
        
                                Maria Janitschek
                                     Ninive
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Es war eine lange Gasse mit niedern Häuschen und Bäumen davor, in der Frau
Lobreis wohnte. Am Ende der Gasse stand die alte Kirche mit ihrem etwas schiefen
Turm und der grünlichen Patina auf dem steil abfallenden Dach. Früher, vor
Jahrhunderten, war das Kirchlein katolisch gewesen; jetzt gehörte es den
Evangelischen.
    Alle Sonntage war Gottesdienst. Dann erklang eine alte wundersame Orgel, und
der Pfarrer, ein weisshaariger Greis, sprach von der Güte Gottes. Manchmal, wenn
die Kirchtüre geöffnet blieb, schlüpfte wohl gar eine Schwalbe in den
dämmerigen Gottesraum. Dann kicherten die Kinder und stiessen sich verstohlen an.
Es war ein stiller Winkel, dieses Sienental, und wie für müde Menschen zum
Ausruhen geschaffen. Die aber noch nicht müde waren, fanden es unerträglich
langweilig. Zu diesen gehörte auch Johanne Grün, die achtzehnjährige Enkelin der
Frau Lobreis. Ihre Eltern waren schon vor Jahren gestorben; sie selbst war
damals noch so jung gewesen, dass sie sich ihrer fast nicht mehr erinnerte. Sie
lebte mit ihrer Grossmutter zusammen. Seit die alte Frau das Gehör verloren
hatte, sprachen sie wenig miteinander. Johanne besorgte die kleine Wirtschaft.
Das Häuschen entielt nur drei Stuben, die bald in Ordnung gebracht waren.
Ebenso der kleine Garten, in dem sie ihr Gemüse pflanzten. Hie und da erschien
ein oder das andere flachshaarige junge Mädchen bei Grossmuttern, um Grüsse von
den Eltern zu bestellen, - die Alte ging nie aus - oder mit Johannen ein
Viertelstündchen zu plaudern.
    Aber das geschah nicht zu häufig.
    Da wars denn recht ruhig in dem kleinen Haus. Johanne blieb sehr viel sich
selbst überlassen. Sie strickte Strümpfe in allen Farben und Längen und
beschenkte alljährlich die Grossmutter mit verschiedenen »Haussegen«, Nadelkissen
und ähnlichen mühsam und zierlich hergestellten Arbeiten. Aber die Zeit wollte
ihr trotz des Fleisses nicht schneller vergehen.
    Manchmal, wenn es ihr gar zu einsam wurde, verliess sie das Haus und besuchte
einen der beiden Orte, die ihre einzige Freude bildeten. Da war die Kirche mit
ihrer dämmerigen Halle, wo sichs so herrlich träumen liess, oder der alte Kaffee-
und Zuckerladen an der nächsten Ecke, wo man gegen geringes Entgelt auch Bücher
zu leihen bekam. Die Bücher, die sie da holte, hatten ebenfalls einen leisen
Modergeruch an sich. Es waren verschiedene alte Autoren, die mit fleckig
gewordenen Kupfern geziert waren. Fräulein und Frauen im Keifrock mit hohen
Frisuren und süsslichem Lächeln, oder Jünglinge mit stolzen Zügen, die irgend
eine Heldentat vollführten, sah man da.
    Seit der bejahrte Ladenbesitzer gestorben war und eine entfernte Verwandte -
man hielt sie wenigstens dafür - das Geschäft übernommen hatte, gabs auch neue
Bücher zu lesen. Johanne brauchte keine Leihgebühr zu bezahlen, da sie
sämtlichen Hausbedarf in dem Laden kaufte. Die Ladeninhaberin, die aus einer
grossen Stadt gekommen war, schwärmte mit ihr um die Wette für »interessante
Geschichten«. Sie war ein älteres Fräulein, das wenig Aussicht mehr im Leben
hatte und deshalb sofort hierhereilte, das Erbe zu übernehmen. Sie lasen
Erzählungen von Christoph Schmid und Clauren mit derselben Andacht, sie weinten
über das Schicksal der Helden Bulvers, und regten sich über Eugen Sue auf. Am
meisten ergriff Johanne in jener Zeit ein Band von der seligen Mühlbach, der
»Berlin vor fünfzehn Jahren« hiess und sehr rührselig geschrieben war. Manchmal
kamen dann einige moderne Autoren hereingeschneit, die im Auftrage des Fräuleins
von den Verwandten in der Stadt für das Geschäft zu billigem Preise eingekauft
wurden. Dann sass Johanne halbe Nächte über die Blätter geneigt, das heisse
Gesicht in die Hände gestützt, und las. Und die Grossmutter schüttelte
missbilligend den Kopf und schalt über den Lichtverbrauch, wenn sie am andern Tag
den langen verkohlten Docht in der Oellampe sah.
    Die Leute im Markte nannten Johanne wegen ihrer Lesewut scherzend: die
Märchenprinzessin. Äusserlich sah sie aber keiner Prinzessin ähnlich. Sie war
mittelgross, besass ein etwas stumpfes Näschen, einen kindischen Mund, der fast
immer ein wenig geöffnet stand, eine schmale, nicht besonders schön geformte
Stirne, und reiches braungoldnes Haar, das sie aber recht ungeschickt
aufsteckte. Nur eine Schönheit war ihr eigen. Ein Paar grosser, lieber, blauer
Augen, voll träumender Sehnsucht und Kindergüte. Ueber diesen Augen wölbten sich
tiefschwarze Brauen, in schönen Bogen gezeichnet. Der alte Pfarrer pflegte, wenn
er die Grossmutter besuchte, mit den Fingern über diese Brauen zu fahren.
    »Wirklich nicht gefärbt?« sagte er dann jedesmal, die Spitzen seiner Finger
aufmerksam betrachtend. Johanne, wurde immer sehr rot und lachte. Einmal, als er
kam fand er sie strickend und dabei lesend.
    »Was liest du denn da?« fragte er. Sie reichte ihm das Buch hin. Es war ein
Roman Walter Scotts. Der Pfarrer sah sie missbilligend an.
    »Wie kannst du solches Zeug lesen? Das verdreht dir den Kopf. Du müsstest
weniger lesen und mehr im Haus arbeiten«.
    Solange die Grossmutter lebte, liess sich wenig tun.
    Abends ging Johanne zu Fräulein Wewerka und klagte ihr, dass der Pfarrer sie
ausgescholten hätte.
    »Ach in einem so langweiligen Nest« meinte das Ladenfräulein, »was soll man
denn anders tun als lesen, besonders wenn man so allein steht wie Sie. Lesen
Sie nur weiter, das ist kein Unrecht«.
    Da augenblicklich niemand in den Laden kam, setzten sich die Beiden auf das
alte schwarze Ledersopha und plauderten.
    »Nirgends ists so gemütlich wie bei Ihnen« meinte das junge Mädchen und
blickte in dem engen verräucherten Stübchen umher.
    »Das machen wohl nur die vielen Bücher auf den Wandregalen« sagte Fräulein
Wewerka, »mir kommts schrecklich ungemütlich hier vor. Ich bin an die grossen
Räume in der Stadt gewöhnt, aber was will man machen. Hätte ich das Geschäft
verkauft, so wäre ich sicher dabei zu kurz gekommen. So trägt es mir, wenn auch
nicht hohen, aber sichern Gewinn, von dem ich später einmal in der Stadt leben
kann«.
    »Also Sie gehen wieder dahin zurück?« Johanne blickte sie neidvoll an.
    »Ja später, nach einigen Jahren; sagen Sie es aber noch niemandem«.
    »Mein Gott, wie schön muss es dort sein« seufzte die Kleine.
    »Und die vielen berühmten Leute, die in so einer Stadt wohnen, der Kaiser
und die Generale, und die Künstler alle« setzte Fräulein Wewerka hinzu. »Mein
Bruder ist Redakteur einer Zeitung und selbst Schriftsteller; alle die
bekanntesten Dichter kommen zu ihm und unterhalten sich mit ihm. Auch grosse
Schauspieler und deren Frauen. Das ist herrlich. Da weiss man doch, dass man lebt
und auf der Höhe seiner Zeit steht.«
    »Ach ja, jawohl« die Augen des jungen Mädchens glänzten, »wenn ich doch auch
einmal dahin könnte. Aber ich habe keinen einzigen Menschen da«.
    »O was das betrifft« meinte das alte Fräulein, »ist man erst dort, so macht
man genug Bekanntschaften«.
    In diesem Augenblick ertönte mit dünnem Klang die Ladenklingel. Betty
Wewerka erhob sich, um die eintretenden Kunden zu bedienen. Johanne schüttelte
ihr die Hand und entfernte sich, das erhaltene Buch sorgsam unter ihrem Tuche
verbergend.
    So wenig inhaltreich das Gespräch war, für Johanne barg es dennoch eine
Fülle Stoffes zum Nachdenken. Sie konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Sie
hatte noch keine grosse Stadt gesehen, und ihre Phantasie zauberte ihr Bulvers
Pompeji vor. Marmor auf den Strassen, herrlich gekleidete Menschen, Häuser aus
edlem Gestein, Gärten voll köstlicher Gewächse. Und in dieser prächtigen
Umgebung schritten sie dahin, die Berühmten, klassisch schöne Gestalten, denen
man es ansah, dass sie wunderbare Bücher schrieben und himmlische Musik machten.
    »Da weiss man, dass man auf der Höhe seiner Zeit steht«. Ach Gott, ja. Mit
einem Seufzer kehrte sich Johanne zum dreissigsten Mal in dieser Nacht in ihrem
Bettchen um und entschlief endlich. Am Morgen sass sie verträumt am Herde und
bereitete das Frühstück. Drin in der Stube gröhlte die Grossmutter, dass der
Kaffee so lange auf sich warten lasse. Johanne machte ein Mäulchen. Heute zum
ersten Mal fand sie, dass die Grossmutter doch gar zu wenig auf sich hielt. Sah
sie eigentlich - nicht aus wie eine Hexe in ihrem blauen altmodischen
Tuchspenzer über dem schwarzen, kurzen Rock, der die in Filzschuhen steckenden
Füsse sehen liess? Und diese grosse, schwarze Bänderhaube, die sie wer weiss wie
lange schon trug, und aus der ihr verrunzeltes blasses Gesicht fast unheimlich
hervorblickte. Auch krochen immer ein paar Büschel fahler Haare aus der Haube an
den Schläfen hervor. Und manchmal konnte sie ordentlich wild aussehen, die
Grossmutter, wenn ihr etwas gegen den Willen geschah, denn sie hatte noch recht
lebendige Augen, graue, durchdringende, und es wäre schwer gewesen, sie
anzulügen. Freilich, in dieser verblichenen, wenig schönen Hülle steckte ein
wackeres, braves Herz, das viel gelitten und viel gekämpft hatte.
    Während Johanne sie mit weniger zärtlichen Blicken als sonst betrachtete,
fiel ihr dies plötzlich ein, und sie trat leise zu ihr und zog ihre Hand an die
Lippen.
    
    Dann ging sie, um Raupen von den Kohlköpfen zu suchen. -
    Trotzdem äusserlich alles war wie gestern, innerlich, tief in ihr, drängten
sich fremde, neue Bilder. Am Nachmittag besuchten sie zwei junge Mädchen.
    Sie plauderten wie immer ihre harmlosen Neuigkeiten aus. Nachbar Hausners
Hahn war abgestochen worden, weil er von Alter blind war und die Körner im
Futtertrog nicht mehr sah. Fiedlers Karl hatte seinen Schuhladen neu
angestrichen, und die Bäckerliese hatte endlich das ersehnte kleine Mädchen zu
ihren fünf Buben gekriegt.
    Johanne bemühte sich, ein interessiertes Gesicht zu zeigen. Aber bei sich
dachte sie: sonst gibts nichts? Die jungen Mädchen fanden sie einsilbig, und
sie fand die jungen Mädchen langweilig, und so trennten sie sich zum ersten Mal
weniger herzlich als sonst. Als sie fort waren, und die Grossmutter wie
gewöhnlich in ihrem Sessel schlafend sass, während das Strickzeug müssig in ihrem
Schoss lag, zog Johanne ihr Buch hervor. Es waren Gedichte, und der Mann der sie
geschrieben hatte, hiess Hans Tage.
    Johanne las von blauen Lüften mit singenden Sternen, von heimlichen Wäldern
mit Vögeln, die träumten und im Schlaf ihr goldenes Gefieder wiegten. Sie las
von Menschen, die mit Kronen auf den Häuptern umherschritten und jeden sie
Begegnenden »du« und »Bruder« nannten; von grossen Festtafeln, die sich von einem
Ende der Stadt zum andern zogen und nie leer wurden, so dass es keinen Hunger
mehr im Lande gab. Von köstlichen Spielen, an denen alle, auch die keinen
Reichtum besassen, teilnehmen durften. Von Kraft, Schönheit, Gesundheit, die
Jeder haben konnte, der sie begehrte. Sie las und las, und weinte warme, junge
Tränen über diese Welt voll herrlicher Güte, die der edle Dichter den Armen
schenken wollte, und auch schenkte, wenn auch nur auf den - Buchseiten. Johanne
küsste den Namen des Autors und sass, die Hände im Schoss gefaltet, lange Stunden
in seligem Rausche da. Was musste das für ein Mensch sein, der so Herrliches
schrieb?
    Eine Art Christus, ein ganz Grossartiger.
    Und schön musste er sein, der so dichten konnte!
    Gleich einem Menschen der Vorzeit, mit Schultern stark wie aus Marmor, die
mitleidig das ganze Leid der Menschheit auf sich laden wollten; mit Händen die
vor Gnade tropften, mit Augen, leuchtend und gross und blau wie die Südsee.
    Der stand auf der Höhe seiner Zeit. Wer doch seine Hand berühren, ihm ins
begeisterte Auge schauen durfte. Mit ihm sprechen, Geist von seinem Geist
empfangen! ..... Johanne suchte schauernd und glühend ihr Schlafstübchen auf
.....
    Im Sommer glich Sienental einem blühenden Garten, in dem sich die kleinen
Häuser wie Lustäuschen ausnahmen. Auch die »Hauptstrasse«, die lange Gasse, in
der Johanne wohnte, war voll vom Dufte der Linden, dem Gezwitscher der Vögel.
    Man konnte sich sehr wohl fühlen in diesen Gässlein, auf diesen Plätzen wo
das Gras zwischen den Steinen wucherte, und Gänse, Enten und gackernde Hühner
umherstiegen.
    Aber im Winter! Als ob alles ausgestorben wäre! Selbst der Klang der alten
Orgel drang nur spärlich herüber und besass nicht die Macht, den dicken eisigen
Nebel zu durchbrechen, der über der Gegend lagerte. Dann schlichen die Leute in
grosse, grobe Tücher gehüllt umher, und nur ihre vor Kälte bläulichen Nasen
guckten aus den Hüllen. Und jeder hielt sich soviel wie möglich im Innern seiner
Wohnung auf, und draussen war alles voll unbetretnen Schnees und voll Einsamkeit.
Johanne erschienen diese leeren langen Tage und Abende an der Seite der tauben
Grossmutter unbeschreiblich traurig. Sie sassen dann einander gegenüber, die Alte
nickte und die Junge beschäftigte sich mit irgend einer Handarbeit und
beobachtete dabei das Gesicht der Greisin.
    Und dann dachte sie: so werde auch ich einst aussehen wenn ich alt bin; und
sie konnte nicht genug staunen, wie diese Frau mit dem eingetrockneten, fahlen
Gesichte einmal rund und rosig und schön war und Liebe und Gefallen erregt
hatte.
    Und doch war ihr oft genug erzählt worden, dass ihre Grossmutter die schönste
Frau in Sienental gewesen sei und ehe sie ihren Mann, den Gemeindeschreiber,
geheiratet hatte, von Freiern umlagert war.
    Einmal sagte der Pfarrer zu Johanne: »Du müsstest frömmer sein, Kind, dann
vergingen auch deine schwermütigen Gedanken.
    Siehst du, wer einen liebenden Vater über sich im Himmel weiss, und ein
reines Herz hat, wen keine Sorgen und Krankheiten plagen, der ist doch töricht,
wenn er sich nicht glücklich und zufrieden fühlt«. Der gute Pfarrer! Das war
alles schön und wahr, aber -
    Wenn doch der liebe Vater im Himmel ein wenig näher gewohnt oder sich
manchmal herab bemüht hätte, dass man den Kopf auf seine Füsse drücken und ihm
hätte sagen können, wie lieb man ihn habe. Johanne sehnte sich leidenschaftlich
nach einer blutvollen Wirklichkeit. Und da sie durch ihr beständiges Denken und
Grübeln, und durch das viele Lesen über die Interessen junger Mädchen ihres
Alters hinausgewachsen war, so blieb ihr nur ein Mensch, mit dem sie sich
leidlich unterhalten konnte: das Ladenfräulein an der Ecke. Fast jeden Abend sass
Johanne ein Stündchen dort und hörte mit glänzenden Augen den wahren und
erdichteten Geschichten zu, die Betty Wewerka ihr erzählte. Manchmal brachte sie
auch konfuses Zeug vor, dass das junge Mädchen an ihrem gesunden Menschenverstand
zu zweifeln begann. Dann rötete sich ihre spitze Nase und die kleinen schwarzen
Augen nahmen einen irren unbestimmten Ausdruck an. Aber sie fand sich meist
wieder zurecht und ging dann schnell über ihren seltsamen Zustand hinweg.
    Natürlich bildete die grosse Stadt den Schauplatz ihrer Erzählungen, und ihr
Bruder, der berühmte Schriftsteller war der Held.
    Johanne kannte bereits jede Strasse, jeden Platz, jedes grössere Gebäude
dieser gerühmten Stadt. Einmal erzählte ihr Betty von den köstlichen
Gartenanlagen, die sich dort befänden. »Das muss ja das reine Ninive sein« rief
Johanne, die eben einen exotischen Roman las, in dem Frau Semiramis vorkam.
    Und seit dieser Zeit nannte sie den Schauplatz von Bettys Geschichten
scherzend: Ninive. Man wird unwillkürlich zu Uebertreibungen geneigt, wenn man
seine Lieblingsstätten jemandem schildert, umsomehr, wenn dieser Jemand gar so
wenig mit seiner Verwunderung und naiven Freude geizt wie Johanne. Sie hetzte
die Andere förmlich, die Wunder der Grossstadt noch wunderbarer zu schildern als
sie waren. Und jemehr Johanne mit ihrer Phantasie sich in die Ferne hineinlebte
und wünschte, um so entfremdeter wurde ihr die Nähe. Der Ort, wo man nichts
erfahren hat, lässt einen kalt, sei er auch noch so schön. Erst das Erlebnis
gibt ihm die Weihe, macht ihn lieb, interessant. Johanne hatte hier nichts
durchlebt als eine Schulzeit, die ihr heute sehr langweilig erschien, viele,
viele mit Handarbeit ausgefüllte Stunden, Nächte, in denen ihr nichts träumte,
und Tage, die kein Ende zu nehmen schienen.
    Ihr war es, als ob drüben in »Ninive« mächtige Ereignisse auf sie warteten,
grosse Wandlungen ihres Lebens ihrer harrten. Ihre junge Seele war überaus
hungrig, denn sie war ganz leer, - weder schlecht noch gut, weder zum Höchsten
noch zu Niederm geneigt, die Seele eben eines jungen Mädchens, das noch nichts
erfahren hat, als den Frieden seines Hauses. Augenblicklich lebte in ihr eine
grosse warme Liebe zu jenen Menschen, deren Werke sie las. Alle zusammen könnte
sie persönlich kennen lernen, wenn sie hinüberkäme in die »Wunderstadt«, meinte
Betty. Auch Hans Tage lebte dort, der Dichter mit dem weichen, gnädigen Herzen.
    Eines Tages schob die Grossmutter die Suppe mit einer Bewegung des
Widerwillens zurück.
    »Versalzen«.
    Am andern Tage brummte sie: »Der Kaffee ist verbrannt, er schmeckt gallig«.
    Am dritten Tage schlief sie immerfort und war kaum zu bewegen, die Augen zu
öffnen. Da nahm Johanne die Hände der alten Frau in die ihren und hauchte
darauf, denn sie waren eiskalt. Sie sah ratlos im Stübchen umher. Die alten,
bräunlichen Möbel in ihrer grossen derben Eckigkeit konnten ihr nicht raten.
    Sie breitete eine gewärmte Decke über die Grossmutter und ging zum Arzt. Das
war ein alter grober Mann, der schon seit mehreren Dezennien hier Kranke heilte
und tötete, wies eben kam. Aber man rief doch lieber ihn, als den modischen
Medizindoktor, der einen goldnen Klemmer auf der Nase sitzen hatte, feine
gestickte Wäsche trug, und furchtbar über die dummen Sienentaler schimpfte. Der
Doktor verordnete der alten Frau heissen Wein, in den Eierdotter gesprudelt
waren, einen warmen Ziegelstein unter die Füsse, und wenn dies nicht half, den
Pfarrer.
    Es half wirklich nicht. Sie tat immerzu, als schliefe sie, und stand auf
nichts Rede und Antwort. Johanne holte ein paar Nachbarinnen, weinte und ging
endlich zum Pastor. Der kam, legte seine Hand der Kranken auf die Stirne und sah
ihr lange in das wachsfarbene Gesicht. Er sprach auch einige leise Worte zu ihr;
als sie aber regungslos blieb, faltete er die Hände zu einem stummen Gebet und
schritt leise hinaus. Draussen stand Johanne zitternd und sah ihn an. Er lächelte
mild und nahm ihre Hand in die seine.
    »Sie schläft hinüber; sei ganz ruhig und lass sie. Gegen Abend komme ich
wieder«.
    Und als abends die Lichtlein im Orte angezündet wurden und der Hofhund des
Nachbars kläglich zu weinen begann, öffnete der Geistliche behutsam die Tür und
sah die Grossmutter wie nachmittags in ihrem Bette ruhen, aber ein weisses
Tüchlein lag auf ihrem Antlitz. -
    Da nahm er das am Bett schluchzende Kind, das er getauft und konfirmiert
hatte, in seine Arme und sagte:
    »Nun stark sein Kleine. Wir alle haben einen Tag vor uns, da man ein
Tüchlein über unser Gesicht breitet« .....
 
                                       2
Johanne erhielt einen Vormund.
    Es war ein alter Mann, der früher das Schlächtergeschäft betrieben hatte und
jetzt in einem kleinen Hause mit seiner kränklichen Frau der Ruhe pflegte.
    Er war ein guter Freund der Grossmutter gewesen, und es schien allen
natürlich, dass er die Sorge um das junge Mädchen übernahm. Seltsam, weder die
alte Frau noch der Pfarrer, noch Ritter, der Vormund, hatten sich jemals die
Frage vorgelegt: was geschieht mit dem jungen Mädchen, wenn es einmal allein in
der Welt steht? Der Verkauf des Häuschens mit dem Garten würde kaum mehr als
vier-, fünftausend Mark ergeben haben. Davon konnte aber kein Mensch leben. Also
lag es nahe, dass Johanne sich irgendwo als Magd verdingte.
    Auf dem Lande brauchen sie aber kräftige Dirnen, die gut feldarbeiten
können. Und Johanne war eher schwächlich als stark. Ausserdem verstand sie gar
nichts von der Landwirtschaft. Was sollte man mit ihr beginnen? Ritter meinte:
du bleibst jetzt ruhig bei uns. Das Häuschen suchen wir zu verpachten; wenn du
dich einmal verheiratest, hast dus bequem und kannst dich gleich in dein
Eigentum hineinsetzen.
    Johanne wohnte nun bei den beiden alten Leuten. Die Frau war sehr wunderlich
und konnte es nicht leiden, wenn Johanne las oder sich mit feinen Handarbeiten
beschäftigte. Sie liess sie unaufhörlich scheuern und putzen, obzwar alles in
Küche und Haus vor Sauberkeit glänzte. Man zeichnete ihr jeden ihrer Schritte
vor, und wenn sie etwas länger ausblieb als gewöhnlich, gabs Schelte. Und dabei
hatte sie ein kleines unfreundliches Stübchen, in dem sich kein Ofen befand und
wo sie Winters frieren musste. Sie wurde von Tag zu Tag trauriger. Die schöne
Welt war nun versunken, die ihr von den Büchern, in denen sie früher lesen
durfte, in ihre Einsamkeit gezaubert wurde. Die beiden greisen wunderlichen
Leute waren kein Ersatz für die Grossmutter. Die Sehnsucht nach jungen Menschen,
nach Leben, nach Freude wurde täglich mächtiger in ihr. Da draussen in der Welt
wars so herrlich! und sie in diese schreckliche Wüste verbannt!
    Eines Tages lief sie ohne Erlaubnis davon, in den Laden des alten Fräuleins
und klagte ihr Leid. Betty strich ihr beschwichtigend über das Haar und zog sie
auf das alte Ledersopha im Stübchen neben dem Laden.
    »Wenn ich so ein lieb jung Mädchen wäre wie Sie, ich wüsste wohl, was ich
tät. Ich ginge nach Ninive, lernte da etwas, z.B. Kindergärtnerei, erhielte
eine feine Stellung, machte nette Bekanntschaften, und vergnügte mich«.
    Johanne fasste die Sprecherin an den Händen.
    »Ach Gott, könnt ichs doch, könnt ichs doch! Aber es geht ja nicht. Hab ich
doch keine Seele dort, die sich meiner annehmen würde«.
    »Und wenn Sie jemand dort fänden - ein bisschen Geld besitzen Sie ja auch, um
sich irgendwo in einem anständigen Hause einzulogieren - würden Sie hinreisen?«
    »Und ob, und ob« rief Johanne mit glänzenden Augen.
    »Dann will ich an meinen Bruder schreiben, er soll etwas für Sie Passendes
suchen«.
    Johanne schrie glückselig auf.
    »Ach Gott, wird das herrlich, mit ihnen allen, die ich so lieb habe, die
meine Freunde sind, in derselben Stadt sein, dieselbe Luft atmen dürfen, Betty,
Betty!« Plötzlich machte sie ein ernstes Gesicht.
    »Aber der Vormund? wird ers erlauben, wird er drauf eingehen?«
    »Ich rede mit ihm« versprach Betty Wewerka, in deren Interesse es zu liegen
schien, Johannes Wunsch zu unterstützen.
    In Wahrheit befand sich ihr Bruder in misslichen Verhältnissen, in denen ihm
jede, auch die kleinste Einnahme zu gute kam. Erhielt er Johanne in Pension, so
flossen ihm ein paar hundert Mark jährlich mehr zu.
    Fräulein Wewerka bearbeitete nun die beiden alten Ritters, stellte ihnen
vor, wieviel gute Anregung Johanne im Haus ihres Bruders empfinge, wie sie in
der Stadt tüchtig lernen würde; es seien dort viele Fortbildungsschulen für
junge Mädchen, man dürfe dem »Bildungsdrang« eines jungen Menschen kein
Hindernis in den Weg legen u.s.w.
    Schliesslich gaben die beiden Alten nach und willigten in die Uebersiedelung
ihres Mündels nach der Stadt ein.
    Es wurde ein Termin festgesetzt, an dem Johanne reisen sollte.
    Das junge Mädchen ging wie im Traum umher. Die Seligkeit liess sie Essen und
Trinken vergessen, liess sie den Bekannten, die sie anhielten, um ihr ein paar
freundliche Worte zu sagen, die Antwort schuldig bleiben. Wenn sie an ihrem
lieben alten Häuschen, in dem sie ihre Kindheit verbracht hatte, vorüberschritt,
lachte sie heimlich und sagte: du altes schräges Ding, nun werde ich bald
anderes als dich zu sehen bekommen. Es war sehr undankbar, aber sie hatte noch
kein Leid kennen gelernt, wie sollte sie den Frieden zu schätzen wissen?
    Sie nähte sich schnell eine Aussteuer, die ihr grossartig erschien. Als sie
ein halb Dutzend grober Hemden, etliche Röcke und Leibchen zusammengearbeitet
hatte, packte sie alles in einen grossen alten Holzkoffer, den sie noch von ihren
Eltern besass, und stellte sich ihrem Vormund als reisefertig vor. Man wartete
noch etliche Tage, bis der Brief von Bettys Bruder kam. Er lautete sehr
freundlich. Das junge Mädchen möge nur kommen. Er und seine Frau würden es
selbst überwachen und ihm hülfreich in seinen Bestrebungen an die Hand gehen.
»Und - früher oder später sehen Sie mich auch« sagte Fräulein Wewerka. »Ich
warte nur, bis ich eine bestimmte Summe beisammen habe; dann komme ich für immer
nach Ninive.«
    Nun galts noch zwei Besuche. Der eine war schnell getan. Es war der auf den
Kirchhof. Mutter und Vater hörten still und unbekümmert unter ihren Blumenhügeln
die Abschiedsworte der Fortziehenden. Die Toten ereifern sich nicht, denn sie
wissen vieles, das da kommt.
    Auch der zweite Abschiedsbesuch verlief friedlich. Er galt dem Pfarrer.
    »Weisst du« sagte der alte Herr ruhig zu dem jungen Mädchen, »dir abraten,
dein Glück in der Fremde zu suchen, würde zu nichts führen. Du gingest doch.
Zieh denn. Vergiss nicht dein Abendgebet täglich zu sprechen, und vergiss noch
etwas nicht: Du kommst dereinst wieder, Johanne, und dann wirst du kaum erwarten
können, diesen alten treuen Boden unter deinen Sohlen zu spüren. Ich werde es
vielleicht nicht erleben, aber denke manchmal daran. Es wird dir ein Trost und
eine Mahnung sein«.
    Und dann segnete er sie und entliess sie. Weinend und doch lachend sah sie
einige Tage später nach einem langen Abschied von ihren Bekannten die letzten
Häuschen ihres Heimatsortes hinter sich entschwinden. Ein Wäglein brachte sie
zur Eisenbahnstation. Noch einen letzten Blick auf die beiden Pappeln vor dem
Kirchlein, dann verbarg ein Hügel den Ort, der wie eine treue Mutter ihre ersten
Schritte bewacht hatte.
    Aber Kinder entlaufen oft ihren Müttern, um in der Fremde zu weinen .....
 
                                       3
Also das ist sie, die heisserträumte, heisserwünschte Stadt der Grossen, Ninive!
.....
    In die Ecke einer Droschke gedrückt, ihren grossen Holzkoffer vor sich,
durchsauste Johanne die Strassen, die nach der Wohnung Herrn Wewerkas führten.
Sie sah zum ersten Mal drei, vier Stock hohe Häuser, Pferdebahnen, Schutzleute,
Reklamewagen, Dampfbahnen, dazwischen ein schwarzes Gewimmel von tausend und
abertausend geschäftig hineilenden Menschen.
    Der Lärm der Grossstadt erschien ihr ohrenzerreissend; die hinfliegenden
Wagen, die Reiter, die Dampfbahnen machten sie schwindlig. Sie hatte sich das
alles anders vorgestellt, märchenhaft, still, harmonisch; diese lebenrauchende,
brutale Wirklichkeit erschreckte sie. Vor einer riesenhaften Mietskaserne hielt
der Wagen. Sie bezahlte und liess ihren Koffer in den Hausflur stellen; der
herbeieilende Portier versprach, ihn gleich hinauf zu Wewerkas zu schaffen. Dann
schritt sie über vier Treppen, die mit einem nicht allzu saubern Läufer bedeckt
waren, und klingelte an einer Wohnung. Ein »Ah«, eine Hand, die sie fasste und
hineinzog, und das Schicksal schloss hinter ihr die Tür. - Die ersten zehn
Minuten war sie so befangen, dass sie nichts sah, als die Frau, die sie neben
sich aufs Sopha gezogen hatte und freundlich mit ihr sprach.
    Frau Wewerka, eine Vierzigerin mit blassem Teint und verschleierten
melancholischen Augen, einem schmalen Mund, der das Verschweigen gewohnt schien,
war eine nicht unsympatische Person. Ihre Kleidung mochte als nachlässig
gelten, nach Johannes Begriffen schien sie sehr elegant.
    »Meine Schwägerin hat sehr recht getan, Sie an uns zu adressieren« sagte
sie, »wir werden unser Möglichstes für Sie tun. Morgen gleich wollen wir nach
dem Fröbelhaus gehn, wo die jungen Mädchen im Unterricht unterwiesen werden. Ich
freue mich sehr, Sie bei uns zu haben, ich liebe die jungen Mädchen sehr, bin
selbst ziemlich vereinsamt, wir besitzen keine Kinder; jedenfalls hoffe ich, dass
wir manch angenehmes Plauderstündchen miteinander zubringen werden, nichtwahr?«
    Durch so viel Freundlichkeit taute endlich Johannes Verlegenheit hinweg und
sie fand einige herzliche Worte. Sie sprach von Sienental und wie glühend sie
sich hierhergesehnt habe, dass Betty ihr soviel Herrliches von »Ninive« erzählt
habe u.s.w.
    Als bei dem Worte: Ninive Frau Wewerka fragende Augen machte, teilte ihr
Johanne mit, wie sie der grossen Stadt um ihrer schönen Gärten und Anlagen, um
der herrlichen Bauwerke willen, die sich da befinden sollten, den Namen
beigelegt habe.
    »Ich glaube, meine Schwägerin hat sehr übertrieben« lächelte mit ihrem müden
Munde Frau Wewerka, »übrigens: Ninive ist gut und - bezeichnend. Wir wollen den
Namen beibehalten. Und nun will ich Sie aber in Ihr Stübchen führen, damit Sie
sich waschen und umkleiden können«.
    Sie durchschritten eine Stube, in der viel Schriften und ganze Ballen Papier
herumlagen. Ein riesiger Schreibtisch, einige Regale von Büchern vollgepfropft,
ein hoher Wandschirm, der irgend etwas verbergen sollte, vervollständigte die
Einrichtung dieses Zimmers. Dann folgte ein kleines Gemach, eine Art Essstube mit
Tisch, Stühlen, Büffet, einer Nähmaschine, einem Pianino und endlich das Johanne
zugedachte Zimmerchen.
    »Sehr hübsch« rief das junge Mädchen und sah sich freudig um.
    Die Wirtin lächelte. »Gefällt es Ihnen? Das freut mich. Nun machen Sie sichs
bequem. In einer Stunde klopfe ich. Wir essen um drei. Ja richtig, Ihren Koffer
-«
    »Der Portier bringt ihn eben« sagte ein älteres Dienstmädchen und öffnete
dem unter seiner Last keuchenden Mann die Tür.
    »Ist das alles?« fragte Frau Wewerka, während die Magd mit geringschätzigem
Blick den alten Holzkoffer musterte.
    Johanne nickte. »Ja alles«.
    »Nun dann, auf Wiedersehen«.
    Das junge Mädchen trat an das schäbig aussehende Eisengestell mit dem
Waschservice, wusch sich, brachte ihr Haar in Ordnung und kauerte sich nieder,
den Koffer auszupacken. Sie öffnete die Laden der Kommode. In der einen befanden
sich etliche Herrenhemden, doch die andern waren leer. Ihre zwei Kleider hing
sie in eine Ecke, vor die ein Vorhang gezogen war, um die Garderobe vor Staub zu
schützen. Ein Tisch mit einer verschossenen roten Sammetdecke, zwei Stühle, ein
grüner Plüschfauteuil, ein Bett, über das eine bunte Kattundecke gebreitet lag,
bildeten das Innere der Stube. Bis gestern hatte es den Gatten als Schlafzimmer
gedient, nun hatten sie ihre Betten hinter den Wandschirm in Herrn Wewerkas
Arbeitszimmer gestellt, um dieses hier vermieten zu können. Johanne bewunderte
die kleinen Gipsbüsten des Kaisers und der Kaiserin an der Wand, erfreute sich
an zwei Oeldrucken, die Rotkäppchen und Schneewittchens Abenteuer darstellten,
und fand die Aussicht aus der vier Stock hoch gelegenen Wohnung in die breite
endlos sich hinziehende graue Strasse bewundernswert.
    Als sie so im Anschauen des ihr fremden Lebens vertieft am Fenster lag,
klopfte es. Frau Wewerka und ein Herr traten herein.
    »Mein Mann möchte Sie gerne begrüssen, Fräulein«.
    Er schüttelte dem verlegenen jungen Mädchen die Hand und bot ihm den Arm.
    »Herzlich willkommen. Darf ich Sie zu Tisch führen? Wir haben nicht weit zu
gehen, unsere Wohnung ist klein wie ein Taubenschlag. Hier bitte!«
    Er rückte ihr im Nebenzimmer einen Stuhl zwischen sich und seiner Frau
zurecht. Das Dienstmädchen stellte mit unfreundlichem Gesicht eine Suppenterrine
auf den Tisch. Johanne war sehr verlegen und brannte sich den Mund mit der
heissen Suppe.
    Die Hausfrau gewahrte die Unsicherheit der Kleinen, wandte sich an ihren
Mann und begann mit diesem zu plaudern.
    »Nun und was wars heute? Wird Lohringer kommen?«
    Herr Wewerka, der hastig in seinem Teller herumlöffelte, wischte sich den
Mund mit der nicht sehr sauberen Serviette.
    »Keine Rede. Ich sagte dir ja, er hat wieder den Spleen. Seit einer Woche
lässt er Niemanden vor; die leeren Flaschen, die die Dienerin jeden Morgen aus
seinem Zimmer nimmt, geben vielleicht die Erklärung dazu«.
    Die Frau schüttelte den Kopf und warf etliche Worte des Bedauerns über den
wunderlichen Menschen hin. Währenddessen betrachtete Johanne Wewerka von der
Seite. Er stand ungefähr im gleichen Alter wie seine Gattin. Sein Gesicht war
wie tättowiert von hundert Falten und Fältchen, die sich um Augen und Mund
zogen. Das fahlblonde Haar, an den Schläfen schon spärlich, fiel glatt aus der
hohen, hügeligen Stirn. Seine Mundwinkel waren etwas schlapp und erzählten
mancherlei. Er sah Betty Wewerka nicht im geringsten ähnlich.
    »Sagen Sie mal, Fräulein Grün« wandte er sich plötzlich an seine
Beobachterin, »wie findet sich meine Schwester eigentlich in die Rolle einer
Kaffee-und Zuckerverkäuferin? Macht sie Geschäfte oder bleibt man ihr alles
schuldig?«
    Er lachte, und Johanne bemerkte seine bräunlichen Zähne, die von starkem
Nikotingenuss zeugten.
    »O sie ist nicht gern in Sienental, sie -«
    »Essen Sie zuerst und erzählen Sie dann«. Frau Wewerka legte ihr etwas
Gemüse und zwei dünne Scheibchen Hammelfleisch auf den Teller.
    Johanne ass einige Bissen, dann sagte sie schüchtern:
    »Fräulein Betty will ja auch bald hierherkommen; nur eine gewisse Summe
müsste sie beisammen haben, meint sie«.
    Das Ehepaar warf sich einen Blick zu.
    »Es war eine Torheit« meinte Wewerka, »dass sie das Geschäft nicht gleich
verkaufte. Ihr und uns wäre mit dem Gelde gedient gewesen, so hat keiner etwas.
Was für ein Mensch war denn eigentlich der alte Nehring, der Besitzer des
Geschäfts?«
    »O der war ja schon achtzig Jahr alt« versetzte Johanne.
    Wewerka lächelte. »Das weiss ich. Er hatte einen Sohn, dieser war mit meiner
Schwester verlobt. Sie hatten einander schrecklich gerne; der Alte widersetzte
sich aber ihrer Verbindung. Eines Tages gingen die verrückten Liebesleute in den
Wald, und er schoss zuerst ihr, dann sich eine Kugel in den Kopf. Er blieb auf
der Stelle tot, sie wurde gerettet; doch trug sie eine grosse Gedächtnisschwäche
davon. Sie lag monatelang im Spital, verlor natürlich ihre Stellung; sie war
Leiterin eines grossen Putzgeschäftes hier gewesen. Nun - es war ein Elend« - der
Sprecher nahm einen Schluck Wasser aus dem Glase vor sich, »ein Elend. Später
wandten wir uns wiederholt an den Alten, dass er doch für das arme Geschöpf etwas
tun möge; zwingen konnte man ihn ja zu nichts. Er setzte aber allen
Vorstellungen ein taubes Ohr entgegen. Erst als er starb - Verwandte besass er
nicht - erinnerte er sich der unglücklichen Kreatur, die durch seine Härte um
ihr Lebensglück und ihre Gesundheit gekommen war. Ihre verlorene Jugend und
ihren gesunden Verstand hat er ihr aber doch nicht zurückgeben können«.
    Johanne sass stumm da. Frau Wewerka seufzte und bat dann, fertig zu essen;
das Mädchen müsste sich etwas beeilen, weil heute Waschtag sei. Nach dem
Hammelfleisch gabs nichts mehr, als einige Stückchen Konfekt von dem billigen,
das arme Leute für die Christbäume ihrer Kinder kaufen. Herr Wewerka plauderte
noch ein wenig mit Johanne, dann erhob man sich. Nachmittags wollten sie dem
jungen Mädchen die Stadt zeigen.
    Da sie weder einen Wagen noch eine Pferdebahn benutzten, ermüdete Frau
Wewerka bald, überliess Johanne ihrem Mann und kehrte nach Hause zurück.
    Als die beiden auf ihrem Streifzug eben vor einem glänzenden Schaufenster
standen und er meinte, sie schwelge in der Pracht der ausgestellten Juwelen,
sagte sie plötzlich, ihm ins Gesicht blickend:
    »Die Geschichte, die Sie mir heute erzählt haben, ist sehr traurig. Ich kann
sie gar nicht loswerden. Nur eins verstehe ich nicht. Wenn Ihre Schwester ihn so
lieb hatte, wie kams, dass sie ihn überlebte?«
    Er sah überrascht in die grossen, warmen Kinderaugen, die sich auf ihn
gerichtet hatten.
    »Wie meinen Sie das, Fräulein?«
    »Mein Gott, wenn - wenn man einen so lieb hat und man weiss, dass er - fort
ist, für immer - ich hätte mich gleich aus dem Fenster gestürzt« .....
    Er lächelte in ihr erregtes Gesicht.
    »Das sagt man, aber man tötet sich nicht so leicht«.
    »Aber er tats doch«.
    Sie gingen ein Stückchen weiter.
    »Zum Glück gibts nicht viele so entschiedene Naturen da würde die Welt ja
nach drei Tagen in Trümmer geschlagen«.
    Johanne hatte ein Wort auf den Lippen, doch sie sprach es nicht aus. Später
zog anderes ihre Aufmerksamkeit auf sich. Abends war sie müde und ging bald nach
dem Nachtmahl, das noch etwas kärglicher als das Mittagessen war, auf ihr
Zimmer. Aber Ninive war doch herrlich, trotz allem!
Am andern Tage machte Frau Wewerka verschiedene Gänge mit ihr, zur Vorsteherin
und zu den Lehrerinnen des Fröbelhauses, denen sie das junge Mädchen sehr warm
empfahl. Johanne erregte in ihrer geschmacklosen, plumpen Kleidung, mit ihrer
bäuerlichen Schüchternheit in der Anstalt weder Interesse noch besondere
Teilnahme. Man liess sie ein kleines Aufnahmeexamen machen, in dem sie nur ihre
Lese-und Schreibekünste bekunden sollte, und steckte sie dann in die Klasse zu
den andern Schülerinnen. Sie verbrachte täglich fünf Stunden in der Anstalt, und
die Vorsteherin versprach ihr, wenn sie sich brav zeige, binnen einem Jahre eine
Stellung, wenn auch für den Anfang eine sehr bescheidene. Es galt also ein Jahr
tapfer auszuhalten. Johanne schrieb ihrem Vormund, und legte einige Zeilen
Wewerkas bei. Ritter antwortete ihr, er würde ihr die nötigen Mittel für ein
Jahr geben, damit sie den Kursus absolvieren könne. Dann freilich müsste sie für
sich selbst sorgen, denn das Häuschen zu verkaufen liege ihm fern. Das könne sie
einmal tun, wenns ihr beliebe und sie volljährig sei.
    Die Stunden, die Johanne nicht im Fröbelhaus verbrachte, war sie zu Hause.
Herr Wewerka arbeitete viel auf seiner Stube, indes seine Frau mit dem
Dienstmädchen den kleinen Haushalt besorgte.
    Dann und wann empfingen sie Besuche.
    Meist von Herren. Dann wurde laut debattiert, geschrieen, manchmal auch
deklamiert. Es waren wohl Kunstangehörige, die so lebhaft sich bejahten.
    Aber sie gingen nicht in goldenen Gewändern, trugen keine Kränze auf dem
Haupt, rochen nicht nach den Gärten der Semiramis.
    Meist waren sie sogar sehr nachlässig gekleidet und nichts weniger als
berückend. Einmal erzählte Johanne bei Tisch, wie sie sich früher Dichter
vorstellte. Da brach das Ehepaar in ein nicht endenwollendes Gelächter aus.
    »Du Cajetan in einem weissen Kleide mit einem Kranz aus Rosen in den üppigen
Locken!«.
    »Nein, Sie dachte ich mir nie so« meinte Johanne zu Wewerka, »ich weiss
nicht, warum«.
    »Oho« protestierte er scherzend, »das fasse ich als Beleidigung auf, Sie
zweifeln an meiner höheren Veranlagung. Heute haben Sie ja recht. Ich bin der
Redakteur einer kleinen volkswirtschaftlichen Zeitung, der meist über billige
Rapskuchenfabrikation, über Molkerei, Pferdeställe und ähnliches schreibt. Aber
einst war es anders. Da machte ich Terzinen und Jamben, dass es nur eine Lust
war. Sehen Sie, ich habe schon allerlei versucht. Zuerst studierte ich Jura,
dann begleitete ich eine naturwissenschaftliche Expedition auf ihrer
afrikanischen Reise, dann wurde ich Sekretär eines reichen Grafen, dann erfand
ich ein Instrument, ein Besteck, das als Löffel, Gabel und Messer zugleich
diente. Auch Schauspieldirektor war ich.«
    »Nein« rief das junge Mädchen mit glänzenden Augen, »wie klug und gelehrt
müssen Sie doch sein!«
    »Nichtwahr« meinte er mit Humor, »ein famoser Kerl. Ich habe -« Frau Wewerka
warf ihm einen mahnenden Blick zu - »ich habe noch allerhand Interessantes
begonnen. Man will eben nicht hungern, man braucht täglich, wenn man auch nur
von Brot lebt, einige Groschen. Woher die nehmen und nicht stehlen? Da wird man
schliesslich das Mädchen für alles«.
    »Aber liebten Sie denn nicht von dem Vielen, das Sie begonnen hatten, Eins
besonders?«
    »Und ob« meinte er. Zum Beispiel Jura. Aber wovon hätte ich leben sollen,
bis ich als Professor oder Advokat Geld verdient hätte? Dann, wie gerne wäre ich
der edlen Dichtkunst treu geblieben. Aber der Magen zieht ein Stück Mettwurst
dem duftigsten Liebesgedicht vor«.
    Johanne schüttelte eigensinnig den jungen Kopf. Sie war schon vertrauter mit
ihren Wirten geworden.
    »Ich glaubs nicht, dass Sie Jura besonders liebten. Dann hätten Sie nicht
davon lassen können«.
    »Auch nicht im Verhungern?«
    »Auch nicht«.
    »Donnerwetter! Aber da wäre ich ja ein Narr gewesen, mein kleines Fräulein!
was denken Sie denn? Wenn die Welt aus lauter solchen Querköpfen bestünde, würde
sie sich das Hirn einrennen«.
    An diesem Abend, als Johanne zu Bett ging, gelangs ihr nicht, einzuschlafen.
Sie musste immerfort an den Mann denken mit den tausend Fältchen im Gesicht, der
alles versucht hatte. Er ist untreu, dachte sie. Er gleicht seiner Schwester;
die wars auch, sonst hätte sie nicht leben können. Diese Beiden - aber die
andern Menschen gleichen ihnen wohl nicht. Wie seltsam. Alles ist anders, als
ich mir vorstellte, dachte die Kleine, aber so ganz, ganz anders .....
Eines Tages, eben als sie sich zum Mittagessen niederliessen, kam Besuch. Es war
ein grosser junger, aber schon stark gebeugt gehender Mann, der Johanne als Herr
Schüler vorgestellt wurde.
    »Essen Sie mit uns einen Löffel Suppe« sagte die Hausfrau freundlich, liess
noch ein Kouvert auflegen, und rückte ihm einen Platz am Tisch zurecht.
    »Du machst ein so ernstes Gesicht? war dein Weg umsonst?« Wewerka und der
Neuangekommene wechselten einen Blick.
    »Was wars denn?« Frau Wewerka sah ihren Mann an.
    »Aber liebes Kind, dränge dich doch nicht -«
    »Ja ja, euere ewige Geheimniskrämerei, ich glaube du bist Privatdetektiv
geworden, und Schüler ist dein Helfer, wie?«
    »Erraten, Gnädige, erraten«.
    Er blickte Johanne forschend an.
    Frau Wewerka machte einige freundliche Bemerkungen über sie, dann setzte sie
munter hinzu:
    »Sehen Sie, Johanne, der ist auch einer von den Berühmten, aber er trägt
sich ganz simpel, und hat auch keinen Kranz auf, höchstens einen von Dornen,
aber den sieht man nicht«.
    Als Schüler von der Naivität des jungen Mädchens vernahm, brach er in
herzliches Lachen aus.
    »Wir wollen unsere Sache später besprechen« meinte er zu Wewerka und wandte
sich Johanne zu.
    Sie brachte sehr ungeschickte verlegene Antworten vor, und jedesmal, wenn
sie eine Dummheit gesagt hatte, machte sie einen trotzigen Mund und verteidigte
hartnäckig ihre Meinung. Nach Tisch gingen sie alle vier in Wewerkas
Arbeitszimmer, wo die Hausfrau Cigaretten herumreichte. »Wir erlösen euch bald
von unserer Gegenwart« scherzte sie.
    Die Herren protestierten, und Johanne fand endlich Mut, den neuen Bekannten
zu mustern. Eine Brille verbarg zum Teil den hungrigen Ausdruck seiner dunklen
Augen. Seine Züge waren einnehmend, wenn auch nicht hübsch. Ein schwarzer, kurz
gehaltener Bart umrahmte das schmale, blasse Gesicht, dessen Charakteristikum
Johanne in dem Worte »übernächtig« zusammenfasste.
    Er sah aus wie einer, der nicht zur Ruhe kam - wie ein Gehetzter. Mit
achtzehn Jahren hatte er die kleine Summe seines elterlichen Vermögens
verausgabt, sein Maturum gemacht, und kam hierher, um philologische Studien an
der Universität zu treiben.
    Er mietete bei einer kleinen Beamtenfamilie ein Stübchen. Die Frau, eine
grosse hagere Blondine, bediente ihn. Sie stand kurz vor ihrem vierzigsten Jahre
und schien mit allen Hoffnungen abgeschlossen zu haben. Sie war eine gute Seele,
die mit ihrem wortkargen unfreundlichen Mann in stillem Einvernehmen lebte. Er
behandelte sie nicht gut, nicht schlecht, er war ein armer Teufel, der rein
mechanisch, ohne innere Freude weiterlebte. Weil es ihnen recht knapp ging,
vermieteten sie ein Zimmer ihrer kleinen Wohnung. Meist waren es Studenten, die
bei ihnen wohnten. Sie hatte immer Glück gehabt und ihre Miete von ihnen
pünktlich empfangen. Auch Ernst Schüler bezahlte im ersten Monat. Aber im
zweiten verschob er die Zahlung von Tag zu Tag. Er lief ratlos umher, pumpte
seine Kollegen an, und brachte es endlich so weit, die Hälfte der Mietssumme
aufzutreiben.
    »Nehmen Sie vorlieb« lachte er verlegen und drückte Frau Wachmann ein paar
Markstücke in die Hand, »ich habe beim besten Willen nicht mehr borgen können,
schmeissen Sie mich hinaus .....«
    Sie hatte Mitleid mit ihm, wie vierzigjährige Frauen mit Jünglingen zu haben
pflegen; er gewahrte seinen Vorteil. Im nächsten Monat bezahlte er weder den
Rest der alten, noch die neue Miete. Er sah seine Wirtin treuherzig an.
    »Ich habe nichts, nichts, Frau Wachmann. Aber Sie können meine Uhr
versetzen, vielleicht erhalten Sie dafür einen Teil meiner Schuld an Sie, und es
gibt überdies noch ein Mittagessen für mich, ich bin seit drei Tagen nüchtern«.
    Er war es in der Tat. Er sah jammervoll aus. Sie eilte in die Küche und
brachte ihm Suppe und einige Brötchen.
    Während er hastig ass, rannen ihm zwei Tränen über die Backen.
    Sie drehte sich um, dann legte sie die Hand auf sein Haar und sagte leise:
»nicht verzweifeln!«
    Seit diesem Tage nährte sie ihn, und er wohnte bei ihr, ohne einen Heller zu
bezahlen. Sie betrog ihren Mann und berechnete ihm alles höher, um das Nötige
für Ernst herauszuschlagen.
    Einmal umschlang er sie mit beiden Armen: »Wenn ich dich nicht hätte!«
    Da neigte sie ihren Kopf auf seine Schulter und küsste ihn leise auf den
Hals. Seit diesem Tage verlangte er mehr als Kost und Wohnung von ihr, und sie
gab ihm alles, was er verlangte. Sie war eine ungeschickte Heuchlerin, und bald
hatte ihr Mann alles heraus.
    Er jagte sie und ihn aus dem Hause.
    Ernst Schüler nahm die Ratlose, Verzweifelnde an der Hand und sagte ruhig:
Geh nur mit mir. Er blieb die ersten Tage bei einem Freunde, der ein
Mansardenstübchen bewohnte.
    »Liebst du sie denn?« fragte der Student ironisch. »Sie soll dich doch
adoptieren, dann ist euch beiden geholfen; vielleicht nimmt sie ihr Mann dann
wieder zurück«.
    »Ich liebe sie nicht« antwortete Schüler, »aber sie ist grenzenlos gut gegen
mich gewesen. Ich werde sie nicht verlassen«.
    »Dann hast du ihre Güte übel vergolten« meinte der andere. »Heute oder
morgen setzest du sie ja doch sicher auf die Strasse; dann kann sie verkommen,
denn einen dritten findet die nicht«.
    Ernst antwortete nicht. Von diesem Tag an besuchte er die Universität nicht
mehr. Weder Frau Wachmann, noch der Student, bei dem sie alle beide wohnten,
wussten durch etliche Wochen, was er trieb. Dann kam er eines Tages nach Hause.
Er sah hohläugig und finster aus, legte aber einiges Geld auf den Tisch. Eine
Assekuranzgesellschaft hatte ihn engagiert. Er mietete eine Stube mit einer
Küche, setzte seine Freundin in die Stube, wohnte in der Küche, und gab sich als
ihr »Zimmerherr« aus.
    Niemand legte ihnen etwas in den Weg.
    Herr Wachmann tat keinen Schritt, um seine Frau zurückzuholen. Sie führte
kein glückliches Dasein. Schüler war jeden Abend von Hause fort. Kam er dann in
der Nacht heim, so war er furchtbar aufgeregt. Sie durfte ihn nie fragen, wohin
er ging; dann wurde er grob. Manchmal kamen etliche, meist junge Leute mit ihm.
Dann befahl er ihr, unsichtbar zu sein. Sie verkroch sich in einer Ecke der
Küche und sass die ganze Nacht halbschlafend da, während von drinnen hitziges
Stimmengewirr heraustönte. So gings ein Jahr fort.
    Schüler war längst nicht mehr in jener Assekuranzgesellschaft, aber was er
tat, konnte sie nicht herausbringen, und zu fragen getraute sie sich nicht.
    Manchmal fasteten sie mehrere Tage, oder sie bereitete ihm mit dem kargen
Geld, das er ihr brachte, dünne Suppen und mageres Gemüse; dann scherzte er:
»Saperlot, du bist die schlechteste Köchin meines Lebens, Matilde«.
    Eines Tages las sie auf allen Plakaten den Namen ihres Freundes. Er sollte
am Abend in einer antisemitischen Versammlung das Wort führen. Er kam zwei Tage
nicht nach Hause, dann mit heiterem Gesichte und Geld in der Tasche. Er schlug
ihr ihre zwei Weingläser entzwei, fasste sie um die Mitte, und tanzte mit ihr.
    »Miet eine bessere Wohnung, Alte, und setz mir wieder was Ordentliches zu
essen vor; wir werden jetzt reiche Leute«.
    Es erschienen verschiedene gutgekleidete Herren und sprachen lange in der
Stube mit ihm. Einer sagte gar einmal »gnädige Frau« zu ihr, was sie hoch
erröten machte. Sie bezogen eine nette kleine Wohnung. Aber die Herrlichkeit war
von kurzer Dauer. Eines Tages wurden ihnen ihre Habseligkeiten gepfändet.
    Nun mieteten sie sich für etliche Wochen in ein kleines Einkehrhaus ein. Sie
bekam Schüler selten zu sehen und grämte und ängstigte sich. Einmal erschien er
sehr elend aussehend. Er hatte ein dickes Manuskript in der Tasche. »Wenn das
nicht zum Helfer in der Not wird, schiess ich mir eine Kugel vor den Kopf« sagte
er finster auf das Papier deutend. Er ging aufgeregt die ganze Nacht hin und
her. Am Morgen entfernte er sich. Das Papier entielt eine mühsame Arbeit.
Einige jüdische Familien, deren Häupter an der Spitze grosser sozialer
Unternehmungen standen, wurden darin verschiedener privater Ausschreitungen
beschuldigt. Ihre Stellung in der Gesellschaft war gefährdet. Ein ungeheurer
Prozess mit vielen schmutzigen Entüllungen drohte. Das bekannte Skelett, das ja
in jedem Familienhause verborgen sein soll, war hier mit erbarmungslosem Griff
ans Licht gezerrt. Es gehörte zähe Ausdauer, ungewöhnliche Orts- und
Personalkenntnis dazu, dies Schriftstück zu verfassen. Es hiess: »Entüllungen«
und war nichts weiter, als die letzte verzweifelte Anstrengung eines zum
Schurken gewordenen Menschen, sich Geld zu verschaffen. Nach einigen Tagen kam
Schüler heiter und ruhig zurück.
    »Ich habe in der Teresienstrasse eine Wohnung gemietet, bin Redakteur am
Tagesbericht geworden, und bitte dich nun, dir anständige Kleider und anständige
Mobilien für unsere Wohnung zu kaufen. Hier hast du Geld«. Er drückte ihr einen
Tausendmarkschein in die Hand.
    Er hatte erreicht, was er wollte.
    Man hatte ihm eine feste Stellung zugesichert, wenn er - schweige. Er
erhielt einen gut bezahlten Posten an einer nicht übel angeschriebenen Zeitung.
    Nun lebten sie sorgenlos nebeneinander.
    Er ging täglich nach seiner Redaktion, schrieb wütende Artikel gegen die
Antisemiten und gab sich als braven Judenfreund. Er himmelte Baron Hirsch an,
und verfasste ein Adressbuch der bekanntesten jüdischen Familien. In seinen
müssigen Stunden dichtete er auch. Nachdem er zwei Jahre am Redaktionstisch
gearbeitet hatte, erzwang er sich einen Urlaub mit guten Diäten. Unter dem
Decknamen eines Berichterstatters reiste er ab.
    Zunächst nach Frankreich. Seine Freundin liess er zu Hause. Er sandte etliche
Reiseberichte an seine Zeitung. Matilde Wachmann erhielt dann und wann eine
Postkarte. Endlich verstummte er ganz. Es vergingen einige Wochen, es verging
ein Monat. Eines Tages klingelt es. Frau Wachmann geht zu öffnen. Ernst Schüler,
ein junges, schönes Mädchen an der Hand, tritt ein.
    »Hier ist Matilde Wachmann, meine Wirtschafterin, die mir mehr als
Wirtschafterin, die mir Freundin und Beraterin ist. Sei gut gegen sie. Hier
meine kleine, süsse Frau, die ich deinem Herzen empfehle«. Er warf einen Blick
auf die beiden Frauen, die einander anstarrten, und ging hinein, sich seiner
Reisekleider zu entledigen.
    Alice war klein, herzig, neunzehnjährig. Er hatte sie in einem
lotringischen Städtchen kennen gelernt, wo er ihren Bruder, einen ziemlich
bekannten Schriftsteller, besuchte. Sie besass nichts als den Anzug, den sie eben
trug, ein verschossenes grünes Röcklein mit gelben Seidenrosetten geziert. Er
hatte sich rasend in sie verliebt und sie halb zur Kirche geschleppt.
    Der Bruder war nicht dagegen gewesen, denn die Sorge um den Unterhalt seiner
Schwester hatte ihn immer viel beschäftigt. Seine schriftstellerischen Einkünfte
waren gering, und ausserdem hatte er noch für seine beiden Kinder zu sorgen.
    Die kleine Alice mit ihrem brauen Lockenköpfchen, ihren sonnigen, grossen
Augen und wunderbaren Pfirsischfarben lachte gerne, trank mit Vorliebe süsse
Weine, und brauchte täglich drei Stunden, um ihre Stirnlöckchen vor dem Spiegel
zu ordnen. Von Wirtschaft verstand sie nichts. Aber sie kommandierte brav ihre
Haushälterin.
    Das Weib mit den vor Kummer eingefallenen Wangen, den stumm anklagenden
Augen, ging wie ein düsterer Schatten im Hause umher.
    Hätte sie fort sollen? Wohin? Jetzt, wo das Alter vor der Türe stand, wo
sie so viel um ihn gelitten, wo sie ihn liebte mit dem Wundgefühl des Weibes,
das alles hingegeben hat.
    Sie blieb und lauschte vor der Schlafzimmertür den Liebkosungen des jungen
Paares. Alice glaubte anfänglich alles, was ihr Mann über Matilde Wachmann
gesagt hatte. Aber eines Tages warf sich die ältere Frau an die Brust der Jungen
und schluchzte in herzzerreissendem Jammer: »Nimm ihn mir doch nicht ganz. Lass
ihn mir doch auch ein bisschen!«. Da begriff das junge Weib. Von der Zeit an war
sie zurückhaltender gegen Ernst. Manchmal, wenn er nach Hause kam, fand er die
beiden Frauen Hand in Hand nebeneinander sitzen. Das war ihm nicht recht. Das
wollte er nicht. Er verbot seiner Frau den gar zu vertraulichen Umgang mit der
andern. »So jag sie fort« schrie sie in Tränen ausbrechend.
    Das konnte er nicht. Alice stiess ihn, wenn er sie liebkosen wollte, von
sich.
    Es kam eine Zeit, wo er in die mütterlichen Arme Matildens flüchtete, um
das Leid, das ihm sein Weib bereitete, zu vergessen.
    Die junge Frau weinte sich die Augen rot. Da siegte wieder Matildens Güte.
»Geh zu ihr, versöhne sie; sie stirbt, oder verlässt dich sonst«. Er warb wie ein
Liebhaber um sie. Sie wurde wieder gefügig gegen ihn, aber traurig blieb sie,
sehr traurig. Und ihre rosige Schönheit begann zu verbleichen.
    An einem der Tage in dieser Periode war es, als Schüler zu Wewerka kam. Die
beiden hatten immer allerlei geheime Geschäfte miteinander, die meist nicht sehr
lauterer Natur waren. Während Ernst mit dem Ehepaare plauderte, aber die warmen
neugierigen Kinderblicke Johannens auf seinem Antlitz ruhen fühlte, stieg ein
Gedanke in ihm auf.
    »Fräulein Grün« wandte er sich an sie, »wissen Sie, wem Sie ähnlich sehen?«
    Das junge Mädchen lachte.
    »Einem Mops; in der Schule in Sienental nannten sie mich immer: die Mopsin,
weil ich eine so kleine Nase habe«.
    »Einem Mops ähnlich zu sehen, wäre keine Schande« meinte Schüler ernstaft,
»das ist eine Hunderace, die alle Tage seltner wird, aber leider kann ich die
angegebene Aehnlichkeit nicht entdecken, hingegen sehen Sie - meiner Frau
ähnlich.
    Vielleicht macht das, weil ihr beide gleichalterig und von derselben Statur
seid«.
    »Ja Sie haben recht« nickte Frau Wewerka, »sie haben Aehnlichkeit
miteinander«.
    »Kann ich nicht finden« meinte der Hausherr.
    »Na egal, Fräulein Grün; möchten Sie nicht einmal meine Frau besuchen? Ihr
seid beide fremde, eingewanderte Naturkinder, recht unerfahren und müsstet euch
gut verstehen. Hm?«
    Johanne dankte erfreut. O ja, sie würde sehr gerne hingehen.
    Die war so unschuldig, dabei ein herziges, harmloses Ding, die konnte Alice
empfangen. Mehrere Frauen seiner Kollegen, bei denen die junge Frau Besuch
gemacht hatte, waren so taktlos gewesen, an dem Verhältnis zwischen Matilde und
ihrem Gatten zu rühren. Das hatte sie so in Verlegenheit und Wut versetzt, dass
sie nicht mehr zu bewegen war, mit ihnen zu verkehren. So lebte sie ganz einsam
dahin. Johanne mit ihrem urwüchsigen Wesen würde ihr sicher Freude machen.
    Es wurde ein Tag verabredet, an dem Frau Wewerka sie hinausführen sollte.
Sie wohnten in einem ziemlich entlegenen Stadtteile. Später nahm die Hausfrau
das junge Mädchen bei der Hand.
    »So, jetzt wollen wir diese beiden Männer ihrem geheimen Komplotte
überlassen, kommen Sie Johanne«.
    Sie entfernten sich.
    »Die Idee ist gut« sagte Wewerka und zündete sich eine neue Cigarette an,
»das Mädel wird deine Frau freuen. Ich habe selten so ein liebes, unschuldiges
Ding gesehen«.
    »Na, sie wird sich schon abschleifen«.
    Schüler kniff die Augen zu. »Wär schade, wenn sie einem Tölpel in die Hände
geriete«.
    Und er überlegte, dass dieses kleine Mädchen eigentlich ein Kapital sei, aus
dem man Nutzen ziehen könnte.
    Dann rückten die Beiden einander näher und redeten mit gedämpfter Stimme von
Dingen, von denen sie nicht wünschten, dass sie ein Anderer höre. Sie waren
einander ebenbürtig.
    Der Kampf ums tägliche Brot hatte sie gemein gemacht, verbrecherisch, ohne
dass sie die Kühnheit und den Mut des wirklichen Verbrechers besessen hätten ....
 
                                       4
Frau Wewerka stellte die beiden jungen Damen einander vor, blieb noch ein
Weilchen und empfahl sich mit dem Vorwand, dringende Kommissionen zu haben.
Johanne gefiel es sehr gut bei Schülers. Es herrschte im Gegensatz zu Wewerkas
eine wohltuende Ordnung und Sauberkeit da.
    Hübsche, gutgehaltene, moderne Möbel zierten die freundlichen Räume. Auf
einem Sessel in Alicens kleinem Zimmerchen, in das sie zuletzt ihren Gast
geführt hatte, sass eine Taube und gurrte.
    »Das ist meine beste Freundin« sagte die junge Frau, das Tierchen an sich
nehmend, »es liebt mich und kränkt mich nie«.
    Und ihr rosiger Mund presste sich auf das blaugraue Gefieder. Johanne sah sie
zögernd an. Sie hätte gerne gefragt: kann Sie denn jemand kränken, Sie sind ja
so lieb und schön. Aber die Zurückhaltung Alicens machte auch sie kälter und
zurückhaltender. Frau Schüler, die in ihrem jungen Leben schon so viel
Hässliches, Misstrauenerweckendes gesehen hatte, verlor langsam die herzige
Zutunlichkeit, die junge Frauen und Mädchen so entzückend kleidet. Nachdem sie
Johanne mit ein wenig Hausfrauenstolz ihre nette Wohnung gezeigt hatte, setzte
sie sich mit grossem Ernst an ihr Teetischchen und bereitete Tee. Sie redeten
allerlei höchst gleichgültige Dinge. Alice fragte sie, wie ihr die
Kindergärtnerei gefiele, und ob sie auch die kleinen unartigen Kinder hauen
dürfe. Johanne erzählte von den Eigenarten verschiedener Kleinen; dann trat eine
Pause ein. Sie blickten einander an und wussten nicht weiter.
    »Sie haben eine reizende Bordure an Ihrer Schürze« stotterte Johanne, um
etwas zu reden, »Haben Sie sie selbst gestickt?«
    »O nein« Alice sah sie treuherzig an, »ich arbeite nicht gern«.
    »So?«
    Wieder Pause.
    »Haben Sie diesen Kuchen selbst gebacken?«
    »Ja, das heisst nicht ich, unsere Wirtschafterin«.
    »Aber Ihre Wohnung ist wirklich nett, hier möchte ich auch wohnen?«
    »Finden Sie sie nicht klein? Drei Zimmer nur. Man sagt, hier in der Stadt
mieteten die Leute ganze Etagen«.
    »Wewerkas haben auch nur vier Zimmer«.
    »Ja?«
    »Aber nicht so hübsch eingerichtet wie Sie«.
    »Nein?«
    »Die Möbel sind sehr verbraucht«.
    »Wohl weil sie sehr viele Umzüge mitmachten. Ernst - mein Mann, erzählte es
mir. Auch übersiedelt sind sie schon mehrmals«.
    »So?« Johanne sah sie fragend an. Sie hätte gern mehr über ihre Hausherren
erfahren. Aber die kleine Hausfrau schwieg und sagte nichts mehr. Nun werde ich
wohl gehen müssen, dachte Johanne, warum haben mich Wewerkas nur
hierhergeschickt. Dieser eleganten jungen Frau bin ich zu bäuerisch. Alice
knapperte an ihrem Konfekt und sah forschend das junge Mädchen an. Endlich blieb
ihr Blick an den plumpen genagelten Schuhen ihres Gegenüber hängen. Johanne
errötete und zog schnell den Fuss zurück. Dann stand sie auf.
    »Entschuldigen Sie, dass ich Sie belästigt habe«.
    Sie schüttelten einander die Hände.
    »Es hat mich sehr gefreut«.
    Draussen zog sie rasch ihr Jaket an und eilte die Treppe hinab. Man hatte
noch kein Gas angezündet; es war fast dunkel. Als sie auf dem letzten
Treppenabsatz stand, hörte sie von oben leise hastige Schritte und fühlte eine
Hand auf ihrer Schulter.
    »Kommen Sie bald wieder, ja?«
    »O!« mit einem freudigen Ausruf wollte sich Johanne umwenden; doch die
andere war schon oben verschwunden. Wie lieb von ihr! Das junge Mädchen trat
lächelnd auf die Strasse. Alice war ihr überaus sympatisch gewesen, nur hatte
deren Kälte sie ein wenig verwirrt.
    Freilich, wie hätte sie auch gleich das erste Mal anders sein sollen? Sie
kannte Johanne noch gar nicht. Aber von Glück hatte man wenig auf ihrem Gesicht
gelesen. Sollte Schüler nicht gut gegen sie sein? Das war doch gar nicht zu
denken. Sie war in Gedanken versunken und verlangsamte ihre Schritte. Plötzlich
tauchte ein Mann an ihrer Seite auf.
    »So allein, schönes Kind?«
    Er trug einen Cylinder und sah sehr vornehm aus. Johanne blickte ihn
erschrocken an und beschleunigte ihren Gang. Aber das störte ihn nicht.
    »Gehen Sie weit?« Er wollte nach ihrem Arm fassen. Sie blieb stehen.
    »Ich weiss nicht ... Sie sind sehr komisch ... ich ... kenne Sie doch gar
nicht«.
    Ihre erschreckten Augen schienen ihm zu gefallen.
    »Allerliebster Balg, nun sagen Sie aber - haben wir noch weit zu gehen?«
    »Wir? Wohnen Sie denn bei mir im Hause?«
    Er lachte auf. »Das wohl kaum. Aber ich werde vielleicht oft zu Ihnen
kommen, wenn wir einander gefallen«.
    Ihr Gesicht färbte sich glühend.
    »Was fällt Ihnen eigentlich ein, Sie -«
    »Pst, pst« er legte den Finger an den Mund, »nicht so laut, machen Sie doch
keine so langen Geschichten, und kommen Sie. -«
    Da fuhr ihre Hand blitzschnell in sein Gesicht. Sie wusste einen Augenblick
nichts von sich; erst als jemand ihren Arm ergriff und festielt, kam sie zur
Besinnung.
    »Oho, Madamchen, was treiben Sie denn da?« Ein Mann mit einer Pickelhaube
stand vor ihr.
    »Der, der - der Freche dort« - sie wandte sich suchend um, entdeckte aber
nur ein paar fremde Menschen, die sie lachend umstanden, »er wollte mit mir
gehen« ...
    »Na, das wird Ihnen nicht zum ersten mal passiert sein« meinte der Wächter
des Gesetzes.
    »Was?« ...
    Zornbebend trat sie ihm einen Schritt näher und hätte sich wer weiss wozu in
ihrer Unerfahrenheit hinreissen lassen, wenn nicht der Schutzmann, den die
ehrliche Entrüstung der Kleinen aufklärte, grob ausgerufen hätte:
    »Wenn Sie sich solchen Angriffen nicht aussetzen wollen, wählen Sie keine
berüchtigten Gassen zu Ihrem Spaziergang, verstanden?«
    Sie begriff nicht ganz, was er meinte; dunkel aber dämmerte es in ihr, dass
sie eiligst diese Gegend verlassen müsse. Laufenden Schrittes machte sie sich
davon. Zu Hause berührte sie mit keinem Wort ihr hässliches Abenteuer.
    Als sie in ihrem Stübchen war, drückte sie das brennende Gesicht in die
Hände und weinte. Zum ersten mal in ihrem Leben hatte eine schmutzige Hand in
ihre junge, reine Seele gegriffen ...
    Das war Ninive, die Stadt der Herrlichen! Wo waren die doch? Wo war das, was
sie erträumt hatte?
Mehrere Tage lang fühlte sie sich sehr gedrückt und hätte am liebsten das Haus
nicht verlassen. Eines Nachmittags jedoch, als die Schule zu Ende war, schlug
sie, einem innern Wunsche gehorchend, den Weg zu Schülers ein. Er würde wie
immer wohl in der Redaktion sein, und Alice war allein. Die Mutmassung traf zu.
Die blasse, verhärmt aussehende Frau, die ihr öffnete, sagte, Frau Schüler sei
anwesend. Alice kam ihr freundlich entgegen. Sie hatte ihr Täubchen im Arme.
    »Das ist nett von Ihnen. Sehen Sie, eben habe ich mit meiner Freundin
gespielt. Nun kann ich sie ja wieder zurücktragen«. Sie lief mit dem Tierchen
davon, kehrte schnell wieder zurück, zündete den Docht unter ihrer Teemaschine
an und zog Johanne neben sich auf das kleine Sopha neben dem Teetisch.
    »Was machen Sie immer? Ich langweile mich so sehr. Sie auch?«
    »Ich - weiss nicht«, Johanna sah still vor sich hin, »ich langweile mich
nicht, aber ich bin gar nicht so froh, wie ich geträumt habe, dass ich es hier
sein müsse«.
    Alice ergriff sie beim Arm. - »Auch Sie? Sehen Sie, mir gehts ebenso. Ganz
genau so. Woran liegt das?«
    »Bei Ihnen begreife ichs nicht« meinte Johanne. »Sie müssen doch sehr
glücklich sein: Sie haben einen lieben Mann, ein reizendes Heim«.
    Alice legte ihre Hand auf Johannens Mund. »Seien Sie still«.
    Das junge Mädchen sah sie erstaunt an.
    »Wie?« ...
    »Haben Sie auch Geschwister?« fragte Alice, hastig weiter plaudernd. »Ich
wohnte bei meinem einzigen Bruder. Er ist Schriftsteller in einem kleinen
lotringischen Städtchen an der französischen Grenze. Ich war nicht gerade
glücklich, aber doch zufrieden bei ihm. Er hatte nämlich ein Verhältnis und zwei
Kinder, die sich den ganzen Tag bei uns aufhielten. Ich liebte sie nicht diese
Kinder. Sie waren schmutzig und ungezogen. Und sie erst. Eine Hallendame sag ich
Ihnen. Aber trotz allem, ich wollte, ich wäre dort geblieben. Wir hatten ein
kleines Gärtchen vorm Haus; da gabs Flieder und Jasmin« - sie stockte und
schwieg.
    »Warum hat er sie nicht geheiratet?« fragte Johanne leise.
    »Ach, dazu war sie ihm zu ungebildet«.
    Das junge Mädchen schüttelte den Kopf. »Ich weiss nicht, es ist alles so ...
so ... halb«. Endlich hatte sie das Wort gefunden. »Lauter Halbes, wohin man
schaut. Keiner gibt sich ganz, jeder nur einen Teil, und begehrt auch wieder
nur einen Teil vom Andern. Welch seltsame Welt!«
    »Haben auch Sie schon Erfahrungen gemacht?« Alice blickte sie mit wachsender
Teilnahme an. »Ich glaube wir sind gleich alt. Nicht?«
    »Ich bin bald neunzehn«.
    »Und ich war vor etlichen Tagen zwanzig«.
    »Sie sind auch schon Frau«.
    »Sie werden es wohl bald; oder kennen Sie keinen Mann, den Sie heiraten
möchten?«
    »Ich kenne überhaupt nur vier Männer« lachte Johanne, »unsern Pastor, meinen
Vormund, Herrn Wewerka und Ihren Mann. Nein, unsern alten Doctor in Sienental,
den ja auch« setzte sie hinzu.
    Das harmlose, schlichte, ehrliche Wesen des jungen Mädchens gefiel Alice
immer besser. Es strömte etwas Gesundmachendes, Kraftvolles aus ihrer Nähe. Sie
war so sauber; ihr roter Mund mit seinen prächtigen, schneeweissen Zähnen glich
einer silberklaren Quelle, die nur Reines ans Licht trägt. Sie traten einander
immer näher. Bei einem der nächsten Besuche, den Johanne ihr machte, erfuhr sie
alles. Ihre Hände waren eiskalt, als sie zum Abschied sie in die ihrer neuen
Freundin legte. -
    »Dass wir uns nach dem heutigen Tag nicht mehr Sie sagen können, begreifst
Du« meinte die junge Frau, sich die letzten Tropfen aus den Augen wischend.
    »Ich will Dir auch eine treue Freundin sein, zähle auf mich« sagte Johanne
ernst. »Ich hab viel gelesen in früheren Jahren, aber so Trauriges nicht, wie
ich hier täglich sehe und höre. Sag mir nur, glaubst Du, dass alle Menschen
unrein sind? Vielleicht haben wir eben nur solche kennen gelernt; wir müssen uns
umsehen und suchen, damit wir nicht verzweifeln. Diese Frau Wewerka scheint auch
eine dunkle Vergangenheit zu haben. Jüngst stritten sich die Beiden im
Speisezimmer, ich wohne nebenan und vernehme jedes Wort. Ihr Mann sagte:
Angenehm kann es mir ja nicht sein, mit Deinem früheren Anbeter zu verkehren;
aber wenn seine Lage wirklich so glänzend geworden ist, lass ihn immerhin
herkommen, vielleicht erweist er sich nachträglich dankbar gegen dich«.
    Alice presste die Zähne auf die Lippen.
    »Hast Du Deinen Mann lieb?« fragte Johanne, als sie schon an der Tür war.
    Die junge Frau sah auf die Spitzen ihrer winzigen Lackschuhe und errötete.
    »Er kann - so süss sein. Man schmilzt in seinen Armen dahin. In diesen -
solchen Momenten liebe ich ihn; aber dann, wenn wir beide nüchtern sind, bei
Tage, oder unter fremden Leuten, möchte ich ihn oft anspeien vor Verachtung. Sie
hat mir noch viel anderes von ihm erzählt« ...
    »Sie ists doch, die mir immer die Türe öffnet?«
    »Ja, die«.
    »Uralt! Wie kann er die nur lieben?«
    »Es ist ja bloss Mitleid«.
    »Er ist doch aber kein guter Mensch«.
    »Gott, gut! So'n bisschen weich«.
    »Ja, ja. Halb. Nicht kräftig genug zu etwas Ganzem. Nicht dich verlieren,
nicht die Andere verlieren«.
    An diesem Abend geschah etwas Seltenes. Johanne, die sonst keine besondere
Freundin des Betens war, warf sich vor dem Schlafengehen auf die Kniee und
betete innig. Sie betete, dass Gott ihr und ihrer jungen Freundin gute, reine
Menschen entgegenführen möge, an denen sie sich halten und stützen könnten.
    Sie war erst wenige Monate da und schien innerlich um Jahre gealtert. Sie
erfuhr mit jedem Tage Neues vom Leben.
    Ihre kindliche Bewusstseinsdämmerung war einer grellen blendenden Ahnung
gewichen. Das Pflaster ihres Ninive schien von Tränen heiss zu sein und von
fiebernden Sohlen, die über ihm hinwegschritten. - Manchmal ging sie nach der
Kirche und hörte eine Predigt an. Aber die geistreichen, eiskalten Tiraden
dieser eleganten Priester machten sie nicht froher. Ihr inneres Leid, zusammen
mit der schlechten, wenig gesunden Nahrung, liess sie rasch abmagern und nahm
ihrem Gesichte die rosige Farbe. Sie glich jetzt den anderen Grossstadtmädchen
mit heissen, überwachten Augen und fahler Haut. Am Abend fiel sie immer totmüde
ins Bett. Die Schule lag weit weg von hier, und sie musste täglich viermal den
Weg zu Fuss zurücklegen. Auch gestand sie sich ehrlich, dass ihr die Pädagogik
nicht das geringste Interesse abgewann. Sie lernte ohne Freude, ohne Hoffnung.
Aber beharrlich, wie sie war, kam es ihr nicht in den Sinn, an einen anderen
Beruf für sich zu denken. Einmal sagte sie zu Alice: »Weisst Du, es ist auch
trostlos. Die ewige Schule, Herr und Frau Wewerka! Wenn ich Dich nicht hätte!«
...
    »Und Du hast doch so wenig von mir« meinte Alice. »Aber weisst Du, mir ist
jüngst ein Einfall gekommen. Ich will Ernst bestimmen, dass er nette Leute zu uns
bringt. Was meinst Du? Leide ich nicht ebenso wie Du unter dem Einerlei? Den
ganzen Tag fast allein, das traurige Gesicht Matildens vor mir ... Immer kann
man auch nicht lesen. Wir wollen uns ins Leben stürzen, willst Du?«
    Johanne lächelte. »Aber wie fängt man das an?«
 
                                       5
Eines Tages sagte Herr Wewerka bei Tisch: »Fräulein Johanne, Ende dieser Woche
werden wir einige Gäste bei uns sehen. Auch Ihre Freundin Alice mit ihrem Mann.
Es ist Ihnen doch nicht unangenehm«.
    »O ich freu mich darauf« sagte Johanne überrascht; dann grübelte sie, ob die
kleine Frau das so eingefädelt hatte, und warum sie nicht bei sich, wo es doch
viel hübscher war, die Gäste empfinge. Sollte etwa Matildens Gegenwart daran
schuld sein? Schämte Alice sich, die Gäste von ihr bedienen zu lassen?
    Der Sonnabend kam heran. Johanne hatte sich auf Frau Wewerkas Rat ein
einfaches Kleidchen machen lassen, das ihre schöne, schlanke Gestalt
vorteilhafter hervorhob, als die plumpen Nähkünste von Sienental es taten.
Frau Wewerka lieh sich aus einer Anstalt das nötige Service aus und bestellte
die bekannte Kochfrau. Das unfreundliche Dienstmädchen machte zum erstenmal ein
etwas heiteres Gesicht. Sie hoffte auf Trinkgelder.
    Die ersten Gäste, die eintrafen, waren Schülers.
    »Frau Borstig hat abgesagt, aber ihr Mann kommt« sagte die Hausfrau.
    »Sie hat wohl ihr gutes Kleid versetzt« meinte Schüler boshaft. Dann machte
er Johanne den Hof. Alice sah reizend aus in ihrem dekolletierten blauen
Kleidchen und dem hochfrisierten Haar. Es war nicht zu leugnen, ein wenig
kokottenhaft sah sie aus; aber jede Französin, wenn sie nicht alt und hässlich
ist, sieht geputzt so aus. Man sass einige Zeit im Wohnzimmer, wo Frau Wewerka
zum erstenmal Johanne empfangen hatte. In der Abendbeleuchtung machte es sich
ganz elegant. Die Nippessachen aus dem Fünfzig-Pfennigbazar, die auf Konsolen
und Schränken umherstanden, verloren an Wertlosigkeit unter dem verklärenden
Licht der rotbeschirmten Lampen. Man erwartete zehn Gäste. Frau Borstig hatte
abgesagt, also kamen nur Herren. Kurz nach der anberaumten Stunde stellten sich
die Geladenen ein. Herr Borstig und Herr Berner, Herr Doctor Lang und noch
andere Namen klangen an Johannes Ohren.
    Sie war verlegen und hielt sich beharrlich an Alices Seite. Man redete zu
ihr, sie antwortete zerstreut; endlich trat ein Herr zu ihr und bat um die Ehre,
sie zu Tisch führen zu dürfen. Johanne sah ihn ratlos an. Ob er sich ihrer
Verlegenheit erbarmen würde? Er tat es.
    »Gnädiges Fräulein sind wohl erst kurze Zeit hier, ich hatte noch nirgends
das Vergnügen, Ihnen zu begegnen«. Er war ein hochaufgeschossener junger Mensch
mit einem Durchschnittsgesicht und einem faden Lächeln um den süsslichen
Frauenmund. Johanne sah ihn heimlich an und bemühte sich, aus seinem Äußern zu
erkennen, welchen Standes oder wes Geistes Kind er sei.
    »Ja, ich bin noch nicht lange hier« sagte sie unbeholfen.
    »Und gefällt es Ihnen bei uns?«
    »Mit jedem Tage weniger« gestand sie.
    »Warum?« fragte er ein wenig interessiert.
    »Es ist sehr öde in dieser Stadt«.
    »Oede« lachte er, »eher alles, als das. Vielleicht leben Sie nicht, wie man
in einer solchen Stadt leben muss, um sie kennen und lieben zu lernen«.
    »Ich wüsste nicht, wie ich anders leben sollte. Ich studiere hier«.
    »Ah! Gehen Sie auch in Gesellschaften, Teater?«
    Sie schüttelte den Kopf. »Dieses ist die erste Gesellschaft, die ich
mitmache«.
    Ein geringschätziges Lächeln zuckte um seinen Mund. »Wewerkas führen ein
sehr zurückgezogenes Leben. Früher traf man öfters mit ihnen zusammen«.
    »Sind Sie befreundet mit ihnen?«
    »Gewiss«. Er sah sie ironisch an. »Wir sind alle befreundet hier«.
    In diesem Augenblick gab die Hausfrau ein Zeichen. Es entstand ein
fröhlicher Tumult. Da die Damen in der Minderheit vorhanden waren, fassten sich
etliche der Herren scherzend unter den Arm und führten einander zu Tische.
Plötzlich hörte sie hinter sich flüstern: »Machen Sie mir das Kind nicht
verrückt«. Sie sah sich um und blickte in Schülers lächelndes Gesicht.
    Bei Tisch sass ihr gegenüber Alice, deren Nachbar Johannes Begleiter
verständnisvolle Blicke zuwarf. Während die Andern durcheinander schwatzten und
schrieen, sagte Johanne leise: »Ich habe Ihren Namen vergessen, entschuldigen
Sie«.
    Ihr Nebenmann lachte.
    »Das zeigt mir, wie wenig berühmt ich noch bin, sonst hätten Sie ihn im
Gedächtnis gehabt, noch bevor Sie mich persönlich kannten. Ich heisse Babinsky«.
    Sie sah ihn fragend an. »Sind Sie Künstler, weil Sie vom Berühmtsein
sprechen?«
    »Ach, gnädiges Fräulein« -
    »O bitte, lassen Sie das: gnädig, ich bin ein einfaches Mädchen«.
    »Ich bin Schriftsteller; ob ichs schon zum Künstler gebracht habe, weiss ich
nicht. Die Welt behauptet es«. Er schluckte ein grosses Stück Fleisch hinab.
»Aber ich - ich bin natürlich unzufrieden mit mir, wie es alle bedeutenden
Geister mit sich sind. Haben Sie auch von meinem Freund Mink noch nichts
gehört?« Er deutete auf Alicens Tischnachbar hinüber.
    »Was ist er?« Sie schämte sich innerlich über ihre Unwissenheit.
    »Der grösste Lyriker der Gegenwart« sagte Babinsky nachlässig. »Ich habe es
mindestens neulich in meinem Essay ausdrücklich betont«.
    »Ah, Sie sind auch Redakteur?«
    »O nein« sagte er, sich in die Brust werfend, »ich bin dramatischer Dichter,
aber nebenbei schreibe ich auch Kritiken. Ich wohne mit Mink zusammen. Wir
ergänzen uns trefflich. Braucht er praktische Winke, irgend eine Handlung, eine
besonders drastische Szene, so wendet er sich einfach an mich; bedarf ich einer
weichen, lyrischen Stimmung, eines besonders zarten Bildes, ist er mir
behülflich«.
    »Das ist rührend« sagte Johanne. »Und in welchem Teater, hier gibts ja so
viele, werden Ihre Stücke aufgeführt?«
    Der grosse Dichter leerte sein Glas in einem Zuge und lehnte sich behaglich
zurück.
    »Bis jetzt habe ich nur eins aufführen lassen, das närrischste. Die Zeit ist
noch nicht reif für meine Ideen. Uebrigens behauptete mein Freund neulich in
seiner Abhandlung über mich als Dramendichter, dass die Aufführung meiner Stücke
eine andere Szene als die auf unsern Teatern übliche erheischt«.
    »Herr Mink schreibt über Sie und Sie über Herrn Mink, wie komisch!« Das
junge Mädchen lachte.
    »Was ist da Komisches dabei?« meinte Babinsky achselzuckend. »Sehen Sie den
Herrn dort unten am Ende des Tisches, der eben mit Wewerka spricht?«
    Johanne beugte sich vor.
    »Der mit der grossen Nase und dem langen Haar?«
    »Ja, ja, der! Nun sehen Sie, der schreibt, er ist Romandichter, beständig
über sich selbst Kritiken, weil kein Kritiker es tut«.
    »Aber nein« rief Johanne, »lachen denn die Leute nicht darüber?«
    »Die wissen ja nicht, dass die grossen Lobeserhebungen, die er sich zollt, von
ihm selbst geschrieben sind«.
    »Prosit Babinsky!« riefs von gegenüber. »Prosit Mink!« Die Freunde tranken
einander zu. Alice nickte freundlich zu Johanne hinüber.
    »Wenn das doch mir gälte« scherzte Babinsky.
    »Kennen Sie sie? Sie ist noch nicht lange hier«.
    »Ich hörte viel von ihr, gesehen hatte ich sie bis heute noch nicht. Sie ist
ein reizendes Weib«.
    »Sie ist meine Freundin« sagte Johanne ernstaft, ohne zu wissen warum.
    »Gratuliere!« Babinsky verneigte sich vor Johanne. »Ist er auch Ihr Freund?«
    »Kennen Sie ihn?« fragte das junge Mädchen, ohne vom Teller aufzusehen.
    »Wie meine Westentasche. Sehen Sie, er verdreht sich eben den Hals nach
Ihnen; ich glaube, er ist verliebt in Sie«.
    »Wer ist der Herr, der neben ihm sitzt?« fragte Johanne kühl.
    »Das ist der bekannte Marschner, ein Verleger«.
    »Weshalb ist er bekannt?«
    Das junge Mädchen sah auf den ältlichen Mann mit der emporstrebenden Nase
und den herabhängenden Mundwinkeln, der immerfort Frau Wewerka anstierte.
    »Erstens weil er die Kunst versteht, von den Schriftstellern das höchste
Honorar herauszuschlagen -«.
    »Sie von ihm, meinen Sie«.
    »Nein, Fräulein, er von ihnen. Es gibt Dichter, ich natürlich gehöre nicht
zu diesen - die den Verleger gut bezahlen, wenn er sie druckt. Sodann ist er der
Mann der grössten Auflagen. Er beginnt nämlich gleich mit der zwölften Auflage
eines Dichtwerkes in seinem Verlage; auch versteht er es gut, Titelauflagen
unters Publikum zu schmuggeln; aber pardon, das werden Sie kaum verstehen;
endlich - Danke, gnädige Frau, ich komme gleich nach«. Er verneigte sich gegen
die Hausfrau, die ihm zutrank. »Von wem sprach ich doch? Ja richtig: endlich hat
er neulich eine Erbschaft gemacht und ist augenblicklich im beneidenswerten
Besitze eines hübschen Mammons.«
    Johannes Brauen runzelten sich leicht, und sie presste die Zähne auf die
Lippen.
    »Was ist Ihnen?« Babinsky sah sie verblüfft an.
    »O nichts« sagte sie und suchte den feuchten Glanz ihrer Augen zu verbergen.
Dann blickte sie auf Frau Wewerka und den Alten. »Wissen Sie, ich würde
wahnsinnig werden, wenn ich ewig hier bleiben müsste«.
    »O« rief Babinsky, »wahrhaftig? warum? Und wohin wollen Sie denn?«
    »Mein Jahr hier studieren, ein Examen machen und dann in eine Provinzstadt
in Stellung gehen. Das ist ja schrecklich in diesem Ninive«. Sie bemühte sich,
ihre Erregung zu verbergen und zu scherzen.
    »Ninive?« fragte er.
    Da erzählte sie ihm von ihrer früheren Schwärmerei für die Stadt, deren
Boden ihr jetzt unter den Füssen brannte. Er belustigte sich höchlich über den
Namen.
    »Ich werde in Zukunft auch so sagen, wenn Sie mich nicht auf Diebstahl
verklagen« scherzte er.
    Die Hausfrau erhob sich, die andern folgten ihr. Jetzt erst bemerkte
Johanne, dass ein Stuhl am Tische leer geblieben war.
    »Darf ich Ihnen meinen Freund vorstellen?« sagte Babinsky und stellte Mink,
der von Alice verlassen wurde, Johanne vor. »Das Fräulein ist eine grosse
Pessimistin. Bemühe Dich, sie heiter zu machen; sie will Ninive verlassen«. Er
erklärte Mink heiter die Bedeutung des Namens.
    »Es wäre schade«.
    Der kleine blonde Mann mit der Kartoffelnase, der kaum zwanzig Jahr alt
schien, aber in Wirklichkeit älter war, blickte neugierig in Johannes Gesicht.
Er hatte schon die ganze Zeit her bei Tische ihre reinen, schönen Züge
bewundert. Er nahm den Kneifer ab, wie befriedigt über das, was seine scharfen
Gläser entdeckt hatten.
    »Ich bin ein schlechter Ueberzeuger, ich selbst möchte zuweilen aus Ihrem
Ninive durchbrennen. Da müsste man den Hans Tage hier haben, der -«
    »Wie?« rief Johanne, dunkel errötend, »Hans Tage kennen Sie? Ach Sie
Glücklicher, nein, den!«
    Die beiden Freunde warfen sich einen lächelnden Blick zu. »Kennen Sie ihn?«
fragte Mink, der bei der backfischhaften Äusserung etwas Bewunderung für Johanne
verlor.
    »Er ist ein Genie« sagte sie freigebig. »Ich war wie im Himmel, als ich
Einiges von ihm las. Seit einem Jahr wünschte ich nichts sehnlicher, als ihm zu
begegnen. Es muss ein herrlicher Mensch sein«.
    »Ein herrlicher Mensch« nickte Babinsky und sah zu Mink hinüber, »wo steckt
er denn augenblicklich? Wir wollen ihn gefesselt vor die Füsse seiner Bewunderin
legen«.
    »O wenn - nein!« ...
    Sie ist doch riesig albern, dachte Wewerka, der leise zu den Dreien getreten
war, und küsste Johanne die Hand.
    »Mahlzeit! Wie haben sich eure Herrlichkeit amüsiert?«
    Mink legte seine Hand leicht auf Babinskys Arm und schlenderte nach dem
Sopha, wo Frau Wewerka Cercle hielt.
    »Gefallen Ihnen die beiden jungen Leute?« flüsterte Wewerka. »Es sind zwei
unserer bekanntesten Dichter«.
    »Sie scheinen überhaupt nur Berühmteiten hier zu haben«. Ihre Blicke
glitten über die Gäste hin.
    »Ironisch, Johanne?« Der Hausherr sah ihr in die Augen. »Ich habe in der
Tat nur bekannte Namen hier«.
    »Einige Herren, zum Beispiel den dort mit den aufgekrempelten Hosen - es ist
doch nicht nass hier - kenne ich noch nicht; auch den dort mit dem schwarzen
Backenbart nicht«.
    »Der erstere ist - nicht ernst zu nehmen. Er lebt augenblicklich sehr, wie
soll ich sagen, primitiv. Uebernachtet meist in Kaffeehäusern und so.
Gegenwärtig ohne Stellung und Arbeit. Er ist Journalist und zwar ein sehr
gewandter. Früher war er Priester; dann trat er aus dem Orden aus und ging zur
Feder über. Sein Chefredakteur kündigte ihm, weil er zu sehr über die Katoliken
loszog. Man sagt, er gehe wieder ins Kloster zurück. Wahrscheinlich nicht in
dasselbe, aus dem er kam. Der Herr mit dem Backenbart - sass er nicht rechts von
Ihnen? - ist Maler, hat eben eine eklige Geschichte hinter sich, wegen eines
Modells. Na, das passt nicht für Ihre Ohren. Uebrigens, der Eine, auf den ich
noch rechnete, ist nicht gekommen«.
    In diesem Augenblick hörte man von draussen heftig die Klingel ziehen, und
nach ein paar Augenblicken trat ein Mann herein, auf den Herr und Frau Wewerka
mit Vorwürfen, dass er so spät komme, losstürzten. Der Angekommene mochte Ende
der Dreissig oder Anfangs der Vierzig sein. Er hatte scharfgeschnittene Züge,
einen dunklen Teint, sehr wenig Haare auf seinem prächtig gewölbten Schädel und
diese wenigen so glatt gestrichen, als machte es ihm Freude, die elfenbeinerne
Platte noch bedeutender erscheinen zu lassen. Mit kühlen Blicken musterte er die
Anwesenden und beruhigte die stürmische Liebenswürdigkeit der Hausherren.
    »Ihr habt doch genug jeunesse dorée hier; was braucht ihr mein ehrwürdiges
Greisenhaupt in Euerer Mitte?«
    »Herr Max Lohringer, Fräulein Johanne Grün« stellte die Hausfrau die beiden
einander vor; dann führte sie ihn zu Alice. Johanne sagte zu Mink, der wieder zu
ihr getreten war: »Wer ist doch dieser Herr? Ich habe schon irgendwo seinen
Namen gehört«.
    Mink liess durch eine Grimasse den Zwicker von der Nase fallen. »Max
Lohringer? Hm. Das ist schwer zu beantworten. Er ist nämlich - gar nichts. Das
wurmt ihn, deshalb schimpft er über alles und alle. Besonders über die Kunst und
was mit ihr zusammenhängt: die Künstler. Er möchte für sein Leben gern auch
einer sein, besitzt aber auf keinem Gebiet das mindeste Talent«.
    »Wirklich, wie schade« sagte Johanne. Dann näherte sie sich Alice, die eben
vorbei kam.
    »Du, denk Dir, Mink und Babinsky kennen Tage«.
    Die junge Frau sah die Freundin fragend an. »Tage? Wer ist das?«
    »Wie, den kennst Du nicht? Nun ja, Du bist erst so kurz hier. Dein Mann
kennt ihn sicher. Er ist einer der berühmtesten Dichter von allen. Du könntest
mir einen riesigen Gefallen tun. Lade die beiden Freunde zu Euch ein und sage
ihnen, sie sollen Tage mitbringen. Ja, magst Du? Ich möchte ihn für mein Leben
gerne kennen lernen. Er erscheint mir als der einzige bedeutende Mensch in
diesen trostlosen ...«
    »Na, na, Du hast Dich heute doch ganz gut unterhalten. Aber wies mit dem
Einladen wird? Ernst hat auf meine Bitte, uns Gäste zuzuführen, Frau Wewerka
bestimmt, diese Gesellschaft zu geben. Sie deutete es mir an. Ich glaube, er
will bei uns niemand empfangen. Du weisst ja weshalb«.
    »Ich dachte es mir« sagte Johanne.
    »Aber versuchen, ihn zu bitten, kann ich ja. Schliesslich für einen Abend
wird wohl andere Bedienung zu haben sein«.
    »Was für Weltgeschicke werden hier gebraut?«
    Max Lohringer stand neben den beiden Damen. Johanne fühlte ein Paar weicher,
dunkler Augen auf sich gerichtet.
    Alice lachte. »Meinen Sie, das sagen wir Ihnen?«
    Er sah von der einen zur andern. Sie schienen ihm beide zu gefallen. Dann
wandte er sich an die junge Frau.
    »Mir braucht man nichts zu sagen; lassen Sie mich nur ihre Hand fühlen; ich
bin Gedankenleser«.
    »Ei!« rief Frau Schüler, während es Johanne heiss durch die Wangen strömte.
Sie hatte in eben demselben Augenblick gedacht: wie kommt der eigentlich hierher
; er sieht ganz anders aus als die Uebrigen.
    »Wissen Sie, was meine Freundin eben innerlich beschäftigt?« Alice blickte
übermütig auf Johanne.
    Er sah mit einem langen Blick in das schöne Gesicht des jungen Mädchens.
    »Sie suchen«.
    »Gefehlt« sagte sie, ihre Bestürzung tapfer verbergend. »Das hätte ich
garnicht nötig!«
    Er verbeugte sich. »Das war königlich gesprochen. Sind Sie angehende
Schauspielerin?« Nun lachten beide.
    »Die?« sagte Alice, »sie ist erst ein halb Jahr unter kultivierten
Menschen«.
    Johanne blickte zu Lohringer auf.
    »Aber es waren brave Leute, von denen ich kam, wenn sie auch mit dem Messer
statt mit der Gabel assen«.
    »Sie schwärmen für Naturzustände. Sind wohl auch Vegetarierin in Wolle«.
    »Was ist das?«
    Er sah sie mit ironischem Lächeln an. Man reichte Bier herum. Er dankte.
    »Aber vielleicht ein Glas Wein oder Tee« sagte Frau Wewerka herantretend.
    »Danke« rief er entschiedener als nötig war und ging auf die beiden
Dichterfreunde zu, mit denen er sich in ein Gespräch einliess.
    Später trat Schüler zu Johanne und wich für den Rest des Abends nicht mehr
von ihrer Seite. Lohringer ging gelangweilt bald zu diesem, bald zu jenem. Er
war der erste, der aufbrach.
    Spät nach Mitternacht entfernten sich auch die Uebrigen. Johanne fühlte sich
müde und abgespannt, als sie ihr Lager aufsuchte.
 
                                       6
Es war kein erfreuliches Leben.
    Der Unterricht dieser Kinder mit ihren frühreifen, altklugen Gesichtern, in
denen der Charakter der Eltern bereits ausgeprägt stand, lastete wie eine
schwere Pflicht auf Johanne. Man merkte es in ihrem Umgang mit den Kleinen. »Sie
sollen mit Liebe den Kindern entgegentreten, nicht mit der Miene verdrossenen
Pflichtgefühls« sagte die Lehrerin.
    »Es sind ja nicht meine eignen« drangs unwillkürlich über die Lippen des
Mädchens. Nachher schämte sie sich des Wortes. - Eine unendliche Leere und
Trostlosigkeit bemächtigte sich ihrer.
    Diese riesigen Mietskasernen mit ihren prunkvollen Aufgängen, ihren
Telephonen, elektrischen Beleuchtungsapparaten, Dampfheizungen, ihren
hundertartigen technischen Ueberraschungen, diese Mietspaläste, in denen eine
bis zur Sinnlosigkeit unruhige, hastende Menge aus- und eineilte, erschienen ihr
wie mächtige steingewordene Lügen. Früher hatte sie geglaubt, dass in schönen
Palästen glückliche Menschen wohnen müssen; nun hatte sie mehr und mehr Einblick
in das Leben erhalten. Die Füsse aller dieser hinstürmenden Menschen waren
schmutzig und staubig von den Wegen, die sie wandelten. Die Kinder sahen nicht
wie Kinder aus, und die Erwachsenen besassen alle etwas greisenhaft Blasiertes,
Erschöpftes. Auf der Strasse durfte man keinen Moment langsam gehen, oder vor
einem Schaufenster stehen bleiben, ohne sich den ärgsten Insulten auszusetzen.
    In den Kirchen predigten Priester, die eher alles, als das was sie
verkündeten, zu glauben schienen. Und die Kunst? Waren die Herren Mink und
Babinsky nicht typisch für die Zustände, die da herrschten.
    »Ninive« stand als Sonnenuhr über den andern Städten des Reiches. Welche
Stunde sie in Sachen des guten Geschmacks zeigte, die galt für alle Kunstfreunde
des Landes. Wenn Herr Babinsky Herrn Mink in langen Berichten lobte und Herr
Mink Babinsky als das grösste Genie pries, mussten die guten Provinzler es nicht
glauben? Und der Ehrenmann Schüler, der an der Spitze eines grossen Blattes stand
und im »Brustton ehrlicher Ueberzeugung« seine hochherzigen, lieberalen
Gesinnungen und Ansichten in die Welt posaunte (einstweilen genügte ihm der
Gehalt, den sein Chef ihm auszahlte), stand er etwa vereinzelt da? War Wewerka
besser? Dass seine sogenannte Redakteurstellung nur ein Scheinamt war, hinter dem
er allerlei dunkle Spekulationen verbarg, mit denen er von Zeit zu Zeit irgend
einen der biederen Landwirte brav »hineinlegte«, war Johanne längst klar.
Schmutz überall, wo man anfasste.
    In manchen Augenblicken war ihr, als höre sie langes Gras um sich flüstern
und spüre frischen Wind auf ihren Wangen spielen. Aber mit ihrer angeborenen
Festigkeit - oder wars der Trotz der Jugend, die ein einmal ins Auge gefasstes
Ziel nicht lassen will - sagte sie sich: nein. Der Kurs musste hier beendet
werden; koste es, was es wolle, und wenn selbst ihr körperliches Wohlbefinden
darunter leiden sollte. Alle die Erfahrungen, die ihre kindlich reine, durch ihr
einsames Jugendleben doppelt empfindsame Seele trafen, zehrten an ihrer
Gesundheit und Kraft. Ihre Wangen wurden von Tag zu Tag blasser. Sie unterschied
sich jetzt in nichts mehr von den anderen Grossstadtmädchen, mit ihrer ärmlichen
Eleganz, ihrer zierlichen Haltung, ihren alles sehenden und sich über nichts
verwundernden Augen.
    Ihre braven, genagelten Schuhe hatte sie schon lange in die Ecke geworfen.
Sie konnte auf diesem heissen Asphaltpflaster nicht darin gehen. Sie trug jetzt
dünne Schuhchen, die wenig kosteten und bald zerrissen waren.
    Eines Tages erhielt sie ein winziges rosa Briefchen. »Meine liebe kleine
Hanne, komm übermorgen Nachmittag zu mir. Nimm Dir aber vor, stark zu sein, denn
Du wirst den treffen, nach dem Dein Herz verlangt. Ich möchte beinahe glauben,
dass Schüler in Dich verliebt sei. Kaum sprach ich Deinen Wunsch aus, als er auch
schon Schritte tat, ihn zu erfüllen. Hüte Dich vor Ernst. Er tut nichts
umsonst .....«
    Im ersten Moment sagte sich Johanne: nein, ich gehe nicht hin. Dann, als der
Tag anbrach, da sie hingehen sollte, fasste sie eine verzehrende Neugierde, eine
Hoffnung, eine Rührung. Vielleicht kam Gutes aus der Begegnung mit diesem Manne,
der doch kein niederer Mensch sein konnte, nach all dem, was er geschrieben
hatte. Sie zog ihr bestes Kleid an und ging zu Schülers. Alice war am Teetisch
beschäftigt; um sie gruppiert sassen drei Herren. Zwei von ihnen kannte Johanne.
Es waren Mink und Babinsky; der dritte war ein kleiner, verwachsen aussehender
Mensch mit wulstigen Lippen, einer birnenförmigen Nase, rötlichem Haar und
klugen, spähenden Augen.
    »Herr Tage, Fräulein Grün«, stellte Alice die beiden einander vor. Alle
schwiegen und blickten auf das junge Mädchen. Sie wurde rot und blass; dann sagte
sie, die innere Belustigung der Andern ahnend, zu Tage: »Gerade so habe ich Sie
mir gedacht«.
    Alice lachte und zog die Angekommene neben sich auf das Sopha. Tage, der
sich neben den Freunden niederliess, blickte ironisch auf die Andern.
    »Wie schlecht müssen meine Gedichte sein«.
    Mink schlug ihm auf die Schulter. »Sag doch lieber: was muss ich für ein
prächtiger Junge sein, denn dass deine Gedichte vortrefflich sind, bist du ebenso
überzeugt wie wir«.
    Es flogen einige Wortwitze hin und her; dann reichte Alice den Tee herum.
Tage wandte sich an Johanne und zog sie in ein Gespräch. Er hatte etwas Feines,
Wählendes in seiner Sprache, etwas überaus Beruhigendes. Jedes Wort schien, ehe
es ausgesprochen war, wohl überdacht zu sein. Auch seine Art sich auszudrücken
war ungewöhnlich. Man sah, dass er mit Leuten aus der Gesellschaft zu verkehren
pflegte. Er war nicht der Mann, wie ihn Johanne aus seinen Gedichten erwarten
konnte, aber sie war nun schon gewohnt, alles anders zu finden, als sie gehofft
hatte.
    Im Laufe des Gesprächs fiel ihr auf, dass er gewisse gelehrte, nach
Litteraturgeschichte riechende Phrasen wieder und wieder gebrauchte; auch dass
die beiden andern jungen Leute ihn mit besonderer Zuvorkommenheit behandelten.
Sie konnte nicht recht klug aus ihm werden. Indes sie nach und nach ihre
natürliche Lebendigkeit und Anmut wiederfand und ihre Augen den gewöhnlichen
treuherzigen, warmen Ausdruck erhielten, fühlte er sich von Wort zu Wort, das
sie sprach, mehr gefesselt.
    Seine Stärke war es ja, solche kinderreine, liebliche Mädchengestalten zu
zeichnen, Mädchen mit blauen Bändern im Haar, voll süsser törichter Einfalt. Und
weil jeder Mann in jeder Frau nur das sieht und hört, was er in sie hineinlegt,
so spürte Tage nichts von all dem Starken, Ringenden in dieser jungen Seele. Er
hörte nur ihre Unschuld und Sehnsucht reden. Alice unterhielt sich mit Mink und
Babinsky, indes sie von Zeit zu Zeit einen forschenden Blick auf die beiden
miteinander Sprechenden warf.
    Als Johanne endlich aufstand - sie fühlte, wie ihre Wangen zu brennen
begannen - erhob sich mit ihr zugleich Tage.
    »Sie gehen? Darf ich Sie geleiten?«
    »Bitte« sagte sie einfach.
    Die Dichterfreunde erhoben sich ebenfalls. Auf der Strasse trennten sie sich
von Johanne und ihrem Begleiter.
    Die Beiden gingen eine zeitlang schweigend hin, dann sagte Tage:
    »Dichter besitzen etwas, was man poetische Licenz nennt, das heisst: die
Freiheit, zu sagen, was andere nicht sagen dürfen. Und wenn ich nun von diesem
meinem Rechte Gebrauch mache, werden Sie mir hoffentlich nicht zürnen, nichtwahr
nein?«
    Sie schwieg verlegen.
    »Sie sind ein wunderbares Geschöpf. Sagen Sie, haben Sie eigentlich schon
einmal geliebt?« Sie fühlte einen schmerzlichen Stich durch ihr Herz gehen. Sie
geliebt? Wen etwa? Sie die ganz Einsame.
    »Nein, ich - ich ging immer allein«.
    Klang es nicht wie das Bekenntnis eines mittelalterlichen Gretchens: Ich
ging immer allein?
    »Geben Sie mir doch Ihren Arm« bat er, »es geht sich so besser in dem
Gedränge«. Sie legte schüchtern ihre Hand auf seinen Arm. Sie gingen durch
elektrisch beleuchtete Strassen, mit herrlichen Schaufenstern, tausenden von
Menschen, einem Gewimmel von Wagen, die sich des riesigen Verkehrs wegen nur
stockend fortbewegen konnten.
    Sie fühlte, wie er sie ansah, wie er von Zeit zu Zeit ihren Arm inniger an
sich drückte. Ein leiser Taumel ergriff sie. Als ob sie träumend dahinschwebe
...
    Als sie endlich bei ihrem Hause hielten, sagte er leise: Fräulein Johanne,
wann gehen Sie immer nach dem Fröbelhaus? Würden Sie zürnen, wenn ich - Ihnen
begegnete?« Sie antwortete nicht, sondern schüttelte nach Kinderart den Kopf. Er
sah ihr einen Moment lang starr in die Augen, zog ihre Hand an seine Lippen,
öffnete ihr die Haustür und verschwand im Gewühl der Strasse. Sie schritt
langsam hinauf, berührte kaum ihr Nachtessen, und begab sich zu Bette. Lange
Stunden lag sie mit offenen Augen da und lauschte in sich hinein in heimlicher
Verwunderung......
    Am andern Tag, als die Unterrichtsstunden beendet waren, kam er wirklich auf
sie zugeeilt. Er war elegant gekleidet und überreichte ihr drei rote Rosen. Sie
freute sich, plauderte ein wenig mit ihm und dachte so oft sie ihn ansah: Gott
wie hässlich. Aber mit der Zeit würde sie es vielleicht übersehen. Sie blühte wie
die Rosen in ihren Händen; nur um ihre Augen lag ein ganz feiner träumerischer
Ausdruck.
    Tage blickte sie sehr verliebt an.
    Sie machten einen Umweg nach ihrem Hause. Heute sprach er auch von seinen
Gedichten.
    »Wissen Sie« meinte er unter anderem, »ich verkehre nur selten mit meinen
Kollegen. Es sind alles rohe und was mehr ist: unfähige Burschen. Im
Litteraturverein trifft man sich ja zuweilen; aber ich schneide sie, wo ich
kann. Man wird gleich um Protektion angepumpt und haste nicht gesehen rufen sie
einen als ihren Freund und Genossen aus. Meine Einzelstellung in der Litteratur
verbietet mir solche Verbrüderung«.
    »Ja, ich lachte und weinte damals über Ihre Strophen« sagte Johanne, »ich
fühlte mich erhoben, wenn ich in Ihren Gedichten las«.
    »Das höre ich oft und es freut mich, sind sie doch -« er seufzte tief auf,
»mit Herzblut geschrieben. Manches junge Mädchen hat mir schon bekannt: seit ich
Ihre Poesien kenne, glaube ich wieder an das Gute und Schöne im Leben«.
    Von diesem Tag an begleitete er sie sehr häufig nach Hause.
    Eines Herbstabends, es dunkelte schon früh, zog er sie in den Flur ihres
Hauses und stammelte: »Johanne, Johanne, ich vergeh vor Sehnsucht«. Und er
brachte sein Gesicht dem ihren nah. Sie wollte etwas erwidern; da hatte er beide
Lippen auf die ihren gepresst, als wollte er ihre Seele schlürfen und war
davongeeilt. Sie stand einen Augenblick an die Mauer des dunklen Eingangs
gelehnt und vermochte sich nicht zu rühren. Dann ging sie hinauf und weinte. Am
andern Tag wollte sie ihm einen empörten Brief schreiben, aber sie kannte seine
Adresse nicht.
    Zum Glück erschien er heute nicht. Sie würde vor Scham und Aerger
wahrscheinlich auf der Strasse eine Szene gemacht haben.
    Nachmittags ging sie zu Schülers. Sie wollte dort seine Strasse erfahren. Auf
dem Wege dahin überlegte sie, ob er vielleicht vorhabe, sie zu heiraten. Aber
selbst dann, schien es ihr, durfte er sich nicht so betragen. Sie war mit sich
unzufrieden, obzwar sie nicht wusste, wie sie sich hätte anders benehmen sollen.
Er hatte sie überrascht. - -
    Bei Schülers öffnete Alice die Türe. Sie hatte rotgeweinte Augen und war
sehr aufgeregt.
    »Denk Dir, Madame ist krank, oder behauptet mindestens es zu sein. Sie
arbeitet nichts und liegt auf der faulen Haut. Glaubst du, er liesse mich einen
andern Dienstboten mieten? Keine Spur. Ich, meint er, soll so lange das Nötige
besorgen, bis sie wieder flott ist. Wie findest du das? Ich finde es unerhört«.
-
    Die kleine Frau trippelte nervös in ihrem Zimmer auf und ab. »Unsere alte
Wirtschafterin in St. Estephe liess mich nie in die Küche. O, ich bin sehr
unglücklich«. Sie warf sich in einen Sessel. »Weisst du, was er jetzt tut? Er
macht sich sein Bett selbst und lässt Essen aus dem Gastaus kommen. Alles wegen
der Alten. Welch gutes Herz, wie?«
    Johanne suchte die Freundin so gut sie konnte zu beruhigen. Dann bat sie um
Tages Adresse.
    »Ich weiss sie nicht« sagte Alice, »aber Mink kennt sie. Er soll sie dir
mitteilen. Liebst du etwa das Scheusal Hans Tage?«
    Johanne errötete. »Muss man alle gleich lieben, mit denen man auf der Strasse
geht?«
    »Na ich, ich schaff mir jetzt um jeden Preis einen Verehrer an, mir ist dies
Leben unausstehlich«.
    Johanne fasste ihre Hände. »Alice, mach nicht so böse Scherze. Du bist eine
verheiratete Frau«.
    »Wer hat denn angefangen?« rief die junge Frau erregt, »er oder ich? Wer hat
mich schändlich hintergangen. Und ich hielt so viel von ihm!« Sie brach in
Tränen aus. »Nun tue ich ihm, was er mir getan hat«.
    »Harre doch aus. Es muss sich ja ändern, wenn sie stirbt -«
    »Ach was, die stirbt nicht«.
    Johanne ging traurig fort. Nichts als Elend, wohin man blickte. Und in ihrer
eignen Brust ein Sturm widersprechender Gefühle. Ach, wenn sie doch wirklich
Einen besessen hätte, der ihr gehörte mit Leib und Seele. Es war zu trostlos, so
allein dahinzutreiben. Wenn Tage ihr Halt und Stütze sein könnte? Aber durfte
sie das hoffen? Berechtigte sein Benehmen dazu? Fasste er etwa einen Kuss ebenso
ernstaft auf wie sie? Vielleicht. Die Tränen traten ihr in die Augen, als sie
das Glück erwog, jemanden zu haben, an dessen Brust sie ihr Haupt lehnen könnte.
    Wenn sie ihn jetzt hier gehabt hätte, sie würde ihm weich und hingebend
begegnet sein .....
    Am andern Tag, als sie aus der Schule kam - er hatte sie wieder nicht
erwartet - klopfte es und ihr Hausherr trat herein. Die hundert Falten in seinem
Gesicht waren alle lebendig und zuckten.
    »Ich bringe Ihnen die gewünschte Adresse« sagte er sich niederlassend, »Mink
begegnete mir vorhin und teilte sie mir mit. Er wollte selbst zu Ihnen kommen,
hatte es aber sehr eilig. Fräulein Johanne, Fräulein Johanne, sind Sie
eifersüchtig, wollen Sie ihn überraschen? Lassen Sie sich von einem
Uneigennützigen davor warnen. Sie würden keine angenehmen Entdeckungen machen«.
Er rückte seinen Stuhl näher dem ihren. »Tage ist durchaus kein tadelloser
Charakter, Fräulein Johanne. Ich würde dies Ihnen nicht mitteilen, wenn mich
nicht durch meine liebe Frau Freundschaft mit Ihnen verbände«.
    »Aber« stotterte das junge Mädchen, »Herr Tage geht mich ja eigentlich
nichts an, ich weiss nicht was Sie -«
    »Sie interessieren sich für ihn, Sie gehen mit ihm, ich selbst habe Sie an
seinem Arm gesehen«, er sah ihr tiefes Erröten - »Sie sind ein unschuldiges,
erfahrungsloses Mädchen. Ehe Sie es recht wissen, stecken Sie im Unglück«.
    »Was wollen Sie mir also sagen?« fragte sie plötzlich kühl. Dieser Mensch da
spielte sich auf den Wächter der Unschuld, der Tugend hinaus. War es nicht
lächerrlich?
    Er! Der! Wewerka erriet aus dem verächtlichen Aufwerfen ihrer Lippen ihre
Gedanken.
    »Ich wollte Sie nur warnen« versetzte er in biederem Ton, »sich Hoffnungen
zu machen, wenn Tage Ihnen Dinge verspricht, wie man sie zuweilen jungen Mädchen
verspricht. Er ist nicht mehr frei. Er ist durch die verschiedensten Bande an
eine Frau gefesselt, die ebenso alt und kokett wie hochvermögend ist. Das
letztere weniger durch ihren Reichtum, als durch ihre Verbindungen. Sie arbeitet
für die ersten Blätter der Residenz. Sie hat ihm zu seiner Berühmteit
verholfen, sie und sein Protektor, der berühmte Professor Kneilenbregg, vor dem
Tage auf den Knieen rutscht. Früher trieb er philologische Studien unter ihm.
Der Mann, der sich so angebetet sieht und der als Gesellschaftsfex in den
Salons, wo er Sekt trinkt und den Frauen den Hof macht, viel für einen jungen
Autor tun kann, bestimmte seine Verehrerinnen, nicht allein Tages Bücher zu
kaufen, sondern auch in ihm eine Zukunftsnummer zu erblicken. Die Weiblein gehen
ja immer auf den Leim, wenn ein berühmter Mann sie da haben will. Innerlich
denkt er, zu seiner Ehre will ichs annehmen, ebenso wie die andern, nämlich, dass
Tage ein Phrasenheld, aber nichts weniger als ein echtes Talent sei. Aber der
Kerl verstehts, wo es ihm darum zu tun ist, ausgezeichnet zu schmeicheln. Und
dem grossen Mann ist das Lob und die Bewunderung, selbst wenn sie aus dem Munde
des Allerkleinsten kommt, immer willkommen. Der bekannte Dichter Tage singt ihm,
widmet ihm Bücher, was Wunder, wenn er sich gedrängt fühlt, zu quittieren.
    Die pikante Baronin, Tages Geliebte und Gönnerin, ist schon etliche Male
sehr eifersüchtig auf den grossen Mann gewesen. Aber sie haben sich wieder
verständigt. Dass Tage, wenn er den Dichterkranz aus dem roten Haar legt, auch
ein Mensch sei, dem es nach ihren geschminkten Lippen nach frischen dürstet,
scheint sie nicht wissen zu wollen. Er hintergeht sie fortwährend mit kleinen
Ladenmädchen, ohne dass sie es ahnt. Und - aber vergeben Sie, Sie sind ganz blass
geworden.« - -
    Johanne hatte sich erhoben und ging heftig auf und nieder.
    »Warum erzählen Sie mir das alles? Herr Tage kann tun, was ihm beliebt. Er
ist sein eigner Herr. Er kümmert mich nicht«.
    »Mir scheint - ich hätte über diesen Mann nichts Böses sagen sollen. Aber
dass das Ihnen so nahe geht« -
    »Herr Wewerka« rief sie zornig mit dem Fusse stampfend, »ich verbitte mir
jede Beleidigung von Ihnen«.
    Er trat zu ihr und wollte besänftigend ihre Hand ergreifen.
    »Aber Fräulein Johanne, nur die Freundschaft für Sie liess mich von diesem
Unwürdigen -«
    »Lassen Sie das Wort Unwürdiger, es gibt noch viel Unwürdigere als den«.
Ihre Augen blitzten.
    In Wewerkas Gesicht regte sich keine Miene. »Fräulein Johanne, Sie haben
recht; es gibt noch bösere Burschen als ihn, lassen wir das Tema«.
    In diesem Augenblick wurde geklopft, und Schüler trat herein.
    »Fräulein Johanne, guten Tag, 'n Tag, Wewerka. Lasst Euch nicht stören«.
    »Ich war eben im Begriff zu gehen, Herr Gott« rief Wewerka, seine Uhr
hervorziehend, »schon so spät! Auf Wiedersehen«.
    Er verneigte sich vor Johanne, zwinkerte Schüler zu und eilte hinaus.
    »Wie gehts, wie gehts, Schönste der Schönen. Irr ich mich, oder sind Sie
erregt? Ihre Augen blitzen, Ihre Wangen brennen. Hat er das zustande gebracht?«
Er deutete nach der Türe, durch die Wewerka verschwunden war. Johanne lächelte
schwach.
    »Ja, wir plauderten und ich geriet in Eifer«.
    Schüler sah im Zimmer umher. »Eigentlich ein Käfig hier, viel zu armselig
für eine Gestalt wie Sie. Na, sagen Sie Fräulein Johanne - apropos, sind Sie mit
mir zufrieden, dass ich Ihnen so prompt Ihr Ideal, Herrn Tage, offeriert habe?«
    »Reden wir nicht von dem« rief Johanne. Schüler lächelte. »Sie hatten wohl
Streit mit einander? Na, ich meinte nur, Sie sehen, ich tue Ihnen zu Liebe, was
ich kann; tuen Sie mir auch etwas zu Liebe«.
    »Und das wäre?« Ihre Augen richteten sich fest auf ihn.
    »Kommen Sie öfter zu meiner Frau. Das arme kleine Ding liebt Sie herzlich
und fühlt sich grenzenlos einsam. Ich kann aber nicht anders. Ich bin tagsüber
an meine Redaktion gefesselt. Fangen Sie gleich morgen an, ja? Ich möchte sie
überraschen mit Ihnen; sagen Sie aber nicht, dass Ihr Besuch nur auf meine Bitte
erfolgt sei. Ja, wollen Sie, schlagen Sie ein«.
    Sie legte flüchtig ihre Fingerspitzen in seine dargebotene Hand. Dann ging
er. Sie öffnete das Fenster und lehnte sich hinaus.
    Die Geschichte, die ihr Wewerka mitgeteilt hatte, beschäftigte sie. Ob sie
wahr wäre? Warum nicht? Weshalb sollte er sie erfunden haben? Das hässliche
Äussere des Mannes liess auf ein ähnliches Inneres schliessen. In seinen klugen
Augen lag Berechnung. Und ein anständiger Mensch hätte sich gegen ein junges,
schutzloses Mädchen auch nicht so betragen. Das war der beste Beweis für seine
unvornehme Seele. Schmerz bereitete ihr das Gehörte nicht, aber eine leise
Beschämung. Hatte sie doch gedacht, ihm wirkliches Interesse einzuflössen. Er
verkehrte mit jungen Mädchen, um die Zärtlichkeit seiner alten Geliebten besser
ertragen zu können. Dort entschädigte er sich für den bitteren Trank, der ihm im
vergoldeten Kelche gereicht wurde. Und der »grosse Mann« hielt seine schützenden
Fittige über diesen stolzen Charakter gebreitet und baute mit seinen weissen,
vornehmen Händen an dem Piedestal, auf das er seinen Schützling stellte. Wie
hochherzig! Wenn es nicht zum Weinen wäre, wäre es zum Lachen. Mein Gott, in
welche Gesellschaft bin ich geraten, dachte sie, und legte die Hände vor das
heisse Gesicht ...
 
                                       7
Als sie am nächsten Tag bei Schülers klingelte, öffnete ihr Alice selbst.
    »Du!?« Sie sah verwundert und erfreut aus. »Weisst Du, wer da ist? Na leg nur
erst ab.« Sie half der Freundin aus dem Jacket und führte sie in ihr
Empfangszimmer. Von dem Sopha in der Ecke erhob sich - Lohringer. Er begrüsste
Johanne.
    »Ist das nicht nett?« rief Alice, »Sie zum ersten mal hier und nun kommt sie
«. Sie schenkte der Freundin ein Schälchen Tee ein. »Du siehst schlecht aus,
Liebchen, fehlt Dir etwas?«
    »O nichts« sagte Johanne, mir gehts gut; ich bin nur schnell gelaufen«.
    »Die Damen haben sich gewiss allerlei mitzuteilen« meinte Lohringer und
wollte sich erheben.
    »Wie? Sie wollen schon gehen? Sie sind ja erst gekommen«.
    »Ihr Gemahl erlaubte mir auch nur einen Blick auf Sie zu werfen, Gnädigste.
Gucken Sie doch morgen nachmittag mal zu meiner Frau, sagte er gestern, als er
bei mir war, sie langweilt sich so. Ich habe nun seinen Wunsch erfüllt, finde
Sie aber nichts weniger als gelangweilt«.
    »So, so«. Alice sah schmollend vor sich hin. »Also nur auf Bitten meines
Mannes kamen Sie hierher. Ich dachte, es geschah aus eigenem Antrieb«.
    Er zerkrümelte gleichgültig ein Stückchen Kuchen zwischen seinen Fingern.
»Sie haben mich ja gar nicht eingeladen, Frau Schüler«.
    »So« sagte sie linkisch. »Nun, ich will diese Versäumnis nachholen. Ich will
sehr liebenswürdig gegen Sie sein«.
    »Das ist nett von Ihnen« sagte er lachend und versenkte seine Augen in die
ihren.
    Johanne errötete, ohne zu wissen warum.
    »Haben Sie Tage nicht gesehen?« fragte ihn Alice in leichter Verlegenheit.
»Er versprach mir, zu kommen, kam aber nicht mehr nach dem ersten Male«.
    »Ich habe ihn nicht gesehen, vielleicht aber kann Ihnen Ihre Freundin
Auskunft über den berühmten Dichter geben«.
    »Sie irren« bemerkte Johanne trocken, »ich bin dem Herrn seit mehreren Tagen
nicht mehr begegnet.«
    »Warum sagst du dem Herrn mit so verächtlicher Betonung?«
    »Tat ich das«. Ihre Blicke beschäftigten sich angelegentlich mit der
Bordure des Serviettchens. »Ich weiss es nicht«.
    »Ja überhaupt, das gnädige Fräulein hat sich merkwürdig verändert«.
    »Sagen Sie nicht das gnädige, sonst verderben Sie sichs mit ihr«.
    »Ich sah Sie nämlich neulich mit Tage und wunderte mich, nein, nein, Sie
sahen mich nicht, - wunderte mich, wie ein junges Mädchen sich so schnell
verwandeln kann«.
    »Wie sehe ich denn aus?« Ihre Augen begegneten kalt den seinen.
    »Sie waren früher sehr hübsch und - uninteressant, jetzt sind sie sehr
interessant und - weniger hübsch«.
    Alice konnte eine kleine Bewegung der Freude nicht unterdrücken. Sie würde
ihre Freundin noch viel inniger geliebt haben, wenn sie weniger schön gewesen
wäre. »Ich finde Sie haben recht« meinte sie. »Du grämst Dich über etwas,
Johanne. Man merkts Deinen trüben Augen an«.
    »Ich wüsste nicht, worüber« sagte das junge Mädchen ruhig. »Mir steht Niemand
so nahe, dass ich mich um seinetwillen grämen könnte«.
    »Mit neunzehn Jahren« rief Lohringer und schlug scherzhaft die Hände
zusammen. »Sie reden wie ein über die Welt erhabener indischer Heiliger«.
    »Woher wissen Sie mein Alter?«
    »Kann mich wahrhaftig nicht mehr besinnen.« Er dachte einen Augenblick nach.
»Ich glaube von Schüler«.
    In diesem Augenblick trat der Genannte herein. Alle waren erstaunt. Er warf
einen flüchtigen Blick auf Johanne, dann auf Lohringer und lachte.
    »Schaut mich nicht so verblüfft an, ich komme vom Leichenbegängnis eines
Freundes, da wollte ich, bevor ich ins Bureau gehe, noch einen Blick herauf
tun«. Er setzte sich zärtlich neben seine Frau.
    »Gieb mir ein Schälchen Tee. Haben Sie die gewünschten Papiere erhalten,
Lohringer? Wie gehts, Johanne? Blass und - zum Anbeissen schön. Na, gieb mir einen
Kuss, Ali! So; adieu, meine Freunde«.
    Lohringer zog seine Uhr und erhob sich.
    »Ich werde mich ebenfalls empfehlen«.
    Schüler blieb unter der Türe stehen.
    »Sie wollen fort? Und Sie desgleichen, Johanne? Na, dann, weisst Du was,
kleine Frau? Bist Du im Stande, in zehn Minuten ein Kleid überzuwerfen? Um halb
sechs erhalte ich einen interessanten Besuch auf meinem Bureau. Ali ben Hirun,
der Indier, der Schlangen in Nähnadeln verwandelt und kleine böse Frauen in
Eichkatzen, hat sich bei mir angekündigt. Willst Du ihn sehen? Vielleicht
verehrt er Dir eine indische Kostbarkeit, den Zahn eines heiligen Elephanten,
oder einen versteinerten Wurm aus den Wunden eines sechstausend Jahre alten
Säulenheiligen. Herr Lohringer ist gewiss so gütig, Fräulein Johanne nach Hause
zu bringen.«
    »Warum denn?« fragte das junge Mädchen, indes Alice sich umzukleiden eilte.
    »Weil ich es nicht für gut halte, dass Sie im Finstern den weiten Weg nach
Hause machen.«
    »Es ist ja erst sechs«.
    Er lachte. »Es ist November, Fräuleinchen. Bitte wollen wir uns noch einmal
setzen, wir gehen dann alle miteinander«. Er warf sich in einen Sessel.
    »Ich muss gleich fort« sagte Johanne hastig, »grüssen Sie Alice«.
    »Dann gestatten Sie« bemerkte Lohringer mit kühler Höflichkeit, »dass ich dem
Wunsch unseres Wirtes Rechnung trage. Adieu, Schüler«.
    Dieser erhob sich. »Also wirklich? Sie sind eine Satanin, Johanne. Möchte
wohl wissen, was Sie heute vorhaben. Adieu, Lohringer; gute Nacht, gnädiges
Fräulein«.
    Sie traten auf den Korridor, wo eben eine ältere, nur notdürftig bekleidete
Frau das Gas entzündete.
    Schüler fuhr bei ihrem Anblick heftig zurück und flüsterte ihr zornig etwas
zu. Johanne riss ihr Jäckchen vom Kleiderhaken und eilte, von Lohringer gefolgt,
hinaus. Draussen zog sie es an.
    »Weshalb eilen Sie so« fragte er lächelnd.
    »Das ist leicht zu erraten« antwortete sie.
    »Pflegen Sie durch die Langegasse oder über den Naschmarkt nach Hause zu
gehen?«
    »Wos näher ist«.
    Sie schritten ein Stück stillschweigend hin. Sie hatten den nächsten Weg
eingeschlagen.
    »Die schönen Schaufenster« sagte er nach einer Weile, »nicht einen Blick
erhalten sie von Ihnen. Sonst ist es das Entzücken der Damen, vor jeder dieser
Spiegelscheiben stehen zu bleiben«.
    »Ich interessiere mich nicht für Putz« sagte Johanne apatisch.
    »Aber für Juwelen?«
    »Auch nicht«.
    Er lachte. »Aber vielleicht für hübsche Kunstgegenstände, oder auch das
nicht?«
    »Augenblicklich auch das nicht«.
    »Wahrhaftig« er betrachtete sie von der Seite, »Sie sind eine seltsame junge
Dame. Die Liebe interessiert Sie nicht und der Glanz der Welt lässt Sie kalt;
sind Sie etwa - fromm?«
    »Nein«.
    »Auch nicht fromm?«
    »Ich bin unzufrieden«.
    »Glückliches Kind« sagte er, »wenn ich noch unzufrieden sein könnte«. Er
nahm den Cylinder ab und fuhr sich mit seinem Taschentuch über den Schädel.
»Unzufriedenheit ist das Symptom der Jugend. Unzufriedene haben noch allerlei
Wünsche. Sagen Sie doch, was wäre der Ihre? Es interessiert mich insofern, als
Sie einen ganz besonderen Wunsch haben müssen, da Sie die von Andern am meisten
begehrten Dinge kalt lassen«.
    »Wunsch? Ach Gott, ich möchte von hier fort sein -«
    »Ninive, nannten Sie einmal die Stadt« scherzte er.
    »und vergessen können, dass ich dagewesen sei«.
    »Haben Sie denn so traurige Erfahrungen gemacht?« Er verlangsamte seine
Schritte.
    »Ja, recht traurige«.
    »Schade, dass wir nicht näher mit einander bekannt sind, vielleicht würden
Sie mir einiges mitteilen, vielleicht könnte ich Sie trösten«.
    »Das könnten Sie wohl nicht« meinte sie zögernd, »Sie müssten mich denn blind
machen«.
    »O, wie meinen sie das?« Er sah sie interessiert an.
    »Ich meine, man sieht allentalben so Trauriges, dass einem das Herz schwer
wird«.
    Er blieb stehen.
    »Hm. Ich glaube Sie zu verstehen, aber ich kann Ihren Missmut nicht gut
heissen. Er ist kindisch. Entschuldigen Sie meine Offenheit. Sie sollten lachen
zu dem, was Sie sehen, und kein schweres Herz bekommen«.
    »Da müsste ich schlecht sein«.
    »O nein, liebes Fräulein, nur klug. Wenn es schlecht Wetter ist, schürzen
Sie Ihr Kleid hoch, damit der Strassenschmutz es nicht berührt. Wollen Sie etwa
Mitleid mit dem armen Schmutz haben und ihm zu Liebe Ihr Kleid unsauber machen?
Sollten Sie ihn beweinen? Nein, Sie schreiten leichtfüssig drüber hinweg«.
    »Wie seltsam, dass Sie so sprechen. Gehören Sie denn nicht auch zu Jenen, mit
denen Sie verkehren?«
    Sie sah ihm neugierig ins Gesicht.
    Er schwieg ein Weilchen, dann sagte er nachlässig: »Nicht so ganz. Ich lebe
hier, verkehre in allen möglichen Kreisen, ohne die Einen zu hoch, die Andern zu
gemein zu finden. Ich kann nicht behaupten, dass die Fürstin Rammelsburg, bei der
ich gestern meinen Tee trank, mir mehr imponierte, als - wen kennen wir
gemeinschaftlich? als etwa Frau Wewerka. Jede besitzt die Fehler und Vorzüge
eben ihrer Klasse, die eine führt ein Battisttaschentuch an ihr Näschen, die
andere ein baumwollenes. Der Effekt ist der gleiche. Aber - was ich sagen will,
ich gehöre weder zu den Spitzbuben, noch zu den Biedermännern. Man braucht
Wewerkas, um sich ihrer hier und da in heiklen Angelegenheiten zu bedienen. Man
ist in einer vorgerückten Nachtstunde, nachdem man verschiedene Flaschen Sekt
hinabgespült hat, nicht abgeneigt, mit Babinskys und Konsorten Bruderschaft zu
trinken. Was schadet es? Narren sind wir ja alle, nur gibt sich jeder anders.
Ich meinerseits ziehe ja auch die vor, die ihr Narrentum in anständige Form
kleiden. Aber -« über sein scharfgeschnittenes Gesicht flog ein gutmütiges
Lächeln, »wer wird sich die Komik des Lebens zu Herzen nehmen!«
    »Ich kann nicht so kalt sein« versetzte Johanne leise, »mich schmerzt all
das, was ich sehe. Und dann der Gedanke, dass ich werden könnte wie sie.«
    »Warum nicht? Es gibt Menschen, die ein Unrecht auf sich laden müssen, um
nachher durch ihre Reue zu sittlicher Höhe zu gelangen. Vielleicht gehören Sie
zu diesen. Ueben Sie immerhin ein bisschen Niedertracht; vielleicht finden Sie
dadurch den Weg zu sich«.
    »Nein, nein« rief sie lebhaft, »lieber will ich nicht übermässig gut werden,
als auf unsauberen Nebenwegen zur Vollkommenheit gelangen«.
    Er zuckte die Schultern. »Was ist auch im Grunde unsauber? dem einen dies,
dem andern das. Was Ihnen schrecklich erscheint, empfindet zum Beispiel Ihr
Freund Schüler als Verdienst«.
    »Mein Freund Schüler« rief sie mit Nachdruck und blieb stehen. »O Herr
Lohringer, wie können Sie mir so unrecht tun? Ist er nicht der Ihre mehr als
der meine?«
    Lohringer sah einem auffallend gekleideten hübschen Mädchen nach; dann sagte
er gleichmütig:
    »Ich habe das Schicksal, ein entfernter Vetter des Herrn von Buch zu sein,
des Herausgebers der Zeitung, an der Schüler angestellt ist. Wenn er irgend ein
Anliegen hat, das er sich nicht getraut dem Chef vorzutragen, wendet er sich an
mich. Ich habe ihn einmal auf einem litterarischen Kongress kennen gelernt. Das
ist die Freundschaft, deren Sie mich bezichten, mein Fräulein«.
    »Bat er Sie heute zu sich?« Ihre Augen hingen forschend an seinem Gesichte.
Er sah sie an, zögerte, während ein fast unmerkliches Lächeln seine Lippen
umspielte, und sagte dann: »nein«.
    Sie atmete auf. »Aber Sie sagten es doch«.
    »Das tat ich nur, um die kleine Frau zu ärgern und ihr recht ungalant zu
erscheinen«.
    »Wirklich? Ich danke Ihnen«. Sie reichte ihm die Hand. Sie waren vor ihrem
Hause angekommen. Er las mit seinem Scharfblick in ihrer Seele.
    »Gute Nacht, Fräulein Johanne, und lachen Sie, bitte; Sie doch gewiss«.
    »Wenn ich kann« entgegnete sie, und ging hinauf.
 
                                       8
Er schlenderte noch eine zeitlang umher; dann begab er sich nach Hause. Er
wohnte in einem Riesenmietspalast im fashionabelsten Viertel der Stadt, in einem
jener Häuser, wo man einander jahrelang auf der Treppe, im Flur begegnen kann,
ohne zu wissen, wer der Andere ist, wie er heisst.
    Lohringers Wohnung, behaupteten boshaft einige seiner Freunde, gliche dem,
der in ihr hauste. Sie habe schöne Einzelheiten, sei aber im Ganzen kahl. Sie
hatten nicht unrecht. Aber das war erst nach seiner grossen Wandlung so gekommen.
    Als Sohn begüterter Eltern, die längst tot waren, hatte er sich nach seiner
Majorennerklärung sofort in den Strom des Lebens gestürzt. Vom Gymnasium mit
guten Zeugnissen entlassen, immatrikulierte er sich auf der Universität, um
verschiedene Fächer zu studieren. Er liebte Philosophie, hörte aber auch
medizinische Collegia, trieb Nationalökonomie und interessierte sich lebhaft für
Sternkunde. Man sah ihn am Seziertisch als eifrigsten Hörer Professor Körners,
des berühmten Anatomen, und vermutete, er würde den andern Wissenschaften untreu
und ganz Mediziner. Doch bald schlug er sein Quartier im eisernen Turm des
Observatoriums auf und versenkte sich mit fieberhaftem Eifer in die Geheimnisse
des Firmamentes. Eines Tages war er ganz von der Universität verschwunden. Er
war an die Malerakademie nach Wien gegangen und schrieb seinen Freunden, sie
sollten ihn in Ruhe lassen. Hier zeichnete und malte er ein Jahr.
    Man rühmte ihm gute Befähigung nach, wie ehedem seine Lehrer sein brillantes
Auffassungstalent bewundert hatten. Er begann nebenher zu modellieren, und war
eben im Begriff sich ein Atelier zu mieten, als ein Bekannter von ihm, der
Musiker war und gute Erfolge als Komponist hatte, ihm einredete, er wäre nicht
zum Maler, sondern vielmehr zum Musiker befähigt. Hierauf komponierte Lohringer
mit Hülfe des Freundes einige Lieder, die von schönen, gefeierten Sängerinnen in
den Musiksälen der Residenz gesungen wurden.
    Aber eines Tages war ihm auch dieser Sport langweilig geworden. Er besass die
Gabe, seine Empfindungen sehr gut schildern zu können, und liess auf japanischem
Büttenpapier, in nur zweihundert Exemplaren, seine fin de siècle-Gefühle
drucken.
    Die Kritiker, meist gute Bekannte von ihm, erhoben ein Beifallsgeschrei und
begrüssten in ihm ein Talent ersten Ranges. Wenn er nur ein bisschen gläubiger
gewesen wäre! Aber er war ein kluger und ehrlicher Bursche, wenigstens ehrlich
gegen sich selbst. Er warf die Feder fort, verabschiedete sich von seinen
Bekannten und ging auf eine Reise um die Welt.
    Er sah viel Neues, genoss alles, was der Besitzer eines gewinnenden Äußern
und einer vollen Geldbörse geniessen kann, und kam eines Tages hierher.
    Während all der Jahre, da er die verschiedenartigsten Wandlungen in sich
durchgemacht hatte, war er nach aussen hin immer der Gleiche geblieben, ein
vornehmer Verschwender.
    Die Sektquellen bei ihm schienen von unversiegbarer Tiefe zu sein; man genoss
bei ihm die raffiniertesten Diners, und die schönsten Frauen stritten um die
Ehre, an seinen Tafeln die Honneurs zu machen.
    Eines Tages stand er als lustiger Kahlkopf vor dem Spiegel, was ihm aber
näher ging: als Kahlbeutel. Das schwere Vermögen war dahin, dahin bis auf einen
Rest Schulden. Max Lohringer war nicht der Mann zu verzweifeln oder in
Ratlosigkeit zu versinken. Er schaffte seine Geliebten, seine Pferde, seine
fürstliche Wohnung ab. In einer einsamen Nacht leistete er sich selbst
Gesellschaft und fragte den vernünftigen Kerl in sich, was er wohl tun könnte,
um das zu verdienen, was ihm bisher so unendlich gleichgültig gewesen war: Geld.
Der vernünftige Kerl in ihm sagte: Mein Freund, dein Unglück ist deine
Universalität. Du kannst alles, deshalb kannst du es in nichts zu etwas
Bedeutendem bringen. Denn das Geschrei junger Leute von der Herrlichkeit
vielseitiger Begabung ist Unsinn. Grosse Künstler, überhaupt grosse Menschen, die
mit aller Willenskraft einem Ziel zustrebten, sind immer einseitige Leute
gewesen. Wenn sie neben ihrer grossen Lebensaufgabe noch anderem Sport huldigten,
so ist dies noch allemal Dilettantenarbeit geblieben, die nur blinde Vergötterer
als künstlerische Tat ausschrien. Da jedes Verhängnis aber bekanntlich ausser
einer Unglücks- auch eine Glücksseite hat, so ist diese Salonvirtuosität des
Geistes, dieses Mädchenfürallestum, für eine Sorte von Leuten von nicht zu
unterschätzendem Vorteil. Für die, die um Taglohn arbeiten müssen. Sie sind des
Vormittags Photographen und schreiben des Abends eine Musikkritik. Sie singen
den Ritter vom Gral und verzapfen Bier. Also Max Lohringer, ein Ganzes auf
irgend einem Gebiet wirst du nicht leisten, aber es wird dir glücken, Geld zu
verdienen, wenn du deine zwei Hälften ausspielst. Oder noch besser, teile dich
in acht Achtel oder zwölf Zwölftel. -
    So sprach der vernünftige Kerl in Max Lohringer, und er predigte nicht
tauben Ohren. Lohringer verkaufte seine Möbel, seine Bilder, alle im Laufe der
Jahre gesammelten Kunstschätze. Er mietete sich diese kleine Wohnung in dem
grossen Zinshaus, stellte einfache Holzmöbel hinein, und begann Schritte zu tun,
sich einen Lebensunterhalt zu suchen. Er fühlte sich innerlich nicht gebrochen.
Als er alles verloren hatte, erkannte er, wie wenig er verloren hatte. Was
geschieht da? Als ob das Schicksal ihn für seine stoische Gleichgültigkeit
belohnen wollte! Eines Tages bekommt er eine amtliche Zustellung, dass eine
Schwester seiner Mutter, um die er sich niemals bekümmert hatte, gestorben sei
und ihn zum Erben eingesetzt habe. Viel wars nicht. Seine Zinsen betrugen
viertausend Mark jährlich, ein Pappenstiel für den Lohringer von ehedem. Die
Erhaltung seines Stalls hatte ihn mehr gekostet.
    Aber es war doch immerhin um nicht zu verhungern. Ein Anderer hätte sich nun
zu dem Einkommen noch eine gut honorierte Stellung gesucht. Lohringer tat
anders. Der Müssiggang, das Ideal mancher Naturen, die zum Philister zu viel
Künstler und vielleicht zum Künstler zu wenig Geniales haben, war seine
Schwäche.
    Aufstehen, wenn andere Leute ihr Mittagbrot verzehren, in einem Klub Zeitung
lesen und frühstücken, einer Matinee im Opernhaus beiwohnen, im Café etliche
Billardpartien spielen, einige Stunden lang auf dem Sopha ausgestreckt ein gutes
Buch lesen, vielleicht ein Rundgang durch die Kunstschätze der Stadt, später ein
kleines ausgesuchtes Diner, hierauf ins Schauspiel oder in ein feines
Variété-Teater, das war nach seiner Meinung ein reichlich ausgefüllter Tag. Er
würde auf alle diese Genüsse verzichten haben können, wenn es hätte sein müssen.
Aber da es nicht sein musste, war er zufrieden und lebte nach diesem Rezept ein
bescheidenes, behagliches Junggesellenleben, ohne Aufwand, ohne Freunde und
Freundinnen. Nur manchmal, so alle Vierteljahre einmal, geschah es, dass er sich
einschloss und ein Dutzend Flaschen leer trank. Man fand ihn dann, wenn er aus
seiner freiwilligen Haft wieder hervorkam, ernstaft und würdig. Es schien, als
hätte seine Natur es nötig, von Zeit zu Zeit einen Exzess zu begehen, um hernach
doppelte Einkehr in sich zu halten. Ob er sich besondere Liebenswürdigkeiten in
solchen Stunden sagte, wer weiss es. Jedenfalls lag ein guter Kern in ihm, viel
Ehrlichkeit, und trotz allen wüsten Lebens in seiner Vergangenheit, eine gewisse
unberührte Naivität Menschen und Dingen gegenüber, die ihm imponierten. Das
»Kind im Mann« schien bei ihm noch nicht erstorben zu sein.
    - - - - Als er jetzt in sein Wohnzimmer trat, dessen Wände nur ein paar
Zeichnungen bedeckten und dessen einfache Möbel auf einem blanken Parkettboden
standen - er hatte seit seiner Verarmung eine Idiosynkrasie gegen Teppiche und
Oelgemälde (vielleicht weil er so auserlesene, wie er besass, doch nicht mehr
haben konnte), blickte ihm von seinem Schreibtisch ein rotes Rohrpostbrieflein
entgegen.
    »Zu schade! Wir gingen gar nicht fort, d.h. ich nicht! Ich langweilte mich
den ganzen Abend zu Hause. Bitte kommen Sie morgen. Vielleicht können wir einen
Spaziergang mit einander verabreden. Alice Schüler«.
    Donnerwetter! - Max zwirbelte seinen Schnurrbart, er war noch sehr schön,
weich und dunkel - zwischen den Fingern. Er lädt mich ein, sie lädt mich ein. Er
für die Andere, sie für sich selbst. Ein liebes, gutes Paar! Es ist doch
angenehm, wenn man der Vetter des Herausgebers einer Zeitung ist, deren
Redakteur mehr Gehalt wünscht. Wenn die Personen nur etwas interessanter in
dieser Geschichte wären. Johanne mit ihrem Jungfrauenpatos ...
    Lohringer drückte auf den elektrischen Knopf, dass das Zimmer taghell
erleuchtet strahlte, trat vor den Spiegel, streichelte seinen Schädel und lachte
...
 
                                       9
Etliche Tage später sass Johanne Alice gegenüber. Beide schienen sehr unruhig.
Beide sahen zerstreut nach der Tür und erröteten bei jedem Geräusch. »Er wird
kommen« sagte Alice und legte die bunte Stickerei, an der sie wie ein Kind mit
dicken Kreuzstichen arbeitete, zur Seite. »Er wird kommen. Er kommt immer, wenn
ich ihn darum bitte«.
    »Sonst nicht?« fragte Johanne mit leiser Bosheit.
    »Ich weiss es nicht, ob er sonst käme«. Die junge Frau zuckte die Schultern.
»Weisst Du, mir ists schon egal. Mag er denken, was er will; wenn er nur kommt
und mich unterhält. Er ist der einzige Mensch meiner Bekanntschaft, der etwas
Vertrauenerweckendes hat. Man kann sich auf ihn verlassen«.
    »Ja er ist der Einzige, der wenn auch kein Heiliger, doch ein anständiger
Mensch zu sein scheint« versetzte Johanne mit einem leisen Seufzer.
    »Warum meinst Du, dass er kein Heiliger sei?« fragte Alice, der Freundin in
die Augen blickend.
    »Er tut oft Äusserungen, die darauf schliessen lassen«.
    »Macht er Dir Liebeserklärungen?«
    Johanne lachte. »Nicht die Spur. Im Gegenteil. Als er mich neulich nach
Hause brachte, sah er unterwegs jedem hübschen Mädchen nach«.
    »Hat es nicht geklingelt?«
    »Ja es hat geklingelt?«
    Alice neigte sich mit errötendem Gesicht über den Teekessel und zündete den
Docht an.
    »Herr Lohringer« meldete die kleine Zofe. (Sie war erst seit kurzem hier.)
    »Guten Tag! ah, gnädiges Fräulein -« er verbeugte sich vor Johanne, »das ist
nett; wie gehts Ihnen? sind Sie schon heiterer geworden?«
    Sie liessen sich nieder.
    »Ich bin sehr heiter« meinte Johanne verlegen, »Sie auch?«
    »Sie sehen es ja« scherzte er. »Wenn ich nicht heiter wäre, würde ich dann
hierher kommen?«
    Er sah ihr in die Augen. Sie schlug die ihren nieder. Seine Bemerkung
missfiel ihr; sie wusste nicht warum. Unterdessen hatte Alice den Tee eingegossen
und reichte ihn in winzigen Schälchen unher.
    »Ich habe die Eukalyptusmarmelade nirgends auftreiben können, Lohringer, wir
wollen morgen zusammen nach Straffs Conditorei gehen, vielleicht finden wir eine
andere Sorte, die Ihnen schmeckt«.
    »O sehr gütig, liebes, gnädiges Frauchen!«
    »Schon wieder« rief Alice schmollend. »Haben Sie mir nicht neulich
versprochen, mich einfach Alice zu nennen? Vor der da« - sie deutete auf
Johanne, »brauchen Sie sich nicht zu hüten, sie ist meine Freundin«.
    Um Lohringers Lippen zuckte es leicht.
    »Es ist nicht die geringste Ihrer guten Eigenschaften, dass Sie so klug in
der Wahl Ihrer Freundinnen sind«.
    Die jungen Damen sahen einander an. Eine von uns ironisiert er, aber welche?
dachten beide.
    Lohringer beobachtete die jungen Gesichter, die seinetwegen in heissem Rot
prangten. Es schien ihm Scherz zu machen, hier den Tausendsassa zu spielen. -
Johanne trank ihren Tee hastig aus.
    »Ich mag die Leute nicht, die nie ernst sind«.
    »O! ist das auf - Frau Schüler gemünzt?«
    »Nein, auf Sie«.
    »Du brauchst ihn doch auch gar nicht zu mögen« rief Alice.
    »Woher wissen Sie das?« meinte er. »Mir liegt sehr viel daran -«
    »Hoffentlich nur, dass ich Sie mag«.
    »Glauben Sie?« Er sah Alice mit einem unverschämt harmlosen Lächeln in die
Augen. »Ich bin ein guter Mensch, der das Gebot der Nächstenliebe befolgt«.
    »Und wer ist Ihnen der Nächste?« Sie sprang auf und trat so dicht zu ihm,
dass ihr Kleid ihn streifte.
    »Da nun doch Eine aufgestanden ist, stört es weniger, wenn auch die Andere
sich erhebt. Leb wohl!«
    Johanne reichte Alice die Hand hin.
    »Du gehst schon? Hast Du es so eilig? Nun, dann adieu«.
    Sie bemühte sich nicht, sie zurückzuhalten. Lohringer stand auf und
verneigte sich vor Johanne.
    »Gnädiges Fräulein, behalten Sie mich nicht in zu schlechtem Andenken. Sehen
Sie, Sie gefielen mir riesig, bloss Ihr Patos, Ihre tragische Art der Auffassung
ist mir ärgerlich«.
    »Das bedauere ich sehr, aber ich bin eben wie ich bin ...«
    Sie versuchte zu lächeln, aber in ihren Augen lag ein Glanz wie von
aufsteigenden Tränen. Sie schritt rasch hinaus. Draussen auf der Strasse wurde
sie so müde, dass ihre Füsse sie kaum trugen. Von allen Menschen hier
interessierte sie nur Einer und diesen Einen gewann die Freundin. Und diese
Freundin war doch verheiratet; hatte ein Heim, eine Zukunft, einen Mann, der sie
in seiner Weise anbetete. Sie, Johanne, besass nichts, Niemanden. Sie biss die
Zähne zusammen. Nun würde sie auch Alice verlieren. Sie konnte es nicht mit
ansehen, wie sie ihn umschmeichelte, umstrickte. Erstens lehnte sich ihr Herz
dagegen auf, dann aber ihr Rechtsgefühl. Und da schalt er sie patetisch.
Empfand er denn nicht selbst das wenig Vornehme seiner Handlungsweise? War es
notwendig, dass er dem Beispiel der Andern folgte? Heute hatte sie es deutlich
gesehen, dass Alice mit ihm in vertraulichere Beziehungen trat. Geahnt hatte sie
es schon früher.
    An diesem Abend weinte sie sich in den Schlaf. In der Nacht erwachte sie
alle Augenblicke. Es war doch traurig, kaum zu ertragen. Rings nichts wie Elend,
moralisches, anderes. Wenn sie wenigstens eine Beschäftigung gehabt hätte, die
ihren Geist ausfüllte. Aber diese Pädagogik, die sie so kalt und gelangweilt
liess! Obs denn nichts anderes für sie gab? Aber was?
    Sie erwog alle Beschäftigungen, die eine Frau erwählen kann. Doch überall
stand ein nicht wegzuräumendes Hindernis im Wege: ihre zu mangelhafte Erziehung.
Sie sprach keine fremde Sprachen, konnte sich schwer in feineren Formen bewegen.
Sie hatte die Zeit, in der andere junge Mädchen sich fürs Leben vorbereiten, bei
der alten Grossmutter verträumt. Sie konnte nicht hoffen, jemals eine bessere
Stellung zu finden. Es war zu traurig.
    Einige Tage ging sie überaus elend umher. Selbst Frau Wewerkas freudige
Mitteilung, dass ihre Mittel es nun erlaubten, eine grössere, elegantere Wohnung
zu mieten, stimmte sie nicht besser. - Einmal, als sie den Schulhof verliess,
begegnete ihr draussen Tage. Er errötete leicht bei ihrem Anblick und zog tief
den Hut.
    »Es wäre abgeschmackt, zu behaupten, dass ich Ihnen zufällig hier begegne.
Sie schrieben mir einen bösen Brief; ein Anderer würde es nicht gewagt haben,
Ihnen jemals wieder vor die Augen zu treten. Aber ich versuche es. Zürnen Sie
mir noch?«
    Er sah ihr flehend ins Gesicht. Zuerst war sie empört, als sie ihn sah, dann
tat es ihr ordentlich wohl, dass ein Mensch so gut zu ihr sprach. Sie schüttelte
den Kopf.
    »Ich zürne nicht, aber« -
    »Ach den Nachsatz, lassen Sie ihn, Fräulein Johanne«.
    Er nahm ihr die Schulmappe aus der Hand und trug sie, wie er es früher immer
getan hatte.
    »Gehen Sie nach Hause?«
    »Ja«.
    »Darf ich Sie begleiten?«
    Sie antwortete nicht.
    »Ach schmollen Sie doch nicht. Seien Sie gut. Die Stärke der Frauen ist ja
das Verzeihen. Verzeihen Sie. Darf ich Sie begleiten?«
    Er sah sie hartnäckig an. »Uebrigens wissen Sie, Sie sehen aus, als wären
Sie sehr krank. Fehlt Ihnen etwas?«
    »Ja und nein« sagte sie gleichgültig. »Ich langweile mich«.
    »Endlich!« Er seufzte affektiert auf. »Ich habe immer im Stillen gestaunt,
dass Sie diese grässliche Kleinkinderbewahranstalt da besuchen«.
    »Was sollt ich sonst?« fragte sie achselzuckend. »Ich verstehe zu wenig, um
etwas Besseres zu beginnen«.
    »Mein Gott, man braucht doch kein Philo der Gelehrsamkeit zu sein, um im
Leben etwas zu erreichen«.
    Sie schritten langsam neben einander hin.
    »Wie bin ich glücklich neben Ihnen gehen zu dürfen« sagte er, »Sie glauben
nicht -«
    »Machen Sie mir keine Liebeserklärungen« bemerkte sie mit der Kälte der
Frau, die nicht liebt.
    »Das würde ich nicht wagen« sagte er schlau, »ich wollte Ihnen nur eine
Freundschaftserklärung machen. Sie sind wirklich das einzige junge Mädchen -«
    »Das dumm genug war, einen Augenblick lang an Ihre Idealität zu glauben«.
    »Wieso« fragte er lauernd.
    »Nun, Sie sind doch ein sehr praktischer Mann«.
    »Man scheint mich bei Ihnen verleumdet zu haben« versetzte er mit einem
bösen Zucken seiner Mundwinkel.
    »Das schadet nichts. Menschen wie ich haben immer Neider. Was hat man Ihnen
denn alles erzählt?«
    »O nichts«.
    »Aber bitte, sagen Sies doch. Es interessiert mich wirklich«.
    Sie warf den Kopf zurück und sah ihn etwas geringschätzig an. »Dass Sie sehr
schlau in der Wahl Ihrer Freunde sind, nicht die Regungen Ihres Herzens, sondern
Ihres rechnenden Verstandes sprechen lassen«.
    Er zuckte die Schultern. »Sonst nichts? Mein Gott, das ist ja nicht einmal
eine Verleumdung. Das ist wahr. Finden Sie es schlecht?«
    Jetzt, wie er so sprach, fand sie im Innern eigentlich keinen Grund, ihn zu
verachten. War sie schlechter oder besser und klüger geworden? Sie vermochte
sich ihre Selbstfrage nicht zu beantworten.
    »Sie machen eine alte Frau glauben, dass Sie sterblich in sie verliebt sind,
um sich ihres Einflusses, ihrer Börse zu versichern«.
    Er errötete stark.
    »Also das! Nun, sehen Sie, wenn diese alte Frau so töricht ist, sich in
einen jungen Menschen zu vergaffen, sich und ihr Hab und Gut zu seiner Verfügung
zu stellen, weshalb sollte der junge Mensch nicht das Anerbieten annehmen, sie
glücklich machen und sich gleichzeitig von etlichen dummen Sorgen befreien?«
    »Das ist aber gemein«.
    »Fragen Sie die Welt, Fräulein Johanne, ob sies gemein findet«.
    »Sie tun keinen Schritt, der Ihnen nicht Vorteil verheisst. Sie hingen sich
an einen Mann, der grossen Einfluss besitzt und verherrlichten ihn. Warum war es
kein einfacher, schlichter, lieber Mensch, sondern ein Machtaber, der seine
Kreaturen gut und reich versorgt«.
    Tage lächelte vergnügt. »Mich freuts, dass Sie so ehrlich reden. Auch freuts
mich, dass Sie sich etwas in der Welt, in der wir leben, umzusehen beginnen.
Glauben Sie, ich wäre im Unklaren über den Wert der Schätzung Kneilenbreggs?«
    »Aber -«
    »Bitte, lassen Sie mich ausreden; glauben Sie, er wäre im Unklaren über den
Grund meiner öffentlich betonten Verehrung für ihn? Fräulein Johanne, wir
Menschen benützen einander, manchmal lieben wir uns dabei, um so besser,
manchmal nicht, dann scheinen wir etlichen empfindsamen Seelen roh und
egoistisch. Aber - glauben Sie mir, aus purem Edelmut liebt kein Jüngling sein
Mädchen und sei er noch so schwärmerisch veranlagt«.
    »Sie reden von Ihresgleichen -«
    »Nein, von - Unseresgleichen. Warum würden Sie lieben? Nicht weil er reich,
schön, gefeiert ist, beileibe. Weil Sie in seinen Armen sich selig fühlten. Sie
benützten ihn also als Spender beglückender Gefühle für Sie«.
    »Hässlich« sagte sie kurz.
    »Ach gehn Sie. Hässlich! Das Leben ist nun einmal so, dagegen lässt sich
nichts machen. Ich benütze die Anderen, mögen sie mich auch benützen, wenns
ihnen passt«.
    »Ich möchte wohl wissen -« sie hielt verschämt lächelnd über ihr
vorschnelles Wort inne, »ich möchte wissen, warum Sie mich -«
    »Warum ich Sie verehre?« Er bemühte sich eines treuherzigen Blickes. »Sehr
einfach, weil Ihre Anmut meine Dichterphantasie anregt, weil Sie wunderbar
reinigend und gut auf mich wirken«.
    »So? ist das auch wahr?« fragte sie ernst.
    »Gewiss ists wahr, Fräulein Johanne. Ich verspreche Ihnen, auch immer
ungeheuer brav zu sein«.
    »Gut, es soll mich freuen«.
    Er blieb stehen. »Dann darf ich also auch hoffen, Sie dann und wann zu
sehen?«
    »Gewiss, Sie können mich ja immer sehen, wenn ich zur Schule geh«.
    »Ach diese Schule! Tun Sie doch etwas anderes. Schriftstellern Sie«.
    Er wusste, dass sie ihn jetzt mit zwei halb freudigen, halb fragenden Augen
anblickte. Er sah weg. Er hatte lange darüber gegrübelt, wodurch er sich dieses
Mädchens, das einen starken Eindruck auf ihn machte, versichern konnte. Er war
noch nie im Leben der Erste bei Einer gewesen, hier konnte er es werden, wenn er
einigermassen klug war. Sein Rat war der glatte Boden, wohin er sie locken
wollte.
    »Wie können Sie glauben, dass ich Talent habe, ich bin nie über das
Briefschreiben hinaus gekommen«.
    »Wenn Sie sich mir ein wenig anvertrauen wollten« -
    »Das ist doch nur Scherz von Ihnen«.
    »Aber gar nicht«. Sie waren bei ihrem Hause angekommen. »Sehen Sie, es wäre
doch viel schöner, als gefeierte Schriftstellerin grosse Honorare einzustreichen,
als eine arme, schlechtbezahlte Bonne bei verzogenen Kindern zu spielen«. Er
stand ihr gegenüber und sah sie lächelnd an. Sein Gesicht schien ihr den
Ausdruck grosser Gutmütigkeit zu besitzen.
    »Das abzuleugnen wäre dumm, aber wie anfangen?«
    »Pah, wie? Schreiben Sie etwas, irgend eine Kleinigkeit, eine Skizze, was
immer. Ich brings unter. Als Erstlingsarbeit braucht es keine besondere Sache zu
sein«.
    »Aber ich weiss gar nichts«.
    »Ach Gott, beschreiben Sie, wie traurig einem Mädchen zu Mute ist, das
allein steht und sich sein Brot verdienen soll. Oder die Gefühle einer ganz
jungen Dame, die gern auf einen Ball möchte, aber von ihren Eltern zu Hause
gehalten wird u.s.w.«
    Johanne lehnte neben ihrer Haustür und sah sinnend vor sich nieder.
    »Und wenn es zu dumm wird und niemand es drucken will?«
    »Das lassen Sie nur meine Sorge sein. Ueberhaupt deshalb machen Sie sich
keinen Kummer. Der Grad seiner Begabung ist nicht Hauptsache beim
Schriftsteller. Er muss nur in massgebenden Kreisen, wo die Kritik gemacht wird,
verkehren«.
    »Wahrhaftig?«
    »Aber selbstverständlich. Ich kenne ganz talentlose Schriftsteller, die in
allen Blättern als Genies gepriesen werden. Warum? Sie verkehren in Salons, wo
die Grössen der Presse und Tageskritik aus- und eingehen. Ueber den Mann, mit dem
man gestern politisiert und angestossen hat, kann man doch heute nicht
vernichtend herfallen. Schliesslich, ist es nicht vielleicht auch ein armer
Teufel? Hat er nicht erzählt, dass er drei kleine Kinder und ausser seiner Frau
noch deren Eltern zu erhalten habe? Man fertigt sein Buch, das tief unter der
Mittelmässigkeit steht, mit einigen lobenden Worten ab. Man gönnt dem armen Tropf
Erfolg«.
    »Und glauben die Leute solche Berichte?«
    »Das Publikum glaubt alles, was gedruckt ist. Bei uns kritisieren die
Kritiker weniger die Bücher, als die Menschen, die sie geschrieben haben.
    Eine Gans mit vornehm klingendem Namen veröffentlichte jüngst in einem
grossen Tagesblatt einen Roman, der so dumm war, dass viele Leute ihn für eine
Mystifikation ihres gesunden Verstandes hielten. Die Kritik lobte. Wie könnt ihr
euch so blamieren? fragte ich einen Rezensenten. Was willst du, meinte er, die
Frau ist bekannt als brillante Reiterin, als gute Mutter, als treffliche
Hausfrau. Viele Mädchen und Frauen der Gesellschaft verehren sie. Man würde es
übelnehmen, ihr nachzusagen, dass sie ein Schaf sei. Auch weiss man nie, ob man
solche Leute nicht einmal brauchen kann«.
    »Unglaublich« meinte Johanne mit bäuerlichem Ernst, »aber jetzt muss ich
hinaufgehen«.
    »Fräulein Johanne« er griff mit gutgespielter Schüchternheit nach ihrer
Hand, »versprechen Sie mir, eine Kleinigkeit zu schreiben. Ich mache schon das
Uebrige. Sie sollen sich einmal so einen Salon ansehen, wo die Tagesgrössen
verkehren. Es muss Sie doch auch interessieren?«
    »Das tut es auch. Nun aber - adieu«.
    Sie nickte ihm zu und sprang die Treppe hinauf. Er ist doch ein guter
Mensch. Und Schriftstellerin zu werden, wie herrlich!
    Und wenn sie am Ende wirkliches Talent hätte? Wenn sie berühmt würde?
Freilich unangenehm wars, dass sie ihm und seiner Anregung das alles danken
sollte. Aber was tats? Schliesslich musste sie sich wirklich ihre allzuschwere
Auffassung vom Leben abgewöhnen. Dieser Tage z.B., den sie so baar aller guten
Eigenschaften geglaubt hatte, war im Grunde kein schlechter Mensch. Er besass
vielleicht mehr Charakter als der, der so bittere Worte über ihn gefällt hatte.
Wer weiss, wer weiss? Ihre Augen blickten wieder munterer. Eine Hoffnung war über
sie gekommen. Die weisse Winterlandschaft, die sie von ihrem Fenster aus sah,
erschien ihr nicht mehr so entsetzlich. Sie suchte die ganze Nacht nach einem
Stoff, den sie zu einer Skizze verarbeiten wollte.
    Am nächsten Tag liess sie sich krank melden, blieb zu Hause, bekritzelte
etliche Bogen, zerriss sie wieder und schrieb endlich in einem Zuge etwas nieder,
von dem sie nicht wusste, ob es brauchbar war oder nicht.
 
                                       10
Etliche Tage später erhielt Hans Tage einen auf allen vier Seiten
engbeschriebenen Bogen. dabei lag ein Zettel. »Ich weiss nicht, ob Sie das
brauchen können. Johanne«.
    Donnerwetter! die geht ins Zeug, lachte er, entfaltete den Bogen und las:
                                     Gebet.
Das Fieber steigt und steigt. Und der Arzt ist weggegangen. Freilich, was sollte
er hier noch weiter? Die Krankenwärterin ist aufs Genaueste unterrichtet. Sie
weilt im Nebengemach. Elise wird doch ihr einziges Kind nicht von fremder Hand
pflegen lassen. Eher zusammenbrechen vor Erschöpfung. Aber man bricht nicht
zusammen, wenn man sich aus Liebe opfert, nein. Es liegt eine stählende, feiende
Kraft in solchem Sichaufgeben.
    Die junge Mutter beugt sich mit fieberndem Lächeln über das Kind. Blickt ihr
nicht aus dessen gespannten, ernsten Zügen der Tod entgegen? Wer hätte in diesem
Gesicht die kleine Emmy wiedererkannt, das holde, herzige Geschöpfchen, das man
so leicht erfreuen, so leicht glücklich machen konnte? Ein zum Kreisen
gebrachter Fingerhut, und sie jauchzte, ein rotbäckiger Apfel, den man ihr
schenkt, und ihr Auge leuchtet vor Dankbarkeit. So harmlos und ursprünglich war
sie, so voll goldener Freude an jedem Lächeln des Lebens, ein Vöglein, das in
den rosenroten Morgen hineinjubiliert und nicht weiss, dass es eine Nacht gibt.
Und jetzt, gerade jetzt, wo sie anfing zu erwachen, wo sie aus sich selbst das
Gute zu lieben begann, jetzt, mit sieben Jahren, sollte sie sterben müssen?
    Elise strich zitternd über das blonde Haar der Kleinen, das sonst mutwillig
in hellen Goldfarben das Köpfchen umlockte. Heute lag es fahl, wie
zusammengekittet, in kleinen, steifen Strähnen um die brennende Stirne.
    Nein, Gott konnte das nicht tun. Es war ja ihr Liebstes. Ihr Mann,
Schiffskapitän, trieb in fernen Gewässern umher. Er wusste von nichts, er erfuhr
es erst, wenn alles vorüber war. Aber es durfte nicht, nein, nein ... Elise
wirft sich auf die Kniee und breitet die Arme nach oben. Lieber Gott, hast du
nicht so viel reifwelke, müde Blumen in deinem Schöpfungsgarten? So viel
Unkraut, das keiner Biene, nicht dem Wind Freude gibt, wenn er duftdurstig über
die Felder streicht? Lieber Gott, nimm doch von diesem und nicht mein armes,
junges Blümlein hier, das eben erst die Augen zu deinem Himmel aufzuschlagen
begann? Hörst du, hörst du, lieber Gott? Du musst mich ja hören, denn du bist
allgegenwärtig. Siehe, ich will nie wieder Zerstreuungen ersehnen, Putz,
Schmuck, Anerkennung, ich will nichts weiter als dieses kleine Seelchen da, will
ihm dienen, es hegen und pflegen, bis es eine grosse, schöne, starke Seele
geworden ist, die dir Wohlgefallen bereitet. Hörst du mich auch, mein Gott,
hörst du mich auch? Der Arzt meint, wenn sie erwachte, mit klarem Bewusstsein
nach Nahrung verlangte, mich erkennte, dann wäre sie gerettet. Sie muss also
erwachen, sie muss erwachen ... Die Hände der jungen Frau ringen sich
schmerzhaft. Ich gebe mein halbes Leben für sie, du mein Gott, mein Augenlicht,
o ich will gern blind werden, um ihre Gesundheit zu retten, ich ... ich ... nur
noch ein paar, zwei, ein einzig Jahr lass sie mir, du mein lieber, guter, lieber
Gott, bitte, bitte, bitte! Du musst, hörst du, du musst! In ausbrechender
Verzweiflung stürzt sie ans Fenster und streckt die Arme zum Himmel.
    Da schrillt ein Klang herüber. Drüben, jenseits des Platzes, liegt das hohe,
düstere Gefängnisgebäude, in dessen Hof die schwersten Verbrecher gerichtet
werden. Die Betende kennt das Glöcklein. Es läutet nur, wenn Einer zum Sterben
geführt wird. Ihre entsetzten Augen glauben den armen Sünder in den Hof
hinausschwanken zu sehen.
    Es ist eine Frau.
    Elise schauert zusammen. Hat die auch eine Mutter gehabt, die zum Himmel für
sie flehte? Die um ihr Leben zu Gott schrie? Allmächtiger! ... vielleicht hat
ihr stammelndes Gebet, das Leben ihres Kindes erhalten, erhalten, damit dieses
aus ihm wurde?
    Allmächtiger!
    Sollte man - vielleicht nicht so heiss beten und bitten, den Herrn zwingen
wollen, etwas zu tun, was - vielleicht - besser ungetan bliebe? Sollte man
unterlassen, etwas erkämpfen zu wollen, was dann ... das Rot des glutvollen
Wunsches an sich trägt, aber - als Blutflecken ... vielleicht. - -
    Die gefalteten Hände der jungen Frau lösen sich, und sinken steif, starr
herab.
    Ists vielleicht besser, nicht allzuheiss zu beten? gar nicht um etwas zu
bitten, sondern in Gelassenheit, in erstrittener Stille, in lächelnder
Opferbereiteit, im Wissen, dass das Beste geschieht, das Kommende zu erwarten?
    O Gott! ich will nicht bitten! .....
    Das Weib bricht in die Kniee und neigt seine Stirn.
    Da regt sichs im Bettchen der Kleinen und ein Stimmchen flüstert:
    »Mama, Mama, ich bin so hungrig«......
    Er ging etliche Male in der Stube auf und nieder, schüttelte dann und wann
den Kopf, trat wieder zu dem Bogen, las ihn, faltete ihn zusammen, steckte ihn
ein, und ging fort.
                                       11
»Ich war einmal in der Lage Ihnen einen Gefallen erweisen zu können, üben Sie
jetzt Vergeltung«.
    Der grosse schwarzlockige Mann, der sich träg in einem Sessel schaukelte,
lachte.
    »Aber gewiss, Tage. Sagen Sie nur Ihren Wunsch. Wenn ich kann, erfülle ich
ihn gern«.
    Tage sah sich einen Augenblick in dem luxuriösen Herrenzimmer um, dann sagte
er nachlässig. »Sie geben nächste Woche ein Fest. Laden Sie eine junge, hübsche,
begabte Schriftstellerin, die mich interessiert, mit ein. Ich möchte das Mädchen
gern unter die Menschen bringen«.
    »Sie Tausendsassa! Und wenn die Baronin kommt?«
    »Die kommt nicht, lieber Klingenberg. Seien Sie ausser Sorge«.
    Der Mann mit den dunklen Locken nickte.
    »Va bene; aber mit wem soll die Dame kommen? Sie wissen, ich stehe über all
diesen Formalitäten, aber meine Frau ist darin etwas peinlich«.
    »Dürfte Frau Wewerka sie herbringen?«
    Klingenberg sprang auf. »Um Gotteswillen! Er hat sich durch seine letzten
Schwindeleien ganz unmöglich gemacht; sie, na, da brauchen wir keine Worte zu
verlieren«.
    Tage zuckte die Schultern. »Nun, dann kommt Fräulein Grün allein. Sie als
fremde, hier zugereiste Dame darfs ja«.
    Klingenberg nickte. »Gewiss; übrigens, es werden ja mehr Leute da sein; sie
wird nicht sitzen bleiben; überdies, Sie kommen ja auch«.
    »Natürlich« sagte der Poet. Er stand auf und reichte dem Andern die Hand.
»Also abgemacht und Dank«.
    »Soll ich sie persönlich einladen?«
    »Nicht nötig« meinte Tage, »ich bringe sie einfach Sonnabend her«.
    »Gut«.
Alfred Klingenbergs Salon war eine bekannte Versammlungsstätte aller Künstler.
Hier gingen Maler, Bildhauer, Dichter und Kritiker aus und ein.
    Viele kamen nur des guten Essens wegen, Andere der Bekanntschaften wegen,
die man da machte, wieder Andere, um Käufer oder Interessenten für ihre
Kunstschöpfungen zu finden. Alfred Klingenberg und Frau, die beide selbst auf
allen Kunstgebieten herumtasteten, wollten durch die Künstler, die sie um sich
versammelten, wenigstens indirekt mit Frau Kunst verkehren. Er besorgte selbst
die Delikatessen, die er seinen allezeit hungrigen und durstigen Gästen
vorsetzte. Es war dem Ehepaar lange ein grosser Schmerz gewesen, dass Professor
Kneilenbregg, der »grosse Mann«, wie ihn Lohringer nannte, nicht zu der Schaar
seiner Stammgäste zählte. Eines Tages, als wieder die Rede darauf kam, warf sich
Tage, der als Liebling Kneilenbreggs galt und viele Vorteile von Klingenbergs
zog, stolz in die Brust und versprach, mit ihm zu reden. Und in der nächsten
Sonnabendgesellschaft brachte er den Gefeierten, Langersehnten mit. Das wars,
worauf Tage vorhin anspielte.
Mit einem Siegerlächeln um den wenig anmutigen Mund ging er von Klingenberg nach
der Redaktion eines lyrischen Käseblattes, wo die Dichter ihre Photographien in
Geldnoten eingewickelt hinsandten, um sich an der Spitze des Blattes klischiert
zu sehen, warf Johannes Bogen auf den Tisch und sagte zu dem überaus
zuvorkommenden Redakteur:
    »Du, Flick, hör mal. Lass das Zeug da abschreiben und brings, wenn möglich,
in der übernächsten Nummer. Ich hab der Dichterin die Arbeit schwer bezahlt,
will aber nichts von Dir dafür. Man muss auch ideal sein können. Apropos, den
Reklameartikel über Eure Zeitung habe ich schon fast fertig. In einigen Tagen
geht er ab. Adieu, also!«
    »Sei unbesorgt«.
    Die beiden schüttelten einander die Hände.
 
                                       12
Nachmittags erwartete Tage Johanne. »Ich war zweimal vergebens hier« bemerkte
er; »ich habe Ihnen viel zu sagen«.
    »Ich habe zwei Tage lang geschwänzt«. Sie sah ihn übermütig an. »Es ist so
merkwürdig, etwas zu tun, was man nicht soll«.
    Er überhörte ihre Bemerkung, nahm den Hut ab und verbeugte sich vor ihr.
    »Ich habe die Ehre, in Ihnen eine junge, hoffnungsvolle Schriftstellerin zu
begrüssen«.
    »Wieso, wirklich? ... nein« ... stammelte sie und wurde dunkelrot im
Gesichte.
    Er erzählte ihr allerlei Wahres und Erlogenes über ihr »Manuskript«. Sie
schritt glückselig neben ihm hin. Nein, dass sie dazu Talent hätte, nie hätte sie
das gedacht. Aber eine gewisse Wonne habe es ihr in der Tat bereitet, die
kleine Skizze zu schreiben. Vielleicht sei das ein Zeichen des Talentes.
    »Naturallement« sagte er; dann erzählte er ihr von Herrn und Frau
Klingenberg. »Sie kennen sie doch selbstverständlich dem Namen nach; jeder
Künstler macht dort der Kunst seine Antrittsvisite.« Er flocht ein, dass dieses
grossartige Ehepaar darauf brenne, die Dichterin der entzückenden kleinen
Geschichte bei sich zu sehen. »Nächsten Sonnabend hol ich Sie ab. Sie gehn doch
natürlich hin«.
    Sie sträubte sich anfänglich ein bisschen, dann versprach sie mitzukommen.
    Sie hatte sich so lange unglücklich und verlassen gefühlt, so dass die
Entdeckung sie ganz berauschte, ein wirkliches Talent in sich zu haben, welches
ihr Zerstreuung und Anregung bot, sie von der öden Zukunft eines Kindermädchens
bewahrte und ihr am Ende gar noch Ruhm und Geld eintrug. Die Freude verklärte
ihr schönes Gesicht und machte es noch anziehender. Mit feuchtem Glanz in den
Augen dankte sie Tage. Ihm wurde bei dem heissen dankbaren Blick dieser dunklen
Augen ganz seltsam zu Mut. Er hätte sie am liebsten an sich gerissen und blutig
geküsst. Er wusste jetzt, wodurch man diese Seele eroberte. Nicht durch
Leidenschaftlichkeit, durch Schmeichelei, nicht indem man den »berühmten Mann«
hervorkehrte, sondern indem man sie zur Dankbarkeit zwang. Es gibt vornehme
Naturen, denen das Bewusstsein, eine Verbindlichkeit gegen jemand zu haben, zur
Eisenkugel wird, die sie nie mehr abstreifen können. Darauf hatte er hier
gerechnet. Er war noch nie einem so schönen, reinen Mädchen begegnet.
    Seine Hässlichkeit und innere Hohlheit liess ihn nach Vollendetem die Arme
ausbreiten, nach Jemand, der eigene Art besass und von dem Tross der Nachbeter
abwich. Er musste um seines Vorteils willen den Verehrer einer alten welken Frau
spielen und entschädigte sich dafür bei kleinen Grisetten. Aber dies kostete
erstens Geld, zweitens war es mit so viel unbehaglichen Nebendingen verbunden.
Wenn er Johanne zur Geliebten gewann - die Baronin würde er ja nie lassen,
natürlich nicht - dann fielen diese peinlichen Nebenumstände weg. Sie besass
etwas Vermögen, um vor der Hand leben zu können; sie war klug, um auch etwas
Anderes, als blosse Liebesunterhaltung zu bieten, und ehrlich schien sie auch;
wenn sie sich einmal gab, konnte man ihrer sicher sein.
    Tage verabschiedete sich verliebter denn je von ihr. Sie setzte sich gleich
wieder hin, um zu »dichten«. Aber es ging nicht; sie war in diesen Tagen zu
aufgeregt.
    Eines Nachmittags erhielt sie ein Blatt zugeschickt. Es war eine
Zeitschrift, und ihr Name prangte auf der ersten Seite. Wir bringen hier, hiess
es, eine kleine Novellette von Johanne Grün, einem neuen glänzenden Stern am
Litteraturhimmel. Mit schweren Opfern ist es uns gelungen, diese Arbeit zu
gewinnen, die, wie die meisten Dichtungen der jugendlichen Autorin, eben an eine
grosse Zeitschrift im Auslande abgehen sollte. Darauf folgte Johannes Skizze.
Zuerst machte sie ein ganz verdutztes Gesicht, dann aber weinte sie vor Freude.
Am andern Morgen kam eine gedruckte Einladungskarte von Klingenbergs. - Am
Nachmittag drückte sie wiederholt Tages Hände.
    »Das Honorar erhalten Sie später« sagte er leichtin. Auch das noch! Ob sie
gleich ihre Lernzeit am Fröbelhaus abbrechen sollte? Natürlich - riet er. Lust
hätte sie ja doch keine dazu. Sie solle sich sofort wieder an eine kleine
schriftstellerische Arbeit machen.
    In ihrer Hoffnungsduselei, in ihrem Rausch beging sie in der Tat den
Schritt, mitten im zweiten Semester aus dem Erziehungskurs fortzubleiben. Sie
war wie umgewechselt. Sie jubelte auf wie ein in die Falle gegegangenes und
wieder befreites Vöglein.
    Am Ende der Teresienstrasse, in der sie wohnte, lagen grosse noch unbenützte
Bauplätze. Früher waren es Aecker und Gärten gewesen und einzelne Bäume standen
noch hie und da herum. Obgleich es Winter war, war es doch schön und frei dort.
    Die glitzernde Schneefläche, durch die sich ein schmaler Pfad schlang, lud
zu einsamen Spaziergängen ein. Von jenem etwas erhöhten Terrain aus konnte man
das Weichbild der Riesenstadt überschauen. Dort machte Johanne mit Tage öfter
Spaziergänge.
    Er schwärmte, und sie begann, ihm langsam zu glauben. Sie erzählte ihm
mancherlei aus ihrer Kinderzeit, ihre Zunge löste sich nach und nach, endlich
gab sie sich als das, was sie wirklich war: als ein leben- und liebedürstendes
Geschöpf. Er hütete sich, ihr ironisch wie Lohringer zu begegnen; er merkte, dass
sie das hasste.
    Am Sonnabend holte er sie ab. Sie hatte ihr weisses Kleidchen angezogen,
dasselbe, das sie in ihrer ersten Gesellschaft bei Wewerkas trug. Tage bat sie,
ihr Haar loser und tiefer zu stecken. Sie gehorchte ihm und sah mit dem etwas
unbändigen, leicht gefesselten dunklen Haar im Nacken entzückend aus.
    »Ich habe riesiges Herzklopfen« sagte sie auf Klingenbergs Treppe. Er
beschwichtigte sie. Einen Augenblick tanzte ihr alles vor den Augen, als sie die
vielen Lichter und Menschen sah; dann fühlte sie ihre Hand geschüttelt, und ein
grosser eleganter Herr mit schwarzen Locken stand vor ihr.
    »Fräulein Grün, meine Frau!«
    Die kleine dicke Frau mit den kostbaren Brillanten in den Ohren nickte ihr
zerstreut zu. »Recht erfreut, dass Sie uns beehren. Na Tage, Ihre letzte
Photographie ist ja trefflich geworden. Sie steht in allen Schaufenstern der
Buchhandlungen«.
    »Mir sehr peinlich« sagte er mit gerunzelten Brauen. Er verschwieg, dass er
selbst allen bedeutenderen Buchhandlungen angeboten hatte, sein Bild in ihrem
Schaufenster auszustellen. Johanne wurde von der Hausfrau einer Menge Menschen
vorgestellt. Sie knixte bescheiden und sah die wenigsten derselben an. Tage
hatte sie böswillig verlassen. Sie blickte sich, als die Vorstellung endlich
beendet war, verlegen nach einem bekannten Gesicht um. Da trat eine hübsche
grosse Frau zu ihr.
    »Fräulein Grün, Sie wohnen bei Wewerkas, nichtwahr? Wie gehts Ihnen? haben
Sie sich schon bei uns eingewöhnt?«
    Die Frau war sehr geschminkt und geschnürt und trug ein prachtvolles
grünsamtnes Kleid mit reichem Zobelbesatz. Johanne blickte sie bewundernd an und
stammelte einige verlegene Worte. Die Dame lächelte über die naive Kleine,
plauderte noch etliches und trat dann zu einer anderen Gruppe. Johanne stand
tief verlegen da und wusste nicht, was sie beginnen sollte. Da hörte sie eine
bekannte Stimme neben sich.
    »Eher hätt' ich geglaubt, den Kaiser von China hier zu finden als Sie«.
    »Herr Lohringer!«
    Seine dunklen Augen sahen sie entzückt, traurig, vorwurfsvoll an.
    »Was treiben Sie alles? Weshalb kommen Sie nicht mehr zu Frau Schüler?«
    »Ach« sie senkte den Kopf, »hörten Sie denn nicht von dem Neuen in meinem
Leben?«
    »Sie haben eine kleine Skizze geschrieben«.
    »Ich bin Schriftstellerin geworden«.
    »Sapristi. Aber hoffentlich nur zum Sonntagsvergnügen«.
    »Nein, ich - ich habe meinen Kursus unterbrochen; ich will mich ganz der
Schriftstellerei widmen«.
    »Aber mein Gott -« er sah sie kopfschüttelnd an, »das ist doch ein
leichtsinniger Streich. Hat wohl Tage auf dem Gewissen, wie?«
    »Ja ich bin ihm furchtbar dankbar«.
    »So, so« meinte Lohringer, indem er sie anblickte, »nun, ich sagte Ihnen ja
einmal, Sie müssten sehr viel durchmachen, bevor Sie den richtigen Weg zu sich
entdecken«.
    »Sie reden wie ein Prediger«. Sie sah ihm mit aufsteigendem Zorn und voll
Weh in die Augen. »Und wer handelt weniger -«
    »gut, korrekt, edelmütiger als ich. Hm? Wollten Sie das sagen?«
    »Ja« versetzte sie ehrlich.
    »Na, lassen wir das« sagte er heiter, »Sie sind noch zu jung, um einen
reifen Menschen zu verstehen; hier ist auch gar nicht der Ort, um ein
ernstaftes Gespräch zu führen. Ich freue mich, Sie getroffen zu haben und -
glauben Sie nur nicht, dass ich ein Zerstörer bin. Ich habe die tiefste Achtung
vor allem Ganzen« er neigte sich näher zu ihr, »verstehen Sie, wo ich aber
Scherben finde, da zögere ich nicht, meinen Fuss darauf zu setzen, auch auf die
Gefahr hin, sie noch mehr zu zerbrechen.
    Haben Sie den Mann dort mit dem hageren Gesicht und dem weiten Mund schon
beobachtet?«
    Johanne wandte mechanisch den Kopf zur Seite, wo jener Herr stand.
    »Das, was Sie mir eben sagten, interessiert mich viel mehr als -«
    »Es ist der berühmte Weiden« fuhr Lohringer fort, »ein Schriftsteller,
dessen Spezialität darin besteht, die Werke bekannter Dichtergrössen noch einmal
herauszugeben. Da er selbst nichts in sich hat, sucht er wenigstens seinen Namen
mit dem von Leuten zusammenzubringen, die etwas sind. Man schreibt grosse Artikel
über ihn und sein merkwürdiges Genie«.
    »Sagen Sie nur« fragte Johanne, die der Doppelgänger der Genies wenig
interessierte, »wer ist jene Frau in dem herrlichen Sammetkleid? sie sprach
vorhin so vertraut zu mit«.
    »Ach die!« Lohringer fixierte die Dame. »Das ist Frau Borstig. Freut mich,
dass es ihr wieder gut geht. Sie besitzt nämlich nur das eine Gesellschaftskleid,
das ihr ein reicher Verehrer widmete. Da es ihr und ihrem Gatten - er ist
Zeichner bei einem Witzblatt - sehr elend geht, befindet sich das kostbare Kleid
meist auf dem Leihhaus. In dieser Zeit schlägt sie Unwohlseins wegen alle
Einladungen aus«.
    Johanne kicherte.
    »Ach, und die Dame dort. Glauben Sie, dass die Brillanten an ihrem Halse echt
sind?«
    »Pst« machte Lohringer, »und ob. Der Schmerbauch neben ihr, ihr Mann, ist
der gefürchtete Kritiker an der Grossen Presse. Früher war sie Modell. Heute
nimmt sie teil an der Herrschaft ihres gestrengen Kritikergatten und vernichtet
arme Teufel, die sie nicht anbeten, in der Lauge ihrer Kritik«.
    Plötzlich rief Johanne so laut, dass ein paar Damen sich malitiös nach ihr
umwandten: »Mink, Mink, nein wie hübsch. Ich habe ihn schon eine Ewigkeit nicht
mehr gesehen«.
    Lohringer lachte. »Sind Sie verliebt in ihn? Soll ich ihn holen gehen? Sie
wissen doch schon?«
    »Was denn?«
    »Dass er sich von Babinsky getrennt hat?«
    »Was, von seinem Busenfreund?«
    »Ja der Busenfreund, den der edle Mink bis auf den letzten Heller ausgesogen
hatte, besass eines Tages nichts mehr. Da wurde Mink grob, liess seinen Koffer in
die Wohnung eines anderen Bekannten tragen und machte Babinsky öffentlich
herunter. Mink hat eine weiterzige Natur. Er quartiert sich einmal bei diesem,
dann bei jenem Freunde ein. Da lebt er ein paar Jahre, lässt sich erhalten,
kleiden, macht alle Arten Vergnügungen mit, natürlich auf des Andern Kosten, und
ist eines Tages der Gastgeber ausgebeutet, geht der edle Dichter schimpfend von
ihm und sagt ihm die schändlichsten Dinge nach. So knappert er sich durch die
Brotkörbe seiner Freunde hindurch«.
    In diesem Augenblick entstand eine Bewegung in der Gesellschaft.
    »Ei sieh, Lohringer!« Tage schüttelte ihm die Hand. »Darf ich um die Ehre
bitten, Sie zu Tisch führen zu dürfen, gnädiges Fräulein?«
    Johanne legte lachend ihren Arm in den seinen. Lohringer sagte: »Auf
Wiedersehen später« und ging, seine Tischdame zu suchen. Die Flügeltüren des
Speisesaals wurden geöffnet, und in langer, glänzender Reihe verfügte sich die
Gesellschaft an die festlich mit frischen Blumen und altem Silber geschmückte
Tafel.
    Klingenberg kehrte den besorgten Hausherrn heraus und liess seine Augen bald
hier, bald dortin spazieren. Das Diner begann mit gebackenen Austern; die
Diener reichten auserlesene Weine herum, wobei sie den Namen der Sorte diskret
flüsterten. Tage trank Johanne mit glänzenden Augen zu. Dann sagte er leise:
»Was wollte Lohringer? Er schlug ja förmlich Wurzeln bei Ihnen«.
    »Ich war ihm sehr dankbar. Ohne ihn hätte ich wahrscheinlich einsam in einer
Ecke gestanden«.
    »Was Ihnen einfällt. Ich konnte mich Ihnen nicht gleich widmen. Es waren
allerlei Bekannte da, die mit mir ein Wort sprechen wollten. Aber ich wäre
längst gekommen, wenn ich ihn nicht wie angenagelt neben Ihnen erblickt hätte.
Prosit Doktor!«
    Ein Herr mit einer Glatze erhob sein Glas gegen Tage. Der Dichter trank ihm
Bescheid.
    »Ein Freund von Ihnen?«
    »Ein famoser Kerl. Denken Sie, er ist Unterlehrer gewesen. Eines Tages fällt
ihm ein, eine Zeitung herauszugeben. Er pumpt sich einige tausend Mark,
verschickt Prospekte, mietet ein Bureau und zwei kleine Buben, die für die Ehre,
sich Redakteure nennen zu dürfen, ihm halb umsonst arbeiten. Aber keine Katze
abonniert auf das Blatt. Das erste Vierteljahr vergeht. Dahlke gerät in
Verzweiflung. Was tut er? Er stellt jeden Tag ein Eingesandt, das er natürlich
selbst schreibt, an den Kopf seines Blattes. Einmal heisst es: Wir entgegnen dem
Herrn Einsender von gestern, dass unser Blatt Katoliken sowohl wie Protestanten
freien Spielraum lässt sich auszusprechen. Dann: Herr Dr. H. meint, wir verträten
weniger das Interesse unserer jüdischen Mitbürger: das ist ein Irrtum. Uns sind
alle Menschen gleich, ob Heiden, ob Christen. Dahlke verschickte ein Jahr lang
gratis das Blatt. Schliesslich geriet er noch auf andere Kniffe. Er setzte auf
Rätsel und Charaden, die jedes Schulkind lösen konnte, namhafte Preise. Er
schimpft und poltert in dem Eingesandt gegen sein Blatt, dieses Blatt mit der
humanen Tendenz. Schmeichelt allen Konfessionen, - natürlich figurierten alle
möglichen Namen unter jenem Eingesandt -, und gewinnt schliesslich Abonnenten.
Heute zählt seine Zeitung ihrer dreissigtausend. Aber was ich sagen will, trauen
Sie nicht dem Lohringer. Er ist falsch, neidisch«.
    »Das glaub ich nicht« versetzte Johanne und sprach etliche warme Worte zu
Lohringers Gunsten. Tage zuckte etwas ärgerlich die Schultern und kam auf
anderes. Man sass beinahe zwei Stunden bei Tisch. Dann verteilten sich die Gäste
in Gruppen. Die Herren gingen ins Rauchzimmer. Tage wich den Rest des Abends
nicht mehr von Johannes Seite. Einige Male tauchte Lohringer neben ihnen auf,
lächelte heimlich und verschwand wieder. Um Mitternacht wurde das junge Mädchen
müde und bat Tage, sie nach Hause zu bringen. Er nahm eine Droschke. Unterwegs
sagte sie: »Es war sehr schön. Aber eigentlich nichts anderes, als eine Table
d'hôte, wo man nichts zu bezahlen braucht. Ich ass einmal mit Herrn und Frau
Wewerka im Königshof an einer solchen. Aber da durfte man dem Kellner klingeln
.....«
 
                                       13
An einem sonnigen Winternachmittag trat Johanne bei Alice ein. Sie fand die
junge Frau seltsam verändert. Eine nervöse Unruhe sprach aus ihrem länger und
schmäler gewordenen Gesichtchen.
    »Ein Wunder, dass du dich meiner noch erinnerst. Bitte nimm Platz. Was tust
du immer? Man sagt, du schriftstellerst. Hast du wirklich allein das Gebet
geschrieben, oder nicht dein - Freund?«
    Die kleine Zofe, kokett gekleidet wie ihre Herrin, kam herein und brachte
den Teetisch in Ordnung. Als sie wieder hinausgegangen war, trat Johanne zu
Alice und nahm ihren Kopf zwischen die Hände.
    »Was hast du denn? Du bist ganz verändert. Wo ist Matilde?«
    »Im Spital. Sie fährt wohl nun bald ab. Er besucht sie alle Augenblicke«.
    »Aber Alice, jetzt, da sie geht, sei doch nicht so böse auf sie, vergieb
ihr«.
    »Hahaha, vergeben! Na! Es gibt Dinge im Leben, die man nie vergibt,
wenigstens eine Frau nicht. Reden wir von anderm«.
    »Alice!«
    Die junge Frau holte trällernd eine Schmuckkassette herbei.
    »Sieh mal, wie nett. Dieses Collier hat er mir neulich geschenkt«.
    »Wer?«
    »Na, wer wird mir denn ein Collier schenken? Herr Schüler natürlich. Mit dem
- Andern ist ja nichts anzufangen«. Sie unterdrückte einen Seufzer.
    »Meinst Du Lohringer?« fragte Johanne schüchtern. Sie wusste nicht warum,
aber bei der Bemerkung der Freundin jauchzte innerlich etwas in ihr auf.
    »Ja, ich meine ihn«.
    »Aber er kommt doch oft zu dir, nicht?«
    »Gewiss. Was habe ich aber schliesslich von seinem Kommen, wenn er mich ewig
als Spielsache, als unmündiges Kind behandelt? Meinst du, er führte jemals ein
ernstaftes Gespräch mit mir?«
    »Das tut er nicht, ich weiss wohl, aber innerlich ist er doch ein ganz
ernstafter Mensch«.
    »Ach was, innerlich. Das geht mich nichts an. Wenn er nur äusserlich täte,
was ich will«.
    »Was willst du denn?«
    »Mein Gott: was willst du? Frag doch nicht so albern«.
    Johanne errötete. »Aber du bist doch eine verheiratete Frau«.
    »Kommst du mir mit dem?« rief Alice heftig. »Wer hat mir denn beigebracht,
dass das Band der Ehe nur zum Zerreissen da ist. Wer hat mich denn, mich, die
Unerfahrene, eingeweiht in den ganzen Schmutz, die Niederträchtigkeit
vorurteilsloser Anschauungen? Wer denn? Wenn ich ihm eine gelehrige Schülerin
bin, ist das kein Unrecht, nichts Wundernswertes«.
    »Ich weiss nicht, eine Frau ist doch aber kein Mann« meinte Johanne. »Ein
Mann kann sich besudeln, die Flecken lassen sich ausmerzen; an einer Frau
bleiben sie haften«.
    »Ach Gott, tu nicht so fromm, du hast doch auch Einen. Und überdies
Flecken, was sind Flecken? Wenn ich das so nehmen wollte. Die ersten, die nie
wieder sich ausmerzen lassen, hat mir mein eigener Mann beigebracht. Was ich
jetzt tue, ist nicht mehr, als dass ich einen schönen Schleier voll gestickter
Blumen über sie lege. Lass mich gehen ...«
    Johanne zitterte vom Kopf bis zu den Füssen vor Scham, Aerger und Mitgefühl.
Aber das Wort: »Du hast doch auch Einen« brannte auf ihr. Alice machte sich bei
ihrem Teekessel zu tun; dann trat sie vor den Spiegel und ordnete die kleinen,
reizenden Löckchen. Johanne sass ein Weilchen still im Sessel, dann erhob sie
sich.
    »Adieu, Alice«.
    »Wartest du den Tee nicht ab?« fragte jene, ohne sich umzuwenden.
    »Nein«.
    »Na, dann geh und verachte mich«. Sie kehrte sich schnell mit tragischer
Geberde um und lachte höhnisch.
    »Ich dich verachten! Keine Rede«.
    Johanne blickte sie mit ihren blauen treuherzigen Kinderaugen an.
    »Leid tust du mir«.
    »Wirklich?« Die junge Frau näherte sich ihr einen Schritt.
    »Gewiss, Alice. Du verkennst mich. Ich bin nicht mehr so, wie ich war«. Ihre
Stimme schwankte ein wenig. »Aber das mit dem Einen ist unrichtig. Tage ist nur
mein Freund, nicht mehr. Ich -«
    »Du Liebe!« Alice warf sich ihr an die Brust.
    »Ich denke nicht mehr so streng, das heisst über - die Anderen. Es muss wohl
so sein müssen, dass keiner ganz und rein bleiben kann, weil Alle nur halb und -
nicht lauter sind. Weisst du, ich komme eben vom Lande; bei uns sind sie anders.
Wenn sie fallen, geschieht es so plump und ehrlich, das jeder mit dem Finger auf
sie zeigen, sie verachten, meiden kann, je nachdem er will. Hier vollzieht sich
alles unter dem Schleier des Scheins. Der blendet einem die Augen, man weiss
schliesslich nicht mehr, was echt, was unecht, was hässlich, was schön ist. Leb
wohl, Alice«.
    »Komm doch bald wieder, hörst du?«
    »Ich wills«.
    Auf dem Nachhausewege dachte Johanne über sich und die Freundin nach. Hatte
Alice im Grunde genommen so unrecht? Ihr Mann hatte sie betrogen; sie suchte bei
einem Andern Trost für das ihr zugefügte Leid. Dieser Andere war ebenfalls kein
Schurke; er nahm vom Leben, was es ihm bot.
    Er wie Tage, beide verlachten ihre strengen bäuerlichen Grundsätze. Und die
Andern, Mink, Wewerka, Babinsky, alle, deren Gestalten in deutlichen Umrissen in
ihrem Gedächtnis hafteten, diese ganze Gesellschaft war einer Ansicht. Sie stand
allein mit ihrem Protest gegen die herrschende Sitte. War es eigentlich nicht
lächerrlich? Wenn sie eine grosse Schriftstellerin werden wolle, müsse sie den Mut
haben, dem Leben, wie es war, ruhig ins Auge zu sehen, sagte ihr Tage beständig
vor. Sie wollte es auch tun. Es gehörte eben dazu. Schliesslich, wenn man sie,
das kleine Landmädchen, auf die eine, und die ganze Gesellschaft auf die andere
Seite stellte, musste doch die Mehrzahl recht behalten gegen sie. Lag nicht
vielleicht viel Selbstüberhebung in ihr?
    Sie ging nach Hause und begann eine kleine Geschichte zu schreiben. Sie
schickte sie Tage. Er erwartete sie draussen auf den Baugründen und sagte ihr,
diese Geschichte sei nicht so gut wie die erste, aber er wolle sich doch
bemühen, sie unterzubringen. Er hätte zwar rasend viel zu tun, aber ihr zu
liebe ... Draussen war es einsam, fast niemand ging hier. Er bot ihr den Arm. Sie
hing sich an ihn. Sie plauderten von Litteratur. Manchmal sprach sie so kluge,
schöne Worte aus, dass er innerlich staunte. Sie hatte unleugbar viel Begabung.
Nur ihre dumme Unerfahrenheit und die bornierten Ansichten hinderten sie. Es
sprach so viel Schulmädchenhaftes aus ihr. Ihre ortographischen Fehler waren
etwas Natürliches und liessen sich verbessern. Aber das andere zu ändern war ein
schweres Stück Arbeit. Nun, mit etwas Geduld würde es schon gelingen.
    »Ich habe eine Bitte an Sie, Johanne« sagte er, ihren Arm inniger an sich
drückend, »wollen Sie ja dazu sagen?«
    Sie nickte.
    »Sagen Sie mir: Du. Ja? Es ist so lieb, brüderlich. Wenn ich einem Menschen
Sie sage, kann ich nie warm neben ihm werden, auch nie ganz herzlich zu ihm
sprechen. Also, ja?«
    »Aber es schickt sich doch gar nicht. Sie sind ein berühmter Mann und ich -
mein Gott!«
    »Du bist ein Närrchen; du wirst mich bald weit überflügelt haben«.
    »Nein ...« Sie lachte kindisch.
    »Nun, Johanne?«
    War es nicht unhöflich gegen ihn, der so gut mit ihr war, wenn sie seine
Bitte abschlug?
    »Meinetwegen« sagte sie leise.
    Sie schüttelten einander die Hände. Hinter ihnen lag die grosse Stadt mit
ihrem Trubel, ihrer Gemeinheit, ihrem Strebertum, ihrem Elend. Vor ihnen weisse,
unbetretene Schneeflächen, von denen dann und wann ein einzelner Rabe aufflog.
    »Warum plötzlich so einsilbig?« fragte er nach einer Pause.
    »Das tut so wohl« sie deutete auf die freien Felder. »Das erinnert mich an
Sienental, an die liebe Stille dort, an die alten verkrüppelten Weiden«.
    »Liebst du Sienental sehr?«
    »Ich würde es noch mehr lieben, wenn ich Jemand dort besässe. Aber ich habe
niemand da, der mir nahesteht. Trotzdem ist mir der Ort das liebste auf Erden«.
    »Aber hier hast du jemand, der dir nahesteht, Johanne«. Er zog ihre Hand an
seine Lippen. »Glaubst du, dass ich dich von Herzen liebhabe, Johanne?«
    »Ja, Sie sind sehr gut gegen mich«.
    »Ich bin weder der Herr Sie, noch ein guter Kerl. Lieb haben sollst du mich.
Das ist unabhängig vom Gutsein«.
    Sie erschauerte leicht unter seinen Worten und hing sich fester an ihn.
    Als sie zurückkehrten, war es Dämmerung. Vor ihrem Hause nahm er Abschied.
Sein Gesicht neigte sich nah zu dem ihren. Sie erschrak. Er lachte und sagte
ihr: gute Nacht.
                                       14
Jetzt, da die ganzen Tage ihr gehörten und sie tun konnte, was sie wollte, da
ihr Ehrgeiz geweckt war und sie von Erfolgen träumte, warf sie sich mit aller
ungebrochenen sanguinischen Hoffnung auf das Schreiben. Sie schrieb eine Reihe
Novelletten und brachte sie Tage mit.
    Es war ausgemachte Sache zwischen ihnen, dass er sie jeden Tag zum
Spazierengehen abholte. Frau Wewerka lächelte diskret. Sie war gewiss die Letzte,
die Steine auf andere warf, wenn es auch unleugbar war, dass die Kleine dumm war,
riesig dumm. - Die Spekulation, die Schüler mit ihr zu machen gedachte, war
misslungen oder hatte vielmehr andere Wege genommen, als er beabsichtigte. Nicht
Johanne, seine eigne Frau war die Veranlasserin, dass seine Wünsche bezüglich
einer Gehaltsaufbesserung erfüllt wurden. Davon ahnte er freilich nichts. Er
liess es sich nie träumen, in Lohringer einen Nebenbuhler zu erblicken. Er dankte
ihm herzlich für seine Fürsprache und begegnete ihm freundschaftlich. Dass er mit
Johanne nicht in nähere Beziehungen getreten war, sah er wohl, aber dass dies
nicht an Schüler lag, musste Lohringer zugeben. Jener hatte kaum sein Interesse
für das junge Mädchen wahrgenommen, als er ihm auch, so weit dies anging, die
Gelegenheit bot, sich ihr zu nähern. Was zwischen den Beiden sich weiter
abspielte, war nicht weiter seine Sache. Lohringer, der Schülers Absicht
durchschaut hatte, mochte sich innerlich über die Verschiebung der Dinge
belustigen. Wewerkas hatten ebenfalls Schülers Pläne gekannt, aber sie schwiegen
natürlich.
    Eines Tages sagte Hans Tage zu Johanne, als sie wieder auf ihrem
Lieblingsweg promenierten: »Hör Schatz, du musst jetzt eine zeiltang pausieren.
Ich habe nun schon sieben Novellen von dir. Zwei davon habe ich untergebracht,
aber die übrigen -«
    »Und das Honorar?« fragte sie plötzlich zu seiner Ueberraschung.
    Es war ihm recht unbehaglich, dass er auch hier wieder in seine Börse greifen
musste. Aber da er anfänglich so protzig getan hatte, durfte er jetzt nicht
zurück. Na, auf ein paar Goldfüchse sollts ihm nicht ankommen.
    »Erhältst Du in diesen Tagen« sagte er. »Es ist aber sehr klein, Liebchen.
Weisst du, grössere Honorare kommen erst später. Die ersten Jahre gehts immer nur
tropfenweise«.
    »Aber später glaubst du doch, dass ich viel verdiene; denn wovon sollte ich
sonst leben? Dann müsste ichs ja am Ende bereuen, nicht doch die Kindergärtnerei
weiter -«
    »Aber Kleine« sagte er ärgerlich, »lass doch das: später. Für jetzt bist du
zufrieden, nicht?« Er presste ihren Arm leidenschaftlich an sich.
    Diese bäuerliche Vorbedachtsamkeit verstimmte ihn, brachte ihn in
Verlegenheit.
    Was kümmerte ihn ihr: später?
    Vielleicht brachte sies in der Tat zu etwas auf litterarischem Gebiete.
Vielleicht nicht. Ihm galt hauptsächlich die Gegenwart. Ach, dass diese kleinen
Mädchen so viel Mätzchen machten, bevor sie sich ergaben! Sie erhielt wirklich
eine kleine Summe. Auf der Postanweisung stand: »Für die Novellen Gebet und Ein
armes Mädchen«.
    »Warum war die Redaktion nicht genannt, nur dein Name?« fragte sie später
Tage.
    »Weil ich es von der Redaktion abholte, um es sofort an dich zu senden« log
er.
    Dann quälte sie ihn, er solle sich doch mit den anderen Sachen beeilen. Er
wurde ungeduldig.
    Einmal bat er sie, zu Klingenbergs zu gehen. Es sei Brauch, Leuten, bei
denen man eingeladen war, einen Besuch zu machen.
    »Ach die sind mir zu langweilig« meinte sie.
    »Du musst aber« beharrte er.
    Sie ging nicht. »Was hatte ich davon, als ich dort war? Wenn du und
Lohringer nicht gewesen wärt -«
    »Ja, Lohringer« sagte er bissig.
    »Lass ihn; du weisst, ich mag ihn gut leiden«.
    »Gott ja, schwärme für ihn. Seine Glatze ist ja auch wirklich
anschwärmenswert«.
    »Du bist roh« rief sie.
    Sie gingen kühl auseinander und sprachen sich etliche Tage nicht. Sie
langweilte sich fürchterlich. Seine Werke, drei Bände Gedichte, die er ihr
gebracht hatte, kannte sie schon auswendig. Sie besass auch keine rechte Lust zu
lesen. Die Frage: was wird nun aus mir? bring ichs auch wirklich zu etwas? lag
schwer auf ihr. Sie schrieb allerlei kleine Sächelchen, tastete unsicher in sich
herum und wusste nicht recht, welchen Stoff sie wählen sollte.
    Grade als sie recht unglücklich den Kopf in die Hände gestützt dasass, kam
Tage. Sie gingen spazieren. Als sie die Stadt hinter sich hatten, sagte sie:
»Weisst du, ich glaube doch, dass es eine Dummheit von mir war, was ich getan
habe. Vielleicht wärs das Beste, ich ging wieder ins Fröbelhaus zurück«.
    »Tus« sagte er achselzuckend.
    »Nun bist du auch noch so gegen mich« rief sie weinerlich.
    »Was willst du denn eigentlich?«
    Er blieb stehen und sah sie an.
    »Mein Gott, etwas Sicheres vor mir erblicken, eine Tätigkeit haben. Ich
sitze den ganzen Tag in den Ecken herum«.
    »Du schriftstellerst ja« bemerkte er ungeduldig.
    »Aber ich glaube, es kommt nichts dabei heraus«.
    »Warum glaubst du das?«
    »Weil ich denke, ein Mensch, der wirkliches Talent in sich hat, weiss doch,
was er schreiben soll. Ich aber weiss nie, wozu ich die Feder ansetzen soll. Es
ist manches in mir, aber verworren, so ... ich weiss nicht wie«.
    Er nickte. »Aber ich weiss es. Ich will dir etwas sagen. Ein Mädchen so ganz
ohne jede innere Erfahrung, ohne jede Erschütterung der Seele - ich will ehrlich
zu dir reden - kann unmöglich etwas leisten. Du müsstest einmal -«
    »Was denn?«
    »im Arm eines Mannes gelegen haben«, er sah von ihr fort, »gebebt,
gejauchzt, geweint haben, eine Erfahrung gemacht haben, dann wäre die Künstlerin
in dir reif und du brächtest schöne Bücher zu stande. Was du jetzt schreibst,
ist lauter Kinderstammeln, die Redaktionen wollen es nicht. Die ersten zwei
Stücke gefielen, aber immer das gleiche Gesänglein anzuhören, ermüdet«.
    »Also?« fragte sie leise.
    »Also, du wirst es wissen«.
    Sie sahen beide zu Boden.
    Sie zog ihr Taschentüchlein heraus und drückte es leicht an die Augen. Das
war unverblümt. Und trotzdem, genau hatte sie ihn doch nicht verstanden.
    »Also wird nichts aus mir« sagte sie nach einer Weile tonlos.
    »Wenn du dir selbst hindernd im Weg stehst«. Er zuckte die Schultern.
    »Was soll ich denn tun?« rief sie leidenschaftlich. »Jeder behandelt mich
als kindisches Ding, belächelt, bemitleidet mich; was soll ich denn tun?«
    Tage blieb stehen und sah ihr in die Augen. »Dem Mann, zu dem du dich am
meisten hingezogen fühlst, angehören«.
    Sie spürte heisse Schauer über sich gehen.
    »Du ahnst nicht, welche Veränderung mit dem Weibe nach einem mutigen Schritt
vorgeht. Die Welt erscheint ihm in ganz anderen Farben, eine ungeahnte
Lebenskraftund Lust rauscht durch seine Adern; Schönheit, Gesundheit, Geist
übergiessen es mit ihren beglückenden Gaben. Ein Mädchen ist immer eine vor den
Toren des Lebens Harrende; erst das Weib dringt hinter das Geheimnis des
Daseins«.
    »Ach, vielleicht hast du recht, aber -« sie seufzte.
    Er warf die Arme um sie und presste einen heissen Kuss auf ihre frischen
Lippen.
    »Johanne!«
    Sie sagte garnichts. Mit gesenktem Haupte schritt sie neben ihm nach Hause.
    Und nun begann ein stillschweigendes, erbittertes Kämpfen zwischen ihnen.
    Einen Tag war er stürmisch, zärtlich, kühn gegen sie. Wenn sie ihn erzürnt
in seine Schranken zurückwies, blieb er am nächsten Tag aus und vernachlässigte
sie. Für sie, die keine rechte Beschäftigung hatte, waren solche Tage voll
Verzweiflung. Sie schrieb verwirrtes Zeug, zerriss es wieder, rannte hundertmal
ans Fenster, irrte planlos durch die Strassen und rief ihn endlich. Und wenn er
dann kam und sie auf den Wegen draussen mit seinen wilden, glühenden Küssen
überfiel und Dinge von ihr forderte, die ihr das Rot in die Wangen trieben und
sie empört auffuhr, begann er zornig, höhnisch, bitter zu werden und blieb
wieder weg. Einmal schickte sie ihm einen Pack Manuskripte.
    »Lauter dummes Zeug, mein Kind« sagte er, als er sie nach einer Szene
wiedersah. »Lass das Schreiben für jetzt. Du bringst nichts zustande, du bist zu
unruhig«.
    »O Gott« sagte sie traurig, »aber es ist ja gar nicht wahr! warum sollte ich
unruhig sein?«
    »Weil das Blut in deinen Adern nach Erfüllung schreit; stell dich doch nicht
gar so dumm. Man sieht es dir ja im Gesicht an«.
    Er redete ihr so lang von dem Aufruhr in ihr vor, bis sie schliesslich daran
zu glauben begann. Sie weinte über sich selbst. Aber sie widerstand.
    Zu Hause sass sie am Fenster gekauert und wusste nicht, sollte sie beten oder
verzweifeln.
    Wenn sie noch einen Menschen besessen hätte, dem sie sich anvertrauen
konnte. Aber sie besass niemand. Frau Wewerka mit ihrem stillen, vielsagenden
Lächeln war ihr unausstehlich. Alice würde sie ausgelacht haben. Sie hörte fast
ihr: tue doch, was dich freut, Närrchen. Lohringer war sogar der Meinung, der
Mensch müsse Erfahrungen machen, um »sich selbst« zu finden. Also alle und alles
drängte sie zu dem Einen. Sie weinte fortwährend, nahm kaum Nahrung zu sich und
fühlte sich todunglücklich.
    Währenddessen begann Tages Geduld zu erlahmen. So lange Zeit, so viele
hundert Wege, Bitten, Szenen hatte ihn kein Weib gekostet. Freilich, sie alle,
die er besessen hatte, waren nicht mehr rein gewesen. Aber trotzdem. Er
verwünschte diese dumme, spröde Mädchenhaftigkeit, die sich sträubte und von
einem Tag auf den andern um Aufschub bettelte. Er sah schon, hier konnte keine
Beredsamkeit, keine Schmeichelei wirken, hier musste er zu einer brutalen Tat
seine Zuflucht nehmen. - Sein Begehren nach ihr war durch die halben
Vertraulichkeiten, die sie von seiner wilden Art bedrängt ihm gewährte, aufs
Äusserste entfacht.
    Einmal nur diese spröde Teufelinne ganz in den Armen halten, dann mochte sie
seinetwegen laufen, wohin sie wollte.
    Ich kann morgen erst gegen Abend kommen, schrieb er ihr eines Tages, erwarte
mich nicht vor der Dämmerstunde. - Er kam um die angegebene Zeit etwas erhitzt.
    »Ich hatte sehr viel Laufereien heute«.
    »Dann magst du wohl jetzt nicht mehr ausgehen« meinte sie.
    »Natürlich, natürlich mag ich ausgehen« sagte er nervös. »Komm nur; es ist
sehr schön draussen. Wir können uns ja auch einen Wagen nehmen. Auf die Felder zu
gehen ist heute zu spät« setzte er hinzu, als sie ihren gewohnten Weg
einschlagen wollte, »gehen wir ein wenig in die Stadt«.
    Sie gingen Arm in Arm eine Weile. Plötzlich schlug er sich vor die Stirne.
»Herrgott, dass ich das vergessen konnte. Ein wichtiger Brief, der heute noch
abgehen muss. Nichtwahr, du erlaubst doch, dass ich einen Augenblick in meine
Wohnung hinaufspringe, ihn zu holen. Er liegt auf dem Schreibtisch. Wir sind ja
grade hier an meiner Strasse«.
    »Ich habe noch nie dein Haus gesehen« sagte sie harmlos, »wohnst du hübsch?«
    »Ha, eine Idee, Schatz. Willst du mit hinaufkommen? Es sieht dich niemand.
Ja, willst du?«
    Sie zögerte und blickte ihn ungewiss an.
    »Na, wie du willst. Dann wart also hier unterm Tor, bis ich wieder
herabkomme« sagte er barsch.
    »Sei doch nicht gleich so -«
    »Weil du einem auch die kleinste Bitte abschlägst. Ich wäre ja gar nicht
darauf gekommen. Deine Frage brachte mich dazu. Na. Also wart«. Sein gekränkter
ehrlicher Ton rührte sie.
    »Gut also, ich will zu dir hineingucken; aber -«
    Er fasste sie stürmisch um die Mitte und trug sie halb die Treppe empor. Sie
kicherte und wollte sich losmachen, aber er liess sie nicht aus den Armen. Oben
schloss er auf und stiess sie scherzhaft in ein Zimmer, das er durch einen Druck
auf den elektrischen Knopf erleuchtete.
    Es war ein grosser, durch Teppiche, Felle und etliche Divans sehr wohnlich
hergestellter Raum. Auf mehreren Tischen lagen Bücher, Bildwerke, Manuskripte
umher. In einer Ecke stand ein zierlicher Teekessel. Hinter einem hohen,
eleganten Wandschirm befand sich das Bett. Die Wände bedeckten zahlreiche gute
Radierungen, Stiche und mehrere Oelgemälde.
    »Sehr hübsch« rief Johanne, sich auf dem Absatz umdrehend. Er sprang zu
einem Eckschränkchen und nahm eine Flasche und zwei Gläser heraus.
    »Seinen Gästen muss man mit etwas aufwarten«. Er goss sich und ihr ein Glas
dunklen Weines ein. »Auf dein Wohl, Johanne. Nun?«
    Zögernd stiess sie an.
    »Trink doch, Mädel«. Er zog sie neben sich aufs Sopha. Dann kramte er einige
Zeitungen fort, die eine Schale schöner Südfrüchte verdeckt hatten. »Knabbere
auch ein bisschen dazu. Magst du eine Tasse Tee? er ist im Moment fertig. Hier
ist Konfekt«. Er schob ein Tellerchen mit Zuckerwerk heran.
    »Aber nein« sagte sie überrascht, »das sieht ja aus als ob du Gäste
erwartest. Kommt jemand zu dir?«
    »Ausser der, die gekommen ist, niemand«.
    »Aber du wusstest doch garnicht, dass ich käme, wie konntest du das alles für
mich herstellen?«
    Er lachte. »Ich dachte schon lange, dass du mich vielleicht einmal besuchen
würdest - aber - sappristi, frag nicht so viel«.
    Er riss sie an sich. Sie zog die Brauen schmerzlich zusammen. »Lass mich doch;
das mag ich nicht«.
    »Was? Wie? Magst du nicht? Wart, kleiner Unhold, heute will ich mich rächen
für all die Teufeleien, womit du mich seit Monden quälst«. Er wollte sie auf
seinen Schoss ziehen. Sie stiess ihn von sich und erhob sich.
    Er knirschte die Zähne zusammen, bemühte sich aber, ruhig zu bleiben.
    »So, so, du entfliehst mir? na meinetwegen; aber den Wein trink doch
gefälligst aus; er ist nicht vergiftet, wenn er auch von mir ist«.
    »Ich mag keinen Wein« sagte sie und näherte sich der Tür.
    Er sprang auf.
    »Johanne! Bleibe doch noch einen Augenblick. Schau, es ist so hübsch, dass du
da bist. Wer weiss, wenn wieder - ich will ganz brav sein. Komm, noch ein
bisschen«.
    Seine Hand ergriff die ihre, während er mit der andern das Weinglas an ihren
Mund hob.
    »Mir zu liebe, aber ex«.
    Sie tat einen Schluck.
    »Ex« kommandierte er.
    Sie trank das Glas leer.
    »Und jetzt noch ein Augenblickchen, ja?« Er zog sie neben sich. Sie sah
umher.
    »Wo ist denn der Brief? Du sagtest doch, er eilte«.
    »Ach was, meinetwegen. Ich bin augenblicklich so glücklich, dass mir alles
andere gleichgültig ist«.
    Er nahm eine Feige von dem Tellerchen und wollte sie zwischen ihre Lippen
stecken.
    Sie lachte und bog sich zurück.
    »Magst du nichts Süsses?«
    »O doch«.
    »Na, dann also ...« Plötzlich hatte er seine Arme um sie geworfen.
    »Du, ich bin ganz rasend. Quäl mich doch nicht so, Mädel. Gieb mir einen
Kuss«.
    Sie wollte etwas entgegnen; er presste sein Gesicht auf das ihre.
    »Du erdrückst mich ja ...«
    »Ach was ...«
    »Hörst du?«
    Ihre Hand fasste krampfhaft sein Haar.
    »Lass mich«.
    »Fällt mir nicht ein. Die Komödie muss ein Ende haben. Dummes Ding, gieb doch
nach; hörst du?«
    Mit einer zornigen Bewegung suchte sie ihn abzuschütteln. dabei glitt die
Tischdecke herab und der Inhalt der Weinkaraffe ergoss sich in roten Strömen über
beide.
    Er sprang in die Höhe. »Auch das noch«.
    Sie hörte ihn ein heftiges Schimpfwort murmeln und stürzte hinaus.
    Ihr Hut, ihre Jacke, ihre Handschuhe waren oben liegen geblieben. Barhäuptig
in ihrem dünnen Kleidchen, mit losgegangenen Flechten, rannte sie durch die
Gassen.
    Die Leute blieben stehen und sahen ihr nach. In ihrem Zimmer angelangt, fiel
sie halb bewusstlos aufs Bett ...
    Zwei Tage lang lag sie wie im Fieber. Frau Wewerka sah ab und zu nach ihr.
Am dritten Tag, als sie sich wohler fühlte und aufstehen wollte, sagte die
Hausfrau: »Mein armes Kind, teilen Sie mir doch mit, was Ihnen widerfahren ist;
man braucht sich nicht alles gefallen zu lassen. Vielleicht kann ich Ihnen
irgend einen guten Rat geben«.
    Das junge Mädchen schüttelte den Kopf.
    »Lassen Sie mich nur; mir ist ganz gut. Ich habe mich neulich erkältet; das
ist alles«.
    »Nun, wie Sie wollen. Ein Dienstmann hat übrigens ein Packet für Sie
gebracht. Es war so unordentlich verschlossen, dass alles beim Empfang
herausfiel. Hut, Handschuhe und Jacke habe ich in Ihren Schrank gehängt«.
    Frau Wewerka lächelte ein wenig.
    Johanne kehrte sich gegen die Wand und flüsterte: »danke«.
    Nachmittags stand sie auf. Sie ging aus einer Ecke in die andere, sah zum
Fenster hinaus und kehrte wieder ins Bett zurück.
    Sie fühlte sich wie zerbrochen. Ihre Hände und Füsse zitterten. Die Arme
unter dem Kopf verschränkt lag sie da. Was nun? Was sollte sie nun beginnen? Ins
Fröbelhaus zurückgehen? den ironischen Gesichtern der Lehrerinnen begegnen? Dann
musste sie jedenfalls auch den abgebrochenen Kurs wieder von vorn beginnen, was
so viel hiess, als den Aufentalt hier um ein Jahr verlängern.
    Nur das nicht. Lieber - Sollte sie geradewegs nach Sienental zurück?
    Aber was würde ihr Vormund, der Pastor, und jeder, der sie kannte, von ihr
denken? Und was sollte sie in Sienental? Kartoffel schälen in der Küche der
alten Schlächterin? Mein Gott! War jung sein wirklich ein Glück? Was sollte sie
nur mit sich anfangen? Jetzt, da sie die ganze Schurkerei Tages kennen gelernt
hatte, glaubte sie auch nicht mehr an ihr Talent. Er hatte ihr wohl nur
eingeredet, dass sie dichterische Begabung besass, um Macht über sie zu gewinnen
    Sie begann ihn zu durchschauen. Und das war der Mann, dessen Biographie in
allen frommen Familienblättern stand, dessen Gedichte junge Mädchen auswendig
lernten, dessen Name als einer der besten galt. Freilich, sie wussten nichts von
seiner Gemeinheit. Er sprach ja immer so edle Gedanken in seinen Gedichten aus.
Ihm galt in seinen Versen die Reinheit als das höchste Gut, die Güte gegen
Mensch und Tier (besonders gegen hübsche junge Mädchen) als erstes Gebot
Christi. Man bekam ordentlich feuchte Augen, wenn man diese lieben, kleinen,
feinen Lieder las. Umsomehr, als sie so angenehm abstachen gegen die heissen,
ungesunden Gefühlsergüsse manch anderer Dichter. Allerdings, die waren deshalb
nicht schlechter, nur - ehrlicher. Sie gaben sich, wie sie waren. In einem
glichen sich alle, die zur Fahne der Kunst schworen, besonders der Dichtkunst:
abgesehen von dem Hass und Neid, womit sie einander befehdeten, - es galt ihnen
kein Mittel als zu gering, auch kein täglicher Meinungswechsel, um zu Geld und
Ansehen zu kommen.
    Es war sehr traurig, das alles in der Nähe ansehen zu müssen und lächerrlich
zu denken, dass diese »Künstler« Einfluss auf ihre Zeit und auf alle naiven,
unverdorbenen Gemüter hatten. Fort von hier, rief es in Johanne. Und doch wieder
- fort? ohne etwas, auch nur das Geringste, erreicht zu haben?
    War das nicht allzu kläglich? Gott, Gott! Sie sprang aus dem Bette und warf
sich auf die Kniee. Sie wollte beten, aber es ging nicht. Kein Tropfen Trostes
kam in ihre Seele. Mit trockenen Lippen wühlte sie sich wieder in ihre Kissen.
Ob es nicht das Beste wäre, zu sterben? Sie liess alle Todesarten an ihrem Geiste
vorüberziehen. Sie malte sich ihre einzelnen Schrecken aus. Und doch was waren
sie im Vergleich zu diesem entsetzlichen, trostlosen Jammerleben? In einer
Verzweiflung, die an Irrsinn grenzte, verbrachte sie die halbe Nacht. Erst gegen
Morgen sank sie in unruhigen Schlaf.
    Als sie die Augen aufschlug, war es Mittag. Das Mädchen brachte ihr das
Frühstück ans Bett. »Nein, wie Sie aussehen, zehn Jahre älter« sagte sie
erschreckt.
    Johanne erhob sich, kleidete sich langsam an und setzte sich an den Tisch.
Was tun? was beginnen?
    Frau Wewerka kam herein.
    »Gehen Sie doch ein wenig ins Freie. Die Luft wird Ihnen gut tun. Wir
ordnen indessen Ihr Zimmer«.
    Johanne kämpfte eine Stunde lang. Dann setzte sie den Hut auf, zog ihr
Jäckchen an und ging hinab. Als sie über die Treppe schritt, fragte es in ihr:
Wirst du auch wieder herauf kommen? Wer weiss? Wenn aber nicht, wo wirst du
morgen früh erwachen? Sie fuhr sich über die feuchte Stirn und ging. Sie wusste
nicht, wohin. Ihre Füsse trugen sie mechanisch vorwärts. Von Zeit zu Zeit hob sie
den Kopf und sah sich um. Wenn sie doch an einer Kirche vorbeikäme. Vielleicht
gings heute mit dem Beten. Sie irrte durch dunkle Strassen in entfernten
Vorstädten, kam an mehreren Gotteshäusern vorüber, die ihr geistesabwesender
Blick übersah, und rannte weiter, weiter. Sie hörte Uhren schlagen, sah die
Menge der drängenden Leute sich lichten, Millionen angezündeter Gasflammen die
Stadt wie in Funken hüllen, Omnibusse und Wagen zu den Nachtzügen nach den
Bahnhöfen rasseln, sie sah wie Voraneilende sich nach ihr umsahn; endlich
konnte sie nicht weiter. Vor einem grossen Hause mit drei Toren taumelte sie an
die Wand und sank nieder.
 
                                       15
»Ist dir schlecht?« Eine Hand legte sich sanft auf ihre Schulter. Sie sah auf.
War sie gestorben und im Himmel erwacht? Wirklichkeit konnte dies nicht sein.
Ein Mann in einem falben Wollkleide, das um die Mitte durch einen Strick
zusammengerafft war, stand vor ihr. Seine Füsse waren nackt. Und wie sich, müd
vor Schwäche, ihr Blick nach seinem Haupt erhob, lächelte sie.
    Das war ja Christus, und sie war wohl tot.
    »Warum lächelst du?«
    Sein mildes Gesicht mit dem in der Mitte glatt gescheitelten, über die
Schulter wallenden Haar, neigte sich zu ihr.
    »Fühlst du dich wohler?«
    »Christus« stammelte sie, und schloss die Augen.
    Er hob sie in seinen Armen empor. »Ich bin nicht Christus. Ich bin ein armer
Mensch, der in des Herrn Fusstapfen geht, nichts weiter. Aber - kann ich dir
wirklich nicht irgendwie helfen? Willst du nicht mit hereinkommen? wir haben
hier im Hause einen Saal, da kannst du dich ein wenig erholen, komm!«
    Sie folgte ihm, ohne ein Wort zu erwidern, die Augen auf ihn wie auf ein
Wunder gebannt. An seiner Hand betrat sie den Saal. Etliche vereinzelte
Gasflammen brannten noch. Es standen viele Stühle umher. Vorn auf einem Podium
befand sich ein Tisch. An diesem Tisch sass ein Mensch tief über ein Blatt Papier
gebückt und schrieb.
    »Angelus, hier ist ein Kind, das ich halb bewusstlos vorm Tore fand; bring
ihm ein Glas frisches Wasser; willst du?«
    Der Schreibende sah auf die Beiden und erhob sich rasch. »Ja Meister
Johannes«. Er sprang elastisch vom Podium herab und eilte hinaus.
    Er war genau gekleidet wie der, den er: Meister Johannes genannt hatte.
Johanne erholte sich allmählich von ihrer Ohnmacht und sah sich mit wachsendem
Staunen um.
    »Mein Gott, wo bin ich denn? Das ist ja wie im Traum«.
    »Du bist im Saale der Gesellschaft der Wahrheitssucher. Du kennst doch aus
Zeitungen und vielleicht vom Hörensagen unsern Verband. Sieh dich nicht so
erschreckt um«.
    »Willst du trinken« fragte der wiedergekehrte junge Mensch, indem er ein
Glas Wasser an ihre Lippen hob.
    »Danke, nein«. - Sie bog den Kopf zurück.
    »Dann setz dich wenigstens und ruhe ein bisschen aus«. Meister Johannes zog
sie auf einen der hölzernen Sessel nieder.
    Angelus stellte sich vor sie und sah mit zwei grossen leuchtenden Augen in
ihr Gesicht. Er glich einem zehnjährigen Kinde an Wuchs, und die langen blonden
Haare gaben ihm ein mädchenhaftes Aussehen. »Sie weiss nicht, was ihr geschehen
ist« sagte er lächelnd zu dem Aelteren, dessen Augen wohlgefällig an dem blassen
Antlitz des Mädchens hingen. »Wir erscheinen dir wohl sonderbar« setzte er
freundlich hinzu. »Bist du uns noch nie auf der Strasse begegnet?«
    »Nein, ich habe noch keinen von Ihnen jemals gesehen«.
    »Du, die Wahrheitssucher kennen das Sie nicht. Zu uns musst du schon Du
sagen«.
    »Ich habe nie von Ihnen gehört« flüsterte Johanne scheu und liess ihre Blicke
von einem zum andern gleiten.
    »Wir haben die Unglücklichen sehr lieb« sagte der Aeltere mit einer
wunderbar wohllautenden Stimme, »und bemühen uns, ihnen Glück zu geben, wo wir
können. Als ich dich vorhin draussen zusammengesunken fand, dachte ich, es sei
dir ein Unglück geschehen, aber es scheint, du warst nur müde und hast dich
wieder erholt. Wohnst du weit?«
    »In der Teresienstrasse«.
    »Kannst du allein zu deinen Eltern kehren, oder sollen wir sie
benachrichtigen lassen?«
    »Meine Eltern?« Johanne, durch alle Aufregungen der jüngsten Zeit schwach
geworden, fühlte Tränen in ihre Augen steigen. »Ich hab keine Eltern, ich
besuche hier bloss eine Schule und bin fremd in der Stadt«.
    Die beiden Männer warfen einander einen Blick zu.
    »Aber doch Verwandte« meinte Johannes.
    »Nein, Niemand. Ich will auch wieder fort«. Ihre Stimme brach. Sie lehnte
sich in den Stuhl zurück und versuchte ihr Schluchzen zu unterdrücken.
    »Wein Dich aus« sagte der junge Angelus und nahm ihre Hand in die seine.
»Hier darfst Dus. Du bist unter Brüdern. Hat Dir jemand ein Leid zugefügt?«
    Sie konnte nicht sprechen.
    »Du hast wohl eine grosse Enttäuschung erlitten« meinte Johannes mild.
    »Mehr« stotterte sie, »Ruchlosigkeit, Gemeinheit, Niedertracht
allentalben«.
    Seine Mienen wurden ernst. »Wie, so jung, sprichst du schon so. Das muss eine
harte Schule gewesen sein, durch die du deinen Weg nahmst«.
    Sie entgegnete nichts; ihr Kopf sank auf die Brust. Eine Weile herrschte
Schweigen; dann fragte Johannes: »Bist du fromm?«
    Sie schüttelte den Kopf. »Ich möchts aber sein; o wie sehr möcht ichs sein.
Ich habe ja niemand -«
    »Aber dich selbst doch«.
    »Auch nicht. Ich weiss nicht, was ich mit mir anfangen soll. Ich - es ist das
Beste, zu sterben«. Ihre Verzweiflung erwachte aufs neue. Sie erhob sich und
wollte fort. Johannes hielt sie zurück.
    »Du kleines, törichtes Kind. Jetzt, wo dir Gott Menschen zeigt, die die
Macht haben, dir dein Leid zu nehmen, willst du sterben. Weisst du was? Wir
bringen dich nach Hause, du schläfst dich aus und morgen kommst du auf mein
Bureau. Da wollen wir beraten, was mit dir angefangen werden soll. Lösch hier
aus, Angelus und schliesse gut ab. In einer Stunde bin ich zu Hause«.
    Der junge Mensch verneigte sich schweigend. Dann bot er Johanne die Hand.
    »Guten Muts, Schwester«.
    »Hast du Lust zu gehen?« wandte sich Meister Johannes an Johanne. Sie
nickte.
    »Dann komm«. Sie traten hinaus.
    Unterwegs fragte er sie allerlei aus. Ob sie schnell und fix im Schreiben
sei, ob sie vorlesen könne. Sie erzählte aus ihrem Leben. Mit jeder Minute
gewann sie mehr Ruhe in sich. Mehreremale blieb sie unterwegs stehen. War es
denn wirklich kein Traum? Aus der hellsten Verzweiflung heraus dieses Gefühl der
Sicherheit, des Geborgenseins plötzlich.
    Sie hatten einen überaus langen Weg zurückzulegen, und jetzt erst erkannte
sie, wie weit sie vorhin in ihrer halben Bewusstlosigkeit gelaufen war. Sie sagte
noch immer »Sie« zu ihm, bis er seine Hand energisch auf ihren Kopf legte, ihr
fest in die Augen sah und bemerkte: »nun wirst du aber: Du sagen«.
    Da wurde es ihr wundersam zu Mut und sie sagte: Du. Als sie bei ihrem Hause
angelangt waren, kannte er bereits einen Teil ihres Kummers. Er sah sie gütig
an, nannte ihr die Strasse, in der er wohnte, und verabschiedete sich. Und sie
schritt wieder die Treppe empor, die sie vorher nicht mehr zu betreten geglaubt
hatte, und fühlte stillen Frieden in sich.
    Am andern Tag um die angegebene Stunde fand sie sich bei ihm ein.
    An seiner Tür stand auf einer Tafel: »Johannes, Vorstand des Vereins:
Wahrheitssucher, Redakteur der Zeitschrift An der Schwelle des Jenseits,
Mitglied des spiritistischen Vereins: Seele, Schriftsteller.« Er empfing sie in
einem einfach aber behaglich eingerichteten Gemache, hinter einem mächtigen
Schreibtisch sitzend. Angelus stand vor einem Schränkchen, mit Zählen von Geld
beschäftigt. Er nickte ihr liebevoll zu.
    »Da bist du ja; setz dich, Johanne« sagte der Meister und wies auf einen
Stuhl.
    Sie errötete unter seinen forschenden Blicken, die ihr bis an die Seele
gingen.
    »Du bist sehr schön« sagte er. »Das sah ich gestern nicht. Mir dünkte, du
wärest hässlich«.
    Und da sie protestieren wollte, schüttelte er den Kopf. »Du musst dir
angewöhnen, die Wahrheit, ob süss, ob bitter, ruhig anzuhören; es ist kleinlich
und unehrlich gegen sich selbst, wenn man aus falscher Scham gegen Tatsachen
opponiert. Also, sag mir eins. Aber vorher: Du glaubst nun wohl nicht mehr zu
träumen, oder mit Geistern zu tun zu haben. Wir sind höchst einfache, übrigens
viel bekannte Menschenkinder, die sich ganz in der Wirklichkeit bewegen. Unser
Ziel ist: die Schäden der Zeit zu verbessern. Wir wollen den Materialismus nicht
bekriegen, sondern leidenschaftslos untersuchen und beweisen, dass er durchaus
kein Gegner, sondern nur der ungeschickte Ausdruck für unsere eigene
Weltanschauung ist«. Und da sie ihn etwas verständnislos ansah, fuhr er fort:
»Um dir meine Worte durch ein Beispiel zu veranschaulichen: Wir geben den
Menschen nicht unrecht, die da behaupten, mit dem Tode wäre alles aus. Das wäre
es auch, wenn es einen Tod gäbe. Nun liegts auf unserem Wege, zu zeigen, dass es
eben keinen gibt, sondern nur eine Formverschiebung. Ich habe absichtlich mir
ein so einfaches Beispiel gewählt, um dich heute nicht zu sehr anzustrengen. Du
erhieltest mitin eine Ahnung unserer Bestrebungen. In diesem Sinne leiten wir
eine Zeitschrift, haben Vereine gegründet und bemühen uns, Menschen für unsere
Ziele zu gewinnen. Vor allem ziehen wir jeder Heuchelei, jeder falschen Scham,
jeder Gewinnsucht zu Leibe. Wir wollen wie Christus einfach und schlicht unter
unseres Gleichen verkehren, in denen wir nicht Fremde, sondern Brüder erblicken.
Wir haben uns schon zahllose Freunde in allen Städten Europas erworben,
geschweige in anderen Erdteilen, wo unsere Lehre seit Jahrtausenden Anhänger
besitzt. Du siehst also, dass du es mit ganz realen Menschen zu tun hast. Andere
unserer Eigenschaften wirst du später begreifen lernen. - Obwohl wir nun keinen
Mangel an Händen haben, die jede Minute bereit sind, für uns tätig zu sein, so
sind wir doch jeder Zeit willig, neue Kräfte für uns zu gewinnen. Wenn du also
Lust hast, in unsere geistige Genossenschaft zu treten, wollen wir nicht
scheuen, Opfer für dich zu bringen, die unsere geringe Macht nicht übersteigen«.
    Er befragte sie über ihre Vermögensverhältnisse und ob ihr Vormund
einverstanden wäre, wenn sie ein neues Leben begänne. »Wir wollen dich hier als
unsere Sekretärin anstellen; du wirst tagsüber bei uns sein, mit uns essen und
alle kleinen Sorgen und Freuden mit uns teilen. Abends bist du frei und kannst
nach Hause gehen. Miete dir hier in der Nähe ein Zimmerchen. Die Miete musst du
aus deinen eigenen Mitteln bezahlen. Geld kann ich dir nicht geben; auch Kleider
musst du dir selbst beschaffen. Uebrigens, wirst du auch vegetarische Kost
vertragen können? Unser Essen schliesst Fleisch und alkoholhaltige Getränke aus«.
    »O, ich esse, was es gibt« sagte Johanne, »darauf hab ich nie geachtet«.
    In diesem Augenblick kam der Postbote und brachte ein Packet Briefe. Meister
Johannes hielt den Stoss lächelnd Johanne hin. »Siehe, sie zu öffnen, mir in
Kurzem den Inhalt mitzuteilen und nach meinem Diktat zu beantworten, wird von
nun an deine Beschäftigung sein«.
    »Wenn ich es nur auch richtig mache«.
    »Das wird dein guter Wille dich lehren. Auch wird dir Angelus in den ersten
Tagen an die Hand gehen«.
    »Gewiss« sagte vom Schrank her der junge Mensch.
    »Also willst du?« Johannes hielt ihr die Rechte hin. Sie legte die ihre
hinein.
    Ein wunderbares Gefühl des Friedens überkam sie, als seine Finger die ihren
einschlossen. Sie senkte die Augen vor seinem durchdringenden Blick.
    »Jetzt gehst du wohl nach Hause, dich mit deiner Wirtin zu verständigen«.
    Es war zwei Tage vor Mitte Februar.
    »Ich habe nie etwas über Kündigung mit ihr ausgemacht. Aber ich glaube, sie
lässt mich ziehen«.
    »Solltest du dich mit ihr nicht verständigen können, so komme ich selbst
hin« meinte er ruhig. »Von morgen ab kannst du bei uns sein«.
    Ein dankbarer Blick aus ihren Augen traf ihn. Er neigte leicht den Kopf und
wandte sich seinen Briefen zu. Sie wartete noch eine Sekunde, dann fühlte sie,
dass sie entlassen war.
    Mit beflügelten Schritten eilte sie nach Hause. Es war ein weiter Weg, denn
Meister Johannes' Wohnung, sowie der Saal, in den er sie gestern geführt hatte,
lagen im Arbeiterviertel der Stadt. Hier, mitten unter den Leuten des vierten
Standes, den »Kleinen«, hatte er sich niedergelassen.
    Johanne war ganz überwältigt von dem Neuen, das ihr entgegentrat. Religion,
Tugend, Weisheit schienen sich zu diesen Menschen geflüchtet zu haben. Die ganze
Bibel schien neu aufzuleben in den reinen, schlichten Gestalten des Meisters und
seines Jüngers. Wie alt wohl Johannes sein mochte? dreizig, vierzig, mehr?
Johanne konnte sich nicht erinnern, in ihrem Leben einen so edlen Kopf gesehen
zu haben. Auch Angelus gefiel ihr; doch sah er zu mädchenhaft aus, während der
Aeltere den Stempel gereifter Männlichkeit in seinen bewussten Zügen trug.
    Sie erklärte Frau Wewerka in kühlen Worten, als Sekretärin des Vereins der
»Wahrheitssucher« angestellt zu sein und fortziehen zu wollen. »Mit meinem
Vormund habe ich mich schon auseinandergesetzt« fügte sie hinzu. Sie hatte ihm
ein Kärtchen ziemlich dunklen Inhalts gesendet.
    »Ich will meinen Mann holen« sagte Frau Wewerka. Johanne zuckte die
Schultern.
    »Wie Sie wollen; aber die Stellung habe ich angenommen, also da ist nichts
zu ändern. Sie können sich ja dort erkundigen. Meister Johannes wird Ihnen gerne
Auskunft geben«.
    »O, ich kenne den Verein, die Zeitschrift und ihren Redakteur. Wer kennt ihn
nicht? Er bemüht sich ja angelegentlich, aufzufallen. Er hat unter der
Aristokratie viele Anhänger, namentlich Damen. Na, wenns Ihnen Spatz macht,
versuchen Sies. Ich will Sie nicht zurückhalten«.
    Trotzdem erschien Herr Wewerka. Er machte ein sehr verdutztes Gesicht zu
Johannes Eröffnung.
    »Hüten Sie sich vor diesen Wölfen im Schafspelz -« Er wollte eine Rede
beginnen. Johanne unterbrach ihn ungeduldig. Er solle doch schweigen von den
Wölfen im Schafspelz. Mehr Niedrigkeit und Gemeinheit, als sie von anderer Seite
in diesen dreiviertel Jahren kennen gelernt habe, gäbe es sicher nicht auf der
Welt. Deshalb ginge sie ja auch. Sie ertrüge es nicht länger in dieser
Atmosphäre. Wewerka lächelte ironisch zu seiner Frau hinüber. »Der Meister mit
den langen Haaren und den hübschen nackten Füssen hats ihr angetan. Da nützt
kein Abreden. Gehen Sie zu, Fräulein Johanne, treiben Sie ein wenig Spiritismus,
lassen Sie sich die Geister interessanter Toter zitieren und fühlen Sie sich als
Uebermensch. Schad nix und ist lehrreich. Vielleicht kommen Sie wieder einmal zu
uns zurück«.
    Sie lächelte herb und empfahl sich. Bis Ende März war ihre Pension
vorausbezahlt; also konnte sie gehen, wohin ihr beliebte.
    Sie suchte in der Nähe der Kasernenstrasse, in der Johannes wohnte, ein
Stübchen, fand ein ihr passendes im vierten Stock bei einer alten
Blumenmacherin, und liess sofort ihre Habseligkeiten hinüberschaffen.
    Als in der neuen, winzigen Wohnung ihre Sachen ausgepackt waren, fiel sie
auf die Kniee und dankte Gott, dass er sie aus dieser Atmosphäre der Gemeinheit
geführt hatte. Wewerkas Urteil über Johannes fiel ihr ein. Aber das war ja
natürlich. Die Schmutzigen hassen die Reinen. Und er war rein, das stand in den
edlen Zügen seines Gesichtes geschrieben. Sie erzählte ihm am nächsten Tag
alles, was ihre früheren Hauswirte über ihn gesagt hatten. Er nickte.
    »Das weiss ich ja längst. Ein Teil der Menschen sieht in mir einen Betrüger,
weil sie es nicht fassen, dass man für andere Zwecke, als sein eigenes
Wohlergehen, arbeiten kann. Andere vergöttern mich wieder und nennen mich einen
Auserlesenen, was mich fast noch mehr ärgert. Ich will nicht überschätzt werden.
Ich liebe die Menschen, deshalb möchte ich ihnen Gutes tun, sie so glücklich
wie möglich wissen. Glücklich wird man nur, wenn man sich selbst kennt. Ich
lehre sie das, und auch lehre ich sie, ihre Grenzen zu erweitern. Wir sind viel
mächtiger, als die meisten von uns glauben«.
    Sie legte Hut und Jäckchen ab und liess sich am Schreibtisch nieder. Er
diktierte ihr einige Briefe, die sie zu seiner Zufriedenheit nachschrieb. Um die
Mittagsstunde erschien eine ältere Frau und meldete, dass das Essen angerichtet
sei.
    »Hast du auch für Paulus gedeckt?« fragte Johannes. Er kommt geradeswegs vom
Bahnhof hierher«.
    »Glaubst du, schon mittags?«
    »Er schriebs«.
    »Dann will ich noch ein Couvert für ihn auflegen. Angelus wartet schon, er
ist eben aus der Stadt gekommen«.
    Johannes führte seine neue Sekretärin in ein geräumiges, höchst einfach
möbliertes Gemach nebenan. Auf einem mit weisser Wachsleinwand bezogenen Tische
standen etliche Schüsseln. Eine entielt gekochtes Gemüse, eine andere eine
Mehlspeise, die Johanne unbekannt war. Angelus erhob sich und verneigte sich
schweigend vor den Beiden. Johannes legte dem jungen Mädchen, das sich
schüchtern benahm, eine tüchtige Portion Gemüse und Mehlspeise auf ihren Teller.
    »Du musst zugreifen, mein Kind; es gibt nur noch Obst«.
    »Die Gräfin grüsst dich, Meister, sie wird dir ihre Tochter mit den
gewünschten Abzügen schicken« sagte Angelus, während er tüchtig einhieb.
    Plötzlich hörte man draussen sprechen, die Tür öffnete sich und ein neuer
Ankömmling trat herein.
    »Paulus!« rief Angelus.
    Der Eingetretene verneigte sich vor Johannes, schüttelte Angelus die Hand
und sah auf Johanne.
    »Unsere neue Sekretärin« bemerkte der Meister. Paulus reichte ihr die Hand
über den Tisch. »Sei gegrüsst«. Dann liess er sich nieder und nahm Speise auf
seinen Teller.
    »Alles gut abgelaufen?«
    »Jawohl Meister. Zwanzig neue Vereinsmitglieder hab ich dir geworben,
darunter zwei von bekanntem Namen. Auch unserer Zeitschrift gewann ich etliche
Freunde. Ich will dir später mehr erzählen«.
    »Und wie stehts mit den Schulden, die du einkassieren solltest?«
    »Ich bringe nur ein Drittel des erhofften Betrages«.
    »Die Menschen haben nie Geld zu Dingen übrig, deren Ernte in der Zukunft
liegt« versetzte der Meister.
    »Sie müssten noch mehr gepackt werden« sagte Paulus.
    »Oder ganz fallengelassen werden« ergänzte Angelus, »was dasselbe ist, denn
dann müssen sie sich mit erneuter Kraft aufraffen«.
    Sie sprachen über einige Personen, die Johanne unbekannt waren.
Währenddessen fand sie Musse, Paulus zu betrachten.
    Er trug dieselbe Tracht wie seine Genossen. Auch sein Haar floss lang über
die Schultern. Aber seinem Gesicht fehlte der Ausdruck der Milde, der den Mienen
der beiden Andern eigen war. Vielleicht lag es auch daran, dass Augen und Haar
tiefschwarz waren. Das hervorspringende hagere Kinn, die Nase mit ihrem Höcker
deutete auf viel Willenskraft und Selbstbewusstsein. An ihm war nichts Demütiges,
Christushaftes, ausser seiner Tracht. Aber trotzdem fühlte sich Johanne, sofort
als er eintrat, unter seinem Banne.
    Die Wirtschafterin brachte warmes gekochtes Obst herbei. Sie assen davon,
dann lehnte sich Johannes einen Augenblick zurück.
    »Wisst ihr das Neueste? Die Polizei hat mir untersagt, meinen Vortrag am
Sonnabend zu halten. Es wäre Anarchismus, was ich predigte«.
    »Du!« Paulus schüttelte den Kopf, »du Anarchismus? Du predigst doch nur
Gehorsam gegen das Gesetz«.
    »Was eigentlich so viel wie Krieg dem Gesetz bedeutet« meinte Angelus. »Denn
wenn Einer dieses wörtlich erfüllte -«
    »Du fassest das zu kirchlich auf« bemerkte der Meister. »Wenn ich sage:
bezahlt eure Steuer, weil es die Satzung eures Staates gebietet, will ich doch
nicht Aufruhr stiften«.
    »Wenn du sagst: ihr müsst sie bezahlen, und es mangeln ihnen hierfür die
Mittel, so treibst du sie dazu, sich diese auf vielleicht unerlaubte Weise
anzueignen«.
    »Ich werde von einer Persönlichkeit zur andern gehen, ich weiss ja ungefähr,
wer alles in meinen Vortrag gekommen wäre, und ihnen mündlich mitteilen, was ich
auf dem Herzen habe«.
    Die beiden jungen Leute warfen sich einen bedeutsamen Blick zu.
    »Soll ich vielleicht die Fürstin Leiningen aufsuchen? Sie möge sich für dich
einsetzen, dass man dich hinfür frei schalten und walten lässt. Sie verkehrt bei
Hofe«.
    »Was fällt dir ein, Paulus?« Der Meister lächelte, »jemehr Hetze gegen mich,
umso besser. Unsere Brüder Buddha, Christus und Mohammed wurden alle verfolgt,
mit Steinen beworfen, lächerrlich gemacht. Was wäre ein Reformator ohne
Verfolgung, Hass, Missgunst seiner Zeitgenossen? Man darf sich nie gegen drohende
Missgeschicke auflehnen und sie abzulenken trachten, das weisst du doch«.
    Paulus errötete leicht. »Ich betrachte, was dir droht, nicht als grosse
Prüfung, sondern nur als kleines Hindernis, das du kräftig überwinden wirst«.
    »Was dasselbe bedeutet« rief Angelus. »Die kleinen Nadelstiche des Lebens
sind für den Helden unerträglicher als Schwertstreiche«.
    Johannes erhob sich, mit ihm die Andern.
    »Ich ziehe mich für eine Stunde zurück, Johanne« sagte er zu dem jungen
Mädchen. »Angelus soll dir Bücher im Bureau zeigen, in denen du indessen lesen
kannst«.
    Johanne ging mit den beiden jungen Leuten ins Arbeitszimmer. Angelus stieg
auf einen Tritt und suchte unter den Büchern des Regals.
    »Wann kamst du hierher?« fragte Paulus, sich an den Tisch lehnend und
Johanne fixierend. Sie erzählte ihm, wie der Meister sie fand.
    »Und gefällt es dir bei uns?« fragte er.
    »Unendlich«. Sie senkte die Blicke. »Es ist eine ungeahnte Welt für mich«.
    »Bloss musst du dir abgewöhnen, zu erröten und die Blicke niederzuschlagen.
Wir sind hier reine, freie Menschen, die nichts vor einander zu verbergen haben.
Wer hier die Tür hinter sich geschlossen hat, hört auf, Mann oder Weib zu sein,
er ist bloss Mensch«.
    »Mir ist das neu« meinte sie.
    »Hier hast du ein Buch« sagte Angelus niedersteigend und reichte ihr einen
Band.
    »Glaubst du auch, dass ich das verstehe?« fragte sie schüchtern.
    »Du kannst uns ja fragen, wenn dir etwas unklar ist«.
    »Wie alt bist du?« fragte Paulus, der älter als Angelus aussah.
    »Beinahe zwanzig«.
    »Hm« machte er, sah sie von oben bis unten an und verliess das Zimmer.
    »Du liest ja nicht« bemerkte Angelus nach einer Weile. Er sass auf einem
Hocker und schnitt ein dickes Buch auf. Johanne lehnte am Schreibtisch und sah
sinnend vor sich hin.
    »Nein, ich kann nicht. Ich muss immerfort an das Neue denken, das ich seit
vorgestern kennen gelernt habe. Ich begreifs ja eigentlich noch immer nicht ...
Was will Meister Johannes?«
    »Die Welt verbessern« erwiderte Angelus lakonisch.
    »Aber wie denn?«
    »Indem er allen Menschen lehrt, sich wie Brüder untereinander zu begegnen,
Leid und Sorge, Freude und Reichtum unter einander zu teilen«.
    »Göttlich« rief das junge Mädchen begeistert. »Aber wie kam er nur darauf?«
    »Das liegt in der Zeit, liebe Schwester. An allen Ecken kannst du
Religionsumformer, Weltverbesserer und Propheten der neuen Epoche aufstehen
sehen. Bloss: die einen sind die falschen Führer, unserer ist der echte«.
    »Wann kam es über ihn?« fragte sie leise.
    »Wann? Er war einmal sehr krank und lag monatelang im Spital. Er war früher
Musiker und verdiente durch Unterricht seinen Lebensunterhalt. Ein
Gelenkrheumatismus lähmte seine Hände. Als er aus dem Spital kam, hatte er
keinen Heller, keinen Bissen Brot. Es blieb ihm nichts übrig, als an die Türen
seiner Freunde und Bekannten, später auch Fremder zu pochen. Da lernte er tief
in die Menschenherzen blicken. Er sah die Härte, die Selbstliebe, die
Vergötterung des Mammons, die da wohnten. Alle die hässlichen Eigenschaften der
Menschen entüllten sich ihm nackt, denn wer verstellt sich vor einem Bettler?
Sein edles Herz litt sehr unter diesen Erfahrungen. Mehr über die Andern, als
über seine eigene Not grämte er sich.
    Wie diesen Menschen helfen, emporhelfen, ging ihm im Kopfe herum. Er sprach
an allen Pforten, an die er bittend klopfte, ein paar tiefe, aus der Seele
kommende Mahnworte. Manche Leute hörten auf ihn, manche liessen ihn stehen und
schlugen ihm die Tür vor der Nase zu, manche verlachten, ja misshandelten ihn.
Aber einige lauschten ihm, luden ihn ein, näherzutreten und gaben ihm willig
Gehör. Er erwarb sich Freunde, Gönner, Anhänger. Man gab ihm so viel, dass er
viele seiner herrlichen Ansichten in kurzen Schriften niederlegen, drucken und
veröffentlichen lassen konnte. Er redete auch dann und wann in besonders dazu
gemieteten Lokalen, die von Zuhörern dicht besetzt waren. Eine edle Frau, die
sich sehr für seine Ansichten begeisterte, gab ihm die Mittel, eine Zeitschrift
zu gründen. Man abonnierte darauf, viele, weil er und seine Lehre plötzlich Mode
geworden war, andere, weil sie die tiefen Wahrheiten derselben ergriffen. Eines
Tages schossen die Begüterten seiner Anhänger eine Summe zusammen, die es ihm
ermöglichte, diese Wohnung hier zu mieten und sich ganz seinen reformatorischen
Bestrebungen hinzugeben. Ich stand eben vor dem Abiturientenexamen, es ist zwei
Jahre her, als ich seine Lehre verkünden hörte und von ihr so gepackt wurde, dass
ich sofort hierherkam und mich ihm mit Leib und Seele hingab. Auch Paulus, der
Sohn reicher Eltern, verzichtete auf alle Vorteile und die Liebe seiner Familie,
und folgte ihm. Er hat in allen Kreisen warme Anhänger; man nennt ihn einen
neuen Messias, er aber will nur Johannes sein. Er lehrt die Liebe, die
Lauterkeit, die Gemeinsamkeit in allem. Er ist überaus gütig, und behält nichts
von den Geldern, die für ihn fortwährend einlaufen, für sich. Alles verwendet er
zu wohltätigen Zwecken, so z.B. erhält er uns beide, mich und Paulus«.
    In diesem Augenblick trat der, von dem sie sprachen, herein. Johanne, noch
überwältigt von dem eben Vernommenen, ergriff seine Hand und zog sie an ihre
Lippen. Er fuhr liebkosend über ihre Wange.
    »Willst du nun arbeiten, Kind?«
    Sie setzte sich an den Schreibtisch und er, die Hände auf dem Rücken
verschränkt, schritt auf und nieder. Er diktierte ihr etliche Briefe. Er nannte
alle Leute: du. Einige der Antworten waren an hochgestellte Persönlichkeiten
gerichtet. Eine Prinzessin hatte angefragt, ob es etwas Uebles zu bedeuten habe,
dass ihr Teeglas zersprungen sei. Ein junger Kaufmann glaubte den Geist seines
Vaters gesehen zu haben und erlaubte sich an den Meister die Frage, wie er sich
in Zukunft bei ähnlichen Erscheinungen zu verhalten habe. Zwei Schulmädchen
beschworen Johannes, sie als Jüngerinnen anzunehmen. Ein Herr bat um die Adresse
des Tuchlagers, von dem der Meister den Stoff zu seiner Kutte bezöge.
Mehreremale kräuselten sich Johannens Lippen zu einem Lächeln während der
Diktate. Johannes zürnte ihr nicht darob.
    »Es gibt seltsame Gesellen, aber die ewige Liebe nimmt alle auf. Ihr gilt
der Kern, nicht die Form. Dieses alles ist gutes Material, verwendbar für mich«.
    Er spricht wie ein Gott, der Schöpfungen in der Hand hält, dachte das junge
Mädchen. Und er ist auch eine Art Gott. - Später kam Paulus herein. Er setzte
sich neben Angelus, der über ein Bündel Rechnungen vertieft war.
    »Soll ich dir helfen?«
    »Nein, ich danke dir«.
    Paulus langte einen Stoss Zeitschriften herab. Er blätterte sie flüchtig
durch und machte hie und da eine Bemerkung mit dem Blaustift in sein Notizbuch.
So arbeiteten sie einträchtig neben einander. Plötzlich klopfte es, und eine
junge, elegante Dame trat ein.
    »Ich grüsse euch«. Ihre Hände drückten die der Freunde.
    »Meine neue Sekretärin« stellte der Meister Johanne vor.
    »Ich hoffe, du wirst dich hier sehr glücklich fühlen« sagte die Dame zu dem
jungen Mädchen. Dann liess sie sich nieder und zog ein Päckchen Blätter heraus.
    »Gefallen sie dir?« Es waren Lichtdrucke nach einer Photographie des
Meisters, die sie selbst ausgeführt hatte. Johannes betrachtete sie
interessiert.
    »Ich finde sie sehr ähnlich, nur hast du mir eine gar zu patetische Pose
gegeben«.
    »Du darfst eine annehmen« entgegnete das Fräulein kurz«.
    »Zeig« bat Paulus, und zog Johannes eins der Blätter aus der Hand.
    Angelus sah ihm mit glänzenden Augen über die Schulter und reichte das Blatt
dann Johanne hinüber. Es stellte Johannes in seiner gewöhnlichen Kleidung dar,
die eine Hand wie segnend erhoben, die andere auf die Brust gelegt.
    »Gefällt es dir?« fragte die junge Dame, den Kopf nach Johanne wendend.
    »Sehr«.
    »Dann behalte es«. In ihrer Stimme lag ein herrischer Tonfall.
    »Ich habe vorläufig dreitausend Stück bestellt. Man wird sie, da du selbst
Sonnabend nicht reden darfst und Professor Preuer statt deiner den Vortrag hält,
an der Tür des Saales verteilen. Das wird mehr wirken, als wenn du persönlich
erschienst, denn Jeder wird fragen: warum spricht er heute nicht? Und die
Antwort darauf wird der Richter derer sein, die es dir untersagten«.
    »Seid gegrüsst«.
    Ein junger Mann von kolossalen Körperformen trat herein.
    »Comtesse, auch hier?«
    Er schüttelte Allen die Hände und warf einen fragenden Blick auf Johanne,
die ihm als Mitglied des Hauses vorgestellt wurde.
    »Ach, endlich die Bilder«. Er machte der Gräfin einige schmeichelhafte
Bemerkungen.
    »Warum kamst du so lange nicht?« fragte sie ihn vorwurfsvoll.
    »Ich konnte nicht«. Ein Schatten verdüsterte sein Gesicht. »Luise weicht
nicht von meiner Schwelle«.
    »Schwacher« rief Paulus mit seiner tiefen Stimme.
    »Starker« sagte Angelus, »was ja dasselbe bedeutet, denn ein Schwacher ist
immer stark in seiner Schwäche«.
    Johannes schüttelte missbilligend den Kopf. »Hast du ihr denn einmal
eindringlich ins Gewissen geredet?«
    »Ach, Meister«, der junge Mann machte eine vielsagende Handbewegung, »ich
bat, ich drohte, ich -«
    »So versuchs doch auf übersinnlichem Wege« rief Paulus finster.
    »Noch nicht« meinte Johannes, »das ist das Letzte, zu dem man greifen soll.
Wo ist sie jetzt?«
    »Bei mir natürlich«.
    »Geh doch hinauf, Meister« bemerkte die Comtesse, »fasse du sie. Dir kann
nichts misslingen«.
    Johannes sann etliche Sekunden nach, dann sagte er: »Wenn ihr es wünscht,
will ichs tun«.
    »Du bist gnädig« rief der junge Mann dankbar. »Es ist wahrhaftig die höchste
Zeit. Seit fast einem Monat komme ich zu keiner Selbstbesinnung mehr, nicht zum
Lesen eines innerlichen Buches. Sie liegt mir immerfort in den Ohren, wie sie
zur Vollendung gelange und ihren begehrlichen, unruhigen Leib zum Schweigen
bringe. Sie behauptet, alle innerlichen Uebungen machen sie noch aufgeregter -«
    »Weil sie sie falsch anwendet« versetzte Johannes.
    »Warum jagtest du sie nicht gleich das erste Mal fort?« fragte Paulus
streng.
    »Darf das ein Bruder Christi?«
    »Das darf er, Jakob, wenn er erkennt, dass es keine Prüfung, sondern eine
Versuchung ist«.
    »Was dasselbe bedeutet« liess sich des kleinen Angelus Stimme vernehmen.
»Prüfungen bestehen nicht immer in Leiden, Versuchungen nicht immer in Peris,
die einen verleiten wollen«.
    »Nein, eine Peri ist Luise nicht«.
    Die Comtesse errötete leicht unter dem zurechtweisenden Blick von Johannes.
    »Wisst ihr, wenn es euch angenehm ist, nehmen wir jetzt unser kleines
Abendmahl und ich gehe dann mit dir, Jakob, nach deiner Wohnung. - Du, Johanne«,
wandte sich der Meister an das junge Mädchen, »bist nach dem Essen für heute
entlassen«.
    Sie verneigte sich, wie sie es von den Andern gesehen hatte.
    Auf ein Klingelzeichen von Johannes erschien die Wirtschafterin.
    »Ich bitte, Laura, bereite sofort unsere Mahlzeit, wir wollen hernach noch
tätig sein«.
    Die Wirtschafterin verschwand hurtig.
    Johanne wunderte sich insgeheim, dass die beiden Neuangekommenen weltliche
Gewänder trugen und nicht gekleidet waren wie ihr Meister. Bald bat die
Haushälterin zu Tische.
    Man begab sich ins Speisezimmer. Johanne kam neben Paulus zu sitzen. Sie
bebte, so oft er sie ansah und ihr eine Schüssel reichte. Sein kurzangebundenes
Wesen, seine dunklen Augen machten ihr bange vor ihm.
    »Du isst ja nichts« sagte er zu ihr, »dir mundet wohl unsere vegetarische
Kost nicht, wie?«
    »O sehr gut, ich habe nur noch keinen grossen Appetit, ich war in letzter
Zeit nicht ganz wohl«. Sie wusste kaum, was sie stotterte.
    »Und jetzt bist du zufrieden?«
    »Ich hoffe es zu werden«.
    »Das ist gut gesprochen, blicke nur nie in die Vergangenheit, immer
vorwärts«.
    »Paulus« rief die Comtesse herüber, »sage doch Landgreen, er soll nicht so
dumme Artikel schreiben.
    Er schlägt in der Innern Stimme vor, alle Anhänger von Johannes sollten sich
gleich kleiden, damit man sie an ihrem Äußern erkenne, wie die Soldaten an den
Aufschlägen ihres Regiments. Es ist doch ein Unterschied, ob man Apostel oder
nur Jünger ist. Ihr müsst gekleidet gehen wie euer Meister, wir, die Jünger,
ziehen uns je nach unserm Geschmack an, nicht?«
    Ihr Nachbar, der Dicke, nickte zustimmend.
    »Schlägt er irgend eine bestimmte Farbe vor?« fragte Paulus.
    »Schwarz schlägt er vor, wenn es noch wenigstens weiss wäre«.
    »Was ganz dasselbe wie schwarz bedeutet, weil beide eigentlich keine Farben
sind« rief Angelus. »Ich bin ganz mit Landgreens Vorschlag einverstanden. Unsere
Freunde sollen auch äusserlich erkennbar sein. Man kann sich nicht genug deutlich
betonen«.
    Eine kleine Pause trat ein.
    Dann sagte Johannes, indem er die zurückgeschobenen Teller der Gäste
bemerkte: »Nun, meine Lieben, wie wärs, wenn wir uns erheben? Ihr seid ja alle
fertig«.
    Man stand auf. Johanne verneigte sich vor dem Meister.
    »Ich kann also gehen?«
    »Bis morgen« sagte er, ihr gütig die Hand reichend. Die Andern nickten ihr
freundlich zu.
    »Wir gehen ja alle, lauf uns nicht davon« scherzte Angelus und trat neben
ihr aus der Tür.
    Sie ging nach Hause, zündete ihr Lämpchen an - in diesem Stadtteil gabs
keine elektrische Beleuchtung - und versank in Gedanken. Dieser Johannes!
Christus in eigener Person. Welche Liebe und Güte, welche Milde in jedem seiner
Worte, in jeder seiner Bewegungen. Er hatte sie nur aus Barmherzigkeit zu seiner
Sekretärin gemacht, denn heute am ersten Tag war es ihr schon klargeworden, dass
er, was er mühsam ihr diktierte, viel besser und schneller hätte selbst
schreiben können. Es geschah nur aus Barmherzigkeit. Er teilte sein Brot mit
ihr; mehr konnte er nicht teilen, denn er besass ja nichts. Wie Christus. O dass
es also doch solche Menschen auf Erden gab! Nun würde sie das Leben wieder zu
freuen, zu interessieren beginnen. Die trüben Erfahrungen, die sie gemacht
hatte, das zweifeln am Dasein alles Guten, ertrank in diesem rauschenden
Glücksgefühl. Ein Weib muss an etwas glauben. Ist es nicht Gott, so ist es ein
Mann, den es liebt. Johanne besass wenig Talent zur Religion; die Liebe war ihr
fremd, sie war bisher fast verschmachtet vor innerer Einsamkeit. Früher hatte
sie, wie alle jungen Mädchen, Idealvorstellungen in der Seele getragen. Sie
betete die Dichter an, die ihr als Priester des Guten und Schönen erschienen,
sie liebte eine Stadt, die ihr als der Nährboden hoher, herrlicher Ideen
geschildert war. Das waren Träume eines jungen Mädchens, das noch nie über seine
Scholle gekommen war.
    Die Wirklichkeit zeigte ihr in den angebeteten Künstlern eine Menschensorte,
die, falschen Juwelen gleich, nur durch die Spiegelscheiben der Entfernung
wirkte; die Wirklichkeit zeigte ihr die Stadt ihrer Träume als eine Brutstätte
widrigsten Strebertums, einen Zusammenfluss aller dunklen, zweifelhaften
Existenzen des Reiches. Sie war in sich fassungslos zusammengebrochen, denn was
gibts Bittereres für einen jungen Menschen, als Verehrtes verachten zu müssen,
zu erkennen, dass es nichts der Anbetung Wertes gibt?
    Nun jubelte es in ihr auf. Sie hatte geirrt. Ja, es gab noch gute, reine
Menschen, Wahrheitssucher, Christus Aehnliche. O, man durfte wieder lieben,
verehren, sich ohne Argwohn hingeben. Man konnte tiefe Atemzüge tun, ohne
fürchten zu müssen, giftige Miasmen in sich zu trinken. Dies junge Mädchen, fast
ungebildet, voll irriger Begriffe, ohne Lebensform, besass brennenden Abscheu vor
allem Niedrigen, Entsetzen vor jeder Gemeinheit, leidenschaftliche Liebe zu
allem Hohen, Reinen, Guten. Vielleicht hatte das viele Lesen in früherer Zeit
manchen guten, schönen Keim in ihr erweckt, vielleicht die Einsamkeit ihre Seele
so staubfrei und nach Reinheit lüstern gemacht. Ungesund veranlagten Naturen
bekommt beides, das Lesen und die Einsamkeit schlecht. Ihr wurde es zum Heile.
Das bisschen Liebe zur Romantik schadete nicht. Es kleidet junge Leute besser,
als die verabscheuungswürdige Blasierteit, das feiste Satttun Eines, dessen
Magen noch garnicht für starke Kost aufnahmefähig ist.
    Die nächste Zeit, die Johanne in der Mitte dieser seltsamen Gesellschaft
verlebte, glich mehr oder minder dem ersten Tag. Johannes diktierte ihr, Paulus
warf bei Tisch dann und wann Bemerkungen hin, die Angelus in seiner gewohnten
Weise parierte. Fremde erschienen und erwiesen dem Meister Ehren. Eines Tages
erhielt sie auch von ihrem Vormund einige Zeilen. Sie möge zusehen, wie sie
vorwärtskäme, nur solle sie Gottes und der Ehrlichkeit nie vergessen. Nach ihren
früheren Bekannten verspürte sie nicht die geringste Sehnsucht. Im Gegenteil.
Sie verliess nie ihren Stadtteil, um nur keinem von ihnen zu begegnen.
    Paulus sollte in der nächsten Zeit wieder für einige Zeit verreisen. Er
musste dann und wann fort, um seinem Meister Anhänger zu gewinnen und die
Gewonnenen zur Treue zu ermahnen. Am Nachmittag vor seiner Abreise hatte
Johannes einige wichtige Gänge. Die Polizei verfolgte ihn in der jüngsten Zeit
fortwährend und überwachte jeden seiner Schritte. So sehr fördernd und dienend
dies auch in mancher Beziehung für ihn war, in anderer belästigte es ihn doch.
    So zum Beispiel weigerte man sich, Paulus, der nach Russland reisen sollte,
einen Pass auszustellen, bevor er den Zweck seiner Reise angab. »Tät ichs, ihr
würdet mich ja doch nicht verstehen« sagte er stolz, und entfernte sich aus dem
Bureau. Der Meister begab sich nun selbst dahin.
    Johanne war mit dem Abschreiben eines Manuskriptes für ihn beschäftigt.
Plötzlich fühlte sie eine brennende Glut ihren Nacken heraufziehen. Sie wandte
sich um und begegnete Paulus' Blicken, die fest auf ihr ruhten.
    »Wie hast du mich erschreckt« stammelte sie.
    »Sonst nichts, nur erschreckt?«
    Er trat ganz nahe zu ihr, ohne die Augen von ihr zu lassen.
    »Aber, mein Gott« rief sie angstvoll und wollte aufspringen.
    »Bleib sitzen, ich tue dir nichts« sagte er befehlend, »ich will nur ein
Experiment mit dir machen«.
    »Ach«.
    »Es tut dir nicht weh, sei nur ruhig«. Seine Hände begannen Striche auf
ihrer Stirn zu ziehen. »Nein, nicht die Augen schliessen; sieh mich an. Denk an
etwas recht Liebes, zum Beispiel an einen Tag deiner Kindheit. Hörst du? Aber
setz dich bequemer; so«. Er drückte sie leicht in den Stuhl zurück und fuhr
fort, seine Striche zu ziehn.
    »Nun?« fragte er nach einer Weile.
    Sie schwieg. Er wiederholte mit einiger Ungeduld die Frage. Sie flüsterte
etwas.
    »Ich habe dich nicht verstanden« sagte er kurz. In ihrem Gesichte merkte man
die Anspannung ihres Willens.
    »Ich denke daran« hauchte sie.
    »Nun was war da?« Seine Hände bewegten sich gleichmässig über ihrer Stirne.
    »Ich war in Kerners Obstgarten«.
    »In Kerners Obstgarten, so, und was tatest du da?«
    »Ich ass Aepfel«.
    »Aepfel assest du? viele?«
    »O - die so unter den Bäumen herumlagen«.
    »So, so. Rote, weisse?«
    »Ich glaube« ... sie stotterte »es waren rote«.
    »Aha. Und was tatest du dann?«
    »Dann? Wir erhielten Butterbrod und sauere Milch«.
    »Das war gut, wie?«
    »O ja -«
    »Besonders das Butterbrod, nicht? Aber zu dünn geschnitten, du hättest ein
dickeres Stück vorgezogen«.
    »M - ja, es war auch Salz darauf«.
    »Aha«.
    Die Lider waren ihr zugesunken, ihr Atem ging gleichmässig. Paulus neigte
sich tiefer über sie. In seinen Blicken lag beobachtendes Abwarten. »Und du
magst das Salz nicht sehr, nichtwahr?«
    »Nein, besonders das grobkörnige nicht«.
    »Aber das ist seltsam, da sitzt ja ein Hahn auf dem Baum, wie kommt denn der
herauf? Sieh nur«.
    »Ein - Hahn?« sie stockte, dann leiser: »ich sehe keinen«.
    »Da da, sieh nur genau. Er hat rotgelbe Federn; jetzt schlägt er mit den
Flügeln, er will noch höher flattern, nein, sieh nur«.
    »Ich ... sehe nicht«.
    »Aber freilich siehst du, da, schau nur gut hin; du musst ja sehen, du bist
doch nicht blind ... nun?« Seine Stimme klang ungeduldig.
    »Ach, ... ja, jetzt ... jetzt sehe ich ...« kam es stotternd von ihren
Lippen.
    »Glaubst du, dass er höher flattert?«
    »Nein, ich ... glaubs nicht«.
    »Es könnte aber doch sein. O, da regt er schon die Flügel, eins, zwei, drei,
nun ist er auf dem obern Ast«.
    »Und er will noch höher«.
    »Siehst du, er guckt hinauf; ja wenn er aber oben ist, muss er doch wieder
herunter, der dumme Hahn; da schau, wie er sich ratlos umsieht; ah jetzt ist er
erschrocken, da unten steht die Katze, siehst du sie?«
    »Nein -«
    »Wie? Natürlich siehst du sie, schau nur hin«.
    »Ja, ja, ich seh sie schon«.
    »Sie ist grau mit einem weissen Fleck hinterm linken Ohr; glaubst du, dass sie
ihm ein Leid antut?«
    »Nein, das ... nicht, er fliegt ja gut, aber sie klettert doch den Baum
hinauf«.
    »Oh, nun ist sie ihm nahe; schwups, er ist fort; wo denn?«
    »Da am Rasen sitzt er«.
    »Was ist das? Johanne im Schlaf?« Angelus war hereingetreten. Paulus
flüsterte ihm etwas zu und strich Johannes Stirn weiter.
    »Du, sie ist ja errötet, sie schläft nicht«.
    »Das kann auch in der Hypnose vorkommen. Sie hat etwas gesehen, das sie
erschreckt«.
    »Johanne, schläfst du?« fragte Angelus.
    Da zuckten ihre Mienen, sie seufzte tief und setzte sich, mühsam die Augen
öffnend, auf.
    »Ach ich bin so müde«.
    »Siehst du, sie hat doch geschlafen« sagte Paulus. Angelus holte ihr ein
Glas Wasser. Sie nahm ein Schlückchen, verzog aber den Mund.
    »Weisst du, wo du warst?«
    »Nein«.
    »Du hast uns von einem Obstgarten erzählt, in dem ein brauner Hahn auf einem
Baum sass«.
    »So?« sagte sie schüchtern und schlug die Augen nieder, »ich weiss nicht«.
    »Nun, aufs nächste Mal. Sie ist ein gutes Medium, für uns wertvoll«. Er
blickte Angelus an. »Nur muss sie eben noch tüchtig geübt werden. Nach einigen
Versuchen wirds besser gehen, als das erste Mal«.
    Bald darauf kam Johannes zurück.
    Das junge Mädchen schrieb wieder weiter, während er mit Paulus im Esszimmer
weilte.
    »Du solltest doch etwas Geistiges zu dir nehmen« hörte sie Paulus' Stimme
sagen, »du siehst sehr angegriffen aus. Ein Glas Wein -«
    »Lieber zusammenbrechen, als Wein oder Fleisch geniessen. O Paulus, dass du
mir noch immer ähnliches zumuten kannst«. Des Meisters Stimme klang
vorwurfsvoll. Johanne fühlte ihr Herz hochschlagen vor Bewunderung für ihn. Noch
matt von der Sitzung legte sie die Feder aus der Hand und lauschte seiner
Stimme.
    »Glaub mir, Paulus« entgegnete er auf einige Worte seines Schülers, »es ist
nicht alles eins. Fleisch erweckt den Teufel in uns, Fleisch macht uns
blutgierig, erregt unsere Sinne«. - »Einmal - keinmal« hörte sie sagen.
    »Sohn, kein einziges Mal; gerade dieses eine Mal könnte der Satan benützen
-«
    Angelus rückte geräuschvoll den Stuhl zurück und ging zu den Beiden.
    Johanne wunderte sich insgeheim, dass der Meister so grosse Wichtigkeit auf
etwas so Geringfügiges wie das Essen legte. -
 
                                       16
Allmählich wuchs Johanne in ihre neue Stellung hinein.
    Sie lernte manches Nützliche und hörte von Vielem, das sie verblüffte, das
sie aber nicht enträtseln konnte. Sie hörte von Spiritismus, Magnetismus,
Okkultismus, Magie sprechen, ohne auch nur den geringsten Begriff von all diesen
Dingen zu haben. Mit der Zeit nahm sie sich ein Herz und fragte Johannes nach
diesem und jenem. Er erklärte ihr vieles. Er sagte ihr, dass all diese Dinge
Mittel wären, den Menschen die Blindheit zu nehmen und sie sehend zu machen. Er
sagte ihr, dass die Zeit vorüber sei, wo ein alter weissbärtiger Gott im Himmel
sass und Regen und Sonnenschein machte, dass man sich unter Gott mehr als
Menschenform denken müsse, Geist, Willensäusserung, Kraft, die nicht über den
Sternen, sondern in den Sternen regiere. Dass man Gott umso näher trete, je mehr
man sich diese Kraft zu eigen mache und den eigenen Willen sowie den der Anderen
beherrsche. Zu diesem Zweck seien all diese übersinnlichen Manipulationen, die
ihr so unbegreiflich erschienen, nötig. Später würde sie übrigens selbst alles
verstehen, selbst mitwirken in diesen Vorgängen, die sie auf eine höhere Stufe
der Vollendung brächten. Schliesslich sagte er ihr noch, dass die Welt ein kaltes,
graues Loch sei, und nur unser Geist, unsere Vorstellung Leben und Gestalten in
sie hineinzaubere - unser Geist, der allmächtige Gott. Sie, mit ihrer Phantasie
und Liebe zu allem Ungewöhnlichen, war bald ganz für seine Anschauung gewonnen.
Sie war ihm grenzenlos dankbar, dass er sich ihr, dem armen, unbedeutenden
Mädchen so offenbarte und sie in seine schöne Welt hinaufzog. Sie durchschaute
nicht die grosse Klugheit dieser Art Menschen, die wissen, dass die kleinen Kinder
am meisten Geschrei machen, und sich deshalb zuerst an diese mit ihren Lehren
wenden. Hier, im Viertel der »Geringen«, die mit der Welt und ihren Gesetzen
unzufrieden waren, wo die Jugend mit unterdrückten Wünschen und unmöglichen
Zukunftsplänen umherging, fielen alle, selbst die tollsten Verkündigungen auf
fruchtbaren Boden.
    Der Meister scheute es nicht, sich manchmal zu bücken, um eine oder die
andere unbedeutende Menschenpflanze aufzuheben und sie in seinen Garten zu
setzen, wo sie unter seiner Pflege zum mächtigen Baum emporwuchs. Und Johanne
dachte an Angelus, dies blonde, rührende Kind, der mit seinen nackten Füssen und
seinen ehrlichen Augen mehr Reklame für Johannes machte, als es der gefeiertste
Name hätte tun können.
    Paulus wirkte nicht wie der sanfte Bruder. Bei ihm wars der wilde,
unbändige, herrische Mut, der bezwang, jedem Widersacher seiner Ideen zu Leibe
rückte und ihn sich eroberte.
    Man konnte diesen Menschen, der in so rauher Unmittelbarkeit sich gab, nicht
für unehrlich halten. Der Meister war klug gewesen in der Wahl der Beiden. Es
erschienen übrigens die mannigfaltigsten Leute bei ihm: Junge Mädchen, die kaum
der Schule entwachsen waren und den Drang zu Märtyrerinnen in sich zu spüren
meinten, junge Leute, die vom Genuss blasiert waren und nach neuen Erregungen
dürsteten, alte Frauen und Männer, denen vor dem Tode graute und die eine
Lebensversicherungspolice für ihren Astralleib vom Meister begehrten. Er hatte
für alle eine gütige Verheissung, ein aufmunterndes Wort, einen Blick, einen
Händedruck, der sie beruhigte, froh machte.
    Einigen ganz herabgekommenen Leuten half er aus dem Geldschatz, der manchmal
reicher, manchmal spärlicher für ihn einlief. Diese Menschen, die er von
physischem Untergang errettete, waren des Lobes für ihn voll und riefen ihn als
den edelmütigsten Helfer und Menschenfreund aus.
    Und Johannes liess sie schreien und seine Verherrlichung in die Welt tragen.
    Er sah keinen Gott in Christus, aber das Ideal des besten Menschen, dem er
ähnlich werden wollte. Deshalb machte er auch keinen Unterschied im Verkehr mit
den Leuten und scheute sich nicht, tauben Gräfinnen Privatvorträge über
Okkultismus und ähnliches zu halten, junge Mädchen in magnetischen Schlaf zu
versetzen, um sie wenigstens vorübergehend hellsehend zu machen, Eines oder des
Andern Gebreste zu heilen, geliebte Verstorbene herbeizucitieren. (Das war
eigentlich Paulus' Stärke). Johanne sah mit wachsender Ehrfurcht, wie dieser
Mann alles konnte und alles voll immergleicher Würde und Sanftmut tat. Und wenn
sie überlegte, was schliesslich sein Gewinn war? Er lebte wie ein Eremit, ass
Früchte und Gemüse, trank Wasser und ging in einem elenden Wollkleid mit nackten
Füssen herum. Er schlief ohne Matratze. Er hatte kein anderes Bestreben, als
seinen Mitmenschen nützlich zu sein. Johanne betete ihn an. In jedem Augenblick
hätte er ihr Leben fordern können, sie würde es ihm einwandlos hingegeben haben.
Er hatte ihre Seele, die krank geworden war im Schmutz der Welt, wieder
aufgerichtet, ihr den Glauben an die Menschen und ihren eigenen Wert
zurückgegeben.
    Ohne Schmerz hatte sie dem alten Christengott im weissen Bart gekündigt und
war in das mystische Reich der indischen Philosophie hinübergezogen. Es war kalt
dort; es gab keine Musik, keine Engel, keine Festmähler, woran weissgekleidete
Märtyrer teilnahmen; aber man brauchte auch keinem »Herrn« Reverenzen zu machen,
denn im Reiche des »Nichts« war jeder Mensch sein eigener Gott und trug seine
eigene Krone. Freilich, bis man so weit war und sich durch hunderttausend
Verkörperungen durchgearbeitet hatte! Aber immerhin, das Ziel war des Ringens
wert.
    Mit ganzer Inbrunst gab sich Johanne der Lehre ihres Meisters hin. Hier
brauchte sie keinen Argwohn zu haben, keine Enttäuschung zu befürchten. Der Mann
trog nicht. Man brauchte nur einen Blick in das ehrliche, junge Gesicht des
kleinen Angelus zu tun.
 
                                       17
Paulus war triumphierend von Moskau zurückgekehrt. Er brachte eine lange
Namenliste von Personen mit, die der Genossenschaft beigetreten waren und
»Wahrheitssucher und -Finder« werden wollten. Auch Geld und schmeichelhafte
Briefe an den Meister brachte er mit.
    Eines Tages traf es sich, dass er mit Johanne allein war. Angelus und
Johannes waren nach aussen, einige Stationen weit, zu einem Freunde des Meisters
gefahren. Johanne schrieb, während Paulus im Zimmer auf-und niederschritt und
scheinbar über ein tiefes Problem brütete. Plötzlich flog die Tür auf und eine
grosse, schwarzgekleidete Frau trat herein. Johanne stiess einen Schrei aus, liess
die Feder fallen und flüchtete in Paulus' Nähe.
    »Was willst du?« herrschte er die Dame an. Sie richtete ihre dunklen,
unheimlich glühenden Augen auf ihn.
    »Nicht dich. Johannes und Jakob. Wo ist Jakob? Ihr habt mir ihn gestohlen.
Gebt mir ihn wieder«.
    Paulus trat zu ihr, sah ihr in die Augen und legte seine Hand auf ihre
Schulter. Die schwarze Ledertasche, die sie trug, glitt ihr aus den Fingern. Er
hob sie auf, streifte den Ring über ihr Handgelenk und sagte: »Geh
augenblicklich«.
    »Nein«. Sie stampfte mit den Füssen auf. Plötzlich lehnte sie sich an die
Wand und erbleichte. Paulus fasste sie, führte sie hinaus und schloss die Tür ab.
    »Entsetzlich« stammelte Johanne.
    »Was denn?«
    »Die Frau«.
    »Sie ist halb irrsinnig; ich wollte wetten, sie verbarg in der Tasche irgend
eine Waffe, sich oder einen Andern zu töten«.
    »Womit hast du sie plötzlich so ruhig gemacht?«
    »Durch meinen Blick«.
    »Kannst du das wirklich?«
    »Wenn der Andere sich nicht sträubt, ja«.
    »Dann ists ja keine Kunst« wagte Johanne einzuwerfen; »wenn er sich aber
sträubt.«
    »In den meisten Fällen auch dann, du weissts ja von dir selbst«.
    »Ach ja, damals ...« sie senkte die Augen und fuhr verwirrt fort: »Wer war
die Unglückliche?«
    »Eine Frau, die sich von ihrem Mann scheiden liess, um Jakob zu heiraten. Sie
gingen eine zeitlang zusammen, - er war damals noch keiner der Unseren - da
erkannte er, dass sie nicht zu ihm tauge. Ein echter Wahrheitssucher lässt sich
nicht durch Fesseln erniedrigen. Was braucht er die Ehe; jedes Weib ist sein,
das er sich wünscht; im Geiste natürlich«, setzte er trocken hinzu. »Wir halfen
ihm, sich von ihr loszulösen. Seiter hasst sie uns«.
    Johanne schlich nach der Tür, schloss sie auf und sah vorsichtig hinaus. Die
Frau war verschwunden.
    »Die Arme« hauchte das junge Mädchen. Paulus fixierte sie.
    »Du redest recht töricht. Es gibt Menschen, die zur Finsternis bestimmt
sind, wie andere zum Licht. Man soll kein Mitleid mit solchen haben«.
    »Du bist hart«.
    Johanne setzte sich in den Armsessel am Schreibtisch. Ihre Lippen zitterten.
    »Warum bist du so aufgeregt?« fragte er. »Deine Pupillen sind ganz gross und
starr. -« Er näherte sich ihr. »Ich glaube, augenblicklich wärst du - willst du
eine Sekunde dich zurücklehnen und dich bemühen, an nichts zu denken?«
    Er brachte seine Hände an ihre Stirn und sah sie an. Sie spürte die Säume
seiner weiten Aermel auf ihren Schläfen. Sie brannten sie förmlich; sie fühlte,
wie ihr alles Blut nach dem Herzen schoss; dann schloss sie die Augen. Mein Gott,
wenn nur Jemand käme, war ihr letzter Gedanke; dann schwand ihr für einen
Augenblick das Bewusstsein.
    Paulus neigte sich über sie und presste einen wahnsinnigen Kuss auf ihre
Lippen. Sie hatte die Empfindung der Menschen, denen ein Amputeur den nackten
Knochen berührt. Sie wagte nicht, sich zu bewegen. Was er wohl weiter tun
mochte? Er war einige Minuten ganz still, dann sagte er, und sie fühlte, wie er
seine Hände von ihrer Stirne zurückzog:
    »Johanne, ich befehle dir, erwache«.
    Sie schlug die Wimpern auf.
    »Hast du geträumt?« fragte er und blickte ihr in die Augen.
    Sie sah ihn entsetzt an. Seine Brauen wulsteten sich. »Warum willst du es
leugnen? Du bist unwahr, du schrakst auf. Was sahest du? Gestehe«.
    »Mir war, als hättest du mich -« sie stockte.
    »Was?« herrschte er sie an.
    »Geküsst«.
    Er lachte. Zum ersten Mal sah sie ihn lachen.
    »Du Närrin, nein, du bist wirklich zu kindisch; man kann in der Tat mit dir
noch nichts anfangen. Ich befahl dir doch, du solltest an nichts denken, und nun
dachtest du während des Einschlafens das Dümmste. Nun«.
    Er verliess sie achselzuckend.
    Sie legte den Kopf in die Hände.
    Mein Gott, das war kein Traum, keine Einbildung. Sie fühlte noch das Mark in
sich schauern bei der Berührung seiner Lippen. So lebendig kann kein Traum
wirken. Wenn es aber kein Traum war, dann, dann war er ein Betrüger, ein Lügner:
Er, der Schüler des Meisters. Konnte dieser eine solche Brut grossgezogen haben,
er der Ehrliche, Kindliche? Oder wäre - nein, nein, er war ehrlich, rein, gross.
Was konnte er dafür, wenn sich unter seinen Jüngern ein Judas befand?
    Mein Gott, er musste ja ehrlich sein. Ihre Seele war verloren, wenn auch
dieser Glaube sich als falsch erwies. Wenn sie auch diesen Halt verlor! Nein,
nein! ... Sie faltete zitternd die Hände; dann wandte sie sich wieder ihrer
Schreiberei zu. Er würde ja noch vor Abend zurücksein. Dann wollte sie ihm alles
mitteilen, alles ... Später kamen mehrere Personen, die Johannes suchten. Zur
Essenszeit war er da. Er machte ein sehr heiteres, vergnügtes Gesicht und war
während der Mahlzeit redseliger als sonst. Nach Tisch zog er sich, wie immer,
für eine Stunde auf sein Zimmer zurück. Johanne war des Glaubens, er schliefe
ein wenig. Sie kannte seine Milde. Er würde ihr sicher vergeben, wenn sie einmal
seinen Schlummer störte. Sie wartete ein Weilchen - Paulus und Angelus waren in
freundschaftlichen Streit über irgend etwas entbrannt - entfernte sich leise,
pochte schüchtern an Johannes' Tür und trat ein. Der Meister sass vor einem
gebratenen Hühnchen und zerlegte sich eben den einen Flügel. Vor ihm auf dem
Tische stand eine Flasche Wein und ein Glas.
    »Johanne« fuhr er bei ihrem Eintritt bestürzt auf; dann lächelte er gleich.
»Siehe, wozu mich heute der Gehorsam verdammt. Mein Arzt befahl mir, dies
Gericht einzunehmen, das ich so sehr verabscheue«.
    Was ging sie an, was er ass?
    »Ach, Meister!« rief sie, vor ihm auf die Kniee sinkend, »was kümmert mich
deine Nahrung? Sag mir lieber, was ich in meiner Verzweiflung denken soll«.
    Er schob den Teller zurück und legte die Hand auf ihr Haupt.
    »Was hast du denn, Kind?«
    »Erstens hab ich mich der Lüge vor dir anzuklagen. Paulus wollte mich vor
einiger Zeit in magnetischen Schlaf versetzen. Er wurde zornig, als ich ihm
einige Male bei seinen Voraussetzungen nicht recht gab, zuletzt log ich, um
seine Zufriedenheit zu erhalten. Ich behauptete, Dinge zu sehen, von denen ich
keine Spur sah«.
    »Ist das alles?« fragte Johannes.
    »Dann glaube ich nicht im mindesten, dass ein Mensch einen andern bewusstlos
machen könne und -«
    »Das ist dumm von dir« unterbrach sie Johannes. »Zufällig trifft sichs, dass
heute Abend im Verein Seele Sitzung ist. - Wir wollen alle hingehen. Ich will
auch dich mitnehmen. Du wirst dich überzeugen, dass jemand in Trance zu bringen,
etwas durchaus gewöhnliches ist, was alle Tage vorkommt und von dem kühlsten
Skeptiker nicht mehr angezweifelt wird«.
    »Ich bitte dich, nimm mich nur gewiss mit« bat sie mit glänzenden Augen.
    »Was hast du sonst noch?« fragte er.
    »Paulus - ach -«
    »Nur weiter, weiter« drängte er mit leiser Ungeduld.
    »Paulus hat mich vorhin, als du fortwarst, einschläfern wollen. Aber es
gelang ihm nicht. Er -«
    »Nun?«
    »Er aber glaubte, es sei ihm gelungen, und -«
    »Und?«
    »Küsste mich«.
    Einen Augenblick schwieg Johannes, ohne eine Miene seines Gesichtes zu
verziehen, dann sagte er ruhig: »Du hast geträumt, Kind, sicher. Ich kenne
Paulus zu gut. Ihm ist jedes Mädchen gleichgültig, er hat keinen andern
Gedanken, als unserer Sache zu dienen. Glaub es mir. Du warst aufgeregt und hast
geträumt«.
    Er sah sie überzeugt an, dass ihr gesunder Verstand zu wanken anfing und sie
langsam an die Möglichkeit eines Irrtums von ihrer Seite zu glauben begann.
    Still schritt sie ins Arbeitszimmer zurück.
    »Warst du bei Johannes« fragte Angelus erregt.
    Sie bejahte.
    »Das darfst du nie wieder« sagte er eifrig. »Der Meister schläft um diese
Zeit, und verbot uns, ihn da zu stören«.
    »Ich wills nicht wieder tun« sagte sie kurz, »aber geschlafen hat er
nicht«.
    Sie wusste nicht warum, sie spürte einen galligen Geschmack auf der Zunge und
kalte Schauer gingen ihren Rücken hinab. Später kam Johannes und arbeitete mit
ihr. Angelus rechnete wie gewöhnlich und Paulus ging ab und zu.
    Einmal entfernte er sich, von Johannes gefolgt. Nach einer Weile kehrten
beide mit ruhigen Gesichtern wieder zurück. Aber auf Paulus' braunen Wangen
dünkte Johanne einen Schimmer von Röte zu entdecken.
    Nach dem Abendessen ging sie mit Johannes nach der in ihrer Nähe gelegenen
Strasse, in der der Verein »Seele« sein Lokal hatte.
    Paulus und Angelus waren vorausgegangen.
    »Wir vermeiden es« bemerkte Johannes, »öffentlich miteinander auszugehen;
mehrere von uns erregen Aufsehen, einer verliert sich leichter im
Strassengedränge«. Trotzdem zog er die Blicke der Leute mächtig an und fast jeder
Vorübergehende blieb stehen und sah dem seltsam gekleideten Manne nach. Sie
hatten bald das Haus erreicht.
    »Nun pass auf, habe keine widerstrebenden Gedanken und warte bis die Sitzung
beendet ist, ich will dich wieder hinausbringen« sagte er und öffnete Johanne
die Tür des Saales. »Geh auf die andere Seite« fügte er hinzu, nach den
Stuhlreihen rechts deutend, während er selbst zu seinen beiden Schülern schritt.
    Es dauerte lange, bevor die Sitzung begann. Johanne sah sich indessen etwas
im Saale um.
    Es waren etwa zwei- bis dreihundert Menschen anwesend, meist jüngere Leute,
dunkel gekleidet. Man sah, keiner wollte die Aufmerksamkeit auf sich lenken,
jeder wünschte den Vorgängen auf dem Podium möglichst zu folgen. Johanne
bemerkte, dass alle diese Menschen eine grünlich fahle Gesichtsfarbe hatten, dass
alle, wie sie sich in ihrer Naivität zurechtlegte, »unausgeschlafen« aussahen.
Das mochte wohl von der Wucht der Ideen herrühren bei diesen Auserwählten, die
die Tore anderer Welten sich zu öffnen bemühten. Und das junge Mädchen spähte
in diesen Gesichtern nach den Charakteren, deren Larven sie waren. Aber jemehr
sie Umschau hielt, umso krampfhafter zog sich ihr Herz zusammen. Diese
ausgehöhlten Wangen, diese eingesunkenen, glanzlosen, trüben Augen, diese Münder
mit ihren schlaffen Winkeln, ihrer blassen Farbe, von erhebenden Erfahrungen
redeten die nicht. Schöne reine Visionen mussten doch hell und stolz auf die
Mienen wirken. Diese Menschen da sahen aus, als wühlten sie in Verwesung, als
verzerre ein Krampf ihre Muskeln. Sie hatten alle etwas Nächtliches an sich,
etwas Scheues, Geducktes, Unehrliches. Und Johanne schien plötzlich, als ginge
ein Modergeruch von ihnen aus; eine faulige Süsse schwamm in der Luft, ein
krankes, heisses, fieberndes Begehren nach einer Erfüllung, die sie in der realen
Welt des Genusses nicht mehr fanden. Der Atem wurde ihr schwer; es schien ihr,
als stünden lauter glotzende Ungeheuer um sie herum und erwarteten ein
unerhörtes Etwas, von dem sie sich keine Vorstellung machen konnte.
    In diesem Augenblick trat ein Mann auf das Podium und verkündete, dass Miss
Lanster, das Medium, keine Sitzung halten könne, sie fühle sich noch von der
letzten her zu angegriffen. Er würde statt dessen einen Vortrag halten, mit dem
die geehrte Gesellschaft heute fürlieb nehmen müsse. Er würde über das
Geschlechtsleben der Geister reden.
    Der Mann besass eine zurückweichende Stirn, harte, an den Schläfen
hinaufgezogene Brauen und eine heisere Flüsterstimme. Die Anwesenden, um ihre
Erwartungen für den heutigen Abend gebracht, murmelten einen Augenblick unter
sich, dann spannten sich ihre Mienen; sie setzten sich auf ihren Stühlen zurecht
und beugten sich nach vorn, um dem Redner zu lauschen.
    »Das Geschlechtsleben, liebe Damen und Herren« begann der Vortragende, da
erhob sich Johanne, und ohne nach rechts oder links zu blicken, verliess sie den
Saal. Draussen schöpfte sie tief Atem. Und die - diese kranken, blassen,
verkommenen Gestalten sollten mit den Geistern Anderer verkehren können? diesen
Ohren sollten sich die Chöre himmlischer Sphären mitteilen? diesen neugierigen,
hungrigen, trüben Augen die heiligen Bürger des Totenreiches sich entüllen? Das
glaub ich einfach nicht, sagte sich Johanne. Warum sah sie nicht einen Gesunden
unter ihnen? Warum nicht Männer und Frauen mit freien Stirnen und klugen,
ehrlichen Augen? Warum diese Spitalgestalten mit ihren fahlen, ungesunden
Farben? Wenn das gesund wäre, was sie hier erlebten, könnten sie dann davon
erkranken? Nein, gesunde Menschen konnten diese Erfahrungen nicht machen. Man
muss krank dazu sein, unwahr.
    Sie lief in die kühle Märznacht hinaus. Und plötzlich überkam sies: wie,
wenn auch er ein Unehrlicher wäre? Wenn seine Lehren andern Absichten dienten,
als er vorgab?
    Mit müdem Gesicht erschien sie am nächsten Tag im Bureau. Auf Johannes'
Frage, warum sie gestern so plötzlich verschwunden sei, gab sie an, sich unwohl
gefühlt zu haben. Er betrachtete sie mit prüfenden Augen.
    »In der Tat, du siehst elend aus. Vielleicht strengt dich das Schreiben zu
sehr an, die ungewohnte Kost -«
    »Ach Meister« lächelte sie schwach, »das alles macht mich nicht krank. Lass
nur«.
    »Ich will dir etwas sagen« meinte er freundlich, »gehe du jeden Tag nach
Tisch eine Stunde spazieren. Hier in der Nähe liegt der botanische Garten, laufe
ein bisschen drinnen herum; ich wünsche, dass du es tust«.
    Sie fühlte sich gerührt über seine Güte. »Ja denn, wenn dus wünschest, will
ichs tun« sagte sie. Dann sprachen sie nicht weiter darüber. Sie schrieb einen
Aufsatz für ihn ins Reine, er sah sie dann und wann von der Seite an. Es wäre
ihm peinlich gewesen, dieses junge, brave, ehrliche Mädchen, das ihn wie einen
Gott verehrte, so genügsam, so fleissig, so anspruchslos war, zu verlieren.
    Nach einer Weile sagte er:
    »Uebermorgen Abend halte ich in den Sälen von Sommers Brauerei einen Vortrag
über die Rückkehr zur Natur. Es wird mich freuen, dich in der ersten Reihe zu
erblicken«.
    Sie dankte ihm für seine Einladung. Endlich würde sie ihn vor versammeltem
Volke reden hören, endlich den Mut bewundern dürfen, mit dem er seine
Anschauungen vor der Welt vertrat. Sie brannte vor Ungeduld. Sie bat ihm im
Stillen ab, dass sie einen Augenblick den Schatten eines Zweifels an der
Lauterkeit seiner Bestrebungen in sich hatte auftauchen lassen; er war doch der
gütigste, reinste, herrlichste Mensch von allen. Sie gehorchte seiner Weisung
schon heute und trieb sich ein halbes Stündchen draussen umher.
    »Siehst du« sagte er als sie widerkam, »deine Wangen haben schon Farbe
erhalten«. Sie lächelte. Vom Spazierengehen sicher nicht. Aber durfte sie ihm
sagen wovon? Am liebsten hätte sie ihr Haupt auf seine Füsse gedrückt und
gestanden: weil ich meinen Zweifel gegen dich überwunden habe, mein Herr und
Meister.
    Am übernächsten Abend ging sie hochklopfenden Herzens nach den Sälen der
Brauerei. Er, Angelus und Paulus waren schon eine Stunde vorher hingegangen.
    Als sie eintrat, sah sie an der Tür Angelus vor einem grossen Tisch sitzen,
der mit Stössen von Bildern des Meisters bedeckt war.
    »Was machst du da?« fragte sie überrascht.
    »Ich verkaufe sein Bild; das Stück für zehn Pfennig«. Seine Augen leuchteten
glücklich.
    Johanne entgegnete nichts und ging nach vorn.
    Sie fand kaum ein Plätzchen mehr in der fünften Bankreihe. Der grosse Saal
war gedrängt voll Menschen. Und in jedem Augenblick kamen noch neue Gruppen
gezogen. Endlich erschien Johannes.
    Seine Blicke glänzten; er schien schlanker, blasser, magerer als sonst. Sein
schlichtes Christushaar fiel lang auf die Schultern herab. Er begann zu
sprechen. Leise, fast zaghaft, voll demütiger Bescheidenheit. »Ich spreche zu
den Armen, Unglücklichen, zu den Stiefkindern dessen, was die Welt Glück nennt.
Je verachteter Einer unter euch hier ist, umso heisser umarmt ihn meine Seele als
Bruder, umso mehr Anrecht besitzt er auf meinen Rat, auf meine Liebe«. Seine
Augen überflogen das Publikum. Es waren meist Leute aus dem Arbeiterstande. Sehr
viele Frauen. Auch Einige, die dichte Schleier verhüllten. Aber die Mehrzahl
bildete das unruhige, nach Besserung seiner geistigen und physischen Lage
hungernde Element des vierten Standes. Die Frauen waren andächtig wie in der
Kirche. Manche hatten Tränen in den Augen. Der blosse Anblick dieses frierend
aussehenden Christusmannes mit den nackten Füssen und dem edlen blassen Gesicht
ergriff sie schon.
    Er wolle ihnen allen helfen, sagte er. Seine Rede war nicht geistreich,
wirkte aber durch ihre Herzenswärme und die ungeheuer kluge Einfalt sehr
packend.
    Es war eine Rede, genau wie diese Leute sie brauchten. »Ich könnte es besser
haben« sagte er unter anderm, »aber ich will nicht. Ihr darbt, warum soll ein
Bruder von euch schwelgen? Freilich, es tun dies Hunderttausende, aber die -
Herr verzeih ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun - die kennen nicht euer
Elend, euere Notlage. Sie würden sonst weinen und euch helfen, wo sie können,
glaubt mir das. Ich aber will von Haus zu Haus gehen und an die Herzen der
Mächtigen, an die Herzen derer pochen, die bei den Gesetzen mitzusprechen haben.
    Ich will meine Schüler in alle vier Winde aussenden, dass sie die Lehren von
der Liebe aussäen«. In diesem Tone gings fort. »Ich selbst bin ja ein Armer,
gleich euch. Ich habe nichts, was ich mein nenne. Ich wünsche auch nichts, als
der guten Sache zu dienen, möge ich selbst im Dunkel vergehen«.
    Und warum lässt du hundertweise deine Bilder verkaufen? Wie darfst du das
zulassen, wenn du so demütig, so bescheiden bist? riefs in Johanne. Sie horchte
nur noch halb hin. Sie wäre ihm am liebsten mitten hineingefahren in seine Rede,
um ihm dies und jenes vorzuhalten, was ihr missfiel. Sie vernahm ein grosses
lindes Schmeicheln aus seinen Worten heraus, das sie verdross. Er warb um den
Beifall dieser Menschen. Und Christus hatte sie doch mit Stricken
hinausgetrieben, die ihm nicht gefielen. Sollten diese Leute hier, die er so
demütig anredete, wirklich lauter Auserwählte sein?
    Johanne atmete erleichtert auf, als der Vortrag beendet war, der übrigens
nicht das aufgestellte Programm einhielt. Ueber die Rückkehr zur Natur war kein
Wort gefallen.
    Das laute Beifallsgeschrei am Schluss der Rede zeigte, dass er den Geschmack
der Leute getroffen hatte.
    Als Johanne zum Ausgang gelangte, standen Dutzende von Menschen um den Tisch
und kauften die Bilder des Meisters. Angelus strich das Geld lächelnd in die
Lade.
    »Ist das ein süsser, kleiner Kerl« hörte sie eine ältere Frau zu einer
anderen sagen. Sie wandte den Kopf weg und trat, so rasch sie konnte, hinaus.
    Vor der Tür draussen stand Paulus, eine Sammelbüchse in der Hand. Zur
Erhaltung des Heims unseres Meisters stand darauf.
    Paulus mit seiner finster abweisenden, herben Miene sah aus wie ein
enttronter Herrscher. Die Weiblein starrten ihn an und liessen, je nach ihren
Vermögensverhältnissen, einige Geldmünzen in die Blechbüchse in seiner Hand
gleiten.
    Mit brennenden Wangen eilte Johanne nach Hause. Auf ihrem Bettrande sass sie
lange Stunden und grübelte vor sich hin. Ihre Brauen waren schmerzhaft
zusammengezogen. - - - -
 
                                       18
»Wie gefiels dir gestern?« fragte Johannes sie am nächsten Tag in seiner
gewohnten gütigen Weise.
    »Deine Rede war mir zu weich, aber am meisten verdross mich der Bilderverkauf
und die - Sammelbüchse. Du forderst ja die Wahrheit, Meister«. Sie sah ihn mit
Augen an, in denen Tränen zitterten.
    Er lächelte gutmütig, scheinbar ohne sich im mindesten über ihre Offenheit
zu ärgern.
    »Das alles verstehst du nicht, Kind. Aber ich danke dir für deine
Offenheit«.
    Sie senkte den Kopf. Diese Demut seiner Worte ergriff sie wieder. War sie
abermals gegen den Gerechten ungerecht gewesen? O, ihr Kopf schmerzte von all
dem Denken und Grübeln. Ihr Herz zwang sie beständig vor ihn auf die Kniee, aber
der Verstand, der kalte, unerbittliche Richter! .....
    Bei Tisch sagte Johannes:
    »Warum sprichst du nicht mehr mit Johanne, Paulus? Habt ihr Streit mit
einander gehabt? Kinder, Kinder!«
    Paulus schüttelte den Kopf.
    »Ich habe nichts gegen dich, Johanne«.
    Er sah sie kalt an, und doch fühlte sie ein unbestimmtes Lodern aus seinem
Wesen.
    »Auch ich bin dir nicht böse« erwiderte sie ihm ruhig.
    Nach dem Essen ging sie ihren kleinen Spaziergang zu machen. Als sie
wiederkam und eintrat, stockte ihr der Atem vor Bestürzung.
    Auf einem Stuhl, Johannes gegenüber, sass - Schüler. Paulus und Angelus,
leicht aneinander gelehnt, standen neben ihrem Meister. Angelus' Augen hingen
mit fast zärtlichem Blick an Schülers Lippen. Johanne war einen Augenblick wie
gelähmt; dann grüsste sie leicht, und liess sich, ohne Hut und Jäckchen abzulegen,
am Schreibtisch nieder. Ihre Pulse hämmerten. Mechanisch schlug sie eine
Schreibmappe auf und tat, als suche sie etwas.
    »Wie gesagt« fuhr Johannes weiter fort, »wenn Sie das nicht anficht, ist
nichts im Wege, dass Sie einer der Unseren werden«.
    »Wie sollte mich der Hohn der Plebs bekümmern, Meister? Verspottet sie nicht
alles Hohe, Ernste, was über ihren niedern Horizont hinausreicht?« Schüler sah
leicht nach der zusammengekauerten Gestalt am Schreibtisch hinüber, und fügte
hinzu: »Was meine Bekanntschaft in andern Städten betrifft, muss ich sagen, dass
sie sich meist auf die oberen Zehntausend erstreckt. Aber das wird Sie nicht
hindern, mich zu ermächtigen, für Ihre gute Sache Propaganda zu machen. Das
Volk« er lachte, »das Volk steckt man ja leicht in die Tasche; zu fürchten sind
nur die kritischen Kreise. Und wie gesagt, ich habe Freunde im Reichstag,
tüchtige Redner; wenn so einer mal Ihre Ideen ernstaft anpackte und unter die
Leute brächte, wissen Sie, das zöge. So einer gilt als nichts weniger, dem als
Schwärmer; den hält man nüchterner Beurteilung fähig«.
    »Das wäre allerdings sehr fördernd für uns« meinte Johannes, »nur - ich kann
so wenig - Ihre Mühe vergüten, Herr Schüler -«
    »Aber, lieber Meister« Schüler machte eine abwehrende Handbewegung, »ich
wiederhole Ihnen ja, der angebotene Gehalt genügt mir einstweilen. Und - was ich
sagen will, wünschen Sie im Interesse Ihrer Sache, dass ich - eh -« er lächelte
ein wenig - »gekleidet gehe wie Sie?«
    »Darüber will ich noch nachdenken« bemerkte Johannes.
    »Schön; dann erlaube ich mir also, in diesen Tagen vorzusprechen, um
dieselbe Stunde, nichtwahr?« Er erhob sich rasch, verbeugte sich tief vor
Johannes und schüttelte Paulus und Angelus die Hand. Dann schritt er, ohne
rechts oder links zu sehen, hinaus.
    Mit einer heftigen Bewegung war Johanne vom Schreibtisch aufgesprungen und
ihm nachgeeilt. Auf der Treppe erreichte sie ihn.
    »Was soll das?« Ihre Lippen zitterten. »Sie lügen und beschwindeln diese
Menschen. Das kann ich nicht zugeben. Ich stehe in den Diensten dieses Mannes.
Seine Interessen sind auch die meinen«.
    »Aber zum Teufel - vor allem bleibe ich nicht hier auf der Treppe stehen -«
    »Nein, ich gehe mit Ihnen« sagte sie fest. Sie schritten zusammen hinab. Auf
der Strasse bohrte sie ihre Augen in die seinen. »Also stehen Sie mir Rede,
weshalb wollen Sie diesen Mann, der Ihnen sicher nichts Böses zugefügt hat,
betrügen? Sie bieten sich ihm als Träger seiner Ideen an, als seinen Herold,
Sie!«
    Aus ihren Worten klang unsägliche Geringschätzung.
    Schüler drehte nervös die Enden seines Schnurrbarts zwischen den Fingern.
    »Vor allem, schreien Sie nicht so laut; die Leute bleiben stehen. Dann sagen
Sie mir: sind Sie verrückt, oder mit welchem Recht mischen Sie sich eigentlich
in meine Angelegenheiten?«
    »Ich sagte Ihnen ja schon, dass ich in Diensten dieses Mannes stehe, dass ich
ihn hochschätze, er mir heilig ist -«
    »Ja, ja, ja, das ist alles recht, das geht mich ja nicht im mindesten etwas
an«.
    »Und dass ich es nicht dulden werde, dass Sie ihn irreführen«.
    »Wer will ihn denn irreführen, alle Wetter«. Schüler blieb stehen; seine
Brauen furchten sich zornig. »Er ist ein bekannter Schwindler, der, zu faul zum
Arbeiten, sich aufs Komödiespielen verlegt. Er weiss, dass die Welt heute nach
Neuem hungrig und jeder Gaukler und Taschenspieler ihr willkommen ist. Er nützt
das aus. Er hat ganz recht; ich würde es auch so machen wie er, wenn ich schon
früher auf die gute Idee gekommen wäre, einen Heiligen zu spielen«.
    »Es ist nicht wahr, was Sie sagen« rief Johanne ungestüm, »der Mann glaubt,
was er lehrt«.
    »Aber so lassen Sie sich doch nicht -« Der Redakteur lachte hell auf. »Er
glaubt kein Wort von dem Schwefel, den er predigt. Für so dumm dürfen Sie ihn
nicht halten; das hiesse, ihn wirklich beleidigen. Uebrigens sass er bereits
zweimal im Gefängnis wegen Erbschleicherei, - er versucht sich auf allen
möglichen Gebieten, natürlich immer in der Maske des Christus, das versteht sich
von selbst. Auch Paulus, der schöne, junge Ritter, sass etliche male. Er hat mit
verschiedenen Medien, die er hypnotisierte, unerlaubte Dinge getrieben. Na,
Fräulein Johanne, Sie schütteln sich, ich kann Ihnen versichern, die
Gesellschaft ist nicht sauberer als ich - vielleicht den kleinen Angelus
ausgenommen, den er noch nicht ganz eingeweiht hat. Vor kurzer Zeit noch hätte
ich mich für viel zu gut gehalten, mit diesen Leuten in Verbindung zu treten,
aber augenblicklich stehe ich vor de rien. Meine Stellung an der Zeitung ist mir
gekündigt worden, meine Möbel sind verkauft. Dass meine Frau mit Babinsky
durchging, werden Sie wohl längst erfahren haben -«
    Johanne blieb stehen und schlug stumm die Hände zusammen.
    »Mir bleibt nichts übrig, als einen Verdienst zu suchen, wo ich ihn finde«.
    Er nahm den Hut von der feuchtgewordenen Stirn.
    »Aber trotzdem, weiss Johannes wer Sie sind?« hauchte Johanne totenbleich.
    »Natürlich, natürlich, weiss ers; er kennt mich ja schon längst. Glauben Sie
mir, er weiss auch, dass ich ihn ganz kenne, deshalb stellt er sich so fügsam an.
Er macht mir auch den Schwindel des Dusagens nicht vor, wie Sie bemerkt haben
werden, er -«
    »Ich danke Ihnen« sagte das junge Mädchen plötzlich, wandte sich kurz um und
ging in das Bureau zurück. Johannes schrieb; Angelus las. Paulus war abwesend.
    »Meister« sagte Johanne mit einer ihr selbst fremden Stimme, »hüte dich vor
dem Mann, der da eben von dir ging; er ist dir nicht gut«.
    »Wieso?« Johannes Augen blickten sie scharf an. »Woher weisst du das?«
    »Er sagte mir Dinge von dir, die nicht wahr sein können, nicht wahr sein
dürfen« schrie das junge Mädchen auf, seine Hände wie im Fieber ergreifend.
»Hörst du Johannes, jag ihn fort, wenn er wiederkommt«.
    »Ich verstehe dich nicht«. Er erhob sie würdevoll. »Was meinst du? Fasse
dich vor allem«.
    Angelus trat erschrocken zu den Beiden.
    »Er sagt, du seist ein Gaukler, der nicht glaubt, was er lehrt«.
    »Bah« Johannes lächelte schwach. »Du weisst doch längst, dass ich Feinde
habe«.
    »Gut, aber bediensten, bei dir bediensten wirst du doch einen solchen nicht«
.....
    »Gerade« sagte er ruhig.
    »Nein, du wirsts nicht« rief sie in Tränen ausbrechend.
    »Das ist meine Sache, denk ich -«
    »Nein, das ist aller Sache, die sich für deine Ideen interessieren«.
    »Johanne, du wirst anmassend«.
    »Fürchtest du ihn?« brach es verzweifelt aus ihr, »bangt dir vor ihm? Tust
du deshalb wie er will«.
    Da trafen sie zwei Blitze aus seinen Augen, und eine jähe, brennende Röte
ergoss sich über sein Gesicht.
    »Gehe«.
    Er wandte sich ab.
    »Johannes, beim lebendigen Gott, du ahnst nicht, was du an einer
Menschenseele verbrichst, wenn du mich im Glauben an die Wahrheit der Worte
dieses Schurken lässt«.
    »Dieser Mann ist kein Schurke, er ist mein Freund; und übrigens« - er drehte
sich blitzschnell nach ihr um, »entfernen Sie sich gefälligst sofort, aber
sofort«. Seine Züge waren von wildem Zorn verzerrt. Angelus fiel vor ihm auf die
Kniee und suchte seine Hände zu fassen.
    Johanne schritt hinaus.
    Sie spürte ein kaltes Gefühl im Rücken; sonst meinte sie sich ganz wohl zu
fühlen. Ich kann ja noch lesen, sagte sie sich auf der Strasse, die Namen der
Ladenschilder buchstabierend. Ich lebe noch. Das ist die Kasernengasse und dort
biegt die Strasse ein, in der ich wohne. Der Schlag hat mich also nicht
getroffen, denn ich habe noch meine Sinne beisammen. Mit festen Schritten stieg
sie ihre vier Treppen hinauf, öffnete ihr Stübchen und liess sich an dem
hölzernen Tisch nieder. Sie stützte den Kopf in die Hände.
    Ja, Johanne, Johanne Grün, aber mein Gott! Mit einemmale wurde ihr
unheimlich zu Mut; sie sprang auf und eilte zu der alten Blumenmacherin hinüber.
    »Herr je, haben Sie kalte Hände« sagte das Mädchen, das den feinen Draht
weggelegt und Johannes Rechte ergriffen hatte.
    »Eine Wasserrosenguirlande« murmelte Johanne, die Blumen, an denen die
Arbeiterin beschäftigt war, mechanisch betrachtend. »Wirklich hübsch, ich liebe
sehr diese Blumen; bei uns zu Hause, auf dem kleinen See im Walde, gabs ihrer
genug. Ach, die Welt ist doch toll, Marie, nicht? Aber wissen Sie, ich werde
wieder gehen; ich geh zu Bett, es ist mir zu kalt. Wir haben ja auch erst März,
da darfs einen schon frieren, ohne dass man sich dessen zu schämen braucht,
nicht?« Mit gebeugtem Kopf schritt sie hinaus, gefolgt von den erstaunten
Blicken der Anderen.
    In ihrem Stübchen begann sie sich auszukleiden; plötzlich fuhr sie sich an
die Stirne, zog die abgestreiften Kleider wieder an und eilte fort. Auf der
Strasse sahen ihr die Leute nach. Sie lief lange, beinahe dreiviertel Stunden.
Mit dem Instinkt der Trunkenen fand sie die Strasse, die sie suchte, die Nummer,
von der sie in früheren Zeiten viel hatte reden hören.
    Sie rannte die Treppe hinauf, klingelte an einer Tür, nannte der öffnenden
Frau ihren Namen und trat ein.
 
                                       19
»Johanne!« rief Lohringer, »ists möglich? Erlebe ich es, oder träumt mir?«
    »Sie erleben es« sagte sie und liess sich in einen Sessel fallen.
    »Was ist Ihnen geschehen?« Er trat zu ihr und ergriff ihre beiden Hände.
    »Ninive hat mir eben den letzten Gnadenstoss gegeben«.
    Bis so weit reichte ihre erzwungene Fassung. Dann sank sie zurück. Er sprang
nach Wasser, rieb ihr die Schläfen ein, und hauchte auf ihre eiskalten Hände.
    Endlich schlug sie die Augen auf. Und jetzt brach ein heisses Schluchzen aus
ihr.
    Lohringer hatte viele Frauen weinen sehen, aber das hatte er noch nicht
erlebt. Hier schien ein Herz in Tränen zu schmelzen.
    Er schritt ganz blass im Zimmer auf und nieder, während sie weinte, weinte,
weinte.
    Endlich setzte er sich, mit dem Rücken gegen sie, in eine Zimmerecke und sass
so, wie ihm schien, eine Stunde lang. Sie weinte noch immer. Da stand er auf,
trat zu ihr und sagte: »Aber zum Donnerwetter, jetzt ists genug«. Er fasste ihren
Kopf zwischen seine beiden Hände und sah ihr in die hochroten, verschwollenen
Augen. »So gross ist das Unglück nicht, Johanne, glauben Sie doch. Mit zwanzig
Jahren. Ich bitte Sie! Sie werden sich schon wiederfinden«.
    Sie fuhr auf. »Ich mich finden? Ich habe mich ja garnicht verloren,
Lohringer«.
    »Na was zum Teufel flennen Sie denn?«
    Er liess ihren Kopf los und begann wieder im Zimmer auf und nieder zu
schreiten.
    »Was haben Sie denn, Johanne? Sie sind doch ein so vernünftiges Mädchen. Ein
liebes Mädchen! Weiss Gott, Sie waren mir immer wert; ein paarmal war ich schon
nahe daran, es Ihnen zu sagen. Aber Sie waren ja damals so riesig dumm. Glaubten
immer, ich hätte einen Schwarm für Frau Schüler. Und mich dauerte das kleine
Geschöpf nur, weil sie einen Schuft zum Mann hatte und weil - ich nicht erwidern
konnte, was sie für mich fühlte. Mit der Zeit hat sies auch gemerkt, trotzdem
ich für sie tat, was ich konnte. Aus Trotz ist sie mit Babinsky, der in der
letzten Zeit viel bei ihnen verkehrte, durchgegangen. Und wo waren Sie,
Johanne?« fragte er sich unterbrechend und blieb vor ihr stehen.
    Sie erwiderte eine Weile nichts, dann: »Kennen Sie Meister Johannes?«
    »Den grossen Erzgauner, der sich für den Propheten Elias oder sonst wen
ausgibt? Na und ob. Wer kennt den nicht hier? Was ist mit ihm?«
    »Ich war bei ihm als Sekretärin angestellt«.
    »O, Sie Aermste«. Weiter sagte er nichts. Dann holte er eine Flasche und
zwei Gläser und goss ihr Wein ein; sie trank, trocknete sich die Augen und
seufzte.
    »Wie konnten Sie das tun? Ich erfuhr durch Bekannte, dass Sie irgend eine
Stellung angenommen hatten, aber welche und wo, wusste ich nicht, sonst hätte ich
Sie am Schopf von dort entführt«.
    »Wewerkas warnten mich ja, aber ich glaubte ihnen nicht. Sie wissen, ich -
ach, ich war eine grosse Närrin«. Sie lachte, indes ihre Augen tropften.
    »Mir scheint wahrhaftig, jetzt haben Sie nicht unrecht«. Er fasste
freundschaftlich ihre Hände. »Dachten Sie denn nicht gleich, dass ein Kerl, der
aus dem Glauben harmloser Esel Münze schlägt, ein Bauernfänger sein muss? Ein
anständiger Mensch lässt sich doch nicht von Andern erhalten, es sei denn, er
wäre alt, schwach oder krank. Der Meister zählt vierzig Jahre, ist nicht auf den
Kopf gefallen, wie seine schlau angestellten Schwindeloperationen zeigen, hat
also gar keine Entschuldigung für sein Faulenzerleben«.
    »Sie haben recht, aber Sie wissen ja -« das kleine Mädchen aus früheren
Jahren brach wieder durch, »ich sehnte mich so sehr nach etwas Grossem,
Gewaltigem, dem ich mich ganz hingeben durfte. Die Künstler entpuppten sich als
etwas ganz anderes, als ich in ihnen vermutete. Da dachte ich, vielleicht hält
die Religion, was die Kunst versprach. Er nannte seine Lehre das neue
Evangelium. Ich wollte dessen Priesterin werden«.
    »Sie waren eben ein Kind, Johanne, sonst hätten Sie nicht Menschen, die
durch aufsehenerregende Kleidung, durch Kokettieren mit Verfolgungen, durch ein
nach allen Seiten hin auffallendes, herausforderndes Benehmen die Aufmerksamkeit
der Leute auf sich ziehen wollen, für wirklich fromme Männer gehalten. Es sind
gemeine Reklamehelden, die so handeln, nichts anderes. Ebenso wenig wie ein
grosser, echter Künstler in die Posaune für sich stossen lässt, ebenso wenig kehrt
ein echter Gottesmann den Christustypus heraus und zieht mit wallendem Hauptaar
und nackten Füssen durch die Welt«.
    Johanne stand auf, trat ans Fenster, sah einige Zeit hinaus und wandte sich
dann wieder zu ihm.
    »Das war die andere Seite, Lohringer, nun kenn ich die auch. Religion und
Kunst werden gefälscht in Ninive. Schade um die vielen Gläubigen ...«
    »Ach Johanne« er machte eine geringschätzige Handbewegung, »sagen Sie nicht:
schade. Was sich hier zusammenfindet, ist bereits angefault. Ninive ist der
grosse Kanal, in dem alle Schmutzkloaken des Reiches zusammenfliessen. Ninive ist
der Schlupfwinkel aller dunklen Existenzen, die ungestört ihre Maulwurfsarbeit
verrichten wollen, Ninive ist der Zufluchtsort der impotenten Halbkünstler. Hier
suchen sie durch Extravaganzen, durch Geschrei und Verbrüderung mit Tagesgrössen
ihre unbekannten Namen dem Volke ins Gedächtnis zu prägen. Oder glauben Sie
wirklich, dass ein echter Dichter hierher käme, um zu arbeiten? Ich sage Ihnen,
Johanne, der verbirgt sich in die tiefste Einsamkeit und baut schamhafte
Entfernungen zwischen sich und die Menschen. Ein echter Dichter bedarf nicht der
Anregung auf den spektakelerfüllten Strassen; der hat Anregung in sich genug. Der
braucht nicht mit Kollegen im Café zu sumpfen, um die Stoffe, die er ausarbeiten
will, zu besprechen. Der hat in sich Rat und Wissen; der braucht nicht die
kleinen Mädchen von der Strasse auszuholen, dem weist der Genius die letzten
dunkelsten Abgründe der Menschenbrust«.
    Johanne hörte ihm aufmerksam zu. »Sie haben recht. Heute weiss ich es, weil
ichs erfahren habe; früher dachte ich mir das ganz anders«. Sie liess sich
nieder. »Wissen Sie auch, weshalb ich zu Ihnen gekommen bin, Lohringer?«
    Er hielt in seinem Auf- und Niederschreiten inne, und senkte die Augen.
    »Nein, eigentlich nicht. Aber ich bin garnicht neugierig. Sie sind da, und
das ist mir eine grosse, sonnige Freude«.
    »Als mich die tiefste Ratlosigkeit und Verzweiflung packte und ich nicht ein
noch aus wusste, standen Sie plötzlich vor mir. Da lief ich schnell her. Ihre
Adresse hatte ich noch behalten. Sie müssen mir raten, was ich tun soll. Auf
was ich mich werfen soll, um nicht - gar zu traurig zu werden«.
    Er liess sich neben ihr nieder und sah ihr fest in die Augen. »Vor allem:
fort von hier«.
    »Wie?« Trotzdem sie diese Stadt verabscheuen gelernt hatte, erschien ihr der
Gedanke, fort zu sollen, doch nicht einleuchtend. »Wie« sagte sie schüchtern,
»glauben Sie wirklich, dass kein Platz für mich hier ist?«
    Er schüttelte energisch den Kopf.
    »Nein, nein, für Sie ist kein Platz da. Sie sind ein Kind. Was sollen Kinder
in einer grossen, fremden, verderbten Stadt? Sehen Sie, auch Dichter sind Kinder;
deshalb meiden sie diese nüchternen, staubheissen Städte, diese Millionenstädte,
welche der geistige und physische Ruin der Nationen sind. Gehen Sie aufs Land,
wo die Quellen rauschen und die Vögel singen. Gehen Sie in die schöne, schlichte
Einsamkeit, wo die Luft rein ist und die Menschen harmlos und naiv sind. Gehen
Sie nach Sienental zurück«.
    »Nach Sienental!« Ein warmer Ton klang durch ihre Stimme. »Aber - was soll
ich dort tun?«
    »Haben Sie denn gar Niemand dort?«
    »Den alten Pastor, ein paar junge Mädchen, den Vormund und -«
    »Und?«
    »Ein altes Häuschen mit schiefem Dach, vor dem ein Garten liegt«.
    »Und da fragen Sie, was Sie tun sollen, und da sagen Sie, einsam wären Sie
dort? Ein Häuschen mit schiefem Dach und einen Garten davor, und - zwanzig Jahre
alt -«
    »Und traurig bis zum Sterben dabei« fügte sie leise hinzu, und ihre Augen
begannen aufs neue zu tropfen.
    »Und wer pflegt die Blumen und streichelt mit liebevollen Blicken das alte,
müde Häuschen, das gewiss Mutter und Grossmutter schon bewohnten, und das jetzt
einsam steht und friert, und -«
    »Ich werde mich fürchten. Es sind nur drei Stuben drin; aber die werden mir
unendlich still vorkommen«.
    »Nehmen Sie sich eine brave Magd, Johanne. Und wie lange denn, dann kommt
Einer und begehrt Sie zum Weibe und führt Sie aus dem Häuschen weg«.
    Sie lächelte. »Damit schrecken Sie mich nicht«.
    »Sie haben ja nichts verloren, Johanne«, seine Augen blickten sie warm und
so innig an, dass sie die ihren senkte - »manche Verwundung tragen Sie davon,
aber ärmer kehren Sie nicht heim. Sie haben tapfer Ihren Schatz behütet, Kind;
schütteln Sie leichten Herzens den Staub von den Füssen. Die Röte Ihrer Wangen
wird wiederkehren und mit ihr wieder der Glaube an das Gute, den Sie heute
verloren wähnen«.
    »So soll ich wirklich gehen? Sie werden mich daheim auslachen, dass ich so
schnell zurückkehre«.
    »Ist dies nicht harmloser, als wenn ein oder der andere Schurke hier über
Sie triumphiert hätte?«
    Sie nickte. »Das schon, aber -«
    »Apropos« sagte er plötzlich kühl, die Augen von ihr ablenkend, »haben Sie
auch Geld zur Heimreise? Ihr Vormund kanns mir ja zurücksenden, wenn Sie dort
sind; ich strecke Ihnen einstweilen vor.«
    Sie dankte. »Ich habe freilich noch Geld. Nicht viel, aber genügend, um nach
Hause zu kommen. Ich brauchte ja nichts in letzter Zeit. Mein Zimmer ist für
einen Monat vorausbezahlt«.
    Er spielte mit den Enden seines weichen Schnurrbarts.
    »Wissen Sie es ist eigentlich furchtbar dumm von mir, dass ich Sie berede,
fortzugehen. Gerade ich« er stockte, dann sah er ihr voll in die Augen, »aber
ich mag Sie von Herzen gern leiden und möchte Ihr Bestes; selbst wenn dieses mit
der Befürchtung verbunden wäre: Sie nie wiederzusehen«.
    »Warum das?« fragte sie leise. »Wenn ich ja hingehe, können Sie mich doch
besuchen«.
    »Besuchen?« Er schüttelte den Kopf. »Und selbst wenn ichs tät, was gälte es
Ihnen? Sie suchen Ganzes und verabscheuen die Halben, und ich gerade bin so ein
Halber, ein Viertelsmensch. Wenn ich das nicht wäre, Johanne, und wenn ich zehn
Jahr jünger wäre« - sie errötete brennend, »und es hier nicht gar so nüchtern
aussähe« er fuhr sich über den kahlen Schädel, »dann würde ich jetzt wohl sagen:
Johanne, nehmen Sie mich mit nach Sienental und - na, fort damit«.
    Er erhob sich und schritt wieder auf und nieder.
    »Wenn Sie die Einsamkeit so lieben, warum bleiben Sie hier wohnen?« fragte
sie. »Warum gehen Sie nicht hin, wo es still und ländlich ist?«
    »Ja, die Frage, die spricht ein Kindermund leicht aus, aber sie beantworten
kann kein Weiser. Warum sieht man oft ein, dass man wie ein Lump handelt, und
ändert sich doch nicht. Warum erkennt man, dass dies oder jenes der Gesundheit
Gift sei - man lebt höllisch gerne - und fährt doch ruhig fort, das Gift zu
geniessen. Warum? Wer weiss es? Wenn ich Ihnen gestehe, dass mir diese
Caféhausabende mit ihrem ewig gleichen, nichtssagenden Geschwätz, ihrer ewig
gleichen geistigen Langenweile unentbehrlich sind, dass mir diese staubigen,
menschendurchwühlten Strassen mit ihrem ohrenzerreissenden Getöse täglich zu
durchbummeln, unerlässliche Gewohnheit ist, würden Sie mich auslachen. Und doch
ists so. Ich brauche diese dicke, von tausend Gerüchen, von Qualm und Staub und
fremdem Odem geschwängerte Luft. Ich würde verzweifeln, wenn ich sie misste. Für
mich ists zu spät, auf einem andern Boden Wurzeln zu fassen. Ich geh schon als
Halber hinüber. Ich seh wie ein Gelähmter die schöne grüne Welt um mich, aber
ich kann nicht zu ihr«.
    Johanne senkte traurig den Kopf. Beide schwiegen eine Weile; dann erhob sie
sich. Sie fasste seine Rechte: »Dank Lohringer, ich will - einpacken«.
    »Also wirklich!« Er sagte es halb schmerzhaft, halb freudig. »Nun Gott mit
Ihnen, mein liebes, gutes Kind! Und eins müssen Sie mir versprechen: Kommt es
einmal in Ihrem Leben, dass Sie der Hilfe oder des Rates eines treuen Menschen
bedürfen, dann - erinnern Sie sich meiner«.
    Er nahm eine Karte aus seinem Portefeuille, auf der sein Name und seine
Adresse stand. »Hier. Adieu Johanne«.
    »Adieu« hauchte sie »und behalten Sie mich in gutem Andenken«.
    Er lächelte, wendete sich rasch um und ging zum Fenster.
    Sie eilte fort.
 
                                       20
Die alte Blumenarbeiterin machte ein höchst verdutztes Gesicht bei Johannes
Eröffnung. Aber Johanne sagte es ihr so lieb, dass sie selbst noch Hand mit beim
Einpacken anlegte. Der alte, hölzerne Koffer war bald gefüllt. Dann schlief sie
noch einmal in dem frostigen Stübchen, traumlos, totmüde, ohne jede Aufregung.
Am nächsten Morgen fuhr sie nach dem Bahnhof, nahm sich ein Billet bis zur
Station, von wo aus die Postkutsche sie weiterbringen musste, gab ihren Koffer
auf und sprang leichtfüssig ins Coupé.
    Ja, er hatte recht gehabt. Es war das Beste, zurückzukehren. Sie hatte kein
Glück gefunden da drinnen in der grossen Stadt. Sie war zu einfältig für alle
diese gewichsten, aufgedrahteten Menschen in ihren geborgten Festkleidern.
    Sie hatte in ihrer Naivität gemeint, dass unter vornehmen Gewändern auch
saubere Wäsche sein müsse, der Anblick des Schmutzes unter der glänzenden
Aussenseite machte sie krank.
    Das Zeichen zur Abfahrt ertönte; der Zug begann aus der Halle zu rollen.
    Sie erhob sich und beugte sich zum Coupéfenster hinaus.
    »Adieu Ninive, wir haben einander nicht verstanden. Bald werde ich deinen
Staub von meiner Seele geschüttelt haben«.
    Und ein frohes Gefühl starker, ungebrochner Kraft stieg in ihr auf.
    Lohringer war der Einzige, dessen Bild sie mit hinübernahm in ihre stille
Heimat. Sie zog sein Kärtchen heraus und streichelte es. Wer weiss, vielleicht
kam er doch noch, gings durch sie. Vor der Hand würde sie ja doch keine Zeit und
Musse haben.
    Sie wollte, wie er ihr geraten hatte, ihr Häuschen übernehmen und sich eine
handfeste Magd dingen. Sie wollte den Garten brav betreuen, ihren Menschen dort
eine liebevolle Gefährtin sein.
    Mein Gott, am Ende wars gar nicht so traurig, was sie erwartete.
    Und verloren, verloren hatte sie ja in der Tat nichts. Viel, viel älter war
sie geworden; aber das schadete nichts. Ihre Erfahrungen wollte sie tief in sich
einsargen.
    Je näher sie der Heimat kam, umso freudiger pochte ihr Herz. Schon die Luft,
diese erdreichduftige, breite, weiche Luft da draussen auf den Feldern durch die
der Zug eilte! Einmal kam noch eine hässliche Rückerinnerung über sie. Sie fuhr
sich mehreremale mit dem Taschentuch über die Lippen, und drückte sich mit
geschlossenen Augen in die Ecke. Sie war allein im Coupé. Zuletzt nickte sie
ein. Als der Schaffner die Station ausrief, an der alle aussteigen mussten,
sprang sie elastisch aus dem Wagen. Da stand auch schon der alte runzelige
Postillon aus Sienental neben der alten Kutsche. Johanne schüttelte ihm die
Hand. »Besorg mir den Koffer, Anton«. Er besorgte ihn. »Das is ja noch der alte«
grinste er, »den kenn ich aber schon lange«. Sie lachte und schwang sich in den
Wagen. Aber lange konnte sie es nicht so ruhig aushalten. Sie erhob sich während
des Fahrens, und sich an den Schultern des alten Kutschers festaltend, begann
sie ihn auszufragen.
    Was alle machten, wie es allen ginge.
    »Der Pastor ist halt hinüber« sagte er lakonisch.
    »Wie« rief sie schmerzhaft »mein lieber, guter, alter Pastor?« Die Tränen
flossen ihr aus den Augen, als Anton des Langen und Breiten berichtete, wie und
woran er starb. »Er war halt schon an die achtzig« schloss er. Sie liess sich
zurück in den Wagen sinken und sann traurig nach. Den hätte sie gern getroffen.
»Noch wer is todt« sagte der Postillon sich halb nach ihr umwendend, »das
Fräulein von der Blauen Kugel«. »Fräulein Wewerka?« »Ja, die«. »Auch die!«
    Während des weitern Weges sprach Johanne nichts mehr. Aber die reine, von
Frühlingsahnungen erfüllte Luft scheuchte bald die Wolken von ihrer Stirn.
Jauchzende Lerchen stiegen schaarenweis vom braunen, leicht begrünten Boden auf,
die Sonne durchbrach die weissen Wolken, und als der alte, graue Kirchturm mit
den davorstehenden zwei Pappeln sichtbar wurde, hatte es sich ganz aufgeklärt.
An der Biegung der Marktstrasse standen ein paar feiste, kleine blondhaarige
Buben, denen ein Zipfel Hemds rückwärts herauslugte, und begrüssten jubelnd den
Postillon.
    Johanne hiess ihn halten. »Fahr meinen Koffer zum Vormund, ja?« bat sie ihn,
»ich komme gleich nach«.
    Ohne sich umzusehen, eilte sie durch die breite Strasse, an ihrem
hochgipfeligen Häuschen vorüber, nach dem Friedhof. Hier brauchte sie nicht
lange zu suchen. Gleich am Eingang lag das Grab des alten Pastors. Sie kniete
davor nieder. Ob sie betete, ob sie ihm etwas erzählte? Die Pappeln rauschten
mit ihren ersten paar Blättchen dazu und die Sonne goss ihren Friedensschein auf
ihr gesenktes Haupt.
    Ein Haufe rotwangiger, lärmender Schulkinder, die zum offenstehenden
Friedhofsgitter hereinstürmten, weckte sie aus ihrer Andacht. Noch ein paar
Minuten auf der Eltern und der Grossmutter Grab, dann verliess sie den Friedhof
und schritt langsam die Strasse hinab. Aber feste Schuhe muss ich mir machen
lassen, dachte sie im Gehen, die hier sind zu unsolid für diesen derben,
ehrlichen Boden. Vorm Häuschen des Vormunds machte sie Halt. Wo wohl der
Geranienstock hingekommen war, der am Fenster neben der Haustür stand? Sollte
er im Winter erfroren sein? Noch einmal wandte sie sich zurück und sah in die
lichtumflossene, weite Landschaft hinaus. Ein Fink begann von einem Baum des
Vorgärtchens sein Frühlingslied zu schmettern. Hinten aus dem Stalle brüllte
eine Kuh.
    Da gings wie ein Lachen über Johannes ganzes Gesicht; mit einer resoluten
Geberde stiess sie die Tür des Häuschens auf. Das erste, was sie erblickte, war
ihr alter Holzkoffer, der mitten in der Stube stand.
    »Da ist sie wirklich« sagte die alte Frau ihr entgegenkommend, und der
Vormund legte die Pfeife aus dem Mund.
    Johanne schüttelte die Hände der alten Leute.
    »Ja, sie ist wirklich da, und nun sollt ihr aber Eure Freude an mir haben.
Gearbeitet wird, dass Alle sich wundern werden; gebt mir nur den Schlüssel zu
meinem Häuschen. Ich freue mich närrisch auf die alte braune Stube. Muhme, du
bist ja ganz stumm und starrst mich an«.
    Sie fasste die alte Frau und küsste sie herzhaft auf den Mund.
    »Ich bin sehr, sehr glücklich«.
    Da trat der Vormund sachte zu ihr, zog sein tabakduftendes blaues
Taschentuch heraus und fuhr ihr damit über die Augen. - -
    »Das waren die letzten, Vormund« lachte sie ....
 
    