
        
                                 Wilhelm Raabe
                            Die Akten des Vogelsangs
     Die wir dem Schatten Wesen sonst verliehen,
    Sehn Wesen jetzt als Schatten sich verziehen.
                                                                 Peter Schlemihl
 An einem Novemberabend bekam ich (der Leutnant der Reserve liegt als längst
abgetan bei den Papieren des deutschen Heerbanns), Oberregierungsrat Dr. jur. K.
Krumhardt, unter meinen übrigen Postsachen folgenden Brief in einer schönen,
festen Handschrift, von der man es kaum für möglich halten sollte, dass sie einem
Weibe zugehöre.
                                 »Lieber Karl!
Velten lässt Dich noch einmal grüssen. Er ist nun tot, und wir haben beide unsern
Willen bekommen. - Er ist allein geblieben bis zuletzt, mit sich selber allein.
Dass ich mich als seine Erbnehmerin aufgeworfen habe, kann er freilich nicht
hindern; das liegt in meinem Willen, und aus dem heraus schreibe ich Dir heute
und gebe Dir die Nachricht von seinem Tode und seinem Begräbnis. Dieser Brief
gehört, meines Erachtens, zu der in seinen Angelegenheiten (wie lächerrlich
dieses Wort hier klingt!) noch nötigen Korrespondenz. Seinen Ton entschuldige.
Es klingt hohl in dem Raume, in welchem ich schreibe: er hat die Leere um sich
gelassen, und wie ein Kind nenne ich Dich, Karl, noch einmal Du und bei Deinem
Taufnamen; es soll kein Griff in die Zukunft sein; es ist nichts als ein
augenblickliches letztes Anklammern an etwas, was vor langen Jahren schön,
lustig, freudenvoll und hoffnungsreich gewesen ist. Auch Deine liebe Gattin wird
den Ton verzeihen, wenn sie auch gottlob nichts weiss von der Angst, die wir
Weiber haben können in einem so leeren Raume. Ihre Angst im Dunkeln wird sie ja
wohl auch schon gehabt haben in ihrem Leben.
    Helene Trotzendorff als ein sich fürchtendes Kind? - Nein, doch nicht! - So
ist es nicht! - Die wilde Törin möchte sich nur entschuldigen, dass sie Euch
ruhigen Seelen durch ihre Nachricht den bürgerlichen und häuslichen Frieden
stört. Von jetzt an, lieber Karl, gedenke meiner als einer mit dem Freunde zu
den Toten Gegangenen; ich wollte, ich könnte sagen: in den Frieden.
    Euer Freund Leon war sehr aufmerksam, doch Eure Frau Fechtmeisterin hat mir
das Recht zuerkannt, das Begräbnis zu besorgen. Er, der Herr Kommerzienrat des
Beaux, tut mir nur die nötigen Wege. Nun bin ich allein mit dem Freunde und
freue mich über ihn und könnte ihm wieder wie unter den Holunderbüschen zwischen
den Buchsbaumeinfassungen der Aurikelbeete unserer Kindheitsgärten oder auf
unseren Bergen und Waldwiesen in den Haarbusch greifen und ihn Schelm nennen
oder einen schlechten Menschen. Verdient hätte er das heute wie vor Jahren. Er
hatte in seinem Frieden noch denselben Zug um Nase und Mund wie vor Jahren, wenn
er mich zu Tränen vor Ärger und Erbosung und Dich, guter alter Jugendkamerad, zu
einem Zitat aus einem deutschen oder lateinischen Klassiker gebracht hatte.
    Die Frau Fechtmeisterin hat das grosse, schlaue Kind wahrhaftig wie ein
kleinstes, dummstes, hülfslosestes Kind besorgt und zu Tode gepflegt. Sie ist
jetzt nahe an die neunzig Jahre alt und sagt: Dass ich das noch tun musste, hat
mich das ganze letzte halbe Jahr durch auf den Beinen erhalten: ich hatte es ihm
ja aber auch so versprochen, wenn ich auch niemals geglaubt habe, dass mal ein
Ernst aus seinem Spass werden könne. Sie konnte es nicht wissen, dass er immer
Ernst aus dem Spasse machte!
    Wenn wir nun zusammensässen, so könnte ich Dir wohl noch vieles sagen. Zu
schreiben weiss ich nichts mehr; ich bin auch sehr müde.
    Mit den besten Wünschen für Dich und Dein Haus
                                              Helene Trotzendorff, Widow Mungo.«
»Was hältst du so den Kopf mit beiden Händen?« fragte mich recht spät am Abend
meine Frau, nachdem die Kinder längst gekommen waren, um mir eine gute Nacht zu
wünschen. »Hast du heute wieder mal kein Stündchen Zeit für uns übrig gehabt,
armes Männchen? Grosser Gott, diese Berge von Akten! Was haben wir denn
eigentlich noch von dir?«
    Sie lehnte sich bei diesen Worten über meine Stuhllehne und legte mir ihre
kühle Hand auf die Stirn.
    »Die bösen Akten sind es diesmal nicht, mein armes Weibchen. Es ist etwas
viel Grimmigeres. Was erschrickst du denn? Dich und deine Kinder geht es nur
recht mittelbar was an.«
    Ich gab ihr den Brief der Witwe Mungo, der mich in dieser Nacht über die
gewohnte Zeit hinaus von dem allabendlichen Plauderstündchen im Wohnzimmer
ferngehalten hatte, und Anna nahm ihn, wenn nicht erschreckt, so doch sehr
verwundert und gespannt und sah natürlich zuerst nach der Unterschrift.
    »Von Helene Trotzendorff?«
    »Von der Witwe Mungo.«
    Die Pfeife war mir längst ausgegangen; ich stand auf, um sie in einem
Wirrwarr von Gedanken gedankenlos wieder anzuzünden, und ging nun in meiner
Arbeitsstube auf und ab, während Anna an meinem Schreibtische in meinem
Arbeitsstuhl Platz nahm und zwischen den freilich berghohen, ihr so ärgerlichen
Aktenhaufen das liebe Gesicht über den unheimlich wunderlichen Brief aus Berlin
beugte, um es sofort, jetzt doch im höchsten Grade erschreckt, wieder zu erheben
und mir zuzuwenden.
    »Velten tot? Unser - dein Freund Andres! - Und sie - Helene - die Witwe
Mungo, allein bei ihm!«
    Das Blatt zitterte in ihren Händen, als sie weiterlas; aber sie machte
weiter keine Bemerkungen, bis sie fertig war, das Schreiben niederlegte, mit der
Hand darüber strich, wie um es zu glätten.
    »Aber das ist ja ein entsetzlicher Brief! In seiner Unverständlichkeit doch
gar nicht so, wie ich sie mir nach deinen - euren Reden und Erzählungen
vorgestellt habe, dass unsereine trotz ihres Erschreckens und Mitgefühls wieder
mal nicht weiss, was sie dazu sagen soll. Velten Andres tot, und die
amerikanische Talermillionärin jetzt als seine Totenwache, wie es scheint, in
seiner leeren Dachstube. Was will sie denn jetzt da? Ganz dumm und irre wird man
hierbei! Du lieber Gott, wie machen sich doch die Menschen aus puren Grillen das
Leben schwer und das Sterben zu einem Komödienschluss! Ja, was siehst du mich an?
Wenn es nicht so trauriger Ernst wäre, so möchte man wirklich sagen: aus seiner
Rolle ist keiner von beiden gefallen. Und der gute Leon ist auch natürlich
wieder da und steht dabei wie der brave Mensch im Hintergrund, der auf dem
Teater immer dabei ist, wenn so eine Katastrophe eintritt, dass doch wenigstens
einer als vernünftiger Teilnehmer den Kopf schüttelt. Aber freilich - du musst
und willst doch auch wohl als erster alter guter Freund und Bekannter von allen
jetzt zu ihr nach Berlin?«
    »Morgen - wenn es mir irgend möglich ist.« -
    »Weshalb sollte dir das nicht möglich sein? In solchem Fall darf sich jeder
Mensch seinen Urlaub selber geben. Ich für mein Teil werde morgen diesen
unheimlichen Brief bei hellem Tageslicht lesen. Jetzt ist er mir wie ein Stein
auf den Kopf gefallen, und ich gehe zu den Kindern. Die Mädchen sind eben aus
dem Teater nach Hause gekommen. Das ist in diesem Augenblick meine einzige
Rettung nach dieser Lektüre. Der Himmel bewahre sie uns vor zu viel
Einbildungskraft und erhalte ihnen einen klaren Kopf und ein ruhiges Herz.«
    »Ganz meine Meinung, liebe Anna«, seufzte ich, und dann liess ich den Brief
Helenens unter meinen Aktenhaufen, zog den Arm meines klugen, klaren und ruhigen
Weibes unter den meinigen, und wir gingen zusammen zu den Kindern. - Das sind
schon ziemlich erwachsene junge Leutchen mit wenn auch jungen, so doch eigenen
Lebenserfahrungen und Interessen: von Velten Andres und Helene Trotzendorff
wussten sie nichts oder doch nur wenig. Und das wenige konnte jetzt bloss ein
romantisches Interesse für sie haben. Mit den Akten des Vogelsangs hatten sie
persönlich nichts mehr zu schaffen. Ob sie später einmal persönlichen Nutzen aus
ihnen ziehen werden, wer kann das wissen?
Dass mein Vater nur auf das zu dem Landesorden hinzugestiftete Verdienstkreuz
Erster Klasse und den Titel Rat die Anwartschaft besass, sagt alles über unsere
gesellschaftliche Stellung im deutschen Volk um die Zeit herum, da ich jung
wurde in der Welt. In welchem juristischen Sonderfach er ein Beamteter war, ist
wohl gleichgültig, dass er aber ein sehr tüchtiger Beamter war, haben alle seine
Vorgesetzten anerkannt und viel häufiger von seinem Verständnis in den
Geschäften Gebrauch gemacht, als sie ihren Vorgesetzten gegenüber laut werden
liessen. Es handelte sich in seinem Amt viel um Zahlen, und er hatte einen
hervorragenden Zahlensinn, womit, beiläufig gesagt, meistens auch ein
entsprechender Ordnungssinn verbunden ist. Beides gab ihm eine Stellung in
unserer heimischen Bürokratie, die für unser häusliches Behagen nicht immer von
dem besten Einfluss war; denn die Vorstellung, nicht studiert und es dadurch zu
etwas Besserm gebracht zu haben, verbitterte nur zu häufig nicht nur ihm,
sondern auch uns, das heisst meiner Mutter und mir, das Leben.
    Ich habe übrigens in meiner heutigen oberregierungsrätlichen Stellung
dergleichen wackere Herren gleichfalls gottlob unter mir und hole mir nicht
selten für meinen Amtsberuf nicht nur Aufklärung, sondern auch Rat von ihnen.
Das Bild meines seligen Vaters aber, mit dem zu dem Landesorden hinzugestifteten
Verdienstkreuz Erster Klasse auf der Brust, habe ich in Lebensgrösse (nach seinem
Tode nach einer guten Photographie gefertigt) über meinem Schreibtische hängen
und hole mir auch von ihm heute noch Aufklärung und Rat, und nicht bloss in
meinen Geschäften, sondern im Leben überhaupt.
    Meine Mutter war eine Frau, deren höchste Lebenswünsche und Ansprüche durch
den Titel Rätin ganz und gar erfüllt wurden. Sie war eine gute Mutter und die
beste der Gattinnen, wenn das letztere vom vollständigen Aufgehen in den
Ansichten, Meinungen, Worten und Werken des Gatten abhängig ist. Sie fühlte sich
wohl in der Zucht, in welcher er sie und sein Haus hielt, und ich glaube nicht,
dass sie je einen andern Willen haben konnte als den seinigen.
    Geschwister habe ich nicht gehabt, wenigstens nicht solche, die so lange
geatmet hätten, um von Einfluss auf mein Leben zu werden. Den Ersatz hierfür
lieferte die Nachbarschaft, und zwar in ergiebigster Weise, und davon handelt
denn auch, um es hier schon kurz zu sagen, die Akte, die ich jetzt anlege. Wem
zum Besten, wer mag das sagen? Jedenfalls mir zu eigenster Seelenerleichterung
und aus tiefgefühltem Bedürfnis nach einem, nach etwas, das einen ruhig anhört,
aussprechen lässt und nicht eher dazu redet, bis das Ganze vorliegt. Dass es nicht
eine Personalakte in der wirklichsten Bedeutung dieses Wortes ist, nimmt in
meinen Augen den Aufzeichnungen nichts von ihrem Wert. -
Die Nachbarschaft! Ein Wort, das leider Gottes immer mehr Menschen zu einem
Begriff wird, in den sie sich nur mühsam und mit Aufbietung von Nachdenken und
Überdenken von allerlei behaglicher Lektüre hineinzufinden wissen. Unsereinem,
der noch eine Nachbarschaft hatte, geht immer ein Schauder über, wenn er hört
oder liest, dass wieder eine Stadt im deutschen Volk das erste Hunderttausend
ihrer Einwohnerzahl überschritten habe, somit eine Grossstadt und aller Ehren und
Vorzüge einer solchen teilhaftig geworden sei, um das Nachbarschaftsgefühl dafür
hinzugeben.
    Wir zu unserer Kinderzeit hatten es noch, dieses Gefühl des
nachbarschaftlichen Zusammenwohnens und Anteilnehmens. Wir kannten einander noch
im »Vogelsang« und wussten voneinander, und wenn wir uns auch sehr häufig sehr
übereinander ärgerten, so nahmen wir doch zu anderen Zeiten auch wieder sehr
Anteil im guten Sinne an des Nachbars und der Nachbarin Wohl und Wehe. Auch
Gärten, die aneinandergrenzten und ihre Obstbaumzweige einander zureichten und
ihre Zwetschen, Kirschen, Pflaumen, Äpfel und Birnen über lebendige Hecken weg
nachbarschaftlich austeilten, gab es da noch zu unserer Zeit, als die Stadt noch
nicht das »erste Hunderttausend« überschritten hatte und wir, Helene
Trotzendorff, Velten Andres und Karl Krumhardt, Nachbarkinder im Vogelsang unter
dem Osterberge waren. Bauschutt, Fabrikaschenwege, Kanalisationsarbeiten und
dergleichen gab es auch noch nicht zu unserer Zeit in der Vorstadt, genannt »Zum
Vogelsang«. Die Vögel hatten dort wirklich noch nicht ihr Recht verloren, der
Erde Loblied zu singen; sie brauchten noch nicht ihre Baupläne dem Stadtbauamt
zur Begutachtung vorzulegen. Wir hatten von ihren Nestern unsere Hecken, Büsche
und Bäume voll und unsere Freude dran, trugen aber dessenungeachtet nicht auf
eine »Katzensteuer« an und schlugen oder schossen jeden wackern Kater tot, der
nach seinem Rechte mal im Bauplan der guten Mutter Natur mit einem »Immer und
ewig Mäuse?« herumstieg und von der sämtlichen Käfer-, Fliegen-, Raupen-,
Schmetterlings- und Würmerwelt nicht nur als ein Wohltäter, sondern auch als ein
Rächer geachtet wurde.
    Wohin reisst mich dieses Rückgedenken? Bedenke dich, Oberregierungsrat Doctor
juris K. Krumhardt, und bleibe bei der Sache! Bei der Stange! würde dein Freund
Velten zu jener Zeit unserer Zeit gesagt haben.
    Mein Vater, Oberregierungssekretär Krumhardt, hatte sein Haus im Vogelsang
von seinem Vater geerbt und der wieder von seinem Vater. Darüber hinaus verlor
sich unsere Kenntnis des Besitzstandes in der Nacht der Zeiten. Es war
jedenfalls ein altes Haus, das nicht nur die drei Schlesischen Kriege, sondern
auch den Spanischen Erbfolgekrieg miterlebt hatte als Zeitengenosse. Das
Nachbarhäuschen, das seiner äussern Erscheinung nach etwas jünger war, hatte Dr.
med. Andres erst bei seiner Niederlassung in der Stadt und der Vorstadt
Vogelsang käuflich an sich gebracht. Seine Witwe und sein Junge gründeten ihre
Wohnorts- und (möglicherweise) auch ihre Unterstützungsberechtigung auf diesen,
der Zeit nach noch ziemlich naheliegenden »Eintrag« im Hypotekenbuch; aber auch
sie fühlten sich ihres Besitztums sicher und gehörten vom Anfang an dazu -
nämlich zur Nachbarschaft im alten, echten Sinne, und mein Vater war nach dem
Tode des Doktors ganz selbstverständlich von der Obervormundschaft der Witwe als
»Familienfreund« beigegeben worden.
    Zugezogen war nur, jenseits der Grünen Gasse, Mrs. Trotzendorff from New
York, in eine Mietwohnung. Wie aber deren Kind sein Bürgerrecht unter dem
Osterberge im Vogelsang erwarb und es aufgab, darüber mögen denn diese Akten mit
allen dazugehörigen Dokumenten das Nähere berichten. Ich werde mir die
möglichste Mühe geben, nur als Protokollist des Falls aufzutreten. Wenn ich dann
und wann an dem Federhalter nage, meiner Privatgefühle, Stimmungen, Meinungen
und so weiter wegen, so bitte ich die geehrten Herren und Damen auf dem
Richterstuhle des Erdenlebens, hier, in Sachen Trotzendorff gegen Andres, oder
Velten Andres contra Witwe Mungo, nicht darauf zu achten. Meine Frau sagte
seinerzeit:
    »Guter Gott, wie dankbar können wir doch sein, dass du nicht so warest wie
die beiden anderen von euch. So haben wir doch wenigstens unser geregeltes
Dasein und unsere Kinder um uns. Aber auf deren vernünftige, ordentliche
Erziehung wollen wir auch recht Achtung geben. Es wäre mir zu entsetzlich, wenn
eines von ihnen auch so ins Wilde wüchse!« -
    Dr. med. Valentin Andres, der Vater unseres Freundes Velten Andres, war ein
echter und gerechter Vorstadtdoktor, ein gutmütiger Mensch und ein guter Arzt,
welchem letztern nur die Berge und die übrige schöne Natur für seine
Liebhaberei, die Insektenkunde, oft zu nahe lagen. Er war recht häufig nicht zu
finden, wenn er an einem Krankenbette, bei einem Unglücksfall oder sonst in
seinem Beruf höchst nötig war. Seine Abhandlung über Cynips scutellaris, die
Gallapfelwespe, machte seinerzeit in den betreffenden Kreisen Aufsehen und ist
auch heute noch von den Fachgenossen geschätzt. Zum Sanitätsrat aber brachte er
es nicht durch dieselbe, und das geringe Vermögen, welches er bei seinem Tode
seiner Witwe und seinem Sohn zu dem kleinen Hause und Garten im Vogelsang
hinterliess, stammte weniger von ihm als von seinem Vater und Grossvater her.
Letzterer soll ein nach unseren Begriffen sehr wohlhabender Mann gewesen sein;
aber wie verkrümelt sich die Wohlhabenheit, der Reichtum in der Folge der
Geschlechter! -
    Ich für mein Teil habe nur eine ganz dunkle Erinnerung an den Doktor Andres.
Mein Nachbarschaftsleben war nur mit seinem Jungen und der »Frau Doktern«; aber
seine Käfer- und Schmetterlingssammlungen in den Glaskästen an den Wänden haben
doch einen Einfluss auf mich gehabt und behalten ihn heute noch, und sein
freundliches Bild gleitet mir noch manchmal auf einem Waldwege um unsere jetzige
»Grossstadt« entgegen.
    Wie kopfschüttelnd oder lächelnd er seinem Sohn auf dessen Wegen dann und
wann erschienen sein mag? - Und was er aus seinem Lebensvermögen weitergegeben
haben mag an diesen, seinen Sohn Velten Andres - unsern Freund? - -
    Was nun die Frau Doktor Andres anbetrifft, so steht deren freundliches Bild
hell und klar in meiner Seele und kann nie darin auslöschen. Sie hat an meiner
Mutter Wochenbett gesessen und gut nachbarschaftlich in meine Wiege gesehen: ich
habe an ihrem Sterbelager gesessen und sie in ihrem Sarge gesehen - ebenso gut
nachbarschaftlich (ich gebrauche das Wort trotz allem, was nachher hierüber zu
den Akten kommt). Zwischen meiner Wiege und ihrem Sarge aber haben so viele
gute, liebe, lange Jahre des Zusammenlebens und Verkehrs von Haus zu Haus
gelegen, dass wir wahrlich zueinandergehörten, obgleich mein Vater - ihr
Familienfreund war, sie nur selten »begriff«, sie recht häufig sehr ängstete und
dann und wann noch viel mehr ärgerte und obgleich meine Mutter in allem diesem
der Ansicht und Meinung meines Vaters war und »Amalien« fast noch weniger
»begriff« als er.
    Natürlich wurzelten neun Zehntel aller Missverständnisse in dem Vorhandensein
meines Freundes Velten in dieser auf bürgerlichem Ordnungssinn gegründeten
Erdenwelt. Weshalb hatte denn aber auch die Obervormundschaftsbehörde nach dem
Tode des Doktors der Vormünderin des Jungen den Oberregierungssekretär Krumhardt
als Familienberater beigegeben? Da musste sich denn freilich manches zuspitzen,
was von Natur keine Schärfe hatte, wenigstens auf der einen Seite. - Mit den
Gärten sind heutzutage zwar auch die Vögel im Vogelsang ausgerottet; aber in den
Wäldern jenseits des Osterberges singen auch heute noch, aus Überlieferung,
vielleicht einige davon, was für ein sauberer Vogel Velten Andres war und was
für eine unzurechnungsfähige Vormünderin seine Mutter. Freilich hatte er ja auch
eine Eiersammlung seinerzeit, bis ihn - grade seine Mutter hier auf dem Felde
seiner Liebhabereien zurechtwies und sich die »grausame, unnütze Spielerei«
verbat. Natürlich unter gänzlich unberechtigtem Hinweis auf seinen seligen
Vater, der nie ein Vogelnest ausgenommen hatte.
    Aber gucke mal, da seine Käfersammlung und seine Schmetterlinge. Tat es
denen nicht weh, wenn er sie auf seine Nadeln spiesste? hätte der Sohn seines
Vaters der Mutter antworten und sie fragen dürfen. »Da, mach du dir einen
Eierkuchen draus«, sagte er jedoch nur zu mir, mir die ausgeblasene Herrlichkeit
über die Hecke zuschiebend. »Die Alte hat auch recht, wenn sie mir dieser
Dummheit wegen die Hosen nicht mehr flicken will. Sie mufft, und ich lege mich
lieber auf Briefmarken.« -
    Wann hätten wir je im Vogelsang die Nachbarin Andres »muffen« sehen? Dass sie
weinen konnte, wussten wir daselbst. Aber muffen? Diese Schmach konnte ihrem
lieben, freundlichen Gesicht nur unsereiner und also am besten ihr eigen Fleisch
und Blut aus seinen Schulbubenerlebnissen und - redensarten antun. Auf das
Lachen war sie von Natur eingerichtet oder, noch besser, auf das ruhige, stille
Sonnenlächeln, das ohne irgend zutage liegenden Grund eben aus der Tiefe kommt
und also da ist, weil einmal ein bevorzugtes armes Menschenkind die Welt schön
sieht.
    Wie muss ich heute mit Helene Trotzendorffs Brief vor den Augen daran denken,
wie schön die Mutter Velten Andres' die Welt sah!
    »Die Frau ist unzurechnungsfähig, der Junge ein verwahrloster Strick und bei
den Leuten Familienfreund spielen zu sollen und Vernunft reden zu müssen eine
Aufgabe, die einen zur Verzweiflung bringen kann!« rief mein Vater, aus dem
Nachbarhause nach Hause - unserm - seinem Hause heimkommend und den Hut
verdriesslich, doch sorgsam neben meinen Cornelius Nepos auf den Tisch stellend.
»Karl, was ist das wieder gewesen, und was für eine Rolle hast du bei dieser
neuen Albernheit gespielt? Sie haben das Hartlebensche Gartenhaus beinahe in
Brand gesteckt, Frau.«
    Ja, ich hatte den Cornelius Nepos und das Leben des Alkibiades, des Klinias
Sohn, vor mir und das Herz voll Angst vor meinem »Alten« und Verquollene Augen
und heisse, schwarzschmierige, zitternde Pfoten; und zu übersetzen hatte ich:
    »At mulier, quae cum eo vivere consuerat, muliebri sua veste contectum
aedificii incendio mortuum cremavit« - aber das Weib, das mit ihm zu leben
gewohnt war, verbrannte den mit ihrem Frauenrock bedeckten Leichnam in dem
brennenden Hause.
    »Heraus mit der Wahrheit, Junge! Da drüben kriegt man doch nichts anderes
als Phantasterei und Lügen zu hören«, rief mein Vater und fasste nun auch mich an
der Schulter, wie er »drüben« wahrscheinlich den Freund Velten und »gegenüber«
die kleine Helene Trotzendorff gefasst und geschüttelt hatte. Aus mir schüttelte
er jedenfalls die ganze Wahrheit heraus.
    »Wir haben bloss Komödie gespielt in Hartlebens Pavillon. Velten hat sie
angegeben, weil - weil - wir jetzt - in der Schule den Alkibiades haben!«
schluchzte ich.
    »Eine schöne Komödie, die auf Brandstiftung hinausläuft! Was meinst du dazu,
Mutter?«
    Meine Mutter rang nur stumm die Hände: mein Vater aber hatte ihr doch nun
die Sache etwas deutlicher auseinanderzusetzen.
    »Dass ihnen in der Schule aus den Griechen und Römern saubere Exempel vor die
Augen gestellt werden, das ist freilich leider eine Tatsache, Frau«, brummte er.
»Und da ist denn auch so eine Geschichte von einem griechischen General -
Alkibiades heisst er -, die haben sie auf dem Hartlebenschen Grundstücke
aufführen wollen und mit Streichhölzern, Schiesspulver und Kolophonium, was weiss
ich, gewirtschaftet; und dass das Mädchen bloss mit verbrannter Schürze, die sie
dem Musjeh Alkibiades, ich meine dem Schlingel Velten, überdecken wollte, aus
Hartlebens getrockneten Krautbündeln herausgekommen ist, das ist auch nur ein
Wunder, wie es solchen Narrenköpfen allein passiert.«
    »Du lieber Gott! Du lieber Gott! Und du bist auch wieder mit dabeigewesen,
Karlchen?« wimmerte meine Mutter.
    »Velten hat alles gleich gelöscht mit den Händen und mit Wasser aus dem
Brunnen in seiner Mütze!« schluchzte ich.
    »Und sitzt jetzt mit den Händen in Watte und Leinöl«, brummte mein Vater.
»Nicht einmal ein regelrechtes Schmerzgeheul und Gewinsel kriegt man aus ihm
heraus. Verstockt beisst der Taugenichts die Zähne aufeinander und glotzt nur von
Zeit zu Zeit angstvoll auf die Mama, was die zur Sache von sich gibt. Ja die!
Wer doch von Gottes und Rechts wegen in Tränen schwimmen sollte, das müsste die
Frau Nachbarin Amalie sein; denn der dumme Junge muss arge Schmerzen haben. Aber
tut sie es? Bewahre! Lieber sterben als dem zum Richtigen redenden Nachbar und
Familienfreund seine Verantwortlichkeit durch Zustimmung zu erleichtern.
Natürlich beisst auch die Frau Doktor nur die Zähne zusammen, sagt nur von Zeit
zu Zeit: Aber Velten, das war doch zu dumm! und lässt mich gewohntermassen in den
Wind und ins Blaue reden.«
    »Die arme Amalie!« seufzte meine Mutter.
    »Du bedauerst sie wohl gar noch?« fuhr mein Vater fast gröblich sie an. »Das
kannst du dir dreist für andere und bessere Gelegenheiten sparen!«
    Und mit einem Blick auf mich fuhr er fort: »Na, reden wir nicht weiter
hierüber. Übrigens, um den neuen Skandal (der dich, mein Sohn, beiläufig, auch
mit vor die Polizeibehörde bringen wird) völlig auszukosten, war ich denn auch
drüben bei der dritten von euch drei lieben Jugendfreundinnen, Adolfine - bei
der berühmten (ich will kein anderes Wort gebrauchen), bei der berühmten Frau
Agate-, unserer teuren Mistress Trotzendorff. Nu, was ich da zu hören bekam,
das hätte ich mir vorher schon selber sagen können. Sass die Person wieder sofort
auf dem hohen Pferde, als ob die sämtlichen Vereinigten Staaten von Nordamerika
es ihr gesattelt und gezäumt hätten! - Das habe das Kind eben aus einem grössern
Leben als das unserige hier von drüben mitgebracht, dass es die Welt (die Närrin
sagte wahrhaftig: die Welt!), dass es die Welt nicht mit unseren hiesigen
Philisteraugen (dies ist freilich mein Ausdruck), mit unseren hiesigen
Philisteraugen ansehe. Der Spass sei ja gottlob wieder glücklich abgelaufen;
Hartleben werde sich wohl auch zufriedengeben, wenn man vernünftig mit ihm
spreche, und auf die verbrannte Schürze des Kindes komme es gar nicht an; für
die werde sein Papa drüben in New York wohl noch aufzukommen wissen. - Damit
holte sie mir das naseweise Balg unter den Händen weg und hob es, wie Niobe ihr
letztes aus den Büchern unseres Jungen, auf den Schoss. Der Hinweis auf den
Schwindler, den Erzschwindler Trotzendorff, ihren Mann, imponierte mir aber so,
dass ich nur meinen Hut nehmen konnte und sagen: Da hört alles Eingreifen von
verständiger Seite gründlich auf! - Du lieber Himmel, was für eine
Nachbarschaft! Junge, Junge, ich rate dir, dass du bei den Grundsätzen deiner
Eltern wie bei deinen Büchern bleibst und dich exakt hältst. Dich wenigstens
kann ich windelweich hauen, wenn du mir bloss noch ein kleines mehr in dem
Affenspiel rundum die Purzelbäume mitschlägst und nicht deine bürgerlichen,
gesunden, nüchternen fünf Sinne beieinanderbehältst!«
    »Ja, bitte, bitte, bester Karl, tue das und mache deinen Eltern und deinen
Herrn Lehrern Freude!« sagte meine Mutter. »Ach, Vater, aber können denn die
armen Frauen, die Amalie und Agate, dafür, dass die eine ihren armen Doktor so
früh verloren hat und die andere ihren -«
    Sie brach ab, und mein Vater brummte nur: »Na, was deine andere dazu
beigetragen hat, hier jetzt wieder als abenteuerliche amerikanische Strohwitwe
im Vogelsang zu sitzen, darüber sind die Akten noch nicht mit allen
dazugehörigen Dokumenten versehen. Für die Doktorin mag deine Entschuldigung zu
mildernden Umständen beitragen, Adolfine.«
Welch eine Nachbarschaft! Jawohl, das war es, was trotz aller Warnungen und
Drohungen, Aufregungen und Ärgernisse meines braven seligen Vaters mir den
Vogelsang unter dem Osterberge bis heute noch zu einem Zauber macht, der mich
dahin bannt, obgleich er so sehr, so ganz und gar recht hatte mit seinen
Warnungen vor diesem Zauber. Bin ich nicht heute der einzige von uns dreien, der
seine gesunden fünf Sinne exakt und werkmässig beieinandergehalten und es nach
bürgerlichen Begriffen (sehr wohl berechtigten!) zu einer soliden Existenz in
der schwankenden Erdenwelt gebracht hat? Und hält mich dieser alte Zauber heute
nicht mehr denn je - der Zauber der Nachbarschaft, trotzdem dass Velten Andres
und Helene Trotzendorff auf anderen Wegen und, nach unseren bürgerlichen
Begriffen, verlorengegangen sind in der Welt und die Welt nicht gewonnen haben?
Wenigstens der arme Velten. Die hundertfache Millionärin, die Witwe Mungo,
geborene Trotzendorff, ist ja wohl nicht ganz so sehr zu beachselzucken wie der
ganz verrückte Mensch, der arme kuriose Kerl, der Andres! Schade um ihn, wie
hätte der es mit seinen Talenten und seinen vielen, vielen guten Gelegenheiten,
es zu was zu bringen, in der Welt zu etwas bringen können!
    Aber pragmatisch, pragmatisch, Karl Krumhardt! Das heisst, referiere dir
selber so werkmässig als möglich, Oberregierungsrat Doctor juris Krumhardt, um
dir selber wenigstens deinen Standpunkt in Sachen Andres contra Trotzendorff
oder umgekehrt klarzuhalten. Wenn nicht wegen eines andern Publikums, möchte es
deiner Kinder wegen wohl der Mühe wert sein.
    Wir, Velten und ich, waren ungefähr zehn oder zwölf Jahre alt, als wir
anfingen, mehr und mehr aufzuhorchen, wenn in unsere Kinderspiele, Schularbeiten
und Dummejungenstreiche der Name Trotzendorff hineinklang, mit bedenklichem
Kopfschütteln von seiten meiner Eltern, mit bedauerndem von seiten der Mutter
Veltens. Da hiess es in unserem Hause: »Konnte man das nicht voraussehen?« und im
Nachbarhause: »Die arme Agate!« Bei uns: »Der Schwindler musste ja zu diesem
Ende kommen, und nun schickt er uns das leichtsinnige Geschöpf, seine Frau, auch
gar noch wieder über den Hals!« Nebenan: »Mit so einem armen kleinen Kinde! Und
so weit her, über die See: ganz allein mit dem kleinen Mädchen über das grosse
Meer!«
    Die weite See, wo Robinson Crusoe seine Wunderinsel fand und wir, Velten und
ich, so gern eben eine solche gesucht hätten - das grosse Meer, über welches
Sindbad der Seefahrer schiffte und seine tausendundein Abenteuer erlebte, über
welches Whittington (dreimal Lord-Mayor von London) seine Katze verhandelte und
vom Negerkönig drei Säcke voll Goldstaub für das brave Tier zurückempfing: das
war es, was natürlich zuerst unsere Knabenphantasie erregte.
    »Du«, sagte Velten, »es kommt eine Frau mit einem kleinen Mädchen aus
Amerika wieder hierher nach dem Vogelsang. Meine Mutter kennt seine Mutter, und
deine Mutter kennt sie auch.«
    »Das weiss ich auch schon. Mein Vater und meine Mutter haben aber auch seinen
Vater gekannt und sagen, er sei ein Taugenichts.«
    »Davon hat meine Mutter nichts gesagt, aber kennen tut sie ihn auch. Das ist
mir übrigens ganz Wurst; aber das Wurm! Hol mal deinen Atlas. So eine dumme
Schürze und Zimperliese auf dem Atlantischen Ozean, wenn wir ihn nur in der
Geographiestunde haben und bloss Dummheiten vom Doktor Klebmaier zu hören
kriegen, wenn wir nicht wissen, wie weit er reicht! Na, lass sie mir nur kommen!
Drüben bei Hartlebens haben sie sich eingemietet; meine Mutter hat ihnen dabei
geholfen.«
    »Mein Vater und meine Mutter auch. Es geht ihnen recht schlecht, und man muss
sich ihrer annehmen, sagen sie. Weisst du, sie sind eben alle gute Freunde
miteinander gewesen, die Alten. Ja, wir sollten uns ihrer annehmen!«
    »Meinetwegen. Was ich dazu tun kann, wird gemacht. Von einem Mädchen mehr
soll mir diesmal noch nicht übel werden, obgleich wir des Zeugs schon eigentlich
borstig hier zuviel im Vogelsang haben. Überall stehen sie einem im Wege, und
über keine Hecke kann man steigen, ohne dass man zwischen einen Haufen von ihnen
fällt und fünf Minuten nachher das Gezeter angeht: Wenn du dich nicht aus unserm
Garten scherst, sagen wir's deinem Vater! Übrigens, Karlchen, kannst du mir noch
mal deinen Lederstrumpf leihen, ich will doch lieber vorher, ehe die Kreatur
einrückt, über Amerika nachlesen.« -
    Wie viele deutsche Jungen haben diese Cooperschen Lederstrumpferzählungen,
»für die Jugend bearbeitet«, hinübergelockt in das Land der Langen Flinte, der
Grossen Schlange und des Renard subtil? Ob das bei Mr. Charles Trotzendorff aus
dem Vogelsang auch der Fall gewesen war, kann ich nicht in den Akten nachweisen,
was seine Jugendzeit betrifft. Aus späteren Dokumenten geht mir hervor, dass es
sich nicht so verhielt - dass ihn weder der edle Unkas noch der tapfere Major
Heiward und auch nicht die stolze schwarzhaarige Cora und die blonde liebliche
Alice an- und dortingezogen hatten, sondern ganz was anderes: etwas, was nicht
das geringste mehr mit jener wundervollen, lügenhaft-wahren Kinder-Urwaldswelt
zu schaffen hatte, nämlich ganz einfach das Geschäft in den glorreichen
Vereinigten Staaten von Nordamerika. Auch aus dem edlen deutschen Vaterlande,
vom grünen Rhein und aus dem Vogelsang, kann das deutsche Gemüt die vollkommene
Befähigung mit übers Wasser nehmen, nicht nur mit Messrs. Longbow, Snake, Renard
and Company vortrefflich auszukommen, sondern selbst sie bei günstiger
Gelegenheit dergestalt übers Ohr zu hauen, dass sie sich den fernern Import von
dergleichen Konkurrenz am liebsten gänzlich verbitten würden. Aber das sind
Geschichten aus Väterzeiten. Ich habe, wie gesagt, wenig über Herrn Charles
Trotzendorff in meinen Papieren. In unserer Heimatstadt war er
Auswanderungsagent und wanderte seinerzeit selber aus, und zwar aus zwingenden
Gründen. Seine Frau, die Freundin und Schulbankgenossin meiner Mutter und der
Nachbarin Andres, nahm er aus dem Vogelsang mit. Sie soll in ihrer Jugendblüte
sehr schön gewesen sein und war auch eine noch nicht hässliche Erscheinung, als
er sie uns dahin, für eine Zeit, wiederschickte, »zur Aufbewahrung für besseres
Glück«, wie mein Vater sagte und wie es sich später auch wirklich so
herausgestellt hat.
    Es war Veltens Mutter, an welche »Mrs.« Agate Trotzendorff dann und wann
aus Amerika schrieb; Velten hat bei seinem »grossen Aufräumen« wohl ein halb
Dutzend Briefe mit überseeischem Poststempel in den Ofen geschoben. Soviel ich
mich erinnere, war weder stilistisch noch etisch das geringste daran verloren;
jedenfalls ging aus ihnen hervor, dass Mr. Charles Trotzendorff ein grosser
Schwindler war, der seine Sache verstand, also Glück gehabt hatte, es wieder
haben konnte und jedenfalls im Pech sich zu helfen wusste. Das letzte Schreiben
berichtete über ihn, dass er recht im Pech sitze, von »schlechten Menschen
unglaublich betrogen worden sei« und deshalb fürs erste seinen Haushalt auflösen
müsse. Wie uns, das heisst mir und Freund Velten, später die Sache klar wurde,
war er damals nur mit genauer Not an einem längeren Aufentalt in Sing Sing
vorbeigeglitten. Jedenfalls war er nach dem in jener Zeit noch mit einigem Recht
»fern« genannten Westen verduftet und hatte Weib und Kind dem Vogelsang wieder
zugeschoben. Was wussten wir im Vogelsang von Mr. Fisk und der Erieeisenbahn, von
Mr. Tweed, dem Tammany-Ring und Sing Sing? -
    Sie kamen an, die deutsch-amerikanische Mutter und little Ellen, das
amerikanische kleine Mädchen, und bezogen auf Hartlebens Anwesen die von uns
ihnen im Nebengebäude daselbst gemietete Wohnung. Der Einzug ging vor, während
wir beide, Velten und ich, in der Schule waren. Als wir nach Hause kamen, fanden
wir unsere beiden Mütter in erklecklicher Aufregung und zitternder Ratlosigkeit
beieinandersitzend und horchten, wie Jungens horchen, wenn ihre Mütter die Hände
stumm im Schosse ringen oder sie laut schreiend über den Köpfen ausspreizen, als
wollte ihnen nicht bloss das Himmelsgewölbe, sondern auch die Stubendecke auf die
Hauben fallen.
    »Das Frauenzimmer ist ja als eine komplette Närrin heimgekommen!« ächzte
meine Mutter.
    »Du lieber Himmel, was wird das werden!« seufzte die Nachbarin Andres.
    »Weisst du, Amalie, wie ich hier sitze?«
    Veltens Mutter schüttelte den Kopf.
    »Vollständig mit dem Eindruck, als ob wir - wir beide hier im Vogelsang
schuld dran seien, dass Hartlebens Nebenhaus nicht Unter den Linden in Berlin
oder noch grossartiger irgendwo drüben bei den Amerikanern in New York oder
sonstwo liege. Und mit den hundert Talern, die der Schlingel Trotzendorff meinem
Mann für die Einrichtung geschickt hat, hätten wir selbstverständlich unserer
hiesigen Frau Herzogin häusliche Ausstattung drüben bei Hartlebens beschaffen
müssen für diese - diese, unsere Mistress oder Lady, oder wie wir sie sonst zu
betitulieren haben! Bitt ich dich!«
    »Die arme Agate.«
    »Bedauere sie gar noch! Nimm es mir nicht übel, hier bin ich doch anders.
Ich für mein Teil werde ihr bei späterer, kommender Gelegenheit meine Meinung
nicht vorentalten, dass sie sich in unsere Verhältnisse zu schicken habe und wir
nicht in ihre.«
    »Grosser Gott, ihre Verhältnisse!« seufzte Veltens Mutter.
    »Nun, ich meine eben ihre grossartigen früheren, nicht ihre jetzigen. Ja, da
magst du wohl wieder recht haben, Malchen, und ich werde mich auch für mein Teil
bemühen, ihr dieselben so behaglich und verständlich zu machen, wie es mir
möglich ist.«
Ich ziehe selbstredend im besten Sinne des übelverwendeten Wortes diese
Unterhaltung der Mütter aus den Akten. Dass wir dummen Jungen das so nicht
aufbewahrten, ist selbstverständlich. Wir zwei - Velten und ich - wussten nur,
dass etwas ganz aus der Regel Fallendes und durchaus nicht ganz und gar
Angenehmes dem Vogelsang die Ruhe aufgestört hatte und die Behaglichkeit für
unabsehbare Zeit (wie mein Vater meinte) zu kränken drohte. Übrigens gewannen
wir sofort die Überzeugung, dass die Geschichte uns beide gar nichts angehe, und
mit der »neuen Schürze bei Hartlebens« wollten wir schon bald fertig werden wie
mit den anderen dummen Gänsen auf den Schulwegen, in den Gärten und Gassen bei
Sommersonnenschein und Winterschnee.
    So warteten wir denn mit dem Kinn auf dem Zaun wie zwei europäische Indianer
nach Hartlebens Wigwam hinüber.
    »Aus den beiden dummen Engländerinnen, Cora und Alice, mache ich mir gar
nichts«, sagte Velten, »aber wenn diese Neue rot, grün, gelb und blau angemalt
käme, wie Junitau im Pfadfinder, dann wär doch noch was, und mal was Neues, hier
bei uns in der ewigen Langweilerei aus dem Kokon gekrochen.«
    »Du! Da kommt deine Mutter mit ihr! Ach, der Dreikäsehoch! Guck, lässt sich
auch noch an der Hand führen und - richtig hat natürlich geweint und zimpert
noch und lässt sich nachziehen, als ob deine Mutter der richtige Oger wäre und
ihr bei euch zu Hause bloss von Kinderfleisch lebtet. Na, nun mach nur, Velten,
dass du auch nach Hause kommst. Du hast sie wahrscheinlich heute zu Tische -
guck, da nimmt deine Mutter das grosse Balg in eurer Gartentür gar noch auf den
Arm! Na, adjö, da rufen sie auch bei uns nach mir, und meinen Vater kennst du.«
    Es war ein Sonnabend und keine Schule am Nachmittag; wir lagen also am
Osterberg unter einem Busch, und ich vernahm den ersten Bericht über das erste
Zusammentreffen der Familien Andres und Trotzendorff beim Suppennapf.
    »Ja, sie waren bei uns zur Fütterung«, erzählte Velten. »Die englische Madam
auch. Die kann Deutsch, aber sie tut manchmal, als ob sie es vergessen habe. Die
Kleine kann nur Englisch, das heisst Amerikanisch: die richtige Wilde! Und sie
sind schauderhaft vornehm, das heisst eigentlich gewesen. Es ist übrigens nur
gut, dass meine Mutter noch vornehmer ist und auch ein bisschen Englisch kann,
durch meinen Vater. So ging es denn so ziemlich glatt ab: nur ich kriegte es
natürlich zu hören von meiner Alten, dass jetzt das Hinflegeln mit beiden
Ellenbogen auf dem Tische aufzuhören habe und dass sich eine Masse anderes nicht
schicke. Die Kleine hat den Teufel in ihren Augen und greinte, und auf gelbe
Erbsen, dicke Bohnen, Steckrüben, Mohrrüben und sonst unser Futter scheint sie
noch nicht recht eingerichtet zu sein. Sie hat eine Mohrin als Amme gehabt und
Mohren als Bediente; aber meine Mutter hat sie zuletzt doch zum Lachen gebracht,
und dass sie mich angrinste. Ihre Mama war zuletzt die einzige, die bei ihrem
Jammergesicht blieb und nach Tische meiner Mutter auch jetzt wieder was
vorweinte. Ellen heisst die Krabbe; auf deutsch Helene, und meine Mutter hatte
sie auf dem Sofa auf dem Schosse und tröstete sie beide. Da habe ich mich
gedrückt, denn den ganzen Nachmittag so was auszuhalten, konnte keiner von mir
verlangen. Na, Mitleid will ich ja wohl gerne mit haben, wie meine Mutter
verlangt; aber kriegt sie mich, dieser neuen, fremden Nachbarschaft wegen, auch
noch an das Englische, so werfe ich auf. An dem Latein und dem Französischen
haben wir grade genug in der Schule. Puh, Mitleiden! Hat da jemals einer mit uns
Mitleiden gehabt, Karlchen?«
    »Nee«, sagte ich.
    »Aber wie sollen wir uns denn mit der Kröte verständlich machen, wenn wir
kein Englisch können? Auf unsern Buckel laden sie sie doch ab; darauf nehme ich
jetzt schon Gift. Übrigens habe ich auch versprechen müssen, nicht den ganzen
Nachmittag vom Hause wegzubleiben. Drunten in unserer Laube sitzt die ganze
Prostemahlzeit beisammen und hat Mitleid. Deine Mutter auch, Krumhardt.«
Nun bin ich mit meinen Erinnerungen wieder am Abend jenes Tages, an welchem wir
in Hartlebens Gartenhause den Tod des Alkibiades aufgeführt hatten. Es waren
damals schon einige Jahre seit der Rückkehr der Mistress Trotzendorff in den
Vogelsang hingegangen, und Miss Ellen hatte, auch mit unserer, Veltens und
meiner, Beihülfe, doch allgemach ganz gut Deutsch gelernt, hörte (wenn sie Lust
hatte) auch auf den Ruf: Helene! Lene! Lenchen! und - wir waren alle drei in den
echtesten und gerechtesten Flegeljahren.
    Dass die Deutsch-Amerikanerin eine dumme, aufgeblasene, einfältige Gans sei,
hatten wir zwei Jungen längst heraus, und ebenso, dass sie doch ein Gutes hatte,
nämlich dass man mit ihr aufstellen konnte, was man wollte, wenn man sie nur
recht zu nehmen wusste. Mein Vater hatte nichts getan, den Eindruck, den die Arme
auf uns gemacht hatte, zu verbessern. Meine Mutter war natürlich der Meinung
meines Vaters, wenn auch in einem etwas mildern Grade. Und nur die Nachbarin
Andres war ganz und gar dabei geblieben, dass man Mitleid mit ihr haben müsse,
und gab der Ansicht bei jeder vorkommenden Gelegenheit nicht bloss Worte, sondern
fügte auch die Tat hinzu. -
    Ach, wie ich es mir jetzt überlege, kamen die Gelegenheiten recht häufig!
Viel häufiger als die Briefe und Geldsendungen des Gatten und Vaters
Trotzendorff aus den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Dem wollte es noch
immer nicht wieder recht glücken, und aus meines Vaters Munde schnappte ich das
Wort auf: »Gib acht, Adolfine, und erinnere mich seinerzeit an mein heutiges
Wort: demnächst hören wir gar nichts mehr von ihm. Wir und die Stadt haben die
Frau und das Mädchen allein auf dem Halse. Von Heimatberechtigung kann ja wohl
nicht die Rede sein; aber wohin sollte die Kommune sie abschieben, wenn der
Gauner seinen Verpflichtungen gegen seine Familie genügend nachgekommen zu sein
glaubt oder, was mir wahrscheinlicher ist, wenn sie ihn irgendwo da drüben an
einem Strick an einem Baume in die Höhe gezogen haben werden. Nach oben strebte
er ja auch schon hierzulande; aber hier hatte er doch nur mit den ordentlichen
Behörden. Gerichten und nicht mit dem Lynchsystem zu tun.« -
    In einem Hause, in welchem solche Reden über ihren Papa geführt wurden,
fühlten sich weder die Mutter noch das Kind des exotischen Sünders so wohl und
in verhältnismässiger Sicherheit, wie es sich für eine treue Nachbarschaft im
Vogelsang eigentlich gebührte. Da bot das Häuschen und Stübchen der Nachbarin
Andres einen behaglichern Unterschlupf. Es wurde dorten allen Sündern viel
leichter vergeben als - bei uns. Ich habe eben wahr zu sein, wenn ich durch
diese Blätter bei meiner Nachkommenschaft irgendeinen Nutzen stiften will, und
so sage ich, dass auch ich selber mich lieber bei der Mutter Veltens zu den
Sündern als bei meinen eigenen Eltern zu den Gerechten zählen liess. -
    Also das Unglück war wieder einmal geschehen, und hier hole ich es noch
einmal hinein in die Akten aus der fernen unaufgeschriebenen Vergangenheit,
unseren Kindertagen: es hatte Feuerlärm im Vogelsang gegeben. Ich hatte die Hand
meines Vaters am Kragen gefühlt, meine Mutter hatte die Hände gerungen, der
Nachbar Hartleben hatte seiner »Amerikanischen« zum zwanzigstenmal gedroht, sie
mit ihrem Balge beim nächsten Quartal auf die Gasse zu setzen - »einerlei, wer
mir dann zu meiner rückständigen Miete verhilft!« -, Lenchen-Timandra hatte
sich, wie immer bei solchen Gelegenheiten, auf dem Osterberge in den Wald
geschlagen und vergeblich nach sich rufen und suchen lassen, der Hauptsünder,
mit seinen »nichtsnutzigen Pfoten« wahrlich in Leinöl und Watte, agierte in der
Sofaecke den Heros weiter, indem er seine nicht kleinen Schmerzen so gut als
möglich verbiss, und Frau Amalie seufzte:
    »Junge, Junge, dein seliger Vater! Das war wieder ein Tag und Streich, bei
dem wir beide ihn mit Tränen von neuem vermissen. Grosser Gott, Velten, wen haben
wir denn jetzt, der uns sagen könnte, was aus dir, du Strick, noch mal werden
soll?«
    »Oh heaven, und mein Mann!« ächzte Mistress Trotzendorff; doch da zuckte die
Doktorin Andres nur die Achseln und meinte ablehnend:
    »Die Hauptsache ist jetzt Hartleben mit seiner Drohung für dich, Agate.«
    »Der Grobian! Der unverschämte Mensch!« wimmerte die Exmillionärin vom
New-Yorker Breiten Weg. »O wenn doch mein Mann hier wäre!«
    »Nun, nun«, meinte Veltens Mutter, »der würde uns wohl nicht viel helfen.
Jawohl, grob war er, der gute Nachbar, und recht hätte er eigentlich wohl, Ernst
zu machen und dich mit deinem armen Würmchen auf die Gasse zu setzen. Velten,
Velten, was habt ihr angerichtet!«
    »Puh«, rief aber jetzt Andres der Jüngere, die umwickelten Hände erhebend
und wie ein kranker Affe grinsend, »da ist doch mein Vater noch!«
    »Dein Vater, dein armer seliger Vater?« stammelte Frau Amalie.
    »Hat der etwa nicht dem Nachbar Hartleben und seiner Frau und seiner
Schwiegermutter ein halb dutzendmal das Leben gerettet? Hat er ihn nicht wieder
zurechtgebracht, als das Wagenrad über ihn weggegangen war? Und hat Hartleben
dir nicht geschworen, Mutter, du solltest nicht bloss deinetwegen, sondern auch
wegen meines Vaters zu jeder Stunde bei Tage und bei Nacht bei ihm anklopfen,
wenn du was von ihm brauchtest? Und hat er dir nicht zugeschworen, wenn er dich
nötig hätte, käme er auch zu dir, und du solltest immer das letzte und beste
Wort bei ihm haben und dafür bedankt sein?«
    »Man muss die Güte der Menschen aber auch nicht zu sehr in Anspruch nehmen,
Kind«, lächelte die Nachbarin Andres trotz aller Aufregung und Sorge des Tages.
    »Soll das etwa wieder ein Stich auf mich sein, Amalie?« fragte die Nachbarin
Trotzendorff, ihr Taschentuch in Bereitschaft setzend und im Begriff, ihren
fragbedenklichen Lebensjammer der Schlechtigkeit und Bosheit der Welt überhaupt
und also auch der Mutter Veltens aufzuladen.
    »Da kommt Herr Hartleben und bringt Lenchen!« Ich war's, der vom Fenster her
dieses erlösende Wort in diese »Gesellschaft am Krankenlager« warf, und es war
der Kranke, der aufsprang und gegen die Tür lief, und zwar mit den Worten:
    »Was schreit es denn so? ... Wenn Herr Hartleben ihm -«
    Er kam nicht zum Schluss seiner Rede. Hartleben hatte »ihm«, das heisst dieser
anderen jungen Sünderin nicht ihren Lohn dahin aufgezahlt, wohin er von Rechts
wegen gehörte, er zog nur die »widerborstige Range« am Arm hinter sich her durch
den Garten und trat mit ihr jetzt ins Haus und in die Stube und sagte, ohne sich
um seine Madam Trotzendorff im geringsten zu kümmern:
    »Sehen Sie doch mal nach, Frau Doktern. Ich meine, sie hat auch eine
hässliche Brandwunde am Ellbogen. Ich habe sie oben am Osterberge mit dem Gesicht
im Grase und mit dem Arm im feuchten, kühlen Erdboden und Moose begraben
gefunden. Ich war wegen einer Holzabfuhr da oben und bin dem verbissenen
Geschluchze seitwärts in den Busch nachgegangen. Ist das eine Komödie! Ist das
eine Schwefelbande! Na, nu fangen Sie nur nicht auch an zu schluchzen, Madam -
Mistress Trotzendorff. Lieber Gott, Frau Doktern, und nun fangen auch Sie noch
an, den alten Hartleben wehleidig anzusehen! Ja, das ist recht, sehen Sie erst
nach dem Kinde. Nicht wahr, eine arge Brandblase. Und damit in den Wald laufen,
so weit als möglich von den Menschen weg. Je ärger der Schmerz, desto
dickköpfiger die Verstockung, der Trotz und Eigensinn. Na, na, die beiden passen
zusammen, Frau Doktern, Ihr Junge und dies kuriose Geschöpfe, unser Lenchen
Trotzendorff. Ich sage nichts, aber wenn diese zwei sich durch die Jahre und in
der Nachbarschaft noch näher aneinander heranspielen, so gibt das mal 'nen
Haushalt mit Mord und Totschlag.«
    »Ich bin nicht trotzig! Ich bin nicht eigensinnig! Ich ging nur auf den
Osterberg hinauf, weil Velten wieder alles allein für sich haben wollte und den
Grossartigen spielen. Mir tat es so weh, mir tat es weher als wie ihm. Karlchen
weiss es, wie er ist, und ich will mich nicht von euch allen eine Heultrine
schimpfen lassen!« weinte, schluchzte unter wahrem Tränenstrome Helene
Trotzendorff jetzt unter den Händen der beiden Mütter. Das heisst, eigentlich nur
unter den Händen der Nachbarin Andres; denn die Nachbarin Trotzendorff konnte
Verwundungen nicht gut ansehen, geschweige denn hülfebringend fest und kräftig
anrühren.
    Das Kind stand grosse Schmerzen aus; aber es behielt während des Verbandes
den Unheilskameraden im Auge und rief, mit dem Fusse aufstampfend: »Ja, gucke
nur. Bilde dir nur nichts drauf ein, dummer Junge, dass du ein Junge bist. Und
wenn uns Herr Hartleben jetzt deiner Dummheit wegen aus dem Hause wirft, so will
ich auch allein schuld daran sein und gehe wieder in die Welt und nach Amerika
und suche meinen Papa. Nicht wahr, Ma, und wenn wir den gefunden haben, dann
können wir wieder auf den Vogelsang aus unserer eigenen Kutsche heruntersehen?«
    »Nun höre einer! Höre sie einer!« brummte Hartleben. »Und was schwatzt der
kleine Racker von mir und dem, was ich tun werde oder nicht? Aber da sie denn
einmal die Rede auf die Sache gebracht hat, so wollen wir auch bei ihr bleiben.
Frau Doktern, was Hartlebens Anwesen angeht, so wissen Sie, wie Sie dazu stehen
- Sie im Vogelsang! Und also auch zu dem Wohnungskündigen und dergleichen. Also
wenn es Madam Trotzendorff nicht mehr bei mir - aber eigentlich bei Ihnen nicht
mehr gefällt, so muss sie das mit Ihnen ausmachen. Von wegen meiner ist sie
sicher. Wir zu unserer Zeit waren ja eben auch Kinder und Jungen im Vogelsang
und haben ihn oft unsicher genug gemacht. Was mich aber nicht abhält, dem
Haupträuberhauptmann, dem Musjeh Velten da ein bisschen anzuraten, sich doch
manchmal ein warnendes Beispiel an seinem Freunde Karlchen hier, dem Karl
Krumhardt, zu nehmen. Wenn ein Randalmacher im Vogelsang existiert, dem ich noch
nicht mit einer Tracht Prügel habe drohen oder aufwarten müssen, so ist er das.
Also grüsse du deinen Herrn Vater, Karl, und mache ihm fernerhin alle Freude.
Mistress - Madam Trotzendorff: Hartleben kann wohl grob, sackgrob werden, wenn
er das Recht dazu hat: aber ein Unmensch ist er nicht, und wo er sieht, dass
weder Hart- noch Sanft-Dreinreden hilft, da weiss er sich auch zu bescheiden
vorzüglich bei Damens. Also empfehle ich mich, und, liebe Frau Trotzendorff,
wenn unsere Frau Doktern Ihrem Wurm für diese Nacht ein Lager da auf ihrem Sofa
machen würde, wie sie's auch mal meinem kleinen seligen Hans getan hat, so
hielte ich das für das beste. Das Kind wird doch wohl diese Nacht durch ein
bisschen unruhig sein und Pflege verlangen und Sie, liebe Madam, recht stören.
Habe ich schon wieder zuviel gesagt? Na, denn guten Abend rundum! Zwischen uns
beiden bleibt alles wie es ist, Frau Doktern.«
    Er war gegangen, und Lenchen Trotzendorff bekam ihr Lager für diese Nacht
und manche folgende im Andresschen Hause, dem rechten Nachbarhause.
    »Ich bin dir so dankbar, Amalie! Aber meine unglückseliger. Nerven! Und dann
bist du ja auch eine Doktorsfrau und selbst eine halbe Ärztin, du liebe, liebe
Seele«, wimmerte die Nachbarin Agate.
Ich habe dem Nachbar Hartleben Raum zu seinen Eräusserungen gegeben. Es lag mir
daran, diesen guten Mann aus der Erinnerung mir hinzumalen, wie er war und sich
gab zum Besten seiner Nachbarschaft. Have, pia anima! Sanft ruhe seine Asche: er
hat's auch um den Ritter mehrerer Orden Dr. jur. Oberregierungsrat Krumhardt
verdient, dass der ihn seinen Nachkommen nach den Akten, wenn auch nicht
aktenmässig, aufbewahre als ein Zeichen, wie es vordem zuging im Vogelsang. Sein
schmeichelhaftes Wort über mich auf dem vorigen Manuskriptblatt kommt hierbei
wahrlich nicht in Betracht, sondern vielmehr ein vollkommenes Gegenteil davon.
Es half sehr, wenn der Nachbar Hartleben seine Meinung über den Sohn meines
Vaters dahin abgab:
    »Bengel, wenn ich du wäre, so hätte ich gestern doch nicht mit den Händen in
den Hosentaschen dabeigestanden und die anderen allein es ausfechten lassen!«
    Ich war dann wirklich das nächste Mal nach besten Kräften mehr mit dabei.
Gewöhnlich litten dann aber leider nicht nur meine Jacken, Hosen, Nase und
Augen, sondern auch die Gefühle der Eltern sehr unter dieser Besserung in
Nachbar Hartlebens Sinne. Die »Frau Doktern« hatte dann nicht nur mit einem
Waschnapf für die blutende Nase, einer Kompresse für das geschwollene Sehorgan,
sondern auch noch mehr mit sanft überredender Bitte im Nachbarhause
»einzuspringen«, wie Velten sich ausdrückte.
    »Meiner ist natürlich der Hauptsünder gewesen. Sagen Sie es ihm nur ja recht
ordentlich, Herr Nachbar!« -
    Mein wackerer, braver Vater! Meine gute, sorgenvolle Mutter! Sie hatten
wahrlich ihre täglichen und nächtlichen Nöte im Vogelsang. Leider aber tröstet
und erquickt den Menschen auf seinem Erdengange auch die sicherste Gewissheit,
dass er recht habe oder es jedenfalls bekommen werde, wenig. Meine Eltern hatten
vollkommen recht und wussten das auch, aber Genuss zogen sie kaum aus ihrem
Wissen. Dieses konnte sie nur darin bestärken, ihr eigen Fleisch und Blut
möglichst auf dem richtigen Wege zu erhalten, auf dass und damit die Welt bestehe
und ordnungsgemäss an nachfolgende Geschlechter weitergegeben werde. Nach besten,
treuesten, sorglichsten Kräften haben sie so an mir getan, und - gottlob, ich
weiss, dass meine Frau und meine Kinder mit ihren Erziehungsresultaten zufrieden
sind. Sie sehen alle mit Respekt zu dem alten Herrn Rat, dem »Grosspapa«, über
meinem Schreibtische auf, und meine Frau sagt dann auch wohl lächelnd:
    »Du, es ist möglich, dass du es nicht glaubst; aber ich glaube, die Mama,
deine Mutter, setzte häufiger ihren Willen gegen ihn da auf dem Bilde durch, als
ich den meinigen dir gegenüber. Vorzüglich was die Kinder anbetrifft.«
    »Sie teilten sich eben auch in die Verantwortlichkeit dafür gegenüber der
Welt, mein Schatz.« -
    Jaja, so redet man, über den Schreibtisch weg, am trauten Winterofen, in der
Gartenlaube über die, so ihrer Arbeit für diesmal entledigt sind, über die Gras
wächst und zu denen noch einige Zeit ihre Nächsten im Leben kommen, bis
Strassenzüge, Eisenbahngeleise oder, im besten Falle, der Ackerpflug über sie
weggehen und ihre Stätte nicht mehr gefunden, doch auch nicht mehr gesucht wird.
    Ja, über den Schreibtisch weg sehe ich heute (nicht mit leiblichen Augen)
auf unsern alten Kirchhof im Vogelsang, wo sie den Rat und die Rätin Krumhardt,
den Doktor und die Frau Doktern Andres und den Nachbar Hartleben so
nachbarschaftlich nebeneinander gebettet haben und wo wir, meine Kinder, mein
Weib und ich, wo Velten Andres und Helene Trotzendorff nicht ihre Ruhestätten
bei ihren besten Erziehern finden werden. Jetzt liegt auch er schon zwischen
Backsteinmauern und Zement-Kunstandwerk, der Friedhof des Vogelsangs; damals
lag er noch vollständig im Grün, und eine lebendige Hecke ging um ihn her. Hohe
Bäume überschatteten ihn, und die Vögel sangen da noch - auch die Nachtigall zu
ihrer Zeit, und hier war's, wo wir, wenn uns der Weg zum Walde hinauf zu sonnig
war, nicht Schiller und Goete (die hingen uns von der Schule her aus dem Halse,
wie Velten sich ausdrückte), sondern Alexander Dumas den Vater lasen und mit
seinen drei Musketieren, wie er, die Welt eroberten.
    Und dann -
Dort vor dem Tor lag eine Sphinx,
Ein Zwitter von Schrecken und Lüsten,
Der Leib und die Tatzen wie ein Löw',
Ein Weib an Haupt und Brüsten.
Und dann -
Die Nachtigall sang: O schöne Sphinx!
O Liebe! was soll es bedeuten,
Dass du vermischest mit Todesqual
All deine Seligkeiten?
Und wenn sich alle Schulmeister der Welt auf den Kopf stellen oder vielmehr fest
hinsetzen aufs Kateder: sie erobern die Welt zwischen dem sechzehnten und
zwanzigsten Lebensjahre doch nicht durch moralisch, etisch und politisch
gereinigte Antologien. Der »Unsinn«, der Mondenschein, der »frivole
Ungeschmack« und die Nachtigall, der »Blödsinn«, der Lindenduft, das ferne
Wetterleuchten und die hübsche Jungfer Lorelei im lichten Sommerkleide im
Mondlicht behalten doch ihr Recht: der Spiegel behält sein Recht, aber nicht die
Rute dahinter...
    »Das Gewitter scheint doch heraufzukommen, Velten!« sage ich, während wir
jetzt noch im Mondlicht neben einem Grabe stehen, auf dem eine einfache
Steinplatte in Goldschrift den Namen Valentin Andres, Doktor der Arzneikunde,
nebst Geburts- und Todes-Jahres- und - Tagesdatum trägt; und Velten Andres
lacht:
    »Lass es kommen,
Den Toten im Meere kümmert's nicht
Er ist ja nass genug«,
und das ist wieder aus einem Poeten, den man um diese Lebenszeit sehr gern
zitiert, wenn auch die Zitate wie die Faust aufs Auge passen. Aus dem Ferdinand
Freiligrat ist's, der auch nicht von den Herren Lehrern zu den Klassikern
gezählt wird, sich selber nicht dazu zählte und doch auf ungezählte
Hunderttausende von Schuljungen von grösserm Einfluss ist als der Dichter des
»Egmont«, der »Iphigenie« und des »Torquato Tasso«. -
    Seinen Vater kennt Velten eigentlich nur aus den Erzählungen seiner Mutter.
    »Nur der Mutter und meinetwegen hat er sich was aus dem Sterben gemacht, für
sich selber nichts«, sagte der Sohn seines Vaters. »Kommt dieser Sofaheld uns
hier auf dem Kirchhofe mit seinem dummen Gewitter! Geh du dreist nach Haus und
hol dir einen Regenschirm, wenn deine Alten dich wieder loslassen; Miss und ich
bleiben hier, bis wir nass sind bis auf die Knochen. Famos, da verkriecht sich
die holde Luna, und da haben wir die Prostemahlzeit, wie sie in Schödlers Buch
der Natur steht. Komm rasch nach Hause, Lenchen! Deine Alte kenn ich: die wird
ja rein verrückt beim leisesten Donner, und auf meine Alte und mich wird's
natürlich allein abgeladen, wenn du morgen mit einer Schnupfennase herumläufst.«
    »Lächerlich machen lasse ich mich nicht«, sagt Helene und setzt sich auf
einen halbversunkenen Grabstein neben dem des Doktors Andres. »Ich bleibe hier,
wie du gesagt hast! Aber auch allein. Bilde dir ja nicht ein, du Schafskopf, dass
du morgen mit mir renommieren willst! Karlchen, nimm ihn auf den Arm und trag
ihn zu seiner Mama. Ja, ich bleibe hier und denke an meinen Vater - was kümmern
mich eure Toten und dummen Gewitter? In Amerika kommt das ganz anders, und kommt
mein Vater, um uns wieder zu sich zu holen, so - o Himmel, Velten!«
    Sie hatte trotz ihrer grossen Worte doch einen kleinen Schrei ausgestossen ob
des ersten grellen Leuchtens und rasch nachfolgenden Krachs aus der Höhe. Sie
duckte sich auch vor dem Platzregen; aber sie biss die Zähne zusammen und blieb
auf ihrem Sitze.
    »Jetzt sei keine Närrin, Lenchen, komm mit nach Hause.«
    »Nein.«
    »Tu es Karls wegen. Der arme Teufel besieht Redensarten, an denen er
wochenlang zu kauen hat, wenn er mit verdorbenem Sonntagsstaat heimkommt.«
    »Er kann ja laufen. Ihr könnt meinetwegen beide laufen; ich finde meinen Weg
schon allein. Ich denke an meinen Vater in Amerika und brauche keinen andern
hier. Meine Mutter sagt, wenn er kommt, ist er reicher und vornehmer und stärker
als alle hier.«
    »Es ist wahrhaftig Hagel dabei, und die Sache wird ungemütlich, Karl«,
brummt Velten. »Na, bei schönem Wetter habe ich nichts dagegen, dass du die
Märchenprinzess herausbeisst, Miss Ellen; jetzt hör auf mit deinem Schnack - und
gehst du nicht willig, so brauch ich Gewalt, sagt Goete, und nun komm, Herzchen
-
Eine Wassermaus und eine Kröte
Gingen eines Abends spöte
Einen steilen Berg hinan.«
Der sechzehnjährige Signor Petruchio hat den Rock abgerissen und ihn dem sein
wildes, phantastisches Köpfchen mit beiden Armen gegen den niederrasselnden
Hagel- und Platzregensturm schützenden Kinde übergeworfen, das nur schwach
widerstrebende aufgegriffen, und zwar mit dem fernern Zitat aus dem
Sekundaner-Klassikertum:
Da begann die Wassermaus zur Kröte:
Warum gehen wir des Abends spöte
Diesen steilen Berg hinan?
fügt aber hinzu: »Eigentlich ist's umgekehrt: die Kröte hat das Wort. Ja, zapple
nur, Kröte, kleine Riesenkröte! Diesen Abend sind wir noch in Deutschland, und
deiner Mama Vereinigte Staaten von Nordamerika und sonstigen Herrlichkeiten
können mir - kommen.«
    Wie Helene und Velten von den Müttern empfangen werden, habe ich nicht in
den Akten; was mich selber betrifft, so wird mein Vater wohl gesagt haben:
»Endlich könnten diese Dummheiten wohl aufhören. Allotria auf dem Kirchhofe! ...
Und übrigens scheinst du mir auch seit längerer Zeit schon dich einer recht
überflüssigen, wenn nicht schädlichen Leserei zu ergehen. Bleib bei deinen
wirklichen Büchern und meinetwegen auch älteren Poeten: aber lass mir diese
dummen Romane und sogenannten neueren Dichter aus dem Hause, mein Sohn. Nebenan
da zur Vernunft zu reden hilft ja nicht: da lass ich den Narreteien allmählich
ihren Weg: aber hier in meinen vier Pfählen bleibt Verstand Verstand, Sinn Sinn,
Unsinn Unsinn und Schund Schund. Was ist deine Meinung, Adolfine?«
    »Bis auf die Knochen muss der Junge durchweicht sein. Eine wahre
Überschwemmung hat er mir in die Stube mitgebracht. Gott sei Dank, Kind, dass du
wenigstens mit heiler Haut wieder da bist! Mir beben noch die Glieder - das
sieht schön aus im Garten nach dem Hagel und Gewitter. Geh jetzt hin und zieh
dir was Trockenes an und vor allen Dingen Pantoffeln.«
    Habe ich mir so sehr Pantoffeln und so sehr »was Trockenes« nach dem Rat
meiner armen, guten Mutter angezogen, dass man es mit Missbehagen aus diesen
Blättern mir anmerkt?
    Ich glaube nicht.
    Was erzieht alles an dem Menschen! Und wie werden mit allen anderen
Hoffnungen und Befürchtungen Eltern-Sorgen und - Glücksträume zunichte und
erweisen sich als überflüssig oder besser als mehr oder weniger angenehmer
Zeitvertreib im Erdendasein!
    Als ein wohlgeratener Sohn, als ein älterer, verständiger Mann, als
wohlgestellter Familienvater, als »angesehener«, höherer Staatsbeamter erzähle
ich heute weiter vom Vogelsang und teile zuerst mit, dass wir, wenn nicht die
besten Lateiner und Griechen auf unserm illustren Gymnasium, so doch die besten
Engländer waren. Der für diesen Unterrichtszweig vom Staate besoldete Oberlehrer
und Doktor war, obgleich er ein ganzes halbes Jahr »in London gewesen war«,
durchaus nicht schuld daran. Wir hatten das einzig und allein dieser »kleinen
amerikanischen Krabbe« zu verdanken, die zuerst uns in den Vogelsang die
verblüffende Offenbarung brachte, dass allerhand nichtsnutzige Sprachen nicht nur
tot zu unserm Elend in den Grammatiken und in Büchern ständen, sondern wirklich
und wahrhaftig lebendig seien und bei allerhand Völkerschaften ausserhalb des
deutschen Vaterlands tagtäglich im Gebrauch und um uns im Vogelsang zu
»imponieren«.
    »Imponieren lasse ich mir nicht. Schlage mal auf im Lexikon: nasty«, sagte
Velten, lange vor unseren Sekundaner-Mondschein- und -Gewitter-Abenden mit
Heine, Geibel und Uhland in der Tasche und im Hirn und Herzen. »Boy heisst Junge,
Bengel oder dergleichen, das weiss ich; aber nasty boy hat das Balg zu mir gesagt
und die Zunge herausgestreckt. Gib mir das Buch, wenn du es nicht finden
kannst.«
    Er riss mir das Lexikon aus den Händen, fand das Wort, und - von da an bis zu
Shakespeare, Byron und dem übrigen Gross und Klein ist wieder einmal nur ein
Schritt gewesen.
    Als wir Primaner geworden waren, hatte Miss Ellen Trotzendorff sich zu einem
allerliebsten, naseweisen, eigensinnigen deutschen Backfisch herausgewachsen,
aber ihr Englisch oder Amerikanisch so ziemlich vergessen: wir aber konnten es.
Velten ausgezeichnet, ich mittelmässig, doch auch vollkommen genügend für ein
rühmliches Schulabgangszeugnis in dieser Hinsicht. Mistress Trotzendorff, die
mit ein paar angelernten Phrasen von New York herübergekommen war, blieb bei
denselben: übrigens wuchs sie sich, wie der Vogelsang sagte, im Laufe der Jahre
allgemach aus einer armen Person, die für ihre Kümmernisse nichts konnte, zu
einer kompletten Närrin heraus. Und obgleich sie auch dafür eigentlich nichts
konnte, so liess der Vogelsang hier doch keine Entschuldigung gelten, ausgenommen
die Nachbarin Andres, die mitleidig und geduldig bei dem Wort blieb:
    »Die arme Agate!« -
    Jawohl, wir hatten alle unsere Not mit der »armen Agate«: jeder auf seine
Weise. In der besten die Frau Doktor Andres, in der schlimmsten des wirklich
armen Weibes eigenes Kind. Was für eine Närrin wäre das geworden, wenn nicht der
Vogelsang in allen seinen Nuancen, Schattierungen und Abschattierungen um es
herum gewesen wäre? Welche Bilder und Gedanken steigen mir da auf, wie ich
wieder den Brief in die Hand nehme, den mir Helene Trotzendorff, verehelichte
Mungo, aus Berlin geschrieben hat und der mich dazu gebracht hat, diese Blätter
mit meinen Lebenserinnerungen zu füllen!
    Während wir, Velten und ich, wie letzterer sich ausdrückte, unsern Stiefel
fortgingen, wuchs unsere Kleine auf wie eine gebannte, verzauberte Prinzessin
aus dem Märchenbuch der Brüder Grimm. Sie war klug und schön und wurde immer
klüger und immer schöner; aber sie hatte in Lumpen zu gehen und im wilden Walde
im blossen Hemde zu irren, auf blossen Füssen Wasser zu holen für die Küche und die
goldenen Haare auf der Heide als Gänsemädchen zu strählen. Und leider war sie in
ihrer Verzauberung im Vogelsang nicht so geduldig wie die ins Elend geratene
Königstochter der lieben Sage. In den Bäumen am Osterberge sass sie wohl auch
dann und wann auf einem bequemen Zweig als Allerleirauh; aber »die Haare sehr
nach innen«, wie wiederum Velten sich zierlich und bezeichnend ausdrückte. Wer
sie zu Tränen der Reue, Rührung und Ergebung bringen wollte, musste das fein
anfangen, und gelang es eigentlich nur der Nachbarin Andres; Tränen der Wut und
Bosheit ihr zu entlocken war recht leicht, und diesen »Spass« machte sich Velten
Andres, der Sohn seiner Mutter, nur zu häufig. Was Helene Trotzendorff Gutes aus
dem Vogelsang in ihres Vaters Königreich später mitgenommen hat, hat sie zum
grössten Teil doch nur den beiden zu danken gehabt. -
    »Nun höre sie einer da drüben«, sagte um diese Lebenszeit mein Vater, in
unserer Gartenlaube beim Sonntagsnachmittagskaffee von der Zeitung aufsehend.
»Da liegen sie sich wieder bei der Doktorin in den Haaren - einerlei, ob es Spass
oder Ernst ist: die Passanten bleiben stehen, und die Nachbarschaft legt sich in
die Fenster und hat ihren Grund dazu! Und die Amalie lacht dazu! Endlich könnte
sie doch bedenken, dass sie keine Kinder mehr sind. Junge, Junge, wenn ich dich
nur erst glücklich auf der Universität habe! Sieh doch mal über die Hecke, Frau,
und frage deine Amalie, was sie nun wieder vorhaben. - Der Lärm ist ja
unerträglich.«
    Jawohl, der Lärm war unerträglich, vorzüglich für mich, der trotz seiner
bessern Erziehung und Beaufsichtigung, oder gerade wegen derselben, so gern mit
dabeigewesen wäre; aber -
    »Was habt ihr denn, Kinder?« fragte, ihr Strickzeug niederlegend, meine
Mutter über den nachbarlichen Zaun, und - da sind sie schon, mit hochroten
Köpfen, Fräulein Ellen und Velten Andres, und hinter ihnen erscheinen die
Mütter, Mistress Trotzendorff in Tränen - und die Frau Doktern sagt über deren
Schultern weg mit ihrem Lächeln:
    »Ja, es war die höchste Zeit, dass von hier aus mal wieder eingeschritten
wurde. Jetzt reden Sie Vernunft, Nachbar Krumhardt; ich bin mit der meinigen
vollständig zu Ende.«
    Es war am Tage vorher eine Hundertdollarnote aus Nordamerika im Vogelsang
angelangt, und Mrs. A. Trotzendorff hatte, ohne alte Schulden in der
Nachbarschaft abzutragen, sofort an diesem Sonntagnachmittag ihre Vernunft
walten lassen, das Wort genommen und es behalten trotz Veltens »naseweisen,
unverschämten Einredens«, trotz der Frau Amalie abwehrenden Kopfschüttelns und
Lächelns, ja, auch trotz ihres Lachens.
    Sie hatte ein gar liebes, doch auch vielbedeutendes Lachen an sich durch ihr
ganzes Leben, die Frau Doktorin Amalie Andres: aber es wirkte auch am heutigen
Tage sowenig auf Deutsch Amerika wie meines braven Vaters nüchterne, ehrliche
Ernstaftigkeit.
    Die neunte Woge ist ja wohl im Auf und Nieder des Meeres die Woge der Götter
und des Glücks, und wenn das auf den Wassern mit Hülfe des Winters wirklich der
Fall ist, weshalb sollte da nicht auch im Auf und Nieder des Menschenlebens
solch eine neunte Woge den mutigen Schwimmer zur Höhe heben? Nach den dann und
wann aus den Vereinigten Staaten im Vogelsang einlaufenden Briefen hob sich Mr.
Charles Trotzendorff mindestens wieder auf der siebenten, wenn nicht gar achten
Welle: »Dass er die armen Seelen, seine Närrin von Frau und das Kind, nicht ganz
abgeschüttelt hat und für sie verschollen ist, ist mir freilich ein Wunder; aber
ein Schwindler war er, und ein Schwindler bleibt er, und was an seinen Rimessen
hängen mag, das möchte ich auch nicht alles auf meinem Gewissen haben«, sagte
mein Vater.
    Doch -
    »O lieber Krumhardt, bester Nachbar«, ruft jetzt die Frau Nachbarin Agate:
»o mein Charles! Mein armer herrlicher Charles! Mein Einziger! Ich weiss das ja
nur zu gut, wie ihr hier über ihn denkt. Glaubt ihr, ihr hättet es mich diese
langen schrecklichen Jahre durch nicht merken lassen? Wenn auch nicht durch
Worte, doch auf jede mögliche andere Weise! Und nun schreibt er: wir könnten
anfangen, die Fühlhörner wieder aus dem Schneckenhause zu stecken, er tue es
auch. Elly, die Schneiderin kommt doch übermorgen gewiss? O Gott, und wenn ich
dann mit meinem vollen Herzen zu euch komme, so sitzt ihr da und zieht Gesichter
in mein Glück; der eine auf die eine Weise, der andere auf die andere. Ich bin
ja ganz gewiss dankbar und weiss, wie sehr ich euch für so manche Güte
verpflichtet bin: aber ich weiss auch, dass Charles ganz gewiss seine und meine
Schuld bei euch abtragen wird. Dem Himmel sei Dank, dass ich mir und meinem armen
Kinde bald nicht mehr jeden armseligen Fetzen auf dem Leibe nachrechnen lassen
muss! Und, Amalie, Hartleben will ich ja auch fürs erste noch nicht mein
entsetzliches Unterkommen bei ihm kündigen und mich nach einer anständigeren
Wohnung in der Stadt umsehen. Fragt doch nur Ellen, ob wir nicht ganz genau
wissen, was wir an dem Vogelsang haben, wenigstens bis jetzt gehabt haben. Nur
noch eine kurze Zeit abwarten, schreibt er ja, gottlob: also, bitte, habt auch
ihr gütigst nur noch eine kleine Weile Geduld mit uns! Ihr sollt uns ja auch
drüben später willkommen sein, und das sage ich besonders dir, lieber Velten.
Jawohl, dir! Schneide du nur deine Gesichter und zupfe Ellen am Ärmel! Das Kind
hat's ja leider Gottes hier in unserm Hunger und Kummer vergessen, in was für
eine andere Welt es hineingehört von Vater und Mutter wegen. Bester Krumhardt,
in dieser Hinsicht werden Sie ganz auf meiner Seite stehen, wenn ich unserer
guten Amalie jetzt ganz offen sage, dass der junge Mann, ihr Sohn, unser guter
Velten, nicht von dem besten Einfluss auf - ich will mal sagen, seine Umgebung
ist. Mit blossem Gesichterziehen und spitzigen, lächerlichen Anmerkungen und
allem übrigen von der Art kommt man nicht durch die Welt, lieber Velten, und
besuchst du uns später wirklich vielleicht einmal auf dem Broadway, so werden
dir mein herrlicher Gatte, Ellens Pa - und die grosse Welt selber dir das noch
etwas klarer machen, als ich es könnte und - hier Lust dazu hätte.«
    Dieser Sommer-Sonntagnachmittag, der eigentlich ganz gemütlich und
vogelsangmässig angefangen hatte, ging wieder einmal recht unbehaglich zu Ende.
Die Nachbarin Trotzendorff irrte sich doch sehr, wenn sie meinte, meinen Vater
durch ihre unvermutete Hinweisung und den Angriff auf den armen guten Velten
ganz für ihre sonstigen Anschauungen sowie überhaupt ihre Lebensanschauung
gewonnen zu haben. Es war dem ernsten, würdigen Herrn manches nicht recht an
meinem besten Freunde, aber eigentlich gar nichts an Mistress Agate
Trotzendorff und gar an Mr. Charles Trotzendorff.
    Nun, was den letztern anbetraf, so genügte fast immer eine wegschleudernde
Handbewegung und eine lang hingeblasene Tabakswolke, um den vollkommen und für
immer aus Raum, Zeit und Kausalität für den Obergerichtssekretär Krumhardt
hinauszuweisen.
    Da er dazu aufgefordert worden ist, so nimmt er das Wort, mein seliger
Vater, und sagt der Nachbarin Agate seine Meinung, gibt sie vor der gesamten
Freundschaft umher zu Protokoll. Ohne im geringsten wegen Injurien belangt
werden zu können, erklärt er sie für die albernste, unzurechnungsfähigste Gans,
die jemals dem Vogelsang durch ihr Gegacker und Geschnatter die Harmonie gestört
habe. Wie er selbst meinetwegen wohl seine Hoffnungen hat, aber sich keine
Illusionen macht, so sind ihm Illusionen der Nebenmenschen vollkommen
unerfindlich und also auch unbegreiflich. Obgleich er selber die mehr oder
weniger spärlich aus Amerika einlaufenden Banknoten und Wechsel zu deutschem
Gelde zu machen hat, glaubt er doch im Grunde an sie nie recht und hat immer das
Gefühl, der transatlantische Telegraph sei ihm bei dem Bankier mit dem
einheimischen Staatsanwalt zuvorgekommen, und zwar in lakedämonischer Kürze
durch das eine Wort: Schwindel! Er ist ein eifriger Zeitungsleser und weiss, dass
merkwürdige Sachen in der Welt vorkommen und merkwürdige Leute ein kurioses
Glück haben, nicht bloss in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, sondern auch
im deutschen Vaterlande: aber an seinen alten Schulbankgenossen Charley
Trotzendorff glaubt er weder im deutschen Vaterlande noch in den Vereinigten
Staaten von Nordamerika. Es gibt auch Illusionen der Verneinung. Sie nehmen
überhaupt wunderliche Formen und Farben an, unsere Täuschungen im Dasein auf
dieser Erde. -
    Wie deutlich die verstörte Gruppe in der Gartenlaube mir heute noch vor
Augen steht! Mistress Trotzendorff in kindischen Tränen, Helene in trotzigen;
meine Mutter in verhaltenen, verlegenen, aber ganz und in allem der »Ansicht des
Vaters«. Freund Velten mit einem zugekniffenen und einem nach Miss Ellen
hinüberblinzelnden Auge und überhaupt einem Gesicht wie: »Herr Gott, wozu dein
schönes Wetter und deine angenehme Welt, wenn keiner was damit anzufangen weiss?«
- und die einzige auch jetzt dem Vogelsang vollkommen Gewachsene, »unsere
Amalie«, seine Mutter, Nachbar Hartlebens Frau Doktern - die Frau Doktorin
Amalie Andres! -
    Im Grunde ist sie doch die einzige von allen, vor der auch mein Vater
Respekt hat und auf die er hört, wenn er das Wort genommen hat und sie es nach
ihm nimmt, trotzdem er als »Familienfreund« auch ihr gegenüber das Wort:
»Unzurechnungsfähiges Frauenzimmervolk« oft genug hinter den Zähnen brummt. Und
sie sagt jetzt, »ihr« Kind - nicht ihren »dummen Jungen«, sondern die »arme
Kleine von drüben überm Weg und überm Weltmeer« zu sich heranziehend:
    »Lieber Nachbar Krumhardt, ich bitte! - Aber ihr Leutchen, was seid ihr für
ein Volk! Wie soll sich denn unsereins hier durchfinden, wenn jeder rundum recht
hat von seinem Standpunkt aus? Beste Agate, was hätte ich wohl, und der arme
Velten, diese letzten langen, traurigen Jahre ohne den verständigen, treuen
Freund unserer Familie, ohne unsern Familienfreund anfangen sollen? Und wie
undankbar sind wir oft gewesen! Wie oft haben wir es besser verstehen wollen als
er! Ja, Nachbar Krumhardt, das ist nun eben Ihr Schicksal, dass Sie in eine
solche Gesellschaft von Phantasiemenschen gesetzt worden sind und Geduld haben
müssen. Wie oft habe ich mir in schlaflosen Nächten vorgehalten im Grunde bist
du die Allerschlimmste, Amalie! Selbst Agate Trotzendorff fährt nicht so
närrisch wie du auf den Wolken und ihren Hirngespinsten über dem Vogelsang im
blauen Himmel umher. Da habe ich denn wohl nach Entschuldigungen gesucht und die
beste nur auf unserm Kirchhofe gefunden: Hätte der Liebe da, der dort unter
seinem grünen Hügel liegt, dich nicht so sehr verzogen und mit sich in die Höhe
gezogen, so möchtest du ja auch wohl vernünftiger und verständiger in den
tagtäglichen Dingen und Angelegenheiten sein und deinen Velten besser erziehen
und dem Herrn Oberregierungssekretär weniger Verdruss machen können. Sehen Sie,
bester Nachbar, und diese Entschuldigung hat dann grade das Gegenteil von meiner
und Veltens Besserung bewirkt. Ich habe mir verhältnismässig glückliche Tränen
abgetrocknet und bin doch mit besserm Gewissen auf meinem Kopfkissen
eingeschlafen, als ich mich drauf hingelegt hatte. Und weil wir denn hier
plötzlich so in eine allgemeine Beichte hineingeraten sind, so kann ich nur
sagen, dass ich am andern Tage nach jeder solchen Gewissensbissnacht stets die
allermöglichsten und Ihnen verdriesslichsten Einwendungen gegen Sie hatte,
bester, teurer Freund - und wie gesagt, so haben Sie eben mit uns Geduld haben
müssen, diese letzten schweren Jahre durch, wo Sie unsere einzige treue,
sorgliche männliche Stütze in der nahen Nachbarschaft und der weiten Welt waren,
Herr Nachbar. Sie schütteln den Kopf weil ich hier so in den schönen
Sonntagsabend hinein schwatze, und ich bin noch nicht fertig, sondern komme
jetzt auf Agate. Ja, Nachbar, da sehen Sie mich nur an: gegen die habe ich die
nämliche vergebliche treue Familienfreundsrolle gespielt wie Sie gegen mich. Wie
habe ich der, in Ihrem Sinne, Herr Nachbar, Vernunft gesprochen, ohne das
geringste auszurichten. Eben noch, wie Sie selber von hier aus gehört haben. Und
das Resultat? Wie immer! Wie ich gegen Sie, Herr Regierungssekretär: halb
Tränenflut, halb zehn ausgespreizte arme, wehrlose, dumme Weiberkrallen! Gradeso
wie ich! Nur ein kleiner, ganz kleiner Unterschied: sie sucht immer noch ein
Glück, welches es doch nicht gibt; ich will nur aus angeborener Schwäche und
Ängstlichkeit mir manchmal nicht gern eine erträgliche Stunde verderben lassen.
O ja, auch deshalb wäre es für uns beide Frauen wohl besser, wenn ich meinen
Velten von Hause wegschickte und ihr ihr liebes Kind auch genommen würde, um
unter bessere Zucht und strengere Obhut zu kommen, als sie, und ein bisschen auch
ich, leisten können. Aber sie will ihre Helene für den lebenden Vater bei sich
aufbewahren, und ich frage mich bei allem: was würde Valentin dazu sagen? Was
würde der tote Vater zu dir und deinem Velten sagen? Und das nimmt mir auch
gegen Agate alle Waffen aus der Hand. Ja, schütteln Sie nur den Kopf, Nachbar;
Sie haben vollkommen recht: wir bedürfen eines Vormunds, auch wo oder besonders
wo, wie in unserm Fall, unsere Kinder und unsere Männer für uns armen Weibsleute
mit im Spiel sind. Freilich ist's kein dankbares Geschäft, grade da den Vormund
spielen zu müssen! Leider wissen Sie das auch mir gegenüber aus tausendfacher
Erfahrung, Nachbar Krumhardt; also« - und so weiter, und so weiter noch eine
geraume Weile.
    Aber mein Vater hielt sich auch schon seit einer geraumen Weile den Kopf mit
beiden Händen, um nicht zu sagen: mit beiden Händen die Ohren zu. Was sie sagen
wollte, die Frau Doktorin Amalie Andres, wusste er wohl; jedoch wie sie es
herausbrachte, das ging ihm doch über die Bäume, nicht nur seines Hausgartens,
sondern auch des ganzen Vogelsangs. Und noch dazu in Gegenwart der Kinder - der
Unmündigen - dieses jungen Volkes, dem da eine saubere Heckenpredigt gehalten
wurde, auf die es sich freilich bei jeder nachfolgenden Lebenstorheit und
Nichtsnutzigkeit berufen konnte.
    Man brauchte da nur den Schlingel, den Velten, anzusehen, wie der, nach
aussen mit dem komödiantenhaftesten Armesündergesicht, nach innen hinein seine
»gloriose Alte« herzte und küsste und den ernsten, treumeinenden Familienfreund
zum Narren und für einen Narren hielt.
    Und dann gar die verzogene Krabbe der entmündigungsreifen Amerikanerin aus
dem Vogelsang! Dies junge Ding, das Hartleben heute mit der Peitsche aus seinem
Lieblingsbirnenbaum herunterholen wollte, um ihm morgen den Korb mit der ganzen
Ernte und einem Blumenstrauss drauf persönlich ins Dachstübchen auf seinem
Anwesen hinaufzutragen! Diese »kleine Affe«, die einen selbst in diesen jungen
Jahren zur Verzweiflung bringen konnte mit ihren angeborenen »Allüren« und den
aus allem, was nichtsnutzig im Leben war, zugelernten: gleichviel ob es
mütterliche Erziehung, Modenzeitung, Leihbibliotekslektüre oder Herumtreiberei
mit allen jungen Taugenichtsen des Vogelsangs in Wald und Feld hiess! - -
    Ich habe diesen einen Sonntagnachmittag von vielen hunderten seinesgleichen,
und nicht bloss im Sommer, sondern auch in jeder andern Jahreszeit, wenn nicht
aktenmässig, so doch aus den Akten so deutlich und farbenfrisch als möglich zu
Papier gebracht. Es erübrigte mir also nur noch, auch zu schildern, wie mein
Vater all das Seinige: Pfeife, Tabakskasten, Zeitung, Amtsblatt an sich nahm und
immer als ein durch Weiberlärm, Dummheit, Gezeter betäubter, durch feuchte
Taschentücher und trockenste Albernheit aus jedwedem Konzept gebrachter
Familienvater, Familienfreund und wohlmeinender Nachbar im Sommer die
Gartenlaube, im Winter die Familienstube hinter sich liess und sich in sein
Reich, eine Treppe hoch, zurückzog und mich gewöhnlich mit sich nahm. Ich
verzichte drauf; aber seinen Griff verspüre ich heute noch am Oberarm, wie ich
mich in diesem düstern Wind- und Reifmond, mit Mistress Mungos Brief vor mir, in
jene doch so unschuldige, glückselige, sonnedurchleuchtete Zeit zurückdenke.
Dann aber sehe ich auch zu dem Bilde des alten Herrn über meinem Schreibtisch
unter einigen Gewissensbissen auf und - möchte das Nachgefühl seiner grimmigen,
aber treuen Faust an meinem Arm wahrlich nicht missen, auch durch mein ganzes
ferneres Leben.
Und doch! Mit welchem Verdruss, Trotz und mehr oder weniger deutlichen
Widerstreben habe ich zu jenen Zeiten, da er noch mehr als eine Erinnerung war,
jenen guten Griff erduldet! Und wie oft habe ich mich von ihm frei gemacht und
bin mit den beiden anderen durchgegangen im Vogelsange in den Vogelsang und auf
den Osterberg, aus der Niederung zu den Höhen, aus dem Alltag in den Sonntag,
aus der griechischen und lateinischen Grammatik in die Tausendundeine Nacht, aus
Vegas Logaritmen, aus der Matematik und Aritmetik in die wirkliche Idealität
von Zeit und Raum, in das raum- und zeitlose Jugendphantasiereich von Velten
Andres und Helene Trotzendorff!
    Auf dem Osterberge waren wir auch wieder alle drei zusammen an jenem Abend,
der auf den eben beschriebenen stürmischen Familien- und
Nachbarschaftssonntagnachmittag folgte. Die zwei anderen, wie gewohnt, ihre
eigenen Wege gehend, ich verstohlen etwas später einem verstohlenen Wink und
Zeichen Veltens folgend. Der Wald war selbst damals schon dort oben von ziemlich
wohlgehaltenen Pfaden durchschnitten, wie man sie heute in den Bädern als
»Promenadenwege« kennt. Hier und da hatte sogar schon irgendein Naturliebhaber
und Wohltäter der Menschheit eine Bank aufgestellt, die meisten in das Gehölz
und Gebüsch hinein, doch eine oder zwei auch an den Rand des Hügels mit dem
Blick ins Tal und auf die liebe Heimatstadt und Hochfürstliche Residenz, halb in
diesem Tale und halb im offenen Lande.
    Auf dieser Bank am Waldrande, im tiefsten Frieden der Natur fand ich auch
diesmal die beiden ärgsten Störenfriede des Vogelsangs, den Sünder in die eine
Ecke gedrückt, die Sünderin in die andere, so dass in der Mitte vollkommen Raum
für mich, den guten Freund, übrigblieb. Da Neumond im Kalender stand, so war der
Abend ziemlich dunkel. Die vereinzelten Sterne oben zählten nicht; nur die
Lichter der Stadt in der Tiefe und die Gaslaternen ihrer Strassen und Plätze
gaben einen bemerkenswerten Schein. Im fürstlichen Schloss schien »irgendwas los
zu sein«, denn das leuchtete sogar sehr hell in die warme Sommernacht hinein und
zu dem Osterberge empor. Im Walde war es still; wildes Getier, das
nächtlicherweile in ihm aufgewacht wäre und sich bemerkbar gemacht hätte, gab's
nicht mehr drin; die Fledermäuse, die ihre Kreise um uns zogen, zählten nicht;
ihre weichen Fittiche störten den Frieden der Natur nicht. Nur vom Bahnhof her
dann und wann das Pfeifen und Zischen einer Lokomotive, und aus den drei Bier-
und Konzertgärten der letzte Wiener Walzer, der Einzugsmarsch aus dem
»Tannhäuser« und der »Hohenfriedberger« harmonisch ineinanderdudelnd und den
Abendfrieden hier oben wenig störend.
    »So! Da sitzt ihr wieder!«
    »Jawohl; und Gott sei Dank, frommer Sohn Karl, dass auch du noch da bist,
Tugendbold! Keine fünf Minuten hätte ich es mit dem Mädchen da länger allein
hier ausgehalten. So 'ne ganz verrückte Prise! Ist der das Gezeter, Gezerr,
Geplärr und Geplapper da unten zu Hause auf die Nerven gefallen! Jawohl, dich
brauchen wir grade recht notwendig, Krumhardt. Da ich mit meiner Mutter nicht
gegen sie ankomme, so rucke du ihr noch einmal mit deinem Herrn Vater auf den
Leib und kratze deinen eigenen Verstandskasten aus, um ihr Vernunft zu sprechen.
Da haben unsere Mütter - ich meine meine und ihre eine saubere Pflanze
grossgezogen. Höre sie nur, höre sie nur, Krumhardt! Ja, leg nur los, Elly - Miss
Ellen Trotzendorff: die Nachbarschaft im Vogelsang ist ganz Ohr!«
    »Wäre deine Mutter nicht, Velten, so könnte ich dich - könnte ich dich -«
    »Erdrosseln, erwürgen, vergiften, dir jedenfalls mit beiden Krallen in die
Haare fallen und beide Fäuste voll Skalp bergunter nach Hause rennen. Da, greif
zu und zieh mir die Kopfhaut ab, Mamsell Squaw, und das übrige Fell meinetwegen
mit. Mir liegt nichts dran.«
    Es war die höchste Zeit, dass ich mich zwischen sie setzte, denn Helenchen
war vollkommen bereit, von der Erlaubnis, die ihr da eben gegeben wurde,
Gebrauch zu machen. Ihr bester Kamerad im Vogelsang hatte ihr wirklich seinen
Strubbelkopf zu beliebigem Verfahren hingehalten; nun aber sprang sie doch nur
auf von der Bank und stand vor uns am Rande des Osterberges und streckte uns die
Faust zu und schnuckte und schluchzte zwischen den zusammengeklemmten Zähnen
durch:
    »Und ich glaube doch an meinen Vater! Ihr mögt alle sagen, was ihr wollt.
Ihr könnt die Nasen verziehen und rümpfen, ihr könnt den Kopf schütteln, und ihr
könnt meiner Mama Sottisen sagen, wie ihr wollt: ich glaube ihr doch, meiner
Mama! Ich glaube doch an meinen armen Vater, er mag sein, wie er will! Und was
könnt ihr hier im Vogelsang von ihm wissen? Ich, die ich als blosses Wickelkind
hierhergebracht worden bin, weiss doch noch mehr von der wirklichen Welt als ihr
alle - deine Mutter ausgenommen, Velten. Aber die ist auch eine Märchenkönigin -
eine viel höhere als die da unten, die kleine Durchlaucht da in ihrem
lächerlichen Residenzschloss da unten! Das sind ihre Fenster - seht ihr, und so
sollen meine Spiegelscheiben auch noch einmal leuchten, und noch viel heller!
Deine Mutter braucht keine Kronleuchter über sich und keine türkischen Teppiche,
und wäre sie meine Mutter und ich ihr Kind, so wollte ich auch nichts davon.
Aber jetzt bin ich meines Vaters und meiner Mutter Kind und eine freie
Republikanerin und Amerikanerin, und ich glaube an meinen Vater und werde auch
meine Salons haben und Bediente, schwarze und weisse, Kammerfrauen und hohe
Fenster, Kronleuchter und Teppiche und Reitpferde und Wagen und meine Loge im
Teater und alles andere! Ja, und nun geh nur hin, Velten, und sage es deiner
Mutter, was ich gesagt habe, und dass alle ihre Güte und Lehre an mich
weggeworfen gewesen ist; aber sage ihr auch, dass ich so schreien muss, ich weiss
nicht was, nur weil ihr alle, alle mich dazu getrieben habt, jeder auf seine
Art. Ach Gott, was bin ich für ein armes Mädchen und so unglücklich in der
Welt!«...
    Vor einem Jahre noch würde Velten Andres, kreischend vor Vergnügen ob dieses
»himmlischen Witzes«, dieser »ausgezeichneten Komödie«, sich auf den Kopf vor
der Bank auf dem Osterberge gestellt haben. Jetzt war dem schon nicht mehr so.
Er lachte nicht mehr, sprang nicht mehr auf, sondern blieb ruhig auf seinem
Platz auf unserer Bank, aber fasste mich mit noch fast schärferm Griff als mein
Vater am Arm und sagte, auch zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch:
    »Nun höre sie, Besterzogener, Treuestbehüteter, Verständigster und
Vernünftigster unserer ganzen Blase - ich meine nicht die herzogliche
Residenzstadt - da unten: was kann der Vogelsang, meine Mutter und dein Vater,
was - kann ich noch dazu tun, um in diesem Mücken-, dem
Nachtschmetterlingshirnkasten Ordnung zu stiften? Also - vivat natürlich der
Papa Trotzendorff mit allen seinen schönen Aussichten für sich, für Lenchen und
unsere Allerschlaueste und Beste, Lenchens Mama! Aber ungefangene Fische kann
man nicht braten, sagte schon der weise Kikero im vollen Senat zu meinem lieben
Freunde Katilina; also - verrücktes Herze, an deiner Stelle setzte ich mich doch
fürs erste mal wieder ruhig da auf die Bank neben den braven Karl. Was? Du
willst nicht? Habe ich mich etwa heute noch nicht genug geärgert? Guck einer,
wie der Mieze die Augen im Dunkeln leuchten! Was? Nun wohl am liebsten in den
hiesigen Urwald hinein oder kopfüber, kopfunter bergab nach Hartlebens Anwesen
und nach Hause? Na, denn meinetwegen noch mal die Hände aus den Hosentaschen! Da
kann ich meine Pauke an dich und die Welt auch stehend halten. Na, Wurm?«
    Nun war er doch nicht aufgesprungen, sondern langsam aufgestanden, und sie
duckte sich wirklich vor ihm, ohne dass er sie an den Schultern niederzudrücken
brauchte, und setzte sich mit dem Worte »Hansnarr!« auf der Bank an meiner Seite
wieder fest hin. Er aber stand und redete seinerseits seinen Unsinn in den
Sommerabend hinein, wie mein Vater sich ganz gewiss ausgedrückt haben wurde.
    »Recht hat sie eigentlich, Krumhardt. Ein fideler Nachmittag war's, und zwar
sehr auf ihre Kosten. Aber habe ich nicht mit ihr auf demselben Rost gelegen,
während die liebe Verwandtschaft und gute Nachbarschaft die Kohlen unter uns
schürte? Um den zehnten August herum sind wir auch. Da ist wieder eine! Ihr habt
doch für nichts Augen! Die Tränen des heiligen Laurentius, Krumhardt; wie du aus
der Schule besser wissen solltest als ich! Selbst der Himmel schnuppt sich uns
zuliebe. Noch eine! Wer soll denn da keine Wünsche haben, wenn ihm das ganze
Firmament Gewährung winkt? Bloss aufpassen, Miez, dass der Wunsch mit dem Fallen
der Sternschnuppe stimmt: nachher ist alles in Richtigkeit, als ob die
Weltregierung, der Vogelsang mit, Hand und Siegel dazu gegeben und dein Vater,
Krumhardt, die Registratur in der himmlischen Kanzlei besorgt hätte.«
    »Lass endlich mal meinen Vater aus dem Spiel, Andres!«
    
    »Warum denn? Sage ich denn etwa gegen den was? Gar nichts! Ist er nicht etwa
auch heute nachmittag wieder der einzige gewesen, der ganz und gar recht hatte
und wusste, was er wollte? Da nehme ich selbst meine Mutter nicht aus, denn ein
Frauenzimmer bleibt doch auch die. Ja, Elly, das ist eben unser Jammer, dass wir
zwei doch nur von unseren Müttern erzogen worden sind. Wie die Flügelengel haben
sie uns unter beiden Armen und wollen uns mit in die Höhe nehmen, jede auf ihre
Weise; und wenn dein Vater, Krumhardt, es auf seine Weise mit dir ebenso machen
will und auch uns aus guter Nachbarschaft gern an den Beinen auf dem richtigen
Erdhoden festalten möchte: wer hat was dagegen einzuwenden? Ich wahrhaftig
nicht - noch dazu so nahe vor dem Abiturientenexamen... da schnuppt sich wieder
einer! Na, was hast du dir eben gedacht und gewünscht, Karlchen?«
    Ich konnte es nicht leugnen, mit dem Wort waren in demselben Moment alle
meine Gedanken und Wünsche bei diesem Examen gewesen -
    »Du kommst durch!« lachte Velten. »Mit Eins a natürlich! Selbstverständlich
erlebt nicht bloss dein Vater, sondern auch deine Mutter diese Ehre an dir. Aber
nun du, Mädchen, woran hast du gedacht und was hast du dir gewünscht, als dieser
Stern fiel?«
    »Ich habe ihn gar nicht gesehen. Aber das ist auch einerlei.
    Für mich mögen so viele fallen, als sie wollen, ich wünsche wie immer nur
eines: dass es für mich wieder so wird, wie ich es drüben gehabt habe in Amerika
als kleines Kind, ehe ich hier im Vogelsang ins Elend gebracht wurde, ehe meine
Mama mit mir auf dem Arme zu euch hier im Vogelsang ins Elend kam.«
    »Du kriegst deinen Wunsch - da fiel eine!« jauchzte Velten. »Na, was sagst
du nun, Krumhardt? ... Also nur weiter, du verunglückter Paradiesvogel,
verflogener Tropenengel«, brummte er dann. »So? Das ist also das Resultat aus
deinen Studien im Hei und Speckter und bei Mutter Andres und ihrem Sohn Velten:
Dick fällt der Schnee, der Wind geht kalt,
Habe kein Futter, erfriere bald.
Lieben Leute, o lasst mich ein.
Will auch immer recht artig sein!
Was? Schwarz sollten wir uns hier auch wohl noch färben, der brave Karl
Krumhardt und der böse Velten Andres, um dir deine verflossenen Livreenigger
ganz zu ersetzen? Und dabei soll dein Vater nicht wütend werden, Krumhardt, und
meine Mutter noch immer ein und aus wissen in diesem ihrem sogenannten
Kindergemüte? Na, da möchte ich wahrhaftig, der Papa Trotzendorff hätte denn
bald wirklich mal wieder das Glück, was er verdient, und käme erster Kajüte und
holte dich vierspännig, mit allem, was an dir hängt, wieder weg. Mir - wollte
ich sagen Hartleben kann es ja einerlei sein. Meiner Mutter da schnuppt sich
wieder einer!«
    Von neuem ist Helene Trotzendorff aufgesprungen; jetzt aber bitterlich und
zornig weinend. Sie schreit ihren besten Freund aus der Nachbarschaft fast an,
mit dem Fusse aufstampfend:
    »Ich sage dir wie Karl: lass unsere Väter zufrieden! Was ich an deiner Mutter
gehabt habe in eurem Vogelsang und wie lieb und gut sie ist, das weiss ich wohl
und brauchst du mir wirklich nicht vorzurechnen. Und mit deinen albernen
Sternschnuppen ja was hast du dir denn bei der letzten gedacht? Bist du besser
und vernünftiger mit deinen Wünschen gewesen als ich? Dich kenne ich doch, du
Phantast! Jawohl, da hat der Herr Oberregierungssekretär ganz recht, wenn er
dich so nennt - wenn er dich einen Phantasten und Seiltänzer nennt und dir
prophezeit, dass du noch mal den Hals brechen wirst, einerlei, ob du jetzt dein
Schulexamen bestehst oder nicht, einerlei, ob du Schuster, Schneider,
Ministerexzellenz oder Alexander der Grosse werden willst. Von dir lasse ich mir
eure Wohltaten im Vogelsang am allerwenigsten vorrücken. Da, da fiel wieder
eine, und jetzt habe ich mir gedacht: Oh, wenn du dem einmal zu Hause, das heisst
drüben über dem Meer, bei uns zu Hause alles vergelten könntest, was er und der
Vogelsang und seine liebe Mutter und alle hier an uns getan haben.«
    »Du, die fiel, ehe du den Wunsch hattest!« sagte Velten.
    »So? Dann wünsche du dir meinetwegen bei der nächsten Schnuppe, was du
willst; ich habe für heute mal wieder genug von euren hiesigen Dummheiten und
gehe nach Hause.«
    »Dem seligen Diogenes seine Tonne wünsche ich mir«, lachte Velten Andres.
»Den Heckepfennig, den Däumling und das Tellertuch der Rolandsknappen, den
Knüppel-aus-dem-Sack, das Vergnügen, Persepolis in Brand zu stecken, und ein
friedliches Ende auf Salas y Gomez. Fallet, ihr Sterne, und winket Gewährung!
Übrigens habe auch ich für heute abend genug des Blödsinns Also:
Mein schönes Fräulein, darf ich wagen,
Meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?«
Sie machte eine Faust und holte wie zum Schlage aus, drückte ihm aber doch nur
diese geballte kleine Hand auf die Stirn.
    »Du bist und bleibst ein ganz alberner Peter, Velten. Komm, Karl;
meinetwegen mag er sich in seine Tonne stecken und sich den Osterberg allein
herunterrollen - meinetwegen über eure ganze Stadt und den Vogelsang weg.«
    »Da fiel eine!« lachte Velten Andres. »Der Wunsch gilt!«
    Sie schlug die Hand weg, die er ihr doch bot; er aber zog ihren Arm doch
unter den seinigen.
    »Nun aber im Ernst, mach ein Ende mit dem Unsinn. Heute ist der Wagen mit
den silbernen Laternen für das gnädige Fräulein gottlob noch nicht vorgefahren;
und das Gequiek und Gezeter von neulich unter der Armenmannsbuche, wo jemand
erst mit der lächerlichen Schleppe am Busch hängenblieb, um sodann über dem
Wurzelwerk sich auf die Nase zu legen und nach seinem besten Velten um Hülfe zu
schreien, will ich nicht wieder haben. O Tränen des heiligen Laurentius, sie
werden uns da unten vor Schlafengehen noch einmal schön die Leviten lesen! Da
freue ich mich schon auf meine Mutter.«
    »Deine Mutter ist viel zu gut für dich!« rief Miss Ellen, noch einmal mit
dem Ärmel über die Augen fahrend, der letzten Zornestränen wegen.
    »Jawohl, da hast du zum erstenmal heute abend recht«, sagte Velten. »Von der
Scheusslichkeit der Menschheit hat sie nur sehr dunkele Begriffe, und ich tue
deshalb auch mein möglichstes, ihr nach und nach klarere beizubringen.«
So wusste er damals schon zu denken und zu reden; ein Herr in einem Reich, das
leider auch nicht sehr von dieser Welt war. Ich habe es in den Akten, wenn auch
nicht aktenmässig. Ich hole dies alles aus Ungeschriebenem, Unprotokolliertem,
Ungestempeltem und Ungesiegeltem heraus und stehe für es ein. Ich muss es aber
heute sehr aus der Tiefe holen, dass damals auf dem Osterberge, um den zehnten
August jenes Jahres herum, wir Nachbarkinder des Vogelsangs die Tränen des
heiligen Laurentius so fallen sahen und ihr leuchtendes Niedergleiten mit so
wunderlichen Gedankenspielen begleiteten.
    Aktenmässig kann ich es leider bezeugen, dass er, Velten Andres, wirklich beim
Maturitätsexamen durchfiel und dem Vogelsang wieder mal eine der Enttäuschungen
und Genugtuungen bereitete, die er dem guten Ort, solange er sich dort aufhielt,
immer von neuem schuldig zu sein glaubte.
    »Man kann seiner armen Mutter nicht einmal raten, ihn gleich ganz
hierzubehalten und einen Schuster aus ihm zu machen«, sagte mein Vater, mein
»Zeugnis der Reife« in der Hand. »Unter den Komödianten wäre er vielleicht noch
am besten aufgehoben, der Windsack! Da hast du es, mein Sohn, wie es kommen
musste. Nun geh hin und höre dir an, wie nebenan die Klagelieder Jeremiä lauten.
O ich hätte dort Vormund und nicht bloss Familienfreund sein müssen!«
    »Dann hättest du doch wohl nur noch mehr Ärger davon gehabt, bester
Krumhardt«, sagte meine Mutter, mit vollberechtigter Genugtuung über unsern
eigenen Familienerfolg mich in den Armen haltend. Für mich selber lag an diesem
Tage die Sache so, dass ich mich des glücklichen Anlangens an diesem Ziel
natürlich sehr freute, jedoch des Behagens darob durchaus nicht vollkommen froh
war. Dazu war Velten doch ein zu guter Freund von mir und wusste ich zu genau,
wie vieles er besser wusste als ich und wie es im Grunde doch nur die Matematik
gewesen war, die ihm das Bein gestellt hatte. Konnte er, Velten, dafür, dass er
nach seinem Ausdruck da ein leeres Loch im Gehirn hatte, wo das meinige nach
innen vollgestopft war und nach aussen hin den betreffenden Buckel getrieben
hatte? Es ist zwar eine Torheit, aber wie oft griff ich später meinen Jungen
nach den Köpfen und tastete sorgenvoll nach den Höckern und Gruben, die ihnen
die Begabung zum ruhigen Wandel auf der breiten Strasse der goldenen
Mittelmässigkeit verbürgen sollten! Und am bedenklichsten dann, wenn meine Gattin
einen aussergewöhnlich offenen Kopf an einem der armen Kerle bemerkt haben
wollte.
    Ich ging also vor dem Freunde aus dem Vogelsang weg, um nach dem Wunsche
oder Willen meines Vaters selbstverständlich Jurisprudenz zu studieren, und - da
die Wacht am Rhein und die an der Memel ebenfalls ihren Anspruch an mich erhoben
nach einer mitteldeutschen Universität, die mir Gelegenheit bot, mit möglichst
geringen Kosten mich mit dem römischen Recht und dem damals gültigen deutschen
Schiessgewehr bekannt zu machen, wenigstens in den Grundzügen.
    Aus dieser Zeit habe ich folgenden Brief in den Akten:
                                »Lieber Freund!
Denn dafür halte ich Dich noch trotz Schiller und aller Würde, die jegliche
schöne Vertraulichkeit zwischen Dir und mir zu einem Dinge der Unmöglichkeit
machen sollte. Du kannst es mir ja übrigens sagen oder schreiben, wenn es Dir
gar nicht mehr passt, das bisherige angenehme Verhältnis zwischen uns.
    Einfach grossartig war es von Dir! Matematik sehr gut Latein gut -
Griechisch fast gut - Geschichte und so weiter gut - deutsche Sprache und
Literatur genügend: Mensch, Göttergünstling, da Du ihn doch fürs erste weniger
brauchst, so pumpe mir ihn, Deinen wohlorganisierten Hirnkasten, für nächste
Ostern bloss auf acht Tage. Auf Ehre, Du kriegst ihn bestens geschont umgehend
zurück: aber die Idee, ihn aufzustülpen und vor dem Rate der Zehn mit ihm aufs
Seil gehen zu können, steigt mir derartig in den meinigen, dass meine Alte eben
schon gefragt hat: Junge, was hast Du jetzt wieder im Kopfe? Die
Benachrichtigung aber: Ich schreibe an Karlchen Krumhardt, dass ich mir ein
Muster an ihm nehme, hat sie sofort gottlob beruhigt ob meines Stierens ins
Blaue, und ich soll Dich von ihr grüssen. - Mir selber liegt ja leider weniger
dran, mich nicht noch mal zu blamieren: aber der alten Frau möchte ich doch den
Verdruss und Deinem würdigen Erzeuger sein melancholisches Behagen an meiner
Schande nicht zum zweitenmal zum vollen Auskosten anbieten. Ich büffle. Und Du
Ochse treibst Dich fessellos in der süssen Freiheit herum; und teure Angehörige
sowie Staat und Kirche halten Dir schon die volle Krippe und den warmen Stall
bereit, wenn Du heimkehrst von der blumigen Wiese Deiner jungen Ungebundenheit.
Mir blühte bis jetzt hier im Vogelsang bloss die Eselswiese, und wäre ich nicht
ich und meine Alte sie, so wäre die Geschichte einfach nicht zum Aushalten
gewesen, der faulen Redensarten wegen ob meiner bodenlosen Faulheit. Na ja!
Hätte mich nicht auch unser allerhöchst Regierender, das heisst eigentlich mehr
unsere allergnädigste Landesmutter kommen lassen, um mich persönlich
kennenzulernen und mir ins Gewissen zu reden, so hätte allgemach meine Mutter
jedem, der sich sonst nach mir erkundigte, nur sagen können: Unterm Sofa steckt
er. Locken Sie ihn mal! Ich kriege ihn weder durch Güte noch durch Gewalt mehr
drunter weg. - Cäsar und sein Glück! Die Geschichte ist so ulkig, dass sie sogar
meiner Alten die Kummertränen getrocknet hat. Dir, mein Junge, schreibe ich sie
nur, um sie, wenn sie sonst brieflich an Dich gelangen sollte, auf das richtige
Mass herunterzudrücken. Eigentlich war es Unsinn; aber da kein anderer
augenblicklich vorhanden war, so musste ich wohl dran: ich habe Schlappen für die
menschliche Gesellschaft gerettet! ... Du kennst die öde Jammerseele in
Baumwolle, Watte und mit Glacé. Musste es dem Optimatensimpel - äh, hä, jä, nä -
einfallen, auf die brüchige Stelle im Eise zu geraten und durchzubrechen! God
gracious! würde Mistress Trotzendorff gekreischt haben: aber Elly, die das
hochnäsige Vieh beinahe mit heruntergerissen hätte ins Verderben, setzte sich
gottlob nur zeternd neben das Loch, in welchem der Tropf verschwunden war; das
übrige kannst Du Dir denken. Ein Riesenulk, aber etwas kühler Natur! und mit dem
Kopfe, wie eine Fliege an der Fensterscheibe, in der feuchten Tiefe
herumzusurren und vergeblich nach dem Auswege zu suchen, auch grade kein
Vergnügen: noch dazu mit der Verpflichtung, einen andern Blechschädel am Schopfe
zu halten und mit nach oben zu nehmen. Na, er - atmete lang und atmete tief und
begrüsste das himmlische Licht - Schiller ist nicht unten gewesen, sonst würde
sein Tauchergedicht um ein merkliches kürzer sein und sich wahrscheinlich auf
ein Brr! Pfui Deubel! beschränken, höchstens mit dem Zusatz: Lieber nicht zum
zweitenmal! - Dass wir - Schlappe und ich, nicht länger unten blieben, als nötig
war, kann uns kein Mensch verdenken. Kurz also, ich brachte die
Honoratiorenpuppe glücklich wieder zutage, fand das halbe Residenznest in
vorsichtiger Entfernung um die Bruchstelle versammelt: von dem Rest schweigt des
Sängers Bescheidenheit. So dumme, verbrüllte Frauenzimmergesichter wie die des
Vogelsangs möchte ich aber doch nicht gern wieder um mich sehen - um den
gloriosesten Schnupfen in der Welt nicht! Sie sämtlich mit strömenden Augen, ich
mit fliessender Nase und etwas verkrackeltem linkem Handgelenk.
    Volle vierzehn Tage hat es gedauert, bis die Arche wieder auf dem Trocknen
sass. Meine Alte war selbstverständlich die erste, die den Fuss wieder auf festen
Boden setzte und meinte: Junge, wenn es nun nicht so gut für uns abgelaufen
wäre?
    Cäsar und sein Glück, und Unkraut vergeht nicht, Mama!
    Unser Backfisch betrug sich wie gewöhnlich wie verrückt bei der Geschichte,
war zum Anbeissen und verdiente selbstverständlich mal wieder Prügel: er war zu
nett in seinem Kummer. Aber was hatte das Balg mir einen Korb zu geben und mit
dem Maulaffen Schlappe auf das Windeis zu laufen? Ich wollte gar nichts sagen,
Karlos, wenn Du es gewesen wärest, den sie gegen mich ausspielte.
    Si vales, bene est, ego valeo, bis auf die dumme linke Vorderpfote, die ich
fürs erste noch in Windeln und Schindeln zu tragen habe.
                                                                     V. Andres.«
»Schlappe« hiess der gerettete Zeit- und Schulgenosse eigentlich nicht; das war
nur sein Schulname. Sein wirklicher Name liegt sehr bei meinen Akten: übrigens
gehörte sein Träger zur massgebendsten Gesellschaftsschicht unserer
Landeshauptstadt, und - ich habe seine Schwester geheiratet und eine gute Frau
an ihr bekommen. -
    Ach, was helfen die besten Karten dem in der Hand, der keinen Gebrauch von
ihnen machen - kann?
    Was half es Velten Andres, dass Schlappes Papa seiner Mutter und ihm mehr als
einen Besuch machte und ihn aufrichtigst seiner hohen Protektion versicherte?
Was half es ihm, dass Serenissimus und Serenissima ihn sich vorstellen liessen und
ihm gleichfalls ihre freundlichste Gunst versprachen?
    Nichts; da er blieb, was und wie er war!
    Ob ihm das Leben zu einem hölzernen Löffel einen goldenen Napf unter die
Nase schob, ob es ihm einen goldenen Löffel in die Hand gab und einen irdenen
Napf auf den Tisch schob (was ihm auch passiert ist), es blieb ein und dasselbe,
da er auch ein und derselbe blieb, nämlich derselbe ewig unberechenbare odd
fellow des Vogelsangs - who had no harm in him and who had parts if he would use
tem, wie man in Cambridge von einem ähnlichen Menschen sagte, der es nach der
Meinung der Vernünftigen in der Welt gleichfalls zu wenig mehr als zu einem
schlimmen Ende brachte. Da er nur sich selber schadete, ging es ja aber auch
eigentlich keinen was an, in welcher Weise er sich seiner Fähigkeiten bediente.
    »Es ist und bleibt eben der dumme Tropf aus Eurem Märchenbuche, der Hans im
Glück. Vom Pferd auf den Elefanten, vom Elefanten auf den Esel und so
abwechselnd, bis er endlich einmal auf platter Erde auf dem Rücken liegenbleiben
wird«, schrieb mir mein Vater um diese Zeit. »Die Avancen, die ihm sein
Zufallrettungswerk in der hiesigen besten Gesellschaft in die Hand gab, hat er
richtig wieder verspielt. Wie auf unserm Büro erzählt wurde, haben Durchlaucht
zu dem Herrn Vater Eures unter das Eis geratenen Schulfreundes längst bemerken
müssen: Schade um den jungen Mann; ich würde ihn gern im Auge behalten haben. -
Mein einziger Trost ist, dass Du, mein Sohn, wenigstens fürs erste seinem
verderblichen Einfluss aus dem Wege gerückt bist. Ob er demnächst sein Examen
bestehen wird, weiss der liebe Himmel. Wenn nicht, was dann mit ihm? frage ich
Dich!«...
Ich habe mich nun wirklich erst für eine Periode von andertalb Jahren des
näheren zu besinnen. Man hatte damals so viel mit sich selber zu tun, und die
Tage gingen so leicht hin, dass es in der Tat seine Schwierigkeiten haben würde,
ganz Genaues darüber zu Papiere zu bringen. Wir sind noch in den Ferien zu Hause
beisammen: ich als Student und er noch als Schüler, und es ist für mich ein
gewissermassen peinliches Verhältnis. Für ihn nicht.
    Auch Helene Trotzendorff ist noch im Vogelsang. Aber sie steigt nicht mehr
über die grüne Hecke oder den Gartenzaun, kriecht auch nicht mehr unter der
ersteren durch, sondern lehnt nur an ihnen: das schönste Mädchen, nicht bloss der
Vorstadt, sondern der ganzen Stadt - hochgewachsen, goldblonden Haars, doch
dunkel von Augen und Augenbrauen. Die Nachbarn sagen, sie sei vorzeitig in die
Höhe geschloddert, aber das ist eine dumme und mehrfach auch vom Neid der
Konkurrentinnen eingegebene Redensart. Im Waldgebirge Leukos, im arkadischen
Gebiete des Pan und auf dem trakischen Hämus würde man anders von ihr
gesprochen und sie jedenfalls unter die zwanzig amnisiadischen Nymphen gezählt
haben, die sich Artemis, wie Kallimachus singt, von ihrem Vater Zeus als
Begleiterinnen ausgebeten hatte.
    Mein Freund Velten ging freilich noch weiter und setzte mich durch
philologisch-mytologische Kenntnisse über Verhältnisse in Erstaunen, von denen
ich keine Ahnung aus der Schule mitgebracht hatte.
    »Dieses Frauenzimmer«, sagte er. »Guck sie dir nur an, Mensch! Trägt sie
nicht den von den Kyklopen geschmiedeten kydonischen Bogen der Diana selber? Und
umklammert das prachtvolle Wurm nicht Tag und Nacht in ihrer Einbildung die Knie
ihres Erzeugers mit der Bitte, ihr dreissig Städte und sämtliche Gebirge der Erde
zu schenken? Kallimachus in seinem Hymnus hat's. Lies es selber nach, wenn es
dir Spass macht: mir macht es schon längst kein Vergnügen mehr, sie von ihren
Phantasien abzubringen, und ich habe es auch aufgegeben.«
    »Du scheinst dich aber jetzt sehr mit solchen Sachen abzugeben. Woher hast
du denn dieses alles?«
    »Sehr aus mir selber«, sagte Velten Andres, den sie erst ein Jahr nach mir
für die Universitas litterarum reif erklärten. -
    Es schien damals, drüben in Amerika, einen kleinen Niedergang in den
Angelegenheiten Mr. Charles Trotzendorffs gegeben zu haben. Mutter und Tochter
wohnten noch bei Hartleben und warteten nicht im Optimatenviertel der Stadt auf
den völligen Aufgang der Glückssonne von »Papa«. Mutter Andres hatte noch
mehrfach zwischen den Bäcker, den Fleischer sowie die Milchfrau und den Kaufmann
Tienemann und - Mistress Agate Trotzendorff treten müssen. Aber das ist so: ein
heisser, glänzender Tag bricht öfter, als die Leute an Regentagen glauben wollen,
aus wechselndem Gewölk hervor. Und manchmal bleibt es denn auch für die, welche
»diese Witterung brauchen« können, »schön« bis zum Abend. - Wie gesagt, ich habe
wenig über diese Zeit in den Akten, was Velten und Helene anbetrifft. Mein
kluger und wackerer Vater trug den Verhältnissen in einer Weise Rechnung, die
ihm Velten Andres am allerwenigsten zugetraut haben würde. Wenn er mich im
Vogelsang fest im Griff gehalten hatte, so liess er mir jetzt merkwürdig freie
Bahn.
    Ich darf wahrlich nicht darüber lächeln; aber es ist so! Sein Ideal war,
das, was er zu protokollieren und in die Registratur zu nehmen hatte, durch mich
zu Protokoll und in die Registratur geben zu sehen: »Es ist mein Wunsch, dass du
dich zu der besten Gesellschaft hältst Wir, deine Mutter und ich, haben unser
Leben darauf eingerichtet von deiner Geburt an. Lass mich an dir erleben, was ich
selber nicht habe abreichen können.«
    Selbstverständlich war ich daraufhin einer vornehmen Verbindung beigetreten,
der schon die höchsten Spitzen der massgebenden Kreise unserer heimatlichen
Residenz angehört hatten als jugendfrohe Jünglinge; und ich kann es nicht
leugnen: einige Male kam mir in dieser Lebensepoche ob meiner damaligen
Verpflichtungen und Ehren der Vogelsang dann und wann so sehr aus dem Gesicht,
dass Velten Andres vollkommen recht hatte, wenn er mich an den Beinen aus den
Lüften wieder herunterzog durch das Wort:
    »Bengel, von hier unten aus gesehen - aus der Froschperspektive betrachtet,
bist du wirklich grossartig, perpendikularmalerisch! Schade, dass du dich nicht
selber so sehen kannst! Wie siehst du den fliegenden Göttergünstling, Mama?«
    »Werde nicht unanständig, Junge«, sagte die Frau Doktorin. »Fliege du nur
selber erst mal so.«
    »Könnte mir nur im Traume einfallen!«
    »Was haben wir vom wachen Leben mehr als unsere Träume?« fragte unsere Frau
Nachbarin, und damit war ich denn damals schon wieder unten im wirklichen und
wahrhaftigen Vogelsang - in der besten Nachbarschaft, die auf dieser
verworrenen, feindseligen Erde möglich ist. -
    Noch einmal ging ich aus den Ferien nach Göttingen, ehe wir beiden
Nachbarsöhne wieder zusammentrafen, und zwar in Berlin. Am Tage meiner Abreise
aber kam drüben bei Hartleben ein Brief an, der alles »zu Hause« veränderte: die
neunte Woge, die Woge des Glückes, des Erfolgs rollte heran, goldglänzend,
leuchtend, funkelnd von aller Herrlichkeit und Pracht der Welt, spülte hinein in
den Vogelsang und trug zurückrauschend Helene Trotzendorff und ihre Mutter weg
daraus. Mr. Charles Trotzendorff schrieb einen kurzen Brief, in welchem er dürr,
nüchtern und wie als ob es sich so von selber verstehe, mitteilte, dass er
demnächst als zehnfacher Dollarmillionär sich die Ehre geben werde, alte Freunde
zu begrüssen und zugleich Weib und Kind zu sich zu holen.
Wie mir mein von Vorgesetzten und Untergebenen anerkannter guter Geschäftsstil
abhanden kommt, je länger ich diese Blätter beschreibe, je klarer und deutlicher
ich mir das zu Sinnen und Gedanken bringe, was ich hier dem Papier übergebe! Was
bis jetzt das Nüchternste war, wird jetzt zum Gespenstischsten. Sie wackeln, die
Aktenhaufen, sie werden unruhig und unruhiger um mich her in ihren Fächern an
den Wänden und machen mehr und mehr Miene, auf mich einzustürzen. Ich kann
nichts dagegen: zum erstenmal will an diesem Schreibtisch, jawohl an diesem
Schreibtisch, die Feder in meiner Hand nicht so wie ich; und Velten Andres ist
wieder schuld daran. Was meinem armen Vater seinerzeit so oft Verdruss und Sorgen
machte, das Übergewicht dieses »Menschen« über mich, das ist heute noch
ebensosehr da wie in jenen Tagen, wo er mich durch die Hecke und über die Zäune
des Vogelsangs zu jedem Flug ins Blaue aus dem Schul-, Haus- und
Familienwerkeltag wegholte und wir Helene Trotzendorff mit uns nahmen, wenn sie
uns nicht gar voranflog. -
    In Berlin verfiel ich ihm sofort wieder.
    Wie der Tag vor mir steht, an welchem ich diesem »krassen Fuchs in der
vollen Hahnenhaftigkeit meines vornehmen Verbindungsbewusstseins meinen ersten
Besuch machte, nachdem ich mir herablassenderweise seine Adresse auf der
Universitätsquästur hatte geben lassen!«
    »Studiosus Philosophiae Valentin Andres, Doroteenstrasse Numero 00,
Hintergebäude, 3 Treppen, Frau Fechtmeisterin Feucht«, lautete sie, und es war
ein Apriltag nach den Osterferien, als ich mit meiner Berliner Matrikel in der
Tasche meinen Weg dortin nahm. Wenn das Hinterhaus hielt, was das Vorderhaus
versprach, so hatte der Neuling im Weltleben es gut getroffen; gewöhnlich ist
das aber freilich nicht der Fall. Nicht ohne Grund bin ich hier etwas
ausführlich.
    An einem aussergewöhnlich eleganten Schneiderladen (Herrenmoden) vorbei
schritt man durch den gewölbten Hausflur, vorüber an der mit Teppichen belegten,
in den ersten Stock führenden Treppe auf einen umfangreichen Hof, über den etwas
nervenschwache Gemüter sich nur mit einiger Bedenklichkeit dem Hintergebäude zu
wagen konnten. Der Eigentümer des Hauses, einer der ersten Hufschmiede der
Stadt, bediente daselbst seine Kunden, und nicht jeder geht gern zwischen zwei
Reihen Gäulen durch, die ihm alle die Hinterteile zuwenden und nicht alle ganz
gutwillig ihr Schuhwerk in Behandlung geben. Schmiedegesellen, Reitknechte,
Stallknechte, Kutscher in Livree und ohne solche walteten ihres Amtes zwischen
ihren Schutzbefohlenen, je nach dem Temperament derselben und dem eigenen mehr
oder weniger lärmhaft. Aus der Halle des Seitengebäudes leuchteten die
Schmiedefeuer und klangen die Hämmer in das Gewieher, die Flüche, Begütigungen
und die sonst übliche Unterhaltung zwischen Mensch und Mensch, Mensch und Vieh,
Tier und Mensch hinein. Man hatte wirklich zu schreien, wenn man sich hier nach
der Frau Fechtmeisterin Feucht erkundigte.
    Aber da war das Hintergebäude, und wer mit uneingeschlagenem Schädel oder
Brustkasten zu ihm gelangte, der fand auch wohl, ohne zu fragen, die Pforte, von
der aus die Treppe in den dritten Stock emporging.
    Ich hatte damals das Glück, gelangte in das dritte Stockwerk und zog auf dem
dämmrigen Vorplatz die Glocke.
    »Frau Fechtmeisterin Feucht?«
    »Bin ich«, sagte eine kleine, zierliche alte Dame zwischen fünfzig und
sechzig Jahren.
    »Studiosus Andres?«
    »Dort jene Tür, mein Herr.«
    Ich grüsste, und die kleine Frau setzte mir einen vollkommenen Hofdamenknicks
hin; meinen Freund fand ich in einer der bekannten Berliner Studentenbuden zu
Hause und Besuch bei ihm: einen feinen, eleganten, schmächtigen jungen Herrn mit
schwarzen Haaren, von etwas kränklicher Gesichtsfarbe und von ungemein
höflich-schüchternem Wesen. Gottlob auch bereits mit dem Hut in der Hand.
    »Guten Tag, Krumhardt«, sagte Velten, als ob er mich noch über die Hecken
des Vogelsangs grüsste. »Bist du da? ... Auf Wiedersehen, des Beaux! Übrigens
könnte ich euch Leute Doch auch der Bequemlichkeit wegen gleich miteinander
bekannt machen. Mein Provinzialfreund, Herr Karl Krumhardt, der
Rechtswissenschaft möglichst Beflissener - Herr Leon des Beaux aus dem
Vorderhause, seines Zeichens -«
    »Oh, ich bitte Sie, Herr Andres! Ich möchte jetzt nicht stören; - wenn Sie
mir erlauben -«
    »Menschenkind, nehmen Sie sich alle Freiheiten bei mir, die Ihnen angenehm
sind. Ich werde mir bei Ihnen zu Hause selbstverständlich das gleiche erlauben.«
    »Ich bitte darum!« rief der interessante, bleiche, schwarzhaarige Jüngling
und entschlüpfte mit scheuen Verbeugungen, sowohl gegen Velten wie gegen mich.
    »Es ist der Sohn des Schneiders aus meinem Vorderhause«, sagte Velten.
»Seine Ahnen haben unter Ludwig dem Neunten gegen die Ungläubigen gestritten,
haben Toulouse gegen Simon von Montfort verteidigt, im Löwengolf Galeeren gegen
die Beis von Tunis, Tripolis und Algier kommandiert und unter Ludwig dem
Vierzehnten, dem Edikt von Nantes und der Frau von Maintenon zuliebe, selber auf
solchen gemütlichen Fahrzeugen gerudert. Der Zweig des Geschlechts, der sich
unterm Grossen Kurfürsten hierher nach Berlin ins trockne gerettet hat, scheint
mir jetzt auch sein Schäflein ins trockene zu bringen. Ich glaube, ich kann dir
die Firma des Beaux empfehlen für deinen Bedarf an Hosen, Jacken und Westen. Die
Schwester des guten Jungen heisst Leonie, du findest sie im Vorderhause im ersten
Stock Blütnerscher Flügel, deutsche, französische, englische Literatur, und was
sonst zu einer höhern Tochter gehört. Ich kann dich vorstellen, aber nehme die
Verantwortung nicht auf mich, denn das Fräulein ist auch hübsch - immer noch
südfranzösisches Genre. Leonie des Beaux! Wie klingt dir das von einer
Schneidertochter hier im Lande der Fritzen und Karlinen? Wie mir scheint, hat
die ganze Familie ein gut Stück Romantik aus der Languedoc in den märkischen
Sand durch die Jahrhunderte hineingerettet. Na kurz, die Gesellschaft gehört zu
der noch immer so genannten französischen Kolonie, und ich benutze die
Gelegenheit, mein Französisch zwischen Leon und Leonie aufzupolieren.«
    Ich hatte ihn reden lassen müssen. War das der Mensch, dem ich im Innersten
doch mit meiner deutschen Burschenherrlichkeit zu imponieren gewünscht hatte? Es
ging ein Zug von so frühreifer Welterfahrung und Weltgewandteit durch dies
alles, dass ich nur verblüfft brummen konnte:
    »Na, du scheinst dich ja auch ohne Beihülfe recht gut ausserhalb des
Vogelsangs und der Schulstube orientiert zu haben!«
    Da flog es dunkel über sein eben noch so lachendes Gesicht.
    »Doch wohl nicht ganz ohne das, was du Beihülfe nennst. Halb schob es, halb
zog es, wenn du die Weiber zu den Menschen rechnest.«
    »Du bist seit vierzehn Tagen in Berlin und in der weitern Welt, du krasser
Fuchs?«
    »Und ich habe daheim Miss Ellen Trotzendorff aus dem Vogelsang in den
Eisenbahnwagen erster Klasse geholfen und meiner Alten Zaun des Vogelsangs
versprochen es ferner gut zu machen. Lieber Junge, in dieser Beziehung hat
deines Vaters Gebrumm ebenfalls gar nichts genutzt: es bleibt eben für mich bei
der Weibererziehung. Soll etwa Grossvater Goete den zweiten Teil seines Fausts
bloss für sich und eure frechdummen Literaturgeschichtsschreiber
zusammengestolpert und -geholpert haben? Nee, nee, mein Junge! Ich habe mich von
den Weibern erziehen lassen und lasse mich von den Weibern weiter erziehen. Geh
du nur hin; ich bleibe bei den Müttern, bei den Frauen und bei den Mädchen.
Übrigens, Mensch, wäre es doch recht freundlich und herablassend von dir, wenn
es dein erster Weg gewesen wäre, mich bei der Frau Fechtmeister Feucht
aufzusuchen.«
    »Gehört die etwa auch schon zu den Schürzen, hinter denen du dich im Dasein
ausserhalb der philosophischen Fakultät verkriechen willst?«
    »Sehr!« lachte Velten Andres.
Wir waren also wieder zusammen. Was ich aus eigener Erfahrung und aus den
Briefen meiner Eltern von den letzten Vorgängen im Vogelsang wusste, konnte er
mir und sich nun noch einmal, wie unsere damalige Redensart lautete, zu Gemüte
führen. Er tat es; und da er von allen Menschen, die ich im Privatwie im
Geschäftsleben kennengelernt habe, der einzige gewesen ist, dem nie etwas drauf
ankam, wann, wo, wie und vor wem er sich lächerrlich machte, so hätte er wohl
einen bessern Schreiber seiner Geschichte, als ich bin, verdient. Wenn ich in
dem einen Augenblick den vernünftigen Leuten zu Hause recht geben und sagen
musste: er ist wirklich ein unzurechnungsfähiger Narr und Phantast, so wurde mir
doch schon im nächsten Moment so heiss bei seinen Worten, Blicken und Gesten, dass
ich ihm um den Hals hätte fallen mögen: »Du bist und bleibst doch der famoseste,
beste Kerl in der Welt, Velten! Geben dir die Götter nur ein bisschen Glück auf
deinem Wege, so stirbst du nicht auf Salas y Gomez, wohl aber, nachdem du
vielleicht leider auch dein Persepolis in Brand gesteckt hast, zu Babylon. Alter
Junge, was ist das aber für ein Glück, dass wir uns von Kindesbeinen an kennen:
dass viele andere dich ernst nehmen, verlangst du wohl selber nicht!«
    Er lag auf dem Sofa, mit den Beinen über der Lehne, er sass auf dem Stuhl, er
sass auf dem Tische, er lief auf und ab, während er jetzt mir erzählte von dem
Vogelsang und Helenen Trotzendorff. Von Zeit zu Zeit griff er nicht sich,
sondern mir in die Haare und schüttelte mir den Kopf mit einem:
    »Lache nicht, Mensch! Oder ja, lache nur, denn das tue ich ja selber über
mich, wenn ich mich aus der Haut eines von euch Pachydermen bei sogenannter
ruhiger Überlegung beurgrunze. Weisst du, und das Frauenzimmer kann wirklich
nichts dafür! Es hat das Seinige in wahrhaft grossartiger Weise getan, sich mir
zu verekeln. Wenn es sich da drüben in Amerika so weiterspielt wie hier bei uns
im Vogelsang, so kann es sich, sich, sich zu was bringen in der Welt - sagt auch
meine Mutter, und bei deren lieben, alten Falten um den Mund weiss man denn auch
nie, ob sie sich ins Kosige hinaufziehen oder ins graueste Elend herunter. Na
kurz und gut, das Mädchen und seine Mutter sind weg, und der Vogelsang hat Gott
sei Dank! gesagt. Ich auch. Denn dies hielt kein Mensch mehr aus - selbst meine
Mutter nicht. Ein paar Löffel von dem letzten Rest unserer Kindersuppe hast du
ja auch noch abgekriegt; aber den Napf gründlich auszuscharren, das hatten die
Götter allein mir vorbehalten und mich auch wahrscheinlich schon darum noch ein
Jahr länger als dich auf der Schulbank sitzenlassen. Freilich, den Mister
Trotzendorff im Vogelsang einrücken sehen war allein schon das Vergnügen wert.
Die Kröte! Ich meine meiner Mutter Helenchen.
    Ich habe mich aus ihrem Arm gerissen,
    Doch nur mit ihr werd ich beschäftigt sein. -
Den Bazar, von dem nachher auch bei Schiller die Rede ist, hielten sie ja schon
längst bei Hartlebens. Lies den Quatsch Don Manuels selber nach und denke dir
mich, das Mädel, meine Alte, ihre alte verbohrte Schachtel von Mama, deine
Eltern, den alten Hartleben, kurz, den ganzen Vogelsang in all den Glanz, der da
in der Braut von Messina zutage kommt, hinein. Die Sorte Schlappe und Familie,
das heisst das übrige Nest in seinen Spitzen der Gesellschaft, lass ja nicht aus
der Komödie heraus und male dir die vier Wochen, die ihrer Abfahrt, nicht aus
dem Vogelsang, sondern aus dem Hôtel de l'Europe vorangingen, selber.
    Weisst du, was dein Vater sagte, als wir vom Bahnhofe nach Hause zogen,
Krumhardt?«
    »Nun?« fragte ich, nicht ohne einige Sorge, meinem besten Freund sofort die
Nase einschlagen zu müssen.
    »Es steckt doch leider viel Gemeinheit in der Menschheit! sagte er und hatte
wieder mal, wie meistens, recht.«
    »Die alte Nachbarschaft und Freundschaft ist also doch wenigstens bis zu der
Abreise zusammengeblieben, Velten?«
    »Jawohl. Aber da frage nur den alten Hartleben nach dem Dank, den er für
seine langjährige Gastfreundschaft gehabt hat von Papa und Mama Trotzendorff!«
    »Und Helene?«
    Da fasste der Freund meine Schulter.
    »Wäre dieser ganze Quark des Erzählens wert, wenn die nicht auch bei uns zu
meiner Mutter Kinde geworden wäre? Wie hätte man vor Lust kreischen können, wenn
man nicht selber mit an dem Wurm erzogen hätte! Jetzt offen gesagt, ich ganz
besonders sehr, Krumhardt! Karlos, sie gehörte doch zu uns, und so lasse ich sie
auch noch nicht fahren. Sie weiss es auch selber, was für ein gut Stück von uns
sie mit in die neue Herrlichkeit, drüben jenseits des Ozeans, nimmt. Krumhardt,
ich nehme gar nichts dafür, mich auch vor dir bodenlos lächerrlich zu machen: es
steht geschrieben, dass ich dem Geschöpfchen bis an der Welt Ende nachlaufen
soll.«
    »Über Berlin?« fragte ich, um doch etwas zu sagen.
    »Jawohl über Berlin! Habe ich mein Leben und damit auch alle meine Wege
nicht noch vor mir?«
    Er hob den linken Arm, dessen gelähmtes Handgelenk ihn nur für den
vaterländischen Kriegsdienst untauglich gemacht hatte.
    Es leuchtete eine solche siegessichere, lachende, unverschämte Zuversicht
aus seinen Augen, klang so sehr aus seiner Stimme, dass er wirklich nicht nötig
hatte, mich auch noch derartig mit der gesunden, eisernen Rechten auf die
Schulter zu klopfen, dass ich nicht nur körperlich in die Knie knickte, sondern
mir auch seelisch niedergedrückt, zusammengeschnurrt - kurz, klein vorkam. - Er
erzählte nun des genauern, wie sich die letzten Tage des Aufentalts der Familie
Trotzendorff im Vogelsang abgesponnen hatten. Wie der Glanz, den der Vater der
Familie mit sich brachte, seine Wirkung nicht bloss auf den Vogelsang, sondern
auch auf die ganze Stadt ausübte. Es mochte wiederum nur ein trügerisches
»bengalisches« Licht sein; aber das Meteor stand doch lang genug am Himmel über
dem Osterberge, um das Volk, das seiner Meinung nach wahrlich nicht in
Finsternis sass und sich durchschnittlich für sehr helle hielt, zum staunenden
Aufsehen zu bringen. Merkwürdigerweise hatten sämtliche offizielle öffentliche
Wohltätigheitsanstalten der Residenz, vor allem die unter hochfürstlichem Schutz
stehenden Stiftungen und Stifter, sodann aber auch die
Kleinkinderbewahranstalten, die Krippen und so weiter, ja, auch der Verein zur
Besserung entlassener Strafgefangener sich des kurzen Aufentalts Mr. Charles
Trotzendorffs im ersten Gastof der Stadt (mit Familie) auf eine Weise zu
erfreuen, die nur für ausnehmend nüchterne, schlechte Charaktere nichts
Erstaunliches an sich hatte. Kein anderer Ortseingeborener hatte in so kurzer
Zeit so oft in den öffentlichen Blättern der Stadt gestanden als Mr. Charles
Trotzendorff. Seit Menschengedenken hatte kein anderer wie er es so verstanden,
sich binnen kürzester Frist so sehr loben zu lassen. Dass es vom fürstlichen
Residenzschloss an bis in den Vogelsang hinein zu feine Nasen gab, denen er zu
gut roch, liess sich freilich nicht leugnen und also auch nicht ändern. Seine
Durchlaucht verweigerte eine nachgesuchte Audienz. Mein Vater brummte:
»Schwindel!« Veltens Mutter seufzte: »Mein armes, liebes Kindchen!«, und der
alte Hartleben meinte: »Wissen Sie, Frau Doktern, ich kann lange zurückdenken,
aber solch eine Komödie, mit solch einem Hanswurst als Hauptperson drin, hab ich
doch noch nicht erlebt hier in der Nachbarschaft! Herrje, was hat das Karlchen,
der Kerl, zugelernt, seit er vor Jahren seinen Abschied von hier nehmen musste!«
-
    »Weisst du, Karlos«, sagte Velten Andres zu mir, »die Alte liess sich grade in
jenen reizenden Wochen mal wieder das Neue Testament von mir vorlesen, und da
kamen wir denn naturgemäss auf die Situation im Evangelium Johannis. Es war auch
Nacht, das heisst spät am Abend, und wir sassen bei der Lampe und waren beim
dritten Kapitel: Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern, mit Namen
Nikodemus, ein Oberster unter den Juden; der kam zu Jesu bei der Nacht und
sprach zu ihm - Du, da hat ja wer geklopft, sagte Mutter, und da war sie, unsere
Kleine, und stand scheu in der Stubentür und wagte sich nicht herein - sie wagte
sich nicht herein, grade wie der alte spitzbärtige Jüd und Schriftgelehrte. Ob
der aber bei seinem Besuch so geschluchzt hat wie das Kind, kann ich nicht
wissen, glaube es auch nicht. Sie hatten sie schon im Hôtel de l'Europe in
Purpur und köstliche Leinwand nach der neusten Modenzeitung ausstaffiert, aber
die Hauptsache war doch das nassgeweinte Taschentuch. Mit dem in den Händen tat
sie nun einen Sprung zu meiner Alten Sessel und lag vor ihr auf den Knien und
zog mit beiden Armen und Händen ihren Hals zu sich herunter und winselte: Tante
Andres, ich kann nicht so von euch - von dir, dir, dir fortgehen! O bitte,
bitte, verzeihe mir's, dass ich's nicht ändern kann und dass es mir auch Vergnügen
macht! Ich habe mich auch jetzt ja nur weggestohlen, um es dir noch einmal zu
sagen, dass ich euch - dich, dich und den Vogelsang so liebhabe und dass es mir so
sehr leid tut, dass ich draus fort muss! O könnte ich euch doch mitnehmen! Wir
haben ja nun das viele Geld und das Glück, von dem Mama immer geredet und sich
damit in unserm Elend getröstet hat; aber mein Vater lacht und sagt: Nonsense,
und es ist wieder mal alles, was ich denke und fühle, nichts als Unsinn! Jawohl,
Velten, du hast mir dasselbe oft genug gesagt, und ich bin oft genug wütend
drüber geworden; aber nun sage es mir dreist noch einmal. Jetzt biete ich dir
keine Ohrfeige mehr dafür an. Die ganze Welt kommt mir mit einemmal so dumm und
unsinnig vor, dass auf das bisschen, was ich von der Sorte dazu gebe, wirklich
nichts ankommt. Tante, Tante, liebste, beste Tante Andres, lass es mich nicht
entgelten, dass ich so gern weggehe von hier und mich so sehr auf das neue Leben
freue. Wenn du mich nicht liebbehältst, ist ja alles nichts; und dem alten
lieben Hartleben sag auch, dass ich nichts dafür kann, dass meine Eltern so grob
gegen ihn gewesen sind. Zu dir wage ich mich ja noch bei Abend aus dem Hotel
heraus; aber zu Hartleben wage ich mich nicht mehr bei Tage und bei Nacht; o
bitte, bitte, sagt es ihm - du auch, Velten! -, dass er immer der beste alte
Mensch gewesen ist und ich von uns allen drein - dir, Velten, Karlchen Krumhardt
und mir - die einzige gewesen bin, die es ganz genau wusste, dass es unrecht war,
wenn wir ihn alle Tage halb zu Tode ärgerten! Ach Gott, was hätte ich noch alles
zu sagen! - O küsse mich nur nicht, Tantchen Andres! Oder doch, doch, küsse mich
nur - es war ja zu schön, zu gut hier bei euch, und wenn du es nicht weisst, was
ich auf dem Herzen habe, so kann ich uns nicht helfen.«
    »Deine Mutter kann ich mir hierbei vorstellen, Velten«, sagte ich.
    »So? Ja, du hast freilich immer mehr gekonnt als ich; aber in dieser
Hinsicht meine ich doch, dass du dich irrst. Du meinst, sie brüllte sich das Herz
aus dem Leibe? Sie hätte die Kleine in Krämpfen hin und her gerissen? Nicht die
Idee! Famos hielt sie sich, die alte Riesin, für meinen Geschmack in der
tragischen Stunde beinahe zu ruhig. Aber am andern Morgen schon wusste ich
natürlich, dass sie wieder mal das einzig Richtige getroffen hatte. Das weisst du,
wie oft sie auf uns hineingepredigt hat; aber so wie diesmal hat sie noch nie zu
einem von uns dreien gesprochen; Gehe in Frieden! - Das Kind ist an dem Abend in
Frieden aus dem Vogelsang gegangen und hat an der Gartentür leise hingeweint:
Ja, du hast recht; Vater und Mutter gehen freilich vor, und ich gehe ja auch
gern mit ihnen; aber du bleibst dicht hinter mir, Tante Male, und ich will deine
Hand immer an meinen Rockfalten haben. Und wenn - wenn mal - so viel Dummes über
mich hier nach dem Vogelsang geschrieben wird wie über Papa, so glaubst du es
nicht eher, bis du Velten geschickt hast, um nachzusehen. Aber ich will auch
jede Woche selber schreiben.«
Ich war natürlich auch nach Berlin bloss des Studierens wegen gekommen. Damit
wurde es diesmal gar nichts. Die schlimmsten Befürchtungen meines armen Vaters
trafen ein; ich verfiel für die nächste Zeit wieder vollständig dem Verderben,
das nach der Meinung aller Verständigen in der Heimat von dem Freunde ausging.
Ich hatte ihn wieder, und er hatte mich wieder am Kragen, und wie sich die Vögel
mit demselben Gefieder sofort wieder um ihn zusammengefunden hatten, das musste
ein Wunder sein auch für den, der an keine Wunder in dieser nüchternen Welt
glaubte.
    Da war zuerst seine Stubenwirtin, die Frau Fechtmeisterin Feucht. Ein
anderer hätte die Millionenstadt jahrelang nach der aussuchen können, ohne sie
zu finden: auf ihren jetzigen jungen Herrn, auf »ihren Velten«, schien sie schon
jahrelang gewartet zu haben, um, »was sehr nötig war«, Mutterstelle an ihm zu
vertreten.
    Wir klopften schon am zweiten Abend unseres Zusammenseins an ihre Tür, und
er stellte mich der kleinen Dame vor mit den Worten:
    »Hier ist noch einer aus dem Vogelsang, gnädige Frau. Ein bisschen
langweilig, aber sonst auch ein guter Kerl und erziehungsfähig, sogar ein wenig
über das Mass seiner Bildungsbedürftigkeit hinaus.«
    Dem naseweisen, scharfmäuligen Pennal einen »dummen Jungen« aufzubrummen
wäre wohl das Sachgemässe gewesen, aber wie immer kam ich auch jetzt nicht dazu,
meine Stellung dem Knaben gegenüber zu wahren.
    »Von Jena?« fragte die elfenhafte kleine Greisin, noch immer die Klinke
ihrer Tür in der Hand haltend.
    »Von Göttingen.«
    »War zur Zeit meines Seligen auch noch ein anständiger Aufentalt. Bitte
näher zu treten, Herr, wenn ich recht gehört habe: Studiosus juris Krumhardt?«
    Ich konnte das nur bestätigen, aber musste mich doch ein wenig
zusammennehmen, um es mit der notwendigsten Höflichkeit und Freundlichkeit zu
tun; doch - »Weshalb kommen Sie nicht von Jena?« fragte die Frau Fechtmeisterin
jetzt schon von ihrem Sofa aus. »Setzen Sie sich doch, Velten; und Sie auch,
Herr Krumhardt, und nehmen Sie mir meine Frage nicht übel: ich komme nämlich von
Jena, mein Mann ist da begraben, und ich bin dort jung gewesen, da erkundige ich
mich denn bei den jetzigen jungen Herren gern so nach dort und der alten Zeit,
eben hier Von Berlin aus, wo keiner von uns eigentlich so recht weiss, ob er
dahin gehört.«
    Da sass sie, ein weisshaarig Mütterchen, mit scharfem, hübschem
Altfrauengesichtchen und Augen, die auf jeder Mensur dem Gegner imponieren
mussten, und das »keiner von uns« kam so selbstverständlich, natürlich, sachgemäss
heraus, mit einem Anklang von Fechtboden und Kneipe, dass - es gar nicht anders
möglich gewesen war: sie und Velten Andres mussten sich im Leben treffen. Der
Wohnungsnachweis: Frau Fechtmeisterin Feucht, war vom Schicksal nur für meinen
Freund Velten berechnet gewesen, im Treppenhause der
Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin.
    »So setze dich doch, Mensch«, sagte der junge Weise aus dem Vogelsang, der
bereits die andere Sofaecke neben seiner Frau Wirtin einnahm; ich aber stand
freilich noch und sah mich immer noch um. Die ganze Welt kam hier gar nicht in
Betracht: aber in ganz Deutschland gab es kein Witwenstübchen, das diesem glich.
Mitten in diesem Berlin diese ganze deutsche Jugend, soweit sie sich in Jena und
auf ihren Verbindungsbildern zusammengefunden hatte! Alle Wände damit bedeckt: -
dazwischen, wo nur ein Räumchen, alles voll von Schattenrissen mit allen
Couleuren an Mütze und Band. Waffentrophäen statt des Spiegels, Schläger und
Stulpen, und was sonst dazu gehört, wo nur noch was aufzuhängen war. Keine
Ritterdame des romantischsten Mittelalters hatte je zu der Ausstattung ihres
Ahnensaales und ihrer Kemenate so gepasst wie die Frau Fechtmeisterin Feucht zu
dem Schmuck und der Zierde ihres Altweiberstübchens, wie gesagt: mitten in
diesem Berlin!
    »Sie sehen sich wie jeder zuerst bei mir um und wundern sich, Herr
Krumhardt«, lächelte die feine Greisin. »Ja, wundern Sie sich nur. Seine Messer
schärft sich unser Herrgott selber, aber den Schleifstein drehen ihm die
Menschen. Da die alten Bilder - die Fliegen sind tüchtig drüber gewesen -, sie
haben auch ihr Teil an den deutschen Geschichten der letzten Jahre. Es sind ein
paar gute Klingen drauf, die unser Herrgott nötig gehabt hat; und da haben wir
den Schleifstein ihm mit gedreht; das heisst nämlich mein Seliger! Ich habe nur
an ihm und euch jungen Leuten meinen Spass - Gott verzeihe es mir! -, meine
Freude gehabt; denn ich bin auch mal jung gewesen, meine Herren.«
    »Das ist recht, Frau Fechtmeisterin«, brummte Velten, »renommieren Sie nur
dem alten Mann da mit Ihrer Jugend. Er kann's gebrauchen.«
    In diesem Augenblick klopfte es an der Tür und -
    »Das ist mein Schneider!« lachte Velten Andres. »Nun hab ich ja meine ganze
gegenwärtige Bekanntschaft in eurer Weltstadt vollständig beieinander.«
    Der junge Herr aus dem Vorderhause, den ich gestern schon in der Stube des
Freundes getroffen hatte, schob sich schüchtern herein in das Gemach der Frau
Fechtmeisterin.
    »Ich darf doch?«
    »Ja, kommen Sie nur, Leon«, sagte die Frau Fechtmeisterin. »Weshalb haben
Sie Ihre Schwester nicht mitgebracht? Aber freilich, die hat schon am Morgen bei
mir gesessen, das liebe Kind, um mir Gesellschaft zu leisten.«
    »Und um mal von was anderem zu hören als von des Lebens bezahlten und
unbezahlten Schneiderrechnungen«, lachte Velten.
    »Redet man davon soviel bei uns, Herr Andres?« fragte der junge Herr und
reiche Haussohn aus dem Vorderhause ein wenig vorwurfsvoll.
    »Nein! Wahrhaftig nicht. Soweit ich bis jetzt darüber urteilen kann, des
Beaux. Ich habe im Gegenteil bereits meinem Freunde Krumhardt davon erzählt, wie
kurios anders das da drüben bei euch rauscht, klingt und tönt. Wie das da bunt
durcheinandergeht. Troubadourgeklimper, Albigenser-Schwert- und - Speergerassel,
hugenottischer Orgelklang und Chorgesang. Der Knabe aus der germanischen Provinz
ist schon fest überzeugt, dass er in diesem seinem Berlin keine zweite gleich
grossartige Schneiderbude finden wird. Da habe ich Ihnen natürlich schon
vorgearbeitet, Leon; übrigens bürge ich auch für jeden Pump, den er bei euch
anlegt.«
    »Aber Herr Andres?«
    »Jawohl, mein Herr Andres«, sagte die Frau Fechtmeisterin Feucht, »seien Sie
nicht zu naseweis und ausfallend. Dafür kennen auch wir beide uns doch erst zu
kurze Zeit, als dass ich für alle schlechten Witze hier bei mir den Fechtboden
hergeben möchte.«
    »Karl, ich werde wieder verkannt!« seufzte kläglich mein Schulfreund aus dem
Vogelsang. »Was habe ich denn anders sagen wollen, als dass Sie ein famoser Kerl
sind, des Beaux ein Prachtmensch, der allen seinen grossen Ahnen vor und nach dem
Edikt von Nantes die Stange hält. Hat denn der Grosse Kurfürst nicht seine Leute
zu euch geschickt, um sich den Rock bei euch wenden zu lassen? He, und da soll
ich nicht einmal meinen Freund Krumhardt in das Vorderhaus empfehlen dürfen, um
ihn hier am Ort in die beste Gesellschaft zu bringen?«
    »Das lässt sich wieder hören, Leon«, meinte die Frau Fechtmeisterin.
    Leon des Beaux aber drückte Velten Andres mit Tränen in den Augen die Hand
und sagte schämig zu mir: »Mein Herr, es wird mir eine grosse Ehre sein, auch
Ihre Bekanntschaft zu machen. Herrn Studiosus Andres kenne ich schon, habe ich
die Ehre zu kennen.«
    »Lassen Sie das Vergnügen nicht aus«, brummte der »Junge aus dem Vogelsang«.
»Nun sage mir vor allen Dingen, wie bist du eigentlich zu der Bekanntschaft mit
dem, wie es scheint, wirklich nicht übeln, scheuen Jüngling, diesem Schneider
mit dem Namen Leon des Beaux gekommen?« fragte ich später am Abend auf dem Wege
zur Kneipe den Freund.
    »Wie man öfters zu allem Schönen, Nützlichen, Guten und Angenehmen sowie dem
Gegenteil kommt - durch Zufall. Ich zog ihn wie damals Schlappen heraus; aber
diesmal nicht unterm Eise weg, sondern aus dem Feuer - nämlich unserer
schlechten Redensarten.«
    »Unserer schlechten Redensarten?«
    »Wenn dir dumme Witze, anzügliche Bemerkungen, rüde Anrempeleien lieber sind
und besser klingen, mir auch recht. Die Fabel oder Wahrheit von der Krähe, die
sich zum erstenmal zu Äsops Lebzeiten mit Pfauenfedern besteckte, kennst du wohl
noch. Sie kam in diesem Abkömmling des Landes des Weins und Ölbaums, der Sonne
und der Gesänge von neuem auf die Bühne der Welt, und ich natürlich ganz zur
rechten Zeit, um meinen Spass und nachher auch ein bisschen meinen Ernst dran zu
haben. Das romantische Rindvieh hatte sich an einem der ersten Tage meines
hiesigen Aufentalts aus seiner Akademie für körperliche Bekleidungskunst im
Roten Schloss in unsere Bude für geistige Maskierung dem Alten Fritz gegenüber
verirrt, das heisst, sich als Hospitant in ein Kolleg über Ästetik, in das ich
auch die Nase steckte, eingeschlichen. Dummeres gab es gar nicht, ich meine
nicht den lesenden Herrn Professor, sondern meinen Freund Leon des Beaux; doch
das letztere wurde mir erst klar, als ich ihn zu Hause besucht hatte. Fürs erste
war er für mich nur das in dem Dornbusch hängengebliebene scherzhafte Schafvieh.
Philister über ihn! Der Hauptflegel, ein langer Bierlümmel mit der
erbrechtlichen Anwartschaft auf den Landrat, Regierungspräsidenten oder sonst so
was Schönes, der, wie sich nachher mir erklärte, mit dem Papa des Beaux hing,
das heisst nach endlich bereinigtem Pump seine Rechnung noch mit ihm abzumachen
hatte! Wie ich provinziales Unschuldswurm sofort in die Narrenteiding
hineingeriet und mich sonderbarerweise auch der Situation gewachsen fühlen
konnte, ist mir bis jetzt noch ein Rätsel. Es muss wohl so in mich gelegt sein,
und im Grunde war's doch auch wieder nur der reine Vogelsang, wenn es da hiess:
der Bengel muss doch bei jedem Unsinn und Skandal das Maul und die Faust im Spiel
haben. Na kurz, du kannst dir das Ding jetzt schon ausmalen. Erst Hinhorchen,
sodann ulkhaftes Vergnügen an dem Hauptwitz, Nähergehen, Umschlagen des Spasses
in sein Gegenteil, darauf die gewöhnlichen Redensarten bis zu dem: Herr, der
dumme Junge sind doch nur Sie! ... Die Hauptsache war, dass ich meinen
idealischen Schneider herausriss. Was sich nachher sachgemäss mit den Herren
Kommilitonen an den Vorgang knüpfte, ist erledigt und Rechenschaft nach Goetes
sämtlichen Werken Band eins gegeben worden. Selbstverständlich fühlte auch ich
mich ein Mannsen und
... gedachte meiner Pflicht,
Und ich hieb dem langen Hansen
Gleich die Schmarre durchs Gesicht.
Wie sagt doch der andere Kerl aus Weimar? ... Die Blinden in Genua horchen auf
meinen Schritt, oder so ungefähr. Fürs erste glaube ich mich in dieser Hinsicht
hier bei euch im grossen Weltleben gut genug geraucht zu haben. - Meinen
zitternden Schneidersohn nahm ich unterm Arm Nu, nur nicht ohnmächtig werden,
Sie armes nasses Huhn! Sagen Sie mir um Gottes willen, was wollten Sie hier in
dieser gemischten Gesellschaft? Und dann, wo wohnen Sie? Mein Name ist übrigens
Andres. - Meiner des Beaux - Leon des Beaux, stammelte das Geschöpf. - Aus
Paris? - Aus der Doroteenstrasse. Da wir denn so ziemlich unter einem Dache
wohnten, wie sich auswies, benutzten wir ein und dieselbe Droschke nach Hause,
denn der Knabe war zum Gehen nicht mehr ganz in der nötigen Beinverfassung. Dass
er mir am folgenden Tage bei meiner Frau Fechtmeisterin einen Besuch machte, war
schicklich, würde meine Mutter sagen. Dass er mich einlud, nun auch zu ihm zu
kommen und die Seinigen kennenzulernen, unnötig... Krumhardt, ich kann jetzt
auch dich dort einführen in der Familie! Würde es dir Vergnügen machen, das Haus
des Beaux und Fräulein Leonie des Beaux kennenzulernen?«...
    Wenn ich heute an jene Redensart des Freundes denke und das Haus des Beaux,
so wird es sehr licht um mich, und der Schein geht von den Leuten aus, zu denen
ich damals geführt wurde. Der Junge aus dem Vogelsang, von der Schulbank, aus
dem Pandektenkolleg und der Korpskneipe lernte wieder ein Stück Erde oder Welt
kennen, von dem er nichts gewusst hatte, von dem er ohne Velten Andres auch wohl
nie etwas erfahren haben würde. Seine übrigen gleichalterigen Lebensgenossen
würden ihm wohl nicht dazu verholfen haben, schon in der Befürchtung, sich vor
ihrer Welt durch zu genaue Bekanntschaft mit ihrem Schneider lächerrlich zu
machen. -
    Sie kam uns von ihrem Flügel entgegen, Fräulein Leonie des Beaux. Ein
hochgewachsenes, ruhiges Mädchen, ein schönes Mädchen, dessen freundlichem
Gesicht es nichts tat, wenn sich über den grossen, aber etwas kurzsichtigen
schwarzen Augen die schwarzen Brauen dann und wann in eins zusammenzogen. Böse
wollte sie dann nur selten hinsehen, nur etwas schärfer.
    »Hinweise auf das Mittelmeer, Donjons, Falkenjagd, Zelter, Windspiele und
König Renés Minnehöfe kannst du dir sparen, Krumhardt«, sagte Velten. »Ich habe
sie alle schon selber gemacht. Auch den auf den Kastellan von Coucy und die Dame
von Fayel. Übrigens, Karl, standest du gestern vor der lieben Kleinen grade so
dumm, wie wenn du in Obertertia die Uhlandsche Simpelei dem Oberlehrer Knutmann
zu deklamieren hattest.«
    Er sagte dieses natürlich nicht in ihrer Gegenwart, sondern als wir wieder
vor der Tür waren, und fügte hinzu: »Nun, was meinst du zu den Leuten?«
    Man kann bei dem, was man »von den Leuten meint«, auch ein Gefühl haben von
ihrer Umgebung, welches vollständig dazu gehört und nicht davon zu trennen ist.
Dieses traf hier ganz und gar ein, und ich wusste nichts zu erwidern als:
»Ausnehmend anständig.«
    Heute würde ich sagen: es war ein vornehmes Haus, in welches wir gekommen
waren; aber man hat ja so seine besondere Redensart für jede Lebensepoche. - Es
war auch ein sehr wohlhabendes Haus, das auf dem besten Wege war, zu einem
reichen zu werden. Mir imponierte es sehr, meinem Freunde Velten nicht im
mindesten; der war da sofort so bei sich wie früher bei Hartleben im Vogelsang
und jetzt bei der Frau Fechtmeisterin Feucht. Und es war dasselbe wie zwischen
den grünen Hecken des Vogelsangs: es kam wieder ein schönes Mädchen für ihn an
den Zaun, nur diesmal nicht, um sich mit ihm zu zanken, zu vertragen und wieder
zu zanken. Leonie des Beaux zankte sich mit niemand in der Welt und vor allem
nicht mit einem, dem sie sich zu Dank verpflichtet glaubte, weil er gegen »unser
Kind«, ihren Bruder, gut gewesen war.
    »Aber es sind ja auch beide ein paar Kinder«, sagte sie später, als wir zwei
vertrauter und ganz bekannt miteinander geworden waren. »Ihr Herr Freund und
mein armer Leon passen zueinander wie Hand und Handschuh Herr Andres ist
freilich die Hand. Ich freue mich recht, dass sie zusammengekommen sind, wenn
auch durch eine so lächerrlich-tragische Torheit meines närrischen Bruders. O
Herr Krumhardt, bitte, nehmen Sie meinen Bruder nicht lächerrlich! Man kann auch
in einer Stadt wie Berlin noch immer in einem stillen Märchenwinkel aufwachsen,
und das sind wir beide, Leon und ich; und mein Papa hat dazu geholfen (meine
Mama ist lange tot), dass wir so geworden sind Leon besonders, denn er hat von
uns zweien immer die unruhigste Phantasie und Seele. Übrigens ist er doch auch
ein rechter, guter Kaufmann. Er führt die Bücher da unten in unserm Geschäft,
und Papa ist recht mit ihm zufrieden. Aber Papa ist eigentlich auch sehr mit
daran schuld, dass wir so aufgewachsen sind in Einbildung und Träumen. Das hat
sich so von einer Generation zur andern weitergegeben, seit wir unter Ludwig dem
Vierzehnten nach Brandenburg zu dem Grossen Kurfürsten gekommen sind. Ach, Herr
Krumhardt, die Kinder des Schneiders des Beaux haben ihr Hausheiligtum und ihre
Ritterbuchbibliotek wie der edle Junker Don Quijote von la Mancha. Hat Leon Sie
noch nicht hineingeführt? Das wundert mich! Herr Vel- Herr Andres sitzt sehr
häufig dort und hat auch schon manches Merkwürdige da gefunden, wie er sagt.
Soll ich für Sie da auch sagen: Sesam, öffne dich!?«
    »Das würde sehr liebenswürdig von Ihnen sein, gnädiges Fräulein.«
    »Oh, spotten Sie nur über die Firma des Beaux, Vater und Sohn!« -
    Es war hier wirklich kein Grund zum Spotten. Das Haus des Beaux hatte nicht
nur seinen Salon, seinen Konzertflügel samt reichen Teppichen, Kronleuchtern,
schönen Ölgemälden, Kupferstichen und dergleichen, was sonst zum laufenden Tag
gehört; es hatte auch seine Bücherei, und in diesem nüchternen Berlin des
achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts, heraus wie aus dem siebenzehnten
Säkulum und in den Einzelheiten noch viel weiter zurück in den Zeiten und
Historien, sein Museum. Wie die Leutchen es zusammengebracht hatten, war schon
an und für sich ein historisches Wunder. -
    »Von unseren angestammten Familienheiligtümern haben wir wenig mitbringen
können in die Mark«, erklärte Fräulein Leonie. »Vieles ist geerbt oder
angeheiratet; aber echt ist alles. Papa kommt durch seinen Beruf nicht selten
nach Paris, und dann reist er gewöhnlich auch nach Südfrankreich, und sein Vater
und Grossvater haben das auch so gemacht. Papa kommt nie nach Hause, ohne sich
und uns Kindern etwas von dorter mitzubringen. Bitte, nehmen Sie Platz!«
    Das sah man, als sie sich an dem schwerfälligen, kugelfüssigen,
grünbehangenen Studiertische in der Mitte des Gemachs niederliess, dass nicht nur
alles umher echt war, sondern dass auch sie zu diesem Raume gehörte, und - ihr
Bruder auch.
    »Hier sitzen wir denn und denken uns zurück«, sagte Leonie. »Dann liegt auch
für unsern Vater, oder grade für den erst recht, der Tag und unser Geschäft wie
auf einem andern Weltball. Und hier ist an Leon und mich alles gekommen, was wir
für unser Bestes halten und was den Leuten mit vollem Recht sehr komisch
erscheinen muss, wenn wir damit unter sie geraten. Ich komme wohl nicht in die
Verlegenheit; aber mein armer Bruder von seinem Schreibpult im Kontor drunten
leider doch dann und wann, und so neulich wieder in Ihrer Universität, wo Herr
Andres so gütig war, sich seiner anzunehmen. Er, Leon, hat es noch nicht recht
gelernt, den Traum und das Leben auseinanderzuhalten, und kommt also nur zu oft
wie ein geschlagenes Kind nach Hause, und es kostet Wochen in diesem unserm
Phantasiestübchen, ehe er sich wieder zurechtgefunden hat in der Welt. Wir haben
eigentlich da draussen in der Zeitlichkeit einen grossen Umgang, und darunter
sucht er denn wie der alte Grieche nach Menschen, die zu ihm passen. Ach, wenn
er dann nur ausgenutzt und gehänselt würde, so wollte ich gar nichts sagen; aber
er wird auch gekränkt und bis ins Tiefste verwundet, und wenn ich auch die
Älteste und die Vernünftigste bin - ein noch älterer Bruder von uns ist bei
Mars-la-Tour gefallen -, so kann ich doch nur allzuoft ihm gar nicht helfen.
Mich hat dieser grade für uns so schreckliche Krieg mit Frankreich nun wohl
schon lebensverständig und tagesnüchtern genug gemacht in unserm hiesigen
französischen Altväter- und Kinderzauberreich; aber ach, wenn ein Mensch es noch
nötig hat, einen echten Freund zur Seite zu haben, so ist das mein armer Bruder!
Und jetzt, Herr Krumhardt, nehmen Sie es mir nicht übel, jetzt hält er wieder
einmal Ihren Herrn Freund, Herrn Andres, für einen solchen, und ich, ich - ich
weiss nicht, wie ich Ihnen das sagen kann und ob ich es Ihnen sagen darf: ich
weiss nicht, ob ich Freude oder Angst haben soll. Mein Bruder hat so viele
Bekanntschaften gehabt, aber dies ist die erste, in der ich mich ganz und gar
nicht zurechtfinden kann. O bitte, sagen Sie es sich selber besser, als ich es
kann! Aber es wäre nicht edel und gut von Ihrem Freund, wenn er meinen lieben
närrischen Leon noch mehr als ein anderer und bloss etwas feiner, also schlimmer,
als ein armes Spielzeug behandeln würde.«
    Es hat mein Freund Velten, von unserm ersten Zusammenaufwachsen im Leben und
Vogelsang an, mir nie so ganz und gar mit allem, was in und an ihm war, vor der
Seele gestanden wie in diesem Augenblick. Ich hätte eine Monographie über ihn
schreiben und Doktor darauf werden können; aber zu erwidern wusste ich hier und
jetzt nichts als:
    »Gnädiges Fräulein, da können Sie ganz ruhig sein. Lustig macht sich der nur
über sich selber. Da fragen Sie nur im Vogelsang nach. Ich will grade nicht
sagen, dass er einen guten Ruf dort hatte in dieser Hinsicht; aber das war doch
einfach bloss darum, weil ihn eigentlich nur drei Leute da ganz genau kannten.
Seine Mutter, ich und - Ell- Fräulein Helene Trotzendorff.«
    »Wohl eine liebe Tante von Ihrem Herrn Freunde?« fragte Leonie, und ich
hatte mich wirklich erst einen Augenblick drauf zu besinnen, auf wen die Frage
sich bezog. Aber es war ja auch richtig, damals ist Mistress Mungos Mädchenname
zum ersten Male in dem historischen Traumstübchen der Geschwister des Beaux
genannt worden.
Er ist noch oft dort erklungen. Er wurde ein sehr vertrauter Klang da.
    »Siehst du, Karl, man findet überall die Leute, zu denen man passt. Wie wir
hier zusammenhocken, wir vier jetzt, ist das nicht grade dasselbe wie damals,
als wir drei aus dem Vogelsang auf dem Osterberge im Wald lagen und das
niedliche Residenznest unter uns hatten? Haben wir heute abend nicht ebenso dies
Berlin unter uns? Nur immer über den Dingen bleiben und möglichst wenig von
ihnen haben wollen! Fragen Sie nur den Kandidaten beider Rechte hier, Fräulein
Leonie. Der steht vor dem Referendarexamen und beantwortet Ihnen jegliche Frage
aus und über Banausien mit Eins a. Leon, Sie sind und bleiben ein Riese, und
wenn Sie mich noch so schafsmässig anstarren. Was sagen Sie übrigens zu dem
letzten New Yorker Briefe meiner Kleinen, Fräulein Leonie? Das arme Wurm
scheinen sie drüben schon sauber eingeseift zu haben; ich wollte, ich hätte sie
heute abend auch hier bei uns, um ihr den Kopf zurechtzusetzen. Und Sie würden
mir dabei helfen, nicht wahr, Fräulein Leonie?«
    »Sie hat Ihnen einen sehr hübschen Brief geschrieben, Herr Andres«, sagte
Leonie des Beaux leise. »Sie scheint in einem grossen Leben zu leben und gibt
sich doch alle Mühe, treue Freundschaft zu halten mit - mit -«
    »Dem Vogelsang, dem Osterberge, kurz, der deutschen Kinderstube«, lachte
Velten.
    »Das wollte ich ihr aber auch geraten haben«, setzte er ein wenig mit den
Zähnen auf der Unterlippe hinzu, und dann kaum hörbar für sich: »Sie weiss es ja
aber auch, dass ich sie ihr ganzes Leben lang nicht loslasse.«
    Leonie hatte das letzte Wort aber doch gehört. »Gibt es solch einen festen
Griff auf dieser Erde?«
    »Was man will, kann man durchsetzen, meinte unser alter Oberlehrer Doktor
Langemann auf unserm Gymnasium zu Hause. Fragen Sie nur Krumhardt, Fräulein, der
hat sich in seiner Lebensauffassung auch nach dem Wort gerichtet und geht als
Sieger zu den Toten.«
    »Rede kein Blech, Velten!«
    »Ich bin niemals mehr gediegenes Erz gewesen als an diesem Abend und unterm
Auge des alten Hugenottenpastors und des jungen Albigenserritters da an der
Wand. Die haben sie vielleicht ihrerzeit lebendig gebraten, aber haben die zwei
nicht noch heute ihre Faust am Kragen hier meines intimen Freundes, Monsieur
Leon des Beaux aus Albi? Übrigens haben wir, Lenchen und ich, schon lange vor
Ihrer Frage, Fräulein Leonie, eine Wette auf dem Osterberge draufhin gemacht,
wer von uns beiden den festesten Griff habe und den andern zu sich holen werde.
Selbstverständlich und naturgemäss hat sie gegenwärtig die obere Hand, und ich
werde es meiner Alten zu Hause nicht ersparen können: ich muss hinüber zu ihr
nach Amerika.« - - - -
    Es ist unaktenmässig in den Akten: wir haben damals solche Unterhaltungen
geführt in Leons und Leonies romantischem Zauberstübchen in der Stadt Berlin.
Und es sind auch solche Briefe, von denen Velten Andres redete - Briefe, die
Helene Trotzendorff hinter dem Rücken von Vater und Mutter geschrieben hatte,
dort von Hand zu Hand gegangen. Wie sehr erwachsene, verständige, vernünftige
Leute wir draussen in den Gassen der Reichshauptstadt sein mochten, in Leonie des
Beaux' Reiche waren wir noch dergestalt unmündig Volk, dass wir die höchsten
Ehrenstellen und Sitze im Kinderhimmel des Evangeliums hätten in Anspruch nehmen
dürfen. Und wir wussten es natürlich nicht und hielten uns im Gegenteil für
ausserordentlich weltklug, Fräulein Leonie vielleicht ausgenommen.
    Die achtete mit immer grösseren, schärferen und - ängstlicheren Augen auf den
neuen Freund ihres Bruders, auf den närrischen Velten Andres. Dass es mir
freilich damals aufgefallen wäre, kann ich nicht sagen: ich kann es eben nicht
genug wiederholen, dass das meiste aus dieser Vergangenheit mir selber erst klar
und deutlich wird und einen logischen Zusammenhang gewinnt, wie ich diese
Blätter beschreibe und - paginiere.
    Ob er, der Junge aus dem Vogelsang, je in seinem Leben einen Begriff davon
bekommen hat, was diese grossen, anfangs so freudigen, dann mehr und mehr
ernsten, traurigen Augen für ihn bedeuteten, weiss ich nicht. Wie viele treu
besorgte Blicke aus lieben Augen gehen einem verloren, während man auf das
Zwinkern, das Schielen und Blinzeln der Welt rundum nur zu genau achtet und sich
sein Teil Ärger, Kummer, Sorgen, Verdruss und Verzweiflung draus holt!
    Seltsamerweise hatte Leonie des Beaux das grösseste Vertrauen zu mir, und
durch mich wusste sie allgemach ebensogut als ich, wie es im Vogelsang aussah
oder vielmehr (schon damals) ausgesehen hatte. Sie kannte nicht bloss die Familie
Krumhardt, Vater, Mutter und Sohn, sondern sie kannte auch den alten Hartleben
und Mistress Trotzendorff - letztere in ihrer Verdunkelung wie im blendendsten
Glanze. Sie hatte an jeder grünen Hecke mitgelehnt, in jeder Gartenlaube
mitgesessen; sie kannte den Osterberg und die zierlichen Promenadenwege und
Bänke am Rande des Waldes und die Aussicht auf die kleine, zierliche Residenz
drunten im Tal. Wovon sie aber am genauesten Bescheid wusste, das war - seine
Mutter, die Frau Doktorin Andres und ihr Häuschen - neben uns an, hinter dem
nächsten nachbarschaftlichen, lebendigen Liguster-, Stachel- und
Johannisbeerzaun zwischen Mein und Dein im Hypotekenbuch. Ja, wie ich das jetzt
schreibe, erfahre ich es erst, wie gut sie bei seiner Mutter Bescheid wusste -
damals - und wie sie vom Keller bis zum Dache sich in dem kleinen Hause unter
dem Osterberge zurechtgefunden haben würde, wenn man ihr den Türgriff in die
Hand gegeben hätte. Ach, wie häufig geschieht das, dass wir seufzen »Ja, wenn das
und das gewesen wäre, so hätte sich alles so leicht zum Bessern - zum Besten
wenden können! Es war ja so einfach, es lag ja so vor der Hand! Man brauchte in
der und der Stunde, in dem und dem Augenblick nur zuzugreifen, um das Richtige
für einen ganzen langen guten, glückseligen Lebensweg zu treffen. Eine Wendung
von der Rechten nach der Linken, oder umgekehrt, genügte vollständig, wenn wir
nicht so blind, so dumm gewesen wären!« - Was wissen wir aber eigentlich
hierüber? - - - - -
    Das Verhältnis zwischen Velten und Leon, dem besten, klarsten Kopfe des
Vogelsangs und dem besten, harmlosesten und verworrensten der Stadt Berlin,
vertiefte sich ebenfalls immer mehr. Für dieses weiss ich kein edleres und
schöneres Gleichnis als das sehr edle und sehr schöne: die Freundschaft zwischen
einem lieben, klugen, bis in den Tod und das Lächerrlichwerden getreuen Hunde und
seinem Herrn, Eigentümer und - besten Freunde. Damals!
    In Velten Andres hatte der arme, glückliche, reiche Haussohn aus dem
Schneiderladen alles gefunden, was er bis dahin in Berlin und der weiten Welt
ausserhalb des Familienzauberturms vergeblich gesucht hatte - einen von der
allgemeinen Heerstrasse gleich ihm verlaufenen Genossen, der in der rechten Weise
über ihn lachte und ihm mit jedem Lachen und Lächeln und durch jeden
kameradschaftlichen Schlag auf die Schulter, jedes Zupfen am Ohr das Herz mit in
seine Höhe hinaufnahm. Nein, das Herz nicht; nur den Kopf. -
    Kein Hund und keine Liebende konnten um diese Lebensstunde auf den
Geliebten, den Herrn und den Freund genauer achtgeben, besorgt-freudiger auf
jedes Wort, jeden Wink, jede Bewegung beim stillen Nebeneinander und im
menschenvollen Gesellschaftszimmer, kurz, bei jeder Lebenskomödienszene passen
als Leon und Leonie des Beaux auf alles, was Velten Andres sagte und tat oder -
nicht sagte und nicht tat. Dass er das so deutlich wusste wie ich, glaube ich
nicht: sein späterer Lebensweg spricht dagegen. Er war es eben zu sehr gewohnt,
dass die Leute ihm nachsahen und er nicht über sie hinweg, sondern durch sie
durch in seine Welt hinein auf seine Weise, die nur sehr selten mit der -
unsrigen übereinstimmte. Mit der unsrigen! Denn wie oft habe ich schon zu Hause,
im Vogelsang, den Vernünftigen dort recht gehen müssen, wenn sie meinten: »Der
Junge ist rein verrückt!« -
    Es war ein wunderlich behagliches Leben dort bei der Frau Fechtmeisterin
Feucht in Veltens erstem Studentenstübchen und in des alten
deutsch-französischen Schneidermeisters und seiner Kinder Zaubererinnerungsraum.
Von aussen sah man es dem Hause in der Doroteenstrasse wahrhaftig nicht an, was
es in seinem innersten Innern barg. Dass ich, ein deutscher Studiosus der
Jurisprudenz, nach Berlin gekommen sei, um mich in meiner Wissenschaft daselbst
noch mehr zu vervollkommnen, ging mir von Tag zu Tage mehr aus dem Begriff
verloren. In dieser Beziehung war es ein Glück zu nennen, dass mein Aufentalt
mir nur kurz von meinem Vater bemessen worden war. Die einzige, der ich zu Hause
dieses Semester hätte begreiflich machen können, war die Frau Doktorin Andres.
Die aber wusste natürlich schon sehr Bescheid, wies auf einen Haufen Briefe aus
der Reichshauptstadt und lächelte trübe:
    »Ja, ich weiss schon. Dass sich das Kind drüben in Amerika wieder zu den
Seinen finden würde, wusste ich.«
    Mit einem leisen Seufzer und seinem Blick über die nächste Nähe fügte sie
hinzu und glaubte fest an ihr eigen Wort:
    »Du kennst ihn ja, lieber Karl, und weisst, wie wenig Einfluss ich von jeher
auf ihn gehabt habe.«
    So reden die Weiber, wie sie das Glück und das Elend, das Beste und das
Schlimmste auf diesem Erdball weitergeben!-
Er ist doch mein Freund gewesen, und ich der seinige. Ich habe sein Leben
miterlebt, und doch, grade hier, vor diesen Blättern, überkommt es mich von
Seite zu Seite mehr, wie ich der Aufgabe, davon zu reden, so wenig gewachsen
bin. Ich habe alles erreicht, was ich erreichen konnte; er nichts - wie die Welt
sagt - und - wie ich mich zusammennehmen muss, um den Neid gegen ihn nicht in mir
aufkommen zu lassen! Was kann ich heute an seinem Grabhügel andres sein als ein
nüchterner Protokollführer in seinem siegreich gewonnenen Prozess gegen meine,
gegen unsere Welt? Was aber würde erst sein, wenn ich auch nicht mein liebes
Weib, meine lieben Kinder gegen diesen »verlorengegangenen«, diesen -
besitzlosen Menschen mir zu Hülfe rufen könnte? - - -
    Wie gesagt, ich musste nach Haus ins erste juristische Examen und liess ihn in
Berlin, in einer Gesellschaft, oder besser Genossenschaft, die damals schon
nicht mehr bloss aus der Familie des Beaux bestand.
    Das Beste aus dem Vogelsang der Form wie dem Gehalt nach, in der
Doroteenstrasse zu Berlin! Wie in dem Stübchen der Frau Fechtmeisterin die
Trophäen des alten seligen Jenenser Lanistra oder, wie Leon ihn in seinen
Chroniken fand, Maistre escrimeur ihr innerlichstes Behagen durch ein leises
Schütteln und Klirren ausdrückten! Wie die Frau Fechtmeisterin manchmal ihren
»närrischsten und liebsten dummen Jungen« am Ohr nahm und rief: »Jetzt hören Sie
aber auf, Sie junger Schulfuchs! Sind wir die sieben Schwaben an einem Spiess,
oder sind wir die vier Haimonskinder auf einem Gaul? Ich weiss es wirklich nicht.
Und Sie, Fräulein Leonie? Geht es Ihnen auch so wie mir, dass Sie nie recht
wissen, was das Menschenkind eigentlich für Ernst nimmt? Ja, ob er jemals in
seinem Leben schon irgendwas für Ernst genommen hat? Ich für mein Teil habe mir
seit lange nicht so oft wie jetzt meinen Seligen hergewünscht, um diesem jungen
Leichtsinn und Phantastikus den richtigen Waffensegen zu geben, dass die
Philister ihn uns nicht auf seinem Lebenswege zum Krüppel geschlagen im
Chausseegraben liegenlassen. Velten, Velten, nehmen Sie das Wort der
Fechtmeisterin Feucht drauf an, dass sie ihrerzeit manche gute Klinge aus mancher
festen Faust hat schlagen sehen. Nicht alles, was auf der Mensur in den Lüften
blitzt und leuchtet, sitzt nachher auf die richtige Weise und bringt eine
saubere Abfuhr zuwege. Da mag man doch aufs Tapet bringen, was man will, Herr
Andres: solch ein armer, unschuldiger, pudelnärrischer Draufgänger, mit der
Gabe, den Spiess zu ärgern, wie Sie ist mir weder in Jena noch hier in Berlin
noch sonst in meinem lieben, langen Leben vorgekommen. Den Herrn Leon frage ich
nicht um seine Meinung; aber was ist Ihre Ansicht, Fräulein des Beaux?«
    »Man kann auch unter den Fusstritten der Leute auf der Landstrasse und in der
Gasse auf Salas y Gomez sterben«, sagte Leonie des Beaux leise. Damals ging das
Wort an mir vorüber in der lachenden, lustigen Unterhaltung, wie das so
gewöhnlich ist, und ich habe mich vielleicht höchstens einen kurzen Augenblick
darüber verwundert, wie das Mädchen dazu kam. Heute haftet mein Blick, von
meinem Schreibtisch aus, über das benachbarte Hausdach hinweg auf einer
bewaldeten Hügelkuppe. Das ist der Osterberg, auf dem wir, da wir noch Kinder
waren, die Sternschnuppen, die Tränen des heiligen Laurentius, fallen sahen und
es versuchten, bei jedem fallenden Funken einen Wunsch zu haben, um ihn in
Erfüllung gehen sehen zu können.
    Einen Tod auf Salas y Gomez, das heisst einen einsamen Tod, aber - nach dem
Wege und Siege des Welteroberers wünschte sich Velten Andres damals.
    Sein Wunsch ist ihm erfüllt worden! Er hat die Welt überwunden und ist mit
sich allein gestorben. - - -
    Also, wie gesagt, ich liess ihn in Berlin, bestand zu Hause ehrenvoll, und
wie es mein Vater auch gar nicht anders erwartet hatte, mein erstes juristisches
Examen, wurde der nächsten Behörde, die eine Lücke für mich aufzuweisen hatte,
als rechtskundiger Katechumene zugeteilt, entsprach den Anforderungen meiner
Vorgesetzten und sah, wie mein Papa, dem zweiten »stärkern Licht«, das heisst der
nächsten Prüfung, mit nicht ungerechtfertigtem Vertrauen entgegen. Er kam einige
Male in den Ferien zu seiner Mutter heim und - stellte dem Vogelsang sowie der
Residenz seinen Freund, Herrn Leon des Beaux, vor, indem er ihm sein Bett in
seinem Schülerstübchen unterm schrägen Dache der Frau Doktorin abtrat, selber
auf dem Sofa kampierte und (auch durch mich) in der Hauptstadt verbreitete: den
Titel »Vicomte« habe die Familie im Laufe der Jahrhunderte einschlafen lassen,
aber die französische Republik erkenne ihn heute noch an, und der schüchterne
junge Mensch habe für jeden, der ihn zu nehmen wisse, einen unbegrenzten Kredit
bei seinem Herrn Vater in der Tasche.
    »Das geht ja noch über Schlappe!« seufzten unsere Zeitgenossen in der
Heimat, fügten jedoch beruhigt hinzu: »Na, er wird wohl wieder nichts damit
anzufangen wissen und seine guten Karten nicht aus Dummheit, sondern purer
Suffisance abermals aus der Hand geben.«
    »Was haben Sie den Herrschaften hier eigentlich über mich aufgebunden?«
fragte wohl (und hatte das Recht dazu) der Sohn und Erbe des jetzt
wohlhabendsten und berühmtesten Schneidermeisters von Berlin an der Spree, in
gewohnter schüchterner Verlegenheit die Hände aneinander reibend. »Die Leute
sind doch ganz gewiss nicht meinetwegen so liebenswürdig gegen mich an diesem
entzückenden Orte.«
    »Bloss Ihretwegen, Leon! Ich habe nur beiläufig fallenlassen, dass Sie mein
guter Freund sind und dass mir Ihr Herr Vater sein Haus und einen Crédit
illimité, das heisst Riesenpump, bei sich eröffnet habe. Krumhardt kann das
bezeugen und unsere Alte da auch, Monsieur le vicomte.«
    »Jaja!« lachte die Frau Doktorin Andres. »Beruhigen Sie sich aber nur, mein
lieber Freund; solchen schlimmen Ruf unter den Leuten können Sie sich schon
gefallen lassen. Es ist noch nicht die schlimmste Art, um verlegen zu werden,
wenn einem die Leute in den Gassen nachgucken.«
    »Monstrari digito«, entfuhr mir selbstverständlich, und ebenso
selbstverständlich fuhr Velten Andres fort im Zitat:
    »Et dicier Hic est!«, fügte aber natürlich hinzu, und zwar grinsend:
»Herrje, er weiss auch hierfür ein Zitat! Leon, wünschen Sie heute nachmittag im
Kasinokonzert den vornehmen Fremden zur Darstellung zu bringen, oder legen Sie
sich lieber mit mir in den Wald am Schluderkopfe und wehren mir die Fliegen ab?«
    »Aber Velten?!« murmelte selbst die Nachbarin Andres; doch ihr Sprössling
meinte:
    »Ich arbeite ja dabei an seiner Bildung, Mama. Na, wie ist's, Leon? Und wie
ist's mit dir, Auskultatore oder zu deutsch: Aufmerker, auch, nach Heises
Fremdwörterbuch, Sitzungszuhörer?«
    Auch ich verzichtete auf das Gartenkonzert der bessern oder besten
Gesellschaft des Städtleins, und so durchstreiften wir die Wälder auf den Hügeln
auch diesmal wieder wie in unserer Knabenzeit, und unsere Kameradin, Helene
Trotzendorff, ging wieder mit uns. Velten hatte wieder einen Brief von ihr in
der Tasche, über den er mit seiner Mutter schon manches gesprochen hatte und von
dem er nunmehr auf dem Schluderkopfe auch uns genauere Mitteilung machte. -
    Wir hatten heute alle unsere Kindermärchenwinkel in unserm frühern
Zauberreich wieder aufgesucht, der Freund und ich, und uns vor dem »hohen Gast
aus der Reichshauptstadt« nicht im mindesten geniert. Vor wem hatte sich
übrigens Velten Andres auch je in irgendeiner Weise »geniert«?
    Er hatte uns geführt. Von Busch zu Baum, vom Fels zum Weiher, durch den
ganzen Zauberwald mit einem fortwährenden »Weisst du noch, Karlchen, hier?
Erinnerst du dich noch, Krumhardt, da?« bis auf den Schluderkopf zu einem kurios
verästelten, hohen Eichbaum, an dem freilich für die drei Nachbarkinder aus dem
Vogelsang ein wirkliches Abenteuer hing -
    Hier hatte sie sich einmal verklettert, und ihm war es nicht möglich
gewesen, sie aus den Lüften und schwankenden Zweigen wieder herunterzuholen und
ihr zu festem Boden unter den Füssen zu verhelfen: ich hatte in die Stadt
hinunter nach Beistand laufen und den Nachbar Hartleben mit seinen Leuten und
mit Stricken und Leitern zu Hülfe rufen müssen.
Die Sonne war schon im Untergehen; sie leuchtete aber auf dieser Höhe noch durch
den Buschwald, und die Wipfel glühten in ihrem Schein. Wir zwei aus dem
Vogelsang lagen in dem hohen Grase, Leon des Beaux sass auf einem Baumstumpf,
hatte auf den Knien die feinen Aristokratenhände zusammengelegt, blickte zum
Zenit und träumerisch in die Runde, sah auf den Freund und seufzte: »Oh, Herr -
wenn ich es doch nur sagen könnte, wie mir zumute ist. Welch ein wundervoller
Tag das wieder war -«
    »Für einen Menschen, der mit Stangen im Land der Goldorangen und Zitronen,
im Orient und am Nordkap war, aus Albi stammt, den Grossen Kurfürsten in
Germanien zum Paten hat, den geschmackvollsten und nahrhaftesten Schneider von
Berlin zum Papa, sich Leon des Beaux nennt und als Königlich Preussischer
Kommerzienrat dermaleinst einen wirklichen Künstler mit der Schöpfung seines
Grabdenkmals beauftragen wird! Leon, das Wundervollste ist doch noch für Sie
zurück und kommt jetzt erst. Der Abend ist freilich schön genug dazu.«
    Er, Velten Andres, sprach das so mürrisch, so verbissen-giftig, dass ich mich
auf dem Ellbogen emporstemmte, um ihn besser betrachten zu können, und Leon ihn
fast ängstlich anstarrte.
    Er, im Grase liegend, die Hände unterm Kopf, zog die bei der Rettung meines
Schwagers »Schlappe« halbgelähmte drunter hervor, wies in die Höhe.
    »Der Ast da oben war es, Karlos! Da hatte sie sich verklettert, hing,
klammerte sich an und kreischte. Ich schlafe ziemlich traumlos, aber meine
Blamage von dem Tage kommt mir doch dann und wann immer noch, nachts im Schlafe.
Das war der meinige - mein Ast, meine ich! Was durch Nachklettern und
naturhistorisch als Wickelaffe zu leisten war, glaube ich möglich gemacht zu
haben. Meine erste wirklich verlorene Lebensschlacht, des Beaux! Den Krumhardt
da höre ich noch zetern, ehe ihm der einzig richtige Philistergedanke kam und er
zu Tal stürzte, den Nachbar Hartleben herauf- und uns herunterzuholen. Wisst ihr,
Kinder, so ist der Mensch: diesen Baum, und was dran hing und hängt, werde ich
bei keiner Lebens-Haupt- und Staatsaktion mehr los: es ist das erstemal gewesen,
dass ich des Menschen Unzulänglichkeit auf dieser Erde auch an mir in die
Erfahrung gebracht habe. Kein geschlagener Held, kein verblüffter Philosoph hat
mich auf seinem Schlachtfelde oder in seinem System seit dem Nachmittag was
Neues zu lehren. Es ist nichts mit dem Heroentum in dieser Werkeltagswelt, Leon,
und deshalb bin ich seit heute morgen fest entschlossen, Helm und Harnisch an
den Nagel zu hängen, jeglichen Federbusch als Staubwedel zu vergehen und vor
allem das gelahrte Tintenfass in den Gossenstein zu giessen, den Plato und den
Aristoteles zuzuklappen und Schneider zu werden! Meine Alte billigt meinen
Entschluss: an Ihren Papa habe ich bereits geschrieben, des Beaux. Was fällt euch
an? Entzückung oder Schmerzen?«
    Wir standen aufrecht auf den Beinen, Leon und ich, und stierten auf ihn
herunter.
    »Bist du nicht bei Troste, Velten?«
    »Wie gewöhnlich! Sonst aber nur ein neuer Unsinn von dem Schlingel! würde
der Vogelsang sagen«, lachte der wirkliche Heros des Vogelsangs, sich nur noch
etwas behaglicher unter der Eiche, in der sich einst Fräulein Helene
Trotzendorff verklettert hatte, zurechtlegend. »Ja, so ist es, meine Herren! So
halten wir uns für frei und werden an Ketten geführt. Und die eisernen sind
nicht die unzerreissbarsten: jeder im Spinnweb zappelnde Brummer kann darüber
nachsagen. Sie und Ihre liebe Schwester, Leon, ebenfalls, aber gottlob mit
frommseligen, närrischen Traumaugen - ich bitte Sie, des Beaux, sehen Sie nicht
so dumm aus: es verhält sich so! Es ist wahrlich keine kleine Vergünstigung der
Götter, wie ihr guten Kinder im blauen Himmel der Provence an euren Goldfäden
über der Mark Brandenburg und der Stadt Berlin schwingen zu dürfen! ...
Krumhardt, dein Protokollführergesicht ist mir niemals so sympatisch gewesen
wie in diesem Augenblick! Wenn du dereinst deinen Kindern von deinem
Jugendfreunde erzählst, so vergiss nicht, mit melancholischem Kopfschütteln zu
seiner Entschuldigung anzuführen: Der arme Tropf konnte nichts dafür; das Mädel
hatte ihm eben eines ihrer Goldhaare durch die Nase gezogen und zog ihn daran
sich nach: - so wurde er zum Schneider und ging für die Wissenschaft verloren
drüben in der Atlantis. Der Baum steht nicht umsonst da, und ich liege nicht
ohne Grund hier unter ihm. Drunten im Vogelsang sitzt meine Alte vor ihrer
Korrespondenz mit Amerika, und hier in der Tasche trage ich den letzten Brief
Miss Ellens aus Saratoga: das Mädchen verklettert sich noch einmal, und ich muss
ihr wiederum nach; es ist keine Hülfe und Abwehr dagegen!«
    Auch er stand jetzt auf den Füssen. Ich hatte ihn nie so schön, stolz und
grimmig gesehen. Er hob wie drohend die gesunde rechte Faust zu dem
schicksalvollen Geäst über uns auf, zu der luftigen Höhe, in der sie voreinst
gehangen hatten, die zwei Kinder aus dem Vogelsang, sie in zitternder,
wimmernder Todesangst und er im ohnmächtigen, vergeblichen Ringen mit der
Unmöglichkeit, Hülfe zu schaffen.
    »Willst du uns den Brief nicht lesen lassen oder vorlesen, Velten?«
    Er holte ihn zögernd aus der Tasche, hielt ihn mir hin und zog ihn rasch
zurück.
    »Nein! Man muss zuviel zwischen den Zeilen lesen. Was könnt ihr davon wissen?
Du gar nichts, Karl: - vielleicht noch eher etwas der Träumer Leon da. Es ist
eben Unsinn; - schade, dass wir nicht Ihr Fräulein Schwester hier mit uns haben,
des Beaux. Die würde freilich mit ihren lieben, treuen, klugen Augen am klarsten
sehen. Meine Mutter meint, das Kind sei für uns verloren, der Aff' habe sich
schon zu hoch für den Vogelsang verstiegen und Mr. Charles Trotzendorff sein
Recht an ihm mit Zinsen genommen. Möglich! Aber was hilft ihre Überzeugung mir?
Ich höre das arme Ding zwischen seinen lachenden Zeilen kreischen und meinen
Namen rufen wie damals dort oben auf dem Ast. Wie damals muss ich ihr nach! Aber
diesmal wirst du nicht zum Nachbar Hartleben um Stricke und Leitern
herunterlaufen dürfen, alter Junge. Ich hole sie mir aus ihrer Verkletterung
diesmal ohne fremde Hülfe. Niemals habe ich in meinem Leben etwas so sicher
gewusst wie das! Jawohl, wenn Ihre Schwester, wenn Leonie hier wäre, die würde
mit den rechten, mit meinen Augen zwischen den Zeilen des albernen Geschmiers
lesen und mir den rechten Waffensegen geben. A la rescousse, mon preux
chevalier! Und somit bleibt es dabei: ich werde dem fernen Westen nicht bloss als
deutscher Doktor der Weltweisheit, sondern auch als internationaler Reisender in
Herrenkonfektion imponieren. Für ein halbes Jahr müssen Sie mir schon Ihren
Kontorstuhl im Geschäft Ihres Herrn Vaters überlassen, Messire Leon des Beaux.
Bei der Frau Fechtmeisterin Feucht reden wir demnächst noch des weiteren
hierüber. Jetzt aber sage ich dir, Krumhardt, sieh du nicht so dumm aus!«
    Drunten im Tal sagte seine Mutter zu mir:
    »Der arme Junge! Er hat dir erzählt, was er jetzt vorhat, Karl, und es nutzt
nichts, ihm dagegen mit tausend Gründen zu kommen. Und ich lasse mich leider
Gottes nur zu gern mit meinem Besserwissen beiseite schieben. Da liegt der
Briefwechsel, den ich mit meinem armen Kinde geführt habe, die Jahre durch: es
ist die gewöhnliche tragische Posse. Die Welt der Gewöhnlichkeit, der Gemeinheit
gewinnt es uns wieder ab, die Firma Trotzendorff behält ihr Recht; aber der
Geist Gottes schwebt zu allen Zeiten über den Wassern und bezeugt sein Recht auf
jede Weise, auch die wunderlichste. Auch die Illusion gehört eben zu seinen
Mitteln, die Erde grün zu machen und schön zu erhalten, und dein närrischer
Schulgenoss lässt nicht von seinen Illusionen, lieber Karl. Er kann das Mädchen
noch nicht aufgehen, und er sagt die Wahrheit, wenn er meint, dass auch sie noch
immer nur auf ihn wartet und nach ihm um Hülfe aussieht. Möchte ich das ändern,
wenn ich's könnte? Nein, nein! Ganz gewiss nicht! Auch ich halte ja, Gott sei
Dank, meine Illusionen noch immer fest, wenn auch nicht mit seinem lachenden
Herzen. Sie ist ja auch in eurer Kinderzeit zu meinem Kinde geworden, und ich
weiss, was sie wert ist und unter allen Umständen - ja allen - wert bleiben wird.
Auch wenn sie ihm verlorengeht. Wenn er fern sein wird, habe ich Zeit, mir das,
nicht bloss in schlaflosen, sorgenvollen Nächten, sondern auch da, an meinem
Fensterchen im Sonnenschein, zurechtzulegen. Dein guter, treuer Vater, lieber
Krumhardt, sitzt hier jetzt häufiger als sonst bei mir und erzieht noch wie
sonst an mir und meinen Kindern; jetzt meint er, mein Junge habe nun den ersten
praktischen Einfall in seinem Leben gehabt. Soll da unsereine trotz ihrer Sorgen
und Ängste nicht lachen? Euer netter, reicher junger Freund aus Berlin, mein
lieber Freund, euer Herr Leon, hat uns auch in dieser Hinsicht einen grossen
Dienst erwiesen. Er hat ihn, ich meine deinen guten Papa, wenigstens zu einem
kleinen Teil mit der Unzurechnungsfähigkeit meines Velten ausgesöhnt. Ach Gott,
von welchen Mächten werden wir doch beherrscht und hin und her gezogen? - Ich
hätte den Burschen nie für so praktisch gehalten, und es soll mich schon freuen,
Frau Nachbarin, wenn ich mich wenigstens zur Hälfte geirrt habe, sagt er, dein
Herr Vater, seit er in Erfahrung gebracht hat, dass auch grosse, wirkliche
Geschäftsmänner etwas von ihm halten und ihn gern auf seinen närrischen Wegen
fördern. Sieh, Kind, ich rede ja nur so offen und frei mit dir, weil du von uns
allen hier im Vogelsang der einzige wirklich Verständige bist und mit deinem
Herzen und Gemüte doch auch zu mir und Helene und deinem Freunde gehörst - weil
du zu meinen Vogelsangkindern gehörst! Also nimm dir aus dem Unsinn, den ich
schwatze, heraus, was du dermaleinst vielleicht brauchen kannst, um uns unser
hiesiges Recht, wenn nicht vor der weiten Welt, so doch vor dir selber
angedeihen zu lassen. Denn sieh, eben weil ich nicht an das Glück meines Velten
im Sinne der Welt glaube, so möchte ich grade deshalb, als seine arme,
angstvolle Mutter, einen haben, der in der richtigen Weise, wenn keinem anderen,
so doch sich selber von uns mit vollem Verständnis erzählte und sich all unser
Schicksal zurechtlegte.«
Es ist kein grösseres Wunder, als wenn der Mensch sich über sich selbst
verwundert.
    Wie habe ich dieses Manuskript begonnen, in der festen Meinung, von einer
Erinnerung zur andern, wie aus dem Terminkalender heraus, nüchtern, wahr und
ehrlich farblos es fortzusetzen und es zu einem mehr oder weniger
verständig-logischen Abschluss zu bringen! Und was ist nun daraus geworden, was
wird durch Tag und Nacht, wie ich die Feder von neuem wieder aufnehme, weiterhin
daraus werden? Wie hat dies alles mich aus mir selber herausgehoben, mich mit
sich fortgenommen und mich aus meinem Lebenskreise in die Welt des toten
Freundes hineingestellt, nein, - geworfen! Ich fühle seine feste Hand auf meiner
Schulter, und sein weltüberwindend Lachen klingt mir fortwährend im Ohr. Ach,
könnte ich das nur auch zu Papiere bringen, wie es sich gehörte; aber das vermag
ich eben nicht, und so wird mir die selbstauferlegte Last oft zu einer sehr
peinlichen, und alles, was ich über den Fall Velten Andres tatsächlich in den
Akten habe und durch Dokumente oder Zeugen beweisen kann, reicht nicht über die
Unzulänglichkeit weg, sowohl der Form wie auch der Farbe nach.
    Als ich als Assessor an unserem heimatlichen Stadtgericht ihn wieder in
Berlin aufsuchte, hatte er sein Lebensmärchen ferner wieder richtig wahr gemacht
und sass über den Geschäftsbüchern des Vaters des Beaux als der »merkwürdigste
Volontär, der mir jemals vor Augen und ins Kontor gekommen ist«, wie der alte
liebenswürdige Herr meinte.
    »Sie glauben es aber nicht, Herr Assessor«, fügte er hinzu, »wie mein Sohn
an ihm hängt, aber noch weniger, dass meine Tochter, meine Leonie, es gewesen
ist, die für alle meine Bedenklichkeiten das Gegenwort hatte und stets
behauptete: was der junge Herr vorhabe, sei keine Torheit, Schnurre und Grille,
sondern er wisse wohl, was er wolle, und sie würde an seiner Stelle ganz gewiss
ganz dasselbige wollen. Er will es nämlich versuchen, in den Vereinigten Staaten
sein Glück zu machen, und da hat er ja auch wohl recht. Mit unserm deutschen
Doktor der Philosophie würde es da drüben in dieser Hinsicht wohl etwas langsam
gehen. Dergleichen geistigen Überfluss schickt ihnen das alte Vaterland schon
etwas sehr reichlich hinüber, und so ein alter deutscher Schneidermeister hat
vielleicht auch seine Verbindungen in der Neuen Welt und kann einem armen,
strebsamen Teufel möglicherweise eher zu einem auskömmlichen Unterkommen
verhelfen. Als von einem armen Teufel darf ich freilich meinen Kindern nicht von
Ihrem Herrn Freunde sprechen, Herr Assessor; also, bitte, erwähnen Sie von
diesem meinem Ausdruck nichts gegen sie. Wir sind eben eine wunderliche
Gesellschaft in diesem Hause, das Hinterhaus eingeschlossen. Manchmal denke ich,
die einzige Vernünftige von uns allen sitzt da hinten hinaus, nämlich diese Frau
Fechtmeisterin, Na, schlägt die aber auch die Hände über unsern Doktor zusammen!
Sie habe doch in Jena und sonst auf ihren Universitäten manchen kuriosen
Gesellen kennengelernt, aber so einen verrückten wie Ihren Freund Andres noch
nicht, meint sie. Das einzige Glück ist, dass sie sich doch nicht ausnimmt, wenn
sie von der Kolonie - der Narrenkolonie redet, die sich hier in der
Doroteenstrasse zusammengefunden habe. Die einzige übrigens, die mir bei der
Geschichte wirkliche Sorge macht, Herr Assessor, das ist meine Leonie. Mein
Junge findet sich schon noch zurecht im praktischen Leben, denn auch dazu haben
wir von der Kolonie, diesmal meine ich unsere französische, die Anlage unserm
Kurfürsten seinerzeit mitgebracht und zur Verfügung gestellt. Wird er nicht
Kommerzienrat, so wird er doch Kommissionsrat, oder das Geschäft macht ihn dazu,
ob er will oder nicht. Aber das Mädchen - was von eu- unserm deutschen Blut in
das im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte hereingekommen ist, das entzieht sich
vollständig meiner Berechnung. Meinen armen Leon verstehe ich zur Not noch
ziemlich genau aus mir selber; aber meine Leonie - lieber Herr Assessor, ich
wollte viel drum geben, wenn ich sagen dürfte, dass ich auch ihren Sprüngen
folgen könnte. Hiesse sie nicht noch wie wir anderen des Beaux, so merkte es der
doch keiner von uns königlich preussischen Staatsbürgern mehr an, dass sie auch
eurer sogenannten Tanzmeisternation entsprungen sei. Ich habe ja gegen den
Verkehr mit dem Hinterhause nicht das geringste einzuwenden; aber etwas zuviel
ist's mir doch, dass sie nur bei der Frau Fechtmeisterin zu finden ist, wenn man
nach ihr fragt und sucht. Ich nenne sie oft nur la Belle au bois dormant, wenn
ich wieder einen von meinen Jungen oder Leuten habe hinschicken müssen, um sie
in das gewöhnliche Leben heimzuholen.« - -
    Da war wieder der lärmvolle Hof, auf dem die vornehmsten Rosse der grossen
Hauptstadt dem berühmtesten Hufarzt und seinen Gehülfen in die Kur gegeben
wurden. Da war wieder der dunkle Eingang und die steile, enge Treppe, die zu der
Frau Fechtmeisterin Feucht und ihrer wechselnden studentischen Mieterschar
hinaufführte. Die Türglocke hatte noch denselben schrillen Klang wie früher, und
was die Tür öffnete, war noch dasselbige ritterliche Zwergenweiblein wie früher,
und wer sich am wenigsten verändert hatte, das war die Frau Fechtmeisterin
Feucht, und wie immer mit dem Strickzeug in den Händen und dem dazugehörigen
Garnknäul unterm linken Arm: wohin kommen alle die Strümpfe, die solche liebe,
auf dem Altenteil und ihren Erinnerungen sitzende alte Damen stricken? Von
denen, die aus den Händen der Frau Fechtmeisterin hervorgingen, hätte es manch
ein akademischer Bürger der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin durch manch
ein Semester statistisch ganz genau nachweisen können. -
    Sie erkannte mich nicht gleich. Es lagen ja zwei Staatsexamina zwischen
unserm letzten Zusammensein und dem heutigen Besuch.
    »Sie?« rief sie dann. »Also endlich? Wenn ich nach einem Menschen auf Erden
ausgesehen habe, so sind Sie das.«
    Und mir die Tür ihres Stübchens öffnend, schob sie mich hinein.
    »Da haben wir den zweiten aus dem Vogelsang, Leonie. Jetzt aber auf die
Mensur mit mir, Assessor Krumhardt! Sehen Sie wohl, dass Ihnen die Schmarre über
der Nase daheim bei Ihren Leuten am grünen Tisch nichts geschadet hat! Und der
andere Tresenhüpfer und Ellenreiter drunten bei des Beaux Sohn und Nachfolger!
Sie kennen doch Fräulein Leonie des Beaux noch, Herr Kommilitone?«
    Oh, wohl kannte ich sie noch! Das liebe Mädchen erhob sich wie sonst aus
ihrem Sessel, der absonderlichen, greisen Freundin gegenüber, sie schien mir
noch ruhig-schöner, stattlich-vornehmer geworden zu sein und lächelte.
    »So leicht vergisst man doch wohl seine guten Freunde nicht, Mama Feucht!
Vorzüglich wenn man aus dem Vogelsang -«
    »Nach Berlin kommt und endlich einmal wieder die weisseste Hand aus dem Roman
von der Rose küssen möchte.«
    Sie reichte sie mir lächelnd, aber nicht zum Kuss, und sagte: »Hier, Herr
Assessor, wie sonst aus der Schneiderwerkstatt und dem Herzen der Romantik
heraus; seien Sie uns willkommen, da mit der alten Treue unser altes, närrisches
Spielzeug doch auch sein Recht bei Ihnen behalten hat, Messire Charles du
Pré-aux-Clercs.«
    »Von der Schreiberwiese!« rief ich, die feine Ironie wohl verstehend.
»Jawohl, jawohl, gnädiges Fräulein! Und der Chevalier sans peur et sans reproche
da unten im Vorderhause hinter den Geschäftsbüchern des Herrn Kastellans sitzt
heute besser zu Ross auf seinem Dreibein, mit der Feder hinterm Ohr, als je ein
Rittersmann, der in Stahl und Eisen auszog für das Trecrestien, franc royaume de
France; und die Frau Fechtmeisterin Feucht ist schon abgef- geschlagen, noch ehe
sie sich recht ausgelegt hat für ihr Rittertum von der Saale.«
    »Wenn ein junger Mensch zuerst doch nach Jena gehörte und vom Hausberge und
dem Fuchsturm in die Welt hätte hineinsehen müssen, so war das doch mein Herr
Velten«, seufzte, zugleich verdrossen und betrübt, die Frau Fechtmeisterin. »Oh,
dies Berlin! Wie kann ein deutscher Student mit Berlin sein Dasein anfangen und
in Berlin hängenbleiben? Und noch dazu ein Kind mit solchen Naturgaben wie
dieses, das meinen Seligen zu Rührungstränen gebracht haben würde - trotz seiner
lahmen Linken der beste Schläger, den sie jetzt hier haben, und - verkriecht
sich nun hinter einem Kontortisch! Der Kalk fällt mir darüber von den Wänden.«
    »Da hat die Frau Fechtmeisterin recht«, lächelte Leonie. »Die Wände drüben
in Ihres Herrn Freundes Stube erzählen freilich mit Jammer von den Triumphen,
die dort die hohe Kunst gefeiert hat! Und versuchen Sie sich nur mit meinem
Bruder, Herr Assessor. Die Welt kehrt sich freilich gänzlich um: der Schneider
geht auf die Mensur, und Germaniens Heldenjugend, wenn nicht auf den
Schneidertisch, so doch in die doppelte Buchführung und -«
    Eben hatte sich draussen in der Vorsaaltür ein Schlüssel gedreht, und ein
Schritt erklang im Gange. Die junge Dame, errötend und wie erschreckt, brach ab
in ihrer Rede.
Baissez-vous, montagnes,
Haussez-vous, vallons!
M'empêchez de voir
Ma mi' Madelon,
klang es draussen aus einem französischen Volksliede, das uns vordem Leonie des
Beaux in ihrem Salon im Vorderhause dann und wann zum Flügel gesungen hatte.
    »Da haben wir ja die Tafelrunde aus den Contes de ma mère l'Oye wieder
einmal beinahe vollständig beisammen«, rief Velten Andres; und ich sehe ihn
wieder vor mir in seiner Pracht, wie man sich in der Jugend den Lord Byron und
im Alter den jungen Goete vorstellt. Mit dem treuen, lachenden, siegessichern
Auge und dazu dem Schelmenzug um den Mund - den Liebling der Götter und des
Vogelsangs, den Weltüberwinder von Leichtsinns Gnaden. Ich habe ihn nie so
wieder gesehen wie jetzt unter den Trophäen der Frau Fechtmeisterin Feucht, wo
er uns nunmehr wie ein Kind von seinen Plänen für die nächste Zukunft sprach,
als von dem Selbstverständlichsten, was auf dieser Erde von jedermann
vorgenommen werden könne.
    Er schob es alles aus dem Wege, was ich einzuwenden hatte; - die alte
ritterliche Frau und Leonie hatten keine Waffen gegen ihn: das schöne Mädchen
übrigens auch keine anderen als ihre melancholisch-scheuen, ihre grossen,
sehnsüchtigen Augen, die ihre liebe Gewalt nur hinter seinem Rücken kundgeben
konnten und von deren ihm gehörenden Wunderreichtum er nichts wusste.
    Wir waren sehr »heiter« an dem Morgen, vorzüglich als auch Leon, der um
diese Lebensstunde zu der elegantesten Tiergartenritterschaft der jungen
Weltstadt gehörte, in Stiefeln und Sporen dazukam.
    »Als ich vorhin von Ihrem dreibeinigen Ross hinter Ihrem Pult mich
herabschwang, lieber Freund, habe ich doch auch eine Genugtuung gehabt«, sagte
Velten. »Ihr Papa hat mich auf die Schulter geklopft und gemeint: Sehen Sie,
cher ami, nicht bloss Ihre Herren Professoren können Vorlesungen halten und
Examina anstellen und Diplome verleihen, auf welche hin selbst so 'n Belletriste
wie Sie sich durch die Welt schlagen und es in ihr zu etwas bringen kann. Meinem
eigenen Jungen sind Sie wahrhaftig schon um mehrere Nasenlängen vor im
Weltverständnis. In einem halben Jahre schicke ich Sie dahin, wohin ich ihn
befördern wollte, offen gestanden, Herr Andres, um ihn Ihren übeln Einwirkungen
zu entziehen. In tailor made suits drüben überm Ozean Ihr deutsches Gemüt zur
Sache hinzugetan, und Sie können dreist dort den Laden aufmachen, wie hier am
Ort mein Grosspapa, Monsieur Raymond Guy des Beaux, dessen Papa, wie wir in
unserm Familienarchiv haben, dem Alten Fritz nach Kunersdorf auf den Ruinen von
Küstrin in Chorrock und Beffchen französisch predigen und ihn trösten durfte.«
    Wie schade, wie schade war es, dass er auch jetzt von den Augen, die ihn aus
dem Verborgenen auf allen Wegen und bei allen Worten begleiteten, nichts wissen
sollte, nach dem Willen des Geschicks! ...
Wir haben, seit ich angefangen habe, diese Akten des Vogelsangs zu
kollationieren, das bekommen, was man einen schönen Winter nennt -
erfrischenden, jahreszeitgemässen Frost, wenig Heulstürme, aber viel Schnee.
    Auch in der Nacht, in der ich jetzt weiterschreibe, schneit es wieder.
Unaufhörlich rieselt seit dem Nachmittag das weisse Gewirbel nieder und macht die
Erde still, glatt und rein. Wenn ich ans Fenster trete und nach der nächsten
Gaslaterne hinübersehe, kann ich mich nur schwer von dem schönen Schauspiel
losreissen: von allen Naturerscheinungen bringt der Schneefall (vom warmen Zimmer
aus gesehen) die behaglichsten Bilder und Traumminuten mit sich. Der Schnee
wärmt. Ich kenne Leute, egoistische Zärtlinge, die es sich behaglich vorstellen,
von ihm zugedeckt als haus- und heimatloser, hungriger Wanderer auf der
Landstrasse müde einzuschlafen und sich aus der ungemütlichen, bitteren
Wirklichkeit sanft hinauszuträumen:
Erhebt euch, ihr Täler,
Sinkt nieder, ihr Höhn;
Ihr hindert mich ja,
Meine Liebste zu sehn; -
wie kommt es nur, dass mir das alte welsche Lied, schön wie irgendein deutsches -
den ganzen Abend durch nicht aus dem Sinn will? Dass ich es immer von neuem
summen muss, während der Schnee fällt, die Täler ausfüllt und die Berge
niederdrückt, indem er sich weiss, farblos auf sie legt?!
    Es ist nun schon lange Jahre her, seit uns Leonie des Beaux das Lied in der
Doroteenstrasse zu Berlin zum erstenmal sang. Die hohen Berge, die tiefen Täler,
die weiten Meere der Erde haben es nicht verhindert, dass Velten Andres und
Helene Trotzendorff wieder zusammenkamen; sie sind auch nicht schuld daran
gewesen, dass sie sich nicht wiederfanden für das Erdenleben.
    Der Jugendfreund aus dem Vogelsang hat sein Wort gehalten, dass er von dem
Mädchen nicht lassen werde, dass er ihr nachsteigen werde, wohin sie sich auch
verklettert haben möge, dass er aber freilich jetzt nicht mehr den Freund aus dem
Nachbarhause zu Tal laufen lassen werde, um den Vogelsang zu Hülfe heraufzurufen
auf den Schluderkopf.
    Er war vor dem Beginn seiner Weltfahrten nur noch einmal zu Hause, um
Abschied von seiner Mutter und uns zu nehmen. Ich ging damals auch schon auf
Freiersfüssen, und da weiss man ja, wie das dann geht mit dem verliebten jungen
Menschen und seinen Gefühlen für seine liebsten und treuesten Schulbankgenossen.
Ihre Sorgen und Hoffnungen, Leiden und Freuden sind wahrlich um solche
Lebensstunde nicht mehr die unserigen. Mit einem »Na, denn mach's gut, Alter!«
ist der Abschied, auch unter den besten Freunden, an einer Strassenecke, am
Bahnhof oder auf einem Hafenkai rasch abgetan. Es ist eine Seltenheit (immer
unter besagten Umständen!) -, dass einem von beiden, dem Orest oder dem Pylades,
dem Kastor oder dem Pollux, dem David oder dem Jonatan, die Zigarre der Rührung
wegen ausgeht, und ist es ausnahmsweise mal der Fall, so ist der Bewegteste, und
das ist fast immer der Zurückbleibende, imstande, den Scheidenden noch um Feuer
zu bitten. -
    Es war diesmal nicht mehr die ganze Nachbarschaft, welche diesem Scheidenden
nach dem Bahnhof das Geleit gegeben hatte. Meine greisen Eltern fühlten,
kopfschüttelnd, nicht mehr die Verpflichtung dazu. »Es ist doch zu sehr eine
Narrenfahrt, und ich bezweifle, dass ich sowohl dem Jungen wie der Alten das für
die Gelegenheit gewünschte Gesicht ziehen kann«, hatte mein Vater gesagt; und
meine Mutter hatte gemeint: »Ich glaube auch nicht, dass Amalie dieser
Aufmerksamkeit und Anteilnahme von unserer Seite bedarf. Hat sie sich jemals im
Guten und im Bösen das geringste von uns sagen lassen? Sie haben eben beide
immer ihren eigenen Kopf.«
    Was bedeuteten diese Blätter, wenn ich nicht wahr auf ihnen wäre? Im
tiefsten Grunde war ich vollständig der Meinung meiner Eltern - solange sie das
Wort hatten und Vernunft sprachen, und verfiel ebenso gründlich immer von neuem
schon der wortlosen Überredungskraft der zwei anderen aus der nächsten
Nachbarschaft. Es genügte schon vollständig, dass Velten mich lachend auf die
Schulter schlug und seine Mutter dabei mir zunickte. Eindringlicher war's
natürlich, wenn die weise alte Frau noch hinzufügte:
    »Höre ja nicht auf den Narren, Freund Karl. Bleibe du ruhig auf deinem Wege
und halte die Welt aufrecht: nicht bloss hier im Vogelsang, sondern auch für den
Vogelsang!«
    So war es auch bei dem diesmaligen Abschiednehmen auf dem Bahnhofe. Der
Lebensmut und die Siegesgewissheit des scheidenden Freundes überwältigten das
nüchterne Besserwissen, das ich noch mit dortin genommen hatte, völlig. Und als
mir Velten noch sagte:
    »Ich verlasse mich fest darauf, dass du wie gewöhnlich meine Stelle bei der
Alten vertrittst und dich ihrer gegebenenfalls nach Kräften annimmst« - konnte
ich mich nur fragen:
    Ja, wird das möglich sein und je nötig werden können?
    Ich versprach es aber, wahrhaftig mit feuchten Augen und stockendem Herzen -
mit dem besten Willen, seinen Platz am Herde meines Nachbarhauses festzuhalten
und die »alte Frau« nicht einsam dort sitzen zu lassen, während er seine Siege
in der Welt erfocht. -
    Wir sahen ihn abfahren, wie damals Helene Trotzendorff. Es war eben ein
anderer Zug, ein Vergnügungszug, angelangt, und ein Gewühl aufgeregten und dem
Anschein nach sehr vergnügten Volkes, das unserer Stadt und ihrer hübschen
landschaftlichen Umgebung seinen Besuch zugedacht hatte, quoll uns daraus
entgegen. Der Morgen war schön, die Sonne schien, ein fröhlicher Schenktisch war
von einem sorglichen Komitee errichtet worden: die fremden Liedergenossen oder
Sangesbrüder kamen nicht nur mit ihrem musikalischen Hoch, sondern auch mit viel
Durst bei uns an, und eine einheimische Blechmusikbande brach mit schmetterndem
Hall zum Willkomm los: die Stadt und Residenz hatte sich sehr vergrössert und
verschönert seit dem Tage, an welchem Mr. Charles Trotzendorff sein Weib und
sein Kind aus ihr weg und zu sich holte, und der jetzige Bahnhof, von welchem
ich nun die Frau Nachbarin, die Mutter des Freundes, nach Hause führte, stand
damals auch erst auf dem Papier und lag noch auf den Tischen der Fürstlichen
Landesbaudirektion. -
    Die »Frau Doktorin« hatte ihren Arm in den meinigen gelegt, und sie, die bis
in ihr höchstes Alter hinein einen leichten, schwebenden Schritt gehabt hat,
bedurfte auf diesem Heimwege doch einer Stütze; ich wiederholte mir im Innersten
das Versprechen, welches ich dem Freunde gegeben hatte.
    Als wir das Getümmel hinter uns hatten, sah sie sich wie erschreckt um, wie
man sich umsieht, wenn man etwas sehr Wichtiges hinter sich vergessen oder etwas
sehr Wertvolles verloren zu haben glaubt. Dann aber fasste sie meinen Arm mit
beiden Händen, indem sie stehenblieb, zu mir glanzvoll aufsah und rief:
    »Und das musst du doch selber sagen, bester Karl, dass ihr alle bis jetzt ihm
gegenüber doch immer unrecht behalten habt! O bitte, sprich mir nicht dagegen!
Ich habe meine Lust an ihm, meinen Glauben an ihn, meine Hoffnung auf ihn von
jetzt an freilich nötiger denn je. O ihr alle, alle! Wir sind so gute Nachbarn
gewesen unser ganzes Leben lang - lasst es uns bleiben wir sind ja nur noch so
wenige beisammen! Sieh, das ist nun mein dummer phantastischer Kopf: jetzt ist
es doch wieder ganz anders mit der Welt in Licht und Farbe, als wie es noch vor
fünf Minuten war! Da sah ich ihm noch in die Augen und mit seinem Sieg über die
Welt auch den meinigen drin. Diese entsetzliche Blechmusik da hinter uns! ...
Wie die Leute doch so vergnügt sein können und so geschäftig-eilig! Bitte, lass
uns etwas rascher gehen! - Wozu denn dieser Lärm, diese fürchterliche Eile in
der Welt? Wie wird er darin zurechtkommen? Er hat das ja leider von mir, dass er
es mit nichts, wie andere Leute, eilig hat und sich Zeit zu allem nimmt und gern
allein für sich sitzt, wie seine törichte alte Mutter. O bitte, sage es auch
deinen Eltern, bitte sie, dass sie mich fürs erste wenigstens allein für mich
lassen, bis ich mich wenigstens etwas wieder in mir zur Ruhe gefunden habe. Mein
Gott, sind wir Mütter schuld daran, wenn wir unsern Kindern unser Bestes mit auf
den Weg geben und sie elend dadurch machen? Wenn wir uns getäuscht hätten! Es
wäre zu trostlos, wenn er seinen Willen durchsetzte und den meinigen mit und es
doch nichts weiter als ein Märchengespinst, ein höhnisch-hübsches Schattenspiel
an der Wand wäre! Wenn er mir das Kind heimbrächte und es doch seine
Lebensbedingungen drüben hätte! Komm rasch - rasch nach Hause, bester Junge: der
Strauss pflegt seinen Kopf in den Sand zu stecken, und die alte Doktern Andres
steckt ihren in den Vogelsang. Aber bitte, halte mir für die nächste Zeit deinen
lieben, guten Vater vom Leibe! Ist das nicht der Nachbar Hartleben, der sich
dort in seinem Rollstuhl in die warme Sommerluft fahren lässt? ... Jawohl,
Nachbar, er lässt Sie vor allen anderen noch einmal herzlich grüssen, und Sie tun
mir einen Gefallen, wenn Sie sich heute abend noch auf ein Stündchen zu mir
herüberschieben lassen, dass wir noch ein wenig über ihn zusammen schwatzen
können. Wir zwei müssen jetzt mehr denn je treulich und fest zusammenhalten,
Herr Nachbar.«
    »Jawohl, Frau Nachbarin! Zumal da ich heute mein Grundstück meiner
kümmerlichen Gesundheitsumstände wegen abgegeben habe, bis auf das Haus und den
Morgen Gartenland dabei, um doch wenigstens noch ein bisschen was Grünes vom
Fenster aus im Auge zu haben. Das wird eine grossartige Konservenfabrik grade
Ihnen gegenüber, Frau Doktern. Jaja, die Welt verändert sich um einen her, ohne
dass man es eigentlich merkt, wie das ja auch in der Bibel steht. Hat mir recht
leid getan, Frau Nachbarin, dass ich unsern Herrn Velten nicht mit nach dem
Bahnhofe bringen konnte, zumal wie diesmal vielleicht auf Nimmerwiedersehn, denn
davon hilft uns niemand, Frau Doktern, die Jüngsten sind wir Alten hier im
Vogelsang nicht mehr, und was einem drüben über dem grossen Wasser alles
passieren kann, davon liest man ja tagtäglich das Menschenmöglichste von Glück
und Unglück in der Zeitung. Na, ist der Lump - nichts für ungut, liebe Frau -
dorten ein allmächtiges Tier und unzähliger Millionär geworden, so wird's unser
junger Herr ja auch wohl machen; und wenn der mal, und vielleicht gar noch dazu
mit einer jungen Frau, heimkommt, denn stellt sich das, was vom Vogelsang noch
vorhanden ist, sicherlich auf die Zehen und bringt ihm ein musikalisches Hoch,
dreimal doller als wie das, womit sie da eben wieder mal vom Bahnhofe in die
Berge ziehen. Aber wie es ausfallen mag, dabei bleibt's, Frau Nachbarin, wie sie
uns auch den Vogelsang verbauen mögen: die Aussicht zwischen uns aufeinander
sollen sie uns nicht verbauen. Er hat auch mir versprochen, mal an mich zu
schreiben, mein ewiger Sappermenter, unser Tausendsassa! Ich habe ihn so manches
Mal auf den Trab bringen müssen und sein Mädchen, ich meine die kleine
Himmelskröte aus meiner Erkerwohnung, mit, und zwar nicht immer mit den
lieblichsten und höflichsten Worten. Aber winken Sie mir nur mit einem Briefe
von ihm, Frau Doktern, ich lasse mich ranrollen mit meinen jetzigen verdammten
gichtbrüchigen Knochen und heule mit Ihnen oder reibe mir die Hände mit Ihnen,
wie's ihm beliebt und er sich sein Leben bei den Antipopoden einrichtet. Dass da
wieder eine Kuriosität herauskommt, das steht mir baumfest. Diese Gewissheit ist
mir doch natürlich aus meiner Bekanntschaft und Freundschaft mit ihm
herausgewachsen wie je ein Stamm da oben in meinem Waldeigentum, und da kann ich
mich wirklich schon jetzt vor dieser neuen Fahrt im Geäst mit meinen Gedanken
verklettern und mir die Frage stellen: was wird das unsinnige Menschenkind nun
jetzt wieder anstellen? Na, na, liebste, beste Frau Nachbarin, jetzt machen Sie
mir kein böses Gesichte! Den Trost haben wir doch jedenfalls aus tausendfältiger
Erfahrung: neun Leben hat ihm ja auch die Mutter Natur mitgegeben. Sie mögen ihn
alle besser kennen als ich; aber wenn ihn einer ganz genau kennt, so ist das der
alte Hartleben, denn wie oft bin ich hinter dem Burschen her gewesen, mit der
hellen Wut über ihn, dem ersten besten Knüppel und Holzscheit oder mit beiden
Händen vor dem Bauche, um mir mein Pläsiervergnügen an ihm zusammenzuhalten und
es den Spitzbuben nicht zu sehr merken zu lassen. Jawohl ist dem keine Mauer,
hinter der es für ihn in allen fünf Weltteilen was zu holen gibt, zu hoch. Und
was die Mauern anbetrifft, durch die man auf Erden vor Verdruss mit dem Kopfe
rennen möchte, na, die rennt er eben ein oder weiss auch 'nen Weg um sie herum zu
finden, wovon ich ebenfalls hier im Vogelsang und auf meinem seligen Grundstücke
die allermöglichsten Erfahrungen habe. Also machen Sie sich nur nicht zu viele
Sorgen um ihn, Frau Nachbarin. Mit dem hat's keine Not, ob er als ein reicher
Mann wie der Halunke Karlchen Trotzendorff uns nach Hause kommt oder ob er eines
Abends anklopft und sagt Da bin ich wieder, Herr Hartleben; es ist mir diesmal
nicht geglückt, und es wäre mir ein Gefallen, wenn Sie diese Nacht einen Platz
auf dem Stroh und morgen früh einen Tausendmarkschein zum neuen Anfangen für
mich hätten. Aber zu dem letztern noch eines zu Ihrem Trost, Frau Doktern! Wenn
einer hier im Vogelsang im stillen auf Ihren Herrn Sohn gepasst hat, so bin ich
das und weiss: er klopft niemalen so an. Ein Kopfkissen auf dem letzten Stroh
müsste man dem schon mit vielen Finessen und Höflichkeiten ankomplimentieren. Der
junge Satan hatte das weichste Herz hier im ganzen Vogelsang - nehmen Sie es mir
nicht übel, dass ich auch vor Ihnen so rede, Herr Karl, Herr Assessor! -, aber
wenn es dem einmal gefriert, so wird ein Eisklumpen draus, mit dem man der
ganzen Menschheit den Hirnkasten einschmeissen könnte! Und nun nehmen Sie es
nicht übel, Frau Nachbarin und Herr Krumhardt, dass ich Sie so lange aufgehalten
habe, aber ich habe ja heute auch von einem Eigentum Abschied genommen, das mir
mein ganzes Leben durch ans Herz gewachsen gewesen ist, und so bin ich denn bei
Ihnen mit auf dem Bahnhof in Gedanken gewesen mehr als ein anderer hier im
Vogelsang, und weiss Sie zu erkennen, liebste Frau Nachbarin. In früheren Jahren
hätten Sie mir ein Wort wie mein jetziges nicht angesehen und geglaubt, Herr
Assessor. Da hätten Sie wohl nur gelacht über den Nachbar Hartleben, den alten
Grobian. Aber so in einem solchen Jammerrollstuhl, da hat es sich was mit der
Menschen Arm- und Beinkräften und gesunder Lunge; da scheniert sich auch
unsereiner nicht, mit seinen intimeren Meinungen herauszugehen; und nun, Herr
Assessor, sehe ich, dass die Frau Doktern am liebsten mit ihren Gedanken allein
sein möchte, also bringen Sie sie still nach Hause und grüssen Sie auch Ihre
Eltern. Ich als neugebackener Rentner lasse mich noch ein Stück um die Promenade
kutschieren - Herrgott, wer mir dies Vergnügen noch vor fünf Jahren prophezeiet
hätte! Recht guten Morgen, liebe Herrschaften...«
    So bringe ich es zu den Akten, wie der Vogelsang sprach, indem ich hundert
Worte in eines ziehe, während der Schnee der heutigen Winternacht unablässig
weiter herabrieselt. Und ich muss dabei die linke Hand übers Auge legen, während
ich schreibe; als ob mir die Sonne zu hell und blendend drauf läge. Es ist nicht
das und ist es doch. Was trübt das Auge mehr als der Blick in verblichenen
Sonnen- und Jugendglanz?
Ich habe sie häufig in meinem Berufe zu suchen, die Verschollenen in der Welt;
sie zu einem bestimmten Termin zu zitieren und sie, wenn sie nicht erscheinen,
für tot zu erklären und ihren Nachlass den Erben oder dem Fiskus zu
überantworten. Meistens ist es armes, kümmerliches Volk, das so verlorengeht und
gesucht werden muss, doch von Zeit zu Zeit ist da auch einer oder eine
verschollen, auf deren Wege auch den abgehärtetsten Beamten die Phantasie und
das Bedürfnis des Menschen, Wunder, wenn nicht an sich, so doch an anderen zu
erleben, unwiderstehlich nachlockt.
    Das ist nun bei meinem Freund Velten Andres nicht im mindesten der Fall
gewesen. Von Mysterien und Romantik habe ich nicht das geringste zu notieren. Er
ist stets mit uns in Korrespondenz geblieben, hat alle Verkehrswege via
Soutampton, Bremen und Hamburg, ja auch den unterseeischen Telegraphen benutzt,
um in möglichster Verbindung mit dem Vogelsang zu bleiben. Ich bin eben in
seinem Leben über nichts im Dunkel geblieben als - über ihn selber. Das war aber
ja nicht seine Schuld! Diese lag hier nur an mir, und solches ist öfters der
Fall, als die Leute glauben.
    Schreibe ich übrigens denn nicht auch jetzt nur deshalb diese Blätter voll,
weil ich doch mein möglichstes tun möchte, um mir über diesen Menschen, einen
der mir bekanntesten meiner Daseinsgenossen, klarzuwerden? Aber es ist immer,
als ob man Fäden aus einem Gobelinteppich zupfe und sie unter das
Vergrösserungsglas bringe, um die hohe Kunst, die der Meister an das ganze Gewebe
gewendet hat, daraus kennenzulernen.
    Wenn je ein Mensch für das Leben unter allen Formen und Bedingungen
ausgerüstet war, wenn je einer das Seinige dazu getan hatte, sich seine Schutz-
und Angriffswaffen zu schmieden, so war das Velten Andres. Mit allen den
Vorzügen und Tugenden begabt, die Ophelia aufzählt und von denen der dänische
Prinz so schlechten Gebrauch machte, ging er wahrlich nicht von »Wittenberg«
nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika und später seines Weges weiter.
    Man hat einen guten Ausdruck dafür, wenn einem das mühelos, oder anscheinend
mühelos, zufällt, um was andere sich sehr quälen müssen. »Es fliegt ihm an«,
sagt man und beneidet den Glücklichen, zuckt auch wohl bedenklich die Achseln
dabei und zieht »im ganzen ein solides Sitzfleisch doch vor«. Letzteres hat auch
seine Vorzüge und nimmt seinen gebührenden Platz später im Lehnstuhl am warmen
Ofen oder in der Julisonne fröstelnd, aber behaglich mit vollstem Recht ein. Er,
mein Freund, ist in seinem kurzen Leben alles gewesen: Gelehrter, Kaufmann,
Luftschiffer, Soldat, Schiffsmann, Zeitungsschreiber - aber gebracht hat er es
nach bürgerlichen Begriffen zu nichts, und ich kann es auch nicht zu diesen
Akten beibringen, dass er sich je um etwas anderes richtige Mühe gegeben habe als
um das kleine Mädchen aus dem Vogelsang, die heutige Witwe Mungo aus Chikago. -
Baissez-vous, montagnes.
Haussez-vous, vallons!
M'empêchez de voir
Ma mi' Madelon -
Es läuft immer auf wenn auch melancholische, so doch nüchterne Nachüberlegungen
hinaus; aber auch an diesem Abend muss ich wieder seufzen: Wie anders hätte doch
sein Leben werden können, wenn er ein Ohr gehabt hätte für die süsse Stimme aus
der Heimat und Augen für die tiefen, treuen, traurigen Blicke, die scheu,
angstvoll verstohlen ihm hier folgten und so gern bis zum Ende, mochte das auch
werden, wie es wollte, über ihn gewacht hätten.
    Mit dem Hause des Beaux, das heisst dem alten Herrn und Freund Leon, ist er
übrigens im regen Verkehr geblieben; und wenn er einmal, wie des Spasses wegen,
als ein recht wohlhabender Mann, für Deutschland wenigstens, aufgetreten ist, so
ist ihm wirklich das zum grössten Teil angeflogen aus dem grossen Geschäft in der
Doroteenstrasse zu Berlin. Dass Religiosität und Geschäftssinn nicht feindliche
Geschwister sind, hat nicht allein das Haus Israel bewiesen; auch die frommen
Vertriebenen, die auf der Mayflower »drüben« landeten, haben das ebensowohl
bewiesen wie diese alten Hugenotten des Edikts von Nantes in der Mark
Brandenburg. Und sie reichen sich auch heute noch die Hand durch die ganze Welt:
Synagoge, Kirche und Börse! Das Haus des Beaux konnte einem Freunde schon
Empfehlungsbriefe nach New York oder New Orleans mitgeben, die ihm die Wege
ebneten und seinen Aufstieg erleichterten, selbst wenn er nur kam, um zum
zweitenmal den Versuch zu machen, ein armes Mitgeschöpf aus der Verkletterung
herabzuholen, sonst aber sich wenig aus den Herrlichkeiten der Zeitlichkeit
machte.
    Es ist ihm zum zweitenmal nicht gelungen, und mit der Hülfe aus dem
Vogelsang war diesmal gar nichts getan. Was half es, dass ihm, wie ihm damals der
alte Hartleben mit Leitern und Stricken beisprang, jetzt seine Mutter ihre auch
in Sorgen, Angst und Kummer immer sonnigen Briefe schrieb und die seinigen, nach
seiner Weise, immer scherzhafter, immer lustiger, immer siegesgewisser wurden,
je tiefer er »in den Quark hineinwatete« und in der Puppenkomödie die Fäden mit
ziehen half? Sie spielten sich da nur selber eine liebe, rührende Komödie vor,
die, was die Nachbarschaft anging, niemand zum Lachen oder Lächeln brachte.
    »Ich hätte es nie geglaubt«, sagte mein Vater sehr ernstaft, »der Mensch
scheint sein bisheriges Narrenwesen doch nicht ganz unnützlich getrieben zu
haben. Da hält mich eben, auf dem Wege vom Gericht her, der Prokurist von
Seligmacher und Söhne mit einem Privatbriefe von drüben, aus der Firma Charles
Trotzendorff und Kompanie, weisst du, Mutter, unserm Karl Trotzendorff, an, und
darin ist von ihm, ich meine dem Jungen drüben, in einer Weise die Rede, die ich
niemals für möglich gehalten haben würde. Der poetische Hanswurst scheint völlig
ins Gegenteil umgeschlagen zu sein. Ja, er scheint sich eine Stellung in der
dortigen Literatur gemacht zu haben und an einem Handelsblatt in einer Art sein
Maulwerk schriftlich betätigt zu haben, dass es ihm, wenn auch wohl nur zufällig,
die Bekanntschaft und, wie es scheint, Achtung eines ihrer Allergrössesten
dorten, nämlich was das Geld anbetrifft, zugezogen hat. Das wäre denn ja recht
gut und erfreulich, und so wird er sich darein ergeben, dass es mit dem Mädchen,
der jungen Dame, nichts geworden ist. Bei Seligmacher und Söhne haben sie heute
morgen von der Familie drüben, ich meine den Trotzendorffs, die
Verlobungsanzeige der Tochter zugeschickt gekriegt. Du musst doch mal zu der
Nachbarin hinübersehen, ob die schon was Genaueres weiss und wie sich der Junge
jetzt zu der Sache verhalten wird. Doch dieses nur beiläufig. Ich war auch bei
Arnemann; - er ist nicht mehr abgeneigt, auf meine Bedingungen einzugehen. Man
trennt sich ja zwar nicht gern von der hiesigen Gemütlichkeit, aber es hat sich
doch allmählich zu viel hier im Vogelsang um uns her verändert. Die Fabrik auf
Hartlebens Grundstück versperrt mir den letzten Blick auf den Osterberg, und
dann halte ich es auch für unsern Assessor besser, dass ihn unter jetzigen,
veränderten Lebensverhältnissen die Residenz nicht hier unter den kleinen Leuten
aufsuchen muss. Ich meine, Mutter, wir machen in nächster Woche den Kontrakt über
den Verkauf von Haus und Garten perfekt.«
    »Wenn du meinst, Krumhardt«, sagte meine Mutter mit zitternder Stimme.
    »Ich meine, dass wir diese freilich ernste Sache schon so reiflich überlegt
haben, dass wohl wenig mehr dazu zu sagen ist. Was gibt es denn eigentlich noch,
was uns hier festalten könnte? Schon der Schatten allein, den mir da hinten die
neue Feuermauer auf meine Rosenplantage wirft, verdirbt mir das ganze Pläsier an
der Liebhaberei. Mit dem Kaffeetisch im Garten unter diesen Fabrikgerüchen ist's
auch nichts mehr. Unsere Plätze im letzten Grün des Vogelsangs haben wir sicher
auf dem Papier bei der Friedhofverwaltung. Also, Junge, Karl, Herr Assessor
Krumhardt, es bleibt dabei: der alte Pelikan hackt sich noch mal die Brust
seiner Nachkommenschaft wegen auf. Wir ziehen in die Stadt, der veränderten
Verhältnisse wegen. Lass es mich erleben, dass ich an dir einen Herzoglichen
Regierungsrat herangezogen habe, so soll es mir auch nicht drauf ankommen, auf
meine Rosen- und Aurikelnzucht zu verzichten. Man kann auch im Notfall an den
Hyazinten und Geranien seine Befriedigung finden, und dafür, denke ich, mein
Sohn, wirst du eben immer, wie für deine alten Eltern, ein sonniges Gelass in
deinen neuen Gesellschafts- und Wohnungsverhältnissen übrig haben. Die
Gelegenheit in der Archivstrasse, die Mutter und ich uns zum Beispiel neulich
angesehen haben, hat nach hinten heraus und doch nach der Sonnenseite ein
Altenteil, was für so einen subalternen, quieszierten Obergerichtssekretär mit
so einem ihm Freude machenden Sohne - jetzt kann ich dir das wohl sagen, mein
Junge! - passt, als ob der Bauherr seinerzeit ihn mit seinen Bedürfnissen eigens
dafür ins Auge gefasst hätte. Nicht wahr, Mutter, wir finden uns schon unserm
Jungen zuliebe in die veränderten Verhältnisse?«
    »Ja, ja, ja! Obgleich es mir doch schwer ankommen wird«, schluchzte die gute
alte Frau. »Freilich rückt uns hier das Neue zu arg auf den Leib, und wo man aus
dem Fenster guckt, ist es das Alte nicht mehr; aber weisst du, Mann, es wird mir
doch sein als wie damals, wo man den Sargdeckel auf unser kleines Mädchen legen
wollte und ich auch nicht glauben konnte, dass es möglich und nötig sei. Kein
eigenes Waschhaus mehr und keinen Platz zum Wäschetrocknen im eigenen Garten!
Aber es ist ja richtig, das schlechte Tanzlokal, das da dicht an unserer grünen
Hecke aufgewachsen ist, passt nicht einmal mehr zu unseren Verhältnissen, also zu
unserm Karl seinen gar nicht. Und du hast recht, Krumhardt, die Eltern sind dazu
da, dass sie ihre Kinder in die Höhe bringen und in immer bessere Gesellschaft,
bis in die beste, wenn's möglich, und das ist freilich hier im Vogelsang niemals
möglich gewesen, also - wie Gott will. Ich habe mich in so vieles im Leben
finden müssen und werde mich auch hierein finden. Das Kind wird es ja auch, und
vielleicht auch mit seinen Kindern, einsehen, was Vater und Mutter an ihm getan
haben, und es ihnen noch in ihrem Grabe gedenken.«
    Nun hätte ich noch einmal hiergegen einreden können, um die Sache in die
rechte Beleuchtung zu rücken; aber was würde es geholfen haben? Wahrhaftig, ich
bin es nicht gewesen, der die zwei treuen, wackeren Seelen mit ihren Wurzeln aus
dem Boden hob und sie so in ihren greisen Tagen in ein fremdes Erdreich
versetzte! Ihre liebe menschliche Torheit war's, die da Pflicht, Pflichten,
Vorzug, Gewinn. Ehre, Lob, Ruhm und Glück sah, wo die übrigen Millionen unserer
Brüder und Schwestern im Erdenleben - ebendasselbe sahen. Sie hatten ihren Kopf
und Sinn drauf gesetzt, dass der Vogelsang nicht mehr zu ihnen »passe« und sie
nicht zu dem Vogelsang.
    »Aufgesetzt ist der Kontrakt, Frau«, sagte mein Vater, »und wenn es dir
recht ist, kann Arnemann heute noch zur Ausfertigung und Unterschrift kommen, zu
einem ruhigen Schlaf kommen wir jetzt doch nicht anders mehr.«
    Meine Mutter ist also an diesem Tage nicht mehr bei der Nachbarin Andres
gewesen, um das Genauere über das Privatschreiben aus Amerika an Seligmacher und
Söhne und Velten und Helene Trotzendorff zu hören, ihre Teilnahme zu beweisen
und, wenn möglich, Trost zuzusprechen. Ich aber habe mich gegen Abend noch
einmal durch das Schlupfloch aus unserer Kinderzeit, das wunderreiche, damals
freilich längst wieder zugewachsene Schlupfloch in der lebendigen Hecke zwischen
den Nachbargärten gezwängt und die alte Türklinke, deren Griff einem seit
Menschengedenken so häufig in der Hand blieb, von neuem aufgedrückt, um hier,
bei der Frau Doktorin, wo die Welt sich doch eigentlich am meisten verändert
hatte, mich an das sonnig unverwüstlich Bleibende im Wechsel der Witterung des
Erdentages zu halten. Ich fand die Frau Doktorin allein im Vogelsang über ihrem
Brief aus den Vereinigten Staaten.
Die Abendsonne schien der Nachbarin in das Fenster, als ich mit sorgendem,
schwerem Herzen zu ihr kam, und sie hatte auch geweint, die Frau Nachbarin
Andres. Die elegante Karte, die mein Vater bei Seligmacher und Söhne gefunden
hatte und auf welcher Mr. and Mrs. Mungo sich allen Freunden und Bekannten in
den Vereinigten Staaten als miteinander für Glück und Unglück, für Gesundheit
und Krankheit, für Leben und Tod Verbundene empfahlen, lag auch auf dem
Nähtischchen der Frau Doktorin und der Begleitbrief Veltens daneben.
    Die Mutter des Freundes reichte mir die Hand, nachdem sie ihr feuchtes
Taschentuch zwischen die Blumentöpfe in ihrer Fensterbank geschoben hatte, und
sagte: »Sieh, das ist freundlich von dir, Karl. Wenn sich die Welt um einen her
verändert, hält man sich am besten an die Jungen aus seiner alten Bekanntschaft,
an die, welche ihr Recht noch vom nächsten Tag erwarten, lustig in der neuen
Flut schwimmen und aus ihrem jungen Recht an die Zeit den Alten wenigstens den
Kopf ein wenig zurechtsetzen können, wenn auch nicht das Herz. Elly hat sich
verheiratet, Velten hat geschrieben. Da ist sein Brief, und du kannst ihn lesen.
Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass sich der Vogelsang so sehr für mich
verändern könnte. Aber so geht es eben, wenn der Mensch es nicht glauben kann,
dass ihm seine liebsten Hoffnungen aus dem Leben weggewischt werden können.«
    Sie sah sich hier in ihrem Stübchen, in welchem sie unter all ihren
Erinnerungen sass wie die Frau Fechtmeisterin Feucht in der Doroteenstrasse zu
Berlin unter den ihrigen, mit einem kummervollen Blicke um. »Wie doch alles dem
Menschen auf einmal so ganz andere Gesichter schneiden kann! Und doch ist es nur
das eine Bildchen dort, das kleine Lichtbild da über der Kommode, dessen liebe,
lachende Augen mir mein Altfrauenheim verwüstet und alles über- und
durcheinandergeschoben haben wie bei einem Umzug oder nach einem Brande. Da -
lies seinen Brief! Was er dazu tun kann, dass die alte Frau im Vogelsang nicht
ganz aus ihrer Fassung kommt, das besorgt er natürlich auf seine alte Weise.
Unter kriegt ihn auch das nicht; aber man müsste eben nicht zwischen den Zeilen
lesen können, um sich von ihm auf diese seine Weise unterkriegen zu lassen.«
    Ach, wie diese beiden Leute bis in die feinsten Nervenfädchen, bis in die
flüchtigsten Seelenstimmungen hinein sich nachzutasten, sich nachzufühlen
wussten! Sie machten einander nichts weis, und das war, ausnahmsweise, für sie
ein grosses Glück: für andere, und leider die Mehrzahl der auf dieser Erde sich
näher und nächst Angehenden, wäre es freilich das Gegenteil gewesen. Es ist
nicht immer das Behaglichste, wenn zwei oder mehrere, die zusammengehören, sich
zu gut verstehen. Die einzige Möglichkeit für ein wenigstens gedeihliches
Hüttenbauen und Zusammenwohnen liegt dann einzig und allein in dem
Sichaufeinanderverstehen. Ich habe das auch aus meiner Amts- und Geschäftspraxis
sehr, sehr in den Akten. -
    Velten schrieb:
    »Sie haben sie uns genommen, Mutter, und sind völlig in ihrem Recht, da sie
das nach ihrer Meinung beste Teil für sie gewählt haben. Ich habe sie verloren;
aber diesmal bin ich nicht schuld daran, das Glück der Erde verpasst zu haben. Du
weisst, wie oft man mir das bei Euch zu Hause aufzuriechen gab und, wenn die
beleidigte Nase darob nicht lief wie die eines geschlagenen Schuljungen, sondern
sich nur trocken-tückisch krauste, nicht nur von allen Schlechtigkeiten
menschlichen Charakters, sondern auch von absoluter, bodenloser,
randundbandloser Charakterlosigkeit sprach. Ich habe das Meinige getan, durch
Stunden, Tage, Wochen, Monate und Jahre, bei Tag und Nacht, bei allem, was ich
getan, überdacht und gedacht habe, den schönen Schmetterling für mich - für uns
festzuhalten: nun stehe ich wieder wie ein Schuljunge und besehe an den Fingern
den bunten Farbenstaub von den Flügeln des entflatterten Buttervogels und denke
vor allem an die alte Frau zu Hause, die da sitzt und sich fragt: Was für eine
Nase wird er diesmal machen? - Mutter, mein unser liebes, armes, kleines
Mädchen, was würde dem jetzt mit einem zerfliessenden Liebhaber gedient sein?
Also - trocken überschlucken und ein Kreuz über eine närrische Lebensepoche
ziehen wie über eine Kalenderwoche, die bis Donnerstag im Sonnenschein lag und
am Freitag in einen Landregen überging! Unserm lieben Wildfang gebe ich gar
keine Schuld; - kann man überhaupt einem Menschenkinde schuld an seinem
Schicksal geben? Was kann die Lerche gegen den Spiegelblitz, der sie aus der
blauen Luft in die Versandschachtel und die Bratpfanne holt? Mit ihrem
tückischen Glanz haben sie auch unser liebes Singvögelchen aus dem Vogelsang
hernieder in ihr Netz stürzen machen und ihr nicht nur das arme, dumme, kleine
Schädelchen und Gehirnchen, sondern auch das schöne, weite Herz eingedrückt. Sie
wird eine stattliche Mistress Mungo: die Nadel der Kleopatra, jetzt im hiesigen
Zentralpark, die doch schon in Ägypten viel gesehen hat und hier im Lande
täglich auch noch manches sieht, sah nimmer ein schöneres, vornehmeres Weib an
sich vorbei und durch ihren Schatten gleiten. So wächst das immer aus dem
Schlamm empor, einerlei ob am Nil oder am Hudson! Mir fehlen wieder mal die
Knöpfe am Hemdsärmel, alte Mutter zu Hause; aber Elly wird sie mir nicht
annähen, worauf wir doch so fest gerechnet und des Lebens Seligkeit vom
Vogelsang aus gegründet hatten; und das erinnert mich nun grade erst recht an
Deinen alten Nähtisch, auf dem dieser Brief, wenn der Ozean ihn nicht
verschlingt, demnächst liegen wird, und erinnert mich an Deinen Sessel dabei und
das leer Schawellche daneben und den Blick durch die Efeuranken, über den Garten
weg, auf den Nachbar Hartleben und sein Anwesen (Strohwitwe Trotzendorff und
Töchterlein eingeschlossen) hinein in den ganzen Vogelsang, und - ich bin wieder
allein auf die alte Frau im Korbsessel an dem Fenster angewiesen und ein
Vagabund - ein Wanderer im Leben - zerlumpter denn je. - In die hiesigen
Verhältnisse habe ich mich übrigens eingelebt, dass ich meinen jüngsten Freunden
keinen Grund zur Verwunderung mehr gebe. Wünschest Du mich auch als Millionär
wiederzusehen wie Mr. Charles Trotzendorff? Oder ziehst Du den
deutsch-amerikanischen Staatsmann, Muster Karl Schurz, vor? Meine
Vogelsangstudien im Englischen, unserer Kleinen zuliebe, kommen mir jetzt
wundervoll zustatten. Die Phrasen und den Tonfall, um ein Mäh jauchzende
Menschenansammlung zu Bähjammern zu bringen und das politische Tier, Mensch
genannt, mit einem Strick durch die Nase oder um den Hals für Klios ewige Tafeln
und vergänglichen Griffel als notierungswert zu dressieren, lernt sich bald.
Sollte Freund Krumhardt, ich meine unser Karlchen - nicht den Alten, aus seiner
Geschäftspraxis demnächst mal einen neuen edlen Kinkel nebst Spulrad und
Märtyrerglorie in der lieben Heimat für einen überseeischen Heros-Befreier zur
Verfügung haben, so reflektiere ich darauf und bitte, aus guter alter
Kameradschaft mir die Vorhand zu lassen. Eine republikanische Bürgerkrone für
einen Märtyrer aus dem neuen Deutschen Reich! Das Ding wird leider schwer zu
finden sein, denn den alten wahren Otto den Schützen von seinem Wergzupfen und
Wollespulen im Reichstage zu entführen, würde ihm doch selber auch jetzt noch
nicht recht in die gelbweisse Kürassiermütze passen. Aber wie sang Fräulein
Leonie des Beaux in der Doroteenstrasse zu Berlin?
Je ne dors ni ne veille:
Cet enfant me réveille.
Da bin ich doch wieder bei meinem in der Fift Avenue verzauberten armen
Mädchen! Siehe Goete Epilog zu dem Trauerspiele Essex':
Hier ist der Abschluss! Alles ist getan,
Und nichts kann mehr geschehn! Das Land, das Meer,
Das Reich, die Kirche, das Gericht, das Heer,
Sie sind verschwunden, alles ist nicht mehr!
Jaja, was nimmt man sich alles vor zu Glück und Ruhm und zum Besten der Welt in
der Welt, bis der Narrenkönig, dem diese Welt gehört - siehe Schiller Jungfrau
von Orleans einem das Bein stellt und alle Weisen, Helden und weggelaufenen
Schuljungen auf die Gefühle eines Zahnarztes, der selber Zahnweh hat,
hinunterdrückt! Du weisst es, Mutter, und Du kannst es mir bezeugen, dass die
Scheu der Leute, sich vor der Menschheit, das heisst den nächsten ihresgleichen,
lächerrlich zu machen, mir leider immer nur zu sehr gemangelt hat; aber die
Sehnsucht, mir selber endlich einmal wieder lächerrlich vorzukommen und somit das
richtige Mass für die Dinge dieser Erde wiederzugewinnen, ist mir bis jetzt auch
nicht in solcher Fülle und Üppigkeit zuteil geworden. Zu Hause, im Vogelsang,
würde das wohl noch am leichtesten zu erreichen sein, Deinem lieben Korbstuhl
gegenüber und mit des seligen Vaters geliebter ersten Originalausgabe de
Wandsbecker Boten auf Deinem Nähtische und mit der einzigen Aussicht über Deine
Buchsbaum- und Blumenbeete, meine Stachelbeerbüsche und unsere grüne Hecke auf
den Nachbar Hartleben und sein Anwesen. Da ginge es wohl noch am leichtesten an,
dem teuren Ahnherrn in dem Buche, dem Vetter Andres, und dem braven Vetter
Michel im eigenen Busen sein Recht wiederzugeben; aber - !?
    Frage Karl um seine Meinung hierüber, doch - lass es lieber auch nur. Dass der
Frager bei solchen Gelegenheiten den Gefragten und seine Antwort im voraus
ziemlich genau kennt, würde auch diesmal und hier nichts zur Sache tun; aber aus
Deinen Briefen weiss ich ja, dass auch um Euch dort im Vogelsang allgemach die
Dekoration sich so sehr verändert, dass er - der Freund - sich da binnen kurzem
am allerwenigsten noch zurechtfinden wird. Aus Büschen werden Bäume, aus Bäumen
Hausmauern, aus Grün Grau. Aus obststehlenden (freilich meistens dazu
verführten) Schuljungen werden die besten Verwaltungsbeamten und Regierungsräte
sowie die schärfsten Staatsanwälte, und - aus dem nichtsnutzigsten Schlingel des
Vogelsangs wird (wenigstens was ich dazu tun kann) the most glorious tramp, der
glorioseste Landstreicher, der je auf den Wegen der Welt den anständigen
Passanten einen Schauder und Schrecken eingejagt hat, wenn er an einem Stadttor
nach seinen Papieren gefragt wurde, nimmer dergleichen aufzuweisen hatte und
vielleicht auch erst in irgendeinem Bedford gaol als alter Kesselflicker
anfangen wird, sich über the Pilgrim's Progress, über seines Lebens Pilgerfahrt,
die letzte Rechnung abzulegen.
    Meine liebe, liebe Mutter, Du kannst nichts dafür, und mein Vater auch
nicht. Solches war mir an der Wiege gesungen, aber nicht von Dir mit Deine Buko
von Halberstadt oder Schlaf, Kindchen, schlaf, da draussen geht ein Schaf. Es
kauert immer eine andere Sängerin auf der andern Seite des ersten Schaukelkahns
menschlichen Schicksals und summt ihren Sang in ihre Hexenbartstoppeln, und der
stammt von den Müttern viel weiter hinabwärts und ist der allein massgebende.
    Also streich Dir die Sorgen- und Unmutsfalten wieder einmal aus dem lieben
tapfern Gesichte und halte Dich weiter an der Väter Erfahrung, dass Unkraut so
leicht nicht vergeht. Sage mit dem alten Vertrauen auf unsern eigentümlichen,
unveräusserlichen eisernen Bestand von Familienadel Oh, dieser dumme Junge! - Und
halte fest: wir sind doch die zwei gewesen, welche die wenigsten Sorgen im
Vogelsang auf unserm Hirn und Herzen geduldet haben, und so soll es bleiben!
Veränderte Dekorationen sollen uns nie etwas anhaben: halte Deinen Platz an
unserm Herde fest und mir den meinigen: ich komme ebensosehr als Sieger wieder
wie - Mr. Charley Trotzendorff. Es gibt ein verschiedenartiges Achselzucken der
Leute in der Welt: ich hoffe mir das meinige, nach meiner Weise, mit ebenso
gutem Recht zu verdienen wie er das seinige und das Nachgaffen und den Neid der
Welt auch. Ziehe meinetwegen hier auch Freund Krumhardt über unsere Hecke als
Kommentator bei, wenn Dir ob solchen beglückenden Aussichten in die Zukunft doch
etwas nüchtern und unheimlich zumute werden sollte.
    In der Heimat und zumal im Vogelsang bin ich fürs erste nichts nutze - und
auch Dir nicht, armes, tapferes Mütterchen. Übrigens sind und bleiben wir zwei
immer beisammen, ob auch ein paar Tropfen Wasser und einige Krümel Erdhoden mehr
uns trennen. Zu den Füssen der Treue bleibe ich sitzen, wenn es mir auch nicht
vergönnt wurde, zu den Füssen der Liebe Werg zu spinnen. Nach dem Wocken der
Omphale freut man sich ordentlich auf den Nemeischen Löwen, die Lernäische
Hydra, den Erymantischen Eber und vor allem andern auf die Stymphaliden und die
Ställe des Augias. Dass ich Dir grade die goldenen Apfel aus den Gärten der
Hesperiden heimbringen werde, ist mir selber etwas zweifelhaft; aber darauf
verlass Dich, und Du kannst auch in der Nachbarschaft davon erzählen und damit
renommieren: den Zerberus hole ich mir sicherlich aus der Unterwelt herauf, wenn
auch nur, um das grosse Schrecknis der ewigen Nacht mir beim kurzen
Lebenstageslicht so genau und gemütlich wie möglich zu besehen. Philosophie
studieren nennt man das vor den Katedern nach geschriebenen Heften - frage nur
Freund Krumhardt danach, der sich des bürgerlichen Anstands wegen sein Teil
davon hat in die Feder diktieren lassen. Und vom Lehrstuhl des Professors der
Weltweisheit bis zum Schneidertisch des Hauses der des Beaux ist auch wieder
einmal nur ein Schritt. Hab ich mir meinen Freund Leon auf den Buckel geladen,
so soll ich ihn natürlich auch darauf behalten. Vater des Beaux schreibt mir,
der Junge werde ihm, ohne meine Beaufsichtigung, von Tag zu Tage unter den
Händen mehr zu einem Narren und es bleibe ihm nichts übrig, als den Knaben mir
nachzuschicken; eine Reise um die Erde unter meiner Führung erscheine ihm als
das letzte Mittel, den Phantasten für den künftigen Kommissions- oder
Kommerzienrat zu ernüchtern. Ich werde also nicht umhinkönnen, das, wenigstens
für die ersten Stationen meiner eigenen Weltwanderung, noch einmal zu meinem
Gepäck zu legen; habe also zurückgeschrieben: das Kind möge kommen, ich würde
das Zutrauen zu verdienen suchen. Jawohl, das Zutrauen unter den Leuten! Erhalte
mir das Deinige, alte Frau!
                                                              Dein Sohn und Erbe
                                                                                
                                                                 Velten Andres.«
Es ist eine kalte Nacht, in der ich dies zu den Akten hefte; aber ich habe das
fröstelnde Zusammenziehen der Schulterblätter doch mehr dem klareisigen Hauch,
der von der letzten Seite dieses Briefes ausgeht, zuzuschreiben als der
Winterwitterung draussen vor dem Fenster. Und wenn man - damals - dieses
Schreiben in der Stadt unter den Bekannten, den Leuten, herumgezeigt hätte,
würden sie alle gesagt haben:
    »Der alte, ewig überhjetzte Wirrkopf! Es bleibt dabei, er kann auf nichts zu
seinem Fortkommen rechnen als auf das Glück der Betrunkenen und die Vorsehung,
die über die Unmündigen wacht.« -
Ich habe weiter zu berichten, was sich in der nächsten Nähe um mich her zutrug.
    Der erste, der nach Velten den Vogelsang verliess und auch nie wieder, was
der Freund doch tat, darin vorsprach, war Nachbar Hartleben. Er sagte, als er
zum letztenmal in seinem Rollstuhl vor unserer Gartentür hielt:
    »Weisst du, Junge, Herr Assessor Krumhardt sollte ich sagen, weisst du, ein
Vergnügen ist es nicht, so als ein Sack voll Elend, schlechtem Appetit und
nächtlicher Wehklage und Schlaflosigkeit sich um sein zerstückelt Anwesen
rumrollen zu lassen; aber so ist der Mensch: solange er Luft schnappen kann,
gibt er den Atem nicht gern auf. Also da bin ich noch und mache so lange
Gebrauch von dem alten Freundschaftsverkehr über die Strasse, als es angeht. Noch
pläsierlicher hielte ich den Jammer natürlich aus, wenn mir mein Wald da oben
hinterm Osterberge nicht immer im Kopfe herumginge. Das ist der leidige Satan!
Und vorzüglich jetzo so im angenehmsten Sommer, wenn das so grün da
herunterwinket und einer mit seinem Holzverkehr und Handel, von seinen
Sägemühlenabnehmern gar nicht zu reden, nur eine lahme Faust zurück und aufwärts
machen kann. Da gucken Sie nur, Herr Obergerichtssekretarius, wie das da oben
auf meinem Schluderkopf im Sonnenschein liegt und einem unter Gottes blauem
Himmel den Esel bohrt und sackermentsch einen jetzt nur noch dazu verlockt, eben
unserm lieben Herrgott einen bösen Leumund bei den Erbberechtigten zu machen. Es
ist ein Elend - ein Elend - ein Elend, Frau Obergerichtssekretärin, und Sie
haben ganz recht gehabt, dass Sie die Sache über Ihr Anwesen mit Arnemann in
Richtigkeit gebracht haben. Sie ziehen nun demnächst, und ich habe auch Ihnen
wie der anderen guten alten Zeit nachzusehen. Nun bleibt mir nur für meine noch
übrigen paar Jahre die Frau Doktorn. Jaja, so wird der Mensche allgemach von
allem Guten und Angenehmen entwöhnet! Manchmal kommt's mir wirklich so vor, als
sei auch das nur zu unserm Besten von da oben so eingerichtet, um uns den
Abschied von hier unten nicht zu schwer zu machen. Und wenn man denn wieder von
den Jüngeren und Jüngsten hört! Da hat ja wohl unser Herr Velten - da kann ich
wohl eher als hier bei unserm Assessor sagen: unser Junge - von den Japanern her
geschrieben, dass er sich jetzt mit seinem vornehmen Berliner Freunde, den wir
seinerzeit hier auch im Vogelsang hatten, dort aufhalte und vergnügt grüssen
lasse. Passen Sie auf, Herr Nachbar, der bringt es gradesogut wie unser Karlchen
Trotzendorff, unser Zeitgenosse, zu was Ordentlichem da draussen; - wenn's nur
nicht immer auf ein und dasselbe hinausliefe am letzten Ende! Was dieses
anbetrifft, so muss man sich erst so, wie ich mich jetzt in diesem Einspänner von
hinten, rumkutschieren lassen müssen, um zu dem richtigen Taxat von allem
Pläsiervergnügen im Leben zu kommen. Die Erinnerung an das Gute, was man
seinerzeit genossen hat, ist immer noch das Beste, wenn auch leider Gottes
Verdriesslichste. Auch mit dem kleinen Mädchen, das hier bei mir und zwischen uns
im Vogelsang aufwuchs und unserm Velten scheint das nichts geworden zu sein.
Schade drum! Die Madam oder Mistress war zwar die richtige Gans: aber das Wurm,
das jetzt da drüben überm grossen Wasser sechsspännig fährt, gehört immer auch
noch zu meinen angenehmen Erinnerungen. Karlch- Assessor, Kinder, Kinder, in
welche vergnügte Wütenhaftigkeit habt ihr öfters den Nachbar Hartleben gebracht,
und was gäbe er heute drum, wenn er euch nur noch einmal mit dem Peitschenstiel
durch seinen Garten nachsetzen und aufs Nachbargrundstück oder in den Wald
hinaufjagen könnte! Aber ich sehe, Sie haben Ihre Akten unterm Arm, Herr
Assessor, und müssen in Ihr Geschäft. Nehmen Sie es nicht für ungut, wenn ich
Sie mit meinem Geschwätz aufgehalten habe. In so einem Marterstuhl ist man ja
einzig und allein nur auf sein Maulwerk angewiesen. Wenn ich Ihnen, Herr
Sekretär und Frau Sekretärin, mit meinem andern noch übrigen Fuhrwerk beim
Auszuge zu Diensten sein kann, soll's gern geschehen. Dem alten Hartleben, dem
Grobian, soll man's nicht nachsagen aus der Stadt, dass er nicht doch alles in
allem ein guter Vogelsänger Nachbar gewesen sei. Mit dem freundschaftlichen
Verkehr später, aus der Stadt heraus und hinein, wird's wohl ein bisschen hapern.
Na, ich denke immer noch ein paar Jährchen es zu machen, dass Sie mich hier auf
den Rädern finden, wenn Sie aus dem neuen Leben heraus das alte hier am Ort mal
wieder aufsuchen wollen. Recht schönen guten Abend, liebe Herrschaften! Schieb
den Krüppel um ein Haus weiter, Lümmel da hinter mir: die Frau Doktern hat mir
versprochen, mir noch ein weniges mehr aus ihrem Velten seinem letzten Brief
vorzulesen, und der Satansjunge hat das immer so an sich gehabt, dass er einem
mit seinen Schnurren, Abenteuern, Meinungen und Ansichten wie mit einem Schnaps
aufwartet. Ich meine immer, einmal musst du den auch noch wiedersehen, Hartleben,
und wenn er auch noch so lange seine Mutter und den Vogelsang auf sich warten
lässt!« -
    Vier Wochen später mussten wir ihn begraben, den Nachbar Hartleben, und zu
Ostern des folgenden Jahres verliessen auch wir, die Familie Krumhardt, Vater,
Mutter und Sohn, den Vogelsang. Meine Eltern fügten sich den höheren Ansprüchen,
die ihrer Meinung nach meinetwegen das Leben an sie machte, und ich fügte mich
meinen treubesorgten Eltern. Wer wehrt sich gegen die Liebe seines Vaters und
seiner Mutter, und wenn sie auch noch so sehr mit Sorglichkeiten, die man nicht
mehr kennt, mit Torheiten, über die man hinaus ist, und mit mancherlei anderem,
was einem im Grunde lächerrlich, ja ärgerlich vorkommt, verquickt ist?
    Und wenn mir etwas ferne sein muss, so ist das Überhebung über die
subalterneren Gefühle und Stimmungen des Menschen in seinem Dasein auf Erden
grade an dieser Stelle! In den Akten habe ich es nicht, aber tief in meinem
innersten Bewusstsein, dass ich die teure, altgewohnte Heimatstelle mit allem, was
mir heute mit schaudernd-wehmütigen Heimwehgefühlen in dieser kalten Winternacht
nahetritt, damals leichter, viel leichter und freier atmend aufgab als die zwei
armen Alten.
    Auf der Bühne des Lebens hört man eben nicht vor jedem Szenenwechsel die
Klingel des Regisseurs. Man findet sich zwischen den gewechselten Kulissen und
vor dem veränderten Hintergrund und verwundert sich gar nicht. Ob man sie gut
oder schlecht spielt, seine Rolle ist jedem auf den Leib gewachsen und das
jedesmalige Kostüm gleichfalls. Nur in seltenen stillen Augenblicken gelangt
wohl ein und der andere dazu, sich vor die Stirn zu schlagen: »Ja, wie ist denn
das eigentlich? War das sonst nicht anders um dich her und in dir? Wie kommst du
zu allem diesem, und gehörst du wirklich hierher, und ist das nun Ernst oder
Spass, was du jetzt hier treibst oder treiben musst? Und wem zuliebe und zum
Nutzen?«
    Das sind dann freilich sehr kuriose Gedankenstimmungen. Wie aus einem
unbekannten schauerlichen Draussen haucht das vor den Teaterlichtern einen fremd
und kalt an, meistens, wenn die Bühne einmal um einen her leer geworden ist;
aber dann und wann bei gefüllter Szene im Gewühl der Edlen, Ritter, Bürger,
Damen des Hofes, der Mönche, Herren und Frauen, Herolde, Beamten, Soldaten, kurz
des ganzen zu dem ewig wechselnden und ewig gleichen Schauspiel gehörigen
Volksspiels. Und so rasch als möglich fort damit! Dergleichen Nachdenken stört
sehr bei der Durchführung der zugeteilten Rolle, bringt nur Stockungen hervor
und ein verehrliches Publikum, von der Hofloge bis zu den höchsten Galerien, zu
einem ironischen Lächeln, bedauernden Achselzucken, wiehernden Hohnlachen,
Pfeifen und Zischen. Und mit vollem Recht! Es ist ein schweres Eintrittsgeld,
das man für die Tragikomödie des Daseins zu erlegen hat. »Pass auf dein
Stichwort, du da, König oder Narr da auf den Brettern, und störe uns das Behagen
nicht, von Vergnügen kann ja so schon wenig die Rede sein!«
    Leider recht bald wurde um mich her die Buhne, wenigstens für einen
Augenblick, sehr leer und gab ungestörten Raum zu jeglichem Monolog über Sein
und Nichtsein, und ob es besser sei und so weiter und so weiter. Nämlich meinen
Eltern bekam die veränderte Umgebung durchaus nicht; und hier beuge ich die
Stirn tief über dieses Blatt: hätte ich nicht doch mehr dazu tun müssen und
sollen, dass sie in ihren Greisentagen ihr An- und Einfügungsvermögen in das
Ungewohnte mir zuliebe nicht zu sehr überschätzten? Und die Braut, die ich ihnen
dann in das Haus, nein, nicht in das Haus, sondern die Mietwohnung inmitten der
Stadt, wenn auch der »besten Gegend« der Stadt, brachte, die wusste nichts von
dem Vogelsang und brachte ihren Sonnenschein nur für mich mit in die
Archivstrasse. Die Blumenzucht in der Fensterbank konnte meinem Vater seinen
Vorstadtgarten nicht ersetzen und noch viel weniger die vornehme Stadtgegend
meiner armen Mutter den Verkehr über die lebendige Hecke und die von einem
blühenden Apfelbaum zum andern auf eigenem, sicherm Grund und Boden ausgespannte
Waschleine, und was sich an behaglichem Verdruss und verdriesslichem Wohlbehagen
daran knüpfte. Wenn ich mir jetzt, mit dem Kopfe in der Hand, überlege, was ich
dagegen tun konnte, dass sie ihren Willen, auf ihrem und - meinem Wege aufwärts
als grämliche Sieger zu fallen, nicht bekamen, und mir sagen darf Wenig!, so ist
das auch ein Trost, aber nur ein geringer, und man hat erst an seine eigenen
Nachkommen und deren Tröstungen zu denken, ehe man sich wieder beruhigter,
gelassener vor solch einem Aktenbündel wie dieses hier vorliegende im Sessel
zurechtrückt. - Jawohl, mein Weg ging aufwärts in der Rangordnung des
Staatskalenders und der bürgerlichen Gesellschaft: meine Eltern starben - die
Mutter zuerst und der Vater ihr bald nach; und ich heiratete. Dass ich ihnen
»Schlappes« Schwester als liebe Braut und gute Tochter zuführte, war der beiden
guten und lieben alten Leute letzte Freude und drückte ihnen das letzte Siegel
auf die Gewissheit, dass auch ich ein guter, braver Sohn gewesen sei, dass ich
allen ihren Erwartungen entsprochen habe und mich auch fernerhin aller hohen und
höchsten Ehren und Genugtuungen unserer Welt im kleinsten würdig erweisen werde
und also aller durch zwei ganze treusorgliche Elternleben aufgewendeten Ängste,
Mühen, Kümmernisse und Entsagungen wert.
    Wahrlich, ich schreibe nicht, um in diesen Blättern Komödie zu spielen und
von Tränen zu fabeln und zu faseln, die auf irgendeine Seite der Handschrift
gefallen seien (ich weiss es ja eigentlich selber nicht, wie sich dieses alles
plötzlich infolge jenes Briefes aus Berlin, den Helene Trotzendorff, den Mrs.
Mungo schrieb, in den tagtäglichen Aktenwechsel auf meinem Schreibtische
schiebt!), aber ich nehme mir wieder die Musse, zu dem Bildnis über diesem
Schreibtische, dem alten, teuren Herrn mit dem verkniffenen deutschen
Schreibergesicht und dem zu dem Landesorden hinzugestifteten Ehrenkreuz Erster
Klasse auf der Brust, melancholisch-dankbar aufzuschauen.
    Wer hatte es besser mit dir im Sinne als der? - - -
    Der Weg nach dem Friedhofe jenseits des Vogelsangs führte noch immer durch
unsere vordem so grüne Kindheitsgasse. Jetzt vorbei an den Plätzen, wo vordem
Hartlebens weitgedehntes Anwesen gewesen war und meiner Eltern Haus, mein
Vaterhaus und ihrer Väter Haus, gelegen hatte.
    Es ist eine Redensart: »Ich komme selten mehr in die Gegend!« Wie schwer sie
einem aufs Herz fallen kann, das sollte ich am Begräbnistage meines Vaters im
vollsten Masse erfahren.
    Ich war nicht so häufig in die Gegend gekommen, wie ich gesollt hatte, und
nun war grade die rechte Gelegenheit, um zu erkennen, wie sehr sie sich
verändert hatte, nicht seit unseren Kinderjahren, sondern seit dem Tage, an
welchem die Nachbarin Andres, die Frau Doktern, dort von uns allen allein
zurückgelassen worden war.
    Es gibt auch eine Redensart: »Das ist mir bis jetzt nicht aufgefallen!« Und
dann kommt plötzlich die Gelegenheit, der Augenblick, die Stunde, der Tag, wo
das um so eindringlicher einem ans Herz gelegt wird. Ich hatte wirklich so viel
mit meinen persönlichen Lebensangelegenheiten, mit mir selber zu schaffen
gehabt, dass ich mich um das, was hinter mir lag, und wenn auch in nächster Nähe,
wenig bekümmern konnte, und der Vogelsang war mir davon nicht ausgenommen
gewesen. -
    Zwischen den neuen Mauern der Fabriken, Mietshäuser, Tanzlokale war's allein
die alte Frau, die Mutter Veltens, welche, wie sie es dem Sohne versprochen
hatte, nicht von ihrer Heimstätte gewichen war und trotz des neuen Lebens, das
ihr von allen Seiten unbehaglich, spöttisch, ja drohend sich andrängte, ihr
Häuschen, ihr Gärtchen, ihre lebendige Hecke festielt. Wieviel Vernunft hatten
meine Eltern deswegen die letzten Jahre hindurch vergeblich auf sie
hineingeredet!
    »Er hat seinen Willen gewollt und hat ihn nun in aller Herren Ländern zu
Land und Meer: ich habe den meinigen hier im Vogelsang, und wenn es auch nur des
Kitzels wegen wäre, der mir zukommt, wenn er heimkommt und ich ihn frage Na,
Velten, wie war's denn draussen?« antwortete in den verschiedenartigsten
Variationen (auch je nach Jahreszeit verschiedenen) die Frau Doktorin Andres im
Vogelsang auf alles, was ihr Häuserspekulanten, sachverständige Freunde und
wohlmeinende Freundinnen vortragen mochten, um ihr den Sinn zu brechen und ihr
zum Besten zu raten. Es war mit der Frau jetzt immer noch ebensowenig anzufangen
wie vor Jahren, wenn mein Vater als »Familienfreund« von einer
Erziehungskontroverse mit ihr nach Hause kam.
    Und nun war es kaum acht Tage her, dass er zum letztenmal in dem kleinen
hartnäckigen Häuslein gewesen war, um sich in der altgewohnten,
treufreundschaftlich-nachbarschaftlichen Weise zu ärgern und sich wieder zu
vertragen mit der Frau »Exnachbarin«. Nun stammte der werteste Kranz auf seinem
Sarge aus dem letzten Hausgarten des Vogelsangs, und Veltens Mutter hatte ihn
selbst gebracht und mit mir und meiner jungen Frau, die nichts mehr von dem
Vogelsang wusste, neben dem schwarzen Schrein gesessen und mir mehrfach die Hand
aufs Knie gelegt und geseufzt:
    »Ich werde ihn sehr, sehr vermissen, deinen guten Vater, bester Karl! Nun
bin ich die letzte von den Alten unterm Osterberge. Manchmal in dem jetzigen
Lärm dort um mich her, wenn ich so von meinem Strickzeug am Fenster aufsehe,
kommt es mir doch wirklich vor, als gehöre auch ich nicht mehr dahin: aber ich
habe es ihm ja versprochen, dass er mich jederzeit dort in seines Vaters und
seinem eigenen alten Wesen noch vorfinden soll, und so muss ich noch etwas
bleiben. Wer verdunkelt einem nun noch mit einem Auf ein Wort, Frau Nachbarin!
das Fenster, um einen fester in der Gewissheit, zur Seite und gegenüber die
beste, liebste Nachbarschaft zu haben, nach dem Vorgucken und Besuch wieder sich
selbst zu lassen? Kommt ihr jungen Leute, so könnte man sich so vorkommen wie
ein ein halb Jahrhundert vor der Erlösung für einen Augenblick aufgewachtes
Dornröschen, das sich nicht seinem Prinzen in Mantel, Federbarett und Trikot,
sondern einem durch die Hecke gedrungenen Liebhaberphotographen gegenüber
findet. Ja, sieh, lieber armer Junge, so schwatzt die alte Doktern Andres ihren
gewohnten Unsinn selbst am Sarge deines Vaters, ihres guten, treuesten Freundes!
Aber glaub mir, wenn ihr ihn morgen früh durch den Vogelsang geleitet, so sieht
ihm über ihren Zaun dort eine Freundin mit nassen Augen und vollem Herzen nach
und sagt Da begraben sie einen Mann, den dir das Schicksal dort an die Hecke
gesetzt hatte, um dir ein Muster an ihm zu nehmen, dein ganzes Leben lang,
Mutter Andres! Alles für unsere Jungen! Natürlich er auf seine Weise, ich auf
die meinige. Und dass seine Art gut war, das bezeugt ihm am besten die kleine
Frau hier hinter ihrem feuchten Taschentuch, Karl. Ziehen Sie es mir noch einen
Moment herunter, Kindchen, und geben Sie mir einen Kuss, und nun gute Nacht, und
habt ferner euren Trost aneinander und gönnt uns Alten unsere Ruhe, wenn unsere
Schlafenszeit gekommen ist!«
Es war ein schöner, sonniger Morgen, an welchem wir meinen Vater begruben. Mit
einem stattlichen Gefolge, an dem er wohl seine Genugtuung haben mochte und wie
es ihm da, wo man sonst wohl am wenigsten an so etwas denkt, auf seines Lebens
Höhe, als etwas sehr Wünschenswertes, sehr Erstrebenswertes erschienen sein mag.
Wie oft hat er von dem Fenster unseres Wohnzimmers aus die Kutschen gezählt, die
bei solchen Gelegenheiten die Teilnahme der Besten im Volke leer, aber würdig
zur Darstellung bringen! ... Und nicht, dass ich nun von einem erhabenern
Standpunkt hierüber hinweggesehen hätte: oh, als der rechte Sohn meines Vaters
habe ich sehr genau darauf geachtet, wer ihm und mir die gebührende Ehre gab und
wer nicht! -
    Aber wo war das Fenster im Vogelsang, an dem die Krumhardts seit
Generationen von Vater zu Sohn ihre statistischen Bemerkungen in dieser Hinsicht
gemacht hatten, bis - sie selber für einen andern in gleiche hineinfielen? Ein
vierstöckiges Haus hatte Arnemann auf das alte Familiengrundstück gesetzt, und
vom Erdstock bis zum Dache kamen Dutzende von Gesichtern jeder Art an die neuen
Fenster, um das »schöne Begräbnis« zu sehen. Und was sonst ein lieber, zum
Übrigen, Gleichen gehöriger Schmuck der Feld- und Gartengasse gewesen war, das
Stück grüne Hecke der Frau Doktor Andres, das war nunmehr ein Etwas, das seine
Zeit ganz und gar überlebt hatte und durch sein Nochvorhandensein nur
kümmerlich-lächerrlich wirkte.
    Und wie an dem betrübten Tage, in dem traurigen Zuge mein Auge doch nur
diesen grünen Punkt in all dem neuen, fremden Mauerwerk suchte und sich der
Exbürger des Orts mit einer Art von Heimwehgefühl dort festzuklammern suchte!
Und nun - grade vor dem Anwesen der Familien Krumhardt und Andres redeten die
beiden würdigen geistlichen Herren, zwischen denen ich hinter dem Sarge schritt,
so treulich und wohlmeinend das Passende auf mich ein, dass es eine rechte
Unhöflichkeit von mir gewesen sein wurde, wenn ich ihnen nicht nach rechts und
nach links hin das Ohr geliehen hätte! So habe ich damals trotz allem nur
flüchtig hingrüssen können nach der greisen Freundin und Nachbarin an dem
zerfallenen morschen Gartentürchen und ganz ausser acht gelassen, dass sie nicht
allein an der Pforte zu ihrem so tapfer festgehaltenen Reiche stand, um den
Familienfreund vorbeiziehen zu sehen. Es hätte auch doch wohl eine Störung im
Zuge gegeben, wenn - Velten Andres an dem Morgen aus seinem Garten sofort an
meine Seite getreten wäre! - - -
    Er hat sich an das Ende des Zuges angeschlossen und mich also auf dem
ernsten Wege davor bewahrt, Aufsehen durch eine augenblicklich unschickliche
Aufregung über ein plötzliches, unvermutetes Wiedersehen zu erwecken. Auf dem
Friedhofe selbst aber, wo die frühere Freundschaft auch jetzt noch nach
Möglichkeit gute Nachbarschaft hielt und ihren Grundbesitz im Grundbuche, wenn
auch nicht Hypotekenbuche, fest zusammen hatte schreiben lassen, konnte er mir
die Überraschung nicht ersparen.
    Dicht neben seinem Vater war dem meinigen die Grube gegraben (Nachbar
Hartleben lag nur ein paar Schritte weiter ab, und der übrige Vogelsang, hier
noch immer im Grün und mit der Aussicht auf den Osterberg und Schluderkopf,
rundum) und standen die Schaufeln für die Liebes-, Ehren- und Achtungsgabe des
Grabgefolges in die frisch aufgeworfenen Schollen fruchtbaren Gartenhodens
gestossen.
    Und wenn man den gleichgültigsten Kanzleiverwandten, den langweiligsten
Klub- und Stammtischgenossen so, mit einem dieser Spaten, die letzte Achtung
erweist, liegt nicht nur die nächste Umgebung, sondern die ganze Welt in einer
Beleuchtung, die für den Schreibtisch und den L'hombretisch kaum die rechte sein
würde: begrabe aber deinen Vater, deine Mutter, dein Kind und achte dann in dem
Licht, das eben kein Licht ist, darauf, wer dir zu dem »Erde zu Erde« das
Werkzeug in die Hand gibt und an wen du es weitergibst! ...
    In die Hand reicht es uns Christenleuten nach geschriebenem und
ungeschriebenem Recht die Kirche, wenn es gewünscht worden ist; aus der Hand
nahm es mir der Nächste mir zur Seite und sagte:
    »Das war ein wohlmeinender, braver und kluger Mann, Krumhardt. Mögen deine
spätesten Enkel noch süsse Früchte mit seinen wackeren Knochen vom Baume des
Lebens werfen...«
    Velten! ... Velten Andres! Nun verletzte ich doch den Anstand, indem ich
zurücktretend den Chef des Entschlafenen, der nach mir nach der Schaufel hatte
greifen wollen, auf den Fuss trat. Den Spaten reichte Velten ihm.
    »Bitte, Herr Obergerichtspräsident!«
    Später sind keine Störungen mehr vorgefallen. Es ist nur getan und gesagt
worden, was bei solchen Gelegenheiten getan und gesagt zu werden pflegt. Ich,
der ich mehr als ein anderer (auch als der Freund) von den Vorzügen des alten
Herrn Kenntnis hatte und überzeugt war, kann es bezeugen, dass mir nichts über
ihn gesprochen wurde, was nicht die volle Wahrheit war. Als wir ihn dann liessen
und ein jeder, der ihm die letzte Ehre gegeben hatte, aus solcher Störung des
tagtäglichen Tages- und Geschäftslaufs heimging oder - fuhr, hatten wir, der
Vater und der Sohn, es freilich uns gleichfalls gefallen lassen müssen, was dann
noch mehr oder weniger anekdotenhaft aus dem Lebensverlauf des
Obergerichtssekretärs Krumhardt heraufgeholt wurde, bis noch näherliegender
Tages-und Daseins-Gesprächsstoff den Ruhenden in seiner Ruhe liess neben seinen
nächsten guten Nachbarn: seinem Weibe und dem Doktor der Heilkunde Valentin
Andres. - -
Er fuhr nicht mit mir nach Hause. Er sagte mir auf dem Kirchhofe nur noch:
»Später, mein Junge! Wir haben für alles Zeit«, brachte mich aber doch an den
Wagen an der Friedhofspforte, liess den hohen Chef des weiland
Obergerichtssekretärs Krumhardt und seinen Sohn einsteigen, drückte mir über den
Schlag noch einmal die Hand: »Ich hoffe, dich schon heute noch gemütlicher
sprechen zu können. Guten Morgen, Alter!«
    »Was war denn das für ein eigentümlicher Herr, lieber Assessor?« fragte der
hohe, amtlich dem Hause Krumhardt Vorgesetzte; und als ich ihn, soweit das
möglich war, darüber in Kenntnis gesetzt hatte, sagte er:
    »Hm, hm, ja, ich erinnere mich dunkel. Der Sohn eines Vorstadtarztes und ein
toller Christ vor Jahren. Nahm nicht einmal Seine Durchlaucht einiges Interesse
an ihm? Jawohl, jawohl, ganz richtig! Andres! Eine Zeitlang hatte der junge
Mensch hier wirklich die besten Avancen. Sie und er waren Nachbarn, Herr
Assessor, und scheinen noch in freundschaftlichem Verkehr mit ihm zu stehen. Man
hielt ihn damals für ein junges Genie: aber er ist uns doch, wie das gewöhnlich
zu geschehen pflegt, dann bald gänzlich aus den Augen gekommen. Es würde
wirklich auch mich ein wenig interessieren, zu erfahren, was jetzt eigentlich
aus ihm geworden ist.«
    Wahrscheinlich hat der würdige Mann es nur auf die Zeit und Umstände, unter
welchen er seinen Wunsch äusserte, geschoben, dass ich ihm nur sehr ungenügend
Aufklärung gab. -
    Zu Hause fand ich, was man zu finden pflegt, wenn man von einem solchen
Geschäft heimkehrt: das Haus nach Möglichkeit gereinigt und aufgeräumt - nach
der Katastrophe soviel frische, sonnige Alltagsluft als möglich eingelassen -
nach Möglichkeit alles in der alten Ordnung - sowenig als möglich Stearin,
Chlor-und Blumengeruch, das alte Geräte in gewohnter Ordnung, nur noch etwas
peinlicher, um einen herum und - eine Lücke in sich, ein Leere, eine Ode um
sich, die, natürlich je den Umständen nach, mehr oder weniger empfindlich
empfunden werden. Aber ich konnte auch mein gutes kleines Weibchen in der
schwarzen, ernstgemeinten Trauerkleidung in den Arm nehmen und »Schlappen«, dem
jüngsten Regierungsrat des Landes und meinem Schwager, sowie einigen anderen,
meiner Frau zum Trost und zur Aufrichtung gegenwärtigen Mitgliedern ihrer
Familie für ihre Teilnahme danken.
    »Es ist doch recht betrübt, dass du heute gar keine eigenen Verwandten hast«,
sagte, nachdem sie alle ihre Pflicht getan hatten und gegangen waren, meine
Frau, sich an meinem Schreibtische an meine Seite schmiegend und gottlob so
dicht als möglich. »Armer Mann! Aber mich hast du doch, und nicht wahr, das ist
doch auch ein Trost? Und nun wollen wir von jetzt an noch fester zusammenhalten
und uns immer lieber haben - nicht wahr, du armer, lieber Mann? Und dass du dich
gleich wieder in dein Arbeitszimmer gesetzt hast, das ist sehr unrecht von dir
und gehört sich gar nicht! Deine Frau gehört heute zu dir, und wenn du nicht zu
mir herüberkommst, so bleibe ich hier bei dir, und draussen habe ich schon
Bescheid gegeben: sie sollen, wenn es nicht ganz und gar nötig ist, keinen
Menschen mehr zu uns hereinlassen!«
    Bei allem, was der Mensch auf Erden je der Götter Wohlwollen, die Güte
Gottes genannt hat, konnte es mir noch deutlicher gemacht werden, was ich an
sicherm Eigentum, an dem Reichtum dieser Erde gewonnen hatte, was mir davon
gegeben worden war auf meinem Wege bis zu diesem betrüblichen Tage? -
    Wir blieben den Tag über für uns allein. Als ich meiner Kleinen aber von der
Heimkehr Velten Andres' erzählte, sagte sie:
    »Oh, der gehört natürlich zu uns, dein bester Freund! Ich kenne ihn ja
eigentlich kaum: aber wie oft ist bei uns, in meiner Eltern Hause, von ihm, und
was er an meinem Bruder getan hat, die Rede gewesen! Ich war zu jener Zeit, als
er für uns sein Leben gewagt hat, noch ein zu junges Kind, um seine Heldentat
ganz zu fassen: aber ich sehe heute noch meine Mutter in Ohnmacht und im
Weinekrampf und meinen Vater ausser sich. Nachher ist leider weniger gut von ihm
gesprochen worden, und Papa hat ärgerlich gemeint, es sei schade, dass so ganz
und gar nichts mit ihm anzufangen sei; und dabei bin ich denn, weisst du, auch so
nach und nach herangewachsen und habe mir meine eigene Meinung gebildet, und du
bist gekommen und hast mir dabei geholfen, das heisst, du weisst es wohl selber am
besten, wie du mich nicht nur aus meines Vaters Hause, sondern auch in alle
möglichen anderen Ansichten über Gott und die Welt hinein-und für dich
zurechtgezogen hast. Nun weiss ich heute fast ebensogut wie du in eurem alten
Vogelsang und um Helene Trotzendorff und die Frau Doktorin Andres und deinen
Velten und alles übrige Bescheid - freilich, wenn ich auf einen Menschen
gespannt sein muss, so ist das dein Freund Velten, aus dem keiner von euch je
recht klug geworden zu sein scheint, nimm das mir nicht übel. Und ganz derselbe
wie sonst, nach eurer Beschreibung, scheint er auch geblieben zu sein: ich wäre
in seiner Stelle jetzt schon längst bei dir - noch dazu an solch einem bösen,
schmerzlichen, traurigen Tage wie heute!«
    So plauderte sie und versuchte es immer von neuem, mit dem lieben
Zeigefinger mir die Stirnfalten wegzustreichen und mir über den »traurigen Tag«
leichter hinwegzuhelfen.
    Es war ein wunderlicher, gespenstischer Tag, ein unruhiger Tag, trotz der
Stille, in der die Welt uns zwei liess oder der Anweisung an der Vorsaaltür
zufolge lassen musste. Der frische Hügel auf dem Vogelsangkirchhofe war nicht
schuld daran: so etwas drückt den Menschen nur in den Winkel und womöglich einen
dunkeln, drückt ihn nieder in einen leer gewordenen Grossvaterstuhl oder auch
wohl auf ein niederes Kinderschemelchen, drückt ihm die schwere Hand auf die
Augen, auf die Stirn. Unruhe in die Glieder bringt das nicht; ich aber hatte den
ganzen Tag über Unruhe in den Gliedern, denn ich begriff noch weniger als meine
Frau, wo Velten jetzt eigentlich blieb.
    Es konnte doch keine Täuschung gewesen sein! Ich hatte ihn doch plötzlich
auf dem Kirchhofe an meiner Seite gesehen! Er hatte zu mir gesprochen; ich
fühlte noch immer den Druck seiner Hand auf der meinigen; und - ich hatte im
Auf- und Abschreiten durch das Zimmer Momente, in welchen ich nicht mehr an ihn
glaubte und einen Eid über seine Rückkehr in die Heimat nicht zu den Akten
abgegeben haben würde. Als er dann in der Dämmerung kam, fand er mich über dem
Reichsstrafgesetzbuch, dem Paragraphen: Fahrlässiger Meineid, und in der
kopfschüttelnden Gewissheit, dass die meisten Justizverbrechen hierbei begangen
werden und dass Jupiter, der über die Schwüre der Verliebten lacht, über die
Urteile der hier zuständigen Richter sehr häufig mit den Zähnen zu knirschen
hätte. - Dass ich solches aber jetzt hier niederschreibe, beweist nur auch, in
welche Ferne mir heute, in dieser Winternacht, während der Schnee noch immer
ununterbrochen niederrieselt, jener so dunkle, unruhvolle Sommersonnentag, der
Tag, an welchem ich meinen Vater begrub und an welchem Velten Andres ihm vom
Hause seiner Mutter aus die letzte Ehre erwies, gerückt ist.
    Er aber, mein Freund Velten, steht wieder grade so gespenstisch wie damals
neben meinem Sessel, legt mir die Hand auf die Schulter und fragt:
    »Nun, Alter, noch nicht des Spiels überdrüssig?«
    Da habe ich denn in dieser heutigen kalten, farblosen Winternacht, mit den
ewig von neuem sich aufhäufenden Aktenstössen um mich her, mit all den
Enttäuschungen, Sorgen, Ärgernissen, die nicht nur das öffentliche Leben,
sondern auch das Privatleben mit sich bringt, und im grimmen Kampf mit dem
Überdruss, der Enttäuschung, der Langweile und dem Ekel an der schleichenden
Stunde, doch noch einmal ein »Nein!« gesagt, dem stolz-ruhigen Schatten
gegenüber, der so wesenhaft Velten Andres in meinem Dasein hiess.
    Ich habe und halte meiner Kinder Erbteil. Das Spielzeug des Menschen auf
Erden, das ja auch einmal meinen Händen entfallen wird, wollen sie aufgreifen,
und ich - ich fühle mich ihnen gegenüber dafür noch verantwortlich! -
Doch jener Sommertag, an welchem sich der Freund über das letzte Stückchen
lebendiger Hecke im Vogelsang lehnte, um dann seinem ihm vom Staate gesetzten
Vormund oder »Familienfreund«, dem alten Obergerichtssekretär Krumhardt, auch
die letzte Ehre zu erweisen, ist ja noch nicht vorüber in diesen Blättern. Die
Dämmerung zieht sich in jener Jahreszeit weit in die Nacht hinein, und, wie
gesagt, er kam erst in der Dämmerung, der Freund, und ein neuer Morgen leuchtete
über dem Osterberge auf, ehe er wieder ging und beim Abschiednehmen lächelte:
»Nun, hab ich die Scheherezade oder den Märchenerzähler im Karawanserei zu
Bagdad vergnüglich gespielt? Seht nur -
der Tag im bräunlich roten Mantel
betritt im Osten dort die tauigen Höhn!
Aber, ihr habt es ja so gewollt, Kinderchen: und eines ist sicher: in meinem
Leben wisst ihr jetzt fast ebensogut Bescheid wie ich selber. Was meint die
gnädige - die junge Frau? Nicht wahr, sie fasst nachher ihr Stück bestes Eigentum
fester und etwas ängstlich in die Arme O Gott, Karl, und mit diesem
entsetzlichen Menschen bist du aufgewachsen in eurem Vogelsang und hast mir von
ihm so gut gesprochen, wenn einmal wieder in den letzten Jahren die Rede auf ihn
gekommen ist? Oh, wie dankbar müssen wir dem lieben Gott beide sein, dass er noch
früh genug ein Einsehen gehabt und ihn auf alle vier Strassen der Welt verwiesen
und ihm nur Gras und Welle, Sonne und Wind gelassen, aber dich Armen zu deinem
Besten mir hier anbefohlen hat!«
    »Sie bleiben doch nun auch, wenigstens für einige Zeit, hier bei uns?«
fragte Schlappes Schwester; er aber wendete sich wieder zu mir.
    »Die alte Heldin dort, hinter der letzten Hecke des Vogelsangs! Der Brief,
in dem ich ihr meinen Besuch von Soutampton aus anmeldete, ist erst heute
morgen hier angelangt. So fand sie mich gestern abend an unserer Gartentür
lehnend, als sie von dir und deines Vaters Sarge nach Hause kam. Ich brauche ein
Jahr mindestens, um ihr für den diesmaligen Schrecken, den ich ihr einjagte,
Genugtuung zu geben. Du lieber Himmel, sie da in den Armen zu halten und die
alten guten Redensarten im alten Ton wieder zu hören! O wie oft habe ich in der
Fremde ihr Du dummer Junge! im Ohr gehabt - und nun es sich wieder zwischen
Lachen und Weinen sagen lassen zu dürfen! Eine Stunde hatte ich am Zaun zu
warten, bis sie mit dem Hausschlüssel kam, den verlaufenen Hund einzulassen. Da
habe ich Zeit gehabt, mir die neue Mauerwerksherrlichkeit zu betrachten in der
sie - sie allein das Ihrige - das Unserige festgehalten hatte: - und für wen,
für wen? Da stand der Narr, der von der Schmetterlings- und Seifenblasenjagd
heimgekommene Narr, und suchte nach rechts und nach links und nach gegenüber die
alten Freunde und Bäume - fremde Gaffer und fremde Mauern um sich her. Sie haben
es ihr zugebaut, das sonnige, grünende, blühende, lachende Familienerbe; sie
aber hat Freund und Freundin, Nachbar und Nachbarin, Busch und Baum gehen und
fallen sehen, hat dem Schatten über ihren Aurikelbeeten standgehalten und ihren
Sessel vor ihrem Nähtischchen an ihrem Fenster nicht weggerückt. Sie hat alle
Tatzen weggeschlagen, und nicht ihret-, sondern meinetwegen. Gnädige Frau, Karl
Krumhardt - meinetwegen! ... Meinetwegen hat sie wie weiland die Juden in
Jerusalem die Riemen von den Sätteln und das Leder von den Schilden abgenagt und
das Heiligtum gehalten unter dem Fabriklärm von Hartlebens Grundstück her und
der Tanzmusik aus dem Tivoli und der Zentralhalle. Ob ich als Bettler oder als
Millionär wie weiland Mr. Charles Trotzendorff heimkam, ist ihr wohl recht
gleichgültig gewesen; über ihrer Häkelnadel, ihrem Strickstrumpf, hinter ihrer
lieben Brille hat sie nur die Gewissheit festgehalten Den Schlingel, das arme
Kind, kenne ich zu gut, um nicht zu wissen, wie das fest darauf rechnet, sich
noch einmal hinter meiner Schürze zu verstecken und sich an meinen Rock zu
klammern und Mama! Mama! zu heulen. Wer sollte um den Narren Bescheid wissen,
wenn ich nicht? Hätte er mir das Kind, die Helene, heimbringen können, so wäre
es freilich etwas anderes gewesen: aber das ist wohl nicht seine schlimmste
Fehljagd nach dem Glück gewesen, dass Mistress Mungo nicht in das letzte Grün des
Vogelsangs hineinpasste. - Jetzt lasst mich gehen, Leutchen: jawohl, gnädige Frau,
für einige Zeit bleibe ich im Lande, und nun machen Sie kein zu bedenkliches
Gesicht hierzu. Ich lasse Ihnen Ihr wohlerworbenes Eigentum. Sehen Sie, da
lächelt Freund Krumhardt - selbst nach seinem traurigen Tagesgeschäft. Es geht
doch nichts über eine trauliche Abendunterhaltung, so bis in den nächsten Morgen
hinein!«
    Ob ich gelächelt habe, kann ich nicht sagen: aber das weiss ich, dass, als er
gegangen war und wir nun wieder allein bei der schon in den Tag hineinglimmenden
Lampe waren, meine Frau sich wie angstvoll an mich drängte, mir die Arme um den
Hals warf und rief:
    »Welch ein Mensch, welch ein lieber und unheimlicher Mensch! Also das ist
dein Freund? Mit dem bist du aufgewachsen in eurer Vorstadt, während in meiner
Eltern Hause niemand von euch wusste? O jetzt begreife ich es, dass der einem
Menschen das Leben retten kann, bloss um sich über ihn lustig zu machen, wie er
über meinen Bruder Ferdi! Dass er um ein törichtes Mädchen seine Mutter, sein
Vaterland, seine Aussichten in der Heimat aufgeben konnte, und - sieh - so recht
sagen kann ich es nicht, aber ich fühle es und weiss es sicher, dass, wenn er
nachher scherzhafte Briefe an seine Mutter über seine Täuschungen und
Enttäuschungen geschrieben hat, die ihm aus dem Herzen, und einem ruhigen, für
mich als ein armes Frauenzimmer etwas zu ruhigem Herzen gekommen sind. Mit
welchem Lächeln er von dir, mein bester Karl, als von meinem Eigentum sprach!
Sieh, wir wissen nicht, wie er jetzt heimgekommen ist, ob mit Geld oder ohne;
aber ein Eigentum hat der nicht mehr in der Welt und an der Welt, und was für
mich und unseresgleichen sehr trostlos ist: will es auch nicht haben. Was kann
denn der von alledem, was uns anderen Freude macht, noch gebrauchen? Und was
kann ihm noch Sorgen machen und Schmerz und Verlust fürchten lassen nach allem,
was er uns erzählt und wie er zu uns gesprochen hat in dieser Nacht? Der hat
keines Menschen Hülfe und Trost mehr nötig - auch deinen nicht, Karl. O das ist
ein sehr gefährlicher Mensch; jetzt begreife ich wohl, dass hier in unserer
kleinen Welt niemand etwas mit ihm hat anfangen können, dass nirgends für ihn ein
Ruheplatz gewesen ist. Aber ist es ein Glück, so unverwundbar auf seinem Wege
durchs Leben zu werden wie dieser, dein Freund Velten, der an allem, was uns
anderen begegnen mag, jetzt nur Anteil nimmt wie wir auf unserem Teaterplatz,
einerlei, ob es das Lustigste oder das Traurigste, das Dümmste oder das Klügste,
das Hässlichste oder das Schönste ist, was vor ihm aufgeführt wird? Und was noch
schlimmer ist, auch in ihm! Ich schwatze wohl törichtes Zeug: aber wie hätte ich
in meinen Kreisen je erfahren können, dass es so etwas in der Welt geben kann?
Dass Menschen über das Leben und den Tod, über alles, was uns anderen wichtig,
süss oder bitter ist, so ruhig werden könnten? Ach, Karl, der ist doch noch ganz
anders, als wie du ihn mir geschildert hast. Und, weisst du, noch eines eure arme
Leonie in Berlin, von der du mir erzählt hast, begreife ich wohl; aber die
andere - die hier aus dem Vogelsang, ganz und gar nicht. Wenn sie, diese Helene
Trotzendorff, nicht doch nur, euch närrischen, dummen Leuten gegenüber zum
Trotz, eine ganz gewöhnliche dumme Gans gewesen ist, hat sie eine schwere
Verantwortung auf sich genommen. Ich, für mein Teil, ich -«
    »Nun, mein Herz?«
    »Ich hätte auf diesen greulichen Menschen gewartet und mein Recht an ihn
nicht so leicht hingegeben!«
    Es war nach dem Begräbnistage meines Vaters. Die Kleine sah nach all den
schlimmen, wunderlichen und abenteuerlichen Aufregungen, zwischen der
erlöschenden Lampe und dem kommenden Tageslicht, übernächtig, abgespannt, ja
völlig unglücklich drein, aber lächeln musste ich doch über das mir scheu-trotzig
zugerufene Wort. Sie aber sprang auf aus ihrer Sofaecke, blies die Lampe aus und
rief:
    »Ja, es ist mir ganz einerlei, ob du lachst oder brummig siehst: dein Freund
Velten Andres gefällt mir ausnehmend, und ich kann das um so ruhiger sagen, als
ich hier gar nicht für mich spreche.«
    »Und für wen?«
    »Für uns alle. Jawohl! Und da meine ich etwa nicht bloss, wie du mir
natürlich abzusehen glaubst, uns arme, in die Konvenienz gebannte Frauenzimmer,
denen da mal was Neues aufgeht, sondern euch mit, ja, euch Männer vor allem! Wir
nehmen doch höchstens ein etwas tieferes Interesse an solch einem neuen Phänomen
an unserem beschränkten Horizont; aber ich glaube, wäre ich ein Mann, und noch
dazu einer aus der hiesigen Stadt und Gesellschaft, so müsste ich dann und wann
neidisch auf solch einen übrigens im Grunde grässlichen Menschen werden.«
    Ach, und er war so gut und hielt sich so still und tat keinem seiner
hiesigen Mitmenschen was - fast ein volles Jahr im Vogelsang. Fast ein volles
Jahr hindurch gab es in der fast zur Grossstadt herangewachsenen Residenz keinen
kleinbürgerlicher von seinen Renten lebenden Rentner (wenn auch nicht in
Schlafrock und Pantoffeln) als wie Velten Andres. Das Interesse an ihm erlosch
bald vollständig: wie Mr. Charles Trotzendorff war er wahrlich nicht
heimgekehrt; übrigens wusste auch seine jetzige Nachbarschaft im Vogelsang kaum
noch etwas von Joseph, das heisst in diesem Falle von dem Doktor Andres und
seiner Familie.
    Gegen alte Schulfreunde und sonstige Jugendgenossen hatte er im Verkehr
eigentlich nur das eine Wort:
    »Schauderhaft müde.«
    Wenn er dann gähnend vielleicht noch hinzugesetzt hatte:
    »Ausschlafen!« und der gute Freund mehr und mehr zu dem Bewusstsein gelangte,
dass er seinerseits eigentlich nichts mitzuteilen habe, so war es denn freilich
für beide Teile das beste, wenn solche Unterhaltung nicht fortgesetzt wurde,
sondern der Verkehr überhaupt unterblieb. Helläugig, lebendig, wach und das
Spazierstöckchen schwingend, ging dann der »Besuch«, in der festen Überzeugung:
    Wieder einmal einer, der zu grosse Rosinen im Sack hatte und nachher das
gewöhnliche Pech im Leben gehabt hat. Schade um den alten, lieben Kerl!
    Ich habe selber einigen solcher guten Leute von dem Fensterstuhl der Frau
Doktern mit das Geleit gegeben bis zu dem morschen Türchen in der letzten grünen
Hecke des Vogelsangs, ihnen, an dieser Hecke lehnend, nachgesehen und, wenn ich
es konnte, meine Gedanken haben dürfen über das Wachen und das Schlafen in
dieser Welt. -
    Aber auch mir gegenüber verhielt der Freund sich schweigsamer, als es mir
eigentlich recht schien. Ich erfuhr über seine Erlebnisse im Grunde jetzt aus
seinem Munde nicht mehr, als was er im Laufe der Jahre darüber an seine Mutter
geschrieben hatte. Auf einem Spaziergange gelangten wir auf dem Osterberge auch
wieder einmal auf die Stelle, von wo wir drei Kinder: er, Helene Trotzendorff
und ich, einst um den Laurentiustag die Sternschnuppen fallen sahen und unsere
Wünsche für das Leben gehabt hatten.
    Ich erinnerte ihn daran, und er legte mir die Hand gelassen auf die Schulter
und sagte ohne alle Aufregung, ohne Lächeln, aber auch ohne Stirnrunzeln:
    »Mir haben sie so ziemlich Wort gehalten, die fallenden Sterne. Einem
bescheidenen Gemüt wird schon das Seinige zuteil, und weiss es sich zu
bescheiden, wo es nicht anders geht. Was wünschte ich mir damals doch? Wenn ich
nicht irre, den Heckepfennig, den Däumling und das Tellertuch der drei
Rolandsknappen. Ich habe das alles gehabt und habe es noch, soweit es mir zum
täglichen Gebrauch nötig ist. Auf das Vergnügen, Persepolis in Brand zu stecken,
verzichtet man, wenn man sein letztes Schulheft in den Ofen gesteckt hat. Auch
ein berauschter Triumphtod zu Babylon erscheint mir nicht mehr als das
löblichste Exit-homo-sapiens, Ab-geht-der-Narr. Ich wünsche nüchtern zu sterben,
oder wenn du lieber willst - vollkommen ernüchtert. So eigentumslos als möglich.
Übrigens habe ich ein gutes Gedächtnis, und es war kaum nötig, dass du mich eben
auf diesem Platze an jenen Sommerabend erinnertest. Auch von der Tonne des
Diogenes war ja wohl damals bei solch einem fallenden Stern die Rede? Nun, in
der habe ich mich jetzt, der alten Frau da unten zuliebe, in ihren Ofenwinkel
gewälzt oder wälzen dürfen. Man muss sich alles gefallen lassen, lieber
Krumhardt. Und auch die Menschen nicht in ihren Illusionen stören. Die alte Frau
da unten im Vogelsang zum Beispiel ist noch immer der Meinung, dass ihr Söhnchen
die Welt durch seine Tatkraft überwunden habe und weiter überwinden werde. Die
scherzhafte Idee, in mir einen Helden meinem Vater und dem Vaterland, der
Hebamme und der Menschheit überliefert zu haben, hat sie so manches Jahr durch
und vorzüglich jetzt während meiner längeren Abwesenheit so tröstlich und heiter
aufrechterhalten, dass es eine Sünde wäre, ihr die Illusion zu nehmen. Hier hört
auch für mich das Spiel mit der Welt auf: das wäre ein zu schlechter Spass, der
nun noch als Wolke vor die Abendsonne ziehen zu wollen! Beiläufig, ich habe ihr
einen ihr ausreichend imponierenden Haufen Dollars auf den Tisch gelegt; soll
ich vor ihr nun auch meine leeren Taschen umwenden und ihr sagen Mama, du hast
vergeblich das letzte Grün aus dem Vogelsang für das Geschöpf, das auch sehr,
sehr dein Geschöpf ist, für den dummen Jungen, deinen Velten, festgehalten!? -
Ich habe oft im Leben Komödie spielen müssen, vorzüglich in den letzten Jahren,
und wie der Kaiser Augustus hätte ich mich meiner Begabung dafür wohl rühmen
dürfen: jetzt und hier am Platze aber, dieser alten Frau gegenüber, fällt es mir
schwer, das Wort vom Schlafen, Schlafen, dem Ausschlafenmüssen wie vor den
anderen als ein Scherzwort, und um Fliegen - wollte ich sagen Narren abzuwehren,
festzuhalten. Nein, nein, die Sonne ist ihr übergenug verbaut worden; das Licht,
das ihr in ihrem stilltapfern, lieben, schönen Leben von mir ausgegangen ist,
soll ihr nicht ausgehen, soweit das an mir liegt! Sie soll ihre Freude an mir
behalten!«
    Ich konnte dem Mann, über den also wirklich niemand etwas Genaueres wusste
als ich, nur stumm die Hand drücken; eine mündliche Erwiderung gab es hierauf
nicht.
    Velten lächelte.
    »Es war um das Jahr siebenzehnhundertsiebenundsechzig und der grösste Egoist
der Literaturgeschichte also achtzehn Jahre alt, da er seinem Freunde Behrisch
den Rat zusang:
Sei gefühllos!
Ein leichtbewegtes Herz
Ist ein elend Gut
Auf der wankenden Erde;
und er hat selber sein Leben in Poesie und Prosa danach eingerichtet, und es ist
ihm wohl gelungen. Es war im Salon der Mrs. Trotzendorff, als mir beim
zufälligen Blättern in allen möglichen Bilderbüchern jenes Wort des frühreifen
Lebenshelden in Puder, Kniehose, seidenen Strümpfen und Schnallenschuhen in dem
rechten Augenblick wieder vor die Augen kam.
    Unser Dämonium bedient sich viel öfter, als man merkt, solcher Mittelchen,
um uns unter die Arme zu greifen, sowie auch um uns davor zu behüten, uns
lächerlicher zu machen, als unbedingt zum Fortbestehen der Welt durch den
Verkehr von Hans und Grete notwendig ist. Man kann auch von einem
achtzehnjährigen Jungen was lernen, zumal wenn der Genius dem Bengel die Stirn
berührt hat. Es war der Gesellschaftsabend, an welchem mir unsere Kleine aus dem
Vogelsang zum erstenmal ganz deutlich machte, was alles zu einem elenden Gut auf
der wankenden Erde werden kann. Verse habe ich nie gemacht; aber die Fähigkeit
habe ich doch, im Komischen wie im Tragischen das momentan Gegenständliche, wenn
du willst, das Malerische, das Teatralische jedesmal mit vollem Genuss und in
voller Geistesklarheit objektiv aufzufassen: ich habe an jenem, der alte Goete
würde sagen: bedeutenden Abend dem Papa Trotzendorff das Blatt aus seinem
Renommiertischexemplar gerissen, es fein zusammengefaltet und in die Brusttasche
geschoben. Manchen Leck in meinem Lebensschiff habe ich bis zum heutigen Tage
damit zugestopft, und - jetzt, meine ich, haben wir die schöne Natur von diesem
Aussichtspunkt aus, auf dem wir voreinst unsere Wünsche an die fallenden Sterne
knüpften, genug bei hellem Tage besehen, und wir können gehen.«
    Wir gingen - stiegen noch einmal den Zickzackweg am Osterberge hinunter.
Jetzt konnte da nicht mehr Elly unter der Armenmannsbuche über eine Wurzel
stolpern und sich eine blutende Nase holen. Der Weg war »planiert« worden, und
wo der schöne, alte, morsche Baum seine Zweige über ihn gestreckt hatte, stand
jetzt eine weiss gestrichene Zinkfigur, eine Nachbildung der Canovaschen Hebe,
und daneben deutete an einem andern wohlgepflegten Pfade eine Hand auf einer
Tafel nach einem »Asyl für Nervenkranke«, dessen Aufblühen in seinem Waldbesitz
am Schluderkopf Vater Hartleben glücklicherweise auch nicht mehr erlebt hatte
und also auch nicht deshalb keine Ruhe in seinem Grabe zu haben brauchte. Um die
späte Nachmittagsstunde war die Gegend hier von Spaziergängern und
Spaziergängerinnen recht belebt. Es begegneten uns mehrere, die uns grüssten oder
die ich zu grüssen hatte und die öfters einen Blick über die Schulter nach meinem
Begleiter zurückwarfen. Dass uns jemand begegnet wäre, der etwas aus ihm »zu
machen gewusst« hätte oder ihn nur annähernd richtig in seine Lebensordnung und
seine Erfahrungen über menschliche Zustände und Schicksale hätte einordnen
können, habe ich nicht in den Akten.
    Am allerwenigsten konnte das mein Schwager »Schlappe«, der uns auch
entgegenstieg, seinen Weg sich nach gewissen roten und gelben Zeichen -
Kurzeichen - an den Bäumen regelnd, um ein ihm gottlob nur hypochondrisch
angeflogenes Herzleiden im Keime zu ersticken.
    »Siehe da, die beiden Seelenverwandten! Die zwei Inséparables aus der
Volière da unten, eurem Vogelsang. Habe bei deiner Mama über die stadtbekannte,
drollige letzte Hecke gesehen, Velten, und mich über die liebe alte Dame wieder
einmal recht gefreut. Diese beneidenswerten Nerven! Unter der Konzertmusik aus
dem Tivoli das Fürstliche Intelligenzblatt zu lesen und sich doch dabei
freundlich nach der Gesundheit eines Nebenmenschen erkundigen zu können! Und mit
solchem Behagen auf dem Gesicht! Wie befindest aber eigentlich du dich, alter
Mensch und Rätsel der hiesigen Menschheit? Velten, verantworten kannst du's
beinahe nicht, wie du die ortsangehörige Alltagswelt, soweit sie noch zu dir
hinreicht, intrigierst. Man sieht dich nicht, man hört dich nicht, du könntest
allgemach die Wohlwollendsten dahin bringen, sich bei der Polizeidirektion nach
dir zu erkundigen oder sogar das edle Institut auf dich aufmerksam zu machen.
Kommen so die Welteroberer nach Hause, oder ist das nur eine neue Weise von dir,
der Residenz das Problem zu lösen, wie man Weltüberwinder wird?«
    »Die älteste, einfachste und behaglichste Weise, sowohl was die
Welteroberung als was die Weltüberwindung angeht, lieber Rat bei der Regierung«,
sagte Velten Andres.
    »Man trägt ein Wort von dir in der Stadt herum über Ausschlafenmüssen«,
sagte der Schwager. »Der Freiherr von Münchhausen beim seligen Landgerichtsrat
Immermann hat ein ähnliches. Nicht wahr, du machtest mich neulich darauf
aufmerksam, Karl? Unsereiner kommt ja zu dergleichen Lektüre leider zu selten,
und ich habe wirklich noch nicht Zeit gefunden, in dem Buche nachzulesen,
inwieweit deine Redewendung uns gegenüber eine scherzhafte Reminiszenz daraus
ist. Nun, Andres, vielleicht bist du selber gelegentlich so freundlich, mir
nähere Auskunft darüber zu geben. Aber ich habe die Herren wohl schon zu lange
aufgehalten; - so geht das eben immer, wenn ältere Zeit- und Altersgenossen,
Schulbankgenossen, auf solchen altbetretenen Wegen einander begegnen! Schönsten
guten Abend, liebe Leute, und meine Grüsse an deine Gattin, Krumhardt!«
    Im Vogelsang sass auch ich noch ein Stündchen unter der Konzertmusik aus dem
Tivoligarten mit dem Freunde und seiner Mutter. Er wusste jedenfalls sein
gefühllos gewordenes Herz wohl zu verbergen und auf der wankenden Erde an diesem
festen Punkte es wie vordem leichtbewegt in all den Lichtern, Farben und
Schatten, die Menschen im wahrsten Sinne miteinander verwandt machen, spielen zu
lassen. Wie da der Schatten der hohen Brandmauer, der jetzt von meiner Eltern
und meinem Heimwesen auf uns fiel, wieder sich lichtete! Wie es wieder wie
Abendsonne aus unserer, Veltens und meiner, Kinderzeit und aus der Zeit, da
Amalie, Agate und Adolfine auch noch Kinder, junge Mädchen, Bräute und junge
Frauen waren, durch Baumgezweig nur tanzende Schatten auf die kleine Laube warf
und den Tisch darin, auf welchem Veltens Vater noch seine Rezepte für die ganze
Nachbarschaft unter dem Osterberg schrieb! Da war freilich auch wieder nicht die
Rede von grossen Abenteuern, aber noch weniger von einem Blatt, das in der
Fünften Avenue zu New York aus einem Salontischbuch gerissen worden war. Da
gewann eine liebe Vergangenheit ihr Recht wieder und behielt es für eine gute
Stunde von neuem mit seinem: Weisst du wohl noch, Mutter? und ihrem: Denkt ihr
wohl noch daran, ihr bösen Jungen? - Der Nachbar Hartleben kommt in Hausschuhen
mit der letzten Anklage gegen den Schlingel, den Velten, über die Gasse, um sich
von der Frau Doktern das Versprechen abnehmen zu lassen, seiner »Madam«
Trotzendorff die Miete zu stunden und ihr eine neue Tapete in die Wohnstube zu
kleben.
    - »Und nun das Wurm da«, brummt der Nachbar, »ja, Frau Nachbarin, da drückt
es sich an Sie an und macht fromme Augen, als ob es noch niemalen ein Wässerlein
getrübt und heute meinen Pudel frisiert hätte. Ich hätte Ihnen das Vieh
mitgebracht, aber es schämt sich seiner Verunstaltung, dass es kein Prügel und
keine Bratwurst unterm Sofa hervorkriegen. Mit ihrer Mutter Putzschere ist die
Krabbe daran gewesen und hat das Beest verschnitten, dass kein Mensche es mehr
herauskriegt, wo es in der Naturgeschichte hingehört. Jawohl, Frau Doktern,
Gottes Lohn reicht hier nicht aus, da müssen Sie schon das Ihrige dazugetan
haben, auf dass ich mir solche angenehme Inquilinenschaft von einem Jahre ins
andere gefallen lasse und sogar noch dankbar bin.« -
    Wir sind Kinder - junges Volk -, und das schönste Mädchen des Vogelsangs
lehnt sich als Jungfrau über Veltens Mutter. »Bei dir bleibe ich auch in der
weitesten Ferne, und bitte, bitte, nimm es Mama nicht übel, was sie dir heute
wieder gesagt hat, nach dem Briefe von Papa. Sie kann ja nichts dafür, dass wir
nirgends recht hinpassen. Ich auch nicht, liebste, beste Tante Andres! Und ich
durch deine Güte und Liebe und Barmherzigkeit noch weniger als Mama!«...
    Ja, weisst du noch, Velten? Erinnerst du dich wohl noch daran, Krumhardt? - -
»Wie steht es denn mit euren Schularbeiten für morgen, Jungen, wenn ich fragen
darf?« Es ist mein eigener braver, sorglicher Vater, mein seliger Vater, der in
Schlafrock und Hauskäppchen mit der langen Pfeife an die Hecke gekommen ist, wo
jetzt die hohe Brandmauer des Nachbarhauses sich erhebt. Und meine Mutter mit
dem Strickzeug in der Hand und dem Garnknäul unterm Arm kommt auch aus unserer
Laube heran. Es ist mehr und mehr wie eine Wiederbringung im Fleisch für den
Vogelsang: in Fleisch und Blut, mit jedem Gestus und Tonfall sind sie wieder da
bei der Frau Doktorin Andres, alle sind sie wieder heraufgestiegen und - am
lebendigsten für den Mann neben der heiter-schönen Greisin, der auf seiner Brust
das Blatt trägt mit dem ersten Vers der dritten Ode an Behrisch:
Sei gefühllos!
Ein leichtbewegtes Herz
Ist ein elend Gut
Auf der wankenden Erde,
und im grimmigsten Ernst sein Leben nunmehr darauf eingerichtet zu haben glaubt.
    Wenn ich dann nach Hause komme, finde ich vielleicht meinen Schwager bei
meiner Frau sitzen, und er fragt mich:
    »Nun sage mir, hast du noch immer nicht genug von diesem maulfaulen,
bodenlos langweiligen, gänzlich verödeten Patron, diesem Mister, Senhor oder
Monsieur Andres, deinem Freund Velten? Sieh mich nur, bitte, nicht in der
veralteten, vorwurfsvollen Weise an, lieber Krumhardt; auch das intensivste
Dankbarkeitsgefühl muss sich allmählich einem solchen unnahbaren, unfassbaren,
ewig gähnenden und ewig grinsenden Burschen gegenüber abstumpfen. Weiss der
Himmel, wir sind ihm seinerzeit mit den möglichsten Avancen nahe gegangen; aber
wie er uns jetzt heimgekommen ist, möchte ich doch manchmal wünschen, es habe
mich damals ein anderer aus der kühlen Pfütze heraufgeholt und ich dürfe ihm,
ohne im nächsten Abendblatt auf die Eselswiese getrieben zu werden, sagen
Mensch, laufen Sie mir noch einmal in den Weg, so mache ich den Verein für
öffentliche Gesundheitspflege auf Sie aufmerksam und denunziere Sie als
endemisch gefahrbringend!«
    Er war nicht ohne Witz, mein armer seliger Schwager Schlappe. Durch ein
Herzleiden ist er uns nicht entrissen worden vor einem Jahre.
Ich nehme wieder einmal über diesen Blättern die Stirn zwischen beide Hände und
wundere mich von neuem und suche es mir zurechtzulegen, weshalb und warum in
dieser Weise ich sie nun schon durch so manche lange winterliche Nacht mit
solchen Zeichen und Bildern fülle.
    Da ist mir aber heute aus Lessings literarischem Nachlass eine Seite unter
die Augen gekommen, auf welcher der Wolfenbüttler Bibliotekar über seinen
»Ungenannten« schreibt:
    »Ich habe ihn darum in die Welt gezogen, weil ich mit ihm nicht länger
allein unter einem Dache wohnen wollte.«
    Ich glaube, das ist's! - Oder doch ähnlich so. Mein ganzes Leben lang habe
ich mit diesem Velten Andres unter einem Dache wohnen müssen, und er war in Herz
und Hirn ein Hausgenosse nicht immer von der bequemsten Art - ein Stubenkamerad,
der Ansprüche machte, die mit der Lebensgewohnheit des andern nicht immer leicht
in Einklang zu bringen waren, ein Kumpan mit Zumutungen, die oft den ganzen
Seelenhausrat des soliden Erdenbürgers verschoben, dass kein Ding anscheinend
mehr an der rechten Stelle stand. Ich hatte es versucht - wer weiss wie oft! -,
während er draussen sich umtrieb und ich zu Hause geblieben war, ihn auf die
Gasse zu setzen. Das war vergeblich, und nun - da er für immer gegangen ist,
will er sein Hausrecht fester denn je halten: aber ich kann nicht länger mit ihm
allein unter einem Dache wohnen. So schreibe ich weiter. -
    Mein erster Junge wurde mir geboren, und ich bat selbstverständlich Velten
zu Gevatter; er aber lehnte die Patenschaft ab, nicht bloss der kirchlichen
Formeln wegen, die damit verknüpft sind.
    »Kann ich dem Geschöpf irgendeinmal in seinem Leben nützlich sein, was ich
übrigens, der Verschiedenheit der Jahre wegen, bezweifle, so wird das gern
geschehen«, sagte er. »Ausgeschlossen ist's ja nicht, dass wir einmal einander
später im Leben begegnen und eine Strecke miteinander gehen; kann er mich dann
gebrauchen, so soll er den Freund seines Vaters an mir finden. Jetzt nenne ihn
nur ruhig Ferdinand nach deinem Schwager Schlappe. Das und du genügen, um ihm
aus den Windeln in die Hosen zu helfen. Deine kleine, gute Frau hast du auch
wohl nicht gefragt, ob sie wirklich und aufrichtig mich für ihr Würmchen als
einen wünschenswerten Führer und Begleiter sowohl im wilden Walde der Welt, von
dem sie gottlob nichts weiss, als auch im hiesigen geregelten Lebensverkehr, den
sie zu eurem Glück ausgezeichnet kennt, in die Standesamtsliste und das
Kirchenbuch eingetragen sehen möchte? Ich bezweifle beides deine Anfrage und
ihre Zustimmung.«
    Was das eine anbetraf, irrte er sich, bei dem andern hatte er nicht unrecht.
    »Herz«, war ich entgegengefragt worden, »hast du dir das ganz genau
überlegt? Der Name Valentin schon ist jetzt so ungewöhnlich, und - Velten! ...
Velten! Ach, wenn nur nicht von dem Namen grade hier in der Stadt und in meiner
Familie immer so wunderlich die Rede gewesen wäre! Ich habe ja wahrhaftig nichts
gegen deinen Freund - im Gegenteil, du weisst es selbst, wie interessant er mir
ist, weil alles, wenn er zu Besuch kommt, alles, worauf die Rede kommen mag, in
Fasson und Farbe so ganz anders ist, als wie ich und wir in unseren Kreisen es
bis jetzt gesehen haben. Du bist ja auch und doch ein guter, verständiger Mensch
und mein lieber Alter geblieben, trotzdem er dein bester Freund von Kindesbeinen
an ist - nein, nein, nein, in der Hinsicht habe ich gar keine Befürchtungen;
aber komm und sieh dir das Kind an - bitte, komm und sieh es mit den Fäustchen
vor seinem Herzensmäulchen im Schlaf in seinem Bettchen und, bitte, bitte, lass
es nicht Velten taufen! Er ist ja so gut und klug und edel, dein Freund; aber
hart ist er doch, oder doch hart geworden in seinem Leben, und ich möchte mein
Kind, unsern lieben Jungen, doch hier bei uns behalten, in unserm gewöhnlichen,
gewohnten Leben - ich weiss nicht, wie ich es sagen und ausdrücken soll, aber ich
könnte jetzt das arme Würmchen nicht Velten rufen und es später mal als alte
Frau so nach Hause kommen sehen wie die herzige alte Frau, eure Frau Doktor aus
dem Vogelsang, deinen Freund Velten!«
    Selbstverständlich hat mein Schwager Ferdinand meinen Erstgeborenen über die
Taufe gehalten. - -
    Und nun habe ich es auch mir selber wieder deutlich zu machen, wie es
zuging, dass ich eigentlich nichts von Bedeutung über seinen letzten Aufentalt
bei uns in der Heimatstadt zu den Akten bringen kann als eben sein abermaliges
und letztes Weggehen aus ihr. »Das macht sich so!« sagen die Leute, und ich habe
auch für mein Teil nichts in der Hand, womit ich mich gegen dieses Wort
urältester menschlicher Erfahrung wehren könnte.
    Es machte sich auch zwischen Velten Andres und mir so. - Er hatte mir wenig
zu sagen; ich ihm eigentlich gar nichts. Meine Amtsgeschäfte vermehrten sich
grade in diesem Sommer sehr, und dazu kam das Kind im Hause, dem gegenüber er
sich auf einen Standpunkt stellte, auf den ihm meine Frau noch weniger als auf
irgendeinen andern folgen konnte.
    »Wenn er sich gar nicht um es bekümmerte, wollte ich gar nichts sagen«,
meinte sie oft vollständig entrüstet. »Das kann man von euch Mannsleuten eben
nicht verlangen, wenn ihr nicht zufällig persönlich dazu gehört. Aber die Art
und Weise, wie er es mir aus den Kissen nimmt und es mir von hinten und vorn
besieht und die Nase rümpft und lästerlich lacht und den Kopf schüttelt, und
seine Reden und Redensarten dabei, die lasse ich die lassen wir - wenigstens
Ferdi und ich uns lieber nicht gefallen. Und dass du das oft so ruhig anhörst,
Männchen, begreife ich auch nicht. So ein armes, herziges Geschöpfchen, und noch
dazu vor seiner Mutter Ohren, einen Ausbund von einem Esel, einem Narren zu
nennen, der auch besser getan hätte, zu bleiben, wo er war, das schickt sich
nicht, und mein Bruder Ferdinand mit seinen dummsten Witzen ist mir immer noch
lieber als dieser dein Freund, dem, leider Gottes für ihn, sein Spass so bitterer
Ernst ist, dass ich ihn bedauere und mir ganz schlecht zumute wird und ich ihm
meinen Jungen sofort aus den Händen risse, wenn er ihn, Gott sei Dank, nicht von
selber gleich wieder hergäbe!«
    Eine Frau, die einen Freund ihres Mannes nicht an der Wiege ihres Kindes
leiden kann, ist ein gewaltig hindernder Faktor in so einem Verkehr von Haus zu
Haus: ich erinnere mich nur eines einzigen freundlichen Sonnabendnachmittags, an
welchem unser Kinderwagen auch in die letzte Gartenlaube der Nachbarschaft des
Vogelsangs hineingeschoben wurde, um meiner Frau zu dem Ausrufe zu verhelfen:
    »O Gott, diese liebe alte Dame! Ist es denn eine Möglichkeit, dass die deinen
Freund Velten so in den Armen gehalten und so abgeküsst hat wie ich unsern
Ferdinand, sowie wir wieder zu Hause sind?« -
    Es war so um die Mitte des Septembers geworden. Seit vierzehn Tagen oder
drei Wochen hatten wir uns wieder einmal nicht in unseren Wohnungen aufgesucht,
waren uns auch auf Spazierwegen nicht begegnet, als mich an einem warmen,
stillen Spätnachmittage plötzlich so ein Gefühl überkam, als sei ich schuld hier
an einem Versäumnis und als brauche man im Vogelsang keine der mir möglichen
Entschuldigungen gelten lassen. Dieses Gefühl wurde so peinlich, dass ich ganz
ärgerlich nach dem Hut griff mit einem: »Dieser Mensch hat doch wahrhaftig mehr
Zeit als unsereiner!«
    Ich ging zu ihm und - schickte nach einer halben Stunde einen Boten zu
meiner Frau mit der Benachrichtigung, dass sie mich nicht zum Abendtee zu
erwarten habe; vielleicht werde ich auch ein wenig spät in der Nacht erst
heimkommen. Was sollte ihr mit ihrem Kindchen an der Brust solch ein
spätabendliches Erschrecken für eben diese Nacht? -
    In dem alten schmalen Buchsbaumgang kam mir der Freund von dem Häuschen zu
der letzten grünen Hecke unserer Jugendzeit entgegen, mit dem Gesicht, das er
aller Welt machte, nachdem er sich wieder bei uns »eingewöhnt« hatte. Und solch
ein Gesicht lässt sich denn auch einem guten oder besten Freunde gegenüber nicht
leicht in andere Falten legen.
    »Sieh, das ist freundschaftlich von dir«, sagte er. Ich blickte nach dem
offenen Fenster der Frau Doktern hin, und da sie mir nicht wie gewöhnlich
freundlich von dorter zunickte, fragte ich, wie man so fragt:
    »Was macht die Mutter?«
    »Auch die wird sich freuen, dich zu sehen!« Und so schüttelten wir uns die
Hände und schritten dem Hause der Nachbarin Andres zu. »Noch einmal zu sehen,
wäre wohl das richtigere Wort, lieber Alter!« sagte Velten Andres, und dabei
fasste er freilich meinen Arm wie mit eisernem Griff - wie um mich bei sich
festzuhalten und aufrecht in meinem Erschrecken, und sah nicht dabei drein wie
einer, der die Welt für einen guten oder - schlechten Spass hält, unter allen
Umständen aber nur für einen Spass! . ..
    »Die Mutter - deine Mutter -«
    »Es geht ihr seit acht Tagen nicht zum besten, doch seit gestern -«
    »Hat es sich zum Bessern gewendet? Aber Mensch, und wir haben von alledem
nichts gewusst? Wie unrecht das von euch gewesen ist! Ihr wisst doch, welche
Teilnahme -«
    »Die alte Nachbarschaft sich schuldig ist. Selbstverständlich! Es war ihr
freundlicher Wille Weshalb wollen wir die lieben Leutchen in ihrem Behagen
beunruhigen? meinte sie und hatte recht wie immer in ihrem sonnigen Leben. Es
ist ein altes Unterleibsleiden, das sich von neuem gerührt hat: aber es hat sich
in der Tat jetzt zum Bessern gewendet. Komm also und sieh selber. Ich habe unter
meinen besonderen Freunden, den Chinesen in San Francisco, eine Zeitlang als Ati
Kambang, zu deutsch der Herr Sanitätsrat, eine Rolle gespielt. Ja, sie ist auf
gutem Wege!«
    Ich verbiss, was ich von Unbehagen, Selbstvorwürfen und Arger über den
Menschen an meiner Seite in mir hatte, und trat wieder einmal über die
ausgetretene liebe Schwelle des »Doktorhauses« des einstigen Vogelsangs.
    Was für Schatten von draussen jetzt drauf hinfallen, was für Töne auf es
hineinkreischen mochten, im Innern nichts verändert! Alles an seinem Platze wie
vor Jahren. Da des Freundes Schülerpult neben dem Schreibtisch des Vaters. Sein
Bücherbrett mit den abgegriffenen Schulausgaben der lateinischen und
griechischen Klassiker und der Weihnachts- und Geburtstagsliteratur vom Robinson
über den Steuermann Sigismund Rüstig und die Lederstrumpferzählungen bis zu den
billigen Volksausgaben der deutschen Klassiker. An den Wänden zwischen und neben
den Familienphotographien, und was sonst sich da zu finden pflegt, die
selbstgefertigten Glaskasten mit den Käfer-und Schmetterlingssammlungen des
letzten Velten Andres. Lauter Dinge und Sachen, die mir heute noch lebendiger
sind als der Inhalt meines eigenen Hauses und der Stube, in welcher ich in
dieser Nacht dieses aus meinen Akten hervorhole, um es revidiert ihnen von neuem
beizufügen!
    Wie hatte sich in den paar Tagen, da ich sie nicht gehört hatte, die teure,
wohlbekannte Stimme verändert, die mir aus dem hinter der Familienstube
gelegenen Schlafzimmer entgegenklang!
    »Velten - um Gottes willen -«
    »Aber du bist noch da, Junge? Der Zug geht um sechs Uhr. Steh auf, Velten,
um sechs Uhr geht der Zug. Der Zug geht um sechs Uhr, und du musst noch packen.
Steh auf, Junge, der Koffer schliesst nicht recht, du musst aufstehen, Velten, der
Zug geht um sechs Uhr. Du musst deine Reisetasche packen, Velten! Junge, um sechs
Uhr geht der Zug!«
    »Seit gestern beschränkt sich hierauf ihre ganze Vorstellungsfähigkeit und
ihr Ausdrucksvermögen. Sie hat ihr schönes, heiteres Leben durch still gesessen:
nun ergreift auch sie die Unruhe. Wir Menschen in ihrem jetzigen Zustande haben
das dann und wann so an uns, dass wir für uns oder andere zur Reise
zusammenpacken lassen oder selber zusammenpacken, grade wenn die Fahrt zu Ende,
der Weg zurückgelegt ist. Tritt näher und setze dich, du störst sie nicht durch
deinen Besuch.«
    »Armer Freund.«
    »Ja, so verflüchtigt sich auch dieses liebe Bild!«
    »Aber Junge, Junge, du versäumst den Zug, wenn du nicht aufstehst! Steh auf,
Velten! Packe deinen Koffer, um sechs Uhr geht der Zug. Packe deine
Reisetasche«, klang es aus den Kissen der Sterbenden, und die Wärterin, eine mir
auch wohlbekannte alte Freundin aus dem Vogelsang, Riekchen Schellenbaum,
meinte:
    »Sie ist nur ein bisschen unruhig, die Frau Doktern, aber Schmerzen und
Ängste hat sie gottlob weiter nicht mehr, Herr Velten«
    »Jawohl, das sind nun alle ihre Sorgen, Krumhardt, dass sie mich zur rechten
Zeit aus dem Bett kriegt, dass ich meine Reisetasche, meinen Koffer packe, nichts
vergesse und den Zug zum Glück nicht versäume«, sagte der Sohn, sich über die
Mutter beugend und leise und zärtlich ihre Hand nehmend.
    »Velten, Velten, du versäumst wahrhaftig den Zug, wenn du nicht aufstehst
und deinen Koffer packst! Sieh, da kommt die Sonne schon!«
    Leise strich der Sohn Ober die Stirn der Mutter und wendete sich zu mir.
    »Das letzte war ein neues Wort. Die anderen wiederholt sie, wie gesagt, seit
andertalb Tagen.«
    »Das wird ein schöner, aber heisser Tag«, murmelte die Sterbende mit einem
tiefen Seufzer, und dann blieb sie still und schien in einen ganz
vorstellungslosen, traumfreien Schlaf zu sinken, nur dass ihre Atemzuge schwerer
und schwerer wurden.
    »Einer der Schlimmsten, die ich gesehen habe, war der alte Hartleben, Herr
Velten«, sagte, wie um ein tröstendes Wort dazu zu geben. Riekchen Schellenbaum.
»Dem kam der ganze Schluderkopf, ich meine sein Waldbesjetztum dran, in seinen
letzten Tagen und Nächten über den Leib. Lauter gefällte Stämme! Und alles
wollte über ihn hinrollen. Ja, das war ein schwerer Kampf! Aber, wie Herr Andres
ganz richtig sagen, das sind so unsere Phantasien.«
    »Das Lungenödem wird wohl erst in der Nacht eintreten«, sagte Velten. »Ihr
Tag ist zu Ende, und es ist ein schöner, ruhiger und vor allem nicht zu heisser
Tag gewesen. Alle ihre Sorgen sind von mir gekommen: dies, dass ich auch jetzt
die Zeit nicht versäume, war nun ihre letzte. Ob das animalische Herz nun ein
wenig schneller oder langsamer erlahmt, ist wohl von keiner Bedeutung. Mutter!
Meine Mutter! Liebe, alte Mutter, du mein einziger, wirklicher Freund, was habe
ich dir heimgebracht als meine Kunst, auch vor dir Komödie spielen zu können und
dir deinen freundlichen Daseinstraum nicht zu stören? Jaja, Freund Karlos, und
auch ich kann sagen, dass ich meine Rolle, dieses letzte Jahr durch, gut
durchgeführt habe: sie schläft ein in der Gewissheit, mich mit einem Herzen so
reich, so leichtbewegt, so fest, so siegessicher, so unverwundbar wie das ihrige
zurückzulassen...«
    »Velten!«
    Er wendete sich zu der greisen, sechzigjährigen Wärterin, dem »Riekchen
Schellenbaum« all unserer Nachbarfamilien mit einem stummen Wink; dann nahm er
mich am Arm und führte mich aus der Kammer fort und bot mir eine Zigarre an. Er
zündete eine an, und so lehnten wir wieder in dem kleinen Garten an der letzten
grünen Hecke unserer Jugendzeit. Ich fröstelnd in dem kalten Mauerschatten von
meiner Eltern Anwesen her, und ohne zu wissen, was ich ihm sagen sollte. So
sprach denn auch ich, wie unbewusst, und nicht zu ihm, sondern für mich den
furchtbaren Rat:
Sei gefühllos!
Ein leichtbewegtes Herz
Ist ein elend Gut
Auf der wankenden Erde.
»Der schickte seine Vulpius nach Frankfurt am Main, um den Hausrat seiner Mutter
zu versteigern; aber der Tor hatte selbst sich schon längst einen neuen
gesammelt und sammelte weiter daran, um ihn Erben zu hinterlassen, denen er
schwer auflag. Ja, so seid ihr, Karl Krumhardt! Du hast es ebenfalls recht
behaglich in deinen sicheren vier Wänden und doch aus dem alten verschwundenen
Neste, weiland hier zur Linken, manches mit in das neue Haus hinübergenommen,
was Kindern und Kindeskindern dereinst schwer aufliegen wird.«
    Nun wendete er sich von der lebendigen, staubigen, gemeinen Vorstadtgasse ab
und gegen sein Elternhaus, sagte jedoch weiter nichts: ich aber habe oft, oft an
seinen Blick und die begleitende Bewegung mit der lahmen Linken damals denken
müssen, und jedesmal waren dann meine vier sicheren Wände drohend, beängstigend
auf mich eingerückt, es war mir bänglich und astmatisch zumute geworden, ich
traute auch dem zierlichen Stuck des Plafonds nicht: ja, ich fühlte mich dann
jedesmal recht unbehaglich in meinen vier Pfählen und im Erdenleben überhaupt.
Er hatte recht gehabt, der Freund. Am späteren Abend war das Todesatmen
eingetreten, und gegen vier Uhr morgens hatte sich auch »diese liebe Bild
verflüchtigt«. Wer kann ein Lächeln, den Klang einer Stimme, das Neigen einer
Stirn, die Bewegung, den Druck und die Wärme einer Hand in den - Akten
festalten?
    Als ich gegen neun Uhr zu Velten kam, fand ich ihn ruhig bereits mit den
nötigen Vorbereitungen und Formalitäten zur Beerdigung beschäftigt. Ich wollte
ihn, auch im Auftrage meiner Frau, aus seinem leeren Hause mit in unsere
Gastzimmer nehmen, aber er wollte nicht. Lächelnd wies er die dringende,
wiederholte Bitte ab.
    »Ich bin euch dankbar, Kinder«, sagte er, »und könnte wohl auch kommen, wenn
die Kleine jetzt nicht ihren Buben hätte. Soll ich eine kartagische Mutter aus
ihr machen, die ihr Wurm dem Moloch opfert? Ich glaube, sie sähe es in meinen
Armen ebensogern wie in denen des feurigen Götzen. Sie hat mich nach braver
Frauenart zu gut kennengelernt im Laufe der letzten Zeit, und ich müsste doch
wohl einmal mich über eure Wiege beugen und dem Jungen den Finger hinhalten, dass
er sich die Schneidezähne dran herausnage. Weisst du, Karl, wir wollen der Guten
solches Schwanken zwischen Freundschaft und Misstrauen, zwischen Neigung und
Abneigung ersparen. Und übrigens ist auch - die da nebenan in ihrem stillen
Frieden mir immer auch noch Gesellschaft und zu Rat und Trost da. Wir danken
euch bestens, alter Freund; aber lasst uns nur unsere letzten Zwiegespräche in
diesen Tagen allein miteinander halten. Wir haben noch einiges miteinander
abzumachen, wobei selbst die freundlichst und freundschaftlichst gesinnten
Dritten nur störend wirken können.«
    Dagegen war nichts zu sagen, aber ein Achselzucken eigentlich auch nicht
recht angebracht. Ich sah also den Freund nur am Begräbnistage wieder.
    Wir gaben auch der Frau Doktorin Amalie Andres die letzte Ehre - diesmal ein
kleines Geleit, doch um das Grab eine gar ehrenvolle Korona: die ältesten und
älteren Leute (meistens geringen Standes) aus dem Vogelsang, die noch die ganze
Nachbarschaft, wie sie da jetzt unter ihren Hügeln schlief, im Leben gekannt
hatten. Und manche kamen mehr oder weniger scheu heran und gaben Velten und mir
die Hand und sagten: »Das war eine liebe Frau, die Frau Mutter, und erst der
Herr Vater, der Herr Doktor, Herr Velten! Bei uns Alten behalten sie ihr
Andenken, wie sie jetzt da so beieinander liegen nach Gottes Willen, und nun
nehmen Sie es sich nur nicht zuviel zu Herzen, Herr Velten, Herr Andres!«
    Kinder spielten jetzt nicht mehr an Mondscheinabenden auf dem Friedhofe des
Vogelsangs. Es war eine hohe, solide Mauer um ihn gezogen worden, ein schweres,
eisernes Gittertor sperrte ihn ab, und eine strenge Kirchhofsordnung regelte den
Besuch. Und -
-vor dem Tor lag eine Sphinx,
Ein Zwitter von Schrecken und Lüsten,
Der Leib und die Tatzen wie ein Löw'.
Ein Weib an Haupt und Brüsten.
Der Morgen nebelig und grau und regendrohend - der erste Herbsttag des Jahres;
werde ich je einen Leser haben, kann ich ihn auf eine Seite zu Anfang dieses
Aktenkonvoluts verweisen, wo die Sphinx auch auf dem Kirchhofe des Vogelsangs,
nur vor dem mondbeglänzten romantischen Zauberschloss des Daseins lag, nicht vor
dem Leben selbst, vor Bet-Chaim, dem »Hause des Lebens«.
    »Der Jude oder semitische Hellene hat von seinem Recht als Poet Gebrauch
gemacht, als er, wie wir anderen Prosaiker auch, die löwentatzige Belle aux
énigmes vor die falsche Tür als Hüterin und Rätselaufgeberin legte«, sagte
Velten, als wir auf dem Heimwege vom Kirchhofe auf jene unsere Kinderspiel- und
Mondscheinabende kamen.
    Als ich ihn dann noch einmal aufforderte und dringender bat, wenigstens
jetzt meine Gastfreundschaft anzunehmen, erwiderte er:
    »Ich bin da wirklich nichts nutz. Man nimmt zu leicht Leute, ohne es zu
wollen, auf Wege mit, wo sie nicht hingehören; und du hast einen grossen und
angenehmen Verkehr, den ich nicht gern stören möchte. Aber, lieber Alter, du
selber wirst mich nie stören: weisst du, komm du zu mir! Auch ich glaube
demnächst für die beste Gesellschaft und angenehmste Unterhaltung sorgen zu
können.« -
    Er blieb also in seinem Häuschen, und als ich ihn natürlich schon am
folgenden Tage wieder dort aufsuchte und nach seinen Plänen für die weitere
Zukunft fragte, meinte er lächelnd:
    »Die ist gesichert. Beruhige dich und alle, die Interesse daran nehmen, in
dieser Hinsicht völlig. Grade nicht hier am Ort, doch habe ich grade am Ort hier
die schönste Gelegenheit, sie noch sicherer zu stellen, ich erwarte nur noch das
erste Ofenfeuer dazu.«
    »Das erste Ofenfeuer?«
    »Mir ist niemals ein Winter zu meinem Fortkommen im Leben mehr zupass
gekommen als wie der diesjährige. Jawohl, demnächst heizen wir, Krumhardt.« -
    Ja, und er ist so gut wie sein Wort gewesen. Als das Wetterglas seines
Vaters nach Réaumur unter zwölf Grad in der Wohnstube seiner Eltern sank, fing
er an zu heizen, und zwar mit seinem Erbteil an und vom Vogelsang. Er heizte mit
seinem Hausrat.
    Es war Riekchen Schellenbaum, die am Tage nach dem ersten Ofenfeuer nicht zu
mir, sondern zu meiner Frau mit der Nachricht kam:
    »Mit der seligen Frau Doktern ihrem Nähtisch hat er angefangen. Ich bin fast
des Todes geworden, als er ihn im Hof entzweischlug und mich mit den Beinen
Feuer anmachen liess. Mit den Schubladen und allem, was drin war, hat er selbst
weiter geheizt! Der arme Herr! Oh, wenn doch der Herr Assessor mal kommen würde
und nach ihm sehen! Heute morgen hat er des seligen Herrn Vaters Schreibtisch
von der Wand abgerückt, und ich bin auch nur in der Stadt, weil er mich um eine
Säge hineingeschickt hat.«
    »Du weisst, wie ich ihm entgegengekommen bin, Karl!« rief meine Frau. »Ich
habe ganz gewiss mein möglichstes getan, um ihn deinetwegen gern zu haben: aber
hat mich nun mein innerlichstes Gefühl getäuscht? Jetzt magst du sagen, was du
willst, ich sage: grosser Gott, wie kann nur ein Mensch so sein wie dieser, dein
Freund? Und dem hast du dein Kind, meinen armen Jungen, am Altar in die Arme
gehen wollen! O Gott, wie kann ein Mensch, ich meine, Gott sei Dank, nicht dich,
so ohne alles Gefühl sein?«
    »Es ist ein unbezahlbarer Mensch«, meinte Schlappe, der dazukam, lachend,
»Ob er je zu irgendeiner Zeit seines Lebens recht bei Troste gewesen ist, weiss
ich nicht; aber sage mal, Schwager, würde es unter diesen neuen Schnurren nicht
doch zu deiner Freundespflicht werden, ihn unter Kuratel stellen zu lassen? Eure
Familie hat ja wohl schon seit Generationen das Onus, das Haus Andres zu
bevormündeln?«
    Ich war den Tag über wirklich nicht in meiner Schreibstube zu entbehren und
hatte mich durch vielfachen und vielfarbigen Menschenverdruss und viel
Menschenangst und Elend durchzuarbeiten, aber ich wurde ihn nicht aus dem Sinne
los, ja um desto weniger aus dem Sinne los, je mehr sich mir des Menschentums
Anhängsel aufdrängten. Es waren meistens wieder nur Eigentumsfragen, zu denen
auch ich mein lösendes Wort geben sollte, und das Gezerr und Gebelfer, der Grimm
und Hohn, mehr oder weniger unter der Maske des dem Menschen »eingeborenen«
Gerechtigkeitssinnes zutage blühend. Und dann war es doch wieder ein anderer
Übergang aus meinem ruhigen, behaglichen Heim, von dem Kamin, wo mein Weib mit
ihrem Kindchen an der Brust auf niedrigem Schemel leise ihr Wiegenlied sang, zu
dem Ofen im Vogelsang, vor dem der wunderliche Freund sich frei machte - nicht
von den Sachen, sondern von dem, was in der Menschen Seele sich den Sachen
anhängt und sie schwer und leicht, kurz, zu dem macht, was wir anderen im Leben
ein Glück oder ein Unglück zu nennen pflegen.
    Ich konnte ihm bei meinem Eintritt weiter nichts sagen als:
    »Es ist unheimlich warm bei dir, Velten!«
    »Gemütlich! ... Deutsch-gemütlich, was? Ihr habt ja den Ausdruck, macht
Anspruch drauf, ihn in der Welt allein zu haben, also bleib auch du ganz ruhig
bei ihm, Krumhardt.«
    »Lass uns nach Möglichkeit vernünftig sprechen, Andres -«
    »Ich habe die Jungfer Schellenbaum heute morgen um eine Säge in die Stadt
geschickt: sie wird selbstverständlich bei euch gewesen sein, mit den Händen
über dem Kopfe und sämtlichen Geisteskräften in Unordnung: Bringst du das
Entmündigungsdokument für mich schon mit, mein Karlos?«
    »Wir wissen wenigstens in unserm Alltage schon Bescheid über das, was du
hier begonnen hast und wirklich weiter zu treiben scheinst; aber du könntest in
unserer Alltagswelt doch einen Unterschied zwischen mir und den übrigen machen.
Velten, was soll dies sein?«
    »Ein äusserliches Aufräumen zu dem innerlichen, liebster Freund! Ein
leichtbewegtes Herz und so weiter - wozu nützen uns die weisesten Aussprüche
grosser Lehrer, wenn man ihnen nichts weiter entnimmt als eine Stimmung für den
Augenblick? Ein Hinweis drauf, dass der Meister selber keinen Gebrauch von seinem
Diktum gemacht habe, verschlägt nichts. Hat er sein leichtbewegtes Herz durch
seine achtzig Jahre mit sich geschleppt, so ist das seine Sache gewesen und hat
auch vielleicht zum Vorteil der Literaturgeschichte - um sie interessanter zu
machen - so sein müssen. Soll deshalb kein anderer die Fäden abschneiden dürfen,
die ihn mit dem Erdenballast verknüpfen? Ja, ich heize in diesem Winter mit
meinem hiesigen Eigentum an der wohlgegründeten Erde, mit meinen Habseligkeiten
aus dem Vogelsang.« Er sprach das Wort »Hab-Seligkeiten« in einer Weise aus, die
man im Werkeltagsverkehr nicht zu hören bekommt.
    Ja, er heizte durch den seltsamen Winter mit alledem, wovon sich andere
Leute nur sehr schwer, und wenn es gar nicht anders geht, und manchmal nur mit
Tränen in den Augen trennen. Und er trieb das Ding äusserst systematisch und
hatte dabei an mir einen Zuschauer und Teilnehmer, der nur durch seine Ruhe
abgehalten wurde, mit einem: »Aber Velten, auch das?« mit beiden Händen
dreinzugreifen und dem Autodafé Einhalt zu tun.
    Ich wehrte mich vergebens gegen das Interesse, das ich von Tag zu Tage mehr
an dem seltsamen Zerstörungswerk nahm. Meinem Weibe gegenüber den abscheulichen,
den »unsinnigen Menschen« noch zu rechtfertigen, hatte ich bald aufgegeben, aber
bald auch wär's nötig geworden, dass ich mich nur noch verstohlen vom Hause nach
dem Vogelsang weggeschlichen hätte.
    »Karl, Karl«, jammerte meine arme, gute Kleine, »o Karl, bitte, bitte, werde
mir nicht so wie der! Bitte, denke immer an uns, an das Herze da in der Wiege
und auch ein bisschen an mich, wenn du deinen Freund nicht lassen willst, nicht
lassen kannst! Er hat ja freilich keine Familie wie du; aber ich habe doch noch
erst die letzte Nacht geträumt, auch du habest mich mit unserm Jungen - ich
meine unsere letzte Photographie - verbrannt wie er die Bilder seiner Eltern und
seiner als ganz kleines Kind gestorbenen Schwester! O bitte, da nimm uns, Ferdi
und mich, doch lieber jetzt gleich mit und schieb uns in euren Ofen in deinem
Vogelsang!«
    Worin lag nun der Zauber, der mich selbst solche herzzerreissenden Klagelaute
überhören liess, mich gegen das einstimmende Winseln meines Erstgeborenen taub
machte und mich jeden Tag nach der alten Heimstätte trieb, die jetzt zu einer
Stätte der Vernichtung geworden war?
    Wahrlich nicht ein unbewegliches, unbewegtes Herz, sondern ganz das
Gegenteil!
    Wohl selten ist je einem Menschen die Gelegenheit geboten worden, seine
»besten Jahre« in die unruhvolle Gegenwart so zurückzurufen wie mir in Velten
Andres' Krematorium. Wie wir im Vogelsang in der Nachbarschaft trotz allem doch
wie eine Familie gelebt hatten, das erfuhr ich nun noch einmal im reichsten Masse
und konnte meine Lebensakten in wünschenswertester Weise dadurch
vervollständigen. Der Wanderer auf der wankenden Erde schob aus seinem Hausrat
kaum ein Stück in den Ofen oder auch auf den Küchenherd, an dem nicht auch für
mich eine Erinnerung hing und mit ihm in Flammen aufging und zu Asche wurde. Vom
Keller bis zum Dache war in dem Häuschen kein Nagel eingeschlagen, an welchem
nicht auch für mich etwas aus den Tagen hing, wo wir die Rätselaufgeberin vor
dem Tore des Lebens eben nur dem Haupt und den Brüsten nach kannten und noch
nicht den Tatzen nach.
    Es war ein Zurück- und Wiederdurchleben vergangener Tage sondergleichen. Die
Woche, in der wir uns mit der Entleerung der Boden-Rumpelkammer des Hauses
beschäftigten, vergesse ich in meinem ganzen Leben nicht, und ich schreibe nicht
ohne Grund: wir! Was wühlten wir da alles auf aus dem Familienplunder der »Frau
Doktern«? Sie hatte sich von nichts trennen können, was je dem Gatten und dem
Sohn lieb gewesen und überdrüssig geworden war. Sie hatte es ihnen aus den Augen
gerückt und sich selber, sozusagen, ein Herzensmuseum draus gemacht. Wie wog der
Sohn des Vaters Ziegenhainer in der Hand, wie holte er aus einem Kasten mit
allerhand abgängigen chirurgischen Instrumenten seine Cerevismütze hervor und
drehte sie in den Händen! Wie kam mir mit dem Schaukelpferd, das ich unter dem
Dachwinkel hervorzog, jener Weihnachtsabend zurück, an welchem wir es zuerst
ritten und Velten meinte: »Ich hatte mir ein Tier mit Rädern und wirklichem Fell
auf den Wunschzettel geschrieben; aber sage nur nichts davon.« Er hat es damals
auch bald mir allein überlassen, es war nichts für ihn; ich aber hätte ihn auch
nun noch gern gefragt: »Auch das in den Ofen?« und ihn gebeten: »Lass es mir für
meinen Jungen!«
    Es wäre eine psychologisch-philosophische Abhandlung darüber zu schreiben,
weshalb ich weder die Frage noch die Bitte tat, sondern selbst es mir auf die
Schulter lud und es ihm die Treppe hinunter zum Küchenherd trug. Ja - er hatte
mich auch jetzt wieder unter sich, es war von meiner Besitzfreudigkeit aus keine
Abwehr gegen seine Eigentumsmüdigkeit: ich habe ihm geholfen, sein Haus zu
leeren und sich frei zu machen von seinem Besitz auf Erden! -
    Aber es liess sich nicht alles verbrennen, woran für diesen grimmigen,
ruhebedürftigen, unstet gewordenen Gast im Leben, wie wir Juristen uns
ausdrücken, ein pretium affectionis haftete. Metall, Glas und Porzellan brannten
nicht, und doch wollte er auf seinen ferneren Wegen sich nicht mit der
Vorstellung plagen, wer jetzt die Feder in seines Vaters Tintenfass tauche und
aus seiner Mutter Mundtasse trinke und auf welcher Kommode, im Trödel erhandelt,
die Bronzeuhr stehe, auf die man nie rechnen konnte, wenn man einmal im Hause
Andres die richtige Tageszeit zu wissen wünschte, und die doch mit ihrem
zirpenden Glockenschlag so viele gute Stunden ein- und ausgeläutet hatte. Wir
kamen auch hierüber weg. Zerstören ist leichter als aufbauen: ein altes wahres
Wort, das mein armer Freund seinerseits ebenfalls so in die Praxis übersetzte,
dass, wenn ich zu Weib und Kind heimgekommen war, meine Frau mitten in der Nacht
oder gegen Morgen sich auf dem Ellbogen aufrichtete, mir über die Stirn strich
und rief:
    »Mann, nun schläfst du ja wieder nicht! Grosser Gott, ist er denn nicht bald
fertig? Ich halte dies nicht länger aus und du auch nicht!«
    »Beruhige dich, mein Kind -«
    »Wie kann ich mich beruhigen, wenn solch ein Unhold dich mir unter den
Händen austauscht und allmählich zu einem andern macht? Oder ist das etwa nicht
so? Glaubst du, ich merkte es nicht, wie dir jetzt von Tag zu Tag mehr so
manches überdrüssig, einerlei und zur Last wird, was doch zum Leben gehört? Oh,
mein bester Karl, wenn wir, Ferdi und ich, dir auf einmal zur Last würden wie
deinem entsetzlichen Freunde sein Hausrat und sein Haus in eurem unheimlichen,
schrecklichen Vogelsang!«
    Nachher wurde es mir in dieser Nacht doch wieder etwas zweifelhaft, ob ein
leichtbewegtes Herz ein elend Gut auf der wankenden Erde sei und der Freund im
Rechte, sich davon frei zu machen.
Dass er sich wie Herostrat für das Panteon der Weltgeschichte vorbereite,
behaupteten gegen das Ende des damaligen Winters nur die alten guten
geistreichen Bekannten vom Schlage Schwager Schlappe und Genossen und hatten
ihren souveränen Spass daran. Die Mehrzahl des Teiles der Stadtbevölkerung, der
von ihm wusste, blieb dabei, er sei einfach für das Landesirrenhaus reif: und
doch schlug die Stimmung mehr und mehr für ihn um. Und daran war dann wie
gewöhnlich eine Minderzahl schuld, die meistens ihre Meinung nur so beiläufig
über ihn aussprach, der er aber doch sehr im Kopfe herumgegangen sein musste und
auf deren Wort manche, ja viele etwas gaben. Als mir ein hoher Chef sagte: »Ein
drolliger Patron; aber unter Umständen eigentlich zu beneiden und
nachahmenswert!«, wusste ich, dass nicht nur völlige Billigung, sondern auch der
Neid aus ihm redete und jedenfalls längere nachdenkliche Beschäftigung mit
diesem Menschen, der »die tebaische Wüste in den Vogelsang übertragen zu wollen
schien«. Letzteres Wort stammt jedoch nicht aus den juristischen Kreisen der
Residenz, sondern aus den teologischen. Der augenblickliche junge
Lieblingsprediger der Stadt (unverheiratet) sprach es. -
    Zu Anfang März war alles vernichtet, woran für ihn und so sehr oft auch für
mich eine Erinnerung gehaftet hatte und was er nicht in anderer Leute Händen
oder Besitz, sei es zu Nutzen oder Vergnügen, wissen wollte. An den Wänden
deuteten auf abgeblassten Tapeten dunklere Flecke an, wo Bilder gehangen hatten.
Was die Bücherschränke und Regale anbetraf, so konnte es darin und darauf nicht
öder aussehen als in eines andern, berühmteren Phantasiemenschen
Studierstübchen, nachdem der Pfaffe, der Barbier, die Haushälterin und die
Nichte dort Kehraus gemacht hatten. Der späte Enkel sehe sich in seinen eigenen
vier Wänden um, denke sich alles fort, was in irgendeiner Weise was zu sagen,
was vertraute und vertrauliche Form und Farbe für ihn hat, und erlasse es mir,
von diesem Aufräumen malerisch weiterzuschreiben. Hat ihn sein Eigentum an und
auf der Erde auch schon einmal in der rechten Art beängstet, so wird er auch
wohl die richtige Art und Weise, den Kopf zu schütteln, herausfinden. Überhebung
von gesichertem Besitz her und dürftiger Scherz aus momentanem Behagen wird kaum
etwas damit zu tun haben. Aber er selber, Velten Andres, liess dem Omniaexeunt
seiner Vogelsang Tragödie sowohl nach griechischem wie nach englischem Muster
noch ein Satyrspiel folgen, das ihn aber diesmal beinahe - nicht mit der
Sanitätsbehörde, sondern wirklich mit der Polizei in Konflikt gebracht hätte.
    Er lud den Vogelsang wie zur Plünderung eines abgerupften Weihnachtsbaums in
sein Haus ein.
    Er gab den noch vorhandenen alten guten Bekannten der Nachbarschaft alles
das preis, was ohne eine Bedeutung für ihn war, und erregte dadurch natürlich
einen Zusammenlauf, der für einige Stunden den Verkehr in der Gasse beinahe
völlig unterbrach.
    Eingeladen hatte er mich nicht zu diesem letzten Kehraus; aber ich kam dazu,
und zwar mit meiner Frau am Arm, von einem Nachmittagsspaziergang über den
Osterberg.
    »Was ist denn das da vor deines Freundes Hause, Mann?«
    Sie hatte die ersten Anemonen und Leberblümchen da oben im Walde gefunden
und gepflückt und drückte sich mit dem Frühlingsstrauss ängstlich an mich an:
    »Siehst du's, da hat er es! Sie stürmen ihm das Haus! Was hat er nun wieder
Neues - Schändliches angefangen - dein - Freund?«
    Es sah in der Tat bedrohlich aus; und wir hatten Mühe, durch den
menschenvollen Garten zu der Haustür zu gelangen, die er aus den Angeln hatte
heben lassen und mit welcher auf der Schulter ein alter Holzknecht weiland
Nachbar Hartlebens durch das Gewühl das Freie zu erreichen suchte. Nun fand es
sich aber, dass es doch im ganzen lauter gute alte Bekannte und Freunde waren,
die er sich aus den »letzten Gassen« und von den Zäunen des Vogelsangs mit dem
Wort: »Seht zu, Kinder, was ihr von dem Kram gebrauchen könnt!« eingeladen hatte
wie der König im Evangelium das Volk zu seinem Festmahl. Sie machten auch gern
Platz, soviel es ihnen möglich war, und zogen die Mützen, und einigen, denen ich
zu hoch gestiegen war, als dass sie mir die Hand hätten reichen können, musste ich
sie hinhalten: »Na, alter Freund, das geht hier lustig zu!«
    »Ja, sagen Sie mal, Herr Assessor! So was hat der Vogelsang gewiss noch nicht
erlebt. Zu so was gehörte einzig und allein unsere selige Frau Doktern und unser
Herr Velten, der Herr Sohn!«...
    Es ging freilich nicht bloss gierig, sondern auch lustig zu. Aus dem
benachbarten Tivoligarten hatte das Getümmel nicht nur die Kellner und
Kellnerinnen, sondern auch fast das gesamte Personal des eben dort vorhandenen
»Téâtre-Variété« hergezogen, um sich »den Spass anzusehen«. Miss Atleta, die
stärkste Dame der Welt, und Signor Volcano, der Feuermensch, die »grösste
Sensationsnummer der Gegenwart«, John Arden, der Weltmeisterschaft-Springer, und
die drei Schwestern Larsen, die internationalen Exzentrik-Sängerinnen, Fräulein
Miranda, die Piston-Virtuosin, und Herr German Fell, von der Antropologie
genannt »das gefundene Mittelglied«, der unübertrefflichste Affendarsteller
beider Hemisphären: sie waren alle wie von Velten Andres zu seinem Kehraus
gerufen und traten mit den Geladenen aus dem alten Vogelsang die letzten
Buchsbaumeinfassungen der »Rabatten« der Frau Doktern nieder und schienen von
der neuzugezogenen, kopfschüttelnden Nachbarschaft und der verblüfften Polizei
allein für die Sache das volle Verständnis mitgebracht zu haben.
    Und Velten schien das auch zu wissen und behandelte sie als hochwillkommene
Ehrengäste. Im Sturm der Plünderung behielt er Zeit für einen Händedruck mit dem
von der Wissenschaft so lange und schmerzlich vermissten und endlich gefundenen
Antropomorphen mit nicht hervorstehendem Eckzahn wie für einen Händedruck mit
Miss Atleta, bei dem er aber schmerzzuckend das linke Bein hochzog und die Luft
zischend zwischen seinen auf die Unterlippe gesetzten Zähnen durchblies.
    Nimmer war mein Honoratiorentöchterlein, mein Weib, Schlappes Schwester, in
so ausbündig zweifelhafte Gesellschaft geraten wie jetzt und hier. Immer
ängstlicher drängte sich die liebe kleine Hand mit dem Schneeglöckchenstrauss vom
Osterberg mir an, je weiter wir gegen die jetzt türlose Hauspforte vordrangen.
    »O Gott, Mann!« flüsterte sie, als aus der Mitte der ihn lachend vertraulich
umdrängenden Sisters Larsen, der drei internationalen Exzentrik-Sängerinnen, der
Freund auch ihr lächelnd die Hand entgegenstreckte:
    »Aber, gnädige Frau, wie freundlich von Ihnen! Doch weshalb so spät?«
    »Der greuliche Mensch! Dachte er etwa auch, ich sollte ihm bei seinem
letzten menschenfeindlichen Aufräumen helfen?« sagte meine arme Kleine auf dem
Heimwege und nachher, trotz allem, noch öfter, wenn die Rede auf ihn kam.
Augenblicklich stammelte sie nur:
    »Wir kamen zufällig über den Osterberg, Herr Andres, und hier durch den
Vogelsang.«
    »O und wie Sie mir recht kommen, Frau Assessorn, gnädige Frau«, ächzte
hinter uns eine halb durch Tränen, halb durch Lachen erstickte Weiberstimme.
Eine harte, abgearbeitete Weiberfaust beförderte die grösste Sensationsnummer der
Gegenwart den Feuermenschen Volcano aus dem Wege packte dann mich am Oberarm,
schob uns, mein Weib und mich, gegen die Haustür der Frau Doktor Velten vor, und
dann - auf den Sohn der besten Frau des Vogelsangs mit zitterndem Zeigefinger
deutend, kreischte Riekchen Schellenbaum:
    »Ja, Karl - Herr Assessor, wollte ich sagen; die ganze Stadt sollte man
hierzu zusammenrufen! Ja, die Herrschaften kommen zur richtigen Stunde, um ihm,
dem Herrn da, zu sagen, dass dies eine Sünde und Schande ist! Hier, der Frau
Assessorin, Herr Velten, habe ich mein Elend ja wohl schon seit Monaten des
Abends klagen dürfen; aber heute reicht das nicht mehr aus. Hier vor allen
Leuten muss ich es ausrufen und ausschreien, was ich ausstehe und ausgestanden
habe. Bin ich schon im Irrenhause, oder soll ich erst herein? O Gott, Herr
Velten, wenn mich doch die selige Frau Mutter mit hinunter in ihr ruhiges Grab
genommen hätte - zehntausendmal wäre mir das lieber gewesen, als wie dass ich
diesen Winter durch das liebe Ihrige selber mit in meiner Schürze habe in den
Ofen und auf den Küchenherd tragen müssen! Lieber Herr Assessor,
Herzenskarlchen, ich habe ja auch zu Ihnen gehört und Sie auf den Armen
getragen, und auch bei Ihren lieben Eltern bin ich ein und aus gegangen in guten
Tagen und habe zugegriffen in bösen - Sie können es mir bezeugen, dass ich mich
habe zusammennehmen können und ihm nicht die guten, lieben Sachen vor die Füsse
geschmissen habe und nicht die Schürze über den Kopf geschlagen habe und ihm
nicht wie eine Verrückte aus dem Hause gelaufen bin! Nun gucke einer, wie mich
das schwarze Mohrengesicht hier aus dem Tivoli angrinst! Nicht wahr, Herr
Assessor, da von Spukmeiers seligem Grasgarten her und hier, wo ich auf Ihres
Herrn Vaters Grundstücke als junges Kindsmädchen auch ihm das Laufen gelehrt
habe, ihm, der sich jetzt diese Gesellschaft hergebeten hat, um sich mit
anzusehen, wie er sein Vater- und Mutterhaus zu einer Brandstatt und Räuberhöhle
macht. Da holt sich die lahme Brandten ihr ungesegnet Teil am Eigentum mit dem
Waschfass, in dem ich ihm seiner seligen Mutter Hemden gewaschen habe! Vor meinen
Augen, als ob ich allein zu gar nichts gehörte und ich kein Herz im Leib hätte,
was sich vor Wehmut und Gift umwenden könnte! Als ob ich allein in diesem Juchhe
an meinen Tränen versticken müsste! Gehen Sie mal weg, Mamsell Luftspringersche -
da schleppt sich, wahrhaftigen Gottes, die Bande aus dem Hungerwinkel mit meinem
- mit der seligen Frau Doktern Küchenschrank, als wenn ich nicht jetzt noch den
Schlüssel dazu in der Tasche hätte! Nach dem soll mir aber wer kommen! Die guten
Sachen! Und als ob man selber gar nicht vierzig Jahre lang damit hantiert hätte
und sie kennte! - Alles wie vor die Hunde. Wer die besten Zähne hat, zuerst
damit dran! - Oh, die Ruppsäcke! Wie beim Jüngsten Gericht! Jawohl, am
Jüngsten-Gerichts-Tage, Herr Andres, da wird auch noch die Frau Mutter gegen Sie
auferstehen und Ihnen sagen, dass dieses hier wirklich nicht in der Ordnung ist
und nach Menschenordnung zugeht, nicht wahr, Herr Assessor, nicht wahr, Frau
Assessern?«
    Sie stand ihm jetzt dicht, Nase gegen Nase, gegenüber, dem Liebling des
Vogelsangs, den sie voreinst auf den Armen getragen, dessen Mutter sie zu Tode
gewartet hatte und der ihr nun solches antat. Giftig bohrten ihre Augen in seine
ruhigen, freundlichen. Die Fäuste zitterten und zuckten ihr, wie vor dem
Zuschlagen -
    »Das ist nun leider so, Riekchen«, lächelte der Unmensch, »den Küchenschrank
hat die Familie Steinbeiss aus dem Hungerwinkel, aber den Schlüssel hast du. Die
Haustür hat auch schon einen Liebhaber gefunden: aber den Schlüssel dazu habe
ich
    noch - es ist mein letztes von meinem Besitztum im Vogelsang. Willst du
ihn?«
    Er hob ihn in die Höhe, wie wenn man einem Kinde oder einem Hunde etwas
Begehrenswertes zeigt: meine Frau klammerte sich immer fester an mich an und
flüsterte: »Es ist scheusslich!«, aber die alte, treue Dienerin des Hauses
Andres, erst mit beiden Armen weit um sich greifend, wie nach etwas im Leeren
Vergangenem, reckte die dürre Faust auf und kreischte:
    »Jawohl, zum Zeugnis von der Welt Dank und Lohn! Und zum Andenken an den
Herrn Vater und die Frau Mutter, und mögen sie sich nicht in ihren Gräbern
umwenden wegen Ihnen, Herr Velten, und das ist mein letzter Wunsch und Abschied,
Herr Andres.«
    Er legte den Schlüssel zu seinem leeren oder ausgeleerten Vaterhaus nun dem
vor Gift und Galle zitternden alten Mädchen in die Hand, die ihn bei seinen
ersten Schritten auf der Erde mit gehalten und ihm geholfen hatte, seine Mutter
auf dem Totenbett für den Sarg zurechtzulegen. Die Schellenbaumen aber griff ihn
und fuhr mit ihm ab, und zwar mit einem Laut wie ein verwundetes Tier, und der
Vogelsang lachte ihr nach und das Téâtre-Variété aus dem Tivoli gleichfalls,
als ob dieser »spasshafte und kuriose Herr« jetzt seinen besten Witz zu seiner
»Generosität« als Zugabe gegeben habe.
    »Herrschaften, ein Schuft, wer mehr gibt, als er hat!« rief jetzt aber er,
sich auf seiner Haustürtreppe hoch aufrichtend und seinen Festgästen freundlich,
aber fest die Tür in der Gartenhecke weisend. Und es ward leer um ihn, wie es in
seinem Hause geworden war. Aus dem war freilich nicht das geringste mehr zu
holen. Die letzten Nachzügler aus der alten Freundschaft des Vogelsangs waren
schon belastet mit Sparren, Bohlen und Brettern, die auf den völligen Abbruch
hindeuteten, an uns vorbeigeschlüpft; aber auch von ihnen hatten einige doch
scheu, verlegen und wie verdutzt ob der Sache noch eine freie Hand hingehalten
und gesagt: »Wir bedanken uns auch recht schön, Herr Andres.«
    Auch das Téâtre-Variété hatte genug von dem Spass und sich empfohlen. Alle
sehr heiter bis auf den Affenmenschen. Der schien mit einem Male auf allen ihm
von der Wissenschaft und den Herren Darwin, Haeckel, Virchow, Waldeier und so
weiter auferlegten Wert verzichten zu wollen. Dieser Künstler zögerte noch einen
Augenblick, verlegen, schüchtern, als ob er noch etwas zu sagen habe, aber nicht
recht damit aus sich heraus könne. Plötzlich jedoch fiel der »Tierheit dumpfe
Schranke« unter Gesten und Mimik, die den homo sapiens als Publikum zu hellem
Jauchzen hätten bringen können; er stieg, sozusagen, aus dem Pavian oder Gorilla
heraus, die geschmeidigen Muskeln steiften sich und - »Menschheit trat auf die
entwölkte Stirn«: Herr German Fell aber trat auf Velten Andres mit einer
Hölzernheit zu, die ihn in der Meinung verschiedener älterer Herren aus meiner
Kanzleiverwandtschaft sehr gehoben haben würde, bot ihm die Hand und sagte:
    »Mein Herr, Sie haben mir während der letzten Monate dann und wann nebenan
die Ehre gegeben; Sie verzeihen also, wenn ich mir heute hier bei Ihnen das
Vergnügen gemacht habe. Bei so kurzer und vager Bekanntschaft würde es - suchen
Sie das bessere Wort -, würde es unangebracht sein, wenn ich um Ihre
Freundschaft bitten wollte; Sie werden mich jedoch auch nicht verachten, weil
ich dann und wann etwas mehr als andere Affe bin. In gedrückten Mussestunden
pflege ich mich jedenfalls immer noch wie andere von uns Primaten mit
transzendentaler Menschenkunde zu beschäftigen; ich habe ebenfalls einige
Semester in Wittenberg studiert, ehe ich zu den Antropoiden ging. Mein Herr,
Ihr Ruf ist während der letzten Wochen auch zu uns und also auch zu mir
gedrungen; ich habe dann und wann mit Interesse ein Stündchen mit vor Ihrem Ofen
gesessen. Siehe da, habe ich mir gesagt, auch einmal wieder einer, der aus
seiner Haut steigt, während die übrigen nur daraus fahren möchten! Mein Herr,
ich wünsche einen recht guten Abend, und nicht bloss für den heutigen Tag.«
    »Mein Herr«, rief aber jetzt Velten Andres, der seinen unheimlichen
Wandnachbar aus dem Téâtre-Variété mit immer steigendem Erstaunen hatte reden
lassen, »mein Herr, nun bitte ich doch, mir genauer zu sagen, mit wem ich
eigentlich die Ehre habe -«
    »Mit einem vom nächsten Ast, mein Herr. Vom nächsten Ast im Baum Yggdrasil.
Man kann sich auf mehr als eine Art und Weise dran und drin verklettern, mein
Herr. Mit unseren Personalbezüglichkeiten dürfen wir uns wohl gegenseitig
verschonen. Auf bürgerlich festen Boden hilft wohl keiner dem anderen wieder
hinunter; aber reichen wir uns wenigstens die Hände von Zweig zu Zweig. Mein
Herr, ich danke Ihnen.«
    Wofür er dankte, sagte er weiter nicht. Meine Frau hat es nie begriffen, ich
aber habe mir auch nicht die vergebliche Mühe gegeben, es ihr begreiflich zu
machen. Sonderbarerweise reichte auch unser Freund Velten seine Hand nur wie
mechanisch und ohne eigentlich genaues Verständnis der Sache her. Herr German
Fell drückte sie ihm, liess sie fallen, sah dem verkletterten Nachbar in der
Weltesche mit dem ganzen melancholischen Schimpanseernst in das verdutzte
Gesicht, schurrte, sozusagen, ganz und gar wieder in seine Kunst, das Leben zu
überwinden, hinab und folgte, runden Rückens, so sehr als möglich Vierhänder,
den Téâtre-Variété-Genossen, die den halben Winter durch im Tivoli hinter
meines Vaters Grundstücke auf Spukmeiers »seligem Grasgarten« meinem
Jugendfreunde die verständnisvollsten Nachbarn in Stadt und Vorstadt gewesen
waren.
    Nun hatten wir sie für uns allein, die verwüstete Kindheitsidylle. Leise zog
meine Frau an mir, doch wagte sie nicht einmal flüsternd ihren Wunsch, die Leere
und Öde auch so schnell als möglich hinter sich zu lassen und mich mitzunehmen,
auszusprechen. Ich aber konnte so noch nicht scheiden, ich konnte den armen
Freund, dem eben so grimmig recht und unrecht gegeben worden war, nicht in
seiner türlosen Hauspforte allein stehenlassen. Ich musste noch nach Herrn German
Fell ein Wort für unsern letzten Abschied vom Vogelsang finden, und ob der Ton
mehr oder weniger gezwungen herauskam, ich schlug den Freund lachend auf die
Schulter:
    »Sich auf, alter närrischer Mensch! Ein leichtbewegtes Herz ist ein elend
Gut auf der wankenden Erde, und die vollgültigste Gegenzeichnung des Wortes hast
du eben in wunderlichster Weise erhalten. Sie würden es rundum selbst nicht der
Zeitung glauben, wenn man es ihnen durch die erzählte, dass es euresgleichen
heute noch gibt und auch nicht bloss vor Zeiten mal in der tebaischen Wüste oder
auf der Strasse nach Olympia, Muster der sterbende Alte von Sinope, gegeben hat.
Du hast deinen Willen gehabt und durchgeführt, nun tu aber auch uns den Gefallen
und komm wenigstens für die letzten Tage und Nächte in der Heimat mit uns nach
Hause.«
    Wir standen jetzt in dem Wohnzimmer seiner Eltern, in dem er so gründlich
mit seinem besten Eigentum aufgeräumt hatte, der eigentumsmüde Mann, der freie
Weltwanderer. Und er sah auf und um sich her, wie einer, der einen Schlag vor
die Stirn erhalten hat und sein Selbstbewusstsein nur mühsam wieder
zusammenfindet. Er tat mir in tiefster Seele leid, und zu helfen war ihm nicht:
er hatte aus seinem verödeten Vaterhause den Nachbar im Gezweig des Baums
Yggdrasil mit sich auf allen seinen ferneren Wegen durch das Dasein zu
schleppen. Mich und mein zitterndes, ihre Angst und ihre Tränen
hinunterschluckendes Weibchen mochte er schon loswerden aus der Erinnerung an
seinen letzten Abend zu Hause; aber Herrn German Fell nicht. Der blieb ihm drin!
-
    »Ich möchte doch heute abend noch einmal der Vorstellung da neben mir an
beiwohnen. Wie man doch seinesgleichen, so was zu einem gehört, nur dadurch und
dann kennenlernt, wenn es einem so im Gedränge den Ellbogen in die Seite setzt,
nicht wahr, Karl? Den Affenmenschen aus dem Tivoli dürfte ich Ihnen doch wohl
nicht als Freund. Gast und Gastfreund mitbringen, gnädige Frau? Also bitte,
Kinder, lasst es dabei, dass wir einander sowenig als möglich durch unser
Vorhandensein in dieser wimmelnden Welt genieren. In einer geschäftlichen
Angelegenheit muss ich freilich auch vom Deutschen Hofe aus dich belästigen,
lieber Karlos.«
    Ich fühlte den Arm meiner Frau immer mehr an meiner Brust erzittern. Sie
hielt in der heissen Hand noch immer ihr armes Sträusschen erster Frühlingsblumen:
jetzt aber entfiel es ihr und verstreute sich auf dem schmutzigen, zerstampften
Fussboden unter Scherben von zerschlagenem Geschirr, Tapetenfetzen und
wertlosesten Trümmern von Hausgerät.
    »Komm du mit nach Hause!« flüsterte sie. »Ich halte dieses nicht länger aus!
Oh, mein armes kleines, liebes Kind zu Hause! Bitte, komm, ich muss zu meinem
Kinde. - Das lass ich mir nicht nehmen, wenn er auch dich verwirrt. Ich halte
mein Eigentum an der Welt fest! Bleib, wenn du willst - ich will nach Hause und
zu meinem Kinde! Ja, bleib, bleib und steige mit ihm und seinem andern Freunde,
dem grässlichen Affenmann, so hoch du willst aus unserm armen lieben Leben in die
Höhe: ich will zu meinem Kinde und meinem Eigentum an der Welt!«
    Sie ist uns fortgelaufen, mit dem Arm und Ellenbogen vor den Augen, selber
wie ein Kind, das sich vor einem Schlage fürchtet.
    »Gute Nacht, Velten.«
    »Gute Nacht, Krumhardt...«
    Ich holte meine Anna erst an der zweitnächsten Strassenecke ein. Als ich mein
Eigentum wieder an mich nehmen wollte, weigerte es sich dessen durch mehrere
Gassen. Mit fast bösem Blick wies die Kleine, statt meinen Arm zu nehmen, nach
dem Vogelsang zurück:
    »Ich habe dem Herrn Generalsuperintendenten versprochen, dir für Gut und
Böse zu gehören, und ich habe mir selber versprochen, nur da zu sein und zu
bleiben, wo du bist und gehst und stehst, Karl; aber - dahin bringst du mich
nicht mit zehn Pferden wieder! Dahin setze ich in meinem Leben meinen Fuss nicht
wieder. O lieber Gott, was machen deine Menschen aus deiner schönen Welt!« -
    Ich habe den Freund im Leben nicht wiedergesehen. Als er am nächsten Tage
nicht zu mir kam und ich am Abend im Deutschen Hofe nach ihm fragte, wusste man
nur, dass er seine Rechnung berichtigt habe, aber nicht, ob er sich noch in der
Stadt aufhalte.
    Von London aus machte er es schriftlich mit mir ab es unserm Riekchen
Schellenbaum amtlich und gerichtlich glaubhaft zu machen, dass zu dem
Hausschlüssel, mit dem es als mit seinem »einzigen Andenken« abgefahren war,
auch der »neue Bauplatz«, einer der besten im neuen Vogelsang, gehöre.
Ich habe eine längere Pause in der Abfassung oder Niederschrift dieser Annalen
und Historien des alten Vogelsangs machen müssen. Als ich das letzte Blatt zu
den Akten brachte, schneite es noch; nun läuft wieder ein grüner Schimmer über
den Osterberg, und meine Kinder tragen Hände voll von den nämlichen
Frühlingsblumen, die ihre Mutter in Velten Andres' verwüstetem, ausgeleertem
Heimwesen aus der Hand gleiten liess, ins Haus.
    Wir hatten viel Sorge im Hause. Wir fürchteten, unsern ältesten Sohn, den
seinerzeit Velten nicht aus der Taufe hatte heben wollen, am Typhus zu
verlieren; aber der Junge ist uns erhalten geblieben und munter wieder auf den
Beinen, und ich habe die Feder zum Besten seines Hausarchivs von neuem
aufgenommen. Wir sind im März eines neuen Lebensjahres, und ich halte wieder den
Brief in der Hand, den mir Mrs. Mungo im November des vorigen Jahres aus Berlin
schrieb.
    »Velten lässt Dich noch einmal grüssen. Er ist nun tot. Wir haben unsern
Willen bekommen. Er ist allein geblieben bis zuletzt, mit sich selber allein,
ohne Eigentum an der Welt...«
    Könnte ich ihr doch - könnte ich von hier an Helenen Trotzendorff die Feder
in die Hand geben und sagen:
    »Nun schreibe du weiter. Schliesse das Aktenstück ab!«...
    Ich habe in den langen Jahren kaum etwas von dem Freunde gehört. Nach Hause,
wenn man bei ihm nach seinem vernichteten Hause diesen Ausdruck noch gebrauchen
könnte, ist er nicht wieder gekommen, und geschrieben hat er an mich auch nicht.
Aber da mich meine Stellung in unserem kleinen Staatswesen dann und wann nach
Berlin führte, so bin ich mit dem Hause des Beaux in einiger Verbindung
geblieben. Kommerzienrat des Beaux - Leon des Beaux hält, trotzdem er längst zu
den bedeutenderen Bankiers und Kapitalisten der Reichshauptstadt gehört, das
alte gute Verhältnis aus »unserer Universitätszeit« noch aufrecht. Das
väterliche Geschäft in der Doroteenstrasse besteht aber nicht mehr (aus einem
Schneiderladen gelangt man ja wohl nicht zu dem Titel Kommerzienrat?), und Leon
selber bringt die Rede nie darauf und sie gern auf etwas anderes, wenn sie
darauf kommt. Da ich auch jetzt in seinen Geschäftsstuben nichts zu tun habe,
kenne ich ihn nur in seinem Familien- und Gesellschaftskreise in seiner Villa
einer vornehmen Vorstadt. Er ist auch verheiratet und hat eine gute, für ihn
passende Frau bekommen. Er ist Vater von zwei Kindern, einem Sohn und einer
Tochter. Der Junge wird Friedrich gerufen, das Mädchen Viktoria: die
traditionellen altfranzösischen Familientaufnamen der des Beaux aus dem
Languedoc figurieren nur noch in den Taufscheinen der Kinder. Die jetzige Madame
des Beaux weiss nichts mehr von dem Familien-Wunderwinkel in der Doroteenstrasse,
wo Leonie und Leon des Beaux ihr, ihres Vaters und ihrer Väter Eigentum in
Angestammtem und Zuerworbenem festielten und ihren Lebensstolz drauf gründeten.
Sie, Frau Wera des Beaux, vordem zweite Liebhaberin am ***teater, hat sich in
den guten Leon trefflich, hineinzufinden verstanden; sie ist eine tüchtige
Berliner Hausfrau und zugleich eine vornehme Frau, die die Stellung ihres Gatten
wohl zu wahren weiss; aber von Albi, Simon von Montfort, Raimund von Toulouse,
Peter von Castelnau weiss sie nichts, die Bartolomäusnacht kennt sie nur aus den
Meierbeerschen »Hugenotten«, und das Edikt von Nantes -
    »Für das muss ich eigentlich dem Himmel unbeschreiblich dankbar sein«, sagte
sie mir einmal lachend an ihrem Teetisch. »Wie sollten ohne es Leon und ich uns
wohl in der Welt zusammengefunden haben, Herr Oberregierungsrat?«
    Fritz und Vicky, die beiden Kinder des lieben, harmlosen, freundlichen
Paars, wissen nur von Sedan, Gravelotte, der dritten Einnahme von Paris und von
Kaiser Wilhelm und seinen »Paladinen«, von den Paladinen der »Tante Leonie« aber
wenig mehr. Sie sind eben eine geraume Zeit nach Sedan, Metz und der dritten
Einnahme von Paris in die deutsche Welt hineingekommen, und das Eigentum ihrer
Vorfahren väterlicher Seite hat kaum noch viel Bedeutung für sie. Was in der
Doroteenstrasse noch pietätvoll zusammengetragen worden war, das dient in der
jetzigen Villa des Beaux in den Gemächern nur noch hie und da zur Zier, und im
Salon der Frau Kommerzienrätin schaut der erste brandenburgische Ahnherr, der
Sieur Antoine des Beaux, dem der Grosse Kurfürst seinerzeit die Hand geschüttelt
hat, von der Wand aus seinem Clair-obscur ernst, aber auch ruhig in das
Plein-air des laufenden Tages hinein. Das Bild hat Kunstwert: von wieviel Wänden
wird es wohl noch auf fremde Leute hinuntersehen?
    Und Leonie? Leonie des Beaux?
    Von der wissen die Kinder ihres Bruders nur zu sagen, dass sie sehr gut, aber
nur einmal auf längere Zeit zu ihnen und Papa und Mama vom Rheine her gekommen
sei, ohne dass einer im Hause oder sonst jemand sehr krank gelegen habe.
    Leonie des Beaux hatte sich wie Velten Andres ihres Eigentums an der Welt
entledigt, sie war Diakonissin zu Kaiserswert geworden und diente dem Herrn
jetzt auf einer »Arbeitsstation« in Deutsch-Lotringen. Da ich die Feder auch
nicht in ihre Hand legen kann, hatte ich dieses zu den Akten zu bringen, ehe ich
weiterschreibe in Sachen Velten Andres und - Helene Trotzendorff. - - -
    Ich bin wieder auf dem ersten Blatt der Chronik des Vogelsangs.
    »Du musst und willst doch auch wohl als erster guter alter Freund Von allen
nach Berlin?« hatte meine Frau an jenem Novemberabend gefragt, und »Morgen, wenn
es mir irgend möglicht ist«, hatte ich ihr geantwortet. Dann waren wir beide,
Anna und ich, zu unserem jungen Volk gegangen, um uns zu vergewissern, dass
wenigstens da noch alles in Ordnung auf Erden sei. Am andern Mittag war ich in
Berlin. Meine Stellung in unserm Staatswesen erlaubte mir, den nötigen Urlaub,
wenigstens für einige Tage, mir selber zu geben.
    »Erkälte dich nicht, Alter«, hatte meine Frau gesagt. »Bedenke deinen
Rheumatismus und denke auch ein wenig an deine Jahre, und dass wir im November
sind.«
    Ich bedachte freilich manches in meinem Blitzzuge; auch nicht zum mindesten
meine wohlgezählten achtundvierzig Lebensjahre. Würde ich aber noch einmal von
meinen Türen, die ein Bedienter öffnete, von meiner behaglichen Lufteizung,
meinen amtlichen Aussichten auf die Zukunft und darin den Titel Exzellenz, ja,
würde ich auch nur noch einmal von Weib und Kindern reden, so liefe das nur auf
eine Wiederholung von schon Gesagtem hinaus. Während einer unbehaglichen
Wirtstafel hatte ich mir zu überlegen, ob ich am besten erst den Kommerzienrat
des Beaux in seiner Villa oder Mistress Mungo im Kaiserhof von meiner Ankunft
benachrichtige und ihnen die weitere Führung überlasse. Zwischen drei und vier
Uhr nachmittags aber stand ich allein in der Doroteenstrasse vor dem Hause, in
welchem die alte Hugenottenfamilie zum letztenmal ihre Lebensandenken
zusammengehäuft und Velten Andres eigentumslos seinen Weg über die Erde beendet
hatte. Seit meinen Studentenjahren war ich nicht wieder in diese Gegend der
Stadt gekommen, und von dem Hause war nur die Nummer geblieben, was die
Gassenseite anbetraf. Vater des Beaux nahm nicht mehr das Mass der oberen
Zehntausend der Stadt, und der Hofhufschmied beschlug nicht mehr die Hufe ihrer
Rosse in der Doroteenstrasse: nach der Gassenseite hin hatte sich die Dekoration
vollständig verändert, soweit ich meiner Erinnerung trauen konnte. An der
Architektur der zweiten Hälfte der achtziger Jahre des Jahrhunderts
emporblickend, konnte ich, mit dem Briefe Helene Trotzendorffs daheim auf meinem
Schreibtische, in meinem und des Vogelsangs Aktenkonvolut, mich nur fragen:
    »Frau Fechtmeisterin Feucht? Ein Irrtum ist doch wohl ausgeschlossen?«
    Ich habe auf meinem Wege durch meinen Beruf und vorzüglich während der zwei
Jahre, in welchen ich zu Hause der Oberstaatsanwaltschaft als Mitarbeiter
zugeteilt war, in mancherlei Örtlichkeiten mich zurechtzufinden gelernt. Hier
hatte ich nur den Neubau zu durchschreiten, um merkwürdigerweise in dem neuesten
Berlin das wenn nicht älteste, so doch ältere noch vollständig an Ort und Stelle
zu finden. Das weite, lärmvolle Gehöft des Hofhufschmieds war freilich überbaut
worden und bis auf einen brunnenartigen, lichtlosen Lichtof verschwunden. Doch
der Frau Fechtmeisterin Feucht und ihrem Reich hatte die Zeit nichts anhaben
können. Ich fand sie beide noch, wie sie vor Jahren gewesen waren: das
Hintergebäude der grossen Firma des Beaux und die Frau Fechtmeisterin. Sie hatten
sich beide gar nicht oder nur ganz unmerklich verändert, das eine,
rauchgeschwärzt, mit jetzt seinen hundertundzwanzig, die andere, weiss, zierlich,
das richtige Märchenweiblein, mit fast ihren neunzig Jahren auf dem Nacken! -
Baissez-vous, montagnes,
Haussez-vous, vallons!
M'empêchez de voir
Ma mi' Madelon -
Wie kam es, dass auf den dunkeln, steilen Treppen, die zu der alten Frau
hinaufführten, dieser Vers, dass die süsse Stimme, die das Lied uns in dem
vornehmen Salon des Vorderhauses so oft gesungen hatte, mir plötzlich wieder in
den Sinn kam? Es waren doch eigentlich nur wenige Jahre her, dass wir dort in dem
Zauberwalde Brozeliand zusammensassen und über der Berliner Schneiderwerkstatt,
aller romantischen Wunder voll, provenzalische Minnesänger, altfranzösische
Chroniken und hugenottische Streitschriften und Liederbücher durchblätterten,
und nun schien mir nichts davon übrig zu sein als dieser Ton, dieser Vers! Und
schauerlich merkwürdig kam mir dazu eine spätere Winternacht in das Gedächtnis
zurück und ein anderer Vers, aber nicht aus einem französischen Volksliede,
sondern aus einem deutschen Klassiker. In seinem von seinem Eigentum an der Erde
sich leerenden Vaterhause im Vogelsang murmelte ihn Velten Andres bei seinem
Vernichtungs- und Befreiungswerk vor sich hin:
Sei gefühllos!
Ein leichtbewegtes Herz
Ist ein elend Gut
Auf der wankenden Erde.
Doroteenstrasse Numero 0 - Hintergebäude - Frau Fechtmeisterin Feucht -
Studiosus Valentin Andres! Ich zog im dritten Stockwerk wie ein eben Erwachender
die Glocke und erkannte auch ihren Klang wieder.
    »So etwas musste es wohl sein, was uns zwei noch einmal im Leben
zusammenbringen konnte, Herr Krumhardt«, sagte dann ganz dieselbe Stimme, die
vor Jahren mich so oft freundlich begrüsst und auch dann und wann gar mütterlich
gewarnt und gescholten hatte. »Sie treten wohl erst einen Augenblick bei mir
ein, ehe Sie in sein Zimmer hinübergehen, Herr Oberregierungsrat. Sie hat Sie
wohl nicht so früh hier in Berlin erwartet; aber mir konnten Sie nicht früh
genug kommen. In meinem Alter kann man ja wohl alles leichtnehmen, aber dieses
wird mir doch zu schwer allein zu tragen. Seit dem Morgen sitzt sie wieder auf
seinem Bett, mit den Ellbogen auf den Knien und dem Kopf zwischen den Händen.«
    »Sie? Allein mit ihm? Helene? Helene Trotzendorff?«
    »Die grosse amerikanische Dame. Haben Sie nicht auch von ihr und ihren
Reichtümern in der Zeitung gelesen?«
    Die alte Frau fasste mit ihrer dürren, altersharten, kühlen Hand meine heisse:
    »Kommen Sie, Herr. Es hat Zeit, dass Sie zu ihr gehen. Sie scheint nichts
mehr von Zeit und Stunde zu wissen; aber seit sie mir gesagt hat, dass Sie kommen
würden, sind mir in der Erwartung die Minuten zu Jahren geworden, denn gegen wen
könnte ich so meiner Seele Luft machen, wem könnte ich hiervon so erzählen als
wie Ihnen? Wem kann man denn so was begreiflich machen als wie einem, der auch
mit dazu gehört hat vom Anfang an?«
    Die Sonne geht um diese Jahreszeit gegen halb fünf Uhr unter. Die breiten
Strassen, die grossen Plätze der Stadt lagen noch in ihrem Lichte; in dem Stübchen
der Frau Fechtmeisterin Feucht war es merkwürdigerweise noch hell, das Stückchen
Himmelszelt vor dem Fenster für den Novembernachmittag lichtblau und wolkenfrei
wie am schönsten Sommermorgen. Wohl ein Vierteljahrhundert war hingegangen, seit
ich zum erstenmal zwischen diesen vier Wänden gestanden und verwundert umher und
Von der Bewohnerin auf die Wände gestarrt hatte. Nun stand ich wieder so; -
während in den langen Jahren um mich her nichts an seinem Platze geblieben war,
hatte sich hier nichts verändert. Die Zeit, die mit so leiser, sanfter Hand über
die Stirn der kleinen, greisen Elfin gestrichen hatte, hatte auch in ihrer
Umgebung nichts von der Stelle gerückt, nichts in den Winkel geworfen, nichts
unter den Auktionshammer gebracht, nichts - in den Ofen geschoben. Die Frau
Fechtmeisterin Feucht allein von uns allen hatte ihr Eigentum noch vollständig
beisammen, und da stand sie nun wie damals mit dem Strickzeug in den Händen und
dem Garnknäul unter der Achsel und deutete plötzlich um sich herum auf ihre
Waffentrophäen und die ungezählten Schattenbilder vergangener
Burschenherrlichkeit und seufzte:
    »Weshalb musste der, an den ich von euch allen als den Letzten mein ganzes
Herz gehängt hatte, mir so was zuleide tun? Setzen Sie sich, Herr
Oberregierungsrat.«
    Da sass sie mir wieder gegenüber, am Fenster wie die Frau Doktern im
Vogelsang, in ihrem Korbstuhl und mit ihrem Strickzeug, aber diesmal Gespinste
und Knäul im Schosse, und sagte:
    »Er hat drüben - jetzt bei der Frau Mungo, einen Vers über sich an die Wand
geschrieben, den können Sie nachher lesen; jetzt aber muss ich es erst von der
Seele los sein, was ich mit ihm erlebt habe - ich, das alte, alte Weib, mit dem
Kinde, ja mit diesem Kinde, dem jungen Menschen!«
    Sie hatte bei ihren Jahren wohl recht, so von Velten Andres und auch von uns
anderen als Kindern zu reden, und sie sprach auch wie eine märchenerzählende
Grossmutter in der Dämmerstunde: ich konnte nur sitzen und hören.
    »Was meinen Sie wohl, wie Ihnen zumute wird, Herr Oberregierungsrat, wenn
plötzlich so ein unbekannter alter Mensch vor Ihnen steht und fragt Frau
Fechtmeisterin, nehmen Sie immer noch dumme Jungen in Kost und Logis? und dann
Ihnen sagt Ich bin der und der! und Sie nachher nur sagen können Ja, Kind, dann
komm herein!?«
    Sie erwartete natürlich keine Antwort auf die Frage, sondern fuhr, mit der
Hand auf meinem Knie, fort:
    »Ich vergesse den Tag in meinem Leben nicht. Es ist am letzten fünfzehnten
Juni gewesen, am Nachmittage, so um diese Tageszeit, wo es bei mir klingelt, und
ich frage, mit wem ich die Ehre habe, und der Besuch sag Ich bin der Studiosus
der Weltweisheit Velten Andres, wissen Sie, Frau Fechtmeisterin, und da Ihr
Zettel noch immer aushängt und meine alte Bude zufällig frei ist, möchte ich sie
noch einmal wiederhaben. - Herr Oberregierungsrat, wenn ein Gespenst Sie am
hellen, lichten Tage auf die Schulter klopft und Ihnen einen Namen wie vom
Kirchhof her nennt, können Sie nicht heller als wie ich schreien Was wollen Sie?
Wer wollen Sie sein? Eine gute halbe Stunde hat's gedauert, ehe ich mich in ihn,
meinen Schlimmsten und meinen Besten, gefunden und mich noch mal über den lieben
Gott gewundert habe, dass er mich auch dieses noch bei Lebenskräften und gesunden
Verstandessinnen erleben lassen will. Seine Zeit wollte es freilich haben, bis
ich mir aus dem gegenwärtigen Spuk meinen alten, lieben Sohn von damals
herausgeholt hatte und an ihn glauben konnte. Nicht dass er, mein Velten, etwa
wie ein Spuk ausgesehen hätte; nein, ganz respektabel grau, nur mit ein bisschen
zuviel Haut und zuwenig Fleisch auf den Knochen und müde, Herr
Oberregierungsrat! Müde, müde! Wie einer, der seit einem Menschenalter nicht von
den Füssen gekommen ist! Todmüde von seinem Wege durch sein junges Leben!
Natürlich nötige ich ihn denn aufs Sofa, und da sitzt er und sagt nichts, aber
lacht; und das, Herr, das Lachen hat meinem letzten Zweifel ein Ende machen
müssen Menschenmöglich ist es ja nicht; aber Ihre Stube ist frei, Velten, habe
ich gesagt. Soll ich nach Ihrem Gepäck schicken, oder wollen Sie es selber holen
- ich weiss nicht, woher!? - Ja, das weiss ich auch nicht! lacht er mich wieder an
und reicht mir über den Tisch da seine Brieftasche Meine Papiere für die Polizei
und die Miete wie schicklich pränumerando; behalten Sie gleich den ganzen
Bettel, ich gehe heute früh zu Bette. - Und keine Wäsche? Und keine Bücher? -
Nichts! - O du lieber, lieber Gott, so kommen Sie zu der Fechtmeisterin Feucht
zurück? - So! sagt er nur und reicht mir über den Tisch die Hand, und ich fühle
wohl, dass die ein bisschen fieberisch ist; aber meine ist ja desto kälter, und so
fasse ich fest zu und rufe Ja, wenn das so ist, bleibst du natürlich bei mir. Es
ist zwar spät am Tage für mich: aber für einen langt's wohl noch. Dich füttere
und flicke ich mit unseres Herrgotts Hülfe noch heraus! Jaja, Herr
Oberregierungsrat, in dem Augenblicke habe ich den Mann du genannt, als hätte
ich ihn wie ein Kind auf dem Arme! Dass das nicht so war, konnte ich damals ja
noch nicht wissen. Aber drüben sitzt die Frau auf seinem leeren Bett; ich darf
Sie wirklich nicht zu lange aufhalten hier bei mir, Herr Krumhardt; Sie sind
nebenan wohl nötiger. Also kurz: er hat sein letztes halbes Jahr bei mir
zugebracht und ist bei mir gestorben. Mühe hat er mir nicht gemacht und Unkosten
auch nicht; aber (und hier leuchteten die Augen der fast Neunzigjährigen wie die
eines greisen Feldherrn über ein Schlachtfeld) Freude hat er mir auch jetzt
wieder gemacht: er war doch der Närrischste, aber auch der Tapferste von euch
allen. Schade, dass er zu feine Nerven mitbekommen hatte und so, so, so sein
Leben führen und so, so zum Ende kommen musste, wenn er nicht als euer aller Narr
oder im Irrenhause zugrunde gehen wollte.«
Ein leichtbewegtes Herz
Ist ein elend Gut
Auf der wankenden Erde,
murmelte ich, bis ins Tiefste durch das ruhige Wort der verstandesklaren Greisin
erschüttert.
    »Das ist es, was er drüben mit Kohle an die Wand geschrieben hat. Nun sitzt
die Frau Mungo davor und hält den Kopf mit beiden Händen darüber - das arme
Ding. Als ob sie die Schuld davon trüge, dass euer Velten eigentumlos über und
von der Erde gegangen ist! Was hilft es mir, dass ich der lieben Seele zurede Du
konntest nichts daran ändern, Herz; es musste eben auch einmal einen solchen
Egoisten zu euch anderen, wenn auch nur der Rarität wegen, in der Welt geben. In
ein Kloster, wie meine liebe Leonie, konnte der nicht gehen. Mitleiden hat er
wohl gehabt, aber ein Barmherziger Bruder steckte nicht in ihm. Oh, wie die zwei
sich zum erstenmal wiedersahen bei der Fechtmeisterin Feucht, die Barmherzige
Schwester aus dem Diakonissenhause am Rhein und dieser von allen Strassen der
Welt, beide ohne Eigentum auf und an der Erde!«
    »Leonie des Beaux und Velten Andres?« stammelte ich.
    »Ja, die beiden auch. Sie erinnern sich der Zeit wohl, wo das Vorderhaus
noch stand und wir alle, selbst ich, noch jung waren. Nun war es im September,
und er hatte sich vollkommen bei mir eingerichtet, das heisst eigentlich ich ihm
alles. Nicht aus meinem Geldbeutel: in seiner Brieftasche hat er genug Scheine
aus aller möglichen Herren Ländern gehabt, dass ich ihm davon nicht bloss noch ein
halb Dutzend Hemden, sondern auch alles übrige besorgen konnte - nach seinem
jetzigen kuriosen Leben wohl noch auf Jahre hinaus. Auch in der Leihbibliotek
hatte ich ihn abonnieren müssen; denn ausgegangen ist er kaum mehr - da
entschuldigte er sich immer mit seinen kranken Füssen. Auf seinem alten
Studentensofa und seinem Bett hat er gelegen und den lieben langen Tag und auch
manchmal die Nacht durch gelesen, alles, was ihm einmal gefallen hat in seiner
Kindheit und Jugend, und immer aus den alten, schmierigen, ekligen, zerrissenen
Bänden von Olims Zeiten. Brachte ich ihm ein neues Exemplar, liess er's liegen
und meinte Mutter Feucht, das ist das rechte nicht. - Jaja, man konnte sich bei
allem irgend etwas denken, aber man musste sich wirklich sehr in seine Grillen
und Schrullen hineinfinden. Und sehen Sie mal, Herr Oberregierungsrat, das ist
jetzt denn auch wirklich mein Stolz und meine Freude, dass er mit denselbigen,
ich meine die Schrullen und Grillen, nur bei mir eine Unterkunft gesucht hat.
Ja, er ist freilich nicht der einzige von meinen alten Herren, dem gegenüber ich
die Jüngere geblieben bin mit Gottes gnädigem Beistand. Aber da brauchen Sie nur
auf die Strasse hinauszugucken: wenn so eine von uns über ihre Jugendschwäche
herausgekommen ist, da weiss sie schon ihren ihr vom Herrgott anbefohlenen
Wackelkopf und Knickebein auch an der Linden- und Friedrichstrassenecke durchs
Gewühl zu dirigieren. Überheben Sie sich ja nicht über Ihre liebe Frau
unbekannterweise, Herr Krumhardt. Wenn Sie die jetzt gut behandeln und
handhaben, tut die Ihnen vielleicht auch noch mal das gleiche.«
    Der letzte Schein der Herbstsonne war längst von dem Stückchen Himmelszelt
vor unserm Fenster gewichen; die Dämmerung kam rasch, und ich hätte gern hier
das Protokoll abgekürzt; aber wenn wer jetzt was zu den Akten zu geben hatte, so
war das doch die Frau Fechtmeisterin Feucht, und ich unterbrach sie nicht durch
überflüssige Bemerkungen meinerseits, zumal sie selber sagte:
    »Ich komme sofort auf die Hauptsache, Herr Oberregierungsrat, aber ihr Herz
hat unsereine auch voll bei solcher Sache!«
    Ich konnte, nachdem sie sich die Augen getrocknet hatte, nur die beiden
lieben, tapferen Knochenhände fassen, in die sich Velten Andres zu seiner
letzten Pflege gegeben hatte.
    »Herrgott, wie habe ich dann seine und meine Stube voll gehabt von der
vergangenen Zeit. Wie er es erfahren hat, dass sein Freund wieder da sei und im
alten Quartier, weiss ich nicht; aber er war auch sofort da, der Herr
Kommerzienrat, und was es dann für Szenen zwischen ihnen gegeben hat, davon weiss
auch niemand zu erzählen als ich. Wie haben sie in Güte und mit Gewalt an ihm
gezerrt und gezogen, dass er mit ihnen kommen sollte! Als wenn es bei dem jemals
der Welt Pracht und Herrlichkeit getan hätte! Sein Behagen hat er wie alle
anderen Leute durch sein Leben haben wollen, aber nur auf seine eigene, kuriose
Art, und so hat er es zuletzt nur bei der Fechtmeisterin Feucht finden können.
Und der Herrgott hat ihm Gnade dazu geschenkt; eigentlich so recht krank ist er
gar nicht gewesen; sein Herz hat nicht mehr gewollt, haben dem Herrn
Kommerzienrat seine Doktoren gesagt. Er ist auch gar nicht weiter vom Fleisch
gefallen, sondern im Gegenteil. Er schob es auf seine Fusse, dass er lieber lag
als ging; aber die hätten wohl auch ausgehalten, wenn das dumme Herz gewollt
hätte. Das hatte aber alles, alles aufgegeben und so auch seine Füsse. Sehen Sie,
Herr Oberregierungsrat, an meinem armen Velten habe ich erst als Neunzigjährige
gelernt, dass es eine Dummheit ist, wenn man sagt: der Mensch braucht nur zu
wollen. Dieser wilde Mensch konnte nicht mehr wollen, und so hätte ihn auch
Schwester Leonie mit dem besten Willen nicht wieder auf die Füsse stellen und in
den Tumult draussen in unserer Doroteenstrasse stossen können, selbst - wenn sie
gewollt hätte! Aber wenn eine auch schon aus dem Menschenlärm heraus ist, so ist
das meine Leonie, meine Leonie des Beaux! Sie ist zuerst mit ihrem Bruder
gekommen aber dann auch allein. - Oh, wenn ich an die alte Zeit in dem alten
Vorderhause denke, wie schön sie war, ich meine meine Leonie, und wie schön sie
spielte und ihre alten französischen Lieder sang und alles mitten in diesem
Berlin wie ein fremdländisches Märchen war - oh! ... Aber nun war dies jetzt
noch tausendmal mehr wie aus einer andern Welt heraus als wie das Frühere.
Stellen Sie sie sich nur vor, die beiden, grade die beiden, die so wieder aus
ihren jungen Tagen und Phantasien sich so wieder bei der Fechtmeisterin Feucht
zusammenfinden mussten, und nichts mehr um sich und in sich von der Erde
Herrlichkeit, und was sonst der Mensch zu seinem Wohlbehagen und seiner Freude
als sein Eigentum um sich festält und für es nicht bloss mit dem Schläger,
sondern auch mit Mund, Hand und Herzen auf die Mensur tritt! Sehen Sie, Herr
Oberregierungsrat, nacherzählen kann ich es nicht, aber verstanden und
mitgefühlt habe ich, was da im letzten Monat zwischen diesen zwei
Menschenkindern vorgegangen ist. Zusammen hätten die nie kommen können; aber
sich darüber aussprechen, wie sie durchs Leben gekommen sind, das konnten sie
und das haben sie getan und sind friedlich und ruhig voneinander geschieden -
ganz ruhig, viel, viel ruhiger als damals im Vorderhause, wo sie das Leben noch
vor sich hatten. Aber - grosser Gott, das ist ja vollständig Nacht, und die arme
Frau da drüben hat noch immer kein Licht!«
Völlig Nacht war es wohl noch nicht; aber volle Abenddämmerung freilich.
    »Bitte, gehen Sie jetzt hinüber; ich komme mit der Lampe nach«, sagte die
Frau Fechtmeisterin, und zögernd, bangend erhob ich mich, betäubt, mühsam nach
Atem ringend, stand ich und suchte vergeblich nach irgend etwas in mir, was mir
den wunderlich schweren, schreckensvollen Weg zu der Tür da drüben leichter und
lichter machen konnte. Es gibt so Augenblicke, Zeiten, Umstände im
Menschenleben, wo man es vollkommen vergessen hat, dass sich in der Welt im
Grunde nachher »alles von selber macht«.
    Wie ist eben jetzt, da ich dieses bei offenem Fenster und
Frühlingssonnenschein an einem geschäftslosen Feiertagsmorgen zu den Akten des
Vogelsangs bringe, dem alten Gemeinplatz wieder sein volles Recht geworden! -
    Der Frühlingsanfang fällt immer in den Monat März, aber in diesem Jahr sind
auch die hohen Ostern hineingefallen. Ich schreibe am Morgen des ersten
Ostertages, und über das Nachbardach sieht mir noch immer, unverbaut, die
höchste Kuppe des Osterbergs auf den Schreibtisch. In der Frühlingssonne liegt
der liebe Hügel schon, auf: dem wir unsere glücklichsten und ahnungsvollsten
Jugendträume träumten und die Sterne fallen sahen - noch einige Wochen, und das
junge Buchengrün wird von dem Osterberge herüberleuchten; wie sich auch das
immer wieder von selber macht!
    Aber was hilft es dem Menschen in seinem einzelnen Bedrängnis, dass Himmel
und Erde jung bleiben und sein Geschlecht auch? Gegenwärtig blendet mich über
meinem Protokoll der Glanz von Himmel und Erde, und ich muss dagegen mit der
Linken die Augen verdecken, wenn die Rechte die Feder weiterführen soll. »Kind,
erst nach der Kirche!« hat meine Frau glücklicherweise vorwurfsvoll zu meiner
musikalischen Ältesten gesagt: ich würde sonst mich auch wohl noch selber gegen
den Flügel und die junge Frühlingslust in Tönen im zu nahe gelegenen Nebengemach
haben wehren müssen. -
    Von selber hatte es sich trotz meines innerlichsten schaudernden
Widerstrebens gemacht, dass ich in dem Gemache stand, wo Velten Andres gestorben
war und Helene Trotzendorff auf seiner leeren Bettstatt sass.
    Helene Trotzendorff! Unsere Elly aus dem Vogelsang - verwitwete Mistress
Mungo - unsere Helene. Mit den Ellenbogen auf den Knien und dem Kopf in den
Händen, im letzten grauen Tageslicht des Monats November - die Öde um sich her
eigentumlos, besitzesmüde in der Welt, sie, die in New York zu den reichsten
Bürgerinnen der Vereinigten Staaten gerechnet wurde!
    »Ellen!«
    »Bist du das, Karl?« fragte sie, das Gesicht langsam aus den Händen
erhebend.
    Wie viele Jahre waren es her, dass wir unsere Stimmen nicht mehr gehört
hatten? Und wie sie nun aus dem langen Zeitraum sich so fremd und doch so
bekannt entgegenklangen!
    Sie richtete sich auf - zu stattlicher Höhe. In der Erinnerung hatte ich
sie, wenn nicht klein, doch von nur mittlerem Wuchs und zierlich gelenkig. Alle
Hügel, Büsche, Mauern, ja auch Bäume um den Osterberg herum konnten ja davon
berichten, wie sie sich durchzuwinden, zu springen und zu klettern wusste. Nun
stand sie in dem letzten grauen Licht des Novembertags so ganz anders als die,
auf welche ich mich die letzten Tage vorbereitet hatte, um ihr hülfreiche Hand
in einem grossen Schmerz zu leisten. Später bei Tageslicht würde ich wohl gesehen
haben, dass sie noch immer eine schöne Frau war, trotz dem Silber, in das sich
ihr goldenes Haar verwandelt hatte, doch das geht zu den Akten wie so manches
andere von geringer Bedeutung. Als die Frau Fechtmeisterin jetzt mit der Lampe
kam, sah ich auch auf ihrer weissen, klugen, vom Alter nur leicht gefurchten
Stirn das Wort geschrieben:
Sei gefühllos!
Ein leichtbewegtes Herz
Ist ein elend Gut
Auf der wankenden Erde. -
Sie reichte mir jetzt erst die eine Hand her, dann auch die andere, und über die
Schulter nach dem leeren Bett zurückblickend, sagte sie:
    »Wie gut von dir, dass du auf meinen Brief so rasch durch dein Kommen
geantwortet hast. Ich hätte dich gern früher hier gehabt, aber - er wollte es
nicht. Eure gute Leonie und mich hat er sich um sich gefallen lassen müssen,
wohl oder übel, na habe ich, da haben wir auch unsern Willen gehabt! Sie, eure
Leonie, ist nun wohl schon wieder in ihren Frieden heimgekehrt; aber ich - ich
habe noch nicht wieder gehen können. Ja, Karl, ich habe hier gesessen und auf
dich gewartet, um dir von uns zu sprechen - von ihm und mir, und wenn es auch
nur wäre, um einen bessern Platz in deinem Gedächtnis zu bekommen, als ich ihn
bis jetzt gehabt habe, seit er dir zuletzt bei euch - im Vogelsang von mir
gesprochen hat.«
    Nun hätte ich ihr sagen müssen, wie wenig von ihr zwischen uns die Rede
gewesen war in der Zeit, da Velten Andres mit seinem Eigentum in der Heimat
aufräumte; aber die Frau Fechtmeisterin liess mir glücklicherweise nicht dazu
Zeit.
    »Ja, sprechen Sie sich nur aus, armes, liebes Frauchen; der Herr
Oberregierungsrat ist immer ein guter Zuhörer gewesen«, sagte sie und fügte
kopfschüttelnd bei: »Wo die Leute aus so verschiedenen Welten kommen wie jetzt
bei mir, da muss man ja wohl für jeden ein anderes Wort haben. Fräulein Leonie -«
Mistress Mungo fuhr mit einem so wilden Schulterzucken auf, dass die Alte nur
noch einmal den Kopf schüttelte, die Lampe ein wenig weiter in die Mitte des
Tisches rückte und - Helene Trotzendorff und Karl Krumhardt mit Velten Andres
allein liess. -
    »Er wollte nichts mehr um sich haben, der verrückte Mensch«, hatte mir
vorhin die Frau Fechtmeisterin noch mitgeteilt. »Nichts weiter brauche er als
einen Tisch, einen Stuhl und ein Bett. Du lieber Gott, als ob hier jemals bei
meinem jungen Volk von Überflüssigem hätte die Rede sein können! Er aber schob
alles und jedes von sich ab und mir vor die Tür. Ja, sehen Sie sich nur drüben
um. Um ein festes Herz zu kriegen, hat er sich zu einem Tier, zu einem Hund
gemacht; - sehen Sie sich nur bei ihm um, Herr Oberregierungsrat.«
    Das tat ich nun bei dem trüben Licht der kleinen Lampe und empfand nichts
von einer Befreiung von der Schwere des Erdendaseins in dieser Leere, sondern im
Gegenteil den Druck der Materie schwerer denn je auf der Seele. Ich hätte freier
geatmet im Staube, der aus hundert Fächern die Wände uns verenget, unter dem
Trödel, der mit tausendfachem Tand in dieser Mottenwelt uns dränget. Die Luft
entging mir, und es war mir eine Erlösung aus traumhaft wüstem Bann, als mich
doch noch eine Menschenstimme ansprach und die Freundin, unsere Freundin, sagte:
    »Lass uns niedersitzen, lieber Karl«, und mit hartem Lächeln hinzufügte:
»erzählen trübe Mär vom Tod der Könige.«
    Sie sprach das Dichterwort englisch: »Let us sit upon the ground and tell
sad stories of the deat of kings«, und als ich nach dem Stuhl griff, liess sie
sich wieder auf der eisernen Bettstatt nieder, von der sie sich bei meinem
Eintritt erhoben hatte, und deutete auf den Platz ihr zur Seite:
    »Dahin, mein Freund! Erinnerst du dich wohl noch der Bank auf dem
Osterberge, von welcher aus wir vor hundert Jahren einmal die Sterne fallen
sahen und die Götter versuchten, indem wir unsere Wünsche und Hoffnungen damit
verknüpften?«
    Sie wartete meine Antwort nicht ab, sondern fuhr hastig fort, als fürchte
sie sogar, durch eine Zwischenrede in ihrem wilden Drange, ihrer Seele Luft zu
machen, aufgehalten zu werden:
    »Seht« (sie sprach, als ob Velten noch wie damals zwischen uns sitze), »ich
hätte mir lieber die Zunge abgebissen als ganz wahr davon gesprochen, wie ich
mir mein Lebensglück dachte. Und ihr kanntet das ja auch zur Genüge: meine arme
Mutter hat gut dazu geholfen, und ich kannte euer Grinsen und Lachen. Das war
euer albernes Jungensrecht, und er vor allem hat Gebrauch davon gemacht - nicht
bloss im Vogelsang und auf dem Osterberge, sondern auch im grossen Leben, drüben
in Amerika, in London, in Paris und Rom, wo wir nachher einander getroffen
haben! Und wir haben einander wieder getroffen, Karl, Wie wir uns sträuben
mochten, wir mussten einander suchen - bis in den Tod, bis auf dieses harte Bett,
in allem Sturm und Sonnenschein des Daseins bis hinein in diesen Novemberabend.
Das war noch stärker als er, und er hielt sich für sehr stark; ich aber kenne
ihn in seiner Schwäche. Da er sich nicht anders gegen mich wehren konnte und
mich überall in seinem Leben, in seinen Gedanken und Träumen und in seinem Tun
fand, da er mich nicht aus seinem Eigentum an der Welt los wurde, musste er ja
allem Besitz entsagen, alles Eigentum von sich stossen und hat doch vergeblich
den Vers dort an die Wand geschrieben! Es war ja auch nur ein törichter Knabe,
der mit seinem leichtbewegten Herzen zuerst in jenen nichtigen Worten Schutz vor
sich selber suchte!«
    Sie wies auf die ärmlich weissgetünchte Wand, auf die letzte Spur von Velten
Andres' Erdenwanderschaft: dann nahm sie das Gesicht in beide Hände und senkte
das Haupt tiefer, und ein Frostschauer schien ihr über den Nacken zu laufen. Nun
griff sie nach meiner Hand und drückte sie zusammen, dass sie schmerzte:
    »Sprich nicht zu mir, Karl! Was könntest du mir sagen? Lass mich sprechen!
Wen habe ich denn auf der ganzen weiten Erde, zu dem ich von mir reden könnte?
Ich, die ich die ganze weite Erde zum Eigentum habe und nur die mit Gold
gefüllte Hand hinzuhalten brauche, um meinen Willen zu haben, wie ich ihn auf
dem Osterberge in mein Herz desto zorniger verschloss, weil ihr schon zuviel
davon wusstet! Wäre ich doch wie andere, die sich damit trösten können und es
auch tun, dass sie verkauft worden seien, dass es von Vater und Mutter her sei,
wenn sie gleich wie andere auf dem Markte der Welt eine Ware gewesen sind! Aber
das wäre eine Lüge, und gelogen habe ich nie, und feige bin ich auch nicht, und
wenn er was von mir wusste, war es das. Was ich geworden bin, ist aus mir selber,
nicht von meiner armen Mutter her und noch weniger von meinem Vater. In unserm
Vogelsang unter unserm Osterberge war ich dieselbe, die ich jetzt war, wo ich
hier lag vor diesem Bett und ihn mit meinen Armen umschlossen hielt und auf
seine letzten Worte wartete. Da strich er mir mit seiner Hand noch einmal über
die Stirn und lächelte Du bist doch mein gutes Mädchen! Das war auch wie in
unseren Wäldern zu Hause, wo er mich mit dem Worte tausendmal zum Küssen und
Kratzen, zu Tränen und zum Fussaufstampfen brachte. Was wusste eure weiche, fromme
Leonie von ihm und mir? Deine liebe Frau zu Hause, in deinem lieben Hause, Karl,
könnte da vielleicht noch mehr von uns wissen, denn die lebt nicht allein im
Traum, sondern hat dich und ihre Kinder und nicht bloss die Geschichte ihrer
Väter von vor Jahrhunderten und ihr Reich Gottes von heute. Was hatte diese
Fromme, Milde, Sanfte sich zwischen mich und ihn zu drängen? Was wollte sie
hier? Ich, ich, ich, die Witwe Mungo hatte allein das Recht, in diesem leeren
Raum mit ihm den Kampf bis zum Ende zu ringen. Auch ihn zu begraben, hatte ich
keinen von euch nötig, auch euren Herrn Leon nicht, obgleich ich mir dessen
Freundlichkeit gefallen lassen habe. Was hättet ihr ihm in seine letzten Tage
und Stunden hinsprechen können, was ihm den alten Glanz in seinen Augen
festgehalten hätte? Lache nicht über meine greisen Haare, über das verrückte
alte Frauenzimmer. Vor zwei Jahren war ich, ich, die Witwe Mungo, mit meiner
Jacht von Brindisi nach Alexandrien gekommen und er als Dolmetscher auf einem
Pilgerschiff durch den Suezkanal von Dscheddah, da haben wir uns auch getroffen
im Hotel an der Wirtstafel. Was wisst ihr hier im Land von uns beiden? Damals hat
auch er mich seine alte Nilschlange genannt - oh, ich habe seinetwegen mir ja
die ganze Gelehrsamkeit von Poughkeepsie zusammentragen müssen in mein armes
Hirn: sie waren auch in unserm Alter, der Mark Anton und seine ägyptische
Königin. Sie waren auch alte Leute, er über die Fünfzig hinaus, sie vierzig
Jahre alt, und haben doch ihren Kampf um sich kämpfen müssen bis zum Tode, bis
sie beide tot waren. Sie zuletzt! Ja, auch ich lebe noch und habe noch meine
ganze Herrlichkeit um mich her und sie nicht verloren wie die Ägypterin die
ihrige bei Aktium. Ja, merkst du, ich habe seinetwegen Geschichte und auch
Literaturgeschichte getrieben. Da ist noch ein ander Paar aus euren Büchern. Am
achtzehnten Oktober achtzehnhundertdreizehn hat euer alter Goete - nicht mehr
der junge, der uns den giftigen Vers gab, den Vers, der unser Leben vergiftet
hat! - ja, was wollte ich sagen? ja, hat euer alter Goete sein letztes schönes
Gedicht gemacht - auf die Elisabet von England, die ihrem Liebsten den Kopf
abschlagen lassen musste. Das konnte die Witwe Mungo - nein, das konnte Helene
Trotzendorff nicht, wie gern sie ihm auch oft den Fuss auf das Herz, das
gefühllose Herz gesetzt haben wurde! Sie hat ihm nur die Hand darunterlegen
dürfen - hier auf seinem Sterbebett, in seiner Todesstunde, darunterlegen
müssen! Wie konnte sie anders, die Witwe Mungo, da er sie nicht erwürgt und sie
auch nicht angespien hatte - da der arme Komödiant das elendeste Gut auf dieser
Erde, das leichtbewegte Herz, trotz aller Reime eurer Poeten und aller Sprüche
eurer Weisen in seiner Brust hatte behalten müssen, so süss und so bitter wie
ich, die arme Komödiantin, das meinige, trotzdem dass ich mit dem Vogelsang und
dem Osterberg auch unser liebes fürstliches Residenzschloss im Tal und die ganze
Stadt und das halbe Herzogtum aus meinen amerikanischen Eisenbahnen und
Silberbergwerken kaufen könnte?! Sein weises, törichtes Haupt in meiner leeren
Hand - meiner leeren, leeren, besitzlosen Hand: oh, wie schade, dass du kein
Versmacher bist, du guter Freund Karl, sonst solltest du über Velten Andres' und
Helene Trotzendorffs Sterne, Wege und Schicksale ein Lied machen. Ob du ein
Philosoph bist, weiss ich nicht; aber dass du ein kluger, guter, verständiger Mann
bist, das weiss ich: und so, wenn wir jetzt, wohl auf Nimmerwiedersehen,
voneinander scheiden, dann gehe heim zu deiner lieben Frau und deinen lieben
Kindern und erzähle den letzteren zu ihrer Warnung von Helene Trotzendorff und
Velten Andres, und wie sie frei von allem Erdeneigentum ein trübselig Ende
nahmen. Schreib in recht nüchterner Prosa, wenn du es ihnen, der bessern Dauer
wegen, zu Papier bringen willst, und lass sie es in deinem Nachlass finden, in
blauen Pappendeckeln, wie ich sie immer noch unter deines guten Vaters Arme
sehe; und da er darauf schreiben würde Zu den Akten des Vogelsangs, so kannst du
das ihm zu Ehren auch tun, ehe du sie in dein Hausarchiv schiebst - ein wenig
abseits von deinen eigensten Familienpapieren.« - - -
    Diese Blätter beweisen es, dass ich - diesmal ein wenn auch treuer, doch
wunderlicher Protokollführer - nach ihrem Willen getan habe, doch abseits von
meinen und der Meinigen Lebensdokumenten werden sie nicht zu liegen kommen. Die
Akten des Vogelsangs bilden ein Ganzes, von dem ich und mein Haus ebensowenig zu
trennen sind wie die eiserne Bettstelle bei der Frau Fechtmeisterin Feucht und
die Reichtümer der armen Mistress Mungo. Der Menschheit Dasein auf der Erde baut
sich immer von neuem auf, doch nicht von dem äussersten Umkreis her, sondern
stets aus der Mitte. In unserm deutschen Volke weiss man das auch eigentlich im
Grunde gar nicht anders.
    So habe ich wenig mehr zu der Sache beizubringen. -
    »Du solltest mit mir nach Hause kommen, Helene«, sagte ich wieder, nachdem
wir von unserm traurigen Sitz aufgestanden waren. »Wenigstens für einige Zeit.
In meiner Frau würdest du eine liebe Freundin finden, und auch die Kinder würden
dir nicht missfallen. Lass uns nicht so, lass uns nicht hier scheiden. Komm zu uns,
komm mit mir in die alte Heimat und erwarte dort den Frühling! Die Bank auf dem
Osterberge steht noch, und wir sollten da noch einmal zusammen sitzen in der
Abendsonne und die Wälder, die Hügel, das Tal, die Stadt und den Vogelsang auch
noch einmal zu uns reden und uns raten lassen auf der wankenden Erde. Glaubst du
nicht, dass sie auch dir eine andere Sprache sprechen werden als diese dunkelen
Wände und der nichtige Spruch dort, dem kein Mensch weniger Folge gegeben hat
als sein Verfasser?«
    Sie hat den Kopf geschüttelt, die arme reiche Frau, die Witwe Mungo, wie
seinerzeit Velten in seinem tür- und fensterlosen Hause im Vogelsang.
    »Lass mich, bester Freund«, sagte sie. »Was sollte die Witwe Mungo bei deinen
lieben Kindern und deiner guten Anna? Ich wollte dich ja auch nicht bei seinem
Begräbnis haben, Karl. Frage die alte Frau da draussen, wie glücklich ich hier -
jetzt - in meinem Besitz, meinem Eigentum, meinem Reichtum in der Welt gewesen
bin. Was hätte die Heilige, die Französin, eure - seine Leonie ihm noch in sein
totes, taubes Ohr flüstern können?
    Aber ich, ich habe das gekonnt, nachdem ich ihm die Augen zugedrückt hatte
und ihn im Arm hielt, die Nacht durch. Ich habe ihm viel zu erzählen gehabt, wie
es mir ergangen ist im Leben, seit dem Abend, an welchem er in meines Vaters
Hause das Blatt aus dem Buche riss, und da hat er mir vergeben; denn weisst du,
wie er jetzt gelächelt hat in seinem befriedigten Willen, das hat aus meinem
wilden, albernen, kranken Hirn das Lächeln verscheucht, mit dem er mir in New
York das Blatt hinhielt: Sei gefühllos! Siehst du, das - sein Gesicht, sein
gutes Lachen eine Stunde nach seinem Tode, das gehört nun mir für alle Zeit,
mein einziges Eigentum für alle Zeit. So mein Eigentum, dass auch niemand mit mir
nur darüber reden soll, und deshalb kann ich auch mit dir nicht nach Hause gehn:
die Heimat würde mir und ihm nur zu verwirrend dreinreden und mir an meinem
einzigen Besitz auf Erden zerren und zupfen. Auch die Berge und Täler der Heimat
würden sich nur zwischen uns, zwischen Velten Andres und Helene Trotzendorff,
drängen. Ich kann sie nicht wiedersehen, und sie sollen mir sein Gesicht so
lassen, wie ich vorgestern das Tuch darüber gedeckt habe.«
    Da habe ich es auch ihr wie seinerzeit Velten gegenüber aufgeben müssen, die
im Alltage Fremdgewordene in mein Haus einzuladen als lieben und kranken Gast;
sie aber hat die Frau Fechtmeisterin Feucht geküsst und ihr weinend den Kopf auf
die Schulter gelegt und geschluchzt:
    »Mutter, dass du nicht mit mir kommen wirst, das weiss ich; also, sich, damit
man uns, dich und mich, nie von hier austreiben könne, habe ich dieses Haus
gekauft, deines lieben Stübchens und dieser vier Wände wegen. Euer Freund, Herr
Leon, ist mir auch dabei behülflich gewesen, lieber Krumhardt. Sie mögen wohnen
bleiben und ihr Leben und ihre Geschäfte treiben da draussen, der Gasse zu; was
kümmert uns das?! Aber hier soll niemand weiter ein Recht haben als die Frau
Fechtmeisterin Feucht und Helene Trotzendorff. Ich werde wohl noch oft und weit
in die Welt hinaus müssen, ihr Guten; aber wo ich auch sein mag, will ich die
Sicherheit dieses meines Eigentums haben; denn nicht wahr, Mutter, du lässt mir
diesen Raum und duldest nicht, dass sie die Worte da an der Wand übertünchen! Und
wenn ich zu dir komme, nimmst du mich auf wie - ihn?«
    »Aber Kind, ich bin neunzig Jahre alt -«
    »Wenn ich nicht zu dir komme wie Velten Andres und du hast mich nötig wie er
dich, so merke ich das und erfahre es, wo ich auch sein mag. Fürs erste gehe ich
ja auch nicht weit von hier weg. Lass es so sein, wie ich sage!« - - -
    Nun schritten wir durch die menschenvollen Gassen der Stadt, die Witwe Mungo
und ich. Um uns her schienen sie wirklich noch ein anderes, heftiges,
leidenschaftliches Interesse an dem Besitz und Eigentum der Erde zu nehmen. Ich
weiss es in der Tat nicht, um was für ein staatliches, politisches, soziales
Problem es sich unter den Leuten handelte, welche Menschenversammlung einberufen
oder auseinandergetrieben worden war und über welche Frage man wieder mal nicht
einig hatte werden können. Namen von Führern im Gezerr klangen um uns her sehr
berühmt für den Tag, sehr zeitungsgerecht -, mit Wut, Hohn, Spott oder jubelndem
Beifall ausgesprochen oder herausgeschrien. Es handelte sich sicherlich um hohe
Dinge; aber wie viele Leute gab es da in dem Gedränge, die der Witwe Mungo
höflich Platz gemacht haben würden, wenn sie gewusst hätten, wer die Frau in
Trauerkleidung an meinem Arm war und über welche Mittel sie verfugte, den Neid
der Menschheit zu erregen und Menschen glücklich zu machen!
    Sie wohnte natürlich im berühmtesten Gastause der Stadt, und ich brachte
sie bis zu dessen Tür:
    »Was tun wir weiter mit der Nacht?« fragte sie in dem Lichterglanz, inmitten
der herbeieilenden Dienerschaft. »Willst du noch ein Stündchen mit heraufkommen,
und sollen wir noch ein wenig von anderen Sachen plaudern? Unsere Gesandtin hat
mir heute morgen geschrieben und mich dringend gebeten, den heutigen Abend bei
ihr nicht zu versäumen. Willst du mich dahin begleiten? Wir werden sehr
willkommen sein, und Mr. Irving, der berühmte Komödiant, ist aus London
inkognito hier. Willst du den Monolog To be, or not to be von ihm hören? Der
Herr wird mir einer Tournee drüben bei uns zuliebe gewiss gern den Gefallen tun.«
    »Lebe wohl, Helene. Lass uns beide dazu tun, dass wir einander noch einmal
wiedersehen, gefesteter in uns auf der wankenden Erde.«
    »Können wir das? Ja, so lebe wohl für heute, mein Freund, mein Freund, und
habe Dank dafür, dass du zu mir gekommen bist. Ich wusste keinen andern, den ich
rufen konnte!«
    So haben wir wieder Abschied voneinander genommen. Ob für immer, wer kann's
sagen? Ich hätte nun noch auch diesmal Freund Leon aufsuchen können in Berlin,
aber ich wusste es ja, dass ich die Schwester Leonie nicht mehr bei ihm finden
würde. Es war mir wirklich unmöglich, seinem Lebensbehagen jetzt die rechte
Teilnahme entgegenzubringen, seine Wera singen, seine Viktoria Klavier spielen
zu hören und mit ihm den Erben der Troubadourharfe, der Albigenserlanze und des
Hugenottenschwerts der Ahnen, seinen braven Friedrich, vom Kadettenhause zu
Lichterfelde durch alle möglichen neuen kriegerischen Ehren der Familie bis zu
dem Prädikat Exzellenz zu begleiten.
    Eine schlaflose Nacht in meinem Gastause; dann der Morgen und die
Heimfahrt! »Trüber Tag. Feld«! Die Wälder, Felder, Dörfer, Städte und die
Bahnhöfe mit ihrem Getreibe im triefenden Novemberregen und -nebel. Am
Spätnachmittag, vom Regen und Nebel gleichfalls verhangen, der Osterberg und -
ein erstes Aufatmen!
    Das Haus, die Frau und die Kinder! ... Und so gegen Mitternacht am warmen
Ofen, in allem Behagen Leon des Beaux', Annas Seufzer:
    »Mein Gott, und sie weiss gar nichts mit ihren ungezählten Millionen
anzufangen?«
    »O doch! Sie hat Land und Meer um den Erdball zur Verfügung. Sie baut
Paläste, Krankenhäuser, kauft Bücher, Bilder, Bildsäulen, unterstützt -«
    »Aber das ist doch gar nichts! Das ändert an ihr und an der Welt nichts.
Ach, ich sollte an ihrer Stelle sein!«
    »Du?« fragte ich gespannt. »Was wolltest du denn mit ihrem vielen Gelde
beginnen?«
    »Nun - ich habe doch meine Kinder?!« -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Es ist ein lichtgrüner, schöner Frühlingstag, an welchem ich dieses zu Papiere
bringe. Ich könnte auf dem Blatte den spätesten Nachkommen noch einmal mit
hinaufnehmen auf die Bank im Sonnenschein von heute auf dem Osterberge; aber ich
schliesse
                           die Akten des Vogelsangs.
 
    