpe
von Tag zu Tag lebhafter, lustiger geworden.
    - Ha: Die Renaissance aller Künste und des ganzen Lebens vom Tingeltangel
her! Oh, das ingeniöse Mädchen aus Holstein! Man wird sie preisen wie eine neue
und grössere Neuberin, als die moderne Muse in Person. Unter ihrem Zeichen werden
wir das neue, echte, ganze, das lachende Heidentum heraufführen mit Bocksprüngen
und höchst edlen Faltenwürfen zärtlicher Gewänder. In unserm Schlepptau wird
Alles hängen: Malerei, Poeterei, Musikerei und Alles überhaupt, was Schönheit
und geniessendes Leben will. Was ist die Kunst jetzt? Eine bunte, ein bisschen
glitzernde Spinnwebe im Winkel des Lebens. Wir wollen sie wie ein goldenes Netz
über das ganze Volk, das ganze Leben werfen. Denn zu uns, ins Tingeltangel,
werden Alle kommen, die Teater und Museen ebenso ängstlich fliehen, wie die
Kirche. Und bei uns werden sie, die bloss ein bisschen bunte Unterhaltung suchen,
das finden, was ihnen Allen fehlt: Den heiteren Geist, das Leben zu verklären,
die Kunst des Tanzes in Worten, Tönen, Farben, Linien, Bewegungen. Die nackte
Lust am Schönen, der Humor, der die Welt am Ohre nimmt, die Phantasie, die mit
den Sternen jongliert und auf des Weltgeists Schnurrbartenden Seil tanzt, die
Philosophie des harmonischen Lachens, das Jauchzen schmerzlicher Seelenbrunst, -
ah, werft mir ein paar Feigenkränze voll Worten zu, blast mir Assoziationen ein,
lasst mich in Inkohärenzen lallen, lasst mich farbige Wortflutsäulen ausnüstern,
gross wie die Wasserwürfe aus den Nasen verzückter Walfische! Wir werden ins
Leben wirken wie die Troubadours! Wir werden eine neue Cultur herbeitanzen! Wir
werden den Übermenschen auf dem Brettl gebären! Wir werden diese alberne Welt
umschmeissen! Das Unanständige werden wir zum einzig Anständigen krönen! Das
Nackte werden wir in seiner ganzen Schönheit neu aufrichten vor allem Volke!
Lustig und lüstig werden wir diese infame, moralklapprige Welt wieder machen,
lustig und himmlisch frech! Leichtsinnig soll die Bande wieder werden und soll
bauchtanzen lernen! Ah, wir ahnen vielleicht gar nicht, was für raffinierte
Sachen die Biedermänner Germaniens leisten werden, wenn unser Geist über sie
gekommen ist! ... Kinder, küsst unsern blonden Engel hier und umarmt mich, denn
wir haben die Welt im Sacke!
    In diesem Stile und toller noch geberdete sich die Wollust Stilpes, endlich
einmal ein Ziel gefunden zu haben, das seinem Wesen gemäss war. Und die andern,
der Zungenschnalzer voran, waren nicht weniger ausser sich.
    dabei entwickelte Stilpe aber auch eine wirkliche Tätigkeit, und, kaum, dass
ein Monat vergangen war seit dem ersten Auftauchen der Momus-Idee, da hatte er
auch schon »Kapital am Bändel«, und die Aktiengesellschaft Momus war gegründet,
ein verkrachtes kleines Teater gemietet und er »artistischer Direktor« des
Ganzen.
    Seine Gabe, sich auch klug zu benehmen, wenn es not tat, kam ihm dabei sehr
zu statten. Es war ein Schauspiel, ihn zu sehen, wie er in seinem Staatsrock und
mit seinen lässigen Gesten des sicheren Geschäftsmannes bei »Leuten von Gelde«
am Merke war, die aussichtsreiche neue Idee mit einem grossen Aufwande von Zahlen
aus dem Geschäftsberichte der Londoner Empire-Gesellschaft zu entwickeln, und
wer ihn anzuhörte, wie er in gesetzter Rede, aber mit einem Grundton tiefer
künstlerischer Überzeugung und dabei gestützt auf entwickelungsgeschichtliche
Ideen origineller Art nachwies, dass das Unternehmen eines
»künstlerisch-literarisch bedeutsamen Kunstinstitutes mit Variété-Prinzip«
geradezu eine Forderung des Zeitgeistes sei, der zweifelte nicht, dass hier eine
»Sache« im Entstehen war.
    - Sehen Sie die Teater an! Sie sind leer! Gehen Sie in den Wintergarten! Er
ist voll! Dort Ableben, hier Aufleben! Wer die Kunst liebt, muss von Schmerz
ergriffen werden bei diesem Anblicke, und Sie wissen, wie sehr sich
kunstfreundliche Kreise bemühen, durch Gründung billiger Teater etc. das
Publikum, zumal der breiteren Volksschichten, dem Variété zu entziehen. Ein
lobenswerter Plan, aber eine falsche Metode, ein verhängnisvoller Irrtum,
entsprungen einem Mangel an Zeitpsychologie und an Verständnis für
entwickelungsgeschichtliche Resultate! Die Zeit des Teaters ist im Ganzen
vorbei! In diesen alten Schlauch füllt nur der Unverstand neuen Wein! Nein, wie
das Teater, ehedem ein Appendix der Kirche, sich von dieser losmachte und sich
selber eine neue, damals zeitgemässe Form gab, so muss sich die Kunst heute vom
Teater emanzipieren und entschlossen die Form annehmen, für die sich der
Zeitgeschmack entschieden hat: Die Form des Variétés! Beides ist reif zum
Untergange: Das Teater, weil seine ganze Struktur zu klotzig, schwer und
unbeweglich ist für die Genäschigkeit des modernen Kunsttriebs, und das jetzige
Variété, weil es seine überaus günstige, allen Wünschen einer nervösen Zeit
gemässe Form nicht mit wahrhaft künstlerischem Inhalt zu erfüllen versteht.
Lassen Sie uns ein Variété gründen als ästetische Anstalt im weitesten Sinne,
als Trägerin und Verkörperung all der heute so üppig sich entfaltenden
Richtungen in den Künsten, als Schaubühne des Schönen für Auge, Ohr und Gemüt,
und Sie werden sehen, dass Sie sich an einer wahrhaft kulturellen und zugleich
eminent praktischen Tat beteiligt haben!
    Mit dieser Anrichtung seiner Ideen für den Geschmack von Leuten, die in
Kunst spekulieren wollten, hatte er umsomehr Erfolg, als er sich gleichzeitig
den Anschein des vorsichtig bedachten Geschäftsmannes zu geben wusste, der es
fürs Erste ablehnte, ein Rieseninstitut ins Leben zu rufen. Ganz von selbst
werde sich aus bescheidenen Anfängen das grosse Etablissement der Zukunftsbühne
entwickeln.
    Sein bekannter Name, mit dem sich die Empfindung von »geistreicher
Schriftsteller« verband, tat das Übrige dazu, auch wirkte es besonders
überzeugend, dass er selbst als Erster fünftausend Mark allein zeichnete. So
erfolgte die Gründung der Gesellschaft schnell, und er erhielt einen Kontrakt
als artistischer Direktor mit vollkommener Selbständigkeit.
    Da er so klug war, bei den ersten Ankündigungen des entstehenden
Unternehmens seinen Namen, obwohl ihm das sehr schwer fiel, beiseite zu lassen,
so nahm sich auch die Presse, wenn auch mit den üblichen Vorbehalten, der Sache
an, und der Name Momus tauchte in kurzen Zwischenräumen halb geheimnisvoll immer
wieder in den Blättern auf.
    Es konnte kein Zweifel mehr sein, dass das Berliner Publikum, in ersten Linie
die literarisch und künstlerisch interessierten Kreise, der neuen Sache mit
Spannung entgegensahn. Der Umstand, dass die Witzblätter das Schlagwort vom
poetischen Tingeltangel aufbrachten, allerlei literarische Chansons vorschlugen,
Ernst von Wildenbruch als Hausdichter des Momus, Menzel als Kostümzeichner und
Karl Frenzel als Tanzmeister namhaft machten, trug dazu bei, das Interesse
wachzuhalten.
    Indessen arbeitete Stilpe mit heiterer Ausdauer unausgesetzt an der
Ausgestaltung des Unternehmens bis ins Einzelne. Der Bärenführer und der
Peripatetiker schleppten täglich die unerhörtesten Chansons herbei, der
Zungenschnalzer entwarf erotische Szenen von trikotloser Kühnheit, Kasimir
röchelte im Psalmenstile schauerlich schöne Seelenmonologe voll
krebsgeschwürigen Abendröten und satanischen Absyntismen, gestimmt und
berechnet auf die Maultrommelbegleitung aztekischer Urmelodien, die gesammte
junge Lyrik aller Schattierungen sandte nach Berlin NW. 32, »postlagernd Momus«,
Lieder jeder erdenklichen Art, die Componisten waren auch nicht faul, und die
jungen Maler und Zeichner ebensowenig. Dazu wimmelten Chansonetten und Komiker,
Reckturner und Jongleure, Tierbändiger und Zauberkünstler, Knockabouts, Clowns,
Gedankenleser, Schlangenmenschen, plastische Poseusen, Schnellmaler,
Schnelldichter, Schnellmodelleure, Schnellrechner, Mimiker, Negertänzer,
Skandalfürstinnen, Antispiritisten, Bauchredner, Zwerg- und Riesenmenschen, kurz
alles herbei, was nur auf den Namen Variété hörte und das
Literarisch-Künstlerische für Nebensache erachtete. Sogar Herr Ahlwardt kam.
    All das bereitete Stilpen ein herzliches Vergnügen, und er bedauerte fast,
dass das Programm des Momus so enge Grenzen hatte. dabei war er in Auslegung des
Begriffes Ästetisch keineswegs engherzig und legte es im Grunde mit »irgendwie
angenehm« aus. Nur mit Aufgebot von ausserordentlicher Energie liess er zumal
weibliche Artisten ziehen, wenn sie irgendwie angenehm auf ihn wirkten, und
gewaltig gross war die »Liste der für später notierten Mädchen«, die er zwar
nicht sogleich brauchen konnte, denen er aber mit väterlichem Wohlwollen
erklärte: Später peutêtre!
    Seine Hauptelfer waren der Zungenschnalzer und Marta die Muse. Diese
beiden besassen die eingehende Fachkenntnis, die ihm, dem Organisator und
Neuschöpfer, doch abging.
    Der Zungenschnalzer wurde als »Choreograph«, Marta als »Direktrice für
Chanson und verwandte Gebiete« engagiert. Der Bärenführer, der Peripatetiker
und Kasimir konnten in festen Stellungen nicht verwandt werden, doch übten sie
das Amt lyrischer Lektoren aus.
    Kasimir stöhnte am lautesten unter dieser Bürde:
    - Lauter Joetes, Bacillenschwärme von Joetes; es ist sehr scheusslich.
    Und fortwährend zitierte er die ihm verfallenen Lyriker mit dem Tone
ironischer Ergriffenheit.
    Der Peripatetiker missbrauchte die ihm anvertrauten Gedichtblätter zu
Manuskripten, und der Bärenführer erklärte, dass er nur über solche Lyrik
objektiv urteilen könnte, der deutsche Briefmarken als Rückporto beigelegt
seien. Im Übrigen interessierte der ganze Momus diese Drei nur insofern, als sie
durchaus wünschten, auf dem Programm der Première zu stehen. Stilpe war auch
ganz damit einverstanden, nur waren die bis jetzt von ihnen vorgelegten
poetischen Erzeugnisse nach seiner Meinung noch nicht momusreif.
    - Druckreif und momusreif ist ein Unterschied, meine Süssen! Ihr seid noch
nicht auf der Höhe des Brettls, ihr seid noch zu papieren! rief er ihnen immer
wieder zu.
    Übrigens entschied er nicht allein darüber; Marta die Muse hatte das
Hauptwort dabei.
    Wie er mitten im vergnügtesten Correspondieren war, trat sie ein:
    - Na, haben wir endlich ein paar Dichter?
    - Nee, ich glaube nicht. Wir müssen den Stil erst erfinden. Entweder fehlt
ihnen der Mut oder der Geschmack zum Gassenhauer. Blos der Zungenschnalzer hat
ein paar gute Sachen produziert, und das Schönste ist, dass er sie auch selber
singen kann. Er ist überhaupt unbezahlbar, und ich werde ihn zum Conrektor des
Momus ernennen. Er kann direkt Alles, nur muss man ihn eigentlich erst ein
bisschen kastrieren. Himmelschreiend diese Erotik! Die vier Tanzmädchen hat er
schon vollständig verdorben, und sie wollen nun schon gar nichts mehr anziehn.
Er übt jetzt ein Literaturballet mit ihnen ein und ist schon bei den
Romantikern: Pas de Tieck. Dann hat er mit den drei Poseusen eine herrliche
Nummer ausgeheckt: Das Heinedenkmal. Die Idee ist von mir, aber ich muss sagen:
Er hat sie direkt mit Diamanten übersät. Er wird Heine selber darstellen, im
Bett liegend, von anmutigen weiblichen Visionen ergötzt. Auch einen dressierten
Bären hat er als Atta Troll aufgetrieben. Na, Du wirst ja sehen! Es ist eine
unbeschreibliche Nummer! Damit die Antisemiten nicht Spektakel machen, lassen
wir darauf das »Journalistische Trio« folgen mit den drei jüdischen Komikern.
Sie sind zwar ein bisschen ruppig, aber ohne Ruppigkeiten gehts nicht. Übrigens
ist mein Text dazu um so seiner. Die Bande solls spüren! Jetzt, wo sie wissen,
dass ich die Sache mache, druckt kein Mensch unsre Waschzettel mehr. Na, dafür
haben wir die Litfasssäulen! Totschweigen gibts nicht! - Nur: Diese verfluchten
Lyriker! Schliesslich muss ich alle Couplets alleine machen. Wenn ich nur mehr
Zeit hätte! Und dieser Bärenführer, auf den ich so viel Hoffnung gesetzt hatte!
Der Mensch weigert sich, regelmässige Strophen zu bauen und steift sich
fortwährend auf das, was er »Finesse« nennt. Der Peripatetiker tut auch nicht,
was man will, und Kasimir kennt seit zwei Wochen bloss noch ein Tema: Die
Blutschande. Was soll man mit solchen Leuten machen? Die Literatur sitzt ihnen
im Schädel wie eine Riesentrichine. Keiner begreift, dass wir die Bühne der
Zukunft gründen wollen! Sie werden heute wieder anrücken und Vorschuss verlangen.
Ich zahle jetzt aber nicht mehr in baar, sondern in Viktualien. dabei hat sich
Kasimir in die zweite Poseuse verliebt und will für sie einen Seelenrhytmus
dichten, natürlich ohne Worte, bloss »Geberden einer profunden Idiotie des
Geschlechtszentrums«. Das geht noch über den Zungenschnalzer! Dafür verlangt der
Bärenführer - den antierotischen Bauchtanz! Nächstens schmeisse ich alle Drei die
Treppe hinunter. Sie haben keinen Ernst, weil sie keine Verantwortung haben!
    - Gott, vorhin hast Du so'n fideles Gesicht gemacht, und jetzt bist Du der
richtige Direktor!
    - Ach, ja freilich! Weisst Du: Die ganze Geschichte wäre herrlich, wenn bloss
nicht diese verdammte Literatur dabei wäre. Natürlich bin ich fidel! Ich habe ja
was zu tun! Aber, wie gesagt: Die Literatur! Wenn wir bloss keine Literatur
brauchten!
    In diesem Augenblicke schoben sich die Drei zur Türe herein, und der
Bärenführer rief, indem er Miene machte, sich in einen Duftaufen hellblauen
Musselins zu setzten:
    - Verzeihe mir, Stilpe, verzeihe mir, wie gesagt, ich bin betrunken, und Du
musst mein Couplet nehmen! Es ist ja so schön! Der Droschkenkutscher Nr. 8715 hat
mich dafür gratis fahren wollen! Wirklich, wie gesagt, Du musst es als Prolog von
mir deklamieren lassen!
Und er schrie ganz wild, fast schäumend:
Rum will ich! Uranusbraunen Rum will ich!
Keinen Tee!
Denn ich will betrunken sein!
Gleich den tiefen Unken sein!
Fröhlich wie ein Schnee-
König will ich sein!
Der Peripatetiker sang kindlichen Tones im Refrain:
Fröhlich wie ein Schnee-
König will ich sein.
Der Bärenführer fuhr mit rollenden Augen fort:
Arak will ich! Sehnsuchtblonden Arak will ich!
Keinen Tee!
Denn ich will besessen sein!
Gleich den rauchenden Essen sein.
Fröhlich wie ein Schnee-
König will ich sein.
Der Peripatetiker säuselte den Refrain dreimal nach. Der Bärenführer aber, mit
plötzlich veränderter, sanft flehender Stimme sprach.
    - Ach, Stilpe, sieh doch nur: Wie regelmässig diese Strophe ist! Siehst du,
ich folge dir, ich tue was du willst! Ich mache, wie gesagt, regelmässige
Strophen.
    Und nun wieder mit dem knurrenden Zorn eines Ebers:
Gin will ich! Gletscherweissen Gin will ich!
Keinen Tee!
Denn ich will betümpelt sein!
Lilagrün bewimpelt sein!
Fröhlich wie ein Schnee-
König will ich sein.
- Wie gesagt, selbstverständlich führe ich die Strophe regelmässig durch alle
Schnäpse fort:
Absynt will ich! Qualwolkigen Absynt will ich
Keinen ...
- Genug! schrie Stilpe. Bist Du verrückt!? Denkst Du, ich will mir mein Publikum
mit hoher Literatur verjagen? Du bist ganz unbrauchbar! Du kannst beim Momus die
Lichter putzen!
    Der Bärenführer war tief betrübt und setzte sich in die Sophaecke.
    Der Peripatetiker aber schüttelte den Kopf:
    - Ja, aber, was willst Du denn haben? Dieses Schneeköniglied ist doch
essenzhaft tief und dabei heiter wie eine weisse, segelnde Wolke über
Fabrikschlöten. Es hat etwas modern-goliardisches. Nicht wahr, Matilde: Es ist
ein schönes Lied!?
    Die Muse lächelte:
    - Ach ja, es ist ganz nett, und man könnte es später schon mal singen
lassen, als Alkoholistenintermezzo, aber für den Anfang...? nein: Ihr müsst euch
mehr an den Brettlstil anlehnen vorderhand. Habt ihr denn gar nichts Verliebtes?
    Der Peripatetiker machte ein mild-ernstes Gesicht und liess seine rechte
Hand in der linken Brusttasche des Smokings verschwinden, der jetzt schon ein
bisschen speckig geworden war. Dann entfaltete er eine Nummer der Kreuz-Zeitung
und las aus dieser, aber nicht aus ihrem gedruckten Texte, dies:
Gieb mir Deine Hände, Kind,
Deine kleinen weichen Hände,
Die wie Blütenblätter sind,
Kühl und feucht.
Gieb mir Deine Hände leis,
Deine kühlen, feuchten Hände,
Denn die meinen sind so heiss
Wie mein Herz.
Gieb mir Deine Hände, gieb
Still sie mir in meine Hände,
Kleines Mädchen, hab mich lieb,
Hab mich lieb!
Er las das mit einem seltsamen Flüstertone, flehend.
    Stilpe schüttelte den Kopf:
    - Aber wer soll denn das singen! Das ist ja Lyrik! Himmlische Mächte: Was
soll ich mit Lyrik anfangen? Das geht ja nicht! Das ist ja viel zu zart! Ein
Tingeltangel ist doch kein Lesekränzchen!
    Der Peripatetiker steckte die Kreuzzeitung ruhig in die Hosentasche und
sagte bloss:
    - Ich dachte, es passte. Ich fände das Gedicht sehr passend, wenn es ein
junger müder Mann an ein kleines Mädchen hinsänge, und er nähme ihre Hand und
küsste ihr dann die Füsse. Aber ich habe auch komische Gesänge. Ein Lied vom
geschorenen Pintscher habe ich einmal gemacht. Ich werde es suchen.
    Er setzte sich neben den Bärenführer und strich mit seinen schönen schmalen
Händen den langen Apostelbart.
    Kasimir grinste:
    - Hehe, Du hast wohl genug, Direktor. Weisst Du, meine polnische Rhapsodie
werde ich Dir auch hier lassen. Auf diesem sehr umfangreichen Schreibtisch da.
Hehe, sie wird auch nicht passen. Du willst natürlich, hehe, Humor! Und so musst
Du Herrn Stinde engagieren oder diesen, äh, wie heisst doch der Herr, diesen
dicken deutschen Biertrinker, hehe, richtig: Hartleben, hehe; dieser
Pilsener-Bier-Joete passt für Dich sehr gut. Das ist ein hervorragender Dichter,
hehe, geradezu der Onkel der deutschen Poesie. Ich liebe ihn, hehe! Er hat
gerade so einen schönen Hornkneifer wie Du.
    Stilpe lächelte. Gegen diese Manier fühlte er sich gewappnet.
    Aber wütend war er doch. Sie fingen also schon an, ihn zu verachten. Blos,
weil er klug war. Weil er langsam vorgehen wollte. Nicht mit dieser
tolpatschigen Hast junger Jagdhunde, sondern mit der Ruhe bewusster
Verantwortlichkeit.
    Unter seiner Freude an der bewegten Arbeit eines Sprechstunde abhaltenden
Teaterdirektors hob sich mehr und mehr ein Ingrimm gegen die Leute, mit denen
zusammen er eigentlich gedacht hatte, das Momus-Teater zu machen. Ihre
Unfähigkeit, für die Zwecke dieses Teaters zu arbeiten, empfand er nicht als
einen Mangel ihrer Begabung, sondern er ärgerte sich darüber, dass sie auch in
diesem Falle keinerlei Konzessionen an den Begriff des Zweckes in der Kunst
machten, und er beneidete sie im Grunde darum. Zwar sagte er sich manchmal, dass
sich darin auch Schwäche und Zügellosigkeit offenbarte, aber seine eigene
Fähigkeit, gerade für das Momus-Teater zu arbeiten, erschien ihm als ein
Anzeichen seiner künstlerischen Inferiorität.
    Er fing mit einemmale an, die »Dichterei« zu hassen, und es war ganz
ehrlich, wenn er der Muse gegenüber es verwünschte, dass die »Literatur« ein
Hauptprogrammpunkt ihrer Gründung war. Und dabei hätte er doch auch um Alles
nicht ein blosser Tingeltangeldirektor sein wollen. Der Gedanke, auf so paradoxe
Weise der Kunst zu dienen, kitzelte ihn angenehm.
    Aber gerade für das Eigentliche des Unternehmens, gerade für die Verbindung
des wertvoll künstlerischen mit dem Tingeltangelhaften, tat er am wenigsten.
Dafür mussten der Zungenschnalzer und die Muse die Hauptarbeit leisten. Er warf
nur zuweilen »Ideen hinter die Kulissen«, schrieb ein paar Couplets von
geistreicher Frechheit und entfaltete im Übrigen eine mehr fahrige als
zielbewusste Tätigkeit.
    Besonders gross war er in der Anschaffung schön bedruckter Stoffe aus England
und Belgien. Auch liess er ausgezeichnete Plakate litographieren und drucken. In
Paris und London engagierte er brillante Tänzerinnen und Sängerinnen zu sehr
hohen Gagen; das Beste, was das Ausland an Variété-Teaterkunst hervorbrachte,
verpflichtete er dem Momus-Teater. In gewissen Äusserlichkeiten war er sehr
erfinderisch und originell. So stellte er anstelle von Logenschliessern hübsche
junge Mädchen in allerliebst dekolettierten Kleidern an, sorgte für schöne
Blumenverkäuferinnen und benutzte seine vorzüglichen Verbindungen in der
besseren Berliner Halbwelt zu einer auf das Prinzip der Auswahl des Besten hin
systematisierten Verteilung der Freibillets.
    Der Pole karakterisierte das Ganze in seiner Weise so:
    - O Herr Direktor, Du bist geradezu dschenial! Du eröffnest Ausblicke in
geradezu orientalische Kulturen! Du solltest direkt ein literarisches Bordell
gründen! Weisst Du, hehe, wo die Mädchen auch gleich dichten oder Joete
deklamieren. Hehe, was Du da für reizende Divänchen in die Logen gestellt hast!
Und diese köstlichen Rosa-Ampeln! Hehe, und dass man die Logentüren von innen
verriegeln und an der Brüstung die Vorhänge zuziehen kann, - daran erkenn ich
den Meister! Und so sollst Du überhaupt gar keine Vorstellungen geben lassen,
sondern bloss, hehe, Eintrittspreise verlangen; hehe: »Damen zahlen die Hälfte.«
    - Na, und wenn es so wäre! entgegnete Stilpe unerschrocken, wäre das nicht
auch schon Verdienst genug? So ein bisschen angewandte Erotik ist genau so
wichtig, wie eure ganze Schreiberei. Und deshalb ärgert ihr euch eben: Weil Ihr
seht, dass ich ins Leben wirken will mit dem Momus und nicht bloss in die
Literatur. Ihr seid die grossen Geister; gut, schön, eminent: Ich lass euch eure
Lorberkränze. Ich bin ein einfacher Pionier des neuen Lebens. Nur der
Zungenschnalzer versteht mich, weil er den Willen der Zeit versteht. Und denkt
ihr denn, ich habe den alten Hut voll Geld gekriegt, um eine Bouillonkultur
Seelenkrebs anzulegen? Ich habe das Amt erhalten, die Berliner in ein
künstlerisches Leben hinüber zu amüsieren, nicht aber, sie mit Literatur zu
mopsen. Der Zweck des Momus ist direkt, eurer ganzen Literatur den Rest von
Interesse zu nehmen, den sie etwa noch hat. Wir wollen die Berliner ästetisch
machen. Es gibt hier immer noch Menschen, die Bücher lesen. Das muss aufhören.
In den Spitzenunterhöschen meiner kleinen Mädchen steckt mehr Lyrik, als in
euren sämtlichen Werken, und wenn die Zeit erst so weit ist, dass ich ohne
Unterhöschen tanzen lassen kann, dann werdet sogar ihr begreifen, dass es
überflüssig ist, andere Verse zu machen, als solche, die bei mir gesungen
werden. Umgotteswillen, begreift doch die Situation! Schöne Kleider, schöne
Frisuren, schöne Arme, Brüste, Beine, Bewegungen - darauf kommst an. Erfindet
mir Tänze, dichtet Pantomimen, löst mir das Problem der Emancipation vom Tricot,
- das sind Sachen, die ich brauchen kann. Und wenn ihr schon durchaus Verse
machen müsst, so vergesst doch nicht, dass sie von schönen Mädchen gesungen werden,
die nicht mit leeren Corsetts auftreten. Und seht euch mal die bunten, feinen
Stoffe da an! Was müssen das für Verse sein, die mit solchen Farben, solchen
Mustern konkurrieren wollen! Zieht doch eure Verse endlich mal aus! Ich lasse
Rops tanzen, - habt ihr doch die Kurasche, Rops zu dichten! Unser Teater heisst
doch Momus und nicht Stöcker. Seid ihr denn Predigtamtskandidaten? Mein Gott,
was tät ich, wenn ich auf euch angewiesen wäre!
    So polterte er sich aus und genügte seinem Bedürfnisse ab und an verwegene
Worte zu ballen. Aus diesem Grunde waren ihm die renitenten Dichter, obwohl er
sich herzhaft über sie ärgerte, doch unentbehrlich. Er konnte »an sie hin reden«
und sich bei dieser Gelegenheit klar machen, worauf hinaus er eigentlich wollte.
Diese Art, sich in Feuer zu reiben, tat ihm gute Dienste. Er fand sich mit
seinem literarischen Gewissen ab, indem er sich mit den ungebärdigen Poeten
abraufte. Wären sie nicht immer wieder aufgetaucht, so hätte er die Literatur
überhaupt vergessen und wäre ganz in Musslin und Seide aufgegangen.
 
                                Viertes Kapitel
Das leipziger Cénacle, das durch die »fatale Stilpe-Sache« damals gesprengt
worden war, hatte sich schliesslich doch wieder zusammengefunden. Freilich ohne
Stilpe. Dieser war um die Zeit der neuen Vereinigung gerade in den Vollgenuss
seiner kritischen Berühmteit getreten und hatte auf die Einladung, der ersten
Sitzung in Leipzig beizuwohnen, eine schnöde Absage erteilt. Es war darin von
Kinderschuhen die Rede, die er den Herren gerne zur Verfügung stellen würde,
wenn er nicht befürchten müsste, dass auch sie ihnen noch zu gross seien; im
übrigen sei er bereit, die poetischen Werke der erlauchten Cénacliers mit
derselben Objektivität zu tranchieren, mit der er die übrigen Erzeugnisse des
dichterischen Germaniens der öffentlichen Meinung vorsetzte.
    Diese Bemerkung war das Boshafteste in dem Briefe, denn die Herren Barmann,
Stössel, Wippert und Girlinger hatten ihren künstlerischen und dichterischen
Jugendplänen längst den Abschied gegeben. Barmann war Gymnasiallehrer geworden,
Stössel hatte reich geheiratet und gab vor, musikgeschichtliche Studien zu
treiben, Wippert war auf dem Umwege über orientalische Philologie langsam zur
Medizin gelangt und hatte eine Klinik für Frauenkrankheiten, Girlinger steuerte
auf die Laufbahn eines königlichen Staatsanwalts zu. Wenn sie sich trotzdem zu
einem neuen Aufguss des Cénacles vereinigten, so geschah es in einer gewissen
melancholischen Stimmung und in der Hoffnung, unter sich wenigstens eine Art
Abglanz jenes einbildungsvollen Übermutes zu erzeugen, an den sie sich nicht
ohne ein leises Hochgefühl erinnerten. Es war ihnen im Grunde doch leid, dass
jene überschwänglichen Einbildungen einer künstlerischen Zukunft nicht zur
Wahrheit geworden waren. Sie gestanden sich das zwar nicht ein, konstruierten
sich vielmehr ein Gefühl von ernster Zufriedenheit darüber, dass sie sich in
bürgerlich gefestete Zustände und in einen praktischen Wirkungskreis
hinübergerettet hätten, aber es gewährte ihnen doch Genugtuung, dass sie auf so
etwas wie eine geistige Sturm- und Drangperiode zurückschauen konnten. Auch
hegten sie die stille Hoffnung, dass sie vielleicht viribus unitis doch noch die
Fähigkeit besitzen möchten, wenigstens unter sich ein bisschen über die Stränge
zu schlagen.
    Da war nun die Absage Stilpes, vor dessen literarischer Stellung sie doch
etwelchen Respekt hatten und in dem sie den durchgedrungenen Cénaclier
verehrten, sehr fatal gewesen. Ohne ihn entwickelte sich das Cénacle stark ins
hausbacken Solide, und eigentlich gabs eine Wiedergeburt jenes Debattierklubs
auf dem Gymnasium, nur dass mit der Unreise auch der Entusiasmus fehlte.
    Es wurde aus dem Cénacle eines der kritischen Konventikel, wie sie sich
jetzt gerne um die Literatur und Kunst herumgruppieren, wo man sich über das
Neue unterhält, die Entwickelung mit bald wärmerer, bald kühlerer Anteilnahme
verfolgt, und wo der heimliche Lessing dieser kritisch noch immer nicht unter
einen Hut gebrachten Zeit in vielen Exemplaren wäscht, blüht und gedeiht.
    Ein Hauptsport dieses zeitgemäss gewordenen Cénacles war die Psychologie,
diese Lieblingsneigung aller unproduktiven Köpfe, die zu klug und zu stolz sind,
um zu dilettänteln. An Stoff gebricht es diesem Sporte niemals, aber hier war er
besonders üppig und interessant, weil die Cénacliers in ihrem ehemaligen
Freunde, dem Ex-Schaunard Stilpe, ein besonders ergiebiges Objekt hatten.
    Die Debatte drehte sich recht häufig um ihn, und besonders Girlinger ward
nicht müde, ihn zu vivisecieren. Er sprach es direkt aus, dass Stilpe für ihn das
interessanteste Schauspiel sei, und dass er ihn ganz sicher niemals aus den Augen
verlieren werde. Er hatte natürlich auch schon eine Prognose bis ins Letzte in
Bereitschaft, hütete sich aber doch, sie mit Bestimmteit verlauten zu lassen.
Die Kühnheit Wipperts, der im Geiste schon das Sterbebett Stilpes in der Charité
mit der Aufschrift del. trem. sah, besass er doch nicht. Dafür dachte er seinem
Metier zufolge mehr an Plötzensee. Barmann, der in Secunda deutsche
Literaturgeschichte traktierte, huldigte höheren Perspektiven; er konstruierte
sich einen modernen Fall Günter. Stössel war im Grunde voll phantastischer
Erwartungen:
    - Passt auf: Plötzlich tritt er mit einem Werke hervor. Jetzt ist alles
Schutt und Scherben. Aber mit einem Male wird er sich zusammenfassen und
aufraffen, und dann zeigt er erst seine wahre Gestalt, seine innerliche Kraft.
Vielleicht muss er bloss erst heiraten!
    So psychologisierte jeder nach seinen Erfahrungen, und Stilpe ward nicht
müde, in bunter Folge jeder Ansicht neue Nahrung zu geben.
    Zu einer konkreten Zusammenfassung reeller Unterlagen für diese
psychologischen Bemühungen kam, es aber erst als Girlinger nach Berlin versetzt
wurde.
Es war etwa über ein Jahr nach der Gründung des Momus, da sandte Girlinger
folgenden
                              Bericht quoad Stilpe
an das Leipziger Cénacle:
Endlich ist es mir gelungen, nicht bloss Autentisches über den Fall Stilpe-Momus
zu erfahren, sondern auch unsern ehemaligen Schaunard selber aufzufinden. Ich
hätte euch schon früher allerlei mitteilen können, aber ich wollte mit
Tatsachen aufwarten und nicht bloss referieren, was ihr aus den Zeitungen von
damals ebensogut wisst, wie ich, und was doch durchweg mehr oder weniger
feindliche Pressmache war.
    Ich verkehre hier ab und zu mit Journalisten und habe in dieser Gesellschaft
zuweilen versucht, das Gespräch auf Stilpe zu bringen, aber es ist mir nicht
gelungen, von dort her mehr zu vernehmen als Äusserungen einer fertigen
Verachtung, die sich nicht zur Darlegung von Gründen herbeilassen wollte. Stilpe
gilt in diesen Kreisen einfach als bête noire, und schon aus Korpsgeist
vereinigt man sich zu einstimmiger Verdammung des räudigen Schafes. Nur einige
geben noch zu, dass der »Mensch« ein »starkes pamphletistisches Talent besessen
habe«, aber auch sie fügen die Bemerkung daran, dass er »nicht einmal für einen
Schmähschreiber genug Charakter besitze«. Den Momus-Krach stellen sie als
wohlverdiente Strafe hin 1) für die Frivolität, die das Gepräge dieser ganzen
Gründung gewesen sei und 2) für das »ans Gaunerhafte grenzende Gebahren, das
Stilpe in der ganzen Angelegenheit gezeigt haben soll und zwar sowohl bei
Aufbringung wie bei Verwendung der Momusgelder.
    Durch Zufall lernte ich dann eine Gruppe von Dichtern kennen, die über jedem
Verdachte journalistischer Verbindungen stehen, weil sie es schon längst
aufgegeben haben, ihre Erzeugnisse durch die periodische Presse zu verbreiten,
und die gerade über den Momusfall mitreden können, weil sie an ihm beteiligt
gewesen sind. Da sie trotzdem im Grunde von Stilpe nicht viel wissen wollen
(weil er, wie sie sagen, den Momusgedanken prostituiert hat), so ist es erlaubt,
ihre Aussagen wenigstens für insoweit objektiv zu halten, als die Herren
überhaupt einer objektiven Betrachtung der Dinge dieser Welt fähig sind.
    Von diesen Herren habe ich nun dies erfahren: Das Momusteater erlitt ein
vollkommenes Fiasko, weil es als Tingeltangel »immerhin« zu künstlerisch, als
Kunstinstitut aber viel zu sehr Tingeltangel gewesen sei. Das Publikum lehnte
»das bisschen Literatur und Kunst«, was dabei mitspielte, schon als zu viel ab,
und die Presse, die im Verein mit dem »Schock Berliner Kunst- und
Literaturfreunde« sich »wenigstens den Anschein gab, etwas Künstlerisches
erwartet zu haben«, erklärte mit »der ganzen Entrüstung lackierter
Elitemenschen«, dass sie von Literatur und Kunst im Momus nicht mehr zu finden
vermöchten, als im »Malepartus«. Das sei nun freilich zuviel gesagt, meinten
meine »Dichter«, und sie führten zum Beweis der »Nüance von reeller Litteratur
im Momus« jeder eine Programmnummer an, die den Citierenden zum Verfasser hatte.
Ich muss gestehen, dass schon die Titel dieser Programmnummern mich in Staunen
versetzten, und als mir eine Probe »interpunktionsloser Lyrik« vorgetragen
wurde, die im Momus unter »Pizzicatobegleitung von acht Bratschen« deklamiert
worden ist, da begriff ich, dass das dem Publikum zu viel gewesen war. Diese
merkwürdigen Dichter amüsierten sich übrigens selber am meisten über ihre
Programmnummern, und ich vermochte mir nicht darüber klar zu werden, ob sie
diese Produkte ernst oder als einen Ulk nahmen, den sie sich mit Stilpe erlaubt
hatten.
    Es war bei der Première sehr lärmhaft zugegangen, und zwar hatten, wie meine
Dichter behaupten, zwei Parteien »um die Palme des Radaus gerungen«: In erster
Linie die journalistischen Feinde Stilpes und dann ein Aufgebot der christlichen
Jünglingsvereine. Nach Allem, was ich zumal über die Balletleistungen des Momus
vernommen habe, muss ich erklären, dass ich die Opposition derart inkorporierter
Jünglinge verstehe. Es ist auch sehr bald die Polizei gegen den Schnitt der
Balletgewänder im Momusteater eingeschritten.
    Dieser Umstand in Verbindung mit dem einmütigen Verdikte der Presse, dass der
Momus durchaus kein Kunstinstitut im höheren Sinne sei, hat den Aufsichtsrat der
Momus-Gesellschaft, also die Geldgeber, veranlasst, sich den Paragraphen in
Stilpes Kontrakt zunutze zu machen, der es gestattete, den »artistischen
Direktor« zu entlassen, freilich unter Zahlung einer sehr beträchtlichen
Entschädigungssumme für diesen. Der leise unternommene Versuch, diese
Entschädigung durch allerlei Anschuldigungen bedenklicher Natur in punkto
Geschäftsgebahrung zu umgehen, ist schliesslich nicht gemacht worden, aber schon
der Ansatz dazu hat genügt, jenes von mir bereits erwähnte Gerücht von
»Gaunereien« etc. zu erzeugen.
    Das Momusteater ist sehr bald an einen regelrechten Tingeltangeldirektor
übergegangen, und man hat eine Weile geglaubt, dass Stilpe selbst mit seiner
Entschädigungssumme der Hintermann dieses Variété-Mannes gewesen sei. Der
Umstand, dass seine damalige Geliebte, eine Hamburger Chantantsängerin, die Diva
des neuen Momusteaters wurde, deutete wohl darauf hin, aber die Stellung eines
Hintermannes scheint mir nicht im Charakter Stilpes zu liegen.
    Zweifellos und leider in Stilpes Charakter sehr ersichtlich begründet ist
dagegen die Tatsache, dass er sich nach seiner Entlassung einem völlig
verrückten Lotterleben hingegeben hat. In seiner Eigenschaft als »Direktor«
hatte er eine unendliche Schaar von Artisten und Artistinnen kennen gelernt, und
er umgab sich nun mit einem wahren Heerbann von stellenlosen Sängerinnen und
Tänzerinnen. Es wird euch genügen, das Faktum zu vernehmen, um euch ein Bild
davon zu machen, in welchem Stile er eine Weile gelebt hat.
    Meine dichterischen Gewährsmänner machen ihm nicht sowohl dieses Faktum, als
den Umstand zum Vorwurf, dass er jede Beziehung mit ihnen und überhaupt mit dem,
was sie Literatur und Kunst nennen, abgebrochen habe. Sie sagen in ihrem Stile
so: »Er sumpfte wie ein Kapitalist, der sich eine Leibgarde von Mitsumpfern
aushalten muss, weil es ihm an Geist und Grösse gebricht, allein oder mit
erlauchten Leuten congenial zu sumpfen. Er fing wieder an, schwere Getränke
nötig zu haben, wo dem Erlesenen schon Gilka genügt, um den Kontrakt mit dem
Weltgeiste zu finden. Auch bei ihm war es die Verzweifelung der Impotenz, die
ihn zwang, für teures Geld wertlose Räusche zu kaufen. Man brauchte sich
schliesslich kein Gewissen daraus zu machen, ihn anzupumpen wie einen Kunstfreund
von hoher Steuerklasse.«
    Diese Verachtung von dieser Seite her besagte für mich eigentlich den
tiefsten Stand der Stilpischen Dinge.
    Unser ehemaliger Schaunard, so sagte ich mir, hat also den brutal sinnlichen
Zug seines Wesens vollkommen Herr über sich werden lassen und ist, da ihm mehr
Geld zur Verfügung stand, als für ihn gut war, in gemeiner und geistloser
Schwelgerei untergegangen. Der andere Zug seines Wesens, und wenn es auch bloss
eine untergrundlose Verblendung war: Das Hinaufbegehren in freie, schöpferische
Geistigkeit, die Zuversicht, aus sich etwas Grosses, einen Poeten zu machen, das
hat er ganz verloren. Aber ich fügte in mir den Gedanken bei: Er muss, wenigstens
in vorüber wehenden Augenblicken der Klarheit, wenn der Alkohol versagt, sehr
unglücklich dabei sein.
    Deshalb gab ich mir Mühe, seiner habhaft zu werden. Aber es gelang mir lange
Zeit nicht. So lange er Geld hatte, wohnte er, wenn er in Berlin war, bald in
diesem, bald in jenem Hôtel, und häufig war er offenbar von Berlin abwesend,
vielleicht an den Orten, wo die eine oder andere seiner Favoritinnen gerade ein
Engagement an einem Tingeltangel hatte. Jetzt aber haben ihn die Favoritinnen
ganz ausgezogen, und - er hat selber ein Engagement an einem Tingeltangel hier.
    Ich erfuhr, dass er in einem der kleinen Chantants draussen in Berlin N., wo
die Chausseestrasse anfängt, als Komiker auftrete, und ich beschloss sofort, den
nächsten Abend zu einem Besuche in diesem Lokal, das sich Zum Nordlicht nennt,
zu benutzen.
    Das Milieu brauche ich euch nicht zu schildern; ihr kennt es aus eigener
Erfahrung und aus den Novellen der ersten Periode unsres deutschen Naturalismus.
Ich muss sagen: Mit einer wahren Angst sah ich dem Auftreten Stilpes auf dieser
Bühne entgegen, auf der sich im Übrigen nur Chansonetten letzten Ranges
produzierten. Auf dem Programm stand er als - »Rudolph Schonaar« verzeichnet.
Ist das nun ein Stück Selbstironie? dacht ich mir; hat er wirklich noch den
Humor, sich über sich selbst lustig zu machen? Wie wird er bloss aussehen!? Und,
mein Gott, wie wird er singen?!
    Ich war auf alles mögliche gefasst, aber nicht auf das, was kam.
    Dass ich es kurz sage: Es war eine Leistung! Ich bin ja freilich kein Kenner
auf diesem Gebiete, aber das getraue ich mir zu sagen: In seiner Art war die
Charge, die unser Schaunard von ehedem darstellte, ein brillantes Stück
grotesk-realistischer Tingeltangelkunst. Es war im Grunde niederdrückend für
mich, was ich sah, und doch ging ein Gefühl nebenher, das ich so ausdrücken
möchte: Der Kerl imponiert mir doch! So sich über sich selber zu stellen mit den
Mitteln einer zwar niedrigen, aber in ihrem ganzen Stile fabelhaft erfassten
Kunst, so das ganze traurige Ergebnis seines Lebens mit grotesker Laune
tragikomisch dem Pöbel vor die Füsse zu werfen, so von oben herab auf sich selber
herumzutreten und doch den Eindruck eines Mannes zu machen, der sich dabei
amüsiert, - wisst ihr: Das ist kein gewöhnliches Stück, da steckt trotz Allem
eine künstlerische Persönlichkeit dahinter.
    Also stellt euch vor: Stilpe trat als verlumpter, versoffener alter Dichter
auf. Lange graue Haare, zerknüllter Cylinder, Bratenrock, flatternder
Künstlershlips, - dies also die alte schablonenhafte Figur des idealistischen
Dichters in übler Vermögenslage. Aber nun hättet ihr sehen sollen, wie das
Gesicht, die Bewegungen, die Worte dazu passten. Zum Gesicht hatte er freilich
keine Kunst nötig gehabt: Diese aufgedunsenen Züge, diese alkoholisch poröse,
kupferige Nase, diese schwimmenden, unstäten Augen, - das war leider Alles
Natur. Auch die Bewegungen, dieses Fallenlassen der Arme, die dann an den
Schenkeln herumsuchten und tasteten, dieses nervöse Zucken der Schultern, dieses
zitternde Auflegen der rechten Hand auf die Stirne, dieses langsame Auf- und
Niederneigen des Kopfes, dieses Nachschleifen der Füsse beim schwankenden Gange,
- auch dies war im Grunde Natur, nur unterstrichen, perspektivisch berechnet.
Aber nun: Was er sprach und sang!
    Es war so eine Soloszene, wisst ihr: Monologe mit Gesangseinlagen wechselnd;
man kennt das ja; diese Geschichten sind eigentlich nicht mehr modern; ein paar
haben sich indessen sogar auf der grossen Bühne erhalten. Aber Stilpe hat, ich
sage es ohne Überschwänglichkeit, ein Kunstwerk daraus gemacht. Ich wäre auch
ergriffen zwischen Lachen und Grausen hin- und hergeworfen worden, wenn kein
persönliches Interesse mitgewirkt hätte.
    Er kam langsam, ruckweise schwankend aus der linken Coulisse und bewegte
sich im Zickzack, scheu sich umsehend, nach einer Bank rechts. Wie er sich auf
die hinfallen liess, wie er den Cylinder müde abnahm, sich durch die Haare fuhr
und nun mit einem leeren, ängstlichen Blick rund im Zuschauerraum herumsah, das
war für mich schon ein Eindruck, wie ich ihn selten von einer Bühne herab gehabt
habe. Plötzlich kicherte er, bückte sich und hob einen Zigarrenstummel auf,
griff dann lässig an sich herum, fuhr suchend in die Taschen, zog die Hände
resigniert heraus und sagte dann leise vor sich hin: Ja, Feuer! Is nich!
    Wieder ein paar Blicke im Kreise. Dann plötzliches Aufrichten und im
Vorwärtsschreiten das Bemühen, nicht zu schwanken, sondern anständig, mit Würde
zu gehen. Und nun, an der Rampe, eine höfliche Verbeugung vor dem Bassgeiger und
im Tone vollendeter Höflichkeit mit gebrochener Stimme: Dürfte ich Sie um etwas
Feuer bitten, werter Herr?
    Er erhält ein Streichholz, verbeugt sich wiederum sehr höflich und zündet
sich den Stummel an; stösst die Tabakwolken mit Genuss von sich, betrachtet den
Stummel mit Zärtlichkeit, lächelt und sagt: Sie müssen nämlich wissen: Ich bin
auch Künstler!
    Der Bassgeiger sieht ihn fragend an.
    - Ach nein, so schön geigen kann ich nicht. Nein. Aber - dichten! Haben Sie
keine Kindtaufe in Aussicht? Ich machs billig. Wenn nur vom Essen was übrig
bleibt ... Dies sehr demütig, traurig.
    Aber auf einmal wird er wild und fängt an zu schimpfen: Auf das Gesindel,
das Geld und kein Talent hat, auf alle, die ihn verachten, weil sie Kameele
sind, während er ein Genie ist u.s.w. - Ich sage euch: Ein fabelhafter Ausbruch
mitten in den johlenden Mob hinein, der sich königlich zu amüsieren anfängt,
während der Dichter, an der Rampe hin- und herrennend wie ein Eisbär im Käfig,
Zorn, Wut, Verachtung nach allen Richtungen schleudert.
    Ich hatte die Empfindung, dass Stilpe dies alles improvisierte.
    Dann fiel er wieder in den demütigen Ton und bat um Verzeihung und ein Glas
Gilka. Nachdem ihm dies hinaufgereicht worden war und er es mit der Hast eines
Verdurstenden hinuntergestürzt hatte, erklärte er, nun wolle er auch nicht so
sein und seinerseits etwas zum Besten geben. Und er begann im
Schauerballadenstil sein Leben, das Leben des verkommenen Genies,
herunterzusingen.
    Es war einfach grausig, sag ich euch, wie er immer sich selber als zweite
Person behandelte und gleichsam mit dem Stocke auf sich wies, wie die alten
Jahrmarktsmoritatensänger auf die warnenden Exempel. dabei stellte er in grossen
Zügen wirklich sein eigenes Leben dar, natürlich grotesk verzerrt und mit
burlesken Beigaben. Aber ich habe dieses sein Leben nie mit so greller
Deutlichkeit erkannt, wie während dieser Ballade, die überdies als parodistische
Leistung ein Leckerbissen zu nennen ist. Am Schlusse immer der Kehrreim:
O lockert eure steinernen Geberden!
Ich bin ein Lump und ihr könnt Lumpe werden.
Seht dieses Fleisch und schlotternde Gebein,
Jetzt sauf ich Gilka und einst soff ich Wein.
Nachdem er die Ballade zu Ende gesungen hatte, trat er unter johlendem Beifall
ab. Der Beifall hielt an, und er erschien wieder, trat ganz an die Rampe vor und
sagte: »Übrigens haben Sie mich vorhin gestört. Ich bin nicht hier hergekommen,
Ihnen was vorzuflöten.« Dann ganz leise: »Es ist doch kein Schutzmann unter
Ihnen ...? ...« Rufe aus dem Publikum: Ich wo! - Stilpe: »Ich... ich ... möchte
mich nämlich erhängen.«
    Ihr werdet es kaum glauben, aber das wurde in einem Tone gesagt, dass selbst
dieses Publikum erschrak. Aber nun schlug Stilpe eine Lache auf: Sie denken
wohl, das ist unangenehm? Im Gögenteil! Ich habe mir sagen lassen, man erlebt da
seine schönsten Sachen alle noch einmal. Jotte nee, was ick mir auf Laura'n
freue!
    Und jetzt folgte ein bockiges Herumstolzieren mit vorgestrecktem Bauche,
eine laszive Szene ohne Worte, die in mir direkt den Staatsanwalt wachrief.
Gemein! Gemein!
    Das Publikum wand sich vor Entzücken. Stilpe aber hielt plötzlich inne und
rief: Aber wissen Sie denn auch, warum ich mich erhängen will?
    Und nun folgte, ich kann es nicht anders nennen, eine Dissertation über den
Selbstmord. Und zwar so, dass er erst alle möglichen gewöhnlichen
Selbstmordgründe ablehnte, um schliesslich als einzig zwingenden und berechtigten
Grund den anzuführen: Es gibt kein Getränk mehr, das mich umbringen könnte,
drum muss ick mir selber umbringen.
    Nun zog er den Strick hervor und sang ihn als »Schnaps der Schnäpse« an.
Während der Schlussstrophe warf er den Strick um einen Laternenhaken, und während
der Vorhang fiel, legt er sich den Strick um den Hals.
    Ich atmete auf, wie der Vorhang unten war. Das Publikum aber klatschte wie
besessen. Nach einer Weile hob sich der Vorhang wieder, und ich sah, dass die
Originalität unseres verflossenen Freundes auch als Tingeltangelsänger keine
Grenzen kennt: Der Dichter hing an der Laterne und sang, ungeachtet des
Einspruchs der Naturgesetze, in dieser Situation, röchelnd und nach Luft
schnappend, sein Schwanenlied, eine schauerliche Mischung von Grausen, grotesker
Komik und Cynismus. Dann ein letztes Schlenkern mit den Beinen, die Zunge weit
heraus, dem Publikum entgegengestreckt, - der Vorhang fiel. So oft er sich
wieder unter dem Beifallgewieher des Publikums hob, sah man den Dichter am
Laternenpfahl hängen und mit herausgestreckter Zunge den grinsenden Kopf dankend
verneigen.
    Scheusslich! Scheusslich! werdet ihr sagen, und ihr habt ganz gewiss recht,
aber ich wiederhole es: Was in meiner Darstellung bloss widerlich wirken kann,
machte von der Bühne herab, ich muss es bekennen, in der Hauptsache auf mich doch
den Eindruck von ergreifender Kunst, schauderhaft verirrter, gottsträflicher,
infamer Kunst zwar, aber ich wäre nicht im Stande gewesen, etwa inmitten dieser
schauerlichen Frivolitäten aufzustehen und fortzugehen. Alles in mir empörte
sich, aber ich war gefesselt.
    In jedem anderen Falle wäre ich nun freilich jetzt weggegangen, zumal, da
auf diese pièce de resistance des Nordlichtes nur noch die ausgesungenste aller
Chanteusen folgte, aber mich verlangte es, Stilpe nun auch »in Civil« zu sehen.
    Wie muss der Mensch, der aus seinem Leben einen solchen grausigen Clownwitz
zu machen im Stande ist, aussehen, wie muss er sich benehmen, wenn er mir
gegenüber steht, der ihn aus Zeiten her kennt, wo es trotz Allem doch eine
solche Perspektive auf das Ende nicht gab!
    Ich schickte ihm meine Karte hinter die Bühne. Nach einer Viertelstunde
erschien er, die Vorstellung war mittlerweile durch den üblichen Galopp
geschlossen, an meinem Tische.
    Unglaublich! Er geberdete sich wenigstens ganz wie früher.
    - Willst Du mich verhaften, Staatsanwalt meiner Seele? Wieviel Jahre stehen
auf den Bauchtanz meiner Prägung?
    Ich hatte Mühe, ihn von diesem Stil abzubringen. Ganz hat er ihn überhaupt
nicht aufgegeben. Das Endresultat, was ich euch zu vermelden habe, ist dies:
Stilpe erklärt, sich recht wohl zu fühlen, wenngleich es ihm nur in den
seltensten Fällen noch gelingt, sich zu betrinken. Als Entschädigung für diesen
beklagenswerten Umstand bezeichnet er die »glorreiche Tatsache«, dass er
endgiltig darauf verzichtet habe, in die Literaturgeschichte zu kommen.
    - Literatur? Pf! Das Tingeltangel ist die Kunst der Zukunft. Übrigens hat
meine Orgel bloss noch eine Pfeife. Sonst? ... Na, mein Junge, wenn alle Pfeifen
schweigen, - die Heilsarmee leckt alle Finger nach mir. Ein bisschen religiös
komm ich mir überhaupt manchmal vor. Wer weiss...? ... Wer kann wissen ...? ...
Überhaupt ... der liebe Gott! ... Na ... einstweilen halten wir mal die Fahne
hoch ... Aber nicht wahr: Meine Nummer is gut!?
 
                                 Schlusskapitel
Etwa drei Wochen nach dem Gespräche Girlingers mit Stilpe erhielten die Berliner
neben anderen Frühstücksbeilagen auch diese Notiz vorgesetzt:
    (Selbstmord eines Chantantkomikers.) Die Besucher der Variétébühne »Zum
Nordlicht« waren gestern Abend Zeugen eines grausigen Schauspiels. Der Komiker
Schonaar hat sich auf offener Bühne vor den Augen des Publikums erhängt. Da der
Schlusstric in der Nummer dieses Komikers (!) darin bestand, dass er sich an einem
Laternenpfahl aufhängte, so gewahrte das Publikum es anfangs nicht, dass diesmal
das an sich scheussliche Schauspiel entsetzliche Wirklichkeit war. Es
applaudierte, die scheinbare Naturwahrheit der Darstellung bewundernd,
anhaltend, so dass sich der Vorhang dreimal über dem zuckenden Körper des
Hängenden erheben musste. Da erst fiel es den »Habitués« dieser Schaustellung
auf, dass der Darsteller nicht wie sonst seinen Kopf in der Schlinge gegen das
Publikum verneigte. Man eilte über die Rampe weg auf die Bühne und schnitt den
Erhängten ab. Da es nicht möglich war, ihn wieder ins Leben zu bringen, so muss
mit Bestimmteit angenommen werden, dass Schonaar, um ganz sicher zu gehen, sich
vorher vergiftet hat. Die polizeiärztliche Untersuchung wird zweifellos die
Richtigkeit dieser Mutmassung ergeben. In den Taschen des Selbstmörders fand man
ein Packet mit der Aufschrift: An den Staatsanwalt Girlinger. Dies erweckt die
Vermutung, dass dieser Selbstmord vielleicht noch anderweites kriminelles
Interesse hat. Wir kommen auf den krassen Fall zurück.
    Schon zum Abendbrot hatten die Berliner volle Aufklärung über den Fall
Schonaar. Sie lasen:
    (Zum Selbstmord im »Nordlicht«.) Der scheussliche Selbstmord auf offener
Bühne, von dem wir heute früh berichtet haben, hat kein weiteres kriminelles
Interesse, wohl aber eine psychologisches traurigster Natur. Der Selbstmörder,
der unter dem Namen Schonaar ein elendes Dasein als Komiker niederster Gattung
gefristet hat, war der ehemals viel genannte und gefürchtete Kritiker Willibald
Stilpe, derselbe, der sich in der Literatur durch das berüchtigte Pamphlet »Der
Tintensumpf« unmöglich gemacht und dann das bald verkrachte
»Literatur-Tingeltangel Momus« gegründet hat. Wieder einmal ein Talent, das an
seiner eigenen Charakterlosigkeit zu Grunde gegangen ist! Über die direkten
Motive zu diesem in so schauerlicher Weise in Szene gesetzten Selbstmord haben
wir vom Herrn Staatsanwalt Girlinger, an den der Selbstmörder ein Bündel
Manuskripte geschickt hat, nichts erfahren können. Man kann sie wohl in das eine
Wort zusammenfassen: Delirium.
Das war das Amen-Wort der Öffentlichkeit zum Lebensabschluss Stilpes.
    Das Leipziger Cénacle hatte den Vorzug, Stilpes eigene Meinung darüber zu
vernehmen. Girlinger schrieb den Freunden:
... Nous allons, si tu veux, chanter le dernier psaume ...
Hier sind die letzten Worte Schaunards. Seine Leiche ist, wie er wünschte, in
der Anatomie. Ich habe sie gesehen und fürchte, dass ich den Anblick nie mehr los
werde. Seid froh, dass ihr das nicht gesehen habt.
    Stilpes Brief an Girlinger lautete so:
                                 Landerirette!
Wie schreiben die kleinen Mädchen (ach, ach, ach, wie nett das klingt, - Mädchen
ist ein liebes Wort), die kleinen Mädchen, wenn sie sich vergiften? So schreiben
die kleinen Mädchen:
    »Lieber Emil! Wenn Du diese Zeilen liest, dann bin ich tot!«
                                      TOT
Das Wort hat rechts und links eine Peitsche und in der Mitte ein Loch.
    Graphologie! Graphologie!
    Ist es nicht tiefsinnig? Peitsche - Loch - Peitsche. Wie witzig! Profund!
    Und dann der Ton, wenn mans ein bisschen dumpf und gedehnt sagt, - das O ist
sublim. Wie wenn man über einen Flaschenhals hinpfeift. Heisere Sirenen.
    Indessen! Höre mich! Höre mich! Ich sage Dir: Sterben ist ein dummes Wort.
Man sollte Schtärben schreiben. Da käme die ganze breit hingeschmierte
Gemeinheit des Wortes zu Tage. Ekel. Würgen. Fuselaufstossen.
    Und quoad Fusel, ich weiss nicht recht: Ist der Fusel von heute schuld oder
die ostpreussische Bowle von damals ...?
    Schuld? Schuld? Das Wort macht mir Wut. Wie ein Brummer rennts an mich an.
Bin ich eine Fensterscheibe? Fliegenklatsche her! Fliegenklatsche!
    Sei ruhig! Ich bin nicht betrunken. Wirklich nicht. Das ist es ja eben! Ich
bin nicht betrunken, und ich werde es niemals mehr sein. Blos manchmal verrückt.
Entschieden, Alter! Verrückt, das heisst: Geschüttelt, gezerrt, gestossen, an die
Wand geworfen, - und dazu lacht Einer.
    Das Lachen legt sich Dir um den Hals wie eine Peitschenschnur um den
Kreisel, einmal, zweimal, dreimal, viermal, fünfmal, immer nochmal, immer noch,
immer noch, immer nochmal; - lass los! lass los! - Jetzt: Wwwt! und Du drehst Dich
wie ein Kreiselchen, Kreiselchen, drehst Dich wie ein Kreiselchen auf einem
Nagelkopf, scheibum, scheibum, lalalala, lalalala, scheib - um ... Hund! Hund!
Lache nicht, Peitsche, lache nicht! Wwwt! Wwwt! Scheib - um!
    Unwürdig, Staatsanwalt, unwürdig! Ein homo sapiens! Wie kann man nur!
    Aber das ist es nicht. Auch nicht die roten Mäuse und die weissen Männerchen,
und die lieben kleinen Drehdingerchen, die immer so hin und her und hin und her,
und oben an der Decke und unten an der Diele, - tritt doch! tritt doch! rufen
sie -, du lieber Gott, an die Menagerie bin ich gewöhnt. Wie lange denn schon?
    Du, weisst Du noch, meine gelbe Mütze? Oh, Jugendzeit! Oh, Porterbier!
    Lästig, wie sie kribbeln, die Gedanken; laufen mir über die Brust wie
Ameisen. Und die Springprozession der Flöhe: Meine Ideale.
    In - der - Tat! I - de - ale!
    Mit Deiner gütigen Erlaubnis: Ich habe wirklich welche.
    Sie lassen sich nicht wegsaufen, die höheren Ziele. Wie lange schon bemüh
ich mich, durchaus ein Lump zu werden, - und es ist mir immer noch nicht
gelungen.
    Wenn ich doch nur klar denken könnte! Ich möchte Dirs so gerne
auseinandersetzen, Jurist, der Du bist.
    Aber: Diese Blasen im Gehirn. Verschlammter Grund. Gurgelgase, Fuselgase.
Ich weiss schon nicht mehr, was ich Dir auseinandersetzen wollte. Es wird wohl
eine Lüge gewesen sein.
    Daran darf nicht gezweifelt werden! Immer hab ich gelogen! Immer! Sieh nur
meine Tagebücher durch.
    Die Verse! Die Verse! Am liebsten hab ich mich selber belogen, und
rhytmisch.
    Wenn ich nur die Kraft gehabt hätte, das immer so zu fühlen, wie jetzt. Wenn
ich mir nur über mein Talent nicht erst jetzt klar würde, wo es zu spät ist, wo
ich nicht mehr die Kraft habe, es systematisch auszunutzen! Ich hätte nie was
wollen sollen. Das Wollen war für mich eine ungesunde Lüge.
    Dichter wollte ich werden, weil ich Verse machen konnte. Das war die
Heckeratte, die infame. Wenn ich »Kritiker« geblieben wäre, - Du, was wäre ich
da für ein ganzer Kerl geblieben, in Samet und in Seide, rund und aus einem
Stücke, gar wohlgetan.
    Ein Lump von einem Kritiker meinst Du und beschwörst jenen Gottold Ephraim.
Was tuts? Das sind Nüancen. Sag Feuilletonist statt Kritiker, sag Pickelhäring,
Clown, Hanswurst der öffentlichen Meinung. Meinetalben. Aber das war mein Feld.
Da hätt ich weiter ackern müssen. Aber das behagte mir nicht. Wollte oben
hinaus. Die Hure, die Gouvernante sein möchte. Hol dich der Teufel! Huren ist
auch ein Talent. Bleib im Bette und nähre dich redlich!
    Jetzt ists wieder so. Ich habe Dich letztin belogen. Mich dichterts immer
noch. Immer noch möcht ich auf den Poetenberg. Immer noch hebt sichs da drin und
klingt und will. Verse überfallen mich und tönen mir gut. Oh, sie sind gut!
Höre!
Und hinter mir, dem schwarzen Adler gleich,
Dem seine Schwingen feucht sind, weil er in Wolken war,
Schwebt schwer die Nacht ...
Fühlst Du, fühlst Du, dass das Poesie ist?
    Von mir! Von mir!
    Bin ich ein Hund?! Nein: Diese Verse sind von mir!
    Ah! Höre!
Lau, ein Bad von Rosenblättern,
Legt sich Sehnsucht um mich, Sehnsucht;
Sinke, Haupt, ertrinke, Seele,
Stirb in diesen lauen Düften
Und geniesse die Erfüllung ...
Wie? Hat das nicht was? Der Teufel auch. Das ist ausgezeichnet, sag ich Dir, mi
fili!
    Dann:
Um mein Haus herum
Schwirren die Fledermäuse des Grams.
Zwei, sieh, hängen am Drachenbalken,
Grau am Grau,
Und blinzeln in den roten Lichtdunst meiner Lampe.
Öde heisst die eine,
Gier heisst die andre;
Die Schwirrenden pfeifen ...
Ich lese mir das vor, mit leiser Stimme sprech ichs den Buchstaben nach; mir ist
es, als hörte ichs von tief unten wo her aus Glockenmunde mit meiner Stimme, und
ich fühle: Das ist gut.
    Nein, ich bin keiner von den Schweren, Klebenden, in mir sind Stimmen aus
der Tiefe, es ist ein Reichtum in mir. Ich habe mehr als ihr Almosenempfänger.
Ich bin einer von den grands aumôniers des Herrgotts. Ich kann mich auftun, und
es fliesst Leben in die Welt. In meiner Seele umschliessen sich Zeugung und
Empfängnis. Wie jene Blume bin ich, die Phallus und Vulva ist; so steh ich da im
Garten des HErrn und begatte mich:
Liebe dich und löse Dich,
Löse dich auf und gebier dich der Welt
Aus der bebenden Lotosblume deiner Fülle!
                  - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Ich höre Dich lachen, Staatsanwalt! Lache! Lache! Spei mir Dein Lachen ins
Gesicht! Ich will mich nicht einmal abwischen.
    Ich weiss es ja, jede Zelle meines Wesens fühlt es ja: Das Alles ist
krüppelhaft. Ich, die erstaunliche Lilie im Garten des Herrn, stosse nichts als
Halbgeburten aus, ich wälze mich in Zeugungswollust und kann nichts austragen.
Und die fragmentarischen Bankerte verrecken unter dem Hohngelächter meiner
Erkenntnis, dass ich fürs Ganze impotent bin.
    »Es fehlt dem Schüler an der rechten Ausdauer, seiner Begabung alles das
abzugewinnen, was sie zu leisten vermöchte, wenn sie von Fleiss, Beharrlichkeit,
Mässigung unterstützt würde« ... Diese Worte, nebst einigen andern, habe ich
einmal von einem Schulzeugnis weggewischt, aber als wenn ich sie auswendig
gelernt hätte, stehen sie in mir fest und knarren sich heute mir vor.
    Sehr gut, Herr Doktor! Sie sind ein guter Psychologe gewesen. Aber, weiss
Gott, ein schlechter Pädagoge. Warum haben Sie mir alle die guten Dinge nicht
beigebracht, Magister Sie? Warum haben Sie mich schon auf der Schule verlumpen
lassen? War ich ein Talent, oh, Sie Halunke, warum haben Sie mich nicht gehütet?
Warum haben Sie mich verhöhnt, von sich weggetrieben, meinem Zorn und Trotz in
die Arme, dass ich nun erst recht auf mir bestand? Warum habt ihr mich überhaupt
gequält mit eurer Rohheit, eurem Dünkel, eurer Gleichgültigkeit? Warum habt ihr
meine Seele, da sie jung war, wundgescheuert, dass sie ewig schmerzende Narben
davontrug und immer zuckender, unstäter wurde? Freilich, die meisten unter euch
waren nicht einmal Psychologen, höchstens, dass sie instinktmässig ahnten, dass in
mir mehr war, als in ihnen, und dafür musste ich geduckt werden. Geduckt, ich! In
mich hinein frass ich einen Hass gegen Alles, das nicht ich war, meine ganze
Jugend wurde ein Eitergeschwür, all mein Blut verdarb, weil ihr mich drücktet!
    Wie das Alles auf einmal vor mir steht. Wie ein schwefelgelber, brunstrot
geäderter Sonnenuntergang.
    Nie, seit Jahren nicht, sah ich so klar. Nie, seit Jahren nicht, war ich so
bewegt. Nie, seit Jahren nicht, fühlte ich mich so frei wie in diesem jetzigen
Augenblicke.
    Wird man hellseherisch durch einen grossen Entschluss? Oder - - - bin ich
endlich, endlich wieder einmal betrunken? Dann - - könnte ich ja den grossen
Entschluss wieder aufgeben?
    Denn, - Ruhe! Ruhe! nur noch einen Augenblick Ruhe! - warum hat sichs in mir
eingenistet, eingegraben wie mit tausend feuchten Klauen, dass ich ein Ende
machen muss? Lauf mir nicht fort, Bewusstsein! Bleib, dass ich mirs sage, klar,
glatt, hell, dass ich es wenigstens einen Augenblick lang weiss. So! So! Ich habs!
Nur deshalb ... Nein! Nebel! Kopfschütteln. Müde. Trinken!
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Ich laufe den ganzen Tag im Zimmer herum wie ein Tier im Käfig. Und ich merke,
dass mich das hypnotisiert, wie einen Fakir das Kopfdrehen. Jetzt bin ich
wunderbar ruhig. Das ist sehr schön. Nun weiss ich auch, warum ...
    Siehst Du, Robert (hab ich Dich je Robert genannt, Du Schäker?), so ists:
Ich fühle, dass ich auch im Sumpf nicht ganz aufgehe. Nein, nicht einmal im
Sumpf. Und doch ist Aufgehen Alles. Worin, das bleibt sich gleich ...
    Eine Weile schien Alles gut. Ich - fühlte mich wohl und akklimatisierte
mich. Aber von dem Tage an, wo Du mit mir sprachst, begann das Ziehen wieder,
das Hinaufwollen. Ein Taumel erst. Verse sprudelten auf, Fragment auf Fragment.
Hohes Entzücken! Phönix aus der Asche! Dann aus allen Höhen herunter. Wirre
Verzweiflung ... Zuckende Erkenntnis. ... Hin und her. Ich will! Ich kann! ...
Nein! Nein! Hund! Lump! Mach ein Ende! ... Nein! Ich habe ja die volle Seele!
Ich muss nur ein einziges Mal mit aller Kraft mich ganz fassen! ... Ach! Ich bin
mit dem Schädel gegen die Wand gerannt und habe mir, ganz biblisch, die Haare
ausgerissen. Geheult und gekreischt in Weinen und Lachen! Unsinn! Unsinn! Noch
mehr saufen! Ecce medicamentum. Vergeblich. Ich reagiere nicht mehr.
    Ich habe nur noch das Ekelgefühl und eine marode Sehnsucht. Fertig, weisst
Du, was man so fertig nennt. Hin und wieder angenehm verrückte Anstösse, aber ich
fühle: Die verdanke ich auch bloss dem ... Entschluss.
    Der macht mir überhaupt viele Freude. Ja. Ich finde doch, dass ich nicht übel
abgehe.
    Über den Geschmack der letzten Szene kann man ja streiten. Natürlich. Aber
was geht das mich an? Ich finde, dass sie ausdrucksvoll ist. Dem Leben die Zunge
herausstrecken, eurem Leben, meine Lieben, das Plaisier müsst ihr mir schon
gönnen.
    Ich bin nun mal auf die böse Seite hinübergerutscht, wo die Respektlosen,
die Giftigen stehn. Wie kann da mein Geschmack der eure sein, ihr Leute von der
Harmonie? Wenn ich Bomben würfe, würde die Geschmacksdivergenz noch mehr
klaffen.
    Genug! Kommen wir zu meinem Vermächtnis:
    Meinen werten Leichnam, bitte, der Anatomie. Den Befund über das Gehirn mögt
ihr dem Cenaclearchiv einverleiben.
    Meinen werten Feinden von der Presse wende ich Stoff für mindestens zwei
Notizen zu. Wer sein Handwerk versteht, kann am Ende gar ein Feuilleton
herausschlagen.
    Dir gehören meine sämmtlichen Werke. Wenn Du zu den Versen immer einen
Anfang und ein Ende schmiedest, so kommt ein ganz netter Band Lyrik und
Spruchweisheit heraus.
    Sonst hab ich wohl nichts zu vermachen.
    Qualis poeta pereo!
 
    