
        
                               Wilhelm von Polenz
                                Der Büttnerbauer
                                   Erstes Buch.
                                       I.
Der Grossbauer Traugott Büttner ging mit seinen zwei Söhnen zur Kirche.
    Die drei Männer konnten sich sehen lassen. Der Büttnerbauer selbst war ein
Sechziger, gross, hager, bartlos, rotbraun im Gesicht, mit graugelbem Hauptaar,
das er nach altmodischer Weise lang ins Genick hinab wachsen liess. Breitspurig
und wuchtig trat er mit schwerem Stiefel auf, wie es ihm, dem Besitzer des
grössten Gutes im Dorfe, zukam. Seine starken, etwas eckigen Gliedmassen, die sich
ausnahmen wie knorrige Eichenäste, waren in einen Rock von dunkelblauer Farbe
mit langen Schössen gezwängt. Die engen Ärmel behinderten ihn offenbar in der
Freiheit der Bewegung. Dafür war das auch der nämliche Rock, in welchem der
Büttnerbauer vor mehr als dreissig Jahren getraut worden war. Dass der Rock
inzwischen etwas knapp geworden in den Schultern und über die Brust, störte den
Alten nicht, im Gegenteil! diese Gebundenheit und enge Verschnürung des Leibes
stimmte so recht zu der Weihe und feierlichen Gemessenheit, die nun einmal zum
Sonntagmorgen gehört. - Auf dem langen, straffen Haar trug er einen Zylinder,
den das Alter nicht glatter, sondern recht widerhaarig gemacht hatte.
    Der Bauer schritt zwischen seinen beiden Söhnen: Karl und Gustav.
    Karl, der ältere, war in gleicher Grösse mit dem Vater, aber beleibter und
fleischiger als dieser. Auch er rasierte sich, nach guter Bauernweise, den
ganzen Bart. Seine grossen, etwas verschlafenen Augen und die vollen, roten
Wangen gaben ihm das Aussehen eines grossen, gutgearteten Jungen. Aber wer sich
die Fäuste des Mannes näher betrachtete, dem verging wohl die Lust, mit solchem
Burschen anzubinden. Heute trug er wie der Alte ein dickleibiges Gesangbuch in
der Hand. Auch er war in einen langschössigen Kirchenrock gekleidet und trug
einen breitkrämpigen Zylinder auf dem runden Kopfe. Im ganzen war Karl Büttner
die wohlgenährtere und um dreissig Jahre jüngere Ausgabe von Traugott Büttner.
    Verschieden von den beiden zeigte sich der jüngere Sohn Gustav,
Unteroffizier in einem Kürassierregiment. Vielleicht war es die schmucke
Uniform, die seine Figur hob, ihm etwas Gewandtes und Nettes gab, dass er sich
von den beiden plumpen Bauerngestalten vorteilhaft abhob. Er war etwas kleiner
als Vater und Bruder, sehnig, gut gewachsen, mit offenem, einnehmendem
Gesichtsausdruck. Gustav wiegte seinen schlanken Oberkörper ersichtlich in dem
Bewusstsein, ein hübscher Kerl zu sein, auf den heute die Augen der gesamten
Kirchfahrt von Halbenau gerichtet waren. Nicht selten fuhr seine behandschuhte
Rechte nach dem blonden Schnurrbart, wie um sich zu vergewissern, dass diese
wichtigste aller Manneszierden noch an ihrem Platze sei. Im Heimatdorfe hatte
man ihn noch nicht mit den Tressen gesehen. Zum heurigen Osterurlaub zeigte er
sich der Gemeinde zum ersten Male in der Unteroffizierswürde.
    Gesprochen wurde so gut wie nichts während des Kirchganges. Hin und wieder
grüsste mal ein Bekannter durch Kopfnicken. Zum Ostersonntage war ganz Halbenau
auf den Beinen. In den kleinen Vorgärten rechts und links der Dorfstrasse blühten
die ersten Primeln, Narzissen und Leberblümchen.
    In der Kirche nahm der Büttnerbauer mit den Söhnen die der Familie
angestammten Kirchenplätze ein, auf der ersten Empore, nahe der Kanzel. Die
Büttners gehörten zu der alteingesessenen Bauernschaft von Halbenau.
    Gustav sah sich während des Gesanges, der mit seinem ausgiebigen
Zwischenspiel der Beschaulichkeit reichlichen Spielraum gab, in der kleinen
Kirche um. Die Gesichter waren ihm alle bekannt. Hie und da vermisste er unter
den älteren Leuten einen oder den anderen, den der Tod wohl abgerufen haben
mochte.
    Sein Blick schweifte auch gelegentlich nach dem Schiffe hinab, wo die Frauen
sassen. Die bunten Kopftücher, Hauben und Hüte erschwerten es, das einzelne
Gesicht sofort herauszukennen. Unter den Mädchen und jungen Frauen war manch
eine, mit der er zur Schule gegangen, andere kannte er vom Tanzboden her.
    Gustav Büttner hatte es bisher geflissentlich vermieden, nach einer
bestimmten Stelle im Schiffe zu blicken. Er wusste, dass dort eine sass, die, wenn
sie überhaupt in der Kirche war, ihn jetzt ganz sicher beobachtete. Und er
wollte sich doch um keinen Preis den Anschein geben, als kümmere ihn das nur im
geringsten. - Wenn er dortin blicken wollte, wo sie ihren Kirchenstand hatte,
musste er den Kopf scharf nach links wenden, denn sie sass seitlings von ihm,
beinahe unter der Empore. Bis zum Kanzelvers tat er sich Zwang an, dann aber
hielt er es doch nicht länger aus, er musste wissen, ob Katschners Pauline da
sei.
    Er beugte sich ein wenig vor, so unauffällig wie möglich. Richtig, dort sass
sie! Und natürlich hatte sie gerade auch nach ihm hinaufblicken müssen.
    Gustav war errötet. Das ärgerte ihn erst recht. Zu einfältig! Warum musste er
sich auch um das Mädel kümmern! Was ging die ihn jetzt noch an! Wenn man sich um
jedes Frauenzimmer kümmern wollte, mit dem man mal was gehabt, da konnte man
weit kommen. Überhaupt, Katschners Pauline! - In der Stadt konnte man sich mit
so einer gar nicht sehen lassen. In der Kaserne würden sie ihn schön auslachen,
wenn er mit der angezogen käme. Nicht viel besser als eine Magd war sie!
wochentags womöglich barfuss und mit kurzen Röcken! -
    Er nahm eine hochmütige Miene an, im Geiste die ehemalige Geliebte mit den
»Fräuleins« vergleichend, deren Bekanntschaft er in den Kneipen und Promenaden
der Provinzialhauptstadt gemacht hatte. In der Stadt hatte, weiss Gott, das
einfachste Dienstmädel mehr Lebensart, als hier draussen auf dem Dorfe die
Frauenzimmer alle zusammen. Er verachtete Katschners Pauline so recht aus
Herzensgrunde.
    Und einstmals war die dort unten doch sein Ein und Alles gewesen! -
    Auf einmal zog durch seinen Kopf die Erinnerung an das Abschiednehmen
damals, als er mit den Rekruten weggezogen in die Garnison. Da hatten sie
gedacht, das Herz müsse ihnen brechen beim letzten Kusse. Und dann, als er
wiederkam, zum ersten Urlaub, nach einjähriger Trennung. - Was er da angestellt
hatte vor Glückseligkeit! Und das Mädel! Sie waren ja wie verrückt gewesen,
beide. Was er ihr da alles versprochen und zugesagt hatte!
    Er versuchte die Gedanken daran zu verscheuchen. Damals war er ja so dumm
gewesen, so fürchterlich dumm! Was er da versprochen hatte, konnte gar nicht
gelten. Und ausserdem hatte sie ihm ja selbst auch nicht die Treue gehalten. -
Was ging ihn der Junge an! Überhaupt, wer stand ihm denn dafür, dass das sein
Kind sei! Er war ja so lange weggewesen.
    Na, mit der war er fertig! Mochten die Leute sagen, was sie wollten! Mochte
sie selbst sich beklagen und Briefe schreiben und ihm zu seinem Geburtstage und
zu Neujahr Glückwunschkarten schicken - das sollte ihn alles nicht rühren. So
dumm! Er hatte ganz andere Damen in der Stadt, seine Damen, die gebildet
sprachen und »Hochwalzer« tanzen konnten. Was ging ihn Katschners Pauline an,
deren Vater armseliger Stellenbesitzer gewesen war.
    Inzwischen hatte der Pastor zu predigen begonnen. Gustav versuchte nun,
seine Gedanken auf das Gotteswort zu richten. Er war in der Garnison noch nicht
gänzlich verdorben worden. Immer hatte er eine rühmliche Ausnahme vor den
Kameraden gemacht, welche das Kirchenkommando meist zu Schlaf oder allerhand
Unfug benutzten. Er war vom Elternhause her an gute Zucht gewöhnt, auch in
diesen Dingen. Der alte Bauer ging den Seinen mit gutem Beispiele voran; er
fehlte kaum einen Sonntag auf seinem Platze und verpasste kein Wort der Predigt.
Auch im Singen stand er noch seinen Mann; freilich mit einer Stimme, die durch
das Alter etwas krähend geworden. Karl allerdings, der etwas zur Trägheit
neigte, war von einem Kirchenschläfchen nicht abzuhalten. Bald nach dem ersten
der drei angekündigten Teile der Predigt sah ihn Gustav bereits sanft vor sich
hin nicken.
    Nachdem der Gottesdienst vorüber, stand man noch eine geraume Weile vor der
Kirchtür. Der Büttnerbauer sah mit Behagen, dass sein Gustav der Gegenstand
allgemeiner Aufmerksamkeit war. Alte und junge Männer umstanden den
Unteroffizier. Der Anblick der Uniform erweckte die Erinnerung an die eigene
Dienstzeit oder auch bei den Älteren an die Kriegsjahre. Der Büttnerbauer selbst
führte die Denkmünzen der beiden letzten Feldzüge. Auch Karl Büttner hatte seine
drei Jahre »weggemacht«, aber bis zur »Charge« hatte es bisher noch kein Büttner
gebracht.
    Gustav musste auf viele Fragen Rede und Antwort stehen. Ob er's nicht bald
dicke habe, und wann er nach Halbenau zurückkehre, fragte man ihn. Der junge
Mann meinte mit dem Selbstbewusstsein, das die Uniform den gewöhnlichen Leuten
gibt, vorläufig gefalle es ihm noch so gut bei der Truppe, dass er nicht daran
denke, den Pallasch mit der Mistgabel zu vertauschen.
    Zwei Frauen kamen auf die Männer zu, eine ältere im bunten Kopftuch und eine
jüngere mit einem schwarzen Hut, auf dem rosa Blumen leuchteten. Gustav hatte
den Hut schon von der Empore aus wiedererkannt. Vor Jahren, als er noch mit
Pauline Katschner gut war, hatte er ihr den Hut in der Garnison gekauft und, als
er auf Urlaub nach Hause ging, mitgebracht. - Die ältere Frau war die Witwe
Katschner, Paulinens Mutter.
    »Guten Tag och, Gustav!« sagte Frau Katschner. »Guten Tag!« erwiderte er
stirnrunzelnd, ohne ihr die Hand zu geben. Das Mädchen hatte den Kopf gesenkt
und blickte errötend auf ihr Gesangbuch. »No, bist de och wieder mal in
Halbenau, Gustav!« meinte die Witwe und lachte dabei, um ihre Verlegenheit zu
verbergen. »Ja!« sagte Gustav kühl und fragte einen der jungen Männer
irgendetwas Gleichgültiges.
    Die Frauen zögerten noch eine Weile, wohl eine Anrede von ihm erwartend.
Dann zog das Mädchen, dem das Weinen nahe schien, die Mutter am Rocke: »Kumm
ack, Mutter, mir wollen gihn!« - Darauf entfernten sich die beiden Frauen.
    »Die kennst du wohl gar nich mehr, Gustav?« fragte einer der jungen Leute
mit spöttischem Lächeln den Unteroffizier. Der zuckte die Achseln, wiegte sich
in den Hüften und gab sich Mühe, so gleichgültig auszusehen wie nur möglich.
    Nun setzte man sich langsam in Bewegung, ein Trupp von zehn, zwölf jungen
Männern, meist Schulkameraden Gustavs. Im Kretscham wurde ein Stehbier getrunken
und die Zigarren in Brand gesetzt. Dann gings wieder auf die Dorfstrasse hinaus.
Einer nach dem anderen suchte nun sein Haus auf, denn die Mittagsstunde war
herangekommen. Abends wollte man sich auf dem Tanzboden wieder treffen.
    Das Büttnersche Bauerngut lag am obersten Ende des Dorfes. Der Bauer und
Karl waren bereits vorausgegangen. Gustav wollte in einen Feldweg einbiegen, der
ihn in kürzester Frist nach Haus geführt hätte, da hörte er seinen Namen rufen.
    Er wandte sich. Katschners Pauline war nur wenige Schritte hinter ihm. Sie
keuchte, beinahe atemlos vom schnellen Laufen.
    Er nahm eine finstere Miene an und fragte in barschem Tone, was sie von ihm
wolle. »Gustav!« rief sie und streckte ihm die Hand entgegen. »Bis doch nicht
so! Du tust ja gerade, als kennt'st de mich am Ende gar nich.«
    »Ich hab keine Zeit!« sagte er, wandte sich und wollte an ihr vorbei.
    Aber sie vertrat ihm den Weg. »Ne, Gustav! Aber, Gustav, bis doch nicht so
mit mir!« Sie stand da mit fliegendem Busen und sah ihm voll in die Augen. Er
hielt ihren Blick nicht aus, musste wegsehen.
    Sie griff nach seiner Hand und meinte: »Ene Hand hättst de mir immer geben
kennen, Gustav!«
    Das sei gar keine Manier, ihm so nachzulaufen und ihn am hellen lichten Tage
anzureden, sagte er, und sie solle sich wegscheren. Er gab sich alle Mühe,
entrüstet zu erscheinen.
    Pauline schien keine Furcht vor ihm zu haben. Sie stand dicht vor ihm. Eine
Bewegung seines Armes hätte genügt, sie beiseite zu schieben. Aber er hob die
Hand nicht.
    »Iber Johr und Tog is es nu schon, Gustav, dass mer uns niche gesehn haben!
Und geontwortet hast du och nich, suviel ich dir och geschrieben habe. Du tust
doch gerade, als wär'ch a schlechtes Madel, Gustav!« - die Augen standen ihr auf
einmal ganz voll Tränen.
    Heulen! das hatte gerade noch gefehlt! Weibertränen waren für ihn etwas
Entsetzliches. Er war ja sowieso schon halb gewonnen durch ihren blossen Anblick,
durch den vertrauten Klang ihrer Stimme. Was für Erinnerungen rief ihm dieses
Gesicht zurück! Er hatte so glücklich mit ihr gelebt wie noch mit keiner
anderen. Sie war doch seine Erste gewesen. Es lag in dem Gefühle so etwas ganz
Besonderes, so etwas wie Heimweh, wie Dankbarkeit für ihre Güte gegen ihn. - Dass
sie jetzt weinte, war schlimm! Er kam sich schlecht vor und grausam. Das verdross
ihn. Nun würde er das Mädel schwer wieder los werden, fürchtete er.
    Sie wischte sich die Tränen mit einer Ecke ihrer schwarzen Schürze ab und
fragte: »Was hast de denn egentlich gegen mich, Gustav? Sag mersch nur a
enzigstes Mal, was de hast, dass de so bist! -«
    Er kaute an seinem Schnurrbarte mit verdüsterter Miene. Es wäre ein leichtes
gewesen, ihr auf den Kopf zuzusagen, sie habe es inzwischen mit einem anderen
getrieben. Aber in diesem Augenblick, unter den Blicken ihrer treuen Augen,
fühlte er mit einem Male, auf wie schwachen Füssen dieser Verdacht eigentlich
stehe. Er hatte ja die ganze Geschichte, die ihm von anderen hinterbracht worden
war, nie recht geglaubt. Das war ja nur ein willkommener Vorwand für ihn
gewesen, auf gute Art von ihr los zu kommen.
    Als sie nun jetzt so vor ihm stand, einen Kopf kleiner als er, frisch und
gesund wie ein Apfel, mit ihren guten, grossen Augen und den leuchtenden
Zähnchen, da befand er sich wieder ganz unter ihrem Banne.
    »Ich habe mich su ärgern missen über dich!« sagte sie leise und schluchzte
auf einmal auf. Die Tränen sassen sehr locker bei ihr. Zwischen dem Weinen durch
konnte sie so lieb und schmeichelnd dreinblicken wie eine zahme Taube. Niemand
hatte dem Mädchen diese Künste gelehrt, aber die raffinierteste Kokette hatte
keine wirksameren Mittel, das Herz eines Mannes zu bestricken als dieses
schlichte Naturkind.
    Plötzlich senkte sie den Kopf, errötend und noch leiser als vorher meinte
sie: »Willst de dir nich deinen Jungen ansehn, Gustav? Er is nu bald een Jahr!«
    Der junge Mann stand unschlüssig, im Innersten bestürzt. Er fühlte sehr
deutlich, dass dieser Augenblick für ihn die Entscheidung bedeute. Wenn er ihr
jetzt den Willen tat, mit ihr ging und sich den Jungen ansah, dann bekannte er
sich zur Vaterschaft. Bisher hatte er das Kind nicht als das seine anerkannt,
sich hinter der Ausflucht verschanzend, dass man ja gar nicht wissen könne, von
wem es sei.
    Pauline hatte den Kopf wieder aufgerichtet und bat ihn mit den Augen. Dann
mit ihrer weichen Mädchenstimme: »Ich ha dem Jungen nu schun su viel vun dir
vorderzahlt. Er kann noch ne raden. Aber,Papa! das kann er duch schun sagen. -
Komm ack, Gustav, sieh der'n wen'gsten a mal an!« -
    Sie nahm ihn an der Hand und zog ihn nach der Richtung, wohin sie ihn haben
wollte. »Komm ack, Gustav, komm ack mitte!« so ermunterte sie den immer noch
Zaudernden.
    Er folgte ihr schliesslich. dabei ärgerte er sich über sich selbst, dass er so
nachgiebig war. Er verstand sich darin selbst nicht. Es gab in der ganzen
Unteroffiziersabteilung keinen schneidigeren Reiter als ihn. »Remonte
dressieren«, das war seine Lust. Und dabei konnte er so weich sein, dass ihn der
Wachtmeister schon mal einen »nassen Waschlappen« genannt hatte. Das war damals
gewesen, als seine Charge, die »Kastanie«, den Spat bekommen und zum
Rossschlächter gemusst. Da hatte er geweint wie ein kleines Kind.
    Pauline schien sich darauf zu verstehen, ihm beizukommen. Sie konnte, wenn
sie wollte, so was recht »Betuliches« haben. Sie tat, als habe es niemals eine
Abkühlung zwischen ihnen gegeben. Kein weiteres Wort des Vorwurfes kam über ihre
Lippen. Um keinen Preis wollte sie ihn in schlechte Laune versetzen. Ihr
Bestreben war, ihn gar nicht erst zur Besinnung kommen zu lassen. Sie erzählte
von der Mutter, von ihrem Jungen, allerhand Lustiges und Gutes, brachte ihn so
mit kleinen Listen, deren sie sich kaum bewusst wurde, bis vor ihre Tür.
    Pauline wohnte mit ihrer Mutter, der Witfrau Katschner, in einer
strohgedeckten Fachwerkhütte, einem der kleinsten und unansehnlichsten Anwesen
des Ortes. Es war nur eine Gartennahrung, nicht genug zum Leben und zuviel zum
Sterben. Die beiden Frauen verdienten sich etwas durch Handweberei. Früher war
Pauline zur Arbeit auf das Rittergut gegangen, aber in letzter Zeit hatte sie
das aufgegeben.
    Pauline hatte ihr eigenes Stübchen nach hinten hinaus. In Gustav rief hier
jeder Schritt, den er tat, Erinnerungen wach. Durch dieses niedere Türchen, das
er nur gebückt durchschreiten konnte, war er getreten, als sie ihn in einer
warmen Julinacht zum ersten Male in ihre Kammer eingelassen. Und wie oft war er
seitdem hier aus und ein gegangen! Zu Tag- und Nachtzeiten, ehe er zu den
Soldaten ging und auch nachher, wenn er auf Urlaub daheim gewesen war.
    In dem kleinen Raume hatte sich wenig verändert während des letzten Jahres.
Sauberkeit und peinlichste Ordnung herrschten hier. Er kannte genau den Platz
eines jeden Stückes. Dort stand ihr Bett, da das Spind, daneben die Lade. Der
Spiegel mit dem Sprung in der Ecke unten links, über den eine Neujahrskarte
gesteckt war, hing auch an seinem alten Platze.
    Unwillkürlich suchte Gustavs Blick das Zimmer spürend ab. Aber er fand
nicht, was er suchte. Pauline folgte seinen Augen und lächelte. Sie wusste schon,
wonach er sich umsah. -
    Sie ging auf das Bett zu und drückte die bauschigen Kissen etwas nieder.
Ganz am oberen Ende, tief versenkt in den Betten, lag etwas Rundliches, Dunkles.
    Sie gab ihm ein Zeichen mit den Augen, dass er herantreten solle. Er begriff,
dass der Junge schlafe und bemühte sich infolgedessen leise aufzutreten, den
Pallasch sorgsam hochhaltend. »Das is er!« flüsterte sie und zupfte glückselig
lächelnd an dem Kissen, auf dem der Kopf des Kleinen lag.
    Der junge Mann stand mit verlegener Miene vor seinem Jungen. Der Anblick
benahm ihn ganz; nicht einmal den Helm abzusetzen, hatte er Zeit gefunden.
Hinzublicken wagte er kaum. Das sollte sein Sohn sein! Er hatte ein Kind! - Der
Gedanke hatte etwas eigentümlich Bedrückendes, etwas Dumpfes und Beengendes
legte sich auf ihn wie eine grosse, noch unübersehbare Verantwortung.
    Sie half ihm, nahm ihm zunächst den Helm ab, rückte das Kind etwas aus den
Betten heraus, dass er es besser sehen solle, führte selbst seine grosse Hand, dass
er sein eigenes Fleisch und Blut betasten möchte. Dann fragte sie, sich an ihn
schmiegend, wie es ihm gefalle.
    Er erwiderte nichts, stand immer noch ratlos, bestürzt vor seinem Sprössling.
    Jetzt ging ein Lächeln über die Züge des Kleinen, er bewegte im Schlafe ein
paar Finger des winzigen Händchens. Nun erst begriff der Vater, dass es wirklich
ein lebendiges Wesen sei, was da lag. Der Gedanke rührte ihn auf einmal in
tiefster Seele. - So ein kleines Ding, mit solch winzigen Gliedmassen, und das
lebte doch und war ein zukünftiger Mensch, würde ein Mann sein - sein Sohn!
Pauline und er hatten es hervorgebracht; aus seinem und ihrem Gebein stammte
dieses neue Wesen. Das ewige Wunder des Werdens trat vor ihn in seiner ganzen
unheimlichen Grösse. -
    Gustav merkte, wie ihm die Tränen in die Augen traten, es würgte ihn im
Halse, es kitzelte ihn an der Nase. Er biss die Zähne fest aufeinander und
schluckte die Rührung hinunter; weinen wollte er um keinen Preis.
    Pauline eilte derweilen geschäftig auf und ab im Zimmer. Sie hatte den
schwarzen Hut mit den rosa Blumen abgelegt, die Ärmel ihres Kleides aufgeknöpft
und bis an die Ellbogen zurückgeschlagen und eine weisse Schürze vorgesteckt.
Ohne Hut sah sie noch hübscher aus. Ihr blondes Haar, von selten schöner
Färbung, kam jetzt erst zur Geltung, sie trug es nach Art der Landmädchen,
schlicht in der Mitte gescheitelt und hinten zu einem Nest von vielen kleinen
Fechten verschlungen. Das schwarze Kleid war ihr Konfirmationskleid. Nur durch
Auslassen und Ansetzen hatte sie es zuwege gebracht, dass es ihre frauenhaft
entwickelte Fülle auch jetzt noch fasste.
    Jetzt eilte sie wieder an das Bett. Sie meinte, der Junge habe nun genug
geschlafen, er müsse die Flasche bekommen. Sie weckte den Kleinen, indem sie ihn
sanft aus den Kissen hob und ihn auf die Stirn küsste. Das Kind schlug ein Paar
grosse, dunkle Augen auf, sah sich verwundert um und begann sofort zu schreien.
Der Vater, der an solche Töne noch nicht gewöhnt war, machte ein ziemlich
verdutztes Gesicht hierzu.
    Pauline meinte, das sei nicht so schlimm, das Kind habe nur Hunger. Sie nahm
eine Blechkanne aus der Röhre. Das Zimmerchen hatte keinen eigenen Ofen, sondern
nur eine Kachelwand mit einer Röhre, die vom Nebenzimmer aus erwärmt wurde. In
der Blechkanne befand sich ein Fläschchen Milch. Pauline, auf dem einen Arm das
Kind, führte die Flasche zum Munde, kostete schnell, stülpte einen Gummizulp
über den Flaschenhals. Dann legte sie den Kleinen wieder aufs Bett, dessen
Blicke und Hände begierig nach der wohlbekannten Flasche strebten. Nun endlich
steckte sie dem Schreihals den Zulp zwischen die Lippen. Sofort verstummte das
Gezeter und machte behaglich glucksenden Lauten Platz.
    Gustav atmete erleichtert auf. Der ganze Vorgang hatte etwas Beklemmendes
für ihn gehabt. Während Pauline voll Wonne und Stolz war, konnte er sich einer
gewissen Gedrückteit nicht erwehren. Mit dem Ausdrucke einer Zärtlichkeit, wie
sie nur eine Mutter hat, beugte sich das Mädchen über das kleine Wesen, dessen
ganze Kraft und Aufmerksamkeit jetzt auf den Nahrungsquell gerichtet war, und
richtete ihm die Kissen.
    Erst nachdem der Kleine völlig glücklich zu sein schien, kam Gustav wieder
an die Reihe für Pauline. Sie wischte ihm einen Stuhl ab mit ihrer Schürze und
bat ihn, sich zu setzen. Er hatte noch immer kein Wort über den Jungen geäussert;
jetzt nötigte sie ihn geradezu, sich auszusprechen.
    Er meinte, das Kind sehe ja soweit ganz gesund und kräftig aus. Aber das
genügte ihrem mütterlichen Stolze nicht. Sie begann ihrerseits das Lob des
Jungen zu singen, wie wohlgebildet er sei und stark. Ja, sie behauptete sogar,
er sei ein Wunder an Klugheit, und führte dafür einige seiner kleinen Streiche
an. Gross sei er für sein Alter wie kein anderes Kind, schon bei der Geburt sei
er solch ein Riese gewesen. Und sehr viel Not habe er ihr gemacht beim Kommen,
setzte sie etwas leiser mit gesenktem Blicke hinzu. Dann erzählte sie, dass sie
ihn bis zum sechsten Monate selbst genährt habe.
    Er hörte diesem Berichte von Dingen, die für sie von grösster Bedeutung und
Wichtigkeit waren, nur mit halbem Ohre zu. Er hatte seine eignen Gedanken bei
alledem. Was sollte nun eigentlich werden, fragte er sich. Er hatte sich zu
diesem Kinde bekannt. Als anständiger Mensch musste er nun auch dafür sorgen.
Burschen, die ein Kind in die Welt setzen und dann Mädel und Kind im Stiche
liessen, hatte er immer für Lumpe gehalten. Einstmals hatte er Paulinen ja auch
die Ehe versprochen. Und wenn er sie so ansah, wie sie hier schaltete und
waltete, sauber und nett, geschickt, sorgsam und dabei immer freundlich und voll
guten Mutes, da konnte ihm der Gedanke einer Heirat schon gefallen. Dass sie ein
durch und durch braves Mädel sei, das wusste er ja.
    Aber, überhaupt heiraten! Er dachte an das Elend der meisten
Unteroffiziersehen. Da hätte man sich ja schütteln mögen bei dem blossen
Gedanken.
    Und dann gab es da noch eins: er hätte mit verschiedenen Frauenzimmern in
der Garnison brechen müssen. - Das alles machte ihm den Kopf schwer. -
    Pauline fing jetzt an, von ihren eigenen Angelegenheiten zu sprechen, sie
erzählte, wie einsam und traurig der letzte Winter für sie gewesen sei, die
Mutter wochenlang bettlägerig, dazu kein Geld im Hause, kein Mann in der Nähe,
der ihnen geholfen hätte. Sie selbst durch die Pflege des Kindes abgehalten,
viel zu schaffen. Und zu alledem habe er nichts mehr von sich hören lassen. Was
er denn eigentlich gehabt habe gegen sie, verlangte das Mädchen von neuem zu
wissen. Er wich der Antwort aus, fragte seinerseits, warum sie denn gar nicht
mehr aufs Rittergut zur Arbeit gegangen sei.
    Das habe seinen guten Grund, erklärte sie und sprach auf einmal mit
gedämpfter Stimme, als fürchte sie, das Kind könne etwas verstehen. Der Eleve
dort habe sich Unanständigkeiten gegen sie erlaubt, deshalb sei sie lieber aus
der Arbeit fortgeblieben, obgleich sie den Verdienst schwer vermisst hätte.
    Gustav horchte auf. Das war ja gerade die Geschichte, über die er gern etwas
Genaueres erfahren hätte. Mit diesem Eleven nämlich hatte man ihm das Mädchen
verdächtigt. Er forschte weiter: Was hatte sie mit dem Menschen gehabt, wie weit
war er gegangen?
    Pauline zeigte sich im Innersten erregt, als diese Dinge zur Sprache kamen.
Sie sprach in den schärfsten Ausdrücken über den jungen Herrn, der seine
Stellung ausgenutzt hatte, ihr in zudringlicher Weise Anträge zu machen. Mehr
noch als ihre Worte sagten es ihm ihre Mienen und die ganze Art, in der sie sich
äusserte, dass sie ihm treu geblieben sei.
    Gustav liess ihr seine Befriedigung durchblicken, dass nichts an dem Gerede
sei. Nun erfuhr sie erst, dass er darum gewusst habe. Deshalb also hatte er mit
ihr gegrollt! Wer hatte sie denn nur ihm gegenüber so angeschwärzt?
    Er sagte ihr nur, dass er's gehört hätte von »den Leuten«. Dass die
Verdächtigung aus seiner eigenen Familie gekommen, welche sein Verhältnis mit
Pauline niemals gern gesehen hatte, verschwieg er.
    Pauline nahm die Sache ernst. Dass er sie in solch einem Verdachte gehabt und
noch dazu so lange und ohne ihr ein Wort davon zu sagen, das kränkte sie. Das
Mädchen wurde auf einmal ganz still. Sie empfand die Ungerechtigkeit und
Erniedrigung, die in seiner Auffassung lag, wie Frauen solche Dinge empfinden,
jäh und leidenschaftlich. Sie machte sich im Hintergrunde des Zimmers zu
schaffen, ohne ihn anzusehen.
    
    Ihm war nicht wohl dabei zumute. Er wusste zu gut, wieviel er sich ihr
gegenüber vorzuwerfen hatte. - Er blickte verlegen auf seine Stiefelspitzen.
    Es entstand eine Pause, während der man nur die leichten Atemzüge des
Kindes, das inzwischen mit seiner Flasche fertig geworden war, vernahm.
    Plötzlich ging Pauline nach dem Bette. Sie nahm den Kleinen aus dem Kissen.
»Du hast den Jungen noch gar niche uf'n Arm gehat, Gustav!« sagte sie, unter
Tränen lächelnd, und hielt ihm den Kleinen hin.
    Er nahm das Kind in Empfang, wie man ein Paket nimmt. Der Junge blickte mit
dem starren, leeren Blicke der kleinen Kinder auf die blanken Treffen am Halse
des Vaters.
    »Getost is er och schon,« sagte Pauline. »Ich ha dersch ja damals
geschrieben, aber du hast nischt geschickt dazu. Der Paster war erscht böse und
hat tichtig gebissen uf mich, dass mer sowas passiert wor.«
    Gustav war inzwischen ins Reine mit sich gekommen, dass er Kind und Mutter
anerkennen wolle.
    Der Junge streckte die kleine Hand nach dem Schnurrbart des Vaters, Pauline
wehrte dem Händchen sanft. »Se sprechen alle, dass er dir su ähnlich säke,
Gustav! Wie aus'n Gesichte geschnitten, sprechen de Leite.« -
    Der junge Vater lächelte zum ersten Male sein Ebenbild an. Pauline hatte
sich bei ihm eingehängt, ihre Blicke gingen liebend von Gustav zu dem Kleinen.
Der Bengel hatte endlich den Schnurrbart des Vaters erwischt und stiess einen
schrillen Freudenschrei aus.
    So gewährten sie das Bild einer glücklichen Familie.
 
                                      II.
Gustav Büttner kam heute viel zu spät nach Haus zum Mittagbrot. Die Familie
hatte bereits vor einer Weile abgegessen. Der alte Bauer sass in Hemdsärmeln in
seiner Ecke und schlummerte. Karl hielt die Tabakspfeife, die er eigentlich nur
während des Essens ausgehen liess, schon wieder im Munde. Die Frauen waren mit
Abräumen und Reinigen des Geschirrs beschäftigt.
    Die Bäuerin sprach ihre Verwunderung darüber aus, dass Gustav so lange
ausgeblieben. In der Schenke sitzen am Sonntag Vormittag, das sei doch sonst
nicht seine Art gewesen. - Gustav liess den Vorwurf ruhig auf sich sitzen. Er
wusste wohl warum; seine Leute brauchten gar nicht zu erfahren, was sich
inzwischen begeben hatte.
    Schweigend nahm er auf der Holzbank, am grossen viereckigen Familientische
Platz. Dann heftelte er seinen Waffenrock auf, wie um sich Platz zu machen für
das Essen. Die Mutter brachte ihm das Aufgewärmte aus der Röhre.
    Die Büttnerbäuerin war eine wohlhäbige Fünfzigerin. Ihr Gesicht mochte
einstmals recht hübsch gewesen sein, jetzt war es entstellt durch Unterkinn und
Zahnlücken. Sie sah freundlich und gutmütig aus. Gustav sah ihr von den Kindern
am ähnlichsten. In ihren Bewegungen war sie nicht besonders flink, eher steif
und schwerfällig. Der schlimmste Feind der Landleute, das Reissen, suchte sie
oftmals heim.
    Eine der Töchter wollte ihr behilflich sein, aber sie liess es sich nicht
nehmen, den Sohn selbst zu bedienen. Der Unteroffizier war ihr Lieblingskind.
Sie setzte die Schüssel, die noch verdeckt war, vor Gustav hin und stützte die
Hände auf die Hüften. »Nu pass aber mal auf, Gust!« rief sie und sah ihm
schmunzelnd zu, wie er den schützenden Teller abhob. Es war Schweinefleisch mit
Speckklössen und Birnen im Grunde des Topfes zu erblicken. »Gelt, dei
Leibfrassen, Gust!« sagte sie und lachte den Sohn an. Sie liess die Blicke nicht
von ihm, während er zulangte und einhieb. Jeden Bissen schien die liebevolle
Mutter für ihn mitzuschmecken. Gesprochen wurde nichts. Man hörte das Klappern
des Blechlöffels gegen die irdene Schüssel; denn der Unteroffizier ersparte sich
den Teller. - In der Ecke schnarchte der alte Bauer, sein Ältester war auf dem
besten Wege, ihm nachzufolgen, trotz der Pfeife. Am Ofen, der eine ganze Ecke
des Zimmers einnahm, mit seiner Hölle und der breiten Bank, hantierten die
jüngeren Frauen an dem dampfendem Aufwaschfass mit Tellern, Schüsseln und
Tüchern.
    Der Büttnerbauer besass zwei Töchter. Die dritte Frauensperson war Karls, des
ältesten Sohnes, Frau.
    Die Büttnerschen Töchter zeigten sich sehr verschieden in der Erscheinung.
Man würde sie kaum für Schwestern angesprochen haben. Toni, die ältere, war ein
mittelgrosses, starkes Frauenzimmer mit breitem Rücken. Das runde Gesicht, mit
roten Lippen und Wangen, erschien wohl hauptsächlich durch seine Gesundheit und
Frische hübsch. Sie stellte mit ihrem drallen Busen und kräftigen Gliedmassen das
Urbild einer Bauernschönheit dar.
    Ernestine, die jüngere Schwester, war erst vor kurzem konfirmiert worden.
Sie stand noch kaum im Anfange weiblicher Entwickelung. Sie war schlank
gewachsen, und ihre Glieder zeigten eine bei der ländlichen Bevölkerung seltene
Feinheit. dabei war sie sehnig und keineswegs kraftlos. Ihren geschmeidigen,
flinken Bewegungen nach zu schliessen musste sie äusserst geschickt sein. Die
Arbeit flog ihr weit schneller von der Hand als der älteren Schwester.
    Der Schlummer des Vaters wurde respektiert; man vermied das allzu laute
Klappern mit dem Geschirr. Am wenigsten besorgt um den Schlaf des Alten schien
Terese, die Schwiegertochter, zu sein. Sie sprach mit tiefer, rauher, etwas
gurgelnder Stimme, wie sie Leuten eigen ist, die Kropfansatz haben. Terese war
eine grosse, hagere Person, mit langer, spitzer Nase, ziemlich blass, aber von
knochig-derbem Wuchse, mit starkem Halse.
    Sie ging jetzt daran, die abgewaschenen Teller in das Tellerbrett zu
stellen. Als sie an ihrem Gatten vorbeikam, dem der Kopf bereits tief auf die
Brust herabgesunken war während ihm die Tabakspfeife zwischen den Schenkeln lag,
stiess sie ihn unsanft an. »Ihr Mannsen braucht o ne en halben Tog zu verschlofa;
weil wir Weibsen uns abrackern missen. Das wär ane verkehrte Welt. Wach uf,
Karle!« -
    Karl fuhr auf, sah sich verdutzt um, nahm seine Pfeife auf, die er langsam
wieder in Brand setzte, und blinzelte bald von neuem mit den Augenlidern. Seine
Ehehälfte ging inzwischen brummend und murrend auf und ab.
    Teresens Wut wurde gar nicht durch die Schlafsucht des Gatten erregt, an
die sie schon gewöhnt war. Vielmehr ärgerte sie sich darüber, dass Gustav von der
Bäuerin mit den besten Bissen bewirtet wurde. Sie war ihrem Schwager überhaupt
nicht grün. Der jüngere Sohn werde dem älteren gegenüber von den Alten
bevorzugt, fand sie. Sie fühlte wohl auch, dass Gustav ihrem Gatten in vielen
Stücken überlegen sei, und das mochte ihre Eifersucht erregen. Ganz erbost
flüsterte sie den Schwägerinnen zu - soweit bei ihr von einem Flüstern die Rede
sein konnte - »de Mutter stackt's Gustaven wieder zu, vurna und hinta!«
    Endlich war Gustav fertig mit Essen. Zur Freude seiner Mutter hatte er reine
Wirtschaft gemacht. Sich streckend und gähnend, meinte er, dass es in der Kaserne
so was freilich nicht gäbe.
    Inzwischen war der alte Bauer erwacht. »War Gustav doe?« fragte er, sich mit
leeren Augen umsehend. Als er gehört hatte, dass Gustav bereits abgegessen habe,
stand er auf und erklärte, mit ihm hinausgehen zu wollen auf die Felder.
    Der junge Mann war gern bereit dazu. Er wusste so wie so nicht, wie er den
langen Sonntagnachmittag verbringen solle.
    Karl ging mit Vater und Bruder aus dem Zimmer, scheinbar, um mit auf's Feld
zu gehen. Aber, er verschwand bald. Er hatte nur die Gelegenheit benutzt,
herauszukommen, um auf dem Heuboden, ungestört von seiner Frau, weiter schlafen
zu können.
    Der Bauernhof bestand aus drei Gebäuden, die ein nach der Südseite zu
offenes Viereck bildeten. Das Wohnhaus, ein geräumiger Lehmfachwerkbau, mit
eingebauter Holzstube, ehemals mit Stroh gedeckt, war von dem jetzigen Besitzer
mit Ziegeldach versehen worden. Mit dem schwarz gestrichenen Gebälk und den weiss
abgeputzten Lehmvierecken zwischen den Balken, den unter erhabenen Bogen wie
menschliche Augen versteckten Dachsenstern, blickte es sauber, freundlich,
altmodisch und gediegen drein. Die Winterverpackung aus Moos, Laub und Waldstreu
war noch nicht entfernt worden. Das Haus war wohl versorgt, die Leute, die hier
wohnten, das sah man, liebten und schützten ihren Herd.
    Unter einem langen und hohen Dache waren Schuppen, Banse und zwei Tennen
untergebracht. Ein drittes Gebäude entielt Pferde-, Kuh- und Schweineställe.
Scheune wie Stall wiesen noch die altergebrachte Strohbedachung auf.
    Die Gebäude waren alt, aber gut erhalten. Man sah, dass hier Generationen von
tüchtigen und fleissigen Wirten gehaust hatten. Jeder Ritz war zugemacht, jedes
Loch beizeiten verstopft worden.
    In der Mitte des Hofes lag die Düngerstätte mit der Jauchenpumpe daneben. Am
Scheunengiebel war ein Taubenhaus eingebaut, welches eine Art von Schlösschen
darstellte; die Türen und Fenster des Gebäudes bildeten die Ein- und
Ausfluglöcher für die Tauben. Ein Kranz von scharfen, eisernen Stacheln wehrte
dem Raubgetier den Zugang. In dem offenen Schuppen sah man Brettwagen,
Leiterwagen und andere Fuhrwerke stehen, die Deichseln nach dem Hofe gerichtet.
Unter dem vorspringenden Scheunendach waren die Leitern untergebracht. Im
Holzstall lag gespaltenes Holz für die Küche, Reisig zum Anfeuern und
Scheitolz. Das Kalkloch, der Sandhaufen und der Stein zum Dengeln der Sensen
fehlten nicht.
    Der Sinn für das Nützliche und Notwendige herrschte hier wie in jedem
rechten Bauernhofe vor. Aber auch der Gemütlichkeit und dem Behagen war Rechnung
getragen. Ein schmales Gärtchen, von einem Holzstaket eingehegt, lief um die
Süd- und Morgenseite des Wohnhauses. Hier zog die Bäuerin neben Gemüsen und
nützlichen Kräutern verschiedene Blumensorten, vor allem solche, die sich durch
starken Geruch und auffällige Farben auszeichneten. Und um die Pracht voll zu
machen, hatte man auf bunten Stäben leuchtende Glaskugeln angebracht. In der
Ecke des Gärtchens stand eine aus Brettern zusammengestellte Holzlaube, die sich
im Sommer mit bunt blühenden Bohnenranken bezog. Im Grasgarten standen
Obstbäume, von denen einzelne, ihrem Umfange nach zu schliessen, an hundert Jahr
alt sein mochten.
    Die Tür des Wohnhauses war besonders schön hergestellt. Drei glatt behauene
steinerne Stufen führten hinauf. Die Pfosten und der Träger waren ebenfalls von
Granit. Auf einer Platte, die über der Tür angebracht war, stand folgender
Spruch eingegraben:
»Wir bauen alle feste,
und sind doch fremde Gäste,
und wo wir sollen ewig sein,
da bauen wir gar wenig ein!«
    Gustav und der Bauer schritten vom Hause, ohne dass einer dem anderen ein
Wort gesagt oder einen Wink gegeben hätte, geraden Weges nach dem Pferdestalle;
denn hier war der Gegenstand des allgemeinen Interesses untergebracht: eine
zweijährige braune Stute, die der Bauer vor kurzem gekauft hatte. Zum dritten
oder vierten Male schon besuchte der Unteroffizier, der erst am Abend vorher in
der Heimat eingetroffen war, das neue Pferd. Er hatte sich die Stute auch schon
ins Freie hinausführen lassen, um ihre Gänge zu beobachten; aber ein Urteil über
das Pferd hatte er noch immer nicht abgegeben, obgleich er ganz genau wusste, dass
der Alte darauf wartete. Gustav sagte auch jetzt noch nichts, obgleich er
prüfend mit der Hand über die Sehnen und Flechsen aller vier Beine gefahren war.
    Die Büttners waren darin eigentümliche Käuze. Nichts wurde ihnen schwerer,
als sich gegen ihresgleichen offen auszusprechen. Oft wurden so die wichtigsten
Dinge wochenlang schweigend herumgetragen. Jeder empfand das als eine Last, aber
der Mund blieb versiegelt, bis endlich die eherne Notwendigkeit oder irgend ein
Zufall die Zungen löste. - Es war fast, als schämten sich die
Familienmitglieder, untereinander Dinge zu besprechen, die sie jedem Fremden
gegenüber offener und leichteren Herzens geäussert haben würden. Vielleicht, weil
jedes die innersten Regungen und Stimmungen des Blutsverwandten zu genau kannte
und seine eigenen Gefühle wiederum von ihm gekannt wusste.
    Vater und Sohn traten, nachdem man das Pferd genügend geklopft und
gestreichelt und ihm die Streu frisch aufgeschüttelt hatte, wieder auf den Hof
hinaus. Hier verweilte sich Gustav nicht erst lange. Es hatte sich in der
Wirtschaft sonst nichts weiter verändert, seit er das letztemal auf Urlaub
gewesen war. Die neu aufgestellten Ferkel und die angebundenen Kälber hatte er
schon vor der Kirche mit der Bäuerin besehen. Man schritt nunmehr unverweilt zum
Hofe hinaus.
    Das Gut bestand aus einem langen, schmalen Streisen, der vom Dorfe nach dem
Walde hinauslief.
    Am unteren Ende lag das Gehöft. Im Walde, der zu dem Bauerngute gehörte,
entsprang ein Wässerchen, das mit ziemlich starkem Gefälle zum Dorfbach
hinabeilte. An diesem Bächlein lagen die Wiesen des Büttnerschen Grundstückes.
Zwischen den Feldern zog sich der breite Wirtschaftsweg des Bauerngutes, mit
alten, tief eingefahrenen Gleisen, holperig und an vielen Stellen von Rasen
überwachsen, vom Gehöft nach dem Walde hinauf.
    Vater und Sohn gingen langsam, jeder auf einer Seite des Weges für sich.
Heute konnte man sich Zeit nehmen, heute gab es keine Arbeit. Gesprochen wurde
nichts, weil einer vom anderen erwartete, dass er zuerst etwas sagen solle. Bei
den einzelnen Schlägen blieb der alte Bauer stehen und blickte den Sohn von der
Seite an, das Urteil des jungen Mannes herausfordernd.
    Gustav war nicht etwa gleichgültig gegen das, was er sah. Er war auf dem
Lande geboren und aufgewachsen. Er liebte den väterlichen Besitz, von dem er
jeden Fussbreit kannte. Der Bauer hatte die Hilfe des jüngeren Sohnes in der
Wirtschaft all die Zeit über, wo Gustav bei der Truppe war, aufs empfindlichste
vermisst.
    Karl, der eigentliche Anerbe des Gutes und Hofes, war nicht halb soviel wert
als Arbeiter und Landwirt wie der jüngere Sohn.
    Sie hatten bereits mehrere Stücke betrachtet, da blieb der Bauer vor einem
Kleeschlage stehen. Er wies auf das Stück, das mit dichtem, dunkelgrünem Rotklee
bestanden war.
    »Sicken Klee hat's weit und breit kenen. - Haa! - In Halbenau hoat noch kee
Pauer su an Klee gebrocht. Und der hoat in Haber gestanda. - Haa! - Do kann sich
in April schun der Hoase drine verstacken, in dann Klee!« -
    Er stand da, breitbeinig, die Hände auf dem Rücken, und sein altes,
ehrliches, rotes Bauerngesicht strahlte vor Stolz. Der Sohn tat ihm den
Gefallen, zu erklären, dass er besseren Klee zu Ostern auch noch nicht gesehen
habe.
    Nachdem man sich genügsam an dieser Pracht geweidet, ging's langsam auf dem
Wirtschaftswege weiter. Nun war das Schweigen einmal gebrochen, und Gustav fing
an zu erzählen. Im Manöver und bei Felddienstübungen war er viel herumgekommen
im Lande. Er hatte die Augen offen gehalten und sich gut gemerkt, was er
anderwärts gesehen und kennen gelernt von neuen Dingen. Der alte Bauer bekam von
allerhand zweckmässigen Maschinen und Einrichtungen zu hören, die ihm der Sohn zu
beschreiben versuchte. »Bei Leiba, bei Leiba!« rief er ein über das andere Mal
erstaunt aus. Die Berichte des Sohnes klangen ihm geradezu unglaublich.
Besonders dass es jetzt eine Maschine geben solle, welche die Garben bände, das
wollte ihm nicht in den Sinn. Säemaschinen, Dreschmaschinen, das konnte er ja
glauben, die hatte er auch schon selbst wohl gesehen, aber eine Maschine, welche
die Garben raffte und band! »Da mechte am Ende ener och a Ding erfinden, das die
Apern stackt oder de Kihe von selber melken tut. Ne, das glob'ch ne! - dernoa,
wenn's suweit käma, da kennten mir Pauern glei gonz eipacken. Si's su schun
schlimm genuche mit a Pauern bestellt. Dar Edelmann schind uns, und dar Händler
zwickt uns; wenn och noch de Maschinen, und se wullen alles besurgen, dernoa
sein mir Pauern glei ganz hin!« -
    Gustav lächelte dazu. Er hatte in den letzten Jahren doch manches bäurische
Vorurteil abgestreift. Er versuchte es, den Vater zu überzeugen, dass das mit den
neuen Erfindungen doch nicht ganz so schlimm sei; im Gegenteil, man müsse
dergleichen anwenden und nutzbar zu machen suchen. Der Alte blieb bei seiner
Rede. Zwar hörte er dem Jungen ganz gern zu; Gustavs lebhafte und gewandte Art,
sich auszudrücken, die er sich in der Stadt angeeignet, machte ihm, der selbst
nie die Worte setzen gelernt hatte, im stillen Freude und schmeichelte seinem
väterlichen Stolze, aber von seiner ursprünglichen Ansicht ging er nicht ab. Das
war alles nichts für den Bauern. Solche Neuerungen waren höchstens dazu
erfunden, den Landmann zu verderben.
    Sie waren unter solchen Gesprächen an den Wald gelangt. Hier lief die Flur
in eine sumpfige Wiese aus, die in unordentlichen Niederwald überging. Dahinter
erhoben sich einzelne Kiefern, untermengt mit Wacholdersträuchern, Ginster und
Brombeergestrüpp. Der Boden, durch die jährliche Streunutzung völlig entwertet,
war nicht mehr imstande, einen gesunden Baumwuchs hervorzubringen. Der
Büttnerbauer war, wie die meisten seines Standes, ein schlechter Waldheger.
    Der alte Mann wollte nunmehr umkehren. Aber Gustav verlangte noch das
»Büschelgewände« zu sehen, da sie einmal so weit draussen seien. Diese Parzelle
hatte der Vater des jetzigen Besitzers angekauft und dem Gute einverleibt.
    Der Bauer zeigte wenig Lust, den Sohn dieses Stück sehen zu lassen, und mit
gutem Grunde. Das Stück lag brach, allerhand Unkraut machte sich darauf breit.
Der Bauer schämte sich dessen.
    »Was habt Ihr denn dort stehen heuer?« fragte Gustav völlig arglos.
    »Ne viel Gescheits! Dar Busch dämmt's Feld zu siehre, und a Zehnter-Rehe san
och allendchen druffe; da kann duch nischt ne gruss warn.«
    Er verschwieg dabei, dass dieses Gewände seit andertalb Jahren nicht Pflug
und nicht Egge gesehen hatte.
    »Will denn der Graf immer noch unseren Wald kofen?« fragte Gustav.
    Der Büttnerbauer bekam einen roten Kopf bei dieser Frage.
    »Ich sullte an Buusch verkofen!« rief er. »Ne, bei meinen Labzeiten wird
suwas ne! 's Gutt bleibt zusommde!« Die Zornader war ihm geschwollen, er sprach
heiser.
    »Ich meente ock, Vater!« sagte Gustav beschwichtigend. »Uns nutzt der Busch
doch nich viel.«
    Der Büttnerbauer machte Halt und wandte sich nach dem Walde zu. »Ich verkofe
och nich an Fussbreit von Gutte, ich ne! Macht Ihr hernachen, wos der wullt,
wenn'ch war tud sein. Vun mir kriegt dar Graf dann Buusch ne! Und wenn er mir
nuch su vill lässt bietan. Meenen Buusch kriegt ar ne!« Der Alte ballte die
Fäuste, spuckte aus und wandte dem Walde den Rücken zu.
    Gustav schwieg wohlweislich. Er hatte den Vater da an einer wunden Stelle
berührt. Der Besitzer der benachbarten Herrschaft hatte dem alten Bauer bereits
mehr als einmal nahe legen lassen, ihm seinen Wald zu verkaufen. Solche Ankäufe
waren in Halbenau und Umgegend nichts Seltenes. Die Herrschaft Saland, die
grösste weit und breit, ursprünglich nur ein Rittergut, war durch die Regulierung
und die Gemeinheitsteilung und später durch Ankauf von Bauerland zu ihrer
jetzigen Grösse angewachsen. Das Büttnersche Bauerngut lag bereits von drei
Seiten umklammert von herrschaftlichem Besitz. Der Büttnerbauer sah mit
wachsender Besorgnis dem immer weiteren Vordringen des mächtigen Nachbars zu.
Seine Ohnmacht hatte allmählich eine grimmige Wut in ihm erzeugt gegen alles,
was mit der Herrschaft Saland in Zusammenhang stand. Verschärft war seine
Gehässigkeit noch worden, seit er bei einem Konflikte, den er mit der Herrschaft
wegen Übertritts des Damwildes auf seine Felder gehabt, in der
Wildschadenersatzklage abschlägig beschieden worden war.
    Man schritt den Wiesenpfad hinab, am Bache entlang. Von rechts und links,
von den höher gelegenen Feldstücken, drückte das Wasser nach der Bachmulde zu.
Das dunkle, allzu üppige Grün verriet die Feuchtigkeit einzelner Flecken. Es gab
Stellen, wo der Boden unter dem Tritt des Fusses erzitterte und nachzugeben
schien. Der ganze Wiesengrund war versumpft.
    Gustav meinte, dass hier Drainage angezeigt sei.
    »Wu fullt ak daderzut 's Geld rauskumma, un de Zeit!« rief der Büttnerbauer.
»Mir warn a su och schunsten ne fertg! Unserens kann'ch mit su was duch ne
abgahn. Drainierchen, das is ganz scheen und ganz gutt for an Rittergutsbesitzer
oder anen Ökonomen; aber a Pauer ...«
    Er vollendete seine Rede nicht, verfiel in Nachdenken. Die ganze Zeit über
hatte er etwas auf dem Herzen dem Sohne gegenüber, aber er scheute das
unumwundene Geständnis.
    »Es mechten eben a poar Fausten mehr sein für's Gutt!« sagte er schliesslich.
»Mir sein zu wing Mannsen, Karle und ich, mir zwee alleene. Die Weibsen täten
schun zulanga; aber dos federt ne su: Weiberarbeit. Mir zwee, Karle und ich, mir
wern de Arbeit ne Herre. A dritter mechte hier sein!« -
    Gustav wusste nun schon, worauf der Alte hinaus wollte. Es war die alte
Geschichte. Dass er dem Vater fehle bei der Arbeit, wollte er schon glauben. Denn
Karl war ja doch nicht zu vergleichen mit ihm, in keiner Weise, das wusste der
selbstbewusste junge Mann recht gut. - Der Vater klagte ja nicht zum ersten Male,
dass die Wirtschaft zurückgehe, seit Gustav bei der Truppe sei. Aber, das konnte
nichts helfen, Gustav war nicht gesonnen, die Tressen aufzugeben für die
Stellung eines Knechtes auf dem väterlichen Hofe. Ja, wenn's noch für eigene
Rechnung gewesen wäre! Aber für die Familie sich abschinden, für Eltern, Bruder
und Schwestern. Für ihn selbst sprang ja dabei gar nichts heraus. Das Gut erbte
ja einstmals nicht er, sondern Karl. -
    Er erwiderte daher auf die Klage des Vaters in kühlem Tone: »Nehmt Euch doch
einen Knecht an, Vater!«
    Der Alte blieb stehen und rief mit heftigen Armbewegungen: »An Knacht! Ich
sull mer an Knacht onnahma? Ich mecht ock wissen, wu dar rauswachsen sillte.
Achzig Toler kriegt a su a Knacht jetzt im Juhre, und's Frassen obendrein. Und
do mechte och noch a Weihnachten sen und a Erntescheffel. Mir hon a su schun zu
vills Mäuler zu stopfa, hon mir! Wusu kann ich denne, und ich kennte mer an
Knacht halen! - Ne, hier mechte ener har, dar zur Familie geherte, dann wer
keenen Lohn ne brauchten zahla. So ener mechte hier sen!«
    Der Unteroffizier zuckte die Achseln, und der Vater sagte nichts weiter. Der
Rückweg wurde schweigend zurückgelegt. In dem Gesichte des Alten zuckte und
witterte es, als führe er das Gespräch innerlich weiter. Ehe sie das Haus
betraten, hielt er den Sohn am Arme fest und sagte ihm ins Ohr: »Ich will der
amal a Briefel weisen, Gustav, das'ch gekriegt ha'. Komm mit mer ei die Stube!«
-
    Der Büttnerbauer ging voraus in die Wohnstube. Ausser der alten Bäuerin war
hier nur die Schwiegertochter anwesend. Terese schaukelte ihr Jüngstes, das an
einem durch zwei Stricke am Mittelbalken der Holzdecke befestigten Korbe lag,
hin und her. Der Bauer begann in einem Schubfache zu kramen. »Woas suchst de
denne, Büttner?« fragte die Bäuerin. »'s Briefel von Karl Leberechten.«
    »Dos ha'ch verstackt!« rief die alte Frau, und kam aus ihrer Ecke
hervorgehumpelt. »Wart ack, wart!« Sie suchte auf der Kommode, dort lag in einem
Schächtelchen ein Schlüssel, mit diesem Schlüssel ging sie zum Spind, schloss es
auf und entnahm dem obersten Brett ein altes Buch mit vielen Einlagen und
Buchzeichen. In dem Buche blätterte sie eine Weile, bis sie endlich auf das
gesuchte Schreiben kam. »Doe is er!«
    Der Büttnerbauer berührte den Brief wie alles Geschriebene mit besonderer
Vorsicht, ja mit einer Art von Scheu. Dann schob er ihn dem Sohne hin: »Lase a
mal dos, Gustav!«
    Der Briefbogen hatte grosses Quartformat und trug rechts oben eine Firma:
»C.G. Büttner, Materialwarenhandlung en gros & en detail.« Folgte die
Ortsbezeichnung.
    Gustav sah nach der Unterschrift. Sein eigener Name stand darunter: Gustav
Büttner. Der Briefschreiber war demnach sein ihm gleichaltriger Vetter,
Kompagnon im Geschäfte des alten Karl Leberecht Büttner. Gustav hatte Onkel und
Vetter ein einziges Mal gesehen in seinem Leben, als sie vor Jahren dem
Heimatdorfe einen flüchtigen Besuch von der Stadt aus abgestattet.
    Dieser Karl Leberecht war ein um wenige Jahre jüngerer Bruder des
Büttnerbauern. Er hatte Halbenau frühzeitig verlassen als ein grosser Tunichtgut.
Jahrelang war nichts von ihm verlautet. Dann tauchte er plötzlich als
verheirateter Mann und Inhaber eines Grünwarengeschäftes in einer mittelgrossen
Stadt der Provinz auf. Inzwischen hatte sich sein Geschäft zur
»Materialwarenhandlung en gros & en detail« ausgewachsen.
    Die beiden Familien, die eine in der Stadt, die andere auf dem Dorfe, hatten
so gut wie gar keine Berührungspunkte mehr. Nur bei der Erbschaftsregulierung,
vor nunmehr dreissig Jahren, war man einander auf kurze Frist wieder einmal näher
getreten. In den letzten Jahrzehnten hatte man nur ganz gelegentlich etwas
voneinander gesehen oder gehört.
    G. Büttner jun. also schrieb im Namen seines Vaters, dass man die Hypotek,
welche von der Erbteilung her noch auf dem Büttnerschen Bauerngute in Halbenau
stand, hiermit kündige, und dass man den Eigentümer besagten Bauerngutes ersuche,
Zahlung zum Iohannitermine zu leisten. Als Grund der Kündigung war Erweiterung
des Geschäftes angegeben.
    Der Brief war durchaus in geschäftlichem Stile gehalten und entielt nichts,
was darauf hindeutete, dass Schreiber und Empfänger in naher Blutsverwandtschaft
standen.
    Vater und Mutter hielten sich hinter dem Sohne, während er las, und blickten
ihm über die Schulter.
    »Habt Ihr schon was derzu getan, Vater?« meinte Gustav, als er fertig war
mit lesen.
    »Wie meenst de?« fragte der Alte und sah ihn verständnislos an.
    »Ob Ihr schon derzu getan habt wegen an Gelde? Am ersten Juli müsst Ihr
zahlen.«
    »Siehst de, Moann!« rief die Bäuerin. »Ich ho dersch immer geseut, de
mechtest federn und nach an Galde sahen.«
    »Ich bin o schun, und ich ha mich befrogt im a Gald. Bei Kaschelernsten
bi'ch gewast; der spricht, ar wullt mersch ack gahn, wenn'ch 'n sechsdehalb
Prozent versprechen täte.«
    »Das sieht dem Kujon ähnlich!« rief Gustav. Sein Onkel Kaschel war der
Inhaber des Kretschams von Halbenau. Er war Witwer, ehemals mit einer Schwester
des Büttnerbauern verheiratet. Er galt in Halbenau, wo Bargeld ziemlich rar war,
für den ersten Kapitalisten.
    »Da mechte aber bald Rat werden,« sagte Gustav nachdenklich. »Sonst werdet
Ihr verklagt, Vater!«
    »Mei Heiland! Siehste's Moann!« rief die Bäuerin. »Ich ho's schun immer
geseut iber den Pauer: mir wern noch gepfändt, ho'ch ibern geseut, de werscht's
derlaben, Traugott!«
    »Nu, dos gleb 'ch do ne von Karl Leberechten!« meinte der Alte; aber sein
unsicherer Blick zeigte, dass ihm nicht ganz geheuer zumute sei.
    »Die werden wohl nich lange fackeln!« meinte Gustav.
    »Siehste, Traugott, siehste! Gustav meent och su!« rief die Bäuerin. »Su is
er aber nu, der Vater. Er bedenkt sich, und er bedenkt sich, und er tut nischt
derzu. Er werd's nuch soweit bringa, dass se 'n 's Gut wagnahmen kumma.«
    Der Büttnerbauer warf seiner Ehehälfte einen finsteren Blick zu. Das Wort
hatte ihn getroffen. »Halt de Fresse, Frau!« rief er ihr zu. »Was verstiehst
denn du vun a Geschäften!«
    Die Bäuerin schien mehr betrübt als beleidigt über diese Worte des Gatten.
Sie zog sich schweigend in ihre Ecke zurück. Gustav überlegte eine Weile,
welchen Rat er seinem Vater geben solle. Einen Augenblick dachte er daran, dem
Vater abermals vorzuschlagen, dass er seinen Wald an die Herrschaft verkaufen
möchte. Aber, dann fiel ihm ein, wie dieser Vorschlag den Alten vorhin erbost
hatte. Er kannte seinen Vater, den hatte noch niemals jemand von seiner Ansicht
abgebracht.
    »Ich weiss keenen andern Rat, Vater,« sagte er schliesslich. »Ihr müsst in die
Stadt. Hier weit und breit is doch keen Mensch mit Gelde, ausser Kaschelernsten.
In der Stadt, dächt'ch, müsste doch Geld zu bekommen sein.«
    »Das ho'ch och schun gedacht!« meinte der Büttnerbauer mit nachdenklicher
Miene.
    Es trat ein langes Schweigen ein. Man hörte nur das leichte Knarren der
Stricke in den Haken und das Knistern des Korbes, in welchem Terese den
Säugling hin und her schaukelte. -
    Jetzt traten die beiden Mädchen ins Zimmer. Toni war im vollen Staate. Ihre
üppigen Formen waren in ein Kleid von greller, blauer Farbe gezwängt, das vorn
etwas zu kurz geraten war, und so die plumpen, schwarzen Schuhe sehen liess. An
ihrem Halse blitzte eine Brosche von buntem Glase. Ihr blondes Haar hatte sie
stark pomadisiert, so dass es streifenweise ganz braun aussah. Offenbar war sie
sehr stolz über den Erfolg ihrer Toilettenkünste. Steif und gezwungen, als sei
sie von Holz, bewegte sie sich. Denn die Zugschuhe, der Halskragen und das
Korsett waren ihr ungewohnte Dinge. Sie ging einher wie eine Puppe.
    Gustav, der in der Stadt seinen Geschmack gebildet hatte, belächelte die
Schwester. Heute abend sei Tanz im Kretscham, berichtete Toni dem Bruder. Sie
hoffte, dass er sie dahin begleiten würde, darum hatte sie sich auch so besonders
herausgeputzt, um vor seinem verwöhnten Auge zu bestehen. - Der alte Bauer, der
allen Putz und unnützen Tand nicht leiden mochte, brummte etwas von
»Pfingstuchse«! Aber, die Bäuerin nahm die Tochter in Schutz. Am Sonntage wolle
solch ein Mädel auch einmal einen Spass haben, wenn sie sich Wochentags
abgerackert habe im Stalle, Hause und auf dem Felde.
    Das Abendbrot wurde zeitiger anberaumt, damit die Kinder nichts von dem
Vergnügen versäumen sollten.
    Gustav begleitete die Schwester zum Kretscham. Unterwegs erzählte ihm Toni,
dass Ottilie, die Tochter Kaschelernsts, des Kretschamwirtes, in den letzten
Tagen wiederholt und zuletzt heute früh in der Kirche gefragt habe, ob Gustav
nicht zum Tanze in den Kretscham kommen werde. Der Unteroffizier konnte sich
eines Lachens nicht entalten, sobald er nur die Cousine erwähnen hörte. Ottilie
Kaschel war um einige Jahre älter als er, aber, als die Tochter Kaschelernsts,
wohl die beste Partie von Halbenau. Gustav hatte sich in früheren Zeit
gelegentlich sein Spässchen mit ihr erlaubt; er wusste ganz gut, dass sie ihn gern
mochte, aber der Gedanke an ihre Erscheinung machte ihn lachen. Sie hatten ein
Pferd bei der Schwadron, einen alten Schimmel: die »Harmonika«, dürr, überbaut,
mit Senkrücken; an den erinnerte ihn seine Cousine Ottilie.
    Gustav liess die Schwester allein in den Kretscham treten. Er sagte, er werde
nachkommen. Oben im Saale glänzten schon die Fenster, das Schmettern der
Blechmusik, untermischt mit dem dumpfen Stampfen und Schleifen der Tänzer, drang
auf die Strasse hinaus.
    Gustav lockte das nicht; ihn erwarteten heute abend ganz andere Freuden.
    Auf Seitenpfaden, zwischen Gärten und Häusern hin, schlich er sich durch die
Nacht. Um nicht angesprochen zu werden, stieg er, als ihm ein Trupp junger Leute
entgegenkam, über einen Zaun.
    Bei Katschners Pauline brannte ein Lämpchen. Sie wartete auf ihn. Sie hatten
nichts verabredet heute früh, und doch wussten beide, was der Abend bringen
würde.
    Er klopfte vorsichtig an ihr Fenster. Da wurde auch schon der Vorhang
zurückgeschoben. Eine weisse Gestalt erschien für einen Augenblick hinter den
Scheiben. Ein kleines Schiebefensterchen öffnete sich. »De Tiere is uff, Gustav!
Mach keenen Lärm, de Mutter is derheme.«
    Der Unteroffizier zog sich die Stiefeln aus und reichte sie wortlos dem
Mädchen zum Fenster hinein. Dann schlich er sich, mit den Bewegungen einer
Katze, durch die niedere Tür in das Häuschen. Gleich darauf verlöschte das Licht
in Paulinens Zimmer.
 
                                      III.
Einige Tage später fuhr der Büttnerbauer im korbgeflochtenen Kälberwägelchen
durchs Dorf. Er sass ganz vorn im Wagen, so dass er den Pferdeschwanz beinahe mit
den Füssen berührte, auf einem Gebund Heu, hinter ihm lagen eine Anzahl gefüllter
Säcke.
    Er hatte sich rasiert, was er sonst nur am Sonnabend abend tat, er trug ein
reines Hemd, den schwarzen Rock und einen flachen Filzhut - sichere Wahrzeichen,
dass es nach der Stadt ging.
    Als er am Kretscham von Halbenau vorbeikam, stand dort sein Schwager Ernst
Kaschel in der Tür, Zipfelmütze auf dem Kopfe, die Hände unter der Schürze, in
der echten Gastwirtspositur.
    Der Bauer stellte sich, als sähe er den Gatten seiner verstorbenen Schwester
nicht, blickte vielmehr steif geradeaus auf die Landstrasse, während er sich dem
Kretscham näherte, und gab dem Rappen die Peitschenschmitze zu fühlen, damit er
sich in Trab setzen solle.
    Der Büttnerbauer war seinem Schwager Kaschel niemals grün gewesen. Das
gespannte Verhältnis zwischen den Verwandten stammte von der
Erbauseinandersetzung her, die der Bauer nach dem Tode des Vaters mit seinen
Geschwistern gehabt hatte.
    Aber der Gastwirt liess den Schwager nicht unangeredet vorüberfahren. »Gun
Tag o, Traugott!« rief er dem Bauer zu. Und als dieser auf den Gruss nicht
zeichnete, sprang der kleine Mann behende die Stufen vom Kretscham auf die
Strasse hinab, trotz seiner Holzpantoffeln, und lief auf das Gefährt zu. »Holt a
mal, Traugott! Ich ha mit dir zu raden.« -
    Der Bauer brachte das alte Tier, das, wenn einmal im Schusse, schwer zu
parieren war, durch ein paarmaliges kräftiges Anziehen der Zügel endlich zum
stehen und fragte mit wenig erfreuter Miene, was »zum Schwerenschock« jener von
ihm wolle.
    Der Kretschamwirt lachte; es war dies eine von Ernst Kaschels
Eigentümlichkeiten, in allen Lebenslagen zu grinsen. Es gab ihm das etwas
Verlegenes, ja geradezu Törichtes und Tölpelhaftes - jedenfalls hatte es der
Mann trotz dieser Eigenheit in seinem Leben zu einer gewissen Macht über seine
Mitmenschen gebracht.
    Kaschelernst, wie er meist genannt wurde, verzog also sein kleines,
bartloses Gesicht zu einem Grinsen und fragte, statt zu antworten: »Hast de 's
denne so eilig, Traugott! Ich wollt ack freun, wu de su frih an Tage schun hin
wolltest?«
    »Ei de Stadt, Hafer verlosen,« erwiderte Büttner, ärgerlich über den
Aufentalt und über das verhasste Lächeln des Schwagers, dessen wahren Sinn er am
eigenen Leibe oft genug erfahren hatte. Schon hob er die Peitsche, um den Rappen
von neuem anzutreiben. Aber der Wirt hatte das Pferd inzwischen am Kehlriemen
gefasst und kraute es in den Nüstern, so dass der Bauer, wäre er jetzt
losgefahren, den Schwager höchst wahrscheinlich über den Haufen gerannt hätte.
    Kaschelernst war ein kleines, hiefriches Männchen, mit rötlich glänzendem,
dabei magerem Gesicht. Den feuchten, schwimmenden Augen konnte man die
Liebhaberei des Wirtes für die Getränke ansehen, die er selbst verschänkte. Mit
dem kahlen, spitzen Kopfe, dem fliehenden Kinn und dem Rest von vorspringenden
Zähnen in dem bartlosen Munde sah er einer alten Ratte nicht unähnlich. Seine
Glatze deckte tagein, tagaus eine gewirkte Zipfelmütze, der Leib war in die
Wirtsschürze eingeschnallt, an den Füssen trug er blaue Strümpfe, in denen die
Beinkleider verschwanden.
    Er liess ein »Ho, Alter, ho!« vernehmen - was dem Pferde galt - dann wandte
er sich mit blödem Lachen an seinen Schwager: »Wo in drei Teifels Namen nimmst
denn du dann Hafer her, zum verkefen, jetzt im Frühjuhre?«
    »Mir hon gelt allens zusommde gekroatzt uf'n Schittboden, 's is'n immer nuch
ane Handvell ibrig fir de Pferde. Ich dachte ock, und ich meente, weil er jetzt
on Preis hat, dacht'ch, du verkefst'n, ehbs dass er wieder billig wird, dar
Hafer.«
    »Ich kennte grode a Zentner a zahne gebrauchen,« meinte der Gastwirt, »wenn
er nich zu huch käme.«
    »Der Marktpreis stieht ja im Blattel.«
    »An Marktpreis mecht'ch nu grode ne zahlen, wenn'ch 'n vun dir nahme, den
Hafer. Du wirst duch an nahen Verwandten ne iberteuern wullen, Traugott.« -
Kaschelernst verstand es, ungemein treuherzig dreinzublicken, wenn er wollte.
    »Vun wegen der Verwandtschaft! ...« rief der Büttnerbauer erregt.
»Sechsdeholb Prozent von an nahen Verwandten furdern, wenn ersch's Geld nötig
hat, das kannst du! - Gih mer aus 'n Wege, ich will furt!«
    Kaschelernst liess den Kopf des Pferdes nicht los, trotz des drohend
erhobenen Peitschenstils. »Ich will der wos sagen, Traugott!« meinte er, »ich
ha' mersch iberlegt seit neilich wegen der Hypotek von Karl Leberechten. Ich
will dersch Geld mit finf Prozent burgen. Ich will's machen, ock weil du's bist,
Traugott! Du brauchst's am Ende netig. Ich ha' mersch iberlegt; ich will dersch
gahn, mit finf Prozent.«
    Der Bauer blickte seinen Schwager misstrauisch an. Was hatte denn den auf
einmal so umgestimmt? Neulich hatte er noch sechs und ein halb Prozent verlangt,
und keinen Pfennig darunter, wenn er die Hypotek, die dem Büttnerbauer von
seinem Bruder Karl Leberecht gekündigt worden war, übernehmen solle. Dass
Kaschelernst ihm nichts zuliebe tun werde, wusste der Bauer nur zu genau.
Andererseits lockte das Anerbieten. Fünf Prozent für die Hypotek. - Es war
immer noch Geld genug! Vielleicht bekam man's doch noch um ein halb Prozent
billiger in der Stadt. Überhaupt war es vielleicht besser, sich mit Kaschelernst
nicht weiter einzulassen; er besass ja sowieso weiter oben noch eine Hypotek auf
dem Bauerngute eingetragen, und leider hatte er ja auch überdies Forderungen.
    »No, wie is!« mahnte Kaschelernst den Überlegenden. »Sein mir eenig? Finf
Prozent!«
    »Mir worsch aben racht, wenn'ch 's Geld glei kriegen kennte.«
    »'s Geld is da! Ich ha's huben liegen. Da kannst's glei mitnahmen, Traugott,
uf de Post, wenn de Karl Leberechten auszahlen willst. Also, wie is, sein mer
eenig?«
    Der Bauer similierte noch eine ganze Weile. Er misstraute der Sache. Irgendwo
war da eine Hintertür, die er noch nicht sah. Wenn Kaschelernst die Miene des
Biedermanns aufsetzte, da konnte man sicher sein, dass er einen begaunern wollte.
»Du soist, du hättst's Geld da liegen; soist du?«
    »Tausend Taler und drüber! se liegen bei mer im feuersicheren Schranke.
Willst se sahen, Traugott?«
    »Also finf Prozent! Kannst de 's ne drunger macha?«
    »Ne, drunger gar ne! Und ees wolt'ch der glei noch sagen, Traugott, bei der
Gelegenheit: für meine eegne Hypotek, die'ch von deiner Schwester geerbt ha',
dos wullt'ch der glei noch sagen: da mecht'ch von Michaelis an och finf Prozent
han, viere dos is mer zu wing, verstiehst de!«
    »Du bist wuhl verrikt!«
    »Finf Prozent für beide Hypoteken! hernachen sollst du's Geld han.
Anderscher wird keen Geschäft ne, Traugott!«
    Jetzt riss dem Büttnerbauer die Geduld.
    Er hob die Peitsche und schlug auf das Pferd. Der Gastwirt, erkennend, dass
es diesmal Ernst sei, hatte gerade noch Zeit, beiseite zu springen. Der Rappe
bockte erst ein paarmal ob der unerwarteten Schläge, dann zog er an. Kirschrot
im Gesicht wandte sich der Bauer nach seinem Schwager um und drohte unter wilden
Schimpfreden. dabei ging das Geschirr in Bogenlinien von einer Seite der Strasse
auf die andere und drohte in den Graben zu stürzen, weil der Bauer in seiner Wut
abwechselnd an der Hotte- und an der Hüsteleine riss.
    Der Kretschamwirt stand mitten auf der Strasse und sah dem davoneilenden
Gefährte nach, sich die Seiten vor Lachen haltend. Er sprang vor Vergnügen von
einem Bein auf das andere, kicherte und schnappte nach Luft. Sein Sohn Richard,
ein sechzehnjähriger Schlacks, hatte die Verhandlungen zwischen Vater und Onkel
vom Gaststubenfenster aus neugierig verfolgt. Jetzt, da er den Büttnerbauer
erregt abfahren sah, kam er heraus zum Vater, um zu erfahren, was eigentlich
vorgegangen sei. Kaschelernst, dem die Augen übergingen, konnte seinem Sohn vor
Lachen kaum etwas erzählen.
    Der Büttnerbauer machte seinem Ärger noch eine geraume Weile durch Flüche
Luft. Am meisten ärgerte er sich über sich selbst, dass er sich abermals hatte
verführen lassen, mit seinem Schwager Kaschel zu sprechen. Als ob jemals ein
Mensch mit diesem »Würgebund« etwas zu tun gehabt hätte, ohne von ihm übers Ohr
gehauen worden zu sein. Der war ja so ein »gerissener Hund« mit seinem blöden
Lachen. Als ob er nicht bis drei zählen könne, so konnte dieser Lump sich
anstellen, und gerade damit fing er die meisten Gimpel.
    Als Kaschelernst ins Dorf gekommen war vor Jahren, hatte er nicht einen
roten Heller sein eigen genannt, und jetzt war er der anerkannt reichste Mann in
Halbenau. Der Kretscham, zu welchem ein nicht unbedeutendes Feldgrundstück
gehörte, war sein eigen. Er hatte einen Tanzsaal mit grossen Fenstern eingebaut,
zwei Kegelbahnen und einen Schiessstand angelegt. Ausser dem Schnaps- und
Bierausschank betrieb er den Kleinkram, gelegentlich auch Fleischerei und
Getreidehandel. Alles gedieh ihm. Auch Landverkäufe vermittelte er. Man munkelte
allerhand, dass er seine Hand im Spiele gehabt bei Güterzerschlagungen, wie sie
in der letzten Zeit nicht selten in und um Halbenau stattgefunden hatten. Mit
den Händlern, Mäklern und Agenten der Stadt stand er in regem Verkehr; kaum eine
Woche verging, wo nicht einer von dieser Zunft im Kretscham von Halbenau
abgestiegen wäre.
    Und zu denken, dass dieser Mensch alles das nur dadurch erreicht hatte, dass
er eine Tochter aus dem Büttnerschen Gute geheiratet! -
    Der alte Bauer gab sich trüben Gedanken hin, nachdem der erste Ärger
verflogen war. Wie war das alles nur so über ihn und seine Familie gekommen! -
Es war doch keine Gerechtigkeit in der Welt! Der Pastor mochte von der Kanzel
herab sagen, was er wollte: die schlechten Menschen fänden schon hier auf Erden
ihre Strafe und die guten ihren Lohn; für ihn und die Seinen stimmte das nicht.
Da war es eher umgekehrt. - »Es gab keine Gerechtigkeit auf der Welt!«
                                     * * *
    Das Büttnersche Gut war eine der ältesten spannfähigen Stellen im Orte. Es
war, wie die Kirchenbuchnachrichten auswiesen, stets mit Leuten dieses Namens
besetzt gewesen. Lange vor dem grossen Kriege schon hatten die Büttners dem Dorfe
mehrere Schulzen geschenkt. Und unter den alten Grabsteinen auf dem Kirchhofe
war mancher, der diesen Namen aufwies.
    Während des Dreissigjährigen Krieges, wo Halbenau und Umgegend mehrfach arg
mitgenommen wurden, war mit dem »grossen Sterben« auch die Büttnersche Familie
bis auf vier Augen ausgestorben. Seitdem gab es nur noch diesen einen Zweig in
Halbenau. Nicht, dass es der Familie an Nachwuchs gefehlt hätte! aber, entweder
heirateten die jüngeren Söhne nicht, oder wenn sie eigene Familien begründet
hatten, blieben sie doch mit Frau und Kind auf dem Hofe ihrer Väter, halfen bei
der Bestellung und arbeiteten die Frondienste für den Grundherrn ab. Die Kinder
mussten, wie üblich, der Gutsherrschaft zum Zwangsgesindedienst angeboten werden.
Man befand sich ja nicht auf eigenem Grund und Boden; der Gutsherr hatte die
Obrigkeit und besass Verfügungsrecht über Land und Leib seiner Untertanen. Aber
die besondere Stellung der Büttnerschen Familie, ihre Tüchtigkeit und
Nützlichkeit war auch von seiten der Gutsherrschaft respektiert worden. Niemals
war einer aus diesem Gute, wie es in der Zeit der Erbuntertänigkeit den Bauern
nicht selten zu geschehen pflegte, in eine geringere Stelle versetzt worden. Man
leistete durch Spanndienste und Handdienste der Herrschaft ab, was man ihr
schuldig war. Grossen Wohlstand hatte man dabei nicht sammeln können; dazu war
auch die Kopfzahl der Familie meist zu stark gewesen und der Boden zu ärmlich.
Aber man hatte nichts eingebüsst an Land und Kraft in den Zeiten der Hörigkeit,
die nur zu viele Bauern herabgedrückt hat zur Unselbständigkeit und Stumpfheit
des abhängigen Subjekts. Und der Hausverband, die Zusammengehörigkeit der
Familie war gewahrt worden.
    Unter dem Grossvater des jetzigen Besitzers trat die Bauernbefreiung in
Kraft. Die Erbuntertänigkeit wurde aufgehoben, alle Fronden abgelöst. Bei der
Regelung verlor das Bauerngut ein volles Dritteil seiner Fläche an die
Herrschaft.
    In dem Vater des jetzigen Büttnerbauern erreichte die Familie einen gewissen
Gipfelpunkt. Er war ein rühriger Mann, und es gelang ihm, sich durch Fleiss und
Umsicht, begünstigt durch gute Jahre, zu einiger Wohlhabenheit emporzuarbeiten.
Durch einen günstigen Kauf verstand er es sogar, den Umfang des Gutes wieder zu
vergrössern. Vor allem aber legte er das erworbene Geld in praktischen und
bleibenden Verbesserungen des Grund und Bodens an.
    Es war kein kleines Stück für den Mann, sich dem Vordringen des benachbarten
Rittergutes gegenüber, das sich durch Ankauf von kleineren und grösseren
Parzellen im Laufe der Jahre zu einer Herrschaft von stattlichem Umfange
erweitert hatte, als selbständiger Bauer zu erhalten. Unter diesem Besitzer war
die Familie, dem Zuge der Zeit folgend, in alle Windrichtungen
auseinandergeflogen. Nur der älteste Sohn, Traugott, war als zukünftiger Erbe
auf dem väterlichen Hofe geblieben. Als der alte Mann ziemlich plötzlich durch
Schlagfluss starb, fand sich kein Testament vor. Als echtem Bauern war ihm alles
Schreibwesen von Grund der Seele verhasst gewesen. Gegen Gerichte und Advokaten
hatte er ein tiefeingefleischtes Misstrauen gehegt. Zudem war der Alte einer von
denen, die sich nicht gern daran erinnern liessen, dass sie dieser Welt einmal
Valet sagen müssen. Auch schien jede Erbbestimmung unnötig, weil als
selbstverständlich angenommen wurde, dass, wie seit Menschengedenken, auch
diesmal wieder der Älteste das Gut erben werde, und dass sich die übrigen
Geschwister murrlos darein finden würden.
    Das kam nun doch etwas anders, als der Verstorbene angenommen hatte.
    Es waren fünf Kinder vorhanden und die Witwe des Dahingeschiedenen.
Traugott, der Älteste, war durch den Tod des Vaters Familienoberhaupt und Bauer
geworden. Der zweite Sohn hatte vor Jahren das Dorf mit der Stadt vertauscht.
Ein dritter war auf der Wanderschaft nach Österreich gekommen und dort sitzen
geblieben. Ausser diesen drei Söhnen waren zwei Töchter da. Die eine war mit dem
Kretschamwirt von Halbenau verehelicht, die andere hatte einen Mühlknappen
geheiratet, mit dem sie später von Halbenau fortgezogen war.
    Im Erbe befand sich nur das Bauerngut mit Gebäuden, Vorräten und Inventar.
Das bare Geld war zu Ausstattungen der Töchter und zu Meliorationen verwendet
worden.
    Der älteste Sohn erklärte sich bereit, das Erbe anzutreten und die übrigen
Erben mit einer geringfügigen Auszahlung abzufinden, wie es der oftmals
ausgesprochene Wunsch des Verstorbenen gewesen war. Aber der Alte hatte da mit
einer Gesinnung gerechnet, die wohl in seiner Jugend noch die Familie beherrscht
hatte: der Gemeinsinn, der aber dem neuen Geschlechte abhanden gekommen war.
Zugunsten der Einheitlichkeit des Familienbesitzes wollte keiner der Erben ein
Opfer bringen.
    Es wurde Taxe verlangt zum Zwecke der Erbregulierung. Als diese nach Ansicht
der Pflichtteilsberechtigten zu niedrig ausfiel, focht man die Erbschaftstaxe an
und forderte Versteigerung des Gutes.
    Der älteste Sohn, der sein ganzes Leben auf dereinstige Übernahme des
väterlichen Gutes zugeschnitten hatte, wollte den Besitz um keinen Preis fahren
lassen. Er erstand schliesslich das Gut zu einem von seinen Geschwistern
künstlich in die Höhe geschraubten Preise.
    Natürlich war er ausser stande, die Erben auszuzahlen. Ihre Erbteile wurden
auf das Gut eingetragen; Traugott musste froh sein, dass man ihm das Geld zu vier
Prozent stehen liess. So sass denn der neue Büttnerbauer auf dem väterlichen
Grundstücke, das mit einem Schlage aus einem unbelasteten in ein über und über
verschuldetes verwandelt worden war.
    Es kamen Kriege, an denen Traugott Büttner teilnahm. Die schlechten und die
guten Zeiten wechselten wie Regen und Sonnenschein. Aber die guten Jahre kamen
dem Braven nicht recht zu statten, da er nicht kapitalkräftig genug war, um den
allgemeinen Aufschwung und die Gunst der Verhältnisse auszubeuten. Die
schlechten Jahre dagegen drückten auf ihn wie ein Panzerkleid auf einen
schwachen und wunden Leib.
    Der Büttnerbauer war freilich nicht der Mann, der sich leicht werfen liess.
    Sein Gut war ausgedehnt, die äussersten Feldmarken lagen in beträchtlicher
Entfernung von dem am untersten Ende eines schmalen Landstreifens gelegenen
Hofe. Der Boden war leicht und die Ackerkrume von geringer Mächtigkeit. Dazu
waren die Witterungsverhältnisse nicht einmal günstige; denn nach Norden und
Osten lag das Land offen da, vom Süden und Westen her aber wirkten Höhezüge ein,
Kälte und Feuchtigkeit befördernd und die warme Jahreszeit abkürzend. Der Acker
trug daher nur spärlich zu, der Emsigkeit und der rastlosen Anstrengung des
Bauern zum Trotze. Die Zinsen verschlangen die Ernten. Die Schulden mehrten sich
langsam aber sicher. An Meliorationen konnte man nicht mehr denken. Wenn der
Bauer auch hie und da einen Anfang machte, stärker zu düngen, Abzugsgräben
baute, an den Gebäuden besserte und flickte oder auch neues Gerät anschafte, so
warfen ihn unvorhergesehene Unglücksfälle: Hagelschlag, Viehseuchen,
Erkrankungen, Tod und sonstiges Elend immer wieder zurück und verdarben ihm
seine Arbeit.
    Es war der Verzweiflungskampf eines zähen Schwimmers in den Wellen, der sich
mit aller Anstrengung gerade nur über Wasser zu erhalten vermag.
    In diesem Kampfe war der Büttnerbauer ein Sechziger geworden.
 
                                      IV.
Der Büttnerbauer fuhr in der Kreisstadt ein. Er spannte wie immer im Gastofe
»Zum mutigen Ritter« aus. Nachdem er seinen Rappen in den Stall geführt und
selbst versorgt hatte, begab er sich auf den Markt.
    Es war heute der Hauptwochenmarkt. Die Stadt wimmelte daher von Fuhrwerken
und Leuten, die vom Lande hereingekommen waren. Der Büttnerbauer war nicht
unbekannt; vielfach wurde er von den Kleinhändlern und Handwerkern, die bei
offenen Ladentüren in ihren Geschäften standen, angerufen und gebeten,
einzutreten. Aber er wollte sich heute nicht beschwatzen lassen zu irgendwelchen
Einkäufen. Erst wollte er mit Profit verkaufen, dann würde man weitersehen, ob
ein Groschen zu dergleichen übrig sei.
    Auf dem Marktplatze gab es eine jedem Eingeweihten wohlbekannte Ecke, wo die
Käufe und Verkäufe in Getreide abgeschlossen zu werden pflegten. Als sich der
Bauer diesem Flecke näherte, kam ihm einer der Händler sofort mit ausgestreckter
Hand entgegen und erkundigte sich nach seinen Wünschen. Dann wurde er in den
Kreis der dort versammelten Männer gezogen, man klopfte ihm auf die Schulter und
meinte, er habe sich recht lange nicht mehr blicken lassen.
    Aber, dieses auffällige Entgegenkommen von Leuten, die er kaum kannte,
machte den alten Mann stutzig. Wollte man ihn hier etwa dumm machen? Als man ihn
fragte, ob er was zu verkaufen habe, antwortete er vorsichtig und zurückhaltend.
Dann ging er von dieser Gruppe weg zu einer anderen. Er wollte sich die Sache
scheinbar nur mit ansehen. Die Hände auf dem Rücken hörte er überall ein wenig
zu. Die Kauflust war gross, besonders nach Hafer wurde stark gefragt. Es ward
auch manches Geschäft abgeschlossen, nach den Handschlägen zu schliessen, die zur
Besiegelung jedesmal gegeben wurden.
    Nachdem sich der Büttnerbauer eine Weile hier aufgehalten, verliess er den
Marktplatz wieder. Es waren ihm allerhand Bedenken gekommen. Bei dieser Art zu
handeln, wie sie hier in so lauter und nachlässiger Weise von den Händlern
betrieben wurde, schien es ihm auf ein Betrügen des Landmannes herauszukommen.
    Heute lag ihm daran, einen möglichst hohen Preis zu erzielen aus seinem
Hafer; denn er hatte vor, mit dem Erlös eine Kuh anzukaufen zum Ersatz für eine,
die er im Laufe des Winters hatte stechen lassen müssen.
    Nun entsann er sich, dass er vorm Jahre in einem Getreidegeschäfte der
inneren Stadt für Roggen einen guten Preis bezahlt erhalten hatte. Das Geschäft
schickte ihm seitdem vierteljährlich seinen Katalog zu. Erst vor ein paar Tagen
noch war ihm ein solcher Prospekt in die Hände gefallen. Die Zahlung der
»höchstmöglichen Preise« und die »koulantesten Bedingungen« wurden darin
versprochen.
    Der Bauer meinte, er könne es mit Samuel Harrassowitz wieder einmal
versuchen. War dort nichts zu machen, dann konnte man den Hafer ja immer noch
auf dem Markte losschlagen.
    Das Geschäft von Harrassowitz lag in einer ziemlich engen Gasse zu ebener
Erde. Man trat zunächst in eine tonnenartige Einfahrt, die in einen
gepflasterten Hof einmündete. Eine Seitentür führte von der Einfahrt aus in das
Kontor.
    Der Büttnerbauer trat, seinen Hut schon vor der Tür abnehmend, nachdem er
angeklopft hatte, ein. Es war ein langer, schmaler Raum, in der Mitte durch
einen Ladentisch geteilt, hinter dem mehrere Schreiber auf Drehschemeln an hohen
Pulten sassen. Ein junger Mann mit einer Brille sprang von seinem Schemel herab,
kam auf den Bauer zu und fragte, was er wünsche. Der Alte meinte, er habe etwas
Hafer zu verkaufen. Wieviel es sei, fragte der junge Mensch, die Feder an seinem
Ärmel auswischend.
    »Sacke a Sticker zahne kennten's schun sein,« gab der Büttnerbauer zurück.
    Der Jüngling lächelte darauf überlegen und meinte, dass sein Haus sich mit
»Detaileinkäufen« nicht abgebe.
    Für den Bauer war die Ausdrucksweise des jungen Herrn unverständlich. Es gab
Frage und Antwort und abermaliges Fragen. Die Schreiber drehten sich auf ihren
Sesseln um und betrachteten sich den alten Mann im altväterischen Rocke mit
spöttischen Mienen.
    Darüber war ein mittelgrosser, zur Korpulenz neigender Mann mit kahlem Kopfe,
gebogener Nase und brandrotem Backenbart von einem Nebenraume aus ins Kontor
getreten. Sofort fuhren alle Drehschemel wieder herum, und die jungen Leute
steckten mit gebeugtem Rücken die Nasen eifrig in ihre Schreiberei.
    Samuel Harrassowitz - denn er war es selbst - mass die Gestalt des Bauern mit
spähendem Blicke. Dann trat er auf ihn zu, streckte die Hand aus, lächelte
verbindlich und sagte: »Grüss Sie Gott, mein lieber Herr Büttner! Was steht zu
Ihren Diensten?«
    Der Bauer war völlig überrascht. Woher kannte ihn dieser Herr? Er konnte
sich nicht entsinnen, dieses Gesicht jemals gesehen zu haben.
    »Ich werde Sie doch wahrhaftig kennen, Herr Büttner!« meinte der Händler.
»Sie sind eine bekannte Persönlichkeit bei uns.« »Besitzen Sie nicht ein schönes
Gut in Halbenau - nicht wahr?«
    Der Bauer stand da mit offenem Munde, starrte jenen an, der ihm die
Allwissenheit in Person schien, und konnte sich von seinem Staunen gar nicht
wieder erholen.
    »Kenne Sie! Kenne Sie ganz gut, Herr Büttner! Also, womit können wir
dienen?«
    Der junge Mann raunte inzwischen seinem Chef mit halblauter Stimme etwas zu.
»Nun, und ich hoffe stark, dass Sie Herrn Büttner den Hafer abgenommen haben,
Herr Bellwitz!« rief der Händler. »Ich dachte ...« meinte der so Angeredete. -
»Ach was, dachte! Sie denken immer! Verscherzen mir darüber womöglich eine
solche Kundschaft. - Natürlich nehmen wir den Hafer, Herr Büttner! Unbesehen
nehmen wir alles, was Sie uns bringen. Haben Sie den Hafer mit in der Stadt?«
    Der Büttnerbauer brachte mit Rucken und Zerren ein Säckchen von grauer
Leinwand aus seiner hinteren Rocktasche hervor.
    »Ach so, eine Probe! Ist eigentlich gar nicht nötig, Herr Büttner. Kennen
Ihre Ware schon. Prima, natürlich!«
    Er öffnete das Säckchen aber dennoch und liess die Körner prüfend durch die
Finger gleiten. »Kaufen wir! Geben den höchsten Marktpreis. Herr Bellwitz,
gleich einen Mann nach dem, Mutigen Ritter' schicken! Der Hafer soll her. -
Inzwischen kommen Sie mal auf ein Augenblickchen hier herein, mein guter Herr
Büttner! Sie müssen mir was über den Saatenstand bei Ihnen da draussen erzählen.«
    Der Bauer befand sich, ehe er sich dessen recht versehen, im Nebenzimmer,
einem kleinen Gemache, dessen einziges Fenster nach dem Hofe hinausführte. Dort
wurde er aufs Sofa genötigt; der rotbärtige Händler nahm ihm gegenüber am Tische
Platz.
    »Nun, mein Lieber, wie steht's denn, wie geht's denn in Halbenau? Ich kenne
dort verschiedene Ökonomen. Mittlerer Boden - was! Liegt auch schon ein bisschen
hoch - was? Sie leiden an späten Frösten. Nachher will das Korn nicht recht
schütten, wenn's vorher noch so schön gestanden hat. Kenne das, kenne die ganze
Geschichte. - Also nun erzählen Sie mir mal. Wie weit ist's mit der Sommerung?«
    »Mei Suhn und de Madel stacken heite de latzten Apern. Hernachen is nur noch
's Kraut. In a Wochen a zwee noch hin, denk'ch, sein mer fertig.«
    »Gratuliere, gratuliere! - Sie haben wohl eine starke Familie, Herr
Büttner?«
    »'s langt zu, Herr Harrassowitz, 's langt Se gerade zu,« meinte der Bauer
und lachte in sich hinein. »Mit de Enkel sein's 'r immer a Mäuler achte, die
gefittert sein wullen - ju, ju!«
    »Nun, um so mehr Hände sind dann auch da zur Bestellung und in der Erntezeit
- nicht wahr, Herr Büttner? Eine zahlreiche Familie ist ein Segen Gottes,
besonders für den Landmann. Ich kenne die ländlichen Verhältnisse, ich kenne
sie! Sie mögen mir das glauben, lieber Büttner. - Und wie steht's denn mit der
Winterung?«
    Der Bauer berichtete, dass der Roggen gut durch den Winter gekommen und nur
wenig ausgewintert sei. »Ene wohre Pracht! Wie ene Bürschte, weiss der Hohle, wie
ene Bürschte steht Sie das Korn!«
    »Nun, das ist ja hocherfreulich zu hören! Da hätten wir also die schönsten
Aussichten für eine gute Ernte. Da wird wieder mal schönes Geld unter die Leute
kommen! Und hat der Bauer Geld, dann hat's die ganze Welt.«
    »Das mechte och sein - das mechte freilich sein, Herr Harrassowitz!« meinte
der Büttnerbauer und kratzte sich hinter den Ohren. »'s Geld is sihre rar
gewest. Ne, ach Gott, zu rare ist dos gewest in der letzten Zeit, Herr
Harrassowitz!«
    »Nun, Sie werden doch nicht etwa klagen wollen, Herr Büttner! Sie, mit Ihrer
schönen Besitzung! - Wie gross ist denn das Gut, wenn ich fragen darf?«
    »Zweemalhundert und a paaren dreissig Morgen, alles in allen, mit an
Buusche.«
    »Das wäre ja bald ein kleines Rittergut! Und da wollen Sie lamentieren! Ich
bitte Sie, guter Herr Büttner, was sollen denn dann die kleinen Leute machen!«
    »Ju, wenn ock de vielen Abgaben ne wären und de Gemeenelasten und de
Schulden.«
    »Ich weiss, ich weiss, es lastet vielerlei auf dem Ökonomen heutzutage. Sind
denn die Abgaben und Lasten so bedeutend in Halbenau?«
    Der Büttnerbauer schüttete darüber sein Herz gründlich aus. Harrassowitz
liess ihn reden; nur manchmal warf er eine Bemerkung ein, die den einmal warm
Gewordenen veranlasste, mehr und mehr von seinen Verhältnissen aufzudecken.
    Jetzt war der Büttnerbauer bei seinem Hauptbeschwernis angelangt: seinem
mächtigen Nachbarn, der Herrschaft Saland.
    »Ja, ja, das glaube ich Ihnen gerne, Herr Büttner!« rief der Händler, »solch
einen Grossgrundbesitzer zum Nachbarn zu haben, ist kein Spass! Die Leute sind
landgierig, die möchten die Bauern am liebsten alle legen. Das ist ein wahrer
Krebsschaden für unser Volk, die Latifundienwirtschaft. Ein freier,
selbständiger Bauernstand wird immer eine Grundbedingung für das Gedeihen des
ganzen Staates bilden. Wer soll uns denn die Soldaten liefern - was, he? Die
strammen Soldaten für unser Heer, wenn nicht der Bauernstand! - Grenzen Sie an
einer oder an mehreren Seiten mit der Herrschaft Saland?«
    Der Bauer erzählte, dass er so gut wie eingeschlossen sei durch das Dominium.
Dann ereiferte er sich über den Wildschaden.
    »Schrecklich! aber dafür hat natürlich so ein Graf gar keinen Sinn!« rief
der Händler mit dem Ausdrucke höchster Entrüstung, »wenn sich's nur um
Bauernflur handelt. Traurige Zustände sind das! Hat Ihnen der Graf denn schon
mal ein Angebot machen lassen wegen Ihres Gutes?«
    Der Büttnerbauer berichtete, dass der Graf schon seit Jahren um seinen Wald
handle, aber dass er ihm nicht einen Fussbreit abzulassen gesonnen sei.
Harassowitz horchte scharf hin auf diese Angaben. Dann nahm er auf einmal wieder
eine nachdenkliche Miene an.
    »Ja, das sind traurige Verhältnisse! Das zehrt am Vermögen, das will ich
schon glauben. Da haben Sie doch allerhand Sorgen, mein guter Herr Büttner.
Haben Sie denn etwa auch Hypotekenschulden auf Ihrem Gute?«
    »O Ierum!« rief der Bauer bei dieser Frage, die mit der unbefangensten Miene
der Welt gestellt wurde. »O Ierum!« Er fuhr empor von seinem Sitze.
»Hypotekenschulden! die tun freilich zulangen, tun die! Wenn's wos winger warn,
kinnt's och basser sein.«
    »Nun, was haben Sie denn so ungefähr drauf stehen? Ich frage aus wirklichem
Interesse.«
    Der Bauer rechnete eine Weile. Dann sagte er, die Stimme dämpfend, mit
bedrückter Miene: »A Märker a zweeundzwanzigtausend kennen's schu sein, die
druffe stiehn, Herr Harrassowitz.«
    Der Händler liess ein leises Pfeifen ertönen, zog die Brauen in die Höhe und
wiegte den Kopf hin und her. »Das ist ein bisschen stark!«
    »Newuhr, 's is vill?« meinte der Alte, ganz in sich zusammensinkend und
trostlos zur Erde blickend.
    »Wie in aller Welt wollen Sie denn da die Zinsen herauswirtschaften, Herr
Büttner?« - Harassowitz nahm ein Stück Papier zur Hand und begann zu rechnen.
»Ja, mein Lieber, das ist ja ein Missverhältnis! Und da wollen Sie auch noch
davon leben, Sie und Ihre Familie! Das ist ja rein unmöglich. Da lügen Sie sich
einfach in den Beutel, mein Bester!«
    »Ja, 's is schwer, 's is aben schwer!« meinte der Büttnerbauer seufzend.
»Man mechte manchmal salber zum Taler wern, um da Zinsen ock immer richtig zu
bezahla. Ees muss sich abrackern und abschinden muss mer sich, vun frih bis abend.
Ne a mal satt essen mechtn man, weil's hinten und vurne ne zulangen tut. Ne, 's
is a Luderlaben, wenn ees suvills Schulden hat wie der Hund Flöhe.«
    »Und das ertragen Sie so ruhig? Das verdenke ich Ihnen, offen herausgesagt,
sehr, dass Sie sich für Ihre Gläubiger so abquälen.«
    »Ju, wos soll unserees denne angohn? Ich ha's Gutt duch glei su verschuldt
übernumma. Billiger wullten de Geschwister mir's duch ne iberlassen.«
    »Da gibt's eben nur ein Mittel, mein Lieber: schmeissen Sie den Gläubigern
die ganze Geschichte hin. Sagen Sie einfach: ich tue nicht weiter mit. Mag's
doch ein anderer versuchen, die Zinsen herauszuwirtschaften, ich kann's nicht,
ich hab's satt! - Passen Sie mal auf, was für Gesichter die dann machen werden.
Von denen übernimmt's keiner, verlassen Sie sich darauf! Die werden dann schon
kommen und Sie bitten, dass Sie doch nur um Gottes willen weiter auf dem Gute
bleiben möchten, damit ihre Hypoteken nicht ausfallen. Sowas ist schon öfters
mit Erfolg gemacht worden. Tragen Sie selbst auf Subhastation an wegen
Überschuldung, dann wollen wir einmal sehen, was für Seiten die Gläubiger
aufziehen werden. Vielleicht erstehen Sie's dann selbst oder einer Ihrer Kinder
aus der Zwangsversteigerung zurück, dann sind Sie einen ganzen Posten Schulden
los. Nur nicht ängstlich sein in solchen Dingen! Das ist ja nur ein Mittel, sich
wieder zu rangieren, wenn man nicht reüssiert hat. Gott sei Dank, möchte ich
sagen, dass so etwas möglich ist!«
    Der Büttnerbauer schüttelte den Kopf. Den eigentlichen Sinn des Vorschlages
hatte er wohl gar nicht erfasst. Sein Redlichkeitsgefühl sagte ihm jedoch, dass
hier etwas nicht in Ordnung sei.
    Er wolle auf seinem Gute bleiben, erklärte er. Er hoffe auch durchzukommen
und seine Zinsen richtig bezahlen zu können, wenn nur bessere Zeiten kämen, und
wenn ihm inzwischen jemand helfend unter die Arme greifen wolle.
    Inzwischen waren die Hafersäcke vom »Mutigen Ritter« herangeschaft worden
und wurden im Hofe abgeladen. Der junge Mann aus dem Kontor trat ein und machte
Meldung davon. »Da wollen Sie also Ihr Geld gefälligst in Empfang nehmen, Herr
Büttner,« sagte der Händler. »Vorn an der Kasse. Ich komme mit Ihnen.«
    Der Bauer empfing am Kassenpult das Geld und musste über den Empfang
quittieren. Das nahm einige Zeit in Anspruch, da seiner Hand das Schreiben nicht
mehr recht geläufig war. Endlich war er mit der schwierigen Prozedur zustande
gekommen. Trotzdem er sein Geld längst durchgezählt und eingesackt hatte, blieb
er noch stehen, zaudernd, seinen Hut in den Händen drehend, als habe er noch
etwas auf dem Herzen.
    Dem scharfen Auge des Händlers war das auffällige Benehmen des Alten nicht
entgangen. Er kam hinter dem Ladentische vor, wo er mit einem der Kontoristen
verhandelt hatte. »Nun, Herr Büttner, kann ich Ihnen vielleicht noch mit etwas
dienen? Wir haben auch künstlichen Dünger, ein reichhaltiges Lager. Haben Sie da
keinen Bedarf?«
    »Ne, ne!« meinte der Bauer. »Da mag'ch nischt darvon. Aber was andres
wollt'ch Se noch derzahlen; wenn Se da vielleicht an Rat wissten. - Mir is ane
Hipeteke gekindgt wurden. Uf Gohanni muss'ch zahlen.«
    »Sehen Sie einmal an!« rief der Händler und stellte sich erstaunt. »Da werde
ich Ihnen wohl nicht helfen können. Hypoteken, das gehört nicht in meine
Branche.« - Aber, er nahm den Bauern doch wieder, mit in das Hinterzimmer.
    »Also eine Hypotek ist Ihnen gekündigt auf den Johannistermin. An welcher
Stelle steht sie? wie ist der Zinsfuss? wie läuft sie aus?«
    Harrassowitz stellte die verschiedensten Kreuz-und Querfragen. Dann rechnete
er für sich. Der alte Bauer beobachtete währenddessen das Mienenspiel des
Händlers sorgenvoll. Er sah mit Schrecken, dass Harrassowitz in einem fort
bedenklich den Kopf schüttelte und die Brauen in die Höhe zog.
    Endlich erhob sich der Mann und trat dicht vor den Bauern hin, ihm in die
Augen blickend mit ernster Miene. Er könne das Geld nicht beschaffen, erklärte
er. Er sei Kaufmann und nichts als Kaufmann, und es gehöre nicht zu seinen
Gepflogenheiten, Güter zu beleihen. Aber da er gemerkt habe, dass der
Büttnerbauer ein redlicher und solider Mann sei, wolle er ihm helfen. Er habe
einen Geschäftsfreund, einen durchaus feinen Mann, zu dem wolle er den Bauern
führen, der werde ihm die Hypotek möglicherweise decken. Aber nur dem Bauern zu
Gefallen wolle er es tun, rein zum Gefallen. Denn er bemenge sich sonst nicht
mit dergleichen. -
    Darauf ging Samuel Harrassowitz ans Telephon und klingelte an. »Guten
Morgen! Ist Herr Schönberger im Kontor? - Möchte ihn auf einen Augenblick
sprechen ... Danke!«
    Der Bauer sah mit Staunen dem Beginnen des anderen zu. In seinem Leben hatte
er noch nichts von einem Fernsprecher gehört, geschweige denn eine solche
Vorrichtung gesehen.
    Harrassowitz stand neben dem Apparate und lachte über den komischen
Schrecken des Alten. »Nehmen Sie mal das andere Ding ans Ohr, Herr Büttner!«
rief er und hielt ihm den Hörer hin. »Machen Sie nur! Es beisst nicht.« Der Bauer
war nicht zu bewegen, den Hörer anzufassen.
    Inzwischen kam Antwort.
    »Hier Harrassowitz! ... Ja! ... 'n Morgen, Schönberger! Herr Gutsbesitzer
Büttner aus Halbenau ist hier bei mir, wünscht gekündigte Hypotek belegt zu
haben. Kann ich mit ihm zu Ihnen kommen?«
    Eine längere Pause entstand, während der Harrassowitz gespannt horchte. Dann
lachte er auf einmal laut auf, und den Bauern höhnisch von der Seite anblickend,
immer den Hörer am Ohr, rief er in den Fernsprecher:
    »Der Kaffer braucht ehn, dringend. Feines Massematten .... Ach was! Bist
meschuke! - Wie? ... Is besoll. Wir machen's in Kippe, natürlich .... Versteh
nicht! Der Kaffer ist halb mechulleh. Geb dir Rebussim ... Schön! Bringe ihn.
Auf Wiedersehen. Schluss!«
    »Das nennt man Telephon oder Fernsprecher, mein Lieber!« sagte Harrassowitz
und klopfte dem Alten mit spöttischem Grinsen auf den Rücken. »Sehen Sie, da
haben Sie wieder was Neues kennen gelernt und können Ihren Leuten da draussen was
erzählen.«
    Man wolle nun zu Herrn Schönberger gehn, meinte er und nötigte den Bauern
zur Tür.
    Das Kredit- und Vermittelungsbureau von Isidor Schönberger lag am anderen
Ende der Stadt, ebenfalls in einem engen Winkelgässchen. Harrassowitz trat aber
nicht in das Kontor, führte den Bauern vielmehr durch den Hausgang in eine
Hinterstube.
    Hier sass in einem abgeschabten Lederfauteuil vor seinem Schreibtische ein
fetter Mann, kahlköpfig, mit dunklen, grossen Augen, die ihm, aus tiefen Höhlen
über die gebogene Nase hinwegspähend, etwas von einer grossen Eule gaben.
    »Morgen, Schönberger!«
    »Morgen, Sam!« Der fette Mann rührte sich nicht auf seinem Stuhle, mit dem
er verwachsen zu sein schien. Harrassowitz, unter dem Namen »Sam« weit und breit
in der Handelswelt bekannt, schien die Gewohnheiten seines Freundes zu kennen.
Er rückte selbst Stühle heran, forderte den Bauern auf, Platz zu nehmen und
setzte sich.
    »Hier bringe ich Ihnen also meinen Geschäftsfreund, den Herrn Gutsbesitzer
Büttner. Ich kenne den Mann. Er ist gut. Sie können ihm unbedenklich Kredit
eröffnen.«
    Schönberger zuckte die Achseln mit verdriesslicher Miene. Dann begann er mit
belegter Stimme, etwas anstossend sprechend: In gegenwärtiger Zeit auf Grund und
Boden Geld zu borgen, sei bedenklich. Jetzt wo Subhastationen an der
Tagesordnung seien, und die Bauern noch öfter pleite machten als die
Industriellen.
    »Für den hier garantiere ich!« rief Harrassowitz. »Das ist einer vom alten
Schrot und Korn. Der ist durch und durch solid!« dabei tätschelte er den Bauern.
»Was? der macht uns nicht bankerott, nicht wahr?«
    Aber Isidor Schönberger blieb bei seiner Ablehnung. Er habe zu viele
schlechte Erfahrungen gemacht in der letzten Zeit. Habe seine Zinsen nicht
erhalten, sei bei Zwangsversteigerungen ausgefallen und um sein Geld betrogen
worden.
    »Wenn ich Ihnen sage, dass der Mann Ihnen sicher ist! wenn ich mich mit
meinem Ehrenwort für Herrn Büttner verbürge! Sehen Sie sich den Herrn doch bloss
mal an, Schönberger! sieht der aus, als ob er uns Schaden machen wollte? Wenn
ich sage, er ist gut, dann ist er gut!«
    »Wo steht die Hypotek?« fragte Schönberger, der im Gegensatz zum lebhaften
Wesen seines Geschäftsfreundes eine gleichgültige, apatische Ruhe zur Schau
trug.
    »Darauf kommt's hier gar nicht an!« rief Harrassowitz. »Bei einem Gute von
über zweihundert Morgen besten Bodens! Die Hypotek ist todsicher.«
    »Weshalb ist sie gekündigt?« fragte Schönberger.
    »Der Bruder hatte sie,« erklärte Harrassowitz. »Der hat sie gekündigt, weil
er das Geld im Geschäft braucht. Muss auch verrückt sein, der Herr, dass er so 'ne
Hypotek weggibt! - Seien Sie vernünftig, Schönberger, geben Sie das Geld!«
    Der fette Mann nahm ein Notizbuch zur Hand, befeuchtete die Bleistiftspitze,
dann forderte er den Bauern auf, ihm die einzelnen Posten der Reihe nach zu
nennen.
    Es bedurfte einiger Zeit, ehe der alte Mann die Zahlen in seinem Gedächtnis
gefunden hatte. Aber schliesslich brachte er doch alles richtig zusammen.
    Da war zuerst die Landschaft mit viertausend Mark, dann kamen die
Geschwister: Karl Leberecht und Gottlieb, die verstorbene Schwester Karoline, an
deren Stelle jetzt ihre Erben: Ernst Kaschel und seine Kinder, ferner die
Schwester Ernestine. Sämtliche zu gleichen Teilen und mit gleichem Vorrecht.
Dahinter kamen immer noch neue Schuldposten, unter diesen Ernst Kaschel mit
siebzehnhundert Mark.
    Der Mann im Lehnstuhle sass da mit der ihm eigenen verdrossenen Miene und
notierte jede Ziffer, die sich von den zagenden Lippen des Alten losrang, mit
kühler Ruhe. Weder Staunen noch Erregung schien sich in den Fleischmassen dieses
gedunsenen Gesichtes ausdrücken zu können. »Ist das alles?« fragte er, als der
Bauer endlich schwieg. Der Büttnerbauer bejahte.
    »Sie sollen das Geld haben!« war alles, was die belegte Stimme darauf sagte.
    Harrassowitz sprang von seinem Sitze auf. »Was habe ich Ihnen gesagt,
Büttner! Mein Freund Schönberger ist ein edler Mann! Sehen Sie, er gibt das
Geld!«
    »Wieviel hat Ihr Bruder Prozent gegeben?« fragte Schönberger.
    »Vier Prozent,« erwiderte der Bauer.
    »Mein Satz ist fünf, bei vierteljähriger Kündigung,« meinte Schönberger.
    Dem Büttnerbauer fiel ein Stein vom Herzen bei diesen Worten. Er hatte
gefürchtet, man werde ganz andere Prozente von ihm fordern.
    »Sehen Sie, was ich gesagt habe!« rief Harrassowitz, »was für ein Mann
Schönberger ist! Fünf Prozent nimmt er bloss. Sie haben ein glänzendes Geschäft
gemacht, Büttner!«
    Der Bauer fing an, das selbst zu glauben. In seinem schlichten Gemüte regte
sich Dankbarkeit für den Mann, der ihm in so grosser Not geholfen hatte. Er
schritt unbeholfen auf Herrn Isidor Schönberger zu und pflanzte sich vor ihn
hin. Dann ergriff er die weisse, welke, mit vielen Ringen geschmückte Hand des
Mannes und drückte sie mit seiner derben, roten Bauernfaust. »Ich bedank' mich
och, Herr Schönberger, ich sog meinen schiensten Dank! Und bezahl' Sie's der
liebe Gott! Sie hon mir ane grusse Surge abgenumma.«
    Isidor Schönberger betrachtete ihn mit demselben missmutig verächtlichen
Ausdruck, den er für alles auf der Welt hatte, was sich nicht in Zahlen
ausdrücken liess, und entliess ihn dann mit kaum merklichem Nicken seines schweren
Kopfes.
    »Wir gehen jetzt zum Notar und dann zum Grundbuchführer, Herr Büttner!«
sagte Harrassowitz, als sie in dem Hausflur standen. »Gehen Sie nur immer hinaus
auf die Strasse. Mir fällt eben ein, dass ich in einer anderen Sache noch ein paar
Worte mit Schönberger zu sprechen habe. Ich komme in einer Minute zu Ihnen.«
    Aus der Minute wurden ihrer mindestens zehn. Dann erschien der Händler und
nahm den Bauern unter den Arm. »Nun kommen Sie, mein Lieber! Jetzt machen wir
die Geschichte schriftlich, damit Sie Ihre Sicherheit haben und einen Beleg in
Händen halten. Ich führe Sie zu meinem Notar, der macht's Ihnen billig.«
                                     * * *
    Nachdem man beim Advokaten und auf dem Gerichte gewesen war - wo
Harrassowitz, der in diesen Dingen äusserst bewandert zu sein schien, alles
veranlasst hatte, so dass der Büttnerbauer nur zu unterschreiben brauchte - ging
man zum »Mutigen Ritter«. Denn die Mittagszeit wer inzwischen herangekommen, und
der Bauer wollte heimfahren.
    Harrassowitz versicherte dem Alten, dass er ihn nächstens einmal in Halbenau
besuchen werde. Es interessiere ihn, das Gut und die Wirtschaft mal in
Augenschein zu nehmen.
    »Kimma Se ack, Herr Harrassowitz! Kimma Se ack!« rief der alte Bauer. »'s
full mir ane Freide sein!«
    Damit drückte er dem Händler treuherzig beide Hände zum Abschiede.
    Der Büttnerbauer verliess die Stadt in bester Laune. Er hatte die Tasche voll
Geld, das er für seinen Hafer eingenommen. Und was noch weit mehr bedeuten
wollte, seine Hypotek hatte er untergebracht. Nun hing ihm auf einmal der
Himmel voller Geigen. Es schien keine Sorgen und Nöte mehr zu geben auf der
Welt, die Zukunft lag vor ihm im heitersten Lichte. Nun würde er sich die neue
Kuh anschaffen können! so recht eine nach seinem Herzen, mit langem Rücken und
starkem Euter, womöglich schwarz und weiss gefleckt. Das waren seiner Erfahrung
nach die besten Milchkühe. Und dann liebäugelte er über seinen Plan hinaus mit
einem anderen, noch kühneren: die Scheune umdecken! das Strohdach kostete zuviel
Reparaturen! Noch vor ein paar Tagen hatte er zu seinem Sohne Gustav gesagt, dass
das eine Ausgabe sei, die er in seinem Leben nicht mehr werde auf sich nehmen
können. Heute stellte er im Geiste schnell einen Kostenanschlag auf, der
erstaunlich günstig ausfiel. Es würde schon gehen! es musste ja alles gut werden.
-
    Der Bauer schmunzelte in einem fort und pfiff auch gelegentlich still
vergnügt vor sich hin. Etwas wie ein langverhaltener Jugendübermut kam über den
alten Mann. Hätte er einen Bummler überholt, er würde ihn aufgefordert haben, zu
ihm in den leeren Kälberwagen zu springen, nur um jemanden bei sich zu haben,
dem er seine gute Laune mitteilen könne. Als er an einem Gastofe vorüberfuhr,
kam ihm der Gedanke, zu halten und einen Branntwein zu fordern; das war ein
Genuss, den sich der Büttnerbauer nur alle Jubeljahre einmal leistete.
    Er wollte schon das Pferd zum Stehen bringen, da fiel ihm ein, dass er den
Schnaps ja auch im Kretscham von Halbenau trinken könne. Nicht etwa, dass er
seinem Schwager, dem Kretschamwirt, den Verdienst hätte zuwenden wollen! Nein!
Er hatte bei sich beschlossen, den Halunken zu ärgern. Wie würde sich
Kaschelernst erbosten, wenn er vernahm, dass der Schwager das Geld doch noch
bekommen hatte und dass ihm, Kaschelernst, die fünf Prozent auf diese Weise
entgingen. -
    Der Bauer trieb den Rappen an. Schadenfroh lachte er in sich hinein. Endlich
konnte er den Menschen, der ihm schon so manchen Tort angetan hatte, doch auch
einmal ärgern! -
    Er hielt vor dem Kretscham an und machte sich durch Peitschenknallen
bemerkbar. Sein Neffe Richard Kaschel kam heraus. Der junge Mensch sah seinem
Vater bedenklich ähnlich. Nur etwas länger war er geraten und zeigte noch nicht
die rote Nase und die schwimmenden Augen des Alten. Aber dasselbe Rattengesicht
war's und auch dasselbe Lächeln und Kichern, das bei dem jungen Menschen noch
flegelhafter und zudringlicher herauskam.
    Der Büttnerbauer fragte den Neffen, ob der Wirt zu Haus sei. Der sei gerade
aufs Feld hinausgegangen, erwiderte der Bursche und grinste dazu.
    Der Bauer bestellte einen Kornschnaps.
    »En guten?« fragte der Neffe, mit unverschämten Lächeln den Onkel
anzwinkernd.
    »Verstieht sich, an guten! Was Schlecht's mog ich ne! Wennt'r und er hat
schlechten, den kennt'r salber saufen. Verstiehst de!« rief der Alte dem Neffen
zu.
    Der junge Mann, gleich seinem Vater in Strümpfen und Holzpantoffeln,
verschwand im Gastofe, um gleich darauf mit einer Flasche und einem Gläschen
wieder zu erscheinen.
    Der Bauer goss den Schnaps hinter, machte »brrr!« und schüttelte sich. »Wos
kost' dos?« rief er und zog den Geldsack.
    Der Neffe meinte mit gönnerhafter Miene, das sei umsonst.
    »Was macht's?« schrie ihn da der Alte an mit zorniger Miene. »Ich wer dich
glei umsonsten! Ich will keenen Menschen nischt ne schuld'g bleiba, zu
allerletzten eich! Dei Vater mechte mich am Ende glei verklogen! Dei Vater,
wegen dann paar Pfengen. - Wos macht der Schnaps?«
    Der Neffe nannte den Preis. Mit wichtiger Miene öffnete der Bauer den
Geldsack, suchte eine ganze Weile unter den Münzen herum, immer beobachtend,
welche Wirkung das Geld auf den Neffen hervorbringen würde, und liess ein
Goldstück wechseln.
    Nachdem er kleine Münzen zurückerhalten und den Beutel wieder an seinen Ort
gebracht hatte, sagte er scheinbar beiläufig: »De kannst deinem Alten och
derzahlen, ich hätte menen Hafer gut verkoft, und de Hipeteke hätt' 'ch och
ungergebracht. Vun ihn braucht 'ch nu nischt mih, und an Puckel kennt' ar mir
rungerrutscha, kennt' ar mir!« -
    Damit trieb er den Rappen an und fuhr nach Hause, sehr mit sich zufrieden.
Seinem Schwager würde das brühwarm berichtet werden; dafür war gesorgt. Dem
Kaschelernst hatte er's mal gründlich heimgegeben.
 
                                       V.
Ein Reiter ritt in den Hof des Büttnerschen Bauerngutes ein. Das Pferd war ein
alter englischer Vollblutgaul, der bessere Tage gesehen haben mochte. Sattel und
Zäumung waren armeemässig. Der Reiter verleugnete in Haltung und Erscheinung den
ehemaligen Offizier nicht. Er war ein hagerer Fünfziger. Seinem wettergebräunten
Gesichte gab ein langer, graublonder Vollbart eine wirksame Umrahmung.
    Die Töchter des Büttnerbauern waren im Hofe mit Mistaufladen beschäftigt.
Hochaufgeschürzt, mit blossen Füssen, die Gabeln in den geröteten Händen, standen
sie auf der Düngerstätte, neben der ein halbbeladener Wagen unbespannt hielt.
    »Bin ich hier im Büttnerschen Bauerngute?« fragte der Reiter.
    »Hier is Büttners!« antwortete Toni, die Ältere.
    »Ist der Bauer zu Haus?«
    »Der Vater is uf'n Felde mit Karlen. Se tun de Apern igeln.«
    »Ich möchte mit Ihrem Vater sprechen in einer Angelegenheit. Am liebsten
allerdings im Hause. Könnten Sie ihn holen?«
    Toni stand da mit offenem Munde und gaffte den Fremden an. Sein grosser Bart,
die roten Lederhandschuhe, die Reitgerte mit dem Silberknauf, alles an ihm kam
ihr ungewöhnlich vor. Sie empfand eigentlich Lust, zu lachen. Darüber vergass sie
ganz, zu antworten.
    An ihrer Stelle übernahm die jüngere Schwester die Vermittelung dem Fremden
gegenüber. Ernestine war die Gewecktere und Lebhaftere von den beiden. Mit
einigen kaum merklichen Griffen hatte sie es verstanden, ihren allzu hoch
aufgeschürzten Rock herabzulassen, so dass wenigstens die vom Mist beschmutzten
Waden den Blicken des fremden Herrn entzogen waren. Sie sagte - und gab sich
dabei Mühe, Hochdeutsch zu sprechen:
    »Wenn Sie den Vater sprechen wollen, wir können ihn rufen; sie sein nicht
sehre weit.«
    Damit sprang sie behende von der Düngerstätte hinab und lief zum oberen
Tore. Dort blieb sie stehen, bildete mit beiden Händen ein Schallrohr und rief:
»Karle, gieh, sag's ack den Vater, er mechte glei amal rei kimma. 's wäre ener
dohie, der mit'n raden wullte .... Ich kann ne verstiehn! ... Ju, ju! A Reiter.
Mit an Pauer wullt ar raden, soit ar.«
    Das Mädchen kam von ihrem Posten zurück. »Der Bruder wird's 'n Pauern
sagen,« erklärte sie, »dass er reinkommen soll.« Darauf nahm sie die Mistgabel
wieder zur Hand.
    Der Fremde dankte ihr. Er war inzwischen abgestiegen, hatte dem Pferde die
Zügel über den Kopf genommen, die Bügel in die Steigriemen hinaufgezogen und
locker gegurtet, mit Handgriffen, denen man die alte Übung und die Liebe für das
Tier ansehen konnte. Nun fragte er, ob er irgendwo einstellen könne. Die Mädchen
sahen sich eine Weile unschlüssig an, dann erklärte Ernestine, im Kuhstalle sei
noch ein Stand frei. Sie lief auch sofort zum Stallgebäude und öffnete die Tür.
    Der Fremde folgte ihr, das Pferd am Zügel. Jetzt, wo er sich auf ebener Erde
bewegte, kam erst die Grösse und Schlankheit seiner Figur zur Geltung.
    Der Vollblüter scheute vor der niederen Tür und dem Geruche, der aus dem
Kuhstall drang. Mit fliegenden Nüstern und gespitzten Ohren stand der Gaul da
und schniefte in tiefen, langgezogenen Tönen. Durch Klopfen und Zureden brachte
sein Herr ihn endlich dazu, die verdächtige Schwelle zu überschreiten. »Das
übrige besorge ich mir schon selbst; danke Ihnen!« rief er dann und verschwand,
seinem Tiere folgend, in dem engen Pförtchen.
    Bald darauf trat der alte Bauer in den Hof. Seine Miene verriet Ärger. Er
war schlechter Laune, dass man ihn von der Arbeit abgerufen hatte. Ernestine
erklärte ihm, dass ein Herr zu Pferde da sei. Er sähe aus wie einer vom
Rittergute, meinte das Mädchen, welches, wie es schien, seine Augen zu
gebrauchen verstand. Die Laune des Alten verbesserte sich durch diese Vermutung
nicht. Er fluchte und rief den Töchtern zu, ein andermal sollten sie solche
Leute wegschicken.
    Inzwischen kam der Fremde aus dem Stalle heraus, in gebückter Haltung, um
nicht an den Deckstein anzustossen. Er begrüsste den Bauern, der die Hände nicht
aus den Taschen nahm, mit Hutabnehmen und erklärte, er sei der neue
Güterdirektor des Grafen, Hauptmann Schroff.
    Der Büttnerbauer sah den Mann mit wenig freundlichem Ausdruck an. Einer von
der Herrschaft! Von der Seite war ihm bisher niemals was Gutes gekommen.
    Da der Bauer sich, wie es schien, nicht dazu herbeilassen wollte, zu
sprechen, fragte Hauptmann Schroff, ob er ins Haus treten dürfe, er habe mit
Herrn Büttner ein Wort unter vier Augen zu reden.
    Der alte Mann ging, statt zu antworten, auf sein Haus zu. Der Hauptmann
folgte.
    Im Zimmer trafen sie die Bäuerin. »Frau, gieh naus!« rief ihr der Bauer kurz
angebunden zu. Der Fremde unterliess es nicht, sich bei der Frau zu
entschuldigen, er habe Wichtiges mit ihrem Eheherrn zu bereden.
    Der Büttnerbauer hatte sich in seine Ecke gesetzt und sah von diesem Verliess
aus mit mürrischer Miene den Dingen entgegen, die da kommen würden. Der
Hauptmann holte sich einen Stuhl herbei und setzte sich dem Alten gegenüber. Er
schien das ablehnende Wesen des anderen absichtlich übersehen zu wollen.
    »Also, Herr Büttner!« begann Hauptmann Schroff, und schlug dabei mit der
Reitgerte gegen seine gespornten und gestiefelten Beine, die er lang
ausgestreckt hatte, »die Sache ist nämlich folgende: Mein Chef, der Graf, möchte
gern Ihren Wald kaufen. Es ist ja darüber bereits früher zwischen Ihnen und
meinem Vorgänger verhandelt worden, aber ohne Resultat. Der Herr Graf wünscht
nun aber dringend, dass die Sache endlich einmal vorwärts rückt. Der Erwerb Ihrer
Waldparzelle ist uns von ziemlicher Wichtigkeit; ich sage Ihnen das ganz offen
heraus. Das kleine Stück liegt gerade wie ein Keil zwischen zwei von unseren
Hauptrevieren. Eine Verbindung der beiden Reviere ist aus wirtschaftlichen
Gründen dringend erwünscht. Uns bedeutet dieser schmale Streifen die
Möglichkeit, bei den Holzfuhren viele Kilometer zu ersparen. Ihnen dagegen
nützen diese fünfzig bis sechzig Morgen so gut wie gar nichts. Im Gegenteil, der
Wald kostet Ihnen höchstens etwas. Das bisschen Holz, was darauf steht, ist kaum
der Rede wert. Der Boden ist entwertet durch die Streunutzung. Und dabei liegen
doch Abgaben darauf. Wenn wir es in unsere Regie bekommen, würden wir sofort
Kahlschlag machen lassen und neu aufforsten. dabei werden die Arbeitslöhne
natürlich nicht einmal herauskommen, so schlecht ist der jetzige Stand. Sie
sehen demnach, Herr Büttner, das Interesse ist eigentlich auf beiden Seiten. Für
uns, die Parzelle zu erwerben, für Sie, das Ding loszuwerden. - Also werden wir
wohl handelseinig werden, denke ich, diesmal.«
    »Ich denk's ne!« sagte der Bauer aus seiner Ecke heraus.
    »Aber, ich bitte Sie, bester Herr Büttner!« rief der Hauptmann und kam dem
Alten näher auf den Leib, sich mit Hilfe seiner langen Beine auf die Ecke
zurückend. »Der Graf will Sie natürlich gut bezahlen, jedenfalls weit über den
eigentlichen Wert des Grund und Bodens. Ich habe Vollmacht, Ihnen einen Preis zu
bieten, der in dieser Gegend für Waldboden noch nicht bezahlt worden ist.«
    »Ich ha's an Vater vun Grofen schunstens zweemal soin lassen, ich verkefe
meenen Busch ne; und dos gilt a heite noch!«
    »Aber, bedenken Sie doch nur, Lieber, Sie bekommen dadurch Kapital in die
Hand. Ich glaube, Ihre Verhältnisse sind derart, dass Sie das ganz gut gebrauchen
können.«
    »Wie's mir ergieht oder ne ergieht, das gieht niemanden uf der Welt nischt
ne an!« rief der Alte; das Zittern seiner Stimme liess die innere Erregung ahnen.
    »Herr Gott! Missverstehen Sie mich nur nicht! Fällt mir im Traume nicht ein,
mich in Ihre Verhältnisse zu mischen. Ich habe nur soviel sagen wollen, dass Sie,
wenn Sie erst mal Ihren Wald los sind, alle Kraft auf die Verbesserung der
Felder und der Wiesen verwenden können. Ich glaube, da liesse sich noch manches
tun. Ich bin neulich mal über ihre Grundstück geritten. Da draussen am
Waldesrande liegt ein ganzer Schlag, auf dem nichts wächst als Unkraut.«
    Der Bauer rückte in seiner Ecke unruhig hin und her, da jener ihn, ohne es
zu ahnen, an der verwundbarsten Stelle traf. Da war ja sein ärgster Kummer, dass
er das Büschelgewende schon zum zweiten Male musste als Brache liegen lassen,
weil es ihm an Arbeitskräften fehlte.
    Hauptmann Schroff fuhr unbeirrt fort: »Da liesse sich sicher noch vieles
bessern. Und vor allem! intensivere Wirtschaft, mein Lieber, intensiveres
Düngen. Aber dazu ist Bargeld nötig. Ich meine, Sie sollten mit beiden Händen
zugreifen, wenn Ihnen ein solches Gebot gemacht wird.« Der Sprecher merkte in
seinem Eifer gar nicht, wie es in dem Gesichte des Alten wetterte und zuckte.
Das waren ja alles Dinge, die er nur zu gut wusste, die er sich selbst wie oft
gesagt, die aber im Munde des Fremden als beleidigende Vorwürfe wirkten.
    »Und nun noch eins!« fuhr der Hauptmann fort, »etwas, das auch wieder das
gemeinsame Interesse illustriert, welches Sie wie der Graf an dem Handel haben.
Aus dem gräflichen Forste tritt nicht selten das Wild auf die Fluren hinaus,
wahrscheinlich auch auf Ihre Felder ...«
    Jetzt riss dem Alten die Geduld. Die Erwähnung des Wildes, das ihm seine
Saaten zertrampelte und sein Getreide abäste, wirkte wie ein Peitschenhieb auf
sein bereits hinlänglich gereiztes Gemüt. Hochrot im Gesicht fuhr er auf und
schrie los: »Wullen Se mich etwan zum Narren halen! Kummen Sie und derzahlen mer
von a Wilde! Dos Ungeziefer frisst unsereenen bale ganz uf. Geklogt ha'ch schun,
aber hob 'ch denn a recht gekriegt? Fir uns Pauern gibt's ja keene Gerechtigkeit
ne gegen de Grussen.«
    Grollend setzte er sich wieder auf seinen Platz, verschränkte die Arme und
sah den Fremden mit feindlichen Blicken an.
    Der gräfliche Güterdirektor schien mit bäuerlichen Sitten so weit vertraut
zu sein, um zu diesem Zornesausbruch lächeln zu können. Er meinte in
beschwichtigendem Tone: »Nur nicht gleich so hitzig, mein guter Büttner! Lassen
Sie mich Ihnen das mal in Ruhe erklären. Mein Graf will einen Wildzaun anlegen
längs der bäuerlichen Grenze, so an zwanzig Kilometer lang und mehr. Dadurch
soll das Übertreten des Wildes ganz verhindert werden. Aber dazu brauchen wir
Ihren Wald, weil sonst eine Lücke entstehen würde in dem Zaun, verstehen Sie? -
Also wie steht's, sind wir handelseinig?« Der Hauptmann streckte bei diesen
Worten dem Alten die Hand hin. »Wenn es hierbei einen Vorteil gibt, so liegt er
ganz unbedingt auf Ihrer Seite, sollte ich denken.« -
    Der Büttnerbauer presste die Lippen aufeinander, runzelte die Stirn und
blickte starr geradeaus, er vermied den Blick des anderen, wie einer, der sich
durch Überredungskünste nicht irre machen lassen will. Gänzlich konnte er sich
der Einsicht ja nicht verschliessen, dass ihm hier ein günstiges Angebot gemacht
wurde; aber das alt eingewurzelte, bei den meisten Bauern tief eingefleischte
Misstrauen gegen alles, was von seiten der Herrschaft kommt, verhinderte ihn,
nüchtern und vorurteilsfrei zu erwägen.
    »Sie sollten Ihren Frieden machen mit der Herrschaft,« sagte Hauptmann
Schroff, als ahne er, was in der Seele des Alten vorgehe. »Vor allem, da Sie es
jetzt mit dem jungen Grafen zu tun haben. Der Zwist, den Sie mit dem alten Herrn
gehabt, könnte doch füglich mit ihm begraben sein. Ich glaube, es wäre kein
Schade für Sie, wenn Sie sich mit uns stellten. Die Interessen von Bauer und
Ritterschaft gehen vielfach Hand in Hand. Schliesslich sind es doch verwandte
Stände: Grundbesitzer. Die Grösse des Besitzes bedeutet keinen so enormen
Unterschied.«
    Dieser Versuch, ihn mit der Gemeinsamkeit der Interessen zu fangen, machte
den Bauer nur aufstützig. Der Mann da entwickelte ihm viel zu viel Eifer. Nein,
so beschwatzen liess er sich nicht! Dass der Graf nicht aus Liebe für die Bauern
den Wildzaun errichten wollte, war klar. Wozu das Gerede! Nur um so fester wurde
der Alte in seiner Ansicht, dass er hier wieder einmal betrogen werden solle.
    »Nahmen Se sich ack keene Mihe wetter!« sagte er in mürrischem Tone. »Ich
verkefe nischt vom Gutte weg. Een fir allemal, nu ho'ch Se's gesoit!«
    Der Hauptmann hatte die ausgestreckte Hand wieder zurückgezogen. Die Sache
ging doch nicht so schnell, wie er sich's gedacht hatte, mit diesem
starrköpfigen Alten. »Sie werden sich's noch überlegen, Herr Büttner!« meinte
er. »Ich kann's ja begreifen, dass Sie an Ihrem Eigentum hängen. Vollständig
vermag ich's zu verstehen, glauben Sie mir das nur! Man hängt an der eigenen
Scholle, ich weiss das aus eigener Erfahrung. Und das Herz blutet einem, lieber
möchte man sich einen Finger von der Hand hacken lassen, als einen Acker
weggeben vom ererbten Grund und Boden.« Hauptmann Schroff hielt einen Augenblick
inne. Dem trüben Ausdrucke nach zu schliessen, den urplötzlich seine sonst
heiteren und offenen Züge annahmen, schien eine düstere Erinnerung durch seine
Seele zu ziehen. Er schnipste mit den Fingern, wie um das zu vertreiben, und
fuhr fort: »Sehen Sie, man kann darin aber auch zu weit gehen, ich meine, in
jenem Festalten. Dann wird eben Starrköpfigkeit und Vernarrteit daraus. Lieber
ein kleines Gut als ein grosses, das man nicht voll bewirtschaften kann. Ich
kenne Ihre Lage, Büttner! Ich sage Ihnen so viel aus meiner eigenen Erfahrung
heraus; wenn Sie sich auf Ihren Willen versteifen, wenn Sie auf diesen Vorschlag
hier nicht eingehen, werden Sie sich nicht halten können auf Ihrem Gute.«
    Jetzt hielt sich der Bauer nicht länger. »Ich ho mich gehalen dreissig Juhre
lang, dar Herrschaft zum Trotze! Mich wardt er ne uffrassen, wiet'r ringsrim
alles ufgefrassen hoat, mich ne! Wenn der Pauer alle wird, wer is 'n dran
schuld, wenn ne die Rittergitter? Auf uns Pauern hackt a alles ei, de Beamten
wie der Edelmann. Nu solln mer och noch 's latzte Bissel hergahn, dos mer hoan.
Vun Haus und Hof mechten se uns rungertreiba, alles mechten se schlucken, bis
mir gar an Bettelstabe sein. Dazumal, als se teelten - regulieren taten se's
heessen - 's is nu schun a Hardel Jahre har, mei Vater selch hot mer's derzahlt -
do hat mei Grussvater an dritten Teel vun Gutte hergahn missen ans Rittergut. Und
hernachen wor's immer no nich genug. Do musste mei Vater selch no ane Rente
abzahlen, wie viele Juhre durch! - Nu sollt ees denka, mer wär' frei gewurn,
weil mer an Hofedienst und a Fronde los sen. Aber ne! nu kimmt a Edelmann su vun
hinten rim und mechte unsereenem 's Gut abluchsen. Aber, da gibt's nischt! Mir
Pauern sein och nich mehr so tumm. Mir sein a nimmer de Untertanen mih vun an
gnädigen Herrn. Wenn mir ne wullen, do brauchen mer ne! Zun verkefen kann mich
keener ne zwingen, och der Graf ne!«
    Der Hauptmann hatte diesen Ausbruch bäuerlichen Selbstbewusstseins mit
Verständnis und Teilnahme angehört. Sowie ihn der alte Mann zu Worte kommen
liess, sagte er: »Ich kann das alles mit Ihnen fühlen, Büttner! Ich habe auch
einmal ein Gut besessen, ein schönes, grosses, vom Vater ererbtes Rittergut. Ich
habe den Grund und Boden, auf dem ich geboren war, lieb gehabt, so gut wie Sie
Ihr Gut lieben. Genau wie Sie dachte ich damals. Aber die Verhältnisse sind oft
stärker als unser Wille. Was will man machen! Ein paar Missernten und dann die
Hypoteken, mein Lieber! die Hypoteken! Das ist der zehrende Frass, der den
Grundbesitzer vernichtet. Das ist schlimmer als Feuersbrunst, Hagel und alle
Ungewitter zusammen. Auf überschuldetem Grunde sitzen, das ist, als ob dir einer
eine Schlinge um den Hals geworfen hätte, und wenn du die Füsse loslässt, hängst
du drinnen. Da gibt es keine Rettung. Der grösste Fleiss, die grösste Sparsamkeit
nützen da nichts, du bist kein freier Mann mehr, du hängst von etwas ab, das du
nicht kontrollieren kannst, und das lähmt dich. - Mit blutendem Herzen habe ich
meinen Besitz fahren lassen müssen. Sequestration, Zwangsversteigerung, alles
habe ich durchgemacht! Sie sehen, mein guter Büttner, ich kann hier mitreden.«
    Der Hauptmann schwieg und strich sich mehrmals erregt den Bart, ihn von oben
nach unten durch die hohle Hand gleiten lassend. Er seufzte. »Gott schütze Sie,
mein Lieber, vor alledem!«
    Der alte Bauer war stille geworden in seiner Ecke. Die Worte des anderen
hatten Eindruck auf ihn gemacht.
    Hauptmann Schroff fuhr fort: »Es ist nicht leicht als älterer Mann, ein
Stück hergeben von dem, was man durch ein ganzes Leben sich gewöhnt hat, als
sein Eigentum zu betrachten. Sitzt da irgendwo in der Stadt ein Kerl, der hat
eine Hypotek auf deinem Gute erworben. Und dieser Mensch, der mit dem Grund und
Boden nicht das geringste zu tun hat, der nicht ackert, pflügt oder säet, der
hat nun Gewalt über dein Gut. Der kann dich runtertreiben, wenn es ihm passt. Wie
eine Ware kommt dein Eigentum unter den Hammer. Und das, was Generationen
gepflegt und kultiviert und gehütet haben wie ihren Augapfel, wird nun
zerschlagen und zerschlachtet von Fremden. Und draussen sitzen wir! Als älterer
Mann mit Familie muss man sich nach Brot umsehen. Das ist nicht leicht, mein
Lieber, das ist nicht leicht!«
    Der Hauptmann schwieg und blickte gesenkten Hauptes zu Boden, als sei dort
irgendetwas Interessantes zwischen seinen Stiefelspitzen zu erblicken.
    Auch der Büttnerbauer sagte kein Wort. Der Mann hatte recht! so war es,
genau so! Wie oft hatte er nicht ebenso empfunden, wenn er mit Angstschweiss die
Zinsen für seine Gläubiger aufzubringen sich mühte. Der Mann wusste wie es
zuging, wahrhaftig, der durfte mitreden.
    Der Hauptmann riss sich aus seinem Nachdenken. »Nun wollen wir aber mal von
unserer Sache reden, Büttner! Ich weiss, wie's mit Ihnen steht. Ich gebe Ihnen
den wohlgemeinten Rat: verkaufen Sie Ihren Wald! Das ist das einzige Mittel, das
Sie noch retten kann. Zahlen Sie von dem Erlös einen Teil der Grundschulden ab,
sonst bricht Ihnen eines Tages die Geschichte über dem Kopfe zusammen. Es geht
Ihnen dann wie mir, Sie kommen um alles. Das Angebot, welches Ihnen der Graf
machen lässt, ist kein schlechtes. Nehmen Sie's an! Ich spreche nicht etwa nur im
Interesse meines Broterrn, ich spreche zu Ihnen geradezu als ein
Leidensgefährte.«
    Der Bauer schwieg eine Weile. In seinem Gesichte arbeitete es, als bewegten
ihn die widersprechendsten Gefühle. Aber die Feindseligkeit war aus seiner Miene
gewichen. Schliesslich erklärte er mit gedämpfter Stimme, wenn er auch wolle, die
Hypotekengläubiger würden es gar nicht zulassen, dass er das Gut verkleinere.
    Auf diesen Einwand war der Hauptmann gefasst. »Natürlich würden die Gläubiger
Einspruch erheben, wenn Sie das Pfandobjekt vermindern wollten ohne ihre
Genehmigung. Mit den Leuten muss selbstverständlich verhandelt werden. Ich denke,
wenn man ihnen eine entsprechende Abzahlung zusichert, werden sie sich bereit
finden, die Einwilligung zur Dismembration zu erteilen. Es sind ja wohl lauter
nahe Verwandte von Ihnen, die Gläubiger? Die werden doch so viel Interesse für
die Erhaltung des Gutes beweisen, dass sie sich in diese notwendigen Massregeln
finden.« -
    Der Bauer schüttelte mit bitterem Lachen den Kopf. »Han Se ne das Sprichwurt
gehert: Blutsverwandte tut mer heessen, die dich am erschten werden beessen.«
    »Steht es so bei Ihnen? Ich kenne das Wort! es liegt was Wahres darin. Aber
in Ihrem Falle, dächte ich, müssten die Verwandten ein Einsehen haben, wenn nicht
aus Familiensinn, so vielleicht aus Egoismus. Die sind doch schliesslich auch
daran interessiert, dass das Gut in Ihren Händen bleibt. Denn können Sie sich
nicht darauf halten, dann sind auch die Hypoteken gefährdet. Auf überschuldetem
Besitz arbeitet der Eigentümer tatsächlich nur für die Gläubiger. Sie schinden
und plagen sich, damit Ihre Verwandten den Zinsgenuss ungestört haben. So liegt
die Sache doch in Wahrheit, mein Bester! Habe ich recht?«
    »Recht han Se! Aber soin Se mal suwos zu an Gleibiger. Die gahn mer de
Einwilligung ne, ich glob's ne!«
    »Ich will Ihnen mal was sagen, Büttner!« rief der Hauptmann, rückte dem
Alten ganz nahe und legte ihm eine Hand aufs Knie. »Überlassen Sie die ganze
Sache mir! Ich will mit den Leuten verhandeln. Erfahrung habe ich mir ja gekauft
in dieser Art Sachen. Ich glaube, ich werde die Gesellschaft so weit bringen,
dass sie Konsens erteilen. Es ist ja tatsächlich nur eine Formensache. Nennen Sie
mir mal Namen und Adresse der sämtlichen Hypotekengläubiger.«
    Der Alte kraute sich den Kopf; er wollte sichtlich nicht mit der Sprache
heraus. Schliesslich gab er aber doch dem Drängen des Hauptmanns nach.
    Als der Bauer den Namen »Schönberger« nannte, stutzte der Hauptmann. »Mann!
Wie kommen Sie zu so einem?«
    Der Büttnerbauer berichtete in umständlicher Weise die ganze Angelegenheit.
Die Kündigung der Hypotek von seiten des Bruders, wie er sich dann umsonst nach
Geld umgetan, bis er schliesslich in der Stadt das notwendige erhalten habe.
    Hauptmann Schroff nahm eine bedenkliche Miene an und schüttelte unwillig den
Kopf. »Die Sache will mir nicht gefallen, mein guter Büttner! - Schönberger! -
Was mag das für ein Menschenfreund sein?«
    Der Büttnerbauer meinte, es habe ihm ja kein anderer Mensch das Geld borgen
wollen. Herr Schönberger sei gleich bereit dazu gewesen, und allzu hohe Zinsen
habe er auch nicht gefordert. -
    »Trotzdem! trotzdem!« meinte der andere. »Oder vielmehr, gerade deshalb! Aus
Menschenliebe tut's diese Art gewöhnlich nicht. - Na, das ist nun nicht mehr zu
ändern. - Also, mal die übrigen Gläubiger!«
    Der Bauer berichtete, was sonst noch auf dem Gute an Schulden stehe.
    »Der Hauptgläubiger ist demnach Ihr Schwager Kaschel. Mit einer Hypotek
steht er zudem an letzter Stelle. Was denken Sie, wenn ich mit dem Manne zuerst
Rücksprache nähme? Er wohnt ja hier am Orte; ist Kretschamwirt, wie Sie sagen.«
    »Da mechte aber eener Haare uf'n Zähnen han,« meinte der Bauer mit
vielsagendem Lächeln, »wer Kaschelernsten kirren wollte. Dos is a
Dreimalgenähter. Und a bieser Hund is a Lammel gegen den, das sag'ch Se glei!«
    Der Hauptmann meinte, er sei nicht furchtsam von Natur, und er wolle es auf
den Versuch ankommen lassen. Er werde gleich einmal nach dem Kretscham
hinüberreiten.
    Der Büttnerbauer sagte nichts weiter dagegen.
    Sie verliessen die Stube. Der Hauptmann zog sich selbst sein Pferd aus dem
Stalle, brachte die Sattelung in Ordnung und stieg auf.
    »Ich bringe Ihnen Nachricht über den Erfolg, Büttner!« rief er im Abreiten.
                                     * * *
    Der Büttnerbauer sah dem Reiter eine Weile nach, bis er die Dorfstrasse
erreicht hatte und dort hinter Häuser seinen Blicken entschwand. Es hatte etwas
Tröstliches für den alten Mann, dass dieser vornehme Herr alles das durchgemacht
hatte, wovon er soeben erzählt. Er war ihm dadurch näher getreten.
    Der Bauer stand da mitten in seinem Hofe, die Hand am Kinn, und simulierte.
Was das für eine Welt war! man fand sich bald nicht mehr ein noch aus.
    Ein Hufnagel lag am Boden. Er beugte seinen alten, steifen Rücken und hob
das verrostete Ding auf. Man durfte nichts umkommen lassen. - Er sah sich im
Hofe um. Die Holzverschalung am Westgiebel der Scheune war an verschiedenen
Stellen brüchig, an einem anderen Flecke fiel der Putz von der Wand. Kostete
wieder Geld, das herstellen zu lassen! Die neue Kuh war noch nicht voll bezahlt.
Zu alledem rückte der Halbjahrstermin heran, wo wiedermal die Zinsen fällig
waren. Woher das Geld dazu nehmen! Hafer, Roggen, Stroh, das vorjährige Heu,
alles war schon verkauft, Schüttboden und Banse waren leer.
    Auf den Feldern standen ja schöne Früchte. Wenn das Wetter weiterhin günstig
war, würde er sogar eine ausgezeichnete Ernte machen. - Der Bauer wandte seine
Schritte unwillkürlich dem oberen Hoftore zu, von wo aus man die Felder des
Gutes in ihrer ganzen Ausdehnung überblicken konnte.
    Er deckte die Augen mit der Hand gegen die Sonnenstrahlen. Im klaren
Mittagslichte lagen die Fluren vor ihm. Das Kornfeld wogte wie ein grünlicher
See mit silbernen Wogenkämmen. Unabsehbar schien die Menge der Ährenhäupter, die
sich da im Winde beugten und hoben in langgezogenen schwellenden und sinkenden
Wellen. Und der Hafer, der eben die Schosshalme treiben wollte, stand in dichten
Beeten, eine dunkelgrüne, lebendige Matte, von ungezählten schlanken, spitzen
Hälmchen. Und die Kartoffeln mit saftigem Kraut, kraftstrotzend, in langen,
geraden Reihen, sorgsam gejätet und angehäufelt, dass es eine wahre Lust war für
das Auge des Landmanns.
    Das war doch sein Eigentum! Hundertfach hatte er es dazu gemacht durch die
Arbeit! Da war nicht ein Fussbreit Land, den er nicht gepflegt hätte mit seinen
Händen. Sein Acker war ihm vertraut wie ein Freund. Er kannte alle seine
Eigenarten, seine Schwächen wie Vorzüge, bis ins kleinste hinein. Er stand zu
diesem Boden, dessen Sohn er war, doch auch wieder wie die Mutter zum Kinde; er
hatte ihm von dem seinen gegeben: seine Sorge, seine Liebe, seinen Schweiss.
    Und nun drohten sich zwischen ihn und dieses Stück Erde, aus dem er und die
Seinen Kraft und Nahrung zogen, nun drohten sich Fremde zwischen ihn und sein
Eigentum zu drängen. Seinem schlichten, ungeschulten Verstande stellte sich die
Gefahr dar wie eine Verschwörung teuflischer Mächte gegen ihn und sein gutes
Recht. Von der Macht und Bedeutung des mobilen Kapitals, von jenen ehernen
Gesetzen, nach denen ganze Stände und Geschlechter dem Untergange verfallen,
andere emporhebend durch ihren Sturz, ahnte er nichts. Eines nur hatte er am
eigenen Leibe erfahren: er kämpfte und rang durch ein langes Leben gegen eine
Last, die auf ihn gelegt war, er wusste nicht von wem. Und je verzweifelter er
sich aufbäumte gegen das unsichtbare Joch, desto schwerer und drückender wurde
seine Wucht.
    Konnte ein Mensch das ahnen, der diese lachenden Fluren ansah?
    Gottes Segen schien auf ihnen zu ruhen. Der Acker wollte seinem Pfleger so
gerne zurückerstatten mit Zinsen, was er an Liebe auf ihn verwendet. Der Boden
wollte dem die Treue halten, der ihm treu gewesen war.
    Halm an Halm drängte sich. Konnte der, dem solche Ernte in die Scheuer
lachte, nicht guten Mutes sein? Durfte es denn wirklich eine Macht geben auf der
Welt, die ihm diesen Erntesegen, den der liebe Gott doch für ihn hatte wachsen
lassen, streitig machte?
    Es kam wie ein grosses, dunkles Gespenst über die Felder gehuscht, ohne Beine
und doch schnellfüssig - der Schatten einer treibenden Wolke. Es löschte allen
Glanz von den Ährenwellen, es wischte die Farbenpracht der bunten Fluren aus, es
legte sich wie ein düsterer Ton über alles. Der Schatten eilte über Haus und
Hof, über die Feldmark in ihrer ganzen Breite, dem Walde zu.
    Der Bauer liess die Hand von der Stirn sinken; jetzt brauchte er sie vor den
Sonnenstrahlen nicht mehr zu schützen. Er wischte mit dem Ärmel über die Augen
hin und schneuzte sich.
    Toni kam aus dem Hause und meldete dem Vater, das Essen stehe auf dem
Tische. Vom Felde her zog Karl mit den Pferden herein. Der alte Bauer meinte,
sie sollten mit dem Essen immer anfangen, ohne ihn, er habe noch mit dem fremden
Herrn zu sprechen.
    Hauptmann Schroff erschien nach einiger Zeit, er blickte missmutig darein.
»Es war nichts damit!« rief er dem Alten schon vom Hoftore entgegen. »Sie haben
recht behalten, Büttner. Ihr Schwager Kaschel - nun, ich will nichts weiter
sagen. Ich bedaure Sie, Mann! - Aus dem Dismembrationsplane kann nun nichts
werden. Da bleibt nur noch eins übrig: mein Graf kauft Ihnen das ganze Gut ab,
zahlt die Gläubiger aus, behält sich den Wald und lässt Sie als Pächter
zeitlebens auf Hof und Felder sitzen. Einen anderen Weg sehe ich nicht!«
    Da verfärbte sich das Gesicht des Alten. Er richtete sich zu seiner ganzen
Höhe auf, und seinen knochigen Arm ausstreckend, rief er zornig:
    »Sahn Se den Mistaufen durte? Lieber durt druffe verrecken, aber 's Gutt
gah ich nich har!«
 
                                      VI.
Frau Katschner und ihre Tochter Pauline hatten Scheuerfest. Frau Katschner hielt
auf Sauberkeit und Ordnung in ihrem kleinen Hause. Sie war viele Jahre lang als
Küchenmagd auf dem Rittergute gewesen. Von daher stammten ihre Manieren oder,
wie man in Halbenau sagte, die »Benehmiche«, durch die sie sich von den anderen
Dorfleuten günstig abhob. Eine Photographie der Gräfin, ihrer ehemaligen Herrin,
hing an der Wand, an besonders sichtbarer Stelle.
    Ihre feinere Lebensart hinderte die Witwe jedoch nicht, gewöhnliche Arbeit
zu verrichten wie jede andere brave Halbenauerin. Es war Sonnabend, der Tag, an
welchem in einem ordentlichen Haushalte gereinigt wird. Frau Katschner hatte
gleich ihrer Tochter die Röcke hoch aufgebunden, sie schweifte mit einem Hader
die Diele. Pauline handhabte am Boden knieend die Scheuerbürste. In der Mitte
des Zimmers stand ein Holzfass, dessen Inhalt bereits eine graubraune Färbung
angenommen hatte. Pauline wollte eben eine neue Fahrt warmes Wasser aus der
Pfanne herbeiholen, als ihr Blick, der sich zufällig durchs Fenster in den
Garten gewandt hatte, dort durch etwas Ungewöhnliches gefesselt wurde.
    »Mutter! Ne, sahen Se ack! Zu uns kimmt a Gescherre nuf, gerade ibern Garten.
Ja, Himmel, ich glebe, das sein de Kontessen, Mutter!«
    Frau Katschner sprang ans Fenster. »De Kontessen, Herr Jedelt! - Nu feder
aber, Madel!« Sie liess sofort ihre Röcke herab, fuhr in die Holzpantoffeln,
trieb das Wasser, das in einer grossen Pfütze auf der Diele stand, mit einem
Borstwisch in die Ecke und schaffte das Waschfass hinter den Ofen. Das alles war
das Werk von kaum einer Minute.
    Schon klopfte es ans Fenster. Draussen hielt ein niedriger Korbwagen, darin
zwei junge Damen. Die eine hatte soeben mit dem Peitschenstiel gegen die
Fensterscheibe gepocht. »Ist wer zu Hause hier?« hörte man eine helle Stimme
rufen.
    »Ich wer' naus gihn, Pauline!« sagte die Witwe. »Mach du dich derweilen a
bissel zurechte, hierst de! Zieh der Strimpe an und a frisches Halstichel,
verstiehst de! Ich wer se schun su lange hinhalen - gieh, feder acht!«
    Pauline, die sich merkwürdig befangen und unschlüssig gezeigt hatte, von dem
Augenblicke an, wo die Komtessen in Sicht gekommen, folgte dem Winke der Mutter
und verschwand in ihrer Kammer. Frau Katschner schob das Schiebefenster zurück,
das nach dem Garten hinausführte. Sie brach in freudige Rufe des Staunens aus:
»Ne aber! Ne sowas! De gnädigen Kontessen selber! Ich werde sogleich
herauskommen.«
    
    Die Damen waren aus dem Wägelchen gestiegen. Eine von ihnen hatte die Zügel
geführt, jetzt warf sie die Leine dem Groom zu, der hinter ihnen auf der
Pritsche gesessen hatte.
    Die Komtessen waren gleich gekleidet, in hellen Stoff, und trugen breite
Strohhüte mit bunten Bändern. Wanda, die jüngere und grössere von beiden, war
brünett, mit rassigem Gesicht, in dem adeliges Selbstbewusstsein lag. Ida, die
ältere, ein Mädchen von schmächtiger Gestalt, mit durchsichtiger Hautfarbe und
hellem Haar, zeigte weichere Züge. Ihre stillen, grossen Augen und der seine Mund
klangen zu eigenartig melancholischer Wirkung zusammen.
    Frau Katschner erschien in der Tür und machte ihren schönsten Knix, wie sie
ihn sich ehemals auf dem Schloss abgesehen hatte.
    »Wir wollten Sie mal besuchen, Berta!« rief Komtesse Wanda, welche eben
darüber war, mit Hilfe des Grooms den Pony auszusträngen. »Ist übrigens ein
eklig schlechter Weg hier herauf. Bei einem Haare hätten wir umgeschmissen. -
Kann der Pony hier grasen, Berta?«
    Frau Katschner beteuerte unter fortgesetztem Knixen, dass hier alles den
gnädigen Komtessen gehöre, und dass es ihr eine Ehre sei, wenn der Pony in ihrem
Garten Futter annehme. Nun trat sie an die jungen Damen heran und versuchte,
ihnen die Hand zu küssen, was jene aber zu verhindern wussten.
    »Ist Pauline zu Haus?« fragte die ältere Komtesse.
    »Jawohl, Kontesse Ida! Wenn die Damen so gnädig sein wollen und eintreten
... es sieht freilich ein wenig unordentlich aus bei uns.«
    »Kennen wir schon, Berta! Faule Ausreden!« rief die Jüngere. »Sie behaupten
immer, dass es unordentlich aussieht bei Ihnen; dabei ist es das reine
Schmuckkästchen. Ich wünschte bloss, bei uns wäre es immer so ordentlich - was,
Ida?« -
    »Ach, du grosser Gott, Kontesse Wanda! Die gnädigen Damen müssen nur
verzeihen, wenn man eben arm ist! - Ordnung und Reinlichkeit, das kostet kein
Geld, sage ich immer. Auf dem Schloss, bei der gnädigen Herrschaft, da hatte
ich's freilich besser als jetzt. Das war ein ander Ding - dazumal!«
    »Ja, sehen Sie, Berta! Das kommt alles nur vom Heiraten!« meinte Wanda, die
unter ihresgleichen berüchtigt war für ihre kräftigen Bemerkungen, und die sich
etwas zugute tat darauf, dass sie alles heraussagte, was ihr gerade in den Sinn
kam.
    »Ja, ja! die gnädige Kontesse können schon recht haben, mit dem Heiraten is
es manchmal nich immer was Gescheits. Obgleich ich mich nicht beklagen kann.
Mein Mann is eben tot, Gott hab' ihn selig! Aber man hat viel Sorge davon und
Ärger noch obendrein. Ne, ne! Wer gescheit is, gnädige Kontesse, da haben Se
sehr recht, der heirat' sich keenen Mann!«
    Unter solchen Reden war man ins Haus getreten. Hier sprangen ein paar
Kaninchen hinter einen Bretterverschlag. Wanda wollte eines der Tiere erhaschen,
aber das Tierchen war flinker als sie. Frau Katschner, die Paulinens wegen jetzt
noch nicht das Zimmer betreten wollte, fand hierin eine günstige Gelegenheit,
die jungen Damen noch länger im Hausflur zu halten.
    Sie öffnete das Ställchen. In einer dunklen Ecke unter einer Heubucht
erblickte man eine ganze Kaninchenhecke. Wanda rief: »Pfui Deibel, wie stinkt's
hier!« lief aber nichtsdestoweniger in den Verschlag hinein und zog einzelne
Tiere an den Löffeln heraus. Frau Katschner musste ihr sagen, welches Männchen
und welches Weibchen seien.
    Als das Interesse hierfür erschöpft schien, hielt es Frau Katschner für
angezeigt, die Damen in das Wohnzimmer zu führen. Pauline kam jetzt zum
Vorschein aus ihrer Kammer, mit gesenkten Augen, über und über errötend. Ihre
Befangenheit war womöglich noch grösser als zuvor.
    Pauline war in früheren Zeiten ein gelegentlicher Gast auf dem Schloss
gewesen, als Spielgefährte für Komtesse Ida, mit der sie ungefähr in gleichem
Alter stand. Damals war man vertraut gewesen miteinander, nach Weise von
Kindern, bei denen sich der Standesunterschied nicht so stark bemerkbar macht.
Frau Katschner hatte der Tochter zwar immer die grösste Devotion gegen die
herrschaftlichen Kinder eingeschärft, aber beim Spiele war die künstliche
Schranke der Etikette oft genug überschritten worden. Inzwischen hatten die
beiden Komtessen eine Pension für freiadelige junge Mädchen besucht, aus der sie
vor einem Jahre als fertige junge Damen entlassen worden waren. Sie hatten ihren
ersten Winter in der Berliner Gesellschaft hinter sich. Seit Jahren hatten sich
also die ehemaligen Spielgefährten nicht mehr gesehen.
    Auch Ida errötete bis unter das blonde Haar, als sie Pauline jetzt die Hand
reichte. Einen Augenblick hatte sie erwogen, ob sie das Mädchen umarmen solle.
Aber dann fürchtete sie, es könne gemacht aussehen und wie Herablassung wirken,
und so liess sie es lieber bei einem Händedruck bewenden.
    Wanda hingegen stellte sich vor Pauline hin und musterte sie von oben bis
unten. »Diese Pauline!« rief sie. »Was das für ein Weib geworden ist. Wie eine
Frau sieht sie aus, wie die reine Frau! Gar nichts vom Mädel mehr!«
    Paulinens Hals, Wangen und Stirn färbten sich purpurn. Die Komtesse ahnte
nicht, welchen Sinn jene ihrer Bemerkung unterlegen musste.
    Frau Katschners Vermittlertalent half über diesen kritischen Moment hinweg.
Sie sprach und fragte, machte auf dieses und jenes aufmerksam, forderte die
Damen zum Sitzen auf. Sie erzählte aus jetziger und früherer Zeit, wusste ihre
devote Gesinnung gegen die Herrschaft in das rechte Licht zu rücken. Mit ihrer
Bewunderung für die Erscheinung der Komtessen hielt sie nicht zurück. Sie war
eine Meisterin in der Dienstbotenschmeichelei. Durch gelegentlich eingeworfene
Fragen verstand sie es übrigens auch, die jungen Damen zur Aussprache zu
bringen, so dass sie bald allerhand für sie Wissenswertes in Erfahrung gebracht
hatte.
    Pauline sass stumm dabei und rührte sich kaum. Auf dem Mädchen schien
irgendetwas zu lasten.
    »Famos ist es hier!« rief eben Wanda. »Überhaupt, die sogenannten armen
Leute haben es doch gar nicht schlecht!« Da erhob sich in der Kammer nebenan ein
jämmerliches Quiecken. Pauline wurde sehr unruhig, und selbst Frau Katschner
warf einen besorgten Blick nach jener Tür.
    »Was haben Sie denn da drinne? Junge Katzen?« fragte Wanda. Sie schien grosse
Lust zu verspüren, dem Grunde des Lärmens sofort nachzuforschen.
    »Ach, das ist ja das Kind!« rief Frau Katschner. »Gnädige Kontessen müssen
entschuldigen!«
    »Was! Habt ihr hier kleine Kinder?«
    Pauline sass wie mit Blut übergossen, die Augen in den Schoss gerichtet.
    »Wir wissen eigentlich selbst nicht recht, wie wir zu dem Kinde kommen,«
sagte Frau Katschner. »Da habe ich eine Schwester, von der is der Mann
gestorben, und da is eine Tochter, die hat geheiratet, und sehen Sie, der is der
Mann davongelaufen. So ein Lump! nicht wahr? Na, ich hab's ja vorher gesagt!
Aber, wer nicht hören wollte ... Also, von der is das Kind. - Das arme Ding
haben wir derweilen hier bei uns aufgenommen, weil die sich einen Dienst sucht.
Das is der ihr Kind, ja!« -
    Pauline sah ihre Mutter erschrocken an ob der Lüge. Das Mädchen war auf
einmal ganz bleich geworden. Gut, dass Wanda das Gespräch sofort an sich riss und
über durchgebrannte Männer und kleine Kinder mit Kennermiene zu sprechen begann.
Pauline schlich sich derweilen aus dem Zimmer. Gleich darauf hörte man sie in
der Kammer das schreiende Kind beruhigen.
    »Na, und sehen Se!« fuhr die Witwe voll Eifer fort, »was meine Pauline is,
die hat Sie das Kind doch nu so lieb gewonnen, als wäre 's ihr eigenes. Wie eine
zweite Mutter, mechte man sprechen, is das Mädel zu dem Kinde.«
    »Darf man das Kleine einmal sehen?« fragte Ida.
    Frau Katschner lief ins Nebenzimmer und sprach dort halblaut ein paar Worte
mit ihrer Tochter. Bald darauf kamen beide Frauen ins Zimmer zurück. Pauline
trug den Jungen auf dem Arme.
    Das Kind sass da, einen Finger im Munde, nur mit dem Hemdchen bekleidet, das
Ärmchen um den Nacken der Mutter gelegt und blickte die fremden Gesichter
fragend und neugierig an. Es war ein dicker, gesunder Junge mit schönen Farben
und kernigem Fleisch. Wer Gustav Büttner kannte, musste dessen Augen
wiedererkennen; im übrigen sah das Kind Paulinen unverkennbar ähnlich.
    Die Komtessen verhielten sich sehr verschiedenartig dem Kleinen gegenüber.
Wanda war äusserst wortreich, lobte und kritisierte und gab ihrem Missfallen
Ausdruck, dass der Junge keine geraden Beine habe. Das sei ein sicheres Zeichen
für »Englische Krankheit«, erklärte sie kategorisch. Frau Katschner hatte zwar
noch nie in ihrem Leben von diesem Leiden gehört, der Komtesse zu Gefallen aber
tat sie, als halte sie das für sehr wahrscheinlich und erkundigte sich, was man
dagegen anwenden müsse. Wanda war offenbar nicht ganz vorbereitet auf diese
Frage; nach einigem Überlegen entschied sie: »Moorbäder sind das beste!«
    Ida betrachtete inzwischen das Kind aufmerksam mit nachdenklichen Augen. Sie
lächelte es an, ergriff eines seiner Händchen und versuchte auf diese Weise,
Freundschaft mit dem Kleinen zu schliessen. Während sich Wanda und Frau Katschner
weiter über die Englische Krankheit unterhielten, erkundigte sie sich nach dem
Leben und Treiben des Kindes. Pauline taute dabei ganz auf. Jetzt, wo sie von
dem Wichtigsten sprechen konnte, was es für sie auf der Welt gab, fand sie ihre
gewöhnliche Lebhaftigkeit und Offenheit wieder. Das Eis war gebrochen. Nicht
mehr die Komtesse stand vor ihr, sondern eine Frau wie sie, der sie ihr Herz
rückhaltlos ausschütten durfte. Bald wusste Ida alles über das Kind, seine
Angewohnheiten und Liebhabereien. Der kleine Gustav wurde aufgefordert, die paar
Worte, welche er angeblich sprechen konnte, aufzusagen; wohl aus Ängstlichkeit
vor den Fremden versagte er jedoch völlig mit seinen Sprechkünsten.
    Nach einiger Zeit wurde Wanda ungeduldig, sie zog die Schwester an der Hand;
man müsse nun fort. Sie hätten ja noch ein paar »andere Armenbesuche« im Dorfe
zu machen.
    Ida bat Pauline beim Abschiednehmen, sie bald einmal auf dem Schloss zu
besuchen. Dem Kleinen küsste sie die Händchen mit einem innigen Ausdruck in ihren
stillen Zügen, wie er nur kinderliebenden Frauen eigen ist.
    Der Pony hatte sich inzwischen das Gras des Katschnerschen Gartens schmecken
lassen. Wanda legte selbst mit Hand an beim Anschirren. Die Komtessen nahmen im
Wägelchen Platz. Wanda ergriff Peitsche und Zügel, der Groom sass hinten auf, und
fort ging's, den schmalen Weg zur Dorfstrasse hinab.
    Pauline brachte das Kind in die Kammer zurück, dann schürzte sie ihr Kleid
wieder auf und machte sich schweigend ans Scheuern. Frau Katschner nahm die
Arbeit nicht wieder auf, sie beschäftigte sich vielmehr mit dem Zurechtmachen
der Vesper. Von Zeit zu Zeit warf sie einen Blick nach der Tochter, forschend,
ob die nicht endlich was sagen würde. Pauline bürstete und rieb, als ob ihre
Seligkeit davon abhinge, dass die Diele rein würde.
    Es schwebte etwas Ungelöstes, Schwüles, ein Vorwurf zwischen Mutter und
Tochter.
    »Willst de ne vaspern, Pauline?« fragte die Mutter endlich. »Ich ha' der
dohie wos zurechte gemacht.«
    »Lasst ack, Mutter! Ich ho' keenen Hunger nee!« sagte das Mädchen und vermied
es noch immer, die Mutter anzusehen.
    Frau Katschner, die am Tische sass, hatte sich ihr Brot mit Quark gestrichen,
von Zeit zu Zeit führte sie mit dem Messer ein Stück zum Munde. Pauline war
inzwischen aufgestanden, sie stand jetzt am Ofen, den Zuber vor sich auf der
Ofenbank.
    »Was meenst de wohl, Pauline!« begann Frau Katschner von neuem das Gespräch;
»wenn mer's, und mir hätten's den Kontessen derzahlt von deinem Kleenen, dass der
von dir is, wos meenst de wohl, wos die fir a Gesichte derzut gemacht haben
mechten - haa?«
    »Ich weiss nich, Mutter!« sagte Pauline nur. Sie wandte der Mutter den Rücken
zu und rang mit Aufbietung aller Kraft den Hader aus.
    »Mit suwas darf man der Art gar ne kimma. Das vertrogen se ne. Do is glei
alle. Das kenn' ich. Die Gräfin, su ne hibsche Frau wie das war, aber wenn a
Madel, und se tat sich vergassen ... ne! Da flog se glei naus. Do gab's nischt
uf'n Schloss. Suwos darf man denen gar nich merken lassen.«
    »De Kontesse Ida is immer su gutt gewast - gegen mich ...« meinte Pauline
mit stockender Stimme. Das Weinen war ihr nahe. »Nu hon Sie er suwas vurgeradt,
Mutter! Ich ho' mich su schamen missen. Su ane Liege! Ne, ich muss mich su siehre
schamen, muss ich mich! Grade der Ida, die su gutt is! - Ne, Mutter, das war ne
recht vun Sie!«
    Pauline liess ihren Tränen freien Lauf. Sie hatte sich auf die Ofenbank
gesetzt, die Ellbogen auf die Knie gestützt und verbarg ihr Gesicht in den
Händen.
    Frau Katschner war ärgerlich geworden. Sie sei wohl verrückt, warf sie der
Tochter vor; sie hätt's wohl den Komtessen gleich auf die Nase binden sollen,
das mit den Jungen? Das sei das richtige Mittel, um sich bei solchen Damen
beliebt zu machen! Komtesse Ida mit ihrer Zimperlichkeit sähe gerade danach aus,
als ob sie dem Jungen dann noch was schenken würde. Und wenn Pauline nächster
Tage aufs Schloss gehe, dann solle sie sich nur ja in acht nehmen mit ihren
Reden, dass sie sich nicht etwa verplappere.
    Pauline hörte kaum mehr auf die Vermahnungen, die ihr die Mutter mit
keifender Stimme erteilte. Schliesslich wurde es dem Mädchen zuviel. Sie lief in
ihre Kammer, schloss hinter sich zu, nahm den Jungen aus dem Korbe und herzte und
küsste ihn ab unter Tränen.
 
                                      VII.
Vor dem Kretscham in Halbenau hielt ein Einspänner. Die Kleidung des Kutschers
liess darauf schliessen, dass das Fuhrwerk aus der Stadt komme. Ein rotbärtiger
Mann im grauen Überzieher und karrierten Hosen stieg aus und befahl,
auszuspannen. Dann begab sich der Fremde in den Gastof.
    In der Schenkstube befand sich nur Ottilie, die Tochter des Gastwirts.
Harrassowitz betrachtete das Mädchen mit jenem spürenden Blicke, den er für alle
Frauen hatte, mochten sie hübsch sein oder hässlich. »Ist der Herr Papa zu Haus?«
fragte er. »Denn Sie sind doch das Fräulein Tochter. Ich bin Samuel Harrassowitz
aus der Stadt, Ihr Herr Vater kennt mich.«
    Ottilie zog einen schiefen Mund, was sie immer tat, wenn sie verlegen war,
und meinte, sie werde nach dem Vater schicken. Sie begab sich ins nebenan
gelegene Schnapsgewölbe, wo ihr Bruder Richard mit Umfüllen von Likören
beschäftigt war, und sagte ihm, wer da sei. »Ach, Sam!« meinte Richard. »Wer ist
denn das?« fragte Ottilie neugierig. »Sam is Sam!« erklärte Richard. »Geh, sag
mir's doch!« »Tu'n doch selber fragen, dumme Gans!« meinte der liebenswürdige
Bruder, streckte dem Mädchen die Zunge heraus und ging, den Vater zu rufen.
    Ottilie kehrte ins Gastzimmer zurück. Sie war nun doppelt neugierig
geworden, wer der fremde Herr sei. Das Mädchen hatte nicht viel Besseres vor auf
der Welt, als sich um anderer Angelegenheiten zu kümmern. Sie war meist
unbeschäftigt und hatte Zeit, allerhand Gedanken nachzuhängen, von denen die
meisten töricht waren.
    Ottilie war gross und mager, mit unverhältnismässig langem Oberkörper, flacher
Brust und herausstehenden Hüftknochen. Weibliche Fülle und Rundung war ihr
versagt. Aber aus ihrer Art, verlegen zu lächeln, den Kopf beiseite zu legen und
dabei vielsagend dreinzublicken, sprach Gefallsucht, die ihrem reizlosen Körper
zum Trotze die Blicke auf sich zu lenken trachtete. Sie hatte wenig vom
Büttnerschen Blute in sich. Mit ihrer unreinen Hautfarbe, der birnenförmigen
Kopfform und dem fliehenden Kinn war sie eine echte Kaschel.
    Ottilie machte sich hinter dem Schenktisch zu schaffen. Vielleicht würde der
Fremde sie doch noch einmal anreden.
    Harrassowitz tat ihr auch wirklich den Gefallen. »Fräulein, wollen Sie sich
nicht ein bisschen zu mir setzen, ich bin hier so alleine.«
    Linkisch, mit ihrem scheuen Lächeln, kam Ottilie hinter dem Schenktische
vor. »Ich bin so frei!« Damit setzte sie sich an den Tisch.
    Sam liess seine Blicke in unverfrorener Weise auf ihrer Gestalt herumkreuzen,
während sie mit scheinbar niedergeschlagenen Augen, ihn dabei von der Seite
anschielend, dasass. »Darf ich mir wohl die Frage erlauben,« sagte er, ihr
vertraulich zulächelnd: »Ihre Hand ist noch nicht vergeben?«
    »Aber ich bitte sehr, mein Herr!« rief sie, von ihm wegrückend, mit einer
Miene, der man deutlich absehen konnte, dass ihr die Frage im Grunde gar nicht
unangenehm war.
    »Das ist mir eigentlich erstaunlich!« meinte er. »Ein solches Fräulein:
ledig! Die Tochter von Herrn Ernst Kaschel! Da wüsste ich manchen jungen Herrn
...«
    Zu Ottiliens grossem Leidwesen trat hier der Vater ein, und die Unterhaltung
wurde an der interessantesten Stelle unterbrochen.
    »Guten Tag, Herr Harrassowitz!«
    »Guten Tag, mein lieber Herr Kaschel!«
    Die beiden Männer lachten sich an wie zwei, die einander genau kennen, und
schüttelten sich kräftig die Hände.
    »Recht lange nicht mehr bei uns gewesen, Herr Harrassowitz!«
    Der Händler blickte dem Gastwirt in die schlauen Augen und meinte, er wolle
sich hier draussen nur mal ein bisschen nach den »Ernteaussichten« umsehen. -
Kaschelernst lachte über diese Bemerkung, als sei das der beste Witz, den er
seit langem gehört habe.
    Der Wirt schickte Ottilie nach Gläsern, er selbst holte eine Flasche herbei.
Den Getreidekümmel müsse Harrassowitz mal kosten, das sei was Extrafeines. Er
schenkte ein.
    Man sprach über die Feldfrüchte, über Wetter und Viehseuche. Aber das waren
alles nur Plänkeleien. Die beiden kannten und würdigten sich. Kaschelernst wusste
ganz genau, dass der Händler nicht um Schnickschnacks willen nach Halbenau
gekommen sei. Einstweilen gefiel es aber beiden, sich mit solchem
Versteckenspiel zu unterhalten.
    Sam begann endlich ernstaft zu sprechen, was er dadurch andeutete, dass er
näher an den Gastwirt heranrückte und die Stimme senkte. Kaschelernst schickte
die Tochter, die sich hinter den Schenktisch zurückgezogen hatte, hinaus; nun
konnte ein »vernünftiges Wort« unter Männern gesprochen werden.
    Der Händler erkundigte sich nach den Verhältnissen der verschiedensten
Personen: Bauern, Gutsbesitzer, Handwerker. Kaschelernst kramte seine Kenntnisse
aus mit der Miene eines schadenfrohen Menschen. Man konnte ihm den Hochgenuss
ansehen, mit dem ihn Unglück, Fehltritte und Dummheit seiner Mitmenschen
erfüllten.
    Wenn er von einem Bauern erzählte, der vor dem Bankerotte stand, lächelte
er. Er lächelte auch, als er berichtete, dass ein anderer Feuer an seine Scheune
gelegt habe. Und ausschütten wollte er sich geradezu vor Lachen, als er dem
Händler hinterbringen konnte, ein Stellenbesitzer habe sich neulich aufgehängt,
weil ihm die Gläubiger die Kuh aus dem Stalle weggepfändet hatten.
    Kaschelernst schien alle Leute in der Runde zu kennen und über die
Verhältnisse von allen Bescheid zu wissen. Harrassowitz lauschte mit grösstem
Interesse, ja mit einer gewissen Andacht, als verkünde jener ein Evangelium,
wenn er erklärte: der Bauer Soundso werde sich nicht länger als höchstens noch
zwei Jahre halten, oder der und der sei durchaus kreditfähig, da er einer
sicheren Erbschaft entgegensehe.
    Man hatte bereits mehrere Glas von dem Kümmel vertilgt, welcher dem Händler
zu schmecken schien.
    Endlich schien Harrassowitz genug Weisheit eingesogen zu haben, er erhob
sich. Er habe noch einen kleinen Gang ins Dorf vor, erklärte er.
    »So, so!« meinte Kaschelernst. »Hier in Halbenau is doch jetzt nischt zu
machen für Sie.«
    »Ach, doch! - Ich will mir mal 'n Bauerngut ansehen.«
    Kaschelernst spitzte die Ohren. Aber beileibe wollte er sich keine Neugier
anmerken lassen. »Welches denne?« fragte er scheinbar nebenhin.
    Sam tat, als habe er die Frage überhört. »Es soll ein schönes Gut sein,«
meinte er. »Felder, Wiesen, alles prima! Auch die Gebäude im Stande. Natürlich
sind tüchtige Schulden drauf. Die Bauern sind ja alle verschuldet. Ich will
mir's mal besehen,« damit wollte er gehen.
    »Dass Sie sich nur nicht verlaufen in Halbenau, Harrassowitz!« sagte Kaschel,
ihm folgend. »Hier gibt's viele Güter, grosse und kleene. Zu wem wollen Se
denne?«
    »Auf das Büttnersche!«
    Kaschelernst zuckte mit keiner Wimper, als er den Namen seines Schwagers
hörte. Harrassowitz fixierte ihn scharf. »Kennen Sie das Gut? Ich interessiere
mich dafür.«
    Der Wirt zuckte die Achseln und nahm eine geheimnisvolle Miene an. Er dürfe
nichts sagen, meinte er, der Besitzer sei sein Schwager.
    »Ihr Schwager, Herr Kaschel!« rief der Händler mit gut geheucheltem
Erstaunen. »Das ist mir ja hochinteressant zu hören! Ich habe dem Manne nämlich
Geld verschafft. Das ist mir sehr lieb, dass Sie mit ihm verwandt sind; sehr lieb
ist mir das! Nun ist mir der Bauer noch einmal so viel wert, denn Sie werden
Ihren Schwager doch nicht sitzen lassen in der Patsche - was?«
    Kaschelernst machte ein ganz dummes Gesicht. Es war so dumm, dass man die
Pfiffigkeit, die sich dahinter verbarg, leicht merkte. Der Händler lachte hell
heraus, und der Wirt stimmte ein. Sie hatten einander wieder mal erkannt, die
beiden Biedermänner.
    »Na, ich will mir's mal ansehen, das Gut Ihres Herrn Schwagers,« sagte
Harrassowitz, liess sich den Weg beschreiben und schritt dann die Dorfstrasse
hinab.
                                     * * *
    Sam näherte sich dem Büttnerschen Hofe. Mit prüfendem Blicke musterte er
zunächst die Baulichkeiten. Wohnhaus: Fachwerkbau mit Ziegeldach, konstatierte
er. Ställe und Scheune: nur Strohbedachung. Übrigens schien alles recht gut in
Schuss und wohlgepflegt. Ganz heruntergekommen war der Bauer also noch nicht.
    Der Händler trat durch die offene Tür in den Hausflur und klopfte an die
Wohnstubentür. Er traf nur die Bäuerin an, die am Wiegekorbe stand und ihr
jüngstes Enkelchen in den Schlaf wiegte.
    Die alte Frau sah den Fremden mit offenstehendem Munde an. Sam trat mit
leutseliger Miene auf sie zu und erklärte ihr, er sei ein Geschäftsfreund des
Herrn Gutsbesitzers Büttner, und er habe sich immer schon die Besitzung einmal
ansehen wollen.
    Der Bäuerin imponierte der Aufzug des Fremden, vor allem eine blitzende
Nadel in der Kravatte stach ihr in die Augen - von Similibrillanten ahnte die
gute Frau freilich nichts. - Was ihr Mann doch für vornehme Bekannte hatte in
der Stadt! Sie lief nach einem Stuhle, trotz ihrer rheumatischen Lähme. Aber der
Händler kam ihr zuvor. Sie solle sich nur um Gottes willen nicht bemühen um
seinetwillen, wenn der Bauer auf dem Felde sei, wolle er ihn dort aufsuchen,
hier im Hause möchte er um keinen Preis Störung verursachen. Es sei alles
draussen, erklärte die Bäuerin, die Weibsen in den Runkeln, Karl beim
Kartoffelanfahren und der Bauer ganz draussen am Walde beim Säen.
    Der Fremde sah sich im Zimmer um. Er meinte, sie hätten es recht hübsch und
gemütlich hier. Dann untersuchte er die Holzverkleidung der Wand, indem er daran
klopfte. Holztäfelung liebe er, das gäbe im Winter ein hübsch warmes Zimmer.
Auch den Wandschrank mit den bunten Tellern bewunderte er, von denen er einzelne
herabnahm, um sie näher zu betrachten. Es gab nichts, wofür Sam nicht Interesse
gezeigt hätte.
    »Sehr nett, ganz riesig nett hier!« sagte er und lachte die Bäuerin
freundlich an. »So richtig ehrwürdige, patriarchalische Verhältnisse. Ich liebe
das! So was hat man in der Stadt nicht.«
    Die Bäuerin war von solchem Lobe aufs angenehmste berührt. Sie hielt es aber
für nötig, die Beschämte zu spielen. Es sei durchaus nicht schön bei ihnen,
behauptete sie, und der Herr sei es gewiss ganz anders gewohnt. Harrassowitz
beteuerte dagegen, dass es für ihn nichts Idealeres gäbe als eine gemütliche
Bauernstube, das gehe ihm weit über sein Kontor.
    Dann näherte er sich dem Kinde im Korbe, schäkerte mit dem Kleinen, indem er
es unter dem Kinn kitzelte und »Kss, Kss!« dazu machte, bis das Würmchen vor
Vergnügen lachte und das dicke Oberbett von sich strampelte. Er lobte das
gesunde Aussehen des Kindes und erzählte, dass er kürzlich eine Tochter
verheiratet habe.
    Die Bäuerin war völlig gefangen genommen durch! das vertrauliche Wesen des
Fremden. Dass man so vornehm und gleichzeitig so liebenswürdig sein könne, war
ihr unfasslich.
    Als Sam schliesslich erklärte, nunmehr aufs Feld hinaus zu wollen, bat sie
ihn, doch ja wieder zu kommen, und geleitete ihn humpelnd bis vors Hoftor, um
ihn den Weg zu weisen.
    Er traf zunächst auf die Frauen in den Rüben. Sie standen in der Furche und
behackten die Pflanzen. Die Hacken flogen nur so in den fleissigen Händen. Von
hinten sah man die drei gebückten Rücken und unter den kurzen Röcken die sechs
blossen Waden. So standen sie in einer Reihe, wie ausgerichtet, nebeneinander.
    
    Sam war auf weichem Wiesenpfade ungehört bis dicht an die Frauen
herangekommen. Jetzt blieb er stehen und versenkte sich in den Anblick. Er nahm
alles mit. -
    Endlich räusperte er sich. Sofort standen die drei Hacken still, die drei
Köpfe wandten sich nach ihm um. Sam stand lächelnd vor den Frauen, breitbeinig,
mit vorgestrecktem Leibe, auf seinen kurzen, krummen Beinen. »Guten Tag, meine
Damen!« sagte er. Es sei heute recht warm und sie sollten sich nur nicht
überanstrengen.
    Terese, die älteste und redefertigste von den Dreien, meinte, er solle
lieber selber die Hacke zur Hand nehmen, dann würde er vielleicht etwas von
seinem Fette kommen; aber von ordentlicher Arbeit verstehe er wahrscheinlich
nichts. -
    Die beiden Mädchen, Toni und Ernestine, kicherten zu der schlagfertigen Rede
der Schwägerin. Sam nahm die Bemerkung scheinbar nicht krumm; lächelnd erwiderte
er, er habe einen anderen Beruf als Rübenhacken erwählt. Dann fragte er nach dem
Büttnerbauer.
    Die Frauen musterten den Aufzug des Fremden mit beobachtenden Blicken. Im
hellen Tageslichte besehen zeigte es sich, dass sein Hemdkragen nicht vom
reinsten und dass auf seiner hellen Weste verschiedene Fettflecke seien. Toni war
ein harmloses Geschöpf und viel zu phlegmatisch, um sich mit Kritisieren
abzugeben. Aber Terese und die kleine Ernestine waren um so scharfäugiger. Kaum
war er ausser Hörweite, so hielten sie sich über seinen hässlichen Mund, den der
rote Bart nicht genügend deckte, auf, über seine Dachsbeine, ja selbst die
versteckte Lüsternheit seines Wesens war ihrem weiblichen Scharfblicke nicht
entgangen.
    Inzwischen kam Karl Büttner, der nebenan die Kartoffeln anfuhr,
herbeigelaufen. Der Vater sei draussen am Büschelgewende, erklärte er dem
Fremden, und wies mit dem Peitschenstiele in die Richtung nach dem Walde. Sam
betrachtete sich den hochgewachsenen jungen Mann, fragte, ob er der Sohn sei,
und verlangte schliesslich, über die Felder geführt zu werden.
    Karl rief seiner Frau zu, sie solle auf die Pferde aufpassen, dann folgte er
dem Händler.
    Sam umschritt die einzelnen Schläge, hie und da untersuchte er den Boden mit
seinem Stocke, an dessen Ende sich eine lange metallene Zwinge befand.
Zwischendurch richtete er Fragen an seinen Begleiter über die Grenzen des Gutes,
über benachbarte Grundstücke, Wege, Fruchtfolge, Bewässerung, Aussaat und
Erträge. Auch die Verhältnisse in der Familie schienen ihn zu interessieren.
Karl wunderte sich zwar über die vielen Fragen des Fremden, aber auf den
Gedanken, etwas zurückzuhalten, kam er nicht. Treuherzig gab er auf alle Fragen
Antwort, so gut er es eben wusste.
    So kam man in die Nähe des Waldes. Schon von weitem konnte man den alten
Bauern erblicken, auf lehnan gelegenem Feldstücke, wie er, einen grauen,
bauschigen Sack vorgebunden, den Samen mit gemessenem Wurfe ausstreute, den
Acker hinab oder hinauf schreitend.
    Der verwilderte Zustand dieses Schlages, der Nähe des Waldes wegen, das
Büschelgewende benamst, das zwei Jahre lang brach gelegen, hatte dem alten Manne
keine Ruhe mehr gelassen. Sowie die Bestellung des übrigen Gutes beendet, war er
daran gegangen, dieses Stück wieder urbar zu machen. Eigenhändig hatte er es
umgepflügt und einen Teil davon für die Aussaat vorbereitet. Da es zu spät war
im Jahre, um hier noch etwas anderes zu erbauen, säete er jetzt wenigstens noch
Gemenge aus.
    Im ersten Augenblicke erkannte der Büttnerbauer den Händler gar nicht.
Harrassowitz musste sich ihm ins Gedächtnis rufen. Nun dämmerte es in den
verdutzten Mienen des Alten. Er schüttelte dem Händler kräftig die Hand. »Herr
Harrassowitz, ich hätt' Se, weiss der Hole, bale ne derkennt. Das is scheue vun
Sie, dass Sie och mal zu uns nauskumma - das is racht!«
    In der Freude des Bauern lag nichts Erheucheltes. Er rechnete es dem Städter
hoch an, dass er ihn auf dem Dorfe aufsuchte, und war sogar bis zu einem gewissen
Grade stolz auf diesen Besuch.
    Der Bauer band sich den Sack ab und gab ihn Karl zum Tragen. Dann schritt
man zu Dreien langsam auf dem Wiesenpfade dem Gehöfte zu. Karl ging in
respektvoller Entfernung hinter dem Vater und dem fremden Herrn drein.
    Harrassowitz lobte alles, was er sah. Nach seinem Urteil war der Boden
ausgezeichnet, die Wiesen in bester Kultur, und der Stand der Feldfrüchte liess
nichts zu wünschen übrig. Dem alten Bauern mundeten die Lobeserhebungen des
Händlers wie Honigseim. Er schmunzelte vergnügt in sich hinein.
    »Sie werden eine glänzende Ernte machen, mein guter Herr Büttner!« sagte
Harrassowitz. »Ich gönne es Ihnen von Herzen, denn hier in dem Boden steckt
Arbeit, das sieht man.«
    »Gab's Gott! Gab's dar liebe Gott!« erwiderte der Alte und bekreuzigte sich
dabei. Es war ihm eigentlich nicht recht, dass der andere eine solche
Prophezeiung ausgesprochen hatte. Man durfte nichts berufen. »Gebraucha kennten
mer schun ane gute Ernte. Aber, da kann Sie mich mancherlei für sich giehn bis
dohie.« Er seufzte.
    Der Büttnerbauer hatte gerade in den letzten Tagen wieder schwere Sorgen
durchzumachen gehabt.
    Sein Schwager Kaschel hatte ihm durch eingeschriebenen Brief seine Hypotek
von siebzehnhundert Mark gekündigt. Das hatte wie ein Blitz aus heiterem Himmel
gewirkt. Woher das Geld herbeischaffen für diese an letzter Stelle eingetragene
Hypotek! Mehr noch aber als die Kündigung hatte den Büttnerbauern ihre Form
geärgert, ja geradezu in helle Wut versetzt. Ein eingeschriebener Brief! War so
etwas erhört! Darin erblickte er eine ganz besondere Niederträchtigkeit von
seiten seines Schwagers. Ein eingeschriebener Brief! Er hatte da dem Postboten
sogar noch etwas unterschreiben müssen. Und dabei wohnte sein Schwager einige
hundert Schritte von ihm. Man konnte sich vom Büttnerschen Gute zum Kretscham
mit einigermassen lauter Stimme etwas zurufen.
    Wäre Kaschelernst an jenem Tage dem Schwager in den Wurf gekommen, es hätte
wohl ein Unglück gegeben.
    Und das war noch nicht einmal alles. An verschiedenen Stellen drückte den
Bauern der Schuh. Der Viehhändler, dem die Kuh immer noch nicht ganz bezahlt
war, hatte gemahnt. Die Gemeindeanlagen waren fällig für mehrere Termine. Der
Büttnerbauer hatte sein Bargeld immer und immer wieder überzählt und seinen Kopf
angestrengt. Er wusste keine Hilfsquellen mehr. Er würde schuldig bleiben müssen,
und in der Ferne drohte das Schreckgespenst der Pfändung.
    »Ist es nicht ein wahrer Segen Gottes!« rief Sam und blieb vor dem grossen
Kornfelde stehen, dicht am! Hofe. »Hier wächst doch wirklich das reine Gold aus
dem Boden!«
    Das Wort löste dem Büttnerbauer die Zunge. Natürlich fiel er nicht mit der
Tür ins Haus. Nach seiner bäuerisch verschlossenen, misstrauischen Art fing er an
ganz entlegener Stelle an und kam dann allmählich seinem Gegenstande vorsichtig
näher.
    Der Händler liess sich erzählen. Mit teilnahmsvollem Gesichte hörte er zu.
Als der Bauer schliesslich so weit war, dass er ihm rückhaltlos seine missliche
Lage eröffnete, nahm Sam eine ernstlich betrübte Miene an. Das tue ihm von
Herzen leid, sagte er. »Ja, was wird denn da werden, mein guter Büttner? Die
Gläubiger werden sich mit blossen Versprechungen wohl nicht beruhigen. Was wird
denn da werden?«
    »Ja, wissten Sie nich an Rat, Herr Harrassowitz?«
    »Ich! - Ich bitte Sie, mein Bester, wie könnte ich Ihnen da einen Rat geben;
ich bin Kaufmann. In diesen ländlichen Dingen weiss ich gar keinen Bescheid.«
    »Ich meente - ob Se nich vielleicht - wegen an Gelde ...«
    »Aber mein verehrter Freund! Wofür halten Sie mich denn?«
    »Ich dachte ack - weil Sie mer duch schun eemal, und Se han mir dunnemals su
freindlich gehulfa.«
    »Ach, Sie meinen damals mit Schönberger! Ja, sehen Sie, da lag die Sache
günstiger. Da war einfach eine todsichere Hypotek zu besetzen - aber hier ...
nein, das sind Sachen, mit denen sich ein reeller Geschäftsmann nicht gern
abgibt.«
    Man ging fortan schweigend nebeneinander her. Der alte Bauer in stummer
Verzweiflung. Er hatte bei all den Sorgen der letzten Tage im stillen immer auf
Harrassowitz gehofft. Wenn alle Stränge rissen, wollte er sich an den wenden,
der würde schon einspringen. Nun war es damit auch nichts!
    Schon war man an das Gehöfte herangekommen und ging an der hinteren Wand der
Scheune entlang, da machte der Händler plötzlich Halt. »Büttner!« sagte er, »ich
habe mir die Sache überlegt: Ihnen muss geholfen werden. Einen Mann wie Sie, der
sich so redlich müht, in der Klemme sitzen zu lassen, das bringe ein anderer
übers Herz, ich nicht! Ich werde Ihnen das Geld verschaffen, obgleich ich selbst
noch nicht weiss, wo hernehmen. Denn ich habe alles im Geschäfte festgelegt.
Unsereiner kann auch nicht immer so, wie er gern möchte. Aber geschafft muss es
werden. Erst mal Ihre laufenden Schulden! die müssen Ihnen zunächst vom Halse
geschafft werden. Später wird dann auch für die Hypotek Rat werden. Sagen Sie
mir, wie viel die Läpperschulden ausmachen.«
    Dem alten Manne zitterten die Hände vor freudigem Schreck. Das Glück kam so
überraschend, dass es ihm für Augenblicke das Denkvermögen völlig benahm. Er
rechnete, nannte einige Zahlen, widersprach gleich darauf, faselte unsicher
zwischen seinen eigenen Angaben hin und her.
    Sam klopfte ihm beschwichtigend auf den Rücken. »Nun, nun, mein Guter! Nur
keine Aufregung! Wir werden uns das nachher in aller Ruhe berechnen. Jetzt will
ich mir mal Ihre Gebäude von innen ansehen.«
    Man trat in die Ställe. Mit Kennerblick prüfte der Händler den Viehstand.
Eine Kuh hatte die Trommelsucht. Sam gab gute Ratschläge für ihre Behandlung.
Auch die Scheune besah er sich, prüfte das Gebälk. Selbst in den Schuppen warf
er einen Blick. Er untersuchte, ob die Düngerstätte auch die Jauche halte. Dann
betrat er den Garten, pflückte sich im Vorbeigehen eine Narzisse, die er ins
Knopfloch steckte, liess sich einen Augenblick auf der Holzbank nieder, die um
den alten grossen Apfelbaum gegenüber dem Westgiebel des Wohnhauses angebracht
war.
    Nichts gehe ihm über die Traulichkeit des Landlebens, erklärte er und
musterte das alte, freundliche Haus mit empfindsamen Blicken; am liebsten gäbe
er sein Geschäft auf und würde selbst ein Bauer.
    Inzwischen hatte die Bäuerin drinnen einen Kaffee zurecht gemacht, wie er im
Büttnerschen Hause noch nicht getrunken worden war. Die wohlbeleibte Frau
erschien dann selbst im Garten und bat mit ihrem schönsten Knix den Herrn zum
Vesper.
    Es gab Butter, Quark und Honig zum Schwarzbrot. Sam kostete von allem. Er
schmeichelte sich dadurch, dass er so gar nicht wählerisch war, nur noch mehr im
Herzen der Wirtin ein.
    Nachdem er sich satt gegessen und getrunken, lehnte er sich zurück und
entnahm seiner Brusttasche ein Zigarrenetui. »Es ist doch gestattet, zu
rauchen?« fragte er lächelnd. »Nach einer guten Tasse Kaffee gehört sich eine
Zigarre!« Dann holte er aus seinem Rocke eine gewichtige Brieftasche hervor, die
er vor sich auf den Tisch legte.
    »Nun vielleicht zum Geschäftlichen, Herr Büttner, wenn's recht ist?«
    Der Bauer hatte inzwischen in einer Ecke des Zimmers sein Wesen für sich
gehabt. Mit Hilfe eines Stückes Kreide schrieb er dort Zahlen an die braune
Wand. Jetzt wischte er die Zahlenreihe mit dem Rockärmel aus und trat zu dem
Händler. »A Märker dreihundert wer'ch brauchen,« sagte er mit gedämpfter Stimme,
»was blussig de Handschulden sen.«
    Der Händler klappte die Brieftasche auf und blätterte darin.
    »De Weibsen megen a mal nausgihn!« sagte der Bauer, als er bemerkte, dass
Ernestine und Terese lange Hälse machten und die Köpfe zusammensteckten.
»Mutter, du kannst bleiba und Karle och!« Die drei jüngeren Frauen entfernten
sich darauf schleunigst.
    Sam hatte der Tasche ein Paket blauer Scheine entnommen. »Ein glücklicher
Zufall!« sagte er, »dass ich gerade heute Geld einkassiert habe. Für gewöhnlich
pflege ich nicht so viel bei mir zu tragen.« Er legte drei Hundertmarkscheine
nebeneinander auf den Tisch und behielt die übrigen in der Hand. »Hier wäre das
Gewünschte, lieber Büttner! Soll ich Ihnen vielleicht noch hundert Mark darüber
geben, da ich's einmal hier habe?«
    Der Bauer starrte mit grossen Augen auf das Geld, rührte aber keinen Finger
und sagte auch nichts.
    »Ihnen gebe ich Kredit, so viel Sie wollen, Büttner. Ein so tüchtiger Wirt
wie Sie, mit solch einer Ernte auf dem Felde! Ihre Unterschrift ist mir so gut
wie bar Geld.«
    Dem alten Manne drehte sich alles vor den Augen. Er sah bald den Händler,
bald seine Frau an, die neben ihm stand. Durfte er denn seinen Augen trauen! war
das nicht etwa ein Spuk! Hier lag das Geld, das er brauchte und noch mehr, auf
der Tischplatte, so viel, um ihn aus allen seinen Nöten zu reissen. Hier sass
einer, der ihm die Hilfe geradezu aufnötigte. Was sollte man davon denken?
    In seiner Ratlosigkeit wollte er schon den ältesten Sohn um seine Meinung
befragen. Aber Karl sah dem ganzen Vorgange mit einer so völlig
verständnisleeren Miene zu, dass der Alte diesen Gedanken schnell wieder fallen
liess. Er blickte fragend nach seiner Lebensgefährtin hinüber.
    Die Bäuerin nickte ihm zu, ermutigte ihn: »Nimm's ack, Mann! nimm's ack an!
Der Herr meent's gut mit uns - ne wohr?«
    Der Bauer streckte die Hand aus und wollte nach dem Gelde greifen.
    »Halt! Noch eine kleine Formalität!« meinte Harrassowitz lächelnd und legte
schnell sein Taschenbuch auf die Scheine. »Nur der Ordnung wegen! Wir stehen
allezeit in Gottes Hand und wissen nicht, wie schnell wir abgerufen werden
können. Dann fehlt es nachher an einem Belege. Das wollen wir doch nicht! Nicht
wahr?«
    Er hatte dem Taschenbuche einen schmalen, bedruckten Zettel entnommen.
»Tinte und Feder ist wohl im Hause?« Karl wurde beauftragt, das Gewünschte zu
schaffen. »Ordnung muss sein in allem. Das ist man sich als reeller Geschäftsmann
schuldig.« Sam füllte das Formular mit einigen Federzügen aus. »Also, ich
schreibe Mark vierhundert. Es ist doch recht so?« Niemand antwortete; der Bauer
atmete so schwer, dass man es durch das ganze Zimmer vernahm. »Dann bitte ich
nur, hier zu unterschreiben,« sagte der Händler, stand auf und reichte dem Alten
die Feder.
    Der Büttnerbauer stand eine Weile da, den Zettel drehend und wendend; mit
hilflosen Blicken sah er Frau, Sohn und den Händler an. »Lesen Sie nur erst,
Herr Büttner!« mahnte Harrassowitz. »Ungelesen soll man nichts unterschreiben.«
Der Bauer hielt das Papier mit zitternden Händen weit von sich ab und studierte
lange. »Nur keine Sorge, mein Guter; es ist alles drin, was drin sein muss,«
witzelte Sam. »Die ganze Geschichte ist in bester Ordnung. Bequemer kann ich's
Ihnen nicht machen. Hier, das Geld! Sie bekennen: Wert in bar empfangen zu haben
und mir die Summe am ersten Oktober dieses Jahres zurückerstatten zu wollen. Da
fällt die Ernte dazwischen, bedenken Sie das! Kulantere Bedingungen kann ich
nicht stellen. Das Papier hier brauche ich zu meiner Sicherung. Eine leere
Formalität, weiter nichts, aber sie ist nun mal nötig. Also, bitte!« Der Alte
überlegte noch immer. Seine arbeitenden Züge liessen auf den schwersten
Seelenkampf schliessen.
    Sam nahm eine finstere Miene an. »Ich glaube gar, Herr Büttner traut mir
nicht!« sagte er zu der Bäuerin. »In diesem Falle nehme ich mein Geld lieber
zurück! Aufdrängen will ich mich nicht, nein! Ich dachte nur, ich könnte dem
Herrn eine Gefälligkeit erweisen. Aber, wenn er nicht will ...« Mit seiner
rotbehaarten Hand griff er bereits nach den Scheinen.
    »Traugott!« rief die Bäuerin und stiess ihren Mann in die Seite. »Bis ne
verrickt! Unterschreib ack das Briefel!« Dann zog sie ihn am Ärmel und raunte
ihm zu: »Ar wird glei biese warn, wenn de no lange machst.«
    Sie reichte ihm selbst die Feder.
    »Hier, bitte, an dieser Stelle, Herr Büttner! - Weiter rechts! ... Hier! ...
Bloss den Namen.« Der Händler wies mit dem Finger genau auf den Fleck.
    Und so unterschrieb der Büttnerbauer den Wechsel.
 
                                     VIII.
Pauline liess volle vierzehn Tage ins Land gehen, ehe sie der Aufforderung von
Komtesse Ida, sie im Schlösse aufzusuchen, nachkam. Sie wäre möglicherweise
überhaupt nicht dortin gegangen, wenn nicht ihre Mutter sie unausgesetzt dazu
angetrieben hätte.
    Eines Nachmittags also zog sie ihr Kirchenkleid an und setzte den neuen Hut
auf, den sie sich von Gustavs Gelde angeschafft hatte. So ging sie in ihrem
Feiertagsstaat nach dem Schloss.
    Die Herrschaft Saland lag ungefähr eine halbe Stunde Wegs von Halbenau
entfernt. Ein eigentliches Dorf war nicht vorhanden; aber das Schloss mit seinen
Nebengebäuden bildete an sich einen stattlichen Häuserkomplex. Ein ausgedehnter
Park mit Rasenplätzen, Teichen, Gebüschen und Baumgruppen umgab das Herrenhaus.
Die eigentlichen Grenzen dieses Parkes waren kaum festzustellen, da er sich in
die ausgedehnten Wälder der Herrschaft verlief.
    Pauline ging auf der grossen Heerstrasse, die unfern vom Schloss
vorüberführte, hin. Sie bog nicht in den breiten Fahrweg ein, der sich in
Schlangenlinien durch den Park zog und schliesslich über einen jetzt trocken
gelegten Wallgraben vor dem Portal des Schlosses führte. Sie wählte vielmehr
einen schmalen Seitenpfad. Das Mädchen war mit den Gebräuchen und Sitten des
gräflichen Haushaltes bekannt. Sie wusste, dass gewöhnliche Leute vom Kastellan
gar nicht erst zum vorderen Portal eingelassen wurden. Für ihresgleichen gab es
einen besonderen Eingang durch das Hinterportal. Sie wollte auch zunächst nur
die gräfliche Wirtschafterin besuchen, Mamsell Bumille, die mit ihrer Mutter gut
bekannt war, und die sie selbst auch kannte von jener Zeit her, wo sie auf dem
Hofe gearbeitet hatte. Mit Mamsell Bumille wollte sie erst Rücksprache nehmen
und hören, ob Komtesse Ida überhaupt anwesend und ob sie allein sei. Das Mädchen
war sich noch gar nicht im reinen darüber, ob sie den Besuch bei der Komtesse
nicht schliesslich doch unterbleiben lassen solle.
    So näherte sie sich auf Seitenpfaden dem Schloss, einem mächtigen
Steinviereck mit hohen, kahlen Wänden, kleinen, weisseingerahmten Fenstern und
einem klobigen Turm, der jäh aus einer Ecke aufsprang wie ein schützender Riese.
Von geschmackvoller Gliederung war an diesem Bau nichts zu spüren, aber das
Ganze wirkte durch seine Masse und Wucht imponierend.
    Dem Mädchen klopfte das Herz gewaltig. Der Anblick des Schlosses hatte immer
etwas Erdrückendes für sie gehabt. Dass es auch nur ein Bau sei, von Menschen
aufgeführt, zur Behausung für Menschen bestimmt, nur grösser und fester als ihre
armselige Hütte, ein solcher Gedanke war ihr noch nie gekommen. Das Schloss war
eben das Schloss für sie. Seinesgleichen gab es nicht auf der Welt, und seine
Bewohner waren höhere Wesen, die mit gewöhnlichen Sterblichen zu vergleichen,
ihr nicht im Traume eingefallen wäre.
    Der hintere Torweg war offen. Pauline gelangte durch eine gewölbte Einfahrt
in den viereckigen Schlosshof, der mit grossen Steinplatten ausgelegt war. Die
Innenwände des Schlosses waren von hundertjährigem Efeu bis zum dritten
Stockwerk dicht überzogen. Nur die Fenster wurden freigelassen von dem
dunkelgrünen Geranke. Dicht am Erdboden zeigten diese Efeustöcke einen
Durchmesser von Armesstärke. Über Türen und Fenstern waren Hirschgeweihe von
beträchtlicher Endenzahl angebracht. Ein Paar dorische Säulen, die das Portal
flankierten, trugen einen steinernen Löwen, der in aufrechter Haltung dräuend
das gräfliche Wappen in seinen Vorderpranken hielt.
    Pauline kreuzte diesen Hof. Sie wagte nicht links noch rechts zu blicken,
ihr war zumute, als sei sie auf verbotenen Wegen. - Gott sei Dank, niemand
begegnete ihr! Dann schlüpfte sie durch eine kleine Pforte in einer Ecke des
Hofes, die, wie sie wusste, auf den Küchengang führte. Hier stand sie nun
klopfenden Herzens und wartete, bis jemand von dem Gesinde sie bemerken würde.
    Ein Mädchen, das aus der Küche kam, sah sie stehen und forschte, was sie
hier wolle. Pauline fragte in schüchternem Tone nach Fräulein Bumille. Die
Bedienstete klopfte an die nächste Tür. »Mamsell, hier is jemand, der zu Sie
will!« Die Wirtschafterin erschien in der Tür, die Öffnung mit ihrer stattlichen
Figur nahezu ausfüllend.
    »Katschners Pauline!« rief sie. »Sieh' eins an! Na, Mädel, lässt du dich auch
mal wieder blicken. Ich sagte noch gestern - oder war's vorgestern - sagte ich:
was nur mit der Pauline sein mag. Und Komtesse Ida hat auch schon befohlen, wenn
Pauline Katschner kommt, soll sie gleich zu ihr geführt werden, nämlich zur
gnädigen Komtesse. Na, da komm mal rein zu mir, Mädel!«
    Die Dame fasste Pauline ohne weiteres an der Schulter und schob sie in das
Zimmer, dessen sich Pauline von früher her recht gut entsann; es war die
»Mamsellstube«. Pauline musste sich setzen und erzählen. Für die Bumille war der
Klatsch Lebensbedürfnis. Sie interessierte sich mit seltener Weiterzigkeit für
die intimen Verhältnisse von jedermann; am liebsten freilich hörte sie
Liebesgeschichten.
    In der herrschaftlichen Küche stand tagein, tagaus eine Kaffeekanne am
Feuer. Die Mamsell wusste nur zu gut, welch zungenlösende Wirkung dieser Trank
besonders auf ihr Geschlecht ausübt. Auch vor Pauline wurde heute eine Kanne
aufgesetzt nebst Kuchen, der ebenfalls für solche Gelegenheiten stets vorrätig
war.
    Nun wurde das Mädchen ausgefragt. Vor allem musste sie über ihren Gustav
berichten, ihren »Bräutigam«, wie die Mamsell sich gewählt ausdrückte. Was er
treibe und ob er viel an sie schreibe. Die Bumille ging in ihrer Teilnahme so
weit, zu forschen, ob Pauline etwa Briefe von ihm bei sich habe, und schien zu
bedauern, als Pauline das verneinte. Ob sie denn auch sicher sei, dass er sie
heiraten werde, fragte sie schliesslich. Pauline errötete und meinte mit
gesenkter Stimme, sie glaube es.
    Die Bumille war eine grosse, wohlbeleibte Frauensperson. Ihren grauen
Scheitel deckte eine weisse Haube mit lila Bändern. Das meiste an ihr und um sie,
von diesen Bändern anzufangen, trug das Gepräge des Hängenden. Die Säcke unter
den runden Augen, die schlaffen Lippen zwischen bauschigen Wangen, das
Unterkinn, der Busen - kurz, alles an dieser Person zeigte das Bestreben, sich
in schlaffer Fülle bodenwärts zu senken.
    Übrigens wiesen ihre Züge den Ausdruck ungemachter Gutmütigkeit auf. Sie
sprach mit etwas schwerer Zunge, was ihren Redeeifer aber keineswegs
beeinträchtigte. Mit erstaunlicher Gedächtnisstärke, besonders für unwichtige
Dinge, schien sie begabt und von ungewöhnlichem Interesse für die Geheimnisse
anderer erfüllt.
    Nachdem sie aus Pauline alles Wissenswerte herausbekommen, rief sie das
Küchenmädchen herbei. »Von dem Dessert einpacken! Mandeln und Rosinen,
Schokolade kann auch dabei sein!« befahl sie. »Für den kleinen Gustav was zum
knabbern,« fügte sie in leutseligem Tone hinzu.
    Die Bumille war bekannt durch ihre Freigebigkeit. Für Betller und
Landstreicher war Schloss Saland ein wahres Eldorado, oder wie es in der
Vagabundensprache heisst: eine »dufte Winde«, wo anständig »gestochen« wurde. Es
war bei Mamsell Bumille Gesetz, niemanden unbeschenkt von dannen ziehen zu
lassen, so erforderte es die Ehre eines herrschaftlichen Haushaltes.
»Almosengeben armer nicht!« war ihr Lieblingswort. Und da sie die Freigebigkeit
nur auf Kosten ihrer Herrschaft ausübte, traf das Sprichwort bei ihr auch
wörtlich ein.
    Pauline wurde mit einer grossen Tüte, angefüllt mit Süssigkeiten, die sie in
ihre Rocktasche versenken musste - damit »die Herrschaften nichts merkten« -
entlassen. Sie bekam auch Grüsse für ihre Mutter mit, die sollte die
Wirtschafterin doch bald einmal besuchen. Eine Zofe, von denen es in diesem
Hause eine Menge zu geben schien, wurde angewiesen, Pauline zu der Komtesse zu
führen, deren Zimmer sich im ersten Stockwerke befand.
    Pauline folgte dem Mädchen. Zunächst ging es durch die geräumige Haushalle.
Ein Raum, der mit Waffen, Jagdtrophäen und allerhand fremdartigen bunten und
blinkenden Gegenständen ausgestattet war. Dann die Treppe hinauf! Pauline fühlte
ihren Fuss in weichen Teppichen versinken. Das rief ihr mit einem Male ihre
früheren Besuche mit wunderbarer Deutlichkeit ins Gedächtnis zurück: dieses
leichte, wohlige Gefühl, das der unter den Füssen nachgebende Pfühl gibt, das sie
seit der Kinderzeit nicht wieder gehabt hatte.
    Sie stand schliesslich im Zimmer der Komtesse, ohne recht zu wissen, wie sie
dahin gekommen.
    Ida hatte an ihrem Schreibtisch gesessen. Sowie Pauline eintrat, erhob sie
sich und kam auf das Mädchen zu. Heute, wo sie in ihrem eigenen Heim war, ohne
Zeugen, umarmte die Komtesse die ehemalige Spielgefährtin. Dann rückte Ida einen
Rohrsessel heran, auf den sich Pauline setzen musste, sie selbst nahm neben ihr
Platz.
    Pauline blieb scheu und fühlte sich befangen, vielleicht gerade wegen des
freundlichen Entgegenkommens der Komtesse.
    Früher, als sie beide noch kleine Dinger gewesen waren, die miteinander
getollt und in den Büschen des Parkes Verstecken gespielt hatten, war Pauline
der anderen entschieden überlegen gewesen, nicht bloss durch Körperkraft und
Geschicklichkeit, auch durch Findigkeit und Mutterwitz. Das Dorfkind, vor dessen
Augen kein Geheimnis der Natur künstlich verborgen gehalten worden, war in
tausend Dinge eingeweiht, die der Komtesse rätselhaft waren. Das hatte ihr jene
natürliche Schärfe der Sinne und der Instinkte gegeben, wie sie etwa der Wilde
vor dem zivilisierten Menschen voraus hat.
    Dieses Verhältnis hatte sich nun freilich in den letzten Jahren verschoben.
    Wer die beiden Mädchen jetzt nebeneinander sah, Pauline, in ihr
Konfirmationskleid gezwängt, mit plumpen Schuhen, unter ihrem neuen Hute, dessen
aufdringlicher Blütenschmuck ihre bräunliche Hautfarbe schändete, dazu die
schlechte Haltung des Oberkörpers, der an das wahrscheinlich viel zu enge
Korsett nicht! gewöhnt war, die Haltung der Arme, die wohl zur Arbeit kräftig
waren, die sich aber hier im Boudoir ihrer eigenen Kraft zu schämen schienen -
und dieser ländlichen Schönheit gegenüber nun die andere, mit ihrem stolzen
Gesichtsschnitt, der edlen Kopfform, den verfeinerten wie gemeisselten Zügen, den
unbewussten Ausdruck von Überlegenheit in Blick und Lächeln, mit durchsichtigem
Teint und schlanken, weissen Händen, alles gepflegt und gleichsam von Vornehmheit
duftend, wie sie sich leicht und sicher bewegte, - wer diese beiden Gestalten
verglich, musste die Überlegenheit erkennen, welche alte Kultur dem edel
Geborenen von Geburtswegen über den Menschen der grossen Masse gibt.
    Die Umgebung passte zu Komtesse Ida. Dieses Zimmer mit seiner diskreten
Besonderheit schien ein Abdruck ihres Wesens zu sein. Da war nichts Prunkhaftes,
Kokettes oder Flatterhaftes; und doch war es das Zimmer eines jungen Mädchens.
Dem Blumentische, den Wandbildern, den Photographien auf dem Schreibtische sah
man den gewählten Geschmack und die wertende Liebe an, mit der die Besitzerin
alles verschönte, was zu ihr in Beziehung stand.
    Allmählich wirkte auch auf Pauline der beruhigende, erwärmende Einfluss
dieser Persönlichkeit. Die teilnahmsvolle Erkundigung der Komtesse nach ihren
Schicksalen löste ihr die Zunge. Ida schien mit ihren Worten, die durchaus
einfach und ohne jede Feierlichkeit waren, viel mehr zu sagen als andere
Menschen, weil ihre ernsten, milden Blicke jedem Worte noch eine besondere
Bedeutung gaben. Pauline war es zumute, als sässe sie vor dem alten Geistlichen,
der sie konfirmiert hatte. Dem hatte man auch alles sagen müssen, man hatte
wollen mögen oder nicht.
    Sie hatten von der Kinderzeit gesprochen, von gemeinsamen Erlebnissen, von
den anderen Gespielen. Ida hatte niemanden vergessen. Sie fragte eingehend nach
den alten Spielgefährten aus dem Dorfe. Fast alle diese Mädchen hatten, wie es
sich herausstellte, schon geheiratet, waren Mütter.
    Dann sprang die Unterhaltung wieder zurück auf Paulinens eigenste
Lebensweise. Ida meinte, es sei doch solch ein Glück für Pauline, dass sie jetzt
das kleine Kind ihrer Base zur Pflege da habe. Ein Glück, erklärte die Komtesse,
um das sie Paulinen beneiden könne. Kleine Kinder zu pflegen, das müsse doch das
schönste sein auf der Welt. Freilich, fügte sie mit dem Schatten eines
melancholischen Zuges um die klugen hinzu, dazu käme ein Mädchen selten.
    Der anderen war das Herz schwer geworden, sobald Ida von dem Kinde zu
sprechen begann. Sie kam sich auf einmal so schlecht vor. Die Komtesse ahnte ja
nicht, wen sie vor sich hatte. Würde sie nicht aufspringen und sie aus dem
Zimmer jagen, wenn sie erfuhr, was aus ihrer Freundin inzwischen geworden sei.
Wenn diese reine, feine Persönlichkeit konnte doch kaum etwas ahnen von all
diesen Dingen und wie es in der Welt da draussen zuging.
    Und das Geheimnis brannte dem Mädchen doch auf der Seele. War es denn nicht
noch viel schlechter, vor jener, die so gut zu ihr war, eine solche Lüge
aufrecht zu erhalten. Und schliesslich war es doch das einfachste Ding von der
Welt! Der Junge war ihr Kind, war denn darin ein Anrecht? Konnte denn das, was
aus Liebe geschehen war, schlecht sein? Etwas, das so glücklich machte, durfte
nicht böse sein! Und die Komtesse war eine Frau wie sie. Trotz aller Vornehmheit
musste sie das verstehen! Sie hatte so liebe Augen und eine so freundliche
Stimme. Dass sie böse werden oder gar zanken könne, war ganz unmöglich, sich
vorzustellen.
    Aber es war so furchtbar schwer, den Anfang zu finden. Es klang so
entsetzlich, ein solches Geständnis. Pauline dachte wie oft: jetzt wirst du's
sagen! sobald Ida einen Satz zu Ende gesprochen. Und sie verschob es doch
wieder. So ging es eine ganze Weile fort, das Mädchen begriff immer deutlicher,
dass sie fortgehen würde von hier, ohne ihr Herz erleichtert zu haben.
    Ida begann davon zu sprechen, dass sie es nicht zu begreifen vermöge, wie
eine Mutter ihr Kind von sich lassen und einer Fremden zur Pflege übergeben
könne. Sie fragte Pauline, was denn die Mutter dieses Kindes für eine Frau sei,
dass sie so etwas übers Herz gebracht habe.
    Da fühlte Pauline, dass jetzt der Augenblick gekommen sei, zu sprechen. Mit
kaum vernehmlicher Stimme kamen die paar Worte heraus, die der anderen alles
sagten.
    Ida verlor für einen Augenblick die Fassung. Da merkte man auf einmal, was
für leidenschaftlich jähes Frauengefühl unter dieser Decke von guter Erziehung
und jahrelanger Gewöhnung verborgen lag. Sie war aufgesprungen von ihrem Sitze,
stand da bis in die Lippen erblasst, die Hand aufgestemmt auf die Tischkante mit
den Knöcheln, atmete schwer und hastig, und die weisse Hand zitterte.
    Keines sprach ein Wort. Pauline sass vor Ida, gesenkten Hauptes und blickte
in den Schoss. Ida betrachtete diese Gestalt mit eigenartig leuchtenden Augen.
Einen Augenblick kam es wie ein herber, selbstgerechter Zug in ihr Gesicht. Ihre
Nasenflügel flogen, die Lippen schürzten sich verächtlich. Jetzt war sie das
hochfahrende Edelfräulein, das die verworfene Bauernmagd richten wollte.
    Aber das war schnell verschwunden. Tränen traten ihr auf einmal in die
Augen, um die Mundwinkel zuckte es. Mitleid war es nun, was aus jedem Zuge
sprach, Mitleid mit Pauline, Mitleid mit sich selbst, mit ihrem ganzen
Geschlecht.
    Ida stand noch eine Weile schweigend mit wogendem Busen. Allmählich aber
fand sie ihre Gemessenheit wieder. Sie setzte sich, legte ihre schlanke Hand auf
Paulinens braunrote derbe. »Da hast du wohl rechte Freude an deinem Jungen,
Pauline?«
    Pauline konnte nichts sagen, sie nickte stumm.
                                     * * *
    Ein Brief von Gustav Büttner aus der Garnison! war bei Pauline Katschner
eingetroffen. Der Unteroffizier schrieb, dass er die Absicht habe, nicht weiter
zu kapitulieren; so sehr ihm seine Vorgesetzten auch zuredeten, bei der Truppe
zu bleiben. Die ganze Soldatenspielerei hänge ihm zum Halse heraus. Nach dem
Manöver werde er abgehen und nach Halbenau kommen. Pauline möchte zu seinen
Eltern gehen und ihnen seinen Entschluss mitteilen.
    Pauline war überglücklich. Wie gut Gustav war!
    Das Mädchen trug den Brief Tag und Nacht bei sich. In unbewachten
Augenblicken nahm sie ihn vor und las darin. Jedes seiner Worte war ihr teuer.
    Sie hatte sich doch nicht in Gustav getäuscht. Wie oft hatte ihr die eigene
Mutter abgeredet, sich weiter mit ihm abzugeben, er sei ein Leichtfuss und werde
sie ganz sicher sitzen lassen. Auch andere hatten sie gewarnt.
    Gustavs eigenes Benehmen schien eine Zeitlang jenen Warnern recht zu geben.
Die hässlichsten Dinge waren ihr von Gustav Büttner hinterbracht worden. Sie
hatte an ihm festgehalten. Sie konnte ja nicht von ihm lassen. Er war ja der
Vater ihres Kindes!
    Nun war ihr Vertrauen doch nicht umsonst gewesen.
    In diesem Briefe war es ausgesprochen, zwar nicht mit Worten - das Heiraten
war mit keiner Silbe erwähnt - aber zwischen den Zeilen lag es. Und Pauline
wusste in den Briefen ihres Geliebten zu lesen. Das einfache Mädchen hatte von
Natur jene weibliche Gabe mitbekommen, dort ahnend zu wissen, wo ihr Verstehen
aufhörte.
    Gustav verliess im Herbst die Truppe, kam nach Halbenau zurück. Das hiess so
viel wie: sie wurde seine Frau. Sie wusste es. Alles Nachdenken darüber war
unnötig. Es war so!
    Und sie sollte zu den alten Büttners gehen und ihnen seinen Entschluss
mitteilen. Sie hatte er zu seinem Boten ausersehen für diese Botschaft. Darin
allein schon lag alles ausgesprochen. Die Familie sollte erkennen, dass sie ihm
die Wichtigste sei, der er, zuerst von allen, seine Pläne mitteilte. -
    Am nächsten Sonntagnachmittag begab sich Pauline auf das Büttnersche
Bauerngut.
    Sie traf die Frauen allein. Der Bauer und Karl waren ausgegangen. Die
Bäuerin hatte die Gelegenheit benutzt, wo ihr Eheherr abwesend war, um für sich
und die Töchter einen Sonntagsnachmittagskaffee zu brauen. Der Büttnerbauer sah
nämlich den Kaffeegenuss als Verschwendung an und hatte ein für allemal ein
Verbot gegen solchen Aufwand ergehen lassen. Selbst zum Frühstück gestattete er
nur Milch und Mehlsuppe, wie sie seit Urgedenken seine Vorfahren genossen
hatten.
    Die Frauen waren im Bewusstsein des verbotenen Tuns auf dem Lugaus. Pauline
wurde daher schon von weitem erkannt. Vier Köpfe waren hinter den Fenstern des
Wohnzimmers, als sie das Gehöft betrat. »Katschners Pauline!« hörte sie rufen
und darauf ein Getuschel von weiblichen Stimmen.
    Jetzt wurde sie auf einmal zaghaft beim Anblick dieser neugierigen
Frauengesichter. Bis dahin hatte sie sich tragen lassen von der Begeisterung
ihres Entschlusses. Erst in diesem Augenblicke fiel es ihr aufs Herz, dass sie
hier ja mit Feinden und Nebenbuhlern zu tun haben werde.
    Trotzdem pochte sie an, wenn auch zaghaft; denn jetzt war an eine Umkehr
nicht mehr zu denken.
    Terese öffnete ihr. Mit blossen Armen und Halse stand die unschöne, hagere
Frau auf der Schwelle und musterte Pauline mit missgünstigen Blicken. »Willst de
zu uns?« fragte sie in barschem Tone. Pauline erklärte schüchtern, dass sie zur
Bäuerin wolle. »Se spricht, se wollte zu Sie, Mutter!« erklärte Terese, ihren
kropfigen Hals nach rückwärts ins Zimmer drehend.
    »Nu kimm ack rei, Pauline, kimm ack rei!« rief die Bäuerin, bei der die
Gutmütigkeit die weibliche Ränkesucht um ein Gutes überwog!
    Pauline trat mit niedergeschlagenen Augen und unsicheren Bewegungen ein. Dass
auch gerade Terese sie hatte einlassen müssen! Die beiden waren ungefähr
gleichalterig und hatten derselben Klasse angehört. Katschners Pauline hatte
immer eine besondere Stellung gehabt, schon in der Schule, ihrer
Geschicklichkeit und ihres sauberen Aussehens wegen. Vor allem aber war sie
beneidet worden von den anderen um ihren vertrauten Umgang mit der Komtesse.
Terese aber, die mit Hilfe anderer Eigenschaften, durch: Härte, Kraft und ein
frühzeitig entwickeltes scharfes Mundwerk, eine Rolle unter den Gleichaltrigen
gespielt hatte, war stets Paulinens ärgste Widersacherin gewesen. Das Verhältnis
zwischen den beiden hatte sich eher verschlechtert als gebessert, seit Terese
den ältesten Sohn aus dem Büttnerschen Bauerngut geheiratet und Pauline die
Geliebte des jüngeren Sohnes geworden war. Terese hatte nicht wenig dazu
beigetragen, die übrige Familie gegen diese Liebschaft einzunehmen und Paulinen
jede Annäherung an Gustavs Verwandte bisher unmöglich zu machen.
    Das Mädchen schritt zunächst auf die Bäuerin zu, die vor ihrer Tasse am
Tische sass, und reichte ihr die Hand. »Gun Tag, Bäuern!«
    »Gun Tag, Pauline, gun Tag!«
    Darauf ging Pauline zu den beiden Mädchen, denen sie gleichfalls die Hand
reichte. »Gun Tag, Toni! Gun Tag, Ernstinell« Die beiden sahen sie befremdet an,
ohne etwas zu sagen. Toni war ohne Arg. Das schwerfällige, harmlose Geschöpf
hatte keinerlei Stellung zu dieser Familienangelegenheit genommen. Die kleine
Ernestine dagegen betrachtete die Geliebte des Bruders halb mit Spott, halb mit
frühreifer Neugier.
    Trotz ihrer Befangenheit hatte Pauline, mit dem jeder wissenden Frau in
solchen Dingen eigenen schnellen Begriffsvermögen sofort festgestellt, dass das
Dorfgerücht wahr sei, welches behauptete, Büttners Älteste sei guter Hoffnung.
Pauline kümmerte sich eigentlich wenig um den Dorfklatsch - sie ging nicht mehr
zum Tanz, seit sie den Jungen hatte - aber Nachbarn und Freunde hinterbrachten
ihr doch dieses und jenes. So war schliesslich auch diese Neuigkeit zu ihr
gedrungen.
    Da niemand sie aufforderte, sich zu setzen, blieb Pauline stehen. Man
wartete darauf, dass sie etwas sagen solle, denn, dass sie ohne bestimmten Zweck
hierher gekommen sei, wurde nicht angenommen.
    Das Mädchen hatte die ganze Zeit über die linke Hand unter der Schürze
gehalten. Sie hatte dort Gustavs Brief, den sie vorlegen wollte, falls man ihr
nicht glauben sollte. Schliesslich musste sie sich entschliessen, zu sprechen. Sie
begann mit gedämpfter Stimme, ohne jemanden dabei anzusehen: »Ich komme, und ich
soll och einen schönen Gruss ausrichten von Gustaven an euch alle.«
    Die Einleitung wurde mit Kühle aufgenommen von den anderen Frauen.
    »Und er würde och bald nach Hause kommen,« fuhr Pauline fort.
    »Uf de Kirmess! Wenn se'n Urlaub gähn!« meinte die Bäuerin.
    »Ne, ne! Er wird ganz nach Halbenau kommen.«
    »Gustav! derhemde?«
    »Er schreibt mir's dohie!« Damit zog sie die Hand unter der Schürze vor und
hielt triumphierend den Brief in die Höhe. »Er hat mer's geschrieben.«
    »Dos wäre. Gustav vun Suldaten wag!«
    »Er hat sich zu sehre ärgern missen mit seinem Wachtmeister. Er will nischt
nich mehr wissen vom Soldatenleben. Nach'n Manöver will 'r nach Halbenau
kommen.«
    Die Nachricht verfehlte ihre Wirkung nicht. Die Bäuerin vergass auf einmal
ganz, dass Pauline eigentlich als eine Verfehmte betrachtet wurde in der Familie.
Sie holte das Mädchen heran und räumte ihr einen Platz neben sich ein. Gustav,
ihr Lieblingssohn, würde nach Hause zurückkehren! Sie wollte darüber Näheres
hören. Pauline musste erzählen, was sie wusste.
    Terese stand inzwischen bei den Schwägerinnen in einer anderen Ecke. Sie
betrachtete Pauline mit wenig freundlichen Blicken und murrte. Die Aussicht, dass
Gustav auf den väterlichen Hof zurückkehren werde, war gar nicht nach ihrem
Geschmacke. Sie war diesem Schwager niemals grün gewesen. Sie konnte ihm seine
Überlegenheit über ihren Karl nicht verzeihen.
    Pauline war jetzt darüber, der Bäuerin eine Stelle aus dem Gustavschen
Briefe vorzulesen. Der Unteroffizier schrieb, dass es dem Vater wohl auch recht
sein würde, wenn er zur Herbstbestellung ein paar Hände mehr auf dem Gute habe.
    Da hielt sich Terese nicht länger. »Woas!« schrie sie dazwischen und trat
an den Tisch, »Gustav soit und er will hier bei uns nei! dann grussen Herrn
spiel'n, hier uf'n Gutte rimkummandieren! das mir anderen uns glei verkriechen
mechten! das kennte uns grade passen! Da mechten mir am Ende glei ganz verziehn,
Karle und ich. - Und hier sei Mensch ...« damit wandte sie sich gegen Pauline,
der sie mit den Fäusten vor dem Gesicht herumfuchtelte, »die denkt am Ende, weil
se a Kind vun'n hat, dass se schunsten zur Familie zahlte. Su schnell gieht das
ne! Wenn mer dann sene Frauenzimmer alle ufnahmen wollten, dohie, da langte s
Haus am Ende ne zu. Froit ack in der Stadt a mal nach, mit woas für welchen dar
Imgang hoat. Oder denkst de etwan, dass der d'ch heiraten werd. Bis ack ne su
tumm! Der wird a Madel mit an Kinde nahmen. Lehr du mich Gustaven kennen! - Ihr
zwee kimmt ne hier nei, so vill sag'ch ... vor mir ne!« ...
    Der wütenden Person ging vor Erregung der Atem aus. Das letzte war nur noch
heiseres Gegurgel gewesen.
    Pauline sass da, gänzlich erblasst, mit weit offenen Augen starrte sie Terese
an. Zu erwidern wusste sie nichts. Sie war immer so gewesen. Der Roheit und
Ungerechtigkeit stand sie waffenlos gegenüber.
    Übrigens sollte ihr von anderer Seite Hilfe kommen. Der Bäuerin war die
Geduld gerissen; besonders, dass Terese es gewagt, Gustav schlecht zu machen,
hatte ihren mütterlichen Stolz gekränkt. Sowie die Schwiegertochter sie zu Worte
kommen liess, wetterte sie los: Terese solle sich nur ja nicht einbilden, dass
sie hier etwas zu sagen habe. Dem Bauern gehöre Gut und Haus und nicht den
Kindern. Sie sollten gefälligst warten, bis die Alten gestorben wären oder sich
aufs Ausgedinge zurückgezogen hätten, ehe sie zu kommandieren anfingen.
    Terese liess sich den Mund nicht verbieten und redete dagegen. Die Bäuerin
war, wenn einmal aus ihrer gewöhnlichen Ruhseligkeit aufgereizt, auch nicht die
Sanfteste. So gab es denn ein Keifen und Zetern zwischen der alten und der
zukünftigen Büttnerbäuerin, dass man es bis weit über das Gehöft hinaus hören
konnte. dabei hatte man ganz die Vorsicht ausser acht gelassen, Ausschau nach dem
Vater zu halten. Auf einmal ertönten schwere Fusstritte vom Hausflur her. Mit
erschreckten Gesichtern sahen sich die Frauen an. Es war zu spät, das Kaffeezeug
noch zu beseitigen; schon erschien der Bauer in der Tür, gefolgt von Karl.
    Der Büttnerbauer war so wie so nicht in der besten Laune. Es hatte
ärgerliche Verhandlungen gegeben mit dem Gemeindevorsteher wegen eines
Geländers, das der Bauer an seiner Kiesgrube anbringen sollte. Heute war ihm nun
von seiten der Behörde Strafe angedroht worden, wenn er den Bau noch länger
unterlasse. Das hatte den Alten in seiner Ansicht bestärkt, dass die Behörden nur
dazu da seien, den Bauern das Leben sauer zu machen. In hellem Zorn war er zum
Ortsvorsteher gelaufen und hatte dort eine halbe Stunde lang gewettert und
getobt. Sein Groll war noch keineswegs verraucht, als er jetzt bei seinen Leuten
eintrat.
    Nach einigen Schritten ins Zimmer erblickte er die Kaffeekanne auf dem
Tische. In den betretenen Mienen der Frauen las er das übrige.
    Dann fiel sein Blick auf Pauline Katschner. Er stutzte. Was wollte das
Frauenzimmer hier? Er zog die Augenbrauen zusammen. Das hatte ihm gerade noch
gefehlt, an die Liebschaft seines Sohnes erinnert zu werden!
    Die Bäuerin sah, dass die Lage bedenklich wurde. Erst wenige Tage war es her,
da hatte der Bauer erfahren, dass seine älteste Tochter ein Kind erwarte. Der
Auftritt, den es darüber gegeben hatte, lag den Frauen noch allen in den
Gliedern. Die Bäuerin kannte ihren Eheherrn. Die Adern an der Stirn schwollen
ihm; ein schwerer Sturm war im Anzuge. Es galt, den Ausbruch zu verhindern.
    Sie kam zu ihm herangehumpelt und legte ihm die Hand auf die Schulter.
»Traugott!« sagte sie und gab ihrer Stimme den sanftesten Klang, der ihr zu
Gebote stand. »Mir han'ch ane Neege Kaffee gekucht; bis ack ne biese! Zu aner
Tasse Kaffee an Suntch Namittage langt's schun noche!«
    Der Bauer räusperte sich. Sie kannte seine Gewohnheiten genau. Das war eine
Art von Ausholen; wenn man ihn erst einmal losbrechen liess, dann wurde es
furchtbar. Die erfahrene Frau sah ein, dass sie jetzt einen Trumpf ausspielen
müsse.
    »Vater!« sagte sie. »Mir han och ene gutte Nachricht fir dich, ane sihre
gutte Nachricht von Gustaven. Denk der ack, ar hat geschrieben, und ar will vun
de Suldaten furt. Schun uf'n kinft'gen Herbst will er nach Halbenau zuricke
kimma, dar Gustav! Was sagst de denn anu, Mann! Freist de dich ne! Nu warn mer
unsern Jung'n bale wieder ganz in Hause han.«
    Die Bäuerin hatte sich nicht verrechnet. Diese Nachricht wirkte bei dem
Alten wie ein Tropfen Öl auf erregte Wogen. Gustav nach Halbenau zurück! Die
Hoffnung, die er so lange im stillen gehegt hatte und die sich doch nicht
erfüllen wollte bisher, weil der Junge zu sehr am bunten Rocke hing - und nun
wurde es doch endlich! Einen solchen Arbeiter auf das Gut und einen so
anschlägigen Kopf obendrein, wie sein Gustav war, da musste doch alles wieder gut
werden! Die tief gesunkenen Hoffnungen des alten Mannes stiegen mit einem Male
lustig in die Höhe, als er diese Kunde vernahm.
    Der Büttnerbauer machte zwar ein missmutiges Gesicht und brummte etwas, was
gar nicht nach Freude klang. Aber das war nur zum Scheine. Vor der Familie
wollte er sich seine Gefühle nicht anmerken lassen. Darum blieb er auch nicht
lange im Zimmer. Nur zum Vorwande stöberte er in einer Ecke, als habe er dort
etwas zu suchen, dann ging er zur Stube und zum Hause hinaus. Unter Gottes
freiem Himmel, wo niemand ihn beobachtete, wollte er sich seiner Freude
hingeben.
 
                                      IX.
Der Sommer hatte nicht gehalten, was das Frühjahr versprochen. Die Herbstsaaten
waren zwar gut durch den Winter gekommen und hatten sich während eines milden
Frühlings kräftig bestockt. Auch die Sommerung war prächtig aufgegangen, dass es
im Mai eine Lust war, über die Haferfelder und die Kartoffelbeete
hinwegzublicken. Regen und Sonnenschein folgten sich in gedeihlicher
Abwechslung. Das Korn trieb zeitig seine Schosshalme. Anfang Juni sah es aus, als
ob es eine ausgezeichnete Ernte geben müsse.
    In der Seele manches Landwirtes, der über die schlechten Erträge der letzten
Jahre schier hatte verzweifeln wollen, stieg die tiefgesunkene Hoffnung aufs
neue. Kein Stand ist ja so auf das Hoffen angewiesen wie dieser. Von dem
Auswerfen des Samens bis zum Bergen der Frucht schwebt der Landmann zwischen
Furcht und Hoffnung; jeder Tag ist von Bedeutung für das Gedeihen, und jede
Stunde kann alles zerstören.
    Auf das vielversprechende Frühjahr folgte im Sommer Kälte und anhaltende
Nässe. Die schnell aufgeschossenen Halme stockten plötzlich im Wachstum. An
vielen Stellen lagerte sich das Getreide. Die Kornfelder sahen aus, als sei eine
Riesenwalze über sie dahingefahren. Licht und Luft fehlte der Ähre, eine
mangelhafte Bestäubung fand statt, von unten wuchsen Disteln und allerhand
Ankraut durch das Getreide hindurch. Nur hier und da richtete der Wind die
Geknickten wieder auf. Die Ähren standen nicht in freier Luft aufrecht, dem
Lichte zugekehrt, wie es nötig ist für die Entwicklung jeglicher Kreatur und
jeglicher Pflanze; sie senkten sich dem dunklen, feuchten Erdreiche zu, das
ihren Wurzeln wohl Nahrung zum Spriessen, ihren Häuptern aber nicht Wärme, Licht
und Bewegung zu gewähren vermochte. So kränkelten die Körner, das Wachstum war
ohne Saft und Kern. Da gab es viele leere Hülsen und leichte Früchte, und
schädlicher Rost frass die welken Körner an.
    Auf den Wiesen hatte prächtiges Gras gestanden. Selbst auf den feuchten und
sumpfigen Flecken wuchsen heuer, begünstigt durch das trockene Frühjahr, bessere
Kräuter als sonst; die sauren Gräser hatten nicht die Oberhand gewinnen können.
Infolge der häufigen Regenschauer war überall ein dichtes Bodengras gewachsen.
Zu Beginn der Heuernte regnete es anhaltend. Nach alt bewährter Bauernregel liess
man sich jedoch durch den Regen nicht vom Hauen abhalten. Einmal musste es ja
doch mit Giessen aufhören; der liebe Gott konnte doch unmöglich wollen, dass der
Segen, den er hatte wachsen lassen, so in Grund und Boden verdürbe.
    Aber die himmlischen Schleusen schlössen sich nicht. In der Kirche wurde
eifrig für gutes Erntewetter gebetet - es regnete unbekümmert weiter. Sieben
Wochen lang musste schlechte Witterung bleiben; es hatte ja am Siebenschläfer
geregnet.
    Als es endlich doch aufhörte, da war es gerade um acht Tage zu spät. Das Heu
war zwar aus weiser Vorsicht in grosse Schober gesetzt worden, aber die Nässe war
doch durchgedrungen. Als man die Haufen öffnete, dampfte und stank es. Dumpfe
Gärung hatte sich darin entwickelt. Manches Heu war wie verbrannt. Kein Vieh
wollte das verdorbene Futter mehr anrühren. Statt auf den Heuboden, wanderte es
auf die Düngerstätte oder in den Stall zum Einstreuen.
    Nun schien die Sonne durch volle vierzehn Tage herrlich. »Der alte Gott lebt
noch!« sagte der Pfarrer von der Kanzel, »seht, wie hat Er es so herrlich
hinausgeführetl« Die Bauern hörten sich das mit an; dem Herrn Pastor durfte man
ja nicht widersprechen. Aber in ihren geheimsten Gedanken war nicht viel von
Ergebenheit in die Ratschlüsse des Höchsten zu finden. »Wenn die Not am grössten,
ist Gottes Hilfe am nächsten« und »Wer Gott dem Allerhöchsten traut, der hat auf
keinen Sand gebaut«. Das waren ja alles sehr schöne Sprüche, aber manchmal sah
es wirklich danach aus, als ob man im himmlischen Rate - ebenso wie bei der
irdischen Obrigkeit - recht wenig Verständnis für das besässe, was dem Landmanne
frommt. Wie konnte es sonst geschehen, dass jetzt ununterbrochen schönes Wetter
war, wo ein solcher Tag, vierzehn Tage früher, alles gerettet hätte. Nun war das
schöne Heu zu Mist geworden. Mancher schüttelte den Kopf; wirklich, es ging zu
verkehrt zu in der Welt! Man wusste nicht mehr, was man denken sollte.
    Die Kornernte begann. Stroh war viel da, soviel stand fest. Und wo kein
Lager gewesen, konnte man auch mit den Ähren leidlich zufrieden sein. Aber wo
sich das Getreide zeitig gelegt hatte und nicht wieder aufgestanden war, da sah
es trostlos aus. Jetzt erst beim Mähen merkte man, was das für ein Fitz und Filz
geworden war. Kaum dass die Sense durchdringen konnte. Noch einmal so viel Zeit
als sonst brauchten die Schnitter. Allerhand Übelstände zeigten sich. An manchen
Stellen war das Getreide zweiwüchsig geworden durch die anhaltende Nässe. An den
Ähren fand sich reichliches Mutterkorn. Der Rost und andere Krankheiten hatten
vieles verdorben.
    Den August hindurch blieb trockene, milde Witterung. So viel Einsehen hatte
der liebe Gott doch, dass er die Roggenernte wenigstens nicht auch noch verregnen
liess. Den Lästerzungen und Nörglern war dadurch einigermassen der Mund gestopft,
und mancher, der durch die frühere Heimsuchung vor den Kopf gestossen worden,
machte wieder seinen Frieden mit dem lieben Gott. Ja, der Herr Pastor durfte von
der Kanzel herab sagen: so viel der Güte und Treue hätten wir gar nicht
verdient. -
    Es war nicht alles verloren. Die Grummeternte stand noch aus, vielleicht
mochte sie ein wenig die Lücke ausfüllen, welche das Verderben des Heues in die
Futtervorräte gerissen hatte. Der Hafer stand nicht schlecht. Streifenweise
hatte ihn freilich die Zwergzikade arg mitgenommen. Die Kartoffel stand üppig,
die Knollen waren zahlreich und gut entwickelt. Wenn der September sie nicht
verdarb, musste es eine gute Kartoffelernte geben.
                                     * * *
    Der Büttnerbauer hatte angefangen, sein Korn zu schneiden. In diesem Jahre
bildete Roggen seine Hauptfrucht. Ein Schlag, wo er besonders dick gesät hatte,
war ihm gänzlich durch Lager verdorben; an anderen Stellen, wo das Getreide
weniger dicht gestanden, hatte es der Wind zum Teil wieder aufgerichtet.
    Es war eine grosse Sache darum, wenn der erste Sensenhieb ins Korn getan
wurde. Schon mehrfach in den letzten Tagen hatte der Büttnerbauer die Felder
umgangen oder war auch in der Wasserfurche ein Stück hineingeschritten, um die
Ähren auf ihre Reife hin zu prüfen. Farbe des Strohes und Löslichkeit der Körner
wollte ihm noch immer nicht gefallen. Endlich, eines Abends, gab der Alte die
Losung: Morgen beginnt die Kornernte!
    Karl dengelte die Sensen bis in die sinkende Nacht hinein. Am nächsten
Morgen bei Tagesgrauen ging es hinaus. Das grosse Stück dicht am Hofe, welches
seiner geschützten Lage wegen zuerst gereift war, kam zunächst daran.
    In einer Reihe traten sie an, ohne besonderen Befehl. Ein jedes kannte
seinen Platz von früheren Jahren her. Der Vater an erster Stelle, hinter ihm zum
Abraffen der Ähren Toni. Darauf Karl, dem seine Frau beigegeben war. Ernestine
hatte die Strohseile zu drehen für die Garben. Die Bäuerin blieb ihres Leidens
wegen im Hause.
    Die Sensen sirrten. Bald lag eine ganze Ecke des Feldes in Schwaden. Als
arbeite eine Maschine, so regelmässig flog die Sense in der Hand des alten Bauern
in weitem Bogen. Ganz unten am Boden fasste sein kräftiger Hieb das Korn und
legte es in breiten Schwaden hinter die Sense. Karl konnte es nicht besser als
der Alte, trotz der dreissig Jahre, die er weniger auf dem Rücken hatte. Der
Abstand zwischen den beiden Männern blieb der gleiche. Der Sohn trat dem Vater
nicht auf die Absätze, wie es wohl sonst geschieht, wenn ein junger und
kräftiger Schnitter einem alten folgt. Die Frauen hatten genug zu tun, die Ähren
hinter den Sensen abzuraffen und auf Schwad zu legen.
    So hatte man bereits eine halbe Stunde gearbeitet, und der alte Mann hatte
noch nicht den Wink zu einer Ruhepause gegeben. Toni fing an, Zeichen von
Müdigkeit an den Tag zu legen. Die Arbeit war dem Mädchen nie besonders von der
Hand geflogen; in ihrem jetzigen Zustande wurde ihr jede Anstrengung doppelt
schwer. »Tritt ack aus, Toni!« raunte ihr der Bruder zu, »ich wer's Ernestinel
ruffen. Mach du ack Strohseele.« Toni hielt inne. Es war die höchste Zeit; sie
war in Schweiss gebadet, blaurot im Gesicht. Karl winkte Ernestine heran, die an
Stelle der Schwester eintrat. Die Reihe hatte sich geschlossen, ohne dass der
alte Bauer, der mit allem Sinnen und Denken bei der Arbeit war, etwas von dem
Wechsel gemerkt hätte. Ernestine war eine rührige Arbeiterin. Man sah es den
schlanken Gliedern der Sechzehnjährigen nicht an, was für Zähigkeit und
ausdauernde Kraft darin steckte.
    Als der Büttnerbauer Halt machte im Hauen, weil seine Sense gegen einen
Stein geschlagen und er die Scharte auswetzen musste, bemerkte er, dass seine
älteste Tochter nicht mehr in der Linie war. Sie sass im Hintergrunde und drehte
an Ernestinens Stelle Strohseile. Das Gesicht des Alten verfinsterte sich; er
begriff sofort den Grund ihrer Entfernung - aber er sagte nichts. Die anderen
benutzten die Gelegenheit, um sich zu verpusten, während der Vater die Sense
schärfte. Dann ging's von neuem ans Werk.
    Noch war es nicht acht Uhr des Morgens, und schon brannte die Sonne
versengend auf die Schnitter nieder. Die Bäuerin kam vom Gute her, sich mühsam
mit einem Korbe schleppend. Sie brachte einen Krug dünnes Bier und
Butterschnitten. Bald sass die Familie auf dem Feldraine zum Frühstück vereinigt.
-
    Nicht immer in neuester Zeit bot die Büttnersche Familie einen so
friedlichen Anblick. Öfters gab es jetzt Zwist und Streit. Mit Sammetpfötchen
hatte der Bauer die Seinen niemals angefasst. Er war stets Herr in seinen vier
Pfählen gewesen und hatte von den Rechten des Familienoberhauptes nach der Väter
Sitte Gebrauch gemacht. Wenn seine Art auch rauh und schroff war, ein
willkürlicher und grausamer Herrscher war er nie gewesen. Schlichte
Gerechtigkeit hatte er walten lassen in allem. Neuerdings war das anders
geworden.
    Nie hätte er sich's früher beikommen lassen, seiner Ehehälfte aus ihrem
Leiden einen Vorwurf zu machen, jetzt hielt er ihr gelegentlich ihre
Gebrechlichkeit vor wie eine Schuld. Er zeigte sich hart und ungerecht gegen die
Kinder. Die Bäuerin hatte bereits einer Nachbarin geklagt, dass man ihr den Bauer
ausgetauscht habe, dass am Ende gar ein Feind ihn besprochen haben müsse.
    Mit seinem Ältesten konnte der Büttnerbauer gar nicht mehr auskommen. Karl
war langsam im Denken wie im Zugreifen. Das war immer offenkundig gewesen; aber
der Alte schien es jetzt erst zu bemerken. Er fluchte und verschwor sich, die
Wirtschaft gehe rückwärts, und daran sei Karl mit seiner Faulheit schuld. Er
drohte, ihn zu enterben, wenn das nicht anders werde. Karl liess dergleichen
ruhig über sich ergehen; Ehrgefühl und Stolz waren nicht gerade stark bei ihm
entwickelt. Aber Terese nahm die Sache des Gatten um so eifriger auf, verfocht
sie mit der Leidenschaft des gekränkten Weibes. Es gab Szenen, wie sie das Haus
noch nicht gesehen hatte. Eines Tages kam die Bäuerin bleich und an allen
Gliedern zitternd zu Karl aufs Feld hinausgehumpelt, er solle sogleich
hereinkommen, der Bauer und Terese rauften in der Familienstube.
    Auch dem Gange der Wirtschaft war anzumerken, dass verhängnisvolle Wandlungen
vor sich gegangen waren.
    Ein unstetes Wesen machte sich in allem geltend. Über Gebühr zeitig musste
aufgestanden werden, so dass die überanstrengten Menschen des Abends todmüde
waren und ohne Lust und Liebe am nächsten Tage sich zur Arbeit erhoben. Am
unrechten Flecke wurde gespart. Der Bäuerin warf der Bauer Verschwendung vor,
wenn sie reichlich und gut kochte; die Folge war, dass fortan mageres Essen auf
den Tisch kam, und dass sich die Seinen hinter seinem Rücken satt assen. Auch dem
Vieh wollte er vom Futter abknapsen. Die Pferde, welche Hafer kaum mehr zu sehen
bekamen, sollten doch doppelte Arbeit leisten. Er, der früher bekannt gewesen
war als Heger und Pfleger seines Viehes, musste es erleben, dass ihm, als er mit
den abgetriebenen Mähren durchs Dorf fuhr, das verfängliche Wort:
»Pferdeschinder!« nachgerufen wurde.
    dabei gönnte er sich selbst am wenigsten Ruhe von allen, plagte und schand
sich in gottserbärmlicher Weise. Hohläugig und ausgemergelt lief er umher, dass
es ein Jammer war, anzusehen. Manchmal überfiel ihn, besonders bei der Mahlzeit,
eine Schlafsucht, der er nachgeben musste, er mochte wollen oder nicht. In der
Kirche, wo er früher stets zu den Aufmerksamsten gehört hatte, schlief er jetzt
schon im ersten Teile der Predigt ein. Des Nachts dagegen wachte er oft,
erschreckte die Bäuerin durch Selbstgespräche und wildes Aufschreien.
    Je mehr er seine Kräfte nachgeben fühlte, desto verzweifelter versteifte er
sich darauf, seinen Willen durchzusetzen. Plötzlich überkam ihn eine Art von
Zwangsvorstellung. Da warf er sich mit allen Arbeitskräften, die ihm zur
Verfügung standen, auf die Urbarmachung einer Halde, die von einem eingegangenen
Steinbruch zurückgeblieben war. Die Seinigen hielten ihm vor, dass man ja genug
Ackerland besitze, und dass die Arbeit zurzeit an anderen Stellen brennend
notwendig sei. Aber mit solchen Einwänden durfte man ihm nicht kommen.
Wutentbrannt wies er jede Widerrede zurück. Eine ganze wichtige Woche im
September wurde so auf das Wegräumen von Schutt und Sprengen von Steinen
verschwendet. Und erreicht war damit nichts weiter, als dass ein Stück Land mehr
da war, das unbrauchbar blieb für die Bestellung.
    Mit aller Welt geriet der Büttnerbauer neuerdings in Zwist. Ein einziges
Wort konnte ihn derartig aufbringen, dass er alle Besinnung verlor und den Streit
vom Zaune brach. Eines Tages ritt Hauptmann Schroff über das Büttnersche Gut. Er
traf den Bauern bei der Feldarbeit, hielt sein Pferd an und redete den Alten in
freundschaftlicher Weise an. Der Alte tat, als habe er den Mann noch nie in
seinem Leben gesehen, geschweige denn in vertraulicher Weise mit ihm verkehrt.
Als der Hauptmann sich nach der Lage des Bauern erkundigte, ihn dabei an das
Gespräch erinnernd, das sie im Frühjahr gehabt, da brach gänzlich unerwartet und
unvermittelt aus dem Munde des Alten ein Schimpfen und Wettern los,
Verwünschungen und Beschuldigungen gegen die Herrschaft, die ihm den Garaus
machen wolle, so beleidigend und verletzend, dass der gräfliche Güterdirektor
seinem Renner die Sporen gab, machend, dass er von dem alten Isegrim wegkam.
    Mit Gemeinde und Behörde war der Büttnerbauer neuerdings ebenfalls
zusammengeraten und auch nicht zu seinem Vorteil. Der Dorfweg führte ein Stück
entlang der Büttnerschen Grenze. Der Bauer hatte nahe am Wege eine Kiesgrube
angelegt, aus der er seinen Bedarf an Sand zu Bauten und Wegebesserungen
entnahm. Im Laufe der Zeit hatte sich durch Sandholen und Nachstürzen vom Rande
das Loch vergrössert. Es drohte Gefahr, dass Fussgänger und Geschirre, namentlich
bei Dunkelheit oder Schneeverwehung, in die Grube stürzen und Schaden nehmen
möchten. Die Gemeinde hatte daher das sehr begreifliche Verlangen an den
Besitzer der Kiesgrube gestellt, er möge zwischen Weg und Grube ein Geländer
errichten. Der Büttnerbauer kehrte sich überhaupt nicht an dieses Ansinnen, das
er als einen Eingriff in sein gutes Recht auffasste. Darauf Beschwerde von seiten
der Gemeinde beim Landrat. Das Amt dekretierte, der Bauer habe das Geländer bis
zu einem bestimmten Zeitpunkte herzustellen. Der Bauer liess den Zeitraum
verstreichen, ohne einen Finger zu rühren. Hierauf Strafverfügung von seiten der
Behörde. Der Bauer schimpfte und tobte; aber hier half all sein Sperren nichts.
Er hatte sich selbst ins Unrecht gesetzt. Das Anbefohlene musste schliesslich
ausgeführt werden, und Strafe hatte er obendrein zu zahlen.
    So tat er in allem gerade das, was ihn am meisten schädigen musste. Es war,
als ob der Teufel den alten Mann geblendet hätte. Die Bäuerin hatte nicht so
ganz unrecht mit ihrer Klage, dass ihr Bauer behext worden sein müsse.
    Es gab in der Tat ein Schreckgespenst, das dem Bauern im Rücken sass, ein
Werwolf, der ihn ritt, dass er, halb wahnsinnig, nicht mehr wusste, wo ein und
aus.
    Seit er dem Händler den Wechsel unterschrieben, hatte der Büttnerbauer keine
ruhige Stunde mehr gehabt. Kaum war Harrassowitz zum Hause hinaus gewesen, hätte
er ihn zurückrufen mögen, ihm sein Geld zurückzugeben.
    dabei hegte er keinerlei bestimmten Verdacht gegen Harrassowitz. Er hatte
den Händler nicht anders als freundlich und zuvorkommend kennen gelernt. Aber
das Bewusstsein, dass es einen Menschen auf der Welt gab, von dem er abhängig war,
der einen Zettel besass, auf dem sein Name stand, und der durch diesen Fetzen
sein Schicksal in Händen hielt, das war der Alp, der auf dem Manne lastete, das
war das unheimliche Gespenst, das des Tages plötzlich vor ihm auftauchte, ihn
besass, wo er ging und stand und ihn des Nachts vom Lager aufscheuchte.
    In der ersten Zeit, als der Verfallstermin noch in weitem Felde stand, hatte
er sich der Hoffnung auf einen guten Ausgang nicht verschlossen. Wenn die Ernte
gut ausfiel, wenn hohe Preise wurden! Er hatte doch in anderen Jahren manchmal
aus dem Roggen allein an zweitausend Mark erzielt. Warum sollte denn das nicht
auch in diesem Jahre eintreten, wo Korn seine Hauptfrucht war. Stroh konnte auch
verkauft werden und vielleicht auch einige Fuder Heu. Auf die Weise konnte
hübsches Geld zusammenkommen, allein aus der Winterung. Und die Sommerfrüchte
behielt er dann zur Deckung des Winterbedarfes und zum späteren Verkauf.
    So rechnete der Bauer im Frühjahre. Dann kam der erste Rückschlag durch die
verregnete Heuernte. Mit dem Heuverkauf war also nichts; man musste ja das
wenige, was man gerettet hatte vor dem Verderben, aufheben für den Winter. Die
Kornernte war inzwischen beendet. Der Büttnerbauer hatte eine Menge Puppen
setzen können; sein Feld hatte voll ausgesehen. Das Getreide war trocken in die
Scheune gekommen.
    Der Bauer besass eine kleine Dreschmaschine und einen Göpel auf seinem Hofe.
Das meiste liess er freilich im Winter mit dem Handflegel ausdreschen nach alter
Sitte; das Stroh blieb beim Handdrusch besser, und dann liebte er auch nicht die
Neuerungen. - Maschine blieb Maschine, wenn es auch nur ein einfaches Göpelwerk
war. In diesem Jahre aber liess er gleich mehrere Tage hintereinander mit dem
Göpel dreschen. Er musste ja Korn haben zum schleunigen Verkauf.
    Der alte Bauer stand am Siebe, während Karl die Garben hineinschob und
Terese draussen das Pferd antrieb. Der Bauer nahm selbst das Getreide ab und mass
es nach.
    Seine Miene wurde düsterer und düsterer. »'s schüttet ne, 's will ne
schütten!« erklang sein verzweifelter! Ruf. Was nutzte ihm das viele Stroh, wenn
der Körnerertrag so gering war! Und dabei hatte er das Hauptkorn in diesem Jahre
auf vorjährigem Kartoffellande gebaut, das noch reich an Dünger gewesen. Er
hatte es an Sorge und Fleiss nicht fehlen lassen, und trotzdem kein Erfolg! Es
waren die kalten Tage und Nächte im Anfange des Sommers gewesen, die den
Landwirt um den Ertrag seiner Mühen betrogen hatten.
    Schliesslich lag das gesamte Ergebnis der Kornernte in einem stattlichen
Körnerhaufen, durchgesiebt und durchgeworfen, von Spreu und Unkrautsamen
sorgfältig befreit, auf dem Schüttboden.
    »Wenn's nu ack an Preis hätte!« sagte der Büttnerbauer und schickte den Sohn
in den Kretscham. Karl sollte dort ein Glas Bier trinken und bei der Gelegenheit
im Kreisblatte nachsehen, was der Roggen jetzt gelte.
    Karl kam mit der Nachricht zurück, dass Roggen pro erste Septemberwoche
neunzig stehe. Kaschelernst habe gemeint, der Preis werde in nächster Zeit noch
viel tiefer sinken an der Börse, »von wegen der ausländischen Einfuhr«, so
berichtete Karl wörtlich, ohne zu verstehen, was das eigentlich heisse. »Wer klug
handeln wolle, der hielte sein Korn bis zum Frühjahr, da werde es schon Preis
bekommen,« habe Kaschelernst gesagt.
    Der Büttnerbauer konnte sich schon denken, mit welch treuherziger Miene sein
Schwager das gesagt haben mochte. »Halten bis zum Frühjahr!« Der Schuft! Als ob
der nicht ganz genau wisse, dass der Bauer verkaufen musste, unter allen Umständen
und zu jedem Preise. Und derselbe Mann, der ihm hier so freundlichen Rat
erteilen liess, war es, der ihm die letzte Hypotek Knall und Fall gekündigt
hatte. Der alte Bauer griff sich an den Hals und schluckte, als sässe da etwas,
was nicht hinunter wollte.
    Der Büttnerbauer machte sich darauf ans Rechnen. Das war stets als eine
geheimnisvolle Sache von ihm behandelt worden. Eine eigentliche Buchführung
kannte er nicht. Das Wichtigste behielt er im Gedächtnis. Er wusste Ausgaben und
Einnahmen, die er gemacht, von vielen Jahren her auf Heller und Pfennig
anzugeben. Aber obgleich er für gewöhnlich nichts buchte, so machte er von Zeit
zu Zeit doch einmal einen Abschluss. Dann gab es ein höchst umständliches Rechnen
mit Kreide auf einer Tischplatte oder einer Tür. Die Sache nahm Stunden in
Anspruch. Lange Zahlenreihen wurden aufgeschrieben, alle vier Spezies bemüht.
Den eigentlichen Sinn aber dieser ganzen Rechnerei verstand nur der Büttnerbauer
allein. Es war ein Vorgang, der auch äusserlich wie ein Geheimnis behandelt
wurde, denn er duldete nicht, dass jemand während der Zeit sich im Zimmer
aufhielt. Die Seinen wussten das. Wenn es hiess: »Der Vater rechnet!« hielt man
sich wohlweislich fern, denn dann war nicht gut Kirschen essen mit dem Alten.
    Auch diesmal hatte er eine verzwickte Rechnung angestellt. Das Ergebnis war
ein sehr einfaches und in seiner Einfachheit bestürzendes: Achtundert Mark! Auf
mehr kam er nicht! Das war nicht annähernd genug zur Deckung des Wechsels und
zur Bezahlung der Michaeliszinsen.
    Der alte Mann ballte die Faust. Er wusste selbst nicht, gegen wen. Wer war es
denn, der die Schuld daran trug, dass ihm nicht der Lohn seiner Arbeit wurde?
Sollte er den lieben Gott dafür verantwortlich machen, oder sollte er die
Menschen bei dem lieben Gott verklagen? Wer war der Feind, wo die Macht, die ihn
um das Seine gebracht hatte? -
    Der Bauer drohte in die leere Luft hinaus. Das war nicht zu fassen, für
seinen Arm nicht zu erreichen: die Mächte, die Einrichtungen, die Menschen,
welche Schuld hatten, dass sein Schweiss umsonst geflossen war. Irgendwo da
draussen, unfasslich für seinen ungelehrten Verstand, gab es ungeschriebene
Gesetze, die mit eherner Notwendigkeit auf ihn und seinesgleichen lasteten, ihn
in unsichtbaren Ketten hielten, unter deren Druck er sich wand und zu Tode
quälte.
    Das Exempel stimmte mit fürchterlicher Genauigkeit. Wenn er den Wechsel
bezahlte, langte es nicht zu den Zinsen, bezahlte er die Zinsen, langte es nicht
zum Wechsel.
    Die einzige Hoffnung blieb jetzt, dass Harrassowitz Stundung gewährte. -
    Noch ehe der Verfalltag eintrat, fuhr der Büttnerbauer in die Stadt, er
wollte mit dem Händler sprechen.
    Als der Bauer das Produktengeschäft von Samuel Harrassowitz betrat, wurde
ihm gesagt, der Chef sei noch nicht im Kontor. Er ging daher fort und kam nach
Verlauf von einigen Stunden wieder. Diesmal wurde ihm mitgeteilt, Herr
Harrassowitz sei zu sehr beschäftigt, um ihn anzunehmen. Der Büttnerbauer liess
sich diesmal nicht so leicht abweisen. Es sei etwas sehr Wichtiges, »ane grusse
Sache«, wie er sich ausdrückte, wegen der er mit Herrn Harrassowitz zu sprechen
habe. Der Kontorist, mit dem er bis dahin verhandelt hatte, rief einen anderen
herbei, den er »Herr Schmeiss« benannte.
    Der junge Schmeiss schien bereits eingeweiht in die Angelegenheit, denn er
fragte den Bauern, sowie er dessen Namen gehört, ob er etwa wegen Stundung
seines Akzepts komme. Der alte Mann bejahte, etwas verwundert über die
hochfahrende Art dieses Jünglings. Man solle doch ein paar Monate Geduld haben,
bat er, bis er seinen Hafer rein habe und sein Korn vorteilhaft verkauft haben
werde.
    »Harrassowitz wird sich schwer hüten,« meinte Schmeiss darauf. »Nicht wahr!
damit Sie inzwischen Zeit gewinnen, die einzigen pfändbaren Objekte zu Geld zu
machen, dass er dann das Nachsehen hat. Wir kennen das! Stundung gibt's nicht.
Wenn Sie nicht rechtzeitig zahlen, müssen Sie die Konsequenzen auf sich nehmen,
mein Lieber!« -
    Mit diesem Bescheide liess er den verdutzten Alten stehen.
    Der Büttnerbauer blieb den ganzen Rest des Tages in der Stadt. Er hoffte,
Harrassowitz noch persönlich zu treffen. Er konnte nicht glauben, dass diese
Antwort von dem Händler ausgehe, auf dessen gutes Herz er baute. Aber Sam blieb
heute unsichtbar für ihn.
    Dann kam er auf den Gedanken, zu dem Bankier zu gehen, der ihm neulich das
Geld für die Hypotek gegeben hatte. Aber auch Herr Isidor Schönberger liess
bedauern, ihn nicht annehmen zu können.
    Unverrichteter Sache, schwerer denn je mit Sorgen belastet, fuhr der
Büttnerbauer am Abend nach Halbenau zurück.
 
                                       X.
Ein paar Tage darauf erschien derselbe Herr Schmeiss, welcher den alten Bauern im
Kontor von Harrassowitz abgefertigt hatte, in Halbenau. Er kam mit Lohngeschirr.
Neben ihm auf dem Rücksitz sass eine junge Dame. Während er sich in das
Büttnersche Gehöft begab, schwänzelte die auffällig gekleidete Person im Dorfe
umher zum Gaudium der Dorfjugend und der Frauenwelt von Halbenau, die so hohe
Absätze, eine solche Taille und derartig weite Puffärmel noch nicht gesehen
hatten.
    Edmund Schmeiss, ein mittelgrosser, junger Mann mit flottem Schnurrbärtchen
und Lockenfrisur, rümpfte die Nase über den Mistaufen, den er im Büttnerschen
Hofe vorfand. »Echte Bauernwirtschaft!« sagte er zu sich selbst mit
verächtlichster Miene. Sein tadellos gearbeiteter Anzug von hechtgrauer Farbe,
sein ganzes Auftreten, waren »prima« um seinen eigenen Lieblingsausdruck zu
gebrauchen. Kenner hätten vielleicht finden können, dass nicht einmal die äussere
Etikette der Ware besonders fein sei. Seine Manieren waren irgendwo her,
wahrscheinlich vom Offiziers-oder jüngeren Beamtenstande erborgt und nicht immer
glücklich kopiert.
    Die Lebensstellung des jungen Schmeiss genauer zu umschreiben, war nicht
leicht. Harrassowitz bezeichnete ihn, wenn er von ihm sprach, als einen »mir
ergebenen jungen Mann«. Aber auch für Isidor Schönberger »arbeitete« er, ohne
dass man genau feststellen konnte, worin seine »Arbeit« eigentlich bestand. Man
pflegte ihn bei Häuser- und Güterankäufen als Strohmann zu verwenden, bei
Zwangsversteigerungen trat er als Bieter auf. Wenn ein Kleinkaufmann oder
Handwerker in »momentaner Verlegenheit« war, erschien er als Helfer in der Not.
Er war jederzeit bereit, Wechsel zu diskontieren und Geldsuchenden Darlehen von
Dritten zu verschaffen, vorausgesetzt, dass der Darlehnssuchende etwas »opferte«
womit er seine Provision meinte, die niemals gering bemessen war. Er reiste für
allerhand Häuser, deren Firma nicht eingetragen war, und trat als
Generalbevollmächtigter von Konsortien auf, die nicht genannt werden durften,
weil sie sich noch im »Entwicklungsstadium« befanden. Er hatte jederzeit
mindestens ein halbes Dutzend »feiner Geschäfte« an der Hand; kurz, er war alles
in allem ein äusserst brauchbarer, praktischer, »smarter«, junger Mann, in vielen
Sätteln gerecht, mit den Gesetzen und der Gerichtspraxis vertraut. Mit Vorliebe
legte er sich den Titel »Kommissionär« bei.
    Edmund Schmeiss also trat um die Mittagsstunde in die Büttnersche Wohnstube.
Er fand die Familie bei Tisch. Er meinte im Eintreten, man möge um seinetwillen
keine Umstände machen. Er selbst machte allerdings auch keine, das musste man
sagen! Ohne Umschweife auf sein Ziel losgehend, fragte er den alten Bauern in
Gegenwart der Seinen, ob er gewillt sei, das heute fällig gewordene Akzept zu
decken.
    Sie waren alle aufgestanden. Erstaunt und bestürzt blickten sie auf den
fremden Eindringling, der sich so unbefangen geberdete. Der alte Mann brauchte
einige Zeit, ehe er die Antwort fand: er habe in dieser Sache doch nur mit Herrn
Harrassowitz zu tun.
    »Ach was, Harrassowitz!« rief Edmund Schmeiss. »Ich bin jetzt derjenige,
welcher! An mich haben Sie zu zahlen. Bitte sich überzeugen zu wollen! Hier das
Indossement!«
    Der junge Mann hielt dem Bauern das Papier hin und hiess ihn, die Rückseite
beachten.
    Der Bauer sah, dass dort was geschrieben stand, ein Name, wie es schien. Aber
was sollte ihm das! Wie kam dieser junge Mensch, der ihm niemals einen Pfennig
gegeben hatte, auf einmal dazu, sein Gläubiger zu sein?
    Er schüttelte den Kopf und erklärte, nur an Harrassowitz zu schulden.
    Edmund Schmeiss wurde ungeduldig. »Herr Gott! kapieren Sie denn nicht!« rief
er. »Sie haben akzeptiert. Hier ist Ihre Unterschrift, nicht wahr?«
    Der Bauer bejahte, nicht ohne sich seine Unterschrift noch einmal sorgfältig
betrachtet zu haben.
    »Bekennen Sie, Valuta richtig empfangen zu haben? - Ich meine, ob Sie
zugeben, das Geld, vierhundert Mark, seinerzeit von Harrassowitz per Kassa
bekommen zu haben?«
    »Ju, ju! 's Geld ha'ch richt'g erhalen vun Herrn Harrassowitz, dohie an
diesem salbgen Tische. - Du weesst's duch noch, Frau?« Die Bäuerin nickte. »Ju,
ju, lieber Herr!«
    »Nun, sehen Sie also! Harrassowitz hat Ihr Akzept diskontiert. - Man nennt
das ein Dreimonatsakzept. - Dann hat Harrassowitz remittiert an mich. Folglich
bin ich jetzt der Inhaber des Wechsels. Die Sache ist so klar wie etwas! Sie
müssten denn behaupten wollen, dass ich auf ungesetzliche Weise in Besitz des
Akzepts gekommen wäre. Wollen Sie das behaupten?«
    Der Bauer stand da mit äusserst verdutzter Miene. Er verstand kein Wort von
der ganzen Sache. Da aber der andere so sicher auftrat und so beleidigt
dreinblickte, liess er schliesslich ein zauderndes »Nein« hören.
    »Darum möchte ich allerdings gebeten haben!« sagte Edmund Schmeiss, machte
grosse Augen und runzelte die Stirn. »Hiermit präsentiere ich Ihnen also den
Wechsel. Heute ist Verfalltag. Ich frage Sie, ob Sie annehmen?«
    Der Bauer blickte noch unverständiger drein als zuvor. Auf den Gesichtern
der Seinen malten sich sehr verschiedenartige Gefühle; aber Schreck und Furcht
herrschten vor, diesem Fremden gegenüber, der durch jenes Stück Papier Gewalt
über den Vater und über sie alle erhalten zu haben schien.
    »Ob Sie mich auszahlen wollen, Herr Büttner? Ich dächte, die Sache wäre doch
nicht so schwer zu verstehen!«
    Der alte Mann bat sich den Wechsel noch einmal aus. Er drehte ihn um und um
in den zitternden Händen und blickte ratlos drein, die Buchstaben verschwammen
ihm vor den Augen. Er musste sich setzen.
    Die Bäuerin trieb jetzt die Kinder aus der Stube, sie sollten den Vater
nicht in seiner Schwäche sehen. Nun trat sie zu ihrem Gatten. »Bis ack ruh'g,
Alter, bis ack ruh'g!« redete sie ihrem Eheherrn zu.
    »Jo, du mei Heiland!« rief der Bauer in heller Verzweiflung mit hoher,
weinerlich klingender Stimme. »Wos sull ich denne! Wos wullen Se denne von mir,
dohie!«
    »Zahlung! Weiter gar nichts! Zahlen Sie mich aus, Herr Büttner, dann ist
alles in Ordnung,« erklang die trockene Antwort.
    »Und 's Gald! Wu sull ich denns Gald harnahmen? Ich ho's do nel«
    Edmund Schmeiss zuckte die Achseln. Den neuesten Berliner Gassenhauer vor
sich hin pfeifend und mit dem Fuss den Takt dazu tretend, sah er sich im Zimmer
um.
    Die beiden Alten berieten sich inzwischen halblaut. Einen Rest Geld hatte
der Bauer noch im Kasten liegen. Es stammte von dem Korn, das er nun doch vor
ein paar Tagen verkauft. Da er aber die Michaeliszinsen und Abgaben davon
bezahlt hatte, war nicht viel übrig geblieben. Es langte in keinem Falle zur
Deckung des Wechsels.
    Kalter Schweiss stand dem alten Manne auf der Stirn. Starren Blickes, mit
bebendem Unterkiefer, auf dem Stuhle zusammengebrochen hockend, bot er einen
kläglichen Anblick.
    Die Bäuerin redete ihm zu. »No, Alter, no! ha ak Karrasche! Dar Herr werd
schun, und ar werd a Brinkel Geduld han.«
    Dann wandte sie sich an den jungen Mann. Mit schmeichlerisch untertänigen
Blicken und Mienen streichelte sie ihm ehrfurchtsvoll die Hand: »Newohr, lieber
Herr, Se wern meenen Mann Brinkel Zeit lan. Mir versprachen och, und wir wern
uns Mihe gahn, wir wern alles abzahlen - mit dar Zeet.«
    Edmund Schmeiss erwiderte in kühlem Tone: Das kenne er schon. Darauf könne er
sich nicht einlassen. Er habe den Wechsel als einen »feinen« gekauft.
Harassowitz habe ihm gesagt, Herr Büttner sei ein solider Mann. Er habe sicher
darauf gerechnet, heute sein Geld zu erhalten; habe sich mit anderen Geschäften
schon darauf eingerichtet. Er müsse daher Deckung verlangen. Falls er sie nicht
erlange, sehe er sich genötigt, den Rechtsweg zu beschreiten.
    »Se wern uns doch ne verklag'n wulln?« rief die Bäuerin entsetzt aus.
    Das sei sein gutes Recht, erwiderte der junge Mann.
    »Herr Gutt, in deinen Himmel droben!« rief die Frau. Sie griff sich an den
Mund mit zitternden Fingern, jammerte, leise vor sich hin weinend: »Moan, Moan,
was sull denne anu aus uns warn!« Der Bauer stöhnte.
    Eine namenlose Angst hatte sich der beiden alten Leute bemächtigt. Ihre
Begriffe vom Rechte waren äusserst verwirrte. Hinter jeder Klage drohte ihnen
gleich das Gefängnis. Dem Richter wie dem Advokaten stand man gleichmässig
schutzlos gegenüber. Sie sahen bereits im Geiste den Gerichtsvollzieher ihre
letzte Kuh aus dem Stalle führen. Wenn jener es zur Klage trieb, dann war alles
verloren.
    Der wackere Büttnerbauer, der in zwei Feldzügen manche Probe von Beherzteit
abgelegt hatte, zitterte wie Espenlaub. Aller Witz schien den sonst besonnenen
Mann verlassen zu haben. Mit angstvergrösserten Augen, haltlos, jeder Würde
vergessend, hing er, der Sechziger, an den Mienen und Blicken dieses jungen
Menschen, in dessen Wohlgefallen er sein Geschick beschlossen glaubte.
    Edmund Schmeiss zog eine umfangreiche goldene Zylinderuhr, deren Deckel er
aufspringen liess. »Ich muss fort!« rief er, »draussen wartet eine Dame auf mich.
Adieu, Herrschaften!«
    Er wollte zur Tür. Die Bäuerin lief ihm nach, hielt ihn, beschwor ihn,
flehte, er möge bleiben.
    »Aber bitte, dann etwas plötzlich! Wenn Sie noch was wollen. Zeit ist Geld.«
    Das Ehepaar beriet von neuem. Der alte Mann erschien wie schwachsinnig. Er
sagte zu allem, was ihm die Frau vorschlug, ein klägliches »Ich weiss nischt, ich
weiss nischt!«
    »Ich will Ihnen mal was vorschlagen!« meinte der junge Schmeiss, »damit wir
mit dieser Sache endlich zu einem Resultate kommen; denn es fängt nachgerade an,
mich zu ennuyieren! - Geben Sie mir, was Sie an barem Gelde im Hause haben. Für
den Rest schreiben Sie mir ein neues Akzept, verstehen Sie. Der Wechsel mag
laufen bis Ultimo Dezember. Dafür nehme ich natürlich Zinsen. Zehn Prozent ist
mein Satz bei Dreimonatsakzepten und drei Prozent Provision. Das ist noch sehr
kulant in Anbetracht dessen, dass Ihre Bonität zweifelhaft ist. - Also
einverstanden?«
    
    Der Bauer hatte nichts begriffen; nur so viel glaubte er zu verstehen, dass
er von der Gefahr einer Klage befreit werden sollte. Er eilte nach seinem
geheimen Kasten, schloss auf und zählte mit zitternden Händen auf den Tisch, was
er an Geld dort vorgefunden hatte. Es kam um eine Kleinigkeit mehr als
hundertundzwanzig Mark zusammen. Edmund Schmeiss zählte die Reihen blanker Taler
noch einmal durch. Den Rest von kleinerer Münze schob er dem Bauern hin. »Nickel
nehme ich nicht!« Dann nahm er einen goldenen Bleistift zur Hand, der an seiner
Uhrkette befestigt war, und begann Zahlen niederzuschreiben. »Also
hundertundzwanzig Mark per Kassa erhalten. Bleiben zweihundertundachtzig Mark in
Schuld. Nicht wahr, Herr Büttner?« Der Bauer bejahte nach einigem Überlegen.
»Mit Zinsen und Kosten, Sie verstehen: Provision und Depotzinsen für Harassowitz
und mich, alles in allem dreihundertundsechzig Mark. So viel sind Sie mir also
nach Zahlung der hundertundzwanzig noch schuldig. Dreihundertundsechzig. Bitte,
sich die Zahl zu merken! Nunmehr geben Sie mir ein neues Akzept über die eben
genannte Summe - verstanden! Den alten Wechsel vernichte ich dann vor Ihren
Augen. So, das ist ein klares Geschäft.«
    Er entnahm seinem Taschenbuche ein Formular. »Übrigens,« sagte er, sich
scheinbar unterbrechend, »dreihundertundsechzig Mark ist gar keine Summe. Mir
fällt da gerade etwas ein. Künstlichen Dünger können Sie ja in der
Landwirtschaft immer gebrauchen. Auch Kraftfutter könnte ich Ihnen preiswert
besorgen; bei der schlechten Heuernte in diesem Jahre werden Sie das ja sowieso
nötig haben. Ich kann Ihnen gerade noch etwas Erdnusskuchen abgeben. - Schreiben
wir sechshundert Mark, also! Für die restierenden Mark zweihundertundzwanzig -
nicht wahr - liefere ich Ihnen künstlichen Dünger und Kraftfutter. Dann ist die
Affäre glatt - nicht wahr?«
    Der Bauer sah den jungen Menschen mit leeren Augen an.
    »Verstehen Sie nicht, Herr Büttner? Die Sache ist nämlich furchtbar
einfach.« Er rechnete dem Alten das Ganze noch einmal vor. »Einverstanden?«
    Der Bauer bedachte sich eine Weile, dann meinte er kleinlaut, von
künstlichem Dünger habe er in seinem Leben nie etwas wissen mögen, und
Kraftfutter könne er auch nicht brauchen, da er sich mit Hilfe des Grummets
durch den Winter zu schlagen hoffe. Er bäte, ihn mit solchen fremden Sachen zu
verschonen.
    »Schön!« sagte Edmund Schmeiss. »Wie Sie wollen, Herr Büttner!« Er erhob sich
und knöpfte seinen Rock zu. »Ich glaubte, Ihnen sehr weit entgegengekommen zu
sein. Aber, wenn Sie freilich nicht wollen ...« ...«
    Von neuem schritt er zum Ausgang, wieder holte ihn die Bäuerin ein und
erreichte mit ihren Bitten, dass er blieb. »Moan, Pauer, bis ak verninft'g!«
redete sie dem Gatten zu. »Wenn der Herr, und ar kimmt der su entgegen. Nimm ak
Verstand an und greif zu, was er der gahn werd.«
    Der Büttenbauer sass mit gesenktem Haupte da, keine Widerrede kam mehr von
seinen Lippen. Die Bäuerin eilte geschäftig, das Tintenfass herbeizuholen. »Werd
Sie och die Feder racht sein,« fragte sie in einschmeichelndem Tone den jungen
Mann, um seine Gunst und Huld mit dem Lächeln ihres alten, zahnlosen Mundes
buhlend. »Se missen entschuld'gen, bei uns werd ne ofte wos geschrieb'n.«
    Edmund Schmeiss füllte eines der Formulare aus. Sowie der Büttnerbauer seinen
Namen darauf geschrieben hatte, zerriss er das alte Akzept und reichte dem Bauern
die Stücken; das sei nunmehr erledigt.
    Dann ging er. In der Tür noch rief er: »Die Waren erhalten Sie in der
nächsten Zeit in natura geliefert, Herr Büttner. Natürlich prima! - Empfehle
mich.«
    Draussen auf der Dorfstrasse erwartete ihn seine Freundin mit Sehnsucht. Sie
hatte inzwischen die Sehenswürdigkeiten von Halbenau in Augenschein genommen:
Kirche, Pfarre, Schule, das Armenhaus, das Spritzenhaus. Weiter gab es nichts zu
sehen hier draussen. Die Gemeindepfütze war schmutzig von den Gänsen, die dort
tagein, tagaus ihr Wesen trieben, die Häuser meist klein und ärmlich, die
meisten nur mit Stroh gedeckt. Und die Kinder, welche dort im Strassenstaube
spielten, ungekämmt und ungewaschen, mit laufenden Nasen, waren nach Ansicht der
Dame höchstens ekelhaft zu nennen.
    Ein paar Frauen kamen vom Felde herein. Breitacken auf den Schultern,
Henkelkörbe darüber. Junge Burschen folgten. Schon von weitem fasste man die
fremdartige Erscheinung auf der Dorfstrasse ins Auge. Die Mädchen steckten
tuschelnd die Köpfe zusammen, die Burschen lachten und stiessen jene an.
    Die Städterin war entrüstet über die dörfische Zudringlichkeit und liess den
Schleier herab.
    Nun kam der Trupp heran. Die jungen Männer blickten der Fremden ins Gesicht,
die Mädchen gingen mit unterdrücktem Kichern vorbei. »Saht ack! Die hat a
Mikennetze!« rief jemand. Darauf allgemeines Gelächter.
    Als Edmund Schmeiss die Freundin einholte, fand er sie ausser sich vor
Empörung über die Roheit des Dorfpacks.
 
                                      XI.
Gustav Büttner hatte zum letzten Male Dienst getan. Ein schwermütiges Gefühl
überfiel den jungen Mann, als er seine »Kastanie«, die braune Stute, die er als
Remonte zugeritten hatte, in ihren Stand zurückführte. Er wies den Stalldienst
zurück, der dem Herrn Unteroffizier das Pferd abnehmen wollte, sattelte und
zäumte die Stute selbst ab und legte ihr die Stalldecke mit besonderer Sorgfalt
auf. Während er das Pferd versorgte, suchte das Tier an seinen Rocktaschen
schnuppernd nach dem Zucker, den er ihr jeden Morgen aus der Kantine
mitzubringen pflegte. Sie stiess ihn ordentlich an mit dem Maule, als wolle sie
ihn mahnen, dass er ihr die fälligen drei Stückchen Zucker endlich herausgeben
solle. Heute war es eine ganze Tüte voll. Er verfütterte den Zucker langsam,
Stück für Stück. Die Braune schniefte vor Wonne in langgezogenen tiefen Tönen,
blähte die Nüstern und trat vor Vergnügen und gieriger Wonne von einem Beine auf
das andere, während er daneben stand und ihr den Hals klopfte, mannhaft gegen
die Tränen ankämpfend.
    Der Abschied von dem Pferde war das Schwerste. Auch von einzelnen Kameraden
trennte sich Gustav ungern. Aber, im grossen und ganzen - das merkte der junge
Mann zu seinem eigenen Befremden beim Abschiednehmen - - waren die Bande doch
sehr lockere und leichte gewesen, die ihn an die Truppe und das Soldatenleben
geknüpft hatten.
    Der Herr Rittmeister war auf Urlaub. Das tat dem Unteroffizier von Herzen
leid. Vor diesem Manne, der für ihn das Ideal eines Vorgesetzten gewesen war,
für den er willig sein Leben gelassen hätte, würde Gustav gern noch einmal
stramm gestanden haben. Der würde auch sicher zu Herzen gehendere Worte beim
Abschied gefunden haben als der Premierleutnant, welcher erst vor kurzem zur
Eskadron gekommen und ohne jene vertrautere Beziehung war, wie sie bei längerem
gemeinsamen Dienen sich wohl auch zwischen Vorgesetzten und Untergebenen
entwickeln.
    Seine Extrauniform hatte Gustav an einen neugebackenen Unteroffizier
verkauft; er behielt sich nichts zurück als die Mütze, ein paar Knöpfe und einen
Faustriemen zur Erinnerung an die Dienstzeit.
    »Mit dem Reservistenstocke«, wie es im Liede heisst, trat er »die Heimatreise
an«. Die Nacht durch lag er auf den verschiedenen kleinen Bahnstrecken, die er
benutzen musste, um von der Provinzialhauptstadt in diesen entlegenen Winkel zu
gelangen. Dann wanderte er ein Stück zu Fuss und traf am Morgen in Halbenau ein.
    Das Dorf trat ihm allmählich aus den Herbstnebeln entgegen, welche die Flur
umfangen hielten: Dach um Dach, Zaun um Zaun, Baum um Baum. Er kannte sie alle.
Ein wunderliches, ihm selbst unbekanntes, wehmütiges Behagen überkam den jungen
Menschen. Fünf Jahre hatte er in der Kaserne gelebt, hatte ein Heim nicht mehr
gekannt. Freilich, mit der Stadt liess sich das hier ja nicht vergleichen! aber
diese Strohdächer, diese Lehmwände, die bretterverschlagenen Giebel hatten doch
etwas in sich, das keine Pracht städtischer Häuserfronten zu ersetzen vermochte:
es war die Heimat!
    Nun bog er in den Weg ein, der nach dem väterlichen Gute führte. Schon von
weitem blickten ihn die Dachfenster des Wohnhauses wie grosse schwermütige Augen
an. Aus der Küchenesse wirbelte gelblicher Rauch in den grauen Herbstimmel
hinaus. Die Mutter kochte also bereits das Mittagsbrot, womöglich sein
Lieblingsgericht ihm zu Ehren. Hier kannte er nun jedes Steinchen, jedes
Ästchen, jeden Riss und Fleck im Mauerwerk. Eine geringfügige Reparatur, die der
Vater am Dachfirsten hatte vornehmen lassen, fiel ihm sofort als eine
Veränderung auf. Je näher er kam, desto mehr beschleunigte er seine Schritte,
bis er schliesslich fast im Trabe in das Gehöft einlief.
    Er fand die Frauen im Hause. Vater und Bruder wurden aus dem Schuppen
herbeigeholt. Übertriebene Zärtlichkeit herrschte nicht beim Wiedersehen. Nur
die Mutter liess sich etwas von der Freude anmerken, welche sie empfand, ihren
Liebling wieder ganz im Hause zu haben.
    Gustav frühstückte, zog seine guten Kleider aus und machte sich dann trotz
der überstandenen Reise gemeinsam mit Vater und Bruder an die Arbeit.
    Gesprochen wurde dabei nichts zwischen den Männern. Gustav hatte zwar manche
Frage auf dem Herzen über den Stand der Guts- und Geldangelegenheiten, über die
er seit seinem letzten Urlaub zu Ostern nichts wieder vernommen hatte - denn
Briefeschreiben war nicht gebräuchlich unter den Büttners -, aber er bezähmte
seine Neugier einstweilen. Er kannte den Vater zu genau, der das Gefragtwerden
nicht liebte. Wenn sich etwas Wichtiges inzwischen ereignet hatte, würde er es
schon noch erfahren.
    Beim Mittagsessen fiel dem eben Zurückgekehrten die gedrückte Stimmung der
Seinen auf. Kaum dass gesprochen wurde über Tisch. Halblaut flüsternd, mit
scheuen Blicken nach dem Vater hinüber, der finster und wortkarg in seiner Ecke
sass, langten die Kinder von den Speisen zu. Die Mutter sah bekümmert drein. Karl
machte sein dümmstes Gesicht, liess es sich aber wie gewöhnlich ausgezeichnet
schmecken. Terese sah noch gelber und verärgerter aus als früher. Bei ihr
konnte Gustav es darauf schieben, dass er zurückgekommen war. Er kannte die
Gesinnung der Schwägerin nur zu gut. - Toni gefiel dem Bruder gar nicht. Es fiel
ihm auf, dass sie ihm nicht gerade in die Augen blicken konnte. Ernestine allein
schien nicht angesteckt von der allgemeinen Niedergeschlagenheit. Das Mädel
blickte dreist und keck darein mit ihrem spitzen Näschen und den pfiffigen
Augen.
    Irgendetwas war hier nicht in Ordnung, das muhte sich Gustav sagen. Nach dem
Essen erklärte er dem Vater, er wolle sich Stall und Scheune besehen. Er meinte
im stillen, dem Alten würde es Freude machen, ihm die Tiere und Vorräte
persönlich zu zeigen, wie er es bisher nur zu gern getan hatte, wenn der Sohn
aus der Fremde zurückkam. Aber der alte Mann brummte etwas Unverständliches zur
Antwort und blieb in seiner Ecke sitzen. Gustav ging also allein.
    Späterhin kam ihm Karl nach. Gustav fragte den Bruder, was eigentlich los
sei mit dem Alten. Karl machte den Mund zwar ziemlich weit auf, brachte aber
nicht viel Gescheites heraus. Gustav verstand nur so viel aus den
unzusammenhängenden Reden des Bruders, dass in der letzten Zeit Herren aus der
Stadt beim Vater gewesen seien, von denen er viel Geld bekommen habe, und über
Kaschelernsten habe der Bauer gesagt, er solle sich nur in acht nehmen, wenn er
ihn mal unter die Fäuste bekäme. -
    Gustav nahm die erste Gelegenheit wahr, wo er sich mit seiner Mutter unter
vier Augen sah, um sie zu befragen. Da erfuhr er denn das Unglück in seiner
ganzen Grösse.
    Ihm war im ersten Augenblicke zumute wie einem, der einen Schlag vor den
Kopf bekommen hat. Dass die Vermögenslage des Vaters eine missliche sei, hatte
Gustav ja gewusst, aber dass er geradezu vor dem Zusammenbruche stehe, das war
eine Nachricht, die ihn wie ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel traf.
    Auch dass ein Unglück selten allein kommt, musste der junge Mann an sich
erfahren. Die Mutter verhehlte ihm nicht, in welchem Zustande sich Toni befinde.
Gustav geriet ausser sich vor Zorn. Was ihn am meisten ergrimmte, war, dass die
Seinen es verabsäumt hatten, den Menschen, von dem sie das Kind unter dem Herzen
trug, zur Rechenschaft zu ziehen. Nun war der Lump nicht mehr im Dorfe. Man
wusste nicht einmal genau, wohin er gezogen sei. Die Aussicht, ihn zu belangen,
war gering.
    Und in solche Verhältnisse hinein sollte er eine junge Frau bringen! Er
hatte ja in der letzten Zeit von nichts anderem geträumt als von dem Plane,
seine Jugendliebe, Pauline Katschner, heimzuführen. Er hatte sich gedacht, für's
erste könnten sie auf dem väterlichen Hofe wohnen, bis sich für ihn ein
selbständiger Lebenserwerb gefunden haben würde. Und nun drohte hier alles, was
eben noch so sicher geschienen, zusammenzubrechen.
                                     * * *
    Pauline erwartete Gustav. Er hatte ihr geschrieben, dass er in den ersten
Tagen des Oktober in Halbenau eintreffen werde.
    Das Mädchen liess sich nicht anmerken, dass sie vor Sehnsucht nach ihm
vergehen wollte. Sie verrichtete ihre Geschäfte und Arbeiten mit der gewohnten
Sauberkeit; aber während sie die Nadel führte, am Scheuerfasse stand oder am
Webstuhle sass, schwärmten ihre Gedanken hinaus in die Zukunft. In der Phantasie
hatte sie sich bereits ein trauliches Heim zurecht gemacht, für sich und Gustav,
den Jungen, und - wer weiss, was mit der Zeit noch dazu kommen mochte.
    Sie war nicht mehr das unbedacht liebende Mädchen, das sich kopflos mit
starken Trieben dem Geliebten in die Arme geworfen hatte; die Mutter hatte in
ihr die Oberhand gewonnen. Sie liebte Gustav, den Vater ihres Sohnes, den
zukünftigen Gatten und Beschützer ihres Kindes, mit tiefeingewurzelter, warmer,
gleichmässiger Innigkeit.
    Sie war so glücklich, dass sie ihn nun ganz wieder haben sollte. Die letzten
Jahre waren schrecklich gewesen mit ihren einsamen Nächten, den Zweifeln an
seiner Treue und der quälenden Sorge, dass sie ihn ganz verlieren möchte.
    Nun kam er! da musste ja alles gut werden. Allerdings waren sie beide arm,
und Gustav hatte noch keinen Beruf. Man würde einen schweren Kampf zu kämpfen
haben; aber für Pauline bedeutete das nichts. Ihr lag die Zukunft im rosigen
Lichte. Wenn sie nur ihn hatte, den Vater ihres Jungen. Darin war für sie das
Wohl und Wehe des Daseins beschlossen.
    Dass sie ihn halten würde für immer, als den Ihren, ihr allein Gehörigen,
bezweifelte sie keinen Augenblick. Sie war sich des Schatzes von anziehenden
Reizen und erwärmender Liebenswürdigkeit, womit die Natur sie ausgestattet
hatte, in naiver Weise bewusst. Ganz umstricken wollte sie den Geliebten mit
ihrer grossen Weibesliebe, dass er gar nie auf den Gedanken kommen könnte, sich
ein besseres Los zu wünschen oder je wieder nach einer anderen Frau zu blicken.
    Der Mutter hatte sie erst ganz zuletzt und nur mit einer kurzen Bemerkung
angedeutet, dass sie Gustav erwarte. Das Mädchen liess die Mutter überhaupt nicht
viel von ihren Gefühlen blicken. Frau Katschner hatte der Tochter in jener Zeit,
wo Gustav nichts von sich hören liess und das Verhältnis so gut wie aufgehoben
schien, zugeredet, von dieser Liebschaft zu lassen; ja, sie hatte es Paulinen
nahegelegt, sich nach einem anderen Manne umzusehen. Das hatte Pauline der
Mutter nie vergessen. Diese Zumutung hatte sie an der Stelle verletzt, wo sie am
tiefsten und zartesten empfand. Jedem anderen Menschen hätte sie das vielleicht
vergeben, nur nicht der Mutter; denn die hätte es verstehen müssen, dass es für
sie nur eine Liebe gab, in der sie lebte, mit der sie sterben würde.
    Seitdem war eine Entfremdung eingetreten zwischen Mutter und Tochter. Die
beiden Frauen lebten zwar äusserlich in Frieden; es gab keine Zankerei und keinen
Hader. Mit Pauline sich zu streiten, war überhaupt schwer, da sie alles
innerlich abmachte und nur mit Blicken Widerspruch zu erheben pflegte. Aber die
Tochter verschloss sich in ihren wichtigsten Regungen und Gefühlen der Mutter
gegenüber, mit der sie doch scheinbar im vertrautesten Umgang lebte. -
    Gegen Vormittag kam Frau Katschner aus dem Dorfe zurück. Sie hatte eine
Leinewand zum Faktor geschafft und brachte Garn zu neuer Verarbeitung zurück.
Sie verkündete die Nachricht, Büttners Gustav sei heute früh in Halbenau
eingetroffen. Pauline erzitterten die Knie; der Mutter gegenüber stellte sie
sich jedoch an, als ob die Nachricht ihr ziemlich gleichgültig sei. »So!« meinte
sie, »da wird er wohl och hierruf kommen in den nächsten Tagen.«
    Mit dieser äusseren Kühle stimmte der Eifer nicht ganz überein, mit welchem
sie Vorbereitungen traf für den Empfang des Gastes. Da wurde gekocht und
geschmort. Frau Katschner, welche von der herrschaftlichen Küche her allerhand
besondere Künste mitgebracht hatte, musste auf Bitten der Tochter einen Kuchen
backen, zu welchem Pauline selbst die Zutaten beim Krämer holte. Dann kam das
Kind an die Reihe. Es wurde mit dem wollenen Kleidchen angeputzt, das Komtesse
Ida der jungen Mutter kürzlich zugeschickt hatte. Schliesslich machte auch
Pauline sich selbst zurecht, ordnete ihr Haar und steckte die Granatbrosche an,
die Gustav ihr früher einmal vom Jahrmarkt mitgebracht hatte.
    Der Nachmittag zog sich hin in Erwartung des Bräutigams. Zum Kaffee wird er
wohl kommen, dachte Pauline bei sich; dass er zu Hause bei seiner Mutter essen
würde, war anzunehmen. Die Vesperzeit verging, er war noch nicht gekommen. Frau
Katschner hatte den Kaffee selbst getrunken, damit er nicht umkomme, und den
Kuchen weggeschlossen. Es wurde dunkel in der kleinen Stube.
    Pauline, die sich den ganzen Tag über lebhafter gezeigt hatte als
gewöhnlich, war still geworden. Sie entkleidete den kleinen Gustav seiner
Festsachen und brachte ihn zur Ruhe in die Kammer. Frau Katschner hatte die
Lampe bereits angezündet, als Pauline wieder ins Wohnzimmer trat. »Nu war ar
duch ne gekummen, Pauline!« sagte die Mutter, halb mitleidig, halb neugierig,
was die Tochter nun anstellen werde; jedenfalls war sie nicht ganz frei von
Schadenfreude. Pauline erwiderte nichts; in ihrer gespannten, trostlosen Miene
lag alles ausgesprochen. Jetzt hielt sie es nicht mehr der Mühe für wert, der
Mutter gegenüber den Schein der Gleichgültigkeit aufrecht zu halten.
    Nichtsdestoweniger besorgte sie alles, schaffte und ordnete, wie sie es
jeden Abend zu tun gewohnt war. Aber als sie allein war in der Kammer bei dem
schlafenden Kinde, brach der zurückgehaltene Jammer aus.
    Sie sass auf der Kante ihres Bettes. Die Tränen liefen ihr über die Wangen,
unaufhörlich. Dass er ihr das antun konnte! Er war im Dorfe! Seit dem frühen
Morgen schon war er da, und zu ihr hatte er den Weg noch nicht gefunden. So
wenig hielt er auf sie, so wenig bedeutete sie für ihn. Das hatte sie nicht
verdient um ihn! -
    So sass sie stundenlang. Das Kind störte sie nicht. Ruhig lag der Junge in
seinem Korbe, mit den gleichmässig leichten Atemzügen des gesunden
Kinderschlummers. Die Kälte, welche von allen Seiten eindrang in die Kammer,
seit im Nebenraum das Feuer ausgegangen war, fühlte sie kaum. Ihr Blick war
durch die kleinen Scheiben des Schiebefensterchens hinaus gerichtet in den
Garten, der in hellem Mondschein lag wie ein Tuch. Die alten Obstbäume
zeichneten mit ihren krüppeligen Ästen verzwickte Schattenbilder darauf. Wie oft
in früheren Zeiten hatte sie hier so gesessen, klopfenden Herzens in die Nacht
hinein wartend, ob er wohl kommen werde. Sie dachte an jenes erste Mal, wo er
vor ihrem Fenster gestanden. In einer warmen Juninacht war es gewesen; nur
seinen Kuss hatte sie bis dahin gekannt. Wie er sie da um Einlass gebeten! welche
Worte er da gehabt hatte! welche Gebete und Schwüre! -
    Und jetzt, nachdem sie ihm alles gestattet, alles gegeben, was sie hatte,
nachdem sie ihm ein Kind geboren und ihm durch schwere Zeiten hindurch die Treue
gehalten, jetzt brachte er es über sich, nach langer Trennung einen ganzen Tag
im Dorfe zu sein und nicht zu ihr zu kommen.
    Die Uhr schlug zehn Uhr vom Kirchturme. Sie starrte noch immer in den
Garten. Ihre Tränen waren versiegt. Eine Art von Kälte war auch über ihre Seele
gekommen. Mochte es sein, wie es war; es war gerade recht so! Sie wollte den
bitteren, feindlichen Gefühlen nicht wehren. Es lag ein Genuss darin, das
Unrecht, das einem widerfuhr, auszukosten und den in Gedanken schlecht zu
machen, der es einem zugefügt.
    So also hielt er seine Schwüre! Das war wahrscheinlich die Art, wie er sie
von jetzt ab behandeln wollte. Jetzt, wo sie das Kind von ihm hatte, wo sie ihm
sicher war, hielt er's wohl nicht mehr für nötig, lieb mit ihr zu sein.
    Oder ob er seine Pläne inzwischen geändert hatte? - Vielleicht dachte er
daran, eine ganz andere heimzuführen. Er plante wohl gar eine reiche Heirat! -
Da war Ottilie Kaschel, die Tochter aus dem Kretscham, seine Cousine. Die hätte
ihn nur gar zu gern gehabt. Diese alte widerliche Person! - Aber hieran glaubte
Pauline selber nicht recht. So schlecht konnte Gustav nicht sein! Und ausserdem
war sie sich ihrer eigenen Vorzüge doch zu sehr bewusst, die im Wettstreite mit
der hässlichen Kretschamtochter den Sieg davontragen mussten.
    Ob sie ihm etwa zu Haus abgeredet hatten. Mit den alten Büttners stand sie
sich ja neuerdings besser; aber da war diese böse Sieben: Terese. Vielleicht
hatte die irgendeine Verleumdung ersonnen, der Gustav Glauben geschenkt.
    Er war ja überhaupt so misstrauisch! Alles glaubte er, was ihm von bösen
Menschen Schlechtes von ihr gesagt wurde. »Übelnehmsch« war er auch. Tagelang
konnte er wegen einer Kleinigkeit »mukschen«. Und seine Eifersucht! Wenn ein
anderer sie nur mit einem Blicke! ansah, war er sofort ausser dem Häuschen.
Pauline musste lächeln, als sie an einen Vorgang dachte beim Kirchweihfest vor
einigen Jahren. Da hatte er sie einem Tänzer aus den Armen gerissen und sie vom
Tanzsaale weggeführt, weil er gefunden, dass ihr Partner den Arm zu fest um sie
gelegt hatte.
    Wie töricht er sich bei so etwas anstellen konnte! Aber ein lieber Kerl war
er doch! Sie hatte gut, ihn mit ihren Gedanken anklagen und sich einreden, dass
sie ihn hasse und dass sie nichts mehr von ihm wissen wolle; das glaubte sie ja
alles selber nicht. Er war und blieb ihr Gustav, ihr Einziger, ihr
Herzallerliebster. Morgen würde sie sich aufmachen, ihn aufzusuchen und ihn zur
Rede stellen, sei es wo es sei. So scheu und zurückhaltend das Mädchen sonst
war, davor hatte sie keine Angst. Es war nicht das erste Mal, dass sie ihn zu
sich zurückgeführt hatte.
    Nachdem dieser Entschluss in ihr gereist war, fühlte sie sich sehr ruhig,
glücklich geradezu. Sie erhob sich, nahm das Kind aus dem Korbe, hielt es ab und
machte sich dann ans Auskleiden. Schnell in die Federn! Die Glieder waren ihr
steif geworden vom langen Aufsitzen in der Kälte.
    Sie hatte sich das Deckbett bis an den Hals gezogen und die Augen
geschlossen zum Schlummer, als ein leichtes Geräusch an ihr Ohr schlug, draussen
von der Hauswand kam es her. Sie fuhr im Bette in die Höhe; den Ton kannte sie.
Alles Blut war ihr in einer starken Welle zum Herzen gedrungen. Noch einmal
dasselbe Klopfen an der Lehmwand! Sie war schon am Fenster und schob den
Schieber beiseite. Richtig! da draussen stand eine dunkle Gestalt. »Gustav?« -
»Ja!« - »Ich kumme!« Schnell ein Tuch über die blossen Arme geworfen! etwas an
die Füsse zu ziehen, nahm sie sich nicht erst die Zeit. Dann die Kammertür nach
dem Hausgang geöffnet! so leise wie möglich die hintere Haustür aufgeriegelt und
aufgeklinkt!
    Im Rahmen des Türstocks erschien jetzt seine Gestalt. Sie griff nach Gustavs
Hand, leitete ihn, damit er in der Dunkelheit nicht zu Falle komme. Erst als sie
ihn drinnen hatte bei sich in der Kammer, den Geliebten, warf sie sich ihm um
den Hals, wie sie war, nichtachtend der Kälte und Nässe, die er aus der Nacht
mit hereinbrachte.
 
                                      XII.
Die von Edmund Schmeiss versprochenen Dünge- und Kraftfuttermittel trafen in
einem grossen Brettwagen auf dem Büttnerschen Gehöfte ein. Der Fuhrmann übergab
einen Lieferschein, der am Kopfe die Firma Samuel Harrassowitz trug. Der
Büttnerbauer begriff nicht, was das heissen solle. Er hatte doch mit Edmund
Schmeiss gehandelt und nicht mit Harassowitz. Der Kutscher, den der Bauer darüber
ausfragen wollte, wusste auch keinen Bescheid zu geben. Er sei von der Firma S.
Harrassowitz beauftragt, seine Fracht hier abzuladen. Es waren Säcke mit
Chilisalpeter und Knochenmehl und ein Haufen Erdnusskuchen. Der Fuhrmann liess
sich Empfangnahme vom Bauern quittieren und übergab dann einen Brief. Darin
bekannte Samuel Harrassowitz, Bezahlung für gelieferte Dünge- und
Kraftfuttermittel durch ein von Herrn Edmund Schmeiss an seine Order remittiertes
Akzept des Bauerngutsbesitzers Traugott Büttner in Halbenau empfangen zu haben.
    Der Büttnerbauer stand ratlos vor dem Papiere. Was bedeutete nun das wieder!
Wieviel schuldete er nun eigentlich und für was? Und wessen Schuldner war er?
    Der künstliche Dünger wurde vom Wagen genommen und in einer Ecke des
Schuppens untergebracht. Der alte Bauer empfand nichts als Verachtung diesen
Säcken gegenüber mit ihrem salzartigen Inhalte. Was sollte dieses Zeug seinen
Feldern nützen? Das war ja auch nur so neumodischer Unsinn. Wie konnten einige
Handvoll solchen Pulvers ein Fuder Mist ersetzen, wie neuerdings gelehrte Leute
aus der Stadt behaupteten. Mit Ingrimm betrachtete er sich diese Säcke, in denen
sein gutes Geld steckte.
    Gustav dachte anders darüber als der Vater. Er war während seiner Dienstzeit
in vorgeschrittenere Wirtschaften gekommen, als die väterliche war, und hatte
die Vorzüge der künstlichen Düngung mit eigenen Augen wahrgenommen. Er wusste
auch, zu welcher Jahreszeit und auf welche Böden man die verschiedenen
Düngerarten anzuwenden hatte. Der Vater überliess es ihm, mit dem »Zeugs«
anzufangen, was er wollte. Über dreissig Jahre hatte er gewirtschaftet ohne
dergleichen. Er war zu alt, um darin noch umzulernen.
    Auch in anderer Beziehung machte sich Gustavs Einfluss geltend. Die
Kartoffelernte hatte inzwischen ihren Anfang genommen. Der Büttnerbauer wollte,
wie in den Jahren bisher, das Ausmachen der »Apern« mit den Seinigen bezwingen.
Gustav redete ihm zu, er solle Tagelöhner aus dem Dorfe annehmen, wie die
anderen Bauern es taten. Aber der Alte sträubte sich dagegen, er scheute die
Ausgabe; ausserdem, behauptete er, würden ihm Kartoffeln gestohlen. Die Ernte zog
sich dadurch endlos in die Länge, denn ausser dem Alten, der die Furchen anfuhr,
standen nur acht Hände für das Lesen der Früchte zur Verfügung. dabei konnte man
Toni, die nicht mehr allzuweit von der Entbindung stand, kaum mehr als volle
Arbeitskraft rechnen. Der alte Bauer zankte und wetterte, dass es nicht vorwärts
rücke. Nächstens werde es frieren, und die Hälfte der Kartoffeln stecke noch im
Acker. dabei war doch sein eigener kurzsichtiger Geiz und Starrsinn der
Hauptgrund der Verzögerung.
    Da kam Gustav auf einen Gedanken; er schlug vor, Kinder von armen Leuten,
Häuslern, Einliegern, Handwerkern, die selbst kein Land hatten, zum
Kartoffellesen anzunehmen und sie mit einem bestimmten Mass von Kartoffeln zu
bezahlen.
    Der Gedanke leuchtete dem Alten ein. Auf diese Weise brauchte kein bar Geld
ausgegeben zu werden, mit dem er in letzter Zeit karger umging denn je zuvor.
Die paar »Apern«, welche die Kinder mit fortnahmen, fehlten kaum am Ertrage, und
am Stehlen wurden die Kinder auch verhindert, denn sie hatten genug zu schleppen
an dem ihnen Zuerteilten. Gustavs Plan kam zur Ausführung. Eine ganze Rotte von
Kindern armer Leute wurde angenommen, und in wenigen Tagen war die Ernte
beendigt.
    Der Büttnerbauer konnte mit dem Ertrage zufrieden sein. Die Nässe im frühen
Sommer hatte das Wachstum des Kräutichs befördert, und die Wärme und Trockenheit
des späteren Sommers war der Entwicklung der Knollen zugute gekommen. Die
Früchte waren zahlreich, gross und gesund. Ein wahrer Segen für die Armen, deren
Hauptnahrung für den Winter gesichert war. Der Keller unter der Büttnerschen
Scheune reichte in diesem Jahre nicht annähernd, um die Hackfrüchte sämtlich
aufzunehmen. Gustav gab daher seinem Vater den Rat, nur Kraut und Rüben in den
Keller zu nehmen und an Kartoffeln so viel, wie man für Haus- und Viehstand im
Winter voraussichtlich brauchen würde, das übrige aber auf freiem Felde
einzumieten. Der Bauer folgte auch darin dem Rate des Sohnes. Der plötzliche
Preissturz, den die Kartoffel gleich darauf erlitt - welcher mit der allgemein
gut ausgefallenen Ernte zusammenhing - konnte ihn belehren, dass er recht daran
getan habe. Für das Frühjahr durfte man mit Wahrscheinlichkeit auf ein Anziehen
des Preises rechnen.
    Die Herbstbestellung verlief unter günstiger Witterung. Zeitig deckten sich
die Felder mit dem zarten Grün des aufkeimenden Winterkorns. Ein milder
Späterbst gestattete es, bis tief in den November hinein zu pflügen. Als die
ersten Flocken niedergingen, konnte der Landmann dem mit Ruhe zusehen; es war
Zeit für den Schnee. Die Ernte war geborgen, der Acker vorbereitet für die
Frühjahrsbestellung und die Winterung gut aufgegangen.
    Mit dem Büttnerbauer war eine Wandlung vor sich gegangen in der letzten
Zeit. Er war milder geworden und friedfertiger gegen die Seinen. Die wilde Hast
hatte aufgehört, mit der er während des Sommers die Arbeiten betrieben hatte. Er
liess Frau und Kindern grössere Freiheit, die Weiber durften im Hauswesen wieder
schalten. Bis auf das Vieh herab erstreckte sich seine freundliche Stimmung. Die
Pferde erhielten wieder das ihnen gebührende Mass Hafer und dankten ihrem Herrn
bald dafür durch besseres Aussehen. Sich selbst gönnte der Bauer jetzt auch
wieder Schlaf und Nahrung. Die guten Folgen davon bekam zunächst die Bäuerin zu
spüren; er erschreckte sie nachts nicht mehr durch Selbstgespräche und
unheimliches Umgehen. In der Kirche war er bald wieder der Aufmerksamsten einer,
und der Pastor bekam ein freundlicheres Gesicht zu sehen als den Sommer über.
    Das waren die segensreichen Folgen von Gustavs Rückkehr ins Vaterhaus. Seit
er seinen zweiten Sohn wieder bei sich hatte, schien der Büttnerbauer wie
umgetauscht. dabei liess er es dem Jungen gar nicht mal merken, wie grosse Stücke
er auf ihn hielt und was sein Rat und seine Hilfe in der Wirtschaft ihm
bedeuteten. Über den Kopf wollte er sich den jungen Menschen auch nicht wachsen
lassen. Die natürliche Eifersucht des Alters, das sich von der Jugend
überflügelt sieht, spielte dem Vater mit. Ausserdem war Gustav nicht der Älteste.
Karl blieb auch in den geheimsten Gedanken und Plänen des alten Mannes der
Anerbe des Hofes. An dem in seiner Gegend und seiner Familie eingebürgerten
Gebrauche, dem ältesten Sohne das Gut zu überlassen, hätte er nie und nimmer
rütteln mögen. Karl sollte der zukünftige Büttnerbauer sein und bleiben, wenn
ihn auch Gustav jetzt häufig wie einen Knecht anstellte und behandelte.
    Gustav hatte auch die Ordnung der Geldverhältnisse in die Hand genommen.
Davon verstand er nur so viel, wie der gesunde Menschenverstand einem lehrt.
Denn Erfahrung in dieser Art Dingen zu sammeln, hatte er bei der Truppe kaum
Gelegenheit gehabt.
    Er tat, vom richtigen Naturtrieb geleitet, das Vernünftigste, was bei der
Lage seines Vaters getan werden konnte, er zählte zunächst einmal die sämtlichen
Schulden zusammen und stellte ihnen gegenüber die Einnahmen auf, die man als
sicher erwarten durfte. Dann entwarf er eine Art von Schuldentilgungsplan. Die
Weihnachtszinsen hoffte er mit Hilfe des noch unverkauften Hafers zu decken, für
den Ostertermin sollten die Kartoffeln bleiben. Wenn Hafer und Kartoffeln nur
einigermassen Preis bekamen, hoffte er auf Überschüsse. Freilich, so viel, wie
nötig war, um den Wechsel bei Samuel Harassowitz zu decken, würde auf keinen
Fall übrig bleiben. Da mussten eben noch andere Quellen aufgetan werden.
Vielleicht liess sich in diesem Winter etwas mehr aus dem Walde nehmen als sonst.
Dann allerdings mussten die letzten Bäume, die dort noch standen, dran glauben.
Auch daran dachte er, die zwei Schweine, welche die Bäuerin gewöhnlich um
Weihnachten herum schlachtete, die Speck und Schinken für das ganze Jahr
hergeben mussten, zu verkaufen, statt sie ins Haus zu schlachten. Sowie die
Schweine nicht mehr im Stalle wären, würde ja auch Milch übrig sein, und dann
konnte mehr gebuttert werden. Das Stroh, welches von der Kornernte her reichlich
vorhanden war, musste auch in Rechnung gezogen werden. So gab es schliesslich eine
ganze Anzahl Dinge, die, wenn richtig verwertet, eine Einnahme abwerfen konnten.
    Bei dieser Aufstellung war allerdings nicht in Rechnung gezogen die
gekündigte und in naher Zeit fällige Hypotek von Gustavs Onkel, Kaschelernst.
Woher das Geld zur Deckung dieser Forderung beschafft werden sollte, wusste
Gustav ebensowenig wie der alte Bauer selbst. Als der junge Mann zum
Haferverkauf nach der Stadt gefahren war, hatte er sich dort unter der Hand
erkundigt, ob und unter welchen Bedingungen die Hypotek unterzubringen sei.
dabei hatte er sich überzeugen müssen, dass solide Geschäftsleute mit Hypoteken
an so gefährdeter Stelle nichts zu tun haben wollten. Von einer Seite zwar wurde
ihm das Geld geboten, aber unter so übertriebenen Zinsbedingungen, dass er
Halsabschneiderei witterte und von dem Geschäfte absah.
    Gustav gab sich jedoch dieser Forderung wegen nicht allzu schweren
Besorgnissen hin. Er konnte sich nicht denken, dass sein Onkel Ernst machen würde
mit dem Ausklagen. Nicht etwa, dass er Kaschelernst eine solche Härte gegen den
eigenen Schwager nicht zugetraut hätte; er kannte den Kretschamwirt nur zu gut.
Nein, er glaubte, dass der es nicht wagen würde, den Bauern zum äussersten zu
treiben. Er musste doch am besten wissen, dass bei dem Schwager nichts zu holen
war. Klagte er, so kam es zum Zusammenbruch, und Kaschelernst verlor dann seine
Hypotek, für die er bisher die Zinsen stets richtig erhalten hatte. Dass der
Kretschamwirt daran denken könne, auf Erwerb des Bauerngutes selbst zu
spekulieren, nahm Gustav nicht an. Weder Kaschelernst noch der Sohn waren
Landwirte, und sein schlauer Onkel würde sich wohl hüten, zu dem, was er schon
hatte, sich noch die Last eines grösseren Besitzes aufzubürden.
    Er nahm daher die Kündigung der Kaschelschen Hypotek, die dem alten Bauern
so schweres Ärgernis bereitet hatte, gar nicht ernst. Das war wohl nur ein
Schreckschuss oder ein schlechter Witz, den sich der schadenfrohe Kretschamwirt
zu seinem besonderen Ergötzen gemacht hatte.
    Gustav ging hin und wieder in den Kretscham, um die Stimmung dort zu
ergründen. Der Onkel behandelte ihn stets mit ausgesuchter Zuvorkommenheit. Er
lächelte und zwinkerte, sobald er des Neffen ansichtig wurde, in seiner
närrischen Weise. Aber aus ihm herauszubekommen war nichts. Sowie Gustav
ernstaft von Geschäften zu sprechen anfing, begann er zu lachen, dass ihm
manchmal die wirklichen Tränen aus den Augen liefen; so verstand er es, die
Sache ins Lächerliche zu ziehen und den Neffen hinzuhalten.
    Wenn nicht die stete Sorge um die Vermögenslage seiner Familie gewesen wäre,
hätte Gustav in jener Zeit ein glückliches und gemächliches Leben führen können.
    Wintersanfang ist eine der ruhigsten Zeiten für den Landmann. Sobald die
weisse Decke die Fluren bedeckt, kann er von seinen Werken ausruhen und dem
lieben Gott die Sorge um die Saaten überlassen. In dieser Zeit, wo die ganze
Natur auszuruhen scheint vom Schaffen und Hervorbringen, wo alle jene
treibenden, nährenden, in Saft und Frucht schiessenden Triebe gleichsam
eingefroren sind, hält auch der Bauer eine Art von Winterschlaf. Mehr als andere
ist er ja verwandt mit der Erde, die er bebaut. Er hängt mit ihr zusammen wie
das Kind mit der Mutter vor der Trennung. Er empfängt von ihr geheimnisvolle
Lebenskräfte, und ihre Wärme ist auch die seine.
    Ohne Arbeit war freilich auch der Winter nicht. Da gab es Schnee auszuwerfen
auf den Wegen. Dann war die Holzarbeit. Der Büttnerbauer machte sich mit Hilfe
seiner beiden Söhne daran, die einzelnen übergehaltenen Kiefern und Fichten zu
fällen, die gefällten zu Klötzern zu schneiden, die Wipfel und Äste zu
Reisighaufen aufzuschichten. Was an verkrüppeltem Holze da war, das nicht zu
Nutzzwecken verwertet werden konnte, wurde in den Schuppen gebracht und dort in
Scheite gespalten und zu Brennholz zerkleinert.
    Es gab einen harten Winter. Das Feuer im Kochherde, der gleichzeitig Ofen
für die Wohnstube war, durfte nicht ausgehen. Kohlen zu verwenden, betrachtete
der Bauer als Verschwendung; wozu wuchsen denn auch die Bäume im Walde! So wurde
denn tüchtig Holz verkachelt. Zu lüften hütete man sich wohl, damit ja nicht
etwas von der kostbaren Wärme entfliehe. Gegen Öffnen durch vermessene Hände
waren die Fenster übrigens wohl verwahrt. Im Herbst schon hatte man die
Fensterstöcke und -rahmen mit Moos, Laub, Stroh und Nadelzweigen sorgsam
versetzt. So war das ganze Haus in einen schützenden Mantel gekleidet, welcher
der Winterkälte den Zugang verwehrte, zugleich aber auch die frische Luft
ausschloss.
    Der Tag begann spät, erst gegen sieben Uhr dämmerte es ja, und der
Büttnerbauer drückte jetzt ein Auge zu wegen des späteren Aufstehens. Wenn das
Vieh um sechs Uhr früh sein erstes Futter hatte, war er zufrieden. Um vier Uhr
nachmittags fing der Abend schon an. Lampen wurden nicht gebrannt, der Ersparnis
halber, nur Laternen und Unschlittkerzen. Wozu brauchte man auch Helligkeit! Das
Kochen, Aufwaschen und Buttern konnte in den paar Tagesstunden vorgenommen
werden. Zum Essen sah man auch im Halbdunkel genug. Gelesen oder geschrieben
wurde nicht. Andere Bedürfnisse kannte man kaum. Mit den Hühnern wurde zu Bett
gegangen. Man dämmerte so dahin, schläfrig und schweigsam.
    Terese war die einzige, die manchmal mit ihrem scharfen Mundwerke, das auch
im Winter nicht eingefroren zu sein schien, etwas Erregung in dieses dämmerige
Dasein brachte. Vor allem an ihrem Gatten zankte sie herum, der meist mit der
Tabakspfeife im Munde hinter dem Ofen zu finden war. Karl war im Winter schlimm
daran, da konnte er sich der Kälte wegen nicht auf den Heuboden oder ins Freie
retten. Die Ofenhölle war nur eine schlechte Zufluchtsstätte vor der Galle
seiner Ehehälfte.
    Gustav wohnte zwar daheim, war aber auch viel in der Behausung der Witwe
Katschner zu finden. Für diesen Haushalt musste er den fehlenden Mann ersetzen.
Holzhacken, Wasserholen, all die schweren Arbeiten nahm er auf sich. Pauline
hatte für den Winter wieder das Weben aufgenommen. Sie ging mit geheimer Freude
an die Arbeit; sie wusste ja, wem das zugute kam, was sie jetzt webte.
    So teilte Gustav seine Zeit und seine Kräfte zwischen den beiden Familien.
Die Seinigen hatten sich darein gefunden, in Katschners Pauline Gustavs
Auserwählte zu erblicken. Trotzdem fand ein Verkehr zwischen den Bauersleuten
und dem Mädchen nicht statt. Man fragte nicht danach, wann Hochzeit sein sollte.
Das war Sache der beiden; nicht einmal mit den eigenen Eltern sprach Gustav
darüber.
                                     * * *
    Der Büttnerbauer war kein Träumer. Seine Interessen waren der strengen und
nüchternen Wirklichkeit zugewandt, und zum Spintisieren und Phantasieren liess
ihm sein angestrengtes Tagewerk keine Zeit übrig. Aber eins steckte tief in
seinem Wesen: er lebte viel mit seinen Gedanken in der Vergangenheit, sie war
ihm ein steter Begleiter der Gegenwart, der mit beredtem Munde zu ihm sprach.
Dieser Hang zum Rückwärtsblicken und Beschauen des Vergangenen wurde in ihm
bestärkt durch die Vereinsamung, in der er sich befand. Denn obgleich er eine
zahlreiche Familie um sich heranwachsen sah, war dieser Mann doch allein, wollte
es sein. Er scheute jede Mitteilung seines Innersten anderen gegenüber, auch
wenn sie von seinem Fleisch und Blute waren. Aber mit den Dahingeschiedenen
stand er in lebendiger Beziehung.
    Sein erstaunlich frisches Gedächtnis unterstützte ihn darin. Er vermochte
sich Erlebnisse und Personen aus der frühesten Jugend vor die Seele zu stellen,
als seien sie gestern gewesen. Aussprüche der Eltern, ja selbst des Grossvaters,
konnte er mit wörtlicher Treue wiedergeben, obgleich der Alte vor nahezu fünfzig
Jahren das Zeitliche gesegnet hatte. Er war imstande, mit untrüglicher Gewissheit
anzugeben, an welchem Tage in einem bestimmten Jahre man das erste Heu
eingefahren hatte, oder was ihm damals für eine Kuh bezahlt worden war, oder
auch, wieviel der Roggen in dem und dem Monate gegolten hatte.
    Die Vergangenheit bildete aber nicht bloss den vielbetrachteten Hintergrund
seines Daseins, sie wirkte geradezu entscheidend auf seine Entschliessungen ein.
Er war gebunden in seinem Willen an Taten und Absichten seiner Vorfahren. Ohne
sich dessen selbst recht bewusst zu werden, liess er sich leiten von frommer
Rücksicht auf Wunsch und Willen jener Entschlafenen, die für ihn eben
Gegenwärtige waren.
    dabei sprach er fast nie von der Vergangenheit. Das Sprechen, soweit es
nicht einem bestimmten praktischen Zwecke diente, erschien ihm überhaupt müssig.
Das Reden um der Aussprache willen, die süsse Erleichterung des Gemütes durch
Mitteilung erachtete er als weibisch.
    Am ehesten liess er noch etwas von seinen Gefühlen seinem Sohne Gustav
durchblicken, der von der ganzen Familie seinem Herzen am nächsten stand. Das
hatte seinen besonderen Grund. Der alte Mann glaubte in diesem Sohne etwas von
dem Wesen des eigenen Vaters wieder lebendig werden zu sehen. Die Ähnlichkeit
bestand in der Tat zwischen Enkel und Grossvater. Aber auch sonst gab es
verwandte Züge zwischen den beiden. Wenn der Bauer diesen Sohn auf Feld und Hof
schalten und walten sah, mit energischen Befehlen die Geschwister anstellend,
überall selbst mit Hand anlegend, voll Eifer und Lust an der Arbeit, dann wurde
der alte Mann an den Vater erinnert, der für ihn noch jetzt das Muster eines
tüchtigen Wirtes bedeutete. Und so verband sich mit dem Gefühle des Vaterstolzes
für den Büttnerbauer die geheime Hoffnung, dass durch diesen Sohn der Familie
wieder eingebracht werden möchte, was sie durch schlechte Jahre und
Unglücksfälle mancherlei Art in letzter Zeit eingebüsst hatte an Vermögen und
Bedeutung.
    Jetzt im Winter, wo die Arbeit nicht auf die Nägel brannte, war mehr Zeit
als sonst, seinen Gedanken nachzuhängen. Was für Erinnerungen wurden da in der
Seele des Alten wach! was für Gestalten standen da vor seinem rückschauenden
Blicke auf und gewannen Leben! -
    Da war sein Vater: mittelgross, breitschulterig, bartlos, wie alle Büttners
vordem, blondhaarig. Er gedachte des Vaters immer, wie er ihn aus der frühesten
Kindheit in Erinnerung hatte, als eines im besten Lebensalter stehenden
blühenden Mannes. Was war das für ein Arbeiter gewesen! Mit einem Finger hatte
der den Pflug ausgehoben und umgewendet. Und dabei war er ein Grundgescheiter
gewesen. Dem hatte niemand ein X für ein U machen dürfen. Deshalb war es ihm
auch gelungen, das Seine zusammenzuhalten und zu mehren.
    Der Grossvater des jetzigen Büttnerbauern hatte diesem Sohne das Gut noch bei
Lebzeiten überlassen und sich auf das Altenteil zurückgezogen. Der alte Mann
fand sich in der neuen Ordnung der Dinge, welche durch die Bauernbefreiung und
die Gemeinheitsteilung in den bäuerlichen Verhältnissen entstanden war, nicht
mehr zurecht. Er hatte die Zeiten der Erbuntertänigkeit unter der Gutsherrschaft
und die Fronden durchgemacht. Als junger Mensch hatte er drei Jahre lang im
Zwangsgesindedienst auf dem Gutshofe gescharwerkt. Später waren von ihm die
fälligen Spanndienste für die Herrschaft abgeleistet worden. Er lebte ganz und
gar in den Anschauungen der Hörigkeit. Der Hofedienst ging allem anderen voraus.
Der Graf, sein gnädiger Herr, konnte ihm sein Gut wegnehmen, wenn er wollte, und
einen anderen an seine Stelle setzen, wie es ihm gerade passte. Der Herr hatte
die oberste Polizei- und Strafgewalt und verfügte über Leib und Vermögen seines
Untertanen.
    Das wurde nun mit einem Male alles anders. Der Bauer sollte fortan ein
freier Herr sein auf eigenem Grund und Boden. dabei fiel mit den Pflichten auch
der Schutz weg, den die Gutsherrschaft den Untertanen gewährt hatte. Viele
Leute, besonders die alten, in der Erbuntertänigkeit gross gewordenen, konnten
sich in diese Änderung der Dinge nicht finden. Sie hatten gar kein Bedürfnis
nach Freiheit empfunden. Seit Menschengedenken hatten ihre Familien Hofedienste
getan, hatten unter Obhut und Leitung des Edelmannes ihr Leben zugebracht;
Selbständigkeit und Freiheit waren für sie Worte ohne Sinn. Sie wollten es nicht
anders haben, als ihre Väter es gehabt. Der Gutsherr hatte ihre Kräfte benutzt,
hatte sie vielleicht über Gebühr angestrengt, aber er hatte auch für sie gedacht
und sie in schlimmen Zeiten geschützt. Das gebot ihm das eigenste Interesse; sie
gehörten ihm ja, waren seine Leute, ohne deren kräftige Hände sein Besitz
wertlos war. Nun sollten sie auf einmal für sich selber denken und sorgen. Sie
standen auf eigene Füsse gestellt, verantwortlich für ihre Taten. Gar manchen
fröstelte da in der neugeschenkten Freiheit, und er wünschte sich in das Joch
der Hörigkeit zurück.
    So ging es auch dem alten Büttner. Schwere Zeiten hatte der Mann gesehen.
Zweimal waren die Franzosen durch Halbenau gekommen und hatten geplündert. Was
sie übrig gelassen, nahmen die Kosaken mit, die als Verbündete kamen, aber ärger
hausten als die Feinde. Von dieser Einquartierung sollte man sich noch lange in
der Gegend erzählen. Dann kam gleich nach dem Feinde ein furchtbares Notjahr mit
Missernte und Hungersnot im Gefolge. Mancher Bauer verliess in jenen Tagen seinen
Hof und ging auf das Rittergut oder in die Stadt, um Anstellung zu finden, da er
als eigener Wirt dem sicheren Verhungern entgegensah. Da wurde vielfach lediges
Bauernland von der Herrschaft eingezogen. Der damalige Büttnerbauer sah es daher
als eine Erleichterung an, als bei der Regulierung ein Dritteil seines Gutes der
Herrschaft Saland zugeschlagen wurde. Ja, er hätte sich vielleicht von dem
mächtigen Nachbarn, der sich aus einem Beschützer über Nacht in einen
Nebenbuhler verwandelt hatte, ganz aus seinem Besitze verdrängen lassen, wenn
nicht sein Sohn gewesen wäre.
    Leberecht Büttner war im Gegensatze zu seinem Vater ein Sohn der neuen Zeit.
Er hatte die Freiheitskriege mitgemacht als Grenadier. Zweimal war er in
Frankreich gewesen, war mit Erfahrungen und voll Selbstbewusstsein aus der weiten
Welt in das Heimatsdorf zurückgekehrt.
    Zu Hause nahm er sehr bald das Heft in die Hand. Der Vater besass so viel
Vernunft, um einzusehen, dass er nichts Besseres tun könne, als der jüngeren
Kraft Platz zu machen; er ging ins Ausgedinge und lebte noch manches Jahr. Aus
alter Gewohnheit nahm er an der Feldarbeit teil und ward eine Art von Tagelöhner
bei dem eigenen Sohne. Der jetzige Büttnerbauer konnte sich noch ganz gut auf
ihn besinnen. Ein kleines, gebücktes Männchen mit schiefer Nase und
rotgeränderten Augen war er gewesen. Sein gelbgraues Haar hatte ihm in langen
Strähnen um den Kopf gestanden. Sonntags pflegte er einen blauen Rock zu tragen,
der ihm bis an die Knöchel reichte und eine braun- und grüngewürfelte Weste mit
blanken Perlmutterknöpfen. Er wusste den Enkeln mit hoher, dünner Greisenstimme
schauerliche Geschichten zu erzählen von der Franzosenzeit und der
Kosakeneinquartierung.
    Leberecht Büttner verstand es, die neugewonnene Unabhängigkeit, mit der sein
Vater nichts anzufangen gewusst hatte, vortrefflich auszunutzen. Der Aufschwung,
den die Landwirtschaft zu Anfang des Jahrhunderts genommen, die Erkenntnis der
Bodenpflege, die veränderte Fruchtfolge, die Bekanntschaft mit neuen
Kulturgewächsen begann langsam durchzusickern und verdrängte allmählich auch in
diesem entlegenen Winkel die veraltete Wirtschaftsweise der Väter. Durch die
Aufteilung der Gemeindeweide und die Einschränkung des Viehtreibens und der
Streunutzung im Walde wurde der Bauer, selbst wenn er widerwillig war, zu
vernünftigerem Wirtschaften gezwungen.
    An Stelle der Weide trat der Stall, dadurch wurde der bisher verschleppte
Mist für die Felddüngung gewonnen. Man musste Futterkräuter anbauen und mit der
Brachenwirtschaft brechen. Hand in Hand damit ging die bessere Wiesenpflege und
die Tiefkultur.
    Leberecht Büttner war der erste Bauer in Halbenau, welcher mit der
Dreifelderwirtschaft brach. Er baute eine massive Düngergrube auf seinem Hofe
und führte regelmässige Stallfütterung ein für das Vieh; trotzdem konnte man ihm
nicht vorwerfen, dass er neuerungssüchtig sei. Von dem zäh-konservativen
Bauernsinne hatte er sich den besten Teil bewahrt: wohlüberlegtes Masshalten. Er
überstürzte nichts, auch nicht das Gute. Seine Bauernschlauheit riet ihm, zu
beobachten und abzuwarten, andere die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen,
nichts bei sich einzuführen, was nicht bereits erprobt war, vorsichtig ein Stück
hinter der Reihe der Pioniere zu marschieren. Behutsam und mit Vorbedacht ging
dieser Neuerer zu Werke. Er begnügte sich mit dem Sperling in der Hand und
überliess es anderen, nach der Taube auf dem Dache Jagd zu machen.
    dabei war ihm das Glück günstig. Die jahrzehntelang gedrückten
Getreidepreise begannen auf einmal zu steigen. Der Absatz erleichterte sich
durch die neugefundenen Verkehrsmittel. Von dem ansteigenden Strome wachsender
Lebenskraft und gesteigerten Selbstbewusstseins im ganzen Volke wurde auch der
kleine Mann emporgetragen. Leberecht Büttner war im rechten Augenblicke geboren,
das war sein Glück; dass er den Augenblick zu nützen verstand, war sein
Verdienst. Er durfte zu einer Zeit wirken und schaffen, wo der Landmann, wenn er
seinen Beruf verstand, Gold im Acker finden konnte.
    So arbeitete sich dieser Mann im Laufe der Jahre aus der Verarmung zu einer
gewissen Wohlhabenheit empor. Es gelang ihm, einen günstigen Landkauf zu machen,
bei welchem er der benachbarten Herrschaft, die ihr Areal nach Möglichkeit durch
Auskaufen kleiner Leute zu vermehren trachtete, zuvorzukommen verstand. Durch
diesen Ankauf brachte er das Gut auf den nämlichen Umfang, wie es vor der
Ablösung gewesen war. Aber während das Bauerngut zur Zeit der Hörigkeit nicht
viel besser als eine Wüstenei gewesen war, hatte er es durch Fleiss und Einsicht
in eines der bestgepflegtesten Grundstücke weit und breit verwandelt.
    Leberecht Büttner starb an der Schwelle des Greisenalters eines plötzlichen
Todes. Leute, deren ganzes Sinnen und Trachten aufs Schaffen gerichtet ist,
denken meist nicht gern ans Sterben. Beim Tode dieses sorgsamen, vorbedachten
Mannes fand sich ein letzter Wille nicht.
    Traugott Büttner, sein ältester Sohn, war in vieler Beziehung nach dem Vater
geraten. Vor allen Dingen hatte er dessen Zähigkeit, Tatkraft und Emsigkeit
geerbt. Aber das Geschick solcher Söhne, welche eigenartige Väter haben, traf
auch ihn: durch die ausgeprägte Persönlichkeit des Vaters hatte die des Sohnes
gelitten. Jener hatte sich voll ausgelebt und im Egoismus der starken Natur nie
daran gedacht, dass in dem Schatten, welchen er verbreite, ein kräftiges Gedeihen
für den Nachwuchs nicht möglich sei. Er war in seinem Bereiche alles in allem
gewesen. Seine Umgebung hatte sich daran gewöhnt, bei allen wichtigen
Entscheidungen auf den Vater zu blicken, ihn denken und sorgen zu lassen.
Leberecht führte das Regiment im Hause, zunächst über den eigenen Vater, der
freiwillig vor ihm zurückgetreten war, später über die Söhne, auch nachdem sie
längst zu Jahren gekommen. Unter solchem Drucke hatte sich Traugotts Charakter
nicht frei und nicht glücklich entwickelt. Er hatte von den Tugenden seines
Vaters die Fehler. Was bei Leberecht Vorsicht war, erschien bei Traugott als
Misstrauen; während jener sparsam war und haushälterisch, war dieser zum Geize
geneigt und kleinlich. Der konservative Sinn des Alten war bei dem Sohne in
Engigkeit, die Energie in Trotz und Eigensinn ausgeartet.
    Und eines war vom Vater auf den Sohn nicht übergegangen: das Glück.
    Leberecht Büttner war ein echtes Glückskind gewesen. Er trat als junger
Mensch zur rechten Zeit auf den Schauplatz, um das väterliche Gut vor Annexion
durch Fremde zu retten, er kam als reifer Mann in Zeiten, wo Tatkraft und Fleiss
nicht umsonst vergeudet wurden. Sein Sohn war in anderer Zeit und in veränderter
Lage geboren. Er übernahm zwar ein grosses Anwesen im besten Stande, aber unter
erschwerten Bedingungen. Die Vermögenslage, in welche Traugott Büttner durch die
Erbauseinandersetzung mit seinen Geschwistern gekommen, trug den Keim einer
grossen Gefahr in sich. Alles kam jetzt auf den neuen Wirt an und auf sein Glück.
Es kamen schwere Zeiten, denen er sich nicht gewachsen zeigte. Fallende
Getreidepreise, sinkende Grundrente, dazu steigende Löhne und wachsende
Ausgaben. Ein schnelleres Getriebe im Geschäftsleben und erschwerte
Kreditbedingungen. Alles verwickelte und verschob sich. Mit dem schlichten
Verstande allein kam man da nicht mehr durch. Die Ansprüche waren gesteigert auf
allen Gebieten. Die alte Wirtschaftsweise, wo man seine Erzeugnisse auf den
Markt brachte, mit dem Erlös die Zinsen und Abgaben deckte, und was übrig blieb,
mit seiner Familie verzehrte; diese einfache Art, aus der Hand in den Mund zu
leben, war gänzlich aus der Mode gekommen. Der neumodische Bauer hielt sich
womöglich Zeitungen, las Bücher über Landwirtschaft, studierte die Börsenkurse
und die Wetterberichte. Solche Leute nannten sich dann freilich auch nicht mehr
Bauern, sondern »Ökonomen«, und liessen ihre Söhne freiwillig dienen.
    Traugott Büttner hielt am Alten fest, wie es sein Vater bis zu gewissem
Grade auch getan hatte. Leberecht Büttner aber hatte sich dem, was gut und
nützlich im Neuen war, nie verschlossen, und das tat Traugott. Er verstand seine
Zeit nicht, wollte sie nicht verstehen. Er hasste jede Neuerung von Grund der
Seele und brachte es darum niemals zu einer Verbesserung. Er glaubte, die neue
Zeit mit Verachtung zu strafen und merkte nicht, dass sie achtlos über ihn
hinwegschritt und ihm den Rücken wandte. Mürrisch hatte er sich auf sich selbst
zurückgezogen, zehrte von seinem Trotze und lebte ein glückliches Leben nur in
der Erinnerung an die »gute alte Zeit« die doch ihrerzeit auch mal neu gewesen
war.
    Manchmal freilich sah er sich doch gezwungen, in das Licht, von dem er sich
grollend abgewandt hatte, zu blicken. Um so schmerzhafter blendete ihn dann die
grelle Tageshelle der Wirklichkeit. Dann fuhr er auf aus seiner weltentfremdeten
Zurückgezogenheit und beging in heftiger Übereilung verhängnisvolle Irrtümer.
Sah er dann durch den Erfolg seines Tuns, dass er verfehlt gehandelt hatte, so
versteifte er sich gegen besseres Wissen auf sein gutes Recht. Aber im Innern
war ihm nicht wohl dabei zumute, und leicht focht ihn dann Unsicherheit und
Verzagen an. Denn wenn er auch nach aussen hin nicht um eines Haares Breite
nachgab und lieber einen Finger eingebüsst hätte, als ein Zugeständnis zu machen,
so stand er doch vor dem Richter in der eigenen Brust häufig als ein Fehlender
da. Reue und Zerknirschung war es nicht, was er da empfand. Zum Beugen war sein
Bauernnacken zu steif. Weder vor Menschen noch vor Gott liebte er es, sich als
Sünder hinzustellen.
    Des Büttnerbauern Christentum war ein eigenartig Gemächte, das vor den Augen
ortodoxer Teologen wohl als eine Art von Heidentum befunden worden wäre. Sein
Verhältnis zu Gott bestand in einem nüchternen Vertrage, der auf Nützlichkeit
gegründet war. Der himmlische Vater hatte nach Ansicht des Bauern für gute
Ordnung in der Welt, für regelmässige Wiederkehr der Jahreszeiten, gut Wetter und
Gedeihen der Feldfrüchte zu sorgen. Kirchgang, Abendmahl, Kollekte, Gebet und
Gesang, das waren Opfer, die der Mensch Gott darbrachte, ihn günstig zu stimmen.
War das Wetter andauernd schlecht oder die Ernte war missraten, dann grollte der
Bauer seinem Schöpfer, bis wieder bessere Zeit kam. Von der Busse hielt er nicht
viel. Um das Fortleben nach dem Tode kümmerte er sich wenig, sein Denken und
Sorgen war ganz auf das Diesseits gerichtet. Was der Herr Pastor sonst noch
sagte: von der Aneignung der göttlichen Gnade, dem stellvertretenden Opfertode
Christi und der Wiedergeburt im Geiste, das hörte er sich wohl mit an, aber es
lief an seinem Gewissen ab, ohne Eindruck zu hinterlassen. Dergleichen war ihm
viel zu weit hergeholt und verwickelt. Das hatten sich wahrscheinlich die
Gelehrten ausgedacht: die Studenten und die Professoren, oder wie sie sonst
hiessen. Er trug ein deutliches, höchst persönliches Bild von seinem Gotte in der
Seele. Er wusste ganz genau, wie er zu dem da oben stand; es bedurfte keines
Vermittlers, um ihn zu Gott zu führen. Manchmal in früher Morgenstunde, wenn er
auf dem Felde stand, allein, und die Welt erstrahlte plötzlich in überirdischem
Glanze, dann fühlte er Gottes Nähe, da nahm er die Mütze vom Haupte und sammelte
sich zu kurzem Gebet. Oder ein Wetter brauste daher über sein Haus und Land mit
Blitzschlag und Donnergrollen, dann spürte er Gottes Allmacht. Oder nach langer
Dürre ging ein befruchtender Regen nieder, dann kam der Allmächtige selbst
hernieder auf seine Erde. In solchen Augenblicken liess der Alte etwas wie eine
Weihestimmung in sich aufkommen. Sonst liebte er das Hingeben an Gefühle nicht.
Er war kein Beter. Des Abends beim Abendläuten nahm er aus alter Gewohnheit die
Mütze ab, sobald die Glocke anschlug, und sprach sein Vaterunser; das war aber
auch alles. Im übrigen musste der sonntägliche Gottesdienst für die Woche
aushalten.
    Je älter der Bauer wurde, desto mehr zog er sich auf sich selbst zurück,
umgab sich mit einem Mantel von Weltass und Menschenverachtung. Und je einsamer
er sich so machte, desto stärker wurde doch in ihm das Bedürfnis, welches tief
in der Brust eines jeden Menschen lebt: sein Leben über den Tod hinaus
fortzusetzen, seine Persönlichkeit nicht untergehen zu sehen, seinen Werken die
Fortdauer zu sichern, dass er nicht der Vergessenheit anheimfalle, die Erinnerung
an ihn nicht ausgelöscht werde wie die Fussspur im Sande. Wäre er eine mystisch
angelegte Natur gewesen, so hätte er sein Heil in der Gläubigkeit gesucht. Aber
er war derb und nüchtern, ein Bauer; alle seine Triebe waren der lebendigen
Wirklichkeit zugewandt. Darum konnte ihm die Seligkeit, wie sie das Christentum
versprach, wenig Trost gewähren. Ein Himmel mit rein geistigen Freuden bot ihm
keine Anziehung. Er wollte nicht Verklärung, er wollte Fortsetzung der
Wirklichkeit, an der sein Ich mit allen Fasern hing. Er war ein Sohn der Erde.
Was er hier gewesen, was er auf dieser Welt geschaffen und gewollt, sollte
ewigen Bestand haben.
    Es konnte darum keine bitterere Erfahrung für den alten Mann geben, als mit
ansehen zu müssen, wie sein Lebenswerk mehr und mehr dem Untergange
entgegensteuerte. Von allen Seiten sah er feindliche Mächte vordringen, die ihm
das entreissen wollten, was er aus der Hand seines Vaters als das köstlichste
Erbteil empfangen hatte: sein Gut. Und in seinem Kummer war ein Stachel
verborgen; ein Tropfen gab dem Kelche den bittersten Beigeschmack: der
Selbstvorwurf. Er wollte es sich nicht eingestehen, aber er musste es doch
fühlen, das wurmende und brennende Bewusstsein, dass er selbst die Schuld trug.
Solche Erkenntnis kam nur blitzartig über ihn. Er wusste die selbstklägerische
Stimmung wohl zu verscheuchen. Andere waren schuld, nicht er! die schlechten
Zeiten, die Verhältnisse. Hass gegen die Welt, das war der beste Trost, Ingrimm
das beste Schutzmittel des Trotzigen gegen die gefürchtete Reue.
    Einen wirklichen Trost hatte er, und an diesen klammerte er sich mehr und
mehr mit der verzweiflungsvollen Kraft des Sinkenden: seinen Sohn Gustav. Wenn
jemand ihn retten konnte, so war er es. Das Zeug hatte der Junge dazu. In Gustav
sah er ein Stück vom Grossvater, Leberecht, wieder lebendig werden.
 
                                 Zweites Buch.
                                       I.
Eines Tages wurde dem Büttnerbauer ein Schreiben vom Amtsgericht zugestellt. Es
war ein Zahlungsbefehl. Das Gesuch dazu war von Ernst Kaschel gestellt, welcher
Zahlung seiner siebzehnhundert Mark nebst Zinsen und Kosten verlangte,
widrigenfalls er mit Zwangsvollstreckung drohte.
    Die Nachricht schlug wie ein Blitzstrahl ein. Trotz seiner mangelhaften
Kenntnis von der Rechtspflege begriff der alte Mann doch sofort, was das zu
bedeuten habe. Nun stand es fest, dass Kaschelernst seinen Untergang wollte; dies
hier war die Waffe, mit der er ihm auf den Leib rückte. Zwangsvollstreckung und
in letzter Linie Zwangsversteigerung des Gutes, darauf hatte der Kretschamwirt
es abgesehen.
    Der Büttnerbauer hatte in seinem Leben mehr als ein Gut der Nachbarschaft
unter dem Hammer weggehen sehen. Manchen Bauern hatte er gekannt, der als
wohlhabender Mann angefangen und schliesslich mit dem weissen Stabe in der Hand
aus dem Hofe geschritten war. Zwangsversteigerung! Der Gedanke daran konnte
einem das Blut in den Adern gerinnen machen. Das war das Ende von allem! Der
Bauer, dem das geschah, war gestrichen aus der Liste der Lebenden, losgerissen
von seinem Gute, ausgerodet, hinausgeworfen auf die Landstrasse, wie man ein
Unkraut aus dem Acker rauft und über den Zaun wirft. -
    Gustav war der einzige von der ganzen Familie, mit dem der Bauer von diesem
neuesten Unglück sprach. Gustav sah sofort die Gefährlichkeit der Lage ein. Er
sagte sich, dass etwas geschehen müsse, um die angedrohte Massregel zu verhindern.
Zunächst schien es immer noch das vernünftigste, mit Kaschelernst selbst
Rücksprache zu nehmen. Am Ende liess er sich doch dazu bringen, Stundung zu
gewähren, vor allem, wenn man ihm vorstellte, dass er sein Geld bei einer
Zwangsvollstreckung kaum herausbekommen und im Falle der Versteigerung sogar
gänzlich einbüssen werde. Dadurch gewann man Frist, und währenddessen gelang es
vielleicht, von anderer Seite Hilfe zu schaffen.
    Gustav ging also noch am selben Morgen, als die Urkunde vom Gericht
eingetroffen war, nach dem Kretscham. Leicht wurde ihm der Gang nicht. Er würde
bitten müssen, auf alle Fälle sich demütigen vor den Verwandten. dabei war ihm
die ganze Familie widerlich. Seinen Onkel Kaschel hatte er nie ausstehen mögen.
Wenn er an seine Cousine Ottilie dachte, hätte ihm übel werden können. Und auch
mit seinem Vetter Richard stand er auf gespanntem Fusse, seit er ihn als Jungen
einmal windelweich geprügelt. Gustav hatte den Vetter nämlich dabei überrascht,
wie er mit dem Pustrohre nach einem Huhn schoss, das er an einen Baum angebunden
hatte als lebendige Zielscheibe. Diese Züchtigung hatte Richard Kaschel wohl
nicht so leicht vergessen.
    Gustav traf in der Schenkstube seine Cousine Ottilie. Er fragte sie ohne
Umschweife nach dem Vater. Der sei im Keller mit Richard und ziehe Bier ab,
erklärte das Mädchen, verlegen kichernd. Dann bat sie den Vetter, doch ins gute
Zimmer zu treten. Dieser Raum lag neben der grossen Gaststube und unterschied
sich von ihr in seiner Ausstattung eigentlich nur durch ein Paar schlechte
Öldrucke, welche den Kaiser und die Kaiserin darstellten.
    Hier musste Gustav Platz nehmen. Ottilie war übergeschäftig um ihn bemüht,
ihm einen Stuhl zurechtzurücken und den Tisch vor ihm mit einem Tuche
abzuwischen. dabei blinzelte sie den Vetter mit vielsagendem Lächeln von der
Seite an. Er sei von der Stadt her verwöhnt, zirpte sie mit erkünstelt hoher
Stimme, aber er müsse eben hier vorlieb nehmen mit dem, was er vorfände. Es sei
doch recht langweilig in Halbenau. Warum sich denn der Vetter nicht öfter mal
blicken lasse. Und zum Tanze sei er noch gar nicht gesehen worden im Kretscham.
Die Mädchen hier seien ihm wohl nicht sein genug? -
    Gustav antwortete kaum auf ihre Bemerkungen. Er witterte etwas von
Eifersucht in dem Wesen der Cousine. Hübsch war sie nicht mit ihrem Kropfansatz,
der langen, überbauten Figur und dem schiefen Munde, der neuerdings eine
Zahnlücke aufwies. Doch dafür konnte sie schliesslich nichts. Aber was für eine
Schlampe sie war! So herumzulaufen! Mit zerrissenen Strümpfen, zerschlissener
Taille und ungemachtem Haar. Und so was wollte die reichste Erbin in Halbenau
sein! Gustav stellte unwillkürlich Vergleiche an zwischen ihrer Schmuddelei und
der Sauberkeit, die stets um Pauline herrschte.
    Ottilie lief plötzlich hinaus. Er glaubte, es sei, um den Vater
herbeizuholen. Eine ganze Weile hatte er zu warten. Dann kam das Mädchen zurück,
aber ohne den Wirt. Sie brachte vielmehr ein Brett mit Frühstück darauf. Da
waren verschiedene Flaschen und Schüsseln. Freundlich lächelnd setzte sie das
vor den Vetter hin.
    Gustav war ärgerlich. Zwar ein Kostverächter war er nie gewesen, und bei den
Eltern ging es neuerdings schmal genug her; ein Frühstück nahm er immer gern an.
Aber von der hier bewirtet zu werden, das passte ihm ganz und gar nicht. Ihr
Anblick konnte ihm jeden Appetit verderben.
    Ottilie schien den Widerwillen nicht zu bemerken, den sie einflösste. Sie
schenkte ein, zunächst ein Glas Bier, neben das sie noch zur Auswahl ein
kleineres Glas mit rötlichem Inhalt stellte. Dann setzte sie sich ihm gegenüber
an den Tisch und sah ihm zu, wie er ass und trank, mit dem Ausdrucke innigster
Befriedigung in ihren Zügen.
    Es entging ihm nicht, dass sie sich inzwischen eine andere Taille angezogen
hatte. Er musste unwillkürlich lächeln über so viel verlorene Mühe. Schöner sah
sie in dem rot und gelb gemusterten Zeuge auch nicht aus mit ihrer flachen Brust
und der gelblichen Hautfarbe. Das Mädchen tat sein Möglichstes, um den Vetter
zum Zulangen zu bringen. Nach jedem Schlucke, den er nahm, schenkte sie nach, so
dass der Inhalt des Glases niemals abnahm.
    Gustavs gesunder Appetit hatte bald den anfänglichen Widerwillen überwunden.
Zudem fragte er sich, warum er die Torheit des Frauenzimmers nicht ausnutzen
solle. Er liess sich seines Onkels Bier, Schnaps und Schinken gut schmecken.
    Als er sich soweit gesättigt hatte, dass er nicht mehr imstande war, noch
einen Bissen herunterzubringen, schob er den Teller von sich. Ottilie sprang
auf, holte Zigarren und brannte ihm eigenhändig eine an.
    Er bat sie, dass sie nun den Vater aus dem Keller holen möge. Sie meinte
darauf, das habe ja noch Zeit. Man habe sich doch so mancherlei zu erzählen,
wenn man sich so lange nicht gesehen. dabei wechselte sie den Platz, setzte sich
an seine Seite. Das wurde ihm doch zu viel des Guten. Es bedurfte einer sehr
energischen Aufforderung von seiner Seite, dass sie sich bewogen fühlte, endlich
den Vater herbeizurufen.
    Der Wirt erschien, wie gewöhnlich, in Pantoffeln, die Zipfelmütze auf dem
Kopfe, die Hände unter der blauen Schürze. Hinter ihm sein Sohn wusste die
Haltung des Vaters vortrefflich nachzuahmen. Nach Kaschelscher Art begrüssten sie
Gustav mit Kichern und Grinsen, das sich bei jedem Worte, das gesprochen wurde,
erneuerte.
    »Ottilie! Ich nahm o eenen!« rief der Wirt. »Vun an Bierabziehn kann eens
schon warm warn. Newohr, Richard?«
    Der Sohn feixte dummdreist und schielte falsch verlegen nach dem Vetter hin.
Er mochte an die Lektion denken, die er von dem einstmals empfangen hatte.
    Gustav, um etwas zu sagen, fragte, ob Richard nicht bald zu den Soldaten
müsse. Da erhellten sich die Gesichter von Vater und Sohn gleichzeitig. Der Alte
meinte schmunzelnd: »Ar is frei gekummen. Ju, ju! Richard is militärfrei!«
Gustav sprach seine Verwunderung darüber aus, Richard habe doch seines Wissens
kein Gebrechen. »Nu, mir wussten och nischt dervon sulange. Aber der Herr
Oberstabsarzt meente, er hätte Krampfadern an linken Beene. Ju, ju! Krampfadern
taten se's heessen. Newohr, Richard? Und da wurd' 'r zuricke gestellt. Nu, ich
ha' natirlich nischt ne dadergegen, und der Junge erscht recht ne. Newohr,
Richard?« Der alte Kaschel schüttelte sich vor Lachen. Er schien es für einen
besonders genialen Streich seines Sohnes anzusehen, dass er infolge seiner
Krampfadern militäruntüchtig war. Gustav hätte gern offen heraus gesagt, was ihm
auf der Zunge lag, dass dem Bengel die militärische Zucht gewiss recht gut getan
haben würde, aber er unterdrückte die Bemerkung. Er hütete sich, in diesem
Augenblicke etwas zu äussern, was den Onkel hätte verdriessen können. Er war ja
als Bittsteller hierher gekommen.
    Er begann nunmehr mit seinem Anliegen herauszurücken. Sobald der Onkel
merkte, dass von Geschäften gesprochen werden solle, schickte er Ottilien aus dem
Zimmer. Zu Gustavs Verdrusse blieb aber Richard anwesend. Gustav sass an der
breiten Seite des Tisches, die beiden Kaschels ihm gegenüber. In den
Angesichtern von Vater und Sohn, deren Ähnlichkeit hier, wo sie so dicht
beieinander waren, in unangenehmster Weise sich aufdrängte, lauerte die
nämliche, unter blöder Miene verborgene dreiste Schlauheit.
    Sie liessen den Vetter reden. Lächelnd, hin und wieder mit den Augen
zwinkernd, hörten sie sich seinen Bericht mit an. Gustav sprach mit Offenheit.
Die missliche Lage seines Vaters war ja doch nicht mehr zu verbergen. Er
erklärte, dass, bestünde der Onkel auf seiner Forderung, der Bankrott des Bauern
sicher wäre. Dann bat er den Onkel, sich noch zu gedulden. Die Zinsen seiner
Forderung sollten pünktlich gezahlt werden, dafür wolle er sich persönlich
verbürgen. Mit der Zeit würde man auch an ein Abzahlen des Kapitals gehen. Wenn
der Onkel es aber zum äussersten treibe, dann sei das Gut verloren und damit auch
seine Forderung.
    Gustav hatte sich das, was er sagen wollte, vorher wohl überlegt. Aber, wie
das so geht, er sagte schliesslich ganz andere Dinge und brauchte ganz andere
Wendung, als er beabsichtigt. Die Ruhe der beiden, die ihn nicht mit einem Worte
unterbrachen, warf ihm seinen ganzen Entwurf über den Haufen. Er hatte sich
vorgenommen, mit Begeisterung zu sprechen, hatte den Onkel mit warmen Worten an
das Familieninteresse mahnen wollen. Sollte denn dieses Gut, das so lange im
Besitze der Familie gewesen, unter dem Hammer weggehen? Sollte der Bauer als
alter Mann von Haus und Hof getrieben werden und mit seinem grauen Haar auf das
Almosen der Gemeinde angewiesen sein? Das könne doch der Onkel nie und nimmer
verantworten! Das werde er doch nicht mit ansehen wollen! Das sei man doch der
Familie schuldig, solche Schmach zu verhindern! er habe ja doch eine Tochter aus
dem Büttnerschen Gute zur Frau gehabt; um des Andenkens der Verstorbenen willen
möge er doch seine Hilfe nicht versagen! - So etwa hatte der junge Mann zu
seinem Verwandten sprechen wollen.
    Aber er fühlte es, diesen Rattengesichtern gegenüber mit ihrer lauernden
Bosheit war jede Begeisterung weggeworfen. Durch jedes wärmere Wort musste er
sich lächerrlich machen. Er merkte, wie er immer unsicherer wurde und wie der
Widerwille gegen das, was er sagte, ihm zum Halse stieg. Was hatten denn diese
beiden da in einem fort zu nicken, zu winken und mit den Augen zu zwinkern.
Einer genau wie der andere, als bestände eine geheime Verbindung zwischen Vater
und Sohn, als verständen sie ihre Gedanken, ohne einander anzusehen. Sie
belustigten sich wohl gar über ihn? Alles was er hier vorbrachte, diente am Ende
nur ihrer anmassenden Schadenfreude zur willkommenen Nahrung!
    Ziemlich unvermittelt fragte Gustav auf einmal: Was der Onkel eigentlich
bezwecke mit seiner Kündigung? Ob er es etwa zur Subhastation des Bauerngutes
treiben wolle, um das Gut dann selbst zu erstehen?
    Kaschelernst wich dieser Frage aus, sich nach seiner Art hinter ein Lachen
versteckend. Aber der Neffe liess diesmal nicht locker. Weshalb er das Geld
gekündigt und den Zahlungsbefehl veranlasst habe, wolle er wissen. Das müsse
seinen ganz besonderen Grund haben, denn der Onkel wisse recht gut, dass der
Bauer im gegenwärtigen Augenblick nicht imstande sei, ihn zu befriedigen.
    Der Onkel fragte dagegen: Ob das nicht sein gutes Recht sei? Kaschelernst
war jetzt selbst etwas aus seinem gewohnten Gleichmut gekommen. Gustav sah ihn
zum ersten Male aus der Rolle des harmlosen Biedermannes fallen.
    Man war inzwischen auf beiden Seiten aufgestanden. Der Tisch befand sich
noch immer zwischen Gustav und den Kaschels.
    Gustav wiederholte noch einmal seine Frage, ob der Onkel den Zahlungsantrag
zurückziehen wolle.
    »Ich war an Teifel tun!« rief Kaschelernst protzig. Der Sohn kicherte dazu.
    Gustav fühlte, dass er seine Wut nicht länger bändigen könne. Er musste
irgendetwas tun, sich Luft zu verschaffen: die beiden beleidigen, die Kränkung
vergelten.
    Er presste die Stuhllehne vor sich zwischen seinen Fäusten. Jetzt hatte es
keinen Sinn mehr, diesen hier seinen Hass zu verbergen. Mit bleichen Wangen und
der keuchenden Stimme des aufsteigenden Zornes sagte er: »'s is schon gut so!
Ich hätt' mer's eegentlich denken können. Nu weiss ich's aber, wie's steht! Ihr
steckt mit dem Harrassowitz unter eener Decke. Na, Ihr seid eene schöne Sorte
Verwandte. Ich komme über Eure Schwelle nich mehr, davor seid 'r sicher! Pfui
Luder über solches Pack. - Schämt eich!« - Damit ging er, auf seinem Wege durch
das Zimmer an verschiedene Stühle und Tischkanten anrennend.
    Der Kretschamwirt lief dem Neffen nach. Von der Tür aus rief er hinter ihm
drein: »Warte mal! Wart ack, Kleener! Ich ha' noch a Wörtel mit d'r. Wenn d'r
und 'r denkt, ihr kennt mich lapp'g machen, da seit 'r an Falschen geraten. Dei
Vater is immer a Uchse gewast, ar hat keenen grössern in seinem eegnen Stalle
stiehn. Sicke dumme Karlen, die brauchen gar kee Pauerngutt. Ob sei Gutt ungern
Hammer kimmt, ob's d' ihr alle zusammde betteln gihn misst, das is mir ganz egal!
Verreckt Ihr meintswegen! Mit eich ha'ch kee Mitleed - ich ne!«
    Gustav war schon ausser Hörweite und vernahm die weiteren Schimpfreden nicht,
die ihm der Onkel noch auf die Gasse nachrief.
                                     * * *
    Gustav wollte, da er bei dem Kretschamwirt nichts ausgerichtet hatte, seinen
Onkel Karl Leberecht Büttner aufsuchen und dessen Hilfe anrufen. Freilich war
dazu eine Eisenbahnfahrt von mehreren Stunden nötig. Aber er meinte, diese
Ausgabe nicht scheuen zu dürfen, denn es blieb tatsächlich die letzte Hoffnung.
Der Onkel war wohlhabend; vielleicht konnte man ihn dazu bringen, etwas für
seinen leiblichen Bruder zu tun.
    Ehe Gustav die Garnison verlassen, hatte er sich noch einen Anzug von
dunkelblauem Stoff anfertigen lassen. Pauline fand, dass ihm die neuen Kleider
ausgezeichnet stünden. Auch einen ziemlich neuen Hut besass er und ein paar
Stiefeln, die noch nirgends geflickt waren. So konnte er denn die Reise guten
Mutes wagen. Er wollte bei den Verwandten in der Stadt nicht den Eindruck eines
Bettlers machen. Sie sollten sehen, dass sie sich der in der Heimat
zurückgebliebenen Familienglieder nicht zu schämen brauchten.
    So trat er die Fahrt an. Angemeldet hatte er sich nicht bei den Verwandten,
damit sie ihm nicht abschreiben konnten. Denn Gustav war sich dessen wohl
bewusst, dass man ihm und den Seinen nicht allzu günstig gesinnt sei von jener
Seite. Das hatte sich ja auch in der plötzlichen Kündigung der Hypotek im
Frühjahre ausgesprochen.
    Der alte Bauer hegte nicht die geringste Hoffnung, dass die Reise seines
Sohnes irgendwelchen Erfolg haben könne. Er hielt nicht viel von Karl Leberecht.
Der Bruder war ihm im Alter am nächsten gewesen von den Geschwistern. Sie hatten
sich als Jungen stets in den Haaren gelegen. Karl Leberecht war lebhaft gewesen
und geweckt, zu allerhand Streichen aufgelegt, ein »Sausewind und Würgebund«,
wie ihn der Bauer noch jetzt zu bezeichnen pflegte, wenn er von dem jüngeren
Bruder sprach. Gustav liess sich jedoch durch das Abreden des Vaters nicht irre
machen. Karl Leberecht mochte in der Jugend gewesen sein wie er wollte, er hatte
es jedenfalls zu etwas gebracht im Leben. Und er war und blieb auf alle Fälle
der Bruder des Vaters. Vielleicht schlummerte der Familiensinn doch noch in ihm,
und es bedurfte nur der richtigen Ansprache, um ihn zu wecken.
    Aus dem Briefe, welchen damals der Vetter - der wie er den Namen Gustav trug
- geschrieben! hatte, ersah er, dass das Materialwarengeschäft von Karl Leberecht
Büttner und Sohn am Marktplatze gelegen war. Dortin richtete Gustav also seine
Schritte. Nach einigem Suchen fand er die Firma, die in goldenen Lettern auf
schwarzem Untergründe weitin leuchtend prangte.
    Es war ein eigenes Gefühl für den jungen Menschen, seinen eigenen Namen auf
dem prächtigen Schilde zu lesen. Gustav ging nicht sofort in den Laden hinein,
eine geraume Weile betrachtete er sich erst das Geschäft von aussen mit
ehrfurchtsvoller Scheu. Das war ja viel grösser und glänzender, als er sich's
vorgestellt hatte.
    Das Büttnersche Geschäft bestand aus einem geräumigen Eckladen, der mit zwei
Schaufenstern nach dem Markte hinaus blickte und ausserdem noch mehrere kleinere
Fenster nach einer Seitengasse hatte. Eine reiche Auswahl von Verkaufsartikeln
lag da ausgestellt: Kaffee und Tee in Glasbüchsen, Seifen, Biskuits in Kästen,
Lichte in Paketen, Südfrüchte, Tabak, Viktualien aller Art, Spezereien, Droguen.
In dem einen der vorderen Schaufenster sass ein Chinese, der mit dem Kopfe
wackelte. Auf einem Plakate, welches Karawanentee anpries, war ein Kamel
abgebildet, von einem Araber geführt, auf dem Rücken einen mächtigen Berg von
Ballen tragend.
    Gustav stand da, staunend. Obgleich er als Soldat mehrere Jahre in einer
grösseren Stadt kaserniert gewesen, war doch das Landkind lebendig in ihm
geblieben. Alles Fremde, besonders wenn es unverständlich war, imponierte ihm
gewaltig. Die Schaufenster mit den vielen fremdartigen Dingen bestärkten ihn in
der Vermutung, dass der Onkel doch sehr reich sein müsse. Und wenn man bedachte:
der Mann stammte aus Halbenau! Hatte das Vieh gehütet und Mist aufgeladen wie
jeder andere Bauernjunge. Dann war er davongelaufen, weil's er daheim nicht mehr
ausgehalten; wohl hauptsächlich, weil sein Vater, der alte Leberecht, ihn nicht
aufkommen lassen wollte neben dem älteren Bruder und Erben des Hofes. So war er
denn in die Fremde gegangen, hatte alles Mögliche erlebt und erfahren, hatte die
verschiedensten Lebensstellungen innegehabt. Marktelfer war er unter anderem
gewesen. Als solcher hatte er in ein Grünwarengeschäft geheiratet und damit den
Grund zu seinem Vermögen gelegt.
    Ja, in der Stadt da konnte man es noch zu etwas bringen! In Gustav stieg ein
bitteres Gefühl auf, als er sich hier umsah und das Leben und Treiben ringsum
betrachtete: den Marktverkehr, die Häuserreihen, die glänzenden Läden. - Wenn
man damit die Öde der dörfischen Heimat verglich! Er fühlte sich etwas
herabgestimmt in seinem Selbstbewusstsein und seiner Zuversicht, trotz des neuen
Anzugs. Die Verwandten würden ihn doch am Ende nicht als voll ansehen. - Nachdem
er eine Weile vor dem Laden auf und ab gegangen, entschloss er sich schliesslich
doch, hineinzugehen.
    Eine ganze Anzahl junger Leute war dort tätig. Der eine von ihnen, ein
langer schmächtiger, mit einer Brille, fragte den Eintretenden, was zu Diensten
stünde. Gustav nannte seinen Namen und sagte, dass er mit dem Onkel zu sprechen
wünsche. Der junge Herr sah sich den Fremden daraufhin genauer mit forschenden
Blicken durch seine Brillengläser an. Der Vater sei leider nicht im Laden,
erklärte er.
    Also, das war der Vetter! Gustav mass den Mann, der seinen Namen trug, mit
neugierigen Blicken. Ein ziemlich grosser, hagerer Mensch von gebückter Haltung
stand vor ihm. Dem Manne sah man es nicht an, dass sein Vater auf dem Lande
geboren, dass alle seine Vatersvorfahren durch Jahrhunderte hinter dem Pfluge
hergeschritten waren. Und doch war in dieser Schulmeistererscheinung eine
gewisse Ähnlichkeit mit den Verwandten nicht zu verkennen. Die Kopfform, die
grossen Hände und Füsse, der Haarwuchs erinnerte an die Büttners von Halbenau.
    Zwischen den beiden Vettern gab es eine Verlegenheitspause. Sie waren durch
das Gefühl bedrückt, in naher Blutsverbindung zu stehen und einander doch
unendlich fremd zu sein. Man mass sich mit spähenden, misstrauischen Blicken und
wusste einander nichts zu sagen. Gustav, der Bauernsohn, verachtete im geheimen
diesen dürren Blässling, der tagein, tagaus hinter dem Ladentisch stehen und die
Kunden bedienen musste. Aber seine Verachtung war dabei nicht ganz frei von einem
gewissen Neid, den das Landkind der Überlegenheit des Städters gegenüber selten
verwindet. Und Gustav, der Mitinhaber der Firma Karl Leberecht Büttner und Sohn,
belächelte seinen Vetter vom Dorfe mit den unbeholfenen Manieren.
    Ein paar Leute vom Markt kamen herein, die bedient sein wollten. Nachdem die
Kunden abgefertigt waren, schlug der Kaufmann seinem Vetter vor, in die Wohnung
des Vaters zu gehen; der »Alte« werde wohl zu Haus sein. Er gab ihm einen
Lehrling mit, damit er den Weg finde. Unter Führung eines halbwüchsigen
Bürschchens gelangte Gustav so zur Wohnung der Verwandten.
    Mit dem Onkel fand sich Gustav schneller zurecht als mit dem Vetter. Der
Mann war wirklich sein Blutsverwandter. Der grobe, derbknochige Alte mit
bartlosem, gerötetem Gesicht und buschigem, grauem Haar sah dem Büttnerbauer
nicht unähnlich. Wäre nicht das gestickte Käppchen auf dem Kopfe, die
Safianpantoffeln und die Kleider von städtischem Schnitt gewesen, hätte man Karl
Leberecht Büttner wohl für einer Halbenauer ansprechen können. In seinem
Augenblinzeln und dem verschmitzten Lächeln kam die Bauernpfiffigkeit zum
Ausdruck. Auch in seiner Aussprache waren noch heimatliche Anklänge zu finden.
Mit derber Herzlichkeit empfing er den Sohn seines Bruders.
    Der Neffe wurde zum Niedersetzen aufgefordert, bekam ein Glas Wein
vorgesetzt und musste erzählen, zunächst über die Familie, sodann von anderen
Leuten aus Halbenau, auf die sich der alte Mann noch besann. Freilich, über
viele, nach denen der Onkel fragte, vermochte Gustav keine Auskunft zu geben;
sie waren gestorben, weggezogen, verschollen.
    Die Teilnahme, welche der Alte an den Tag legte für diese Dinge, stärkte
Gustavs Zuversicht. Der Onkel hatte noch nicht allen Sinn verloren für die
Heimat; soviel stand fest! Als der alte Mann sich nach der Lage des Gutes und
der Wirtschaft erkundigte, benutzte Gustav die Gelegenheit, ihm die Not zu
eröffnen, in welcher sich sein Vater befand.
    Karl Leberecht Büttner war sichtlich überrascht. Er schüttelte wiederholt
den Kopf. »Na so was! Na solche Sachen!« war seine Rede. Dass es mit seinem
Bruder nicht glänzend stehe, hatte er sich ja gedacht, aber dass es so schlimm
sei! ... Er seufzte; sein Gesicht nahm einen trüben Ausdruck an.
    Durch diese Anzeichen ermutigt, rückte Gustav mit seinem Ansinnen heraus:
der Onkel solle die eingeklagten siebzehnhundert Mark an Kaschelernst auszahlen
und dafür dessen Hypotek übernehmen.
    Karl Leberecht runzelte die Stirn, zog die Augenbrauen in die Höhe und
blickte starr vor sich hin, die Backen aufblasend - genau wie es der
Büttnerbauer machte, wenn ihm etwas überraschend kam - dann rückte er sich auf
seinem Sitze zurecht, meinte, die Sache sei bös; liess sich Gustavs Plan aber
doch noch einmal auseinandersetzen.
    Gustav sprach mit Lebhaftigkeit und Wärme. Er redete alles, was er auf dem
Herzen hatte, herunter. Dem Onkel gegenüber wurde es ihm leicht, da stockte ihm
nicht das Wort auf der Zunge wie neulich vor den Kaschels. Er bestürmte den
alten Mann, er stellte ihm die Sache im günstigsten Lichte dar und wunderte sich
beim Sprechen selbst über die eindringlichen Worte, die er fand.
    Der Alte kratzte sich hinter dem Ohre, sprach von den schlechten Zeiten und
meinte, er habe alles Geld im Geschäfte stecken; aber er lehnte nicht völlig ab.
Seine Einwendungen wurden immer schwächer. Halb und halb schien er der Sache
gewonnen.
    Gustav frohlockte in seinem Innern; nun glaubte er gewonnenes Spiel zu
haben. Er beschloss, die Gunst der Lage auszunutzen und bat den Onkel, auch die
Zinsen und Kosten mit zu belegen.
    Der Alte sagte nicht ja und nicht nein. Die Sache schien ihm Unruhe zu
bereiten. Er lief im Zimmer umher, kraute sich den Kopf, rieb die grossen
Bauernfäuste gegeneinander, fiel beim Sprechen unwillkürlich in den Dialekt
seiner Jugend zurück; der deutlichste Beweis, dass er innerlich erregt war. »Ne
nel Su! schnell gieht das nel Ihr denkt wohl uff'n Dorfe, wir hier in der Stadt,
wir hätten's Geld wie Hei. Wenn's eich schlacht gieht, mit uns stieht's erscht
racht schlacht mit'n Geschäften. Wenn de Bauern, und se kommen nich in de Stadt
zum Einkaufen, das merken mir gar sehre im Handel. Geld is gar keens da. Und nu
gar ich! Wenn ich auch gerne mechte, und ich wollte Traugotten helfen, kann ich
denn, wie ich mechte! Unser Geschäft! - Nu ja, die Firma Büttner und Sohn kann
sich sehen lassen.«
    Hier machte er in seinem Rundgange Halt und fragte den Neffen, ob er sich
den Laden angesehen habe. Gustav bejahte und gab seiner Bewunderung
unverhohlenen Ausdruck. Dem Alten tat das sichtlich wohl, er schmunzelte über
das ganze Gesicht. »Und da sollt'st de erscht mal unser Lager sahen!« rief er.
»Hernachen da wird'st de Maul und Nase ufreissen. Na, Gustav mag dr's mal zeigen
's Lager. So was gibt's in Halbenau freilich nich!« -
    Karl Leberecht hegte noch die naive Freude des Emporkömmlings an seinem
Glücke. Es war ihm ein Genuss, sich dem armen Verwandten gegenüber in seinem
Wohlstande und Überflusse zu zeigen. Er sprach von dem Umsatze, den er jährlich
habe, von den Leuten, die er beschäftige und den Löhnen, welche er zahle, er
brüstete sich mit seinen Geschäftsverbindungen. Dann erzählte er wie er von ganz
klein angefangen, mit nichts. Er rühmte sich seiner armseligen Herkunft und
kargte nicht mit Selbstlob. Seiner Tüchtigkeit allein verdanke er es, dass er
jetzt so dastehe. Er wolle dem Neffen mal auseinandersetzen, warum der
Büttnerbauer und der ganze in Halbenau zurückgebliebene Teil der Familie es zu
nichts gebracht habe. dabei stellte er sich protzig vor Gustav hin, und legte
ihm die Hände auf die Schultern: »Siehste! Ihr Pauern megt noch so sehr schuften
und würgen, ihr megt frih ufstehn und den ganzen Tag uf'n Flecke sein, ihr megt
sparen und jeden Pfeng umdrehn, wie dei Vater 's macht, das nutzt eich alles
nischt! Ihr bringt's doch zu nischt, ihr Pauern! Vorwärts kommt ihr im Leben
nich, eher rückwärts! Und das will ich dir sagen, woran das liegt: das liegt
daran, dass ihr nich rechnen kennt. Was a richtiger Pauer is, der kann nich
rechnen. Und wer nicht rechnen kann, der versteht och von Gelde nischt, und zu'n
Geschäfte taugt er dann schon gar nischt. Heitzutage muss eener rechnen kennen;
das is die Hauptsache. Sieh mich amal an! Ich bin in Halbenau uf de Schule
gegangen. Ich ha och nich mehr gelernt als dei Vater. Ich war rechter Nichtsnutz
als Junge, das kannst de globen! Aber, siehst de, rechnen hab ich immer gekunnt.
Da war ich immer a Lumich! Siehst de! Und! dadermit ha ich's gemacht. Damit ha'
ich mich durch de Welt gefunden. Und wer bin ich jetzt, und was seid ihr! -
Darum werd't ihr Pauern 's och nie nich zu was bringen, weil, dass ihr nicht
ordentlich rechnen kennt.«
    Gustav, für den diese Auseinandersetzung nicht gerade schmeichelhaft war,
fühlte doch keine Veranlassung, dem Onkel zu widersprechen. Er kannte nur einen
Wunsch, die Zusage von dem Alten zu erlangen; darum musste man ihn bei guter
Laune zu erhalten suchen. Er kam wieder auf sein Verlangen zurück.
    Der Onkel klopfte ihm auf die Schulter und lächelte ihn freundlich an. Er
wolle sehen, was sich tun lasse, meinte er, und er sei nicht so einer, der seine
Blutsverwandten im Stiche lasse; aber eine bindende Zusage gab er nicht. Er
könne nichts Bestimmtes versprechen, erklärte er schliesslich, von Gustav
gedrängt; da hätten noch andere ein Wort mitzusprechen.
    Im Nebenzimmer hatte Gustav zwischendurch Stimmen gehört, wie es ihm klang:
weibliche Stimmen. Und zwar schien sich eine ältere mit einer jüngeren
Frauensperson zu unterhalten. Schliesslich tat sich die Tür auf, und ins Zimmer
trat eine alte Frau: die Tante, wie Gustav richtig vermutete.
    Sie war um einige Jahre älter als ihr Gatte. Die grauen Haare trug sie unter
einer Morgenhaube mit lila Bändern. Sie musterte den fremden jungen Mann, aus
kleinen Maulwurfsaugen neugierig spähend. Ihr altes, verwelktes Gesicht nahm
sofort einen beleidigten Ausdruck an, als sie vernahm, dass er ein Büttner aus
Halbenau sei. Mit diesen Bauersleuten hatte sie nie etwas zu tun haben wollen.
Sie würdigte den Neffen keiner Anrede, nahm den Gatten beiseite und redete in
ihn hinein, wispernd und hastig, mit einer Stimme, welche durch die
Zahnlosigkeit so gut wie unverständlich wurde. Gustav konnte nicht verstehen,
was sie sagte, er merkte nur an ihrem ganzen Benehmen, dass die Tante wenig
zufrieden mit seiner Anwesenheit sei. Der Onkel schien sich vor ihr zu
entschuldigen. Sein Wesen machte nicht mehr den zuversichtlichen Eindruck wie
zuvor. In ihrer Gegenwart erschien er minder selbstbewusst, ja geradezu
kleinlaut.
    »Pfeift der Wind aus der Ecke!« dachte Gustav bei sich. Also der Onkel war
nicht Herr im eigenen Hause! Da musste er freilich für das Gelingen seiner Pläne
zittern.
    Bald kamen auch noch die anderen Mitglieder der Familie herbei: der Vetter,
welchen Gustav vom Laden her kannte, und eine Cousine. Eine Anzahl anderer
Kinder hatte geheiratet und befand sich ausser dem Hause. Die Cousine war das
jüngste Kind der Ehe und stand im Anfang der zwanzig. Sie hätte können hübsch
sein, wenn sie nicht die kleinen, versteckten Augen der Mutter geerbt hätte.
Auch sie hatte kaum einen Gruss für den Vetter übrig. Das war die richtige
Stadtdame! Mit ihrer engen Taille, der hohen Frisur und den wohlgepflegten
Händen. Wenn Gustav damit seine Schwester verglich - und das war doch
Geschwisterkind! -
    Es wurde ihm plötzlich sehr unbehaglich zumute. Mit diesen Leuten hatte er
kaum etwas mehr gemein als den Namen. Die ganze Umgebung mutete ihn fremd an:
die polierten Tische, die Spiegel, die Samtpolster. Überall Decken und Teppiche,
als schäme man sich des einfachen Holzes. Dort stand sogar ein Piano, und auf
einem Tischchen lagen Bücher in bunten Einbänden. Wie konnten sich die Leute nur
wohlfühlen, umgeben von solchem Krimskrams! Man musste sich ja fürchten, hier
einen Schritt zu tun oder sich zu setzen, aus Angst, etwas dabei zu verderben.
Das war doch ganz etwas anderes daheim in der Familienstube. Da hatte jedes Ding
seinen Zweck. Und auch mit den Leuten war man da besser daran, so wollte es
Gustav scheinen; weniger sein waren sie allerdings als diese, aber sie waren
offen und einfach und nicht geziert und heimlich wie die Sippe hier!
    Es wurde zu Tisch gegangen. Gustav sass neben dem Onkel. Das war sein Glück;
denn der hatte doch hin und wieder ein freundliches Wort für ihn. Die Tante liess
es bei missgünstigen Blicken bewenden. Vetter und Cousine unterhielten sich die
meiste Zeit über mit einem Eifer, als bekämen sie sich sonst niemals zu sehen.
Dem Tone ihrer Unterhaltung merkte man die Schadenfreude an, darüber, dass der
dumme Bauer doch nichts von dem verstehen könne, wovon sie sprachen.
    Gustav dachte im stillen, dass die Teller wohl nicht so oft gewechselt zu
werden brauchten, aber, dass es dafür lieber etwas Handfesteres zu beissen geben
möchte. Ein Mädchen ging herum mit weissen Zwirnhandschuhen und einer Schürze
angetan. Sie trug die Speisen vor sich auf einem Brette. So oft sie anbot, sagte
sie: »Bitte schön!« Gustav fand alles das äusserst sinnlos. Von der Kaserne und
dem Elternhause her war er gewöhnt, dass man, ohne viel Umstände zu machen, aus
einem Napfe ass und sich setzte und aufstand nach Belieben. Aber hier war man an
seinen Stuhl gebannt, musste warten und schliesslich mit kleinen, zugemessenen
Portionen seinen Hunger stillen. Die Cousine rümpfte überlegen die Nase, als er
während des Essens um ein Stück Brot bat, und zwar um ein grosses, weil das seine
schon alle geworden sei.
    Nach Tisch, als man beim »Stippkaffee« beisammen sass, kam noch ein junger
Mann hinzu, der Bräutigam der Cousine. Ein geschniegeltes Herrchen, um einen
Kopf kleiner als die Braut, welcher die Büttnersche Körperlänge eigen war. Der
wohlpomadisierte junge Mann, mit einer bunten Weste über dem Schmerbauche, riss
äusserst verwunderte Augen auf, als er einen Fremden in der Familie vorfand. Er
beruhigte sich jedoch, nachdem er in einer Fensternische von seiner Braut
genügende Aufklärung über Gustavs Persönlichkeit erhalten hatte.
    Später zogen sich die Frauen zurück, damit die Männer von Geschäften
sprechen könnten. Frau Büttner hatte zuvor noch ihrem Gatten mit wispernder
Stimme Verhaltungsmassregeln gegeben.
    Gustav befand sich allein mit Onkel, Vetter und dem korpulenten Bräutigam.
Man schien zu erwarten, dass er sprechen solle. Er merkte sehr bald, dass es ganz
etwas anderes sei, vor diesen hier sein Anliegen vorzutragen, als am Morgen, wo
er den Onkel allein hatte. Er fing einen Blick auf, den sich Vetter und
Bräutigam zuwarfen.
    Nachdem Gustav eine Weile gesprochen, nahm der Vetter das Wort. Gustav möge
sich nur nicht weiter bemühen, sagte er, man werde auf seinen Plan nicht
eingehen. Dann setzte er auseinander, warum das Geld nicht gegeben werden könne,
ja, dass es ein »sträflicher Leichtsinn« sein würde, wenn man es geben wolle. Er
sprach in Ausdrücken, die der Bauernsohn kaum verstehen konnte. Das Geld würde
»a fond perdu« gegeben sein; von »non valeurs« und »Damnen Hypoteken« sprach
er; man dürfe nicht »Lebendiges auf Totes legen« erklärte er mit wichtiger
Miene.
    Der fette Bräutigam nickte Beistimmung, und Karl Leberecht lauschte mit
einer gewissen Bewunderung den Auseinandersetzungen seines Sohnes. Er war stolz
auf den Jungen, der so gelehrt sprechen konnte. Der war freilich auch auf der
Handelsschule gewesen; von dort stammten seine schlechten Augen und die fremden
Ausdrücke.
    Das Ende war, dass Gustavs Anliegen im Familienrate abgeschlagen wurde. »Wir
können es nicht verantworten, so viel Geld aus dem Geschäfte zu ziehen und in
einer verlorenen Sache anzulegen,« so redete Karl Leberecht schliesslich seinem
Sohne nach.
    Gustav zog unverrichteter Sache ab. Im letzten Augenblicke, als er sich
schon verabschiedet hatte, im Halbdunkel des Flurs, steckte ihm der Onkel noch
hastig etwas zu, ohne dass es die anderen bemerkt hätten. Es war, wie sich später
bei näherer Besichtigung ergab, ein Kistchen extrafeiner Havannazigarren.
                                     * * *
    Nach solchen Erfahrungen sagte sich Gustav, dass an eine Erhaltung des
Bauerngutes nicht mehr zu denken sei. Er war auf den väterlichen Hof
zurückgekehrt und half dem alten Manne nach wie vor in der Wirtschaft, aber im
stillen war er mit sich selbst ins reine gekommen, dass er sein Geschick von dem
der Familie trennen müsse. Er stand nicht allein da, es gab Personen, die ihm
noch näher standen als Eltern, Bruder und Schwestern; er musste vor allen Dingen
für die sorgen, die auf ihn als ihren alleinigen Ernährer blicken durften: für
Pauline und den Jungen. Er war bereits beim Standesbeamten und beim Pastor
gewesen und hatte gemeldet, dass er im Frühjahr seine Braut zu ehelichen
beabsichtige.
    Aber als Eheleute brauchten sie ein Heim. Auf dem Bauerngute konnte er mit
Frau und Kind nicht leben, das war klar. Der Versorger einer Familie musste einen
festen Beruf haben. Das Gefühl wachsender Verantwortung lastete schwer auf dem
jungen Mann, machte ihn unsicher in seinen Gefühlen und unstät in seinen
Handlungen. Er ging viel in der Nachbarschaft umher, fragte, horchte hierhin und
dahin, blickte auch in die Zeitungen, immer in der Erwartung, dass er etwas
finden möchte, was ihm zusagte. Er wollte einen Dienst annehmen; welcher Art,
das wusste er nicht einmal bestimmt. Mit allerhand abenteuerlichen Plänen trug er
sich; sogar ans Auswandern dachte er.
    Pauline hörte ihm ruhig zu, wenn er seine Zukunftspläne entwickelte. Sie
wusste ihn zu trösten und aufzuheitern durch die nie versiegende Güte ihres
Wesens. Das Mädchen liess sich von seinen Sorgen nicht anstecken. Seit sie seiner
sicher geworden, war grosse Ruhe über ihr Gemüt gekommen. Als echte Frau vergass
sie in unsicherer Zeit nicht die Besorgung des Nächstliegenden. Jetzt galt ihr
ganzes Sinnen und Trachten der Beschaffung ihrer Ausstattung. Wo sie wohnen und
leben würde, das wusste noch niemand; aber das war auch beinahe nebensächlich!
Das eine stand fest - das war das grosse Ereignis ihres Lebens, der köstliche
Preis ihrer Liebe und Treue durch so viele Jahre -, dass sie ein Paar wurden. Sie
war ihm von ganzem Herzen dankbar dafür, dass er ihr doch die Treue gehalten.
Wenn er jetzt auch manchmal unwirsch war und schlechte Laune zeigte, das
beachtete sie kaum; dergleichen konnte sie nicht einen Augenblick an ihm irre
machen. Sie liebte nicht mehr mit jener jungen, heiss aufwallenden und leicht
gekränkten ersten Leidenschaft; ihre Liebe war die gesättigte, bewährte des
befriedigten Weibes, das nur noch eine Sorge kennt, den Vater ihres Kindes
dauernd als ihr Eigentum zu halten. Sie hatte ihren geheimen Ehrgeiz. Sie wollte
nicht, dass Gustav sie ganz ohne Aussteuer nehmen solle. Wenn bei ihrer Armut das
Brautfuder auch nur klein sein konnte, ganz mit leeren Händen wollte sie nicht
kommen. Man sah sie in jener Zeit viel mit Schere, Zwirn und Elle beschäftigt,
und Leinwand und bunte Stoffe lagen in ihrer bescheidenen Kammer ausgebreitet. -
    Die Kunde war zu Gustav gedrungen, dass auf dem Rittergute die Stelle eines
ersten Kutschers frei geworden sei. Er ging sofort hinüber, um sich darum zu
bewerben. Die Nachricht erwies sich als ein falsches Gerücht. Der jetzige
Kutscher dachte nicht daran, seinen gut bezahlten Posten aufzugeben. Bei dieser
Gelegenheit lernte Gustav den gräflichen Güterdirektor, Hauptmann Schroff,
kennen.
    Gustav hatte den Namen dieses Mannes mehr als einmal nennen hören. Der alte
Bauer pflegte seine grimmigste Miene aufzusetzen, wenn er von ihm sprach. Der
treibe seinem Herrn die kleinen Leute vors Gewehr wie die Hasen, behauptete er.
Von anderer Seite wieder hatte Gustav günstigere Urteile gehört. Er sei
menschenfreundlich und vertrete seine Arbeiter der Herrschaft gegenüber, hiess
es. Eine Anzahl neuer Arbeiterwohnungen, die erst kürzlich an Stelle der
bisherigen elenden Baracken errichtet worden waren, redeten das Lob des
Güterdirektors.
    »Sind Sie etwa ein Sohn des alten Büttnerbauern?« fragte der Hauptmann.
    »Zu Befehl, Herr Hauptmann!«
    »Gibt es denn auf dem Gute Ihres Vaters nichts für Sie zu tun?«
    Das läge so in den Familienverhältnissen, gab Gustav ausweichend zur
Antwort. Er schämte sich nämlich, dass er, der Sohn des Büttnerbauern, sich um
einen Dienst bewerben musste.
    Hauptmann Schroff betrachtete sich den jungen Menschen genauer. Seine
geweckten Züge und die stramme Haltung bestachen den ehemaligen Offizier.
    »Von Ihnen könnte man am Ende mal was Genaueres erfahren, wie es mit der
Büttnerschen Sache eigentlich steht - was?«
    Gustav meinte: Mit seinem Vater stehe es schlecht, und wenn ihm niemand zu
Hilfe käme, würde er sich wohl nicht halten können.
    »Genau, was ich Ihrem Vater vor einem halben Jahre gesagt habe! Aber, wer
nicht hören wollte, war er,« rief der Hauptmann.
    Die Unterhaltung hatte bis dahin auf dem Wirtschaftshofe des Rittergutes
stattgefunden. Der Hauptmann hatte zwischendurch einige jüngere Gutsbeamte
abgefertigt. Jetzt meinte er, Gustav möge ihn in seine Wohnung begleiten, es
liege ihm daran, näheres über die Angelegenheit zu erfahren.
    Man ging auf einem gepflasterten Gange am Stalle entlang. Der Hof bestand
aus einem länglichen Viereck. Auf der einen Langseite standen die Stallungen für
Kühe und Zugvieh, gegenüber waren Schweine und Schafe untergebracht. Quer vor
stand die mächtige Scheune mit vielen Tennen. In der Mitte des Hofes lag die
Düngerstätte, von einem Ziegelwall umgeben, eine Schwemme für das Vieh daneben.
Ein eingezäunter Raum war zum Fohlengarten bestimmt. Das geräumige Viereck wurde
abgeschlossen durch ein stattliches Haus mit Valmdach, die Meierei, in welcher
sich das gräfliche Rentamt befand. Hier wohnte auch der Güterdirektor. Die neuen
Arbeiterwohnungen bildeten eine Kolonie für sich, umgeben von Deputatland, das
durch den Fleiss der angesetzten Leute bereits in freundliche Gärten umgewandelt
worden war. Vom Schloss sah man von hier aus so gut wie gar nichts. Das lag
hinter den dichten Kronen seines Parkes verborgen, als wolle es von dieser
Stätte der Arbeit nichts sehen.
    Hauptmann Schroff bewohnte im ersten Stockwerk des Meiereigebäudes zwei
Zimmer. Die Einrichtung war einfach: lederbezogene Möbel, einige Rohrstühle, ein
Bücherbrett, ein Sekretär. Die Luft schon verriet, dass hier ein
leidenschaftlicher Raucher sein Quartier aufgeschlagen habe. An den Wänden waren
militärische Embleme zwischen Jagdtrophäen zu erblicken. Über dem Schreibtisch
hing das einzige Bild, welches das Zimmer schmückte. Es war ein sorgfältig
gemaltes Ölbild und stellte einen Landsitz dar. Ein wohnliches Haus mit einer
Veranda davor. In dem bärtigen Manne, der dort inmitten seiner Familie sass, war
der Hauptmann leicht wieder zu erkennen. Eine Frau in hellem Sommerkleide schien
die Mutter der drei Blondköpfe zu sein. Das Bild hing wohl nicht ohne Grund an
dieser Stelle. Vom Sofa aus, vom Sorgenstuhl, vom Schreibsessel - wo immer der
Bewohner dieses Zimmers sitzen mochte der Ruhe pflegend, oder bei der Arbeit,
wenn er den Blick erhob, musste er auf dieses Bild fallen.
    Hauptmann Schroff war Witwer schon seit einigen Jahren. Die Blondköpfe des
Bildes waren jetzt erwachsene Menschen und mussten gleich ihm die Füsse unter
fremder Leute Tischen wärmen.
    Der Hauptmann bot Gustav Platz an. Dann holte er sich eine Pfeife aus der
Ecke, die bereits gestopft war und auf ihn dort gewartet zu haben schien. Mit
Hilfe von Streichholz und Fidibus zündete er sie an und begann mächtige
Dampfwolken zu entwickeln. Darauf warf er seine lange Gestalt in den Sorgenstuhl
schlug die Beine übereinander und meinte: »Na, nu erzählen Sie mir mal, Büttner!
Ihr Vater ist ein alter Brummbär. Wenn man dem Manne was Gutes tun will,
schnappt er womöglich noch nach einem. Sie sehen mir aus, als ob Sie
vernünftiger wären - he!«
    »Zu Befehl, Herr Hauptmann!«
    Der Mann hatte sofort Gustavs ganzes Herz gewonnen. Er nahm kein Blatt vor
den Mund, berichtete das Familienunglück, wie es gekommen war, von Anfang an,
soviel er davon wusste: die Erbteilungsangelegenheit, die Überschuldung des
Gutes, der Kampf des Vaters mit der Ungunst der Verhältnisse, Unglücksfälle,
notwendige Anschaffungen, wachsende Ausgaben, schliesslich völlige Verstrickung
in die Netze der Gläubiger.
    Hauptmann Schroff strich sich mit der Hand über den Bart, rückte unruhig in
seinem Stuhle hin und her, wechselte die Beine und stiess Wolke auf Wolke in die
Luft, zwischendurch seufzte er; es schien, als ob ihn der Bericht keineswegs
gleichgültig lasse.
    Schliesslich warf er die Pfeife weg und sprang auf. Fluchend lief er im
Zimmer auf und ab. »Hatte ich mir's doch gedacht! Heiliges Kreuzdonner ......
Einem ehrlichen Menschen, der ihm helfen will, traut der Bauer ja niemals! Aber,
wenn die Sorte kommt: Harassowitz, Samuel Harrassowitz! Wo hat denn Ihr Vater
seinen Verstand gelassen, als er dem Teufel den kleinen Finger gab! Weiss denn
Ihr Alter nicht, dass dieser Jude drüben in Wörmsbach das halbe Dorf besitzt.
Alles aufgekauft und in Parzellen zerschlachtet! Nun haben wir den Blutegel
glücklich auch in Halbenau! der Marder im Hühnerstall ist nichts dagegen! Binnen
Jahresfrist ist so einem alles tributpflichtig. Es ist um ..... Was soll denn
nun werden, was soll geschehen?« Er blieb vor Gustav stehen; der zuckte mit
trüber Miene die Achseln.
    »Da seht Ihr's mal, Ihr Bauern, dass Ihr an Eurem Elend allein schuld seid!
Euch ist nicht zu helfen! Wie die Schafe rennen sie ins Feuer hinein. - Ihr
Vater ist nun ein Graukopf; man sollte denken, er hätte sich Weisheit kaufen
können, bei allem, was er erlebt hat. Und so einer geht hin auf seine alten Tage
und unterschreibt einen Wechsel beim Juden. Es ist um toll zu werden! Immer
wieder die alte Geschichte! Bei Grossen wie bei Kleinen. Dass einer mal vom
Unglücke des anderen lernte - nein! Jeder muss die Erfahrung von vorn an wieder
durchmachen, ehe er klug wird. Dann, wenn's zu spät ist, kommen die Tränen - die
Selbstanklagen - wenn's zu spät ist.«
    Der Hauptmann war während der letzten Worte stehen geblieben, seinem
Schreibtische gegenüber. Sein Blick war auf das Bild darüber gerichtet. Die
verwitterten Züge des Mannes nahmen für einen Augenblick einen tief
schmerzlichen Ausdruck an. Mit einer Handbewegung schien er das alles von sich
schleudern zu wollen. Dann setzte er seinen Rundgang fort.
    »Ja, was soll denn nun werden, Büttner?«
    »Wenn der Herr Hauptmann keinen Rat wissen« ...
    »Wenn Ihr Vater damals vernünftig gewesen wäre, als ich ihn aufsuchte;
damals war er noch frei, da hätten wir einen Handel abschliessen können. Aber
jetzt, wo ihn der Jude bereits im Sacke hat! - Mein Graf würde mich schön
auslachen, wenn ich ihm mit dem Ansinnen käme, das Büttnersche Gut freihändig zu
erstehen. Es ist ja nicht die Schulden wert, die drauf sind. Wir brauchen ja nur
die Subhastation abzuwarten; denn dazu kommt's ja doch schliesslich. Wollen wir's
haben, dann bieten wir eben mit. Ihr Vater hat unter allen Umständen das
Nachsehen. Wir wollen nur den Wald, das sagte ich ihm schon damals. Uns mit
einem Bauernhöfe belasten, dazu liegt gar kein Anlass vor. So steht die Sache.
Sie sehen, Büttner, ich kann Ihnen nicht helfen.«
    »Ich habe gehört, dass Harrassowitz eine Dampfziegelei anlegen will auf
unserem Gute,« sagte Gustav. »So eine gute Gelegenheit, hat Harrassowitz gesagt,
zu einer Ziegelei, wie bei uns, gäbe es bald gar keine wieder.«
    Gustav hatte das ohne Hintergedanken gesagt. Der Hauptmann stutzte bei
dieser Bemerkung. »Eine Ziegelei!« rief er. »Habt Ihr denn Lehm?«
    »Freilich, is Lehm da! Das haben die Leute schon oft über meinen Vater
gesagt, er wäre ein Esel, dass er keine Ziegel brennen täte.«
    »Und das hat mein Harrassowitz natürlich sofort herausgefunden!« rief der
Hauptmann in unverkennbarem Ärger über die Entdeckung. »Setzt uns da womöglich
eine Dampfziegelei direkt vor die Nase hin. Das fehlte wirklich noch zu allem!«
    Jetzt fiel es Gustav auf einmal ein, dass die Herrschaft vor kurzem eine
Ziegelei angelegt hatte. Nun begriff er den Ärger des Hauptmanns. Er war klug
genug, zu erfassen, dass dieser Umstand günstig sei, und dass man ihn ausnützen
könne. Plötzlich leuchteten neue Möglichkeiten vor ihm auf, an die er nie zuvor
gedacht hatte.
    Die Laune des gräflichen Güterdirektors hatte sich in den letzten Minuten
wesentlich verschlechtert. Er versetzte einem Stuhle, der ihm in den Weg kam,
einen Fusstritt, dass er in die äusserste Ecke flog. »Nun haben wir die Bescherung!
Alles wittert so einer aus! alles unterbietet so ein Schuft! verdirbt uns die
Preise, zieht uns die Leute ab und macht uns die Kunden abspenstig - verdirbt
die ganze Bevölkerung! Mit der Ziegelei fängt es an, dann kommt eine Stärkemühle
oder chemische Bleiche - was weiss ich! Schliesslich ist die Fabrik am Orte. Und
dann, Prosit Mahlzeit! Dann können wir mit der Landwirtschaft einpacken. Wie
ist's denn drüben in Heigelsdorf! Esse an Esse! Die Wässer verdorben, kein
Mensch mehr als Feldarbeiter zu haben; alles läuft in die Fabrik. So wird's hier
auch noch kommen. Ich sehe schon die infamen Industriespargel am Horizonte.
Alles Rauch und Kohlendunst dann! Na, da kann sich der Graf ja gratulieren, dann
hat er einen Landsitz gehabt!« -
    Gustav sagte zu alledem nichts. Im stillen war er nicht unzufrieden mit dem
Gange der Dinge. Besser konnte es ja gar nicht kommen. Wenn Herrschaft und
Händler sich schliesslich noch um das Bauerngut rissen, dann konnte ja nur sein
Vater dabei gewinnen.
    Der Hauptmann blieb abermals vor dem jungen Menschen stehen, legte ihm
vertraulich eine Hand auf die Schulter. »Nun, sagen Sie mal, Büttner! Sie sind
doch Unteroffizier gewesen und wie mir scheint, ein anständiger Kerl. Soll denn
nun wirklich Ihr alter Vater vom Gute runter und der Jude rein?« -
    Gustav meinte, mit seinem Willen geschehe das gewiss nicht. Er fing an, jenen
zu durchschauen. Ganz so selbstlos und grossmütig, wie der Herr sich anstellte,
war er wohl auch nicht. Es war schon so, wie der alte Bauer neulich in seinem
Ärger gesagt hatte: den Bauern liebten die Grossen wie die Katze die Maus. -
    »Das darf nicht zugelassen werden!« rief der Hauptmann. »Das Gut ist schon
lange in den Händen Ihrer Familie, wie ich höre - nicht wahr? - Was soll denn
werden, wenn so unter dem alten bäuerlichen Grundbesitze aufgeräumt wird! Und
wenn erst so einer, wie Harrassowitz, einen Fuss drinnen hat, dann ist er bald
Alleinherrscher. - Was Sie mir da von der Ziegelei erzählt haben, Büttner,
gefällt mir gar nicht.«
    Gustav hatte bei sich beschlossen, den Mann, der so eifrige Besorgnis für
seinen Vater an den Tag legte, beim Worte zu nehmen. Er erklärte, mit einigen
tausend Mark sei alles gut zu machen. Dann setzte er denselben Plan auseinander,
den er neulich seinem Onkel, Karl Leberecht, vorgetragen hatte. Der Herr
Hauptmann möge doch die vom Kretschamwirt, Ernst Kaschel, eingeklagte Hypotek
übernehmen, bat er schliesslich.
    »Ich, mein Lieber!« rief Hauptmann Schroff. »Ich bin ein armer Teufel wie
Sie. Nur noch schlimmer dran, weil ich bessere Tage gesehen habe. - Na, lassen
wir das! ... Jeder hat so sein Teil zu tragen. Nein, von mir erwarten Sie um
Gottes willen nichts! Ich bin nur der Vertreter meiner Herrschaft; darf nichts
anderes sein.«
    Aber vielleicht könnte sich der Hauptmann beim Herrn Grafen verwenden,
meinte Gustav. Hauptmann Schroff runzelte die Stirn und strich sich missmutig den
Bart. »Der Graf! Der ist in Berlin. Der nimmt auch lieber bar Geld ein, als dass
er es ausleiht. Wir haben's auch nicht zum Wegwerfen, wie Ihr Leute Euch
einbilden mögt. Die Ansprüche an so einen Herrn wachsen jährlich, und die
Einnahmen verringern sich. In jetziger Zeit eine schlechte Hypotek übernehmen
... Ich kann meinem Herrn mit gutem Gewissen nicht zureden.«
    Er hatte sich wieder in seinen Stuhl geworfen und sann.
    »Ihr Vater hängt wohl sehr an seinem Besitze - was?« fragte er nach einiger
Zeit.
    Gustav meinte, der Alte würde den Verlust schwerlich überleben.
    »Ja, ja, das kann ich begreifen!« sagte der Hauptmann.
    Schliesslich sprang er auf von seinem Sitze. »Ich will Ihnen mal was sagen,
Büttner! Ich werde die Sache machen! Ich will dem Grafen schreiben. Versprechen
kann ich nichts, aber ich kann wohl sagen, der Graf tut im allgemeinen, was ich
ihm empfehle. Die Verantwortung ist nicht klein, die ich auf mich nehme; aber
ich will's tun, weil ... Um der Sache willen will ich's tun.«
    Gustav ging vom Rittergutshofe mit viel leichterem Herzen, als er gekommen.
 
                                      II.
Samuel Harrassowitz sass in seinem halbverdeckten Wägelchen, in welchem er über
Land zu fahren pflegte. Auf dem Bocke der Kutscher, mit einer goldbetressten
Livree angetan, die Sam bei irgendeiner Zwangsversteigerung billig erstanden
hatte. Er war auf der Fahrt nach Wörmsbach begriffen, ein Dorf, in dem er
verschiedene Häuser und Landparzellen besass. Sein Weg führte ihn über Halbenau.
Eigentlich hatte es nicht in seinem Plane gelegen, sich hier aufzuhalten, aber
als er von weitem den Giebel des Büttnerschen Hauses winken sah, konnte er der
Versuchung nicht widerstehen, einen Abstecher dortin zu unternehmen. 'mal
sehen, wie die Dinge dort standen. Auf ein Stündchen kam es ja nicht an. Und
»stets auf dem Platze sein«, das war eines von Sams Geschäftsgeheimnissen.
    Ausserdem hatte er den Bauernhof und seine Bewohner nicht ungern.
Harrassowitz war einer gewissen Gutmütigkeit fähig. Er hasste die nicht, welche
er schädigte. Auch besass er Sinn für die Gemütlichkeit. Er vertilgte nicht
gierig; das war nicht klug, und man verdarb sich den Genuss. Er nahm sich Zeit
und machte sich öfters das Vergnügen, um seinen Baum herumzugehen, mit den
Früchten zu liebäugeln, ehe er sie schüttelte.
    Er gab dem Kutscher Weisung, von der grossen Strasse abzubiegen und hielt bald
darauf im Büttnerschen Hofe.
    Die alte Bäuerin erschien in der Haustür. Sie erschrak, als sie den Händler
erkannte, und vergass darüber ganz, ihn zu begrüssen.
    »Ist denn mein braver Büttner zu Haus?« fragte Sam.
    Die Bäuerin erklärte, er sei mit Karl im Walde, und Gustav sei aufs
Rittergut gegangen. »Ich bin ack ganz alleene mit den Madeln,« meinte sie
schüchtern.
    »Recht so, Frau Büttner, recht so!« sagte der Händler im Aussteigen. »Ihr
Mann ist ein fleissiger Mann, immer bei der Arbeit, trotz seiner Jahre. Das ist
brav! Mein Kutscher kann wohl etwas Hafer bekommen für das Pferd - nicht wahr?«
    Die Bäuerin beeilte sich, zu versichern, dass hier alles zu seinen Diensten
stünde. Sie schickte sofort Ernestinen in den Stall, um Hafer und Heu für das
Pferd des Herrn Harrassowitz zu besorgen.
    »Leg die Decke auf!« befahl der Händler. »Und lass dir überschlagenes Wasser
geben - hörst du! dass er mir nicht etwa Husten kriegt!«
    Nachdem er so für das Wohlergehen seines Tieres gesorgt hatte, wandte sich
Sam wieder an die Bäuerin. »Und mir machen Sie wohl eine kleine Tasse Kaffee
zurecht, beste Frau Büttner! Ich bin ganz ausgekältet von der Fahrt, und Sie
kochen ja solch ausgezeichneten Kaffee; das weiss ich von neulich.« Damit trat er
ins Haus und klopfte der alten Frau wohlwollend auf den Rücken.
    Die Bäuerin war nur zu froh, Herrn Harrassowitz eine Aufmerksamkeit erweisen
zu dürfen. Der Mann spielte keine geringe Rolle in den Hoffnungen und
Befürchtungen der Familie. Sein Name wurde nur mit gedämpfter Stimme
ausgesprochen. Die alte Frau wusste, dass ihrer aller Wohl und Wehe in dieser Hand
lag. Nach Weiberart glaubte sie, dass man einen Feind dadurch entwaffnen könne,
wenn man ihm schmeichle. Trotz ihrer Lähme, die sich im Laufe des Winters
verschlimmert hatte, lief sie auf und ab, rief den Töchtern zu, sie sollten sich
sputen, liess das Feuer schüren, setzte selbst das Wasser an und schaffte heran,
was nur irgend im Hause an Leckerbissen aufzutreiben war.
    Sam entledigte sich inzwischen seines Nerzpelzes, der nach seiner Angabe von
den Mädchen breit am Kachelofen aufgehangen wurde, damit er nicht auskühle. Dann
liess er sich selbst in der Nähe des Ofens nieder. »Ein hübsches, warmes Zimmer
haben Sie hier, Mama Büttnern!« sagte er in gemütlich scherzendem Tone. »Es geht
nichts über die Temperatur in den Bauernstuben. Ich wollte eigentlich erst
durchfahren durch Halbenau; dann dachte ich: musst doch mal sehen, was Büttners
machen.«
    Die Bäuerin wusste kaum, wie sie ihren Dank für so viel Ehre in Worte kleiden
sollte.
    »Jetzt im Winter ist ruhige Zeit auf dem Lande,« fuhr er fort. »Keine Arbeit
auf dem Felde, was? Im Frühjahre da geht's dann wieder ordentlich los mit allen
Kräften. Sie haben ja jetzt auch Ihren zweiten Sohn hier, wie ich höre.«
    »Se meenen Gustaven?«
    »Der bei den Soldaten war bis vor kurzem; der wird dem Vater nun wohl
tüchtig in der Wirtschaft helfen?«
    »Freil'ch! Das mechte aben sein! Aber er tutt sich sei Madel heiraten. Und
hernachen da will er furt von uns. Ar spricht, er wullte sei eegner Herre sein.
's gefällt 'n ni mih zu Hause. Ar gieht, und ar sieht s' ch nach an Dienste im.
Vurden gerade, eh Se kamen is er uf'n Huf geganga wegen aner Kutscherstelle. Ar
spricht, er mechte als Kutscher giehn beim Grafen, spricht 'r.«
    »So, so! Zum Grafen will er. Sagen Sie Ihrem Sohn mal von mir, das soll er
lieber bleiben lassen. Herrschaftlicher Dienst, das ist schlimmer als Sklaverei.
Er mag lieber zu mir kommen. Ich werde ihm schon was verschaffen. Drüben im
Wörmsbach zum Beispiel, da habe ich gerade eine Stelle, die wäre für einen
tüchtigen jungen Landwirt wie geschaffen. Haus, Garten, einige zwanzig Morgen
Feld dazu. Ich würde ihm die Pacht billig lassen. Dort könnte er sein Glück
machen. Sagen Sie ihm das von mir!«
    Die Bäuerin beknixte jeden seiner Sätze. Inzwischen hatte sich der Tisch vor
dem Fremden mit allerhand Essbarem bedeckt. Die alte Frau trat zu ihm:
»Entschuld'gen Se ack, Herr Harrassowitz, mir han's emal ne basser. Was mer han,
das gähn mer Se gerne. Nu war'ch den Kutscher ane Bemme schmieren giehn. Und an
Branntwein wird er wuhl och annehmen. Oder sull'ch 'n ane Neege Kaffee gähn, dem
Kutscher?«
    »Tun Sie das, Frau Büttner,« sagte Harrassowitz lachend und kniff dabei die
alte Frau in den blossen Arm. »Man wird bei Ihnen wirklich verwöhnt.« Dann hieb
er ein und liess es sich schmecken.
    Toni brachte die Kaffeekanne herbei und setzte sie auf den Tisch. Ernestine
musste die beste Tasse aus dem Glasschranke holen. Die Bäuerin schenkte selbst
ein. Es war alles um den Gast bemüht. Dem schien es offenbar Freude zu machen,
sich so aufmerksam bedient zu sehen. Er schlürfte seinen Kaffee, blickte die
Frauen vergnügt schmunzelnd durch seinen goldenen Zwicker an und richtete hin
und wieder eine Frage an sie. Die Frauen wagten kaum zu antworten, verlegen
standen sie im Hintergrunde und sahen ihm mit ehrfurchtsvollem Schweigen zu, wie
er ass und trank.
    Sam betrachtete sich die Tasse, aus der er trank. »Dem Jubelpaare!« stand
darauf in Goldschrift. Die Bäuerin erklärte, das sei ein Geschenk gewesen zur
silbernen Hochzeit, die sie vor etwa fünf Jahren gefeiert hätten. »Dreissig Jahre
verheiratet!« rief Sam. »Eine schöne Zeit!« Und je glücklicher man gewesen, je
kürzer kommt es einem vor. - Nicht wahr? - Ich werde nun auch bald meine
silberne feiern. Mein Ältester ist schon auf Universität. Er studiert
Jurisprudenz, verstehen Sie. Zu Ostern wird er fertig. Ein feiner Kopf, sage ich
Ihnen! »Habe mir's aber auch, was kosten lassen. Dem Jungen ist nichts
abgegangen.«
    Sams Gesicht strahlte, als er von seinem begabten Sprösslinge sprach. Er sah
sich selbstzufrieden im Kreise um und weidete sich an der stummen Bewunderung,
die hier jedem seiner Worte entgegengebracht wurde. Sein Blick fiel auch auf
Toni. Seine zudringlichen, alles Zweideutige ausspürenden und aufstöbernden
Blicke ruhten so lange auf der Figur des Mädchens, bis Toni sich errötend
abwandte, um sich in einer dunkleren Ecke etwas zu schaffen zu machen.
    Der Händler winkte sich die alte Bäuerin heran. »Wie steht denn das mit
Ihrer Tochter dort, Frau Büttner?« fragte er und gab sich kaum die Mühe, seine
Stimme zu dämpfen. »Verheiratet ist sie meines Wissens doch nicht - he!« Mit
schnüffelnder Miene spähte er dabei immer nach dem Mädchen hinüber.
    »Ach, Se meenen und Se denken, weil, dass se ...« Und nun folgte eine lange
Auseinandersetzung von Tonis Liebesgeschichte. Es war weniger Entrüstung oder
Trauer, was in den Worten der Mutter zum Ausdruck kam, als Ärger, dass dem
Mädchen eine solche Dummheit passiert war. Beide Töchter waren im Zimmer und
hörten jedes Wort, das die Bäuerin über den Fall sagte.
    Harrassowitz hörte mit einem gewissen Behagen zu und nickte hin und wieder
mit dem Kopfe. »Ja, ja, so geht's! Die jungen Dinger sind immer nicht vorsichtig
genug. Und ehe man sich's versieht, ist ein neuer Weltbürger da. Na, man muss
immer noch das Beste daraus zu machen suchen. Haben Sie denn noch gar nicht
daran gedacht, Ihre Tochter als Amme gehen zu lassen, Mama Büttnern?«
    Die Bäuerin verstand nicht, was er damit meinte.
    »Nun ja, als Amme! Verstehen Sie nicht? Da kann sich so ein Mädchen
heutzutage ein schönes Stück Geld mit verdienen. Wenn ein Mädel gesund ist und
stark, - verstehen Sie. In den Städten wird das sehr gesucht. Lassen Sie Ihre
Tochter mal dort aus der Ecke herauskommen.«
    Das Mädchen zögerte, dem Ansinnen des Händlers Folge zu leisten. »Toni!«
rief die willfährige Mutter, »de sollst kommen, herst de ne! Zu Herrn
Harrassowitz. Er will d'ch sahen.« Toni kam schliesslich zum Vorschein; sie wusste
nicht, wohin sie blicken sollte vor Verlegenheit. Sie lachte krampfhaft, hielt
sich den Arm vors Gesicht und war dem Weinen nahe.
    »So stellen Sie sich doch nur nicht so schrecklich an!« meinte er und
musterte das Mädchen, wie etwa der Viehhändler sich ein Stück betrachtet. »Das
sieht ja famos aus! In bester Ordnung alles, wie's scheint. Spreewälderkostüm
wird Ihrer Tochter ausgezeichnet stehen, Frau Büttner. Das tragen diese Art
Mädchen nämlich meist in Berlin. Weisse Hauben, kurze, grüne oder rote Röcke,
Samtmieder, schwarze Strümpfe. Alles hochpatent! Wird dem Fräulein ausgezeichnet
kleiden. - Na, wie steht's, Mama Büttnern?«
    Die Bäuerin war in grosser Bestürzung über den Vorschlag des Händlers.
Erzürnen wollte sie den Mann um keinen Preis durch eine abschlägige Antwort;
dazu war ihre Furcht vor ihm zu gross. Auf der anderen Seite hatte sie das
sichere Gefühl, dass das, was er da vorschlug, nicht recht und schicklich sein
könne. Sie hätte auch ihr Kind nur schweren Herzens von sich gelassen.
    Harrassowitz verfolgte seinen Plan weiter. »Ich wüsste eine ausgezeichnete
Stelle,« sagte er. »Meine eigene Tochter, die in Berlin verheiratet ist,
erwartet im zeitigen Sommer. Die Sache ist eigentlich wie gegeben. Da käme Ihre
Tochter in ein hochherrschaftliches Haus, Berlin W., Tiergartenviertel, das
Feinste, was es gibt! Na, kurz, das Mädel könnte sich gratulieren, wenn sie
dortin käme. - Wie steht's, Frau Büttner, wollen wir die Sache abmachen?«
    Der Händler hielt die Hand ausgestreckt zum Zuschlag. Da die Bäuerin
zögerte, griff er in seine Tasche. »Ich will auch gleich ein Aufgeld geben,
damit Sie sehen, dass mir der Handel ernst ist.« - Er liess ein Geldstück blicken.
    Die Bäuerin hatte sich die Sache inzwischen überlegen können. Die Mutter in
ihr war rege geworden. »Nee, nee! Herr Harrassowitz!« rief sie. »Su gieht das
ne! Su jählings! Das muss sich eens duch erscht urdentlich mit seine Leite
beraden. Und das Madel salber mechte duch och gehert wern, ob se und se mechte.«
    »Nu ja! Beredt euch untereinander!« meinte Sam und steckte sein Geldstück
wieder ein. »Ich werde gelegentlich mal wieder nachfragen dieserhalb.«
    In diesem Augenblicke hörte man kräftige Tritte draussen am Türpfosten, wie
von einem, der sich den Schnee von den Füssen tritt. Die Tür öffnete sich, und
Gustav trat ein.
    Er kam vom Rittergutshofe, wo er mit Hauptmann Schroff gesprochen hatte. Vor
der Tür sah er das Gefährt des Händlers stehen und erfuhr vom Kutscher, wer zu
Hause sei. Sofort schoss ihm das Blut in den Kopf. Erregt trat er ins Zimmer, er
hatte den Feind noch nie von Angesicht zu Angesicht gesehen.
    Seine Überraschung war gross, als er den Händler erblickte. Den Burschen
hatte er sich ganz anders vorgestellt. Unwillkürlich wollte er etwas von der
teuflischen Bosheit, die er dem Menschen zutraute, auch in seiner Erscheinung
wiederfinden. Dort, dieser kleine, fette Mann, kahlköpfig, mit rotem
Kotelettenbart, das sollte der berüchtigte Samuel Harrassowitz sein, von dem man
erzählte, dass er viele Menschen zugrunde gerichtet habe! -
    Gustav fühlte auf einmal das Bedürfnis, dem Manne seine ganze Verachtung zu
zeigen. Der sollte sich um keinen Preis einbilden, dass er sich vor ihm fürchte.
Er wusste selbst nicht, woher ihm der Übermut kam. Als ob der Fremde gar nicht im
Zimmer sei, feuerte er seinen Hut in die Ecke und rief: »Wo ist der Vater?«
    Harrassowitz betrachtete sich den jungen Menschen. »Das ist also Nummero
zwei, der gewesene Unteroffizier. Gratuliere, Mama Büttnern, Sie haben einer
gesunden Nasse das Leben geschenkt. Solche Leute können wir brauchen.«
    Die Bäuerin war auf ihren Sohn zugeschritten und machte ihm verstohlene
Zeichen, dass er den Gast begrüssen solle. Als Gustav das nicht zu verstehen
schien, sagte sie ihm halblaut, wer es sei.
    »Wie alt sind Sie denn, junger Mann - he?« fragte Sam.
    Gustav hielt es nicht der Mühe für wert, zu antworten. Jetzt erkannte die
Mutter, dass mit Gustav nicht alles in Ordnung sei. Sie glaubte, er sei
angetrunken. Ausserdem wusste sie, dass Gustav dem Händler nicht grün sei. Sie
fürchtete das Schlimmste. In der Wut war er unberechenbar, gerade wie der Vater.
    Sie trat daher zu dem Händler und antwortete statt des Sohnes:
»Siebenundzwanzig is er, Herr Harrassowitz - ju ju, siebenundzwanzig. A strammer
Kerle, nich wahr, Herr Harrassowitz?« Dazu lachte sie gänzlich sinnlos, aus
Angst. »Und su a gutter Sohn wie der is, Herr Harrassowitz!« fuhr sie fort.
Abwechselnd lächelte sie den Händler an, um ihn bei guter Laune zu erhalten, und
warf dann wieder dem Sohne flehende Blicke zu, dass er nichts Unbesonnenes
unternehmen möge.
    Gustav hatte inzwischen an den Speisen auf dem Tisch, dem kriechenden Wesen
der Mutter und den verängstigten Mienen der Schwestern erkannt, wie tief sich
die Seinen vor dem Fremden gedemütigt hatten. Eine dumpfe Wut erfasste ihn
plötzlich gegen dieses fette Gesicht. Wie der Bursche dasass, protzig und sicher,
sich die guten Sachen seiner Mutter schmecken liess! Den würde er mal auf den
Trab bringen. Auf Unterhandlungen wollte er sich gar nicht erst einlassen; denn
mit der Zunge war einem so einer ja natürlich über. Hier konnte nur »ungebrannte
Asche« helfen.
    »Ich höre, Sie sind auf dem Rittergute gewesen,« sagte Harrassowitz, sich im
Kauen nicht unterbrechend, »um sich nach einer Kutscherstelle beim Grafen
umzutun - war denn da was?«
    »Gustav! Herr Harrassowitz fragt dich, ob's de ... Was suchste de denn,
Junge?«
    »Ich suche meinen Stock, Mutter!« sagte Gustav mit bedeutungsvollem Blicke
nach dem Fremden hinüber. »Wo habe ich denn meinen Stock gleich ... Ach, hier is
'r!«
    Sam war während des letzten rege geworden. Er hatte ein schnelles
Begriffsvermögen. Gustavs Mienen- und Gebärdenspiel war auch äusserst sprechend
in diesem Augenblicke. Der Händler sprang auf die Füsse, riss seinen Pelz vom Ofen
und suchte die Tür zu gewinnen, so schnell wie möglich. Die Mutter war dem Sohne
in den Arm gefallen, der holte aus, konnte aber nicht zuschlagen, weil er sonst
unfehlbar die alte Frau getroffen hätte.
    So gelang es Sam, unversehrt ins Freie zu gelangen. Die Frauen standen jetzt
um Gustav und beschworen ihn, Vernunft anzunehmen. Er liess den Stock sinken.
Seine Wut hatte sich schnell gelegt, sowie er den Feind in seiner ganzen
Erbärmlichkeit gesehen. Der Anblick dieses Männchens, wie es mit erhobenen
Händen, kläglich schreiend, sich ein paarmal um sich selbst gedreht hatte, war
zu drollig gewesen. Gustav brach noch nachträglich in ein unbändiges Gelächter
aus. Er musste sich die Seiten halten vor Lachen. Und ansteckend, wie die
Lustigkeit nun einmal wirkt, lachten die Mädchen schliesslich auch mit.
    Die Bäuerin humpelte hinaus, um des Händlers womöglich noch habhaft zu
werden und ihn um Verzeihung für die Untat des Sohnes zu bitten. Aber es war zu
spät; der Wagen fuhr bereits in schneller Gangart aus dem Hofe.
 
                                      III.
Kaschelernst war in die Stadt gefahren. Der Hauptzweck seiner Fahrt war,
Besorgungen und Bestellungen für die Gastwirtschaft zu machen. Da er bei dieser
Gelegenheit hauptsächlich mit Bierbrauern, Zigarren-, Wein- und Likörhändlern zu
tun hatte, die bei Geschäftsabschlüssen gern etwas springen lassen, befand er
sich bereits am frühen Nachmittage in stark angeheiterter Stimmung. Kaschelernst
pflegte sich jedoch nie bis zu voller Besinnungslosigkeit zu betrinken. Auch
heute schwankte er zwar bedenklich auf seinen kurzen Beinen, und sein
Rattengesicht hatte eine bläuliche Färbung angenommen, aber im übrigen hatte er
seine fünf Sinne völlig beisammen, und vor allem war seine Durchtriebenheit
nicht im geringsten geschwächt durch die selige Stimmung.
    In solcher Laune machte er sich auf, seinem Geschäftsfreunde Sam einen
Besuch abzustatten.
    Herr Kaschel aus Halbenau war ein gern gesehener Gast in der
Getreidehandlung von Samuel Harrassowitz. Wenn er angemeldet wurde, liess ihn Sam
stets ohne weiteres in das kleine Hinterzimmer. Der Kretschamwirt pflegte meist
wichtige Nachrichten vom Lande zu bringen.
    Auch hier wieder bekam Kaschelernst sein Gläschen vorgesetzt. Man sprach von
diesem und jenem. Der Kretschamwirt hatte schon mancherlei Interessantes
ausgekramt. In seiner Stellung als Wirt eines vielbesuchten Gastauses erfuhr er
vielerlei, was anderen verborgen blieb. Heute hatte er sich etwas Besonderes bis
zuletzt aufgespart. Eine Nachricht, die, wie er mit verschmitzten Augenzwinkern
sagte, sie beide angehe: der Saländer Graf wolle dem Büttnerbauer auf die Beine
helfen.
    Der Händler schnellte von seinem Sitze empor. »Das wäre doch ein starkes
Stück!«
    »Es is genau su, wie ich's sage!« meinte Kaschelernst. »Der Graf will mich
auszahlen. Büttnertraugott soll drinne bleiben im Gute. Su is es!«
    Harrassowitz stiess eine Verwünschung aus. Dann fragte er, ob Kaschel das
genau wisse; es beruhe vielleicht auf einem falschen Gerüchte. Der Gastwirt
erklärte dagegen, der Graf lasse mit ihm unterhandeln wegen Übernahme seiner
Hypotek, »Mir kann's ja schliesslich recht sein,« meinte Kaschelernst mit
pfiffiger Miene. »Mir kann's schon ganz recht sein, wenn der Graf mich auszahlt;
auf diese Weise komme ich doch zu Gelde.«
    »Sie wären auch ohnedem zu Ihrem Gelde gekommen, wenn wir das Geschäft
zusammen gemacht hätten!« rief der Händler wütend. »Und was Schönes zu verdienen
hätte ich Ihnen ausserdem gegeben, Kaschel! Das wissen Sie ganz gut! Das hier ist
vollständig gegen die Verabredung. Nun kommt der Bauer wieder auf die Füsse.
Verfluchte Gauner, die Aristokraten. Überall müssen sie sich einmischen. Wie
kommt der Graf dazu, sich um dergleichen zu bekümmern! Verdirbt ehrlichen Leuten
die Preise!«
    Harrassowitz war in diesem Augenblicke ehrlich entrüstet. Er empfand die
Hilfe, die der Graf leisten wollte, als ein persönliches Unrecht, als
unerlaubtes Eingreifen eines Unbefugten in seine Domäne.
    Kaschelernst lächelte stillvergnügt und rieb sich die Hände. Er freute sich
an Sams Ärger. Dann trank er sein Glas aus und meinte: »Ja, da wird's am Ende
diesmal doch nischt werden.« Damit erhob er sich zum Gehen.
    Sam blieb in ärgerlichster Stimmung zurück. Der Gedanke, dass ihm das
Büttnersche Bauerngut entgehen sollte, war äusserst schmerzlich. Er hatte im
Geiste bereits über dieses Gut verfügt, als sei es sein Eigentum. Unter anderem
waren Unterhandlungen angeknüpft wegen einer Dampfziegelei, welche er auf dem
neuen Besitz anzulegen gedachte. Ferner hatte er sich überlegt, welche Stücke er
abtrennen und veräussern und welche er behalten wolle. Das Hauptgeschäft aber
hatte er mit dem Walde vor. Den sollte ihm die Herrschaft Saland für teueres
Geld abnehmen. Alle diese bereits eingefädelten Pläne drohten nun in nichts zu
zerfallen durch das, was er soeben von Kaschelernst erfahren hatte. Denn wenn
der Graf wirklich für die Schulden des Bauern eintrat, dann wurde nichts mit der
Subhastation, auf die es der Händler in erster Linie abgesehen hatte. Er hatte
schon eine Menge Arbeit in diese Sache gesteckt, und nun sollte alles das auf
einmal verloren sein. Das war sehr ärgerlich!
    Aber Sam pflegte sich niemals lange zu ärgern. Ärger kostete Zeit, und »Zeit
ist Geld«. Er schätzte das Geld viel zu hoch, um es auf etwas Verlorenes zu
setzen. Lieber strengte er seinen Verstand an, überlegte, ob sich hier nicht
doch noch etwas machen lasse, und bald hatte er das Richtige gefunden.
    Wozu war denn Edmund Schmeiss da! Von der Gewandteit und dem Schneid des
jungen Mannes hatte er mehr als eine Probe erhalten. Edmund Schmeiss war auch
hierfür der richtige Mann.
    Der Plan des Händlers war folgender: Der Besitzer der Herrschaft Saland war
Rittmeister und stand in Berlin. Sam kannte den jungen Grafen zwar nicht
persönlich, aber er wusste, dass er ein vornehmer Herr sei, der sich nicht
sonderlich viel um die Gutsangelegenheiten kümmerte. Im Sommer und Herbst lebte
der Graf ein paar Wochen mit seiner jungen Frau auf der Herrschaft, die übrige
Zeit hielten ihn Dienst und Geselligkeit in der Reichshauptstadt fest. Mit den
Einzelheiten der Landwirtschaft seines grossen Besitzes konnte der junge Herr
sich wohl kaum befassen; dazu waren die Beamten da. Ihm war jedenfalls die Rente
die Hauptsache, und er war schon zufrieden, wenn er nur möglichst wenig Arbeit
und Sorgen durch den Besitz hatte. Es war ferner anzunehmen, dass der Graf über
die Verhältnisse bei den kleinen Leuten und Bauern, mit denen er grenzte, nur
sehr unvollkommen unterrichtet sei. Was er etwa darüber wusste, wurde ihm
jedenfalls durch seine Leute zugetragen. Überhaupt sah er alle Verhältnisse
wahrscheinlich durch die Augen der Angestellten. Was konnte er eigentlich für
ein Interesse an dem Büttnerbauer haben? Dem Grafen irgendwelche Teilnahme an
der Erhaltung eines kräftigen Bauernstandes zuzutrauen, so naiv war Samuel
Harrassowitz nicht. Er kannte doch die Kavaliere! Wahrscheinlich spekulierte der
Graf auf den Wald des Bauerngutes der Jagd wegen. Jedenfalls war hier irgendein
ganz realer, egoistischer Zweck im Hintergrunde, welcher diesen grossen Herrn
veranlasste, dem Bauern anscheinend hilfreich unter die Arme zu greifen.
    Wie nun den Grafen daran verhindern? Die Sache war äusserst brenzlich und
musste mit grösster Vorsicht angefasst werden.
    Solche Aristokraten waren hochfahrend, stark von sich eingenommen und
liebten nicht, dass man sich ihnen aufdränge. Auf der anderen Seite waren sie
leichtlebig und rasch in ihren Entschliessungen, liessen sich leicht bereden und
fortreissen. Vor allem aber kam es ihnen bei jedem Geschäfte darauf an, dass es
sich in netter, gefälliger Form darbot, dass die Etikette gewahrt wurde.
    Sam besass so viel Selbsterkenntnis, um sich zu sagen, dass, wenn er selbst
nach Berlin führe, um mit dem Grafen zu verhandeln, dabei schwerlich etwas
herauskommen werde. Er hielt sich zwar durchaus nicht für unfein; aber er wusste,
dass Leute, wie der Graf, besonders wenn sie Offiziere sind, einen schwierigen
Geschmack haben; kurz und gut, es schien ihm besser, seine Person im
Hintergrunde zu halten. Edmund Schmeiss - des war etwas ganz anderes! Das war ein
»proper« aussehender junger Mann, immer »patent« angezogen und mit »noblen«
Manieren, überhaupt »prima!« Sam hatte immer seine geheime Freude gehabt an dem
forschen Auftreten seines Günstlings. Er zweifelte keinen Augenblick daran, dass
der Kommissionär auch das Wohlgefallen des Grafen, schon durch seine
Erscheinung, gewinnen werde.
    Edmund Schmeiss wurde also ausersehen, nach Berlin zu reisen. Zuvor natürlich
einigte man sich über die Provision, wie das unter vorsichtigen Geschäftsleuten
üblich ist.
    Sam vereinigte immer gern mehrere Geschäfte, wenn es sich machen liess. Da er
sich nun einmal in die Kosten gestürzt hatte, seinen Kommissionär nach Berlin zu
schicken, gab er diesem gleich noch ein paar andere Aufträge mit. Man hatte
Geschäftsverbindungen mit Berlin. Schmeiss bekam Order, verschiedene Freunde von
der Produktenbörse aufzusuchen und ein wenig auszuhorchen über dieses und jenes.
Überhaupt hätte Sam gern etwas über die Stimmung im Kreise der Eingeweihten
erfahren. Besonders für Weizen interessierte sich der Händler gegenwärtig
lebhaft. Die Berliner Berichte lauteten seit etwa acht Tagen stehend: »Weizen
ruhig bei ziemlich behauptetem Preise.« Aber Sam traute nicht. Das war wohl nur
die Stille vor dem Sturm. Der Markt litt nicht unter starkem Angebot, und
trotzdem kein Anziehen der Preise! Roggen litt unter Glattstellungen, Gerste war
still. Wahrscheinlich dachte eine Anzahl grosser Firmen, im trüben fischen zu
können; etwa die niedrigen Notierungen zu benutzen, um im stillen Deckungen
auszuführen und dann mit einem Male, wenn sie genug hatten, die Preise zu
schnellen. Es wäre recht interessant gewesen, hinter die eigentlichen Absichten
der massgebenden Leute im Weizengeschäft zu kommen. Wenn man das Ziel des
Manövers rechtzeitig erfuhr, konnte man sich in seinen Manipulationen danach
richten.
                                     * * *
    Edmund Schmeiss reiste also nach Berlin ab.
    Zunächst versah er sich in einem Modemagazin mit einem neuen Zylinder,
rotbraunen Handschuhen und einer Kravatte von prächtiger Farbe. Er meldete sich
nicht an; denn da riskierte man eine Ablehnung. Er wollte überraschen, wenn es
sein musste, überrumpeln! Die Mittagsstunde schien ihm die beste Zeit für seinen
Besuch. Er nahm eine Droschke erster Klasse, der Kutscher sollte vor der Tür auf
ihn warten - man durfte nichts versäumen, was guten Eindruck machen konnte - und
fuhr nach »den Zelten« wo, wie er durch das Adressbuch ersehen hatte, der Graf
seine Wohnung hatte.
    Fast gleichzeitig mit ihm fuhr ein Coupé vor. Der Diener sprang vom Bock und
öffnete den Schlag. Ein Ulanenoffizier stieg aus und eine Dame. Der Herr gab dem
Kutscher noch Weisungen und schritt dann der Dame nach ins Haus.
    Edmund Schmeiss hatte die Szene mit Neugier verfolgt und sich die
Physiognomien genau eingeprägt. Er trat an den Wagen heran, nahm den Hut ab und
fragte den Kutscher, wer das gewesen sei. Der Kutscher nannte den Namen seiner
Herrschaft.
    Der Kommissionär war zufrieden, nun wusste er doch, dass der Graf zu Haus sei.
Er sah sich noch einmal Wagen und Pferde an. Die Geschirre, die Livreen, bis
herab auf die Bockdecke und die Handschuhe von Kutscher und Diener, alles vom
Besten, geschmackvoll und gediegen.
    Edmund Schmeiss liess ein paar Minuten verstreichen, während der er auf dem
Trottoir auf und ab ging, und begab sich dann ins Haus. Ein Kammerdiener öffnete
auf sein Klingeln. Der Kommissionär hatte eine gleichgültig überlegene Miene
vorbereitet, von der er annahm, sie müsse auf einen Bediensteten Eindruck
machen. Der Diener, ein grosser, bartloser Graukopf, mit der gemessenen Haltung
eines Lords, warf einen einzigen prüfenden Blick auf den Fremden und erklärte
darauf, der Herr Graf seien nicht zu Haus. Damit wollte er die Tür schliessen,
aber der Kommissionär, fix im Auffassen wie im Handeln, hatte sich zwischen Tür
und Angel gestellt, so dass jener nicht zumachen konnte. »Sagen Sie dem Herrn
Grafen,« rief er mit einer Stimme, die berechnet war, auch in den Zimmern gehört
zu werden, »ich hätte dem Herrn Grafen wichtige Nachrichten von der Herrschaft
Saland zu bringen. Hier ist meine Karte.«
    Der Kammerdiener las die Karte, betrachtete sich den Mann noch einmal,
zuckte die Achseln und verschwand darauf.
    Nachdem man den Agenten eine geraume Zeit hatte warten lassen, erschien der
alte Diener wieder. Sein Benehmen hatte an Geringschätzung zugenommen. Die
Herrschaften wären jetzt beim Luncheon, erklärte er, der Graf liesse dem Herrn
aber sagen, wenn er mit ihm sprechen wolle, möchte er in einiger Zeit
wiederkommen.
    Edmund Schmeiss überlegte. Sollte er gehn und in einer Stunde wiederkommen?
Vielleicht war man da wieder nicht zu Haus für ihn. Das war wohl nur eine Finte,
um ihn auf gute Manier los zu werden! Nein, er blieb! Nun hatte er sich einmal
den Eintritt erzwungen in das Quartier; diesen Vorteil wollte er nicht wieder
fahren lassen.
    Er erklärte dem Kammerdiener, dass er hier warten wolle, bis das Luncheon
vorüber sei. Der Diener mass ihn mit einem verächtlichen Blicke. »Wenn Sie wollen
- hier, bitte!« Er öffnete eine Tür. »Hier können Sie warten.«
    Der Kommissionär sah sich in einem schmalen, einfenstrigen Zimmer, einer Art
Garderobe. Es hingen Pelzmäntel und andere Kleidungsstücke an einem Rechen,
unter einem Regal stand Schuhwerk. Ein Schlafsofa war aufgestellt, an den Wänden
hingen Bilder und Photographien, die offenbar ausgemustert waren. Geheizt war
der Raum nicht.
    Obgleich das Ehrgefühl bei Schmeiss nicht sonderlich entwickelt war, fühlte
er sich doch für den Augenblick nicht angenehm berührt, als er bemerkte, wohin
man ihn gewiesen hatte. Seine Eitelkeit war gekränkt Trotz des neuen Zylinders
und des pikfeinen Aufzuges hatte ihn dieser grossbrodige Schuft von einem
Kammerdiener nicht für voll angesehen. Er besah sich in einem Stehspiegel, der
in einer Ecke des Zimmers stand und wohl eines Sprunges wegen hierher verbannt
worden war. Seiner Ansicht nach war alles »prima« an ihm. Er hätte ebensogut ein
Offizier in Zivil, ein Baron, ein Graf sein können. Was solche Lakaien doch für
eine Witterung haben mussten! -
    Aber Schmeiss war nicht der Mann, der sich durch peinliche Empfindungen für
längere Zeit niederdrücken liess. Die Behandlung, die ihm zuteil geworden, war
sicher nicht freundlich zu nennen, aber das musste man schliesslich aufs Geschäft
schlagen; er sah auf das Resultat, und da war der unzweifelhafte Erfolg zu
verzeichnen, dass es ihm gelungen war, in die Nähe des Grafen zu gelangen, der
ihn nun doch nicht mehr abweisen lassen konnte. Den Leuten auf den Leib rücken,
das war beim Geschäfte immer das Schwierigste und das Wichtigste. Nun er einmal
hier war, schien ihm der Erfolg so gut wie sicher.
    Er hatte sich auf das Schlafsofa gesetzt und sah sich im Zimmer um. Dort auf
dem Tische standen verschiedene Lampen von Bronze, Majolika, ein paar von
Berliner Porzellan, Prachtstücke aus der Königlichen Manufaktur. So ein Winter
in Berlin musste dem Grafen eine Menge Geld kosten mit Familie, Dienerschaft,
Equipage und dazu erste Etage in »den Zelten«. Schmeiss machte einen Überschlag.
    Seine Aufmerksamkeit wurde abgelenkt durch Geräusche aus dem Nebenzimmer. Er
hörte Tellerklappern, und Stimmendurcheinander. Aha, das Esszimmer! Er konnte
weibliche Stimmen unterscheiden. Man schien sich gut zu unterhalten, es wurde
viel gelacht. Der Kommissionär wechselte den Platz, um besser zu hören. Mit
Grafen und Komtessen hatte er noch niemals zu Tische gesessen; es interessierte
ihn doch, etwas davon aufzuschnappen, wie diese Art sich eigentlich unterhalten
mochte, wenn sie unter sich war.
    Schmeiss hatte ein scharfes Gehör, trotzdem konnte er anfangs kaum mehr
verstehen als einzelne Worte und Sätze, die aus dem Zusammenhange gerissen
keinen Sinn ergaben. Man schien abgespeist zu haben, er hörte wenigstens kein
Tellerklappern mehr. Die Unterhaltung wurde in lebhaftester Weise geführt. Er
konnte jetzt einzelnes verstehen, weil er inzwischen gelernt hatte, die Stimmen
zu unterscheiden.
    Es schienen recht gleichgültige Dinge, von denen sie sprachen. Ein paar
Namen hatte der Lauscher auch schon herausgehört. Eine »Wanda« schien da zu sein
und eine »Ida«; jedenfalls also der Graf mit seinen nächsten Angehörigen.
    Jetzt rückte man mit den Stühlen, man erhob sich. Es klang dem Kommissionär
fast, als würde ein Tischgebet gesprochen, worüber er sich nicht wenig wunderte.
Gleich darauf hörte er eine männliche Stimme sagen: »Herr Graf, der Herr ist
auch noch da!« - »Welcher Herr?« fragte jemand. Darauf hörte der Kommissionär
seinen eigenen Namen nennen. »Was will der Mensch nur!« hiess es. Gleichzeitig
ertönte übermütiges Frauenlachen. »Schmeiss! hast du gehört? Schmeiss heisst der
Mensch!« Ein Kichern und dann: »Möchtest du Frau Schmeiss heissen, Ida?« - Das
übrige verlor sich in Gelächter.
    Edmund Schmeiss war errötet, was ihm selten begegnete. Die Kränkung hatte
gesessen. Er knirschte mit den Zähnen. Wer ihn jetzt gesehen hätte, würde haben
ahnen können, wessen dieser Mensch fähig war, wenn er beleidigt war.
    Die Tür vom Korridor wurde gleich darauf geöffnet, der grauköpfige
Kammerdiener trat ein und teilte mit, der Herr Graf wolle Herrn Schmeiss jetzt
annehmen. Der Kommissionär fuhr sich schnell noch einmal mit der Hand über den
Schnurrbart, zog die Manschetten unter den Ärmeln vor und folgte dem Diener.
    Der Graf empfing ihn in seinem Zimmer. Er war ein grosser, schlanker Herr.
Sein Kopf schien älter als seine Figur. Das blonde Haar lichtete sich bereits
stark. Die Nase war lang und etwas zu spitz, um schön zu sein. Die Augen
leuchteten gross und freundlich; sie waren das einzig Lebhafte in dem bleichen,
etwas verlebten Gesichte, dem auch der Schnurrbart nichts Martialisches gab. Der
Graf trug den Interimsrock.
    Edmund Schmeiss hatte zunächst das unangenehme, ihn bedrückende Gefühl
niederzukämpfen, einem vornehmen Manne gegenüber zu stehen. Aber das war nur
vorübergehend, er beschloss, sich durch nichts imponieren zu lassen. Vornehmheit,
gut! die wollte er jenem lassen; aber ob der Mann so klug sei wie er, das würde
sich erst noch ausweisen.
    Der Graf erwiderte die tiefe Verbeugung des Fremden mit einem Kopfnicken,
wies auf einen Stuhl, zum Zeichen, dass er Platz nehmen möge, und setzte sich
selbst. »Nun, also Herr« ...... Der Graf dehnte das »Herr« nach dem Namen
suchend. »Schmeiss ist mein Name,« ergänzte der Kommissionär. »Ganz recht, Herr
Schmeiss! also was führt Sie zu mir?«
    Edmund Schmeiss hatte einen Fuss vorgesetzt und stemmte den Zylinder auf das
Knie. Dann begann er mit Manieren, die zwischen Unterwürfigkeit, schnüffelnder
Neugier und dreister Zudringlichkeit unausgesetzt wechselten, den Zweck seines
Kommens in seichter, dabei glatt fliessender Rede, wie sie den Handlungsreisenden
eigen ist, auseinanderzusetzen.
    Der Graf hörte ihm eine Weile mit gelangweilter Miene zu; er feilte
inzwischen an seinen Fingernägeln. Als er mit allen zehn Fingern durch war,
blickte er auf und meinte in leicht näselndem Tone: »Ja, mein Bester - ich weiss
nicht - Sie haben behauptet, Sie brächten mir Nachrichten von Saland - unter
dieser Voraussetzung allein habe ich Sie angenommen. Ich sehe wirklich nicht
ein, was das hier eigentlich soll!«
    »Doch, Herr Graf! der Herr Graf wollen mir nur gütigst gestatten,
auszureden. Ich meine nämlich, dass die Interessen der Herrschaft Saland mit
meinem Vorschlage sehr eng verknüpft sind. Der Wald des Büttnerschen Bauerngutes
grenzt mit dem der Herrschaft, liegt wie ein Keil in dem Forst des Herrn Grafen
eingesprengt ...«
    »Das weiss ich selbst, wahrscheinlich genauer als Sie!« meinte der Graf,
welcher ungeduldig zu werden anfing. »Um diesen Wald handle ich schon seit
Jahren. Ich werde wohl nun endlich mal dazu kommen. Um lumpige fünfzig oder
sechzig Morgen handelt es sich, glaube ich.«
    »Der Herr Graf werden aber viel zu hoch bezahlen. Wir würden dem Herrn
Grafen den Wald billiger verschaffen.«
    Der Graf musterte den Sprecher mit erstaunter Miene. Erst jetzt sah er sich
den Menschen richtig an, der sich mit solcher Unverfrorenheit an ihn
herandrängte. Das schien ja ein possierlicher Bursche zu sein! Der Graf lachte.
»Wer sind Sie denn eigentlich, Verehrter! Ich wollte Ihnen bloss bemerken, dass
ich keine Zwischenhändler brauche, wenn ich mit einem meiner Bauern handeln
will.«
    »Herr Graf! Ich komme nicht im eignen Namen, das würde ich mir nicht
erlauben. Ich bin Kommissionär. Ich komme im Auftrage der Firma Samuel
Harrassowitz. Der Name ist Ihnen gewiss bekannt, Herr Graf. Eine grosse
Getreidehandlung, der Inhaber ist ein feiner und durch und durch reeller
Geschäftsmann.«
    Bei Nennung des Namens »Harrassowitz« stutzte der Graf. Er war aufgestanden
und suchte etwas auf der Schreibtischplatte. »Mir schreibt hier mein
Güterdirektor« ... Er wühlte in einem Berge von Papieren, die einen etwas
ungeordneten Eindruck machten. »Ich kann den Brief gerade nicht finden.« Den
Späheraugen des Kommissionärs entging die Nachlässigkeit, mit der der Graf in
den Papieren stöberte, nicht. »Na, egal Hauptmann Schroff schreibt mir, dass
dieser - dieser ... den Sie eben nannten ...«
    »Harrassowitz!« beeilte sich Schmeiss zu ergänzen, der schon bemerkt hatte,
dass das Namensgedächtnis des Grafen ziemlich mangelhaft war.
    »Ganz recht! Dieser Harrassowitz soll sich ja mit Güterschlächterei
befassen.«
    Jetzt hielt es Edmund Schmeiss für zeitgemäss, einen Trumpf auszuspielen. Er
erhob sich mit gekränkter Miene und sagte: »Ich bedaure, dass der Herr Graf so
falsch berichtet sind. Harrassowitz ist ein Ehrenmann durch und durch. Er ist
mein Freund!« Er knöpfte seinen Rock zu, wie er es auf dem Teater von
beleidigten Helden gesehen hatte, und machte ernstaft Miene zu gehen.
    Menschenkenntnis war gerade nicht die starke Seite des Grafen. Er war arglos
und gutmütig von Natur. Der Gedanke, jemanden gekränkt zu haben, war ihm
peinlich. Er meinte in beschwichtigendem Tone: »Na, bleiben Sie nur, bleiben
Sie! Die Sache wird wohl nicht so gefährlich sein.«
    »Ja, aber Güterschlächterei ist ein schwerwiegendes Wort, Herr Graf! Wenn
ich mir meinen Freund Harrassowitz dazu denke. - Ich will ihm die Bemerkung des
Herrn Grafen lieber nicht hinterbringen.«
    Der Graf merkte die versteckte Drohung nicht, die in diesen Worten liegen
sollte. Völlig arglos sagte er: »Die Sache ist nun gut! Setzen Sie sich wieder
und echauffieren Sie sich nicht unnötig!«
    »Wollen der Herr Graf mich weiter anhören?« fragte Schmeiss mit gut
geheuchelter Miene eines Verletzten, der sich zur Versöhnung bereit finden
lassen will. Im Innern triumphierte er.
    »Ja, bitte, fahren Sie fort! Was wollen Sie denn eigentlich, oder was will
Ihr Harrassowitz von mir? Das verstehe ich immer noch nicht. Da ist dieser
Bauer, dieser ... dieser ... in Halbenau.«
    »Büttner! meinen der Herr Graf jedenfalls.«
    »Jawohl, Büttner! Ein alter, ehrlicher Kerl, wie mir scheint, dem die
Zwangsversteigerung droht, wie Hauptmann Schroff schreibt. Der Mann soll mit ein
paar tausend Mark zu retten sein.«
    »Gestatten der Herr Graf, dass ich hier unterbreche! Die Erfahrungen, die wir
mit dem alten Büttner gemacht haben, sind etwas anders geartet. Wir sind der
Ansicht, dass der Herr Graf verlockt werden sollen, einen Unwürdigen zu
unterstützen. Der Herr Graf sollen Ihr gutes Geld hergeben für eine Sache, die,
gelinde ausgedrückt, sehr zweifelhaft ist. Das ist der Plan, hinter den wir
gekommen sind. Und um das zu verhindern, Herr Graf, bin ich nach Berlin
gereist.«
    Schmeiss beobachtete, während er mit der Miene des moralisch entrüsteten
Biedermanns sprach, die Züge des Grafen mit einer Aufmerksamkeit, der nichts
entging. Wenn dem Herrn das hier glatt einging, dann konnte er noch eine ganze
Portion mehr vertragen. Der Graf liess seine Augen mit dem Ausdrucke höchster
Überraschung auf dem Sprecher ruhen, er hatte den Mund halb offen und sah in
diesem Augenblicke nicht besonders geistreich aus. »Kennen Sie denn diesen -
diesen Büttner so genau?« fragte er nach einigem Besinnen.
    »Wir haben genügende Erfahrung mit dem Manne, ich kann sagen, mit der ganzen
Familie gemacht, um erklären zu dürfen, wir kennen die Sippschaft gründlich.«
    »Mein Güterdirektor lobt mir die Leute in seinem Briefe.«
    »Das Urteil des Herrn Hauptmann Schroff scheint mir - nun, ich will nichts
gesagt haben, weil der Herr Graf etwas auf den Herrn zu halten scheinen. Aber
nachdem er über meinen Freund Harrassowitz derartig geurteilt hat, kann mir sein
Urteil nichts mehr gelten! Der Herr Graf werden das verstehen!«
    »Der alte Bauer soll durch Familienunglück in Bedrängnis geraten sein,
glaube ich.«
    »Durch schlechte Wirtschaft und weiter nichts, Herr Graf! Der alte Mann ist
ein liederlicher Wirt und leider auch ein Trinker. Die Söhne sind noch
schlimmer, und bei den Töchtern jagt ein uneheliches Kind das andere. Wollen
sich der Herr Graf nur erkundigen, dann werden Sie schon erfahren, dass ich nicht
übertreibe. Ich bin selbst in dem Hause gewesen, ich kenne die Leute. Auf diese
Weise ist die Wirtschaft natürlich immer tiefer heruntergekommen. Jetzt sitzt
der Mann in Schulden bis über die Ohren. Harrassowitz ist er Geld schuldig, auch
ich habe an ihn verloren. Wir sind mit dem Manne gründlich betrogen worden, weil
wir ihn für reell hielten. Wir werden unser Geld einbüssen. Und so geht es
verschiedenen ehrlichen Geschäftsleuten. Auch mit seiner eigenen Familie hat er
sich überworfen. Der eigene Schwager hat ihn ausgeklagt. Der Herr Graf wollen
nur mal nachfragen lassen. Die ganze Sache ist oberfaul!«
    Der Graf schüttelte den Kopf. »Wenn das so ist - dann läge die Sache ja in
der Tat etwas anders. Aber warum ist mir denn das so dargestellt worden?«
    »Die bekannte Grossmut des Herrn Grafen soll ausgenutzt werden. Man denkt
vielleicht: Der Herr Graf ist weit weg, in Berlin, und auf ein paar tausend Mark
kommt's ihm nicht an. Man rechnet mit der Menschenfreundlichkeit des Herrn
Grafen. Aber hier wäre Generosität, so schön sie auch sonst ist, nicht am
Platze. Gesetzt der Fall, der Herr Graf reissen den Mann jetzt heraus - übrigens
ist das mit ein paar tausend Mark keineswegs getan; ich weiss, dass der alte
Büttner namhafte Posten schuldet, bei Leuten, die sich noch gar nicht gemeldet
haben - also, wenn der Herr Graf jetzt auch bezahlen, werden immer noch
Forderungen nachkommen. Das ist wie ein Sieb, wo das Wasser, das man
hineingiesst, durchläuft. Und wenn der Bauer jetzt auch noch so viel verspricht,
in Jahresfrist ist doch wieder alles beim Alten. Dann ist neuer Bankerott da.
Der Herr Graf werden nichts als Ärger und Verdruss gehabt haben und Ihr Geld
einbüssen.«
    »Das ist doch wirklich traurig!« sagte der Graf, und dem Tone, in welchem er
das sagte, war anzuhören, dass es ihm von Herzen kam.
    »Ja, es ist tieftraurig!« echote Schmeiss.
    »Solchen Menschen ist dann allerdings nicht zu helfen.«
    »Ganz sicher ist solchen Leuten nicht zu helfen, Herr Graf,« sagte Edmund
Schmeiss mit wichtiger Miene und ernsten Blicken. »Ganz sicher nicht! Da wird so
viel geschrieben in den Blättern über die traurige Lage des Bauernstandes.
Besonders die Blätter einer freieren Richtung, die demokratischen Organe, sind
da immer schnell bereit, dem Grossgrundbesitz die Schuld in die Schuhe zu
schieben. Die Magnaten werden angeklagt, den Bauern zu ruinieren, aufsaugen, wie
es da heisst. Von Bauernlegen wird gesprochen. Aber dass die Bauern meistens
selbst an ihrem Untergange schuld sind, das sagt niemand. Die Leute treiben's
danach! Der Bauernstand geht an sich selbst zugrunde, Herr Graf, nicht durch den
Grossgrundbesitz. Hier an dem alten Büttnerbauern haben wir einen schlagenden
Beleg dafür!«
    Edmund Schmeiss hatte die letzten Sätze mit einer gewissen Feierlichkeit in
Ton und Gebärde gesprochen, als decke er seine innerste Gesinnung auf. Bei dem
Grafen waren solche Worte nicht verloren. Auch an ihn waren Klagen und
Forderungen, welche die Neuzeit gegen den Grossgrundbesitz erhebt,
herangeklungen, und hatten ihn verdrossen. Diese Verteidigung der Magnaten klang
ihm angenehm in den Ohren.
    »Was diese demokratischen Blätter sagen, ist alles Gewäsch!« erklärte er.
»Was verstehen denn diese Leute von der Bauernfrage! Die mögen nur erst mal aufs
Land hinausgehen und sehen, wie's dort zugeht, ehe sie ihre roten Artikel
schreiben. Ja, wirklich solche Leute, Redakteure und überhaupt
Zeitungsschreiber, die müssten alle mal zur Strafe ein paar Wochen das Feld -
bestellen was? Die Art Leute hinter dem Pfluge oder beim Düngerladen, wie denken
Sie sich das?«
    Der Graf geruhte zu lachen über seine eigene Bemerkung, und Edmund Schmeiss
verfehlte nicht, mitzulachen; auch er fand den Gedanken hochkomisch. Die
Unterhaltung hatte entschieden einen wärmeren Ton angenommen, und der Graf war
nicht mehr so unnahbar und von oben herab wie zu Anfang.
    »Nicht wahr? Da kann einem doch niemand einen Vorwurf daraus machen, wenn
man solch einen Mann seinem wohlverdienten Schicksale überlässt?« fragte der Graf
schliesslich.
    »Im Gegenteil, Herr Graf!« rief der Kommissionär. »Ich meine, es wäre
unverantwortlich, wenn man hier einen Finger zur Hilfe rühren wollte. Diesen
Leuten ist eben nicht zu helfen, und kein vernünftiger Mensch wird wagen, dies
von dem Herrn Grafen zu verlangen.«
    Schmeiss hatte nun keine grosse Mühe weiter, den Grafen zu überreden. Leute
von geringem Urteil und grosser Gutmütigkeit, wie der Graf, sind leicht zur Härte
zu verführen. Der Graf ärgerte sich bereits, dass seine Güte wieder mal hatte
missbraucht werden sollen, und er gedachte, seinem Güterdirektor diesen Versuch
nicht zu vergessen.
    Der Kommissionär ging von ihm mit dem Bewusstsein, seine Aufgabe in
glänzender Weise gelöst zu haben. Und ausserdem kam noch die angenehme Genugtuung
befriedigter Eitelkeit hinzu. Der Graf hatte ihn schliesslich gar nicht mehr
schlecht behandelt. Sogar eine Zigarre war ihm vor dem Weggehen angeboten
worden.
    Mit gehobenem Selbstgefühl verliess Edmund Schmeiss das Haus, und dem
prickelnden Gedanken, dass diese Aristokraten zwar äusserlich recht vornehm, im
Grunde aber doch fürchterlich dumm seien.
 
                                      IV.
Eines Tages, als Gustav die Dorfgasse hinabging, begegnete ihm Hauptmann Schroff
zu Pferde.
    »Gut, dass ich Sie treffe, Büttner!« sagte der Hauptmann. »Ich wollte eben zu
Ihnen. Ich habe Nachrichten in unserer Sache. Leider keine guten! Kommen Sie ein
paar Schritte mit mir. Die Stute steht nicht gerne.«
    Gustav schritt neben dem Reiten her, welcher weiter berichtete:
    »Der Graf will nicht! Rundweg abgelehnt meinen Vorschlag, nachdem er erst
Lust gezeigt, und ich infolgedessen unserem Rechtsanwalt schon Auftrag gegeben
hatte, mit dem Kretschamwirt zu verhandeln. Nun ist auf einmal Kontreordre
gekommen von Berlin, sogar auf telegraphischem Wege. Was da vorgegangen sein
mag, soll der Teufel wissen! Auf lumpige zweitausend Mark kommt's dem Grafen
doch sonst nicht an! Können Sie sich denn denken, was passiert sein kann,
Büttner?«
    Gustav vermochte auch keine Erklärung zu geben.
    »Ich habe sofort noch einmal an den Grafen geschrieben, weil mir die Sache
am Herzen lag. Er hat mir äusserst kurz geantwortet und mich bedeutet, dass, wenn
er nein sage, das nicht ja heisse. Dadurch ist die Sache für mich natürlich
erledigt. Ich habe mich zu fügen. Traurig ist das allerdings, tieftraurig!«
    Der Hauptmann blickte mit düsterem Gesicht in die Ferne, seine Miene war
voll Gram. »Der Teufel verblendet den grossen Herren die Augen!« sagte er, mehr
für sich, und biss die Zähne aufeinander.
    Die Stute begann unter ihm nervös hin und her zu tänzeln; er hatte sie in
Gedanken zu fest gehalten. Er liess, als er den Grund erkannte, ganz mechanisch
die Kandarenzügel locker und zog die Trense etwas an. »Hoo, hoo!« rief er, dem
Pferde zuredend, und klopfte es am Widerrist. »Ja, da ist nun nichts weiter zu
machen, mein guter Büttner!« sagte er nach längerem Schweigen. »Ich wenigstens
kann nichts mehr tun, mir sind die Hände gebunden. Nahe geht mir die Sache, das
kann ich wohl sagen! Auf dem Laufenden können Sie mich immerhin erhalten,
verstehen Sie, Büttner!« - »Nun, Gott befohlen!«
    Damit gab er der Stute einen unmerklichen Schenkeldruck. Die krümmte den
Hals, schob das Hinterteil unter und trug den Reiter in gleichmässig wiegenden
Galoppsprüngen die Dorfstrasse hinab.
    Gustav blickte ihm mit Wehmut nach. Er war so sehr Kavallerist geblieben,
dass er selbst in diesem Augenblicke, wo ganz andere Sorgen und Kümmernisse ihm
näher lagen, doch noch Raum fand für das Gefühl des Neides dem Manne gegenüber,
der ein solches Pferd reiten durfte. Er verfolgte den Reiter mit seinen Blicken,
bis er ihm hinter den Häusern verschwunden war. Dann wandte er sich seufzend, um
nach Hause zu gehen und dem Vater die schlechten Nachrichten zu überbringen.
    Der junge Mann fühlte sich sehr niedergedrückt. Die Aussicht, die ihm
Hauptmann Schroff eröffnet, war so wunderbar gewesen, dass er wirklich geglaubt
hatte, es werde nun alles gut werden. Er hatte seine Pläne für die Zukunft ganz
auf das Gelingen dieses Planes gestellt, und nun war in elfter Stunde alles
gescheitert!
    Auf den alten Bauern machte die Nachricht keinen tieferen Eindruck. Er hatte
ja nicht an eine Wendung zum Besseren geglaubt.
    Der alte Mann hatte sich wieder ganz in sich selbst zurückgezogen. Niemand,
selbst Gustav nicht, wusste, ob er überhaupt noch etwas hoffe. Scheinbar liess er
die Dinge gehen, wie sie gehen wollten. Selbst die Nachricht vom Gericht, dass
Termin zur Zwangsversteigerung angesetzt sei, schien ihn nicht merklich zu
erregen.
    In der Wirtschaft ging alles seinen gewohnten Gang weiter. Hier merkte man
gar nicht, welches Verhängnis drohend über dem Gute hing. Die
Frühjahrsbestellung wurde wie alljährlich vorbereitet. Karl fuhr Dünger auf den
Kartoffelacker und Jauche auf die Wiesen. Die Frage, wer die Früchte ernten
werde, stellte man nicht. Man tat seine Arbeit und schwieg. Die Maschine
schnurrte weiter, weil sie einmal im Gange war. Wenn nun plötzlich eine fremde
Hand eingriff und sie zum Stillstand brachte, was dann? -
    Der alte Bauer schien mit einem gewissen Trotz dieser Frage aus dem Wege zu
gehen. Reden liess er auch nicht mit sich darüber. Gustav bekam zu hören, dass er
ein »grüner Junge« sei, als er einmal davon zu sprechen anfing, was eigentlich
nach der Subhastation werden solle.
    Und dabei lag die Notwendigkeit, daran zu denken, so nahe. Wer konnte denn
wissen, wer der Ersteher des Gutes sei und was er mit Haus und Hof anfangen
werde. Sie mussten gewärtig sein, ihr Heim auf dem Flecke zu verlassen; dann
würden sie obdachlos auf der Strasse liegen, wohl gar der Armenfürsorge
anheimfallen.
    Gustav geriet auch in anderem mit dem Alten in Widerspruch. Der Büttnerbauer
steckte noch immer Geld in das Gut, obgleich es bereits an allen Ecken und Enden
zu mangeln begann. Der junge Mann war der Ansicht, dass jetzt keine
Verbesserungen mehr vorgenommen werden dürften, da es doch feststand, dass der
Besitz nicht mehr der Familie erhalten werden könne. Aber der Bauer schien es
sich in den Kopf gesetzt zu haben, der verlorenen Sache noch möglichst viel
nachzuwerfen. Er schaffte einen neuen Pflug an, besserte an den Wegen, stopfte
Löcher im Fachwerk des Scheunengiebels und sprach sogar davon, den Kuhstall
umdecken zu lassen. Darüber kam es zwischen Vater und Sohn zu einem heftigen
Auftritt.
    Die Folge war, dass der junge Mann sich mehr denn je von zu Hause wegsehnte.
Jeder Tag vermehrte seine Einsicht, dass hier alles unhaltbar geworden sei. Wozu
sein Geschick noch länger an das seines Vaters knüpfen, der zu alt zu sein
schien, um noch Vernunft anzunehmen. Im Elternhause wurde es immer öder und
trauriger. Der alte Bauer lebte ein Leben völlig für sich. Wie ein böser Hund
fuhr er aus seiner Hütte, bereit, jeden zu beissen, der ihn in seiner
Verdrossenheit störte. Die Bäuerin weinte viel und hatte an ihrem Leiden zu
tragen. Terese zankte mit Karl. Toni sah in schwüler Gleichgültigkeit ihrer
Entbindung entgegen. Bei Ernestine begannen sich unter dem Einflüsse all des
Widrigen, dessen das junge Ding Zeuge geworden, Eigensucht und Vorwitz in nicht
gewöhnlichem Grade zu entwickeln.
    Gustav hielt sich infolgedessen dem Elternhause, das ihm die Hölle auf Erden
zu werden drohte, so viel als möglich fern. Um so mehr war er bei Pauline
Katschner zu finden. Sie und der Junge mussten ihm jetzt Eltern und Geschwister
ersetzen.
    Der Termin der Hochzeit rückte näher und näher, und Gustav hatte noch immer
keine Stellung gefunden. Er dachte manchmal daran, ob es nicht das beste sei,
auszuwandern. Man sah es ja: die Verwandten alle, die von Halbenau weggegangen
waren, hatten es zu Vermögen und Ansehen gebracht. Im Dorfe konnte man nie und
nimmer zu etwas kommen. Die Heimat war ihm vergällt und verekelt durch so viel
traurige Erlebnisse. Also, nur fort! Den Staub von Halbenau von den Füssen
geschüttelt und anderwärts sein Glück versucht! Aber das war leichter gedacht
als ausgeführt. Zunächst einmal: wo sollte er hingehen? In die Stadt! Wer stand
ihm dafür, dass er dort Arbeit fand. Und dann mit Weib und Kind wanderte es sich
nicht so leicht, als wenn einer nur den Ranzen zu schnüren und den Stab in die
Hand zu nehmen brauchte. Und schliesslich war Gustav auch ein zu guter Sohn, um
trotz seines augenblicklichen Zerwürfnisses mit dem Vater seine alten Eltern
leichten Herzens im Stiche zu lassen. Die kränkelnde Mutter, den alten Mann, der
bei seinen Jahren vom Grossbauern zum obdachlosen Bettler herabsteigen sollte! Es
war ein Jammer! Und Gustav erschien es oft wie Feigheit, dass er gerade jetzt die
Seinen verlassen wollte.
    In dieser Zeit taten sich plötzlich für den jungen Mann ganz neue Aussichten
auf.
                                     * * *
    Schon seit einiger Zeit hatte Gustav, der die Zeitungen jetzt eifrig nach
Stellenangeboten durchforschte, gelesen, dass ein gewisser Zittwitz, der sich
»Aufseheragent« nannte, seine Vermittlung anbot für junge Leute, welche nach dem
Westen auf Sommerarbeit gehen wollten. Durch Bekannte hatte er weiter gehört,
dass derselbe Agent eine Art Arbeitsvermittlungsbureau in der Stadt aufgetan
habe, dass er auch die Dörfer in der Runde besuche, um Mädchen und junge Männer
zu mieten.
    In dieser Gegend war die Sachsengängerei noch unbekannt. Es war das erste
Mal, dass ein Agent aus den westlichen Zuckerrübendistrikten hier gesehen wurde.
Die fabelhaftesten Gerüchte gingen dem Manne voraus. Man versprach sich goldene
Berge. Die Leute, welche nach Sachsen zur Rübenarbeit gingen, hiess es, könnten
sich im Laufe eines Sommers dort ein Vermögen erwerben. Andere wieder sagten,
diese Agenten seien nicht besser als Sklavenhändler, und die Mädchen und
Burschen welche ihrem Lockrufe folgten, sähen einem schrecklichen Lose entgegen.
    Gustav hatte, als er noch bei der Truppe war, die Sachsengänger alljährlich
im Frühjahr durch die Stadt ziehen sehen, von einem Bahnhof zum anderen auf
Möbelwagen: Weiber und Männer zusammengepfercht mit ihren Ballen und Laden, oder
auch herdenweise durch die Strassen getrieben wie Vieh. Fremdartige Gestalten
waren das gewesen, Polacken, schmutzig, zerlumpt. Er hatte die Gesellschaft aus
tiefster Seele verachtet, und nie bisher war ihm der Gedanke gekommen sich
diesen zuzugesellen.
    Eines Tages nun fand er am Spritzenhause in Halbenau einen Anschlag, auf
welchem der Aufseheragent Zittwitz mitteilte, dass er im Kretscham angekommen sei
und Anmeldungen von Mädchen sowohl wie jungen Männern zur Sommerarbeit in
Sachsen annehme.
    Gustav, der eigentlich auf dem Wege zu seiner Braut begriffen war, las den
Anschlag ein paarmal aufmerksam durch. Sich anbieten! Nein, das wollte er nicht.
Er hätte den schön geführt, der ihm, dem gewesenen Unteroffizier, hätte zumuten
wollen, unter die Runkelweiber zu gehen. Aber anhören konnte man sich
schliesslich doch mal, was der Agent zu sagen hatte; das verpflichtete ja zu
nichts.
    Vor dem Kretscham schon merkte man, dass hier etwas Besonderes heute vor sich
gehe. Leute gingen und kamen. An der Tür stand ein Hause junger Burschen, Hände
in den Taschen, Zigarren im Munde, welche die Mädchen, die zahlreich in den
Gastof strömten, bekrittelten und verhöhnten. Gustav schloss sich dieser Gruppe
an. Jetzt hineinzugehen, schämte er sich doch.
    Er stellte sich also zu den Burschen. Es wurde viel gespuckt, bramarabasiert
und geflucht. Der Kerl da drinnen mache die Mädel ganz verrückt, hiess es. Das
Blaue vom Himmel löge er herunter, und einige habe er auch schon bald so weit,
dass sie unterschreiben wollten. Er suche sich die jungen und hübschen aus.
Verheiratete wolle er gar nicht haben. Da könne man sich ja ungefähr vorstellen,
was er im Schilde führe. Es folgten düstere Andeutungen. Einer wollte in der
Zeitung gelesen haben, wohin derartige Mädchen verschwänden.
    Gustav hörte sich das Gerede eine Weile mit an, dann meinte er, man sollte
doch lieber hineingehen und dem Burschen auf die Finger sehen bei seinem
Geschäfte. Sie würde wohl noch Mannes genug sein, ihn, falls er im trüben
fische, aus dem Orte hinaus zu besorgen.
    Einige von den jungen Leuten folgten ihm in den Kretscham.
    Die grosse Gaststube war gedrängt voll Menschen. Dem Eingange gegenüber sass
der Agent an seinem Tische mit Schreibzeug und Papieren. Um ihn her standen und
sassen alte und junge Männer. Die Mädchen hielten sich mehr an der Wand, sie
schienen verschüchtert und wollten sich nicht recht herantrauen.
    Der Aufseheragent war ein Mann von behäbigem Äusseren, mit braunem Vollbart,
in einem Anzug von brauner »Jäger« wolle, die ihn wie ein Sack einschloss und
nichts von weisser Wäsche sehen liess. Auffällig an ihm waren die grossen,
lebhaften, schwarzen Augen.
    Er war soeben im Wortwechsel mit ein paar jungen Männern begriffen, welche
Soldatenmützen trugen, und die, wie Gustav schnell erkannte, nicht aus Halbenau
waren. Die jungen Leute behaupteten, das seien Schundlöhne, die jener anböte,
dafür brauche niemand die weite Reise zu machen. Verhungern könne man hier so
gut wie anderwärts umsonst.
    Der Agent liess die beiden eine Weile reden Er sass an seinem Tische mit
gelassener Miene, er schien seiner Sache sehr sicher zu sein. Er gebrauchte
seine Augen, indem er die einzelnen Gesichter um sich her scharf beobachtete.
    Jetzt schlossen sich auch Einheimische den beiden Schimpfern an. Für solche
Löhne könne man kaum sein Leben fristen, hiess es, geschweige denn etwas
verdienen oder zurücklegen. Da wolle man doch lieber daheim bleiben bei sicherem
Brot.
    Nun erhob sich der Agent von seinem Platze, er ging unter die Leute. Vor
einem der Hauptklugredner blieb er stehen. Er solle ihm doch einmal erzählen,
was er verdiene, sagte er in vertraulichem Tone. Der junge Mensch war etwas
verblüfft und wollte nicht recht mit der Sprache heraus, dann nannte er einen
Satz; andere widersprachen, so viel verdiene der nicht, hiess es. Es gab darüber
ein Hin und Her. Der Agent liess die Leute ausreden und blickte mit überlegenem
Lächeln drein. Dann griff er wieder ein, den Widerspruch, in den sich der junge
Mann verwickelt hatte, geschickt benutzend, machte er ihn lächerrlich, so dass er
bald die Lacher auf seiner Seite hatte.
    Eine ernstere Miene aufsetzend, hielt er darauf eine kleine Ansprache. Die
Leute sollten nur Vertrauen zu ihm fassen, sagte er. Er sei als Freund zu ihnen
gekommen. Er wisse, wie es dem kleinen Manne ums Herz sei in diesen schweren
Zeiten. Sei er doch selbst aus dem Arbeiterstande hervorgegangen, habe sich
durch seiner Hände Werk emporgearbeitet. Aber stolz sei er nicht geworden.
    Der Mann besass eine gewisse breite Gemütlichkeit, etwas volkstümlich
Biedermännisches in Worten und Gebärden, das zum Herzen des kleinen Mannes
sprach und ihm auch hier schnell die Gemüter eroberte.
    Unter den Anwesenden waren viele Tagelöhner, Dienstleute, kleine
Stellenbesitzer, lauter armes Volk, das um seine Existenz rang. Auch ein paar
Armenhäusler waren zur Stelle. Die meisten hatten sich wohl nur des
Zeitvertreibs wegen hierher begeben, um mal zu sehen, was ein »Aufseheragent«
eigentlich für ein Ding sei, und »ob der Karle wos lus hatte«.
    Getrunken wurde viel. Hinter dem Schenktisch stand Kaschelernst, der die
Pfennige ebenso gern von den Armen nahm wie von den Reichen. »Kleinvieh macht
och Mist,« pflegte er philosophisch zu sagen. Richard ging umher an den Tischen
und nahm die leeren Gläser in Empfang, setzte volle auf und kassierte. An den
erhitzen Gesichtern und den lauten Stimmen konnte man merken, dass einzelne
schon zu viel des Guten getan hatten.
    Agent Zittwitz hatte sich inzwischen in eine abgelegenere Ecke des Raumes
begeben, wo mehrere Mädchen beisammen sassen, ängstlich und ratlos wie ein
Völkchen junger Hühner. Der Aufseheragent pflanzte sich vor sie hin und suchte
sie durch freundlichere Blicke und Worte zu kirren. Er pries ihnen die Vorzüge
seines Kontraktes. Seine Anpreisung war geschickt auf den weiblichen
Sparsamkeits- und Ordnungssinn berechnet. Sie könnten ihren ganzen Lohn
zurücklegen, da sie alles geliefert bekämen und keinerlei Ausgaben hätten. Die
meisten Mädchen brächten im Herbst ihre dreihundert Mark zurück, er kenne auch
welche, die es bis zu fünfhundert gebracht hätten. Viele Mädchen verdienten sich
auf diese Weise ihre Ausstattung.
    Die Mädchen sagten nicht viel, aber ihren Mienen war es leicht anzusehen,
dass sie grosse Lust hatten, der Lockpfeife des Fremden zu folgen.
    Gustav hatte sich anfangs nicht viel darum gekümmert, was in jener Ecke
vorgehe. Er war darüber, den Kontrakt durchzulesen, welchen der Agent ausgelegt
hatte. Es befanden sich noch keine Unterschriften darunter. Als er dann nach der
Mädchenecke hinüberblickte, erkannte er zu seiner nicht geringen Verwunderung
seine eigene Schwester Ernestine, die sich in der Gruppe befand. Sie sass unter
den Vordersten und folgte den Reden des Werbers mit gespannter Aufmerksamkeit.
Wollte die sich etwa gar verdingen? Er trat hinter den Agenten; er wollte doch
einmal genauer feststellen, was der den Mädeln eigentlich vorschwatzte.
    Der Werber war gerade dabei, auseinanderzusetzen, welche Lebensweise ihrer
in Sachsen harre. Sie wohnten gemeinsam in besonderen Häusern, auch Kasernen
genannt. Ihre Betten und Kleider könnten sie sich mitbringen, für alles andere
sei gesorgt. Die Lebensmittel bekämen sie geliefert. Früh, ehe es zur Arbeit
ging, setze man sich seinen Topf an. Ein Mädchen bleibe zurück, um nach dem
Feuer zu sehen und die Töpfe zu rücken. Den Abend hätten sie ganz für sich,
ebenso den Sonntag.
    Der Mann verstand es, das Leben der Sommerarbeiter in der angenehmsten Weise
zu schildern. - Dann begann er von der Arbeit zu sprechen, für die sie gemietet
würden. Er meinte, die sei so leicht, jedenfalls ein Kinderspiel im Vergleich zu
dem, was man in dieser Gegend von den Frauen verlange. Rüben hacken und
verziehen, zur Erntezeit Getreide abraffen und binden und im Herbste Kartoffeln
und Rüben roden. All die schweren und unappetitlichen Verrichtungen, die sie zu
Haus tun müssten, wie: misten, jauchen, graben, dreschen, melken, karren und die
Egge ziehen, fielen da weg. Auch würde da meist in Akkord gearbeitet, ohne
Aufsicht von seiten der Diensterrschaft. Ganz frei sei man und ungebunden.
Könne es etwas Schöneres geben! Und im Herbste kehre man dann mit dem ganzen
reichen Lohne des Sommers frohen Mutes in die Heimat zurück.
    Der Werber machte eine Pause. Er hatte die Stimmung so gut vorzubereiten
verstanden, dass er nur noch die Hand auszustrecken brauchte, und er hatte die
Mädchen alle.
    Da trat Gustav vor und sagte, er wolle mal ein paar Fragen stellen. »Bitte
schön!« meinte der Agent. »Dazu bin ich hier, um Rede und Antwort zu stehen. Je
mehr Sie fragen, desto angenehmer ist es mir.« Er sagte das mit grösster
Zuvorkommenheit, betrachtete sich den jungen Mann jedoch gleichzeitig mit
forschenden Blicken, die nicht frei von Argwohn waren.
    »Wir haben ja hier alle gehört,« begann Gustav und wandte sich mehr an die
anwesenden Männer als an die Frauen, »wie schön dort alles ist, wo der Herr uns
hinbringen möchte, und wie dort alles gut ist, viel besser als hier bei uns.« Er
stockte. Das freie Sprechen war ihm etwas völlig Ungewöhntes. Einen Augenblick
lang gingen ihm die Gedanken aus. »Du bleibst stecken!« dachte er bei sich. Dann
nahm er alle Willenskraft zusammen und fand das verlorene Gedankenende wieder.
»Solch ein Land möchten wir wohl alle kennen lernen, wie es der Herr da
beschreibt. Aber ehe ich den Kontrakt unterschreibe und mit dem Herrn
Aufseheragenten dortin gehe, da möchte ich doch vorher von ihm noch eins
wissen: nämlich warum die Leute dort, die Burschen und die Mädel aus dem Lande,
von dem uns der Herr erzählt, warum denn die nicht auf Arbeit gehen wollen und
sich das Verdienst mitnehmen? Oder gibt's dort etwa keine Arbeiter nicht? Das
glaub' ich doch nicht!« -
    Die Anwesenden waren diesen Worten mit Spannung gefolgt. Die Männer gaben
ihren Beifall zu erkennen. Das war einleuchtend! Büttner hatte recht! Es war
doch auffällig, dass die Leute in jener Gegend sich den Vorteil entgehen lassen
sollten, der ihnen hier angepriesen wurde. Man war neugierig, was der Agent
hierauf zu antworten haben würde.
    Der zuckte die Achseln und lachte. Er schien der Sache einen harmlosen
Anstrich geben zu wollen, indem er sie auf die leichte Schulter nahm. »Ihr
Leute!« rief er, »ihr müsst euch das nicht so vorstellen wie hier! Bei uns im
Westen, das ist eben eine ganz andere Sache.« ... Dann erzählte er von der
Fruchtbarkeit des Bodens und der intensiveren Wirtschaftsweise in jenen
Distrikten, welche eine grosse Menge von Menschenkräften erfordere, mehr als
meist zur Hand seien.
    Die Erklärung verfing nicht bei den Leuten. Der Mann mochte noch so schön
und gelehrt sprechen, die klare Frage, welche ihm vorgelegt worden war, hatte er
nicht beantworten können. Irgendeinen Haken hatte die Geschichte also doch!
    Gustav gab dieser Stimmung Ausdruck, indem er fragte, ob etwa die jungen
Leute sich dort zu fein dünkten zur Feldarbeit, dass man so weit hinausschicken
müsse bis zu ihnen nach Arbeitern. -
    Der Agent erklärte, die Leute dort seien durchschnittlich wohlhabender als
hier im Osten. Viele gingen auch in die Städte und widmeten sich anderen Berufen
als gerade der Landwirtschaft.
    »Da haben wir's!« rief Gustav, welcher den Mann nicht ausreden liess. »Da
hört ihr's! Wie ich gesagt habe! Die Sache ist genau so: wir sollen eben das
machen, was denen dort nicht passt. Wozu die sich zu gut vorkommen, dazu werden
wir geholt. Ne, das passt uns auch nich - nich wahr? Wir sind nich schlechter
hier als irgendwer andersch!«
    Gustav sah sich fragend im Kreise um. Die Männer riefen ihm zu, dass er recht
habe. Der Werber, welcher merkte, dass die Dinge eine ungünstige Wendung für ihn
zu nehmen begannen, rief mit erhobener Stimme: Man solle ihn nur anhören, er
werde alles haarklein erklären. Aber schon hatte er die Aufmerksamkeit verloren.
Man schwatzte laut durcheinander und murrte. Für dumm solle man die Halbenauer
nicht halten, hiess es. Im Sacke wollten sie die Katze nicht kaufen. Das sei der
reine Menschenfang, der hier getrieben würde, rief einer von den jungen Leuten
mit Militärmütze.
    So flogen die Redensarten hin und her. Jetzt redete mancher von der Leber
weg, der sich's zuvor nicht getraut hatte. Der Agent gab das Spiel noch nicht
verloren, er trat an einzelne heran, setzte ihnen zu, eiferte, widersprach,
wollte berichtigen. Er hatte gut sich abmühen, er fand keinen Glauben mehr. In
diesen einfachen Köpfen war das Misstrauen rege geworden, und mit Engelszungen
liess sich ihnen der Argwohn nicht wieder ausreden.
    Wer jetzt noch Lust hatte, den Kontrakt zu unterschreiben, wagte es nicht
mehr aus Angst, sich vor den Dorfgenossen lächerrlich zu machen. Die Mädchen
gingen einer nach dem anderen hinaus, besorgend, es möge hier wohl noch gar zur
Rauferei kommen.
    Agent Zittwitz packte schliesslich mit ärgerlicher Miene seine Papiere
zusammen und verschwand.
                                     * * *
    Die Männer blieben noch beisammen. Gustav Büttner war der Held des Tages.
Das war etwas ganz Neues für ihn. Das Bewusstsein, von seinesgleichen anerkannt
zu werden, hob sein Selbstgefühl. Er war so ganz unvorbedacht dazu gekommen; er
wusste selbst nicht, wie ihm geschehen. Der blaue Dunst, den dieser Agent den
Leuten vorgemacht, hatte ihn verdrossen, und da hatte er frei herausgesagt, was
er für recht hielt, ohne Haschen nach Bewunderung. Der Erfolg, den er gehabt,
setzte ihn selbst in Erstaunen. Die Aufmerksamkeit, deren Gegenstand er gegen
seinen Willen geworden, tat ihm aber doch wohl, bekam schliesslich etwas
Prickelndes, Berauschendes für seine wenig verwöhnte Eitelkeit.
    Und die Umgebung sorgte dafür, dass dieses Gefühl sich steigerte. Man feierte
den Sieg, brüstete sich damit, dem Aufseheragenten das Geschäft gründlich gelegt
zu haben. »Ja, wir Halbenauer!« ... hiess es. Die Begebenheit wurde noch einmal
durcherlebt, breitgetreten, ausgeschmückt. Die Schnapsflasche machte die Runde.
Bier wurde bestellt; bald gab dieser, bald jener eine neue Auflage zum besten.
    Auch Gustav durfte sich nicht lumpen lassen, er liess anfahren. dabei machte
er sich's zum besonderen Scherz, jedes Glas einzeln heranbringen zu lassen, nur
um das Vergnügen zu haben, seinen Vetter Richard Kaschel auf seinen Wink
springen zu sehen. Hinter dem Schenktisch erschien jetzt auch Ottilie. Sie
schielte nach dem Vetter hinüber und lächelte ihm mit schiefem Munde zu. Er hob
das Glas, und ihr zutrinkend rief er: »Auf deine Schönheit!« Ein schallendes
Gelächter der Burschen antwortete. Ottilie zog sich, scheinbar gekränkt, von der
Bierausgabe zurück.
    Während man noch den schlechten Witz bejubelte, trat ein Fremder ins Zimmer.
Seinem Aufzuge nach war er ein wandernder Handwerksbursche, auf dem Rücken den
»Berliner« den »Stenz« in der Hand.
    »Kenn Kunde!« begrüsste ihn einer von den jungen Leuten, der auch einmal auf
der Walze gewesen war und die Kundensprache beherrschte.
    »Kenn Kunde!« kam es aus dem Munde des Wandersmanns zurück.
    »Na, Kunde, wie ist der Talf gewesen?«
    »Denkst de, ich wer Klinken putzen! Ne, dazu is meinen Ollen sei Sohn zu
nobel.«
    »Na, Kunde, nobel siehst de grade nich aus. Du wirst wohl schmal gemacht
han! Oder bist de gar verschütt gegangen?«
    »Ich und verschütt gehn! Nich mal Knast gemacht ha' ch. Mein Lebtag nicht!
Ich hab' freilich meine Flebben in Ordnung. Willst se sehn?«
    »Ich bin keen Teckel nich! Lass deine Flebben, wo se sind. Willst en Soruff,
Kunde?«
    »Freilich mecht'ch ä Nordlicht putzen. Hier is aber, weiss der Hole, ene
dufte Winde.«
    »Hast wohl lange Leg' um kauen müssen?«
    »Pikus machen kann mer nich alle Tage auf der Walze. Meine Kluft is och
miess, die Trittchen hier sind ganz verrissen, und ne reine Staude hab' ich vor
drei Wochen angehabt.«
    »Na, lass dich vom Bruder schmieren, Kunde!«
    »Wenn ich man Messume hätte.«
    »Hier, trink mal!«
    »Prost, edler Menschenfreund!«
    Gustav hatte sich den Mann, der eben das Glas zum Munde führte, inzwischen
mit Aufmerksamkeit betrachtet. Den musste er doch kennen. Himmeldonnerwetter! war
das nicht ... Wenn das nicht Häschke war, wollte er sich hängen lassen! Häschke,
mit dem er zusammen eingetreten war bei der zweiten Schwadron. Freilich, der
Vollbart veränderte ihn und die Vagabundenkleidung. Aber an den lebhaften Augen,
der Stimme und den Bewegungen erkannte er den ehemaligen Kameraden wieder.
    »Häschkekorl!« rief Gustav und unterbrach damit die Unterhaltung der beiden
Kunden.
    Der Handwerksbursche fuhr herum. »Büttner Hol mich der Teufel. Büttnergust!«
    »Gleich noch ein Vier für meinen Kameraden!« rief Gustav nach dem
Schenktisch hinüber.
    Nun ging ein eifriges Fragen los von beiden Seiten. Drei Jahre und ein
halbes war es jetzt her, dass sie einander nicht gesehen hatten. Denn Häschke war
nach beendeter Dienstzeit herausgegangen, während Büttner kapituliert hatte.
    Häschke hatte sich neben Gustav setzen müssen. Nun musste er von seinen
Erlebnissen berichten. Er war von der Truppe aus zunächst in seine Heimat, das
Königreich Sachsen, zurückgekehrt. Von Profession war er Schlosser und hatte
fürs erste bei einem Meister seines Handwerks Arbeit genommen. Dort war seines
Bleibens aber nicht lange gewesen. Er hatte Krach bekommen mit dem Meister. Nun
war er gewandert, hatte dabei einen guten Teil Deutschlands gesehen. Im
Westfälischen war er hängen geblieben eines Mädels wegen, sagte er. Dort hatte
er sich in eine Maschinenwerkzeugfabrik verdungen. Bald darauf war Streik
ausgebrochen, und er hatte seinen Stab weitersetzen müssen. Einige Monate lang
hatte er beim Nordostseekanalbau Arbeit gefunden. Nachdem er den Winter über in
einer posenschen Zuckerfabrik als Heizer Verwendung und Unterschlupf gefunden,
lag er jetzt wieder auf der Landstrasse.
    Gustav Büttner war mit diesem Häschte besonders befreundet gewesen. Sie
hatten zusammen die Leiden der Rekrutenzeit durchgemacht. Waren auf derselben
Stube und in dem nämlichen Beritt gewesen. Dass Büttner bald zum Gefreiten
befördert wurde, während Häschke Gemeiner blieb, hatte keine eigentliche
Scheidewand zwischen ihnen aufgerichtet. Häschke war und blieb einer der
beliebtesten und angesehensten Kameraden, obgleich ihm die Vorgesetzten nicht
wohl wollten, seines losen Maules und seiner Leichtfertigkeit wegen. Mutterwitz
und Gewandteit brachten ihn bei seinesgleichen desto mehr zur Geltung.
    Jetzt wurden alle diese Erinnerungen wieder aufgefrischt. Vom schnauzigen
Wachtmeister und vom schneidigen Herrn Rittmeister erzählte man sich, und
mancher lustige Streich aus dem Manöver und dem Garnisonleben wurde ans
Tageslicht gezogen.
    Häschke war natürlich Gustavs Gast. Als er erfahren hatte, dass der
Weitgereiste heute noch nichts Ordentliches in den Magen bekommen, bestellte
Gustav Butterbrot und Wurst für ihn.
    Auf diese Weise war der Nachmittag vergangen. Die hereinbrechende Dunkelheit
mahnte zum Aufbruch. Gustav dachte mit geheimer Besorgnis an die hohe Zeche, die
er gemacht hatte. Aber er hütete sich wohl, davon etwas merken zu lassen. Im
Gegenteil! Den Kaschels wollte er gerade mal zeigen, dass es ihm auf ein paar
Mark nicht ankomme. Und er bestellte für die ganze Gesellschaft noch einen Korn
zum »Rachenputzen!«
    Als man den Kretscham verliess, schloss Häschke sich Gustav an. Sobald sie
ohne Zeugen waren, begann der Handwerksbursche zu klagen, wie schlecht es ihm
gehe. Seit vierzehn Tagen sei er in kein vernünftiges Bett gekommen. Die letzten
Sparpfennige waren in den Pennen draufgegangen. Die Kleider fingen an zu
zerreissen, und die Füsse schmerzten in dem elenden Schuhwerk. Er sah in der Tat
abgerissen genug aus. Er fragte Gustav, ob er ihm nicht aus alter Kameradschaft
etwas vorschiessen könne. Dann wolle er die Eisenbahn benutzen oder - wie er sich
in der Kundensprache ausdrückte - »mit dem Feurigen walzen« und ihm von seiner
Heimat aus das Erborgte zurückerstatten.
    Gustav hatte das Gewissen bereits gepeinigt wegen der heutigen Zeche. Das
war von den Ersparnissen gegangen, die er für die Hochzeit bestimmt hatte. Es
wurde ihm schwer, dem alten Kameraden die Bitte abzuschlagen, aber es ging nicht
anders! Er war nicht mehr ganz nüchtern, wie er jetzt erst merkte, wo er sich in
freier Luft befand, aber er fand noch so viel Überlegung, dem anderen zu
erklären, dass er nichts ausleihen könne, er sei selbst nicht in der besten Lage
und wolle nächstens heiraten.
    Häschke bat, dass er ihm dann wenigstens Unterkunft für ein paar Tage
verschaffen möge. Er wolle sich seine Sachen instandsetzen und seine Füsse
ausheilen lassen. Wenn er sich wieder etwas herausgemacht haben würde, werde er
seine Strasse weiterziehen.
    Diese Bitte konnte Gustav unmöglich abschlagen. Er überlegte: bei den Eltern
war ja Platz. Haschte behauptete, mit jedem Fleckchen, und sei es auf dem Boden
oder im Schuppen, zufrieden zu sein, und wenn es nur eine Bucht von Heu wäre.
Gustav erklärte, es werde sich wohl noch ein Bett für ihn finden.
    Er brachte also den Fremden mit nach Haus. Dort sass die Familie bereits beim
Abendbrot. Die Angetrunkenheit löste Gustavs Zunge. Mit grösserem Wortreichtum
als man sonst an ihm gewohnt war, stellte er den Fremdling als einen ehemaligen
Kameraden und Freund vor, dem man Obdach gewähren müsse.
    Die Frauen blickten verdutzt auf den bärtigen Wanderburschen, der in der
trüben Beleuchtung des schwachen Öllämpchens nicht gerade vertrauenerweckend
sich ausnahm. Der alte Bauer sagte nichts; ihn brachte jetzt nicht so leicht
mehr etwas aus seiner verstockten Gelassenheit. In früheren Zeiten würde er dem
schön gekommen sein, der ihm solch einen Strolch ins Haus gebracht hätte. Aber
jetzt nahm er auch das mit in den Kauf zu dem übrigen. Die Bäuerin war gewiss
nicht erbaut über den Gast; doch wagte sie nichts zu äussern, aus Furcht, Gustav
zu reizen. Terese war die erste, welche Worte fand. Als Gustav fragte, wo ein
Lager für den Fremden zu finden sei, meinte sie trocken, drüben bei den
Schweinen stehe noch ein Koben leer. Eine Bemerkung, welche ihr Gatte Karl,
nachdem er den Sinn erst begriffen, so ausgezeichnet fand, dass er in ein
Gelächter ausbrach, welches an diesem Abende nicht mehr enden zu wollen schien.
    Gustav erbleichte vor Zorn. »Dann wird Häschke eben in meinem Bette
schlafen!« sagte er. »Mir soll keiner nachsagen, dass ich einen Kameraden auf der
Strasse hätte liegen lassen. Komm, mei Häschke!«
    »Und wu wirst du denne schlafen alsdann, Gustav?« fragte die Mutter besorgt,
da sie sah, dass der Sohn Ernst machen wollte mit seinem Vorhaben.
    »Mutter, ich weiss schon an Fleck für mich!« sagte Gustav.
    Und in der Tat, es gab in Halbenau einen Platz für ihn, wo er freudige
Aufnahme fand, zur Tages- und Nachtzeit.
 
                                       V.
Obgleich gerade Gustav es gewesen war, der dem Aufseheragenten das Geschäft in
Halbenau gelegt hatte, liess ihm doch der Gedanke an den Mann und was er gesagt
hatte, keine Ruhe. Er hatte neulich die ganze Sache als Schwindel und
Menschenfang bezeichnet, aber im stillen gedachte er jetzt mit heimlich
zehrender Sehnsucht der goldenen Berge, die jener in Aussicht gestellt hatte.
Wenn nun doch etwas an der Sache war! - Gänzlich aus der Luft gegriffen konnte
das alles unmöglich sein. Gustav entsann sich der gedruckten Formulare, die der
Mann vorgezeigt hatte; sogar Stempel von Behörden waren darauf zu sehen gewesen.
    Der junge Mann befand sich in eigentümlicher Lage. Seine Seelenstimmung war
geteilt. Die Anerbietungen des Agenten lockten; auf der anderen Seite scheute er
sich, wieder in den Bannkreis des Mannes zu geraten, den er soeben mit Erfolg
bekämpft hatte. Und schliesslich schämte er sich auch vor den Dorfgenossen, die
sein Auftreten im Kretscham mit erlebt und Beifall geklatscht hatten.
    Er hielt sich dem Werber vorläufig ferne, aber in den Blättern verfolgte er
die weiteren Schritte des Mannes mit Spannung.
    In allen Ortschaften ringsum rührte Zittwitz die Werbetrommel und, wie es
den Anschein hatte, mit grossem Erfolge. Seine Kontrakte bedeckten sich
allmählich mit Hunderten von Unterschriften.
    Es lag etwas Ansteckendes in dieser Bewegung. Man wollte sich einmal
verändern, wollte sein Glück in der Ferne versuchen. Der Agent schilderte die
Verhältnisse da draussen im Westen in verlockenden Farben. Und wenn der Mann
vielleicht auch Schönfärberei trieb seines Geschäftes wegen, schliesslich
schlimmer als daheim konnte es dort wohl auch nicht sein. Und der Gedanke, zu
wandern, ein Stück Welt zu sehen, packte die Gemüter mächtig. Die Fremde lockte
mit ihren unklaren, dem Auge im bläulichen Dunst der Ferne verschwimmenden
Dingen. Das Frühjahr stand vor der Tür; da sind die Hoffnungen leicht erregbar
in der Menschenbrust. Da wachsen und quellen heimliche Wünsche, ein
unverständlicher Drang treibt, ein süsses und beunruhigendes Gefühl quält den
jungen Menschen und reizt ihn zu Neuem, Unentdecktem. Der tief in die
Menschennatur gesenkte Trieb, sich zu verändern, der Wandertrieb, regte sich.
    Wie die Zugvögel kamen sie zusammen. Einer sagte es dem anderen; überall in
den Schenkstuben, des Sonntags vor der Kirche, bei gemeinsamer Arbeit, wo immer
Menschen zusammenkamen, wurde das Für und Wider eifrig besprochen. Die
Hoffnungsfreudigen steckten die Verzagten an; wer bereits unterschrieben hatte,
suchte Gefährten zu werben. Wie der Schneeball im Rollen wuchs die Bewegung.
    Schon reute es manchen jungen Mann und manches Mädchen in Halbenau, dass sie
neulich die Anträge des Aufseheragenten abgelehnt hatten. Heimlich gingen sie
dortin, wo er neuerdings sein Quartier aufgeschlagen hatte, um sich seine Worte
doch noch einmal mit anzuhören.
    Eines Abends befand sich denn auch Gustav Büttner auf dem Wege nach dem
benachbarten Wörmsbach, wo, wie er aus den Zeitungen ersehen hatte, Zittwitz
heute sprechen wollte. Gustav hatte daheim keinem Menschen etwas gesagt von
seinem Vorhaben. Niemand in Halbenau sollte etwas davon wissen, er wollte sich
gänzlich im Hintergrunde halten; wenn irgend möglich wollte er vermeiden, von
dem Agenten selbst gesehen zu werden.
    Im Gastof zu Wörmsbach bot sich dem Eintretenden ein ganz anderes Bild dar
als neulich in Halbenau. Der Aufseheragent sass auf einem erhöhten Podium, neben
ihm ein junger Mann, welcher schrieb. Seinen Vortrag schien Zittwitz bereits
gehalten zu haben. Hin und wieder richtete er noch ein Wort der Erläuterung an
die Menge oder beantwortete Fragen einzelner, die an ihn herantraten. Er schien
von Männern aus der Versammlung unterstützt zu werden, die von Tisch zu Tisch
und von Gruppe zu Gruppe mit Zetteln gingen und den Leuten zusetzten, sie
sollten unterschreiben. Besonders rührig darin zeigte sich ein gewisser
Wenzelsgust, der für gewöhnlich als arbeitsscheues Individuum bekannt war.
Dieser Mensch lief hier mit wichtiger Miene geschäftig umher und redete den
Leuten zu, sie dürften sich eine solche Gelegenheit zur Arbeit um keinen Preis
entgehen lassen.
    Hin und wieder trat ein Bursche oder ein Mädchen an das Podium und sprach
mit dem Agenten. Waren sie handelseinig geworden, dann liess sich der Schreiber
die Personalien angeben, füllte ein Formular aus, und der Neugeworbene setzte
seinen Namen unter den Kontrakt. Von Zeit zu Zeit verlas der Agent dann mit
lauter Stimme die Namen und knüpfte daran Worte der Ermunterung an die, welche
noch zauderten.
    Doch spielte sich nicht alles so ruhig und geschäftsmässig ab. Starke
Gefühle, Leidenschaften und Triebe arbeiteten versteckt unter anscheinender Ruhe
und Stumpfheit in dieser Menge.
    In Gustavs Nähe stand eine alte Frau und ein junges Mädchen. Wie aus ihren
Worten zu merken, war die Greisin die Grossmutter des kaum sechzehnjährigen
bildhübschen Dinges. Die Alte hatte Tränen in den Augen und redete voll Eifer
auf die Enkelin ein. Die blieb stumm und blickte mit einem gewissen
verinnerlichten Trotz in ihren kindlichen Zügen nach dem Podium hinüber, wo eben
neue Sachsengänger sich meldeten.
    »Ne, Guste!« sagte die alte Frau mit zitternder Stimme, das Mädchen mit
ihrer runzeligen Hand liebevoll tätschelnd, »de werft uns buch su was ne oantun
wellen. Was sillte denn aus dann kleenen Kingern warn, dernoa! Gieh! Bleib ack
bei uns, Guste! Weess mer denne, wie's da draussen sen mag.«
    Dann sah sich die Greisin hilfesuchend im Kreise um: »'s is ane Sinde und
ane Schande, su a Madel mitnahmen!« Und sich dem Mädchen wieder zuwendend: »Gleb
mirsch, Guste, dir wird's ei der Fremde bange wern nach der Heemde.«
    In geschwätziger Greisenart erzählte sie jedem, der es hören wollte, von
ihrer Not. Ihre Tochter, die Mutter des Mädchens, lag schon im siebenten Monat
ans Bett gefesselt. Der Schwiegersohn war als Steinmetzger im Gebirge, hatte
einen Haufen kleiner Kinder. Und nun wollte die Guste auch noch fort, welche
bisher die Stütze des ganzen Haushalts gewesen war. »Raden Sie er ack zu!« bat
sie die Umstehenden. »Uf mich Altes tut se ne hieren. Se soit, se will sich a
Sticke Geld verdiene mit a Riebenhacka. Ich ha' gesoit, iber se gesoit ha' ich:
Guste, 's is duch ane Sinde un ane Schande, su a Madel, su a jung's Madel
alleene ei de Fremde losa. Was sull denne aus uns warn hernach'n.«
    Die Greisin blickte in hilfloser Verzweiflung von einem zum anderen. Während
sie noch ihr Leid klagte, war die Enkelin unvermerkt von ihrer Seite gewichen.
Bald darauf sah man ihr rotes Kopftuch in der Nähe des Podiums, und nach einiger
Zeit verlas der Agent ihren Namen unter den Angeworbenen.
    Gustav erlebte mit Staunen, wie flott hier das Geschäft des Werbers ging.
Freilich in Wörmsbach lagen die Verhältnisse auch anders als in Halbenau.
Wörmsbach und seine Bewohner genossen nicht gerade den besten Ruf in der
Nachbarschaft. Hier hatte es ursprünglich viele wohlhabende und selbständige
Bauern gegeben. Eine Zeitlang nahm der Ort einen Aufschwung, der die
Nachbardörfer in Schatten stellte. Aber die junge Generation hatte angefangen,
auf dem ererbten Wohlstande auszuruhen. Das Spiel, der ärgste Verderber des
Bauern, war aufgekommen, und der Trunk hatte sich dazu gesellt. An Stelle des
Reichtums trat die Überschuldung. Die Güter der Bankrottierer kamen unter den
Hammer und wurden zerkleinert. In keinem Orte der ganzen Umgegend spielte die
Güterschlächterei und der Bodenschacher eine solche Rolle wie in Wörmsbach.
Samuel Harrassowitz aus der Kreisstadt war hier kein Unbekannter.
    An einem Tische für sich sass eine Anzahl Männer, die sich durch ihre
Kleidung von den Dorfleuten abhoben. Der Gendarm mit einem geraden schwarzen
Schnurrbart, neben ihm ein dicker Mann mit rotem Vollbart im braunen Lodenrock -
in dem Gustav einen der Inspektoren der Herrschaft Saland wiedererkannte - dazu
zwei Leute in Jägertracht, gräfliche Revierförster.
    Gustav erfuhr von einem neben ihm stehenden jungen Manne, weshalb die
Beamten hier seien. »Zum Uffpassen!« Neulich habe es bereits einen grossen
»Spektakel« gegeben, da seien ein paar Mägde und ein Holzarbeiter von der
Herrschaft davongelaufen und hätten sich dem Agenten verdungen.
    Die Augen des Berichterstatters leuchteten vor Schadenfreude, als er
erzählte: »Da soll nu der Schandarm, und er sull helfen uffpassen. In hellen
Haufen lösen se weg vun der Herrschaft und och von den Pauern. Is denen schun
recht, sag 'ch, was zahlt 'r sicke Hungerlöhne, dass unserener ne laben kann
dermitte und ne starben.«
    Gustav sah sich den kleinen verwachsenen Burschen etwas näher an. Das war
wohl ein »Sozialer« wie es hier auch schon welche gab. Er fragte jenen, wer er
sei, und was er hier wolle. Er sei Ochsenknecht auf dem Rittergute, sagte der
Kleine. »Ich ginge och glei. Ich ha' das Luderlaben satt. Glei macht 'ch mitte
nach Sachsen. Wenn 'ch ack ne verheirat' wäre! Und Zittwitz spricht: Frau und
Kinder dirfte ees ne mitnahmen, spricht er.«
    Inzwischen schien sich die Zahl der Arbeitsuchenden erschöpft zu haben. Der
Aufseheragent erhob sich und fragte, ob sich weiter niemand melde, sonst werde
er für heute abend die Liste schliessen. Dann verliess er das Podium und mischte
sich unter die Menge. Hier und da blieb er stehen an den Tischen, redete
einzelne Leute an: Er habe gerade noch eine Stelle frei auf einem
ausgezeichneten Gute, sie sollten sich nur dazu halten, jetzt noch vor
Toresschluss ihr Glück zu machen. So schritt er von Tisch zu Tisch.
    Als er Gustavs ansichtig wurde, stutzte er. Einen Augenblick schien er zu
überlegen, wo er dieses Gesicht wohl schon gesehen hätte. Er warf dem jungen
Manne einen misstrauischen Blick aus seinen dunklen Augen zu. Dann aber, als habe
er sich eines anderen besonnen, hellten sich seine Züge plötzlich auf.
Wohlwollend reichte er dem erstaunten Gustav die Hand und meinte in
vertraulichem Tone, wie zu einem alten Bekannten: »Recht so, dass Sie auch hier
sind! Haben sich's also doch überlegt! Kommen Sie nur mit mir nach vorn, mein
Bester! Von Ihrer Art kann ich gerade noch einen gebrauchen.«
    Gustav erwiderte dem Agenten, dass er sich irre, wenn er ihn für einen
Arbeitsuchenden halte.
    »Wer spricht denn von Arbeit! Leute Ihres Schlages stellt man doch nicht zum
Rübenhacken an. Für Sie habe ich ganz was anderes in petto. Sie sind
Unteroffizier gewesen nicht wahr?«
    Gustav bejahte verdutzt. Woher wusste der Mensch das bereits?
    »Ihnen würde ich einen meiner Kontrakte verkaufen, verstehen Sie!« sagte der
Agent, näher an den jungen Mann herantretend mit gesenkter Stimme, andeutend,
dass die anderen das nicht mit anzuhören brauchten. »Das heisst soviel: Ich
übergebe Ihnen einen Auftrag, den ich von einem kleineren Gute erhalten habe, in
eigene Entreprise, verstehen Sie wohl! Sie besorgen sich die Leute selbst und
gehen dann als Vorarbeiter oder Aufseher mit ihnen hinaus.«
    Gustav schüttelte den Kopf. Er verstand durchaus nicht, was jener meinte.
    »Die ganze Sache bedeutet nämlich für Sie ein glänzendes Geschäft, mein
Lieber! Sie verdienen pro Kopf drei bis vier Mark Provision, je nachdem!
Ausserdem bekommen Sie Ihren Vorarbeiterlohn und im Herbst eine schöne
Gratifikation, wenn die Arbeit zur Zufriedenheit ausgeführt ist. Ich dächte, so
etwas sollte man nicht ohne weiteres von der Hand weisen. Also wie steht's, sind
wir einig?«
    Der Händler hielt die Hand ausgestreckt. Gustav sah ihn nur verwundert an.
Da kam alles so Hals über Kopf! -
    »Hier! lesen Sie sich mal das Ding hier durch! Das ist ein
Vorarbeiterkontrakt. Die Wirtschaft, für die Sie Leute zu engagieren haben
würden, ist ein Vorwerk. Vier bis fünf Männer und eine Mandel Mädchen etwa
würden genügen. Lesen Sie sich das mal durch! Ich komme nachher wieder zu Ihnen.
Dann wollen wir weiter sprechen. Wir werden schon handelseinig werden. - Sie
sind ja ein heller Kopf!! Das habe ich neulich in Halbenau gemerkt.« Damit
klopfte er Gustav auf die Schulter, blickte ihn verschmitzt lächelnd von der
Seite an, als wolle er sagen »wir verstehen uns!« und ging dann zu anderen.
    Gustav blickte in das Papier, welches er ihm gelassen hatte. Darin stand,
dass der Vorarbeiter N.N. sich verpflichte, mit einer Anzahl kräftiger Männer und
Mädchen auf das Gut X. zu kommen, um dort gewisse Arbeiten auszuführen. Es
folgten die einzelnen Arbeiten und die Lohnbedingungen. Gustav las die lange
Reihe von Paragraphen nicht durch. Sollte er sich mit dieser Sache auch nur von
ferne einlassen? Er und Leute anwerben im Auftrage eines Fremden, für ein Gut,
das er gar nicht einmal kannte, ja noch schlimmer, für Verhältnisse, die ihm
gänzlich neu waren.
    Und wenn der Gewinn noch so hoch sein mochte, der dabei heraussprang, mit
solchen unsicheren Dingen wollte er sich nicht bemengen. Es war etwas in ihm,
eine warnende Stimme - mit Worten hätte er dem gar nicht Ausdruck geben können -
ihm war es, als müsse dem Handel etwas Unrechtes zugrunde liegen, und als begehe
er eine Leichtfertigkeit, wenn er sich dazu hergebe.
    Als der Agent zu ihm zurückkam, gab Gustav ihm den Kontrakt zurück, sagte,
er habe sich überzeugt, dass das nichts für ihn sei, und wollte gehen.
    Zittwitz fasste den jungen Mann am Ärmel, um sein Forteilen zu verhindern.
»Sie haben die Sache noch nicht richtig verstanden; daran liegt's, mein Guter!
Setzen wir uns dortin, ich werde Ihnen die Geschichte mal beim Glase Bier
haarklein auseinandersetzen. Und wenn Sie dann nicht mit beiden Händen
zugreifen, dann soll Sie und mich der Teufel frikassieren!« Er führte Gustav in
eine ruhige Ecke. Dort setzte er sich und bestellte zwei Glas Bier.
    »Also, was wollen Sie! Was gefällt Ihnen nicht an dem Kontrakt?« fragte der
Agent in seiner eindringlichen Weise. Er hatte sich dicht vor Gustav hingesetzt,
dessen Aufmerksamkeit gewissermassen durch seine Körpernähe erzwingend. »Was
haben Sie auszusetzen? Welche Punkte wünschen Sie anders?«
    Gustav, welcher sich schämte, einzugestehen, dass er den Kontrakt gar nicht
durchgelesen hatte, gab als Entschuldigung an, dass er heiraten wolle.
    »Das passt ja ausgezeichnet!« rief der Agent, »dann bringen wir die junge
Frau mit!« und als errate er Gustavs nähere Verhältnisse: »und auch die Kinder,
wenn schon Familie da ist. Das lässt sich alles einrichten, beim Aufseher heisst
das! Bei dem gewöhnlichen Arbeiter, versteht sich, wird dergleichen nicht
geduldet. - Sehen Sie, mein Lieber, Sie haben ja keine Ahnung, wie schön und
angenehm Sie dort alles vorfinden. Ein Haus ganz für sich, für Sie und die
Arbeiter. Sie führen die Oberaufsicht. Kein Mensch hat Ihnen da was 'reinzureden
in Ihren Kram. Natürlich auf Ordnung müssen Sie halten. Nun, das sind Sie ja vom
Militär her gewöhnt. Ihre Frau versorgt den Herd, während die Mädel auf Arbeit
gehen. Ist das nicht ein herrliches Leben? Kann man sich was Selbständigeres,
Freieres denken für einen unternehmenden, strebsamen, jungen Mann wie Sie, -
he!«
    dabei klopfte er Gustav freundschaftlich auf die Schenkel. Der wandte ein,
dass er die Arbeiten vielleicht gar nicht verstehe, zu denen er die Leute
anstellen solle.
    »Verstehen Sie das Mähen?«
    »Ja!«
    »Verstehen Sie das Binden?«
    »Ja!«
    »Und das Setzen?«
    Abermals »ja!«
    »Nun, und das bisschen Rüben verhacken, verziehen und roden ist ja ein
Kinderspiel. Ausserdem ist dort natürlich auch ein Inspektor, der Sie in dem
Notwendigsten unterweisen wird. Ihre Pflicht ist vor allem das Zusammenhalten
und Beaufsichtigen der Leute, verstehen Sie! Sie sind gewissermassen der
Korporalschaftsführer.«
    Die Worte des Agenten verfehlten nicht, einen gewissen Eindruck auf Gustav
hervorzubringen. Was der da sagte, berührte sich mit seinen eigenen geheimsten
Wünschen. Schon wusste er nicht mehr, was für Einwände er jenem noch
entgegensetzen sollte.
    »Die Sache ist Ihnen noch fremd, mein Lieber!« fuhr der Agent fort. »Ich
will Ihnen mal was im Vertrauen sagen: Diese Art des Arbeitskontraktes und der
Arbeiteranwerbung überhaupt, das ist die moderne Wirtschaftsweise. So wird's in
Amerika gemacht auf den Plantagen und Farmen. Und in Zukunft wird's bei uns
überall so werden. Das ist die moderne rationelle Wirtschaftsweise.« - Der Mann
schien besonders stolz auf diesen Ausdruck zu sein, denn er wiederholte ihn noch
einige Male. - »Das ist überhaupt das einzige Nationelle so! Beide Teile kommen
dabei auf ihre Rechnung. Der Arbeitgeber macht sich seinen Anschlag, bestellt
sich dann, was er braucht an Arbeitskräften; der Agent besorgt ihm die Leute, so
viel wie er braucht, auf den Kopf. Und der Arbeiter - nun, der fährt auch nicht
schlechter dabei. Der bekommt seine Leistungen auf Heller und Pfennig in bar
ausbezahlt. Beide Teile wissen ganz genau, was sie voneinander zu fordern haben;
dafür ist der Kontrakt da. Der eine gibt das Geld, der andere seine Kräfte. Das
Geschäft ist klipp und klar wie ein Rechenexempel. Alles wird auf Geld
zurückgeführt, gerade wie in Amerika! Ist das nicht viel praktischer und
rationeller so? Früher da bekam das Gesinde Geld überhaupt nicht zu sehen. Da
gab's freie Wohnung und Verpflegung und höchstens noch Deputat. Das waren die
sogenannten patriarchalischen Zustände. Unter uns gesagt, die reine Sklaverei!
Jetzt gibt's das nicht mehr. Jetzt wird alles nach amerikanischem Muster
gemacht. Das nennt man das moderne Wirtschaftssystem, verstehen Sie! Aber alles
das sage ich Ihnen nur ganz im Vertrauen.« -
    Dem jungen Mann brummte der Kopf von dem, was er gehört hatte. Ihm wurde
bange zumute diesem Menschen gegenüber mit seiner aufdringlichen Beredsamkeit.
    Zittwitz hatte sich, nachdem er diesen Trumpf ausgespielt, erhoben. Er habe
noch mit jemandem zu sprechen, sagte er, wolle aber bald zurückkommen.
    Gustav wartete nur, bis er den Agenten in eifrigem Gespräch mit ein paar
jungen Leuten am anderen Ende des Saales vertieft sah, dann entfernte er sich so
schnell wie möglich. Den Kontrakt des Agenten hatte er aber doch zu sich
gesteckt.
                                     * * *
    Inzwischen waren aus den zwei bis drei Tagen, die Häschke hatte auf dem
Bauerngute bleiben wollen, um seine Sachen instandzusetzen und seine Füsse
auszuheilen, volle vierzehn Tage geworden. Der Wanderbursche hatte es
ausgezeichnet verstanden, sich bei den Bauersleuten wohlgelitten zu machen.
Selbst die Gunst des alten Bauern hatte er sich zu erobern gewusst, indem er sich
unentbehrlich machte. »Wozu bin ich denn Flammer von Religion?« sagte er, womit
er meinte, dass er sich auf Schmiedearbeit verstehe, und er müsse doch
abarbeiten, dass er hier »treife wohne«. -
    Und so machte er sich über die Ackergerätschaften, die Pflüge, Eggen und die
Handwerkszeuge, sah nach den Schrauben, hämmerte, nietete und schärfte. Kurz, er
brachte alles in Schuss für die nahe Frühjahrsbestellung.
    Die Herzen der Frauen gewann Häschke durch seine gute Laune und seine
schnodderigen Witze. Im Büttnerschen Hause war die Fröhlichkeit lange Zeit ein
unbekannter Gast gewesen. Jetzt wurde sogar gesungen - allerdings nur, wenn der
Bauer ausser Hörweite war. Es stellte sich heraus, dass Häschke sangeskundig war,
und Ernestine hatte eine hübsche Stimme. Da sangen sie manchmal zweistimmig
allerhand neue und lustige Lieder, die der Wandersmann von der Walze mitgebracht
hatte. Am schönsten aber war es, wenn er von seinen Reiseerlebnissen erzählte.
Vielleicht nahm er es mit der Wahrheit nicht immer genau. Er wusste von
wunderlichen Fahrten, Glücksfällen und Abenteuern zu berichten. Jedenfalls
verstand er, spannend zu erzählen und seine Lügen geschickt auszuschmücken. Die
Frauen glaubten ihm aufs Wort; mit offenem Munde und leuchtenden Augen hörte ihm
Ernestine zu, wenn er von den Wundern der Fremde berichtete. Häschkekarl hatte
wohl schwerlich etwas vom »Mohren von Venedig« vernommen. Aber auch er wusste,
dass man das Wohlgefallen der Frau durch Erwecken ihrer Teilnahme an Gefahren und
ausserordentlichen Erlebnissen am sichersten erregt.
    Erstaunlich schnell hatte Häschke es auch verstanden, sich aus einem
zerlumpten Bummler in einen schmucken und leidlich anständig aussehenden
Menschen zu verwandeln. Viel trug er zu dieser Mauserung bei, dass er sich seinen
struppigen Vagabundenbart hatte abnehmen lassen. Faden, Nadel und Schere borgte
er sich, und für ihn fand sich auch unter den Vorräten der Frauen dieses und
jenes Stück Zeug. Karl Büttner musste eine »Staude« hergeben, wie Häschke das dem
Leibe zunächst gelegene Kleidungsstück benannte, der Schuster musste ihm die
»Trittchen« neu besetzen; den »Wallmusch«, die »Kreuzspanne« und die »Weitchen«
flickte er selbst mit den Tuchresten, welche er von den Frauen erhalten hatte.
Der Erfolg war, dass er mit einer etwas scheckigen, aber nach seiner eigenen
Auffassung »duften Kluft« umherging.
    Als der Büttnerbauer zum ersten Male mit der Egge aufs Feld hinausfuhr, ging
Häschke mit. An einzelnen Stellen war der Frost noch im Boden und erschwerte die
Arbeit. Der zugereiste Handwerksbursche wusste sich auch hier nützlich zu machen.
»Nehmt mich als Knecht an, Vater Büttner!« meinte Häschke in dem vertrauten
Tone, dessen er sich seinem Wirt gegenüber zu bedienen pflegte. Und der alte
Bauer sagte nicht »nein!«
    Gustav kam in dieser Zeit nicht mehr auf den väterlichen Hof. Er ging dem
Alten aus dem Wege. Neuerdings brauchten Vater und Sohn nur drei Worte zu
wechseln, und der Streit war fertig. Gustav meinte, das könne er sich ersparen;
ändern würde er ja zu Haus doch nichts mehr an dem Gange der Dinge.
    Er hatte ganz genug mit seinen eigenen Angelegenheiten zu schaffen. Die
Trauung war nunmehr festgesetzt auf den nächsten Sonntag. Das Paar selbst wollte
von jeder Feierlichkeit, mit Ausnahme der kirchlichen, absehen. Aber Paulinens
Mutter blieb darauf bestehen, dass man den Hochzeitsgästen etwas vorsetzen müsse.
Frau Katschner verstand, von ihrer Dienstzeit in der herrschaftlichen Küche her,
einiges vom feineren, Braten und Kochen. Sie wollte sich die Gelegenheit, ihre
Künste einmal im hellsten Lichte zu zeigen, nicht entgehen lassen. Nach der
Trauung in der Kirche sollte es also einen Schmaus bei ihr im Hause geben.
    Am Morgen, nachdem Gustav in Wörmsbach gewesen war, kam Ernestine zu ihm.
Sie wolle mit nach Sachsen auf Rübenarbeit gehen, erklärte sie dem Bruder ohne
viele Umschweife.
    Gustav lachte die kleine Schwester aus, sie sei wohl närrisch geworden,
meinte er; der Vater werde sie jetzt gerade fortlassen, wo er alle Hände nötig
brauche.
    Das Mädchen erklärte dagegen mit einer Redefertigkeit, die man ihrer Jugend
schwerlich zugetraut hätte: Die Eltern hätten kein Recht, sie zurückzuhalten,
wenn sie gehen wolle. Hier halte sie es nicht mehr aus! Sie wolle sich selbst
etwas verdienen. Sich nur immer für andere abquälen, ohne je einen Pfennig
Verdienst zu besehen, habe sie satt. Sie sei nun erwachsen und wolle sich nicht
länger als Schulkind behandeln lassen. Kurz, sie werde mit den anderen fort auf
Sommerarbeit gehen.
    Gustav sah sich das kleine schmächtige Persönchen mit Staunen an. Man hatte
sich in der Büttnerschen Familie daran gewöhnt, Ernestine immer noch als ein
halbes Kind anzusehen, weil sie eben ein Nestäkchen war. Aber heute merkte er,
dass sie den Kinderschuhen in der Tat entwachsen sei.
    Er hielt es trotzdem für seine Pflicht, ihr abzureden. Sie könne doch gar
nicht wissen, wie es da draussen sei und was ihrer dort warte, sagte er. Aber da
lachte das Mädchen den grossen Bruder einfach aus. Das dürfe er doch zu
allerletzt sagen, meinte sie mit altklugschnippischer Miene. Er habe sich ja
selber dem Agenten verpflichtet, und er wolle ihm ja sogar Arbeiter verschaffen.
    Der Bruder fasste das Mädchen am Arme. Woher sie das habe, wollte er wissen.
Einige Freundinnen von ihr waren am Abend zuvor in Wörmsbach gewesen, die hatten
die Nachricht mitgebracht: Büttnergustav habe sich dem Agenten Zittwitz
verpflichtet und wolle mit Arbeitern nach Sachsen gehen.
    Gustav war im höchsten Grade aufgebracht. Er schimpfte auf den Agenten und
verschwor sich, die ganze Sache sei dummes Gerede. Ernestine schrie er an, sie
solle sich auf der Stelle packen, er werde den Teufel tun! Überhaupt wolle er
mit der ganzen Geschichte nichts zu schaffen haben.
    Ernestine schien gerade keine allzu grosse Angst vor dem Zorne des Bruders zu
haben. Sie war von zu Hause her gegen das Wüten der Männer abgebrüht. Sie liess
ihn austoben. Dann meinte sie mit ruhiger Miene, sie wisse auch noch im Dorfe
eine Anzahl anderer Mädchen, die gern mitgehen würden, besonders wenn sie
wüssten, dass sie unter Gustavs Aufsicht kämen. Der Bruder erwiderte ihr, es falle
ihm gar nicht ein, mit einer Herde Gänse ins Land zu ziehen; da möchten sie sich
einen anderen dazu aussuchen.
    Aber die kleine Ernestine liess sich nicht so leicht werfen. Ein Plan, der
sich einmal in diesem Köpfchen festgesetzt hatte, wurde auch zu Ende geführt.
Der Bruder möge ihr nur den Kontrakt geben, den er von dem Agenten bekommen
habe, das übrige solle er ihre Sache sein lassen. Sie werde schon für die
Unterschriften sorgen.
    Gustav hatte sich die Sache in der vorigen Nacht hin und her überlegt.
Pauline hörte sein Seufzen und unruhiges Wälzen neben sich. Der Agent hatte ihn
mit seinem Vorschlage einen wahren Feuerbrand in die Seele geworfen. Vielleicht
war hier eine Gelegenheit, sein Glück zu machen! Und auf der anderen Seite: war
nicht die Verantwortung eine allzu grosse? Würde er sich der Aufgabe gewachsen
zeigen? - Das waren Fragen, die er allein nur entscheiden durfte; er konnte
Pauline keine Erklärung geben.
    Als seine junge Schwester jetzt vor ihn trat mit ihrer unbefangenen
Sicherheit, da kam es ihm vor, als sei das der Anstoss, auf den er nur gewartet
habe, um sich über seine eigene Verzagteit hinwegzusetzen. Es war vielleicht
das beste so! Er übergab dem Mädchen den Kontrakt des Agenten. Mochte die Sache
nun gehen, wie sie gehen wollte! -
    Schon am Tage darauf erschien Ernestine wieder vor dem Bruder. Sie hatte
nicht weniger als elf Mädchen gewonnen. Und wenn man ihr ein paar Tage Zeit
lasse, meinte sie, mache sie sich anheischig, noch ein halbes Dutzend
anzuwerben.
    Gustav wusste anfangs nicht recht, ob er sich über diesen Erfolg freuen
solle. Jedenfalls stand jetzt fest, dass er das begonnene Unternehmen
weiterführen musste. Er befand sich, ohne sich des Sprunges recht versehen zu
haben, auf einmal jenseits des Grabens.
    Die Mädchen waren ihm also sicher. Es galt nun, die Männer, welche der
Kontrakt verlangte, zu schaffen. Es sollten, den Vorarbeiter eingeschlossen,
ihrer vier bis fünf sein. Gustav sann hin und her. Er überschlug alles, was er
von jungen Leuten im Dorfe kannte. Kaum einer war da, dem er Lust und Befähigung
für seine Zwecke zutraute.
    Aber es war merkwürdig! Als ob sich so etwas durch die Luft wie ein
Ansteckungsstoff mitteilen könne! Kaum zeigte sich Gustav heute auf der Gasse,
da redeten ihn die Leute auch schon auf sein Unternehmen an. Das Gerücht hatte
sich bereits vergrössert. Er suche dreissig Mädchen - einer sprach sogar von
fünfzig - mit denen er nach Sachsen gehen wolle.
    Auch einzelne spöttische Mienen bekam er zu sehen. Es war noch in zu
frischem Gedächtnis, wie er neulich dem Agenten entgegengetreten war. Und nun
war er zu einem Helfer eben dieses Mannes geworden! Das musste man mit in den
Kauf nehmen! Aber es wurmte ihn im geheimen, dass mancher ihn nun für wankelmütig
oder doppelzüngig halten mochte.
    Nun boten sich ihm auch ganz ohne sein Dazutun, zwei junge Leute an. Der
eine war auf einem der benachbarten Rittergüter Stallbursche gewesen und jetzt
ohne Stellung, der andere wies sich als gewesener Schmiedegeselle aus, ebenfalls
arbeitslos. Bei dem Stallburschen war Gustav zweifelhaft, ob er ihn mieten
solle. Der junge, kaum siebzehnjährige Mensch mit seinen langen, knabenhaft
mageren Gliedmassen sah nicht gerade wie ein strammer Feldarbeiter aus. Aber er
bat so inständig, angenommen zu werden, versprach, sein Möglichstes an Fleiss zu
leisten, dass Gustav ihm schliesslich den Willen tat. Der Schmiedegeselle machte
den Eindruck eines kräftigen, handfesten Burschen.
    Zu Gustavs nicht geringer Überraschung trat auch Häschke an ihn heran und
wollte angeworben sein. Seit jenem Abende, wo er den ehemaligen Kameraden auf
den Bauernhof gebracht, hatte Gustav nicht mehr viel von ihm gesehen. Er hatte
sich schon gewundert, dass dieser Sausewind so viel Sesshaftigkeit an den Tag
legte; denn über zwei Wochen war er jetzt schon in Halbenau. Und als er Häschkes
Fleiss und Betriebsamkeit von den Seinen rühmen hörte, wollte er seinen Ohren
kaum trauen. Was war denn auf einmal in diesen Menschen gefahren, dass er so
gänzlich umgetauscht erschien!
    Als Häschke jetzt mit diesem Ansinnen kam, lachte ihn Gustav anfangs aus.
Das war wohl gar ein schlechter Witz dieses Tausendsasas! Aber Häschke drang
allen Ernstes darauf, angeworben zu werden. Gustav hielt ihm vor, dass Feldarbeit
gar nicht sein Beruf sei. Häschke erwiderte, er verändere seine »Religion« gar
gerne einmal, und er wollte mit Gustav »mang die Zuckerrüben« gehen.
    Gustav wollte den ehemaligen Kameraden nicht abweisen. Schliesslich war
Häschke ein fixer Kerl und offener Kopf. Er hatte schon mancherlei gesehen von
der Welt und mochte sich in schwierigen Verhältnissen wertvoll erweisen.
    Gustav begab sich mit dem Kontrakte, unter dem nun schon eine ganz
stattliche Anzahl von Unterschriften prangte, zu dem Agenten, der jetzt, nachdem
er die Dörfer der Umgegend zur Genüge bereist, sein Hauptquartier wieder in der
Kreisstadt aufgeschlagen hatte.
    Als er das Bureau betrat, empfing ihn Zittwitz mit dem Ausrufe: »Sehen Sie,
ich habe es Ihnen ja gesagt, dass wir handelseinig werden würden. Nun zeigen Sie
mal her!« Damit liess er sich den Kontrakt reichen.
    Der Agent nickte zufrieden. Dass ein paar Mädchen mehr darauf standen, als
verlangt - durch Ernestinens eifriges Werben - war ihm nicht unlieb; denn,
meinte der erfahrene Mann: ein oder das andere Frauenzimmer bleibe im letzten
Augenblicke doch noch weg, oder laufe auch während des Sommers aus der Arbeit.
Da sei es vorsichtiger gehandelt, wenn man von Anfang an ein paar mehr
mitbringe, als unbedingt verlangt seien.
    »Jetzt wollen wir mal die Reiseroute feststellen!« sagte Zittwitz und nahm
das Kursbuch zur Hand. »Sie reisen am Montag früh. Die Gutsverwaltung hat schon
geschrieben, dass sie sehnlichst auf die Leute warte. Natürlich mit dem ersten
Zuge! Da können Sie abends bereits in Welzleben sein. Ich werde Sie anmelden,
dann finden Sie jedenfalls Geschirr vom Vorwerke auf dem Bahnhof. Sorgen Sie
dafür, dass die Mädel nicht zu viel Gepäck mitschleppen. Die möchten womöglich am
liebsten das ganze Bett, Töpfe, Stühle, was weiss ich alles, mitnehmen. Eine Lade
und ein Federbett, das ist das Äusserste, was gestattet wird. Überhaupt, den
Frauenzimmern halten Sie den Daumen aufs Auge, den Rat gebe ich Ihnen. Ich bin
früher selbst als Vorarbeiter gegangen. Da muss man ein eisernes Regiment führen,
am besten mit dem Stocke, sonst hat man verspielt mit der Gesellschaft.
Lumpenpack ist es ja doch meistens, was so von zu Hause wegläuft!«
    Was der Mann heute sagte, klang ganz anders, als was Gustav bisher aus
diesem Munde vernommen hatte. Überhaupt schien er an Freundlichkeit und
Entgegenkommen bedeutend nachgelassen zu haben, seit er den Kontrakt mit den
Unterschriften in Händen hielt.
    Gustav hatte kaum Zeit, über die Wandlung in dem Wesen des Agenten
nachzudenken, ihm ging im Kopfe herum, was jener über den Termin der Abreise
gesagt. So kurz hatte er sich die Frist nicht gedacht. Auf den Sonntag war seine
Hochzeit angesetzt, am Tage darauf schon sollte es also fortgehen! Das schien
sehr kurz anberaumt, aber es war vielleicht das beste so. Ein rascher Abschied
hatte auch sein Gutes. Wozu das lange Hängen und Haften an den alten
Verhältnissen, die doch einmal aufgegeben werden mussten! -
    Der Agent zeigte ihm die Reiselinie auf der Karte. Gustav bat um Angabe der
Zugverbindungen, die er sich aufschreiben wollte.
    »Und nun wollen wir mal das Reisegeld berechnen. Hin- und Rückfahrt haben
Sie nämlich frei mit Ihren Leuten, natürlich vierter Klasse! Das ist ein
weiteres gutes Geschäft, das Sie machen.« Gustav dachte bei sich, dass das
eigentlich selbstverständlich sei; sagte aber nichts. - Der Agent berechnete die
Billettpreise und händigte Gustav das Geld gegen Quittung aus.
    »Nun wären wir eigentlich fertig!« sagte der Mann. »Halt! noch eins! Was
haben Sie sich denn an Bindegeld von den Leuten geben lassen?«
    Gustav erwiderte mit einigem Befremden, dass er sich nichts habe geben
lassen; die Leute, die er angeworben hätte, besässen ja nichts oder so gut wie
nichts.
    Es sei üblich, meinte Zittwitz mit überlegenem Lächeln, sich für das
Anwerben ein Handgeld geben zu lassen. Umsonst sei auf der Welt nichts, und für
seine Bemühungen wolle man doch auch einen Lohn haben. Dann sagte er - und
beobachtete dabei Gustavs Mienenspiel scharf - das Kaufgeld für den Kontrakt
wolle er ihm bis zum nächsten Monate stunden, wo er es ihm von seinem
Vorarbeitergehalte abzahlen möge.
    Gustav sah den Agenten verdutzt an ob dieser Rede. Der erwiderte den Blick
des jungen Mannes mit Kälte. Er verstehe wohl nicht recht, meinte Gustav; von
irgendeiner Bezahlung, die er zu leisten habe, sei doch vorher nicht die Rede
gewesen.
    »Weil das ganz selbstverständlich ist, mein Lieber!« rief Zittwitz mit einer
ungeduldigen Bewegung. »Denken Sie denn, ich schinde mich für nichts und wieder
nichts ab! fahre auf den Dörfern herum! lasse mich von den Leuten ärgern und
stecke alle mögliche dummen Redensarten ein.« dabei warf er Gustav einen
feindlichen, nicht misszuverstehenden Seitenblick zu. Er hatte den Vorfall im
Kretscham von Salbenau also doch nicht vergessen, viel weniger vergeben. -
»Nein, mein Lieber! Ich verlange meine Provision. Das ist Geschäftsusance; so
nennt man das. Daran ist gebunden, wer mit uns handeln will. Da muss man sich
eben vorher erkundigen. Ins Maul schmieren können wir's nicht jedem einzeln. Da
hätte man viel zu tun! - Oder dachten Sie vielleicht, dass ich Ihnen so einen
Kontrakt, wie den hier, umsonst ablassen würde? - Schenken, vielleicht aus
Freundschaft? - he! Dann sind Sie sehr naiv, mein Bester! Heutzutage ist alles
Geldgeschäft. Pro Kopf des Arbeiters - ob Mädel oder Kerl ist eins - bekomme ich
von Ihnen fünf Mark. Das ist die Taxe. Davon zahlen Sie mir die Hälfte zu
Johanni, die andere zum Schluss der Arbeitsperiode. Sie werden schon wissen, wie
Sie den Leuten gegenüber auf Ihre Kosten kommen.«
    Gustav begriff nun endlich, dass er übers Ohr gehauen sei. Im ersten
Augenblicke überkam ihn das Gelüste, diesem Spitzbuben die ganze Geschichte vor
die Füsse zu werfen. Zittwitz hatte sich auf seinem Stuhle umgedreht und war in
irgendwelche Schriftlichkeiten vertieft. Gustav sah nur seinen breiten Rücken.
Wenn der Mann ihm nur wenigstens offen als Feind entgegengetreten wäre! Aber
dieser kalten Geringschätzung, diesem überlegenen Hohn gegenüber fühlte er sich
gänzlich ohnmächtig.
    Der junge Mann würgte und schluckte an seinem Ärger. Dann bat er um Gehör.
»Ach Gott, Sie sind noch hier!« sagte der andere und wandte sich um mit gut
geheucheltem Staunen. »Also, was wollen Sie noch? Aber bitte, schnell! ich habe
nicht viel Zeit, wie Sie sehen.«
    Gustav begann mit einer von Ärger und innerer Erregung rauhen Stimme in
abgehackten Sätzen auseinanderzusetzen, er habe nichts davon gewusst, dass er den
Kontrakt bezahlen müsse; man habe ihm die ganze Sache gegen seinen Willen
aufgenötigt, und er wolle von dem Geschäfte absehen.
    Der Agent unterbrach ihn. »Das dürfte Ihnen wohl übel bekommen, mein
Lieber!« sagte er in trockenstem Tone. »Hier steht Ihre Unterschrift. An die
halte ich mich. Wer etwas unterschreibt, was er nicht kennt, ist ein Narr!
Ausserdem haben Sie eine ganze Anzahl Leute zum Unterschreiben veranlasst; an die
sind Sie ebenfalls gebunden. Man wird sich an Sie halten von beiden Seiten. Es
gibt in unserem Gesetz ein Wörtchen, das heisst Kontraktbruch; das wird
bekanntlich streng geahndet.«
    Gustav war nicht imstande, diese Behauptung zu widerlegen. Er fühlte, ohne
es beweisen zu können, dass er im Recht und jener im Unrecht sei. Aber bei dem,
was in letzter Zeit seinem eigenen Vater widerfahren, lag das Recht so deutlich
auf Seite des Unterliegenden und das Unrecht auf Seite des Siegers - und
trotzdem nahmen Samuel Harrassowitz und Ernst Kaschel das Gesetz für sich in
Anspruch, während es den Bauern im Stiche zu lassen schien - dass sich bei dem
jungen Manne alle Begriffe von Gesetzlichkeit und Gerechtigkeit zu verwirren
drohten. Das Recht war wohl nur denen etwas nütze, die es zu verdrehen
verstanden!
    Der Agent hatte sich wieder seiner Arbeit zugewandt. Er liess Gustav in den
bittersten Gedanken stehen und warten. Sollte er's darauf ankommen lassen, ob
jener es wirklich so weit treiben wurde, ihn wegen! Kontraktbruchs zu belangen?
Die Sorge, sich vor dem Gesetze schuldig zu machen, war es weniger, die ihn
bedrückte, als das Gefühl der Verpflichtung denen gegenüber, die sich ihm
verdungen hatten. Wie sollte er vor diesen bestehen? Was wäre das für eine
Schande gewesen vor dem ganzen Dorfe, wenn er jetzt die Flinte ins Korn warf.
Und zu alledem, war er denn dann nicht wieder brotlos, ohne Stellung und
Beschäftigung. Traurig genug! Aber, es war so! es blieb ihm keine Wahl; er musste
sich den Bedingungen fügen, die ihm der Agent vorschrieb.
    »Wie steht's, Büttner?« fragte Zittwitz, gelegentlich von seiner
Korrespondenz aufblickend, nicht ohne Spott im Ton. »Sind Sie noch nicht im
reinen mit sich? Die Sache wird durchs Überlegen nicht anders.«
    Gustav drehte seine Mütze in der Hand und blickte vor sich zu Boden.
    »Fünf Mark pro Kopf! Die Hälfte zu Johanni, die andere zu Martini. Billiger
kann ich's nicht machen. Also, wie steht's? Soll ich den Kontrakt mitsamt den
Unterschriften an einen anderen verkaufen? - he! Das kann ich nämlich auch, wenn
mir's Spass macht. Oder, wollen Sie Vernunft annehmen?«
    Gustav nagte die Lippen gesenkten Blickes und druckste noch ein wenig. Dann
sagte er mit einer verlorenen Handbewegung, ohne aufzublicken: »Wenn's sein muss!
Aber recht is es nich!«
 
                                      VI.
Der Sonntag war herangekommen, an welchem Gustavs und Paulinens Hochzeit
begangen werden sollte.
    Es war eine kleine und einfache Hochzeitsgesellschaft, die sich in der
Kirche zu Halbenau um den Altar versammelt hatte. Die Eltern des Bräutigams
fehlten. Es war ein schwerer Tag für die Büttnersche Familie. Tonis Stündlein
war da. Die Wehen hatten bereits eingesetzt. Die Bäuerin wollte ihr Kind in
schwerer Stunde nicht allein lassen. Der alte Bauer war, ohne ein Wort zu sagen,
in früher Stunde aus dem Hof gegangen, dem Walde zu. Sein Feststaat, den ihm die
Frauen für die Trauung zurechtgelegt hatten, war unberührt liegen geblieben.
Aber Karl, Terese und Ernestine waren zur Stelle.
    Unter den Freunden des Bräutigams fiel Häschkekarl auf. Er war wie ein
feiner Herr angezogen, in schwarzen Sachen, mit weissem Vorhemdchen und
Manschetten. Sogar einen schwarzen Hut, wenn auch nicht den neuesten, hielt er
in der Hand. Woher der Vagabund sich diese Pracht verschafft hatte, wusste nur er
allein.
    Die Braut war in weissen Mull gekleidet. Das Kleid hatte sie sich mit Hilfe
einer Freundin, die in der Stadt das Zuschneiden erlernt hatte, selbst
angefertigt. Städtische Blasierteit würde vielleicht die Nase gerümpft haben
über den Staat dieser ländlichen Braut. Von Zierlichkeit und Anmut war da keine
Rede. Das helle Kleid verstärkte noch die Derbheit ihrer entwickelten Gestalt.
Und doch war es eine Freude, dieses Paar zu sehen. Gesund waren sie und
schlicht; echte Bauernkinder!
    Pauline trug keinen Brautkranz im Haar. Der alte Pfarrer hielt streng
darauf, dass kein Mädchen, der es nicht zukam, mit dieser Auszeichnung vor den
Altar trete. Die kranzlosen Bräute waren nicht selten in Halbenau, denn der
Leichtsinn der jungen Leute war gross. Der Pastor pflegte an die Paare, welche
die Freuden der ehelichen Verbindung vorausgenossen hatten, ernste Worte des
Tadels zu richten. Aber heute unterliess er das, zur Verwunderung vieler, denen
diese Art der öffentlichen Vermahnung immer einen angenehmen Kitzel bereitete.
Der Geistliche kannte Pauline gut. Sie war einst sein Liebling gewesen unter den
Konfirmanden. Er wusste, dass sie nicht leichtfertig war. Auch kannte er ihre
Verschämteit und ersparte ihr darum die öffentliche Blossstellung ihres
Fehltritts.
    Frau Katschner hatte auf ihre Erscheinung so viel Putz verwendet, als es ihr
bei ihren ärmlichen Verhältnissen möglich war. Sie hatte heute ganz besonderen
Grund, stolz und voll Befriedigung dreinzublicken. Befand sich doch in der
Hochzeitsgesellschaft niemand Geringeres als Fräulein Bumille, die
Wirtschaftsmamsell vom Schloss.
    Die Bumille glich mit ihrem hochgeröteten Gesicht, dem bauschigen
Seidenkleide und dem hängenden Unterkinn einem aufgeblähten Puter. Bei jeder
ihrer schwerfälligen Bewegungen krachte und knitterte die umfangreiche Maschine
ihrer Toilette. Auf dem wogenden Felde ihres Busens hatte eine Goldbrosche in
Form eines Rades Platz gefunden. Zwischen den hellen Handschuhen und den allzu
eng anschliessenden Ärmeln drängte sich eine Wulst rosalichen, gepressten
Fleisches hervor. So sass diese prächtige Dame als ein rechtes Renommierstück
unter den einfachen Dorfleuten. Durch Blicke, Haltung und jene eigenartigen
Geräusche, die von ihr ausgingen, schien sie jedermann einschärfen zu wollen,
dass sie Fräulein Bumille, die Mamsell vom Schloss sei, und dass der ganzen
Gesellschaft durch ihre Nähe eine nicht geringe Ehre widerfahre.
    Es wurde viel geweint von seiten der Frauen, wie meist bei Trauungen. Der
alte Pfarrer machte es aber heute auch ganz besonders schön. Auf das
Schneuztuch, welches Pauline über dem Gebetbuch gebreitet hielt, fiel manche
Träne. Auch Gustav war ergriffen und, weil er diese weiche Stimmung eigentlich
verächtlich fand, schliesslich mehr ärgerlich als erhoben.
    Nach der Trauung ging man zu Fusse nach Frau Katschners kleinem Hause. Wie
immer auf dem Lande, wurde viel Zeit vertrödelt mit Herumstehen und Schwatzen.
Einzelne junge Leute gingen wohl auch noch in den Kretscham, ehe sie sich in das
Hochzeitshaus begaben.
    Dort gab es den ganzen Nachmittag über zu essen und zu trinken für die
Hochzeitsgäste, die Freunde und Nachbarn, welche aus Neugier und auch um der
guten Bissen willen auf ein Stündchen eintraten.
    Da das Häuschen die Fülle der Gevattern nicht zu fassen vermochte, traten
viele hinaus in den Garten. Die bevorzugten Gäste sassen drinnen im Zimmer um den
runden Tisch.
    Hier war es, wo Fräulein Bumille den andachtsvoll lauschenden Dorfweibern
von dem neuesten freudigen Ereignisse im gräflichen Hause berichtete: Komtesse
Wanda hatte sich in Berlin verlobt, im Sommer sollte die Hochzeit sein. Da würde
die Gegend etwas zu sehen bekommen! Denn der Graf wollte der Schwester die
Hochzeit ausrichten. Der Bräutigam sei Offizier und Prinz und noch dazu ein
schwer reicher. »Ja, unsere Wanda!« sagte Fräulein Bumille und liess ihre
geheimnisvolle Maschinerie krachen und knistern, »unsere Wanda! die hat's
inwendig! Die macht's gar nich, unter'n Prinzen, habe ich immer gesagt. Die
Wanda, die war schon als Kind was ganz Appart's. Wie sie noch ganz klein war, da
kam sie immer zu mir in die Küche gelaufen. Mamdell, sagte sie, Mamdell! so
sprach sie nämlich, gib mir ein Stückchen Kuchen; aber gross muss es sein. Das
sagte sie, und da war sie noch ein kleines Ding. Passt ä mal auf, habe ich da
gleich gesagt, die macht's nich unter'n Prinzen.«
    Frau Katschner bestätigte jedes Wort durch ein Kopfnicken, und die Frauen
von Halbenau lauschten offenen Mundes den mancherlei Heimlichkeiten, welche die
Mamsell aus dem Leben ihrer Herrschaft mitzuteilen, sich herabliess.
    Gegen Abend ging Fräulein Bumille. Damit verlor das Fest seine eigentliche
Weihestimmung. Die Lustigkeit trat ungehindert in ihre Rechte.
    Häschkekarl hatte nun freies Feld. Wo er auftrat, gab es Ausgelassenheit und
Gelächter. Er hatte sich bereits den ganzen Nachmittag über mit einem Schwarm
Burschen und Mädchen in Haus und Garten umhergetrieben. Jetzt sass er draussen im
Apfelbaume, eine alte Militärmütze schief auf dem Kopfe, mit einer falschen Nase
im Gesichte, sang Lieder und gab Schnurren zum besten. Mancher derbe Witz mochte
da mit unterlaufen, nach dem Wiehern und Gröhlen der Burschen und dem
unterdrückten Gekicher der Mädchen zu schliessen.
    Bei anbrechender Dunkelheit hatte sich Pauline aus der Hochzeitsgesellschaft
zurückgezogen. Flink ward in der Kammer das Kleid gewechselt und nach dem Jungen
gesehen. Dann lief sie, ohne jemandem ein Wort davon zu sagen, nach dem
Büttnerschen Hofe.
    Die Alten waren nicht zur Hochzeit gekommen, darum wollte sich die junge
Frau ihnen selbst vorstellen als ihre Tochter.
    Sie trat in die grosse Stube. Niemand schien zu Haus zu sein, alles war
dunkel. Schon wollte sie wieder hinausgehen, als sie gegen das lichte Fenster
einen Kopf und ein paar Schultern erblickte. Sie erkannte an den Umrissen den
alten Bauern.
    Pauline war heute in erregter und gerührter Stimmung, darum wagte sie etwas
für ihre sonstige Scheu Ausserordentliches. Sie ging auf den alten Mann zu und
sagte ihm, dass sie nun mit Gustav getraut sei. dabei umarmte und küsste sie ihn.
Im Augenblicke selbst, wo sie das tat, erschrak sie über ihre Kühnheit.
    Als sie die Wange des Alten berührt, hatte sie dort ganz deutlich etwas
Feuchtes gefühlt. Der Büttnerbauer weinte! -
    Pauline fühlte es wie einen Stich in der Brust. Hier sass der alte Mann, von
allen verlassen, in seinem Kummer. Wie lange mochte er schon dagesessen haben!
    Sie hätte ihm so gern etwas Liebes gesagt; denn sie liebte und verehrte ihn
wirklich, wenn auch bisher nur aus der Ferne. Aber es fiel ihr nichts ein, womit
sie sein Herz hätte erfreuen können.
    Schliesslich fragte sie mit stockender Stimme nach der Bäuerin. Im rauhen
Tone erwiderte ihr der Bauer, das Weibsvolk sei oben in der Kammer.
    Pauline zündete erst noch die Lampe an, damit er doch wenigstens nicht im
Dunklen sitzen solle, und lief dann die Treppe hinauf zum zweiten Stock, um die
Bäuerin und Toni zu begrüssen.
    Auf der obersten Stufe der Holzstiege angelangt, hörte sie Töne, die der
jungen Frau alles Blut zum Herzen trieben. Sie blieb mit zitternden Knien stehen
und lauschte atemlos: dünnes, quäkendes Geschrei.
    Tonis Kind war angekommen.
                                     * * *
    Es war ein feuchtwarmer Aprilmorgen, an welchem die Sachsengänger aus
Halbenau aufbrachen, zur Reise nach dem Westen. Ein Himmel wie Wolle. Hin und
wieder matte Sonnenblicke wie verschlafen durch grämliche Nebel.
    Auf einem Leiterwagen kauerten sie beieinander, Männer und Weiber mit ihren
Habseligkeiten. Die Mädchen sassen auf Laden und Federbetten, die Burschen hatten
leichtere Bündel zwischen den Knien. Vorn beim Kutscher auf einem bevorzugten
Platze sass Pauline, ihren Jungen im Schosse, neben ihr Ernestine.
    Gustav ging umher, die Uhr in der Hand und hielt besorgt Umschau. Drei von
seinen Mädchen fehlten ihm; sie waren in ihren Wohnungen nicht aufzufinden,
wahrscheinlich hielten sie sich versteckt. Der Entschluss, in die Fremde zu
gehen, mochte sie nachträglich gereut haben. Von einer hiess es, dass sie sich
einem anderen Trupp angeschlossen habe, der bereits zeitiger die Fahrt nach den
Rübengütern angetreten hatte. Der Aufseheragent hatte also recht behalten: es
brannten immer einige durch.
    Gut, dass Gustav noch den fünften Mann gefunden hatte in der Person eines
polnischen Arbeiters. Rogalla, so hiess er, sass jetzt mit unzufriedener
Polenmiene, in einen Schafpelz gehüllt, mit langem, schwarzem Hauptaar und
Schnurrbart, wie ein fremder Vogel unter den blonden Halbenauerinnen und kaute
Tabak.
    Der frühen Stunde zum Trotze, hatte sich doch eine ganze Anzahl Leute aus
dem Dorfe zusammengefunden, um Abschied von den Wanderern zu nehmen. Da wurde im
letzten Augenblicke noch alles mögliche herbeigeschleppt: Kleidungsstücke,
Bettzeug, Esswaren. Auch einige junge Burschen hatten sich eingefunden, wohl
ihrer Mädchen wegen, die in die Fremde gingen.
    Den meisten wurde der Abschied schwerer, als sie es sich anmerken lassen
wollten. Wer konnte wissen, was ihrer da draussen wartete! Und auch den
Zurückbleibenden war das Herz schwer. Mancher junge Mann zagte, dass ihm die
Geliebte, die er widerwillig ziehen liess, in der Fremde die Treue brechen
möchte. Manche Mahnung und Warnung wurde da noch durch Blick und Händedruck mit
auf die Reise gegeben, ohne Worte, zu denen es keine Zeit mehr gab.
    Der einzige von der ganzen Gesellschaft, dem es leicht ums Herz zu sein
schien, war Häschkekarl. Heute hatte er wieder seinen buntscheckigen
Vagabundenanzug angelegt. Den Hut verwegen auf einem Ohre, ein rotes Halstuch
statt eines Kragens, sah er einem Stromer verzweifelt ähnlich. Jetzt, wo es auf
die Reise ging, fühlte er sich erst wieder wohl und behaglich. Und diesmal
sollte er noch dazu in guter Gesellschaft walzen. Eine ganze Mandel »Schicksen«
waren mit - so nannte er die Mädchen - da würde sich's schon leben lassen. Er
summte ein Wanderlied vor sich hin. Als der kleine Gustav auf Paulinens Schoss
unruhig wurde und zu schreien anfing, brachte er die »Quarre« durch eine seiner
drolligen Grimassen schnell wieder zur Ruhe.
    Die Büttnerbäuerin war auch herausgehumpelt, ihrer Lähme zum Trotze. Zwei
von ihren Kindern gingen ja mit hinaus in die Fremde. Gustav, ihr bester Sohn,
und Ernstinel, ihre Jüngstgeborene.
    Die alte Frau hatte es bisher gar nicht recht glauben wollen, dass aus diesem
abenteuerlichen Plane etwas werden solle. Zu so vielen Sorgen und Kümmernissen
der letzten Zeit kam nun auch noch die Zersplitterung der Familie! Das war zu
viel! Als sie den Wagen sah mit den Wanderern und dem Gepäck, drohten sie die
Kräfte zu verlassen. Zum Abschied hatte sie nur ein sinnloses Gestammel: »Ne,
ach Gutt! Gustav! Ne, ach Gutt, Pauline! Passt ack aufs Ernstinel uff. Ne, ach
Gutt - ach, du lieber Herr Gutt! - Ne, ne - was wern mer ack alles noch
derlaben!«
    Gustav musste es den Frauen überlassen, von der Mutter zärtlichen Abschied zu
nehmen. Er war ganz von der neuen Pflicht in Anspruch genommen, die schon wie
eine schwere Verantwortung auf ihm lastete und ihn hart und ungesellig
erscheinen liess.
    Er glaubte, dass sie nun nicht länger warten dürften, wenn sie den Zug nicht
versäumen wollten. Er schwang sich auf den Wagen und gab den Befehl zur Abfahrt.
    Die Peitsche des Kutschers hob sich, die Pferde zogen an. Noch ein
Händedruck, ein Schluchzen, ein Winken, ein Mützeschwenken. Im Trabe ging's
durchs Dorf. Vor den Häusern standen Leute, welche den Wanderern ein
freundliches Wort zuriefen. Dann zeigte das letzte Gehöft des Dorfes, der
Büttnersche Hof, seine Giebelseite. Gustav blickte noch einmal dort hinüber. Er
hatte den Vater nicht gesehen vor der Abreise. Ganz in der Frühe heute wollte er
noch zu ihm gehen; aber dann hatte er's doch gelassen. Als Vorwand war ihm die
Geburt von Tonis Kind gerade recht.
    Er trieb den Kutscher zur Eile an. Jetzt auf einmal war es ihm, als könne er
nicht schnell genug von der Heimat wegkommen.
    An bekannten Feldern ging's vorbei, an Bäumen, Steinen und Wasserläufen. Nun
zog sich der Weg ein Stück durch den gräflichen Wald. Dann hatte man die
Halbenauer Flur verlassen.
    Eine Stunde, darauf sassen sie eng zusammengepfercht in einem Wagen vierter
Klasse, mit fremdem Volk, Sachsengänger gleich ihnen, die schon weiter kamen
aus dem Osten. Unheimliches Gesindel mit braunen Gesichtern, das untereinander
eine unverständliche Sprache redete.
    Als Pauline mit einem dieser schmutzstarrenden, kraushaarigen Frauenzimmer
den schmalen Sitz teilen musste, verlor sie alle Fassung, nachdem sie vorher
tapfer mit dem Heimweh gekämpft hatte. Sie nahm ihren Jungen dicht an sich und
haschte nach Gustavs Hand.
    Das war fürwahr ein traurige Nachfeier ihrer Hochzeit!
 
                                      VII.
Der Termin zur Zwangsversteigerung war herangekommen. Subhastationen waren im
Bezirke dieses Amtsgerichts nichts Seltenes gewesen in der letzten Zeit. »In
diesen Zeitläufen fallen die Bauern wie Fliegen von der Decke, wenn es Winter
wird,« hatte erst kürzlich ein Kenner geäussert. Man war im allgemeinen ziemlich
abgestumpft gegen bäuerlichen Bankerott.
    Immerhin machte es einiges Aufsehen, als bekannt wurde, dass das Büttnersche
Bauerngut unter den Hammer kommen solle. Einmal, weil es ein grosses Grundstück
war, das nicht, wie die meisten anderen seiner Art, heruntergewirtschaftet und
ausgeraubt war. Dann gab es aber auch noch Nebenumstände, die den Fall
interessant machten. Man wusste, dass die Herrschaft Saland um das Bauerngut
gehandelt hatte und nachdem der Handel so gut wie abgeschlossen gewesen, davon
zurückgetreten war. Das gab zu allerhand Vermutungen Anlass. Die Herrschaft hatte
sich bisher noch nie einen Bauern, der »wackelig« wurde, entgehen lassen und
hatte, nach der Behauptung kleinerer Güterhändler, die Preise des Grund und
Bodens auf diese Weise nicht wenig in die Höhe geschraubt. Es war auffällig, dass
sich die Herrschaft bei diesem Bauerngute, welches ihr geradezu vor der Nase
lag, so zurückhaltend benahm. - Ungewöhnlich wurde der Fall auch dadurch, dass
der betreibende Gläubiger kein anderer war als der eigene Schwager des
bankerotten Bauern. Was konnte der Mann für ein Interesse an dem Untergange
seines Schwagers haben? fragte man sich unwillkürlich. Wollte er das Gut aus der
Subhastation billig erstehen? Und wozu sollte er, als Besitzer einer grossen
Gastwirtschaft, sich mit so bedeutendem Grundbesitz belasten?
    In der Gerichtsstube begannen sich von früh neun Uhr ab einzelne Leute
einzufinden. Meist waren es Neugierige, Gerichtsbummler, die selten bei solchen
Anlässen fehlen.
    Die eigentlichen Interessenten sassen drüben im Löwen. Der Gastof lebte
geradezu von den Gerichtsverhandlungen. Denn dort pflegten vor und nach den
Terminen Freund und Feind einzukehren. Dort stärkten sich die Parteien zu
schwerem Gange. Dort tranken Richter, Staatsanwalt, Verteidiger, Zeugen und
Schöffen ihren Schoppen in derselben Stube und vom nämlichen Fasse, nachdem sie
sich drüben vielleicht im Rechtsstreite bis aufs Messer befehdet hatten.
    Auch Samuel Harrassowitz trank hier sein Bier. Er sass wie gewöhnlich auf
seinem Platze am Fenster, von dem aus er den schmalen Platz zwischen Gastof und
Gerichtsgebäude überblicken konnte.
    Edmund Schmeiss sass neben dem Händler. Er trug einen neuen Anzug von
hauptstädtischem Schnitt zur Schau, den er sich bei seinem letzten Aufentalt in
Berlin hatte anfertigen lassen. Er bestellte sich einen Kognak, »aber fine
champagne, garçon!« fügte er näselnd hinzu.
    Jetzt traten zwei Herren ein. Der Bankier Isidor Schönberger, fett, mit
weissem Gesicht und um so schwärzerem Haar. Bei ihm war Bruno Riesental, der
junge Advokat, der sich kürzlich in dem Städtchen niedergelassen und seiner
Fixigkeit wegen hier bereits eine namhafte Praxis gefunden hatte. Die Herren
schienen einander sämtlich gut zu kennen. Zum Grusse zwinkerten sie einander nur
mit den schlauen Augen zu. Schönberger setzte sich mit verdrossenem Gesicht.
Riesental kramte in seiner Advokatenmappe. Die Unterhaltung wurde halblaut
geführt, denn an den Nebentischen sassen Leute, deren man nicht sicher war.
    »Heute is der Kaphroh dran!« sagte Schönberger.
    Harrassowitz nickte.
    »Machst du de Massematten?«
    »Kairousche!«
    »Bis jetzt ist keine Konkurrenz da,« damit mischte sich Edmund Schmeiss in
das Zwiegespräch.
    »Konkurrenz!« meinte Sam und nahm eine verächtliche Miene. »Konkurrenz
gibt's nicht!«
    »Wird der Graf sich ganz fern halten?« fragte der Advokat halblaut.
    »Der Graf ist besorgt!« flüsterte Schmeiss. »Dafür steh' ich! Und das andere
sind alles Schnorrer!«
    In diesem Augenblicke ertönte vom Pflaster draussen Pferdegeklapper und
Wagenrasseln. Ein offener Jagdwagen mit zwei guten Pferden davor hielt vor dem
»Löwen«. Die vier Männer machten lange Hälse. Sam stiess einen Fluch aus. Er
erkannte in dem langen bärtigen Manne, der selbst die Zügel geführt hatte, den
Güterdirektor des Grafen, Hauptmann Schroff. Der kleine Grauhaarige war wohl
ebenfalls ein Beamter der Herrschaft Saland.
    Die »Konkurrenz« war also dennoch gekommen!
    Sam stand auf, ohne sein Glas geleert zu haben. Jetzt galt's, die Ohren
steifhalten! So leichten Kaufes, wie er spekuliert hatte, würde er nun doch
nicht zu dem Gute kommen. Aber Sam gab noch nichts verloren. Wann wäre er jemals
in schwieriger Lage verzagt oder um Mittel und Wege verloren gewesen! Er besass
den ganzen rücksichtslosen, katzenzähen Optimismus seiner Rasse.
    Er hatte den Kretschamwirt von Halbenau vor einiger Zeit mit seinem
Wägelchen einfahren sehen; den suchte er jetzt auf.
    Kaschelernst und Harrassowitz hatten ein längeres Gespräch im Flur des
Gerichtsgebäudes. Die Unterhaltung endete damit, dass Sam die Hand ausstreckte
und Kaschelernst grinsend einschlug und »abgemacht!« sagte.
    Die Gerichtsuhr hatte zehn geschlagen. Wer sich bis dahin noch im »Löwen«
aufgehalten hatte, kam nunmehr herüber, nicht allzu eilig, falls er mit dem
Gerichtsgebräuche vertraut war.
    Aus Halbenau waren eine Anzahl Leute eingetroffen, Freunde der Büttnerschen
Familie. Der alte Bauer selbst hatte sich fern gehalten, aber Karl Büttner war
gekommen. Er blickte unverständig drein wie gewöhnlich. Die Bedeutung dieses
Tages für ihn und seine Familie war dem Denkfaulen schwerlich klar geworden.
    Hinter den Schranken erschien jetzt der Amtsrichter mit dem Kalkulator. Sie
nahmen am grünen Tische Platz.
    Nun nahm der Termin seinen üblichen Verlauf. Zunächst wurden die
Interessenten festgestellt. Harrassowitz, der in diesen Dingen zu Hause war wie
der Fisch im Wasser, verlangte Vorweisen der Kaution. Da würde man ja gleich
sehen, wer als ernstafter Bieter in Betracht komme. Vor allem interessierte es
den Schlaukopf zu wissen, ob jene beiden, der Güterdirektor und der Rendant des
Grafen, mit Geldmitteln versehen seien. Er hatte bereits seinen Geschäftsfreund,
den Kommissionär Schmeiss, vorgeschickt, der sollte sich den Herren in möglichst
harmloser Form nähern und sie zum Lüften ihrer Maske bringen. Aber die beiden
hatten sich zugeknöpft und den diplomatischen Künsten des jungen Schmeiss
gegenüber unzugänglich verhalten. Sam passte genau auf, was der Hauptmann zeigen
würde, als er daran kam, Kaution vorzulegen. Staatspapiere, ein ganzes Paket!
Der Mann war also gewappnet und nicht etwa aus blosser Neugier hier erschienen.
    Nachdem Namen und Personalien der Interessenten mit gerichtsüblicher
Umständlichkeit erfragt und aufgeschrieben waren, wurde zur Feststellung des
geringsten Gebotes übergegangen. Dann forderte der Richter zur Abgabe von
Geboten auf. Er hatte eine zweistündige Pause angesetzt, innerhalb deren geboten
werden konnte.
    Der Gerichtssaal leerte sich wieder; nur einige wenige Leute blieben zurück,
die hier ebensogut wie anderwärts ihre Zeit mit Nichtstun verbringen zu können
meinten. Der Richter arbeitete an seinen Akten. Der Kalkulator schrieb das
Protokoll aus, in der Ecke nickte der Gerichtsdiener. Der Geist der Langeweile
und der Schläfrigkeit hatte sich über den Raum gesenkt.
    Der Richter war ein älterer Beamter. Wie viele Grundstücke waren nicht schon
im Laufe der langen Praxis unter seinem Hammer weggegangen! Die Verhandlung
pflegte unter seinem Vorsitz glatt, ohne Stocken, wie eine gutgeölte Maschine,
zu laufen. Nüchtern, geschäftsmässig und trocken erklangen seine Fragen.
    Was kümmerte es ihn, wer schliesslich der Ersteher wurde! Sache des Juristen
war es nicht, Mitgefühl zu empfinden; das hätte ja höchstens seine »strikte
Objektivität« trüben können. Für ihn existierte das Stück Erde, welches
zufälligerweise einem gewissen Traugott Büttner gehörte, nur insofern, als es
durch ein in »legaler Weise« herbeigeführtes Zwangsversteigerungsverfahren in
»forensischen Konnex« getreten war zum Gesetz und damit zu ihm, dem Diener des
Gesetzes. Dadurch war für den Juristen ein Zaun abgesteckt, innerhalb dessen er
sich von Rechts wegen bewegen durfte. Wenn er sich's hätte einfallen lassen, den
Zaun zu überschreiten, tiefer zu blicken, als seines Amtes war, dann würde er
vielleicht entdeckt haben, dass dieses Stück Erde, welches heute unter den Hammer
kam, doch noch etwas mehr als ein blosses Subhastationsaktenstück sei. Er würde
gefunden haben, wenn er das »legale« Gewand der Sache zu lüften sich die Mühe,
gegeben hätte, dass er nichts Geringeres als das Wohl und Wehe einer Familie, dass
er Menschenschweiss und Menschenblut zu »meistbietender Versteigerung« brachte.
Und dass so das »von Rechts wegen« eine eigentümliche Bedeutung gewann.
    
    Der Saal füllte sich allmählich wieder, als die zweistündige Pause sich
ihrem Ende zuzuneigen begann, und das Bieten nahm seinen Anfang. Zunächst
erfolgten einzelne Gebote, gleichsam tropfenweise; denn keiner der Interessenten
wollte dem anderen seinen Eifer merken lassen. Bankier Schönberger hatte
angeboten mit einer Summe, welche gerade die Höhe seiner Hypotek erreichte.
Dann überbot ihn Harrassowitz.
    Jetzt begann sich der gräfliche Rendant an der Bietung zu beteiligen. Zuerst
langsam, dann in immer schnellerer Folge überboten sich Sam und der Rendant mit
Beträgen von geringem Umfang. Der Händler legte kühlste Ruhe an den Tag; die
Hände in den Taschen, wiegte er sich auf den Absätzen und suchte den Gegner
durch seine überlegen spöttische Miene in Verwirrung zu setzen. Der gräfliche
Beamte, ein Graukopf mit glattrasiertem Gesicht, war unruhig. Die Geböte kamen
zaghaft und hastig von seinen Lippen. Mehrfach sah er sich nach Hauptmann
Schroff um, der weiter hinten unter den Zuschauern mit sichtlicher Spannung dem
Gange der Versteigerung folgte.
    Auf diese Weise hatten sich die beiden bis an die letzte Hypotek
herangetrieben, welche Ernst Kaschel gehörte. Der Gastwirt war im Saale
anwesend, bot aber nicht mit. Harrassowitz hatte soeben geboten. Der Rendant bat
um eine kurze Hinausschiebung des Zuschlags, lief nach hinten und besprach sich
mit dem Güterdirektor. »Bis zur Höhe der Schulden, nicht wahr, ging der Limit?«
fragte er. Der Hauptmann stand mit gerunzelter Stirn und überlegte. »Hundert
Mark darüber,« sagte er dann. »So viel will ich noch zulegen; mehr kann ich
nicht!«
    Der Rendant ging wieder an die Schranken und machte sein Gebot. Sam überbot
ihn lächelnd.
    Die Spannung unter den Zuschauern hatte einen hohen Grad erreicht. Die
Sympatien der meisten waren auf seiten der gräflichen Beamten. Der Rendant bot
noch einmal mit zitternder Stimme. Die Schulden waren mit seinem Gebote um
hundert Mark überschritten.
    »Noch Fünfzig!« rief Harrassowitz und sah den Gegner herausfordernd an.
    Es entstand eine Pause. Der Richter sah nach - der Uhr. »Wenn keine weiteren
Gebote abgegeben werden, schliesse ich die Subhastation.«
    Kein weiteres Gebot erfolgte.
    »Demnach ist Herr Samuel Harrassowitz Meistbietender geblieben. Ich frage,
ob Einwendungen gegen Erteilung des Zuschlages an Harrassowitz erhoben werden? -
Einwendungen werden nicht erhoben! - Die Erteilung des Zuschlages wird morgen um
elf Uhr verkündet werden.«
 
                                     VIII.
Während in der Stadt sein Gut versteigert wurde, pflügte der Büttnerbauer seinen
Acker. Schon bei frühestem Morgengrauen hatte er die Ochsen aus dem Stalle
gezogen, hatte sie vor den Pflug gespannt und war hinausgefahren bis dortin, wo
Wald und Felder grenzten.
    Die Bäuerin war seit einer Woche bettlägerig. Toni hatte mit dem Säugling zu
tun. Auf Teresens Schultern lastete, seitdem die Sachsengänger das Dorf
verlassen hatten, ganz allein die Sorge um das Hauswesen.
    Der Bauer wollte heute das Büschelgewende beackern. Dem verwilderten Schlage
- gleichsam das Stiefkind des Gutes - galt doch im Grunde seine eifrigste Sorge.
Der Gedanke, dass ein Teil seines Besitzes vernachlässigt und unbenutzt daliege,
liess ihm keine Ruhe, quälte ihn wie einen Kranken die offene Wunde. Den Schlag
musste er wieder urbar machen, noch in diesem Sommer. Hafer wollte er darauf
säen, als die wenigst anspruchsvolle Frucht. Vor der Aussaat aber sollte der
Boden noch einige Male mit Pflug und Egge um und um gewendet werden.
    Es wollte ein wundervoller Frühjahrstag werden. Der Boden dampfte von dem
warmen Regen, der in der Nacht niedergegangen war. Laue Fruchtbarkeit schwebte
greifbar über der Scholle. Überall drängte und sprosste junges Leben zum Tage
empor. Die Wiesen waren bereits mit dem ersten verschämten Grün beschlagen. Die
Wintersaaten standen dicht und üppig, in vielverheissendem, saftigem Dunkelgrün.
    Mit dem Pflügen ging es langsam genug vorwärts in dem zähen Lehm, der seit
Jahren keine Pflugschar gefühlt hatte. Brombeerranken und andere Schmarotzer des
verwilderten Landes bedeckten die magere Ackerkrume und wichen nur ungern dem
Pfluge. Kiesel und Feldsteine stemmten sich gegen die Schar. Und dazu ein Paar
träge Ochsen vorgespannt! Die Zeiten, wo er Pferde im Stalle gehabt, waren für
den Büttnerbauer vorbei.
    Der alte Mann fluchte nicht, trotz der Langsamkeit der Tiere. Sein Trotz war
stumm. Mit zusammengebissenen Zähnen blickte er starr geradeaus über die Rücken
der Ochsen. Die Hand am Sterz, in der Linken Leine und Peitsche, so schritt er
hinter dem Pfluge. Wenn er die Lippen öffnete, dann war es höchstens zu einem
»Hüü« oder »Hoo«. An der Anewand angelangt, hielt er die Ochsen durch einen Ruck
der Leine an, hob den Pflug aus, wendete ihn und fuhr eine neue Furche an,
genaue Richtung haltend. Er pflügte noch wie ein Jüngling, mit starker Hand und
scharfem Augenmasse.
    Die Sonne rückte höher. Der Dampf über den Auen hatte sich verflüchtigt.
Klar lag jetzt Halbenau unter ihm, das er von seinem erhöhten Stande überblicken
konnte, Haus für Haus, bis hinab zur Kirche. Schon begannen sich die Fruchtbäume
hie und da zu schmücken mit weissen Perücken. In langen, schmalen Streifen zogen
sich die Güter der Bauern, Halbhufner und Gärtner vom Dorfe nach dem Walde zu,
vielfach durch Raine und Gräben in viereckige Stücken und Streifen zerlegt, in
vielen Farben leuchtend, bald braun, bald grün, bald gelblich oder gräulich, je
nach der Frucht und der Bodenart. Ein scheckiges Bild, wie ein Stück Zeug mit
vielen Flicken darauf. Und am Feldrande ein Kranz von Niederwald, der lichtgrün
und lila schimmerte, mit seinen hellen Stämmchen von Birke und Erle. Dahinter
der Kiefernwald, im männlichen Ernste seines dunklen Nadelkleides. Und darüber
hin der Frühjahrshimmel, mit einzelnen schwimmenden Wolken von milchweisser
Farbe.
    Der Büttnerbauer sah nichts von der Schönheit, die sich rings um ihn
breitete. Sechzigmal war er Zeuge geworden des Frühjahrswunders. Sechzigmal
hatte sich für ihn die Flur geschmückt mit gleicher Pracht. Er war kein
empfindlicher Naturschwärmer; dafür gab es in seiner trocknen Bauernnatur keinen
Raum.
    Frühjahr, das bedeutete für ihn: Erwachen aus der kalten, finsteren, öden
Winterszeit, zum sonnigen, klaren, milden Sommer; wo man nicht länger gezwungen
war, mit müssigen Händen im Zimmer zu hocken, wo man hinaus durfte auf den
geliebten Acker, die Zeit, da man die Glieder in emsiger Arbeit rührte, wo man
aber auch die Früchte seiner Arbeit sehen durfte, wie sie heranwuchsen und
gediehen, der Ernte entgegen.
    Auch in diesem Frühjahr schien die Sonne warm und belebend. Sie wärmte auch
die Glieder des Alten und brachte sein Blut in schnellere Strömung. Das
Neuwerden in der Natur rief selbst in seinem verbrauchten Körper eine Steigerung
aller Kräfte, eine unbewusste Spannung der Lebensenergie hervor. Aber es war
diesmal anders als sonst. Etwas war erstorben in dem alten Manne, lag wie mit
Eis und Schnee des Winters zugedeckt, war nicht grün geworden mit dem Erwachen
des Frühlings ringsum: die Hoffnung.
    Es hatte seinen guten Grund, warum er die Zähne so fest zusammengepresst
hatte, und die Augen so starr geradeaus gerichtet hielt zwischen die Köpfe
seiner Tiere. Hätte er die Blicke hinabschweifen lassen über Felder und Wiesen,
hinab nach seinem Hause und Hofe, sie wären wohl übergegangen von salzigen
Tränen. Und der Trotz, der Grimm, die Menschenverachtung, die allein ihm die
Kraft gaben, diesen Tag zu ertragen, möchte dahingeschmolzen sein vor der
Übergewalt des Schmerzes, den ihm der Anblick seines Eigentums heute bereiten
musste.
    Sein Eigentum!
    In diesen Stunden entschied es sich, wer künftighin Herr dieser Wiesen und
Felder, dieses Hauses und Hofes sein würde. Drüben in der Stadt, vor Gericht,
unter Leuten, die seinen Acker nicht kannten, von Fremden, kalten,
gleichgültigen Juristen, wurde der Würfel über sein Eigentum geworfen. Heute
noch war er hier Herr, und morgen konnte einer kommen, der ihn hinaustrieb aus
seinem Hofe, ihn auf die Strasse setzte mitsamt den Seinen, und das alles kraft
eines Stückes Papier.
    Das war also der Erfolg seines Lebens! Jetzt, wo er sich dem Greisenalter
näherte, wo man sich nach Ausruhen auf vollendetem Lebenswerk sehnte, wo man
Recht und Besitz und Gewalt gern hätte übergehen sehen in die Hände der
Nachkommen, wo man als Lohn und Dank für sorgliche Verwaltung des Familiengutes
nichts weiter verlangte als Pflege und Achtung und ein ruhiges Eckchen im Heim,
von dem aus man das Weiterblühen und Wachsen noch ein Weilchen mit ansehen
konnte - jetzt musste der Büttnerbauer, statt dieses wohlverdiente Altenteil zu
erwerben, erleben, dass alles, was er von den Vätern übernommen, was er
verwaltet, woran er an seinem Teile geschaffen hatte, ihm aus den Händen
gerissen, unwiderbringlich an Fremde dahingegeben wurde.
    Wenn der Vater das geahnt hätte! Er, der recht eigentlich den Besitz zu dem
gemacht hatte, was er war, zu einem selbständigen, freien Bauerngute. Wenn
Leberecht Büttner hätte ahnen können, was jetzt, dreissig Jahre nach seinem Tode,
aus seinem Werke werden sollte! Dieser Mann, der den Familienbesitz in schwerer
Zeit angetreten, der die Nachwehen der Kriegszeiten und der jüngst überwundenen
Hörigkeit durchzukosten hatte, der Zeit seines Lebens mit einem mächtigen und
beutelustigen Nachbar zu ringen gehabt, und der, all diesen Gefahren und Nöten
zum Trotze, sich selbst zu einem wohlhabenden, unabhängigen Wirte
emporgearbeitet und sein Gut zum bestgepflegtesten der ganzen Gegend gemacht
hatte; wenn der Mann hätte voraussehen können, was aus der Erbschaft, die er den
Seinen hinterliess, sich für Unsegen entwickeln würde! -
    Traf den Büttnerbauern die Schuld, dass alles so gekommen, wie es gekommen
war?
    Traugott Büttner hatte sicher viele Versehen begangen, mancherlei verdorben
durch Eigensinn und beschränkten Trotz. Viel Schaden hätte abgewendet werden
können, wenn ihm Beweglichkeit des Geistes, höhere Bildung und besseres
Verstehen der Zeit und ihrer Bedürfnisse eigen gewesen wäre. Aber grössere
Fehler, als die seinem Stande eigentümlichen, durften ihm mit Recht nicht
vorgeworfen werden.
    Er war Zeit seines Lebens ein nüchterner, ordentlicher Mensch gewesen, ein
tätiger Wirt und sorgsamer Haushalter. Sein Benehmen war bäuerlich derb, oft bis
zur Rauheit derb, aber seine Sitten waren rein geblieben. Was hatte er sich
vorzuwerfen! War er etwa ein Trinker gewesen? - Hatte er Haus und Hof verspielt,
wie so mancher Bauer es tat? Hatte er durch liederliche Wirtschaft oder durch
Zank und Streit mit den Nachbarn, durch Prozesse das Seine vergeudet? - Dem
Staate, der Gemeinde, der Kirche hatte er geleistet, was er ihnen schuldig war.
Seine Knochen hatte er in zwei Kriegen für das Vaterland zu Markte getragen.
Sonntäglich war er zur Predigt gegangen, und viermal im Jahre hatte er den Tisch
des Herrn aufgesucht. Die schlechten Jahre waren von ihm hingenommen worden, und
für die guten hatte er Gott gedankt. Mit seiner Ehefrau hatte er sich vertragen;
nie war es zu mehr als zu Scheltworten gekommen zwischen ihnen, was bei
Bauersleuten etwas heissen will. Die Kinder hatten sie schlicht und recht
aufgezogen nach dem Worte: »Wer sein Kind lieb hat, der züchtigt es.«
    Überhaupt, das war die Summe dieses Lebens: der Bauer hatte das Seine getan,
so gut oder so schlecht er es vermochte, in den Grenzen seines Standes, gemäss
der Weltanschauung, mit der er geboren und in der er aufgewachsen war.
    Und nun war es wie ein Strafgericht, wie eine Vergeltung furchtbaren
Unrechts über ihn und die Seinen gekommen, ohne dass er doch gewusst hätte, von
wannen und wodurch. Wofür büsste er, welche Sünde hatte er zu sühnen, mit so viel
Elend? Wo lag der Anfang des Unglücks? Wann und wo hatte er den Schritt getan,
der unvermeidlich das Verderben nach sich ziehen musste? War es nicht vielmehr
eine Kette von tausend winzigen Gliedern, ein ganzes Netz von, unsichtbaren
Maschen, an dem er Zeit seines Lebens unbewusst gearbeitet, und das ihn jetzt
verstrickte zu unrettbarem Untergange?
    Oder lag die Schuld nicht tiefer und ferner? Reichte sie nicht zurück über
die sechzig Jahre dieses Lebens in die Zeiten der Väter und Vorväter?
    Hatte Traugott Büttner nicht das Gut aus dem väterlichen Erbe erstanden
unter Bedingungen, die für ihn den Erfolg von vornherein unterbanden! War das
nicht der anfangs kaum beachtete Riss, welcher am Ende zum Zusammenbruch des
Gebäudes führte; der scheinbar unbedeutende Rechenfehler, der, von Jahr zu Jahr
weiter geführt, schliesslich das Ergebnis der ganzen Rechnung falsch ausfallen
liess! Oder hatte Leberecht Büttner, dieser vorsichtige Wirt und Mehrer des
Vermögens, etwa selbst den Grund zum Untergange des Familiengutes gelegt, als er
dessen Grenzen erweiterte, neues Land zum ererbten hinzuerwarb? Hatte er damit
vielleicht dem ganzen eine ungesunde Entwicklung, einen allzu grossartigen
Zuschnitt gegeben; hätte er nicht, statt auf Erweiterung des Besitzes zu sinnen,
lieber das einmal Besessene so ertragreich wie möglich gestalten sollen? Hatte
er nicht durch diese Verrückung der Verhältnisse seinem Nachfolger eine
gefahrvolle Erbschaft hinterlassen, doppelt gefahrvoll, wenn dieser Nachfolger
ihm nicht gleichkam an Einsicht und Rührigkeit?!
    Oder lag das Versehen nicht ausserhalb der Familiengeschichte überhaupt!
Waren es nicht vielmehr die Verhältnisse, die Entwicklung, der Gang der
Weltereignisse, die auch auf dieses winzige Zweiglein am grossen Baum des Volkes
gewirkt hatten? Stand nicht auch dieser kleine Ausschnitt aus dem
Menschheitsganzen unter den Gesetzen des Prozesses von Werden und Vergehen, dem
das Völkerleben wie die Geschichte der Familien und des einzelnen unterworfen
sind! -
    War vielleicht jenes grosse Ereignis der Bauernbefreiung im Anfange des
Jahrhunderts, dessen Zeuge noch Leberecht Büttner als junger Mensch gewesen, zu
spät eingetreten? War dieser mächtige Ruck nach vorwärts nicht mehr imstande
gewesen, das Bauernvolk aus der Jahrhunderte alten Gewöhnung an
Unselbständigkeit und Knechtsseligkeit herauszureissen? Oder war die Aufhebung
der Frone zu schnell, zu unmittelbar gekommen? Hatte sie den Bauern nur
äusserlich selbständig gemacht, ohne ihm die zum Genüsse der Freiheit nötige
Erleuchtung und Vernunft gleichzeitig geben zu können? Waren die durch viele
Geschlechter grossgezogenen Laster: des Misstrauens, der Stumpfheit, der
Beschränkteit und der tierischen Roheit, doch so tief in Fleisch und Blut der
Kaste übergegangen, dass sie unausrottbar immer von neuem durchbrechen mussten und
so den Untergang des ganzen Standes herbeiführen würden? -
    Oder spannen sich die Fäden jenes Gewebes von Unrecht, Irrtum und Unglück,
die den einzelnen mit dem Ganzen ebensogut verweben, wie Rüstigkeit, Aufschwung
und Gedeihen eines Volkes segensreich das Einzelgeschick befruchten und fördern
- reichten diese unsichtbaren Wurzeln, die uns mit dem tiefstem Grunde der
Vergangenheit unseres Geschlechts verbinden, nicht noch viel viel tiefer hinab
in die Vorzeit? War der grosse Krieg daran schuld, der das deutsche Volk zum
Bettelmann gemacht und seinen Boden zu einer Einöde? Aber war nicht schon vor
dem grossen Kriege schweres Unrecht am deutschen Bauern begangen worden? Drangsal
und Vergewaltigung, die ihm zu Luters Zeiten den Kolben und den Dreschflegel in
die Hand nehmen liessen, zum Aufruhr gegen die Grossen der Welt, in denen er die
Macht verkörpert sah, die ihn am meisten bedrückte: der Feudalismus.
    Und lag der letzte und tiefste Grund der Unbilden, die dem Bauern durch alle
Stände widerfahren, mochten sie sich Fürsten, Ritterschaft, Geistlichkeit,
Kaufmanns-, Richter- und Gelehrtenstand nennen, nicht noch viel weiter zurück in
der Entwicklung? War da nicht in unser Volksleben ein Feind eingedrungen, der
für Kolben und Flegel unerreichbar war, der mit noch so derben Fäusten nicht aus
dem Vaterlande getrieben werden konnte, weil er körperlos war, ein Prinzip, eine
Lehre, ein System, aus der Fremde eingeschleppt, einer Seuche gleich: der
Romanismus.
    War denn nicht der deutsche Bauer frei gewesen ehemals? Frei wie der Baum,
der Halm, ein Gewächs des freien Grund und Bodens, verantwortlich nur vor
seinesgleichen, gebunden nur durch die Gesetze der Markgenossenschaft. Nur die
Gemeinde und ihre Rechte hatte er über sich, deren Lehnsmann er war, die ihm ein
Stück der freien Wildnis zuwies, damit er es urbar mache und sich darauf
ernähre.
    In jenen natürlichen, urwüchsigen Zeiten, die noch nichts von den
knifflichen Definitionen der Gelehrten, vom pedantischen Schreibwerk der
Juristen ahnten, war Besitz und Eigentum noch eins; Tatsache und Recht fielen da
zusammen. Wer den Boden dem Urwalde abrang, der erwarb ihn, machte ihn zu seinem
Eigen. Die Ernte gehörte dem, der den Acker bestellt und die Aussaat gemacht.
Arbeit war der einzige Rechtstitel, welcher galt. Jeder Nachfolger musste sich
die Hufe und die Frucht von neuem erwerben durch seiner Hände Werk.
    Und nun drang ein fremder Geist von jenseits der Alpen ein und verwirrte und
verkehrte diese einfachen erdgewachsenen Verhältnisse. Abgezogene Begriffe, aus
einer toten Kultur gesogen, wurden an Stelle des selbstgeschaffenen, gut
erprobten deutschen Rechtes gesetzt.
    Dieser fremde römische Geist war der Verderber. Überall drang er ein wie
eine Krankheit. Bald beherrschte er Staat, Kirche, Schule und Gerichte.
Formalismus und Scholastik waren seine übelgeratenen Kinder.
    Am schwersten aber sollte unter dem fremden Produkt der leiden, welcher von
allen am wenigsten davon wusste und verstand: der Bauer.
    Alle anderen Stände verstanden es, sich das fremde System zunutze zu machen.
Ritter und Kaufmann wussten seine Maximen zu verwerten, sich nur zu gut dem
praktischen Egoismus anzupassen, der das Grundprinzip des römischen Rechtes ist.
Und seit den Zeiten der Scholastik ward Haarspalterei und wirklichkeitsfremdes
Definieren und Konstruieren die Lieblingsbeschäftigung der deutschen
Gelehrtenzunft.
    Dem freien deutschen Bauernstande aber grub das fremde Recht die
Lebenswurzeln ab.
    Denn der Begriff des römischen Eigentums lief dem schnurstracks zuwider, was
für den deutschen Ansiedler gegolten hatte. Nun wurden in trocken
formalistischer Weise Recht und Tatsache getrennt. Fortan konnte einem ein Stück
Land gehören, der nie seinen Fuss darauf gesetzt, geschweige denn, eine Hand
gerührt, um es durch Arbeit zu seinem Eigen zu machen. Jetzt gab es gar viele
Rechtstitel mit fremdklingenden Namen, kraft deren einer Eigentum erwerben und
veräussern konnte. Den Ausschlag gab nicht mehr die lebendige Kraft des Armes,
sondern erklügelte, in Büchern niedergeschriebene, tote Satzung. Am Grund und
Boden konnte fortan Eigentum entstehen durch Eintragung in Bücher. Es konnte
ernten, wer nie geackert und gesäet hatte. Es gab Rechte an fremden Sachen,
Einschränkungen des Eigentumsrechtes durch Dritte, die sich so drehen, deuten,
nutzen und ausdehnen liessen, dass der Eigentümer bald wie ein Mann war, der sein
Feld auf der öffentlichen Landstrasse liegen hat. Das Verpfänden und Belasten des
Grund und Bodens ward in ein System gebracht, das den Urgrund aller menschlichen
Verhältnisse, die Scholle, einem Handelsartikel gleichstellte. Es wurde möglich,
dass einer durch Beleihung stiller Mitbesitzer eines Stück Landes ward. Dann
musste ihm der Eigentümer einen Teil der Erträge abgeben, die er durch seine
Arbeit dem Boden abgerungen hatte, und jener genoss in der Ferne ohne Mühe die
Früchte fremden Bodens und fremden Schaffens.
    So hatte sich das undeutsche Recht mit seinem egoistisch-kalten,
verstandesmässigen Formalismus wie ein Lavastrom über die heimischen
Einrichtungen ergossen, alles mit starrer Kruste überdeckend, und auch die
grünende Freiheit des bäuerlichen Ansiedlers auf Nimmerwiederkehr vernichtend.
    Der Büttnerbauer wusste von der Geschichte und Entwicklung seines Standes
nichts. Kenntnis und Interesse für das Vergangene sind gering beim Bauern; auch
hat er wenig Standesbewusstsein, keinen Zusammenhalt mit seinesgleichen. Ihn
kümmern nur die Nöte und Bedürfnisse, die ihn gerade im Augenblicke auf den
Nägeln brennen. Er weiss von der Welt und ihrem Gange meist nur das Notdürftige,
was er in der Schule erlernt, was er selbst erlebt und erfahren hat, und zur Not
das Wenige von der Vergangenheit, was ihm die Eltern mitgeteilt haben.
    Traugott Büttner hatte nur ein dumpfes Gefühl, eine dunkle Ahnung, dass ihm
grosses Unrecht widerfahre. Aber wer wusste denn zu sagen: wie und von wem! Wen
sollte er anklagen? Das war ja gerade das Unheimliche, dass es eine Erklärung
nicht gab. Das Verderben war gekommen über Nacht, er wusste nicht von wannen.
Menschen hatten Rechte über ihn und sein Eigentum gewonnen, Fremde, die ihm vor
zwei Jahren noch nicht einmal dem Namen nach bekannt waren. Er hatte diesen
Leuten nichts Böses angetan, nur ihre Hülfe, die sie ihm aufgenötigt hatten, in
Anspruch genommen. Und daraus waren durch Vorgänge und Wendungen, die er nicht
verstand, Rechte erwachsen, durch die er diesen Menschen hilflos in die Hände
gegeben war. Er mochte sich den Kopf zermartern, er konnte das Ganze nicht
begreifen.
    Eines blieb als Untergrund aller seiner Gedanken und Gefühle: ein dumpfer,
schwelender Ingrimm. Ihm war unsagbares Unrecht geschehen. Sein Mund verstummte;
hätte er ihn aufgetan, es wäre eine Klage erschollen, die kein Richter dieser
Welt angenommen hätte.
 
                                 Drittes Buch.
                                       I.
Die Sachsengänger waren an ihrem Bestimmungsorte eingetroffen. Leiterwagen vom
Rittergute Welzleben hatten sie an der Station abgeholt und nach dem Vorwerke
Kabeldamm gebracht. Hier waren sie vom Inspektor in ihre Kaserne angewiesen
worden.
    Am nächsten Morgen bereits ging's mit der Feldarbeit los.
    Die Rüben waren eben erst aufgegangen; an ihnen gab es also noch keine
Arbeit. Die Mädchen wurden daher mit Behacken des Wintergetreides beschäftigt,
während die Männer bei der Frühjahrsbestellung zu helfen hatten.
    Es waren völlig neue Verhältnisse hier im Westen, in welche diese Ostländer
ganz unvermittelt versetzt wurden. Weit und breit fruchttragende ebene Fluren.
Feld an Feld, Schlag an Schlag, die das Auge kaum zu übersehen vermochte,
durchquert von geradlinigen Kunststrassen und Obstalleen. Jede Handbreit Land war
hier ausgenutzt. So kostbar schien dieser Boden, dass man keinem wilden Baum,
keinem Strauch in der Feldmark das Leben gönnte. Nirgends fiel der Blick auf
Unkraut. Sorgfältig waren die Steine aus dem Acker entfernt. Am Horizonte fehlte
der Kiefernbusch, der im Osten fast überall das landschaftliche Bild einrahmt.
Kein Wald, kein Gebüsch, keine Hutung zu erblicken. Wenig Wiese; die
Ackerscholle beherrschte hier alles. An Stelle des buntscheckigen Planes von
winzigen Fleckchen und Streifchen, wie es die Sachsengänger von ihrer Heimat her
gewöhnt waren, breitete sich hier das Zuckerrübenfeld mit den endlosen Reihen
der gedrillten Rübenpflänzchen; giftgrüne Streifen auf dunkelbraunem
Untergrunde.
    Und nun erst die Bestellung! Spatenarbeit kannte man hier nicht, der
Handpflug war an vielen Stellen vom Dampfpfluge verdrängt. Das Getreide wurde
mit der Dampfmaschine ausgedroschen, die Saaten mit der Drillmaschine bestellt.
Und in der Wirtschaft war auch alles nach neuestem Zuschnitt. Das Rindvieh bekam
Rübenschnitzel als Futter. Trotz der vielen Kühe und grossartigen Stätte war die
Milchwirtschaft doch nur unbedeutend. Das Vieh kam von auswärts in grossen
Transporten herein und stand nur zur Mast da. Kälber wurden nicht angebunden.
Nur des Düngers wegen schien man Rindvieh zu halten.
    Und die Dörfer! Da kam man sich vor wie in der Stadt. Die Häuser eng
beieinander, den Nachbarn gleichend wie ein Ei dem anderen, weissgetüncht, kahl,
mit Ziegeln abgedeckt. Kein Fachwerk, keine Holzgalerie, kein Strohdach. Hin und
wieder war einmal der Ansatz zu einem Gärtchen zu erblicken, hinter steifem
Staketenzaune. Der Grasgarten, die Obstbäume, die der ärmste Häusler des Ostens
gern um sein Anwesen hat, fehlten ganz. Und wo waren die Düngerstätten, das
Göpelwerk, der Taubenschlag, die Entenpfütze? Diese Menschen hier nannten keine
Kuh, kein Schwein, kein Federvieh ihr eigen.
    dabei schien es hier eigentliche Armut nicht zu geben. Die Leute liessen sich
nichts abgehen. Sie gingen einher in städtischer Kleidung. Blosse Waden gab's
hier freilich nicht zu sehen; selbst die Kinder liefen nicht barfuss.
    Die wenigen Bauern waren grosse Herren. Sie ritten und fuhren einher wie die
Rittergutsbesitzer, wohnten in grossen stattlichen Häusern und schickten ihre
Kinder in die Stadt zur Schule. Wenn sie untereinander waren, redeten sie sich
mit »Sie« an, und an einem Tische mit seinem Gesinde wollte von diesen grossen
Herren auch keiner mehr zum Essen niedersitzen.
    Da es keine Berge hierzulande gab, die Bäume in der Landschaft selten und
die Kirchtürme klein und unansehnlich waren, so hätte es eigentlich nichts in
die Augen Fallendes gegeben, wären nicht die Essen gewesen, die sich allerorten
neugierig und gleichsam waghalsig emporreckten. Hier eine von einer
Zuckerfabrik, dort von einer Ziegelei oder Brennerei.
    Auch auf dem Vorwerke Habeldamm gab es solch eine Esse, die zur Brennerei
gehörte. Der Wirtschaftshof wurde von lauter neuen einstöckigen Gebäuden
gebildet. Wie auf dem Präsentierbrett lag das ganze da, mit seinen blitzblanken,
gekalkten Wänden, hellroten Ziegeldächern, mitten in den grünen Rübenfeldern,
die sich bis dicht an die Gebäude zogen. Eine Feldbahn verband das Vorwerk mit
dem Hauptgute Welzleben. Eine grössere Bahn ging in weiter Kurve über andere
Rübengüter nach der Zuckerfabrik. Diese Fabrik war, ein Aktienunternehmen der
umliegenden Grundbesitzer.
    Etwas abseits vom eigentlichen Wirtschaftshofe lag die Wohnung der
Wanderarbeiter, die »Kaserne« wie sie kurzweg bezeichnet wurde. Es war ein mässig
grosses, einstöckiges Haus, »genau nach der polizeilichen Vorschrift erbaut«, wie
der Inspektor nicht zu bemerken verfehlte, als er Gustav mit seinen Leuten
einwies. Zu ebener Erde befanden sich zwei saalartige Räume, der grössere für die
Mädchen zum Wohnen und Speisen, der andere für die Männer bestimmt, ferner eine
Küche mit neumodischem Herd und eine Wasch- und Spüleinrichtung. Im ersten Stock
waren die Schlafräume untergebracht, die Mädchenkammer getrennt von der der
Männer durch die Wohnung des »Aufsehers« wie Gustav jetzt tituliert wurde.
    Der Inspektor, ein jüngerer Herr, dessen Schnurrbart und schneidiger Ton
keinen Zweifel darüber aufkommen liess, dass er Reserveoffizier sei, führte Gustav
in sämtlichen Räumen umher, übergab ihm den Hauptschlüssel und machte den
Aufseher darauf aufmerksam, dass man sich von seiten der Gutsverwaltung für jede
»Schweinerei«, die hier etwa vorkommen würde, an ihn halten werde.
    Gustav fand die Einrichtung, in der sie fortan hausen sollten, weit besser,
als er's erwartet hatte. Die kasernenartige Einteilung des Hauses heimelte ihn
wie eine Erinnerung an die Soldatenzeit an. Pauline hätte sich freilich mehr
Traulichkeit gewünscht in ihrer Stube, die ausser Bett, Schrank, Tisch und
Stühlen nichts entielt. Aber man musste schliesslich froh sein! Hatte man doch
ein Dach über sich und eine Diele unter den Füssen. -
    Mit dem Küchenherde konnte sie auch zufrieden sein. Gut, dass ihr die
neumodischen Kochvorrichtungen vom Rittergute daheim einigermassen bekannt waren.
Der Inspektor hatte sie darauf hingewiesen, dass hier das zukünftige Feld ihrer
Tätigkeit sein werde. Die Kartoffeln werde sie wöchentlich zugemessen erhalten
für die »ganze Gesellschaft«. Was sie damit anfange, sei ihre Sache. »Darum
können wir uns nicht auch noch scheren; da hätten wir viel zu tun!« hiess es in
kurzer, schneidiger Ansprache.
    Von den Arbeitern fanden sich nicht alle sofort in die neuen Verhältnisse.
    Der Pole Rogalla räsonierte laut, allerdings auf polnisch, was niemandem
etwas tat, weil niemand es verstand. Bedenklicher war, dass er sich weigerte, in
dem gemeinsamen Männerschlafsaale zu übernachten. Häschke sprach die Vermutung
aus, dass dem Polacken die gewohnte »Bucht mit den Reichskäfern« fehle. Gustav
redete ein Wörtlein deutsch mit dem Polen. Rogalla suchte daraufhin zwar die
gemeinsame Bettstatt auf, in der Nacht aber stahl er sich hinweg. Er musste
irgendwo eine seinem Geschmacke mehr zusagende Schlafstätte ausfindig gemacht
haben.
    Auch einige von den Mädchen stellten sich äusserst gefährlich an. Vor allem
ein Schwesternpaar Helfner. Sie stammten aus dem Armenhause. Helfners waren eine
berüchtigte Familie in Halbenau. Gustav hatte sich daher längere Zeit bedacht,
ob er das Schwesternpaar mitnehmen solle. Aber sie hatten die heiligsten
Versprechungen gegeben, sich gut aufführen zu wollen. Jetzt fanden sie alles
schlecht: die Wohnung, das Essen. Die Arbeit war ihnen zuviel. Als Gustav sie
etwas scharf 'rannahm, verschwanden sie in eine Kammer und schlössen die Tür
hinter sich zu. Da blieben sie und kamen nicht zur Arbeit. Gustav war ratlos.
Männer zu kommandieren, das hatte er als Unteroffizier gelernt, aber mit
widerspenstigen Frauenzimmern fertig werden, das war noch ein ander Ding.
Pauline konnte ihm dabei nicht helfen, sie war zu weich, um ihresgleichen zu
beherrschen.
    Da fand der Aufseher unerwartete Hilfe und Unterstützung in seiner kleinen
Schwester. Schon auf der Reise hatte es sich gezeigt, dass Ernestine unter den
Mädchen die Führerrolle an sich gerissen habe, obgleich sie eine der jüngsten
war. Die anderen, unter denen manches bärenstarke Frauenzimmer sich befand,
beugten sich doch der Energie und Klugheit dieser kleinen Person. Jetzt war
Ernestine die einzige, die sich Eingang zu dem aufsässigen Schwesternpaare zu
verschaffen wusste, ja, die Helfners schliesslich dazu bewog, die Arbeit
aufzunehmen.
    Eine äusserst brauchbare Zugabe für den Aufseher bildete auch Häschke. Das
war ein hartgesottener Sünder, der schon durch manches enge Loch in seinem Leben
hindurchgekrochen sein mochte, der mit allen Hunden gehetzt war. So einen konnte
man hier gegebrauchen. dabei war Häschkekarl ein grundgutmütiger Geselle und
seinesgleichen gegenüber stets zur Hilfe bereit. Aber Häschkes freundschaftliche
Gesinnung verwandelte sich sofort ins Gegenteil, wenn er es mit einem
Höhergestellten zu tun hatte. Da wurde aus diesem lustigen Bruder ein
misstrauisch hämischer Geselle.
    Auf den Inspektor hatte Häschkekarl sofort seinen ganzen Hass geworfen. Er
lag Gustav in den Ohren, dass er sich von dem »Affen« ja nichts gefallen lasse.
»Der grossschnäuzige Kerl« werde sie noch lange nicht »dumm machen«.
    Sehr schnell hatte es Häschke hingegen verstanden, sich drüben im Vorwerk
beim Gesinde gute Freunde zu machen. Von dort brachte er allerhand interessante
Nachrichten mit: Herr Hallstädt, der Besitzer von Welzleben, sei mehrfacher
Millionär. Sein Vermögen habe er durch Rübenwirtschaft und Zuckerfabrikation
gemacht. Er selbst sei ein Geizhalz, aber seine Söhne, die Offiziere waren,
sorgten dafür, dass das Geld ihres Alten unter die Leute komme. -
    Auch über den Herrn Inspektor wusste Häschkekarl allerhand zu berichten. Den
Knechten gegenüber sei der ein Wüterich, gegen die Mägde hingegen oftmals nur
allzu freundlich. Im vorigen Jahre sei der Mann aber mal an den Richtigen
gekommen. Ein Knecht, der nicht mit sich hatte spassen lassen, habe hinter dem
Pferdestalle eine Unterredung unter vier Augen mit dem Inspektor gehabt. Danach
hätte der junge Herr acht Tage lang das Zimmer gehütet, während der Knecht auf
Nimmerwiedersehen vom Hofe verschwunden sei. Die Grossmagd aber, die den
Inspektor gepflegt, habe ganz eigenartige Dinge über den Körperzustand des
Kranken zu berichten gehabt.
    Die Wanderarbeiter kamen übrigens nur wenig mit dem Beamten in Berührung,
mit Ausnahme von Gustav, der sich täglich bei ihm den Dienst zu holen hatte. Die
Arbeiten wurden meist in Akkord gegeben. Der Stücklohn spornte selbst die
Trägeren an, soviel wie möglich zu leisten. Besonders die Mädchen waren gross in
ihrer Emsigkeit. Selbst das Schwesternpaar Helfner wussten die Mitarbeiterinnen,
welche aus der Trägheit einzelner Mitglieder keine Einbusse erleiden wollten, zur
Tätigkeit anzuhalten. Von den Männern drückte sich nur der Pole Rogalla soviel
wie möglich um die Arbeit herum.
    Eines Tages kam ein offener Wagen von Welzleben her auf das Vorwerk zu
gefahren. Das sei Herr Hallstädt, hiess es. Gustav gab gerade mit seinen Leuten
auf einem grossen Rübenschlage den jungen Pflanzen die erste Hacke. Herr
Hallstädt liess auf dem Wege halten und betrachtete sich das Arbeiten eine Weile.
Soviel man auf die Entfernung erkennen konnte, war er ein älterer Herr mit
grauem Backenbart, der eine Brille trug. Das war also der reiche Herr
Hallstädt-Welzleben, ihr Broterr!
    Gustav erwartete bestimmt, der Herr werde ihn rufen lassen oder werde selbst
zu ihm und den Leuten herankommen. Sie standen doch bei ihm in Brot und Arbeit,
sie bestellten doch seinen Grund und Boden. Auf sein Geheiss waren sie so viele
Meilen weit hierher gekommen. -
    Aber Herr Hallstädt-Welzleben liess nach einer Weile weiterfahren, ohne Gruss,
ohne ein Wort mit seinen Arbeitern gewechselt zu haben.
    Häschkekarl spuckte aus. Das war Wasser auf seine Mühle. Die Grossen taugten
alle nichts; überall war es dieselbe Geschichte! Und Gustav musste an die Worte
des Agenten Zittwitz denken: »Der eine gibt die Goldstücke, der andere seine
Kräfte. Das ist ein Geschäft, klar und einfach. Alles wird auf Geld
zurückgeführt. Das nennt man das moderne Wirtschaftssystem.« So ungefähr hatte
der sich geäussert, und er schien recht behalten zu sollen.
    Jeden Sonnabend erhielt Gustav den Lohn für die Arbeit der Woche ausgezahlt.
Ein Bruchteil des Geldes wurde zurückgehalten als Deckung für den Fall, dass ein
Arbeiter den Dienst vorzeitig verliess. Auch Strafgelder waren vorgesehen, und im
Kontrakte fehlte die Klausel nicht, dass jeder Arbeiter ohne weiteres entlassen
werden könne, ohne Anspruch auf Lohn, falls er sich den Anordnungen des
Arbeitgebers und seiner Beamten nicht füge. Kurz, man war, wie Häschke sich
ausdrückte, »in seinem Felle lebendig verkauft«.
    Mit der Ernährung der Leute gab es im Anfange Schwierigkeiten. Die Feuerung
war frei, Kartoffeln lieferte das Gut. Um alles übrige sollten sich die
Wanderarbeiter selbst kümmern. Auf dem Vorwerke war ein Wächter angestellt, der
gleichzeitig Kramhandel betrieb. Von diesem Manne hätten die fremden Arbeiter
von jeher genommen, hiess es. Die Waren dieses Kleinhändlers waren schlecht,
seine Preise aber um so höher. Der Mann wusste nur zu gut, dass er weit und breit
keinen Konkurrenten hatte. Auf diese Weise gingen die Sparpfennige der
Sachsengänger für Nahrungsmittel drauf. Gustav sah das voll Verdruss, aber was
wollte man denn machen!
    Da war es Häschkekarl, der Vielerfahrene, welcher Rat zu schaffen wusste.
Eines Nachmittags bat er sich ein paar Stunden Urlaub aus, borgte etwas Geld von
Gustav und erklärte, er wolle sich mal ein bisschen in der Gegend umsehen. Spät
Abend erschien er wieder in der Kaserne, einen vollgepackten Sack auf dem Rücken
schleppend.
    Er hatte Einkäufe gemacht. Nun legte er eine Vorratskammer an und verkaufte
den Arbeitsgenossen die Waren zum Einkaufspreise. Für seine Mühe nahm er keinen
Verdienst; er erklärte, der Ärger jenes gaunerischen Krämers sei ihm Lohnes
genug.
    Das Kochen besorgte Pauline, die nicht mit aufs Feld ging. Sie hatte Arbeit
genug. Den Jungen, der jetzt ins dritte Jahr ging und schon ganz hübsch laufen
konnte, hatte sie stets um sich. Das Kind musste ihr viel ersetzen.
    Die junge Frau sah trübe Tage. Ein wirkliches Heim fehlte ihr. Die Arbeit
zwar war nicht schlimm, daran war sie gewohnt; aber das Zusammenleben mit so
vielen Fremden störte das Glück der jungen Ehe. Von Gustav hatte sie so gut wie
nichts. Früh um vier Uhr stand er auf und trieb die Leute hinaus. Den Tag über
war man getrennt, er auf dem Felde, sie in der Kaserne. Oftmals kamen sie nicht
einmal zum Mittagessen herein, liessen sich's hinaustragen aufs Feld. Abends kam
er dann nach Haus, abgehetzt, sorgenvoll, mürrisch. Frau und Kind sah er nicht
an, riss sich die Kleider vom Leibe, warf sich ins Bett und schlief wie ein
Toter. Es gab Tage, wo man kaum ein Wort miteinander wechselte.
    Ganz anders hatte sie sich das Leben an seiner Seite gedacht in der Ehe.
Denn wenn sie auch vorher einander nicht fremd gewesen waren, so legte Pauline
als echtes Landkind, am Altergebrachten, Frommen und Ehrwürdigen festaltend,
der kirchlichen Trauung doch noch ganz besondere Wirkungen bei. Das Ehegelübde
vor dem Altare, meinte sie, mache den begangenen Fehltritt gut, beglaubige ihren
Bund, trage die Gewähr eines ganz besonderen Segens in sich. Nun durften sie
sich mit gutem Gewissen lieb haben; während der Genuss bisher, so süss er auch
gewesen, doch immer den Nachgeschmack eines Vorwurfs gehabt hatte.
    In diesen Erwartungen schien sich die gute Seele getäuscht zu haben. Gustav
war ihr fremder geworden, als er ihr zuvor gewesen. Wann wäre es früher jemals
vorgekommen, dass er für ihre liebevolle Annäherung nur eine kurze unfreundliche
Abfertigung gehabt hätte!
    Sie weinte oft heimlich, auch zur Nachtzeit, wenn er mit einer selbst noch
im Schlafe düster verdrossenen Miene in seinem Bette lag. Zu wecken wagte sie
ihn nicht. Durch ihren Kummer wäre sie ihm nur lästig gefallen. Er war ja selbst
nicht glücklich. Dass er so hässlich gegen sie war, kam nur davon her, dass er so
viel Sorgen hatte. Ihm zuliebe wollte sie ja alles ertragen, selbst die
Entfremdung von ihm.
    Pauline verschloss ihren Kummer ganz in sich, versteckte ihre Tränen vor ihm
und war darauf bedacht, ihm nur ein lächelndes Angesicht zu zeigen. Aber er, in
jenem Egoismus, den die Vielgeschäftigkeit und Arbeitsüberbürdung grosszieht, sah
weder ihr Lächeln noch die Tränen, die darunter verborgen waren.
    Sie sorgte dafür, dass er alles so gut finden möchte, wie sie es herzurichten
imstande war: das Bett, die Kleider, das Essen. All ihre grosse zurückgewiesene
Frauenliebe wandte sie, in Ermangelung eines besseren, den Dingen zu, die ihn
umgaben.
    So vergingen die ersten Wochen in der Fremde.
    Eines Tages gab es eine unangenehme Überraschung für den Aufseher: Rogalla,
der Pole, war verschwunden. Seinen Arbeitsgenossen fehlten verschiedene
Kleidungsstücke, und Häschke machte die Entdeckung, dass seine Vorratskammer um
eine Wurst und zwei Speckseiten ärmer war.
    Wo mochte der Vogel hin sein? Das Gerücht behauptete, er habe auf einem
anderen Rübengute, wo nur polnische Arbeiter in Sold waren, Arbeit angenommen.
Man stellte keine Nachforschungen nach ihm an, denn er war ein liederlicher,
lästiger und fauler Bursche gewesen. Mochte er bei seinesgleichen bleiben!
 
                                      II.
Zwei Monate waren vergangen, seit das Büttnersche Gut unter den Hammer gekommen
war. Samuel Harrassowitz schaltete und waltete jetzt hier als unumschränkter
Herr und Gebieter. Er hatte den alten Bauern vorläufig auf seinem ehemaligen
Hofe gelassen. Er nahm auch keine Miete von den Leuten, aus dem einfachen
Grunde, weil sie nichts mehr hatten, wovon sie ihm hätten Quartiergeld zahlen
können. Ausserdem waren die Büttners, wie er es selbst zugab, »alte brave Leute«,
denen er das »Almosen gern gönnte«. - Er liess die Felder von dem alten Manne
bestellen; auf diese Weise konnte der etwas von dem Gelde, was er noch auf
Wechsel schuldete, abarbeiten.
    Mancherlei Veränderungen nahm der Händler in der Wirtschaft vor. Zunächst
führte er die Ochsen weg; die konnte er gerade an einer anderen Stelle gut
gebrauchen. »Sie kommen schliesslich auch mit Kühen aus; was, mein guter
Büttner?« sagte er in seiner biedermännisch aufgeknöpften Weise zu dem Alten.
    Der Büttnerbauer erwiderte nichts hierauf. Er nahm überhaupt jeden Befehl
des neuen Herrn schweigend und mit undurchdringlicher Miene hin.
    Nun war er also so weit gekommen, dass er mit Kühen aufs Feld fahren musste
wie die Kleingärtner und Stellenbesitzer. Als Knecht eines Fremden bestellte er
jetzt den Acker, der einstmals sein gewesen. Wenn man Grimm und höllische
Schmerzen aussäen könnte, was wäre da für eine Saat aufgegangen auf diesen
Fluren! -
    Im Obstgarten, der das Haus umgab, liess Sam tüchtig aufräumen. Die alten
Krüppel von Apfelbäumen machten zu viel Schatten und trügen ja doch nur saures
Zeug, das man nicht los würde, hiess es. Die Bäume hatte der Grossvater zu Anfang
des Jahrhunderts gepflanzt, er war ein Obsteger gewesen, und die späteren
Generationen hatten den Segen seiner Fürsorge geerntet. Jahrein, jahraus
pflegten die »alten Krüppel« zu tragen, ihre harten kernigen Sorten, wie sie dem
Klima angepasst waren. Die Bäuerin hatte davon abzubacken gepflegt;
Weihnachtsäpfel hatte man gehabt, und mancher späte Apfel hielt sich bis tief
ins Frühjahr hinein als angenehme Beigabe zur Alltagskost.
    Nun sollten die alt en treuen Stämme dran glauben. Der Bauer und Karl mussten
selbst Hand anlegen, die Bäume umzusägen und die Stöcke zu roden. Der
Büttnerbauer verrichtete auch dieses Werk schweigend, aber in seiner Hand schien
die Säge zu knirschen, als sie sich in das spröde Holz einfrass.
    Toni hatte inzwischen das väterliche Haus verlassen müssen, denn Sam
erklärte: So viel Mäuler dürften auf seine Kosten nicht gefüttert werden. Zudem
passte es jetzt mit der Ammenstelle. Frau Achenheim, seine Tochter in Berlin,
hatte Sam zum Grossvater gemacht. Toni sollte den Sprössling ernähren und wurde zu
diesem Behufe eines Tages nach Berlin befördert. Und diesmal war kein Gustav zur
Stelle, die Schwester zu schützen. Tonis eigenes Kind wurde Teresen übergeben,
welche diesen Familienzuwachs mit geringer Freude begrüsste.
    Man musste es Sam lassen, es hatte alles Art, was er unternahm. Er verstand
es, im grossen Stile zu verfügen. Das Kleinste, was er anordnete, schien von
langer Hand vorbereitet und ordnete sich vortrefflich in das Gefüge seiner
Operationen ein.
    Auch mit Karl Büttner hatte er seine besonderen Absichten. Zunächst liess er
es zu, dass der junge, kräftige Mann dem Vater bei der Frühjahrsbestellung half.
Sobald diese besorgt war, erklärte der Händler dem Bauernsohne, dass er seine
Dienste nunmehr entbehren könne, und dass er mitsamt seiner Familie auszuziehen
habe.
    Karl war also vom väterlichen Hause und Hofe vertrieben! Was nun beginnen?
Karl Büttner stand der Zukunft ratlos gegenüber. Er hatte nichts gelernt; nur in
der Soldatenzeit war er von der Heimat weggekommen. Einen anderen Beruf als den
bäuerlichen zu betreiben, daran hatte er, als des Büttnerbauern Ältester, nie
gedacht.
    Der Ärmste hatte es schwer. Er war um das väterliche Erbe gekommen, er wusste
nicht wie! Seine Frau machte ihm das Leben auch nicht leichter, seit er ein
Bettler geworden war. Täglich bekam er jetzt von ihr zu hören, dass sie betrogen
sei mit ihm. Dass er ein »dummer Karle« sei, das habe sie freilich immer gewusst,
aber sie habe doch wenigstens geglaubt, einmal Bäuerin zu werden durch ihn. Nun
musste der Unglückliche ihr für diese Enttäuschung herhalten.
    Karl suchte eine Zeitlang nach einer Tätigkeit. Sein Suchen bestand darin,
dass er ratlos umherlief und sich als Kutscher anbot. Aber man stiess sich meist
an seiner starken Familie, und sein ungeschicktes Auftreten hatte auch wenig
Bestechendes. Bald gab er das jedoch auf und sass nur noch, unter dem Vorgeben,
in den Blättern zu suchen, in den Schenken umher. Terese, die ihm alsbald
anmerkte, dass er Bier und Schnaps geniesse, wurde durch diese Entdeckung auch
nicht freundlicher gestimmt.
    In dieser Not trat wiederum Sam als Helfer auf. Er wolle ihm eine von seinen
Wirtschaften in Wörmsbach verpachten, sagte er zu Karl.
    Karl Büttner ging nach Wörmsbach, um sich die Stelle anzusehen. Es war ein
kleines Anwesen, ein elendes Überbleibsel von einem Bauerngute, welches
Harrassowitz bis auf diesen Rest vereinzelt hatte. Die Gebäude waren gänzlich
verfallen und drohten jeden Augenblick Einsturz. Nur noch die kahlen Lehmwände
standen da, und durch diese blickte an manchen Stellen schon das Tageslicht
hindurch. Was an Möbelstücken und Gerätschaften früher etwa da gewesen sein
mochte, war längst herausgeschleppt. Fast ebenso schlimm wie auf dem Hofe sah es
auf den Feldern aus. Das meiste war Schwarzbrache. Jahrelang hatte niemand hier
bestellt.
    »Ein schönes Feld der Tätigkeit für einen jungen Mann,« sagte Sam. »Sie
werden das schon in die Höhe bringen, Büttner, da sind Sie ganz der Mann dazu!«
- Den Pachtschilling für den ersten Termin wollte Sam gütigst stunden und zur
Anschaffung von Vieh, Saatgut und Inventar Geld vorschiessen.
    Karl Büttner war leicht zu bereden, besonders von einem wie Samuel
Harrassowitz, der schon Klügere seinem Willen untertan gemacht hatte; so wurden
die beiden handelseinig.
    Karl siedelte also mit Weib und Kind und den wenigen Habseligkeiten, die er
sein nannte, nach Wörmsbach über. Terese, die sonst nicht zu weichen Stimmungen
neigte, weinte, als sie das neue Heim erblickte. Der windschiefe Giebel, die
zerbrochenen, hie und da mit Papier verklebten Scheiben, das Strohdach, welches
aussah wie ein struppiger Pelz, in dem die Motten sich niedergelassen! Und erst
drinnen in den Stuben: die verschimmelten Wände, die morschen Dielen, ein Herd,
zwischen dessen Kacheln das Feuer durchleuchtete!
    So sahen die Räume aus, in denen sie in Zukunft hausen sollten! -
                                     * * *
    Eines Tages kam ein kleiner Herr nach Halbenau, begleitet von einem
halbwüchsigen Bürschchen. Sie trugen sich mit Rollen, Holzkästchen, Mappen und
einer langen Kette. Wo das »ehemalig Büttnersche Bauerngut« gelegen sei, fragten
sie. Man wies ihnen den Weg. Sie begannen die Felder zu umschreiten, der Knabe
musste kleine Pflöckchen einschlagen und hatte die Masskette zu ziehen. Drei Tage
lang arbeiteten sie in dieser Weise, schrieben Zahlen an die Pflöckchen und
machten Einzeichnungen in eine Karte.
    Der Mann verschwand wieder, aber seine Pfähle blieben stehen.
    Am Sonntag nachmittag gab es dann eine wahre Völkerwanderung nach dem
Bauerngute. Die Halbenauer kamen, sich das abgesteckte Land zu besehen. Einzeln
und in Gruppen schritten sie auf den Rainen und Feldwegen auf und ab.
    Der Büttnerbauer sah das vom Hofe aus. Die Zornader schwoll ihm. Was wollte
das Volk denn hier! Die zertrampelten das Gras und liefen womöglich über die
Saaten. Er ging vor den Hof und rief den ersten besten, der ihm in den Wurf kam,
an, was er hier zu suchen habe.
    »Ich will a Morgen a zweee kesen, morne!« sagte der und ging seines Weges
weiter.
    Hier sei kein öffentlicher Weg, schrie ihn der alte Mann an.
    »Nu, Traugott, stell d'ch doch ne su an!« meinte der andere, einer seiner
Nachbarn. »Morne wollen se duch deine Felder eenzeln versteigern. 's hat ja im
Blattel gestanda!«
    Also das war es: Vereinzelung des Gutes! - Der alte Mann stand eine ganze
Weile wie erstarrt. Dann setzte er sich langsam in Bewegung, mit schleppenden
Schritten, als ziehe er eine schwere, unsichtbare Bürde hinter sich drein.
    Ein Trupp Dorfleute kam ihm entgegen vom Felde. Sie sprachen laut; offenbar
unterhielten sie sich über die bevorstehende Landauktion. Als sie des Alten
ansichtig wurden, verstummte ihr Lärmen; schweigend, mit verlegenen Mienen
eilten sie an ihm vorüber.
    Dann kamen wieder zwei, ein alter und ein junger: Kaschelernst und Richard.
    Der Kretschamwirt blieb stehen, als er in gleicher Höhe mit seinem Schwager
war. »Gu'n Tag, Traugott!« Kein Gegengruss erfolgte. »Du, Traugott!« meinte
Kaschelernst, scheinbar harmlos plaudernd, »dei, Korn stieht aber heuer gutt.
Kreiterwetter! das is a Staatskorn, da warn a hibsch paar Schock uf'n Morgen
kimma. Was meenst de? nich!«
    Der Büttnerbauer sagte nichts, warf aber dem Schwager einen so sprechenden
Blick zu, dass der ihm unwillkürlich den Weg freimachte und ihn weitergehen liess.
Dann rief er dem Alten nach: »Du, Traugott! zur Ernte kannst de mir helfen
kimma. Ich will d'ch och bezahl'n. Ich mechte 's Korn sinsten am Ende ne Herre
warn, suviel stieht's 'n druffe. Willst de uf Erntearbeit kimma - hee?«
    Der Bauer ging weiter, ohne sich umzusehen.
    »Nu ja, ich meene ock, Traugott! Du weesst am Ende noch gar niche, dass 'ch
das Kornsticke dahie von Harrassowitzen gehest ha'. 's is a hibsches Sticke, a
Schaffel a zehne gruss. Ju, ju, das ha' ich mer genumm'n! Na, dacht'ch, wenn se's
Büttnersche Gut eemal versteigern tun, da wirscht de dir och e Sticke nahmen
kennen - warum denn ne! Da bleibt's duch wenigstens in der Familie.«
    Nun war der Alte doch stehen geblieben, mitten auf dem Wege, starr und
steif, mit offenem Munde. Kaschelernst hatte das Kornstück gekauft! -
Kaschelernst im Besitze seines besten Ackers! -
    »Ju ju, Traugott, das Korn is meine!« sagte der Kretschamwirt, näher zu
seinem Schwager herankommend. »Ich bedank' mich och schienstens bei dir, dass du
den Acker so schiene bestellt hast. Schienes Korn, sehr schienes Korn!«
    Richard, der sich bis dahin die Hand vor den Mund gehalten hatte, platzte
jetzt auf einmal heraus.
    Der Bauer stand da, steif wie ein Stock.
    Kaschelernst im Besitze dieses Kornstückes! - Das erschien von allem, was
ihm bisher widerfahren, das Ungeheuerlichste. Sein Gesicht begann sich zu
verändern. Die Augen leuchteten in dunklen Lichtern, die Nüstern blähten sich
auf, die Lippen hoben sich wie bei einem wilden Tiere, das sich auf den Feind
stürzen will. Aus seinem Munde kam ein knurrender Laut: »Hund - Huund .... ...«
    Das Lachen des Neffen verstummte vor der Miene des Alten, der mit geballten
Fäusten auf sie zukam.
    »Huund - Hunde! Ich zerschlag' eich de Knuchen - Ich zerschlag' .....«
    Der Sohn suchte Deckung hinter dem Rücken des Vaters. Da aber Kaschelernst
es vorzog, sich in schnellster Gangart vor seinem Schwager zurückzuziehen, so
war bald ein Zwischenraum zwischen Traugott Büttner und den Kaschels entstanden.
Nach einiger Zeit wagten es die Braven wieder, Halt zu machen.
    Büttner war gleichfalls stehen geblieben und drohte keuchend mit der Faust
nach jenen hinüber. »Wenn 'ch, und ich find' d'ch Kaschell De Knuchen zerschlag'
'ch d'r. Hund du!«
    Der Kretschamwirt rief eine höhnische Bemerkung dagegen. Der Bauer kam ihnen
von neuem nach, worauf sich das tapfere Paar abermals zurückzuziehen begann.
    Da bückte sich der Alte und hob Steine auf, lief ein paar Schritte,
ausholend, schleuderte nach jenen. Er traf nicht, denn er war viel zu erregt, um
zu zielen. Kaschelernst und Richard machten sich aus dem Staube und waren bald
hinter den ersten Dorfhäusern verschwunden.
    Inzwischen waren die Leute auf den Vorgang aufmerksam geworden, kamen von
allen Seiten herbei, um sich an dem interessanten Streit zwischen den Verwandten
zu weiden. Man umstand den alten Mann.
    Traugott Büttner stand da mit dunkelrotem Kopfe, wirrem Haar, ohne Mütze,
die er beim Laufen eingebüsst hatte, am ganzen Leibe bebend vor Wut. Er
schüttelte die Fäuste noch immer nach jener Richtung, wo die Kaschels
verschwunden waren. Allmählich löste sich seine Zunge. Zwischen rauhen und
schrillen Tönen wechselnd, dumpf knurrend und sich überschreiend, brachte er
wilde Flüche und Verwünschungen vor.
    Einige jüngere wollten sich schlechte Scherze erlauben mit dem alten Manne,
der ganz ausser Rand und Band geraten schien. Aber ein paar von seinen
Altersgenossen besassen Anstandsgefühl genug, das nicht zuzulassen. Sie suchten
den Tobenden zu beruhigen, der sich inzwischen schon ganz heiser geschrien
hatte, und den nur noch die Wut vor dem Zusammenbrechen bewahrte. Er wiederholte
dieselben Schimpfworte immer und immer wieder, schien kaum mehr zu wissen, was
er schrie. Die älteren Leute nahmen sich seiner an, führten ihn nach seinem
Hause. -
    Die Bäuerin, die noch immer das Bett hütete, merkte wohl, dass der Bauer
unwirsch und einsilbig sei, noch mehr als sonst. Aber das Unglück der letzten
Zeiten war so gross gewesen, ein Schicksalsschlag hatte den anderen übertroffen,
dass sie schon gar nicht mehr nach Neuem fragte.
    Die alte Frau war schwer mit Elend geschlagen. Ihr Mann hatte doch
wenigstens seine Arbeit; er konnte den Kummer da draussen im Acker vergraben.
Aber sie lag hier oben allein, ohne ein Glied rühren zu können. Die Kinder waren
nun alle aus dem Hause, in der Fremde. Keine Menschenseele hatte sie zur Pflege.
Hin und wieder kam einmal eine mitleidige Nachbarsfrau, nach ihr zu sehen. Dann
hatte sie wenigstens für kurze Zeit jemanden, mit dem sie weinen konnte; das war
ihr einziges Labsal. Zu ihrer Gicht war noch Wassersucht getreten, die sie
gänzlich bewegungslos machte. Sie sehnte sich aufrichtig nach dem Tode.
    Die Bäuerin, welche des Nachts nur wenig schlief, traute ihren Sinnen kaum,
als sie in der auf diesen Sonntag folgenden Nacht plötzlich den Bauern aufstehen
und sich ankleiden sah. Wo er zu dieser Stunde hin wolle, fragte sie ihn. Eine
Kuh sei krank, erwiderte er und ging.
    Sie verfolgte seine Schritte und vernahm mit ihrem durch das lange
Stilleliegen geschärften Gehör in der tiefen Nachtstille, dass er sich unten mit
den Geschirren zu schaffen machte. Und nach einiger Zeit war es ihr, als höre
sie ihn mit einem Gespanne den Hof verlassen.
    Was sollte alles das vorstellen? Mitten in der Nacht aufzustehen und zur
Feldarbeit zu gehen! War der Bauer am Ende gar übergeschnappt?
    Früh beim Morgengrauen erst kam er zurück, schmutzbedeckt und erhitzt, wie
von angestrengter Arbeit. Er kleidete sich aus, legte sich noch einmal zu Bett
und schlief bis tief in den Tag hinein. Die Bäuerin konnte sich nicht entsinnen,
je zuvor etwas Ähnliches an ihrem Eheherrn erlebt zu haben. -
    Im Kretscham sammelten sich inzwischen die Bieter. Heute sollte ja laut
Zeitungsanzeige die Vereinzelung des ehemalig Büttnerschen Bauerngutes
stattfinden. Halbenau machte Feiertag an diesem Montage. Denn wenn auch nicht
jeder bieten konnte, so wollte doch jeder zum mindesten dabei gewesen sein.
    Es kamen etwa sechzig Morgen in kleineren Parzellen zur Versteigerung. Der
Bauernhof mit einem Areal von etwa vierzig Morgen nahm der Besitzer von der
Auktion aus, ebenso den Wald. Ein Stück von - zehn Morgen hatte der
Kretschamwirt bereits vorher erstanden zu einem auffällig niedrigen Preise, wie
gemunkelt wurde. Nun, er war ja gut Freund mit Samuel Harrassowitz! -
    Die Stimmung war eine angeregte, es schien Kauflust vorhanden. Der Händler
kannte seine Leute, wusste, womit man den kleinen Mann ködert. Der Landhunger war
auch bei den Halbenauern ausgeprägt. Die ärmsten Schlucker, die sich das Geld
womöglich hatten zusammenborgen müssen zur Anzahlung, wollten diese Gelegenheit,
zu eigenem Grund und Boden zu gelangen, nicht ungenützt vorübergehen lassen; die
Erwägung, ob sie jemals imstande sein würden, nur die Zinsen des Kaufgeldes
herauszuwirtschaften, bewegte diese Köpfe nicht. Kaufmännisch zu verfahren oder
auch nur ihren Vorteil im voraus zu bedenken, war nicht die Sache von Leuten,
die aus der Hand in den Mund lebten und nichts zu verlieren hatten.
    Mit Spannung sah man der Ankunft des Händlers entgegen, ohne den die Auktion
nicht beginnen konnte. Endlich kam das Wägelchen, auf dem Bocke der Kutscher,
mit dem blauen Rocke und der silbernen Tresse am Hute, die in Halbenau nicht
mehr unbekannt waren. Harrassowitz hatte den jungen Advokaten Riesental
mitgebracht, der ihm die Kontrakte mit den Käufern gleich fix und fertig machen
sollte.
    Mit freudigem Blicke überschaute Sam die Schar der Kauflustigen. »Die Kerle
sein wie verrickt!« raunte ihm Kaschelernst zu, als er den Geschäftsfreund am
Wagen begrüsste.
    »Recht so!« meinte Sam. »Wir wollen ja auch nichts verschleudern.« -
    Nach einiger Zeit begab man sich hinaus aufs Bauerngut. Die Versteigerung
sollte an Ort und Stelle vorgenommen werden. Der Anblick des Feldes und der
Früchte, die darauf standen, würde die Kauflust noch erhöhen, taxierte Sam. Der
Händler und der Gastwirt gingen etwas hinter dem allgemeinen Tross drein.
    Auf einmal gab es ein Recken der Hälse und Zusammenstecken der Köpfe, Rufe
des Staunens, untermischt mit Gelächter! »Was gibt's denn?« fragte Harrassowitz.
Die Leute wiesen auf ein Stück frisch gepflügten Ackerlandes.
    Kaschelernst stiess einen Ruf des Schreckens aus, lief ein paar Schritte
vorwärts, blieb dann stehen mit rotem Kopfe und weitgeöffnetem Munde, ähnlich
wie am Tage zuvor sein Schwager Traugott Büttner. Von dem pfiffigen Lächeln, das
er sonst zur Schau zu tragen pflegte, war in diesem Augenblicke keine Spur zu
entdecken.
    Die Leute kicherten und nickten einander schadenfroh zu. Das war
Kaschelernsten einmal gesund!
    Wo gestern abend noch eine dunkelgrüne Kornsaat geprangt hatte, lag jetzt
braune Stürze.
    Das hatte der alte Büttner in einer Nacht mit dem Pflüge umgeackert.
 
                                      III.
Die Sachsengänger waren mit ihren Arbeiten rüstig vorwärts geschritten. Den
Rüben war bereits die dritte Handhacke gegeben worden. Der trockene Sommer hatte
die Reise des Getreides stark gefördert; bereits Ende Juni verkündete die
weissgelbe Farbe der Kornähren die herannahende Ernte.
    Die Erntezeit bedeutete für die Wanderarbeiter eine Änderung ihrer ganzen
Arbeitsweise. Bis dahin hatten sie hauptsächlich in Stücklohn gearbeitet. Es war
ihnen überlassen worden, sich Beginn und Dauer der Arbeitszeit selbst zu legen.
Erwerbsbeflissen, wie sie waren, hatten sie bei grauendem Tage die Arbeit
aufgenommen und niemals vor sinkender Nacht aufgehört, nur mit kurzen
Unterbrechungen für Frühstück, Mittagbrot und Vesper. So hatten sie durch grosse
Emsigkeit schöne Einnahmen erzielt. Und die Güte der Arbeit hatte doch nicht
unter dem Eifer, möglichst viel vor sich zu bringen, zu leiden gehabt, denn
Gustav Büttner stand als strenger Aufseher hinter ihnen. Gustav setzte seinen
Ehrgeiz darein, dass bei seiner Gruppe nicht über Schleuderarbeit geklagt werden
durfte. Das Auge des schneidigen Herrn Inspektors schien oft genug nach einer
Gelegenheit zu Tadel oder gar zu Lohnabzügen zu suchen, wenn er plötzlich an die
rübenhackenden Leute herangesprengt kam; aber bis dahin hatte er keine
Möglichkeit gefunden, seine wohlwollende Absicht auszuführen.
    Anders gestaltete sich die Sache, als die Erntezeit herankam. An Stelle des
Stücklohnes sollte nun laut Kontrakt Tagelohn treten. Die Arbeiter, die sich
ausgerechnet hatten, dass sie nun nicht mehr den guten Verdienst haben würden,
den sie bei der Akkordarbeit erzielen konnten, sahen der Änderung des Lohnsatzes
mit Unlust entgegen. Es war darüber schon viel hin und her gesprochen worden
unter den Leuten. Man hatte es dem Aufseher nahe gelegt, wegen Aufhebung dieses
Vertragspunktes mit dem Arbeitgeber zu verhandeln. Aber Gustav hatte erklärt,
was geschrieben sei, sei geschrieben, und an dem Kontrakte dürfe nicht gerüttelt
werden. Darüber erhob sich Murren unter den Leuten; einzelne erklärten, im
Tagelohn würden sie faulenzen.
    Häschke gab das Gelegenheit, seinem Herzen gründlich Luft zu machen. Er
schimpfte auf den Arbeitsherrn und seine Beamten, gebrauchte Worte, wie
»Lohnsklaverei« und »Ausbeutung des Arbeiters«. - Gustav warf ihm daraufhin vor,
er sei ein »Roter«. Häschke nahm den Vorwurf pfiffig lächelnd hin; die »Roten«
seien noch nicht so schlimm wie die »Goldnen«, meinte er.
    Eines Tages kam der Inspektor an die Arbeitergruppe herangeritten und teilte
ihnen in protzig barschem Tone mit, dass morgen mit beginnender Roggenernte der
Tagelohn in Kraft trete. Er erwarte pünktlichsten Beginn der Arbeit bei
Sonnenaufgang und grössten Fleiss; Bummelei werde er nicht dulden. Schliesslich
drohte er mit Lohnabzügen und Fortjagen auf der Stelle. Damit sprengte er an der
Reihe entlang, dass den Leuten Sand und Erdklösse ins Gesicht flogen.
    Häschke blickte dem jungen Beamten mit einem eigentümlichen Lächeln nach.
»Dass de dich nur nich geschnitten hast, Kleener!« meinte er. »Wenn wir früh vor
fünfen antreten, so is das freiwillig. Sollen wir Überstunden machen, dann megt
Ihr hübsch drum bitten. So steht die Sache, Freundchen!«
    Am nächsten Morgen war ein Teil der Arbeiter nicht dazu zu bewegen, vor fünf
Uhr zur Arbeit zu gehen trotz Gustavs bald drohendem, bald gütlichem Zureden.
Der Stimmführer dieser Aufsässigen war Häschkekarl. Im Kontrakte stehe nichts
davon, dass sie zu Überstunden verpflichtet seien. Der Arbeitstag laufe von fünf
Uhr früh bis sieben Uhr abends. Ungebeten würden sie nicht eine Minute länger
arbeiten, als sie es nötig hätten.
    Gustav war in übler Lage. Er konnte Häschke nicht widerlegen, und wiederum
durfte er als Aufseher eine Auflehnung gegen die Broterrschaft nicht dulden.
Was aus alledem entstehen konnte, war nicht abzusehen. Schwerer denn je drückte
die Verantwortung, die er für so viele Köpfe übernommen, auf ihn. Er versprach
schliesslich, die Wünsche der Leute dem Inspektor vortragen zu wollen. Dadurch
beruhigten sich die erregten Gemüter etwas.
    Während der Mittagspause ging er aufs Vorwerk zum Inspektor. Der Beamte riss
erstaunt die Augen auf, als er den Aufseher zu ungewohnter Zeit bei sich
eintreten sah. Als er vernommen hatte, um was es sich handle, geriet er in
masslose Wut.
    »Was! Ihr wollt Forderungen stellen? Das ist Betrügerei! Was steht im
Kontrakte? Ich kann euch allezusammen entlassen - ohne weiteres! Überstunden!
Nicht einen Pfennig zahle ich mehr. Wer Morgen früh nicht Punkt vier Uhr auf dem
Posten ist, dem ziehe ich drei Mark ab. Rasselbande! Mit euch wird man wohl noch
fertig werden! -«
    Gustav hörte sich das Schimpfen des erbosten Menschen nicht bis zum Ende an,
machte kurz Kehrt und verliess das Zimmer.
    Gustav war anfangs im Zweifel gewesen, ob die Forderungen, welche er im
Namen seiner Leute gestellt, auch wirklich berechtigt seien; nunmehr war er fest
entschlossen, der Überhebung des Beamten seinen Trotz entgegenzusetzen. Als er
zu den Arbeitern zurückkehrte und ihnen brühwarm berichtete, wie er behandelt
worden sei, brach das Gefühl langverhaltener Erbitterung bei allen durch.
Häschke sprach die Ansicht der Mehrzahl aus, als er erklärte, dass die gebührende
Antwort hierauf nur Niederlegen der Arbeit sein könne.
    Obgleich Gustav die ihm und seinen Leuten widerfahrene Ungerechtigkeit tief
empfand, erschien ihm der Gedanke einer Arbeitseinstellung doch bedenklich.
Häschke hatte nicht unrecht, wenn er ihm hohnlachend vorwarf, ihm sässe noch die
»Vorgesetztenangst« vom Militär her in den Gliedern. Der Plan, die Arbeit
niederzulegen, kam Gustav ungeheuerlich vor; das grenzte an Desertieren, an
Meuterei. Er wollte und konnte so etwas nicht guteissen.
    Aber Häschke stellte ihm die Sache mit beredtem Munde noch einmal vor: man
war in seinem guten Rechte. Der Inspektor war es, welcher den Kontrakt brechen
wollte, nicht sie. Wenn sie sich hierin nachgiebig zeigten, würden bald noch
andere Übergriffe von seiten des Arbeitgebers und seiner Beamtenschaft erfolgen.
Es handele sich hier nicht bloss um die paar Groschen, um deretwillen der Streit
entbrannt war, sondern um die Sache. Sie dürften der Ehre halber nicht klein
beigeben, denn das könnte aussehen, als hätten sie Furcht. Der Aufseher aber
müsste in erster Linie für seine Leute und ihre Rechte eintreten, denn nur in
diesem Vertrauen wären sie ihm hierher gefolgt. Im Stiche dürfe er sie nicht
lassen. -
    Mit solchen, auf Gustavs Ehrgefühl berechneten Gründen kam Häschke zu seinem
Ziele. Im Stiche lassen wolle er sie nimmermehr, erklärte der Aufseher. Und
Ungerechtigkeit würde er nicht dulden.
    »Hurra, jetzt machen wir Strikke!« rief Häschkekarl.
    Er wisse genau, wie dergleichen gemacht werden müsse, behauptete er. Wenn
die Arbeiter nur wüssten, was sie wollten und untereinander festielten, dann
könne es gar nicht fehlen, dann müssten schliesslich die Aussauger, die
Broterren, klein beigeben. Dann diktiere der Arbeitnehmer seine Forderungen.
Häschke nannte das mit geheimnisvoller Miene »Boykott«!
    Er hielt eine Art von Ansprache an die Leute, die gespickt war mit
hochtrabenden Redensarten aus unverdauten Zeitungsartikeln. Seiner Zuhörerschaft
imponierte er mit diesen dunklen Wendungen gewaltig. Je weniger sie verstanden,
desto stärker fühlten sie sich überzeugt. Die Mädchen hatte er so wie so auf
seiner Seite, denn die waren dem Schwerennöter alle zugetan. Selbst die
nüchterne, überlegte Ernestine zeigte sich für den Plan, die Arbeit
niederzulegen begeistert.
    Das Ende war, dass die Sachsengänger vom Felde abzogen und das bereits
gemähte Getreide unaufgestellt liegen liessen. Sie begaben sich in die Kaserne.
    Es herrschte jene gehobene Stimmung unter ihnen, wie sie in der Schule nach
einem gelungenen Streiche zu folgen pflegt.
    Die Männer legten sich ins Gras vor das Haus und zündeten ihre Zigarren an.
Die Mädchen hatten sich in ihren Schlafsaal im ersten Stock zurückgezogen, zu
Näh- und Flickarbeit. Bald ertönte Gesang von hellen Frauenstimmen durch die
geöffneten Fenster. Ernestine war die Chorführerin. Nach einiger Zeit
antworteten unten vom Rasen her tiefere Töne; Häschkekarl leitete den
Männergesang. Und so löste ein Lied das andere ab; die Mädchen stimmten an, die
Burschen fielen ein.
    Auf einmal erschienen Köpfe von aussen an den Fenstern des Schlafsaales. Die
Burschen waren es, die mit Hilfe der Dachrinne und eines Simses da hinauf
geklettert waren. Die Mädchen stoben schreiend auseinander. Nur Ernestine fand
Geistesgegenwart genug, die Fenster schnell zu schliessen und zu verriegeln.
Häschke und seine Kumpanen stiegen, nachdem sie genugsam Grimassen geschnitten
und sich an den Schrecken, den sie eingejagt, geweidet hatten, wieder zum
Erdboden hinab.
    Nach dieser Heldentat legten sie sich von neuem auf den Rasen, rauchten ihre
Pfeifen, die Hände unter dem Kopf, die Beine übereinander geschlagen und liessen
sich von der Sonne bescheinen, deren Strahlen an der kalkgetünchten Wand
abprallten. Auf einmal wurden die Faulenzer von wohlgezielten Wasserstrahlen
getroffen. Schreiend und sprudelnd sprangen sie auf und konnten über sich gerade
noch die lachenden Mädchen verschwinden sehen.
    So gab es noch mancherlei Kurzweil und Schabernack an diesem Nachmittage.
Man hatte sich nun einmal in ein Unternehmen eingelassen, dessen Ausgang
zweifelhaft war; und in verwegenem Galgenhumor meinte man, dass es auf ein paar
Dummheiten mehr oder weniger nicht ankomme.
    Einer war, dem sehr wenig nach Lachen und Scherzen zumute war: Gustav. Das
junge Volk hatte nichts zu verlieren; die waren ohne Verantwortung. Was
bedeutete es ihnen, wenn sie brotlos wurden? Aber er, der für Weib und Kind zu
denken und zu sorgen hatte! -
    Gegen Abend liess der Inspektor sagen, er wünsche mit dem Aufseher zu
sprechen. Gustav begab sich hinüber. Häschke legte ihm noch ans Herz, er solle
»die Ohren steif halten« und »auf keinen Fall klein beigeben«.
    Der Inspektor empfing den Aufseher auf ganz andere Weise als zu Mittag. Von
der hochfahrenden Miene war nichts mehr zu sehen, sein Ton war wesentlich
freundlicher, er bot Gustav sogar einen Stuhl an, was noch nie bisher
vorgekommen war.
    Kein Zweifel, der Ausstand der Wanderarbeiter kam ihm äusserst ungelegen. Man
hatte auf den ausgedehnten Besitzungen des Herrn Hallstädt noch mehrere
Abteilungen von Sachsengängern in Lohn; wenn nun der Ausstand zu den anderen
Gruppen übersprang! Jetzt, wo gerade die Ernte auf dem Felde stand und geborgen
sein wollte! Wo sollte er denn jetzt andere Leute herbekommen? Ringsum herrschte
Arbeiternot.
    Der Inspektor verlangte von Gustav, er möge noch einmal auseinandersetzen,
was die Leute eigentlich wollten; mittags habe er es nicht ganz verstanden.
    Der Aufseher wiederholte seine Forderungen.
    Der Inspektor kratzte sich hinter dem Ohr. Wenn's nach ihm gehe, sagte er,
würden die Arbeiter alles bewilligt bekommen, was sie verlangten; aber Herr
Hallstädt habe sehr bestimmte Ansichten und auf eine Bezahlung der Überstunden
im Tagelohn werde er niemals eingehen.
    Gustav meinte, dann könne er ja mal zu Herrn Hallstädt nach Welzleben gehen.
    Aber davon wollte der Beamte durchaus nichts wissen. Er riet dringend davon
ab, ja er warnte davor. Der Aufseher würde damit gar nichts erreichen. Herr
Hallstädt sei völlig unzugänglich und habe ein für allemal verboten, dass die
Arbeiter direkt mit ihm verhandelten.
    
    »Sie sind ja ein vernünftiger Mann, Büttner!« sagte der Inspektor. »Treiben
Sie die Sache nicht auf die Spitze! Reden Sie mal mit Ihren Leuten. Sie haben ja
auch noch andere Mittel in der Hand. - Ich meine, als Aufseher haben Sie ja
schliesslich grossen Einfluss. - Ich denke, wenn wir zweie einig sind, werden wir
mit der Gesellschaft schon fertig werden. Herrn Hallstädt wollen wir lieber
nicht erst einmischen, das hätte keinen Zweck. - Also ich denke, wir sind einig!
- Ich werde auch dafür Sorge tragen, dass Sie am Schlusse der Arbeitszeit eine
anständige Gratifikation erhalten, Büttner!« -
    Aber Gustav liess sich nicht so leicht kirren. Wenn er auch nicht so viel
Scharfblick besass, um sofort herauszufinden, wie schwach in Wahrheit die
Position des Gegners war, so bewahrte ihn doch seine Redlichkeit davor, auf
Vorschläge einzugehen, die ihm nützten, aber seine Leute schädigten.
    Mit trotziger Zähigkeit, ein Erbteil seines Vaters, hielt er, ohne sich auf
die Redensarten des anderen einzulassen, an seiner Forderung fest. Alle Ungeduld
nutzte dem Inspektor nichts, seine Vorstellungen drangen in diesen harten
Bauernschädel nicht ein.
    So ging man auseinander, ohne dass es zu einer Einigung, gekommen wäre.
    Am nächsten Morgen schliefen die Streikenden aus. Während die Gespanne des
Vorwerks an der Kaserne vorüberratterten, legten sie sich noch einmal gemütlich
aufs andere Ohr.
    Häschkekarl war in übermütigster Laune. Die Sache ging ausgezeichnet. Drüben
auf dem Hofe hatte er in Erfahrung gebracht, dass der Inspektor in grösster
Schwulität sei. Wer sollte ihm die Ernte einbringen? Das Getreide musste ja auf
dem Halme faulen, wenn die Hände der Sachsengänger feierten. Häschke hätte am
liebsten die Gelegenheit benutzt, um noch ganz andere Forderungen zu stellen.
Nur um Gottes willen nicht bescheiden sein! Den Arbeitgebern seine Bedingungen
diktieren! Der grossbrodigen Gesellschaft mal zeigen, dass der Arbeiter am Ende
des neunzehnten Jahrhunderts kein Fronknecht mehr sei. Es war Zeit, dass der
kleine Mann seinen Vorteil wahrnahm; bisher hatten die Grossen, die
»Lerchenfresser«, nur immer von allem das Fett abgeschöpft.
    Aber derartige Ansinnen scheiterten an Gustavs massvollem Sinn. Er wollte
nichts haben, als was sie mit gutem Rechte fordern durften. Die politischen
Prinzipien, die sein Freund Häschke bei dieser Gelegenheit durchsetzen wollte,
liessen ihn kalt. Das waren gefährliche Ideen, die jener auf der Landstrasse
aufgelesen; von denen hielt man sich besser fern. Ohne es zu wissen, vertrat der
Bauernsohn die angeborene konservative Gesinnung des Landmannes dem vagierenden
Kinde der Strasse gegenüber, das in Pennen, Fabriksälen und Versammlungen sich
mit einer auf Umsturz gerichteten Anschauung erfüllt hatte. -
    Noch im Laufe des Morgens erschien der Inspektor persönlich in der Kaserne.
Er verlangte den Aufseher nochmals zu sprechen.
    Die Verhandlung währte diesmal nur kurze Zeit. Die Forderungen der Arbeiter
wurden bewilligt. Eine Stunde darauf schon hatten die Leute ihre Arbeit wieder
aufgenommen.
 
                                      IV.
Die Wanderarbeiter waren in der Weizenernte beschäftigt. Das Feldstück gehörte
zu den Aussenschlägen des Vorwerks und lag ziemlich weit von der Kaserne
entfernt. Der Aufseher hatte daher angeordnet, dass mittags nicht heimgegangen
werde. Um das Essen für die Leute aufs Feld zu bringen, wurde meist eines der
Mädchen entsandt. Heute war Ernestine daran.
    Als die Turmuhren der Nachbarschaft ihre zwölf Schläge taten, warf man die
Sensen hin. Jeder suchte sich ein Fleckchen im Strassengraben. Dort ruhten sie,
die Männer mit den Jacken unter dem Kopfe, die Mützen über dem Gesichte, zum
Schutze gegen die Augustsonne. Die Frauen mit blossen Armen und Füssen, in ihren
bunten Kopftüchern. So lagen sie im grellen Mittagslicht und warteten auf das
Mittagsbrot.
    Zum Reden hatte niemand Lust. Bleierne Schläfrigkeit lastete auf den
Ermatteten. Es war nichts Kleines, von früh um vier Uhr bis mittags, mit einer
Unterbrechung von nur einer halben Stunde, Getreide mähen, abraffen, binden und
aufstellen.
    Häschke hatte sich nicht mit in den Graben gelegt zu den anderen; unbemerkt
war er beiseite getreten. Erst langsamer, solange er im Gesichtsfelde der
Genossen war, dann mit weitausgreifenden Schritten, wie einer, der mit Eifer
einem ersehnten Ziele zustrebt, eilte er in der Richtung nach der Kaserne hinab.
    Nach einiger Zeit erblickte er die Gestalt, nach der er schon lange
ausgeschaut hatte: Ernestine, die in zwei Henkelkörben das Essen herantrug.
    Häschkekarl stiess einen Freudenschrei aus und eilte ihr in langen Sätzen auf
dem Feldwege entgegen.
    Sie hatte die Körbe niedergesetzt, sobald sie den bärtigen Burschen auf sich
zukommen sah, erwartete ihn, die Hände auf die Hüften gestemmt. Erschreckt
schien sie nicht. Im Gegenteil! Sie lachte über das ganze Gesichte, zeigte ihre
Perlenzähnchen. Er umfasste sie, hob sie ein paarmal um und um und raubte ihr
einen Kuss, ohne dass sie, wie es den Anschein hatte, in solchem Verfahren etwas
Ungewohntes erblickt hätte.
    Sie zupfte sich das rote Kopftuch zurecht, das ihr zurückgerutscht war, und
meinte dann, er solle ihr die Körbe tragen, sie habe sich nun genug damit
geschleppt. Häschkekarl war der letzte, um solch eine Bitte zu verweigern; aber
eigentlich hätte er die Hände lieber frei behalten.
    Sie setzten sich in Bewegung. Das Mädchen ging mit leichten Schritten vor
ihm her.
    Seine Augen verschlangen ihre Gestalt. Was machte es ihm, dass ihre Füsse
bestaubt waren, dass ihr einfaches Kleid die Spuren der Feldarbeit an sich trug.
Sein Blick durchdrang die Hüllen, erkannte das Weib, das er begehrte, so wie sie
war.
    Häschke, der Leichtfertige, hatte seine Meisterin gefunden.
    Um Ernestines willen war er in Halbenau geblieben, um ihretwillen hatte er
sich den Sachsengängern angeschlossen; nur um dieses Mädchens willen hatte er es
solange bei einer Beschäftigung ausgehalten.
    Die kleine Ernestine war sich der Macht vollkommen bewusst, die sie über den
Mann ausübte. Trotz ihrer siebzehn verstand sie es, seine Wünsche im Zügel zu
halten. Er hatte das Ziel seines Verlangens noch nicht erreicht.
    Ernestine hatte stets ihren Kopf für sich gehabt. Eine gewisse Selbstachtung
war ihr eigen, die sonst nicht ein hervorstechender Zug bei Landmädchen ist. So,
wie Toni, sich wegwerfen an den ersten besten, das sollte ihr nicht passieren! -
Sie hatte ihn gern, ganz gewiss! Aber das äusserte sich nur in einer Art munteren
Kameradschaftlichkeit. Auch in ihr steckte ein jungenhafter Zug wie in vielen
Mädchen, ehe die Frau zur Entfaltung gelangt ist. - Sie hatte bisher seinen
Anträgen gegenüber die Besonnenheit nicht verloren.
    So gingen die beiden auf dem Feldwege hin. Sie kehrte sich gelegentlich
lachend nach ihm um. Es machte ihr Spass, ihn unter der unwillkommenen Last der
Körbe einherschreiten zu sehen.
    Ernestine hatte eine Gerstenähre aus dem Felde gerauft und kitzelte ihn
damit an der Nase, bis er niesen musste. Ehe er die Körbe niedergesetzt, war sie
schon zehn Schritte und mehr von ihm entfernt. Die Hitze war gross; er verspürte
keine Lust zu einem Wettlaufe mit der Leichtfüssigen.
    Häschke machte gute Miene zum bösen Spiel und versuchte, während sie so
dahinschritten, ein Gespräch im Gange zu halten. Aber sie lachte nur zu allem,
was er sagte.
    So war sie nun! Wie ein Fisch: wenn er sie zu halten glaubte, entschlüpfte
sie ihm glatt und geschmeidig. Eine harte Probe für den Erfolggewöhnten! -
    Schon einigemal hatte er sie eingeladen, Sonntags mit ihm nach Haderbaum
hinüberzugehen zum Tanze. Ein Tänzchen in Ehren, was war da weiter dabei! Er
hatte den Vorschlag so harmlos wie nur möglich vorgebracht. Doch Ernestine war
nicht auf den Kopf gefallen. Sie tanzte für ihr Leben gern; aber man wusste
schon, dass sich das Mannsvolk damit nicht begnügte.
    Auch heute war all die Beredsamkeit, mit der Häschke ihr das Parkett, die
Militärmusik, die Getränke und die sonstigen Genüsse des Festes schilderte, an
sie verschwendet. Sie sagte nicht ja und nicht nein, kicherte nur und summte
sich ein Liedchen.
    Der Bursche kochte vor Wut. Er hätte das Frauenzimmer auffressen mögen. Wenn
sie nur nicht so verdammt niedlich ausgesehen hätte!
    Nicht weit vom Wege standen ein paar grosse Roggenstrohfeimen, weit und breit
in der baumlosen Gegend sichtbar. In Häschkes Kopfe blitzte beim Anblick der
mächtigen Strohhaufen ein Gedanke auf.
    Stehen bleibend, meinte er, hier könne man sich ein wenig im Schatten
verschnaufen. Mit dem Mittagsbrot habe es keine solche Eile, die anderen würden
ihnen nicht davonlaufen.
    Sie traten in den Schatten der Feimen. Er stellte die Körbe beiseite und
sagte: »Hier is gut sein, Mädel!« Damit umfasste und küsste er sie nach
Herzenslust.
    Sie liess sich das eine Weile lachend gefallen, dann aber setzte sie sich zur
Wehr. Er sollte sich mal seinen kratzigen Bart abnehmen lassen, meinte sie.
    »Ich tu's glei, Ernstinel!« sagte er, sie immer noch festaltend und ihr
verliebt in die Augen blickend. »Aber du musst mir och was zu Gefallen tun!« -
    »Was denne?«
    »Du weesst schon!«
    »Du bist ein schlechter Kerl!«
    »'s is nich schlecht, wenn man sich lieb hat.«
    »Lass mich!«
    »'s sieht uns ja keen Mensch hier - Ernstinel!«
    Sie wehrte ihn mehr mit ihrem kühlen Blicke ab als mit ihren Händen. Der
starke Bursche konnte nichts gegen das Mädchen ausrichten. Sie hatte keine Spur
von Furcht vor ihm. Er musste die Hände von ihr lassen.
    Sie lachte ihn aus. Wie ein Strahl Wasser in eine heiss lodernde Flamme
wirkte das auf seine Leidenschaft.
    Er warf sich ins Stroh, verzweifelnd, das Gesicht gegen den Boden, als wolle
er nichts mehr sehen.
    Das Mädchen stand neben dem Liegenden. Er sollte keine Faxen machen, meinte
sie; die anderen würden sich wundern, wo sie blieben.
    Er sagte, zu den anderen werde er nicht mehr zurückkehren; er wollte
fortlaufen, sie sei zu schlecht gegen ihn. Er fand Töne echter Verzweiflung.
    Sie kniete neben ihn nieder und streichelte ihm den struppigen Kopf. Er
drehte ihr sein rotes Gesicht halb zu und schlang die Arme um sie.
    Er werde sich ein Leid antun, schwor er, wenn sie ihn nicht erhöre.
    »Was willst de denne?« fragte sie, während er sie mit starkem Arme schon
halb zu sich herabgezogen hatte.
    »Red' nich so dumm, Ernstinel!« flüsterte er ihr ins Ohr.
    Und damit lag sie nur noch halb widerstrebend neben ihm im Schatten der
Strohfeime.
                                     * * *
    Es gab unter den Wanderarbeitern mancherlei Streitigkeiten und Ränke, aber
auch Zuneigung und Eifersucht.
    Gustav, in seiner Stellung als Aufseher, bekam davon wenig zu merken. Die
Liebeleien, die es etwa unter den jungen Leuten geben mochte, wurden vor ihm
nach Möglichkeit verborgen.
    Die drei männlichen Arbeiter, die nach der Flucht des Polen noch da waren,
vertrugen sich untereinander leidlich. Häschke hatte durch Anlagen und Erfahrung
so sehr die Oberhand, dass ein Aufkommen gegen ihn ausgeschlossen war. Welke, der
gewesene Stallbursche, war eine harmlos ehrliche Haut. Von den Mädchen wurde er
vielfach gehänselt. Er tat ihnen den Gefallen, verlegen zu werden und sich zu
ärgern, was man bei seiner hellen Hautfarbe leicht am Rotwerden erkennen konnte.
Fumsack, der ehemalige Schmiedegeselle, war ein grosser ungeschlachter Geselle,
stark wie ein Bär, schwerfällig, wortkarg. Er war imstande, einen geschlagenen
Tag zuzubringen, ohne seinen Mund zu öffnen, ausser zum Essen und Gähnen. Des
Nachts wusste er sich um so entschiedener durch furchtbares Schnarchen Gehör zu
verschaffen. Fumsack hatte eine Liebschaft. Die Sache war schon älteren Datums.
Wahrscheinlich hatte er sich den Sachsengängern nur angeschlossen, um die
Geliebte zu bewachen. Eine Vorsicht, die in Anbetracht der aussergewöhnlichen
Hässlichkeit seines Schatzes beinahe überflüssig erscheinen konnte. Übrigens
machte sich dieses Verhältnis sehr wenig bemerkbar. Sie stickte ihm seine Sachen
und hob die Hälfte ihrer Lebensmittel für den starken Esser auf. Darauf schienen
sich in der Woche die Beziehungen dieses Liebespaares zu beschränken. Am
Sonntage führte er sie aus. Aber auch da schien der Verkehr nicht besonders
lebhaft. Man sah die beiden, wie sie hintereinander, er voran, dann sie auf
seiner Spur, langsam und wortlos durch die Getreidefelder zogen.
    Sonst schien es weiter keine Liebespaare zu geben. Welke hatte wohl hie und
da einen Versuch gemacht, sich ein Herz zu erobern. Aber er war nur ausgelacht
worden. Den Mädchen erschien er zu jung; noch keine Spur von Bart war bei diesem
Kieckindiewelt zu entdecken.
    Der weitaus Beliebteste und Begehrteste bei den Mädchen war Häschke. Aber er
liess sie zappeln, schien keiner seine besondere Aufmerksamkeit zuwenden zu
wollen.
    Der Aufseher war damit sehr zufrieden. Er kannte Häschken von der Garnison
her. Wenn einer Glück bei den Frauenzimmern gehabt, so war es dieser
Schwerenöter gewesen. Dass ihm die Rübenmädel nicht gut genug waren, wie es
schien, war ein Glück; man hätte sonst nur Abenteuer erlebt.
    Übriges schien sich Häschkekarl anderwärts schadlos zu halten. Der Aufseher
fand eines Nachts beim Revidieren des Männerschlafsaales Häschkes Bett leer. Er
tat, als habe er nichts gesehen. Recht gut, dass dieser glänzende Kater ausser dem
Hause auf Liebespfaden schweifte! -
    Gustav Büttner, der sich für gewöhnlich eines gesunden und festen Schlafes
erfreute, lag während einer hellen Mondnacht ausnahmsweise wach im Bette. Der
Junge war laut gewesen, und der Vater hatte Paulinen helfen müssen, das Kind zu
beruhigen; darüber hatte er nicht wieder einschlafen können.
    Während er so dalag, vernahm er an der Hauswand ein Geräusch, das ihn
stutzen machte. Er setzte sich im Bette auf und lauschte hinaus. Es klang wie
ein Hinabschürfen an der Mauer, dann ein Stapfen auf dem Erdboden; aber alles
nur gedämpft, kaum vernehmbar.
    Gustav dachte sofort an Häschke. Der Vagabund stieg wohl aus! Dann war es
vielleicht besser, man untersuchte die Sache gar nicht erst, um nicht eingreifen
zu müssen.
    Jetzt neues undeutliches Geräusch! Leichtes Rütteln, und Knarren! Aber
diesmal kam es von einer anderen Stelle, mehr aus der Richtung, wo die Mädchen
schliefen.
    Die Wohnung des Aufsehers war so gelegen, dass sie die Schlafzimmer der
Burschen und Mädchen trennte. Eine Verbindung mit dem übrigen Hause fand für die
Mädchen nur durch die Aufseherwohnung statt. Das war alles von dem Erbauer sehr
klug erdacht. -
    Gustav erhob sich, schlich in gebückter Haltung ans Fenster. Draussen lag die
Landschaft wie am Tage, im Vollmondlicht. Trotzdem konnte er zunächst nichts
Verdächtiges erkennen. Erst als er sich so weit aufgerichtet hatte, dass er durch
das Fenster den Streifen Rasen dicht am Hause zu überblicken vermochte, sah er
dort eine männliche Gestalt. Der Bursche arbeitete mit gebeugtem Rücken,
wuchtete, schien etwas im Boden zu befestigen. Dann erhob er sich plötzlich und
blickte am Hause in die Höhe.
    Jetzt, wo das Mondlicht hell auf seinem Gesichte lag, erkannte ihn Gustav
deutlich: es war Häschke.
    Er schien mit jemandem im ersten Stock in Unterhandlung zu stehen; denn er
machte Zeichen mit der Hand nach aufwärts.
    Der Aufseher war im höchsten Grade gespannt, was nun weiter erfolgen werde.
Er drückte sein Gesicht ganz an die Scheiben. Jetzt erkannte er, an der Mauer
hängend, einen Gegenstand wie einen Strick, dessen unteres Ende Häschke in der
Hand hielt.
    Eine Strickleiter! Der Halunke wollte einsteigen! - Dem Aufseher schoss das
Blut zu Kopfe. Das waren Streiche, wie man sie wohl im Manöver ausgeführt hatte.
Bei Nacht in die Mägdekammer, wenn der Bauer am Abend zuvor den Schlüssel dazu
abgezogen hatte. Gustav hatte mal mit Häschke zusammen auf einem Gutshofe
gelegen, wo der Inspektor besonders streng war. Wie zu den Mägden kommen? Da
hatte Häschke, der nie um ein Mittel verlegen war, die Kühe im Stall
losgebunden, dass mitten in der Nacht alles brüllend im Hofe herumlief. Der
Inspektor in seiner Not holte selbst die Mägde herbei zum Anbinden des Viehes.
Währenddessen waren Häschke und Gustav in die Kammer gelangt, hatten sich da gut
versteckt. Nun waren sie da, wo sie sein wollten. -
    Während Gustav an diesen wohlgelungenen Streich aus einer vergangenen Zeit
zurückdachte, stieg ihm gleichzeitig der Ärger auf, dass Häschke es nun
versuchte, ihn zu hintergehen. Das ging doch wirklich zu weit! Der Aufseher
beschloss, dem Burschen einmal gründlich aufs Dach zu steigen.
    Er wollte nur warten und zusehen, was jener noch weiter angeben werde. Bei
der Gelegenheit würde man vielleicht auch herausbekommen, wer die eigentlich
sei, der seine Zeichen galten.
    Da auf einmal erschien in Gustavs Gesichtsfelde eine neue Gestalt. Gegen die
helle Hauswand hob sich ein schmaler Schattenriss ab. Erst sah es aus, als
schwebe die Gestalt in der Luft, dann erkannte man, dass sie sich vorsichtig an
den Stricken zum Boden hinabliess.
    Der Aufseher wollte seinen Augen nicht trauen. Das war ... ja, wahrhaftiger
Gott! das war seine eigene Schwester! -
    Gustav war so bestürzt, dass er zunächst gar nichts tat. Wie festgebannt
harrte er auf seinem Platze aus. Ernestine und Häschke! - War denn das zu
glauben! Ernestine, die er kaum als etwas anderes angesehen als ein Kind. - Und
Häschke! -
    Er sah sie behende an der Strickleiter hinabklettern. Jetzt schwebte sie
frei über dem Boden, liess los, der Mann fing sie auf in seine ausgebreiteten
Arme, trug sie ein paar Schritte fort, ehe er sie frei gab. Gustav konnte
deutlich ein Kichern von unten vernehmen.
    Der Bruder starrte regungslos auf die beiden. Dass er das nicht zeitiger
gemerkt hatte! Merkwürdigerweise bildete das zunächst sein grösstes Ärgernis.
Höchstwahrscheinlich war es eine alte Geschichte, stammte womöglich schon von
Halbenau her. Die beiden trieben es schon lange hinter seinem Rücken. Und er
hatte nichts gemerkt! Das erboste ihn geradezu. - Denen wollte er den Spass
versalzen, und das gehörig!
    Und nun musste er sehen, wie sie sich im Mondschein umarmten und küssten.
Ernestine warf dem bärtigen Häschke die Arme um den Nacken und drückte sich an
ihn. Das kleine Ding schien sich auf die Kunst zu verstehen! Wie sie
schnäbelten. - Hol' sie der Teufel! -
    Gustavs Gefühle waren äusserst geteilte und verwirrte. So etwas wie
Eifersucht regte sich bei ihm. Dann stiegen aus der Ferne Erinnerungen an
verbotenes Liebesglück auf. Was die da unten taten, war ja so begreiflich!
    Aber auch der Bruder regte sich in Gustav. Hatte er nicht für seine
Schwester einzustehen? - Sie war kaum siebzehn Jahre alt, und Häschke war ein
alter Sünder! Hol' sie der Teufel alle beide! Sie hatten ihn schön an der Nase
herumgeführt! Lachten wohl - gar da unten über seine Dummheit und machten ihm
lange Nasen womöglich!
    Er sah die beiden jetzt Arm in Arm den Weg nach den Feldern einschlagen.
    Jetzt war es höchste Zeit, etwas zu tun! Gustav erwachte aus seiner
Erstarrung. Er warf sich schnell ein paar Sachen über und fuhr in die Stiefeln.
Darüber erwachte Pauline.
    Sie fragte ihn, wohin er wolle, jetzt mitten in der Nacht? Gustav antwortete
ihr in barschem Tone, dass jemand ausgestiegen sei. Mit erschreckter Miene fragte
sie: wer?
    Er wollte ihr nicht sagen, dass es Ernestine sei, aus einer Art von
Schamgefühl für seine Schwester. Er habe das Mädchen nicht genau erkennen
können, sagte er, aber Häschke sei dabei gewesen.
    Pauline hatte Licht gemacht. Sie stand vor ihm. In ihren Zügen spiegelten
sich Bestürzung und Angst. Sie bat ihn zu bleiben, versuchte es sogar, ihn zu
halten. Er stiess sie von sich. Es sei seine Pflicht als Aufseher, so etwas nicht
durchzulassen, sagte er rauh. Damit ging er. Sie lief ihm nach bis zur Tür. »Tu
ock 'n Ernstinel nischt ne!« das waren die letzten Worte, die er hörte.
    Er lief die Treppe hinab. Die Haustür war nur angelehnt. dabei war der
Aufseher der einzige, der einen Hausschlüssel führte, und er hatte am Abend
abgeschlossen. Aber natürlich, Häschke hatte da mit dem Nachschlüssel
gearbeitet! Alle hintergingen ihn. Seine eigene Frau wusste von der Liebschaft. -
    Namenlose Wut überkam ihn. Wenn er die beiden jetzt traf! ... Er stürmte
blindlings in der Richtung vorwärts, wo er sie hatte verschwinden sehen. Aber er
hatte zuviel Zeit vertrödelt; sie waren bereits verschwunden. Trotz der
tageshellen Beleuchtung konnte er das Paar nirgends entdecken. Er nahm auf gut
Glück einen Feldweg an, auf dem er sie vermutete.
    Er hätte es sehen müssen, längst! Sogar Pauline wusste ja darum, schien sogar
unter einer Decke mit den beiden zu stecken; das wurmte ihn am meisten. Wer
weiss, wer da alles noch eingeweiht war! Er war der einzige, der nichts gemerkt
hatte, er war der Dumme! - Ein schöner Aufseher war er! - Wo hatte er denn seine
Augen gehabt?
    Er stürmte auf dem Feldwege immer weiter. Bei einer Wegekreuzung wurde er
zum Stillstehen und Überlegen gezwungen. Er musste sich sagen, dass er der beiden
auf diese Weise schwerlich habhaft werden würde. Wo konnten sie hin sein? Er
sann nach. Wo gab es denn in dieser Gegend ein passendes Versteck? - Halt, das
war's: der Schuppen! - Dort waren sie und nirgends anders! Dass ihm das nicht
gleich eingefallen war!
    Der Schuppen war ein alter, baufälliger Kasten, mitten im Felde gelegen. Er
diente dazu, allerhand Ackergeräte zu bergen und den Feldarbeitern, wenn sie
plötzlich vom Unwetter überrascht wurden, Obdach zu gewähren.
    Gustav war seiner Sache sicher. Er glaubte bestimmt, die beiden dort
anzutreffen und spornte seine Schritte zur grössten Eile an. Bald lag der
Schuppen vor ihm, hell vom Mondlicht beleuchtet; ungesehen heranzukommen, war
unmöglich.
    Er war nur noch wenige Schritte von dem Gebäude entfernt, als sich die Tür
öffnete. Ein bärtiger Kopf erschien für einen Augenblick und fuhr blitzschnell
zurück.
    
    Mit einem Satze war der Aufseher an der Tür und wollte sie aufreissen. Er
stiess auf Widerstand. Von drinnen wurde zugehalten. Gustav legte sich gegen die
Tür. Umsonst! Er rief: Man solle ihm aufmachen. Drinnen wurde geflüstert, aber
eine Antwort kam nicht, und geöffnet wurde auch nicht.
    Da überkam ihn der Zorn. Er trat einige Schritte zurück, nahm Anlauf, warf
sich mit der ganzen Wucht seines Körpers gegen die Tür. Die Haspen sprangen aus
dem dünnen Mauerwerk, das morsche Holz barst, die ganze Tür fiel in Stücken
zusammen. Der Aufseher war im Schuppen.
    Die drei Menschen standen einander gegenüber, keuchend, die Männer
kampfbereit, jeder den Angriff des anderen erwartend, das Mädchen erschrocken
sich an den Geliebten klammernd.
    Es kam auf eine Kleinigkeit an, und hier wäre Blut geflossen. Gustav befand
sich in wilder Erregung. Eine drohende Bewegung des Gegners, ein Wort des
Widerspruchs, und er hätte zugeschlagen.
    Aber Häschke, der die Lage schnell erkannte, hütete sich wohl, den anderen
zu reizen. Mit Ernestinens Bruder in Frieden auszukommen, war jedenfalls
rätlicher, als es auf einen Kampf ankommen zu lassen. Er liess Kopf und Arme
sinken, stand vor dem Aufseher mit der Miene des ertappten Sünders.
    Der Schlaukopf hatte richtig gerechnet; Gustav war durch die nachgiebige
Haltung entwaffnet.
    Aber irgendetwas musste geschehen, das fühlte Gustav deutlich. Er fing an zu
fluchen; die beiden standen wie unter einem Hagel. Der Geist seines Vaters war
über den jungen Menschen gekommen; er stiess Schimpfreden und Flüche aus, die er
als Kind wie oft aus dem Munde des Alten vernommen hatte.
    Das Mädchen fand zuerst Worte der Erwiderung. Sie wären nicht schlecht, und
sie hätten nichts Böses getan; sie seien »ordentliche Liebesleute«. - Die Worte
flossen dem kleinen Dinge auf einmal äusserst beredt, von den Lippen. Häschke
brauchte gar nichts zu sagen; er hörte mit Staunen, wie sie seine eigenen
Gründe, die sie noch vor kurzem bestritten, jetzt mit Eifer gegen den Bruder ins
Feld führte. Wie schnell diese Frauenzimmer lernten! -
    Gustav rief ihr zu, sie sei ein dummes Mädel! und die Liebesgedanken werde
er ihr schon austreiben.
    Die Schwester lachte ihm ins Gesicht. Kein Mensch könne ihnen verbieten,
sich lieb zu haben; am wenigsten er; er habe es ihnen ja vorgemacht.
    Gustav war starr über die Unverfrorenheit des siebzehnjährigen Dinges. Er
fühlte, dass er mit solchem Mundwerke schwerlich fertig werden würde. Ohne sich
auf eine Widerlegung einzulassen, schrie er sie an: »Jetzt kommst du mit mir!
Marsch! Ich wer' dich ...« Damit nahm er sie am Arme und führte sie zur Tür wie
eine Gefangene. Häschke folgte. So schlugen sie den Heimweg an.
    »Lass mich ack gihn, Gustav!« sagte Ernestine nach einiger Zeit; der Bruder
hielt ihr Handgelenk in seine Faust gepresst wie in einem Schraubstock. »Ich lof'
der nich dervon. Ich ha' ja nischt Unrechts nich getan!«
    Er liess ihren Arm fahren. Sie schritten weiter nebeneinander her. Gesprochen
wurde lange Zeit nichts zwischen den dreien.
    Gustavs Zorn war längst verraucht. Die natürliche Gutmütigkeit hatte die
Oberhand gewonnen. War es denn wirklich so schlimm, was die beiden getan hatten?
    Häschke mochte etwas von der Wandlung ahnen, die in dem Sinne des anderen
vor sich gegangen. Er nahm das Wort, erklärte, dass er Ernestinens Bräutigam sei,
und dass sie sich heiraten wollten.
    Gustav meinte darauf nur: Das kenne er schon! Wer weiss, wie vielen Mädeln
Häschke bereits die Ehe versprochen habe. Er müsse doch verrückt sein, wenn er
seine Schwester einem solchen Vagabunden zum Weibe gebe.
    Man war inzwischen in die Nähe der Kaserne gekommen. Möglichst geräuschlos
stiegen sie die Treppe hinauf. Häschke schlich sich in die Männerkammer. Gustav
nahm die Schwester mit sich in die Aufseherwohnung. Dort wartete ihrer Pauline
mit besorgter Miene.
    Der Aufseher war unwirsch, er gab seiner Frau keine Antwort auf ihre Fragen.
    Die beiden Frauen wechselten einen Blick des Einverständnisses, den der Mann
nicht bemerkte.
                                     * * *
    Die Verstimmung dauerte ein paar Tage; Gustav sprach nicht mit Häschke, die
Schwester behandelte er wie die schlechteste seiner Arbeiterinnen. Des Nachts
stand er zwei-, dreimal auf, untersuchte den Männerschlafsaal, horchte an der
Tür der Mädchen.
    Am meisten hatte Pauline unter seiner Laune zu leiden. Sie sei mit den
beiden im Bunde, behauptete er. Von irgendwelchen Erklärungen und
Entschuldigungen wollte er nichts wissen. Wenn man ihm sagte, Häschke meine es
ehrlich und werde Ernestinen heiraten, bekam er einen roten Kopf und schrie die
Leute an: Er kenne Häschkekarln, er habe drei Jahre mit ihm gedient; auf
weiteres liess er sich nicht ein.
    Mitten in diese Erregung fiel ein Brief aus der Heimat von Frau Katschner an
Pauline.
    Die Witwe schrieb:
            »Liebe Tochter!
        Ich ergreife die Feder, um Dir zu schreiben. Hier ist es jetzt sehr
        einsam ohne Euch und gehen allerhand Dinge vor sich. Die gnädige
        Herrschaft aus Berlin sind wieder auf dem Schloss mit den gnädigen
        Kontessen und Fräulein Bumille habe ich auch besucht und lässt Dich schön
        grüssen. Kontesse Wanda ist nun richtig versprochen mit ihrem Bräutigam
        neulich ist er auch schon in Saland gewesen bei ihr. Er ist ein kleiner
        Mann der Bräutigam, die Wanda ist nicht hübsch mit ihm, sagt Fräulein
        Bumille, wir freuen uns aber sehr dass es ein Prinz ist. Die Hochzeit
        soll allerdings grossartig und sehr fein werden, sagt Fräulein Bumille,
        mit Essen und Trinken natürlich da soll nichts abgehen und Herrschaften
        aus Berlin und die hohen prinzlichen Verwandten und Freundschaft. Wir
        werden da etwas zu sehen bekommen und das ganze Dorf wartet schon darauf
        im Herbst soll es sein. Nun muss ich Dir noch etwas anderes sagen,
        nämlich dem Traugott Büttner haben sie doch den Hof weggenommen und das
        ganze Gut, was die Gläubiger sind. Und die alten Leute sind nun ganz
        alleine, weil dass doch die Toni weg is, nach Berlin sagen sie, aber kein
        Mensch weiss was von der Toni schreiben tut se nich. Die Leute reden
        alles Mögliche! Ihren kleinen Jungen hat sie zur Terese gegeben was
        auch nich schön is die Leute haben sich alle gewundert. Karl und Terese
        sind nämlich jetzt in Wörmsbach, die haben's doch auch nicht dazu. Den
        alten Leuten natürlich geht es gar nich gut Traugott Büttner is so
        stille und simeliert in einer Dur die Leute sagen es wäre nicht richtig
        mit ihm, sprechen sie. Allerdings hat er viel Kummer und Herzeleid
        erlebt und ärgern hat er sich auch sehr müssen. Die Bäuerin ist sehr
        geringe geworden, so geringe, wie die Frau is! Ich sagte über
        Buschlobeln am Sonntag sagte ich: Die löscht aus wie ein Licht, habe ich
        gesagt. Sie hat schon das Wasser in den Beinen und zu beissen und zu
        brechen haben sie allerdings mich nichts auf dem Bauerngute, weil ihnen
        doch Herr Harrassowitz alles weggepfändt hat. Überhaupt die Ochsen hat
        der auch weggenommen, das kannst Du Gustaven sagen. Die Not ist gross
        wenn nicht gute Menschen helfen, wissen wir nicht was der liebe Gott
        noch verhängen mag über die armen Menschenkinder. Die Büttners was die
        alten Leute sind waren doch immer so fleissige und ordentliche Leute, das
        sagt ein jeds und nu sowas zu erleben! Die Leute sagen auch hier im
        Dorfe, dass sich Kaschelernst schämen müsste denn der soll doch bloss den
        Bauern reingebracht haben und kein anderer. Ich schliesse hiermit und
        wünsche dass es Euch immerdar gut gehen möge und alle gesund bleiben wie
        es mir auch geht
                        Deine liebe Mutter
                                                          Clementine Katschner.«
    Der Brief machte Eindruck auf alle, die ihn lasen. Die Nachrichten aus der
Heimat waren spärlich geflossen. Der Büttnerbauer nahm die Feder ungern zur
Hand, zu allerletzt gewiss zu einem Briefe.
    So hatte man denn von den wichtigen Ereignissen der letzten Zeit höchstens
von weitem etwas vernommen durch Briefe, die an andere Sachsengänger aus der
gemeinsamen Heimat kamen.
    Gustav hatte sich viel mit geheimen Sorgen um den Vater und seine
Angelegenheiten getragen. Die letzten Ereignisse waren von ihm ja vorausgesehen
worden. Aber nun kam die schwere Erkrankung der Mutter noch zu allem Jammer
hinzu.
    Der Vater um Haus und Hof gebracht! Die alten Leute gänzlich allein in ihrer
Not! - Es war ein Elend, wie es grösser nicht sein konnte!
    Frau Katschners beredter Brief machte die Runde bei den Familienmitgliedern.
Man sprach über die Vorgänge in der Heimat und beriet, was geschehen solle. So
wurden die Zwistigkeiten, die eben noch geherrscht hatten, in den Hintergrund
gerückt.
    Man kam zu dem Schlusse, dass es das beste sei, den Eltern eine Summe Geldes
zu schicken. Sie legten zusammen von ihren Ersparnissen. Auch Häschkekarl bat,
beisteuern zu dürfen. Sein Geldstück wurde nicht abgewiesen.
    Gustav erlebte noch eine besondere Genugtuung: Als unter den Mädchen bekannt
geworden war, wie schlecht es den Eltern ihres Aufsehers gehe, sammelten auch
sie, ganz im stillen, unter sich und brachten ihm eines Tages ein ganz
stattliches Sümmchen, das er mit nach Halbenau an die alten Leute schicken möge.
    Eine Versöhnung fand nicht statt zwischen Gustav und Häschke. Aber mit der
Zeit sprach der Aufseher doch wieder mit dem Geliebten seiner Schwester.
 
                                       V.
Die Büttnerbäuerin war gestorben. In den letzten Tagen hatte sie über
unerträglichen Frost geklagt; der Bauer musste des Nachts bei ihr liegen, um die
Erkaltende zu wärmen.
    Eines Mittags, als der Bauer vom Felde zurückkehrte, fand er sie auf dem
Gesichte liegend, mit ausgebreiteten Armen. Er fasste sie an; sie war kalt.
Mehrere Stunden mochte sie wohl schon so gelegen haben. Keine Spur von
Lebenswärme war mehr an dem steifen Körper zu entdecken. Die eine Gesichtsseite
hatte sich bläulich verfärbt.
    Der alte Mann stand wie erstarrt vor der Leiche seiner Lebensgefährtin. Er
warf sich nicht über die Tote, liebkoste nicht die leblose Hülle. Und doch hatte
er sie geliebt mit echter, starker Liebe. Wie im Leben, hielt sie auch dem Tode
gegenüber sein Gefühl fern von Überschwang. Es hatte Tage gegeben, wo die Gatten
kaum ein Wort miteinander gewechselt. Wochen und Monde waren vergangen ohne Kuss
und Umarmung. Harte Worte von seiten des Mannes, Tränen auf seiten der Frau
waren nichts Seltenes gewesen. Und doch hatte innige Treue die beiden Menschen
verbunden wie ein unsichtbares Band. Unter rauhen Formen wurde diese Liebe
gewahrt, als etwas Stilles und Keusches, von dem man nicht viel Aufhebens macht,
weil es so selbstverständlich war.
    Der Bauer blieb sich treu in seiner schlichten Gesinnung für die
Lebensgefährtin bis zum letzten. Keine Klage, kein Haarausraufen, als er jetzt
vor ihrer Leiche stand. Ein tiefer Seufzer und ein paar Tränen, die ihm über die
Wangen liefen, ohne dass er es recht wusste; das war alles.
    Dann machte er sich daran, für die Entschlafene zu tun, was noch für sie
getan werden konnte. Er drückte ihr die Augenlider herab, hob den schweren
Körper aus dem Bette, reinigte die Leiche und kleidete sie in ein frisches Hemd.
Alles, ohne eine Spur von Grauen vor der greifbaren Nähe des Todes zu empfinden.
Dann ging er ins Dorf, meldete den Tod beim Standesbeamten an, bestellte den
Sarg und besprach im Pfarrhaus den Tag der Beerdigung mit dem Geistlichen.
    Der Leichenzug fiel über Erwarten stattlich aus, jung und alt beteiligte
sich, Kränze waren gespendet worden, aus freien Stücken trug ein Gesangverein
eine Arie am offenen Grabe vor.
    Es zeigte sich, dass die Büttnersche Familie doch noch manchen Freund besass
in Halbenau. Es kam in dieser auffälligen Teilnahme etwas wie Demonstration zum
Ausdruck. Das Schicksal des Büttnerschen Bauerngutes hatte Aufsehen erregt und
manchen, der auf überschuldeten Grund und Boden sass, mit Bangen erfüllt, dass es
ihm früher oder später auch so ergehen möge. Am Bieten hatte man sich zwar
eifrig beteiligt, als das Bauerngut zerkleinert wurde; aber es gab doch nur
wenig Leute in Halbenau, die nicht in ihrem Herzen für den bankerotten Bauern
gewesen wären, gegen seine Ausbeuter. Dieses Gefühl, das sich offen nicht
hervorwagte, machte sich in Ehrenerweisungen für die verstorbene Bäuerin Luft.
    Man war gespannt, ob Kaschelernst zur Beerdigung erscheinen werde. Aber der
schlaue Kretschamwirt mochte etwas von der Stimmung, welche im Dorfe herrschte,
gewittert haben; er kam nicht. Er hatte Ottilie entsendet, die einen Kranz auf
den Sarg legen musste.
    Hinter dem Sarge schritt der Witwer, neben ihm Terese und Karl. Das war
alles, was von der ehemals zahlreichen und angesehenen Büttnerschen Familie
jetzt noch in dieser Gegend übrig war.
    Der Pfarrer liess sich die Gelegenheit nicht entgehen, die Herzen zu rühren.
Er war ein alter Praktikus, und wusste, dass aussergewöhnliche Unglücksfälle nahezu
die einzige Gelegenheit sind, wo man den harten Bauerngemütern beikommen kann.
    Karl Büttner schluchzte wie ein kleines Kind. Bei dem alten Manne schien der
Tränenquell versiegt zu sein. Der Geistliche sprach von ihm als von einem, mit
dem Gott der Herr besondere Dinge vorhaben müsse, da er ihm so harte Prüfung
auferlege, wie einstmals dem Hiob. Wenn er aber dem unerforschlichen Ratschlusse
des Herrn stille halte, werde er auch wieder zu Ehren gebracht werden wie dieser
Knecht Gottes. -
    Die letzten Tage der Bäuerin waren nicht ohne jeden Sonnenblick gewesen; von
den Kindern aus der Fremde war Geld gekommen und Briefe. Fast zur nämlichen Zeit
hatte auch Toni, die bisher wie verschollen gewesen, wieder einmal geschrieben
und gleichfalls Geld geschickt.
    Was Toni schrieb, war zum Teil nicht recht verständlich; die Schreibkunst
war nie dieses Mädchens starke Seite gewesen. Sie wäre nicht mehr Amme, teilte
sie mit. Welcher Art ihre Lebensstellung sei, war nicht gesagt. Aber sie musste
doch wohl ihr Auskommen haben, sonst würde sie nicht haben so viel abgeben
können. Für ihr Kind, das bei Teresen untergebracht war, schickte sie auch
etwas mit.
    Nachdem das Begräbnis vorüber war, kehrte alles schnell in die alten Gleise
zurück. Äusserlich merkte man kaum, dass eine Lücke entstanden war.
    Der Bauer ging Tag für Tag seiner gewohnten Arbeit nach. Er musste alles in
allem sein; zur Feldbestellung kam jetzt auch noch die häusliche Arbeit. Der
Ersparnisse halber machte er nur noch einmal am Tage Feuer. Er nährte sich
schlechter als das Vieh, lebte von altem Brot, das er trocken verzehrte, und
kalten Kartoffeln. Fast nie kam ein herzhafter Bissen auf seinen Tisch.
    dabei arbeitete der alte Mann angestrengter denn je. Es war, als ob er
irgendetwas in sich betäuben wolle durch die Anstrengung.
    Mitten in der Nacht stand er manchmal auf, wenn man kaum die Hand vor den
Augen sehen konnte, zog sich an, nahm Hacke, Sense oder ein anderes Werkzeug auf
die Schulter und ging damit aufs Feld hinaus.
    Es litt ihn nicht daheim; ohne Menschen war das Haus wie eine Totenkammer.
Er war gewiss nicht furchtsam von Natur, hatte sich niemals vor Gespenstern
gefürchtet; aber jetzt überkam es ihn manchmal wie Grauen. Die Erinnerung an
vergangene bessere Zeiten sprach aus jedem Winkel. Die Gedanken an das, was
gewesen, was nie wiederkehren konnte, waren die Gespenster, die hier umgingen.
Vor dem, was sein eigenes Hirn ausbrütete: den Vorwürfen, den betrogenen
Hoffnungen, den Selbstanklagen, floh der alte Mann. Er rannte hinaus auf den
Acker wie ein Besessener, hackte, wühlte dort, als wolle er etwas einscharren,
etwas, das er verbergen musste vor den eigenen Augen.
    Bei solchem Hundeleben verfiel der Körper des Greises mehr und mehr; er war
nur noch ein Skelett. Das Haar stand ihm in langen, grauen Strähnen um den Kopf.
Sich den Bart abzunehmen, lohnte nicht mehr. Die nächste Folge davon war, dass er
Sonntags nicht mehr in die Kirche kam. Denn unrasiert sich in der Kirchfahrt
blicken lassen, war für einen Halbenauer undenkbar.
    Bald führte er ein vollständiges Einsiedlerleben. Die einzigen lebenden
Wesen, mit denen er noch etwas zu tun hatte, waren die beiden Kühe, die
Harrassowitz auf dem Hofe gelassen hatte. Menschliche Gesichter wollte er so
wenig wie möglich sehen. Er hatte wohl das dumpfe Gefühl, hervorgewachsen aus
der eigensten Erfahrung, dass die grösste Unbill, das schwerste Unrecht dem
Menschen nur vom Menschen zugefügt wird. - Er hasste seinesgleichen und hielt
sich von jeder Berührung mit dem feindlichen Geschlechte fern. Bot ihm jemand
einen Gruss, dann stellte er sich taub. Und wer ihn etwa anredete, konnte
erleben, dass er, statt Antwort zu erhalten, den Rücken des Alten zu sehen bekam.
    Was eigentlich in der Seele dieses Mannes vorgehe, wusste niemand. Der Pastor
machte ihm einige Zeit nach dem Begräbnis der Bäuerin seinen Besuch, an einem
Sonntagnachmittag. Er fand den Bauern im Werkeltagskleide im Hofe mit einer
Arbeit beschäftigt. Das wäre in früheren Zeiten auch nicht passiert! - - Der
Pfarrer drückte ein Auge zu über die Sonntagsarbeit und betrat mit dem Alten die
Wohnstube.
    Der Hirt verstand es, das Gespräch gar bald auf geistliches Gebiet
hinüberzuleiten. Das Elend, in dem sich der ehemalige Gutsbesitzer jetzt befand,
gab dem Seelsorger Anlass, auf die Nichtigkeit alles Irdischen hinzuweisen und
den Sinn auf die ewigen Güter zu richten. Der Geistliche erinnerte den Bauern
auch an sein Alter, und dass er vielleicht bald vor einem Höheren werde Rechnung
ablegen müssen. Er fand bewegliche Worte, der Herr Pastor. -
    Der alte Mann sagte nicht ja und nicht nein dazu. Mit verdrossener Miene sass
er in seiner Ecke. Er schien das seelsorgerische Bemühen des Pfarrers als eine
Belästigung zu empfinden, in die man sich wohl oder übel schicken musste.
    Seine Religiosität war niemals über eine äusserliche Kirchlichkeit
hinausgekommen. Nun er nicht mehr zur Kirche ging, kam das Heidentum zum
Vorschein, das tief der Natur des deutschen Bauern steckt. Was kümmerten ihn die
überirdischen Dinge; von denen wusste man nichts! Der Boden, auf dem er stand,
die Pflanzen, die er hervorbrachte, die Tiere, die er nährte, der Himmel über
ihm mit seinen Gestirnen, Wolken und Winden, das waren seine Götter. Jene
anderen, morgenländischen, hatten doch etwas mehr oder weniger Fremdartiges für
ihn.
    Als der Geistliche schliesslich von dem Bauern wegging, wusste er nicht, ob er
Eindruck auf das Gemüt des Mannes gemacht habe oder nicht.
    Einer anderen Persönlichkeit, die sich dem Alten nähern wollte, um ihn in
seiner Verlassenheit zu trösten, ging es nicht viel besser. Frau Katschner
erschien eines Tages auf dem Büttnerschen Hofe, ging ins Haus und guckte in alle
Zimmer. Da sie niemanden antraf, tat sie sich ein Gütchen im Durchschnüffeln der
verwaisten Räumlichkeiten. Dann begab sie sich hinaus aufs Feld, wo sie den
Bauern alsbald beim Kleehauen traf.
    Er schien völlig vertieft in seine Arbeit. Ehe sie an ihn herantrat,
betrachtete sie ihn sich eine Weile voll Mitgefühl, das nicht frei war von
selbstischem Behagen. - Der Ärmste man sah ihm den Witwer recht an. In seinen
Beinkleidern war ein Loch, das man auf zwanzig Schritt leuchten sah. Er war
gewiss recht unglücklich! Keine sorgende Pflege! Nun erfuhr er, was es hiess:
ledig sein. -
    Die Witwe räusperte sich und suchte in ihr »Guntagoch, Büttnerbauer!« so
viel Freundlichkeit und Teilnahmegefühl zu legen, wie nur möglich. Kein
Gegengrüss kam, er sah nicht einmal auf von seiner Arbeit. Aber die Witwe
Katschner war nicht so leicht abzuschrecken - sie war sich ja ihres guten
Zweckes bewusst - daher tat sie, als bemerke sie seine abweisende Haltung gar
nicht.
    Sie begann damit, zu berichten, dass sie kürzlich einen Brief von Paulinen
bekommen habe. Der Alte handhabte die Sense in gleichmässig abgerundetem
Schwünge, als gäbe es auf der Welt nichts als den Klee und ihn. Die Witwe, die
sich zu diesem Gange eine gute Schürze vorgebunden und ein neues Kopftuch
angelegt hatte, sah ihm zu. Das musste man sagen, er war immer noch ein kräftiger
Mann trotz seiner Sechzig, aber fürchterlich anzusehen mit seinem langen Haar
und den zollangen Stoppeln um den Mund. Ganz abgemagert war er und hohläugig. Er
härmte sich gewiss, sehnte sich nach einer mitleidigen Seele. Wahrscheinlich
hatte er nichts Ordentliches zu essen und keine Abwartung. Wahrlich, hier war es
die höchste Zeit, dass eine Frau eingriff! -
    Sie entfaltete den Brief und fragte, ob er nichts von seinen Kindern in der
Fremde wissen wolle. Darauf hielt der Bauer im Hauen inne. Frau Katschner
entnahm daraus die Erlaubnis, vorzulesen.
    Der Brief entielt Nachrichten über das Ergehen der Sachsengänger. Am
Schlusse schrieb Pauline, dass sie im Herbst alle nach Halbenau zurückkehren
wollten.
    Die Witwe faltete den Brief sorgfältig zusammen und steckte ihn ein. Dann
seufzte sie und wischte sich die Augen mit einem Zipfel ihrer blau und weiss
gedruckten Schürze. »Zu ju!« sagte sie, »'s is och gutt su! Wenn se ack bale
zuricke kimma wellten! 's is ne schiene uf der Welt so alleene - nee 's is och
ne schiene!« Hier liess sie eine Pause eintreten, wohl für jenen zum Überlegen
des Gehörten. Dann mit besonderem Blicke auf den Mann: »Ich ha' schon manch a
lieb's Mal bei mer gedacht, der Büttnerpauer muss es duch firchterlich eensam
han, ha'ch gedacht. Den muss duch ordentlich bange sen, ha'ch gedacht! - So
alleene, wie der is uf der Welt. - Is ne a su, Pauer?«
    Statt der Antwort nahm der Alle die Sense wieder auf und fuhr fort, Klee zu
hauen, als sei niemand da.
    Frau Katschner musste endlich abziehen.
    Sie war ziemlich kleinlaut und im Innersten gekränkt, dass ihre gute Absicht,
den Einsamen zu trösten, auf so undankbaren Boden gefallen war.
                                     * * *
    Inzwischen neigte sich der Sommer seinem Ende zu. Die Ernte war eine
ungewöhnlich reiche gewesen. Der Roggen hatte volle Ähren mit vielen und
schweren Körnern getragen, das Stroh war lang und reichlich, auch Hafer und
Kartoffeln versprachen guten Ertrag.
    Bittere Gefühle waren es, mit denen der alte Mann in diesem Jahre den
Erntesegen betrachtete. Wo er bestellt und gesäet hatte, ernteten andere.
Täglich fuhren jetzt die Wagen der kleinen Leute, die sich ein paar Morgen vom
Büttnerschen Gute erstanden hatten, durch den Bauernhof. Für die vielen
Parzellen, die bei der Vereinzelung entstanden, war dies der einzige Abfuhrweg.
    Auch auf den Feldern, die sich Harrassowitz für sich selbst zurückbehalten
hatte, standen schöne Früchte. Es war von vornherein klar, dass der ehemalige
Büttnerbauer die Ernte allein nicht werde bewältigen können. Eines Tages
erschienen denn auch Helfer.
    Sam hatte Leute aus dem Dorfe angenommen als Erntearbeiter. Darauf kamen
Leiterwagen, in denen die Garben abgefahren wurden, nach Wörmsbach, hiess es, wo
der Händler ja noch mehr Land besass. Dort stand eine Dreschmaschine, die ihm das
Korn ausdrasch. Das gedroschene Getreide wurde nach der Stadt gefahren in die
Speicher des Händlers, das Stroh auf dem Felde in Feimen gesetzt.
    Das Haferhauen gab Sam in Akkord. Aber den Hafer liess er nicht wegschaffen,
der wurde in die Scheune gebanst. Der alte Büttner sollte ihn mit dem Göpel
ausdreschen; da war gleich für eine Winterarbeit gesorgt.
    Mit den Hackfrüchten verfuhr der Händler noch einfacher. Das Hacken, Lesen
und Einmieten machte ihm viel zu viel Umstände. Er verkaufte die einzelnen
Furchen meistbietend an die Dorfleute. Nur so viel Kraut, Rüben und Kartoffeln
behielt er, wie für das Vieh während des Winters unentbehrlich war.
    Diesem Manne schien jedes Unternehmen zu glücken. So etwas hätte nur ein
Bauer versuchen sollen, der wäre sicher zu Schaden und darüber noch zu Spott
gekommen.
    Wenn Samuel Harrassowitz im Gastof bekanntmachen liess, dass Auktion sei, da
kamen alle gelaufen. Die blosse Tatsache, dass Sam im Orte war, schien das Geld in
den Taschen locker zu machen.
    Er machte es den Leuten aber auch leicht; er war wirklich ein »kulanter«
Geschäftsmann. Jede Art von Bezahlung nahm er an. War es nicht in Geld, dann in
Naturalien oder auch durch Abarbeiten. Unter Umständen fand er sich auch bereit,
ein Stück Vieh an Zahlungs Statt anzunehmen. Das gab er dann womöglich wieder
einem anderen, mit dem er in Geschäftsverbindung stand, in den Stall. Und Kredit
gewährte er auch jederzeit. Diese Eigenschaft wurde von den Landleuten besonders
an ihm geschätzt. Nur im äussersten Notfalle klagte er einen Schuldner aus und
dann sicher nur einen, bei dem noch etwas zu holen war. Die Leute, die nichts
mehr besassen, liess er mit Zwangsvollstreckungen in Frieden. Die mussten ihre
Schuld abarbeiten, und er sorgte dafür, dass der Posten niemals gänzlich getilgt
wurde.
    Auch den alten Büttner behandelte der Händler jetzt ganz wie seinen
Arbeiter. Er schalt ihn gelegentlich, nannte ihn faul und dumm, ein andermal
wieder lobte er ihn, je nachdem seine Herrenlaune gerade war.
    Der alte Mann nahm das mit jener mürrischen Gelassenheit hin, die ihm
neuerdings zur zweiten Natur geworden zu sein schien. In seinem Wesen war etwas
geknickt, ausgelöscht für immer; es war, als habe er kein Ehrgefühl mehr im
Leibe.
    Dergleichen Behandlung hätte ihm früher einmal jemand bieten sollen! Heiler
Haut wäre der nicht vom Hofe gekommen. Und jetzt liess er sich schmähen von dem
Fremdling! -
    In sein Dasein, in sein ganzes Treiben und Tun war etwas Zweckloses,
Widersinniges gekommen: er arbeitete für seinen Peiniger, ernährte mit seiner
Händewerk nur das starke Raubtier, das ihm das Blut aussaugte.
    Es gab kein Entrinnen! Harrassowitz hielt ihn an vielen Ketten. Er war der
Schuldner des Händlers geblieben, auch nachdem er sein Gut an ihn verloren. Es
war ein Akt der Gnade, wenn der neue Herr den Alten im Hause liess. Fiel es dem
Besitzer ein, ihn hinauszuwerfen, dann brauchte er nicht einmal zu kündigen.
Gelegentlich damit zu drohen, verfehlte Sam nicht. Er war in seiner Art ein
Kenner des deutschen Bauern. Er wusste, wie zähe diese Sorte an der Scholle
klebt, wie ihr zur Erde gewandter Blick sie dumpf und blöde macht, unfähig,
Vorteil von Nachteil zu unterscheiden.
    Sam wusste nur zu gut, dass der alte Büttner sich lieber das Herz aus dem
Leibe würde reissen lassen, als dass er die Stelle verlassen hätte, die seine
Vorfahren besessen, die er selbst durch ein Leben innegehabt. Die Angst, vom
Hofe getrieben zu werden, band den Alten wie ein ungeschriebener, aber darum
nicht minder wirksamer Kontrakt an den neuen Besitzer des Bauerngutes.
    Es war eine Art von Leibeigenschaft. Und gegen dieses Joch waren die alten
Fronden, der Zwangsgesindedienst, die Hofegängerei und alle Spann- und
Handdienste der Hörigkeit, unter denen die Vorfahren des Büttnerbauern geseufzt
hatten, federleicht gewesen. Damals sorgte der gnädige Herr immerhin für seine
Untertanen mit jener Liebe, die ein kluger Haushalter für jedes Geschöpf hat,
das ihm Nutzen schafft, und es gab manches Band gemeinsamen Interesses, das den
Hörigen mit der Herrschaft verband. Bei dieser modernen Form der Hörigkeit aber
fehlte der ausgleichende und versöhnende Kitt der Tradition. Hier herrschte die
parvenuhafte Macht von gestern protzig und frivol, die herzlose Unterjochung
unter die kalte Hand des Kapitals. -
    Man musste dem Händler eins lassen, er arbeitete geschickt, mit »Diskretion«,
ja, mit einer gewissen Eleganz. Sam besass das Talent seiner Rasse in hohem Masse,
anderer Arbeit zu verwerten, sich in Nestern, welche fleissige Vögel mit emsiger
Sorgfalt zusammengetragen, wohnlich einzurichten. Und die Natur hatte ihm eine
Gemütsverfassung verliehen, die es ihm leicht machte, sich um das Geschick der
fremden Eier nicht sonderlich zu grämen.
    Man rechnete Sam nach, dass er bereits jetzt durch den Verkauf einzelner
Parzellen für den Preis gedeckt sei, den er bei der Subhastation geboten hatte.
    Eines Tages im Frühsommer waren eine Anzahl fremder Arbeiter und ein
Geometer nach Halbenau gekommen. Sie hatten sich auf die grosse Wiese, die
zwischen dem Büttnerschen Hofe und dem Walde ungefähr in der Mitte des
Grundstückes lag, begeben. Hier, an der dachartig abfallenden Lehne, fingen sie
an, abzustecken. Dann wurde der Rasen abgeschält, der Humus, der zunächst unter
der Grasnarbe lag, auf besondere Haufen geworfen, und schliesslich in der
tiefergelegenen zähen Tonerde ein umfangreiches Viereck von Metertiefe
ausgegraben.
    Hier sollte die Dampfziegelei hin, die Harrassowitz zu gründen gedachte.
    Es sei ein allgemeines Bedürfnis für die Gegend, hatte Sam erklärt; weit und
breit bekäme man keine vernünftigen Ziegeln zu kaufen. Er halte es für seine
Pflicht, etwas für die Hebung des Ortes zu tun durch Einführung der Industrie.
Nun sollten die Halbenauer einmal sehen, was jetzt für Geld unter die Leute
kommen werde! -
    Die Grundmauern zum Ringofen schossen schnell aus dem Boden empor, das
Gebälk zum Trockenschuppen wurde gerüstet, die Schlämmbassins angelegt und
schliesslich die einzelnen Teile der weitläufigen Anlage mittelst schmaler
Schienenstränge verbunden. Über dem Ganzen reckte sich bald die Ziegeleiesse
höher und höher empor; ein ungewohnter Anblick, der die Halbenauer staunen
machte. Nun bekamen sie doch auch eine Dampfesse in den Ort.
    Täglich gab es jetzt Veränderungen auf dem Grundstücke. Eines Tages, im
Herbst, erschien ein gräflicher Revierförster mit seinen Leuten auf der zum
Büttnerschen Gute gehörigen Waldparzelle. In wenigen Tagen ward mit den
verkrüppelten Kiefern, Wacholderbüschen und Stockausschlägen aufgeräumt und
Kahlschlag hergestellt.
    Die Herrschaft Saland hatte nun doch den Wald des Bauerngutes angekauft für
ein Geld, das dem Bauern, hätte er es zur rechten Zeit gehabt, über alle Nöte
hinweggeholfen haben würde. Gleichzeitig war auch das »Büschelgewende«, dessen
Urbarmachung dem alten Manne so viel sauren Schweiss gekostet hatte, an den
mächtigen Nachbarn gekommen. Nun war das Loch zugemacht, das bisher die beiden
gräflichen Reviere: Halbenau und Saland, getrennt hatte. Im Frühjahr sollte die
ganze Fläche zugepflanzt werden.
    Traugott Büttner sah alle diese Dinge. Keine Klage kam über seine Lippen. Es
war, als habe er sich selbst Schweigen auferlegt. Was in seinem Inneren vor sich
ging, erfuhr kein Mensch.
    Er glich einer Pflanze, die man schlecht versetzt hat, und die nun in
verwahrlostem Zustande dahinsiecht; sie vegitiert noch, aber in ihren Säften
geht sie zurück. Er glich auch einer Maschine, die ohne treibende Kraft doch
weiter arbeitet, weil der Schwung von früher her noch ein Weilchen vorhält, ehe
sie aussetzt.
    Für Schmerz war er scheinbar unempfindlich geworden, abgestumpft durch das
Zuviel, gleich dem Boden, der allzustark getränkt, keine Nässe mehr in sich
aufnimmt.
    Die da meinten, er sei gefühllos, irrten sich. Er fühlte gar wohl das
Unrecht, das ihm widerfuhr. Die Demut und Schmerzensseligkeit eines Hiob war
seiner halsstarrigen Bauernnatur nicht eigen. Weit davon entfernt war er, mit
dem Knechte Gottes aus dem Alten Testamente zu sagen:
    »Ich bin nackend von meiner Mutter Leibe gekommen, nackend werde ich wieder
dahinfahren. Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, der Name des
Herrn sei gelobet!«
    Wenn er auch scheinbar zum stumpfen Lasttier herabgesunken war, das die
Schläge gleichgültig hinnimmt, so blieb sein innerer Trotz doch ungebrochen.
Menschenhass und Verachtung waren seine Tröster, Groll seine Nahrung; die
einzige, die ihn noch in Kraft erhielt. Aber die Qualen, die er ertrug, waren um
so brennender, weil er nicht den Schrei der Wut fand, sich von ihnen zu
entlasten.
 
                                      VI.
Nachdem das Manöver vorüber, hatte der Graf Urlaub genommen, um die Hochzeit
seiner Schwester Wanda auszurichten. Grosse Vorbereitungen wurden in Schloss
Saland zu diesem Feste getroffen. Der Adel der Nachbarschaft, die Magnaten der
Provinz waren geladen. Aus Berlin waren Freunde des Bräutigams und Kameraden des
Wirtes eingetroffen, und immer noch erschienen neue Gäste.
    Es war ein Fest für die ganze Gegend. Die kleinen Leute nahmen die
Gelegenheit wahr, einmal gründlich blauen Montag zu machen. Täglich gab es in
Saland jetzt etwas zu sehen. Einmal hiess es, ein Wagen sei angekommen, mit sechs
Pferden davor, Kutscher und Diener dazu mit feuerroten Röcken. Natürlich lief
man da von der Arbeit fort, um das Wunder zu begaffen. Dann wieder gab es ein
Feuerwerk. Leute in einem entfernten Dorfe sahen davon den Schein gegen den
nächtlichen Himmel und glaubten, es müsse ein Schadenfeuer sein. Die Sturmglocke
wurde angeschlagen, die Feuerwehr alarmiert. Die Feuerwehren der Ortschaften,
durch die man kam, schlossen sich an. Und so erschien schliesslich eine ganze
Anzahl Spritzen vor Schloss Saland. - Als man wahrnahm, dass es gar kein Feuer
gab, schimpfte man weidlich.
    Der Graf erfuhr von dem falschen Alarm und liess den Leuten Bier geben aus
der Schlossbrauerei, damit sie statt des Feuers wenigstens ihren Durst löschen
möchten. -
    Die fabelhaftesten Gerüchte durchschwirrten die Luft; es hiess: am
Hochzeitstage solle Geld unter die Menge geworfen werden, im Schlosshofe werde am
Vorabend der Trauung ein gebratener Ochse und ganze Schweine und Kälber zur
allgemeinen Speisung ausgelegt werden, und dazu würde aus einem Riesenfasse Wein
fliessen.
    Eine Art von Fieber hatte sich der Bevölkerung bemächtigt. Die Arbeit
schmeckte den Entnüchterten nicht mehr; man erwartete voll Spannung
aussergewöhnliche Dinge.
    Auch Karl Büttner war von Wörmsbach herübergelaufen, um sich das Feuerwerk
mit anzusehen. Er kannte einige von der Feuerwehrmannschaft von der Truppe her.
Man nahm ihn mit, als es zur Bierverteilung kam. So gelangte er zu Bier und
Zigarren, er wusste nicht wie! -
    Das hatte ihm gefallen! Am nächsten Vormittag lief er schon wieder nach
Saland, gegen Teresens Willen. Er hoffte im stillen auf einen ähnlich
glücklichen Zufall, wie ihn der vorige Abend gebracht.
    Diesmal fiel zwar nichts für ihn ab, aber er wurde Zeuge eines merkwürdigen
Schauspiels.
    Im gräflichen Park befand sich eine Wiese, beschattet von prächtigen Eichen
und Linden. Hier auf ebener Rasenfläche überraschte Karl eine wunderliche
Gesellschaft. Eine Anzahl Burschen sprang da herum, wie die Müller anzusehen,
von oben bis unten weiss. Auf den Köpfen trugen sie bunte Mützen, um die Hüften
farbige Gürtel. Sie hielten in ihren Händen Dinger, grossen Fliegenklatschen
nicht unähnlich, damit warfen sie sich kleine Bälle zu, über ein Netz weg, das
quer über den Rasenplatz gespannt war. Dazu schrien sie unverständliche Worte,
gestikulierten eifrig und liefen manchmal wie besessen hin und her.
    Das war sehr possierlich mit anzusehen. Die Burschen selber aber schienen
die Sache mit grossem Ernst und Eifer zu betreiben.
    Karl hatte die Spielenden von weitem für Knaben gehalten, die sich mit
dergleichen Narreteien die Zeit vertrieben. Als er näher kam, erkannte er
jedoch, dass es erwachsene Männer seien. Er schloss sich einer Gruppe von
Dorfleuten an, die, hinter einem Boskett stehend, dem Treiben der Vornehmen
zusahn.
    Auf der Parkwiese war eine grössere Gesellschaft versammelt: Herren und
Damen. Man sass und lag umher auf Korbstühlen und Bastmatten. Zwischen den Bäumen
waren Hängematten gespannt. Eine Dame, die sich in einer solchen hin und her
schaukelte, nahm sich wie ein roter Farbenklecks aus gegen das Grün des Rasens.
Man trank, rauchte, nahm Erfrischungen zu sich, stand in Gruppen beieinander,
lachte und schwatzte in nachlässiger Weise. Ein Konzert fremdartiger Formen und
Farben, die Damen in hellen Toiletten wie exotische Blumen! Ein üppiges,
farbenschillerndes Bild von niegesehener Eigenart entrollte sich vor den Augen
des Landvolkes. Karl stand da und riss grosse unverständige Augen auf.
    Eine Frau, die gelegentlich auf Scheuerarbeit ins Schloss kam, machte die
Erklärerin. Sie wusste, welcher der Bräutigam sei: dort der kleine mit dem
schwarzen Schnurrbärtchen. - Karl hatte sich einen Prinzen bis dahin auch ganz
anders vorgestellt.
    Jetzt hörten sie auf zu spielen. Grosses Durcheinander herrschte auf dem
Platze. »Nu hat eene Parte gewunnen! Desderwegen tun se su brillen,« erklärte
die Frau, sichtlich stolz, dass sie so gut über die Sitten der Grossen
unterrichtet sei. »Itze wern de Frauensmenscher och glei losmachen, passt a mal
uff!«
    Richtig! es traten zwei Damen mit auf den Plan. »Saht ack, das is se! das is
unse Wanda - das is de Braut!«
    Nun sah man auch die Damen voll Eifer auf dem Rasen hüpfen. Es wurde viel
gelacht und gejubelt. Das Brautpaar spielte auf einer Seite; sie verloren. Wanda
tadelte den prinzlichen Partner oft genug und liess ihn nach den verlorenen
Bällen springen.
    Ein kleiner Alter, mit einem Leinwandsack auf den Rücken, hatte lange
wortlos dem Spiele zugesehen aus matten rotumränderten Augen. Dann sagte er
plötzlich: »Die sein verrickt im Koppe!« Damit ging er kopfschüttelnd von
dannen.
    »Racht hat 'r!« sagte ein anderer. »De Grussen sen alle verrickt, alle
mitenander sen die verrickt, de Grussen! Hot ees suwas gesahn! Die mechten wos
Gescheitres macha, als dohie su rimkalbern un an lieben Herrngutt de Zeet
stahlen.«
    Die Frau, welche vorher Erklärungen gemacht hatte, widersprach. »Nu is 's
etwan nich asu?« hiess es da. »Gabt der Art eene urndtliche Arbeet ei de Hand und
'r sollt sahen, wie se sich daderzut astellen wern!«
    Karl blieb noch eine ganze Weile dort stehen. Das Treiben gefiel ihm, wenn
er den Sinn auch nicht verstand.
    Auf dem Rückwege kehrte er ein. Bei dieser Gelegenheit traf er einen
Bekannten, der ihm erzählte: morgen sei Jagd auf dem Herrschaftlichen, da gebe
es gute Bezahlung und gewöhnlich auch Anteil am Jagdfrühstück für die Treiber;
es würden noch Treiber gesucht. Karl, den besonders das Jagdfrühstück lockte,
ging auf die nahe Oberförsterei und meldete sich als Treiber.
    Am nächsten Morgen fand bei klarem Frühherbstwetter die Jagd statt. Es galt
vor allem den Fasanen, aber auch Birkwild, Rebhühner, Rehböcke und Hasen sollten
zum Abschluss kommen.
    Karl Büttner ging in einer langen Reihe von Treibern, mit einem Stocke
bewaffnet. Der Fasane wegen, die sich gern übergehen lassen, gingen die Treiber
so eng, dass sie sich fast die Hände reichen konnten. Sie waren angewiesen, ganz
langsam, schrittweise, vorzugehen, wenig Lärm zu machen und mit ihren Stöcken
auf die Büsche und jungen Bäumchen zu klopfen, um das Wild locker zu machen. Von
Zeit zu Zeit ertönten, von einem am Flügel marschierenden Forstbeamten geblasen,
Signale; dann machte die ganze Kette Halt, um auf ein neues Signal wieder
loszuschreiten.
    Die Fasanen waren zahlreich, da im Herbst zuvor wenig abgeschossen worden
war. Bei dem warmen Wetter lagen die Vögel fest, oft flogen sie den Treibern
unter den Füssen auf. In einem fort ertönte das Gackern der Hähne; dann, sobald
die Vögel über die Schützenkette strichen, Schüsse, oft ganze Kanonaden! Es war
ein herzerquickendes Schauspiel für das Auge des Weidmanns, wenn der Fasanhahn
in die Luft stieg, dann in gerader Linie abstrich im Glanze seines prächtigen
Gefieders, mit dem langen Stosse. Darauf ein wohlgezielter Schuss, gut
vorgehalten; der königliche Vogel klappte zusammen, die ganze Pracht hatte ein
jähes Ende gefunden! -
    Auch der Treiber bemächtigte sich gar bald das Jagdfieber. Aller Mahnungen
des Forstpersonals, sich stille zu verhalten, ungeachtet, schrien sie laut,
jeden Treffschuss bejubelnd.
    Nach dem fünften Treiben fand Frühstückspause statt. Tische und Bänke waren
herbeigefahren worden. Am Feuer, das auf einem Waldwege angezündet worden war,
wurden grosse eiserne Töpfe und kupferne Kessel mit Speisen und Getränken
gewärmt. Die Schützen liessen sich nieder, einige Diener vom Schloss bedienten.
    Karl hatte unter den Jagdgästen einen ehemaligen Vorgesetzten wiedererkannt,
der sein Rekrutenoffizier gewesen war. Inzwischen war der damalige Leutnant zum
Major vorgerückt und nach Berlin zur Garde versetzt worden.
    Karl konnte den Entschluss nicht recht finden, den Herrn anzureden. Wer weiss,
ob der ihn kennen würde? Und dann wurde er womöglich ausgelacht! - Aber nach dem
Frühstück wuchs sein Mut. Die Speisereste waren unter die Treiber verteilt
worden; Karl hatte gierig geschlungen. Auf irgendeine Weise war auch eine
Flasche starken Likörs vom Tische der Schützen unter die Treiber geraten. Karl
hatte einige Schlucke von dem ungewohnten Getränk genossen; er befand sich
infolgedessen in gehobener Stimmung.
    Mit mehr Freimut, als ihm für gewöhnlich eigen war, trat er vor seinen
ehemaligen Vorgesetzten hin, schlug die Hacken zusammen, legte die Hand an die
Kopfbedeckung, sagte seinen Namen und erzählte, dass er Rekrut beim Herrn Major
gewesen sei.
    Der Offizier betrachtete sich den grossen ungeschlachten Burschen eine Weile,
dann schien ihm die Erinnerung zu kommen.
    »Waren Sie nicht anfangs rechter Flügelmann der Abteilung?« fragte er. Karl
bejahte. »Aber nachher musste ich Sie ins zweite Glied stecken, weil Sie mir die
ganze Gesellschaft umschmissen. Denn Sie waren doch der Rekrut, der immer rechts
und links verwechselte - nicht wahr?« Karl antwortete durch ein verlegenes
Grinsen auf diese verfängliche Frage.
    Der Major erzählte nun den anderen Schützen allerhand Streiche von dem
Rekruten Büttner. Er tat sich auf sein ausgezeichnetes Gedächtnis etwas zugute.
Dann erkundigte er sich nach Karls jetziger Beschäftigung, ob er verheiratet
sei, Kinder habe und so weiter.
    Während des nächsten Treibens hatte Hauptmann Schroff, welcher Zeuge der
Unterhaltung gewesen war, dem Major die Geschichte der Büttnerschen Familie
berichtet. Andere Herren traten hinzu, der Fall wurde hin und her besprochen.
Über den ländlichen Wucher ward manch kräftiges Wörtlein gesagt. Karl Büttner,
als der älteste Sohn des ausgewucherten Bauern, wurde, ohne es zu wissen, zum
Märtyrer gestempelt; auf einmal stand er im Mittelpunkte des Mitleids und der
Sympatie.
    Der Major veranstaltete schliesslich eine Geldsammlung für seinen ehemaligen
Rekruten. Es gingen ebenso viele Goldstücke ein, wie Herren da waren. Der Major
drückte dem erstaunten Karl die Summe von hundertundvierzig Mark in die Hand mit
dem Wunsche, dass er sich damit ein wenig »aufrappeln« solle.
    Karl vergass das Danken, so überrascht war er.
    Die anderen Treiber steckten die Köpfe zusammen. Schon regte sich der Neid.
So viel Geld verdiente man auf rechtmässige Weise ja nicht in vielen Monaten.
    Hauptmann Schroff war ungehalten, dass man dem Manne das Geld so ohne
weiteres ausgehändigt hatte; doch konnte er nichts mehr daran ändern. Er
ermahnte Karl wenigstens, er möge keinen Unfug damit anstellen.
    Aber der hörte und sah nichts mehr, starrte nur immer die Goldstücke in
seiner Hand an. - War das ein Glück! Er vermochte es kaum zu fassen.
    Die Jagd ging weiter. Karl Büttner wurde jetzt auch von den Treibern ganz
besonders beachtet. Er hatte selbst keine Schnapsflasche mitgebracht; dafür
beeilten sich die anderen, ihm ihre »Neegen« anzubieten. Es war gut für Karl,
dass die Dämmerung herankam und damit das Ende der Jagd, denn er war so
berauscht, dass er sich kaum noch auf den Füssen zu erhalten vermochte.
    Es gehörte nicht viel dazu, um Karl betrunken zu machen. Heute hatte das
ungewöhnliche Glück, das ihm so unversehens in den Schoss gefallen war, dazu
beigetragen, ihn zu berauschen. In der seligsten Laune trat er mit den anderen
Treibern den Heimweg an.
    Als man an einem Gastof vorüber kam, hiess es: Büttnerkarl müsse etwas zum
besten geben. Karl zögerte. Eine Stimme warnte ihn, die Gaststube zu betreten.
Er sehnte sich eigentlich nach Haus, um seiner Frau das Geld auf den Tisch zu
legen. Was die für Augen machen würde!
    Terese hatte ihn zwar in der letzten Zeit schlechter denn je behandelt;
dumm und faul und einen Fresssack hatte sie ihn genannt, der nichts weiter könne
als fressen, saufen und sie belästigen. - Nun wollte er ihr's mal zeigen! Er
konnte doch noch was anderes! So viel Geld, wie er heute mitbrachte, hatte sie
wahrscheinlich noch niemals beisammen gesehen. Es drängte ihn, zu Teresen
zurückzukehren, an deren Überraschung er sich weiden wollte.
    Aber die anderen setzten ihm zu. Da waren verschiedene lustige Brüder
darunter, die er gut leiden mochte. Man warf ihm vor, er sei ein Geizkragen. Mit
einer ganzen Tasche voll Gold wolle er nicht mal ein paar Groschen für
Branntwein springen lassen, das sei einfach ruppig. Karl glaubte, diesen Vorwurf
nicht auf sich sitzen lassen zu dürfen; er trat in die Schenkstube, schlug auf
den Tisch und verlangte Korn für die ganze Gesellschaft.
    Als er nach einigen Stunden die Schenke verliess, war Karl zwölf Mark
losgeworden. Er war schwer betrunken, lallte und heulte wie ein Kind. Von zwei
Leuten musste er geführt werden, die ihn bis nach Wörmsbach vor sein Haus
brachten. Die beiden Führer klopften an die Haustür, bis Terese den Kopf zum
Fenster hinaussteckte und ärgerlich fragte: wer da sei. Die Männer setzten den
Besinnungslosen auf die Türschwelle und entfernten sich schnell. Sie verspürten
nicht die geringste Lust nach einem Zusammentreffen mit der bösen Sieben.
    Terese schleifte den Betrunkenen ins Zimmer. Sie war ausser sich. Nun fing
Karl noch an, zu saufen. Das hatte wirklich gefehlt zu allem Unglück!
    Sie entkleidete ihn, um ihn ins Bett zu schaffen. Als sie ihm die
Beinkleider herunterzog, hörte sie ein Klirren und Klappern. Sie untersuchte die
Taschen. dabei fiel ihr das Geld in die Hände. Sie suchte alles zusammen, legte
es auf den Tisch und zählte hundertundachtundzwanzig Mark.
    Zunächst war Terese erschrocken. Wie kam Karl zu dem Gelde? -
    Sie schrie ihn an, er solle ihr antworten. Er hatte nur ein unverständliches
Grunzen. Noch einmal zählte sie das Geld durch; es blieb dabei.
    Einstweilen musste sie sich damit beruhigen, bis er nüchtern sein würde.
    Ob er's gefunden hatte? - Dass er es verdient habe, war nicht anzunehmen.
Oder war es geschenkt? - geborgt? - oder ... Nein! Das war undenkbar! Anders als
ehrlich hatte sie ihn nie gekannt.
    Auf alle Fälle musste so viel Geld gut aufgehoben werden! Terese dachte
lange nach über einen sicheren Ort. Dann fiel ihr etwas ein: am Ofen war eine
Kachel locker geworden, man konnte sie herausnehmen und wieder hineinsetzen; das
hatte sie neulich entdeckt. Dort würde schwerlich jemand suchen. - Sie stieg auf
einen Stuhl, hob die Kachel aus, legte das Geld sorgfältig eingewickelt in das
Loch und setzte die Kachel wieder an ihre Stelle.
    Karl erwachte erst im Laufe des Vormittags von seinem schweren Rausche. Noch
länger als gewöhnlich brauchte er heute zum Überlegen. Wo war er gestern
gewesen? was war ihm zugestossen? wie war er nach Haus gekommen? - Er sann und
sann. Die letzte feststehende Tatsache, die aus dem Nebel auftauchte, war die
Jagd. Nach und nach kamen ihm einzelne Momente ins Gedächtnis zurück: das
Frühstück, als ein besonderer Lichtpunkt, der Major und damit das Geldgeschenk.
    Hatte er das alles etwa geträumt? - Aber er glaubte sich noch ganz genau der
einzelnen Geldstücke zu entsinnen; er hatte sie ja in seiner Hand gefühlt. Es
fiel ihm auch ein, dass er sie in seinen Tabaksbeutel getan und in die Tasche
gesteckt habe.
    Er griff nach seinen Hosen, sie lagen mit seinen übrigen Sachen am Bette.
Der Beutel war da, auch ein Rest von Tabak darin, aber das Geld fehlte!
    Terese war inzwischen in Haus und Stall tätig gewesen. Sie tat die Arbeit
für zweie. Erst hatte sie Karls Kleider gereinigt, die Kinder versorgt und
schliesslich das Vieh gefüttert.
    Sie besassen zwei Ziegen, ausserdem standen ein paar Kühe im Stalle.
Harrassowitz hatte sie eingestellt, damit sie für den Fleischer fett gemacht
werden sollten. Wahrscheinlich hatte Sam die Tiere zum Pfände für eine Schuld
angenommen; nun liess er sie hier mästen.
    Nachdem Terese noch eine Karre mit Krautblättern für das Vieh
hereingebracht, wollte sie daran gehen, das Mittagbrot anzusetzen. Als sie in
das grosse Zimmer trat, hörte sie nebenan in der Kammer schluchzen. Sie riss die
Tür auf; da sass Karl auf seinem Bette, halb angezogen, und heulte.
    Terese stemmte die Hände auf die Hüften und wollte eben anfangen,
loszuwettern. War der Mensch denn verrückt geworden? Da sass er und plärrte wie
ein kleiner Junge! -
    Auf einmal aber musste sie lachen. Er sah zu dumm aus mit seinem roten Kopfe,
dem offenen Hemde, aus dem die haarige Brust hervorsah, wie er so auf, der
Bettkante sass, der grosse Kerl, und mit schief verzogenem Munde die Tränen laufen
liess. Dazu barmte er: »Mei Geld! mei Geld! Se han mersch gestohlen!«
    Terese trat an ihn heran, stiess ihn nicht gerade sanft gegen die Schulter.
»Dummer Kerl! her uff, zu natschen!«
    Karl sah sie unverständig an. »Ich hatt' se dohie in Tabaksbeitel, ane ganze
Hansel Goldsuche. Nu sen se weg! Die schlachten Karlen han's genummen!« Er
wollte von neuem aufheulen.
    »Halt's Maul! Dei Geld is gurr uffgehoben.«
    »Soi mer ack, wu's is?«
    Terese antwortete nicht auf seine Frage. Nach einiger Zeit meinte sie: »Soi
du mer lieber, wie's du zu suvills Geld gekummen bist?«
    Karl erzählte ihr darauf mit vielen Wiederholungen und Unterbrechungen den
Verlauf des gestrigen Tages. Von dem Augenblicke an freilich, wo er zum zweiten
Male Schnaps für die ganze Gesellschaft bestellt hatte, konnte er sich auf
nichts mehr besinnen.
    Terese ärgerte sich, dass so viel von der Summe bereits draufgegangen war.
Nun war sie erst recht entschlossen, ihn nicht wissen zu lassen, wo das übrige
sich befinde; sonst würde das am Ende auch desselben Weges gehen.
    Sie war längst mit sich im reinen, was von dem Gelde angeschafft werden
solle: ein paar Ferkel zur Mast, für die Kinder neue Kleider; die liefen in
Lumpen herum, dass es eine Schande war. Dieser Geldsegen kam ihr wie gerufen ins
Haus.
    Als Karl in Erfahrung gebracht hatte, dass sie das Geld an sich genommen,
verlangte er Herausgabe. Sie fuhr ihn an, er sollte aufstehen und machen, dass er
zur Arbeit komme, alles andere werde sich später finden.
    Karl war zu schwach, um seinem Willen Geltung zu verschaffen. Hände und Knie
zitterten ihm. Er musste froh sein, dass Terese ihm etwas zu essen vorsetzte.
Nachdem er gegessen, sass er am Tische und brütete. Sein Geld wollte er wieder
haben! Ihm war es geschenkt, folglich war es sein, und sie hatte kein Recht
darauf! -
    Sie veranlasste ihn aufzustehen, drückte ihm eine Hacke in die Hand und gab
ihm einen Schubkarren mit; er solle Kartoffeln graben gehen auf dem Felde. Karl
gehorchte stumm.
    Er begann zu hacken, aber bald wurde ihm die Arbeit sauer. Der Rücken
schmerzte. Seine Gliedmassen waren schwer von der nächtlichen Schlemmerei. Ihm
war gar nicht wie arbeiten zumute heute. An dem Bummelleben der letzten Tage
hatte er Gefallen gefunden; er wollte heute nochmal blaumachen. Wozu nutzte das
schlechte Leben! Besass er denn nicht ausserdem jetzt einen ganzen Haufen Geld,
wenn Terese 's ihm auch nicht herausrücken wollte. Sein war's doch! Mochte die
sich ihre Kartoffeln selber ausmachen!
    Er warf die Hacke in den Karren, wandte dem Felde den Rücken und ging
querfeldein auf Saland zu. Dort war heute gewiss wieder was Extraes los.
    Als er an den herrschaftlichen Parke kam, traf er eine Anzahl Leute, die
gleich ihm das Hochzeitsfest der Komtesse zum Vorwande nahmen, nichts zu tun
und, auf Aussergewöhnliches erpicht, in der Nähe des Schlosses umherlungerten.
Auch einige von Karls Saufbrüdern von der vorigen Nacht waren darunter. Sie
begrüssten ihn mit Hallo, schlossen sich ihm an in der Annahme, dass er Geld bei
sich habe.
    Dann traten Männer mit Soldatenmützen und Denkmünzen auf. Einer von ihnen
fragte Karl Büttner, ob er sich nicht am Fackelzuge beteiligen werde. Karl hatte
davon noch nichts gehört. Man erklärte ihm, die Militärvereine der Umgegend
würden dem Brautpaare abends einen Fackelzug bringen. Karl, aufgefordert
mitzumachen, sagte nicht nein!
    Die Fackelträger stellten sich in einer entlegenen Ecke des Parkes auf. Der
Ehrenvorsitzende des Kriegerbundes, Hauptmann Schroff, ordnete den Zug. Karl
bekam eine Fackel in die Hand gedrückt. Es solle am Schloss vorübergezogen
werden, hiess es.
    Der ganze Bau war bis zum dritten Stockwerk hinauf taghell erleuchtet.
Mächtige Holzstösse brannten zu beiden Seiten. In Pfannen und Becken loderte
Pech. Die mächtige Fassade, der klobige Eckturm, die Fensterreihen und Erker
lagen in rote Glut getaucht. Das Ganze schien eine grosse Feuersbrunst und war
doch nur ein Freudenspiel. Nun brach der Fackelzug aus den Gebüschen und
Baumgruppen des Parkes hervor; wie eine feurige Schlange näherte sich's dem
Schloss.
    Von der breiten steinernen Freitreppe, die vom erhöhten Parterre des
Schlosses in den Park hinabführte, sah die Hochzeitsgesellschaft dem Schauspiele
zu: Herren mit Epauletten und Ordenssternen, Damen mit Spitzen, Brillanten,
weissen Pelzkragen und Mantillen. Greise Häupter, liebliche Mädchengesichter! Ein
Flor von hellen, duftigen Toiletten! Dazwischen der Ernst des Frackes und das
Blitzen der Uniformen. -
    Karl war es, als träumte er. Wie eine Erscheinung aus anderer Welt, ein
Wunder, nie gesehen, von ungeahntem, unbegreiflichem Glanz, stand dieses Bild
auf einmal vor den erstaunten Augen des Dorfkindes. Als wär ein Vorhang
weggerissen, und er dürfe einen Blick tun in den Himmel, war ihm zumute. Er
konnte nur starren und starren. Das Bild stand da, lebendig, in tagheller
Beleuchtung; ringsherum war Nacht.
    Der Zug machte Halt. Jemand sprach. Der Bräutigam verneigte sich und
schüttelte einigen Deputierten die Hände. Die Braut winkte mit ihrem weissen
Arme. Dann schrie eine Stimme: »Hoch!« Hunderte fielen ein und schwenkten die
Hüte. Karl schrie aus Leibeskräften mit. Ihn hatte es auf einmal wie
Begeisterung erfasst. Feierlich war ihm zumute; er musste gegen das Weinen
ankämpfen. Kommandoruf! Die Spitze setzte sich in Bewegung. Die einzelnen Rotten
marschierten im Gleichtritt vorüber, den Kopf stramm nach rechts gewandt wie bei
der Parade. Noch einmal sah Karl das Bild, jetzt zum Greifen nahe. Die einzelnen
Gesichter ganz deutlich, den blossen Arm einer Dame, die Bärte der Männer. Wie
sie dastanden, lächelten, sich unterhielten, kaum zu ihnen hinabblickten.
    Dann war der Traum vorüber, der Vorhang wieder gefallen. -
    Der Zug marschierte um das Schloss herum, über die steinerne Brücke, bog von
hinten in den Schlosshof ein. Die Fackeln wurden in den Wallgraben
zusammengeworfen.
    Auch in dem steingepflasterten Schlosshofe brannten Pechpfannen und
Holzstösse. Tische und Bänke waren hier in langen Reihen aufgestellt. Der Graf
liess die Fackelträger bewirten.
    Karl war bereits berauscht, nur vom Sehen. Nun hätten die grössten Wunder
geschehen können, es hätte ihn nicht sonderlich in Erstaunen gesetzt.
    Sie bekamen zu essen: Braten, dazu wurde Wein kredenzt. Karl dachte bei
sich, so ungefähr müsse es im Himmel zugehen. -
    Ein Mann mit einem Jägerhute auf dem Kopfe und einer breiten, farbigen
Schärpe um den Leib hielt eine Ansprache an die »Kameraden«. Andere Reden, Hochs
und Hurras folgten. Später erschien der Graf, gefolgt von Offizieren und Herren
mit Ordenssternen. Der Schlossherr sprach einige Worte des Dankes. Wiederum Hochs
und Hurras und noch mehr Wein.
    Karl hatte nur noch das Gefühl unaussprechlich seligen Wohlbehagens. So
etwas hatte er noch nie erlebt und würde er nie wieder erleben.
    Von da ab kam er nur noch augenblicksweise zum Bewusstsein. Auf einmal stand
er mit anderen Leuten zusammen im Parke vor der steinernen Freitreppe, die jetzt
leer war. Die hohen Fenster des ersten Stockes waren erleuchtet. Man hörte Musik
von drinnen. An den Fenstern vorüber huschten Schatten; sie tanzten.
    Nun sass er auf einmal in einem rauchigen Zimmer. Vor Tabaksqualm vermochte
er seinen Nachbarn kaum zu erkennen. Auf dem Holztische vor ihm stand ein
Schnapsglas, daneben ein Fläschchen. Rings um ihn her Gesichter, und vor jedem
eben solch ein Gläschen und Fläschchen. »Büttner bezahlt de Zeche, der hat's
grusse Gald,« hiess es. »Ich - ich - ha nischt ne mih, de Frau hat's!« Ein lautes
Gelächter erscholl.
    Karl stand auf, schlug auf den Tisch und wollte den Freunden erzählen, wie
ihn Terese um sein Geld gebracht hätte; da schwanden ihm die Sinne, er stürzte
hin.
    Als er erwachte, lag er im Strassengraben, über und über mit Tau bedeckt. Am
Himmel zeigten sich rötliche Streifen. War es Abend oder Morgen? Er befühlte
seine Glieder. Der Kopf schmerzte ihm.
    Einige Zeit darauf befand sich Karl Büttner auf dem Weg nach Haus. Die Mütze
fehlte ihm, er hinkte, über die Backe lief ihm eine blutunterlaufene Strieme. So
humpelte er weiter, die Zähne aufeinandergebissen, die Fäuste geballt. Sein Hirn
war noch umnebelt; kaum dass er begriff, wo er sei.
    Aber er hatte einen Gedanken, der sich seines gesamten Sinnens und Denkens
bemächtigt hatte, ein Ziel, auf das er mit der stieren Wut des Betrunkenen
losging: sein Geld!
    Er wollte das Geld zurückhaben. Seine Frau hatte es ihm weggenommen. Es
gehörte ihm. Heraus damit!
    So kam er mit blutunterlaufenen Augen heran. Er schwankte und turkelte, aber
er näherte sich seinem Ziele.
    Es war bereits heller Tag, als er vor das Haus kam. Die Tür war
verschlossen. Er donnerte mit schwerer Faust dagegen. Terese steckte den Kopf
zum Fenster hinaus. »Bist de's? - Schwein!« Damit warf sie den Flügel wieder zu.
Er lehnte da eine ganze Weile, rüttelte an der Tür, brüllte um Einlass.
    Endlich öffnete sie. Er stürzte ihr halb in die Arme. Sie fing seine schwere
Last auf, bewahrte ihn so vor sicherem Sturze. »Wo hast de gesteckt de ganze
Nacht? - De stinkst nach Schnapse!« Damit stiess sie ihn durch den Gang vor sich
her. Er strebte, die Tür zum grossen Zimmer zu gewinnen. »Nich hiernei giehst de!
Dass d'ch de Kinder sahen, besussen, wie's de bist!«
    Sie wollte ihn in die Kammer stossen, aber er stemmte sich zwischen die
Türpfosten. Es entstand ein Ringen zwischen den Ehegatten. Sie glaubte, seiner
leicht Herr werden zu können wie bereits manch liebes Mal in früherer Zeit; sich
zur Wehr zu setzen, hatte er noch nie gewagt.
    Aber sie fand einen ganz anderen in ihm heute. Er drang auf sie ein. Den
wuchtigen Hieben seiner schweren Fäuste vermochte sie nicht standzuhalten. Sie
versuchte loszukommen von ihm, er hielt sie wie in eiserner Umklammerung. Sie
schrie und wehrte sich, wie eine Verzweifelte. Aber es gab kein Entkommen. Er
hielt sie mit einer Hand und gebrauchte die andere wie einen Hammer. »Mei Geld!«
gröhlte er zwischen den einzelnen Schlägen: »Mei Geld! Gib mei Geld raus?«
    »'s Geld kriegst de ne!« sagte sie mit weissem Gesicht.
    Der Kampf ging weiter. Terese war keine schwächliche Frau; sie brachte ihn
mehrfach zum Wanken. Aber gegen seine ungeschlachten Kräfte konnte sie auf die
Dauer doch nichts ausrichten.
    Karl Büttner glich einem wilden Tiere in seiner Wut. Niemand hatte ihn je so
gesehen: das Gesicht gänzlich verzerrt, mit geiferndem Mund und funkelnden
Augen. Das war nicht mehr der vom Vater ererbte trotzige Bauerngrimm - zum Tiere
war der alte Traugott Büttner nie geworden, auch im Zorne nicht. - Das musste von
weiterher kommen. Zurückgedämmte Wildheit brach hier durch, niedere Triebe
stiegen aus einem dunklen, langverdeckten Abgrunde ursprünglicher Verwilderung
auf. -
    Terese hielt sich tapfer. Bleich wie Leinewand, stöhnte sie mit versagender
Stimme: »'s Geld kriegst de ne! Und wenn de mich tutschlägst!«
    Er raufte ihr das Haar, riss ihr die Kleider in Stücke. Dann fasste er sie
plötzlich mit beiden Armen um den Leib, hob sie aus und warf sie zu Boden wie
ein Bündel. Er stolperte dabei, fiel über sie hin, lag auf ihr und schrie ihr
ins Ohr: »Mei Geld! gibst de mei Geld raus?«
    Sie lag da mit geschlossenen Augen. Schon griff er nach ihrem Hals, um die
Ohnmächtige zu würgen, als er sah, dass Blut unter dem Haar hervordrang: ein
dünner, roter Faden, der über die Stirn, an der Nase hin, nach dem Munde
zueilte.
    Da hielt er inne; hiervor erschrak selbst die bestialische Wut. Er erhob
sich, betrachtete sie. Die Frau sah schrecklich aus mit ihrem zerfetzten Haar
und dem entblössten Busen.
    Er zog sich unwillkürlich vor dem zurück, was er angerichtet hatte. Ihm ward
schwül; die Beine versagten ihm plötzlich den Dienst. Er schlug auf das Bett
hin. In wenigen Minuten schnarchte er, die Glieder weit von sich streckend.
    Nach einer Weile fing Terese an, sich zu regen. Sie öffnete die Augen,
bewegte die Arme, richtete sich mühsam auf. Nach dem Kopfe tastend, entdeckte
sie das Blut. Sie wischte es ab, so gut sie konnte.
    Dann erhob sie sich ganz, befühlte ihre Gliedmassen. Sie konnte noch stehen
und gehen, wenn auch mit argen Schmerzen.
    Nebenan heulten die Kinder. Terese öffnete die Tür zur Hälfte und rief
ihnen zu: Sie sollten stille sein, gleich würde sie kommen.
    Dann fiel ihr Blick auf den schlafenden Karl. Der Kopf war ihm über die
Bettlehne gesunken. Sein Gesicht war bereits blaurot. Er röchelte.
    Sie betrachtete ihn einen Augenblick, dann griff sie unwillkürlich zu, um
ihn aus der gefährlichen Lage zu befreien. Sie hob seinen schweren Kopf und
schob ihm ein Kissen unter. Nicht gerade mit zarter Hand, aber doch in sorgender
Frauenweise tat sie das.
    Dann untersuchte sie ihren Leib und ihre Kleidung. Beschunden war sie und
zerfetzt, ein ganzes Büschel Haare hatte er ihr ausgerauft, aber totgeschlagen
hatte er sie doch nicht.
    Und das Geld hatte er auch nicht und sollte es auch nicht bekommen; nun erst
recht nicht!
    Ein Lächeln des Triumphes flog über das Gesicht des tapferen Weibes.
 
                                      VII.
Die Herbstarbeiten hatten für die Sachsengänger angefangen: Kartoffelhacken und
Rübenroden. Der Oktober war feucht gewesen. Der schwere Boden hatte sich
vollgesogen mit Nässe, die Ackerscholle war zäh und klebrig.
    Rübenroden ist schwere Arbeit. Sie hatten sich dazu in Gruppen geteilt. Ein
Mann ging an der Spitze, um die Erde mit dem Spaten zu lockern. Das ihm zunächst
folgende Mädchen zog mit jeder Hand eine Rübe und klopfte sie gegeneinander, bis
sie von Erde befreit waren. Die nachfolgenden Mädchen schlugen dann den Rüben
mit dem Hackmesser die Blätter ab.
    Diese Arbeit musste äusserst sauber geliefert werden. Der Inspektor kam häufig
und kontrollierte. Gustav hatte seine liebe Not mit den Mädchen, die oft genug
Erdreste an den Runkeln sitzen liessen und zu viel oder auch zu wenig von dem
grünen Kopfe der Rübe abschlugen.
    Im Hintergründe drohte die Fabrik, die nur allzu schnell mit der Klage über
mangelhafte Lieferung da war. Der Besitzer machte dann dem Inspektor Vorwürfe,
der nahm den Aufseher vor, der Aufseher schliesslich schalt die Arbeiter. Und so
kam das Ungewitter im Instanzenwege endlich bis zu den armen Runkelmädchen, über
deren Häuptern es sich grollend entlud.
    Abends kehrte man todmüde von der anstrengenden Arbeit in die Kasernen
zurück, durchnässt, mit beschmutzten Kleidern. An den Stiefeln und Röcken klebte
das Erdreich. Selbst die ordentlichsten Mädchen konnten jetzt nicht mehr
reinlich zur Arbeit antreten.
    Es hatte sich der geplagten Menschenkinder eine grosse Sehnsucht nach der
Heimat bemächtigt. Man setzte dem Aufseher zu, dass er um baldige Entlassung aus
dem Dienst einkommen solle.
    Im Kontrakte war ein Termin nicht genannt; es stand darin nur, dass die
Wanderarbeiter bis zur Beendigung der Rübenernte zu bleiben hätten.
    Die Ausbeute war in diesem Jahre reichlich gewesen: die Köpfe gross und
schwer; die Pflanzen hatten nur wenig durch Auswachsen und Faulwerden gelitten.
Das Gut musste laut Kontrakt ein bestimmtes Quantum Rüben an die Fabrik liefern.
Diese Bedingung, war erfüllt. Der Rest der Rübenernte sollte eingemietet werden.
Hierzu waren die Weiber nicht nötig; das Bewerfen der Rübenmieten mit Erde
besorgten besser starke Männerhände.
    Der Inspektor erklärte auf Gustavs Ansuchen, sie zu entlassen: Herr
Hallstädt gestatte den Mädchen heimzukehren, die Männer jedoch müssten bleiben,
bis die letzte Rübe eingemietet sei.
    Gleichzeitig wurde von seiten der Gutsverwaltung der Versuch gemacht, Gustav
mit seinen Leuten für den nächsten Sommer anzuwerben. Der Inspektor liess sich zu
leutseligem Wesen herab, als er mit diesem Ansinnen kam. Statt des hochfahrenden
Vorgesetztentones, den er bisher den Wanderarbeitern gegenüber gehabt, schlug er
auf einmal mildere Weisen an, suchte sich dem Aufseher gegenüber als Kamerad
aufzuspielen.
    Aber bei Gustav verfingen diese Künste nicht. Er hatte das zweideutige
Verhalten des Mannes, der sich jetzt als Arbeiterfreund gab, von der
Ausstandszeit her noch zu gut im Gedächtnis; auch wünschte er sich keinen
zweiten Sommer wie diesen. Er lehnte daher das Anerbieten rundweg ab.
    So reisten denn die Mädchen in ihre Heimat zurück. Gustav liess seine Frau
und den Jungen mit ihnen fahren. Pauline hatte sich in der letzten Zeit
todunglücklich gefühlt. Die Häuslichkeit fehlte ihrem Ordnung und Ruhe
bedürftigen Sinn. Sie sehnte sich nach der Mutter und ihrem kleinen Häuschen in
Halbenau zurück. Manche Träne hatte sie heimlich verschluckt, um Gustav nicht
durch ihr Leid noch trüber zu stimmen.
    Ernestine war leichten Herzens. Unter allen Mädchen hatte sie am meisten
zurückgelegt vom Verdienst. Was sie mit Häschke verabredet habe, erfuhr niemand;
aber es war anzunehmen, dass sie einig seien. Er hatte ihr seine Ersparnisse
übergeben als eine Art von Unterpfand, dass er sie nicht sitzen lassen werde. Man
munkelte, er wolle zunächst in seine Heimat zurückkehren, um sich dort nach
festem Erwerb umzusehen, dann würde er Ernestinen nachholen und Hochzeit mit ihr
machen.
    Das andere Liebespaar machte es ähnlich. Fumfack wollte nach beendeter
Rübenarbeit wieder zu seinem Schmiedegewerbe zurückkehren. Mit dem von ihm und
seiner Braut verdienten Gelde hatte er vor, sich selbständig zu machen. Dann
sollte geheiratet werden.
    Von der ganzen Gesellschaft blieb nur einer im Westen zurück, das war Welke,
der ehemalige Stallbursche. Der hatte eine Stelle als Kutscher bei einem
Fabrikanten der Nachbarschaft angenommen.
    Die vier Männer arbeiteten noch ihre Aufgabe ab. Endlich war die letzte
Schaufel Erde auf die grosse Rübenmiete geworfen. Nun konnten auch sie reisen.
    Gustav hatte zum Schluss noch eine hässliche Auseinandersetzung mit dem
Inspektor. Die Gratifikation, welche ihm im Frühjahr in Aussicht gestellt worden
war, sollte ihm jetzt vorentalten werden. Und in seinem Kontrakte stand doch,
er solle eine Extravergütung erhalten, falls man mit den Leistungen seiner Leute
zufrieden sein würde! - Nun war es ausser allem Zweifel, dass diese Gruppe mehr
und besser gearbeitet hatte als irgendeine andere. Aber jetzt, wo Gustav erklärt
hatte, dass er im nächsten Jahre nicht wiederkommen würde, gab man ihm zu
verstehen: man habe keinen Anlass, ihm die Gratifikation auszuzahlen.
    Gustav war empört über diese Ungerechtigkeit. Er verlangte, mit Herrn
Hallstädt persönlich zu sprechen. Aber auch jetzt noch wurde der Gutsherr wie
ein Gott hinter Wolken gehalten; Herr Hallstädt sei nach dem Süden verreist,
hiess es.
    Das war Wasser auf Häschkes Mühle. Längst hatte er gewarnt, Gustav solle
sich vorsehen. Aber der war natürlich wieder der Dumme gewesen in seinem
Vertrauen auf die Grossen. Nun hatten sie ihn doch übers Ohr gehauen. So waren
die Reichen ja alle! Wenn sie einem armen Luder das Fell über die Ohren ziehen
konnten, das war ihnen ein wahrer Hochgenuss!
    Gustav hatte früher auf Häschkes Brandreden nichts gegeben. Wenn er ihn
dergleichen in Gegenwart der anderen äussern hörte, hatte er ihm wohl das Maul
verboten. Jetzt sagte er nichts. Der Gedanke kam ihm, dass Häschkekarl vielleicht
nicht so unrecht habe.
                                     * * *
    Häschke hatte schon immer auf Gustav eingeredet, er müsse ihn auf der
Heimatreise begleiten. Vielleicht gefalle es ihm dort, und sie fänden ein
gemeinsames Unterkommen für die Zukunft. Häschke hatte sich, seit Gustav um sein
Verhältnis zu Ernestine wusste, unwillkürlich vertraulicher zu ihm gestellt; er
nannte Gustav neuerdings »Schwager«, und der hatte sich nicht dagegen gesträubt.
    Gustav ging schliesslich auf Häschkes Plan ein. Warum sollte er den Umweg
nicht machen? Er bekam auf diese Weise ein Stück Welt zu sehen, vielleicht fand
er sein Glück dabei. Die Zukunft war ja immer noch ungewiss für ihn.
    Er schickte sein Geld und die überflüssigen Kleidungsstücke an Pauline nach
Halbenau, behielt sich nur so viel, dass er ungefähr vierzehn Tage lang damit
auskommen konnte. Dann verschaften sich die beiden ihre Arbeitszeugnisse und
liessen sich ihre sonstigen Papiere von der Behörde abstempeln. Denn die
Hauptsache beim Reisen sei, dass man die »Flebben« in Ordnung habe, erklärte der
in solchen Dingen erfahrene Häschke.
    So machten sie sich eines Tages im Anfang November auf die Reise, den
»Berliner« auf dem Rücken und den »Stenz« in der Hand, als echte und rechte
Wanderburschen. Ein paar Tage marschierten sie auf der grossen Landstrasse. Des
Nachts schliefen sie in der »Katschemne«, die Häschke, der diese Fahrt schon
einmal »abgetippelt« hatte, genau kannte. Da sie »Asche« hatten, gab der
»Penne-Boos« auch gerne eine »Hulke«, dass sie nicht »Bankarbeit machen« mussten,
wie die Kunden das Schlafen auf der Diele bezeichnen. Die Herbergen zur Heimat
vermied Häschke, denn dort war es langweilig, da wurde des Morgens und Abends
gebetet, und »Soruff« bekam man nicht einmal, wenn man ihn bezahlte. Da zog er
sich die Katschemnen oder wilden Pennen vor, dort gab es immer was zu sehen und
zu hören und Schnaps so viel man wollte.
    Dann trat schlechtes Wetter ein. Häschke schlug daher vor, »mit dem Feurigen
zu walzen«, um seine Kleider zu schonen. Sie wandten sich der nächsten
Eisenbahnstation zu und lösten sich Billetts dritter Klasse auf Häschkes Rat. In
der vierten reiste jetzt wieder allerhand Gesindel, Polacken und Russen, nach
der Heimat zurück, und da konnte man am Ende gar »Barach« auflesen.
    Häschkekarl war in prächtiger Laune. Die Erinnerung an die alte
Stromerherrlichkeit war neu in ihm erwacht. »Fremd machen«, wie er das Feiern
von der Arbeit nannte, und so dritter Güte durch die Welt kutschieren, das war
etwas für seinen leichten Sinn. Und dazu noch das Bewusstsein, einen ganzen
Sommer durch bei einer Arbeit und bei einem Mädel ausgehalten zu haben, das hob
sein Selbstbewusstsein mächtig. Sie waren ein Paar rechte Kerle, er und Gustav.
Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn sie zusammen sich nicht durch die Welt
finden sollten!
    Das nächste Ziel ihrer Reise war eine grosse Handels- und Industriestadt im
Königreich Sachsen. Mit einer gewissen Wichtigtuerei deutete Häschke seinem
Wandergenossen an, dass er dort Freunde habe. Gustav irrte nicht in der Annahme,
dass er damit Parteigenossen meine.
    Häschkes politische Gesinnung war Gustav schon lange verdächtig gewesen.
Einmal hatte er ihn direkt zur Rede gestellt: er sei doch nicht etwa ein
»Roter«? Häschkekarl hatte darauf vielsagend gelächelt und vor sich
hingepfiffen. Die Roten seien gar nicht so schlecht, war seine endliche
Erklärung, die wollten nur das Beste der Menschen. Und gelegentlich hatte er
versucht, dem Freunde ein kleines gelbes Büchlein in die Hand zu drücken; da
werde er alles drinnen finden, was man wissen müsse, meinte er, das sei besser
als der Katechismus.
    Aber Gustav hatte diesen Versuch, seine Gesinnung zu verderben, mit
Entrüstung zurückgewiesen. Von der Kanzel herab und von den Vorgesetzten war ihm
eingeprägt worden, dass es nichts Gefährlicheres gebe auf der Welt und nichts
Verabscheuungswürdigeres als jene Partei, die alle göttliche und menschliche
Ordnung umstürzen wolle. Vom Elternhause her brachte er zudem einen Abscheu mit
gegen alles, was Politik hiess. Der alte Büttnerbauer hielt keine Zeitung und war
nie in seinem Leben zur Wahlurne gegangen. Gustav war darin echter Bauer
geblieben, dass er alles Parteiwesen verachtete und verabscheute.
    Seit er im vorigen Frühjahr die Heimat verlassen, hatte sich seine
Anschauung auch hierin verändert.
    Im Westen hatte er eine gänzlich neue Wirtschaftsweise kennen gelernt,
leichtere, bequemere Lebensführung, ganz andere Arbeitsbedingungen als daheim in
dem abgelegenen Dörfchen. Das Verhältnis des Gesindes zur Herrschaft, des
Arbeiters zum Arbeitgeber, war hier ein viel loseres. Die Arbeitskraft schien
eine Ware. Das Geld bildete die einzige Beziehung zwischen Herr und Knecht. Die
Maschine besorgte vieles, wozu man daheim viele Hände brauchte. Der
Grundbesitzer stand kaum noch in einem persönlichen Verhältnis zu seinem Boden;
Landmann konnte man ihn nicht mehr nennen. Er war mehr mit einem Kaufmann oder
Unternehmer zu vergleichen; vom wirklichen Ackerbau verstand er vielleicht gar
nichts. Die Bodenarbeit überliess er den fremden Arbeitern, die von Beamten
bewacht wurden. Der Grundbesitzer schien hier kaum noch eine Person; hinter ihm
standen andere Mächte: die Fabrik, die Aktie, das Kapital, die zwischen den
Besitzer und sein Stück Erde traten.
    Und in eine ganz andere Welt wiederum hatte Gustav Einblick gewonnen während
der Tage, die er mit Häschke auf der Walze gewesen. Da hatte er den fünften
Stand kennen gelernt, das unheimliche Heer der Obdachlosen, der Ausgestossenen,
der Verkommenen, die hinter der bürgerlichen Gesellschaft als ein neuer Stand
heranrücken. In eine eigenartige Welt hatte er da geblickt. Diese
Menschenklasse, auf die der Bauernsohn als auf Landstreicher und Verbrecher
herabgeblickt hatte, waren eine Zunft für sich, besassen ihre eigene Sprache,
ihre Gebräuche, ihre Standesehre sogar.
    Und wo stammten die meisten von ihnen her? Von bäuerlichen Vorfahren. Das
Land war ihre Wiege gewesen. Die Männer, die im Anfange des Jahrhunderts dem
deutschen Bauern die Freiheit schenkten, hatten wohl nicht gedacht, dass die
Enkel des sesshaftesten Standes nach wenigen Generationen die Landstrasse
bevölkern würden. Die Gabe der Freizügigkeit waren für viele das gewesen, was
ein starker Luftzug für einen schwächlichen Körper ist. Freiheit hatten diese
Unglücklichen nur allzuviel; sie waren vogelfrei. Losgerissenen Blättern glichen
sie, die verloren umhergewirbelt werden. Trümmerstücke der modernen
Gesellschaft! Treibendes Holz auf den Wogen des Wirtschaftslebens! Entwurzelt,
ausgerodet aus dem Heimatsboden und nun unfähig, irgendwo neue Wurzeln zu
treiben.
    Nicht alle waren verdorbene Landleute. Jeder Stand hatte seinen Tribut an
die Landstrasse gezahlt. Brotlose Fabrikarbeiter, heruntergekommene Kaufleute,
stellenlose Beamte, entlassene Sträflinge, Bettler von Profession,
Arbeitsscheue, Invaliden, fahrende Künstler. - Die wenigsten waren zünftige
Handwerksburschen, wie sie in früherer Zeit durch das Land reisten von Meister
zu Meister, um ein Stück Welt zu sehen und ihre Fertigkeit zu vermehren. Nicht
die Arbeitslust, die Not hatte diese hier auf die Strasse getrieben.
    Allen war das eine gemeinsam: die Heimatlosigkeit. Von der Scholle waren sie
getrennt, deren mütterlich nährende Kraft nichts ersetzen kann. Das waren die
wirklich Enterbten, denn sie hatten nicht, worauf jeder von Geburts wegen
Anspruch hat, ein Stück Erde, darauf er seine Füsse ausruhen, auf dem er leben
und sterben darf. -
    In den Pennen hatte Gustav Reden mit angehört und Dinge gesehen, die ihm die
Haut erschaudern machten, obgleich er vom Dorfe und der Kaserne her doch nicht
gerade verwöhnt war.
    Unter diesen hier galt kein Gesetz als das der Gaunerei, keine Ehre ausser
der Vagabundenpfiffigkeit, Genuss und Vorteil waren die einzigen Autoritäten, die
anerkannt wurden, Rechtlichkeit und Frömmigkeit wurden verlacht. Wie konnte der
auch rechtlich sein, der nichts zu gewinnen und nichts zu verlieren hatte, wie
konnte fromm und gut sein, der, dem Tiere gleich, ohne Gerechtigkeit, ohne
Achtung, ohne Liebe war. Die Begriffe von Gut und Böse, von Eigentum, Recht und
Ordnung mussten sich verschieben und in ihr Gegenteil verkehren für Existenzen,
die in der Luft schwebten, die den Zusammenhang mit ihresgleichen, den Boden
unter den Füssen, den Untergrund aller Gesellschaft verloren hatten.
    In Gustavs Gemüt hatten die Erlebnisse der letzten Zeit einen unklaren
Bodensatz zurückgelassen. Es ging doch ganz anders zu in der Welt, als er sich's
früher vorgestellt hatte, ganz anders, als es ihm seine Lehrer und Instruktoren
gesagt. Viel Ungerechtigkeit gab es, von der man sich nichts hatte träumen
lassen. Die Güter waren sehr ungleich verteilt unter den Menschen.
    Wenn sie auf ihrer Wanderung an prächtigen Rittergütern, stattlichen
Kirchen, prunkhaften Fabrikantenvillen vorüberkamen, da hatte Häschke wohl mit
der Faust hinübergedroht nach jenen stolzen Gebäuden, einen Fluch hervorgestossen
und ausgespuckt.
    Gustav hatte ihm darin nicht nachgeahmt. So schnell wollte er nicht den
Glauben an jene Autoritäten aufgeben, die sein ganzes bisheriges Leben
beherrscht hatten. Aber der Kinderglaube an die weise Einteilung und gerechte
Ordnung aller Dinge hatte einen Stoss erlitten. In sein Blut war ein Stoff
getragen worden, der, wenn einmal aufgenommen, nicht mehr zu tilgen ist.
    Die neuen Ideen hatten noch keine feste Gestalt angenommen bei ihm; er
fürchtete sich vor dieser Weltanschauung. Aber er konnte es nicht verhindern,
dass sich ihm die Dinge in die Augen drängten, und dass er sich selbst neuerdings
auf Gedanken ertappte, die ihm noch vor kurzem verbrecherisch erschienen wären.
                                     * * *
    Gustav und Häschke fuhren in die Stadt ein. Schon lange hatte man an den
vereinzelten Häusern mitten im Felde, den Bauplätzen und halbfertigen
Strassenreihen, den Feuermauern, Essen und Etablissements aller Art die Stadt
gemerkt. Aus dem Kohlendunst, der, einer düsteren Wolke gleich, am Horizonte
stand, konnte man schliessen, dass es ein industrielles Zentrum sei. Sobald man in
den mächtigen Bahnhof mit seiner glasbedachten Halle eingefahren war, übernahm
Häschke die Führung; er war auf diesem Pflaster wohlbekannt.
    Das erste, was er tat, war, sich an einer Strassenecke eine Zeitung mit
Wohnungsanzeiger zu kaufen; darin hatte er bald gefunden, was er suchte:
»Schlafstellen für Handwerksburschen und Zugereiste noch zu haben bei Müller auf
der Feldstrasse«.
    Häschke kannte die Feldstrasse nicht. Aber es war erstaunlich, wie er sich
durch die grosse Stadt zum Ziele fand. Ein-, zweimal wurde gefragt - nicht der
Polizist, »denn der wird dir bloss grob, wenn du keinen guten Rock anhast!« -
erläuterte Häschkekarl.
    Bei Müller auf der Feldstrasse mussten sie vier Treppen steigen. Der Mann war
in der Fabrik, die Frau zeigte die Schlafstellen.
    In einer Dachkammer, deren Decke schräg abfiel, standen fünf Betten so eng
nebeneinander, dass die hinteren Schlafburschen über die Betten der vorderen
steigen mussten. Zwei Betten waren besetzt, »an junge Leute, die auch Arbeit
suchen«, wie die Frau mit einem Blicke auf die Berliner der beiden sagte; sie
hatte die Fremden mit Kennerblick sofort richtig eingeschätzt.
    Man musste, um zu der Dachkammer zu gelangen, durch das Familienzimmer der
Vermieter gehen. Zwei nicht gerade saubere Kinder krochen auf der Diele umher,
ein anderes lag im Schlafkorb. Die Frau sah leidend aus und abgehärmt.
    Häschke fragte nach dem Preis des Bettes. »Zwei Mark die Woche!« lautete die
zaghafte Antwort. Häschke meinte, das sei viel, handelte aber nicht. Den
gutmütigen Gesellen dauerte die Frau. Man wurde handelseinig.
    Die Wanderburschen legten die »Berliner« ab und suchten sich sein zu machen;
man war ja in der Stadt! Die Wirtin gab dazu ihr eigenes Waschbecken her; auch
ein Stück Seife und ein Handtuch fand sich herzu. Man war schnell in gutes
Einvernehmen mit der Frau gekommen. Häschke hatte das Wohlgefallen der Mutter
durch kleine Spässchen mit den Kindern zu erobern verstanden.
    Die beiden verspürten Hunger. Häschke entsann sich einer Kneipe, in der er
früher, als er hier als Schlosserlehrling gearbeitet, oft verkehrt hatte. Dort
würde man auch allerhand erfahren, was in der Welt vorgehe.
    Man befand sich im Fabrik- und Arbeiterviertel der Stadt. Auch jene Kneipe
entsprach der Umgebung: nüchtern, einfach, für die Verhältnisse des kleinen
Mannes berechnet. Häschke rekognoszierte, ehe man eintrat, das Schild. Es war
noch der alte Name; also würde wohl auch der alte Geist hier walten.
    Man betrat das Lokal. Häschke gab sich als ein alter Kunde der Wirtschaft zu
erkennen. Der Wirt schmunzelte verständnisvoll und erklärte, sich seiner noch
ganz gut zu entsinnen.
    Während der bestellte Imbiss für die beiden zubereitet wurde, setzte sich der
Wirt zu ihnen an den Tisch. Er schien ein geistig reger, gut unterrichteter Mann
zu sein. Häschke erfuhr von ihm im Laufe einer Viertelstunde alles, was er
wissen wollte.
    Die Lage des Arbeitsmarktes war zurzeit eine gedrückte. Für Zugereiste gab
es so gut wie gar keine Anstellungsaussichten. Besonders in der
Maschinenbranche, nach der sich Häschke erkundigt hatte, gingen die Geschäfte
ganz flau. Die Fabriken arbeiteten nur, um nicht schliessen zu müssen. Die grossen
Unternehmer wollten die Krisis benutzen, sich einer Anzahl Arbeiter zu
entledigen und dann die Löhne der übrigen zu drücken. Dazu gab es eine Menge
Arbeitsloser, die sich von Tag zu Tag durch Zuzug aus den Kohlenrevieren
vermehrten, wo seit einem Monat Streik herrschte. Grosse Demonstrationen der
Arbeitslosen hatten bereits stattgefunden, fast jeden Abend gab es
Volksversammlungen; die Polizei hatte zu tun.
    Kurz, es ging allerhand Interessantes vor! Der Wirt schmunzelte wiederholt
bei seinem Berichte. Ihn erregten diese Dinge durchaus nicht; er fuhr unter
allen Umständen gut. Je mehr Unzufriedene, desto stärker der Besuch seines
Lokales. -
    Alles war hier darauf berechnet, dem Proletarier zu schmeicheln; kein
Bourgeoisblatt war zu erblicken, nur Zeitungen einer bestimmten politischen
Richtung. Hier bekam Gustav zum ersten Male in seinem Leben Blätter in die Hand,
welche er nur aus Verwarnungen der Vorgesetzten dem Namen nach kannte, die er
nie anders als mit Abscheu und Entrüstung hatte nennen hören. In einem Kasten
unter Glas lagen Parteischriften.
    Der Wirt war vertraulicher geworden, sobald er gemerkt, dass er in Häschke
einen sicheren Genossen vor sich habe. Gustav hörte mit Staunen der Unterhaltung
zu. Noch niemals hatte er so freie Reden gehört. Die urteilten über Personen,
Behörden, Einrichtungen, die er für unantastbar gehalten hatte, mit einer
Geringschätzung, dass ihm eine Gänsehaut nach der anderen über den Rücken lief.
Er verstand nicht alles, was sie sagten, denn sie brauchten Ausdrücke und
Wendungen, die ihm nicht geläufig waren. Noch war ihm alles das neu und
unheimlich, und doch zog es ihn an.
    Abends ging es in eine Volksversammlung. Gustav hatte noch nie einen so
mächtigen Saal gesehen. Der war höchstens zu vergleichen mit der verdeckten
Reitbahn in der Kaserne. Der Raum wurde erleuchtet durch einzelne runde Lampen,
die, in der Höhe schwebend, das Ganze mit mildem weisslichen Licht übergossen, so
hell, dass man jedes einzelne Gesicht bis in die entfernteste Ecke des
riesenhaften Raumes erkennen konnte. Tausende waren da versammelt. Man sass an
Tischen, hatte sein Glas Bier vor sich stehen. Viele, die keinen Platz zum
Sitzen gefunden hatten, stauten sich unter den Galerien, die ebenfalls bis zur
dritten Empore mit Menschen gefüllt waren.
    Und am unteren Ende des Saales, auf einem erhöhten Platze, wie auf einer
freien Bühne, sassen einige Männer, die Einberufer der Versammlung, neben ihnen
ein Polizist; die einzige Uniform in der grossen, schwarzen Menge.
    Gustav verstand nichts von den Vorgängen. Häschke erklärte ihm, dass sie »ein
Komitee bildeten«. - Es schienen alles Männer aus dem Volke zu sein, ihrer
Sprache und Kleidung nach zu urteilen. Auch der Mann, der jetzt sich zum Worte
meldete, war ein Arbeiter, ein »Entlassener und Arbeitsloser«, wie er selbst
sagte. Er sprach wohl eine Stunde lang. Die Tausende lauschten seinen Worten mit
atemloser Spannung; man konnte nicht andächtiger einer Predigt zuhören. Gustav
ward es zumute, als befände er sich in der Kirche.
    Da brach die Menge auf einmal in ein Gelächter aus über eine Bemerkung des
Redners; darauf Beifallsrufe aus Hunderten von Kehlen. Von da ab wurde der
Vortrag häufig unterbrochen durch Zustimmung. Hin und wieder hörte man auch ein
Zischen, aber das wurde sogleich durch verstärktes Bravorufen, Trampeln und
Händeklatschen übertäubt. Als der Redner endlich geschlossen hatte, brach ein
solcher Lärm los, dass Gustav Schlimmes zu fürchten begann.
    Das Tosen legte sich im Nu, als der Vorsitzende sich erhob zu ein paar
Worten. »Jetzt hat er die Diskussion eröffnet,« erklärte Häschke dem Neuling.
    Verschiedene aus der Versammlung traten auf das Podium. Wieder waren es nur
ganz einfache Leute. Mancher unter ihnen sah ärmlich aus und herabgekommen. Die
meisten erklärten sich als »arbeitslos«.
    Und wie sprachen diese Männer! - Gustav konnte es gar nicht begreifen.
Bettler und Stromer schienen es zu sein, wie er manchen von seines Vaters Tür
gewiesen hatte. Und nun musste er mit Beschämung erkennen, wie ihm diese
einfachen Männer überlegen waren. Wie wussten sie die Worte zu setzen, ihren
Gedanken Ausdruck zu verleihen!
    Sie schilderten ihr Elend, berichteten von den Erfahrungen, die sie in der
Fabrik, im Bergwerk, auf der Strasse gesammelt hatten. Von der Unbarmherzigkeit
der Reichen sprachen sie und der Härte der Arbeitgeber. Dann schilderten sie den
Jammer in ihren Familien. Und von diesem düsteren Hintergrund hob sich um so
leuchtender ab das Bild der Zukunft: ihre Forderungen, die kühnen Hoffnungen und
Erwartungen dessen, was da kommen sollte, der Ausgleich, die Vergeltung, das
Glück, das irdische Paradies, welches ihnen prophezeit worden war von ihren
Lehrern, dessen Glanz sich in ihren glühenden Augen spiegelte.
    Die Worte dieser Männer griffen Gustav ans Herz. Er fühlte die Not, die sie
schilderten, als sei es seine eigene. Er war ganz auf ihrer Seite. Eine Ahnung
ging ihm auf von dem, was sie beseelte.
    Es war die gemeinsame Sache. Ein Geist, eine Hoffnung, eine Idee sprach aus
ihren Blicken, beherrschte ihre Mienen, Bewegungen und Zungen. Eine Idee
erfüllte sie, stärkte ihren Mut, entflammte ihre Begeisterung, ihr Hoffen, erhob
sie über sich selbst, liess jeden einzelnen mehr erscheinen, als er war.
    Es lag etwas Ansteckendes in dem gleichen Fühlen so vieler; als habe sich
der Luft etwas mitgeteilt von dem Empfinden eines jeden Kopfes, das vereinigt
wieder zurückwirkte auf den einzelnen. Auch Gustav verspürte diese
geheimnisvolle Wirkung des Massengeistes auf sich. Es lebte Grosses und
Erhebendes in dem Bewusstsein, sich eins zu wissen in Hoffen und Wollen mit
Tausenden.
    Auch ihn erfasste die Sehnsucht nach dem, was jene erstrebten, das sich mit
Worten kaum ausdrücken liess, und das doch unausgesprochen aus jedem Auge hier
leuchtete. Sie tappten unsicher umher, ihre Worte widersprachen sich; sie
widersprachen auch einander gegenseitig in ihren Reden, stammelnd suchten sie
nach Ausdrücken, um das zu sagen, was in ihrem Herzen lebte, unklar und
verworren, was in jedem dieser Köpfe eine andere Gestalt angenommen. Und doch
war etwas Gemeinsames da, das in der Tiefe der Gemüter schlummerte: die
Sehnsucht nach dem Glück.
    Elend waren sie und verkommen. Die Gegenwart war für sie eine dunkle Höhle,
weit abgelegen von aller Schönheit der Oberwelt. Ihre Augen waren starr auf
jenes kleine ferne Loch in der Höhe gerichtet, durch welches Licht und
Sonnenwärme zu ihnen drang; dort hinauf wollten sie. -
    Gustav übersah die Versammlung. So viel ernste Männerköpfe! Die meisten
bleich, sorgenvoll, schmerzgeprüft. Konnte man sich vorstellen, dass diesen nicht
ihr Recht werden sollte? -
    Eines war ihm an diesem Abende klar geworden: schlecht waren diese Menschen
nicht. Nicht Bosheit und Niedertracht beherrschte sie; sie trieb ein Streben,
das auch ihn beseelte wie jeden anderen Sterblichen: das Verlangen nach
Besserung.
    Inzwischen hatte ein neuer Redner das Wort erhalten. Es war ein kleiner,
kränklich aussehender Mann. Er sprach mit heiserer Stimme, die dort, wo Gustav
sass, kaum zu vernehmen war. Er schien erregt und leidenschaftlich; mit ein und
derselben immer wiederholten hämmernden Handbewegung stiess er seine abgerissene
rauhe Rede hervor. Etwas von »Kapitalismus« und »Bourgeoisregierung« drang an
Gustavs Ohr.
    An den hinteren Tischen wurde man unruhig. »Lauter!« rief jemand dem Redner
zu. Der Mann erhob die Stimme und sagte nunmehr deutlich vernehmbar: »Wie kann
man von Behörden oder Regierung Abstellung unseres Notstandes erwarten, wenn die
aufs engste verbunden sind mit der blutsaugerischen Unternehmerclique, ja, wenn
die nur die Handlanger sind des Kapitalismus ...«
    Während er diese Worte in die Versammlung rief, hatte sich der
Polizeioffizier erhoben. Er setzte den Helm auf und erklärte die Versammlung für
aufgelöst.
    Die meisten Anwesenden waren gleichzeitig von ihren Plätzen aufgesprungen.
Das Rufen von tausend entrüsteten Männern ertönte wie ein einziger Schrei des
Zornes. Ein Sturm, ein Tosen erhob sich, in dem die einzelne Stimme verschlungen
wurde wie die kleinen Wellen von der zur Flutwelle aufgepeitschen Brandung.
    Gustav erbebte. Was würde jetzt werden! In den Gesichtern umher las er
Ingrimm und trotzige Entschlossenheit. Was konnte der entfesselten Wut dieser
Tausende widerstehen?
    Der Polizeioffizier stand unbeweglich vorn auf dem, Podium, er musterte das
tobende Meer zu seinen Füssen scheinbar unerschrocken. Der Vorsitzende
verschafte sich durch Winke und Zeichen so viel Ruhe, dass seine Aufforderung,
ruhig auseinanderzugehen, gehört ward.
    Zwar wurden Fäuste geschüttelt, manch hasserfüllter Blick traf den Vertreter
des Gesetzes da oben, manch halbunterdrücktes giftiges Wort erklang; aber dabei
blieb es. Allmählich, in grösserer Ruhe und Ordnung, als man es bei einer solchen
Menschenfülle für möglich gehalten hatte, setzte sich die Menge in Bewegung und
räumte den Saal.
    Draussen auf der Strasse freilich war erst zu erkennen, wie gut die
Versammlung all die Zeit über bewacht gewesen war. Im Lichte der Gaslaternen
blitzten Pickelhauben. Einzelne Berittene sprengten auf und ab und hielten den
abströmenden Zug in steter Bewegung.
    Gustav hatte das Bewusstsein, etwas Grosses erlebt zu haben. Eine Ahnung war
ihm aufgegangen, dass es Kämpfe gab in der Welt, von denen er daheim, wenn er
hinter den Pferden einhergeschritten war, sich nichts hatte träumen lassen. Ein
Vorhang war weggerissen worden vor seinen Augen, der ihm eine ganze Welt
verborgen gehalten hatte.
    Die nächsten Tage brachten neue Erlebnisse.
    Er ging mit Häschke in die Arbeitsnachweisbureaus und in die Fabriken. Da
sah er in langen Reihen die Arbeitsuchenden stehen: Männer, die ihre
Fertigkeiten, ihre Kräfte anboten wie eine Ware. Er hörte die geschäftsmässigen
kalten Fragen der Bureauchefs, er sah die verzweifelten Mienen der Abgewiesenen,
vernahm unterdrückte Seufzer und wilde Flüche.
    Dann wohnte er noch anderen Volksversammlungen bei. Er hörte die Rede eines
berühmten Reichstagsabgeordneten der Arbeiterpartei. Durch Häschke lernte er
einzelne Genossen kennen. Er bekam einen Begriff von dem Dasein einer
weitverzweigten mächtigen Verbindung, einer Macht, die weit hineinreichte in
alle Verhältnisse.
    Und je mehr er sah, je mehr zog ihn an, was er kennen lernte. Es war, als
sei er an den Rand eines Strudels geraten. Er fühlte, dass er da hinabgerissen
werden sollte, widerstrebte und wurde doch in den verfänglichen Kreis
hineingetrieben.
    Als Soldat hatte er mehr als vier Jahre in der Stadt zugebracht; aber wo
hatte er seine Augen damals gehabt! Jetzt erst, schien es ihm, wisse er, wozu er
überhaupt lebe. Bis dahin hatte er hingedämmert ohne Sinn und Verstand. Er sah
auf einmal die Welt mit ganz anderen Augen an. Hier allein in der grossen Stadt
war das Leben des Lebens wert, wo jeder Augenblick neue Erlebnisse, neue
Erfahrungen brachte.
    Aber dieses schöne Leben fand sein Ende. Eines Tages beim Überzählen seiner
Barschaft entdeckte Gustav, dass er kaum noch so viel habe, um nach Hause reisen
zu können. Die letzten Tage hatten viel gekostet. Da war mancher Groschen für
die arbeitslosen Genossen draufgegangen.
    Häschke hatte auch nichts mehr, aber er nahm Vorschuss und konnte so Gustav
aushelfen.
    Eines Tages trennten sie sich. »Mach's gut, Schwager!« sagte Häschkekarl zum
Abschiede. »Und wenn dir's in Halbenau nich gefallen will, dann denk' an
Häschken. Ich wer' dir 'n Platz hier warmhalten.«
 
                                     VIII.
Auch nachdem er seinen schweren Rausch ausgeschlafen, verlangte Karl Büttner mit
hartnäckigem Eigensinn von Terese, sie solle ihm sein Geld herausgeben. Die
Behandlung, die ihr von seiner Seite widerfahren, hatte die standhafte Frau so
wenig entmutigt, dass sie sich nach wie vor weigerte, ihm zu sagen, wo sie das
Geld versteckt halte.
    Unter der Hand erkundigte sich Terese nach ein paar Ziegen. Neuerdings
hatte sie beschlossen, Ziegen von dem Gelde zu kaufen. Jetzt noch Schweine
aufzustellen, war zu spät im Jahre, damit wollte sie bis zum nächsten Frühjahr
warten.
    Karl war wie umgewandelt. Ein neuer Zug schien in sein Wesen gekommen zu
sein, der ihm früher gänzlich fremd gewesen: Tücke. Man wollte ihm sein Geld
vorentalten - gut! Seine Antwort darauf war, dass er sich auf die faule Haut
legte.
    Ein Freund von angestrengtem Arbeiten war er niemals gewesen, aber jetzt
stellte er sich an wie ein stätischer Gaul. Bis in den Vormittag hinein wälzte
er sich im Bette, dann verlangte er zu essen. Wenn das Gewünschte nicht gleich
kam oder nicht nach seinem Sinne war, fluchte und schimpfte er. Terese war nur
noch seine Magd.
    Früher, wo Karl die Gutmütigkeit in Person gewesen, hatte Terese ihn oft
geplagt mit ihrer Streitsucht; immer hatte sie den Ruhseligen unter ihren
energischen Willen zu ducken verstanden. Jetzt wendete sich das Blättchen. Jetzt
wollte er ihr zeigen, dass es auch umgekehrt gehe; er hatte Wohlgefallen am
Schlechtsein gefunden.
    In Karl hatte all die Zeit über etwas geschlummert, etwas wie die versteckte
Wildheit des Stieres, die nur ausbricht, wenn die Gelegenheit sie hervorlockt.
In diesem Bauernsohne lag eine Summe von tierischer Kraft angesammelt, wie sie
seine Vorfahren im harten Ringen mit der Natur wohl gebraucht; aber ihm waren
alle jene edleren und feineren Gaben versagt geblieben, die den Landmann zu
einem guten Wirt und Hausvater, zu einem Pfleger und damit in höherem Sinne zu
einem Überwinder der Natur machen. Solange er in guter Obhut gewesen unter der
strengen Fuchtel des alten Bauern, auf dem väterlichen Gute wie ein Knecht
gehalten, waren die wilden Seiten seines Wesens nicht hervorgebrochen; aber
jetzt, wo er, losgerissen von der Heimat, den Boden unter den Füssen verloren
hatte, in Verhältnisse geworfen war, denen er mit seiner gering entwickelten
Intelligenz nicht gewachsen, fiel er mit Notwendigkeit in jene angeborene Roheit
zurück.
    Geschlagen hatte er seine Frau noch nicht wieder seit dem Zweikampfe an
jenem Morgen. Er hatte sich, als er die Folgen seiner Tat gewahr geworden, doch
vor sich selbst entsetzt. Dann kamen wieder Augenblicke, wo sie ihn durch ihre
spitzen Redensarten, denen seine plumpe Zunge nicht gewachsen war, zum Grimm
reizte. Da juckte es ihm in den Fingern, loszuschlagen. Aber das Bewusstsein, dass
er neulich haarscharf daran vorbeigegangen war, zum Gattenmörder zu werden,
hielt ihn immer wieder zurück.
    Es ging wenig erquicklich zu in dem Haushalte der beiden; zum häuslichen
Unfrieden kam auch noch Krankheit. Die Kinder legten sich der Reihe nach. Das
Achtmonatskind, welches Terese von Toni zur Pflege überkommen hatte, siechte
von dem Augenblicke an, wo die Mutter es verlassen hatte. Terese sagte wie oft:
»Wenn ack der Racker blussig starben wullte, dass Ruhe wirde!« - Aber ihre Taten
waren besser als ihre Worte. Manchmal trug sie das elende Würmchen eine halbe
Nacht lang im Zimmer umher und suchte es in Schlaf zu wiegen.
    Karl fing jetzt an, des Abends regelmässig auszugehen. Es hatte sich
herumgeredet, dass Büttnerkarl im Besitze einer grösseren Summe Geldes sei. Wie
immer hatte das Gerücht vergrössert. Karl fand daher in den Schenken Kredit.
    Terese war ausser sich. Sie lief bei den Leuten umher und verbreitete, Karl
besitze von dem Gelde - keinen Pfennig mehr. Aber der Eifer, mit dem sie das
erzählte, machte ihre Behauptung unglaubwürdig. Ihr Mann bekam nach wie vor
Schnaps geschenkt, soviel er nur wollte.
    Auch den Kretscham von Halbenau besuchte Karl öfters. Kaschelernst kicherte
vergnügt, sobald er des Neffen ansichtig wurde. Mit der Miene des teilnehmenden
Verwandten erzählte er ihm auch gelegentlich, was »der Alte« mache. Seinen Vater
hatte Karl noch nicht wieder gesehen, seit er im Frühjahr nach Wörmsbach gezogen
war.
    Natürlich war Kaschelernst äusserst neugierig, zu erfahren, wie es mit des
Neffen Gelde stehe. Bald hatte er auch herausbekommen, dass Karl da nicht 'ran
dürfe. Die Geschichte ergötzte den alten Gauner aufs höchste; dergleichen
Angelegenheiten waren ganz nach seinem Sinne.
    Eines Tages kam er mit geheimnisvoller Miene an Karl heran, tuschelte ihm
ins Ohr: Wenn er noch etwas von seinem Gelde sehen wolle, möge er sich
dazuhalten; Terese sei drauf und dran, ein paar Ziegen davon zu kaufen.
    Karl lief spornstreichs nach Haus. Diese Nachricht hatte den Trägen in
Aufruhr gebracht. Terese Ziegen kaufen, von seinem Gelde! - Jetzt wollte er's
heraushaben von ihr!
    Aber auf dem Wege von Halbenau nach Wörmsbach hatte er Zeit, sich die Sache
zu überlegen. - Wenn er was sagte, würde sie's merken, und er hatte wieder das
Nachsehen. Diesmal wollte er's schlauer anfangen. Sie hielt ihn zwar für dumm;
zehnmal am Tage bekam er einen »Uchsen« an den Kopf geworfen, aber nun wollte er
sie gerade mal überlisten. Er beschloss, zunächst den Mund zu halten und zu
warten.
    Am nächsten Morgen zog Terese die Sonntagskleider an, band eine frische
Schürze darüber und legte ein buntes Kopftuch an. Sie wollte mal zum »Duchter«
gehn wegen der Kinder, erklärte sie. Er möchte die Töpfe auf dem Herde
beobachten und gelegentlich rücken, damit's nicht überkoche. Der freundliche
Ton, in dem sie das sagte, war verdächtig.
    Er passte genau auf jede ihrer Bewegungen auf. Ob sie das Geld schon bei sich
hatte? - Sie ging in die Kammer nebenan. Er lauschte. Fast klang es, als steige
sie auf einen Stuhl. Sie rückte etwas. Dann konnte er ein schwaches Klimpern
vernehmen. Das war das Geld!
    Nach einiger Zeit kam sie wieder ins Zimmer. Nun wolle sie aber gehen, sagte
sie, sie habe sich nur noch ihr Sacktuch geholt.
    Er liess sie durch die Türe schreiten; aber dann war er auch sofort hinter
ihr drein. Noch ehe sie ins Freie gelangt, hielt er sie am Arme. Auf der anderen
Seite des Hausflurs war ein leerer Stall; eben der Ort, den sich Terese für
ihre Ziegen ausersehen hatte. Dahinein riss er sie, schob den hölzernen Riegel
vor, sobald er sie drin hatte.
    »Gibst de's Geld raus!« knurrte er. »De hast's ei der Tasche stacken. Ich
weiss 's!«
    Sie leugnete ihm ins Gesicht.
    »Mach kee Gefitze nich! Ich ha's gehiert, wie de's eigesteckt hast.«
    Sie wollte an ihm vorbei, dem Ausgange zu. Aber er umfasste sie rechtzeitig,
schleppte sie nach dem Hintergrund des Stalles.
    »Gibst de's har!«
    »Ne, dir ne!«
    Er suchte ihr mit einer Hand die Arme festzuhalten und mit der anderen in
ihre Kleidtasche zu gelangen. Sie setzte sich zur Wehr, biss und kratzte. In der
Dunkelheit des Stalles funkelten ihre Augen wie die einer Katze. Karl brüllte
auf, ihre Nägel in seinem Halse brannten wie Feuer. Er schüttelte sie ab. Dann
warf er sich mit der ganzen Wucht seines schweren Körpers auf sie, dass sie
stöhnend zusammenbrach.
    »Gibst de's raus?«
    »Ne, im Leben ne!«
    Nun kniete er auf ihr, ihren Leib mit dem Knie niederstemmend. Ihre Hände
drückte er mit seiner Riesenfaust zusammen, dass sie gänzlich wehrlos dalag. Mit
der freien Hand suchte er in ihren Kleidern. Aber Terese lag auf dem
Geldtäschchen; noch in dieser verzweifelten Lage wusste sie den Schatz mit ihrem
Leibe zu decken. Er konnte nicht dazu gelangen, so sehr er sich auch mühte.
    Darüber wurde er toll vor Wut. Blindlings griff er in die Kleider, zerfetzte
alles, was ihm zwischen die Finger kam. Terese wand und bäumte sich, aber was
vermochte sie gegen die entfesselte Raserei dieses Wilden!
    »Gibst de's nu?«
    Sie konnte nicht mehr sprechen, spuckte ihm statt der Antwort ihren Geifer
ins Gesicht.
    Da griff er mit einer Tatze zu, vor der alles wich. Ein Ratz - das
Sonntagskleid in Fetzen!
    Jetzt fühlte er's; hier im Futter sass es. Die Nähte sprangen. Das
Ledertäschchen mit dem Stahlbügel kam zum Vorschein. Nun hielt er's in Händen.
Er stand auf.
    Aus der Ecke kam eine Jammergestalt hervor: halb nackt, blutend, mit
hängendem, zersetztem Haar. Seine Frau! -
    Er schob das Geldtäschchen schnell in die Tasche, sprang nach der Tür und
lief aus dem Hause.
    Eine Stunde darauf sass er im Kretscham von Halbenau.
                                     * * *
    Inzwischen waren die Frauen von der Wanderarbeit im Rübenlande nach der
Heimat zurückgekehrt. Pauline war mit ihrem Jungen zur Mutter gezogen, wartete
hier auf Gustavs Rückkehr. Ernestine wohnte wieder auf dem Bauernhofe beim alten
Vater.
    Ernestine war sehr verändert zurückgekehrt aus der Fremde. Sie hatte sich im
Laufe des Sommers ein gewisses hochnäsiges Herabblicken auf ihre Umgebung
angewöhnt. Den heimischen Verhältnissen brachte sie ganz unverhohlene Verachtung
entgegen. Sie sagte es auch jedermann, der es hören wollte, dass sie es in
Halbenau nicht lange aushalten werde.
    Sie war im Besitz grösserer Geldmittel als irgend-ein anderes Mitglied ihrer
Familie. Und sie hielt gut Haus damit. Die anderen Rübenmädchen brachten ihr
Erspartes schnell unter die Leute: Kleider, Schmuck und allerhand unnützer Tand
wurde gekauft. Manch eine liess sich auch ihre mühsam erworbenen Groschen von
einem Burschen abschwatzen, oder man verjubelte die Ersparnisse gemeinsam. Die
Tanzereien und Gelage gingen in diesem Winter besonders flott im Kretscham von
Halbenau; die »Runkelweiber« hatten Geld ins Dorf gebracht.
    Ernestine Büttner war viel zu vernünftig und zu berechnend, um sich an
solchem Treiben zu beteiligen. Sie machte sich daran, mit ihrem und Häschkekarls
Gelde eine Ausstattung zu besorgen. Das Mädchen kaufte Stoffe ein und Leinwand.
Mit Pauline sass sie oft bis spät in die Nächte hinein in Frau Katschners
Behausung über die Nadel gebückt. Schwerlich ahnte ihr Bräutigam Häschke, wie
energisch, praktisch und sparsam das Regiment sein würde, unter das er kommen
sollte.
    Auch dem Vater gegenüber wollte Ernestine ihre Selbständigkeit zur Geltung
bringen. Der alte Bauer hatte sich noch nicht darein gefunden, in ihr etwas
anderes zu sehen als das jüngste Kind. Sie sollte sich seinem Willen in allen
Stücken fügen, wie er es von jeher von seinen Kindern, ganz besonders aber von
den Töchtern verlangt hatte.
    Er nahm als selbstverständlich an, dass Ernestine die häuslichen Arbeiten
übernehmen würde, welche seit dem Tode der Mutter arg vernachlässigt waren.
    Aber Ernestine, die von ihrem Bräutigam gelernt hatte, dass Kinder den Eltern
nicht mehr zu gehorchen brauchen, tat nur, was ihr passte. Den Befehlen des
Vaters antwortete sie mit Achselzucken, spitzen Worten oder auch Vorwürfen. Der
alte Mann bekam von der Tochter zu hören: Er sei ja selbst daran schuld, dass sie
nichts mehr hätten, nicht einmal so viel, um sich eine Magd zu halten. Er habe
ja das Vermögen durchgebracht mit liederlicher Wirtschaft. Nun sei Haus und Hof
in fremde Hände geraten und sie, die Kinder, könnten betteln gehen.
    Der Büttnerbauer musste das mit anhören und seinen Kummer in sich
hineinschlucken. Jetzt warf ihm sein eigenes Kind das schwere Unglück, das ihn
getroffen hatte, auch noch als Vorwurf ins Gesicht.
    Ernestine wusste nicht, was sie tat! - Jene naive Grausamkeit der Jugend war
ihr eigen, die in dem alten Menschen etwas Unangenehmes, Unnützes, Lästiges
sieht. Was wusste sie denn von dem, was in der Seele des Vaters vorging, der am
Abende des Lebens sein ganzes Lebenswerk: Arbeit, Sorge, Hoffnung in nichts
zerrinnen sah! -
    Sie setzte den väterlichen Befehlen ihr schnippisches Besserwissen entgegen.
Wiederholt betonte sie, es sei nur ihr guter Wille, nicht ihre Pflicht, wenn sie
für den Vater etwas besorge; seine Magd sei sie nicht! Sie habe es in der Fremde
besser kennen gelernt. Und wenn er sie etwa zwingen wolle, dann werde sie auf
der Stelle gehen; sie habe keine Pflicht, ihm zu gehorchen, da er ihr das
Erbteil vertan habe.
    Der Büttnerbauer hatte in den letzten Monaten gelernt, vieles zu ertragen.
Es schien fast, als wolle er auch den Rutenstreichen, die ihm seine
Jüngstgeborene erteilte, geduldig den Rücken hinhalten.
    Eines Tages aber besann er sich auf seine Mannes-und Vaterwürde. Ernestine
hatte sich geweigert, die Grube hinter dem Hause auszuschöpfen; diese Art
Beschäftigung sei unter ihrer Würde, erklärte sie. Das brachte bei dem Alten das
Mass zum Überlaufen. Seit Menschengedenken hatten im Büttnerschen Hause die
Frauen diese Arbeit versehen. Nun wollte das junge Ding hier sich auf einmal
gegen die altergebrachte gute Sitte auflehnen! - Diesmal machte der Bauer von
seinem hausväterlichen Rechte Gebrauch. Er holte den Haselstock aus der Ecke
hervor, den Ernestine aus der Jugendzeit gar wohl kannte; der hatte auf ihrem
und der Geschwister Rücken gar manchen Tanz aufgeführt. Das Mädchen war klug
genug, es nicht zum Äussersten kommen zu lassen. Sie kannte den Vater in der Wut.
Schleunigst machte sie sich an die ekelhafte Arbeit; der Alte stand mit dem
Stocke daneben als Wache, bis sie die ganze Grube ausgetragen hatte.
    Ernestinens Antwort auf diese Demütigung war, dass sie, ohne ein Wort zu
sagen, aus dem väterlichen Hause wegzog; ihre sieben Sachen nahm sie mit sich.
Sie wohnte fortan im Dorfe zur Miete. Der Vater dürfe sie nicht zwingen, bei ihm
zu leben, erklärte sie, da er ihr nichts zum Leben gebe. -
    So fand Gustav die Verhältnisse, als er nach Halbenau zurückkehrte.
    Er wohnte einstweilen mit bei Frau Katschner. Sein erster Gang, nachdem er
Frau und Kind begrüsst hatte, galt dem Bauerngute.
    Was hatte sich da alles verändert seit dem Frühjahre, wo er in die Fremde
gegangen war: das Gut in fremde Hände übergegangen, zerstückelt, ausgeraubt!
Scheune, Keller, Stall leer! Im Hause alles verwahrlost und verwildert! Die
Mutter gestorben! Dazu die Kinder alle fortgezogen! Karl mit seiner Familie in
ein anderes Dorf, Toni in die Stadt. Und nun zum letzten noch Ernestinens
Auflehnung!
    Gustav, der den Vater seit einem halben Jahr nicht gesehen, fand ihn
furchtbar verändert. Der Alte war teilnahmslos und stumpf geworden. Selbst die
Rückkehr seines Lieblingssohnes riss ihn nicht aus seinem dumpfen Hinbrüten.
    Sein Leben war schlechter als das eines Hundes. Seit Ernestine das Haus
verlassen, war nicht mehr gekocht worden. Kohlenvorräte und Holz fehlten. An
Esswaren gab es nur halberfrorene Kartoffeln und faulendes Kraut im Keller. Der
alte Mann lebte von Milch, in die er sich etwas Brot schnitt. Sein Bart war ihm
langgewachsen, umgab als gelbgraue, struppige Krause das ausgemergelte Gesicht.
Die Augen lagen in tiefen dunklen Höhlen. Seine Kleider starrten von Schmutz. Er
ging nicht mehr aus dem Hofe. In der Kirche hatte man ihn seit Monaten nicht
gesehen. Wenn er Menschen auf den Hof zukommen sah, rannte er hinauf in die
Dachkammer, schloss sich dort ein und gab auf noch so lautes Klopfen und Rufen
keine Antwort.
    Dem Sohne fiel das Herz vor die Füsse, als er diese Dinge wahrnahm. Viel zu
helfen war hier nicht! Das Gut konnte er dem Vater ja doch nicht zurückerobern.
    Gustav sorgte dafür, dass wenigstens Vorräte ins Haus kamen. Dann machte er
einen Versuch, Ernestine zum Vater zurückzuführen; aber der scheiterte an dem
Eigensinn des Mädchens.
    Gustav veranlasse infolgedessen Paulinen, täglich einige Stunden auf das
Bauerngut zu gehen, dem Vater das Essen zu bereiten und auch sonst für seine
Notdurft zu sorgen.
                                     * * *
    Weihnachten war herangekommen. Eine Woche vor dem Christfeste kam ein Brief
an mit dem Poststempel Berlin. Toni schrieb an Ernestine, sie werde zum
Heiligenchrist nach Halbenau kommen. Ihr »Chef« habe ihr Urlaub gegeben, damit
sie sich zu Hause auskurieren solle. Sie habe nämlich vom vielen Stehen
geschwollene Beine bekommen, dass sie kaum noch Schuhe über die Füsse ziehen
könne.
    Ernestine liess Tonis Brief unter den Freunden und Verwandten herumgehen. Er
war auf feinstem rosa Papier geschrieben und duftete süss; der Inhalt war
Kauderwelsch. Schreiben schien Toni auch in Berlin nicht gelernt zu haben.
    Niemand freute sich sonderlich auf Tonis Kommen. Die Geschwister hatten sie
schon so gut wie vergessen. Man wunderte sich höchstens, wo sie das Geld zu der
weiten Reise hernehme.
    Eines Tages, in der letzten Woche vor dem Feste, kam Terese von Wörmsbach
nach Halbenau herüber. Sie suchte Gustav und Pauline auf und erzählte, Tonis
Kind sei am Tage zuvor gestorben. Sie war hauptsächlich nach Halbenau gekommen,
um bei den Familienmitgliedern eine Beisteuer für das Begräbnis zu erbitten.
    Man empfand es allgemein als Segen, dass das Würmchen gestorben.
    Ernestine und Pauline gingen mit zum Begräbnis. Sie waren beide noch nicht
bei den Geschwistern in Wörmsbach gewesen. Als sie zurückkamen, konnten sie
nicht genug davon erzählen, wie traurig es dort sei. Das Haus, eine Hütte, die
jeden Augenblick einzustürzen drohte, die Kinder elend und zerlumpt, Karl dem
Trunke ergeben und schlecht gegen seine Frau, Terese völlig herunter von dem
Jammerleben!
    Die Schwägerin war nie beliebt gewesen bei den Büttners, ihres streitbar
zufahrenden Wesens wegen. Aber jetzt beklagte man sie allgemein. Was war aus der
rüstigen, tatkräftigen Frau geworden! -
    Toni kam kurz vor dem Feste mit dem Postwagen an. Sie begab sich ohne
weiteres nach dem Elternhause.
    
    Aber der alte Bauer, der eine Frauensperson in städtischer Kleidung, gefolgt
von einem Burschen, welcher den Koffer trug, auf den Hof zuschreiten sah, schloss
die Haustür ab und zog sich in die Dachkammer zurück, aus der er so bald nicht
wieder zum Vorschein kam. Er hatte in dem »Fräulein« die Tochter nicht wieder
erkannt.
    Toni war darauf zu Frau Katschner gegangen, wo sie Pauline und Ernestine
traf.
    Das Erstaunen der beiden über Tonis Aufzug war nicht gering. Wenn jemand
bäuerisch ausgesehen hatte, so war es Toni gewesen; jetzt kam sie als Stadtdame
wieder.
    Dick schien sie immer noch zu sein, aber die rotbraune Farbe war von ihren
Wangen gewichen. Das Haar war gepflegt und zu einer hohen Frisur aufgesteckt,
über die Stirne fiel es in vereinzelten Fransen fast bis auf die Augenbrauen
herab. Ihr Mieder musste ziemlich eng sein, nach der Art zu schliessen, wie sie
sich steif bewegte. Sie hatte den mit Seide gefütterten Mantel, den Hut mit
Straussenfeder, Muff, Handschuhe und Schirm abgelegt und liess diese Pracht nun
von den Frauen bewundern. Von jedem Stücke nannte sie bereitwilligst den Preis.
    Frau Katschner war auch hinzugekommen. Es wurde Kaffee gekocht. Toni bildete
den Mittelpunkt des Interesses.
    Man erzählte ihr, dass ihr Kindchen gestorben sei. Zeichen allzu grosser
Bestürzung gab sie nicht zu erkennen. Einige Tränen hatte sie wohl dafür übrig.
Dann meinte sie: Die Kinderkleidchen, die sie aus Berlin mitgebracht für das
Kleine, wollte sie nun Paulinen schenken.
    Die Witwe Katschner wollte dafür, dass sie den Kaffee schenkte, auch etwas zu
hören bekommen. Toni wurde aufgefordert, von ihren Erlebnissen zu erzählen. Sie
tat es in der Weise beschränkter Menschen, die sich einbilden, dass gerade ihnen
Dinge passiert seien, die keinem anderen Menschen widerfahren könnten. Halb und
halb sprach sie noch den heimischen Dialekt; in der altgewohnten Umgebung legte
sie schnell ab, was sie sich etwa an grossstädtischen Redewendungen angewöhnt
hatte. Sie schwatzte alles durcheinander.
    Zuerst war sie Amme gewesen in jener von Samuel Harrassowitz ihr
verschaften Stelle. Das wäre wunderschön gewesen, erzählte Toni. Sie machte
eine Beschreibung von ihrem Spreewälder Kostüm. Täglich sei sie mit dem Kinde im
Tiergarten gewesen, bei gutem Wetter zu Fuss, bei schlechten im Wagen.
    Ernestine fragte, warum sie denn nicht in der Stellung geblieben sei, wenn
sie es da so gut gehabt.
    Toni meinte, sie hätte da nicht essen und trinken dürfen, was sie gewollt;
vom Arzte hätte sie sich auch in einem fort untersuchen lassen müssen, und als
das Kind eines Tages Brechdurchfall bekommen habe, sei die Herrschaft sehr böse
geworden und habe sie entlassen.
    Dann sei sie eine Zeitlang ohne Stellung gewesen, habe »als privat« gelebt,
wie sie sich ausdrückte, bis ihr Freund ihr endlich die jetzige Stellung
verschafft habe.
    Was denn das für eine Art Verdienst sei, forschte die wissbegierige Frau
Katschner.
    Toni wusste Wunderdinge darüber zu berichten. Sie sei in einem sehr »feinen
Lokale«. In der Mitte des Lokales befinde sich ein Ding, ganz aus Glas, wie ein
Häuschen - sie gab sich vergebliche Mühe, einen Kiosk zu beschreiben - da
drinnen stehe sie und verkaufe Würstchen an die Gäste; das Paar koste zwanzig
Pfennige. An einem Abende verkaufe sie manchmal tausend und mehr. Dazu habe sie
ein Kostüm an; sie beschrieb es: Sammetmieder, roten Rock, blosse Arme und eine
dreifache Kette von silbernen Münzen um den Hals. Sie sei auch schon so
photographiert worden; die Photographie habe sie im Koffer mit.
    Ernestine, die schon lange mit verhaltenem Spotte den Erzählungen der
älteren Schwester zugehört hatte, meinte jetzt in wegwerfenden Tone: Würstchen
verkaufen, das sei was Rechtes, dazu brauche man nicht nach Berlin zu gehen!
    Aber Toni erklärte voll Eifer, ihre Stellung sei eine sehr feine, sie
bekomme viel Trinkgelder, die Herren unterhielten sich oft mit ihr und machten
viel Spass. Zweimal in der Woche habe sie Ausgehtag. Dann erzählte sie von
Zirkus, Teater, Vierkonzerten, Bällen.
    Die Wunder der Grossstadt hatten aussergewöhnliche Bilder in die Phantasie
dieses Landkindes geworfen. Der neuen Eindrücke waren zu viel gewesen; alles
hatte sich in dem Kopfe der Törin verzerrt und verschoben. Nun, wo sie
versuchte, eine Beschreibung von ihren Eindrücken und Erlebnissen zu geben,
wusste sie nicht, wo anfangen, fand keine Ausdrücke für Dinge, die sie niemals
begriffen, nur wie der Wilde die Wunder der Zivilisation erstaunt angestarrt
hatte.
    Dann fing sie an von ihren Kleidern zu erzählen. Drei hatte sie zum
Ausgehen, dazu zwei Hüte, und Strümpfe und Hemden dutzendweise.
    Ernestine rückte unruhig auf ihrem Platze hin und her; dass Toni, der sie
sich stets überlegen gefühlt hatte, jetzt als grosse Dame auftrat, verdross sie.
Wovon Toni denn all den Aufwand bestreite, verlangte sie zu wissen.
    Ihr Freund bezahlte ihr alles, erklärte Toni mit Selbstgefühl.
    »Mag 'n scheuer Freind sen, das!« höhnte Ernestine.
    
    Voll Eifer setzte Toni auseinander: »Er is sehre gutt mit mer. 's Reisegeld
hat er mer och geschenkt. Weil 'ch und de Fisse taten mer duch su schwellen; da
is 'r selber zum Chef und hat 'n um Urlaub gebaten für mich. Su gutt is dar mit
mer.«
    Sie blieb bis über das Neujahr in Halbenau. Wohnung hatte sie schliesslich
doch beim Vater genommen.
    Mit jedem Tage, den sie in der Heimat zubrachte, fiel von dem
grossstädtischen Wesen, das sie anfangs aufrecht zu erhalten versuchte, etwas
mehr ab. Der Putz war nur oberflächlich aufgeworfen, wollte nicht recht haften
bei diesem echten Bauernkinde. Ein paar Tage lang lief sie völlig scheckig
umher: halb Bauernmagd, halb Stadtfräulein. Ihr modisches Kleid hoch
aufgebunden, dass man die schwarzen Strümpfe sah, war sie im Stalle anzutreffen,
sass sie auf dem Melkschemel, die Milchgelte zwischen den Knieen.
    Dann fand sie in einer Lade auf dem Boden einige ihrer alten Kleider, die
dort geblieben waren aus früherer Zeit; die legte sie an. Nun war sie wieder
ganz die alte Toni. Höchstens, dass ihre Wangen und Arme noch nicht die ehemalige
braunrote Färbung angenommen hatten.
    Jetzt fühlte sich Toni wieder ganz in ihrem Elemente. Längst war es ihr ein
Dorn im Auge gewesen, zu sehen, wie die Kühe bis an den Euter im Miste standen;
da musste mal ordentlich ausgeräumt werden! - Eines schönen Vormittags machte sie
sich daran, mistete den Stall, karrte den Mist auf die Düngerstätte, und streute
dem Vieh neu ein.
    Des Sonntags ging sie in den Kretscham zum Tanze. Dort war sie mit ihrem
Seidenkleide und durch den Ruf des aussergewöhnlichen Glückes, das sie gemacht
die gefeiertste und begehrteste Tänzerin. Und Toni war harmlos genug geblieben,
sich über den Erfolg von Herzen zu freuen.
    Ernestine rümpfte die Nase über die Aufführung ihrer Schwester. Auch für
Gustav war das Wiedersehen mit Toni peinlich. Er hatte genug vom Leben kennen
gelernt, um zu wissen, dass sich ein Mädchen auf anständige Weise nicht so viel
Geld verdient, wie Toni vertat.
    Toni selbst begriff nicht, warum die Geschwister ihr so kühl begegneten. Sie
hatte erwartet, dass die Ihrigen sie mit Jubel aufnehmen und sich an ihrem Glücke
freuen würden, und war nun erstaunt, als sie auf Zurückhaltung stiess. Aber sie
war nicht dazu veranlagt, sich Skrupel zu machen.
    Aus Berlin kam ein Geldbrief an Toni an. Sie lief damit bei den Verwandten
umher, zeigte ihnen in naiver Freude, wie ihr Freund sie bedacht habe. Sie
beschenkte Teresen für ihre Mühe um das verstorbene Kind und sprach davon, dem
Vater etwas zuwenden zu wollen. Kurz, sie gefiel sich der Familie gegenüber in
der Rolle einer Gönnerin.
    Am Morgen vor Tonis Abreise rief der alte Bauer seinen Sohn Gustav beiseite;
er hatte offenbar etwas auf dem Herzen. Nach einigem Drucksen, wie es seine Art
war, fing er an, den Sohn auszuforschen: Woher Toni die schönen Kleider habe,
und wie sie zu so viel Geld käme.
    Gustav merkte bald, worauf der Vater hinauswollte. Er hielt mit seiner
Ansicht über Tonis Erwerbsquellen nicht hinter dem Berge.
    Der alte Mann griff in die Tasche, holte etwas in Papier Gewickeltes hervor,
packte es sorgfältig aus; es waren zwei blanke Goldstücke.
    »Dos hoat se mer gegahn, de Toni. Iche mog's ne behalten, ich ne! Gib's du's
er zuricke! Ich mog sickes Gald ne!«
    Damit ging er von dannen.
    Toni weinte, als Gustav ihr das Geld zurückgab; sie hatte es doch so gut
gemeint! -
 
                                      IX.
Karl kam neuerdings nur noch nach Haus, um seine Räusche auszuschlafen.
    Terese hoffte anfangs, es werde ihr gelingen, ihm im bewusstlosen Zustande
das Geld abermals abzunehmen. Aber Karl war durch die früheren Erfahrungen
gewitzigt. So oft sie auch seine Taschen durchstöberte, sie fand nichts darin.
Jedenfalls hielt er das Geld ausserhalb des Hauses verborgen.
    Wenn der Trunkenbold erwachte, schwankte er zwischen Stumpfsinn und Tobsucht
hin und her. Sobald er seinen Anfall bekam, musste Terese die Kinder vor ihm
verbergen, für deren Leben sie zitterte.
    Im Kretscham zu Halbenau war Karl jetzt ein häufiger Gast. Richard Kaschel,
sein Vetter, war neuerdings Karls Vertrauter geworden.
    Richard übertraf seinen Vater wohl noch an boshafter Verschlagenheit. Den
Büttners den Garaus zu machen, das war, ohne dass sie sich dazu verabredet
hätten, die geheime Wollust dieser beiden.
    Der alte Kaschel hatte, obgleich er eine Büttner geheiratet, ja, obgleich er
seinen Wohlstand Büttnerschem Gelde verdankte, doch immer einen
tiefeingewurzelten Hass gegen diese Familie gehegt. In seiner guten Zeit war
Traugott Büttner dem Schwager durch jene Kraft und Würde überlegen gewesen, die
den ehrlichen Mann vor dem Ränkeschmied auszeichnet.
    Inzwischen war der ehemalige Büttnerbauer ruiniert worden. Nur noch eine
Frage der Zeit schien es, wann der Erbe des grössten Bauerngutes im Orte der
Armenversorgung anheimfallen werde. An ihm noch ein Mütchen zu kühlen, war
unmöglich. Ihm konnte ja nichts mehr genommen werden; er war von allem entblösst,
was einem Menschen Ansehen und Bedeutung verleiht auf der Welt.
    Aber auch das gute Gedeihen der Büttnerschen Kinder war stets ein Stachel in
der Seele des Kretschamwirts gewesen. Er hasste vor allem Gustav. Der Mensch
schien sich, allem Unglück zum Trotze, das seine Familie betroffen, wacker durch
die Welt zu schlagen.
    Gustav bildete auch den Gegenstand stummer Wut für Richard Kaschel. Die
Prügel, die er einstmals von dem Vetter erhalten, waren unvergessen.
    Aber an Gustav konnte man nicht heran; der verkehrte nicht im Kretscham.
Auch von Ernestine bekam man nicht viel zu sehen; es hiess, sie habe einen
Bräutigam in der Fremde und werde bald heiraten. Toni war wieder nach Berlin
zurückgekehrt, nachdem sie den Ort durch ihr Auftreten in Aufregung versetzt
hatte.
    Nun blieb noch Karl. Der schien allerdings die schiefe Ebene ganz von selbst
hinabzugleiten. An den reissenden Fortschritten, die Karls Verlotterung machte,
hatte das edle Paar, Vater und Sohn Kaschel, seine helle Freude.
    Richard Kaschel hatte ausserdem noch einen besonderen Grund, sich für Karl zu
interessieren.
    In Halbenau wurde trotz der Armut seiner Bewohner viel und verhältnismässig
hoch gespielt. Ein nach dem Hofe hinaus gelegenes Hinterzimmer im Kretscham bot
willkommene Gelegenheit zu jeder Art lichtscheuem Treiben. Dort flogen die
bunten Blätter oft ganze Nächte hindurch. Es war bekannt, dass ein Halbenauer
Bauer dort Haus und Hof und alles Hab und Gut im Laufe weniger Jahre verspielt
hatte.
    Richard Kaschel gehörte zu der Spielerzunft. Der Vater wusste um das Treiben
des Sohnes Bescheid. Er hatte versucht, ihn abzuhalten vom Spiel. Aber das
Bürschchen, das dem Alten längst über den Kopf gewachsen war, hatte geantwortet:
Der Vater habe ja seine Kümmelpulle; da möge er ihm gefälligst die Karten
lassen.
    Eines Abends, als Karl in den Kretscham kam, setzte sich Richard wie
gewöhnlich zu dem Vetter an den Tisch. Nachdem Karl bereits sein zweites
Fläschchen Korn geleert, fragte ihn Richard, ob er Lust habe, ein Viertel
Schwein zu gewinnen.
    Karl begriff zunächst nicht, was jener damit meine. Der Vetter erklärte ihm,
im Hinterzimmer sässen zwei fremde Herren, die Lust hätten, ein Spielchen zu
machen. Der eine habe eine Gans mitgebracht, der andere ein Paar Magenwürste, er
selbst, Richard, wolle ein Viertel von dem eben geschlachteten Schweine setzen;
es fehle ihnen aber der vierte Mann. Wenn Karl nichts anderes bei sich habe,
könne er auch Geld setzen; die Herren würden das schon erlauben. Dann schilderte
er die Herrlichkeiten, die man gewinnen könne, liess Speckseiten und Würste vor
den Sinnen des bereits Halbberauschten aufmarschieren.
    Karl hatte beim Militär hin und wieder Karten in Händen gehabt, seitdem
nicht mehr. Aber Richard versprach zu helfen; sie zwei wollten die beiden
anderen tüchtig ausnehmen, raunte er dem Vetter ins Ohr.
    Der Gedanke an den fetten Einsatz erschien verlockend. Karl taumelte ins
Hinterzimmer. Die beiden Fremden sassen bereits da. Über dem ganzen Zimmer, das
von einer Hängelampe beleuchtet wurde, schwebte es wie bläulicher Dunst.
    Karl wusste, dass er betrunken sei. Aber er befand sich in jenem Stadium des
Rausches, wo alles selbstverständlich erscheint, wo alle Bedenken leicht wie
Rauch verfliegen. »Du wirst diesen Kerlen mal zeigen! Du wirst ihnen mal zeigen
...« dachte er bei sich.
    Dann sass er am Tisch, die Faust voll Karten; das war der Schellenkönig und
das die rote Zehne - O, er kannte sie noch ganz genau, die Karten, wusste auch
ihre Namen! -
    Ihm gegenüber der Fremde hatte einen schwarzen Bart, in den sich auf der
einen Gesichtsseite ein dunkelrotes Muttermal verlief. Karl wurde ganz zerstreut
durch dieses Abzeichen; er musste unausgesetzt darauf starren.
    »Karle, du bist am Ausspielen!« mahnte der Vetter.
    »Gegen solche Karten ist nicht aufzukommen,« sagte der andere Fremde, ein
kleiner, bartloser Mann, dessen Kopf wie mit Mehlstaub bestreut erschien. »Das
ist also ein Müller!« dachte Karl. Aber als der Mann seinen Kopf ins Licht
vorbeugte, sah man, dass sein Haar von Natur so grau sei.
    »Herr Büttner hat die Partie gewonnen,« hiess es.
    Richard zeigte eine Magenwurst vor, die hatte Karl gewonnen. Der lachte vor
Vergnügen über das ganze Gesicht. Er hatte es ja gleich gesagt, dass er die Kerle
reinlegen würde.
    »Jetzt woll'n mer um de Knöppe spielen!« rief Richard.
    Der mit dem Muttermale griff in die Tasche und legte eine Handvoll Silber
auf den Tisch. Ein gleiches tat der Graukopf. »Ich bin auch versehen,« erklärte
Richard Kaschel und klopfte protzig auf seine Tasche.
    Karl brachte das Ledertäschchen mit dem Stahlbügel hervor. Er lächelte
verächtlich. Jetzt sollten die Fremden mal sehen, was er für ein Kerl war! Mit
ungeschickten Fingern holte er die einzelnen Goldstücke heraus. Es waren noch
fünfzig Mark; das übrige war vergeudet.
    »Noch 'nen Nordhäuser vorher!« sagte Richard, »den gebe ich.« Er holte aus
dem Wandschranke eine Flasche hervor, schenkte die Gläser voll und stellte die
Flasche auf den Tisch.
    Das Spiel begann von neuem. »Der guckt durch a Astloch!« sagte jemand. Karl
lachte über die Bemerkung, weil er die anderen lachen sah. Diesmal hatte er
verloren.
    »Immer glei bezahlen! Da gibt's nich lange Qualen!« meinte der Gewinner.
Fünf Mark, hiess es, habe Karl auszuzahlen. Richard wechselte ihm ein Goldstück
gegen Silbergeld ein.
    Nachdem Karl mehrere Male hintereinander verloren hatte, kam eine Art
Besinnung über ihn. Er erhob sich, wollte nichts von weiterem Spielen wissen.
Aber Richard liess ihn nicht fort. »Die lachen iber dich, wenn de weglefst. Bleib
ack hier, Karle! Ich werd' d'r schon helfen. Diesmal schmier'n mer se an; pass a
mal uff!«
    Karl liess sich bereden und blieb. »Noch einen Nordhäuser, meine Herren?«
fragte Richard. »Auf einem Beine steht nur der Storch!« Karl wollte zeigen, dass
er sich nicht lumpen lasse und rief dem Vetter zu: »Schenk ei! Eemal rim! Den
gab' ich!« -
    »Aber richtig bedienen müssen Sie, Herr Büttner! Sonst is es keen Spiel
nich!« meinte der Graukopf.
    »Ihr wart mich wuhl 's Kartenspielen lahren, Rotzleffel, die d' 'r seid!«
rief Karl den Mitspielern zu.
    Die beiden Fremden wollten etwas erwidern, aber Richard winkte ihnen mit den
Augen ab.
    Wiederum hatte Karl verloren. Da schlug er auf den Tisch und brüllte:
»Betrogne Karlen seid 'r, dass d' 'r 's wisst! Betrogen hat 'r mich! Gaht mer mei
Gald raus, Hunde!«
    Die Fremden waren aufgestanden. Karl fuhr fort, auf den Tisch zu hämmern und
sein Geld zu fordern. Sein Vetter trat auf ihn zu. »Halt's Maul! Schrei nich su
laut! Se hieren's sunst vorne.«
    »Du hast mer an Dreck zu befehlen!« Damit hatte Richard auch schon einen
Schlag von Karls Riesenhand ins Gesicht, dass er sich aufheulend die Backe hielt.
    Die beiden anderen Männer sprangen auf Karl zu, ihm in den Arm zu fallen. Er
schleuderte sie gegen die Wand, ergriff einen Stuhl und schlug blindlings drauf
los. Die Hängelampe, von einem Stuhlbeine getroffen, riss vom Flaschenzuge ab,
fiel auf den Tisch, wo sie zerbrach.
    Inzwischen waren Leute, durch den Lärm herbeigerufen, ins Zimmer gedrungen:
der Hausknecht, Gäste, der alte Kaschel. Man umringte Karl, der noch immer um
sich schlug wie ein Wilder.
    Die neu Hinzugekommenen hatten keine Ahnung, um was es sich eigentlich
handle. Man sah nur, dass es eine Rauferei gab; das erweckte sofort die Lust,
mitzutun. Richard hatte sich aus Karls gefährlicher Nähe zu retten gewusst und
spornte nun die anderen vom Hintergrunde aus an, zuzugreifen und es »dem Hunde«
mal ordentlich zu geben.
    Es wurde gerungen. Der Tisch fiel um, Gläser zerbrachen. Plötzlich dröhnte
und krachte es. Karl hatte sich Platz geschafft, drang durch den schmalen Gang
in die Hausflur. Dort standen auch schon Leute, die sich ihm entgegenwarfen. So
von allen Seiten umringt, an Armen und Beinen von einem Dutzend Fäusten gepackt,
ward er endlich wehrlos gemacht.
    Man wusste nicht recht, was mit ihm anfangen! Die meisten ahnten nicht, was
eigentlich der Anlass zu dem Krakeel gewesen sei. Jemand riet, ihn vor die Tür zu
schaffen. Der Vorschlag fand Beifall. Karl wurde zur vorderen Tür geschleppt.
Hier gelang es ihm, ein Bein freizubekommen, das er gegen den Türflügel
einstemmte. Man drängte und drückte, aber der grosse Körper war nicht
freizubekommen.
    Richard Kaschel wusste Rat. Der Türflügel wurde durch eine eiserne Stange
abgehalten, die hob Richard aus; sofort gab die Tür nach. Karl stürzte mitsamt
seinen Angreifern die Stufen hinab auf die Strasse.
    In dem allgemeinen Durcheinander, das nun in der Dunkelheit entstand, wurde
ein Schlag und der Fall eines schweren Körpers so gut wie überhört.
    Man lief ins Gastzimmer zurück, erzählte sich gegenseitig unter Geschrei und
Gelächter die Heldentat, die man verübt. Kaschelernst lief umher, zeternd und
klagend über den Schaden, der ihm am Mobiliar angerichtet worden sei. Um das
Schicksal des Hinausgeworfenen kümmerte sich niemand.
    Nach einiger Zeit brannte einer der Gäste seine Laterne an und machte sich
auf den Heimweg. Gleich darauf kam er mit verstörtem Gesichte wieder ins Zimmer
zurück. Draussen liege einer in einer Pfütze Blut, berichtete der Mann.
    Man eilte hinaus. Karl Büttner lag da einige Schritte von den Stufen. Der
Schnee um ihn her war dunkel gefärbt.
    Man untersuchte ihn; er war bewusstlos. Das Blut floss aus einer Wunde am
Kopfe.
    Ein Messerstich war es nicht. Es sah mehr aus, als habe ihn ein Hieb mit
einem stumpfen Instrumente über den Schädel getroffen.
 
                                       X.
Eines Tages im Februar erschien Harrassowitz auf dem ehemaligen Büttnerschen
Bauernhofe. Er war in Gesellschaft eines städtisch gekleideten jungen Mannes.
    Der Händler fand die vordere Haustür verschlossen. Er ging daher um das Haus
herum, durch den Schnee, nach dem hinteren Eingang, aber auch dort war die Tür
verriegelt. Harrassowitz pochte und rüttelte an Tür und Fensterladen; als das
nichts nützte, legte er sich aufs Pfeifen und Rufen. Jemand musste doch im Gehöft
sein; es führte ja keine Spur in dem frisch gefallenen Schnee zum Hoftor hinaus.
-
    Endlich erschien der graue Bart des alten Büttner oben in der Dachluke. Er
hatte sich seiner Gewohnheit gemäss eingeschlossen. Jetzt freilich, wo er den
Eigentümer des Hauses und Gutes selbst vor der Tür sah, musste er wohl oder übel
aufmachen.
    Sam war wütend über das lange Warten. Bei ihm sei es wohl nicht ganz richtig
im Kopfe, schrie er den alten Mann an, als er barhäuptig in der Tür erschien. Er
solle mal gefälligst sofort alles öffnen; hier sei jemand, der sich das Haus
ansehen wolle.
    Nun ging es an eine eingehende Besichtigung des Ganzen. Vom Keller bis
hinauf auf den Boden wurde jeder einzelne Raum beschritten und besehen.
    Der Fremde nahm es sehr genau. Er klopfte an die Wände, untersuchte das
Holzwerk, blickte in die Essen und Öfen. Vielerlei fand er auszusetzen.
    Im Keller stand Wasser. Sam, der selbst niemals drin gewesen war, erklärte
unverfroren: Den Keller habe er immer trocken gefunden bisher; das müsse
zufällig eingedrungenes Schneewasser sein. Er wandte sich an den alten Büttner
mit der Aufforderung, ihm das zu bestätigen. Traugott Büttner erklärte in
mürrischem Tone: Solange er lebe, habe in diesem Keller im Frühjahre stets
Wasser gestanden. - Der Händler biss sich auf die Lippen und warf dem Alten
gerade keinen freundlichen Blick zu.
    Auch sonst wurde mancherlei mangelhaft befunden. Die Öfen taugten nach
Ansicht des fremden Herrn nichts, während Harrassowitz beschwor, sie heizten
ausgezeichnet. Die Dielen sollten an vielen Stellen schadhaft sein. Das Dach sei
reparaturbedürftig, die Treppe wackelig. Von der Holzstube wollte der Herr gar
nichts wissen, die müsse er herausreissen lassen und durch Ziegelwände ersetzen.
    Kurz, das Haus war, wenn man den Worten des Mannes trauen durfte, »ein Loch«
in das man eine junge Frau unmöglich führen konnte.
    Harrassowitz meinte, mit einigen hundert Mark mache er sich anheischig, aus
diesem Hause ein wahres Eldorado zu schaffen, »komfortabel und
hochherrschaftlich«.
    »Eine Hundehütte ist das Ding!« rief der Fremde, der die starken Ausdrücke
zu bevorzugen schien. »Fünftausend Mark muss ich hier gleich reinschmeissen; bloss
was das Ausmisten kostet. Natürlich geht das vom Kaufpreise ab!«
    Der Händler schwor dagegen, beide Hände zur Beteuerung erhebend, dann könne
kein Handel zustande kommen; er dürfe nicht eine Mark vom Preise ablassen.
    So wurde hin und her gefeilscht zwischen den beiden. Auf den alten Büttner,
der gesenkten Hauptes dabeistand, Rücksicht zu nehmen, schien man für
überflüssig zu halten.
    Nachdem man Haus und Hof gründlich besichtigt, wobei der Fremde alles so
schlecht wie möglich machte, während Harrassowitz seinen Besitz nach Möglichkeit
herausstrich, ging es hinaus zur neu angelegten Ziegelei. Büttner wurde nicht
aufgefordert, mit dortin zu kommen.
    Nach Verlauf von einer Stunde etwa kamen die Herren in das Gehöft zurück.
Sie begaben sich in die ehemalige Wohnstube der Büttnerschen Familie. Sam
verlangte Tinte und Papier und schimpfte, als das nicht zu haben war.
    »Sie können derweilen rausgehen!« sagte er zu dem alten Manne. »Aber halten
Sie sich in der Nähe auf, bis ich Sie rufen werde.«
    Traugott Büttner ging in den Stall. Die Gesellschaft der Tiere war ihm
lieber als die der Menschen. Die Tiere waren unverständig, stumpf und gutmütig.
Die kaltblütig-grausame Art, seinesgleichen zu martern, hatte der Mensch vor der
Kreatur voraus. -
    Der alte Mann sass bei den Kühen auf einem Melkschemel. Er hatte den Tieren
neues Futter vorgeworfen. Gemächlich kauend standen sie da, blickten ihn während
des Fressens hin und wieder an, furchtlos; sie kannten ihn ja.
    Durch die offene Stalltür konnte man über den Hof her vernehmen, wie jene
drüben in der Stube sprachen. Sie schienen noch nicht einig. Es ging lebhaft zu
beim Handeln.
    Der Bauer versank tiefer und tiefer in Brüten. Eine »Hundehütte« hatte der
Herr sein Haus genannt! Dass der Mensch nicht stumm geworden war für solche
Lästerung!
    Er, der Büttnerbauer, musste doch wohl sein Haus kennen und wissen, was es
wert war; es gab kein besseres im ganzen Dorfe.
    Die Grundmauern mussten uralt sein. Der Vater hatte einmal gehört von einem,
der es verstand: die Mauern stammten aus Zeiten, die noch lange, lange vor dem
grossen Kriege lagen. Die Holzstube, welche der Fremde herausreissen wollte, war
von Traugotts Grossvater aus starken, trockenen Tannenbrettern und lärchenen
Pfosten eingebaut worden, und mochte noch manches liebe Jahr überdauern. Den
Dachstuhl hatte Leberecht Büttner neu zimmern lassen; da war kein Balken, der
sich gesenkt oder gebogen hätte.
    Er selbst, Traugott Büttner, hatte viel Arbeit, Sorge und Kosten auf das
Wohnhaus verwendet. Es war stets sein Stolz gewesen, dass es so stattlich sei; er
hatte seinen Ehrgeiz darein gesetzt, das von den Vätern überkommene Heim in
Ordnung und Stand zu halten.
    Er hatte dieses Haus lieb, wie man ein lebendes Wesen liebt. Wenn er vom
Felde hereinkam, blickte es ihn schon von weitem an, freundlich und vertraut,
wie eine Mutter. - Es war ja auch die Mutter von vielen Generationen, die in ihm
geboren und gross geworden, denen es Obdach und Behausung gewährt hatte.
    Er kannte dieses Haus, wie er seine Ehefrau gekannt hatte. Er liebte es
nicht nur in seinen Vorzügen und guten Seiten, er liebte es in allen seinen
Eigenheiten und Heimlichkeiten, die nur ihm offenbar waren. Er liebte es nicht
zum mindesten der schweren und bangen Stunden wegen, die er unter seinem Dache
durchlebt hatte.
    Und nun kam da einer her, ein Fremder, und nannte es eine »Hundehütte«!
    Es war nicht Zorn, was der Alte empfand, auch nicht Ärger. All die jäh
aufwallenden heissen Gefühle waren ausgelöscht in ihm. Mehr ein Staunen war es,
ein Verwundern über das, was ihm widerfuhr. Der Geist der streitbaren
Auflehnung, der ihn früher oft zu seinem Schaden beseelt, hatte einer dumpfen
Verdrossenheit Platz gemacht.
    Er war still und nachdenklich geworden. Den Leuten im Dorfe wurde er dadurch
unheimlich. Wenn er in seinem Kummer gerast oder zur Schnapsflasche gegriffen
hätte, würden sie sich weniger gewundert haben, als über dieses stille
»Simelieren« des Bauern.
    Er konnte neuerdings über einem Worte, einem Erlebnisse stundenlang grübeln.
Es war, als ginge er im Kreise wie ein Tier, das den Göpel drehen muss. Sein
Geist klebte fest und zäh an den Dingen, konnte sich nicht aufschwingen zu
Gedanken, sein Wille sich nicht mehr aufraffen zu Taten. Der ehemals so tätige
Mann war imstande, halbe Tage in völligem Nichts-tun zu verbringen.
    Dann hielt er Selbstgespräche. Zu starkem Fluchen und Schimpfen, wie
ehemals, brachte er es nicht mehr. Aber er bekam es fertig, ein und denselben
Satz zehnmal und mehr vor sich hin zu sagen, immer schneller, immer lauter, bis
er über sein eigenes Sprechen erschrak, sich scheu umsah, ob jemand da sei, und
nach einiger Zeit in seine gewöhnliche Stumpfheit zurückversank.
    Auch jetzt wieder hatte er sich in einen Gedanken verbissen: jener fremde
Herr, dessen Namen er nicht einmal kannte, hatte sein Haus eine Hundehütte
genannt. Und nun sagte er das Wort vor sich hin mit rauher Stimme: »Hundehütte,
Hundehütte, Hundehütte ...«, dass die Kühe im Fressen innehielten und sich
umsahn nach dem närrischen Alten.
    Vom Hause her ertönte jetzt lautes erregtes Sprechen, als ob sie sich dort
stritten. In der Haustür erschien der Fremde. Er war im Begriffe, seinen Pelz
anzuziehen; hinter ihm kam Sam, suchte den Mann festzuhalten.
    »Zwanzigtausend Mark für so eine Hitsche ist Unverschämteit!« schrie der
Fremde. »Ich weiss ganz genau, was Sie in der Subhastation dafür gegeben haben.«
    »Aber was ich inzwischen hineingesteckt habe, Herr Berger! Wollen Sie das
bitte nicht vergessen.«
    Der Fremde stand noch immer in der Tür, er hatte inzwischen den Ärmel
gefunden, schien auf dem Sprunge, fortzugehen.
    »Schön: reingesteckt! Rausgenommen haben Sie, dreimal so viel, als Sie
gegeben haben! Und nun soll ich Ihnen für den Hof und das bisschen Ziegelei
zwanzigtausend Mark geben! - Verrückt müsste ich sein! Viertausend Taler gebe
ich! Nicht einen Pfennig mehr!«
    »Kommen Sie nur ins Haus, Herr Berger!« mahnte der Händler und suchte den
erregten Mann hereinzuziehen. »Wir werden schon handelseinig werden!« dabei
klopfte er ihm auf die Schulter.
    »Sie sind ein Halsabschneider!« schrie Berger, folgte aber dem Händler doch
ins Haus.
    Es dauerte wiederum eine ganze Weile, dann erschien Harrassowitz in der
Haustür und rief den Bauern herein.
    Er stellte ihn dem Fremden vor. »Das ist hier der alte Büttner, der frühere
Besitzer. Ein braver Mann! Ich kann ihn nur empfehlen. Wir sind stets gut
miteinander ausgekommen, nicht wahr, Büttner?« dabei stiess er den alten Mann
vertraulich an.
    Büttner sagte nichts. Er stand da gesenkten Hauptes und blickte auf die
Diele.
    »Ich habe nämlich an diesen Herrn hier soeben verkauft,« fuhr Harrassowitz
fort; er schien in bester Laune, rieb sich vergnügt schmunzelnd die Hände. »Das
ist also hier Ihr neuer Herr, Büttner! Herr Berger wird die Ziegelei in Betrieb
nehmen und gedenkt, hier zu wohnen. - Es wird gut sein für Sie, Büttner, wenn
Sie sich mit ihm stellen.«
    »Das Haus entspricht durchaus nicht meinen Ansprüchen,« meinte der neue
Herr, sich missmutig umblickend. »Meine Frau kommt von der Stadt und ist's ganz
anders gewöhnt.«
    »Es wird der jungen Frau mit der Zeit ganz gut hier gefallen in Halbenau;
passen Sie mal auf, Herr Berger! Hier ist's ganz nett, man versteht hier auch zu
leben. Und gesund ist's! Die Leute werden alt hier zu Lande! Wie zum Beispiel
Herr Büttner hier!«
    Der Fremde zuckte die Achseln, dann meinte er, sich an den Alten wendend:
»Ich würde Sie unter gewissen Bedingungen im Hause behalten. Eine Kammer können
Sie meintswegen haben, obgleich eigentlich viel zu wenig Platz ist.«
    »Büttner nimmt mit allem vorlieb,« sagte Harrassowitz, sich einmischend.
»Sie müssen nur wissen, der Mann hat Zeit seines Lebens hier gewirtschaftet, da
wäre es immerhin hart, wenn er Knall und Fall fort müsste. Ich habe auch Erbarmen
gehabt mit ihm, obgleich ich's nicht eigentlich nötig hatte. Das ist eben
schliesslich eine Art von Anstandspflicht - gewissermassen.«
    Der neue Besitzer machte eine ungeduldige Bewegung. »Zwingen kann Sie dazu
ja niemand!« rief der Händler. »Wenn Sie den Alten drin lassen, so ist das eben
ein Akt der Barmherzigkeit und Herr Büttner muss Ihnen zeitlebens dafür dankbar
sein - nicht wahr, Büttner?«
    »Meintswegen!« sagte Berger und erhob sich. »Ich will gestatten, dass der
Mensch hier wohnen bleibt in einer Dachkammer. - In die Hausordnung haben Sie
sich natürlich zu fügen, Büttner! Und ich darf erwarten, dass Sie keinerlei
Störung verursachen. Die Wohnung sollen Sie frei haben; ich verlange als
Entgelt, dass er den Garten versorgt und die häuslichen Arbeiten übernimmt:
Holzspalten, Austragen der Grube, Kohlenklopfen und so weiter. Eventuell werde
ich ihn auch in der Ziegelei beschäftigen, wenn er dazu nicht schon zu alt ist.
Natürlich ist dieses Verhältnis meinerseits jederzeit kündbar.«
    »Das scheint mir nur billig und gerecht!« rief Harrassowitz. »Sie können
lachen, Büttner! Machen Sie nur nicht ein so finsteres Gesicht, Mann! So
trifft's nicht jeder!«
    »Das scheint ein alter verstockter Bursch zu sein!« sagte Berger zu dem
Händler, als sie das Haus verliessen.
    »Was wollen Sie,« meinte Sam. »Er ist halt 'n Bauer!«
 
                                      XI.
Ernestine überbrachte eines Tages ihrem Bruder Gustav einen Brief von Häschke.
dabei erzählte sie, dass sie in der nächsten Zeit Halbenau verlassen werde, ihr
Bräutigam habe eine Wohnung gemietet und wolle sie nun heiraten.
    Eigentlich hatte Ernestine gewünscht, dass die Hochzeit in Halbenau
stattfinden solle; aber Häschke hatte gemeint, da müsse man sich womöglich
kirchlich einsegnen lassen, und »den Mumpitz« mache er nicht mit. Ernestine fand
sich schliesslich darein. Sie war schon so weit von der fortgeschrittenen
Weltanschauung ihres Bräutigams angesteckt, dass sie sich aus solchen
altmodischen Gebräuchen, wie kirchliche Trauung und Taufe, nichts mehr machte.
Da sie ausserdem praktisch war, sagte sie sich, dass man durch Weglassen dieser
Zeremonien Geld ersparen könne, welches anderweit besser zu verwenden sei.
    Häschke berichtete in seinem Briefe an Gustav, dass er in einer
Maschinenfabrik Anstellung als Schlosser gefunden habe. Er setzte dem Freunde
zu, dass er's ihm nachmachen solle. In der Stadt sei doch ein ganz anderes Leben,
als in dem langweiligen Dorfe. Auf einen grünen Zweig werde er in Halbenau doch
niemals kommen. Wenn Gustav ihm Auftrag gebe, wolle er sich für ihn um einen
Dienst bemühen. Gustav solle ihm sofort seine Papiere einsenden. Er werde ihm
schon etwas Passendes ausfindig machen. Gediente Unteroffiziere hätten immer
Aussicht, genommen zu werden.
    In Gustav rief dieser Brief geradezu eine Gärung hervor.
    Seit er neulich auf dem Rückwege aus der Rübengegend das Leben der grossen
Stadt wieder einmal gekostet hatte, war ihm die geheime Sehnsucht danach nicht
wieder aus der Seele gewichen.
    Es bedurfte nicht viel Zuredens von seiten Häschkekarls, um diese Träume und
Wünsche, beunruhigend und verführerisch, wie sie nun einmal für das Landkind
waren, lebendig zu machen.
    Der Abend vor allem, wo er in Häschkes Gesellschaft jener grossen
Volksversammlung beigewohnt, hatte sich unauslöschlich in seinem Gedächtnisse
eingeprägt. Die Tausende, welche in atemloser Spannung den Worten ihrer Führer
gelauscht, die eindringlichen Worte, welche die schlichten Arbeiter gesprochen,
der mächtige, sinnberauschende Applaus, wenn einer das rechte Wort gefunden, die
Disziplin, die Opferwilligkeit, der Korpsgeist - nichts von den tiefen
Eindrücken, die er in jenen Tagen in sich aufgenommen, war dem jungen Manne
abhanden gekommen.
    Was er da gesammelt hatte an neuen Erfahrungen und Gedanken, was er damals,
weil es zu viel auf einmal gewesen, nicht hatte verarbeiten können, war doch in
ihm geblieben, hatte sich gesetzt und verdichtet zu einer neuen Weltanschauung.
So wie er gewesen war, konnte er nie wieder werden; er hatte in geistigem Sinne
seine Unschuld verloren. Er fühlte es selbst bei den unbedeutendsten Anlässen,
dass er mit anderen Augen in die Welt sehe.
    Vor allem aber war eine tiefe Sehnsucht in ihn gekommen, die ihm keine Ruhe
mehr liess, die Sehnsucht, heraus zu gelangen aus der Enge seiner bisherigen
Umgebung, Neues zu sehen und zu erleben, seinen Gesichtskreis zu erweitern,
teilzunehmen an dem Leben der grossen Welt.
    Diese Sehnsucht trieb ihn aus seiner Heimat weg, in die Stadt. Dort war das
wahrhaftige Leben allein! In der Stadt fand man Anregung und Gesellschaft. Dort
erfuhr man, was in der weiten Welt vorging. Da ging einem eine Ahnung auf von
dem, was man selbst wollte und sollte. Da war man unter Tausenden und
Abertausenden, und doch ein selbständiger, freier Mensch.
    Auf dem Lande glichen die Arbeiter dem Lasttiere, das seine Arbeit
verrichtet, sein Futter vertilgt und nur erwacht, um von neuem zur Arbeit
getrieben zu werden. So dämmerten die meisten Leute auf dem Dorfe dahin, stumpf
und gelangweilt, ohne viel mehr nachzudenken als das liebe Vieh.
    Nein! solch ein Leben wollte er nicht weiter führen! Wenn man einmal starb,
wollte man doch wenigstens sich sagen können, dass man gelebt habe.
    Er hatte ja früher die Heimat geliebt - er liebte sie noch - aber es war zu
vieles vorgefallen in den letzten Jahren, was ihm die Freude an dem Heim
vergällt hatte.
    Ja, wenn er's so hätte haben können wie sein Grossvater Leberecht - dem er,
wie die Menschen behaupteten, in vielen Stücken ähnelte - wenn er auf freiem
Gute hätte selbständig schalten und walten dürfen als sein eigener Herr, da
hätte er wohl jede Arbeit auf sich nehmen wollen, wäre sicher gewesen, etwas
Rechtes vor sich zu bringen. Aber so, wo das Glück der Familie vernichtet war!
Wo einer hätte wieder ganz von vorn anfangen müssen! wo ihm, dem Bauernsohne,
nichts übrig blieb, als sich als Tagelöhner oder Knecht zu verdingen! -
    Nein! da wollte er doch lieber ganz von dem Orte weggehen, wo er und seine
Vorfahren einstmals bessere Tage gesehen hatten. In der Stadt kannte ihn
wenigstens keiner! Da konnte ihn niemand verhöhnen, dass er hatte herabsteigen
müssen, dass er, der einstmals kommandiert hatte, nun selbst dienen musste.
    Was er früher nicht für möglich gehalten haben würde, der Abschied von der
Heimat wurde ihm jetzt nicht einmal schwer. Die Wurzeln, die ihn einstmals so
fest mit diesem Boden verbunden hatten, waren eben eine nach der anderen
durchschnitten worden; er war jetzt auch so ein loser Baum, den man leicht
ausheben und verpflanzen kann.
    Mehr und mehr fing er an, seiner dörfischen Umgebung überdrüssig zu werden,
ja, sie im Grunde seines Herzens zu verachten. Auf dem Dorfe war man wie in
einem dunklen, engen, dumpfen Zimmer, in welches das Licht höchstens durch
Ritzen und Klinzen eindringt. Da draussen in der Welt, in der Stadt, da winkte
das grosse, rauschende Glück, das Vergnügen, die Freiheit, die Selbständigkeit! -
    So gab er denn seiner Schwester Ernestine, als sie Halbenau verliess, seine
Papiere mit, die sie Häschke übergeben sollte.
    Das Mädchen ging der Zukunft leichten Herzens entgegen. Sie hatte bereits
der vorige Sommer der Heimat entfremdet. Sie lebte längst mit ihren Gedanken und
Plänen in einer neuen Welt, die mit dem ländlichen Heim wenig gemein hatte. Ein
Vaterhaus, von dem sie hätten Abschied nehmen müssen, gab es ja für die
Büttnerschen Kinder nicht mehr.
    Um die Zukunft machte sich die leichtfertige Ernestine wenig Sorge. Häschke
verdiente jetzt zwanzig Mark in der Woche. Mit der Zeit hatte er Aussicht,
Monteur zu werden, so schrieb er selbst. Ausserdem konnte man zur Verbesserung
des Einkommens ja auch Kostgänger und Schlafburschen aufnehmen. Ein grösseres
Quartier war darauflos schon gemietet worden.
    Das Mädchen würde vielleicht nicht einmal vom Vater Abschied genommen haben,
wenn nicht Gustav es ausdrücklich von ihr verlangt hätte.
    Der Abschied war kühl und steif. Ernestine, die doch sonst nicht gerade auf
den Mund gefallen war, wusste dem Vater kein liebes Wort zu sagen.
    Der alte Mann brachte es auch zu keiner herzlichen Äusserung dem letzten
Kinde gegenüber, das nun von ihm ging.
                                     * * *
    Karl war, nachdem man seine Wunde im Kretscham notdürftig gewaschen und
verbunden hatte, in seine Behausung nach Wörmsbach geschafft worden.
    Nachdem ihm der Arzt das dichte Haar rings um die Wunde abgeschnitten hatte,
fand sich, dass die Schädeldecke stark verletzt war. Es musste geradezu ein Wunder
genannt werden, dass er mit dem Leben davon gekommen war. Die Heilung ging
langsam vonstatten.
    Seine Frau leistete in dieser Zeit Übermenschliches. Der Kranke war trotz
seiner Schwäche nicht leicht zu pflegen, er delirierte stark. Die Nahrung musste
ihm auf künstlichem Wege zugeführt werden.
    Terese hatte sich bis dahin nie sonderlich um die Krankenpflege gekümmert;
jetzt liess die Not sie auch diese Dienste erlernen.
    Sie musste dazu die Kinder versorgen, das Hauswesen im Gange erhalten, dabei
kein Geld im Hause! Denn Karl hatte in der Periode seiner Liederlichkeit alles
bis auf einen kleinen Rest vertan.
    Und nun kam das Frühjahr heran; da hätte das Feld bestellt werden mögen.
Wovon sollte man denn die Pacht an Harrassowitz bezahlen?
    Sam war schon einmal dagewesen. Er zeigte sich sehr ungehalten. Wenn es
nicht besser werde, müsse er sie heraussetzen. Säufer und Nichtstuer könne er
nicht gebrauchen.
    Was blieb für Terese da anderes übrig, als selbst das Feld zu bestellen!
Die Kühe hatte Harrassowitz inzwischen weggenommen. Sie spannte sich also vor
die Egge. Der älteste Junge, kaum sechs Jahre alt, musste mit Hacke und Schaufel
hantieren.
    Es galt die grössten Anstrengungen, denn wenn Harrassowitz sein Wort
wahrmachte, dann blieb ihnen nichts als das Armenhaus.
    Dass Karl jemals wieder zu vollen Kräften kommen werde, war unwahrscheinlich.
Auch nachdem die Kopfwunde verheilt war und das Fieber nachgelassen hatte, blieb
ein allgemeiner Schwächezustand zurück. Die Sprache hatte gelitten; bestimmte
Laute vermochte die Zunge überhaupt nicht mehr zu bilden. Das Gedächtnis war
geschwächt. Karl, der sich niemals durch besondere Geistesgaben ausgezeichnet
hatte, war völlig zum Trottel geworden.
    Eines Tages, als Terese vom Felde heimkehrte, fand sie den Kretschamwirt
von Halbenau bei Karl sitzen. Kaschelernst schien bereits eine ganze Weile mit
ihm gewesen zu sein. Was die beiden zusammen gesprochen, erfuhr Terese nicht.
    Der alte Kaschel machte einen durchaus vergnügten Eindruck.
    Er spielte sich ganz auf den Unbefangenen; meinte, er sei nur im
Vorübergehen mal eingetreten, um zu sehen, wie sie eigentlich lebten. Was zu
essen hatte er mitgebracht - auch ganz zufällig, wie er behauptete - einige
Würste und einen Schinken. Die liess er da, damit Karl davon esse und wieder zu
Kräften kommen möge.
    »Er is wie a bissel dumm im Koppe!« sagte Kaschelernst zu Teresen, als er
in sein Korbwägelchen gestiegen war. »Er meent, er kann sich uf nischt nich mehr
besinnen, meent er.« dabei beobachtete er, durch sein verschmjetztes Lächeln
hindurch, Teresens Miene genau. »Weess er denne gar nischt mehr, wie er damals
hingefallen is, in der Besoffenheet und sich das Luch in Kupp geschlagen hat? -
he!«
    »Ar is ne gefallen!« erwiderte Terese. »Ibern Kupp ha'n se'n gehaun.«
    »Soit Karl su?«
    »Ne! ar soit's ne, weil dass er vun nischt ne mih was weiss.«
    »Wer soit's denne?«
    »Nu, was de Leite sen, die soin's alle, 's hätt' 'n eener ibern Kupp
gehaun.«
    Kaschelernst schnalzte mit der Zunge. »De Leute raden vill, was ne wahr is.
- Desderwegen ...« Vergnügt schmunzelnd fuhr er von dannen.
    Wenige Tage darauf erschienen zwei Herren vom Gericht bei Karl Büttner. Es
handelte sich um die Voruntersuchung gegen Richard Kaschel.
    Karl wurde aufs eingehendste vernommen. Viel war freilich nicht aus ihm
herauszubekommen. Er wusste nur noch wenig von jenem für ihn so verhängnisvollen
Abend im Kretscham zu Halbenau. Darüber, wie er zu der Wunde am Kopfe gekommen,
vermochte er nichts Stichhaltiges anzugeben.
    Immerhin belasteten die Aussagen anderer Zeugen den jungen Kaschel so weit,
dass es zur Verhandlung kam.
    Es ward festgestellt, dass es Streit gegeben habe zwischen Karl und seinem
Vetter. Ferner wurde ausgesagt, dass Richard Kaschel es gewesen, der die Leute
aufgefordert habe, den Betrunkenen hinauszuwerfen. Das Gravierendste aber war,
dass mehrere Zeugen sich besinnen konnten, die eiserne Stange, die zum Festalten
der Tür diente, in der Hand des Angeklagten gesehen zu haben. Dass aber Richard
den Schlag geführt habe, der Karl verletzt haben sollte, wollte niemand
beschwören.
    Der Angeklagte selbst behauptete, er sei nicht mit draussen gewesen vor dem
Kretscham, habe vielmehr die eiserne Stange, auf Befehl seines Vaters sofort
wieder eingelegt.
    Der alte Kaschel, der unbeeidigt vernommen wurde, bestätigte die Aussagen
seines Sohnes.
    Der Angeklagte wurde freigesprochen.
    Die öffentliche Meinung schrieb trotzdem dem Gastwirtssohne die Tat zu.
    Man schimpfte weidlich auf die Kaschels und verwünschte sie. Erst hatten sie
den alten Büttner ruiniert, ihn von Haus und Hof gebracht, und nun hatten sie
ihm auch noch den Sohn für Lebzeiten elend gemacht.
    Aber solche Worte fielen nur hinter dem Rücken der Kaschels. Ihnen etwas ins
Gesicht zu sagen, wagte niemand; sie waren zu gefährlich.
    Richard Kaschel zeigte sich, nachdem er hier mit einem blauen Auge davon
gekommen, anmassender und übermütiger denn je. Das Spielen setzte er fort. Er
ging oft weit über Land oder fuhr in die Stadt, um seiner Leidenschaft zu
frönen.
    Dem alten Kaschel wurde unheimlich zumute dabei. Mehr als einmal schon hatte
er ein Loch zustopfen müssen für den hoffnungsvollen Sprössling.
 
                                      XII.
Nun begannen grosse Umwälzungen im Bauernhofe. Baumeister und Zimmermann
erschienen. Im Wohnzimmer wurden die Dielen aufgerissen, die alten erblindeten
Fensterscheiben durch neue grosse und glänzende ersetzt. Dann kamen die
Ofensetzer. Der alte Kachelherd mit Backröhre und Pfanne, der zwei Zimmer
geheizt hatte, auf dem die verstorbene Bäuerin das Essen für die Familie
zugleich mit dem Angemenge für das Vieh zubereitet hatte, wurde weggerissen und
an seine Stelle ein städtischer Porzellanofen gesetzt. Die Küche kam in den
Nebenraum. Maler und Tapezierer erschienen. Die Holzverkleidung ward von den
Wänden gerissen, gemalt und geweisst wurde, und in die Zimmer für die zukünftige
junge Frau kamen sogar Tapeten.
    Der neue Herr kam öfters von der Stadt heraus und trieb die Handwerksleute
zur Eile an; er wollte bald einziehen.
    Der Büttnerbauer wurde von einem Winkel in den anderen getrieben. Er war wie
ein altes Tier, dem aus Gnade das Leben gelassen wird.
    Überall im Hause herrschten die Handwerker. Schliesslich zog sich der Alte
mit einem Bündel Sachen in einen Bretterverschlag auf dem Boden zurück, um dort
zu hausen.
    Auf dem Felde war's ein Gleiches. Überall Neuerungen! -
    Die Ziegelei wuchs und dehnte sich aus. Jetzt hatten sie ein neues Lehmlager
entdeckt, das noch besseres Material entalten sollte als das erste. Dort wurde
abgegraben. Herr Berger, der neue Besitzer, liess einen Schienenstrang von der
Grube nach der Ziegelei legen.
    Das ganze Gut ward verbitzelt. Die grossen Schläge, einstmals des alten
Bauern Stolz und Freude, waren in lauter schmale Streifen zerteilt, auf denen
kleine Wirte ihre vier, fünf verschiedenen Früchte bauten.
    Auch im Walde gab es Veränderungen. Schon im Herbste hatte der gräfliche
Oberförster Kahlschlag machen und Hügel zur Kultur auswerfen lassen. Kaum war
der Schnee gewichen, wurde mit der Anpflanzung begonnen.
    Der alte Mann hasste all das Neue, das vor seinen Augen entstand. Es lag so
etwas Aufdringliches, Vorwitziges in dem, was diese jungen Leute anstellten.
    Vierzig Jahre hatte er nach der Väter Weise gewirtschaftet, und nun über
Nacht, plötzlich, ward alles umgestürzt, das Oberste zu unterst gekehrt, seine
Arbeit verwüstet, als sei sie nichts wert.
    Sein Lebenswerk wurde für nichts geachtet. Die Spuren seiner Tätigkeit waren
ausgewischt. Das, was jeder Mensch als mächtigsten Trieb und Sporn zum Handeln
in sich trägt, der eigentliche Erreger alles menschlichen Strebens und
Schaffens, das Verlangen nach irdischer Unsterblichkeit, der Wunsch, in seinen
Werken das ewige Leben zu haben - dieses Denkmal, das jeder Tüchtige sich zu
errichten strebt, damit Kinder und Kindeskinder seiner gedenken, auf dass sein
Wesen und Wollen nicht von der Vergessenheit Nacht verschlungen werde - dieser
Abdruck seiner Persönlichkeit, der in diesem Grundstück: Haus, Hof, Feldern,
Wiesen und Wald, eingeschlossen lag, war zerstört; fremde Hände hatten in
wenigen Monaten das zur Unkenntlichkeit verändert, was er und seine Vorfahren im
Laufe eines Zeitraumes, der nach Generationen gerechnet werden musste, in Treue
und Liebe und Frömmigkeit aufgerichtet hatten.
    Die Zeit war über ihn hinweggeschritten.
    Nun wurde er in die Ecke gestellt, ein verbrauchtes, altmodisches Gerät. Er
war ein Baumstumpf, der mitsamt den Wurzeln ausgerodet ist; so lag er auf dem
Boden, dem er, als er in voller Kraft und Blüte gestanden, seinen Schatten
gespendet hatte. Die tausendfältigen Beziehungen, die jeden mit der Mitwelt
verbinden, die unzähligen Würzelchen, mit denen wir jeden Augenblick Kräfte
saugen und Kräfte zurückgeben, waren durchschnitten. Er war unnütz geworden für
sich und die anderen. Er konnte aus der Welt gehen, und nirgends würde eine
Lücke klaffen.
    Zweck- und ziellos ging er umher, im Dorfe, über die Felder, durch den Wald.
Wann wäre das früher jemals vorgekommen! Da hatte jeder Gang sein Ziel, da wurde
er, ausser Feiertags, niemals unbeschäftigt angetroffen. Aber was sollte er jetzt
anfangen? wofür seine Hände rühren?
    Die Leute redeten ihn an, einzelne aus Mitleid, die meisten aus Neugier;
sein Wesen war allen ein Rätsel.
    Aber, da man fast nie eine Antwort von ihm erhielt, unterblieb das Anreden
mit der Zeit. Die Kinder lachten wohl über die struppige Erscheinung des Alten,
liefen ihm nach; auch Erwachsene wagten hie und da eine Spottrede hinter seinem
Rücken. Aber ins Gesicht ihn zu höhnen, wagte niemand; das Elend hatte noch
nicht ganz die Ehrfurcht gebietende Würde aus der Erscheinung des Greises
gelöscht.
    Der Pfarrer stellte den alten Mann auf der Strasse und ging eine Strecke mit
ihm. Da gab es zarte Vorwürfe zu hören, dass Büttner nicht mehr zur Predigt und
zum Tische des Herrn komme. Der Bauer zuckte verdrossen die Achseln, blieb dem
Seelsorger die Antwort schuldig.
    Ein andermal traf Büttner mit dem Güterdirektor des Grafen zusammen.
Hauptmann Schroff hielt sein Pferd an und begrüsste den alten Mann. Der Hauptmann
beklagte, dass alles so gekommen wäre. Nun das Bauerngut nicht mehr für ihn zu
haben sei, habe der Graf seinen Sinn geändert. Er bereue jetzt, den Juden
hineingelassen zu haben. Die neue Nachbarschaft sei dem Herrn Grafen ein Greuel.
-
    Der Hauptmann sah wohl selbst ein, dass solche Reden zu spät kamen und
niemandem etwas nützen konnten. Er drückte dem Alten die Hand, überliess ihn
seiner Einsamkeit.
    Was wollten die Leute von ihm? Der Alte verachtete sie im Grunde seiner
Seele alle. Alles Reden war sinnlos, alles Mitleid verschwendet! Jedes Wort der
Teilnahme bedeutete eine Erniedrigung für ihn. Nur in Ruhe sollten sie ihn
lassen, das war das einzige, was er noch von ihnen verlangte.
                                     * * *
    Auch dem Sohne eröffnete sich der alte Mann nicht. Der gehörte ja auch zu
den Jungen, zu dieser neuen Generation, die keck über ihn hinweggewachsen war.
    Gustav war ja auch diesem Boden entstammt, aber er war nicht so fest mit ihm
verwachsen, dass er das Verpflanztwerden nicht überstanden hätte. Er stand jetzt
im Begriffe, sich in neuen Verhältnissen ein neues Heim aufzurichten für sich
und die Seinen.
    Soeben war von Häschke eine Antwort eingetroffen. Er hatte eine Stelle für
den Freund gefunden. Gustav sollte in einem grossen Hause der inneren Stadt die
Vizewirtsstelle übernehmen.
    Es war ein verantwortungsreicher Posten. Im Hinterhause befand sich eine
Kartonagenfabrik, die über hundert Leute beschäftigte. Im Parterre des
Vorderhauses war ein Bankgeschäft, im ersten Stock eine
Versicherungsgesellschaft; alles in allem wohnten in dem weitläufigen Gebäude
einige zwanzig verschiedene Parteien.
    Gustavs ausgezeichnete Militärpapiere hatten den Ausschlag gegeben, als er
zu dieser Stellung gewählt wurde. Häschke riet, dass er sofort annehmen sollte;
es gäbe eine ganze Anzahl anderer Bewerber für den Posten.
    Für Gustav war es nichts Kleines, sich hier zu entscheiden. Vieles daran war
verlockend: die feste Anstellung, das auskömmliche Gehalt; übergrosse Anstrengung
war mit einem solchen Posten auch nicht verbunden und man behielt Zeit übrig für
sich und die Seinen.
    Auf der anderen Seite gab es mancherlei Unerquickliches an einer solchen
Stellung. Man brachte mit seiner Arbeit nichts Bleibendes vor sich, woran man
seine Freude hätte haben können. Die Aussicht, Höheres zu erreichen, sich selbst
vorwärts zu bringen, war ausgeschlossen. Man war der Diener von tausend
beliebigen Leuten. Und was Gustav als das schwerste erschien: er wurde
herausgerissen aus dem von Jugend auf gewohnten Leben. Vom Acker weg wurde er in
ein städtisches Souterrain verpflanzt, in das vielleicht die Sonne nicht einmal
am Tage drang. Wie würde er, wie würde Pauline das ertragen?
    Erst jetzt, wo er vor die Entscheidung gestellt war, merkte er, was er
vorhatte: dass er einen Strich mache unter seine eigene Vergangenheit, dass er mit
der vielhundertjährigen Überlieferung seiner Familie breche, dass er im Begriffe
stehe, aus einem Landmann ein Städter zu werden.
    Er besprach die Sache mit Pauline. Sie überliess ihm, wie in allen wichtigen
Fragen, auch diesmal die Entscheidung. Ihr genügte, bei ihm bleiben zu dürfen,
alles andere solle ihr recht sein.
    Schliesslich erkannte Gustav, dass es eine Wahl für ihn gar nicht mehr gebe;
er musste annehmen. Der Winter hatte die Ersparnisse des vorigen Sommers
verschlungen. Als Aufseher wieder in die Rübengegend zu gehen, hatte er
verschworen. In der Heimat gab es keine Beschäftigung für ihn, wenn er nicht
tagelöhnern wollte. Er musste also nach dem greifen, was sich ihm bot, um sich
und die Seinen vor Mangel zu bewahren.
    Die Stelle war durch Todesfall erledigt, und Häschke hatte geschrieben, dass
Gustav sobald wie möglich antreten müsse. Es hiess also, in wenigen Tagen packen
und Abschied nehmen.
    Ein Plan war in Gustav gereift: er wollte den Vater auffordern, mit ihnen in
die Stadt zu ziehen.
    Gustav war sich nicht im unklaren, was er damit auf sich nehme. Es würde
nichts Leichtes sein für alle drei Teile; der alte Mann war schwierig, würde
kein bequemer Hausgast sein. Besonders in der Stadt war das nichts Kleines, wo
man enge aufeinander sass, wo alle die mannigfaltigen Abziehungen des ländlichen
Berufes fehlten.
    Aber es musste sein! Pauline sowohl wie Gustav waren sich klar darüber, dass
sie den Vater nicht in seinem Elend allein lassen durften. Was sollte aus ihm
werden in Halbenau, wenn sie nun auch fortgingen? Wenn es niemanden mehr gab,
der sich um die Notdurft des Alten kümmerte! Das Armenhaus war der
wahrscheinliche Abschluss.
    Eine solche Schande wollte man nicht auf sich laden. Der Familiensinn, der
bei Gustav nicht völlig untergegangen war, sprach mit. So weit war es mit den
Büttners doch noch nicht gekommen, dass man das Familienoberhaupt hätte in
Schmutz und Armut verkommen lassen mögen, ohne eine Hand zu rühren. Die Leute
würden mit Fingern auf solch unnatürliche Kinder gewiesen haben. Diese Schmach
wollte Gustav seinem Namen nicht antun.
    Als sie jedoch mit dem Vater davon sprachen, stiessen sie auf Widerstand. Er
wolle nicht in die Stadt, erklärte er.
    Sie hielten ihm vor, was seiner in Zukunft in Halbenau warte: das
Einliegerelend, die Abhängigkeit von wildfremden Menschen, die ihn als ihren
Knecht behandeln und ihm, wenn es ihnen passte, den Stuhl vor die Tür setzen
würden. Und was, wenn er krank würde! Wer würde ihn pflegen?
    All das hielten sie ihm vor. Ob es Eindruck auf ihn mache oder nicht, war
nicht zu ersehen. Er sagte nicht ja und nicht nein, trug seine gewöhnliche
mürrisch-verschlossene Miene zur Schau.
    Gustav machte einen Versuch, ihn beim Ehrgefühl - zu packen. Sollte er sich
bei seinen Jahren noch als Tagelöhner verdingen? Wollte er wirklich in die
Ziegelei gehen auf Arbeit? Er, der ehemalige Grossbauer: Ziegelstreicher! Oder
wollte er gar der Gemeinde zur Last fallen? -
    Aber auch hierauf zeichnete er nicht. Er schüttelte nur den Kopf und
murmelte etwas Unverständliches vor sich hin. Es schien fast, als hege er einen
wohlüberlegten Plan, einen Entschluss in seinem Innern, den er niemandem verraten
wollte.
    Seine Kinder drangen noch einmal in ihn. Sie stellten ihm dar, wie schön er
es bei ihnen haben werde. Man wolle ihm ein Stübchen ganz für sich lassen.
Häschke habe von einem Gärtchen geschrieben, das Gustav mit im Stande zu halten
hätte; diese Arbeit solle er übernehmen, damit er doch seine Beschäftigung habe.
- Es verschlug alles nichts. Man konnte zweifelhaft werden, ob er überhaupt die
Worte höre; seine Züge waren leer, seine Augen schienen auf etwas gerichtet:
weit, weit in der Ferne, das nur er sah.
    Gustav gab es schliesslich auf, dem Vater noch länger zuzureden. Wenn der
nicht wollte, dann brachten ihn zehn Pferde nicht von der Stelle. Er war eben
ein Büttner! -
    Aber Pauline liess die Hoffnung noch nicht fahren, den alten Mann zu
überreden. Sie war, seit sie Gustav geheiratet, der besondere Liebling des Alten
geworden. Ihr gegenüber hatte er hier und da sogar etwas von seinem Kummer
blicken lassen.
    Die junge Frau sprach den Schwiegervater noch einmal unter vier Augen, mit
jener innigen, schlichten Herzlichkeit, die ihr zu Gebote stand, meinte sie: Sie
wollten's ihm auch so gut machen, als er sich's nur denken könne.
    Sie hoffte, ihn vielleicht mit der Kost locken zu können. Sie wolle ihm so
kochen, wie er's gewohnt sei von der Mutter her, und wie sie wisse, dass er's
gern habe.
    Da traten dem Alten plötzlich die Tränen in die Augen; mit einer Weichheit,
die man sonst nicht an ihm gewohnt war, sagte er: »Ne, ne! Pauline, lass ack! Du
bist gutt! - Ich weiss, Ihr meent's gutt mit mir alen Manne. Aber, lass ack!« ...
    Dann versank er in Nachdenken.
    Sie wagte es, seine Hände zu ergreifen und sie zu streicheln. Noch einmal
stellte sie ihm dann vor, wieviel besser er's haben könne, wenn er bei seinen
eigenen Leuten bliebe als unter Fremden.
    »'s is alles eens. Pauline!« war seine Antwort. »Mit mir is eemal nischt
nich! Mir nutzt nischt nich mih! Ich were bale ganz alle sen!«
    Sie meinte dagegen: Er werde noch manches Jahr erleben; er sei ja rüstig und
nehme es noch mit manchem Jungen auf.
    »Ne, ne! Ich ha's 'n dicke! Ich ha's 'n schun ganz dicke! - De Mutter is nu
och tut. 's is ne schiene su alleene ei der Welt.«
    Er schnäuzte sich und wischte die Augen; beides mit der Hand. Dann fuhr er
fort: »Gieht Ihr ack! und lasst mich Ales in Frieden. Ihr sed jung! Ihr wisst ne,
wie's unsereenem zumute is. Ihr kennt's ne wissen. Das kann niemand nich
verstiehn, wie's unsereenem ums Harze is. - Su manchmal, Nächtens - su alleene -
und an Tage och, su verlassen! Mer mechte sich winschen, dass de Sunne gar ne
nich scheinen täte. Alles is eenem zuwider! Ne, ne! Das verstieht niemand ne,
der's ne derlabt hat! - Lasst mich ack! Ich wer' schun a Platzel finden; is ne ei
der Welt, dann is am Ende, kann sen, haussen.«
    Pauline schluchzte laut auf, als sie den alten Mann so sprechen hörte.
    »Ju, ju! Su is! Ich glob', ich wer mich ne lange mih zu schinden han. - Ich
will der och noch was mitgahn. Pauline, zum Adenken, eh' dass 'r gieht.«
    Damit ging er nach seinem Bretterverschlag auf dem Boden und kam nach
einiger Zeit, den Arm voll Kleidungsstücke, zurück.
    Da war eine wattierte Puffjacke der Bäuerin, eine seidene Schürze, die er
mal seiner Braut zum Geschenk gemacht hatte, etwas Leibwäsche der Verstorbenen
und noch Kleinigkeiten aus dem Nachlasse der Bäuerin, mit denen er Paulinen
beschenkte.
    Auch Gustav sollte bedacht werden. Der Alte schleppte seinen Schafwollpelz
herbei, den er seit dreissig und mehr Jahren führte.
    Pauline weigerte sich, den Pelz für ihren Mann anzunehmen; den müsse der
Vater behalten, damit er im Winter was Warmes habe.
    »Ich wer' keenen Winter mer sahen!« sagte der Bauer.
    Da er böse zu werden drohte über ihre Weigerung, nahm sie den Pelz
schliesslich an, zum Schein. Sie wollte ihn der eigenen Mutter übergeben, die ihn
einstweilen aufbewahren und dem Alten bei beginnender Winterszeit zurückstellen
sollte. -
    An einem Sonntagmorgen in der Frühe nahmen Gustav und Pauline Abschied von
Halbenau. Ihre Abreise hatte manchen Freund und manche Freundin herbeigelockt.
Frau Katschner schwamm in Tränen. Sie musste der Tochter heilig versprechen, dass
sie nach dem alten Büttner sehen werde.
    Die Witwe hatte im stillen noch nicht alle Hoffnung aufgegeben, dass ihr noch
ein zweites Mal die Freuden des Ehestandes zuteil werden möchten. Im geheimsten
Kämmerchen ihres Herzens regierte kein anderer als Traugott Büttner allein.
    Der alte Mann war nicht erschienen, um von seinen Kindern Abschied zu
nehmen. Die Leute sagten, er sei auf dem Wege nach der Kirche gesehen worden.
 
                                     XIII.
Am Sonnabendabend war der alte Büttner zum Dorfbader gegangen und hatte sich
seinen Bart abnehmen lassen. Sonntags beim Morgengrauen nahm er seine
Feiertagskleider aus der Lade, den langschössigen Tuchrock, der zur Hochzeit neu
gewesen war, die Weste mit den Perlmutterknöpfen, den Zylinder, der ihm nun auch
schon an dreissig Jahre Dienste getan hatte, und der trotz alles Streichens mit
dem Rockärmel nur immer widerhaariger wurde.
    Traugott Büttner ging zum Tisch des Herrn.
    In seinem Feiertagsstaat, das Gesangbuch in der Hand, schritt er die
Dorfstrasse hinab. Er blickte nicht rechts noch links, nur auf seinen Weg.
    Andere Altarleute, die ihn überholten, blickten ihm erstaunt ins Gesicht.
    Ja, war denn das wirklich der Büttnerbauer! Oder war es sein Geist? Die
bleichen Wangen, nicht mehr vom Bart versteckt, zeigten jetzt erst ihre ganze
hohle Magerkeit.
    Er erwiderte keinen der vielen Morgengrüsse, die ihm von allen Seiten geboten
wurden. Sein Gang war langsam aber fest, die Blicke hielt er starr geradeaus
gerichtet.
    Man steckte die Köpfe zusammen. »Saht ack! Büttnertraugott gieht beichten!«
- Er war eine ungewohnte Erscheinung geworden in der Kirchfahrt.
    Beim Hauptgottesdienste, der der Kommunion folgt, nahm Büttner seinen
altgewohnten Kirchenplatz ein. Vieler Augen waren auf ihn gerichtet; es war, als
ob nach langem Krankenlager einer wiederum unter Menschen geht. Selbst der
Geistliche schien unter dem Eindrucke zu stehen, dass heute ein besonderer Gast
in ihrer Mitte weile; er sprach einige Male mit Betonung nach jener Richtung
hin, wo der alte Mann sass.
    Der hörte der Predigt vom ersten bis zum letzten Worte mit Aufmerksamkeit
zu. Beim Schlusse des Gottesdienstes opferte er seinen Groschen, wie er es von
jeher getan, so oft er das Abendmahl genossen.
    Man wollte ihn anreden, als er aus der Kirche trat. Alte Freunde drängten
sich an ihn heran. »Nu Traugott!« hiess es, »wu hast denn du su lange gestackt?«
    Er schien für die Frager keine Zeit zu haben. Mit eigenartig ernstem Blicke
sah er die Leute an, schüttelte den Kopf, wandte sich und ging. - Mancher, der
jetzt kaum darauf geachtet, sollte sich später daran erinnern. - »Grade als ob
'r d'ch durch und durch buhren wollte; und duch als ob 'r ganz wu andersch hin
sähe,« schilderte ein Zeuge nachmals diesen Blick. Dann sei er auf einmal
verschwunden aus der Menge der Kirchgänger; keiner wollte wissen, wie das
geschehen.
    
    Traugott Büttner schritt auf seinen ehemaligen Hof zu. Heute war das Haus
menschenleer; des Feiertags wegen arbeiteten die Handwerker nicht.
    Er ging in die Kammer, legte die Feiertagskleidung ab und zog die
Werkeltagskleider wieder an. Dann legte er die guten Sachen sorgfältig
zusammengefaltet auf einen Stuhl, das Gesangbuch zu oberst auf das Bündel.
    Nachdem er das besorgt, begab er sich in den Stall. Er steckte den Kühen
Futter auf, reichlich, für zwei Mahlzeiten. Den Schweinen schüttete er Trebern
vor und goss einen Rest von Milch darüber zu einer rechten Feiertagsmahlzeit.
Darauf sah er sich noch einmal um, wie um sich zu überzeugen, dass alles
beschickt und in Ordnung sei. Dann machte er die Türe hinter sich zu und schritt
zum Hofe hinaus auf dem Wege hin, der nach dem Walde führt.
    Nach einer Weile machte er Halt, wandte sich um. Hatte er etwas vergessen? -
Er wollte nur das Dach noch einmal sehen, unter dem er Zeit seines Lebens
gehaust hatte. Dort ragte der freundliche Giebel über die Scheune hinweg.
    Der alte Mann hielt die Hand über die Augen, um sie vor den blendenden
Strahlen der Frühjahrssonne zu schützen. Er stand da eine Zeitlang, betrachtete
alles noch einmal ganz genau; das würde er nicht wieder sehen!
    Dort auf den Scheunenfirsten war schon wieder mal das Stroh lose geworden;
es sträubte sich wie unordentliches Haar nach allen Richtungen. Dass er das
bisher gar nicht bemerkt hatte - Nun, der Neue würde das schon in Ordnung
bringen!
    Ihn fröstelte auf einmal.
    Warum stand er denn hier eigentlich? Was wollte er denn? - Ja, richtig! Nur
schnell! Je eher, je besser! Wozu hier stehen und gaffen? Das nützte ja doch
nichts! Aber das Strohdach ... Er hätte gar nicht gedacht, dass der Wind neulich
so stark gewesen wäre! - Er war selten hier heraus gekommen in der letzten Zeit,
weil ihn die Ziegelei ärgerte! Ach, diese Ziegelei! Das ganze Gut war
schimpfiert. Dort blickte die Esse vor; er mochte gar nicht hinblicken!
    In weitem Bogen umging er das Bauwerk; bis er hinter der Ziegelei wieder auf
den Hauptweg des Gutes kam.
    Wieviel tausend und abertausendmal in seinem Leben war er diesen Weg
hinausgeschritten! Zu allen Jahreszeiten, ledig und mit Bürde, allein oder in
Gesellschaft der Frau, der Kinder, mit den Gespannen. Vom Büttnerschen Hofe kam
der Weg, führte durch Büttnersche Felder und Wiesen, lief in den Büttnerschen
Wald aus. Eine halbe Stunde und mehr konnte der Bauer geradeaus schreiten, ohne
von seinem Grund und Boden herunterzukommen.
    Hier war er umgeben von den Zeugen seines Lebens und Wirkens. Jener klobige
Steinblock erinnerte ihn an die tagelange schwere Arbeit, mittelst der er ihn
aus dem Acker gehoben. An dieser Ecke war er in früher Jugend bewahrt worden vor
Unfall wie durch ein Wunder; die Pferde waren scheu geworden, hatten den Knaben
geschleift; als der Vater desselben Weges kam, sich den Tieren entgegenwarf und
so des Kindes Leben rettete. Dort jenen wilden Rosenstrauch hatte er stehen
lassen, während rings alles Gebüsch gerodet wurde, der Hagebutten wegen, aus
denen die Bäuerin ein schmackhaftes Mus zu bereiten verstand. - Hier hatte jeder
Fussbreit Landes Bedeutung für ihn, jedes Hälmchen erzählte ihm eine Geschichte.
    Jetzt verliess er den Hauptweg, schlug einen schmalen Gang zwischen zwei
Feldern ein. dabei stiess er auf einen frisch gesetzten Grenzstein. Das war die
neue Einteilung! - Alles hatten sie ihm durcheinander geworfen: die Grenzen, die
Schläge, die Fruchtfolge.
    Da war ein Stück mit junger grüner Saat. Hafer konnte das nicht sein. Ja,
zum Teufel, was war denn das? - Der Bauer blieb stehen, bückte sich, betrachtete
sich die Hälmchen genau. Das war ja Gerste! - War der Mensch verrückt, hier
Gerste zu bauen, auf diesem nassen Zipfel! Der würde sich mal wundern im Herbst,
was er hiervon ernten mochte! Er musste doch seinen Acker kennen. Hier gerade war
undurchlässiger Tonboden und immer Nässe. Da wollte solch ein Esel Gerste bauen!
- Der Alte lachte grimmig in sich hinein.
    Aber er hatte ja noch was vor heute. Richtig! -
    Ein kleiner Schauer lief ihm den Rücken hinab. Nur die Furcht nicht Herr
werden lassen! Die Sache war schnell vorüber, wenn man's richtig anfing. Er
überzeugte sich durch einen Griff in die Brusttasche, dass das, was er brauchte,
auch da sei.
    Was sie wohl sagen würden, wenn sie ihn erst gefunden haben würden! - Was
seine Peiniger da sagen würden! - Kaschelernst, der Hund! Dort lag sein Feld.
Sein Korn schien gut zu stehen heuer. Wie er ihm im vorigen Jahre die Saat
umgestürzt hatte, das war doch mal ein gelungener Streich gewesen! - Der
Schimmer eines Lächelns flog über die verbissenen Züge des alten Mannes.
    Jetzt musste er Halt machen; er war zu schnell gegangen. Nur Ruhe! Er kam
noch zeitig genug! Er warf einen Blick auf das Dorf, das man von hier aus in
seiner ganzen Länge übersehen konnte, bis zur Kirche hinab. Eben begannen sie
dort zu läuten; es war wohl zum zweiten Gottesdienste. Büttner nahm
unwillkürlich - die Mütze vom Kopfe, faltete die Hände, betete ein Vaterunser.
Dann seufzte er tief und wandte sich wieder zum Gehen.
    Ob sie ihm wohl ein christliches Begräbnis gestatten würden?
    Dass er als Christ gestorben und nicht wie ein Heidenmensch, das mussten sie
doch einsehen! Die ganze Gemeinde und der Pastor hatten ihn ja in der Kirche und
am Altar gesehen. Das musste doch gelten!
    Es war ja am Ende nicht recht in den Augen der Menschen, was er tat, und
eine Sünde vor Gott dem Herrn war es auch. Aber konnte er denn anders?
Tausendmal hatte er's erwogen. Wie viele schlaflose Nächte waren darüber
hingegangen seit jener, wo ihm der Gedanke zum ersten Male gekommen! Es war
damals gewesen, als seine Frau unbeerdigt im Hause lag. Er selbst hatte die Tote
gewaschen und angekleidet. Still hatte sie dagelegen und zufrieden, im
Leichenhemde. Da war ihm beim Anblicke des friedlichen Angesichts seiner
Lebensgefährtin zum ersten Male der Gedanke gekommen, wieviel besser es doch die
Toten hätten als die Lebenden. Gar nicht schrecklich war der Tod; er hatte etwas
so Natürliches und Gutes. Seitdem liess ihn die geheime Sehnsucht nach der Ruhe
nicht wieder los.
    Anfangs hatte ihn oft gegraust bei dem Gedanken, wie doch ein solches Ende
wider Natur und Sitte sei. Allmählich aber hatte er sich an die Vorstellung des
Grauenhaften so gewöhnt, dass seine Pulse kaum schneller gingen, so oft er daran
dachte.
    Es gab ja keinen anderen Weg! Sie hatten ihm alles zerstört, was den
Menschen ans Leben fesselt. Richtig hinausgedrängt war er worden aus seinem
Besitz, aus allen seinen Rechten. Den Boden hatten sie ihm unter den Füssen
weggerissen. Wenn sie's gekonnt hätten, sie hätten ihm gewiss auch Licht und Luft
genommen.
    Ein Bettler war er. Aber ins Armenhaus sollten sie ihn doch nicht bekommen.
Die Freude wollte er ihnen nicht machen, den ehemaligen Büttnerbauer im
Armenhause zu sehen. Nun würde er's ihnen gerade mal zeigen, dass er seinen Kopf
für sich hatte. Mit guten Lehren und Ratschlägen waren sie immer schnell bei der
Hand gewesen, aber ihn zu retten, hatte keiner den Finger gerührt. Er verachtete
sie alle, die ganze Sippe! Dass er nun endlich keine Gesichter mehr zu sehen
brauchte, war ihm ein langersehntes Glück. Sie liessen einen ja doch nicht in
Frieden, wie tief man sich auch verkroch, sie kamen einem nach, überallhin, die
geschwätzige, neugierige Art. Man musste schon ganz aus der Welt gehen, um Ruhe
zu haben. Und nach seinem Tode würden sie wahrscheinlich erst recht klug reden.
Das hätte er nicht tun sollen, würden sie sagen. Ein grosses Gezeter würden sie
anheben. Er kannte sie ja, wie sie waren, kalterzig und gleichgültig, solange
einer zappelt, und dann, wenn ihm der Atem ausgegangen, wenn er verröchelt war,
dann kamen sie herbeigelaufen, umstanden das Opfer mit Tränen und Seufzern und
Redensarten.
    Aber das sollte ihn nicht bekümmern, das hörte er ja alles nicht mehr! - Er
tat, was er für recht hielt. Hier durfte ihm keiner mehr was 'rein reden. Mit
sich selber konnte man anfangen, was man wollte. Wer einem nichts gab, hatte
einem auch nichts zu befehlen!
    Jetzt war er seinem Ziele schon ganz nahe. Dort am äussersten Feldrande stand
der Baum; ein wilder Kirschbaum, schlank gewachsen. Ein Haufen Steine, aus dem
Felde zusammengelesen, lag darunter. Die, Krone stand in voller Blütenpracht,
leuchtete weitin wie eine weisse Haube. Dahinter lag das Büschelgewende.
    Der Alte macht Halt. Was war denn hier vorgegangen? Erdhäuschen an
Erdhäuschen in langen, schnurgerade ausgerichteten Reihen! Und die grünen
Quirle, die aus den Hausen hervorlugten: junge Fichtenpflanzen!
    Hatten sie ihm das Büschelgewende also doch zugepflanzt! - Wie viele Tage
und Stunden mühevoller Arbeit mit Pflug und Egge steckten in dem Boden! Und
diese Arbeit war für nichts und wieder nichts gewesen. Was er im Laufe eines
Lebens der Wildnis, entrissen, hatte die gräfliche Forstverwaltung in wenigen
Tagen zupflanzen lassen.
    Also auch dieses Zeugnis seines Schaffens war vernichtet; so hatten sie ihm
denn alle Maschen seines Lebenswerkes aufgelöst.
    Er stand und starrte die grünen Spitzen der Fichtenpflänzchen an. Eine
dumpfe Wut stieg in ihm auf.
    Da fiel ihm noch zur rechten Zeit ein, wie sinnlos sein Ärger sei; er
brauchte sich ja nicht mehr zu ärgern. Nichts auf der Welt ging ihm mehr was an,
wie er keinem mehr was anging.
    Noch einmal empfand er die ganze Wonne des wirklich Einsamen, den Stolz, die
Verachtung des Bedürfnislosen, der im Begriffe ist, das letzte abgetragene
Gewand von sich zu werfen.
    Er war mit hastigen Schritten an sein Ziel gelangt. Hier stand der
Kirschbaum, mit dunklem, glänzendem, wie poliertem Schafte, bis ins kleinste
Ästchen von zierlichen Blütenkelchen bedeckt. Die ersten Bienen schwärmten
bereits in der Krone.
    Traugott Büttner achtete nicht auf das Summen und den Duft. Er mass den Baum
mit prüfendem Blicke. Hier der unterste Ast war stark genug. Wenn er auf den
Steinhaufen stieg, konnte er ihn erreichen. Eine Schlinge - dann die Füsse
loslassen, und dann ....
    Wieder lief ihm ein Frösteln durch alle Glieder. Ein Druck am Halse, als
würde er ihm zugeschnürt, ein würgendes Gefühl im Unterleibe; die Beine drohten
ihm den Dienst zu versagen.
    Er musste sich, von Schwäche übermannt, an den Stamm lehnen. Vor den Augen
flimmerte es ihm. Er stand da mit offenem Munde stieren Blickes. Es war zu
fürchterlich, was er tun wollte: Hand an sich selbst legen! Fürchterlich! - Wenn
ihm das einer in der Jugend gesagt hätte, dass er so enden werde!
    Er betete ein Vaterunser, das erleichterte ihn. Dann richtete er sich auf;
der Furchtanfall war vorüber.
    Er wollte sterben; tausendmal hatte er sich's überlegt. Es war nicht das
erstemal, dass er mit dem Stricke in der Tasche hier draussen stand. Bisher hatte
ihn immer noch der Gedanke an seine Kinder abgehalten, das letzte zu tun. Sie
sollten ihn nicht so hängen sehen.
    Nun waren sie fort. Was die anderen sagen würden, die Fremden, war ihm
gleichgültig.
    Heute wollte er's mal zu Ende führen. Er war ja gut zum Sterben vorbereitet:
war zur Beichte gewesen, hatte das heilige Abendmahl genossen; Gott musste ihm
seine Sünde vergeben. -
    Jetzt stand er auf dem Steinhaufen, der Strick sass fest am Aste, er brauchte
nur den Kopf durch die Schlinge zu stecken. -
    Noch einmal hielt er inne. Sein Blick flog über die Felder und Wiesen zu
seinen Füssen. Das war sein Land, er starb auf seinem Grund und Boden. Sein Auge
suchte das Vaterhaus; da unten lag es, winkte zu ihm herüber aus blühenden
Baumkronen.
    Fast unbewusst streifte er die Schlinge über den Kopf. Wenn er sich nun mit
den Füssen abstiess, war's geschehen.
    Noch ein Vaterunser!
    Der Strick würgte ihn schon am Halse. Er fühlte die Steine unter sich
rollen. Unwillkürlich suchte er eine Stütze mit den Füssen. Umsonst! Er hatte den
Grund verloren, sein Körper wurde lang.
    Was war denn das an seinem Halse. Ein Band mit eisernen Stacheln! - Sie
rissen ihm den Körper in Stücke! Hing er denn? Er sah ja noch alles, ganz
deutlich: dort, die beiden Leute, zehn Schritt von ihm.
    So helft mir doch! Schneidet mich ab! Seht ihr's denn nicht! -
    Nichts! Sie rühren sich nicht.
    Der Wind spielt mit ihren Haaren, sie haben grosse, stille Augen. Der eine
ist sein Vater, er erkennt ihn ganz genau, der Vater mit dem langen, gelben
Haar, bartlos. Und das kleine, gebückte Männchen daneben ist der Grossvater. Ein
uralter Mann, mit schiefer Nase und rotumränderten Augen. So stehen sie da und
sehen ihm ernst und schweigend zu.
    Er will mit ihnen reden. Wenn nur das Band am Halse nicht wäre. - Hilfe!
Helft mir! -
    Jetzt kommt der Vater heran. Vater - So, jetzt wird's leichter. - Was sind
das für grosse, schwarze Vögel .... ...
    Der Wind schaukelt den Körper hin und her. Die Bienen im Kirschbaum lassen
sich deshalb in ihrem Geschäfte nicht stören. Der Kopf mit dem grauen Haar hängt
tief auf die Brust herab. Die weit aus ihren Höhlen hervorquellenden Augen
starren die Scholle an, die Scholle, der sein Leben gegolten, der er Leib und
Seele verschrieben hatte.
 
    