
        
                                Ludwig Ganghofer
                                Schloss Hubertus
                                     Roman
                                   Erstes Buch
                                        1
Schwül und dunstig lag der heisse Nachmittag über dem Bergwald. An den Buchen
rührte sich kein Blatt, an den dunklen Fichten schwankte kein Wipfel.
    Aus der Tiefe des Tales klang zuweilen ein verschwommener Laut herauf - die
schwere Luft erstickte jeden Ton zu einem unbestimmten Geräusch. Sonst keine
Stimme des Lebens, kein Vogelruf im Bergwald. Nur manchmal ein leises Rascheln,
wenn ein dürrer Zweig durch die Blätter fiel.
    In dieser Stille ein leichter Schritt. Auf dem tiefer liegenden Pfad,
zwischen sonnigem Laubwerk, schimmerte ein weisses Gewand.
    »Gundi?«
    Der fragende Ruf klang durch den stillen Wald wie der Ton einer silbernen
Glocke. Dann ein perlendes Lachen. An einer Wendung des Pfades erschien eine
schlanke Mädchengestalt in duftigem Sommerkleid. Hut und Fächer flogen ins Moos,
und zu Füssen einer riesigen Buche, die mit weitgespannten Ästen den Platz
überschattete, liess sie sich niedersinken. Leuchtend hob sich die weisse Gestalt
mit ihren feinen Linien aus dem grünen Grund; unter dem Saum des Kleides lugten
die schmalen Füsschen hervor, deren zierliche Schuhe von den scharfen Steinen des
Bergpfades übel gelitten hatten; zwischen dem kurzen, fein gefälteten Ärmel und
dem hohen blassgelben Lederhandschuh zeigte sich ein schmaler Streif des rosigen
Armes; unter raschen Atemzügen, von denen sie jeden wie eine Erquickung zu
geniessen schien, hob und senkte sich die junge Brust. Gleich einer Blume, die in
der Sonne dürstet, hing das Köpfchen auf die Schulter; ein schmales, edles
Gesicht, nun freilich glühend wie Purpur, umrahmt von aschblondem Haar, dessen
losgesprungene Löckchen sich schimmernd um die Stirne kräuselten; darunter zwei
grosse blaue Augen, lichter als das Blau der Veilchen, dunkler als die Bläue des
Himmels und staunend, strahlend in heiterer Lebensfreude.
    Als sie den Schatten gesucht, war es diesen lachenden Augen entgangen, dass
an dem Stamm der Buche ein Täfelchen befestigt hing, ein »Marterl«. Das
verwitterte Bild mit der halb erloschenen Schrift erzählte, dass an dieser Stelle
vor Jahr und Tag der Tod ein Leben zerbrochen habe. Hier ruhte sie, lächelnd und
träumend in ihrer Jugend und Schönheit. Und die Erde, auf der sie ruhte, hatte
Blut getrunken.
    Gewannen die dunklen Schatten, die den Ort umschwebten, Macht über die junge
Seele? Das Lächeln schwand von den Lippen des Mädchens, der Frohsinn ihres
Gesichtes verwandelte sich in sinnenden Ernst. Ihre Augen blickten ziellos durch
eine Bresche des Waldes hinunter in die Tiefe, in der zwischen steilen Ufern der
schöne Bergsee gebettet lag, umwoben von Dunst und Sonnenglast. Der glatte
Spiegel des Wassers war anzusehen wie straff gespannte, schimmernde Seide.
    Da flog es dunkel über den See. Ein schwerer Wolkenball hatte sich vor die
Sonne geschoben, die schon nahe dem Grat der westlichen Berge stand. Und das
ganze Bild der Landschaft war plötzlich verwandelt. Es schien, als hätte der See
sich emporgehoben aus der Tiefe, sein Glanz und Schimmer war erloschen, wie ein
riesiger Smaragd, tiefgrün und düster, dehnte sich die wellenlose Flut zwischen
den steilen Felsenufern, die näher gerückt erschienen und schwermütige Farben
zeigten. Trüber Schatten dämmerte, ein sachtes Flüstern erhob sich in den
Blättern, die Wipfel und Zweige der Fichten begannen zu schwanken, und wie eine
Unglückskunde den sorglosen Schläfer weckt, so flog ein rauschender Windstoss
durch den Wald. Dann wieder Stille. Nur fern aus den Lüften klang noch ein
murrender Hall.
    Die Einsame blickte scheu umher, hinunter auf den See, den schon ein feines
Netz von Linien überkräuselte, und empor zum Himmel, der sich rasch mit Gewölk
zu umziehen begann. Ihre Stimme hatte sorgenden Klang, als sie gegen den Pfad
hinunterrief:
    »Tante Gundi?«
    Ein ächzender Laut war die Antwort. Aus der Senkung des Pfades tauchte eine
rundliche Gestalt hervor. Ein schillerndes Seidenkleid von altmodischem Schnitt
umzwängte die ausgiebigen Formen der ältlichen, mehr als wohlgenährten Dame. Den
Strohhut hatte sie am Gürtel befestigt, und während sie mit den Händen das Kleid
gerafft hielt, trug sie den Sonnenschirm unter den Arm geklemmt. Die zu einem
Nest geschlungenen Zöpfe hatten sich gegen das linke Ohr verschoben, und ihr
tiefes Schwarz stach gegen die ergrauende Farbe der glatt über die Schläfe
gescheitelten Haare sehr bedenklich ab. Das hochgeborene Fräulein Adelgunde von
Kleesberg schien auch sonst mit Toilettenkünsten sehr vertraut; das verrieten
die schwarzen Striche über den kleinen, hurtigen Augen und der weisse, flaumige
Teint der gepolsterten Wangen. Das war nun freilich eine Kunst, die sich wenig
schickte für eine Wanderung durch den steilen Bergwald. Die reichlichen Perlen,
die der Erschöpften von der Stirne sickerten, hatten Furchen durch den weissen
Teint gezogen, und wo dieser Perlen Weg gegangen war, glühte eine dunkelrote
Linie der erhitzen Haut durch den Puder.
    Der Anblick, den die alternde Dame bot, rechtfertigte das Lachen, mit dem
sie von ihrem harrenden Schützling empfangen wurde. »Tante Gundi, wie siehst du
aus!«
    Fräulein von Kleesberg schien eine wütende Entgegnung auf der Zunge zu
haben, aber Erschöpfung und Atemnot benahmen ihr die Sprache. Sie liess den
Sonnenschirm fallen und sank mit einem Seufzer in das Moos. Da verwandelte sich
die heitere Laune des Mädchens in Erbarmen.
    »Armes Tantchen! Nun mach' ich mir wahrhaftig Gewissensbisse!«
    »Kitty! Du bist ein Ungeheuer!« Fräulein von Kleesberg keuchte noch was von
»Narretei«, von »Hitze« und »schattigem Park«, von »Schaukelstuhl« und
»verwünschten Bergen«, von »Eigensinn« und »kindischer Ungeduld«. dabei zerrte
sie das Taschentuch hervor, um Stirn und Wangen zu trocknen; als sie das
Tüchlein sinken liess, glich ihr brennendes Vollmondgesicht einer Palette, auf
der man Weiss und Rot und Schwarz in konfusen Mischungen durcheinandergerieben
hatte.
    Mühsam unterdrückte Kitty das Lachen. »Wie kannst du mir böse sein, weil ich
Papa eine Stunde früher sehen wollte. Seit vier Monaten, seit der Hahnenjagd,
hab' ich ihn nicht mehr gesehen. Und denk' nur, die Freude, die es ihm machen
wird, wenn ich ihn so überrasche, mitten im Bergwald -« Ihre Worte erloschen
unter einem dumpfen Rauschen, das den Wald durchzog. Sie warf einen Blick zum
Himmel; dort oben sag es schon bedrohlich aus. Spähend blickte sie zur Höhe des
Waldes und sagte kleinlaut: »Lange kann Papa nicht mehr ausbleiben. Hier müssen
wir mit ihm zusammentreffen. Er hat keinen anderen Weg, um vom Jagdhaus herunter
an den See zu kommen.«
    Auch Gundi Kleesberg schien das dumpfe Rauschen, das über den Wald gefallen,
nicht geheuer zu finden und vergass alle Müdigkeit. »Herr du mein Gott im Himmel,
da kommt ein Gewitter! Fort! Nach Hause!«
    »Tantchen, ich bitte dich -«
    »Nein! Ich bleibe keine Sekunde mehr!« Mühselig raffte Gundi Kleesberg sich
auf und jammerte: »Ich hab' es mir gleich gedacht, dass bei dieser Narrheit so
was herauskommt!« Stöhnend hob sie ihren Sonnenschirm von der Erde und trippelte
hastig davon, jeden unsicheren Tritt mit leisem Aufschrei begleitend.
    In Missvergnügen blickte Kitty ihr nach, unschlüssig, ob sie folgen sollte.
Ein rollender Donner entschied ihren Zweifel. Sie warf noch einen sehnsüchtigen
Blick empor durch den wogenden Bergwald und rief mit glockenheller Stimme:
»Papa!« Nur das Rauschen des Windes gab ihr Antwort. Schon wollte sie gehen; da
fiel ihr Blick auf das Martertäfelchen an der Buche. Neugierig bog sie einen
überhängenden Zweig beiseite. Mit ländlicher Kunst war auf dem Täfelchen eine
waldige Berggegend abgebildet; ein grün gekleideter Mann, die Büchse im Arm, lag
ausgestreckt auf der Erde, und über seiner Stirn schwebte ein rotes, von einem
Schein umzogenes Kreuzlein. Unter dem Bilde stand in verwaschener Schrift zu
lesen:
    »Hier an dieser Stelle wurde Anton Hornegger, Gräflich Egge-Sennefeldischer
Förster, am heiligen Johannistag erschossen aufgefunden.
Böse Tat ist hier geschehen,
Und der Mörder ist entflohn,
Gottes Aug' hat ihn gesehen,
Gottes Zorn erreicht ihn schon!
                                     R.I.P.
Wanderer, ein Vaterunser!«
    Unwillkürlich bekreuzte sich Kitty. Ein leises Grauen kam ihr aus dem
Gedanken, dass sie hier geruht hatte, auf dieser Erde, die getränkt war mit dem
Blut eines Ermordeten. »Tante Gundi!« stammelte sie und fing zu laufen an.
    Hinter ihr rauschte der Bergwald, und über das finstere Gewölk leuchtete der
Schein des ersten Blitzes, der sich in der Ferne entlud.
    Eine Minute, und Kitty hatte Tante Gundi eingeholt, die der erste Blitz um
das letzte Restchen ihrer Fassung brachte. Wie eine Verzweifelte beteuerte sie,
dass ihr Leben eine grausame Qual, dass sie nur zum Elend geboren wäre. Eine
Lungenentzündung war das Gelindeste, was sie für sich als Ende dieses »neuen
Unglücks« prophezeite, in das sie »wieder einmal aus blinder Liebe«
hineingerannt wäre.
    Kitty schwieg und half nach Kräften, um diesem ausgewachsenen Häuflein
Jammer den Niederstieg auf dem unbequemen Wege zu erleichtern. Nur einmal, als
Tante Gundis Klagelied sich in scheltende Gereizteit gegen die »Anstifterin des
Unglücks« verwandelte, bracht Kitty ihr Schweigen: »Ich habe dir doch gesagt:
bleib du zu Hause und lass mich allein gehen!«
    Auch im Stadium hochgradiger Verzweiflung vergass Adelgunde von Kleesberg
nicht, was sie ihrer Stellung schuldig war. Zürnend hob sie das brennende
Gesicht und erklärte: »Eine Gräfin Egge-Sennefeld in deinem Alter geht nicht
allein.«
    Schmollend verzog Kitty das Mäulchen. »Ach was, hier im Gebirge, in Papas
eigenem Walde!« Und nach kurzem Schweigen fügte sie bei: »In meinem Alter?
Siebzehn Jahre! Wie alt muss man denn werden, um allein gehen zu dürfen?«
    »So alt wie deine Mutter war, als sie ihre eigenen Wege ging.«
    Nein, Tante Gundi sagte das nicht; es blieb in ihren Gedanken; sie sagte
nur: »Ich hoffe, dass du dieses Alter niemals erreichen wirst!«
    Kitty fand nicht Zeit, über den Sinn dieser unverständlichen Wendung
nachzudenken. Die ersten schweren Tropfen fielen klatschend auf die Blätter.
Ohne ein ausgiebiges Bad schien das Abenteuer nicht ablaufen zu wollen. Kitty
fasste die Gundi Kleesberg, die jetzt dem Weinen näher war als dem Schelten,
energisch unter den Arm, um sie in rascheren Gang zu bringen. An einer Biegung
des Pfades jubelte sie: »Wir sind gerettet!«
    Zwischen Büschen schimmerten die grauen Bretter einer Scheune, die im Winter
zur Fütterung des Hochwildes diente. Hundert Schritt seitwärts durch den Wald,
und das schützende Dach war erreicht, ehe das Unwetter begann. Die Scheune war
von drei Seiten geschlossen. Da hatten die beiden Flüchtlinge auch den Sturmwind
nicht zu fürchten, der den schwer fallenden Regen in schiefen Strähnen über den
Berghang peitschte. Erschöpft sank Adelgunde von Kleesberg auf ein Restchen Heu,
das vom Wildfutter des letzten Winters noch verblieben war; das Gesicht drehte
sie gegen den finsteren Winkel, um die Blitze nicht zu sehen. Kitty hatte rasch
ihre gute Laune wiedergefunden. »Das ist lieb von Papa, dass er so zärtlich für
seine Hirsche sorgt - und für mich, wenn ich zufällig in den Regen komme!« Sie
lauschte.
    Was war das? Eine Stimme? Dazu noch eine singende! Und eine jener Weisen,
wie sie in den Bergen heimisch sind. Nun erblickte Kitty den Sänger. Geradeswegs
kam er den steilen Bergwald heruntergestürmt, den Schutz der Hütte suchend. Es
war ein Jäger in grauer Lodenjoppe und kurzer Lederhose, die Büchse hinter dem
Rücken, in den Händen den Bergstock, den er klirrend zwischen die Steine stiess,
um sich auf dem abschüssigen Hang hinwegzuschwingen über Felsbrocken und
gestürzte Bäume. Mit grossen Augen sah Kitty ihm entgegen und wusste nicht, ob sie
mehr über die eiserne Kraft dieses Burschen staunen sollte oder über den
sorglosen Mut, mit dem er bei jedem Sprung um Hals und Glieder spielte.
    Jetzt hatte er die Hütte erreicht. Ohne die Damen zu gewahren, trat er unter
das vorspringende Dach. Gewehr und Bergstock lehnte er an die Bretterwand,
schüttelte sich, dass die Tropfen von der Joppe flogen, und während er das grüne
Filzhütl abnahm, um das Wasser fortzuschleudern, das sich in der hohlen Krempe
angesammelt hatte, lachte er: »Sakra noch amal, jetzt hätt mich aber 's Wetter
bald erwischt!«
    Bald erwischt? Er troff vor Nässe am ganzen Leib. dabei trug er den aus
grobem Loden geschnittenen Wettermantel sorgfältig gerollt zwischen den Riemen
des Rucksackes. Für sich selbst hatte er nicht gesorgt; aber das blaue
Taschentuch hatte er um das Schloss der Büchse gebunden, damit die Waffe von der
Nässe nicht leiden möchte. Lachend blickte er hinaus in das Strömen und Giessen.
Die lichtbraunen Haare, die sich sonst in widerspenstigen Ringeln
durcheinanderkräuselten, klebten ihm feucht und glatt an Stirn und Schläfen, ein
hübsches, männliches Gesicht umrahmend. Aufgezwirbelt sass ein braunes Bärtchen
über dem lachenden Mund. Hell und offen blitzten die Sterne seiner dunklen Augen
in die Welt, und ihr froher Blick milderte den Ernst der Stirne.
    Ein greller Blitz fuhr über den Bergwald hin, der Donner schmetterte, und
aus dem Schuppen klang Tante Gundis Wimmerschrei.
    Der Jäger spitzte die Ohren. »Mir scheint, da hör ich wen?« Rasch griff er
nach Bergstock und Büchse und trat in die Hütte.
    Kitty erkannte ihn. »Aber das ist doch unser Franzl!«
    Der Jäger machte verblüffte Augen. »Mar' und Joseph! Gnädigs Fräuln! Ja, wie
kommen denn Sie daher?«
    »Das Gewitter überraschte uns. Ich wollte Papa erwarten.«
    »Da hätten S' lang warten dürfen! Der Herr Graf kommt heut nimmer runter.«
    »Kommt nicht?« Ein Schatten flog über Kittys Züge. »Er weiss doch, dass ich
gestern in Hubertus eingetroffen bin. Ich habe heut früh den alten Moser mit der
Nachricht zur Hütte hinaufgeschickt.«
    »Ja, der Herr Graf hat 's Briefl kriegt.«
    »Und kommt nicht?« Kitty fragte erschrocken: »Papa ist krank?«
    Franzl lachte. »Aber Fräuln Kontess! Unser Herr Graf? Und krank? Der reisst
Bäum aus mit seine sechzig Jahr. Ah na! Dem fehlt kein Haarl net!«
    »Aber weshalb kommt er nicht? Es muss ihm doch Freude machen, mich
wiederzusehen.«
    Betroffen schaute Franzl in Kittys Augen; der Klang ihrer Worte brachte ihn
aus seiner fröhlichen Ruhe. »Aber freilich,« stammelte er, »gwiss freut er sich!
Aber gwiss!«
    Kitty stand schweigend; ihre Finger knitterten an den Blättern des Fächers.
    »Aber schauen S', Fräuln, deswegen müssen S' Ihren Hamur net verlieren!«
tröstete Franzl. »Der Herr Graf hat halt an sakrisch guten Gamsbock im Wind. Sie
wissen ja, wie er is. Da lasst er net aus, bis der Bock sein Kügerl net droben
hat.«
    »Ein Gemsbock!« Kittys Augen füllten sich mit Tränen.
    »Aber Fräuln Kontess!« Franzl nahm den Hut ab und kraute sich hinter dem Ohr.
»Ich kann ja nix dafür!« Nun hörte er aus der Tiefe des Schuppens ein leises
Gewimmer. »Was is denn?« Er trat näher. »Jegerl, 's alte Fräuln!« Gundi
Kleesberg hielt das Gesicht tief eingedrückt in das Heu, und Franzl suchte die
Wimmernde aufzurichten. »Fräuln! Um Herrgotts willen! Was haben S' denn? Is
Ihnen was gschehen?«
    Die Kleesberg stöhnte: »O Gott, o Gott, dieses entsetzliche Gewitter!«
    Nun musste der Jäger lachen. »Aber sind S' doch gscheit! Dös hört schon
wieder auf. In die Berg kommt so was gschwind, aber lang dauert's net. Da, es
wird schon aber bissl lichter im Gwölk!«
    Zögernd richtete Tante Gundi sich auf. Im gleichen Augenblick fuhr nahe bei
der Hütte ein Blitz herunter; aller Grund schien verwandelt in Flammen, und Erde
und Luft erzitterten unter einem rasselnden Donnerschlag. Ächzend warf Gundi
Kleesberg sich wieder über das Heu; auch Kitty wich mit einem leisen Aufschrei
in die Tiefe der Hütte zurück.
    »Macht nix!« lachte Franzl. »Is schon gschehen!«
    Mit diesem letzten Schlag hatte das Unwetter sich ausgetobt. Es folgten nur
noch schwache Blitze, die matt hinleuchteten über das wogende Gewölk und einen
sanft verrollenden Donner weckten.
    Während Franzl unter geduldigem Trösten neben der Kleesberg stehenblieb,
trat Kitty unter das Vordach der Hütte hinaus und trank in tiefen Zügen die
würzige Luft, die den Wald durchhauchte. Die Wolken klüfteten sich, helles Licht
floss über Berg und See, und der Regen versiegte. In sachten Stössen strich der
Wind durch die Bäume und schüttelte die Tropfen von allem Gezweig.
    Rings um die Hütte hatte sich eine breite Pfütze gebildet, und überall auf
dem Berghang sprudelten die Regenbäche.
    »Da wird sich der Heimweg hart machen,« meinte Franzl, »wie, zeigen S' amal
her, gnädigs Fräuln, was haben S' denn für Schucherln an?«
    Kitty hob das Kleid und streckte das Füsschen vor.
    »Da schaut's schlecht aus!« jammerte Franzl. »Hundert Schritt in so einer
Nässen, und 's Schucherl fallt Ihnen wie Zunder vom Füssl.«
    Sorgenvoll betrachtete Kitty den überschwemmten Grund. »Aber wie kommen wir
nach Hause?«
    »Gar net schlecht! Passen S' nur auf!« Franzl zog den Wettermantel aus dem
Bergsack und warf die Büchse hinter den Rücken. Dann rollte er den Mantel
auseinander und schlang das weiche Tuch mit scheuer Achtsamkeit um Kitty. Gleich
einer grauen Mumie stand sie von den Schultern bis zu den Füssen eingehüllt, und
wie sie das Köpfchen reckte, um Kinn und Wangen aus den Falten des Mantels frei
zu bekommen, war sie einem Schmetterling zu vergleichen, der aus der Puppe
schlüpfen will. Noch ehe sie recht begriff, was mit ihr geschehen sollte, hatte
Franzl sie auf seine Arme gehoben wie ein Kind, dessen Last er kaum zu spüren
schien. Lächelnd liess sie ihn gewähren; dann plötzlich stammelte sie: »Aber was
geschieht mit Tante Gundi?«
    »Alles der Reih nach!« erwiderte Franzl.
    Jetzt wurde Gundi Kleesberg lebendig. Händeringend kam sie und schwor die
heiligsten Eide, dass sie um alles in der Welt nicht allein bliebe in diesem
»grässlichen« Wald.
    Franzl tröstete: »Wölfe und Bären gibt's net bei uns, und die Mäus haben
noch nie an Menschen anpackt. Bleiben S' nur schön da, bis ich wiederkomm! Ich
trag 's gnädig Fräuln nunter ins Kapuzinerhäusl, da kann's warten unter Dach,
bis a Schiffl kommt. In zehn Minuten bin ich wieder da.«
    Während die Kleesberg wie eine Niobe jammerte, trat er hinaus in den Wald
und wanderte mit sicherem Schritt davon. Als eine steilere Stelle kam, blickte
er lachend zu Kitty auf und sagte: »Es geht schon! Meine Füss haben Augen im Wald
und eiserne Zähn zum Beissen! Tun S' Ihnen net fürchten, gnädigs Fräuln!«
    Lächelnd schüttelte Kitty das Köpfchen, schob eine Hand aus den Falten des
Mantels heraus und nahm den Strohhut ab; der Wind, der ihre Wangen umwehte, tat
ihr wohl; träumend blickte sie in den stiller werdenden Wald, und ihre Züge
nahmen einen sinnenden Ausdruck an: »Sag' mir, Franz - der Förster Anton
Hornegger, das war dein Vater?«
    »Ja, gnädigs Fräuln! Wie kommen S' jetzt da drauf?«
    »Ich bin dort oben bei der Buche gewesen. Das war ein schweres Unglück für
dich und deine Mutter!«
    Franzl antwortete nicht gleich. »D' Mutter hat's freilich schwer verwunden,
und 's Unglück hat aus ihr an alts und stills Weiberl gmacht. Ich, mein Gott,
ich war selbigsmal noch a kleiner Bub, der net recht verstanden hat, was er
verliert. Jetzt weiss ich, was dös heisst, kein Vater nimmer haben. Manchmal
kommen so Sachen über ein', wo man kein Rat nimmer weiss, und wo jeder andere
Bursch zum Vater geht und fragt. Wen frag denn ich? D' Mutter will ich net
veralterieren mit meinen Sorgen. Sonst hab ich kein Menschen net.« Die Worte
waren ruhig gesprochen; dennoch klang aus ihnen etwas empor wie aus dem Schacht
eines Brunnens.
    Herzlich hingen Kittys Augen an dem Gesicht des Jäger. »Man weiss noch immer
nicht, wer es getan hat?«
    »Nix! Net der gringste Verdacht! Aber leben tut er schon noch, derselbig!
Und wann mich unser Herrgott liebhat, führt er mich amal zamm mit ihm.« Kitty
fühlte den Arm erzittern, der sie umschlungen hielt. »Und wenn der Strich, der
bei der Rechnung gmacht wird, weg geht über mich - auf so was muss unsereiner
gfasst sein alle Tag. So is halt 's Jägerleben in die Berg. Da gehst im Wald
umanand und denkst an nix. Und hinter die Bäum steht einer drin. Und auf amal,
da kracht's. Und aus is's! Wenn's sein muss, in Gotts Namen! Tust halt den
letzten Schnaufer, schaust noch amal auffi zu die höchsten Wänd, machst deine
Lichter zu, und bhüt dich Gott, du schöne Welt! Ich denk mir, so hat's mein
Vater gmacht. Wer weiss, leicht mach ich's ihm nach amal.«
    Die Sonne war über die Seeberge schon hinuntergesunken; nun lugte sie aus
einem tiefen Talspalt wieder hervor, und der goldige Schein, den sie warf,
durchleuchtete das von Tropfen glitzernde Laub und wob einen wundersamen
Schimmer um die feuchten Stämme. Die kleinen Vögel des Waldes waren lebendig
geworden und huschten umher; doch ihr Gezwitscher erlosch unter einem dumpfen
Rauschen, das vom nahen Seeufer einhertönte.
    Kitty schien kein Auge zu haben für die leuchtende Schönheit des Bergwaldes.
Was sie gehört hatte, gab ihr zu denken.
    »Franz? Du hast von Sorgen gesprochen. Was für Sorgen sind das, die du
hast?«
    Ein heftiges Wort schien dem Jäger auf der Zunge zu liegen. Doch er
schüttelte den Kopf. »Ah, nix! So Jagergschichten halt!«
    »Kann ich dir helfen?«
    Wieder schüttelte er den Kopf und sah dankbar zu ihr auf.
    Nun lächelte sie, und der Schelm erwachte in ihren Augen. »Bist du
verliebt?«
    Franzl lachte. »Das ging mir grad noch ab! Ich muss mich eh schon giften
gnug.«
    Sie schlug ihn leicht mit dem Fächer auf den Mund und lachte mit ihm.
    Nun war der ebene Grund erreicht, und Franzl stand ratlos. Der Wetterbach,
der hier in den See mündete - in trockener Zeit ein Bächlein, das mit einem
Schritt zu übersetzen war - hatte sich in einen tobenden Giessbach verwandelt,
der in einem nahen Felsenwinkel aus steiler Höhe niederstürzte und mit
schäumenden Wellen über das grobe Steingeröll wegrauschte. Von dem Stege, der
sonst über das Bett des Baches führte, war keine Spur mehr zu sehen; seine
Balken mochten weit draussen schwimmen im See. Und hinüber mussten die beiden, der
Zugang zum See war ihnen abgeschnitten, da der Giessbach zur Linken hart an eine
steil in den See abfallende Felswand lenkte. Jenseits des Baches lag eine sanft
ansteigende, mit alten Ahornbäumen bestandene Grasfläche, die sich vom Seeufer
zwischen dem Bach und einer verwitterten Felswand bis zur Schlucht des
Wasserfalles emporhob. Über die Wipfel der Bäume herüber lugte das Türmlein
einer Eremitage, die an die Felswand angebaut war.
    Sehnsüchtig schaute Kitty dort hinüber und streifte mit besorgtem Blick die
schäumenden Wellen. Franzl hatte den Ausweg schon gefunden: eine gestürzte
Fichte, die den Bach überbrückte. Rasch entschlossen schritt er auf den
Baumstamm zu. Kitty sträubte sich, als sie seine Absicht erkannte. Franzl
lachte. »Tun S' Ihnen net fürchten, gnädigs Fräuln! Über so a Bäuml geh ich weg
in der stockfinstern Nacht. Lassen S' mir nur den Hals schön frei.« Kitty
verstand ihn kaum, das Rauschen des Wassers übertönte seine Worte. Und nun hatte
er die luftige Brücke schon betreten. Sicher, wie auf ebener Erde, schritt er
über den schwankenden Stamm. In Kitty erwachte die Angst; der Anblick des
schiessenden Wassers machte sie schwindeln. Stammelnd schlang sie die Arme um den
Hals des Jägers. Unter diesem Ruck drohte Franzl das Gleichgewicht zu verlieren.
»Lassen S' mein Hals aus!« mahnte er; nur noch angstvoller umklammerte sie ihn;
und da begann er auf dem schwankenden Stamm zu laufen. Schon war er bis auf
wenige Schritte dem Ufer nahe, da glitt ihm auf dem nassen Baum der Fuss aus. Von
Kittys Lippen flog ein Schrei. Im Wanken wagte Franzl den Sprung ans Ufer.
Glücklich erreichte er den festen Grund, doch die Bürde, die er trug, raubte ihm
beim Aufsprung das Gleichgewicht, und er drohte sich rücklings zu überschlagen.
In diesem Augenblick griffen zwei fremde Arme helfend zu und rissen den
Stürzenden auf sicheren Grund. Kitty war einer Ohnmacht nahe. Sie fühlte nur,
dass sie aus Franzls Armen glitt, und als sie die Augen öffnete, lag sie an der
Brust eines jungen Mannes, und neben ihr stand Franzl, lachend, aber mit blassem
Gesicht.
    In Verwirrung richtete Kitty sich auf. Schwer wie Blei lag ihr die
überstandene Angst in allen Gliedern. Sie musste den Arm ergreifen, den der junge
Fremde ihr bot. Was er sagte, konnte sie bei dem Rauschen des Wassers nicht
verstehen. Den besten Weg über trockene Plätzchen suchend, führte er sie zur
Eremitage und liess sie auf die Steinbank niedersinken, die neben der Tür in die
Mauer des kapellenartigen Häuschens eingelassen war.
    Halb aus Bruchsteinen, halb aus dicken Baumklötzen gefügt, mit niederer Tür,
zwei kleinen Fenstern und einem zierlichen Glockentürmchen über dem Rindendach,
lehnte sich die Klause an die graue Felswand. Unter dem vorspringenden Dach war
an den Balken des Firstes eine rote Marmortafel befestigt, die in verblasster
Goldschrift die Worte trug: »Hier wohnt das Glück.«
    Wer hatte die Klause erbaut? Wer diese Inschrift angebracht? Und wie reich
musste jenes Glück, das hier erblüht war, gewesen sein, da jene, die es genossen,
den Drang empfunden hatten, ihren Dank in Stein zu meisseln. Das Flecklein Erde,
das diese Hütte trug, schien wie geschaffen, um ein verschwiegenes Glück vor dem
Blick der Menschen zu bergen. Vom rauschenden Wildbach, vom weiten See, den das
Gezweig der Bäume verschleierte, und von ragenden Felswänden umgrenzt, schob
sich das kleine, samtgrüne Tal in das Herz des Berges, wie ein feines Kämmerchen
inmitten eines riesigen Palastes, versteckt und abgeschieden, geschmückt mit
allen Reizen der Natur.
    Frischer und würziger hauchte nach dem vertobten Gewitter die reine
Bergluft, saftiger leuchtete alles Grün an Busch und Bäumen. Hell glitzerten die
über alle Felsen niederrinnenden Wasserfäden, und in buntem Feuer leuchteten die
vom Dächlein der Klause fallenden Tropfen.
    Nun erlosch der rote Sonnenschein, und alle Farben der Umgebung dämpften
sich wie von einem zarten Schleier überzogen.
 
                                       2
Kitty vermochte noch immer kein Wort zu sprechen; die Hände im Schoss und ohne
Bewegung sass sie auf der Steinbank und sah dem Jäger nach, der den Wetterbach
schon wieder überschritten hatte.
    Auch der junge Fremde schwieg. Er stand neben der Bank und betrachtete
forschend den gesenkten Mädchenkopf, als möchte er diese feingeschwungenen
Linien und die schimmernden Töne des gewellten Haares in sein Gedächtnis prägen.
Hätte nicht der Feldstuhl, die zusammengeklappte Staffelei und der Malkasten,
der an der Mauer im Trockenen lag, den Beruf des jungen Mannes bezeichnet -
schon dieser prüfend gleitende Blick und die schlanken Hände hätten den Künstler
verraten. Er mochte einige Jahre über zwanzig zählen; seiner Jugend widersprach
die stille Schwermut der dunklen Augen und der gereifte Ernst des schmalen, herb
geschnittenen Gesichtes; glatt legte sich das kurze Braunhaar über die Stirn und
mischte sich an den Schläfen mit dem schattigen Flaum des jungen Bartes, der
sich um Wangen und Lippen kräuselte. Dieser Mund mit dem strengen Zug, in dem
sich Kraft und Entschlossenheit verriet, war doch sanft geschwellt und hatte ein
mildes, verträumtes Lächeln. Das Gesicht war nicht schön zu nennen, aber dieser
Mund und diese Augen fesselten. Der hager aufgeschossene Körper war
unausgeglichen, jugendlich eckig; dazu eine leicht vorgeneigte Haltung, wie sie
nachdenklichen Naturen eigen ist; dennoch war die Gestalt nicht übel anzusehen;
der leichte graue Sommeranzug, so bequem er sass, hatte modischen Schnitt, die
Wäsche war wie Schnee, die weisse Seidenkrawatte tadellos geknüpft. Man merkte an
ihm keine Spur von jener bei jungen Künstlern häufigen Vorliebe für das
Nachlässige, aber auch keinen Zug vom Stutzer; er schien für seine äussere
Erscheinung zu sorgen, weil es die Art eines wohlerzogenen Menschen ist, sich
gut zu kleiden.
    Je länger er niederblickte auf das liebliche Bild des Mädchens, desto wärmer
wurde der Glanz seiner Augen; er schien eine Freude zu geniessen: die Freude des
Künstlers an jener Schönheit, die noch unberührt ist von der rauhen Hand des
Lebens und einer Blütenknospe am Morgen gleicht.
    Als hätte Kitty diesen Blick empfunden, so hob sie plötzlich die Augen. Das
fremde Gesicht verwirrte sie, und dennoch hielt die stumme Sprache dieser Züge
ihren Blick gefangen; das war eines von jenen Gesichtern, die auch ohne Worte
von trüber Zeit erzählen.
    Ihre Verwirrung schien ansteckend zu wirken. Verlegen suchte der junge
Künstler nach Worten, und endlich brachte er die Frage heraus, ob sie den
Schreck des kleinen Abenteuers völlig überstanden hätte.
    Da fand sie ihre heitere Laune; lachend nickte sie und reichte ihm die Hand.
»Ich danke Ihnen! Sie haben mich vor einem unangenehmen Bad behütet. Der
Wetterbach hat heut seine böse Stunde. Das hätte übel für mich ausfallen
können.« Sie rührte die Schultern, als empfände sie ein leises Grauen; doch
gleich wieder lachte sie und erzählte vom Gewitter, vom Unterschlupf in der
Wildscheune und von dem glücklichen Zufall, der »unseren guten Franzl« als
Retter in der Not geschickt. Drollig schilderte sie den »kopflosen Schreck«, der
sie befallen, als der Jäger den schwankenden Baum betrat. »Und ich hätte mir
doch sagen müssen, dass ich sicher bin! Ich kenne doch unseren Franzl!« Sie
unterbrach sich und blickte auf. »Wie waren Sie denn eigentlich so flink bei der
Hand?«
    »Das hab' ich meinem Fleiss zu danken. Ich bin schon seit dem Morgen hier und
habe gearbeitet.«
    »Gearbeitet?« Sie schien den Sinn dieses Wortes nicht zu verstehen. Da
gewahrte sie die Geräte des Künstlers. »Ach, Sie malen!« Dem respektvollen
Staunen, mit dem sie ihren jungen Retter betrachtete, war es anzumerken, dass vor
ihren Augen ein lebendiger Künstler nicht viel geringer wog als einst in
vergangenen Zeiten vor dem Blick des Burgfräuleins der tapfere Ritter, der den
Drachen überwand. Neugierig spähte sie nach dem Leinwandrahmen, der gegen die
Mauer gelehnt stand.
    Der junge Maler schien nicht eitel zu sein; sonst hätte er diesen Blick zu
deuten gewusst. »Auch mich hat das Gewitter überrascht, mitten in der besten
Arbeit,« erzählte er, »und ich musste eine Stunde hier unter der Tür sitzen. Aber
es war herrlich, so hineinzuschauen in den Zorn der Natur. Sie ist immer schön,
ob sie lächelt oder grollt, fast schöner noch in ihrem Zorn als in ihrem
Frieden. Wenn ich sie so toben sehe, fühl' ich auch, dass ich ihr in solchen
Augenblicken näher komme als in sonniger Stunde. In der Sonne steht sie vor mir
wie ein Geheimnis in bunten Kleidern. Im Sturme seh' ich die Riesin, wie sie vor
meinem Blick die Hülle zerreisst. Ich spähe ihr in das wildpochende Herz, und mir
ist, als flösse in mich etwas über von ihrer Kraft.« Er sagte das ruhig, wie man
selbstverständliche Dinge äussert.
    Kitty blickte zu ihm auf mit grossen Augen.
    Er begegnete diesem Blick, und leichte Röte schlich über seine schmächtigen
Wangen. »Als es vorüber war, hörte ich den Wildbach kommen. Und da lief ich
hinunter. Es war prachtvoll anzusehen, wie das harmlose Wasserschlänglein in
wenigen Minuten sich zum brüllenden Ungeheuer auswuchs. Und wie ich so stehe,
seh' ich Sie plötzlich drüben aus dem Wald hervorkommen, auf dem Arm des Jägers.
Das war ein so köstliches Bild, dass ich es mit ein paar Strichen zu fassen
suchte.« Er griff an seine Taschen. »Wo hab' ich denn nur -?« Nun erschrak er.
»Ach du lieber Himmel!« und mit langen Beinen sprang er zum Wildbach hinunter.
    Verblüfft sah ihm Kitty nach; kaum war er zwischen den Bäumen verschwunden,
da huschte sie auf den Leinwandrahmen zu, hob ihn von der Erde und machte
sonderbare Augen, als sie die begonnene Studie sah. Etwas Ausserordentliches
hatte sie zu entdecken erwartet. Statt dessen sah sie ein Wirrsal noch nasser
Farbenflecke, die sich flimmernd durcheinanderschlangen und den Vorwurf des
Bildes kaum erkennen liessen: die Felswand in greller Sonne und zu ihren Füssen
die Klause, übergossen von den Lichtern, die durch das Gezweig der Bäume fielen.
Ein Kennerauge hätte gestaunt über die Kraft und Kühnheit, die sich in diesem
raschen Erfassen einer malerischen Stimmung verriet. Kitty aber stellte sehr
enttäuscht die Leinwand wieder gegen die Wand. Zu ihrem weiteren Ärger gewahrte
sie noch, dass sie mit den behandschuhten Fingern in die nasse Farbe geraten war.
»Pfui!« murrte sie und säuberte die Fingerspitzen an der Balkenwand.
    Kaum sass sie wieder auf der Steinbank, als er vom Ufer heraufgestiegen kam,
in der Hand ein graues Buch, das er mit dem Taschentuch abwischte. »Es ist
glücklicherweise sehr günstig gefallen, als ich es fortwarf, um die Hände frei
zu bekommen!« sagte er lächelnd. Dann schlug er das Buch auf und reichte es ihr.
    Ein Laut freudiger Überraschung glitt beim Anblick des Blattes von Kittys
Lippen. Wohl waren die beiden Figuren nur mit flüchtigen Strichen gezeichnet,
aber jede Linie sass, und das kleine Bildchen hatte warmes Leben und
bestrickenden Reiz.
    Glücklich blickte Kitty zu dem Künstler auf. »Ist das wirklich so hübsch
gewesen - wie hier?«
    Er sah sie an. »Das da, das ist ja gar nichts. Das ist Asche. Was ich
gesehen habe, war Licht, Farbe, etwas ganz unbeschreiblich Schönes.« Die Augen
schliessend, rührte er mit den Fingern an die durchsichtigen Lider. »Aber hier
sitzt es, fest! Und ich weiss, ich bring' es heraus.«
    Rauschend kam der Abendwind über die Felsen niedergezogen; die Äste der
Bäume schwankten und schüttelten die Regentropfen ab.
    Erschrocken deckte Kitty den Arm über das Skizzenbuch, denn ein paar grosse
Tropfen, wie Tränen, waren auf das Blatt gefallen. Und als der Wind die Bäume
wieder zauste, sprang Kitty auf und flüchtete mit dem Buch in die Klause.
    Der junge Mann folgte ihr, und da sass sie schon an dem roh gezimmerten Tisch
und tupfte achtsam mit dem Handschuh die auf das Papier gefallenen Tropfen fort.
»Es hat nichts geschadet!« versicherte sie lachend und hielt das Buch schief
gegen das Licht des Fensters. »Man sieht nur noch ein wenig die feuchten
Flecke.« Wieder vertiefte sie sich in die Betrachtung des Bildchens; dann begann
sie im Skizzenbuch zurückzublättern; ein paar Studien hatte sie bestaunt, als
sie plötzlich aufblickte und verlegen fragte: »Darf ich denn?«
    Er nickte lächelnd und trat an ihre Seite. Das Licht, das durch Tür und
Fenster fiel, hatte in dem geschlossenen Raum schon einen Schleier der
beginnenden Dämmerung.
    Ein seltsame Stimmung webte zwischen den Mauern und erzählte von
erlöschenden Erinnerungen. Neben dem Tische standen nur zwei plumpe Holzbänke in
dem kahlen Raum; doch es war ihm anzumerken, dass er in vergangener Zeit einen
freundlicheren Anblick geboten hatte. Die Decke war noch von einer zart
geblumten Tapete bedeckt; aber das Regenwasser, das durch die Lücken des Daches
gedrungen, hatte hässliche Flecken gebildet. Auch an den Wänden hingen noch
Streifen der Tapete, mit Hunderten von Namen bedeckt. Wer hier im Lauf der Jahre
vor Sonne oder Regen Schutz gesucht, Sommergäste, Touristen, Jäger, Sennerinnen,
Almbauern und Schiffer, alle hatten den Drang empfunden, ihre Namen an diesen
geduldigen Wänden zu verewigen. Viele Namen standen paarweise, von einer
Herzlinie umschlungen. Hatten die Träume, die aus diesem Zeichen redeten, sich
erfüllt? Oder war das Leben über sie hinweggerollt wie die glättende Eisenwalze
über den Kies der Strasse? Von manchem, der vor Jahr und Tag seinen Namen an
diese Wand geschrieben, mochte nichts anderes mehr übrig sein als nur der Name.
    Inmitten dieser toten Vergangenheiten klang Kittys helle Stimme, ihr Lachen
und die Freude, mit der sie jede Skizze begrüsste, deren Modell sie erkannte.
Bald fand sie eines ihrer Lieblingsplätzchen am See, eine Strasse oder ein
Häuschen des Dorfes, bald wieder Köpfe und Gestalten, die einen fremd, die
anderen ihr wohlbekannt. Mehrere der Skizzen waren mit dem Namen des Künstlers
gezeichnet: Hans Forbeck. Kitty blätterte weiter. Flüchtige Wolkenstudien,
Baumschläge und Gebirgsveduten wechselten mit Skizzen, deren wirre Linien sie
nicht verstand: Bilderideen, mit ein paar hastigen Strichen festgehalten.
    Wieder wandte Kitty eines der Blätter. Und erschrocken stammelte sie: »Wie
traurig!«
    »Die Stubenarbeit eines Regentages!« sagte er leise, fast entschuldigend.
    Die Zeichnung des Blattes war sorgfältiger als die der anderen Skizzen, die
graue Arbeit des Stiftes mit zarten Farbtönen überhaucht. Eine öde, fast
unabsehbare Heide, dürr und kahl; der Himmel ist mit schwerem Gewölk bedeckt,
durch dessen spärliche Klüfte kaum eine matte Helle quillt, wie eine Ahnung des
verschleierten Lichtes. Über die Heide führt ein rauher Steinpfad, von niederem
Dorngestrüpp umwachsen. Und auf dem Pfade liegt, halb zur Erde gesunken, mit
aufgestütztem Arm und das entkräftete Haupt gegen die Schulter geneigt, die
Gestalt einer Genie, todmüde und schmerzverloren, in Lumpen gehüllt, mit
zerzausten Schwingen.
    Kitty hob die Augen. »Herr Forbeck?« Schüchtern sprach sie seinen Namen aus.
»Was soll das vorstellen? Das Unglück?«
    »Nein.« Er zögerte. »Meine Kindheit.«
    Nun verstand sie, was aus seinem Gesicht beim ersten Anblick zu ihr
gesprochen hatte. Ein leises Zucken ging um ihren Mund. Sie musste der eigenen
Kindheit denken. Auch ihrer Kindheit hatte die Liebe gefehlt, die Liebe der
Mutter. Vor dreizehn Jahren war ihre Mutter in der Fremde gestorben - auf einer
Reise, hatte man ihr gesagt.
    Sie senkte die Augen auf das Blatt. »Wie traurig das ist!« Zwei Tränen
rannen ihr langsam über die Wangen.
    Mit unbehilflichem Lächeln wandte Forbeck sich ab und trat unter die offene
Tür.
    Leise schwankten die Zweige der Bäume; der Fall der Tropfen, der von ihnen
niederging, begann schon zu versiegen. Auch das Rauschen des Wetterbaches schien
sich bereits zu dämpfen; aber der Lärm seiner Wellen war noch immer laut genug,
um die beiden Stimmen zu übertäuben, die vom jenseitigen Ufer herüberklangen.
    Franzl hatte die Kleesberg glücklich durch den Wald heruntergebracht. Das
war ein hartes Stück Arbeit gewesen, um so härter, da Franzl zur Stütze für
seinen jammernden Schützling nur den einen Arm frei hatte; unter dem andern Arme
schleifte er ein schweres Brett, das er von der Wildscheune losgerissen hatte,
um über den von Felsblöcken durchsetzten Wildbach einen Steg zu bauen. Während
Gundi Kleesberg in Verzweiflung die Hände rang, liess er das Brett vom Ufer gegen
den nächsten Felsblock fallen. Er trat auf den improvisierten Steg hinaus und
schaukelte sich, um die Festigkeit des Brettes zu prüfen und Tante Gundis Mut zu
erwecken. »So, Fräuln, kommen S' nur!« lachte er. »Da schauen S' her!« Er
schaukelte sich, dass das schwingende Brett die schiessenden Wellen fast berührte.
»Dös Brettl, dös tragt Ihnen leicht, da dürften S' noch a paar gute Pfündln mehr
haben!«
    »Nein, nein, nicht um die Welt!« kreischte Gundi Kleesberg und streckte
wehrend die Arme, als sollte sie mit Gewalt in den sicheren Tod geschleift
werden. »Lieber bleib ich die ganze Nacht!« Während ihr die Tränen der Angst
über die Schlotterwangen kollerten, schrillte ihre Stimme: »Kitty! Kitty! Du
Ungeheuer!« Zu allem Jammer erwachte in ihr noch ein neuer. »Wo ist sie denn?
Ich sehe sie nicht!«
    »Sie wird halt mit dem jungen Herrn Maler im Kapuzinerhäusl sein.« Franzl
streckte die Hände. »Also weiter, Fräuln, kommen S'!«
    Er hatte Tante Gundi beruhigen wollen. Aber der Schreck, den ihr seine Worte
einjagten, sprach aus ihren weit aufgerissenen Augen. Keuchend rang sie nach
Luft. »In der Klause? Mit einem -« Da ging ihr schon wieder der Atem aus. Aber
ihre Angst hatte plötzlich alle Komik verloren. »In der Klause? Das ist gerade
der richtige Platz! Als hätten wir nicht schon genug an jenem ersten -« Versagte
ihr die Stimme, oder verschluckte sie ein Wort, das nicht über ihre Lippen
kommen durfte? »Nein! Nein! Und wenn es mein Leben kostet! Das will ich
verhindern!«
    Tante Gundi richtete sich auf wie eine Löwin, die ihr Junges verteidigt. Und
als wäre die stille, friedliche Klause ein Abgrund der Gefahr, aus dem sie das
ihrer Obhut anvertraute Mädchen erlösen musste, so stürzte sie auf das Ufer zu
und klammerte sich an die Hände des Jägers. Kaum hatte sie das Brett betreten,
kaum fühlte sie dieses bedenkliche Schaukeln, kaum sah sie unter ihren Füssen das
schiessende Wasser, da war es wieder vorbei mit ihrem Löwenmut. Aber Franzl hielt
fest. Da gab es kein Zurück mehr. Ihre Seele mit einem Stossgebetlein dem Herrn
empfehlend, stiess Tante Gundi einen klagenden Schrei aus und schloss in Schwindel
die Augen.
    Trotz des rauschenden Lärmes, den der tobende Bach erhob, klang dieser
Schrei bis zur Klause.
    Forbeck lauschte. Aber da hörte er hinter sich einen Ausruf fröhlicher
Überraschung. »Köstlich! Jeder Zug! Dieser Mund! Dieses Zwinkern im Auge! Als
stünde er vor mir, wirklich und wahrhaftig!« So sprudelten Kittys Worte. »Herr
Forbeck! Wie kommen Sie zu diesem Bild?«
    Was Kittys Jubel erweckt hatte, war das Brustbild eines alten Jägers mit
geflickter Joppe und mürbem Filzhut, auf dem eine geknickte Spielhahnfeder sass.
    »Nicht wahr, ein famoser Kerl, dieser alte Waldbär!« sagte Forbeck, der
Kittys Freude nicht völlig zu begreifen schien. »Ein Typus von Jäger und Bauer!
Echter Volksschlag. Sehen Sie nur diese knochige Stirn an, diesen Falkenblick im
Auge, diese Adlernase und den gewalttätigen Mund! Was da in jeder Linie liegt an
Kraft und rücksichtsloser Derbheit! Und dieser zausige weisse Bart! Das ist
unglaublich charakteristisch. Der Alte muss einen Zorn haben wie der Sturmwind,
und dann fährt er wohl mit seinen schwieligen, sonnverbrannten Fingern in diesen
Bart und zerrt -« Forbeck verstummte. Die Sache mochte ihm nun doch etwas
sonderbar erscheinen, denn Kitty lachte, dass ihr die Tränen kamen.
    »Köstlich! Aber wie sind Sie denn zu diesem Bild gekommen?«
    »Ich machte vor einigen Tagen eine Bergpartie, und da ist mir der Alte in
der Nähe einer Sennhütte in den Weg gelaufen. Er stach mir gleich in die Augen,
und so bat ich ihn, mir eine Stunde zu sitzen.«
    »Und das hat er getan?«
    »Natürlich! Er schien riesig geschmeichelt, als ich ihn Herr Förster
titulierte. Und er wusste wohl auch, dass ich es nicht umsonst verlangte.«
    Kitty schien von einer Ekstase heiterer Laune befallen. »Und Sie wissen
nicht, wer das ist? Wirklich nicht?« Vor Lachen vermochte sie kaum
weiterzusprechen. »Das ist doch mein Papa!«
    Forbeck trat verblüfft zurück. Er begriff nicht. Wie kam dieser alte
»Waldbär« - vielleicht war er doch kein gewöhnlicher Waldaufseher, wie sein
Äusseres vermuten liess, sondern wirklich ein wohlbestallter Förster - aber wie
kam ein schlichter Förster zu einer solchen Tochter mit diesem zierlichen Wuchs
und diesem holden Gesichtchen - und noch mehr: zu einer Tochter in so vornehm
gewählter Kleidung, mit schwedischen Handschuhen und dem eleganten Schuhwerk.
Dieses Kleid und was dazu gehörte - das wog den halben Jahresverdienst eines
Försters auf! Da schoss ihm der Gedanke durch den Kopf: eine Teaterprinzessin?
Er wusste nicht, warum er diesen Gedanken so unangenehm empfand, fast wie einen
Schmerz. Aber nein! Er durfte nur in diese strahlenden Augen blicken, auf diesen
kindlichen Mund, um den sinnlosen Einfall wieder zu verwerfen. Dadurch wurde die
Sache für ihn noch unbegreiflicher. Der alte »Waldbär«, den er dort oben
gefunden - der war echt! An dem war nicht zu zweifeln! Das Rätsel war dieses
Mädchen.
    Schon wollte Forbeck eine Frage stellen, da liessen sich vor der Klause
hastige Schritte vernehmen. Es wurde finster in der Tür, und Gundi Kleesberg
stolperte über die Schwelle. »Kitty -« Nun sah sie den jungen Maler - das Licht
des Fensters fiel hell auf sein Gesicht - und Gundi Kleesberg taumelte an die
Wand, erschrocken wie vor dem Anblick eines Gespenstes.
    Verwundert blickte Forbeck auf die ihm fremde Dame, und Kitty stellte ihr
Lachen ein. »Tantchen? Was ist dir?«
    Gundi Kleesberg schien sich zu erholen.
    »Aber so sprich doch! Was ist dir?«
    »Nichts, nichts! Wer ist - dieser Herr?«
    »Herr Maler Forbeck!« stammelte Kitty, während der junge Mann sich
verbeugte. Um über den unbehaglichen Augenblick hinüberzukommen, fasste Kitty das
Skizzenbuch. »Tante Gundi, ich muss dir was zeigen, was Herr Forbeck gezeichnet
hat, du wirst Augen machen -«
    Die Kleesberg hatte beim Klang dieses Namens, den sie noch nie in ihrem
Leben gehört, erleichtert aufgeatmet. Scheu liess sie die Augen an dem jungen
Mann emporgleiten und schüttelte den Kopf.
    »Tantchen, sieh doch!«
    Beim Klang dieser Stimme war Gundi Kleesberg plötzlich ihrer Stimme mächtig.
Mit dem Zorn einer Furie schoss sie auf Kitty zu, umklammerte ihre Hand und
schüttelte sie, dass das Skizzenbuch zu Boden fiel. »Lass das! Und komm! Das ist
kein Ort für dich!« Über Forbecks Gesicht flog brennende Röte. Dann hob er
schweigend das Buch von der Erde.
    »Aber Tante?« stammelte Kitty verlegen.
    »Komm!« In ungestümer Hast zog die Kleesberg das junge Mädchen zur Tür
hinaus.
    Kitty Lippen zuckten. »Aber Tante Gundi! Herr Forbeck -«
    »Komm!« Gundi Kleesberg hielt fest und suchte so schnell als möglich aus der
Nähe der Klause zu kommen.
    »Aber Tante, ich bitte dich! Herr Forbeck hat mich doch gerettet! Was muss er
denken von mir!«
    »Komm nur!« Tante Gundi schlug einen bei ihrer Schwerfälligkeit
überraschenden Sturmschritt an. Das Staunen machte Kitty verstummen. Seit jenem
Tag, an welchem Adelgunde von Kleesberg aus dem Stift gekommen war, um sich in
eine sehr weitschichtige »Tante« zu verwandeln und die Obhut über das junge
mutterlose Mädchen zu übernehmen - seit jenem Tage bis zu dieser Stunde hätte
Kitty niemals ahnen mögen, dass in diesem »fleischgewordenen Schaukelstuhl« - wie
Graf Egge das alte Fräulein getauft hatte - eine so wieselflinke Beweglichkeit
verborgen läge. Kitty meinte ein Wunder zu sehen. Halb schmollend, halb lachend,
liess sie sich von Tante Gundi weiterziehen. Einmal blickte sie wohl über die
Schulter zurück, aber die Klause war schon hinter der Felswand verschwunden.
    Da kam auch Franzl vom Seeufer hergelaufen und rief: »Ich hab a Schiffl!«
    »Gott sei Dank!« Gundi Kleesberg verhielt den stürmischen Schritt. Ihre
Kräfte waren zu Ende.
 
                                       3
Langsam glitt der Nachen über den stillen See, der unter den sinkenden Schatten
des Abends in tiefgrünen Farben spielte. Hinter dem Schifflein lagen die den
halben See umziehenden Berge mit ihren schwarzen Fichtenwäldern, mit den grauen
Wänden und den grünen Almen in der Höhe, auf denen noch helle Sonne lag. Am
Ufer, dem der Nachen entgegensteuerte, sah man einen belebten Gastof und eine
Reihe weisser Villen, aus deren einer die Solfeggien einer herrlichen Altstimme
und die Töne eines Flügels erklangen. Hinter den roten Dächern der Villen dehnte
sich ein welliges Gelände mit den zerstreuten Häuschen und Gehöften des Dorfes.
An ihre Gärten schloss sich, von einer roten Mauer umzogen, ein weitgedehnter
Park, über dessen kugelige Ulmenwipfel sich das Dach und die Türmchen von Schloss
Hubertus erhoben.
    Von den Insassen des Nachens achtete niemand der Schönheit dieses Bildes,
das nach dem reinigenden Gewitterregen in seinen Farben so frisch und so neu
erschien, als wäre es eben jetzt aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen. Der
alte Schiffer führte, im Spiegel des Bootes stehend, in gleichmässigem Takt das
Ruder; Franzl, der auf dem Schnabel des Schiffes ein nicht sehr bequemes
Plätzchen gefunden, wischte mit dem Ärmel die Rostflecken von dem Lauf seiner
Büchse; und Kitty sass, dem Stiftsfräulein den Rücken kehrend, in schmollendes
Brüten versunken. Plötzlich erwachte sie. Franzl hatte sie leis auf das Knie
getippt und flüsterte: »Schauen S' das alte Fräuln an!« Kitty blickte über die
Schulter zurück und erschrak vor dem kummervollen Anblick, den Tante Gundi bot.
Breit lag ihr das rote Doppelkinn auf dem schwer atmenden Busen, tiefe Furchen
kreuzten die Mundwinkel, und über die welken Wangen, von denen auch die letzte
Spur der Schminke geschwunden war, kollerten dicke Perlen. Waren es
Schweisstropfen oder Tränen? Wohl beides zugleich. Aus dem zerfallenen Gesichte
redete die Sprache eines tiefen, bedrückenden Schmerzes.
    Das fühlte Kitty, und im Augenblick war ihr Groll vergessen. Hurtig schwang
sie die Füsschen über das Brett und fasste die Hände des Fräuleins. »Tante Gundi!
Was hast du?«
    Die Kleesberg sah mit verstörten Augen auf, als hätte man sie bei einer
bösen Tat ertappt. »Lass mich, du -« Sie wandte mit einem übelgelungenen Versuch
von Würde das Gesicht und blickte krampfhaft ins Wasser, um ihre Tränen zu
verbergen.
    Kitty schwieg. Mit scheuer Sorge hingen ihre Augen an Tante Gundi, und im
stillen begann sie sich Vorwürfe zu machen. Sie wusste sich freilich keiner
anderen Sünde zu zeihen als der einzigen, dass sie in der begreiflichen Ungeduld,
nach langer Trennung den Vater um eine Stunde früher zu sehen, die erste Ursache
zu dem für Gundi Kleesberg so übel verlaufenen Abenteuer gegeben hatte. An allem
anderen war sie schuldlos. Alles andere war gekommen - sie wusste selbst nicht
wie!
    Knirschend fuhr der Nachen an das Ufer. Kaum hatte die Kleesberg festen Fuss
unter sich, und kaum gewahrte sie die Gruppen der Schiffer und Sommergäste, da
hatte sie ihre verlorene Fassung wiedergefunden. Der Seewirt, der die zum Schloss
Hubertus gehörige Fischerei in Pacht hatte, kam gerannt, um den »gnädigen Damen«
seine Aufwartung zu machen. Kitty reichte ihm freundlich die Hand, Gundi
Kleesberg rauschte an ihm vorüber, mit dem Aplomb einer Königin, deren Würde
mehr in die Breite ging als in die Höhe.
    Franzl schwang die Büchse auf den Rücken und wanderte davon. Bald verstummte
hinter ihm der Lärm des belebten Ufers, und zwischen Haselnussstauden ging sein
Weg über stille Wiesen. Ein paar hundert Schritte trennten ihn noch von seinem
Haus. Nun führte der Fussweg gegen einen hohen Zaun, bei dem ein paar
rohgezimmerte Stufen den Überstieg erleichterten; und drüben lag ein schmaler,
von zwei tischhohen Bretterplanken eingefasster Pfad.
    Da hörte Franzl über den Zaum her eine Männerstimme - sie redete jene
zweifelhafte Bauernsprache, die der Jäger manchmal in den Sennhütten von jungen
Touristen zu hören bekam - und ihr erwiderte eine zornige Mädchenstimme: »Aus'm
Weg, du!«
    Neugierig drückte Franzl die Haselnusszweige auseinander und gewahrte einen
kniemageren Touristen, dessen Rucksack, Joppe und Lederhose an diesem Tage wohl
zum erstenmal die Berge erblickt hatten; quer in den Händen hielt er einen
wahren Baum von Bergstock, mit dem er einem jungen, schmucken Mädel den schmalen
Pfad verlegte.
    »'s Zollheben is 'n alter Brauch,« erklärte der kühne Wegelagerer in seinem
zweifelhaften Dialekt, »und drum sog i dir, du saubers Diandl, du kommst mir nit
ummi, eh du nit dein Zoll zahlt hast.«
    »Gehst aus'm Weg?«
    »Nit um die Welt. Da müsst ich woltern erscht von dein süssen Göscherl mein
Bussarl haben! Und wann du's nit gern gibst -«
    Da griff das Mädel mit zwei gesunden Fäusten zu. »Wart, dir gib ich a Bussl,
du Zibebenkramer!« Zuerst machte der Bergstock einen Purzelbaum, dann sein
Besitzer; die morsche Bretterplanke krachte, und hinter ihr verschwand der
besiegte Ritter, dass für eine kurze Weile nur noch seine frisch genagelten
Schuhe zu sehen waren.
    Das Mädel wischte die Hände über die Hüften, näherte sich dem Überstieg,
hörte das Gelächter des Jägers und gewahrte über dem Zaunrand sein braunes
Gesicht mit den lustigen Augen, die in Wohlgefallen an ihr hingen.
    Franzl erkannte sie nicht, sie musste eine Auswärtige sein. Das gestrickte
braune Leibchen, das die Brust und die runden Arme knapp umschloss, und die weisse
Halskrause - das war fremde Tracht. Aber woher auch immer, sie war in einer Luft
gewachsen, die gesund und sauber macht. Und wie gut der halbverrauchte Zorn zu
ihrem frischen, sonnverbrannten Gesichte stand, zu den blaugrauen Augen und der
festen Stirn, über der die blonde Haarkrone sich so bedenklich verschoben hatte,
dass die schweren Zöpfe zu fallen drohten.
    Der erste Blick, den sie auf den Jäger geworfen, war kein sonderlich
freundlicher gewesen. Sie schien eine neue Wegsperre zu befürchten. Doch sein
Lachen wirkte ansteckend, und sie lachte mit.
    »Madl! Den hast bös auszahlt.«
    »Wie's ihm ghört hat! So a Grashupfer! Aber z'erst, da bin ich a bissl
erschrocken.«
    »Hättst kein Kummer net haben brauchen. Wann's gfehlt hätt, wär schon ich
bei der Hand gwesen.«
    Sie nickte ihm freundlich zu. »Vergeltsgott! Aber es hat's net braucht. Der
hat net amal 's Schneidergewicht. Den muss man mit Schmalz einreiben, dass er fett
wird. Wo is er denn?« Sie guckte über die Schulter; als sie den Pfad noch immer
leer sah, meinte sie besorgt: »Er wird doch nit ungut gfallen sein?«
    »Gott bewahr! Grad rappelt er sich in d' Höh!«
    Hinter der geknickten Bretterplanke erschien der grasgrüne Spitzhut mit der
trauernden Hahnenfeder.
    »No also!« Mit diesem Wort schien die Sache für sie erledigt. An dem Gezweig
eine Stütze suchend, stieg sie auf die Kante des Zaunes, fasste die Hand, die ihr
der Jäger reichte, und sprang zu Boden.
    »Bhüt dich Gott, Jager!« grüsste sie lächelnd.
    »Bhüt dich Gott auch!«
    Sie schritt davon, und Franzl sah ihr betroffen nach. Nun plötzlich, an
ihrem Lächeln, war ihm etwas aufgefallen; er musste sie schon einmal gesehen
haben.
    Nach wenigen Schritten blieb sie stehen und sah sich um. Die Augen der
beiden trafen sich, und eines schien dem andern sagen zu wollen: »Mir scheint,
ich müsst dich kennen!«
    Aber sie schwiegen, und das Mädel ging; hinter den Haselnussstauden
verschwand es; nur ein paarmal leuchtete zwischen dem Grün noch die weisse
Schürze.
    Franzl schob von hinten den Hut in die Stirn; das tat er immer, wenn er zu
denken hatte. Dann stieg er über den Zaun und folgte dem eingeplankten Pfad.
Hinter den Brettern sah er den traurigen Ritter stehen, der ratlos einen
handbreiten Riss in seiner neuen Lederhose musterte. Lachend streckte Franzl die
Hand über die Planke und klopfte ihn auf die Schulter. »Ja, Mannderl, bei uns
kosten die Busserln Hosenfleck! In der Stadt sind s' billiger.«
    Nach kurzem Weg erreichte der Jäger sein Heimwesen, ein freundliches Haus
mit frisch geweisster Mauer und grünen Fensterläden, Hofraum und Garten mit
Sorgfalt gepflegt, der ganze Besitz von einem hohen Staketenzaun umschlossen.
Als Franzl das Pförtchen öffnete, erhob sich von einem der Gartenbeete ein alte
Frau mit stillen Augen und weissem Faltengesicht, das von dem grauen, tief in die
Schläfe gekämmten Haar wie von einer verblassten Haube umrahmt war.
    »Grüss dich Gott, Bub!«
    »Grüss Gott, Mutter! Wie geht's allweil?«
    »Es tut's. Und dir? Is dir's allweil gut gangen am Berg?«
    »Am Berg? Da droben geht's eim allweil gut!« lachte Franzl.
    Seine Mutter schien ein feines Ohr zu haben. Dieses Lachen klang nicht wie
sonst. Und die Liebe in Menschen, die Unglück erfuhren, ist immer furchtsam.
Forschend hingen die Augen der Försterin an ihrem Sohn. »Franzl? Hat der Herr
Graf wieder gscholten? Oder fangt der Schipper seine scheinheiligen Gschichten
wieder an?«
    »Gott bewahr! Nix, gar nix! Musst dir denn allweil Sorgen machen, wo keine
sind?« Er fasste die Hand der Mutter und streichelte die welken Finger. »Geh, du
Sorgenhaferl, du alts!«
    Die Horneggerin, wenn einmal eine Sorge in ihr wach geworden, war so leicht
nicht wieder zu beruhigen. »Warum kommst denn heim? Mitten unter der Woch?«
    »Treiber muss ich bstellen, der Herr Graf will riegeln. Und was ich fragen
will, Mutter - is bei uns net grad a Madl vobeigangen?«
    »Ja. Warum fragst? Hast es nimmer kennt? Bist doch mit ihr in d' Schul
gangen! Die Bruckner-Mali!«
    »Die Maaali?« Der Name hing ihm an der Zunge wie ein zehnsilbiges Wort. Dass
er aber auch die Mali nicht gleich erkannt hatte! Als Kinder waren sie
unzertrennlich gewesen, bis im Försterhaus das blutige Unglück Einkehr hielt,
vor vierzehn Jahren. Da war der Bub durch Wochen nicht von der Seite der Mutter
gewichen; und als er eines Abends die kleine Freundin wieder suchte, war sie
verschwunden. Eine ältere Schwester, die in eine weit entfernte Ortschaft
geheiratet, hatte das Mädel zu sich genommen. Und jetzt war die Mali wieder
heimgekehrt? Sie hatte sich sauber ausgewachsen! Und weshalb sie gekommen war,
das meinte Franzl zu erraten. Dem Bruckner, ihrem Bruder, war das Weib
gestorben, er hatte drei Kinder, Not und Krankheit in der Stube. Da waren ihm
zwei gesunde Arme zur Hilfe mehr als nötig. Und dass die Mali zwei feste Arme
besass, davon hatte Franzl sich vor einem Viertelstündchen zur Genüge überzeugt -
er und noch ein anderer!
    »Die Mali! Jetzt is dös gar die Mali gwesen!« Mit vergnügtem Schmunzeln
schüttelte Franzl den Kopf und folgte der Mutter ins Haus.
    Der Abend sank, und aus den Wiesen begann ein dünner Nebel zu dampfen, der
sich gleich einem weissen Schleier über die Haselnussstauden aller Pfade legte. -
    Noch vor Einbruch der Dämmerung hatten auch Kitty und Tante Gundi das
Parktor von Schloss Hubertus erreicht. Auf dem ganzen Wege hatten sie kein Wort
miteinander gewechselt. Als aber Gundi Kleesberg die Hand nach der Torklinke
streckte, verstellte ihr Kitty den Weg.
    »Tante Gundi? Bist du mir böse?«
    »Ach, Kind!« Die Kleesberg umschlang mit beiden Armen das Mädchen und küsste
ihm die Wange so zärtlich, wie nur eine bekümmerte Mutter ihr Kind zu küssen
vermag. »Wie kann ich dir böse sein? Ich hab' dich lieb. Und habe nur dich. Wir
beide brauchen uns. Ich bin deine Mutter, du bist mein Kind!«
    Sie betraten den Park, und klirrend fiel hinter ihnen das hohe,
schmiedeeiserne Tor ins Schloss. Es hallte unter den Bäumen, und ein ungestümes
Flattern und Gerüttel liess sich vernehmen.
    Eine breite Allee, von alten Ulmen halb überdacht, führte in gerader Linie
zum Schloss. Blumenduft und Heugeruch erfüllten die Luft. Inmitten der Allee
weitete sich ein grosses Kiesrondell, auf dem sich ein mächtiger, aus
Eisenstangen und grobem Drahtgeflecht gebildeter Käfig erhob. Er barg die sieben
Steinadler, die Graf Egge im Laufe mehrere Jahre als halbflügge Vögel aus ihren
Nestern gehoben. Während Kitty und Tante Gundi vorüberschritten, begann im Käfig
ein grauenhafter Spektakel. Gleich schwarzen Schatten huschten in der Dämmerung
die aus ihrer Ruhe aufgescheuchten Adler durcheinander; fauchend und mit
gellenden Schreien warfen sie sich gegen das Drahtgeflecht und rüttelten an
ihrem Kerker; unter dem Klatschen der Flügelschläge hörte man das Knirschen des
Drahtes, wenn die scharfen Fänge in das Flechtwerk griffen.
    Tante Gundi beeilte sich, an dem Käfig vorüberzukommen. »Eine merkwürdige
Liebhaberei, das!« grollte sie. »Dieser Aasgeruch, mitten zwischen den
Rosenbeeten! Pfui!«
    Kitty schwieg; diese Vögel waren eine Freude ihres Vaters, eine lebendige
Trophäe seines kühnen Jägermutes.
    Aus dem Schloss fiel schon der Lichtschein einzelner Fenster in die Allee.
Nun zeigte sich ein weiter, fein besandeter Platz mit Blumenbeeten, exotischen
Gewächsen und einer plätschernden Fontäne, von deren hohem, gleich mattem Silber
leuchtendem Strahl ein feiner Staubregen gegen die finsteren Bäume dampfte. In
der Tiefe des Platzes erhob sich Schloss Hubertus, eine Mischung von gotischem
Kastell und moderner Villa. Man sah es auf den ersten Blick: hier wohnte ein
grosser Jäger vor dem Herrn. Über jedem Fenster war ein mächtiges Hirschgeweih an
der Mauer befestigt - eine Sammlung, anzusehen wie eine riesige, die
Geweihbildung aller Hirschgattungen demonstrierende Wandtafel; hier hing der
konfuse Hauptschmuck des lappländischen Renntiers, die wuchtige Schaufel des
schwedischen Elchs, der stämmige Schlag der böhmischen Wälder, das Zentnergeweih
des amerikanischen Wapiti, der Urhirsch aus der Bukowina, das massige
Kronengeweih des Bakonyerwaldes, die gefingerte Schaufel des Dambockes, der
weichlich gezeichnete Hauptschmuck des gefütterten Parkwildes und das schlanke,
schön verästelte Geweih des stolzen Edelhirsches der deutschen Berge. Jede
dieser Trophäen hatte Graf Egge auf seinen Jagdreisen mit der eigenen Kugel
gewonnen, unter jedem der Geweihe war ein weisses Täfelchen angebracht, auf dem
die Heimat des Hirsches und der Tag verzeichnet standen, an dem das Wild
gefallen.
    Jetzt verschleierte tiefe Dämmerung diese stolze Jägerchronik, und wie ein
Gewirr von dürren Ästen starrten die hundert Enden aus der Mauer.
    Lichtschein fiel aus der offenen Tür über die steinerne, von wildem Wein und
Jerichorosen umrankte Veranda, zu der drei breite Stufen emporführten.
    Als Kitty und Tante Gundi die Veranda betraten, kam ihnen ein junger Diener
entgegen, der sich besorgt erkundigte, ob die Damen nicht ins Gewitter geraten
wären.
    »Nein, Fritz,« sagte Kitty, »wir kommen trocken nach Hause. Wo ist mein
Bruder?«
    »Der Herr Graf arbeiten in seinem Zimmer.«
    Durch einen breiten Flur, dessen Wände von den Steinfliesen bis zur Decke
mit Jagdtrophäen aus aller Welt bedeckt waren, eilte Kitty zur Treppe. Auch hier
im Treppenhaus wie in den Korridoren des oberen Stockes hing Geweih neben Geweih
an allen Wänden.
    Kitty öffnete eine Tür und schob das Köpfchen durch den Spalt. »Stört man
nicht?«
    »Komm nur!« erwiderte eine ruhige Männerstimme.
    Das matte Licht einer mit chinesischem Schirm bedeckten Studierlampe füllte
den nicht allzu grossen, einfach möblierten Raum. Bücher, Zeitungen und
Broschüren lagen, da es an Schränken fehlte, überall umher, auf dem Tisch, auf
allen Stühlen. Der grosse Schreibtisch war von einem Ringwall dicker Bände
umzogen, so dass für Lampe, Tintenzeug und Aktenmappe nur ein kleiner Raum
verblieb. Man glaubte sich in dem Zimmerchen eines fleissigen Studenten zu
befinden, der vor dem Examen steht. Aber Graf Tassilo, Kittys ältester Bruder,
hatte die Schuljahre längst hinter sich.
    Er nahm den Schirm von der Lampe und erhob sich: eine schlanke, vornehme
Gestalt mit einem energischen Kopf, einem scharfgeschnittenen Gesicht und einem
Knebelbart, wie König Ludwig II. ihn zu tragen pflegte. Die Härte der Züge, die
Tassilo vom Vater hatte, wurde gemildert durch den ruhigen Glanz der Augen, die
den Augen der Schwester glichen. Man konnte lesen in diesem Gesicht und Blick:
da steht ein Mensch, der mit sich im klaren ist und weiss, was er will; eine
starke, zähe, an Arbeit und Selbstbeherrschung gewöhnte Natur mit warm fühlendem
Herzen. Aber es mochten schwere Kämpfe gewesen sein, in denen er das sichere
Gleichgewicht seines Lebens gewonnen; das verriet die tiefgeschnittene Furche
zwischen den Brauen. Graf Tassilo stand im dreissigsten Jahr, doch hätte man ihn
wohl um einige Jahre älter geschätzt.
    Herzliches Wohlgefallen leuchtete beim Anblick der Schwester aus seinen
Augen. Wie das lichte Figürchen auf ihn zugeflattert kam, das war auch, als
wehte ein frischer Frühlingshauch in die ernste Stube. Kitty umschlang den
Bruder. »Guten Abend, Tas!«
    Lächelnd hielt er sie fest und streichelte ihr Haar. »Nun? Ist Papa
gekommen?«
    Sie hob wie in unbehaglichem Empfinden die Schultern.
    Ein Schatten ging über das Gesicht des Bruders. Er gab die Schwester frei
und liess sich nieder. »Ich hätt' es dir voraussagen können. Aber ich wollte
deine Freude nicht stören. Möglich wär' es ja doch gewesen -«
    »Nein, ganz unmöglich!« fiel Kitty ein, als hätte sie das Bedürfnis, ihren
Vater zu verteidigen. »Er konnte nicht kommen, absolut nicht! Franzl hat es mir
gesagt. Weisst du, Tas, da droben steht irgendwo ein ganz fabelhafter Gemsbock.
Papa muss ihn haben!«
    »Natürlich! Ein Gemsbock!« Als wollte er über das Tema wegkommen, sagte er
mit veränderter Stimme: »Ich habe mich gesorgt um dich. Wo wart ihr, als das
Wetter kam?«
    »Droben im Wald, trocken und sicher, in der Wildscheune.« Sie begann zu
erzählen und fand ihre Laune wieder. Drollig schilderte sie Tante Gundis
Verzweiflung, das Erscheinen des Jägers und ihren Niederstieg zum Wetterbach -
»ganz à la Paul et Virginie!« Dann verstummte sie, als wäre das Abenteuer zu
Ende. Lächelnd beugte sie sich über den Schreibtisch und begann in den
aufgeschlagenen Akten zu blättern. »Und du, Tas? Du hast natürlich wieder mit
den Ellbogen zwei Löcher in deinen Schreibtisch gebohrt und den herrlichen Abend
versäumt. Über was grübelst du schon wieder?«
    »Ich sammle das Material zu einer Verteidigung.«
    »Wohl ein sehr interessanter Fall?«
    »Für mich, gewiss.«
    »Um was handelt es sich? Um einen Unschuldigen?«
    »Nein, Kind, um einen Gewohnheitsdieb.«
    »Aber Tas!« Erschrocken hingen Kittys Augen an dem ernsten Gesicht des
Bruders. »Wie kannst du dich mit einem solchen Menschen befassen? Du! Mit einem
gemeinen Verbrecher!«
    »Ein Verbrecher? Ja. Aber noch mehr ein Kranker. Ich hoffe, dass er zu heilen
ist.«
    »Davon lass nur Papa nichts merken.«
    »Er sorgt dafür, dass mir die Gelegenheit fehlt.«
    »Wenn er es aber doch erfährt, was wirst du ihm sagen?«
    Tassilo streifte mit der Hand über Kittys Scheitel. »Nichts.«
    »Ja, Tas, das wird wohl das beste sein. Widerspruch verträgt er nicht. Und
ich bin überzeugt, dass er dir die letzte Geschichte vom Frühjahr noch immer
nicht vergessen hat. Es war aber auch ein netter Streich!«
    »Meinst du?«
    »Ein Graf Egge-Sennefeld! Und verteidigt einen auf frischer Tat ertappten
Wilddieb! Na, erlaube mir, Tas -«
    Er klopfte sie mit beiden Händen auf die Wangen und sagte, wie man zu einem
Kinde spricht: »Dir erlaube ich alles.«
    Ein Diener erschien in der Tür: der Tee stünde bereit.
    Tassilo nahm einige Zeitungen vom Schreibtisch und reichte seiner Schwester
den Arm.
    Das Speisezimmer lag zu ebener Erde; ein grosser, wenig behaglicher Raum, dem
es anzumerken war, dass er die längste Zeit des Jahres leer stand. In der Mitte
der lange Tisch, mit grünem Tuch überspannt und nur zur Hälfte weiss gedeckt. Auf
jeder Seite der Flurtür stand eine altertümliche Kredenz, und geschnitzte
Holzbänke mit verblassten Kissen zogen sich rings um die Mauern. Wände und Decke
waren mit gebräuntem Lärchenholz getäfelt. Die Luft des Zimmers hatte einen
leisen Geruch, der an die Apoteke erinnerte; er ging von den hundert
präparierten Vögeln aus, die den Schmuck der Wände bildeten; dazwischen abnorme
Rehgehörne und in silberne Zwingen gefasste Eberzähne; an der Decke hingen, mit
ausgebreiteten Schwingen, gegen zwanzig Adler, die sich sacht bewegten: von den
zwei grossen Moderateurlampen, die auf der Tafel standen, stieg die erhitzte Luft
in die Höhe und staute sich unter den Flügeln. Eine offene Seitentür liess in ein
finsteres Zimmer blicken, darin die polierte Brüstung eines Billards funkelte.
    Als Kitty auf der Tafel nur zwei Gedecke sah, fragte sie: »Fritz, wo ist
Tante Gundi?«
    »Das gnädige Fräulein haben sich zurückgezogen und haben Siphon und
Eispillen verlangt.«
    »Ach du Barmherziger! Jetzt hat sie wieder ihre Migräne!« Kitty lief davon.
    Als sie nach ein paar Minuten zurückkehrte, berichtete sie kleinlaut: »Sie
hat sich eingesperrt. Die Arme!«
    Tassilo schien nicht zu hören; er hatte sich bereits bedient, und während er
mit der Rechten in langsamen Pausen den Teelöffel oder die Gabel führte, hielt
er mit der Linken die Zeitung unter die näher gerückte Lampe. Erst als Kittys
Teller klapperte, schien er die Rückkehr der Schwester zu bemerken und wollte
die Zeitung aus der Hand legen.
    »Lies nur, Tas!«
    »Wenn du erlaubst, ich finde untertags keine Zeit dafür.« Eifrig vertiefte
er sich wieder in den unterbrochenen Artikel.
    Eine stille Viertelstunde verrann. Kitty erhob sich. »Du arbeitest wohl nach
Tisch?«
    Tassilo zögerte mit der Antwort, und eine feine Röte erschien auf seiner
Stirn. »Später, ja! Und du?«
    »Was soll ich machen? Du hast Arbeit und Tante Gundi Migräne. Ich krieche
ins Nest. Gute Nacht, Tas!« Sie küsste ihn, blieb vor ihm stehen und sagte
seufzend: »Tas, du bist alt geworden.«
    »Meinst du?« Er lächelte, seltsam verträumt. »Ich bin der Meinung, dass meine
Jugend erst begonnen hätte.«
    Kitty lachte gezwungen. »Das ist riesig komisch! Jugend hat Rosengeruch. Du
riechst nach Akten. Armer Tas! Na, gute Nacht!«
    Sie wollte gehen; der Bruder fasste ihre Hand und hielt sie fest; seine Augen
hatten Glanz, und ein bekennendes Wort schien auf seiner Zunge zu liegen; doch
er lächelte wieder. »Gute Nacht - du Kind!«
    Kitty schlich davon, bummelte durch den Flur, an dessen Wänden die wirren
Schatten der vielen Geweihe leise zuckten, und stieg über die Treppe hinauf.
Seufzend öffnete sie die Tür ihres Zimmerchens, tappte in die Finsternis und
machte Licht. Der kleine Raum hatte ein freundliches Ansehen, ohne zu verraten,
dass hier die Tochter eines Edelmannes wohnte, dessen Besitz nach Millionen zu
zählen war. Graf Egge, der auf seinen Jagdreisen und Pirschgängen, wenn es eine
seltene Beute zu machen galt, das Nachtlager auf blanker Erde nicht scheute,
hatte auch seine Kinder nie verwöhnt; nur zur Hälfte aus Überzeugung, zur andern
Hälfte aus einer Eigenschaft, für welche Sparsamkeit das mildeste Wort ist. Er
knauserte in allen Dingen, die nicht die Jagd betrafen; seine drei Söhne hatten
knapp bemessene Apanagen, aber seine Hirsche Winterfutter in Hülle und Fülle:
aus Franken liess er das saftigste Kleeheu kommen, aus Ungarn den besten Mais,
aus der Maingegend die fettesten Kastanien.
    Die billigen Stoffe für Kittys Stübchen, das man im vergangenen Sommer für
den flügg gewordenen Klostervogel eingerichtet hatte, waren wohl aus der
nächsten Stadt verschrieben; aber die Möbelgestelle hatte der Boottischler des
Seewirtes angefertigt; und der Zauner-Wastl, der Dorfsattler - der übrigens den
Ruf eines Universalgenies genoss und im Schloss Hubertus als eine Art Faktotum
verkehrte - hatte die Polsterung übernommen. Die Sache war gar nicht so übel
ausgefallen. Der weisse Leinenplüsch mit den mattblauen Streifen machte sich gut
zu dem farblos polierten Lindenholz; dazu die lichte Tapete; das Stübchen sah
aus wie frisch aus der Wäsche gekommen. Die Dielen waren blank, ohne Teppich;
nur vor dem Bett lag eine graue Hirschdecke. Der Tisch, die Kommode, zwei
Etageren und alle sonstigen verfügbaren Plätzchen waren dicht angeräumt mit
zierlichem Kram, mit Kolonnen von Photographien in blinkenden Rähmchen, über die
das grössere, mit französischer Widmung beschriebene Bild der Soeur supérieure
hinausragte wie die Hirtin über die kleine Herde.
    Kitty wollte das offene Fenster schliessen. Draussen plätscherte die Fontäne,
und das steigende Mondlicht fiel schon über die Baumwipfel. Sinnend blickte
Kitty hinaus in dieses Gewirr von finsteren Schatten und dämmerigem Licht; statt
das Fenster zu schliessen, liess sie sich auf einen Sessel sinken und lehnte sich
mit beiden Armen über das Gesimse. Vor ihren träumenden Augen spann sich der
Mondschein immer weiter, die Konturen des Laubwerkes mit einem schleierhaften
Dunst überziehend. Die Nähe verschmolz mit der nebeligen Ferne in einen einzigen
blassgrauen Ton, so dass die weite Fläche der Wipfel mit den an den Park sich
schliessenden Wiesen und Wäldern fast anzusehen war wie eine von mattem Zwielicht
überwobene unabsehbare Heide.
    Vor Kittys Gedanken belebte sich das Bild: verschwommen hob sich aus der
Dämmerung ein verschlungener Pfad, rauh von Steinen, umwachsen von niederem
Dorngestrüpp; und zwischen den Dornen lag entkräftet die Gestalt einer Genie,
mit schmerzvollen Zügen, in Lumpen gehüllt und mit zerzausten Schwingen.
    »Wie traurig!« zitterte es leis von Kittys Lippen. Sie war so tief in diese
Erinnerung versunken, dass sie den Schritt nicht hörte, der unter ihrem Fenster
langsam über den Kiesgrund ging und in der Ulmenallee verklang.
 
                                       4
Graf Tassilo verliess den Park und wanderte auf der mondhellen Strasse dem Dorf
entgegen.
    Nach einer Viertelstunde erreichte er den See. In weitem Kreise leuchteten
die Fenster aller Villen. Auf der von Windlichtern erhellten Terrasse des
Wirtshauses waren einige Tische mit Sommergästen besetzt, und am Ufer standen
ein paar junge Burschen und Mädchen unter halblautem Geplauder beisammen. Sie
verstummten bei Tassilos Ankunft; einer der Burschen rannte davon, verschwand in
der Schiffshütte, und man hörte das Klirren einer Kette und das Gepolter eines
Bootes, das aus der schwarzen Hütte tauchte und am mondhellen Ufer anlegte: ein
zierlicher Nachen, die Bänke mit Polstern belegt, der Steuersitz von einem
geschnitzten Geländer umgeben. Der Knecht stieg aus, und Graf Tassilo übernahm
die Ruder.
    Die weite Seebucht quer durchschneidend, glitt der Nachen einer Villa
entgegen, aus deren Garten sich eine weisse Steintreppe zum Wasser senkte. Als
der Kahn sich näherte, klang eine leise Stimme: »Tassilo? Du?«
    »Ja, Kind!«
    Der Nachen legte an, und Graf Tassilo erhob sich, um die schlanke Gestalt
des Mädchens zu umfangen, das ihn auf der Treppe erwartet hatte.
    »Anna?« fragte eine andere Frauenstimme von der Villa her. »Willst du nicht
den Mantel nehmen?«
    »Nein. Die Luft ist so lind und warm wie in der Sonne!« Von Tassilo
gestützt, bestieg das Mädchen den Nachen, liess sich im Spiegel nieder, schob das
Boot von der Mauer ab und fasste die Schnüre des Steuers.
    Von kräftigen Ruderschlägen getrieben, rauschte der Kahn dem tieferen See
entgegen; im Mondlicht funkelten die Tropfen, die von den Rudern fielen, und
hinter dem Steuer verblieb im dunklen Wasser eine leuchtende Furche.
    Eine Weile schwiegen die beiden; dann sagte Tassilo: »Verzeih' mir, dass ich
dich warten liess! Bist du nicht ungeduldig geworden?«
    »Ich habe schon gefürchtet, dass ich dich heute nicht mehr sehen würde. Aber
nun bist du ja gekommen!« Die warme melodische Stimme klang in der Nachtstille
wie leiser Gesang.
    »Ich war nicht Herr meiner Zeit. Seit gestern ist meine Schwester in
Hubertus.«
    Die Antwort zögerte. »Ich weiss -«
    »Das macht dir Sorge? Nein, Anna, sei ruhig! Wie alles andere kommt, ich
weiss es nicht. Aber meine Schwester wirst du im Sturm gewinnen. Sie schwärmt für
dich. Und sie soll auch die erste sein, die es erfährt. Endlich muss ja doch
gesprochen werden, die Entscheidung ist nicht länger aufzuschieben. Ich will
nicht, dass man im Dorfe anfängt, über dich zu klatschen.«
    Eine Hand legte sich auf die seine. »Ich danke dir.«
    »Aber Kind!« Er küsste die weissen Finger und fasste die Ruder wieder. »Ich
liebe dich und will, dass auch die andern dich ehren, wie du es verdienst.
Deshalb muss diese schiefe Stellung ein Ende nehmen. Ich habe einen Entschluss
gefasst. Dieser Tage kommen meine Brüder für eine Woche nach Hubertus, und ich
vermute, dass uns Papa, um sich das Wiedersehen zu erleichtern, in die Jagdhütte
bestellen wird. Diese Gelegenheit will ich benützen. Wie Robert und Willy sich
dazu stellen werden, weiss ich nicht. Aber mit ihnen werde ich rasch ins klare
kommen. Mein Vater freilich -«
    »Du fürchtest?«
    »Furcht?« Er beugte sich über die Ruder und sah mit glücklichem Lächeln in
das schöne Mädchengesicht. »Nein, Anna! Aber bang ist mir. Nicht vor den
Kämpfen, die meiner warten, denn ich weiss, dass ich sie überstehen werde. Mir ist
nur bang vor dem unverdienten Glück, das über mich herfallen wird.« Eine Hand
schloss ihm die Lippen.
    Es wurde still im Boot, die Ruder schleiften, und mit sachtem Plätschern
glitt der Nachen an einer steil aus dem Wasser ragenden Felswand vorüber. Der
Kessel der Berge öffnete sich, einer riesenhaften Grotte vergleichbar und
überflutet von allem Zauber der sommerlichen Mondnacht. Nun der schwebende
Anschlag einer wunderbaren Altstimme. Wie der klingende Traum einer Glocke, so
zitterte die Fülle dieser herrlichen Töne hinaus in das Schweigen der Nacht -
Schumanns »Lied der Braut«. Und wie dieses Lied gesungen wurde, das war mehr als
nur die Gabe einer vollendeten Künstlerin; es war Gesang, in dem sich alles
Denken und Fühlen, die ganze Seele eines liebenden Weibes erschöpfte.
»Lass mich ihm am Busen hangen,
Mutter, Mutter, lass das Bangen,
Frage nicht: Wie soll sich's wenden?
Frage nicht: Wie soll das enden?
Enden? Enden soll es nie!
Wenden? Noch nicht weiss ich, wie!
Lass mich ihm am Busen hangen!
Lass mich!«
    Wie ein verlorener Klang aus weiter Ferne hallte das Echo der letzten Worte
von den steinernen Wänden der Berge. Dann tiefes Schweigen. Und jetzt, über den
See herüber, ein schriller, langgezogener Ruf, ein zweiter und wieder einer.
    Tassilo richtete sich auf. »Das ist bei der Klause. Wahrscheinlich ein
Tourist, der sich auf dem Heimweg verspätet hat. Wir müssen ihn holen, wenn der
Arme nicht bis zum Morgen da drüben in dem Steinwinkel sitzen soll!« Er fasste
die Ruder und begann mit aller Kraft zu ziehen. Noch ehe sich das Boot der
Mündung des Wetterbaches näherte, konnte Tassilo im Mondlicht schon die wartende
Gestalt unterscheiden. Unter dem Nachen knirschte der Sand, und vom Ufer liess
sich mit verlegener Heiterkeit eine Stimme vernehmen: »Ich danke Ihnen, dass Sie
sich meiner erbarmen. Sonst hätte ich mit einem nicht sehr behaglichen
Nachtlager vorliebnehmen müssen.« Der Fremde trat an das Boot heran, und im
klaren Mondschein erkannte Tassilo den jungen Künstler, dem er im vergangenen
Winter bei den gemütlichen Abenden der Münchener Allotria häufig und immer gern
begegnet war.
    »Forbeck? Sie?«
    »Graf Egge!«
    Lachend reichten sie sich die Hände.
    »Wahrhaftig, eine liebe Überraschung! Sagen Sie mir nur, Forbeck, wie kommen
Sie plötzlich hierher? Oder wohnen Sie schon länger am See?«
    »Seit vierzehn Tagen.«
    »Und das erfahr' ich erst heut? Wie schade! Wir wollen das Versäumte
nachholen, nicht wahr? Und nun sagen Sie mir, welcher Zufall hat Sie hier
festgenagelt wie den seligen Robinson auf seiner Insel?«
    »Ich habe den ganzen Tag bei der Klause gearbeitet und hatte mir für sieben
Uhr abends ein Schiff bestellt. Der Seewirt scheint vergessen zu haben, oder -«
    »Und da hat mich die Vorsehung zu Ihrer Erlösung auserwählt? Also vorwärts,
reichen Sie mir Ihre Siebensachen! So! Und nun kommen Sie!« Als Forbeck den
Nachen bestiegen hatte, hielt Graf Egge den Arm um die Schulter des jungen
Mannes gelegt und wandte sich an seine Begleiterin. »Erlaube mir, Anna, hier
stelle ich dir, bei allerdings mangelhafter Beleuchtung, meinen jungen Freund
Hans Forbeck vor.« Tassilo zögerte, bevor er den Namen der jungen Dame nannte:
»Fräulein Herwegh.«
    Ein leiser Laut der Überraschung war die einzige Antwort, die Forbeck zu
finden wusste; auch die stumme Verbeugung missglückte in dem schwankenden Boot,
das sich aus dem Sand zu lösen begann. In gerader Fahrt ging es den Villen
entgegen. Kein Wort wurde gesprochen. Graf Egge ruderte ungestüm, und Fräulein
Herwegh sass über das Geländer geneigt und liess die Fingerspitzen über das dunkle
Wasser streifen. Sie schien es wie eine Erlösung zu begrüssen, als der Nachen
endlich vor der Steintreppe der Villa hielt. Hastig erhob sie sich, und von
Forbeck mit raschem Gruss sich verabschiedend, verliess sie das Boot. Tassilo
folgte und reichte ihr den Arm. Im schwarzen Schatten der Bäume verschwanden
sie, und Forbeck hörte ihre leisen Stimmen. An der Villa ging eine Tür, und Graf
Egge erschien wieder bei der Landungstreppe. »Wo wohnen Sie, lieber Forbeck?«
    »Dort drüben hinter den Villen, in einem Bauernhäuschen, wo ich eine Stube
mit gutem Licht gefunden habe. Aber wenn Sie gestatten steige ich beim Seewirt
ab.«
    Tassilo stiess das Boot von der Mauer. »Hoffentlich finden wir beim Seewirt
noch offen, und wenn es Ihnen recht ist, leiste ich Ihnen noch ein Stündchen
Gesellschaft.«
    »Aber ich bitte, Herr Graf!«
    »Keine Förmlichkeiten! Wenn es schon ein Titel sein muss, sagen Sie: Doktor!«
    Forbeck lächelte. »Das geht mir auch leichter von der Zunge.«
    Das Ufer war erreicht. Auf der Terrasse des Wirtshauses brannten noch einige
Lichter; die Tische standen leer; ein letzter Gast schäkerte zum Abschied mit
der drallen Kellnerin.
    Tassilo und Forbeck schritten über den mondhellen Landeplatz der Treppe zu.
Plötzlich verhielt Graf Egge den Fuss. »Herr Forbeck! Diese unerwartete Begegnung
mit Fräulein Herwegh scheint Sie überrascht zu haben. Ich möchte jeder
Missdeutung vorbeugen.«
    »Sie kränken mich!« erwiderte Forbeck ernst. »Ich kenne Sie, Herr Doktor,
und weiss, dass Fräulein Herwegh nicht nur eine gefeierte Künstlerin ist, sondern
auch eine Dame, die keine Missdeutung zu befürchten hat.«
    »Ich danke Ihnen für dieses Wort. Und nun hab' ich doppelte Ursache zu
sprechen, obwohl ich Sie aus zwingenden Gründen um Ihr Schweigen bitten muss. Sie
sind der erste, der es erfährt. Fräulein Herwegh ist meine Braut.«
    In herzlicher Bewegung streckte Forbeck die Hand. »So darf ich auch der
erste sein, der Sie beglückwünscht.«
    »Glück! Ja, Forbeck! Was sich ein Menschenherz an Glück nur träumen kann,
das hab' ich gefunden. Und ich danke für Ihren Wunsch, denn ich weiss, er kommt
aus ehrlichem Herzen. Es hat mich immer zu Ihnen hingezogen, Sie sind ein
tüchtiger Mensch, und ich möchte den glücklichen Zufall festalten, der uns
heute zusammenführte. Wir wollen gute Freunde sein!«
    Mit festem Druck umspannten sich ihre Hände; dann betraten sie die Terrasse.
    Margaret, die Kellnerin, begrüsste wohl den »gnä Herrn Grafen« mit aller
Dienstbeflissenheit, aber ihrem müden Gesicht war es anzumerken, dass ihr die
beiden verspäteten Gäste keine Freude bereiteten. Die Auskunft, die sie zu geben
wusste, war wenig tröstlich: die Küche geschlossen, das Fass auf der Neige.
Forbeck musste sich mit kaltem Braten begnügen, aber dazu fand sich eine gute
Flasche Rheinwein. Das Gähnen überwindend, stäubte Margaret die Brotkrumen vom
Tischtuch und zog sich in einen dunklen Winkel der Terrasse zurück, wo sie nach
wenigen Minuten in unbequemer Stellung die bleischweren Lider schloss.
    Über See und Ufer flimmerte der Mondschein, sacht rauschten die Bäume im
lauen Wind, und mit dem Gewisper des Laubes mischte sich das leise Geplätscher
des Wassers, das gegen die Pfähle der Schiffshütten schwankte und die
angeketteten Boote bewegte.
    Forbeck erzählte von dem Ergebnis seiner vierzehntägigen Studien. »Dieser
Bergwinkel ist die reine Goldgrube. Und jetzt liegen noch zwei Wochen vor mir.
Professor Werner soll Augen machen, wenn er meine Mappe sieht.«
    »Ich wundere mich nur, dass er Ihnen so lange Urlaub gab!« sagte Tassilo
lächelnd. »Er hängt an Ihnen wie der Baum an seinem besten Ast.«
    Forbecks Augen leuchteten. »Werner liebt mich, mit dem Herzen des Künstlers,
weil er an meine Begabung glaubt, weil er hofft, dass ein Teil seines Könnens in
mir weiterleben wird. Das ist für mich ein glühender Sporn. Aber es bedrückt
mich auch manchmal mit Angst. Wenn er sich täuschte in mir!«
    »Aber Forbeck! Wie kommen Sie auf solche Gedanken? Gerade das Vertrauen, das
Werner auf Sie gesetzt hat, sollte Ihnen Selbstbewusstsein geben. Er hat scharfe
Augen für alles, was Talent heisst. Bei Ihnen ist er seiner Sache sicher.«
    »Das halte ich mir manchmal vor und habe dann wieder Mut und Kraft. Aber
jeder von uns, der es ernst meint mit seiner Kunst, kämpft den ewigen Kampf mit
dem Drachen des quälenden Zweifels. Wenn meine Zweifel recht behielten, das wäre
ein Unglück auch um Werners willen. Das wäre ein Riss in seinem Leben, ich
beginge damit ein Verbrechen an ihm, noch schlimmer als Verrat und Undank eines
Kindes. Er ist mir doch wirklich wie ein Vater. Was ich kann, was ich bin, alles
verdanke ich ihm! Als ich noch Eltern hatte, war ich ein verlorenes Geschöpf.
Unter seinen Händen bin ich ein neues Menschenkind geworden. Er darf und soll
sich in mir nicht täuschen!«
    »Da glaub' ich eher, dass Sie noch mehr erfüllen werden, als Werner sich von
Ihnen verspricht!« Mit Wohlgefallen ruhte Tassilos Blick auf dem jungen Manne.
»Aber er hätte Sie jetzt nicht von seiner Seite lassen sollen! In Ihnen sprudelt
die Gärung. Ich kenne das. Ich hab' es jahrelang durchgemacht, bis ich die Ruhe
fand. Aber ich war immer gewöhnt, allein mit allem fertig zu werden. Das ist bei
Ihnen nicht der Fall. Sie hatten immer den erfahrenen, treuen Freund bei der
Hand. Da mag jetzt in der Einsamkeit etwas in Ihnen erwacht sein, etwas Neues,
halb noch Unbewusstes -«
    »Etwas Neues?« Nachdenklich schüttelte Forbeck den Kopf.
    »Es ist so. Das rumort jetzt in Ihnen, und unwillkürlich fühlen Sie, dass
Ihnen Werner fehlt mit seinem Rat und seinem beruhigenden Lächeln.«
    »Sie kennen dieses Lächeln? Nicht wahr, das ist merkwürdig! Wenn er so
lächelt, das redet wie ein Buch.«
    »Eine Kunst, die sich bitter lernt! Es war gewiss keine heitere Geschichte,
hinter der ihm nichts anderes verblieb als dieses Lächeln. Werner ist
Junggeselle geblieben, er muss eine schwere Enttäuschung erlebt haben.«
    Forbeck lehnte sich tief atmend zurück. »Nein, das glaube ich nicht. Er ist
völlig aufgegangen in seiner Kunst. Hätte er geliebt - ein Mann wie er wäre
nicht getäuscht worden. Er ist einer von jenen Seltenen, die man lieben muss,
heiss und treu!«
    Eine Pause entstand.
    »Wo ist Werner jetzt?« fragte Tassilo.
    »In München. Er macht die letzten Striche an seinem Bild für die Berliner
Ausstellung. Herrgott, wird das wieder eine Arbeit! Ich glaube, er hat mich nur
fortgeschickt, weil ich ganz verzagt wurde, sooft ich vor dieser Leinwand stand.
Gestern schrieb er mir. Er hofft in vierzehn Tagen fertig zu sein. Dann kommt
er, und wir reisen.«
    »Wohin?«
    »Italien!« Es war aus Forbecks Augen zu lesen, was er mit diesem einen Worte
sagen wollte.
    Tassilo lächelte. »Sie kennen Italien noch nicht?«
    »Nein! Und wenn ich mir denke, dass ich in vier Wochen dort unten sitze -
sehen Sie mich nur an: ich muss die Fäuste auf die Rippen drücken, denn ich
glaube, mir geht bei diesem Gedanken die ganze Bude da drin aus dem Leim. Und
ich weiss nicht - es kommt mir vor, als hätte ich diese brennende Erwartung noch
nie so gewalttätig empfunden wie heute, gerade jetzt!« Er sah hinaus in das
Geflimmer der stillen Mondnacht. »Es ist doch möglich, dass Sie recht haben: mit
dem Neuen! Für unsereinen ist so was immer wie ein grosses Ereignis, wie eine
Offenbarung: ich habe heut ein Bild gefunden! Keine Studie, kein Motiv, nein,
ein Bild!« Er griff mit den Händen in die Luft und schloss die Finger, als wollte
er gewaltsam fassen, was ihm vor der Seele stand. »Ein Bild! Unglaublich schön!
Wenn ich das fertigbringe, wie ich es sehe, dann wird Werner mich küssen. Das
hat er noch nie getan. Über ein Brav, mein Junge! oder über einen Klaps auf die
Schulter ist er in seiner Anerkennung noch nie hinausgekommen. Aber wenn ich das
fertigbringe, das! Dann, ja!«
    »Sie machen mich neugierig. Wo haben Sie den Vorwurf gefunden?«
    »Da drüben, wo Sie mich in Ihr Boot nahmen, bei der Klause. Schon die
Felswand mit dieser stein- und holzgewordenen Romanze! Das allein ist schon eine
Hochzeit von Farbe und Stimmung.« Forbeck gewahrte in seinem Eifer den Schatten
nicht, der über Tassilos Züge ging. »Und dazu dieser ganze Rahmen, diese Luft,
die Natur in einem Augenblick, in dem sie sich mit ihren stärksten Mitteln in
Szene setzt! Aber ich kann Ihnen nicht schildern, was ich meine. Dazu reichen
Worte nicht aus. Es war wie ein Wunder. Schon als das Gewitter begann - dieses
nervöse Gezitter von Licht und Schatten, halb noch blendender Glanz, halb schon
ein stumpfes Erlöschen aller Farben. Und nun mitten hinein in dieses ängstliche
Gefunkel aller Töne der erste Windstoss und der erste Regenguss, zerrissen in
graue flatternde Schleier und Bänder - ein Bild, ein Bild! Und dazu fällt mir
noch die einzig mögliche Staffage wie vom Himmel herunter. Das heisst, was ich
gesehen habe, reicht für sich allein nicht aus, so schön es war! Es wäre für
sich allein nicht verständlich. Aber ich weiss bereits, was ich dazuwerfe.«
    Mit beiden Händen machte Forbeck freien Platz vor sich und begann mit dem
Finger unsichtbare Linien auf das Tischtuch zu zeichnen. »Hier, zwischen der
Klause und dem Wetterbach, den ich näher gegen die Klause rücke, damit der Baum,
der sich über den Bach geworfen, die Mitte des Bildes bekommt - hier also, hier
auf dem Rasen - wissen Sie, Doktor, so ein saftiges Grün, aus dem jede andere
Farbe herausspringt wie ein Licht - hier auf dem Rasen denk' ich mir ein
konfuses Häuflein Menschen, Sommergäste und Schiffer, mitten im lustigen
Picknick. Und da kommt nun das Gewitter, plötzlich! Wie das alles aufspringt,
rennt und stolpert, um die Klause zu gewinnen, halb in Lustigkeit und halb in
Angst! Wie da die Farben und Linien durcheinanderwirbeln! Und drüben über dem
Wetterbach kommt eine kleine Touristengesellschaft über den steilen Weg
heruntergehastet, Männer und Frauen -«
    »Ich sehe das Bild!« fiel Tassilo ein, »wie es lebt und redet!«
    »Ein paar von den Leuten stehen schon am Ufer des Wildbaches, ratlos -
nirgends eine Brücke, nur dieser einzige Baum! Es fängt schon zu giessen an. Nur
hinüber! Aber wie! Und sehen Sie, Doktor, hier ist der Baum, und da hab' ich
einen Jäger, eine Figur, wie von Gott am Sonntag erschaffen. Das ist der
einzige, der Hilfe weiss, freilich nur Hilfe für eine einzige: für ein junges
Mädchen. Und dieses Mädchen, Doktor! Das ist Jugend, Frühling! Und das wird der
Kern in meinem Bild: hier, auf dem schwankenden Baum mein Jäger, bei jedem
Schritt mit dem Stürzen kämpfend und auf seinem Arm das Mädchen, das zwischen
Lachen und Angst den Hals des Jägers umklammert - ein Bild, Doktor, ein Bild!
Aber das sehen Sie nicht aus meinen Worten, das muss ich Ihnen zeigen -«
    Forbeck zerrte die Lederriemen auf, mit denen seine Malgeräte
zusammengeschnürt waren, und legte das Skizzenbuch aufgeschlagen vor Tassilo
hin.
    »Sehen Sie! Nur ein paar Linien für mein Gedächtnis - aber man fühlt doch,
was da an malerischem Reiz herauszuholen ist. Und das setz ich mitten in mein
Bild. Sehen Sie, dieses Köpfchen, dieser zarte Schwung in der Halslinie! Und wie
dieses Kleidchen fliesst, ganz weiss! Das wird in meinem Bild das stärkste Licht.
Die Hauptsache.«
    Lächelnd hob Tassilo die Augen zu dem glühenden Gesicht des jungen
Künstlers. »Und das haben Sie heut gesehen? Das da?« Er tippte mit dem Finger
auf das Blatt.
    »Wahrhaftig! Und da begreifen Sie doch, dass sich das entzückende Bild dieser
beiden Menschen an meine Seele hängen musste wie mit Klammern! Ich seh es noch
immer! Freilich, wenn erst die richtige Arbeit beginnt, wird es mit meinem
Gedächtnis nicht mehr klappen. Ich muss die beiden wiederhaben, wenn auch nur für
einige Stunden! Der Jäger ist mir sicher. Aber dieses Mädchen -« Forbeck
zögerte. »Es muss mit diesem Mädchen eine merkwürdige Bewandtnis haben. Ich
verstehe verschiedenes nicht.« Nachdenklich strich er mit der Hand über die
Stirne und sprach dann hastig weiter. »Aber vielleicht können Sie mir raten. Sie
müssen doch das Dorf und seine Leute kennen, also auch dieses Mädchen?«
    »Ich glaube fast.«
    »Ihr Vater ist hier ansässig, ein Förster oder Waldaufseher.«
    Tassilo lachte. »Waldaufseher?«
    »Ich hab' ihn irgendwo da droben kennengelernt. Ein Typus! Ein ganz
origineller Kauz!« Forbeck blätterte im Skizzenbuch. »Sehen Sie, das ist er!«
    Tassilo betrachtete das Blatt. »Ja! Aufs Haar getroffen!« Dann hob er die
Augen. »Mein Vater!«
    »Ihr Vater auch!« stotterte Forbeck. »Der Mann in dieser abgeschabten,
geflickten Joppe hat doch ausgesehen wie -«
    »Mein Vater findet ein Vergnügen daran, auf der Jagd so echt auszusehen wie
der ärmste seiner schlecht bezahlten Jäger.«
    Forbeck griff sich an den Kopf. »Das muss ein Irrtum sein! Ich hab' ihn doch
auch sprechen hören. Den da! Und er hat auch den Taler genommen, den ich ihm für
die Sitzung gab.«
    »Das sieht ihm ähnlich! - Ja, Forbeck, daran ist nichts zu ändern, das ist
mein Vater. Ihr Jäger ist unser braver Hornegger-Franzl. Und das starke Licht,
die Hauptsache - nicht wahr, so sagten Sie doch? - das ist meine Schwester
Kitty.«
    Forbeck griff nach der Stuhllehne, Bestürzung in Blick und Zügen.
    »Weshalb erschrecken Sie?« fragte Tassilo verwundert. »Ach so, ich verstehe!
Sie denken an Ihr Bild und fürchten, dass Ihnen meine Schwester einen Strich
durch die schönen Pläne machen könnte? Vorerst keine unnütze Sorge, lieber
Freund! Ich kann Ihnen zwar keine Zusage geben, aber ich will mit meiner
Schwester sprechen. Ihr Bild muss gemalt werden, Professor Werner soll seine
Freude haben.« Tassilo erhob sich. »Margaret!« Er wandte sich wieder an Forbeck.
»Erlauben Sie, dass ich bezahle, als Revanche für den Taler. Mein Vater hat sich
einen Scherz auf Ihre Kosten gemacht. Ich vermute, dass er mit Ihrem Taler seinen
Büchsenspanner beglückte.«
    Forbeck nickte zerstreut und schnürte mit zitternden Händen seine Geräte
zusammen.
    Schweigend verliessen sie die Terrasse und schritten in den Mondschein
hinaus.
    »Warum sind Sie plötzlich so still geworden?« fragte Tassilo.
    »Ich? Still? Eigentlich hab' ich Ursache, froh darüber zu sein, dass sich
dieses - dieses originelle Missverständnis auf so einfache Weise gelöst hat. Ich
glaube, die Sache hätte mir zu denken gegeben. Aber jetzt - ich bitte Sie nur,
mich bei Ihrer Schwester zu entschuldigen, wenn ich vor ihr vielleicht in etwas
unpassender Weise über - über den Kopf in meinem Skizzenbuch gesprochen haben
sollte.«
    »Mein Vater hat einen Kopf, der sich mit feinen Strichen nicht schildern
lässt. Auch scheint meine Schwester die Sache nicht ernst genommen zu haben,
sonst hätte sie mir gegenüber nicht geschwiegen. So was gleicht man persönlich
am leichtesten aus. Wollen Sie morgen in Hubertus mit uns speisen? Ohne jede
Förmlichkeit. Um ein Uhr. Und nun gute Nacht für heute! Wir haben verschiedene
Wege.«
    Während Tassilo sich entfernte, blieb Forbeck wie angewurzelt auf der
gleichen Stelle. »Was hab' ich denn nur?« Er schob den Hut zurück und wanderte
langsam durch die stille Nacht. Immer hastiger wurde sein Schritt, fast wie
Flucht, so dass ihm der Schweiss auf der Stirne stand, als er das Bauernhaus
erreichte, in dem er wohnte. Eine Stimme weckte ihn aus seinem Brüten.
    »Guten Abend, Herr!«
    Von der Hausbank erhob sich die magere Gestalt eines Bauern, hemdärmelig, in
kurzer Lederhose und mit nackten Füssen. Er mochte ein paar Jahre über vierzig
zählen. Der Mondschein fiel über das harte, von tiefen Furchen durchrissene
Gesicht, liess im schwarzen Bart die ergrauten Haare wie silberne Fäden schimmern
und gab den Augen einen scharfen Glanz.
    Die offene Haustür gähnte schwarz, und nur ein matter Lichtschein drang aus
den kleinen, vom vorspringenden Dach überschatteten Fenstern. Aus der Stube
hörte man das Weinen eines Kindes und den Gesang einer linden Mädchenstimme:
»Schlaf, Kindele, schlaf,
Da draussen gehn die Schaf,
Die schwarzen und die weissen,
Die tun mein Kindele beissen,
Schlaf, Kindele, schlaf,
Da draussen gehn die Schaf.«
    Das Liedchen fing immer wieder von vorne an und nahm kein Ende.
    »Guten Abend, Herr!« wiederholte der Bauer, als Forbeck an ihm vorüber
wollte.
    »Sie sind noch auf, Bruckner? So spät?«
    »Ich hab auf Ihnen gwart'.«
    »Auf mich? Weshalb?«
    Was der Bauer sagen wollte, schien ihm schwer von der Zunge zu gehen.
»Müssen S' es net verübeln! Beim Einzug is ausgmacht worden, dass die ander Hälft
vom Zins am End vom Monat zahlt wird. Aber wie's halt geht. Es schaut a bissl
knapp aus bei mir. Was Kranks im Haus, dös reisst am Geldsack grad so wie am
Herzen. Und da möcht ich halt bitten -«
    »Gerne, lieber Bruckner! Kommen Sie nur mit hinauf, dann machen wir die
Sache gleich ab.«
    »Vergeltsgott, Herr!«
    Der Bauer schien wie verwandelt, sprang in die Haustür, und als Forbeck die
Schwelle betrat, hatte Bruckner schon die Kerze angezündet, die für den
Heimkehrenden auf der Treppe stand. Er nahm dem Maler den Studienkasten ab und
leuchtete mit erhobener Kerze über die Treppe hinauf.
    Sie betraten eine geräumige, frisch geweisste Stube, deren habe Decke schräg
gegen die Mauer fiel. Was Forbeck zur Wahl dieser Wohnung bewogen hatte, war nur
das grosse Fenster gewesen, das fast die ganze Firstwand einnahm - hier hatte
durch Jahre ein junger Holzschnitzer gewohnt. Neben dem Fenster stand eine
Staffelei, die Forbeck vom Dorftischler hatte fertigen lassen. Ein paar
Ölskizzen hingen an der Mauer, unter ihnen auch der charakteristische Kopf des
Hausherrn mit tiefroten Gewandtönen um die Schultern, so dass man eine
Apostelstudie zu sehen glaubte.
    »Nur einen Augenblick, lieber Bruckner!« sagte Forbeck, nahm dem Bauer das
Licht ab und trat in die anstossende Kammer. Als er zurückkehrte, drückte er zwei
Banknoten in Bruckners Hand.
    »Aber Herr -« Der Bauer sah die Scheine an. »Da haben S' Ihnen verschaut um
zwanzg Markln.«
    »Das ist für den nächsten Monat. Ich bleibe. Ganz bestimmt!«
    Der Bauer schloss die Faust über den knisternden Zetteln. »Das Stüberl taugt
Ihnen, gelt?«
    »Ja, Bruckner!«
    »Seit d' Schwester daheim is, haben S' auch Ihr Sach schon in der Ordnung.
D' Mali is a richtigs Leut.«
    »Und wie geht es Ihrem Kind?«
    Bruckners Stirn bekam dicke Runzeln. »Ich glaub', es schaut wieder besser
aus! Es können doch net allweil die Dreschflegel über ein' herfallen. Ja, Herr,
mei' Suppen hat saure Brocken ghabt im heurigen Sommer. Z'erst mei' gute Alte,
Gott hab s' selig! Und kaum hat man d' Wachskerzen nimmer grochen im Haus, da
fangt mir 's Kindl an!« Er stierte zu Boden, während er mit den Zehen einen
Holzsplitter niederdrückte, der sich aus der Diele sträubte. »Nix für ungut
halt! Und Vergelts Gott für alles!« Leise klappten seine nackten Sohlen, als er
zur Tür ging.
    Die hölzerne Treppe knarrte, und aus der Stube herauf klang das leise Weinen
des Kindes und Malis singende Stimme:
»Schlaf, Kindele, schlaf,
Dein Vater is a Graf,
Dein Mutterl is im Himmelreich,
Schaut eim lieben Engel gleich,
Schlaf, Kindele, schlaf,
Dein Vater is a Graf!«
    Forbeck schloss die Tür und riss das Fenster auf. Ein kühler Hauch floss in den
schwülen Raum und machte die Kerze flackern.
 
                                       5
Ein Morgen in Duft und Sonne. Der Himmel ohne ein Wölklein, über den Bergen noch
blaue Schatten, doch alle Häuser des Dorfes schon im goldenen Frühglanz. Die
letzten Nebel kräuselten sich über die Wälder empor und zerrannen in der Luft.
Vor allen Gehöften gackerten die Hühner, und auf dem Telegraphendraht, der am
Haus der Horneggerin vorbeiführte, sassen in langer Reihe die alten und jungen
Schwalben mit leisem Gezwitscher.
    Franzl, zur Bergfahrt gerüstet, stand bei den Blumenbeeten und pflückte von
den brennroten Nelken. Dann drückte er sich schmunzelnd zum Gatter hinaus und
wanderte flink davon.
    Er hatte, bevor es wieder zu Berge ging, noch ein Geschäft im Dorf. Sechs
von den sieben Treibern, die Graf Egge verlangte, hatte er noch am vergangenen
Abend bestellt, den letzten musste er noch ausfindig machen. Franzl, weil er
immer an die Mali denken musste, dachte an den Bruckner. Der hatte freilich noch
nie als Treiber gedient. Der alte Moser, Graf Egges abgedankter Büchsenspanner,
munkelte sogar, dass der Bruckner in früheren Jahren »gegangen« wäre - das sollte
heissen: als Wildschütz. Aber es war wohl nur ein Gerede; der alte Moser
schwatzte gern, und was Bauer hiess, war ihm verdächtig. Franzl war überzeugt,
dass man dem Bruder der Mali unrecht tat. Er meinte einen besseren Treiber nicht
finden zu können als den Bruckner, dem es in seiner jetzigen Lage wohl auch
willkommen sein musste, ein paar Mark zu verdienen. Dennoch zögerte Franzl, als
er das Bruckneranwesen erreichte. Der Hof war leer, die Haustür geschlossen.
Hinter der Scheune liess sich klingender Dengelschlag vernehmen. Franzl spähte
nach den Fenstern, und als er da was Weisses flimmern sah, stiess er flink das
Zauntürchen auf, klopfte ans Fenster und drückte das lachende Gesicht an die
Scheibe. »Guten Morgen, Mali!«
    »Jeh, mir scheint gar, der Franzl!« klang es in der Stube.
    »Freilich! Kennst mich jetzt? Ich selber bin gestern auch völlig blind
gwesen. Erst d' Mutter hat mir's gsagt. Und da hab ich mir gleich denkt, ich muss
meiner Schulkameradin an guten Einstand in der Heimat wünschen. Geh, trau dich a
bissl aussi zu mir!«
    Die Haustür öffnete sich, und Mali trat in die Sonne heraus; mit den Armen
hielt sie ein geblumtes Kissen umschlungen, aus dem das wackelige Köpfchen eines
Kindes hervorlugte: ein welkes Gesichtl mit müden Augen und einem farblosen
Mündchen, um dessen Winkel schon die Bitternis des Lebens gezeichnet war. Franzl
aber sah nur das Gesicht des Mädels, das mit keiner Spur die durchwachte Nacht
verriet. Langsam reichten sie sich die Hände und sahen sich schweigend in die
Augen, als spräche zu jedem aus dem Blick des anderen die Erinnerung der längst
verflossenen Kindheit und der guten Freundschaft, die einst ihre jungen Herzen
verbunden hatte.
    Franzl fand zuerst die Sprache: »Mali! Nobel hast dich ausgwachsen!«
    »Geh! Du!« schmollte das Mädel. »Aus dir, scheint mir, is der richtige
Schwefler worden.«
    »Ich sag, was wahr is! Ganz heiss wird mir, wann ich dich anschau und sag
mir: dös is mei' Mali!«
    Das Mädel machte grosse Augen: »Dei' Mali? Du redst dich leicht!«
    »Is doch wahr, dass wir zwei allweil zammghalten haben wie der Vogel und d'
Federn! Bis wir grupft worden sind alle zwei.« Aus dem Gesicht des Jägers
schwand der lachende Frohsinn. »Aber jetzt bist ja wieder da!« In Franzls Augen
ging die Sonne wieder auf. »Und gar net begreifen kann ich's, dass ich dich
gestern net gleich wiederkennt hab. Schaut dir ja 's liebe Kindergsichtl noch
allweil aus die Augen aussi.«
    »Und die deinigen sind noch allweil die gleichen Haselnusskern!« sagte Mali
lächelnd.
    »No also, nachher stimmt ja alles! Da fangen wir gleich die alte
Kameradschaft wieder an. Und schau,« Franzl nahm den Hut ab und löste die Nelken
aus der Schnur, »da hab ich dir zum Einstand gleich was mitbracht.«
    Malis Wangen brannten, als ihr der Jäger das Sträusschen reichte. Sie wollte
die Nelken ans Mieder stecken. Da streckte das Kind verlangend die Ärmchen aus
dem Kissen und griff mit den bleichen Fingerchen nach den roten Blüten. Mali
hatte nicht das Herz, dem kranken Kind die kleine Freude zu stören. »Gelt,
Nettele, schöne Blümerln!« plauderte sie zärtlich. »Und alle ghören dem Netterl,
alle!« Die Händchen des Kindes zupften und rissen an den Blüten, dass die roten
Flocken zu Boden fielen. Mali wurde unruhig. »Gelt, Franzl, bist net harb?«
    »Aber geh, was redst denn!« In herzlichem Erbarmen hingen Franzls Augen an
dem welken Gesichtchen des Kindes. »Dös arme Hascherl!«
    »Der Doktor meint, 's Herzl wär schwach. So a Kindl, so a guts! Wenn nur ich
ihm was geben könnt vom meinigen, ich hab eh so an Brocken in mir drin, der
allweil schlögelt wie net gscheit!« Um dem Kinde das Spiel mit den Blumen zu
erleichtern, setzte Mali sich auf die Hausbank; und während das Netterl in den
Blüten wühlte, plauderte sie mit dem Kind und glätte ihm die dünnen, gesträubten
Härchen.
    Schmunzelnd betrachtete sie der Jäger. »Dös schaut sich gut an: du als jungs
Mutterl!«
    Sie guckte so drollig erschrocken zu ihm auf, dass er lachen musste. Und da
schalt sie: »Tu net so laut! Unser Stadterr droben schlaft noch. Der kann's
heut brauchen. Was er ghabt haben muss? Die ganze Nacht is er auf und ab
marschiert über der Decken.«
    Franzl sah zu dem grossen Fenster hinauf. Da hörte er hinter sich ein leises
Klirren, und als er sich umwandte, sah er den Bruckner stehen, in der einen Hand
die gedengelte Sense, in der anderen den Hammer. Die Gestalt des Bauern war
gebeugt, und misstrauisch musterte er den Jäger. »Was suchst denn du bei uns?«
    »Grüss dich Gott, Bruckner! An Treiber tät ich brauchen für acht Täg. Hast
net Lust? Der Graf zahlt net schlecht, vier Markln für'n Tag.«
    »Ich? Und treiben? Wie fallt dir denn so was ein?« Die Furchen im Gesicht
des Bauern verschärften sich. »Oder hat dich der Schipper geschickt?«
    »Der Schipper?« Franzl schien die Frage nicht zu begreifen. »Gott bewahr!
Bist mir schon selber eingfallen. Also? Magst?«
    »Na!« Bruckner prüfte die Schneide der Sense und ging auf die Haustür zu.
    »No, no, no! Ich hab mir halt denkt, es könnt dir a bissl Verdienst net
zwider sein.«
    »Ja, Lenzi,« fiel Mali ein, »sei gscheit! Dreissg Markln sind net von Holz!«
    »In Ruh lass mich!« Der Bauer trat auf die Schwelle, musterte den Jäger über
die Schulter und sagte grob: »Willst noch was?«
    Franzl bekam einen roten Kopf, blieb aber ruhig. »Red, wie d' magst, ich
nimm dir nix übel.« Er wandte sich ab und strich mit der Hand über das Köpfl des
Kindes. »Bhüt dich Gott, Mali! An andersmal!« Mit dem Ellbogen die Büchse
rückend, ging er davon.
    Mali sah den Bruder an. »Aber Lenzi? Was hast denn?«
    Langsam trat der Bauer auf die Schwester zu. »Was willst denn du mit dem
Jagerischen da?«
    »Warum denn? Was is denn?«
    »Gelt, du! Da fang mir nix an! Es könnt mir net taugen.«
    Mali erhob sich und schlang den Polster um das Kind, aus dessen kraftlosen
Händchen die Nelken zur Erde fielen. »Ich will dir was sagen, Lenzi! Bei der
Schwester hab ich's net schlecht ghabt. Aber aufs erste Wörtl, dass mich der
Bruder braucht, hab ich den Kufer packt. Deine drei Kinder sollen net merken,
dass ihnen d' Mutter fehlt. Im übrigen hab ich meine ausgwachsenen Jahr und bin
freund, mit wem ich mag. Was gegen den Franzl hast, da frag ich net drum. Mir
war der Franzl mein Kamerad. Und dös weisst, Lenzi: so bin ich allweil gwesen,
dass ich meine Sachen net versauen lass.« Sie drückte das Kind an sich und ging am
Bruder vorüber ins Haus.
    In ratloser Bestürzung sah ihr der Bauer nach. Wie von einer Schwäche
befallen, tappte er zur Hausbank hin und liess sich niedersinken.
    Vom Nachbargehöft herüber klang die Stimme Franzls, der einen jungen
Burschen anrief. In ihm fand der Jäger den Treiber, der noch zu bestellen war.
Und nun ging's den Bergen zu, hinauf zur Jagdhütte, in der Graf Egge am liebsten
hauste, weil sie mitten im besten Gemsrevier gelegen war.
    Franzl hatte einen fünfstündigen Marsch vor sich, zuerst durch Buchenwälder,
in deren Laub schon gelbe Blätter leuchteten, dann durch dunklen, kühlen
Fichtenwald und über breite Almen. In einer Sennhütte rastete Franzl und
löffelte zu bescheidenem Mittagsmahl eine Schüssel Milch. dabei fand er
Gesellschaft.
    In die Hütte trat ein junges Mädel, das hübsche, runde Grübchengesicht von
der Hitze gerötet. Ihr schmuckes, zur Üppigkeit neigendes Figürchen in der halb
städtischen Kleidung liess erkennen, dass sie gute Freundschaft mit dem Spiegel
hielt. Das schwarze Haar war nicht in Zöpfe geflochten, sondern zeigte eine
»Frisur«. Das grüne Lodenhütchen, das sie in der Hand trug, war mit Bergblumen
besteckt, und ein Sträusslein Alpenrosen war an die Spitze des Bergstockes
gebunden. Sie schien den Jäger nicht ungern zu gewahren. Während sie Hut und
Stock auf die Holzbank legte, grüsste sie mit einem zutraulichen Wink ihrer
schwarzen Augen.
    »Grüss Gott, Lieserl!« nickte Franzl und löffelte weiter.
    Die alte Sennerin, die beim Herdfeuer stand, drehte das Gesicht über die
Schulter; der neue Gast schien ihr nicht zu gefallen. »Wo kommst denn her?«
brummte sie.
    »Man muss net allweil an der Maschin sitzen. Luftschnappen muss der Mensch
auch. D' Stubenluft taugt mir net. Jetzt bin ich auf der Bergpartie.«
    »Geh?« fragte die Alte anzüglich. »Und ganz allein?«
    »Ja, gelt, dös is schad!« Lieserl lachte, dass man zwischen den roten Lippen
die kleinen blinkenden Zähne sah. »Es hätten sich schon a paar zur Begleitung
anboten. Aber jeder passt mir net. Ich bin anspruchsvoll.« Sie setzte sich an
Franzls Seite, drückte den Arm an seinen Ellbogen und guckte in die Schüssel.
»Hast alles aufschnabuliert? Gar nix hast übrig für mich?«
    »Na, gar nix!« Franzl erhob sich und stellte die leere Schüssel auf die
Bank.
    »Was rennst denn? Bleib doch sitzen und lass a bissl plauschen!«
    »Mir pressiert's.« Der Jäger griff nach seiner Büchse und ging.
    »Bist a Feiner! Dös muss ich sagen!« schmollte Lieserl, während die Sennerin
vergnügt vor sich hinkicherte. Dann lief die Alte dem Jäger nach. Hinter der
Hütte holte sie ihn ein, laut in die Schürze lachend. »Die hast schön abfahren
lassen! So eine! Ihr Vater muss rein nix wissen, und der Zauner-Wastl is doch
sonst an ehrenwerter Mensch! Was d' Leut über dös Mädl alles reden! A solchene
Unmoreulidätt, wie dös Mädl hat! Wirst sehen, es dauert net lang, und es kommt
einer daher, so a städtischer Heuschniggl, mit dem sie sich a Ranzewuh geben
hat!«
    Franzl wurde verdriesslich. »Lass mich in Ruh, du alte Ratschen!«
    »No ja, hab ich net recht? Und allweil muss sie's mit die Fremden haben. Es
taugt ihr keiner von unsere Buben mehr, seit im letzten Sommer der junge Herr
Graf a bissl mit ihr scharmiert hat. Dös Gansl, dös dumme, hat dran glaubt! Als
ob die Herren Grafen fürs Zauner-Lieserl gwachsen wären!«
    »Du!« Franzl wurde grob. »Mei' Herrschaft lass in Ruh!«
    »Hab ich denn was über d' Herrschaft gsagt?« staunte die Alte unschuldig.
»Ich red vom Zauner-Lieserl. Sie is ihm nachgelaufen wie 's Hundl dem Jager. Und
glaubst mir's net, so schau, da kommt der alte Herr Moser, den kannst ja
fragen.«
    Aus einer Senkung des Almfeldes tauchte ein bejahrter Mann hervor, in
abgetragener Jägerlivree, mit weissem Schnauzbart im roten Gesicht.
    Franzl ging dem Alten entgegen. »Hat er ihn schon?«
    Verschnaufend schüttelte Moser den Kopf und nahm den Hut ab; seine mit
Schweissperlen besäte Glatze schimmerte in der Sonne. »Nix hat er! Und
fuchsteufelswild is er, weil ihn der Gamsbock zum Narren hat. Hätt er mir
gfolgt, er hätt ihn schon lang! Aber natürlich, jetzt is der Schipper in Gnaden,
und der alte Moser kann Brieferln tragen. Der Schipper! Ja, der Herr Schipper!«
    Franzl wurde ernst, als er diesen Namen hörte. Nur um etwas zu sagen, fragte
er: »Gehst heim?«
    »Der Kontess muss ich a Brieferl nunterbringen, weil der Herr Graf net fort
mag von der Hütten. Ich kann's ihm net verdenken. So a Trumm Bock mit solche
Krucken hab ich meiner Lebtag noch net gsehen!« Der Alte wandte sich gegen die
Berge. »Ich sag, er kriegt ihn net. Hätt er mir gfolgt! Aber der Herr Schipper
natürlich! Der is der gscheitere. Und der alte Moser wird ausglacht. Es gibt
kei' Grechtigkeit mehr auf der Welt!« Die Stimme des Alten zitterte.
    »Tu dich net kränken!« tröstete Franzl. »Gnau hinschauen muss man, nachher
kommt man drauf, dass alles mit Grechtigkeit verteilt is. Schau uns zwei an: ich
bin der jünger, dafür bist du der gscheiter, ich hab die mehreren Haar, dafür
hast du die schönere Glatzen.«
    Der Alte lachte. »Ja, Franzl, du haltst noch zu mir! Aber der Schipper -
lassen wir's gut sein, ich will nix reden! Und tu dich nimmer verhalten, Franzl!
Der Herr Graf hat eh schon gscholten, weil so lang ausbleibst.«
    Franzl erschrak. »Bhüt dich Gott, Moser!« Er fing zu rennen an.
    Die Sennerin, die den Schatten des Hüttendaches nicht verlassen hatte,
machte vor dem alten Büchsenspanner einen Bückling. »Hab die Ehre, Herr Moser!
Freuen tut's mich, dass der Herr Moser wieder amal zuspricht.« Zwinkernd deutete
sie mit dem Daumen über die Schulter. »Gsellschaft haben wir, 's feine Lieserl
ist da.«
    »Was? Unser Lieserl? Ah, dös is aber lieb!« Der Alte trabte zur Hüttentür.
    Die Sennerin kicherte. »Net schlecht! So an alter Stieglitz! Und geht auch
noch auf d' süsse Leimruten!«
    Inzwischen hatte Franzl den Rücken des Almfeldes überstiegen und erreichte
einen Lärchenwald. Der Weg war rauh, so dass dem Jäger bei seiner treibenden Eile
der Atem in hastigen Zügen ging. Die Gedanken, die ihn drückten, sprachen aus
seinen Augen. »Wie därf er denn schelten? Ich kann doch net fliegen!« Die kurze
Rast in der Sennhütte war ihm doch nicht zu verdenken? Man wird sich auf einem
fünfstündigen Marsch auch einmal niedersetzen dürfen? Und drunten hatte er doch
den letzten Treiber besorgen müssen. Und es war nicht seine Schuld, dass er den
Gang zum Bruckner umsonst getan. Umsonst? Als Franzl zu diesem Gedanken kam,
begannen seine Augen sich aufzuhellen. Jetzt hatte er an was anderes zu denken
als an das Gewitter, das ihn in der Jagdhütte erwarten mochte.
    Zerklüftetes Gestein begann sich über den Wald zu erheben, und der Fusspfad
lenkte in eine enge Schlucht. Bald traten die Wände wieder auseinander, und vor
dem Jäger lag ein breites Hochtal, in dessen Mitte zwischen Latschengebüsch und
Zirbelkiefern das silbergraue Schindeldach der Jagdhütte leuchtete. Auf drei
Seiten war das Tal umgeben von steilen Bergzinnen, während gegen die Seite, von
welcher Franzl kam, sich ein Ausblick ins Weite öffnete; dort unten, in
unsichtbarer Tiefe, lag der See, und drüben stiegen die Berge wieder auf, Gipfel
hinter Gipfel, in immer zarterem Blau.
    Als Franzl sich der Jagdhütte näherte, sah er zwischen den Latschen etwas
blinken wie Goldschimmer. Einen Augenblick zögerte er, dann bahnte er sich durch
die wirren Äste einen Weg und kam zu einer kleinen Blösse, auf der ein hohes
Rohrstativ mit ausgezogenem Tubus stand. Vor dem grossen Fernrohr, das gegen die
Mitte einer rauhgeklüfteten Felswand gerichtet war, sass auf niederem Stein ein
Jäger: Jochel Schipper, Graf Egges Büchsenspanner. Er trug die Tracht der Berge;
was er am Leib hatte, war so grau verwittert, dass die regungslose Gestalt einem
Felsblock ähnlich sah. Auch das Haar wie Asche; man konnte nicht unterscheiden:
war es noch blond oder schon ergraut? Der Nacken von der Sonne so braun gebrannt
wie die hageren Knie, über deren Kehlen sich fingerdicke Sehnen spannten. Als
hinter ihm die Zweige rauschten, wandte er langsam das Gesicht. Man sah diesen
Zügen die vierzig Jahre an. Die Stirne weiss, soweit der Hutrand sie beschattete,
Nase und Wangen gebräunt. Die eine Seite des Gesichtes war dicht mit farblosem
Bart bewachsen, die andere nur dünn behaart und mit veralteten Narben befleckt -
vor Jahren einmal, im Rausch, war Schipper mit dem Gesicht gegen die glühende
Ofenplatte gefallen. Seine Züge schienen wie versteinert; nur die Augen lebten,
diese kleinen, grauen Augen, und sie hatten den scharfen Blick des Habichts.
    »Wo steht der Bock?« fragte Franzl mit gedämpfter Stimme.
    Flüsternd, kaum merklich die Lippen bewegend, erwiderte Schipper: »Sorg dich
um den Bock net! Der kommt mir net aus'm Aug. Schau lieber, dass zur Hütten
findst. Der Graf wartet schon lang. Ich hab ihm gsagt: du kannst net früher da
sein. Aber weisst ja, wie er is!« Langsam wandte er das Gesicht zum Tubus, kniff
das linke Auge zu und spähte mit dem rechten durch das Fernrohr.
    Franzl schob schwer atmend den Hut in die Stirn und drückte sich durch die
Büsche.
    Nun sah ihm Schipper nach; ein dünnes Lächeln glitt um den schiefbärtigen
Mund, und in den grauen Augen funkelte die Schadenfreude des Hasses.
 
                                       6
Graf Egges Lieblingshütte zeichnete sich, von ihrer günstigen Lage abgesehen,
nicht durch besondere Eigenschaften aus, am allerwenigsten durch Bequemlichkeit:
ein kleines, rohgezimmertes Blockhaus mit winzigen Fenstern und so niederer Tür,
dass Graf Egge, wenn er rasch aus der Hütte laufen und nach Gemswild ausspähen
wollte, häufig mit dem Querbalken in unangenehme Berührung geriet. Die Folge war
eine Beule auf der Stirn - oder wie die Leute in den Bergen sagen: ein »Dippel«.
Statt den Zimmermann zu rufen und das Übel an der Tür bessern zu lassen,
begnügte sich Graf Egge damit, der Hütte den Ehrentitel »Palais Dippel« zu
verleihen.
    Die Tür führte in die kleine Jägerstube, die zugleich als Küche diente, und
aus der eine steile Leiter den Aufstieg zum Heuboden, zum Schlafraum der Jäger,
ermöglichte. Neben der Küchenstube lag das »Grafenzimmer«, ein bescheidener
Raum, dessen Decke und Balkenmauern mit Brettern verschalt waren; um die Ecke
zwischen den zwei kleinen Fensterchen zog sich eine Holzbank; davor ein Tisch
mit zwei dreibeinigen Sesseln und in der Ecke ein Kruzifix mit verblühten
Almrosen. In der gegenüberliegenden Ecke stand der eiserne Ofen und daneben das
Bett mit grauer Lodendecke und zerlegener Matratze, unter der die Heufäden
hervorhingen; an der Wand ein plumper Schrank, ein Jagdkalender und ein Rechen
mit Gewehren, mit Feldstecher, Fernrohr, Wettermantel und allerlei Riemenzeug.
Der einzige Überfluss, der sich in diesem Raum gewahren liess, bestand in einem
Dutzend Paar Bergschuhen der verschiedensten Art, die frisch gefettet rings um
den eisernen Ofen standen. Ein braun und schwarz getigerter Schweisshund lag auf
dem Bett und liess sich in seiner Nachmittagsruhe nicht stören, obwohl die
zornige Stimme seines Herrn die kleinen Fensterscheiben des Stübchens zittern
machte.
    Noch ehe Franzl zu dem die Hütte umschliessenden Stangenzaun gekommen war,
hatte er diese scheltende Stimme schon vernommen. Neben der Tür sah er eine
Büchse und einen Bergstock an die Balkenmauer gelehnt. Da war wohl ein Jäger aus
einem anderen Jagdbezirk mit einem Anliegen zu seinem Herrn gekommen und hatte
ihn zu übler Stunde angetroffen. Franzl konnte die Worte verstehen, die in der
Stube hallten. Er zog die Brauen auf und kraute sich hinter dem Ohr: »Sakra!
Heut raucht er keinen Guten, weil er stadtisch redt!« Franzl wusste aus
Erfahrung: Wenn Graf Egge in der Jagdhütte hochdeutsch redete, stand der
Barometer seiner Laune auf Sturm. Franzl zögerte. Sollte er eintreten oder das
Ende des Gewitters abwarten, das sich in der Stube entlud? Er entschloss sich für
das letztere und setzte sich auf die neben der Tür angebrachte Holzbank.
    In der Stube klang die wuchtige Stimme des Grafen: »Das muss ein Ende nehmen.
Oder ich verliere die Geduld. Dein Bezirk hat eine Lage, wie man sie schöner im
ganzen Gebirg nicht findet. Da sollten die Rudel nur so umeinanderstehen. Und
wie sieht es in Wirklichkeit aus? Dass einem grausen könnte! Mir scheint, du hast
die Schussliste vom letzten Jahr schon völlig vergessen? Armselige drei Hirsche
und sieben Gamsböcke, einer schlechter wie der andere! Glaubst denn du, das ist
mir die sieben Zentner Salz und das ganze Winterfutter wert? Von deinem Gehalt
schon gar nicht zu reden! Der ist ohnehin zum Fenster hinausgeworfen!«
    »Aber ich bitt, Herr Graf,« stammelte eine scheue Stimme, »ich lauf mir bei
Tag und Nacht schier d' Füss ab! Mein Bezirk liegt halt an der Grenz. Und drüben
die Bauernjagd! Die Gams und 's Wildbret kann ich net anbinden, und was halt
nüberwechselt, wird drüben niedergschossen. Wie soll ich denn da an Wildstand in
d' Höh bringen? Da weiss ich mir wahrhaftig kein Rat nimmer.«
    »Natürlich! Du hast eben andere Dinge im Kopf. Dein Bezirk wird schlechter
von Jahr zu Jahr, und dafür soll ich dir noch den Gehalt aufbessern? Erlaub mir,
Patscheider, das ist eine starke Zumutung!«
    »Ich schau mich halt mit meine sechshundert Markln nimmer naus, Herr Graf!
Sieben Kinder daheim -«
    »Was geht denn das mich an? Muss denn der Mensch sieben Kinder haben? Wärst
du bei Nachtzeit fleissiger im Dienst gewesen, so hättest du mehr Gamsböcke im
deinem Revier und daheim weniger Kinder.«
    »Aber Herr Graf?«
    Ein Faustschlag dröhnte auf die Tischplatte. »Fertig! Wir haben ausgeredet.
Bring deinen Bezirk so weit, dass ich im Jahr sechs gute Hirsche und ein Dutzend
Gamsböcke schiesse, und ich bessere deinen Gehalt nicht nur um die fünfzig Mark
auf, die du haben willst, sondern um volle zweihundert. Und jetzt kein Wort
mehr. Nimm dich zusammen, Patscheider, ich sag es dir heut noch im Guten. Oder
es sitzt übers Jahr ein anderer in deiner Hütte.«
    Schweigen folgte diesen Worten; dann wurde die Stubentür geöffnet, schwere
Tritte liessen sich hören, u im Eingang der Hütte erschien ein schwarzbärtiger
Jäger mit bleichem Gesicht u verstörten Augen. Als er den Hornegger Franzl
gewahrte, nickte er einen stummen Gruss.
    In der Stube begannen die Saiten einer Ziter zu klingen. Graf Egge liebte
die Ziter und spielte sie meisterhaft; sie war in den Mussestunden der Jagdhütte
sein einziger Zeitvertreib und sein Heilmittel wider jeden Ärger.
    Franzl legte die Hand auf Patscheiders Arm und fragte flüsternd: »Michel?
Brauchst du was für daheim?«
    »Vergeltsgott, Franzl, hast ja selber net viel übrig!« Patscheider atmete
schwer und deutete über die Schulter. »Hast es ghört, was er verlangt? Sechs
Hirsch und a Dutzend Gamsböck! Bei mir! Dös möcht unser Herrgott selber net
zwegenbringen. Und der Graf versteht doch so viel von der Jagd, dass er's wissen
müsst! Aber der Schipper hetzt halt! Der Herr Schipper!« Er griff nach seiner
Büchse. »'s gscheiteste wär, man springet amal wo nunter über d' Wänd, nachher
hätt man sei' Ruh für ewige Zeiten!«
    »Aber Michel! Denk doch an deine lieben Leut daheim!«
    Patscheiders Augen wurden feucht. »Ich sag dir's, Franzl, es wird mir hart!
Ich renn mir d' Seel aus'm Leib. Aber von der Grenz müssen mich ja d' Lumpen
überall sehen.« Er spähte nach dem Fenster und dämpfte die flüsternde Stimme
noch mehr. »In vier Wochen haben s' mir drei Gams davon! Wenn ich's dem Grafen
sag, der jagt mich zum Teufel. Jetzt muss ich schon lügen, wenn ich für meine
Kinder dös bissl Brot erhalten will!« Er hob die Faust. »Aber soll's unser
Herrgott geben, dass mir einer übern Weg lauft! Da gibt's an Unglück, Franzl!«
Mit eisernem Griff umklammerte er den Lauf der Büchse und schritt ohne Gruss
davon.
    In der Stube sangen die Saiten der Ziter einen heiteren Ländler, während
Franzl bekümmert dem Jäger nachblickte. Als er ihn hinter den Latschenbüschen
verschwinden sah, blies er die Backen auf, als könnte er sich den schwülen
Druck, der auf ihm lag, von der Seele blasen wie einen Mund voll Pfeifenrauch.
Dann knöpfte er die Joppe zu und trat in die Hütte. Langsam öffnete er die
Stubentür und zog den Hut. »Grüss Gott, Herr Graf!« Der Hund auf dem Bette hob
den Kopf und vergrub, als er den Jäger erkannte, die Schnauze wieder zwischen
den Beinen.
    Graf Egge sass hinter dem Tisch, hemdärmelig, in abgewetzter Lederhose und
mit schiefgetretenen Filzpantoffeln. Ohne das Spiel zu unterbrechen, blickte er
auf.
    »Aaaah! Der Herr Hornegger! Schau nur, schau! Dös is ja wie der Wind gangen!
Also, der Herr Hornegger is auch schon da!«
    Dem Jäger schlug bei diesem Empfang das Blut ins Gesicht, und doch atmete er
erleichtert auf, als er den breiten Dialekt hörte, der auf mildere Stimmung zu
deuten schien. Er begann sich damit zu entschuldigen, dass ihn bereits beim
Niederstieg ins Dorf die Begegnung mit der »gnädigen Kontess und dem alten
Fräuln« aufgehalten hätte.
    Ein Schatten des Unbehagens glitt über das Gesicht des Grafen. Er schob die
Ziter fort und erhob sich. »Bist du der Kammerdiener meiner Tochter, oder bist
du mein Jäger?«
    Franzl schwieg, denn er kannte die Wirkung, die jeder Widerspruch auf den
Grafen zu üben pflegte.
    »Aber natürlich, das ganze Jahr füttert man seine Leute, und wenn man sie
braucht, sitzen sie weiss der Teufel wo! Wenn ich den Bock nicht bekomme, bist du
schuld! Seit acht Tagen sitz ich und warte mir die Seel heraus. Richtig, heute
mittag steht der Bock, wo ich ihn brauche. Aber wo ist der Herr Hornegger? Ja,
der Herr Hornegger! Der schlaft sich schön aus. Der lasst sich gemütlich Zeit,
damit er keinen Schuhnagel verliert. Und der Graf kann warten. Der kann sich den
Bock in der Wand drin anschauen und kann sich die Gelbsucht an den Hals ärgern.«
Graf Egge trat dicht vor den Jäger hin. »Hornegger!« Er betonte jede Silbe:
»Wenn ich den Bock nicht bekomme, dann spukt's in der Fechtschul. Dann waren wir
die längste Zeit gut Freund miteinander, und ich könnte sogar vergessen, dass der
beste Jäger, den ich je gehabt habe, dein Vater war.«
    Nun konnte Franzl nicht länger schweigen. Seine Gestalt reckte sich. »Herr
Graf! Ich hab den einzigen Ehrgeiz, dass ich dem Vater nachschlag. Und ich glaub,
ich hab dazu noch allweil den richtigen Willen mitbracht. Wenn ich heut was
versäumt hab, bitt ich um Entschuldigung. Ich gsteh's ein, ich hätt flinker
wieder heroben sein können. Aber so harte Wort hab ich deswegen net verdient.«
    Das freimütige Bekenntnis schien den Unmut des Grafen schon zu
beschwichtigen; aber die letzte Wendung versalzte die Suppe wieder. »Das ist
doch eine unerhörte Keckheit! Soll ich mir vorschreiben lassen, wie ich mit
meinen Leuten reden muss? Und was hast du nicht verdient? Du bist noch lang nicht
Jäger genug, um zu begreifen, was du mir angetan hast.« Die Wände hallten vom
Zorn dieser Stimme. »Neunhundertvierzehn Gamsböck hab ich in meinem Revier
geschossen. Aber kein einziger ist drunter wie der in der Wand da droben! Der
Bock ist mir ein Vermögen wert. Sechs Jahr lang kenn ich ihn schon und wart auf
ihn. Heut hätt ich ihn haben können. Aber der Herr Hornegger -«
    Da wurde die Tür aufgerissen, und Schipper stürzte in die Stube. »Herr Graf!
Der Bock steht am richtigen Fleck! Wenn der Franzl sei' Sach jetzt in der
Ordnung macht, muss der Bock am Wechsel herspringen auf den schönsten Schuss!«
    Bei Graf Egge war plötzlich aller Zorn verraucht. Fiebernde Aufregung befiel
ihn wie einen jungen grünen Jäger, in dem noch das leidenschaftliche Feuer
brennt. Im Nu hatte er die Bergschuhe an den Füssen, und während ihm Schipper die
Riemen band, wusste er vor Erregung an der abgeschabten und geflickten Joppe, die
ihm Franzl reichte, kaum die Löcher für die Arme zu finden. Mit zitternden
Händen stülpte er das verwitterte Hütl über die weissen Haare, packte die Büchse
und den Feldstecher und eilte zur Stube hinaus.
    »Die Tür, Herr Graf!« wollte Franzl noch warnen. Aber man hörte schon den
dumpfen Schlag. Das »Palais Dippel« hatte seinem Namen wieder einmal Ehre
gemacht. Graf Egge vergass in seiner Hast den üblichen Fluch und drückte nur die
Hand an die Stirne, während er rasch das Latschendickicht zu gewinnen suchte.
Franzl und Schipper folgten.
    Als sie die Blösse erreichten, wo der Tubus stand, warf Schipper einen Blick
nach der bereits im Schatten der Nachmittagssonne liegenden Felswand und sagte
flüsternd: »Er steht noch am gleichen Fleck. Schauen S' ihn an, Herr Graf!«
    Graf Egge legte die Büchse ab und spähte durch den Tubus. Es stieg ihm heiss
ins Gesicht, und er schob den Hut zurück. »Herrgott! Herrgott! Is das ein Bock!
Hundertmal hab ich ihn schon angschaut, und allweil reisst's mich wieder.« Er
atmete tief. »Kinder! Wenn das jetzt gut ausfallt -« Er nahm sich nicht die
Zeit, das Versprechen, das er geben wollte, in Worte zu fassen. Vor allem schob
er die Patronen in seine Doppelbüchse. Dann wurde mit leisen Stimmen Rat
gehalten.
    Inmitten der hohen, langgestreckten Felswand stand der Gemsbock, dem freien
Auge nur wie ein winziges Figürchen erscheinend; kaum merklich bewegte er sich
äsend auf einer vorspringenden Kuppe hin und her; manchmal hob er den Kopf, um
auszuspähen über das Latschental. Vielleicht hatte er auch die Jäger schon
gewahrt? Aber er war es gewöhnt, tief unter ihm in den Tälern diese kleinen
lebendigen Pünktlein schleichen zu sehen, die sich Menschen nennen; vielleicht
wusste er aus Erfahrung, dass sie seine Feinde waren; doch er schien sich in
seiner schwindelnden Höhe sicher zu fühlen. Von den tiefer liegenden Almen
herauf klang der Jodelruf einer Sennerin - lange stand der Gemsbock unbeweglich
und äugte in die Ferne; dann begann er wieder sorglos zu äsen, während ihm zu
Füssen im Versteck der Latschenbüsche um sein Leben gerechnet wurde.
    Unter dem südlichen Abfall der Wand sollte Graf Egge seinen Stand nehmen,
Franzl von der nördlichen Seite her in die Felsen steigen, um den Gemsbock gegen
den Stand zu treiben. Wohl führten von der Stelle, wo der Bock sich aufhielt,
zwei Wechsel aus der Felswand, der eine niederwärts gegen den Wald, der andere
gegen den Grat empor.
    »Aber es kann net fehlen!« meinte Schipper. »Wenn der Franzl sei'
Schuldigkeit tut, muss der Bock auf'm unteren Wechsel kommen!«
    »Also, Franzl, was meinst du?« fragte Graf Egge und hing gespannt an dem
Gesicht des Jägers.
    Franzl schwieg eine Weile und spähte zu den Felsen hinauf, dann schüttelte
er den Kopf. »Herr Graf! Herr Graf! Es kann gut gehen, aber es muss net. Ich kenn
den Bock, ich weiss, wie er is, und ich fürcht schier, eh ich den Bock ins
Treiben bring, machen ihn die andern Gams lebendig, und da nimmt er den oberen
Wechsel an.«
    »Die andern Gams?« fragte Graf Egge erschrocken. »Wo?«
    »Da droben stehen s', drei Stück beinander!«
    Franzl deutete mit dem Bergstock nach den Gemsen, die sein scharfes Auge
entdeckt hatte. Schipper schoss einen wütenden Blick auf ihn und nagte an der
Lippe.
    Langsam wandte sich Graf Egge nach ihm um. »Aber Schipper!« Die beiden Worte
klangen nicht freundlich.
    Der Jäger lächelte. »Ja glauben S' denn, Herr Graf, ich hab die Gams net
gsehen? Die machen uns nix. Im Gegenteil. Die springen gegen die Latschen
runter, und der Bock muss nach - dös heisst, wann der Franzl in der richtigen Höh
einsteigt.«
    Graf Egge fuhr mit beiden Händen in den Bart und zerrte. Die gute Laune war
ihm vergangen. »Am liebsten ging ich gleich wieder heim in d' Hütten. Denn eh
ich den Bock net sicher hab, fang ich nix an mit ihm. Sonst is er beim Teufel
für den ganzen Sommer!«
    Schipper wurde Feuer und Flamme. »Aber Herr Graf! Jetzt haben S' den Bock im
Sack und wollen ihn wieder auslassen.«
    Wieder begann die flüsternde Debatte, und Graf Egge führte sie mit einem
Ernst wie ein Feldherr den Kriegsrat am Abend vor der Entscheidungsschlacht.
Nach langem Schwanken und Zögern entschied er sich, die Jagd zu wagen. Seine
Bedenken waren nicht völlig beschwichtigt, aber die Leidenschaft brannte in ihm.
»Also, Franzl, weiter!«
    Der Jäger zögerte, sein Gesicht war bleich. Er wusste, dass es böse Stunden
setzen würde, wenn die Sache misslang. Obwohl er nicht misstrauisch war, regte
sich doch in ihm ein Instinkt der Vorsicht. »Ich bitt, Herr Graf, ich möcht bei
dem Bock nix verfehlen. Sagen S' mir genau den Weg, den ich machen muss.«
    »Aber Franzl!« fiel Schipper ein. »Halt den Herrn Grafen doch nimmer auf!
Dös liegt auf der Hand, wie man da steigen muss.«
    Graf Egge lächelte; die Vorsicht des Jägers gefiel ihm. »Recht hat er! Er
will sich für alle Fäll den Buckel sauber halten. Also pass auf!« Mit
umständlicher Genauigkeit beschrieb er den Weg, auf welchem Franzl in die
Felswand steigen und dem Gemsbock die Höhe abgewinnen sollte. »Hast du
verstanden?«
    »Ja, und ich mach kein andern Schritt.« Franzl zog den Hut. »Weidmanns Heil,
Herr Graf!«
    Sie trennten sich; noch einmal blieb Franzl stehen. »Ich bitt, Herr Graf,
verlieren S' die Geduld net! Ich hoff, dass ich den Bock herbring, aber lang
wird's dauern. Mein Weg hat schlechte Plätz, und ich darf beim Steigen kein Laut
net hören lassen, wenn ich die andern Gams bis zur richtigen Zeit halten will.«
    Sein Herr nickte ihm freundlich zu. »Das Sitzen verdriesst mich net. Wenn er
nur kommt!«
    Nach verschiedenen Seiten schlichen sie durch die Büsche davon. Graf Egge
und Schipper hatten einen halbstündigen Weg, bis sie den Stand erreichten. Im
Schutz eines Latschenbusches nahm der Graf seinen Platz auf einem Stein;
Schipper drückte sich hinter seinen Herrn, zog das Fernrohr auf, legte das
Ledertäschchen mit den Patronen auf seinen Schoss und lud die Reservebüchse. Auf
hundert Schritt vor ihnen stieg die Felswand auf, aus der ein Gemswechsel über
Klippen und Grasbänder gegen die Latschen herunterführte. Jener Teil der Wand,
in dem der Bock und die anderen Gemsen standen, war durch eine vorspringende
Steinrippe verdeckt, doch sah man in der Ferne die steilen Kuppen, über welche
Franzl seinen Weg zu nehmen hatte.
    Kühler Schatten und tiefes Schweigen ringsumher; nur zuweilen schwamm durch
die stillen Lüfte der verlorene Klang einer Almglocke aus dem sonnigen Tal
herauf.
    Eine Stunde verrann. Graf Egge rührte sich nicht. Nur manchmal fühlte er mit
dem Daumen, ob die Hähne der auf seinem Schosse ruhenden Büchse auch wirklich
gespannt waren. Schipper spähte nach den fernen Kuppen der Felswand. »Jetzt
steigt er ein!« flüsterte er. Wie ein kleiner dunkler Strich, der sich langsam
bewegte, war Franzls Gestalt im grauen Gestein zu erkennen. »Aber ich weiss net,
er steigt mir aber bissl z'langsam.«
    »Ganz richtig steigt er!« zischelte der Graf. »Er mag ausser Dienst ein
junger Schüppel sein, aber wenn's ernst wird, ist Verlass auf ihn. Da ist er sein
ganzer Vater.« Keine Antwort kam; doch Graf Egge hörte, wie Schipper hinter ihm
den schweren Atem durch die Nase blies. »Schnauf net so laut!« Nun war Stille.
    Franzls Gestalt verschwand in den Schluchten der Felswand, und wieder
verrann eine halbe Stunde. Dann tönte, noch weit entfernt, das dumpfe Gepolter
fallender Steine.
    »Die anderen Gams!« flüsterte Graf Egge. Fester spannten sich seine Hände um
die Büchse, und brennend hingen seine Augen an dem Felszacken, auf dem der Bock
erscheinen musste. Von Minute zu Minute verschärfte sich die Spannung seiner
Züge, aus dem erstarrten Gesichte wich der letzte Tropfen Blut, die
herbgeschlossenen Lippen färbten sich bläulich, und immer heisser flackerte das
Feuer seiner Augen. Was aus diesem Gesicht herausfunkelte, war nicht die helle,
frohe Lust am Jagen, nicht die stolze Männerfreude, die das edle Weidwerk
bietet. Es war eine wilde, verzehrende Leidenschaft, die im Verlangen und
Geniessen weder Mass noch Schranke kennt, den ganzen Menschen an Leib und Seele
erfasst wie die Flamme das dürre Holz, in ihm das Gefühl für jeden anderen Wert
des Lebens erstickt, ihn immer nur das eine sehen und begehren lässt, das ihn
berauscht und niemals sättigt, das ihn selbst zerstört und andere mit ihm! Und
wie das Mal eines Gezeichneten brannte auf Graf Egges Stirn die rote Beule, die
ihm der Balken der Hüttentür geschlagen.
    »Herr Graf, da kommt er!« lispelte Schipper.
    Die Gestalt des Wildes tauchte aus dem Gestein. Graf Egge hob die Büchse
nicht. »Das ist ein anderer. Ich will den meinigen.« So leis diese Worte
gesprochen waren, das Tier hatte sie vernommen. Mit gestrecktem Halse stand es
und äugte auf die beiden Jäger nieder; sie sassen regungslos, und die Gemse
erkannte in den zwei grauen Klumpen die Menschen nicht. Langsam begann sie über
den Wechsel herabzuziehen. Da krachte fern in der Felswand ein Schuss, das
prasselnde Gepolter fallender Steine liess sich hören, und rings über alle Wände
rollte das Echo. Die erschreckte Gemse machte ein paar ziellose Sprünge im
Gestein, und Graf Egge verlor seine Ruhe; ein Zittern befiel seine Hände, und in
bebendem Zorn raunte er durch die Zähne: »Schlecht geht's! Das war ein
Schreckschuss, der Bock nimmt den oberen Wechsel an. Hol dich der Teufel,
Schipper! Ich hätt dem Franzl folgen sollen. Jetzt komm ich um meinen Bock. Die
anderen Gams haben alles verdorben.«
    Die Worte waren laut geworden, und nun erkannte die Gemse ihren Feind. Mit
wilden Sprüngen suchte sie einen Weg in das höhere Gestein; sie fand kahle
Felsen, musste sich wenden u kam in sausender Flucht über den Wechsel
heruntergestürmt.
    »Wart, Bestie, du sollst mir büssen!« zischte es von Graf Egges Lippen. Er
hob die Büchse - nicht, um als Jäger das Wild zu erbeuten, sondern um seinen
Zorn an dem Tier zu kühlen, das ihm die ersehnte Freude verdorben und durch
seine vorzeitige Flucht vor dem treibenden Jäger den erwarteten Bock gewarnt
hatte.
    Der Schuss krachte, und im Feuer stürzte die Gemse. Während sie verendend
noch mit den Läufen schlug, kamen zwei andere Gemsen in voller Flucht über den
Wechsel herunter, eine Geiss mit ihrem Kitz.
    Graf Egge streckte die Hand nach rückwärts. »Gib her!«
    »Aber Herr Graf? A Kitz?« stotterte Schipper.
    Sein Herr stampfte mit dem Fuss. »Gib her, sag ich!« Mit zornigem Ruck fasste
er die Reservebüchse - zwei Schüsse - und die Geiss lag verendet am Boden,
während das klagende Kitz mit zerschmettertem Rückgrat in die Latschenbüsche
kroch und auf dem Geröll eine rote Bahn zurückliess. Noch war das Echo der beiden
Schüsse nicht verhallt, da tönte von der Höhe der Felswand ein klingender
Jauchzer.
    »Herr Graf, der Bock muss kommen!« stammelte Schipper, der die Bedeutung
dieses Rufes erkannte. Er griff nach der abgeschossenen Büchse und reichte
seinem Herrn das frisch geladene Gewehr. Ein Zittern befiel den Grafen, sein
Atem ging schwer, und in kalkiger Blässe erstarrte sein Gesicht, während sein
Blick emporflog über den Wechsel. Da fühlte er ein Zupfen an seiner Joppe und
hörte die wispernde Stimme des Jägers: »Da droben steht er! Grad über Ihnen!
Schiessen S'! Schiessen S'!«
    Hinter dem Felszacken musste der Bock den gewohnten Wechsel verlassen haben
und stand, hoch über den beiden Jägern, in einer breiten Steinrinne, eine
stolze, kraftstrotzende Tiergestalt, deren selten schöner Hauptschmuck sich mit
zwei schwarzen, scharf gekrümmten Linien von dem grauen Felsen abhob.
    Graf Egge sass wie versteinert.
    »Herr Graf, so schiessen S' doch!« zischelte Schipper. »Der Schuss is
verteufelt weit, gute zweihundert Gäng. Aber wenn S' net schiessen, is der Bock
dahin für den ganzen Sommer!«
    Graf Egge konnte die Waffe nicht heben, das Fieber begann ihn zu schütteln.
    »Aber Herr Graf! Herr Graf!«
    Der Gemsbock pfiff und setzte mit hoher Flucht über die Wasserrinne. Ein
paar Sprünge noch, und er musste verschwinden. Da ging ein Ruck durch die Gestalt
des Grafen, und die Büchse flog an seine Wange. Schipper hob das Fernrohr, um
die Wirkung des Schusses zu beobachten, und kaum hatte er das Wild im Glas, da
krachte der Schuss. Der Gemsbock wankte, doch nur einen Augenblick, dann
verschwand er hinter zerklüftetem Gestein.
    »Hat ihn schon!« lachte Schipper. Er warf das Fernrohr zu Boden, fasste den
Bergstock und sprang durch die Büsche davon, um hinter der Biegung der Felswand
den Bock noch einmal zu sehen und die Richtung seiner Flucht beobachten zu
können.
    Graf Egge war aufgesprungen, in der Hand die rauchende Büchse. Er starrte
nach der Stelle, wo der Bock gestanden, und lauschte, doch er hörte nichts als
die Sprünge des Jägers, die sich immer weiter entfernten. »Er muss die Kugel
haben!« murmelte er, stellte schwer atmend die Büchse nieder und griff mit der
Hand an seine Stirn. Wohl lag das seltene Wild noch nicht, das ihm seit Wochen
schlaflose Nächte bereitet hatte, aber Graf Egge war seiner Kugel sicher; der
Sturm seines Blutes und die Spannung seiner Nerven begannen sich zu lösen, fast
wie Schwäche befiel es ihn, und nun plötzlich fühlte er auch den Schmerz der
Beule an seiner Stirn. Sein Blick streifte die zwei verendeten Gemsen; die
zuerst gefallene war ein guter Bock, daneben aber lag die Muttergeiss, und hinter
den Latschen rührte sich noch immer das todwunde Kitz. Graf Egge wandte sich ab.
Ihn ekelte vor der unweidmännischen Arbeit, die er im Zorn geliefert, und dieses
Gefühl verdarb ihm die Freude des letzten Schusses.
    Inzwischen hatte Schipper die Biegung der Wand erreicht. Hoch in den Felsen
sah er den Gemsbock langsam vorüberziehen und wieder im Gestein verschwinden.
Schipper sprang eine Strecke weiter und sah, dass der Bock sich talwärts wandte,
ein Zeichen, das den tödlichen Schuss verriet. Auf einer vorspringenden Platte
blieb der Gemsbock mit hängendem Kopfe stehen und begann zu schwanken; seine
Läufe brachen, einen letzten Sprung noch versuchte er, dann taumelte er über den
Rand der Felsen hinaus und stürzte, ein rostbrauner Klumpen, durch die Luft
herunter. In einem Latschenbusch verschwand er und lag so gut versteckt, dass den
Jägern das Suchen schwer geworden wäre, hätte Schipper den Bock nicht fallen
sehen. Hastig stieg er zu der Latsche hinauf, denn er wusste, dass klingender Dank
zu verdienen war, wenn er seinem Jagdherrn diese Beute brachte. Nun erreichte er
sie, und die Augen wurden ihm gross, als er das selten schöne Gehörn betrachtete.
Graf Egge hatte kein ähnliches in seiner reichen Sammlung. Schipper schätzte,
dass ein Sammler für dieses Krickel tausend Mark und darüber geben würde. Zwei
rote Flecken erschienen auf seinen fahlen Wangen. Schon streckte er die Hand, um
den Bock aus der Latsche zu ziehen. Da tönte fern in der Felswand die rufende
Stimme Franzls, und Schipper hörte, wie Graf Egge dem Jäger die Weisung
hinaufschrie, nicht weiter vorzugehen, sondern den Abstieg gegen die Hütte zu
nehmen.
    Ein böses Lächeln glitt über Schippers Mund. »Mir tausend Mark! Und dem
andern an festen Tritt auf'n Magen, den er spüren soll!« Er zerrte das Messer
aus der Tasche, schlug dem verendeten Wild das Krickel mit der Hirnschale aus
dem Kopf und warf das Gehörn in weitem Schwung über das Latschenfeld. Mit
funkelnden Augen spähte er nach der Stelle, an der es fiel, dann glitt er
lautlos über die Felsen hinunter und suchte laufend den Rückweg. Als er die
Biegung der Wand erreichte und aus den Latschen hervorkroch, sah er unerwartet
den Grafen vor sich, der auf einem Felsblock sass und mit beiden Händen das
rechte Schienbein rieb.
    »Schipper? Was is mit dem Bock?«
    Der Jäger konnte nicht gleich Antwort geben; im Schreck versagte ihm die
Stimme. Er drückte die Fäuste auf die Brust, als hätte der rasche Lauf ihn
atemlos gemacht. »Der Bock, Herr Graf? Den hab ich mit keim Aug mehr gsehen.
Aber sorgen S' Ihnen net! Da kann nix fehlen. Der hat den Schuss mitten auf'm
schönsten Fleck. Ganz gnau hab ich mit'm Spektif den Einschuss gsehen, kurz
hinterm Blatt. Der liegt keine hundert Schritt vom Platzl, wo er gstanden is.
Soll ich gleich naufsteigen?« Schipper konnte diese Frage ohne Sorge stellen,
denn er wusste die Antwort seines Herrn voraus.
    »Aber Schipper! Wo hast du deinen Verstand? Hat der Bock den richtigen
Schuss, so liegt er mir gut bis morgen. Ist der Bock nur krank, so treibst du ihn
wieder auf, und wir können ihn suchen, zwei, drei Tage lang. Nix da! Lass du den
Bock in Ruh bis morgen!« Stöhnend fasste Graf Egge nach seinem Bein.
    »Was is denn?« fragte Schipper wie in Sorge.
    »Mein Bock hat mir keine Ruh lassen, ich hab dir nachsteigen wollen, und da
hat's mir auf einmal im Haxen einen Riss gegeben. Und jetzt spür ich im Knochen
einen ganzen Ameisenhaufen. Mir scheint, die verfluchte Gicht fangt wieder an.«
    »O Mar und Joseph! Aber sehen Sie's, Herr Graf, weil S' mir net folgen und
keine Unterhosen tragen wollen! Jetzt haben S' Ihnen wieder verkühlt.«
    »Lass mich aus, du Lapp!« brummte Graf Egge. »Ich und Unterhosen! Und müsst
mich ja rein vor mir selber schenieren.«
    »Schenieren oder net! Gleich morgen schreib ich dem Moser a Briefl nunter,
dass er Ihnen wollene Unterhosen raufschickt.«
    »Das wird sich hart machen. Ich hab keine Unterhose im ganzen Vermögen. Hab
meiner Lebtag noch keine gebraucht.«
    »Jetzt muss eine her! Ich tu's nimmer anders! Soll halt der Moser beim Kramer
a halbs Dutzend kaufen!«
    »Was?« Graf Egge erhob sich. »Du tust dir leicht mit ander Leut ihrem Geld!
Ein halbes Dutzend! Den schau an! Ein Paar is genug! Aber was ich sagen will -
die Gschicht mit der Kitzgeiss steigt mir in d' Nasen und verdirbt mir die ganze
Freud an meinem Bock.«
    »Aber Herr Graf! Es ist ja nur in der Wut gschehen! Und für so an Bock, wie
der is, kann man sich schon a bissl Ärger gfallen lassen.«
    Graf Egges Miene heiterte sich auf. »Hast recht! Wenn ich an die Kruck denk,
die der Bock droben hat, vergess ich alles. Die kriegt ein silbernes Schildl! Und
nachher sperr ich sie erst noch in die eiserne Kasse. So eine hab ich noch nie
erwischt, und so eine krieg ich auch meiner Lebtag nimmer!« Schmunzelnd
blinzelte er zu der Felswand hinauf. »Gelt, Böckerl, lang hat's dauert mit uns
zwei? Jetzt hast du doch den kürzern zogen!« Er blickte in Schippers Gesicht und
vergnügt lachten die beiden einander an. »Aber die Gschicht mit der Kitzgeiss is
mir zwider. Wie steh ich denn vorm Hornegger da!«
    Schipper zögerte mit der Antwort. »Wann der Herr Graf befehlen? Der Franzl
brauchet ja nix z'wissen davon.«
    »Hast recht, du Gauner! Verräum die alte Mutter, dass kein Mensch mehr was
findt von ihr. Da komm her!« Graf Egge griff in die Tasche und zog ein
rotledernes Beutelchen hervor, wie es die Bauern führen, wenn sie zu Markte
gehen. Er drückte ein Goldstück in Schippers Hand. »Halt 's Maul! Da hast ein
Pflaster.«
    »Vergelts Gott, Herr Graf! Aber was sagen wir dem Franzl wegen die vier
Schuss?«
    »Drei auf den ersten Bock und zwei davon gfehlt, in Gottesnamen!«
    »Sie, Herr Graf? Und fehlen? Dös wird der Franzl schwerlich glauben. Es tät
auch dem gnädigen Herrn Grafen an Abbruch in seiner Jägerehr.«
    Graf Egge lachte zufrieden. »Du Teufelskerl! Du denkst aber doch an alles!
So studier dir halt was Feineres aus!«
    Schipper wusste eine bessere Ausrede flink zu finden; und als er ging, um den
in der Nähe des Standes liegenden Gemsbock auszuweiden und die Geiss mit ihrem
Kitz für ewige Zeiten in einem Steinloch verschwinden zu lassen, trat Graf Egge
den Heimweg zur Jagdhütte an. Während des ganzen Weges beschäftigte ihn der
Gedanke an das herrliche Krickel, das ihm der kommende Morgen bescheren musste -
nebenbei aber auch die schmerzende Stelle auf der Stirn und das leise Gekribbel
in seinem Knie und Schienbein.
 
                                       7
Graf Tassilo war am Morgen nicht zum Frühstück erschienen.
    Als Kitty nach ihm fragte, hiess es, ihr Bruder wäre zeitig ins Dorf gegangen
und noch nicht zurückgekehrt. So blieb die Kleesberg ihre einzige Gesellschaft,
eine sehr stille. Tante Gundis Augen hatten übernächtigen Glanz, und bei der
gemessenen Würde, mit der sie den Schinken schnitt und in das krachende
Butterbrötchen biss, tat sie zuweilen einen Atemzug, der wie ein Seufzer klang.
    Nur langsam belebte sich das Gespräch. dabei wurde das Abenteuer beim
Wetterbach mit keiner Silbe mehr erwähnt, als wäre in ihnen beiden jede
Erinnerung bereits erloschen. Nach dem Frühstück brachte Kitty einen Spaziergang
in Vorschlag.
    Tante Gundi war einverstanden. »Wohin?«
    Kitty überlegte. »Die Hauptsache ist ein guter ebener Weg, damit du dich
nicht ermüdest. Ich meine ins Dorf? Da siehst du doch auch ein bisschen Menschen.
Das wird dich zerstreuen.«
    Gundi Kleesberg schien aus diesen Worten etwas herauszuhören, was ihr
missfiel. Sie legte würdevoll das Haupt zurück und erklärte: »Nein! Wir gehen
nach der Waldschwaige.«
    »Wie du willst! Auch kein übler Weg!«
    Zur Waldschwaige, einer zu Schloss Hubertus gehörigen Meierei, führte aus
einem Winkel des Parkes ein für den Verkehr der Sommergäste gesperrter Waldpfad.
Graf Egge war den Touristen nicht gewogen; sie liefen ihm in Wald und Berg
häufig zur Unzeit in die Quere; die harmlose Freude, die sie am Singen und
Jodeln fanden, und ihre Vorliebe, auf steilen Gehängen Steine zu lösen, rührten
in ihm die Galle des Jägers auf; er machte sie für manchen missglückten
Pirschgang verantwortlich, liess im kahlen Gestein der höheren Berge die roten
Merkzeichen der Touristensteige von den Felsen abkratzen und sperrte im Wald
jeden Pfad, an dem er Eigentumsrecht besass, mit der Inschrift: Verbotener
Privatweg, herrenlos umherlaufende Hunde werden erschossen.
    So durfte Tante Gundi sicher sein, auf dem Weg zur Waldschwaige keinem
Menschen zu begegnen als höchstens einem Holzarbeiter oder einem Knecht der
Meierei.
    Es war ein stiller Spaziergang. Die Kleesberg schwieg beharrlich; sie schien
mit ihren Gedanken beschäftigt und hatte keinen Blick für die Morgenschönheit
des Waldes. Kitty wurde der krampfhaften Anstrengungen, ein Gespräch in Gang zu
bringen, schliesslich müde und begann Unterhaltung für sich allein zu suchen. Sie
wanderte bald zur Rechten, bald zur Linken in den von Lichtern durchzitterten
Wald hinein und pflückte, was sie an Blumen fand. dabei summte sie mit
halblauter Stimme ein Liedchen, und manchmal stand sie still, mit beiden Armen
den Wirrwarr der gepflückten Blumen umschlingend, tief atmend, die Wangen
glühend, mit träumendem Lächeln.
    Es war ein prächtiger, von zierlichen Grasrispen umschlossener Strauss, den
sie nach Hubertus brachte, als sie mit Tante Gundi gegen zwölf Uhr in das Schloss
zurückkehrte. Während die Kleesberg in der Veranda Atem schöpfte, eilte Kitty in
das Speisezimmer, um den Tisch mit ihren Blumen zu schmücken. Da sah sie auf der
Tafel vier Gedecke aufgelegt. Ein Gast in Schloss Hubertus? Kitty flog zur Treppe
und traf mit der Kleesberg zusammen. »Tante Gundi? Wir haben einen Gast?«
    »Einen Gast? Wen?«
    »Ich weiss nicht!« Mit wehenden Fahnen ging's über die Treppe hinauf in
Tassilos Zimmer. »Aber Tas, wer kommt denn heute?«
    Tassilo erhob sich vom Schreibtisch. »Einer meiner Freunde: Maler Forbeck.«
    Kitty starrte den Bruder an, so verblüfft, als hätte er die Ankunft eines
chinesischen Würdenträgers verkündet. Und während zarte Röte ihr Gesichtchen
überhuschte, stammelte sie: »Merkwürdig! Du bist mit ihm befreundet? Wann und wo
hast du ihn denn kennengelernt?«
    »Im vergangenen Winter, bei Professor Werner.«
    »Werner? Professor Werner? Das ist doch wohl der berühmte Maler, für den die
Gundi so riesig schwärmt! Und - der andere? Der ist wohl auch schon sehr
berühmt?«
    »Jedenfalls auf dem besten Weg, es zu werden. Aber du kennst ja Herrn
Forbeck?« Gundi Kleesberg erschien auf der Schwelle und horchte beim Klang
dieses Namens betroffen auf. »Du hattest ja gestern abend mit ihm so etwas wie
ein kleines Abenteuer?«
    Kitty machte grosse Augen. »Das weisst du auch schon?«
    »Natürlich!« Tassilo zupfte sie am Ohrläppchen. »Du merkwürdiger Spatz,
warum hast du mir denn das verschwiegen?«
    »Ich habe das gar nicht für so wichtig gehalten.« Sie begegnete dem Blick
des Bruders und geriet ein wenig aus der Fassung. »Aber ich vergesse ganz -«
Damit wollte sie die Flucht ergreifen.
    »Wohin?«
    »Aber Tas! Sieh mich doch an! Ich kann doch nicht so bei Tisch -« Nun
gewahrte sie die Kleesberg, die mit verstörtem Sorgenantlitz bei der Tür stand.
»Hast du schon gehört, Tante Gundi? Das ist doch komisch! Jetzt speist er heute
bei uns!« Lachend flog sie aus der Stube.
    Da löste sich bei der Kleesberg die Erstarrung. Sie rauschte zum
Schreibtisch. »Tassilo! Was machen Sie denn nur? Diesen Menschen bringen Sie uns
auch noch ins Haus!«
    Tassilo trat verwundert zurück.
    »Haben Sie denn nicht gehört? Gestern hatte sie mit ihm ein Abenteuer!
Gerettet hat er sie! Gerettet! Wissen Sie denn nicht, was das heisst für ein
junges Mädchen? Ihr Retter! Und zu allem Unglück auch noch ein Künstler! Wenn
Sie nicht wissen, was das bedeutet, ich weiss es!« Gundi Kleesberg rang die
Hände, und es fehlte nicht viel, so wäre sie in Tränen ausgebrochen.
    Nun verstand Tassilo. »Ach so?« Er schüttelte den Kopf und lächelte. »Sie
machen sich überflüssige Sorgen. Es wäre übel bestellt um Erziehung und
Charakter meiner Schwester, wenn jede Begegnung mit einem jungen Mann für sie
eine Gefahr bedeuten würde. Beruhigen Sie sich -«
    »Nein! Ich beruhige mich nicht. Sie ist schon Feuer und Flamme für sein
Genie. Das ist immer der Anfang. Ich kenne das. Und dass sie schon zu
verschweigen anfängt, haben Sie wohl nicht bemerkt? Und daran denken Sie wohl
gar nicht: dass dieses verwünschte Abenteuer bei der Klause spielte. Was bei
dieser Klause anfängt, muss ein Unglück werden.«
    »Fräulein von Kleesberg!« Aus Tassilos Gesicht war alle Farbe gewichen.
    »Ich kenne meine Pflicht. Ich will nicht verantwortlich sein, wenn das Haus,
in das Sie heute das Feuer tragen, lichterloh zu brennen beginnt. Gott bewahre
das arme Kind vor solchemeinem solchen Unglück!« Nun kamen ihr die Tränen. »Ein
kurzer Traum, ein paar Tage Glück und Jubel und dann dieses Namenlose, dieses
ganze zerstörte Leben!«
    »Aber Tante Gundi!« Freundlich legte Tassilo die Hand auf ihren Arm. »Sie
waren gestern leidend und haben sich noch immer nicht erholt. Es ist doch keine
Ursache vorhanden, von solchen Ungeheuerlichkeiten zu sprechen. Was Herr Forbeck
von meiner Schwester will -«
    »Er will? Was will er?« Die Kleesberg liess das Batisttuch sinken, mit dem
sie die Augen getrocknet hatte.
    »Malen will er sie, als Hauptfigur in einem grossen Bild.«
    »Malen!« stammelte Gundi, als hätte sie verstanden: ermorden. »Malen? Das
wäre das Wahre! Das kenn' ich!«
    »Gut also! Ich war vielleicht ein wenig unvorsichtig, als ich Forbeck in
dieser Sache meine Hilfe zusagte. Aber er war so begeistert für seine Idee, so
glücklich -«
    »Glücklich? Natürlich! Unglücklich soll er auch schon sein! Das kommt noch
früh genug.«
    Tassilo suchte dieser Hartnäckigkeit gegenüber ratlos nach Worten. »Sie
haben da doch auch ein wichtiges Wort mitzusprechen. Wenn Forbeck seinen Wunsch
äussert, können Sie eine unverfängliche Ausflucht gebrauchen -«
    »Gott sei Dank! Wenn es dabei nur auf mich ankommt, dann ist die Sache schon
erledigt. Malen! Eh ich das erlaube, eher sterb' ich!«
    Die Tür wurde geöffnet, und Fritz brachte eine Karte.
    »Hans Forbeck!« las Tassilo. »Ich lasse bitten.«
    Die Kleesberg wollte sich fluchtartig entfernen. Tassilo hielt sie zurück.
»Tante Gundi! Machen Sie keine Torheiten! Das sieht schon bald so aus, als
hätten Sie Angst, dass Sie sich in ihn verlieben könnten.«
    »Solche Scherze möcht' ich mir verbitten!« erklärte die Kleesberg; aber ihre
Hilflosigkeit schien grösser zu sein als ihre Entrüstung.
    Forbeck erschien, das weisse Hütchen in der Hand, in hellgrauem Beinkleid und
schwarzem Sakko. Er verbeugte sich etwas hölzern vor Fräulein Kleesberg, die
nach Würde rang, und ging auf den Grafen zu. Als Tassilo in diese klaren Augen
blickte, auf diese redliche Stirn, löste sich in ihm auch der leise Keim von
Sorge wieder, den Tante Gundis sonderbare Ahnungen geweckt hatten. Herzlich
fasste er die Hand des jungen Künstlers. »Grüss' Gott, lieber Forbeck! Erlauben
Sie, dass ich Sie bekannt mache: Hans Forbeck - Fräulein von Kleesberg, die
mütterliche Freundin meiner Schwester.«
    Forbeck verbeugte sich. »Ich glaube, ich hatte bereits gestern das
Vergnügen, allerdings so flüchtig -« Er stockte.
    Nun musste Tante Gundi sprechen, und es gelang ihr. »Sehr flüchtig,
allerdings! Ich war in so grosser Sorge um das Kind, wir wurden vom Unwetter
überrascht, das Kind ist sosehr disponiert für Erkältungen, und ich hoffe, Sie
haben es nicht als Unhöflichkeit ausgelegt - ich musste das Kind so rasch wie
möglich nach Hause bringen.«
    »Aber bitte, gnädiges Fräulein! Ihre Befürchtung hat sich hoffentlich nicht
bestätigt?«
    »Nein, Gott sei Dank! Und da ist es mir angenehm, dass ich so rasch
Gelegenheit finde, Ihnen für den Ritterdienst zu danken.«
    Sie bot ihm die Hand, und als er sie erfasste, begann sie wieder zu zittern
und hing mit verlorenem Blick an seinen Zügen. Dieser Blick befremdete ihn, und
Tassilo fragte erschrocken: »Tante Gundi?« Fräulein von Kleesberg schien einer
Ohnmacht nahe, und Forbeck stammelte: »Gnädiges Fräulein, ist Ihnen nicht wohl?«
    »Doch, doch, es ist nur - ich habe gestern -«
    »Für Fräulein von Kleesberg ist das Abenteuer nicht so glücklich ausgefallen
wie für meine Schwester,« fiel Tassilo ein, »die Folge war eine Unpässlichkeit,
die noch immer nicht ganz behoben ist.«
    In Forbeck regte sich ehrliche Sorge. »Ach, das bedaure ich aber!«
    »O bitte, ich selbst habe kein Erbarmen mit mir, meine Migräne, das ist
immer ein dreitägiger Kampf mit dem Drachen!« versuchte Tante Gundi zu scherzen.
»Aber nun bitt' ich zu entschuldigen, ich habe so spät erfahren, und die Pflicht
der Hausfrau -« Ein verstörtes Lächeln, und sie rauschte zur Tür.
    Im Flur drückte sie die Hände an die Schläfen, als stünde sie vor einem
unlösbaren Rätsel. Wie eine Schlafwandlerin suchte sie ihr Zimmer und wollte die
Tür öffnen, die in Kittys Stübchen führte; sie war versperrt. »Ja, Tantchen, nur
einen Augenblick, gleich bin ich fertig!« Fräulein von Kleesberg liess sich vor
dem Spiegel nieder, um die Spuren zu verdecken, die ihre Tränen durch das
blühende Wangenrot gezogen hatten.
    Kitty erschien auf der Schwelle, frisch wie ein Frühlingsmorgen, in einem
weissen Tenniskleid, das sie zum erstenmal trug, eine Rose an der Brust. Heiter
klatschte sie die Hände zusammen: »Ach, sieh nur Tantchen, du machst dich ja
auch schön!« Die Kleesberg murrte ein paar unverständliche Worte, während Kitty
hinter ihren Sessel trat. »Ist er schon da?« fragte sie, obwohl sie im Flur
seinen Schritt gehört hatte, seine Stimme.
    »Natürlich! Solche Leute fürchten immer die Suppe zu versäumen.« Gundi
Kleesberg tauchte mit dem Anschein grösster Seelenruhe die Quaste in die
Puderbüchse. »Ich hab' ihm auch in deinem Namen ein paar freundliche Worte für
den kleinen Dienst gesagt, den er dir gestern geleistet hat. Die Sache ist
erledigt. Sei immerhin artig und höflich gegen ihn. Man muss solche Leute nicht
gleich bei der ersten Gelegenheit die unausfüllbare Kluft empfinden lassen, die
zwischen uns und ihnen liegt.«
    »Ich werde gegen ihn so artig als möglich sein, schon dir zuliebe.«
    »Mir zuliebe?«
    »Tas hat mir gesagt, dass er der Lieblingsschüler jenes Professors wäre,
weisst du, jenes berühmten Mannes, für den du so riesig schwärmst.«
    »Werner?« Gundi Kleesberg, aus deren Hand die Puderquaste gefallen war,
wandte das Gesicht mit weit geöffneten Augen.
    »Das freut dich?« fragte Kitty, während sie lauschend zur Tür blickte.
    Draussen gingen Schritte vorüber, und man hörte die Stimme Tassilos, der
seinen Gast auf die merkwürdigsten der Geweihe aufmerksam machte, von denen die
Flurwände starrten. Drunten im reich geschmückten Vorhaus nannte Tassilo die
Heimat der exotischen Trophäen, an die sich manch ein waghalsiges, um Gesundheit
und Leben spielendes Abenteuer seines Vaters knüpfte.
    »Diese tausend Trophäen hat Ihr Vater selbst erbeutet?« fragte Forbeck
erstaunt. »Wie ist das möglich? Ihr Vater ist wohl nicht mehr jung, aber auch
ein hundertjähriges Leben kann doch neben Beruf und Arbeit nicht so viel Musse
bieten -«
    »Musse? Mein Vater kennt keine Musse in seinem Beruf. Seine Arbeit, sein
einziger Lebensberuf ist eben die Jagd. Er ist sechzig Jahre, mit fünfzehn
Jahren hat er angefangen. Da lässt sich was leisten.«
    Forbeck blickte auf, vom herben Klang dieser Worte betroffen. »Sie sind kein
Jäger?«
    »Nein! Ich hatte wohl Freude an der Jagd, aber ich hab' sie mir abgewöhnt.
Es ist nicht überall Sitte, so zu jagen, wie es mir Vergnügen macht. Anders
behagt es mir nicht. Wer nicht ein Handwerker der Jagd ist, wie der diensttuende
Jäger, der sollte an der Jagd doch besseren Wert entdecken als den Nervenreiz,
den der Kampf zwischen menschlicher List und tierischer Schlauheit gewährt. Für
meinen Geschmack liegt der edelste Reiz der Jagd in der innigen Berührung mit
der Natur, die sich auf einsamen Gängen vor uns öffnet wie ein mystisches Buch.
Da liest man Wunder über Wunder. Dieser Grösse gegenüber lernt man erst sein
eigenes Menschenmass richtig einschätzen. Man fühlt sich immer kleiner und
kleiner. Diese Erkenntnis hat nichts Bedrückendes, nichts Demütigendes. Im
Gegenteil, man kommt zu Klarheit und Ruhe, wird allen spekulativen Unsinn los
und verwandelt sich selbst in ein Stücklein gesunder Natur. Man sagt sich: So
klein bist du, aber den Raum, den die Natur deinem Persönchen zugewiesen, musst
du ausfüllen, also nütze dein Leben und freue dich seiner!« Die Falte auf
Tassilos Stirn war verschwunden. Er nahm den Arm seines Gastes; nach wenigen
Schritten blieb er vor einer Tür stehen. »Das muss ich Ihnen zeigen: das
Allerheiligste meines Vaters.«
    Forbeck erwartete irgendein weidmännisches Märchen zu sehen und machte
verblüffte Augen, als er über die Schwelle trat. Eine kleine, weiss getünchte
Stube mit gescheuerten Dielen, das Fenster ohne Vorhänge. Die ganze Einrichtung
bestand aus einem eisernen, mit grauen Loden bedeckten Bett, einem alten, mit
schwarz gewordenem Leder bezogenen Lehnstuhl und einer grossen, eisernen Kasse.
An den Wänden hingen, dicht bei der Decke beginnend, gegen tausend Gemsgehörne,
eines neben dem anderen, Reihe unter Reihe, so dass von den weissen Wänden kaum
noch ein tischhoher Streif über den Dielen frei war. Rings um den Fuss der Wände
standen Bergschuhe nebeneinander, mehr als hundert Paar, von feinem Staub
überschleiert. Der Geruch des gefetteten Leders lag schwer in der Stube.
    »Wenn mein Vater die Jagdhütte verlässt, um in Schloss Hubertus ein paar Tage
auszuruhen, dann wohnt er in dieser Stube. Sie umschliesst, was ihm am meisten
Freude macht. Auf diese Schuhe ist er stolz, er selbst hat die Art ihres
Eisenbeschlags erfunden, für jede Bergformation eine andere Gattung. Wir haben
einen Schuster im Dorf, der fast ausschliesslich für meinen Vater arbeitet und
dabei eine grosse Familie ernährt - die Sache hat also auch ihren guten Zweck.
Und hier in diesem Eisenkasten hält Papa eine andere Freude verschlossen. Er hat
eine Vorliebe für ungefasste Edelsteine, namentlich für Saphire und Rubinen.
Diamanten liebt er nur in spindelförmigem Schliff. Es gibt Leute, zu denen er so
viel Vertrauen hat, dass er sie zuweilen einen Blick hinter das eiserne Türchen
werfen lässt. Wir Kinder haben diese Schätze noch nie gesehen. Aber sein
Büchsenspanner erzählt Wunder von dieser Sammlung. Das ist auch der einzige
Mensch, der das Zutrauen meines Vaters so sehr geniesst, dass er jeden Monat
einmal die Gemskrucken von der Wand nehmen darf, um sie zu reinigen. Sie stammen
von den Gemsböcken, die Papa auf seinen eigenen Bergen rings um Hubertus
geschossen hat. Sein grösster Stolz! Er hat es auch weit gebracht. Vor dreissig
Jahren, als er das Jagdrecht von den Bauern übernahm, schoss er im ersten Sommer
nur vierzehn Böcke, jetzt bringt er es jährlich auf hundert und darüber! Das ist
doch ein Erfolg, er die Arbeit eines ganzen Lebens lohnt? Nicht?«
    Scheu blickte Forbeck zu Tassilo auf, der diese Worte mit unveränderlichem
Lächeln vor sich hingesprochen hatte und nun schwieg. Forbeck fühlte sich von
einem kalten Hauch berührt, als schliche das Gespenst des Hauses an ihm vorüber.
Nur um das Schweigen zu brechen, fragte er: »Der Büchsenspanner, von dem Sie
sprachen, ist das jener Franzl von gestern?«
    »Gott bewahre! Der Hornegger-Franzl ist ein braver, tüchtiger Bursch. Der
Jäger, den ich meine, das ist ein ehemaliger Holzknecht. Vor etwa dreizehn
Jahren ist er meinem Vater unter den Treibern als besonders verwegen
aufgefallen. Papa machte ihn zum Jäger und vor einigen Jahren zu seinem
Büchsenspanner und Geheimrat. Wenn Sie auf Ihren Ausflügen einem Jäger begegnen,
dessen Blick Ihnen das Blut ins Gesicht treibt - das ist er. Mein Vater schwört
auf diesen Menschen. Mir hat seine unvermeidliche Gesellschaft die Freude an der
Jagd verdorben. Ich greife nur noch zur Büchse, wenn ich befohlen werde. Und
Papa befiehlt nicht oft. Er schiesst seine Gemsböcke lieber selbst. Und es ist
sein einziger Wunsch, so lange zu leben, bis er den leeren Streif an der Wand da
noch ausgefüllt hat. Hoffentlich befriedigt das Schicksal diese heisseste
Sehnsucht seines Daseins! Ich wünsch' es ihm von Herzen.«
    Auf dem Dach des Schlosses läutete eine Glocke.
    »Kommen Sie! Die Tischglocke.«
    Sie verliessen die »Kruckenstube«. Im Billardzimmer - einen Salon gab es in
Hubertus nicht - fanden sie Gundi von Kleesberg und Kitty. Die schwüle Stimmung,
die Forbeck in den letzten Minuten empfunden hatte, verschwand, als ihm Kitty
entgegentrat.
    »Ich freue mich sehr, Sie bei uns zu sehen.«
    Er fasste ihre Hand, brachte aber kein Wort heraus. Tante Gundi wurde
unruhig; zum Glück erschien in diesem Augenblick der Diener unter der Tür, und
die Kleesberg rauschte auf das Pärchen zu: »Darf ich bitten?« Da war sie schon
wieder in neuer Verlegenheit; die Ordnung, in der man zu Tisch gehen sollte,
schien ihr Sorge zu machen. Ratlos blickte sie auf Tassilo und winkte mit den
Augen. Sie fand unerwartete Hilfe. Forbeck trat auf Tante Gundi zu und reichte
ihr den Arm. Das machte sie so verwirrt, dass sie auf seine Frage, ob ihr
Befinden sich bereits gebessert hätte, eine ganz verdrehte Antwort gab.
    Kitty nahm den Arm des Bruders. »Was sagst du? So was von Höflichkeit!«
Kichernd drückte sie die Wange an seine Schulter.
 
                                       8
Nach dem Diner wurde auf der offenen Veranda der Kaffee eingenommen. Die
Blätterschatten der Jerichorosen und wilden Reben, deren Laub sich schon zu
röten begann, zitterten über dem weissen Tisch, und draussen plauderte die Fontäne
mit funkelndem Tropfenfall. Während Gundi Kleesberg die Schalen füllte, bot
Tassilo seinem Gast die Zigarrenkiste und bediente sich selbst; dann liess er
sich in den geflochtenen Sessel fallen, ohne seiner täglichen Gewohnheit zu
folgen und nach den Zeitungen zu greifen, die Fritz auf den üblichen Platz
gelegt hatte. Das gewahrte Kitty und sprang auf. »Kommen Sie, Herr Forbeck, ich
zeige Ihnen was, das müssen Sie sehen.« Sie gingen zum Teich, und Forbeck
folgte. »Sehen Sie, die riesigen Forellen! Die jüngeren wurden erst heuer
eingesetzt, aber die grösseren haben wir schon vier Jahre. Sehen Sie die ganz
grosse hier: Die kennt mich, weil ich sie füttere. Sehen Sie nur, jetzt kommt sie
schon!« Lockend streckte sei die Hand und flüsterte, ohne Forbeck anzusehen:
»Ich bitte, sagen Sie meinem Bruder ein Wort, er ist unglücklich, wenn er seine
Zeitungen nicht lesen kann.«
    Forbeck nickte lächelnd und beugte sich über den Rand des Teiches; im
grünlichen Wasser, zwischen Blättern und Algen, sah er ein schimmerndes
Spiegelbild, ein sonniges Gesichtchen, das der vorfallende Rand der weissen Mütze
bis über die Augen beschattete.
    »Sehen Sie nur, wie die Grosse die Kleinen verjagt!« lachte Kitty mit lauter
Stimme und flüsterte wieder: »Wenn Tas seine Zeitung hat, kommt Tante Gundi auch
dazu, mit Ihnen zu plaudern. Bei Tisch waren Sie ja nur für Tas vorhanden. Das
hat Tante Gundi nervös gemacht. Ja, Sie haben auch Tante Gundi stark
vernachlässigt.«
    »Verzeihen Sie!« flüsterte Forbeck und blickte in die Augen des
Spiegelbildes, das unter dem Fall verirrter Tropfen verschwamm, um gleich wieder
aufzuleuchten.
    »Verzeihen? Erst müssen Sie Ihre Sünde wieder gutmachen. Und sprechen Sie
mit Tante Gundi über Professor Werner, sie schwärmt für ihn.« Die Stimme hebend,
schritt sie am Rand des Teiches entlang. »Nein, wie das komisch ist! Sehen Sie
doch, da schwimmt sie mir richtig nach!« Sie gewahrte, dass die Kleesberg auf der
Veranda erschien. »Ja, Tantchen, wir kommen schon!«
    Forbeck erwies sich folgsam. Als sie wieder um den Tisch sassen, löste er
seine erste Aufgabe mit Erfolg; Tassilo sträubte sich nicht lange, und während
er eines der Blätter entfaltete, machte Forbeck sich an seine zweite Aufgabe und
fragte Fräulein von Kleesberg, ob sie die Ausstellung im Münchener Glaspalaste
besucht hätte.
    »Gewiss!« nickte Tante Gundi, ohne von der Stickerei aufzublicken, an der sie
zu arbeiten begonnen.
    »Wir waren nur zwei Tage in München,« fiel Kitty ein, »und da waren wir
dreimal im Glaspalast. Tante Gundi konnte sich nicht satt sehen. Sie versteht
sehr, sehr viel von Kunst.«
    »Aber Kind!«
    »Das ist doch die Wahrheit!« Kitty wandte sich an Forbeck. »Gegen Mittag
kamen wir in München an, von Würzburg. Wir waren seit dem Frühjahr bei Onkel
Benno auf Eggeberg zu Besuch. Um halb ein Uhr waren wir daheim in München, um
zwei Uhr schon im Glaspalast. Tanti Gundi konnte es kaum erwarten.«
    Noch tiefer beugte die Kleesberg das Gesicht über die Stickerei. »Ich habe
viele Jahre im Stift gelebt. Und das war nach langer Zeit wieder die erste
Ausstellung, die mir zu sehen vergönnt war.«
    »Darf ich fragen, was Ihnen am besten gefiel?«
    Tante Gundi zählte die Stiche; dabei zitterte die Nadel in ihrer Hand. »Das
ist schwer zu sagen. Wir haben eine grosse Menge herrlicher Bilder gesehen -«
    Kitty fuhr mit einer Frage dazwischen. »War in der Ausstellung auch ein Bild
von Ihnen, Herr Forbeck?«
    »Ja.«
    »Ach, wie schade! Das müssen wir übersehen haben.«
    Gundi Kleesberg warf ihr einen missbilligenden Blick zu und sagte
entschuldigend: »Es hing wohl in einem der Säle, für die uns keine Zeit mehr
blieb. Ich bedaure wirklich -«
    Forbeck lächelte. »Da haben Sie nicht viel verloren.«
    »Na, nur nicht so bescheiden,« fiel Tassilo ein, »Ihr Bildchen ist eine
famose Arbeit. Sogar Werner war zufrieden, und das will viel sagen.«
    Die Kleesberg zerrte an dem Seidenfaden, der sich im Stoff verfangen hatte.
»Professor Werner ist Ihr Lehrer, Herr Forbeck?«
    »Ja, gnädiges Fräulein! Und sein Bild, das die Perle der Ausstellung ist,
haben Sie doch gewiss gesehen?«
    Die Antwort zögerte. »Ich glaube mich zu erinnern.«
    »Aber Tante Gundi! Wie kühl! Vor dem Bild warst du Feuer und Flamme, so
bewegt, so ergriffen! Und jetzt kannst du sagen: Ich glaube mich zu erinnern.«
    Herzlich hingen Forbecks Augen an der Kleesberg. »Ich verstehe Sie, gnädiges
Fräulein! Was man in weihevoller Stunde empfand, verschliesst man wie einen
kostbaren Schatz. Es hat mir Freude gemacht, von der Wirkung zu hören, die
Werners Bild auf Sie übte. Er hat Tausende von Verehrern. Aber es ist für mich
immer ein Feiertag, wenn ich Menschen kennenlerne, die ihn ganz verstehen. Das
macht uns Werner nicht immer leicht. Nun gar dieser Späterbst, den Sie in
München gesehen haben! Das ist für die Menge ein versiegeltes Buch. Nur ein
stilles, landschaftliches Motiv. Aber was redet aus diesen Farben!«
    Tante Gundi hatte die Arbeit sinken lassen und blickte lauschend vor sich
hin.
    »Ich hab' es an mir selbst empfunden, wie dieses Bild zu ergreifen vermag
mit seinem Ernst und seiner träumenden Schwermut. Es war eine von Werners
Lieblingsarbeiten. Er hat das Bild ohne Vorlage der Natur gemalt. Und doch diese
überzeugende Wahrheit! In früheren Jahren muss er dieses Motiv einmal in
Wirklichkeit gesehen haben. Solche Natur erfindet man nicht. Und ich glaube, dass
sich für ihn an diese landschaftliche Szenerie eine teure Erinnerung knüpft. Er
hat eine Vorliebe für dieses Motiv, das sich mit veränderten Zügen auf
verschiedenen seiner Bilder findet.«
    Gundi Kleesberg rührte die Nadel wieder, mit den Augen so nahe bei der
Arbeit, als wäre sie kurzsichtig.
    »Eines seiner ältesten Bilder hat mit dem Späterbst eine auffallende
Ähnlichkeit. Und doch, welcher Unterschied! Damals der heisse, leidenschaftliche
Kampf mit dem Vorwurf, auch noch die unsichere Hand, die unter dem Sturm der
Seele zittert, ihn nicht in Linien zu bannen vermag. Und jetzt die abgeklärte
Ruhe, die freie Beherrschung des Stoffes, der sich äusserlich kaum veränderte.
Aber nach innen ist alles vertieft, alles klingt zusammen in Harmonie. Das ist
Wirklichkeit, zum Kunstwerk erhoben. Und die Entwicklung dieses Motivs, von
jenem ersten Versuch bis heute - ich möchte fast sagen: das ist wie eine
Biographie Werners.« Forbecks Stimme wurde warm. »Was einmal lebt in ihm, das
hat festen Halt. Sein Herz ist wie eine bessere Welt. Da gibt es kein Vergehen,
nur immer ein schöneres Werden. Das gilt nicht nur von ihm als Künstler. So ist
er auch als Mensch. Wer das Glück hat, ihn kennenzulernen, muss in Liebe zu ihm
aufblicken.«
    Aus den Augen der Kleesberg fielen zwei schwere Tropfen auf die Arbeit.
Schweigen trat ein, und man hörte nur das Plätschern der Fontäne. Diese
plötzliche Stille weckte Tassilo aus seiner Lektüre; er blickte verwundert auf
und liess die Zeitung sinken. Kitty atmete tief, als wäre mit Forbecks Schweigen
ein fesselnder Bann von ihr gewichen; und nun bemerkte sie die nassen Augen der
Kleesberg. »Tante Gundi?«
    »Was ist denn los?« fragte Tassilo.
    Gundi Kleesberg hob das Gesicht; durch den weissen Puder liefen zwei dunkle
Furchen. Sie sagte leis: »Das hat mich sehr ergriffen. Wie Herr Forbeck an
seinem Lehrer hängt, das ist schön.« Ihre scheuen Augen streiften den jungen
Künstler; auch noch zwei andere Augen hingen an ihm, gross und glänzend.
    Forbeck wurde verlegen. »Sie setzen auf meine Rechnung, was nur ein
Verdienst Werners ist. Wenn Sie ihn kennen würden -«
    »Hast du ihn noch nie gesehen?« fragte Kitty.
    »Nein!« Und zögernd, während sie ihre Arbeit wieder aufnahm, fügte Gundi
Kleesberg hinzu: »Ich gestehe - da ich ihn als Künstler sosehr verehre, würde es
mich lebhaft interessieren -«
    »Ach so? Ihr habt wohl die ganze Zeit von Werner gesprochen?« sagte Tassilo,
streifte den langen Aschenstengel von der Zigarre und wandte sich an Tante
Gundi. »Wenn Sie neugierig sind: stellen Sie sich Herrn Forbeck um
fünfundzwanzig Jahre älter vor, und Sie haben ungefähr einen Begriff, wie Werner
aussieht.«
    »Diese Ähnlichkeit ist auch Ihnen aufgefallen?« fragte Forbeck, erfreut über
Tassilos Worte.
    »Schon damals, als ich Sie kennenlernte. Ich hab' auch schon mit Werner
darüber gesprochen. Das ist eine merkwürdige physiologische Erscheinung.«
    Gundi Kleesberg hob den ängstlichen Blick. »Sie sind mit Professor Werner
verwandt?«
    Tassilo lachte. »Aber dann wäre ja die Sache sehr einfach und natürlich.«
    Nun wurde auch Kitty neugierig. »Das ist aber doch ein seltsamer Zufall.«
    »Das ist kein Zufall!« sagte Forbeck. »Vor Jahren bestand diese Ähnlichkeit
nicht. Sie hat sich erst während meines Zusammenlebens mit Werner ausgebildet.
Wir haben Nachforschungen angestellt, ob nicht doch unsere Familien irgendwie in
verwandtschaftlicher Beziehung stünden. Aber nicht die geringste Spur war zu
entdecken, obwohl wir die Kirchenbücher seiner und meiner Heimat bis zurück in
die Zeit unserer Urgrossväter durchstöberten. Werner ist Oberfranke, ich bin ein
Allgäuer Schwabe. Von unseren Familien sass jede in ihrem heimatlichen Dorf, mit
einer Verwandtschaft, die über fünf Stunden im Umkreis nicht hinausreichte.
Nein. Diese Ähnlichkeit hat andere Gründe.«
    In Forbecks Augen war ein träumendes Leuchten.
    »Ein Zufall hat mich in Werners Weg geführt, er glaubte Begabung in mir zu
erkennen und nahm sich meiner an. Nun darf ich seit Jahren mit ihm leben wie der
jüngere Bruder mit dem älteren. Werner hat mein Können gebildet, mein Denken und
Empfinden geweckt. Er hat in geistigem Sinne aus mir ein Stück seiner selbst
gemacht. Bei diesem jahrelangen, innigen Zusammenleben musste es doch so kommen,
dass ich auch äusserlich von ihm annahm, und dass mein völliges Aufgehen in ihm,
mein Anschmiegen an seine geistige Überlegenheit und der Ehrgeiz, mit dem ich
ihm nachstrebe, sich auch in meinen Zügen ausprägen musste.«
    Kitty schüttelte das Köpfchen. »Ist denn so was möglich?«
    »Gewiss!« erklärte Tassilo. »Du hast den lebendigen Beweis vor dir. Unser
äusserlicher Mensch in seiner Entwicklung ist nicht nur von dem Rindfleisch
abhängig, das wir zu Mittag verspeisen. Auch von allem, was uns durch Kopf und
Herz geht. Diese Erscheinung zeigt sich häufig bei Mann und Frau, die in
glücklicher Ehe leben. Sie beginnen auch äusserlich einander ähnlich zu werden,
wie Bruder und Schwester fast.«
    »Aber Tas! Soll das ein Beweis sein? Herr Forbeck ist mit Professor Werner
doch nicht verheiratet!«
    Nun lachten sie alle. Sogar Tante Gundi konnte bei dem drolligen Ernst, mit
welchem Kitty das herausgeplaudert hatte, ein Schmunzeln nicht unterdrücken.
Während sie noch lachten, brachte Fritz einen Brief für Tassilo. Er schien die
Schrift der Adresse zu erkennen und öffnete hastig; als er las, wurde er wieder
ruhig. »Der Bote soll warten, ich will Antwort schreiben.« Er legte die Hand auf
Forbecks Schulter. »Sie verzeihen -«
    Kitty erhob sich. »Tas? Du hast doch hoffentlich keine unangenehme Nachricht
bekommen?«
    »Nein.« Tassilo vermied den Blick der Schwester. »Einer meiner Klienten, der
im Seehof abgestiegen ist, fragt mich in einem -in einer Prozessangelegenheit um
Rat. Entschuldige!« Er trat ins Haus.
    Auch Gundi Kleesberg hatte sich erhoben und schlug einen Spaziergang durch
den Park vor. Kitty hatte andere Pläne, die sie auch durchzusetzen wusste. Wenige
Minuten später war auf dem geschorenen Rasen das Netz gespannt, und während
Tante Gundi mit ihrer Arbeit im Schatten einer Ulme sass, flogen auf der Wiese
die weissen Bälle. Forbeck zeigte dabei so zweifelhafte Fähigkeiten, dass ihm
Kitty lachend zurief: »Na, hören Sie, Herr Forbeck, hoffentlich malen Sie sehr
viel besser, als Sie Tennis spielen. Sonst sieht es mit der Unsterblichkeit
schlecht aus.« Es war aber auch zuviel verlangt, dass er seine Augen bei Ball und
Stellung haben sollte, während drüben über dem Netz das sonnige Figürchen
flatterte, lachend, von jungem Leben sprühend, glühend von der Freude am Spiel,
Liebreiz in jeder Bewegung. Neben aller Anmut verriet sich in dem behenden
Mädchenkörper auch eine gesunde Kraft. Scharf und sicher spähten die Augen, wenn
der Ball geflogen kam. Die geschulte Hand führte den Schlag, wenn auch mit
scheinbarer Leichtigkeit, doch mit so ausgiebigem Druck, dass der Ball flinker
zurückflog, als er gekommen war. Der Verlust auf Forbecks Seite wuchs und wuchs,
während mit jedem Fehlschlag, den er machte, Kittys Vergnügen am Spiel sich
steigerte. Fast schien es ihr ein grausames Behagen zu bereiten, den minder
geschulten Partner alle Schikanen und Finten des Spiels empfinden zu lassen. Sie
machte ihn springen, dass ihm der Atem zu versagen drohte. Das Erscheinen des
Dieners, der mit einem Brief für Kitty kam, unterbrach das Spiel.
    »Für mich?« staunte sie und streifte die zerzausten Löckchen aus der heissen
Stirne. »Schreibt denn heute die ganze Welt an uns? Zuerst an Tas und jetzt an
mich?«
    »Den Brief hat der alte Moser gebracht.«
    »Von Papa?« Das Racket schwirrte ins Gras, und Kitty flog auf den Diener zu.
Während sie den Brief erbrach, ging Fritz zu Fräulein von Kleesberg: Moser wäre
mit Aufträgen vom Herrn Grafen gekommen und hätte mit ihr zu sprechen. Tante
Gundi eilte ins Haus - ein Auftrag Graf Egges war für ihren Kopf immer ein
Wirbel von Schreck und Ängstlichkeit.
    Kitty hatte den Brief, der in den groben Zügen einer schweren Hand
geschrieben war, schnell zu Ende gelesen - was Graf Egge seiner Tochter nach
langer Trennung zu sagen hatte, erledigte sich in wenigen Zeilen. Sie musste sich
abwenden, um vor Forbeck ihre Enttäuschung zu verbergen. Aber er hatte ihre
schmerzliche Bewegung gewahrt und folgte ihr zur Bank.
    Während sie den zerknüllten Brief in der Tasche begrub, verstand sie die
sorgende Frage in Forbecks Augen. »Ach, gar nichts von Bedeutung. Ich hatte mich
nur sosehr auf Papa gefreut. Er hat noch immer keine Zeit für mich.« Seufzend
liess sie sich auf die Bank sinken und bohrte die Fussspitzen in den weissen Kies.
    In Forbeck erwachte die Erinnerung an alles, was er in Graf Egges
Kruckenstube gehört und empfunden hatte, und wieder fühlte er jenes beklemmende
Frösteln. Während dieses Schweigens tönte von den Bergen ein murmelndes Rollen,
wie schwacher Donner aus meilenweiter Ferne - es war der verschwommene Widerhall
der Schüsse, die Graf Egge auf die Gemsen abgegeben hatte. Kitty hob die
feuchten Augen und spähte hinauf ins Blau. »Das war geschossen! Vielleicht hat
er ihn jetzt?« Sie sprang auf und drückte die Hände über die Schläfen, als
möchte sie ihre Unruhe gewaltsam bezwingen. Sogar ein Lachen versuchte sie.
»Kommen Sie, Herr Forbeck, wir beide wollen uns nicht stören lassen. Spielen wir
weiter!« Sie wollte zum Tennisplatz; als sie an Forbeck vorüberhuschte, verfing
sich die Leinenspitze ihrer flatternden Schärpe an einem Knopf seines Ärmels. Es
knackte. »Ach Gott!«
    Forbeck wollte die Gefangene befreien, doch seine Hand zitterte, und statt
die Fadenschlinge zu lösen, verwirrte er sie noch mehr. Eine Weile liess ihn
Kitty lächelnd gewähren; endlich schob sie seine Hand beiseite. »Sie entwickeln
eine Geschicklichkeit, dass es rührend ist. Lassen Sie mich machen, Sie haben ja
auch nur eine Hand frei. Aber bitte, stillhalten!« Sie begann mit ihren
schlanken, rosigen Fingerchen an den Fäden zu nesteln, aber die Sache ging nicht
so leicht. Um genauer zu sehen, neigte sie das Gesicht, und Forbeck fühlte auf
seiner Hand ihren warmen Atem. »Das ist aber doch -« Nun wurde sie ungeduldig.
»Ich soll wohl gar nicht mehr von Ihnen loskommen?« Sie hob den Kopf, um die
Löckchen zurückzustreichen, die ihr über die Augen gefallen waren, und da sah
sie den schwermütigen Ernst seiner Züge und begegnete seinem Blick. Sie lachte
wie verwundert, aber es flog ihr auch eine brennende Röte über die Wangen.
Hastig fasste sie mit der einen Hand die Spitze, mit der anderen Forbecks Ärmel,
und was in Güte nicht hatte gelingen wollen, gelang mit Gewalt. »Na also!« Sie
eilte hinter das Netz und hob ihr Racket aus dem Gras. Schon nach wenigen
Schlägen schüttelte sie den Kopf. »Es freut mich nicht mehr. Kommen Sie, Herr
Forbeck, ich zeige Ihnen lieber den Park.« Während sie an seiner Seite dem
weissen Kiesweg folgte, brach sie eine Gerte und zupfte die Blätter davon.
»Erzählen Sie mir etwas! Was Sie wollen! Von Professor Werner. Oder von Ihnen
selbst. Haben Sie denn schon einmal so ein ganz grosses Bild gemalt?«
    Forbeck musste lächeln; aber kein anderes Tema wäre ihm willkommener
gewesen. Es währte nicht lange, und er war im besten Fahrwasser und steuerte
geradeswegs auf die Gewährung des Wunsches zu, der ihm seit Stunden auf der
Zunge brannte. Seine Wangen bekamen Farbe, die Worte sprudelten ihm von den
Lippen. Was am verwichenen Abend vor Tassilo aus der erregten Künstlerseele
herausgewirbelt war, wohl schon beseelt und lebendig, doch wirr und noch
schwankend in den Formen, das hatte während der ruhelosen Nacht und bei der am
Morgen mit heissem Eifer begonnenen Arbeit an Klarheit und festem Willen
gewonnen. Vor der Seele des lauschenden Mädchens entstand das Bild, wie Forbeck
es zu schildern wusste, in farbiger Schönheit. Solange er von seinem Werke
sprach, war Feuer in seinen Worten. Alles an ihm redete mit, die Augen, die
Hände, der ganze Mensch in seiner Glut, und die Lauschende fühlte sich erfasst
von dieser reinen und schönen Flamme. Als es aber darauf ankam, dass Forbeck
seine Bitte aussprechen sollte, versagte ihm die Stimme.
    Kitty verstand. Strahlend blickte sie zu ihm auf und legte die Hand auf
seinen Arm. »Und Tas, sagen Sie, weiss schon davon? Und er ist einverstanden?«
    Forbeck nickte.
    »Und Sie glauben wirklich, dass das so eine ganz riesige Sache wird - so was
sehr, sehr Schönes?«
    »Glauben? Der Glaube wäre Hochmut. Aber ich fühl' es in mir.«
    »Und ohne mich geht es absolut nicht?«
    Er schüttelte den Kopf.
    »Aber dann muss ich doch! Wann wollen wir denn anfangen?«
    Durch die Bäume hörte man Gundis angstvolle Stimme. »Kind? Kind? Wo bist du
denn?«
    »Hier!« klang der helle Gegenruf. »Kommen Sie! Jetzt besprechen wir die
Sache gleich mit Tante Gundi.« Auf der Suche nach ihr kamen sie zum Schloss; als
Kitty am Zimmer ihres Bruders das Fenster offen sah, rief sie hinauf: »Tas? Bist
du noch immer nicht fertig?«
    Tassilo erschien am Fenster, die Feder in der Hand. »Ein paar Minuten noch.«
    »Eil' dich! Wir haben etwas sehr, sehr Wichtiges miteinander zu besprechen.«
Da war sie schon um die Ecke verschwunden.
    Tassilo setzte sich wieder an den Schreibtisch. Als er nach einer Weile den
Brief beendet hatte und über die Treppe herunter kam, erhob sich im Flut der
wartende Bote von einer Bank. Tassilo übergab ihm die Antwort und sagte leis:
»Meinen Gruss an die Damen. Und sagen Sie, wenn ich es ermöglichen kann, so komm
ich noch früher.« Er trat auf die Veranda und umschritt das Haus. Auf dem Rasen
sah er Kitty und Forbeck in eifrigem Spiel, heiter und lachend. Auf der Bank sass
Gundi Kleesberg, die sich ungestüm erhob, als Tassilo um die Hausecke tauchte;
erregt rauschte sie auf ihn zu, umklammerte seinen Arm und zog ihn gegen die
Veranda. »Helfen Sie mir, ich bitte Sie um Gottes willen, Sie müssen mir
helfen!«
    »Was ist denn geschehen?«
    »Ich kann es mir gar nicht erklären, wie es möglich war,« stammelte sie,
»aber denken Sie, ich habe eingewilligt, dass er sie malen soll.«
    Tassilo lachte. »Aber Tante Gundi!«
    Sie blickte kummervoll zu ihm auf. »Er war so glücklich, so begeistert.«
    »Das sind zwei Gründe, die Sie heute mittag nicht gelten lassen wollten. Und
jetzt -«
    »Jetzt müssen Sie es verhindern! Sie müssen!«
    »Ich? Meine Zusage hat er seit gestern schon. Die kann ich nicht
zurücknehmen. Ich hatte mich ganz auf Sie verlassen. Na, Tantchen, Sie sind ein
netter Held! Wo bleibt denn der Löwenmut, mit dem Sie Kitty verteidigen
wollten?«
    »Ich weiss nicht!« stammelte sie hilflos. »Aber das darf nicht geschehen,
unter keiner Bedingung! Sie müssen ein Machtwort sprechen! Sie müssen! So hören
Sie doch: wie sie zusammen lachen und sich freuen! Es hat sie alle beide schon
gepackt - wie ein Rausch.«
    Tassilo wurde ernst. »Wenn es so wäre, dann käme jedes Machtwort zu spät,
und gerade ich hätte das letzte Recht, ein solches zu sprechen.«
    »Das versteh' ich nicht.«
    »Haben Sie noch ein paar Tage Geduld, und Sie werden verstehen, was ich
meine.«
    Sie schüttelte in Verzweiflung seinen Arm. »Aber wenn nun wirklich
geschieht, was ich fürchte - und seit ich ihn heute kennenlernte, zweifle ich
überhaupt nicht mehr - sie muss sich in ihn verlieben! Sie muss! Was dann? Und
wenn ich schon nicht von ihm spreche - der arme Mensch rennt doch auch mit
Siebenmeilenstiefeln in sein Unglück hinein - aber Kitty! Ihre Schwester! Was
dann?«
    »Dann wird sie vor eine Wahl gestellt sein, die dem einen leicht und dem
anderen schwer wird: Mut und Glück oder Feigheit und Elend.« Er schritt dem
Rasen zu, von welchem Kitty dem Bruder in übermütiger Laune einen Ball
entgegenschleuderte.
    Gundi Kleesberg stand wie versteinert.
    Eine Stunde später wanderte Tassilo mit Forbeck dem Dorf entgegen; Kitty
hatte ihnen bis zum Parktor das Geleit gegeben und war dann, ein Liedchen
summend, im Schatten der Ulmen zurückgewandert. Eine Weile folgten die beiden
schweigend der Strasse. Dann sagte Tassilo: »Das ist ein bedeutungsvoller Tag für
uns beide. Sie kommen zu Ihrem Bilde, das dem Klang Ihres Namens Flügel geben
soll, und ich habe heut die Würfel fallen lassen, die über meine Zukunft
entscheiden. Sie haben wohl in den Zeitungen gelesen, dass Fräulein Herweghs
Vertrag mit dem ersten September zu Ende geht. Seit einem halben Jahr bemüht
sich die Intendanz um die Verlängerung des Vertrages. Anna schob die
Entscheidung immer hinaus. Nun hat man ihr heut die Pistole eines dringenden
Telegrammes auf die Brust gesetzt, und Anna muss Farbe bekennen, dass sie den
Vertrag nicht mehr zu erneuern gedenkt. Morgen wird es schon in allen Zeitungen
stehen, und mein liebes München wird etwas zu raten haben.«
    »Fräulein Herwegh wird der Bühne entsagen?« fragte Forbeck mit dem Ton
ehrlichen Bedauerns. »Eigentlich ist es ja selbstverständlich. Aber es ist für
die Kunst ein schwerer Verlust.«
    »Ein um so grösserer Gewinn für mein Glück. Anna ist eine echte Künstlerin.
Hätte sie ohne die Bühne nicht leben können, ich hätte auch in das gewilligt,
obwohl mit schwerem Herzen. Aber sie hat mir das grosse Opfer aus freier
Entscheidung gebracht. Ich will es ihr danken mein Leben lang. Am ersten
September ist Anna frei. Einen Tag später soll sie schon wieder gebunden sein.
An mich!« Tassilo blieb stehen. »Dann hab' ich keinen Wunsch mehr an das Leben.«
Er lächelte. »Nur an den Zufall hätt' ich noch eine Bitte: dass er meinem Vater
am Morgen des Tages, an dem ich mit ihm sprechen will, eine Strecke von zehn
oder zwölf Gemsböcken bescheren möchte. Das könnte meinen Vater in eine Laune
bringen, in der er mir alles zu verzeihen imstande wäre. Hat er schlechte Jagd,
so steht mir eine böse Stunde bevor.«
    Sein ruhiger Blick suchte die Felsgipfel der Berge, die in der sinkenden
Sonne mit rotem Glanz übergossen waren.
 
                                       9
Um die gleiche Stunde, als alle die steilen Wände in greller Abendhelle
leuchteten, kehrte Graf Egge von der Jagd, die ihm nach wechselnden Aufregungen
schliesslich doch den heissersehnten Schuss gewährt hatte, müd' ins Palais Dippel
zurück. Der gewaltsame Nervenreiz der überstandenen Erregung blieb nicht ohne
Rückschlag auf seinen sechzigjährigen Körper. Er schleppte den schmerzenden Fuss,
als hätte er Blei im Schuh. Und die brennende Beule auf seiner Stirn hatte sich
so weit ausgewachsen, dass er Hut nicht mehr sitzen wollte.
    Vor der Hütte lehnte Graf Egge Büchse und Bergstock an die Wand und liess
sich auf die Hausbank nieder.
    In den Latschen klirrte ein Schritt, und ehe Franzl noch völlig aus den
Büschen tauchte, klang schon seine Stimme: »Ich gratuliere, Herr Graf!«
    »Verschrei nix, du Lalle du!« rief Graf Egge lachend zurück. »'s Kügerl hat
er droben, aber liegen tut er noch allweil net.«
    »Was? Dös glaub ich Ihnen aber doch net recht, Herr Graf! Wenn's bei Ihnen
schnöllt, nachher liegt doch 's Sach. Den Bock braucht man bloss aufklauben
morgen in der Fruh. Da kann ich deswegen doch gratulieren. Aber was war denn mit
die drei anderen Schuss?«
    »Auf den ersten Bock hab ich geschossen in der Wut, weil ich glaubt hab, der
gute kommt nimmer.«
    »Da schau, ich hab mir's aber gleich denkt!« Franzl trat durch den Zaun; die
Haare klebten ihm an der Stirn, und in glitzernden tropfen rann ihm der Schweiss
über den Hals; die Ärmel seiner Joppe waren von grauem Schutt überstäubt, die
Hände zerschunden und die nackten Knie fleckig von getrocknetem Blut. »Aber die
zwei anderen Schuss?«
    »Was sagst! Was mir der Schipper da für Sachen macht! Auf den ersten Schuss
springt mir der Gamsbock weg mit der Kugel auf'm Blatt. Schiesst ihm der Schipper
noch zweimal nach! Ich hab rein gmeint, ich muss ihm die Ohrwascheln aus'm Grind
reissen!«
    Franzl fand nicht gleich eine Antwort und sagte zögernd: »Die zwei Schuss
hätten 's Millihaferl bald umgworfen.« Er schöpfte Atem. »Aber weil nur alles
gut gangen is! Und passen S' auf, die Kruck wenn S' morgen sehen! So eine hat
meiner Lebtag kein Bock net droben ghabt.« Er stellte die Büchse an die Mauer,
nahm den Hut ab und fuhr mit dem Ärmel über die nasse Stirn. »Verteufelt hart is
die Gschicht gangen.«
    »Hast du schlechten Weg in der Wand gehabt?«
    Franzl lachte. »Meine Fingernägel kann ich suchen. Und Haut und Haar hab ich
auch in der Wand drin lassen, dass man sich a Pfeifl voll anzünden könnt!«
    Graf Egge erhob sich und klatschte zufrieden die beiden Hände auf die
Schultern seines Jägers. »Gut hast du alles gemacht! Jetzt wünsch dir was!«
    Franzls Augen strahlten vor Vergnügen. »Ich brauch nix! Weil nur Sie den
Bock haben, Herr Graf! Aber wenn S' schon was übrigs tun wollen, so erlauben S'
halt, dass ich mir nach'm Essen a Flaschl Bier raufhol. In mir drin spür ich was
wie 's reine Schmiedfeuer.«
    Der bescheidene Wunsch schien die gute Laune des Grafen noch zu steigern.
»Ja, Franzl, die Flasche sollst du haben, die hast du verdient. Und jetzt geh
und fang zu kochen an. Da kommt der Schipper schon mit dem ersten Bock.«
    Franzl trat in die Hütte, und Graf Egge folgte, um die Joppe abzulegen und
die schweren Bergschuhe gegen die Filzpantoffel zu vertauschen. Dann nahm er
einen nasskalten Bund um die Stirn, zündete er in der dämmerigen Stube die
Hängelampe an und stimmte die Ziter.
    Schipper brachte den Bock und hängte ihn unter dem vorspringenden Dach mit
den Krickeln an einen hölzernen Zapfen. Ohne Gruss trat er in die Küche, streifte
die Schuhe von den Füssen und schleuderte sie in einen Winkel. Franzl, der schon
beim flackernden Feuer stand und den Teig zum Schmarren rührte, sah über die
Schulter. »Heut kommst aber ungut heim?«
    Ein Fluch war die Antwort. Erst nach einer Weile fragte Schipper: »Hat der
Herr Graf schon erzählt, was ich angestellt hab?«
    Franzl sagte begütigend: »Gscheit war's freilich net, und die zwei Schuss
hätten viel verderben können. Aber schau, es is doch alles gut ausgangen. Da
musst dich net ärgern!«
    »Gleich vergiften könnt ich mich.« Schipper hob die Stimme, dass man seine
Worte in der Stube hören musste. »Die zwei Schuss vergisst mir der Herr Graf so
bald net! Grad dem Himmel kann ich danken, dass der ander Bock noch kommen is.
Der muss die Kugel auf'm schönsten Fleck haben. Ich glaub, er liegt schon lang
verendet in der Wand droben. Da brauchst morgen in der Fruh nur dem Wechsel
nachsteigen, so musst schnurgrad an den Bock hinrennen.« Schipper trat in die
Grafenstube.
    Vorsichtig goss Franzl den Teig in die Pfanne, in der die heisse Butter
zischte. Und während er die brodelnde Speise überwachte, lauschte er auf das
sentimentale Volkslied, das in der Stube von Graf Egge mit grossem
Gefühlsaufwand, mit Tremolo und süssen Flageolettönen gespielt wurde. Leise
summte Franzl die Worte des Liedes mit, und ein verträumtes Lächeln spielte um
seinen Mund. Er hatte, als er durch die Felswand gestiegen war, auf den steilen
Graskuppen eine Menge blühender Edelweissstauden entdeckt. Nun meinte er, dass
sich ein Sträusschen der weissen Sterne an Malis Kammerfenster nicht übel
ausnehmen würde. Da müsste man nur wissen, welches Fenster das richtige wäre. In
Gedanken umwanderte Franzl das ihm wohlbekannte Haus - aber merkwürdig: aus
jedem Fenster guckte das finstere Gesicht des Bruckner.
    In der Stube verstummte das Ziterspiel. Schipper deckte den Tisch. Das war
kurze Arbeit: ein kleines Stück blaugefärbter Leinwand wurde ausgebreitet und
drei zinnerne Löffel darauf gelegt. Hinter dem Ofen hob Schipper das Falltürchen
der Kellergrube und holte einen schon zu Ende gehenden Laib Brot herauf.
    »Nimm gleich eine Flasche Bier für den Franzl mit!« rief Graf Egge, der sich
auf die Matratze gestreckt hatte und den Schweisshund als lebendige Wärmflasche
für seine Füsse benützte.
    »Eine nur, Herr Graf?«
    »Is lang schon gnug!«
    Franzl erschien, in der einen Hand die dampfende Pfanne, in der anderen ein
kleines russiges Brettchen, das er in die Mitte des Tisches legte, als Untersatz
für die Pfanne.
    Graf Egge erhob sich. Stehend, mit gefalteten Händen, wurde der Abendsegen
gesprochen, wie in einer Bauernstube. Nach dem Amen sagte der Graf: »Guten Abend
miteinander!« Und die Jäger antworteten: »Guten Abend, gnädiger Herr Graf!« Dann
schoben sie sich hinter den Tisch; in der zugesicherten Ecke sass Graf Egge,
Schipper zu seiner Rechten, Franzl zur Linken. Den Löffel in der Hand, mit
aufgestütztem Arm, warteten die Jäger, bis der Graf den ersten Bissen genommen
hatte; dann griffen auch sie zu, und einträchtig löffelte das Kleeblatt die
grobe, fette Kost aus der Pfanne.
    Als das Mahl zu Ende war, trug Schipper die Pfanne in die Küche und brachte
für seinen Herrn einen Masskrug voll Wasser, in das Graf Egge einen Schluck
Enzian goss, »damit 's Schmalz im Magen net rebellisch wird«, wie er sagte. »Wer
rauchen will, kann 's Pfeifl anzünden. Du, Franzl, mach dir dein Bier auf!«
    Schmunzelnd, mit feierlicher Umständlichkeit, entkorkte Franzl die Flasche
und goss ihren Inhalt vorsichtig in eine hölzerne Bitsche - eine Flasche Bier
bedeutete in Graf Egges Jagdhütte soviel wie auf einem bürgerlichen Tisch eine
Flasche Champagner, im Staatsbetrieb ein hoher Orden.
    Bald dampften die Pfeifen, und Graf Egge griff zur Ziter. Die blauen
Wölklein kräuselten sich um die Hängelampe, und beim schwirrenden Klang der
Saiten kehrte eine behagliche Stimmung in der kleinen Stube ein. Spielte Graf
Egge eine schmachtende Volksweise, so musste Stille herrschen; stimmte er einen
lustigen Ländler an, so wurde geplaudert und gelacht, und die Jäger schlugen mit
den schweren Holzpantoffeln den Takt. Schliesslich kamen die Schnaderhüpfel an
die Reihe. Mit erstaunlicher Virtuosität pfiff Graf Egge das Zwischenspiel und
sang ein Gesetzlein. Und so lustig weiter. In seinem Gedächtnis war ein reicher
Schatz von Schnaderhüpfeln aufgespeichert, und wenn er in vergnügter Stunde das
Türchen öffnete, flogen die kleinen vierzeiligen Lieder aus, eins nach dem
anderen, wie die Bienen aus ihrem Stock. Er selbst unterhielt sich dabei am
allerbesten und bot in seiner saftigen Laune einen Anblick, der auch einen
anderen erheitern musste: hemdärmelig, um den grauen Kopf die weisse Binde und
darunter das vom Lachen rote Gesicht mit dem zitternden Bart und dem lustigen
Faltenspiel um die zwinkernden Augen. Wer ihn zu solcher Stunde sah, konnte auch
mit der schärfsten Menschenkenntnis nicht höher raten als auf einen
pensionierten Förster, auf einen gutmütigen, kreuzfidelen Alten, der in
Gesellschaft jüngerer Kameraden die Erinnerung an vergangene Zeiten aufgefrischt
und ein Schöpplein über den Durst getrunken hatte.
    Es war späte Nacht geworden, als Schipper endlich mahnte: »Herr Graf, es is
Schlafenszeit. Morgen heisst's in aller Fruh den Bock suchen.«
    Graf Egge nickte und wollte die Ziter beiseitestellen. »Aber halt, ich muss
meim Böckerl noch eins singen zur guten Nacht!« Schmunzelnd begann er wieder zu
spielen, zog die Brauen auf und besann sich. Nun sang er:
»Viel Jahr lang hat er mich ghieselt,
Und hat mich gföppelt und gnarrt,
Zletzt war ich halt dengerst der Schläuchre,
Hab 's richtige Stündl derwart!
Und 's richtige Stündl hat gschlagen,
Und 's Büchserl hat sakerisch kracht,
Und 's richtige Kügerl is gflogen -
Mein Böckerl, ich wünsch dir gut Nacht!«
    Mit einem Jauchzer, der einem Hüterbuben Ehre gemacht hätte, schloss Graf
Egge das Spiel. »So! Jetzt legen wir uns schlafen! Herrgott, ich glaub, dass ich
die ganze Nacht von nix anderem träum als von meiner Kruck.«
    Sie erhoben sich, Franzl als der erste. Er spürte die schweren Wege des
Tages in allen Knochen, wünschte seinem Herrn gute Nacht und verliess die Stube.
Mit eingekniffenen Augen sah ihm Schipper nach und lächelte.
    Kaum hatte Franzl hinter sich die Tür geschlossen, so hörte er Schipper mit
lauter Stimme sagen: »Heut muss er müd sein, der Franzl! Er hat sich verteufelt
plagt. Und gut hat er's gmacht, dös muss ich selber sagen. Da müssen S' ihm
morgen schon die Ehre lassen, Herr Graf, dass er den Bock aufhebt und die Krucken
bringt.«
    »Ja, heut bin ich zufrieden mit ihm. Heut war er sein ganzer Vater.«
    Franzl fühlte, wie ihm das Blut in die Wangen stieg. Er hätte sich für die
schwere Mühe des Tages keinen besseren Dank gewünscht als diese Worte seines
Jagdherrn. Und dass auch Schipper einmal gut von ihm redete und ihm die verdiente
Jägerehre gönnte, das freute ihn doppelt. Schipper hatte sich nicht immer als
sein Freund erwiesen und hatte ihm bei Graf Egge schon manche bittere Suppe
eingebrockt. Weshalb? Das hatte Franzl sich nie erklären können. Einmal war er
hart mit Schipper aneinander geraten, und damals hatte ihn aus diesen grauen,
kalten Augen etwas angeblickt, das ihn betroffen machte. Aber weshalb sollte
Schipper ihn hassen? Franzls ehrliche Natur wehrte sich gegen einen solchen
Gedanken. Und so blieb ihm für Schippers ungute Art nur die eine Erklärung: Ich
bin der jüngere, und er fürchtete, dass ich ihn einmal von seinem Platz
verdrängen könnte, wie er selbst vor einigen Jahren den alten Moser aus seiner
Stellung hinausgedrückt hatte. Aber Graf Egges Büchsenspanner zu werden, war
Franzls letzter Ehrgeiz. Er war zu sehr mit Leib und Seele Jäger, um Sehnsucht
nach dem »Stubendienst« zu empfinden, der bei Graf Egge seine »bösen Mucken«
hatte. Er hing mit seinem ganzen Herzen an Wald und Bergen, am freien Wandern
und Steigen. Vielleicht hatte Schipper nun endlich eingesehen, dass er in dem
jüngeren Kameraden keinen Nebenbuhler zu fürchten hatte. So meinte Franzl.
Anders wusste er sich die anerkennenden Worte Schippers, die er soeben gehört
hatte, nicht zu erklären.
    Ihm war bei diesem Gedanken, als fiele ihm ein Gewicht von der Seele. Dieser
schleichende Zwist hatte ihm oft die Freude an seinem Berufe vergällt, ihm
Verdruss und Sorgen in Fülle bereitet. Das war nun zu Ende, und freundlicherer
Zeiten mussten kommen. Aufatmend trat er ins Freie, um vor dem Schlafengehen noch
einen Trunk frischen Wassers zu nehmen. Friedliche Nachtstille lag um die Hütte
her. Der Mond war hinter die Berge gesunken, und zahllos funkelten die Sterne am
stahlblauen Himmel. Als Franzl vom Brunnen zurückkehrte, sah er eine
Sternschnuppe mit langem Feuerschweif durch die Luft sausen und in Funken
zerstieben. Er stammelte ein paar Worte, noch ehe die Erscheinung erlosch. Dann
lachte er »Sakra, Mali, jetzt hab ich mir aber was Schöns gwunschen!« Er trat in
die Hütte und stieg in glücklicher Stimmung über die Leiter zum Heuboden hinauf.
Behaglich streckte er die müden Glieder in das weiche Heu.
    Als drunten die Tür ging, schlummerte Franzl schon so fest, dass er auch
nicht erwachte, als Schipper sich an seiner Seite ins Heu warf.
    Stille Stunden verrannen.
    Schipper, der einen Schlaf hatte wie eine Katze, wurde mehrmals wach. Es
ging schon gegen Morgen, als er aus der Stube des Grafen herauf ein Geräusch
vernahm. Lautlos erhob er sich und glitt über die Leiter hinunter. Eine halbe
Stunde später rasselte in der Küche der Wecker, und Franzl erwachte. »He,
Schipper, auf, der Wecker is gangen!« Als er keine Antwort hörte, griff er nach
rechts und links ins Heu. »Wo bist denn, Schipper?« Erschrocken sprang er auf.
»Um Gotts willen! Ich kann doch net verschlafen haben?« Ein Blick auf die
Fensterluke beruhigte ihn; draussen graute kaum der Tag. Er griff nach seiner
Joppe und stieg in die Küche hinunter, auf deren Herd ein kleines Feuer
flackerte. Schipper kam aus der Grafenstube, ein Leintuch in der Hand.
    »Was is denn?« fragte Franzl.
    Schipper drückte das Leintuch in eine irdene Schüssel und stellte sie über
das Feuer. »Heut hat er an schiechen Hamur. In der Nacht hat ihm träumt, dass er
den Bock net kriegt. Und wie er aufwacht, is ihm der ganze Fuss steif gwesen.
Mach nur, dass d' weiter kommst, und schau, dass der Bock bald da is! Da wird ihm
gleich wieder besser. Ich muss ihm warme Tücher machen und muss ihm den Haxen
frottieren. Mir scheint, 's Zipperl fangt wieder an.«
    »Mein Gott, der arme Herr!« Franzl rannte zum Brunnen, um sich zu waschen.
Er dachte nicht an das Frühstück und war mit Büchs und Bergstock schon
davongerannt, noch ehe das Tuch in der Schüssel warm wurde.
    Als er den Platz erreichte, auf dem Graf Egge geschossen hatte, begann der
helle Tag. Der Wand zu Füssen fand er über dem groben Geröll die roten Spuren auf
drei getrennten Stellen. Kopfschüttelnd betrachtete er die Schweissfährten, die
ihm unerklärlich waren. Er grübelte nicht lange, sondern begann über den Wechsel
anzusteigen. Nach langem Suchen fand er in der Steinrinne den Platz, wo der
kapitale Bock im Augenblick des Schusses gestanden hatte. Abgeschossenes Haar
und noch feuchter Schweiss bezeichnete die Stelle. Franzl atmete erleichtert auf;
die lichte Farbe des mit kleinen Bläschen durchsetzten Schweisses verriet den
tödlichen Lungenschuss. Ruhig stieg Franzl weiter; er konnte den Weg, den das
Wild genommen, nicht verfehlen; zur Linken war der Absturz, zur Rechten die
glatte Wand; auch machte es ihm keine Sorge, als schon nach kurzer Strecke die
Schweissfährte zu Ende ging - der Bock musste wenige Minuten nach dem Schuss
verendet sein und konnte keine hundert Sprünge mehr gemacht haben.
    Franzl stieg und stieg, kam von Rinne zu Rinne, von einer Scharte zur
andern. Nichts. Befremdet stieg er zurück, begann wieder von Anfang an zu spüren
und spähte bei jedem Schritt hinunter auf das offene Kiesfeld, auf dem er das
Wild, wenn es vom Wechsel in die Tiefe gestürzt wäre, sofort hätte entdecken
müssen.
    Zwei volle Stunden waren ihm bei nutzloser Arbeit vergangen, als er den
Grafen mit Schipper, der den Hund an der Leine führte, durch die Latschen gegen
die Felswand steigen sah.
    Schon von weitem schrie Graf Egge: »Hornegger? Was is denn?«
    Und Franzl, mit vor Aufregung heiserer Stimme, rief aus der Wand herunter:
»Da kenn ich mich nimmer aus, Herr Graf! Der schönste Lungenschweiss, aber weit
und breit kein Bock net!«
    »Was! Ah, das wär net übel! Mir scheint, da muss ich selber nauf!« Graf Egge
legte die Büchse ab und zappelte über das Geröll empor, als wären plötzlich alle
Schmerzen in seinem Knie geschwunden.
    Schipper lief ihm nach und fasste seinen Arm. »Aber Herr Graf! Was machen S'
denn! Sie! Und da naufsteigen! Mit Ihrem Fuss!«
    »Lass aus! Fuss hin oder her, es gibt keine Wand, in die ich um so einen Bock
net naufsteig. Wenn der junge Lapp da droben den Verstand verliert, muss ich
selber suchen. Lass aus!« Graf Egge riss sich los und begann erregt über den
Wechsel emporzuklimmen. Schweigend folgte ihm Schipper mit dem Hund.
    Droben in der Steinrinne trafen sie mit Franzl zusammen. Ohne auf ihn zu
hören, liess Graf Egge sich vor der Rotfährte aufs Knie, musterte den Schweiss und
jedes abgeschossene Haar. Als er sich aufrichtete, nickte er beruhigt. »Der Bock
muss liegen. Schipper! Lass den Hund aus!«
    »Aber Herr Graf!« mahnte Franzl. »In er Wand lasst man doch kein Hund aus!
Der Hund is hitzig. Wenn er abfallt?«
    An Graf Egges Schläfen schwollen die Adern. »Lass den Hund aus!« Er trat zur
Seite, um Platz für Schipper zu machen, der den Hund auf die Rotfährte setzte
und die Leine löste.
    Winselnd nahm Hirschmann die Fährte an und verschwand hinter der Scharte.
Franzl wollte folgen, aber Graf Egge schrie ihn an: »Lass mich voraus!« Sie
stiegen zur Scharte hinauf, Schipper als der letzte. Als der Wechsel eben wurde,
sahen sie den Hund wieder zurückkommen, mit suchender Nase. Das war ein gutes
Zeichen, und Graf Egge lachte: »Natürlich! Der Bock liegt drunten. Und dort muss
er abgefallen sein.« Er deutete auf den Hund, der bei einer vorspringenden
Steinplatte hielt und die Nase winselnd über den Fels hinausstreckte. In
fieberndem Eifer, kläffend und mit trippelnden Füssen suchte der Hund einen Weg
in die Tiefe.
    »Packen S' den Hirschmann, Herr Graf!« schrie Franzl. Im gleichen Augenblick
verlor der Hund auf der abschüssigen Platte den Halt; er versuchte noch einen
Sprung, überschlug sich und stürzte in die Tiefe. Man hörte einen dumpfen
Klatsch. Franzl wurde dunkelrot im Gesicht, doch er schwieg.
    »Dös macht ihm nix!« meinte Schipper. »Es ist net hoch nunter.«
    Da hörten sei ein Winseln des Hundes, dann seinen hellen Standlaut.
    »Er hat den Bock!« rief Graf Egge. »Nur hinunter jetzt, hinunter!«
    Schipper klomm in ungestümer Hast über die Scharte; Franzl wollte ihm
folgen, doch Graf Egge rief ihn zurück - beim Abstieg versagte ihm der
schmerzende Fuss, und er brauchte einen Helfer. Während die beiden durch die
Steinrinne langsam niederstiegen, erreichte Schipper den Latschenbusch, in
welchem Hirschmann an der starren Wildleiche zauste. Mit einem Faustschlag trieb
Schipper den Hund zurück, fasste einen Steinbrocken und rieb damit die zerhackte
Hirnschale des Bockes, dass sie frisch zu schweissen begann.
    Schwer atmend trat Graf Egge, von Franzl gestützt, aus der Steinrinne auf
den kiesigen Hang heraus. Da hörte er hinter der Biegung der Felswand die
erschrockene Stimme seines Büchsenspanners: »Mar' und Josef!«
    Diese Worte liessen nichts Gutes ahnen. »Schipper?« Als keine Antwort kam,
setzte Graf Egge sich in Trab. »Herrgott, der Bock wird sich doch die Kruck net
abgfallen haben!«
    »Ja, Herr Graf, mit der Kruck is was passiert!« klang die Stimme Schippers.
    Stolpernd rannte Graf Egge über das Geröll; als er die Biegung der Felswand
erreichte, sah er Schipper auf dem Kieshang stehen, und hinter dem Jäger lag der
Bock. »Aber so red doch! Was is denn?«
    Scheu zog Schipper den Hut, mit einer Trauermiene, als hätte er einem
Leichenbegängnis beizuwohnen, und seine Stimme zitterte: »Ich trau mir's gar net
sagen, Herr Graf! Dem Bock is mit'm Messer die Kruck abgschlagen.«
    Graf Egge rührte nur die Lippen, doch er brachte kein Wort heraus; sein
Gesicht war weiss wie Kalk geworden, und auf der fahlen Stirn sah man die Stelle
der geschwundenen Beule als einen blaugrünen Fleck. Auch Franzl hatte vor
Schreck die Sprache verloren. Wortlos standen sie alle drei um den Bock herum
und guckten die frisch blutende Stirnhöhle an.
    Endlich sagte Schipper: »Da droben in der Latschen is er glegen. Da hat der
Franzl vom Wechsel aus net hinsehen können. Und gelt, Franzl, vom Wechsel bist
ja net wegkommen?«
    »Ich? Kein Schritt!«
    »Freilich, es hätt auch net viel gholfen. Der Hund hat ja rein auf den Bock
auffifallen müssen, dass er ihn findt. Aber gelten S', Herr Graf, gelten S',
hätten S' mir gfolgt gestern abend, und hätten wir den Bock gleich gsucht.
Vielleicht wär er zum ausmachen gwesen, und 's Malör wär net gschehen. Weil S'
aber auch gar nie folgen wollen und allweil 's eiserne Köpfl aufsetzen. Ich kann
mir's gar net anders denken: einer von die Hüterbuben muss der ganzen Jagd
zugschaut haben -«
    »Aber geh,« fiel Franzl ein, »die Hüter sind ordentliche Leut.«
    Schipper verlor die Ruhe. »Es muss aber doch einer gwesen sein! Wo is denn
die Kruck? Wer hat s' denn davon? Der Lump, der gottvergessene, hat von weitem
den angschossenen Bock in der Wand drin gsehen. Und kaum sind wir in der Hütten
gwesen, is der her, der Tropf, und hat schön heimlich gwart, bis der Bock
abigfalln is.«
    »Du Schafskopf! Bist du blind?« Das war hochdeutsch; Graf Egges Lippen
zitterten vor Wut, und seine Augen funkelten. »So sieh doch her! Die Schale
schweisst noch, und der Schnitt ist frisch.«
    Betroffen beugte sich Schipper über den Bock. »Meiner Seel!« Blitzschnell
glitten seine Augen an Franzl hinauf, und Graf Egge gewahrte diesen Blick. »Dös
hab ich vor lauter Schreck net beobacht! Da kann ja 's Malör erst heut in der
Fruh gschehen sein?« Wieder hefteten sich seine kalten grauen Augen auf den
Kameraden.
    Franzls Gesicht verlor unter diesem Blick alle Farbe. »Aber Schipper, wie
kannst denn so was reden! Wie's Tag worden is, bin ich ja schon dagwesen, und
unter meine Augen hat's doch wahrhaftiger Gott net gschehen können!«
    Ratlos hob Schipper die Arme und liess sie wieder fallen. »Da hat der Franzl
wieder recht. Ich weiss nimmer, was ich denken soll.«
    Graf Egge hielt die Augen auf Franzl geheftet und fragte mit schmalen
Lippen: »Hornegger? Was hast du? Ist dir übel? Du siehst aus wie ein
Gestorbener?«
    »Aber Herr Graf! Man wird mir halt aussen anmerken, wie mir inwendig z'mut
is.« Franzl würgte mühsam jedes Wort hervor. »Ich weiss doch, was Ihnen die
Krucken gilt. Und ich bin ausser Rand und Band, ich spür kein Tropfen Blut
nimmer.« Die Stimme erlosch ihm.
    »Dös is doch begreiflich,« nickte Schipper, »mir selber is gradso, in jedem
Augenblick siedheiss und wieder eiskalt. Um Gotts willen, Herr Graf, was machen
wir denn?«
    »Macht, was ihr wollt!« Graf Egge ging mit wankendem Knie auf einen
Felsblock zu und liess sich nieder. »Hier sitze ich und stehe nicht wieder auf,
eh ich nicht die Kruck in meiner Hand habe. Macht, was ihr wollt! Die Kruck muss
her!« Zwei rote Flecken brannten auf seinen Wangen. »Und wenn ich umsonst warte,
seid ihr um euren Dienst! Alle beide!«
    Schipper erbleichte. »Aber Herr Graf, was kann denn ich dafür?«
    Franzl hatte kein Ohr für den merkwürdigen Nachdruck, mit welchem Schipper
das »ich« betonte. Er legte die Hand begütigend auf den Arm seines Kameraden.
»Geh, der Herr Graf meint's net so. Es redt halt der grechte Unmut aus ihm raus.
Wer die Krucken gsehen hat, wie ich gestern beim Treiben, der begreift am End
alles. So was soll man verlieren müssen!« Langsam wandte Graf Egge das Gesicht,
als er diese Worte hörte, und musterte forschend den jungen Jäger vom Kopf bis
zu den Füssen. »Komm, Schipper, mit'm Jammer is nix gholfen. Jetzt müssen wir uns
rühren. Heut in der Fruh kann's net gschehen sein, entweder gestern spät am
Abend oder heut in der Nacht. Spring du zur Mitterkaseralm abi, ich lauf zur
Hochalm ummi. Von die Hüterbuben war's keiner, da leg ich d' Hand ins Feuer.
Aber es kann ja sein, dass d' Sennleut auf'n Abend an verdächtigen Kerl gwahrt
haben. Probieren wir's halt.« Franzl griff nach seiner Büchse und sprang in die
Latschen.
    Schipper stand unschlüssig; sein graues Gesicht hatte einen Stich ins Grüne;
endlich wandte er sich und ging ohne Büchse davon. Mit schlagenden Armen kämpfte
er sich durch die wirren Büsche, und als er ausser Hörweite seines Herrn war,
fluchte er leise vor sich hin: »Himmel Sakrament, die Gschicht geht schief!«
    Da hörte er einen gellenden Jauchzer, dann Franzls jubelnde Stimme: »Herr
Graf! Herr Graf! Die Kruck! Ich hab die Krucken gfunden!«
    Schipper stand wie versteinert, während droben bei der Wand die vor Erregung
heisere Stimme seines Herrn klang: »Her damit! Her damit!«
    Schipper rannte durch die Latschen zurück, und als er den offenen Kieshang
erreichte, sah er Franzl, das schwarze Krickel in der erhobenen Hand, über das
Geröll hinaufstürmen. Nun versuchte auch er einen Jauchzer und schlug die Hände
über dem Kopf zusammen. »Meiner Seel, es is wahr! Ja weil nur die Kruck da is!
Gott sei Lob und Dank!«
    Als Franzl seinem Herrn das Krickel reichte, war er so atemlos, dass er kein
Wort herausbrachte. Aber seine Augen leuchteten, und unter schnappenden
Atemzügen lachte sein ganzes Gesicht.
    Mit zuckender Hand hatte Graf Egge das Krickel erfasst; die Freude trieb ihm
das Blut in die Stirn, und seine Augen hingen an dem Gehörn wie an einem
unbezahlbaren Schatz. »Herrgott und alle Heiligen, ist das eine Kruck! Über
tausend hab ich drunten hängen. Keine zweite wie die!« Mit zitternden Fingern
mass er die Spannenlänge des Gehörns; dann hastig, als hätte er einen neuen
Verlust zu befürchten, schob er das Krickel unter die Joppe und schloss die
Knöpfe. Suchend blickte er umher: »Wo ist der Hund?«
    »Hirschmann! Hirschmann!« kreischte Schipper und pfiff durch die Finger. Der
Hund blieb verschwunden. »Entweder is er durch und jagt, oder er is heim in d'
Hütten. D' Hauptsach is, dass die Kruck da is!«
    Endlich vermochte Franzl zu sprechen. »Gott sei Dank! Ich hab glaubt, ich
muss aus der Haut fahren vor lauter Freud, wie ich durch d' Latschen durchspring,
und es blitzt mir auf einmal die Kruck ins Gesicht - einghakelt in an Astl, wie
mit der Hand dran hinghängt! Jetzt soll mir a Mensch sagen, wie die Kruck da
eini kommt in d' Latschen!«
    »Ich glaub schier, dös begreif ich!« lachte Schipper. »Der Lump, der
miserablig, wird 's Kurasch net ghabt haben, dass er die Kruck mit in d'
Sennhütten nimmt. So hat er s' in d' Latschen einighängt und hat sich denkt, er
holt s' wieder, wann der erste Spektakel vorbei is! So a Wunder! Dass grad der
Franzl die Krucken gfunden hat! Dös is schon merkwürdig.«
    Mit langsamen Augen betrachtete Graf Egge die beiden Jäger und sagte kalt:
»Ja, das ist wirklich merkwürdig!« Er wandte sich ab und stieg über das Geröll
hinunter.
    Erschrocken sah Franzl ihm nach. Schipper schüttelte den Kopf und sagte.
»Franzl? Was is denn dös? Der Herr Graf wird doch um Gottes willen net glauben,
dass du ...« Er sprach nicht aus, was er sagen wollte; aber es stand in seinen
Augen zu lesen.
    Franzl erblasste. Mit heiserem Laut warf er die Büchse auf das Geröll, sprang
auf Schipper zu und schlug ihm die Fäuste um die Kehle. »Du! Dös Wort nimm
zruck!«
    »Schipper!« klang die scharfe Stimme Graf Egges von den Latschen her. Franzl
liess die Arme sinken und taumelte. »Schipper! Her zu mir! Und du, Hornegger,
mach deinen Dienst!«
    Einen brennenden Blick des Hasses warf Schipper auf seinen Kameraden, dann
ging er mit aschfahlem Gesicht auf seinen Herrn zu und sagte ruhig: »Ich bitt,
Herr Graf, was soll mit dem Bock gschehen?«
    Graf Egge machte eine heftig abweisende Geste mit der Hand. »Lass ihn liegen!
Heut kommen die Treiber. Sie sollen den Bock unter sich aufteilen, ich will kein
Haar mehr von ihm sehen.« Er griff an die Joppe, unter der er das Krickel
verwahrt trug, und suchte den Heimweg zur Hütte.
    Schipper holte die beiden Gewehre und folgte seinem Herrn. »Ich bitt, Herr
Graf, Sie haben's ja selber gsehen - und jetzt muss ich schon sagen: dös tut kein
gut mehr mit'm Franzl und mir! Wir zwei können von heut an nebenanander nimmer
bleiben. Entweder -«
    Da wandte sich der Graf und brüllte: »Halte dein Maul!«
    Nicht diese Worte machten den Jäger verstummen, sondern der drohende Zorn,
der ihm aus den Augen seines Herrn entgegenbljetzte. Schweigend schritt er hinter
dem Grafen her, die eine Büchse auf dem Rücken, die andere über der Brust. Die
Hände krampfte er um den Bergstock, dass die Finger weiss wurden, nagte an der
farblosen Lippe und blies den Atem durch die Nase. Als er sah, dass Graf Egge mit
dem rechten Fuss immer vorsichtiger aufzutreten begann, kniff er die Augen ein
und lächelte boshaft vor sich hin.
 
                                       10
Graf Egge und Schipper waren schon längst in den Latschen verschwunden, und noch
immer stand Franzl auf dem gleichen Fleck, totenbleich, an allen Gliedern
zitternd. Verstört betrachtete er die starre Wildleiche, aus deren zerhacktem
Haupt die blutumronnenen Augäpfel hervordrangen; dann hob er die Büchse vom
Geröll und fasste den Bergstock. Kaum hatte er sich durch die ersten Büsche
gewunden, da hörte er ein leises Winseln und fand im Schatten einer Latsche den
Schweisshund, der an einer blutenden Schenkelwunde leckte. »Richtig, jetzt hat
dös arme Hundl auch sein Treff dabei kriegen müssen!« Der Zorn ballte ihm die
Fäuste. »Dös is ja nimmer Jagd, dös is ja Metzgerei!«
    Der Hund hatte den Kopf gehoben. Franzl liess sich nieder und wollte die
Verletzung untersuchen; da schnappte der Hund nach seiner Hand, doch e biss
nicht, sondern hielt nur mit den Zähnen die Finger des Jägers fest. Franzl zog
die Hand nicht zurück und streichelte mit der anderen den Kopf und Nacken des
Hundes. »Aber Hirschmanndl, geh, wie magst denn schnappen nach mir! Schau,
Alterl, wir zwei, wir sind heut gleich schlecht wegkommen, du und ich!« Da gab
Hirschmann die Hand des Jägers frei und schüttelte die Ohren. Willig liess er an
seine Wunde rühren und stiess nur, wenn die fühlenden Hände seine Schmerzen
mehrten, die Nase winselnd an den Arm des Jägers. Die Wunde war tief gerissen
und zog sich über den ganzen Schenkel. Mit dieser Verletzung hatte der Hund noch
seine Pflicht erfüllt und das tote Wild verbellt. Zärtlich kraulte Franzl ihm
die Ohren. »Ja, Hirschmanndl, hast schon recht! Man muss oft Unrecht leiden. Aber
sei' Sach muss man in Ordnung machen, sonst is man um kein Granl besser als die
andern!« Er nahm den Hund auf die Arme und tat ein paar Schritte, als wollte er
den Weg zur Jagdhütte suchen. Kopfschüttelnd hielt er inne. »Na! Jetzt net! Ich
könnt mich net zruckhalten. Z'erst muss ich mich auslaufen, dass mir der Zorn
vergeht.« Er schlug den Weg nach der eine halbe Stunde entfernten Hochalm ein.
    Unter dem Gewicht des Hundes waren ihm die Arme steif geworden, als er die
Hütte erreichte. In der Kammer wurde Hirschmann auf den Kreister gebettet, und
die Sennerin brachte dem Jäger, was er nötig hatte, um die Wunde zu vernähen und
ein Heftpflaster aufzulegen. Während Franzl schor und nähte und kleisterte,
hielt die Sennerin unter endlosem Geschwatz den Kopf des Hundes fest. Zum Schluss
der nicht sonderlich kunstvollen Operation wurde die Aussenseite des Pflasters
noch mit Pfeffer eingerieben. Das hatte seinen Zweck; denn kaum war Hirschmann
aus den Händen der Sennerin erlöst, da wollte er sein gewohntes,
schmerzstillendes Heilmittel versuchen und an der Wunde lecken; die Sache hatte
ihre Bitternis; verdrossen schüttelte er den Kopf und schlenkerte die brennende
Zunge. Das war drollig anzusehen; die Sennerin kreischte vor Vergnügen, und
sogar Franzl brachte ein müdes Lächeln zuwege. Er streichelte den Hund, reichte
der Sennerin die Hand und ging. Winselnd hob Hirschmann den Kopf, als er den
Jäger verschwinden sah. Vor der Hütte nahm Franzl seine Büchse von der Bank und
gewahrte mit Schreck den Schaden, den sie gelitten hatte, als er sie auf das
Geröll geworfen. Ein echter Jäger, pflegte er seine Waffe in tadellosem Zustand
zu halten. Und wie sah sie nun aus! Der polierte schafft von splitterigen Rissen
durchzogen, die sonst so spiegelblanken Läufe fleckig und zerkratzt, und von
einem der beiden Hähne war der Hammer abgebrochen. »Der Hund, mein Büchsl und
ich! Gut schauen wir aus alle miteinander!«
    Über die offenen Almen schritt er dem Bergwald zu. Stunde um Stunde rannte
er umher, von dem unklaren Wirrsal seiner Gedanken und seines Zornes erfüllt,
und tat mechanisch seinen Dienst. Alle Hauptwechsel des Rotwildes besuchte er,
alle Salzlecken und Suhlen, zählte die Fährten der jagdbaren Hirsche und
kritzelte die Zahlen in sein Taschenbuch. Als die Sonne über Mittag stand,
begann er durch den Bergwald wieder emporzusteigen gegen die kahlen Wände, um
mit der Schattenzeit die Gemsreviere zu erreichen. Ehe der Wald ein Ende nahm,
wollte er eine Weile rasten. Neben dem Steig, der zu den Mitterkaseralmen
führte, liess er sich auf einen vom Sturm geworfenen Baumstamm nieder. Als sein
müder Körper ruhte, suchte er auch das Gewirbel in seinem Kopf zur Ruhe zu
bringen und begann die Ereignisse des verwichenen Abends und der Morgenstunden
zu überdenken.
    Das Ergebnis dieser Gedanken mehrte nur seine Unruhe. Er war gewiss so
unschuldig wie der lichte Tag. Aber er fühlte: eine Reihe von Zufällen sprach
wider ihn, und er wusste, wie misstrauisch Graf Egge in allen Dingen war, welche
die Jagd betrafen. Dass der ungerechte Verdacht seine Stellung bedrohte, daran
dachte er nicht. Er fühlte nur den brennenden Makel, der auf seine Jägerehre
gefallen war. Und die selten schöne Krucke wog ja auch schweres Geld - das war
wie versuchter Diebstahl! Er griff sich mit beiden Händen an die glühende Stirn.
»Herrgott im Himmel! Was tu ich denn?«
    Wieder begann er zu grübeln. Er sagte sich: Hat Graf Egge diesen Verdacht
einmal empfunden, so wird er ihn auch nicht eher wieder aufgeben, ehe nicht der
Täter gefunden ist. Franzl presste das Gesicht in die Hände. Tag um Tag nun
sollte er umherlaufen mit diesem drückenden Gewicht auf seiner Brust, keinen
Blick mehr sollte er zu dem Gesicht seines Herrn erheben dürfen, ohne fühlen zu
müssen, dass der andere im stillen denkt: Du bist ein Dieb! Er musste den Menschen
ausfindig machen, der es getan! Aber wie? Es war ihm schon völlig unerklärlich,
wann der Diebstahl begangen wurde, und weshalb das Gehörn in den Latschen hing.
Die Erklärung, die Schipper so flink bei der Hand gehabt hatte, war leeres
Geschwätz. - Schipper? - Schipper? - Franzl brachte seine Gedanken nicht mehr
los von diesem Namen. Aber was ihm wider Willen durch die Sinne fuhr, erfüllte
ihn mit Ingrimm gegen sich selbst. »Ich muss a schlechter Kerl sein, weil ich dem
Kameraden zutrauen kann, was ich von mir selber abwehren will.«
    Schon wollte er sich erheben, als von rückwärts zwei warme Hände seine Augen
umschlossen. Franzl meinte, das könnte nur die Sennerin vom Mitterkaser sein,
doch er war nicht aufgelegt zum Raten. Unwillig befreite er seinen Kopf. Als er
die Augen hob, versagte ihm vor freudigem Schreck beinah die Stimme.
    »Mali!«
    Lachend liess das Mädel sich neben dem Jäger nieder. »Gelt! Da schaust?«
    Er wusste sich kaum zu fassen. »Wie kommst denn du auf amal daher?«
    »Vom Mitterkaser komm ich.« Sie zog das weisse Tuch vom Kopf, das sie zum
Schutz gegen die Sonne umgebunden hatte. »Heut in der Fruh - mein Bruder is
schon fort gwesen in der Holzarbeit, gar net weit da drunten hat er sein Schlag
- heut in der Fruh kommt unser alte Nachbarin ummi zu mir und jammert, sie hätt
ghört, dass ihr Madl im Mitterkaser droben verkrankt wär.«
    »D' Sennerin?«
    »Ja. Und d' Nachbarin is ganz ausanand gwesen vor lauter Sorg. Hab ich halt
gsagt: Tu mir aufpassen auf meine Kinder, so spring ich nauf und bring dir
Botschaft.« Mali lachte. »'s Madl is schon wieder kreuzfidel. A paar Tag hat's
Magenweh ghabt. Ich glaub, sie hat am letzten Fasttag z'viel Schmelznudeln
verschluckt.«
    »Unser Herrgott soll ihr die nächste Schüssel gut anschlagen lassen! Dös hat
d' Sennerin verdient um mich. Lieber hättst mir in keiner Stund in Weg laufen
können als heut. Da muss sich der Herrgott rein denkt haben: Heut braucht er an
Trost!«
    Schon der Klang seiner Stimme hatte sie befremdet, und als sie sah, wie blass
er war, erschrak sie. »Ums Himmels willen, was is denn?«
    Er atmete schwer. »So Sachen halt, weisst - ich kann net reden davon.«
    »Ah, da schau!« Energisch fasste Mali seinen Arm. »Ein' z'erst erschrecken
bis in d' Seel und nachher den Heimlichen spielen! Ich bin dei' alte Kamerädin.
Jetzt redst auf der Stell!«
    Franzl schüttelte den Kopf.
    »Pass auf, Franzl!« Mali schob ihren Arm unter den seinen. »Bsinnst dich noch
auf den selbigen Tag, wo wir als Kinder miteinand gut Freund worden sind? Weisst
es nimmer, wie ich hinter der Hecken gsessen bin und gweint hab? Und wie mir d'
Handln niederzogen hast, und ich hab's kaum rausbracht, dass mir der Nachbarbub
mein Dockerl1 genommen und die Zöpf halb ausgrissen hat. Kein Wörtl hast gsagt
und bist davon. Und bist neben meiner wieder aussigschloffen aus der Hecken, 's
Gwand zerrissen und käsweiss im Gsicht. Und mein Dockerl hast in der Hand ghalten
und hast mich anglacht: Du! Den hab ich fest verdroschen! Freilich, 's Dockerl
hat kein Kopf nimmer ghabt.«
    Franzl nickte. »Den hat er abigrissen in der Wut, wie er gmerkt hat, dass er
die Docken wieder hergeben muss!«
    »Und weisst noch, wie dich hingsetzt hast neben meiner? Und dass ich nimmer
weinen soll, hast den ganzen Sack voll Haselnussen vor mir ausgleert. Und alle
harten hast mir aufbissen.« Herzlich rüttelte Mali seinen Arm. »Und schau, heut
hab ich dich hinter der Hecken gfunden. Sei gscheit und sag mir alles! Und
wenn's von alle Nussen die härteste wär - Franzl, ich hilf dir beissen.«
    Da konnte er nimmer schweigen. Mit jagenden Worten begann er die Geschichte
der verwichenen Stunden zu erzählen. Er schalt und jammerte nicht. Aber die
Kränkung, die er an seiner Ehre erfahren, redete aus seinen Augen. Schweigend
lauschte Mali. Als er erzählte, wie Schipper den Verdacht gegen ihn
ausgesprochen, fuhr es ihr in Zorn heraus: »So was von Kamerad! Respekt! Und
Schipper heisst er?« Sie grübelte vor sich hin, als würde eine Erinnerung in ihr
lebendig. »Schipper? Is dös a Verwandter vom selbigen Schipper, der früher
Holzknecht gwesen is?«
    »Es is der nämliche.«
    »Und der is Jager jetzt? - No, da dank ich! Da hast an noblen Kameraden!
Ganz gut bsinn ich mich drauf, dass der Vater selig allweil schelten hat müssen
auf'n Bruder, weil er Freundschaft mit'm Schipper ghalten hat, der ihn zu alle
Lumpereien hätt verführen mögen. Wenn der deinige der nämlich is, nachher glaub
ich schon gleich, dass er die Krucken selber gstohlen hat.«
    Franzl wehrte erschrocken: »Na, Mali, so was därfst net sagen!«
    »Sei's, wie's mag. Du bist unschuldig. Und so an Verdacht darfst net auf dir
sitzen lassen!« Malis Augen blitzten. »Da brauchst den Gauner net erst ausfindig
machen. Wer Augen hat wie du, braucht kein andern Beweis als sein ehrlichs
Gsicht! Jetzt machst in Ordnung dein Dienst. Und auf'n Abend stellst dich hin
vor dein Grafen und sagst ihm alles ins Gsicht, gradso, wie du's mir gsagt hast,
und gradso, wie mich, so schaust ihn an mit deine Augen. Da muss er dir glauben.
Und jetzt halt dich nimmer auf! Und meintwegen sollst nix versäumen im Dienst.«
Sie hob die Büchse hinter dem Baum hervor und reichte sie dem Jäger. »Da hast
dei' Kugelspritzen! Was wir gredt haben, bleibt unter uns. Und jetz mach weiter!
Bhüt dich Gott!«
    Mit der Büchse hatte Franzl auch Malis Hand gefasst. »Ganz aufgricht hast
mich wieder. Vergeltsgott tausendmal!«
    Die Hände der beiden lagen eine Weile ineinander. Dann fragte da Mädel: »Du,
Franzl?«
    »Was?«
    »Hast vielleicht du mit meim Bruder auch was ghabt? An Streit oder so was?«
    »Ich? Gott bewahr! Warum fragst denn?«
    Sie schien verlegen zu werden. »No weisst, weil er gestern so ungut zu dir
gwesen is.«
    »Haben halt d' Sorgen aus ihm rausgredt. Was macht denn 's Netterl?«
    »D' Nacht heut is gut gwesen. Mit Gotteshilf wird sich 's Kindl doch wieder
in d' Höh machen. Grad recht, dass d' mich dran mahnen tust. Jetzt fang ich aber
's Hupfen an.« Lachend nickte sie dem Jäger zu, und dann hetzte sie flink über
den Steig hinunter.
    Franzl sah ihr nach, bis sie verschwunden war. Dann spähte er durch die leis
rauschenden Wipfel, als möchte er am Himmel die Stelle suchen, an der in der
Nacht die Sternschnuppe erloschen war.
    »Lichtl da droben, du hast net glogen!«
    Er stieg durch den Wald hinauf und erreichte die offenen Almen. Fern am
Waldsaum, in der Tiefe der Almfelder, gewahrte Franzl zwei Männer; er meinte
einen Büchsenlauf blinken zu sehen und zog das Fernrohr auf.
    Schipper war es - mit einem Treiber, der den von Graf Egge am verwichenen
Abend erbeuteten Gemsbock auf dem Rücken trug.
    Kurze Zeit, nachdem der Graf mit seinem Büchsenspanner die Jagdhütte
erreicht hatte, waren die von Franzl bestellten Treiber eingetroffen. Graf Egge
kümmerte sich nicht um ihre Ankunft. Er wanderte in der Stube zwischen den engen
Wänden auf und nieder und rastete nur zuweilen für einige Minuten, um unter
grübelnden Gedanken das Krickel, das mit der blutigen Hirnschale auf dem Tisch
lag, zu betrachten, oder um den rechten Fuss auf einen Stuhl zu heben und mit
beiden Händen das schmerzende Bein zu frottieren. Als Schipper die Tür öffnete,
um nach den Befehlen seines Herrn zu fragen, schrie ihn Graf Egge an: »Ruh will
ich haben!« Mit einem Fusstritt schlug er dem Jäger die Tür vor der Nase zu.
    Wartend, unter leisem Geplauder, sassen die Männer vor der Hütte, während
Schipper in der Küche die Gewehre putzte. Nach zwei Stunden rief Graf Egge den
Rottmeister der Treiber in die Stube: »Heute wird nicht mehr gejagt. Einer von
euch tragt den Bock, der draussen hängt, nach Hubertus hinunter, die andern
sollen machen, was sie wollen. Morgen früh um fünf Uhr seid ihr bei der Hütte.«
Er trat zur Tür. »Schipper! Du machst deinen Dienst! Und das Gams unter der Wand
da drüben soll fort!« Ein Augenzwinkern des Grafen schickte den Rottmeister zur
Stube hinaus. Dann krachte die Tür ins Schloss.
    Mit langem Gesicht stand der Mann in der Küche und fragte flüsternd: »Was
hat er denn heut?«
    »Geht's dich was an?« knurrte Schipper und zeigte ein Gesicht, als hätte er
Galle auf der Zunge. Einige Minuten später war er wegfertig und wanderte mit den
Männern über das Latschenfeld gegen die Wände.
    Graf Egge stand am Fenster und sah ihnen nach, bis sie verschwunden waren.
Dann ging er in die Küche und schürte Feuer an, um die Hirnschale des Krickels
auszukochen. Eine volle Stunde sass er auf dem Herdrand und wandte keinen Blick
von dem sprudelnden Wasser, aus dem die schwarzen Haken des Gehörns
hervorragten. Als sich die Stirnhaut von den Knochen gelöst hatte, schabte er
mit geduldiger Sorgfalt die letzte Muskelfaser von dem weissen Bein und trug das
Krickel in die Sonne, damit die Schale trocknen und bleichen möchte. Die Hände
im Schoss, sass er neben dem Gehörn auf der sonnigen Hüttenbank und musterte immer
wieder mit zärtlich-stolzen Augen die schöne Trophäe. Es währte eine halbe
Stunde, bis in der heissen Sonne die letzte Spur von Feuchtigkeit an der bleichen
Hirnschale verdunstet war. Graf Egge trug das Krickel in die Stube, holte Feder
und Tinte zum Tisch und malte in zierlicher Schrift das Datum der Jagd, die ihm
die seltene Beute beschert hatte, auf das weisse Bein. Während er über die nassen
Schriftzüge blies, um sie rascher trocknen zu machen, betrat ein alter Mann mit
untertänigen Verbeugungen und halb atemlos die Stube - der Postbote. Es war ihm
anzumerken, dass er den weiten, mühseligen Weg vom Dorf herauf mit manchem
Seufzer begleitet hatte. Die Sendung, die er brachte, hatte ihn wohl mit ihrem
Gewicht nicht gedrückt, und dennoch atmete er erleichtert auf, als er das
winzige, mit vierzehntausend Mark bewertete Kistchen in Graf Egges Hände legte.
    »Setz dich! Ich will in deiner Gegenwart nachsehen, ob alles in Ordnung
ist.«
    Graf Egge zog das Messer aus der Lederhose und sprengte den kleinen
Holzdeckel. Eine in Watte gehüllte Schachtel kam zum Vorschein, und als Graf
Egge sie öffnete, flammten seine Augen in Freude. Auf einem mit schwarzem Samt
überzogenen Brettchen waren, in vier Reihen übereinander, ungefasste, in
absonderlichen Formen geschliffene Saphire und Rubinen mit feinen Silberdrähten
angeheftet. Durch das Fenster fiel die Sonne auf die Steine, und das funkelte
und gleisste in schönen Farben. Der Juwelier schien den Geschmack seines Kunden
getroffen zu haben. Zufrieden musterte Graf Egge die Sendung. Rasch überflog er
den Begleitbrief und zählte die Steine mit tippendem Finger. »Stimmt!« Er
unterschrieb den Postschein und reichte ihn dem Boten. »Alles in Ordnung.«
    Der Alte erhob sich. »Bhüt Ihnen Gott, Herr Graf!« Bei der Tür blieb er
zögernd stehen, als wäre die Sache für ihn noch nicht erledigt. Graf Egge hatte
sich schon wieder in die Betrachtung der Steine vertieft. »Ich bitt, Herr Graf,«
fragte der Alte kleinlaut, »haben S' kein Auftrag nunter? Oder sonst was?«
    Ohne aufzublicken, schüttelte Graf Egge den Kopf.
    Verdrossen schlich der Alte davon. Vor der Hütte blieb er stehen und
schielte nach dem Stubenfenster. »Fünf Stund bis da rauf! Da wären a paar Mass
Bier net z'viel gwesen!«
    Als er das Almfeld erreichte, wurde er von Schipper und dem Treiber
überholt, der auf dem Rücken den Bock und in der Hand ein blutfleckiges Bündel
trug, das seinen Anteil an der unter die Treiber verteilten Gemse entielt. Der
alte Postbote vermochte mit den beiden nicht Schritt zu halten und blieb zurück.
    Am Saum des Bergwaldes - hier hatte Franzl aus weiter Ferne das Paar
beobachtet - trennte sich Schipper von seinem Begleiter.
    »So! Und vergiss die Botschaft an Moser net. Er soll die Unterhos für'n
Grafen gleich kaufen und soll dir s' mitgeben.«
    Der Mann folgte dem Steig, und Schipper wandte sich seitwärts in den Wald;
als er allein war, knirschte er einen Fluch durch die Zähne.
    Auf einem stark begangenen Wildwechsel fand er die frische Spur eines
genagelten Schuhes. »Da is er gwesen!« murmelte Schipper und spie auf die
Fährte. Nun folgte er dem Wege, den Franzl genommen hatte; die stille Hoffnung,
die ihn dabei leitete, erfüllte sich nicht; er kam zu keiner Salzlecke, bei der
die Spur jenes anderen Fusses fehlte.
    »Wie gnau er heut sein Dienst gmacht hat! Als hätt er schmecken können, dass
ich ihm nachsteig!«
    Bald erreichte er den zum Mitterkaser führenden Pfad und sah neben einem
gestürzten Baum ein weisses Kopftuch auf der Erde liegen. Er hob es auf, und
während er das Tuch noch in der Hand hatte, klangen Schritte auf dem tieferen
Steig.
    Mali erschien, mit den Augen suchend. Als sie den Jäger sah, blieb sie
betroffen stehen; kaum gewahrte sie den Fund in Schippers Hand, da sprang sie
auf ihn zu und entriss ihm das Tuch. »Her damit! Dös Tüchl ghört mein!«
    »Oho! Bei dir geht's aber gschwind!« Zwinkernd betrachtete Schipper das
Mädel. Das Ergebnis dieser Musterung schien ihm zu behagen. »Wer bist denn du?
Dich kenn ich ja gar net.«
    »Wenn dich d' Neugier gar so plagt, ich bin die Bruckner-Mali.«
    »Waaas? Die Mali? Ah, da legst dich nieder! Seit wann bist denn du wieder
daheim?«
    Die Frage überhörend, liess Mali die Augen mit einem nicht sehr freundlichen
Blick über die Gestalt des Jägers gleiten. Sie verzog den Mund. »Du musst der
Schipper sein?«
    »Freut mich, dass d' mich wiederkennst. Und gut hat dir der Aufentalt bei
der Schwester angschlagen. Bist allweil a saubers Kind gwesen. Als Madl bist
noch säuberer worden.«
    Mali lachte. »Ui jegerl! Komplimenten macht er! Die muss ich dir schon
zruckgeben. Du bist schon selbigsmal a schiecher Kerl gwesen. Jetzt schaust noch
grauslicher aus!« Ohne Gruss ging sie davon.
    Schipper wusste nicht recht, sollte er lachen oder sich ärgern. Er entschloss
sich für das erstere, und je länger er der Davonschreitenden nachblickte, desto
freundlicher wurden seine Augen wieder. »Die is grob. Aber verteufelt sauber.
Hat Holz am Ofen. Für dös Madl könnt ich Dummheiten machen!« Mali verschwand in
der Tiefe des Steiges. Und Schipper kalkulierte unter dünnem Lächeln: »Dem
Bruckner sei' Schwester? Dös trifft sich net schlecht. Mit'm Bruckner könnt man
a Wörtl reden.« Während er weiterschritt, drehte er noch einmal das Gesicht und
blickte schmunzelnd über den Pfad. Durch den Wald herauf hörte er Malis
Bergstock klirren.
    Sie hatte Eile. Häufig kürzte sie die Wendungen des Pfades und nahm ihren
Weg in gerader Richtung talwärts durch den Wald. Als sie das tiefere Gehölz
erreichte, hörte sie über den Berghang her den Hall wuchtiger Axtschläge. Da
drüben arbeitete ihr Bruder. Unschlüssig blieb Mali stehen. Am Morgen hatte sie
den Bruder aufgesucht und ihm versprochen, auf dem Rückweg wiederzukommen. Aber
sie hatte viel Zeit verloren - und das kleine Netterl, meinte sie, würde schon
mit Schmerzen auf sie warten. Die eigentliche Ursache, weshalb sie jetzt, nach
der Begegnung mit Franzl, dem Bruder nicht gern gegenübertrat, wollte sie sich
selbst nicht eingestehen. Damit er wüsste, dass sie bereits auf dem Heimweg wäre,
höhlte sie die Hände um den Mund und schickte einen langgezogenen Ruf in den
Wald.
    Die Axtschläge verstummten, und Bruckner gab Antwort; er hatte die Bedeutung
des Rufes verstanden. Während Mali davoneilte, klangen wieder die Beilhiebe, und
es hallte das Krachen eines stürzenden Baumes durch den weiten Bergwald.
    Bruckner arbeitete, bis der Abend zu dämmern begann; dann machte auch er
sich auf den Heimweg. Die Joppe um die Schultern tragend, die Axt mit dem Eisen
in die Armbeuge eingehenkt, wanderte er zwischen den Bäumen. Der weiche
Moosgrund dämpfte den Hall seiner Schritte.
    Plötzlich stand er wie angewurzelt. Er hatte einen Hirsch gewahrt, der aus
der Tiefe des Waldes emporgestiegen kam und die Almen suchte. Bruckners Hände
begannen zu zittern, während er, an einen Baum gedrückt, mit funkelnden Augen
jede Bewegung des Wildes verfolgte. Der Hirsch merkte die Nähe des Menschen
nicht und zog in sorgloser Ruhe zwischen den Bäumen aufwärts, bald hier ein
Kraut, bald dort ein paar Gräser von der Erde zupfend. Weissblinkend hoben sich
die Spitzen des stattlichen Kronengeweihs vom finsteren Grün des abendlichen
Waldes ab. Immer näher kam der Hirsch dem Baum, hinter welchem Bruckner stand;
der Bauer fasste mit langsam gleitender Hand den Stiel der Axt. Nun stand das
Wild vor ihm, kaum zehn Schritt weit. In jähem Schwung holte Bruckner mit der
Axt zum Wurf aus. Ehe das Beil noch flog, machte der Hirsch erschrocken einen
Satz und äugte gegen den höheren Waldhang; das währte nur einen Augenblick, und
in sausender Flucht verschwand er zwischen dem Gewirr der Stämme, während die
Beilschneide hallend in eine Fichte schlug.
    Bruckner keuchte. »Allweil packt's mich wieder!« Er hob die Joppe auf, die
ihm von den Schultern geglitten war, und ging zu der Fichte, um das Beil aus dem
Holz zu reissen. Da hörte er hinter sich ein leises Lachen. Er wandte das
Gesicht, und kalkige Blässe rann über seine Stirn, als er den Jäger erkannte.
    Langsam, immer lachend, kam Schipper näher. »Du? Was machst denn da?«
    Bruckner zog schweigend die Joppe an.
    »Ja, Lenzi! A harts Stückl: so an Prügelhirsch anschauen müssen und kein
Büchsl net haben? Mit der Axt macht sich so was schlecht. Seit wann hat dich
denn der Wildteufel wieder beim Krawattl?«
    Bruckner nahm die Axt in den Arm; seine Stimme klang heiser. »'s ganze Blut
in mir drin wird rebellisch, so oft mir a Stückl Wild über'n Weg lauft. Aber
mein Schwur hab ich ghalten bis zum heutigen Tag.«
    »Ja, ja, ich glaub dir schon!« Schipper schmunzelte. »Und wenn's drauf ankäm
- so weit die Gschicht mich angeht, ich tät vielleicht reden lassen mit mir.«
    Der Bauer mass den Jäger mit hartem Blick. »Dir könnt man so was zutrauen!
Dir!«
    »Wir zwei sind alte Spezi. Unser Freundschaft hat festen Halt. Wenn's wieder
schnackeln tät bei dir, mich brauchst net fürchten. Der Franzl halt! Der
versteht kein Spass.« Immer leiser wurden Schippers Worte. »Der hat was an ihm,
wie sein Vater gwesen is.«
    Eine Weile standen die beiden Aug' in Auge.
    Dann legte Schipper lachend die Hand auf Bruckners Schulter. »Du! Da droben
hab ich die' Schwester troffen. Die gfallt mir. So eim Madl z'lieb wär mir net
amal der Umweg über'n Pfarrer z'weit.«
    Bruckner richtete sich auf. »Dös geht aber gschwind bei dir.«
    »Ja, wie bei die guten Hirsch!«
    »Schau, dös Madl macht ja die ganzen Jager rebellisch!« höhnte der Bauer.
»Gestern der ander. Und heut schon du! Da tut mir d' Wahl weh.«
    »Der ander?« fuhr es über Schippers Lippen. Dann fand er sein Schmunzeln
wieder. »Den brauch ich net fürchten. Ich hab meine Gründ dafür. Jetzt gfallt
mir 's Madl noch viel besser. Und wenn ich Ernst machen tät? Was könntst denn
aussetzen an mir? Die schönste Stellung, neunhundert Mark, Holz und Loschie.
Mein Posten tragt mir auch sonst noch was. In fünf Jahr hab ich dreitausend Mark
erspart. Und wenn der Graf amal den letzten Schnaufer tut, vergisst er mich gwiss
net im Testament. So gern hat er mich. Jetzt red, Spezi! Was meinst?«
    Bruckner trat dicht vor den Jäger hin, mit brennenden Augen. »Der ander
kommt mir net ins Haus. Dös hat sein Grund. Da hast recht; aber eh mir du mit
deiner Hand an d' Schwester rührst, eh schlag ich dich nieder mit der Axt.«
    Schipper wurde um einen Schatten bleicher, doch er lächelte. »Geh, geh! Da
möchten s' dich aber ordentlich einkasteln. Und vor so was hast an Respekt. Dös
weiss ich aus Erfahrung. Und musst halt auch a bissl an deine Kinder denken! Die
brauchen den Vater. Aber ich merk, heut is dir was über's Leberl glaufen, heut
is net gut diskrieren mit dir. Muss ich halt an andersmal wieder anklopfen. A
bissl fester. Gelt ja?« Lachend stieg Schipper durch den Wald hinauf. Als er den
Steig erreichte und sich umguckte, stand Bruckner noch immer an der gleichen
Stelle, die Axt in der schlaff hängenden Hand. »Jetzt studiert er aber!«
    Es wurde dunkle Nacht, bis Schipper die erleuchteten Fensterchen der
Jagdhütte zu Gesicht bekam. Auf dem Steig, ein paar Dutzend Schritt vor ihm,
hörte er das Schuhgeklapper des anderen, der den Hund von der Hochalm abgeholt
hatte und auf den Armen zum Palais Dippel trug.
    In der Hüttenstube klang die Ziter. Sie verstummte, als Franzl die Schuhe
an die Schwelle stiess. Hastig legte Graf Egge die blitzenden Edelsteine, die er
zu seinem Zeitvertreib in einer Herzlinie rings um die weisse Hirnschale des
Krickels gereiht hatte, in das hölzerne Kistchen zurück und verwahrte Gehörn und
Steine in einem kleinen Wandschrank, der zu Häupten des Bettes in die Balken
eingelassen und mit schwerem Vorhängschloss zu versperren war. Als Graf Egge den
Schlüssel abzog, trat Franzl in die Stube. Sein Herr machte grosse Augen, als er
auf den Armen des Jägers den Schweisshund mit dem verpflasterten Schlegel sah.
    »Was hat der Hund?«
    Mit kurzen Worten erzählte Franzl Wortlos nickte Graf Egge und trug den Hund
zum Bett; auf seinem Gesicht war die Sorge zu lesen, die er um das Tier empfand.
Nachdem er aufmerksam das Pflaster untersucht hatte, setzte er sich an die Seite
des Hundes und kraute ihm Stirn und Ohren. »Hast du Wild gesehen?«
    »Wohl, Herr Graf.« Franzl zog das Notizbuch aus der Tasche und begann seinen
Rapport. Als er damit zu Ende war, tat er einen tiefen Atemzug. »Und jetzt, Herr
Graf, muss ich die Gschicht von heut von der Fruh zur Sprach bringen.«
    »Warum?« Ein kaum merkliches Lächeln.
    »Aber Herr Graf! Schauen S' mir doch ins Gsicht! Man muss mir doch anmerken,
was ich für an Tag hinter mir hab? Zur Hälft bin ich selber dran schuld. Es is
unrecht gwesen, dass ich mich vom Gachzorn hab hinreissen lassen. Statt dass ich
mich am Schipper vergreif, hätt ich mich vor mein Herrn hinstellen und ehrlich
fragen sollen: Können Sie vom Franzl so was glauben, Herr Graf?«
    »Hab ich einen Verdacht gegen dich ausgesprochen?«
    »Dös is freilich wahr, aber -« Dem Jäger verschlug's die Rede, weil er
hörte, dass Schipper in die Hütte trat. Mühsam hielt er seine fünf Sinne
beisammen, und als er nur erst ein paar verworrene Sätze herausgestottert hatte,
kam er in warmen Zug. Forschend hing Graf Egges Blick an dem Jäger, dem die
Worte immer heisser von den Lippen sprudelten. Wie er zu Mali gesprochen, so
redete er jetzt zu seinem Herrn, Ehrlichkeit in jeder Silbe, in jedem Laut
seiner Stimme. »Herr Graf,« so schloss er, »meine Händ sind sauber. Glauben S'
mir jetzt?«
    Kühl und ruhig klang die Antwort. »Ja, ich glaub dir.«
    Die Tür ging auf, aus der Küche hörte man das Krachen des Feuers, und
Schipper trat ein. »Wünsch guten Abend, Herr Graf.« Er begann den Tisch für das
Nachtmahl zu decken.
    Franzl strich mit der Hand übers Haar. Nun hatte er die Antwort, klar und
deutlich - und doch gefiel sie ihm nicht. Er stand noch eine Weile. »No also -«
sagte er, als wäre alles in Ordnung, und ging aus der Stube.
    Graf Egge sah ihm nach, und als die Tür sich geschlossen hatte, fragte er
den andern: »Für wen deckst du?«
    »Für Sie, Herr Graf, und für uns.«
    »Ich esse allein.«
    Schipper machte eine Bewegung, die eine entfernte Ähnlichkeit mit einer
Verbeugung hatte, legte die zwei überzähligen Löffel wieder in die Tischlade
zurück und verliess die Stube.
    Draussen in der Küche sass Franzl auf dem Herd und starrte ins Feuer. Als er
hinter sich den Schritt des anderen hörte, sprang er auf.
    »Was willst?« fragte Schipper mit der Harmlosigkeit einer sechzehnjährigen
Kranzjungfer.
    Es zuckte in Franzls Fäusten; doch er wandte sich ab, trat ins Freie und
setzte sich auf die Hüttenbank. Sehnsüchtig guckte er zu den flimmernden
Lichtern des Himmels auf, als könne er den Fall einer tröstenden Sternschnuppe
erwarten. Da droben rührte sich nichts. Die Weltordnung weigerte sich, dem
Hornegger-Franzl in dieser Nacht eine Gefälligkeit zu erweisen.
    Nach einer halben Stunde rief ihn Schipper zum Nachtmahl. Er trat wohl in
die Küche, doch statt sich zu der von Graf Egge halb geleerten Pfanne zu setzen,
stieg er über die Leiter zum Heuboden hinauf.
    Schipper zitierte schmunzelnd das Sprichwort: »Wer trutzt bei der Schüssel,
schadt sich am Rüssel!« Als er die Pfanne geleert hatte, schmierte er Graf Egges
Bergschuhe mit besonderer Sorgfalt. Da erschien sein Herr unter der Stubentür.
    »Du, mir scheint, dem Hirschmanndl wird d' Nasen heiss.«
    Es zuckte freudenvoll über Schippers Gesicht, als er den Dialekt dieser
Worte hörte - ein sicheres Zeichen, dass sich am Gewitterhimmel seines Herrn die
dunkelsten Wolken zu verziehen begannen. Geschäftig rannte Schipper in die Stube
und unterzog den auf dem Bett liegenden Hund einer genauen Untersuchung.
    »Herr Graf, da können S' ruhig sein! Dem Hirschmanndl fehlt net viel. Wär
net übel, wenn dös arme Hundl von der verfluchten Gschicht auch noch was haben
müsst. Und weil wir schon grad reden davon, Herr Graf, da muss ich schon sagen -«
    »Halt dein Maul!« fuhr ihm Graf Egge ins Wort. »Die Kruck is da, Gott sei
Dank! Aber die Gschicht is mir heut den ganzen Tag im Kopf rumgangen. Es ist die
reine Unmöglichkeit, dass a fremder Mensch dem Bock die Krucken abgschlagen hat.
Wenn's also kein Fremder war, so war's einer von euch zweien. Aber wer? Der
Franzl is an ehrlicher Narr, ich kann ihm so was net zutrauen. War's also der
Franzl net, so musst es du gwesen sein!«
    Schipper legte gekränkt die beiden Hände auf sein redliches Herz. »Aber Herr
Graf -«
    »Halt dein Maul, sag ich! Ein Gauner bist du ja! Aber ich bin dir doch
gestern gleich nachgstiegen. Und heut in der Nacht kannst du doch auch net
aufgstanden sein! Also, wenn du der Heilige bist, is wieder der ander der Lump.
Ich kenn mich nimmer aus. Und wenn ich scharfe Saiten aufziehen möcht, so müsst
ich euch alle zwei zum Teufel jagen. Was hab ich davon? Der Franzl is ein Jager,
wie ich weit und breit keinen find'. Und so wie du hat mir noch keiner meine
Schuh geschmiert, so schlau wie du stellt sich keiner an, wenn's der Jagd zulieb
was zu vertuscheln gibt. Was bleibt mir also übrig, als dass ich fünfe grad sein
lass? Aber eins merk dir, Schipper: der erste von euch zwei, der mich ärgert -
der fliegt! Ohne Gnad und Pardon!« Graf Egge griff nach seinem rechten
Schienbein.
    Schipper bot den Anblick eines Märtyrers, der in der Arena steht und mit
stiller Ergebung den Löwen erwartet. »Da kann ich mich nimmer verteidigen. Da
bleibt mir nix übrig, als dass ich mei' Pflicht und Schuldigkeit tu und auf die
Stund wart, wo der Herr Graf einsieht -«
    »Hör auf mit dem Gesäusel!« brummte Graf Egge; in Schmerz verzog er das
Gesicht und hob den Fuss auf einen Sessel. »Herrgott! Herrgott!«
    »Haben S' wieder Schmerzen?« Schipper war in die verkörperte Sorge
verwandelt. »Jetzt legen S' Ihnen aber gleich ins Bett!« Mit beiden Händen zog
er seinem Herrn die Joppe herunter. »Morgen müssen S' wieder ordentlich beinand
sein. Morgen schiessen S' drei, vier Gamsböck und a paar gute Hirsch!«
    »Meinst du?«
    »Natürlich! Da sorg ich schon dafür. Aber jetzt nur gleich ins Bett!«
    Graf Egge liess sich zur Matratze führen und trat mit dem kranken Fuss so
vorsichtig auf, als wäre der Stubenboden mit Nadeln gespickt. »Teufel! Das wird
mir doch um Gottes willen net bleiben! Aber macht nix, 's Jagen gib ich deswegen
net auf. Wenn meine Füss nimmer mögen, lass ich mich nauf tragen zum Gamsschiessen.
So lang's im Aug net fehlt, is gar nix verloren!«
    Unter einem zärtlichen Wortschwall entkleidete Schipper seinen Herrn. »So,
jetzt haben S' a paar Minuten Geduld, nachher komm ich mit'm Franzbranntwein und
mit die warmen Tücher.« Er sprang in die Küche.
    Als er nach einer Weile seine Kur begann und das nackte Bein seines Herrn
unter den Händen hatte, blickte Graf Egge zwinkernd auf ihn nieder.
    »Schipper! Ich kann vieles verstehen. Sag mir ehrlich: Hast du dem Bock die
Kruck heruntergeschlagen?«
    Ohne das Frottieren auszusetzen, fing Schipper zu lachen an. »Jetzt hören S'
aber auf! So a Spassvogel wie Sie is auf der Welt meiner Lebtag noch nie net
dagwesen!«
    Graf Egge schwieg.
    Über den beiden zitterte die Stubendecke. Dort oben auf dem Heuboden wälzte
Franzl sich in schlafloser Kümmernis von einer Seite auf die andere.
 
                                    Fussnoten
1 Puppe.
 
                                       11
Seit zwei Tagen hatte Forbeck von der ersten Helle des Morgens bis zum Einbruch
der Dämmerung mit glühendem Eifer gearbeitet. Am dritten Abend war der Entwurf
des grossen, figurenreichen Bildes in Zeichnung und Farbe schon so weit gediehen,
dass Tassilo, als er für ein paar Worte bei dem Freunde vorsprach, das Werk
dieser beiden Tage mit Staunen betrachtete: »Ich hätte dieser Leinwand gegenüber
auf drei Wochen fleissiger Arbeit geraten. Wie das schon redet!«
    »Daran hat mein Fleiss keinen Anteil,« sagte Forbeck, während in seinen Augen
doch die Freude glänzte. »Ich hab's gesehen, und das arbeitet nun in mir und
springt heraus. Ich komme mir dabei vor wie eine willenlose Maschine. Meine Hand
bewegt sich und findet die Linien und Farben, oft weiss ich selber nicht wie!«
    Tassilo legte ihm die Hand auf die Schulter. »Echte Kunst hat keiner noch
gemacht. Sie erschafft sich selbst. Aber man sieht es Ihnen an: die Maschine ist
warm gelaufen. Ich habe noch eine Stunde Zeit, wir wollen bummeln.«
    Als sei ein paar Minuten später über die steile Treppe hinunterstiegen,
hörten sie aus der Stube die Stimme Malis, die mit den Kindern spielte:
»Müller Müller Sacki,
Is der Müller net im Haus?
Schloss vor, Riegel vor,
Werfen wir 's Sackerl hinters Tor!«
    Zwei Kinderkehlen jauchzten in Freude, und dazwischen klang das Lallen eines
dünnen Stimmchens.
    Als es dunkler Abend geworden war, trennten sich Tassilo und Forbeck vor dem
Seehof.
    »Also morgen!« sagte Tassilo. »Und Ihrem Bild zuliebe hoff' ich, dass meine
Schwester ein feste Portion Geduld zur Sitzung mitbringen wird. Sie war heute
ein wenig ärgerlich.«
    »Doch nicht über mich?«
    Tassilo lachte. »Ja. Und ich weiss gar nicht, wieso der lustige Spatz
plötzlich so zeremoniös geworden ist. Kitty hat es Ihnen übelgenommen, dass Sie
nach dem Diner zwei Tage vergehen liessen, ohne Ihre Karte abzugeben.«
    »Aber ich musste doch arbeiten über Hals und Kopf, um den Entwurf so weit zu
bringen, dass die Sitzung für mein Bild von Nutzen sein kann.«
    »Arbeit geht allem vor. Ich habe Sie selbstverständlich mit Wärme
verteidigt, und Fräulein Kleesberg hat mir dabei geholfen. Sie haben an Tante
Gundi eine Eroberung gemacht. Nützen Sie das nur gehörig aus, denn die Zahl der
Sitzungen hängt weder von Ihrem künstlerischen Bedürfnis noch von der
wechselnden Laune meiner Schwester ab, sondern von der Protektion, die Fräulein
von Kleesberg Ihrem Werke angedeihen lässt. Aber da kommt mein Boot. Also morgen
auf Wiedersehen!«
    Tassilo ging zum Ufer, und Forbeck stieg auf die Terrasse des Gastofes, um
sich seitwärts von den besetzten Tischen ein einsames Plätzchen zu suchen. Der
Gedanke an Kittys Ungnade verliess ihn nicht mehr; er trug ihn mit nach Hause und
nahm ihn hinüber in die wirren Träume seines nach aller Arbeit müden Schlafes.
    Am anderen Morgen gegen neun Uhr kam der alte Moser in das Brucknerhaus.
Tante Gundi hatte ihn geschickt, um die »Malersachen« zu holen. Forbeck übergab
ihm die Stafelei und den Farbenkasten; die Leinwand trug er selbst, um die noch
feuchten Farben vor Schaden zu bewahren. Auf dem Wege nach Schloss Hubertus
schwatzte Moser unermüdlich und erzählte auf von der glücklichen Treibjagd, die
Graf Egge am verwichenen Tage abgehalten; drei gute Gemsböcke und zwei Hirsche
hätte man von der Hütte heruntergebracht. »Dös is net schlecht für den ersten
Tag. Aber hätt er mich droben ghabt, so hätt er noch mehr gschossen.«
Weitschweifig berichtete der Alte von den unglaublichen Jagderfolgen, die sein
Herr ihm zu verdanken hätte.
    Als sie das Schloss erreichten, stand Kitty am Teich und fütterte die
Forellen; sie war gekleidet wie an jenem Nachmittag, an dem das Gewitter sie
überrascht hatte. Lächelnd warf sie, als Forbeck näher kam, den Rest des Brotes
ins Wasser und klopfte die Brosamen von den Handschuhen. Forbeck lehnte achtsam
die Leinwand an einen Baum und trat auf Kitty zu, das weisse Hütchen in der Hand.
Er grüsste befangen. »Ich habe die Tage her gearbeitet, um mit dem Entwurf meines
Bildes vorwärtszukommen. Verzeihen Sie mir, wenn ich eine Unhöflichkeit begangen
habe.«
    Sie verstand nicht gleich; dann wurde sie rot und lachte: »Ach so? Tas hat
wohl ausgeplaudert, dass ich mich über Sie geärgert habe? Stimmt! Aber sehen Sie
mich nur nicht so erschrocken an! Eigentlich hab' ich das vor Tas nur gesagt,
weil ich mir dachte, er würde Ihnen bei Gelegenheit einen freundschaftlichen
Wink geben. Ich nehme solche Dinge nicht sehr genau, aber wissen Sie -« dabei
nahm sie eine ernste Gönnermiene an. »Ich sage das um Ihretwillen. Tante Gundi
ist ungemein peinlich in allem, was Form heisst. Und wenn Sie oft und lange hier
malen wollen, müssen wir sie bei guter Laune erhalten. Nicht wahr, das begreifen
Sie doch?«
    »Aber natürlich!« stammelte Forbeck, erleichtert aufatmend; und als er im
gleichen Augenblick Fräulein von Kleesberg auf der Veranda erscheinen sah, eilte
er ihr entgegen und küsste ihre runde, rote Hand mit feierlicher Huldigung.
    Tante Gundi schien verwirrt und glücklich; dabei war sie auch neugierig;
durch Tassilo hatte sie bereits von den erstaunlichen Fortschritten des Bildes
gehört. Forbeck holte die Leinwand und stellte sie auf den Stufen der Veranda in
gutes Licht. Fräulein von Kleesberg brach in laute Bewunderung aus, und Kitty
stand schweigend, die grossen Augen bald auf das Bild, bald auf den jungen
Künstler gerichtet. Um ihre Kunstkennerschaft war es mager bestellt. Dennoch
empfand sie das Ursprüngliche und Hinreissende der jungen Kraft, die aus diesem
Wirbel leuchtender Farben, aus diesem Durcheinanderstürmen kühner Linien redete.
Zögernd deutete sie auf ein in der Mitte des Bildes angedeutetes Figurenpaar.
»Das soll ich und unser Franzl werden?« Langsam blickte sie zu Forbeck auf, der
schweigend nickte. Da legte sich die Hand auf seinen Arm. »Kommen Sie, wir
wollen gleich anfangen.«
    Tassilo erschien, und nun wanderten sie miteinander durch den Park, damit
Forbeck für die Sitzung im Freien einen Platz mit geeigneter Beleuchtung wählen
könnte. Neben einem der Kieswege fand sich ein kleiner Rasenfleck, von Buchen
und Linden umstanden, der grüne Grund überwebt von Lichtern und Schatten. Hier
wurde die Staffelei aufgestellt und für Tante Gundi eine Gartenbank
herbeigetragen. Einige Schwierigkeit bereitete es, für Kitty einen etwas
erhöheren Sitz zu errichten, auf dem sie ohne Unbequemlichkeit die für das Bild
nötige Stellung einzunehmen vermochte. Auch dafür wurde Rat geschaffen; Tassilo
brachte den grossen Lehnstuhl aus der Kruckenstube in Vorschlag, dessen
Seitenstütze den tragenden Arm ersetzen sollte. Als Kitty ihr Plätzchen
eingenommen hatte, kehrte Tassilo zu seiner Arbeit zurück, und die Sitzung
begann. Mit scheuer Achtsamkeit ordnete Forbeck an Kittys Kleid die Falten, dann
trat er vor die im Schatten einer Linde stehende Leinwand, während Tante Gundi
ihren Heise aufschlug. Aber der Dichter kam bei ihr nicht zu seinem Rechte.
Immer wieder sah sie über das Buch, hing prüfend an den ihr halb zugewendeten
Zügen des jungen Künstlers, verlor sich in Gedanken, erwachte und versuchte
wieder zu lesen.
    Ein leises Flüstern ging durch das dem Welken schon nahe Laub der Bäume, vom
Schloss liess sich gedämpft das Plätschern der Fontäne hören, und durch die
sanft atmende Sommerstille klang manchmal von der Ulmenallee der harte Schrei
eines Adlers.
    Kitty schwieg. Auch Forbeck sprach nur selten ein paar Worte, wenn er eine
kleine Änderung in der Haltung wünschte, oder fragte, ob Kitty ermüdet wäre.
Lächelnd schüttelte sie immer das Köpfchen. Sie hatte die Wange auf der Lehne
des Sessels liegen, so dass ihre Augen gerade auf Forbeck gerichtet waren. Mit
wachsendem Interesse beobachtete sie jede seiner Bewegungen, wenn er von der
Leinwand zurücktrat, um die Arbeit zu prüfen, und dann wieder näher trat und die
flink schaffende Hand erhob. Er schien bei der Arbeit ein anderer zu sein als
sonst; alles Verlegene, Unsichere war von ihm abgestreift, ruhige Sicherheit lag
in seinem ganzen Wesen, und sein schmales, streng geschnittenes Gesicht war
verschönt. Und wenn er den Blick hob, um zu schauen, war etwas Strahlendes in
seinen dunklen Augen. Je häufiger Kitty diesem trinkenden Künstlerblick
begegnete, desto heisser wurden ihre Wangen.
    Wohl begann auf die Dauer ihr Körper zu ermüden. Dennoch wurde sie fast
unwillig, als Tante Gundi endlich die Sitzung unterbrach, um für Kitty ein paar
Minuten Erholung zu erwirken. Man machte einen Schlendergang durch den Park und
blieb in der Ulmenallee vor dem Adlerkäfig stehen. Kitty erzählte, wie ihr Vater
einen dieser Vögel unter Flügelschlägen und Klauenhieben des den Horst
verteidigenden Weibchens aus dem Nest herunterholte - und dabei merkte sie, dass
Forbeck nicht zuhörte, obwohl sein Blick immer an ihren Lippen, an ihren Augen
hing. »Sie sind wohl schon wieder bei Ihrem Bild?« fragte sie lächelnd, mitten
in der Erzählung abbrechend. »Kommen Sie! Ich habe schon genug geruht.«
    Wieder vergingen zwei stille Stunden, und die Sitzung wurde erst
abgebrochen, als auf dem Dach des Schlosses die Mittagsglocke läutete.
    »Ich darf Sie doch bitten, mit uns zu speisen?« sagte Tante Gundi. Und Kitty
fiel ein: »Natürlich, Sie müssen bleiben.«
    Forbeck wurde verlegen. Seine Hand war nicht müde, er wollte die gute
Stimmung und den Rest des Tages benützen, um auch mit den anderen Partien des
Bildes vorwärtszukommen. Das brachte er stockend vor. Kitty schmollte. Es hatte
sich auch verdrossen, dass er sie nach Schluss der Sitzung keinen Blick auf die
Leinwand werfen liess. »Sie sollen das Halbe nicht sehen!« hatte er gesagt.
    Um so gnädiger wurde Forbeck von Tante Gundi entlassen, und als er mit Moser
in der Ulmenallee verschwand, sagte sie: »Das gefällt mir. Ein Mensch mit guter
Kinderstube. Er hat von Aufdringlichkeit keine Spur an sich. Und wie er an
seiner Arbeit hängt! Ich sage dir, Kind, aus diesem jungen Menschen wird noch
was, gib acht, was Grosses! Er sieht nicht umsonst -« Was sie weiter noch sagen
wollte, verschwieg sie und streifte Kitty mit ängstlichem Blick.
    Schon in der Alle hatte Forbeck einen so stürmischen Schritt angeschlagen,
dass Moser sich nur mühsam an seiner Seite zu halten vermochte. Als sie das
Brucknerhaus erreichten und Mali den Farbenkasten und die Staffelei übernahm, um
sie über die Treppe hinaufzutragen, wischte sich der Alte den Schweiss vom
Gesicht und brummte: »Der hat aber an guten Schritt! Sakra! Hinter dem möcht ich
net als Büchsenspanner auf die Berg umanand steigen!« Aber seine Erschöpfung
schien jäh verschwunden, als er draussen auf der Strasse das »feine Lieserl«
vorübergehen sah. »He! Schatzerl!« rief er und humpelte hastig zum Gatter. »Wart
a bissl auf dein alten Spezi!«
    Lachend verhielt das Mädel den Schritt. »Wo brennt's denn? Hast was Neus?«
    »Natürlich! Mei' alte Lieb! Die is allweil wieder neu, so oft ich dich
anschau!«
    »Geh, du alter Narrenseppl!«
    Moser hängte sich vertraulich in den Arm des Mädels ein und kicherte:
»Lieserl! Jetzt kommen unsere jungen Grafen bald.«
    »Alle zwei?« huschte es mit flinker Frage von den roten Lippen.
    »Alle zwei? Wart, wart, wart! Du bist mir aber eine!« Moser kniff mit
Behagen in den runden Arm. »Wenn der Herr Graf Robert allein kommen möcht, mir
scheint, dös tät dir net völlig taugen? Was?« Wieder rührte er die Finger, und
diesmal so derb, dass Lieserl kreischte.
    »Au! Du verfluchter Kerl! Hör doch auf mit deiner Zwickerei!«
    Es gelang dem Alten schwer, die Zürnende zu versöhnen. Schliesslich lachte
sie aber doch wieder zu seinen Spässen. Und als sie das Haus ihres Vaters
erreichte, schieden die beiden als gute Freunde.
    So aufgeputzt wie Lieserl, so schmuck und propre war das Haus, das sie ihre
Heimat nannte. In einem wohlgepflegten Gärtchen lag es einsam an der nach Schloss
Hubertus führenden Strasse. Rings um den Zaun dehnten sich die Wiesen, jenseits
der Strasse rauschte in tiefer Schlucht der Seebach, und drüben begann der gegen
die Berge ansteigende Wald.
    Die Hauswand, die von der Tür durchbrochen war, schimmerte in weissem
Anstrich, während die Giebelseite bis unter das Dach hinauf von dichtem
Weinspalier überwachsen war, aus dem die kleinen Fenster hervorlugten wie Augen
aus einem bärtigen Gesicht. Zwischen dem wirren Blätterwerk ein rotes Schild mit
der verblassten Inschrift: »Sebastian Zauner, Sattlermeister und Tapezierer.«
    Zu ebener Erde der Flur mit der schmalen, steilen Treppe, die Küche, das
Wohnzimmer und die kleine Werkstätte, im oberen Stock die beiden Schlafstuben
und eine Lederkammer.
    Als Lieserl in den Flur trat, verzog sie das Näschen. Der scharfe
Beizgeruch, der alle Räume erfüllte, war ihr ein Greuel. Um ihn nicht auch am
eigenen Körper zu spüren, hatte sie gelernt, sich mit allen möglichen
Wohlgerüchen, mit Rosen-, Nelken- und Veilchengeist zu parfümieren; auf dem
Fensterbrett ihrer Schlafkammer standen die Gläser, in denen die Blüten mit
verdünntem Spiritus der »Sonnendestallazion« ausgesetzt waren.
    Die Wohnstube, die das Lieserl betrat, verriet in ihrer ganzen Ausstattung,
dass der Zaunerwastl neben seinem Handwerk auch freie Künste trieb. Spiegel,
Geschirr, Nähmaschine und Schwarzwälderuhr ausgenommen, war alles zwischen
diesen Wänden ein Werk von Wastls Händen, sogar der »altdeutsche« Kachelofen.
Natürlich war die Stube »tapeziert« und hatte statt der üblichen Wandbank und
den dreibeinigen Stühlen hochgepolsterte Möbel von unterschiedlicher Stilart.
Neben der Tür stand ein geschnitzter Schrank. An der Wand hing eine Gitarre und
eine Violine zwischen geschnitzten Photographierähmchen und ausgestopften Vögeln
auf Postamenten aus Laubsägearbeit. In jedem der beiden Fenster hingen vier
Vogelkäfige, der eine wie ein Schloss geformt, der andere wie eine Sennhütte, der
nächste wie ein Schweizerhaus. In diesen Käfigen befanden sich die
merkwürdigsten Maschinerien, Treträder, Schaukeltreppen, Flaschenzüge, mit denen
die Vögel schwierige Kunststücke ausführen mussten, wenn sie zu Trank und Futter
gelangen wollten. Auf der Plattform des Kachelofens stand ein Spielwerk neben
dem anderen: die Schlange am Kreuz, der Schmied beim Amboss, der Scherenschleifer
mit seinem Stein, der Kapuziner auf der Kanzel. Jetzt im Sommer standen diese
Spielwerke still; aber im Winter, wenn vom geheizten Ofen die Wärme in die Höhe
strömte, dann ringelte sich die Schlange um das Kreuz, der Schmied hämmerte, der
Scherenschleifer drehte den Stein, und der Kapuziner schlug mit den Fäusten auf
die Kanzel wie bei der Osterpredigt.
    Inmitten der schreienden Unruhe dieser Stube sass die Zaunerin am Tisch,
massig in die Breite gewachsen, das einzig Feste in diesem Raum, behaglich ihren
Kaffee verschluckend.
    »Grüss Gott, Mutter!«
    Die Zaunerin nickte, und ihre fettumpolsterten Äuglein hingen mit zärtlichem
Wohlgefallen an dem Mädel, das zum Tisch trat und neugierig den Deckel der
Kaffeekanne hob.
    »Komm, Herzerl, setz dich her, ich schenk dir gleich ein.«
    Lieserl zog einen Lehnstuhl zum Tisch.
    »Hast du die Stadtleut antroffen? Hast die Hemden abgliefert? Bist gleich
zahlt worden?«
    »Alles in Ordnung. Es is leider bloss d' Frau daheim gwesen. Die handelt
allweil. Statt vierzehn Mark hat s' mir bloss zwölfe geben. Wenn ich mit'n Herrn
hätt reden können, hätt ich achtzehn oder zwanzig kriegt.« Das Lieserl lachte.
»Mit die Herrn versteh ich mich aufs Reden.«
    »Ja, Schatzerl, halt dich nur an d' Mannsbilder, dös tragt allweil mehr!«
Die Zaunerin gab einen Zuckerbrocken, wie ein Kinderfäustchen so gross, in
Lieserls Schale. »Aber lang bist ausblieben.«
    »Ja, der Pointner-Andreas, was sagst, der hat mir den Weg wieder abpasst und
hat Augen gmacht wie a gstochener Gockel! Ich sag dir's, Mutter, wann so a Trumm
Bauernlackel verliebt wird, dös is zum Lachen!«
    »Bist aber doch freundlich gwesen?«
    »Ordentlich abfahren hab ich ihn lassen!«
    »Aber Herzerl!« Die Zaunerin schüttelte missbilligend den grauen Kopf. »Der
Andres is freilich a Trumm. Aber der einzige Sohn, und der Vater hat 's schönste
Anwesen im Ort.«
    Lieserl leerte die Tasse. »Mutter! Für so an gscherten Bauernlümmel bin ich
mir z'gut!«
    »Stimmt, Herzerl! Du bist für was Bessers geboren. Aber man weiss net, wie's
geht in der Welt. Drum sollst dir den Andres warm halten für den Fall, Gott
bhüt, dass nix Bessers kommt.«
    Lieserl lachte. »Wird schon kommen. Wer weiss, vielleicht recht bald. Und was
viel Bessers!«
    Das war so geheimnisvoll gesprochen, dass die Zaunerin neugierig wurde. »So
red doch, Herzerl! Deiner Mutter kannst dich anvertrauen!«
    »Na!« Lieserl trat vor den Spiegel und zupfte an dem roten Seidenband, das
um ihre Halskrause geschlungen war. »Wenn's einmal Zeit is zum Reden, wird d'
Mutter Augen machen!«
    Die Zaunerin brannte vor Neugier; doch sie hörte vor dem Haus einen schweren
Schritt. »Der Vater!« Flink trug sie das Kaffeegeschirr hinter den Ofen, während
Lieserl sich an die Nähmaschine setzte.
    Die Tür wurde aufgestossen, und Meister Zauner trat in die Stube, eine nicht
allzu behäbige Gestalt, mit einem gescheiten und gutmütigen Gesicht, das aber
jetzt auf übel Wetter zeigte. Ein paar Jährlein mochte er schon über die Fünfzig
haben. Die klobigen Daumen und die von der Lederbeize violett gefärbten
Fingerspitzen verrieten sein Handwerk. Im übrigen eine Figur, so ähnlich, wie
auf kleinen Teatern der verkommene Künstler geschildert wird: mit karierter
Tuchhose, in blusenartigem Janker, eine langgedröselte Seidenbinde um den
Hemdkragen und mit einem breitkrempigen Filzhut, der noch schwarz zu nennen war,
aber schon in alle Farben hinüberschillerte. Bei Meister Zauner war dieses
Äussere ein Widerspruch zum inneren Menschen. Trotz der Genialität, mit der er
fast ein Dutzend brotloser Künste betrieb, war er ein tüchtiger, fleissiger
Handwerker, ein braver Kerl, der nur den einen Kardinalfehler hatte, dass er mehr
als zulässig unter dem Pantoffel stand - nicht unter dem schweren Schlappschuh
seiner Frau, sondern unter dem kleinen Pantöffelchen seiner einzigen Tochter.
    Zuweilen suchte er gegen diese niedliche Macht anzukämpfen. Auch jetzt liess
er deutlich merken, dass die Kanone seines Zornes schwer geladen und auf Lieserl
gerichtet war. Mutter und Tochter tauschten den verständnisvollen Blick der zu
Schutz und Trutz Alliierten. »Grüss Gott, Herr Vater!« sagte Lieserl und setzte
die Nähmaschine in Gang, deren hurtiges Geklapper das wirre Gezwitscher der
Vögel übertönte.
    Meister Zauner warf seiner zwar nicht besseren, aber unleugbar gewichtigeren
Ehehälfte einen wütenden Blick zu und schleuderte seinen Hut auf das
Fenstergesims, dass die vier Vögel dieser Nische erschreckt in alle Winkel ihrer
Käfige flatterten und sämtliche Maschinen in Bewegung setzten. Dann ging er auf
den leeren Tisch zu. Als sässe der Gegenstand seines Zornes hier vor ihm, so
bohrte er den gestreckten Zeigefinger gegen die Platte und schrie: »Ich sag's
zum letztenmal. Wenn die Gschicht net bald an End nimmt, gibt's an ordentlichen
Spitakel! Ich bin a guter Kerl. Jung sein und lustig, dös lass ich mir gfallen.
Aber was ich alles hören muss, is nimmer schön! Wenn ich schon glauben will, dass
d' Hälft davon erlogen is - es muss mir vor der andern Hälft noch grausen. Wie
steh ich denn da, wenn so was ins Schloss eini tragen wird? Ich müsst vor der
gnädigen Herrschaft in Boden versinken vor lauter Schand! Da schieb ich an
Riegel für! Die Gschichten hören auf! Oder es gibt an Spitakl!
Himmelherrgottsakrament!« Meister Zauner schlug die Faust auf die Tischplatte,
trat zum Fenster, legte die Hände hinter den Rücken und starrte auf die Strasse
hinaus.
    Lieserl hatte die Nähmaschine gestellt, und Stille war in der Stube. Nur
einer der Vögel wagte ein schüchternes Gezwitscher. Kopfschüttelnd blickte das
Mädel auf die Mutter. »Was hat denn der Herr Vater?«
    »Was weiss denn ich?« seufzte die Zaunerin auf der Ofenbank.
    Lieserl erhob sich. »Aber Herr Vater? Was is denn?«
    »Du wirst schon wissen, was los is!« schrie Meister Zauner, ohne das Gesicht
zu wenden.
    »Ich?« fragte das Mädel staunend. »Der Herr Vater hat doch net am End mich
gmeint? Da müsst ich aber bitten -«
    Gereizt fuhr Wastl Zauner auf die Tochter zu und hob ihr die Faust vor das
nette Näschen. »Lieserl, tu dich net föppeln mit mir!«
    »Jesses Maria!« kreischte die Meisterin und schlug die Hände über dem Kopf
zusammen. »Wie kann sich denn a Mensch so aufführen gegen sein einzigs Kind!«
    »Du sei still, gelt! Du bist schuld an allem. Mit deiner ewigen Schöntuerei!
Da muss sich 's Madl freilich was einbilden und muss glauben, sie kann treiben,
was ihr taugt! Du bist schuld, ja, du, wenn sich 's Madl auf d' leichte Seiten
legt und unsern guten Nam in alle Mäuler bringt!«
    »Jetzt sag ich dir aber, Wastl -«
    »Sei stad, Mutter!« Lieserl stellte sich kampfbereit zwischen Vater und
Mutter. »Jetzt muss ich selber fragen, was der Herr Vater eigentlich haben will
von mir?«
    »So?« schrie Meister Zauner in die Stubenecke. »Was is denn nachher dös
schon wieder mit dem jungen Stadterrn, der im Seehof loschiert?«
    »Mit wem?« Lieserl zog die Brauen in die Höhe. »Ich weiss ja gar net, wen der
Herr Vater meint?«
    »So? Was hast denn mit ihm am Berg droben gmacht?«
    »Ich? Am Berg droben? Bsinnt sich der Herr Vater auf gar nix mehr? Wer hat
denn gsagt: Schau, Lieserl, vierzehn Tag bist bei der Arbeit gsessen, schnauf
dich a bissl aus!«
    »No ja, es is ja alles recht! Aber muss man die sanitäre Rekerazion zu
solchene Sachen benützen?«
    »Solchene Sachen? Was kann ich denn dafür, dass mir der junge Springer
nachgstiegen is?«
    »Was kann denn 's Madl dafür?« fiel die Zaunerin ein. »Sie hat halt 's
Gfrett mit die Mannsbilder. Hättst ihr an anders Gsicht verschafft. Wenn einer
's Madl anschaut, gfallt's ihm halt.«
    Meister Zauner warf einen halb wütenden, halb scheuen Blick auf das
appetitliche Figürchen seiner Tochter. Das Argument seines Weibes schien ihm
einzuleuchten, und er brummte ein paar unverständliche Worte.
    »Und weil wir grad schon reden,« dozierte die Zaunerin, »für was is denn a
Madl auf der Welt? Die guten Heiraten tragt man heutigentags nimmer in der
Butten umanand. Da muss sich a Madl umschauen. Wenn's dir nachging, könnt 's
Lieserl hinterm Ofen hocken und sitzenbleiben!«
    »Sitzenbleiben!« grollte Meister Zauner. »Deswegen braucht s' net alle Tag a
Gspusi anfangen, dass d' Leut rebellisch werden. Und wenn's ihr ums Heiraten is -
der Pointner-Andres nimmt 's Madl auf der Stell!«
    Lachend drückte Lieserl den Kopf in den Nacken und setzte sich zur
Nähmaschine.
    Als Meister Zauner den Rücken seiner Tochter sah, wuchs ihm wieder der Zorn.
Hinter Lieserls Stuhl mit dem Finger drohend, überschrie er das Geklapper der
Maschine. »Du! Lachen tust mir net über 'n Andres! Dös is kein Mensch, mit dem
man seine Spassetteln macht! Jede andre wär in d' Haut eini froh, wenn s' den
Andres kriegen könnt.«
    »Wenn ihn s' Lieserl aber net mag!« fuhr die Zaunerin dazwischen.
    »Net mögen! An Anwesen, wie der Pointnerhof, der seine hunderttausend Markln
wert is? So was soll man net mögen? Meinst net, es wär gscheiter, wenn dei'
Tochter die Bäuerin auf der Point droben heisst, als wenn d' Leut von ihr sagen:
's feine Lieserl? Himmelkreuzteufel noch amal! Da könnt einer aus der Haut
fahren!« Meister Zauner stapfte in seine Werkstatt hinaus und schmetterte hinter
sich die Tür zu, dass unter den Tapeten der Mörtel bröselte.
    »Fein benimmt sich der Herr Vater!« sprach Lieserl lächelnd auf den
Hemdärmel nieder, den sie durch die Maschine gleiten liess.
    Die Zaunerin beugte sich über die Schulter ihres hübschen Kindes und
flüsterte mit Vorsicht: »Was den Andres betrifft, hat er net so unrecht, weisst.«
    »Jetzt erst recht net! Grad mit Fleiss! Jetzt leg ich alles drauf an, dass mir
meine heimlichen Gedanken nausgehn! Glück hab ich noch allweil ghabt. Und
kommt's, wie ich denk - da wird's erst recht was z'reden geben im Ort! Da freu
ich mich drauf!« Unter vergnügtem Kichern beugte sich Lieserl über die Arbeit.
    Das Mutterherz der Zaunerin fieberte vor Neugier. »Schatzerl, wie kannst
denn so zruckhalterisch sein vor der Mutter! Hast doch kei' bessere Freundin im
Leben! Geh, sag mir, was los is?«
    Lieserl schüttelte das Köpfl, liess die Maschine klappern und gab keine
weitere Audienz.
 
                                       12
Am folgenden Morgen musste Tassilo, um Forbecks Geräte nach Schloss Hubertus
bringen zu lassen, seinen Diener schicken, weil der alte Moser über Hals und
Kopf zu schaffen hatte. Es war eine neue Wildsendung von der Jagdhütte
eingetroffen - vier Gemsböcke und drei Kapitalhirsche - und da musste Moser die
Geweihe von den Schädeln sägen und die Verfrachtung des Wildbrets überwachen.
Das war eine Arbeit, die den Alten noch heiterer stimmte als eine Begegnung mit
dem »feinen Lieserl«. Laut rumorte er im Zwirchgewölbe umher, sang ein
Schnaderhüpfl um das andere und hielt lachende Ansprachen an das tote Wild.
Seine Stimme klang bis zu dem von Licht und Schatten überzitterten Rasen, auf
welchem Kitty ihr Plätzchen wieder eingenommen hatte und Forbeck vor der
Leinwand stand, während Tante Gundi mit dem Buch auf der Bank sass. Schon ein
paarmal hatte Fräulein von Kleesberg unwillig nach der Richtung geblickt, in der
das Wirtschaftsgebäude lag - sie fürchtete, dass die konfuse Dudelei des Alten
den Künstler stören könnte. Doch Forbeck schien kein Ohr zu haben und war nur
Auge für Kitty und sein Bild; es hatte sogar den Anschein, als käme das letztere
bei dieser Teilung zu kurz, denn je häufiger er die Blicke von der Leinwand hob,
desto länger hafteten sie an dem holden Bild des Lebens; manchmal, tief atmend,
schüttelte er den Kopf, als vertrüge vor seinem eigenen Urteil das künstlerische
Abbild, an dem er schaffte, nicht den Vergleich mit der schönen Wirklichkeit.
Kitty, die still und geduldig wie ein Mäuschen sass, gewahrte die Unruhe, die ihn
befiel, und als er wieder einmal den Rücken der Hand an die glühende Stirn
presste, fragte sie leise: »Herr Forbeck -?«
    Tante Gundi liess das Buch sinken.
    Da knirschten Schritte auf dem Kiesweg. Der alte Moser erschien:
hemdärmelig, die nackten Arme bis über die Ellbogen mit Blut besudelt, ein paar
rote Fingerstriche im lachenden Gesicht und in den Händen das frisch abgesägte
Geweih eines Zwölfenders.
    »Ich bitt, meine lieben Herrschaften, so was muss man anschauen!« rief er und
hob das Geweih. »So an Hirsch hat der Herr Graf schon lang nimmer gschossen. Dös
is einer, der noch aus meiner Zeit übrigblieben is!«
    Tante Gundi schalt: »Aber Moser! Sind Sie verrückt? Wie können Sie sich
einfallen lassen, in solchem Aufzug vor Damen zu erscheinen! Wie ein Mörder!
Gehen Sie mir aus den Augen! Flink!«
    »Jesus Maria!« brummte der Alte erschrocken und wandte sich zur Flucht.
Hinter den Büschen blieb er kopfschüttelnd stehen. »Und da gibt's Menschen auf
der Welt, die für so a Gweih kein Sinn haben! Man sollt's net glauben!
Natürlich, Frauenzimmer! Da fehlt's weit!«
    Gundi von Kleesberg vermochte sich lange nicht zu beruhigen. Der »grässliche
Anblick« war ihr auf die Nerven gegangen; und was aus ihrem Ärger herausredete,
war nichts weniger als ein Lobgesang auf die Jagd. Graf Egge wäre dabei übel
weggekommen, hätte nicht Kitty gemahnt: »Aber! Tante Gundi!«
    Von den dreien schien Forbeck der einzige, dem die Störung willkommen und
von Nutzen gewesen. Er war ruhiger geworden und arbeitete mit gleichmässigem
Eifer. Dann plötzlich kam es wie stürmische Ungeduld in seine Hand, alles an
seinem Wesen war freudige Hast.
    Tante Gundi machte grosse Augen. »Herr Forbeck? Was haben Sie denn?«
    »Sehen Sie nur die Beleuchtung!« stammelte er, ohne die Arbeit zu
unterbrechen. »Wie das Haar an der Schläfe schimmert! Und die Wange! Wie das im
Schatten noch leuchtet! Das muss ich haschen!«
    Stille Minuten vergingen. Dann trat er von der Leinwand zurück, mit einem
stockenden Atemzug, wie nach gewaltsamer Anstrengung; die Freude verzerrte ihm
fast das Gesicht. »Ich glaube, ich hab's!«
    Gundi Kleesberg rauschte zur Staffelei. Auch Kitty machte eine Bewegung, als
wollte sie aufspringen. Das gewahrte Forbeck, und mit glücklichem Lächeln sagte
er: »Wollen Sie sehen?« Sie kam herbeigeflogen, während Tante Gundi dem jungen
Künstler schon ein wortreiches Loblied sang. Schweigend, das Gesicht von
glühender Röte übergossen, stand Kitty vor dem Bild; dann blickte sie zögernd zu
Forbeck auf und sagte mit einer Stimme, in der ihre Freude sich verriet: »Sie
haben aber sehr geschmeichelt!«
    Er sah sie mit leuchtenden Augen an, und Gundi Kleesberg übernahm die
Antwort: »Aber nein, Kind! Genau so war es! Unglaublich, wie Herr Forbeck das
getroffen hat! Dieser Duft! Dieser Sonnenschimmer!« Das sprudelte so weiter.
    Forbeck wurde verlegen, gab neue Farben auf die Palette und wandte sich an
Kitty. »Darf ich bitten, nur noch ein Viertelstündchen für das Kleid, ehe das
Licht sich ändert?«
    Sie eilte zum Lehnstuhl, um ihre Stellung wieder einzunehmen.
    Aus dem Viertelstündchen wurde eine lange Stunde rastloser Arbeit. Forbeck
war so vertieft in Schauen und Schaffen, dass er die Schritte Tassilos überhörte,
der gegen Mittag kam, ein offenes Blatt in der Hand; seine Augen blickten noch
ernster als sonst; als er einen Blick auf die Leinwand geworfen hatte, legte er
die Hand auf die Schulter des jungen Künstlers. »Ja, lieber Freund, Werner wird
seine Freude haben an dieser Arbeit!« Eine Weile stand er in die Betrachtung des
Bildes versunken, dann trat er auf die Kleesberg zu, und ohne die Verwirrung zu
gewahren, die sein zu Forbeck gesprochenes Wort in ihr hervorgerufen hatte,
reichte er ihr das offene Telegramm und sagte zu seiner Schwester: »Robert und
Willy kommen heute nachmittag.«
    Jubelnd sprang Kitty auf und wollte zu Gundi Kleesberg hinüber. Auf halbem
Wege stand sie erschrocken still, sah Forbeck an, und ein Schatten glitt über
ihr Gesichtchen. Auch Forbeck war erregt, schien die Sitzung für beendet zu
halten und schloss den Farbenkasten.
    Inzwischen besprach Gundi Kleesberg ein bisschen konfus mit Tassilo alle
nötigen Vorbereitungen: man musste einen Wagen zu der eine Stunde entfernten
Bahnstation schicken und die Träger für den Aufstieg zur Jagdhütte bestellen,
der nach Graf Egges Anordnung schon am kommenden Morgen erfolgen sollte.
Seufzend griff sie an ihre Stirn und zappelte davon, ohne sich von Forbeck zu
verabschieden.
    Tassilo hatte eine tiefe Furche zwischen den Brauen. Und Kitty schien die
Sprache verloren zu haben. Forbeck nahm die Leinwand von der Staffelei und
verhüllte sie. Dann gingen sie langsam zum Schloss hinüber. Als sie den Teich
erreichten fragte Tassilo: »Haben Sie jetzt, was Sie brauchen, oder ist noch
eine Sitzung nötig?«
    Scheu blickte Kitty zu Forbeck auf, der die Antwort schwer zu finden schien.
»Ich glaube, dass ich mit dem, was ich habe, zurechtkommen werde. Auch darf ich
nicht unbescheiden sein.«
    »Unbescheiden? Ihr Bild soll nicht leiden. Morgen, bei dieser Unruhe im Haus
- aber vielleicht übermorgen. Ich will mit der Kleesberg sprechen. Wenn Ihnen
Fritz nach Tisch Ihre Sachen bringt, schick' ich Nachricht.«
    Forbeck vermochte nur mit einem Blick zu danken, die Kehle war ihm wie
zugeschnürt. Ohne die Augen zu heben, verneigte er sich vor Kitty. Tassilo
begleitete ihn zur Ulmenallee; als sie in den Schatten der Bäume traten, sagte
er: »Sie haben es gut, Sie können vor Ihrem wachsenden Werke stehen, und kein
Gedanke stört Ihnen das Glück Ihres Schaffens.«
    Forbeck nickte, als wäre an dieser Tatsache nicht zu zweifeln.
    »Aber ich!« Tassilo blickte gegen die Berge. »Ich werde um mein Glück ein
böses Jagen haben. Da droben!«
    Kitty war beim Teiche stehengeblieben, und während sie den beiden mit den
Augen folgte, streckte sie die Hand in den kühlen Regen der Fontäne. Sie sah,
wie Tassilo und Forbeck voneinander Abschied nahmen, als gält' es eine Trennung
für lange. Ein leiser Schauer rieselte ihr über die Schultern; sie zog die Hand
zurück und trocknete sie mit dem Tuch.
    Als sie bei Tisch erschien, fragte Gundi Kleesberg befremdet: »Kind, was ist
dir?«
    »Mir? Nicht das geringste! Vielleicht die Ungeduld. Ich kann es kaum
erwarten, bis Robert und Willy kommen.«
    »Willst du mit zur Bahn fahren?«
    Tassilo fiel hastig ein: »Da muss ich abraten.« Er sprach von der staubigen
Strasse, von der drückenden Hitze. Kitty merkte gleich, dass es eine Ausflucht
war, und grübelte: »Weshalb will er mich daheim behalten?«
    Die Kleesberg hatte ein weniger feines Ohr. »Vielleicht bist du auch etwas
ermüdet?« sagte sie. »Die Sitzung hat heute lange gedauert, wir haben keine
Pause gemacht. Ich weiss nicht, wie ich das übersehen konnte. Freilich, Herr
Forbeck war in so prächtiger Arbeitsstimmung. Aber wenn er übermorgen
wiederkommt -«
    »Übermorgen?« Nach diesem flinken Wort kam der zögernde Zusatz: »Noch eine
Sitzung?«
    »Ja, Kind, das kleine Opfer musst du bringen!« mahnte Gundi Kleesberg
mütterlich. »Tassilo sagte, das wäre im Interesse des Bildes notwendig. Wir
dürfen dem Gedeihen eines so schönen Werkes kein Hindernis in den Weg legen.«
    Tassilo sah die Kleesberg an und lächelte. Kitty zuckte nur die Schultern.
Ihre Laune besserte sich überraschend.
    Nach dem Diner, als man zur Veranda ging, hängte sich Kitty an den Arm des
Bruders. »Tas? Ehrlich! Warum willst du mich daheim haben?«
    »Komm zu mir hinauf, wenn Gundi ihr Schläfchen macht, und du wirst es
erfahren.«
    Auf der Veranda nahm Tassilo den gewohnten Platz nicht ein. Stehend leerte
er die Kaffeetasse, raffte die Zeitungen zusammen, nickte einen Gruss und
verschwand.
    »Was hat er denn?« fragte die Kleesberg verwundert.
    Kitty antwortete sehr ernst: »Er hat bis spät in die Nacht gearbeitet, heute
wieder den ganzen Vormittag, und wird ruhen wollen. Es ist schwül heute! Eine
drückende Luft. Nimm auch du keine Rücksicht auf mich. Wenn du müde bist -«
    »Ja, gutes Herz, ich danke dir!«
    Kaum die Kleesberg verschwunden war, huschte Kitty lautlos über die Treppe
hinauf und trat mit erregter Spannung in das Zimmer ihres Bruders.
    »Da bin ich, Tas!«
    »Komm!« Er zog sie an seine Brust. »Ich habe mit dir zu reden.«
    »Von mir?«
    »Nein! Von deinem Bruder Tas.«
    Nun atmete sie auf und lachte. »Du bist ja ganz feierlich!«
    Er streichelte ihr Haar. »Ich habe dich lieb. Und ich weiss, du hängst auch
an mir. Drum möchte ich dir eine unbehagliche Überraschung ersparen. Komm! Ich
will dir etwas zeigen!« Er führte sie zum Schreibtisch, zog sie auf seinen Schoss
und öffnete eine Lade. »Sieh dir einmal dieses Bild an!« dabei reichte er ihr
ein kunstvoll ausgeführtes Pastell in braunem Plüschrahmen.
    Das Porträt einer jungen Dame! Noch ehe Kitty das Bild genauer betrachtet
hatte, dämmerte in ihr eine Ahnung. Sie jubelte: »Tas? Du wirst doch nicht -«
    Er lächelte. »So schau dir das Bild doch an!«
    Der Reiz des Geheimnisses erfasste sie. Schauernd bewegte sie in seligem
Vergnügen die Schultern. »Wie entzückend, wie schön! Der sanfte Mund und die
wundervollen Augen -« Da stutzte sie. »Aber Tas? Du? Das ist doch Fräulein
Herwegh vom Hofteater? Natürlich! Das ist sie! Ich hab' sie schon dreimal
gehört. Zuletzt als Fides im Propheten! Ich war ausser mir vor Wonne. Und geheult
hab' ich, dass Tante Gundi wütend zu puffen anfing.« Kitty lachte. Mitten im
Lachen brach sie ab und wurde ernst. »Fräulein Herwegh ist eine grosse
Künstlerin. Aber was mich damals so tief ergriff, dass ich meinte, es zerdrückt
mir das Herz - denke, Tas, in der grossen Szene zwischen Fides und ihrem Sohn, da
ging es mir plötzlich durch den Kopf: ob nicht Mama so ausgesehen haben könnte
wie Fräulein Herwegh als Fides?«
    In Freude hatte Tassilo den sprudelnden Worten der Schwester gelauscht; nun
furchte sich seine Stirn; schwer atmend schüttelte er den Kopf.
    Kitty hielt das Bild im Schoss, lehnte die Wange an die Schulter des Bruders
und sah ins Leere. »Es war ein Unglück für mich, dass ich Mama so früh verlieren
musste. Je älter ich werde, desto schmerzlicher fühl' ich das. Und wenn ich an
Mama denke, ist alles leer vor mir. Ich sehe nichts!« Sie hob das Köpfchen und
sah dem Bruder in die Augen. »Tas? Es ist doch eigentlich ganz unverständlich,
dass wir von Mama kein Bild haben, weder hier in Hubertus noch in München?«
    Tassilos Stimme schwankte. »Mama wollte sich niemals malen lassen.« Fester
schlang er den Arm um Kitty. »Aber ich habe dir doch die Mutter schon sooft
geschildert.«
    »Wie schön sie war, und wie gut, ja, Tas! Aber ich sehe sie nicht. Wenn ich
mir eine Vorstellung von ihr zu machen suche, schwimmt mir alles. Ich sehe das
Haar, die Augen, aber kein Bild, das ich mit dem Herzen festalten könnte. Das
ist in mir eine unstillbare Sehnsucht. Sooft ich eine Dame sehe, deren
Erscheinung mich anzieht, geht es mir heiss durch das Herz: vielleicht hat Mama
so ausgesehen? Das war auch damals so, als ich Fräulein Herwegh in der Rolle der
Fides sah. Diese schöne, stille Grösse -« Verstummend betrachtete Kitty das Bild.
Plötzlich glitt es wie Schreck über ihre Züge, und sie stammelte: »Aber Tas! Wie
kommt denn dieses Bild zu dir?«
    »Fräulein Herwegh hat es mir geschenkt.«
    »Sie? Dir? Kennst du sie denn?«
    »Seit drei Jahren.«
    »Und davon hast du nie gesprochen?« Dem Lächeln des Bruders gegenüber
steigerte sich ihre Verwirrung. »Und das Bild? Dass sie dir das Bild gab? Das muss
doch einen Sinn haben?«
    »Den errätst du nicht«
    »Tas!« Ohne das Bild aus der Hand zu lassen, schlang Kitty den Arm um den
Hals des Bruders.
    »Ich liebe sie. Und Anna liebt mich wieder. Wie es kam? Das ist eine stille
Geschichte. Weisst du, das rechte Glück ist nie eine komplizierte Sache. Da fällt
ein Same in ein Menschenherz. Niemand weiss, wer ihn streute. Er wächst, und du
fühlst es nicht. In guter Stunde kommt der helfende Sonnenstrahl dazu, und der
Keim ist eine Blume geworden, mit Duft und Farben. Das ist mein ganzer Roman.
Ich verehrte Anna schon als Künstlerin, bevor ich sie persönlich kennenlernte.
Die erste Begegnung hatte ich mit ihr an jenem Tag, an dem ich als Konzipient
bei Doktor Neurot eintrat. Er war ihr Anwalt. Als er mir seine Kanzlei übergab,
wurde Anna meine Klientin. Da hatte ich Gelegenheit, ihren lauteren Charakter
kennenzulernen, ihr tiefes Gemüt, auch die schöne Häuslichkeit, in der sie mit
Mutter und Schwester lebt. Wir glaubten Freunde zu sein und wussten nicht, dass
wir uns liebten.«
    Regungslos hatte Kitty gelauscht. Nun fragte sie flüsternd: »Wie kam es, dass
ihr euch gefunden habt?«
    Tassilo lächelte. »Du wirst enttäuscht sein, wenn ich es dir erzähle. Es war
im Frühjahr. Da bat sie mich eines Tages um meinen Besuch. Ich sah, dass die
Zeilen in erregter Hast geschrieben waren, und liess alle Arbeit liegen. So kam
ich zu ihr und erfuhr, sie hätte einen glänzenden Antrag der Wiener Oper
erhalten, müsse sich innerhalb eines Tages entscheiden und bäte mich um meinen
Rat. Mir fuhr es an die Kehle, dass ich keine Silbe herausbrachte. Sie sah mich
betroffen an, und so standen wir eine Weile wortlos voreinander. Dann las ich
den Vertrag, wir besprachen alle Verhältnisse der neuen Stellung, und aus
ehrlichem Gewissen musste ich ihr raten, den Kontrakt zu unterzeichnen. Lange sass
sie schweigend, dann faltete sie den Vertrag zusammen und verschloss ihn. Wir
plauderten noch über alle möglichen Dinge; dabei sass sie auf dem Stuhl vor dem
offenen Flügel und griff zuweilen mit einer Hand ein paar Akkorde. Plötzlich
brach sie mitten im Worte ab und begann zu spielen -«
    »Und sang?«
    Er nickte. »Ein kleines Liedchen von Schumann, Jasminenstrauch.«
    »Ich kenne das Lied!« Zwei Tränen schimmerten an Kittys Wimpern, während sie
leis die Verse flüsterte:
»Grün ist der Jasminenstrauch
Abends eingeschlafen.
Als ihn mit des Morgens Hauch
Sonnenlichter trafen,
Ist er schneeweiss aufgewacht:
Wie geschah mir in der Nacht?
Seht, so geht es Bäumen,
Die im Frühling träumen.«
    Ein tiefer Atemzug schwellte ihre junge Brust, und die Tränen rollten von
ihren Lidern.
    »Dieses Liedchen sang sie. Dann liess sie die Hände in den Schoss fallen. Und
ohne das Gesicht nach mir zu wenden, sagte sie: Ich habe mich besonnen, ich gehe
nicht nach Wien. Eine Antwort fand ich nicht. Aber ich umschlang sie und küsste
ihren Mund.«
    »Ach, du Glücklicher! Du Glücklicher!«
    »Ja! Ich habe das Glück gefunden und will es halten. Anna wird meine Frau.
Willst du ihr gut sein?«
    »Gut sein? Nur gut sein? Tas! Ich werde ja närrisch vor Freude!« Sie
erstickte den Bruder fast mit Küssen. Plötzlich richtete sie sich auf und glitt
von seinem Schoss. Ihr Gesichtchen hatte alle Farbe verloren. »Tas - ums Himmels
willen - Papa? Hast du denn schon mit ihm gesprochen?«
    Tassilo erhob sich. »Noch nicht. Das soll dieser Tage geschehen, droben in
der Jagdhütte.«
    Verstört blickte sie zu ihm auf. »Herr, du mein Gott! Lieber, lieber Tas!
Das wird böse Geschichten absetzen!«
    »Das fürchte ich!« sagte er ruhig.
    Leidenschaftlich, als hätte sie um das eigene Glück zu kämpfen, fasste sie
die Hand des Bruders. »Sei mutig, Tas! Dann wirst du es durchsetzen. Das bist du
deiner Liebe schuldig. Und wie es auch kommen mag, ich halte zu dir! Fest!« Mit
beiden Armen umklammerte sie seinen Hals. »Ach, Tas, ich habe dich so furchtbar
lieb!«
    Er nahm ihr zuckendes Gesichtchen zwischen die Hände. »Ich danke dir! Ja,
kleiner Spatz, du hast mich lieb! Ich wusste, dass du dich für mich entscheiden
würdest. Ebenso, wie ich weiss, dass die anderen gegen mich sein werden.«
    »Nein, Tas! Denke nicht gleich das Allerschlimmste! Ich sage dir was. Nimm
das Bild mit hinauf in die Hütte! Wenn Papa das Bild sieht - oder noch besser,
Tas: Grüble dir einen Vorwand aus, suche Papa zu einer Fahrt nach München zu
bewegen, mach' ihn mit Anna bekannt -«
    Tassilo schüttelte den Kopf. »Ich kenne den Vater besser. Mit einem solchen
Versuche würde ich Anna nur einer Demütigung aussetzen. Könnt' ich mir von einer
Bewegung Gutes versprechen, so wäre die Fahrt nach München nicht notwendig. Anna
ist mit ihrer Mutter und Schwester hier im Dorfe.«
    »Tas! Und das sagst du mir erst jetzt!« stammelte Kitty in Freude. »Führe
mich zu ihr! Ich bitte, bitte! Ich muss sie kennenlernen. Ich muss! Nicht wahr, du
erfüllst meine Bitte? Heute noch! Jetzt! Sieh nur, Tas, wir können keine bessere
Stunde finden! Die Gundi schnarcht, und Papa ist in der Hütte droben - es ist
also absolut unmöglich, dass ich irgend jemand um Erlaubnis frage! Komm, Tas,
komm! Was später sein wird, wissen wir alle beide nicht, aber heute können wir
noch tun, was wir wollen! Ich bitte dich, Tas!«
    »Ja, Schatz, wir wollen gehen! Und ich will ehrlich sein: Ich hoffte, dass du
diese Bitte stellen würdest. Für Anna wird es eine Freude sein, wenn ich dich
bringe und ihr sagen kann, dass es dein freier Wunsch war.«
    »Tas!« jubelte Kitty. »In fünf Minuten bin ich fertig.« Selig auflachend
huschte sie davon.
    Nach wenigen Minuten erschien sie wieder, mit heissen Wangen und strahlenden
Augen. Sie hatte sich »schön« gemacht - genau so schön wie für jenes Diner, zu
welchem Forbeck geladen war.
    Arm in Arm wanderten die Geschwister durch die Ulmenallee, an dem Käfig
vorbei, in dem die Adler auf den Stangen sassen; die Raubvögel bewegten die
Köpfe, als das Paar vorüberschritt, und die durch keine Gefangenschaft zu
zähmende Wildheit ihrer Rasse funkelte in den scharfen Augen; einer von ihnen
knappte mit dem Schnabel und zog die Fänge an, dass die Stange knirschte.
 
                                       13
Vor dem Seehof füllte ein Gewirr von Menschen und Wagen den sonnigen Landeplatz,
Schiffe kamen und gingen, und aus dem See heraus tönten die Echoschüsse.
    Tassilo trat mit der Schwester in eine Schiffshütte. Hier bestiegen sie das
Boot. Kitty fasste die Steuerschnüre, aber sie war so wenig bei der Sache, dass
Tassilo immer wieder mit dem Ruder die Ablenkung des Bootes korrigieren musste.
Auf einem hinter den Villen gegen den Wald führenden Promenadenweg gewahrte er
zwei Damen und erkannte Frau Herwegh mit ihrer jüngeren Tochter. Schon fürchtete
er, auch Anna nicht zu Hause zu finden; die Klänge eines Flügels, die immer
deutlicher hörbar wurden, je mehr sich der Nachen dem Villenufer näherte,
beruhigten ihn. Kitty wandte keinen Blick mehr von dem unter Bäumen halb
versteckten Landhaus, und die gedämpften Klänge schienen ihre Erregung noch zu
steigern; als der Nachen an der Steintreppe anlegte, war sie in einer Stimmung,
als sollte sie ein verwunschenes Schloss betreten. Sie klammerte sich an den Arm
des Bruders, dass er lächelnd fragte: »Hast du Angst?« Tief atmend schüttelte sie
das Köpfchen und liess sich führen.
    Während die beiden den kleinen Garten durchschritten, gesellte sich zu den
Tönen des Flügels der Gesang einer Altstimme, wie der Klang einer Glocke.
    »Bleib, ich bitte dich,« stammelte Kitty, »lass mich hören!«
    »Das hörst du in der Nähe besser!«
    Sie traten in den Flur der Villa, und geräuschlos öffnete Tassilo eine Tür.
Kitty hatte kein Auge für den Raum. Zitternd stand sie, und ihr Blick hing an
der schönen, mit vornehmer Schlichteit gekleideten Mädchengestalt, die, der Tür
den Rücken wendend, vor dem Flügel sass. In tiefer Bewegung lauschte Kitty, und
wie ein flinkes Hämmerlein schlug ihr das Herz. Was sie fühlte, war nicht nur
der Reiz des Augenblickes, nicht nur das scheue Mitempfinden am Glück des
Bruders. Ihre junge Seele hatte in diesen Tagen einen Samen empfangen, der still
zur Blüte trieb; und in dieses ihr selbst noch unbewusste Fühlen klangen die
Worte des Mendelssohnschen Wiegenliedes, das Anna Herwegh sang:
»Schlummre und träume von kommender Zeit,
Die sich dir bald muss entfalten,
Träume, mein Kind, von Freud und Leid,
Träume von lieben Gestalten!
Schlummre und träume von Frühlingsgewalt,
Schaue das Blühen und Werden,
Horch, wie im Hain der Vogelsang schallt:
Liebe ist Himmel auf Erden!
Heut zieht's vorüber und kann dich nicht kümmern,
Doch wird dein Frühling auch blühen und schimmern,
Bleibe nur fein geduldig,
Bleibe nur fein geduldig!«
    Tassilo war hinter Annas Stuhl getreten, und als das letzte Wort des Liedes
mit den verklingenden Akkorden wie ein leiser Hauch erlosch, legte er die Hände
auf ihre Schultern.
    Sie hob die Augen. »Du!« Und lächelnd streckte sie die Arme nach ihm.
    Er küsste das schimmernde Haar. »Ich habe dir einen Gast gebracht.«
    Annas Blick huschte zur Tür, und erschrocken sprang sie auf.
    Mutig machte Kitty einen Schritt und begann zu stammeln: »Mein Bruder - erst
heute hab' ich - kaum weiss ich, wie ich Ihnen meine Freude -« Da gingen ihr die
Worte wieder aus. Ein paar Sekunden stand sie hilflos, mit schwimmenden Augen,
dann plötzlich, unter Lachen und Weinen, flog sie auf Anna Herwegh zu und
umschlang sie. -
    Um die gleiche Stunde öffnete Gundi Kleesberg in Schloss Hubertus Tür um Tür.
»Kitty? Kitty?« Ihre Stimme klang durch das ganze Haus; nur Fritz erschien, der
auf Tante Gundis erregte Frage keine Antwort wusste. Die Entdeckung, dass auch
Tassilo mit Hut und Stock verschwunden war, beruhigte sie einigermassen und
weckte in ihr die Vermutung, dass Kitty mit ihrem Bruder dem Wagen eine Strecke
entgegengegangen wäre.
    Im Laufe des Nachmittags traf Roberts Stallbursche mit zwei Reitpferden in
Hubertus ein, und gegen sechs Uhr abends rollte der offene Jagdwagen mit den
beiden Brüdern durch die Ulmenallee heran. Willy, ein neunzehnjähriger Fähnrich,
glich im Schnitt der Züge auffallend seiner Schwester; nur die Gestalt war
derber und erinnerte in den breiten Schultern an den Vater; heisse Farbe lag auf
dem fröhlichen Gesicht, aus dessen Augen der Übermut und das junge Leben
lachten; die kurzen Spitzen des kleinen Bärtchens standen scharf von der
Oberlippe ab - man sah ihnen an, dass sie mit Ungeduld gepflegt und gezogen
wurden. Schon als der Wagen in das Parktor lenkte, sprang Willy auf, rief mit
hallender Stimme den Namen der Schwester und reckte den Kopf, um durch das
Gewirr der Äste zu spähen. Vor einem der niederhängenden Zweige duckte er sich,
wankte im schaukelnden Wagen und trat etwas unsanft auf den glänzenden
Lackstiefel seines Bruders.
    »So bleib doch sitzen, du Fex, und trample nicht anderen Menschen auf den
Füssen herum!«
    »Na, sei gut, ich war ja nicht lange droben!« tröstete Willy lachend.
    Robert stäubte ärgerlich mit dem duftenden Taschentuch den Stiefel ab und
sass wieder in gemessener Ruhe, die eine Hand auf dem Korb des Säbels, den er
zwischen den Beinen stehen hatte, in der anderen die Zigarette. Er trug die
Uniform der Ulanen; das dunkle Grün hob seine elegante Gestalt, und mit
Akkuratesse sass die Mütze auf dem tadellos frisierten Kopf. Neben dem unruhigen
Leben des Bruders erschien Robert wie die Verkörperung jener Langeweile, die
sich als selbstbewusste Vornehmheit zu geben weiss. Einem schärferen Blick entging
es nicht, dass diese stilvolle Ruhe nur Kostüm war. Es zuckte um die grauen
Augen, und etwas Nervöses lag in der Art, wie er beim Einatmen des
Zigarettenrauches die Unterlippe zwischen die Zähne zog. Auch sonst noch
erzählte dieses Gesicht von mancherlei Dingen; es war frostig wie das Gesicht
eines Menschen, der eben aus dem kalten Bad gestiegen. Die Ähnlichkeit mit
Tassilo war unverkennbar; aber obwohl Robert um vier Jahre jünger war, schätzte
man ihn älter als den Bruder.
    Vor der Veranda erwartete Fräulein von Kleesberg den Wagen, und in
angemessener Entfernung stand die Dienerschaft in Reih' und Glied: Fritz, Moser,
die alte Beschliesserin, die noch ältere Köchin, zwei übertragene Jungfern und
Roberts Stallbursche in Uniform.
    »Tante Gundi! Tante Gundi!« rief Willy und winkte mit beiden Händen. »Aber
wo ist denn die kleine Maus? Und den gestrengen Herrn Doktor seh' ich auch
nicht?« Es fiel ihm nicht ein, nach dem Vater zu fragen. Dass Graf Egge droben in
der Jagdhütte sass, war eine selbstverständliche Sache.
    Robert verliess als erster den Wagen und dehnte die Beine, als wäre er vom
Pferd gestiegen. Mit vorschriftsmässiger Höflichkeit küsste er die Hand der
Kleesberg und nickte der Dienerschaft einen kaum merklichen Gruss zu. Gundi
stotterte in Sorge die Frage, ob Kitty und Tassilo dem Wagen nicht begegnet
wären. Aber sie kam damit nicht zu Ende. Willy umarmte sie mit stürmischem Jubel
und drückte ihr zwei schallende Küsse auf die Wangen, dass er weisse Lippen und
Tante Gundi zwei rote Flecken bekam. »Na also, Tantchen, da wären wir! Und geben
Sie mal acht, wie ich Ihnen die Cour schneiden werde. Natürlich nur zu meiner
Übung. Der Leutnant wird nicht lange mehr auf sich warten lassen, und bis dahin
muss ich ferm sein, Tantchen! Übung macht den Meister!« Wieder umarmte er sie.
    »Ich warne Sie, Fräulein!« fiel Robert ein, zwischen den Zähnen eine frische
Zigarette, die er in Brand steckte. »Der Junge weiss in solchen Dingen zwischen
Scherz und Ernst nicht zu unterscheiden. Wenn er ein paar Zöpfe wittert - und
Sie haben doch noch welche? - das macht ihn toll!« Er wandte sich an seinen
Stallburschen. »Sind die Pferde gut untergebracht?«
    »Zu Befehl, Herr Graf!«
    »Davon will ich mich selbst überzeugen. Vorwärts!« Er folgte dem Burschen zu
den Ställen.
    Auf den Wangen der Kleesberg brannte die Röte der Empörung durch den Puder.
Mühsam raffte sie ihre ins Wanken geratene Würde zusammen, und da der
eigentliche Missetäter ihrer Entrüstung entzogen war, spiesste sie den lachenden
Fähnrich auf. »In aller Güte, lieber Graf Willy, aber ich muss Ihnen bemerken,
dass ich derartige Scherze mehr als unschicklich finde. Wenn sich Ihr Vater
zuweilen solche Spässe in der Lederjoppe erlaubt, lass ich mir das mit Rücksicht
auf Kitty gefallen und schweige -«
    »Aber Tantchen! Seien Sie doch gemütlich!« Willy versuchte der Zürnenden die
Wange zu streicheln.
    »Ich bin sehr gemütlich! Aber alles hat seine Grenze, lieber Graf Willy!
Deshalb möchte ich Ihnen wie Ihrem Bruder bemerken -«
    Gundi Kleesberg verstummte, weil Willy mit langen Sprüngen davonrannte.
»Kitty! Kleine süsse Maus! Da bist du ja!« Er breitete die Arme nach der
Schwester aus, die mit Tassilo in der Ulmenallee erschienen war.
    Kitty lief ihm entgegen, er umarmte und küsste sie mit burschikoser
Zärtlichkeit und schwang sie im Kreis, dass sie eine Weile mit den Füsschen nicht
auf die Erde kam. Als er sie niedersetzte, machte er staunende Augen. »Nanu!
Schatz! Was ist denn aus dir in diesen acht Tagen geworden? Die Luft in Hubertus
wirkt ja Wunder! Na, sieh mal, wie sich das Ding gestreckt hat! Und die Augen,
die sie macht!«
    Kitty atmete tief, und ohne zu antworten, blickte sie auf Tassilo zurück,
der langsam herbeikam. Aus ihr redeten noch die Eindrücke der vergangenen
Stunden, und ihre Augen hatten einen träumerischen Glanz. Als sie bemerkte, dass
Willy keine Miene machte, den Bruder zu begrüssen, flüsterte sie hastig: »Wenn du
mich lieb hast, so bitte ich dich, sei freundlich mit Tas!«
    Willy stutzte. »Freundlich? Weshalb denn nicht? Ich habe durchaus keine
Ursache, kühl gegen ihn zu sein - wenn er es nicht gegen mich ist!«
    »Er ist nicht kühl, am allerwenigsten gegen seine Geschwister. Das sag' ich
dir, denn ich weiss es! Nur ernst ist er. Und verstanden will er sein!«
    »Na, meinetwegen!« Die Hand streckend, ging Willy auf den Bruder zu. »Guten
Abend, lieber Tas! Ich freue mich herzlich. Eine famose Sache, dass wir alle mal
wieder so nett beisammen sind. Das ganze Nest von Hubertus!«
    »Grüss dich Gott, lieber Willy!« Tassilo fasste die Hand des Bruders. »Dein
Aussehen macht mir Freude und lässt mich hoffen, dass du dich wieder völlig wohl
fühlst?«
    »Ohne Sorge! Ich habe mich wieder flott auf den Damm geschwungen.«
    »Warst du denn krank?« fragte Kitty erschrocken.
    Er wurde ein bisschen verlegen. »Ach, Gott bewahre! So 'ne harmlose
Erkältung, nicht der Rede wert! Wie weggeblasen. Weisst du, das war nur so -« Er
begann eine Geschichte zu erzählen: von einem Marsch bei »scheusslichem« Wetter
und von einem unvorsichtigen Trunk. dabei dämpfte er die Stimme und zog die
Schwester aus Tassilos Nähe.
    Das war überflüssige Vorsicht; Tassilo nahm dem Boten, der die Abendpost
brachte, die Zeitungen und Briefe ab. Rasch überflog er die Adressen. Eine war
mit plumper Hand geschrieben: »Ann den hochgebohrnen Dogtor Graffen Dasilo Ekke
Senefeld.« Tassilo schien die Schrift zu kennen. »Einen Augenblick!« rief er dem
Boten zu, der sich schon wieder zum Gehen wandte, und erbrach den Brief.
    Kitty hatte Willys wortreiche Geschichte schweigend angehört und streichelte
ihm zärtlich die Wange. »Da darfst du wirklich von Glück sagen, dass du mit dem
Schreck davongekommen bist. Du siehst wieder aus wie das Leben. Jetzt sei
vernünftig und halte dich!«
    »Na, das versteht sich! Man wird älter und vernünftiger, weisst du!«
    »Aber wo bleibt denn Tas?« Sie sah sich nach dem Bruder um und hörte ihn zum
Postboten sagen: »Ich werde gegen acht Uhr einen Expressbrief schicken und lasse
den Herrn Expeditor bitten, mir zu Gefallen eine Ausnahme zu machen und den
Brief noch anzunehmen, er muss mit der nächsten Post noch abgehen, oder ich müsste
ihn direkt zur Bahn schicken!«
    Kitty wurde unruhig und ging auf Tassilo zu. »Hast du eine unangenehme
Nachricht erhalten?«
    »Nein, Schatz! Ein armer Teufel, den sie im vergangenen Sommer zu drei
Jahren verurteilen mussten, ist auf Grund seiner tadellosen Führung begnadigt
worden. Ich hab' ihn damals verteidigt. Nun hat er mich in München aufgesucht
und nicht gefunden. Er ist ratlos, niemand will ihm Arbeit geben. Aber er muss
eine Stelle finden, die ihn leben lässt. Und ich hoffe, ihm eine solche
verschaffen zu können. Verzeihe, Schatz, aber die Sache hat Eile.« Er nickte der
Schwester zu und ging rasch davon.
    »Was hat er denn?« fragte Willy.
    »Er muss einen Brief beantworten. Eine sehr ernste Angelegenheit.«
    Willy lachte. »Ernst, ernst, ernst! Das ist ja dein zweites Wort! Sag' mir
nur, du kleine Maus, was ist denn nur mit dir? Wer dich ansieht, möchte dich für
eine Dame nehmen, und wer dich hört, für eine Gouvernante.«
    »Scherze nicht! Ich fangen endlich an, den Ernst des Lebens zu verstehen.
Aber komm, jetzt wollen wir zu Robert.« Sie nahm Willys Arm und liess ihn wieder
fahren, um fliegenden Laufes ihren Bruder Tassilo einzuholen. Bei der Veranda
erreichte sie ihn und schlang die Arme um seinen Hals. »Sie ist entzückend, Tas,
ich liebe sie wahnsinnig!« flüsterte sie, küsste ihn aufs Ohr und rannte lachend
zu Willy zurück.
    »Erlaube mir, Maus, du benimmst dich mit ihm, das ist geradezu sonderbar!«
Es klang aus diesen Worten eine Regung brüderlicher Eifersucht.
    Kitty wurde rot. Das Geheimnis, das sie vor Willy verbergen musste, machte
sie glücklich, aber auch ein wenig schuldbewusst. »Er ist so herzensgut!«
    »So? Das bin ich wohl nicht?«
    »Natürlich! Du auch!«
    Der leere Jagdwagen fuhr im Bogen um das Schloss herum, und aus dem Flur
klang die Stimme der Kleesberg, die das Schicksal des Gepäckes überwachte. Der
alte Moser, der seinen Anteil an dieser Arbeit bereits erledigt hatte, näherte
sich den beiden Geschwistern mit dem Hut in der Hand.
    »Wo ist denn mein Bruder Robert?« fragte Kitty.
    »Im Stall, Fräuln Kontess!«
    Während Kitty davoneilte, blieb Willy vor dem Alten stehen und klopfte ihn
auf die Schulter. »Na, Moserchen, wie haben wir überwintert?«
    »Net schlecht, Herr Graf! Wie an alter Has, der die warmen Platzerln kennt.
Aber dös muss ich schon sagen, Herr Graf, völlig verdrossen hat's mich, dass der
Herr Graf den alten Moser so lang mit keim Gruss beehrt haben. Ja, völlig
verdrossen hat's mich. Und ich hab mich so viel auf den jungen Herrn Grafen
gefreut!«
    »Aber Moserchen, wer wird denn gekränkt sein! Wir waren doch immer gute
Freunde, und das bleiben wir auch!«
    Der Alte lachte geschmeichelt und drehte den weissen Schnurrbart. »Herr Graf,
für Ihnen geh ich noch allweil durchs Feuer! Kein bessern Freund haben S' fein
net als mich!«
    »Natürlich! Und jetzt legen Sie mal los, Moserchen, was gibt's denn Neues in
und um Hubertus?«
    »A guts Jahr heuer, ja! Der gnädig Herr Graf droben schiesst ein Hirsch und
ein Gamsbock um den andern. Es kracht nur allweil so. Und den ganz alten Bock,
den mit der sakrischen Kruck, den hat er jetzt endlich auch beim Zipfl erwischt.
Den Freudensprung möcht ich gsehen haben, den er gmacht hat! Ja, a saubers Jahr
heuer! Die Gams sind gut im Wildbret, und die Hirsch haben teuflische Gweih
auf!« Ein lustiges Kichern unterbrach den bedächtigen Bericht. »Und d' Leut
haben sich auch net schlecht ausgwachsen heuer! Gwisse Leut!« Der Alte zwinkerte
mit den Augen.
    Willy wusste den Sinn dieser Anspielung nicht zu ergründen.
    »Spitzen werden S', Herr Graf, grad spitzen, wenn Sie s' Lieserl
wiedersehen.«
    »Lieserl?« Willy schüttelte den Kopf, seine Erinnerung liess ihn im Stich.
    »Aber Herr Graf! Vor mir brauchen S' Ihnen net verstellen! Sie wissen schon,
wen ich mein'. Unser Zaunlieserl können S' doch net vergessen haben!«
    »Das Lieserl! Richtig, das Lieserl!« Es dämmerte in Willys Gedächtnis, und
lachend zupfte er an seinem Bärtchen.
    »Ja, Herr Graf, gleich anbeissen möcht man! So lieb is der kleine Schniegel!«
    »Da bin ich wirklich neugierig. Und sag' mir, Moser -« Willy brach ab, da er
Kitty und Robert um die Ecke des Schlosses kommen sah. Er klopfte den Alten auf
die Schulter und sagte mit verwandelter Stimme: »Brav, Moserchen, das freut
mich, dass Sie noch immer so rüstig sind. Morgen steigen wir miteinander hinauf
zur Hütte. Das soll eine lustige Jagd werden!« Lachend reichte er ihm die Hand
zum Abschied und bummelte den Geschwistern entgegen.
    Robert schien übler Laune, und Kitty war erregt. Mit beiden Händen hielt sie
seinen Arm umspannt und sah flehend zu ihm auf. »So tu es mir zuliebe, ich bitte
dich, Robert! Geh hinauf zu ihm und sag' ihm einen Gruss.«
    »Das ist alles recht lieb und niedlich von dir! Aber jeder nach seiner Art.
Ich kann es in aller Gemütsruhe abwarten, bis ich Gelegenheit finde, Herrn
Doktor Egge einen vergnügten Abend zu wünschen.«
    »Aber Robert!«
    »Ich müsste mir auch einen Vorwurf daraus machen, wenn ich ihn bei seiner
humanen Beschäftigung stören wollte.« Mit hoheitsvoller Entschiedenheit löste
Robert den Arm, nahm eine frische Zigarette und trat ins Haus.
    Trauernd sah Kitty ihm nach. Willy legte den Arm um ihre Schulter. »Zwischen
den beiden fängt wohl die alte Geschichte schon in der ersten Stunde wieder an?
Na, ich habe meine Schuldigkeit getan! Und du sei klug, liebe Maus, und mische
dich nicht in Dinge, die du nicht ändern kannst. Komm, wir beide wollen
zusammenhalten und lustig sein! Jetzt machen wir einen Hetzbummel durch den
Park. Das trainiert den Hunger, bis es läutet.« Lachend zog er die Schwester mit
sich fort.
    Kittys trübe Stimmung wollte sich nicht aufhellen, sosehr sich Willy auch
alle Mühe gab, die Schwester fröhlich zu machen. Er liess alle Schnurren los, die
ihm einfielen, kopierte drollig den alten Moser, die Gundi Kleesberg und seinen
Bruder Robert, stellte sich in der Haltung berühmter Statuen auf die Felsblöcke
und Baumstümpfe, schwang sich als Windfahne um die Laternenpfähle und war so
harmlos ausgelassen wie ein guter, lustiger, unverdorbener Junge, der aus dem
Seminar in die Ferien kam und sich der ersten freien Stunde freut.
    Ein paarmal zwang er wohl die Schwester zum Lachen, doch es kam ihr nicht
von Herzen. Und schliesslich schien es ihr willkommen zu sein, dass sie mahnen
konnte: »Es wird spät, wir wollen ins Haus zurück.«
    »Na meinetwegen!« murrte Willy. »Du hast heute einen Humor - ein Igel ist
dagegen der reine Seidenpinsch!«
    Da klang durch das Torgitter eine freundliche Mädchenstimme. »Recht guten
Abend, Fräuln Kontess! Guten Abend auch, Herr Graf!«
    Hurtig drehte Willy auf dem Hacken herum, sah ein hübsches Gesicht durch die
Eisenstäbe schimmern und ein schmuckes, halb städtisch gekleidetes Figürchen
hinter der Mauer verschwinden.
    »Wer war das?«
    Kitty blieb stehen. »Wer?«
    »Das Mädchen, das uns grüsste?«
    »Ich weiss nicht, ich habe nichts gehört.«
    Willy stand unschlüssig. Zögernd folgte er der Schwester, und dann griff er
mit beiden Händen an seine Taschen. »Verwünscht! Jetzt hab' ich meine
Zigarettendose verloren. Geh nur ins Haus, ich komme gleich!« Immer wieder an
die Taschen greifend, folgte er einem seitwärts zwischen die Büsche führenden
Pfad; hinter einer Biegung blieb er stehen, und als er den Schritt der Schwester
auf der Veranda hörte, rannte er zum Parktor. Lautlos öffnete er das Gitter und
trat auf die Strasse, über deren Staub sich schon der Tau des dämmernden Abends
legte. Er konnte sie weit übersehen, fast hinunter bis zu Meister Zauners Haus.
Aber die Strasse war leer. »Natürlich!« schmollte er wie ein Kind, dem der Wunsch
nach einem Spielzeug versagt wurde. Schon wollte er misslaunig den Rückweg
antreten, als ihm einfiel, dass das Mädel nach der entgegengesetzten Richtung
gegangen wäre. Wohin? Da draussen lag ein vereinzeltes Bauernhaus, der Mooshof.
Was konnte das junge Ding so spät am Abend da draussen zu schaffen haben? Während
er noch stand und grübelte, tauchte das Mädel an der Biegung der Parkmauer auf.
Vergnügte Neugier sprang aus Willys Augen, und er stellte sich in
erwartungsvolle Positur, die eine Hand in der Tasche, die andere am Bärtchen:
Mars, der Siegende!
    Das Mädel schien ihn bereits gewahrt zu haben und schlängelte sich, als wäre
ihr vor dieser Begegnung ein bisschen bang, auf die andere Strassenseite.
    Lächelnd verfolgte Willy dieses vielsagende Manöver. Wohl spann schon die
Dämmerung ihre grauen Schleier, doch immerhin vermochte er die Kommende noch
einer erfolgreichen Musterung zu unterziehen. »Ei sieh mal an! Moserchen hat
nicht übertrieben! Der kleine Käfer vom vergangenen Sommer hat sich ganz
allerliebst ausgewachsen.«
    Nun ging sie an ihm vorüber, nickte zutraulich einen stummen Gruss und
blickte auf die Seite, um ihr vergnügtes Lächeln zu verstecken. Willy machte ein
paar flinke Sprünge, guckte in ihr kokettes Grübchengesicht und drohte mit dem
Finger. »Lieserl! Lieserl! Ein so junges, hübsches Kind wie du sollte so spät am
Abend nicht mehr allein auf der Strasse sein!«
    Sie blitzte ihn mit den dunklen Augen an und schmunzelte; doch gleich wieder
zeigte sie ein ernstes Gesicht und sagte hochdeutsch und selbstbewusst: »Ich
fürchte mich nicht, Herr Graf! Ich weiss mich nötigenfalls schon zu verteidigen.«
    »So?« Er lachte. »Und wo kommst du denn so spät noch her?«
    »Mein Herr Vater hat mich mit einer Botschaft zum Mooshof geschickt. Der
Mooshofer ist mir begegnet und hat mir den halben Weg erspart. Aber ich bitte,
Herr Graf, ich muss nach Hause. Wünsch guten Abend!« Sie machte einen nicht übel
gelungenen Knicks, versuchte das Lächeln zu unterdrücken und setzte sich langsam
in Gang.
    Willy blieb an ihrer Seite. »Hör', Lieserl, das ist ein grosses Unrecht von
deinem Herrn Vater, dass er dich so spät noch fortschickt. Denk' nur, was dir
alles passieren kann! Da ist es meine heilige Ritterpflicht, dich unter meinen
Schutz und Schirm zu stellen!« Er wollte ihren Arm nehmen, doch kichernd wich
sie vor ihm zurück.
    »Aber Herr Graf! Was denken Sie nur! Sie und ich! Wenn das die Leute sehen
würden!«
    »Geh, du Närrlein! Erstens sieht es kein Mensch, und zweitens würde ich mich
den Teufel darum kümmern.« Willy haschte ihren Arm und gab ihn nicht mehr frei -
Lieserl sträubte sich auch nicht allzusehr. »Und vor mir wirst du doch keine
Angst haben? Wir sind doch schon im vergangenen Sommer gute Freunde geworden.
Ja, Lieserl, ich habe viel und oft an dich gedacht. Und heute bei meiner Ankunft
in Hubertus war die Frage nach dir das erste Wort, das ich mit Moser gesprochen
habe.«
    Lieserl blinzelte ungläubig. »Ist das auch wahr, Herr Graf?«
    »Natürlich!« versicherte er und drückte ihren runden Arm an seine Brust.
»Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich freue, dass ich dir begegnet
bin, gleich am ersten Abend!«
    »Ja, das ist wirklich merkwürdig, ein solcher Zufall!« Kichernd versteckte
sie das Gesicht.
    »Und du, Lieserl, ehrlich, hast du auch manchmal an mich gedacht?«
    Die Antwort liess auf sich warten. Endlich sagte Lieserl diplomatisch: »Das
ist aber ein bissl viel gefragt, Herr Graf. Man muss nicht alles wissen!«
    Willy wurde warm. »Wirst du gleich antworten, du Schnabel, du niedlicher!«
Mit flinkem Griff umschlang er ihre Hüfte. »Heraus mit der Sprache: Hast du an
mich gedacht oder nicht?« Er presste das Mädel fest an sich.
    Nun war es mit Lieserls Hochdeutsch zu Ende. »Aber ich bitt, Herr Graf, sind
S' doch gscheit!«
    »Heraus mit der Sprache!«
    Da klang vom Zaunerhäuschen der Ruf einer Männerstimme: »Lieserl! Lieserl!«
    »Jesus Maria, der Vater!« stotterte das Mädel und versuchte sich
loszureissen.
    Willy hielt mit dem rechten Arm fest, fing mit der linken Hand das hübsche
Köpfl ein und verschloss das Stottermäulchen mit einem Kuss, der nicht unerwidert
blieb.
    »Aber Sie sind einer!« schmollte Lieserl, als sie nach längerer Dauer ihre
Freiheit gewann; und hurtig surrte sie davon, während Willy lachend den
Strassengraben übersprang und sich in die Buchenbüsche drückte.
    Von Hubertus klang mit bimmelndem Hall die Tischglocke. Dem Fussweg neben der
Strasse folgend, begann Willy zu laufen, immer schneller. Fast atemlos erreichte
er das Parktor und rannte durch die dunkle Ulmenallee. Als er den freien Platz
vor dem Schloss erreichte, befiel ihn plötzlich ein krampfhafter Hustenreiz.
Taumelnd stützte er sich an einen Baum und drückte das Taschentuch auf den Mund.
    Als der Anfall vorüber war, trat er langsam auf den offenen Platz hinaus,
über den die erleuchteten Fenster ihre Helle warfen. Vor der Veranda blieb er
stehen, streifte mit dem Zeigefinger über die Lippen und untersuchte das
Taschentuch. »Ach Unsinn!« murmelte er und nahm mit einem Sprung die drei Stufen
der Veranda.
    Im Speisezimmer fand er Kitty, Gundi Kleesberg und Robert bereits beim
Souper. Tassilos Platz war noch leer. Als Willy eintrat, fragte die Schwester:
»Hast du sie gefunden?«
    Der Doppelsinn dieser Frage machte ihn lachen. »Natürlich! Das hat keine
grosse Mühe gekostet.« Er nahm seinen Platz ein und rieb vergnügt die Hände.
Während des Soupers trug er die Kosten der Unterhaltung, kramte alle Neuigkeiten
der Residenz aus und sprach mit bedenklichem Eifer dem Glase zu. Das bemerkte
Robert und räumte schliesslich dem Bruder unter einem mahnenden Blick die
Weinflasche aus dem Bereich der Hände. Willy schien die Bedeutung dieses Blickes
zu verstehen; wohl zuckte er ärgerlich die Schultern, doch liess er sich die
Sache schweigend gefallen. Für ein paar Minuten war seine Laune gedämpft; dann
sprudelten seine Worte wieder wie ein munteres Brünnlein. Der Erfolg, den er
damit hatte, war allerdings ein zweifelhafter. Robert ass nervös und schien nicht
zu hören, Kitty blieb zerstreut, und Gundi Kleesberg hüllte sich in die
schweigende Würde der Beleidigten. Bei der fliegenden Revue, die Willy über die
Sensationen der letzten Wochen hielt, kam auch der Teaterklatsch an die Reihe.
Trotz Tante Gundis räuspernder Unruhe erzählte er von einer Duellaffäre, in die
der Name der ersten Solotänzerin verwickelt wäre. Und dann wandte er sich an die
Schwester.
    »Weisst du auch schon das Allerneueste? Das muss dich besonders interessieren.
Du schwärmst ja für die Herwegh.«
    Erschrocken blickte Kitty auf und fühlte die brennende Röte, die in ihre
Wangen stieg.
    »Denke dir, die Herwegh geht von der Bühne ab. Das ist ein grosser Verlust.
Sie hat doch eine ganz phänomenale Stimme und ist eine Künstlerin ersten
Ranges.«
    »Ja, das ist sie!« fiel Kitty streitaft ein. »Und ich verehre sie sosehr -
ich dulde unter keinen Umständen, dass in meiner Gegenwart auch nur ein einziges
unfreundliches Wort über Anna Herwegh gesprochen wird.«
    »Aber Mäuschen, was hast du denn?« lachte Willy. »Ich sage doch nur das
Beste von ihr. Eine wirkliche Künstlerin! Dazu noch jung und schön. Dagegen hab'
ich doch wahrhaftig nichts einzuwenden. Ich wollte nur sagen, dass dieser
plötzliche Abschied eine sehr rätselhafte Sache ist. Niemand weiss -«
    »Fräulein Herwegh wird ihre triftigen Gründe haben.«
    »Höre, Maus, da hast du eine kolossale Weisheit ausgesprochen! Aber auf
diese Gründe ist man eben neugierig! Gestern brachten die Zeitungen ellenlange
Artikel, begeisterte Würdigungen der scheidenden Künstlerin, Lamentationen über
den unersetzlichen Verlust. Natürlich vermutet man, dass sie heiraten wird. Aber
wen? Eine Zeitung hat auf den Träger eines hocharistokratischen Namens
angespielt. Ich möchte wissen, wer damit gemeint ist?«
    »Zeitungsgewäsch!« sagte Robert. »Wenn hinter dem Gerücht ein Funken
Wahrheit steckt, haben wir nicht die geringste Ursache, neugierig zu sein. Es
heisst, sie soll sich in ihrer zehnjährigen Bühnenkarriere ein hübsches Vermögen
gemacht haben. Und es gibt leider Menschen, die mit solchen Dingen rechnen und
dabei eine Krone im Schnupftuch tragen. Sie wird sich nach bekanntem Muster ein
verkrachtes Halbblut gefischt haben, das sich rangieren will.«
    »Weisst du gewiss, ob sich die Sache so verhält?« fragte Kitty mit vor
Erregung erwürgter Stimme.
    »Aber kleine Maus?« staunte Willy.
    »Antworte mir, Robert!«
    Langsam hob Robert die kalten Augen. »Die Kleine ist komisch. Wie kommst du
denn überhaupt dazu, in solchen Dingen mitzusprechen?«
    In Kittys Augen blitzte der Zorn. »Ich verstehe wohl nicht viel von dem, was
ihr beide als Anständigkeit und guten Ton betrachtet. Aber ich meine, man sollte
von einer Dame nicht in solcher Weise sprechen. Am allerwenigsten, wenn man
nichts anderes vorzubringen weiss als eine grundlose, beleidigende Vermutung!«
    Die beiden Brüder machten verblüffte Gesichter, und Gundi Kleesberg schien
wie auf Kohlen zu sitzen. Willy fand zuerst wieder die Sprache; die Sache begann
ihn zu belustigen. »Sieh mal einer den kleinen Naseweis! Wahrhaftig, Maus, an
dir ist ein Gymnasialprofessor verlorengegangen.«
    Robert schloss einen Moment die Augen, als hätte er ein Gähnen zu
unterdrücken. »Du hast wohl heute zuviel Schiller gelesen? Was? Na, sei gut,
kleiner Schäker! Du wirst wohl noch in die vernünftigen Jahre kommen, in denen
man dir nicht näher auseinanderzusetzen braucht, dass solchen - du sagtest: Dame?
nicht wahr? - dass solchen Damen gegenüber die generelle Erfahrung jede
Spezialgewissheit ersetzt. Also beruhige deinen echauffierten Idealismus! Dass
einer unserer guten Namen bei der Sache kompromittiert werden könnte, brauchst
du nicht zu befürchten. Wer Vollblut ist, weiss solchen Damen gegenüber immer die
Grenze des Zulässigen zu wahren. So was liebt man unter Umständen, aber das
heiratet man nicht.«
    Kitty erblasste. »Ich hoffe, Robert, du hast nicht deine eigene Meinung
ausgesprochen? Denn was du da gesagt hast, ist eine Niedrigkeit!«
    »Aber Maus?« stotterte Willy, und seine Augen hefteten sich in unbehaglicher
Sorge auf den Bruder.
    Robert legte das Besteck auf den Tisch, dass es klirrte. Mit einem wahrhaft
olympischen Blick seiner kalten Augen musterte er die Schwester. »Es scheint dir
einigermassen das Verständnis für das zu fehlen, was du sprichst.« Er wandte sich
an die Kleesberg. »Ich meine, Sie sollten die Sprachübungen der Kleinen einer
etwas schärferen Kontrolle unterziehen.«
    Da riss bei Tante Gundi der langgezogene Faden der Geduld. Langsam legte sie
das Haupt zurück - ein Zeichen ihrer tiefsten Empörung. »Erstens bin ich nicht
die Gouvernante, mit der Sie mich zu verwechseln belieben. Zweitens - wenn ich
auch Kittys unbedachte Worte nicht begreife, so verstehe ich doch ihre
begründete Missbilligung eines Gespräches, das vor zarten Ohren nicht am Platz
erscheint, am allerwenigsten vor dem Ohr einer jüngeren Schwester.«
    Robert strich die Serviette über den Schnurrbart, erhob sich, blickte aus
unnahbarer Höhe auf die Kleesberg herab und steckte an der Lampe eine Zigarette
in Brand. »Na, viel Vergnügen!« Er zog sich ins Billardzimmer zurück.
    Willy setzte die Fäuste in die Hüften und schmollte: »Aber hört, Kinder, das
ist doch mehr als ungemütlich!«
    Gundi Kleesberg warf ihm einen strengen Blick zu, und Kitty sass schweigend,
mit Tränen in den Augen.
    Als Fritz das Dessert servierte, erhob sich auch Willy. »Ich mache noch
einen Bummel.«
    Im Speisezimmer blieb es still. Tante Gundi flüchtete sich mit ihrem Buch in
einen Erker, und Kitty sass mit aufgestützten Armen einsam am Tisch, während im
Zimmer nebenan die Billardbälle klapperten. Als Tassilo endlich erschien, flog
ihm Kitty entgegen und schlang mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit die Arme um
seinen Hals. »Komm nur,« stammelte sie, »ich leiste dir Gesellschaft.« Sie zog
ihn zum Tisch und drückte auf die Glocke. Schon wollte Tassilo seinen Platz
einnehmen, als er das Geklapper der Billardbälle hörte. Einen Augenblick zögerte
er; dann schritt er dem anstossenden Zimmer zu; er sah nicht, dass Kitty eine
Bewegung machte, als wollte sie ihn zurückhalten.
    Robert salbte gerade den Stock, als Tassilo eintrat.
    »Verzeih', ich habe bis jetzt nicht Gelegenheit gefunden, dich zu begrüssen.
Wie geht es dir?«
    »Danke, gut!« Robert legte die Kreide nieder und blies über die
Fingerspitzen. »Und dir?«
    »Ich bin zufrieden.«
    »Schön! Das hör' ich gern.« Robert musterte die Stellung der Bälle; er legte
den Stock und zielte lange. Es war ein schwieriger Stoss.
    Tassilo kehrte in das Speisezimmer zurück, und während des Soupers, das
Fritz ihm nachservierte, bediente ihn Kitty wie ein Mütterchen den
Lieblingssohn, der nach langer Trennung die erste Mahlzeit wieder am
heimatlichen Tisch geniesst.
 
                                       14
Spät am Abend kam Franzl von der Jagdhütte herunter ins Dorf. Auf den Armen trug
er den Hund, den er dem Tierarzt zur Pflege übergeben sollte. Hirschmanns
Befinden hatte sich bedenklich verschlimmert. Als Franzl an Meister Zauners Haus
vorüberschritt, hörte er leises Kichern aus dem Garten und sah das »feine
Lieserl« mit einem jungen Manne beisammenstehen, der sich in die dunklen Büsche
drückte, als möchte er nicht erkannt werden. Dem Jäger war es, als sähe er die
Knöpfe einer Uniform blinken. »Schau, jetzt hat sie sich wieder an Urlauber
aufzwickt!«
    Er hätte sein Haus auf kürzerem Weg erreichen können. Eine sehnsüchtige
Hoffnung veranlasste ihn zu weitem Umweg. Aber als er am Bruckneranwesen
vorbeiging, sah er den Hofraum leer und alle ebenerdigen Fenster dunkel; nur aus
dem grossen Fenster der Giebelstube fiel der strahlende Schein einer Lampe, und
manchmal glitt über die erleuchteten Scheiben ein schlanker Schatten, als
schritte jemand unermüdlich in dem Stübchen auf und nieder. Seufzend wanderte
Franzl davon.
    Vor der eigenen Haustür musste er eine Weile warten. Seine Mutter war schon
schlafen gegangen. Erschrocken kam sie auf sein Klopfen und öffnete - seit ihres
Mannes Tod erschrak sie immer, wenn man zu ungewohnter Stunde an ihre Tür
pochte.
    »Bub? Du? Jesus Maria, was is denn gschehen?«
    »Nix! Gar nix! Grüss dich, Mutter!« Franzl zeigte ihr den kranken Hirschmann
als Ursache seiner späten Heimkehr. Das beruhigte die Horneggerin nicht. Die
scharfen Augen ihrer Sorge entdeckten den strengen Zug im Gesicht ihres Buben.
Aber Franzl wusste hundert beruhigende Ausreden. Schliesslich flüchtete er sich in
sein Stübchen und verliess am andern Morgen vor der Dämmerung das Haus mit dem
Hund auf den Armen. Er weckte den Nachbar, liess das Bernerwägelchen einspannen
und kutschierte zur Bahnstation, wo der Tierarzt wohnte. Schweren Herzens
trennte Franzl sich von dem Hund, der ein jämmerliches Gewinsel begann, als er
in das »Spital« gesperrt wurde und den Jäger verschwinden sah.
    Um die neunte Vormittagsstunde war Franzl wieder im Dorf. Gegen elf Uhr
sollte er mit den jungen Herren den Aufstieg zur Jagdhütte antreten. So blieben
ihm zwei freie Stunden, die er gut benützen wollte. Diesmal schlug ihm seine
Hoffnung nicht fehl. Warme Freude überglänzte seine abgehetzten Züge, als er das
Bruckneranwesen erreichte und Mali mit dem Netterl auf der sonnigen Hausbank
sitzen sah. Schon von der Strasse rief er dem Mädel einen Gruss entgegen. Mali
wurde rot und nickte dem Jäger schweigend zu, als hätte ihr die Freude über die
unerwartete Begegnung die Rede verschlagen. Franzl kam und reichte ihr die Hand.
Mali zog ihn auf die Bank, warf einen scheuen Blick über Hof und Strasse und
sagte flüsternd: »Red nur gleich! Bist wieder in Ordnung mit'm Herrn Grafen?
Hast ehrlich gredt?«
    »Alles hab ich ihm gsagt.«
    »Da muss ja alles wieder gut sein!«
    »Wie man's nimmt. Ins Gsicht hat er mir freilich gsagt: Ich glaub dir's.
Aber die ganzen Tag her, bei der Jagd und in der Hütten, hab ich allweil merken
müssen, dass er's richtige Zutrauen nimmer hat.«
    »So was von Ungerechtigkeit! Dös gfallt mir net vom Herrn Grafen. Sonst mag
er an ehrenwerter Herr sein! Aber was er mit dir für a Stückl aufführt -«
    »Musst net schelten! Mein Herr is er allweil. Die Gschicht liegt mir freilich
am Buckel wie aber Zentnerstein. Aber im Grund därf ich's ihm net verübeln. Er
is schon über die vierzig Jahr bei der Jagerei. Da is ihm schon oft a schlechter
Kerl unterkommen, der ihn hint und vorn betrogen hat. Was die andern verschuldt
haben, muss ich büssen! Und der Schipper hetzt halt. In Gotts Namen! Muss ich mich
halt in Geduld fassen, bis der Graf einsieht, dass er mir unrecht tut!«
    Malis Zorn begann sich zu beschwichtigen. »Franzl, du bist a guter Kerl!
Aber 's Gutsein hat oft sei' Gfahr. Dös nützen die Haderlumpen aus, und der
ehrliche Mensch hat 's Nachschauen.«
    »Da kannst recht haben! Aber man kann sich net wenden wie der Schneider die
alte Joppen. Wie der Stein fallt, so liegt er, wie der Mensch is, so bleibt er.
Lassen wir die Gschicht in Ruh! Ich bin zfrieden, weil ich weiss, du meinst es
gut mit mir. Dös hab ich lang schon gspürt. Und gwiss wahr, wenn ich bei dir bin
-« Er verstummte mit glücklichem Lächeln und rückte näher.
    Mali wurde ein wenig verlegen, aber dem kleinen Netterl schien die
Annäherung des Jägers Freude zu bereiten; lange schon hatte das Kind die
Händchen begehrlich nach den in Silber gefassten Hirschgranen, Adlerklauen und
Murmeltierzähnen gestreckt, die an Franzls Uhrkette in dicker Quaste klunkerten;
nun konnte Netterl den Gegenstand seiner Sehnsucht erhaschen und äusserte sein
Vergnügen mit fröhlichem Gezappel.
    »Schau nur grad dös Kindl an!« lächelte Mali. »Geh, lass ihm sei' Freud a
bissl!«
    »Aber freilich!« Um dem Kind das Spiel zu erleichtern, beugte Franzl sich
vor; dabei war ihm der linke Arm ein bisschen hinderlich, und er musste ihn um
Malis Schultern legen. »Ja, du,« sagte er, »völlig staunen tu ich, um wieviel
dös Kindl heut besser ausschaut gegen 's letztemal.«
    Die Freude glänzte in Malis Augen. Und um dem Netterl die Sache recht bequem
zu machen, schmiegte sie sich eng an den Jäger. »Gelt, ja? Die ganzen
Nachbarsleut reden schon davon, wie dös gute Kindl völlig wieder auflebt!«
    »In deiner Lieb halt, weisst!« sagte Franzl ernst. »So was is gut. Dös spürt
einer gleich. So was is oft besser wie der beste Dokter. Da wird eim völlig warm
in die innern Urgan, weisst, und 's ganze Leben kriegt an andern Zug. Wie a
kranks Blümerl, wann d' Sonn kommt! Gelt, Netterl? So was tut wohl! Jaaaaa!«
Zärtlich tätschelte er das Gesichtl des lallenden Kindes, das auf dem Schoss
seiner jungen Pflegemutter immer lustiger zappelte und mit beiden Händen in dem
klappernden Spielzeug wühlte. »Jaaa, Netterl, gelt? Die richtige Lieb hilft
gschwinder als Meisterwurz und Hollertee!«
    »Da soll's net fehlen an mir!« beteuerte Mali. »Lieb hab ich an ganzen Sack
voll im Herzen, und alles gib ich her, wann's helfen kann!«
    Nun sassen sie stumm und sahen lächelnd dem Spiel des Kindes zu. -
    Forbeck betrat den Hofraum. Seine Stirn war bleich, dunkle Schatten lagen um
seine Augen, als hätte er eine schlaflose Nacht verbracht. Beim Anblick der drei
Menschen, die anzusehen waren wie eine junge, glückliche Familie, heiterte sein
Gesicht sich auf. Auch der malerische Reiz des Bildes fesselte ihn, und gern
begrüsste er die Gelegenheit, den Jäger, den er wiedererkannte, als Modell zu
gewinnen.
    Als Forbeck sich der Hausbank näherte, rückte Mali errötend zur Seite, und
Franzl machte ein verdrossenes Gesicht. Auf die Bitte des Malers, ihm eine
Stunde Modell zu stehen, fand der Jäger nicht gleich eine Antwort. Erst als ihm
Mali ermunternd zunickte, erhob er sich und sagte: »Wenn der Herr Maler an mir
was z'malen findet, meintwegen. A Stündl hab ich noch Zeit!«
    Forbeck und Franzl stiegen hinauf in die Giebelstube, und die Arbeit wurde
sofort begonnen. Der Jäger, der an dem Bild seine Freude hatte und über die
Ähnlichkeit der »lieben Kontess« nicht genug zu staunen wusste, erfasste mit
flinker Gelehrigkeit seine Aufgabe. Doch als er eine Weile in der ihm
vorgeschriebenen Stellung ausgehalten hatte, liess er die Arme sinken und
schüttelte nachdenklich den Kopf.
    »Sind Sie müde?« fragte Forbeck.
    »Gott bewahr! Aber ich glaub, wir könnten die Sach a bissl besser machen. Ich
denk mir freilich, dass ich wieder die Kontess so trag wie selbigsmal. Aber die
richtige Kraft im Gstell käm besser aussi, wann ich was auf'm Arm hätt - was
Gwichtigs! Meinen S' net auch?«
    »Allerdings -«
    Da rannte Franzl zur Tür und rief über die Treppe hinunter: »Mali, geh, komm
gschwind a bissl auffi!«
    Das Mädel erschien mit dem Netterl in der Stube. Geschäftig breitete Franzl
seinen Wettermantel über die Dielen, setzte das Kind zu Boden und gab ihm die
Uhrkette mit den baumelnden Schätzen als Spielzeug.
    »Aber was machst denn?« stotterte Mali. »Was is denn los?«
    »Pass nur auf!« lachte Franzl und hob das Mädel mit flinkem Griff auf seinee
Arme. »So, Herr Maler! Jetzt fangen S' an!«
    Unter Lachen wollte Mali sich sträuben; aber Franzls Arme pflegten
festzuhalten, was sie einmal gefasst hatten. Und als auch Forbeck sich noch mit
einem bittenden Wort ins Mittel legte, gab Mali ihren ohnehin nicht allzu
energischen Widerstand auf und sagte: »Weil's der Herr Maler will, in
Gottsnamen!«
    Forbeck arbeitete mit stillem Eifer, während durch das Fenster die
Morgensonne breit und leuchtend auf die zwei geduldigen Modelle fiel. Die beiden
waren so ganz bei der Sache, dass Franzl die Elfuhrglocke und Mali die Stimmen
überhörte, die sich drunten im Flur vernehmen liessen.
    Die zwei älteren Kinder des Bruckner waren von der Schule heimgekehrt und
auf der Strasse mit dem Vater zusammengetroffen. Als der Bauer die Stube leer und
in der Küche den Herd ohne Feuer fand, rief er nach der Schwester. Da hörte er
Lärm in der Giebelstube und eine erschrockene Männerstimme: »Mar' und Josef!
Elfe vorbei! Jetzt pressiert's aber!« Droben wurde die Tür aufgerissen, hastige
Schritte polterten über die Treppe herunter, und Franzl, mit Büchse und
Bergstock, stürmte ohne Gruss an dem Bauer vorüber, wie ein Flüchtling.
    Bruckner erblasste. Mit bebendem Fluch stiess er die Schuhe von der Füssen und
sprang über die Treppe hinauf. Droben, auf der Schwelle der offenen Tür, blieb
er ratlos stehen. Er hatte gefürchtet, die Schwester allein zu finden. Nun stand
sie neben dem Maler, mit dem Netterl auf den Armen, und betrachtete vergnügt die
Leinwand.
    »Mali! Die Kinder sind daheim!« sagte der Bauer mit schwankender Stimme,
wandte sich ab und stieg wieder hinunter in den Flur. Hier wartete er. Als die
Schwester kam, hing er mit finsterem Blick an ihrem Gesicht, dessen Augen in
Freude leuchteten.
    »Jetzt koch ich aber auf der Stell!« sagte sie und wollte an dem Bruder
vorüber in die Küche.
    Er vertrat ihr den Weg, und seine gedämpfte Stimme klang heiser. »Wie kommt
der Jager ins Haus?«
    Lachend wollte Mali Antwort geben. Als sie das bleiche, vor Erregung
zuckende Gesicht des Bruders sah, verging ihr das Lachen. »Aber Lenzi? Was hast
denn schon wieder?«
    »Wie kommt der Jager ins Haus?«
    Malis Brauen furchten sich. »Du fragst a bissl gspassig!« Sie wurde ruhig.
»Der Herr Maler droben malt den Franzl und hat ihn mit naufgnommen in d' Stub.
Mich hat er auch dazu braucht. Is da was Unrechts dran?«
    Bruckner strich die schwielige Hand übers Haar und wandte sich ab.
    Nun hielt ihn die Schwester zurück. »Du hast's Reden angfangt, Lenzi! Jetzt
reden wir die Sach amal aufs End!«
    »Da is nix weiter z'reden.«
    »Könnt sein, dass der Franzl amal um meintwegen käm. Hättst du da was
einzwenden dagegen?«
    Bruckner schwieg. Seine Augen irrten.
    »Red, Lenzi! Hat der Franzl net Stellung und Dienst? Hat er net Haus und
Anwesen? Und is er net a Mensch, den man gern haben muss?« Mali sah, dass der
Bruder vor sich hinnickte. »No also? Was kannst einwenden?«
    »Frag net!« Der Bauer vermied den Blick der Schwester. »'s Reden tät net
gut.«
    »Es wird aber gredt sein müssen, ob heut oder an andersmal.«
    Da nickte der Bauer wieder, tonlos die Worte wiederholend: »Ob heut oder an
andersmal!«
    »Ich sag dir's offen: er hat mich gern. Und ich bin ihm gut. Gredt hat er
noch nix. Aber so viel merk ich schon: wir zwei lassen nimmer aus.«
    Der Bauer starrte die Schwester an, als hätte er die Botschaft eines
schweren Unglücks vernommen.
    Sie meinte ihn zu verstehen. »Musst dich net ängsten, Lenzi! Mich hast, so
lang mich deine Würmerln brauchen.« Das kleine Netterl, das Mali auf den Armen
trug, verlor die stille Geduld, klatschte lallend die Händchen in Malis Gesicht
und drückte das winzige Näschen an die Wange des Mädels. Mali lachte, und ihre
Augen wurden feucht. »Ich? Und deine Kinder verlassen? Ah na! Der Franzl und
ich, wir sind zwei junge Leut, wir können warten. Aber dass wir zammwachsen amal?
Dös is so gut wie fest und sicher.«
    Schwer atmend schüttelte Bruckner den Kopf. »Es kann net sein!«
    »So?« Mali streckte sich. »Warum net?«
    Der Bauer hob das bleiche Gesicht. »So gern hast ihn? Da tust mich erbarmen,
Schwester! Da geht's halt wieder, wie's in der Welt schon oft gangen is: fallt
einer, reisst er die andern hinter ihm nach! - Verstehst mich net? Muss ich dir's
halt sagen! Komm!«
    Alle Farbe wich aus Malis Gesicht, als der Bruder sie bei der Hand fasste und
in die Stube zog.
    Die Sonne fiel durch die offene Haustür in den Flur, und draussen im Hof
klangen die fröhlichen Stimmen der beiden Kinder, die unter den Obstbäumen das
Gras durchstöberten und die Äpfel und Birnen auflasen, die in der Nacht gefallen
waren.
    Auf der Strasse liess sich Hufschlag vernehmen. Zwei Reiter trabten vorüber:
Graf Robert in Begleitung seines Stallburschen. Hurtig liefen die zwei Kinder
zum Zauntürchen, um dieses im Dorfe seltene Ereignis aus nächster Nähe zu
bestaunen.
    Graf Robert hatte es unter seiner Würde gefunden, in der »kurzledernen
Maskerade«, die für das Erscheinen in der Jagdhütte unumgängliche Vorschrift
war, das Dorf und die von Sommergästen wimmelnde Seelände zu passieren. So ritt
er voraus, um sich erst bei ihm passend erscheinender Gelegenheit in einen Jäger
nach dem Geschmack seines Vaters zu verwandeln.
    Eine Viertelstunde später wanderten seine Brüder mit Büchse und Bergstock an
dem Bruckneranwesen vorüber. Franzl, dessen spähender Blick die Fenster und den
Hofraum überflog, führte den kleinen Zug. Tassilos kraftvolle Gestalt in der
verwitterten Jägerkleidung machte ein schmuckes Bild, doch dem Ernst seiner
Augen war es nicht anzumerken, dass es nun bergwärts ging zu »fröhlichem Jagen«.
Hinter ihm kamen drei Träger mit schwer gepackten Rucksäcken, und in weitem
Zwischenraum folgte Willy mit dem alten Moser, der Graf Roberts Büchse trug; die
beiden sprachen lachend miteinander, blickten immer wieder über die Strasse
zurück und winkten mit der Hand, wie zu lustigem Abschied auf baldiges
Wiedersehen. Als ihnen der Gegenstand ihres Vergnügens aus den Augen schwand,
stiess der alte Moser scherzend den Ellbogen an den Arm seines jungen Herrn. »Hab
ich net recht, Herr Graf? So was Liebs hat die ganze Welt nimmer!«
    Willy zwirbelte das Bärtchen. »Aber den Schnabel halten, Moser!«
    »Das wissen S' doch, dass ich Ihnen a kleins Spasserl von Herzen vergönn.
Lassen S' nimmer aus! Mir scheint, 's Fischerl hat schon anbissen!«
    Der kleine Jagdzug erreichte den ansteigenden Bergwald. Zwei Stunden ging es
im Schatten der Buchen und Fichten auf leidlich bequemen Wegen aufwärts. Als die
Lichtung der Niederalm durch die Bäume schimmerte, begegnete ihnen der
Stallbursch, der die zwei Pferde nach Schloss Hubertus zurückführte. Bei der
Sennhütte wartete Robert; er schien sich in Joppe und Lederhose nicht behaglich
zu fühlen, hatte für die Brüder kaum einen Gruss und zeigte während des
Frühstücks, das in der Hütte genommen wurde, eine ungnädige Stimmung; nachdem er
einige Bissen genossen hatte, sprang er auf, steckte mit nervöser Hast eine
Zigarette in Brand und trat vor die Hütte, als möchte er mit seinen unruhigen
Gedanken allein sein.
    Dem alten Moser erschien es rätselhaft, dass es auf der Welt einen Menschen
gab, der zur Gemsjagd auszog, ohne die lachende Weidmannslaune zu finden. »O du
heiliger Strohsack! Was hat er denn?«
    Willy lachte, ohne Antwort zu geben, doch als er Tassilos fragenden Blick
gewahrte, sagte er: »Ich bin neugierig, wie er diesmal mit Papa ins reine
kommt.«
    Franzl mahnte zum Aufbruch. Als man bereit war, trennte sich einer der
Träger von den anderen und nahm seinen Weg seitwärts gegen den Wald.
    »Gehört der Mann nicht zu uns?« fragte Tassilo.
    »Aber freilich,« versicherte Moser und zwinkerte, »der tragt die heimliche
Zehrung in d' Holzerhütten auffi. Man muss ja alles verstecken vor 'm gnädigen
Herrn Grafen. Sie wissen ja, wie er is!«
    Tassilo furchte die Brauen. »Wer hat das angeordnet?«
    »Ich!« fiel Willy ein. »Und du wirst sehen, ich habe für uns alle mit
mütterlicher Zärtlichkeit gesorgt: Niersteiner, Pschorrbräu, Gulaschkonserven -«
    »Das war unrecht! Du weisst, dass Papa in der Jagdhütte keine Änderungen
seiner Gewohnheit duldet. Und wenn wir ihm nicht Ärger bereiten wollen, müssen
wir uns seinem Willen fügen.«
    »Fällt mir ein! Mich acht Tage von Mehlschmarren und Wasser zu nähren? Dafür
bedank' ich mich. Wenn du von meiner genialen Vorsicht keinen Gebrauch machen
willst, bitte! Ich schmuggle. Wenn ich mich den ganzen Tag auf der Jagd
abgehetzt habe, will ich am Abend essen und trinken wie ein anständiger Mensch.«
Willy nahm die Büchse auf die Schulter und schritt davon. »Philister!« brummte
er und suchte Robert einzuholen, der über das offene Almfeld vorangestiegen war,
als könnte er die Ankunft in der Jagdhütte kaum erwarten.
    Im neu beginnenden Walde wurden die Pfade steil und beschwerlich. Robert
hielt sich mit treibender Eile immer an der Spitze des Zuges; Willy schien müde
zu werden und warf sich nach jeder Viertelstunde für ein paar Minuten in den
Schatten eines Baumes. Nur Tassilo bewahrte seinen gleichmässig ruhigen Schritt
und blickte sinnend in das von Lichtern durchwobene Schattendunkel des Waldes.
Einmal hörte er den alten Moser ein paar erschrockene Worte stottern und sah,
dass Willy erschöpft an einen Baum gelehnt stand und aus der kleinen
Branntweinflasche trank, die Moser ihm gereicht hatte. Besorgt eilte Tassilo auf
den Bruder zu. »Was ist dir?«
    »So ein komischer Schwindel. Ich bin wohl ein wenig zu schnell gestiegen und
habe den Atem verloren.«
    »Aber hab ich's net allweil gsagt: Lassen S' Ihnen Zeit!« schmollte Moser.
»Dös gache Umanandfahren tut net gut in die Berg. Da muss man schön stad ein
Schrittl vors ander stellen! Zeit lassen, junger Herr, Zeit lassen!«
    Mit ernster Sorge sah Tassilo in Willys Gesicht, dessen müde Blässe einer
langsam wiederkehrenden Röte wich. »Hier ist ein schattiger Platz. Komm, ruhe
dich tüchtig aus, ehe wir weitersteigen!«
    »Ach, Unsinn! Es ist schon vorüber. Und von Ermüdung fühl' ich keine Spur!«
Unmutig den Bergstock einsetzend, sprang Willy über einen Steinblock und folgte
dem Pfad.
    Tassilo schwieg; doch als die Wanderung zwischen den Felswänden einer
breiten Schlucht über ebenen Boden hinging, trat er an Willys Seite. »Wie fühlst
du dich?«
    »Ich? Warum? Ach so, wegen vorhin? Danke, mir ist pudelwohl! Ich begreife
überhaupt deine Sorge nicht. So eine harmlose Blutwallung.«
    »Du solltest die Sache nicht so leicht nehmen. Hätt' ich geahnt, dass du noch
unter den Nachwehen deiner Krankheit zu leiden hast, so würde ich dir geraten
haben, die strapaziöse Tour nicht mitzumachen. Papa hätte dich gewiss
entschuldigt. Man hätte ihm sagen können, dass du dich noch immer schonen musst -
ohne ihn deshalb zu beunruhigen und ihm einzugestehen, wie ernstlich krank du
warst.«
    Willy lachte, ein bisschen gezwungen. »Ich? Ernstlich krank? Wer hat dir
dieses Ungeheuer von einem Bären aufgebunden? eine leichte Bronchitis, die reine
Lächerlichkeit.«
    »Weiche mir nicht aus, Junge! Ich habe die Gelegenheit herbeigesehnt, einmal
offen mit dir zu reden.« Tassilo schlang Willys Arm in den seinen. »Vor meiner
Abreise von München hab' ich deinen Arzt gesprochen.«
    »Du hast ihn wohl aufgesucht, um auf den Busch zu klopfen? Was? Und nun
willst du mich bei Papa droben ankreiden?«
    »Nein, Willy, ich habe weder das eine getan, noch beabsichtige ich das
andere. Ein Zufall hat mich mit eurem Stabsarzt im Kasino zusammengeführt, und
deinem Willen entgegen hielt er es für seine Pflicht, mir mitzuteilen, in wie
schwerer Gefahr du warst. Er sagte mir, dass du trotz des glücklichen Verlaufes
der Sache noch immer Ursache hättest, dich zu schonen. Ein Rückfall könnte
bedenklich werden. Bewegung in Höhenluft wäre gut für dich. Aber -«
    »Was?«
    »Vor allem solltest du dich vor jeder Ausschreitung hüten.« Tassilo zögerte,
als fielen ihm die Worte schwer. »Du weisst, was ich meine.«
    Willy wollte heftig erwidern, aber der herzliche Blick, der ihn aus den
Augen des Bruders traf, machte ihn verlegen und stumm; er verzog den Mund wie
ein verdrossenes Kind.
    Es schien, als wäre Tassilo auch mit diesem halben Erfolg zufrieden; noch
fester zog er Willys Arm an seine Brust, und seine Stimme wurde wärmer. »Ich
weiss, du bist jung, und Jugend will austoben. Ich bin gewiss der letzte, der dir
aus deiner sprudelnden Lebensfreude einen Vorwurf machen will. Aber sieh, mein
Junge, es hat doch alles seine Grenzen.«
    »Das stimmt! Aber weisst du, mein junger Schimmel hat Rasse und brennt eben
manchmal mit mir durch. Da pariere nun einer. Ich mache wohl ab und zu einen
Versuch, den Zügel anzuziehen. Aber was willst du? Der Ausreisser in mir ist
hartnäckig. Was ist da zu machen?«
    »Mit ernstlichem Willen alles! Ich weiss, dass die erste Schuld nicht an dir
liegt. Du warst in allzu jungen Jahren dir selbst überlassen.« Tassilos Stimme
bekam einen herben Klang. »Papa war mit seinen Gemsen und Hirschen immer so sehr
beschäftigt, dass wir alle darunter leiden mussten. Ich fürchte, du am meisten.
Das Versäumte ist nicht mehr zu ändern. Aber sieh, mein Junge, nun bist du doch
in den Jahren, in denen man selbst unterscheidet zwischen Gewinn und Nachteil.
Nun musst du dein eigener Hüter sein. Das kann dir doch auch nicht schwerfallen.
Du musst dir nur immer vorhalten, was für dich auf dem Spiel steht. Was du jetzt
an Gesundheit vergeudest, das wird dich darben machen ein ganzes Leben lang.
Erwacht dann einmal in dir die Sehnsucht nach Freude und Glück, und führt dich
dein Lebensweg zu spät an die Stelle, an der die schöne Blume für dich hätte
blühen können, so wirst du mit zaghaften Händen zugreifen in Zweifel und Reue.
Denn du wirst empfinden müssen, dass du nur die Halbheit gewinnen kannst, da du
zum Tausch nur einen verbrauchten Menschen zu bieten vermagst. Alles volle
Glück, sei es in Tat und Arbeit oder in der Liebe, verlangt einen ganzen
Menschen!«
    Verträumt sah Willy vor sich hin. »Du hast recht, Tas! Es muss eine feine
Sache sein, in guter Kondition sein Ziel zu erreichen, als ein fester und
reinlicher Mensch. Wie das schmecken könnte, brauchst du mir nicht zu schildern.
Das hab' ich mir selbst schon oft mit den schönsten Farben ausgemalt. Bei allem
Rummel hab' ich manchmal so meine lyrischen Stimmungen mit dem obligaten
Katzenjammer. Aber jetzt will ich Ernst machen. Aus mir soll was werden! Man
lebt nicht zweimal, und ich will mein Glück nicht verscherzen. Ich will meine
Blume brechen, die echte! Und ich danke dir, dass du mir einmal tüchtig ins
Gewissen geredet hast.«
    Tassilo lächelte. »Es war nicht der erste Versuch.«
    »Na ja! Aber das Vergangene wollen wir begraben, nicht wahr? Ich verspreche
dir, dass ich mir meine stützige Art dir gegenüber nach Kräften abgewöhnen will.
Das war ja bei mir nie Bockbeinigkeit. Ich bin doch eigentlich ein sehr guter
Kerl, der mit sich reden lässt. Aber wenn du mich manchmal ins Gebet nahmst,
hattest du oft so eine Art - ich habe immer den Advokaten aus dir herausgehört,
und das ist mir gegen den Kopf gegangen. Jetzt bist du böse? Was?«
    »Nicht im geringsten. Es mag ja sein, dass ich nicht immer den rechten Ton
und die rechte Stunde gefunden habe. Und da geb' ich dir ein Versprechen zurück:
Ich will dem Advokaten in mir ein Schloss vor den Mund hängen, damit du immer nur
den Bruder hörst.«
    »Das war nett! Ich danke dir, Tas! Was du mir heute gesagt hast, soll auf
guten Boden gefallen sein. Und wenn ich wieder einmal einen Schubs brauche, um
in den rechten Sattel zu kommen, weiss ich, wo ich mir den Helfer suche. Schlag
ein, Tas!«
    Mit festem Druck umspannten sich ihre Hände.
    Inzwischen waren die anderen weit vorausgekommen und hinter einer Biegung
der Felswand verschwunden. Nun kam Franzl zurückgelaufen und rief: »Ich bitt,
meine Herrn, a bissl flinker! Der Herr Graf hat an Treiber gschickt, er wartet
unter der Bärenwand und will's Latschenfeld heut noch durchtreiben lassen.«
    Nun galt es Eile. Die Träger schlugen den Weg zur Jagdhütte ein, während die
Jäger, von dem Treiber geführt, seitwärts über steiles Gehäng emporstiegen. Der
alte Moser hielt sich wieder an Willys Seite; doch so lustig er auch immer
drauflos plauderte, er hatte einen zerstreuten Zuhörer. Auf einem grasigen Fels
gewahrte er zwei blühende Brunellen; schmunzelnd brach er die braunen Blumen und
reichte sie seinem jungen Herrn. »Da schauen S', Herr Graf! Sind die Blümerln
net grad so süss wie dem Lieserl seine Äugerln?«
    Willy nahm die Blüten und sog an ihrem Duft. Dann plötzlich warf er sie über
die Schulter. »Ach, Unsinn! Hol' der Teufel diese Dummheiten!«
    »Aber Herr Graf!« stotterte Moser gekränkt. »Was haben S' denn?«
    Willy blieb ihm die Antwort schuldig.
 
                                       15
Unter der steilen, auch für den Fuss der Gemse pfadlosen Bärenwand dehnte sich,
den schräg ansteigenden Schuttkegel eines vor grauen Zeiten niedergegangenen
Bergsturzes bedeckend, ein riesiges Latschenfeld, aus dem sich eine breite
Talrinne gegen die offenen Almen hervorsenkte. Wenn das Latschenfeld von
Treibern durchstöbert wurde, flüchtete das Wild, das keinen Aufstieg über die
glatten Felsen fand, am liebsten durch diese Mulde. Hier war der Hauptstand.
    Zu Füssen einer alten moosigten Fichte sass Graf Egge auf einem mit dem
Wettermantel überbreiteten Steinblock. Zu seiner Rechten hatte er schon die
Patronen ausgelegt, zu seiner Linken standen die zwei Expressbüchsen schussfertig
an den Baum gelehnt. Ungeduldig blickte er über das Almfeld der Stelle zu, an
der seine Söhne erscheinen mussten. Den mürben Filzhut hatte er tief in die Stirn
gezogen, so dass man den grüngelben Fleck, den die verschwundene Beule
zurückgelassen, kaum bemerken konnte. Nur das linke Knie war nackt, das rechte
von einem groben Wolltrikot umschlossen. Graf Egge hatte es als eine
überflüssige Verschwendung betrachtet, die wollene Unterhose, die Moser für ihn
gekauft und zur Jagdhütte geschickt hatte, auch am gesunden Bein zu tragen. Er
hatte sie in der Mitte entzweigeschnitten und trug nur die rechte Hälfte. Die
warme Wolle schien auch ihre Schuldigkeit zu tun. Als Graf Egge seine Söhne
kommen sah und sich erhob, stand er fest auf den Füssen, und den paar Schritten,
die er den Kommenden entgegenmachte, merkte man keine Spur von Schwäche an.
Schipper, der neben seinem Herrn gestanden, zog den Hut.
    Robert kam als erster und reichte dem Vater die Hand. »Weidmanns Heil, Papa,
da sind wir! Dein Aussehen ist vortrefflich, wie immer. Wir Jungen werden älter
mit jedem Tag, und an dir wirkt Hubertus seine verjüngenden Wunder. Es ist
fabelhaft, wie famos du aussiehst! Natürlich, die Jagd! Wer es so gut haben
könnte wie du!«
    »Meinst du?« lachte Graf Egge. »Aber sprich leiser, die Treiber sind schon
aufgestellt. Und tu mir den Gefallen und wird die Zigarette weg. Ich und meine
Gemsböcke vertragen das nicht. Wenn du rauchen willst, kann dir Schipper seinen
Stummel leihen.«
    »Entschuldige, ich vergass!« Die Zigarette flog ins Moos.
    Nun kam Willy, umarmte den Vater herzlich und küsste ihn auf beide Wangen.
Graf Egge musterte ihn freundlich und doch ein bisschen spöttisch - die neue,
glänzend-schwarze Lederhose, die Willy trug, schien ihm nicht zu gefallen.
»Grüss' dich Gott, Junge! Und wie fein du dich gemacht hast, uuuh! Na, auf den
Anlauf bin ich begierig, den du heut haben wirst. Deine Hose leuchtet ja wie
eine Laterne! Und sag' mir, du zärtlicher Floh, wie steht's mit deiner
Gesundheit? Haben dir die Münchner Quacksalber den rostigen Lauf wieder
ordentlich blank geputzt?«
    »Natürlich, Papa! Da spiegelt wieder alles, blitzblank wie eine nagelneue
Büchse.«
    »Das hör' ich gern. Und lass dir -« Graf Egge verstummte, und seine Augen
wurden kleiner, als er Tassilo kommen sah. »Aaaah! Herr Doktor Egge! Und sieht,
weiss Gott, wie ein richtiger Jäger aus! Oder steckt dir nicht doch die Feder
hinter dem Ohr?« Das war wie ein Scherz, und Graf Egge lachte auch; aber seine
Stimme hatte harten Klang.
    Tassilo schien den sonderbaren Willkomm überhört zu haben. Ruhig reichte er
seinem Vater die Hand. »Guten Tag, Papa! Wir haben uns lange nicht gesehen.«
    »Du bist immer beschäftigt. Hoffentlich fallen deine Prozesse glücklich aus!
Wie steht das Befinden deiner geliebten Spitzbuben?«
    »Wen meinst du?«
    »Deine sogenannten Klienten: Waldfrevler, Wilddiebe und so weiter.«
    »Zu meinen Klienten zählt auch dein alter Freund Fürst Wittenstein!«
    Graf Egge machte ein verblüfftes Gesicht. »Was hat er denn angestellt?«
    »Aber Papa!« fiel Willy lachend ein. »Wie kommst du nur auf eine solche
Idee? Wittenstein hat Tas die Verwaltung seines Vermögens übertragen.«
    Nun verwandelte sich Graf Egges Verblüffung in ehrliches Staunen.
»Schockschwerenot! Da fängt ja dein Handwerk an, einen goldenen Boden zu
bekommen. Ich weiss, was ich Jahr um Jahr meinem Anwalt bezahle. Und gegen
Wittenstein bin ich ein Schlucker. Das muss dir ein fettes Stück Geld eintragen?«
    Dunkle Röte glitt über Tassilos Stirn; doch er nickte ruhig. »Ja, Papa!«
    »Da hast du vielleicht die Apanage, die ich dir bezahle, gar nicht mehr
nötig?«
    »Nein. Wenn du für die Summe eine bessere Verwendung hast, ich verzichte
gern.«
    Robert zog den sorgsam gepflegten Schnurrbart durch die Finger und wandte
sich lächelnd ab, während Willy mit einem hastigen Schritt an Tassilos Seite
trat, als wollte er Partei in dem Zwist ergreifen, dessen Ausbruch er befürchten
mochte.
    Graf Egge aber schien von Tassilos Antwort nicht im geringsten unangenehm
berührt. »Gut! Wir sprechen noch über die Sache. Jetzt haben wir Wichtigeres zu
tun!« Er sah auf die Uhr. »Eine halbe Stunde habt ihr Zeit, um eure Stände zu
erreichen. Punkt fünf Uhr gehen die Treiber an. Schipper, du gehst mit Robert
auf den Wechsel unter der Wand! Moser, du mit Willy auf den Rückwechsel. Und
gibt acht, dass mir der Junge keine Gamsgeiss niederbrennt! Sonst schlagt das
Wetter ein. Und du, Hornegger, führst deinen Schützen dort hinüber unter das
Latschenfeld, zu er alten Zirbe.«
    Franzl machte verwunderte Augen zu dieser Weisung.
    »Also weiter!« mahnte Graf Egge, nahm seinen Stand ein und zog den
Feldstecher aus dem Futteral.
    Seine Söhne lüfteten die Hüte. »Weidmanns Heil, Papa!«
    »Weidmanns Dank!«
    Schipper stieg mit Robert nach links über das Gehäng empor, während Franzl
und Moser mit ihren Schützen nach rechts im Almental davonwanderten. Der Grund
senkte sich, und Graf Egge entschwand ihren Blicken. Nach etwa tausend Schritten
war die alte Zirbe erreicht, bei welcher Franzl und Tassilo blieben.
    Moser, der in Eile weiterstieg, mahnte: »A bissl flinker, junger Herr! Wir
haben nimmer viel Zeit und müssen noch a gutes Stückl in d' Höh.«
    »Es pressiert nicht,« meinte Willy, »ich muss mich schonen.«
    Inzwischen richtete Franzl der Zirbe zu Füssen einen bequemen Sitz.
    »Wo laufen die Wechsel aus?« fragte Tassilo.
    »Wechsel?« brummte der Jäger. »Ich weiss kein' da in der Näh. Warum Ihnen der
Herr Vater dahergschickt hat, dös kann ich mir net denken. Da is meiner Lebtag
noch nie was kommen. Und da kommt auch heut nix.«
    »Das Unglück wäre zu verschmerzen!« sagte Tassilo lächelnd.
    Sie liessen sich nieder, und Tassilo nahm die Büchse über den Schoss; hinter
ihm, auf den Wurzeln der Zirbe, nahm Franzl seinen Sitz. Nach einer Weile sahen
sie in der Höhe des Latschenfeldes Robert und Schipper erscheinen, die über eine
schmale Blösse gegen den Fuss der Felswand emporstiegen.
    Als die beiden ihren Stand erreichten, krachte im äussersten Winkel des
Latschenfeldes der Pistolenschuss, der den Anmarsch der Treiber verkündete; das
Echo rollte über die Berge hin, im Dickicht liess sich das Geklapper rollender
Steine vernehmen - und wieder herrschte tiefe Stille.
    Robert spannte die Hähne der Büchse; dann griff er in die Tasche und drückte
ein Zehnmarkstück in die Hand des Jägers: »Sag' mir, ist Papa in guter Laune?«
    Schipper schien eine Witterung für den Sinn dieser Frage zu haben;
schmunzelnd kniff er das linke Auge ein. »Sie brauchen ihn wohl bei gutem
Hamur?«
    »Wohl möglich!«
    »Die ganzen Tag her war er kreuzfidel! Aber was er heut abends für a Wetter
aufzieht, dös hängt jetzt ganz davon ab, wie der Bogen ausfallt. Wenn er was
Saubers kriegt, kann's an lustigen Abend geben. Und wenn S' was dazu beitragen
wollen, so schiessen S' net, wann Ihnen vielleicht a Gamsbock hersteigt! Der Herr
Graf hat seine Mucken, wenn an anderer was schiesst. Da nimmt er seine Herrn Söhn
net aus.«
    Robert spannte die Hähne seiner Büchse ab, stellte die Waffe hinter sich und
steckte eine Zigarette in Brand; für ihn war die Jagd zu Ende.
    Auf dem Hauptstand hallte der erste Schuss, und in den vielstimmigen
Widerhall mischten sich die klingenden Juchzer der Treiber; die Stille, die über
dem weiten Hochtal gelagert hatte, war gewichen und kehrte nicht mehr zurück;
immer wieder klangen die lauten Rufe der Treiber, wenn sie Wild erblickten, oder
wenn sie ihre auf den beschwerlichen Wegen in Unordnung geratene Linie
herzustellen suchten. Noch dreimal krachte Graf Egges Büchse auf dem Hauptstand,
und in dem Winkel des Latschenfeldes, in welchem Willy sass, fielen in rascher
Folge sieben Schüsse.
    Nur unter der Felswand droben rührte sich nichts. Auch bei der Zirbe blieb
es still. Mit gekreuzten Armen sass Tassilo an den Baum gelehnt und blickte unter
stillen Gedanken empor zu den langsam ziehenden Wolken, die von einem letzten
Glanz der sinkenden Sonne mit sanftem Schimmer übergossen waren. Die Träume
seines Glückes füllten ihm die Seele. Wohl wusste er, dass ihm ein harter Kampf
mit dem Vater bevorstand; doch er wusste auch, dass er siegen würde. Seine
Gedanken blickten in die schöne Zukunft, und um ihn her versanken die Berge mit
allem, was sie trugen.
    Regungslos sass Franzl hinter ihm; als sich die Treiber schon dem Ende des
Latschenfeldes näherten, nickte er trübselig: »Nix! Ich hab's ja gsagt!« Schon
wollte er nach seiner Pfeife greifen, da vernahm sein scharfes Ohr ein Geräusch
im Dickicht. »Obacht!« lispelte er. Tassilo hörte nicht. Franzl sass wie zu Stein
geworden und blickte regungslos nach einer Latschengasse, in der das mächtige
Haupt eines Sechzehnenders erschien, langsam und lautlos; über das Gesicht des
Jägers floss dunkle Röte - das war ein Hirsch, wie seit Jahren in Graf Egges
Revieren kein zweiter geschossen worden war. Schon trat das herrliche Tier mit
freier Brust aus der Dickung hervor, und noch immer ruhte die Büchse auf
Tassilos Knien. In Franzl erwachte die Sorge, denn mit funkelnden Lichtern äugte
das Wild schon nach den Gestalten der beiden Jäger; mit einer kaum merklichen
Handbewegung fasste er Tassilos Joppe und zupfte. Nun erwachte der Träumer; im
gleichen Augenblick gewahrte er den Hirsch - aber auch der Hirsch erkannte
seinen Feind und setzte in sausendem Sprung über die letzten niederen Büsche
weg. Mit zurückgelegtem Geweih raste er über die schmale Talmulde und verschwand
in der gegenüberliegenden Dickung, deren Äste über ihm zusammenschlugen; noch
lange hörte man das laute Brechen im Gezweig.
    Tassilo hatte wohl nach der Büchse gegriffen, doch keinen Versuch gemacht,
sie an die Wange zu heben; sein zufriedenes Lächeln liess vermuten, dass ihm das
herrliche Bild dieser Flucht die grössere Freude beschert hatte, als der
glücklichste Schuss sie ihm hätte bereiten können.
    Franzl freilich war anderer Meinung. Kopfschüttelnd und mit vorwurfsvoller
Trauer sagte er: »Aber Herr Graf! Was haben S' denn da jetzt angstellt! Es ist
wie 's reine Wunder, dass der Hirsch bei uns da kommen is. Und Sie lassen ihn
durch! Mar' und Josef! Was wird der gnädige Herr sagen! Da gibt's an
ordentlichen Spitakel!«
    Nun wurde auch Tassilo nachdenklich; eine verdriessliche Szene, die aus
diesem weidmännischen Schwabenstreich hervorwachsen konnte, erschien ihm als
eine nicht sehr günstige Einleitung für alles andere, was sich in diesen Tagen
zwischen seinem Vater und ihm entscheiden sollte; er musste jeden Verdruss zu
vermeiden suchen. »Wir brauchen keine Unwahrheit zu sagen,« meinte er, »aber
wenn die Sache nicht von selbst zur Sprache kommt, können wir schweigen.«
    Franzl kraute sich hinter den Ohren. »Gscheiter wär's, wenn S' sagen
möchten, Sie hätten Ihrem Herrn Vater so an Endstrumm Hirsch net wegschiessen
mögen.«
    »Nein, Franzl! Das wäre gelogen. Nicht?«
    »Freilich, ja!« Franzl atmete schwül. »Aber oft tut man sich hart mit der
Wahrheit - beim Herrn Grafen.«
    Das Jagen war zu Ende, und die Treiber begannen gegen den Hauptstand
niederzusteigen. Hier schritt Graf Egge mit strahlendem, Gesicht umher und
musterte der Reihe nach den Zehnender und die drei Gemsböcke, die er mit vier
sicheren Schüssen zur Strecke gebracht.
    In langen Sätzen kam Schipper über das Geröll heruntergesprungen. »Ich
gratulier, Herr Graf!«
    »Ja, heut war halt wieder 's richtige Stündl!« lachte sein Herr und liess
sich die vier grünen Brüche hinter das Hutband stecken. »Aber warum hat denn der
deinig da droben net gschossen? Zwei von meine Gamsböck sind doch ihm zuerst
angsprungen?«
    »Ja, Herr Graf! Wannenbreit sind s' dagstanden vor uns, der Herr Graf Robert
hätt auf alle zwei den schönsten Schuss ghabt. Aber weil er gmeint hat, die zwei
Böck könnten vielleicht noch den Wechsel gegen Ihren Stand annehmen, drum hat er
s' durchlassen. Und recht hat er ghabt. Der muss Ihnen gern haben, Herr Graf! Der
vergunnt Ihnen was.«
    Als Robert herbeikam, wurde er gnädig empfangen; Graf Egge legte ihm die
Hand auf die Schulter und sagte: »Das hast du gut gemacht, Bertl. Du hast mir
zuliebe getan, was ich an deiner Stelle schwerlich fertiggebracht hätte. Ich
danke dir!« Seine gute Laune verschwand auch nicht, als Tassilo erschien. »Du
bist leer ausgegangen?« fragte er lachend.
    »Ja, leider!«
    »Na, tröste dich! Vielleicht hast du morgen einen besseren Tag. Aber wo
bleibt denn unser Salontiroler? Der Junge hat ja da droben gepulvert wie ein
Feuerwerker. Ich bin nur neugierig, was bei ihm liegt!«
    Es währte nicht lange, und Willy kam mit Moser unter erregtem Disput in die
Mulde herabgestiegen.
    »Na, na, rauft nur nicht miteinander!« rief ihnen Graf Egge entgegen. »Her
zu mir, Junge! Was war denn los bei dir?«
    In sprudelnden Worten begann Willy eine lange Rede, deren kurzer Sinn dahin
lautete, dass er durch Mosers Schuld einen »kapitalen« Gemsbock »verpatzt« hätte.
    »Mei' Schuld? Was? Mei' Schuld?« kreischte der Alte.
    »Natürlich! Der Kerl hat mich ganz verrückt gemacht mit seinem ewigen:
Schiessen S', schiessen S', schiessen S'!«
    »Natürlich! Weil S' den Gamsbock im besten Augenblick verpasst haben! Hätten
S' gleich gschossen, so wär er daglegen!« Moser zappelte vor Ärger mit Händen
und Füssen. »Aber na! Da muss man warten, bis der Bock flüchtig wird! Und pulvert
siebenmal hinter ihm her! Und trifft ihn net! Da möcht man ja gleich aus der
Haut fahren!«
    Lachend beendete Graf Egge den Streit, indem er zum Heimweg mahnte, um vor
Einbruch der Nacht die Jagdhütte zu erreichen; er schritt voran, seine Söhne
folgten ihm, und Moser tappte brummend hinter Willy her, während Schipper und
Franzl mit den Treibern bei dem erlegten Wilde zurückblieben.
    Immer dunkler wurden die Schatten des Abends, und am Himmel blitzten schon
die ersten Sterne, als Graf Egge mit seinen Söhnen das Hochtal erreichte, in dem
das »Palais Dippel« lag. Die Jagdhütte war schon in Sicht, da rief Graf Egge
über die Schulter zurück: »Bertl! Komm her zu mir!«
    Rasch holte Robert den Vater ein: »Papa?«
    »Du! Die Geschichte mit den zwei Gamsböcken will mir nicht aus dem Kopf. Die
Gelegenheit zu einem guten Schuss versagt man sich nicht ohne triftigen Grund,
und ich habe so ein merkwürdiges Gefühl in der Nase, als hättest du das nicht
umsonst getan? Also in Gottes Namen, schiess los! Was willst du?«
    »Ich habe allerdings eine Bitte. Aber mit den zwei Böcken hat das nichts zu
schaffen. Schipper sagte mir -«
    »Schon gut! Komm zu deiner Bitte!«
    Robert machte eine kurze Pause. »Sei nicht böse, Papa, aber ich bin wieder
einmal scheusslich hereingefallen.«
    »Du hast gespielt?« fragte Graf Egge in ahnungsvollem Schreck. »Und dein
Versprechen vom vergangenen Sommer?«
    »Ich gestehe, es war unrecht, aber man kann nicht immer ausweichen.
Schliesslich hat man doch auch Rücksichten -«
    »So?« unterbrach Graf Egge. »Und die Rücksicht auf meinen Geldsack? Wo
bleibt denn die? Du bist mir ein Feiner! Wenn du gewinnst, verbrauchst du das
Geld für deinen Stall und deine sonstigen Scherze. Und verlierst du, so soll ich
bezahlen. Dafür bedank' ich mich. Und ich sage dir auch: das ist das letztemal.
Wieviel brauchst du?«
    Die Antwort kam ein wenig zögernd: »Achtzehn -«
    »Hundert?«
    »Leider nein, Papa!«
    »Tausend!« Das Wort klang wie ein erstickter Schrei nach Hilfe. Dann war
Stille zwischen Vater und Sohn. Graf Egge schlug mit vorgebeugtem Kopf einen
Sturmschritt an, als könnte er dieser Forderung mit der Schnelligkeit seiner
Beine entrinnen. Robert versuchte nicht, das Schweigen zu brechen, hielt sich
aber dicht hinter dem Vater. Vor dem Zaun der Jagdhütte blieb Graf Egge stehen;
sein funkelnder Blick haftete im sinkenden Dunkel an dem bleichen Gesicht des
Sohnes, und seine Stimme bebte vor Zorn. »Das waren zwei teure Gamsböcke. Ein
andermal will ich billiger jagen.«
    Robert atmete auf.
    »Wann brauchst du die Summe?«
    »Die Anweisung muss morgen mit der Post abgehen.«
    »Gut! Du sollst sie haben. Aber jetzt höre, Robert! Das war der letzte Rest
an meinem Geduldfaden. Kommst du mir ein zweites Mal wieder, so lass ich dich
sitzen in der Patsche, und wenn es dir den Hals bricht. Darauf hast du mein
Wort. Und ich, das weisst du, ich halte, was ich sage. Jetzt komm herein!«
    »Ich danke, Papa, und verspreche dir -«
    »Dank und Versprechen kannst du dir sparen! Du hast mir einen vergnügten
Abend gründlich verdorben.«
    Graf Egge trat in die Jagdhütte. In der Herrenstube zündete er die kleine
Hängelampe an, holte das Schreibzeug aus dem Wandschrank und kritzelte mit
schwerer Hand einige Zeilen auf ein Blatt; die Anweisung liess er auf dem Tisch
liegen und ging mit einem blasenden Seufzer aus der Stube, als wäre ihm schwül
unter Dach.
    Mit beiden Händen griff Robert nach dem Blatt und nickte zufrieden, als er
gelesen hatte. Aus seiner Brieftasche holte er ein Kuvert hervor, das einen
bereits geschriebenen Brief entielt und schon die Adresse trug; in dieses
Kuvert schob er die Anweisung und schloss den Brief. Dann rieb er die Hände und
bewegte die Beine, als wäre er nach strapaziösem Ritt aus dem Sattel gestiegen;
lächelnd steckte er eine Zigarette in Brand, warf sich auf das Bett seines
Vaters und dehnte behaglich die Glieder.
    Draussen vor der Tür liessen sich Schritte hören. Tassilo und Moser kamen mit
Willy, dem der neunstündige Marsch wie Blei in den Gliedern zu liegen schien.
Die beiden Brüder traten in die Herrenstube, und Moser, der seine gute Laune
noch immer nicht völlig gefunden hatte, schürte auf dem Küchenherd ein Feuer an.
    Inzwischen sass Graf Egge nahe bei der Hütte auf dem Trog des laufenden
Brunnens, die Hände in den Hosentaschen, und brütete in heissem Ärger vor sich
hin, bis ihn sein Büchsenspanner, den er in der Finsternis nicht kommen sah, mit
den Worten weckte: »Aber Herr Graf! Wie können S' den in der kühlen Nacht da
herraussen sitzen! Mir scheint, es taugt Ihnen net, dass Ihr Fuss wieder a bissl
besser is? Was? Jetzt gehen S' mir aber auf der Stell wieder in d' Hütten eini!«
    Graf Egge erhob sich. »Ist das Wild versorgt?«
    »Alles in Ordnung! Die drei Gamsböcke hängen bei der Holzerhütten drüben,
und der Hirsch liegt auf'm Schlitten. Die Träger können morgen in aller Fruh
damit abfahren. Was wird denn kocht auf'n Abend?«
    »Schmarren!« brummte Graf Egge.
    »Und wieviel Flaschen Bier soll ich für die jungen Herrn aufstellen?«
    »Bier? Warum denn Bier? Da lauft der Brunnen! Der heutige Tag ist mir schon
teuer genug gekommen.«
    Schipper wollte in die Hütte treten; unter der Tür drehte er sich wieder um
und sagte mit gedämpfter Stimme: »Noch was Neus, Herr Graf! Der gute Hirsch mit
dem Prügelgweih, den wir in der vorigen Woch gsehen haben -«
    Nun wurde Graf Egge lebendig. »Was ist mit dem Hirsch?«
    »Im Bogen is er gwesen. Einer von die Treiber hat ihn gsehen auf fünf
Schritt. Der Hirsch hat sich durch d' Latschen abwärts gstohlen und is beim
Herrn Tassilo naus. Der Franzl hätt's gern verschwiegen, aber z'letzt hat er's
eingstehen müssen, dass sein Schütz den Hirsch übersehen hat.«
    »Aber da soll ja doch ein heiliges Donnerwetter gleich alles in Grund und
Boden schlagen!« schrie Graf Egge, dem eine Gelegenheit, den Ärger der letzten
Stunden von sich abzuladen, mehr als willkommen war. Um die Taube, die Schipper
hatte fliegen lassen, noch fetter zu machen, kam Franzl im unglücklichsten
Augenblick zur Hütte. »Hornegger! Her zu mir!«
    »Jawohl, Herr Graf!« klang aus der Finsternis die schwankende Stimme des
Jägers, dem nicht viel Gutes schwanen mochte. Im Laufschritt erschien er und
stellte sich in straffer Haltung vor seinen Herrn.
    »Warum hast du mir nicht sofort gemeldet, dass der gute Hirsch im Treiben
war?«
    »Aber ich bitt, Herr Graf,« stotterte Franzl, »es is ja kei' Zeit zum Reden
gwesen. Der Herr Graf is ja gleich davon, und ich hab bei die Gamsböck
zruckbleiben müssen.«
    »Das ist eine Ausrede, die ich absolut nicht dulde! Es war deine Pflicht,
mir sofort die Patzerei zu melden, die dein Schütze gemacht hat, und du mit ihm!
Oder habt ihr euch etwa verabredet zu schweigen?«
    Es war ein Glück, dass Graf Egge bei der herrschenden Dunkelheit nicht
bemerken konnte, was ich auf den Zügen des Jägers abspielte. Und da sich Franzl
dachte, dass es genug wäre, wenn er allein sein Donnerwetter von der Sache
abbekäme, sagte er: »Von einer Heimlichkeit is gar kei Red net gwesen! Ich
allein bin schuld, ich hab halt in der Eil vergessen, die Meldung z'machen!«
    »Gut! Also wieder ein Strich auf deiner Rechnung. Viel Platz hast du nicht
mehr übrig. Es ist für heute noch dein Glück, dass ich nicht an eine Manklerei
zwischen such beiden glaube. So etwas möcht' ich mir gründlich verbitten! Wo ich
bin, da wird gejagt. Da werden keine Advokatenschliche getrieben. In meinem
Revier bin noch immer ich der Herr. Und da geschieht, was ich will. Wer sich
nicht fügt, der kann marschieren. Ob es nun einer von euch ist oder einer von
meinen Buben!«
    Graf Egges Stimme war so laut geworden, dass sie bis in die Herrenstube
klang. Robert rührte sich nicht auf dem Bett, Tassilo und Willy sprangen ins
Freie, um zu sehen, was es gäbe - und dabei holte Willy sich an der niederen
Hüttentür den ersten »Dippel«. Die Hand auf die Stirn drückend, fragte er: »Was
ist denn los, Papa?«
    »Was los ist? Frag' deinen gelehrten Herrn Bruder! Der wird's wissen. Und
mit solchen Jägern soll man eine Jagd halten! Und so was sitzt auf dem Stand und
hat eine Büchse in der Hand! Ein Besenstiel wäre das richtige. Und der Hirsch,
natürlich, der wird das ungefährliche Tintenfass im Wind gehabt haben. Der hat
ganz genau gewusst, welchen Schützen er sich aussuchen muss, um mit heiler Decke
durchzukommen!«
    Tassilo wusste nun, wem der wortreiche Zorn seines Vaters galt; doch er hatte
genügende Gründe, jeden ernsteren Zwischenfall zu vermeiden, und hielt es für
das beste, mit einem sein »Versehen« entschuldigenden Worte den Rückzug in die
Hütte anzutreten.
    Das machte aber der Szene kein Ende. Graf Egge war nun einmal im Zug, und
das Rad seines Zornes lief polternd weiter. Willy suchte den Vater zu beruhigen,
und auch Franzl wollte seinem Herrn die Überzeugung beibringen, dass die Sache
doch eigentlich gar nicht so schlimm wäre. Nur Schipper mischte sich mit keiner
Silbe in den lauten Disput; er kannte seinen Herrn besser als die Söhne ihren
Vater, und war überzeugt, dass Graf Egge den stattlich geweihten Hirsch lieber
lebendig wusste als von der Kugel eines anderen gefällt; da blieb ihm doch die
Hoffnung, den Hirsch einmal vor die eigene Büchse zu bringen.
    Die Szene vor der Hütte nahm erst ein Ende, als die Pfanne mit dem Schmarren
auf den Tisch getragen wurde. Beim ersten Schritt in die Stube roch Graf Egge
den Zigarettenrauch; aber er schien sich müde gescholten zu haben, streifte
Robert nur mit einem wütenden Blick und warf den Hut auf das Bett. Da es am
Tisch an Raum fehlte, mussten Franzl und Moser ihr Nachtmahl in der Küche nehmen;
nur Schipper durfte am Herrentische sitzen. Das Mahl begann unter unbehaglichem
Schweigen. Tassilo ass sich satt, Willy zwang sich, einige Bissen zu kosten, und
Robert sass mit gekreuzten Armen, ohne den Löffel zu berühren.
    »Warum isst du nicht?« fragte Graf Egge.
    »Ich danke, Papa, mich hungert nicht.«
    »Sooo? Es wäre begreiflicher, wenn heute der Appetit mir vergangen wäre.
Aber warte nur, der Hunger wird dir schon kommen! Es soll mir kein anderer
Bissen auf den Tisch als Schmarren. Wer mit mir jagen will, wird sich auch
herablassen müssen, mit mir aus einer Schüssel zu essen. Schipper, du bist
verantwortlich, dass in die Hütte nichts anderes eingeschmuggelt wird.«
    Willy und Robert tauschten einen Blick des Unbehagens, und wieder war Stille
am Tisch. Graf Egge und Schipper leerten die Pfanne. Als die »Tafel« endlich
aufgehoben wurde und Graf Egge seinen Stummel mit der zweifelhaftesten aller
Knastersorten stopfte, schlich Willy sich hinter dem Büchsenspanner in die Küche
hinaus und legte ihm vertraulich die Hand auf die Schulter.
    »Schipperchen? Du wirst uns doch nicht verraten, wenn wir auf dem Heuboden
eine Flasche Wein trinken, et cetera?«
    Schipper zeigte eine ernste Miene. »Ich bitt, Herr Graf, tun S' was S'
wollen, aber ich darf nix sehen! Wenn ich was sieh, muss ich's melden. Sie haben
ghört, wie der Herr Vater gredt hat. Ich hab die Verantwortung. Ich darf nix
sehen.«
    Willy schien mit dieser Antwort völlig zufrieden, und Moser wurde zur nahen
Holzerhütte geschickt, um die erste Ration der Kontrebande herbeizuschleppen und
auf dem Heuboden in Sicherheit zu bringen. Als Willy die Stube wieder betrat,
nickte er seinem Bruder Robert mit vergnügten Augen zu und fragte den Vater: »Wo
bleibt deine Ziter, Papa? Ich habe mich schon riesig gefreut, dich wieder zu
hören.«
    »So? Na, dann freue dich nur noch ein wenig länger!« brummte Graf Egge und
warf sich, mit der Pfeife zwischen den Zähnen, auf das Bett. »Ich bin heute
gerad in der Laune, euch was vorzududeln!«
    Franzl kam in die Stube und legte vor Tassilo zwei Patronen auf den Tisch.
»Ihr Büchsl hab ich a bissl durchgwischt, Herr Graf.« Er hängte das Gewehr an das
Zapfenbrett.
    »Das war überflüssig!« klang es vom Bette her. »Und Herr Graf? Wenn du dich
bei ihm schön Kind machen willst, Hornegger, so musst du Herr Doktor sagen. Das
hört er lieber.«
    Franzl, dem die Luft in der Stube nicht geheuer schien, drückte sich
schleunigst wieder zur Tür hinaus, während Tassilo sagte: »Du irrst, Papa, ich
mache keinen Unterschied zwischen Titeln.«
    »So? Man hat mir aber doch erzählt, dass auf dem Schild deiner Wohnungstür zu
lesen steht: Doktor Egge - kurzweg? Da muss dir der angebüffelte Doktor doch
besser gefallen als dein angeborener Graf?«
    »Mir gilt der eine soviel wie der andere. Dass ich auf dem Schild meiner Tür
den ersteren vorziehe, das ist eine Konzession, die ich meinem Beruf mache. Zu
mir kommen mancherlei Leute -«
    »Mit Vorliebe die Wildschützen.«
    »Das ist nicht der Fall, aber es würde mich nicht wundern, wenn es so wäre.
Der arme Teufel, der im vergangenen Winter meine Hilfe suchte, vermutete ganz
richtig, dass ich so viel von Jagd gehört und erfahren hätte, um eine
Leidenschaft zu begreifen, die den Frieden einer ganzen Familie zu zerstören und
einen Menschen zum Verbrecher machen kann.«
    Graf Egge lachte. »Aaaah! Du gibst also wenigstens zu, dass ein Wildschütz
ein Verbrecher ist?«
    »Na, sieh mal, mit diesem Zugeständnis hast du Papa eine Freude gemacht,«
fiel Robert ein, »und ich vermutete schon, dass du eigentlich etwas ganz anderes
sagen wolltest. Oder nicht?«
    Willy sah den Blick, den die Brüder tauschten, und versuchte einzulenken.
»Natürlich ein Verbrecher! Der Kerl ist ja auch richtig verknurrt worden. Tas
plädierte doch nur auf mildernde Umstände, und die waren in diesem Falle
wirklich am Platz. Wenn man die Sache genau betrachtet, bestand das einzige
Verbrechen dieses Menschen doch eigentlich darin, dass er nicht vorsichtig genug
in der Wahl seiner Eltern war. Wäre er mit dieser Leidenschaft für die Jagd als
der Sohn eines reichen Vaters auf die Welt gekommen, so hätte er sich ein paar
Reviere pachten können, wäre ein grosser Nimrod geworden und dabei ein
anständiger Mensch geblieben. Hab' ich nicht recht?« Willy ging auf den Vater zu
und fasste ihn scherzend am Bart. »Sei mal ehrlich, Papa, und setze den Fall, dass
du selbst als armer Teufel auf die Welt gekommen wärst. Ich glaube, aus dir wär'
auch ein Wildschütz geworden, dazu noch ein riesig gefährlicher.«
    »Nein!« entschied Graf Egge. »Ein Wildschütz gewiss nicht, wahrscheinlich ein
pflichtgetreuer Jäger.«
    »Ein solcher würde auch aus meinem Klienten werden,« sagte Tassilo, »wenn du
auf meine Bitte gehört und den Mann in deine Dienste genommen hättest!«
    »Das hätt' mir taugen können nach aller Galle, die mir die Sache gemacht
hat, und nach dem verwünschten Klatsch!«
    »Geschäftsprinzip!« lächelte Robert. »Ein junger Advokat muss von sich reden
machen. Und alle Achtung, das gelingt dir! Die Zeitungsschreiber beten dich an.
Sogar in den sozialdemokratischen Blättern bist du einer ehrenvollen Erwähnung
sicher.«
    »Woher weisst du das?« fragte Tassilo mit mühsam bewahrter Ruhe. »Du liest
doch nie eine Zeitung?«
    »Wahrscheinlich habe ich Besseres zu tun. Aber die guten Freunde sorgen
dafür, dass man immer das Nötigste über dich erfährt.«
    »Das ist wohl die einzige Gelegenheit, bei der du dich um mich bekümmerst?«
    »Du hast es deinen Brüdern schwer gemacht, mit dir in Verkehr zu bleiben.
Bei dir soll eine Kollektion von Bassermannschen Gestalten aus und ein gehen,
mit denen ein reinlicher Mensch nicht gern in Berührung kommt. Ich bin gewohnt,
mit Leuten zu verkehren, in deren Nähe man sich die Taschen nicht zuzuknöpfen
braucht.«
    »Das Bild ist nicht gut gewählt, Robert! Gerade du mit deinen offenen
Taschen wärst in der Nähe der Menschen, die zu mir kommen, viel weniger
gefährdet als in deiner Gesellschaft und am Spieltisch.«
    »Das sitzt, Bertl!« lachte Graf Egge schadenfroh. »Mit Worten schiesst er
besser als du.«
    Robert nahm eine hoheitsvolle Miene an. »Das Vergnügen, mit Impertinenzen
gegen mich anzufahren, vergönn' ich ihm. Die gute Gesellschaft zu respektieren,
das lässt sich schwer von jemand verlangen, der mit dem eigenen Namen bereits
abgewirtschaftet hat.«
    Tassilo richtete sich mit blitzenden Augen auf. »Wie meinst du das?«
    Willy, der die Nutzlosigkeit seiner diplomatischen Bemühungen einsah,
verliess die Stube, während Graf Egge sich vom Bette erhob und langsam, den
Pfeifenrauch in einem dünnen Faden vor sich hinblasend, zum Tische kam.
    Ohne zu antworten, hatte Robert die Arme gekreuzt. Ein paar lautlose
Sekunden verrannen.
    »Hast du meine Frage nicht gehört?«
    »Was ich sagte, bedarf keiner Erklärung. Du selbst hast eingestehen müssen:
dass du auf deinem Geschäftsbetrieb auf den ererbten Titel verzichtest und dich
mit dem Doktor begnügst.«
    »Mein Beruf bringt es mit sich, dass ich Vertrauen verlangen muss. Und da ist
es nicht meine Schuld, wenn der Titel, der mir in die Wiege fiel, eher ein
Hindernis für mich bedeutete und Anlass zu einem Misstrauen wurde, gegen das ich
schwer zu kämpfen hatte.«
    »Oho!« murrte Graf Egge. »Soll das ein Hieb auf den Adel sein?«
    »Durchaus nicht, Papa! Wenn ich auch den Grafen nicht auf meine Tür
schreibe, so schlag ich meinen Adel doch höher an als mancher andere, der die
Krone auf jede Zigarettendose und auf den Knopf jeder Reitpeitsche gravieren
lässt und der Meinung ist, dass er damit alle Verpflichtungen genügt hätte, die
seine Geburt ihm auferlegt.«
    »Bertl, das geht auf dich!« stichelte Graf Egge.
    »Nein, Papa!« fiel Tassilo ein, ehe Robert antworten konnte. »Nur gegen
deinen Einwurf wollte ich mich verteidigen. Ich bin stolz auf meinen Adel. Aber
man kann nicht Vorrechte beanspruchen, ohne nicht auch seine Pflichten um so
höher zu fassen. Adelige Herkunft stellt uns auf einen exponierten Posten, zu
dem Hunderte von Augen leichter den Weg finden, als zu jedem Beliebigen, der
recht oder schlecht die Aufgabe seines Lebens zu erfüllen sucht. Was wir
Tüchtiges leisten, wird dem einzelnen von uns nur als etwas Selbstverständliches
angerechnet. Wir beanspruchen ja, die Auserwählten zu sein. Drum wird jede
Ausschreitung und Missartung hundertfach gesehen und sofort als typisch für uns
alle bezeichnet. Mit Unrecht. Aber es ist nun einmal so, und darin liegt für uns
eine doppelte Verpflichtung.«
    »Grossartig!« lachte Robert. »In einer Volksversammlung würdest du dich mit
solchen Tiraden populär machen. Aber in Papas Jagdhütte?« Er sah zu seinem Vater
auf, der den Pfeifenrauch in dicken Wolken vor sich hinpaffte. »Ich hoffe, Papa,
du amüsierst dich! Er sagte bereits: Verpflichtung. Jetzt wird er gleich mit dem
abgedroschenen Noblesse oblige! herausrücken.«
    Graf Egge schwieg.
    »Ja, Robert, das Wort ist alt geworden! Hätten wir es jung erhalten, so
genösse der Adel jene Achtung, die ich ihm von Herzen wünsche, auch heute noch.
Nicht nur bei unseren Bedienten. Und dann wäre mir auch die Erfahrung erspart
geblieben, dass jeder von uns, den es zu ernster Arbeit treibt, einem nur schwer
zu überwindenden Zweifel an seinen Fähigkeiten und seinem redlichen Willen
begegnet, gerade weil er von Adel ist. Aber du hast recht, das ist kein Tema
für die Jagdhütte. Und Papa wird müde sein. Es ist Zeit, dass wir ein Ende
machen. Gute Nacht, Papa!«
    Graf Egge blies eine Wolke vor sich hin und nickte schweigend.
    Als Tassilo die Stube verlassen hatte, schob Robert sich hinter dem Tisch
hervor. »Ein netter Herr! Was sagst du, Papa?«
    Graf Egge machte die Augen klein und strich mit der Pfeifenspitze über den
weissen Schnurrbart. »Ich sage: Du sei still! Wenn es auf einen passt, was er
sagte, so passt es auf dich! Die Hoffnung, dass aus ihm noch ein Jäger wird, geb'
ich auf. Aber lieber sitzt er mir hinter dem Schreibtisch als hinter dem
verfluchten Möbel, an dem du auf meine Kosten die Nächte verbringst. Leg' dich
schlafen!« Graf Egge pfiff durch die Finger. Während er an der Ofenkante die
Pfeife ausklopfte, kam Schipper zur Tür hereingeschossen. »Mach die Fenster auf,
dass der Zigarettengestank hinauskann, und richte mir das Bett!«
    Wortlos ging Robert aus der Stube und kletterte über die Leiter auf den
Heuboden, wobei er die »Scheusslichkeit« des ihm zugewiesenen Quartiers mit einem
kräftigen Reiterfluch bedachte.
    Für jeden der Brüder hatte Franzl ein Leintuch über das Heu gebreitet und
eine wollene Decke zurechtgelegt. Die Kerze, die hinter den trüben Gläsern einer
Laterne brannte, erleuchtete mit ihrem matten Schimmer den niederen Raum und das
von Spinnweben überzogene Sparrenwerk des Daches. Tassilo hatte sich schon zur
Ruhe gelegt. Auch Franzl war schon ins Heu gekrochen, ohne bei dem heimlichen
Nachtmahl mitzuhalten.
    Während Schipper in der Herrenstube Graf Egges Bein frottierte, taten Robert
und Willy sich auf dem Heuboden an Niersteiner und Pschorrbräu gütlich und
vertilgten den Inhalt einer Konservenbüchse.
 
                                       16
Früh am Morgen hatte Forbeck sich erhoben, um vor seinem Gang nach Hubertus noch
einige Stunden für die Arbeit zu gewinnen. Er öffnete das Fenster und rückte die
Leinwand in das beste Licht. Er nahm auch die Palette. Doch als er vor das Bild
trat und den Blick auf die leuchtende Mädchengestalt heftete, die vor ihm zu
leben schien, umschimmert von einem letzten Sonnenstrahl, den das ausbrechende
Unwetter schon zu ersticken droht - da schien er seine Arbeit wieder zu
vergessen. Er hörte nicht, dass Mali die Stube betrat, um das Frühstück zu
bringen. Erst als die Tasse klirrte, erwachte er und nickte zerstreut einen
Gruss, den Mali nicht erwiderte. In Hast verliess sie die Stube. Forbeck hüllte
die Leinwand in ein weisses Tuch, legte den Malkasten auf den Tisch und machte
sich zum Ausgang fertig, ohne das Frühstück zu berühren. Im Flur begegnete ihm
Mali mit dem kleinen Netterl auf den Armen.
    »Wenn jemand von Schloss Hubertus kommt, um meine Geräte zu holen,« sagte er,
»ich habe droben alles bereitgestellt. Und bitte, sagen Sie dem Diener -« Da
verstummte Forbeck und sah erschrocken in das Gesicht des Mädels.
    Mali sah aus wie ein Gespenst ihrer selbst. Der Ausdruck eines trostlosen
Kummers lag auf ihren vergrämten Zügen, und dunkle Ränder zogen sich um die
Augen.
    »Was ist Ihnen?« fragte Forbeck. »Sind Sie krank?«
    Mali schüttelte den Kopf. »Bloss a bissl übernächtig bin ich, 's Kindl hat
mich net schlafen lassen.« Sie trat in die Stube.
    Forbeck verliess den Brucknerhof, folgte einem Pfad, auf den ihn der Zufall
führte, und irrte zwei Stunden in dem Wald umher, der den Park von Schloss
Hubertus umgab. Immer wieder geriet er in die Nähe des Tores, stand unschlüssig,
warf einen Blick auf die Uhr und wandte sich wieder in den Wald zurück. Endlich
ging es auf die zehnte Stunde. Mit dem ersten Glockenschlag, der von der
Dorfkirche herübertönte, trat Forbeck in den Park. Als er sich dem Adlerkäfig
näherte, begegnete ihm Moser mit einer blutfleckigen Holzschüssel; der Alte war
am Morgen mit dem Wildtransport von der Jagdhütte heruntergekommen, hatte
Roberts Brief zur Post getragen, die Arbeit in der Zwirchkammer erledigt und
brachte nun den Adlern die rohe Wildleber zum Futter. Mit Gönnermiene nickte er
dem jungen Künstler zu: »Die Damen sind schon bei die Malersachen im Park hint
und warten!« Die Adler hatten die ihnen wohlbekannte Schüssel bereits gewahrt
und flatterten hinter dem Gitter lärmend durcheinander, so dass sich vom Boden
des Käfigs eine schmutzige Wolke erhob. Während Moser das Gitter öffnete,
beschleunigte Forbeck den Schritt - der Anblick des Käfigs hatte immer peinlich
auf ihn gewirkt, und das blutige Menageriegeschäft, das er den alten Jäger üben
sah, mehrte in ihm noch das Gefühl des Widerwillens. Als er den offenen Platz
vor dem Schloss erreichte, verschlang sein irrender Blick die Blumenbeete, das
zitternde Lichterspiel im Gezweig der Bäume und den blitzenden Tropfenfall der
rauschenden Fontäne.
    »Wie schön! Und heute zum letztenmal!«
    Da hörte er die Stimme der Kleesberg und sah auf dem Rasen die Staffelei mit
der Leinwand bereits aufgestellt. Kitty und Tante Gundi standen vor dem Bild,
und Forbeck, während er näher kam, hörte noch ein wortreiches Stück der
begeisterten Rede, mit der die Kleesberg dem in Schweigen versunkenen Mädchen
die »unglaublichen Fortschritte« der Arbeit pries. So aufmerksam Kitty auch
lauschte, sie vernahm doch den Schritt, der sich näherte. »Er kommt!«
    Tante Gundi begrüsste den jungen Künstler mit erregter Herzlichkeit, und als
ihr Forbeck, der nicht zu sprechen vermochte, die Hand küsste, sah sie so
verträumt auf ihn nieder, als wären ihre Gedanken weiss Gott in welcher Ferne und
vergangenen Zeit.
    Bei Kitty war die Begrüssung schneller abgetan; eines vermied den Blick des
andern. Während Kitty langsam auf den Sessel zuging, um ihre Stellung
einzunehmen, fand Gundi Kleesberg ihre Fassung wieder. »Beginnen Sie nur gleich
mit der Arbeit!« mahnte sie. »Die letzte Sitzung! Da müssen wir die Zeit noch
gut benützen.« Das klang, als wäre auch ihr bei dieser letzten »Sitzung« eine
wichtige Rolle zugewiesen. Sie griff nach ihrem Buch und liess sich auf die
Rohrbank nieder, die heute dicht neben die Staffelei gerückt war. »Es stört Sie
doch nicht, wenn ich so nahe sitze?«
    »Gewiss nicht!« Die Palette zitterte in Forbecks Hand, während er die Farben
aus den Tuben drückte; dann trat er vor die Leinwand. Die Falten an Kittys Kleid
waren einer Korrektur bedürftig. »Gestatten Sie?«
    »Oh, bitte!«
    Als er zurücktrat und das Werk seiner zitternden Hände einer letzten
Musterung unterzog, verirrten sich seine Augen bis zu Kittys glühendem
Gesichtchen, und da tauchte Blick in Blick, so seltsam erschrocken, als sähe
eines im anderen ein unbegreifliches Rätsel.
    Wie ein Träumender ging er zur Staffelei zurück und begann die Arbeit.
Lautlose Minuten. Ab und zu das Gezwitscher eines Vogels. Und manchmal knisterte
es leise, wenn Gundi Kleesberg ein Blatt ihres Buches umschlug. Es schien ihr
mit dem Lesen nicht sonderlich ernst zu sein. Immer wieder glitt ihr Blick zu
Forbeck hinüber. Endlich klappte sie das Buch zu. »Sind Sie bei der Arbeit immer
so schweigsam? Sie haben es wohl nicht gern, wenn geplaudert wird?«
    Forbeck erwachte aus seiner Verlorenheit. »Im Gegenteil, ich bin seit Jahren
gewohnt, mit Werner gemeinsam zu arbeiten. Wir haben immer was zu plaudern.«
    »Wie lange leben Sie schon in München?«
    »Seit vierzehn Jahren, seit Werner mich in sein Haus nahm.«
    »Ja, richtig, Sie erzählten uns neulich, dass Sie - mit Professor Werner
verwandt wären?«
    »Aber Tante Gundi!« rief Kitty von ihrem Sessel herüber. »Herr Forbeck
erzählte das Gegenteil, auf der Veranda, als uns Tas diese merkwürdige
Ähnlichkeit erklärte.«
    »Diese Ähnlichkeit -« lispelte Gundi Kleesberg vor sich hin.
    In Kitty war, als sie den Namen des Bruders ausgesprochen hatte, der Gedanke
erwacht, dass Tassilo vielleicht in dieser Stunde vor dem Vater stünde, ringend
um sein Glück. Ihre Augen suchten die Berge, und unter einem Seufzer zog sie die
beiden Daumen ein.
    »Sagten Sie nicht auch, dass Professor Werner Sie erziehen liess?« begann die
Kleesberg von neuem ihr Verhör.
    »Ja, gnädiges Fräulein. Was aus mir geworden, verdanke ich Werner. Ich war
neun Jahre alt, als er mich fand.«
    »Als er Sie fand? Er wusste von Ihrer Existenz und suchte Sie?«
    »Nein. Werner wusste früher von mir sowenig wie ich von ihm. Er hat meine
Eltern nie gekannt. Das waren arme Leute in einem kleinen Dorf, und sie waren
nicht mehr jung, als ich geboren wurde. Ich hatte noch drei Geschwister. Sie
starben vor meiner Geburt.« Ein Schatten tiefer Schwermut legte sich über
Forbecks Züge. »Ich hatte keine glückliche Kindheit.« Verstummend sag er auf die
Palette nieder, während er eine Farbe mischte. In seiner Erinnerung tauchte das
Bild einer ärmlichen Stube auf, mit verwahrlostem Gerät; ein vierjähriger Bub,
in Lumpen gehüllt, kauert hinter dem Herd, auf dem die Mutter sitzt, mit
verdrossenem Faltengesicht, die irdene Kaffeetasse in der Hand; schweigend leert
sie eine Tasse um die andere, bis sie draussen schwere Tritte poltern hört; nun
versteckt sie das Geschirr, und der Vater stolpert in die Stube, betrunken, mit
glasigen Augen. Ein Fluch ist sein Gruss, und der Bub im Herdwinkel beginnt zu
zittern; er weiss, was ihm bevorsteht.
    Forbeck richtete sich auf, als möchte er diese Erinnerung gewaltsam von sich
abwerfen.
    »Sie haben Ihre Eltern früh verloren?« fragte Gundi Kleesberg bewegt,
während Kitty lautlos sass, mit erblasstem Gesicht.
    »Meine Mutter starb, als ich noch nicht fünf Jahre alt war. Ein paar Monate
später verunglückte mein Vater.« Wieder verstummte Forbeck. Vor seinen Gedanken
stand das Bild jenes Abends, an dem der Vater nicht wie sonst nach Hause kam.
Bei sinkender Nacht brachte man ihn getragen, Leute drängten sich in die Stube,
alle kreischten durcheinander; das dauerte nicht lange; die Leute verliefen sich
wieder, und neben der Asche hockte der kleine Bub im Herdwinkel und spähte
furchtsam nach dem Heubett, von dem die Wassertropfen herunterfielen. Stunde um
Stunde verging, und der Schläfer lag immer unbeweglich; er schnarchte auch
nicht. Vom Hunger getrieben, kam der Bub aus seinem Winkel hervorgeschlichen. Er
sah den Vater in triefenden Kleidern liegen; die nassen Haare hingen über die
offenen Augen. So, mit diesen bläulichen Lippen, so unbeweglich war vor einem
halben Jahr die Mutter auf dem gleichen Bett gelegen. An allen Gliedern
zitternd, in der ziellosen Furcht, die der Tod auch in jenen erweckt, die ihn
nicht erkennen, rannte das schreiende Kind aus der Stube und verbrachte die
Nacht unter freiem Himmel auf der Hausbank. Sein letzter Gedanke vor dem
Einschlafen war: Wer wird mich morgen schlagen?
    Mit erschrockenen Augen hing Kitty an Forbeck, als wäre in ihr eine Ahnung
der harten Kindheit erwacht, die hinter seinen kargen Worten verborgen lag. Und
Gundi Kleesberg sagte bedrückt: »So früh verwaist! Wer sorgte für Sie, als Ihre
Eltern gestorben waren?«
    »Niemand. Zwei Jahre lebte ich -« Eine leise Bewegung der Schultern
vollendete den Satz. »Dann durfte ich die Gänse hüten. Und da kamen bessere
Zeiten. Man gab mir Unterkunft im Gemeindehaus, ich bekam täglich zu essen und
empfand so etwas wie Freude. Der Wald, die Wiesen, der Bach, die Sonne, das war
mein Reichtum, aus dem ich immer schöpfte. Die Einsamkeit reifte meinen
Kinderverstand, ich begann und denken, begann mein Leben mit dem Leben anderer
Kinder zu vergleichen. Neid hab' ich nie empfunden. Aber immer war in mir eine
Sehnsucht, die mir fast das Herz verbrannte.«
    Gundi Kleesberg musste sich plötzlich ihres Wortes von der »guten
Kinderstube« erinnern.
    »Oft lag ich lange Stunden, das Gesicht ins Gras gedrückt. Wenn ich mich
müde geweint hatte, begann ich zu träumen,. begann mit dem Finger oder mit einem
Reis in den Sand zu zeichnen, mit Kohle auf die Stallwände, Ställe und Scheunen.
Ich zeichnete Häuser mit Gärten, zeichnete meine Gänse und die anderen Tiere,
den Kirchturm mit der Sonne darüber, den lieben Gott und den Teufel. Und
schliesslich versuchte ich die Menschen nachzubilden.«
    Forbeck schwieg - die feinen Linien des unter dem Gewandsaum hervorlugenden
Füsschens, an dem er gerade malte, nahmen seine Aufmerksamkeit in Anspruch. Es
währte eine Weile, bis er wieder zu erzählen anfing: »Meine Kritzeleien begannen
im Dorfe von sich reden zu machen, in einer Weise, die mir nicht erfreulich war.
Die Besitzer der schönen weissen Mauern waren nicht gut auf mich zu sprechen.« Er
lächelte. »Ich musste mich früh daran gewöhnen, für meine Kunst zu leiden.« Nun
schwieg er und arbeitete mit doppeltem Eifer, als wüsste er nichts mehr zu
erzählen.
    Die Kleesberg war mit diesem Schluss nicht einverstanden. »Und - wie kam das?
Mit Professor Werner?«
    »An einem Sommertag - auf der Bachwiese lag ich zwischen meinen Gänsen im
Gras - da sah ich nicht weit von mir einen fremden Mann stehen, in städtischer
Kleidung -«
    »Werner?« stammelte Gundi Kleesberg.
    Forbeck nickte. »Der breite Hutrand warf einen dunklen Schatten über das
schmale Bartgesicht, in dem zwei Augen glänzten, über die ich mich wundern
musste, ich weiss nicht, warum. Nie hatte ich ein gutes Wort gehört, nie einen
freundlichen Blick empfangen. Der fremde Mann da, vor dem ich mich zuerst ein
bisschen fürchtete, das war der erste Mensch, der mich ansah in herzlichem
Erbarmen. Lange stand er so vor mir, ohne ein Wort zu sagen. Dann ging er auf
mich zu -«
    Forbeck sah wie ein Erwachender auf - von der Ulmenallee klang die
schreiende Stimme des alten Büchsenspanners, dazu eine schrille Mädchenstimme.
Kitty liess sich vom Sessel heruntergleiten, während Gundi Kleesberg stumm in
sich versunken sass. Das Geschrei wurde lauter. Nun kam der Diener vom Schloss
herübergelaufen.
    »Fritz? Was ist denn?«
    »Moser hat am Adlerkäfig die Tür nicht versperrt, und der Steinadler, den
der gnädige Herr vor drei Jahren aus der Bärenwand herunterholte, ist
ausgeflogen. In der Allee sitzt er auf einer Ulme.«
    »Ach du lieber Himmel! Wenn Papa das erfährt!« stammelte Kitty. »Kommen Sie,
Herr Forbeck! Der Adler muss wieder eingefangen werden. Oder es gibt einen bösen
Tag für uns alle, wenn Papa heimkommt!«
    Forbeck hatte schon die Palette aus der Hand geworfen und rannte mit Kitty
und Fritz nach der Ulmenallee.
    Gundi Kleesberg ermunterte sich aus ihrer Verstörteit und fuhr mit beiden
Händen nach ihrer Frisur, als wäre der Adler schon in Greifnähe ihrer Zöpfe.
dabei schien auch in ihr das Gefühl zu erwachen, dass es auf der Welt ein Wesen
gäbe, das sie zu beschützen hätte. »Kitty! Kitty!« Sie sah die Komtesse mit
Forbeck um die Ecke des Schlosses verschwinden und schrie in Sorge: »Aber
Kinder!«
    Die beiden hörten nicht. Atemlos erreichten sie die Allee und sahen unter
einer Ulme vier schreiende Menschen stehen: die Beschliesserin, Roberts
Stallburschen, eine Jungfer und den alten Moser. Mit kalkweissem Gesicht kam
ihnen Moser entgegengelaufen.
    »Aber Moser!« jammerte Kitty. »Was haben Sie denn angestellt! Papa wird
wütend sein, wenn er das hört.«
    »Auf Ehr und Seligkeit, ich hab kei Schuld net!« keuchte der Alte. »Und gar
net denken kann ich mir, wie 's Unglück passiert is! Ich hab den Schlüssel
umdreht, und da hör ich mein Namen rufen, und wie ich mich umschau, steht 's
Zauner-Lieserl in der Allee. Auf Ehr und Seligkeit, 's Lieserl wird mir bezeugen
können - und Mar' und Josef, den Vogel schau an! schreit 's Madl. Und wie ich
zum Käfig hinschau, hab ich gmeint, mich trifft der Schlag! 's Türl steht
sperrangelweit offen, und der Adler hupft auf der Allee umanand. Wie der Teufel
bin ich auf'n Käfig zu, und grad hab ich 's Türl noch zubracht, dass net einer
von die andern auch noch aussi fliegt. D' Joppen hab ich abgrissen und bin dem
Adler nach. Da fangt er 's Fludern an, und richtig kommt er auffi bis auf'n
Baum! Da schauen S', Kontess, da sitzt er droben!«
    In halber Höhe des Baumes sass der Adler auf einem Ast, die Fänge weit
gespreizt, den flachen Kopf zwischen die Flügel geduckt. Mit blitzenden Augen
spähte er bald zur Sonne hinauf, bald wieder hinunter auf das Häuflein Menschen,
die ratlos durcheinander schrien.
    »Was fang ich denn an? Herr Jesus, Jesus!« klagte Moser. »Der gnädige Graf,
der jagt mich zum Teufel, wann der Vogel hin is!«
    »Vor allem sollen sich die Leute ruhig verhalten!« sagte Forbeck. »Jeder
Lärm muss den Vogel noch scheuer machen, als er schon ist.«
    Kitty befahl energisch: »Ruhe!« Schweigen trat ein, aber vom Schloss herüber
hörte man den Jammerschrei der Kleesberg: »Kitty! Kitty!« Das klang immer näher,
niemand kümmerte sich drum, alle spähten nach dem Adler.
    »Der Vogel kennt die Kraft seiner Schwingen nicht,« sagte Forbeck zu Kitty,
»sonst würde er nicht so ruhig sitzen. Er ist an die Gefangenschaft gewöhnt.
Wenn wir ihn aufstören, wird er zu Boden flattern. Ihn mit den Händen zu packen,
das möchte übel ausfallen. Mit einem Netz vielleicht -«
    »Fritz! Das grosse Forellennetz! Und eine Leiter!« befahl Kitty.
    Der Diener rannte mit dem Stallburschen davon.
    »Misslingt die Sache, so wird nichts anderes übrigbleiben, als den Vogel
durch einen Schuss zu töten. Wenn er über die Parkmauer hinausflattert und ins
Dorf gerät -«
    »Was? Den Adler erschiessen?« stotterte Moser. »Net um d' Welt! Mar' und
Josef, was möcht der Herr Graf sagen!«
    »Herr Forbeck hat recht. Was Herr Forbeck anordnet, hat zu geschehen!«
entschied Kitty mit einer Bestimmteit, die keinen Widerspruch duldete. »Ich
werde die Sache bei Papa verantworten. Schnell, Moser, holen Sie ein Gewehr!«
    Moser schüttelte den Kopf und ging.
    »Kitty! Kitty!« Tante Gundi erschien mit ausgebreiteten Armen in der
Ulmenallee.
    »Fräulein von Kleesberg ist in Sorge,« sagte Forbeck und fasste Kittys Hand,
»ich glaub' auch, es wäre besser, wenn Sie sich entfernen wollten, bis die Sache
vorüber ist.«
    Mit grossen Augen sah ihn Kitty an. »Nein. Ich bleibe bei Ihnen. Angst hab'
ich nicht.«
    In Verzweiflung kam Gundi Kleesberg herbeigestürzt und umklammerte Kittys
Arm. »Fort! Fort! Bist du von Sinnen? Was hast du hier zu schaffen?« Sie sah den
Adler, der in verdächtiger Unruhe den Hals streckte. Aufkreischend suchte sie
Kitty mit Gewalt von der Stelle zu reissen.
    »Aber Gundi! Ich bin doch kein Kind mehr! Da ist wahrhaftig keine Gefahr.
Herr Forbeck ist doch bei uns!«
    »Ich bitte, gehen Sie!« fiel Forbeck ein. »Sie sehen, in welcher Sorge
Fräulein von Kleesberg ist.«
    »Fort! Fort! Hörst du denn nicht? Herr Forbeck bittet dich!«
    Einen Augenblick sträubte Kitty sich noch. Dann sagte sie: »Gut, ich gehe.
Aber dann haben auch Sie keine Veranlassung, hierzubleiben. Moser soll allein
sehen, wie er seine Dummheit wieder gutmacht. Kommen Sie, Herr Forbeck.« Sie
streckte die Hand nach ihm.
    Da kam der Diener mit dem Netz gelaufen, und der Stallbursche brachte eine
hohe Leiter. »Seien Sie vorsichtig,« rief Forbeck dem Burschen zu, der die
Leiter aufzurichten versuchte, »stossen Sie mit der Leiter an keinen Ast!«
    Die Warnung kam zu spät. Dem Adler schien die Sache nicht mehr geheuer. Er
breitete die Schwingen aus. Des Fluges ungewohnt, vermochte er sich aus dem
Gezweig der Ulme nicht hervorzuheben und kam ins Fallen.
    »Jesus Maria!« kreischte die Beschliesserin. Und die Jungfer schrie: »Der
Adler! Kontess, der Adler!« Krachend stürzte die Leiter zu Boden, die dem
Stallburschen im Schreck aus den Händen geglitten war. Gundi Kleesberg stiess
einen gellenden Schrei aus, und Kitty, als sie das erblasste Gesichtchen hob, sah
den taumelnden Vogel schon dicht über ihrem Kopf. Alle Stimmen schrillten, und
Moser kam mit einer Flinte durch die Allee gerannt. Die Schwingen des Adlers
trafen schon im Niederschlagen Kittys Arm, und seine Fänge streckten sich, um an
ihrer Schulter einen Halt zu finden. Da warf sich Forbeck mit ersticktem Laut
über Kitty, und während sie unter dem Stoss zu Boden taumelte, haschte er mit
beiden Händen die eine Schwinge des Vogels und riss ihn seitwärts. Mit wütender
Kraft wehrte sich der Adler, und Forbecks Kopf und Schultern verschwanden unter
dem Gewirbel der mächtigen Flügel. Gundi Kleesberg, totenbleich, griff mit den
Händen in die Luft. »Forbeck! Herr Forbeck!« Wie eine Wahnsinnige stürzte sie
auf den Bedrohten zu. Mit der einen Hand griff sie nach der Brust des Adlers,
mit der anderen fasste sie seinen Hals. »Um Herrgotts willen! Fräuln! Jesses! Was
machen S' denn!« kreischte Moser und warf die Flinte ins Gras. »Zruck, sag ich!
Auslassen!« Er riss das Netz aus den Händen des Dieners und warf es über den mit
Schwingen und Fängen schlagenden Vogel. Für ein paar Augenblicke bildeten die
drei Menschen mit dem Adler einen wirren Knäuel -doch ehe Kitty sich erhoben
hatte und aus den Händen der schreienden Jungfer sich loszureissen vermochte, lag
der vom Netz umwickelte Adler schon auf der Erde und unter Mosers Knien.
    Erblassend flog Kitty auf Forbeck zu. Die Weste war ihm von der Brust
gerissen, und in Fetzen hing ein Ärmel von der Schulter. »Sind Sie verwundet?«
    Forbeck betrachtete lachend seine Hände und griff an seinem Arm herum. »Ich
glaube nicht -« Da sah er die Kleesberg und erschrak.
    Zitternd, das Gesicht von mehliger Blässe, stand sie vor ihm, als begriffe
sie nicht, was geschehen war und was sie getan; ihr Kleid war verwüstet, die
Zöpfe hingen auf die Schulter, und aus dem engen Seidenärmel quollen rote
Tropfen.
    »Tante Gundi!« stammelte Kitty. Und Forbeck: »Fräulein! Um Gottes willen!
Was ist Ihnen geschehen?«
    Die Kleesberg erwachte, sah verstört an sich hinunter, und als sie die roten
Tropfen auf ihrem Arm gewahrte und zwei dünne Blutlinien über ihre Finger
schleichen sah, machte sie die Augen zu und setzte sich auf den Boden.
    Alle drängten sich um die Bewusstlose, während Moser sich noch immer mit dem
Adler balgte, dessen wilde Kraft auch durch die zusammengeschnürten Maschen des
Netzes nicht völlig gebändigt wurde.
    Forbeck war der erste, der nach dem Schreck die Besinnung wiederfand, und
alle fügten sich seinen Anordnungen. Der Stallbursche rannte davon, um den Arzt
zu holen, und die Jungfer lief in das Schloss, um in Fräulein von Kleesbergs
Zimmer alles zu richten. Forbeck und Fritz hoben die Bewusstlose auf und trugen
sie ins Haus; dabei stützte Kitty mit zitternden Händen Tante Gundis blutenden
Arm, und die Tränen rannen ihr über die blassen Wangen.
    Es war eine schwere Mühe, die Ohnmächtige über die Treppe hinaufzubringen
und auf das Bett zu heben. Während Kitty und die Jungfer bei Gundi Kleesberg
blieben, stieg Forbeck mit dem Diener in den Flur hinunter. Hier musste Forbeck
es sich gefallen lassen, dass ihm Fritz den Staub und Flaum von den Kleidern
bürstete und mit Stecknadeln an der Weste und an den Ärmeln die Risse schloss;
Forbeck schien nicht zu sehen, nicht zu hören; als ihn der Diener freigab, trat
er auf die Veranda hinaus.
    In der Ulmenallee krachte ein Schuss. Fritz rannte an Forbeck vorüber, kam
nach einer Weile zurück und berichtete: »Der Adler musste erschossen werden, die
linke Schwinge war gebrochen. Auch meinte Moser, dass die Risse, die das arme
Fräulein bekam, nicht heilen würden, wenn das Tier am Leben bliebe. Die Leute
hier sind schrecklich abergläubisch.«
    Der Doktor kam, und Forbeck blieb eine Viertelstunde allein. Dann hörte er
einen flinken Schritt im Flur. Eine Blutwelle schoss ihm ins Gesicht.
    Kitty erschien auf der Schwelle. »Ich bin nur schnell heruntergehuscht, um
Sie zu beruhigen. Der Doktor meint, dass die Wunden bald wieder heilen werden. An
zwei Stellen des Armes sind die scharfen Klauen tief ins Fleisch gedrungen, aber
glücklicherweise sind die Wunden nicht ausgerissen.« Sie schöpfte Atem. »Mir ist
ein Stein vom Herzen. Auch die arme Gundi ist schon ein bisschen ruhiger. Wie das
nur kommen konnte? Vor einer halben Stunde diese glückliche Stille! Und jetzt -«
    Forbeck sah zu Boden. Auch Kitty schwieg. Wie in drückender Schwüle bewegte
sie die Schultern und streifte die schimmernden Löckchen von der heissen Stirn.
»Und ganz unbegreiflich ist das mit Tante Gundi! Sonst die hilflose
Ängstlichkeit! Und plötzlich dieser Mut -«
    »Fräulein von Kleesberg hat Sie lieb und war in Sorge.«
    »Um mich? Aber ich war doch -« Kitty verstummte. Vor den Stufen der Veranda
sah sie den alten Moser stehen, mit dem Hut in der Hand, ein Bild der tiefsten
Zerknirschung. »Moserchen! Moserchen!«
    Der alte Jäger schien den ganzen Vorwurf dieser verkindlichten Namensform zu
erfassen; seine Gestalt schrumpfte zusammen, und wie gesenkte Trauerfähnchen
hingen ihm die Schnurrbartspitzen über die Mundwinkel.
    In Kitty regte sich das Mitleid. »Was machen wir jetzt? Papa darf die
Wahrheit nicht erfahren. Um Ihretwillen.«
    Scheu blickte der Alte auf, Hoffnung und Zweifel in den zwinkernden Augen.
»Sie haben halt a guts Herzl! Aber da wird sich 's Verheimlichen schwer machen.
Der Adler beim Teufel, und 's alte Fräulen net weit davon - Mar' und Josef! Und
grad der Bärenwandadler, den der Herr Graf am liebsten ghabt hat, weil er ihn am
härtesten kriegt hat! Wann der Herr Graf hört, dass der Adler hin is - meiner
Seel, dös überleb ich net.«
    »Seien Sie ruhig, Moser! Was geschehen ist, können wir nicht mehr ändern.
Aber Ihnen muss geholfen werden.« Kitty fasste den Arm des Alten und flüsterte ihm
ins Ohr: »Schieben Sie nur alles auf mich!«
    »Um Gotts willen, Kontess! Net um die ganze Welt!«
    »Ich weiss keinen anderen Ausweg. Mich kann Papa nicht davonjagen. Ich werde
ihm schreiben: ich hätte eine Krähe geschossen, hätte sie in den Käfig werfen
wollen, und da wäre das Unglück passiert. Über alles weitere können wir dann die
reine Wahrheit sagen. Still, Moser! Die Sache bleibt unter uns, da können Sie
beruhigt sein! Den Adler wird Papa schwer verschmerzen. Aber er wird sich
freuen, wenn er hört, dass ich die Krähe getroffen habe. Und weil wir schon lügen
müssen, sagen wir gleich, ich hätte sie im Flug geschossen. Dann verzeiht er mir
alles!«
    Diese Logik schien dem Alten einzuleuchten; er wollte noch einen
schüchternen Widerstand versuchen, als Fritz auf der Veranda erschien: »Ich
bitte, Kontess, Fräulein von Kleesberg verlangt nach Ihnen!«
    Kitty wollte ins Haus und blieb erschrocken stehen. »Herr Forbeck!« Sie
streckte ihm die beiden Hände hin, die er ungestüm ergriff.
    Seine Augen brannten, und seine Lippen zuckten, als ränge, was ihm das Herz
erfüllte, gewaltsam nach Sprache. Doch auf den Stufen der Veranda stand der
Jäger - und Forbeck sagte mit erzwungener Ruhe: »Ich danke Ihnen, dass Sie
gekommen sind, um mir das günstige Urteil des Doktors mitzuteilen.«
    »Das war doch selbstverständlich.«
    Im Flur klang die Stimme der Jungfer, die von der Treppe dem Diener zurief:
»Wo bleibt die Kontess? Das arme Fräulein droben ist ausser sich vor Unruh.«
    Ein müdes Lächeln, und zögernd löste Kitty die Hände. »Tante Gundi - Sie
verzeihen -« Während sie zur Tür ging, tastete sie mit der Hand, als wäre sie
von einer Schwäche befallen.
    Forbeck sah sie verschwinden, wie ein Erwachender die Bilder einer
traumseligen Nacht im kalten Grau des beginnenden Tages zerrinnen sieht - für
immer.
    »Ich bitte, Herr Forbeck,« fragte Moser, »soll ich Ihnen vielleicht die
Malsachen heimtragen? Jetzt wird wohl ausgmalt sein?«
    Der Alte redete diese Worte aus seiner ehrlichen Betrübnis heraus; Forbeck
empfand ihren Doppelsinn wie einen schmerzenden Stich. Ohne zu antworten, ging
er an Moser vorüber. Als er zur Staffelei kam, stand er lange in die Betrachtung
des Bildes versunken. Dann deckte er hastig das Tuch über die Leinwand und
schloss den Malkasten. Einen letzten Blick noch liess er über den Rasen gleiten,
über den leeren Armstuhl und über die Fenster des Schlosses, aus dessen Mauern
die hundert Enden der mächtigen Hirschgeweihe hervorstarrten wie die Spitzen
gefällter Lanzen.
    Langsam ging er der Ulmenallee entgegen. Vor dem Adlerkäfig blieb er stehen.
Scheu rückten die sechs Vögel auf den Stangen hin und her, lüfteten die
Schwingen, hoben und duckten die Köpfe. Einer schwang sich gegen das Gitter, dass
die Drähte rasselten, und ein anderer liess sich von der Stange fallen und hüpfte
schwerfällig auf dem Boden des Käfigs umher, über den die zerfaserten Reste der
Wildleber ausgestreut waren, von Staub und Federn umwickelt.
    »Mir scheint, die merken schon, dass der Kamerad nimmer da is!« sagte Moser,
als er Forbeck einholte, in der einen Hand das verhüllte Bild, in der anderen
den Malkasten.
    Schweigend wandte Forbeck sich ab und folgte der Allee.
    Als sie am Zaunerhaus vorüberschritten, stand das feine Lieserl im Garten
hinter den Johannisbeerstauden und machte dem Jäger heimliche Zeichen. Moser
drehte brummend das Gesicht zur Seite. Bis zum Dorfe murmelte er ununterbrochen
vor sich hin, nach der Art bejahrter Leute, die im Zorn wie in der Freude laut
zu denken pflegen.
    Schon wollten die beiden in den Hof des Brucknerhauses treten, als ein
junger Bauer von auffälliger Grösse, mit einem Stiernacken über ungeschlachten
Gliedern, an ihnen vorüberschritt, eine eiserne Brechstange auf der Schulter.
    »Dös is der Pointner-Andres, dem 's Zaunerlieserl in d' Augen sticht!« sagte
Moser, der bei Forbeck die Kenntnis des öffentlichen Dorfgeheimnisses
vorauszusetzen schien. »Bis jetzt hab ich allweil gsagt: die zwei taugen net
zueinander. Aber heut! Heut könnt ich ihr den Andres vergunnen. Der möcht ihr
die unfürmigen Streich ghörig austreiben. Wissen S', der Andres is a guter
dummer Kerl. Aber Spassetteln lasst er net mit ihm machen. Da haut er zu.«
    Forbeck hörte nicht und ging an Bruckner, der aus der Scheune kam, ohne Gruss
vorüber. Als er die Giebelstube erreichte, suchte er mit zitternden Händen ein
Blatt hervor und schrieb in fliegender Hast einige Worte nieder.
    Bruckner brachte die verhüllte Leinwand und den Malkasten.
    »Ich bitte, Bruckner, tragen Sie diese Depesche auf die Post!«
    »Ja, Herr!« Der Bauer nahm das Blatt. Da gewahrte er an Forbeck den
zerfetzten Ärmel. »Is Ihnen was passiert?«
    Forbeck schüttelte stumm den Kopf.
    Zögernd verliess der Bauer die Stube.
    Als die Tür geschlossen war, blieb Forbeck eine Weile unbeweglich stehen.
Dann fiel er auf einen Sessel hin und vergrub das Gesicht in die Hände.
 
                                       17
Graf Egge war in schlechter Laune. Zwei Triebe seit dem Morgen. Und er hatte
noch keinen Schuss getan. Er schalt über den »hundsmiserablen« Wind, liess seinen
Ärger an den Treibern und Jägern aus und schien doch einen gelinden Trost in der
Tatsache zu finden, dass auch seine Söhne leer ausgegangen waren. Willy hatte
zwar fünf Patronen »verpulvert«; aber die Gemsgeiss und die beiden Kitz, die sich
in seinem sprudelnden Bericht zu »kapitalen Böcken« auswuchsen, waren von seiner
feuerflinken Büchse gesund an Leib und Gliedern entlassen worden.
    Nun ging es auf Mittag, und es sollte der dritte Bogen beginnen. Die Treiber
waren schon abmarschiert und mit ihnen Tassilo und Franzl, die den Rückwechsel
zu besetzen hatten. Robert und Willy warteten auf Schipper, der mit seinem Herrn
in flüsterndem Gespräche abseits stand.
    »Sieh nur, wie die beiden die Köpfe zusammenstecken,« sagte Robert zu seinem
Bruder, »Papa scheint seinem Hof- und Staatsrat geheime Order zu geben.«
    Das war nicht weit vom Ziel geschossen. »Den Bertl stell' auf den nächsten
Stand!« befahl Graf Egge seinem Büchsenspanner. »Der kann allein bleiben. Bei
dem bin ich sicher, dass er mir den Anlauf nicht verdirbt. Und du geh mit dem
anderen! Sonst brennt er mir am End' wirklich noch eine Geiss nieder. Wenn er auf
einen Bock zu Schuss kommt, in Gottes Namen!« Dieses Zugeständnis löste sich
etwas zögernd von Graf Egges Lippen. »Aber nicht zu früh! Das bitt' ich mir
aus!«
    Schipper schien verstanden zu haben und nickte lächelnd.
    Graf Egge trat zu seinem Stand, Robert und Willy wünschten ihm »Weidmanns
Heil!« und begannen mit Schipper bergan zu steigen. Als Robert seinen Stand
erreichte, flüsterte Schipper ihm zu: »Sind S' g'scheit, Herr Graf! Sie wissen
schon, was ich mein'!« Robert schien nicht in der Stimmung zu sein, um
vertrauliche Ratschläge anzunehmen. Gelangweilt zog er die Brauen auf und mass
den Jäger mit einem hoheitsvollen Blick.
    Auch Willy machte ein verdriessliches Gesicht. Als er sich mit Schipper den
kahlen Felsen näherte, brummte er: »Papa hat mir wohl den schlechtesten Stand
gegeben? Ja?«
    »Gott bewahr! Den besten im ganzen Trieb. Da schiessen S' gwiss a paar gute
Böck!«
    Noch ehe der Stand erreicht war, krachte schon der Losschuss auf der
Treiberlinie. Willy nahm auf einer Felsstufe Platz, und hinter ihm liess Schipper
sich nieder. Es währte nicht lange, da hörten sie in den Latschen das leise
Kollern kleiner Steine. »Es kommt was!« zischelte Willy, von heissem Jagdfieber
befallen.
    »Ja, ja, halten S' Ihnen nur stad!« mahnte Schipper und streckte den Hals.
    Auf zweihundert Schritt erschien ein Gemsbock zwischen den schütteren
Büschen. Willy wollte mit der Büchse auffahren, doch Schipper hielt seinen Arm
gefesselt. »Zeit lassen! Der Bock is ganz vertraut. Lassen S' ihn her auf
hundert Schritt, sonst fehlen S' ihn, und der Herr Graf macht an Spitakel!«
    Willy sass in zitternder Ungeduld und hing mit brennenden Augen an dem näher
ziehenden Wilde. Schipper lächelte, griff in die Joppentasche, zog lautlos sein
rotgesprenkeltes Schnupftuch hervor und hielt es wie ein Fähnlein über Willys
Kopf. Flink eräugte der Gemsbock das grell leuchtende Warnungssignal und war im
nächsten Augenblick mit jagender Flucht hinter die Büsche geprasselt.
    »Natürlich, jetzt hab' ich das Nachsehen!« brummte Willy, während Schipper
sich duckte und das rote Tuch verschwinden liess.
    »Aber junger Herr! Was haben S' denn gmacht! Warum haben S' denn net
gschossen? So an Bock auslassen, Mar' und Josef!«
    Zwischen den beiden entwickelte sich ein mit Flüsterstimmen geführter
Disput, den der Hall eines Schusses unterbrach.
    Drunten auf dem Hauptstand wurde Graf Egge durch diesen Schuss aus seinem
regungslosen Spähen und Lauschen geweckt; als er hastig das Gesicht gegen die
Höhe wandte, auf welcher Robert seinen Stand hatte, sah er den Pulverdampf über
die Latschen gleiten und einen verendeten Gemsbock mit schlagenden Läufen über
den steilen Grashang herunterrollen. Wütend, mit übereinandergepressten Zähnen,
lachte Graf Egge vor sich hin. »Natürlich, jetzt hat er das Geld! Wenn es für
ein Telegramm nicht schon zu spät wär', ich möcht' ihm einen Strich durch die
Rechnung machen!«
    Über das weite Latschenfeld herunter klang der Juchzer eines Treibers. Graf
Egge schien die Bedeutung dieses Rufes zu verstehen; ein Ruck ging durch seine
Gestalt, seine Hände schlossen sich fester um die Büchse, und die funkelnden
Augen hefteten sich auf ein Gehäng, auf dem die Hauptwechsel des Triebes
zusammenliefen. Zwischen dem fernen Grün sah er einen rötlichen Schimmer
gleiten; mit vorsichtiger Bewegung hob er den Feldstecher, und der Blick, den er
durch das Glas warf, steigerte seine leidenschaftliche Erregung. Über den
Büschen sah er die Kronen eines mächtigen Hirschgeweihs erscheinen und wieder
verschwinden. Schon hörte er, näher und immer näher, das leise Brechen der Äste.
Er atmete tief und legte die Büchse an die Wange, um schussfertig zu sein, wenn
der Hirsch aus der Dickung träte.
    Da krachte auf Roberts Stand der zweite Schuss, eine Gemse mit baumelndem
Vorderlauf schleppte sich über den Grashang, und vor dem Hauptstand im Dickicht
schwankten die Äste, während die Sprünge eines flüchtenden Wildes sich
entfernten.
    Zornröte goss sich über Graf Egges Gesicht, und mit einem Fluch setzte er die
Büchse ab. In der Treiberkette erhob sich wirres Geschrei, aus dem eine einzelne
Stimme herausschallte: »Obacht, rückwärts! Ruckwärts!«
    Franzl, der mit Tassilo am Saum eines steilen Lärchenwaldes sass, spitzte bei
diesem Ruf die Ohren und flüsterte: »Passen S' auf, Herr Graf!« Im gleichen
Augenblick sah er schon, noch ausser Schussweite, den flüchtigen Hirsch zwischen
den Latschen auftauchen und stammelte: »Heilige Dreifaltigkeit! Der
Sechzehnender von gestern! Sie haben a Glück, so was gibt's nimmer!«
    Auch Tassilo hatte den Hirsch schon gewahrt und hob die Waffe.
    »Jetzt halten S' aber sauber hin! Wann wieder a Malör passiert, gibt's den
ärgsten Verdruss mit Ihrem Herrn Vater.«
    Das schien auch Tassilo zu befürchten, und dieser Gedanke machte ihn
unruhig. »Nehmen Sie Ihre Büchse,« sagte er leis, »und wenn der Hirsch mit
meiner Kugel weitergeht, so geben Sie einen Fangschuss ab!«
    »Gut! Aber treffen müssen S' ihn! Sonst komm ich in die schönste Suppen
eini, wenn ich schiess!« Dem Jäger zitterte vor Erregung die Hand, mit der er
lautlos den Hahn seiner Büchse spannte.
    Steine klapperten im Dickicht, laut krachten die brechenden Äste, eine
stäubende Erdscholle wirbelte in die Luft, und mit zurückgelegtem Geweih, die
Vorderläufe eingezogen, sauste der Hirsch aus den Latschen hervor, mit
herrlichem Sprung eine tiefe Wasserrinne übersetzend.
    Da krachte der Schuss. Tassilo liess die rauchende Büchse sinken und sah den
Hirsch mit jagenden Sprüngen den Saum des Waldes gewinnen. Wohl hatte Franzl
seine Waffe an die Wange gerissen, doch es schien, als wollte er sie unschlüssig
wieder sinken lassen.
    »Aber so schiessen Sie doch!« stammelte Tassilo.
    Da reckte sich Franzl, und in seinem Gesicht, das er an den Kolben der
Büchse drückte, spannte sich jeder Zug. Gleitend folgte der blinkende Gewehrlauf
dem Weg des Wildes - hallend blitzte der Schuss - mit einer steilen Flucht
quittierte der Hirsch den Empfang der tödlichen Kugel und verschwand in einer
Senkung des Waldes. Lachend setzte Franzl die Büchse ab. »Der muss liegen, Herr
Graf, der hat mein Schuss mitten auf'm Blatt. Aber wo meinen S' denn, dass der
Ihrige stecken könnt?«
    Tassilo zuckte die Achseln.
    Der Jäger wurde unruhig. »Um aller Heiligen willen Sie werden ihn doch
troffen haben?«
    »Ich glaube. Wenigstens hab' ich Rot gesehen, als mir der Schuss brach.«
    »Gott sei Dank, da kann's ja so weit net fehlen! Aber setzen S' Ihnen
nieder! Wir dürfen vom Stand net weg, eh 's Treiben net aus is.«
    Sie nahmen ihre Plätze wieder ein, und immer weiter entfernten sich die Rufe
der Treiber. Es fiel kein Schuss mehr.
    Noch ehe die Treiberwehr sich aufzulösen begann, hatte Graf Egge schon die
Büchse auf den Rücken genommen und stapfte ungeduldig vor seinem Stand umher,
als wäre er lange Stunden in grimmiger Kälte gesessen und wollte sich nun die
Glieder warm machen. dabei brannte sein Gesicht in dunkler Röte, und immer
wieder fuhr er mit zuckenden Fingern durch die Bartsträhne. Als er Robert über
den Berghang herunterkommen sah, drehte er ihm den Rücken.
    Robert lächelte und ging auf den Vater zu. »Ich habe zwei gute Böcke, Papa!«
    Die Antwort liess auf sich warten. »Natürlich! Hast sie mir ja vor der Nase
weggeschossen.«
    »Pardon, Papa! Ich war leider allein auf meinem Stand und musste zweifeln, ob
dir die Böcke noch kommen würden. Da trug ich Bedenken, sie unbeschossen
durchzulassen. Die Szene, die Tassilo gestern zu geniessen bekam, war mir eine
Warnung.«
    Langsam drehte Graf Egge das Gesicht und streifte Robert mit wütendem Blick.
    »Was hast du, Papa? Ich würde es sehr beklagen, wenn du in meinem
weidmännisch korrekten Verhalten Ursache zur Unzufriedenheit fändest.«
    Ohne zu antworten, verliess Graf Egge den Stand, und als er einen Treiber aus
den Latschen hervortreten sah, schrie er ihn mit heiserer Stimme an: »Heut habt
ihr wieder einmal getrieben wie die Schweine!« Das war die Einleitung zu einem
Ungewitter, das sich unter Blitz und Donner entlud. Von allen Seiten kamen die
Treiber herbeigerannt, drückten sich auf ein Häuflein zusammen wie geduldige
Schafe und liessen schweigend die Köpfe hängen. Sie wussten aus Erfahrung, dass sie
mit wortloser Zerknirschung dem Zorn ihres Jagdherrn flinker entrannen als mit
dem Versuch einer Verteidigung. Schliesslich unterbrach Graf Egge seinen mit
Flüchen reich gespickten Erguss und fragte: »Was hat denn der Kerl da hinten
geschossen?«
    »Dem Grafen Tassilo muss an Endstrumm Hirsch kommen sein,« sagte einer der
Treiber, »aber ich weiss net, ob er ihn hat.«
    »Das wäre noch schöner!« Mit diesem mystischen Ausspruch, der nach Art der
delphischen Orakel eine doppelte Auslegung zuliess, eilte Graf Egge langen
Schrittes davon. Schweigend trotteten die Treiber hinter ihm her, Robert blieb
zurück und steckte lachend eine Zigarette in Brand, und während Willy hoch im
Geröll des Latschenfeldes auftauchte, kam Schipper, der für die Laune seines
Herrn die richtige Witterung zu haben schien, mit langen Sätzen über den
Berghang heruntergesprungen.
    Inzwischen hatten Franzl und Tassilo auf dem Rückwechsel die Suche nach dem
Hirsch begonnen. Sie brauchten nicht weit zu gehen. Mitten im Sprunge war das
Wild zusammengebrochen, mit der Kugel im Herzen. »Dort liegt er schon!« lachte
Franzl und begann zu rennen. Als er den Hirsch erreichte, verging ihm das
Lachen. Mit blassem Gesichte stand er, schob den Hut in die Stirn, kraute sich
ratlos hinter den Ohren und stotterte: »Herr Graf, da wird's was Schöns
absetzen! Da schauen S' her! Der Hirsch hat bloss mein Schuss. Der Ihrige is
gfehlt gwesen.«
    Auch Tassilo zeigte ein Gesicht, als wäre ihm diese Entdeckung nicht
willkommen.
    »'s Personal darf nix Guts net schiessen, dös is der strengste Auftrag vom
gnädigen Herrn!« sagte Franzl, dessen Erregung mit jeder Sekunde wuchs. »A
Fangschuss is was anders. Aber der gnädig Herr is misstrauisch. Nix für ungut,
Herr Tassilo, es is Ihr Vater! Aber der glaubt jetzt, dass ich den Hirsch allein
gschossen hab, damit er uns net wieder durchkommt.« Franzl würgte an jedem Wort.
»Ich bitt, Herr Graf, jetzt müssen Sie's schon mir zlieb tun und müssen sagen:
Sie haben alle zwei Schuss gmacht.«
    »Nein, lieber Hornegger, auf solche Dinge kann ich mich nicht einlassen.«
    Franzl atmete schwer und liess den Kopf sinken. »Freilich, ich kann's Ihnen
net verdenken. Lügen tut keiner gern. Aber beim Herrn Grafen kommt man net aus
mit die graden Weg. Dös hab ich schon bitter schmecken müssen. No also, mein
Klampferl hab ich schon droben am Buckel, jetzt kommt noch a Span dazu!«
    »Seien Sie ohne Sorge, Hornegger,« sagte Tassilo mit mühsam bewahrter Ruhe,
»ich stehe dafür ein, dass Ihnen jeder Verdruss erspart bleibt. Wenn mein Vater
hört, dass Sie nur auf meine Weisung geschossen haben -«
    »Dös wird net viel helfen! Natürlich, Ihnen ins Gesicht wird der Herr Vater
sagen: es ist alles gut. Aber hinterrucks krieg ich mein Putzer. Es wär net 's
erstemal.«
    Franzl verstummte, denn Graf Egge kam mit ungeduldiger Hast aus der Senkung
des Waldes heraufgestiegen; hinter ihm erschienen die Treiber, und als Graf Egge
zu dem Hirsch herantrat, rannte auch Schipper zwischen den Bäumen daher,
keuchend und mit verschwjetztem Gesicht; seine spähenden Augen streiften den
Hirsch, überflogen die stumme Gruppe und blieben lauernd an Franzl haften.
    Beim Anblick des mächtigen Hirsches mit dem Riesengeweih bekam Graf Egges
Gesicht einen Stich ins Gelbliche. Hinter ihm rief ein alter Treiber: »Herrgott,
is dös a Hirsch! So an Hirsch hat der gnädig Herr selber nimmer gschossen, ich
weiss net wie lang!« Graf Egge drehte das Gesicht nach dem Schwätzer; dann stiess
er mit dem Stachel des Bergstockes an die blutende Wunde des Hirsches und lachte
trocken. »Ein schöner Schuss! Wie gezirkelt!« Er hob die Augen zu Tassilo. »Ich
gratuliere dir!«
    Tassilo wollte sprechen, doch sein Vater kehrte ihm den Rücken zu und
schritt davon. Betroffen eilte Schipper ihm nach und stotterte: »Aber Herr Graf!
Der nächste Trieb liegt auf der anderen Seit!«
    »Schluss für heute! Ich habe genug!« erklärte Graf Egge. »Du brich den Hirsch
auf und verdiene dir das Trinkgeld bei denen, die geschossen haben! Ich finde
meinen Weg allein.« Die letzten Worte klangen so laut, als wären sie auch für
andere Ohren gesprochen.
    Tassilo warf die Büchse auf den Rücken und wollte dem Vater folgen. Franzl
hielt ihn am Arm zurück und flüsterte: »Sagen Sie's ihm erst daheim in der
Hütten! Jetzt is er im ärgsten Zorn. Und wissen S', warum? Mir scheint, den
Hirsch hätt er lieber selber gschossen. Jetzt is die Gschicht doppelt zwider.«
    Graf Egge war schon im Schatten des Waldes verschwunden. Manchmal bewegte er
die Lippen, als wären sie durch Trockenheit gespannt, und stiess den Bergstock
auf die Steine, dass es weitin klirrte.
    Eine halbe Wegstunde hatte er zurückgelegt; da hörte er neben dem Pfad ein
Rascheln im Gebüsch, aus dem sich die Gestalt eines schwarzbärtigen Jägers
hervorschob.
    »Patscheider? Du?« Das klang nicht freundlich. Graf Egge schien diese
Begegnung als eine willkommene Gelegenheit zu begrüssen, um seinen Zorn zu
kühlen. »Was hast du hier zu schaffen? Warum bist du nicht in deinem Bezirk?
Oder kommst du mir schon wieder mit der Zumutung, dass ich deinen Gehalt -« Graf
Egge verstummte, als er das fahle Gesicht des Jägers sah. Eine unbehagliche
Ahnung mochte in ihm aufdämmern. »Patscheider?«
    Der Jäger liess einen scheuen Blick über den Weg auf- und niedergleiten. »Ich
bitt, Herr Graf,« sagte er mit gepresster Stimme, »bei mir drüben liegt einer.«
    »Pfui Teufel! Das is zwider!« fuhr es über Graf Egges Lippen.
    Eine Weile standen sie schweigend voreinander; dann begann der Jäger
flüsternd zu berichten: »Seit zwei Tag hab ich den Kerl schon allweil gspürt.
Kein Bissen mehr hab ich gessen, kein Stündl mehr gschlafen. Und richtig, heut
in der Fruh, grad wie's Tag worden is, bin ich mit ihm zammgrumpelt, net weit
von der Grenz. Vor ich ihn hab anrufen können, hat er mich schon gsehen und is
mit der Büchs aufgfahren. Er oder ich! Der Herr Graf is mir eingfallen, und -
meine Kinder! Hab ich's halt krachen lassen! Mitten in der Brust muss er die
Kugel haben. Er is aufs Gsicht gfallen.« Die Stimme des Jägers erlosch.
    Graf Egge zauste am Bart. »Verflucht! Wer war's denn?«
    »Ich hab ihn net kennt. Er muss über der Grenz daheim sein, in Bernbichl,
mein ich. A reicher Bauernsohn. Er hat a guts Gwand anghabt.«
    »Wo liegt er?«
    »Gleich unter der Grenzwand, bei der Salzleck in die Latschen drin.«
    »Da schau! Gleich bei der Salzleck möchten mir die Lumpen meine Hirsche
wegschiessen! Aber du bist doch hoffentlich net hin zu ihm, dass man net am End
deine Fährt findet?«
    »Na, Herr Graf! Ich hätt ihn auch gar nimmer anschauen können. So was
bremselt im Blut. Was soll jetzt geschehen? Ich mein', ich geh nunter zum Gricht
und mach die Meldung?«
    »Bist du verrückt?« fuhr Graf Egge auf. »Diese Laufereien und das Geschrei
in der ganzen Gegend! Das könnte mir grad noch abgehen!«
    »Aber ich bitt, Herr Graf,« stammelte Patscheider, »wenn ich die Sach net
zur Anzeig bring, da kann ich in die ärgste Schlamastik einikommen. Aber wenn
ich den rechtlichen Weg geh - ich hab am End net mehr als mei' Pflicht erfüllt
und in Notwehr gehandelt.«
    »So? Notwehr? Hat der ander geschossen auf dich?«
    Patscheider starrte zu Boden.
    »Na also, du Tepp! Ein paar Monat kannst du eingesperrt werden. So fein sind
unsere Gesetze, dass sich der Jäger vom Lumpen zuerst erschiessen lassen soll, vor
er sich wehren darf. Nix da! Die Sach muss vertuschelt werden. Wenn das Interesse
der Jagd in Frage kommt, muss alles andere zurückstehen.« Graf Egge besann sich
eine Weile. »Pass auf! Du geh heim zu deinem Weib! Such dir einen Weg, auf dem
dir niemand begegnet! Dein Haus liegt einschichtig am Walde, da sieht dich
keiner kommen. Und dein Weib wird dir im Notfall bezeugen können, dass du seit
gestern mittag daheim warst. Um alles andere brauchst du dich nicht zu kümmern.
Und heut abend zeig dich im Wirtshaus und sei lustig!«
    »Dös wird sich hart machen, Herr Graf!«
    »Probier's nur, es wird schon gehen. Und damit dir's leichter gelingt - von
heut an bist du um hundertfünfzig Mark im Gehalt aufgebessert.«
    Patscheider hob die Augen; in seinem bleichen Gesicht zuckte keine Miene; er
nickte nur vor sich hin, ohne ein Wort des Dankes zu finden.
    Hinter einer Biegung des Pfades liess sich Stimmenklang und das Klirren der
Bergstöcke vernehmen. »Fort!« murrte Graf Egge, und Patscheider sprang mit einem
hastigen Satz in die Büsche. Graf Egge stand noch eine Weile und sah brütend vor
sich hin. Ein Schauer des Unbehagens rüttelte ihm die Schultern; wütend stampfte
er mit dem Fuss und spuckte aus. »Eine verwünschte Geschichte! Heut kommt mir
aber auch alles über den Hals!« Er spähte über den Steig zurück, auf dem die
Stimmen näher kamen, rückte mit zornigem Stoss die Büchse und begann langspurig
auszuschreiten.
    Nach einigen Minuten tauchte Schipper auf, spähte über den Pfad und schlug,
als er seinen Herrn nicht gewahrte, ein flinkeres Tempo an. Er holte ihn nicht
mehr ein. Ehe Schipper das offene Latschental erreichte, war Graf Egge bereits
vor dem »Palais Dippel« angelangt und trat in die Hütte.
    Mit der gewohnten Vorsicht, an der seine kochende Erregung nichts zu ändern
vermochte, hängte er die Büchse an den Gewehrrechen. Seine Bergschuhe waren ihm
zwar auch noch heilig, aber sie wurden schon etwas derber behandelt, als er sie
von den Füssen zerrte, ohne die Riemen zu lösen. Übel kam die Joppe weg; ein paar
Nähte krachten, und zu einem Klumpen geballt flog sie in einen Winkel.
Hemdärmelig und in Filzpantoffeln, vorgebeugten Kopfes und mit den Fäusten auf
dem Rücken wanderte Graf Egge in der engen Stube auf und nieder, wie ein
gereizter Löwe in seinem Käfig. Nach allem Jagdpech dieses Morgens war ihm die
Nachricht, die er soeben hatte hören müssen, bös in die Quere gekommen. Am
folgenden Morgen hätten die viertägigen Treibjagden in Patscheiders Bezirk
beginnen sollen. Damit war's nun aus. Man musste wohl oder übel so lange warten,
bis »da drüben« alles wieder »in Ordnung« war.
    Ungeduldig sprang er zum Fenster. »Gott sei Dank, da kommt er schon!«
murmelte er, als zwischen den Latschen der graue Kopf seines »Hof- und
Geheimrates« auftauchte. Wieder begann er den Marsch durch die Stube, und
während er den Plan entwarf, nach welchem Schipper »da drüben« wirtschaften
sollte, stieg mit unbehaglicher Deutlichkeit vor ihm das Bild eines Menschen
auf, der zwischen blutbesprengten Büschen regungslos auf dem Gesichte lag.
    Schipper erschien. Mit raschem Blick spähte er nach dem Gesicht seines Herrn
und sagte: »Es is mir unangnehm, Herr Graf, aber ich muss leider an zwidern
Fürfall melden.«
    »Noch was?« fuhr Graf Egge auf, als wäre ihm das Mass dessen, was dieser Tag
gebracht hatte, schon mehr als genügend.
    »Es tut mir leid, dass ich gegen Ihren Herrn Sohn reden muss. Aber es is mei'
Pflicht. Da geh ich durch dick und dünn. Ich hab den Hirsch da drüben
aufbrochen. Und schauen S' her: die Kugel hab ich im Hirsch gfunden. Er hat bloss
den einzigen Schuss.« Schipper hielt seinem Herrn auf der flachen Hand eine
Bleikugel hin, deren Spitze breitgedrückt war wie der Kopf eines Pilzes.
    Graf Egge nahm das Blei. »Was soll das heissen? Das ist doch das kleine
Kaliber, das der Hornegger schiesst? Wie kommt die Kugel in den Hirsch?« Das Blut
stieg ihm in die Stirn, und die Adern an seinen Schläfen schwollen zu dicken
Schnüren.
    »Ich bitt, Herr Graf, nehmen S' die Sach net gar so krumm! Es is doch um
Gotts willen kein Verbrechen! Der Herr Tassilo wird halt gforchten haben, es
gibt noch an ärgern Spitakl wie gestern, wann er den Hirsch wieder durchlasst. Da
wird er halt dem Franzl an Wink geben haben.«
    »Und dieses Rabenaas hat die Frechheit und schiesst mir den Hirsch nieder!«
schrie Graf Egge, der nun endlich Gelegenheit fand, alles auszuschütten, was an
Ärger und Erregung in ihm kochte. »Die vorige Woch schlagt er meinem Staatsbock
die Kruck herunter, gestern lügt er mich an, und heut brennt er mir einen Hirsch
nieder, wie ich selber keinen geschossen hab', ich weiss nicht, wie lang!«
    »Aber Herr Graf! Sind S' doch gscheit!« versuchte Schipper zu trösten.
»Lassen S' Ihnen doch sagen -«
    »Nichts lass ich mir sagen! Solche Schweinereien duld' ich nicht. Das ist
eine unerhörte Gemeinheit!« Graf Egge schleuderte die Kugel auf den Tisch und
liess einen dröhnenden Faustschlag folgen. »Mit dem Kerl bin ich fertig. Und den
anderen, der mein Personal zu solchen Manklereien verleitet - den staub' ich
aus. Natürlich! Der hat jahraus und -ein mit Spitzbuben zu tun. Da ist ihm nicht
wohl unter anständigen Jägern. Aber meine Jagd soll er mir in Ruh' lassen. Da
versteh ich keinen Spass.«
    Jammernd schlug Schipper die Hände ineinander. »Lieber, lieber Herr Graf,
ich bitt Ihnen um Gotts willen -« Er verstummte. Tassilo und Franzl betraten die
Stube, der eine mit brennendem Gesicht, der andere mit kalkweisser Stirn. Schon
vor der Hütte hatten sie die wetternde Stimme gehört und schienen zu wissen, was
ihrer wartete. Schipper, den ein funkelnder Blick aus Franzls Augen traf, zuckte
die Achseln und drückte sich zur Tür hinaus.
    Wie ein angeschossener Eber fuhr Graf Egge auf Franzl los: »Du unterstehst
dich noch, zu mir in die Stube zu kommen?« Dieser Empfang machte den Jäger
sprachlos; der Hut zitterte in seinen Händen, und verstört suchte er Hilfe bei
Tassilo, während Graf Egge weiterschrie: »Oder hast du vergessen, dass es meinem
Personal aufs strengste verboten ist, Jagd auf eigene Faust zu treiben? Glaubst
du vielleicht, ich bezahle jährlich sechzigtausend Mark für meine Jagd, um dir
ein Privatvergnügen zu machen?«
    Tassilo hatte die Büchse auf den Tisch gelegt und trat zwischen seinen Vater
und den Jäger. »Ich bitte dich, Papa, mich in Ruhe anzuhören.«
    »Mit dir hab' ich nichts zu verhandeln, du warst nie ein Jäger, und du wirst
nie einer. Über Dummheiten, die du machst, ärgere ich mich schon lange nicht
mehr. Hornegger aber hat gegen mein ausdrückliches Verbot gehandelt.«
    »Nein, Papa!«
    »Ja!«
    »Den Jäger trifft keine Schuld. Ich war der Meinung, den Hirsch getroffen zu
haben, und befahl dem Jäger, einen Fangschuss abzugeben.«
    »Das geht mich gar nichts an! Mein Personal hat sich an meine Vorschriften
zu halten. Und einen Jäger, der nicht unterscheiden kann, ob ein Hirsch
getroffen ist, den kann ich nicht brauchen!« Graf Egge wandte sich an Franzl.
»Wir beide sind fertig miteinander. Du kannst gehen! Sofort! Der nächste Monat
wird dir ausbezahlt. Dann such' dir einen anderen Dienst.«
    Graf Egge kehrte sich ab und stellte sich vor das Fenster und stützte die
Fäuste auf das Gesims.
    Draussen in der Küche erhob sich Schipper schmunzelnd von der Tür, an der er
gelauscht hatte.
    Franzl stand mit weissem Gesicht, und Tassilo sah den Vater an, als hätte er
einen Wahnsinnigen vor sich.
    »Herr Graf?« stammelte der Jäger endlich. »Dös kann doch net Ihr Ernst
sein?«
    »Nein, Hornegger,« fiel Tassilo mit bebender Stimme ein, »mein Vater hat im
Ärger ein Wort gesprochen, das er gern zurücknehmen wird, wenn er ruhiger
geworden.«
    Graf Egge fuhr mit dem Gesicht herum. »Da kennst du mich schlecht.«
    Tassilo trat vor den Vater hin, und ihre Augen kreuzten sich. »Ich
wiederhole dir, Papa, dass ich allein der Schuldige bin. Und ich muss dich bitten,
mir nicht die Demütigung zuzufügen, dass der schuldlose Jäger für mein Vergehen
gestraft wird. Ich ersuche dich -«
    »Jetzt will ich meine Ruhe haben!« Graf Egge ging zur Tür.
    »Vater!« Tassilo wollte dem Vater folgen.
    Franzl hielt ihn am Arm zurück. Das Gesicht des Jägers hatte keinen Tropfen
Blut, aber seine Stimme klang ruhig: »Ich bitt, Herr Tassilo, lassen Sie's gut
sein! Seit acht Tagen wirft mir der Herr Graf allbot den Dienst vor die Füss. In
Gotts Namen, jetzt soll's an End haben. Mei' Stellung is mir lieb gwesen, aber
schliesslich hat der Mensch doch an Ehrgfühl.«
    Graf Egge hörte diese Worte noch, als er hinaustrat in die Küche und hinter
sich die Tür zuwarf. Einen Augenblick zögerte er und schien wieder in die Stube
zurückkehren zu wollen, um noch ein Wort in dieser Sache zu sprechen. Aber
Schippers Anblick erinnerte ihn an die »verfluchte Geschichte da drüben«. Das
musste zuerst erledigt werden. Dann war noch immer Zeit, um die Suppe, die in der
Stube so heiss gekocht worden war, in kühlerem Zustand auszulöffeln.
    Mit einer stummen Bewegung winkte Graf Egge seinem Büchsenspanner und
verliess mit ihm die Hütte. Sie schritten einer über das Tal hinausgebauten
Graskuppe zu, auf der im Schatten moosbehangener Fichten eine plump gezimmerte
Holzbank stand. Schipper, der den Zweck dieses Weges nicht erriet und dem
Landfrieden nicht völlig zu trauen schien, studierte forschend das Gesicht
seines Herrn. Graf Egge war ruhig. Der Blitz, den er in der Stube losgelassen,
hatte das Ungewitter seines Grolles einigermassen beschwichtigt.
    Als er die Bank erreichte, liess er sich seufzend nieder, kraute sich mit
beiden Händen im Haar und brummte nach einer Weile: »Ein scheusslicher Tag heut,
Schipper!«
    »Ja, Herr Graf, heut is alles schief gangen.«
    »Und hinter allem noch als Trumpf die rote Ass! Auf dem Heimweg hat mich der
Patscheider abgefasst. Der arme Kerl hätte heut in der Früh beinah Malheur
gehabt.«
    »Mar' und Josef!« murmelte Schipper. Er kannte zur Genüge die Bedeutung, die
dieses Wort im Sprachgebrauch der Jagdhütte besitzt. »Die Sach ist doch
hoffentlich gut ausgangen?«
    Zögernd nickte Graf Egge. »Für den Patscheider ja! Der ander liegt!«
    »Recht so!« lachte Schipper mit vorsichtig gedämpftem Jubel. »So an Lumpen
nur allweil gleich niederpracken! Dös steigt den andern in d' Nasen. Da is
wieder fünf Jahr lang Ruh im Revier.«
    »Das Exempel hat wohl seine gute Wirkung, aber so was bleibt doch immer eine
böse Sache. Ich bin kein Freund von Geschrei und Scherereien. Am liebsten wär'
mir's, wenn Staub über die Geschichte fiele. Patscheider hat als Jäger seine
Pflicht getan, ich will nicht, dass er Unannehmlichkeiten hat. Da drüben muss
sauber gemacht werden, noch heut. Wenn dann das Laufen und Suchen der Verwandten
angeht - im Gebirg' ist überall Unglück möglich. Wenn einer vermisst wird, muss
man ihn noch lang nicht erschossen haben. Was meinst du? Kann ich mich auf dich
verlassen?«
    »Herr Graf -« Schipper blies die Backen auf und griff nach seiner Nase, »da
tät ich schon lieber wieder a Kitz auf d' Seit räumen. Aber wenn's der Jagd
z'lieb sein muss, in Gotts Namen!«
    Er setzte sich dicht an die Seite seines Herrn, und flüsternd steckten sie
die Köpfe zusammen. Als Schipper sich nach einer Weile erhob, sagte Graf Egge:
»Sei vorsichtig! Und drüben geh barfuss, die Bauern kennen deine Nagelfährte.«
    »Dem Patscheider seine Sachen nimm ich drüben gleich von der Hütten fort. Er
wird wohl an anderen Posten im Revier kriegen müssen? Oder net?«
    »Da hast du recht! Der arme Kerl hätte in der ersten Zeit ein schlechtes
Schlafen da drüben. Ich nehm' ihn zu mir und schicke den Hornegger hinüber.«
    »Den Franzl?« Schipper machte ein verblüfftes Gesicht. »Aber Herr Graf -«
    »Ach so!« brummte Graf Egge, der über dem wichtigen Tema des Augenblicks
die Szene völlig vergessen hatte, die vor wenigen Minuten in der Hütte spielte.
Er strich die Hand über den Scheitel und lachte. »Schon gut! Darüber reden wir
noch. Oder - aaah, mir scheint, das Kapitel soll gleich wieder von vorn
anfangen?« Diese Vermutung erwachte in Graf Egge, als er Tassilo gewahrte, der
von der Hütte kam. Ein spöttisches Lächeln. Dann nickte Graf Egge seinem
Büchsenspanner zu: »Mach' weiter!«
    Wortlos zog Schipper den Hut und schritt der Hütte zu. Als er an Tassilo
vorbeiging, schien sich die Sorge, die Graf Egges Vergesslichkeit in ihm geweckt
hatte, wieder zu beschwichtigen. Der Blick, mit welchem Tassilo den Vater
suchte, war für den Jäger ein Wetterzeichen, das auf alles andere eher deutete
als auf friedlichen Sonnenschein zwischen Vater und Sohn. Schmunzelnd duckte
Schipper den Kopf zwischen die Schultern und zog den grauen Bart durch die Hand.
»Der is gladen! Da kracht's. Es hilft dir nix, Franzerl, heut bist gliefert!«
Dieser Gedanke beschäftigte ihn so sehr, dass er eine Felsschrunde übersah. Er
strauchelte und schlug sich auf dem steinigen Grund das Knie blutig.
    Graf Egge rückte tiefer in die Bank, liess die Füsse baumeln und blickte
zwinkernd seinem Sohn entgegen, halb neugierig, halb gereizt.
    Tassilo vermochte vor Erregung kaum zu sprechen. »Ich bitte dich, Papa, mit
mir in die Hütte zu kommen.«
    »Was soll ich dort?«
    »Diesem armen Burschen sollst du sagen, dass du seine Entlassung nur in einem
Augenblick der Erregung ausgesprochen. Und dass du jetzt, nachdem du ruhiger
geworden, dieses harte Wort auch gern wieder zurücknimmst.«
    »So?« Graf Egge zog die Brauen auf. »Du scheinst wohl zu glauben, dass ich
unter Kuratel stehe, weil du so kategorisch über mich verfügst?«
    »Ich verfüge nicht über dich. Ich bitte. Und ich kann nicht glauben, dass du
einen braven Menschen, der dir lange Jahre treu gedient hat, wegen eines
belanglosen Versehens wirklich in so harter Weise bestrafen könntest. Ich bitte
dich, komm!«
    Die Antwort liess auf sich warten. »Ob das Versehen belanglos ist oder nicht,
darüber will ich mit dir nicht streiten. Kümmere du dich um deine Pandekten! Was
für meine Jagd von Nutzen oder Schaden ist, diese Entscheidung überlasse
gefälligst mir! Und wenn ich mein Wort schon ändern wollte? Hat denn die Sache
gar so grosse Eile?«
    »Hornegger packt seinen Rucksack und will gehen.«
    »Er will? Wiegt ihm die Stellung in meinem Dienst so leicht?« Graf Egge
zeigte eine geärgerte Miene. »Gut! Er soll gehen.«
    »Papa! Das kann nicht dein Ernst sein!«
    »Ernst oder nicht, jetzt gerade soll er gehen! Er soll nur ein paar Wochen
dunsten. Das wird für ihn eine gesunde Warnung sein.«
    Auf Tassilos Stirn erschien die gleiche Furche, wie sie tief gezeichnet
zwischen den Brauen seines Vaters lag. »Du hast da ein Wort gesprochen, das mir
unfassbar ist!« sagte er, sich mühsam zur Ruhe zwingend. »Die Bitte, mir eine
Kränkung zu ersparen, hast du überhört, und ich will sie nicht wiederholen. Mir
ist es nur um diesen armen Menschen zu tun. Ich bitte dich eindringlich, die
Folgen der unverdienten Strafe, die du über Hornegger ausgesprochen, ernster
abzuwägen.«
    »Oho!« fuhr Graf Egge auf; er kreuzte die Arme und bohrte seinen Falkenblick
in Tassilos Augen. »Das ist eine nette Sprache, die du gegen mich anschlägst!«
    »Verzeih' mir, wenn ich in der Erregung nicht die richtigen Worte finde. Ich
wollte nur sagen, dass du dich in Hornegger zu irren scheinst. Bei ihm wird die
Sache nicht damit abgetan sein, dass er - um dein Wort zu gebrauchen - ein paar
Wochen dunstet und in schwitzender Ungeduld auf die Stunde wartet, in der dir
die Laune kommt, ihn wieder in Gnaden aufzunehmen. Du gibst ihm heut einen Stoss
fürs ganze Leben. In ihm steckt eine tüchtige Natur, er liebt seine Stellung
nicht nur um des Brotes willen, das sie ihm bietet, sie ist ihm die Freude, der
ganze Inhalt seines Lebens. Und an ihr hängt seine Ehre. Er wird dich mit dem
Bewusstsein verlassen, dass ihm ein schweres Unrecht geschah, und wird doch beim
ersten Schritt ins Dorf den Makel des Davongejagten an sich empfinden müssen.
Jedes Gemunkel der Leute, jedes anzügliche Wort, jedes spöttische Lächeln wird
ihn treffen wie ein Stich ins Herz. Und dieser unverdienten Kränkung steht er
wehrlos gegenüber.«
    »Du predigst warm für ihn!« fiel Graf Egge mit scharf klingenden Worten ein.
»Du willst ihn wohl dir erhalten? Für später? Natürlich! Er hält ja schon jetzt
zu dir. Er schiesst für dich, er lügt für dich -«
    »Vater!« stammelte Tassilo.
    Graf Egge erhob sich. Als er den Jäger von der Hütte kommen sah, liess er
sich lächelnd wieder auf die Holzbank nieder. Geradeswegs, Büchse und Bergstock
in der Hand und hinter den Schultern den dick angepackten Rucksack, ging Franzl
auf seinen Herrn zu. Tassilos Hände begannen zu zittern, als er den Jäger
gewahrte; alles überwindend, was er um seiner selbst willen in diesem Augenblick
empfinden musste, fasste er den Arm seines Vaters: »Ich bitte dich, Papa! Ich
bitte dich -«
    Graf Egge rührte sich nicht; die Fäuste auf seine gespreizten Knie gestützt,
blickte er zu dem Jäger auf, so ruhig, als wäre ihm keine Spur von Ärger
zurückgeblieben, nur eine Art von Neugier, wie diese Szene sich entwickeln
würde.
    In militärischer Haltung stellte sich Franzl vor ihm auf und zog den Hut;
sein Gesicht war weiss, aber seine Stimme hatte festen Klang. »Ich meld mich
aus'm Dienst, Herr Graf!« Er zögerte. »Und wenn mir der Herr Graf noch a Wörtl
verlauben - was der Herr Graf gsagt haben wegen dem Ghalt vom nächsten Monat,
dös lassen wir gut sein. Ich hab net viel Übrigs. Aber schenken muss ich mir nix
lassen. Wo ich kein Dienst net mach, da brauch ich kein Ghalt! Nix für ungut,
Herr Graf!« Nun schwankte ihm doch die Stimme. »Ich bhüt Ihnen Gott!« Ein Zucken
kam über sein Gesicht, und das Kinn an die Brust drückend, wandte er sich ab.
    Tassilo stand wortlos. Graf Egge schlug die Faust auf die Holzbank und
schrie: »So schau nur einer den Lümmel an! Jetzt kehrt er gar noch den Hochmut
heraus und wirft mir die achtzig Mark vor die Füsse!«
    Franzl hörte diese Worte noch, und das Wasser schoss ihm in die Augen. Hastig
suchte er den Steig zu erreichen. Als er an der Hütte vorüberkam, trat Schipper
aus der Tür, marschfertig für den Weg zur »Arbeit«, die er »da drüben« zu
erledigen hatte. Beim Anblick des grauen Kameraden schien es mit Franzls
Selbstbeherrschung ein jähes Ende zu haben. »Schipper!« Er hob die Faust. »Für
den heutigen Tag muss ich mich wohl bei dir bedanken?« Er trat auf den
Büchsenspanner zu, der den Bergstock wehrend vor sich hinstreckte. »Schau mir in
d' Augen, du! Und sag mir ins Gsicht: was muss ich im Leben an dir verbrochen
haben, dass Tag und Nacht kei Ruh net geben hast, bis ich draussen war bei der
Tür?«
    Schippers Antwort war ein dünnes Lächeln, und in seinen halbgeschlossenen
Augen funkelte ein Blick, so heiss, wie ihn nur die Freude des Hasses kennt.
    Franzl sah diesen Blick, und es fuhr ihm etwas durch den Kopf - er wusste
nicht, was. Aber es jagte ihm einen Schauer über den Rücken. Wie angewurzelt
stand er und starrte dem Jäger nach, der gegen den Saum des Latschenfeldes ging
und in den Büschen verschwand.
    Drüben bei der Holzbank war zwischen Vater und Sohn noch immer kein Wort
gefallen. Graf Egge sass mit verschränkten Armen und guckte zum Himmel hinauf, an
dem sich schwere Wolken zu sammeln begannen. Und Tassilos Augen waren bei
Franzl; als er den Jäger in eine Senkung des Weges niedersteigen sah, rief er
ihm mit lauter Stimme zu: »Hornegger!«
    »Ja, Herr Tassilo?« klang die unsichere Antwort.
    »Erwarten Sie mich bei der ersten Sennhütte, ich komme nach und gehe mit
Ihnen.«
    Verwundert drehte Graf Egge das Gesicht. »Was soll das heissen?«
    Aus Tassilos Zügen schien jede Erregung geschwunden. In seinen Augen war
ruhiger Ernst, als er sagte: »Du wirst es begreiflich finden, dass ich nicht
bleiben kann, während der Jäger geht, der um meinetwillen entlassen wurde. Ich
fühle mich verpflichtet, für ihn zu sorgen, ihm so rasch wie möglich eine neue
Stellung zu verschaffen.«
    Graf Egge blies die Backen auf, schob die Fäuste in die Taschen seiner
Lederhose und nickte mit dem Anschein zustimmender Wichtigkeit. »Aaaah! Höchst
ehrenwert! Unter solchen Umständen müsste ich mir ein Gewissen daraus machen,
dich noch länger halten zu wollen. Bitte!« Dieses letzte Wort war von einer
gnädig entlassenden Handbewegung begleitet.
    »Bevor ich gehe, hab' ich mit dir noch von einer Angelegenheit zu sprechen,
für deren Erledigung ich mir allerdings eine freundlichere Stunde erhofft hatte
als die jetzige.«
    Graf Egge lächelte. »Das ist eine Einleitung, die mich neugierig macht.«
    »Ich gedenke mich zu verheiraten und bitte dich um deine Zustimmung.«
    In sprachloser Verblüffung sah Graf Egge zu Tassilo auf; dann sagte er
trocken: »Du bist majorenn. Ich habe keine Veranlassung, dir Hindernisse in den
Weg zu legen. Dass ich von deiner Eröffnung sonderlich gerührt sein würde, hast
du wohl selbst nicht erwartet. Du hast dich mir gegenüber nie auf einen Fuss
gestellt, auf dem sich eine besondere Intimität hätte entwickeln können.«
    »Das war nicht meine Schuld.«
    »Lass das! Du hast niemals Anteil an meinen Interessen genommen, so wirst du
auch nicht verlangen, dass ich ohne Ursache plötzlich sentimental werde und über
die Aussicht, dass du mich zum Grossvater machen willst, vor Vergnügen aus der
Haut fahre. Heirate! Ich ersuche dich nur, den Tag der Hochzeit nicht gerade in
die Zeit der Hirschbrunft zu verlegen. Da könnte ich schwer abkommen. In allem
übrigen hast du meine Zustimmung. Ich wünsche in deinem eigenen Interesse, dass
du eine gute Wahl getroffen hast.«
    »Die beste, um glücklich zu werden.«
    »Glücklich?« Für Graf Egge schien dieses Wort einen zweifelhaften Wert zu
haben. »Deine Braut ist reich?«
    »Nein. Auf das bescheidene Vermögen, das sie besitzt, wird sie verzichten,
um die Existenz ihrer Mutter und Schwester zu sichern.«
    Graf Egge zog die Brauen auf und blies den Atem vor sich hin wie
Pfeifenrauch. »Ach sooo? Ein idyllischer Herzensbund, mit Romantik und Edelmut
garniert wie die gebratene Schnepfe mit bestrichenen Schnitten? Das war von dir
zu erwarten.« Er vergrub die Fäuste wieder in den Taschen. »Du bist alt genug,
um zu wissen, was du tun willst. Und da du mich bei deiner Wahl entbehren
konntest, wirst du auch bei allem anderen nicht auf meine Hilfe rechnen. Eine
Spekulation auf meinen Geldbeutel? Das wäre fehlgeschossen wie heute auf den
Hirsch, zu dem dir der Franzl verhelfen musste.«
    »Ich glaube nicht, dass ich ein Wort gesprochen habe, das dich zu einer
solchen Befürchtung veranlassen konnte. Du irrst dich in mir.«
    »Ich irre mich? Schon wieder? Zuerst in diesem Lapp von Jäger. Und jetzt in
dir? Um so besser. Aber du hast recht, ich hätte dich weniger praktisch taxieren
sollen. Wie Hornegger vor einer Viertelstunde die achtzig Mark, so hast du mir
ja gestern die zwölftausend deiner Apanage vor die Füsse geworfen. Der Stolz ist
von jeher die einzige Patrone gewesen, mit der du zu schiessen verstanden. Gut,
stell' dich auf eigene Füsse! Wenn es dir gelingt, alle Anerkennung! Verdienst du
wirklich soviel?«
    »Genügend, um mir auch ohne fremde Hilfe einen behaglichen Hausstand gründen
zu können.«
    »Fremde Hilfe?« Graf Egge lächelte, als hätte er einen leidlich guten Scherz
gehört. »Brav! Du hast ja auch noch die freie Verfügung über das Erbteil deiner
Mutter. Was dir im übrigen noch zusteht, darauf wirst du ein paar ausgiebige
Jahre warten müssen. Meine Gesundheit, die ich der Jagd verdanke, hat eisernen
Halt. Der Rest meines irdischen Pirschganges soll noch zwanzig Jahre dauern. Und
darüber.«
    »Das wünsche ich dir!« Bei allem Ernst klangen diese Worte warm und
herzlich.
    Graf Egge blickte langsam auf, als wäre dieser Ton an seinem Ohr nicht
wirkungslos vorübergegangen. »Danke!« Nach der Art eines Bauern, dem das Denken
einige Mühe verursacht, strich er mit beiden Händen das Haar in die Stirn.
»Also, du hast aus Neigung gewählt? Armut ist ja schliesslich keine Schande, nur
ein unwillkommenes Übel, an welchem leider unsere besten und ältesten Namen
kranken. Wie heisst die Familie deiner Braut?«
    »Herwegh.«
    »Herwegh? Herwegh?« Halblaut wiederholte Graf Egge den Namen; nach einigem
Besinnen schüttelte er den Kopf; es zuckte um seine Nasenflügel. »Hör', Junge,
die zwei Silben klingen verdächtig! Oder ist das österreichischer Adel?«
    »Nein, Vater. Aber der Name meiner Braut hat guten Klang und sollte dir auch
nicht unbekannt sein - Anna Herwegh?«
    »Die Sängerin!« Graf Egge sprang auf, als wäre Feuer unter der Bank
entstanden. »Bist du verrückt?«
    Tassilo streckte sich, und ruhig begegneten seine Augen dem funkelnden Blick
des Vaters. »Ich bin bei Vernunft und gesunden Sinnen.«
    »Dann sag' mir doch um Gottes willen: wie kommst du auf die Idee, so etwas
heiraten zu wollen?«
    Tassilos Stimme bebte. »Anna ist eine gefeierte Künstlerin, sie stammt aus
guter Familie, und ihr Ruf ist ein tadelloser. Ich liebe sie.«
    »Liebe, Liebe!« schrie Graf Egge, und die Stimme wurde ihm heiser. »Lass mich
mit diesem Komödiantenwort in Ruhe! Du bist vernarrt. Und weil dir die Einkünfte
deiner Kanzlei oder deine sogenannten Prinzipien nicht gestatten, diese Person
zu deiner Geliebten zu machen - deshalb willst du sie heiraten?«
    »Vater!«
    Schweigen folgte diesem Wort. Aug' in Auge standen die beiden voreinander,
Tassilo bleich, Graf Egge mit weissem Gesicht und geballten Fäusten.
    Über das Latschenfeld herüber klangen lachende Stimmen, vom stärker
ziehenden Winde getragen, und der klirrende Aufschlag zweier Bergstücke.
    »Rede!« brach Graf Egge das Schweigen. »Ich glaube noch immer, dass du dir
einen übel angebrachten Jux mit mir erlaubst.«
    »Nein, Vater, das glaubst du nicht. Die Jagd hat dich allerdings immer so
sehr in Anspruch genommen, dass dir keine Zeit verblieb, dich viel um die
Charakterentwicklung deiner Kinder zu kümmern. Aber so weit kennst du mich doch,
um zu wissen, dass ich mir niemals einen Scherz mit dir erlauben würde. Im
übrigen hat mich das beleidigende Wort, das du gesprochen, der Mühe entoben,
meine Wahl noch weiter vor dir zu rechtfertigen.«
    Graf Egge lachte. Und jählings erlosch in seinem Gesicht jeder Ausdruck von
Erregung. »Schluss!« Er strich mit der Hand durch die Luft. »Tue, was dir
beliebt! Es hätte mich ohnehin gewundert, wenn du einmal deinen gewohnten
Neigungen nach abwärts untreu geworden wärst.« Mit beiden Händen zog er die
Lederhose höher an die Hüften. »Was stehst du noch? Meine Zustimmung hast du.
Ich habe sie gegeben und widerrufe sie nicht. Du hast ja heut schon einmal
erfahren, dass ich ein voreilig gesprochenes Wort, auch wenn es mich reut, nicht
mehr zurücknehme. Mir ist leid um den Hornegger. Aber er wollte gehen. Gut! Mir
ist auch leid um dich, trotz allem! Aber du gehst Wege, die sich mit den meinen
nicht vertragen. Auch gut! Doch eins merke dir: Zwischen deinem Haus und dem
meinen, da geht jetzt die Jagdgrenze. Da gibt's kein Hinüber und Herüber. Oder
es brennt auf der Pfanne. So! Jetzt werde glücklich!«
    Graf Egge setzte sich auf die Bank und streckte die Beine. Seine weiten
Hemdsärmel flatterten im Wind, und sacht bewegten sich die grauen Strähnen
seines Bartes.
    Mit schmerzlichem Ernst hing Tassilo am Gesicht des Vaters. »Du hast einen
Stein auf den Weg geworfen, auf dem ich mein Glück zu finden hoffe. Die Folgen
dieser Stunde werden schwer auf mir liegen, doppelt schwer, wenn du mir auch den
Verkehr mit meinen Geschwistern versagen wolltest.«
    »Ich habe deutsch gesprochen und glaube, dass du diese Sprache verstehst.
Oder bist du der Meinung, dass du an deiner Frau nicht so viel gewinnst, um deine
Geschwister entbehren zu können?«
    Tassilos Stimme verschärfte sich. »Ich habe in diesem Augenblick weniger an
mich gedacht als an meine Geschwister.«
    »Schade, dass Robert nicht da ist! Er würde sich für deine brüderliche
Zärtlichkeit bedanken.«
    »Dass meine Sorge um ihn nicht unbegründet ist, das weisst du selbst am
besten. Auch hab' ich noch andere Geschwister. Willy und Kitty werden den
Verkehr mit mir und meinen brüderlichen Rat um so härter entbehren, da ihnen
auch der Vater fehlt.«
    »Ach so? Darauf läuft's hinaus! Du willst zum Abschied noch mit einer
Lektion über Pädagogik losschiessen? Ich denke zuviel an meine Hirsche und
Gamsböcke, zuwenig an meine Kinder? Vielleicht hast du recht. Den deutlichsten
Beweis, wie schlecht ich meine Kinder zu erziehen verstand, hast du selbst in
dieser Stunde geliefert. Für die Zukunft will ich den Daumen etwas fester
aufdrücken. Auf den Weg, den du einschlägst, soll sich weder deine Schwester
noch einer deiner Brüder verirren. Wie sie im übrigen geraten, das muss ich ihrer
Natur überlassen. Hoffentlich hat in ihren Adern der gesunde Tropfen Jägerblut,
den sie von mir bekommen, das Übergewicht über das böse Blut der Mutter, von
welchem du, ich merke, zuviel abbekommen hast. Es führt dich auf die gleichen
Wege.«
    »Vater!« Das Wort hatte schneidigen Klang. »Beleidige mich, und ich werde
dir wehrlos gegenüberstehen. Aber du sollst die Mutter nicht vor ihrem Sohn
beschimpfen!«
    »Ich soll sie für die Erfahrung, die ich mit ihr machen musste, wohl noch
heiligsprechen?« Unter zornigem Lachen zerrte Graf Egge mit beiden Händen an
seinem Bart. »Das ist zuviel verlangt!«
    »Ich entschuldige nicht die Frau, die dich verliess. Aber diese Frau war
meine Mutter. Da dulde ich keinen verletzenden Eingriff. Auch nicht von dir!«
    »Sie hat wohl an euch Kindern ein grosses Werk der mütterlichen Liebe getan?«
    »Nein, Vater, ein schweres Unrecht! Aber sie allein war nicht die Schuldige
-«
    »Eine grossartige Weisheit!« unterbrach Graf Egge mit heiserer Stimme.
»Natürlich! Sie hat ihre Schuld ausgiebig mit einem anderen geteilt.«
    »Nein, Vater, nicht geteilt! Die grössere Schuld hat dieser andere begangen.
Und dieser andere bist du!«
    Betroffen sah Graf Egge auf. Er wollte sprechen und wusste doch dem
entfesselten Strom dieser glühenden Erregung gegenüber kein Wort zu finden.
    »Ja, Vater, du! Als das Traurige sich vorbereitete und geschah, war ich ein
Knabe. Aber ich hatte schon Augen, die sehen konnten. Was ich gewahren musste,
ohne es ganz zu erkennen, hat mich ernst gemacht in einer Zeit, in welcher
andere Kinder lachend ihre Jugend geniessen. Es hat über mein Leben einen
Schatten geworfen, der nie wieder von mir gewichen ist. Und was ich damals nur
halb erfasste, das begriff ich erst in den folgenden Jahren, in denen du mich und
meine Geschwister der gleichen Vereinsamung und dem Verkehr mit fremden Menschen
überlassen hast wie einst die Mutter. Sie war, als sie deine Frau wurde, noch
halb ein Kind - wie jetzt meine Schwester, für die du wegen Jagd und Jagd so
selten eine Stunde findest, dass sie gewahren kann, um wieviel grauer in der
Zwischenzeit dein Bart geworden. Ich erinnere mich aus meiner Knabenzeit, dass du
deinen Jägern zu erzählen pflegtest, auf welch eine echt weidmännische
Hochzeitsreise du deine junge Frau geführt hättest: zuerst zur Fuchshetze nach
England, dann zu den Elchjagden nach Schweden, dann zur Hirschbrunft in die
Bukowina. Da durfte sie, während du deine Pirschgänge machtest, in der Jagdhütte
die Gesellschaft deines Büchsenspanners teilen und ihm helfen, deine
abgeschossenen Patronen frisch zu laden.«
    Graf Egge war aufgesprungen. »Hätte sie Sinn für die Jagd gehabt, so hätt'
ihr diese Reise besser gefallen als jede andre, denn gerade damals hab' ich
meine stärksten Hirsche geschossen!« schrie er mit dunkelrotem Gesicht. »Aber
für so was hatte sie keinen Funken von Verständnis. Ich hab' mir die redlichste
Mühe gegeben, sie zu mir heraufzuziehen. Alles umsonst! Da ist es kein Wunder,
wenn mir schliesslich die Geduld verging.«
    »Aber auch kein Wunder, wenn die junge Frau, die Monat um Monat einsam in
Hubertus sass, ferne von ihren Kindern -«
    »Kinder! Kinder! Hätt' ich vielleicht diesen ganzen Plärrapparat auf meinen
Jagdreisen immer mit mir herumschleppen sollen?«
    »Es fragt sich nur, ob diese Jagdreisen so wichtig waren, dass um ihretwillen
jede Forderung schweigen musste, die deine Frau und deine Kinder an dich zu
stellen hatten.«
    »Ach was! Forderung! Hätt' eure Mutter Sinn für das gehabt, was mir Freude
machte, so hätt' sie nicht Trübsal blasen müssen, sondern Zerstreuung in Hülle
und Fülle gefunden. Aber natürlich, in der Jagdhütte konnte sie nicht schlafen,
da hat sie das Heu gekitzelt. Und der Geruch einer Lederhose war für ihre feine
Nase eine Katastrophe! Ist es da meine Schuld, wenn sie allein in Hubertus
sitzen musste? Und was euch betrifft? Ihr habt in München euer warmes Nest
gehabt, mit Governessen und Hofmeistern, die mich ein Heidengeld gekostet haben.
Ich tat meine Schuldigkeit redlich! Aber schliesslich existiert man auch um
seiner selbst willen. Ich lebe und sterbe für die Jagd. Damit hat man zu
rechnen. In erster Linie kommt für mich die Jagd, dann lange nichts mehr und
dann erst alles andere.«
    »Diese Wahrheit hat niemand schwerer empfunden als unsere Mutter.«
    »Mutter! Immer Mutter! Jetzt hab' ich die Geschichte satt!« Mit zuckenden
Händen tastete Graf Egge an seiner Brust umher, als hätte er die Joppe an und
möchte die Knöpfe schliessen. »Ich bin ein Narr, dass ich mich von diesem ganzen
Krempel so erregen lasse. Fertig! Schluss! Das ist abgetan. Geh deiner Wege! Und
wenn du in Zukunft an deine Mutter denkst, und es fällt dir dabei dein Vater
ein, so kannst du dir sagen: das alles liegt hinter ihm! Wenn ihn an der ganzen
Geschichte heute noch was ärgert, so ist es nur das einzige, dass er das Geweih,
das deine verehrte Mutter ihm aufzusetzen beliebte, nicht in seine Sammlung
hängen konnte. Das wär' ein Prachtexemplar gewesen, das alle meine anderen
Hirsche geschlagen hätte - sogar die kapitalsten aus der Bukowina! Und nun Gott
befohlen!« Er wandte sich ab und fasste mit beiden Händen den Stamm der nächsten
Fichte, als bedürfte er für den in seinen Fingern arbeitenden Zorn eines festen
Spielzeugs.
    In Tassilos Augen war eine tiefe Trauer. Fast versagte ihm die Stimme. »Ich
gehe. Nicht in Groll. Du erbarmst mich, Vater! Was ich aus dir reden höre, ist
nicht mehr menschliche Stimme, sondern der Dämon einer Leidenschaft, die ich
nicht begreife, obwohl ich ihre Wirkungen sehe. Sie hat das Leben meiner Mutter
auf Irrwege und in einen frühen Tod getrieben. Sie hat dich gelöst von deinen
Kindern, hat unser Heim und unsere Jugend vernichtet, hat unser Schicksal dem
Spiel des Zufalls überlassen - und sie wird dich selbst zerstören!«
    Mit zornigem Lachen riss Graf Egge von der Fichte zwei Rindenstücke los und
zerdrückte sie in seinen Fäusten. Dann trat er langsam auf Tassilo zu, öffnete
die Finger und liess die Splitter fallen. Keuchend ging sein Atem, und seine
Lippen bewegten sich, als fände er das Wort nicht, das er sprechen wollte.
Schritte, die er hörte, machten ihn aufblicken. Willy war in die Hütte getreten,
und Robert kam, mit erstaunten Augen den Vater und Bruder musternd. Noch einmal
streifte Graf Egge mit funkelndem Blick das Gesicht seines Sohnes. Trocken
lachend wandte er sich ab, winkte Robert mit beiden Händen zu und rief: »Ich
gratulier euch, Kinder! Heute habt ihr gute Jagd gemacht! Jeder von euch dreien
ist heute reicher um eine Million. Ich hab' einen Erben weniger, und das hat
mich nicht einmal einen Schuss gekostet!«
    Robert riss die verblüfften Augen auf, während der Vater an ihm
vorüberschritt. Als Graf Egge zur Hütte kam, sah er über die Schulter und
gewahrte, dass Tassilo dem zu den Almen führenden Steige zuschritt. »Da läuft der
Narr ohne Stecken davon! - Willy!« Sein Jüngster erschien unter der Tür, mit
gerötetem Gesicht und schimmernden Augen, als hätte er im Geheimdepot der
Holzerhütte dem Niersteiner allzu beharrlich zugesprochen. »Bring' dem Windhund
seinen Bergstock! Nach der Büchse wird er kein Verlangen haben. Er hat ausgejagt
in meinem Revier!«
    Willy begriff nicht. »Aber Papa? Was ist denn los?«
    »Tu, was ich dir sage!«
    Willy fasste einen der Bergstöcke, die neben der Hüttentür lehnten. Da sah er
Robert kommen, eilte auf ihn zu und flüsterte: »Bertl? Hast du eine Ahnung, was
für ein Blitz da schon wieder eingeschlagen hat?«
    Robert zuckte die Achseln und trat in die Hütte.
    Eine Weile stand Willy unschlüssig. Dann rief er mit lauter Stimme: »Tas!
Tas!« und rannte dem Bruder nach. In einer Senkung des Pfades holte er ihn ein
und erschrak beim Anblick seines Gesichtes. »Tas? Um Gottes willen, was ist denn
geschehen?«
    Ein müdes Lächeln. »Was unausbleiblich war - ob heut oder morgen. Ich bin im
Begriff, eine Heirat zu schliessen, von der ich mein Glück erhoffe. Sie findet
nicht den Beifall deines Vaters. Deshalb will er nun einen Sohn weniger haben.«
    »Ach du lieber Himmel -« stammelte Willy in hilfloser Bestürzung.
    Tassilo nahm den Bergstock. »Nicht wahr, Junge, wenn unsere Wege auch nach
dem Willen deines Vaters auseinandergehen, wir wollen gute Brüder bleiben?«
Herzlich sag er dem Bruder in die Augen und bot ihm die Hand. »Und willst du mir
eine Liebe erweisen, so vergiss nicht, was du mir gestern in die Hand gelobt
hast! Willst du?«
    Willy brachte kein Wort heraus; er nickte nur, umklammerte Tassilos Hand und
sah ihm ratlos ins Gesicht.
    »Hast du mich nötig, so schreib mir eine Zeile, und ich werde dich finden.
Und sei gut mit Kitty! Ihr fehlt die Mutter. Der Vater hat wenig Zeit für sie.
Sei du jetzt der Bruder, den sie braucht.«
    Da erwachte Willy aus seiner Erstarrung. »Tas! Lieber Tas! Ich fasse das
alles nicht. Ich bin wie mit einem Prügel vor die Stirn geschlagen. Sag' mir,
ich bitte dich -«
    Tassilo schüttelte den Kopf. »Lass uns kurzen Abschied halten! Und geh zum
Vater! Dein Platz ist bei ihm. Und der Vater könnte es dich entgelten lassen,
wenn er allzulange auf dich warten müsste.« Er schlang den Arm um Willys Hals,
küsste den Bruder, riss sich los und eilte talwärts mit jagendem Schritt.
 
                                       18
Vor der Tür des »Palais Dippel« stand Graf Egge mit gespreizten Beinen und
vorgeneigtem Kopf, die Fäuste hinter dem Rücken; finster spähte er nach der
Pfadsenkung, in welcher Willy verschwunden war. Als er ihn erscheinen sah,
hellten sich seine Züge auf, und zufrieden nickte er vor sich hin: »Na also, da
kommt er ja!«
    Willy blieb erschrocken stehen und versuchte seine Gedanken zu sammeln.
    »Komm zu mir, Junge!« rief Graf Egge, und als Willy noch immer zögerte, ging
er ihm entgegen. Dicht vor ihm blieb er stehen und sah ihm forschend in das
brennende Gesicht. »Der andere sieht mir gleich und schlägt der Mutter nach. Du
hast ihre Augen und ihren weichen Mund, aber ich hoffe, du bist im Kern aus
meinem Holz! Halte dich an mich, und es soll dir nicht schlecht bekommen. Hast
du einen Wunsch? Heraus damit! Heut kannst du alles von mir verlangen.«
    Willy schüttelte den Kopf. »Danke, Papa, ich brauche nichts.«
    »Na, besinn' dich nur, vielleicht fällt dir was ein!« Mit einem Lachen, das
ihm nicht völlig gelingen wollte, klopfte Graf Egge den Sohn auf die Schulter
und trat in die Hütte. In der Küche schürte er auf dem Herd ein Feuer an und
begann in einer hölzernen Schüssel einen dicken Brei aus Mehl und Wasser zu
rühren. Nachdem er den Teig in das heisse Schmalz gegossen hatte, ging er zur
Tür, und als er Willy draussen auf der Hausbank sitzen sah, sagte er: »Komm
herein, Junge, setz' dich zu mir auf den Herd! Da kannst du lernen, wie man
einen gesunden Schmarren kocht.«
    »Ja, Papa!« Willy erhob sich müd und folgte dem Vater; schweigend sass er auf
dem Herdrand und starrte die Pfanne an.
    »Erzähl' mir, Junge,« sagte Graf Egge, während er mit dem langen Eisenlöffel
im brodelnden Schmarren herumarbeitete, »wie hast du drunten unsere kleine
Schmalgeiss angetroffen?«
    »Danke, Papa, gut!« erwiderte Willy mit zerstreuter Scheu. »Wie lang hast du
sie nicht mehr gesehen?«
    »Ich glaube, seit dem Hahnfalz. August, Juli, Juni, Mai, April - fünf
Monate.«
    »Da wirst du Augen machen! Sie fängt an, sich zu einem patenten Mädel
auszuwachsen.«
    Graf Egge hob die Pfanne und schüttelte sie. »Was meinst du, wenn wir die
Geiss heraufkommen liessen? Ich trete ihr meine Stube ab und leg' mich zu euch ins
Heu hinauf. Und wenn wir jagen, kann sie bei mir auf dem Stand sitzen.«
    Willy erschrak vor den Freuden, die seiner Schwester in Aussicht standen; er
musste ihr das ersparen, auch um den Preis einer Heuchelei. »Eine famose Idee,
Papa! Aber weisst du, die Sache hat auch ihren Haken. Für dich!«
    »Wieso?«
    »Ein junges Mädel kann nicht stillsitzen. Sie würde dir manchen guten Schuss
verderben.«
    »Du hast recht! Und da könnte mir einmal die Galle überlaufen. Na also,
lassen wir's! Nächste Woche gehen wir ein paar Tage zu ihr hinunter.«
    Nun trat wieder Schweigen ein. Die brennenden Scheite krachten, und in der
Pfanne prasselte das Schmalz. Willy versank mit bekümmertem Gesicht in die
Gedanken an Tassilo, und sein Vater, der ihn von Zeit zu Zeit mit forschendem
Blick überflog, bekam unruhige Hände. Nach einer Weile legte Graf Egge lächelnd
den eisernen Löffel nieder und trat in die Herrenstube. Lang ausgestreckt lag
Robert mit der brennenden Zigarette auf dem Bett; er wollte sich erheben. »Bleib
nur liegen!« sagte Graf Egge, sperrte den Geheimschrank auf und trat mit dem
Schächtelchen, das die Juwelen entielt, zum Fenster. Er wählte einen Rubin von
selten schönem Schliff und verwahrte die anderen Steine wieder im Schrank. Als
er in die Küche zurückkehrte, nickte er Willy lachend zu und drückte ihm den
Rubin in die Hand. »Da hast du was! Nimm! Lass dir einen Ring daraus machen oder
eine Nadel! Aber zeig' mir ein lustiges Gesicht!«
    Willy erhob sich und guckte wie ein Träumender auf den Stein, der gleich
einem grossen erstarrten Blutstropfen auf seiner flachen Hand lag.
    »Geh vor die Tür hinaus ins Licht,« sagte Graf Egge, »dann siehst du sein
Feuer besser.«
    Willy trat ins Freie; doch er hielt über dem Stein die Hand geschlossen und
spähte gegen den Steig. »Ob er die Alm schon erreicht hat?« Hastig schob er den
Rubin in die Westentasche und rannte zu der Graskuppe, auf der die Holzbank
unter den Fichten stand. Von hier aus konnte er den Steig im Tal auf eine weite
Strecke übersehen.
    Der Pfad war leer.
    Tassilo hatte die steilen Almhänge schon hinter sich und näherte sich der
ersten Sennhütte. Hier, unter dem vorspringenden Dach, sass Franzl auf einem
Holzblock, die Büchse über den Knien, die Stirn in die Hände gedrückt; er sah
erst auf, als ihm Tassilo die Hand auf die Schulter legte; erschrocken erhob er
sich. »Wahrhaftiger Gott! Jetzt kommen S' wirklich daher! Aber Herr Tassilo! Wie
können S' denn um meintwegen -«
    »Kommen Sie, lieber Hornegger!«
    Tassilo ging voran, Franzl folgte. So schritten sie, jeder mit seinen
wirbelnden Gedanken beschäftigt, dem tieferen Bergwald zu.
    Noch ehe der Abend kam, erlosch die Sonne hinter schweren Wolken, die das
letzte Blau verhüllten. Im Wald bewegte sich kein Zweig. Kein Vogel sang.
    Drei Stunden waren die beiden gewandert, und vom See herauf tönte schon das
Rauschen des Wetterbaches. Da hörte Tassilo hinter sich den Schritt des Jägers
verstummen, und als er sich umblickte, sah er Franzl vor einer alten Buche
knien, den entblössten Kopf gesenkt, vor der Brust die gefalteten Hände. Tassilo
schien zu empfinden, was dem Jäger, der vor dem »Marterl« seines Vaters kniete,
in diesem Augenblick das Herz erfüllen mochte; er nahm den Hut ab, trat an
Franzls Seite und betrachtete den grün gekleideten Mann, den die kindliche
Malerei des Bildchens zeigte: starr ausgestreckt mit einem roten Kreuzlein über
der Stirn.
    Franzl hatte sein Gebet beendet und bekreuzte Gesicht und Brust; doch er
erhob sich nicht, liess nur die Hände sinken und bewegte langsam die Lippen, als
läse er die Inschrift des Täfelchens:
    »Hier an dieser Stelle wurde Anton Hornegger, gräflich Egge-Sennefeldischer
Förster, am heiligen Johannistag erschossen aufgefunden.«
    Ein Zittern überlief den Jäger, der das Gesicht in die Hände drückte. Vor
seinen Gedanken stand das Bild jenes Abends, an dem sie den Vater auf Stangen
getragen brachten, mit der roten Wunde auf der Brust. Er sah den Jammer seiner
Mutter wieder - und wieder regte sich in ihm die Ahnung, die ihn seit Jahren nie
verlassen hatte: dass der Mörder noch unter den Lebenden wäre. Es musste einer
sein, der drunten im Dorfe sass -, so weit über die Grenze verirrt sich kein
fremder Wildschütz. Vielleicht war es einer, der seit Jahren an Franzl mit
freundlichem Gruss vorüberging, im Herzen die Furcht und den versteckten Hass. Und
nun soll, wie die anderen im Dorf, auch dieser eine die Nachricht hören, die
morgen wie ein Lauffeuer umfliegen wird: Der Hornegger ist nimmer Jäger, ist
entlassen, vom Grafen davongejagt! Wie wird dieser eine aufatmen, erlöst von
seiner jahrelangen Furcht! Wie wird er lachen in der Schadenfreude seines
heimlichen Hasses -
    Da erlosch in Franzl plötzlich das quälende Denken. Wie zum Greifen wirklich
sah er vor seinen Augen einen stehen: mit dünnem Lächeln auf den grauen Lippen,
in den halb geschlossenen Augen einen funkelnden Blick, so heiss, wie ihn nur die
Freude des befriedigten Hasses kennt.
    Ein Schauer rüttelte die Schultern des Jägers. Keuchend drückte er die
Fäuste an seine Stirn.
    »Hornegger? Was ist Ihnen?« fragte Tassilo.
    Taumelnd erhob sich Franzl. »Ich bin verruckt! In mir steigen Gedanken auf -
ich kann mir nimmer helfen. Und da soll ich nunter ins Ort und soll -« Die
Stimme versagte ihm fast. »Was wird d' Mutter sagen! Mar' und Josef! Den Vater
haben s' ihr am Schragen bracht. Und ich komm so daher! Davongjagt mit Schimpf
und Schand, als hätt' ich 's ärgste Verbrechen angstellt!«
    Tassilo hatte Mühe, die Erregung zu beschwichtigen, die aus dem Jäger
herausbrach. Franzl wurde ruhiger, je länger Tassilo zu ihm redete, und
schliesslich bat er reumütig: »Sind S' mir net harb, Herr Graf, dass ich Ihnen
solche Unglegenheiten mach!« Aber die Gedanken, die ihn vor dem Marterl seines
Vaters befallen hatten, wollten nicht mehr von ihm lassen. Während des
Niederstieges zum Wetterbach hörte Franzl nur mit halbem Ohr auf Tassilos
Zusage, dass er einen guten Posten für den Jäger zu finden hoffe. Franzl erwachte
erst aus seiner Verlorenheit, als er das Dorf überblicken konnte; das erste
Gehöft, das ihm in die Augen fiel, war das Brucknerhaus. Ein schwerer Atemzug
hob seine Brust. »Da wird's jetzt schlecht ausschauen! Mit uns zwei!« Trotz
dieser hoffnungslosen Stimmung fuhr ihm eine merkwürdige Eile in die Beine. »Ich
lauf a bissl voraus,« sagte er, »sonst müssen wir z'lang auf a Schiffl warten.«
Er rannte talwärts.
    Als Tassilo bei sinkendem Abend den Wetterbach erreicht und den frisch
gezimmerten Steg überschritten hatte, blieb er vor der öden Klause stehen. Auf
der Marmortafel über der Tür war in der Dämmerung die halb verwitterte Inschrift
kaum mehr zu erkennen.
    »Hier wohnt das Glück!« Tassilo entblösste nicht den Kopf und faltete nicht
die Hände, wie es der Jäger vor der Buche getan - aber auch ihn erfüllte ein
schmerzendes Erinnern. Er stand vor dem »Marterl« seiner Mutter.
    Vom Ufer klang die rufende Stimme des Jägers, der ein Schiff gefunden hatte.
Es war das Boot des Fischers, und man musste auf engem Platz zwischen triefenden
Netzen sitzen. Tassilo liess sich quer über den See hinüberbringen, zu Annas
Villa. Als die Steintreppe erreicht war, drückte Tassilo die Hand des Jägers.
»Auf dem Heimweg komm ich zu Ihnen. Grüssen Sie mir einstweilen Ihre Mutter!«
    »Vergelts Gott, Herr Graf!« stammelte Franzl mit einer Hast, als wäre ihm
ein stiller Wunsch erfüllt worden.
    Tassilo sprang über die Stufen hinauf. Von der Villa klang eine
Mädchenstimme: »Wer kommt?«
    »Ich bin es, Anna!«
    Ein leiser Schrei, fliegende Schritte auf dem Kies, dann wieder Stille. Nur
das Ruder des Fischers plätscherte, und vor dem Bug des gleitenden Nachens
rauschte das Wasser.
    Nach kurzer Fahrt landete das Boot vor dem Seehof. Franzl, in der Eile,
schien den Weg zu verfehlen. Statt den Fusspfad zur Linken einzuschlagen, der zu
seinem Hause führte, rannte er nach rechts, der Strasse zu. Vor den Leuten, die
ihm begegneten, drehte er das Gesicht auf die Seite. Immer rascher wurde sein
Schritt, je näher er dem Brucknerhaus kam, und heisse Röte brannte auf seinem
erschöpften Gesicht, als er im dämmerigen Hof das Mädel gewahrte, das bei einer
Holzbeuge stand und den Arm mit Scheiten belud.
    Franzls Stimme klang gepresst und heiser: »Guten Abend, Mali!«
    Da fielen die Holzscheite prasselnd zu Boden, und Mali, mit weissem Gesichte,
rannte zur Haustür.
    »Aber Mali! Was hast denn? Ich bin's ja, der Franzl!«
    Mali schien nicht zu hören, nicht zu sehen. Noch ehe sie das Haus erreichte,
streckte sie schon die Hände nach der Tür. Auf der Schwelle zögerte sie und
drehte halb das Gesicht; dann verschwand sie im finsteren Flur, hinter ihr fiel
die Tür zu, und drinnen klirrte der eiserne Riegel.
    Franzl griff sich wie betäubt an den Kopf und guckte in der Dämmerung umher,
als hätte er das rechte Haus verfehlt.
    »Heilige Mutter! Was is denn dös?«
    Er sprang in den Hof, warf den Bergstock auf die Bank und fasste die
Türklinke. »Mali! Mali!« Immer rüttelte er an der versperrten Tür. »Ich bitt
dich um Gotts willen, was hast denn?«
    Im Hause blieb alles still.
    »Mali! So mach doch auf! Ich bin's ja, ich, der Franzl!«
    Von der Küche her vernahm er das Geknister des Herdfeuers und hörte im Flur
eine wispernde Kinderstimme, die plötzlich verstummte, als hätte sich eine Hand
auf den kleinen vorwitzigen Mund gedrückt, um ihn zu schliessen.
    Dem Jäger wurde der Verstand wirbelig. Ein paarmal riss er noch an der
Klinke; dann griff er nach seinem Bergstock und taumelte auf die Strasse hinaus.
Er ging und wusste nicht, welchen Weg er nahm. In seinen Ohren begann ein dumpfes
Summen. War das in seinem Kopf, oder war's die Kirchenglocke, die den Abendsegen
läutete? Auch fallende Tropfen meinte er zu spüren und streckte mechanisch die
Hand aus. Richtig, es regnete! Immer dichter fiel es aus den Wolken, alles in
der Runde wurde grau, und hinter dem trüben Schleier verschwanden die Berge.
    Von Franzls Kleidern troff das Wasser, und es quietschte in seinen Schuhen.
Er ging und ging. Als er einmal aufblickte, sah er, dass er vor dem Parktor von
Hubertus stand. »Wo bin ich denn hinglaufen?« Er kehrte um. -
    In Strömen rauschte der Regen über die Ulmenkronen. Auf den Kieswegen des
Parkes gurgelten die wachsenden Bäche, und sinkendes Dunkel verhüllte das
endlose Giessen und Triefen.
    Es ging auf Mitternacht, als Tassilo von seinem Besuch bei der Horneggerin
heimkehrte, in einen Lodenmantel gehüllt, den ihm Franzl geliehen hatte. Er
klopfte an ein Fenster. Fritz öffnete ihm die Tür, mit erhobener Kerze,
verwundert und erschrocken: »Herr Graf! So spät! Und ganz allein? In einer
solchen Nacht! Ist denn etwas passiert?«
    »Nein!« erwiderte Tassilo ruhig. »Ich komme nur heim, weil ich morgen nach
München muss. Sehen Sie zu, dass ich noch eine Tasse Tee bekomme! Dann müssen Sie
mir packen helfen. Den Wagen für morgen hab' ich schon bestellt.«
    »Einen fremden?« fragte der Diener verblüfft.
    »Ich will Papas Pferde nicht bemühen bei solchem Wetter!« Ein bitteres
Lächeln. Er nahm den triefenden Mantel von den Schultern. »Meine Schwester
schläft schon?«
    »Jawohl, Herr Graf! Aber denken Sie nur, was heut geschehen ist!« Und Fritz
erzählte, was sich am Vormittag in der Ulmenallee ereignet hatte.
    Als Tassilo von der Verwundung der Kleesberg vernahm, nickte er. »Die Adler
meines Vaters greifen scharf!«
    Fritz berichtete, dass Fräulein von Kleesberg schon am Abend fieberfrei und
ohne Schmerzen gewesen wäre, nur noch »ein wenig schreckhaft und verstört«. Aber
»unsere liebe Kontess«, die glücklicherweise durch das »kuraschierte Zugreifen
des Malers« allem Unheil entronnen wäre, hätte sich die Sache »schwer zu Herzen
genommen« und wäre den ganzen Tag mit blassem Gesicht und verweinten Augen
umhergegangen.
    Tassilo schritt zur Treppe und sagte flüsternd: »Machen Sie keinen Lärm,
damit die Damen in ihrer Ruhe nicht gestört werden.« In seinem Zimmer setzte er
sich an den Schreibtisch. Es waren nur wenige Zeilen, die er an Robert richtete,
um dem Bruder seine bevorstehende Vermählung mit Anna Herwegh anzuzeigen. Der
Brief an Willy wuchs zu acht eng beschriebenen Seiten an.
    An Forbeck schrieb er: »Lieber Freund! Es ist mir leid, dass ich Hubertus
verlassen soll, ohne Ihnen die Hand zu drücken, ohne mich am Fortschritt Ihres
Bildes zu erfreuen. Mit Ihrem Werke hoffe ich im Glaspalast ein erfreuliches
Wiedersehen zu feiern. Was uns beide betrifft, so können Sie selbst unsere
Trennung zu einer kurzen machen, wenn Sie mir die Bitte erfüllen wollen, meiner
am 2. September stattfindenden Trauung als mein Zeuge beizuwohnen. Sie waren der
erste, dem ich mich anvertraute. Seien Sie nun auch der erste, der mir an der
Schwelle meines neuen Lebens die Hand zum Glückwunsch reicht. Eine fröhliche
Hochzeit kann ich Ihnen nicht versprechen. Mein Vater und meine Geschwister
werden fehlen. Es ist mir nicht gelungen, diesen Schatten von meinem Glückstag
abzuwehren. Was ich gefürchtet habe, ist eingetroffen, schlimmer, als ich es mir
vorstellte. Ihre schützende Hand hat heute meine Schwester vor dem Griff des
Adlers bewahrt. Ich habe da droben seine Klaue gespürt. Die Wunde ist tief
gegangen. Und der Adler, der heute ausflog, wird nicht der letzte sein. Der
Käfig unter den Ulmen steht noch lange nicht leer.«
    Tassilo legte die Feder fort. So sass er lange. Dann schloss er den Brief und
löschte die Lampe.
    Draussen rauschte der Regen, es gluckste und gurgelte um die Mauern, und mit
klatschenden Schlägen peitschte der Wind die schweren Tropfen an die
Fensterscheiben.
    Als Fritz gegen acht Uhr morgens das Frühstück brachte, fand er Tassilo
schon angekleidet und zur Reise fertig.
    »Schläft meine Schwester noch?«
    »Nein, Herr Graf, die Kontess und Fräulein von Kleesberg haben soeben um den
Tee geklingelt.«
    Fritz hatte noch nicht ausgesprochen, als Kitty auf der Schwelle erschien,
mit lose geknotetem Haar, das verhärmte Gesichtchen so weiss wie ihr Morgenkleid.
»Tas?« stammelte sie, während der Diener das Zimmer verliess.
    Tassilo brauchte nicht zu sprechen. Kitty sah die gepackten Koffer, die
kuvertierten Briefe auf dem Schreibtisch und las in den Augen des Bruders, was
seine unerwartete Heimkehr von der Jagdhütte und die plötzliche Abreise
bedeutete. Mit ersticktem Schrei umklammerte sie seinen Hals. Er führte sie zum
Sofa und suchte sie zu beruhigen. Während er erzählte, was er erzählen durfte,
und sie mit kommenden Zeiten zu trösten suchte, brach immer wieder der
fassungslose Schmerz aus ihr hervor, bald in wirren Worten, bald mit strömendem
Schluchzen. Dann sprang sie auf. »Komm, Tas! Wir wollen zu Anna. Ich muss sie
sehen. Ich muss zu ihr.«
    Er sagte ihr, dass auch Anna Herwegh mit Mutter und Schwester noch an diesem
Morgen die Reise nach München anträte.
    »Und ich soll euch nie wiedersehen? Dich nicht? Und Anna nicht? Nein, Tas!
Das kann und darf Papa von mir nicht verlangen. Ich halte zu dir, Tas! Da kann
geschehen, was will! Wie schön das sein wird - euer Glück sehen - immer nur euer
Glück -« In Tränen erloschen ihre Worte und wieder warf sie sich an den Hals des
Bruders.
    Er streichelte ihr schimmerndes Haar.
    »Aber sag' mir, Tas! Wie hat Anna die Nachricht aufgenommen? Wie muss ihr
bange sein in dieser Stunde!«
    »Ja, Schwester, bedrückend bange! Doch sie ist nicht ohne Trost. Sie liebt.
Und Liebe ist eine feste Brücke. Vertraue ihr, und sie trägt dich über alle
Tiefe, lass dich führen von ihrer Hand, und immer ist es der rechte Weg, auf den
sie dich leitet.«
    Kitty, die blassen Wangen von Tränen überronnen, sah mit grossen Augen zu
ihrem Bruder auf.
    Es klopfte an der Tür. Und Kitty, wie aus tiefem Traum erwachend, trat zum
Fenster, um ihr verweintes Gesicht zu verbergen.
    Fritz und der Stallbursch kamen, um die Koffer zu holen. Tassilo ging zum
Schreibtisch. »Diesen Brief an Robert soll Moser mit hinaufnehmen, zur
Jagdhütte. Den anderen, an Herrn Forbeck, bitt' ich im Laufe des Vormittags zu
besorgen.«
    Kitty machte eine jähe Bewegung. Und kaum hatten die beiden Diener das
Zimmer verlassen, flog sie auf Tassilo zu. »Du hast an Herrn Forbeck
geschrieben? Warum?«
    »Um mich von ihm zu verabschieden. Auch hab' ich ihn gebeten, meiner Trauung
als Zeuge beizuwohnen.«
    »Er? Bei deiner Trauung? Und ich soll fehlen? Deine Schwester?« In
Schluchzen erstickten ihre Worte. Tassilo zog sie an seine Brust. Und da brach
es aus ihr heraus: »Ach, Tas, ich bin namenlos unglücklich!« Zitternd schmiegte
sie sich in seine Arme, und in einem Sturz von Tränen löste sich ihre stürmische
Erregung. Endlich richtete sie sich auf und streifte die Hände über das nasse
Gesicht. »Eine Bitte noch, Tas! Annas Bild musst du mir lassen. Schliess nur den
Koffer wieder auf!«
    »Es ist nicht eingepackt. Hier liegt es schon für dich.« Er öffnete am
Schreibtisch eine Lade und reichte ihr das Bild, das sie mit Küssen bedeckte.
»Und diesen Brief sollst du mir besorgen.«
    »Für Willy? Ich verstehe. Papa soll nicht wissen, dass du ihm geschrieben
hast. Gib her! Und Willy ist für dich, nicht wahr? Wenn er noch schwanken
sollte, bring' ich ihn schon noch herum. Er ist ein leichtsinniges Huhn, aber
ein guter Kerl.« Sie verwahrte den Brief. »Und nun komm, Tas! Du musst dich von
Tante Gundi verabschieden. Wir wollen uns zusammennehmen, damit die Arme nicht
merkt, was vorgeht. Die Erregung könnte ihr schaden. Oder weisst du noch nicht,
was gestern -«
    »Fritz hat mir alles erzählt.«
    »Was sagst du, wie Tante Gundi sich benommen hat! Geradezu grossartig! Wenn
ich das getan hätte, das wäre begreiflich. Schliesslich ist man nicht umsonst in
Hubertus geboren. Und Herr Forbeck war in ernster Gefahr. Aber denke dir: sie!
Seit gestern seh' ich sie mit ganz anderen Augen an. Aber komm, Tas!« Energisch
trocknete sie die Wangen, nahm das Bild unter den Arm und zog den Bruder zur
Tür. dabei merkte sie nicht, dass Tassilo sie forschend betrachtete und wie in
Sorge jeden Zug ihres heiss erregten Gesichtes prüfte.
    Gundi Kleesberg machte, als Tassilo und Kitty in ihr Zimmer kamen, einen
Versuch, sich im Bette aufzurichten. Es gelang ihr nicht. Der dick verbundene
Arm, der mit einer Doppelschlinge gefesselt war, lag schwer auf der blauen
Seidendecke. Die Frisur war tadellos, die Wangen hatten ihren zarten Puderflaum,
die Lippen ihr gleichmässiges Rot, die Brauen ihre tiefe Schwärze. Aber dieses
Verschönerungswerk, das die Kammerfrau in aller Eile an der Patientin geübt
hatte, war nicht so glücklich geraten wie sonst. Zwischen den zarten Farben
lugte die welke Haut mit gelblichen Flecken hervor; das gab dem Gesicht einen
müden Ausdruck, den der bittere Zug um die Mundwinkel und der ängstliche Blick
noch verschärften. Wer dieses Gesicht betrachtete, hätte glauben mögen, dass die
Kleesberg nicht nur ein übel verlaufenes Abenteuer, sondern eine erschütternde
Seelenkatastrophe erlebt hätte.
    Während Tassilo sich neben dem Bett auf einen Sessel niederliess, huschte
Kitty in ihr Zimmer und stellte Annas Bild auf den Ehrenplatz, den die
Photographie der Soeur supérieure mit einem dunklen Winkelchen vertauschen
musste, obwohl die unter das würdevolle Konterfei geschriebene Widmung mit den
Worten endigte: »Gardez-moi la place que mon amour maternel a méritée dans votre
coeur!«
    Jäh erwachsende Empfindungen sind rücksichtslose Gewalttäter, die das Neue
umklammern und das Alte verdrängen. Wie lange wird es dauern, und auch das Bild
der schönen Schwägerin wird den Ehrenplatz wieder räumen müssen?
    An die Möglichkeit eines solchen Wechsels schien Kitty in dieser Stunde
nicht zu denken. Mit abgöttischer Andacht hing ihr Blick an dem Bild, und
traumverloren flüsterte sie vor sich hin: »Wie glücklich er sein wird! Wie
glücklich!«
    Als sie hörte, dass Tassilo sich erhob und von Tante Gundi Abschied nahm,
geriet sie in Verwirrung und griff nach allerlei Dingen, bevor ihr klar wurde,
dass sie einen Mantel umnehmen und die leichten Pantöffelchen mit festen Schuhen
vertauschen wollte.
    Tassilo trat ein und zog hinter sich die Tür zu. Lange hielten sie sich
umschlungen, wortlos. Endlich löste Tassilo die Arme der Schwester von seinem
Hals. »Komm, gutes Kerlchen, lass uns vernünftig sein! Und bleibe hier! Es würde
uns beiden schwer sein, vor den Leuten drunten ruhig zu erscheinen.«
    »Nein, Tas! Nur in den Flur hinunter! Ich werde die Zähne
übereinanderbeissen.«
    »So komm!«
    Wirklich, Kitty benahm sich wie eine Heldin. So ruhig, als gälte es nur eine
Trennung von wenigen Tagen, schüttelte sie unter der Flurtür die Hand des
Bruders. »Glückliche Reise, Tas! Und auf Wiedersehen!« Doch als sich der Wagen
schon in Gang setzte und Tassilo unter dem Lederdach herauswinkte, streckte sie
die Arme nach ihm, rannte in den Regen hinaus und sprang in den Wagen.
    »Aber Kind!«
    »Ich bitte dich, Tas! Nur bis zum Tor!« Sie taumelte in dem holpernden
Gefährt, kam auf Tassilos Knie zu sitzen, und als der Kutscher halten wollte,
puffte sie ihn mit der Faust in den Rücken. »Vorwärts!«
    Der Wagen rollte unter den triefenden Ulmen durch die Allee und machte die
Adler in ihrem Käfig scheu durcheinanderflattern. Unter dem schützenden
Lederdächlein hielt Kitty den Bruder umschlungen. »Ich sage dir, Tas, wenn jetzt
die arme Gundi nicht krank da droben läge, ich ging mit dir. Mich brächten zehn
Pferde nicht mehr aus dem Wagen!« Da hörte sie auf der Strasse das Rollen einer
Kutsche. In Schreck und Erregung fuhr sie auf. »Tas? Hörst du den Wagen nicht?
Wenn es Anna wäre!«
    Tassilo sah in der Toröffnung die Köpfe zweier Schimmel auftauchen. »Ja! Das
ist ihr Wagen.«
    »Anna! Anna! Anna!« schrie Kitty wie von Sinnen, sprang aus dem Wagen und
rannte durch alle Pfützen. Draussen hielt die Kutsche. Als der Schlag sich
öffnete und Anna Herwegh den Fuss auf das Trittbrett setzte, hing ihr Kitty schon
am Hals und schluchzte unter Küssen: »Hab' ihn lieb, Anna! Hab' ihn lieb! Mach
ihn glücklich! Ich will dich vergöttern dafür!«
    Schmerz und Erregung machten sie halb betäubt, sie hörte stammelnde Worte,
ohne sie zu verstehen, fühlte Händedrücke, Umarmungen, Küsse - und als sie ihrer
Sinne wieder mächtig wurde, sah sie die beiden Wagen im Regen davonrollen und
gewahrte Fritz, der neben ihr stand und einen Regenschirm über ihr Köpfchen
hielt, in dessen zerzausten Haaren die Wasserperlen glitzerten.
    »Ich bitte, Kontess, kommen Sie!« mahnte Fritz. »Kontess werden sich einen
Schnupfen zuziehen.«
    »Schnupfen?« wiederholte sie gedankenlos und starrte ihn an wie ein
vorsintflutliches Wundertier. Mit zitternden Händen tastete sie nach den
triefenden Eisenstäben des Torgitters.
    Fritz wagte keine weitere Mahnung auszusprechen; geduldig stand er und hielt
den Regenschirm. Endlich richtete Kitty sich auf, nahm den Schirm und trat den
Rückweg an.
    Fritz wollte das Tor schliessen. Von der Strasse rief eine Stimme:
»Auflassen!«
    Zwei Bauern brachten einen grossen Handkarren gezogen, auf dem die beiden von
Robert gestreckten Gemsböcke lagen - und der Sechzehnender, dessen mächtiges
Geweih zu beiden Seiten des Karrens weit herausragte über die mit Kot behangenen
Räder.
 
                                  Zweites Buch
                                        1
Über der langen Kette der Berge hingen die Regenwolken, grau in blau getönt.
Doch je weiter es hinausging gegen das Vorland und die Ebene, desto freundlicher
wurde der Himmel. Mit sommerlichem Stillvergnügen lächelte die Morgensonne über
den Lauf der Isar und über die gute Stadt München herab, machte die Knäufe der
Frauentürme funkeln und vergoldete die Dächer.
    Unter den wenigen Passanten, die an diesem Morgen der letzten Augustwoche
die breite Ludwigstrasse spärlich bedeckten, fiel die hohe Gestalt eines
fünfzigjährigen Mannes auf, in grauem Sommerpaletot, mit schwarzem Filzhut. Das
Haar, das unter dem Hutrand hervorquoll, hatte noch tiefes Braun, während der
schmale Vollbart schon eine graue Melierung zeigte. Ein gedankenvolles Lächeln,
wie es starken, im Kampf mit dem Leben gefesteten Naturen eigen ist, milderte
den Ernst der durchgeistigten Züge. Man würden den Künstler in ihm erraten
haben, auch wenn er nicht den Weg zur Akademie genommen hätte.
    Weder in den jungen Parkanlagen der Akademie noch in dem prunkvollen
Treppenhaus begegnete ihm eine Seele. Im obersten Stockwerk hielt er vor einer
Tür, die ein kleines Porzellanschild trug - »Professor Georg Werner« - und
darunter eine mit Reissnägeln befestigte Visitenkarte: »Hans Forbeck«. In dem
grossen Atelier, dessen Nordwand ein einziges Riesenfenster bildete, standen vier
Staffeleien. Eine von ihnen trug Professor Werners jüngste Arbeit, die der
Vollendung nahe war und bereits ihren Goldrahmen hatte; ein blankes Täfelchen
nannte den Namen des Künstlers und den Titel des Bildes: »Die lange Strasse«.
Zwischen herbstlich belaubten Feldhecken und kahlen Wiesen, hinter denen der
geschlängelte Lauf eines Baches aufleuchtet, zieht eine gerade, staubige
Pappelallee in endlos scheinende Ferne. Das Zwielicht eines nebligen
Herbstabends liegt wie ein Schleier über der Landschaft. Nur am Horizonte glänzt
ein helles Licht, als wäre in jener Ferne reiner Himmel und letzte Sonne. Auf
der Strasse steht ein bejahrter Mann; er hat ein schweres Bündel zu Boden
gestellt, die Last der weiten Wanderung hat ihn müde gemacht, und nun deckt er
die magere Hand über die Augen und späht sehnsüchtig in jene lichte Ferne, in
der ihm das Ziel und die Ruhe winkt.
    Werner trat vor die Staffelei. Als er nach der Palette greifen wollte, sah
er auf dem Maltisch eine Depesche liegen. Er öffnete und las: »Ich bitte Dich,
Werner, komm - Dein Hans!«
    Betroffen sah er auf das Blatt und fuhr sich mit der Hand über die Stirn.
Wie konnte der Junge bei gesunder Vernunft eine solche Depesche schicken, solch
ein halbes Wort, das unruhig machen muss? Ob er krank ist? Und nun da draussen
liegt, ohne Hilfe, ohne einen Menschen, der ihn kennt?
    Im Sturmschritt zum Tor hinaus, in die nahe Wohnung, mit einer hetzenden
Droschke zum Bahnhof!
    Nach zweistündiger Bahnfahrt erreichte Werner die Station, von der die
Sekundärbahn in die Berge abzweigte. Hier hatte er fünfzehn Minuten Aufentalt,
und das war für ihn eine schwere Geduldprobe. Zwei Züge kamen. Ein Schwarm von
Reisenden, Gebirgstouristen und Landleuten suchte in dem nach München gehenden
Zuge unterzukommen. Zerstreut sah Werner über das lärmende Getriebe hin, wurde
aufmerksam auf einen Herrn und drängte sich durch das Leutegewühl: »Doktor Egge!
Doktor Egge!«
    Tassilo streckte dem Professor die Hand entgegen.
    »Doktor! Kommen Sie von Hubertus? Sind Sie da draussen nicht mit Forbeck
zusammengetroffen?«
    »Gewiss! Und ich habe -«
    Werner liess ihn nicht aussprechen. »Was ist denn mit dem Jungen? Was fehlt
ihm? Sehen Sie nur die Depesche, die er mir geschickt hat!« Werner zerrte das
Blatt heraus.
    Tassilo las.
    Eine Glocke läutete, und die Kondukteure schrien: »München! Höchste Zeit!«
    Lächelnd gab Tassilo dem Professor die Depesche zurück. »Ich glaube zu
wissen, was hinter der Sache steckt. Allerdings sollte ich Ihnen die
Überraschung nicht verderben. Aber ich sehe, Sie sind in Sorge. Forbeck hat ein
Bild begonnen, das Aufsehen machen wird; ich merke mich bei Ihnen gleich als
Käufer vor. Es ist Feuer und Flamme für die Arbeit, und da vermute ich, dass er
ungeduldig wurde und Ihr Urteil nicht mehr erwarten kann. Aber verzeihen Sie,
mein Zug! Grüssen Sie Forbeck! Auf Wiedersehen!«
    Der Zug dampfte zur Halle hinaus. Werner, von seiner Sorge erlöst, rückte
den Hut und atmete auf. »Gott sei Dank!«
    Gegen fünf Uhr abends erreichte er das von Wolken überlagerte Dorf, stieg
beim Seewirt ab und liess sich hinüberführen zum Brucknerhof. Der Bauer kam aus
der Tür; mit Interesse betrachtete Werner die zähe Gestalt und das bleiche, vom
schwarzen Bart wie von einem Schatten umrahmte Gesicht; Bruckner schien den
prüfenden Blick mit Unbehagen zu empfinden und fragte wenig freundlich: »Was
schafft der Herr?«
    »Wohnt bei Ihnen Herr Forbeck aus München?«
    Der Bauer nickte und schlug einen anderen Ton an. »Er is net daheim. A halbs
Stündl kann's her sein, da is er gegen 's Schloss aussi marschiert. Bitt, Herr,
kommen S' eini ins Haus. Ich führ Ihnen nauf in sein Stüberl. Da können S'
warten.«
    Bruckner gab die Tür frei, und Werner trat in den Flur. -
    Wenige Minuten früher, ehe Werners Einspänner an Schloss Hubertus
vorübergefahren war, hatte Forbeck den Park betreten, um sich nach Fräulein von
Kleesbergs Befinden zu erkundigen. Er hörte von Fritz, dass »die Sache den
günstigsten Verlauf nähme«, und dass die Patientin bereits einen Teil des
Nachmittags ausser Bett zugebracht hätte.
    Wortlos gab Forbeck zwei Karten ab und trat den Rückweg an. Müden Schrittes
folgte er der Ulmenallee. Ein gellender Vogelschrei weckte ihn aus seinem
Brüten. Er stand vor dem Käfig, in dem die Adler mit Gier die blutige Leber des
Sechzehnenders verschlangen. Jeder von ihnen hatte seinen Anteil erhascht und
hielt ihn unter den gespreizten Fängen; ein Riss mit dem Schnabel, und ein dicker
Knollen bewegte sich unter Würgen langsam durch den Hals hinunter, an dem sich
die Federn sträubten. Einer von den Adlern hielt in seiner Mahlzeit inne, duckte
den Kopf zwischen die Flügel und spähte mit funkelndem Blick nach Forbecks
Augen.
    Eine Erinnerung befiel ihn - ihm war, als hätte er diesen gleichen Blick vor
nicht langer Zeit im Gesicht eines Menschen gesehen - diesen scharfen,
misstrauischen Falkenblick!
    Er wandte sich ab. Raschen Ganges gewann er die Strasse. Als er das
Brucknerhaus erreichte, sah er Mali, mit dem Netterl auf den Armen, hastig gegen
die Scheune gehen. Das hatte den Anschein, als wollte das Mädchen eine Begegnung
mit ihm vermeiden. Dieser ihm unverständlichen Wahrnehmung nachsinnend, trat er
ins Haus; auf der Treppe hielt er betroffen inne - es war ihm vorgekommen, als
hätte er in seinem Zimmer Tritte gehört. Aber als er die Stube betrat, war sie
leer. Doch fiel es ihm auf, dass sein Bild, das er vor einer Stunde mit dem Tuch
bedeckt hatte, unverhüllt auf der Staffelei stand. Und am unteren Rand des
Bildes war ein weisser Zettel befestigt. Befremdet ging Forbeck auf die Leinwand
zu und sah auf dem Zettel in einer ihm wohlbekannten festen Schrift die beiden
Worte: »Goldene Medaille!«
    »Werner!« stammelte er. Da klang hinter ihm ein frohes Lachen, und als er
sich umwandte, stand Werner auf der Schwelle der Schlafkammer.
    »Hans! Junge! Du hast mir einen Willkomm bereitet, wie ich ihn mir bei allem
Vertrauen zu deinem Talent nicht hätte träumen lassen!« Werner zog den Wortlosen
an seine Brust und küsste ihn auf beide Wangen. Forbeck hatte den Blick eines
Trunkenen. Er fühlte, dass diese Zärtlichkeit seines Lehrers für ihn ein Lob
bedeutete, wie es kein Wort ihm hätte spenden können.
    Draussen wollte schon der Abend sinken, und dennoch wurde es plötzlich heller
in der Stube. Die Wolken hatten sich geklüftet, und eine leuchtende Flut von
goldrotem Sonnenschein ergoss sich über das Tal und seine Häuser.
    Werner war vor das Bild getreten. »Sag' mir, Hans, wie hast du das
fertigbringen können in diesen lumpigen paar Tagen? Das muss aus dir
herausgefahren sein wie ein Löwensprung! Und wie glücklich du das gefunden hast,
diesen Überschlag vom letzten Augenblick der Ruhe in den tobenden Sturm! Wie das
kämpft miteinander: das weichende Licht in seiner letzten, gesteigerten
Schönheit und die anstürmenden Schatten in ihrer Wucht und Tiefe! Und diese
Landschaft! Wo hast du nur diesen gesegneten Fleck Erde entdeckt? Und diese
Menschen! Das Pärchen da! Junge! Das ist mehr als ein gelungener Diebstahl an
der Natur, das ist eine künstlerische Offenbarung. Was du da gibst, das hast du
in dir aus einer Tiefe herausgeholt, in die ich noch keinen Blick getan. Du hast
alle Schule von dir abgeschüttelt, hast dich auf eigene Füsse gestellt. Hans!
Jetzt bist du wer!« Werner schlug seine Hand auf Forbecks Schulter und sah ihm
mit glücklichem Stolz in die Augen. »Um mir das zu sagen, hättest du in deinem
Telegramm etwas weniger sparsam mit den Worten sein dürfen! Ich, in der ersten
Verblüffung, glaubte, dass du krank wäret. Und jetzt!« Er lachte.
    Forbeck, in dessen Augen die Freude sich umschleierte, wollte sprechen.
Werner liess ihn nicht zu Wort kommen.
    »Aber jetzt diesen Zettel weg!« Er zerknüllte das Blatt, das er an die
Leinwand geheftet hatte. »Weisst du, Junge, das war nur der erste Jubelschuss.
Jetzt kommt der Ernst. Bis das Bild in den Rahmen taugt, wird es noch ein
tüchtiges Stück Arbeit brauchen. Da sollst du keine Zeit verlieren. Unsere
italienische Reise schieben wir auf, Italien läuft dir nicht davon. Aber die
Stimmung, in der du das begonnen hast, die musst du festalten wie mit Eisen. So
was verträgt keinen Riss, das will sich ausströmen in einem Zug. Morgen
kutschieren wir heim nach München.« Werner lachte wieder. »Ohne ein paar
Hahnenkämpfe wird es da zwischen uns nicht abgehen, denn hier, und hier,« er
deutete auf verschiedene Stellen des Bildes, »da hab' ich meine Bedenken. Aber
diese Mittelgruppe! Das bleibt. Da sollst du mir keinen Strich mehr ändern.
Dieser Jäger! Wie er dasteht in gesunder Kraft, in seiner Glückseligkeit! Und
das Mädel erst! Wie bist du denn zu diesem Modell gekommen? Du Sonntagskind! Und
wie du das gestellt hast! So mitten hinein ins höchste Licht! Dieser letzte
Sonnenstrahl, der sie umschmeichelt wie ein Verliebter, scheint zu ihr sagen zu
wollen: Dich hab' ich, und dich lass ich nimmer! Hast du für das Bild schon einen
Titel gefunden?«
    
    »Ja, Werner! Jetzt!«
    »Wie soll es heissen?«
    »Der letzte Sonnenstrahl.«
    »Richtig, Junge! Damit ist alles gesagt!« Werner verstummte und sah
betroffen zu Forbeck auf, der die schwimmenden Augen auf die leuchtende
Mädchengestalt gerichtet hielt. »Hans? Was ist dir?«
    Forbeck hörte nicht.
    Ein Lächeln. »Hans? Wer ist dieses Mädchen?«
    Forbecks Stimme war rauh. »Eine Gräfin Egge.«
    Werner erblasste. »Hans? Auch du?« Dann fasste er Forbeck an den Schultern und
rüttelte ihn. »Hans! Rede doch! Nimm diese Sorge von mir!«
    »Ich mache dir Kummer, Werner? Vergib mir! Das ist über mich hergefallen wie
ein Sturm, mit dem Schmerz schon in der ersten Freude.«
    Eine Weile war Stille. »Komm, Hans! Wir müssen in frische Luft! Wir beide!«
    Sie verliessen das Haus. Es dämmerte schon im Tal. Über das zerfliessende
Gewölk her traf noch ein glühender Sonnengruss die Zinnen der Berge und die
Almen; alle Höhen waren so scharf beleuchtet, dass man jede Sennhütte und jeden
einzelnen Felsblock deutlich unterscheiden konnte; mit klaren Linien hob sich
jeder Baum aus dem schimmernden Hintergrund, und die kahlen Felswände ragten
gleich erstarrten Flammen in das tiefe Blau des sich klärenden Himmels.
    »Sieh, Hans,« sagte Werner, »wie schön das ist!«
    Forbeck nickte.
    »Und siehst du über dem langgestreckten Lärchenwald den blitzenden Streif?
Das muss ein Wasserfall sein. Sieht es nicht aus, als hätten die Felsen sich
gespalten wie im Märchen, um für einen Augenblick die funkelnde Schatzkammer der
Zwerge vor einem erstaunten Menschenkind zu öffnen? Und weiter oben jener
seltsam geformte Felsklotz? Gleicht er nicht einem goldgekrönten Riesenhaupt,
das sich aus den Tiefen der Erde hervorhebt? Ich sag's immer: Wer verstehen
will, wie die Märchen wachsen, muss in die Berge gehen.«
    So plauderte Werner mit seinem ruhigen Lächeln weiter, jeden Reiz erfassend,
den der herrliche Abend zeigte. Nur manchmal verriet ein Blick, mit dem er
Forbeck streifte, dass diese äusserliche Ruhe mit der Stimmung seines Innern nicht
im Einklang stand.
    Als sie bei Einbruch der Dunkelheit in die Nähe des Seehofes kamen, dessen
Terrasse mit vergnügten Menschen besetzt war, sagte Werner: »Komm, suchen wir
uns ein Plätzchen! In mir beginnt sich das Tier zu rühren. Ich habe heut in der
Eile vergessen, Mittag zu machen.«
    Sie fanden einen freien Tisch, und mit dem Anschein ernster Wichtigkeit
studierte Werner die Speisekarte. Ringsumher die heiteren Stimmen der Gäste. Aus
der Schifferschwemme hörte man die Töne einer Ziehharmonika und den stampfenden
Taktschritt tanzender Paare.
    »Was willst du nehmen, Hans?«
    »Ich kann nicht essen.«
    »Doch, Hans! Das muss man!« Wieder vertiefte Werner sich in die Speisekarte.
»Aaaah! Renken am Rost und Rebhuhn mit Rotkraut. Was sagst du zu dieser
kulinarischen Alliteration? Das sind zwei Stabreime, die es verdient hätten, von
Wagner in Musik gesetzt zu werden.« Er haschte die am Tisch vorüberschiessende
Kellnerin. »Holde Jungfrau!«
    »Nur net beleidigen!« lachte das Mädel. »Was schaffen S' denn?«
    Werner bestellte. Während der Mahlzeit trug er die Kosten der Unterhaltung.
Die Mühe, die er sich gab, um eine ruhige Stimmung zu erzwingen, war von
geringem Erfolg. Schliesslich schwiegen sie alle beide. Dann erhob sich Werner.
»Du hast recht, Hans! Dieser vergnügte Spektakel muss dir wie Schmerz in die
Ohren gehen. Komm!«
    Sie folgten der spärlich erleuchteten Promenade, die an den Ufervillen
vorüberführte. Hinter den letzten Häusern endete der Weg auf einem Hügel, vor
einer halbkreisförmigen Bank. Hier liessen sie sich nieder.
    Es war Nacht geworden. In tiefer Schwärze lag der See und spiegelte die
Fensterhelle der gegenüberliegenden Häuser.
    »Hans? Glaubst du, dass sie dich liebhat?«
    Forbeck vermochte nicht gleich zu antworten. »Kann man lieben, ohne zu
hoffen?«
    »So habt ihr euch noch nicht ausgesprochen?« klang es in rascher Folge.
    »Nein!«
    Werner atmete tief, als wäre ihm die schwerste Sorge von der Seele gefallen.
    »Liebe begehrt. Sie kann nicht anders. Vielleicht darf ich auch glauben, dass
ich ihr nicht gleichgültig bin, dass es mir gelingen könnte, ihre Liebe zu
verdienen. Aber was dann? Ihr Vater hat dafür gesorgt, dass sie gerade jetzt die
Schranke, die zwischen uns beiden liegt, in rauher Wirklichkeit vor Augen
sieht.«
    »Was meinst du damit?« fragte Werner und hörte schweigend zu, als ihm
Forbeck von Tassilos Verlobung mit Anna Herwegh erzählte, von dem Bruch zwischen
Vater und Sohn.
    »Dieses Zerwürfnis wird ihm den Weg zu seinem Glück erschweren, doch nicht
verlegen. Der Mann, wenn ihm eine Vergangenheit zerstört wurde, kann sich eine
Zukunft bauen. Aber ein Mädchen! Das mit hundert Banden an die Familie gekettet
ist, an alle Erinnerungen der Kindheit, an jeden Grundsatz, in dem es erzogen
wurde! Ich liebe sie mit jeder Fiber meines Herzens, ich vergehe in meiner
Sehnsucht, aber was liegt an mir! Wenn nur ihr erspart bleibt, was auf mich
gefallen ist. Ich muss fort, Werner! Haben diese Tage in ihr ein wärmeres Gefühl
für mich erweckt, so kann es nur erst der Keim einer Empfindung sein, den die
Zeit wieder ersticken wird, ohne tieferen Schmerz. Was mit mir geschieht, ist
gleichgültig. Aber ich will nicht die Ursache sein, dass auf ihren Lebensweg nur
ein einziger Schatten fällt. Sie ist geschaffen für die Sonne.«
    »Hans! Das war ein braves Wort! Ein anderer in deiner Lage hätte wohl anders
gehandelt. Es ist schwer, die schreiende Stimme seiner Sehnsucht stumm zu
machen. Da rennt man vor seiner treibenden Leidenschaft einher, taumelt blind
hinein in den Rausch des Augenblicks und will im Erwachen nicht begreifen, dass
man für immer verlor, was man zu gewinnen meinte!« Werner legte den Arm um
Forbecks Schultern. »Die Redlichkeit deines Herzens hat böse Dinge verhütet.«
    »Wie bettelarm wäre meine Liebe, wenn sie nicht die Kraft besässe, mehr an
den Frieden des geliebten Wesens zu denken als an den eigenen Hunger. Du würdest
mich begreifen, Werner, wenn du sie gesehen hättest. Sie ist wie eine Blüte, die
ein Frühlingsmorgen eben erst aus der Knospe weckt. Als ich sie zum ersten Male
sah, was ich da empfand! Ich meinte, es wäre die Himmelsfreude des Künstlers,
der plötzlich fühlt, dass vor seinem gefesselten Können ein Riegel sprang! Wenn
du wüsstest, wie es gekommen ist -«
    »Das sollst du nicht erzählen! Nicht jetzt! Es würde dich nur erregen. Und
wie soll es gekommen sein? Wie es immer kommt! Das Spiel, das die brave Mutter
Natur mit ihren sogenannten Mustergeschöpfen treibt, ist immer das gleiche. Zur
Abwechslung ändert sie nur den Stil. Wie ihr die Laune steht, lässt sie den alten
Einfall bald als Posse mimen, bald als Trauerspiel. Ich kenne das, Hans! Mehr
als mir lieb ist!«
    »Werner!« stammelte Forbeck. »Das hättest du erfahren? An dir selbst?«
    Ein kurzes Schweigen. »Ich? Nein! Aber mit fünfzig Jahren hat man sich
umgesehen in der Welt.« Werner blickte über den finsteren See hinaus. »Ich habe
meine Mutter geliebt, meine Kunst und dich!«
    »Was ich dir schulde, hab' ich nie so drückend empfunden wie jetzt. Du hast
mir die Hälfte deines Lebens geschenkt, hast dir das Anrecht auf mein
ungeteiltes Herz erworben. Und wie komm ich zu dir zurück?«
    »Rede keinen Unsinn, lieber Junge! Was solltest du mir schulden? Du weisst,
wie ich über gewisse Dinge denke. Es liegt als unerschütterliche Überzeugung in
mir, dass es mit uns Menschen für immer ein Ende hat in dem Augenblick, in dem
wir die Lider schliessen. Wozu noch eine Ewigkeit? Das Leben vergönnt uns Zeit
genug, um das zu erfüllen, was der Zweck eines Menschen sein kann. Aber man ist
eitel. Es ist unbehaglich zu denken, dass wir mit unserer fliegenden Phantasie
und unserem bohrenden Intellekt nicht viel höher stehen sollen als der Hund, den
wir füttern, als der Ochse, der den Weg alles Fleisches über unseren Teller
nimmt. Man möchte dauern! Das lehrt den einen glauben und beten, den anderen
schaffen. Dieser Trieb ist auch in mir. Ich will nicht vergehen ohne Spur.
Hinter mir soll etwas bleiben, nicht nur ein totes Werk meiner Hände, auch ein
Pulsschlag meines Lebens, ein Funke des Feuers, das in mir brannte. Ich habe
gesucht. Und es war nur mein Glück, dass ich gerade dich gefunden habe. Ich
erkannte dein Talent und sagte mir: Hier ist gute Erde, hier kannst du säen; was
du ihr anvertraust, wird Früchte tragen, wenn du nicht mehr bist.«
    »Werner!«
    »Was anderen ihre Seele ist, das bist mir du! Ich gebe dir, was ich habe,
weil du mir bist, was ich brauche. Aus keinem anderen Grund. Warum also Dank?
Wir beide sind quitt. Fühlst du dich im übrigen noch ein bisschen verpflichtet
durch die Erbschaft, die ich auf die gelegt, so richte dich auf, Hans, sei so
stark, wie du redlich bist! Nütze dein Leben, lass Glück oder Schmerzen kommen,
wie sie mögen! Und ehe dir die Hände sinken, lege den Kern deines Wesens wieder
in das Herz eines anderen. Dann wirst du dauern!« Werner erhob sich. »Komm! Das
alles reden wir heute nicht zu Ende. Wir brauchen Ruhe, um morgen mit klarem
Kopf unseren Weg zu suchen. Und wenn du jetzt nach Hause kommst, dann brenn' dir
die Lampe an und setze dich vor dein Bild. Dieser erste dicke Regenguss, der von
recht in die Kronen der Bäume schlägt, scheint mir denn doch ein bisschen zu
aschig in seinem schweren Grau. Da sollte mehr Durchsicht bleiben, sonst macht
dir das ein böses Loch in die Farbe. Auch im tiefsten Schatten steckt noch immer
ein Licht. Nur herausholen muss man's. Komm!«
    Forbeck schwieg, und langsam wanderten sie über den finsteren Weg zurück.
    In tiefer Stille lag der Seehof mit der verödeten Terrasse. Ein grosses Boot
war halb an die Lände gezogen, und glucksend schlug das Wasser gegen die
Bretter.
 
                                       2
Im Zimmer der Kleesberg waren die beiden Fenster geöffnet. Morgensonne lag auf
den Gesimsen und ein leuchtender Streif zog sich über den Teppich gegen den
Frühstückstisch. Tante Gundi sass in einem Fauteuil, den verbundenen Arm in der
Schlinge, den Schoss von einem flaumigen Guanacofell bedeckt, das Graf Egge vor
Jahren mit anderen Trophäen von einer südamerikanischen Jagdreise mit nach
Hubertus gebracht hatte. Still blickte sie vor sich hin und liess sich von Kitty
bedienen, die den Tee mit einem Ernst bereitete, als hinge von seinem Geschmack
die Genesung der Patientin ab. Kittys Wangen waren von einer müder Blässe, ihre
Augen von dunklen Ringen umzogen; aber sie schien vor Gundi Kleesberg alle Kunst
ihrer Selbstbeherrschung zu üben und brachte es sogar fertig, mit gleichmässiger
Ruhe zu plaudern:
    »Das wird ein herrlicher Tag heute. Der Doktor wird dir sicher gestatten,
einige Stunden im Freien zuzubringen. Das wird dich zerstreuen.« Kitty beugte
sich über den Tisch, um die Spiritusflamme unter dem summenden Kessel zu
mustern. »Vielleicht findet sich auch ein bisschen Gesellschaft für dich. Herr
Forbeck war gestern zweimal hier, um sich nach deinem Befinden zu erkundigen.
Wenn er heute wiederkommt, musst du ihn wohl empfangen.«
    »Meinst du?« fragte die Kleesberg mit der Scheu eines Kindes, das einen
stillen Wunsch nicht offen zu gestehen wagt.
    »Gewiss! Es ist doch begreiflich, wenn er sich sorgt um dich!« Kitty
verstummte, weil sie die Tür gehen hörte.
    Fritz brachte eine Karte.
    »Herr Forbeck?« fragte Kitty, die Wangen von einer feinen Röte überhaucht.
    »Nein, Kontess, ein mir unbekannter Herr. Er bat, der gnädigen Kontess
gemeldet zu werden, und entschuldigte sich wegen der frühen Stunde.«
    Verwundert nahm Kitty die Karte. Als sie gelesen hatte, sah sie betroffen
auf. »Das ist aber sonderbar! Denk' dir, Tante Gundi! - Professor Werner!«
    Gundi Kleesberg machte eine so jähe Bewegung, dass die Guanacodecke von ihrem
Schosse glitt.
    »Aber Gundi, so rede doch!« stammelte Kitty in wachsender Erregung. »Was
soll ich tun?«`Sie wandte sich an den Diener. »Wo ist er?«
    »Ich habe den Herrn ins Billardzimmer geführt.«
    Kitty warf die Visitenkarte in Tante Gundis Schoss. Wie im Flug ging's über
die Treppe hinunter. Vor der Tür des Billardzimmers stand sie still und drückte
die Hände auf die brennenden Wangen.
    Als sie eintrat, erhob sich Werner. Seine Augen glitten über die zierliche
Mädchengestalt und blieben an dem schmalen Antlitz haften, das in der breit
durch die Fenster quellenden Morgensonne wie von zartem Goldton überhaucht
erschien. Auf Werners Lippen erwachte jenes milde Lächeln, und es war etwas
gewinnend Herzliches in der Art, wie er auf Kitty zuging. »Verzeihen Sie die
Störung, Komtesse, die ein Fremde Ihnen verursacht.«
    »Kein Fremder!« unterbrach sie, halb noch befangen. »Was Sie sind, weiss man,
und wir haben in diesen Tagen so viel von Ihnen gesprochen, dass ich mich doppelt
freue, Sie kennenzulernen.« Sie reichte ihm die Hand. »Aber darf ich bitten?«
Ihre Hand befreiend, ging sie zum Erker und deutete auf einen Fauteuil. Als
Werner sich niederliess, spähte sie verstohlen nach seinem Gesicht, und es kamen
ihr jene Worte Tassilos in Erinnerung: »Denke dir Forbeck um fünfundzwanzig
Jahre älter; so sieht Werner aus!« Es war doch seltsam, diese Ähnlichkeit!
    »Sie haben sich wohl schon gefragt, was mich zu Ihnen führt?«
    »Ja, Herr Professor, ich habe mir ein bisschen den Kopf zerbrochen.« Der
heitere Ton, den sie anzuschlagen versuchte, gelang ihr nicht recht. »Aber
welche Ursache Sie auch zu uns führt, ich bin ihr dankbar. Herr Forbeck hat
immer mit so grosser Liebe und Verehrung von Ihnen gesprochen -«
    Es leuchtete in Werners Augen. »Da muss ich ihn widerlegen. Hans überschätzt
mich. Aber da wir schon von ihm sprechen - ich komme in seinem Auftrag, um Ihnen
für die geduldige Mühe zu danken, mit der Sie seine Arbeit unterstützten.«
    Kittys Augen öffneten sich weit, als würde für sie das Rätsel dieses
Besuches immer dunkler.
    »Auch soll ich Ihnen sagen, wie herzlich er bedauert, dass es ihm leider
nicht mehr vergönnt ist, sich persönlich von Ihnen zu verabschieden.«
    »Verabschieden?« stammelte Kitty. »Herr Forbeck verreist? So plötzlich? Und
das hat solche Eile, dass er nicht einmal eine Minute mehr findet, um -« Sie
vermochte nicht weiterzusprechen.
    Auch Werner schwieg. Diesen erschreckten Mädchenaugen war ein Bekenntnis
eingeschrieben, das er mit Sorge zu lesen schien.
    »Aber ich bitte Sie, Herr Professor! Wie ist denn nur das gekommen? So
unerwartet?«
    »Er muss so rasch wie möglich nach München.«
    »Rasch? So rasch? Aber -« Kittys Stimmung begann sich in unverhehlten Ärger
zu verwandeln. »Deswegen fährt der Zug nicht früher. Da wäre noch Zeit genug
gewesen! Verzeihen Sie, Herr Professor, ich selbst komme dabei nicht in Frage,
aber meine Tante, die sich doch wohl ein bisschen Rücksicht bei Herrn Forbeck
verdiente -« Kitty verstummte, ein jähes Erblassen ging über ihre Wangen. »Er
kann nicht kommen? Er ist krank? Verwundet? Das will er vor uns verheimlichen,
um uns nicht besorgt zu machen.«
    Jetzt war mit dem Rätsellösen die Reihe an Werner. »Hans? Verwundet? Wie
kommen Sie auf eine solche Vermutung, Komtesse?«
    »Hat er Ihnen denn nicht erzählt, was geschehen ist? Die unglückselige
Geschichte mit dem Adler, der aus dem Käfig entflog?« Kittys Worte sprudelten.
»Wäre Herr Forbeck nicht gewesen, es wäre mir übel ergangen. Diesmal ebenso wie
damals am Wetterbach! Denken Sie, mit beiden Händen fasste er den Adler! Ich war
zu Boden gestürzt - aber Tantchen wollte Herrn Forbeck zu Hilfe kommen, und
dabei hat sie die beiden Griffe in den Arm bekommen. Aber wir glaubten, dass
wenigstens Herr Forbeck unverletzt wäre -«
    »Das ist er auch! Beruhigen Sie sich!«
    »Nein! Er verheimlicht es auch vor Ihnen. Deshalb will er so schnell nach
München.« Wieder stockte sie. »Aber nein! Er ist doch in Hubertus gewesen,
gestern, sogar zweimal! Das stimmt nicht!« Verstört sah sie zu Werner auf. »Mir
scheint, ich rede ein bisschen wirr durcheinander. Freilich, es wäre kein
Wunder.«
    Werner meinte den Sinn dieser Worte zu verstehen; neben allem, was die
vergangene Minute ihn erkennen liess, musste er auch der Dinge denken, die er von
Forbeck über Tassilo gehört hatte. Der Abschied, zu dem es zwischen Bruder und
Schwester gekommen, mochte in dem Herzen des Mädchens noch mit schmerzlicher
Wirkung nachzittern.
    »Ich bitte um Vergebung, Komtesse - es war unrecht von mir, dass ich meinem
jungen Freund diesen letzten Besuch -« Es lag ihm auf der Zunge: ersparen
wollte. Er korrigierte sich: »dass ich diesen Weg für ihn übernahm. Ich würde das
unterlassen haben, wenn ich gewusst hätte, dass Hans der Dame, von der Sie
sprachen, verpflichtet ist. Nun ist es geschehen, und es war gutgemeint. Ich
bitte Sie, nehmen Sie Hans dem berechtigten Unmut Ihrer Tante gegenüber in
Schutz, und legen Sie alle Schuld auf mich! Und Sie selbst, Komtesse -« Er hatte
Mühe, seine Bewegung zu verbergen. »Zürnen Sie ihm nicht! Die Notwendigkeit
dieser Reise hat sich so plötzlich ergeben, er hat noch mancherlei zu ordnen.
Halten Sie ihm das zugute, und nehmen Sie seinen Abschied aus meiner Hand
entgegen.«
    Kitty hatte sich erhoben und reichte Werner die Hand. Ihren Augen war es
anzumerken, dass sie mehr auf alles hörte, was in ihrem Innern redete, als auf
die Worte, die an ihr Ohr schlugen.
    »Und wenn es der Zufall bringen sollte, dass Ihre Wege und die seinen von nun
an auseinanderführen, so bewahren Sie ihm ein freundliches Gedenken! Dass er
diese Tage nicht vergessen wird, dafür ist gesorgt. Die Begegnung mit Ihnen
wurde für ihn zu einem Wendepunkt seines Lebens, weckte das Beste seiner jungen
Künstlerseele und gab ihm die Kraft für ein Werk, das seinem Namen Ehre machen
wird. Und wenn Sie in kommender Zeit erfahren werden: Hans Forbeck hat sich
unter den Ersten seiner Kunst einen Platz erkämpft - so dürfen Sie sagen: dabei
hab' ich mitgeholfen. Dieser Gedanke wird Ihnen Freude machen. Nicht wahr,
Komtesse?«
    Kitty vermochte nicht zu sprechen; sie nickte nur, während sie auf Werner
niedersah, der ihre zitternde Hand an seine Lippen zog. Als er ging, machte sie
einen Schritt, wie um ihn zur Tür zu begleiten. Eine Stuhllehne geriet ihr unter
die tastende Hand, und da blieb sie stehen, so bestürzt, als hätte sich etwas
Unbegreifliches ereignet.
    Werner verliess das Haus. Als er aus dem Schatten der Veranda in die Sonne
trat, holte Fritz ihn ein: das »gnädige Fräulein« liesse den Herrn Professor
bitten. Werner stand in sichtlicher Unruhe. Was konnte Kitty ihm noch zu sagen
haben? Zögernd folgte der dem Diener. Als er in das Billardzimmer treten wollte,
wies ihn Fritz zur Treppe.
    Sie stiegen hinauf, und der Diener öffnete eine Tür. Werner trat ein und sah
sich einer bejahrten Dame gegenüber, deren Gesicht er nur unklar zu
unterscheiden vermochte, weil es im Schatten der durch die Fenster flutenden
Sonne lag - ein Gesicht mit den welken Zügen des Alters und den blühenden Farben
der Jugend.
    »Verzeihen Sie, Gnädigste, aber hier scheint ein Irrtum -« Werner
verstummte; er hatte den verbundenen Arm bemerkt, den die Dame in einer seidenen
Schlinge trug. In erwachender Teilnahme trat er näher und sah ihre Augen auf
sich gerichtet wie in Kummer und Angst; ohne Bewegung sass sie im Lehnstuhl.
Schon wollte er sprechen, da sagte sie zaghaft: »Sie erkennen mich nicht mehr?«
    »Ich vermag mich nicht zu erinnern -«
    »Es ist lange her! Und ich habe mich nicht zu meinem Vorteil verändert. Ich
bin alt geworden. Und hässlich. Wer mich heute sieht, möchte in mir nicht mehr
das lustige Mädel von damals vermuten - die närrische Gundi Kleesberg.«
    Dieser Name wirkte auf Werner, als wäre ein Blitzstrahl vor ihm
niedergefahren. Er tastete nach einem Stuhl.
    Nun sassen sie wortlos, Auge in Auge. Durch die offenen Fenster tönte das
Rauschen der Fontäne. Werner hing an diesem gealterten Gesicht, als könnte er
unter der Schminke und zwischen dem Vernichtungswerk der Jahre noch einen Zug
aus vergangener Zeit entdecken. Doch sie wollten einander nicht gleichen, diese
bemalte Welkheit und das Bild seiner Erinnerung: ein schmucker Lockenkopf mit
munteren Augen, mit vorwitzigem Näschen und mit den kirschroten Lippen, nach
deren Kuss er einst gedürstet hatte.
    Tief atmend, sagte er leis: »Es wäre besser gewesen, wenn uns diese
schmerzende Begegnung erspart geblieben wäre. Hätte ich ahnen können, wen ich in
Schloss Hubertus finden würde, ich hätte dieses Haus nicht betreten.«
    So hilflos wie ein gescholtenes Kind, liess Gundi Kleesberg das Kinn auf die
Brust winken. »Das war hart, Werner!«
    »Ich wollte Sie nicht kränken. Aber ich habe so viele Jahre gebraucht, um
ruhig zu werden, dass es mir nicht zu verdenken ist, wenn ich eine Störung dieser
Ruhe gern vermieden hätte.«
    Eine Pause trat ein. Scheu blickte Gundi zu ihm auf: »Sie wussten nicht, dass
ich in Hubertus bin?«
    »Nein. Der Tod Ihres Vaters und Ihr Eintritt in das Stift war die letzte
Nachricht, die mir vor fünfzehn Jahren ein Zufall von Ihnen brachte.«
    »Ein Zufall nur? Sie selbst haben nie den Wunsch empfunden, von der Gundi
Kleesberg zu hören?«
    Werner schwieg. Um seinen Mund huschte jenes Lächeln, das seine Freunde an
ihm kannten, und von welchem Tassilo gesagt hatte: »Eine Kunst, die sich bitter
lernt - es mag keine heitere Geschichte gewesen sein, hinter der ihm nichts
anderes verblieb als dieses Lächeln.«
    Gundi Kleesberg schien die stumme Sprache dieses Lächelns zu verstehen.
Dunkle Röte glühte durch die Schminke ihrer Wangen. »Auch Sie, Werner? Auch Sie
sind einsam geblieben?«
    »Einsam? Nein! Ich hatte meine Kunst. Ich halte wenig von dem, was ich heute
gelte in der Welt, habe die Arbeit immer nur geliebt um ihrer selbst willen.
Dennoch sag' ich es vor Ihnen mit einer verzeihlichen Regung von Stolz: Aus dem
Werner ist was geworden. Er hat bewiesen, dass er das verächtliche Misstrauen
nicht verdiente, mit dem Ihr Vater ihn von seiner Schwelle wies.«
    Zitternd bedeckte Gundi Kleesberg die Augen. »Ach, Werner, man hat uns ein
schönes Glück zerstört!«
    »Das taten nicht die anderen. Das haben wir selbst getan.«
    »Ich! Ich allein bin die Schuldige. Mit meiner Feigheit! Hätt' ich den Mut
gehabt, alles wäre gut geworden! Nur Feigheit war es, als ich mich in deine Arme
warf, um in Heimlichkeit zu erzwingen, was ich offen von meinem Vater nicht zu
fordern wagte. Feigheit war es, als ich schwieg, bis ich sprechen musste!
Feigheit, als ich mich jedem Zwang meines Vaters fügte -« Ihre Stimme erlosch,
während sie trostlos vor sich niederstarrte. »Alles wäre noch gut geworden,
hätte nur mein Kind gelebt!«
    »Meinst du?« sagte Werner hart. »Dein Vater hätte auch in diesem Falle
Mittel und Wege gefunden, die Sache auf seine Art zu erledigen und den Skandal,
wie er sich auszudrücken liebte, aus der Welt zu schaffen. Sogenannte brave
Leute, die sich für ein paar hundert Mark einen Kostgänger gefallen lassen,
hätten sich ohne Mühe gefunden, irgendwo in einem Winkel, aus dem keine Stimme
zu den Ohren der guten Gesellschaft reicht. Und alles wäre in schönster Ordnung
gewesen. Freilich, das Kind! Aber was liegt an solch einem unbequemen Geschöpf!
Wenn nur der Klatsch zur Ruhe kommt. Nicht wahr? Das Kind kann misshandelt werden
und hungern, verderben an Leib und Seele!«
    »Nein, nein!« stammelte Gundi Kleesberg. »Besser tot!«
    »Und wär' es gewachsen und hätte, von der Natur mit gutem Kern begabt, alles
Elend einer solchen Kindheit überwunden? Und ein unglückseliger Zufall hätte ihm
seine Herkunft verraten, ohne ihm den Vater oder den Namen der Mutter zu nennen,
der bei dem Geschäft mit den braven Leuten klug verschwiegen wurde? Was dann? Es
war doch wohl ein Knabe? Oder nicht, Gundi? Der Brief, in dem mir dein Vater den
Tod des Kindes zur Mitteilung brachte, war ein bisschen unklar. Aber was dann?«
Schmerzvolle Bitterkeit wühlte in Werners Stimme. »Der arme Junge hätte an
seinen Füssen eine Kette durchs Leben geschleppt und in seinem Herzen einen
quälenden Stachel getragen. Jeder Gedanke an den Vater wäre ihm zu einer
Verwünschung geworden, jeder Gedanke an die Mutter -«
    Werner verstummte.
    Und Gundi Kleesberg versank zwischen den Lehnen des Fauteuils. Tränen
rollten ihr über die Wangen. »Es war hart für mich, dass ich mein Kind verlieren
musste. Ich hab' es geliebt und hab' es nie gesehen. Mit seinem kleinen Leben ist
meine letzte Hoffnung erloschen. Aber besser so, wie es ist. Hätt' es gelebt und
alles wäre gekommen, wie du sagst - ach, das arme Kind!«
    Alle Bitterkeit schwand aus Werners Zügen, und in seinen Augen erwachte ein
warmer Glanz, als fände er in diesem welken, von Tränen und zerflossener
Schminke bedeckten Gesicht jetzt, da auf ihm die Sprache des Schmerzes
geschrieben stand, jene Erinnerung der entschwundenen Jugend wieder, die er vor
wenigen Minuten umsonst gesucht hatte. »Gundi! Liebe Gundi!« Er zog ihr die Hand
von den Augen.
    Scheu blickte sie zu ihm auf. »Wie gut du bist! Sei ohne Sorge! Ich will dir
nicht vorjammern von mir, von dem bösen, zwecklosen Leben, das meine Feigheit
über mich brachte. Um deinetwillen hätt' ich mir den Wunsch versagen sollen,
dich noch einmal zu sehen. Doch ich wollte nur hören, dass dir das Leben leichter
und schöner wurde als der Gundi Kleesberg. Sag' mir das, Werner, und ich bin
zufrieden!«
    Er streichelte ihre Hand und sagte mit seinem milden Lächeln: »Leicht? Nein,
Gundi! Aber die Arbeit war mir ein Trost.«
    »Nur die Arbeit?« Ihre Augen öffneten sich weit, ihre Stimme wurde leiser.
»Nicht auch dein Sohn?«
    Ein kaum merklicher Schreck. Dann dieses ruhige Wort: »Deine Frage ist mir
unverständlich.«
    Sie machte eine schüchterne Bewegung mit der Hand. »Ich begreife, Werner, er
soll es nicht wissen. Und niemand. Sein Leben soll ohne Kette sein, sein Herz
ohne Stachel. Ich habe jedes deiner Worte behalten. Du versagst deinem Herzen,
was er dir bieten könnte als Sohn - und gibst ihm als Freund alles, was ein
Vater nur geben kann! Du bist ihm, was du auch unserem Kind gewesen wärst, wenn
es hätte leben dürfen. Ich kenne dich, Werner! Vor mir brauchst du es nicht zu
verbergen. Aber sag' mir zu meinem Trost, Werner: dass du eine Freude fandest,
ein Glück, das dich vergessen liess, was früher war!«
    »Das kann ich nicht sagen. Denn ich habe nicht vergessen. Nie! Dass ich
Betäubung suchte? Es wäre sinnlos und unehrlich, das zu leugnen. Kunst und
Entsagung? Das verträgt sich nicht - auf die Dauer. Aber ich? Und Glück? Nein,
Gundi! Da irrst du dich! Sollte dir das nicht ein Trost sein, den du lieber
hörst?«
    Heftig schüttelte sie den Kopf. »Sag' es mir, Werner, ich bitte dich!«
    »Es ist die Wahrheit: Ich habe die Frau, die Forbeck seine Mutter nannte,
nie im Leben gesehen. Ich war einsam und suchte nach einem Menschen, den ich
lieben könnte. So fand ich diesen verwaisten Jungen. Ich erkannte seine
überraschende Begabung und hab' ihn erzogen zu einem Kind meines Geistes.«
Tiefer Ernst war in Werners Augen. »Ich hätte Freude an ihm erleben können. Und
wie hab' ich ihn jetzt gefunden! Warum hast du mich nicht gefragt, was mich
heute in dieses Haus führte? Ich kam, ohne dass er es wusste - weil ich ihm den
Abschied leichter machen wollte. Errätst du nicht, weshalb? Ich habe mein Können
und Denken in ihn gelegt. Zu meiner Freude gleicht er mir in vielen Dingen. Aber
die Ähnlichkeit des Schicksals hätt' ich ihm lieber erspart gewusst!«
    Erschrocken stammelte Gundi Kleesberg: »Er? Und Kitty?«
    Werner nickte. »Sein Leben wird werden wie das meine.«
    Eine Weile sass die Kleesberg wie versteinert. »Ach du allgütiger Himmel!
Auch dieses Unglück noch! Wie hat es denn nur geschehen können? Ich hab's nicht
kommen sehen und hab' es doch gefürchtet von der ersten Stunde an. Wo hatte ich
nur meinen Kopf? Ich war so ganz versunken in mich selbst! Was sein Anblick in
mir weckte, das machte mich ganz verdreht. Sooft ich ihn ansah, war mir, als
stünde die vergangene Zeit wieder auf. Und während ich alte Närrin die Augen
verdrehte, ist das Unglück über die Kinder gekommen? Und nun sollen sie elend
werden wie wir? Nein, Werner! Jetzt will ich Mut haben. Den Anfang hab' ich
schon gemacht. Oder weisst du nicht, was geschehen ist? Sieh her, Werner!« Mühsam
versuchte sie den verbundenen Arm zu heben.
    Nur Werners Augen redeten; sein Mund blieb streng geschlossen, als wäre ihm
bange vor jedem Wort, das ihm die Erregung des Augenblicks entreissen könnte.
    »Feig bin ich gewesen, immer feig, solang es um mich gegangen ist, um mein
eigenes Glück. Jetzt will ich Mut haben. Denn sage mir, was du willst - dein
Wort in Ehren - aber er ist dein Sohn! Solche Ähnlichkeit bringt kein Zufall und
keine Seelenharmonie. Schon das erstemal, bei der verwünschten Klause, in der
auch das Unglück ihrer Mutter anfing, war es mir, als stündest du selbst vor mir
so wie in deinen jungen Jahren. Und als er kam, als ich ihn sprechen hörte und
bei der Arbeit sah - ganz wie du, Werner - da hatte ich keinen Zweifel mehr! Und
in der Ulmenallee, bei dieser unglückseligen Menageriegeschichte, als der Adler
nach ihm hackte, da sah ich nur dich in ihm. Und da kam der Mut! Ich musste! Und
wär' es nicht nur ein Adler gewesen, ein Tiger, ich hätt' ihn gepackt!« In ihrer
Erregung griff sie mit beiden Händen in die Luft und stiess einen Wehruf aus -
sie hatte des wunden Armes vergessen.
    »Gundi!«
    »Lass, Werner! Jetzt haben wir an Wichtigeres zu denken als an mich! Sag' mir
-« Im Nebenzimmer ging eine Tür, und erschrocken verstummte Gundi Kleesberg.
Dann beugte sie das heisse Gesicht gegen Werner und flüsterte: »Liebt sie ihn?
Aber was frag' ich noch! Sie muss ihn lieben. Er gleicht ja dir! Und wenn es in
ihr noch schlummern sollte -« Wieder verstummte sie.
    Die Tür wurde geöffnet, und Kitty stand auf der Schwelle; während Gundi
Kleesberg ihre Sinne mühsam zu sammeln suchte, sah Werner betroffen zu Kitty
auf, deren Gesicht keine Spur jener Erregung mehr gewahren liess, in welcher
Werner sie verlassen hatte. Die Wangen waren zart gerötet, ihre Augen leuchteten
in stillem Glanz, und den Mund umspielte ein verträumtes Lächeln.
    »Sie, Herr Professor?« Staunend zog sie die Brauen auf. »Ich dachte Sie
schon auf der Fahrt zum Bahnhof. Aber ich hätt' es mir denken können, dass die
Gundi Kleesberg die schöne Gelegenheit, Ihre Bekanntschaft zu machen, beim
Rockzipfel erwischen würde. Hat sie Ihnen eingestanden, wie sehr sie für Ihre
Bilder schwärmt? Hat sie erzählt, dass sie vor Ihrem Späterbst in der
Ausstellung Tränen vergoss?«
    »Kitty!« stotterte Gundi Kleesberg.
    »Wirkliche Tränen! Erbsengross!«
    »Das hat sie mir nicht erzählt!« sagte Werner. »Aber sie hat mir manches
gesagt, was mir Freude machte. Einem Künstler widerfährt es selten, sich in
seinen geheimsten Gedanken verstanden zu sehen. Diese Freude hab' ich jetzt
erleben dürfen. Bei meinem Schaffen ist viel Bitterkeit nebenhergelaufen. Aber
eine Stunde wie diese macht alte Schatten vergessen und lässt mir die Erinnerung
an alles Helle wertvoll erscheinen!«
    »Ja! Tante Gundi ist eine rasende Kunstkennerin! Aber im Hochgenuss, eine
solche gefunden zu haben, scheinen Sie nicht mehr an Ihre knappe Zeit zu denken.
Verzeihen Sie, lieber Herr Professor, aber -« Kitty zog ihr goldenes Ührchen aus
dem Gürtel, liess den Deckel aufspringen und hielt das Zifferblatt vor Werners
Augen. »Zwanzig Minuten über neun! Um elf geht der Zug. Mein Bruder Tas ist
gestern mit dem gleichen Zug gefahren. Wenn Sie den Anschluss nicht versäumen
wollen, haben Sie Eile.«
    Werner schien ein bisschen aus der Fassung gebracht; verwundert zu Kitty
aufblickend, erhob er sich. »Ich danke Ihnen, Komtesse!« Er griff nach seinem
Hut und sagte zu Gundi Kleesberg: »Ich hab' es gern gehört, dass mein Späterbst
Ihre besondere Teilnahme erweckte. Vielleicht ist Ihnen auch der Vorwurf des
Bildes nicht unbekannt: ein landschaftliches Motiv aus Ihrer Heimat, aus
Franken. Ich habe dort in meiner Jugend schöne Tage verlebt, an die ich auch
heute noch dankbar zurückdenke, obwohl sie ein trübes Ende mit Sturm und Regen
nahmen. Ich habe diese Landschaft oft gemalt, sie wird immer wieder lebendig
unter meiner Hand. Und dieser Späterbst ist kein Bild für die Welt, nur für
mich selbst geschaffen und für das Auge des Kenners. So gut wie Sie, gnädiges
Fräulein, dürfte noch niemand den tiefsten Sinn dieser träumenden Farben
verstanden haben! Darf ich Ihnen das Bildchen schicken?«
    Gundi Kleesberg war keines Wortes mächtig; zitternd blickte sie zu Werner
auf.
    Kitty legte den Arm um ihre Schulter. »Aber Tante Gundi! So sag' doch: Ja!«
    »Nein, nein, wie darf ich - das ist ein fürstliches Geschenk!«
    »Um so besser!« erklärte Kitty. »Wenn Könige schenken, gibt es keinen
Widerspruch, da nimmt man und bedankt sich alleruntertänigst! Herr, Professor,
das Bild soll ins beste Licht kommen! Und Tante Gundi erhält von mir bei der
nächsten unpassenden Gelegenheit einen Betstuhl beschert, als unentbehrliches
Requisit für die voraussichtliche Abgötterei, die sie mit dem Späterbst treiben
wird.« Sie wartete nicht, bis Werner die zitternde Hand wieder freigab, die
Gundi Kleesberg ihm gereicht hatte, sondern schob ihren Arm unter den seinen und
zog ihn zur Tür. »Nun ist es aber höchste Zeit! Oder Sie versäumen noch wirklich
den Zug! Und grüssen Sie Herrn Forbeck von mir! Sagen Sie ihm, dass er vollkommen
entschuldigt ist. Jetzt weiss ich, weshalb er reisen muss.«
    Erschrocken sah er in ihr glühendes Gesicht. »Sie wissen -«
    »Jawohl!« Sie nickte kurz und entschieden. »Und sagen Sie ihm, dass ich ihm
danke dafür! Adieu, Herr Professor! Glückliche Reise!«
    Wortlos verneigte sich Werner und trat in den Flur hinaus.
    Kitty drückte hinter ihm die Tür zu und sah wieder auf die Uhr. »Zehn
Minuten ins Dorf, eine Stunde zwanzig zur Station - er kommt noch zurecht!« Sie
ging zur Kleesberg, die vor sich hinträumte, verstört und doch mit glücklichem
Lächeln, wie ein Kind, das am Weihnachtsmorgen erwacht, im Herzen den Nachklang
einer heiligen Freude und dabei die Furcht, es könnte alles nicht wahr gewesen
sein. »Gundelchen? Kannst du dich immer noch nicht erholen? Sprich doch! Freude
muss man aus sich herausreden. Verschluckt man sie, so kommt sie in dunkle
Bedrängnis. Übrigens - Werners Grossmut in allen Ehren - aber den wunderbaren
Späterbst hast du doch niemand anderem zu verdanken als Herrn Forbeck! Er wird
seinem Lehrer erzählt haben, wie gross du von ihm denkst, und wie sehr du ihn
verehrst.«
    »Kind! Liebes Kind!« In Erregung fasste die Kleesberg Kittys Hand. »Komm!
Setz dich zu mir! Nimm dir einen Sessel!« Trotz dieser Aufforderung gab sie
Kittys Hand nicht frei, sondern zog sie zu sich nieder auf die Lehne des
Fauteuils. »Sag' mir aber offen und ehrlich -«
    »Was?«
    »Weisst du, weshalb uns Herr Forbeck so plötzlich verlässt?«
    »Aber selbstverständlich! Im ersten Augenblick hat mich die Sache allerdings
ein bisschen konfus gemacht. Die reine Gedankenlosigkeit! Dass ich mich nicht
gleich auf das einzig Mögliche besann!« Kittys Stimme dämpfte sich. »Gestern hat
ihm Tas geschrieben. Weisst du, Tas und Forbeck sind Freunde. Und da hat ihn Tas
um was gebeten, und deshalb muss er heute nach München. Und ich sage dir, es ist
von Herrn Forbeck sehr schön gehandelt, dass er alles im Stiche lässt, um die
Bitte meines Bruders zu erfüllen. Ich teile dir das mit, um dich über Forbecks
Abreise zu beruhigen. Aber ich bitte dich, frage mich nicht wegen Tas! Du wirst
es noch früh genug erfahren.«
    Gundi Kleesberg schien keine Spur von Neugier zu empfinden. Sie fragte nur:
»Glaubst du, dass er wiederkommen wird?«
    »Natürlich! Er muss doch sein Bild fertigmalen. Dazu braucht er die
Landschaft - und sonst noch allerlei.«
    »Ja, Kind, er muss wiederkommen! Und ich sage dir, dieses Bild wird Aufsehen
machen!«
    »Ach, du Kunstkennerin! Soviel ersteh' ich auch!«
    »Du hättest nur hören sollen, wie Werner von seinem Talent gesprochen! Und
was seinen Charakter betrifft -« Gundi Kleesberg wurde in ihrer Erregung immer
wunderlicher. »Ich will schon gar nicht von seiner äusserlichen Erscheinung
sprechen, obwohl auch das - wie soll ich sagen - Beachtung verdient. Ich kenne
deinen Geschmack nicht - aber ich finde ihn schön!«
    »Schön?« Kitty studierte. »Nein, Gundi! Das ist zuviel gesagt. Nur seine
Augen - ja, da kannst du recht haben, seine Augen sind schön!«
    »Weil der ganze gute, vornehme, tüchtige Mensch aus ihnen herausblickt!«
    »Das ist merkwürdig!« staunte Kitty. »Du warst doch nie berühmt wegen deiner
Menschenkenntnis. Und nun plötzlich zeigst du eine Beobachtungsgabe für
Charaktere, so scharf und zutreffend - ich bin überrascht!«
    Gundi Kleesberg schien über diese Anerkennung in eine Freude zu geraten, für
die sie keine Worte fand. Mit glänzenden Augen zu Kitty aufblickend, streichelte
sie ihre Hand, als hätte sie nicht ein unerwartetes Kompliment, sondern eine
ersehnte Botschaft vernommen.
    Dieses auffällige Missverhältnis zwischen Ursache und Wirkung machte Kitty
stutzig. »Gundelchen? Was hast du denn?«
    »Ach, Kind! Das waren doch so schöne Tage! Ich kann dir gar nicht sagen, wie
sehr ich mich auf seine Rückkehr freue. Und weisst du, wenn es wirklich der Fall
sein könnte, dass er verhindert wäre -«
    »Verhindert?« Es schien, als würde Kitty von Gundis seltsamer Erregung
angesteckt. Dann schüttelte sie den Kopf und lächelte. »Ich hab' eine Ahnung,
als sollte ich Herrn Forbeck bald wiedersehen. Sehr bald! Mir schwant so was von
einer Überraschung. Tas wird Augen machen!«
    Jetzt war an Gundi Kleesberg die Reihe, stutzig zu werden. »Kitty?« Aber da
wandte sie das Gesicht zum offenen Fenster und lauschte.
    Von der Parkmauer war ein dumpf klingender Ton durch die Ulmenallee bis zum
Schloss gedrungen.
    Werner hatte das eiserne Torgitter hinter sich zugeworfen und war auf die
Strasse getreten. Die Augen zu Boden geheftet, im Gesicht das erregte Spiel
seiner wirbelnden Gedanken, schritt er dem Dorf entgegen. Als er das
Brucknerhaus erreichte, sah er vor dem Zauntor den Einspänner stehen, den er für
neun Uhr bestellt hatte. Und Forbeck schien erraten zu haben, welchem Zweck
dieser Wagen dienen sollte - der Bock war schon mit den Reisetaschen und den zu
einem Bündel geschnürten Malgeräten beladen.
    Werner eilte in das Haus und über die Treppe hinauf. Die geräumte
Giebelstube machte einen öden Eindruck. Auf dem Tisch lag eine grosse, mit grauem
Packpapier umwickelte Rolle - das Bild. Bei Werners Eintritt erhob sich Forbeck
mit blassem Gesicht, er trug schon den Überrock und hatte Hut und Schirm in der
Hand. »Guten Morgen, Werner!« Ein müdes Lächeln. »Du siehst, ich bin
reisefertig. Als der Wagen kam, glaubte ich zu verstehen -« Seine Stimme bebte.
»Du warst in Hubertus?«
    »Ja, Hans. Das Schreiben wäre dir eine Qual gewesen, der persönliche
Abschied eine Gefahr - für euch beide!«
    »Ich danke dir! Es ist besser so. Nur eines ist mir leid. Es wohnt in
Hubertus noch eine Dame, der ich sehr zu Dank verpflichtet bin.«
    »Fräulein von Kleesberg?« Werners Stimme bekam einen seltsam befangenen
Klang. »Ich habe mit ihr gesprochen. Du kannst ohne Sorge sein, es geht ihr
besser. Und sie lässt dich grüssen.« Er legte seine Hand mit schwerem Druck auf
Forbecks Schulter: »Das ist eine seelengute, prächtige Dame! Der musst du eine
herzliche Erinnerung bewahren! Jetzt komm!«
    Vor dem Haus erwartete sie der Bauer. Auch Mali erschien mit dem Netterl auf
dem Arm; als ihr Forbeck die Hand reichte, fand sie nur ein paar kurze Worte;
wie erleichtert atmete sie auf, als der Wagen davonrollte.
    »Geh,« sagte der Bauer, »hättst mit dem jungen Herrn doch a bissl
freundlicher sein sollen! Soviel gut is er gwesen mit uns! Und du hast dich
gestellt, als ob d' froh wärst, dass er endlich draussen is zum Haus!«
    »Froh?« Zwei Tränen rannen über Malis Mund. »Dös Wörtl kenn ich nimmer,
Lenzi! Und was wir zwei mitanander tragen müssen, tragt sich leichter unter uns
als vor fremde Augen!« Sie trat ins Haus.
    Von der Strasse tönte noch das Geholper des Wagens.
    Als der Einspänner am Zaunerhaus vorüberfuhr, klang aus einem von welkendem
Weinlaub umsponnenen Fensterchen des oberen Stockes eine lustige Stimme. Das
feine Lieserl hantierte mit ihren Parfümgläsern und sang dazu:
»Und ich lieb dich so fest,
Wie der Baum seine Äst!
Wie der Himmel seine Stern,
Grad so hab ich dich gern!«
    Den Jodler summend, hielt sie eines der Gläser gegen die Sonne, dann griff
sie nach einem anderen und sang:
»Und a bisserl a Lieb,
Und a bisserl a Treu,
Und a bisserl a Falschheit
Is allweil dabei!«
    Die beiden Strophen gehörten nicht zueinander, aber sie gingen beim Lieserl
nach der gleichen Melodie.
 
                                       3
Die Nachricht, dass Graf Egge den Hornegger-Franzl davongejagt hätte, machte im
Dorf die Runde von Haus zu Haus - Schipper hatte dafür gesorgt, dass die Sache
nicht verschwiegen blieb. Und weil man über die Ursache was Näheres nicht
erfahren konnte, zerbrach man sich den Kopf mit der Frage, durch welches
Verschulden Franzl die harte Strafe über sich heraufbeschworen hätte. Zu
gleicher Zeit verbreitete sich auch die Nachricht, dass ein reicher Bauernsohn
aus einem über der Grenze liegenden Dorf, der Mühltaler-Sepp von Bernbichl,
spurlos verschwunden wäre. Und da brachte man diese beiden Ereignisse
miteinander in mysteriösen Zusammenhang. Man wusste, dass der Sepp »gegangen« war.
Und schliesslich trug es eine Nachbarin der anderen über den Zaun: der
Hornegger-Franzl wäre mit dem Mühltaler-Sepp im Einverständnis gewesen, Graf
Egge wäre hinter die Geschichte gekommen, und so hätte Franzl sein Bündel
schnüren müssen, und der Mühltaler-Sepp wäre entweder verduftet, oder - bei
diesem »oder« verstummte man und schielte gegen die Berge hinauf.
    Das dunkle Gerede gewann noch an Nahrung, als am Vormittag des 1. September
ein alter weisshaariger Bauer im Dorf erschien und sich mit auffälliger Scheu
nach dem Haus des Hornegger-Franzl erkundigte.
    Die kummervollen Augen zu Boden gesenkt, wanderte der Alte über die Wiesen.
Am Jägerhaus fand er die Tür geschlossen. Erst nach längerem Klopfen öffnete ihm
die Horneggerin. Sie hatte verweinte Augen und musterte misstrauisch den Bauer,
den sie nicht kannte. Auch der Alte sah scheu zu ihr auf. »Ich hätt a bissl ebbes
z'reden mit dem Herrn Jager. Is er daheim?«
    »Na!« erwiderte die Horneggerin erregt. »Was wollts denn von ihm?«
    Forschend sah der Alte in das Gesicht des Weibes, als möchte er die Wirkung
seines Namens beobachten. »Ich bin der Mühltaler aus Bernbichl.«
    »So?«
    »Haben S' mein' Nam noch nie net ghört?«
    »Na!«
    »Und Ihr Sohn hat nie net gredt mit Ihnen vom meinigen?«
    »Na! Nie net! Und mein Bub is net daheim. Pfüet Ihnen Gott!«
    Die Horneggerin wollte die Tür schliessen, doch der Alte setzte den Fuss über
die Schwelle. »Frau! Lassen S' reden mit Ihnen. Schauen S' mich an in meiner
Kümmernis!« Tränen kugelten ihm über die furchigen Backen.
    »Mar' und Josef, Mensch, was haben S' denn?« fragte die Horneggerin
erschrocken und zog den Alten in den Flur. Kopfschüttelnd verschloss sie die
Haustür, warf einen Sorgenblick über die Treppe hinauf und ging dem Mühltaler
voran in die Stube.
    Hier sassen sie fast eine Stunde lang. Und als der Bauer das Haus verliess,
begleitete ihn die Horneggerin bis zum Zaun. Ihre Hände zitterten, ihr Gesicht
war weiss. Der Mühltaler sah sie an und seufzte. »Jetzt hab ich Ihnen Verdruss
gmacht, gelt? Aber wie mir zutragen worden is, was d' Leut im Seedorf reden, hab
ich mir halt denkt: Machst den Weg, vielleicht hörst ebbes über dein' Buben.
Müssen S' mir net harb sein!«
    Die Horneggerin schüttelte den Kopf. »Ihnen kann ich nix verübeln. Aber d'
Leut! Zwanzg Jahr lang haben s' mit angsehen, wie mein Franzl is. Und jetzt,
jetzt springen s' auf ihm rum mit die gnagelten Schuh und trauen ihm die
Schlechtigkeit zu, er könnt Kameradschaft halten mit -« Sie verstummte.
    Der Mühltaler liess den Kopf sinken. »Halten S' Ihnen net zruck! Ich kann'
net leugnen, mein Bub is keiner von die Brävern gwesen. Allweil hab ich schelten
müssen. Aber gern ghabt hab ich ihn doch. Is mein einziger gwesen! So ebbes is
hart, Frau Förstnerin! Aber nix für ungut! Such ich halt weiter!«
    Als die Horneggerin in das Haus zurückkehrte, klang es über die Treppe
herunter: »Mutter?« Auf der obersten Stufe stand Franzl, in Hemdärmeln und ohne
Schuhe. »Wer war denn da?«
    »Einer von die Nachbarsleut.«
    »Hat er ebbes gredt? Von mir?«
    »Net an einzigs Wörtl. Hab doch a bissl Verstand! D' Leut schauen die Sach
net so gfahrlich an wie du! Und kommt der Brief vom Grafen Tassilo, so is doch
eh wieder alles in Ordnung.«
    Die Horneggerin ging in die Küche, um für Mittag zu kochen. Aber es liess ihr
bei der Arbeit keine Ruhe, sie musste hinauf zu ihrem Buben.
    Eine kleine, weiss getünchte Stube; die Dielen gescheuert und mit einem
Leinwandläufer belegt; ein Kruzifix, ein paar Heiligenbilder, vier Farbendrucke,
welche Jagdszenen darstellten, ein Zapfenbrett mit der Ausrüstung des Jägers und
ein Dutzend Geweihe. Am Fenster stand ein Werktisch mit einem Schraubstock, vor
welchem Franzl sass; er feilte an einem Gewehrhahn, um ihn der zu Schaden
gekommenen Büchse anzupassen, und war anzusehen wie nach schwerer Krankheit, die
Wangen eingefallen, die Augen von bläulichen Ringen umzogen. Seufzend öffnete er
den Schraubstock und drückte den Hahn über den Zapfen der Büchse. »Jetzt passt
er! 's Büchsl wär wieder in Ordnung! Aber ich?«
    Die Mutter zog seinen Kopf an ihre Brust, streichelte ihm das Haar und
kramte allen Trost wieder aus, den sie ihm schon zu dutzend Malen vorgeredet
hatte.
    Er hörte sie schweigend an und nickte ein paarmal vor sich hin.
    Vorsichtig begann die Horneggerin von Bernbichl zu reden, von einem
Bauernsohn. »Mühltaler heisst er. Kennst ihn vielleicht?« Als Franzl gleichgültig
den Kopf schüttelte, atmete sie erleichtert auf, war aber noch immer nicht ganz
beruhigt. »Bub? Sag mir's ehrlich: hast mir nix verschwiegen?«
    »Ich? Verschwiegen?« stotterte Franzl, während es ihm heiss über die hageren
Wangen fuhr.
    Die alte Frau erschrak. »Schau, Bub, ich kenn dich doch! Der Pfarr liest net
besser im Messbuch als ich in deine Augen. Ich merk dir's an: es druckt dich noch
ebbes.«
    Ein dumpfes Pochen. Die Horneggerin hörte nicht. »So red doch, Bub, ich
vergeh ja vor lauter Sorg!«
    Es pochte wieder, und Franzl erhob sich. »An der Haustür klopft einer.«
    »Ich geh net, eh mir net gsagt hast -«
    »No ja, wenn's dich beruhigen kann! Heut am Abend verzähl ich dir alles.
Täuscht hab ich mich halt - in einer, auf die ich gschworen hätt!«
    »O du grundgütiger Heiland!« jammerte die Horneggerin. »Zu allem Unglück
noch a Binkel traurige Liebsgschichten! Dös is uns grad noch abgangen!« Drunten
an der Haustür wurde wieder geklopft. »Ja, ja, ich komm schon! Dem pressiert's
aber!« Sie strich mit der Schürze über die Augen und verliess die Stube.
    Als sie die Haustür öffnete und Patscheider vor ihr stand, war sie noch zu
sehr mit ihrem Buben beschäftigt, um die flackernde Unruhe zu gewahren, die in
den Augen des Jägers brannte. »Grüss Gott!« sagte sie und ging ihm voran in die
Stube.
    Patscheider legte das Gewehr auf die Wandbank. »Was macht er denn?«
    Die Horneggerin schüttete ihr bekümmertes Herz aus. Der Jäger sass mit
bleichem Gesicht, und als die Försterin auf das üble Leutgerede zu sprechen kam,
ballten sich Patscheiders Hände zu zitternden Fäusten. »Hab schon ghört davon,«
sagte er heiser, »und grad hat im Wirtshaus einer von die Schiffknecht a Wörtl
fallen lassen. Den hab ich hindruckt an d' Wand. Der wird 's Maul halten jetzt!
Aber weil wir schon reden davon - d' Leut sagen, dass der alte Mühltaler grad bei
enk da gwesen is?«
    Die Försterin nickte.
    Im Gesicht des Jägers verschärfte sich jeder Zug. »Was hat er denn wollen?«
    »Sein' Buben sucht er. Und völlig erbarmt hat er mich! Grad auf deim Platz,
da is er gsessen.«
    Der Jäger rückte rasch auf die Seite und guckte das Brett mit scheuen Augen
an.
    »Es is sein einziger gwesen. So ebbes is hart, Patscheider!«
    »Ja, Försterin, hart!« Schweisstropfen standen auf der Stirn des Jägers.
»Meint der Bauer, man hätt ihm sein' Buben erschossen? Ghört hab ich nix, dass
bei uns in der Gegend a Malör passiert wär. Aber gwildert hat er - wie d' Leut
sagen. Freilich, der Vater!« Patscheiders Stimme schwankte. »Da muss man sich
halt in d' Haut vom Jager einidenken! Kann sein, er hat Weib und Kind. Und da
muss er halt sagen: der ander oder ich. Dös hat keine von unsere Weiber gern,
wenn man ihr den Mann auf'm Schragen in d' Stuben bringt - weil der ander der
Gschwinder war!«
    Seufzend drückte die Horneggerin die zitternden Hände an die Schläfen und
sah die Tür an, durch die man ihr vor Jahren den Mann hereingetragen hatte mit
der Kugel des Wildschützen im Herzen.
    »Und hat der Jager 's Glück, dass er davonkommt - da is er net z'neiden!
Hundertmal in der Nacht kann er sich sagen: Dienst und Pflicht! Ja freilich! Es
frisst ihm halt doch an der Seel und druckt ihn am Hals, dass ihm der Schnaufer
schier vergeht!« Patscheider sprang auf. »Lassen wir's gut sein! Reden wir
lieber vom Franzl! Er soll sich kein' Kummer net machen, weil er fortkommt von
uns! Mit'm Grafen is net gut hausen. Ich mit mei'm Haufen Kinder, ich bin
anbunden und muss mir alles gfallen lassen. Aber der Franzl hat ledige Füss. Einer
wie der Franzl macht überall sein' Weg. Der Herr Graf wird schon merken, was er
verliert an ihm. Es reut ihn heut schon, dass er so hitzig war. An Hamur hat er
die ganzen Tag her, schauderhaft! Die jungen Herrn Grafen haben schlechte Zeiten
in der Hütten droben. Und der Schipper! Der Herr Schipper! Der kann ihm gleich
gar nix mehr recht machen! Den ganzen Tag schimpft der Herr Graf -« Patscheider
verstummte und sah nach der Tür.
    Der Postbote trat in die Stube. »An eingschriebnen Brief hätt ich, Frau
Horneggerin!«
    Der Försterin fuhr die Aufregung in alle Glieder. Und Patscheider rannte in
den Flur und schrie über die Treppe hinauf: »Franzl! Franzl! Gschwind, komm! Der
Brief is da!« Als Franzl auf der Treppe erschien, sprang ihm der Jäger über die
Hälfte der Stufen entgegen. »Der Brief is da! Der Brief is da!«
    »Grüss Gott, Patscheider! Und Vergelts Gott, dass d' soviel Anteil nimmst!«
    In der Stube kam ihnen die Horneggerin mit dem Brief entgegen. Während ihn
Franzl mit zitternden Händen öffnete und zu lesen begann, hingen die beiden
gespannt an seinem Gesicht.
    Franzls hagere Wangen waren heiss, als er der Mutter den Brief reichte. »Da,
lies! A guter Herr, der Graf Tassilo! So ein' gibt's bald nimmer.«
    Mit beiden Händen griff die Horneggerin zu, und Patscheider fragte erregt:
»Hat er an Platz für dich?«
    Franzl nickte.
    »An guten?«
    »Es wär kein schlechter.«
    »Gott sei Dank!«
    »Aber die Sach hat an Haken!«
    Die Horneggerin brach vor Freude in Tränen aus. »So a Glück! Was sagst,
Patscheider! Den besten Posten hat er! Zweihundert Mark mehr im Jahr! Und
bleiben können wir und müssen d' Heimat net aufgeben und 's Haus net verkaufen.
Alles bleibt, wie's war. Bloss a paar Stündl hat der Franzl weiter ins Revier.«
    Patscheider stutzte. »Was? Kommt er zu dem reichen Fabrikherrn, der mit
seiner Jagd an die unser grenzt?«
    »Ja! An andern Herrn kriegt er halt, sonst bleibt alles beim alten.«
    »So, Mutter? Alles?« Franzls Stimme war rauh. »Hast net gsehen, wie der
Patscheider erschrocken is? Es wird ihm halt eingfallen sein, wie der Herr Graf
auf den Jagdherrn z'sprechen is, der ihm die schöne Grenzjagd vor der Nasen
wegpacht hat. Die ganze Zeit her war der Verdruss an der Grenz, allweil hat's
Streit geben zwischen unserm Personal und dem von drüben. Und jetzt soll ich mit
denen da drüben Freund und Bruder sein? Und gegen meine alten Kameraden und
gegen unseren Herrn Grafen soll ich mich auf d' Füss stellen? Na, Mutter! Den
Posten kann ich net annehmen. Lieber 's Haus verkaufen und fort! In Gotts
Namen!«
    Patscheider riss Mund und Augen auf, während die Horneggerin wie eine
Salzsäule stand. Erst nach einer Weile fand sie die Sprache und stotterte:
»Jesus, Jesus, was wird der Graf Tassilo sagen! Jetzt hat er sich bemüht. Und du
-«
    »Der junge Graf hat sich nie um unsere Jagdgeschichten kümmert. Wann ich ihm
alles erzählen tät, müsst er selber sagen: Na, Franzl, dös geht net! - Wann ich
den Posten annimm, dös müsst ja rein ausschauen, als ob ich unserem Herrn Grafen
im Zorn an Possen spielen möcht!«
    »Aaah, du Narr, du Narr!« platzte Patscheider los. »Ich glaub, der Graf hat
sich bei dir kei Rücksicht net verdient!« Er ging auf Franzl zu und rüttelte ihn
an der Schulter. »Greif zu, Franzl! Überall is's besser als bei uns!« Seine
Lippen verzerrten sich. »Sei froh, dass dein' Laufpass hast! Wer weiss, was er dir
erspart hat mit dem Fusstritt, den er dir geben hat!« Ein heiseres Lachen.
»Lieber davongjagt als aufbessert im Ghalt! Unserem Grafen seine Gnaden sind
hart zum tragen. Greif zu, sag ich dir! Greif zu!«
    Franzl schien nicht zu hören. Sein Gesicht hatte sich verfärbt, als er den
Bauern sah, der draussen vor dem Fenster vorüberschritt.
    Es war der Bruckner, der von einer Holzarbeit kam, denn er trug die Axt über
der Schulter. Und als hätte er gefühlt, dass unter dem Dach des Jägerhauses zwei
brennende Augen auf ihn gerichtet waren, streifte er mit scheuem Blick die
Fenster und beschleunigte den Schritt. Als ihm das Haus hinter den dichten
Büschen des Weges verschwand, atmete er auf. Die Lippe zerbeissend, ging er an
den Höfen und Menschen vorüber. Zu Hause angelangt, warf er die Axt in einen
Winkel des Flurs und wollte in die Stube treten, aus der die Stimmen seiner
spielenden Kinder klangen.
    Da rief es in der Küche: »Lenzi!«
    Er furchte die Stirn, und langsam trat er unter die Tür.
    Mit einer dampfenden Pfanne stand Mali vor dem Herd, dessen Flackerfeuer ihr
abgehärmtes Gesicht mit grellem Schein übergoss.
    »Was willst?«
    Mali stellte die Pfanne über den Dreifuss und drückte hinter dem Bruder die
Tür zu. »Seit unser Stadterr fort is, treibt's dich jeden Abend ins Wirtshaus
ummi. Da musst doch lang schon ebbes ghört haben davon, was d' Leut übern Franzl
reden?«
    Bruckner schwieg.
    »Da hättst mir schon aus Fürsicht a Wörtl sagen sollen! Jetzt hab ich's von
der Nachbarin hören müssen. Dagstanden bin ich, dass mich dös Weib nur allweil so
angschaut hat. Was ich hören hab müssen, is mehr, als ich verbeissen kann. Wann
keiner net eintritt für den unschuldigen Menschen, so weiss vielleicht ich den
richtigen Weg.«
    »Aber Mali!« stammelte der Bauer. »Bist denn verruckt?«
    »Meinst vielleicht, ich kann mir net denken, wer dös gottvergessene Gred in
Umlauf bringt? Und wer beim Grafen allweil ghetzt hat, bis er im Zorn nimmer
gwusst hat, was er tut? Natürlich! Ich kann's begreifen, dass der ander kein
ruhigs Stündl nimmer gfunden hat, bis der Franzl net draussen war. Viel Gwissen
hat er net, der ander! Aber a bissl ebbes muss sich doch rühren in ihm. Da kann
ich mir denken, was er für Zeiten ghabt hat die ganzen Jahr her: Tag für Tag
mit'm Franzl bei der Schüssel sitzen müssen, neben ihm liegen in jeder Nacht,
allweil dös Gsicht vor Augen haben, dös er am liebsten vergessen möcht!«
    Mali verstummte und sah den Bruder an, der mit schlaff hängenden Armen an
der Mauer lehnte und ins Feuer starrte.
    Schwer atmend wandte das Mädel sich ab. »Den andern hab ich gmeint. Und dich
hab ich troffen. Ich sieh's ja ein: Mein Glück muss an End haben, noch eh's an
Anfang ghabt hat. Was liegt an mir! Aber er, Lenzi! Den unschuldigen Menschen
därf man doch net z' Grund gehen lassen unterm Schipper seine Händ! Dös musst dir
doch selber sagen: dass da was gschehen muss! Unser Herrgott wird wohl so viel
Verstand haben, dass er mir an Rat schickt!« Sie fuhr sich mit den Fäusten über
die Augen, trat zum Herd und fasste den Stiel der Pfanne, aus der mit dickem
Dampf ein verdächtiger Brandgeruch herausquoll. »Jetzt geh in d' Stuben eini zu
die Kinder! Ich bring dir 's Essen.«
    Langsam richtete der Bauer sich auf und sagte mit erloschener Stimme: »Mir
is der Appetit vergangen.« Er griff nach der Türklinke. »Wann dir ebbes einfalt,
was dem Franzl helfen kann - ich leg dir kein Hindernis in Weg. Soll's
ausfallen, wie's mag! Mehr als z' Grund gehn kann ich net. Hätt ich gschwiegen
und alles laufen lassen! Es wär besser gewesen. Dir hab ich 's Leben verpatzt,
und in mir is, seit ich gredt hab, der Teufel wieder lebendig, der mein guts
Weib selig durch soviel Jahr fest anbunden hat mit eiserne Strick! Ich spür's,
jetzt frisst er mich auf mit Haut und Haar!«
    Schweren Schrittes ging Bruckner aus der Küche; vor der Stubentür strich er
mit dem Ärmel über das Gesicht, als möchte er von seiner Stirn löschen, was die
Augen seiner Kinde nicht sehen sollten. Als er eintrat, sprangen ihm sein Bub
und sein kleines Mädel jubelnd entgegen, während das Netterl, das im
Schlitzhemdl auf der Erde sass, lallend die Ärmchen nach ihm streckte.
 
                                       4
An jedem Morgen in diesen vergangenen Tagen hatte Willy den Vater an das in
einer schwachen Minute gegebene Versprechen erinnert: an den »Besuch bei unserer
kleinen Schmalgeiss«. Graf Egge verschob den Abstieg nach Hubertus von einem
Morgen zum Abend, von jedem Abend zum andern Morgen. Immer wieder hielt ihn ein
Gemsbock fest, den Schipper mit dem Tubus ausfindig machte, oder ein starker
Hirsch, dessen Wechsel bestätigt wurde. Und Graf Egge zeigte sich um so
hartnäckiger in seiner Ausdauer, je weniger ihm in diesen Tagen die Gunst des
grünen Heiligen lächeln wollte. Jedes Treiben misslang, jeder Pirschgang
missglückte. Schipper hatte dabei einen bösen Stand. Doch je übler Graf Egge mit
ihm umsprang, desto aufmerksamer bediente er seinen Herrn, schmierte ihm die
Bergschuhe tadelloser als je, behandelte seine Gewehre wie ein Goldarbeiter den
Filigranschmuck und lief sich die Füsse krumm in dem Bestreben, das gewandelte
Jagdglück seines Herrn wieder auf bessere Wege zu bringen. Dennoch wollte Graf
Egges Laune nicht besser werden.
    Von Tassilo hatte man während dieser Tage in der Hütte mit keiner Silbe
gesprochen. Ein einziges Mal hatte Willy versucht, dieses Tema zu berühren, um
auf die Stimmung des Vaters günstig zu wirken. Graf Egge war ihm mit zorniger
Schärfe ins Wort gefallen: »Davon schweig'! Oder es hat ein Ende mit unserer
Freundschaft!« Wütend war er aus der Stube gegangen und hatte die Tür hinter
sich zugeschlagen. Eine Stunde später, als Willy verdrossen hinter der Hütte auf
dem Brunnen sass, kam der Vater und drückte ihm einen kleinen, sorgfältig in
Papier gewickelten Gegenstand in die Hand. »Nimm, Junge, das schenk' ich dir! Es
sind meine schönsten!« Lächelnd blieb er vor Willy stehen, um die Wirkung des
Geschenkes zu beobachten.
    Es waren zwei Hirschgranen von selten dunkler Färbung; Graf trug sie seit
Jahren in der Geldbörse, um sie gleich bei der Hand zu haben, wenn in seinem
Jägerherzen die Sehnsucht nach ihrem Anblick erwachte. Willy war von diesem
Geschenk mehr verblüfft als freudig überrascht; die beiden Beinstückchen hatten
für ihn einen höchst zweifelhaften Wert; doch er wusste, dass dieses Granenpaar in
der Schätzung seines Vaters höherstand als ein paar der kostbarsten Edelsteine.
    »Aber Papa!« sagte er halb verlegen und halb gerührt. »Das kann ich
wahrhaftig nicht annehmen. Ich weiss doch, wie schwer du dich von diesen Granen
trennst.«
    »Ja, Junge, es sind die besten, die ich zu verschenken habe. Aber nimm sie
nur! Dir geb ich sie gern. Dich hab' ich lieb!« Mit beiden Händen griff er in
Willys Haar und zog ihm sacht den Kopf hin und her. »Vergiss das dumme Wort von
vorhin, aber tu mir den Gefallen und lass die andere Geschichte begraben sein.
Ich hab's hinuntergewürgt und will Ruhe haben. Mach' du mir Freude, und alles
ist ausgeglichen.« Er küsste den Sohn auf beide Wangen, nickte ihm lachend zu und
trat in die Hütte.
    Ein bisschen konsterniert über den ungewohnten Zärtlichkeitsausbruch, sah
Willy dem Vater nach und steckte die Granen zu dem Rubin in die Westentasche. Er
machte auch keinen Versuch mehr, von »der anderen Geschichte« zu sprechen. Im
stillen schmiedete er allerlei Pläne. Als er den Bruder ins Vertrauen ziehen
wollte, erfuhr er eine kühle Abweisung. »Ich mische mich nicht in diesen Quark,«
sagte Robert, »und rate dir, das gleiche zu tun. Lass den Narren seiner Wege
gehen und sei froh, dass du selbst beim Vater schön Kind bist!« Willy erwiderte
gereizt, und die Sache endete zwischen den Brüdern mit verletzenden Worten.
    Nun baute Willy seine ganze Hoffnung auf die Hilfe Kittys. Was ihm selbst
nicht gelungen war, das musste der Schwester gelingen. Willy sah, dass der Vater
auch in der übelsten Laune dieser Tage einen freundlicheren Ton anschlug, sobald
die Sprache auf die »kleine Schmalgeiss« kam. Und den Verlust des Adlers hatte er
ihr so flink verziehen, dass Moser, der Kittys Brief gebracht hatte und das
Märchen von der im Flug geschossenen Krähe erzählte, mit einem gelinden
»Wischer« davonkam. So liess nun Willy keinen Tag vergehen, ohne dem Vater die
Sehnsucht, die Kitty nach ihm empfände, in den wärmsten Farben zu schildern.
    »Ja, Junge,« pflegte die Antwort zu lauten, »nur noch diesen letzten Trieb
und morgen die Frühpirsch. Dann gehen wir!«
    Am 1. September kam Graf Egge gegen Mittag in die Hütte zurück, mit Zorn
geladen wie eine Kartätsche. Auf einen »Kapitalbock« hatte ihm die Patrone
versagt, und der zweite Schuss, den er im Ärger der flüchtig gewordenen Gemse
nachschickte, war ihm »zu kurz« geraten und hatte den Bock weidwund getroffen.
Willy suchte den Vater zu beschwichtigen. Das wollte ihm fast gelingen. Da kam
Schipper, der die Unglückspatrone geladen hatte, mit Robert von der Pirsche
zurück und brachte zu allem Unheil noch die Meldung, dass seinem Schützen ein
Doppelschuss auf einen Zehner- und Sechserhirsch gelungen wäre. Nun ging das
Gewitter wieder los, und über das gebeugte Haupt des Büchsenspanners prasselte
eine Litanei von Schimpfworten nieder. Schipper wartete das Ende dieses Ergusses
nicht ab, sondern packte seine Büchse und rannte davon, um den angeschossenen
Bock zu suchen.
    »Natürlich, jetzt kann er rennen!« schrie Graf Egge hinter ihm her. »Aber
wenn er den Bock nicht bringt, soll ihn der Teufel holen, der schon lange auf
ihn wartet! Ich möchte nur wissen, für was ich den Kerl bezahle? Meine
verlässlichen Leute beisst er mir hinaus, und er selber ist ein Jäger, dass Gott
erbarm! Nicht einmal eine Patrone kann er laden! Der Kerl ist nur zu gebrauchen,
wenn es eine Schweinerei zu vertuscheln gilt. So ein Aasgräber! Pfui Teufel!«
    Während Graf Egge mit solchen Sentenzen und mit dem krachenden Hall seiner
Faustschläge die Stube erfüllte, hatte Robert sich auf den Heuboden verzogen, um
den durch die Pirsch versäumten Schlummer nachzuholen. Willy fungierte
unterdessen beim Vater als Beschwichtigungsrat. Doch als sich Graf Egge über
Schipper müde gescholten hatte, kam Robert an die Reihe. »Einen Sechserhirsch
niederbrennen! Unerhört! Als ob er an dem Zehner nicht genug gehabt hätte!
Natürlich! So masslos wie am Spieltisch treibt er es auch auf der Jagd. Aber eh
ich mir mein Revier ruinieren lasse, schieb ich einen Riegel vor!«
    Der Klang dieser Worte drang durch die Decke zum Heuboden hinauf, ohne
Robert in seinem beginnenden Schlummer zu stören.
    An dieses zweite Kapitel seines Zornes fügte Graf Egge eine Jeremiade über
das Jagdpech dieser letzten Tage. »Da könnte man wirklich abergläubisch werden!
Es ist gerade, als ob ein Fluch auf meiner Büchse läge, seit -« Die nähere
Zeitbestimmung verschluckte er.
    »Du hast recht, Papa,« fiel Willy ein, diese Wendung zugunsten seiner Pläne
benützend, »du bist in einem ganz schauderösen Pech! Das lässt sich mit Gewalt
nicht ändern. Das beste Mittel ist immer, ein paar Tage aussetzen.« Er legte den
Arm um den Hals des Vaters. »Es wäre das beste, uns augenblicklich auf die
Socken zu machen. Du gehst deinem Pech aus dem Weg, und unserer kleinen Geiss
machst du eine Freude. Wir wollen dir drunten die Langweil schon vertreiben!
Jeden Nachmittag schiessen wir auf Tontauben, und die kleine Geiss muss sich
einüben auf den laufenden Hirsch. Ich wette, sie flickt ihm eins aufs Blatt! Sie
müsste deine Tochter nicht sein!«
    Graf Egge lächelte und fasste den Sohn an dem Haarschopf, der ihm in die
Stirn hing. »Ja, Bub, recht hast!« sagte er in seinem breitesten Dialekt. »Mach'
dich fertig und fahr' in die Schuh! Weck' den Lappschwanz da droben! Oder wenn
ihm von der Pirsch die Knie schnackeln, soll er liegenbleiben. Ich geh mit dir,
ich brauch' keinen andern! Und durchs Hochholz nunter mach' ich eine Pirsch mit
dir. Da drunten stehen um die Mittagszeit die guten Hirsch gern umeinander. Nimm
dein Büchsl! Ich lass das meine in der Hütt, damit ich net in Versuchung komm,
wenn ein Hirsch vor uns aufspringt. Ich will dir eine Freud' machen. Drum geh
ich lieber mit dem Stecken. Weisst du, ich kenn' mich!« Lachend holte er Willys
Bergschuhe unter dem Ofen hervor und stellte sie ihm vor die Füsse.
    Als Willy für die Wanderung fertig war, kletterte er auf den Heuboden und
weckte den Bruder.
    Graf Egge wollte sich nicht gedulden, bis Robert mit seiner umtändlichen
Toilette zu Ende käme. Das Gewehr in der Hand, fasste er Willy am Fuss der Leiter
ab. »Komm nur, da hab' ich schon dein Büchsl! Der ander wird den Weg auch allein
finden.«
    Von der Hand des Vaters fortgezogen, stolperte Willy über die Schwelle und
nahm, da er sich zu bücken vergass, noch eine schmerzliche Erinnerung an das
»Palais Dippel« mit auf den Weg.
    Bei der Wanderung durch das Latschenfeld und über die Almgehänge war Graf
Egge in gemütlichster Laune, erzählte lustige Jagdgeschichten, amüsierte sich
auf Kosten Roberts und schilderte mit drolliger Ironie das bestürzte Gesicht,
das Schipper machen würde, wenn er von der Nachsuche zurückkäme und die Hütte
leer fände. Doch mit dem ersten Schritt in den schattendunklen Hochwald
verwandelte sich seine gesprächige Laune in schweigsamen Ernst. Er selbst lud
Willys Büchse, nachdem er die beiden Patronen einer genauen Musterung unterzogen
hatte.
    »So! Jetzt nimm deine Tapper in acht und halt die Gucker offen!«
    Lautlos pirschten sie über den weichen Moosgrund, voran Graf Egge, der in
dem pfadlosen Wald jeden Baum zu kennen schien. Als sie eine lehmige Furche
überschritten, deutete er zu Boden und flüsterte: »Da spürt sich einer ganz
frisch, ein guter! Mach' die Büchs fertig!« Immer leiser wurde seine Stimme,
während er Willy für den Fall, dass sie den Hirsch anträfen, ein Dutzend
Verhaltungsmassregeln vordozierte: »Und vor allem: nicht zu hitzig, lass dir Zeit,
fahr langsam von unten auf, und wenn du Rot vor dem Korn hast, zieh ruhig ab!«
    Vorsichtig pirschten sie weiter und überstiegen einen moosigen Grat. Kaum
hatten sie die Höhe erreicht, da duckte sich Graf Egge und lispelte: »Dort sitzt
er! Siehst du ihn?«
    Willy spannte den Hahn und hob die Büchse. Der Hirsch hatte schon das Haupt
aufgeworfen und sprang aus dem Lager. Willy verlor die Ruhe nicht, sondern
zielte mit Beobachtung aller guten Lehren, die er soeben gehört hatte. Schon sah
er »Rot vor dem Korn« und wollte drücken. Da fuhren plötzlich zwei Hände nach
seiner Büchse.
    »Gib her! Du fehlst ihn ja doch!« Mit diesen Worten entriss ihm der Vater die
Waffe, und ehe Willy sich von seiner Verblüffung erholen konnte, krachte der
Schuss.
    Im Feuer brach der Hirsch zusammen. Mit einem Jauchzer liess Graf Egge die
rauchende Büchse sinken, schwang sein mürbes Hütl und lachte: »Ja, Bub, recht
hast du g'habt! Droben hab' ich meinem Pech davonlaufen müssen, damit ich da
herunten mein Glück wiederfind!«
    »So?« schmollte Willy. »Ich war der Meinung, du wolltest mir ein Vergnügen
machen.«
    »Richtig!« Graf Egge lachte. »Es ist mir in die Hände gefahren, ich weiss
nicht wie. Aber sei nicht bös! Ein andermal also! Komm! Jetzt sollst du
wenigstens lernen, wie man einen Hirsch weidgerecht aufbricht!«
    Willy fand ein zweifelhaftes Vergnügen an dieser blutigen Lektion, doch er
wollte dem Vater die Laune nicht verderben, wollte ihn bei gutem Humor nach
Hubertus bringen. So fügte er sich. Fast eine Stunde dauerte der Unterricht. Als
sie den Hirsch mit Fichtenzweigen bedeckt und am Moos die Hände gesäubert
hatten, blickte Graf Egge, da sie sich schon zum Niederstieg anschicken wollten,
lauschend durch den Wald hinauf.
    Man hörte Steine rollen, einen Bergstock klirren. Schipper kam durch den
Wald heruntergesprungen. Bleich, atemlos, von Schweiss überronnen, blieb er vor
seinem Herrn stehen und zog den Hut.
    »Was willst du? Ach so, du hast wohl den Schuss gehört? Du bist prompt am
Fleck. Das gefällt mir.«
    »Da liegt er ja, ich gratulier, Herr Graf!« Mühsam rang der Jäger nach Atem.
»Ohne den Schuss hätt ich a schweres Suchen nach Ihnen ghabt. Ich bring gute
Botschaft. Ihren Gamsbock hab ich. Aber dös is noch lang net 's Wichtigste! Wie
ich auf'm Heimweg unterm Schneelahner vorbeikomm, steht a Rehbock droben. Am
ersten Blick schon, da hat mir 's Gwichtl so gspassig in d' Augen blitzt, und
wie ich 's Spektiv aufzieh, hab ich gmeint, ich muss aus der Haut fahren! So was
von Abnormität haben S' noch net in Ihrer Sammlung! Fünf Stangen hat der Bock
droben.«
    »Alle Wetter!« stammelte Graf Egge, während dunkle Röte sein Gesicht
überfloss.
    »Und den Bock schiessen S', da garantier ich!«
    Zitternde Erregung befiel den Grafen. »Ich dank dir, Schipper! Schau dich um
Leute um, die den Hirsch heimliefern, ich steig einstweilen hinauf zur Hütte!«
    »Aber Papa!« fiel Willy mit der Miene eines schwer Gekränkten ein. »Den
Hirsch hast du mir weggeschossen - ich hab' ihn dir ja von Herzen gegönnt - aber
jetzt halte mir wenigstens dein anderes Versprechen. Der Bock läuft dir ja nicht
davon. Aber ich und die Schmalgeiss -«
    »Das verstehst du nicht.«
    »Ich bitte dich, lass den Bock und komm mit mir hinunter nach Hubertus! Tu es
mir zuliebe!«
    »Ja, Junge, alles andere! Aber -«
    »Papa, ich bitte dich!«
    Graf Egge wurde ungeduldig. »Einen solchen Bock kann ich nicht auslassen. So
viel Jäger solltest du sein, um das begreifen zu können. Jetzt bin ich wieder im
Glück. In zwei Pirschen hab' ich ihn. Dann komm ich, darauf hast du mein Wort!
Also sei zufrieden, geh gemütlich nach Haus und grüss' mir einstweilen die kleine
Geiss! Morgen abend bin ich bei dir. Auf Wiedersehen!« Ohne Willys Antwort
abzuwarten, fasste er den Bergstock mitsamt der Büchse seines Sohnes und stieg
durch den Wald hinauf, während Schipper davoneilte, um auf der nächsten Alm ein
paar Leute zu requirieren.
    Mit trauernden Augen sah Willy dem Vater nach. Es war nicht Ärger, was er
empfand. Ein seltsames Schmerzempfinden füllte ihm das Herz, und die Kehle war
ihm wie zugeschnürt. »Was hab' ich denn nur?« Eine Weile noch sah er auf die
grünen Reiser nieder, unter denen der Hirsch so gut verborgen lag, dass nur ein
paar Enden des Geweihes hervorragten; dann rückte er den Hut und suchte den
Heimweg. Lange irrte er im Wald umher, bis es ihm gelang, den talabwärts
führenden Pfad zu finden. dabei war er müde geworden. Während des Niederstieges
rastete er häufig; auch bei der Buche mit dem Marterl. Während er im Schatten
der Äste sass, von denen lautlos die welken Blätter niederfielen, beschlich ihn
ein quälendes Unbehagen. »Ach, Unsinn!« murrte er vor sich hin und erhob sich.
»Ich weiss doch, wie er ist. Und er wird auch nimmer anders.«
    Mittag war vorüber, als er das Dorf erreichte. Verdrossen dankte er den
Leuten, die ihn grüssten. Am Zaunerhaus ging er vorüber, ohne zu merken, wo er
sich befand. Als er die Ecke des Gärtchens erreichte, fühlte er einen leichten
Schlag an der Wange, sah eine rote Nelke über seine Schulter fallen und hörte
hinter den Johannisbeerstauden ein leises Kichern. Er lächelte und wollte auf
den Zaun zutreten. Da war ihm plötzlich, als stünde sein Bruder Tassilo vor ihm
und sähe ihn mit ernsten Augen an, wie vor Tagen da droben in der Bergschlucht.
    »Wort halten!« Er schleuderte mit dem Fuss die Nelke in den Strassengraben und
ging seiner Wege. Als er an die Parkmauer kam, blieb er stehen und sah sich um.
»Eigentlich war das von mir eine überflüssige Flegelei!« dachte er. »Ich hätt'
ihr ein paar harmlose Worte sagen und dann gehen können. Aber na, jetzt hat die
Geschichte ein Ende! Tas wird lachen, wenn ich ihm das erzähle.«
    Beim Eintritt in die Ulmenallee klang ihm vom Adlerkäfig ein wildes
Geflatter entgegen. Er achtete nicht darauf. Auch sah er am Ausgang der Allee
die Schwester erscheinen, die ihm entgegeneilte, als hätte sie um sein Kommen
gewusst und hätte ihn mit Ungeduld erwartet. Sie warf sich an seinen Hals und
küsste ihn. Dann fragte sie zögernd: »Wo ist Papa?«
    »Droben! Er will morgen abend kommen. Das heisst, wer's glaubt. Ich nicht.«
    »Morgen abend?« wiederholte Kitty erregt. »Aber sag' mir, was ist zwischen
ihm und Robert vorgefallen?«
    »Warum?«
    »Robert ist vor einer halben Stunde heimgekommen wie ein beleidigter
Olympier, hat sich umgekleidet und ist davongeritten.«
    »Papa hat ihn etwas unfair behandelt. Mich hat er zwar auch gehörig
aufsitzen lassen, aber das ist Nebensache. Weisst du schon, was mit Tas geschehen
ist?«
    »Alles!« sagte Kitty mit heissen Wangen. »Und sag' es mir lieber gleich: bist
du für oder gegen ihn?«
    »Für ihn, natürlich!«
    Kitty belohnte ihn mit einem Kuss. »Das hab' ich von dir erwartet. Komm ins
Haus! Tas hat mir einen Brief für dich übergeben. Den musst du augenblicklich
lesen. Und dann sprechen wir weiter. Fünf Minuten lass ich dir Zeit, um dich
umzukleiden. Komm!« Mit ungeduldiger Hast zog sie ihn gegen die Veranda.
    »Wie geht es Tante Gundi?«
    »Besser, Gott sei Dank! Sie trägt zwar den Arm noch im Verband, aber sie ist
heut schon mit mir ausgefahren und hat herunten diniert. Und jetzt, Willy, sag'
ich dir was: Diese üblichen Scherze mit Tante Gundi müssen ein Ende haben! Ich
dulde nicht mehr, dass sie nur im geringsten verletzt wird. Sie ist eine goldene
Person!« Das erklärte Kitty mit so leidenschaftlicher Energie, dass der Bruder
sie verwundert betrachtete. »Komm nur!« Im Korridor rief sie den Diener und
befahl, ihrem Bruder das Diner in seinem Zimmer nachzuservieren; dann flog sie
über die Treppe hinauf.
    Die fünf Minuten waren noch nicht vergangen, als sie schon an Willys Tür
pochte. »Kann man eintreten?«
    »Nur los!« klang die Antwort. »Aber viel umsehen darfst du dich nicht.«
    Die Warnung hatte ihre Gründe. In dem Zimmer herrschte eine greuliche
Unordnung. Vor dem übel zugerichteten Waschtisch lagen alle Stücke des
Jagdgewandes auf dem Boden, der eine Bergschuh stand mitten im Zimmer, der
andere unter dem Tisch, auf dem Bett lag der Uniformrock über dem Bergstock, aus
dem offen stehenden Kleiderschrank hing ein Beinkleid auf die Dielen heraus, in
der halb aufgezogenen Lade einer Kommode war die frische Wäsche
durcheinandergeworfen, und auf der Marmorplatte des Nachttisches bildeten
Zigarrentasche, Jagdmesser, Uhr und Börse ein Stilleben mit dem silbernen
Leuchter, in dessen Schale der Rubin und die beiden Hirschgranen lagen.
    Hinter dem Tisch sass Willy in blauer Soldatenhose und weissem Seidenhemd auf
dem Sofa und hielt seine verspätete Mahlzeit.
    Kitty hatte, als sie das Zimmer betrat, einen gelinden Schauder zu
überwinden. »Ach du lieber Gott! Willy!«
    »Na, falle nur nicht in Ohnmacht!« meinte der Bruder, ohne seine
Auseinandersetzung mit dem Hirschbraten zu unterbrechen. »Fritz wird Ordnung
machen. Komm her und schiess los!«
    Sie gab ihm Tassilos Brief, und während Willy zu lesen begann, beobachtete
sie gespannt sein Gesicht; er schien gerührt zu sein, und tiefe Bewegung sprach
aus seiner Stimme, als er, den Brief zusammenfaltend, sagte: »Unser Tas ist ein
herzensguter Kerl!«
    »Darf ich lesen?« fragte Kitty.
    Verlegen schob Willy den Brief in die Hosentasche. »Nein, Maus! Tas hat da
auch von militärischen Angelegenheiten geschrieben.« Um über die Sache
hinwegzugleiten, fragte er, wie Tassilo von der Jagdhütte zurückgekommen wäre,
und was die Schwester über den »Krach mit Papa« erfahren hätte.
    In heissem Eifer erzählte Kitty von Tassilos Abreise, von jenem Nachmittag,
an dem sie das »grosse Geheimnis« erfahren, und von ihrem Besuch bei Anna
Herwegh. »Tas muss wahnsinnig glücklich werden!«
    »Ich gönn' ihm sein Glück von Herzen. Er hat recht, dass er dafür durch dick
und dünn geht. Glück, weisst du, das ist eine schöne Sache. Besonders, wenn es
das echte ist! Die wahre Blume! Freilich, der arme Kerl wird auch die Dornen
spüren. Aus dem Klatsch der Leute braucht er sich wenig zu machen. Aber der
Bruch mit Papa wird ihm wie ein Stein auf der Seele liegen.« Willy Griff nach
der Obstschale und knackte eine Krachmandel auf. »Papa hat ja gewiss seine
Eigenheiten! Aber Kind ist Kind. Und Tas hängt an ihm wie wir alle - Robert
ausgenommen, der sich an Papa nur erinnert, wenn er Ursache hat, ihn zu
schröpfen.« Die zweite Mandel krachte. »Wenn es einen Menschen gibt, der an dem
Bruch zwischen Tas und Papa seine heimliche Freude hat, so ist es Robert. Aber
wir beide, du und ich, wir wollen ihm einen Strich durch die abscheuliche
Rechnung machen. Wir halten zusammen, Maus!«
    »Ja! Und fest!« Sie klammerte sich an seinen Arm. »Das wollen wir sofort
beweisen!«
    »Was meinst du damit?«
    »Du hast wohl keine Ahnung, wann Tas und Anna sich trauen lassen?«
    »Davon hat er keine Silbe geschrieben.«
    »Ich weiss es!« flüsterte sie mit blassem Gesicht. »Er hat es auch vor mir
verheimlicht. Aber es schoss mir gleich ein Verdacht durch den Kopf, als ich
erfuhr, dass Herr Forbeck so plötzlich abreisen musste.«
    »Herr Forbeck? Wer ist das?«
    Purpurne Röte huschte über Kittys Wangen. »Ich kann dir das nicht so genau
erklären. Aber damit du das Nötigste weisst: Herr Forbeck ist ein junger Künstler
aus München. Sehr begabt! Hat eine glänzende Zukunft! Tas und Forbeck sind
intime Freunde. Und Tas sagte mir, dass er ihn gebeten hätte, sein Trauzeuge zu
sein. Und als er so plötzlich abreiste -«
    »Wer? Tas?«
    »Aber nein doch! Herr Forbeck! Ganz plötzlich! Er hatte sonst keine Ursache,
abzureisen, ganz im Gegenteil! Und da fuhr es mir gleich durch den Kopf, wie
alles zusammenhängt. In meiner Aufregung hab' und heimlich nach München
telegraphiert.«
    »An wen?«
    »An meine Schneiderin. Die kommt hinter alles. Da, lies das Telegramm, das
ich gestern abend von ihr bekommen habe!« Kitty zerrte aus ihrem Kleid das
zerknüllte Blatt hervor.
    Willy las: »Übermorgen mittag ein Uhr in der Frauenkirche.« Erschrocken
sprang er auf. »Übermorgen? Aber das ist ja schon morgen!«
    »Morgen! Ja! Was sagst du!« Auch Kitty erhob sich; sie schlang den Arm um
Willys Hals und stammelte: »Und das siehst du doch ein, das dürfen wir nicht
geschehen lassen, dass unser Tas in dieser heiligen Stunde allein steht? Das wäre
für ihn nicht nur ein tiefer Schmerz, auch eine Demütigung vor den Verwandten
seiner Braut!«
    »Ja, Maus, recht hast du! Das ist eine wahrhaft geniale Idee! Ich reise.
Noch heute nacht. Ich freue mich närrisch auf das Gesicht, das er machen wird.
Und dir, das versprech' ich, dir schick' ich ein ellenlanges Telegramm.«
    »Das kannst du dir sparen,« erklärte Kitty, »ich fahre mit!«
    »Du? Nein, Maus, das ist Unsinn!«
    »Ich muss zu ihm, ich muss, ich muss!« Wie in Verzweiflung umklammerte Kitty
den Bruder.
    Etwas ratlos streichelte er das Haar und die Wangen der Schwester. »Sei
vernünftig, kleine Maus! Das geht nicht. Wenn Papa hinter die Geschichte kommt -
ich vertrage einen Puff, aber du? Nein, Maus! Eine solche Verantwortung darf ich
nicht auf mich nehmen.«
    »So übernehm' ich sie selbst. Ich verantworte alles.« Energisch richtete sie
sich auf und erklärte mit jener Sophistik, wie sie heiss erregten Mädchenköpfen
geläufig ist: »Ich weiss wohl, dass ich einen solchen Schritt nicht unternehmen
sollte, ohne Papas Erlaubnis einzuholen. Aber wo ist Papa? In der Hütte droben
wie immer, immer, immer! Es ist nicht meine Schuld, wenn ich Papa nicht fragen
kann! Wäre er mit dir heruntergekommen - nach fünf Monaten für seine Hirsche und
Gemsböcke ein einziger Tag für mich, das ist doch nicht zuviel verlangt -, wäre
er gekommen, so würde ich ehrlich mit ihm gesprochen haben und hätte ihm so lang
mit Bitten zugesetzt, bis er ja gesagt hätte!«
    Belustigt sah Willy die Schwester an, schob die Hände in die Hosentaschen
und wiegte sich auf den Hacken. »Du kannst ja die Kleesberg fragen!«
    Bei diesem Einwurf geriet Kitty ein bisschen aus der Fassung. »Lass doch die
Ärmste in Ruh'! Soll ich ihr zu allen Schmerzen noch meine Sorgen aufladen? Auch
will ich sicher gehen. Darum frag' ich nicht! Ich muss nach München. Willy, ich
muss! Davon bringt mich niemand ab.« Ihre Wangen brannten, und ihre Augen
leuchteten. »Nimm mich mit! Sieh nur, wie ich bitte!«
    Er hatte nicht das Herz, um nein zu sagen. Lachend zog er sie an sich und
küsste sie auf das Ohrläppchen. »Na also -«
    Mit ersticktem Freudenschrei umarmte sie ihn.
    »Machen wir in Gottes Namen den fidelen Streich in Kompanie! Papa wird uns
zwar eine böse Suppe auszulöffeln geben, ganz besonders gesalzen für meine
Wenigkeit! Aber wenn er sich ärgert, wasch ich meine Hände in Unschuld. Hätte er
sein Versprechen gehalten und wäre mit heruntergekommen, statt dem verwünschten
Rehbock nachzulaufen! Die Schuld hat er! Und komm, jetzt wollen wir Kriegsrat
halten.«
    Sie setzten sich Arm in Arm auf das Sofa und sprachen flüsternd miteinander,
wie zwei Kinder, die eine Weihnachtsüberraschung vorbereiten. Sie beschlossen,
den ersten Lokalzug zu benützen, der früh um sechs Uhr von der Station abging;
da hatten sie Anschluss an den um elf Uhr in München eintreffenden Zug und
konnten Tassilos Wohnung noch zeitig genug erreichen. »Punkt halb fünf Uhr
müssen wir hier verduften!« sagte Willy. »Ich bleibe die Nacht über wach, damit
ich nicht verschlafe, und lege mich lieber jetzt ein paar Stunden aufs Ohr.
Gegen Abend kannst du mich wecken. Dann geh ich ins Dorf, bestelle den Wagen und
soupiere beim Seewirt. Ich will eine Begegnung mit Robert vermeiden, und dir
rate ich ebenfalls, dich unsichtbar zu machen. Sag': du hast Kopfweh. Und sperr'
dich in dein Zimmer ein! Da kannst du in aller Ruhe packen. Ich schmuggle dir
meinen Handkoffer hinüber. Der wird genügen. Grosse Toilette brauchst du nicht zu
machen. Wie ich vermute, werden sich die beiden im Reisekostüm trauen lassen.
Ich nehme für mich gar nichts mit. Lackstiefel und Handschuhe kann ich mir in
München kaufen. Aber jetzt kommt ein Punkt, über den ich ratlos bin: das
Hochzeitsgeschenk! Geben müssen wir doch was.«
    »Ich weiss schon, was!«
    »Na, da bin ich neugierig.«
    Kittys Augen blitzten. »Mamas Perlenkollier!«
    Willy erschrak. »Aber Maus! Diese Perlen sind ein Vermögen wert! Papa wird
einen unerhörten Spektakel schlagen.«
    Stolz richtete sich das Köpfchen auf. »Die Perlen sind mein Eigentum. Und
ich weiss sehr gut, was ich tue. Hätte Mama diesen Tag erlebt, so hätte sie
selbst diese Perlen um Annas Hals gelegt.«
    Willy tätschelte ihr die Wange. »Maus! Du bist ein famoser Kerl! Tas wird
über deine Idee vor Wonne zerfliessen. Somit wären wir über alles im reinen!
Mach' nur in der Aufregung keine Dummheiten. Und in der Nacht schlaf tüchtig,
damit du am Morgen frisch bist. Punkt vier Uhr klopf ich an deine Tür. Und jetzt
drück' dich, Maus! Ich möchte mich niederlegen.«
    Kitty erhob sich. »Gib mir die Hand darauf, dass alles fest und abgemacht
ist!«
    »Abgemacht!«
    Er reichte ihr die Hand, und Kitty drückte sie mit so feierlichem Ernst, als
gält' es einen Staatsakt von der Bedeutung des Rütlischwures.
    Einige Minuten später schmuggelte Willy den kleinen Lederkoffer in Kittys
Zimmer; dann kehrte er zurück und warf sich mit der brennenden Zigarre aufs
Bett. Er brauchte nicht lange, um den Schlaf zu finden; aus seinen Fingern fiel
die qualmende Zigarre und brannte ein handgrosses Loch in den Teppich.
    Er erwachte nicht, als Kitty gegen sechs Uhr in das Zimmer trat. Um ihn zu
wecken, huschte sie zum Bett. Beim Anblick seines Gesichtes erschrak sie. Die
geschlossenen Lider waren von durchsichtiger Bläue, die Züge blutleer und von
welker Zerfallenheit, wie das Gesicht eines Schwerkranken in der Erschöpfung
nach heftigem Fieber.
    »Willy!«
    Der angstvolle Ruf weckte ihn. Hastig fuhr er auf und sah die Schwester mit
heiss glänzenden Augen an, als vermöchte er seine Sinne nicht völlig zu
ermuntern.
    »Bist du krank?«
    »Ich? Unsinn! Mir ist pudelwohl!« Lachend sprang er vom Bett, und da musste
er plötzlich husten, lange und heftig.
    »Willy! Was hast du denn?« stammelte Kitty und brachte ihm das Glas Wasser,
nach dem er mit einer Geste verlangte.
    Er leerte das Glas und drückte die Hand auf die Brust. »Ich muss mich im
Aufwachen überschluckt haben. Na, nun ist es ja wieder vorüber.« Er stellte das
Glas auf den Tisch und atmete tief.
    Besorgt sah ihm Kitty in das Gesicht, dessen Wangen sich wieder zu röten
begannen. »Ist dir auch wirklich wohl? Ganz?«
    »Vollkommen!«
    »Gott sei Dank! Ich kann dir nicht sagen, wie ich erschrocken bin.«
    »Ach geh, du bist komisch!« brummte er und schob die Schwester zur Tür
hinaus. Er trat vor den Spiegel und betrachtete sein Gesicht, aufmerksam, mit
einer Art von sentimentalem Ernst. Dann begann er sich für den Weg zum Seewirt
fertigzumachen und pfiff dazu einen lustigen Marsch.
    So schmuck wie aus dem Ei geschält, in bester Laune, verliess er das Haus und
schlenderte durch die Allee. Als er sich dem Adlerkäfig näherte, sah er dünnen
Staub aus dem Drahtgitter hervorquellen; rings um den Käfig war der Boden mit
kleinen Federn angestreut, und weisser Flaum flog überall umher. »Mir scheint,
sie haben wieder gerauft miteinander!« Während er näher trat, sah er fünf von
den Adlern einträchtig in einem Winkel sitzen, während der sechste mit dem Hals
in den verbogenen Drähten einer schadhaften Stelle des Gitters hing; der Vogel
musste sich schon halb zu Tode gezappelt haben; sein Gefieder war zerschlagen und
abgeschunden, und nur noch wenig zuckten die Schwingen und Fänge.
    »Moser! Moser!« schrie Willy erschrocken.
    Der Alte kam aus der Zwirchkammer herbeigeschossen. »Was is, Herr Graf?«
    »Schnell! Den Schlüssel zum Adlerkäfig! Einer der Vögel hängt im Gitter!«
    Jammernd holte Moser den Schlüssel und fand den Adler bereits verendet.
    Dem Alten war das Weinen nah. »Der zweite! Was wird der gnädig Herr sagen!
Da gnad mir unser lieber Himmelvater!« Die Hände zitterten ihm, und seine
schlotternden Backen waren weiss. »Ich kann mir gar net fürstellen, wie so was
passieren hat können! Die Gschicht is mir schon völlig unheimlich! Dös geht
nimmer zu mit rechte Ding! Passen S' auf, Herr Graf, dös muss was bedeuten!«
    »Sie alter Narr!« schalt Willy ärgerlich. »Ich will Ihnen sagen, was es
bedeutet: dass Sie immer andere Dinge im Kopf haben, statt für die Vögel zu
sorgen, die Ihnen von Papa anvertraut sind wie Kinder einem Vater! Hätten Sie
den Käfig überwacht und Ihre Pflicht getan, so ginge nicht einer nach dem andern
zugrunde. Das hat es zu bedeuten!«
    Während Moser wortlos neben dem verendeten Adler zurückblieb und sich in
Zerknirschung den Kahlkopf kraute, bummelte Willy dem Parktor und der Strasse zu.
 
                                       5
Der Abend war lau und milde - einer von jenen linden Abenden des Hochgebirges,
die man nicht schildern kann, nur geniessen. Kein Luftauch regt sich, kein Blatt
an den Bäumen. Die Geräusche des Lebens und die Stimmen der Bäche klingen
gedämpft und dennoch klar. Der wolkenlose Himmel ist von mattleuchtender Bläue,
ein wenig ins Grünliche spielend. Die Zinnen der Berge haben weisses Licht, doch
die sinkenden Wälder sind in blauen Schatten gehüllt, aus dem sich die bunten
Farben der welkenden Laubkronen hervorheben, so weich und sanft, dass der Blick
unersättlich an diesen zarten Tönen hängt wie an einem zauberhaften Reiz.
    Das Tal mit seinen Gärten, Häusern und Wiesen liegt von schleierfeinem Duft
überflossen. Halb ist es dünner Nebel, der aus dem See hervorquoll, halb
bläulicher Rauch, der aus den Dächern stieg und sich zerteilte in der ruhigen
Luft. Sie atmet sich gut und würzig - es ist, als würde das Blut mit jedem
Atemzuge leichter. Es prickelt in allen Nerven. Man wandert, ohne den Körper zu
fühlen, und ein gedankenloses Wohlbehagen, die Freudigkeit eines traumhaften
Geniessens überkommt die Sinne.
    In solcher Stimmung schlenderte Willy, der bei dem erste Schritt auf die
Strasse die Tragödie des Adlerkäfigs schon wieder vergessen hatte, dem Dorf
entgegen.
    Da tauchte an einer Biegung der Strasse das feine Lieserl auf. Die Kleine
schien übler Laune zu sein und liess das kokett frisierte Köpfchen hängen. Die
rechte Hand hielt sie in die Hüfte gestützt, mit der linken schlenkerte sie in
müdem Phlegma eine gehenkelte Blechkanne, die erraten liess, dass das Lieserl zum
Mooshofer wanderte, von dem die Zaunerin ihre Milch bezog.
    Bei Willys Anblick wurde Lieserl rot. Schmollend verzog sie das Mäulchen,
und dem Feind das Feld überlassend, schlug sie sich seitwärts in die Büsche.
    Der zürnende Fluchtversuch schien Willy zu erheitern. Mit ein paar flinken
Sprüngen holte er die Ausreisserin ein. »Na, na, na! Das sieht ja aus, als wäre
man beleidigt?« Er fasste Lieserl um die Hüfte. »Du niedlicher Käfer! Was hab'
ich dir denn getan?«
    »Da können der Herr Graf noch fragen!« stiess das Lieserl in einem
Hochdeutsch hervor, dessen gespreizter Wortlaut sich bei dieser zornigen Schärfe
drollig anhörte. »Lassen Sie mich aus, Herr Graf! Ich bin keine solchene, die
man das eine Mal abbusseln kann und das andere Mal beleidigen.« In Tränen
ausbrechend, liess sie die Blechkanne fallen.
    »Aber Lieserl,« stotterte Willy erschrocken und gab die Weinende frei.
    Sie machte ein paar taumelnde Schritte, sank auf eine Steinplatte und
schluchzte wie vom Bock gestossen.
    Ein Mädel weinen zu sehen - dazu noch ein so schmuckes Mädel wie das feine
Lieserl - das ging über Willys Kräfte. Er dachte in diesem Augenblick an nichts
anderes, nur an diese Tränen. Es waren so hübsche Tränen! und die Wangen, über
die sie rollten, waren so rund und frisch! Und der Mund, über den sie flossen,
so weich und rot. Bei jeder neuen Träne schienen die Lippen noch heisser zu
glühen.
    »Aber Lieserl!« Willy setzte sich auf die Steinplatte und schlang den Arm um
den Hals des Mädels. »So hör' doch zu weinen auf! Ich hab' dir doch nichts
zuleid' getan, ganz im Gegenteil! Und wenn ich dich kränkte, ohne dass ich es
wusste, so will ich es gerne wieder gutmachen!«
    Lieserl klagte, ihr Hochdeutsch plötzlich vergessend: »Na, Herr Graf, da is
nix mehr gut z'machen! Heut haben S' mich ins Herz troffen. So was tut weh! Sie
wissen ja net, wie gut ich Ihnen gwesen bin!«
    Willy quittierte diese kurzgefasste Liebeserklärung, indem er das Mädel fest
an seine Brust drückte.
    Lieserl sträubte sich nicht, doch allen Ernstes wiederholte sie: »Na, dös
wissen S' net! Ich hätt mein Leben für Ihnen hergeben können. Die ganzen Täg hab
ich allweil an Ihnen denken müssen und hab mir schier d' Augen ausgschaut auf
die Berg auffi!«
    »Wirklich?« Willys Rührung wuchs. »Du liebes, liebes Kerlchen du!«
    »Und heut z'Mittag - 's allerschönste Nagerl hab ich abgrissen und hab's
Ihnen zugworfen. Und Sie -« Lieserls Tränen kamen wieder ins Rollen. »Dös arme
Nagerl haben S' mit 'm Fuss davongstössen, als tät Ihnen grausen vor dem Blümerl
und - vor mir!«
    »Aber Schatz!« Willy küsste das Lieserl auf die von Tränen nassen Lippen.
»Wie kannst du nur auf den Einfall kommen, dass ich die Nelke mit dem Fuss
fortgestossen hätte? Ein unglücklicher Zufall. Wie ich die Blume haschen wollte,
bin ich gestolpert.« Er herzte die Weinende, recht wie ein Verliebter, der in
Wärme kommt. »Geh, du Närrlein! Welche Ursache könnt' ich denn haben, um dich zu
kränken? Ich hab' dich ja lieb und -« Er küsste und küsste.
    Lieserl sträubte sich nicht, sondern schmiegte sich immer enger in Willys
Arme. dabei weinte sie immerzu, als wäre der Zustand dieser fliessenden Kümmernis
für sie ein Behagen.
    »Ich bitt dich, Schatz, hör' doch zu weinen auf! Ich kann das nicht sehen!
Wenn ich nur wüsste, wie ich dich beruhigen könnte!« Da fiel ihm der Rubin ein,
den er beim Verlassen seines Zimmers mit den beiden Hirschgranen in die
Hosentasche geschoben hatte. »Schatz! Ich hab' was für dich!« Hurtig holte er
den Stein hervor und hielt ihn vor Lieserls Augen; trotz der sinkenden Dämmerung
glühte der Rubin, als wäre in seinem Innern ein Funke roten Sonnenlichtes
eingeschlossen.
    »Nimm, Lieserl! Den Stein schenk' ich dir. Und wenn du willst, lass ich ihn
für dich zu einer Nadel fassen oder in einen Ring. Aber hör' zu weinen auf!«
    Halb erschrocken, halb gierig starrte Lieserl das funkelnde Kleinod an. Und
als ihr Willy den Rubin in die Hand drückte, schloss sie über dem Stein die
Finger zu einer Faust und guckte zweifelnd zu Willy auf, als könnte sie noch
immer nicht an die Wahrheit dieses Geschenkes glauben.
    »Na also? Bekomm ich keinen Dank? Der Stein ist mehr wert, als dein Vater in
einem ganzen Jahr verdient.«
    Mit dem Rubin in der krampfhaft geschlossenen Faust warf Lieserl die Arme um
Willys Hals und küsste ihn, dass ihm der Atem verging.
    Linde Klänge gaukelten durch den Wald - im Dorfe läutete man den Abendsegen.
    »Mar' und Joseph!« stotterte das Mädel. »Betläuten! Jetzt hab ich mich schön
versäumt!« Sie streifte Willy mit einem Funkelblick ihrer schwarzen Augen, und
die Faust mit dem Rubin in die Tasche ihres Röckleins grabend, raffte sie mit
der anderen Hand die Blechkanne von der Erde und wollte Reissaus nehmen. Willy
haschte die Fliehende, riss sie wie ein Berauschter an seine Brust, bedeckte ihr
Gesicht mit Küssen und flüsterte: »Ich komm an dein Fenster!«
    Mit Wangen so rot wie blühender Mohn duckte Lieserl das Gesicht. »Aber!
Warten S', Sie Schlimmer Sie!« Kichernd wand sie sich aus seinen Armen und
huschte davon.
    Mit dem Hochgefühl eines Siegers nach heisser Entscheidungsschlacht sah Willy
dem Mädel nach. Doch als das flatternde Röckl hinter den Buchenstauden
verschwand, schien ein Gefühl in ihm zu erwachen, das mit einem moralischen
Katzenjammer eine unleugbare Ähnlichkeit besass. »Natürlich,« murrte er vor sich
hin und schob die Mütze in den Nacken, »da wäre mein heisser Schimmel glücklich
wieder mit meinen guten Vorsätzen durchgegangen!« Eine Weile überlegte er. »Na
also! Den letzten Unsinn noch, und dann Schluss!«
    Wie sehr sich auf dem Wege bis zum Seehof seine Stimmung noch zum Besseren
wandelte, verriet das Wort, mit dem er auf der laut belebten Terrasse die
Kellnerin begrüsste: »Flink, Mädel! Eine Flasche Monopol ins Eis! Dann reden wir
weiter!«
    In rosiger Laune nahm er das ausgiebige Souper - Seelachs, Paprikahuhn und
Omelette mit Pilzen -, steckte die Zigarre in Brand und vertiefte sich in die
Sektpulle. Träumend blies er die Rauchringe vor sich hin, schmachtete die
funkelnden Sterne an oder blickte unter lyrischen Regungen auf den stillen See
hinaus. In immer kürzeren Zwischenräumen leerte er den schlanken Kelch, füllte
ihn wieder und stiess die Flasche zurück in den rasselnden Eiskübel.
    Dieses Geräusch weckte die Aufmerksamkeit der Gäste, und wenn sie nach dem
stillvergnügten Zecher blickten, redete das Wohlgefallen aus ihren Augen. Die
schmucke, schlanke Jünglingsgestalt in der knappen Uniform, das hübsche,
liebenswürdige, von Wein und Träumen erwärmte Gesicht, diese lächelnde
Verlorenheit und dieses glückselige, um keine Umgebung sich bekümmernde Behagen
- das sah sich an wie ein Urbild gesunder und froher Lebenskraft, die sich
sorglos einem Stündlein irdischen Genusses ergibt und ein leuchtendes Luftschloss
in die Wolken baut.
    »Glückliche Jugend!« flüsterte ein bejahrter Herr, der den Heimweg antrat
und trotz des lauen Abends den Überrock bis zum Hals zuknöpfte.
    Die Terrasse leerte sich immer mehr; immer stiller und träumerischer wurde
die schöne Nacht.
    In der Schifferschwemme waren die Klänge der Ziehharmonika verstummt. Als
vorletzter Gast verliess der alte Mooshofer das Wirtshaus. Er hatte schwer
geladen. So breit die Strasse war, sie wäre ihm fast zu schmal geworden. Häufig
geriet er bis an den Rand der Schlucht, in deren Tiefe der Seebach rauschte;
doch es erwies sich an ihm die Wahrheit des Sprichwortes, dass Kinder und
Betrunkene einen starken Schutzengel haben; oft galt es nur einen letzten
Schritt, und der Mooshofer wäre nie wieder aus seinem Rausch erwacht; aber immer
im rechten Augenblick schwankte das Gesicht seines taumelnden Körpers wieder
einwärts gegen die Strasse. Vor Meister Zauners Garten tat er einen Plumps in den
ungefährlichen Strassengraben, richtete sich brummend auf und torkelte weiter.
    An dem einsamen Haus waren zwei Fenster noch erleuchtet: in Lieserls
Kämmerchen brannte eine Kerze vor dem Spiegel und in der ebenerdigen Wohnstube
die Hängelampe über dem Tisch. Hier sass die Zaunerin auf der Ofenbank, während
der Meister beim Fenster stand, mit den Fäusten hinter dem Rücken. Den roten
Gesichtern der beiden war es anzumerken, dass sie einen heissen Kampf miteinander
ausgefochten hatten.
    Nun schwiegen sie. Der Waffenstillstand währte nicht lange. Energisch wandte
sich der Meister zu seinem Weib und drohte mit dem Finger. »Von heut an steck
ich andere Kerzen auf. Und wenn ich dahinterkomm, dass du als Mutter dei' Pflicht
und Schuldigkeit net tust - da kracht's aber ordentlich!«
    »Jetzt lass mir endlich mei' Ruh! So an Spitakl machen! Wegen nix und wieder
nix!«
    »So? Meinst, ich kenn unser Lieserl net? Den ganzen Abend hab ich's gmerkt,
dass mit dem Madl was los is. Sie hat was im Sinn. Und nix Guts net! Aber ich tu
mei' Pflicht als Vater, ich halt meine Augen offen.«
    »Meintwegen!« murrte die Zaunerin, trat auf den Tisch zu und blies die Lampe
aus; ein Gewaltstreich, der den Meister Zauner sprachlos machte. Auf einem Umweg
tastete sich die Zaunerin in den Flur und stieg über die finstere Treppe hinauf.
Sie wollte noch zu einem kleinen Plausch in die Kammer ihrer Tochter treten. Die
Tür war von innen versperrt.
    »Lieserl?«
    »Ja, Mutter?« klang es in der Kammer.
    »Geh, mach auf!«
    »Ich lieg schon. Gut Nacht!«
    »Gut Nacht, Schatzerl! Lass dir was Guts träumen!« Mit diesem Segenswunsch
wollte die Zaunerin ihre Schlafstube aufsuchen; aber da gewahrte sie den
Lichtschein, der durch die Ritzen der Tür quoll, und wurde neugierig. Sie guckte
durch das Schlüsselloch und sah, dass ihr feines Lieserl vor dem Spiegel sass und
sich frisierte, als ging es zur Kirche oder zum Tanz. Schmunzelnd richtete sich
die Meisterin auf, schlich auf den Zehen in ihre Stube, und während sie ihren
grauen Schopf der Schlafhaube anvertraute, monologisierte sie im stillen:
»Schau, jetzt hat er am End doch recht? Sie muss was im Köpfl haben! No also, in
Gotts Namen! Warum soll man ihr an unschuldigs Spassetterl net vergönnen? 's
Madl is gscheit, 's Madl wird schon wissen, was verlaubt is und was net! Man is
ja nur einmal jung!« Sie liess sich in die Federn fallen, streckte sich, legte
die Hände auf die Bettdecke und gähnte. Es währte nicht lange, und die Zaunerin
schnarchte.
    Drunten ging der Meister noch überall im Haus umher, versperrte die
Küchentür, die Zimmertür und zuletzt das Haustor; alle Schlüssel zog er ab und
schob sie in die Tasche. »So,« brummte er, als er an Lieserls Kammer vorüberkam,
»jetzt flieg aus, du Stieglitz, du leichtsinniger! Heut hab ich den Käfig
versichert!«
    Er trat in die Schlafstube, öffnete das in den Garten führende Fenster und
suchte sein Bett, ohne dass die Meisterin erwachte. Mit offenen Augen lag er
neben dem schnarchenden Weib, wälzte seine Vatersorgen, überlegte, wie er sein
»narrisches« Lieserl auf »verstandsame« Wege bringen könnte, und sann auf ein
Mittel, durch das sich der Eigensinn seiner Tochter brechen liess und ihr Herz
für den braven Pointner-Andres zu gewinnen wäre.
    Die Turmglocke hatte schon Mitternacht geschlagen, als auch bei Meister
Zauner das Bedürfnis nach Schlaf sich fühlbar machte. Da hörte er drunten vor
dem Haus ein sachtes Geräusch. Lauschend richtete er sich auf und vernahm ein
leises Klirren, als wäre ein Steinchen gegen eine Fensterscheibe geflogen.
    »Richtig! Da kommt er schon! Aber wart, dem will ich heimleuchten!«
    Er konnte sich mit dem Ankleiden Zeit lassen, weil er wohlweislich dafür
gesorgt hatte, dass Lieserls Absicht, für einen heimlichen Plausch zur Hausbank
hinunterzuschleichen, auf Hindernisse stossen würde. Eben wollte er in die Joppe
schlüpfen, als es merklich an der Mauer raschelte. »Da hört sich doch alles auf!
Jetzt kraxelt er gar am Spalier in d' Höh!« Der Zauner sprang zum Fenster.
Draussen an der Mauer liess sich ein Brechen von Ästen und Staketen hören, ein
erstickter Schrei, der dumpfe Aufschlag eines schweren Körpers. Der Zauner
überhörte diesen Lärm, denn in kochendem Ärger hatte er zu schelten begonnen:
»Was is denn dös da draussen in der Nacht? Himmel Kreuz Teufel! So was möcht ich
mir verbitten!« Er fuhr mit dem Kopf zum Fenster hinaus. Der Garten lag still
und dunkel unter ihm. Kein Geräusch in den Büschen, auf der Strasse kein
enteilender Schritt, kein Laut an Lieserls finsterem Fenster.
    »Teufel! Is er am End gar schon herin im Haus?« Der Meister machte Licht.
    Die Zaunerin riss die verschlafenen Augen auf. »Was is denn? Um Gotts willen!
Was is denn schon wieder?«
    »Du red nur gar nix, du mit deiner saubern Tochter! Aber wart, jetzt komm
ich ihr mit der Richtung!« Die flackernde Kerze in der Hand, eilte der Zauner
auf die Treppe hinaus und rüttelte an Lieserls verschlossener Kammertür. »Wird
aufgmacht oder net?« Drinnen kein Laut. »Aufgmacht, sag ich, oder ich mach mir
selber auf!« Er wartete den Erfolg dieser Drohung nicht ab, sondern warf sich
mit dem ganzen Gewicht seines Körpers gegen die Tür. Die Bretter krachten, und
der Riegel sprang. Auf der gewaltsam eröffneten Schwelle stand der Zauner mit
erhobener Kerze und leuchtete in die Kammer.
    Lieserl war allein. In ihrem besten Gewand und kokett frisiert, lehnte sie
neben dem offenen Fenster an der Mauer, mit leichenblassem Gesicht, wie gelähmt
an allen Gliedern.
    »Du gottvergessens Madl du!« So wollte der Zauner seine Moralpredigt
beginnen.
    Da wankte ihm das Mädel verstört entgegen. »An Unglück, Vater! An Unglück!«
    »Ja freilich! Du! An Unglück bist für Vater und Mutter!« Der scheltende Fluss
seiner Worte stockte plötzlich; er schien zu erkennen, dass aus dem entsetzten
Gesicht seiner Tochter noch etwas Schlimmeres redete als nur die Angst eines auf
Heimlichkeiten ertappten Mädels.
    »Vater! Vater! Unser guter, lieber Herr Graf -«
    »Graf? Was Graf?« stotterte Meister Zauner.
    »Der junge Herr Graf! Ans Fenster is er kommen - ich kann nix dafür, ich hab
ihm halt gfallen! Und wie er am Fenster war -« Die Stimme des Mädels versagte
fast. »Ich weiss net, was er ghabt hat - gahlings hat er husten müssen, und 's
Köpfl is ihm auf d' Seiten gfallen, als tät ihm schwindlig sein. Mit alle zwei
Arm hab ich griffen nach ihm, aber ich hab ihn nimmer halten können. Vater!
Jesus Maria, Vater! Ich fürcht, es is ihm was gschehen.«
    Der Zauner hatte keinen Tropfen Blut mehr im Gesicht und starrte die Tochter
an wie ein Gespenst. Alle väterliche Entrüstung war untergegangen in namenlosem
Entsetzen. »Mar' und Joseph! Wenn da was gschehen is! Bei mir! Wenn dös der
gnädig Herr erfahrt!« Die Knie wurden ihm schwach; er schob den Leuchter auf das
Spiegeltischchen, wankte zum Fenster, beugte sich hinaus und rief mit gepresster
Stimme in den Garten hinunter: »Herr Graf? Herr Graf? - Ich bitt, so geben S'
doch an! - Is Ihnen was? Herr Graf? - Herr Graf?«
    Im Garten kein Laut.
    Halb angekleidet erschien die Zaunerin und sah das Mädel in Angst und
Zittern auf einem Schemel kauern. »Kindl? Hat dir der Vater was tan?« kreischte
die Meisterin. Sie eilte auf ihr Lieserl zu, und da schrie sie plötzlich auf,
als hätte man ihr einen Dolch ins Herz gestossen. »Jesus Maria! So a Rabenvater,
der die eigene Tochter blutig schlagt! Wegen nix und wieder nix!«
    »Blutig?« stammelte Lieserl; ein Schauer rüttelte ihre Schultern, als sie an
ihrer Brust und am rechten Arm die grossen roten Flecken gewahrte.
    Am Fenster tat der Meister einen erstickten Schreckensruf. »Alle Heiligen im
Himmel! Da drunten liegt er und tut kein Rührer nimmer!« Wie ein Wahnsinniger
packte er den Leuchter und stürzte zur Kammer hinaus.
    Nun dämmerte auch in der Zaunerin die Ahnung auf, dass alles sich anders
verhalten müsste, als sie in ihrer blinden Mutterangst vermutet hatte. Wohl
brachte Lieserl nur ein paar abgerissene Worte heraus, aber sie sagten genug, um
die Zaunerin in Verzweiflung zu versetzen. »Jesus, o Jesus! Mein Lieserl hätt
Gräfin werden können! Und so an Unglück muss dazwischenfahren! O du lieber
Herrgott! Lieserl, komm! Vielleicht is ihm net viel passiert! Der liebe, gute,
süsse Mensch! Wär dös a Glück! Wär dös a Glück!« Mit beiden Händen zog sie das
zitternde Mädel zur Kammer hinaus und über die Treppe hinunter, auf deren
letzter Stufe die Kerze flackerte, die der Zauner zurückgelassen hatte, als er
die Haustür aufriss.
    Jammernd nahm die Meisterin den Leuchter. Als sie in die Nacht hinaustreten
wollte, kam ihr der Zauner schon entgegen, wankend unter der Last, die er auf
seinen Armen trug. Lieserl taumelte gegen die Mauer, als würde ihr übel, und die
Mutter erhob ein Wehgeschrei, als hätte sie um den eigenen Sohn zu klagen.
    »Sei still, Weib!« keuchte der Meister. »Dass uns kein Mensch net hört! Es
muss verheimlicht werden, dem gnädigen Herrn Grafen z'lieb!« Schwer atmend sah er
das kalkweisse Gesicht an, das an seiner Schulter lag. »Es wird doch um Gotts
willen so weit net fehlen!« Er trat in den Flur. »Weib! Zieh mir den Schlüssel
aus'm Sack und sperr die Stubentür auf.«
    Die Zaunerin öffnete in wortloser Hast die Tür, sprang in Lieserls Kammer
hinauf und brachte zwei geblumte Kissen; dann hielt sie betend und weinend den
Leuchter, während der Meister den regungslosen Körper, von dem die Glieder
kraftlos niederhingen, auf das Sofa bettete. Lieserl drückte sich in den Winkel,
den der Geschirrkasten mit der Mauer bildete; sie hatte die zitternden Finger am
Mund und blickte verstört nach dem blassen Gesicht, das halb in die Kissen
versunken war. Willy war nicht entstellt, nur bleich; doch die Lippen, auf denen
ein mattes, gutmütiges Lächeln wie erstarrt erschien, waren rot; und rote
Tropfen hingen am Kinn. Er atmete mit Anstrengung, in kurzen Stössen, von denen
jeder sich anhörte wie ein Seufzer. Die Augen standen offen; sie hatten
fieberhaften Glanz, ihr Blick war ins Leere gerichtet.
    Meister Zauner, der vor dem Sofa kniete, schob den Arm unter die Kissen.
»Herr Graf! Lieber, guter Herr Graf! Wo haben S' denn Schmerzen?«
    Willy schien zu hören, zu verstehen. Ein Zittern lief ihm über die Arme, und
wie ein leiser Hauch klangen die Worte: »Bitte - meiner Schwester - sagen lassen
-« Die Lider fielen ihm halb über die Augen, und von den Mundwinkeln sickerten
zwei dünne, rote Fäden über den Hals.
    »Lieserl! Den Doktor!« stammelte Meister Zauner.
    Das Mädel fuhr mit der Hand in den Weihbrunnkessel, besprengte das Gesicht
und stürzte davon. Auf der finsteren Strasse brach sie in Schluchzen aus und
rannte, dass ihr der Atem verging.
 
                                       6
Über dem Park von Schloss Hubertus schlummerte die schöne Nacht. Im Adlerkäfig
herrschte friedliche Stille. Auch die Fontäne schien entschlafen und plauderte
nur leise, wie im Traum.
    Ohne Lichtschein lag das Haus inmitten der schweigsamen Finsternis. Unter
seinem Dache fanden in dieser Nacht zwei Augen keinen Schlaf, und in heisser
Erwartung pochte ein junges Herz dem Morgen entgegen.
    Als es drei Uhr schlug, erhob sich Kitty lautlos, um sich für die Reise
anzukleiden. Der gepackte Koffer stand schon seit dem Abend neben der Tür. Auf
dem Tische, für den ersten suchenden Blick berechnet, lag ein Brief an Gundi
Kleesberg. Nach einem halben Stündchen war Kitty reisefertig. Sie löschte das
Licht und setzte sich in Hut und Mantel an das offene Fenster. Die dreissig
Minuten fieberhaften Wartens wurden ihr länger, als ihr die ganze Nacht
erschienen war. Endlich klangen die vier ersehnten Schläge. Kitty huschte zur
Tür. Mit jedem Augenblick hoffte sie Willys leisen Schritt zu hören. Minute um
Minute verrann, und draussen im Korridor blieb alles still. »Er hat verschlafen!«
Sie schlich in das Zimmer des Bruders. »Willy!« rief sie leise in den dunklen
Raum. Kein Laut. Sie tastete sich zum Bett, um den Siebenschläfer aufzurütteln.
Ihre Hände griffen in leere Kissen. Erschrocken machte sie Licht. Das Zimmer war
leer. Eine dunkle Angst umklammerte ihr das Herz. Dann fiel ihr ein, wie
energisch Willy sich am vergangenen Abend ihrem Plan zuerst widersetzt hatte.
Und nun musste sie denken, dass sein Versprechen nur eine Ausflucht war: er wollte
die Schwester beruhigen, um ungestört seine Absicht auszuführen und noch in der
Nacht die Reise nach München anzutreten - allein!
    Kitty stand eine Weile ratlos. Dann nickte sie entschlossen vor sich hin und
löschte das Licht. Mit lautloser Hast kehrte sie in ihr Zimmer zurück und griff
nach dem kleinen Lederkoffer, an dem sie so schwer zu tragen hatte, dass ihre
Kräfte schon versagen wollten, noch ehe sie die Ulmenallee erreichte.
    Der Morgen begann zu dämmern, und leise zwitscherten die Meisen und Finken.
Auch im Adlerkäfig war es schon lebendig; emsig putzten die fünf Raubvögel ihr
Gefieder. Als Kitty, mühsam atmend unter der Last des Koffers, an dem Käfig
vorüberkam, streckten die Adler ihre Hälse.
    Ein Zufall führte auf der Strasse einen Holzknecht vorüber, der seiner Arbeit
nachging. Auf Kittys Bitte trug er den Koffer bis zum Mooshof. Hier musste sie
lange an die Fenster pochen. Endlich erschien der Mooshofer, der sein Räuschlein
erst zur Hälfte ausgeschlafen hatte. Ein Schimmel wurde vor das Bernerwägelchen
gespannt, und während Kitty zum Sitzbrett hinaufkletterte, tönte von den Bergen
herab, aus weiter Ferne, der verwehte Hall eines Schusses. Kitty überhörte den
rollenden Laut, ihre Aufmerksamkeit war mit dem Schimmel beschäftigt, der einen
zweifelhaften Trab entwickelte. Im Verlaufe der Fahrt hatte sie Mühe, den
Mooshofer, dem immer wieder die Augen zufielen, munter zu erhalten. Schliesslich
nahm sie selbst die Zügel und schwang die Peitsche. Aber der Schimmel hatte eine
geduldige Haut und liess sich in seiner Gemütsruhe nicht stören.
    Die Station war kaum in Sicht, da hörte man schon die Lokomotive zum
Abschied pfeifen.
    Vier Stunden bis zum nächsten Zug! Und seine Ankunft in München: drei Uhr
nachmittags! In Verzweiflung debattierte Kitty mit dem Stationsvorstand, dessen
von »strengen Vorschriften« umpanzertes Herz sich endlich erweichte. Auf einer
Draisine liess er Kitty bis zur Kreuzungsstation der Hauptbahn befördern, damit
sie einen Zug erreichen konnte, der kurz vor ein Uhr in München eintreffen
musste.
    Die Sache glückte. Kitty nahm ein Kupee erster Klasse für sich allein und
liess die Tür versperren. Der Kondukteur machte grosse Augen, als er in München
das Kupee wieder aufschloss und an Stelle des staubgrauen Falter, der zwei
Stunden früher hier untergeschlüpft war, einen weissen Schmetterling ausfliegen
sah.
    Kittys Erscheinen erregte Aufsehen. Im Sturmschritt eilte sie zum Ausgang
und rief nach einer Droschke. »Zur Frauenkirche! Schnell!« Sie sprang in den
Wagen und fiel erschöpft in die Kissen. »Zwanzig Minuten nach ein Uhr!« jammerte
sie und trommelte an das vordere Fenster des Wagens. »Schneller! Schneller!«
    Nun kam die letzte Häuserecke, und in der Tiefe einer schmalen, zum Domplatz
führenden Gasse tauchten die altersgrauen, gewaltigen Türme der Frauenkirche
auf. »Endlich!« stammelte Kitty und nahm für den Kutscher ein Geldstück aus der
Börse. Die Ungeduld kam ihr in die Füsse, und in dem schaukelnden Wagen von einer
Wand an die andere taumelnd, streckte sie bald rechts, bald links das Köpfchen
zum Fenster hinaus. Nun lenkte die Droschke auf den Domplatz ein, und kaum hatte
Kitty einen Blick nach dem Portal der Kirche geworfen, da erschrak sie, dass ihr
das Blut aus den Wangen wich.
    Die Trauung musste schon vorüber sein. Eine Reihe von drei Kutschen fuhr in
raschem Trab gegen die innere Stadt. Ein letzter Wagen hielt noch vor dem Dom,
und neben dem offenen Wagenschlag standen zwei Herren, die sich mit einem
Händedruck voneinander verabschiedeten. Der ältere verschwand um die Ecke der
Kirche - Professor Werner. Der jüngere gab dem Kutscher eine Weisung. Da hörte
er seinen Namen rufen und zuckte beim Klang dieser Stimme zusammen. »Herr
Forbeck!« Als er sich wandte, sah er Kitty aus der Droschke springen. Von den
Falten des weissen Kreppkleides umflattert, die weiten Ärmel des duftigen
Schwanenpelzes aufgebläht gleich einem schimmernden Flügelpaar, so kam sie auf
ihn zugelaufen und streckte die Hände.
    Das Wort erstarb ihm, doch seine Augen hingen an ihr, leuchtend, mit
trinkendem Blick.
    Kitty fand zuerst die Sprache. »Gott sei Dank!« Das klang so freudig, als
wäre alle Erregung, Unruhe und Erschöpfung von ihr gewichen.
    »Komtesse Kitty!« stammelte er. »Und allein? Wie kommen Sie nach München?«
    »Das können Sie fragen? Und stehen vor mir in Frack und weisser Binde!
Glauben Sie denn, ich hätt' es über mich gebracht, meinen Tas heut ohne die
Schwester zu lassen?«
    »Aber die Trauung ist schon vorüber!«
    »Das merk' ich! Und kränke mich namenlos!« Es zuckte bei dieser Beteuerung
um den rosigen Mund, aber der Glanz der Augen harmonierte nicht mit dem
klagenden Stossseufzer. »Wohin sind die anderen Wagen gefahren?«
    »Die anderen? Zu Frau Herwegh.«
    »Kommen Sie! Schnell! Ich fahre mit Ihnen!« Sie eilte auf den geschlossenen
Wagen zu, der einsam vor dem Portal der Kirche zurückgeblieben war. Forbeck
zögerte, aber Kitty drängte: »Schnell! Nur schnell!« Im Wagen zog sie die Falten
ihres Kleides an sich und rückte in die Ecke, um Platz für ihn zu machen.
Schaukelnd rollte die Kutsche über das Pflaster. »Erzählen Sie! Wie war es in
der Kirche?«
    »Eine stille, kurze Feier, schön und ergreifend! Wir zehn Menschen, ganz
allein in dem gewaltigen, ernsten Bau! Es war wie ein heiliges Geheimnis. Ich
hatte ein Gefühl, als sähe ich vor meinen Augen ein Wunder werden.«
    »Ein Wunder?«
    »Gibt es ein Wunder, das schöner wäre als das Glück zweier Menschen, die von
der Natur füreinander geschaffen wurden wie das Licht für den Tag? Sie hätten
das sehen müssen: wie sie die Ringe tauschten und die Hände verschlangen, als
wollten sie sich nimmer, nimmer lassen. Zwei Menschen, die eins geworden für das
Leben!«
    »Wie schön!« Kittys Augen träumten ins Leere, und ein sehnsüchtiges Lächeln
spielte um den halb geöffneten Mund. »Und das hab' ich versäumen müssen! Aber
nun bin ich da! Wie ich mich freue auf Tas und Anna! Ich will mich satt sehen an
ihrem Glück!«
    »Sie hoffen Ihren Bruder noch hier zu finden?« stammelte Forbeck
erschrocken. »Sie wissen nicht -«
    »Was?«
    »Das junge Paar ist von der Trauung zur Bahn gefahren.«
    In Entsetzen schlug Kitty die Hände zusammen.
    »Sie reisen an den Rhein und fahren heute bis Stuttgart, mit dem Zug um zwei
Uhr zehn.« Als Forbeck die ratlose Bestürzung sah, die aus Kittys Augen redete,
zerrte er die Uhr hervor. »Es wäre möglich -« Er riss das Fenster auf und schrie:
»Zum Bahnhof! Schnell! Nur schnell!«
    Während der jähen Schwenkung, die der Wagen machte, jammerte Kitty: »Wir
müssen zurechtkommen! Ich kann doch diese Reise nicht gemacht und Papas Unwetter
über mich heraufbeschworen haben, ohne Tas und Anna zu sehen!«
    »Bitte, Komtesse, beruhigen Sie sich!« tröstete Forbeck, mit der Uhr in der
Hand. »Wir haben noch zwanzig Minuten Zeit!« Er öffnete die Kupeetür; den einen
Fuss im Wagen, den anderen auf dem Trittbrett, debattierte er mit dem Kutscher.
Ein knallender Peitschenschlag, die Pferde fielen in Galopp.
    »Gott sei Dank!« stammelte Kitty. »Und wer hat Tas und Anna zur Bahn
begleitet? Willy? Oder sind sie allein gefahren?«
    »Allein.«
    »Und Willy? Wo ist Willy?«
    Forbeck verstand die Frage nicht.
    »Willy! Mein Bruder Willy! Sie müssen ihn doch heute kennengelernt haben!
Bei der Trauung!«
    »Nein, Komtesse! Ihr Herr Bruder war bei der Trauung nicht zugegen.«
    Kitty erschrak, dass ihre Wangen sich verfärbten. »Das ist doch ganz
unmöglich! Er ist doch eigens hergefahren, damit Tas am heutigen Tag nicht
allein wäre!« In jagenden Worten erzählte sie von der Verabredung, die sie mit
Willy getroffen hatte, von seinem vermeintlichen Wortbruch, von ihrer Vermutung,
dass er in der Nacht gefahren wäre, allein, um ihr den Unwillen des Vaters zu
ersparen. »Und nun ist er nicht hier! Und nicht daheim! Wie soll ich denn das
begreifen?«
    Forbeck suchte sie zu beruhigen; dabei empfand er eine Sorge, die ihm die
Worte durcheinanderwirrte. Das bemerkte Kitty, und nun begann sie selbst nach
einer Möglichkeit zu suchen, die Willys Abwesenheit erklären konnte. Vielleicht
hatte er in der Eile einen falschen Zug bestiegen und die Versäumnis nicht
wieder einholen können? »Da machen wir uns das Herz schwer,« sagte sie, »und
mein Bruder Leichtfuss sitzt, der Himmel mag wissen, wo, und ist kreuzfidel! Wenn
ich wieder daheim bin, wird sich alles aufklären! Wir beide wollen miteinander
noch lachen über die Sorge, die wir uns gemacht haben. Wann kommen Sie wieder
nach Hubertus? Ihr Bild dürfen Sie nicht warten lassen. Nun haben Sie meinen
Bruder Tas den Freundschaftsdienst geleistet, um den er Sie gebeten hat, nun
sind Sie wieder Herr Ihrer Zeit. Wann kommen Sie?«
    Erschrocken sah Forbeck zu ihr auf; er schien sprechen zu wollen und brachte
keinen Laut heraus. Jedes Wort war auch überflüssig; die ratlose Pein, die ihm
das Herz bedrückte, redete deutlich aus seinen Augen.
    Kitty wurde von einem ihr ganzes Wesen verstörenden Schreck befallen. »Herr
Forbeck?« stammelte sie. »Warum geben Sie mir keine Antwort? Sie sind doch nur
gegangen, weil Tas sie darum gebeten hat?« Sie wurde heftig. »So sagen Sie doch
ja! Oder ich weiss wahrhaftig nicht mehr, was ich denken soll.«
    Er versuchte zu lächeln, wollte sich zu einer Ausflucht zwingen und konnte
nicht lügen. Durch Kittys angstvollen Blick um den letzten Rest seiner Fassung
gebracht, schlug er die Hände vor das Gesicht.
    Bestürzt, an allen Gliedern zitternd, sass sie in der Ecke des schaukelnden
Wagens.
    Sie hatte verstanden.
    Der Wagen machte eine jähe Kurve und hielt. Lachend öffnete der Kutscher den
Schlag. »So bin ich schon lang nimmer gfahren. Drei Schandarm haben mich
aufgschrieben!«
    Die beiden im Wagen erwachten, als hätte eine derbe Faust sie aufgerüttelt.
Forbeck stammelte: »Noch fünf Minuten. Wir müssen den Zug noch im Bahnhof
finden!« Er sprang aus dem Wagen und reichte Kitty die Hand. Dankend nickte sie,
stieg aus und eilte über die Stufen des Portals hinauf. Als sie die riesige, von
Menschen, von Geschrei und rollendem Getös belebte Bahnhalle betrat, blieb sie
stehen und sah zu Forbeck auf; ihre Wangen glühten, doch keine Spur von
Verwirrung oder Scheu war an ihr zu bemerken. »Nicht wahr,« sagte sie mit
strengem Ernst, »zu Tas und Anna kein Wort wegen Willy! Das ist nicht die
Stunde, um ihnen Sorge zu machen. Was mich betrifft, da muss ich eben lügen, wenn
ich Tas nicht die Freude verderben will. Und Ihnen muss ich Mühe verursachen,
Herr Forbeck! Bitte, sehen Sie auf dem Fahrplan nach, welchen Zug ich zur
Heimfahrt benützen könnte. Bitte - genau! Ich bin keine Freundin von Irrtümern.«
    Ohne seine Antwort abzuwarten, huschte sie davon; ein Schaffner führte sie
zu dem Gleis, auf dem der Kurierzug stand. In einem schon geschlossenen Wagen
erster Klasse gewahrte sie den Bruder. »Tas! Lieber Tas!« Sie riss die Kupeetür
auf und sprang in den Wagen.
    Ehe Tassilo ein Wort fand, hing sie schon an seinem Hals unter Küssen und
sprudelnden Glückwünschen. Und sie gab den Bruder nur frei, um diese stürmische
Zärtlichkeit bei Anna zu wiederholen.
    »Kind! Kind!« stammelte Tassilo. »Was hast du da für einen Streich gemacht!«
    Kitty fuhr sich mit der Hand über die Augen. »Streich? Na also, in Gottes
Namen! Aber du, Anna? Nicht wahr? Du freust dich mit mir?«
    Die junge Frau umschlang das Mädchen. »Im stillen hab' ich es gehofft. Nun
hast du es wahr gemacht. Ich danke dir!«
    Tassilo, dem ein froher Strahl aus den Augen glänzte, nahm das Köpfchen der
Schwester zwischen die Hände. »Kleiner Spatz, du bist ein lieber, lieber Kerl!
Aber das hättest du nicht tun sollen! Ich kann mir doch unmöglich denken, dass
Papa -«
    »Ob er weiss? Natürlich nicht! Sonst säss' ich hinter Schloss und Riegel. Aber
mach' dir keine Sorge! Mit Papa komm ich schon wieder auf gleich.«
    »Mit wem bist du denn gereist? Doch nicht allein?«
    »Gott bewahre! Tante Gundi war natürlich einverstanden. Sie hat mir die
Beschliesserin mitgegeben.«
    »Wo ist sie?«
    Mit gut gespieltem Erstaunen guckte Kitty zur Kupeetür hinaus. »Weiss der
Himmel, wo sie herumwimmelt! Ich bin natürlich wie ein Windhund vorausgerannt,
und die Alte hat langsame Beine.« Um über das bedenkliche Tema wegzukommen,
warf sie sich wieder an Annas Hals. »Wie schön du bist! Ich kann mich nicht satt
sehen an dir! Und wie ich mich freue an eurem Glück! Das ist ein Tag für mich -«
Wie in seliger Trunkenheit presste sie die Hände auf die Brust. »In mir ist alles
aus den Fugen gegangen! Das ist so schön, so gross - es hat nimmer Platz in mir!
Ich möchte schreien, grad' hinausschreien!« Da fühlte sie die Perlen unter ihren
Fingern. »Allmächtiger! Jetzt hätt ich fast vergessen -« Mit zitternden Händen
löste sie die Schnur. »Nimm, Anna! Das hab' ich dir mitgebracht. Mein Bestes!
Diese Perlen hat meine Mutter getragen. Nimm, Anna! Das gibt dir meine Mutter.
Das wird dir Glück bringen. Dir und meinem Tas!«
    Da wurde die Kupeetür zugeschlagen. »Fertig!« rief eine laute Stimme, und
ein gellender Pfiff durchschrillte die Halle. Erschrocken öffnete Tassilo die
Tür wieder. »Schnell! Nur schnell!« Er sprang auf den Perron, hob die Schwester
aus dem Wagen und küsste sie. Zwei Kondukteure kamen gelaufen, Leute drängten
sich herbei, Köpfe tauchten aus allen Wagenfenstern. Tassilo hielt mit der einen
Hand die Griffstange des langsam in Gang kommenden Wagens umklammert, mit der
anderen hielt er die Schwester fest. »Wo ist Rosa?« Er meinte die Beschliesserin.
»Wo ist Rosa? Ich lasse dich nicht allein.«
    »Aber Tas! Um Gottes willen!« stotterte Kitty. »Dort ist sie ja!«
    »Wo?«
    »Dort! Dort!« Sie deutete nach irgendeiner Richtung.
    Die Kondukteure schimpften; der eine wollte die Wagentür schliessen, der
andere Tassilos Hand von der Stange lösen. Hinter den Leuten tauchte die rote
Mütze eines Bahnbeamten auf, während Forbeck mit stossenden Ellbogen die dichte
Menschengruppe zu durchbrechen suchte.
    »Aber Tas! Tas!« jammerte Kitty. »Steige doch ein! Deine Frau ist im Wagen
-«
    Anna war in der Tür erschienen und griff mit beiden Händen nach Tassilos
Arm.
    »Zurück, Anna! Du fällst!« stammelte Tassilo, und um die junge Frau vor dem
drohenden Sturz zu bewahren, gab er die Hand der Schwester frei und schwang sich
auf das Trittbrett. Die Kondukteure drängten ihn in das Kupee, der eine schlug,
am rollenden Wagen hängend, die Tür zu, und der andere schloss die Messingklappe.
    Kitty sah dem rascher und rascher gleitenden Zuge nach. »Da reisen sie
jetzt! Mit ihnen das Glück. Weil sie den Mut hatten, ihr Glück zu erkämpfen.«
    »Mut?« sagte Forbeck mit bebender Stimme. »Wenn das Herz nach Glück
verlangt, ist der Mut eine billige Sache. Wer Mut zeigen und ein Glück erkämpfen
will, braucht noch ein besseres Recht als nur das Recht seiner Sehnsucht. Ihr
Bruder hatte dieses Recht. Er nahm, indem er gab, und opferte, um zu gewinnen.«
    In Erregung schüttelte sie das Köpfchen. »Das ist mir zu hoch, das versteh'
ich nicht.« Sie sah die brennende Röte, die ihm über Stirn und Wangen schlug,
und wurde verlegen. »Ich habe Sie doch nicht verletzt? Was ich sagte, war kein
Vorwurf für Sie - eher für mich!« Die Augen senkend, zog sie den Schwanenpelz
enger um die Schultern und begann am Geleise entlang zu gehen. Wortlos ging
Forbeck neben ihr her. Da sagte sie leis: »Bitte! Erklären Sie mir, was Sie
gemeint haben.«
    »Denken Sie: Ihr Bruder wäre nicht gewesen, was er ist, der Träger eines
adligen Namens, reich, unabhängig, ein Mann, der seine Zukunft in festen Händen
hält - sondern ein junger Mensch ohne Namen, ohne Vermögen, ohne Familie, mit
der Heimat auf der Strasse. Und denken Sie: Eine grausame Laune des Schicksals
hätte es gewollt, dass er sein Herz an ein Mädchen verlor, von dem alles ihn
schied, was in der Meinung der Welt als Schranke gilt. Glauben Sie, Ihr Bruder
hätte auch dann den Mut gehabt, sein Glück zu erzwingen?«
    »Gewiss! Dann erst recht!«
    »Nein, Komtesse! Und sicher nicht, wenn seine Neigung von jener Art gewesen
wäre, die jede Lebensfaser bewegt wie eine rein klingende Saite und den ganzen
Menschen erhebt, auch wenn sie jede Hoffnung in ihm zerdrückt. Wie hätte er das
lachende Spiel missbrauchen dürfen, mit dem sich Jugend zu Jugend findet? Und
wenn ein Schimmer von Neigung im Herzen jenes Mädchens für ihn erwachte? Hätte
er diesen Funken mit einem Sturmhauch der Leidenschaft zum Feuer anfachen
sollen, das auflodert, um wieder zu erlöschen, wenn die Ernüchterung kommt?
Hätte er versuchen sollen, im ersten Rausch die Geliebte an sich zu reissen?
Hätte er sie bereden sollen, ihm Namen und Rang zu opfern, die sorglose
Behaglichkeit im Elternhaus und die Liebe des Vaters, der einer solchen
Verbindung seine Zusage nie erteilt hätte? Und was hätte er zum Tausch für
dieses Opfer bieten können? Den seligen Taumel einer kurzen Zeit. Und hinter den
rosigen Wochen eine Reihe von Jahren, voll von jenem bitteren Kampf, der die
beginnende Laufbahn jedes ernstaft strebenden Künstlers erfüllt! Es führt nicht
jeder Kampf zum Siege. Wenn ihm vor der Zeit die Kraft versagte? Wenn in diesem
aufreibenden Kampf sein Talent in Stücke fiel? Wenn das einzige unterginge, was
er der Geliebten als Dank für alle Opfer gern geboten hätte: den Stolz auf das
Können ihres Mannes, den Glauben an ihn, die Hoffnung auf eine Zukunft in Ruhm
und Ehre? Was dann? Über die Geliebte die Möglichkeit eines solchen Glückes
heraufzubeschwören - nein, Komtesse, das ist nicht Mut der Liebe, das wäre der
Mut eines Diebes!«
    Die Wangen in heisser Glut, jeden Zug gespannt in lauschender Erregung, war
Kitty neben Forbeck hergegangen. Nun hob sie den Blick. »Ja, Herr Forbeck! Jetzt
versteh' ich! Alles!« Ihre Stimme schwankte. »Aber dann? Das ist doch kein Ende?
Ich will wissen, was mit ihm geschieht?«
    »Sein Leben wird hart sein, nicht hässlich.« Er vermied ihre Augen. »Liebe
ist ein Glück, auch wenn sie einsam bleibt. Er hat den Trost seiner Arbeit,
seiner Kunst. Vielleicht erfüllt sie ihm doch eine Hoffnung seines Lebens und
trägt ihn auf stolze Höhe, so dass er nach Jahren von sich sagen kann: Ich habe
den Kampf nicht gescheut, in dem nur ich allein verlieren konnte, ich hatte den
Mut auch für den steilsten Weg, und in diesen Jahren der Wandlung ist in mir nur
eines sich gleichgeblieben.«
    Kitty nickte. »So wird es kommen. Mit ihm! Das weiss ich. Aber was soll mit
ihr geschehen? Das ist doch verzeihliche Neugier? Nicht? Also! Sie haben doch
selbst den Fall gesetzt, dass sie ihm gut war - wenn Sie auch vermuten, dass es
nur so ein kleines, winziges Feuerchen wäre?«
    »Die Zeit wird es löschen. Sie wird vergessen.«
    »Vergessen? So? Das wäre allerdings bequem! Da hätte die Geschichte freilich
ein Ende!«
    Die Bahnuhr schlug die halbe Stunde, und tönend schwammen die beiden Klänge
durch die weite Halle.
    Erschrocken sah Forbeck auf. »Verzeihen Sie, Komtesse, ich habe vergessen -
Sie schickten mich doch, um nach dem Fahrplan zu sehen. Wir müssen eilen, wenn
Sie noch zurechtkommen wollen. Da drüben, ganz am Ende der Halle, steht Ihr Zug,
er geht in wenigen Minuten.«
    »Ich weiss. Zwei Uhr achtunddreissig!« sagte Kitty und beschleunigte ihren
Gang.
    »Sie wissen?«
    »Natürlich! Es war doch nur ein Vorwand, als ich Sie wegschickte. Ich hoffe,
Sie nehmen mir das nicht übel. Aber Tas, und wir beide zusammen, das hätte doch
Veranlassung gegeben zu allerlei unbequemen Fragen. Und da wäre doch jetzt nicht
die Zeit gewesen, um das aufzuklären. Nicht wahr?« Sie blieb stehen und bot ihm
die Hand. »So! Jetzt ist alles klar zwischen uns. Jetzt flink, oder ich versäume
den Zug!«
    Rasch durcheilten sie die Breite der Halle. Das zweite Zeichen war schon
gegeben, als sie den Zug erreichten. Der Schaffner, mit welchem Kitty vor einer
Stunde in München angekommen war, begleitete auch den Zug, mit dem sie die
Rückreise antrat; er erkannte sie und lief, um einen Wagen erster Klasse zu
öffnen.
    Forbeck war in nervöser Erregung. »Es wird Nacht, bis Sie in Hubertus
ankommen, und es macht mir Sorge, dass Sie allein reisen.«
    Sie lächelte, halb erfreut, halb verlegen. »Ich muss allein reisen, gerade
jetzt. Und was sollte mir zustossen? Fünf Stunden sitz' ich ruhig im Kupee, dann
nehm' ich mir einen Einspänner und kutschiere gemütlich nach Hause.«
    Forbeck schien nicht beruhigt. »Wenn Sie gestatten wollten, dass ich in einem
anderen Kupee -«
    »Ach, Unsinn! Das am allerwenigsten! Das wäre noch unbehaglicher. Aber ich
danke Ihnen!« Sie wollte ihm die Hand reichen.
    Der Schaffner mahnte: »Höchste Zeit, gnädiges Fräulein!«
    Kitty sprang so flink in den Wagen, dass die jähe Trennung fast den Anschein
einer Flucht gewann. Forbeck benützte diesen Moment, um dem Kondukteur ein
Goldstück in die Hand zu drücken: »Bitte, nehmen Sie sich der jungen Dame an und
sorgen Sie dafür, dass niemand sie stört!«
    Der Schaffner machte eine tiefe Reverenz und schloss mit auserlesener
Vorsicht die Wagentür.
    In der einen Hand den Hut, mit der andern an der Uhrkette nestelnd, sagte
Forbeck tonlos: »Darf ich bitten, Fräulein von Kleesberg zu grüssen und ihr zu
sagen, dass ich die viele Freundlichkeit, die sie mir erwiesen, nie vergessen
werde!«
    »Ja, Herr Forbeck, das sag' ich ihr! Und das wird ihr Freude machen. Tante
Gundi hat Sie sehr liebgewonnen, sehr! Für Ihren Gruss wird sie sich persönlich
bei Ihnen bedanken, sobald wir nach München kommen, in drei bis vier Wochen.«
Kitty verschwand, erschien aber gleich wieder am Fenster mit dem Jammerschrei:
»Um Gottes willen! Wo ist denn mein Koffer?« Als sie das fassungslose Entsetzen
gewahrte, von welchem Forbeck befallen wurde, fing sie herzlich zu lachen an:
»Na also, da haben Sie jetzt ein bisschen Arbeit! Das wird Sie wohltuend
zerstreuen!«
    Der Pfiff der Lokomotive und ein rasselnd durch die Wagenreihe zuckender
Stoss unterbrachen ihre Worte. In jäher Bestürzung streckte sie die Hand aus dem
Fenster. »Herr Forbeck!« Das klang wie verzehrende Angst. »Auf Wiedersehen!«
    Er brachte kein Wort heraus, als er hastig ihre Hand erfasste; Kittys Finger
klammerten sich um die seinen, und während er neben dem rollenden Wagen herlief,
hing sein dürstender Blick an ihrem verstörten Gesicht.
    Der Wagen bekam es eilig, die beiden Hände mussten sich lassen.
 
                                       7
»Tut mir leid, aber der Herr is net daheim!« So hatte, als das Lieserl in der
Nacht am Doktorhaus die Glocke gezogen, die Haushälterin des Arztes aus dem
Fenster gerufen. »Um neune am Abend hat er in d' Färleiten müssen.« Das war ein
einsam gelegener Bauernhof, zwei Stunden vom Seedorf entfernt. »Wenn er
heimkommt, schick ich ihn gleich. Wer is denn krank bei dir?«
    Lieserl, an allen Gliedern zitternd, gab mit erwürgter Stimme die Antwort:
»Der Mutter is net gut!«
    »Es wird net so arg sein! Sie soll sich derweil an Tee machen. In der Fruh
kommt der Herr Doktor schon.«
    Das Fenster klirrte; und Lieserl trat den Heimweg an. Ihre Tränen waren
versiegt, ihre Angst verwandelte sich in dumpfe Erschlaffung. Wie Blei lag es
ihr in den Knien. Schliesslich begann sie aber doch zu laufen, weil die tiefe
Finsternis sie gruseln machte; dazu hatte sie die Empfindung, als striche ihr
jemand mit eiskalter Hand über das Gesicht. Und das eintönige Rauschen, das
neben der Strasse aus der tiefen Schlucht der Ache klang, weckte in ihr die
Vorstellung einer Gespensterstimme.
    Als sie heimkam, sah sie an den ebenerdigen Fenstern alle Läden geschlossen.
Sie hörte ersticktes Schluchzen und gewahrte auf der Hausbank einen schwarzen
Klumpen, an dem sich eine weisse Schürze bewegte. Vor Erschöpfung taumelnd,
umklammerte Lieserl den Arm der Mutter und lallte, dass sie den Doktor nicht
daheim gefunden.
    »Lieserl!« schluchzte die Zaunerin und zog die Tochter auf ihren Schoss. »So
a Glück hätt dir zustehn können! Und so an Unglück muss kommen über uns! O du
mein armes, verlassens Kinderl. Da hätt jetzt auch kein Doktor nimmer gholfen.«
    »Mar' und Joseph!« kreischte Lieserl und verbarg unter Zittern das Gesicht
am Hals der Mutter.
    So sassen sie und weinten miteinander. Endlich versuchte die Zaunerin das
Mädel aufzurichten. »Komm, ich führ dich in d' Stuben eini! Schau ihn an, dein
armen Schatz, wie er daliegt, so lieb und schön!«
    Die Stubentür war halb geöffnet, und man sah den Tisch mit der Hängelampe
darüber, die einen hellen Lichtkreis über die Dielen warf. Auf einem Sessel
mitten in der Stube stand eine irdene Schüssel mit rot gefärbtem Wasser, in dem
ein blutfleckiger Lappen schwamm. Gebrochen, mit käsigem Gesicht, sass der
Zaunerwastl auf der Ofenbank; als die Meisterin und das Lieserl über die
Schwelle geschlichen kamen, zuckte es in seinen Fäusten, und mit irrem Blick
streifte er das Sofa, auf dem der Tote lag: in der schmucken Uniform mit den
blinkenden Knöpfen, den seitlich geneigten Kopf in die Kissen versunken. Das
hübsche, junge Gesicht, das sorgfältig vom Blut gereinigt war, zeigte einen
gutmütigen, fast knabenhaften Ausdruck.
    Vom Arm der Mutter umschlungen, stand Lieserl vor dem Toten, mit
aufgerissenen Augen, von einem Schauer gerüttelt, dass ihr die Zähne klapperten.
    »Schau, Lieserl, da liegt er!« schluchzte die Zaunerin. »Druck ihm die
lieben Äugerln zu! Der hat's verdient um dich.«
    Meister Zauner wurde unruhig.
    Von der Mutter geschoben, näherte Lieserl sich dem Sofa. Als ihre Finger die
Lider des Toten berührten, wich sie zurück und schlug die Hände vor das Gesicht:
»Mutter! Ich fürcht mich vor ihm!«
    Da sprang der Zauner auf, mit geballten Fäusten. »Naus!« schrie er in seinem
Zorn, dass ihm der Schaum vor die Mundwinkel trat. »Naus zu Stuben! Du! Solang er
glebt hat, hast dich net gforchten? Gelt? Da hast scharwenzeln können und 's
Fenster sperrangelweit aufreissen! Und jetzt tät dir grausen vor ihm? Naus zur
Stuben, du Fratz, du gottvergessener! Oder ich vergreif mich an dir!«
    Lieserl, die Arme über den Kopf schlagend, floh aus der Stube; zum erstenmal
im Leben hatte sie Angst vor ihrem Vater.
    »O du grundgütiger Heiland!« kreischte die Zaunerin. »So was von
Gemütlosigkeit is mir meiner Lebtag noch net unterkommen! Lieserl! Mein arms
Lieserl!« Sie wollte ihrem misshandelten Kinde folgen.
    »Du bleibst!« keuchte der Zauner. »Mit dir hab ich z'reden!« Er fasste das
Weib am Arm und warf die Tür zu.
    Lieserl hatte im Flur die brennende Kerze aufgerafft und rannte, wie von
einem Gespenst gejagt, über die Treppe hinauf in ihr Stübchen. Zitternd schob
sie den Riegel vor, schloss in scheuer Hast das Fenster, das noch immer offen
stand, und trug den Leuchter zum Spiegeltisch. Ihr Blick fiel in das Glas, und
sie sah die roten Flecken an ihrer Brust und am Ärmel. Von Grauen befallen, riss
sie das Leibchen herunter; eine Hafte verfing sich am Nacken in ihrem Haar, und
das verursachte ihr solchen Schreck, dass sie aufschrie und in blinder Angst
immer zerrte, bis ihre Zöpfe sich lösten. Unter einem Zähneschauer riss sie die
Tür wieder auf, schleuderte das Leibchen in den dunklen Flur hinaus und
schlenkerte die Finger wie ein zu Tod erschrockenes Kind, das sich im Spiel mit
dem Feuer die Hände verbrannte. In Rock und Schuhen, das Gesicht von Angst und
Erschöpfung entstellt, warf sie sich über das Bett; es war aufgedeckt und frisch
überzogen wie vor hohem Feiertag; nur die Kissen fehlten.
    Lautloses Schluchzen erschütterte den Körper, während sie den Kopf in das
flaumige Oberbett vergraben hielt. So hörte sie keinen Laut, obwohl man aus der
Stube herauf den Klang der wechselnden Stimmen vernehmen konnte.
    Tritte polterten im Flur, und die Haustür knarrte. Über die Fenster des
Stübchens zuckte ein unruhiger Schein, als ginge man mit einer Laterne gegen die
Strasse. Eine halbe Stunde herrschte tiefe Stille da drunten, dann wurde die
Haustür geschlossen, und müde Tritte schlurften über die Treppe herauf.
    Die Zaunerin kam in das Stübchen geschlichen. Ein Bild des Jammers, fiel sie
neben dem Bett auf einen Sessel. Nach einer Weile strich sie scheu mit der Hand
über Lieserls entblösste Schulter. »Jetzt musst dich nimmer fürchten! Er is schon
aus'm Haus.«
    Das Mädel fuhr auf, stierte die Mutter an und verbarg das Gesicht wieder in
den Federn.
    »Der Vater hat gmeint, es könnt dem gnädigen Herrn lieber sein, wenn d' Leut
sagen: 's Unglück is auf der Strassen gschehen - lieber, als wenn 's Geschrei
umanand ging: er is am Zaunerlieserl ihrem Fenster ausgrutscht! Es wär auch
besser für dich, wenn die Sach vermankelt wird. Soviel Ehr: dass der junge Herr
Graf seine gnädigen Augen zu dir erhoben hat. Aber d' Leut fassen so was
gspassig auf. Da könntst an Treff kriegen fürs Leben! Und der Vater hat gar net
denkt an dich! Nur allweil an gnädigen Herrn Grafen! Und drum hat er den armen
Kerl abitragen in Seebachgraben und hat ihn hingelegt, als ob er in der Nacht
über d' Strassen naustreten wär und hätt sich derfallen. Und jetzt is er fort,
der Vater, und is auffi zum gnädigen Herrn in d' Jagdhütten. Der wird Augen
machen!«
    Seufzend blies die Zaunerin den Atem aus, und ihre Zähren begannen wieder zu
fliessen. Nach einer stummen Weile erhob sie sich und drückte stöhnend die Fäuste
in den Rücken. »Jetzt muss ich sauber machen drunt! Und sei gscheit, Lieserl, tu
dich ordentlich niederlegen. Es kommt der Tag schon bald, und a paar Stünderln
Ruh musst haben, sonst kann dir's morgen jeder Mensch vom Gsichterl ablesen, dass
was passiert is! Geh, sei gscheit! Ich hol dir dem Vater seine Kopfpolstern
ummi. Der braucht s' heut nacht sowieso net.« Sie verschwand und erschien
wieder, unter jedem Arm ein bauschiges Kissen. Mit umständlicher Sorgfalt machte
sie das Bett zurecht und entkleidete das feine Lieserl, das stumm und willenlos
alles mit sich geschehen liess. »So, du arms Hascherl! Jetzt tu dich einihuscheln
in d' Federn! Und 's Lichtl lass ich brennen. Dass dich net fürchten tust.«
    Zärtlich streichelte die Zaunerin das blasse Gesicht ihres Kindes,
zerdrückte mit der Faust eine schimmernde Mutterträne und humpelte seufzend aus
der Stube.
    Schaudernd schmiegte sich Lieserl in die Kissen und zog das Deckbett über
die Ohren.
    Die Stunden versickerten, und vor den Fenstern des Stübchens begann der
erwachende Tag zu glänzen.
    Mutter Zaunerin erschien mit nasser Schürze und mit Händen, die von der
Kälte des Wassers gerötet waren. Der süsse Trost, den in allem Leid die Arbeit
bietet, schien sich auch ihr erwiesen zu haben. Sie war gefasst. »So, Lieserl! A
traurigs Gschäftl hab ich ghabt. Aber drunt is wieder alles in Ordnung. Jetzt
kann ins Haus kommen, wer mag. Keiner wird merken, dass da was gschehen is. Vor
die Leut heisst's Obacht geben! Wir zwei unter uns können reden drüber, was für a
Glück uns zugstanden wär, wenn's mögen hätt!«
    Mit diesen Reden »unter uns« machte die Zaunerin gleich den Anfang und
erörterte unter Seufzern jede Hoffnung, die das »arge Unglück« so jäh vernichtet
hatte. »Schau, liebs Kindl, ich will dir gwiss kein Fürwurf machen. Aber hättst
Vertrauen zu deiner Mutter ghabt, wer weiss, wie's gangen wär? Und red doch
endlich amal a Wörtl! Es könnt mich trösten, wenn ich wüsst, wie alles kommen
is.«
    Lieserl schüttelte heftig den Kopf und vergrub das Gesicht in die Kissen.
Aber die schmerzvolle Neugier der Zaunerin gab keine Ruhe mehr, bis sie gestillt
wurde. Lieserl musste erzählen, ob sie wollte oder nicht.
    Es wuchs der Tag vor den Fenstern. Und wie das Licht da draussen in alle
Winkel des Tales drang, so schlich sich auch ein verklärender Strahl in Lieserls
dunkle Liebesgeschichte. Sie schien es selbst nicht zu merken, dass sie beim
Erzählen mehr als bedenklich von der Wahrheit abirrte. die Verstörteit ihres
hübschen Grübchengesichtes begann sich zu mildern, und während ihre dunklen
Kirschenaugen in schwärmerischem Kummer blickten, verwandelte Lieserl sich vor
der Mutter in die makellose, des tiefsten Mitleids würdige Heldin eines
sentimentalen Romans, der die Zaunerin zu Tränen rührte.
    Im Verlaufe des vorletzten Kapitels, das im abendlichen Walde spielte und
eines Kniefalls mit heissen Liebesschwüren des unglücklichen Helden Erwähnung
tat, liess sich Lieserl ihr Röckl reichen und holte aus der Tasche ein
zusammengeknüpftes Tüchl hervor. Über der Bettdecke löste sie den Knoten und
hielt der Mutter auf flacher Hand den funkelnden Rubin entgegen. »Da schau,
Mutter! Den kostbaren Edelstein hat er mir gschenkt! Soviel is unser Haus und
Garten net wert!« Das war eine poetische Übertreibung, aber sie fand den
sprachlos staunenden Glauben der Zaunerin. »Und gschworen hat er mir, dass er
mich lieber hätt als alles auf der Welt!« Tränen erstickten ihre Stimme.
    »Der gute, liebe, süsse Mensch!« Vor Rührung, Schmerz und freudiger
Überraschung einem Weinkrampf nahe, warf die Zaunerin sich an die Brust ihres
Kindes. »Lieserl, Lieserl! Dös kostbare Blutströpfl musst in Ehren halten und am
Halserl tragen wie an Ammalett, zum ewigen Andenken bis zu deiner seligen
Todesstund!«
    Tod! Das üble Wort jagte einen Schauer über Lieserls Nacken. »Ich bitt dich,
red net allweil vom Sterben!« greinte sie und wand sich aus den Armen der
Mutter.
    Die Zaunerin klagte weiter: »Du mein arms, unschuldigs Kindl du! Der hätt
dich gheirat, Lieserl! Du, Frau Gräfin! Und ich als Gräfin-Mutter! Und jetzt is
alles aus! Und wer kann wissen, ob 's Unglück schon an End hat? Völlig grausen
tut's mir, wenn ich dran denk, was da für Sachen aussiwachsen können! Und wer
muss leiden drunter? Du, Lieserl! Allweil der Unschuldig! Dös is die Grechtigkeit
auf der Welt! Gott behüt uns vor so was!« Die Zaunerin schlug ein Kreuz. Dazu
hatte sie den rechten Augenblick gewählt, denn das Morgengeläut der
Kirchenglocke begrüsste den neugeborenen Tag.
    Lieserl schien von der Angst der Mutter angesteckt. »Was soll mir denn
gschehen können?«
    »D' Leut, Lieserl! Die schlechten Leut! Wär alles gut nausgangen, 's ganze
Dorf wär zersprungen vor lauter Neid. Aber jetzt! Weil alles schief gangen is!
Wann der Vater die Gschicht net gut vermankelt, rucken d' Leut mit'm Gspött und
mit der boshaften Gaudi über uns her, dass man sich in Erdboden verschliefen
möcht! Verschandeln werden dich d' Leut, kein guts Haar mehr lassen s' an deiner
Ehr! Und hängen bleibt's an dir! Dein Leben lang! Herrichten werden dich d'
Leut, dass dich keiner mehr anschaut auf der ganzen Welt! Und sitzen bleibst! Ich
sag dir's, Lieserl, ich weiss net, was ich drum gäb, wenn gschwind einer da wär,
der dich vom Fleck weg auffiführen tät ins Pfarrhaus!«
    »Aber Mutter!« stammelte das Mädel, dem die finstere Logik der Zaunerin mit
Schrecken einzuleuchten schien. »Wo soll denn gschwind einer herkommen?«
    Die Phantasie der Mutterliebe machte über allen Jammer hinüber einen
Löwensprung: »Der Pointner-Andres!«
    Als Lieserl den Namen hörte, fuhr sie aus den Kissen und spie zur Erde.
    »Lieserl! Ich sag dir's: Tu dich net versündigen! Oder willst dein Glück
verklämpern?« jammerte die Zaunerin. »Ich hab dir's allweil gsagt: Halt dir den
Andres warm! Er is net der schlechteste. Der schönste Hof im ganzen Ort! Und der
Steinbruch, der zum Hof ghört, is die reinste Goldgruben. Aber allweil is noch
nix verspielt. Der Andres is völlig narrisch vor lauter Lieb zu dir. Da tät's
dich nur a Wörtl kosten, und alles wär in der schönsten Ordnung. Meiner Seel,
wenn ich wüsst, wo ich den Andres find, auf der Stell tät ich reden mit ihm!«
    »Mutter!« lallte Lieserl, zu Tod erschrocken. »Lieber sterben als so was von
Schlechtigkeit verüben!«
    »Schlechtigkeit? Was Schlechtigkeit?« Das Wort schien die Zaunerin zu
reizen. »'s ganze Leben ruinieren und Sorg und Elend über d' Mutter bringen! Dös
wird wohl Schlechtigkeit gnug sein!« Warnend erhob sie den Finger. »Sei gscheit,
Lieserl! Oder willst es drauf ankommen lassen, dass dich der Andres auch nimmer
mag? Und dass dich der Miserabligste im Ort nimmer anrühren möcht mit'm Stecken?
Ah na! Da is d' Mutter noch da! Auf der Stell schau ich, dass ich den Andres
find! Und dir, Lieserl, sag ich: Sei gscheit!« Die Tochter mit einem letzten
warnenden Blick bedenkend, strebte das kummervolle Mutterherz der Zaunerin zur
Tür hinaus.
    »Ich tu's net! Und ich tu's net!« kreischte Lieserl und sprang wie in einem
Anfall von Wahnwitz aus dem Bett. »Und net um d' Welt! Und net um alles! Lieber
sterben! Pfui Teufel, Mutter! Mir graust!« Sie riss die Tür auf, um die Mutter
noch einzuholen. Da sah sie auf der Flurdiele das blutige Leibchen liegen. Von
kaltem Grauen geschüttelt, taumelte sie zurück und warf, als hätte sie ein
Gespenst gesehen, die Tür ins Schloss.
    Ein paar Minuten später zappelte die Meisterin aus dem Haus, einen
Henkelkorb am Arm, mit einem wollenen Umschlagtuch.
    Es war noch früh am Morgen; aber das Leben des Dorfes erwachte schon. Blauer
Rauch stieg aus den Schornsteinen, von den zerstreuten Höfen hörte man Geräusch
und Stimmen, die Hunde schlugen an, auf der Strasse rasselte ein Leiterwagen, und
aus dem Park von Schloss Hubertus, dessen Baumkronen von grauem Nebel umsponnen
waren, klang von Zeit zu Zeit ein gellender Adlerschrei.
    Die Zaunerin hatte es eilig. Sie achtete der schweren Nässe nicht, die sie
mit dem Rocksaum von den weissbetauten Gräsern streifte.
    Schnaufend erreichte sie das Pointnerhaus, ein stattliches Gebäude in
weitläufigem Hofraum. Beim Brunnen stand eine Magd, und freundlich rief die
Zaunerin über die Staketen: »Guten Morgen, Franzi! Zeitig bist auf!«
    Die Magd lachte. »Wär net schlecht, wenn ich d' Sonn verschlafen möcht!«
    »Ja, ja, a fleissigs Haus, der Pointnerhof! Der Bauer is wohl auch schon lang
bei der Arbeit?«
    »Da hast recht! Der Alt is am Feld draussen, und der Jung schafft schon seit
in der Fruh um fünfe im Steinbruch.«
    »So? So? Bhüt dich Gott!«
    Die Zaunerin eilte weiter. Ihr Weg ging durch ein Laubgehölz, dessen Blätter
sich schon gelblich zu färben begannen. Ein mit Quadersteinen beladener Wagen
kam ihr entgegen, sie hörte einen Sprengschuss und vernahm das dumpfe Getös des
fallenden Gesteins.
    Die Bäume lichteten sich, und vor der Zaunerin lag der tief in den Berghang
eingewühlte Steinbruch. Über der kahlen Wand verzog sich der Pulverdampf des
letzten Sprengschusses, während am Fuss der Felsen, zwischen klotzigen Trümmern,
drei Arbeiter mit klingenden Hammerschlägen schon wieder die neuen Sprenglöcher
in das Gestein meisselten. Im Schotterfelde standen zwei Wagen, der eine schon
mit Steinen befrachtet, während der andere beladen wurde; vier Männer waren hier
bei der Arbeit, unter ihnen der Pointner-Andres. Er hielt die Schulter gegen
einen eisernen Hebel gestemmt und wälzte einen schweren Stein auf den ächzenden
Wagen hinauf. Als die Zaunerin sich näherte, rollte der Block an seinen Platz.
Andres wischte mit dem Hemdärmel den Schweiss von der Stirn; nun gewahrte er das
Weib, liess den Arm fallen und sperrte die Augen auf.
    »Guten Morgen, Andres! Fleissig?« nickte die Zaunerin mit grosser Herzlichkeit
und ging vorüber.
    Sie kannte den Andres und brauchte nicht das Gesicht zu drehen, um zu
wissen, dass er ihr folgen würde. Als sie den Wald erreichte, kam ihr der junge
Pointner mit schweren Schritten nachgetappt, verlegen, erregt wie ein hungriges
Kind, das die Mutter mit gefülltem Körbchen vom Bäcker kommen sieht.
    »He! Meisterin! Wohin denn?«
    Die Zaunerin blieb stehen und hatte eine Ausrede flink bei der Hand. Ein
paar Reden wurden gewechselt, und mit einer scheuen Frage nach Lieserls Befinden
brachte der Andres selbst das Gespräch auf den Weg, um den es der Zaunerin zu
tun war.
    »Geh, du! Fragen kannst auch noch!« schmollte sie, als wäre sie dem Andres
aus irgendeiner Ursache bitterbös und könnte ihm doch nicht gram sein.
    Diese dunkle Einleitung brachte den jungen Pointner aus seiner ohnehin recht
zweifelhaften Ruhe. »Du? Was machst denn für Augen?«
    »So? Merkst es? Wann ich dich net so gern hätt, möcht ich dir am liebsten d'
Ohrwascheln aus'm Kopf reissen vor lauter Zorn! Ja, dir! Mein Madl so
schikanieren! Da hört sich doch alles auf!«
    Dem Andres versagte vor Verblüffung die Sprache. Seine klobigen Fäuste
zitterten, mit offenem Mund und grossen Augen starrte er die Zaunerin an, und
Röte und Blässe wechselten auf seinem ungeschlachten Gesicht. »Wie? Was denn?
Ich hab dem Lieserl kein unguts Wörtl net geben! Soviel dürsten tut mich nach
dem Lieserl! Allweil lachen mich d' Leut drum aus! Und 's Lieserl is soviel
unfreundlich. Allweil sagt's mir, dass ihr keiner auf der Welt so zwider wär wie
ich.« Andres strich mit den Händen übers Haar und seufzte schwer.
    »Du? Zwider? Dem Lieserl?« Die Zaunerin stellte den Korb zu Boden und schlug
die Hände über dem Kopf zusammen. »Bist denn du mit Blindheit gschlagen? Da muss
ich schon aussi mit der Sprach!« Nun ging es weiter wie ein klapperndes
Mühlwerk. Ohne sich eine Kunstpause zu vergönnen, spielte die Zaunerin ihre
strohdumme Komödie zu Ende. Jeder andere wäre stutzig geworden. Aber der
Pointner-Andres war blind, trotz seiner scharfen Augen. Er war gewiss kein grosses
Geisteskind, aber auch nicht dumm - nur eben verliebter als für ihn gesund war.
Um die heissen Kohlen in seinem Herzen zur Flamme anzublasen, hätte es gar nicht
dieses langen Märchens von der unverstandenen Liebe bedurft, von Lieserls
bleichen Wangen und ihren schlaflosen Nächten, von den heissen Tränen, bei denen
die Zaunerin ihr armes Kind überraschte, von Lieserls Beichte am Mutterherzen
und von ihrem verzeihlichen Groll über den Pointner-Andres, »der halt gar net
Ernst macht«. Hätte die Zaunerin statt dieses langen Schwindels nur kurzweg
gesagt: »Komm, Andres! Zum Lieserl!« - sie hätte die gleiche Wirkung ebenso
sicher erzielt, nur um vieles rascher.
    Der baumschwere Mensch zitterte an allen Gliedern, seine Augen glänzten, und
so lange Schritte machte er, dass ihm die Zaunerin kaum zu folgen vermochte. Und
wie er den Kopf trug, wie seine schwere Gestalt sich reckte!
    Weniger hoffnungsfreudig war das Antlitz der siegreichen Mutter anzusehen;
unruhig huschte ihr Blick nach allen Seiten, und als die Strasse erreicht war,
guckte sie scheu in die Seebachschlucht hinunter, aus deren Schattentiefe dünne
Wasserdünste sich emporkräuselten in die sonnige Morgenluft.
    Die Beklemmung, von der die Zaunerin befallen war, schien sich einigermassen
zu lösen, als sie vor dem Pointner-Andres das Staketentürchen öffnete. Mit
wichtigtuender Geheimniskrämerei führte sie den Burschen ins Haus und liess ihn
in die Stube treten, deren Dielen frisch gescheuert waren und noch feuchte
Flecken hatten.
    Während Andres mit unbehilflicher Verlegenheit immer seine klobigen Hände
abstaubte und auf dem Sofa Platz nahm, stolperte das mütterliche Schicksal über
die Stiege hinauf. Beim Eintritt in Lieserls Stübchen nickte die Zaunerin
befriedigt vor sich hin, als sie die Kammer geordnet und das Mädel auf einem
Sessel sitzen sah, zwar blass wie eine geknickte Lilie, doch zierlich frisiert
und mit Sorgfalt gekleidet.
    »Gut geht's, Herzerl! Er is schon da.«
    Lieserl schluckte, und ihr farbloses Gesicht verzerrte sich, als hätte man
ihr eine gallenbittere Medizin gereicht. »Na, Mutter! Net um alles in der Welt!
Ich geh net nunter in d' Stuben!«
    Über dieses Hindernis kam die Zaunerin flink hinüber. »So wart a bissl, ich
hol ihn auffi!« Drunten auf der Stubenschwelle brauchte sie nur mit dem Finger
zu winken, und der Andres kam. Als er den Flur des oberen Stockes erreichte, sah
der im elterlichen Haus an strenge Ordnung gewöhnte Bursch auf den Dielen das
Leibchen liegen, für das die Zaunerin kein Auge hatte. Er hob es auf und legte
es über das Stiegengeländer. Auf dem Boden blieb ein matter bräunlicher Fleck
zurück, als hätte durch lange Zeit ein rostiges Eisen auf dem Brett gelegen. Die
Zaunerin klinkte inzwischen die Tür auf und tuschelte schelmisch in das
Stübchen: »Lieserl! Schau, wer da is!« Kichernd liess sie den Burschen über die
Schwelle.
    Mit verstörtem Gesicht stand Lieserl an die Mauer gelehnt. »Aber Mutter!«
stotterte sie und schlug den Arm über die Augen.
    »No also, jetzt red!« sagte die Zaunerin zum jungen Pointner. Doch Andres
stand wie angewurzelt und wusste nicht, was er sagen sollte. »Wenn dir 's Glück
die Red verschlagt,« meinte die Zaunerin, »so mach halt kurzen Prozess und gib
ihr a Bussel, a richtigs!« Sie versetzte dem Andres einen Puff in den Rücken,
und um dem schwerfälligen Freier diesen »kurzen Prozess« zu erleichtern, liess sie
ihn mit der Braut allein.
    Draussen an der Tür blieb sie stehen und wollte das Ohr an die Bretter
drücken. Da hörte sie das Knarren der Haustür und Schritte im Flur. Unwillig
humpelte sie über die Stiege hinunter, und als sie den Doktor sah, bekam sie
einen fürchterlichen Schreck. Aber gleich die ersten Worte des Arztes liessen sie
die Ausflucht erraten, die das Lieserl in der Nacht gebraucht hatte. Nun fand
die Zaunerin flink ihre Sprache wieder, drückte die Hände auf den umfangreichen
Magen und schilderte die »grausamen Schmerzen«, von denen sie in der Nacht
geplagt worden wäre.
    Der Doktor fühlte der Zaunerin den Puls, liess sich die Zunge zeigen und
schien den »bösen Anfall« nicht sonderlich ernst zu nehmen.
    Als er am Tische sass und der Kranken das Abführmittel verschrieb, kamen
Schritte über die Treppe herunter, und auf der Schwelle erschien ein Paar:
Lieserl, bleich und scheu - der junge Pointner mit lachendem Gesicht. Er sah wie
ein stolzer Preisstier aus, dem nur der Blumenkranz und die Hörner fehlten.
    Da konnte nun der Doktor Zeuge des »ehrsamen Verspruches« sein, zu dem das
Zauner-Lieserl ihre kleine, weisse, zitternde Hand in die braune schwielige
Riesenfaust des Pointner-Andres legte.
    Während die Zaunerin vor Freude in die Schürze heulte und der alte Doktor
dem jungen Paar seinen Glückwunsch sagte, ging draussen vor den Fenstern ein
Fischer vorüber; er hielt die Forellengerte unter dem Arm und spiesste seinen
Wurm an die Angel; dann verliess er die Strasse und betrat einen schmalen Steig,
der in die Seebachschlucht hinunterführte.
 
                                       8
Der Zauner-Wastl erreichte auf seinem Weg zur Jagdhütte bei Tagesanbruch die
Almen. Erschöpft und keuchend liess er sich am Wegrain auf einen Baumstock nieder
und drückte die Fäuste auf seine arbeitende Brust, während er den sorgenvollen
Blick über den steilen, stundenlangen Weg emporgleiten liess, den er noch
zurückzulegen hatte. Auf dem Almfeld sah er ein altes, gebücktes Bäuerlein in
langem Sonntagsrocke bergwärts steigen. Wer kann das sein? Was will der fremde
Bauer da droben? Es sieht fast so aus, als ginge er den gleichen Weg - da hinauf
zur Jagdhütte?
    Die Jagdhütte! Dieses Wort liess den Zauner wieder an die eigenen Sorgen
denken. Wie sollte er vor den gnädigen Herrn Grafen hintreten? Was sagen, um den
Vater, der den Sohn verloren, nicht schon mit dem ersten Wort ins Herz zu
treffen? Meister Wastl nahm den Kopf zwischen die Hände. Und während er darüber
nachsann, wie er seine Unglücksbotschaft einleiten könnte, vernahm er aus der
fernen Höhe einen rollenden Hall.
    Es war das Echo eines Schusses.
    Diesen Schuss hatte Graf Egge abgegeben. Und das Wild, dem der Schuss
gegolten, war der »abnorme« Rehbock, dem zuliebe Graf Egge am verwichenen Morgen
den Abstieg nach Hubertus unterbrochen hatte.
    Schipper, der das seltsame Wild ausgespürt und seinen Herrn auf dem
glücklich geratenen Pirschgang begleitet hatte, gratulierte lachend, als der
Rehbock im Feuer stürzte. »No also, da liegt er! Wünsch Glück, Herr Graf! Hab
ich's net gsagt: Sie bleiben net umsonst heroben! Gelt, es hat sich rentiert,
dass der junge Herr Graf allein hat heimmarschieren müssen. Wären S' mit ihm
abitrappt, so hätten S' den Bock net. Schauen S' ihn an! Was der für Gwichtl
hat!«
    Es hätte bei Graf Egge dieser Aufforderung nicht bedurft. In der Hand die
rauchende Büchse, sprang er auf seine Beute zu. Als er das verendete Wild
erreichte und das seltene, wertvolle Gehörn in der Nähe sah, schwang er im
ersten Ungestüm seiner Jägerfreude das verwitterte Filzhütl wie ein Hüterbub,
dem ein Glück vom Himmel herunter ins Herz gefallen. So gross war seine Freude,
dass er den Jäger mit keiner Hand an den Rehbock rühren liess. Er selber nahm das
Messer, um den Bock »aufzubrechen« und ihn mit verschränkten Läufen in die
Tragriemen einzuschnüren. Es fehlte nicht viel, so hätte Graf Egge seine Beute
auch noch auf den Rücken genommen; erst nach längerer Debatte gönnte er dem
Jäger die »Ehre«, den Bock zur Jagdhütte tragen zu dürfen. »Aber ich geh hinter
dir drein, Schritt um Schritt,« sagte er, »sonst gschieht am End mit dem Gwichtl
wieder so eine Zauberei sie selbigsmal mit der Gamskruck.«
    Schipper, der den Rehbock auf den Rücken schwang, hielt es für das beste,
diesen Spass zu überhören.
    Mit einem Moosbüschel säuberte Graf die roten Hände, wischte sie noch ein
paarmal über die Rückseite der Lederhose, steckte sein Pfeiflein in Brand und
wanderte hinter dem Jäger her. Da hatte er immer das schöne Geweih vor den
Augen.
    »Du, das sag' ich dir,« unterbrach er das Schweigen, »auf der Stell, wie wir
in d' Hütten kommen, wird das Gwichtl runtergsägt und ausgsotten. Das kriegt
kein anderer mehr in d' Händ. Das nimm ich heut selber mit nunter.«
    »Wollen S' denn heut wirklich heim?« fragte Schipper, über alle
Anzüglichkeit in Graf Egges Worten harmlos hinweggleitend. »'s Jagdpech is
vorbei und 's Glück is wieder einzogen. Dös sollten S' ausnutzen.«
    »Eigentlich hast du recht. Aber ich muss hinunter. Ich hab's dem Buben in die
Hand gelobt. Jetzt hab' ich den Bock, jetzt halt ich mein Versprechen.«
    »Freilich, den Grafen Willy, den haben S' halt gern! Da muss alles andre
zruckstehn!«
    Eine halbe Stunde waren sie gewandert, als der Graf - er wollte sich zum
Räumen der ausgebrannten Pfeife einen Zweig zurechtschneiden - den Abgang seines
Messers bemerkte. »Herrgott, jetzt hab' ich den Knicker am Schussplatz
liegenlassen!«
    »Ich kehr gleich um.«
    »Nix da! Erst trag du den Bock in d' Hütten!« Graf Egge zwinkerte mit dem
linken Auge. »Vor allem will ich mein Gwichtl in Numro Sicher wissen.«
    Schipper mochte nun doch die moralische Verpflichtung einer Abwehr fühlen.
»Aber Herr Graf! Der Franzl is ja nimmer da!« Kaum hatte er das ausgesprochen,
da schien er schon zu merken, dass er eine Dummheit gemacht hatte.
    Ein Schatten ging über Graf Egges Gesicht, und langsam nahm er die erkaltete
Pfeife aus dem Mund. »Du! Lass du den Franzl in Ruh'! Im ersten Zorn über andere
Dinge bin ich ungerecht gegen den armen Kerl gewesen. Das ist vorbei und nicht
mehr zu ändern. Aber du lass ihn in Ruh'! Du Feiner!« Länger hielt Graf Egges
Ernst nicht an; er schmunzelte schon wieder und kehrte vom Hochdeutsch, das er
gestreift hatte, zum Dialekt zurück. »Und jetzt, du Gauner, pass auf, jetzt sag
ich dir was! Der Lump, der selbigsmal die Kruck hat mausen wollen, warst du! Ja,
du! Und dass ich mir weiter aus der Sach nix mach, dafür kannst du dich bei der
Kruck bedanken! Die hat in d' Augen gstochen!« Graf Egge strich mit der
Pfeifenspitze über den Schnurrbart und lachte. »Wärst du der Jagdherr gwesen und
ich der Jäger - ich glaub, ich selber wär schwach worden. Da ich so was begreif,
das is die einzig Entschuldigung für dich. Und heut der abnorme Bock dazu! Die
Gschicht is erledigt. In Zukunft schau ich dir besser auf d' Finger.«
    Schipper zeigte das Lächeln eines Gekränkten, der keine Galle hat. »Der
gnädig Herr Graf belieben seine Spassetteln z' machen. Dös muss ich mir gfallen
lassen. In Gotts Namen!« Das Klirren eines Bergstockes liess ihn talwärts
blicken. »Herr Graf, da kommt der Patscheider.«
    »Der kommt grad recht! Leg den Bock ab und such mir den Knicker!«
    Schweigend gehorchte Schipper und sprang davon.
    Wenige Minuten später tauchte Patscheider aus den Latschen auf; der steile
Weg hatte sein müdes, bleiches Gesicht nicht zu röten vermocht. Er zog den Hut.
»Guten Morgen, Herr Graf! An Schuss hab ich ghört. Ah, da liegt ja der Bock. Ich
gratulier!«
    »Den schau dir an!« sagte Graf Egge mit Stolz und Behagen. »Was der für a
Gwichtl hat.«
    Pflichtschuldig bewunderte Patscheider das schöne Gehörn, und als ihm Graf
Egge die Jagdgeschichte mit umständlicher Genauigkeit erzählte, schien es der
Jäger aus irgendeinem Grunde gern zu bemerken, dass sein Herr in guter Laune war.
    Sie traten den Heimweg an. Nun ging Graf Egge voraus; er schien um das
Gehörn des Bockes, den Patscheider trug, keine Sorge mehr zu haben.
    Ein paar hundert Schritte waren sie gegangen; da guckte der Jäger sich
vorsichtig um, und als er den Pfad hinter sich leer wusste, sagte er halblaut:
»Was Neues wüsst ich, Herr Graf!«
    »Schiess los!«
    »Dem Franzl is aber Posten anboten worden, mit zweihundert Mark mehr im
Jahr, als er bei uns ghabt hat. Und wissen S', wo? Bei dem Fabrikherrn drüben,
der Ihnen die Grenzjagd weggsteigert hat.«
    Graf Egges Stirn wurde dunkelrot, und seine Augen funkelten. »Der Franzl hat
angenommen?«
    »Gott bewahr! Abgschlagen hat er.«
    »Woher weisst du das?« fragte Graf Egge verblüfft.
    Patscheider machte ein Gesicht, als brächte ihn diese Frage in Verlegenheit.
»Jetzt muss ich ehrlich aussi mit der Sprach. Es is vielleicht net recht, dass ich
mit'n Franzl noch verkehr, seit er bei uns gschasst worden is. Aber schauen S',
Herr Graf, viel Jahr lang haben wir Freundschaft ghalten, und erbarmt hat er
mich auch, der arme Teufel! Gestern hab ich den Franzl heimgsucht. Und wie's der
Zufall will, grad kommt der Brief.« Patscheider verschwieg, dass der Brief vom
Grafen Tassilo war. Alles andere erzählte er, Wort für Wort, wie die Geschichte
mit dem Brief im Stübchen der Horneggerin sich abgespielt hat. »Sei' Mutter hat
gweint vor lauter Freud. Und ich selber hab gmeint, ich müsst ihm zureden.«
    »So?«
    »Was will er denn machen? Er kann net briwatisieren. In der Not greift einer
bald nach allem. Aber der Franzl? Kasweis is er gwesen im Gsicht. Und na hat er
gsagt, es müsst rein ausschauen, hat er gsagt, als ob ich unserm Herrn Grafen im
Zorn an Possen spielen möcht.«
    Es arbeitete in Graf Egges Zügen. »Warum erzählst du mir das?«
    »Ich hab gmeint, es freut Ihnen, wann S' hören, wie der Franzl noch allweil
zu Ihnen halt.«
    Graf Egge legte die Hand auf die Schulter des Jägers. »Ja, Patscheider! Ich
danke dir!« Er wandte sich ab, schlug einen Sturmschritt an und wühlte mit
zuckender Hand im Bart.
    Schon tauchte das Dach der Jagdhütte über einen Rasenbuckel hervor. Da
mussten die beiden das breite Kiesbett eines ausgetrockneten Wildbaches
durchschreiten. Graf Egge bekam scharfe Steinchen in die Schuhe, und das
schmerzte ihn bei jedem Tritt. Als er ans Ufer gestiegen war, winkte er dem
Jäger, vorauszugehen, und liess sich nieder, um die Schuhe abzustreifen. Das Übel
war behoben; aber noch immer blieb er sitzen, liess die Arme übers Knie hängen
und spähte hinunter ins ferne Tal.
    Kräftig zog der Wind über das sonnbeglänzte Gehänge empor und trug
verschwommene Klänge aus der Tiefe herauf - das Geläut der Kirchenglocke. Die
Zeit der Messe war vorüber, bis Mittag waren noch lange Stunden. Warum läutete
man da drunten?
    Graf Egge erhob sich. »Vorwärts! Und heim! Ich hab's ihm versprochen!«
    Als er vor dem »Palais Dippel« anlangte, sah er rechts neben der offenen Tür
den Rehbock liegen und links auf der Hausbank ein altes gebeugtes Bäuerlein
sitzen, im langen Sonntagsrock und mit vergrämtem Gesicht.
    Bei Graf Egges Anblick schien den Alten eine ratlose Erregung zu befallen;
scheu blickte er nach allen Seiten, erhob sich, nahm respektvoll das Hütl ab und
strich das Haar in die Stirn. »Recht guten Morgen, gnädiger Herr Graf!« Seine
Stimme klang, als wäre ihm die Kehle zugeschnürt.
    Misstrauisch betrachtete Graf Egge den Bauer. Seine Brauen furchten sich.
»Wer bist du? Was willst du? Kommst du vielleicht wegen Wildschaden? Da kehr'
nur gleich wieder um! Heuer bezahl' ich keinen Knopf mehr. Dreizehntausend Mark
hab' ich heuer schon geblecht. Das wird mir auf die Dauer zu dumm! Jahraus,
jahrein steckt die Gemeinde den schauderhaften Jagdzins ein. Und dann kommt noch
jeder von euch und will mich schröpfen bis auf den letzten Blutstropfen.
Wildschaden, Wildschaden, Wildschaden! Das nimmt kein Ende mehr. Was ich an
Wildschaden bezahlen soll, ist zehnmal mehr, als meine Hirsche fressen könnten,
wenn jeder von ihnen zehn Mäuler hätt'! Ich kenne den Schwindel. Ich weiss, wie's
gemacht wird. Jeder von euch spekuliert auf den Wildschaden wie der Jud' auf die
schlechte Ernte. Die miserabelsten Äcker, die am Wald liegen, stehen dreifach im
Preis, weil sie sicheren Wildschaden tragen. Da wird kein Mist aufs Feld
gefahren, verschimmelter Haber und fauler Klee wird ausgesät, schandenhalber ein
paar Händ' voll. Und wenn der Acker leer bleibt, heisst es: Die Hirsch sind
dagewesen, jetzt soll der Jagdherr schwitzen! In der Nacht holt so ein Lump die
Kartoffel aus seinem Feld, drückt mit einem gestohlenen Hirschlauf den ganzen
Boden voll Fährten an, und dann schreit der Schweinehund nach der Kommission!
Heiratet ein Bauer seine Tochter aus, wer bezahlt ihr die Aussteuer? Der
Jagdherr! Sogar ins Testament wird der Wildschaden gesetzt wie das sichere Geld
im Kasten! Was meine Hirsche fressen, ist wertlos für euch. Aber was ich dafür
bezahle, ist euer bester Verdienst. Ja, Bauer! Euer bester Verdienst! Was wäre
denn in dem gottvergessenen Bergwinkel euer Dorf ohne mich und meine Jagd? Ein
Bettelnest voll Hungerleider. Meine Jagd ist ein Luxus, gut! Ich bezahl' ihn
teuer genug. Sechzigtausend Mark jedes Jahr. Und wohin verschwindet der Haufen
Geld? In euren Sack! Das Dorf ist reich geworden an meiner Jagd. Aber alles hat
seine Grenzen. Ich lass mir nicht die Haut über die Ohren ziehen. Endlich wird
mir die Geschichte zu dumm!«
    Graf Egge, der über diese Frage nicht aus ungerechtem Ärger, sondern aus
wohlbegründeter Erfahrung sprach, hatte sich in heissen Zorn hineingeredet. Er
lehnte Gewehr und Bergstock an die Hüttenwand und lüftete die Joppe.
    »So red'! Wieviel verlangst du? Es scheint, du bist ein ehrlicher Kerl, ich
seh dir's am Gesicht an, dass du wirklichen Schaden hast. In solchem Fall hab'
ich mich nie geweigert, die Tasche aufzuknöpfen. Also? Wieviel?«
    Der Bauer schüttelte kummervoll den weissen Kopf. »Belieben, gnädiger Herr
Graf, ich komm net wegen Wildschaden!«
    Graf Egge sah den Alten verwundert an. »Was willst du?«
    Der Bauer schluckte. »Belieben, gnädiger Herr Graf, ich such mein Buben.«
    Schweigend trat Graf Egge ein paar Schritte zurück, und zwischen seinen
Brauen erschien eine tiefe Furche. »Wer bist du?«
    »Wenn der gnädig Herr Graf belieben, wär ich der Mühltaler aus Bernbichl.«
    Im Küchenraum der Jagdhütte klapperte eine Pfanne, die zu Boden gefallen
war. Über Graf Egges Gesicht ging ein Zucken des Unbehagens, nur flüchtig. Dem
Blick des Alten entging das nicht, und sein Hütl, das er zwischen den Fingern
drehte, fing zu zittern an. »Der Mühltaler aus Bernbichl!« wiederholte er mit
erloschener Stimme. »Der gnädig Herr Graf haben mein Namen gwiss schon ghört?«
    »Nein!«
    »So? So? Freilich, wenn's der gnädig Herr Graf belieben, muss man's glauben!«
Langsam nickte der Bauer vor sich hin; dann hob er die umflorten Augen. »Aber an
Buben hab ich ghabt - belieben, gnädiger Herr Graf - den haben S' gwiss schon
gsehen amal, mein Buben?«
    »Nein!«
    »So? So? Aber einer von Ihnere Jager? Net? Drum tät ich halt fragen -
belieben, gnädiger Herr Graf - ob ich net a Wörtl hören könnt? Bloss an einzigs
Wörtl!« Dem Alten kollerten zwei Zähren über die bleichen Backen. »Die ganzen
Tag her such ich schon allweil. Is a harter Weg gwesen, da auffi. Aber a Vater!
Was tut a Vater net alles?«
    Graf Egge bewegte die Schultern unter der Joppe. »Ich werde nicht klug aus
deinem Gerede. Dir ist im Gebirg' ein Bub verunglückt?«
    »Verunglück?« Der Bauer starrte zu Boden. »Wenn der gnädig Herr Graf
belieben, sagen wir halt, verunglückt. Und so viel druckt's mich, dass er kei
christliche Ruhstatt net haben soll.«
    »Du tust mir leid, Alter! Aber ich begreife nicht, warum du zu mir kommst?«
    »Nur a Wörtl! Belieben, gnädiger Herr Graf, bloss an einzigs! Von die Brävern
is er keiner gwesen. Vielleicht bin ich selber schuld dran. Ich, der Vater! Weil
ich's ihm net wehren hab können, wann er in der Nacht davongschlichen is, mit'm
Büxl unter der Joppen. Aber so viel Straf hat er net verdient, dass ihn kein
christlicher Gruss und kein Vaterunser nimmer findt!« Die Stimme des Alten
erstickte. »Drum tät ich halt recht schön bitten - nur an einzigs Wörtl,
belieben, gnädiger Herr Graf - dass ich mein Buben find.«
    Graf Egge begann ungeduldig zu werden, bekämpfte aber noch immer seine
wachsende Erregung. »Ich will nicht hart sein gegen dich. Aber du redest mir da
einen Verdacht ins Gesicht, den ich mir verbitten muss. Sei vernünftig, Alter,
und geh deiner Wege! Ich weiss nichts von deinem Buben.«
    Der Bauer griff mit seiner Zitterhand nach Graf Egges Joppe. »Er ist mein
Einziger gwesen - belieben, gnädiger Herr Graf!«
    »Lass deine Hände von mir!« Da klangen Schritte auf dem nahen Steig. Graf
Egge sah den Zauner-Wastl auf die Hütte zukommen und fand in diesem unerwarteten
Besuch eine willkommene Ausrede. »Ich will meine Leute beauftragen, dass sie
Nachfrag' halten. Jetzt muss ich dich fortschicken. Da kommt einer, mit dem ich
wichtige Dinge zu besprechen habe!« Er wandte sich von dem Alten ab, der noch
immer die Hand streckte, einen flehentlichen Blick in den heissen Augen. »Grüss'
dich Gott, Wastl!« rief Graf Egge ein bisschen unsicher. »Gut, dass du endlich
kommst! Nur gleich herein in die Stube!« Da sah er den Ausdruck ratloser Angst
in Meister Zauners Gesicht; er stutzte, und eine Frage schien ihm auf der Zunge
zu liegen, aber mit unbehaglichem Blick streifte er den alten Bauer, schüttelte
den Kopf und trat in die Hütte.
    Auf dem Herd der Küchenstube, neben dem flackernden Feuer, sass Patscheider,
regungslos, die Fäuste auf den Knien. Er hörte den Grafen in die Stube treten
und hörte einen anderen kommen, der an der Hüttenschwelle den Kot von seinen
Schuhen stiess. Dann klang aus der Herrenstube die laute Stimme des Grafen und
ein Gestammel des anderen. Graf Egges Stimme dämpfte sich, verstummte, und nur
noch ein Gemurmel des anderen war zu vernehmen. In der Stube schienen Dinge
verhandelt zu werden, die jedes fremde Ohr zu scheuen hatten. Patscheider war
ohne Neugier; er lauschte wohl - nicht gegen die Herrenstube, sondern gegen die
Tür, die ins Freie führte. Da draussen war manchmal ein müder Seufzer zu hören,
ein leises Ächzen der Bank.
    Jetzt klang aus der Herrenstube ein röchelnder Schrei, das Gepolter eines
fallenden Sessels und ein dumpfer Schlag, als wäre ein Mensch zu Boden gefallen.
Erschrocken sprang der Jäger auf die Tür zu. Er hatte sie noch nicht erreicht,
als sie von innen aufgerissen wurde und Graf Egge mit verzerrtem Gesicht und
verstörten Augen über die Schwelle taumelte; wie ein Erstickender atmend,
streckte er die Arme nach freier Luft; doch beim ersten Schritt, den er über die
Hüttenschwelle tat, stand er wie gelähmt und stierte den Bauer an, der sich
zitternd von der Hausbank erhob.
    »An einzigs Wörtl - belieben, gnädiger Herr Graf! Schauen S' mich an, wie
ich dasteh - a Vater, der sein' Buben sucht!«
    Graf Egge machte mit der Hand eine sinnlose Bewegung. Tief gebeugt, wie
unter drückender Last, wankte er in die Hütte zurück.
    »Herr Graf!« stotterte Patscheider. »Um Gotts willen, was haben S' denn?«
    Ohne zu antworten, trat Graf Egge in die Stube und drückte hinter sich die
Tür zu.
    Im Ofenwinkel stand der Zauner-Wastl, kreidebleich. Er wagte sich nicht zu
rühren, als Graf Egge auf die Holzbank fiel, die Arme über den Tisch warf und
das Gesicht vergrub.
    Einmal rückte Meister Zauner kaum merklich von der Stelle, und dabei
streifte sein Ellbogen die Ofenkante. Graf Egge fuhr auf; seine trockenen Augen
waren rot gerändert, wie von einer Entzündung; er mass den stummen Gast hinter
dem Ofen, und an seinen Schläfen schwollen die Adern; dann griff er an seine
Stirn, als müsste er sich auf irgend etwas besinnen, und erhob sich mühsam; nach
Atem ringend, riss er den Hemdkragen auf und machte einen Gang durch die Stube.
Vor dem Zauner blieb er stehen und sagte mit zerdrückter Stimme: »Es war gut so,
wie du es gemacht hast. Dich trifft keine Schuld. Du bist ein treuer Kerl und
hängst an mir. Jetzt geh! Ich bleibe, bis sie mich holen. Lang wird's nicht
dauern. Was stehst du noch? Geh!« Dieses letzte Wort klang hart und scharf.
    Der Zauner-Wastl schluckte schwer und schob sich aus der Stube.
    Graf Egge ging zur Bank, mit heissen Augen ins Leere blickend. Da hörte er
draussen den Meister Zauner sagen: »Pfüe Gott mitanander!« Und eine müde
Greisenstimme antwortete: »Pfüet Ihnen Gott!«
    »Patscheider!« schrie Graf Egge wie ein Irrsinniger, und seine Hände
schlossen sich zu zuckenden Fäusten.
    Der Jäger kam.
    »Schaff' mir den Menschen fort! Den da draussen!« keuchte Graf Egge. »Seine
Nähe bringt mich um.«
    Patscheider nickte und ging.
    Vor der Hüttentür fand er den Bauer auf der Bank, zwischen den Knien einen
kurzen Stecken, den die Zitterhände umklammert hielten.
    »Mühltaler -« Dem Jäger versagte die Stimme. »Mit dem Herrn Grafen is jetzt
kein Reden net. Sind S' gscheit und marschieren S' in Gotts Namen.«
    Der Alte schüttelte den Kopf.
    Patscheider spähte gegen das Stubenfenster, fasste den Arm des Bauern und
zischelte: »Bloss über's Eck ummi! Leben S' Ihnen in d' Latschen eini, dass Ihnen
keiner sieht. Nachher komm ich und sag Ihnen was.« Rasch, wie um der Antwort des
Bauern zu entrinnen, sprang er in die Hütte und blieb vor dem versinkenden
Herdfeuer stehen. Nach einer Weile hörte er schwere Schritte, die sich
entfernten. Patscheider trat in die Stube. »Jetzt is er fort.«
    Graf Egge atmete auf. Mit steinernem Gesicht, wie ein Schlafwandler, ging er
in der Stube umher, drückte den Hut über das zerwühlte Haar und suchte die
Büchse. Sie stand noch vor der Hütte draussen, und Patscheider brachte sie ihm.
Mechanisch, wie vor jedem Pirschgang, öffnete Graf Egge den Doppellauf der
Waffe, um nachzusehen, ob sie richtig geladen wäre. Er nickte. Und taumelte aus
der Stube.
    »Wohin, Herr Graf?« fragte der Jäger in Unruhe.
    »Heim!« Es zuckte um Graf Egges Mund wie das Lächeln eines Verrückten. »Ich
hab's ihm versprochen. Das muss ich halten.«
    »Die Tür, Herr Graf!«
    Die Warnung kam zu spät. Mit rotem Fleck auf der bleichen Stirn, wortlos,
ohne den üblichen Fluch, bückte sich Graf Egge, um den Hut aufzuheben, der ihm
vom Kopf gefallen war. Er drückte den mürben Filz wieder über's Haar und ging.
Sein Schritt war schleppend.
    Patscheider blieb unter der Tür stehen, bis er seinen Herrn im Latschenfelde
verschwinden sah. Dann trug er den Rehbock in die Küche, löschte auf dem Herd
das Feuer und sprang davon. Zwischen dichten Latschen blieb er stehen und
räusperte sich. Langsam schob der Bauer sich aus den Stauden heraus. Patscheider
vermied den Blick des Alten. »Mühltaler - ich muss enk alles sagen. A Vater
derbarmt ein' allweil. Aber net verraten därfen S' mich! Machen S' mei' Familli
net unglücklich!«
    Der Bauer nahm den Hut ab. »Jetzt weiss ich alles! - Herr Gott, gib ihm die
ewige Ruh!« Er bekreuzte sich. Und nach einer Weile fragte er: »Hat's denn sein
müssen?«
    »Er hat anglegt auf mich. Man hat sein Dienst und hat Weib und Kinder. Da
denkt halt jeder z'erst an die eigene Haut.«
    Der Bauer nickte. »Allweil hab ich's ihm gsagt, und er hat net hören mögen!
Jetzt muss er büssen. Und der Vater mit!« Langsam hob er die Augen. »Wie ich
gmerkt hab, tragst die Sach a bissl hart. Mensch is Mensch. Dös is halt doch was
anders als a Gamsbock.«
    »Ja, Mühltaler!«
    Wieder standen sie eine Weile schweigend voreinander.
    »Wo liegt er denn?«
    »Net weit von der Grenz.«
    »Hilfst mir ihn ummitragen?«
    Patscheider zögerte mit der Antwort. »A harts Stückl für uns zwei: der Vater
- und ich, der Jager! Und gut zum Anschaun wird er auch nimmer sein. Aber in
Gotts Namen! Dass er sein christlich Begräbnis kriegt! Unser Herrgott wird ihm ja
sonst verziehen haben. Unser Herrgott is a guter Mann.«
    Eine Strecke waren sie schon gegangen, als der Alte vor sich hinmurmelte:
»Net an einzigs Wörtl hat er mir gsagt, der gnädig Herr Graf.«
    »Weil er nix weiss davon. Ich hab kei Meldung gmacht.«
    »So? Kei Meldung? Bist der richtige Jager, der auf seim Herrn nix sitzen
lasst!«
    Patscheider zog den Bauer in den Schatten eines Latschenbusches. »Da drunten
geht er grad über d' Lichtung. Wann er umschaut, muss er mich sehen. Und wann er
mich sieht, bin ich um mein Dienst.«
    Die Sorge des Jägers war unbegründet.
    Graf Egge ging seiner Wege, ohne sich umzusehen. Als er den Saum der Almen
erreichte, setzte er sich zu Füssen einer Felswand auf das rauhe Geröll, legte
die Büchse über den Schoss und spähte hinunter gegen den Wald, aus dem sich der
vom Seedorf kommende Pfad gleich einer feinen, weissen Linie hervorschlängelte.
    Hier musste er sie von weitem gewahren, wenn sie kamen, um ihn heimzuholen.
 
                                       9
Mit sprachlosem Schreck hatte Fräulein von Kleesberg am Morgen die Nachricht von
Kittys Verschwinden aufgenommen. Der Brief, der in Kittys Zimmer gefunden wurde,
beschwichtigte ihre Sorge, brachte aber einen neuen Sturm von Erregung. dabei
liefert sie eine Konfusion um die andere. Beim Frühstück goss sie den Tee in die
Zuckerdose statt in die Tasse, gebrauchte den wunden Arm und legte den gesunden
in die seidene Schlinge. Dann liess sie den Lehnstuhl an das offene Fenster
rücken; hier sass sie und träumte vor sich hin. Immer von neuem las sie Kittys
Brief. »Natürlich! Sie musste nach München! Ob sie wollte oder nicht! Zu Tas? So?
Wirklich? Nur zu Tas?«
    Beim Gedanken an Graf Egge lief ihr freilich ein kaltes Gruseln über den
Rücken. Aber Graf Egge sass vorerst noch weit da droben in seiner Jagdhütte. Und
schliesslich musste Willy alle Schuld an diesem Streich auf sich nehmen; er hatte
leichteres Spiel beim Vater und konnte sagen, dass er die Schwester zu dieser
Reise beredet hätte. Nein, die nächste Sorge war nicht Graf Egge, sondern
Robert! Sie grübelte sich eine Geschichte aus von einer Landpartie, die Kitty
mit Willy unternommen hätte. Aber sie sollte keine Gelegenheit finden, diese
Geschichte an den Mann zu bringen. Robert war früh am Morgen in den Sattel
gestiegen und mit dem Stallburschen davongeritten. Als er gegen neun Uhr nach
Hubertus zurückkehrte - da kam auch ein anderer in das väterliche Haus zurück,
auf fremden Füssen.
    Der Fischer hatte in der Seebachklamm den »Verunglückten« gefunden; auf
seinen Armen brachte er den Toten in das Schloss getragen, umringt von einem
Schwarm erregter Menschen. Unter ihnen befand sich auch der Pointner-Andres, den
das Geschrei, das auf der Strasse entstanden war, aus dem Zaunerhaus gerufen
hatte. Mitleidig betrachtete er den Toten; aber sein junges Glück war so gross,
dass in seinem überfüllten Herzen das Erbarmen keinen ausreichenden Platz mehr
fand.
    Als der wirre Menschenlauf in der Ulmenallee an dem Käfig vorüberkam, wurden
die Adler scheu und tobten hinter dem Gitter. Der alte Moser, der den Vögeln das
Futter bringen wollte, war von den Bewohnern des Schlosses der erste, der hören
und sehen musste, was geschehen war. Er liess die blutige Schüssel fallen. »Jesus,
Maria! So an Unglück! Aber gleich hab ich's gsagt, wie der Adler hin worden is:
dös bedeut nix Guts!«
    Man trug den Entseelten in seine Stube. Auf der Treppe fiel Gundi von
Kleesberg beim Anblick des Toten ohnmächtig zu Boden. Als sie wieder zum
Bewusstsein kam, lag sie in ihrem Bett, und vor ihr sass der Doktor. Sie war vom
Schreck so betäubt, dass sie nur zur Hälfte verstand, was man ihr sagte. Robert
wäre mit dem Fischer zu Berg gestiegen, um Graf Egge zu holen und ihn schonend
auf das Unabänderliche vorzubereiten. Von Hilfe keine Rede mehr. Der Tod musste
schon vor Stunden eingetreten sein. Der Doktor schrieb die Katastrophe einer
inneren Verblutung zu, da er an dem Körper des Verunglückten nur unbedeutende
Schrammen und auf der Stirn einen blauen Fleck gefunden hatte, der als
Überbleibsel einer harmlosen Beule zu erkennen war. Die äusserliche Ursache des
unglücklichen Sturzes erschien nicht rätselhaft; es war bekanntgeworden, dass
Graf Willy vergangenen Abend bis Mitternacht beim Seewirt schwer gekneipt hatte.
Drei Flaschen Monopol - da war ein Fehltritt begreiflich.
    In Jammer aufgelöst, wurde die Kleesberg auch noch gepeinigt durch den
Gedanken an Kitty. »Willy begleitet mich, also mach dir keine Sorge!« So hatte
die Komtesse geschrieben. Nun lag Willy da drüben, still und kalt. Was war aus
Kitty geworden?
    Fritz und Moser wurden ins Dorf geschickt, um Nachfrage bei jedem Bauern zu
halten, der ein Fuhrwerk besass. Gegen zwölf Uhr kam Fritz mit der Nachricht
gelaufen, dass der Mooshofer das gnädige Fräulein zur Bahn gebracht hätte. Diese
Entdeckung genügte nicht, um die Kleesberg zu beruhigen. Die Tränen rollten ihr
über die ungeschminkten Wangen, während sie dem Diener ein Telegramm an
Professor Werner diktierte. Dann unerträgliche Stunden eines angstvollen
Wartens! Erst nach fünf Uhr kam die Antwort, die von Gundi Kleesberg bei allem
Jammer, der sie erfüllte mit einem Freudenschrei empfangen wurde.
    Wenige Minuten später traf, von Robert begleitet, Graf Egge in Schloss
Hubertus ein. Wie sonst bei der Heimkehr hängte er im Flur die Büchse an das
Zapfenbrett. Sein Gesicht war von kalkiger Blässe und schien gealtert. »Wo liegt
er?«
    »In seinem Zimmer.« Robert sprach mit gedämpfter Stimme. »Willst du dich
nicht vorher umkleiden?«
    Der Vater streifte ihn mit einem Blick, wie man etwas Fremdes, Unbehagliches
betrachtet. Dann stieg er langsam über die Treppe hinauf; seine genagelten
Bergschuhe klappten auf den roten Marmorstufen wie müde Hammerschläge. Vor
Willys Zimmer blieb er stehen und stützte sich eine Weile an die Mauer. Dann
öffnete er die Tür.
    Das Zimmer war ausgeräumt, das Bett in die Mitte gerückt. Durch die beiden
Fenster fiel das Abendlicht über die mit der Uniform bekleidete Gestalt und über
das wächserne Gesicht des Toten. Die gefalteten Hände umschlossen ein kleines,
elfenbeinernes Kruzifix und ein Sträusschen Edelweissblüten, die der alte Moser
gespendet hatte. An den Kanten des Bettes brannten vier dicke Wachskerzen auf
hohen, silbernen Leuchtern.
    Ein röchelnder Laut. Wie von einem Keulenschlag getroffen, warf Graf Egge
sich über den Leichnam. »Mein Bub!« Er schluchzte wie ein Kind.
    Als er nach einer Weile das verzerrte Gesicht hob, um den Toten zu
betrachten, sah er auf der wachsbleichen Stirn den bläulichen Fleck. Mit
langsamer Hand, wie ein Träumender, griff er an die eigene Stirn und befühlte
die Beule, die er sich beim Verlassen der Jagdhütte an der niederen Tür geholt
hatte. Ein Zittern befiel ihn.
    Da legte sich sanft eine Hand auf seine Schulter. »Papa -«
    Jäh erhob sich Graf Egge, und in Zorn funkelten seine rot geränderten Augen,
als sie an Robert auf und nieder glitten, der mit würdevoller Gefassteit vor dem
Vater stand.
    »Lass mich allein!« Graf Egges Stimme klang rauh und heiser. »Ich brauche
niemand.«
    »Wenn du befiehlst!« Robert verliess das Zimmer und hörte, dass innen an der
Tür der Riegel vorgeschoben wurde.
    Im Billardzimmer liess Robert Papier und Schreibzeug in den Erker bringen, um
die Todesanzeige aufzusetzen, die mit der letzten Post an die Druckerei nach
München abgehen sollte. Während er schrieb, rannte Gundi Kleesberg in schwarzem
Mantel und verschleiert aus dem Haus und durch die Ulmenallee zum Parktor; hier
wartete sie, bis der Wagen nachkam, der sie zur Bahn bringen sollte.
    Die Dämmerung sank und legte sich wie dunkler Flor um die Mauern von
Hubertus und um alle Wipfel des Parkes.
    Gegen neun Uhr kam der Wagen von der Bahn zurück; Fritz, der ihn kommen
hörte, erschien mit einer Lampe auf der Veranda.
    Kitty war so schwach, so zerschlagen an Herz und Gliedern, dass sie taumelte
und im Flut auf einen Sessel fiel. Der Diener reichte ihr zwei Depeschen, die
gekommen waren.
    »Wo ist der Herr?« fragte Gundi Kleesberg scheu.
    »Noch immer oben,« flüsterte Fritz, »die Tür ist noch immer versperrt. Auch
der Herr Pfarrer musste wieder fortgehen.«
    »Und Robert?«
    »Graf Robert sind mit Hochwürden ins Dorf gegangen, um vor Postschluss die
Depeschen aufzugeben.«
    Gundi Kleesberg hatte den Mantel abgeworfen, trat zu Kitty und legte den Arm
um ihre Schultern.
    Kitty hob das bleiche, vergrämte Gesicht und reichte der Kleesberg ein
Telegramm. »Von Tas. Er sorgt sich um mich und ahnt nicht, welche Antwort ich
ihm schicken muss.«
    Die Depesche war in Augsburg aufgegeben: »Erbitte Drahtantwort nach
Stuttgart, ob Du wohlbehalten zu Hause eingetroffen. Tassilo. Hotel Marquardt.«
Während Gundi Kleesberg las, machte ein schluchzender Laut sie aufblicken.
    Kitty hielt die zweite Depesche an die Lippen gepresst. Ein Strom von Tränen
ging über ihre blassen Wangen. In verstörter Hast verbarg sie den Zettel an
ihrer Brust und streckte die Arme ins Leere. »Ich will zu Papa!«
    Droben fand sie die Tür verschlossen. Schluchzend warf sie sich gegen die
Bretter.
    In der Stube ein schwerer Tritt. Die Tür wurde geöffnet. Im Schatten der
flackernden Kerzen stand Graf Egge auf der Schwelle. Um die wirr von den
Schläfen abstehenden Haarbüschel und um die zerzausten Strähnen des Bartes irrte
ein matter Kerzenschein. Rote Lichtlinien umsäumten die nackten Knie.
    Aufschreiend warf sich Kitty an den Hals des Vaters. Er fragte nicht,
weshalb sie so spät erst käme, und hatte keinen Blick für das weisse, festliche
Kleid, das sie trug. Mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit umklammerte er die
Tochter, dass sie stöhnte unter dem Druck seiner Arme. Er zog sie zum Bett.
»Schau, kleine Geiss - mein guter Bub!« Er liess sich auf den Bettrand sinken und
zog die Tochter auf seinen Schoss. Graf Egge mit fahlem Gesicht und ohne Tränen,
Kitty unter strömendem Schluchzen, so sassen sie in wortlosem Schmerz. Das war
ihr Wiedersehen nach fünf Monaten.
    Robert trat in das Zimmer; er trug einen breiten Florstreifen um den Ärmel.
Kitty streckte die Arme nach ihm. Peinlich betroffen fasste Robert die Schwester
am Handgelenk: »Bist du von Sinnen? In diesem Kleid? Das mag für den Zweck
deiner Reise gepasst haben. Wie kannst du vor Papa in diesem Kleid erscheinen?
Heut? Und hier?«
    Kittys Tränen versiegten; an allen Gliedern zitternd, liess sie den ratlosen
Blick an sich hinuntergleiten.
    Graf Egge hatte sich erhoben. »Was soll das?«
    Robert schien verlegen zu werden. »Ich bin überzeugt, dass Kitty in bester
Absicht handelte, nur unüberlegt. Aber es ist wohl besser, wir sprechen nicht
davon. Nicht heute. Und nicht hier.«
    Bleich richtete Kitty sich auf. »Du sollst nicht beschönigen, was ich getan
habe.« Sie wandte sich an den Vager. »Vergib mir, Papa, wenn ich dir Kummer
mache. Ich war heut in München. Bei Tas.«
    Graf Egge schwieg; kein Zug bewegte sich in seinem Gesicht; nur seine Lippen
pressten sich übereinander, dass sie weiss wurden.
    Verstört sah Kitty zu ihm auf. »Ich wusste, dass ich ein Unrecht an dir
beging, aber ich konnte nicht anders. Wie an dir, so hängt mein Herz an ihm. Ich
hätte sterben müssen, wenn ich ihn heut nicht hätte sehen sollen.«
    Graf Egges Augen erweiterten sich. »Heut? Warum gerade heut?«
    Wortlos bewegte Kitty die Hand. Ihre verzweifelten Augen irrten über das
Totenbett und blieben am Vater hängen.
    »Warum?«
    »Das kann ich dir nicht sagen. Heute nicht.«
    Graf Egge schien verstanden zu haben. Unter dem Druck seiner Faust, die um
die Kante des Bettes geklammert lag, knirschte das Holz.
    »Papa!« schrie Kitty und taumelte auf den Vater zu.
    Robert hielt sie zurück. »Hast du keinen Schimmer von Zartgefühl? Sieh den
Vater doch an: was du ihm getan hast!«
    »Du!« Ein keuchender Laut. »Lass mir die arme Geiss in Ruh!« Graf Egge legte
den Arm um Kitty und wurde ruhiger. »Es war unrecht, was du getan hast, aber ich
begreif' es!« Da sah er die Kleesberg unter der Tür stehen, zitternd, mit nassen
Wangen. »Gundi! Bringen Sie die kleine Geiss ins Bett! Sie kann sich nimmer
aufrecht halten.«
    Hastig kam Gundi Kleesberg herbei, fasste Graf Egges Hand und machte einen
Versuch, ihrem Kummer Ausdruck zu geben. Er schüttelte den Kopf und sagte rauh:
»Lassen Sie das! Ich weiss, Sie sind ihm gut gewesen. Da braucht's kein Wort.
Sorgen Sie sich lieber um die arme Geiss!«
    Kitty klammerte die Arme um den als des Vaters und drückte das Gesicht an
seine Brust. Ein paarmal strich er mit der Hand über ihr schimmerndes Haar, dann
schob er sie der Gundi Kleesberg zu, die sie aus dem Zimmer führte.
    Graf Egge wandte sich zu dem Toten. Während er das wächserne Gesicht
betrachtete, nickte er langsam vor sich hin. »Du auf dem kalten Bett! Und der
andere -« Stöhnen drückte er die Fäuste auf die Stirn und fiel aufs Knie. Mit
gefalteten Händen, wie ein steifknochiger Bauer vor dem Gnadenbilde, sprach er
ein lautes Gebet. Dann küsste er den Toten auf beide Wangen und auf den Mund. Als
er sich erhob. sah er Robert zu Füssen des Bettes stehen, wie die Ehrenwache vor
dem Paradebett eines Fürsten. »Ach so? Du bist auch noch einer! Der dritte?«
Seine Hand fuhr in den Bart. »Was machst denn du heute nacht? In Hubertus wird
keine Bank gelegt. Da wirst du wohl schlafen müssen.«
    »Vater!« fuhr Robert auf. In der nächsten Sekunde hatte er seine Empörung
schon überwunden. »Ich ehre deinen Schmerz um den Toten, auch wenn er dich
ungerecht macht gegen die Lebenden.«
    »So?« Graf Egge verliess das Zimmer. Auf der untersten Treppenstufe streifte
er die Bergschuhe von den Füssen. »Wo ist Moser?« Der Jäger, der auf der
finsteren Veranda sass, kam gelaufen, und Graf Egge sagte: »Geh ins Dorf! Der
Pfarrer mit seinem Kaplan soll kommen. Ich will, dass sie droben wachen und für
meinen Buben beten.« Mit nackten Füssen ging er über den Flur und öffnete die Tür
der Kruckenstube. »Fritz! Meine Lampe?«
    Es wurde still in Schloss Hubertus. Nur die Ankunft der beiden Geistlichen
unterbrach für einige Minuten die dumpfe Ruhe. Fast alle Fenster blieben die
ganze Nacht hindurch erleuchtet.
    Im Zimmer der Kleesberg brannten zwei Lampen und vier Kerzen; sie konnte es
nicht hell genug haben.
    Sooft sie an Kittys Tür lauschte, hörte sie leises Weinen; erst nach
Mitternacht wurde es still da drinnen. Und nun machte sich die Gundi Kleesberg
wieder Sorgen über dieses Schweigen. Leis öffnete sie die Tür.
    Die beiden Kerzen, die das Zimmer erleuchteten, waren zu kleinen Stümpchen
niedergebrannt und warfen eine unruhig flackernde Helle über das Bett.
Schimmernd ringelte das gelöste Haar sich um das weisse Mädchengesicht, von dem
der Schlaf den Ausdruck der Erschöpfung und des Kummers nicht ganz zu löschen
vermochte. Ein mattes Zucken lief zuweilen über die schlanken Hände, die schwer
auf der Seidendecke lagen.
    Lautlos deckte Gundi Kleesberg die Messinghütchen über die Kerzen und
schlich aus dem dunkel gewordenen Zimmer.
    Die Nacht verging.
    Als Fritz am Morgen in die Kruckenstube trat, fand er die Lampe ausgebrannt
und das Bett unberührt. Graf Egge sass vor dem offenen Eisenschrank im Lehnstuhl
und stellte die Ebenholzkästchen seiner Juwelensammlung, mit deren Musterung er
sich einen Teil der Nacht vertrieben hatte, in die Fächer zurück. Seufzend
schloss er den Schrank, zog den Schlüssel ab und presste die Fäuste an seine
Stirn.
    »Gut, dass du kommst! Ich wollte dich eben rufen. Was muss denn eigentlich
jetzt geschehen?«
    »Erlaucht können ohne Sorge sein. Graf Robert haben alles Nötige bereits
angeordnet. Die Depeschen sind gestern noch abgegangen, und Graf Robert sind die
halbe Nacht aufgewesen, um die Adressenliste für die Parte zu schreiben. Der
Bursch ist früh um vier Uhr mit der Liste nach München gefahren und wird abends
mitbringen, was Graf Robert bestellt haben. Das Leichenbegängnis wird morgen
früh um neun Uhr stattfinden. Den Kondukt besorgt eine Münchner Gesellschaft,
auch die Musik und ein Doppelquartett sind aus München verschrieben -«
    »Hör' auf!« keuchte Graf Egge und verzog den Mund, als hätte er einen
gallenbitteren Trunk getan. Durch das Zimmer schreitend, lachte er heiser vor
sich hin. »Und diesen ganzen Pflanz hat Robert gemacht? So flink? Respekt! Er
behält den Kopf oben, wo andere den Verstand verlieren möchten.« Mit den Fäusten
hinter dem Rücken blieb er vor der Mauer stehen und starrte die dicht
nebeneinanderhängenden Gemsgehörne an.
    »Darf ich Erlaucht das Frühstück bringen?«
    »Mir ist der Appetit vergangen.«
    »Aber Erlaucht sollten doch andere Kleider -«
    »Die schwarzen? Na, also! Bring sie!«
    Eine halbe Stunde später stieg Graf Egge in altmodischem Gehrock, an dem die
Ärmel zu kurz waren und die Nähte zu platzen drohten, über die Treppe hinauf. Er
hörte Lärm und Hammerschläge.
    Im Totenzimmer war ein Dutzend Menschen beschäftigt, um die Wände mit
schwarzem Tuch auszuschlagen und das auf Stufen erhöhte Paradebett mit einer
Mauer von Blumen zu umgeben. Der Zauner-Wastl hatte die Oberleitung und
betätigte seine vielseitigen Talente. Scheuer Kummer sprach aus seinem
übernächtigen Gesicht, und als er den Grafen gewahrte, sank ihm der Kopf noch
tiefer zwischen die Schultern.
    Graf Egge liess schweigend den Blick durch das Zimmer und über die Menschen
gleiten, zog die Hand durch den Bart und machte wieder kehrt.
    Meister Zauner schlich ihm nach. »Ich bitt, Herr Graf, da hab ich was
gfunden!« Er nahm einen winzigen, in einen Fetzen Zeitungspapier gewickelten
Gegenstand aus der Westentasche.
    Graf Egge nahm den Fund und ging davon. Als er in der Kruckenstube wieder im
Lehnstuhl sass, wickelte er mit zitternden Hände das Papierchen auf. Es entielt
die beiden Hirschgranen. Das Wasser stieg ihm in die Augen, während er sie
betrachtete. Stöhnend zog er die Börse hervor und verwahrte die Granen. Nun
hatten sie wieder den alten Platz gefunden. Nach einer Weile hob Graf Egge das
zerknüllte Papier vom Boden auf und untersuchte es noch einmal, ob es nicht auch
noch etwas anderes entielte. dabei überhörte er ein leises Klopfen und blickte
erst auf, als die Tür ging.
    Schipper trat in die Stube, mit demütiger Trauermiene, und während er den
Hut zwischen den Händen drehte, fing er zu klagen an: »Mar' und Josef, lieber
Herr Graf, was sind denn jetzt da für Sachen passiert! Gestern hab ich mir gar
net fürstellen können, was los is. Heut in der Fruh, da hab ich mir denkt: Jetzt
musst den abnormen Rehbock abitragen-«
    Graf Egge war aufgesprungen. Seine Stirn brannte, als hätte er einen Schlag
ins Gesicht erhalten. Mit zuckenden Fäusten tat er einen Schritt gegen den Jäger
und schrie: »Hinaus!«
    »Aber Herr Graf!« stotterte Schipper verblüfft.
    »Hinaus! Du bist schuld, dass ich geblieben bin! Wär' ich mit ihm
hinuntergegangen, es wär' nicht geschehen. Ich wollte gehen. Du, du hast mich
gehalten! Geh mir aus den Augen, oder ich vergreife mich an dir. Aasgräber!
Mörder! Aus meinen Augen! Hinaus!«
    Diesem Ausbruch sinnlosen Zornes gegenüber hielt es Schipper für ratsam,
schleunig den Rückzug anzutreten. Als er die Veranda erreichte, setzte er den
Hut auf und guckte über die Schulter. Dann suchte er die Zwirchkammer auf, wo
seine Büchse und sein Bergstock in einer Ecke standen. Der alte Moser, der auf
den blutigen Steinfliesen kniete und dem Rehbock das abnorme Gehörn
heruntersägte, schien an Schippers Gesicht zu merken, dass nicht alles im Geleise
war. »Was hast denn?«
    »In Ruh lass mich!« Wütend warf Schipper die Büchse hinter die Schulter und
stapfte davon. Er machte einen Umweg um das Schloss und blies die Backen auf, als
er die Strasse erreichte.
    In Meister Zauners Gärtl sah er das feine Lieserl mit dem Pointner-Andres
umhergehen; das Mädel schnitt mit einer Schere die letzten Blumen ab und legte
sie in ein Körbchen, das ihr der Andres nachtrug. »Grüss dich Gott, Lieserl!«
rief Schipper über den Zaun. »Machst an Kranz für d' Herrschaft?«
    »Ja! Aber es schaut schon a bissl schlecht mit die Blumen aus.«
    »Freilich, die schöne Zeit is vorbei!« Mit dieser philosophischen Bemerkung
ging Schipper seiner Wege. Als ihn die Strasse am Brucknerhaus vorüberführte,
wurde sein Schritt langsamer. Er musterte die Fenster, kniff die Augen ein und
lächelte. »Mir scheint, es halt nimmer lang mit'm Grafen und mir.« Er blickte
über die Strasse zurück gegen den Park von Hubertus. »Da muss ich ans Nestbauen
denken!« Er rückte den Hut und trat in den Hof des Bruckner, dessen Bübchen vor
dem Brunnen spielte. »He, du, Kleiner, is d' Mali-Mahm daheim?«
    »Na, sie is zum Seewirt um Blumen gangen für an Grabkranz. Aber der Vater is
daheim.«
    »So? Der Vater?« Lächelnd ging Schipper auf das Haus zu, guckte durch ein
Fenster in die Stube und klopfte an die Scheibe.
    Draussen auf der Strasse ging die Horneggerin vorüber, die vom Krämer kam.
Dunkel schoss ihr das Blut ins Gesicht, als sie den Jäger gewahrte. Was der
Franzl dazu sagen würde? Dass der Schipper bei der Mali ans Fenster klopft!
    Auf dem Ländeplatz begegnete ihr eine Magd des Seewirts mit einem riesigen
Kranz aus Eibenzweigen und weissen Nelken.
    Das war der erste Kranz, der sich in Hubertus einstellte. Fritz trug ihn in
die Kruckenstube, aus der man Graf Egges erregte Stimme hörte; als der Diener
eintrat, verstummte sie. Graf Egge stand neben dem Lehnstuhl, in welchem Kitty
sass, schwarz gekleidet, die zitternden Hände im Schoss, mit verweinten Augen.
Zwischen Vater und Tochter schien es ernste Worte gegeben zu haben. Graf Egge
furchte beim Anblick des Kranzes die Brauen, Kitty erhob sich, betrachtete die
Blumen in tiefer Bewegung und entfernte ein paar welk gewordene Blüten. »Wer hat
ihn geschickt?«
    »Der Seewirt, gnädiges Fräulein.«
    »Sagen Sie, dass wir herzlich danken lassen.«
    Fritz nickte und wandte sich an seinen Herrn. »Ich bitte, Erlaucht, was soll
ich den Leuten geben, wenn sie Blumen bringen?«
    »Geben? Ach so? Das wird als Geschäft betrachtet? Ich soll mich quälen
lassen und dafür noch bezahlen? Gib zwanzig Pfennig!«
    Matte Röte huschte über Kittys Wangen, während sie stammelte: »Aber Papa -«
    »Also dreissig! Das ist mehr als genug.« Er winkte mit dem Kopf gegen das
Billardzimmer. »Der da drüben, der das Trauerross auf meine Kosten spielt, steigt
mir mit dem Oktoberfestrummel, den er für morgen inszeniert hat, ohnedies bis
über die Knie in den Geldbeutel. Jetzt weiter mit dem Gras! Und bring' mir von
dem Zeug nichts mehr in die Stube.«
    Kitty flüsterte dem Diener ein paar Worte zu, und als sie mit dem Vater
wieder allein war, ging sie müde zum Lehnstuhl zurück.
    Schweigend, unter wühlender Erregung wanderte Graf Egge im Zimmer auf und
ab; dann blieb er vor Kitty stehen. »Kein Wort mehr davon! Dass du ihm die
Depesche schicktest, war in Ordnung. Der da drüben hat mein Unglück auch unsrem
Schuster und Schneider angezeigt. Aber es war unrecht von dir, dass du meinen
Schmerz um den einen zugunsten des anderen benutzen wolltest. Ich habe dich
lieb. Aber da wirst auch du nichts ändern. Er selbst hat sich gelöst von mir, so
mag er seiner Wege gehen. Ich weiss, es ist hart für dich, mit ihm zu brechen.
Aber ich bin dein Vater, und mein Recht an dir ist das ältere. Und ich brauche
dich. Zärtlichkeit ist nie meine Sache gewesen. Aber Vater bleibt Vater. Und ich
bin arm geworden. Der eine hat mich verlassen. Den andern hat mir Gott und meine
Schuld genommen. Und der da drüben zählt nicht. Meine Jagd und du, das ist der
Rest. Meine Jagd will ich festalten, solang ich noch gesunde Fäuste und sehende
Augen habe.« Er legte die Hände auf Kittys Schultern. »Und du? Gelt, kleine
Geiss, du hängst an mir?«
    In Trauer sah Kitty zum Vater auf.
    Ungeduldig rüttelte Graf Egge ihre Schultern. »Sei nicht so stumm! Ich
brauche Trost. Sag es mir, kleine Geiss, dass ich dir mehr bin als er! Ich will es
hören. So rede doch!« Ein heiserer Laut. »Rede, wenn ich nicht glauben soll, dass
du ihm zuliebe gegen deinen Vater stehen könntest! Oder willst du verteidigen,
was er getan? Wärst du fähig, dir ein Beispiel an ihm zu nehmen und mir den
Rücken zu kehren wie er? Und mich noch einsamer zu machen? - Geiss?« Sein Atem
ging schwer. »Hörst du nicht? Oder muss ich dich bitten um ein Wort? Dein Vater?«
    Kitty erhob sich, das Gesicht entstellt von dem schmerzvollen Kampf ihres
Herzens. Sie fühlte, dass es sich in diesem Augenblick für sie noch um anderes
handelte als um eine Äusserung kindlicher Liebe, die der Vater von ihr zu hören
verlangte. Seine Frage war gestellt, als hätte er unbewusst einen Blick in ihre
Seele getan und hätte erraten, was in ihr lebendig geworden war und nach seinem
Recht begehrte. Wollte sie nicht untreu werden an sich selbst, ihre Treue für
den Bruder nicht verleugnen und den Weg nicht sperren, auf dem ihre Sehnsucht
dem eigenen Glück entgegenflog, so durfte sie nicht lügen. Sie musste offen
sprechen und den unvermeidlichen Kampf mit dem Vater schon in dieser Stunde
beginnen.
    Bleich, aber entschlossen richtete sie sich auf. Doch als sie die Augen hob
und diese von Gram durchwühlten Züge sah, diese von der schlaflosen Kummernacht
entzündeten Lider und den angstvollen Blick, der nach einem Wort ihrer Liebe
dürstete - da erstickte das Erbarmen jedes andere Gefühl in ihr. Sie streckte
die Arme, und unter heissem Schluchzen warf sie sich an die Brust des Vaters und
umklammerte seinen Hals.
    Graf Egge wurde weich; er brachte es fast zu einem Lächeln, während er Kitty
umschlungen hielt und ihr Haar streichelte. »Ich danke dir, Geisslein! Du hängst
noch an mir, und ich will's vergelten! Vielleicht hab' ich auch an dir ein
Versäumnis begangen. Ich will's gutmachen, will dir ein rechter Vater sein. Du
sollst mich nimmer verlassen. Gib acht, wie schön das sein wird. Im Winter
sollst du mit mir reisen, und im Frühjahr lass ich für uns beide in meinem besten
Revier eine neue Hütte bauen, mit einem netten Stübchen für dich, mit jeder
Bequemlichkeit, die du haben willst. Und in der Hütte soll eigens für dich
gekocht werden. Und schiessen sollst du lernen und sollst ein Jäger werden, vor
dem ich selber den Hut abziehe. Das wird dir Freude machen, gelt? Und dann wirst
du munter und glücklich sein! Und lachen, immer lachen! Damit ich den armen,
lieben Jungen leichter verschmerze, der jetzt da droben liegt und kein Lachen
mehr hat für seinen Vater.« Zwei Zähren rollten ihm über den Schnurrbart, und
fester schlangen sich seine Arme um die Tochter. Da fühlte er, wie ihr Körper
zitterte. »Aber Geisslein? Was hast du?« Er fasste sie am Kinn und hob ihr
Gesicht. Aus diesem trostlosen Blick redete alles andere zu ihm, nur nicht die
Wirkung, die er sich von seinen zärtlichen Verheissungen versprochen hatte. Seine
Brauen furchten sich, ein unruhiges Spiel erwachte in den Falten, die seine
Augen umringten. »An was denkst du? Hast du nicht gehört, was ich sagte? Macht
es dir keine Freude, wie ich mich sorge für dich?«
    »Gewiss, Papa!« erwiderte sie tonlos. »Ich werde alles tun, was du willst.«
    »So?« Das klang hart und trocken. »Du scheinst müde zu sein? Setz' dich!«
Mit energischem Griff drehte Graf Egge den Lehnstuhl. Wortlos blieb er eine
Weile vor Kitty stehen und betrachtete sie in wachsendem Misstrauen. Nervös die
Finger bewegend, wandte er sich ab und wanderte ein paarmal durch die Stube.
Plötzlich nahm er eines der schönsten Gemsgehörne von der Wand, legte den Arm um
Kittys Schultern und hielt ihr die Krucke vor die Augen. »Schau, kleine Geiss!
Den Bock hab' ich auf vierhundert Gänge um Feuer niedergelegt. Es war mein
bester Schuss. Und die Kruck' ist schön, gelt?«
    »Ja, Papa, sehr schön!«
    Die müde Antwort gefiel ihm nicht. Er trug das Gehörn auf seinen Platz
zurück und nahm in kochender Unruhe die Wanderung durch das Zimmer wieder auf.
Dann plötzlich fasste er den Knauf des Lehnstuhls, und in Zorn brach es aus ihm
heraus: »Zeig' mir ein anderes Gesicht! Ich seh' dir's an, dass du mehr an ihn
denkst als an mich und den armen Kerl da droben! Aber du hast mir doch gesagt,
dass er sein Glück gefunden hat. Auch ohne mich. Also gut! So tröste dich damit,
dass er glücklich ist. Er hat, was er wollte.«
    Wie ein Krampf ging es über Kittys Schultern und Arme; ihre Lippen fanden
keinen Laut.
    Keuchend presste Graf Egge die Fäuste auf seine Brust; er ging zum Fenster
und wischte über die Scheibe, als wäre sie mit Tau beschlagen; eine Weile stand
er vor dem Bett und strich die Decke glatt; dann packte er wütend einen der in
Reih' und Glied stehenden Bergschuhe, musterte das Beschläg, blies den Staub vom
Leder und roch an dem Schuh. »Natürlich! Den hat man wieder nicht geschmiert,
Gott weiss wie lang! Ein Lumpenpack! Und das bezahlt man.« Er schleuderte den
Schuh in einen Winkel und warf sich auf das Bett; nach ein paar lautlosen
Minuten sprang er wieder auf. »Reden kannst du nicht. Und diese Stumme Mette
riegelt mir das Blut durcheinander. So lass mich lieber allein und geh zur
Kleesberg!«
    Schweigend erhob sich Kitty.
    »Geiss?«
    Sie wandte das Gesicht.
    Graf Egge trat auf den eisernen Schrank zu. »Komm! Du sollst was haben!« Er
hatte schon den Schrank geöffnet, als Kitty wie eine Verzweifelte auf ihn
zugeflogen kam und seinen Arm umklammerte. Sprechen konnte sie nicht; sie
starrte nur angstvoll in sein Gesicht und schüttelte den Kopf.
    Er sah sie mit grossen Augen an, zuerst verblüfft und dann beleidigt. »Ach
so? Du willst nichts? Auch gut!« Mit heiserem Lachen zog er den Schlüssel ab und
schob ihn in die Tasche. »So geh!«
    Sie verliess das Zimmer und schleppte sich die Treppe hinauf. Als sie ihr
Stübchen erreichte, vergrub sie das Gesicht in den Armen und brach in Schluchzen
aus.
    Die Kleesberg kam aus dem anstossenden Zimmer. Sie nahm die Schluchzende in
die Arme, stammelte, weinte und suchte zu trösten. Eine Weile liess Kitty diese
konfuse Zärtlichkeit, die ihr wohl tat, über sich ergehen; dann trocknete sie
die Augen. Aus der Kommode holte sie eine gehäkelte Börse, durch deren
Seidenmaschen die Goldstücke glänzten, und stieg in den Flur hinunter.
    »Hier ist Geld, Fritz, geben Sie reichlich! Papa soll es nicht wissen. Und
wenn Depeschen für mich gebracht werden -« Die Stimme versagte ihr. »Nicht wahr,
Fritz, ich bekomme sie gleich?«
    An der Kruckenstube wurde die Tür aufgerissen, und Graf Egge erschien auf
der Schwelle. Wortlos stand er und wartete, bis Kitty auf der Treppe verschwand;
dann winkte er den Diener zu sich. »Was wollte sie?«
    »Die gnädige Kontess haben gefragt, ob nicht Depeschen für sie gekommen
wären«, stotterte Fritz, die Hand mit der Börse hinter dem Rücken.
    »Wenn Depeschen kommen, werden sie mir gebracht! Alle! Gleichviel, welche
Adresse sie haben.« Er trat in das Zimmer zurück und schlug die Tür zu.
    Einige Stunden später erhielt er die Meldung, dass »droben« alles in Ordnung
wäre.
    »So? Jetzt soll ich ihn wiederhaben dürfen? Sehr gnädig von euch!«
    Er stieg die Treppe hinauf. Schon nach wenigen Minuten kehrte er wieder
zurück, steinerne Härte im fahlen Gesicht. Was er gefunden, diese stilvolle
Trauerbude, dieser aufgeputzte Tod, dieses Treibhaus mit dem Gewirr der schwül
duftenden Blumen - das hatte ihn fremd berührt und seinen Schmerz ernüchtert.
    Beim Eintritt in die Kruckenstube sah Graf Egge auf dem Lehnstuhl das
abnorme Gehörn des Rehbocks liegen. Der alte Moser hatte gehofft, seinem Herrn
mit dem Anblick dieser Trophäe einen Trost zu bringen; er hatte sich aber
verrechnet. In aufwallendem Zorn fasste Graf Egge das Geweih, zerbrach mit einem
Druck seiner Faust die Hirnschale und schleuderte die Stücke unter das Bett.
    Der Tag verging, und die Telegramme und Kränze kamen in ununterbrochener
Folge. Gegen Abend kehrte Roberts Bursche aus München zurück mit einem Berg von
Schachteln und Paketen. Er brachte auch einen kleinen Lederkoffer und dazu einen
Strauss weisser Rosen.
    Wieder einmal trug Fritz ein Dutzend Depeschen in die Kruckenstube. Graf
Egge überflog die Adressen und gab die Telegramme, die an ihn selbst gerichtet
waren, dem Diener zurück. »Für Robert!« Drei Depeschen behielt er und las die
erste. »Professor Werner?« Er schüttelte den Kopf und öffnete die zweite. »Hans
Forbeck?« Ohne sich weiter um den Inhalt der beiden Blätter zu kümmern, reichte
er sie dem Diener. »Für meine Tochter!« Als er die letzte Depesche geöffnet
hielt, befiel ein Zittern seine Hände. Mit heftiger Geste winkte er dem Diener
zu gehen. Nun las er. Wie von einer Schwäche befallen, liess er sich in den
Lehnstuhl sinken. »Er hat ihn liebgehabt!« Ungestüm die weiche Regung von sich
abschüttelnd, die ihn wider Willen erfasst hatte, sprang er auf. »Wir sind zu
Ende miteinander, er und ich!« Mit zuckenden Händen zerriss er die Depesche, warf
die zu einem Knäuel geballten Fetzen in einen Winkel und öffnete die Tür.
    »Robert!« Laut hallte der Ruf im Flur.
    »Ja, Papa!« klang aus dem Billardzimmer die Antwort.
    Graf Egge ging der Stimme nach; als er die Schwelle betrat, fuhr ihm das
Blut ins Gesicht. Der Raum war anzusehen wie die Verkaufshalle eines
Bestattungsgeschäftes. Offene Schachteln, ein Wust von Packleinen und
Seidenpapier, Wachsfackeln, ein Bahrtuch mit gesticktem Wappen und langen
Silberfransen, kunstvoll gebundene Kränze mit langen Atlasschleifen, ein
Samtkissen mit Helm und Degen, Halbbuketts aus Palmzweigen und seltenen Blumen -
alles kunterbunt durcheinander, auf der Erde, auf dem Billard, auf den Stühlen.
    Robert legte die Zigarette weg und trat auf den Vater zu. »Verzeih', Papa,
das ist ein peinlicher Anblick für dich. Aber wir müssen unserem Rang und Namen
Rechnung tragen, und ich habe diese schmerzlichen Pflichten mir aufgeladen, um
dich damit zu verschonen.«
    Graf Egge schien nicht darauf zu hören; von einer mit Gold bedruckten
Kranzschleife leuchtete ihm ein Wort entgegen, das ihn näher zog. Er fasste das
Doppelband und las: »Dem heissgeliebten, unvergesslichen Sohn - von seinem
tiefgebeugten Vater.« Er liess die Schleife fallen. »Moser!« rief er in Zorn dem
alten Jäger zu, der eben eine neue Schachtel öffnete. »Weg mit dem Schwindel und
ins Feuer damit.«
    »Aber Papa!« stammelte Robert.
    Ein kalter Blick des Vaters. »Äussere du deinen Schmerz, wie dir beliebt. Was
meine Trauer zu sagen hat, das bitt' ich mir zu überlassen!« Graf Egge ging zur
Tür und kehrte auf der Schwelle wieder um. »Herr Doktor Egge hat sich für morgen
mit dem Frühzug angemeldet. Dieser Besuch ist überflüssig. Du wirst ihn vor dem
Parktor erwarten und ihm bedeuten, dass ich mir die zwecklose Unbehaglichkeit
einer solchen Begegnung morgen erspart wissen möchte. Die Form überlass ich dir!«
Es zuckte wie Hohn um Graf Egges Mund. »Dass du diese Mission mit prompten Erfolg
erledigen wirst, daran zweifle ich nicht!« Ohne Roberts Antwort abzuwarten,
verliess er das Zimmer, kehrte in die Kruckenstube zurück und stiess den Riegel
vor.
 
                                       10
Die herbstlichen Frühnebel, die einen schönen Tag versprachen, verzogen sich
langsam über den Wipfel des Parkes, als um die neunte Morgenstunde alle Glocken
des Kirchturms zu läuten begannen. Der Platz vor dem Schloss war schwarz von
Menschen. Aus dem Dorf und allen benachbarten Ortschaften waren die Bauern
zusammengeströmt und rissen die Augen auf, als sie den feierlichen Prunk des
Kondukts unter den getragenen Klängen des Trauermarsches sich entwickeln sahen.
Die Mannsleute musterten neugierig die Pferde mit den nickenden Federbüschen,
während die Neugier der Weiber und Mädchen den uniformierten Fackelträgern und
den in schwarze Seide gekleideten Pagen galt. Hinter dem Sarge gingen Graf Egge
und Robert mit vier Offizieren, die Willys Regiment geschickt hatte. An die
Honoratioren schloss sich der Schwarm der Dorfbewohner an. Unbekümmert um Choral
und Trauermarsch, beteten sie nach ihrer Gewohnheit mit lauten Stimmen und
hatten dabei für alles ein Auge, besonders für den Adlerkäfig, an dem der Zug
vorüber musste. Eng aneinander gedrückt sassen die fünf Vögel auf der höchsten
Stange und drehten unruhig die Köpfe mit den blitzenden Augen.
    Im Gottesacker gab es eine lange Feier; nach der Grabrede des Geistlichen
sprach einer der Offiziere, und dann fielen die Sänger ein: »Es ist bestimmt in
Gottes Rat -«
    Graf Egge schien nicht zu sehen, nicht zu hören, bis ihm der Geistliche die
kleine Schaufel reichte, schon mit Erde gefüllt. Polternd fiel die Scholle über
den Sarg. Dann nahm die Schaufel ihren Weg durch hundert Hände. Als die Bauern
sahen, dass die Offiziere, wenn sie die Schaufel weiterreichten, auf den Grafen
zutraten und ihm die Hand drückten, befolgten sie dieses Beispiel mit
würdevoller Umständlichkeit - und Graf Egge bekam blaue Finger von der
Teilnahme, die sich mit derben Fäusten an ihn herandrängte.
    Hinter dem Rücken der Bauern, die sich vor dem Grafen hin und her schoben,
kam einer scheu bis zum Grab geschlichen, fasste mit der Hand einen Brocken Erde,
liess ihn hinunterfallen in die Grube und wollte wieder gehen.
    Graf Egge gewahrte ihn. »Franzl!« rief er mit erloschner Stimme. »Komm her!
Gib mir die Hand!«
    Es schüttelte den Jäger, als hätte ein Krampf seine Schultern befallen. Dem
Grafen, der diesen ehrlichen Kummer erkannte, ging die kalte Ruhe in heisser
Rührung unter, und er begann zu weinen. Robert, von dieser Schwäche seines
Vaters peinlich berührt, zischelte dem Geistlichen ein paar Worte zu, worauf der
Hochwürdige Herr den Jäger beiseiteschob und den Arm des Grafen nahm. »Kommen
Sie mit mir in die Kirche, Erlaucht, bei Gott ist Trost, nicht bei Menschen.«
    Die Glocken läuteten zum Totenamt, und während das Grab geschlossen und der
Hügel mit den hundert Kränzen bedeckt wurde, füllten sich alle Bänke der Kirche.
    In einem Winkel neben dem Portal stand der Seewirt und wartete, bis sich der
Gottesacker geleert hatte; dann drückte er den Hut übers Haar und rannte davon.
    Wenige Minuten später kam vom Seehof ein geschlossener Landauer gefahren und
hielt vor der Kirchenmauer. Der Seewirt, der neben dem Kutscher auf dem Bock
sass, sprang herunter und öffnete den Schlag.
    Tassilo stieg aus. Er schien seine Bewegung gewaltsam niederzukämpfen, doch
sie redete aus seinem entstellten Gesicht. Als er zwischen den Grabsteinen und
eisernen Kreuzen den blumigen Hügel sah, stockte sein Schritt.
    In der Kirche klangen rauschende Orgeltöne und die Stimmen des Chorgesanges;
aus einem offen stehenden Fenster quoll der Duft des Weihrauchs, und über den
Scheiben flimmerte ein Widerschein der brennenden Kerzen.
    Man hatte schon zur Wandlung geläutet, als Tassilo den Friedhof verliess, in
der Hand einen kleinen Zweig mit welkenden Blumen, den er von Kittys Kranz
gebrochen hatte.
    Vor dem Wagen nickte er dem Seewirt zu. »Ich danke Ihnen!«
    Er stieg ein und sagte heiser: »Den Brief an meine Schwester besorgen Sie
selbst, nicht wahr?«
    »Jawohl, Herr Graf.«
    »Jetzt, noch ehe die Messe zu Ende ist?«
    »Sofort, Herr Graf.«
    Der Seewirt schloss die Wagentür und schlug, während die Kutsche davonrollte,
in flinkem Gange die Richtung nach Schloss Hubertus ein.
    Die Orgel rauschte. Und als die von München verschriebenen Sänger ein
schönes Lied begannen, zwitscherten die Vögel auf allen Akazienbäumen des
Friedhofes.
    Unter dem Schlussgeläut der Glocken wanderte Graf Egge mit Robert und den
Offizieren die Strasse hinaus. Schweigend traten sie in den Park, und je mehr sie
sich dem Schloss näherten, desto längere Schritte machte Graf Egge, so dass
Robert und die Offiziere hinter ihm zurückblieben. Als er den Flur betrat, warf
er den Zylinder in einen Winkel und riss den schwarzen Rock herunter. »Moser!
Bring' mir mein Jagdzeug, die Schuhe Modell 64! Flink!« Er trat in die
Kruckenstube.
    Moser sprang, dass ihm der Kopf rot wurde. Nach zwei Minuten hatte er alles
beisammen: Joppe, Flanellhemd, Lederhose, Wadenstutzen und Schuhe. Während er
seinem Herrn beim Umkleiden behilflich war, wollte er seinem Jammer Ausdruck
geben.
    »Schweig!« fuhr ihn Graf Egge an. Als er sich bückte, um mit den nackten
Füssen in die Schuhe zu schlüpfen, fiel sein Blick unter das Bett. Er wurde
unruhig und kaute am Schnurrbart. Dann sagte er plötzlich: »Da drunten liegt
was. Her damit!«
    Moser kroch unter das Bett. »Jesus Maria, das schöne Gwichtl!« Mit
kreideblassem Gesicht brachte er seinem Herrn die beiden Hälften des
entzweigebrochenen Geweihes und stotterte: »Meiner Seel, Herr Graf, ich hab dös
Gwichtl mit keiner Hand net angrührt!«
    Graf Egge griff zögernd nach den beiden Stücken und betrachtete sie. »Was
kann das Geweih dafür?« Er reichte dem Büchsenspanner die Stangen. »Flick' die
Schale wieder zusammen! Gib dir Mühe, dass man den Schaden nicht merkt. Dann male
mir ein schwarzes Kreuz darauf und häng' das Geweih dort über mein Bett!« Diese
Entscheidung schien sein gepresstes Gemüt erleichtert zu haben. Er fuhr aufatmend
in die Joppe. »Den Hut und die Büchse!« Ehe Moser zur Tür kam, fragte Graf Egge:
»Warum kommt die kleine Geiss nicht herunter zu mir? Weiss sie nicht, dass ich
schon daheim bin?« Der Jäger stotterte ein paar Worte. Graf Egge hörte nicht.
»Die arme Schmalgeiss! Sie muss eine böse Stunde gehabt haben, so allein daheim!«
Mit dem Ellbogen schob er den Jäger beiseite und verliess die Stube.
    Im Flur hörte er aus dem Billardzimmer die Stimmen Roberts und der Gäste.
Einen Augenblick zögerte er, als käme ihm die Pflicht des Hausherrn zum
Bewusstsein. Unter einem Laut des Widerwillens verzog er das Gesicht und stieg
die Treppe hinauf.
    »Grüss' dich Gott, Geisslein! Da bin ich wieder!« sagte er, als er in Kittys
Zimmer trat. »Eine bittere Stunde war's. Auch das hat überstanden sein müssen! -
Geiss? Warum siehst du mich so merkwürdig an?«
    Kitty stand mit dem Rücken gegen das Fenster; in ihrem beschatteten Gesicht
brannten die Augen, die starr am Vater hingen.
    Dieser Empfang verdross ihn. »Ach so? Vielleicht, weil ich schon wieder in
den Ledernen stecke? Ich hätte wohl bleiben sollen? Das stimmt. Aber ich halt es
hier nicht aus. Das Dach erstickt mich. Und ich rieche immer die verwünschten
Kerzen! Ich muss hinauf. Muss die Büchse in der Hand spüren, wenn ich Trost finden
will. Muss Berge sehen! Wild!« Da gewahrte er den Brief in Kittys Hand. »Was hast
du da?«
    Wortlos reichte sie ihm das Blatt.
    Er nahm es. Das Blut schoss ihm dunkel in die Stirn, als er die Schrift
erkannte. Und dieser Schrift war es anzumerken, dass der Brief in Minuten der
furchtbarsten Erregung geschrieben war. Er lautete: »Meine gute Schwester!
Draussen läuten für den armen Jungen die Glocken, und ich sitze im Seehof und
versuche zu schreiben. Du sollst wissen, dass ich kam. Wie mich das Entsetzliche
getroffen hat, dafür hab' ich kein Wort. Es wird dir nicht anders ums Herz sein
als mir. Anna wollte mich begleiten, auch auf die Gefahr hin, sich versteckt
halten und eine demütige Rolle spielen zu müssen. Das litt ich nicht und kam
allein. Ich habe dabei nur an dich gedacht und an den Vater, an seinen Kummer
und an meine Pflicht, euch beiden eine Stütze zu sein. Wie hätt' ich mir denken
können, dass man es mir verwehren würde, den Bruder auf seinem letzten Weg zu
begleiten und dich zu sehen! Um so tiefer hat mich das getroffen. Ich will gegen
Papa nicht klagen, aber es war nicht gut, dass er Robert schickte. So hab' ich
zwei Brüder an einem Tag verloren. Robert hat mich so tief verwundet, dass ich
von ihm gelöst bin fürs Leben. - Wie ein Dieb muss ich mich an das Grab des
Bruders schleichen, während Papa in der Messe ist. Und muss fort, ohne dich
gesehen zu haben! Wie soll das nun weiter kommen? Alles über mich, in Gottes
Namen, wenn nur die Sorge um dich in meinem Herzen schweigen möchte! Jetzt darf
ich dir auch nicht mehr sagen: Wenn du meiner bedarfst, so komm zu mir! Nur
denken darf ich an dich, für dich alles Glück erhoffen, das du verdienst. Und in
Gedanken dich an mein Herz drücken, dich küssen wie jetzt. - Dein Tas.« Der
Brief hatte noch eine Nachschrift: »Verbrenne dieses Blatt.«
    Graf Egge legte den Brief auf die Tischplatte und sagte rauh: »Wer auf der
einen Seite ein Loch gräbt, muss auf der anderen Seite den Hügel aufwerfen. Dir
gibt er doppelt als Bruder, was er als Sohn den Vater entbehren liess. Du hättest
seine Nachschrift befolgen sollen. Es wäre besser gewesen!«
    Kitty stand regungslos, ohne Tränen. »Ich wollte, dass du lesen solltest.«
    »Wozu das? Willst du wieder den Sturmbock deiner schwesterlichen
Zärtlichkeit für ihn einlegen, wie gestern?«
    »Nein, Papa! Ich wollte an dich nur die Frage richten, ob es mit deinem
Willen geschah, was Robert tat?«
    »So? Und wenn es so wäre? Was willst du sagen dagegen?«
    »Nichts, Papa!« Kittys Augen hingen mit einem Blick unsäglicher Trauer am
Vater. »Nichts - oder mehr, als gut wäre für dich und mich!« Sie rang nach Atem.
»Nein! Nicht heute. Das wäre unmenschlich!« Mit zitternden Händen griff sie an
ihre Schläfe. »Ich bin dein Kind, und du bist mein Vater.«
    Die Brauen furchend, trat Graf Egge zurück. »So? Das fällt dir also noch
ein? Viel ist es freilich nicht, was nach aller Zärtlichkeit für den anderen
noch übrigbleibt für mich. Und zu sprechen brauchst du nicht. Ich habe schon
mehr als genug gehört. Und meine Antwort darauf -« Ein Blick in Kittys Augen
liess ihn verstummen. Er zerrte die Hände durch den Bart und ging mit den
klappenden Nagelschuhen ein paarmal im Zimmer auf und ab. Sich gewaltsam
beherrschend, blieb er stehen. »Vielleicht hast du recht. Das ist heute nicht
der richtige Tag. Ehe wir beide miteinander ins klare kommen, brauchen wir Zeit,
um ruhig zu werden.« Je länger er Kitty betrachtete, desto mehr verloren seine
Worte den gereizten Klang. »Das wird sich leichter machen, wenn wir Luft
zwischen uns beide legen. Ich geh in meine Hütte hinauf, und du - versteh' mich
nicht falsch, das ist nichts anderes als vernünftige Überlegung - Onkel Benno in
Eggeberg erwartet dich ohnehin mit Ende des Monats, er wird sich freuen, wenn du
ein paar Wochen früher kommst. Dort hast du Zeit, über alles nachzudenken. Dann
wähle zwischen dem andern und mir. Ich hoffe, du wirst das Rechte finden!« Er
legte die Hand auf ihre Schulter. »Du sollst mir bleiben, Geiss! Aber ich will
dich ganz haben. Halbheiten vertrag' ich nicht. Und jetzt genug! Wenn du willst,
kannst du schon morgen reisen. Ich sitze dann auch ruhiger in meiner Hütte
droben. Auch steht die Hirschbrunft vor der Tür, und da hätt' ich ohnehin keine
Zeit für dich. Wo ist die Kleesberg? Ich will die Sache mit ihr in Ordnung
bringen.«
    Gundi Kleesberg erschien auf der Schwelle des anstossenden Zimmers. »Ich habe
bereits gehört!«
    Dieser Ton, die Erregung, die aus Tante Gundis Haltung sprach, und ihre
strafenden Augen schienen Graf Egges Verwunderung zu wecken. Er war gewohnt, die
Kleesberg in seiner Nähe das zitternde Kaninchen spielen zu sehen. »Oho! Sie
haben ja Feuer unter dem Dachstuhl, scheint mir! Was ist Ihnen über die Leber
gelaufen?«
    »Meiner Sprache fehlt es zwar an den höchst gewählten Bildern, wie Erlaucht
sie zu gebrauchen belieben. Aber wenn Sie mir eine Unterredung unter vier Augen
gewähren wollen, hoffe ich doch, ein paar bezeichnende Worte zu finden.«
    Graf Egges Erstaunen wuchs. »Ach so? Sie sind gegen mich geladen? Und wie
ich merke, bis an den Hals. Nur losgeschossen! Ich habe kein Geheimnis mit
Ihnen. Sie können auch hier sprechen.«
    »Ich bedaure, dass mir die Gegenwart der Komtesse eine Rücksicht auferlegt,
deren Notwendigkeit Erlaucht nicht zu empfinden scheinen - wie mich der Ton des
Gespräches vermuten lässt, dessen unfreiwillige Zeugin ich leider wurde. Ich,
Erlaucht, weiss, wie ich mit Ihrer Tochter zu sprechen habe. Ich bin nur ihre
mütterliche Freundin. Aber ich glaube, mein Herz würde das Richtige um so besser
finden, wenn sie mir gegenüberstünde als mein leibliches Kind!«
    Kitty wankte auf Gundi Kleesberg zu und legte unter flehendem Blick die Hand
auf ihren Arm.
    Nun schien Graf Egge zu verstehen. Seine Augen wurden klein, und dick
schwollen ihm die Adern an Hals und Schläfen. »Moderieren Sie sich, meine Beste!
Ich spreche zu meinen Kindern, wie es mir beliebt. Wenn Sie den
unwiderstehlichen Trieb zu einer Vorlesung verspüren, so predigen Sie doch
lieber Ihrem eigenen Gewissen! Wenn sich das Mädel heute nicht klar ist über den
Platz, an den meine Tochter gehört, so liegt die halbe Schuld an Ihnen!«
    Gundi Kleesberg wollte sprechen, aber sie kam nicht zu Wort.
    »Auf die Mühe, dem Mädel die Pflichten eines Kindes klarzumachen, scheinen
Sie nicht viel Zeit verwendet zu haben. Dass es so kommen wird, da hätt' ich
voraussehen können. Die Historie Ihrer Jugend war für Sie nicht die beste
Empfehlung. Sie wissen, was ich meine. Und jetzt hab' ich die Bescherung! Dazu
hab' ich mitgeholfen. Ich hätte mir sagen müssen, dass Sie viel eher die
geeignete Person wären, um in dem Kind das Blut der Mutter zu wecken, statt
Respekt und Liebe für den Vater. Jetzt rate ich Ihnen, in Eggeberg, nachzuholen,
was Sie in Hubertus versäumt haben. Gottbefohlen!« Mit klappernden Schritten,
von denen jeder die Spur der genagelten Sohle auf den Dielen zurückliess, ging
Graf Egge aus dem Zimmer.
    Die Kleesberg taumelte auf einen Sessel und bedeckte das Gesicht mit den
Händen. »Das ist zuviel! Ich bleibe keine Minute mehr. Und wenn ich betteln und
hungern müsste! Ehe ich bei einem solchen Menschen bleibe - lieber zurück ins
Stift, in diese Hölle!« Da begegnete ihr Blick den Augen Kittys, und alle
Empörung war verflogen; nur Schmerz und Erbarmen blieben zurück, und sie
stammelte unter Tränen: »Ach du mein liebes, gutes Kind! Wie kann ich denn nur
das dumme Zeug da reden! Nein! Nein! Ich bleibe. Und wenn er mit Fäusten auf
mich losschlägt! Wen hättest du noch, wenn auch ich mich vertreiben liesse! Ich
halte stand! Und ich weiss, was ich tue!«
    Kitty schien nicht zu hören. Dann hob sie langsam die Augen. »Was meinte
Papa, als er von meiner Mutter sprach? Es war ein Ton, der mir das Herz zerriss.
Was wollte er sagen damit?«
    Gundi Kleesberg erschrak und stotterte einen Schwall von Ausreden.
    Kitty schüttelte den Kopf. »Sag' es mir! Es lässt mir keine Ruhe mehr. Ich
hab' es gefühlt: er hat übel geredet von meiner Mutter. Hat er ein Recht dazu?«
    Während die Kleesberg ratlos nach Worten suchte, ging Graf Egge unter dem
Fenster vorüber, den Bergstock in der Hand, die Büchse auf dem Rücken.
    Finster musterte sein Blick den weissen Kiesgrund, der zerwühlt war von
hundert Füssen. Welke Blumen, die von den Kränzen abgefallen, lagen
umhergestreut, und am steinernen Rand des Springbrunnens war eine Stelle dick
mit rotem Wachs betropft. Graf Egge machte lange Schritte. Als er die Ulmenallee
erreichte, kam Robert ihm nachgelaufen. »Aber ums Himmels willen! Papa! Du wirst
doch jetzt nicht auf die Hütte gehen?«
    »Willst du mich daran hindern?« Graf Egge griff an die Joppentasche, ob er
die Patronen nicht vergessen hätte.
    »Aber ich bitte dich, was soll ich denn unseren Gästen sagen? Du bringst
mich den Herren Kameraden gegenüber in eine so klägliche Situation -«
    »Sonst hast du keinen Schmerz? Na, dann steht es nicht schlecht um dich.
Sag' ihnen, was du willst! Du wirst die wohlschmeckende Ausrede ebenso leicht
finden, wie du heute früh vor dem Gitter da draussen das bitterste Wort gefunden
hast.«
    Robert starrte den Vater an, mehr verblüfft als beleidigt. »Ich möchte doch
ersuchen, Papa -«
    »Schweig! Ich mache dir keinen Vorwurf. Die grösste Niederträchtigkeit bei
der Geschichte hab' ich selbst begangen, weil ich dich schickte. Über den Rest
deines Urlaubs kannst du ohne Rücksicht auf mich verfügen. Den schuldigen
Abschied nehm' ich als empfangen an. Du wirst ja wohl so bald nicht von dir
hören lassen? Da du über deine Apanage hinaus um Geld nicht mehr zu kommen
brauchst, wüsste ich nicht, was du mir sonst zu schreiben hättest. Adieu!« Graf
Egge zog mit beiden Händen die Lederhose höher an den Leib und schritt davon.
    Als er das Adlerhaus erreichte, blieb er stehen, musterte die fünf Vögel und
nickte vor sich hin. »Es wird leer. Ich muss für Nachschub sorgen.« Er sah über
die Schulter nach Schloss Hubertus zurück. Nun schritt er weiter, die Arme über
Lauf und schafft der Büchse gelegt, und starrte grübelnd vor sich hin. »Sie wird
sich besinnen und zu mir halten! Ich such' ihr einen Mann, und das Paar soll mir
Leben und Kinder ins Haus bringen. Sie hat Rasse. Das wird Buben geben!«
    Um nicht am Zaunerhaus vorüber zu müssen, machte er einen Umweg durch den
Wald und suchte auf verstecktem Fusspfad den Friedhof auf. »Gott sei Dank!«
murrte er in den Bart, als er den Gottesacker leer sah. Hastig trat er ein und
suchte zwischen den Eisenkreuzen das frische Grab.
    Leises Gesumm umschwebte den bunten Hügel; der starke Duft dieser tausend
Blumen hatte die Bienen herbeigelockt, die auf den herbstlichen Wiesen nur noch
spärliche Ernte fanden.
    Während Graf Egge auf beiden Knien lag, mit verschlungenen Händen, betrat
der Mesner den Friedhof und verschwand in der Kirche.
    Es war Mittag, und die Glocke begann zu läuten.
 
                                       11
In der Wohnstube der Horneggerin sass Franzl am blau gedeckten Tisch, und seine
Mutter brachte die Brotsuppe. Sie wollte gerade die rauchende Schüssel auf den
Tisch setzen, als sie am Hof das Zauntürchen gehen hörte und einen Blick durch
das Fenster warf. Im ersten Schreck hätte sie fast die Suppe fallen lassen. Erst
wurde sie kreidebleich, dann dunkelrot bis unter die grauen Haare. »Jesus Maria!
Bub! Da kommt der Herr Graf!« Während Franzl auffuhr, als hätte der Blitz vor
ihm in die Schüssel geschlagen, griff die Horneggerin an ihre Frisur, riss die
Küchenschürze herunter und stotterte: »Mar' und Joseph! Wie schau ich denn aus!
Halb angezogen! Und jetzt kommt der Herr Graf!« Sie wollte in die Kammer
springen, aber die Knie versagten ihr. Und da ging schon die Stubentür auf, und
Graf Egge erschien auf der Schwelle.
    Den Bergstock hatte er im Flur gelassen. Einen wortlosen Gruss nickend,
stellte er die Büchse an die Mauer, nahm den Hut ab und warf ihn auf das
Fensterbrett. Schweigend sah er den Jäger an, dem die Erregung alle Glieder zu
lähmen schien, betrachtete die alte Frau, die zitternd hinter dem Ofen stand,
und während seine gebeugte Gestalt sich langsam streckte, liess er den Blick über
alle Wände und Geräte des Stübchens gleiten. Tief atmend drückte er die Fäuste
auf die Brust, als wäre zwischen diesen engen, niederen Mauern ein wohltuendes
Gefühl der Erleichterung über ihn gekommen. Nun ging er auf den Jäger zu und bot
ihm die Hand. »Grüss' dich Gott, Franzl! Ich seh' es ein, ich hab' dir unrecht
getan. Das will ich wieder gutmachen. Schlag ein und trutz' nicht! Sei wieder
mein Jäger, mein bester, wie du es immer warst! Ich muss doch einen Menschen
haben, von dem ich weiss, er hängt an mir! Schlag ein, Alter!«
    Während die Horneggerin im Ofenwinkel unter Tränen die Augen aufschlug, als
wäre dem lieben Herrgott ein Wunder gelungen, bot Franzl den Anblick eines
Menschen, der ein paar tiefe Krüge über den Durst getrunken hat. Er machte wohl
den Versuch, in militärischer Haltung vor seinem Herrn zu stehen, aber es zog
ihm den Kopf in den Nacken, und dabei würgte er immer das eine Wort heraus:
»Aber Herr Graf! Aber Herr Graf! Aber Herr Graf -«
    »Mach' keine Geschichten, sondern schlag ein! Oder soll ich die Hand eine
halbe Stund' lang herhalten?«
    Da griff der Jäger mit beiden Händen zu, und der Druck fiel so kräftig aus,
dass Graf Egge die Zähne übereinanderbiss.
    »So! Und jetzt zur Schüssel und iss! Wenn du fertig bist, packen wir auf und
marschieren.« Graf Egge schob den Jäger zur Bank und wandte sich an die
Horneggerin, wobei seine Sprache zu vollem Dialekt wurde. »Geben S' an Löffel
her, Mutter! Ich halt mit. Zwei Tag lang hab ich kein Bissen nimmer
nunterbracht. Jetzt krachen mir alle Rippen. An Löffel her!«
    »Aber gern! Es is mir ja die grösste Ehr!« Die Försterin wusste vor Freude und
Verwirrung nimmer, was sie beginnen sollte. »Jesus, wann ich nur auf so was
gfasst gwesen wär! Da hätt ich aufkocht, ich weiss net was! Und grad heut muss ich
so a grings Mittagessen haben. Die Brotsuppen da - ich trau mir's gar net sagen
- und Tirolerknödl mit Selchkraut! D' Suppen, mein ich, wär net übel. Aber die
Knödl, Herr Graf, die Knödl halt! Soviel sinnieren hab ich müssen, derweil ich
kocht hab. Und da hab ich's net gwissenhaft gnug mit die Knödl gnommen. Wenn s'
Ihnen nur net drucken! Jesus Maria! Dös wär mir 's ärgste!«
    »Ich kann mir was ärgers denken!« Unter müdem Lächeln schob sich Graf Egge
hinter den Tisch. »Wenn alles andre so leicht hinunterging wie gschmalzene
Knödl. Also Mutter, geben S' den Löffel her!«
    »Jesses ja! An Löffel! Wo hab ich denn mein Kopf!« Die Horneggerin rannte in
die Kammer hinaus.
    »Habt ihr schon gebetet?« fragte Graf Egge, während er die Füsse unter den
Tisch streckte.
    Franzl brachte keinen Laut heraus und nickte nur.
    Graf Egge lehnte sich an die Wand zurück, verschlang die Hände über dem Gurt
der Lederhose, sprach halblaut ein Vaterunser und bekreuzte sich; dann griff er
über den Tisch, fasste den Blechlöffel der Horneggerin, wischte ihn am Zipfel des
blauen Tischtuches ab und fuhr in die Schüssel. »Schiess los, Franzl!«
    Als die Försterin kam, mit dem silbernen Patenlöffel ihres Buben und einem
blanken Hirschhornbesteck, das sie vor Jahren auf dem Münchener Oktoberfest im
Glückshafen gewonnen hatte, war die Suppenschüssel schon halb geleert. »Packen
S' wieder ein, Mutter!« sagte Graf Egge und behielt den Blechlöffel.
    Mit Zittern und Bangen trug die Horneggerin das Kraut und die Knödel auf;
doch das derbe Gericht erwarb sich so ausgiebig die Gnade des Gastes, dass Franzl
und seine Mutter zu kurz kamen. Da fand die Försterin unter scheuem Lächeln
sogar den Mut zu der Bemerkung: »Mir scheint, Herr Graf, sie schmecken Ihnen?«
    »Prämieren tät ich Ihnen grad net für so an Exemplar. Aber der Hunger treibt
Bratwürst nunter. Ich hab harte Fasten hinter mir.«
    »O mein Gott, gelt, vor lauter Kümmernis haben S' nix mehr essen können?«
Die Augen der Horneggerin füllten sich wieder mit Tränen. »Dös kenn ich, wie so
was is! Und wie so an Unglück nur kommen kann! Gestern noch's lachende Leben,
und heut der ewige Schlaf! Da wär's kein Wunder, wann der Mensch zittert vor
jeder Stund, und wann er Gott sei Dank sagt hinter jedem Tag, der glimpflich
vorbeigangen is!«
    Eine Weile noch hörte Graf Egge den herzlich gemeinten Jammer der alten Frau
geduldig an. Dann legte er plötzlich die Gabel nieder, würgte den letzten Bissen
hinunter und erhob sich. »Mach' fertig, Franzl, ich wart' im Hof!« Er reichte
der Horneggerin, die erschrocken verstummt war die Hand über den Tisch.
»Vergelts Gott, Mutter!« Dann griff er nach seiner Büchse und verliess die Stube.
    Franzl schob sich aus der Bank heraus. Da nahm die Horneggerin sein Gesicht
zwischen die Hände. »Bub! Was sagst! Gestern hast mich in deiner Kümmernis
erbarmt, dass ich mir 's Herz hätt aussireissen können. Und heut is alles wieder
gut!«
    Franzl nickte; dabei sprach aus seinen Augen etwas, das mit dieser
Zustimmung nicht harmonieren wollte. Er umschlang die Mutter und schmiegte die
Wange an ihr graues Haar. So standen sie eine Weile, bis Franzl aufatmend sagte:
»Jetzt musst mich auslassen. 's Warten hat er net gern.« Er rannte zur Stube
hinaus. Eine Minute später kam er die Treppe herunter, fertig für den Berggang.
Die Mutter wollte ihm die Stirn mit Weihwasser besprengen, aber bei Franzls Eile
gingen die heiligen Tropfen daneben.
    Graf Egge trommelte schon mit dem Fuss und drängte: »Vorwärts! Vorwärts!«
    Mit langen Schritten wanderte das Paar davon, an den welkenden Hecken
entlang.
    Als sie die Wiesen überschritten und zu den dichter stehenden Häusern des
Dorfes kamen, klang hinter ihnen ein Gewinsel, Gebell und Geheul, das sich
näherte und immer lauter wurde. Franzl drehte das Gesicht: »Um Gottes willen,
Herr Graf! Was kommt denn da daher?«
    Mit Springen und Stürzen, Überschlagen und Kollern näherte sich ein lebendig
scheinender Knäuel von flatternden Leinwandfetzen und lang nachschleifenden
Bändern, die sich durcheinanderringelten wie kämpfende Schlangen. Je näher das
seltene Ungeheuer kam, desto deutlicher liessen sich die wirbelnden Füsse, der
zuckende Kopf und die schlagende Rute des Hundes erkennen, der als heulender
Kern in dieser absonderlichen Schale steckte.
    »Jesus Maria! Herr Graf! Unser Hirschmann! Der is dem Tierarzt durchbrennt,
hat heimgsucht und is auf unser Fährten kommen!« Franzl legte den Bergstock und
die Büchse ab und rannte dem Hund entgegen. »Hirschmanndl! Hirschmanndl! Da komm
her! Ja Hirschmanndl! Was is denn mit dir? Wo kommst denn her?«
    Wie der Hund in seinem zerzausten Spitalgewand herangeschossen kam; wie er
in winselnder Freude an dem Jäger emporzuspringen versuchte, sich in die
schlagenden Fetzen verwickelte, laut heulend stürzte und fröhlich bellend wieder
aufsprang; wie Franzl ihn haschen wollte und nur die flatternde Bandage zu
fassen bekam, aus der sich der Hund unter Geheul und Gezappel vollends
hervorkugelte; wie der Jäger nun selbst zu Boden taumelte und der befreite Hund
mit ungestümer Liebkosung über ihn herfiel - das war ein so drolliger Anblick,
dass Graf Egge lachen musste. Aber dieses Lachen schien ihn zu schmerzen, denn er
presste die Hand an den Hinterkopf.
    Auch Franzl lachte. Die lärmende Freude des treuen Tieres liess ihn des
Kummers vergessen, den auch die Aussöhnung mit seinem Jagdherrn nicht hatte
beschwichtigen können. Auf der Erde sitzend, hielt er den zappelnden Hund
umschlungen und blickte lachend zu Graf Egge auf: »Jetzt, Herr Graf, jetzt sind
wir wieder alle beinander!«
    »Alle? Da fehlt noch viel, scheint mir!« Dem Grafen war das Lachen
vergangen. Nun erkannte der Hund auch ihn, riss sich aus den Armen des Jägers und
kam gesprungen. Mit zerstreuter Freundlichkeit tätschelte ihm Graf Egge den
Kopf; dabei wurde das Tier ruhig und zog den Schweif ein.
    In Franzl erwachte die Sorge, ob der Hund auch völlig geheilt wäre;
Hirschmann ersparte dem Jäger die nähere Untersuchung; als Graf Egge sich in
Gang setzte, übersprang der Hund eine Planke und sauste wie verrückt auf den
Wiesen herum; dabei schüttelte er immer wieder das Fell, drehte sich im Kreis
und schnappte mit den Zähnen nach seinen Flanken.
    »Der is freilich gsund! Ja!« meinte Franzl. »Aber d' Haut muss ihn spannen.
Vom Verband hängt ihm noch 's ganze Fell voller Pech.«
    Während die beiden das Dorf durchschritten, drehte sich ihr Gespräch nur um
den Hund, der bald vor, bald hinter ihnen seine vergnügten Sprünge machte. Die
Leute, die ihnen begegneten, grüssten scheu und mit grossen Augen. Immer huschte,
wenn Franzl sich für einen Gruss bedankte, eine dunkle Röte über sein schmal
gewordenes Gesicht. So erreichten sie den Ländeplatz. Der Seewirt, der auf der
Veranda mit einem Touristen plauderte, kam gelaufen und zog die Mütze.
    »Seewirt!« Graf Egge hatte die Hand auf Franzls Schulter gelegt. »Ich habe
leider hören müssen, dass im Dorf ganz unqualifizierbar Redereien über den
Hornegger umhergetragen werden. Das ist böswilliger Quatsch. Hornegger hat sich
im Dienst nicht das geringste zuschulden kommen lassen. Wenn ich in grundlosem
Zorn eine Übereilung begangen habe, so liegt die Schuld an mir! Ich sage Ihnen
das, damit Sie es unter die Leute bringen. Verstanden? Und jetzt mein Schiff!«
    Während der Seewirt davoneilte, wechselten Röte und Blässe auf dem Gesicht
des Jägers. »Aber Herr Graf! Was machen S' denn für Gschichten! Dös is doch
z'viel, Herr Graf!«
    »Halt' den Schnabel, du dummer Kerl, du guter! Ich hab' dir einen Treff ins
Blut gegeben, jetzt will ich dir auch das rechte Pflaster auflegen. Was ich dem
Seewirt gesagt habe, wird umlaufen im Dorf wie ein Windspiel. Und die Leute, die
uns heut miteinander gesehen haben, werden ihren Metzen Korn auf deine Mühle
schütten. Schau nur, da drüben steht schon wieder einer und reisst das Maul auf!«
    Als der Bauer, der inmitten der Strasse stand, die Aufmerksamkeit der beiden
Jäger auf sich gerichtet sah, wandte er sich ab und ging seiner Wege. Es war der
Bruckner. Bevor er um die Ecke bog, warf er noch einen scheuen Blick zu den
Bergen hinauf, als wäre dort oben für ihn ein Gegenstand der Sorge.
    Franzl war merkwürdig still geworden. Während der ganzen Fahrt über den See
sprach er keine Silbe und guckte so schwermütig vor sich hin, als hätten die
Ereignisse der vergangenen Stunde seinen Kummer um kein Härchen erleichtert.
    Neben dem Wetterbach stiegen sie aus. Franzl, den das eigene Schweigen zu
drücken begann, versuchte zu plaudern; doch er schwieg wieder, als er merkte,
dass sein Herr nicht hörte. Erregung wühlte in Graf Egges Zügen. Während sie an
der Klause vorübergingen, hielt er das Gesicht abgewandt; als sie den Wildbach
überschritten hatten und über einen steilen Hang emporgestiegen waren, blieb er
stehen und sah mit funkelnden Augen zurück. Über die welkenden Kronen der
Ahornbäume ragte das Dächlein der Klause hervor. »Wenn sie alle gegen mich
stehen? Kann es mich wundern? Sie sind die Kinder dieser Mutter!« murrte Graf
Egge, ohne sich um die Gegenwart des Jägers zu kümmern. In der Sonne leuchtete
die Marmortafel mit der Inschrift: »Hier wohnt das Glück!« Graf Egge fasste mit
zornigem Griff die Büchse. Der Schuss krachte, und von der Kugel getroffen,
stürzten die Trümmer der zersplitterten Marmortafel mit dumpfen Klatsch zu
Boden.
    »Herr Graf!« stotterte Franzl. »Um Gotts willen, was treiben S' denn?«
    Ohne zu antworten, warf Graf Egge die Büchse über den Rücken und stieg
bergan.
    Nach dreistündiger Wanderung erreichten sie die Almen. Die weiten,
gelblichen Grasgehänge dehnten sich still und öde - während der letzten Tage
hatten die Sennerinnen mit ihren Herden die im Seetal liegenden Niederalmen
bezogen.
    Die Schatten des Abends wurden lang, als der Weg der beiden Jäger zu Ende
ging und hinter dem Latschenwald das silbergraue Schindeldach der Dippelhütte
hervortauchte. Bei der letzten Biegung des Pfades blieb Graf Egge plötzlich
stehen, und in aufbrausendem Zorn klang seine Stimme: »Was will das Weibsbild in
meiner Hütte? Das sieht ihm gleich, dem gottverlassenen Kerl, dass er auch noch
karessiert in meinem Bett! Und heute!«
    Franzl, den die Gedanken an die bevorstehende Begegnung mit Schipper
beschäftigt hatten,, blickte auf. »Was is denn, Herr Graf?«
    »Hast du das Weibsbild nicht gesehen, das aus der Hütte kam?«
    Der Jäger schüttelte den Kopf.
    »Die Person muss ein schlechtes Gewissen haben. Ich hab' es deutlich gesehen,
dass sie vor uns erschrocken ist. Warum nimmt sie Reissaus? Warum macht sie den
Umweg durch die Latschen, über den Steig da droben? Lauf zurück und schneid ihr
den Weg ab! Ich will wissen, wer es war, und was sie in meiner Hütte zu suchen
hatte.«
    Die Büchse in der Hand, lief Franzl über den Pfad zurück. Eine weisse Schürze
schimmerte zwischen den Latschen. Er machte noch ein paar lautlose Sprünge. Und
nun standen sie voreinander, alle beide zu Tod erschrocken, mit blassen
Gesichtern.
    »Mali? Du!«
    Das Mädel zitterte.
    Und Franzl griff an seinen Hals. »Der Herr Graf - gsehen hat er dich - und
wissen möcht er -«
    Es brannte heiss über Malis Wangen, und wie in Freude stammelte sie: »Der
Graf? Und du? Ich bitt dich, so red doch, bist denn wieder im Dienst? Und is
denn alles wieder in Ordnung?«
    Er sah sie betroffen an. Ihre Freude hatte zu deutlich gesprochen, um nicht
verstanden zu werden. Aber Franzl hatte während der vergangenen Tage seinen
Verstand so bös zergrübelt, dass er keinen ruhigen Gedanken, keinen vernünftigen
Schluss mehr fertigbrachte. »Ob ich wieder mein Dienst hab? Warum willst es denn
von mir erfahren? Dös hättst doch grad so gut vom nämlichen hören können, der
dir selbigsmal so gschwind hat sagen lassen, dass ich gschasst worden bin. Bis
gestern hab ich noch allweil studiert, wie's möglich war, dass die Katz der Maus
vorausgsprungen is? Aber gestern is mir a Lichtl aufgangen - seit ich ghört hab,
was für a Bsuch bei dir ans Fenster klopft hat. Aber der hat 's Türl schön offen
gfunden? Freilich, der hat sein sicheren Posten!«
    Mali verfärbte sich, und dennoch atmete sie auf, als wäre ihr eine Sorge von
der Seele gefallen.
    Dem Jäger wurde die Stimme heiser. »Und gar net schenierst dich? Geht's
allweil so bei dir? Bald aussi, bald eini, wie der Kapaziner im Wetterhäusl?«
Bei aller Entrüstung, die in ihm wühlte, trieb ihn doch sein Herz, dem hässlichen
Raben ein bisschen was von seiner Schwärze zu nehmen. »Hat dir's dein Bruder
eingeben? Du sollst den Verstand a bissl walten lassen?«
    »Franzl? Was hast denn?« fragte Mali tonlos. »Der Bruder hat nix z'schaffen
mit meiner Sach. Ich bin selber so gscheit gwesen. Ich hab mir halt denkt -«
    »Denkt hast? So? Denkt?« Franzl lachte und rieb den Hut hin und her. »No
schau, jetzt hab ich ja wieder mein Posten! Und wie mich gsehen hast mit der
Büchs, man könnt schier glauben, es hätt dich gfreut? Da willst am End gar
wieder umsatteln? Viel bild ich mir net ein auf mich. Aber es könnt schon sein,
dass dir's lieber wär: der Posten und ich, als der Posten und der ander dazu?«
    In der Brucknermali schien der empfindliche Apparat zu versteinern, mit dem
die Menschenkinder zu denken pflegen.
    Und Franzl lachte, dass es ihm nass in die Augen sprang. »Viel Zutrauen musst
aber nimmer ghabt haben zu meiner Repatazion! Sonst hättst dich net gar so
tummelt, dass dem andern sein' Bsuch wieder heimgibst! Und fein hast dir 's
Stündl ausgsucht. Wo er allein in der Hütten war und der Graf beim Gräbnis
drunt!« Erschrocken griff sich Franzl hinter's Ohr. »Mar' und Joseph! In meiner
Narretei vergiss ich ganz, warum ich dasteh!« Er richtete sich auf. »Mich geht ja
die ganze Gschicht nix an! Der Herr Graf möcht wissen, was du in seiner Hütten
suchst?« Da schwankte ihm wieder die Stimme. »Und was du mit'm Schipper hast?«
    Mali tappte mit beiden Händen nach dem Kopf, als hätte sie Sorge um ihren
gemarterten Verstand. Man konnte ihr's ansehen, wie schwer sie die Ausrede fand,
nach der sie suchte. »Rasten hab ich müssen, a bissl rasten halt! Sonst hab ich
nix in der Hütten gsucht. Bloss rasten hab ich müssen.«
    »Rasten? So? Was hat dich denn gar so müd gmacht?«
    »Bei der Sennerin bin ich gwesen.«
    »So? Bei der Sennerin? Die schon abtrieben hat?«
    Ratlos guckte Mali über die stillen Almen hinunter; dann schlug sie den Arm
über die Stirn, stolperte über den Grasrain auf den Jägersteig und ging davon.
    »Komm gut heim! Dein Weg wird finster!« rief Franzl ihr mit zerdrückter
Stimme nach. »Oder soll ich dir leicht den Schipper schicken, dass er dich
führt?«
    Mali griff nach einem Latschenzweig und drehte das Gesicht; es war
entstellt. »Franzl! Nimm dich vor'm Schipper in acht!« Wie von Sinnen rannte sie
davon.
    Franzl stand so betäubt, als hätte er einen schweren Schlag auf den Kopf
bekommen. Da hörte er einen gellenden Fingerpfiff. »Jesses na!« Er begann zu
springen.
    Graf Egge empfing ihn mürrisch. »Was ist denn mit dir? Ich wart' mir da die
Seel' heraus! Wo bleibst du so lang?«
    »Gredt hab ich mit'm Madl,« keuchte der Jäger atemlos, »ich bitt um
Entschuldigung.«
    Bei Graf Egge schien der Zorn über die weisse Schürze sich schon gelegt zu
haben; er nahm die Wanderung wieder auf und fragte zerstreut: »Wer war es?«
    Der Name wurde für Franzl eine zähe Sache. »Die Bruckner-Mali.«
    »So? Die ist wieder im Dorf? Ihr Bruder, sagt Moser, wär' früher nicht
sauber gewesen? Wie kommt das Mädel jetzt in meine Hütte?«
    »Rasten hat's müssen, bloss a bissl rasten! Sonst nix, Herr Graf!«
    »Rasten? Die soll sich ein andermal auf den Kuhsteig setzen, nicht auf meine
Bank!« Damit war die Sache erledigt - wenigstens für Graf Egge.
 
                                       12
Es dämmerte noch nicht. Aber auf dem Herd der Dippelhütte brannte bereits ein
Feuer. Daneben stand schon die eiserne Pfanne und das Holzgeschirr mit dem
Schmarrenteig.
    Die Fäuste in den Taschen der Lederhose, sass Schipper auf dem Herdrand und
schien vergessen zu haben, dass er kochen wollte. An der Lippe beissend, in den
grauen Zügen den Ausdruck grübelnder Wut, sah er unruhig vor sich hin. Da klang
das Klirren eines Nagelschuhs. Schipper hob lauschend den Kopf und erkannte den
schweren Schritt. Mit einem Fluch sprang er auf und murmelte: »Is denn der kein
Mensch net? Jetzt kommt er heut noch da rauf!« Er strich mit der Hand über das
Gesicht und sprang zur Tür.
    Graf Egge stand vor ihm.
    Wie in freudiger Überraschung schlug Schipper die Hände zusammen. »Ja grüss
Ihnen Gott, Herr Graf! Ja weil S' nur wieder heroben sind in der Hütten! Seit
Mittag is mir's allweil fürgangen, dass ich heut noch die Freud hab -« Schipper
gewahrte, dass sein Herr nicht allein war, und das Wort blieb ihm in der Kehle
stecken.
    »Was hockst du in der Hütte?« fuhr ihn Graf Egge an. »Warum hast du nicht
Dienst gemacht?«
    Schipper war noch immer sprachlos; Franzls Anblick hatte auf ihn gewirkt wie
die Erscheinung eines Gespenstes.
    »Hörst du nicht?«
    »Ich bitt, Herr Graf, ich hab mir halt denkt, Sie kommen.«
    »Das Denken überlass mir! Du mach deinen Schutz! Hol' deine Büchse und pack'
dein Zeug in den Rucksack! Alles. Und dann marschier'! Von heut an übernimmst du
Patscheiders Bezirk. Ich hab' in meiner Hütte für dich keinen Platz mehr.«
    Schipper zitterte vor Wut, und sein Gesicht spielte alle Farben; aber er
schien zu merken, dass die Stunde nicht geeignet war, um gegen dieses unerwartete
Versetzungsdekret eine Vorstellung zu erheben. Sich mühsam bezwingend, sagte er
mit Ruhe: »Wie der Herr Graf befehlen! Dem verwahrlosten Bezirk da drüben wird
mei' scharfe Aufsicht net übel anschlagen. Und der gnädig Herr Graf wird wissen,
was er will.«
    »Vor allem will ich Ruhe haben, und da kann ich nicht vor Augen brauchen,
was mir die Galle aufriegelt.« Graf Egge trat in die Hütte.
    Schipper wollte ihm folgen, kehrte aber wieder um und trat auf Franzl zu.
»Grüss dich Gott, Hornegger! Hat der Herr Graf an Einsehen ghabt? Es is mir lieb,
dass d' wieder da bist!« Er streckte ihm die Hand hin. »Wir zwei haben uns oft
net recht verstanden mitanander. Jetzt red ich mir's grad amal vom Herzen weg.
Wär gscheiter, wir täten als gute Kameraden einer zum andern halten. Geh, schlag
ein!«
    Franzl rührte keinen Finger und bohrte den Blick in Schippers Augen.
    »Oho! Was hast denn?« Schipper lachte. »Warum schaust mich denn an wie der
Teufel die arme Seel?«
    »Hornegger!« klang es aus der Stube. Und Franzl ging zu seinem Herrn, um den
Kammerdienst anzutreten, aus welchem Schipper entlassen war.
    Als Graf Egge die Herrenstube betreten hatte, war es sein erstes gewesen,
das Geheimarchiv aufzusperren, um sich zu überzeugen, ob hier alles in Ordnung
wäre. Unversehrt und friedlich ruhte das herrliche Gemsgehörn neben dem Samtetui
mit den Edelsteinen, von denen nur ein einziger fehlt - ein Rubin.
    Nun sass Graf Egge auf dem Bett, und während ihm Franzl die Schuhriemen lösen
musste, hielt er den Hund auf seinem Schoss und zupfte ihm aus dem roten Fell die
Harztropfen heraus, die vom Verband zurückgeblieben waren.
    Nach einer Weile kam Schipper und meldete sich »fertig zum Marsch«.
    Sein Herr entliess ihn wortlos. Als die Schritte des enttronten
Büchsenspanners vor der Hütte verklangen, erhob sich Graf Egge und sagte zu
Franzl, der eben die Hängelampe anzündete: »So! Jetzt is die Luft sauber! Komm,
Alter, jetzt kochen wir unseren Schmarren!«
    Die Vorbereitungen, die auf dem Herd bereits getroffen waren, erleichterten
die Sache. Während das Schmalz in der Pfanne prasselte, besprachen sie die
Pirschpläne für den kommenden Tag. Das heisst, Graf Egge besprach sie. Franzl,
der verloren umherging, Holz brachte und Wasser zum Feuer setzte, kam über ein
paar pflichtschuldige Wörtchen nicht hinaus und erklärte sich mit allen
Vorschlägen einverstanden, die sein Herr ausgrübelte. Mitten in der Rede brach
Graf Egge ab, deutete mit dem eisernen Pfannenlöffel nach der Ecke des Herdes
und sagte mit schwankender Stimme: »Schau, Franzl, auf dem Fleckl, da is er
gsessen am letzten Abend!«
    Eine stille Mahlzeit.
    Während Graf Egge in der Stube die Ziter stimmte und Franzl in der Küche
das Geschirr spülte, kam Patscheider von seinem Reviergang zurück. Für die
Freude über das Wiedersehen mit Franzl hatte der Jäger nur ein paar kurze Worte;
wie sie gemeint waren, das sprach ihm aus den Augen; zum erstenmal lachte er
wieder seit vielen Tagen. Nach dem Rapport teilte er sich mit Franzl in die
Arbeit, und dabei sprachen sie flüsternd von dem »Unglück drunt« und vom »armen
Herrn«. Während dieses Gespräches erwachte in Patscheider ein Gedanke, der ihn
um so unruhiger machte, je länger er ihn verschwieg. Endlich platzte er damit
heraus: »Sag, Franzl! Jetzt hast ja dein' Dienstplatz wieder. Tätst mir harb
sein, wenn ich mich um den Posten bewerben möcht, den man dir anboten hat?«
    Betroffen sah Franzl auf. Er kannte den Jäger gut genug, um zu wissen, dass
hinter der Sache alles andere eher steckte als Eigennutz. »Michel! Um Gotts
willen! Was is denn?«
    Patscheider wehrte mit der Hand. »Frag net! Bei so was tut 's Reden net
gut.«
    Das war schon zuviel gesagt. Das Gerede im Dorf, Patscheiders verändertes
Wesen und seine letzten Worte - der Zusammenhang dieser Dinge weckte in Franzl
eine Ahnung, die ihm den Herzschlag stocken machte. »Michl! Jesus Maria!«
    »Tätst mir harb sein?«
    Franzl schüttelte den Kopf. Ohne ein weiteres Wort erhob sich Patscheider,
klopfte an die Tür der Herrenstube und trat ein.
    Graf Egge stimmte noch immer an seiner Elegienziter; der Klang der Akkorde
war ihm noch nicht rein genug. Eine Saite schraubend, sah er auf.
    »Ich bitt, Herr Graf,« sagte Patscheider verlegen, »ich hätt gern a bissl
nach meine Leut gschaut. Wenn S' nix dagegen hätten? Morgen am Abend vor dem
Pirschgang wär ich wieder heroben.«
    »Geh nur!« Graf Egge schlug einen Akkord an und neigte das Ohr gegen die
Saiten. »Und sag' dem Hornegger, er kann sich schlafen legen.«
    Franzl nahm die Botschaft als Befehl, und nachdem er hinter Patscheider die
Hüttentür verriegelt hatte, kletterte er auf den Heuboden.
    Schlaflos lag er in der Finsternis unter den Dachsparren und quälte sich mit
seinen wirren Gedanken, während aus der Herrenstube herauf die zärtlichen Klänge
der Ziter tönten.
    Graf Egge spielte an diesem Abend nur ernste Stücke. An Koschats »Verlassen,
verlassen« reihte sich »Mutterseelenallein« mit meisterhaft ausgeführten
Flageolettönen. Ein schwermütiges Zwischenspiel in A-Moll leitete über in das
Tiroler Volkslied:
                        »Wenn ich zu meinem Kinde geh -«
    Bei diesem Liede musste Graf Egge während des Spiels den Kopf zurückbeugen,
damit die Tränen, die ihm über die Wangen rollten, nicht in die Saiten fielen;
die Ziter ist ein wehleidiges Instrument, und Feuchtigkeit verträgt sie nicht.
Beim Schlussakkord seufzte Graf Egge so schwer, dass Hirschmann, der hinter dem
Ofen lag, den Kopf erhob und seinen Herrn verwundert betrachtete.
    Wieder klang die Ziter. Dem Schlummerlosen auf dem Heuboden redeten diese
feinen Klänge ins Herz. Er setzte sich auf, drückte den Kopf in die Hände und
grübelte. Immer tauchten zwei Bilder gleichzeitig in ihm auf, eines ein
Widerspruch zum anderen; jeder Gedanke, dem er folgte, führte ihn nach Irrwegen
zu einem grossen Loch, vor dem er ratlos stand und wieder den Rückweg suchte; und
in seinen eigenen Kummer mischte sich noch das Erbarmen mit dem »armen Herrn da
drunt« und die Sorge, die er sich um Patscheider machte.
    Der hatte auf seinem Heimweg in der dunklen Nacht ein übles Wandern; auf den
Almen ging es noch leidlich, da leuchteten die Sterne ein bisschen; aber im
schwarzen Hochwald setzte es Beulen und blutige Risse.
    Mitternacht hatte geschlagen, als Patscheider das Dorf erreichte; in den
Höfen, an denen er vorüberkam, bellten die Hunde, und dumpf rauschte die Ache in
der Nachtstille. Langgezogene Nebelstreifen schwebten aus dem Seetal heraus,
umhüllten den Kirchturm und senkten sich über den Friedhof und die Wiesen. Alle
Häuser lagen schon dunkel, nur aus der Stube des Brucknerhauses leuchtete noch
ein trüber Lichtschimmer; und der Jäger sah, als er vorbeiwanderte, einen
Schatten über die Fenster irren.
    Diesen Schatten warf der Bauer, der mit nackten Füssen in der Stube auf und
ab ging; die Schwarzwälderuhr tickte, und mit glostendem Räuber brannte eine
dünne Kerze auf dem Tisch, hinter welchem Mali im Herrgottswinkel sass, den Kopf
an die Wand gelehnt. Auf dem Ledersofa, das nach Forbecks Abreise aus dem
Giebelzimmer den Umzug in die Stube gemacht hatte, schlummerte das kleine
Netterl, und für Mali lag auf dem Boden eine Matratze mit rotgeblumtem Kissen
und wollener Decke.
    Bruckner blieb vor der Schwester stehen. »Ich studier mir 's Hirnkastl aus,
aber ich find nix Bessers. Bleibst im Haus, so is 's Unglück fertig. Dös musst
selber einsehen, nach dem, was heut am Berg droben passiert is! Oder net?«
    Mali nickte.
    »Dass ich dich net gern fortlass, kannst dir denken.« Der Bauer sah hinüber zu
dem schlafenden Kind. »Aber es geht nimmer anders, jetzt muss ich allein mit'm
Schädel durch d' Wand. Am besten, du gehst gleich morgen in der Fruh. Den Kufer
schick ich dir mit'm Boten nach. Is dir's recht so?«
    Mali schob sich hinter dem Tisch hervor, ging zum Sofa und streifte mit der
Hand über das Haar des Kindes. »Magst mir 's Netterl net mitgeben? 's Kind tät
gsunden in meiner Sorg. Und d' Schwester hätt die grösste Freud.«
    Er schüttelte heftig den Kopf. »D' Schwester hat kleine Mäuler gnug. Und
hätt ich meine Kinder nimmer, was hätt ich noch? Ich gib keins her. A paar Tag
lang hilft mir d' Nachbarin aus, nachher muss ich mich halt um a richtigs
Weibsbild umschauen. Soll's kosten was mag! Lieber schind ich mich, dass mir 's
Blut aussisprjetzt bei die Nägel. So! Jetzt leg dich schlafen! Die halbe Nacht is
eh schon wieder beim Teufel.«
    Trotz dieser Mahnung gingen noch Stunden vorüber, ehe hinter den Fenstern
des Brucknerhauses das Licht erlosch.
    Der folgende Tag, ein Sonntag, brachte das ganze Dorf in Aufregung. Aber das
Getratsch und Gerede, das nach dem Hochamt aus der Kirche getragen wurde, hatte
nichts mit der Tatsache zu schaffen, dass am frühen Morgen die Bruckner-Mali mit
einem kleinen weissen Bündel und mit rotgeränderten Augen zum Dorf
hinausgewandert war. Was den halb lustigen, halb verwunderten Leutrummel
verursachte, war die nach der Predigt von der Kanzel erfolgte Verkündigung: »Zum
heiligen Bund der Ehe haben sich versprochen der ehr- und tugendhafte Jüngling
Andreas Pointner und die ehr- und tugendsame Jungfrau Elisabet Zauner, beide
allhier.«
    Auch Patscheider, der gegen zwölf Uhr mittags vor dem Seehof aus einem
Einspänner stieg und ein Schiff verlangte, bekam die grosse Neuigkeit zu hören.
Er zuckte nur die Achseln und sprang in den Kahn. Als er beim Wetterbach
landete, begann er mit treibendem Marsch bergan zu steigen und traf, wie er es
seinem Herrn zugesagt hatte, noch vor der »guten Zeit« im Palais Dippel ein.
Graf Egge stand vor der Hütte, schon zum Pirschgang fertig. Mit der Büchse auf
dem Rücken las er einen Brief, dessen zerrissenes Kuvert auf der Erde lag.
Moser, der mit dem Hut in der Hand vor Graf Egge stand, schien diesen Brief
soeben gebracht zu haben. Auch Franzl war schon für den Jagdweg gerüstet; er sass
auf der Hüttenbank und sah, als Patscheider kam, stumm fragend zu ihm auf; der
Jäger nickte und verschwand in der Hüttentür.
    Graf Egge hatte zu Ende gelesen und schien in Erregung mit einem Entschluss
zu kämpfen. Plötzlich wandte er sich zu Moser und fuhr ihn an. »Was kommst du
auch gerade jetzt mit dem Brief daher? Ich kann doch jetzt nicht schreiben, ich
versäume doch die Pirsch!« Wieder überlegte er. Die Unentschlossenheit währte
nicht lange. Er schob den Brief in die Joppentasche. »In Gottes Namen! Bring'
ihr die Antwort mündlich. Ich bin damit einverstanden, dass die Damen morgen
reisen.« Er biss am Schnurrbart und suchte nach Worten. »Sie sollen sich in
München nicht länger als nötig aufhalten. Im Palais ist alles versperrt und
verriegelt, und der Kampfergeruch könnte ihnen Kopfweh machen. Es ist besser,
sie bleiben über Mittag in einem Hotel und fahren gleich nach Tisch mit dem
Kurierzug weiter. Das erspart ihnen überflüssige Besuche.« Es zuckte um Graf
Egges Augen. »Von Eggeberg sollen sie mir eine Depesche schicken, dass sie
glücklich angekommen sind. Ich schreibe dann schon - wenn ich Zeit habe. Und
meiner Tochter kannst du sagen, es hätte mich gefreut, dass sie morgen noch zu
mir heraufkommen wollte. Aber das darf ich ihr nicht zumuten. Die paar Tage sind
mir in die Knie gegangen - um wieviel elender muss das Mädel sein. Sie soll sich
schonen für die Reise. Ich lass ihr gute Fahrt wünschen. Recht gute Fahrt. Und
glückliche Ankunft in Eggeberg. Und einen guten Winter. Sag' ihr das! Vielleicht
komm ich nach der Hirschbrunft, bevor ich reise, auf einen Sprung nach Eggeberg.
Mein Bruder hat freilich eine Jagd, dass Gott erbarm'! Aber dem Mädel zulieb!
Sag' ihr das!« Er rückte den Hut. »Hornegger, komm!« Graf Egge folgte dem Steig
und fragte, als Franzl ihn einholte: »Wo, meinst du, dass der Bock steht?«
    Drei Stunden später, als es dämmerte, brachte Franzl die von seinem Herrn
erlegte Gemse zur Dippelhütte getragen. Aber die Laune, in der Graf Egge nach
Hause kam, war eine andere, als sie sonst nach einem glücklichen Schuss zu sein
pflegte. Auf der Pirsche hatte er den Augenblick, in dem er Feuer geben durfte,
kaum erwarten können; als ihm aber die Beute zu Füssen lag, hatte er das Gehört
ohne Freude betrachtet; und auf dem Heimweg besprach er nicht wie sonst mit
eingehender Umständlichkeit den Verlauf der Jagd, sondern war von mürrischer
Schweigsamkeit.
    Nach der Mahlzeit gab es eine böse Szene zwischen ihm und Patscheider, der
seinen Dienst kündigte. Graf Egge schrie, dass die Fenster klirrten.
    Franzl ging zum Brunnen, um nicht wider Willen hören zu müssen, was in der
Stube verhandelt wurde. Es währte fast eine Stunde, bis in der Hütte wieder Ruhe
war. Als Franzl in die Herdstube zurückkehrte, packte Patscheider mit zitternden
Händen seinen Rucksack, während in der Herrenstube die Saiten klangen.
    »Gott sei Dank, Franzl, jetzt hab ich's überstanden! Mein Packl trag ich
freilich mit fort. Aber jetzt kann ich mit Ruh an Weib und Kinder denken.«
    »Aber Michl! Was is denn? Warum packst denn jetzt?«
    »Fort soll ich, gleich auf der Stell, hat er gsagt. Heut hat er's mir macht
wie selbigsmal dir! Statt dass er an Einsehen ghabt hätt mit meiner armen Seel.
Statt dass er froh gewesen wär über den Ausweg, den mein Erbarmen mit dem armen
Teufel von Vater -« Patscheider verschluckte den Rest des Satzes. »Da hab ich
mich nimmer halten können. Und alles hab ich ihm gradaus ins Gsicht gsagt, was
ich die ganze Zeit her in mich nunterdruckt hab. Alles! Alles!«
    »Michel, um Gotts willen, bist denn gscheit?« stammelte Franzl. »Weisst doch,
dass er aufgregt is und hart im Holz! Und schau, jetzt hat ihn dös fürchtige
Unglück troffen. So was dreht doch an Menschen um und um! Wie kannst ihm denn da
was übelnehmen? Aber Michl! Michl!«
    Patscheider kratzte sich den Kopf. »Vielleicht hast recht, vielleicht hätt
ich mir 's Maul verriegeln sollen. Aber ich hab mich nimmer halten können. Es is
mir aussigrumpelt. Er hat mir Sachen ins Gsicht gsagt -« Der Zorn erwachte
wieder in ihm. »Himmelkreuzteufel, ich hab ja rein glaubt -«
    In der Stube schwieg die Ziter, und Graf Egge rief mit heiserer Stimme:
»Wird da draussen bald Ruh' werden!« Dann klangen die Saiten wieder.
    Die beiden Jäger sprachen kein Wort mehr. Als Patscheider den Bergsack auf
den Rücken gehoben hatte, winkte er seinem Kameraden. Schweigend gingen sie in
der Nacht eine Strecke miteinander. Dann umklammerte Patscheider Franzls Hand.
»Bhüt dich Gott! Und ich sag dir Vergelts Gott, weil mir verlaubt hast, dass ich
mich um den Posten umschau. Dass ich dich net vergiss, da kannst Gift drauf
nehmen! Alles andre lass ich hinter mir. Kreuz drüber und fertig! Dir, Franzl,
bleib ich der Alte. Bhüt dich Gott, Kamerad!« Er riss ihn an sich, küsste ihn wie
ein zärtlich gewordener Bär und stolperte in die Nacht hinaus.
    Franzl hatte kein Wort gefunden. Als Patscheiders Schritte schon verhallten,
rief er ihm nach: »Bhüt dich Gott, Michl! Lass dir's gut gehn, gelt!« Während er
in die Hütte zurückkehrte, blieb er immer wieder stehen und sah durch die
Finsternis gegen das Tal hinunter. In der Jägerstube setzte er sich auf den Herd
und starrte in die verglimmenden Kohlen. Seufzend erhob er sich endlich und
suchte seine Liegerstatt im Heu.
    Es waren unfreundliche Zeiten, die nun im Palais Dippel Einzug hielten. Graf
Egges Laune wurde knorriger von Tag zu Tag, und die rührseligen Stimmungen, die
in der ersten Zeit noch ab und zu seine gallige Verbitterung für kurze Stunden
lösten, wurden immer seltener. Jeder Misserfolg auf der Jagd war die Veranlassung
zum Ausbruch eines masslosen Zornes. Kein Tag verging, ohne dass Franzl sich das
»Unglück« seines Herrn in eindringliche Erinnerung rufen musste, um seine
geduldige Ruhe bewahren zu können. dabei lagen die Sorgen seines Herzens wie ein
drückender Stein auf ihm. Und sein Beruf war ihm keine Freude mehr; immer
bedenklicher schüttelte er den Kopf zu der Art und Weise seines Herrn.
    Wie Graf Egge jetzt die Jagd betrieb, das war eine Hetze ohne Atemholen; am
Morgen die Pirsch, untertags eine Treibjagd, am Abend wieder die Pirsch. Was ihm
vor die Büchse kam, wurde niedergebrannt. Und in der Nacht ein dumpfer, schwerer
Schlaf nach den erschöpfenden Strapazen des Tages. Am Morgen ging es wieder mit
so blinder Hast zum Tempel hinaus, dass auf Graf Egges Stirn die Beule in
Permanenz erklärt war. Keine Beute befriedigte ihn, kein Erfolg vermochte ihn zu
sättigen. Es war nicht mehr die Jagd, was er suchte, nur noch die fieberhafte
Erregung vor dem Schuss.
    Eines Nachmittags, während der Gemspirsch, sahen sie zwei Adler über einer
Felswand kreisen. Das brachte eine neue, willkommene Erregung. Graf Egge schoss
die erste Gemsgeiss nieder, die ihm über den Weg sprang; sie wurde auf der Zinne
der Wand als Köder ausgelegt, und während Franzl die Wache bezog, übersiedelte
Graf Egge in Schippers Hütte.
    Nach Verlauf einer Woche konnte Franzl seinem Herrn die Meldung bringen, dass
die Adler den Köder angenommen hätten und regelmässig einfielen.
    »Wenn S' Ihnen d' Müh net verdriessen lassen, Herr Graf, die schiessen S' alle
zwei!«
    Graf Egge besann sich. Dann schüttelte er den Kopf. »Schiessen? Ich will mehr
davon haben! Die wirst du mir füttern über den Winter. Vielleicht bleiben sie
und horsten. Dann hol' ich mir die Jungen aus dem Nest. Das füllt mir den Käfig
wieder und bringt eine Abwechslung. Ich muss wieder einmal was anderes haben,
eine Sache, die mir das Blut von unten herauf aufriegelt. Das ewige Gepulver
wächst mir zum Hals heraus.«
    Im Widerspruch zu diesem Geständnis machte jeder folgende Tag ein paar
Patronen leer. Während der Hirschbrunft gönnte sich Graf Egge täglich kaum ein
paar Stunden Ruhe; es war Vollmondzeit, und so benützte er auch die Nächte zum
Ansitz, ohne sich viel um die rheumatischen Schmerzen zu kümmern, die sich jetzt
im linken Knie zu rühren begannen, das bisher von dem Übel noch immer verschont
geblieben war. Er erinnerte sich der halben Unterhose, die er im Sommer erspart
hatte, und es setzte ein böses Wetter, als das wollene Bein nicht gleich
gefunden wurde. Diesmal wollte die Wärme der Wolle so flink nicht helfen. Graf
Egges Gang wurde immer schleppender, sein Gesicht bekam eine gelbliche Färbung,
und seine Augen fielen tief in die Höhlen. Aber solang auf den Almen und im
Bergwald noch ein Brunftschrei zu hören war, gönnte er sich keine Ruhe. Im
Verlaufe von drei Wochen brachte er neunzehn Hirsche auf die Decke. Den letzten
erlegte er am Morgen des 16. Oktober, obwohl mit dem Tage vorher die Schusszeit
schon zu Ende gegangen war. Vom aufgebrochenen Hirsch weg trat er den Abstieg an
und liess, in Schloss Hubertus angekommen, den Doktor holen. Dieser riet ihm eine
Luftveränderung, den Besuch eines milden Klimas. Unverzüglich befolgte Graf Egge
diesen Rat, schien aber dabei die Himmelsgegenden zu verwechseln, denn er reiste
am folgenden Morgen zu den Elchjagden nach Finnland ab. Zu seiner Bedienung und
Pflege nahm er Schipper mit, der in der Brunftzeit wieder zu Gnaden gekommen
war, da er seinen Herrn auf zwölf Hirsche zu Schuss gebracht hatte.
    Franzl atmete auf. Sein erstes war, dass er sich im Palais Dippel einen Tag
und eine Nacht ins Heu vergrub, um in einem bleiernen Schlaf seine zerriebenen
Knochen rasten zu lassen. Als er erwachte und vor die stille Hütte trat, lag ein
schimmernder Herbstmorgen über den Bergen, deren höchste Zinnen schon die erste
Schneekoppe trugen. Franzl kam sich vor wie eine aus dem Fegfeuer erlöste Seele.
In dieser einsamen Ruhe fühlte er sich selbst wieder, empfand, dass er lebte.
Nach dem Frühstück, das ihm seit Wochen zum erstenmal wieder mundete, nahm er
seine Büchse und wanderte den ganzen Tag in seinem Bezirk umher. Er ruhte im
rauschenden Wald, rastete auf sonnbeschienenen Gehängen, sah träumend die
ragenden Wände an und beobachtete, wie das versprengte Wild sich wieder
sammelte. Die Freude an seinem Beruf begann in seiner Seele wieder warm zu
werden. Und noch etwas anderes fand er in dieser Stille, bei diesem erquickenden
Aufatmen: der wirre Sorgenknoten seines Herzens löste sich wie von selbst. Jetzt
zum erstenmal konnte er ruhig überdenken, was er mit Mali erlebt hatte, und da
wurde der schwarze Rabe, als der ihm das Mädel erschienen war, immer weisser und
weisser. Wohl fand er die Sache jetzt nicht weniger unbegreiflich als früher.
Aber der Gedanke an Malis offene Herzlichkeit, die Erinnerung an ihr vergrämtes
Gesicht, an den angstvollen Klang der Stimme, mit der sie ihm jene Warnung vor
Schipper zugerufen hatte - das waren stärkere Trümpfe als die verriegelte
Haustür und der Besuch des Mädels in der Dippelhütte. Hinter der Sache musste was
stecken, was er nicht erraten, nicht ahnen konnte. Um darüber ins klare zu
kommen, wusste er keinen besseren Weg, als mit einer offenen Frage vor das Mädel
hinzutreten.
    Getröstet und von neuer Hoffnung erfüllt, kehrte Franzl mit diesem Entschluss
am Abend ins Palais Dippel zurück. Am folgenden Tage hielt ihn noch die Pflicht
auf den Bergen fest: mit Hilfe zweier Holzknechte musste er einen Spiesshirsch,
den Graf Egge niedergebrannt hatte, als Köder für die beiden Adler auf die Höhe
der Felswand schaffen. Um zwei Uhr mittags kehrte er von dieser Arbeit zurück,
schloss am Palais Dippel die Fensterläden, versperrte die Tür, und nun rannte er
wie ein Narr, um noch vor Einbruch der Dämmerung das Dorf zu erreichen.
    Als er am Seehof vorübersauste, wurde in der Wirtsstube schon die Lampe
angezündet. Über der Strasse lag noch ein fahles Zwielicht, und ehe Franzl den
Zaun des Brucknerhauses erreichte, konnte er schon die Gestalt des Mädels
gewahren, das zwischen Tür und Brunnen umherwanderte und das in einen
Lodenmantel gewickelte Netterl auf den Armen trug. Das Herz schlug ihm wie ein
Hammer. Doch als er in den Hof trat, sah er das ihm fremde, grobknochige
Frauenzimmer ratlos an. »Um Gotts willen! Wer bist denndu?«
    »'s Kindsmadl bin ich, beim Bruckner.«
    »Kindsmadl? Zu was braucht denn der Bruckner fremde Leut im Haus? Is doch d'
Schwester da!«
    »So? Bist du ausser der Welt daheim? Weisst denn gar nix? D' Mali is schon
lang nimmer im Ort.«
    Franzl verfärbte sich.
    »Die is zu ihrer Schwester aussi uns Unterland. Jetzt bin ich da!« Franzl
stand eine Weile auf den vorgestreckten Bergstock gestützt. »Da wünsch ich gut
Nacht!« Langsam, immer den Kopf schüttelnd, ging er der Strasse zu.
    »Mir scheint, bei dem rappelt's!« brummte die Magd.
    Vor dem Zaun blieb Franzl stehen, schob den Hut in die Stirn und rieb den
Nacken. »Aus und gar! Jetzt mach an Schnapper, Herzl, dass dich wieder
derfangst!«
    Schon am folgenden Morgen stieg er wieder zur Dippelhütte hinauf, obwohl er
für diesen Tag zur Hochzeit des feinen Lieserls und des Pointner-Andres geladen
war. Seine Mutter hatte ihm zugeredet, die »Gaudi« mitzumachen, weil sie hoffte,
dass Franzls aschfarbene Stimmung sich beim Klang der Geigen und Klarinetten ein
bisschen aufheitern möchte. Am Abend aber dankte sie dem lieben Herrgott mit
aufgehobenen Händen, dass ihr Bub nicht »dabei« war - denn der Hochzeitsjubel
hatte ein sonderbares Ende genommen.
    Die Braut, die neben dem Ehering einen Reif mit funkelndem Rubin am Finger
trug und gleich einer »stadtischen Hochzeiterin« in ein weisses Atlaskleid mit
langer Schleppe gekleidet war, tanzte fleissig mit den zur Hochzeit geladenen
Burschen und besonders mit dem jungen Postpraktikanten. Der Bräutigam wurde
unruhig, liess sich aber vorerst noch durch die Einsicht beschwichtigen, dass er
wirklich ein schlechter und schrecklich ungeschickter Tänzer war, dessen
flossförmige Hochzeitsstiefel jede zierliche Fussspitze schwer bedrohten. Aber was
der Andres an Temperament in den Beinen ersparen musste, das sammelte sich
langsam in den Adern an seinen Schläfen zu besorgniserregenden Wülsten an.
    Meister Zauner wollte vermitteln, zog sein Töchterlein beiseite und
flüsterte dem erhitzen Weibchen ein paar eindringliche Worte ins Ohr.
    »Jetzt bin ich Frau, versteht der Herr Vater?« antwortete das feine Lieserl.
»Jetzt tu ich, was ich mag! A bissl was muss ich haben davon, dass ich mich
aufgeopfert hab!« Lachend trat sie mit dem Postpraktikanten zu einem Walzer an.
    Immer eifriger sprach der Bräutigam in seinem wachsenden Missvergnügen dem
Weinglas zu. Einmal griff er über den Tisch und zupfte die Zaunerin am Ärmel:
»Was wagen S', Frau Schwiegermutter - mein Lieserl schaut sich net arg viel auf
mich! Dös verdriesst mich recht!«
    »So lass ihr doch heut dös bissl Vergnügen!« lautete die ärgerliche Antwort.
»Von abends um neune an ghört s' dein! Und 's Leben is lang. Da kommst noch
allweil auf deine Kosten.«
    Der Bräutigam nickte und sass wieder geduldig auf seinem einsamen Platz. Als
aber Stunde um Stunde verging, ohne dass Lieserl den Tanzboden verliess, erhob
sich der Andres endlich, suchte sein Bräutl auf und sagte: »Weiberl, was is
denn? Schaust dich gar nimmer um auf mich? Ich bin doch heut die Hauptperson!«
    Lieserl gab eine Antwort, die den jungen Pointner erblassen machte. Er legte
seine Bärenfaust mit eisernem Griff um das schlanke rosige Handgelenk der Braut,
zog sie trotz ihres Sträubens zur Hochzeitstafel und hielt sie an seiner Seite
fest. Die Zaunerin ereiferte sich über diese »unghobelte Gwalttätigkeit«,
Meister Wastl zog sich schwermütig mit seiner Weinflasche in das Extrastübchen
zurück, um die Sache nicht länger mit ansehen zu müssen, und das feine Lieserl
weinte vor Zorn. Als der Postpraktikant, dem sie die nächste Quadrille zugesagt
hatte, sein Recht forderte, sagte der Bräutigam sehr grob: »Nix da! Mein Lieserl
bleibt bei mir! Heut muss ich mir d' Mahlzeit net aufwärmen lassen von eim
andern. Heut koch ich selber.« Es gab ein Wortwechsel, ein paar Burschen fassten
die Situation unter dem Gelächter der ganzen Hochzeitsgesellschaft in drastisch
wirkende Schnaderhüpfel, der Bräutigam warf einem der Sänger das Weinglas an den
Kopf, und die Folge war eine blutige Keilerei. Bei diesem Tanz war der
Pointner-Andres der unübertrumpfbare Meister. Er machte bei der Säuberung des
Tanzlokals so gründliche Arbeit, dass nur die Musikanten noch zurückblieben,
ausgenommen den Kontrabassisten, der ausserhalb der Tribüne stand und beim
Aufwaschen aus Versehen mitgenommen wurde. Als er die Scherben seines
Instruments ansah, erklärte er: »Is einer gschickt, so kann er aus meiner
Bassgeigen noch allweil a Zündholzschachterl machen.«
    Die Trompeter und Klarinettisten, die der Lawine des Hinauswurfs glücklich
entronnen waren, mussten einen lustigen Marsch anstimmen. Und unter
Schmetterklängen wurde der sieghafte Bräutigam, der sein trotzendes Weiberl mit
festem Griff an der Hand führte, von allen Ungeprügelten der
Hochzeitsgesellschaft heimgeleitet in das Paradies seines jungen Glückes.
 
                                       13
Am Allerseelentag fiel der erste Schnee über die Dächer des Dorfes, während er
auf den Bergen schon fusshoch lag. - Franzl blieb in der Dippelhütte, um den Flug
der Adler zu überwachen. Mitte November erhielt er aus Siebenbürgen von Graf
Egge die telegraphische Anfrage: »Sind sie noch da?« Vier Wochen später kam die
gleiche Frage aus dem Banat, wohin Graf Egge zu den Bärenjagden gereist war.
    Am Tag vor Weihnachten suchte Franzl unter wirbelndem Schneegestöber den
Heimweg ins Dorf.
    Im Park von Hubertus war weisse Stille. Schmal ausgetretene Fusswege führten
durch den hohen Schnee. Am Schloss waren alle Fensterläden geschlossen, die
Hirschgeweihe von der Mauer abgenommen. Der Adlerkäfig in der Ulmenallee stand
leer, und in dicken Klumpen hing der Schnee am Drahtgitter - die Sommergäste des
Käfigs hatten das Winterquartier in der Remise bezogen.
    Für Franzl kamen harte Wochen. Die Überwachung der Wildfütterung, die
Zurichtung der Marderfallen und das Legen der Fuchseisen hielt ihn vom Morgen
bis zum Abend auf den Beinen. Wohl waren für Patscheider und Schipper zwei neue
Jäger in Dienst getreten, aber sie mussten das Revier erst kennenlernen, bevor
ihnen Franzl einen Teil der Arbeit übertragen konnte. Und jede zweite Woche
stieg er durch den zähen Schnee zum Palais Dippel hinauf, um den Adlern frische
Kirrung zu legen.
    Noch in jeder Schneezeit hatte Franzl die gleichen Strapazen gesund und
lachend übertaucht. In diesem Winter wurde sein Gesicht so schmal, seine Gestalt
so hager, dass die Horneggerin mit Sorgen kein Ende fand.
    Die letzte Märzwoche brachte einen brausenden Föhnsturm. Auf allen
sonnseitigen Gehängen der Berge schmolz der Schnee, und das Hochwild verliess -
für den Jäger das erste Frühlingszeichen - die Futterplätze, um zu den Almen
hinaufzusteigen.
    Franzl quartierte sich wieder im Palais Dippel ein. Seine stille Schwermut
blieb auch da droben unverändert, obwohl ihm die Arbeit keine Zeit zu zwecklosem
Grübeln vergönnte. Während er dem neuen Kameraden, der mit ihm das Heulager
teilte, den Schutzdienst im Bezirk überliess, war er vom ersten Morgengrauen bis
zum sinkenden Abend auf den Füssen, um hoch im Gewänd den Kirrungsplatz der Adler
zu überwachen oder tief im Bergwald die Balzplätze der Auerhähne aufzusuchen.
    In der ersten Maiwoche schickte ihm Moser einen Zettel des Inhaltes: »Morgen
kommt der gnädig Herr Graf, er will dich gleich haben, hat er dellagrafiert. Um
zehne kommt er, also schau, dass bei der Hand bist, sonst gibt's Spitakl - dein
lieber Moser.« Franzl trat sofort den Heimweg an und stellte sich rechtzeitig in
Hubertus ein. Das Schloss hatte schon Frühlingstoilette gemacht: die Geweihe
hingen an der Mauer, die Fontäne plätscherte, die Rosenstämmchen waren
aufgebunden, und in der Ulmenallee, deren Bäume von einem zartgrünen Schimmer
überhaucht waren, sassen die fünf Adler hinter dem Gitter. Einer der Vögel
trauerte. Den Kopf zwischen die Schultern geduckt, sass er auf der Stange und
blähte das Gefieder auf, als wäre ihm nicht mehr behaglich in seiner Haut.
    Moser, der gerade die Fütterung erledigte, sagte zu Franzl: »Ich kann mir
gar net denken, was der Vogel hat. Die Gschicht is wie verhext. Ich bin net
abergläubisch. Aber da gschieht wieder ebbes im Haus! Nix Guts!« Moser
verstummte, denn er hörte von der Strasse her das Rollen eines Wagens.
    Mit raschem Trab, dessen Hufschlag der weiche Kiesgrund dämpfte, kamen die
Pferde durch die Ulmenallee. Den Schoss von einer rot eingefassten Panterdecke
überbreitet, sass Graf Egge allein in der offenen Kalesche; er trug einen
dunkelgrünen Jagdanzug mit Lederknöpfen, einen neuen, grauen Havelock und dazu
seinen alten verwitterten Filzhut, auf dem ein dickes Büschel der Reiherfedern
nickte, die er im Winter an der unteren Donau erbeutet hatte.
    Franzl eilte dem Wagen entgegen. »Grüss Gott, Herr Graf, und Weidmanns Heil
daheim!« Bis ins Herz erschrak er, als er das Gesicht seines Herrn in der Nähe
sah; es hatte eine fahlgelbe Färbung, wie verregnetes Heu, der Mund war bitter
verzerrt, jede Furche schärfer geschnitten, und die tiefliegenden Augen hatten
einen fieberhaften Glanz.
    Graf Egge stieg mit gebeugtem Rücken und etwas steifem Fuss aus dem Wagen; er
dankte für den Gruss des Jägers nicht; sein erstes Wort war die Frage: »Was
machen die Adler?«
    »Sie horsten bei uns.«
    Langsam streckte sich Graf Egges Gestalt, und in Erregung spannten sich
seine schlaffen Züge. Er legte die Hand auf Franzls Schulter, atmete tief und
nickte lächelnd. Ohne ein Wort zu sprechen, liess er sich von Fritz und Moser
begrüssen und trat ins Schloss. Zuerst öffnete er die Tür der Kruckenstube und
warf einen Blick über die Wände; dann ging er in das Speisezimmer, wo zum
Frühstück für ihn gedeckt war. Neben dem Teller lag die in den letzten Tagen
eingetroffene Post.
    »Hornegger soll kommen!« befahl Graf Egge, als Fritz zu servieren begann.
    Franzl musste am Tisch Platz nehmen und die Reviergeschichte des Winters
erzählen. Graf Egge ass dazu einige Bissen und öffnete die Briefe. Unter ihnen
war ein Nachzügler der schwarzen Rechnungen: eine Forderung für »Kranzschleifen
mit Golddruck«.
    Graf Egges Gesicht entstellte sich, und im Zorn warf er das zerknüllte Blatt
unter den Tisch. »Das nimmt kein Ende mehr! Ich will Ruhe haben! Ruhe!« Er
drückte die Fäuste an seinen Kopf und sagte nach einer Weile zu Franzl: »Erzähle
weiter! Wann hast du die Hütte bezogen?«
    »Am 10. April, Herr Graf! Und da hab ich mir gleich denkt, dass die Adler
horsten müssen. 's Weiberl is verschwunden gwesen, und die ganze Zeit her hab
ich nur allweil 's kleinere Manndl streichen sehen. Seit fürgestern sind s'
wieder alle zwei am Flug. Es müssen die Jungen schon ausgfallen sein.«
    Diese Meldung schien Graf Egges Erregung zu beschwichtigen. »Wo liegt der
Horst?«
    »Den hab ich net gfunden, Herr Graf!« gab Franzl kleinlaut zur Antwort.
    »Was? Den Horst nicht gefunden?« Es gewitterte auf Graf Egges Stirne.
    »Ich hab mir kein Weg verdriessen lassen. Aber ich kann den Horst net
finden.«
    »Schipper findet ihn schon. Willst du wetten?«
    Franzl gab keine Antwort. Und Graf Egge sprach nicht weiter, weil er auf
einem der noch uneröffneten Briefe die Handschrift der Adresse erkannte. Hastig
öffnete er und las:
                                                 »Schloss Eggeberg, den 30. April
            Verehrte Erlaucht!
    Seit acht Wochen hatten wir nicht mehr die Freude, über Erlaucht Aufentalt
und Befinden eine Nachricht zu erhalten. Da gegenwärtig die Auerhähne balzen,
darf ich wohl vermuten, dass diese Zeilen Erlaucht in Hubertus finden werden.
Leider muss ich Erlaucht in Ihrem Jagdvergnügen durch eine Familiensorge stören.
Die Pflichten meiner Stellung zwingen mich, Erlaucht die Mitteilung zu machen,
dass Komtesse Kittys schwermütiger Seelenzustand sich während der letzten beiden
Monate in besorgniserregender Weise verschlimmerte. Da wir dem hiesigen
Dorfarzte nicht genügendes Vertrauen schenken, sah Graf Bruno sich veranlasst,
eine medizinische Kapazität aus Würzburg zu berufen. Der Professor vermochte ein
akutes Leiden nicht zu erkennen. Doch konstatierte er einedurch
Gemütserschütterungen verursachte Depression, die zu ernstlichen Dingen führen
könnte, wenn sie nicht bald durch mildes Klima und Aufheiterung behoben würde.
In Eggeberg ist es zum Einschlafen langweilig, und immer friert man, auch wenn
die Sonne scheint. Es wurde die Frage erörtert, ob nicht von einer Reise nach
dem Süden eine heilsame Wirkung zu erhoffen wäre. Der Professor brachte Sorrent
oder Capri in Vorschlag. Und nun bitte ich Erlaucht, eine möglichst rasche
Entscheidung zu treffen. Hätten Erlaucht für den von Monat zu Monat verschobenen
Besuch in Eggeberg endlich Zeit gefunden, so würde das blasse Gesichtchen des
armen Kindes so eindringlich zum Herzen des Vaters gesprochen haben, dass
Erlaucht selbst die Notwendigkeit eines energischen Eingreifens erkannt hätten.
Indem ich hoffe, dass diese Zeilen Erlaucht bei wünschenswertem Wohlsein und in
bester Jagdlaune finden möchten, grüsse ich als
                              Erlaucht ergebenste
                                                               Gundi Kleesberg.«
    Graf Egge liess den Brief sinken und sah zur Zimmerdecke hinauf, an der die
ausgestopften Adler hingen. Sorge und Ärger sprachen aus dem unruhigen Spiel
seiner Züge. Die Stirn in wulstige Falten gelegt, erhob er sich und wanderte mit
langen Schritten um den Tisch. Vor einem Fenster blieb er stehen und drückte die
Hand an den Hinterkopf, als hätte er Schmerzen im Genick. »Die arme Geiss! Reise
ich morgen früh, so kann ich übermorgen bei ihr sein!« Er zog die Finger durch
den Bart und wandte sich dem Jäger zu. »Seit wann, sagst du, streichen die
beiden Adler wieder?«
    »Seit fürgestern, Herr Graf!«
    »Dann sind schon die Jungen im Horst! Die könnten flügg sein, bevor ich
wiederkäme!« Überlegend sah Graf Egge durch das Fenster gegen die Berge und
schüttelte den Kopf. »Es geht nicht. Mit dem besten Willen nicht!« Er ging zum
Tisch, riss von Tante Gundis Brief ein unbeschriebenes Blatt ab und kritzelte mit
Bleistift die Depesche: »Gundi Kleesberg, Schloss Eggeberg. Willige in alles, da
sehr in Sorge um arme Geiss. Reisen Sie sofort und senden Sie wöchentlich
ausführliche Nachricht. Gruss und Kuss für Kitty. Wäre selbst gekommen, doch
leider dringend abgehalten. Reisegeld telegraphisch angewiesen - Egge.«
Bedächtig überlas er das Geschriebene, strich die überflüssigen Worte und
schrieb die telegraphische Anweisung an das Bankhaus. »Hornegger! Trag die
beiden Depeschen auf die Post! Eil' dich! Bis du zurückkommst, bin ich fertig
für den Berg. Und bin ich einmal droben, so wird der Horst bald gefunden sein.
Also weiter!«
    Franzl machte lange Füsse. Als er durch die Ulmenallee rannte, erschien im
Parktor ein Leiterwagen, beladen mit sieben riesigen Elchgeweihen und vier
grossen Kisten, in denen sich die von Graf Egge auf der Winterreise erbeuteten
Bärenfelle und Vogelbälge befanden. Neben dem Kutscher, auf einem über die
Leitern gelegten Brett, sass Schipper in der durch die lange Reise übel
mitgenommenen Büchsenspanner- das Lederfutteral mit Graf Egges Lieblingsbüchse
über den Knien. Als er den Jäger gewahrte, machte er die grauen Augen klein und
verzog den Mund.
    Wie eine Flamme schlug es über Franzls Gesicht, dann erblasste er wieder.
Zögernd griff er an den Hut und ging vorüber.
    Während er im Postbureau vor dem Schalter stand, hinter dem der junge Beamte
die Worte der beiden Depeschen zählte, kam der Pointner-Andres mit einem dich
gesiegelten Geldbrief in der klobigen Hand, die Kleider bedeckt vom Staub des
Steinbruches.
    »Grüss Gott, Andres!« sagte Franzl zerstreut. »Hast auch was zum
Fortschicken?«
    »Ja! Wieder an Schüppel voll Avakatengelder! Noch allweil Hochzeitskosten!«
Die Augen des ungeschlachten Menschen funkelten zornig in den Postschalter
hinein. »Der Spass, Brüderl, is teuer gwesen! Und ich mein' schier, er kostet
mich noch mehr als Geld!«
    »Drei Mark vierzig!« sagte der Beamte verdriesslich.
    Franzl bezahlte und sah den jungen Bauer an. »Was is denn, Andres? Hast an
Verdruss?«
    »Ich? Gott bewahr!« Der Pointner-Andres lachte. »Ich sitz drin im Glück wie
der Kuchelschwab in der Zuckerbüx! Hab Haus und Hof und die allerschönste
Bäuerin. Ja, die allerschönste! Hab ich net recht, Herr Praktikant?«
    Der Beamte hinter dem Schalter zuckte die Achseln und brummte ein paar
unverständliche Worte.
    »So reden S' doch, Herr Praktikant, schenieren S' Ihnen net!« Die Stimme des
Pointner-Andres wurde heiser. »Sie müssen doch wissen, wie schön mein Lieserl
is! Wie d' Leut sagen, kommen S' oft auf Bsuch zu mir. Schad, dass ich nie daheim
bin. Es tät mich freuen, wenn wir zwei amal zammtreffen möchten!«
    Der Praktikant fuhr auf: »Ich verbitte mir diese Redereien! Hier ist
Amtsstunde! Geben Sie Ihren Brief her!«
    Der Pointner-Andres warf den Brief auf das Zahlbrett und lachte.
    »Bhüt dich Gott, Andres!« wollte Franzl sagen, aber es verschlug ihm die
Rede. Den Kopf schüttelnd ging er davon.
    In Schloss Hubertus fand er den ganzen Flur mit den halbausgepackten Kisten
verstellt. Moser sortierte die Vogelbälge, deren bunte Federn den Boden des
Flurs mit leuchtenden Farben bedeckten. Graf Egge, schon für die Bergfahrt
gerüstet und mit der Büchse auf dem Rücken, diktierte dem Diener die Adressen
der Präparatoren, an die man die Bälge zum Ausstopfen schicken sollte. Dann
sagte er zu Franzl: »Komm! Mir brennt die Ungeduld in allen Knochen. Ich will
die Adler heute noch streichen sehen.«
    Einige Minuten später wanderten sie durch die Ulmenallee. Graf Egge legte
die Hand auf Franzls Schulter. »Du bleibst bei mir! Der andere soll wieder
seinen Bezirk übernehmen. Der Kerl hat mich während der Reise grün und blau
geärgert und hat mir das Geld aus der Tasche geholt wie mit dem Stopselzieher.«
    Eine Weile folgten sie der Strasse, dann lenkte Graf Egge in die Wiesen ein
und suchte auf einem Umweg die Kirche. Fast eine Viertelstunde blieb er im
Friedhof, während Franzl vor dem Gitter warten musste.
    Als die beiden ihren Weg wieder aufnahmen, rannte ein derbknochiges
Weibsbild an ihnen vorüber.
    Es war die Magd des Bruckner. Sie lief, dass ihre Röcke flatterten; und als
sie die Wohnung des Doktors erreichte, riss sie an der Glücke, dass der Hall das
ganze Haus durchschrillte.
    Der alte Herr öffnete selbst die Tür.
    »Ich bitt, zum Bruckner, aber gleich! Unser Büberl hat's im Hals und kriegt
kei Luft nimmer.«
    Der Doktor sprang in die Stube, kam mit Hut und Ledertasche und folgte der
Magd. Ohne Frage wusste er, zu welcher Krankheit er gerufen wurde. Seit Wochen
ging im Dorf ein böses Gespenst von Haus zu Haus, der grausame Würgeengel der
Kinder. Seit dem Fasching war der Friedhof schon um sieben kleine Gräber reicher
geworden.
    Als der Doktor eine Stunde später das Haus des Bruckner verliess, begleitete
ihn der Bauer bis zur Strasse. Lenzi ging gebeugt wie ein Greis, sein Gesicht war
nur noch Haut und Knochen; die Sorgen des Winters hatten ihm die Haare grau
bestäubt, und seine Augen blickten unstet und kummervoll.
    »Ich komme nach Tisch und am Abend wieder,« sagte der Arzt, »befolgen Sie
nur genau, was ich verordnet habe. Und vor allem: die Magd mit den beiden
anderen Kindern muss hinauf ins Giebelzimmer, sie dürfen mit dem kranken Kind in
keine Berührung kommen.«
    »Um Gotts willen!« Nur mühsam brachte der Bauer Wort um Wort heraus.
»Steht's denn schon so schlecht, Herr Doktor? Is am End kei Hoffnung nimmer?«
    »Solange man lebt, ist immer Hoffnung. Beruhigen Sie sich, Bruckner! Aber
ein bisschen spät haben Sie nach mir geschickt.«
    Dem Bauer zog es den Kopf zwischen die Schultern. »Wie der Mensch halt is!
Ich hab mir denkt, der Hascher wird sich a bissl verkühlt haben, und drum kachezt
er halt!«
    »Vor allem brauchen Sie jetzt für das Kind eine verlässliche Pflegerin. Die
Magd hat für die zwei anderen Kinder zu sorgen und darf die Krankenstube nicht
betreten. Wie wär's mit Ihrer Schwester? Das Mädel ist verlässlich und hat zur
Kinderpflege eine glückliche Hand. Das haben Sie am Netterl gesehen! Wenn die
Mali wiederkäme, das wär' der beste Ausweg.«
    Heftig schüttelte Bruckner den Kopf. »D' Mali is in Horgau beim Schwager.
Der kann d' Schwester net graten.«
    »So? Na, vielleicht lässt sich drüber noch reden. Nach Tisch komme ich
wieder.«
    Der Doktor ging vom Bruckner weg zur Post und schickte ein Telegramm ab:
»Amalie Bruckner, Horgau. Ein Kind Ihres Bruders schwer erkrankt. Brauche Sie
zur Pflege. Doktor Eisler.«
    Am Abend des folgenden Tages kam Mali mit dem Botenwagen vor das
Brucknerhaus gefahren. Auch ihr war es anzusehen, dass sie einen harten Winter
hinter sich hatte. Mit einem Sorgenblick überflog sie das Haus des Bruders, und
es beängstigte sie, dass niemand kam, als der Wagen hielt und ihr Koffer
abgeladen wurde. Nun war sie im Hof, und da trat ein Mann in Hemdärmeln und mit
blauer Leinenschürze aus dem Haus, in den Händen einen Zollstab, den er
zusammenklappte - der Meister Schreiner. »So?« sagte er. »Kommst dein Bruder
trösten? Grad hab ich Mass gnommen. Dös kleine Schluckerl braucht keine langen
Bretter.«
    »Jesus!« stammelte Mali erblassend. Sie liess ihr Bündel fallen und rannte
ins Haus.
    Graues Zwielicht lag in der Stube. Die anstossende Kammer stand offen, und
der Kerzenschein, der aus der Tür fiel, beleuchtete den Bauer; er sass neben dem
Tisch auf der Holzbank, die Fäuste über den Knien. Langsam hob er das entstellte
Gesicht. »Du? So? Bist da?« Der unerwartete Anblick der Schwester rüttelte ihn
nicht auf aus seinem dumpfen Schmerz. Er deutete mit dem Arm gegen die Kammer.
»Schau, was da drinliegt! Wo mein Fuss hintritt, wachst kein Halmerl nimmer. Da
geht alles z' Grund!«
    Es wurde immer dunkler in der Stube, und immer heller strahlten in der
Kammer die kleinen tanzenden Kerzenflammen.
    Die ganze Nacht hindurch, bis zum Morgen, wachten die Geschwister
miteinander.
    Am zweiten Nachmittage kam der Geistliche mit dem Mesner. Eine Viertelstunde
später war alles erledigt. Die paar Nachbarsleute, die dem kleinen Sarg das
Geleit gegeben hatten, wurden von Mali zum »Gsturitrunk« geladen; er wurde beim
Seewirt in der Schifferschwemme abgehalten; es gab Bier und Branntwein, Brot und
Käse. Die »Schmausleut« nahmen nur einen der Tische ein; an den anderen Tischen
sassen die zechenden Schiffer und Holzknechte, die bei Ziterklang und vollen
Krügen sich wenig um den Tod bekümmerten, der in der stillen Ecke nach alter
Sitte begossen wurden. Aber je tiefer der Abend sank, je mehr der Pfeifenqualm
die trübe Hängelampe verschleierte, desto lebendiger wurde es auch am
»Gsturitisch«: die Männer sprachen vom Viehhandel, die Weiber erinnerten sich
der schönen »Grafenleich« vom vergangenen Herbste. »Ja, wann so a Graf stirbt,
der hat's gut!«
    Wortlos sass der Bruckner in diesem heiter werdenden Lärm und leerte ein Glas
ums andere. Immer sorgenvoller betrachtete ihn die Schwester. Als die paar
Stunden, die man schicklicherweise am »Gsturitisch« verbringen musste, endlich
vorüber waren, flüsterte sie ihm zu: »Komm, Lenzi, geh mit heim!«
    Er schob sie mit dem Ellbogen von sich. »Ich muss aufgiessen, oder es bringt
mich um.«
    »Lenzi! Sei gscheit! Komm mit heim zu deine Kinder!«
    »Lass mich sitzen! Ich muss was haben, was mir 's Blut in Ruh bringt. Saufen
oder wildern! Büchs rühr ich keine mehr an. Muss halt der Schnaps helfen.«
    Mali, mit kalkweissem Gesicht, reichte jedem Gast zum Abschied die Hand und
sagte mit erloschener Stimme zum Bruder: »Kommst bald nach, Lenzi, gelt?«
    Als sie ins Freie trat, schlug ihr ein schwüler Windstoss ins Gesicht und
fasste die Röcke. Aus dem nachtschwarzen Seekessel quoll dumpfes Sausen und
Gebrumm heraus. Ein Föhnsturm!
    Schon wollte Mali die Lände überschreiten, als sie das Gepolter eines ans
Ufer stossenden Nachens hörte und im Dunkel eine Mannsgestalt mit Büchse und
Bergstock aus dem Boot steigen sah. Erschrocken drückte sie sich in die
Finsternis der nächsten Schiffshütte. Nun vernahm sie die Stimme des Jägers, der
mit dem Schiffer sprach. Sie hatte sich umsonst geängstigt. Es war Graf Egge,
der allein von der Jagdhütte nach Hubertus zurückkehrte.
    Mali rannte über die Lände. Noch ehe sie das Haus des Bruders erreichte,
fiel der Sturm mit voller Gewalt über das Tal. Die Schindeln flogen von den
Dächern, in den Kronen der knospenden Bäume brachen die morschen Äste, und in
das Heulen des Windes mischte sich das Gepolter fallender Bretter und das
Gerassel der losen Fensterläden.
    Am Brucknerhaus waren alle Scheiben dunkel. Mali trat in den Flur und
konnte, gegen einen Windstoss ankämpfend, nur mühsam die Haustür wieder
schliessen. Unter dem tobenden Lärm, der um die Wände sauste, klang aus der
Giebelstube herunter das Weinen eines Kindes und eine scheltende Stimme. Mali
sprang über die Treppe hinauf und trat in die dunkle Stube. »Aber Madl! Was
bleibst denn mit die Kinder in der Finsternis? Warum machst denn kein Licht
net?«
    »Wenn mich die Kinder net dazu kommen lassen!« brummte die Magd. »'s Netterl
geht mir net vom Arm, und d' Hanni macht so Gschichten mit ihrer Wehleidigkeit.«
    Weinend war Hannerl auf Mali zugegangen und hängte sich an ihren Rock. »Mir
tut's so weh, Malimahm, mir tut's so weh da drin!«
    »Wo denn, Schatzerl, wo tut's dir denn weg?«
    »Da drin!«
    Mali, die im Dunkel der Stube nicht zu sehen vermochte, griff erschrocken
mit den Händen zu und fühlte, dass das Kind die Fingerchen am Hals hatte. »Mar'
und Joseph!« Ein paar Augenblicke stand sie wie gelähmt. Dann kreischte sie:
»Schaff das Kind ins Bett! Und gib mir 's Netterl her!« In verzweifelter Angst
riss sie das Jüngste vom Arm der Magd und stürzte zur Stube hinaus, über die
Treppe hinunter und ins Freie. Das Köpfchen des Kindes mit der Schürze
verhüllend, rannte sie durch den tobenden Sturm zum Nachbarhaus. Mit der Faust
schlug sie an die Tür und schrie: »Nachbarin!«
    Eine alte Bäuerin öffnete.
    »Um tausend Gotts willen, Nachbarin, nimm mein Netterl ins Haus! Bei uns
daheim is kein Bleiben nimmer. Jetzt fangt's beim Hannerl an!« Ohne die Antwort
abzuwarten, drückte Mali der Nachbarin das Kind in die Arme und rannte wieder
zum Haus des Bruders.
    Immer tosender wuchs der Sturm, und krachend stürzte im Garten des Bruckner
ein Apfelbaum, dessen Stamm seit Jahren im Kerne faul gewesen.
 
                                       14
Unter den Windstössen klapperten in der finsteren Parkallee die Äste der Ulmen
gegeneinander - wie die Stangen kämpfender Hirsche, meinte Graf Egge, der das
eiserne Gitter hinter sich zuwarf.
    Fritz machte grosse Augen, als er seinen Herrn bei Nacht so unerwartet im
Schloss erscheinen sah, mit Sturmzeichen im Gesicht. Graf Egge hatte die Tage her
mit vier Jägern vom Morgen bis zum Abend in seinem Gemsrevier alle Felswände
abgesucht, ohne den Adlerhorst zu finden.
    Mit jedem resultatlos verbrachten Tag war seine Misslaune gewachsen und hatte
den Jägern üble Stunden bereitet. Und am Mittag - weil er vom Föhn einen
Wetterumschlag befürchtete, bei dem man das Suchen nach dem Horste einstellen
musste und keinen Auerhahn mehr hörte - war er wütend aus der Jagdhütte
davongerannt.
    Heulende Windstösse umsausten das Schloss, während Fritz mit erhobener Lampe
im Flur umherleuchtete und Graf Egge die unter die Trophäen eingereihten
Elchgeweihe musterte, die kaum noch Platz gefunden hatten.
    Er liess sich die Lampe in die Kruckenstube tragen. Auf die Frage des
Dieners, was Erlaucht zu speisen wünsche, sagte er: »Milchsuppe. Einen Schmarren
bringt ihr nicht fertig.«
    Eine halbe Stunde später sass er im Speisezimmer. Gespensterhaft bewegten
sich in der aufsteigenden Lampenwärme die an der Decke hängenden Adler, während
draussen der Föhnsturm ungestüm an allen Fenstern rüttelte, als wollte er Einlass
begehren für den Frühling.
    Graf Egge hatte das Gedeck beiseitegeschoben und löffelte die Milchsuppe aus
der Schüssel. Er war mit seinem Mahl noch nicht zu Ende, als Moser eine Depesche
brachte: »Wohlbehalten in Genua eingetroffen, dampfen mit Bismarck nach Neapel
und sind morgen abend in Capri. Haben herrliches Wetter, Komtesse Kitty
sichtlich erquickt. Grüsse in ihrem Namen. Gundi.«
    Verdrossen betrachtete Graf Egge das Blatt. Ausser den vielen überflüssigen
Wörtern schien ihm noch was anderes gegen den Strich zu gehen. »Herrliches
Wetter?« brummte er und legte die Depesche fort. »Unsinn! Wäre sie zu mir
gekommen! Schmarren und Bergluft hätten ihr besser geholfen als das wälsche
Gesäusel da drunten.« Er steckte seine kurze Pfeife in Brand und las die
Depesche wieder. »Die Alte, natürlich! Das ist wieder was für ihren romantischen
Haubenstock. Die wird in Wonne schwimmen. Auf meine Kosten!« Seufzend erhob er
sich. »Und dieser Unsinn! Mit dem kranken Mädel die Reise so zu überstürzen! Als
fände die Schmalgeiss da drunten ihre Gesundheit über Nacht! Wie ein Wunder!«
Missmutig setzte er sich in einem dunklen Winkel auf die gepolsterte Wandbank und
sog an der Pfeife. Sie schien ihm nicht zu schmecken. Er stand wieder auf,
tappte im Zimmer umher, liess den Blick über alle Wände irren und bewegte mit
einem Gefühl des Unbehagens die Schultern unter der Joppe. Er fühlte sich
einsam.
    Während Moser den Tisch räumte, presste Graf Egge stöhnend die Faust in den
Rücken. »Zum Teufel auch! Was ist denn mit meinen Knochen?«
    »Herr Graf,« sagte Moser vorwurfsvoll, »es wär kein Wunder! Den ganzen
Winter eine Strapaz um die ander und nach der weiten Heimreis wieder am Berg
auffi! Sie verlangen a bissl z'viel von Ihrem Alter.«
    »Alter? Du Rindvieh! Ich hoffe noch meine zwanzig Jahr' zu jagen! Und wenn
ich steif und krumm werde, lass ich mich tragen auf die Jagd. Wenn nur die Augen
aushalten! Die Hand ist Nebensache. Wackelt beim Zielen das Korn aus dem Hirsch
heraus, so kann's auch wieder hineinwackeln. Das Aug' macht es. Und meine Augen
sind gut. Die haben noch Falkenblick! - Aber müd bin ich.«
    Die ganze Nacht tobte der Föhnsturm. Als der Morgen graute, begann das
Rauschen des Windes langsam zu verstummen. Bei lachender Sonne und blauem Himmel
stieg ein linder Frühlingstag von den Bergen herunter. Die Felsenzinnen, auf
denen der Schnee noch nicht geschmolzen war, schimmerten wie frischer Silberguss,
das tiefe Grün der Fichtenwälder schien erneut in seiner Farbe, an den Hecken im
Dorf und an allen Laubbäumen waren die Knospen gesprungen, und die warme Luft
war erfüllt von würzigem Geruch, als hätte der Föhn den Blumenduft des Südens
über die Berge in das Tal getragen.
    In allen Menschen war Freude. Nur Graf Egge - wegen des versäumten
Pirschmorgens, der ihm ein paar Auerhähne hätte bescheren können - fluchte wie
ein Berserker.
    Um seine Schauerlaune ein bisschen aufzubessern, setzte er sich in der
Kruckenstube vor den eisernen Schrank und begann die Edelsteine, die er von der
Reise mitgebracht hatte, in seine Sammlung einzureihen. Als er in eines der
Fächer griff, geriet ihm eine Münze zwischen die Finger; er zog sie hervor und
betrachtete sie; es war ein Taler, ein gewöhnlicher Taler, ohne irgendwelchen
Wert für den Sammler; dennoch schien die Münze für Graf Egge besonderen Wert zu
besitzen; er lächelte, nickte in Gedanken vor sich hin und legte den Taler
wieder in das Fach zurück. Während er dann Lade um Lade aufzog und die Etuis mit
den funkelnden Steinen auf dem eisernen Klapptisch vor sich ausbreitete, ging
draussen vor dem Fenster der alte Büchsenspanner vorüber, der den Adlern das
Futter zum Käfig trug.
    Als Moser den Käfig erreichte, öffnete er das Futtertürchen und warf den
Inhalt der Schüssel hinter das Gitter. Vier Adler hüpften mit geöffneten
Schwingen von den Stangen herunter und rauften sich gierig um die blutigen
Brocken. Der fünfte blieb regungslos mit aufgeblähtem Gefieder in seinem Winkel
sitzen und hielt wie im Schlaf die gelben Lider über die Augen gezogen.
    »Der macht's nimmer lang. Jetzt muss ich reden, oder es bleibt auf mir
sitzen!«
    Er wollte schon den Rückweg antreten. Da hörte er, dass ein Wagen vor dem
Parktor hielt. Das eiserne Gitter klirrte. Ein Offizier, in den umgehängten
Mantel gewickelt, kam hastig durch die Ulmenallee gegangen.
    Moser riss die Augen auf. »Meiner Seel, da kommt der Graf Robert!« Er stellte
die blutige Schüssel nieder und säuberte die Hände an der Lederhose. »Grüss Ihnen
Gott, Herr Graf! Die Freud, die der gnädig Herr haben wird!«
    Roberts Gesicht war welk wie nach einer durchwachten Nacht. Er übersah die
Hand, die ihm der alte Jäger bot, nickte wortlos und schritt vorüber. Auf der
Veranda nahm er den Mantel ab. Als er im Flur die spiegelblanke Büchse und den
verwitterten Filzhut seines Vaters am Gewehrrechen hängen sah, atmete er
erleichtert auf. Mit zitternden Händen schnallte er den Säbel ab und hängte ihn
neben die Büchse; dann ging er auf die Tür der Kruckenstube zu und pochte.
    »Herein!«
    Graf Egge machte bei Roberts Anblick einen Ruck, dass sich der Lehnstuhl
drehte. Der Klapptisch des eisernen Schrankes zitterte, und die Hunderte von
bunten Edelsteinen, die vor Graf Egge in Reihen geordnet lagen, blitzten und
funkelten in gesteigertem Feuer.
    »Du?«
    Der harte Klang dieses Wortes und der misstrauische Blick, mit dem der Vater
den Sohn vom Kopf bis zu den Füssen musterte, liess erraten, dass Graf Egge sich
von dem unerwarteten Besuch nichts Gutes versprach.
    Robert hatte die Tür zugedrückt. Ein paar Augenblicke war es still im
Zimmer. Graf Egge lehnte sich in den Sessel zurück und zog die Hand durch den
Bart.
    »Guten Tag, Papa!« Mit diesem Gruss, der etwas unsicher klang, ging Robert
auf den Vater zu. Da gewahrte er die Verwüstung, die der Winter in diesem
Gesicht angerichtet hatte. »Bist du nicht wohl, Papa?«
    »Ich? Warum?«
    »Ich fürchte, diese letzte Jagdreise hat dich über deine Kräfte angestrengt.
Du siehst leidend aus, und ich mache mir ernste Sorge.«
    Graf Egge lachte trocken und machte eine abweisende Bewegung mit der Hand.
»Fürs erste: Ich bin nicht krank. Im Gegenteil. Ich hoffe noch lange zu leben.
Länger vielleicht, als manchem lieb ist. Und zweitens: Die Sentimentalität
kannst du dir sparen! Sag' lieber offen heraus, weshalb du gekommen bist. Dein
Besuch hat doch einen Zweck? Oder nicht?« Er begann die mit verblichenem Samt
überspannten Platten, auf denen die blitzenden Steine in kleinen Vertiefungen
dicht nebeneinanderlagen, sehr flink in die eisernen Schubfächer einzuräumen.
»Also? Was willst du?«
    Robert nagte an der Lippe.
    Graf Egge legte eine Platte mit Saphiren in den Schrank und hob das Gesicht.
»Hast du meine Frage nicht gehört? Was suchst du bei mir?«
    »Hilfe!«
    Das Wort klang wie ein erstickter Schrei.
    Graf Egge erhob sich, steinerne Härte im Gesicht, in den Augen das Gefunkel
des aufsteigenden Zorns. »Du hast wieder gespielt? Und verloren? Zu antworten
brauchst du nicht. Man sieht dir's an, dass dir das Wasser bis an den Hals geht.
Du stehst vor mir wie der menschgewordene Katzenjammer. Und den Weg zu mir hast
du umsonst gemacht. Oder hoffst du was? Nein, Herr Sohn, damit hat's ein Ende.
Das hab' ich dir schon im Sommer gesagt. Aber wenn du vielleicht zur Jagd
bleiben willst - da kannst du mir ein paar Auerhähne vor der Nase wegschiessen,
wie damals die beiden Gamsböck'.«
    »Ich bitte dich, Vater, rede nicht so mit mir! Ich weiss, wie sehr ich im
Unrecht bin. Aber es steht für mich alles auf dem Spiel. Mein Name, meine Ehre
-«
    »Und das Leben! Ich kenne diese Litanei zur Genüge. Und hab' es endlich
satt, dazu das klingende Amen sagen zu müssen. Hilf dir, wie du kannst! Ich
lasse dich fallen!«
    »Vater!«
    »Ich lasse dich fallen. Unerbittlich!« Mit zorniger Wucht betonte Graf Egge
jede Silbe. »Und willst du drohen, dass dir nichts anderes mehr übrigbleibt als
die Kugel, so sag' ich: Du bist den Schuss Pulver nicht wert, ohne den die Sache
sich nicht erledigen lässt.«
    Das Gesicht von Blässe überronnen, klammerte Robert die zitternden Hände um
die Stuhllehne. »Vater! Was aus dir redet gegen mich, ist mehr als Zorn und
Ärger. Das ist Hass!«
    »Ja, Robert! Hass!« Langsam den Körper vorbeugend, mit brennenden Flecken auf
den Wangen, stützte Graf Egge die schwere Faust auf den eisernen Tisch. »Bis
heute hab' ich es nicht gewusst. Jetzt hat mir's dein eigenes Wort gesagt. Alle
meine Kinder lieb' ich. Auch den einen, der sich von mir gelöst und mich in der
letzten Stunde beleidigt hat bis ins Innerste. Aber bei allem Zorn, den ich
gegen ihn trage, hat er mir Achtung abgezwungen durch den redlichen Ernst seines
Willens, durch seine Begabung und seine sichere Kraft. Und wenn ich ihn immer
gefrozzelt habe in meiner lümmelhaften Manier? Weisst du, was es war? Nur der
Ärger meiner Erkenntnis, dass der Bub mehr ist als sein Vater - wenn auch ein
Jäger, dass Gott erbarm'! Und hol' mich der Teufel, ich hätt' ihm diese
verwünschte Heirat noch verzeihen können. Ich hab's von aller Welt zu hören
bekommen, welch ein blaues Wunder dieses Frauenzimmer sein soll! Und eine
Künstlerin! Ich verstehe zwar von Kunst soviel wie der Ochs vom Ziterspiel.
Aber es muss am Ende doch was Rechtes dahinterstecken, sonst würde nicht alle
Welt dazu ihren Kratzfuss machen. Weiss Gott, ich würde ihm diese Heirat verziehen
haben, hätt' er mir in jener letzten Stunde über meine Jagd nicht Dinge ins
Gesicht gesagt, über die ich nicht mehr wegkomme, auch nicht in meiner
Todesstunde. Gott soll sie mir unberufen noch lang ersparen!«
    Graf Egge, der diese Worte mit versinkendem Klang vor sich hingeredet hatte,
hob das Gesicht, und seine Stimme bekam wieder ihre schneidende Schärfe.
    »Ja, Robert! Alle meine Kinder hab' ich geliebt. Dich hasse ich, als wäre in
dir kein Tropfen meines Blutes. Ich rechne dir nicht deinen Leichtsinn an, nicht
deine bodenlose Verschwendungssucht, die mir Tausende aus dem Sack gerissen. Da
hab' ich bei allem sehr ausgiebig mitgeholfen. Jetzt seh' ich es ein. Ich habe
mich zuwenig um euch gekümmert. Aber die anderen sind geraten aus eigenem Kern.
Du hast dich ausgewachsen, so, wie du vor mir stehst. Deine Brüder haben mich
verlassen, der eine im Tod, der andre im Leben. Zur Hälfte ging auch schon die
kleine liebe Geiss von mir. Nur du bist mir geblieben.«
    Er musste sich räuspern, als wäre ihm was in den Hals geraten.
    »Immer hast du bei mir ausgehalten. Hast immer meine Partei genommen. Jede
meiner Launen hast du geschluckt. Jede meiner Roheiten hast du eingesteckt, ohne
mit einer Miene zu zucken. Aus kindlicher Liebe? Aus Respekt vor dem Vater? Gott
bewahre! Nur, weil dein alter Herr für dich die Hosentasche war, aus der du
schöpfen konntest wie der Bauer aus seinem Jauchentümpel. Wenn ich jetzt
verlassen stehe von den Kindern, die mir lieb waren, so trag ich selbst die
Schuld. Das fühl' ich jetzt. Aber du hast mitgeholfen! Jene gottverwünschte
Szene mit deinem Bruder vor der Hütte droben wäre nicht so gekommen, nicht so
verlaufen, hättest nicht du mich Jahr um Jahr gegen ihn gereizt mit kalter
Berechnung! Und hätt' ich nicht in jenen Tagen, als mein lieber Bub auf dem
schwarzen Schragen schlief, den kochenden Zorn über dich in mir herumgetragen,
ich hätte der armen Geiss nicht so harte Worte gegeben, dass sie vor mir stand
erschrocken und bis zur Stummheit verschüchtert, während mich dürstete nach
einem Wort ihrer Liebe. Und was meinem Gefühl für dich den Rest gegeben hat?
Weisst du das?«
    Ein heiseres, zorniges Lachen.
    »Aber du hast dich ja selbst nicht gesehen, wie du vor der Leiche deines
Bruders standest! Herzlos, kalt und unbewegt wie eine Wachsfigur. Mit deiner
Nähe und mit dem schwarz geränderten Schwindel, den du in Szene setztest, hast
du mir meinen Schmerz um den armen Buben besudelt und abgestumpft. Seit damals
bin ich fertig mit dir. Und wenn ich dich ansehe, bedaure ich nur noch eines:
die Uniform, die du trägst! Das ist ein Rock, der hinter seinem Futter einen
Mann und Menschen haben will. Und du bist keins von beiden.«
    Graf Egge fuhr mit dem Ärmel über den Mund und zerrte keuchend die Joppe
zurecht.
    »Gott sei Dank! Jetzt hab' ich es mir endlich von der Leber geredet. Geh
deiner Wege! Ich will Ruhe haben.« Er fiel in den Lehnstuhl und presste die Hand
in den Nacken.
    Robert stand mit verzerrtem Gesicht. »Ich habe dich schweigend angehört.
Auch jetzt hab' ich auf die unqualifizierbaren Dinge, die ich zu hören bekam,
kein Wort zu erwidern.« Seine Stimme klang tonlos, aber mit gemessener Ruhe, wie
bei einem dienstlichen Rapport. »Du hast für mich einen Strich durch den Namen
Vater gemacht. So hab' ich auch als Sohn keine Forderung mehr an dich zu
stellen, weder jetzt noch später. Ich bedaure sogar, dass meine gegenwärtige Lage
mich zwingt, die Ausfolgung meines mütterlichen Erbteils von dir verlangen zu
müssen.«
    »Ich habe mit dem Geld deiner Mutter nichts zu schaffen!« fuhr Graf Egge
auf. »Es liegt für euch in der Bank.«
    »Zur Ausfolgung des mir zukommenden Anteils bedarf es deiner Zustimmung. Es
ist das ohnehin nur eine versäumte Formalität, da ich bei meinem Alter das
Verfügungsrecht über mein Eigentum nach dem Gesetz bereits besitze. Ich
wiederhole meine Forderung.«
    »Und ich verweigere sie. Diese dreimalhunderttausend Mark würden flinke Füsse
bei dir bekommen.«
    »Wohl möglich! Mehr als die Hälfte dieser Summe muss ich zwischen heut und
zwei Tagen im Klub erlegen, um die Spielschuld der letzten Nacht zu begleichen.
Du siehst also, dass ich gezwungen bin, meine Forderung zu wiederholen. Ich
ersuche um deine Antwort.«
    Graf Egges Gesicht färbte sich dunkelrot. »Meine Antwort?« schrie er, dass
die Fensterscheiben klirrten. »Meine Antwort ist die Kuratel, die ich über dich
verhängen lasse. Dann tu, was du willst! Entweder zieh den Rock des Königs aus,
in den du nicht mehr gehörst, oder mache mit dir -« Graf Egge verstummte.
    Draussen im Flur liess sich Lärm vernehmen, und klappernde Schritte näherten
sich, während die Stimme des alten Büchsenspanners kreischte: »Herr Graf! Herr
Graf! Herr Graf!«
    Die Tür wurde aufgerissen, und Moser stolperte in die Stube: »Herr Graf! Der
Schipper is da! Draussen hockt er und hat kein Schnaufer nimmer - so is er
grennt! Den Horst hat er gfunden! Den Horst, Herr Graf. Den Horst!«
    »Gott sei Dank! Das kommt mir wie eine Erlösung. Schipper, Schipper!« Graf
Egge sprang zur Tür hinaus, und Moser humpelte lachend hinter ihm her.
    Robert starrte dem Vater nach und stand wie betäubt. Er zog sein Tuch
hervor, dessen starkes Parfüm die ganze Stube durchhauchte und den Fettgeruch
der geschmierten Schuhe verschwinden liess. Schwer auf die Stuhllehne gestützt,
wischte er mit dem Tuch über die Stirn, auf der ihm der kalte Schweiss in dünnen
Tropfen stand. Stumpf und gläsern, als wären alle Gedanken in ihm erloschen, sah
er auf den eisernen Klapptisch. Hier lag noch eine Tablette mit fünfzig Rubinen,
nach der Grösse geordnet, vom winzigen Stein, dessen Wert nur in der kunstvollen
Facettierung bestand, bis zu einem in schiefen Rauten geschliffenen Stück von
Walnussgrösse. Ohne zu wissen, was er tat, griff Robert nach der Tablette und
besah gedankenlos die Steine, die in blutrotem Feuer leuchteten.
    »Schipper, Schipper!« klang im Flur die Stimme Graf Egges.
    Der Jäger sass auf einer Bank der Veranda, erschöpft, nach Atem ringend; er
hatte den Weg von seinem Bezirk nach Hubertus in kaum zwei Stunden zurückgelegt.
    »Schipper!« Graf Egge erschien, vor Erregung zitternd. »Du hast ihn
gefunden? Wirklich?«
    Der Jäger konnte nicht sprechen; er nickte nur.
    »Zum Teufel, so red' doch! Wo liegt der Horst?«
    Mühsam brachte Schipper die paar Worte heraus: »Droben - hinter der Hochalm
- in der Hangenden Wand!«
    »Unsinn! Ich hab' doch die Wand mit dem Glas an die hundertmal abgesucht!«
    »Der Horst liegt so versteckt - wenn ich den Adler heut in der Fruh net
zufällig einistreichen sieh, so findt ihn kein Mensch net!«
    »Brav, Schipper! Du hast mir eine Freude gebracht, auf die ich warte seit
einem halben Jahr. Ich will dir deine Botschaft gut bezahlen.« Graf Egge
verstummte; ein Gedanke, der ihn vor Schreck erblassen machte, war ihm durch den
Kopf gefahren. »Herrgott! Der offene Kasten! Meine Steine!« Er rannte ins Haus
zurück, als hätte er einen Brand zu löschen.
    Von der Schwelle der Kruckenstube sah er Robert vor dem eisernen Klapptisch,
sah die Tablette mit den Rubinen in seiner Hand. »Richtig!« So flink, dass seine
Joppe flatterte, sprang er auf Robert zu und schlug ihm mit eisernem Griff die
Faust um das Handgelenk. »Lass du meine Steine in Ruh'!« Der grosse Rubin kollerte
über den Samt und rollte zu Boden. Während Graf Egge sich bückte, um ihn
aufzuheben, taumelte Robert mit aschfahlem Gesicht zurück.
    »Vater! Bist du von Sinnen?«
    Verdrossen hob Graf Egge die Augen; er schien zu fühlen, dass er in seinem
Misstrauen zu weit gegangen war; doch er suchte nach keinem einlenkenden Wort,
zuckte nur die Schultern, blies den Staub von dem Rubin und legte ihn wieder in
die Vertiefung der Tablette.
    Robert machte einen Schritt gegen den Vater. »Jeden anderen würde ich nach
diesem Auftritt vor meine Pistole fordern. Dir bin ich, was ich jetzt bedaure,
mein Leben schuldig. Das schlägt mir die Waffe aus der Hand. Aber zwischen uns
beiden ist alles erledigt!«
    Er verbeugte sich wie vor einem Fremden und ging zur Tür.
    Graf Egge lachte heiser. »Willst du nicht doch ein bisschen mit dir reden
lassen? Nur über Geschäfte. Ich lege der Auszahlung deines mütterlichen Erbteils
kein Hindernis mehr in den Weg. Wenn du dich einen Augenblick gedulden willst,
so kannst du die Vollmacht -«
    »Ich muss ersuchen, diese Angelegenheit durch deinen Anwalt zu erledigen.«
    »Gut! Und was deinen Pflichtteil an meinem eigenen Besitz betrifft -«
    »Ich verzichte.«
    »Aaaah? Wirklich? Eine halbe Million. Und du verzichtest?« Graf Egge lachte
in Hohn und Zorn. »Da bin ich nur neugierig, wann die gekränkte Leberwurst bei
dir auf den Zipfel kommt? Vermutlich, wenn die andere Hälfte deines Mütterlichen
auch verspielt ist?«
    Robert konnte das letzte Wort seines Vaters nicht mehr hören. Er hatte die
Kruckenstube bereits verlassen.
    Graf Egge sah die Tür an, als erschiene ihm dieser Abschied nicht völlig
glaubhaft; aber die Tür blieb geschlossen, und draussen im Flur verhallte Roberts
Schritt. Die Tablette mit den Rubinen zitterte in Graf Egges Händen; er legte
sie in den Schrank zurück, stiess die Lade zu und lauschte gegen die Tür.
»Richtig, er geht!« Ein paarmal wanderte er, mit den Fäusten hinter dem Rücken,
in der Stube auf und ab, blieb vor dem eisernen Schranke stehen und brummte:
»Das war zu grob von mir!« Er ging zur Tür und rief in den Flur hinaus: »Fritz!
Papier und Tinte!«
    Mit fahrigen Kritzelzeichen schrieb er den Auftrag zur »Ausfolgung von 300
000 (mit Worten: dreimalhunderttausend) Mark an Robert Graf Egge-Sennefeld« -
und siegelte den Brief.
    »Fritz, lass einspannen! Fahr mit diesem Brief zur Bahn! Er soll mit dem
nächsten Zug abgehen, express!«
    »Sofort, Erlaucht! Soll Moser bei Tisch servieren?«
    »Lass mich in Ruh'! Mich hungert nicht!« Graf Egge ging in den Flur, nahm Hut
und Büchse, schulterte den Bergstock und trat auf die Veranda. »Komm, Schipper!
Flink! Ich will den Horst heut noch sehen. Ich muss!«
    Während sie Seite an Seite durch die Ulmenallee davonwanderten, begann der
Büchsenspanner seinen ausführlichen Bericht über die Lage des Horstes, den die
Adler so geschützt und sicher in die unwegsame Felswand eingebaut hatten, dass
Graf Egge sich wohl oder übel mit dem Abschuss des alten Paares begnügen müsste,
da das Ausheben der Jungen ein Ding der Unmöglichkeit wäre.
    »Unmöglich?« Graf Egge lachte. »Der Horst soll liegen, wie er mag. Ich muss
hinauf!«
    Sie verliessen den Park und hörten den dumpfen Klatsch nicht mehr, der sich
hinter ihnen vernehmen liess.
    Im Adlerkäfig war der kranke Raubvogel von der Stange gefallen.
 
                                       15
Den reinen Himmel und die noch halb mit Schnee bedeckten Felszinnen in
leuchtenden Schimmer tauchend, sank die Sonne hinter die Berge, als Graf Egge,
vom fünfstündigen Marsch erschöpft, mit Schipper die »Hangende Wand« erreichte.
    Sie verdiente mit Recht ihren Namen; breit und massig stieg sie aus dem mit
Zirbelkiefern durchsetzten Latschenfeld bis zu einer Höhe von etwa
hundertzwanzig Meter empor, im Anstieg die kahlen Steinplatten nach auswärts
wölbend, so dass die Kuppe der Felswand über ihren Fuss hinausragte.
    »So, Herr Graf, jetzt suchen S' amal den Horst!«
    Graf Egge setzte sich auf einen Steinblock, schob den Hut in den Nacken und
spähte gegen die Höhe der Felsen. Eine stumme Weile verrann; endlich schüttelte
er ungeduldig den Kopf. »Zeig' ihn mir!«
    »Hab ich's net gsagt? Wenn ich net zufällig den Adler einistreichen sieh,
wird der Horst seiner Lebtag net gfunden. Schauen S' auffi, Herr Graf! Schier in
der Mitten von der Wand, sechzg oder siebzg Meter in der Höh, da hängt a grüns
Fleckl. Sehen Sie's?«
    »Richtig!«
    »Und unten dran? Sehen S' den kurzen grauen Strich?«
    »Stimmt!«
    »Dös is der Horst!« Schipper reichte seinem Herrn das Fernrohr.
    Kaum hatte Graf Egge seinen Blick durch das Glas geworfen, als er in
Erregung aufsprang. »Richtig, der Horst! Und mit zwei Jungen! Ich habe die
weissen Köpfe gesehen!« Er schob das Fernrohr zusammen und spähte zur Höhe. Je
länger er die Wand betrachtete, desto länger wurde sein Gesicht. »Ja, Schipper!
Da spuckt's mit dem Ausheben. Aber ich muss hinauf! Und wenn es um den Hals
geht!«
    Den Weg zum Horst mit einer Klettertour über die Felsen zu suchen - dieses
Mittel überlegte Graf Egge gar nicht. Bei dem überhängenden Bau der Wand war die
Möglichkeit, den Horst klimmend zu erreichen, völlig ausgeschlossen. Also von
oben nach unten? Am Seil? So hatte Graf Egge schon drei Horste ausgehoben.
Freilich, da hatte das Seil immer nur den Zweck gehabt, ihn beim Einstieg in die
Wand vor dem Sturz zu sichern. Aber hier? Wenn er sich, auf einem Prügel
reitend, am Tau von der überhängenden Kuppe niederseilen liesse, würde er frei in
der Luft schweben, ein Dutzend Meter vom Horst entfernt. Würde es ihm gelingen,
sich so in Schwung zu setzen, dass er das Astwerk des Horstes mit den Händen
erfassen und festen Fuss im Felsloch gewinnen könnte? Würde das Seil, auch
doppelt genommen, die Reibung dieses langen Geschaukels ertragen?
    Zu jedem neuen Gedanken schüttelte Graf Egge den Kopf. Er nahm den Hut ab,
kraute sich in nervöser Unruhe hinter den Ohren, begann wieder zu überlegen und
sagte schliesslich: »Da bleibt nur ein einziger Weg. Die Leiter!«
    Schipper musste lachen. »Aber Herr Graf! Siebzg Meter Leitern! Dös kann doch
net Ihr Ernst sein? So an Einfall!«
    Graf Egge wurde dunkelrot im Gesicht. »Die Verantwortung über meine Einfälle
überlass du mir! Pack' zusammen und spring hinunter ins Dorf. -«
    Er konnte nicht weitersprechen; Schipper hatte ihn am Arm gefasst und in das
dichte Gezweig eines Latschenbusches zurückgerissen. »Der Adler kommt!«
    Gleich einem huschenden Schatten, mit regungslos ausgebreiteten Schwingen,
kam der riesige Vogel hoch in den schimmernden Lüften über das Almental
einhergeschossen, einen schwarzen Klumpen in den Fängen. Über der Felswand
machte er eine Schwenkung. Einen Augenblick leuchtete, von der Sonne beschienen,
sein Gefieder gleich mattem Gold. Dann stürzte er wie ein Pfeil aus den Lüften
und verschwand im Horst. Keuchend tappte Graf Egge nach seiner Büchse. Doch
bevor er die Hähne spannen und die Waffe heben konnte, hatte sich der Adler
schon aus dem Horst geschwungen, warf sich mit sausendem Fall über die Felswand
herunter, huschte zwischen den Zirbelkiefern dicht über die Latschen weg und hob
sich ausser Schussweite in die Lüfte.
    Bleich vor Erregung sah Graf Egge dem entschwindenden Vogel nach. »Wart,
Brüderl! Wir wachsen noch zamm miteinander! Z'erst die Alten und dann die
Jungen! Alles schön der Ordnung nach!« Er wandte sich an den Jäger. »Flink!
Hinunter ins Ort! Zum Zimmermann! Er soll zusammentrommeln, was sich auf
Zimmermannsarbeit versteht. Vier Leitern will ich haben, jede von zwanzig Meter
Länge, die erste fest und schwer, die anderen immer leichter. Die Stangen aus
grünem Fichtenholz und die Sprossen von Eschen. Die Enden der Stangen sollen mit
einem Falz ineinanderpassen und eiserne Seitenschienen bekommen, an denen man
sie hier oben miteinander verschrauben kann. Verstehst du, wie ich es meine?«
    »Jawohl, Herr Graf!«
    »In acht Tagen will ich die Leitern haben. Man soll noch heut mit der Arbeit
beginnen und Tag und Nacht durcharbeiten. Du bleibe dabei und überwache das
Holz, das sie nehmen. An dem Holz, Schipper, hängt mein Hals.«
    Schipper machte sich wegfertig. »Alles wird pünktlich bsorgt, Herr Graf. Und
Weidmanns Heil! Hoffentlich kriegen S' die Alten alle zwei!« Er sprang davon.
    Graf Egge wählte für die kommenden Tage, die der Beobachtung der beiden
»Alten« gelten sollten, in den Latschen ein Versteck, das ihn gut verbarg und
ihm doch bequemen Ausblick nach allen Seiten gewährte. Dann trat er den Weg zu
der eine Stunde entfernten Dippelhütte an.
    In der Nähe des Jagdhauses traf er in der grauen Dämmerung mit Franzl
zusammen, der kleinlaut meldete, dass er den Horst noch immer nicht gefunden
hätte.
    »Du blinder Hess!« brummte Graf Egge. »Wenn ich auf dich allein angewiesen
wäre, hätt' ich das Nachsehen. Den Horst hat der Schipper gefunden.«
    Franzl schwieg; aber er schluckte hörbar, als hätte er im Hals einen Bissen
stecken, der nicht hinunter wollte.
    »Koch' mir den Schmarren,« sagte Graf Egge, als er in die Hütte trat, »ich
bin zu müd, um mich selber an den Herd zu stellen. Weiss der Teufel, was das ist!
Sonst hat mich eine siebzehnstündige Sommerpirsch nicht müd gemacht. Jetzt
robelt mir ein Katzensprung alle Knochen im Leib durcheinander.«
    Am anderen Morgen, gegen drei Uhr, weckte Franzl seinen Herrn. -
    Sechs Tage vergingen. Die Auerhähne, deren Balz schon dem Ende zuneigte,
waren für Graf Egge eine erloschene Sache. Nur noch die Adler lebten für ihn.
Täglich sah er die beiden Alten beim Aus- und Einflug, studierte ihre
Gewohnheiten und ermittelte den Platz, von dem der Schuss am sichersten gelingen
musste. Fallen durften die zwei Adler erst an dem Tag, bevor man die Leitern
brachte. Wären die Alten auf der Strecke, und ginge das Ausnehmen nicht glatt
vonstatten, so würden die Jungen vor Hunger eingehen, ehe Graf Egge sie am
Kragen fassen und aus dem Horst herauslupfen konnte.
    Von diesem vierzehnstündigen Sitzen und Lauern, Tag für Tag, waren Graf
Egges Kräfte und Glieder so zerrieben, dass er gegen Abend des sechsten Tages die
Hütte kaum noch zu erreichen vermochte. Weil er wusste, dass ihm die fiebernde
Erregung keinen Schlummer vergönnen würde, nahm er einen festen Löffel voll
Schlafpulver. Und da lag er von fünf Uhr abends an auf dem gleichen
Matratzenfleck, unbeweglich wie ein Bleiklumpen.
    Jetzt kam der grosse Morgen. Franzl, wieder gegen die dritte Frühstunde,
weckte den Grafen und vermochte ihn kaum wach zu bekommen. Endlich gelang es.
Und Graf Egge sprang aus dem Bett, als hätte der zehnstündige Schlaf auch die
letzte Spur der schweren Ermüdung von seinen Knochen gelöst. Aus seinem ersten
Worte sprach schon die brennende Spannung, die der Gedanke an die bevorstehende
Jagd in ihm entzündete. Während er das Frühstück hinunterschlang, gab er dem
Jäger die Weisung: »Ich bleib allein. Zwei können nicht so ruhig sein wie einer.
Dass du mir heut den ganzen Tag nicht in die Nähe der Hangenden Wand kommst! Lass
dich auch sowenig als möglich auf den Almen blicken, damit du mir die Adler
nicht vergrämst, wenn sie zustreichen. Geh lieber hinunter in den Wald und sieh
nach den Auerhähnen. Wenn sie noch leidlich balzen, hol' ich mir ein paar,
sobald ich den Horst geräumt habe.« Noch am letzten Bissen kauend, hob er den
mit Proviant gefüllten Bergsack auf den Rücken, nahm die Büchse und eilte aus
der Stube. Für diesen wichtigen Tag war ihm jede nötige Vorsicht so fest ins
Blut gegossen, dass er bei aller Hast auch ohne Beule durch die Dippeltür kam.
    Franzl, der ihm nachsah, seufzte beklommen vor sich hin: »Unser gütiger
Herrgott soll's geben, dass er s' kriegt, alle zwei. Sonst macht der Zorn aus ihm
an Igel, den man nimmer angreifen kann!«
    Die Sterne wollten schon verlöschen, als Franzl die Hütte verliess. Im
Laufschritt umkreiste er das weite Almfeld, um vor dem ersten Morgengrauen den
tiefer liegenden Bergwald zu erreichen. Auf dem offenen Gehänge hoben sich schon
die grauen Steine erkennbar aus dem finsteren Rasen, doch im Walde, zwischen den
hohen Fichten, lag noch tiefe Nacht. Ein Käuzl huschte mit klagendem Schrei über
die Bäume, in deren schwarzem Schatten Franzl den Weg zu den Balzplätzen suchte.
Allmählich begann es im Walde grau zu werden, durch eine Lücke der Bäume
schimmerte schon ein lichter Streif des östlichen Himmels, und bald vernahm der
Jäger in der Morgenstille den klippenden Balzgesang des ersten Hahnes. Nicht
weit davon balzten zwei andere Hähne. Im Bogen umging der Jäger den Platz, um
die verliebten Sänger nicht zu stören, und wanderte, bis er bei vollem Erwachen
der Morgendämmerung das Herz des Hahnenreviers erreichte.
    Am Saum einer kleinen Blösse, die mit jungen Lärchen und dichten
Heidelbeerbüschen bewachsen war, liess Franzl sich zu Füssen einer alten Fichte
nieder, legte die Büchse über den Schoss und lauschte. Fünf Hähne sangen mit
heissem Eifer um ihn her, und in das Quintett dieses seltsamen Minneliedes
mischte sich der Schlag und das Gezwitscher der erwachenden Drosseln und Meisen.
Mit rosigem Schimmer fiel der Morgen über den Wald, eine ferne Felswand
leuchtete wie reines Gold, und farbige Bänder schwammen über den Himmel hin.
Bald zuckten, wie brennende Pfeile, die ersten Strahlen der Sonne über die
Wipfel, in tausend Tautropfen begann ein blitzendes Gefunkel, und als hätte der
erwachende Wald tief aufgeatmet, so strich mit sachtem Hauch der Morgenwind
durch die Bäume.
    Unbeweglich sah Franzl ringsumher, und die wundersame Schönheit dieses
Frühlingsmorgens schlich ihm wie ein erquickender Trost in das müde, bedrückte
Herz. Ein Gefühl hoffender Lebensfreude erwachte in ihm, er presste die Fäuste
auf die Brust, als würden ihm plötzlich alle Rippen zu eng - und dabei musste er
an Graf Egge denken, der jetzt geduckt und fröstelnd zwischen den feuchten
Latschen sass und für nichts anderes Sinn und Auge hatte als für den Horst in der
Wand.
    »Meiner Seel, ich möcht net tauschen!«
    Breit flutete ein goldiges Sonnenband über die Blösse und rückte immer
weiter, bis es den Jäger erreichte. Mit schwirrendem Flügelschlag fielen drei
Auerhennen in das Heidekraut, und immer neue strichen aus dem Wald hervor, als
hätte sich hier die ganze Weiblichkeit des Hahnenreviers zum Frühstück
Stelldichein gegeben. Der Balzgesang der Hähne, der schon ausgesetzt hatte,
begann von neuem. Die Stimmen der jüngeren Hähne wurden übertönt von dem
hitzigen Gesang des alten Platzhahnes. Nahe dem Jäger sass er auf einer Buche und
gaukelte bei seinem Lied auf dem dürren Aste hin und her. Plötzlich schwang er
sich in das Heidekraut und tanzte mit gefächertem Stoss und zitternden Schwingen
zwischen den leise glucksenden Hennen seinen Hochzeitsreigen. Lautlos kamen die
jüngeren Hähne der Reihe nach zugeflogen, die einen, um unter dem eifersüchtigen
Zorn des gestrengen Platzherrn einen Teil ihrer Federn zu lassen, die anderen,
um sich verstohlen zu den Hennen zu gesellen, die sich aus der Nähe des alten
Hahnes verloren. Lächelnd sah Franzl diesem lustigen Minnetreiben des Waldes zu.
»Alles liebt in der Welt, jeds Manndl hat sei' Freud am Weiberl! Kruzitürken!
Wenn ich's nur auch so gut haben könnt!« Er seufzte. »Was wird jetzt d' Mali
machen im Unterland?«
    Er schlang die Arme um das Knie und träumte in den erwachenden Tag hinein.
Die Bilder, die vor seinem sehnsüchtigen Herzen gaukelten, waren freilich
himmelweit verschieden von der Wirklichkeit. In ihres Bruders Haus lag Mali auf
den Knien vor dem Bettchen des kranken Dirnleins, das in Schmerzen um sein
erlöschendes Leben kämpfte - und Franzls Träume sahen das Mädel weit draussen »im
Unterland«, wie es in der Morgensonne unter der Haustür stand und gegen Süden
blickte, wo die Berge der Heimat blauten.
    Er schloss die Augen und lehnte den Kopf an den Stamm der Fichte. Mit linder
Wärme umschmeichelte ihm die Frühlingssonne das Gesicht, und ohne dass er es
merkte, holte sich der in der Nacht versäumte Schlummer sein gesundes Recht.
    Eine Stunde hatte er geschlafen, als ihn der Hall eines Schusses weckte. Das
Echo kam von der Hangenden Wand.
    »Jetzt hat er an Adler! Gott sei Dank!«
    Mit lärmendem Geflatter hob sich das Auerwild aus dem Heidekraut, als Franzl
die Blösse überschritt.
    Rastlos stieg er bis zum Abend im Wald umher und hörte, als schon die
Dämmerung einbrach, wieder einen Schuss von der Hangenden Wand.
    »Mein heiliger Schutzengel, jetzt kriegst a Kerzl, jetzt hat er alle zwei,
jetzt kommen gute Zeiten!«
    Er lachte, schrie einen Jauchzer in den glühenden Abend hinaus und fing zu
rennen an.
    Bei sinkender Nacht erreichte er die Dippelhütte, in deren Herrenstube die
Lampe brannte. An dem hölzernen Nagel neben der Hüttentür hing ein Adler. Nur
einer? Franzl guckte und guckte, ohne den zweiten zu finden.
    Graf Egge lag auf dem Bett, als Franzl in die Stube trat.
    »Ich gratulier, gnädiger Herr! Hab 's Manndl schon hängen sehen draussen. Wo
is denn der ander?«
    Mühsam, als wären ihm alle Gelenke erstarrt, richtete Graf Egge sich auf und
brummte: »Das Weibchen hab' ich am Abend gefehlt. Geflucht hab' ich wie ein
Türk'. Aber das ist gegangen wie der Blitz: hinein in den Horst und wieder
davon. Schon nachmittags um zwei Uhr hab' ich gemeint, ich halt das Stillsitzen
nimmer aus, immer mit der Büchs im Anschlag. Mit Gewalt hab' ich's erzwungen -
und richtig, wie der Adler absegelt vom Horst, sind mir alle Knochen so steif
gewesen, dass ich mit dem Schuss zu kurz gekommen bin. Und jetzt bin ich wie
zerschlagen am ganzen Leib! Komm her und zieh mir die Hos herunter. Dann mach'
die Lampe aus! Gegessen hab' ich schon.« Er liess die Füsse schwer vom Bett fallen
und drückte stöhnend die Hand an den Hinterkopf.
    »Soll ich net an kalten Umschlag bringen?«
    »Lass mich in Ruh'!« Mit krumm gezogenem Rücken schob Graf Egge sich unter
die wollene Decke. »Na, ich hoff', die Geschichte morgen wird mir das verstockte
Blut wieder aufmischen!«
    Der Jäger drehte die Lampe ab und verliess die Stube.
    Früh am Morgen brachte Schipper die Meldung: »Alles in Ordnung! Bis in zwei
Stund kommen d' Leut und bringen, was der Herr Graf bstellt haben!«
    In erregter Hast wurde das Frühstück genommen und - nach Erzeugung eines
neuen Dippels auf Graf Egges Stirn - der Weg zur Hangenden Wand angetreten.
Schipper ging neben seinem Herrn und sah ein paarmal spöttisch auf Franzl
zurück, der hinten nachtraben durfte. Als sie das weite Almfeld überschritten
hatten und den Fuss der Felswand erreichten, hörten sie schon das Geschrei der
Leute, die durch den Wald heraufkamen. Sechzehn Holzknechte trugen die vier
mächtigen Leitern, vier andere schleppten sich mit dicken Seilrollen.
    »Was schreit ihr denn wie die Jochgeier? Hier wird das Maul gehalten!« rief
ihnen Graf Egge entgegen.
    Die Leute bekamen rote Köpfe, aber sie sprachen kein Wort mehr.
    Mit erschrockenen Augen betrachtete Franzl die Leitern, sah prüfend an der
hohen Wand hinauf und schüttelte den Kopf.
    Graf Egge hatte den Hut in den Nacken zurückgeschoben, denn die Beule des
Morgens brannte unter dem Schweissband. Er stellte die Büchse an einen Baum, zog
die Joppe aus und übernahm das Kommando.
    In gerader Linie unter dem Horst, senkrecht zur Felswand, wurden die vier
Leitern auf dem Latschenfeld der Länge nach aneinandergelegt. Die Enden der
Stangen wurden zusammengefalzt und mit den eisernen, die Fugen stützenden
Schienen fest verschraubt, so dass die vier Stücke zu einer einzigen riesigen
Leiter verbunden waren. Während Franzl, dem die Sache nicht geheuer erschien, an
der Leiter entlang ging und die Stangen, jede Sprosse und alle Verschraubungen
einer peinlichen Prüfung unterzog, stiegen zwölf Holzknechte mit Seilen auf
einem Umweg zur Zinne der Felswand empor. Eine Stunde verging, bis sie auf dem
überhängenden Grat als winzige Figürchen erschienen. Von zwei Stellen, zur
Rechten und zur Linken des Horstes, wurden die Seile niedergelassen. Wie
endlose, sich unruhig bewegende Schlangen kamen sie durch die Luft
herabgekrochen. Aus dem Horste rieselte weisslicher Staub über die Felsen, und
die jungen Adler begannen zu schreien.
    »Aha, mir scheint, die merken schon, dass die Gschicht um ihren Kragen geht!«
sagte Schipper mit Gelächter.
    Die Seile erreichten den Boden, und mit einem Dutzend fester Knoten wickelte
Franzl sie um das obere Ende der Leiter. Mit Pflöcken und Seilen wurde der Fuss
der Leiter festgelegt, so dass er nicht mehr von der Stelle rücken konnte. Dann
rief Graf Egge durch die hohlen Hände das Kommando zur Höhe: »Auf!«
    Die Seile spannten sich, und langsam begann der Kopf der Leiter sich zu
heben. Von der Höhe der Felswand klangen die eintönigen Rufe herab, mit denen
die Holzknechte jeden Zug und Ruck begleiteten. Immer höher schwankte die
Leiter, deren schwere Stangen sich ächzend bogen wie dünne Gerten. »Herr Graf,«
stammelte Franzl, »die langen Hölzer haben an unsinniges Gwicht. Passen S' auf,
Herr, d' Leitern halten den Druck net aus!«
    »Wart' es ab!« murrte Graf Egge. »Und wenn die da brechen, lass ich andere
machen. Ich muss hinauf!« Mit gespanntem Blick verfolgte er die Bewegung der
riesigen Leiter, die sich fast schon zu einem Halbkreis gebogen hatte. Doch die
Stangen hielten aus, langsam begannen sie sich wieder zu strecken, und bald war
das Ende der Leiter schon so hoch gestiegen, dass der oberste Teil so winzig und
zierlich anzusehen war wie ein Kinderspielzeug. Nun standen die Stangen
senkrecht und neigten sich, als die Seile nachgelassen wurden, schwankend gegen
die Felswand. Dicht unter dem Horste legte sich die letzte Sprosse an das
Gestein.
    »Gott sei Dank! Diesmal hab ich's aber gnau troffen!« jubelte Graf Egge, dem
vor ungeduldiger Erwartung die Hände zitterten. Die »Geschichte« schien ihm
wirklich das »verstockte Blut aufzumischen«. Es war an ihm keine Spur mehr von
der Erschöpfung der letzten Tage zu bemerken. Die Erregung schien seinen Körper
verjüngt zu haben, und als er jetzt die Hemdärmel bis zu den Schultern
aufstülpte, schwollen ihm die Adern und Sehnen wie dicke Striemen aus dem
hageren Fleisch der Arme.
    In der Mitte der Leiter hatte man, bevor sie aufgezogen wurde, zwei lange
Seile befestigt; man spannte sie nach rechts und links, so dass die Leiter, in
ihrer Lage festgehalten, nicht mehr seitwärts ausweichen und nicht stürzen
konnte.
    »Fertig!« sagte Graf Egge, band sich die Leine um den Leib, mit der er die
jungen Adler fesseln und vom Horste herunterlassen wollte, und trat zur Leiter.
    Da fasste ihn Franzl am Arm. »Ich bitt, Herr Graf! Die Sach gfallt mir net.
Und wenn S' schon glauben, es muss sein, lassen S' lieber mich naufsteigen!«
    Lachend musterte Graf Egge den Jäger. »Du bist wohl verrückt? Soll ich
heiraten, damit du die Kinder kriegst? Seit einem halben Jahr wart ich auf
diesen Tag, und jetzt soll ich die Freude dir lassen?«
    »Freud? Aber Herr Graf! Lassen S' Ihnen doch im guten zureden! Wenn S' die
Adler schon lebendig haben müssen, ich hol s' Ihnen runter. Wenn's schief geht,
was liegt an mir? Ich bin der Jager und a lediger Mensch. Sie sind der Herr Graf
und haben Leut, die Ihnen brauchen.«
    »Aber, Franzl, hör amal auf mit dem Weibsbildergred!« fiel Schipper ein.
»Wenn du Angst hast - der Herr Graf hat keine!«
    Franzl wandte sich wortlos ab; doch als er seinen Herrn den Fuss auf die
erste Sprosse stellen sah, streckte er wieder die Hände nach ihm. »Sind S'
gscheit, Herr Graf! Lassen S' Ihnen wenigstens anseilen! Die Leiter muss ja
schauderhaft schwanken unter Ihrem Gwicht. Sie wirft Ihnen naus in d' Luft wie
nix. Lassen S' Ihnen doch anseilen!«
    »Meinetwegen! Damit ich endlich Ruh' habe!« brummte Graf Egge und rief in
die Höhe: »Seil herunter!«
    
    Mit einer sicher geknoteten Doppelschlinge legte Franzl das Tau, das über
die Felsen herunterkam, um die Brust seines Herrn. dabei erwachte in ihm eine
neue Sorge. »Wenn nur der ander Adler net kommt! Die Jungen schreien, dass er's
hören muss, wenn er in der Näh is!«
    »Soll nur kommen!« Lachend fühlte Graf Egge an die Messertasche. »Dann mach'
ich es ihm wie dem vor sieben Jahren und stoss ihm den Gnicker in den Hals, wenn
er auf mich hasst! - Also! Fertig!« Er spuckte in die Hände und griff nach der
Leiter. »Halt! Jetzt hätt' ich fast vergessen -« Langsam kniete er auf den Boden
hin und sprach mit lauter Stimme ein Vaterunser. »Und jetzt hinauf!«
    Während Graf Egge mit vorsichtiger Ruhe, um die Leiter nicht schwanken zu
machen, langsam emporzusteigen begann, rannte Franzl eine Strecke von der
Felswand zurück und rief in die Höhe: »Leut da droben! Aufpassen jetzt!
Aufpassen! 's Seil darf kein' Augenblick net locker hängen! Sooft ich den Hut
schwenk, muss langsam angezogen werden! Habt's verstanden?«
    »Jaaa!« klang von oben die Antwort herunter.
    Dann Stille. Schipper stand mit zwei Holzknechten beim Fuss der Leiter.
Franzl liess keinen Blick von seinem Herrn und regulierte durch die Zeichen, die
er mit dem Hut machte, die Spannung des Notseils. Je drei Holzknechte zogen zur
Rechten und Linken die in der Mitte der Leiter festgemachten Taue an, um das
Schwanken der Stangen zu verhindern. Aber das wollte ihnen nicht gelingen. Je
höher Graf Egge stieg, desto heftiger schaukelte die Leiter, so dass ihr Ende
lose an der Felswand hin und her zu klatschen begann.
    Bei diesem Anblick verlor Franzl die Ruhe wieder und rief in Sorge: »Es geht
net, Herr Graf! Kehren S' um, sag ich! Kehren S' um!«
    Graf Egge machte ein abwehrendes Zeichen mit der Hand und hing dann
regungslos an die Sprossen geklammert, bis die Stangen wieder in Ruhe kamen. Nun
stieg er weiter. Je mehr er sich der Mitte der Leiter näherte, desto mehr
verstärkte sich die pendelnde Bewegung; die Leiter ging auf und nieder wie eine
sausende Schaukel, und die Enden der Stangen schlugen so weit von der Felswand
zurück, dass die Leiter im Aufschwung beinahe senkrecht zu stehen kam. Mit aller
Kraft musste Graf Egge sich an die Sprossen klammern, um nicht in die Luft
geworfen zu werden.
    Bleich wie eine Mauer, stammelte Franzl: »Um Gotts willen! Dös is ja nimmer
Kuraschi, dös is Übermut.« Mit gellender Stimme schrie er: »Herr Graf! Kehren S'
um! Hören S' mich net? Kreuzteufel, jetz fang ich an, wild z' werden! Runter,
Herr Graf! Auf der Stell gehen S' runter! Und wenn S' schon nimmer an Ihnen
selber denken, so denken S' an Ihnere Kinder! Kehren S' um, Herr Graf! Kehren S'
um!«
    Graf Egge hörte nicht.
    »Recht hat er, der Franzl!« brummte einer von den Holzknechten am Fuss der
Leiter. »Dös heisst Gott versuchen!«
    Graf Egge hing regungslos an die schwingende Leiter geklammert und drückte,
um nicht vom Schwindel befallen zu werden, das Gesicht in die Arme. Dann stieg
er wieder, hielt abermals inne, kletterte von neuem - und endlich konnte
Schipper spöttisch über die Schulter zu Franzl zurückrufen: »No also, Herr von
Angstmeier, jetzt is er ja droben! Hätt er dir gfolgt, so könnt er sich jetzt
auslachen lassen vom ganzen Ort.«
    Franzl erwiderte keine Silbe.
    Da schollen laute Rufe von der Zinne der Felswand, ein Schatten huschte über
die Latschen, und wie ein aus den Lüften fallender Keil stiess das Adlerweibchen
auf Graf Egge nieder. Schipper und die Holzknechte schrien wirr durcheinander;
sie sahen, wie Graf Egge zur Abwehr den Arm erhob, und sahen das Aufblitzen des
Messers. Der Stich ging fehl. Mit einem weissen Leinwandfetzen in den Klauen
machte der Adler eine Schwenkung und wollte den Stoss wiederholen. Da krachte
inmitten des kreischenden Stimmenlärms ein Schuss - und während unter dem Rollen
des Echos der Adler als lebloser Klumpen zu Boden stürzte, liess Franzl, dessen
Gesicht so weiss war wie Kalk, die rauchende Büchse sinken. Die Holzknechte
jauchzten, und während Schipper wortlos mit den Augen zwinkerte, klang vom Horst
herunter die Stimme Graf Egge: »Bravo, Hornegger! Das hat geklappt!«
    Franzl atmete auf; er hörte aus diesen Worten nichts anderes, als dass sein
Herr ohne Schaden davongekommen war.
    Die Leute wollten nicht wieder schweigen; alle schwatzten und schrien
durcheinander, während sie gespannt jede Bewegung Graf Egges verfolgten. Niemand
dachte mehr an eine Gefahr; das Ausnehmen der Jungen war nun ein Kinderspiel -
und hatte die Leiter beim Aufstieg ausgehalten, so hielt sie wohl auch beim
Abstieg fest.
    Franzl stand schweigend abseits und gab den Leuten auf der Zinne mit seinem
Hut die Zeichen. Da sah er, dass Graf Egge, der auf den letzten Sprossen der
ruhig gewordenen Leiter stand, mit dem Arm umhertastete, als käme er nicht mehr
weiter.
    »Was is denn, Herr Graf?«
    »Der Horst hängt über!« klang die Antwort herunter. »Ich finde keinen Weg in
das Steinloch.« Dann gleich wieder folgten die Worte: »Ja, es geht! Jetzt hab'
ich einen Schlupf.«
    Unten sahen sie, wie Graf Egge mit beiden Händen in jenen kleinen grauen
Strich hineingriff - in das wirr verschlungene Astwerk des Horstes. Da rieselte
weisslicher Staub in dicker Menge über die Felsen nieder, und während im Horst
die jungen Adler schrien, als wären sie lebendig an den Spiess gesteckt, zog Graf
Egge hastig den Kopf zurück und griff nach seinem Gesicht.
    »Um Gotts willen, Herr Graf,« schrie Franzl, »was haben S' denn?«
    Keine Antwort kam; unten sahen sie nur, dass Graf Egge sich mit den Händen an
seinen Augen zu schaffen machte.
    »Herr Graf! Herr Graf! Ums Himmels willen, so geben S' doch an!«
    Wieder keine Antwort; doch mit tastenden Füssen, den einen Arm über die Augen
gedrückt, begann Graf Egge langsam über die Sprossen herunterzusteigen. Die
Leute am Fuss der Leiter waren stumm geworden und starrten betroffen in die Höhe.
    Franzl, dem eine dunkle Angst die Kehle zuschnürte, rief mit heiserer Stimme
den Leuten in der Höhe die Weisung zu, dass sie das Notseil vorsichtig nachlassen
sollten, immer in Fühlung mit dem Körper, an dem es befestigt war.
    Schneller und schneller glitt Graf Egge über die Sprossen nieder, ohne
darauf zu achten, dass die Leiter immer heftiger zu schaukeln begann. Er hatte
die Hälfte der Sprossen noch nicht zurückgelegt, da krachten plötzlich die
Stangen und splitterten entzwei wie spröde Glasstäbe. Ein Schrei von allen
Lippen, und während die Stücke der gebrochenen Leiter gegen die Felswand
schlugen, baumelte Graf Egge am Seil. Noch immer hielt er mit der einen Hand die
Augen bedeckt; mit der anderen tastete er über seinem Kopfe nach dem Tau, das
sich im langsamen Niedersenken mit dem schwebenden Körper immer rascher zu
drehen begann.
    Unter wirrem Geschrei streckten sich zwanzig Hände nach Graf Egge; bevor er
noch mit den Füssen die Erde berührte, fing ihn Franzl mit beiden Armen auf und
führte den Taumelnden, den Schipper mit einem Messerschnitt vom Seil gelöst
hatte, zu einem Steinblock. Der Griff des Adlers hatte dem Grafen das Hemd vom
Nacken bis zum Gürtel entzweigerissen, über den halb entblössten Rücken zogen
sich zwei bläuliche Striemen, die das Tau in die Haut gedrückt hatte, und Haar,
Gesicht und Schultern waren von weisslichem Unrat bedeckt.
    »Wasser! Lauf einer nach Wasser!« keuchte Graf Egge, während er mit
zuckenden Händen an den Augen rieb. »Wie ich am Horst in die Prügel gegriffen
habe, ist mir ein ganzer Karren voll Adlermist ins Gesicht gefallen! Das Zeug
brennt wie Feuer!« Er stöhnte vor Schmerz. »Wasser! Wasser!«
    Schipper und ein paar Holzknechte waren schon zu dem in der Talsohle
rinnenden Wildbach gerannt, um mit ihren Hüten Wasser zu schöpfen.
    Franzl zog seinem Herrn die Hände vom Gesicht und stammelte: »Tun S' doch um
Gotts willen net allweil reiben, Herr Graf. Dös is schlechter als alles! Und 's
Wasser kommt ja gleich!«
    Graf Egge versuchte aufzublicken. Er konnte die Augen nicht öffnen. »Bist
du's, Franzl? Ich dank dir für das Seil und für den prächtigen Schuss!«
    »Nix zu danken, Herr Graf! Aber meiner Seel, a zweitsmal möcht ich den Schuss
nimmer machen! Die Kugel muss keine drei Schuh neben Ihnen vorbeigeflogen sein!
Wie ich dös fertigbracht hab, weiss der liebe Herrgott - ich net! Grad froh
müssen wir sein, dass die Sach so glimpflich abgangen is. Gegen den Wehdam in
Ihre Augen wird ja 's kalte Wasser hoffentlich helfen. Da kommen d' Leut schon
mit die ganzen Hüt voll!«
    »Schnell! Nur schnell!« stöhnte Graf Egge. »Ich halt es nimmer aus vor
Schmerz!«
    Hastig zerrte Franzl das Taschentuch aus Graf Egges Joppe, tauchte es in den
ersten triefenden Hut, der ihm geboten wurde, und wusch seinem Herrn den weissen
Unrat vom Gesicht. Aber der brennende Schmerz in Graf Egges Augen wollte sich
nicht kühlen und stillen lassen. Die Augenränder entzündeten sich, und die Lider
schwollen zu dicken, roten Wülsten an, die sich nicht mehr bewegen liessen.
    »Führt mich in die Hütte!« stiess Graf Egge zwischen den
übereinandergebissenen Zähnen hervor. »Und einer soll nach dem Doktor laufen!«
    »Nix, Herr Graf, jetzt is's aus mit der Hütten! Jetzt müssen S' heim!«
erklärte Franzl mit bebender Stimme. »Bis man den alten Herrn Doktor da
auffibringt, dös tät bis morgen in der Fruh dauern! Ihnen muss heut noch gholfen
werden« Er wandte sich an die Holzknechte. »Du, Kasper, spring voraus und schau,
dass gleich a Schiffl und der Dokter bei der Hand is! Du, Sepp, nimm dem Herrn
Grafen sei' Büchs und die meinig! Und die andern sollen Ordnung machen bei der
Wand!« Er schlang Graf Egges Arm unter den seinen. »Kommen S', Herr Graf, lassen
S' Ihnen führen! Ich bring Ihnen schon nunter. Da fehlt nix.«
    »Ja, der Franzl hat recht!« fiel Schipper ein. »Geben S' her, Herr Graf, ich
pack den andern Arm!«
    »Du! Rühr mich nicht an!« keuchte Graf Egge und sprang auf. »Den Horst hast
du gefunden! Wie damals den abnormen Bock. Fort von mir!« Stöhnen griff er nach
seinen Augen. »Führ' mich, Franzl!«
    »Ja, Herr Graf, kommen S'! Und passen S' auf, da liegt a Trumm Stein im
Weg.«
    Trotz dieser Warnung stolperte Graf Egge, und Franzl hatte Mühe, ihn
aufrecht zu erhalten.
    Schipper sah den beiden mit kleinen Augen nach; dann zuckte er die Achseln,
suchte den Adler aus den Latschen hervor, riss ihm die beiden schönsten
Flaumfedern aus und steckte sie auf seinen Hut. Ein Holzknecht bot ihm zwanzig
Mark dafür. Um dreissig wollte Schipper sie geben. Das war dem Knecht zuviel.
    Während die Leute unter endlosem Geschwatz bei der Wand die Arbeit begannen,
eilte Sepp mit den beiden Gewehren davon. Am Waldsaum holte er Franzl und den
Grafen ein; sie standen am Bach; Franzl tauchte das Tuch ins Wasser und band es
seinem Herrn über die Augen; dann nahm er ihn wieder am Arm und führte ihn.
    Der Heimweg gestaltete sich schlimmer, als Franzl gedacht hatte. Bei jedem
Wasser, zu dem sie kamen, wurde der nasse Bund gewechselt, aber der Brand, den
Graf Egge in seinen verschwollenen Augen fühlte, steigerte sich von Minute zu
Minute; bei aller Selbstbeherrschung konnte er den Schmerz nicht mehr verbeissen;
immer wieder krampfte er die Fäuste ein und schrie durch die verbissenen Zähne.
    Sechs Stunden brauchten sie, bis sie die Klause beim Wetterbach erreichten,
wo der Doktor schon mit dem Holzknecht wartete.
    Graf Egge musste sich vor der Eremitage auf die Bank setzen. dabei ruhten
seine zitternden Füsse auf den Trümmern der Marmorplatte.
    Die Untersuchung des Arztes währte lang. Schliesslich seufzte er und
schüttelte den Kopf. »Hier kann ich nichts machen, Erlaucht! Es dämmert schon.
Wir müssen sehen, dass wir Sie so rasch als möglich nach Hause bringen. Aber ich
will Ihnen wenigstens die Schmerzen lindern.« Er nahm ein kleines Fläschchen mit
Kokainlösung aus seiner Ledertasche und liess einige Tropfen zwischen die
geschwollenen Lider fliessen.
    Erleichtert atmete Graf Egge auf und liess sich den kalten Bund wieder um die
Augen legen. »Franzl, wo bist du?« fragte er und streckte die Hand. Als er die
Finger des Jägers fühlte, sagte er: »Ich danke dir! Diesen Weg vergess ich dir
nimmer. Jetzt tu mir den einen Gefallen und steig wieder hinauf und hüte mir
meine Auerhähne! Wenn der andere da droben merkt, dass die Balzplätze ohne
Aufsicht sind, ist er imstand und schiesst mir den schönsten Hahn weg, um den
Stoss zu verkitschen. Und schick' mir meinen Adler herunter! Der von heute gehört
dir. Übermorgen komm ich wieder hinauf.« Als Graf Egge das sagte, zuckte es
seltsam über das Gesicht des Doktors. »Dann schiess ich die paar Hähne, die noch
balzen.«
    »Pfüe Gott, Herr Graf! Schauen S' nur, dass Ihnen bald wieder besser wird!
Droben halt ich derweil schon alles in Ordnung! Aber - jetzt muss ich was bitten,
Herr Graf!«
    »Sprich nur! Was willst du haben?«
    »Die jungen Adler droben im Horst müssen verhungern, seit die Alten weg
sind. Raubvögel sind s' freilich. Deswegen muss man die armen Viecher net die
schauderhafteste Marter leiden lassen. Wenn's Ihnen recht is, Herr Graf, lass ich
mich morgen mit der Büchs von der Wand abseilen und gib ihnen den Gnadenschuss.
Ich tät schön bitten, dass mir's der Herr Graf verlaubt.«
    Graf Egge antwortete nicht; nur mit einer unmutigen Handbewegung stimmte er
zu. Dann erhob er sich mühsam und liess sich vom Doktor zum Boot führen.
 
                                       16
Unter blauem Himmel, bei strahlendem Frühlingswetter fuhren die Kleesberg und
Komtesse Kitty in einer mit drei Pferden bespannten Kalesche vom Albergo de'
Cappuccini ab und durch Amalfi. Zwischen Lärm und Leben rollte der Wagen über
die Piazza, an der Katedrale vorüber und am Hafen entlang. Bei einer Wendung
der Strasse tauchten wie ein schimmerndes Märchenbild die weissen Häuser von
Atrani auf.
    Gundi Kleesberg, deren seidener Staubmantel im Meerwind flatterte, hielt mit
beiden Händen Kittys Hand umschlossen und stammelte immer wieder: »Wie schön!
Wie schön!«
    Kitty schien nicht zu hören. Die schlanke, etwas voller gewordene Gestalt,
von den schmiegsamen Falten eines schwarzen Kreppkleides umflossen, lag stumm in
den Wagen zurückgelehnt. Der Schleier war über das Hütchen geschoben, und die
schimmernden Löckchen umzitterten mit unruhigem Spiel das schmale, von einem Zug
des Leidens durchgeistigte Gesicht. Manchmal bewegte Kitty leis die Schultern,
als möchte sie, liebkost von der Wärme des blühenden Frühlingsmorgens, die
Erinnerung an den kalten, trostlosen Winter auf Schloss Eggeberg von sich
abwerfen.
    Vor ihren Gedanken stieg das Bild jener Einsamkeit auf, wie sie es
hundertmal gesehen, wenn sie am Fenster stand: die kahlen Bäume des
Schlosshügels, die plumpen Dächer der Wirtschaftsgebäude mit ihren knarrenden
Windfahnen, die öden Weinberge mit den zu Stössen geschichteten Rebstöcken, der
vereiste Fluss im Tal und über dem winterlichen Wald der graue Himmel mit seinen
Schneewolken. Dazu in ihrer Seele die Erinnerung an die Kummertage von Hubertus
und der Gedanke an den Vater, der über Elchhirschen und Bären seines Kindes
vergass, an die Mutter, deren Leidensgang und Schicksal sie nun kannte, an
Tassilo und Anna, von deren Glück und Liebe sie geschieden war. Und zwischen
diesen beglückenden Bildern klang in ihrem verschlossenen Herzen ruhelos ein
schwermütiges und dennoch sehnsuchtsvolles Lied - die Erinnerung an einen, an
den sie nicht denken sollte, nicht denken durfte.
    Den stillen gleichförmigen Schneckengang dieser grauen Wintertage
unterbrachen zwei Ereignisse. In der Weihnachtswoche traf Werners »Späterbst«
in Eggeberg ein, um die Kleesberg in einen andauernden Zustand
unzurechnungsfähiger Ekstase zu versetzen. Und im März, an einem Sonntag, der
ein bisschen Sonne hatte, kam Tante Gundi gleich einer glückselig Beschwipsten in
Kittys Stübchen gezappelt, mit einem Zeitungsblatt, das sie wie eine Fahne
schwenkte. »Kind! Das musst du lesen! Du musst! Komm her, Kind! Komm! Und lies,
was da gedruckt steht! Schwarz auf weiss!«
    Es war die Nachricht, dass Hans Forbeck für sein grosses, »Der letzte
Sonnenstrahl« betiteltes Gemälde, das der Liebling aller Besucher der Berliner
Jahresausstellung war, die Goldene Medaille erhalten hatte.
    Heiss flog es über Kittys schmächtige Wangen. Dann schlug sie die Hände vor
das Gesicht und brach in Schluchzen aus.
    Von diesem Tag an entfaltete Gundi Kleesberg eine geheimnisvolle Tätigkeit.
Briefe gingen, und Briefe kamen. Und immer häufiger begann die Kleesberg unter
Seufzern und Kopfschütteln von dem »bedenklichen Aussehen des armen Kindes« zu
sprechen. Graf Benno und die Gräfin suchten die wunderlich aufgeregte Dame zu
beruhigen, und auch Kitty versicherte immer wieder, dass sie siech wohl fühle,
und dass ihr nicht das geringste fehle. Aber täglich entdeckte Gundi Kleesberg an
dem »armen Kind« ein neues Anzeichen, das den Ausbruch einer schweren Krankheit
befürchten liess. Hoch und teuer schwor sie, dass es ihre heilige Pflicht wäre,
dem »drohenden Unglück« vorzubeugen. Schliesslich gelang es ihr wirklich, mit
ihrer Sorge auch Graf Benno und die Gräfin anzustecken. Dem ruhigen Naturell der
beiden war jede übertriebene Ängstlichkeit fremd, aber sie konnten sich der
Wahrnehmung nicht verschliessen, dass Kittys Gesichtchen - obwohl gerade in diesen
Wochen ihre Gestalt sich sichtlich entwickelte - von Tag zu Tag schmächtiger und
blasser wurde, ihr Wesen immer stiller und gedrückter. Diesem seltsamen
Widerspruch im »Habitus der Patientin« stand auch der alte, gutmütige Dorfarzt
ratlos gegenüber, und er zog sich diplomatisch aus der Klemme, indem er die
Berufung einer medizinischen Autorität als »empfehlenswert« bezeichnete. Gundi
Kleesberg holte den Herrn Professor von der Bahn ab. Als sie mit ihm auf Schloss
Eggeberg eintraf, zeigte sie bei aller schussligen Aufregung eine so
zuversichtliche Miene, als hätte sie dem Professor Kittys Leidensgeschichte
bereits geschildert und von ihm einen Rat gehört, der ihre Sorge verstummen
machte. Und aufatmend nickte sie zu dem mit leisem Lächeln abgegebenen Votum des
Professors: sofortige Luftveränderung, längerer Aufentalt im südlichen Italien.
Die ganze Nacht sass Gundi Kleesberg über dem schwierigen Brief an Graf Egge, und
als das zustimmende Telegramm aus Hubertus eintraf, betrieb sie das Packen der
Koffer mit einer Hast, die das ganze Schloss rebellierte.
    Die Reise begann. Doch sonderbar! Seit Wochen hatte Tante Gundi sich in
zärtlicher Sorge für Kitty und in ängstlichen, für das Wohl des »armen, kranken
Kindes« bedachten Massregeln erschöpft; über diese »aus Gesundheitsrücksichten«
unternommene Reise schien sie aber eine merkwürdige Ansicht zu haben. Die Fahrt
entwickelte sich zu einer wahren Hetzjagd. Zuerst in einer Eisenbahntour bis
Genua. Gleich am folgenden Tage wieder weiter mit dem Dampfer. Und obwohl die
Fahrt so stürmisch war, dass Tante Gundi einen Anfall von Seekrankheit bekam und
ein paar Ruhetage dringend nötig gehabt hätte, wurde in Neapel unverzüglich das
nach Capri gehende Schiff bestiegen.
    Bei der Landung an der Marina Grande befand sich Gundi Kleesberg in einem
Zustand so verstörter Ungeduld, dass Kitty, die bisher die ganze Hetze klaglos
ertragen hatte, in Sorge zu fragen begann: »Aber Gundi? Was hast du nur?«
    »Ich freue mich, Kind, ich freue mich!«
    Als man im Wagen sass und über die schöne Bergstrasse emporfuhr, drückte die
Kleesberg immer wieder Kittys Arm an ihre Brust und beteuerte: »Hier sollst du
gesund werden, du mein armes Herzkind! Ganz gesund! Das schwör ich!« dabei
guckte sie so erwartungsvoll über die Strasse voraus und nach allen Seiten, als
müsste sich mit jedem nächsten Moment ein wundersames Ereignis vollziehen. Diese
hochgespannte, traumhafte Stimmung hielt an, bis Tante Gundi im Hotel Quisisana
in die Federn sank. Doch am folgenden Morgen, als die Kleesberg von einem
frühzeitig unternommenen Ausgang zu Kitty zurückkehrte, war ihre rosige Laune
ins graue Widerspiel verwandelt. Sie schalt über den »wahnsinnigen« Professor,
der sie und das »arme Kind« in diesen »von unangenehmen Menschen wimmelnden,
meerumschlossenen steinernen Spucknapf« verbannt hätte. Von jedem kühlen
Lüftchen behauptete sie, dass es den sicheren Tod brächte. Und als die linde
Sonne kam, jammerte sie, dass man »zerschmelzen müsse in dieser afrikanischen
Glut!« Am liebsten wäre sie gleich wieder abgereist. Erst nach langem Zureden
vermochte Kitty ein paar Ruhetage zu erwirken.
    Das gleiche sonderbare Launenspiel wiederholte sich nach der Ankunft in
Sorrent: himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Zwischen den beiden Phasen lag
eine von Gundi Kleesberg allein und geheim unternommene Wagenfahrt zur
Cocumella, einer zwischen blühenden Orangengärten gelegenen Künstlerherberge.
Als sie zurückkehrte, zappelte die Kleesberg atemlos in Kittys Zimmer und
beteuerte: »Sei mir nicht böse, Kindchen, aber hier halt ich es nicht aus!
Keinen Tag! Diese engen, trostlosen Mauergassen, dieser Schmutz, dieses
Geschrei! Das ist, um zu verzweifeln! Ich hab's doch immer gesagt: Capri,
Sorrent, das ist ein ganz unglaublicher Einfall! Hätte man auf mich gehört, wir
wären direkt nach Ravello gegangen! Direkt!«
    Kitty konnte sich zwar nicht erinnern, dass Gundi Kleesberg je einen solchen
Vorschlag gemacht hätte; aber sie ergab sich in Geduld und liess sich am
folgenden Morgen wieder in den Wagen packen.
    Müde traf man am Abend in Amalfi ein und ging bald zur Ruhe, um sich - wie
Gundi sagte - »tüchtig auszuschlafen für den grossen Tag«. Diese mystische
Bezeichnung wurde nicht näher erklärt. Doch eine Stunde später, als Kitty schon
in den weissen Kissen ruhte, kam die Kleesberg noch einmal zur Tür
hereingeschlichen, umarmte Kitty mit stürmischer Zärtlichkeit und stammelte:
»Morgen, mein liebes Kind! Morgen! Morgen!«
    Die Nacht verging. Ein paarmal erwachte Kitty aus unruhigen Träumen, dann
hörte sie aus der Tiefe herauf das Rauschen des Meeres, das melodische
Geplätscher, mit dem die Wellen an die steinernen Dämme schlugen, und manchmal
den verschwommenen Ruf eines Hafenwächters.
    Durch das offene Fenster leuchteten aus dem Stahlblau des Himmels ein paar
Sterne herein, die lebhaft funkelten. Allmählich dämpfte sich ihr Feuer, der
blaue Grund begann sich zu lichten, und der Morgen kam, strahlend in Schönheit,
mit Glanz und Duft.
    Und da fuhren sie nun, während Amalfi und das Meer in der Tiefe langsam
entschwanden, über die herrlichste aller Strassen empor, Gundi Kleesberg in
neugespannter Erwartung, wie von einem Freudentaumel befallen, und Kitty
versunken in geniessendes Staunen und in ihre stillen Gedanken.
    Langsam stieg der Weg zwischen den niederen Mauern der Zitronengärten,
eröffnete für Augenblicke eine wundersame Fernsicht über die im Duft des Morgens
blauende Küste von Salerno und lenkte mit klimmenden Serpentinen in das
stundenlange Tal von Atrani ein. Der Strasse zu Füssen lagen wie ein grüner,
welliger See die ununterbrochen aneinandergereihten Orangenhaine, deren Bäume
zugleich mit den roten Früchten die weissen Blüten trugen, das weite Tal mit
herbem Wohlgeruch erfüllend. Verstohlen lugten aus dem Grün die Dächer einzelner
Villen hervor; und über den höchsten Häusern, die wie weisse Punkte waren, schob
sich ein Felshügel hinter dem andern hervor, immer ärmer an Grün, bis hinauf zu
den kahlen Schrofen, mit denen der Mont'Angelo seine wuchtige Zinne in den
Himmel streckt. Da droben waren nur noch die beiden Kontraste zu sehen:
blendendes Sonnenlicht und blau verschwommener Schatten.
    Im Wagen, der bei sachtem Trab der Pferde über die Strasse emporrollte, war
seit dem begeisterten Entzücken, in das die Kleesberg beim Anblick von Atrani
ausgebrochen, keine Silbe mehr laut geworden. Kitty blickte mit trinkenden Augen
über das schöne Tal, und in Tante Gundi schien, je mehr man sich der Höhe von
Ravello näherte, um so merklicher jener Zustand der Unruhe wieder zu erwachen,
der sie während der vergangenen Reisetage bei jeder Ankunft an einem neuen Ort
befallen hatte.
    Aus solcher Stimmung fuhr sie einmal auf und atmete tief, weil sie den
Wohlgeruch empfand, der die Luft erfüllte. »Ach, dieser Duft! Orangenblüten und
Myrte!« Zärtlich legte sie den Arm um Kittys Schultern. »Denk' nur, Kind, ich
habe immer die Vorstellung, als wär' ich in der Kirche und hätte ein
geschmücktes Bräutlein vor den Altar zu führen.«
    Es zuckte schmerzlich um Kittys Mund.
    Der Wagen bog in die letzte, steile Serpentine ein, auf deren Höhe sich
schon der Campanile von Ravello und die brüchigen Zinnen des maurischen Tores
zeigten. Neben der Strasse erhoben sich die Trümmer einer alten, aus gewaltigen
Blöcken gefügten Festungsmauer, und hinter diesen Klötzen erschien eine Ruine
mit geborstener Kuppel; wirr verwobenes Schlinggewächs rankte sich um das graue
Gemäuer, und leuchtend hingen die Blumen zwischen dem Grün.
    Gundi Kleesberg liess den feuchten Blick über Tag und Höhe gleiten. »Wie
schön! Das alles hat Gott erschaffen, damit sich die Menschen ihres Lebens
freuen möchten! Aber das wollen die Schafsköpfe nicht erkennen! Da zerstört der
eine das Glück, das ihn der Himmel finden liess, und der andere hat nicht den
Mut, nach dem Geschenk zu greifen, das Gott ihm bietet, und macht sich elend
fürs ganze Leben!«
    Kitty sah verwundert auf. »Tante Gundi?«
    »Ja, Kind! Sieh mich nur an! Mich altes, zweckloses Geschöpf! Auch ich war
einmal jung wie du! Auch zu mir kam das Glück. Aber ich war zu feig, um es
festzuhalten! Und ich hätte, um meinem Leben Inhalt und Wert zu geben, nur ein
einziges Wort zu sprechen brauchen - ein Wort, wie es dein Bruder Tas zu seinem
Vater sprach!«
    Blässe rann über Kittys Gesicht.
    »Und nun sieh mich an, Kind! Mich mit meinen Runzeln unter der Schminke!
Mich! Mit allem, was über ein Frauenherz kommen kann an Schmerz und Reue! Nimm
dir eine Warnung an mir! Du bist jung, bist schön und so herzensgut! Du
verdienst das Glück. Wer weiss, ob es dir nicht begegnet bei deinem nächsten
Schritt? Wenn es vor dir steht und lächelt dich an mit treuen Augen, dann sei
nicht feige Kind! Greif zu mit beiden Händen! Sage dir, dass das Glück alles
andere aufwiegt, Name, Stellung, Besitz! Sieh mich an, Kind! Wie glücklich hätt'
ich werden können! Und bei aller Reue liegt noch wie ein schwerer Stein der
Vorwurf auf mir, dass ich durch meine Feigheit auch einen anderen fürs ganze
Leben einsam machte. Einen herrlichen Menschen! Ich bin ja viel zu bescheiden,
um glauben zu können, dass ich ihm mehr geworden wäre als eine brave Frau, die
ihm ein freundliches Haus geschaffen hätte - während er, der Begnadete, in
seiner Kunst eine Stufe um die andere erstieg, bis zur Höhe des Ruhmes! Wie
glücklich wäre ich gewesen in meinem stillen Winkelchen! Und hätte mit Stolz und
Liebe zu ihm aufgeblickt - zu ihm, den alle Welt bewundert und verehrt!«
    Erschrocken, von einer Ahnung durchzuckt, umklammerte Kitty Gundis Hand und
stammelte: »Werner?«
    Da hielt der Wagen auf der Piazza von Ravello. Aus der Katedrale, deren
Bronzetüren offen standen, tönte Gesang und Orgelspiel.
    Gundi Kleesberg hob wie eine Erwachende das Gesicht.
    »Hotel Palumbo?« klang eine dünne Tenorstimme; ein alter Mann, der eine
schwarze Samtjacke trug und auch sonst wie ein verbummelter Maler aussah, trat
an den Wagenschlag und war den Damen beim Aussteigen behilflich. Bei aller
Erregung hatte Gundi Kleesberg doch einen staunenden Blick für die auffallende
Reinlichkeit, die im Hofraum und Foyer der Pension Palumbo herrschte; das Wunder
klärte sich auf, als die Padrona erschien, um die Damen zu begrüssen - eine
deutsche Frau. Sie führte ihre Gäste in einen Seitentrakt des Hauses; alle
Wendungen der Treppe waren durch nette Vorhänge abgeschlossen, und der Korridor
mit seinen klaren Fenstern spiegelte von Sauberkeit. An einem Zimmer, in dem ein
Mädchen Ordnung machte, stand die Tür offen - und Gundi Kleesberg geriet in
wunderlichen Aufruhr, als sie in dem Raum verschiedene Malgeräte gewahrte, eine
Staffelei und mehrere mit Leinwand überspannte Rahmen.
    »Nur schnell, Kind! Schnell!« stammelte sie, als die Padrona für Kitty ein
allerliebstes Zimmerchen öffnete, mit Möbeln aus Olivenholz und mit Gardinen aus
weissem Leinenplüsch. »Ich werde in fünf Minuten fertig sein!« Sie fasste den Arm
der Padrona. »Kommen Sie, liebe Frau, ich bitte, kommen Sie, ich habe mit Ihnen
zu sprechen.«
    Kitty hatte ihr Zimmer betreten. Der kleine freundliche Raum heimelte sie an
und erinnerte sie an ihr Stübchen in Hubertus. Am offenen Fenster, durch das der
Blick über grünes Rebengelände hinunterglitt in das Tal von Minori und auf das
ferne Meer, liess sie sich in einen Lehnstuhl sinken und presste die Hände über
die glühenden Wangen. Ohne den leisen Wechsel der beiden aus dem Nebenzimmer
klingenden Frauenstimmen zu hören, war sie versunken in ziellose Gedanken,
befangen von einer Stimmung, deren rätselhafte Art sie sich selbst nicht zu
erklären wusste. Und dann ging die Tür auf, und Gundi Kleesberg stand vor ihr,
halb erschrocken und halb empört. »Um Gottes willen, Kind! Was hast du denn
getrieben die ganze Zeit? Eine Viertelstunde fast! Da soll sie fertig sein und
sitzt noch immer in Hut und Mantel!« Sie griff wie eine flinke Kammerjungfer zu,
um Kitty behilflich zu sein. »Nur schnell, Kind! Schnell! Wir haben keine Zeit
zu verlieren. Wir müssen zum Palazzo Rufalo. Das ist das erste. Das wichtigste!
Alles andere wird sich finden. Komm nur! Komm!« Aus einer Blumenvase zerrte sie
drei schöne Rosen.
    Kitty wehrte: »Du weisst, ich trage keine Blumen.«
    »Doch, Kind! Nimm sie nur! Heute!« Wie sonderbar Gundi Kleesberg dieses Wort
betonte! »Heut! Ich dulde nicht, dass du so gehst, in diesem unfreundlichen
Schwarz! Nimm die Rosen! Ich bitte dich!« Sie setzte ihren Willen durch. Und
dann rückte sie an Kittys Hut, nestelte am Schleier und an den Falten des
Kleides, als stünde die Komtesse vor der Fahrt zu ihrem ersten Hofball. Die
letzte Prüfung fiel zu ihrer Zufriedenheit aus. »So, jetzt gefällst du mir! Und
nun komm!« In einem Anfall mütterlicher Rührung streckte sie die Arme, um Kitty
an sich zu ziehen. »Aber nein! Nein! Ich könnte dir die Rosen zerdrücken! Komm
nur, komm!« Sie rauschte zur Tür, als wäre jede Minute kostbar.
    Betroffen schüttelte Kitty den Kopf. »Aber Tante Gundi? Was ist denn nur mit
dir?«
    »Komm nur! Kümmere dich nicht um mich! Ich bin ein bisschen verrückt. Es ist
so schön hier, so unglaublich schön! Und alles andere, du ahnst ja nicht -«
Gundi Kleesberg verstummte erschrocken, als hätte sie zuviel gesagt. »Komm nur!
Komm!«
    Vor dem Hotel erwartete sie der Cicerone mit dem schwarzen Samtflaus. Er zog
den grauen Schlapphut. »Primieramente,« begann er mit seiner quiekenden
Tenorstimme, »condurrò le signore alla bella vista nel giardino degli Affliti -«
    »Was kümmert mich die Aussicht im Garten der Betrübten!« unterbrach ihn
Gundi Kleesberg. »Wir wollen zum Palazzo Rufalo.«
    Der Cicerone machte zu dieser Eigenmächtigkeit eine nachsichtsvolle Miene
und zuckte die Achseln. »Come Le piace.« Doch als sie die Ecke der Katedrale
erreichten, dozierte er nach seiner Gewohnheit: »Ed ora entriamo nel santo
duomo. Fu costrutto nel secolo undicesimo -«
    Tante Gundi wurde ungeduldig. »Ich will nicht wissen, wie alt Ihr Dom ist.
Ich will zum Palazzo Rufalo.«
    »Come Le piace!« Der Cicerone war gekränkt.
    »Das ist doch ein unglaublicher Mensch!«
    Kitty suchte die Empörte zu beruhigen, aber Gundi Kleesberg ereiferte sich
immer mehr.
    »Jede Minute ist kostbar, und da vertrödelt uns dieses Ungeheuer die Zeit
mit seinen eingepaukten Redensarten!«
    Sie kamen zu einer hohen grauen Mauer, an der ein paar sarazenische
Arabesken der Verwitterung entgangen waren. Über dem Kamm der Mauer sah man ein
Gewirr von Zypressenwipfeln und Baumkronen, zwischen deren dichtem Grün sich ein
von Laub umschleiertes Gemäuer zeigte, eine graue Zinne, ein Turm mit maurischer
Galerie und schwarz gähnenden Rundfenstern - ein Bild, aus dem es herauswinkte
wie ein Geheimnis.
    Ein dunkler Torweg wurde durchschritten, und der Cicerone hielt vor einer
kleinen eisernen Pforte. »Eccolo, il Suo palazzo Rufalo!« Er deutete auf einen
Glockenzug, legte die Hände hinter den Rücken und sagte trocken: »Si
campanella«.
    Gundi Kleesberg atmete tief, streifte Kittys Gesicht mit verwirrtem Blick
und fasste den Draht. Dumpf, mit einem greisenhaften Klang, hallte der Glockenton
durch den stillen Garten. Schlurfende Tritte kamen auf das Tor zu; als es
geöffnet wurde, knarrten die alten Angeln. Der Pförtner, ein mürrischer Greis,
übernahm die Führung der Damen, während der Cicerone verdrossen im Gässchen
zurückblieb.
    Eine kühle, feuchte, von Blumengeruch erfüllte Luft wehte den Eintretenden
entgegen. Das dichte Laubwerk, das den schmalen Pfad zu beiden Seiten
begleitete, gewährte kaum einen Durchblick; nun erweiterte sich der Pfad, und
überschattet von alten Baumriesen, deren Stämme mit Schlingwerk behangen waren,
erhob sich die Ruine der maurischen Torhalle mit der schön geschwungenen Kuppel.
Ein Hauch von Schwermut flüsterte aus den grauen, durch Raub und Alter des
Schmuckes beraubten Steinen; sie hatten glanzvolle Zeiten gesehen; diese Pracht
und Macht war untergegangen - sie allein noch standen, wie ein trauerndes
Denkmal über Gräbern. Und den gleichen melancholischen Charakter zeigte der
tiefschattige Garten, der sich an die Halle schloss: zwischen ernsten
schwärzlichen Zypressen und scharf duftenden Pfefferbäumen lagen kleine Beete
mit feurig blühenden Orchideen, überall lugten aus verwilderten Rosenbüschen
verblichene Marmorreste hervor, zertrümmerte Statuen, gestürzte Säulen; leise
murmelten die versteckten Brunnen, zuweilen liess sich ein süsser Vogelschlag
vernehmen, und der sachte Windhauch, der durch die Laubengänge strich, spielte
mit den Rosenblättern, die auf allen Wegen lagen und gleich winzigen Schifflein
auf den kleinen, stillen Teichen umherschwammen. Träumende Märchenstimmung war
unter diesen Bäumen, in dieser Luft. Nun wieder erhob sich graues Gemäuer, und
klingend hallten die Schritte auf den Steinfliesen des Torweges, der in das
Allerheiligste dieser Ruinen führt, in den maurischen Säulenhof.
    Drei Loggien, die einen düsteren, kellertiefen Hof umschliessen, bauen sich
leicht und luftig übereinander. An den kahlen Wänden hängen nur noch einzelne
Reste der Marmorbekleidung, doch unversehrt sind die schlanken, doppelreihigen
Alabastersäulchen erhalten, mit den graziös geschwungenen und zierlich
ornamentierten Bogen darüber; hier und dort noch eine Spur der erloschenen Farbe
und Vergoldung.
    Kittys Wangen brannten, ihre Augen glänzten; sie empfand die hinreissende
Macht der Erinnerung, die aus diesen stummen Steinen redet. Zurückversetzt in
längst entschwundene Zeiten, sah sie Bilder um Bilder vor ihrer träumenden Seele
sich beleben. Schwerter klirrten, und weisse Schleier flatterten, Hufschlag
tönte, und die Laute klang. So deutlich vernahm sie die Saiten, als klängen sie
wahrhaftig an ihr Ohr - aber nein, das war kein Traum, sie hörte die Saiten
wirklich! Aus einem offenen Fenster des Palazzo tönte, mit seltsamer Kunst
gespielt, eine Mandoline, von einer Gitarre begleitet. Und Kitty erkannte die
Weise. Es war eine Barkarole, die sie in Sorrent hatten singen hören, ein
zärtliches Lied, das ihr mit schmeichelndem Locken ins Herz gegriffen hatte:
»Vieni, diletta,
Vieni al mar,
Vieni, t'aspetta
Il marinar!«
Und wieder - in dieser märchenhaften Umgebung mit gesteigertem Gefühl - empfand
sie die heisse, verlangende Sehnsucht, die ihr aus den zärtlichen Worten des
Liedes am Sorrentiner Strand in die Seele gefallen war. Hastig, wie um dem
Zauber zu entrinnen, der sie in der geheimnisvollen Schattenstille dieser Mauern
überfiel, flüchtete sie hinaus in die helle Sonne.
    Zwischen Blumen plauderte ein Springbrunnen, und eine Marmortreppe führte zu
einer Terrasse, die, von Laubengängen durchzogen, sich hinausbaute über die
steil abfallenden Weinberge und einen Rundblick über den Golf von Salerno bot.
    Mit einem wehen Zug um die Lippen trat Kitty unter eines dieser Laubdächer,
umspielt von flimmernden Sonnenlichtern und farbigem Blätterschatten. Plötzlich
verhielt sie den Fuss, von Schreck befallen; das Blut schoss ihr zum Herzen und
strömte wieder mit Glut in die Wangen; nach Atem ringend, griff sie an die
Augen, als müsste, was sie sah, in der nächsten Sekunde verschwinden wie eine
Täuschung ihrer Sinne.
    Inmitten des Laubenganges, in dessen Tiefe eine Nische in die Felswand
gehauen war, stand eine Staffelei, deren Leinwand die Farben eines frisch
begonnenen Bildes zeigte. Hatte den jungen Künstler schon im ersten Werden
seines Werkes die Ermüdung befallen? Er sass auf einer Marmorbank, die Palette in
der ruhenden Hand, und blickte träumend ins Leere. Da vernahm er einen
stammelnden Laut und straffte sich auf - Hans Forbeck. Seine Gestalt war gereift
in diesem halben Jahr und hatte breitere Schultern bekommen; dichter sprosste der
dunkle Bart, und die südliche Sonne hatte ihm die ernste Stirn gebräunt.
    Bei Kittys Anblick erblasste er, und die Palette entfiel seiner Hand. So
standen sie voreinander, Aug' in Auge. Dieser erstarrende Schreck, dieser
lähmende Zweifel an der Wahrheit dauerte nicht lang. Wohl blieben ihre Lippen
stumm, doch es sprachen ihre Herzen, es redete ihre Sehnsucht, die gewachsen war
mit jedem vergrämten Tag, in jeder ruhelosen Nacht. Unter einem Lachen ihrer
Freude flogen sie aufeinander zu, hielten sich umschlungen und hingen Mund an
Mund in einem dürstenden Kuss, der nimmer enden wollte.
    Bei der Marmortreppe stand Gundi Kleesberg wie eine mit sich selbst
zufriedene Schicksalsgöttin von etwas barocken Formen.
    Da klang hinter einer mit Blüten übersäten Rosenhecke eine Männerstimme:
»Hans!«
    Forbeck und Kitty hörten nicht; alles um sie her war ihnen untergegangen in
der Taumelfreude ihres jungen, vom Himmel gefallenen Glückes. Doch Gundi
Kleesberg fiel aus ihrer stolzen Götterhöhe tief ins Menschliche herunter und
begann an allen Gliedern zu zittern, als sie diese Stimme erkannte.
    »Hans! Komm doch einen Augenblick!«
    Eine Weile war Stille, dann knirschte hinter der Rosenhecke ein Tritt im
Sand. Nun kam Leben in die Schlottersäule der Kleesberg. Die Hände streckend,
als hätte sie das erste Glück der Liebenden vor einer Störung zu behüten,
zappelte sie auf die Hecke zu. Da stand Professor Werner vor ihr, sprachlos vor
Überraschung.
    »Werner!« stammelte sie. Weiter fand sie keinen Gruss, kein Wort. Mit beiden
Händen fasste sie ihn am Arm und zog ihn so weit in den Laubengang, dass er das
junge Paar gewahren musste. Und als ihm, mehr in Schreck als in Freude, ein
ersticktes Wort über die Lippen fuhr, zog sie ihn wieder hinter die Hecke zurück
und sah zu ihm auf mit stolzer Freude. »Dieses Glück, Werner - dieses junge
Glück hab' ich geschaffen, ich, die Gundi Kleesberg! Für mein Glück, da war ich
feig. Aber für die beiden Kinder hab' ich Mut gehabt. Und nicht nur Mut. Es war
auch meine Pflicht. Ich hab' an Kitty die Stelle einer Mutter zu vertreten. Und
als ich sah, wie sie in diesem traurigen Winter hinschwand und sich verzehrte -
da hab' ich gesagt zu mir: Gundelchen, jetzt musst du! Und habe diesen
Gewaltstreich begangen und bin euch nachgereist und hab' euch gesucht, in Capri,
in Sorrent, in Amalfi, bis ich euch fand. Und jetzt, Werner - diese schöne
Stunde hat nicht nur das mutterlose, von Kummer und Sehnsucht kranke Kind gesund
und glücklich gemacht - sie hat das Glück auch deinem Sohn gegeben!« Tränen
kollerten ihr über die Wangen herunter und zeichneten zwei Feuerlinien durch den
weissen Puder. »Deinem Sohn!«
    Werner war diesem erregten Gestammel gegenüber nicht zu Wort gekommen;
kopfschüttelnd, wie in Sorge, hatte er sie angehört. Bei ihrem letzten Wort
schien er ein anderer zu werden. Er widersprach nicht, wie in Hubertus.
Schweigend sah er in Gundis Augen, nahm ihre kleine, dicke, zitternde Hand und
küsste sie.
    »Nur keine Sorge, Werner! Hab' nur keine Sorge um die Kinder! Diese erste
Stunde habe ich erzwingen müssen. Jetzt lass sie nur getrost den Weg ihres
Glückes weitergehen! An ihm, das weiss ich, wird es nicht fehlen. Er müsste dein
Sohn nicht sein. Er ist wie du: treu, redlich und stark. Er wird sie glücklich
machen, stolz im Glück und reich an Ehre!«
    »Ja, Gundi, das wird er!« Werners Augen leuchteten.
    »Und sie? Gib acht, Werner, ich kenne sie! Sie ist nicht, wie ich gewesen
bin. Sie wird den Mut ihres Glückes haben - ihres reinen Glückes. Sie ist
Fleisch und Blut ihres Bruders Tas!« Mit beiden Händen, ohne die Dornen zu
scheuen, drückte Gundi Kleesberg das Rankengewirr der Hecke auseinander. »Sieh
nur, Werner, wie sie den Arm um ihn geschlungen hält! Blut ihres Vaters ist sie
doch schliesslich auch. Die lässt nimmer aus.«
    Flüsternd hauchte der vom Meer heraufziehende Wind durch das zitternde
Laubwerk. Leise schwankten die schlanken Wipfel der Zypressen, die Brunnen
murmelten, und während lautlos die Rosenblätter fielen, tönten aus dem grauen
Tor des Säulenhofes die zärtlichen Klänge der Barkarole.
 
                                       17
Im Süden blühten die Rosen - auf den Bergen um Hubertus kämpfte der Föhn seinen
brausenden Frühlingskampf gegen den letzten Schnee, der noch schwer auf den
Zinnen der Felsen lag.
    Im tieferen Bergwald, in dem nur vereinzelte Schneeflecke noch als verlorene
Posten des besiegten Winters zwischen Felsblöcken und in schattigen Mulden
lagen, brach schon das lichtgrüne Laub aus allen Buchenknospen.
»Buchlaub raus,
Hahnfalz aus!«
    So sagt ein alter Jägerspruch. Und Franzl, der an jedem Morgen die
Balzplätze abwanderte, gewahrte mit Sorge, dass ein Auerhahn um den anderen sein
Liebeslied verstummen liess.
    »Wenn er kommt, der Graf, wird's schlecht ausschauen mit die Hahnen!«
    Tag um Tag verging. Graf Egge erschien nicht in der Dippelhütte.
    Während er mit dem Bund um die Augen in der verdunkelten Kruckenstube sass,
dachte er wohl in Zorn und Ungeduld an seine Auerhähne. Aber der
»Leinwandriegel«, der ihn am Bergsteigen hinderte, hatte dauerhaften Halt. An
jedem Morgen empfing Graf Egge den Doktor mit einem Ungewitter. Diesem masslosen
Zorn gegenüber verhielt sich der alte Arzt sehr wortkarg und hatte nur immer den
einen Trost: »Geduld, liebe Erlaucht! Geduld!« Zuerst mit scheuem Zögern, dann
immer eindringlicher machte der Doktor den Vorschlag, einen Spezialisten aus
München zum Konsilium zu berufen.
    »Unsinn!« murrte Graf Egge. »Lassen Sie mich mit dem städtischen Quacksalber
in Ruhe! Ich habe Vertrauen zu Ihnen. Sie werden mir meine Lichter schon wieder
sauber putzen.«
    Eine ähnliche Abfertigung wurde Fritz zuteil, als er fragte: »Soll man nicht
der gnädigen Kontess von Erlauchts Unpässlichkeit Mitteilung machen?«
    »Dass du dich nicht unterstehst!« lautete die Antwort. »Die arme Geiss soll
die schöne Zeit da drunten ungestört geniessen, damit sie mir gesund an Leib und
Seele nach Hubertus heimkehrt! Sonst braucht sich niemand um mich zu kümmern.
Wenn du die Frechheit hast, eine Zeile nach München zu schreiben, werf' ich dich
aus dem Haus.«
    Die Pflege des Kranken hatte der alte Moser übernommen, die »Weibsbilder«
vertrug Graf Egge nicht in seiner Nähe. Mit Moser konnte er auch von der Jagd
schwatzen, von dem »verwünschten Horst« in der Hangenden Wand und von den
Auerhähnen. Diese Gespräche füllten fast den ganzen Tag. Wurde Graf Egge des
platonischen Jagens müde, so liess er sich eines der an der Wand hängenden
Gemsgehörne reichen, befühlte die Schale und das gekrümmte Horn mit pedantischer
Aufmerksamkeit, mass mit der Handspanne die Länge und Weite der Haken und riet,
in welchem Jahr und auf welchem Berg der Bock geschossen wäre. Fast immer traf
er das Richtige. Oder er schickte Moser aus der Stube und öffnete, im Lehnstuhl
ruhend den eisernen Schrank. Eine Lade um die andere zog er auf, legte die
Samttabletten vor sich aus und liess die tastenden Finger über die Steine
gleiten. Bevor er den Schrank nicht geschlossen und den Schlüssel abgezogen
hatte, durfte Moser die Stube nicht betreten.
    So sass er wieder einmal vor dem offenen Schrank und zählte die Steine. Da
hörte er das Geläut der Kirchenglocken, und die Klänge schienen ihn unbehaglich
zu berühren.
    »Moser!«
    Der alte Büchsenspanner erschien.
    »Bleib bei der Tür stehen! Ich will nur fragen - wem wird denn da geläutet?«
    »A Kindl tragen s' aussi.«
    »Wem hat das Kind gehört?«
    »Dem Bruckner-Lenzi. Jetzt hat der arm Teufel schon 's zweite verloren. An
der Halsbräune. Jaaa, ich sag's allweil: der Hals und d' Augen, dös sind zwei
heiklige Sachen. Der Hals bei die Kinder und d' Augen bei uns alte Leut!«
    »Rindvieh!« brummte Graf Egge und griff an seine Binde. »Der Bruckner-Lenzi?
Von dem du immer sagtest, dass er gegangen wäre?«
    »Ja, Herr Graf! Ich hab mich auch net täuscht seinerzeit. Aber jetzt, mein'
ich, is er sauber. Jetzt geht er nimmer.«
    »So? - Setz' dich wieder hinaus und mach' die Tür zu! Fest, dass ich es höre!
- Mich geniert die Zugluft.«
    Graf Egge tastete an den Steinen umher und begann zu zählen.
    Nach einer Weile verstummte das Geläut.
    An diesem Abend wurde in der Schifferschwemme des Seehofes wieder ein
»Gsturitrunk« gehalten. Und wieder blieb, während die Gäste laut durcheinander
schwatzten, der Bruckner-Lenzi stumm und mit gläsernen Augen hinter der Flasche
sitzen. Mali mahnte ihn nicht mehr an den Heimweg. Als zum Ave-Maria geläutet
wurde, erhob sie sich wortlos und ging.
    Schon wollte sie den stillen Hof des Bruders betreten, als über den Zaun die
Stimme der Nachbarin klang: »Mali? Bist du's?«
    »Ja, Nachbarin!«
    »Geh, komm a bissl eini! 's Netterl verlangt soviel nach dir.«
    Kein Wunder, dass Mali erschrak. »Um Gotts willen! 's Kindl wird doch frisch
sein?«
    »Aber freilich! Schaut aus wie 's Leben! Aber allweil verlangt's nach dir.«
    Mali empfand die Anhänglichkeit des Kindes wie einen warmen Trost. Dennoch
zögerte sie mit der Antwort. »Ich trau mich net recht, ich könnt vom Halsgift
was im Gwand haben.«
    »Ich gib dir von mir an Rock und an Janker.«
    Diesen Vorschlag nahm Mali an. Und dann sass sie in der Kammer bei dem Kinde,
das mit seinen glänzenden Augen aussah, als hätte ihm die Verbannung aus dem
Vaterhause so wohl getan wie einem Stadtkind die Sommerfrische.
    Es ging auf die neunte Abendstunde, als Mali das Kind in Schlaf gesungen
hatte und von der Nachbarin Abschied nahm. Immer wieder drückte sie die Hände
des Weibleins. »Tausendmal Vergelts Gott! Meiner Seel, Nachberin, was dem guten
Kind z'lieb tan hast, vergiss ich dir meiner Lebtag net!«
    »Geh, was redst denn! Mach lieber, dass d' heimkommst! Den Schlaf kannst
brauchen!«
    »Ja, Nachberin, heut brauch ich d' Ruh. Aber morgen in aller Fruh wird 's
Haus aufgwaschen, Türen und Fenster aufgrissen und alles ausgräuchert. Ehnder
trag ich 's Kindl net heim. Und unser Herrgott wird mitelfen. Es muss doch
wieder amal Tag werden bei uns!«
    Als Mali den Hof des Bruders betrat, sah sie Lichtschein an den
Stubenfenstern.
    »Gott sei Dank, er is schon daheim! Da kann er doch kein Rausch net haben.«
    Sie bekreuzte sich aus Freude über das gute Anzeichen. Doch als sie die
Stubentür öffnete, erschrak sie, dass ihr das Blut wie zu Eis wurde. Der Bauer
stand am Tisch, hatte den Hut auf dem Kopf, einen Bergsack hinter den Schultern
und wischte mit einem schmutzigen Lappen den Rost von einer alten Büchse.
    »Lenzi!«
    Er wandte das verwüstete Gesicht. »Der Schnaps will nimmer helfen. Probier
ich halt 's ander wieder.«
    »Lenzi! Um Gotts willen!« Eine namenlose Angst schrie aus dem erstickten
Wort.
    Er zuckte die Achseln. »Ich muss für d' Leichenkosten sorgen. Der Doktor tät
warten. Der Pfarr pressiert.« Er schleuderte den Lappen in einen Winkel.
    Wie eine Verzweifelte stürzte Mali auf ihn zu und umklammerte seinen Arm.
»Lenzi! Hat dich denn unser Herrgott ganz verlassen?«
    »Ah na! Er hat sich bsonders um mich kümmert. Fleissig treibt er 's
Engelmachen. Respekt!« Heiser lachend schüttelte Bruckner die Schwester von sich
ab.
    Sie versuchte ihm das Gewehr zu entreissen.
    Bruckner lachte. »Tu dich net sorgen! Ich geh dem deinigen net ins Gäu. Ich
such mein' alten Spezi wieder auf. Der lasst mit ihm reden, hat er gsagt.« Er
stiess die Schwester von sich und riss die Tür auf. Ein rauschender Luftstrom fuhr
in die Stube und löschte die Kerze.
    »Lenzi!« keuchte das Mädel. Im finsteren Flur, in den der Föhn durch die
offene Haustür brauste, holte sie den Bruder ein, klammerte sich an ihn und liess
sich schleifen. »Lenzi! Denk, was deiner armen Resi gschworen hast! Um aller
Heiligen willen - Lenzi -« Von der Faust des Bauern zurückgeschleudert, taumelte
sie gegen die Wand. Stöhnend raffte sie sich auf, rannte in die Finsternis
hinaus und schrie den Namen des Bruders. Der rauschende Föhn verschlang den
gellenden Laut.
    Hinter eine Hecke geduckt, mit der Büchse in der Hand, eilte Bruckner über
die Wiesen, erreichte den Steg, der die Seebachklamm überbrückte, und gewann den
Wald. Im schwarzen Schatten der Bäume schöpfe er Atem und lud das Gewehr. Dann
stieg er bergwärts durch die Finsternis.
    Je höher er kam, desto schwächer wurde das Wehen, das durch die Wipfel ging.
Zwei Stunden war er gestiegen, als er mitten im Hochwald eine Blösse erreichte.
Es war eine Kohlenstätte. Drei Meiler dampften, und vor einer Rindenhütte lag
ein Glutaufen, der die Stätte mit rotem Schein überstrahlte. Bruckner lehnte
die Büchse an einen Stamm, ging auf den Meiler zu, griff mit beiden Händen in
den auf der Erde liegenden Kohlenstaub und schwärzte das Gesicht. Dann stieg er
weiter.
    Es ging auf die zweite Morgenstunde, als er das Steinfeld erreichte, in
dessen Mitte, wie ein schwarzer Klumpen, die Dienstütte Schippers lag. Roter
Herdschein blinkte aus dem kleinen Fenster.
    »Schau, zeitlich is er auf! Leicht geht er aufs Hahnverlusen?«
    Die aus dem Fenster fallende Helle beleuchtete den Rauch, der über das
Schindeldach niederwallte und sich zu Boden schlug - ein Zeichen, dass der Morgen
schweren Nebel bringen würde.
    Neben dem flackernden Feuer sass Schipper auf dem Herd, schon angekleidet,
aber noch mit nackten Füssen. Während der fertige Schmarren in der vom Feuer
genommenen Pfanne dampfte, überwachte der Jäger die blecherne Kaffeemaschine,
aus der sich ein dünnes Rieseln vernehmen liess; als es verstummte, erhob sich
Schipper, streckte gähnend die Arme, nahm eine irdene Schale vom Geschirrahmen
und füllte sie mit schwarzem Kaffee. Nun setzte er sich, schlug die Beine
übereinander, blies die rauchende Brühe und kostete.
    Da wurde, ohne dass sich ein Schritt vor der Hütte hatte hören lassen, die
Tür aufgestossen, und auf der Schwelle stand eine Mannsgestalt mit geschwärztem
Gesicht, die Büchse in der Hand. Im ersten Schreck liess Schipper die Blechschale
fallen, dass ihm die heisse Brühe die Lederhose übergoss. Und sein graues Gesicht
wurde so weiss wie Kalk.
    Langsam näherte sich der Wildschütz und sagte mit lachendem Hohn: »Wenn's
jetzt an andere wär als ich? Der hätt dir bei deiner Kuraschi den Vortl gschwind
abgwonnen.«
    Von seinem Schreck sich erholend, riss Schipper die Augen auf. »Aaah! Da
schau! Der Lenzi!« Er hob die Blechschale von der Erde. »Schad um mein' Kaffee!«
Trotz der Ruhe, mit der er diese Bemerkung machte, schien er sich doch nicht
sonderlich behaglich zu fühlen. »Magst mitalten? Grad hab ich kocht.«
    Bruckner stand wortlos und hing mit heiss funkelnden Augen an dem Jäger.
    Der fuhr mit dem Löffel in die Pfanne. »Was stehst denn wie der Hackstock?
An was denkst denn?«
    »An alles, was ich dir verdank! Und wieder frag ich mich, wie schon
hundertmal: ob ich denn alles, was mich druckt, mit Recht am Buckl trag?«
    »Mach's wie ich! Nimm's leichter!«
    »Ob ich 's Recht net hätt dazu?« Bruckner streckte sich. »Zwei Büchsen haben
kracht, zwei Kugeln sind gflogen am selbigen Johannistag. Eine bloss hat troffen.
Ob's die deinig war? Oder die meinig?«
    »Troffen hat ihn du!« erklärte Schipper mit Seelenruhe, während ihm der
Schmarren, an dem er kaute, zwischen den Zähnen krachte. »Mir is der Schuss in d'
Luft auffigfahren. Da kann ich schwören drauf. Dös hab ich auch deiner Schwester
gsagt, wie s' mich im Herbst mit ihrem Bsuch beehrt hat.« Ein hässliches Lächeln
verzerrte seine grauen Lippen. »Lenzi, dös war a dumms Stückl, dass deiner
Schwester alles verzählt hast. Die macht dir Unglegenheiten. Wie sich 's Madl
für'n Franzl ins Zeug glegt hat! Ui jegerl! Und ich wär noch der gute Kerl
gwesen und hätt's gheirat - dass die dumme Gschicht in der Familli bleibt.«
Schipper griff fleissig in die Pfanne. »Aber lassen wir die alten Gschichten!
Reden wir lieber vom Allerneuesten.« Er deutete mit dem Löffel auf Bruckners
Büchse. »Is dös noch allweil die alte Spritzen?« Er lachte. »Hat's dich wieder
grissen? Musst dir Geld machen?«
    Der Bauer atmete schwer. »Könnt schon sein, dass ich Geld brauch. Der Wasen
im Kirchhof hat sein Preis.«
    »Ah ja, richtig, ich hab ghört, was für a Kreuz mit deine Kinder hast.«
Schipper wischte mit dem Ärmel den Mund ab. »Ja, so was is traurig!«
    Diese Äusserung des Mitleids wirkte auf Bruckner, als hätte ihn ein
Peitschenhieb ins Gesicht getroffen. Mit grober Faust packte er die Schulter des
Jägers. Dann wandte er sich ab, spie in das Feuer und ging zur Tür.
    Schmunzelnd sah Schipper ihm nach.
    Bruckner fasste die Klinke und drehte das schwarze Gesicht. »Dass ich mir Geld
mach mit deiner Hilf? Ah na! Ich hab zwei Küh im Stall und hab noch allweil a
Hemmed am Leib! Hörst an Schuss in der Fruh, so kannst suchen untertags. 's
Wildbret lass ich dir liegen. Es hat mich heut in der Nacht aus'm Haus trieben,
weil ich was haben muss fürs Blut. Wie Feuer hab ich's in mir. Und kühl muss ich's
machen. Drum rat ich dir im guten: Steig mir net nach! Du!« Dem Bauer brach die
Stimme mit heiserm Laut.
    »Aber Lenzi! Geh, geh, geh! Du hast z'viel Vaterunser gnottelt in die
letzten Täg. So was macht ein' wirblet!«
    Bruckner antwortete nicht gleich. »Ja! Kunnt schon wahr sein! Hast du noch a
richtigs Vaterunser, so bet, Schipper, dass mir 's Netterl bleibt! Müsst ich 's
letzte auch noch verlieren, so weiss ich, was ich tu. Da mach ich saubern Tisch
in mir, und geh zum Gricht. Den Weg mach ich net allein.« Der Bauer öffnete die
Tür. Rauschend flackerte das Herdfeuer. »Bet, Schipper, dass mich 's Netterl
anlacht, wann ich heimkomm aus 'm Berg!«
    Der Jäger sass auf dem Herd, als wäre ein Sturz eiskalten Wassers über ihn
niedergegangen. Als vor der Hütte der schwere Tritt verhallte, sprang Schipper
auf und lauschte in die Nacht hinaus. Mit beiden Händen griff er an seinen Kopf
und kehrte zum Herd zurück. Es zuckte und wühlte in seinem Gesicht. Nun stülpte
er den Hut über den grauen Kopf, stopfte mit zitternden Händen die Bergschuhe in
den Rucksack und nahm die Büchse. Scheit um Scheit warf er in die Herdflamme und
öffnete die Tür. Der Feuerschein sollte hinausleuchten über das Steinfeld und
den anderen glauben machen, dass die Hütte nicht verlassen stünde.
    Dicht an den Pfosten gedrückt - damit sein Schatten in der auf dem Steinfeld
liegenden Feuerhelle nicht bemerkbar würde - schlich Schipper zur Tür hinaus und
huschte, jeden Felsblock als Deckung nützend, durch die lautlose Nacht einer
tiefer liegenden Mulde zu. Im Schutz der Bodensenke rannte er dem Latschental
entgegen, das zur Hangenden Wand führte. Als er die Felswand erreichte, warf er
sich zu Boden, um Atem zu schöpfen und die Schuhe anzulegen. Es war die Stelle,
an der Graf Egge die Leiter hatte aufziehen lassen; unsichtbar und still hing
der Horst in der finsteren Höhe; der Wind, der mit leisem Geraschel über die
Felsen niederstrich, hatte matten Aasgeruch.
    Schipper nahm die Büchse in die Hand und begann wieder zu rennen; nun
brauchte er den Hall seiner Schritte nimmer zu scheuen.
    Am östlichen Himmel wollten schon die Sterne erlöschen, als er das
Latschenfeld vor der Dippelhütte erreichte. Er sah das rot leuchtende
Fensterchen der Herdstube und atmete auf. »Gott sei Dank!«
    Da erlosch die Fensterhelle, und in der stillen Nacht klang das leise
Geräusch der Hüttentür, die geöffnet und wieder geschlossen wurde. Franzl wollte
zu den Balzplätzen der Spielhähne hinaufsteigen. Jetzt sah er zwischen dem
finsteren Gezweig die schwarze Gestalt vor sich auftauchen. »Halt!« Mit jähem
Ruck hatte Franzl die Büchse an die Wange gerissen. »Wer bist?«
    »Öha! Langsam!« Schipper lachte heiser. »Schnell bist fertig mit der Büchs!«
    Franzl liess die Waffe sinken. »Unsereiner muss auf der Hut sein!« Das klang
nicht freundlich. »Was suchst denn du in meim Bezirk? Und was schnaufst denn
so?«
    »Grennt bin ich wie der Teufel. Heut gibt's Arbeit. Ich hab zwei Lumpen in
meim Revier.«
    Franzl bohrte den Blick in das vom Dunkel verschleierte Gesicht des anderen.
Die Sache wollte ihm nicht einleuchten - weil er selbst in einem solchen Fall
nicht um Hilfe gerannt wäre.
    »Aber Mensch! Hast denn net verstanden? Zwei Lumpen hab ich im Revier!«
    Franzl warf die Büchse hinter den Rücken und nahm die Richtung gegen die
Hangende Wand. Schipper hielt sich wortlos hinter ihm. Der Himmel wurde bleich;
halb verhüllte ihn der schwere Nebel, der aus allen Gründen rauchte, um zu
kreisendem Gewölk ineinanderzufliessen. Und Gedanken, so grau wie der Nebel,
wirbelten durch Franzls Kopf. Immer stand ihm das Gesicht Patscheiders vor den
Augen. Und immer flüsterte eine Mädchenstimme: »Nimm dich vor'm Schipper in
acht!«
    Da lachte der andere. »Ein merkwürdiger Jager bist. Fragt mit keiner Silben,
wo ich d' Lumpen gmerkt hab!«
    »Was ich wissen muss, wirst mir schon sagen.«
    »Um eins in der Fruh bin ich fort, weil ich am Schneelahner den Spielhahn
gern verlust hätt. Wie ich auffisteig über d' Lahneralm und komm zur Sennhütten,
merk ich Licht hinterm Fensterladen, schleich mich auf d' Hütten zu und guck
durch d' Ladenklums in d' Almstuben eini. Was sagst! Sitzen zwei so
gottverfluchte Lumpen drin, jeder mit der Büchs über die Knie! Einer a bissl
junger, und der ander a Mordstrumm Lackel mit kohlschwarzem Bart, a bissl
angrawelet. Und da hocken s' am Fuier und reden in aller Gmütlichkeit den
Pirschgang übern Schneelahner aus!«
    »Und da bist davongrennt?« Alle Gedanken der letzten Minuten waren in Franzl
ausgelöscht, und nur noch der Jäger war in ihm lebendig. »Statt dass die Büchs in
d' Hand nimmst und einispringst zur Tür! Die hättst alle zwei im Sack ghabt.«
    »Mit 'm Maul is bald einer gfangt. Und dass ich d' Wahrheit sag - ich hab die
zwei was reden hören. Und da war mein einzigs Denken: da musst den Franzl holen!
Meiner Seel, ich trau mir's gar net sagen -«
    Franzl blieb wie angewurzelt stehen. Seine Lippen bewegten sich ohne Laut.
Was hatte er? Furcht war ihm fremd. Dennoch schnürte ihm jetzt ein beklemmendes
Gefühl den Hals zusammen.
    »Was ich dir sagen muss, is hart für dich.« Das klang wie kameradschaftliches
Erbarmen. »Aber es muss sein!« Unter Schippers Hutrand funkelten die Augen. »Wie
ich so einilus in d' Hütten, hör ich, wie der jüngere meint: ob net hinter der
Dippelhütten der bessere Pirschgang wär? Da beutelt der ander den Kopf und sagt
kein Wörtl und schaut ins Fuier eini. Und der jünger lacht so gspassig, stupft
den andern mit'm Ellbogen an und sagt: Gelt, du, dem Franzl gehst lieber aus'm
Weg - der Alte und der Junge - so was wär a bissl z'viel auf ein Gwissen auffi!«
    Mit ersticktem Laut riss Franzl die Büchse von der Schulter, stürzte auf
Schipper zu und fasste ihn an der Brust. »Auf Ehr und Seligkeit, Schipper? Is dös
wahr?«
    »Auf Ehr und Seligkeit!«
    Da löste sich Franzls Faust von der Brust des anderen. »Jetzt sag ich dir
Vergelts Gott, dass d' mich gholt hast! Komm!«
    Schipper blieb noch ein paar Augenblicke stehen; ein Frösteln, das ihn
plötzlich befiel, zog ihm den Kopf in den Nacken.
    Sie sprachen kein Wort mehr. Als sie mit schweissüberronnenen Gesichtern aus
dem Latschental hervortraten, lag der Nebel so dicht, dass sie im Schutze des
grauen Schleiers ungedeckt gegen die Höhe steigen konnten; sie hatten die Schuhe
abgelegt und sprangen mit nackten Füssen. Kaum auf dreissig Schritt vermochten sie
zu sehen. Doch immer näher klang, wie ein wegweisender Ruf, vom Grat des
Schneelahners der lustige Balzgesang des Spielhahns.
    Da fiel in der von Dunst umwobenen Höhe ein Schuss, dessen Echo im Nebel
erstickte. Der Spielhahn schwieg.
    »Dem Hahn hat's gegolten!« zischelte Schipper. »Franzl, jetzt ghört er uns!«
In seinem gierigen Eifer merkte Schipper nicht, dass er nur von einem sprach.
»Jetzt muss er uns in d' Händ laufen! Nimm du die linke Seit, Franzl, ich nimm
die rechte. So haben wir ihn in der Mitt! Und sei gscheit, Franzl! Wenn's drauf
ankommt, wart net lang! Lieber der ander als du!«
    Franzl antwortete nicht; sein brennender Blick bohrte sich in den grauen
Dunst, der die Höhe verschleiert hielt. Sich zur Linken wendend, stieg er
lautlos in die Felsen ein.
    Schipper huschte nach der anderen Seite. Als er um die Ecke war, öffnete er
die Büchse, zog die beiden Patronen hervor, musterte sie genau und schob sie
wieder in den Doppellauf. »Für alle Fäll! Ich will mei' Ruh haben!«
    Auch Franzl hatte, als er den Einstieg des Wechsels erreichte, den Schritt
verhalten, um seinen Atem zur Ruhe kommen zu lassen. dabei nahm er den Hut ab
und drückte ihn an die Brust. Er wusste, dass der Weg, den er betrat, ein Gang auf
Leben und Tod war.
    Ein Windstoss fuhr über das Gehänge herunter und jagte die Nebelfetzen,
während die Dämmerung der Frühe sich in hellen Tag zu verwandeln begann.
 
                                       18
Immer schärfer zog der Morgenwind über die Berge gegen das Seetal. Immer dichter
trieb er die Nebel zusammen und ballte sie zu schweren Wolken, die sich von den
Almen gegen die Wälder senkten. Schwerfällig lösten sie sich aus den Wipfeln,
schwammen über das Tal und schlossen sich über ihm zu einer grauen Decke.
    Im Seedorf regte sich noch kaum das Geräusch des erwachenden Tages.
    Vor dem Brucknerhause sass Mali auf der Bank mit übernächtigem, von Angst
entstelltem Gesicht, den Kopf an die Mauer gelehnt, die Hände wie gebrochen im
Schoss.
    Ihre Sinne schienen taub für das Leben, das sich immer lauter in den
Nachbarhäusern regte; doch jeden Bauer, der hinter den Hecken auftauchte,
verschlang ihr Blick mit banger Erwartung.
    Jetzt kam der Doktor Eisler mit zwei fremden Herren über die Strasse her;
ihnen folgte ein Diener, der eine mit Leder bezogene Kassette trug. Sie gingen
am Brucknerhaus vorüber und nahmen den Weg nach Schloss Hubertus. In der
Ulmenallee blieben sie eine Weile vor dem Käfig stehen, in dem die vier Adler
unruhig von einer Stange zur anderen hüpften.
    Fritz, der von dem Besuche schon zu wissen schien, empfing die Gäste auf der
Veranda, flüsterte mit dem Dorfarzt und führte die Herren ins Billardzimmer.
    Doktor Eisler ging allein zur Kruckenstube. Vor der Tür zögerte er. Dann
drückte er die Klinke nieder.
    Nur ein mattes Zwielicht fiel, während die Tür sich öffnete und wieder
schloss, in die verfinsterte Stube. Moser erhob sich von seinem Sessel, und Graf
Egge bewegte sich im Lehnstuhl.
    »Doktor? Sie?«
    »Ja, Erlaucht! Guten Morgen!«
    »Na also! Endlich!« Graf Egge wollte sich aufrichten, liess sich aber wieder
auf die Kissen zurücksinken, die seinen Rücken stützten. »Es geht aufwärts,
Doktor! Jede Spur von Schmerz ist wie weggeblasen. Jetzt machen Sie aber
vorwärts, dass ich bald hinaufkomme. Die Auerhähne sind versäumt, ich muss mich
heuer mit den Spielhähnen begnügen! - Verwünschtes Nest!«
    Der Arzt hatte dem Büchsenspanner ein paar Worte zugeflüstert und ging,
während Moser auf den Zehen zum Fenster schlich, auf Graf Egge zu. »Der Schmerz
hat also nachgelassen?«
    »Er ist weg, vollständig!«
    »Das wird die Untersuchung sehr erleichtern. Und um mit der Tür gleich ins
Haus zu fallen - gestern abend bekam ich unerwartet den Besuch zweier Kollegen.
Es wäre mir lieb, wenn Erlaucht gestatten wollten, dass ich meine Freunde zur
Untersuchung beiziehe.«
    Graf Egge wurde unruhig. Dann sagte er trocken: »Reden wir ehrlich
miteinander! Zwei so alte Hasen wie wir brauchen sich keine Kindereien
vorzumachen. Diese sogenannten Freunde? Da ist wohl ihr Münchener Wundertier
dabei, von dem sie neulich sprachen? Sie haben da ein bisschen auf eigene Faust
bestellt? Stimmt das?«
    »Ja, Erlaucht! Zu Ihrem Besten, wie ich hoffe,« die Stimme des Doktors
schwankte, »und zu meiner Beruhigung!«
    »Na also! Auch das noch! Ich beginne mürb zu werden. Wenn Ihre zwei
Katederbonzen dazu beitragen, mich flinker aus dem langweiligen
Blindekuhspielen zu erlösen, will ich ihnen dankbar sein. In Gottes Namen, man
soll sie holen lassen!«
    »Die Herren befinden sich bereits im Schloss.«
    »Hui!« Graf Egge lachte müd. »Das klappt wie der Montag auf den Sonntag.
Also her mit ihnen. Hoffentlich braucht die Geschichte keine weiteren
Vorbereitungen?«
    »Erlaucht können im Lehnstuhl bleiben, ich werde nur die Binde abnehmen.«
    Geräuschlos hatte Moser während dieses Gespräches die Bretterverschalung von
der Fensternische entfernt, den dicken Teppich beseitigt, mit dem die Scheiben
verhängt waren, und die Läden geöffnet.
    Hell brach der Tag in die Stube und umflutete mit seinem Licht den Kranken,
der regungslos im Lehnstuhl ruhte, während der Arzt ihm die Binde löste.
    Graf Egges Rücken war gekrümmt, seine Gestalt in sich versunken, Haar und
Bart wirr durcheinandergezaust. Die gefurchten Züge hatten eine welke, gelbliche
Farbe; über die halbe Stirn und die Hälfte der Wangen zog sich, soweit der
Verband das Gesicht bedeckt hatte, ein bläulichweisser Streif.
    Als die Binde fiel, bewegte Graf Egge blinzelnd die noch etwas geröteten,
leicht verschwollenen Lider; dann hob er langsam die Hände, strich mit den
Fingern über die Augen und atmete auf. »Endlich!«
    Doktor Eisler fragte hastig: »Haben Sie einen Schimmer vor dem Blick? Können
Sie sehen, Erlaucht?«
    »Aber Menschenkind!« Graf Egge drehte das Gesicht hin und her; dabei blieben
die Augen unbewegt - sie waren trocken, ohne Glanz und grau umflort. »Wie soll
ich denn sehen können in dieser ägyptischen Finsternis? Machen Sie doch erst die
Fenster hell!«
    Moser stand wie versteinert vor Entsetzen. Und Doktor Eisler sagte mit
gepresster Stimme: »Wenn Erlaucht gestatten, werde ich die Kollegen rufen.« Er
verliess die Stube.
    Graf Egge hörte die Tür gehen. »Das ist komisch!« murmelte er, während er
das Gesicht mit den starren Augen nach allen Seiten drehte. »Wie hat er denn das
gemacht? Mit der Tür? Oder habt ihr den Flur da draussen auch verhängt? - Moser!
So nimm doch endlich das schwarze Zeug vom Fenster weg!«
    Dem Alten kugelten die Tränen über den Schnurrbart.
    Graf Egge wurde ungeduldig. »Das Fenster auf! Die Quacksalber können mich
doch nicht in der Finsternis untersuchen. Mach' das Fenster hell!«
    »Aber ich bitt, Herr Graf,« stammelte Moser, »ich hab ja d' Läden schon lang
aufgmacht, es ist ja hellichter Tag in der Stub!«
    »Du bist wohl verrückt?« lallte Graf Egge tonlos. »Oder betrunken?« Mit
zitternden Fingern fühlte er an seine Augen. »Das ist doch Unsinn! - Das ist
doch Unsinn!« Ein dutzendmal wiederholte er dieses Wort. Da hörte er Schritte im
Flur und gedämpftes Gespräch; die Züge vor Erregung wie gelähmt, wandte er die
Augen nach der Richtung dieses Geräusches. Er vernahm, dass die Tür geöffnet
wurde - und mit grauenhaftem Schreck zuckte es über sein Gesicht.
    Kaum hatte Doktor Eisler die Namen der beiden Herren genannt, als Graf Egge
heiser fragte: »Sagen Sie mir bitte, Sie sind doch durch die Tür hereingetreten?
Da muss doch Licht in die Stube gefallen sein? Und das Kamel hinter meinem Sessel
behauptet, das Fenster wäre hell? Ist das wahr?«
    Man suchte ihn zu beruhigen. Aus den freundlichen Worten hörte er als
Antwort auf seine Frage das Ja heraus.
    »Wahr!« Keuchend sprang er auf, krampfte die Hände in seine Brust und schrie
mit der Qual eines Gemarterten: »Ich sehe nichts! Ich sehe nichts!« Er taumelte.
Vier Hände griffen nach ihm. Zitternd an allen Gliedern, fiel er in den Stuhl
zurück.
    Er sprach kein Wort mehr; schwer atmend sass er zwischen den Kissen und liess
alles mit sich geschehen; er netzte nur manchmal mit der Zunge die heissen,
ausgetrockneten Lippen, und immer wieder rann ihm ein heftiges Zittern durch die
Hände, die auf den Armlehnen des Sessels lagen.
    Über eine Stunde währte die Untersuchung. Man wollte das grausame Votum in
schonende Worte kleiden. Graf Egge schnitt alle tröstenden Umschweife mit der
scharfen Frage ab: »Wollen Sie mir kurz die Wahrheit sagen? - Blind?«
    »Blind!«
    »Und keine Rettung mehr?«
    »Keine!«
    Graf Egges Arme streckten sich, und langsam schlossen sich die Fäuste. Dann
fragte er: »Wäre eine Heilung möglich gewesen, wenn ich früher der Berufung
eines Konsiliums zugestimmt hätte?«
    »Nein, Herr Graf! Unser Collega stand, als er Ihre Behandlung übernahm,
bereits einem vollendeten Prozess gegenüber. Die mit gärenden Aasteilchen
vermischten Exkremente der Raubvögel entielten eine ätzende Säure, die
innerhalb weniger Stunden die Augen zerstört haben muss.«
    »Ist noch weitere Behandlung nötig?«
    »Nein, Herr Graf! Die Entzündung der Lider ist zurückgegangen. Etwas anderes
war nicht zu erreichen.«
    »Moser! Stütze mich!« Graf Egge richtete sich auf und verneigte sich. »Ich
danke den Herren! Mein Hausarzt wird alles weitere ordnen!« Er streckte die
zitternde Hand. »Ich danke Ihnen!«
    Wortlos empfing er die Händedrücke der Herren und blieb aufrecht stehen, bis
er hörte, dass die Tür geschlossen wurde; dann fiel er stöhnend in den Sessel
zurück und schlug die Hände vor das Gesicht.
    Moser stand hinter dem Lehnstuhl und wagte sich nicht zu rühren.
    Vom Dorfe scholl das Geläut der Glocken. Graf Egge liess schwer die Hände
fallen. »Warum läutet man?«
    »Die Kirch muss aus sein. Man läutet zum Wettersegen.«
    »Also Morgen? Und draussen scheint die Sonne?«
    »Nein, Herr Graf! Der Tag is trüb, alles hängt voll Wolken.« Dem Alten
versagte die Stimme. »Es wird bald schütten, mein' ich.«
    Wieder Stille in der Stube. Nur die fernen Glocken sangen.
    Plötzlich hob Graf Egge das Gesicht und stammelte: »Moser! Reiss mich am
Bart!«
    »Aber um Gotts willen, Herr Graf -«
    »Tu es!« befahl Graf Egge mit gereizter Schärfe.
    Moser gehorchte.
    »Richtig! Ich spür' es. Alles ist wahr. Ich wache. Und vor meinen Augen
bleibt's schwarz. Moser! Moser!« Das klang wie Schluchzen; doch keine Träne
netzte die starren, glanzlosen Augen. »Moser! Meine Lichter sind hin! Jetzt
hat's ein Ende mit der Jagd!«
    Da war es auch mit Mosers Selbstbeherrschung vorüber. »Mar' und Joseph! Mar'
und Joseph! So an Unglück!«
    »Was tu ich jetzt? Wofür leb' ich noch? Ich soll keinen Berg mehr sehen?
Keinen Wald und keinen Baum! Keinen Hirsch in der Brunft! Keinen Gamsbock im
Gewänd! Keinen balzenden Hahn auf seinem Ast, wenn er den schönen Morgen
ansingt, und wenn ihm die Rosen leuchten! Nichts mehr! Nichts, Moser! Daran
sterb' ich! Das ertrag' ich keine Woche. Keinen Tag! Lieber eine Kugel in den
Kopf!« Graf Egge wankte keuchend gegen die Mauer und tastete mit den Händen.
    Stotternd suchte Moser ihn zu beruhigen und zog ihn wieder auf den Lehnstuhl
zurück.
    Mit gebeugtem Rücken, zitternd an allen Gliedern, sass Graf Egge zwischen den
Kissen und bohrte die Nägel in das mürbe Leder der Armlehne. Mühsam atmend, mit
erloschener Stimme, begann er zu sprechen: »Alles schwarz vor den Augen! Und das
immer so! Einen Tag um den andern! Das vermag ich nicht auszudenken. Es ist
unmöglich! Es muss noch Hilfe geben! Es muss! Die gelehrten Pfuscher haben in
hundert Fällen schon einen Menschen aufgegeben. Und dann hat ihm ein Hausmittel
geholfen, ein altes Weib. Moser! Moser! Es muss auch für mich noch eine Hilfe
geben! Ich will meinen Engel haben, wie der alte Tobias! Moser!« Mit beiden
Händen umklammerte Graf Egge den Arm des Büchsenspanners. »Moser! Da fällt mir
was ein! Bei Schloss Eggeberg - mein ganzes Leben hab' ich an den Menschen nimmer
gedacht, und jetzt auf einmal weiss ich seinen Namen - Haneeter hat er geheissen -
und ich seh' ihn vor mir, ganz deutlich, mit dem blauen Kittel und der langen
Schippe. Moser! Bei Schloss Eggeberg hat in meiner Jugend ein Schäfer gelebt. Der
war berühmt in der ganzen Gegend. Der hatte für alles ein Mittel!« Lallend
schlug er die Hände ineinander und hob das Gesicht mit den starren Augen gegen
die Stubendecke. »Herrgott im Himmel, gib mir, dass mein Haneeter noch lebt!«
Wieder tappte er nach dem Arm des Büchsenspanners. »Moser! Man muss
hinaufschicken zur Hütte. Schipper soll kommen. Nein! Der nicht! Der hat den
verfluchten Horst gefunden. Und damals im Herbst den abnormen Bock! Der hat
meine Augen auf dem Gewissen. Und meinen lieben Buben! - Nein! - Den Hornegger
lass kommen! Meinen braven Franzl! Der soll mir den Haneeter herschaffen. Auf den
Franzl kann ich mich verlassen. Der spart noch am Reisegeld und läuft sich für
mich die Füsse krumm. Er soll nach Eggeberg fahren. Er soll mir den Haneeter
schaffen - oder einen anderen, der mir hilft! Hörst du, Moser?«
    »Ja, Herr Graf, ja, ja!«
    »Der Franzl, das weiss ich, der Franzl findet einen, der mir helfen kann!
Sieh nur, Moser, ich bin bescheiden, ich verlange nicht das ganze Licht meiner
Augen wieder! Nur auf fünfzig Schritt will ich sehen können, nur auf hundert,
nur so weit, als die Kugel trägt! Ich lebe nimmer, wenn ich nicht jagen kann!
Ich lebe nimmer -«
    Mit zuckenden Händen griff er in seinen Bart, zerrte und wühlte an seiner
Brust und versank immer tiefer in die Kissen. Der Schweiss, der ihm aus der Stirn
gebrochen war, sickerte ihm über die starren Augen.
    »Moser! Das Fenster auf! Ich brauche Luft!«
    Als die Scheiben klirrten und der frische Hauch des Morgens in die Stube
strich, atmete Graf Egge tief; dann sass er still, mit brütenden Gedanken unter
der gefurchten Stirn, manchmal in raunendem Selbstgespräch die trockenen Lippen
bewegend.
    Ein gellender Vogelschrei klang durch die Bäume her.
    Graf Egge hob das Gesicht; ein irres Lächeln glitt um seine welken Lippen,
und die schlaffen Züge spannten sich. Klatschend schlug er die Hände auf die
Armlehnen, stemmte sich mit jähem Ruck aus dem Sessel und rief: »Moser! Wir
halten Jagd. Bring' mir die Büchse!«
    Der Alte schlug vor Schreck die Hände über dem Kopf zusammen. »Aber um Gotts
willen! Herr Graf! Wo denken S' denn hin?«
    »Bring' mir die Büchse! Ich will vor der langen Nacht meine letzte Jagd noch
haben. Adlerjagd!« In bebender Erregung schrie er das Wort vor sich hin. »Dieser
verwünschten Brut hab' ich mein Unglück zu verdanken! Ich will nicht, dass sie
mir Tag um Tag ihren Spott in die Ohren schreien, während ich mit blinden Augen
sitze. Sie sollen nicht leben in meiner Nähe - diesen Tag nicht überleben! Meine
Augen sind hin. Aber man schiesst nicht mit den Augen allein, ich habe noch meine
Hand. Bring' mir die Büchse! Die Büchse!«
    Dem masslosen Ausbruch gegenüber wagte Moser keine Widerrede; bestürzt den
Kopf schüttelnd, eilte er davon und brachte das Gewehr und die Ledertasche mit
den Patronen. Als ihn Graf Egge in die Stube zurückkehren hörte, streckte er
schon die Arme; es zuckte in seinem Gesicht, während er die Hände um schafft und
Lauf der Büchse klammerte.
    »Herr Graf!« stotterte Moser in ratloser Sorge. »Ich bitt Ihnen ums
Himmelswillen, nehmen S' doch Vernunft an!«
    »Führe mich!« befahl Graf Egge. »Und Fritz soll den Sessel zum Käfig tragen,
nach der Strassenseite, damit die Kugeln gegen die Berge fliegen, nicht ins Dorf.
Vorwärts! Führe mich!«
    Fritz, der im Flur von Moser schon gehört hatte, auf welchen »Einfall« der
»arme blinde Narr« geraten wäre, erschien auf der Schwelle. Sie machten einen
Versuch, ihrem Herrn diese »Jagd« noch in Güte auszureden. An Graf Egges
Schläfen begannen die Adern zu schwellen - und da taten sie ihm den Willen.
    Langsam führte Moser seinen Herrn durch den Flur, über die Veranda, an der
plätschernden Fontäne vorüber.
    In der Ulmenallee, zwischen Käfig und Parktor, wartete der Sessel. Graf Egge
liess sich nieder und legte die Büchse über den Schoss.
    »Moser? Hab' ich hier freien Ausschuss bis zu den Adlern?«
    »Ja, Herr Graf!«
    »Hängt kein Ast in die Schussbahn?«
    »Nein, Herr Graf!«
    »Wie weit?«
    »Gute hundert Schritt!«
    Graf Egge nickte. Stell dich hinter mich und hilf mir zielen. Er suchte die
Patronen, die ihm Moser in die Joppentasche gesteckt hatte, und lud die Büchse.
Das alles tat er stumm, mit jenen bedächtigen, zögernden Bewegungen, wie sie den
Blinden eigen sind. dabei glühte die Erregung auf seinem zerfallenen Gesicht.
    Seitwärts zwischen den Bäumen stand Fritz mit der Beschliesserin und der
Köchin; die Leute waren blass und verstört, flüsterten miteinander und redeten
durch Zeichen mit Moser, in dem der Zorn und das Mitleid miteinander rauften;
bei allem Erbarmen, das er mit seinem Herrn empfand, ging ihm doch die »Jagd«,
zu welcher er da helfen musst, wider das alte Jägerherz.
    Atem schöpfend hob Graf Egge die Büchse und presste den Kolben an die Wange.
»Hab' ich die Richtung?«
    »Mehr nach rechts, Herr Graf!« Moser visierte über die Schultern seines
Herrn. »A bissl höher! Noch a bissl! Jetzt, mein' ich, könnt's recht sein.«
    Der Schuss krachte. Sich vorbeugend, lauschte Graf Egge.
    Die Adler sassen ruhig auf ihrer Stange und streckten nur die Hälse.
    »Z' kurz haben S' gschossen!«
    Der zweite Schuss ging über die Köpfe der Vögel weg. Der dritte traf. Ein
Adler stürzte von der Stange und wälzte sich mit schlagenden Schwingen auf dem
Boden des Käfigs. Als Graf Egge das Geflatter hörte, lachte er heiser. »Liegt
einer?«
    Moser schwieg.
    Immer rascher folgten die Schüsse, immer heisser brannte Graf Egges Gesicht,
und rote Äderchen erschienen im glanzlosen Weiss seiner starren Augäpfel.
Rasselnd ging sein Atem, und immer unsicherer hielt er die Büchse. Noch
einundzwanzig Kugeln musste er durch das Gitter jagen, bis es im Käfig still
wurde.
    »Fertig?«
    »Ja, Herr Graf! Und Gott sei Dank, dass alles vorbei is!« murrte Moser.
»Jetzt muss ich's ehrlich raussagen: dös is a Stückl Arbeit gwesen, bei dem mir
graust hat!«
    Langsam nahm Graf Egge die leeren Patronen der beiden letzten Schüsse aus
der Büchse, klappte den Lauf wieder zu und stellte die Waffe zwischen die Knie.
»Ich will die Strecke sehen. Bring' mir die Adler und gib mir einen nach dem
andern in die Hand.«
    Moser ging zum Käfig, und weil er den Schlüssel nicht zur Hand hatte,
drückte er mit der Schulter das Türchen des Käfigs ein. Er hatte an den vier
riesigen Vögeln schwer zu schleppen; einer der Adler bewegte noch matt die Zunge
im offenen Schnabel, während sein Kopf und die Schwingen auf der Erde
schleiften; hinter Mosers Schritten blieb eine rote Fährte.
    Graf Egge verzog den Mund, als ihm Moser den ersten Adler reichte. »Sie
riechen wie das verwünschte Nest da droben!« Seine Erschöpfung gewaltsam
überwindend, wog er den Vogel mit freier Hand und nannte die Zahl der Pfunde,
auf die er ihn schätzte. So tat er beim zweiten und beim dritten. Als er den
vierten Adler fasste, regte sich in dem Tier ein letzter Funke der noch nicht
völlig erloschenen Lebensgeister; es streckte den hängenden Fuss und krampfte die
Klauen ein. Mit leisem Schmerzenslaut schüttelte Graf Egge die Hand und liess den
Adler fallen. »Willst du noch greifen?« Er lächelte müd.
    Moser, der die leeren Patronen von der Erde auflas, hatte dieses Vorfalles
nicht geachtet. Als er sich aufrichtete, sah er seinen Herrn regungslos im
Lehnstuhl sitzen, die zitternden Hände um den Lauf der Büchse gelegt.
    Starr waren die umflorten Augen gegen das Gewölk der Berge gerichtet, und
die welken Lippen raunten: »Meine letzte Jagd!« Wankend erhob sich Graf Egge.
»Moser! Führ' mich ins Haus!«
    Während der Büchsenspanner seinen Herrn am linken Arm fasste und ihn Schritt
für Schritt gegen die Veranda führte, sickerte an Graf Egges rechter Hand ein
roter Tropfen vom Gelenk über den Daumen.
    Als sie zur Fontäne kamen, verhielt Graf Egge den Fuss, und in seinem
erschöpften Gesicht zeigte sich der Ausdruck eines quälenden Gefühls. »Her du
mein Gott im Himmel! Moser! Was mir jetzt einfällt!« Seine Stimme schwankte.
»Mein Kind da drunten - die arme liebe Geiss!«
    Das Wort hatte einen Klang, dass dem alten Jäger die Zähren in die Augen
schossen.
    Als sie in die Kruckenstube kamen, musste Fritz, der den Lehnstuhl brachte,
um das Schreibzeug laufen, und Graf Egge diktierte ihm eine Depesche: »Bitte
Rückreise anzutreten, bin leidend.« Er besann sich und schüttelte den Kopf.
»Nein, nicht so! Das muss ihr Sorge machen. Sie erfährt es noch früh genug. Nimm
ein anderes Blatt und schreibe: Komm heim, liebe Geiss, habe Sehnsucht nach Dir!«
Er lauschte dem Gekritzel der Feder. »Hast du?«
    »Ja, Erlaucht!«
    »So schreib es noch zweimal ab. Das eine nach Capri, Hotel Quisisana, das
andere nach Sorrent, Hotel Tramontano, das dritte nach Amalfi. Und dann lauf zur
Post! Tummel dich, Fritz! Tummel dich!«
    Seufzend liess Graf Egge sich in die Kissen des Lehnstuhls fallen und schloss
die geröteten Lider.
    Einige Minuten später trat Fritz den Weg in das Dorf an, um die Depeschen
aufzugeben. Er fand den Schalter geschlossen und musste die Telegramme dem
Seewirt übergeben, der in Ärger zu schelten begann:
    »Was? Der Schalter schon wieder zu? Da hört sich doch alles auf! Es tut kein
gut nimmer mit'm Praktikanten! Den Dienst versäumt er, den ganzen Ghalt verjuxt
er, im halben Monat lasst er sich Vorschuss geben, und da wird ein Ringerl und
Ketterl und Banderl ums ander kauft! Mich geht die Sach nix an. Aber sein Dienst
soll er in der Ordnung machen! Und wenn's net anders wird, lass ich an gsalzenen
Bericht ans Oberpostamt abmarschieren. Oder ich red mit'm Pointner-Andres, dass
er amal an End macht! - Ich lass den Praktikanten gleich suchen, Herr Fritz, dass
die Telegrammer fortkommen. Aber sagen S', was macht denn der gnädig Herr Graf?
Geht's besser mit'm Gschau?«
    Fritz, der aus dem Unglück seines Herrn keine Neuigkeit für das Dorf
herausschlagen wollte, zuckte die Achseln und ging davon. Als er die Lände
überschritten hatte, gewahrte er auf der Strasse vor dem Brucknerhaus eine
erregte Menschengruppe. Zwischen wirr durcheinanderschreienden Burschen und
Weibern stand ein junger Jäger mit erschöpftem Gesicht. Unter Flüchen suchte er
sich aus den Händen loszureissen, die ihn an der Joppe und an den Armen gefasst
hielten. »Herr Fritz! Herr Fritz!« keuchte er, als er den Diener gewahrte.
Gewaltsam wand er sich aus dem Knäuel der Leute hervor und schleuderte ein Mädel
zurück, das wie eine Verzweifelte an seinen Arm geklammert hing und nicht von
ihm lassen wollte.
    »Um Gottes willen!« stammelte Fritz. »Was ist denn?«
    Der Jäger zog den Diener im Sturmschritt mit sich fort. Da krampften sich
wieder zwei Mädchenhände um seinen Arm, und eine tonlose Stimme lallte ein Wort,
das unter Tränen erstickte. Der Jäger geriet in Wut. »Was will denn das
narrische Weibsbild allweil?« Ein zorniger Schwung seines Armes befreite ihn und
machte das Mädel taumeln.
    Schreiend kamen die Leute gelaufen, allen voran eine alte Bäuerin. Sie trug
das weinende Netterl auf dem Arm und jammerte: »Mali! Aber Mali! Was treibst
denn?«
    Mali hörte nicht. Sie war in die Knie gebrochen, raffte sich wieder auf,
wankte hinter dem Jäger her und streckte die Hände nach ihm.
    »Aber so reden Sie doch!« stotterte Fritz. »Was ist denn geschehen?«
    »Die Lumpen, die gottverfluchten! Von unsere Jager haben s' ein erschossen!
Am Schneelahner droben liegt er, mit der Kugel in der Brust.«
    Ein gellender Aufschrei; dann stand das Mädel wie gelähmt, die Augen weit
aufgerissen.
    »Mali! Jesus Maria!« kreischte die Nachbarin. Und erschrocken umringten die
Leute das Mädel, das wie in ausbrechendem Irrsinn mit den Armen nach allen
Seiten zu schlagen begann. »Johannistag!« Die schrille Stimme war von Schluchzen
zerbrochen. »Johannistag!« Und verfolgt von den kreischenden Weibern und
Burschen, die Schultern umringelt von den gelösten Zöpfen, rannte Mali den Weg
entlang, der gegen die Berge führte.
    Als sie den Wald erreichte, war der schreiende Trupp noch dicht hinter ihr.
Doch als der steinige Bergpfad begann, über den sie hinaufrannte, als wäre der
steile Weg die ebene Strasse, da blieben die anderen immer weiter hinter ihr
zurück. Immer schwächer klangen in der Tiefe des Waldes die lärmenden Stimmen,
bis sie untergingen im Rauschen des Wildbaches.
    Wie ein gehetztes Wild, ringend um jeden Atemzug, eilte Mali durch den
Bergwald empor und den Almen zu. Zwischen Schluchzen lallte sie die abgerissenen
Worte des Gebetes, mit dem ihre Seele zum Himmel schrie. Sie stürzte, raffte
sich wieder auf, trat in ihre Kleider und riss den Rocksaum in Fetzen. Ehe sie zu
den Almen kam, geriet sie in den Nebel, der alle Bäume grau verschleierte.
    Um das offene Almfeld brodelten die weissen Dämpfe, wie der Rauch um eine
Brandstatt wirbelt. Immer heftiger setzte Windstoss um Windstoss ein. Und wenn das
Brausen durch die wogenden Massen des Gewölkes ging, bekam zuweilen das Grau der
Höhe einen so verlorenen Schimmer, als wäre irgendwo dort oben das Licht, der
schöne Tag.
    Ein dumpfes Dröhnen. In den höchsten Wänden hatte sich eine Lawine gelöst,
die den letzten Schnee des Winters von den steilen Felsen hinunterwarf in die
Schluchten. Und als hätte den kämpfenden Lenz in der Freude seines Sieges die
Lust zu jauchzen überkommen, so setzte der Frühlingssturm mit tosendem Rauschen
ein, peitschte die grauen Nebel und riss über den Latschenfeldern das treibende
Gewölk entzwei. Ein Stück des blauen Himmels erschien, eine leuchtende, von
finsteren Wolken umflatterte Felswand, und ihr zu Füssen das Steinfeld mit der
Jägerhütte, deren Schindeldach im Glanz der Sonne wie Silber funkelte.
    Nur wenige Augenblicke währte das schimmernde Bild. Dann flossen die Wirbel
des Gewölkes wieder ineinander. Es rauschte und brauste der Föhn. Und ein
erstickter Laut, wie ein kraftloser Schrei um Hilfe, scholl durch die grauen
Nebel, die der Wind an der Jägerhütte vorüberpeitschte.
    Die Tür der Hütte stand offen, und an der Blockwand lehnte eine Büchse mit
kotigem schafft. In der Herdstube kein Feuerschein, kein Laut.
    Hinter der Hütte das Geplätscher des Brunnens. Auf dem hölzernen Trog, über
dessen Wand das Wasser niedertroff, sass ein Jäger; sein Gesicht war bleich, das
Hemd an der Brust und die nackten Knie mit Blut besudelt.
    Ein Laut, der aus den grau verschleierten Latschen tönte, machte ihn
aufblicken. War's der Wehlaut eines zu Tode verwundeten Tieres? Oder die Stimme
eines Menschen?
    Mühsam, als wären ihm alle Glieder gebrochen, erhob sich der Jäger und
spähte in den treibenden Nebel.
    Von dem Steig, der aus den Latschen gegen die Hütte führte, liess sich
Geräusch vernehmen. Im wirbelnden Grau erschien eine verschwommene Gestalt. Sie
schien zu taumeln. Nun stürzte sie und raffte sich stöhnend wieder auf.
    Der Jäger sprang ihr entgegen. »Jesus Maria!« Das klang wie Schreck und
dennoch wie heisse Freude. »Mali! Mali!«
    Zitternd stand sie, atemlos, bis zur Ohnmacht entkräftet, mit entstelltem
Gesicht, und starrte ihn an wie ein Wunder, das vor ihren Augen den Tod in Leben
verwandelte. Seinen Namen lallend, taumelte sie auf den Jäger zu. Mit beiden
Händen griff sie ihm ins Gesicht, als ginge vor ihren Augen alles unter. Wieder
wollte sie seinen Namen nennen und schrie nur einen heiseren Laut - wollte ihn
küssen und biss ihn in die Wange, in den Bart, in das Kinn.
    »Mali!« Franzl fühlte dass die Arme sich lösten, die seinen Hals umklammert
hielten. Er wollte sie umschlingen. Da glitt sie schon an ihm nieder und stürzte
wie entseelt zu Boden.
    Keuchend warf er sich auf die Knie, riss die Ohnmächtige an seine Brust,
schrie ihren Namen und rüttelte den regungslosen Körper.
    Sie wollte nicht erwachen.
    Schreiend trug er sie zum Brunnen, schöpfte Wasser mit der Hand und wusch
ihr das Gesicht, immer wieder ihren Namen kreischend.
    Sie wollte nicht hören, nicht erwachen.
    Ein brausender Windstoss teilte das Gewölk. Breit leuchtete ein Sonnenstrahl
über das Felsgehäng, über die Hütte und über die beiden Menschen hin. Dann
schlossen sich die jagenden Nebel wieder, und alle Höhe war grau verschleiert.
    Aus der Tiefe des Latschenfeldes tönte ein langgezogener Ruf. Franzl gab
Antwort mit gellendem Schrei.
    Zwischen den Latschen klirrte der Stachel eines Bergstockes im Geröll, und
lärmende Stimmen kamen näher.
 
                                       19
Am gleichen Morgen, an dem der Draht Graf Egges spät erwachte Sehnsucht nach
Amalfi, Sorrent und Capri meldete, trafen Kitty und Gundi Kleesberg mit Hans
Forbeck und Professor Werner in München ein.
    Bei der Einfahrt in den Bahnhof beugte Kitty sich aus dem Kupee und
stammelte in Freude: »Tas und Anna sind da, sie erwarten uns!« Mit beiden Händen
winkend, rief sie, die Stimme erstickt von Tränen: »Anna! Tas!«
    Sie standen Seite an Seite, ein schönes, stolzes Paar - wer die beiden sah,
musste fühlen: das sind glückliche Menschen.
    Der Zug war noch im Gang, als Kitty schon die Klappe der Kupeetür öffnete.
Vor Freude schluchzend, flog sie dem Bruder an den Hals. Er nahm ihr zuckendes
Gesichtchen zwischen die Hände und sagte lächelnd: »Sieh mir in die Augen und
lies die Antwort auf deinen Brief aus Ravello! Ich wünsche dir Glück, mein
lieber Spatz! Du hast gut gewählt.« Er wandte sich an Forbeck, umschlang ihn und
küsste ihn auf die Wange.
    »Tas! Mein guter, guter Tas! Wie lieb du bist! Wie herzensgut!« Und vom
Bruder flog Kitty in seligem Sturm auf Anna zu.
    Tassilo begrüsste die Kleesberg. Und es war ein seltsamer Blick, mit dem er
sich von Gundi zu Werner wandte. Wortlos bot er ihm die beiden Hände. Auch
Werner schwieg, während er Tassilos Händedruck erwiderte.
    Vor dem Bahnhof wartete die Equipage, in der die Damen Platz nahmen. Die
Herren folgten in einem Mietwagen; wohl gab sich der Kutscher alle Mühe, hinter
dem voraneilenden Gefährt zu bleiben, doch als er vor dem Ziel die Pferde
parierte, hatten Kitty und Gräfin Anna schon die im ersten Stock gelegene
Wohnung betreten; nur Tante Gundi stand noch auf der Treppe und kämpfte mit
ihrem versagenden Atem.
    Forbeck sprang über die Stufen hinauf und reichte der Kleesberg den Arm.
    Diesen Augenblick benützte Werner, um an Tassilo die flüsternde Frage zu
richten: »Wann haben Sie meinen Brief erhalten?«
    »Zugleich mit dem Brief meiner Schwester. Wie tief sein Inhalt mich bewegte,
vermag ich Ihnen nicht zu sagen. Ich kann Ihnen auch die Gründe nachfühlen, die
Sie veranlassten, diesen verhüllten Wert Ihres Lebens vor mir zu öffnen. Ich
danke Ihnen für diesen Beweis Ihres Vertrauens. Dennoch kann ich Ihnen einen
Vorwurf nicht ersparen. Werner? Lieber Freund?« Tassilo legte die Hand auf
Werners Schulter. »Haben Sie mich so wenig kennengelernt, um in mir einen
Menschen von törichtem Vorurteil vermuten zu dürfen?«
    »Aber Doktor!« stammelte Werner. »Wie können Sie nur auf einen solchen
Gedanken kommen?«
    »Sie haben ihn mir aufgezwungen durch Ihre Sorge. Soll mir der Bräutigam
meiner Schwester minder willkommen sein, weil sein Vater nicht der im Elend
untergegangene Trunkenbold ist, dessen Namen er trägt und zu Glanz erhebt,
sondern ein Mann, den ich als Künstler verehre und als seltenen Menschen liebe?
Blut von Ihrem Blut, Werner! Das ist mir eine neue Sicherheit für das Glück
meiner Schwester.«
    Werner fasste Tassilos Hand. »Ich danke Ihnen für dieses Wort. Und billigen
Sie auch mein Verhalten gegen Hans? Dass ich mein Schweigen ihm gegenüber für
immer bewahren will?«
    »Ja, Werner! Sie bringen Ihrem Sohn ein Opfer, wie es nur die tiefe,
uneigennützige Liebe eines Vaters bringen kann. Hans liebt Sie als seinen
geistigen Vater. Er dankt Ihnen alles, Charakter, Bildung und Können. Soll er
das Recht eines Wortes mit dem Umsturz seines ganzen Innern bezahlen, mit einer
schiefen Stellung vor der Welt? Nein! Sie müssen schweigen, nicht nur ihm
zuliebe, auch aus Barmherzigkeit für eine andere! Wie stünde sie vor ihrem Sohn?
Bedrückt von Scham, belastet mit einer Tragik, die hart ans Lächerliche
streift!«
    Während dieses Gespräches waren sie über die Treppe hinaufgestiegen. Aus dem
offenen Korridor klang die Stimme der Kleesberg, die sich bei ihrem »lieben
Hans« für den »freundlichen Ritterdienst« bedankte.
    Tassilo fragte leis: »Sie hat keine Ahnung?«
    »Keine! Dass er mein Sohn ist, erriet sie auf den ersten Blick. Mehr kann sie
nicht ahnen. Wie soll sie denken, dass der eigene Vater sie belog? Dass er, um sie
von dem obskuren Tagdieb loszureissen, der mit dem Fieber kämpfenden Tochter das
herzlose Märchen vom Tod ihres Kindes vorgaukelte? Ich habe doch auch an diese
Lüge geglaubt! Noch heute wär' ich ein einsamer Mensch, wenn ich nicht die
Sehnsucht empfunden hätte, das einzige zu suchen, was hinter meinem vernichteten
Glück noch übrig war: dieses kleine Grab! Es wollte sich nicht finden lassen.
Dennoch hab' ich jahrelang gebraucht, bis der erste Zweifel in mir erwachte, und
bis die halb erloschene Spur, der ich hartnäckig folgte, mich meinen Jungen
finden liess. Und wie hab' ich ihn gefunden! Ich wollte, dass ich dieses Bild
vergessen könnte!«
    Da klangen heitere Stimmen, rasche Tritte, das Rauschen eines Kleides. Arm
in Arm erschienen Kitty und Forbeck unter der Tür. Während Werner das junge Paar
betrachtete, streifte Tassilo zärtlich die Hand über das Haar der Schwester. Im
Speisezimmer, dessen Tisch zum Frühstück gedeckt und mit Blumen geschmückt war,
fanden sie Gräfin Anna und die Kleesberg. Und da wollte nun Kitty, die das Heim
ihres Bruders an diesem Morgen zum erstenmal betrat, vor allem sehen, »wie das
Glück wohnt!«
    Es wohnte schön - in Räumen, welche Zeugnis gaben von vornehmem Kunstsinn
und erlesenem Geschmack. Kitty fasste ihr Entzücken in das Urteil: »Das ist keine
Wohnung, die man eingerichtet hat. Das kommt mir vor, als wäre das gewachsen,
ganz von selbst, wie ein Baum, wie eine Blume. Ihr beide müsst so wohnen! Ich
kann es mir gar nicht anders denken.« Nur im Zimmer der Gräfin vermisste sie
etwas - das Allerwichtigste. »Anna? Wo ist dein Flügel?«
    »Der steht, wo sein Platz ist,« fiel Tassilo lächelnd ein, »in meinem
Zimmer! Komm! Da sollst du auch noch was anderes sehen.« Er öffnete die Tür des
anstossenden Raumes.
    Ein leiser Schrei glücklichster Überraschung.
    An der Wand, im vollen Licht der beiden Fenster, hing ein grosses Gemälde:
aus dem schimmernden Farbenzauber der Leinwand leuchtet eine weisse
Mädchengestalt heraus; die Schatten des nahenden Sturmes umdrohen sie, doch
sicher und lächelnd, von Sonne umschmeichelt, ruht sie auf den starken
Mannesarmen, die sie fahrlos hinübertragen über den Steg des tobenden
Wildbaches.
    »Hans!« stammelte Kitty. »Und das hast du mir verschwiegen! Oder hast du
selbst nicht gewusst -« Ihre Augen suchten den Bruder. »Tas? Wie kamst du zu
diesem Bild?«
    »Durch gütige Vermittlung der Post. Und dann kam aus Capri ein Brief, in dem
ein gewisser Hans Forbeck sich entschuldigte, dass sein Hochzeitsgeschenk den
Umweg über Berlin genommen hätte.«
    »Hans!« jubelte Kitty. Und dann stand sie stumm an seine Schulter gelehnt
und trank mit glänzenden Augen den Zauber dieser Farben. Immer heisser glühten
ihre Wangen. »Hans!« Sie schlang die Arme um seinen Hals. »Ich bin stolz auf den
Namen, den ich tragen werde!« Dann flog sie auf die Gräfin zu. »Eine Bitte,
Anna! Die musst du mir erfüllen! Sing mir das Lied vom Jasminstrauch!«
    Gräfin Anna öffnete den Flügel. Eine Flut von Tönen rauschte durch den Raum,
und die herrliche Stimme klang.
Grün ist der Jasminenstrauch
Abends eingeschlafen.
Als ihn mit des Morgens Hauch
Sonnenlichter trafen,
Ist er schneeweiss aufgewacht.
Was geschah nur über Nacht?
Seht, so geht es Bäumen,
Die im Frühling träumen.
    Als Gräfin Anna die schlanken weissen Hände in den Schoss sinken liess, war es
lange still im Zimmer. -
    Und einige Stunden später das wirre Getriebe des Bahnhofes, das Pfeifen der
Lokomotive, das dumpfe Schlagen der Räder, die sich unter dem gleitenden Wagen
drehten, immer schneller und schneller.
    Kitty und Gundi Kleesberg reisten nach Hubertus. Wohl hatte Tante Gundi, die
»das Äusserste« gern noch verschoben hätte, eine »Ruhepause« von einigen Tagen
gewünscht. Aber Kitty wusste die Weiterreise durchzusetzen - sie wollte ihr Glück
entschieden wissen, und Tassilo hatte ihr beigestimmt. Eine Depesche meldete
nach Hubertus, dass die Damen mit dem letzten Zug eintreffen würden, und dass der
Wagen sie bei der Station erwarten sollte.
    Für Kitty wurde die Reise zu einem fliegenden Traum. Sie kam sich vor wie
ein Kind, dem eine Flüsterstimme zärtliche Märchen erzählt. Und immer sah sie
farbig schimmernde Bilder vor den geschlossenen Augen. Wie sonderbar! Dass sie an
Märchen denken konnte! Jetzt, vor dieser Begegnung mit dem Vater! Aber war nicht
alles, was sie in diesen Tagen erlebt hatte, das echte, rechte Märchen? Der Flug
dieser Heimreise? Das blühende Wunder von Ravello? Ihre Liebe und ihr Glück?
    Immer spähte sie nach den von Wolken umlagerten Bergen, die näher und näher
rückten und mit jeder Minute wuchsen. Diese Wolken, die sich dunkel herwälzten
über die noch mit Schnee gesprenkelten Gipfel, trugen schweren Regen in sich,
vielleicht ein Ungewitter.
    Im Bahnwagen brannte die Lampe schon, und draussen sank die Dämmerung. Die
schwermütigen Dorfmoore hatten gelblichen Schein; in tiefer Schwärze stiegen die
Bergwälder auf, und durch das blaugraue Gewölk, wenn die treibenden Massen sich
zuweilen klüfteten, leuchtete ein Fetzen Himmel gleich einer rot brennenden
Fackel.
    In Kitty erwachte eine beklemmende Erinnerung. Ein ähnlicher Abend war es
gewesen, als sie von der versäumten Hochzeit ihres Bruders nach Hause fuhr!
    Tiefer und tiefer sank die Dämmerung; dann ein Pfiff der Lokomotive, und das
Ziel war erreicht. Vor dem Bahnhof stand die Kalesche. Der Kutscher war
einsilbig und musterte die Damen mit scheuem Blick.
    Es wurde finster, bis der Wagen durch das Parktor von Hubertus lenkte. In
der Tiefe der Allee stand eine funkelnde Säule: die von den Laternen der Veranda
beleuchtete Fontäne. Im Adlerkäfig kein Laut, nicht das leiseste Geflatter.
»Seltsam!« murmelte Kitty. »Wie still sie heute sind!«
    Der Wagen hielt, und Fritz, mit der Lampe in der Hand, trat zum Schlag. Er
sprach nicht, sein Gesicht war blass, und die Lampe klirrte. Verwundert sah ihn
Kitty an und wollte sprechen. Da gewahrte sie noch einen anderen. Auf den Stufen
der Veranda stand der Pfarrer.
    »Hochwürden?« stammelte Kitty.
    »Man hat mich gerufen, um Sie zu empfangen, gnädiges Fräulein!«
    Der Ton dieser Worte nahm ihr die Sprache.
    »Kommen Sie, mein gutes Kind! Ich will Ihnen Stütze sein beim Eintritt in
das väterliche Haus, auf das der Herr in unerforschlichem Ratschluss seine
schwere Hand gelegt hat.«
    Kitty zitterte, als der Pfarrer sie führte. Im Billardzimmer hatte sie ein
Gefühl, als versänken die Wände. Dazu hörte sie immer Worte, Worte. Es war schon
ausgesprochen, das Furchtbare - und sie konnte es nicht fassen. Dann streckte
sie unter schluchzendem Laut die Hände und stürzte aus dem Zimmer, durch den
Flur - zur Kruckenstube.
    Eine Hängelampe erleuchtete die getünchten Mauern, auf denen sich die
Gemsgehörne durch ihre Schatten verdoppelten. Die Beine von einer Wildschur
umwickelt, sass Graf Egge im Lehnstuhl, das graue Haupt mit dem steinernen
Gesicht und den toten Augen ein wenig zurückgeneigt.
    Kein Laut kam über Kittys Lippen. Einen Schritt nur tat sie und stand wieder
wie gelähmt.
    Kaum merklich bewegte sich Graf Egge; seine Finger zogen sich ein, und
zwischen den schmal geöffneten Lippen blinkten die Zähne.
    »Geisslein?« Das klang wie aus weiter Ferne.
    Da schrie sie, als hätte man ihr einen glühenden Stahl ins Herz gebohrt,
stürzte auf den Vater zu, umschlang ihn, brach in die Knie und drückte
schluchzend das Gesicht in seinen Schoss.
    Ein Schüttern ging durch den Körper des Blinden. Mit beiden Händen tappte
er, bis er das zuckende Haupt seines Kindes fand.
    »Sei gut, Geisslein! Mach' keinen Unsinn! Es ist nun einmal so. Ich hab'
ausgejagt. Das ist nimmer zu ändern. Hoffentlich hat dir's der Pfarrer
löffelweis eingegeben.«
    Sie schluchzte.
    Er streichelte ihr das weiche Haar und befühlte ihre kleinen Ohren. »Eine
harte Sache, Geisslein! Die Lichter hin. Alles schwarz vor den Augen. Kein Berg
und kein Wald. Nimmer Grün und nimmer Blau. Nur Schwarz! Und dich lieb' ich
auch. Und soll dich nimmer sehen. Und es sehnt mich nach deinem Anblick. Hat dir
die Sonne da drunten wohlgetan? Bist du gesund geworden? Hast du rote Wangen?
Lass mir die Kleesberg kommen! Die soll mir sagen -« Er verstummte. Wie in
Schmerz verzog er den Mund, während er den rechten Arm streckte und die Finger
bewegte, als empfände er eine Spannung an der Hand.
    Kitty fuhr auf. Sie konnte den Anblick nicht ertragen - die welken Züge, die
starren, vorgequollenen Augen mit dem roten Kreis um jeden Apfel. Stöhnend barg
sie wieder das Gesicht. Alles zu Ende. Auch ihr Glück, ihre Liebe! Alles
vernichtet, versunken! Sie war gekommen, mit dem Vater zu ringen um ihr Glück -
wenn es sein müsste, ihn zu verlassen! Und da lag sie zu seinen Füssen, an ihn
geschmiedet mit allen Banden einer Kindersdeele! Nur noch die Liebe zu ihm,
aller Jammer, der sie erschütterte, alles Erbarmen, das ihr das Herz zerriss! Und
das andere zu Ende - das schöne, selige Märchen, verklungen, versunken! Nur
dieser Blinde noch, nur diese starren, toten Augen, die trocken waren, ohne
Glanz und ohne Tränen - - -
    Es pochte an die Fenster; schwere Tropfen schlugen gegen die Scheiben. Dann
ein Sausen, das von weit her tönte und im nächsten Augenblick schon alle Mauern
von Hubertus umringte, ein helles Geprassel, wachsend zu einem dröhnenden
Geknatter. Die Fenster wurden weiss, es trommelte auf dem Dach und brauste durch
alle Wipfel des Parkes nieder auf die Erde. Der echte, wilde, zügellose
Frühlingsregen der Berge, der alle faulen Zweige von den Bäumen schlägt, die
Täler und Höhen säubert, den letzten Schnee ersäuft und die Felsen befruchtet!
    Ein fahler Blitz, ein matt verrollender Donner, dann wieder Finsternis und
Ströme über Ströme.
    Bäche rannen auf allen Strassen des Dorfes, der See überstieg die Ufer, und
in das Geprassel des Regens mischte sich immer mächtiger das Rauschen der Ache
und der schwellenden Wildbäche.
    An allen Häusern waren die Fenster hell. Über die roten Scheiben huschten
die schwarzen Schatten der Weiber, die mit Lumpen alle Lücken der Fensterrahmen
verstopften. Und hinter den Flurtüren das Geschrei der Mägde, die das
eingedrungene Wasser von den Dielen schöpften.
    Ein einziges Haus war öd und finster. Das Brucknerhaus. Und doch belebt: die
beiden Kühe brüllten im Stall und zerrten an den Ketten. Sie hungerten.
    Im Seehof kreischender Stimmenlärm; die Schifferschwemme mit Gästen
angefüllt; kein Lied, kein Ziterklang; nur das Gewirr der lauten, erregten
Stimmen; und die erleuchteten Fenster von Qualm verschleiert.
    Auf der gedeckten Terrasse stand der Seewirt; die Fensterhelle warf seinen
Schatten lang auf die überschwemmte Lände hinaus.
    Jetzt Stimmen vom Waldsaum her, und das Geplätscher watender Schritte. Vier
Holzknechte betraten die Terrasse, schüttelten die triefenden Wettermäntel und
schleuderten das Wasser von den schwammigen Hüten.
    »Was is?« fragte der Seewirt. »Gschieht in der Nacht noch was?«
    »Nix mehr! Die Bescherung droben muss liegenbleiben, hat der Schandari gsagt,
bis morgen die Grichtsleut alles gesehen haben. Aber dös arme Madl werden s' in
der Nacht noch runterbringen. Wie der Regen anfangt hat, sind s' mit der
Tragbahr in der Almhütt untergstanden.«
    Die Holzknechte suchten ins Trockene zu kommen. Als die Tür der Schwemme
geöffnet wurde, quoll der dicke Pfeifenqualm heraus.
    Der Seewirt fasste einen der Knechte am Lodenzipfel. »Geh, Steffel, mach den
Sprung zur Förstnerin aussi! Sie weiss schon, dass ihrem Buben nix gschehen is,
aber dös arme Weibl tut wie verruckt. Geh, mach dös Katzensprüngl! Ich zahl dir
a paar Mass Bier.«
    »Meinetwegen!« Der Knecht stapfte durch die Pfützen und verschwand im Grau
des strömenden Regens.
    Stunde um Stunde verrann. Um Mitternacht machte der Seewirt Kehraus in der
Schwemme. Laut schwatzend torkelten die Letzten nach Hause.
    Der Regen war dünner geworden und ging in feines Geriesel über; das hatte
keinen Laut mehr; und das Rauschen der Bäche wurde eintönig.
    Droben im Bergwald gaukelten die Lichter zweier Fackeln; sie verschwanden,
um auf dem tieferen Gehäng wieder aufzublitzen.
    Durch die hängende Wolkendecke stahl sich das erste Grau; aus den Wäldern
dampften bleiche Nebel und schwebten unruhig hin und her, jedem Wechsel des
Windes folgend. Ein starker Geruch von zerriebenem Laub und aufgewühlter Erde
füllte die Luft. Es tropfte von den Bäumen; die hatten ihre Blättchen in dieser
Nacht zu Blättern ausgeschoben. Ein junger Apfelbaum, der hinter dem Zaun eines
stillen, öden Gehöftes stand, hatte weissen Blütenschimmer. Und eine Drossel
schlug. Das war der erste Laut dieses Morgens. Dann klirrende Schritte auf dem
Steig, der vom Waldhang gegen die Lände führte.
    Zwei Holzknechte erschienen unter den triefenden Bäumen; der eine schob mit
dem Bergstock das Fallholz und die Steine aus dem Weg, der andere trug die
Büchse und den Hüttensack eines Jägers; ihnen folgten zwei Männer mit einer
Reisigbahre: die Stangen am Fussende trug ein alter Bauer, während die Traghölzer
zu Häupten der Bahre in Franzls Händen lagen. Sein Gang war mühsam, seine Arme
zitterten. Die drei anderen hatten sich von Stunde zu Stunde abgelöst; nur
Franzl hatte immer den Kopf geschüttelt, wenn einer der Knechte ihm die Stangen
aus den Händen nehmen wollte. Das nasse Gewand klatschte an seinem Körper.
Tastend suchte sein Schritt den Weg, während seine Augen an dem Mädchen hingen,
das auf dem Reisig der Bahre gebettet lag, mit Franzls Wettermantel unter dem
Kopf, mit zerschnittenem Mieder und gelöstem Haar. Malis Augen standen offen und
hatten flackernden Glanz; bald schrie sie mit heiseren Lauten, bald wieder
raunte sie ein Gewirr sinnloser Worte vor sich hin; dabei zupften ihre Finger
ruhelos an den Haaren der triefenden Lodendecke, die den Körper der
Fieberkranken bis zur Brust umhüllte.
    Die Bahrenträger schritten am Brucknerhaus vorüber und den Wiesen zu.
    Auf dem Strässlein stand die alte Horneggerin. »Franzl!« schrie sie. Und
rannte.
    Nun war es mit Franzls Beherrschung zu Ende. »Da schau, Mutter! Gibt's an
Unglück mit'm Madl, so kannst mich gleich mit eingraben!«
    Alle Freude der Horneggerin, dass sie ihren Buben heil nach Hause kommen sah,
verwandelte sich in Jammer. »Jesus Maria!« Sie eilte den Trägern voraus, um Zaun
und Tür vor ihnen zu öffnen. »Nur eini, Leut! Mein Bett soll s' haben, und wenn
ich am Boden liegen müsst!«
    Als Franzl die Fiebernde in die Kammer trug, schlug sie mit den Händen um
sich und schrie.
    Der Doktor kam, und die Horneggerin schob ihren Buben zur Tür hinaus. In der
Stube fiel er auf die Ofenbank, und seine Knie begannen zu zittern, dass die
genagelten Absätze laut auf den Dielen trommelten.
    Mit verweintem Gesicht kam die Horneggerin aus der Kammer geschlichen und
legte den Arm um den Hals ihres Buben. »Sei gscheit Franzl! Solang eins am Leben
is, darf man d' Hoffnung net verlieren!«
    Franzl umklammerte die Mutter. »Dös Madl is mir alles! Mein Glück und Leben!
Wenn unser Herrgott dem Madl nimmer helfen mag - da wär's mir lieber, dem
Bruckner sei' Kugel hätt net den andern troffen, sondern mich!«
    »Jesus! Bub!« stotterte die Försterin. »Wie kannst dich denn so
versündigen!«
    »Recht hast! Ich hab an dich vergessen. Gott verzeih mir's!« Franzl hob das
bleiche Gesicht; seine Augen brannten. »Mutter! Jetzt hat der Vater d' Ruh im
Grab. Der ihm die Kugel durchs Herz gjagt hat am blutigen Johannistag - jetzt
liegt er droben in die Latschen, mit der Kugel am gleichen Fleck.«
    Jähe Blässe rann über das Furchengesicht der alten Frau. »Der Bruckner?«
    Der Jäger schüttelte den Kopf. Leis begann er zu erzählen, während seine
verstörten Augen immer wieder die Kammertür suchten. Die ganze Leidensgeschichte
seines Herzens sprudelte aus ihm heraus, von der ersten Begegnung mit Mali bis
zu ihrem warnenden Wort vor der Dippelhütte: »Nimm dich vorm Schipper in acht!«
Er schilderte jedes Erlebnis mit dem grauen Kameraden, bis zum letzten Morgen
unter der Hangenden Wand.
    »Gleich hat mir die Gschicht mit seine zwei Lumpen net taugt. Aber mit dem
Wörtl vom Schwarzbartigen, der den Vater am Gwissen hätt, hat er mir Fuier ins
Blut gossen. Und wie ich einisteig übern Schneelahner, sitzt er schon da vor
mir, der Schwarzbartig, mit'm Gsicht voll Russ! Siedheiss geht's mir in Kopf, und
ich fahr gleich auf mit der Büchs. Allweil sitzt er und rühr sich net. Der
Spielhahn is ihm vor die Füss glegen, 's Gwehr hat er zwischen die Knie ghabt,
und allweil schaut er in Boden eini. Und gahlings schlagt er d' Händ vors Gsicht
und fangt zum heulen an wie a wehleidigs Kindl. Dös hat mich packt, ich weiss net
wie. Die Büchs hab ich aus'm Anschlag gnommen, bin auf ihn zu in aller Ruh und
sag: Gib dich, Lump! Da schaut er mich an. Nachher schnauft er und sagt: Da hast
mich! Eiskalt geht's mir übern Buckel. Gleich fallt mir d' Schwester ein. Jesus!
Bruckner? Du! Mehr hab ich net aussibracht. Ja, sagt er, ich! Und steht auf,
will mir 's Gwehr hinbieten und sagt: Gegen dich gibt's für mich kein Wehren
net! Da kracht's übern Lahner her. Und jetzt erst fallt mir wieder der zweite
ein, von dem der Schipper verzählt hat. Ich mach an Sprung auf d' Seiten. Drüben
fliegt 's Pulverwölkl auf, und zwischen die Latschen blitzt der Lauf kerzengrad
gegen mich her -«
    »Jesus!« keuchte die Horneggerin und bedeckte die Augen.
    »Aber ich war mit der Büchs noch net im Gsicht, da fallt neben meiner der
zweite Schuss. In die Latschen drin überschlagt sich einer, sei' Büchs kugelt
aussi über d' Wand, und neben meiner sagt der Bruckner: Für dein' Vater, Franzl!
Heut is Zahltag gwesen! Da greift er mit der Hand an d' Seiten, und 's Blut
rinnt ihm übern Schenkel. Sei' Büchs, die noch graucht hat, fallt ihm aus der
Faust. Und wie der Baum im letzten Hieb, so schlagt er auf d' Steiner nieder.
Ich spring ihm z' Hilf. Fehlt's weit? frag ich. Ja, sagt er, wird wohl Zeit
sein, dass ich beicht - 's Heutige druckt mich net, aber 's Alte möcht ich mir
vom Gwissen laden! - Mutter, Mutter, was hab ich hören müssen!«
    Mit langsamen, hölzernen Worten wiederholte Franzl, was ihm der Sterbende
gebeichtet hatte.
    »Schier hat er nimmer reden können. Verzeihst mir? hat er noch gfragt. Ja,
sag ich, derbarmen tust mich! Da schaut er mich an und hat sich gstreckt. Und
Netterl, mein Netterl! Und aus und gar is gwesen. Und beten hab ich müssen. Und
hab net glauben können, dass er der Schuldig is! Zwei Kugeln sind geflogen am
Johannistag, eine bloss hat troffen. Mutter, da leg ich d' Hand ins Fuier: es war
dem Schipper die seinig! Die ganzen Jahr her hab ich's gspürt in mir und hab's
net verstanden. Es war sein Gwissen, dös sich gwehrt hat gegen mich! Und die
letzte Lug am gestrigen Weg? Und wie er mich ghetzt hat, dass ihn mei' Kugel vom
andern erlösen sollt! Und wie sich der Bruckner gutwillig geben will, schiesst er
ihm hinterrucks die Kugel auffi. Warum denn? Weil er gforchten hat, der Bruckner
könnt reden. Und die ander Kugel hätt er mir durch'n Schädel gjagt, dass ich kein
Zeugen mach. Er hat sich verrechnet. Und der Bruckner hat zahlt für mich. Wie
ich eingstiegn bin in d' Latschen, und der Schipper is daglegen, mit die Fäust
in der Luft und im käsigen Gsicht noch allweil sein giftiges Lachen - Mutter, da
hat's bei mir kei Frag nimmer braucht. Jetzt leg ich d' Hand ins Fuier: der
Schipper war's!«
    Von Grauen geschüttelt, bekreuzte sich die Försterin. »Unser Herrgott soll
ihm gnädig sein! Ich hab verziehen.« Sie umklammerte den Sohn. »Sie christlich,
Bub! Vergib!«
    Franzl schüttelte den Kopf, und seine Stimme war hart wie Eisen. »Ich bin a
guter Christ. Aber da drin liegt d' Mali. Ich hab bloss an einzigs Denken: dass
mich unser Herrgott die Stund erleben lasst, in der ich dem Madl sagen kann: Tu
dich trösten, der Schipper war's, und deim Bruder verdank ich mein Leben.«
    Der Doktor kam aus der Kammer. »Kopf hoch, lieber Hornegger!« Er winkte der
Försterin und trat mit ihr vor das Haus. »Ihnen muss ich die Wahrheit sagen.
Nervenfieber und schwere Lungenentzündung. Das kann Bäume werfen.«
    Die Horneggerin musste sich erst in der Küche ausweinen, ehe sie die Kammer
wieder betreten konnte.
    Franzl sass zu Füssen des Bettes und hielt die glühenden Hände der Kranken
umklammert, die regungslos in den geblumten Kissen lag, mit dunklen Rosen auf
den Wangen.
    »Mutter?« Das klang wie ein Hauch. »Meinst net, sie schaut schon besser
aus?«
    »Aber ja! Gwiss! Viel besser!«
    Franzl atmete auf und erhob sich. »Es kommt mich hart an - aber ich muss
Rapport machen. Bleibst bei ihr?«
    »Tag und Nacht!«
    »Und tust alles, was der Doktor gsagt hat?«
    »Alles! Verlass dich auf mich! Aber zieh dich um, tropfst ja am ganzen Leib!«
    »Dös kühlt mich grad.« Scheu rührte er mit den Fingerspitzen an Malis
glühende Wange; dann schlich er zur Tür. »Was ich sagen will - am Heimweg könnt
ich 's Brucknerhaus absperren und 's Netterl mit heimbringen? Is dir's recht?«
    Die Horneggerin zögerte mit der Antwort.
    »Mutter! Weisst es nimmer? Netterl! hat er gsagt und hat mich angschaut im
letzten Schnaufer.«
    »Aber Franzl! Ich hab ja nix dagegen. Freilich! Freilich! Aber wenn ich nur
wüsst - d' Mali wird mich brauchen, Franzl - ganz!«
    »Ganz und doppelt! Da musst a tüchtigs Weibsbild zur Hilf haben! Die könnt
mit'm Netterl in mein Stübl auffiziehen. Ich leg mich auf'n Heuboden, 's Heu bin
ich gwohnt.«
    Er wartete die Antwort nimmer ab. Als er den Hof betrat, läutete man zur
Messe. Ein blauer Streif des Himmels schimmerte durch die Wolken. Noch war die
Sonne nicht zusehen, doch fern im See war ein funkelndes Glanzband hingegossen
über den grünen Spiegel.
 
                                       20
In der Kruckenstube stand das Fenster offen. Die Frische des Morgens hauchte
herein in den kleinen Raum, in dem die Stimme Kittys klang, eintönig und müde.
    Sie sass neben dem Lehnstuhl und las ihrem Vater aus seinem Lieblingsbuche
vor - aus Kobells Wildanger:
    »In der Falzzeit ist der Auerhahn zuweilen sehr zerstreut, welches einige
auch verrückt nennen, und manchmal kann man sich ihm am hellen Tage nähern und
ihn mit aller Bequemlichkeit vom Baum schiessen; ob aber die Zerstreuteit so
weit geht, dass er, wie Fälle erzählt werden, auch ohne zu falzen, nach einem
Fehlschuss aushalte und gleichsam auch sich fleckeln lasse, darüber kann ich
nicht urteilen; bei den bayerischen Auerhähnen ist dergleichen meines Wissens
nicht gebräuchlich.«
    Graf Egge lachte mit verzerrtem Mund. »Recht hat er! Solchen Unsinn haben
die Sonntagsjäger aufgebracht, die man hinauskarwatschen sollte aus Wald und
Bergen.« Er scheuerte die rechte Hand an der Kante der Armlehne und spannte die
Finger auseinander. Die ganze Zeit über, seit Kitty zu lesen begonnen, hatte
Graf Egge immer mit dieser Hand zu schaffen; bald befühlte er mit der Linken das
Gelenk und kratzte; bald schüttelte er die Hand, als wäre sie von Fliegen
belästigt; bald schob er sie unter die Wildschur, um sie gleich wieder
hervorzuziehen, als wäre ihm die Wärme unbehaglich.
    »Was hast du, Papa? Fühlst du Schmerzen an deiner Hand?«
    »Schmerzen? Ach, Unsinn! Nur so ein komisches Jucken. Lies weiter!«
    Kitty nahm das Buch wieder auf. Immer matter klang ihre Stimme, und die
Buchstaben schwammen ihr vor den Augen, so dass sie häufig stockte.
    »Bist du müde, Geisslein?« fragte Graf Egge endlich.
    »Nein, Papa!«
    »Doch! Ich hör' es! Lege das Buch weg und geh ein bisschen in die Luft
hinaus.«
    »Lass mich bei dir bleiben!«
    Graf Egge fühlte ihr Haupt an seiner Schulter, und wie ein Schimmer von
Behagen ging es über seine zerfallenen Züge. »So bleibe! Es ist mir auch lieber,
ich hab' dich bei mir. Aber das Buch leg' weg! Erzähl' mir ein bisschen von
deiner Reise! Habt ihr Bekannte getroffen?«
    Glühend flog es über Kittys bleiche Wangen. Durfte sie lügen? Ihre Stimme
zitterte. »In Ravello trafen wir mit Professor Werner zusammen.«
    »Wer ist das?«
    »Ein Jugendfreund Tante Gundis.«
    »Was soll mich der interessieren? Sonst habt ihr niemand gesehen?«
    »Ja, Papa. In Professor Werners Begleitung war ein junger Künstler, der
heuer in Berlin die goldene Medaille bekam. - Hans Forbeck -« Den Atem
verhaltend, sah Kitty zu ihrem Vater auf.
    »Forbeck? Forbeck?« Graf Egge runzelte die Stirn, als hätte er Mühe sich zu
besinnen. »Den Namen muss ich doch schon gehört haben?«
    »Du kennst ihn auch!« stammelte Kitty. »Im vergangenen Sommer trafst du ihn
auf der Hochalm. Er hat dich gezeichnet.«
    »Ach so? Der? Ein schlanker, netter Kerl mit gescheiten Augen? Den kenn' ich
freilich!« Graf Egge nickte lächelnd vor sich hin. »Die Geschichte macht mir
heut noch Vergnügen. Weiss er jetzt, wen er zeichnete? Damals hielt er mich für
einen richtigen Jäger und hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Ja, Geiss, in dem
steckt was! Der hat einen Blick für das Echte. Und jetzt hat er die goldene
Medaille bekommen? Das bedeutet wohl für einen Künstler soviel wie für einen
Jäger der Blattschuss auf den Tiger? Was? Na, das gönn' ich ihm! Er war damals
Feuer und Flamme für meine Joppe, für mein ganzes Gestell und für meinen
wuchtigen Rasskopf, wie er sagte!« Graf Egge lachte. »Er liess mir keine Ruh', ich
musste ihm sitzen. Und ich hab's auch gern getan. Ich sag' dir, Geiss, er hat
meinen Kopf aufs Blatt geschmissen, dass ich dachte: Herrgott, der zeichnet, wie
ich schiesse. Und denk' dir: nach der Sitzung hat er mir einen Taler gegeben. Für
so echt hat er mich genommen. Den Taler hab' ich heut noch. Da drin liegt er im
Kasten. Und er freut mich doppelt: weil er das einzige Geld ist, das ich
verdiente in meinem Leben, und weil er mich an diesen prächtigen Jungen
erinnert. Ja, Geisslein, dem hab' ich gefallen. Und er mir auch!«
    Kittys Atem flog. Wie ein Rausch der Hoffnung hatte es ihr Herz befallen.
Das war die Stunde, in der sie sprechen durfte, sprechen musste! »Vater - Vater
-«
    Betroffen hob Graf Egge das Gesicht und machte eine Wendung im Lehnstuhl;
dabei stiess er mit der rechten Hand an den Knauf der Lehne. Unter stöhnendem
Laut zog er den Arm zurück. »Herrgott! Das ist mir durch die Schulter bis ins
Herz gegangen! Was ist denn nur das mit dieser verwünschten Pranke?« Er rieb an
der Hand. »Sieh doch einmal her, Geisslein - hier am Gelenk muss es sein! Gestern
hat mich das halb verendete Biest noch gekratzt. Die Klaue muss tiefer gegangen
sein, als ich dachte.«
    Aus allem Taumel ihrer Hoffnung gerissen, beugte Kitty das erblasste Gesicht
über die Hand des Vaters.
    Alle Gelenke waren geschwollen. Auf der von der Spannung schimmernden Haut
zeigten sich kleine blasige Flecken. Zwischen dem Knöchel und der Pulsader
sickerte ein dunkler Tropfen, und als ihn Kitty mit ihrem Tuche sacht entfernt
hatte, gewahrte sie eine winzige, schwärzlich geränderte Wunde, wie vom Stich
einer tintigen Feder.
    Kitty war über das Aussehen der Hand erschrocken; doch die Entdeckung dieser
unscheinbaren Verletzung beruhigte sie wieder. Das sagte sie dem Vater und erhob
sich. »Ich will zu Doktor Eisler schicken.«
    Als sie in den Flur hinaustrat, hatte sie einen Anfall von Schwindel und
musste sich an die Mauer stützen. Fritz brachte ihr frisches Wasser, und sie
leerte mit dürstenden Zügen das Glas. Dann schickte sie den Diener ins Dorf: er
sollte sich eilen und dem Arzte sagen, dass es sich um eine Risswunde handle -
Doktor Eisler möchte mitbringen, was zum Verbande nötig wäre.
    Schon wollte sie wieder zum Vater zurückkehren, als der Postbote eine
Depesche brachte - die Antwort auf das Telegramm, das Kitty in der Nacht ohne
Wissen des Vaters an den Bruder geschickt hatte. Mit zitternden Händen öffnete
sie das Blatt. »Komme elf Uhr zwanzig - Tas.«
    Eine Viertelstunde später betrat Doktor Eisler die Kruckenstube. Graf Egge
hob sich ein wenig aus den Polstern und versuchte einen scherzenden Ton: »Na
also, Dokterl, da hätten wir wieder miteinander zu schaffen! Die kleine,
ängstliche Geiss will's nicht anders. Aber diesmal wird' ohne Konsilium gehen.
Also los! Sehen Sie meine Hand an, und dann sagen Sie vor allem der armen Geiss
da, dass sie sich beruhigen soll. Und schicken Sie das Mädel in die frische Luft
hinaus!«
    Mit besorgtem Blick musterte der Doktor Kittys erschöpftes Gesicht. »Ja,
Komtesse, Ihr Herr Vater hat recht. Soweit mir Fritz die Verletzung schildern
konnte, scheint die Sache ja wirklich ganz unbedeutend. Sie aber scheinen
dringend einer Erholung bedürftig. Machen Sie eine kleine Spazierfahrt!«
    »Eine ausgiebige!« fiel Graf Egge ein. »Komme mir unter drei Stunden nicht
nach Hause!«
    Kitty zögerte; es widerstrebte ihr, den Kranken zu verlassen; aber bei dem
Gedanken an Tassilo war es ihr doch willkommen, dass der Vater auf seinem Willen
bestand - zwei Stunden schon genügten ihr, um den Bruder von der Bahn zu holen,
ihn auf alles vorzubereiten, was seiner in Hubertus wartete. Zärtlich küsste sie
den Vater auf die Stirn und streichelte ihm das graue Haar; ihre Augen
schwammen, als sie die Stube verliess.
    Der Doktor atmete auf; schon der erste flüchtige Blick, den er auf die
verletzte Hand geworfen, hatte ihn wünschen lassen, mit Graf Egge allein zu
sein. Nun sollte ihm Moser helfen, den Oberkörper des Kranken zu entblössen.
    »Wozu das?« murrte Graf Egge.
    »Es ist nötig, Erlaucht.«
    Der rechte Ärmel der Joppe umspannte die Schwellung des Ellbogens so fest,
dass er sich nicht mehr abstreifen liess; man musste ihn der Länge nach
entzweischneiden.
    Vor dem Fenster rollte der Wagen vorüber und fuhr in jagendem Trab durch die
Ulmenallee. Kitty sass in ihren Mantel gewickelt und trieb zuweilen mit einem
stammelnden Wort den Kutscher zur Eile an. Was ihr Herz erfüllte mit zehrender
Sorge, redete aus ihren verstörten und erschöpften Zügen. Doch wie die
strahlende Frühlingssonne immer wieder durch die grau ziehenden Wolken brach,
wie in den klatschenden Tropfenfall der Bäume sich das süsse Gezwitscher der
Vögel mischte, so klang in allen Sorgensturm ihrer Seele immer wieder das Wort
des Vaters: »Geisslein! Dem hab' ich gefallen. Und er mir auch!«
    Der frische Luftauch, der bei der raschen Fahrt ihre Wangen umfächelte,
linderte ihre Erschöpfung und betäubte sie zugleich; das Gerüttel und Gerassel
des Wagens lullte ihre Sinne ein; die warme Sonne, die immer seltener hinter den
sich zerteilenden Nebeln verschwand, umkoste sie und legte sich wie mit linder
Hand auf ihre müden Lider. -
    Als Kitty aus dem Schlummer aufschreckte, der sie wider Willen befallen
hatte, hielt der Wagen vor der Station. Da fuhr auch der Zug schon in den
Bahnhof ein. Ein paar Dutzend Leute stiegen aus. Mit angstvollem Blick überflog
Kitty die Menschen, die an ihr vorübergingen. Den einen, den sie suchte, wollten
ihre Augen nicht finden.
    Schon standen alle Wagen leer, und die Lokomotive dampfte in die Remise.
    Tassilo war nicht gekommen. Hatte er den Zug versäumt, oder -? Neuer Schreck
umklammerte Kittys Herz. Und was sollte sie tun? Den nächsten Zug erwarten? Drei
Stunden? Die Sorge um den Bruder hielt sie fest, die Sorge um den Vater trieb
sie nach Hause. In der Amtsstube des Stationsvorstehers warf sie mit zitternder
Hand einige Zeilen nieder und bat den Beamten, das Blatt ihrem Bruder zu
übergeben, wenn er mit dem nächsten Zuge käme. Den Wagen liess Kitty warten und
fuhr mit einem gemieteten Einspänner nach Hubertus zurück.
    Der Beamte konnte sich seines Auftrages entledigen: Graf Tassilo traf um
zwei Uhr nachmittags ein. Sein ernstes Gesicht wurde, als er Kittys Zeilen las,
noch um einen Schatten blässer. Er reichte dem Beamten die Hand, und seine
Stimme schwankte: »Ich danke Ihnen!« Dann eilte er zum Wagen und mahnte den
Kutscher: »Treiben Sie die Pferde!«
    Und während er bei jagender Fahrt an das Unglück des Vaters dachte, an die
Begegnung mit ihm, an den Kummer der Schwester und an ihre Zukunft, stand vor
seinen Augen noch immer das Erlebnis, das ihn den Frühzug hatte versäumen
lassen.
    Um vier Uhr morgens hatte er Kittys Depesche erhalten. Diese halbe, in ihrer
hilflosen Fassung doch so deutlich redende Nachricht legte sich mit eisiger Hand
um sein Herz. Und neben der erschütternden Sorge quälte ihn die Frage: ob der
Vater um diese Mitteilung wusste, um diesen verzweifelten Hilfeschrei, mit dem
die Schwester den Bruder rief? Aber durfte er noch überlegen? Er musste reisen.
Auch auf die Gefahr, dass er vor dem Parktor von Hubertus wieder einen wehrenden
Arm finden und eine Beleidigung erfahren würde, wie damals an jenem schwarzen
Morgen! Der Vater in seinem Unglück und die Schwester in ihrem Kummer bedurften
seiner. Er musste reisen. Wann ging der erste Zug? In einer Stunde. Noch
genügende Zeit! Und Anna? Durfte er sie mit dieser Sorge belasten? Musste in ihr
- deren schlummerloser Wunsch die Aussöhnung ihres Gatten mit dem Vater war -
durch diese Reise nicht auch eine Hoffnung erweckt werden, die mit Enttäuschung
enden konnte? Nein, Anna durfte den Grund dieser Reise nicht erfahren, ehe nicht
alles geklärt, nicht jeder Schatten zerstreut wäre. Ein Telegramm hätte ihn in
dienstlicher Angelegenheit unerwartet abgerufen - so instruierte er den Diener
und traf in Hast die Vorbereitungen für die Reise.
    Der Morgen graute, als er auf die stille Strasse trat; dünner Regen rieselte,
und fahl brannten die Laternenflammen in der trüben Dämmerung. Schon wollte
Tassilo in den Wagen steigen. Da hörte er das Klirren eines Schleppsäbels. Ein
Offizier kam auf ihn zugegangen.
    »Graf Egge?«
    »Baron Dörwall?«
    »Ich wollte Sie soeben in Ihrer Morgenruhe stören. Eine mehr als peinliche
Sache -«
    »Verzeihen Sie, Baron! Eine Reise, die keinen Aufschub duldet - ich bitte
Sie herzlich, zu entschuldigen -«
    »So muss ich Ihnen hier auf der Strasse sagen, um was es sich handelt. Um Ehre
und Leben Ihres Bruders.«
    Tassilo erbleichte. »Ich bitte -« Er ging zur Tür und liess Baron Dörwall
eintreten.
    Schweigend stiegen sie die Treppe hinauf. In Tassilos Zimmer brannte noch
die Lampe, und ihre rötliche Helle kämpfte mit dem grauen Frühlicht, das durch
die Fenster quoll.
    Baron Dörwall warf den nassen Mantel ab, setzte sich und legte die Mütze
über den Säbelkorb. »Da Ihre Minuten kostbar sind, und Umschweife den Vorfall
nicht mildern, vermeide ich jedes überflüssige Wort. Ihr Bruder hat heute nacht
gespielt, mit zäherem Pech als je. Er wollte eine günstige Chance erzwingen und
steigerte die Einsätze in einer Weise, dass die Kameraden sich vom Spiel
zurückzogen. Sein einziger Gegner blieb Marchese d'Alanto, der die Bank hielt
und jeden Einsatz annahm. Robert doublierte Karte um Karte, aber die Blätter
sprachen mit einer Hartnäckigkeit gegen den armen Jungen, dass er sich
schliesslich in seiner Erregung zu einer mehr als unvorsichtigen Äusserung
hinreissen liess. Marchese d'Alanto warf ihm die Karten ins Gesicht. Und jetzt -«
Baron Dörwall verstummte; er schien auf ein entgegenkommendes Wort zu hoffen.
    Tassilo schwieg.
    »Die Sache ist leider von einer Art, dass ihre Ordnung keinen Aufschub
duldet. Vor jedem anderen Schritt muss diese Spielschuld aus der Welt geschafft
werden. Der arme Junge ist in böser Klemme. Wir können ihm nicht helfen, die
Summe geht über unsere Kräfte. Das Arrangement der Sache durch ein Geschäft
würde Zeit verlangen. So bleiben nur zwei Wege: eine offene Depesche an seinen
Vater -«
    »Unmöglich!« Tassilos Stimme bebte. »Mein Vater ist leidend, und ich möchte
ihm diese Erregung um jeden Preis erspart wissen!«
    »Also der andere Weg: Ihre Hilfe!«
    Tassilo erhob sich. »Mein Bruder weiss um Ihren Besuch?«
    Dörwall wurde verlegen. »Dieser Weg war mein Vorschlag. Ihr Bruder wies ihn
allerdings energisch zurück, aber - er hinderte mich nicht, zu gehen.«
    »Und die nötige Summe?«
    Baron Dörwall zögerte. »Vierhundertzwanzigtausend.«
    Tassilo ging zum Schreibtisch und nahm das Scheckbuch aus einer Lade. Mit
ruhiger Hand füllte er das Blatt aus und unterschrieb. Er verfügte mit diesem
Federstrich fast über alles, was er besass, über sein mütterliches Erbe und über
die Hälfte dessen, was er im Laufe der vergangenen Jahre durch Arbeit erworben
hatte.
    Als Tassilo die Feder niederlegte, sagte Dörwall: »Ich danke Ihnen, Graf, im
Namen Ihres Bruders.«
    »Ich kann auf Dank keinen Anspruch erheben, da ich an meine Hilfe eine
Bedingung knüpfen muss. Ich ermächtige Sie, Baron, diesen Scheck meinem Bruder
auszufolgen - gegen einen Revers, in dem sich Robert verpflichtet, sofort nach
Ordnung dieser Sache um seinen Abschied einzukommen.«
    »Graf Egge! Diese Bedingung ist hart.«
    »Diese Bedingung ist geboten durch die Rücksicht auf meinen Vater und ist
eine Forderung des Degens, den Robert bisher getragen. Oder wollen Sie, Baron
Dörwall, die Garantie übernehmen, dass mein Bruder mit dem heutigen Tag von
seiner unglückseligen Leidenschaft geheilt ist? Und dass er sich für die Zukunft
von Konflikten fernzuhalten weiss, die unverträglich sind mit der keinen Makel
duldenden Ehre eines Offiziers?«
    Dörwall schwieg.
    »So bedaure ich, in Würdigung des Rockes, den auch Sie tragen, Baron, diese
Bedingung aufrechterhalten zu müssen.«
    »Er ist gezwungen, sie anzunehmen. Und ehrlich gesprochen, ich muss Ihnen
recht geben. Nun verzeihen Sie mir die unbehagliche Stunde -«
    »Sie war nicht unbehaglich, nur ernst.«
    Baron Dörwall warf den Mantel um die Schultern.
    Tassilos Stimme verlor ihren ruhigen Klang. »Ich darf Sie wohl bitten, mir
über den Verlauf dieses Tages Nachricht zu geben?«
    »Wohin?«
    »Nach Hubertus.«
    »Hoffentlich kann ich Ihnen Gutes melden, die Sache wird ja wohl glimpflich
verlaufen.«
    »Das gebe der Himmel! Und wenn alles erledigt ist, nicht früher, bitte ich,
Robert mitzuteilen, dass sein Vater schwer leidend ist.«
    Als Tassilo allein war, zog er die Uhr. »Noch zwölf Minuten. Es wäre noch
möglich!« Sein Blick haftete an dem Bild seiner Frau, das auf dem Schreibtisch
stand. Er hatte sie arm gemacht, aber er wusste, sie würde lächeln dazu! Diese
Stunde hatte das hässliche Wort beglichen, das Robert gegen Anna ausgesprochen -
nun hatte sie ihm geholfen!
    Durch die Fenster brach der helle Tag. Das Frühlicht hatte roten Schein.
    Tassilos Pferde jagten zum Bahnhof. Der Zug hatte die Halle schon verlassen.
Drei volle Stunden bis zum nächsten Zug.
    Um die Zeit zu verbringen und mit sich allein zu sein, fuhr Tassilo mit dem
Wagen bis zur zweiten Station.
    Und nun lag das Ziel vor ihm! Was sollte ihn in Hubertus erwarten? Welche
Nachricht sollte der Abend aus München bringen? Drei Uhr schon! Vielleicht waren
in jenem hässlichen Spiel die bleiernen Würfel bereits gefallen? Wie hatten sie
entschieden? Eine dumpfe Angst wühlte in ihm - sie galt dem Vater und galt dem
Bruder.
    In der Tiefe der Waldstrasse tauchte die Parkmauer von Hubertus auf, und eine
gellende Stimme klang: »Tas! Tas!« Umflattert von den Falten des schwarzen
Kleides, eilte Kitty dem Bruder entgegen. Ehe die Pferde halten konnten, sprang
sie in den Wagen und hing an Tassilos Hals. Sie fand nicht viel Worte, um ihn
vorzubereiten. Ihr Schmerz redete eine kurze, deutliche Sprache. Stumm hielte
Tassilo die Weinende umschlungen, während der Wagen in der Ulmenallee am leeren
Adlerkäfig vorüberrollte. Als zwischen den Bäumen das Schloss erschien, fragte
Tassilo: »Weiss er, dass ich komme?«
    »Nein. Ich habe versucht, die Rede auf dich zu bringen. Er liess mich nicht
weitersprechen. Dann wurde er unruhig - ich glaube, er fürchtet, dass ich dir
Nachricht schickte.«
    Der Wagen hielt, Doktor Eisler erwartete ihn.
    »Ihr Vater verlangt nach Ihnen,« sagte der Arzt zu Kitty, »aber bitte,
beherrschen Sie sich! Jede Äusserung Ihres Schmerzes bedrückt ihn. Seine Augen
sehen nicht, aber sein Gehör empfindet doppelt scharf.«
    Kitty trocknete die Wangen. »Er soll keinen Laut von mir hören.« Sie sah zu
ihrem Bruder auf. »Und du?«
    »Ich komme.«
    Während Kitty zum Vater ging, wanderte Tassilo mit Doktor Eisler in den Park
hinaus. Er las es schon aus dem Blick des Arztes, dass er Schweres hören sollte.
    »Was sagte Ihnen Ihre Schwester?« fragte der Doktor.
    »Dass das Leben meines Vaters in Gefahr steht.«
    »Das musste ich ihr sagen. Aber verschwiegen hab' ich ihr, wie nah diese
Gefahr ist. Ihnen gegenüber, und wenn ich Ihnen auch Kummer verursache, muss ich
wahr sein. Machen Sie sich auf das Schlimmste gefasst! Ihr Vater ist verloren.
Blutvergiftung. Das Wort ist unerbittlich.«
    Bleich fiel Tassilo auf eine Gartenbank und bedeckte das Gesicht. Es währte
lange, bis er zu sprechen vermochte.
    »Blind? Und jetzt der Tod? Unerbittlich?«
    »Der Prozess nimmt einen rapiden Verlauf. Bei der ersten Untersuchung,
vormittags zehn Uhr, hoffte ich, dass eine Ablösung der Hand noch Rettung bringen
könnte. Ich lief nach Hause, um alles vorzubereiten. Als ich kam, um Ihrem Vater
die Wahrheit zu sagen und seine Einwilligung zu erwirken, sah ich, dass auch eine
Wegnahme des ganzen Armes nicht mehr gefruchtet hätte. Nun schwieg ich. Hätt'
ich den Kranken nutzlos quälen sollen? Ich linderte seine Schmerzen. Nun ist
sein Zustand ein erträglicher.«
    »Und ahnt mein Vater -?«
    »Das kann ich nicht sicher beantworten. Er beherrscht sich, seiner Tochter
zuliebe. Aber er macht sich wohl seine Gedanken - wenigstens hat er selbst die
Frage gefunden: Gift im Blut? Ich habe natürlich verneint.«
    »Und wie lange -« Tassilos Stimme versagte, »wie lange geben Sie ihm noch
Frist?«
    »Bis morgen. Mit dem Abend, fürchte ich, werden die stillen Delirien und die
Schlafsucht beginnen. Das ist der Vorbote des Äussersten.«
    Tassilo schwieg.
    Doktor Eisler sagte: »Es ist mir schwer geworden, Ihnen das mitzuteilen. Es
geht mir auch selbst zu Herzen. Gerade jetzt. Ich habe böse Zeiten. Der To
schlägt um sich wie zur Faschingszeit der Hanswurst mit seiner Peitsche. Und
überall versagt mein Bröselchen Wissen. Ihr Vater ist ein Greis, dessen Zeit
gemessen war. Ihm kommt die letzte Stunde wie eine Erlösung aus dunkler Qual.
Aber andere! Liebe Kinder und blühende Jugend! Ich habe harte Zeiten.« Die Augen
des alten Mannes wurden feucht. »Darf ich gehen, Herr Graf? Auf mich wartet ein
gutes, liebes Mädel, das mit dem Tode ringt. Ein freundliches Menschenglück
droht mit diesem Leben zu versinken. Dort bin ich nötig. Hier kann ich nichts
mehr helfen. Darf ich gehen? In einer Stunde könnte ich wiederkommen.«
    »Gehen Sie!« stammelte Tassilo und drückte die Hand des Arztes. Sie
schieden, und während Doktor Eisler sich rasch entfernte, trat Tassilo in das
Schloss. Im Flur schrieb er eine Depesche an Forbeck: »Kommen Sie morgen mit dem
ersten Zug. Kitty bedarf eines Trostes. Mein Vater der Auflösung nahe. Bitte
Sie, Anna schonend vorzubereiten.«
    Nun kam für ihn das Schwere - dieses Wiedersehen mit dem Vater!
    Moser trug eine Flasche mit frischem Wasser in die Kruckenstube, aus welcher
Kittys eintönige Stimme klang. Hinter dem alten Jäger trat Tassilo lautlos über
die Schwelle.
    Kitty sass neben dem Bett des Vaters in einem niederen Fauteuil, Kobells
»Wildanger« auf dem Schoss. Als sie den Bruder eintreten sah, stockte ihre Stimme
für einen Augenblick. Dann las sie weiter: »Wer den lustigen Spielhahn in seiner
hochzeitlichen Freude kennenlernen will, muss ihn auf dem Platz belauschen, wo er
am frühen Tag seinen Tanz beginnt. Das ist ein Springen und Laufen im Reigen und
ein Blasen und Gurgeln in munterem Wechsel. Während der Auerhahn nur der
verschwiegenen Nacht seine Klagen vertrauen will und zeitweise in
überschwenglicher Liebesphantasie den Kopf verliert, zeigt sich der Spielhahn
aufgeweckt, fröhlich und herausfordernd. Kommt ihm ein anderer Hahn zu nahe, so
geht es gerne an ein heftiges, erbostes Raufen; sie schreiten mit halb gehobenen
Flügeln und gesträubten Federn aufeinander los, wobei sie sich oft beim Angriff
gegenseitig umwerfen und auf dem Rücken liegen, dass man über dem komischen
Anblick das Schiessen vergisst -« -«
    Ein mattes Lachen brach von Graf Egges bläulichen Lippen.
    Erschüttert bis ins Innerste, stand Tassilo neben der Tür. Was war aus
diesem Riesen an wilder Kraft und eiserner Gesundheit geworden, wie er seit
jener letzten Szene vor der Dippelhütte in Tassilos Erinnerung lebte: starr und
unbeugsam, mit dem zornflammenden Gesicht und den blitzenden Falkenaugen! Was
hatte sein Dämon aus ihm gemacht! War das noch der gleiche Mensch? Dieser welke,
gebrochene Greis, der in den zerwühlten Kissen des Bettes lag, die Züge
entstellt, die Augen glanzlos und erblindet, die Glieder abgezehrt, den Arm, in
dessen Adern der Tod schon nach dem Sitz des Lebens rollte, von dicken
Leinwandbändern umschlungen? Und das sein Vater? An dem das Herz des Sohnes,
obwohl es den Stoss dieser knöchernen Faust empfunden, mit allen Fibern hing! Das
hatte Tassilo in keiner Stunde seines Lebens tiefer empfunden als in dieser
Stunde des Wiedersehens, die das Scheiden für immer brachte.
    Eine Schwäche fiel ihm in die Knie, und während Moser die Stube verliess,
ging Tassilo auf den Lehnstuhl zu und liess sich niedersinken.
    Hastig erhob Graf Egge den Kopf, und seine Züge spannten sich. Er machte mit
der Linken eine Bewegung gegen Kitty, dass sie schweigen sollte.
    »Wer ist hier gegangen?«
    Keine Antwort kam.
    »Wer ist hier gegangen, frag' ich?«
    »Moser!« stammelte Kitty. »Moser war hier. Er brachte Wasser und hat in
diesem Augenblick das Zimmer verlassen.«
    »Moser? So? Moser? Wirklich?« Graf Egge liess den Kopf zurücksinken. »Mir
war, als hätt' ich noch einen anderen gehört. Einen anderen -« Seine Stimme
versank.
    »Was meinst du, Papa?«
    »Schon gut! Ich will mich geirrt haben.«
    Kitty tauschte einen bekümmerten Blick mit dem Bruder und fragte lispelnd:
»Soll ich weiterlesen, Papa?«
    »Nein Geisslein! Ruh' dich aus! Ich danke dir. Bist ein guter Kerl!«
    Schweigen war im Zimmer; die Tränen rollten über Kittys Wangen, während
Tassilos Augen am Vater hingen, der regungslos in den Kissen lag und zuweilen
den Atem anhielt, als lauschte er.
    So verging eine Stunde.
    »Geisslein?«
    »Ja, Papa?«
    »Lies mir wieder! Deine Stimme tut mir wohl. Willst du?«
    »Gerne, Papa.«
    Während Kitty las, wurde Graf Egge unruhig; dann plötzlich griff er mit der
Linken unter stöhnendem Laut nach seiner kranken Schulter. »Herrrr, da fängt es
schon wieder an! Das ist nicht mehr auszuhalten. Den Doktor! Er soll mir wieder
eine Ration verabreichen wie vorhin. Das hat geholfen.«
    Erschrocken eilte Kitty aus der Stube. Tassilo war aufgesprungen.
    Als Graf Egge hörte, dass die Tür geschlossen wurde, hob er sich aus den
Kissen und tastete mit der Linken an sich herum. Dann sass er regungslos, das
zitternde Kinn auf der Brust, und starrte mit den toten Augen vor sich hin. Und
raunte: »Pfui! - Pfui! - In mir fliegen die Raben - scheint mir! - Raben?« Sein
Mund verzerrte sich. »Unsinn! Raben? Ich bin Adlerfrass! Zuerst die Augen. Dann
alles andere. Das ist so ihre Art. Ich kenne sie.«
    Tassilo griff nach der Lehne des Sessels, und das alte Möbel ächzte.
    Lauschend hob Graf Egge das Gesicht. »Ist jemand da?«
    Kitty erschien in der Tür. »Doktor Eisler ist hier, Papa! Da kommt er schon
-«
    Der Arzt trat in die Stube und zum Bett. »Guten Abend, Erlaucht! Wie fühlen
Sie sich?«
    Graf Egge schwieg eine Weile. Dann sagte er mit umflorter Stimme: »Geisslein,
lass mich allein mit ihm!«
    »Ja, Papa.« Sie ging aus der Stube.
    »Doktor? Sind wir jetzt allein?«
    Ein flehender Blick Tassilos traf den Arzt.
    »Ja, Erlaucht.«
    »Dann wollen wir offen sein. Unter uns. Doktor, ich spür's - zu mir will
einer kommen, der Mangel an Fleisch und Überfluss an Knochen hat. Rücken Sie
ehrlich heraus mit der Sprache! Diese drei Buchstaben werde ich auch noch
verdauen können! Tod? Es hört sich übel an. Aber einmal muss es kommen hinter
allem Leben, wie hinter jedem Schuss der Brand. Und besser die grosse Nacht als
diese kleine vor meinen Lichtern. Ehrlich, Doktor? Das Biest mit seiner Aasklaue
hat mir den Rest gegeben? Auch ein Jägertod. Aber kein schöner! - So reden Sie
doch!«
    »Aber liebe Erlaucht -« stammelte der Arzt.
    »Ach so, Sie werden zärtlich? Na, dann weiss ich, dass es um die letzte
Patrone geht. Dann bestellen Sie mir den Pfarrer! Ich will rechtzeitig mit dem
Himmel auf gleich kommen, oder ich gerate da drüben in schlechtes Revier. Und
sagen Sie -« Graf Egge unterbrach sich, und seine Stimme bekam anderen Klang.
»Wer atmet hier? Ich hör' ihn. Ganz deutlich. Und der hat ein schweres Herz!«
Graf Egge lauschte. Er hörte den Schritt des Doktors, der die Stube verliess. Als
die Tür geschlossen war, tastete Graf Egge mit der Linken ins Leere und
murmelte: »Komm her, Tas! Ich weiss, du bist es.«
    »Vater!«
    Tassilo stürzte vor dem Bett auf die Knie und bedeckte die welke Hand mit
Küssen. Graf Egge hob ihn auf und rückte an die Wand. »Zu mir! Komm! Setz' dich
zu mir! Wir wollen kurze Rechnung machen. Einen Strich unter alles! Sag' mir
eines: Bist du glücklich?«
    »Ja, Vater! Und was mir noch fehlte, halt' ich jetzt in meiner Hand.«
    »Hast du deine Frau bei dir? Nicht? So lass sie kommen! Oder nein! Lieber
nicht! Ich hörte, sie ist eine Dame von Geschmack. Ich würde ihr übel gefallen.«
Graf Egge sank in die Kissen zurück, und seine Stimme wurde matt. »Bös hat die
Jagd mich zugerichtet. Es kam, wie du sagtest, Tas! Meine Kinder hat sie mir
genommen, meine Kraft, meine Augen, meine Hand, und jetzt frisst sie mich auf mit
Haut und Haaren. Aber schadet nichts. Ich liebe sie doch. Und glaube mir, Tas,
sie ist eine edle Freude. Es gab eine Zeit, in der ich sie so genossen habe.
Aber ich war ein Nimmersatt und hab' ihr schönes Bild zum Scheusal gemacht. Lass
dich nicht abschrecken durch mein Beispiel! Du bist wohl ein Jäger, dass Gott
erbarm'. Aber du bist auch ein Mann, der kann, was er will. Wenn du dir Mühe
geben möchtest, könnte aus dir noch ein prächtiger Jäger werden Tu es mir
zuliebe, Tas! Ich könnte mich nicht ruhig zum letzten Schnapper hinlegen, wenn
ich denken müsste, dass mein schönes Revier zerfällt und verwüstet wird. Versprich
mir, Tas, dass du meine Jagd in gutem Stand erhalten willst.«
    »Ja, Vater!«
    »Dein Wort?«
    »Mein adeliges Wort!«
    »Jetzt verlang', was du willst, jetzt kannst du alles von mir haben!« Die
Worte klangen schleppend, kaum noch verständlich. »Was - willst - du?«
    »Nichts für mich. Dass ich Friede habe mit dir, ist alles, was ich mir
wünsche. Aber eine weiss ich, Vater, die hätte eine grosse Bitte an dich auf dem
Herzen. Die Bitte um das Glück ihres Lebens!«
    »Meinst du - die kleine - Schmalgeiss?« Graf Egge nickte mühsam. »Was - will
sie?«
    In Hast, tief und schmerzvoll bewegt, redete Tassilo dem Glück seiner
Schwester das Wort. Während er schilderte, wie Kitty und Forbeck sich
kennenlernten, während er von dem redlichen Charakter des jungen Künstlers
sprach, von seiner reichen Begabung, von seiner schönen Zukunft, hatten Graf
Egges Züge einen Ausdruck, der verriet, dass er lauschte und verstand. Allmählich
aber fühlte Tassilo, wie der Druck der dürren, heissen Finger, die er mit beiden
Händen umschlossen hielt, sich linderte und löste. Erschrocken verstummte er und
spähte in das Gesicht des Vaters. Graf Egge lag ruhig, mit schweren Atemzügen;
die geröteten Lider waren halb über die starren Augen gesunken, und wie ein
versteinertes Lächeln lag es um den welken Mund.
    »Vater?«
    Keine Miene zuckte in dem müden Antlitz. Graf Egge schlief.
    Es rieselte kalt durch Tassilos Herz. Er wusste, was dieser Schlaf bedeutete.
Er wusste, dass das Ende begann, und in den Schmerz, der ihn um den Vater
erfüllte, mischte sich die bedrückende Erkenntnis, dass keine Stunde mehr kommen
würde, in der Graf Egge mit klaren Sinnen über die Zukunft seiner Tochter
entscheiden könnte. Tassilo presste die zitternden Hände an seine Stirn. Sollte
über den Lebensweg seiner Schwester der Schatten des Gedankens fallen, dass sie
ein Glück genoss, das die Zustimmung des Vaters nicht gefunden? Tassilo erhob
sich. Er fand die Schwester im Flur. Leise weinend sass sie neben der Tür. Moser
stand bei ihr und tröstete sie mit stotternden Worten. Als sie den Bruder sah,
taumelte sie in seine Arme. »Tas? Ich habe deine Stimme gehört - und die seine?«
    Er umschlang sie und flüsterte ihr ins Ohr: »Wir sind versöhnt. Und ich habe
mit ihm gesprochen von dir und deinem Hans! Der Vater nickte und lächelte.
Sprechen konnte er nimmer.«
    Aufschluchzend streckte Kitty die Arme nach der Tür. Tassilo hielt sie
zurück. »Er schläft. Weck' ihn nicht! Der Schlummer lindert seine Schmerzen.«
    Lautlos traten sie ein. Unter Tränen, zärtlich drückte Kitty ihre Lippen auf
die regungslose, glühende Hand des Vaters. Tassilo zog die Schwester auf seinen
Schoss. So sassen sie zu Füssen des Lagers.
    Schweigende Stunden verrannen. Manchmal murmelte Graf Egge im Schlaf. Das
Licht des Abends leuchtete rot in die Stube und wurde grau. Moser brachte die
Lampe, und Gundi Kleesberg kam, mit dem nassen Bund um die Stirn; vor Migräne
vermochte sie kaum die Augen zu öffnen, aber sie liess sich nicht wieder
fortschicken.
    Immer lauter klangen die Worte, die Graf Egge im Schlummer lallte. Er redete
wirr. Von Jagd und Jagd. Ärgerlich zankte er mit einem Jäger, staunte über das
abnorme Gehörn eines Bockes, wähnte unter dem Adlerhorst zu stehen und befahl,
die Leiter aufzuziehen. Dann wollte er mit mattem Stöhnen mit beiden Händen nach
seinen Augen greifen. Der kranke Arm versagte. Ein schmerzliches Zucken fuhr
durch seinen Körper, und Graf Egge richtete sich auf. »Tas? Was wollt' ich
sagen? - Richtig, ja, dass du heuer den Abschuss beschränken musst! Im letzten Jahr
hab' ich toll gewirtschaftet. Das musst du wieder einholen, oder die Jagd leidet!
- Wer kommt?«
    Moser hatte die Stube betreten, deutete mit dem Daumen hinter sich und
machte ein Kreuz in die Luft.
    »Vater! Der hochwürdige Herr ist hier,« sagte Tassilo, »bist du bereit, ihn
zu empfangen?«
    »Ja!« Graf Egges Stimme klang ruhig und klar. »Aber nicht so, wie ich hier
liege. Moser! Ruf den Fritz, er soll dir helfen, mich anzukleiden. Und bring'
mir von meinem Jagdzeug das Allerbeste: die gute Sommerjoppe - sie hat weite
Ärmel - meine neue Lederhose und die grüne Weste mit den schwarzen Hirschgranen!
Den lieben Herrgott muss man in Gala empfangen. Und man darf ihn nicht warten
lassen. Flink!«
    »Vater!« stammelte Tassilo. »Ich bitte dich, deine Kräfte zu schonen! Dein
frommer Wille hat Feiertagsgewand -«
    »Widersprich nicht, Tas! Ich will es.« Das war ein Ton, der an vergangene
Zeiten erinnerte. »Gundi? Sind Sie hier? Führen Sie die kleine Geiss hinüber!
Oder ich steige vor euch beiden aus dem Bett. Das dürfte kein vergnüglicher
Anblick sein. Flink, Moser!«
    Sie mussten ihm den Willen tun.
    Als der Geistliche die Kruckenstube betrat, im Chorhemd und mit dem
Ziborium, sass Graf Egge völlig angekleidet und mit starrer Haltung im Lehnstuhl
und bekreuzte sich mit der Linken.
    Kitty und Gundi Kleesberg knieten vor der Tür im Flur.
    Tassilo war abgerufen worden. Die gerichtliche Kommission, die im »Fall
Bruckner-Schipper« amtierte und den Tatort in Augenschein genommen hatte, war in
Hubertus erschienen, um den Jagdherrn zu vernehmen. Erschrocken hörte Tassilo
von der blutigen Tragödie, die sich auf den Bergen abgespielt hatte. Als die
Beamten erfuhren, in welchem Zustand Graf Egge sich befände, verzichteten sie
auf die Einvernahme und entfernten sich. Am Ausgang der Ulmenallee begegnete
ihnen der Postbote und grüsste: »Recht guten Abend!«
    Tassilo, der in das Schloss zurückkehren wollte, hörte die Stimme und rief in
das sinkende Dunkel hinaus: »Bringen Sie eine Depesche?«
    »Ja, Herr Graf!«
    Tassilos Hände zitterten, als er auf der Veranda im Schein der Laterne das
Blatt öffnete. Er las - und Blässe rann ihm über das Gesicht. »Sie spielen - und
beschimpfen sich - und der eine streicht den Gewinn ein und jagt dem andern das
Blei durchs Herz! Und das heisst Ehre bei ihnen!« Da tönten Schritte aus dem
Flur, wirres Geräusch und ein schluchzender Schrei. Die Depesche verbergend,
stürzte Tassilo ins Haus.
    Graf Egge war ohnmächtig geworden, kaum dass er die heilige Wegzehrung
empfangen hatte. Mühsam entkleidete man den Bewusstlosen und brachte ihn zu Bett.
Seine Ohnmacht ging in Schlummer über, in stille Delirien. Das währte die ganze
Nacht. Gegen Morgen kam er zur Besinnung und wischte sich mit der Linken den
Schweiss vom Gesicht.
    »Wer ist bei mir?«
    Tassilo fasste seine Hand. »Ich, Vater, deine kleine Geiss und die Gundi
Kleesberg.«
    »Einer fehlt. Und ich weiss, er kommt nicht mehr. Tas! Nimm du dich seiner
an! Aber ich fürchte, dass ihm nicht mehr zu helfen ist.« Ein schwerer Seufzer
löste sich aus der Brust des Kranken. »Ist das deine Hand, Tas, die ich halte?«
    »Ja, Vater!« Tassilos Stimme war tonlos.
    »Und du, Geisslein? Komm! Leg' deine Hand dazu! Tas wird dir den Vater
ersetzen, und die Kleesberg wird dir eine Mutter sein - freilich eine etwas
rapplige -, nichts für ungut, Sie guter alter Haubenstock! Die beiden, liebe
Schmalgeiss, werden sorgen für dein Glück -«
    »Vater! Vater!« Schluchzend schmiegte Kitty ihre Wange an die Schulter des
Vaters.
    »Was machst du da für Geschichten, kleine Geiss! Nimm dich zusammen! Sei
meine Tochter! Stark! - Gundi! Nehmen Sie das Kind! - Und du, Tas, lass unsere
Leute kommen! Und die Jäger! Meinen braven Franzl! Der hat fest zu mir gehalten.
Jetzt soll er mir auch Waidmanns Heil wünschen zur Pirsch über alle Berge. Den
halte dir warm, Tas! Das ist ein feiner Kerl. Sei auch den anderen ein guter
Jagdherr! Sie verdienen es. Nur einer nicht!« Graf Egges Stimme klang heiser,
und zwischen den verzerrten Lippen blinkten die Zähne. »Tas! Ich warne dich vor
ihm. Der Schuft hat Aasgeruch an sich wie der Horst in der Hangenden Wand. Und
Fänge hat er wie mein letzter Adler. Das zuckt nur ein bisschen - du merkst es
nicht - und bist vergiftet! Setz' ihn hinter Schloss und Riegel! In den Käfig!
Nein, Tas - den Käfig - reiss den verfluchten Käfig nieder - er stinkt! Ich hab'
den Geruch in der Nase - zum Henker auch, so macht doch das Fenster zu! Der
Käfig stinkt! Das Fenster zu!«
    »Aber es ist ja geschlossen!« stammelte Gundi Kleesberg.
    Graf Egge schien nicht zu hören; immer wirrer wurden seine Reden, und seine
Stimme versank in neubeginnendem Taumel. Eine Stunde lag er still, in dumpfem
Schlaf. Als die Dämmerung des erwachenden Tages durch die Fenster graute, wurde
er unruhig, und wieder begann das Raunen und Gemurmel: Jagd, Jagd, immer Jagd -
und Willys Name. Während die Kirchenglocke ihren Morgensegen in die wachsende
Helle sang, hob Graf Egge sich ächzend auf und griff mit der Linken unter die
Kissen. Er zog einen Schlüssel hervor und drückte ihn in Tassilos Hand. »Nimm,
mein guter Junge, nimm! Sperr' den Schrank auf! Deine Hand ist sicher. Sperr'
auf und bring' mir die Rubinen! Links in der Lade liegen sie obenauf. So tu es
doch! Hörst du nicht, was ich sage? Die Rubinen bring' mir!«
    Tassilo erfüllte den Willen des Vaters, obwohl er sah, dass das Fieber aus
ihm redete.
    Graf Egge, als die Tablette mit den blutrot funkelnden Juwelen auf seinem
Schosse lag, tastete mit zuckenden Fingern von Stein zu Stein und raunte:
»Stimmt! Stimmt! Alle. Nur einer fehlt. Den hab' ich dir geschenkt. Komm, mein
guter Junge, nimm den da auch noch! Es ist mein schönster. Ich schenk' ihn dir.
Aber zeig' mir nicht dieses weisse, wächserne Gesicht. Oder willst du jagen?
Komm, ich weiss für dich einen Kapitalhirsch. Meinen besten. Komm, ich führe
dich. Und meine Büchse lass ich daheim. - Ich kenne mich. Du sollst ihn haben!
Du! Hast du Patronen? Gut! Alles gut. Aber dreh' den blauen Rock um - die
goldenen Knöpfe blinken - und wirf diese dummen Blumen weg, sie verpesten mir
den Wald. Leiser! Leiser! Nimm die Schuhe besser in acht -« Graf Egges Züge
verschärften sich, seine Nase wurde spitz und veränderte die Farbe; sein
Oberkörper schrumpfte in sich zusammen, und die starren Augäpfel quollen aus den
Lidern. »Siehst du ihn? Dort, im Lager! Flink! Er verhofft schon -« Keuchend
ging der Atem des Sterbenden. »Her mit der Büchse! Du fehlst ihn ja doch!« Eine
zuckende Bewegung des Armes, ein Laut wie ein Jauchzer, der in mattem Stöhnen
erlosch - und Graf Egge fiel schwer zurück. »Die Kugel sitzt. Da liegt er -«
Seine Glieder streckten sich.
    Die Tablette mit den Rubinen glitt zu Boden, und kollernd hüpften die
funkelnden Steine nach allen Seiten über die Dielen.
    Von Jammer und Grauen erfüllt und den Ernst des Augenblickes ahnend, starrte
Kitty zu ihrem Bruder auf. Als er die Arme nach ihr streckte, verstand sie, dass
sie den Vater verloren hatte.
    Jetzt, in diesem fassungslosen Schmerz der ersten Trauerstunde, konnte sie
leichter hören, was ihr Tassilo nicht länger verschweigen durfte: dass der Tod
mit diesem Tage zwiefach in Schloss Hubertus eingezogen war.
    Die Lampe, die noch im Zimmer brannte, warf ihren trüben Schein über den
Toten und über die Geschwister, die sich umschlungen hielten.
    Und draussen erwachte der Frühlingsmorgen mit reinem Blau, mit Duft und
leuchtenden Farben. Strahlend ging die Sonne über die Berge, alle Zinnen in
Feuer tauchend.
    Immer schöner wuchs der Tag, während vom Kirchturm das Zügenglöcklein mit
seinen dünnen, abgehackten Klängen über alle Dächer rief: »Betet, Leut - betet,
Leut - betet, Leut -«
    Einer der erste, den die im Dorf umlaufende Kunde von Graf Egges Ableben
erreichte, war Franzl. Atemlos kam er ins Schloss gerannt und stand erschüttert
vor seinem still gewordenen Herrn. Als er hörte, mit welchen Worten Graf Egge in
der letzten Stunde seiner noch gedacht hatte, fuhr ihm vor weher Freude das Blut
ins Gesicht. »Moser, schau, er hat seine Mucken und Marotten ghabt, aber 's
Herz, ganz einwendig, 's Herz is gut gwesen. Und a Jager! Moser, so a Jager
kommt nimmer! Dös is noch einer gwesen aus der alten, guten Zeit. Oft hat er
über d' Schnur ghaut - 's Jagerblut hat halt seine gachen Hitzen. Aber wenn's
golten hat, is er gstanden wie a Baum. Und kein Unrecht hat er leiden können,
gar keins! Dös weiss ich, dös hab ich erlebt. Moser, Moser, so einer kommt so
bald nimmer! Weinen könnt ich um ihn, grad weinen!« Franzl sagte das in der
Bedingungsform - er schien nicht zu wissen, dass ihm der Bart von den Zähren
tropfte.
    Die Veranda begann sich mit Leuten zu füllen. Das halbe Dorf kam gelaufen -
die einen aus Pflicht oder Teilnahme, die andern aus Neugier.
    Zu Mittag kehrte der Wagen von der Bahn zurück. Gräfin Anna kam mit Hans
Forbeck und Professor Werner. In wortloser Bewegung zog Tassilo die geliebte
Frau in seine Arme, und Kitty klammerte sich schluchzend an ihren Verlobten:
»Hans! Wir dürfen glücklich werden! Tas hat ihm alles gesagt. Und er hat genickt
und gelächelt - sprechen konnte er nimmer. Er war dir gut, Hans! Du hast ihm
gefallen. Das hat er mir selbst gesagt. Und dass er deinen Taler noch immer hätte
- als Erinnerung an dich!«
    Während die beiden Paare im Sterbezimmer vor dem schlummernden Vater
standen, fiel die Sonne durch das offene Fenster. Draussen im Frühlingslaub der
Bäume pisperten die Meisen und Finken.
    Bevor es Abend wurde, fingen die Glocken zu läuten an. Zwei Schläfer wurden
in einem Grab zur Ruhe bestattet, der Jäger neben dem Wildschützen - Jochl
Schipper neben dem Bruckner-Lenzi. Jener Pirschgang vor vielen Jahren, am Morgen
des Johannistages, hatte sie zu Kameraden für die Ewigkeit gemacht. Nach dieser
stillen Feier im Kirchhof gab es keinen »Gsturitrunk« beim Seewirt. Die Leute,
die der Bestattung beigewohnt hatten, zechten wohl bis spät in die Nacht, aber
auf eigene Kosten. Die Ereignisse der letzten Tage wurden auf der Bierbank unter
endlosem Disput erörtert, man erinnerte sich der »Grafenleich« vom vergangenen
Herbst und sah der Wiederholung des Schauspiels mit Spannung entgegen. Diese
Neugier blieb ungestillt.
    In der folgenden Nacht verliess ein stiller Kondukt den Park von Hubertus und
nahm den Weg zur Bahn. Der Sarg wurde nach München gebracht, um in der
Familiengruft der Egge seinen Platz zu finden, Seite an Seite mit einem anderen.
    Ein ruhiger Tag kam über Schloss Hubertus. Gräfin Anna, Kitty und die
Kleesberg waren mit Hans und Werner schon am Morgen nach München abgereist.
Tassilo blieb noch bis zum Abend, um alles Nötige zu ordnen. Für den Nachmittag
waren die Jäger bestellt, um sich mit Handschlag ihrem neuen Jagdherrn zu
verpflichten; es stand auf ihren gebräunten, wetterharten Gesichtern zu lesen,
dass sie unter dem neuen Herrn sich gute Zeiten versprachen; ein ausgiebiges Teil
ihrer Hoffnungen erfüllte sich schon beim ersten Rapport; Tassilo erhöhte ihre
Bezüge, und um den strengen Dienst zu erleichtern, den sie bisher zu leisten
hatten, sollten zwei neue Jäger aufgenommen werden.
    »Der eine wird in den nächsten Tagen aus München kommen. Er ist ein
abgestrafter Wilddieb, aber ich weiss, er wird ein braver Mensch und verlässlicher
Jäger werden. Und ich erwarte, dass ihm keiner von euch aus seiner Vergangenheit
einen Vorwurf machen wird. Nehmt ihn als guten Kameraden auf, er hat aus
Leidenschaft gefehlt, und das ist verzeihlich. In diesem milderen Sinne will ich
in meinen Revieren auch den Schutz geführt wissen. Tretet jedem ungesetzlichen
Eingriff mit Strenge entgegen, aber erspart euch und mir die Folgen jähzorniger
Übereilung. Ich will edles Weidwerk pflegen und in meinen Revieren den Boden
grün erhalten. Und was den zweiten Jäger betrifft - Hornegger? Glauben Sie, dass
mit Patscheider zu reden wäre? Der Mann war tüchtig, ich möcht' ihn gerne
wiedergewinnen.«
    »Mar' und Joseph, Herr Graf,« stotterte Franzl in Freude, »an einzigs Wörtl,
und der Michl springt wie narrisch. Ich weiss, er hat Heimweh.«
    »Gut, sprechen Sie mit ihm, Sie haben freie Hand, Hornegger! Und nicht nur
in dieser Frage. Sie sind von heut an mein Förster, der Leiter meiner Jagd. Es
war der letzte Wille meines Vaters, seine Jagd im besten Stand zu erhalten. Für
die streng weidmännische Erfüllung dieses Wunsches weiss ich mir keinen Besseren
als Sie, lieber Hornegger! Sie haben mein volles Vertrauen, und Ihr Wort hat den
Jägern zu gelten wie das meine. Auf Wiedersehen im nächsten Jahr!«
    Tassilo empfing den festen Druck dieser braunen Fäuste; dann gingen die
Jäger; nur Franzl blieb noch; er stand wie angewurzelt, drehte den Hut zwischen
den Händen und rang nach Worten. »Herr Graf - Herr Graf -« Mehr brachte er nicht
heraus.
    »Schon gut, Franzl!« Tassilo legte ihm die Hand auf die Schulter. »Und wie
steht's daheim?«
    In Franzls Augen wurde die Freude zu Wasser. »Allweil im gleichen. Noch
allweil net besser. Der Herr Doktor macht schieche Augen an dös gute Madl hin!«
    »Jetzt nicht mehr!« klang eine Stimme von der Tür. Doktor Eisler war
eingetreten. »Ich komme gerade zu gutem Trost, wie mir scheint! Munter, lieber
Hornegger! Das Mädel hat's überklettert, das Fieber sinkt!« Er fügte bei, dass es
noch ein paar Tage dauern könnte, bis die Kranke aus der Bewusstlosigkeit
erwachen würde. Aber das hörte Franzl nimmer. Mit stammelndem Laut hatte er
einen Sprung zur Tür gemacht; den Abschied von seinem Herrn und den schicklichen
Dank für die gute Botschaft des Doktors vergessend, stürzte er in den Flur
hinaus, stiess mit der Schulter an eine Säule der Veranda, dass er taumelte,
sprang über die Stufen hinunter und rannte - und rannte - -
    Doktor Eisler blieb bis zu Tassilos Abfahrt. Was sie miteinander zu reden
hatten, betraf den »guten Jungen«, der nicht einsam und getrennt vom Vater im
Friedhof des Dorfes schlummern sollte. Auch er sollte die Heimkehr finden in die
Erbgruft seines Geschlechtes.
    Der Abend war lau, und sanftes Geflüster ging durch das Laub der Ulmen, als
Tassilo sich von Doktor Eisler verabschiedete und in den Wagen stieg. Seine
Augen glitten über die stillen Fenster des Schlosses, über den weiten Park und
zu den Bergen hinauf, deren Höhen vom Goldglanz des Abends so klar beleuchtet
waren, dass man jeden Baum und jeden einzelnen Felsblock unterscheiden konnte. In
reiner Schönheit zeichneten sich die schimmernden Grate vom tiefen Blau des
Himmels ab, und ihre Schatten milderten sich im Duft der farbigen Lüfte.
                                     * * *
    Zwei Tage später wurde im Friedhof ein grün überwachsenes Grab geöffnet. Und
während hier die Tragödie des Schlosses ihre letzte Szene fand, nahm an anderer
Stelle ein Satyrspiel der Bauernstube seinen Anfang.
    Im Steinbruch stand der Pointner-Andres vor dem mit Quadern beladenen Wagen;
er wollte mit der Ladung zur Bahn fahren, hatte die Pferde zur Deichsel geführt
und entwirrte gerade den ledernen Leitstrang, um den Riemen in die Zäume
einzuschnallen. Da ging eine junge Dirn vorüber; sie lächelte ganz merkwürdig,
als sie den Pointner gewahrte, der mit verdrossenem Gesicht an den Schlingen des
Riemens nestelte; ein paarmal guckte sie kichernd über die Schulter, und an der
Waldecke blieb sie stehen und rief dem Pointner lachend zu: »Du, Andresl, mir
scheint, du hast was Schöns mit der Post kriegt. Ja! Grad hab ich den Biamtn bei
dir daheim einkehren sehen - der hat a blaus Röckerl an!« Kichernd verschwand
sie.
    Eine Weile stand der Pointner regungslos, den Kopf mit dem Stiernacken
vorgestreckt, die Augen funkelnd; dann drehte er dem Gespann den Rücken, und mit
dem verschlungenen Riemen in der zitternden Faust ging er langen Schrittes dem
Dorfe zu. Als er sich seinem Gehöfte durch die Gärten näherte, gewahrte er, dass
eine Magd sein Kommen bemerkt hatte und erschrocken in das Haus rannte. Er
änderte die Richtung seines Weges, und statt die Haustür zu suchen, lief er um
den Stall herum zu dem Hintertürchen, das aus der Küche ins Freie führte. Da
hörte er schon das Gewisper einer Stimme und das Klirren des Riegels. Die Tür
wurde aufgerissen, und einer im »blauen Röckerl« wollte das Weite suchen. Aber
der Pointner hatte schon die Faust geschwungen. Die Riemen pfiffen. Und auf dem
Gesicht des Herrn Postpraktikanten, der halb bewusstlos gegen den Düngerhaufen
taumelte, brannten drei dunkelrote Striemen. Was weiter mit dem Gezeichneten
geschah, schien den Pointner-Andres nicht zu kümmern. Er hatte in der dunklen
Küche einen kreischenden Laut gehört und war mit einem Sprung über der Schwelle.
    Zwei Türen krachten ins Schloss, ein Gepolter und Geklirr liess sich
vernehmen, als wäre ein Tisch umgefallen und ein Haufen Geschirr zu Boden
gestürzt. Und trotz der geschlossenen Fenster klangen aus der Stube des
Pointnerhofes zeternde Schmerzensschreie so laut in den Hofraum und auf die
Strasse, dass die Dienstboten zusammenliefen und die Nachbarsleute aus den Häusern
sprangen. Nach einer Weile wurde es in der Stube des Pointners still, ganz
still. Mit rotem Gesicht trat der Bauer aus der Haustür. Er schien die
Dienstboten nicht zu sehen, die sich in Stall und Scheune verzogen. Schmunzelnd
hob er die Faust, betrachtete den Riemen und atmete erleichtert auf: »Mein
lieber Herrgott, ich dank dir, dass ich bloss den Riem in der Hand ghabt hab! Und
net die Brechstang! Jetzt hätte ich nimmer gfragt, mit was ich zuschlag.« Er
blies die Backen auf und ging zur Strasse.
    Vor dem Zaun des Försterhofes stand die Horneggerin, mit dem Netterl auf den
Armen. »Aber Andres! Andres!« rief sie den Bauer an. »Du wirst doch um Gottes
willen dein Weib net prügelt haben?«
    »Und ghörig auch noch!« lautete die ruhige Antwort. »Sie hat's verdient. Und
gsunde Schläg, dös is noch 's einzige, was ihr Mores beibringt. Ihr Vater hat's
versäumt. Jetzt hab ich's wieder eingholt. Heut hat s' Respekt vor mir! Heut hat
s' betteln können: Verzeih mir's, Andres, verzeih mir, lieber Andres! Jaaa,
lieber hat s' gsagt! Pass auf, Nachbarin, aus der mach ich noch die Brävste.
Jetzt weiss ich, was hilft bei ihr. Pass auf, die kriegt mich noch gern!«
    Der Pointner ging seiner Wege und lachte. Dieses Lachen kam ihm freilich
nicht ganz von Herzen. Es war aber doch ein Lachen, aus dem es wie Hoffnung
klang.
    Kopfschüttelnd sah die Horneggerin dem Bauern nach und kehrte zur Haustür
zurück, das kraushaarige Köpfchen des Kindes streichelnd, das im Halbschlaf an
ihrer Schulter lag, mit roten Pausbacken und rund gepolsterten Händchen. Noch
hatte die Försterin die Tür nicht erreicht, als Franzl mit brennendem Gesicht
aus dem Flur geschossen kam.
    »Mutter! Gib mir 's Kind her! D' Mali wacht auf. Sie muss uns alle gleich im
ersten Augenblick sehen, uns alle miteinander! Komm, Mutter, komm!«
    Er hatte der Mutter das Netterl vom Arm gerissen und rannte ins Haus zurück.
Vor der Kammertür blieb er stehen und atmete tief. Lautlos trat er ein, und das
Kind umschlungen haltend, liess er sich auf den Sessel nieder, der zu Füssen des
Bettes stand.
    Ruhig schlummerte Mali in den geblumten Kissen; die schmal gewordenen Wangen
waren überhaucht von einer matten Röte, die noch die letzte Glut des weichenden
Fiebers und schon der erste Schimmer der wiederkehrenden Gesundheit war. Fast
glich das Gesicht der Kranken einem schmächtigen Knabengesicht, umrahmt von
kurzgeschnittenem Haar - auf den Rat des Arztes waren die dicken, schweren
Flechten der Schere zum Opfer gefallen.
    Manchmal regten sich die weissen Finger auf der roten Decke, und unter einem
tieferen Atemzug bewegte die Schlummernde den Kopf.
    Jetzt schlug sie die Augen auf.
    Es war ein freundliches Bild, das ihr erster Blick umfasste: Franzl mit
lachendem Gesicht, auf seinen Armen das Netterl, das grosse Augen machte, und
hinter den beiden die vergnügte Försterin.
    Ein Lächeln - und Mali schloss unter tiefem Seufzer die Augen wieder.
    »'s Madl meint, sie träumt!« lispelte die Horneggerin ihrem Buben zu.
    So flüsternd das gesprochen war - es hatte doch den Weg zum Ohr der
Erwachenden gefunden.
    Ihre Lider hoben sich, die Augen schienen zu wachsen, und ein Zittern rann
durch ihre Arme.
    Mit zärtlicher Scheu legte Franzl seine braune Hand auf diese blassen
Finger; da fuhr die Erwachte aus den Kissen auf, ein feiner, wunderlicher Laut
erschütterte ihre Brust, und wie in Bangen, dass zu Luft zerrinnen könnte, was
ihre Blicke schauten, umklammerte sie die Hand des Jägers.
    Durch die kleine weisse Stube ging auf leisen Sohlen der Engel eines grossen
Glückes.
 
    