
        
                                Teodor Fontane
                                  Effi Briest
                                     Roman
                                  Erstes Kapitel
In Front des schon seit Kurfürst Georg Wilhelm von der Familie von Briest
bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen fiel heller Sonnenschein auf die
mittagsstille Dorfstrasse, während nach der Park- und Gartenseite hin ein
rechtwinklig angebauter Seitenflügel einen breiten Schatten erst auf einen weiss
und grün quadrierten Fliesengang und dann über diesen hinaus auf ein grosses, in
seiner Mitte mit einer Sonnenuhr und an seinem Rande mit Canna indica und
Rhabarberstauden besetztes Rondell warf. Einige zwanzig Schritte weiter, in
Richtung und Lage genau dem Seitenflügel entsprechend, lief eine ganz in
kleinblättrigem Efeu stehende, nur an einer Stelle von einer kleinen
weissgestrichenen Eisentür unterbrochene Kirchhofsmauer, hinter der der
Hohen-Cremmener Schindelturm mit seinem blitzenden, weil neuerdings erst wieder
vergoldeten Wetterhahn aufragte. Frontaus, Seitenflügel und Kirchhofsmauer
bildeten ein einen kleinen Ziergarten umschliessendes Hufeisen, an dessen offener
Seite man eines Teiches mit Wassersteg und angeketteltem Boot und dicht daneben
einer Schaukel gewahr wurde, deren horizontal gelegtes Brett zu Häupten und
Füssen an je zwei Stricken hing - die Pfosten der Balkenlage schon etwas schief
stehend. Zwischen Teich und Rondell aber und die Schaukel halb versteckend
standen ein paar mächtige alte Platanen.
    Auch die Front des Herrenhauses - eine mit Aloekübeln und ein paar
Gartenstühlen besetzte Rampe - gewährte bei bewölktem Himmel einen angenehmen
und zugleich allerlei Zerstreuung bietenden Aufentalt; an Tagen aber, wo die
Sonne niederbrannte, wurde die Gartenseite ganz entschieden bevorzugt, besonders
von Frau und Tochter des Hauses, die denn auch heute wieder auf dem im vollen
Schatten liegenden Fliesengang sassen, in ihrem Rücken ein paar offene, von
wildem Wein umrankte Fenster, neben sich eine vorspringende kleine Treppe, deren
vier Steinstufen vom Garten aus in das Hochparterre des Seitenflügels
hinaufführten. Beide, Mutter und Tochter, waren fleissig bei der Arbeit, die der
Herstellung eines aus Einzelquadraten zusammenzusetzenden Altarteppichs galt;
ungezählte Wollsträhnen und Seidendocken lagen auf einem grossen, runden Tisch
bunt durcheinander, dazwischen, noch vom Lunch her, ein paar Dessertteller und
eine mit grossen, schönen Stachelbeeren gefüllte Majolikaschale. Rasch und sicher
ging die Wollnadel der Damen hin und her, aber während die Mutter kein Auge von
der Arbeit liess, legte die Tochter, die den Rufnamen Effi führte, von Zeit zu
Zeit die Nadel nieder und erhob sich, um unter allerlei kunstgerechten Beugungen
und Streckungen den ganzen Kursus der Heil- und Zimmergymnastik durchzumachen.
Es war ersichtlich, dass sie sich diesen absichtlich ein wenig ins Komische
gezogenen Übungen mit ganz besonderer Liebe hingab, und wenn sie dann so dastand
und, langsam die Arme hebend, die Handflächen hoch über dem Kopf zusammenlegte,
so sah auch wohl die Mama von ihrer Handarbeit auf, aber immer nur flüchtig und
verstohlen, weil sie nicht zeigen wollte, wie entzückend sie ihr eigenes Kind
finde, zu welcher Regung mütterlichen Stolzes sie voll berechtigt war. Effi trug
ein blau und weiss gestreiftes, halb kittelartiges Leinwandkleid, dem erst ein
fest zusammengezogener, bronzefarbener Ledergürtel die Taille gab; der Hals war
frei, und über Schulter und Nacken fiel ein breiter Matrosenkragen. In allem,
was sie tat, paarte sich Übermut und Grazie, während ihre lachenden braunen
Augen eine grosse, natürliche Klugheit und viel Lebenslust und Herzensgüte
verrieten. Man nannte sie die »Kleine«, was sie sich nur gefallen lassen musste,
weil die schöne, schlanke Mama noch um eine Handbreit höher war.
    Eben hatte sich Effi wieder erhoben, um abwechselnd nach links und rechts
ihre turnerischen Drehungen zu machen, als die von ihrer Stickerei gerade wieder
aufblickende Mama ihr zurief: »Effi, eigentlich hättest du doch wohl
Kunstreiterin werden müssen. Immer am Trapez, immer Tochter der Luft. Ich glaube
beinah, dass du so was möchtest.«
    »Vielleicht, Mama. Aber wenn es so wäre, wer wäre schuld? Von wem hab ich
es? Doch nur von dir. Oder meinst du von Papa? Da musst du nun selber lachen. Und
dann, warum steckst du mich in diesen Hänger, in diesen Jungenskittel? Mitunter
denk ich, ich komme noch wieder in kurze Kleider. Und wenn ich die erst wieder
habe, dann knicks ich auch wieder wie ein Backfisch, und wenn dann die
Ratenower herüberkommen, setze ich mich auf Oberst Goetzes Schoss und reite
hopp, hopp. Warum auch nicht? Drei Viertel ist er Onkel und nur ein Viertel
Courmacher. Du bist schuld. Warum kriege ich keine Staatskleider? Warum machst
du keine Dame aus mir?«
    »Möchtest du's?«
    »Nein.« Und dabei lief sie auf die Mama zu und umarmte sie stürmisch und
küsste sie.
    »Nicht so wild, Effi, nicht so leidenschaftlich. Ich beunruhige mich immer,
wenn ich dich so sehe...« Und die Mama schien ernstlich willens, in Äusserung
ihrer Sorgen und Ängste fortzufahren. Aber sie kam nicht weit damit, weil in
eben diesem Augenblicke drei junge Mädchen aus der kleinen, in der
Kirchhofsmauer angebrachten Eisentür in den Garten eintraten und einen Kiesweg
entlang auf das Rondell und die Sonnenuhr zuschritten. Alle drei grüssten mit
ihren Sonnenschirmen zu Effi herüber und eilten dann auf Frau von Briest zu, um
dieser die Hand zu küssen. Diese tat rasch ein paar Fragen und lud dann die
Mädchen ein, ihnen oder doch wenigstens Effi auf eine halbe Stunde Gesellschaft
zu leisten, »ich habe ohnehin noch zu tun, und junges Volk ist am liebsten unter
sich. Gehabt euch wohl.« Und dabei stieg sie die vom Garten in den Seitenflügel
führende Steintreppe hinauf.
    Und da war nun die Jugend wirklich allein.
    Zwei der jungen Mädchen - kleine, rundliche Persönchen, zu deren krausem,
rotblondem Haar ihre Sommersprossen und ihre gute Laune ganz vorzüglich passten -
waren Töchter des auf Hansa, Skandinavien und Fritz Reuter eingeschworenen
Kantors Jahnke, der denn auch, unter Anlehnung an seinen mecklenburgischen
Landsmann und Lieblingsdichter und nach dem Vorbilde von Mining und Lining,
seinen eigenen Zwillingen die Namen Berta und Herta gegeben hatte. Die dritte
junge Dame war Hulda Niemeier, Pastor Niemeiers einziges Kind; sie war
damenhafter als die beiden anderen, dafür aber langweilig und eingebildet, eine
lymphatische Blondine, mit etwas vorspringenden, blöden Augen, die trotzdem
beständig nach was zu suchen schienen, weshalb denn auch Klitzing von den
Husaren gesagt hatte: »Sieht sie nicht aus, als erwarte sie jeden Augenblick den
Engel Gabriel?« Effi fand, dass der etwas kritische Klitzing nur zu sehr recht
habe, vermied es aber trotzdem, einen Unterschied zwischen den drei Freundinnen
zu machen. Am wenigsten war ihr in diesem Augenblicke danach zu Sinn, und
während sie die Arme auf den Tisch stemmte, sagte sie: »Diese langweilige
Stickerei. Gott sei Dank, dass ihr da seid.«
    »Aber deine Mama haben wir vertrieben«, sagte Hulda.
    »Nicht doch. Wie sie euch schon sagte, sie wäre doch gegangen; sie erwartet
nämlich Besuch, einen alten Freund aus ihren Mädchentagen her, von dem ich euch
nachher erzählen muss, eine Liebesgeschichte mit Held und Heldin und zuletzt mit
Entsagung. Ihr werdet Augen machen und euch wundern. Übrigens habe ich Mamas
alten Freund schon drüben in Schwantikow gesehen; er ist Landrat, gute Figur und
sehr männlich.«
    »Das ist die Hauptsache«, sagte Herta.
    »Freilich ist das die Hauptsache, Weiber weiblich, Männer männlich - das
ist, wie ihr wisst, einer von Papas Lieblingssätzen. Und nun helft mir erst
Ordnung schaffen auf dem Tisch hier, sonst gibt es wieder eine Strafpredigt.«
    Im Nu waren die Docken in den Korb gepackt, und als alle wieder sassen, sagte
Hulda: »Nun aber, Effi, nun ist es Zeit, nun die Liebesgeschichte mit Entsagung.
Oder ist es nicht so schlimm?«
    »Eine Geschichte mit Entsagung ist nie schlimm. Aber ehe Herta nicht von
den Stachelbeeren genommen, eh kann ich nicht anfangen - sie lässt ja kein Auge
davon. Übrigens nimm, soviel du willst, wir können ja hinterher neue pflücken;
nur wirf die Schalen weit weg oder, noch besser, lege sie hier auf die
Zeitungsbeilage, wir machen dann eine Tüte daraus und schaffen alles beiseite.
Mama kann es nicht leiden, wenn die Schlusen so überall umherliegen, und sagt
immer, man könne dabei ausgleiten und ein Bein brechen.«
    »Glaub ich nicht«, sagte Herta, während sie den Stachelbeeren fleissig
zusprach.
    »Ich auch nicht«, bestätigte Effi. »Denkt doch mal nach, ich falle jeden Tag
wenigstens zwei-, dreimal, und noch ist mir nichts gebrochen. Was ein richtiges
Bein ist, das bricht nicht so leicht, meines gewiss nicht und deines auch nicht,
Herta. Was meinst du, Hulda?«
    »Man soll sein Schicksal nicht versuchen: Hochmut kommt vor dem Fall.«
    »Immer Gouvernante; du bist doch die geborne alte Jungfer.«
    »Und hoffe mich doch noch zu verheiraten. Und vielleicht eher als du.«
    »Meinetwegen. Denkst du, dass ich darauf warte? Das fehlte noch. Übrigens,
ich kriege schon einen, und vielleicht bald. Da ist mir nicht bange. Neulich
erst hat mir der kleine Ventivegni von drüben gesagt: Fräulein Effi, was gilt
die Wette, wir sind hier noch in diesem Jahre zu Polterabend und Hochzeit.«
    »Und was sagtest du da?«
    »Wohl möglich, sagt ich, wohl möglich: Hulda ist die älteste und kann sich
jeden Tag verheiraten. Aber er wollte davon nichts wissen und sagte: Nein, bei
einer anderen jungen Dame, die gerade so brünett ist, wie Fräulein Hulda blond
ist. Und dabei sah er mich ganz ernstaft an... Aber ich komme vom Hundertsten
aufs Tausendste und vergesse die Geschichte.«
    »Ja, du brichst immer wieder ab; am Ende willst du nicht.«
    »Oh, ich will schon, aber freilich, ich breche immer wieder ab, weil es
alles ein bisschen sonderbar ist, ja, beinah romantisch.«
    »Aber du sagtest doch, er sei Landrat.«
    »Allerdings Landrat. Und er heisst Geert von Innstetten, Baron von
Innstetten.«
    Alle drei lachten.
    »Warum lacht ihr?« sagte Effi pikiert. »Was soll das heissen?«
    »Ach, Effi, wir wollen dich ja nicht beleidigen und auch den Baron nicht.
Innstetten, sagtest du? Und Geert? So heisst doch hier kein Mensch. Freilich, die
adeligen Namen haben oft so was Komisches.«
    »Ja, meine Liebe, das haben sie. Dafür sind es eben Adelige. Die dürfen sich
das gönnen, und je weiter zurück, ich meine der Zeit nach, desto mehr dürfen sie
sich's gönnen. Aber davon versteht ihr nichts, was ihr mir nicht übelnehmen
dürft. Wir bleiben doch gute Freunde. Geert von Innstetten also und Baron. Er
ist geradeso alt wie Mama, auf den Tag.«
    »Und wie alt ist denn eigentlich deine Mama?«
    » Achtunddreissig.«
    »Ein schönes Alter.«
    »Ist es auch, namentlich wenn man noch so aussieht wie die Mama. Sie ist
doch eigentlich eine schöne Frau, findet ihr nicht auch? Und wie sie alles so
weghat, immer so sicher und dabei so fein und nie unpassend wie Papa. Wenn ich
ein junger Leutnant wäre, so würd ich mich in die Mama verlieben.«
    »Aber Effi, wie kannst du nur so was sagen«, sagte Hulda. »Das ist ja gegen
das vierte Gebot.«
    »Unsinn. Wie kann das gegen das vierte Gebot sein? Ich glaube, Mama würde
sich freuen, wenn sie wüsste, dass ich so was gesagt habe.«
    »Kann schon sein«, unterbrach hier Herta. »Aber nun endlich die
Geschichte.«
    »Nun, gib dich zufrieden, ich fange schon an... Also Baron Innstetten! Als
er noch keine zwanzig war, stand er drüben bei den Ratenowern und verkehrte
viel auf den Gütern hierherum, und am liebsten war er in Schwantikow drüben bei
meinem Grossvater Belling. Natürlich war es nicht des Grossvaters wegen, dass er so
oft drüben war, und wenn die Mama davon erzählt, so kann jeder leicht sehen, um
wen es eigentlich war. Und ich glaube, es war auch gegenseitig.«
    »Und wie kam es nachher?«
    »Nun, es kam, wie's kommen musste, wie's immer kommt. Er war ja noch viel zu
jung, und als mein Papa sich einfand, der schon Ritterschaftsrat war und
Hohen-Cremmen hatte, da war kein langes Besinnen mehr, und sie nahm ihn und
wurde Frau von Briest... Und das andere, was sonst noch kam, nun, das wisst
ihr... das andere bin ich.«
    »Ja, das andere bist du, Effi«, sagte Berta. »Gott sei Dank; wir hätten
dich nicht, wenn es anders gekommen wäre. Und nun sage, was tat Innstetten, was
wurde aus ihm? Das Leben hat er sich nicht genommen, sonst könntet ihr ihn heute
nicht erwarten.«
    »Nein, das Leben hat er sich nicht genommen. Aber ein bisschen war es doch so
was.«
    »Hat er einen Versuch gemacht?«
    »Auch das nicht. Aber er mochte doch nicht länger hier in der Nähe bleiben,
und das ganze Soldatenleben überhaupt muss ihm damals wie verleidet gewesen sein.
Es war ja auch Friedenszeit. Kurz und gut, er nahm den Abschied und fing an,
Juristerei zu studieren, wie Papa sagt, mit einem wahren Biereifer; nur als der
siebziger Krieg kam, trat er wieder ein, aber bei den Perlebergern statt bei
seinem alten Regiment, und hat auch das Kreuz. Natürlich, denn er ist sehr
schneidig. Und gleich nach dem Kriege sass er wieder bei seinen Akten, und es
heisst, Bismarck halte grosse Stücke von ihm und auch der Kaiser, und so kam es
denn, dass er Landrat wurde, Landrat im Kessiner Kreise.«
    »Was ist Kessin? Ich kenne hier kein Kessin.«
    »Nein, hier in unserer Gegend liegt es auch nicht; es liegt eine hübsche
Strecke von hier fort, in Pommern, in Hinterpommern sogar, was aber nichts sagen
will, weil es ein Badeort ist (alles da herum ist Badeort), und die Ferienreise,
die Baron Innstetten jetzt macht, ist eigentlich eine Vetternreise oder doch
etwas Ähnliches. Er will hier alte Freundschaft und Verwandtschaft wiedersehn.«
    »Hat er denn hier Verwandte?«
    »Ja und nein, wie man's nehmen will. Innstettens gibt es hier nicht, gibt
es, glaub ich, überhaupt nicht mehr. Aber er hat hier entfernte Vettern von der
Mutter Seite her, und vor allem hat er wohl Schwantikow und das Bellingsche Haus
wiedersehen wollen, an das ihn soviel Erinnerungen knüpfen. Da war er denn
vorgestern drüben, und heute will er hier in Hohen-Cremmen sein.«
    »Und was sagt dein Vater dazu?«
    »Gar nichts. Der ist nicht so. Und dann kennt er ja doch die Mama. Er neckt
sie bloss.«
    In diesem Augenblick schlug es Mittag, und ehe es noch ausgeschlagen,
erschien Wilke, das alte Briestsche Haus- und Familienfaktotum, um an Fräulein
Effi zu bestellen: »Die gnädige Frau liesse bitten, dass das gnädige Fräulein zu
rechter Zeit auch Toilette mache; gleich nach eins würde der Herr Baron wohl
vorfahren.« Und während Wilke dies noch vermeldete, begann er auch schon auf dem
Arbeitstisch der Damen abzuräumen und griff dabei zunächst nach dem
Zeitungsblatt, auf dem die Stachelbeerschalen lagen.
    »Nein, Wilke, nicht so; das mit den Schlusen, das ist unsere Sache...
Herta, du musst nun die Tüte machen und einen Stein hineintun, dass alles besser
versinken kann. Und dann wollen wir in einem langen Trauerzug aufbrechen und die
Tüte auf offener See begraben.«
    Wilke schmunzelte. »Is doch ein Daus, unser Fräulein«, so etwa gingen seine
Gedanken; Effi aber, während sie die Tüte mitten auf die rasch zusammengeraffte
Tischdecke legte, sagte: »Nun fassen wir alle vier an, jeder an einem Zipfel,
und singen was Trauriges.«
    »Ja, das sagst du wohl, Effi. Aber was sollen wir denn singen?«
    »Irgendwas; es ist ganz gleich, es muss nur einen Reim auf u haben; u ist
immer Trauervokal. Also singen wir:
Flut, Flut,
Mach alles wieder gut...«,
und während Effi diese Litanei feierlich anstimmte, setzten sich alle vier auf
den Steg hin in Bewegung, stiegen in das dort angekettelte Boot und liessen von
diesem aus die mit einem Kiesel beschwerte Tüte langsam in den Teich
niedergleiten.
    »Herta, nun ist deine Schuld versenkt«, sagte Effi, »wobei mir übrigens
einfällt, so vom Boot aus sollen früher auch arme unglückliche Frauen versenkt
worden sein, natürlich wegen Untreue.«
    »Aber doch nicht hier.«
    »Nein, nicht hier«, lachte Effi, »hier kommt so was nicht vor. Aber in
Konstantinopel, und du musst ja, wie mir eben einfällt, auch davon wissen, so gut
wie ich, du bist ja mit dabeigewesen, als uns Kandidat Holzapfel in der
Geographiestunde davon erzählte.«
    »Ja«, sagte Hulda, »der erzählte immer so was. Aber so was vergisst man doch
wieder.«
    »Ich nicht. Ich behalte so was.«
 
                                Zweites Kapitel
Sie sprachen noch eine Weile so weiter, wobei sie sich ihrer gemeinschaftlichen
Schulstunden und einer ganzen Reihe Holzapfelscher Unpassendheiten mit Empörung
und Behagen erinnerten. Ja, man konnte sich nicht genugtun damit, bis Hulda mit
einem Male sagte: »Nun aber ist es höchste Zeit, Effi; du siehst ja aus, ja, wie
sag ich nur, du siehst ja aus, wie wenn du vom Kirschenpflücken kämst, alles
zerknittert und zerknautscht; das Leinenzeug macht immer so viele Falten, und
der grosse, weisse Klappkragen... ja, wahrhaftig, jetzt hab ich es, du siehst aus
wie ein Schiffsjunge.«
    »Midshipman, wenn ich bitten darf. Etwas muss ich doch von meinem Adel haben.
Übrigens Midshipman oder Schiffsjunge. Papa hat mir erst neulich wieder einen
Mastbaum versprochen, hier dicht neben der Schaukel, mit Rahen und einer
Strickleiter. Wahrhaftig, das sollte mir gefallen, und den Wimpel oben selbst
anzumachen, das liess' ich mir nicht nehmen. Und du, Hulda, du kämst dann von der
anderen Seite her herauf, und oben in der Luft wollten wir Hurra rufen und uns
einen Kuss geben. Alle Wetter, das sollte schmecken.«
    »Alle Wetter..., wie das nun wieder klingt... Du sprichst wirklich wie ein
Midshipman. Ich werde mich aber hüten, dir nachzuklettern, ich bin nicht so
waghalsig. Jahnke hat ganz recht, wenn er immer sagt, du hättest zuviel von dem
Bellingschen in dir, von deiner Mama her. Ich bin bloss ein Pastorskind.«
    »Ach, geh mir. Stille Wasser sind tief. Weisst du noch, wie du damals, als
Vetter Briest als Kadett hier war, aber doch schon gross genug, wie du damals auf
dem Scheunendach entlangrutschtest. Und warum? Nun, ich will es nicht verraten.
Aber kommt, wir wollen uns schaukeln, auf jeder Seite zwei; reissen wird es ja
wohl nicht, oder wenn ihr nicht Lust habt, denn ihr macht wieder lange
Gesichter, dann wollen wir Anschlag spielen. Eine Viertelstunde hab ich noch.
Ich mag noch nicht hineingehen, und alles bloss, um einem Landrat guten Tag zu
sagen, noch dazu einem Landrat aus Hinterpommern. Ältlich ist er auch, er könnte
ja beinah mein Vater sein, und wenn er wirklich in einer Seestadt wohnt, Kessin
soll ja so was sein, nun, da muss ich ihm in diesem Matrosenkostüm eigentlich am
besten gefallen und muss ihm beinah wie eine grosse Aufmerksamkeit vorkommen.
Fürsten, wenn sie wen empfangen, soviel weiss ich von meinem Papa her, legen auch
immer die Uniform aus der Gegend des anderen an. Also nur nicht ängstlich...
rasch, rasch, ich fliege aus, und neben der Bank hier ist frei.«
    Hulda wollte noch ein paar Einschränkungen machen, aber Effi war schon den
nächsten Kiesweg hinauf, links hin, rechts hin, bis sie mit einem Male
verschwunden war. »Effi, das gilt nicht; wo bist du? Wir spielen nicht Versteck,
wir spielen Anschlag«, unter diesen und ähnlichen Vorwürfen eilten die
Freundinnen ihr nach, weit über das Rondell und die beiden seitwärts stehenden
Platanen hinaus, bis die Verschwundene mit einem Male aus ihrem Verstecke
hervorbrach und mühelos, weil sie schon im Rücken ihrer Verfolger war, mit
»eins, zwei, drei« den Freiplatz neben der Bank erreichte.
    »Wo warst du?«
    »Hinter den Rhabarberstauden; die haben so grosse Blätter, noch grösser als
ein Feigenblatt...«
    »Pfui...«
    »Nein, pfui für euch, weil ihr verspielt habt. Hulda, mit ihren grossen
Augen, sah wieder nichts, immer ungeschickt.« Und dabei flog Effi von neuem über
das Rondell hin, auf den Teich zu, vielleicht weil sie vorhatte, sich erst
hinter einer dort aufwachsenden dichten Haselnusshecke zu verstecken, um dann,
von dieser aus, mit einem weiten Umweg um Kirchhof und Frontaus, wieder bis an
den Seitenflügel und seinen Freiplatz zu kommen. Alles war gut berechnet; aber
freilich, ehe sie noch halb um den Teich herum war, hörte sie schon vom Hause
her ihren Namen rufen und sah, während sie sich umwandte, die Mama, die, von der
Steintreppe her, mit ihrem Taschentuche winkte. Noch einen Augenblick, und Effi
stand vor ihr.
    »Nun bist du doch noch in deinem Kittel, und der Besuch ist da. Nie hältst
du Zeit.«
    »Ich halte schon Zeit, aber der Besuch hat nicht Zeit gehalten. Es ist noch
nicht eins; noch lange nicht«, und sich nach den Zwillingen hin umwendend (Hulda
war noch weiter zurück), rief sie diesen zu: »Spielt nur weiter; ich bin gleich
wieder da.«
Schon im nächsten Augenblicke trat Effi mit der Mama in den grossen Gartensaal,
der fast den ganzen Raum des Seitenflügels füllte.
    »Mama, du darfst mich nicht schelten. Es ist wirklich erst halb. Warum kommt
er so früh? Kavaliere kommen nicht zu spät, aber noch weniger zu früh.«
    Frau von Briest war in sichtlicher Verlegenheit; Effi aber schmiegte sich
liebkosend an sie und sagte: »Verzeih, ich will mich nun eilen; du weisst, ich
kann auch rasch sein, und in fünf Minuten ist Aschenpuddel in eine Prinzessin
verwandelt. So lange kann er warten oder mit dem Papa plaudern.«
    Und der Mama zunickend, wollte sie leichten Fusses eine kleine eiserne Stiege
hinauf, die aus dem Saal in den Oberstock hinaufführte. Frau von Briest aber,
die unter Umständen auch unkonventionell sein konnte, hielt plötzlich die schon
forteilende Effi zurück, warf einen Blick auf das jugendlich reizende Geschöpf,
das, noch erhitzt von der Aufregung des Spiels, wie ein Bild frischesten Lebens
vor ihr stand, und sagte beinahe vertraulich: »Es ist am Ende das beste, du
bleibst, wie du bist. Ja, bleibe so. Du siehst gerade sehr gut aus. Und wenn es
auch nicht wäre, du siehst so unvorbereitet aus, so gar nicht zurechtgemacht,
und darauf kommt es in diesem Augenblicke an. Ich muss dir nämlich sagen, meine
süsse Effi...«, und sie nahm ihres Kindes beide Hände, »... ich muss dir nämlich
sagen...«
    »Aber Mama, was hast du nur? Mir wird ja ganz angst und bange.«
    »... Ich muss dir nämlich sagen, Effi, dass Baron Innstetten eben um deine
Hand angehalten hat.«
    »Um meine Hand angehalten? Und im Ernst?«
    »Es ist keine Sache, um einen Scherz daraus zu machen. Du hast ihn
vorgestern gesehen, und ich glaube, er hat dir auch gut gefallen. Er ist
freilich älter als du, was alles in allem ein Glück ist, dazu ein Mann von
Charakter, von Stellung und guten Sitten, und wenn du nicht nein sagst, was ich
mir von meiner klugen Effi kaum denken kann, so stehst du mit zwanzig Jahren da,
wo andere mit vierzig stehen. Du wirst deine Mama weit überholen.«
    Effi schwieg und suchte nach einer Antwort. Aber ehe sie diese finden
konnte, hörte sie schon des Vaters Stimme von dem angrenzenden, noch im
Frontause gelegenen Hinterzimmer her, und gleich danach überschritt
Ritterschaftsrat von Briest, ein wohlkonservierter Fünfziger von ausgesprochener
Bonhomie, die Gartensalonschwelle - mit ihm Baron Innstetten, schlank, brünett
und von militärischer Haltung.
    Effi, als sie seiner ansichtig wurde, kam in ein nervöses Zittern; aber
nicht auf lange, denn im selben Augenblicke fast, wo sich Innstetten unter
freundlicher Verneigung ihr näherte, wurden an dem mittleren der weit
offenstehenden und von wildem Wein halb überwachsenen Fenster die rotblonden
Köpfe der Zwillinge sichtbar, und Herta, die Ausgelassenste, rief in den Saal
hinein: »Effi, komm.«
    Dann duckte sie sich, und beide Schwestern sprangen von der Banklehne,
darauf sie gestanden, wieder in den Garten hinab, und man hörte nur noch ihr
leises Kichern und Lachen.
 
                                Drittes Kapitel
Noch an demselben Tage hatte sich Baron Innstetten mit Effi Briest verlobt. Der
joviale Brautvater, der sich nicht leicht in seiner Feierlichkeitsrolle
zurechtfand, hatte bei dem Verlobungsmahl, das folgte, das junge Paar leben
lassen, was auf Frau von Briest, die dabei der nun um kaum achtzehn Jahre
zurückliegenden Zeit gedenken mochte, nicht ohne herzbeweglichen Eindruck
geblieben war. Aber nicht auf lange; sie hatte es nicht sein können, nun war es
statt ihrer die Tochter - alles in allem ebensogut oder vielleicht noch besser.
Denn mit Briest liess sich leben, trotzdem er ein wenig prosaisch war und dann
und wann einen kleinen frivolen Zug hatte. Gegen Ende der Tafel, das Eis wurde
schon herumgereicht, nahm der alte Ritterschaftsrat noch einmal das Wort, um in
einer zweiten Ansprache das allgemeine Familien-Du zu proponieren. Er umarmte
dabei Innstetten und gab ihm einen Kuss auf die linke Backe. Hiermit war aber die
Sache für ihn noch nicht abgeschlossen, vielmehr fuhr er fort, ausser dem »Du«
zugleich intimere Namen und Titel für den Hausverkehr zu empfehlen, eine Art
Gemütlichkeitsrangliste aufzustellen, natürlich unter Wahrung berechtigter, weil
wohlerworbener Eigentümlichkeiten. Für seine Frau, so hiess es, würde der
Fortbestand von »Mama« (denn es gäbe auch junge Mamas) wohl das beste sein,
während er für seine Person, unter Verzicht auf den Ehrentitel »Papa«, das
einfache Briest entschieden bevorzugen müsse, schon weil es so hübsch kurz sei.
Und was nun die Kinder angehe - bei welchem Wort er sich, Aug in Auge mit dem
nur etwa um ein Dutzend Jahre jüngeren Innstetten, einen Ruck geben musste -,
nun, so sei Effi eben Effi und Geert Geert. Geert, wenn er nicht irre, habe die
Bedeutung von einem schlank aufgeschossenen Stamm, und Effi sei dann also der
Efeu, der sich darum zu ranken habe. Das Brautpaar sah sich bei diesen Worten
etwas verlegen an, Effi zugleich mit einem Ausdruck kindlicher Heiterkeit, Frau
von Briest aber sagte: »Briest, sprich, was du willst, und formuliere deine
Toaste nach Gefallen, nur poetische Bilder, wenn ich dich bitten darf, lass
beiseite, das liegt jenseits deiner Sphäre.« Zurechtweisende Worte, die bei
Briest mehr Zustimmung als Ablehnung gefunden hatten. »Es ist möglich, dass du
recht hast, Luise.«
    Gleich nach Aufhebung der Tafel beurlaubte sich Effi, um einen Besuch drüben
bei Pastors zu machen. Unterwegs sagte sie sich: »Ich glaube, Hulda wird sich
ärgern. Nun bin ich ihr doch zuvorgekommen - sie war immer zu eitel und
eingebildet.« Aber Effi traf es mit ihrer Erwartung nicht ganz; Hulda, durchaus
Haltung bewahrend, benahm sich sehr gut und überliess die Bezeugung von Unmut und
Ärger ihrer Mutter, der Frau Pastorin, die denn auch sehr sonderbare Bemerkungen
machte. »Ja, ja, so geht es. Natürlich. Wenn's die Mutter nicht sein konnte, muss
es die Tochter sein. Das kennt man. Alte Familien halten immer zusammen, und wo
was is, kommt was dazu.« Der alte Niemeier kam in arge Verlegenheit über diese
fortgesetzten spitzen Redensarten ohne Bildung und Anstand und beklagte mal
wieder, eine Wirtschafterin geheiratet zu haben.
    Von Pastors ging Effi natürlich auch zu Kantor Jahnkes; die Zwillinge hatten
schon nach ihr ausgeschaut und empfingen sie im Vorgarten.
    »Nun, Effi«, sagte Herta, während alle drei zwischen den rechts und links
blühenden Studentenblumen auf und ab schritten, »nun, Effi, wie ist dir
eigentlich?«
    »Wie mir ist? Oh, ganz gut. Wir nennen uns auch schon du und bei Vornamen.
Er heisst nämlich Geert, was ich euch, wie mir einfällt, auch schon gesagt habe.«
    »Ja, das hast du. Mir ist aber doch so bange dabei. Ist es denn auch der
Richtige?«
    »Gewiss ist es der Richtige. Das verstehst du nicht, Herta. Jeder ist der
Richtige. Natürlich muss er von Adel sein und eine Stellung haben und gut
aussehen.«
    »Gott, Effi, wie du nur sprichst. Sonst sprachst du doch ganz anders.«
    »Ja, sonst.«
    »Und bist auch schon ganz glücklich?«
    »Wenn man zwei Stunden verlobt ist, ist man immer ganz glücklich. Wenigstens
denk ich es mir so.«
    »Und ist es dir denn gar nicht, ja, wie sag ich nur, ein bisschen genant?«
    »Ja, ein bisschen genant ist es mir, aber doch nicht sehr. Und ich denke, ich
werde darüber wegkommen.«
    Nach diesem im Pfarr- und Kantorhause gemachten Besuche, der keine halbe
Stunde gedauert hatte, war Effi wieder nach drüben zurückgekehrt, wo man auf der
Gartenveranda eben den Kaffee nehmen wollte. Schwiegervater und Schwiegersohn
gingen auf dem Kieswege zwischen den zwei Platanen auf und ab. Briest sprach von
dem Schwierigen einer landrätlichen Stellung; sie sei ihm verschiedentlich
angetragen worden, aber er habe jedesmal gedankt. »So nach meinem eigenen Willen
schalten und walten zu können ist mir immer das liebste gewesen, jedenfalls
lieber - Pardon, Innstetten -, als so die Blicke beständig nach oben richten zu
müssen. Man hat dann bloss immer Sinn und Merk für hohe und höchste Vorgesetzte.
Das ist nichts für mich. Hier leb ich so freiweg und freue mich über jedes grüne
Blatt und über den wilden Wein, der da drüben in die Fenster wächst.«
    Er sprach noch mehr dergleichen, allerhand Antibeamtliches, und
entschuldigte sich von Zeit zu Zeit mit einem kurzen, verschiedentlich
wiederkehrenden »Pardon, Innstetten«. Dieser nickte mechanisch zustimmend, war
aber eigentlich wenig bei der Sache, sah vielmehr, wie gebannt, immer aufs neue
nach dem drüben am Fenster rankenden wilden Wein hinüber, von dem Briest eben
gesprochen, und während er dem nachhing, war es ihm, als säh er wieder die
rotblonden Mädchenköpfe zwischen den Weinranken und höre dabei den übermütigen
Zuruf: »Effi, komm.«
    Er glaubte nicht an Zeichen und ähnliches, im Gegenteil, wies alles
Abergläubische weit zurück. Aber er konnte trotzdem von den zwei Worten nicht
los, und während Briest immer weiter perorierte, war es ihm beständig, als wäre
der kleine Hergang doch mehr als ein blosser Zufall gewesen.
Innstetten, der nur einen kurzen Urlaub genommen, war schon am folgenden Tage
wieder abgereist, nachdem er versprochen hatte, jeden Tag schreiben zu wollen.
»Ja, das musst du«, hatte Effi gesagt, ein Wort, das ihr von Herzen kam, da sie
seit Jahren nichts Schöneres kannte als beispielsweise den Empfang vieler
Geburtstagsbriefe. Jeder musste ihr zu diesem Tage schreiben. In den Brief
eingestreute Wendungen, etwa wie »Gertrud und Klara senden Dir mit mir ihre
herzlichsten Glückwünsche«, waren verpönt: Gertrud und Klara, wenn sie
Freundinnen sein wollten, hatten dafür zu sorgen, dass ein Brief mit
selbständiger Marke daläge, womöglich - denn ihr Geburtstag fiel noch in die
Reisezeit - mit einer fremden, aus der Schweiz oder Karlsbad.
    Innstetten, wie versprochen, schrieb wirklich jeden Tag; was aber den
Empfang seiner Briefe ganz besonders angenehm machte, war der Umstand, dass er
allwöchentlich nur einmal einen ganz kleinen Antwortbrief erwartete. Den erhielt
er denn auch, voll reizend nichtigen und ihn jedesmal entzückenden Inhalts. Was
es von ernsteren Dingen zu besprechen gab, das verhandelte Frau von Briest mit
ihrem Schwiegersohne: Festsetzungen wegen der Hochzeit, Ausstattungs-und
Wirtschafts- Einrichtungsfragen. Innstetten, schon an die drei Jahre im Amt, war
in seinem Kessiner Hause nicht glänzend, aber doch sehr standesgemäss
eingerichtet, und es empfahl sich, in der Korrespondenz mit ihm, ein Bild von
allem, was da war, zu gewinnen, um nichts Unnützes anzuschaffen. Schliesslich,
als Frau von Briest über all diese Dinge genugsam unterrichtet war, wurde
seitens Mutter und Tochter eine Reise nach Berlin beschlossen, um, wie Briest
sich ausdrückte, den »Trousseau« für Prinzessin Effi zusammenzukaufen. Effi
freute sich sehr auf den Aufentalt in Berlin, um so mehr, als der Vater darein
gewilligt hatte, im Hotel du Nord Wohnung zu nehmen. »Was es koste, könne ja von
der Ausstattung abgezogen werden; Innstetten habe ohnehin alles.« Effi - ganz im
Gegensatze zu der solche »Mesquinerien« ein für allemal sich verbittenden Mama -
hatte dem Vater, ohne jede Sorge darum, ob er's scherz- oder ernstaft gemeint
hatte, freudig zugestimmt und beschäftigte sich in ihren Gedanken viel, viel
mehr mit dem Eindruck, den sie beide, Mutter und Tochter, bei ihrem Erscheinen
an der Table d'hôte machen würden, als mit Spinn und Mencke, Goschenhofer und
ähnlichen Firmen, die vorläufig notiert worden waren. Und diesen ihren heiteren
Phantasien entsprach denn auch ihre Haltung, als die grosse Berliner Woche nun
wirklich da war. Vetter Briest vom Alexander-Regiment, ein ungemein
ausgelassener, junger Leutnant, der die »Fliegenden Blätter« hielt und über die
besten Witze Buch führte, stellte sich den Damen für jede dienstfreie Stunde zur
Verfügung, und so sassen sie denn mit ihm bei Kranzler am Eckfenster oder zu
stattafter Zeit auch wohl im Café Bauer und fuhren nachmittags in den
Zoologischen Garten, um da die Giraffen zu sehen, von denen Vetter Briest, der
übrigens Dagobert hiess, mit Vorliebe behauptete: »sie sähen aus wie adlige alte
Jungfern«. Jeder Tag verlief programmässig, und am dritten oder vierten Tage
gingen sie, wie vorgeschrieben, in die Nationalgalerie, weil Vetter Dagobert
seiner Cousine die »Insel der Seligen« zeigen wollte. »Fräulein Cousine stehe
zwar auf dem Punkte, sich zu verheiraten, es sei aber doch vielleicht gut, die
Insel der Seligen schon vorher kennengelernt zu haben.« Die Tante gab ihm einen
Schlag mit dem Fächer, begleitete diesen Schlag aber mit einem so gnädigen
Blick, dass er keine Veranlassung hatte, den Ton zu ändern. Es waren himmlische
Tage für alle drei, nicht zum wenigsten für den Vetter, der so wundervoll zu
chaperonieren und kleine Differenzen immer rasch auszugleichen verstand. An
solchen Meinungsverschiedenheiten zwischen Mutter und Tochter war nun, wie das
so geht, all die Zeit über kein Mangel, aber sie traten glücklicherweise nie bei
den zu machenden Einkäufen hervor. Ob man von einer Sache sechs oder drei
Dutzend erstand, Effi war mit allem gleichmässig einverstanden, und wenn dann auf
dem Heimwege von dem Preise der eben eingekauften Gegenstände gesprochen wurde,
so verwechselte sie regelmässig die Zahlen. Frau von Briest, sonst so kritisch,
auch ihrem eigenen geliebten Kinde gegenüber, nahm dies anscheinend mangelnde
Interesse nicht nur von der leichten Seite, sondern erkannte sogar einen Vorzug
darin. »Alle diese Dinge«, so sagte sie sich, »bedeuten Effi nicht viel. Effi
ist anspruchslos; sie lebt in ihren Vorstellungen und Träumen, und wenn die
Prinzessin Friedrich Karl vorüberfährt und sie von ihrem Wagen aus freundlich
grüsst, so gilt ihr das mehr als eine ganze Truhe voll Weisszeug.«
    Das alles war auch richtig, aber doch nur halb. An dem Besitze mehr oder
weniger alltäglicher Dinge lag Effi nicht viel, aber wenn sie mit der Mama die
Linden hinauf und hinunter ging und nach Musterung der schönsten Schaufenster in
den Demutschen Laden eintrat, um für die gleich nach der Hochzeit geplante
italienische Reise allerlei Einkäufe zu machen, so zeigte sich ihr wahrer
Charakter. Nur das Eleganteste gefiel ihr, und wenn sie das Beste nicht haben
konnte, so verzichtete sie auf das Zweitbeste, weil ihr dies Zweite nun nichts
mehr bedeutete. Ja, sie konnte verzichten, darin hatte die Mama recht, und in
diesem Verzichtenkönnen lag etwas von Anspruchslosigkeit; wenn es aber
ausnahmsweise mal wirklich etwas zu besitzen galt, so musste dies immer was ganz
Apartes sein. Und darin war sie anspruchsvoll.
 
                                Viertes Kapitel
Vetter Dagobert war am Bahnhof, als die Damen ihre Rückreise nach Hohen-Cremmen
antraten. Es waren glückliche Tage gewesen, vor allem auch darin, dass man nicht
unter unbequemer und beinahe unstandesgemässer Verwandtschaft gelitten hatte.
»Für Tante Terese«, so hatte Effi gleich nach der Ankunft gesagt, »müssen wir
diesmal inkognito bleiben. Es geht nicht, dass sie hier ins Hotel kommt. Entweder
Hotel du Nord oder Tante Terese; beides zusammen passt nicht.« Die Mama hatte
sich schliesslich einverstanden damit erklärt, ja dem Lieblinge zur Besiegelung
des Einverständnisses einen Kuss auf die Stirn gegeben.
    Mit Vetter Dagobert war das natürlich etwas ganz anderes gewesen, der hatte
nicht bloss den Gardepli, der hatte vor allem auch mit Hülfe jener eigentümlich
guten Laune, wie sie bei den Alexanderoffizieren beinahe traditionell geworden,
sowohl Mutter wie Tochter von Anfang an anzuregen und aufzuheitern gewusst, und
diese gute Stimmung dauerte bis zuletzt. »Dagobert«, so hiess es noch beim
Abschied, »du kommst also zu meinem Polterabend, und natürlich mit Cortège. Denn
nach den Aufführungen (aber kommt mir nicht mit Dienstmann oder
Mausefallenhändler) ist Ball. Und du musst bedenken, mein erster grosser Ball ist
vielleicht auch mein letzter. Unter sechs Kameraden - natürlich beste Tänzer
wird gar nicht angenommen. Und mit dem Frühzug könnt ihr wieder zurück.« Der
Vetter versprach alles, und so trennte man sich.
    Gegen Mittag trafen beide Damen an ihrer havelländischen Bahnstation ein,
mitten im Luch, und fuhren in einer halben Stunde nach Hohen-Cremmen hinüber.
Briest war sehr froh, Frau und Tochter wieder zu Hause zu haben, und stellte
Fragen über Fragen, deren Beantwortung er meist nicht abwartete. Statt dessen
erging er sich in Mitteilung dessen, was er inzwischen erlebt. »Ihr habt mir da
vorhin von der Nationalgalerie gesprochen und von der Insel der Seligen - nun,
wir haben hier, während ihr fort wart, auch so was gehabt: unser Inspektor Pink
und die Gärtnersfrau. Natürlich habe ich Pink entlassen müssen, übrigens ungern.
Es ist sehr fatal, dass solche Geschichten fast immer in die Erntezeit fallen.
Und Pink war sonst ein ungewöhnlich tüchtiger Mann, hier leider am unrechten
Fleck. Aber lassen wir das; Wilke wird schon unruhig.«
    Bei Tische hörte Briest besser zu; das gute Einvernehmen mit dem Vetter, von
dem ihm viel erzählt wurde, hatte seinen Beifall, weniger das Verhalten gegen
Tante Terese. Man sah aber deutlich, dass er inmitten seiner Missbilligung sich
eigentlich darüber freute; denn ein kleiner Schabernack entsprach ganz seinem
Geschmack, und Tante Terese war wirklich eine lächerliche Figur. Er hob sein
Glas und stiess mit Frau und Tochter an. Auch als nach Tisch einzelne der
hübschesten Einkäufe vor ihm ausgepackt und seiner Beurteilung unterbreitet
wurden, verriet er viel Interesse, das selbst noch anhielt, oder wenigstens
nicht ganz hinstarb, als er die Rechnung überflog. »Etwas teuer, oder sagen wir
lieber sehr teuer; indessen es tut nichts. Es hat alles so viel Chic, ich möchte
sagen so viel Animierendes, dass ich deutlich fühle, wenn du mir solchen Koffer
und solche Reisedecke zu Weihnachten schenkst, so sind wir zu Ostern auch in Rom
und machen nach achtzehn Jahren unsere Hochzeitsreise. Was meinst du, Luise?
Wollen wir nachexerzieren? Spät kommt ihr, doch ihr kommt.«
    Frau von Briest machte eine Handbewegung, wie wenn sie sagen wollte:
»unverbesserlich«, und überliess ihn im übrigen seiner eigenen Beschämung, die
aber nicht gross war.
Ende August war da, der Hochzeitstag (3. Oktober) rückte näher, und sowohl im
Herrenhause wie in der Pfarre und Schule war man unausgesetzt bei den
Vorbereitungen zum Polterabend. Jahnke, getreu seiner Fritz-Reuter-Passion,
hatte sich's als etwas besonders »Sinniges« ausgedacht, Berta und Herta als
Lining und Mining auftreten zu lassen, natürlich plattdeutsch, während Hulda das
Kätchen von Heilbronn in der Holunderbaumszene darstellen sollte, Leutnant
Engelbrecht von den Husaren als Wetter vom Strahl. Niemeier, der sich den Vater
der Idee nennen durfte, hatte keinen Augenblick gesäumt, auch die verschämte
Nutzanwendung auf Innstetten und Effi hinzuzudichten. Er selbst war mit seiner
Arbeit zufrieden und hörte, gleich nach der Leseprobe, von allen Beteiligten
viel Freundliches darüber, freilich mit Ausnahme seines Patronatsherrn und alten
Freundes Briest, der, als er die Mischung von Kleist und Niemeier mit angehört
hatte, lebhaft protestierte, wenn auch keineswegs aus literarischen Gründen.
»Hoher Herr und immer wieder hoher Herr - was soll das? Das leitet in die Irre,
das verschiebt alles. Innstetten, unbestritten, ist ein famoses
Menschenexemplar, Mann von Charakter und Schneid, aber die Briests - verzeih den
Berolinismus, Luise -, die Briests sind schliesslich auch nicht von schlechten
Eltern. Wir sind doch nun mal eine historische Familie, lass mich hinzufügen Gott
sei Dank, und die Innstettens sind es nicht; die Innstettens sind bloss alt,
meinetwegen Uradel, aber was heisst Uradel? Ich will nicht, dass eine Briest oder
doch mindestens eine Polterabendfigur, in der jeder das Widerspiel unserer Effi
erkennen muss - ich will nicht, dass eine Briest mittelbar oder unmittelbar in
einem fort von hoher Herr spricht. Da müsste denn doch Innstetten wenigstens ein
verkappter Hohenzoller sein, es gibt ja dergleichen. Das ist er aber nicht, und
so kann ich nur wiederholen, es verschiebt die Situation.«
    Und wirklich, Briest hielt mit besonderer Zähigkeit eine ganze Zeitlang an
dieser Anschauung fest. Erst nach der zweiten Probe, wo das »Kätchen«, schon
halb im Kostüm, ein sehr eng anliegendes Sammetmieder trug, liess er sich - der
es auch sonst nicht an Huldigungen gegen Hulda fehlen liess -zu der Bemerkung
hinreissen, »das Kätchen liege sehr gut da«, welche Wendung einer
Waffenstreckung ziemlich gleichkam oder doch zu solcher hinüberleitete. Dass alle
diese Dinge vor Effi geheimgehalten wurden, braucht nicht erst gesagt zu werden.
Bei mehr Neugier auf seiten dieser letzteren wäre das nun freilich ganz
unmöglich gewesen, aber Effi hatte so wenig Verlangen, in die Vorbereitungen und
geplanten Überraschungen einzudringen, dass sie der Mama mit allem Nachdruck
erklärte, »sie könne es abwarten«, und wenn diese dann zweifelte, so schloss Effi
mit der wiederholten Versicherung: es wäre wirklich so; die Mama könne es
glauben. Und warum auch nicht? Es sei ja doch alles nur Teateraufführung, und
hübscher und poetischer als »Aschenbrödel«, das sie noch am letzten Abend in
Berlin gesehen hätte, hübscher und poetischer könne es ja doch nicht sein. Da
hätte sie wirklich selber mitspielen mögen, wenn auch nur, um dem lächerlichen
Pensionslehrer einen Kreidestrich auf den Rücken zu machen. »Und wie reizend im
letzten Akt Aschenbrödels Erwachen als Prinzessin oder doch wenigstens als
Gräfin; wirklich, es war ganz wie ein Märchen.« In dieser Weise sprach sie oft,
war meist ausgelassener als vordem und ärgerte sich bloss über das beständige
Tuscheln und Geheimtun der Freundinnen. »Ich wollte, sie hätten sich weniger
wichtig und wären mehr für mich da. Nachher bleiben sie doch bloss stecken, und
ich muss mich um sie ängstigen und mich schämen, dass es meine Freundinnen sind.«
    So gingen Effis Spottreden, und es war ganz unverkennbar, dass sie sich um
Polterabend und Hochzeit nicht allzusehr kümmerte. Frau von Briest hatte so ihre
Gedanken darüber, aber zu Sorgen kam es nicht, weil sich Effi, was doch ein
gutes Zeichen war, ziemlich viel mit ihrer Zukunft beschäftigte und sich,
phantasiereich, wie sie war, viertelstundenlang in Schilderungen ihres Kessiner
Lebens erging, Schilderungen, in denen sich nebenher, und sehr zur Erheiterung
der Mama, eine merkwürdige Vorstellung von Hinterpommern aussprach oder
vielleicht auch, mit kluger Berechnung, aussprechen sollte. Sie gefiel sich
nämlich darin, Kessin als einen halb sibirischen Ort aufzufassen, wo Eis und
Schnee nie recht aufhörten.
    »Heute hat Goschenhofer das letzte geschickt«, sagte Frau von Briest, als
sie wie gewöhnlich in Front des Seitenflügels mit Effi am Arbeitstische sass, auf
dem die Leinen- und Wäschevorräte beständig wuchsen, während der Zeitungen, die
bloss Platz wegnahmen, immer weniger wurden. »Ich hoffe, du hast nun alles, Effi.
Wenn du aber noch kleine Wünsche hegst, so musst du sie jetzt aussprechen,
womöglich in dieser Stunde noch. Papa hat den Raps vorteilhaft verkauft und ist
ungewöhnlich guter Laune.«
    »Ungewöhnlich? Er ist immer in guter Laune.«
    »In ungewöhnlich guter Laune«, wiederholte die Mama. »Und die muss benutzt
werden. Sprich also. Mehrmals, als wir noch in Berlin waren, war es mir, als ob
du doch nach dem einen oder anderen noch ein ganz besonderes Verlangen gehabt
hättest.«
    »Ja, liebe Mama, was soll ich da sagen. Eigentlich habe ich ja alles, was
man braucht, ich meine, was man hier braucht. Aber da mir's nun mal bestimmt
ist, so hoch nördlich zu kommen... ich bemerke, dass ich nichts dagegen habe, im
Gegenteil, ich freue mich darauf, auf die Nordlichter und auf den helleren Glanz
der Sterne..., da mir's nun mal so bestimmt ist, so hätte ich wohl gern einen
Pelz gehabt.«
    »Aber Effi, Kind, das ist doch alles bloss leere Torheit. Du kommst ja nicht
nach Petersburg oder nach Archangel.«
    »Nein; aber ich bin doch auf dem Wege dahin...«
    »Gewiss, Kind. Auf dem Wege dahin bist du; aber was heisst das? Wenn du von
hier nach Nauen fährst, bist du auch auf dem Wege nach Russland. Im übrigen, wenn
du's wünschst, so sollst du einen Pelz haben. Nur das lass mich im voraus sagen,
ich rate dir davon ab. Ein Pelz ist für ältere Personen, selbst deine alte Mama
ist noch zu jung dafür, und wenn du mit deinen siebzehn Jahren in Nerz oder
Marder auftrittst, so glauben die Kessiner, es sei eine Maskerade.«
Das war am 2. September, dass sie so sprachen, ein Gespräch, das sich wohl
fortgesetzt hätte, wenn nicht gerade Sedantag gewesen wäre. So aber wurden sie
durch Trommel- und Pfeifenklang unterbrochen, und Effi, die schon vorher von dem
beabsichtigten Aufzuge gehört, aber es wieder vergessen hatte, stürzte mit einem
Male von dem gemeinschaftlichen Arbeitstische fort und an Rondell und Teich
vorüber auf einen kleinen, an die Kirchhofsmauer angebauten Balkon zu, zu dem
sechs Stufen, nicht viel breiter als Leitersprossen, hinaufführten. Im Nu war
sie oben, und richtig, da kam auch schon die ganze Schuljugend heran, Jahnke
gravitätisch am rechten Flügel, während ein kleiner Tambourmajor, weit voran, an
der Spitze des Zuges marschierte, mit einem Gesichtsausdruck, als ob ihm obläge,
die Schlacht bei Sedan noch einmal zu schlagen. Effi winkte mit dem Taschentuch,
und der Begrüsste versäumte nicht, mit seinem blanken Kugelstock zu salutieren.
Eine Woche später sassen Mutter und Tochter wieder am alten Fleck, auch wieder
mit ihrer Arbeit beschäftigt. Es war ein wunderschöner Tag, der in einem
zierlichen Beet um die Sonnenuhr herum stehende Heliotrop blühte noch, und die
leise Brise, die ging, trug den Duft davon zu ihnen herüber.
    »Ach, wie wohl ich mich fühle«, sagte Effi, »so wohl und so glücklich; ich
kann mir den Himmel nicht schöner denken. Und am Ende, wer weiss, ob sie im
Himmel so wundervollen Heliotrop haben.«
    »Aber Effi, so darfst du nicht sprechen: das hast du von deinem Vater, dem
nichts heilig ist und der neulich sogar sagte: Niemeier sähe aus wie Lot.
Unerhört. Und was soll es nur heissen? Erstlich weiss er nicht, wie Lot ausgesehen
hat, und zweitens ist es eine grenzenlose Rücksichtslosigkeit gegen Hulda. Ein
Glück, dass Niemeier nur die einzige Tochter hat, dadurch fällt es eigentlich in
sich zusammen. In einem freilich hat er nur zu sehr recht gehabt, in all und
jedem, was er über Lots Frau, unsere gute Frau Pastorin, sagte, die uns denn
auch wirklich wieder mit ihrer Torheit und Anmassung den ganzen Sedantag
ruinierte. Wobei mir übrigens einfällt, dass wir, als Jahnke mit der Schule
vorbeikam, in unserem Gespräche unterbrochen wurden - wenigstens kann ich mir
nicht denken, dass der Pelz, von dem du damals sprachst, dein einziger Wunsch
gewesen sein sollte. Lass mich also wissen, Schatz, was du noch weiter auf dem
Herzen hast.«
    »Nichts, Mama.«
    »Wirklich nichts?«
    »Nein, wirklich nichts; ganz im Ernste... Wenn es aber doch am Ende was sein
sollte...«
    »Nun...«
    »... So müsst es ein japanischer Bettschirm sein, schwarz und goldene Vögel
darauf, alle mit einem langen Kranichschnabel... Und dann vielleicht auch noch
eine Ampel für unser Schlafzimmer, mit rotem Schein.«
    Frau von Briest schwieg.
    »Nun siehst du, Mama, du schweigst und siehst aus, als ob ich etwas
besonders Unpassendes gesagt hätte.«
    »Nein, Effi, nichts Unpassendes. Und vor deiner Mutter nun schon gewiss
nicht. Denn ich kenne dich ja. Du bist eine phantastische kleine Person, malst
dir mit Vorliebe Zukunftsbilder aus, und je farbenreicher sie sind, desto
schöner und begehrlicher erscheinen sie dir. Ich sah das so recht, als wir die
Reisesachen kauften. Und nun denkst du dir's ganz wundervoll, einen Bettschirm
mit allerhand fabelhaftem Getier zu haben, alles im Halblicht einer roten Ampel.
Es kommt dir vor wie ein Märchen, und du möchtest eine Prinzessin sein.«
    Effi nahm die Hand der Mama und küsste sie. »Ja, Mama, so bin ich.«
    »Ja, so bist du. Ich weiss es wohl. Aber meine liebe Effi, wir müssen
vorsichtig im Leben sein, und zumal wir Frauen. Und wenn du nun nach Kessin
kommst, einem kleinen Ort, wo nachts kaum eine Laterne brennt, so lacht man über
dergleichen. Und wenn man bloss lachte. Die, die dir ungewogen sind, und solche
gibt es immer, sprechen von schlechter Erziehung, und manche sagen auch wohl
noch Schlimmeres.«
    »Also nichts Japanisches und auch keine Ampel. Aber ich bekenne dir, ich
hatte es mir so schön und poetisch gedacht, alles in einem roten Schimmer zu
sehen.«
    Frau von Briest war bewegt. Sie stand auf und küsste Effi. »Du bist ein Kind.
Schön und poetisch. Das sind so Vorstellungen. Die Wirklichkeit ist anders, und
oft ist es gut, dass es statt Licht und Schimmer ein Dunkel gibt.«
    Effi schien antworten zu wollen, aber in diesem Augenblicke kam Wilke und
brachte Briefe. Der eine war aus Kessin von Innstetten. »Ach, von Geert«, sagte
Effi, und während sie den Brief beiseite steckte, fuhr sie in ruhigem Tone fort:
»Aber das wirst du doch gestatten, dass ich den Flügel schräg in die Stube
stelle. Daran liegt mir mehr als an einem Kamin, den mir Geert versprochen hat.
Und das Bild von dir, das stell ich dann auf eine Staffelei; ganz ohne dich kann
ich nicht sein. Ach, wie werd ich mich nach euch sehnen, vielleicht auf der
Reise schon und dann in Kessin ganz gewiss. Es soll ja keine Garnison haben,
nicht einmal einen Stabsarzt, und ein Glück, dass es wenigstens ein Badeort ist.
Vetter Briest, und daran will ich mich aufrichten, dessen Mutter und Schwester
immer nach Warnemünde gehen - nun, ich sehe doch wirklich nicht ein, warum der
die lieben Verwandten nicht auch einmal nach Kessin hin dirigieren sollte.
Dirigieren, das klingt ohnehin so nach Generalstab, worauf er, glaub ich,
ambiert. Und dann kommt er natürlich mit und wohnt bei uns. Übrigens haben die
Kessiner, wie mir neulich erst wer erzählt hat, ein ziemlich grosses Dampfschiff,
das zweimal die Woche nach Schweden hinüberfährt. Und auf dem Schiffe ist dann
Ball (sie haben da natürlich auch Musik), und er tanzt sehr gut...«
    »Wer?«
    »Nun, Dagobert.«
    »Ich dachte, du meintest Innstetten. Aber jedenfalls ist es an der Zeit,
endlich zu wissen, was er schreibt... Du hast ja den Brief noch in der Tasche.«
    »Richtig. Den hätt ich fast vergessen.« Und sie öffnete den Brief und
überflog ihn.
    »Nun, Effi, kein Wort? Du strahlst nicht und lachst nicht einmal. Und er
schreibt doch immer so heiter und unterhaltlich und gar nicht väterlich weise.«
    »Das würd ich mir auch verbitten. Er hat sein Alter, und ich habe meine
Jugend. Und ich würde ihm mit dem Finger drohen und ihm sagen: Geert, überlege,
was besser ist.«
    »Und dann würde er dir antworten: Was du hast, Effi, das ist das Bessere.
Denn er ist nicht nur ein Mann der feinsten Formen, er ist auch gerecht und
verständig und weiss recht gut, was Jugend bedeutet. Er sagt sich das immer und
stimmt sich auf das Jugendliche hin, und wenn er in der Ehe so bleibt, so werdet
ihr eine Musterehe führen.«
    »Ja, das glaube ich auch, Mama. Aber kannst du dir vorstellen, und ich
schäme mich fast, es zu sagen, ich bin nicht so sehr für das, was man eine
Musterehe nennt.«
    »Das sieht dir ähnlich. Und nun sage mir, wofür bist du denn eigentlich?«
    »Ich bin... nun, ich bin für gleich und gleich und natürlich auch für
Zärtlichkeit und Liebe. Und wenn es Zärtlichkeit und Liebe nicht sein können,
weil Liebe, wie Papa sagt, doch nur ein Papperlapapp ist (was ich aber nicht
glaube), nun, dann bin ich für Reichtum und ein vornehmes Haus, ein ganz
vornehmes, wo Prinz Friedrich Karl zur Jagd kommt, auf Elchwild oder Auerhahn,
oder wo der alte Kaiser vorfährt und für jede Dame, auch für die jungen, ein
gnädiges Wort hat. Und wenn wir dann in Berlin sind, dann bin ich für Hofball
und Galaoper, immer dicht neben der grossen Mittelloge.«
    »Sagst du das so bloss aus Übermut und Laune?«
    »Nein, Mama, das ist mein völliger Ernst. Liebe kommt zuerst, aber gleich
hinterher kommt Glanz und Ehre, und dann kommt Zerstreuung - ja, Zerstreuung,
immer was Neues, immer was, dass ich lachen oder weinen muss. Was ich nicht
aushalten kann, ist Langeweile.«
    »Wie bist du da nur mit uns fertig geworden?«
    »Ach, Mama, wie du nur so was sagen kannst. Freilich, wenn im Winter die
liebe Verwandtschaft vorgefahren kommt und sechs Stunden bleibt oder wohl auch
noch länger und Tante Gundel und Tante Olga mich mustern und mich naseweis
finden - und Tante Gundel hat es mir auch mal gesagt -, ja, da macht sich's
mitunter nicht sehr hübsch, das muss ich zugeben. Aber sonst bin ich hier immer
glücklich gewesen, so glücklich...«
    Und während sie das sagte, warf sie sich heftig weinend vor der Mama auf die
Knie und küsste ihre beiden Hände!
    »Steh auf, Effi. Das sind so Stimmungen, die über einen kommen, wenn man so
jung ist wie du und vor der Hochzeit steht und vor dem Ungewissen. Aber nun lies
mir den Brief vor, wenn er nicht was ganz Besonderes entält oder vielleicht
Geheimnisse.«
    »Geheimnisse«, lachte Effi und sprang in plötzlich veränderter Stimmung
wieder auf. »Geheimnisse! Ja, er nimmt immer einen Anlauf, aber das meiste könnt
ich auf dem Schulzenamt anschlagen lassen, da, wo immer die landrätlichen
Verordnungen stehen. Nun, Geert ist ja auch Landrat.«
    »Lies, lies.«
    »Liebe Effi... So fängt es nämlich immer an, und manchmal nennt er mich auch
seine kleine Eva.«
    »Lies, lies... Du sollst ja lesen.«
    »Also: Liebe Effi! Je näher wir unsrem Hochzeitstage kommen, je sparsamer
werden Deine Briefe. Wenn die Post kommt, suche ich immer zuerst nach Deiner
Handschrift, aber, wie Du weisst (und ich hab es ja auch nicht anders gewollt),
in der Regel vergeblich. Im Hause sind jetzt die Handwerker, die die Zimmer,
freilich nur wenige, für Dein Kommen herrichten sollen. Das Beste wird wohl erst
geschehen, wenn wir auf der Reise sind. Tapezierer Madelung, der alles liefert,
ist ein Original, von dem ich Dir mit nächstem erzähle, vor allem aber, wie
glücklich ich bin über Dich, über meine süsse, kleine Effi. Mir brennt hier der
Boden unter den Füssen, und dabei wird es in unserer guten Stadt immer stiller
und einsamer. Der letzte Badegast ist gestern abgereist; er badete zuletzt bei 9
Grad, und die Badewärter waren immer froh, wenn er wieder heil heraus war. Denn
sie fürchteten einen Schlaganfall, was dann das Bad in Misskredit bringt, als ob
die Wellen hier schlimmer wären als woanders. Ich juble, wenn ich denke, dass ich
in vier Wochen schon mit Dir von der Piazzetta aus nach dem Lido fahre oder nach
Murano hin, wo sie Glasperlen machen und schönen Schmuck. Und der schönste sei
für Dich. Viele Grüsse den Eltern und den zärtlichsten Kuss Dir von Deinem Geert.«
    Effi faltete den Brief wieder zusammen, um ihn in das Couvert zu stecken.
    »Das ist ein sehr hübscher Brief«, sagte Frau von Briest, »und dass er in
allem das richtige Mass hält das ist ein Vorzug mehr.«
    »Ja, das rechte Mass, das hält er.«
    »Meine liebe Effi, lass mich eine Frage tun; wünschtest du, dass der Brief
nicht das richtige Mass hielte, wünschtest du, dass er zärtlicher wäre, vielleicht
überschwenglich zärtlich?«
    »Nein, nein, Mama. Wahr und wahrhaftig nicht, das wünsche ich nicht. Da ist
es doch besser so.«
    »Da ist es doch besser so. Wie das nun wieder klingt. Du bist so sonderbar.
Und dass du vorhin weintest. Hast du was auf deinem Herzen? Noch ist es Zeit.
Liebst du Geert nicht?«
    »Warum soll ich ihn nicht lieben? Ich liebe Hulda, und ich liebe Berta, und
ich liebe Herta. Und ich liebe auch den alten Niemeier. Und dass ich euch liebe,
davon spreche ich gar nicht erst. Ich liebe alle, die's gut mit mir meinen und
gütig gegen mich sind und mich verwöhnen. Und Geert wird mich auch wohl
verwöhnen. Natürlich auf seine Art. Er will mir ja schon Schmuck schenken in
Venedig. Er hat keine Ahnung davon, dass ich mir nichts aus Schmuck mache. Ich
klettre lieber, und ich schaukle mich lieber, und am liebsten immer in der
Furcht, dass es irgendwo reissen oder brechen und ich niederstürzen könnte. Den
Kopf wird es ja nicht gleich kosten.«
    »Und liebst du vielleicht auch deinen Vetter Briest?«
    »Ja, sehr. Der erheitert mich immer.«
    »Und hättest du Vetter Briest heiraten mögen?«
    »Heiraten? Um Gottes willen nicht. Er ist ja noch ein halber Junge. Geert
ist ein Mann, ein schöner Mann, ein Mann, mit dem ich Staat machen kann und aus
dem was wird in der Welt. Wo denkst du hin, Mama.«
    »Nun, das ist recht, Effi, das freut mich. Aber du hast noch was auf der
Seele.«
    »Vielleicht.«
    »Nun, sprich.«
    »Sieh, Mama, dass er älter ist als ich, das schadet nichts, das ist
vielleicht recht gut: er ist ja doch nicht alt und ist gesund und frisch und so
soldatisch und so schneidig. Und ich könnte beinah sagen, ich wäre ganz und gar
für ihn, wenn er nur... ja, wenn er nur ein bisschen anders wäre.«
    »Wie denn, Effi?«
    »Ja, wie. Nun, du darfst mich nicht auslachen. Es ist etwas, was ich erst
ganz vor kurzem aufgehorcht habe, drüben im Pastorhause. Wir sprachen da von
Innstetten, und mit einem Male zog der alte Niemeier seine Stirn in Falten, aber
in Respekts- und Bewunderungsfalten, und sagte: Ja, der Baron! Das ist ein Mann
von Charakter, ein Mann von Prinzipien.«
    »Das ist er auch, Effi.«
    »Gewiss. Und ich glaube, Niemeier sagte nachher sogar, er sei auch ein Mann
von Grundsätzen. Und das ist, glaub ich, noch etwas mehr. Ach, und ich... ich
habe keine. Sieh, Mama, da liegt etwas, was mich quält und ängstigt. Er ist so
lieb und gut gegen mich und so nachsichtig, aber... ich fürchte mich vor ihm.«
 
                                Fünftes Kapitel
Die Hohen-Cremmer Festtage lagen zurück; alles war abgereist, auch das junge
Paar, noch am Abend des Hochzeitstages.
    Der Polterabend hatte jeden zufriedengestellt, besonders die Mitspielenden,
und Hulda war dabei das Entzücken aller jungen Offiziere gewesen, sowohl der
Ratenower Husaren wie der etwas kritischer gestimmten Kameraden vom
Alexanderregiment. Ja, alles war gut und glatt verlaufen, fast über Erwarten.
Nur Berta und Herta hatten so heftig geschluchzt, dass Jahnkes plattdeutsche
Verse so gut wie verlorengegangen waren. Aber auch das hatte wenig geschadet.
Einige feine Kenner waren sogar der Meinung gewesen, »das sei das Wahre;
Steckenbleiben und Schluchzen und Unverständlichkeit - in diesem Zeichen (und
nun gar, wenn es so hübsche rotblonde Krausköpfe wären) werde immer am
entschiedensten gesiegt«. Eines ganz besonderen Triumphes hatte sich Vetter
Briest in seiner selbstgedichteten Rolle rühmen dürfen. Er war als Demutscher
Kommis erschienen, der in Erfahrung gebracht, die junge Braut habe vor, gleich
nach der Hochzeit nach Italien zu reisen, weshalb er einen Reisekoffer abliefern
wolle. Dieser Koffer entpuppte sich natürlich als eine Riesenbonbonniere von
Hövel. Bis um drei Uhr war getanzt worden, bei welcher Gelegenheit der sich mehr
und mehr in eine höchste Champagnerstimmung hineinredende alte Briest allerlei
Bemerkungen über den an manchen Höfen immer noch üblichen Fackeltanz und die
merkwürdige Sitte des Strumpfband-Austanzens gemacht hatte, Bemerkungen, die
nicht abschliessen wollten und, sich immer mehr steigernd, am Ende so weit
gingen, dass ihnen durchaus ein Riegel vorgeschoben werden musste. »Nimm dich
zusammen, Briest«, war ihm in ziemlich ernstem Tone von seiner Frau zugeflüstert
worden; »du stehst hier nicht, um Zweideutigkeiten zu sagen, sondern um die
Honneurs des Hauses zu machen. Wir haben eben eine Hochzeit und nicht eine
Jagdpartie.« Worauf Briest geantwortet, »er sähe darin keinen so grossen
Unterschied; übrigens sei er glücklich«.
    Auch der Hochzeitstag selbst war gut verlaufen. Niemeier hatte vorzüglich
gesprochen, und einer der alten Berliner Herren, der halb und halb zur
Hofgesellschaft gehörte, hatte sich auf dem Rückwege von der Kirche zum
Hochzeitshause dahin geäussert, es sei doch merkwürdig, wie reich gesät in einem
Staate, wie der unsrige, die Talente seien. »Ich sehe darin einen Triumph
unserer Schulen und vielleicht mehr noch unserer Philosophie. Wenn ich bedenke,
dieser Niemeier, ein alter Dorfpastor, der anfangs aussah wie ein Hospitalit...
ja, Freund, sagen Sie selbst, hat er nicht gesprochen wie ein Hofprediger.
Dieser Takt und diese Kunst der Antitese, ganz wie Kögel, und an Gefühl ihm
noch über. Kögel ist zu kalt. Freilich, ein Mann in seiner Stellung muss kalt
sein. Woran scheitert man denn im Leben überhaupt? Immer nur an der Wärme.« Der
noch unverheiratete, aber wohl eben deshalb zum vierten Male in einem
»Verhältnis« stehende Würdenträger, an den sich diese Worte gerichtet hatten,
stimmte selbstverständlich zu. »Nur zu wahr, lieber Freund«, sagte er. »Zuviel
Wärme...! ganz vorzüglich... Übrigens muss ich Ihnen nachher eine Geschichte
erzählen.«
Der Tag nach der Hochzeit war ein heller Oktobertag. Die Morgensonne blinkte;
trotzdem war es schon herbstlich frisch, und Briest, der eben gemeinschaftlich
mit seiner Frau das Frühstück genommen, erhob sich von seinem Platz und stellte
sich, beide Hände auf dem Rücken, gegen das mehr und mehr verglimmende
Kaminfeuer. Frau von Briest, eine Handarbeit in Händen, rückte gleichfalls näher
an den Kamin und sagte zu Wilke, der gerade eintrat, um den Frühstückstisch
abzuräumen: »Und nun, Wilke, wenn Sie drin im Saal, aber das geht vor, alles in
Ordnung haben, dann sorgen Sie, dass die Torten nach drüben kommen, die Nusstorte
zu Pastors und die Schüssel mit kleinen Kuchen zu Jahnkes. Und nehmen Sie sich
mit den Gläsern in acht. Ich meine die dünngeschliffenen.«
    Briest war schon bei der dritten Zigarette, sah sehr wohl aus und erklärte,
»nichts bekomme einem so gut wie eine Hochzeit, natürlich die eigene
ausgenommen«.
    »Ich weiss nicht, Briest, wie du zu solcher Bemerkung kommst. Mir war ganz
neu, dass du darunter gelitten haben willst. Ich wüsste auch nicht, warum.«
    »Luise, du bist eine Spielverderberin. Aber ich nehme nichts übel, auch
nicht einmal so was. In Übrigen, was wollen wir von uns sprechen, die wir nicht
einmal eine Hochzeitsreise gemacht haben. Dein Vater war dagegen. Aber Effi
macht nun eine Hochzeitsreise. Beneidenswert. Mit dem Zehnuhrzug ab. Sie müssen
jetzt schon bei Regensburg sein, und ich nehme an, dass er ihr -
selbstverständlich ohne auszusteigen - die Hauptkunstschätze der Walhalla
herzählt. Innstetten ist ein vorzüglicher Kerl, aber er hat so was von einem
Kunstfex, und Effi, Gott, unsere arme Effi, ist ein Naturkind. Ich fürchte, dass
er sie mit seinem Kunstentusiasmus etwas quälen wird.«
    »Jeder quält seine Frau. Und Kunstentusiasmus ist noch lange nicht das
Schlimmste.«
    »Nein, gewiss nicht; jedenfalls wollen wir darüber nicht streiten; es ist ein
weites Feld. Und dann sind auch die Menschen so verschieden. Du, nun ja, du
hättest dazu getaugt. Überhaupt hättest du besser zu Innstetten gepasst als Effi.
Schade, nun ist es zu spät.«
    »Überaus galant, abgesehen davon, dass es nicht passt. Unter allen Umständen
aber, was gewesen ist, ist gewesen. Jetzt ist er mein Schwiegersohn, und es kann
zu nichts führen, immer auf Jugendlichkeiten zurückzuweisen.«
    »Ich habe dich nur in eine animierte Stimmung bringen wollen.«
    »Sehr gütig. Übrigens nicht nötig. Ich bin in animierter Stimmung.«
    »Und auch in guter?«
    »Ich kann es fast sagen. Aber du darfst sie nicht verderben. Nun, was hast
du noch? Ich sehe, dass du was auf dem Herzen hast.«
    »Gefiel dir Effi? Gefiel dir die ganze Geschichte? Sie war so sonderbar,
halb wie ein Kind, und dann wieder sehr selbstbewusst und durchaus nicht so
bescheiden, wie sie's solchem Manne gegenüber sein müsste. Das kann doch nur so
zusammenhängen, dass sie noch nicht recht weiss, was sie an ihm hat. Oder ist es
einfach, dass sie ihn nicht recht liebt? Das wäre schlimm. Denn bei all seinen
Vorzügen, er ist nicht der Mann, sich diese Liebe mit leichter Manier zu
gewinnen.«
    Frau von Briest schwieg und zählte die Stiche auf dem Kanevas. Endlich sagte
sie: »Was du da sagst, Briest, ist das Gescheiteste, was ich seit drei Tagen von
dir gehört habe, deine Rede bei Tisch mit eingerechnet. Ich habe auch so meine
Bedenken gehabt. Aber ich glaube, wir können uns beruhigen.«
    »Hat sie dir ihr Herz ausgeschüttet?«
    »So möcht ich es nicht nennen. Sie hat wohl das Bedürfnis zu sprechen, aber
sie hat nicht das Bedürfnis, sich so recht von Herzen auszusprechen, und macht
vieles in sich selber ab; sie ist mitteilsam und verschlossen zugleich, beinah
versteckt; überhaupt ein ganz eigenes Gemisch.«
    »Ich bin ganz deiner Meinung. Aber wenn sie dir nichts gesagt hat, woher
weisst du's?«
    »Ich sagte nur, sie habe mir nicht ihr Herz ausgeschüttet. Solche
Generalbeichte, so alles von der Seele herunter, das liegt nicht in ihr. Es fuhr
alles so bloss ruckweis und plötzlich aus ihr heraus, und dann war es wieder
vorüber. Aber gerade weil es so ungewollt und wie von ungefähr aus ihrer Seele
kam, deshalb war es mir so wichtig.«
    »Und wann war es denn und bei welcher Gelegenheit?«
    »Es werden jetzt gerade drei Wochen sein, und wir sassen im Garten, mit
allerhand Ausstattungsdingen, grossen und kleinen, beschäftigt, als Wilke einen
Brief von Innstetten brachte. Sie steckte ihn zu sich, und ich musste sie eine
Viertelstunde später erst erinnern, dass sie ja einen Brief habe. Dann las sie
ihn, aber verzog kaum eine Miene. Ich bekenne dir, dass mir bang ums Herz dabei
wurde, so bang, dass ich gern eine Gewissheit haben wollte, soviel, wie man in
diesen Dingen haben kann.«
    »Sehr wahr, sehr wahr.«
    »Was meinst du damit?«
    »Nun, ich meine nur... Aber das ist ja ganz gleich. Sprich nur weiter; ich
bin ganz Ohr.«
    »Ich fragte also rundheraus, wie's stünde, und weil ich bei ihrem eigenen
Charakter einen feierlichen Ton vermeiden und alles so leicht wie möglich, ja
beinah scherzhaft nehmen wollte, so warf ich die Frage hin, ob sie vielleicht
den Vetter Briest, der ihr in Berlin sehr stark den Hof gemacht hatte, ob sie
den vielleicht lieber heiraten würde...«
    »Und?«
    »Da hättest du sie sehen sollen. Ihre nächste Antwort war ein schnippisches
Lachen. Der Vetter sei doch eigentlich nur ein grosser Kadett in
Leutnantsuniform. Und einen Kadetten könne sie nicht einmal lieben, geschweige
heiraten. Und dann sprach sie von Innstetten, der ihr mit einem Male der Träger
aller männlichen Tugenden war.«
    »Und wie erklärst du dir das?«
    »Ganz einfach. So geweckt und temperamentvoll und beinahe leidenschaftlich
sie ist, oder vielleicht auch, weil sie es ist, sie gehört nicht zu denen, die
so recht eigentlich auf Liebe gestellt sind, wenigstens nicht auf das, was den
Namen ehrlich verdient. Sie redet zwar davon, sogar mit Nachdruck und einem
gewissen Überzeugungston, aber doch nur, weil sie irgendwo gelesen hat, Liebe
sei nun mal das Höchste, das Schönste, das Herrlichste. Vielleicht hat sie's
auch bloss von der sentimentalen Person, der Hulda, gehört und spricht es ihr
nach. Aber sie empfindet nicht viel dabei. Wohl möglich, dass es alles mal kommt,
Gott verhüte es, aber noch ist es nicht da.«
    »Und was ist da? Was hat sie?«
    »Sie hat nach meinem und auch nach ihrem eigenen Zeugnis zweierlei:
Vergnügungssucht und Ehrgeiz.«
    »Nun, das kann passieren. Da bin ich beruhigt.«
    »Ich nicht. Innstetten ist ein Karrieremacher - vom Streber will ich nicht
sprechen, das ist er auch nicht, dazu ist er zu wirklich vornehm -, also
Karrieremacher, und das wird Effis Ehrgeiz befriedigen.«
    »Nun also. Das ist doch gut.«
    »Ja, das ist gut! Aber es ist erst die Hälfte. Ihr Ehrgeiz wird befriedigt
werden, aber ob auch ihr Hang nach Spiel und Abenteuer? Ich bezweifle. Für die
stündliche kleine Zerstreuung und Anregung, für alles, was die Langeweile
bekämpft, diese Todfeindin einer geistreichen kleinen Person, dafür wird
Innstetten sehr schlecht sorgen. Er wird sie nicht in einer geistigen Öde
lassen, dazu ist er zu klug und zu weltmännisch, aber er wird sie auch nicht
sonderlich amüsieren. Und was das schlimmste ist, er wird sich nicht einmal
recht mit der Frage beschäftigen, wie das wohl anzufangen sei. Das wird eine
Weile so gehen, ohne viel Schaden anzurichten, aber zuletzt wird sie's merken,
und dann wird es sie beleidigen. Und dann weiss ich nicht, was geschieht. Denn so
weich und nachgiebig sie ist, sie hat auch was Rabiates und lässt es auf alles
ankommen.«
    In diesem Augenblicke trat Wilke vom Saal her ein und meldete, dass er alles
nachgezählt und alles vollzählig gefunden habe; nur von den feinen Weingläsern
sei eins zerbrochen, aber schon gestern, als das Hoch ausgebracht wurde -
Fräulein Hulda habe mit Leutnant Nienkerken zu scharf angestossen.
    »Versteht sich, von alter Zeit her immer im Schlaf, und unterm Holunderbaum
ist es natürlich nicht besser geworden. Eine alberne Person, und ich begreife
Nienkerken nicht.«
    »Ich begreife ihn vollkommen.«
    »Er kann sie doch nicht heiraten.«
    »Nein.«
    »Also zu was?«
    »Ein weites Feld, Luise.«
Dies war am Tage nach der Hochzeit. Drei Tage später kam eine kleine gekritzelte
Karte aus München, die Namen alle nur mit zwei Buchstaben angedeutet. »Liebe
Mama! Heute vormittag die Pinakotek besucht. Geert wollte auch noch nach dem
andern hinüber, das ich hier nicht nenne, weil ich wegen der Rechtschreibung in
Zweifel bin, und fragen mag ich ihn nicht. Er ist übrigens engelsgut gegen mich
und erklärt mir alles. Überhaupt alles sehr schön, aber anstrengend. In Italien
wird es wohl nachlassen und besser werden. Wir wohnen in den Vier Jahreszeiten,
was Geert veranlasste, mir zu sagen, draussen sei Herbst, aber er habe in mir den
Frühling. Ich finde es sehr sinnig. Er ist überhaupt sehr aufmerksam. Freilich
ich muss es auch sein, namentlich wenn er was sagt oder erklärt. Er weiss übrigens
alles so gut, dass er nicht einmal nachzuschlagen braucht. Mit Entzücken spricht
er von Euch, namentlich von Mama. Hulda findet er etwas zierig; aber der alte
Niemeier hat es ihm ganz angetan. Tausend Grüsse von Eurer ganz berauschten, aber
auch etwas müden Effi.«
    Solche Karten trafen nun täglich ein, aus Innsbruck, aus Verona, aus
Vicenza, aus Padua, eine jede fing an: »Wir haben heute vormittag die hiesige
berühmte Galerie besucht«, oder wenn es nicht die Galerie war, so war es eine
Arena oder irgendeine Kirche »Santa Maria« mit einem Zunamen. Aus Padua kam,
zugleich mit der Karte, noch ein wirklicher Brief. »Gestern waren wir in
Vicenza. Vicenza muss man sehn wegen des Palladio; Geert sagte mir, dass in ihm
alles Moderne wurzele. Natürlich nur in bezug auf Baukunst. Hier in Padua (wo
wir heute früh ankamen) sprach er im Hotelwagen etliche Male vor sich hin: Er
liegt in Padua begraben und war überrascht, als er von mir vernahm, dass ich
diese Worte noch nie gehört hatte. Schliesslich aber sagte er, es sei eigentlich
ganz gut und ein Vorzug, dass ich nichts davon wüsste. Er ist überhaupt sehr
gerecht. Und vor allem ist er engelsgut gegen mich und gar nicht überheblich und
auch gar nicht alt. Ich habe noch immer das Ziehen in den Füssen, und das
Nachschlagen und das lange Stehen vor den Bildern strengt mich an. Aber es muss
ja sein. Ich freue mich sehr auf Venedig. Da bleiben wir fünf Tage, ja,
vielleicht eine ganze Woche. Geert hat mir schon von den Tauben auf dem
Markusplatze vorgeschwärmt, und dass man sich da Tüten mit Erbsen kauft und dann
die schönen Tiere damit füttert. Es soll Bilder geben, die das darstellen,
schöne blonde Mädchen, ein Typus wie Hulda, sagte er. Wobei mir denn auch die
Jahnkeschen Mädchen einfallen. Ach, ich gäbe was drum, wenn ich mit ihnen auf
unserm Hof auf einer Wagendeichsel sitzen und unsere Tauben füttern könnte. Die
Pfauentaube mit dem starken Kropf dürft Ihr aber nicht schlachten, die will ich
noch wiedersehen. Ach, es ist so schön hier. Es soll ja auch das Schönste sein.
Eure glückliche, aber etwas müde Effi.«
    Frau von Briest, als sie den Brief vorgelesen hatte, sagte: »Das arme Kind.
Sie hat Sehnsucht.«
    »Ja«, sagte Briest, »sie hat Sehnsucht. Diese verwünschte Reiserei...«
    »Warum sagst du das jetzt? Du hättest es ja hindern können. Aber das ist so
deine Art, hinterher den Weisen zu spielen. Wenn das Kind in den Brunnen
gefallen ist, decken die Ratsherren den Brunnen zu.«
    »Ach, Luise, komme mir doch nicht mit solchen Geschichten. Effi ist unser
Kind, aber seit dem 3. Oktober ist sie Baronin Innstetten. Und wenn ihr Mann,
unser Herr Schwiegersohn, eine Hochzeitsreise machen und bei der Gelegenheit
jede Galerie neu katalogisieren will, so kann ich ihn daran nicht hindern. Das
ist eben das, was man sich verheiraten nennt.«
    »Also jetzt gibst du das zu. Mir gegenüber hast du's immer bestritten, immer
bestritten, dass die Frau in einer Zwangslage sei.«
    »Ja, Luise, das hab ich. Aber wozu das jetzt. Das ist wirklich ein zu weites
Feld.«
 
                                Sechstes Kapitel
Mitte November - sie waren bis Capri und Sorrent gekommen - lief Innstettens
Urlaub ab, und es entsprach seinem Charakter und seinen Gewohnheiten, genau Zeit
und Stunde zu halten. Am 14. früh traf er denn auch mit dem Kurierzuge in Berlin
ein, wo Vetter Briest ihn und die Cousine begrüsste und vorschlug, die zwei bis
zum Abgange des Stettiner Zuges noch zur Verfügung bleibenden Stunden zum
Besuche des St.-Privat-Panoramas zu benutzen und diesem Panoramabesuch ein
kleines Gabelfrühstück folgen zu lassen. Beides wurde dankbar akzeptiert. Um
Mittag war man wieder auf dem Bahnhof und nahm hier, nachdem, wie herkömmlich,
die glücklicherweise nie ernstgemeinte Aufforderung, »doch auch mal
herüberzukommen«, ebenso von Effi wie von Innstetten ausgesprochen worden war,
unter herzlichem Händeschütteln Abschied voneinander. Noch als der Zug sich
schon in Bewegung setzte, grüsste Effi vom Coupé aus. Dann machte sie sich's
bequem und schloss die Augen; nur von Zeit zu Zeit richtete sie sich wieder auf
und reichte Innstetten die Hand.
    Es war eine angenehme Fahrt, und pünktlich erreichte der Zug den Bahnhof
Klein-Tantow, von dem aus eine Chaussee nach dem noch zwei Meilen entfernten
Kessin hinüberführte. Bei Sommerzeit, namentlich während der Bademonate,
benutzte man statt der Chaussee lieber den Wasserweg und fuhr, auf einem alten
Raddampfer, das Flüsschen Kessine, dem Kessin selbst seinen Namen verdankte,
hinunter; am 1. Oktober aber stellte der »Phönix«, von dem seit lange vergeblich
gewünscht wurde, dass er in einer passagierfreien Stunde sich seines Namens
entsinnen und verbrennen möge, regelmässig seine Fahrten ein, weshalb denn auch
Innstetten bereits von Stettin aus an seinen Kutscher Kruse telegraphiert hatte:
»Fünf Uhr, Bahnhof Klein-Tantow. Bei gutem Wetter offener Wagen.«
    Und nun war gutes Wetter, und Kruse hielt in offenem Gefährt am Bahnhof und
begrüsste die Ankommenden mit dem vorschriftsmässigen Anstand eines
herrschaftlichen Kutschers.
    »Nun, Kruse, alles in Ordnung?«
    »Zu Befehl, Herr Landrat.«
    »Dann, Effi, bitte, steig ein.« Und während Effi dem nachkam und einer von
den Bahnhofsleuten einen kleinen Handkoffer vorn beim Kutscher unterbrachte, gab
Innstetten Weisung, den Rest des Gepäcks mit dem Omnibus nachzuschicken. Gleich
danach nahm auch er seinen Platz, bat, sich populär machend, einen der
Umstehenden um Feuer und rief Kruse zu: »Nun vorwärts, Kruse.« Und über die
Schienen weg, die vielgleisig an der Übergangsstelle lagen, ging es in
Schräglinie den Bahndamm hinunter und gleich danach an einem schon an der
Chaussee gelegenen Gastause vorüber, das den Namen »Zum Fürsten Bismarck«
führte. Denn an eben dieser Stelle gabelte der Weg und zweigte, wie rechts nach
Kessin, so links nach Varzin hin ab. Vor dem Gastofe stand ein mittelgrosser
breitschultriger Mann in Pelz und Pelzmütze, welch letztere er, als der Herr
Landrat vorüberfuhr, mit vieler Würde vom Haupte nahm. »Wer war denn das?« sagte
Effi, die durch alles, was sie sah, aufs höchste interessiert und schon deshalb
bei bester Laune war. »Er sah ja aus wie ein Starost, wobei ich freilich
bekennen muss, nie einen Starosten gesehen zu haben.«
    »Was auch nicht schadet, Effi. Du hast es trotzdem sehr gut getroffen. Er
sieht wirklich aus wie ein Starost und ist auch so was. Er ist nämlich ein
halber Pole, heisst Golchowski, und wenn wir hier Wahl haben oder eine Jagd, dann
ist er obenauf. Eigentlich ein ganz unsicherer Passagier, dem ich nicht über den
Weg traue und der wohl viel auf dem Gewissen hat. Er spielt sich aber auf den
Loyalen hin aus, und wenn die Varziner Herrschaften hier vorüberkommen, möcht er
sich am liebsten vor den Wagen werfen. Ich weiss, dass er dem Fürsten auch
widerlich ist. Aber was hilft's? Wir dürfen es nicht mit ihm verderben, weil wir
ihn brauchen. Er hat hier die ganze Gegend in der Tasche und versteht die
Wahlmache wie kein anderer, gilt auch für wohlhabend. dabei leiht er auf Wucher,
was sonst die Polen nicht tun; in der Regel das Gegenteil.«
    »Er sah aber gut aus.«
    »Ja, gut aussehen tut er. Gut aussehen tun die meisten hier. Ein hübscher
Schlag Menschen. Aber das ist auch das Beste, was man von ihnen sagen kann. Eure
märkischen Leute sehen unscheinbarer aus und verdriesslicher, und in ihrer
Haltung sind sie weniger respektvoll, eigentlich gar nicht, aber ihr Ja ist Ja,
und Nein ist Nein, und man kann sich auf sie verlassen. Hier ist alles
unsicher.«
    »Warum sagst du mir das? Ich muss nun doch hier mit ihnen leben.«
    »Du nicht, du wirst nicht viel von ihnen hören und sehen. Denn Stadt und
Land hier sind sehr verschieden, und du wirst nur unsere Städter kennenlernen,
unsere guten Kessiner.«
    »Unsere guten Kessiner. Ist es Spott, oder sind sie wirklich so gut?«
    »Dass sie wirklich gut sind, will ich nicht gerade behaupten, aber sie sind
doch anders als die andern; ja, sie haben gar keine Ähnlichkeit mit der
Landbevölkerung hier.«
    »Und wie kommt das?«
    »Weil es eben ganz andere Menschen sind, ihrer Abstammung nach und ihren
Beziehungen nach. Was du hier landeinwärts findest, das sind sogenannte
Kaschuben, von denen du vielleicht gehört hast, slawische Leute, die hier schon
tausend Jahre sitzen und wahrscheinlich noch viel länger. Alles aber, was hier
an der Küste hin in den kleinen See- und Handelsstädten wohnt, das sind von
weiter Eingewanderte, die sich um das kaschubische Hinterland wenig kümmern,
weil sie wenig davon haben und auf etwas ganz anderes angewiesen sind. Worauf
sie angewiesen sind, das sind die Gegenden, mit denen sie Handel treiben, und da
sie das mit aller Welt tun und mit aller Welt in Verbindung stehen, so findest
du zwischen ihnen auch Menschen aus aller Welt Ecken und Enden. Auch in unserem
guten Kessin, trotzdem es eigentlich nur ein Nest ist.«
    »Aber das ist ja entzückend, Geert. Du sprichst immer von Nest, und nun
finde ich, wenn du nicht übertrieben hast, eine ganz neue Welt hier. Allerlei
Exotisches. Nicht wahr, so was Ähnliches meintest du doch?«
    Er nickte.
    »Eine ganz neue Welt, sag ich, vielleicht einen Neger oder einen Türken oder
vielleicht sogar einen Chinesen.«
    »Auch einen Chinesen. Wie gut du raten kannst. Es ist möglich; dass wir
wirklich noch einen haben, aber jedenfalls haben wir einen gehabt; jetzt ist er
tot und auf einem kleinen eingegitterten Stück Erde begraben, dicht neben dem
Kirchhof. Wenn du nicht furchtsam bist, will ich dir bei Gelegenheit mal sein
Grab zeigen; es liegt zwischen den Dünen, bloss Strandhafer drum rum und dann und
wann ein paar Immortellen, und immer hört man das Meer. Es ist sehr schön und
sehr schauerlich.«
    »Ja, schauerlich, und ich möchte wohl mehr davon wissen. Aber doch lieber
nicht, ich habe dann immer gleich Visionen und Träume und möchte doch nicht,
wenn ich diese Nacht hoffentlich gut schlafe, gleich einen Chinesen an mein Bett
treten sehen.«
    »Das wird er auch nicht.«
    »Das wird er auch nicht. Höre, das klingt ja sonderbar, als ob es doch
möglich wäre. Du willst mir Kessin interessant machen, aber du gehst darin ein
bisschen weit. Und solche fremde Leute habt ihr viele in Kessin?«
    »Sehr viele. Die ganze Stadt besteht aus solchen Fremden, aus Menschen,
deren Eltern oder Grosseltern noch ganz woanders sassen.«
    »Höchst merkwürdig. Bitte, sage mir mehr davon. Aber nicht wieder was
Gruseliges. Ein Chinese, find ich, hat immer was Gruseliges.«
    »Ja, das hat er«, lachte Geert. »Aber der Rest ist, Gott sei Dank, von ganz
anderer Art, lauter manierliche Leute, vielleicht ein bisschen zu sehr Kaufmann,
ein bisschen zu sehr auf ihren Vorteil bedacht und mit Wechseln von zweifelhaftem
Wert immer bei der Hand. Ja, man muss sich vorsehen mit ihnen. Aber sonst ganz
gemütlich. Und damit du siehst, dass ich dir nichts vorgemacht habe, will ich dir
nur so eine kleine Probe geben, so eine Art Register oder Personenverzeichnis.«
    »Ja, Geert, das tu.«
    »Da haben wir beispielsweise keine fünfzig Schritt von uns, und unsere
Gärten stossen sogar zusammen, den Maschinen- und Baggermeister Macpherson, einen
richtigen Schotten und Hochländer.«
    »Und trägt sich auch noch so?«
    »Nein, Gott sei Dank nicht, denn es ist ein verhutzeltes Männchen, auf das
weder sein Clan noch Walter Scott besonders stolz sein würden. Und dann haben
wir in demselben Hause, wo dieser Macpherson wohnt, auch noch einen alten
Wundarzt, Beza mit Namen, eigentlich bloss Barbier; der stammt aus Lissabon,
gerade daher, wo auch der berühmte General de Meza herstammt - Meza, Beza, du
hörst die Landesverwandtschaft heraus. Und dann haben wir flussaufwärts am
Bollwerk - das ist nämlich der Quai, wo die Schiffe liegen - einen Goldschmied
namens Stedingk, der aus einer alten schwedischen Familie stammt; ja, ich
glaube, es gibt sogar Reichsgrafen, die so heissen, und des weiteren, und damit
will ich dann vorläufig abschliessen, haben wir den guten alten Doktor Hannemann,
der natürlich ein Däne ist und lange in Island war und sogar ein kleines Buch
geschrieben hat über den letzten Ausbruch des Hekla oder Krabla.«
    »Das ist ja aber grossartig, Geert. Das ist ja wie sechs Romane, damit kann
man ja gar nicht fertig werden. Es klingt erst spiessbürgerlich und ist doch
hinterher ganz apart. Und dann müsst ihr ja doch auch Menschen haben, schon weil
es eine Seestadt ist, die nicht bloss Chirurgen oder Barbiere sind oder sonst
dergleichen. Ihr müsst doch auch Kapitäne haben, irgendeinen fliegenden Holländer
oder...«
    »Da hast du ganz recht. Wir haben sogar einen Kapitän, der war Seeräuber
unter den Schwarzflaggen.«
    »Kenn ich nicht. Was sind Schwarzflaggen?«
    »Das sind Leute weit dahinten in Tonkin und an der Südsee... Seit er aber
wieder unter Menschen ist, hat er auch wieder die besten Formen und ist ganz
unterhaltlich.«
    »Ich würde mich aber doch vor ihm fürchten.«
    »Was du nicht nötig hast, zu keiner Zeit und auch dann nicht, wenn ich über
Land bin oder zum Tee beim Fürsten, denn zu allem andern, was wir haben, haben
wir ja Gott sei Dank auch Rollo...«
    »Rollo?«
    »Ja, Rollo. Du denkst dabei, vorausgesetzt, dass du bei Niemeier oder Jahnke
von dergleichen gehört hast, an den Normannenherzog, und unserer hat auch so
was. Es ist aber bloss ein Neufundländer, ein wunderschönes Tier, das mich liebt
und dich auch lieben wird. Denn Rollo ist ein Kenner. Und solange du den um dich
hast, so lange bist du sicher und kann nichts an dich heran, kein Lebendiger und
kein Toter. Aber sieh mal den Mond da drüben. Ist es nicht schön?«
    Effi, die, still in sich versunken, jedes Wort halb ängstlich, halb begierig
eingesogen hatte, richtete sich jetzt auf und sah nach rechts hinüber, wo der
Mond, unter weissem, aber rasch hinschwindendem Gewölk, eben aufgegangen war.
Kupferfarben stand die grosse Scheibe hinter einem Erlengehölz und warf ihr Licht
auf eine breite Wasserfläche, die die Kessine hier bildete. Oder vielleicht war
es auch schon ein Haff, an dem das Meer draussen seinen Anteil hatte.
    Effi war wie benommen. »Ja, du hast recht, Geert, wie schön; aber es hat
zugleich so was Unheimliches. In Italien habe ich nie solchen Eindruck gehabt,
auch nicht, als wir von Mestre nach Venedig hinüberfuhren. Da war auch Wasser
und Sumpf und Mondschein, und ich dachte, die Brücke würde brechen; aber es war
nicht so gespenstig. Woran liegt es nur? Ist es doch das Nördliche?«
    Innstetten lachte. »Wir sind hier fünfzehn Meilen nördlicher als in
Hohen-Cremmen, und eh der erste Eisbär kommt, musst du noch eine Weile warten.
Ich glaube, du bist nervös von der langen Reise und dazu das St.-Privat-Panorama
und die Geschichte von dem Chinesen.«
    »Du hast mir ja gar keine erzählt.«
    »Nein, ich hab ihn nur eben genannt. Aber ein Chinese ist schon an und für
sich eine Geschichte...«
    »Ja«, lachte sie.
    »Und jedenfalls hast du's bald überstanden. Siehst du da vor dir das kleine
Haus mit dem Licht? Es ist eine Schmiede. Da biegt der Weg. Und wenn wir die
Biegung gemacht haben, dann siehst du schon den Turm von Kessin oder richtiger
beide...«
    »Hat es denn zwei?«
    »Ja, Kessin nimmt sich auf. Es hat jetzt auch eine katolische Kirche.«
Eine halbe Stunde später hielt der Wagen an der ganz am entgegengesetzten Ende
der Stadt gelegenen landrätlichen Wohnung, einem einfachen, etwas altmodischen
Fachwerkhause, das mit seiner Front auf die nach den Seebädern hinausführende
Hauptstrasse, mit seinem Giebel aber auf ein zwischen der Stadt und den Dünen
liegendes Wäldchen, das die »Plantage« hiess, herniederblickte. Dies altmodische
Fachwerkhaus war übrigens nur Innstettens Privatwohnung, nicht das eigentliche
Landratsamt, welches letztere, schräg gegenüber, an der anderen Seite der Strasse
lag.
    Kruse hatte nicht nötig, durch einen dreimaligen Peitschenknips die Ankunft
zu vermelden; längst hatte man von Tür und Fenstern aus nach den Herrschaften
ausgeschaut, und ehe noch der Wagen heran war, waren bereits alle Hausinsassen
auf dem die ganze Breite des Bürgersteiges einnehmenden Schwellstein versammelt,
vorauf Rollo, der im selben Augenblicke, wo der Wagen hielt, diesen zu umkreisen
begann. Innstetten war zunächst seiner jungen Frau beim Aussteigen behilflich
und ging dann, dieser den Arm reichend, unter freundlichem Gruss an der
Dienerschaft vorüber, die nun dem jungen Paare in den mit prächtigen alten
Wandschränken umstandenen Hausflur folgte. Das Hausmädchen, eine hübsche, nicht
mehr ganz jugendliche Person, der ihre stattliche Fülle fast ebensogut kleidete
wie das zierliche Mützchen auf dem blonden Haar, war der gnädigen Frau beim
Ablegen von Muff und Mantel behilflich und bückte sich eben, um ihr auch die mit
Pelz gefütterten Gummistiefel auszuziehen. Aber ehe sie noch dazu kommen konnte,
sagte Innstetten: »Es wird das beste sein, ich stelle dir gleich hier unsere
gesamte Hausgenossenschaft vor, mit Ausnahme der Frau Kruse, die sich - ich
vermute sie wieder bei ihrem unvermeidlichen schwarzen Huhn - nicht gerne sehen
lässt.« Alles lächelte. »Aber lassen wir Frau Kruse... Dies hier ist mein alter
Friedrich, der schon mit mir auf der Universität war... Nicht wahr, Friedrich,
gute Zeiten damals... und dies hier ist Johanna, märkische Landsmännin von dir,
wenn du, was aus Pasewalker Gegend stammt, noch für voll gelten lassen willst,
und dies ist Christel, der wir mittags und abends unser leibliches Wohl
anvertrauen und die zu kochen versteht, das kann ich dir versichern. Und dies
hier ist Rollo. Nun, Rollo, wie geht's?«
    Rollo schien nur auf diese spezielle Ansprache gewartet zu haben, denn im
selben Augenblicke, wo er seinen Namen hörte, gab er einen Freudenblaff,
richtete sich auf und legte die Pfoten auf seines Herrn Schulter.
    »Schon gut, Rollo, schon gut. Aber sieh da, das ist die Frau; ich hab ihr
von dir erzählt und ihr gesagt, dass du ein schönes Tier seist und sie schützen
würdest.« Und nun liess Rollo ab und setzte sich vor Innstetten nieder, zugleich
neugierig zu der jungen Frau aufblickend. Und als diese ihm die Hand hinhielt,
umschmeichelte er sie.
    Effi hatte während dieser Vorstellungsszene Zeit gefunden, sich umzuschauen.
Sie war wie gebannt von allem, was sie sah, und dabei geblendet von der Fülle
von Licht. In der vorderen Flurhälfte brannten vier, fünf Wandleuchter, die
Leuchter selbst sehr primitiv, von blossem Weissblech, was aber den Glanz und die
Helle nur noch steigerte. Zwei mit roten Schleiern bedeckte Astrallampen,
Hochzeitsgeschenk von Niemeier, standen auf einem zwischen zwei Eichenschränken
angebrachten Klapptisch, in Front davon das Teezeug, dessen Lämpchen unter dem
Kessel schon angezündet war. Aber noch viel, viel anderes und zum Teil sehr
Sonderbares kam zu dem allen hinzu. Quer über den Flur fort liefen drei, die
Flurdecke in ebenso viele Felder teilende Balken; an dem vordersten hing ein
Schiff mit vollen Segeln, hohem Hinterdeck und Kanonenluken, während weiter hin
ein riesiger Fisch in der Luft zu schwimmen schien. Effi nahm ihren Schirm, den
sie noch in Händen hielt, und stiess leis an das Ungetüm an, so dass es sich in
eine langsam schaukelnde Bewegung setzte.
    »Was ist das, Geert?« fragte sie.
    »Das ist ein Haifisch.«
    »Und ganz dahinten das, was aussieht wie eine grosse Zigarre vor einem
Tabaksladen?«
    »Das ist ein junges Krokodil. Aber das kannst du dir alles morgen viel
besser und genauer ansehen; jetzt komm und lass uns eine Tasse Tee nehmen. Denn
trotz aller Plaids und Decken wirst du gefroren haben. Es war zuletzt
empfindlich kalt.«
    Er bot nun Effi den Arm, und während sich die beiden Mädchen zurückzogen und
nur Friedrich und Rollo folgten, trat man, nach links hin, in des Hausherrn
Wohn- und Arbeitszimmer ein. Effi war hier ähnlich überrascht wie draussen im
Flur; aber ehe sie sich darüber äussern konnte, schlug Innstetten eine Portiere
zurück, hinter der ein zweites, etwas grösseres Zimmer, mit Blick auf Hof und
Garten, gelegen war. »Das, Effi, ist nun also dein. Friedrich und Johanna haben
es, so gut es ging, nach meinen Anordnungen herrichten müssen. Ich finde es ganz
erträglich und würde mich freuen, wenn es dir auch gefiele.«
    Sie nahm ihren Arm aus dem seinigen und hob sich auf die Fussspitzen, um ihm
einen herzlichen Kuss zu geben.
    »Ich armes kleines Ding, wie du mich verwöhnst. Dieser Flügel und dieser
Teppich, ich glaube gar, es ist ein türkischer, und das Bassin mit den Fischchen
und dazu der Blumentisch. Verwöhnung, wohin ich sehe.«
    »Ja, meine liebe Effi, das musst du dir nun schon gefallen lassen, dafür ist
man jung und hübsch und liebenswürdig, was die Kessiner wohl auch schon erfahren
haben werden, Gott weiss, woher. Denn an dem Blumentisch wenigstens bin ich
unschuldig. Friedrich, wo kommt der Blumentisch her?«
    »Apoteker Gieshübler... Es liegt auch eine Karte bei.«
    »Ah, Gieshübler, Alonzo Gieshübler«, sagte Innstetten und reichte lachend
und in beinahe ausgelassener Laune die Karte mit dem etwas fremdartig klingenden
Vornamen zu Effi hinüber. »Gieshübler, von dem hab ich dir zu erzählen vergessen
- beiläufig, er führt auch den Doktortitel, hat's aber nicht gern, wenn man ihn
dabei nennt, das ärgere, so meint er, die richtigen Doktors bloss, und darin wird
er wohl recht haben. Nun, ich denke, du wirst ihn kennenlernen, und zwar bald:
er ist unsere beste Nummer hier, Schöngeist und Original und vor allem Seele von
Mensch, was doch immer die Hauptsache bleibt. Aber lassen wir das alles und
setzen uns und nehmen unsern Tee. Wo soll es sein? Hier bei dir oder drin bei
mir? Denn eine weitere Wahl gibt es nicht. Eng und klein ist meine Hütte.«
    Sie setzte sich ohne Besinnen auf ein kleines Ecksofa. »Heute bleiben wir
hier, heute bist du bei mir zu Gast. Oder lieber so: den Tee regelmässig bei mir,
das Frühstück bei dir; dann kommt jeder zu seinem Recht, und ich bin neugierig,
wo mir's am besten gefallen wird.«
    »Das ist eine Morgen- und Abendfrage.«
    »Gewiss. Aber wie sie sich stellt oder, richtiger, wie wir uns dazu stellen,
das ist es eben.«
    Und sie lachte und schmiegte sich an ihn und wollte ihm die Hand küssen.
    »Nein, Effi, um Himmels willen nicht, nicht so. Mir liegt nicht daran, die
Respektsperson zu sein, das bin ich für die Kessiner. Für dich bin ich...«
    »Nun was?«
    »Ach lass. Ich werde mich hüten, es zu sagen.«
 
                               Siebentes Kapitel
Es war schon heller Tag, als Effi am andern Morgen erwachte. Sie hatte Mühe,
sich zurechtzufinden. Wo war sie? Richtig, in Kessin, im Hause des Landrats von
Innstetten, und sie war seine Frau, Baronin Innstetten. Und sich aufrichtend,
sah sie sich neugierig um; am Abend vorher war sie zu müde gewesen, um alles,
was sie da halb fremdartig, halb altmodisch umgab, genauer in Augenschein zu
nehmen. Zwei Säulen stützten den Deckenbalken, und grüne Vorhänge schlossen den
alkovenartigen Schlafraum, in welchem die Betten standen, von dem Rest des
Zimmers ab; nur in der Mitte fehlte der Vorhang oder war zurückgeschlagen, was
ihr von ihrem Bette aus eine bequeme Orientierung gestattete. Da, zwischen den
zwei Fenstern, stand der schmale, bis hoch hinauf reichende Trumeau, während
rechts daneben, und schon an der Flurwand hin, der grosse schwarze Kachelofen
aufragte, der noch (soviel hatte sie schon am Abend vorher bemerkt) nach alter
Sitte von aussen her geheizt wurde. Sie fühlte jetzt, wie seine Wärme
herüberströmte. Wie schön es doch war, im eigenen Hause zu sein; soviel Behagen
hatte sie während der ganzen Reise nicht empfunden, nicht einmal in Sorrent.
    Aber wo war Innstetten? Alles still um sie her, niemand da. Sie hörte nur
den Ticktackschlag einer kleinen Pendule und dann und wann einen dumpfen Ton im
Ofen, woraus sie schloss, dass vom Flur her ein paar neue Scheite nachgeschoben
würden. Allmählich entsann sie sich auch, dass Geert, am Abend vorher, von einer
elektrischen Klingel gesprochen hatte, nach der sie denn auch nicht lange mehr
zu suchen brauchte; dicht neben ihrem Kissen war der kleine weisse
Elfenbeinknopf, auf den sie nun leise drückte.
    Gleich danach erschien Johanna. »Gnädige Frau haben befohlen.«
    »Ach, Johanna, ich glaube, ich habe mich verschlafen. Es muss schon spät
sein.«
    »Eben neun.«
    »Und der Herr...«, es wollt ihr nicht glücken, so ohne weiteres von ihrem
»Manne« zu sprechen, »...der Herr, er muss sehr leise gemacht haben; ich habe
nichts gehört.«
    »Das hat er gewiss. Und gnäd'ge Frau werden fest geschlafen haben. Nach der
langen Reise...«
    »Ja, das hab ich. Und der Herr, ist er immer so früh auf?«
    »Immer, gnäd'ge Frau. Darin ist er streng: er kann das lange Schlafen nicht
leiden, und wenn er drüben in sein Zimmer tritt, da muss der Ofen warm sein, und
der Kaffee darf auch nicht auf sich warten lassen.«
    »Da hat er also schon gefrühstückt?«
    »O nicht doch, gnäd'ge Frau... der gnäd'ge Herr...«
    Effi fühlte, dass sie die Frage nicht hätte tun und die Vermutung, Innstetten
könne nicht auf sie gewartet haben, lieber nicht hätte aussprechen sollen. Es
lag ihr denn auch daran, diesen ihren Fehler, so gut es ging, wieder
auszugleichen, und als sie sich erhoben und vor dem Trumeau Platz genommen
hatte, nahm sie das Gespräch wieder auf und sagte: »Der Herr hat übrigens ganz
recht. Immer früh auf, das war auch Regel in meiner Eltern Hause. Wo die Leute
den Morgen verschlafen, da gibt es den ganzen Tag keine Ordnung mehr. Aber der
Herr wird es so streng mit mir nicht nehmen; eine ganze Weile hab ich diese
Nacht nicht schlafen können und habe mich sogar ein wenig geängstigt.«
    »Was ich hören muss, gnäd'ge Frau! Was war es denn?«
    »Es war über mir ein ganz sonderbarer Ton, nicht laut, aber doch sehr
eindringlich. Erst klang es, wie wenn lange Schleppenkleider über die Diele
hinschleiften, und in meiner Erregung war es mir ein paarmal, als ob ich kleine
weisse Atlasschuhe sähe. Es war, als tanze man oben, aber ganz leise.«
    Johanna, während das Gespräch so ging, sah über die Schulter der jungen Frau
fort in den hohen schmalen Spiegel hinein, um die Mienen Effis besser beobachten
zu können. Dann sagte sie: »Ja, das ist oben im Saal. Früher hörten wir es in
der Küche auch. Aber jetzt hören wir es nicht mehr; wir haben uns daran
gewöhnt.«
    »Ist es denn etwas Besonderes damit?«
    »O, Gott bewahre, nicht im geringsten. Eine Weile wusste man nicht recht,
woher es käme, und der Herr Prediger machte ein verlegenes Gesicht, trotzdem
Doktor Gieshübler immer nur darüber lachte. Nun aber wissen wir, dass es die
Gardinen sind. Der Saal ist etwas multrig und stockig, und deshalb stehen immer
die Fenster auf, wenn nicht gerade Sturm ist, Und da ist denn fast immer ein
starker Zug oben und fegt die alten, weissen Gardinen, die ausserdem viel zu lang
sind, über die Dielen hin und her. Das klingt dann so wie seidne Kleider oder
auch wie Atlasschuhe, wie die gnäd'ge Frau eben bemerkten.«
    »Natürlich ist es das. Aber ich begreife nur nicht, warum dann die Gardinen
nicht abgenommen werden. Oder man könnte sie ja kürzer machen. Es ist ein so
sonderbares Geräusch, das einem auf die Nerven fällt. Und nun, Johanna, bitte,
geben Sie mir noch das kleine Tuch und tupfen Sie mir die Stirn. Oder nehmen Sie
lieber den Refraichisseur aus meiner Reisetasche... Ach, das ist schön und
erfrischt mich. Nun werde ich hinübergehen. Er ist doch noch da, oder war er
schon aus?«
    »Der gnäd'ge Herr war schon aus, ich glaube drüben auf dem Amt. Aber seit
einer Viertelstunde ist er zurück. Ich werde Friedrich sagen, dass er das
Frühstück bringt.«
    Und damit verliess Johanna das Zimmer, während Effi noch einen Blick in den
Spiegel tat und dann über den Flur fort, der bei der Tagesbeleuchtung viel von
seinem Zauber vom Abend vorher eingebüsst hatte, bei Geert eintrat.
    Dieser sass an seinem Schreibtisch, einem etwas schwerfälligen
Zylinderbureau, das er aber, als Erbstück aus dem elterlichen Hause, nicht
missen mochte. Effi stand hinter ihm und umarmte und küsste ihn, noch eh er sich
von seinem Platz erheben konnte.
    »Schon?«
    »Schon, sagst du. Natürlich um mich zu verspotten.«
    Innstetten schüttelte den Kopf. »Wie werd ich das?« Effi fand aber ein
Gefallen daran, sich anzuklagen, und wollte von den Versicherungen ihres Mannes,
dass sein »schon« ganz aufrichtig gemeint gewesen sei, nichts hören. »Du musst
noch von der Reise her wissen, dass ich morgens nie habe warten lassen. Im Laufe
des Tages, nun ja, da ist es etwas anderes. Es ist wahr, ich bin nicht sehr
pünktlich, aber ich bin keine Langschläferin. Darin, denk ich, haben mich die
Eltern gut erzogen.«
    »Darin? In allem, meine süsse Effi.«
    »Das sagst du so, weil wir noch in den Flitterwochen sind... aber nein, wir
sind ja schon heraus. Um 's Himmels willen, Geert, daran habe ich noch gar nicht
gedacht, wir sind ja schon über sechs Wochen verheiratet, sechs Wochen und einen
Tag. Ja, das ist etwas anderes; da nehme ich es nicht mehr als Schmeichelei, da
nehme ich es als Wahrheit.«
    In diesem Augenblicke trat Friedrich ein und brachte den Kaffee. Der
Frühstückstisch stand in Schräglinie vor einem kleinen rechtwinkligen Sofa, das
gerade die eine Ecke des Wohnzimmers ausfüllte. Hier setzten sich beide.
    »Der Kaffee ist ja vorzüglich«, sagte Effi, während sie zugleich das Zimmer
und seine Einrichtung musterte. »Das ist noch Hotelkaffee oder wie bei der
Bottegone... erinnerst du dich noch, in Florenz, mit dem Blick auf den Dom.
Davon muss ich der Mama schreiben, solchen Kaffee haben wir in Hohen-Cremmen
nicht. Überhaupt, Geert, ich sehe nun erst, wie vornehm ich mich verheiratet
habe. Bei uns konnte alles nur so gerade passieren.«
    »Torheit, Effi, ich habe nie eine bessere Hausführung gesehen als bei euch.«
    »Und dann, wie du wohnst. Als Papa sich den neuen Gewehrschrank angeschafft
und über seinem Schreibtisch einen Büffelkopf und dicht darunter den alten
Wrangel angebracht hatte (er war nämlich mal Adjutant bei dem Alten), da dacht
er, wunder was er getan: aber wenn ich mich hier umsehe, daneben ist unsere
ganze Hohen-Cremmener Herrlichkeit ja bloss dürftig und alltäglich. Ich weiss gar
nicht, womit ich das alles vergleichen soll; schon gestern abend, als ich nur so
flüchtig darüber hinsah, kamen mir allerhand Gedanken.«
    »Und welche, wenn ich fragen darf?«
    »Ja, welche. Du darfst aber nicht drüber lachen. Ich habe mal ein Bilderbuch
gehabt, wo ein persischer oder indischer Fürst (denn er trug einen Turban) mit
untergeschlagenen Beinen auf einem roten Seidenkissen sass, und in seinem Rücken
war ausserdem noch eine grosse rote Seidenrolle, die links und rechts ganz
bauschig zum Vorschein kam, und die Wand hinter dem indischen Fürsten starrte
von Schwertern und Dolchen und Parderfellen und Schilden und langen türkischen
Flinten. Und sieh, ganz so sieht es hier bei dir aus, und wenn du noch die Beine
unterschlägst, ist die Ähnlichkeit vollkommen.«
    »Effi, du bist ein entzückendes, liebes Geschöpf. Du weisst gar nicht, wie
sehr ich's finde und wie gern ich dir in jedem Augenblicke zeigen möchte, dass
ich's finde.«
    »Nun, dazu ist ja noch vollauf Zeit; ich bin ja erst siebzehn und habe noch
nicht vor, zu sterben.«
    »Wenigstens nicht vor mir. Freilich, wenn ich dann stürbe, nähme ich dich am
liebsten mit. Ich will dich keinem andern lassen; was meinst du dazu?«
    »Das muss ich mir doch noch überlegen. Oder lieber, lassen wir's überhaupt.
Ich spreche nicht gern von Tod, ich bin für Leben. Und nun sage mir, wie leben
wir hier? Du hast mir unterwegs allerlei Sonderbares von Stadt und Land erzählt,
aber wie wir selber hier leben werden, davon kein Wort. Dass hier alles anders
ist als in Hohen-Cremmen und Schwantikow, das seh ich wohl, aber wir müssen doch
in dem guten Kessin, wie du's immer nennst, auch etwas wie Umgang und
Gesellschaft haben können. Habt ihr denn Leute von Familie in der Stadt?«
    »Nein, meine liebe Effi; nach dieser Seite hin gehst du grossen
Enttäuschungen entgegen. In der Nähe haben wir ein paar Adlige, die du
kennenlernen wirst, aber hier in der Stadt ist gar nichts.«
    »Gar nichts? das kann ich nicht glauben. Ihr seid doch bis zu dreitausend
Menschen, und unter dreitausend Menschen muss es doch ausser so kleinen Leuten wie
Barbier Beza (so hiess er ja wohl) doch auch noch eine Elite geben, Honoratioren
oder dergleichen.«
    Innstetten lachte. »Ja, Honoratioren, die gibt es. Aber bei Lichte besehen,
ist es nicht viel damit. Natürlich haben wir einen Prediger und einen
Amtsrichter und einen Rektor und einen Lotsenkommandeur, und von solchen
beamteten Leuten findet sich schliesslich wohl ein ganzes Dutzend zusammen, aber
die meisten davon: gute Menschen und schlechte Musikanten. Und was dann noch
bleibt, das sind bloss Konsuln.«
    »Bloss Konsuln. Ich bitte dich, Geert, wie kannst du nur sagen bloss Konsuln.
Das ist doch etwas sehr Hohes und Grosses, und ich möchte beinah sagen
Furchtbares. Konsuln, das sind doch die mit dem Rutenbündel, draus, glaub ich,
ein Beil heraussah.«
    »Nicht ganz, Effi. Die heissen Liktoren.«
    »Richtig, die heissen Liktoren. Aber Konsuln ist doch auch etwas sehr
Vornehmes und Hochgesetzliches. Brutus war doch ein Konsul.«
    »Ja, Brutus war ein Konsul. Aber unsere sind ihm nicht sehr ähnlich und
begnügen sich damit, mit Zucker und Kaffee zu handeln oder eine Kiste mit
Apfelsinen aufzubrechen, und verkaufen dir dann das Stück pro zehn Pfennige.«
    »Nicht möglich.«
    »Sogar gewiss. Es sind kleine, pfiffige Kaufleute, die, wenn fremdländische
Schiffe hier einlaufen und in irgendeiner Geschäftsfrage nicht recht aus noch
ein wissen, die dann mit ihrem Rate zur Hand sind, und wenn sie diesen Rat
gegeben und irgendeinem holländischen oder portugiesischen Schiff einen Dienst
geleistet haben, so werden sie zuletzt zu beglaubigten Vertretern solcher
fremder Staaten, und geradeso viele Botschafter und Gesandte, wie wir in Berlin
haben, so viele Konsuln haben wir auch in Kessin, und wenn irgendein Festtag
ist, und es gibt hier viel Festtage, dann werden alle Wimpel gehisst, und haben
wir gerad eine grelle Morgensonne, so siehst du an solchem Tage ganz Europa von
unsern Dächern flaggen und das Sternenbanner und den chinesischen Drachen dazu.«
    »Du bist in einer spöttischen Laune, Geert, und magst auch wohl recht haben.
Aber ich, für meine kleine Person, muss dir gestehen, dass ich dies alles
entzückend finde und dass unsere havelländischen Städte daneben verschwinden.
Wenn sie da Kaisers Geburtstag feiern, so flaggt es immer bloss Schwarz und Weiss
und allenfalls ein bisschen Rot dazwischen, aber das kann sich doch nicht
vergleichen mit der Welt von Flaggen, von der du sprichst. Überhaupt, wie ich
dir schon sagte, ich finde immer wieder und wieder, es hat alles so was
Fremdländisches hier, und ich habe noch nichts gehört und gesehen, was mich
nicht in eine gewisse Verwunderung gesetzt hätte, gleich gestern abend das
merkwürdige Schiff draussen im Flur und dahinter der Haifisch und das Krokodil
und hier dein eigenes Zimmer. Alles so orientalisch, und ich muss es wiederholen,
alles wie bei einem indischen Fürsten ...«
    »Meinetwegen. Ich gratuliere, Fürstin...«
    »Und dann oben der Saal mit seinen langen Gardinen, die über die Diele
hinfegen.«
    »Aber was weisst du denn von dem Saal, Effi?«
    »Nichts, als was ich dir eben gesagt habe. Wohl eine Stunde lang, als ich in
der Nacht aufwachte, war es mir, als ob ich Schuhe auf der Erde schleifen hörte
und als würde getanzt und fast auch wie Musik. Aber alles ganz leise. Und das
hab ich dann heute früh an Johanna erzählt, bloss um mich zu entschuldigen, dass
ich hinterher so lange geschlafen. Und da sagte sie mir, das sei von den langen
Gardinen oben im Saal. Ich denke, wir machen kurzen Prozess damit und schneiden
die Gardinen etwas ab oder schliessen wenigstens die Fenster; es wird ohnehin
bald stürmisch genug werden. Mitte November ist ja die Zeit.«
    Innstetten sah in einer kleinen Verlegenheit vor sich hin und schien
schwankend, ob er auf all das antworten solle. Schliesslich entschied er sich für
Schweigen. »Du hast ganz recht, Effi, wir wollen die langen Gardinen oben kürzer
machen. Aber es eilt nicht damit, um so weniger, als es nicht sicher ist, ob es
hilft. Es kann auch was anderes sein, im Rauchfang oder der Wurm im Holz oder
ein Iltis. Wir haben nämlich hier Iltisse. Jedenfalls aber, eh wir Änderungen
vornehmen, musst du dich in unserem Hauswesen erst umsehen, natürlich unter
meiner Führung; in einer Viertelstunde zwingen wir's. Und dann machst du
Toilette, nur ein ganz klein wenig, denn eigentlich bist du so am reizendsten -
Toilette für unseren Freund Gieshübler; es ist jetzt zehn vorüber, und ich müsste
mich sehr in ihm irren, wenn er nicht um elf oder doch spätestens um die
Mittagsstunde hier antreten und dir seinen Respekt devotest zu Füssen legen
sollte. Das ist nämlich die Sprache, drin er sich ergeht. Übrigens, wie ich dir
schon sagte, ein kapitaler Mann, der dein Freund werden wird, wenn ich ihn und
dich recht kenne.«
 
                                 Achtes Kapitel
Elf war es längst vorüber; aber Gieshübler hatte sich noch immer nicht sehen
lassen. »Ich kann nicht länger warten«, hatte Geert gesagt, den der Dienst
abrief. »Wenn Gieshübler noch erscheint, so sei möglichst entgegenkommend, dann
wird es vorzüglich gehen; er darf nicht verlegen werden; ist er befangen, so
kann er kein Wort finden oder sagt die sonderbarsten Dinge; weisst du ihn aber in
Zutrauen und gute Laune zu bringen, dann redet er wie ein Buch. Nun, du wirst es
schon machen. Erwarte mich nicht vor drei; es gibt drüben allerlei zu tun. Und
das mit dem Saal oben wollen wir noch überlegen; es wird aber wohl am besten
sein, wir lassen es beim alten.«
    Damit ging Innstetten und liess seine junge Frau allein. Diese sass, etwas
zurückgelehnt, in einem lauschigen Winkel am Fenster und stützte sich, während
sie hinaussah, mit ihrem linken Arm auf ein kleines Seitenbrett, das aus dem
Zylinderbureau herausgezogen war. Die Strasse war die Hauptverkehrsstrasse nach
dem Strande hin, weshalb denn auch in Sommerzeit ein reges Leben hier herrschte,
jetzt aber, um Mitte November, war alles leer und still, und nur ein paar arme
Kinder, deren Eltern in etlichen ganz am äussersten Rande der »Plantage«
gelegenen Strohdachhäusern wohnten, klappten in ihren Holzpantinen an dem
Innstettenschen Hause vorüber. Effi empfand aber nichts von dieser Einsamkeit,
denn ihre Phantasie war noch immer bei den wunderlichen Dingen, die sie, kurz
vorher, während ihrer Umschau haltenden Musterung im Hause gesehen hatte. Diese
Musterung hatte mit der Küche begonnen, deren Herd eine moderne Konstruktion
aufwies, während an der Decke hin, und zwar bis in die Mädchenstube hinein, ein
elektrischer Draht lief - beides vor kurzem erst hergerichtet. Effi war erfreut
gewesen, als ihr Innstetten davon erzählt hatte, dann aber waren sie von der
Küche wieder in den Flur zurück- und von diesem in den Hof hinausgetreten, der
in seiner ersten Hälfte nicht viel mehr als ein zwischen zwei Seitenflügeln
hinlaufender ziemlich schmaler Gang war. In diesen Flügeln war alles
untergebracht, was sonst noch zu Haushalt und Wirtschaftsführung gehörte, rechts
Mädchenstube, Bedientenstube, Rollkammer, links eine zwischen Pferdestall und
Wagenremise gelegene, von der Familie Kruse bewohnte Kutscherwohnung. Über
dieser, in einem Verschlage, waren die Hühner einlogiert, und eine Dachklappe
über dem Pferdestall bildete den Aus- und Einschlupf für die Tauben. All dies
hatte sich Effi mit vielem Interesse angesehen, aber dies Interesse sah sich
doch weit überholt, als sie, nach ihrer Rückkehr vom Hof ins Vorderhaus, unter
Innstettens Führung die nach oben führende Treppe hinaufgestiegen war. Diese war
schief, baufällig, dunkel; der Flur dagegen, auf den sie mündete, wirkte beinah
heiter, weil er viel Licht und einen guten landschaftlichen Ausblick hatte: nach
der einen Seite hin, über die Dächer des Stadtrandes und die »Plantage« fort,
auf eine hoch auf einer Düne stehende holländische Windmühle, nach der anderen
Seite hin auf die Kessine, die hier, unmittelbar vor ihrer Einmündung, ziemlich
breit war und einen stattlichen Eindruck machte. Diesem Eindruck konnte man sich
unmöglich entziehen, und Effi hatte denn auch nicht gesäumt, ihrer Freude
lebhaften Ausdruck zu geben. »Ja, sehr schön, sehr malerisch«, hatte Innstetten,
ohne weiter darauf einzugehen, geantwortet und dann eine mit ihren Flügeln etwas
schief hängende Doppeltür geöffnet, die nach rechts hin in den sogenannten Saal
führte. Dieser lief durch die ganze Etage; Vorder- und Hinterfenster standen
auf, und die mehrerwähnten langen Gardinen bewegten sich in dem starken Luftzuge
hin und her. In der Mitte der einen Längswand sprang ein Kamin vor mit einer
grossen Steinplatte, während an der Wand gegenüber ein paar blecherne Leuchter
hingen, jeder mit zwei Lichtöffnungen, ganz so wie unten im Flur, aber alles
stumpf und ungepflegt. Effi war einigermassen enttäuscht, sprach es auch aus und
erklärte, statt des öden und ärmlichen Saals, doch lieber die Zimmer an der
gegenübergelegenen Flurseite sehen zu wollen. »Da ist nun eigentlich vollends
nichts«, hatte Innstetten geantwortet, aber doch die Türen geöffnet. Es befanden
sich hier vier einfenstrige Zimmer, alle gelb getüncht, gerade wie der Saal, und
ebenfalls ganz leer. Nur in einem standen drei Binsenstühle, die durchgesessen
waren, und an die Lehne des einen war ein kleines, nur einen halben Finger
langes Bildchen geklebt, das einen Chinesen darstellte, blauer Rock mit gelben
Pluderhosen und einen flachen Hut auf dem Kopf. Effi sah es und sagte: »Was soll
der Chinese?« Innstetten selber schien von dem Bildchen überrascht und
versicherte, dass er es nicht wisse. »Das hat Christel angeklebt oder Johanna.
Spielerei. Du kannst sehen, es ist aus einer Fibel herausgeschnitten.« Effi fand
es auch und war nur verwundert, dass Innstetten alles so ernstaft nahm, als ob
es doch etwas sei. Dann hatte sie noch einmal einen Blick in den Saal getan und
sich dabei dahin geäussert, wie es doch eigentlich schade sei, dass das alles leer
stehe. »Wir haben unten ja nur drei Zimmer, und wenn uns wer besucht, so wissen
wir nicht aus noch ein. Meinst du nicht, dass man aus dem Saal zwei hübsche
Fremdenzimmer machen könnte. Das wäre so was für die Mama; nach hinten heraus
könnte sie schlafen und hätte den Blick auf den Fluss und die beiden Molen, und
vorn hätte sie die Stadt und die holländische Windmühle. In Hohen-Cremmen haben
wir noch immer bloss eine Bockmühle. Nun sage, was meinst du dazu? Nächsten Mai
wird doch die Mama wohl kommen.«
    Innstetten war mit allem einverstanden gewesen und hatte nur zum Schlusse
gesagt: »Alles ganz gut. Aber es ist doch am Ende besser, wir logieren die Mama
drüben ein, auf dem Landratsamt; die ganze erste Etage steht da auch leer,
geradeso wie hier, und sie ist da noch mehr für sich.«
Das war so das Resultat des ersten Umgangs im Hause gewesen; dann hatte Effi
drüben ihre Toilette gemacht, nicht ganz so schnell, wie Innstetten angenommen,
und nun sass sie in ihres Gatten Zimmer und beschäftigte sich in ihren Gedanken
abwechselnd mit dem kleinen Chinesen oben und mit Gieshübler, der noch immer
nicht kam. Vor einer Viertelstunde war freilich ein kleiner, schiefschultriger
und fast schon so gut wie verwachsener Herr in einem kurzen eleganten Pelzrock
und einem hohen, sehr glatt gebürsteten Zylinder an der andern Seite der Strasse
vorbeigegangen und hatte nach ihrem Fenster hinübergesehen. Aber das konnte
Gieshübler wohl nicht gewesen sein! Nein, dieser schiefschultrige Herr, der
zugleich etwas so Distinguiertes hatte, das musste der Herr Gerichtspräsident
gewesen sein, und sie entsann sich auch wirklich, in einer Gesellschaft bei
Tante Terese, mal einen solchen gesehen zu haben, bis ihr mit einem Male
einfiel, dass Kessin bloss einen Amtsrichter habe.
    Während sie diesen Betrachtungen noch nachhing, wurde der Gegenstand
derselben, der augenscheinlich erst eine Morgen- oder vielleicht auch eine
Ermutigungspromenade um die Plantage herum gemacht hatte, wieder sichtbar, und
eine Minute später erschien Friedrich, um Apoteker Gieshübler anzumelden.
    »Ich lasse sehr bitten.«
    Der armen jungen Frau schlug das Herz, weil es das erste Mal war, dass sie
sich als Hausfrau und noch dazu als erste Frau der Stadt zu zeigen hatte.
    Friedrich half Gieshübler den Pelzrock ablegen und öffnete dann wieder die
Tür.
    Effi reichte dem verlegen Eintretenden die Hand, die dieser mit einem
gewissen Ungestüm küsste. Die junge Frau schien sofort einen grossen Eindruck auf
ihn gemacht zu haben.
    »Mein Mann hat mir bereits gesagt... Aber ich empfange Sie hier in meines
Mannes Zimmer... er ist drüben auf dem Amt und kann jeden Augenblick zurück
sein... Darf ich Sie bitten, bei mir eintreten zu wollen?«
    Gieshübler folgte der voranschreitenden Effi ins Nebenzimmer, wo diese auf
einen der Fauteuils wies, während sie sich selbst ins Sofa setzte. »Dass ich
Ihnen sagen könnte, welche Freude Sie mir gestern durch die schönen Blumen und
Ihre Karte gemacht haben. Ich hörte sofort auf, mich hier als eine Fremde zu
fühlen, und als ich dies Innstetten aussprach, sagte er mir, wir würden
überhaupt gute Freunde sein.«
    »Sagte er so? Der gute Herr Landrat. Ja, der Herr Landrat und Sie, meine
gnädigste Frau, da sind, das bitte ich sagen zu dürfen, zwei liebe Menschen
zueinandergekommen. Denn wie Ihr Herr Gemahl ist, das weiss ich, und wie Sie
sind, meine gnädigste Frau, das sehe ich.«
    »Wenn Sie nur nicht mit zu freundlichen Augen sehen. Ich bin so sehr jung.
Und Jugend ...«
    »Ach, meine gnädigste Frau, sagen Sie nichts gegen die Jugend. Die Jugend,
auch in ihren Fehlern ist sie noch schön und liebenswürdig, und das Alter, auch
in seinen Tugenden taugt es nicht viel. Persönlich kann ich in dieser Frage
freilich nicht mitsprechen, vom Alter wohl, aber von der Jugend nicht, denn ich
bin eigentlich nie jung gewesen. Personen meines Schlages sind nie jung. Ich
darf wohl sagen, das ist das Traurigste von der Sache. Man hat keinen rechten
Mut, man hat kein Vertrauen zu sich selbst, man wagt kaum, eine Dame zum Tanz
aufzufordern, weil man ihr eine Verlegenheit ersparen will, und so gehen die
Jahre hin, und man wird alt, und das Leben war arm und leer.«
    Effi gab ihm die Hand. »Ach, Sie dürfen so was nicht sagen. Wir Frauen sind
gar nicht so schlecht.«
    »Oh, nein, gewiss nicht...«
    »Und wenn ich mir so zurückrufe«, fuhr Effi fort, »was ich alles erlebt
habe... viel ist es nicht, denn ich bin wenig herausgekommen und habe fast immer
auf dem Lande gelebt..., aber wenn ich es mir zurückrufe, so finde ich doch, dass
wir immer das lieben, was liebenswert ist. Und dann sehe ich doch auch gleich,
dass Sie anders sind als andere, dafür haben wir Frauen ein scharfes Auge.
Vielleicht ist es auch der Name, der in ihrem Falle mitwirkt. Das war immer eine
Lieblingsbehauptung unseres alten Pastors Niemeier; der Name, so liebte er zu
sagen, besonders der Taufname, habe was geheimnisvoll Bestimmendes, und Alonzo
Gieshübler, so mein ich, schliesst eine ganz neue Welt vor einem auf, ja, fast
möcht ich sagen dürfen, Alonzo ist ein romantischer Name, ein Preziosa-Name.«
    Gieshübler lächelte mit einem ganz ungemeinen Behagen und fand den Mut,
seinen für seine Verhältnisse viel zu hohen Zylinder, den er bis dahin in der
Hand gedreht hatte, beiseite zu stellen. »Ja, meine gnädigste Frau, da treffen
Sie's«
    »Oh, ich verstehe. Ich habe von den Konsuln gehört, deren Kessin so viele
haben soll, und in dem Hause des spanischen Konsuls hat Ihr Herr Vater
mutmasslich die Tochter eines seemännischen Capitanos kennengelernt, wie ich
annehme, irgendeine schöne Andalusierin. Andalusierinnen sind immer schön.«
    »Ganz wie Sie vermuten, meine Gnädigste. Und meine Mutter war wirklich eine
schöne Frau, so schlecht es mir persönlich zusteht, die Beweisführung zu
übernehmen. Aber als Ihr Herr Gemahl vor drei Jahren hierherkam, lebte sie noch
und hatte noch ganz die Feueraugen. Er wird es mir bestätigen. Ich persönlich
bin mehr ins Gieshüblersche geschlagen, Leute von wenig Exterieur, aber sonst
leidlich im Stande. Wir sitzen hier schon in der vierten Generation, volle
hundert Jahre, und wenn es so einen Apotekeradel gäbe...«
    »So würden Sie ihn beanspruchen dürfen. Und ich meinerseits nehme ihn für
bewiesen an und sogar für bewiesen ohne jede Einschränkung. Uns, aus den alten
Familien, wird das am leichtesten, weil wir, so wenigstens bin ich von meinem
Vater und auch von meiner Mutter her erzogen, jede gute Gesinnung, sie komme,
woher sie wolle, mit Freudigkeit gelten lassen. Ich bin eine geborene Briest und
stamme von dem Briest ab, der, am Tage vor der Fehrbelliner Schlacht, den
Überfall von Ratenow ausführte, wovon Sie vielleicht einmal gehört haben...«
    »Oh, gewiss, meine Gnädigste, das ist ja meine Spezialität.«
    »Eine Briest also. Und mein Vater, da reichen keine hundert Male, dass er zu
mir gesagt hat: Effi (so heisse ich nämlich), Effi, hier sitzt es, bloss hier, und
als Froben das Pferd tauschte, da war er von Adel, und als Luter sagte: Hier
stehe ich, da war er erst recht von Adel. Und ich denke, Herr Gieshübler,
Innstetten hatte ganz recht, als er mir versicherte, wir würden gute
Freundschaft halten.«
    Gieshübler hätte nun am liebsten gleich eine Liebeserklärung gemacht und
gebeten, dass er als Cid oder irgend sonst ein Campeador für sie kämpfen und
sterben könne. Da dies alles aber nicht ging und sein Herz es nicht mehr
aushalten konnte, so stand er auf, suchte nach seinem Hut, den er auch
glücklicherweise gleich fand, und zog sich, nach wiederholtem Handkuss, rasch
zurück, ohne weiter ein Wort gesagt zu haben.
 
                                Neuntes Kapitel
So war Effis erster Tag in Kessin gewesen. Innstetten gab ihr noch eine halbe
Woche Zeit, sich einzurichten und die verschiedensten Briefe nach Hohen-Cremmen
zu schreiben, an die Mama, an Hulda und die Zwillinge; dann aber hatten die
Stadtbesuche begonnen, die zum Teil (es regnete gerade so, dass man sich diese
Ungewöhnlichkeit schon gestatten konnte) in einer geschlossenen Kutsche gemacht
wurden. Als man damit fertig war, kam der Landadel an die Reihe. Das dauerte
länger, da sich, bei den meist grossen Entfernungen, an jedem Tage nur eine
Visite machen liess. Zuerst war man bei den Borckes in Rotenmoor, dann ging es
nach Morgnitz, Dabergotz und Kroschentin, wo man bei den Ahlemanns, den Jatzkows
und den Grasenabbs den pflichtschuldigen Besuch abstattete. Noch ein paar andere
folgten, unter denen auch der alte Baron von Güldenklee auf Papenhagen war. Der
Eindruck, den Effi empfing, war überall derselbe: mittelmässige Menschen, von
meist zweifelhafter Liebenswürdigkeit, die, während sie vorgaben, über Bismarck
und die Kronprinzessin zu sprechen, eigentlich nur Effis Toilette musterten, die
von einigen als zu prätentiös für eine so jugendliche Dame, von andern als
zuwenig dezent für eine Dame von gesellschaftlicher Stellung befunden wurde. Man
merke doch an allem die Berliner Schule: Sinn für Äusserliches und eine
merkwürdige Verlegenheit und Unsicherheit bei Berührung grosser Fragen. In
Rotenmoor bei den Borckes und dann auch bei den Familien in Morgnitz und
Dabergotz war sie für »rationalistisch angekränkelt«, bei den Grasenabbs in
Kroschentin aber rundweg für eine »Ateistin« erklärt worden. Allerdings hatte
die alte Frau von Grasenabb, eine Süddeutsche (geborene Stiefel von
Stiefelstein), einen schwachen Versuch gemacht, Effi wenigstens für den Deismus
zu retten; Sidonie von Grasenabb aber, eine dreiundvierzigjährige alte Jungfer,
war barsch dazwischengefahren: »Ich sage dir, Mutter, einfach Ateistin, kein
Zollbreit weniger, und dabei bleibt es«, worauf die Alte, die sich vor ihrer
eigenen Tochter fürchtete, klüglich geschwiegen hatte.
    Die ganze Tournee hatte so ziemlich zwei Wochen gedauert, und es war am 2.
Dezember, als man, zu schon später Stunde, von dem letzten dieser Besuche nach
Kessin zurückkehrte. Dieser letzte Besuch hatte den Güldenklees auf Papenhagen
gegolten, bei welcher Gelegenheit Innstetten dem Schicksal nicht entgangen war,
mit dem alten Güldenklee politisieren zu müssen. »Ja, teuerster Landrat, wenn
ich so den Wechsel der Zeiten bedenke! Heute vor einem Menschenalter oder
ungefähr so lange, ja, da war auch ein zweiter Dezember, und der gute Louis und
Napoleons-Neffe - wenn er so was war und nicht eigentlich ganz woanders
herstammte -, der kartätschte damals auf die Pariser Kanaille. Na, das mag ihm
verziehen sein, für so was war er der rechte Mann, und ich halte zu dem Satze:
Jeder hat es gerade so gut und so schlecht, wie er's verdient. Aber dass er
nachher alle Schätzung verlor und Anno 70 so mir nichts, dir nichts auch mit uns
anbinden wollte, sehen Sie, Baron, das war, ja wie sag ich, das war eine
Insolenz. Es ist ihm aber auch heimgezahlt worden. Unser Alter da oben lässt sich
nicht spotten, der steht zu uns.«
    »Ja«, sagte Innstetten, der klug genug war, auf solche Philistereien
anscheinend ernstaft einzugehen, »der Held und Eroberer von Saarbrücken wusste
nicht, was er tat. Aber Sie dürfen nicht zu streng mit ihm persönlich abrechnen.
Wer ist am Ende Herr in seinem Hause? Niemand. Ich richte mich auch schon darauf
ein, die Zügel der Regierung in andere Hände zu legen, und Louis Napoleon, nun,
der war vollends ein Stück Wachs in den Händen seiner katolischen Frau, oder
sagen wir lieber, seiner jesuitischen Frau.«
    »Wachs in den Händen seiner Frau, die ihm dann eine Nase drehte. Natürlich,
Innstetten, das war er. Aber damit wollen Sie diese Puppe doch nicht etwa
retten? Er ist und bleibt gerichtet. An und für sich ist es übrigens noch gar
nicht mal erwiesen«, und sein Blick suchte bei diesen Worten etwas ängstlich
nach dem Auge seiner Ehehälfte, »ob nicht Frauenherrschaft eigentlich als ein
Vorzug gelten kann; nur freilich, die Frau muss danach sein. Aber wer war diese
Frau? Sie war überhaupt keine Frau, im günstigsten Falle war sie eine Dame, das
sagt alles; Dame hat beinah immer einen Beigeschmack. Diese Eugenie - über deren
Verhältnis zu dem jüdischen Bankier ich hier gern hingehe, denn ich hasse
Tugendhochmut - hatte was vom Café chantant, und wenn die Stadt, in der sie
lebte, das Babel war, so war sie das Weib von Babel. Ich mag mich nicht
deutlicher ausdrücken, denn ich weiss«, und er verneigte sich gegen Effi, »was
ich deutschen Frauen schuldig bin. Um Vergebung, meine Gnädigste, dass ich diese
Dinge vor Ihren Ohren überhaupt berührt habe.«
    So war die Unterhaltung gegangen, nachdem man vorher von Wahl, Nobiling und
Raps gesprochen hatte, und nun sassen Innstetten und Effi wieder daheim und
plauderten noch eine halbe Stunde. Die beiden Mädchen im Hause waren schon zu
Bett, denn es war nah an Mitternacht.
    Innstetten, in kurzem Hausrock und Saffianschuhen, ging auf und ab; Effi war
noch in ihrer Gesellschaftstoilette; Fächer und Handschuhe lagen neben ihr.
    »Ja«, sagte Innstetten, während er sein Aufundabschreiten im Zimmer
unterbrach, »diesen Tag müssten wir nun wohl eigentlich feiern, und ich weiss nur
noch nicht, womit. Soll ich dir einen Siegesmarsch vorspielen oder den Haifisch
draussen in Bewegung setzen oder dich im Triumph über den Flur tragen? Etwas muss
doch geschehen, denn du musst wissen, das war nun heute die letzte Visite.«
    »Gott sei Dank, war sie's«, sagte Effi. »Aber das Gefühl, dass wir nun Ruhe
haben, ist, denk ich, gerade Feier genug. Nur einen Kuss könntest du mir geben.
Aber daran denkst du nicht. Auf dem ganzen weiten Wege nicht gerührt, frostig
wie ein Schneemann. Und immer nur die Zigarre.«
    »Lass, ich werde mich schon bessern und will vorläufig nur wissen, wie stehst
du zu dieser ganzen Umgangs- und Verkehrsfrage? Fühlst du dich zu dem einen oder
andern hingezogen? Haben die Borckes die Grasenabbs geschlagen oder umgekehrt,
oder hältst du's mit dem alten Guldenklee? Was er da über die Eugenie sagte,
machte doch einen sehr edlen und reinen Eindruck.«
    »Ei, sieh, Herr von Innstetten, auch medisant! Ich lerne Sie von einer ganz
neuen Seite kennen.«
    »Und wenn's unser Adel nicht tut«, fuhr Innstetten fort, ohne sich stören zu
lassen, »wie stehst du zu den Kessiner Stadtonoratioren? wie stehst du zur
Ressource? Daran hängt doch am Ende Leben und Sterben. Ich habe dich da neulich
mit unserem reserveleutnantlichen Amtsrichter sprechen sehen, einem zierlichen
Männchen, mit dem sich vielleicht durchkommen liesse, wenn er nur endlich von der
Vorstellung loskönnte, die Wiedereroberung von Le Bourget durch sein Erscheinen
in der Flanke zustande gebracht zu haben. Und seine Frau! sie gilt als die beste
Bostonspielerin und hat auch die hübschesten Anlegemarken. Also nochmals, Effi,
wie wird es werden in Kessin? Wirst du dich einleben? Wirst du populär werden
und mir die Majorität sichern, wenn ich in den Reichstag will? Oder bist du für
Einsiedlertum, für Abschluss von der Kessiner Menschheit, so Stadt wie Land?«
    »Ich werde mich wohl für Einsiedlertum entschliessen, wenn mich die
Mohrenapoteke nicht herausreisst. Bei Sidonie werd ich dadurch freilich noch
etwas tiefer sinken, aber darauf muss ich es ankommen lassen; dieser Kampf muss
eben gekämpft werden. Ich steh und falle mit Gieshübler. Es klingt etwas
komisch, aber er ist wirklich der einzige, mit dem sich ein Wort reden lässt, der
einzige richtige Mensch hier.«
    »Das ist er«, sagte Innstetten. »Wie gut du zu wählen verstehst.«
    »Hätte ich sonst dich?« sagte Effi und hing sich an seinen Arm.
Das war am 2. Dezember. Eine Woche später war Bismarck in Varzin, und nun wusste
Innstetten, dass bis Weihnachten und vielleicht noch drüber hinaus, an ruhige
Tage für ihn gar nicht mehr zu denken sei. Der Fürst hatte noch von Versailles
her eine Vorliebe für ihn und lud ihn, wenn Besuch da war, häufig zu Tisch, aber
auch allein, denn der jugendliche, durch Haltung und Klugheit gleich
ausgezeichnete Landrat stand ebenso in Gunst bei der Fürstin.
    Zum 14. erfolgte die erste Einladung. Es lag Schnee, weshalb Innstetten die
fast zweistündige Fahrt bis an den Bahnhof, von wo noch eine Stunde Eisenbahn
war, im Schlitten zu machen vorhatte. »Warte nicht auf mich, Effi. Vor
Mitternacht kann ich nicht zurück sein; wahrscheinlich wird es zwei oder noch
später. Ich störe dich aber nicht. Gehab dich wohl und auf Wiedersehen morgen
früh.« Und damit stieg er ein, und die beiden isabellfarbenen Graditzer jagten
im Fluge durch die Stadt hin und dann landeinwärts auf den Bahnhof zu.
    Das war die erste lange Trennung, fast auf zwölf Stunden. Arme Effi. Wie
sollte sie den Abend verbringen? Früh zu Bett, das war gefährlich, dann wachte
sie auf und konnte nicht wieder einschlafen und horchte auf alles. Nein, erst
recht müde werden und dann ein fester Schlaf, das war das Beste. Sie schrieb
einen Brief an die Mama und ging dann zu der Frau Kruse, deren gemütskranker
Zustand - sie hatte das schwarze Huhn oft bis in die Nacht hinein auf ihrem
Schoss - ihr Teilnahme einflösste. Die Freundlichkeit indessen, die sich darin
aussprach, wurde von der in ihrer überheizten Stube sitzenden und nur still und
stumm vor sich hin brütenden Frau keinen Augenblick erwidert, weshalb Effi, als
sie wahrnahm, dass ihr Besuch mehr als Störung wie als Freude empfunden wurde,
wieder ging und nur noch fragte, ob die Kranke etwas haben wolle. Diese lehnte
aber alles ab.
    Inzwischen war es Abend geworden, und die Lampe brannte schon. Effi stellte
sich ans Fenster ihres Zimmers und sah auf das Wäldchen hinaus, auf dessen
Zweigen der glitzernde Schnee lag. Sie war von dem Bilde ganz in Anspruch
genommen und kümmerte sich nicht um das, was hinter ihr in dem Zimmer vorging.
Als sie sich wieder umsah, bemerkte sie, dass Friedrich still und geräuschlos ein
Couvert gelegt und ein Kabarett auf den Sofatisch gestellt hatte. »Ja so,
Abendbrot... Da werd ich mich nun wohl setzen müssen.« Aber es wollte nicht
schmecken, und so stand sie wieder auf und las den an die Mama geschriebenen
Brief noch einmal durch. Hatte sie schon vorher ein Gefühl der Einsamkeit
gehabt, so jetzt doppelt. Was hätte sie darum gegeben, wenn die beiden
Jahnkeschen Rotköpfe jetzt eingetreten wären oder selbst Hulda. Die war freilich
immer so sentimental und beschäftigte sich meist nur mit ihren Triumphen, aber
so zweifelhaft und anfechtbar diese Triumphe waren, sie hätte sich in diesem
Augenblicke doch gern davon erzählen lassen. Schliesslich klappte sie den Flügel
auf um zu spielen; aber es ging nicht. »Nein, dabei werd ich vollends
melancholisch; lieber lesen.« Und so suchte sie nach einem Buche. Das erste, was
ihr zu Händen kam, war ein dickes, rotes Reisehandbuch, alter Jahrgang,
vielleicht schon aus Innstettens Leutnantstagen her. »Ja, darin will ich lesen;
es gibt nichts Beruhigenderes als solche Bücher. Das Gefährliche sind bloss immer
die Karten; aber vor diesem Augenpulver, das ich hasse, werd ich mich schon
hüten.« Und so schlug sie denn auf gut Glück auf, Seite 153. Nebenan hörte sie
das Ticktack der Uhr und draussen Rollo, der, seit es dunkel war, seinen Platz in
der Remise aufgegeben und sich, wie jeden Abend, so auch heute wieder, auf die
grosse geflochtene Matte, die vor dem Schlafzimmer lag, ausgestreckt hatte. Das
Bewusstsein seiner Nähe minderte das Gefühl ihrer Verlassenheit, ja, sie kam fast
in Stimmung, und so begann sie denn auch unverzüglich zu lesen. Auf der gerade
vor ihr aufgeschlagenen Seite war von der »Eremitage«, dem bekannten
markgräflichen Lust schloss in der Nähe von Bayreut, die Rede; das lockte sie,
Bayreut, Richard Wagner, und so las sie denn: »Unter den Bildern in der
Eremitage nennen wir noch eins, das nicht durch seine Schönheit, wohl aber durch
sein Alter und durch die Person, die es darstellt, ein Interesse beansprucht. Es
ist dies ein stark nachgedunkeltes Frauenporträt, kleiner Kopf, mit herben,
etwas unheimlichen Gesichtszügen und einer Halskrause, die den Kopf zu tragen
scheint. Einige meinen, es sei eine alte Markgräfin aus dem Ende des fünfzehnten
Jahrhunderts, andere sind der Ansicht, es sei die Gräfin von Orlamünde; darin
aber sind beide einig, dass es das Bildnis der Dame sei, die seiter in der
Geschichte der Hohenzollern unter dem Namen der Weissen Frau eine gewisse
Berühmteit erlangt hat.«
    »Das hab ich gut getroffen«, sagte Effi, während sie das Buch beiseite
schob; »ich will mir die Nerven beruhigen, und das erste, was ich lese, ist die
Geschichte von der Weissen Frau, vor der ich mich gefürchtet habe, solang ich
denken kann. Aber da nun das Gruseln mal da ist, will ich doch auch zu Ende
lesen.«
    Und sie schlug wieder auf und las weiter: »... Eben dies alte Porträt
(dessen Original in der Hohenzollernschen Familiengeschichte solche Rolle
spielt) spielt als Bild auch eine Rolle in der Spezialgeschichte des Schlosses
Eremitage, was wohl damit zusammenhängt, dass es an einer dem Fremden
unsichtbaren Tapetentür hängt, hinter der sich eine vom Souterrain her
hinaufführende Treppe befindet. Es heisst, dass, als Napoleon hier übernachtete,
die Weisse Frau aus dem Rahmen herausgetreten und auf sein Bett zugeschritten
sei. Der Kaiser, entsetzt auffahrend, habe nach seinem Adjutanten gerufen und
bis an sein Lebensende mit Entrüstung von diesem maudit château gesprochen.«
    »Ich muss es aufgeben, mich durch Lektüre beruhigen zu wollen«, sagte Effi.
»Lese ich weiter, so komm ich gewiss noch nach einem Kellergewölbe, wo der Teufel
auf einem Weinfass davongeritten ist. Es gibt, glaub ich, in Deutschland viel
dergleichen, und in einem Reisehandbuch muss es sich natürlich alles
zusammenfinden. Ich will also lieber wieder die Augen schliessen und mir, so gut
es geht, meinen Polterabend vorstellen: die Zwillinge, wie sie vor Tränen nicht
weiterkonnten, und dazu den Vetter Briest, der, als sich alles verlegen
anblickte, mit erstaunlicher Würde behauptete, solche Tränen öffneten einem das
Paradies. Er war wirklich charmant und immer so übermütig... Und nun ich! Und
gerade hier. Ach, ich tauge doch gar nicht für eine grosse Dame. Die Mama, ja,
die hätte hierher gepasst, die hätte, wie's einer Landrätin zukommt, den Ton
angegeben, und Sidonie Grasenabb wäre ganz Huldigung gegen sie gewesen und hätte
sich über ihren Glauben oder Unglauben nicht gross beunruhigt. Aber ich... Ich
bin ein Kind und werd es auch wohl bleiben. Einmal hab ich gehört, das sei ein
Glück. Aber ich weiss doch nicht, ob das wahr ist. Man muss doch immer dahin
passen, wohin man nun mal gestellt ist.«
    In diesem Augenblicke kam Friedrich, um den Tisch abzuräumen.
    »Wie spät ist es, Friedrich?«
    »Es geht auf neun, gnäd'ge Frau.«
    »Nun, das lässt sich hören. Schicken Sie mir Johanna.«
»Gnäd'ge Frau haben befohlen.«
    »Ja, Johanna. Ich will zu Bett gehen. Es ist eigentlich noch früh. Aber ich
bin so allein. Bitte, tun Sie den Brief erst ein, und wenn Sie wieder da sind,
nun, dann wird es wohl Zeit sein. Und wenn auch nicht.«
    Effi nahm die Lampe und ging in ihr Schlafzimmer hinüber. Richtig, auf der
Binsenmatte lag Rollo. Als er Effi kommen sah, erhob er sich, um den Platz
freizugeben, und strich mit seinem Behang an ihrer Hand hin. Dann legte er sich
wieder nieder.
    Johanna war inzwischen nach dem Landratsamt hinübergegangen, um da den Brief
einzustecken. Sie hatte sich drüben nicht sonderlich beeilt, vielmehr
vorgezogen, mit der Frau Paaschen, des Amtsdieners Frau, ein Gespräch zu führen.
Natürlich über die junge Frau.
    »Wie ist sie denn?« fragte die Paaschen.
    »Sehr jung ist sie.«
    »Nun, das ist kein Unglück, eher umgekehrt. Die Jungen, und das ist eben das
Gute, stehen immer bloss vorm Spiegel und zupfen und stecken sich was vor und
sehen nicht viel und hören nicht viel und sind noch nicht so, dass sie draussen
immer die Lichtstümpfe zählen und einem nicht gönnen, dass man einen Kuss kriegt,
bloss weil sie selber keinen mehr kriegen.«
    »Ja«, sagte Johanna, »so war meine vorige Madam, und ganz ohne Not. Aber
davon hat unsere Gnäd'ge nichts.«
    »Ist er denn sehr zärtlich?«
    »O sehr. Das können Sie doch wohl denken.«
    »Aber dass er sie so allein lässt...«
    »Ja, liebe Paaschen, Sie dürfen nicht vergessen... der Fürst. Und dann, er
ist ja doch am Ende Landrat. Und vielleicht will er auch noch höher.«
    »Gewiss, will er. Und er wird auch noch. Er hat so was. Paaschen sagt es auch
immer, und der kennt seine Leute.«
    Während dieses Ganges drüben nach dem Amt hinüber war wohl eine
Viertelstunde vergangen, und als Johanna wieder zurück war, sass Effi schon vor
dem Trumeau und wartete.
    »Sie sind lange geblieben, Johanna.«
    »Ja, gnäd'ge Frau... Gnäd'ge Frau wollen entschuldigen... Ich traf drüben
die Frau Paaschen, und da hab ich mich ein wenig verweilt. Es ist so still hier.
Man ist immer froh, wenn man einen Menschen trifft, mit dem man ein Wort
sprechen kann. Christel ist eine sehr gute Person, aber sie spricht nicht, und
Friedrich ist so dusig und auch so vorsichtig und will mit der Sprache nie recht
heraus. Gewiss, man muss auch schweigen können, und die Paaschen, die so neugierig
und so ganz gewöhnlich ist, ist eigentlich gar nicht nach meinem Geschmack; aber
man hat es doch gern, wenn man mal was hört und sieht.«
    Effi seufzte. »Ja, Johanna, das ist auch das Beste...«
    »Gnäd'ge Frau haben so schönes Haar, so lang und so seidenweich.«
    »Ja, es ist sehr weich. Aber das ist nicht gut, Johanna. Wie das Haar ist,
ist der Charakter.«
    »Gewiss, gnäd'ge Frau. Und ein weicher Charakter ist doch besser als ein
harter. Ich habe auch weiches Haar.«
    »Ja, Johanna. Und Sie haben auch blondes. Das haben die Männer am liebsten.«
    »Ach, das ist doch sehr verschieden, gnäd'ge Frau. Manche sind doch auch für
das schwarze.«
    »Freilich«, lachte Effi, »das habe ich auch schon gefunden. Es wird wohl an
was ganz anderem liegen. Aber die, die blond sind, die haben auch immer einen
weissen Teint, Sie auch, Johanna, und ich möchte mich wohl verwetten, dass Sie
viel Nachstellung haben. Ich bin noch sehr jung, aber das weiss ich doch auch.
Und dann habe ich eine Freundin, die war auch so blond, ganz flachsblond, noch
blonder als Sie, und war eine Predigerstochter...«
    »Ja, denn...«
    »Aber ich bitte Sie, Johanna, was meinen Sie mit ja denn. Das klingt ja ganz
anzüglich und sonderbar, und Sie werden doch nichts gegen Predigerstöchter
haben... Es war ein sehr hübsches Mädchen, was selbst unsere Offiziere - wir
hatten nämlich Offiziere, noch dazu rote Husaren - auch immer fanden, und
verstand sich dabei sehr gut auf Toilette, schwarzes Sammetmieder und eine
Blume, Rose oder auch Heliotrop, und wenn sie nicht so vorstehende grosse Augen
gehabt hätte... ach, die hätten Sie sehen sollen, Johanna, wenigstens so gross«
(und Effi zog unter Lachen an ihrem rechten Augenlid), »so wäre sie geradezu
eine Schönheit gewesen. Sie hiess Hulda, Hulda Niemeier, und wir waren nicht
einmal so ganz intim; aber wenn ich sie jetzt hier hätte und sie da sässe, da in
der kleinen Sofaecke, so wollte ich bis Mitternacht mit ihr plaudern oder noch
länger. Ich habe solche Sehnsucht, und...«, und dabei zog sie Johannas Kopf
dicht an sich heran, »... ich habe solche Angst.«
    »Ach, das gibt sich, gnäd'ge Frau, die hatten wir alle.«
    »Die hattet ihr alle? Was soll das heissen, Johanna?«
    »... Und wenn die gnäd'ge Frau wirklich solche Angst haben, so kann ich mir
ja ein Lager hier machen. Ich nehme die Strohmatte und kehre einen Stuhl um, dass
ich eine Kopf lehne habe, und dann schlafe ich hier bis morgen früh oder bis der
gnäd'ge Herr wieder da ist.«
    »Er will mich nicht stören. Das hat er mir eigens versprochen.«
    »Oder ich setze mich bloss in die Sofaecke.«
    »Ja, das ginge vielleicht. Aber nein, es geht auch nicht. Der Herr darf
nicht wissen, dass ich mich ängstige, das liebt er nicht. Er will immer, dass ich
tapfer und entschlossen bin, so wie er. Und das kann ich nicht; ich war immer
etwas anfällig... Aber freilich, ich sehe wohl ein, ich muss mich bezwingen und
ihm in solchen Stücken und überhaupt zu Willen sein... Und dann habe ich ja auch
Rollo. Der liegt ja vor der Türschwelle.«
    Johanna nickte zu jedem Wort und zündete dann das Licht an, das auf Effis
Nachttisch stand. Dann nahm sie die Lampe. »Befehlen gnäd'ge Frau noch etwas?«
    »Nein, Johanna. Die Läden sind doch fest geschlossen?«
    »Bloss angelegt, gnäd'ge Frau. Es ist sonst so dunkel und so stickig.«
    »Gut, gut.«
    Und nun entfernte sich Johanna; Effi aber ging auf ihr Bett zu und wickelte
sich in ihre Decken.
    Sie liess das Licht brennen, weil sie gewillt war, nicht gleich
einzuschlafen, vielmehr vorhatte, wie vorhin ihren Polterabend, so jetzt ihre
Hochzeitsreise zu rekapitulieren und alles an sich vorüberziehen zu lassen. Aber
es kam anders, wie sie gedacht, und als sie bis Verona war und nach dem Hause
der Julia Capulet suchte, fielen ihr schon die Augen zu. Das Stümpfchen Licht in
dem kleinen Silberleuchter brannte allmählich nieder, und nun flackerte es noch
einmal auf und erlosch.
    Effi schlief eine Weile ganz fest. Aber mit einem Male fuhr sie mit einem
lauten Schrei aus ihrem Schlafe auf, ja, sie hörte selber noch den Aufschrei und
auch, wie Rollo draussen anschlug; - »wau, wau« klang es den Flur entlang, dumpf
und selber beinah ängstlich. Ihr war, als ob ihr das Herz stillstände; sie
konnte nicht rufen, und in diesem Augenblicke huschte was an ihr vorbei, und die
nach dem Flur hinausführende Tür sprang auf. Aber eben dieser Moment höchster
Angst war auch der ihrer Befreiung, denn, statt etwas Schrecklichem, kam jetzt
Rollo auf sie zu, suchte mit seinem Kopf nach ihrer Hand und legte sich, als er
diese gefunden, auf den vor ihrem Bett ausgebreiteten Teppich nieder. Effi
selber aber hatte mit der andern Hand dreimal auf den Knopf der Klingel
gedrückt, und keine halbe Minute, so war Johanna da, barfüssig, den Rock über dem
Arm und ein grosses kariertes Tuch über Kopf und Schulter geschlagen.
    »Gott sei Dank, Johanna, dass Sie da sind.«
    »Was war denn, gnäd'ge Frau? Gnäd'ge Frau haben geträumt.«
    »Ja, geträumt. Es muss so was gewesen sein... aber es war doch auch noch was
anderes.«
    »Was denn, gnäd'ge Frau?«
    »Ich schlief ganz fest, und mit einem Male fuhr ich auf und schrie...
vielleicht, dass es ein Alpdruck war... Alpdruck ist in unserer Familie, mein
Papa hat es auch und ängstigt uns damit, und nur die Mama sagt immer, er solle
sich nicht so gehenlassen; aber das ist leicht gesagt... ich fuhr also auf aus
dem Schlaf und schrie, und als ich mich umsah, so gut es eben ging in dem
Dunkel, da strich was an meinem Bett vorbei, gerade da, wo Sie jetzt stehen,
Johanna, und dann war es weg. Und wenn ich mich recht frage, was es war...«
    »Nun was denn, gnäd'ge Frau?«
    »Und wenn ich mich recht frage... ich mag es nicht sagen, Johanna... aber
ich glaube, der Chinese.«
    » Der von oben?« und Johanna versuchte zu lachen, »unser kleiner Chinese,
den wir an die Stuhllehne geklebt haben, Christel und ich. Ach, gnäd'ge Frau
haben geträumt, und wenn Sie schon wach waren, so war es doch alles noch aus dem
Traum.«
    »Ich würd es glauben. Aber es war genau derselbe Augenblick, wo Rollo
draussen anschlug, der muss es also auch gesehen haben, und dann flog die Tür auf,
und das gute, treue Tier sprang auf mich los, als ob es mich zu retten käme.
Ach, meine liebe Johanna, es war entsetzlich. Und ich so allein, und so jung.
Ach, wenn ich doch wen hier hätte, bei dem ich weinen könnte. Aber so weit von
Hause... Ach, von Hause...«
    »Der Herr kann jede Stunde kommen.«
    »Nein, er soll nicht kommen; er soll mich so nicht sehen. Er würde mich
vielleicht auslachen, und das könnt ich ihm nie verzeihen. Denn es war so
furchtbar, Johanna... Sie müssen nun hierbleiben... Aber lassen Sie Christel
schlafen und Friedrich auch. Es soll es keiner wissen.«
    »Oder vielleicht kann ich auch die Frau Kruse holen; die schläft doch nicht,
die sitzt die ganze Nacht da.«
    »Nein, nein, die ist selber so was. Das mit dem schwarzen Huhn, das ist auch
so was; die darf nicht kommen. Nein, Johanna, Sie bleiben allein hier. Und wie
gut, dass Sie die Läden nur angelegt. Stossen Sie sie auf, recht laut, dass ich
einen Ton höre, einen menschlichen Ton... ich muss es so nennen, wenn es auch
sonderbar klingt..., und dann machen Sie das Fenster ein wenig auf, dass ich Luft
und Licht habe.«
    Johanna tat, wie ihr geheissen, und Effi fiel in ihre Kissen zurück und bald
danach in einen letargischen Schlaf.
 
                                Zehntes Kapitel
Innstetten war erst sechs Uhr früh von Varzin zurückgekommen und hatte sich,
Rollos Liebkosungen abwehrend, so leise wie möglich in sein Zimmer
zurückgezogen. Er machte sich's hier bequem und duldete nur, dass ihn Friedrich
mit einer Reisedecke zudeckte. »Wecke mich um neun.« Und um diese Stunde war er
denn auch geweckt worden. Er stand rasch auf und sagte: »Bringe das Frühstück.«
    »Die gnädige Frau schläft noch.«
    »Aber es ist ja schon spät. Ist etwas passiert?«
    »Ich weiss es nicht; ich weiss nur, Johanna hat die Nacht über im Zimmer der
gnädigen Frau schlafen müssen.«
    »Nun, dann schicke Johanna.«
    Diese kam denn auch. Sie hatte denselben rosigen Teint wie immer, schien
sich also die Vorgänge der Nacht nicht sonderlich zu Gemüte genommen zu haben.
    »Was ist das mit der gnäd'gen Frau? Friedrich sagt mir, es sei was passiert
und Sie hätten drüben geschlafen.«
    »Ja, Herr Baron. Gnäd'ge Frau klingelte dreimal ganz rasch hintereinander,
dass ich gleich dachte, es bedeutet was. Und so war es auch. Sie hat wohl
geträumt, oder vielleicht war es auch das andere.«
    »Welches andere?«
    »Ach, der gnäd'ge Herr wissen ja.«
    »Ich weiss nichts. Jedenfalls muss ein Ende damit gemacht werden. Und wie
fanden Sie die Frau?«
    »Sie war wie ausser sich und hielt das Halsband von Rollo, der neben dem Bett
der gnäd'gen Frau stand, fest umklammert. Und das Tier ängstigte sich auch.«
    »Und was hatte sie geträumt oder, meinetwegen auch, was hatte sie gehört
oder gesehen? Was sagte sie?«
    »Es sei so hingeschlichen, dicht an ihr vorbei.«
    »Was? Wer?«
    »Der von oben. Der aus dem Saal oder aus der kleinen Kammer.«
    »Unsinn, sag ich. Immer wieder das alberne Zeug; ich mag davon nicht mehr
hören. Und dann blieben Sie bei der Frau?«
    »Ja, gnäd'ger Herr. Ich machte mir ein Lager an der Erde dicht neben ihr.
Und ich musste ihre Hand halten, und dann schlief sie ein.«
    »Und sie schläft noch?«
    »Ganz fest.«
    »Das ist mir ängstlich, Johanna. Man kann sich gesund schlafen, aber auch
krank. Wir müssen sie wecken, natürlich vorsichtig, dass sie nicht wieder
erschrickt. Und Friedrich soll das Frühstück nicht bringen; ich will warten, bis
die gnäd'ge Frau da ist. Und machen Sie's geschickt.«
Eine halbe Stunde später kam Effi. Sie sah reizend aus, ganz blass, und stützte
sich auf Johanna. Als sie aber Innstettens ansichtig wurde, stürzte sie auf ihn
zu und umarmte und küsste ihn. Und dabei liefen ihr die Tränen übers Gesicht.
»Ach, Geert, Gott sei Dank, dass du da bist. Nun ist alles wieder gut. Du darfst
nicht wieder fort, du darfst mich nicht wieder allein lassen.«
    »Meine liebe Effi... stellen Sie hin, Friedrich, ich werde schon alles
zurechtmachen..., meine liebe Effi, ich lasse dich ja nicht allein aus
Rücksichtslosigkeit oder Laune, sondern weil es so sein muss; ich habe keine
Wahl, ich bin ein Mann im Dienst, ich kann zum Fürsten oder auch zur Fürstin
nicht sagen: Durchlaucht, ich kann nicht kommen, meine Frau ist so allein, oder
meine Frau fürchtet sich. Wenn ich das sagte, würden wir in einem ziemlich
komischen Lichte dastehen, ich gewiss, und du auch. Aber nimm erst eine Tasse
Kaffee.«
    Effi trank, was sie sichtlich belebte. Dann ergriff sie wieder ihres Mannes
Hand und sagte: »Du sollst recht haben; ich sehe ein, das geht nicht. Und dann
wollen wir ja auch höher hinauf. Ich sage wir, denn ich bin eigentlich
begieriger danach als du...«
    »So sind alle Frauen«, lachte Innstetten.
    »Also abgemacht; du nimmst die Einladungen an nach wie vor, und ich bleibe
hier und warte auf meinen hohen Herrn, wobei mir Hulda unterm Holunderbaum
einfällt. Wie's ihr wohl gehen mag?«
    »Damen wie Hulda geht es immer gut. Aber was wolltest du noch sagen?«
    »Ich wollte sagen, ich bleibe hier und auch allein, wenn es sein muss. Aber
nicht in diesem Hause. Lass uns die Wohnung wechseln. Es gibt so hübsche Häuser
am Bollwerk, eins zwischen Konsul Martens und Konsul Grützmacher und eins am
Markt, gerade gegenüber von Gieshübler; warum können wir da nicht wohnen? Warum
gerade hier? Ich habe, wenn wir Freunde und Verwandte zum Besuch hatten, oft
gehört, dass in Berlin Familien ausziehen wegen Klavierspiel oder wegen Schwaben
oder wegen einer unfreundlichen Portiersfrau; wenn das um solcher Kleinigkeit
willen geschieht...«
    »Kleinigkeiten? Portiersfrau? das sage nicht...«
    »Wenn das um solcher Dinge willen möglich ist, so muss es doch auch hier
möglich sein, wo du Landrat bist und die Leute dir zu Willen sind und viele
selbst zu Dank verpflichtet. Gieshübler würde uns gewiss dabei behülflich sein,
wenn auch nur um meinetwegen, denn er wird Mitleid mit mir haben. Und nun sage,
Geert, wollen wir dies verwunschene Haus aufgeben, dies Haus mit dem...«
    »... Chinesen, willst du sagen. Du siehst, Effi, man kann das furchtbare
Wort aussprechen, ohne dass er erscheint. Was du da gesehen hast oder was da, wie
du meinst, an deinem Bette vorüberschlich, das war der kleine Chinese, den die
Mädchen oben an die Stuhllehne geklebt haben; ich wette, dass er einen blauen
Rock anhatte und einen ganz flachen Deckelhut mit einem blanken Knopf oben.«
    Sie nickte.
    »Nun siehst du, Traum, Sinnestäuschung. Und dann wird dir Johanna wohl
gestern abend was erzählt haben, von der Hochzeit hier oben...«
    » Nein.«
    »Desto besser.«
    »Kein Wort hat sie mir erzählt. Aber ich sehe doch aus dem allen, dass es
hier etwas Sonderbares gibt. Und dann das Krokodil; es ist alles so unheimlich
hier.«
    »Den ersten Abend, als du das Krokodil sahest, fandest du's märchenhaft...«
    »Ja, damals...«
    »... Und dann, Effi, kann ich hier nicht gut fort, auch wenn es möglich
wäre, das Haus zu verkaufen oder einen Tausch zu machen. Es ist damit ganz wie
mit einer Absage nach Varzin hin. Ich kann hier in der Stadt die Leute nicht
sagen lassen, Landrat Innstetten verkauft sein Haus, weil seine Frau den
aufgeklebten kleinen Chinesen als Spuk an ihrem Bette gesehen hat. Dann bin ich
verloren, Effi. Von solcher Lächerlichkeit kann man sich nie wieder erholen.«
    »Ja, Geert, bist du denn so sicher, dass es so was nicht gibt?«
    »Will ich nicht behaupten. Es ist eine Sache, die man glauben und noch
besser nicht glauben kann. Aber angenommen, es gäbe dergleichen, was schadet es?
Dass in der Luft Bazillen herumfliegen, von denen du gehört haben wirst, ist viel
schlimmer und gefährlicher als diese ganze Geistertummelage. Vorausgesetzt, dass
sie sich tummeln, dass so was wirklich existiert. Und dann bin ich überrascht,
solcher Furcht und Abneigung gerade bei dir zu begegnen, bei einer Briest. Das
ist ja, wie wenn du aus einem kleinen Bürgerhause stammtest. Spuk ist ein
Vorzug, wie Stammbaum und dergleichen, und ich kenne Familien, die sich
ebensogern ihr Wappen nehmen liessen als ihre Weisse Frau, die natürlich auch eine
schwarze sein kann.«
    Effi schwieg.
    »Nun, Effi. Keine Antwort?«
    »Was soll ich antworten? Ich habe dir nachgegeben und mich willig gezeigt,
aber ich finde doch, dass du deinerseits teilnahmsvoller sein könntest. Wenn du
wüsstest, wie mir gerade danach verlangt. Ich habe sehr gelitten, wirklich sehr,
und als ich dich sah, da dacht ich, nun würd ich frei werden von meiner Angst.
Aber du sagst mir bloss, dass du nicht Lust hättest, dich lächerrlich zu machen,
nicht vor dem Fürsten und auch nicht vor der Stadt. Das ist ein geringer Trost.
Ich finde es wenig und um so weniger, als du dir schliesslich auch noch
widersprichst und nicht bloss persönlich an diese Dinge zu glauben scheinst,
sondern auch noch einen adligen Spukstolz von mir forderst. Nun, den hab ich
nicht. Und wenn du von Familien sprichst, denen ihr Spuk soviel wert sei wie ihr
Wappen, so ist das Geschmackssache; mir gilt mein Wappen mehr. Gott sei Dank
haben wir Briests keinen Spuk. Die Briests waren immer sehr gute Leute, und
damit hängt es wohl zusammen.«
Der Streit hätte wohl noch angedauert und vielleicht zu einer ersten ernstlichen
Verstimmung geführt, wenn Friedrich nicht eingetreten wäre, um der gnädigen Frau
einen Brief zu überreichen. »Von Herrn Gieshübler. Der Bote wartet auf Antwort.«
    Aller Unmut auf Effis Antlitz war sofort verschwunden; schon bloss
Gieshüblers Namen zu hören tat Effi wohl, und ihr Wohlgefühl steigerte sich, als
sie jetzt den Brief musterte. Zunächst war es gar kein Brief, sondern ein
Billet, die Adresse »Frau Baronin von Innstetten, geb. von Briest« in
wundervoller Kanzleihandschrift und statt des Siegels ein aufgeklebtes rundes
Bildchen, eine Lyra, darin ein Stab steckte. Dieser Stab konnte aber auch ein
Pfeil sein. Sie reichte das Billet ihrem Manne, der es ebenfalls bewunderte.
    »Nun lies aber.«
    Und nun löste Effi die Oblate und las: »Hochverehrteste Frau, gnädigste Frau
Baronin! Gestatten Sie mir, meinem respektvollsten Vormittagsgruss eine ganz
gehorsamste Bitte hinzufügen zu dürfen. Mit dem Mittagszuge wird eine
vieljährige liebe Freundin von mir, eine Tochter unserer guten Stadt Kessin,
Fräulein Marietta Trippelli, hier eintreffen und bis morgen früh unter uns
weilen. Am 17. will sie in Petersburg sein, um daselbst bis Mitte Januar zu
konzertieren. Fürst Kotschukoff öffnet ihr auch diesmal wieder sein gastliches
Haus. In ihrer immer gleichen Güte gegen mich hat die Trippelli mir zugesagt,
den heutigen Abend bei mir zubringen und einige Lieder ganz nach meiner Wahl
(denn sie kennt keine Schwierigkeiten) vortragen zu wollen. Könnten sich Frau
Baronin dazu verstehen, diesem Musikabende beizuwohnen? sieben Uhr. Ihr Herr
Gemahl, auf dessen Erscheinen ich mit Sicherheit rechne, wird meine gehorsamste
Bitte unterstützen. Anwesend nur Pastor Lindequist (der begleitet) und natürlich
die verwitwete Frau Pastorin Trippel. In vorzüglicher Ergebenheit A.
Gieshübler.«
    »Nun -«, sagte Innstetten, »ja oder nein?«
    »Natürlich ja. Das wird mich herausreissen. Und dann kann ich doch meinem
lieben Gieshübler nicht gleich bei seiner ersten Einladung einen Korb geben.«
    »Einverstanden. Also, Friedrich, sagen Sie Mirambo, der doch wohl das Billet
gebracht haben wird, wir würden die Ehre haben.«
    Friedrich ging. Als er fort war, fragte Effi: »Wer ist Mirambo?«
    »Der echte Mirambo ist Räuberhauptmann in Afrika... Tanganjika-See, wenn
deine Geographie so weit reicht..., unserer aber ist bloss Gieshüblers
Kohlenprovisor und Faktotum und wird heute abend in Frack und baumwollenen
Handschuhen sehr wahrscheinlich aufwarten.«
    Es war ganz ersichtlich, dass der kleine Zwischenfall auf Effi günstig
eingewirkt und ihr ein gut Teil ihrer Leichtlebigkeit zurückgegeben hatte,
Innstetten aber wollte das Seine tun, diese Rekonvaleszenz zu steigern. »Ich
freue mich, dass du ja gesagt hast und so rasch und ohne Besinnen, und nun möcht
ich dir noch einen Vorschlag machen, um dich ganz wieder in Ordnung zu bringen.
Ich sehe wohl, es schleicht dir noch von der Nacht her etwas nach, das zu meiner
Effi nicht passt, das durchaus wieder fort muss, und dazu gibt es nichts Besseres
als frische Luft. Das Wetter ist prachtvoll, frisch und milde zugleich, kaum dass
ein Lüftchen geht; was meinst du, wenn wir eine Spazierfahrt machten, aber eine
lange, nicht bloss so durch die Plantage hin, und natürlich im Schlitten und das
Geläut auf und die weissen Schneedecken, und wenn wir dann um vier zurück sind,
dann ruhst du dich aus, und um sieben sind wir bei Gieshübler und hören die
Trippelli.«
    Effi nahm seine Hand. »Wie gut du bist, Geert, und wie nachsichtig. Denn ich
muss dir ja kindisch oder doch wenigstens sehr kindlich vorgekommen sein; erst
das mit meiner Angst und dann hinterher, dass ich dir einen Hausverkauf und, was
noch schlimmer ist, das mit dem Fürsten ansinne. Du sollst ihm den Stuhl vor die
Tür setzen - es ist zum Lachen. Denn schliesslich ist er doch der Mann, der über
uns entscheidet. Auch über mich. Du glaubst gar nicht, wie ehrgeizig ich bin.
Ich habe dich eigentlich bloss aus Ehrgeiz geheiratet. Aber du musst nicht solch
ernstes Gesicht dabei machen. Ich liebe dich ja... wie heisst es doch, wenn man
einen Zweig abbricht und die Blätter abreisst? Von Herzen, mit Schmerzen, über
alle Massen.«
    Und sie lachte hell auf. »Und nun sage mir«, fuhr sie fort, als Innstetten
noch immer schwieg, »wo soll es hingehen?«
    »Ich habe mir gedacht, nach der Bahnstation, aber auf einem Umwege, und dann
auf der Chaussee zurück. Und auf der Station essen wir oder noch besser bei
Golchowski, in dem Gastofe Zum Fürsten Bismarck, dran wir, wenn du dich
vielleicht erinnerst, am Tage unserer Ankunft vorbeikamen. Solch Vorsprechen
wirkt immer gut, und ich habe dann mit dem Starosten von Effis Gnaden ein
Wahlgespräch, und wenn er auch persönlich nicht viel taugt, seine Wirtschaft
hält er in Ordnung und seine Küche noch besser. Auf Essen und Trinken verstehen
sich die Leute hier.«
    Es war gegen elf, dass sie dies Gespräch führten, Um zwölf hielt Kruse mit
dem Schlitten vor der Tür, und Effi stieg ein. Johanna wollte Fusssack und Pelze
bringen, aber Effi hatte nach allem, was noch auf ihr lag, so sehr das Bedürfnis
nach frischer Luft, dass sie alles zurückwies und nur eine doppelte Decke nahm.
Innstetten aber sagte zu Kruse: »Kruse, wir wollen nun also nach dem Bahnhof, wo
wir zwei beide heute früh schon mal waren. Die Leute werden sich wundern, aber
es schadet nichts. Ich denke, wir fahren hier an der Plantage lang und dann
links auf den Kroschentiner Kirchturm zu. Lassen Sie die Pferde laufen. Um eins
müssen wir am Bahnhof sein.«
    Und so ging die Fahrt. Über den weissen Dächern der Stadt stand der Rauch,
denn die Luftbewegung war gering. Auch Utpatels Mühle drehte sich nur langsam,
und im Fluge fuhren sie daran vorüber, dicht am Kirchhofe hin, dessen
Berberitzensträucher über das Gitter hinauswuchsen und mit ihren Spitzen Effi
streiften, so dass der Schnee auf ihre Reisedecke fiel. An der anderen Seite des
Wegs war ein eingefriedeter Platz, nicht viel grösser als ein Gartenbeet, und
innerhalb nichts sichtbar als eine junge Kiefer, die mitten daraus hervorragte.
    »Liegt da auch wer begraben?« fragte Effi.
    »Ja. Der Chinese.«
    Effi fuhr zusammen; es war ihr wie ein Stich. Aber sie hatte doch Kraft
genug, sich zu beherrschen, und fragte mit anscheinender Ruhe:
    »Unserer?«
    »Ja, unserer. Auf dem Gemeindekirchhof war er natürlich nicht
unterzubringen, und da hat denn Kapitän Tomsen, der so was wie ein Freund war,
diese Stelle gekauft und ihn hier begraben lassen. Es ist auch ein Stein da mit
Inschrift. Alles natürlich vor meiner Zeit. Aber es wird noch immer davon
gesprochen.«
    »Also es ist doch was damit. Eine Geschichte. Du sagtest schon heute früh so
was. Und es wird am Ende das beste sein, ich höre, was es ist. Solang ich es
nicht weiss, bin ich, trotz aller guten Vorsätze, doch immer ein Opfer meiner
Vorstellungen. Erzähle mir das Wirkliche. Die Wirklichkeit kann mich nicht so
quälen wie meine Phantasie.«
    »Bravo, Effi. Ich wollte nicht davon sprechen. Aber nun macht es sich so von
selbst, und das ist gut. Übrigens ist es eigentlich gar nichts.«
    »Mir gleich; gar nichts oder viel oder wenig. Fange nur an.«
    »Ja, das ist leicht gesagt. Der Anfang ist immer das schwerste, auch bei
Geschichten. Nun, ich denke, ich beginne mit Kapitän Tomsen.«
    »Gut, gut.«
    »Also Tomsen, den ich dir schon genannt habe, war viele Jahre lang ein
sogenannter Chinafahrer, immer mit Reisfracht zwischen Shanghai und Singapore,
und mochte wohl schon sechzig sein, als er hier ankam. Ich weiss nicht, ob er
hier geboren war oder ob er andere Beziehungen hier hatte. Kurz und gut, er war
nun da und verkaufte sein Schiff, einen alten Kasten, draus er nicht viel
herausschlug, und kaufte sich ein Haus, dasselbe, drin wir jetzt wohnen. Denn er
war draussen in der Welt ein vermögender Mann geworden. Und von daher schreibt
sich auch das Krokodil und der Haifisch und natürlich auch das Schiff... Also
Tomsen war nun da, ein sehr adretter Mann (so wenigstens hat man mir gesagt)
und wohl gelitten. Auch beim Bürgermeister Kirstein und vor allem bei dem
damaligen Pastor in Kessin, einem Berliner, der kurz vor Tomsen auch
hierhergekommen war und viel Anfeindung hatte.«
    »Glaub ich. Ich merke das auch; sie sind hier so streng und selbstgerecht.
Ich glaube, das ist pommersch.«
    »Ja und nein, je nachdem. Es gibt auch Gegenden, wo sie gar nicht streng
sind und wo's drunter und drüber geht... Aber sieh nur, Effi, da haben wir
gerade den Kroschentiner Kirchturm dicht vor uns. Wollen wir nicht den Bahnhof
aufgeben und lieber bei der alten Frau von Grasenabb vorfahren? Sidonie, wenn
ich recht berichtet bin, ist nicht zu Hause. Wir könnten es also wagen...«
    »Ich bitte dich, Geert, wo denkst du hin? Es ist ja himmlisch, so
hinzufliegen, und ich fühle ordentlich, wie mir so frei wird und wie alle Angst
von mir abfällt. Und nun soll ich das alles aufgeben, bloss um den alten Leuten
eine Stippvisite zu machen und ihnen sehr wahrscheinlich eine Verlegenheit zu
schaffen. Um Gottes willen nicht. Und dann will ich vor allem auch die
Geschichte hören. Also wir waren bei Kapitän Tomsen, den ich mir als einen
Dänen oder Engländer denke, sehr sauber, mit weissen Vatermördern und ganz weisser
Wäsche...«
    »Ganz richtig. So soll er gewesen sein. Und mit ihm war eine junge Person
von etwa zwanzig, von der einige sagen, sie sei seine Nichte gewesen, aber die
meisten sagen, seine Enkelin, was übrigens den Jahren nach kaum möglich. Und
ausser der Enkelin oder der Nichte war da auch noch ein Chinese, derselbe, der da
zwischen den Dünen liegt und an dessen Grab wir eben vorübergekommen sind.«
    »Gut, gut.«
    »Also dieser Chinese war Diener bei Tomsen, und Tomsen hielt so grosse
Stücke auf ihn, dass er eigentlich mehr Freund als Diener war. Und das ging so
Jahr und Tag. Da mit einemmal hiess es, Tomsens Enkelin, die, glaub ich, Nina
hiess, solle sich, nach des Alten Wunsche, verheiraten, auch mit einem Kapitän.
Und richtig, so war es auch. Es gab eine grosse Hochzeit im Hause, der Berliner
Pastor tat sie zusammen, und Müller Utpatel, der ein Konventikler war, und
Gieshübler, dem man in der Stadt in kirchlichen Dingen auch nicht recht traute,
waren geladen und vor allem viele Kapitäne mit ihren Frauen und Töchtern. Und
wie man sich denken kann, es ging hoch her. Am Abend aber war Tanz, und die
Braut tanzte mit jedem und zuletzt auch mit dem Chinesen. Da mit einemmal hiess
es, sie sei fort, die Braut nämlich. Und sie war auch wirklich fort,
irgendwohin, und niemand weiss, was da vorgefallen. Und nach vierzehn Tagen starb
der Chinese; Tomsen kaufte die Stelle, die ich dir gezeigt habe, und da wurd er
begraben. Der Berliner Pastor aber soll gesagt haben: Man hätte ihn auch ruhig
auf dem christlichen Kirchhof begraben können, denn der Chinese sei ein sehr
guter Mensch gewesen und geradesogut wie die anderen. Wen er mit den anderen
eigentlich gemeint hat, sagte mir Gieshübler, das wisse man nicht recht.«
    »Aber ich bin in dieser Sache doch ganz und gar gegen den Pastor; so was
darf man nicht aussprechen, weil es gewagt und unpassend ist. Das würde selbst
Niemeier nicht gesagt haben.«
    »Und ist auch dem armen Pastor, der übrigens Trippel hiess, sehr verdacht
worden, so dass es eigentlich ein Glück war, dass er drüber hinstarb, sonst hätte
er seine Stelle verloren. Denn die Stadt, trotzdem sie ihn gewählt, war doch
auch gegen ihn, geradeso wie du, und das Konsistorium natürlich erst recht.«
    »Trippel sagst du? Dann hängt er am Ende mit der Frau Pastor Trippel
zusammen, die wir heute abend sehen sollen?«
    »Natürlich hängt er mit der zusammen. Er war ihr Mann und ist der Vater von
der Trippelli.«
    Effi lachte. »Von der Trippelli! Nun sehe ich erst klar in allem. Dass sie in
Kessin geboren, schrieb ja schon Gieshübler; aber ich dachte, sie sei die
Tochter von einem italienischen Konsul. Wir haben ja so viele fremdländische
Namen hier. Und nun ist sie gut deutsch und stammt von Trippel. Ist sie denn so
vorzüglich, dass sie wagen konnte, sich so zu italienisieren?«
    »Dem Mutigen gehört die Welt. Übrigens ist sie ganz tüchtig. Sie war ein
paar Jahr lang in Paris bei der berühmten Viardot, wo sie auch den russischen
Fürsten kennenlernte, denn die russischen Fürsten sind sehr aufgeklärt, über
kleine Standesvorurteile weg, und Kotschukoff und Gieshübler - den sie übrigens
Onkel nennt, und man kann fast von ihm sagen, er sei der geborne Onkel -, diese
beiden sind es recht eigentlich, die die kleine Marie Trippel zu dem gemacht
haben, was sie jetzt ist. Gieshübler war es, durch den sie nach Paris kam, und
Kotschukoff hat sie dann in die Trippelli transponiert.«
    »Ach, Geert, wie reizend ist das alles, und welch Alltagsleben habe ich doch
in Hohen-Cremmen geführt! Nie was Apartes.«
    Innstetten nahm ihre Hand und sagte: »So darfst du nicht sprechen, Effi.
Spuk, dazu kann man sich stellen, wie man will. Aber hüte dich vor dem Aparten,
oder was man so das Aparte nennt. Was dir so verlockend erscheint - und ich
rechne auch ein Leben dahin, wie's die Trippelli führt -, das bezahlt man in der
Regel mit seinem Glück. Ich weiss wohl, wie sehr du dein Hohen-Cremmen liebst und
daran hängst, aber du spottest doch auch oft darüber und hast keine Ahnung
davon, was stille Tage, wie die Hohen-Cremmner, bedeuten.«
    »Doch, doch«, sagte sie. »Ich weiss es wohl. Ich höre nur gern einmal von
etwas anderem, und dann wandelt mich die Lust an, mit dabeizusein. Aber du hast
ganz recht. Und eigentlich hab ich doch eine Sehnsucht nach Ruh und Frieden.«
    Innstetten drohte ihr mit dem Finger. »Meine einzig liebe Effi, das denkst
du dir nun auch wieder so aus. Immer Phantasien, mal so, mal so.«
 
                                 Elftes Kapitel
Die Fahrt verlief ganz wie geplant. Um ein Uhr hielt der Schlitten unten am
Bahndamm vor dem Gastause »Zum Fürsten Bismarck«, und Golchowski, glücklich,
den Landrat bei sich zu sehen, war beflissen, ein vorzügliches Dejeuner
herzurichten. Als zuletzt das Dessert und der Ungarwein aufgetragen wurden, rief
Innstetten den von Zeit zu Zeit erscheinenden und nach der Ordnung sehenden Wirt
heran und bat ihn, sich mit an den Tisch zu setzen und ihnen was zu erzählen.
Dazu war Golchowski denn auch der rechte Mann; auf zwei Meilen in der Runde
wurde kein Ei gelegt, von dem er nicht wusste. Das zeigte sich auch heute wieder.
Sidonie Grasenabb, Innstetten hatte recht vermutet, war, wie vorige Weihnachten,
so auch diesmal wieder auf vier Wochen zu »Hofpredigers« gereist; Frau von
Palleske, so hiess es weiter, habe ihre Jungfer wegen einer fatalen Geschichte
Knall und Fall entlassen müssen, und mit dem alten Fraude steh es schlecht - es
werde zwar in Kurs gesetzt, er sei bloss ausgeglitten, aber es sei ein
Schlaganfall gewesen, und der Sohn, der in Lissa bei den Husaren stehe, werde
jede Stunde erwartet. Nach diesem Geplänkel war man dann, zu Ernstafterem
übergehend, auf Varzin gekommen. »Ja«, sagte Golchowski, »wenn man sich den
Fürsten so als Papiermüller denkt! Es ist doch alles sehr merkwürdig; eigentlich
kann er die Schreiberei nicht leiden und das bedruckte Papier erst recht nicht,
und nun legt er doch selber eine Papiermühle an.«
    »Schon recht, lieber Golchowski«, sagte Innstetten, »aber aus solchen
Widersprüchen kommt man im Leben nicht heraus. Und da hilft auch kein Fürst und
keine Grösse.«
    »Nein, nein, da hilft keine Grösse.«
    Wahrscheinlich, dass sich dies Gespräch über den Fürsten noch fortgesetzt
hätte, wenn nicht in eben diesem Augenblicke die von der Bahn her
herüberklingende Signalglocke einen bald eintreffenden Zug angemeldet hätte.
Innstetten sah nach der Uhr.
    »Welcher Zug ist das, Golchowski?«
    »Das ist der Danziger Schnellzug; er hält hier nicht, aber ich gehe doch
immer hinauf und zähle die Wagen, und mitunter steht auch einer am Fenster, den
ich kenne. Hier gleich hinter meinem Hofe führt eine Treppe den Damm hinauf,
Wärterhaus 417...«
    »Oh, das wollen wir uns zunutze machen«, sagte Effi. »Ich sehe so gern
Züge...«
    »Dann ist es die höchste Zeit, gnäd'ge Frau.«
    Und so machten sich denn alle drei auf den Weg und stellten sich, als sie
oben waren, in einem neben dem Wärterhause gelegenen Gartenstreifen auf, der
jetzt freilich unter Schnee lag, aber doch eine freigeschaufelte Stelle hatte.
Der Bahnwärter stand schon da, die Fahne in der Hand. Und jetzt jagte der Zug
über das Bahnhofsgeleise hin und im nächsten Augenblick an dem Häuschen und an
dem Gartenstreifen vorüber. Effi war so erregt, dass sie nichts sah und nur dem
letzten Wagen, auf dessen Höhe ein Bremser sass, ganz wie benommen nachblickte.
    »Sechs Uhr fünfzig ist er in Berlin«, sagte Innstetten, »und noch eine
Stunde später, so können ihn die Hohen-Cremmner, wenn der Wind so steht, in der
Ferne vorbeiklappern hören. Möchtest du mit, Effi?«
    Sie sagte nichts. Als er aber zu ihr hinüberblickte, sah er, dass eine Träne
in ihrem Auge stand.
Effi war, als der Zug vorbeijagte, von einer herzlichen Sehnsucht erfasst worden.
So gut es ihr ging, sie fühlte sich trotzdem wie in einer fremden Welt. Wenn sie
sich eben noch an dem einen oder andern entzückt hatte, so kam ihr doch gleich
nachher zum Bewusstsein, was ihr fehlte. Da drüben lag Varzin, und da nach der
anderen Seite hin blitzte der Kroschentiner Kirchturm auf und weiter hin der
Morgenitzer, und da sassen die Grasenabbs und die Borckes, nicht die Bellings und
nicht die Briests. »Ja, die!« Innstetten hatte ganz recht gehabt mit dem raschen
Wechsel ihrer Stimmung, und sie sah jetzt wieder alles, was zurücklag, wie in
einer Verklärung. Aber so gewiss sie voll Sehnsucht dem Zuge nachgesehen, sie war
doch andererseits viel zu beweglichen Gemüts, um lange dabei zu verweilen, und
schon auf der Heimfahrt, als der rote Ball der niedergehenden Sonne seinen
Schimmer über den Schnee ausgoss, fühlte sie sich wieder freier; alles erschien
ihr schön und frisch, und als sie, nach Kessin zurückgekehrt, fast mit dem
Glockenschlage sieben in den Gieshüblerschen Flur eintrat, war ihr nicht bloss
behaglich, sondern beinah übermütig zu Sinn, wozu die das Haus durchziehende
Baldrian- und Veilchenwurzelluft das Ihrige beitragen mochte.
    Pünktlich waren Innstetten und Frau erschienen, aber trotz dieser
Pünktlichkeit immer noch hinter den anderen Geladenen zurückgeblieben; Pastor
Lindequist, die alte Frau Trippel und die Trippelli selbst waren schon da.
Gieshübler - im blauen Frack mit mattgoldenen Knöpfen, dazu Pincenez an einem
breiten schwarzen Bande, das wie ein Ordensband auf der blendendweissen
Piquéweste lag -, Gieshübler konnte seiner Erregung nur mit Mühe Herr werden.
»Darf ich die Herrschaften miteinander bekannt machen; Baron und Baronin
Innstetten, Frau Pastor Trippel, Fräulein Marietta Trippelli.« Pastor
Lindequist, den alle kannten, stand lächelnd beiseite.
    Die Trippelli, Anfang der Dreissig, stark, männlich und von ausgesprochen
humoristischem Typus, hatte bis zu dem Momente der Vorstellung den
Sofa-Ehrenplatz innegehabt. Nach der Vorstellung aber sagte sie, während sie auf
einen in der Nähe stehenden Stuhl mit hoher Lehne zuschritt: »Ich bitte Sie
nunmehro, gnäd'ge Frau, die Bürden und Fährlichkeiten Ihres Amtes auf sich
nehmen zu wollen. Denn von Fährlichkeiten« - und sie wies auf das Sofa - »wird
sich in diesem Falle wohl sprechen lassen. Ich habe Gieshübler schon vor Jahr
und Tag darauf aufmerksam gemacht, aber leider vergeblich; so gut er ist, so
eigensinnig ist er auch.«
    »Aber Marietta...«
    »Dies Sofa nämlich, dessen Geburt um wenigstens fünfzig Jahre zurückliegt,
ist noch nach einem altmodischen Versenkungsprinzip gebaut, und wer sich ihm
anvertraut, ohne vorher einen Kissenturm untergeschoben zu haben, sinkt ins
Bodenlose, jedenfalls aber gerade tief genug, um die Knie wie ein Monument
anfragen zu lassen.« All dies wurde seitens der Trippelli mit ebensoviel
Bonhomie wie Sicherheit hingesprochen, in einem Tone, der ausdrücken sollte: »Du
bist die Baronin Innstetten, ich bin die Trippelli.«
    Gieshübler liebte seine Künstlerfreundin entusiastisch und dachte hoch von
ihren Talenten; aber all seine Begeisterung konnte ihn doch nicht blind gegen
die Tatsache machen, dass ihr von gesellschaftlicher Feinheit nur ein
bescheidenes Mass zuteil geworden war. Und diese Feinheit war gerade das, was er
persönlich kultivierte. »Liebe Marietta«, nahm er das Wort, »Sie haben eine so
reizend heitere Behandlung solcher Fragen; aber was mein Sofa betrifft, so haben
Sie wirklich unrecht, und jeder Sachverständige mag zwischen uns entscheiden.
Selbst ein Mann wie Fürst Kotschukoff...«
    »Ach, ich bitte Sie, Gieshübler, lassen Sie doch den. Immer Kotschukoff. Sie
werden mich bei der gnäd'gen Frau hier noch in den Verdacht bringen, als ob ich
bei diesem Fürsten - der übrigens nur zu den kleineren zählt und nicht mehr als
tausend Seelen hat, das heisst hatte (früher, wo die Rechnung noch nach Seelen
ging) -, als ob ich stolz wäre, seine tausendundeinste Seele zu sein. Nein, es
liegt wirklich anders; immer frei weg, Sie kennen meine Devise, Gieshübler.
Kotschukoff ist ein guter Kamerad und mein Freund, aber von Kunst und ähnlichen
Sachen versteht er gar nichts, von Musik gewiss nicht, wiewohl er Messen und
Oratorien komponiert - die meisten russischen Fürsten, wenn sie Kunst treiben,
fallen ein bisschen nach der geistlichen oder ortodoxen Seite hin -, und zu den
vielen Dingen, von denen er nichts versteht, gehören auch unbedingt
Einrichtungs-und Tapezierfragen. Er ist gerade vornehm genug, um sich alles als
schön aufreden zu lassen, was bunt aussieht und viel Geld kostet.«
    Innstetten amüsierte sich, und Pastor Lindequist war in einem
allersichtlichsten Behagen. Die gute alte Trippel aber geriet über den
ungenierten Ton ihrer Tochter aus einer Verlegenheit in die andere, während
Gieshübler es für angezeigt hielt, eine so schwierig werdende Unterhaltung zu
coupieren. Dazu waren etliche Gesangspiecen das beste. Dass Marietta Lieder von
anfechtbarem Inhalt wählen würde, war nicht anzunehmen, und selbst wenn dies
sein sollte, so war ihre Vortragskunst so gross, dass der Inhalt dadurch geadelt
wurde. »Liebe Marietta«, nahm er also das Wort, »ich habe unser kleines Mahl zu
acht Uhr bestellt. Wir hätten also noch dreiviertel Stunden, wenn Sie nicht
vielleicht vorziehen, während Tisch ein heitres Lied zu singen oder vielleicht
erst, wenn wir von Tisch aufgestanden sind...«
    »Ich bitte Sie, Gieshübler! Sie, der Mann der Ästetik. Es gibt nichts
Unästetischeres als einen Gesangsvortrag mit vollem Magen. Ausserdem - und ich
weiss, Sie sind ein Mann der ausgesuchten Küche, ja, Gourmand -, ausserdem
schmeckt es besser, wenn man die Sache hinter sich hat. Erst Kunst und dann
Nusseis, das ist die richtige Reihenfolge.«
    »Also ich darf Ihnen die Noten bringen, Marietta?«
    »Noten bringen. Ja, was heisst das, Gieshübler? Wie ich Sie kenne, werden Sie
ganze Schränke voll Noten haben, und ich kann Ihnen doch nicht den ganzen Bock
und Bote vorspielen. Noten! Was für Noten, Gieshübler, darauf kommt es an. Und
dann, dass es richtig liegt, Altstimme...«
    »Nun ich werde schon bringen.«
    Und er machte sich an einem Schranke zu schaffen, ein Fach nach dem andern
herausziehend, während die Trippelli ihren Stuhl weiter links um den Tisch
herumschob, so dass sie nun dicht neben Effi sass.
    »Ich bin neugierig, was er bringen wird«, sagte sie. Effi geriet dabei in
eine kleine Verlegenheit.
    »Ich möchte annehmen«, antwortete sie befangen, »etwas von Glück, etwas
ausgesprochen Dramatisches... Überhaupt, mein gnädigstes Fräulein, wenn ich mir
die Bemerkung erlauben darf, ich bin überrascht, zu hören, dass sie lediglich
Konzertsängerin sind. Ich dächte, dass Sie, wie wenige, für die Bühne berufen
sein müssten. Ihre Erscheinung, Ihre Kraft, Ihr Organ... ich habe noch sowenig
der Art kennengelernt, immer nur auf kurzen Besuchen in Berlin..., und dann war
ich noch ein halbes Kind. Aber ich dächte Orpheus oder Chrimhild oder die
Vestalin.«
    Die Trippelli wiegte den Kopf und sah in Abgründe, kam aber zu keiner
Entgegnung, weil eben jetzt Gieshübler wieder erschien und ein halbes Dutzend
Notenhefte vorlegte, die seine Freundin in rascher Reihenfolge durch die Hand
gleiten liess.
    »Erlkönig... ah, bah; Bächlein, lass dein Rauschen sein... Aber Gieshübler,
ich bitte Sie, Sie sind ein Murmeltier, Sie haben sieben Jahre lang
geschlafen... Und hier Loewesche Balladen; auch nicht gerade das Neueste.
Glocken von Speier... Ach, dies ewige Bimbam, das beinahe einer Kulissenreisserei
gleichkommt, ist geschmacklos und abgestanden. Aber hier Ritter Olaf... nun, das
geht.«
    Und sie stand auf, und während der Pastor begleitete, sang sie den »Olaf«
mit grosser Sicherheit und Bravour und erntete allgemeinen Beifall.
    Es wurde dann noch ähnlich Romantisches gefunden, einiges aus dem
»Fliegenden Holländer« und aus »Zampa«, dann »Der Heideknabe«, lauter Sachen,
die sie mit ebensoviel Virtuosität wie Seelenruhe vortrug, während Effi von Text
und Komposition wie benommen war.
    Als die Trippelli mit dem »Heideknaben« fertig war, sagte sie: »Nun ist es
genug«, eine Erklärung, die so bestimmt von ihr abgegeben wurde, dass weder
Gieshübler noch ein anderer den Mut hatte, mit weiteren Bitten in sie zu
dringen. Am wenigsten Effi. Diese sagte nur, als Gieshüblers Freundin wieder
neben ihr sass: »Dass ich Ihnen doch sagen könnte, mein gnädigstes Fräulein, wie
dankbar ich Ihnen bin! Alles so schön, so sicher, so gewandt. Aber eines, wenn
Sie mir verzeihen, bewundere ich fast noch mehr, das ist die Ruhe, womit Sie
diese Sachen vorzutragen wissen. Ich bin so leicht Eindrücken hingegeben, und
wenn ich die kleinste Gespenstergeschichte höre, so zittere ich und kann mich
kaum wieder zurechtfinden. Und Sie tragen das so mächtig und erschütternd vor
und sind selbst ganz heiter und guter Dinge.«
    »Ja, meine gnädigste Frau, das ist in der Kunst nicht anders. Und nun gar
erst auf dem Teater, vor dem ich übrigens glücklicherweise bewahrt geblieben
bin. Denn so gewiss ich mich persönlich gegen seine Versuchungen gefeit fühle -
es verdirbt den Ruf, also das Beste, was man hat. Im übrigen stumpft man ab, wie
mir Kolleginnen hundertfach versichert haben. Da wird vergiftet und erstochen,
und der toten Julia flüstert Romeo einen Kalauer ins Ohr oder wohl auch eine
Malice, oder er drückt ihr einen kleinen Liebesbrief in die Hand.«
    »Es ist mir unbegreiflich. Und um bei dem stehenzubleiben, was ich Ihnen
diesen Abend verdanke, beispielsweise bei dem Gespenstischen im Olaf, ich
versichere Ihnen, wenn ich einen ängstlichen Traum habe oder wenn ich glaube,
über mir hörte ich ein leises Tanzen oder Musizieren, während doch niemand da
ist, oder es schleicht wer an meinem Bette vorbei, so bin ich ausser mir und kann
es tagelang nicht vergessen.«
    »Ja, meine gnädigste Frau, was Sie da schildern und beschreiben, das ist
auch etwas anderes, das ist ja wirklich oder kann wenigstens etwas Wirkliches
sein. Ein Gespenst, das durch die Ballade geht, da graule ich mich gar nicht,
aber ein Gespenst, das durch meine Stube geht, ist mir, geradeso wie andern,
sehr unangenehm. Darin empfinden wir also ganz gleich.«
    »Haben Sie denn dergleichen auch einmal erlebt?«
    »Gewiss. Und noch dazu bei Kotschukoff. Und ich habe mir auch ausbedungen,
dass ich diesmal anders schlafe, vielleicht mit der englischen Gouvernante
zusammen. Das ist nämlich eine Quäkerin, und da ist man sicher.«
    »Und Sie halten dergleichen für möglich?«
    »Meine gnädigste Frau, wenn man so alt ist wie ich und viel rumgestossen
wurde und in Russland war und sogar auch ein halbes Jahr in Rumänien, da hält man
alles für möglich. Es gibt soviel schlechte Menschen, und das andere findet sich
dann auch, das gehört dann sozusagen mit dazu.«
    Effi horchte auf.
    »Ich bin«, fuhr die Trippelli fort, »aus einer sehr aufgeklärten Familie
(bloss mit Mutter war es immer nicht so recht), und doch sagte mir mein Vater,
als das mit dem Psychographen aufkam: Höre, Marie, das ist was. Und er hat recht
gehabt, es ist auch was damit. Überhaupt, man ist links und rechts umlauert,
hinten und vorn. Sie werden das noch kennenlernen.«
    In diesem Augenblicke trat Gieshübler heran und bot Effi den Arm, Innstetten
führte Marietta, dann folgte Pastor Lindequist und die verwitwete Trippel. So
ging man zu Tisch.
 
                                Zwölftes Kapitel
Es war spät, als man aufbrach. Schon bald nach zehn hatte Effi zu Gieshübler
gesagt: »es sei nun wohl Zeit; Fräulein Trippelli, die den Zug nicht versäumen
dürfe, müsse ja schon um sechs von Kessin aufbrechen«, die danebenstehende
Trippelli aber, die diese Worte gehört, hatte mit der ihr eigenen ungenierten
Beredsamkeit gegen solche zarte Rücksichtsnahme protestiert. »Ach, meine
gnädigste Frau, Sie glauben, dass unsereins einen regelmässigen Schlaf braucht,
das trifft aber nicht zu; was wir regelmässig brauchen, heisst Beifall und hohe
Preise. Ja, lachen Sie nur. Ausserdem (so was lernt man) kann ich auch im Coupé
schlafen, in jeder Situation und sogar auf der linken Seite und brauche nicht
einmal das Kleid aufzumachen. Freilich bin ich auch nie eingepresst; Brust und
Lunge müssen immer frei sein, und vor allem das Herz. Ja, meine gnädigste Frau,
das ist die Hauptsache. Und dann das Kapitel Schlaf überhaupt - die Menge tut es
nicht, was entscheidet, ist die Qualität: ein guter Nicker von fünf Minuten ist
besser als fünf Stunden unruhige Rumdreherei, mal links, mal rechts. Übrigens
schläft man in Russland wundervoll, trotz des starken Tees. Es muss die Luft
machen oder das späte Diner, oder weil man so verwöhnt wird. Sorgen gibt es in
Russland nicht; darin - im Geldpunkt sind beide gleich - ist Russland noch besser
als Amerika.«
    Nach dieser Erklärung der Trippelli hatte Effi von allen Mahnungen zum
Aufbruch Abstand genommen, und so war Mitternacht herangekommen. Man trennte
sich heiter und herzlich und mit einer gewissen Vertraulichkeit.
    Der Weg von der Mohrenapoteke bis zur landrätlichen Wohnung war ziemlich
weit; er kürzte sich aber dadurch, dass Pastor Lindequist bat, Innstetten und
Frau eine Strecke begleiten zu dürfen; ein Spaziergang unterm Sternenhimmel sei
das Beste, um über Gieshüblers Rheinwein hinwegzukommen. Unterwegs wurde man
natürlich nicht müde, die verschiedensten Trippelliana heranzuziehen; Effi
begann mit dem, was ihr in Erinnerung geblieben, und gleich nach ihr kam der
Pastor an die Reihe. Dieser, ein Ironikus, hatte die Trippelli, wie nach vielem
sehr Weltlichen, so schliesslich auch nach ihrer kirchlichen Richtung gefragt und
dabei von ihr in Erfahrung gebracht, dass sie nur eine Richtung kenne, die
ortodoxe. Ihr Vater sei freilich ein Rationalist gewesen, fast schon ein
Freigeist, weshalb er auch den Chinesen am liebsten auf dem Gemeindekirchhof
gehabt hätte; sie ihrerseits sei aber ganz entgegengesetzter Ansicht, trotzdem
sie persönlich des grossen Vorzugs geniesse, gar nichts zu glauben. Aber sie sei
sich in ihrem entschiedenen Nichtglauben doch auch jeden Augenblick bewusst, dass
das ein Spezialluxus sei, den man sich nur als Privatperson gestatten könne.
Staatlich höre der Spass auf, und wenn ihr das Kultusministerium oder gar ein
Konsistorialregiment unterstünde, so würde sie mit unnachsichtiger Strenge
vorgehen. »Ich fühle so was von einem Torquemada in mir.«
    Innstetten war sehr erheitert und erzählte seinerseits, dass er etwas so
Heikles, wie das Dogmatische, geflissentlich vermieden, aber dafür das
Moralische desto mehr in den Vordergrund gestellt habe. Haupttema sei das
Verführerische gewesen, das beständige Gefährdetsein, das in allem öffentlichen
Auftreten liege, worauf die Trippelli leichtin und nur mit Betonung der zweiten
Satzhälfte geantwortet habe: »Ja, beständig gefährdet; am meisten die Stimme.«
    Unter solchem Geplauder war, ehe man sich trennte, der Trippelli-Abend noch
einmal an ihnen vorübergezogen, und erst drei Tage später hatte sich Gieshüblers
Freundin durch ein von Petersburg aus an Effi gerichtetes Telegramm noch einmal
in Erinnerung gebracht. Es lautete: »Madame la Baronne d'Innstetten, nee de
Briest. Bien arrivée. Prince K. à la gare. Plus épris de moi que jamais. Mille
fois merci de votre bon accueil. Compliments empressés à Monsieur le Baron.
Marietta Trippelli.«
    Innstetten war entzückt und gab diesem Entzücken lebhafteren Ausdruck, als
Effi begreifen konnte.
    »Ich verstehe dich nicht, Geert.«
    »Weil du die Trippelli nicht verstehst. Mich entzückt die Echteit; alles
da, bis auf das Pünktchen überm i.«
    »Du nimmst also alles als eine Komödie.«
    »Aber als was sonst? Alles berechnet für dort und für hier, für Kotschukoff
und für Gieshübler. Gieshübler wird wohl eine Stiftung machen, vielleicht auch
bloss ein Legat für die Trippelli.«
    Die musikalische Soiree bei Gieshübler hatte Mitte Dezember stattgefunden,
gleich danach begannen die Vorbereitungen für Weihnachten, und Effi, die sonst
schwer über diese Tage hingekommen wäre, segnete es, dass sie selber einen
Hausstand hatte, dessen Ansprüche befriedigt werden mussten. Es galt nachsinnen,
fragen, anschaffen, und das alles liess trübe Gedanken nicht aufkommen. Am Tage
vor Heiligabend trafen Geschenke von den Eltern aus Hohen-Cremmen ein, und mit
in die Kiste waren allerhand Kleinigkeiten aus dem Kantorhause gepackt:
wunderschöne Reinetten von einem Baum, den Effi und Jahnke vor mehreren Jahren
gemeinschaftlich okuliert hatten, und dazu braune Puls- und Kniewärmer von
Berta und Herta. Hulda schrieb nur wenige Zeilen, weil sie, wie sie sich
entschuldigte, für X. noch eine Reisedecke zu stricken habe. »Was einfach nicht
wahr ist«, sagte Effi. »Ich wette, X. existiert gar nicht. Dass sie nicht davon
lassen kann, sich mit Anbetern zu umgeben, die nicht da sind!«
    Und so kam Heiligabend heran.
    Innstetten selbst baute auf für seine junge Frau, der Baum brannte, und ein
kleiner Engel schwebte oben in Lüften. Auch eine Krippe war da mit hübschen
Transparenten und Inschriften, deren eine sich, in leiser Andeutung, auf ein dem
Innstettenschen Hause für nächstes Jahr bevorstehendes Ereignis bezog. Effi las
es und errötete. Dann ging sie auf Innstetten zu, um ihm zu danken, aber eh sie
dies konnte, flog, nach altpommerschem Weihnachtsbrauch, ein Julklapp in den
Hausflur: eine grosse Kiste, drin eine Welt von Dingen steckte. Zuletzt fand man
die Hauptsache, ein zierliches, mit allerlei japanischen Bildchen überklebtes
Morsellenkästchen, dessen eigentlichem Inhalt auch noch ein Zettelchen
beigegeben war. Es hiess da:
Drei Könige kamen zum Heiligenchrist,
Mohrenkönig einer gewesen ist; -
Ein Mohrenapotekerlein
Erscheinet heute mit Spezerein,
Doch statt Weihrauch und Myrrhen, die nicht zur Stelle,
Bringt er Pistazien- und Mandel-Morselle.
Effi las es zwei-, dreimal und freute sich darüber. »Die Huldigungen eines guten
Menschen haben doch etwas besonders Wohltuendes. Meinst du nicht auch, Geert?«
    »Gewiss meine ich das. Es ist eigentlich das einzige, was einem Freude macht
oder wenigstens Freude machen sollte. Denn jeder steckt noch so nebenher in
allerhand dummem Zeuge drin. Ich auch. Aber freilich, man ist, wie man ist.«
    Der erste Feiertag war Kirchtag, am zweiten war man bei Borckes draussen,
alles zugegen, mit Ausnahme von Grasenabbs, die nicht kommen wollten, »weil
Sidonie nicht da sei«, was man als Entschuldigung allseitig ziemlich sonderbar
fand. Einige tuschelten sogar: »Umgekehrt; gerade deshalb hätten sie kommen
sollen.« Am Silvester war Ressourcenball, auf dem Effi nicht fehlen durfte und
auch nicht wollte, denn der Ball gab ihr Gelegenheit, endlich einmal die ganze
Stadtflora beisammen zu sehen. Johanna hatte mit den Vorbereitungen zum
Ballstaate für ihre Gnäd'ge vollauf zu tun, Gieshübler, der, wie alles, so auch
ein Treibhaus hatte, schickte Kamelien, und Innstetten, so knapp bemessen die
Zeit für ihn war, fuhr am Nachmittage noch über Land nach Papenhagen, wo drei
Scheunen abgebrannt waren.
    Es war ganz still im Hause. Christel, beschäftigungslos, hatte sich
schläfrig eine Fussbank an den Herd gerückt, und Effi zog sich in ihr
Schlafzimmer zurück, wo sie sich, zwischen Spiegel und Sofa, an einen kleinen,
eigens zu diesem Zweck zurechtgemachten Schreibtisch setzte, um von hier aus an
die Mama zu schreiben, der sie für Weihnachtsbrief und Weihnachtsgeschenke bis
dahin bloss in einer Karte gedankt, sonst aber seit Wochen keine Nachricht
gegeben hatte.
                                                           »Kessin, 31. Dezember
Meine liebe Mama!
    Das wird nun wohl ein langer Schreibebrief werden, denn ich habe - die Karte
rechnet nicht - lange nichts von mir hören lassen. Als ich das letzte Mal
schrieb, steckte ich noch in den Weihnachtsvorbereitungen, jetzt liegen die
Weihnachtstage schon zurück. Innstetten und mein guter Freund Gieshübler hatten
alles aufgeboten, mir den Heiligen Abend so angenehm wie möglich zu machen, aber
ich fühlte mich doch ein wenig einsam und bangte mich nach Euch. Überhaupt,
soviel Ursache ich habe, zu danken und froh und glücklich zu sein, ich kann ein
Gefühl des Alleinseins nicht ganz loswerden, und wenn ich mich früher,
vielleicht mehr als nötig, über Huldas ewige Gefühlsträne mokiert habe, so werde
ich jetzt dafür bestraft und habe selber mit dieser Träne zu kämpfen. Denn
Innstetten darf es nicht sehen. Ich bin aber sicher, dass das alles besser werden
wird, wenn unser Hausstand sich mehr belebt, und das wird der Fall sein, meine
liebe Mama. Was ich neulich andeutete, das ist nun Gewissheit, und Innstetten
bezeugt mir täglich seine Freude darüber. Wie glücklich ich selber im Hinblick
darauf bin, brauche ich nicht erst zu versichern, schon weil ich dann Leben und
Zerstreuung um mich her haben werde oder, wie Geert sich ausdrückt, ein liebes
Spielzeug. Mit diesem Worte wird er wohl recht haben, aber er sollte es lieber
nicht gebrauchen, weil es mir immer einen kleinen Stich gibt und mich daran
erinnert, wie jung ich bin und dass ich noch halb in die Kinderstube gehöre.
Diese Vorstellung verlässt mich nicht (Geert meint, es sei krankhaft) und bringt
es zuwege, dass das, was mein höchstes Glück sein sollte, doch fast noch mehr
eine beständige Verlegenheit für mich ist. Ja, meine liebe Mama, als die guten
Flemmingschen Damen sich neulich nach allem möglichen erkundigten, war mir
zumut, als stünd ich schlecht vorbereitet in einem Examen, und ich glaube auch,
dass ich recht dumm geantwortet habe. Verdriesslich war ich auch. Denn manches,
was wie Teilnahme aussieht, ist doch bloss Neugier und wirkt um so zudringlicher,
als ich ja noch lange, bis in den Sommer hinein, auf das frohe Ereignis zu
warten habe. Ich denke, die ersten Julitage. Dann musst Du kommen, oder, noch
besser, sobald ich einigermassen wieder bei Wege bin, komme ich, nehme hier
Urlaub und mache mich auf nach Hohen-Cremmen. Ach, wie ich mich darauf freue und
auf die havelländische Luft - hier ist es fast immer rauh und kalt -, und dann
jeden Tag eine Fahrt ins Luch, alles rot und gelb, und ich sehe schon, wie das
Kind die Hände danach streckt, denn es wird doch wohl fühlen, dass es eigentlich
da zu Hause ist. Aber das schreibe ich nur Dir. Innstetten darf nicht davon
wissen, und auch Dir gegenüber muss ich mich wie entschuldigen, dass ich mit dem
Kinde nach Hohen-Cremmen will und mich heute schon anmelde, statt Dich, meine
liebe Mama, dringend und herzlich nach Kessin hin einzuladen, das ja doch jeden
Sommer fünfzehnhundert Badegäste hat und Schiffe mit allen möglichen Flaggen und
sogar ein Dünenhotel. Aber dass ich sowenig Gastlichkeit zeige, das macht nicht,
dass ich ungastlich wäre, so sehr bin ich nicht aus der Art geschlagen, das macht
einfach unser landrätliches Haus, das, soviel Hübsches und Apartes es hat, doch
eigentlich gar kein richtiges Haus ist, sondern nur eine Wohnung für zwei
Menschen, und auch das kaum, denn wir haben nicht einmal ein Esszimmer, was doch
genant ist, wenn ein paar Personen zu Besuch sich einstellen. Wir haben freilich
noch Räumlichkeiten im ersten Stock, einen grossen Saal und vier kleine Zimmer,
aber sie haben alle etwas wenig Einladendes, und ich würde sie Rumpelkammern
nennen, wenn sich etwas Gerümpel darin vorfände; sie sind aber ganz leer, ein
paar Binsenstühle abgerechnet, und machen, das mindeste zu sagen, einen sehr
sonderbaren Eindruck. Nun wirst Du wohl meinen, das alles sei ja leicht zu
ändern. Aber es ist nicht zu ändern; denn das Haus, das wir bewohnen, ist... ist
ein Spukhaus; da ist es heraus. Ich beschwöre Dich übrigens, mir auf diese meine
Mitteilung nicht zu antworten, denn ich zeige Innstetten immer Eure Briefe, und
er wäre ausser sich, wenn er erführe, dass ich Dir das geschrieben. Ich hätte es
auch nicht getan, und zwar um so weniger, als ich seit vielen Wochen in Ruhe
geblieben bin und aufgehört habe, mich zu ängstigen; aber Johanna sagt mir, es
käme immer mal wieder, namentlich wenn wer Neues im Hause erschiene. Und ich
kann Dich doch einer solchen Gefahr oder, wenn das zuviel gesagt ist, einer
solchen eigentümlichen und unbequemen Störung nicht aussetzen! Mit der Sache
selber will ich Dich heute nicht behelligen, jedenfalls nicht ausführlich. Es
ist eine Geschichte von einem alten Kapitän, einem sogenannten Chinafahrer, und
seiner Enkelin, die mit einem hiesigen jungen Kapitän eine kurze Zeit verlobt
war und an ihrem Hochzeitstage plötzlich verschwand. Das möchte hingehn. Aber
was wichtiger ist, ein junger Chinese, den ihr Vater aus China mit
zurückgebracht hatte und der erst der Diener und dann der Freund des Alten war,
der starb kurze Zeit danach und ist an einer einsamen Stelle neben dem Kirchhof
begraben worden. Ich bin neulich da vorübergefahren, wandte mich aber rasch ab
und sah nach der andern Seite, weil ich glaube, ich hätte ihn sonst auf dem
Grabe sitzen sehen. Denn ach, meine liebe Mama, ich habe ihn einmal wirklich
gesehen, oder es ist mir wenigstens so vorgekommen, als ich fest schlief und
Innstetten auf Besuch beim Fürsten war. Es war schrecklich; ich möchte so was
nicht wieder erleben. Und in ein solches Haus, so hübsch es sonst ist (es ist
sonderbarerweise gemütlich und unheimlich zugleich), kann ich Dich doch nicht
gut einladen. Und Innstetten, trotzdem ich ihm schliesslich in vielen Stücken
zustimmte, hat sich dabei, soviel möcht ich sagen dürfen, auch nicht ganz
richtig benommen. Er verlangte von mir, ich solle das alles als
Alten-Weiber-Unsinn ansehen und darüber lachen, aber mit einemmal schien er doch
auch wieder selber daran zu glauben und stellte mir zugleich die sonderbare
Zumutung, einen solchen Hausspuk als etwas Vornehmes und Altadliges anzusehen.
Das kann ich aber nicht und will es auch nicht. Er ist in diesem Punkte, so
gütig er sonst ist, nicht gütig und nachsichtig genug gegen mich. Denn dass es
etwas damit ist, das weiss ich von Johanna und weiss es auch von unserer Frau
Kruse. Das ist nämlich unsere Kutscherfrau, die mit einem schwarzen Huhn
beständig in einer überheizten Stube sitzt. Dies allein schon ist ängstlich
genug. Und nun weisst Du, warum ich kommen will, wenn es erst soweit ist. Ach,
wäre es nur erst soweit. Es sind so viele Gründe, warum ich es wünsche. Heute
abend haben wir Silvesterball, und Gieshübler - der einzig nette Mensch hier,
trotzdem er eine hohe Schulter hat, oder eigentlich schon etwas mehr -,
Gieshübler hat mir Kamelien geschickt. Ich werde doch vielleicht tanzen. Unser
Arzt sagt, es würde mir nichts schaden, im Gegenteil. Und Innstetten, was mich
fast überraschte, hat auch eingewilligt. Und nun grüsse und küsse Papa und all
die andern Lieben. Glückauf zum neuen Jahr.
                                                                     Deine Effi«
 
                              Dreizehntes Kapitel
Der Silvesterball hatte bis an den frühen Morgen gedauert, und Effi war
ausgiebig bewundert worden, freilich nicht ganz so anstandslos wie das
Kamelienbukett, von dem man wusste, dass es aus dem Gieshüblerschen Treibhause
kam. Im übrigen blieb auch nach dem Silvesterball alles beim alten, kaum dass
Versuche gesellschaftlicher Annäherung gemacht worden wären, und so kam es denn,
dass der Winter als recht lange dauernd empfunden wurde. Besuche seitens der
benachbarten Adelsfamilien fanden nur selten statt, und dem pflichtschuldigen
Gegenbesuche ging in einem halben Trauertone jedesmal die Bemerkung voraus: »Ja,
Geert, wenn es durchaus sein muss, aber ich vergehe vor Langerweile.« Worte,
denen Innstetten nur immer zustimmte. Was an solchen Besuchsnachmittagen über
Familie, Kinder, auch Landwirtschaft gesagt wurde, mochte gehen; wenn dann aber
die kirchlichen Fragen an die Reihe kamen und die mitanwesenden Pastoren wie
kleine Päpste behandelt wurden oder sich auch wohl selbst als solche ansahen,
dann riss Effi der Faden der Geduld, und sie dachte mit Wehmut an Niemeier, der
immer zurückhaltend und anspruchslos war, trotzdem es bei jeder grösseren
Feierlichkeit hiess, er habe das Zeug, an den »Dom« berufen zu werden. Mit den
Borckes, den Flemmings, den Grasenabbs, so freundlich die Familien, von Sidonie
Grasenabb abgesehen, gesinnt waren es wollte mit allen nicht so recht gehen, und
es hätte mit Freude, Zerstreuung und auch nur leidlichem Sich-behaglich-Fühlen
manchmal recht schlimm gestanden, wenn Gieshübler nicht gewesen wäre. Der sorgte
für Effi wie eine kleine Vorsehung, und sie wusste es ihm auch Dank. Natürlich
war er, neben allem anderen, auch ein eifriger und aufmerksamer Zeitungsleser,
ganz zu geschweigen, dass er an der Spitze des Journalzirkels stand, und so
verging denn fast kein Tag, wo nicht Mirambo ein grosses, weisses Couvert gebracht
hätte, mit allerhand Blättern und Zeitungen, in denen die betreffenden Stellen
angestrichen waren, meist eine kleine, feine Bleistiftlinie, mitunter aber auch
dick mit Blaustift und ein Ausrufungs- oder Fragezeichen daneben. Und dabei liess
er es nicht bewenden; er schickte auch Feigen und Datteln, Schokoladentafeln in
Satineepapier und ein rotes Bändchen drum, und wenn etwas besonders Schönes in
seinem Treibhaus blühte, so brachte er es selbst und hatte dann eine glückliche
Plauderstunde mit der ihm so sympatischen jungen Frau, für die er alle schönen
Liebesgefühle durch- und nebeneinander hatte, die des Vaters und Onkels, des
Lehrers und Verehrers. Effi war gerührt von dem allen und schrieb öfters darüber
nach Hohen-Cremmen, so dass die Mama sie mit ihrer »Liebe zum Alchimisten« zu
necken begann; aber diese wohlgemeinten Neckereien verfehlten ihren Zweck, ja
berührten sie beinahe schmerzlich, weil ihr, wenn auch unklar, dabei zum
Bewusstsein kam, was ihr in ihrer Ehe eigentlich fehlte: Huldigungen, Anregungen,
kleine Aufmerksamkeiten. Innstetten war lieb und gut, aber ein Liebhaber war er
nicht. Er hatte das Gefühl. Effi zu lieben, und das gute Gewissen, dass es so
sei, liess ihn von besonderen Anstrengungen absehen. Es war fast zur Regel
geworden, dass er sich, wenn Friedrich die Lampe brachte, aus seiner Frau Zimmer
in sein eigenes zurückzog. »Ich habe da noch eine verzwickte Geschichte zu
erledigen.« Und damit ging er. Die Portiere blieb freilich zurückgeschlagen, so
dass Effi das Blättern in dem Aktenstück oder das Kritzeln seiner Feder hören
konnte, aber das war auch alles. Rollo kam dann wohl und legte sich vor sie hin
auf den Kaminteppich, als ob er sagen wolle: »Muss nur mal wieder nach dir sehen;
ein anderer tut's doch nicht.« Und dann beugte sie sich nieder und sagte leise:
»Ja, Rollo, wir sind allein.« Um neun erschien dann Innstetten wieder zum Tee,
meist die Zeitung in der Hand, sprach vom Fürsten, der wieder viel Ärger habe,
zumal über diesen Eugen Richter, dessen Haltung und Sprache ganz
unqualifizierbar seien, und ging dann die Ernennungen und Ordensverleihungen
durch, von denen er die meisten beanstandete. Zuletzt sprach er von den Wahlen,
und dass es ein Glück sei, einem Kreise vorzustehen, in dem es noch Respekt gäbe.
War er damit durch, so bat er Effi, dass sie was spiele, aus »Lohengrin« oder aus
der »Walküre«, denn er war ein Wagner-Schwärmer. Was ihn zu diesem
hinübergeführt hatte, war ungewiss; einige sagten, seine Nerven, denn so nüchtern
er schien, eigentlich war er nervös; andere schoben es auf Wagners Stellung zur
Judenfrage. Wahrscheinlich hatten beide recht. Um zehn war Innstetten dann
abgespannt und erging sich in ein paar wohlgemeinten, aber etwas müden
Zärtlichkeiten, die sich Effi gefallen liess, ohne sie recht zu erwidern.
So verging der Winter, der April kam, und in dem Garten hinter dem Hofe begann
es zu grünen, worüber sich Effi freute; sie konnte gar nicht abwarten, dass der
Sommer komme mit seinen Spaziergängen am Strand und seinen Badegästen. Wenn sie
so zurückblickte, der Trippelli-Abend bei Gieshübler und dann der Silvesterball,
ja, das ging, das war etwas Hübsches gewesen; aber die Monate, die dann gefolgt
waren, die hatten doch viel zu wünschen übriggelassen, und vor allem waren sie
so monoton gewesen, dass sie sogar mal an die Mama geschrieben hatte: »Kannst Du
Dir denken, Mama, dass ich mich mit unsrem Spuk beinah ausgesöhnt habe? Natürlich
die schreckliche Nacht, wo Geert drüben beim Fürsten war, die möcht ich nicht
noch einmal durchmachen, nein, gewiss nicht; aber immer das Alleinsein und so gar
nichts erleben, das hat doch auch sein Schweres, und wenn ich dann in der Nacht
aufwache, dann horche ich mitunter hinauf, ob ich nicht die Schuhe schleifen
höre, und wenn alles still bleibt, so bin ich fast wie enttäuscht und sage mir:
wenn es doch nur wiederkäme, nur nicht zu arg und nicht zu nah.«
    Das war im Februar, dass Effi so schrieb, und nun war bei nahe Mai. Drüben in
der Plantage belebte sich's schon wieder, und man hörte die Finken schlagen. Und
in derselben Woche war es auch, dass die Störche kamen, und einer schwebte
langsam über ihr Haus hin und liess sich dann auf einer Scheune nieder, die neben
Utpatels Mühle stand. Das war seine alte Raststätte. Auch über dies Ereignis
berichtete Effi, die jetzt überhaupt häufiger nach Hohen-Cremmen schrieb, und es
war in demselben Briefe, dass es am Schlusse hiess: »Etwas, meine liebe Mama,
hätte ich beinah vergessen: den neuen Landwehrbezirkskommandeur, den wir nun
schon beinah vier Wochen hier haben. Ja, haben wir ihn wirklich? Das ist die
Frage, und eine Frage von Wichtigkeit dazu, sosehr Du darüber lachen wirst und
auch lachen musst, weil Du den gesellschaftlichen Notstand nicht kennst, in dem
wir uns nach wie vor befinden. Oder wenigstens ich, die ich mich mit dem Adel
hier nicht gut zurechtfinden kann. Vielleicht meine Schuld. Aber das ist gleich.
Tatsache bleibt: Notstand, und deshalb sah ich, durch all diese Winterwochen
hin, dem neuen Bezirkskommandeur wie einem Trost- und Rettungsbringer entgegen.
Sein Vorgänger war ein Greuel, von schlechten Manieren und noch schlechteren
Sitten, und zum Überfluss auch noch immer schlecht bei Kasse. Wir haben all die
Zeit über unter ihm gelitten, Innstetten noch mehr als ich, und als wir Anfang
April hörten, Major von Crampas sei da, das ist nämlich der Name des neuen, da
fielen wir uns in die Arme, als könne uns nun nichts Schlimmes mehr in diesem
lieben Kessin passieren. Aber, wie schon kurz erwähnt, es scheint, trotzdem er
da ist, wieder nichts werden zu wollen. Crampas ist verheiratet, zwei Kinder von
zehn und acht Jahren, die Frau ein Jahr älter als er, also sagen wir
fünfundvierzig. Das wurde nun an und für sich nicht viel schaden, warum soll ich
mich nicht mit einer mütterlichen Freundin wundervoll unterhalten können? Die
Trippelli war auch nahe an Dreissig, und es ging ganz gut. Aber mit der Frau von
Crampas, übrigens keine Geborne, kann es nichts werden. Sie ist immer verstimmt,
beinahe melancholisch (ähnlich wie unsere Frau Kruse, an die sie mich überhaupt
erinnert), und das alles aus Eifersucht. Er, Crampas, soll nämlich ein Mann
vieler Verhältnisse sein, ein Damenmann, etwas, was mir immer lächerrlich ist und
mir auch in diesem Falle lächerrlich sein würde, wenn er nicht, um eben solcher
Dinge willen, ein Duell mit einem Kameraden gehabt hätte. Der linke Arm wurde
ihm dicht unter der Schulter zerschmettert, und man sieht es sofort, trotzdem
die Operation, wie mir Innstetten erzählt (ich glaube, sie nennen es Resektion,
damals noch von Wilms ausgeführt), als ein Meisterstück der Kunst gerühmt wurde.
Beide, Herr und Frau von Crampas, waren vor vierzehn Tagen bei uns, um uns ihren
Besuch zu machen; es war eine sehr peinliche Situation, denn Frau von Crampas
beobachtete ihren Mann so, dass er in eine halbe und ich in eine ganze
Verlegenheit kam. Dass er selbst sehr anders sein kann, ausgelassen und
übermütig, davon überzeugte ich mich, als er vor drei Tagen mit Innstetten
allein war und ich, von meinem Zimmer her, dem Gang ihrer Unterhaltung folgen
konnte. Nachher sprach auch ich ihn. Vollkommener Kavalier, ungewöhnlich
gewandt. Innstetten war während des Krieges in derselben Brigade mit ihm, und
sie haben sich im Norden von Paris bei Graf Gröben öfter gesehen. Ja, meine
liebe Mama, das wäre nun also etwas gewesen, um in Kessin ein neues Leben
beginnen zu können; er, der Major, hat auch nicht die pommerschen Vorurteile,
trotzdem er in Schwedisch-Pommern zu Hause sein soll. Aber die Frau! Ohne sie
geht es natürlich nicht und mit ihr erst recht nicht.«
Effi hatte ganz recht gehabt, und es kam wirklich zu keiner weiteren Annäherung
mit dem Crampasschen Paare. Man sah sich mal bei der Borckeschen Familie
draussen, ein andermal ganz flüchtig auf dem Bahnhof und wenige Tage später auf
einer Boot- und Vergnügungsfahrt, die nach einem am Breitling gelegenen grossen
Buchen- und Eichenwalde, der »der Schnatermann« hiess, gemacht wurde; es kam aber
über kurze Begrüssungen nicht hinaus, und Effi war froh, als Anfang Juni die
Saison sich ankündigte. Freilich fehlte es noch an Badegästen, die vor Johanni
überhaupt nur in Einzelexemplaren einzutreffen pflegten, aber schon die
Vorbereitungen waren eine Zerstreuung. In der Plantage wurden Karussell und
Scheibenstände hergerichtet, die Schiffersleute kalfaterten und strichen ihre
Boote, jede kleine Wohnung erhielt neue Gardinen, und die Zimmer, die feucht
lagen, also den Schwamm unter der Diele hatten, wurden ausgeschwefelt und dann
gelüftet.
    Auch in Effis eigener Wohnung, freilich um eines anderen Ankömmlings als der
Badegäste willen, war alles in einer gewissen Erregung; selbst Frau Kruse wollte
mittun, so gut es ging. Aber davor erschrak Effi lebhaft und sagte: »Geert, dass
nur die Frau Kruse nichts anfasst; da kann nichts werden, und ich ängstige mich
schon gerade genug.« Innstetten versprach auch alles, Christel und Johanna
hätten ja Zeit genug, und um seiner jungen Frau Gedanken überhaupt in eine
andere Richtung zu bringen, liess er das Tema der Vorbereitungen ganz fallen und
fragte statt dessen, ob sie denn schon bemerkt habe, dass drüben ein Badegast
eingezogen sei, nicht gerade der erste, aber doch einer der ersten.
    »Ein Herr?«
    »Nein, eine Dame, die schon früher hier war, jedesmal in derselben Wohnung.
Und sie kommt immer so früh, weil sie's nicht leiden kann, wenn alles schon so
voll ist.«
    »Das kann ich ihr nicht verdenken. Und wer ist es denn?«
    »Die verwitwete Registrator Rode.«
    »Sonderbar. Ich habe mir Registratorwitwen immer arm gedacht.«
    »Ja«, lachte Innstetten, »das ist die Regel. Aber hier hast du eine
Ausnahme. Jedenfalls hat sie mehr als ihre Witwenpension. Sie kommt immer mit
viel Gepäck, unendlich viel mehr, als sie gebraucht, und scheint überhaupt eine
ganz eigene Frau, wunderlich, kränklich und namentlich schwach auf den Füssen.
Sie misstraut sich deshalb auch und hat immer eine ältliche Dienerin um sich, die
kräftig genug ist, sie zu schützen oder sie zu tragen, wenn ihr was passiert.
Diesmal hat sie eine neue. Aber doch auch wieder eine ganz ramassierte Person,
ähnlich wie die Trippelli, nur noch stärker.«
    »Oh, die hab ich schon gesehen. Gute braune Augen, die einen treu und
zuversichtlich ansehen. Aber ein klein bisschen dumm.«
    »Richtig, das ist sie.«
Das war Mitte Juni, dass Innstetten und Effi dies Gespräch hatten. Von da ab
brachte jeder Tag Zuzug, und nach dem Bollwerk hin spazierengehen, um daselbst
die Ankunft des Dampfschiffes abzuwarten, wurde, wie immer um diese Zeit, eine
Art Tagesbeschäftigung für die Kessiner. Effi freilich, weil Innstetten sie
nicht begleiten konnte, musste darauf verzichten, aber sie hatte doch wenigstens
die Freude, die nach dem Strand und dem Strandhotel hinausführende, sonst so
menschenleere Strasse sich beleben zu sehen, und war denn auch, um immer wieder
Zeuge davon zu sein, viel mehr als sonst in ihrem Schlafzimmer, von dessen
Fenstern aus sich alles am besten beobachten liess. Johanna stand dann neben ihr
und gab Antwort auf ziemlich alles, was sie wissen wollte; denn da die meisten
alljährlich wiederkehrende Gäste waren, so konnte das Mädchen nicht bloss die
Namen nennen, sondern mitunter auch eine Geschichte dazu geben.
    Das alles war unterhaltlich und erheiternd für Effi. Grade am Johannistage
aber traf es sich, dass kurz vor elf Uhr vormittags, wo sonst der Verkehr vom
Dampfschiff her am buntesten vorüberflutete, statt der mit Ehepaaren, Kindern
und Reisekoffern besetzten Droschken, aus der Mitte der Stadt her, ein
schwarzverhangener Wagen (dem sich zwei Trauerkutschen anschlossen) die zur
Plantage führende Strasse herunterkam und vor dem der landrätlichen Wohnung
gegenüber gelegenen Hause hielt. Die verwitwete Frau Registrator Rode war
nämlich drei Tage vorher gestorben, und nach Eintreffen der in aller Kürze
benachrichtigten Berliner Verwandten war seitens eben dieser beschlossen worden,
die Tote nicht nach Berlin hin überführen, sondern auf dem Kessiner
Dünenkirchhof begraben zu wollen. Effi stand am Fenster und sah neugierig auf
die sonderbar feierliche Szene, die sich drüben abspielte. Die zum Begräbnis von
Berlin her Eingetroffenen waren zwei Neffen mit ihren Frauen, alle gegen
vierzig, etwas mehr oder weniger, und von beneidenswert gesunder Gesichtsfarbe.
Die Neffen, in gutsitzenden Fracks, konnten passieren, und die nüchterne
Geschäftsmässigkeit, die sich in ihrem gesamten Tun ausdrückte, war im Grunde
mehr kleidsam als störend. Aber die beiden Frauen! Sie waren ganz ersichtlich
bemüht, den Kessinern zu zeigen, was eigentlich Trauer sei, und trugen denn auch
lange, bis an die Erde reichende schwarze Kreppschleier, die zugleich ihr
Gesicht verhüllten. Und nun wurde der Sarg, auf dem einige Kränze und sogar ein
Palmenwedel lagen, auf den Wagen gestellt, und die beiden Ehepaare setzten sich
in die Kutschen. In die erste - gemeinschaftlich mit dem einen der beiden
leidtragenden Paare - stieg auch Lindequist, hinter der zweiten Kutsche aber
ging die Hauswirtin und neben dieser die stattliche Person, die die Verstorbene
zur Aushülfe mit nach Kessin gebracht hatte. Letztere war sehr aufgeregt und
schien durchaus ehrlich darin, wenn dies Aufgeregtsein auch vielleicht nicht
gerade Trauer war; der sehr heftig schluchzenden Hauswirtin aber, einer Witwe,
sah man dagegen fast allzu deutlich an, dass sie sich beständig die Möglichkeit
eines Extrageschenkes berechnete, trotzdem sie in der bevorzugten und von
anderen Wirtinnen auch sehr beneideten Lage war, die für den ganzen Sommer
vermietete Wohnung noch einmal vermieten zu können.
    Effi, als der Zug sich in Bewegung setzte, ging in ihren hinter dem Hofe
gelegenen Garten, um hier, zwischen den Buchsbaumbeeten, den Eindruck des Lieb-
und Leblosen, den die ganze Szene drüben auf sie gemacht hatte, wieder
loszuwerden. Als dies aber nicht glücken wollte, kam ihr die Lust, statt ihrer
eintönigen Gartenpromenade lieber einen weiteren Spaziergang zu machen, und zwar
um so mehr, als ihr der Arzt gesagt hatte, viel Bewegung im Freien sei das
Beste, was sie, bei dem, was ihr bevorstände, tun könne. Johanna, die mit im
Garten war, brachte ihr denn auch Umhang, Hut und Entoutcas, und mit einem
freundlichen »Guten Tag« trat Effi aus dem Hause heraus und ging auf das
Wäldchen zu, neben dessen breitem chaussierten Mittelweg ein schmalerer Fusssteig
auf die Dünen und das am Strand gelegene Hotel zulief. Unterwegs standen Bänke,
von denen sie jede benutzte, denn das Gehen griff sie an, und um so mehr, als
inzwischen die heisse Mittagsstunde herangekommen war. Aber wenn sie sass und von
ihrem bequemen Platz aus die Wagen und die Damen in Toilette beobachtete, die da
hinausfuhren, so belebte sie sich wieder. Denn Heiteres sehen war ihr wie
Lebensluft. Als das Wäldchen aufhörte, kam freilich noch eine allerschlimmste
Wegstelle, Sand und wieder Sand und nirgends eine Spur von Schatten; aber
glücklicherweise waren hier Bohlen und Bretter gelegt, und so kam sie, wenn auch
erhitzt und müde, doch in guter Laune bei dem Strandhotel an. Drinnen im Saal
wurde schon gegessen, aber hier draussen um sie her war alles still und leer, was
ihr in diesem Augenblicke denn auch das liebste war. Sie liess sich ein Glas
Sherry und eine Flasche Biliner Wasser bringen und sah auf das Meer hinaus, das
im hellen Sonnenlichte schimmerte, während es am Ufer in kleinen Wellen
brandete. »Da drüben liegt Bornholm und dahinter Wisby, wovon mir Jahnke vor
Zeiten immer Wunderdinge vorschwärmte. Wisby ging ihm fast noch über Lübeck und
Wullenweber. Und hinter Wisby kommt Stockholm, wo das Stockholmer Blutbad war,
und dann kommen die grossen Ströme und dann das Nordkap und dann die
Mitternachtssonne.« Und im Augenblick erfasste sie eine Sehnsucht, das alles zu
sehen. Aber dann gedachte sie wieder dessen, was ihr so nahe bevorstand, und sie
erschrak fast. »Es ist eine Sünde, dass ich so leichtsinnig bin und solche
Gedanken habe und mich wegträume, während ich doch an das Nächste denken müsste.
Vielleicht bestraft es sich auch noch, und alles stirbt hin, das Kind und ich.
Und der Wagen und die zwei Kutschen, die halten dann nicht drüben vor dem Hause,
die halten dann bei uns... Nein, nein, ich mag hier nicht sterben, ich will hier
nicht begraben sein, ich will nach Hohen-Cremmen. Und Lindequist, so gut er ist
- aber Niemeier ist mir lieber; er hat mich getauft und eingesegnet und getraut,
und Niemeier soll mich auch begraben.« Und dabei fiel eine Träne auf ihre Hand.
Dann aber lachte sie wieder. »Ich lebe ja noch und bin erst siebzehn, und
Niemeier ist siebenundfünfzig.«
    In dem Esssaal hörte sie das Geklapper des Geschirrs. Aber mit einem Male war
es ihr, als ob die Stühle geschoben würden; vielleicht stand man schon auf, und
sie wollte jede Begegnung vermeiden. So erhob sie sich auch ihrerseits rasch
wieder von ihrem Platz, um auf einem Umweg nach der Stadt zurückzukehren. Dieser
Umweg führte sie dicht an dem Dünenkirchhof vorüber, und weil der Torweg des
Kirchhofs gerade offenstand, trat sie ein. Alles blühte hier, Schmetterlinge
flogen über die Gräber hin, und hoch in den Lüften standen ein paar Möwen. Es
war so still und schön, und sie hätte hier gleich bei den ersten Gräbern
verweilen mögen; aber weil die Sonne mit jedem Augenblick heisser niederbrannte,
ging sie höher hinauf, auf einen schattigen Gang zu, den Hängeweiden und etliche
an den Gräbern stehende Trauereschen bildeten. Als sie bis an das Ende dieses
Ganges gekommen, sah sie zur Rechten einen frisch aufgeworfenen Sandhügel, mit
vier, fünf Kränzen darauf, und dicht daneben eine schon ausserhalb der Baumreihe
stehende Bank, darauf die gute, robuste Person sass, die, an der Seite der
Hauswirtin, dem Sarge der verwitweten Registratorin als letzte Leidtragende
gefolgt war. Effi erkannte sie sofort wieder und war in ihrem Herzen bewegt, die
gute, treue Person, denn dafür musste sie sie halten, in sengender Sonnenhitze
hier vorzufinden. Seit dem Begräbnis waren wohl an zwei Stunden vergangen.
    »Es ist eine heisse Stelle, die Sie sich da ausgesucht haben«, sagte Effi,
»viel zu heiss. Und wenn ein Unglück kommen soll, dann haben Sie den
Sonnenstich.«
    »Das wär auch das beste.«
    »Wie das?«
    »Dann wär ich aus der Welt.«
    »Ich meine, das darf man nicht sagen, auch wenn man unglücklich ist oder
wenn einem wer gestorben ist, den man liebhatte. Sie hatten sie wohl sehr lieb?«
    »Ich? Die? I, Gott bewahre.«
    »Sie sind aber doch sehr traurig. Das muss doch einen Grund haben.«
    »Den hat es auch, gnädigste Frau.«
    »Kennen Sie mich?«
    »Ja. Sie sind die Frau Landrätin von drüben. Und ich habe mit der Alten
immer von Ihnen gesprochen. Zuletzt konnte sie nicht mehr, weil sie keine rechte
Luft mehr hatte, denn es sass ihr hier und wird wohl Wasser gewesen sein; aber
solange sie noch reden konnte, redete sie immerzu. Es war 'ne richtige
Berlinsche...«
    »Gute Frau?«
    »Nein; wenn ich das sagen wollte, müsst ich lügen. Da liegt sie nun, und man
soll von einem Toten nichts Schlimmes sagen, und erst recht nicht, wenn er so
kaum seine Ruhe hat. Na, die wird sie ja wohl haben! Aber sie taugte nichts und
war zänkisch und geizig, und für mich hat sie auch nicht gesorgt. Und die
Verwandtschaft, die da gestern von Berlin gekommen... gezankt haben sie sich bis
in die sinkende Nacht..., na, die taugt auch nichts, die taugt erst recht
nichts. Lauter schlechtes Volk, happig und gierig und harterzig, und haben mir
barsch und unfreundlich und mit allerlei Redensarten meinen Lohn ausgezahlt,
bloss weil sie mussten und weil es bloss noch sechs Tage sind bis zum
Vierteljahrsersten. Sonst hätte ich nichts gekriegt; oder bloss halb oder bloss
ein Viertel. Nichts aus freien Stücken. Und einen eingerissenen Fünfmarkschein
haben sie mir gegeben, dass ich nach Berlin zurückreisen kann; na, es reicht so
gerade für die vierte Klasse, und ich werde wohl auf meinem Koffer sitzen
müssen. Aber ich will auch gar nicht; ich will hier sitzen bleiben und warten,
bis ich sterbe... Gott, ich dachte nun mal Ruhe zu haben und hätte auch
ausgehalten bei der Alten. Und nun ist es wieder nichts, und soll mich wieder
rumstossen lassen. Und katolsch bin ich auch noch. Ach, ich hab es satt und läg
am liebsten, wo die Alte liegt, und sie könnte meinetwegen weiterleben... Sie
hätte gerne noch weitergelebt; solche Menschenschikanierer, die nich mal Luft
haben, die leben immer am liebsten.«
    Rollo, der Effi begleitet hatte, hatte sich mittlerweile vor die Person
hingesetzt, die Zunge weit heraus, und sah sie an. Als sie jetzt schwieg, erhob
er sich, ging einen Schritt vor und legte seinen Kopf auf ihre Knie.
    Mit einem Male war die Person wie verwandelt. »Gott, das bedeutet mir was.
Da is ja 'ne Kreatur, die mich leiden kann, die mich freundlich ansieht und
ihren Kopf auf meine Knie legt. Gott, das ist lange her, dass ich so was gehabt
habe. Nun, mein Alterchen, wie heisst du denn? Du bist ja ein Prachtkerl.«
    »Rollo«, sagte Effi.
    »Rollo; das ist sonderbar. Aber der Name tut nichts. Ich habe auch einen
sonderbaren Namen, das heisst Vornamen. Und einen andern hat unsereins ja nicht.«
    »Wie heissen Sie denn?«
    »Ich heisse Roswita.«
    »Ja, das ist selten, das ist ja...«
    »Ja, ganz recht, gnädige Frau, das ist ein katolscher Name. Und das kommt
auch noch dazu, dass ich eine Katolsche bin. Aus 'm Eichsfeld. Und das
Katolsche, das macht es einem immer noch schwerer und saurer. Viele wollen
keine Katolsche, weil sie soviel in die Kirche rennen. Immer in die Beichte;
und die Hauptsache sagen sie doch nich - Gott, wie oft hab ich das hören müssen,
erst als ich in Giebichenstein im Dienst war und dann in Berlin. Ich bin aber
eine schlechte Katolikin und bin ganz davon abgekommen, und vielleicht geht es
mir deshalb so schlecht; ja, man darf nich von seinem Glauben lassen und muss
alles ordentlich mitmachen.«
    »Roswita«, wiederholte Effi den Namen und setzte sich zu ihr auf die Bank.
»Was haben Sie nun vor?«
    »Ach, gnäd'ge Frau, was soll ich vorhaben. Ich habe gar nichts vor. Wahr und
wahrhaftig, ich möchte hier sitzen bleiben und warten, bis ich tot umfalle. Das
wär mir das liebste. Und dann würden die Leute noch denken, ich hätte die Alte
so geliebt wie ein treuer Hund und hätte von ihrem Grabe nicht weg gewollt und
wäre da gestorben. Aber das ist falsch, für solche Alte stirbt man nicht; ich
will bloss sterben, weil ich nicht leben kann.«
    »Ich will Sie was fragen, Roswita. Sind Sie, was man so kinderlieb nennt?
Waren Sie schon mal bei kleinen Kindern?«
    »Gewiss, war ich. Das ist ja mein Bestes und Schönstes. Solche alte
Berlinsche - Gott verzeih mir die Sünde, denn sie ist nun tot und steht vor
Gottes Tron und kann mich da verklagen -, solche Alte, wie die da, ja, das ist
schrecklich, was man da alles tun muss, und steht einem hier vor Brust und Magen,
aber solch kleines, liebes Ding, solch Dingelchen wie 'ne Puppe, das einen mit
seinen Guckäugelchen ansieht, ja, das ist was, da geht einem das Herz auf. Als
ich in Halle war, da war ich Amme bei der Frau Salzdirektorin, und in
Giebichenstein, wo ich nachher hinkam, da hab ich Zwillinge mit der Flasche
grossgezogen; ja, gnäd'ge Frau, das versteh ich, da drin bin ich wie zu Hause.«
    »Nun, wissen Sie was, Roswita, Sie sind eine gute, treue Person, das seh
ich Ihnen an, ein bisschen gradezu, aber das schadet nichts, das sind mitunter
die Besten, und ich habe gleich ein Zutrauen zu Ihnen gefasst. Wollen Sie mit zu
mir kommen? Mir ist, als hätte Gott Sie mir geschickt. Ich erwarte nun bald ein
Kleines, Gott gebe mir seine Hülfe dazu, und wenn das Kind da ist, dann muss es
gepflegt und abgewartet werden und vielleicht auch gepäppelt. Man kann das ja
nicht wissen, wiewohl ich es anders wünsche. Was meinen Sie, wollen Sie mit zu
mir kommen? Ich kann mir nicht denken, dass ich mich in Ihnen irre.«
    Roswita war aufgesprungen und hatte die Hand der jungen Frau ergriffen und
küsste sie mit Ungestüm. »Ach, es ist doch ein Gott im Himmel, und wenn die Not
am grössten ist, ist die Hülfe am nächsten. Sie sollen sehn, gnäd'ge Frau, es
geht; ich bin eine ordentliche Person und habe gute Zeugnisse. Das können Sie
sehn, wenn ich Ihnen mein Buch bringe. Gleich den ersten Tag, als ich die
gnäd'ge Frau sah, da dacht ich: Ja, wenn du mal solchen Dienst hättest. Und nun
soll ich ihn haben. O du lieber Gott, o du heil'ge Jungfrau Maria, wer mir das
gesagt hätte, wie wir die Alte hier unter der Erde hatten und die Verwandten
machten, dass sie wieder fortkamen, und mich hier sitzenliessen.«
    »Ja, unverhofft kommt oft, Roswita, und mitunter auch im guten. Und nun
wollen wir gehen. Rollo wird schon ungeduldig und läuft immer auf das Tor zu.«
    Roswita war gleich bereit, trat aber noch einmal an das Grab, brummelte was
vor sich hin und machte ein Kreuz. Und dann gingen sie den schattigen Gang
hinunter und wieder auf das Kirchhofstor zu.
    Drüben lag die eingegitterte Stelle, deren weisser Stein in der
Nachmittagssonne blinkte und blitzte. Effi konnte jetzt ruhiger hinsehen. Eine
Weile noch führte der Weg zwischen Dünen hin, bis sie, dicht vor Utpatels Mühle,
den Aussenrand des Wäldchens erreichte. Da bog sie links ein, und unter Benutzung
einer schräglaufenden Allee, die die »Reeperbahn« hiess, ging sie mit Roswita
auf die landrätliche Wohnung zu.
 
                              Vierzehntes Kapitel
Keine Viertelstunde, so war die Wohnung erreicht. Als beide hier in den kühlen
Flur traten, war Roswita beim Anblick all des Sonderbaren, das da umherhing,
wie befangen; Effi aber liess sie nicht zu weiteren Betrachtungen kommen und
sagte: »Roswita, nun gehen Sie da hinein. Das ist das Zimmer, wo wir schlafen.
Ich will erst zu meinem Manne nach dem Landratsamt hinüber - das grosse Haus da
neben dem kleinen, in dem Sie gewohnt haben - und will ihm sagen, dass ich Sie
zur Pflege haben möchte bei dem Kinde. Er wird wohl mit allem einverstanden
sein, aber ich muss doch erst seine Zustimmung haben. Und wenn ich die habe, dann
müssen wir ihn ausquartieren, und Sie schlafen mit mir in dem Alkoven. Ich
denke, wir werden uns schon vertragen.«
    Innstetten, als er erfuhr, um was sich's handle, sagte rasch und in guter
Laune: »Das hast du recht gemacht, Effi, und wenn ihr Gesindebuch nicht zu
schlimme Sachen sagt, so nehmen wir sie auf ihr gutes Gesicht hin. Es ist doch,
Gott sei Dank, selten, dass einen das täuscht.«
    Effi war sehr glücklich, sowenig Schwierigkeiten zu begegnen, und sagte:
»Nun wird es gehen. Ich fürchte mich jetzt nicht mehr.«
    »Um was, Effi?«
    »Ach, du weisst ja... Aber Einbildungen sind das schlimmste, mitunter
schlimmer als alles.«
Roswita zog in selbiger Stunde noch mit ihren paar Habseligkeiten in das
landrätliche Haus hinüber und richtete sich in dem kleinen Alkoven ein. Als der
Tag um war, ging sie früh zu Bett und schlief, ermüdet wie sie war, gleich ein.
    Am andern Morgen erkundigte sich Effi - die seit einiger Zeit (denn es war
gerade Vollmond) wieder in Ängsten lebte -, wie Roswita geschlafen und ob sie
nichts gehört habe.
    »Was?« fragte diese.
    »Oh, nichts. Ich meine nur so; so was, wie wenn ein Besen fegt oder wie wenn
einer über die Diele schlittert.«
    Roswita lachte, was auf ihre junge Herrin einen besonders guten Eindruck
machte. Effi war fest protestantisch erzogen und würde sehr erschrocken gewesen
sein, wenn man an und in ihr was Katolisches entdeckt hätte; trotzdem glaubte
sie, dass der Katolizismus uns gegen solche Dinge »wie da oben« besser schütze;
ja, diese Betrachtung hatte bei dem Plane, Roswita ins Haus zu nehmen, ganz
erheblich mitgewirkt.
    Man lebte sich schnell ein, denn Effi hatte ganz den liebenswürdigen Zug der
meisten märkischen Landfräulein, sich gern allerlei kleine Geschichten erzählen
zu lassen, und die verstorbene Frau Registratorin und ihr Geiz und ihre Neffen
und deren Frauen boten einen unerschöpflichen Stoff. Auch Johanna hörte dabei
gerne zu.
    Diese, wenn Effi bei den drastischen Stellen oft laut lachte, lächelte
freilich und verwunderte sich im stillen, dass die gnädige Frau an all dem dummen
Zeuge soviel Gefallen finde; diese Verwunderung aber, die mit einem starken
Überlegenheitsgefühle Hand in Hand ging, war doch auch wieder ein Glück und
sorgte dafür, dass keine Rangstreitigkeiten aufkommen konnten. Roswita war
einfach die komische Figur, und Neid gegen sie zu hegen wäre für Johanna nichts
anderes gewesen, wie wenn sie Rollo um seine Freundschaftsstellung beneidet
hätte.
    So verging eine Woche, plauderhaft und beinahe gemütlich, weil Effi dem, was
ihr persönlich bevorstand, ungeängstigter als früher entgegensah. Auch glaubte
sie nicht, dass es so nahe sei. Den neunten Tag aber war es mit dem Plaudern und
den Gemütlichkeiten vorbei; da gab es ein Laufen und Rennen, Innstetten selbst
kam ganz aus seiner gewohnten Reserve heraus, und am Morgen des 3. Juli stand
neben Effis Bett eine Wiege. Doktor Hannemann patschelte der jungen Frau die
Hand und sagte: »Wir haben heute den Tag von Königgrätz; schade, dass es ein
Mädchen ist. Aber das andere kann ja nachkommen, und die Preussen haben viele
Siegestage.« Roswita mochte wohl Ähnliches denken, freute sich indessen
vorläufig ganz uneingeschränkt über das, was da war, und nannte das Kind ohne
weiteres »Lütt-Annie«, was der jungen Mutter als ein Zeichen galt. »Es müsse
doch wohl eine Eingebung gewesen sein, dass Roswita gerade auf diesen Namen
gekommen sei.« Selbst Innstetten wusste nichts dagegen zu sagen, und so wurde
schon von Klein-Annie gesprochen, lange bevor der Tauftag da war. Effi, die von
Mitte August an bei den Eltern in Hohen-Cremmen sein wollte, hätte die Taufe
gern bis dahin verschoben. Aber es liess sich nicht tun; Innstetten konnte nicht
Urlaub nehmen, und so wurde denn der 15. August, trotzdem es der Napoleonstag
war (was denn auch von seiten einiger Familien beanstandet wurde), für diesen
Taufakt festgesetzt, natürlich in der Kirche. Das sich anschliessende Festmahl,
weil das landrätliche Haus keinen Saal hatte, fand in dem grossen
Ressourcen-Hotel am Bollwerk statt, und der gesamte Nachbaradel war geladen und
auch erschienen. Pastor Lindequist liess Mutter und Kind in einem liebenswürdigen
und allseitig bewunderten Toaste leben, bei welcher Gelegenheit Sidonie von
Grasenabb zu ihrem Nachbar, einem adligen Assessor von der strengen Richtung,
bemerkte: »Ja, seine Kasualreden, das geht. Aber seine Predigten kann er vor
Gott und Menschen nicht verantworten; er ist ein Halber, einer von denen, die
verworfen sind, weil sie lau sind. Ich mag das Bibelwort hier nicht wörtlich
zitieren.« Gleich danach nahm auch der alte Herr von Borcke das Wort, um
Innstetten leben zu lassen. »Meine Herrschaften, es sind schwere Zeiten, in
denen wir leben, Auflehnung, Trotz, Indisziplin, wohin wir blicken. Aber solange
wir noch Männer haben, und ich darf hinzusetzen, Frauen und Mütter« (und hierbei
verbeugte er sich mit einer eleganten Handbewegung gegen Effi), »...solange wir
noch Männer haben wie Baron Innstetten, den ich stolz bin meinen Freund nennen
zu dürfen, so lange geht es noch, so lange hält unser altes Preussen noch. Ja,
meine Freunde, Pommern und Brandenburg, damit zwingen wir's und zertreten dem
Drachen der Revolution das giftige Haupt. Fest und treu, so siegen wir. Die
Katoliken, unsere Brüder, die wir, auch wenn wir sie bekämpfen, achten müssen,
haben den Felsen Petri, wir aber haben den Rocher de bronze. Baron Innstetten,
er lebe hoch!« Innstetten dankte ganz kurz. Effi sagte zu dem neben ihr
sitzenden Major von Crampas: Das mit dem »Felsen Petri« sei wahrscheinlich eine
Huldigung gegen Roswita gewesen; sie werde nachher an den alten Justizrat
Gadebusch herantreten und ihn fragen, ob er nicht ihrer Meinung sei. Crampas
nahm diese Bemerkung unerklärlicherweise für Ernst und riet von einer Anfrage
bei dem Justizrat ab, was Effi ungemein erheiterte. »Ich habe Sie doch für einen
besseren Seelenleser gehalten.«
    »Ach, meine Gnädigste, bei schönen, jungen Frauen, die noch nicht achtzehn
sind, scheitert alle Lesekunst.«
    »Sie verderben sich vollends, Major. Sie können mich eine Grossmutter nennen,
aber Anspielungen darauf, dass ich noch nicht achtzehn bin, das kann Ihnen nie
verziehen werden.«
    Als man von Tisch aufgestanden war, kam der Spätnachmittags-Dampfer die
Kessine herunter und legte an der Landungsbrücke, gegenüber dem Hotel, an. Effi
sass mit Crampas und Gieshübler beim Kaffee, alle Fenster auf, und sah dem
Schauspiel drüben zu. »Morgen früh um neun führt mich dasselbe Schiff den Fluss
hinauf, und zu Mittag bin ich in Berlin, und am Abend bin ich in Hohen-Cremmen,
und Roswita geht neben mir und hält das Kind auf dem Arme. Hoffentlich schreit
es nicht. Ach, wie mir schon heute zumute ist! Lieber Gieshübler, sind Sie auch
mal so froh gewesen, Ihr elterliches Haus wiederzusehen?«
    »Ja, ich kenne das auch, gnädigste Frau. Nur bloss ich brachte kein Anniechen
mit, weil ich keins hatte.«
    »Kommt noch«, sagte Crampas. »Stossen Sie an, Gieshübler; Sie sind der
einzige vernünftige Mensch hier.«
    »Aber, Herr Major, wir haben ja bloss noch den Cognac.«
    »Desto besser.«
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Mitte August war Effi abgereist, Ende September war sie wieder in Kessin.
Manchmal in den zwischenliegenden sechs Wochen hatte sie's zurückverlangt; als
sie aber wieder da war und in den dunklen Flur eintrat, auf den nur von der
Treppenstiege her ein etwas fahles Licht fiel, wurde ihr mit einemmal wieder
bang, und sie sagte leise: »Solch fahles, gelbes Licht gibt es in Hohen-Cremmen
gar nicht.«
    Ja, ein paarmal, während ihrer Hohen-Cremmer Tage, hatte sie Sehnsucht nach
dem »verwunschenen Hause« gehabt, alles in allem aber war ihr doch das Leben
daheim voller Glück und Zufriedenheit gewesen. Mit Hulda freilich, die's nicht
verwinden konnte, noch immer auf Mann oder Bräutigam warten zu müssen, hatte sie
sich nicht recht stellen können, desto besser dagegen mit den Zwillingen, und
mehr als einmal, wenn sie mit ihnen Ball oder Krocket gespielt hatte, war ihr's
ganz aus dem Sinn gekommen, überhaupt verheiratet zu sein. Das waren dann
glückliche Viertelstunden gewesen. Am liebsten aber hatte sie wie früher auf dem
durch die Luft fliegenden Schaukelbrett gestanden und, in dem Gefühle: »Jetzt
stürz ich«, etwas eigentümlich Prickelndes, einen Schauer süsser Gefahr
empfunden. Sprang sie dann schliesslich von der Schaukel ab, so begleitete sie
die beiden Mädchen bis an die Bank vor dem Schulhause und erzählte, wenn sie da
sassen, dem alsbald hinzukommenden alten Jahnke von ihrem Leben in Kessin, das
halb hanseatisch und halb skandinavisch und jedenfalls sehr anders als in
Schwantikow und Hohen-Cremmen sei.
    Das waren so die täglichen kleinen Zerstreuungen, an die sich gelegentlich
auch Fahrten in das sommerliche Luch schlossen, meist im Jagdwagen; allem voran
aber standen für Effi doch die Plaudereien, die sie beinahe jeden Morgen mit der
Mama hatte. Sie sassen dann oben in der luftigen, grossen Stube, Roswita wiegte
das Kind und sang in einem türingischen Platt allerlei Wiegenlieder, die
niemand recht verstand, vielleicht sie selber nicht; Effi und Frau von Briest
aber rückten ans offene Fenster und sahen, während sie sprachen, auf den Park
hinunter, auf die Sonnenuhr oder auf die Libellen, die beinahe regungslos über
dem Teich standen, oder auch auf den Fliesengang, wo Herr von Briest neben dem
Treppenvorbau sass und die Zeitungen las. Immer wenn er umschlug, nahm er zuvor
den Kneifer ab und grüsste zu Frau und Tochter hinauf. Kam dann das letzte Blatt
an die Reihe, das in der Regel der »Anzeiger fürs Havelland« war, so ging Effi
hinunter, um sich entweder zu ihm zu setzen oder um mit ihm durch Garten und
Park zu schlendern. Einmal bei solcher Gelegenheit traten sie, von dem Kieswege
her, an ein kleines, zur Seite stehendes Denkmal heran, das schon Briests
Grossvater zur Erinnerung an die Schlacht von Waterloo hatte aufrichten lassen,
eine verrostete Pyramide mit einem gegossenen Blücher in Front und einem dito
Wellington auf der Rückseite.
    »Hast du nun solche Spaziergänge auch in Kessin«, sagte Briest, »und
begleitet dich Innstetten auch und erzählt dir allerlei?«
    »Nein, Papa, solche Spaziergänge habe ich nicht. Das ist ausgeschlossen,
denn wir haben bloss einen kleinen Garten hinter dem Hause der eigentlich kaum
ein Garten ist, bloss ein paar Buchsbaumrabatten und Gemüsebeete mit drei, vier
Obstbäumen drin. Innstetten hat keinen Sinn dafür und denkt wohl auch nicht sehr
lange mehr in Kessin zu bleiben.«
    »Aber Kind, du musst doch Bewegung haben und frische Luft, daran bist du doch
gewöhnt.«
    »Hab ich auch. Unser Haus liegt an einem Wäldchen, das sie die Plantage
nennen. Und da geh ich denn viel spazieren und Rollo mit mir.«
    »Immer Rollo«, lachte Briest. »Wenn man's nicht anders wüsste, so sollte man
beinah glauben, Rollo sei dir mehr ans Herz gewachsen als Mann und Kind.«
    »Ach, Papa, das wäre ja schrecklich, wenn's auch freilich - soviel muss ich
zugeben - eine Zeit gegeben hat, wo's ohne Rollo gar nicht gegangen wäre. Das
war damals... nun, du weisst schon... Da hat er mich so gut wie gerettet, oder
ich habe mir's wenigstens eingebildet, und seitdem ist er mein guter Freund und
mein ganz besonderer Verlass. Aber er ist doch bloss ein Hund. Und erst kommen
doch natürlich die Menschen.«
    »Ja, das sagt man immer, aber ich habe da doch so meine Zweifel. Das mit der
Kreatur, damit hat's doch seine eigene Bewandtnis, und was da das Richtige ist,
darüber sind die Akten noch nicht geschlossen. Glaube mir, Effi, das ist auch
ein weites Feld. Wenn ich mir so denke, da verunglückt einer auf dem Wasser oder
gar auf dem schülbrigen Eis, und solch ein Hund, sagen wir so einer wie dein
Rollo, ist dabei, ja, der ruht nicht eher, als bis er den Verunglückten wieder
an Land hat. Und wenn der Verunglückte schon tot ist, dann legt er sich neben
den Toten hin und blafft und winselt so lange, bis wer kommt, und wenn keiner
kommt, dann bleibt er bei dem Toten liegen, bis er selber tot ist. Und das tut
solch Tier immer. Und nun nimm dagegen die Menschheit! Gott, vergib mir die
Sünde, aber mitunter ist mir's doch, als ob die Kreatur besser wäre als der
Mensch.«
    »Aber, Papa, wenn ich das Innstetten wiedererzählte...«
    »Nein, das tu lieber nicht, Effi...«
    »Rollo würde mich ja natürlich retten, aber Innstetten würde mich auch
retten. Er ist ja ein Mann von Ehre.«
    »Das ist er.«
    »Und liebt mich.«
    »Versteht sich, versteht sich. Und wo Liebe ist, da ist auch Gegenliebe. Das
ist nun mal so. Mich wundert nur, dass er nicht mal Urlaub genommen hat und
rübergefljetzt ist. Wenn man eine so junge Frau hat...«
    Effi errötete, weil sie geradeso dachte. Sie mochte es aber nicht einräumen.
»Innstetten ist so gewissenhaft und will, glaub ich, gut angeschrieben sein und
hat so seine Pläne für die Zukunft; Kessin ist doch bloss eine Station. Und dann
am Ende, ich lauf ihm ja nicht fort. Er hat mich ja. Wenn man zu zärtlich ist...
und dazu der Unterschied der Jahre..., da lächeln die Leute bloss.«
    »Ja, das tun sie, Effi. Aber darauf muss man's ankommen lassen. Übrigens sage
nichts darüber, auch nicht zu Mama. Es ist so schwer, was man tun und lassen
soll. Das ist auch ein weites Feld.«
Gespräche wie diese waren während Effis Besuch im elterlichen Hause mehr als
einmal geführt worden, hatten aber glücklicherweise nicht lange nachgewirkt, und
ebenso war auch der etwas melancholische Eindruck rasch verflogen, den das erste
Wiederbetreten ihres Kessiner Hauses auf Effi gemacht hatte. Innstetten zeigte
sich voll kleiner Aufmerksamkeiten, und als der Tee genommen und alle Stadt- und
Liebesgeschichten in heiterster Stimmung durchgesprochen waren, hing sich Effi
zärtlich an seinen Arm, um drüben ihre Plaudereien mit ihm fortzusetzen und noch
einige Anekdoten von der Trippelli zu hören, die neuerdings wieder mit
Gieshübler in einer lebhaften Korrespondenz gestanden hatte, was immer
gleichbedeutend mit einer neuen Belastung ihres nie ausgeglichenen Kontos war.
Effi war bei diesem Gespräch sehr ausgelassen, fühlte sich ganz als junge Frau
und war froh, die nach der Gesindestube hin ausquartierte Roswita auf
unbestimmte Zeit los zu sein.
    Am anderen Morgen sagte sie: »Das Wetter ist schön und mild, und ich hoffe,
die Veranda nach der Plantage hinaus ist noch in gutem Stande und wir können uns
ins Freie setzen und da das Frühstück nehmen. In unsere Zimmer kommen wir
ohnehin noch früh genug, und der Kessiner Winter ist wirklich um vier Wochen zu
lang.«
    Innstetten war sehr einverstanden. Die Veranda, von der Effi gesprochen und
die vielleicht richtiger ein Zelt genannt worden wäre, war schon im Sommer
hergerichtet worden, drei, vier Wochen vor Effis Abreise nach Hohen-Cremmen, und
bestand aus einem grossen gedielten Podium, vorn offen, mit einer mächtigen
Markise zu Häupten, während links und rechts breite Leinwandvorhänge waren, die
sich mit Hülfe von Ringen an einer Eisenstange hin und her schieben liessen. Es
war ein reizender Platz, den ganzen Sommer über von allen Badegästen, die hier
vorüber mussten, bewundert.
    Effi hatte sich in einen Schaukelstuhl gelehnt und sagte, während sie das
Kaffeebrett von der Seite her ihrem Manne zuschob: »Geert, du könntest heute den
liebenswürdigen Wirt machen; ich für mein Teil find es so schön in diesem
Schaukelstuhl, dass ich nicht aufstehen mag. Also strenge dich an, und wenn du
dich recht freust, mich wieder hierzuhaben, so werd ich mich auch zu
revanchieren wissen.« Und dabei zupfte sie die weisse Damastdecke zurecht und
legte ihre Hand darauf, die Innstetten nahm und küsste.
    »Wie bist du nur eigentlich ohne mich fertig geworden?«
    »Schlecht genug, Effi.«
    »Das sagst du so hin und machst ein betrübtes Gesicht, und ist doch
eigentlich alles nicht wahr.«
    »Aber Effi. ..«
    »Was ich dir beweisen will. Denn wenn du ein bisschen Sehnsucht nach deinem
Kinde gehabt hättest - von mir selber will ich nicht sprechen, was ist man am
Ende solchem hohen Herrn, der so lange Jahre Junggeselle war und es nicht eilig
hatte...«
    »Nun?«
    »Ja, Geert, wenn du nur ein bisschen Sehnsucht gehabt hättest, so hättest du
mich nicht sechs Wochen mutterwindallein in Hohen-Cremmen sitzen lassen wie eine
Witwe, und nichts da als Niemeier und Jahnke und mal die Schwantikower. Und von
den Ratenowern ist niemand gekommen, als ob sie sich vor mir gefürchtet hätten
oder als ob ich zu alt geworden sei.«
    »Ach, Effi, wie du nur sprichst. Weisst du, dass du eine kleine Kokette bist?«
    »Gott sei Dank, dass du das sagst. Das ist für euch das Beste, was man sein
kann. Und du bist nichts anderes als die anderen, wenn du auch so feierlich und
ehrsam tust. Ich weiss es recht gut, Geert... Eigentlich bist du...«
    »Nun, was?«
    »Nun, ich will es lieber nicht sagen. Aber ich kenne dich recht gut; du bist
eigentlich, wie der Schwantikower Onkel mal sagte, ein Zärtlichkeitsmensch und
unterm Liebesstern geboren, und Onkel Belling hatte ganz recht, als er das
sagte. Du willst es bloss nicht zeigen und denkst, es schickt sich nicht und
verdirbt einem die Karriere. Hab ich's getroffen?«
    Innstetten lachte. »Ein bisschen getroffen hast du's. Weisst du was, Effi, du
kommst mir ganz anders vor. Bis Anniechen da war, warst du ein Kind. Aber mit
einemmal...«
    »Nun?«
    »Mit einemmal bist du wie vertauscht. Aber es steht dir, du gefällst mir
sehr, Effi. Weisst du was?«
    »Nun?«
    »Du hast was Verführerisches.«
    »Ach, mein einziger Geert, das ist ja herrlich, was du da sagst; nun wird
mir erst recht wohl ums Herz... Gib mir noch eine halbe Tasse... Weisst du denn,
dass ich mir das immer gewünscht habe. Wir müssen verführerisch sein, sonst sind
wir gar nichts...«
    »Hast du das aus dir?«
    »Ich könnt es wohl auch aus mir haben. Aber ich hab es von Niemeier...«
    »Von Niemeier! O du himmlischer Vater, ist das ein Pastor. Nein, solche gibt
es hier nicht. Aber wie kam denn der dazu? Das ist ja, als ob es irgendein Don
Juan oder Herzensbrecher gesprochen hätte.«
    »Ja, wer weiss«, lachte Effi. »...Aber kommt da nicht Crampas? Und vom Strand
her. Er wird doch nicht gebadet haben? Am 27. September...«
    »Er macht öfter solche Sachen. Reine Renommisterei.«
    Derweilen war Crampas bis in nächste Nähe gekommen und grüsste.
    »Guten Morgen«, rief Innstetten ihm zu. »Nur näher, nur näher.«
    Crampas trat heran. Er war in Zivil und küsste der in ihrem Schaukelstuhl
sich weiter wiegenden Effi die Hand.
    »Entschuldigen Sie mich, Major, dass ich so schlecht die Honneurs des Hauses
mache; aber die Veranda ist kein Haus, und zehn Uhr früh ist eigentlich gar
keine Zeit. Da wird man formlos oder, wenn Sie wollen, intim. Und nun setzen Sie
sich und geben Sie Rechenschaft von Ihrem Tun. Denn an Ihrem Haar, ich wünschte
Ihnen, dass es mehr wäre, sieht man deutlich, dass Sie gebadet haben.«
    Er nickte.
    »Unverantwortlich«, sagte Innstetten, halb ernst-, halb scherzhaft. »Da
haben Sie nun selber vor vier Wochen die Geschichte mit dem Bankier Heinersdorf
erlebt, der auch dachte, das Meer und der grandiose Wellenschlag würden ihn um
seiner Million willen respektieren. Aber die Götter sind eifersüchtig
untereinander, und Neptun stellte sich ohne weiteres gegen Pluto oder doch
wenigstens gegen Heinersdorf.«
    Crampas lachte. »Ja, eine Million Mark! Lieber Innstetten, wenn ich die
hätte, da hätt ich es am Ende nicht gewagt; denn so schön das Wetter ist, das
Wasser hatte nur neun Grad. Aber unsereins mit seiner Million Unterbilanz,
gestatten Sie mir diese kleine Renommage, unsereins kann sich so was ohne Furcht
vor der Götter Eifersucht erlauben. Und dann muss einen das Sprichwort trösten:
Wer für den Strick geboren ist, kann im Wasser nicht umkommen.«
    »Aber, Major, Sie werden sich doch nicht etwas so Urprosaisches, ich möchte
beinah sagen, an den Hals reden wollen. Allerdings glauben manche, dass... ich
meine das, wovon Sie eben gesprochen haben..., dass ihn jeder mehr oder weniger
verdiene. Trotzdem, Major... für einen Major...«
    »... ist es keine herkömmliche Todesart. Zugegeben, meine Gnädigste. Nicht
herkömmlich und in meinem Falle auch nicht einmal sehr wahrscheinlich - also
alles bloss Zitat oder, noch richtiger, façon de parler. Und doch steckt etwas
Aufrichtiggemeintes dahinter, wenn ich da eben sagte, die See werde mir nichts
anhaben. Es steht mir nämlich fest, dass ich einen richtigen und hoffentlich
ehrlichen Soldatentod sterben werde. Zunächst bloss Zigeunerprophezeiung, aber
mit Resonanz im eigenen Gewissen.«
    Innstetten lachte. »Das wird seine Schwierigkeiten haben, Crampas, wenn Sie
nicht vorhaben, beim Grosstürken oder unterm chinesischen Drachen Dienste zu
nehmen. Da schlägt man sich jetzt herum. Hier ist die Geschichte, glauben sie
mir, auf dreissig Jahre vorbei, und wer seinen Soldatentod sterben will...«
    »... der muss sich erst bei Bismarck einen Krieg bestellen. Weiss ich alles,
Innstetten. Aber das ist doch für Sie eine Kleinigkeit. Jetzt haben wir Ende
September; in zehn Wochen spätestens ist der Fürst wieder in Varzin, und da er
ein liking für Sie hat - mit der volkstümlicheren Wendung will ich zurückhalten,
um nicht direkt vor Ihren Pistolenlauf zu kommen -, so werden Sie einem alten
Kameraden von Vionville her doch wohl ein bisschen Krieg besorgen können. Der
Fürst ist auch nur ein Mensch, und Zureden hilft.«
    Effi hatte während dieses Gesprächs einige Brotkügelchen gedreht, würfelte
damit und legte sie zu Figuren zusammen, um so anzuzeigen, dass ihr ein Wechsel
des Temas wünschenswert wäre. Trotzdem schien Innstetten auf Crampas'
scherzhafte Bemerkungen antworten zu wollen, was denn Effi bestimmte, lieber
direkt einzugreifen. »Ich sehe nicht ein, Major, warum wir uns mit Ihrer
Todesart beschäftigen sollen; das Leben ist uns näher und zunächst auch eine
viel ernstere Sache.«
    Crampas nickte.
    »Das ist recht, dass Sie mir recht geben. Wie soll man hier leben? Das ist
vorläufig die Frage, das ist wichtiger als alles andere. Gieshübler hat mir
darüber geschrieben, und wenn es nicht indiskret und eitel wäre, denn es steht
noch allerlei nebenher darin, so zeigte ich Ihnen den Brief... Innstetten
braucht ihn nicht zu lesen, der hat keinen Sinn für dergleichen..., beiläufig
eine Handschrift wie gestochen und Ausdrucksformen, als wäre unser Freund statt
am Kessiner Alten Markt an einem altfranzösischen Hofe erzogen. Und dass er
verwachsen ist und weisse Jabots trägt wie kein anderer Mensch mehr - ich weiss
nur nicht, wo er die Plätterin hernimmt -, das passt alles so vorzüglich. Nun,
also Gieshübler hat mir von Plänen für die Ressourcenabende geschrieben und von
einem Entrepreneur, namens Crampas. Sehen Sie, Major, das gefällt mir besser als
der Soldatentod oder gar der andere.«
    »Mir persönlich nicht minder. Und es muss ein Prachtwinter werden, wenn wir
uns der Unterstützung der gnädigen Frau versichert halten dürfen. Die Trippelli
kommt...«
    »Die Trippelli? Dann bin ich überflüssig.«
    »Mitnichten, gnädigste Frau. Die Trippelli kann nicht von Sonntag bis wieder
Sonntag singen, es wäre zuviel für sie und für uns; Abwechslung ist des Lebens
Reiz, eine Wahrheit, die freilich jede glückliche Ehe zu widerlegen scheint.«
    »Wenn es glückliche Ehen gibt, die meinige ausgenommen...«, und sie reichte
Innstetten die Hand.
    »Abwechslung also«, fuhr Crampas fort. »Und diese für uns und unsere
Ressource zu gewinnen, deren Vizevorstand zu sein ich zur Zeit die Ehre habe,
dazu braucht es aller bewährten Kräfte. Wenn wir uns zusammentun, so müssen wir
das ganze Nest auf den Kopf stellen. Die Teaterstücke sind schon ausgesucht:
Krieg im Frieden, Monsieur Herkules, Jugendliebe von Wilbrandt, vielleicht auch
Euphrosyne von Gensichen. Sie die Euphrosyne, ich der alte Goete. Sie sollen
staunen, wie gut ich den Dichterfürsten tragiere... wenn tragieren das richtige
Wort ist.«
    »Kein Zweifel. Hab ich doch inzwischen aus dem Briefe meines alchimistischen
Geheimkorrespondenten erfahren, dass Sie, neben vielem anderen, gelegentlich auch
Dichter sind. Anfangs habe ich mich gewundert...«
    »Denn Sie haben es mir nicht angesehen.«
    »Nein. Aber seit ich weiss, dass Sie bei neun Grad baden, bin ich anderen
Sinnes geworden... neun Grad Ostsee, das geht über den Kastalischen Quell...«
    »Dessen Temperatur unbekannt ist.«
    »Nicht für mich; wenigstens wird mich niemand widerlegen. Aber nun muss ich
aufstehen. Da kommt ja Roswita mit Lütt-Annie.«
    Und sie erhob sich rasch und ging auf Roswita zu, nahm ihr das Kind aus dem
Arm und hielt es stolz und glücklich in die Höhe.
 
                              Sechzehntes Kapitel
Die Tage waren schön und blieben es bis in den Oktober hinein. Eine Folge davon
war, dass die halb zeltartige Veranda draussen zu ihrem Rechte kam, so sehr, dass
sich wenigstens die Vormittagsstunden regelmässig darin abspielten. Gegen elf kam
dann wohl der Major, um sich zunächst nach dem Befinden der gnädigen Frau zu
erkundigen und mit ihr ein wenig zu medisieren, was er wundervoll verstand,
danach aber mit Innstetten einen Ausritt zu verabreden, oft landeinwärts, die
Kessine hinauf bis an den Breitling, noch häufiger auf die Molen zu. Effi, wenn
die Herren fort waren, spielte mit dem Kind oder durchblätterte die von
Gieshübler nach wie vor ihr zugeschickten Zeitungen und Journale, schrieb auch
wohl einen Brief an die Mama oder sagte: »Roswita, wir wollen mit Annie
spazierenfahren«, und dann spannte sich Roswita vor den Korbwagen und fuhr,
während Effi hinterherging, ein paar hundert Schritt in das Wäldchen hinein, auf
eine Stelle zu, wo Kastanien ausgestreut lagen, die man nun auflas, um sie dem
Kinde als Spielzeug zu geben. In die Stadt kam Effi wenig; es war niemand recht
da, mit dem sie hätte plaudern können, nachdem ein Versuch, mit der Frau von
Crampas auf einen Umgangsfuss zu kommen, aufs neue gescheitert war. Die Majorin
war und blieb menschenscheu.
    Das ging so wochenlang, bis Effi plötzlich den Wunsch äusserte, mit ausreiten
zu dürfen; sie habe nun mal die Passion, und es sei doch zuviel verlangt, bloss
um des Geredes der Kessiner willen, auf etwas zu verzichten, das einem soviel
wert sei. Der Major fand die Sache kapital, und Innstetten, dem es
augenscheinlich weniger passte - so wenig, dass er immer wieder hervorhob, es
werde sich kein Damenpferd finden lassen -, Innstetten musste nachgeben, als
Crampas versicherte, »das solle seine Sorge sein«. Und richtig, was man
wünschte, fand sich auch, und Effi war selig, am Strande hinjagen zu können,
jetzt wo »Damenbad« und »Herrenbad« keine scheidenden Schreckensworte mehr
waren. Meist war auch Rollo mit von der Partie, und weil es sich ein paarmal
ereignet hatte, dass man am Strande zu rasten oder auch eine Strecke Wegs zu Fuss
zu machen wünschte, so kam man überein, sich von entsprechender Dienerschaft
begleiten zu lassen, zu welchem Behufe des Majors Bursche, ein alter Treptower
Ulan, der Knut hiess, und Innstettens Kutscher Kruse zu Reitknechten umgewandelt
wurden, allerdings ziemlich unvollkommen, indem sie, zu Effis Leidwesen, in eine
Phantasielivree gesteckt wurden, darin der eigentliche Beruf beider noch
nachspukte.
    Mitte Oktober war schon heran, als man, so herausstaffiert, zum erstenmal in
voller Kavalkade aufbrach, in Front Innstetten und Crampas, Effi zwischen ihnen,
dann Kruse und Knut und zuletzt Rollo, der aber bald, weil ihm das Nachtrotten
missfiel, allen vorauf war. Als man das jetzt öde Strandhotel passiert und bald
danach, sich rechts haltend, auf dem von einer mässigen Brandung überschäumten
Strandwege den diesseitigen Molendamm erreicht hatte, verspürte man Lust,
abzusteigen und einen Spaziergang bis an den Kopf der Mole zu machen. Effi war
die erste aus dem Sattel. Zwischen den beiden Steindämmen floss die Kessine breit
und ruhig dem Meere zu, das wie eine sonnenbeschienene Fläche, darauf nur hier
und da eine leichte Welle kräuselte, vor ihnen lag.
    Effi war noch nie hier draussen gewesen, denn als sie vorigen November in
Kessin eintraf, war schon Sturmzeit und als der Sommer kam, war sie nicht mehr
imstande, weite Gänge zu machen. Sie war jetzt entzückt, fand alles gross und
herrlich, erging sich in kränkenden Vergleichen zwischen dem Luch und dem Meer
und ergriff, sooft die Gelegenheit dazu sich bot, ein Stück angeschwemmtes Holz,
um es nach links hin in die See oder nach rechts hin in die Kessine zu werfen.
Rollo war immer glücklich, im Dienste seiner Herrin sich nachstürzen zu können;
mit einemmal aber wurde seine Aufmerksamkeit nach einer ganz anderen Seite hin
abgezogen, und sich vorsichtig, ja beinahe ängstlich vorwärts schleichend,
sprang er plötzlich auf einen in Front sichtbar werdenden Gegenstand zu,
freilich vergeblich, denn im selben Augenblicke glitt von einem
sonnenbeschienenen und mit grünem Tang überwachsenen Stein eine Robbe glatt und
geräuschlos in das nur etwa fünf Schritt entfernte Meer hinunter. Eine kurze
Weile noch sah man den Kopf, dann tauchte auch dieser unter.
    Alle waren erregt, und Crampas phantasierte von Robbenjagd und dass man das
nächste Mal die Büchse mitnehmen müsse, »denn die Dinger haben ein festes Fell«.
    »Geht nicht«, sagte Innstetten; »Hafenpolizei.«
    »Wenn ich so was höre«, lachte der Major. »Hafenpolizei! Die drei Behörden,
die wir hier haben werden doch wohl untereinander die Augen zudrücken können.
Muss denn alles so furchtbar gesetzlich sein? Alle Gesetzlichkeiten sind
langweilig.«
    Effi klatschte in die Hände.
    »Ja, Crampas, Sie kleidet das, und Effi, wie Sie sehen, klatscht Ihnen
Beifall. Natürlich; die Weiber schreien sofort nach einem Schutzmann, aber von
Gesetz wollen sie nichts wissen.«
    »Das ist so Frauenrecht von alter Zeit her, und wir werden's nicht ändern,
Innstetten.«
    »Nein«, lachte dieser, »und ich will es auch nicht. Auf Mohrenwäsche lasse
ich mich nicht ein. Aber einer wie Sie, Crampas, der unter der Fahne der
Disziplin grossgeworden ist und recht gut weiss, dass es ohne Zucht und Ordnung
nicht geht, ein Mann wie Sie, der sollte doch eigentlich so was nicht reden,
auch nicht einmal im Spass. Indessen, ich weiss schon, Sie haben einen himmlischen
Kehrmichnichtdran und denken, der Himmel wird nicht gleich einstürzen. Nein,
gleich nicht. Aber mal kommt es.«
    Crampas wurde einen Augenblick verlegen, weil er glaubte, das alles sei mit
einer gewissen Absicht gesprochen, was aber nicht der Fall war. Innstetten hielt
nur einen seiner kleinen moralischen Vorträge, zu denen er überhaupt hinneigte.
»Da lob ich mir Gieshübler«, sagte er einlenkend, »immer Kavalier und dabei doch
Grundsätze.«
    Der Major hatte sich mittlerweile wieder zurechtgefunden und sagte in seinem
alten Ton: »Ja, Gieshübler; der beste Kerl von der Welt und, wenn möglich, noch
bessere Grundsätze. Aber am Ende woher? warum? Weil er einen Verdruss hat. Wer
geradegewachsen ist, ist für Leichtsinn. Überhaupt, ohne Leichtsinn ist das
ganze Leben keinen Schuss Pulver wert.«
    »Nun hören Sie, Crampas, gerade soviel kommt mitunter dabei heraus.« Und
dabei sah er auf des Majors linken, etwas verkürzten Arm.
    Effi hatte von diesem Gespräche wenig gehört. Sie war dicht an die Stelle
getreten, wo die Robbe gelegen, und Rollo stand neben ihr. Dann sahen beide, von
dem Stein weg, auf das Meer und warteten, ob die »Seejungfrau« noch einmal
sichtbar werden würde.
Ende Oktober begann die Wahlkampagne, was Innstetten hinderte, sich ferner an
den Ausflügen zu beteiligen, und auch Crampas und Effi hätten jetzt um der
lieben Kessiner willen wohl verzichten müssen, wenn nicht Knut und Kruse als
eine Art Ehrengarde gewesen wären. So kam es, dass sich die Spazierritte bis in
den November hinein fortsetzten.
    Ein Wetterumschlag war freilich eingetreten, ein andauernder Nordwest trieb
Wolkenmassen heran, und das Meer schäumte mächtig, aber Regen und Kälte fehlten
noch, und so waren diese Ausflüge bei grauem Himmel und lärmender Brandung fast
noch schöner, als sie vorher bei Sonnenschein und stiller See gewesen waren.
Rollo jagte vorauf, dann und wann von dem Gischt übersprjetzt, und der Schleier
von Effis Reitut flatterte im Winde. dabei zu sprechen war fast unmöglich; wenn
man dann aber, vom Meere fort, in die schutzgebenden Dünen oder, noch besser, in
den weiter zurückgelegenen Kiefernwald einlenkte, so wurd es still, Effis
Schleier flatterte nicht mehr, und die Enge des Wegs zwang die beiden Reiter
dicht nebeneinander. Das war dann die Zeit, wo man - schon um der Knorren und
Wurzeln willen im Schritt reitend - die Gespräche, die der Brandungslärm
unterbrochen hatte, wieder aufnehmen konnte. Crampas, ein guter Causeur,
erzählte dann Kriegs-und Regimentsgeschichten, auch Anekdoten und kleine
Charakterzüge von Innstetten, »der mit seinem Ernst und seiner Zugeknöpfteit in
den übermütigen Kreis der Kameraden nie recht hineingepasst habe, so dass er
eigentlich immer mehr respektiert als geliebt worden sei«.
    »Das kann ich mir denken«, sagte Effi, »ein Glück nur, dass der Respekt die
Hauptsache ist.«
    »Ja, zu seiner Zeit. Aber er passt doch nicht immer. Und zu dem allen kam
noch seine mystische Richtung, die mitunter Anstoss gab, einmal, weil Soldaten
überhaupt nicht sehr für derlei Dinge sind, und dann, weil wir die Vorstellung
unterhielten, vielleicht mit Unrecht, dass er doch nicht ganz so dazu stände, wie
er's uns einreden wollte.«
    »Mystische Richtung?« sagte Effi. »Ja, Major, was verstehen Sie darunter? Er
kann doch keine Konventikel abgehalten und den Propheten gespielt haben. Auch
nicht einmal den aus der Oper... ich habe seinen Namen vergessen.«
    »Nein, so weit ging er nicht. Aber es ist vielleicht besser, davon
abzubrechen. Ich möchte nicht hinter seinem Rücken etwas sagen, was falsch
ausgelegt werden könnte. Zudem sind es Dinge, die sich sehr gut auch in seiner
Gegenwart verhandeln lassen, Dinge, die nur, man mag wollen oder nicht, zu was
Sonderbarem aufgebauscht werden, wenn er nicht dabei ist und nicht jeden
Augenblick eingreifen und uns widerlegen oder meinetwegen auch auslachen kann.«
    »Aber das ist ja grausam, Major. Wie können Sie meine Neugier so auf die
Folter spannen. Erst ist es was, und dann ist es wieder nichts. Und Mystik! Ist
er denn ein Geisterseher?«
    »Ein Geisterseher! Das will ich nicht gerade sagen. Aber er hatte eine
Vorliebe, uns Spukgeschichten zu erzählen. Und wenn er uns dann in grosse
Aufregung versetzt und manchen auch wohl geängstigt hatte, dann war es mit einem
Male wieder, als habe er sich über alle die Leichtgläubigen bloss mokieren
wollen. Und kurz und gut, einmal kam es, dass ich ihm auf den Kopf zusagte: Ach
was, Innstetten, das ist ja alles bloss Komödie. Mich täuschen Sie nicht. Sie
treiben Ihr Spiel mit uns. Eigentlich glauben Sie's grad sowenig wie wir, aber
Sie wollen sich interessant machen und haben eine Vorstellung davon, dass
Ungewöhnlichkeiten nach oben hin besser empfehlen. In höheren Karrieren will man
keine Alltagsmenschen. Und da Sie so was vorhaben, so haben Sie sich was Apartes
ausgesucht und sind bei der Gelegenheit auf den Spuk gefallen.«
    Effi sagte kein Wort, was dem Major zuletzt bedrücklich wurde. »Sie
schweigen, gnädigste Frau.«
    »Ja.«
    »Darf ich fragen, warum? Hab ich Anstoss gegeben? Oder finden Sie's
unritterlich, einen abwesenden Freund, ich muss das trotz aller Verwahrungen
einräumen, ein klein wenig zu hecheln? Aber da tun Sie mir trotz alledem
unrecht. Das alles soll ganz ungeniert seine Fortsetzung vor seinen Ohren haben,
und ich will ihm dabei jedes Wort wiederholen, was ich jetzt eben gesagt habe.«
    »Glaub es.« Und nun brach Effi ihr Schweigen und erzählte, was sie alles in
ihrem Hause erlebt und wie sonderbar sich Innstetten damals dazu gestellt habe.
»Er sagte nicht ja und nicht nein, und ich bin nicht klug aus ihm geworden.«
    »Also ganz der alte«, lachte Crampas. »So war er damals auch schon, als wir
in Liancourt und dann später in Beauvais mit ihm in Quartier lagen. Er wohnte da
in einem alten bischöflichen Palast - beiläufig, was Sie vielleicht
interessieren wird, war es ein Bischof von Beauvais, glücklicherweise Cochon mit
Namen, der die Jungfrau von Orleans zum Feuertod verurteilte -, und da verging
denn kein Tag, das heisst keine Nacht, wo Innstetten nicht Unglaubliches erlebt
hatte. Freilich immer nur so halb. Es konnte auch nichts sein. Und nach diesem
Prinzip arbeitet er noch, wie ich sehe.«
    »Gut, gut. Und nun ein ernstes Wort, Crampas, auf das ich mir eine ernste
Antwort erbitte: wie erklären Sie sich dies alles?«
    »Ja, meine gnädigste Frau...«
    »Keine Ausweichungen, Major. Dies alles ist sehr wichtig für mich. Er ist
Ihr Freund, und ich bin ihre Freundin. Ich will wissen, wie hängt dies zusammen?
Was denkt er sich dabei?«
    »Ja, meine gnädigste Frau, Gott sieht ins Herz, aber ein Major vom
Landwehrbezirkskommando, der sieht in gar nichts. Wie soll ich solche
psychologischen Rätsel lösen? Ich bin ein einfacher Mann.«
    »Ach, Crampas, reden Sie nicht so töricht. Ich bin zu jung, um eine grosse
Menschenkennerin zu sein; aber ich müsste noch vor der Einsegnung und beinah vor
der Taufe stehen, um Sie für einen einfachen Mann zu halten. Sie sind das
Gegenteil davon, Sie sind gefährlich...«
    »Das Schmeichelhafteste, was einem guten Vierziger, mit einem a.D. auf der
Karte, gesagt werden kann. Und nun also, was sich Innstetten dabei denkt...«
    Effi nickte.
    »Ja, wenn ich durchaus sprechen soll, er denkt sich dabei, dass ein Mann wie
Landrat Baron Innstetten, der jeden Tag Ministerialdirektor oder dergleichen
werden kann (denn glauben Sie mir, er ist hoch hinaus), dass ein Mann wie Baron
Innstetten nicht in einem gewöhnlichen Hause wohnen kann, nicht in einer solchen
Kate, wie die landrätliche Wohnung, ich bitte um Vergebung, gnädigste Frau, doch
eigentlich ist. Da hilft er denn nach. Ein Spukhaus ist nie was Gewöhnliches...
Das ist das eine.«
    »Das eine? mein Gott, haben Sie noch etwas?«
    »Ja.«
    »Nun denn, ich bin ganz Ohr. Aber wenn es sein kann, lassen Sie's was Gutes
sein.«
    »Dessen bin ich nicht ganz sicher. Es ist etwas Heikles, beinah Gewagtes,
und ganz besonders vor Ihren Ohren, gnädigste Frau.«
    »Das macht mich nur um so neugieriger.«
    »Gut denn. Also Innstetten, meine gnädigste Frau, hat ausser seinem
brennenden Verlangen, es koste, was es wolle, ja, wenn es sein muss unter
Heranziehung eines Spuks, seine Karriere zu machen, noch eine zweite Passion: er
operiert nämlich immer erzieherisch, ist der geborene Pädagog und hätte, links
Basedow und rechts Pestalozzi (aber doch kirchlicher als beide), eigentlich nach
Schnepfental oder Bunzlau hingepasst.«
    »Und will er mich auch erziehen? Erziehen durch Spuk?«
    »Erziehen ist vielleicht nicht das richtige Wort. Aber doch erziehen auf
einem Umweg.«
    »Ich verstehe Sie nicht.«
    »Eine junge Frau ist eine junge Frau, und ein Landrat ist ein Landrat. Er
kutschiert oft im Kreise umher, und dann ist das Haus allein und unbewohnt. Aber
solch Spuk ist wie ein Cherub mit dem Schwert...«
    »Ah, da sind wir wieder aus dem Walde heraus«, sagte Effi. »Und da ist
Utpatels Mühle. Wir müssen nur noch an dem Kirchhof vorüber.«
    Gleich danach passierten sie den Hohlweg zwischen dem Kirchhof und der
eingegitterten Stelle, und Effi sah nach dem Stein und der Tanne hinüber, wo der
Chinese lag.
 
                              Siebzehntes Kapitel
Es schlug zwei Uhr, als man zurück war. Crampas verabschiedete sich und ritt in
die Stadt hinein, bis er vor seiner am Marktplatz gelegenen Wohnung hielt. Effi
ihrerseits kleidete sich um und versuchte zu schlafen; es wollte aber nicht
glücken, denn ihre Verstimmung war noch grösser als ihre Müdigkeit. Dass
Innstetten sich seinen Spuk parat hielt, um ein nicht ganz gewöhnliches Haus zu
bewohnen, das mochte hingehen, das stimmte zu seinem Hange, sich von der grossen
Menge zu unterscheiden; aber das andere, dass er den Spuk als Erziehungsmittel
brauchte, das war doch arg und beinahe beleidigend. Und »Erziehungsmittel«,
darüber war sie sich klar, sagte nur die kleinere Hälfte; was Crampas gemeint
hatte, war viel, viel mehr war eine Art Angstapparat aus Kalkül. Es fehlte jede
Herzensgüte darin und grenzte schon fast an Grausamkeit. Das Blut stieg ihr zu
Kopf, und sie ballte ihre kleine Hand und wollte Pläne schmieden; aber mit einem
Male musste sie wieder lachen. »Ich Kindskopf! Wer bürgt mir denn dafür, dass
Crampas recht hat! Crampas ist unterhaltlich, weil er medisant ist, aber er ist
unzuverlässig und ein blosser Haselant, der schliesslich Innstetten nicht das
Wasser reicht.«
    In diesem Augenblick fuhr Innstetten vor, der heute früher zurückkam als
gewöhnlich. Effi sprang auf, um ihn schon im Flur zu begrüssen, und war um so
zärtlicher, je mehr sie das Gefühl hatte, etwas gutmachen zu müssen. Aber ganz
konnte sie das, was Crampas gesagt hatte, doch nicht verwinden, und inmitten
ihrer Zärtlichkeiten, und während sie mit anscheinendem Interesse zuhörte, klang
es in ihr immer wieder: »Also Spuk aus Berechnung, Spuk, um dich in Ordnung zu
halten.«
    Zuletzt indessen vergass sie's und liess sich unbefangen von ihm erzählen.
Inzwischen war Mitte November herangekommen, und der bis zum Sturm sich
steigernde Nordwester stand andertalb Tag lang so hart auf die Molen, dass die
mehr und mehr zurückgestaute Kessine das Bollwerk überstieg und in die Strassen
trat. Aber nachdem sich's ausgetobt, legte sich das Unwetter, und es kamen noch
ein paar sonnige Späterbsttage. »Wer weiss, wie lange sie dauern«, sagte Effi zu
Crampas, und so beschloss man, am nächsten Vormittage noch einmal auszureiten;
auch Innstetten, der einen freien Tag hatte, wollte mit. Es sollte zunächst
wieder bis an die Mole gehen; da wollte man dann absteigen, ein wenig am Strande
promenieren und schliesslich im Schutze der Dünen, wo's windstill war, ein
Frühstück nehmen.
    Um die festgesetzte Stunde ritt Crampas vor dem landrätlichen Hause vor;
Kruse hielt schon das Pferd der gnädigen Frau, die sich rasch in den Sattel hob
und noch im Aufsteigen Innstetten entschuldigte, der nun doch verhindert sei:
letzte Nacht wieder grosses Feuer in Morgenitz - das dritte seit drei Wochen,
also angelegt -, da habe er hingemusst, sehr zu seinem Leidwesen, denn er habe
sich auf diesen Ausritt, der wohl der letzte in diesem Herbste sein werde,
wirklich gefreut.
    Crampas sprach sein Bedauern aus, vielleicht nur, um was zu sagen,
vielleicht aber auch aufrichtig, denn so rücksichtslos er im Punkte
chevaleresker Liebesabenteuer war, so sehr war er auch wieder guter Kamerad.
Natürlich, alles ganz oberflächlich. Einem Freunde helfen und fünf Minuten
später ihn betrügen waren Dinge, die sich mit seinem Ehrbegriffe sehr wohl
vertrugen. Er tat das eine und das andere mit unglaublicher Bonhomie.
    Der Ritt ging wie gewöhnlich durch die Plantage hin. Rollo war wieder
vorauf, dann kamen Crampas und Effi, dann Kruse. Knut fehlte.
    »Wo haben Sie Knut gelassen?«
    »Er hat einen Ziegenpeter.«
    »Merkwürdig«, lachte Effi. »Eigentlich sah er schon immer so aus.«
    »Sehr richtig. Aber Sie sollten ihn jetzt sehen! Oder doch lieber nicht.
Denn Ziegenpeter ist ansteckend, schon bloss durch Anblick.«
    »Glaub ich nicht.«
    »Junge Frauen glauben vieles nicht.«
    »Und dann glauben sie wieder vieles, was sie besser nicht glaubten.«
    »An meine Adresse?«
    »Nein.«
    »Schade.«
    »Wie dies schade Sie kleidet. Ich glaube wirklich, Major, Sie hielten es für
ganz in der Ordnung, wenn ich Ihnen eine Liebeserklärung machte.«
    »So weit will ich nicht gehen. Aber ich möchte den sehen, der sich
dergleichen nicht wünschte. Gedanken und Wünsche sind zollfrei.«
    »Das fragt sich. Und dann ist doch immer noch ein Unterschied zwischen
Gedanken und Wünschen. Gedanken sind in der Regel etwas, das noch im
Hintergrunde liegt, Wünsche aber liegen meist schon auf der Lippe.«
    »Nur nicht gerade diesen Vergleich!«
    »Ach, Crampas, Sie sind... Sie sind...«
    »Ein Narr.«
    »Nein. Auch darin übertreiben Sie wieder. Aber Sie sind etwas anderes. In
Hohen-Cremmen sagten wir immer, und ich mit, das Eitelste, was es gäbe, das sei
ein Husarenfähnrich von achtzehn...«
    »Und jetzt?«
    »Und jetzt sag ich, das Eitelste, was es gibt, ist ein Landwehrbezirksmajor
von zweiundvierzig.«
    »... Wobei die zwei Jahre, die Sie mir gnädigst erlassen, alles
wiedergutmachen - küss die Hand.«
    »Ja, küss die Hand. Das ist so recht das Wort, das für Sie passt. Das ist
wienerisch. Und die Wiener, die hab ich kennengelernt, in Karlsbad, vor vier
Jahren, wo sie mir vierzehnjährigem Dinge den Hof machten. Was ich da alles
gehört habe!«
    »Gewiss nicht mehr, als recht war.«
    »Wenn das zuträfe, wäre das, was mir schmeicheln soll, ziemlich ungezogen...
Aber sehen Sie da die Bojen, wie die schwimmen und tanzen. Die kleinen roten
Fahnen sind eingezogen. Immer wenn ich diesen Sommer, die paar Mal, wo ich mich
bis an den Strand hinauswagte, die roten Fahnen sah, sagt ich mir: da liegt
Vineta, da muss es liegen, das sind die Turmspitzen...«
    »Das macht, weil Sie das Heinesche Gedicht kennen.«
    »Welches?«
    »Nun, das von Vineta.«
    »Nein, das kenne ich nicht; ich kenne überhaupt nur wenig. Leider.«
    »Und haben doch Gieshübler und den Journalzirkel! Übrigens hat Heine dem
Gedicht einen anderen Namen gegeben, ich glaube Seegespenst oder so ähnlich.
Aber Vineta hat er gemeint. Und er selber - verzeihen Sie, wenn ich Ihnen so
ohne weiteres den Inhalt hier wiedergebe -, der Dichter also, während er die
Stelle passiert, liegt auf einem Schiffsdeck und sieht hinunter und sieht da
schmale, mittelalterliche Strassen und trippelnde Frauen in Kapottüten, und alle
haben ein Gesangbuch in Händen und wollen zur Kirche, und alle Glocken läuten.
Und als er das hört, da fasst ihn eine Sehnsucht, auch mit in die Kirche zu
gehen, wenn auch bloss um der Kapottüte willen, und vor Verlangen schreit er auf
und will sich hinunterstürzen. Aber im selben Augenblicke packt ihn der Kapitän
am Bein und ruft ihm zu: Doktor, sind Sie des Teufels?«
    »Das ist ja allerliebst. Das möcht ich lesen. Ist es lang?«
    »Nein, es ist eigentlich kurz, etwas länger als Du hast Diamanten und Perlen
oder Deine weichen Lilienfinger...«, und er berührte leise ihre Hand. »Aber lang
oder kurz, welche Schilderungskraft, welche Anschaulichkeit! Er ist mein
Lieblingsdichter, und ich kann ihn auswendig, sowenig ich mir sonst, trotz
gelegentlich eigener Versündigungen, aus der Dichterei mache. Bei Heine liegt es
aber anders: Alles ist Leben, und vor allem versteht er sich auf die Liebe, die
doch die Hauptsache bleibt. Er ist übrigens nicht einseitig darin...«
    »Wie meinen Sie das?«
    »Ich meine, er ist nicht bloss für die Liebe...«
    »Nun, wenn er diese Einseitigkeit auch hätte, das wäre am Ende noch nicht
das schlimmste. Wofür ist er denn sonst noch?«
    »Er ist auch sehr für das Romantische, was freilich gleich nach der Liebe
kommt und nach Meinung einiger sogar damit zusammenfällt. Was ich aber nicht
glaube. Denn in seinen späteren Gedichten, die man denn auch die romantischen
genannt hat, oder eigentlich hat er es selber getan, in diesen romantischen
Dichtungen wird in einem fort hingerichtet, allerdings vielfach aus Liebe. Aber
doch meist aus anderen, gröberen Motiven, wohin ich in erster Reihe die Politik,
die fast immer gröblich ist, rechne. Karl Stuart zum Beispiel trägt in einer
dieser Romanzen seinen Kopf unterm Arm, und noch fataler ist die Geschichte vom
Vitzliputzli...«
    »Von wem?«
    »Vom Vitzliputzli. Vitzliputzli ist nämlich ein mexikanischer Gott, und als
die Mexikaner zwanzig oder dreissig Spanier gefangengenommen hatten, mussten diese
zwanzig oder dreissig dem Vitzliputzli geopfert werden. Das war da nicht anders,
Landessitte, Kultus, und ging auch alles im Handumdrehen, Bauch auf, Herz
raus...«
    »Nein, Crampas, so dürfen Sie nicht weitersprechen. Das ist indezent und
degoutant zugleich. Und das alles so ziemlich in demselben Augenblicke, wo wir
frühstücken wollen.«
    »Ich für meine Person sehe mich dadurch unbeeinflusst und stelle meinen
Appetit überhaupt nur in Abhängigkeit vom Menü.«
    Während dieser Worte waren sie, ganz wie's das Programm wollte, vom Strand
her bis an eine schon halb im Schutze der Dünen aufgeschlagene Bank, mit einem
äusserst primitiven Tisch davor, gekommen, zwei Pfosten mit einem Brett darüber.
Kruse, der voraufgeritten, hatte hier bereits serviert; Teebrötchen und
Aufschnitt von kaltem Braten, dazu Rotwein und neben der Flasche zwei hübsche
zierliche Trinkgläser, klein und mit Goldrand, wie man sie in Badeörtern kauft
oder von Glashütten als Erinnerung mitbringt.
    Und nun stieg man ab. Kruse, der die Zügel seines eigenen Pferdes um eine
Krüppelkiefer geschlungen hatte, ging mit den beiden anderen Pferden auf und ab,
während sich Crampas und Effi, die durch eine schmale Dünenöffnung einen freien
Blick auf Strand und Mole hatten, vor dem gedeckten Tische niederliessen.
    Über das von den Sturmtagen her noch bewegte Meer goss die schon halb
winterliche Novembersonne ihr fahles Licht aus, und die Brandung ging hoch. Dann
und wann kam ein Windzug und trieb den Schaum bis dicht an sie heran.
Strandhafer stand umher, und das helle Gelb der Immortellen hob sich, trotz der
Farbenverwandtschaft, von dem gelben Sande, darauf sie wuchsen, scharf ab. Effi
machte die Wirtin. »Es tut mir leid, Major, Ihnen diese Brötchen in einem
Korbdeckel präsentieren zu müssen...«
    »Ein Korbdeckel ist kein Korb...«
    »... Indessen Kruse hat es so gewollt. Und da bist du ja auch, Rollo. Auf
dich ist unser Vorrat aber nicht eingerichtet. Was machen wir mit Rollo?«
    »Ich denke, wir geben ihm alles; ich meinerseits schon aus Dankbarkeit. Denn
sehen Sie, teuerste Effi...«
    Effi sah ihn an.
    »... Denn sehen Sie, gnädigste Frau, Rollo erinnert mich wieder an das, was
ich Ihnen noch als Fortsetzung oder Seitenstück zum Vitzliputzli erzählen wollte
- nur viel pikanter, weil Liebesgeschichte. Haben Sie mal von einem gewissen
Pedro dem Grausamen gehört?«
    »So dunkel.«
    »... Eine Art Blaubartskönig.«
    »Das ist gut. Von so einem hört man immer am liebsten, und ich weiss noch,
dass wir von meiner Freundin Hulda Niemeier, deren Namen Sie ja kennen, immer
behaupteten: sie wisse nichts von Geschichte, mit Ausnahme der sechs Frauen von
Heinrich dem Achten, diesem englischen Blaubart, wenn das Wort für ihn reicht.
Und wirklich, diese sechs kannte sie auswendig. Und dabei hätten Sie hören
sollen, wie sie die Namen aussprach, namentlich den von der Mutter der Elisabet
- so schrecklich verlegen, als wäre sie nun an der Reihe... Aber nun bitte, die
Geschichte von Don Pedro...«
    »Nun also, an Don Pedros Hofe war ein schöner, schwarzer spanischer Ritter,
der das Kreuz von Calatrava - was ungefähr soviel bedeutet wie Schwarzer Adler
und Pour le mérite zusammengenommen - auf seiner Brust trug. Dies Kreuz gehörte
mit dazu, das mussten sie immer tragen, und dieser Calatrava-Ritter, den die
Königin natürlich heimlich liebte...«
    »Warum natürlich?«
    »Weil wir in Spanien sind.«
    »Ach so.«
    »Und dieser Calatrava-Ritter, sag ich, hatte einen wunderschönen Hund, einen
Neufundländer, wiewohl es die noch gar nicht gab denn es war grade hundert Jahre
vor der Entdeckung von Amerika. Einen wunderschönen Hund also, sagen wir wie
Rollo...«
    Rollo schlug an, als er seinen Namen hörte, und wedelte mit dem Schweif.
    »Das ging so manchen Tag. Aber das mit der heimlichen Liebe, die wohl nicht
ganz heimlich blieb, das wurde dem Könige doch zuviel, und weil er den schönen
Calatrava-Ritter überhaupt nicht recht leiden mochte - denn er war nicht bloss
grausam, er war auch ein Neidhammel oder, wenn das Wort für einen König und noch
mehr für meine liebenswürdige Zuhörerin, Frau Effi, nicht recht passen sollte,
wenigstens ein Neidling -, so beschloss er, den Calatrava-Ritter für die
heimliche Liebe heimlich hinrichten zu lassen.«
    »Kann ich ihm nicht verdenken.«
    »Ich weiss doch nicht, meine Gnädigste. Hören Sie nur weiter. Etwas geht
schon, aber es war zuviel, der König, find ich, ging um ein erkleckliches zu
weit. Er heuchelte nämlich, dass er dem Ritter wegen seiner Kriegs- und
Heldentaten ein Fest veranstalten wolle, und da gab es denn eine lange, lange
Tafel, und alle Granden des Reichs sassen an dieser Tafel, und in der Mitte sass
der König, und ihm gegenüber war der Platz für den, dem dies alles galt, also
für den Calatrava-Ritter, für den an diesem Tage zu Feiernden. Und weil der,
trotzdem man schon eine ganze Weile seiner gewartet hatte, noch immer nicht
kommen wollte, so musste schliesslich die Festlichkeit ohne ihn begonnen werden,
und es blieb ein leerer Platz - ein leerer Platz gerade gegenüber dem König.«
    »Und nun?«
    »Und nun denken Sie, meine gnädigste Frau, wie der König, dieser Pedro, sich
eben erheben will, um gleisnerisch sein Bedauern auszusprechen, dass sein lieber
Gast noch immer fehle, da hört man auf der Treppe draussen einen Aufschrei der
entsetzten Dienerschaften, und ehe noch irgendwer weiss, was geschehen ist, jagt
etwas an der langen Festestafel entlang, und nun springt es auf den Stuhl und
setzt ein abgeschlagenes Haupt auf den leer gebliebenen Platz, und über eben
dieses Haupt hinweg starrt Rollo auf sein Gegenüber, den König. Rollo hatte
seinen Herrn auf seinem letzten Gange begleitet, und im selben Augenblicke, wo
das Beil fiel, hatte das treue Tier das fallende Haupt gepackt, und da war er
nun, unser Freund Rollo, an der langen Festestafel und verklagte den königlichen
Mörder.«
    Effi war ganz still geworden. Endlich sagte sie: »Crampas, das ist in seiner
Art sehr schön, und weil es sehr schön ist, will ich es Ihnen verzeihen. Aber
Sie könnten doch Bessres und zugleich mir Lieberes tun, wenn Sie mir andere
Geschichten erzählten. Auch von Heine. Heine wird doch nicht bloss von
Vitzliputzli und Don Pedro und Ihrem Rollo - denn meiner hätte so was nicht
getan - gedichtet haben. Komm, Rollo! Armes Tier, ich kann dich gar nicht mehr
ansehen, ohne an den Calatrava-Ritter zu denken, den die Königin heimlich
liebte... Rufen Sie, bitte, Kruse, dass er die Sachen hier wieder in die Halfter
steckt, und wenn wir zurückreiten, müssen Sie mir was anderes erzählen, ganz was
anderes.«
    Kruse kam. Als er aber die Gläser nehmen wollte, sagte Crampas: »Kruse, das
eine Glas, das da, das lassen Sie stehen. Das werde ich selber nehmen.«
    »Zu Befehl, Herr Major.«
    Effi, die dies mit angehört hatte, schüttelte den Kopf. Dann lachte sie.
»Crampas, was fällt Ihnen nur eigentlich ein? Kruse ist dumm genug, über die
Sache nicht weiter nachzudenken, und wenn er darüber nachdenkt, so findet er
glücklicherweise nichts. Aber das berechtigt Sie doch nicht, dies Glas... dies
Dreissigpfennigglas aus der Josefinenhütte...«
    »Dass Sie so spöttisch den Preis nennen, lässt mich seinen Wert um so tiefer
empfinden.«
    »Immer derselbe. Sie haben soviel von einem Humoristen, aber doch von ganz
sonderbarer Art. Wenn ich Sie recht verstehe, so haben Sie vor - es ist zum
Lachen, und ich geniere mich fast, es auszusprechen -, so haben Sie vor, sich
vor der Zeit auf den König von Tule hin auszuspielen.«
    Er nickte mit einem Anfluge von Schelmerei.
    »Nun denn, meinetwegen. Jeder trägt seine Kappe; Sie wissen, welche. Nur das
muss ich Ihnen doch sagen dürfen, die Rolle, die Sie mir dabei zudiktieren, ist
mir zuwenig schmeichelhaft. Ich mag nicht als Reimwort auf Ihren König von Tule
herumlaufen. Behalten Sie das Glas, aber bitte, ziehen Sie nicht Schlüsse
daraus, die mich kompromittieren. Ich werde Innstetten davon erzählen.«
    »Das werden Sie nicht tun, meine gnädigste Frau.«
    »Warum nicht?«
    »Innstetten ist nicht der Mann, solche Dinge so zu sehen, wie sie gesehen
sein wollen.«
    Sie sah ihn einen Augenblick scharf an. Dann aber schlug sie verwirrt und
fast verlegen die Augen nieder.
 
                              Achtzehntes Kapitel
Effi war unzufrieden mit sich und freute sich, dass es nunmehr feststand, diese
gemeinschaftlichen Ausflüge für die ganze Winterdauer auf sich beruhen zu
lassen. Überlegte sie, was während all dieser Wochen und Tage gesprochen,
berührt und angedeutet war, so fand sie nichts, um dessentwillen sie sich
direkte Vorwürfe zu machen gehabt hätte. Crampas war ein kluger Mann,
welterfahren, humoristisch, frei, frei auch im Guten, und es wäre kleinlich und
kümmerlich gewesen, wenn sie sich ihm gegenüber aufgesteift und jeden Augenblick
die Regeln strengen Anstandes befolgt hätte. Nein, sie konnte sich nicht tadeln,
auf seinen Ton eingegangen zu sein, und doch hatte sie ganz leise das Gefühl
einer überstandenen Gefahr und beglückwünschte sich, dass das alles nun
mutmasslich hinter ihr läge. Denn an ein häufigeres Sichsehen en famille war
nicht wohl zu denken, das war durch die Crampasschen Hauszustände so gut wie
ausgeschlossen, und Begegnungen bei den benachbarten adligen Familien, die
freilich für den Winter in Sicht standen, konnten immer nur sehr vereinzelt und
sehr flüchtige sein. Effi rechnete sich dies alles mit wachsender Befriedigung
heraus und fand schliesslich, dass ihr der Verzicht auf das, was sie dem Verkehr
mit dem Major verdankte, nicht allzu schwer ankommen würde. Dazu kam noch, dass
Innstetten ihr mitteilte, seine Fahrten nach Varzin würden in diesem Jahre
fortfallen: der Fürst gehe nach Friedrichsruh, das ihm immer lieber zu werden
scheine; nach der einen Seite hin bedauere er das, nach der anderen sei es ihm
lieb - er könne sich nun ganz seinem Hause widmen, und wenn es ihr recht wäre,
so wollten sie die italienische Reise, an der Hand seiner Aufzeichnungen, noch
einmal durchmachen. Eine solche Rekapitulation sei eigentlich die Hauptsache,
dadurch mache man sich alles erst dauernd zu eigen, und selbst Dinge, die man
nur flüchtig gesehen und von denen man kaum wisse, dass man sie in seiner Seele
beherberge, kämen einem durch solche nachträglichen Studien erst voll zu
Bewusstsein und Besitz. Er führte das noch weiter aus und fügte hinzu, dass ihn
Gieshübler, der den ganzen »italienischen Stiefel« bis Palermo kenne, gebeten
habe, mit dabeisein zu dürfen. Effi, der ein ganz gewöhnlicher Plauderabend ohne
den »italienischen Stiefel« (es sollten sogar Photographien herumgereicht
werden) viel, viel lieber gewesen wäre, antwortete mit einer gewissen
Gezwungenheit; Innstetten indessen, ganz erfüllt von seinem Plane, merkte nichts
und fuhr fort: »Natürlich ist nicht bloss Gieshübler zugegen, auch Roswita und
Annie müssen dabeisein, und wenn ich mir dann denke, dass wir den Canal Grande
hinauffahren und hören dabei ganz in der Ferne die Gondoliere singen, während
drei Schritte von uns Roswita sich über Annie beugt und Buküken von Halberstadt
oder so was Ähnliches zum besten gibt, so können das schöne Winterabende werden,
und du sitzest dabei und strickst mir eine grosse Winterkappe. Was meinst du
dazu, Effi?«
    Solche Abende wurden nicht bloss geplant, sie nahmen auch ihren Anfang, und
sie würden sich, aller Wahrscheinlichkeit nach, über viele Wochen hin ausgedehnt
haben, wenn nicht der unschuldige, harmlose Gieshübler, trotz grösster
Abgeneigteit gegen zweideutiges Handeln, dennoch im Dienste zweier Herren
gestanden hätte. Der eine, dem er diente, war Innstetten, der andere war
Crampas, und wenn er der Innstettenschen Aufforderung zu den italienischen
Abenden, schon um Effis willen, auch mit aufrichtigster Freude Folge leistete,
so war die Freude, mit der er Crampas gehorchte, doch noch eine grössere. Nach
einem Crampasschen Plane nämlich sollte noch vor Weihnachten »Ein Schritt vom
Wege« aufgeführt werden, und als man vor dem dritten italienischen Abend stand,
nahm Gieshübler die Gelegenheit wahr, mit Effi, die die Rolle der Ella spielen
sollte, darüber zu sprechen.
    Effi war wie elektrisiert; was wollten Padua, Vicenza daneben bedeuten! Effi
war nicht für Aufgewärmteiten; Frisches war es, wonach sie sich sehnte, Wechsel
der Dinge. Aber als ob eine Stimme ihr zugerufen hätte: »Sieh dich vor!«, so
fragte sie doch, inmitten ihrer freudigen Erregung: »Ist es der Major, der den
Plan aufgebracht hat?«
    »Ja. Sie wissen, gnädigste Frau, dass er einstimmig in das Vergnügungskomitee
gewählt wurde. Wir dürfen uns endlich einen hübschen Winter in der Ressource
versprechen. Er ist ja wie geschaffen dazu.«
    »Und wird er auch mitspielen?«
    »Nein, das hat er abgelehnt. Ich muss sagen, leider. Denn er kann ja alles
und würde den Artur von Schmettwitz ganz vorzüglich geben. Er hat nur die Regie
übernommen.«
    »Desto schlimmer.«
    »Desto schlimmer?« wiederholte Gieshübler.
    »Oh, Sie dürfen das nicht so feierlich nehmen; das ist nur so eine
Redensart, die eigentlich das Gegenteil bedeutet. Auf der anderen Seite
freilich, der Major hat so was Gewaltsames, er nimmt einem die Dinge gern über
den Kopf fort. Und man muss dann spielen, wie er will, und nicht, wie man selber
will.«
    Sie sprach noch so weiter und verwickelte sich immer mehr in Widersprüche.
Der »Schritt vom Wege« kam wirklich zustande, und gerade weil man nur noch gute
vierzehn Tage hatte (die letzte Woche vor Weihnachten war ausgeschlossen), so
strengte sich alles an, und es ging vorzüglich; die Mitspielenden, vor allem
Effi, ernteten reichen Beifall. Crampas hatte sich wirklich mit der Regie
begnügt, und so streng er gegen alle anderen war, sowenig hatte er auf den
Proben in Effis Spiel hineingeredet. Entweder waren ihm von seiten Gieshüblers
Mitteilungen über das mit Effi gehabte Gespräch gemacht worden, oder er hatte es
auch aus sich selber bemerkt, dass Effi beflissen war, sich von ihm
zurückzuziehen. Und er war klug und Frauenkenner genug, um den natürlichen
Entwicklungsgang, den er nach seinen Erfahrungen nur zu gut kannte, nicht zu
stören.
    Am Teaterabend in der Ressource trennte man sich spät, und Mitternacht war
vorüber, als Innstetten und Effi wieder zu Hause bei sich eintrafen. Johanna war
noch auf, um behülflich zu sein, und Innstetten, der auf seine junge Frau nicht
wenig eitel war, erzählte Johanna, wie reizend die gnädige Frau ausgesehen und
wie gut sie gespielt habe. Schade, dass er nicht vorher daran gedacht, Christel
und sie selber und auch die alte Unke, die Kruse, hätten von der Musikgalerie
her sehr gut zusehen können; es seien viele dagewesen. Dann ging Johanna, und
Effi, die müde war, legte sich nieder. Innstetten aber, der noch plaudern
wollte, schob einen Stuhl heran und setzte sich an das Bett seiner Frau, diese
freundlich ansehend und ihre Hand in der seinen haltend.
    »Ja, Effi, das war ein hübscher Abend. Ich habe mich amüsiert über das
hübsche Stück. Und denke dir, der Dichter ist ein Kammergerichtsrat, eigentlich
kaum zu glauben. Und noch dazu aus Königsberg. Aber worüber ich mich am meisten
gefreut, das war doch meine entzückende kleine Frau, die allen die Köpfe
verdreht hat.«
    »Ach, Geert, sprich nicht so. Ich bin schon gerade eitel genug.«
    »Eitel genug, das wird wohl richtig sein. Aber doch lange nicht so eitel wie
die anderen. Und das ist zu deinen sieben Schönheiten...«
    »Sieben Schönheiten haben alle.«
    »... Ich habe mich auch bloss versprochen; du kannst die Zahl gut mit sich
selbst multiplizieren.«
    »Wie galant du bist, Geert. Wenn ich dich nicht kennte, könnt ich mich
fürchten. Oder lauert wirklich was dahinter?«
    »Hast du ein schlechtes Gewissen? Selber hinter der Tür gestanden?«
    »Ach, Geert, ich ängstige mich wirklich.« Und sie richtete sich im Bett in
die Höh und sah ihn starr an. »Soll ich noch nach Johanna klingeln, dass sie uns
Tee bringt? Du hast es so gern vor dem Schlafengehen.«
    Er küsste ihr die Hand. »Nein, Effi. Nach Mitternacht kann auch der Kaiser
keine Tasse Tee mehr verlangen, und du weisst, ich mag die Leute nicht mehr in
Anspruch nehmen als nötig. Nein, ich will nichts als dich ansehen und mich
freuen, dass ich dich habe. So manchmal empfindet man's doch stärker, welchen
Schatz man hat. Du könntest ja auch so sein wie die arme Frau Crampas: das ist
eine schreckliche Frau, gegen keinen freundlich, und dich hätte sie vom Erdboden
vertilgen mögen.«
    »Ach, ich bitte dich, Geert, das bildest du dir wieder ein. Die arme Frau!
Mir ist nichts aufgefallen.«
    »Weil du für derlei keine Augen hast. Aber es war so, wie ich dir sage, und
der arme Crampas war wie befangen dadurch und mied dich immer und sah dich kaum
an. Was doch ganz unnatürlich ist; denn erstens ist er überhaupt ein Damenmann,
und nun gar Damen wie du, das ist seine besondere Passion. Und ich wette auch,
dass es keiner besser weiss als meine kleine Frau selber. Wenn ich daran denke,
wie, Pardon, das Geschnatter hin und her ging, wenn er morgens in die Veranda
kam oder wenn wir am Strande ritten oder auf der Mole spazierengingen. Es ist,
wie ich dir sage, er traute sich heute nicht, er fürchtete sich vor seiner Frau.
Und ich kann es ihm nicht verdenken. Die Majorin ist so etwas wie unsere Frau
Kruse, und wenn ich zwischen beiden wählen müsste, ich wüsste nicht wen.«
    »Ich wüsst es schon; es ist doch ein Unterschied zwischen den beiden. Die
arme Majorin ist unglücklich, die Kruse ist unheimlich.«
    »Und da bist du doch mehr für das Unglückliche?«
    »Ganz entschieden.«
    »Nun höre, das ist Geschmacksache. Man merkt, dass du noch nicht unglücklich
warst. Übrigens hat Crampas ein Talent, die arme Frau zu eskamotieren. Er
erfindet immer etwas, sie zu Hause zu lassen.«
    »Aber heute war sie doch da.«
    »Ja, heute. Da ging es nicht anders. Aber ich habe mit ihm eine Partie zu
Oberförster Ring verabredet, er, Gieshübler und der Pastor, auf den dritten
Feiertag, und da hättest du sehen sollen, mit welcher Geschicklichkeit er
bewies, dass sie, die Frau, zu Hause bleiben müsse.«
    »Sind es denn nur Herren?«
    »O bewahre. Da würd ich mich auch bedanken. Du bist mit dabei und noch zwei,
drei andere Damen, die von den Gütern ungerechnet.«
    »Aber dann ist es doch auch hässlich von ihm, ich meine von Crampas, und so
was bestraft sich immer.«
    »Ja, mal kommt es. Aber ich glaube, unser Freund hält zu denen, die sich
über das, was kommt, keine grauen Haare wachsen lassen.«
    »Hältst du ihn für schlecht?«
    »Nein, für schlecht nicht. Beinah im Gegenteil, jedenfalls hat er gute
Seiten. Aber er ist so 'n halber Pole, kein rechter Verlass, eigentlich in
nichts, am wenigsten mit Frauen. Eine Spielernatur. Er spielt nicht am
Spieltisch, aber er hazardiert im Leben in einem fort, und man muss ihm auf die
Finger sehen.«
    »Es ist mir doch lieb dass du mir das sagst. Ich werde mich vorsehen mit
ihm.«
    »Das tu. Aber nicht zu sehr; dann hilft es nichts. Unbefangenheit ist immer
das beste, und natürlich das allerbeste ist Charakter und Festigkeit und, wenn
ich solch steifleinenes Wort brauchen darf, eine reine Seele.«
    Sie sah ihn gross an. Dann sagte sie: »Ja, gewiss. Aber nun sprich nicht mehr,
und noch dazu lauter Dinge, die mich nicht recht froh machen können. Weisst du,
mir ist, als hörte ich oben das Tanzen. Sonderbar, dass es immer wiederkommt. Ich
dachte, du hättest mit dem allen nur so gespasst.«
    »Das will ich doch nicht sagen, Effi. Aber so oder so, man muss nur in
Ordnung sein und sich nicht zu fürchten brauchen.«
    Effi nickte und dachte mit einem Male wieder an die Worte, die ihr Crampas
über ihren Mann als »Erzieher« gesagt hatte.
Der Heilige Abend kam und verging ähnlich wie das Jahr vorher; aus Hohen-Cremmen
kamen Geschenke und Briefe; Gieshübler war wieder mit einem Huldigungsvers zur
Stelle, und Vetter Briest sandte eine Karte: Schneelandschaft mit
Telegraphenstangen, auf deren Draht geduckt ein Vögelchen sass. Auch für Annie
war aufgebaut: ein Baum mit Lichtern, und das Kind griff mit seinen Händchen
danach. Innstetten, unbefangen und heiter, schien sich seines häuslichen Glücks
zu freuen und beschäftigte sich viel mit dem Kinde. Roswita war erstaunt, den
gnädigen Herrn so zärtlich und zugleich so aufgeräumt zu sehen. Auch Effi sprach
viel und lachte viel, es kam ihr aber nicht aus innerster Seele. Sie fühlte sich
bedrückt und wusste nur nicht, wen sie dafür verantwortlich machen sollte,
Innstetten oder sich selber. Von Crampas war kein Weihnachtsgruss eingetroffen;
eigentlich war es ihr lieb, aber auch wieder nicht, seine Huldigungen erfüllten
sie mit einem gewissen Bangen, und seine Gleichgültigkeiten verstimmten sie; sie
sah ein, es war nicht alles so, wie's sein sollte.
    »Du bist so unruhig«, sagte Innstetten nach einer Weile.
    »Ja. Alle Welt hat es gut mit mir gemeint, am meisten du; das bedrückt mich,
weil ich fühle, dass ich es nicht verdiene.«
    »Damit darf man sich nicht quälen, Effi. Zuletzt ist es doch so: was man
empfängt, das hat man auch verdient.«
    Effi hörte scharf hin, und ihr schlechtes Gewissen liess sie sich selber
fragen, ob er das absichtlich in so zweideutiger Form gesagt habe.
    Spät gegen Abend kam Pastor Lindequist, um zu gratulieren und noch wegen der
Partie nach der Oberförsterei Uvagla hin anzufragen, die natürlich eine
Schlittenpartie werden müsse. Crampas habe ihm einen Platz in seinem Schlitten
angeboten, aber weder der Major noch sein Bursche, der, wie alles, auch das
Kutschieren übernehmen solle, kenne den Weg, und so würde es sich vielleicht
empfehlen, die Fahrt gemeinschaftlich zu machen, wobei dann der landrätliche
Schlitten die Tête zu nehmen und der Crampassche zu folgen hätte. Wahrscheinlich
auch der Gieshüblersche. Denn mit der Wegkenntnis Mirambos, dem sich
unerklärlicherweise Freund Alonzo, der doch sonst so vorsichtig, anvertrauen
wolle, stehe es wahrscheinlich noch schlechter als mit der des sommersprossigen
Treptower Ulanen. Innstetten, den diese kleinen Verlegenheiten erheiterten, war
mit Lindequists Vorschlage durchaus einverstanden und ordnete die Sache dahin,
dass er pünktlich um zwei Uhr über den Marktplatz fahren und ohne alles Säumen
die Führung des Zuges in die Hand nehmen werde.
    Nach diesem Übereinkommen wurde denn auch verfahren, und als Innstetten
Punkt zwei Uhr den Marktplatz passierte, grüsste Crampas zunächst von seinem
Schlitten aus zu Effi hinüber und schloss sich dann dem Innstettenschen an. Der
Pastor sass neben ihm. Gieshüblers Schlitten, mit Gieshübler selbst und Doktor
Hannemann, folgte, jener in einem eleganten Büffelrock mit Marderbesatz, dieser
in einem Bärenpelz, dem man ansah, dass er wenigstens dreissig Dienstjahre zählte.
Hannemann war nämlich in seiner Jugend Schiffschirurgus auf einem Grönlandfahrer
gewesen. Mirambo sass vorn, etwas aufgeregt wegen Unkenntnis im Kutschieren, ganz
wie Lindequist vermutet hatte.
    Schon nach zwei Minuten war man an Utpatels Mühle vorbei.
    Zwischen Kessin und Uvagla (wo, der Sage nach, ein Wendentempel gestanden)
lag ein nur etwa tausend Schritt breiter, aber wohl andertalb Meilen langer
Waldstreifen, der an seiner rechten Längsseite das Meer, an seiner linken, bis
weit an den Horizont hin, ein grosses, überaus fruchtbares und gut angebautes
Stück Land hatte. Hier, an der Binnenseite, flogen jetzt die drei Schlitten hin,
in einiger Entfernung ein paar alte Kutschwagen vor sich, in denen, aller
Wahrscheinlichkeit nach, andere nach der Oberförsterei hin eingeladene Gäste
sassen. Einer dieser Wagen war an seinen altmodisch hohen Rädern deutlich zu
erkennen, es war der Papenhagensche. Natürlich. Güldenklee galt als der beste
Redner des Kreises (noch besser als Borcke, ja selbst besser als Grasenabb) und
durfte bei Festlichkeiten nicht leicht fehlen.
    Die Fahrt ging rasch - auch die herrschaftlichen Kutscher strengten sich an
und wollten sich nicht überholen lassen -, so dass man schon um drei vor der
Oberförsterei hielt. Ring, ein stattlicher, militärisch dreinschauender Herr von
Mitte Fünfzig, der den ersten Feldzug in Schleswig noch unter Wrangel und Bonin
mitgemacht und sich bei Erstürmung des Danewerks ausgezeichnet hatte, stand in
der Tür und empfing seine Gäste, die, nachdem sie abgelegt und die Frau des
Hauses begrüsst hatten, zunächst vor einem langgedeckten Kaffeetische Platz
nahmen, auf dem kunstvoll aufgeschichtete Kuchenpyramiden standen. Die
Oberförsterin, eine von Natur sehr ängstliche, zum mindesten aber sehr befangene
Frau, zeigte sich auch als Wirtin so, was den überaus eitlen Oberförster, der
für Sicherheit und Schneidigkeit war, ganz augenscheinlich verdross. Zum Glück
kam sein Unmut zu keinem Ausbruch, denn von dem, was seine Frau vermissen liess,
hatten seine Töchter desto mehr, bildhübsche Backfische von vierzehn und
dreizehn, die ganz nach dem Vater schlugen. Besonders die ältere, Cora,
kokettierte sofort mit Innstetten und Crampas, und beide gingen auch darauf ein.
Effi ärgerte sich darüber und schämte sich dann wieder, dass sie sich geärgert
habe. Sie sass neben Sidonie von Grasenabb und sagte: »Sonderbar, so bin ich auch
gewesen, als ich vierzehn war.«
    Effi rechnete darauf, dass Sidonie dies bestreiten oder doch wenigstens
Einschränkungen machen würde. Statt dessen sagte diese: »Das kann ich mir
denken.«
    »Und wie der Vater sie verzieht«, fuhr Effi halb verlegen, und nur, um doch
was zu sagen, fort.
    Sidonie nickte. »Da liegt es. Keine Zucht. Das ist die Signatur unserer
Zeit.«
    Effi brach nun ab.
    Der Kaffee war bald genommen, und man stand auf, um noch einen halbstündigen
Spaziergang in den umliegenden Wald zu machen, zunächst auf ein Gehege zu, drin
Wild eingezäunt war. Cora öffnete das Gatter, und kaum dass sie eingetreten, so
kamen auch schon die Rehe auf sie zu. Es war eigentlich reizend, ganz wie ein
Märchen. Aber die Eitelkeit des jungen Dinges, das sich bewusst war, ein lebendes
Bild zu stellen, liess doch einen reinen Eindruck nicht aufkommen, am wenigsten
bei Effi. »Nein«, sagte sie zu sich selber, »so bin ich doch nicht gewesen.
Vielleicht hat es mir auch an Zucht gefehlt, wie diese furchtbare Sidonie mir
eben andeutete, vielleicht auch anderes noch. Man war zu Haus zu gütig gegen
mich, man liebte mich zu sehr. Aber das darf ich doch wohl sagen, ich habe mich
nie geziert. Das war immer Huldas Sache. Darum gefiel sie mir auch nicht, als
ich diesen Sommer sie wiedersah.«
    Auf dem Rückwege vom Walde nach der Oberförsterei begann es zu schneien.
Crampas gesellte sich zu Effi und sprach ihr sein Bedauern aus, dass er noch
nicht Gelegenheit gehabt habe, sie zu begrüssen. Zugleich wies er auf die grossen,
schweren Schneeflocken, die fielen, und sagte: »Wenn das so weitergeht, so
schneien wir hier ein.«
    »Das wäre nicht das Schlimmste. Mit dem Eingeschneitwerden verbinde ich von
langer Zeit her eine freundliche Vorstellung, eine Vorstellung von Schutz und
Beistand.«
    »Das ist mir neu, meine gnädigste Frau.«
    »Ja«, fuhr Effi fort und versuchte zu lachen, »mit den Vorstellungen ist es
ein eigen Ding, man macht sie sich nicht bloss nach dem, was man persönlich
erfahren hat, auch nach dem, was man irgendwo gehört oder ganz zufällig weiss.
Sie sind so belesen, Major, aber mit einem Gedichte - freilich keinem
Heineschen, keinem Seegespenst und keinem Vitzliputzli bin ich Ihnen, wie mir
scheint, doch voraus. Dies Gedicht heisst die Gottesmauer, und ich hab es bei
unserm Hohen-Cremmner Pastor vor vielen, vielen Jahren, als ich noch ganz klein
war, auswendig gelernt.«
    »Gottesmauer«, wiederholte Crampas. »Ein hübscher Titel, und wie verhält es
sich damit?«
    »Eine kleine Geschichte, nur ganz kurz. Da war irgendwo Krieg, ein
Winterfeldzug, und eine alte Witwe, die sich vor dem Feinde mächtig fürchtete,
betete zu Gott, er möge doch eine Mauer um sie bauen, um sie vor dem
Landesfeinde zu schützen. Und da liess Gott das Haus einschneien, und der Feind
zog daran vorüber.«
    Crampas war sichtlich betroffen und wechselte das Gespräch.
    Als es dunkelte, waren alle wieder in der Oberförsterei zurück.
 
                              Neunzehntes Kapitel
Gleich nach sieben ging man zu Tisch, und alles freute sich, dass der
Weihnachtsbaum, eine mit zahllosen Silberkugeln bedeckte Tanne, noch einmal
angesteckt wurde. Crampas, der das Ringsche Haus noch nicht kannte, war helle
Bewunderung. Der Damast, die Weinkühler, das reiche Silbergeschirr, alles wirkte
herrschaftlich, weit über oberförsterliche Durchschnittsverhältnisse hinaus, was
darin seinen Grund hatte, dass Rings Frau, so scheu und verlegen sie war, aus
einem reichen Danziger Kornhändlerhause stammte. Von da her rührten auch die
meisten der ringsumher hängenden Bilder: der Kornhändler und seine Frau, der
Marienburger Remter und eine gute Kopie nach dem berühmten Memlingschen
Altarbilde in der Danziger Marienkirche. Kloster Oliva war zweimal da, einmal in
Öl und einmal in Kork geschnitzt. Ausserdem befand sich über dem Büfett ein sehr
nachgedunkeltes Porträt des alten Nettelbeck, das noch aus dem bescheidenen
Mobiliar des erst vor andertalb Jahren verstorbenen Ringschen Amtsvorgängers
herrührte. Niemand hatte damals, bei der wie gewöhnlich stattfindenden Auktion,
das Bild des Alten haben wollen, bis Innstetten, der sich über diese Missachtung
ärgerte, darauf geboten hatte. Da hatte sich denn auch Ring patriotisch
besonnen, und der alte Kolbergverteidiger war der Oberförsterei verblieben.
    Das Nettelbeck-Bild liess ziemlich viel zu wünschen übrig; sonst aber verriet
alles, wie schon angedeutet, eine beinahe an Glanz streifende Wohlhabenheit, und
dem entsprach denn auch das Mahl, das aufgetragen wurde. Jeder hatte mehr oder
weniger seine Freude daran, mit Ausnahme Sidoniens. Diese sass zwischen
Innstetten und Lindequist und sagte, als sie Coras ansichtig wurde: »Da ist ja
wieder dies unausstehliche Balg, diese Cora. Sehen Sie nur, Innstetten, wie sie
die kleinen Weingläser präsentiert, ein wahres Kunststück, sie könnte jeden
Augenblick Kellnerin werden. Ganz unerträglich. Und dazu die Blicke von Ihrem
Freunde Crampas! Das ist so die rechte Saat! Ich frage Sie, was soll dabei
herauskommen?«
    Innstetten, der ihr eigentlich zustimmte, fand trotzdem den Ton, in dem das
alles gesagt wurde, so verletzend herbe, dass er spöttisch bemerkte: »Ja, meine
Gnädigste, was dabei herauskommen soll? Ich weiss es auch nicht« - worauf sich
Sidonie von ihm ab- und ihrem Nachbar zur Linken zuwandte: »Sagen Sie, Pastor,
ist diese vierzehnjährige Kokette schon im Unterricht bei Ihnen?«
    »Ja, mein gnädigstes Fräulein.«
    »Dann müssen Sie mir die Bemerkung verzeihen, dass Sie sie nicht in die
richtige Schule genommen haben. Ich weiss wohl, es hält das heutzutage sehr
schwer, aber ich weiss auch, dass die, denen die Fürsorge für junge Seelen
obliegt, es vielfach an dem rechten Ernste fehlen lassen. Es bleibt dabei, die
Hauptschuld tragen die Eltern und Erzieher.«
    Lindequist, denselben Ton anschlagend wie Innstetten, antwortete, dass das
alles sehr richtig, der Geist der Zeit aber zu mächtig sei.
    »Geist der Zeit!« sagte Sidonie. »Kommen Sie mir nicht damit. Das kann ich
nicht hören, das ist der Ausdruck höchster Schwäche, Bankrutterklärung. Ich
kenne das; nie scharf zufassen wollen, immer dem Unbequemen aus dem Wege gehen.
Denn Pflicht ist unbequem. Und so wird nur allzuleicht vergessen, dass das uns
anvertraute Gut auch mal von uns zurückgefordert wird. Eingreifen, lieber
Pastor, Zucht. Das Fleisch ist schwach, gewiss; aber...«
    In diesem Augenblicke kam ein englisches Roastbeef, von dem Sidonie ziemlich
ausgiebig nahm, ohne Lindequists Lächeln dabei zu bemerken. Und weil sie's nicht
bemerkte, so durfte es auch nicht wundernehmen, dass sie mit vieler
Unbefangenheit fortfuhr: »Es kann übrigens alles, was Sie hier sehen, nicht wohl
anders sein; alles ist schief und verfahren von Anfang an. Ring, Ring - wenn ich
nicht irre, hat es drüben in Schweden oder da herum mal einen Sagenkönig dieses
Namens gegeben. Nun sehen Sie, benimmt er sich nicht, als ob er von dem
abstamme, und seine Mutter, die ich noch gekannt habe, war eine Plättfrau in
Köslin.«
    »Ich kann darin nichts Schlimmes finden.«
    »Schlimmes finden? Ich auch nicht. Und jedenfalls gibt es Schlimmeres. Aber
so viel muss ich doch von Ihnen, als einem geweihten Diener der Kirche,
gewärtigen dürfen, dass Sie die gesellschaftlichen Ordnungen gelten lassen. Ein
Oberförster ist ein bisschen mehr als ein Förster, und ein Förster hat nicht
solche Weinkühler und solch Silberzeug; das alles ist ungehörig und zieht dann
solche Kinder gross wie dies Fräulein Cora.«
    Sidonie, jedesmal bereit, irgendwas Schreckliches zu prophezeien, wenn sie,
vom Geist überkommen, die Schalen ihres Zornes ausschüttete, würde sich auch
heute bis zum Kassandrablick in die Zukunft gesteigert haben, wenn nicht in eben
diesem Augenblicke die dampfende Punschbowle - womit die Weihnachtsreunions bei
Ring immer abschlossen - auf der Tafel erschienen wäre, dazu Krausgebackenes,
das, geschickt übereinandergetürmt, noch weit über die vor einigen Stunden
aufgetragene Kaffeekuchenpyramide hinauswuchs. Und nun trat auch Ring selbst,
der sich bis dahin etwas zurückgehalten hatte, mit einer gewissen strahlenden
Feierlichkeit in Aktion und begann die vor ihm stehenden Gläser, grosse
geschliffene Römer, in virtuosem Bogensturz zu füllen, ein Einschenkekunststück,
das die stets schlagfertige Frau von Padden, die heute leider fehlte, mal als
»Ringsche Füllung en cascade« bezeichnet hatte. Rotgolden wölbte sich dabei der
Strahl, und kein Tropfen durfte verlorengehen. So war es auch heute wieder.
Zuletzt aber, als jeder, was ihm zukam, in Händen hielt - auch Cora, die sich
mittlerweile mit ihrem rotblonden Wellenhaar auf »Onkel Crampas'« Schoss gesetzt
hatte -, erhob sich der alte Papenhagner, um, wie herkömmlich bei Festlichkeiten
der Art, einen Toast auf seinen lieben Oberförster auszubringen. »Es gäbe viele
Ringe«, so etwa begann er, »Jahresringe, Gardinenringe, Trauringe, und was nun
gar - denn auch davon dürfe sich am Ende wohl sprechen lassen - die
Verlobungsringe angehe, so sei glücklicherweise die Gewähr gegeben, dass einer
davon in kürzester Frist in diesem Hause sichtbar werden und den Ringfinger (und
zwar hier in einem doppelten Sinne den Ringfinger) eines kleinen hübschen
Pätschelchens zieren werde...«
    »Unerhört«, raunte Sidonie dem Pastor zu.
    »Ja, meine Freunde«, fuhr Güldenklee mit gehobener Stimme fort, »viele Ringe
gibt es, und es gibt sogar eine Geschichte, die wir alle kennen, die die
Geschichte von den drei Ringen heisst, eine Judengeschichte, die, wie der ganze
liberale Krimskrams, nichts wie Verwirrung und Unheil gestiftet hat und noch
stiftet. Gott bessere es. Und nun lassen Sie mich schliessen, um Ihre Geduld und
Nachsicht nicht über Gebühr in Anspruch zu nehmen. Ich bin nicht für diese drei
Ringe, meine Lieben, ich bin vielmehr für einen Ring, für einen Ring, der so
recht ein Ring ist, wie er sein soll, ein Ring, der alles Gute, was wir in
unsrem altpommerschen Kessiner Kreise haben, alles, was noch mit Gott für König
und Vaterland einsteht - und es sind ihrer noch einige« (lauter Jubel) -, »an
diesem seinem gastlichen Tisch vereinigt sieht. Für diesen Ring bin ich. Er lebe
hoch!«
    Alles stimmte ein und umdrängte Ring, der, solange das dauerte, das Amt des
»Einschenkens en cascade« an den ihm gegenübersitzenden Crampas abtreten musste;
der Hauslehrer aber stürzte von seinem Platz am unteren Ende der Tafel an das
Klavier und schlug die ersten Takte des Preussenliedes an, worauf alles stehend
und feierlich einfiel: »Ich bin ein Preusse... will ein Preusse sein.«
    »Es ist doch etwas Schönes«, sagte gleich nach der ersten Strophe der alte
Borcke zu Innstetten, »so was hat man in anderen Ländern nicht.«
    »Nein«, antwortete Innstetten, der von solchem Patriotismus nicht viel
hielt, »in anderen Ländern hat man was anderes.«
    Man sang alle Strophen durch, dann hiess es, die Wagen seien vorgefahren, und
gleich darnach erhob sich alles, um die Pferde nicht warten zu lassen. Denn
diese Rücksicht »auf die Pferde« ging auch im Kreise Kessin allem anderen vor.
Im Hausflur standen zwei hübsche Mägde, Ring hielt auf dergleichen, um den
Herrschaften beim Anziehen ihrer Pelze behülflich zu sein. Alles war heiter
angeregt, einige mehr als das, und das Einsteigen in die verschiedenen Gefährte
schien sich schnell und ohne Störung vollziehen zu sollen, als es mit einemmal
hiess, der Gieshüblersche Schlitten sei nicht da. Gieshübler selbst war viel zu
artig, um gleich Unruhe zu zeigen oder gar Lärm zu machen; endlich aber, weil
doch wer das Wort nehmen musste, fragte Crampas, »was es denn eigentlich sei.«
    »Mirambo kann nicht fahren«, sagte der Hofeknecht; »das linke Pferd hat ihn
beim Anspannen vor das Schienbein geschlagen. Er liegt im Stall und schreit.«
    Nun wurde natürlich nach Doktor Hannemann gerufen, der denn auch hinausging
und nach fünf Minuten mit echter Chirurgenruhe versicherte: »Ja, Mirambo müsse
zurückbleiben; es sei vorläufig in der Sache nichts zu machen als stilliegen und
kühlen. Übrigens von Bedenklichem keine Rede.« Das war nun einigermassen ein
Trost, aber schaffte doch die Verlegenheit, wie der Gieshüblersche Schlitten
zurückzufahren sei, nicht aus der Welt, bis Innstetten erklärte, dass er für
Mirambo einzutreten und das Zwiegestirn von Doktor und Apoteker persönlich
glücklich heimzusteuern gedenke. Lachend und unter ziemlich angeheiterten
Scherzen gegen den verbindlichsten aller Landräte, der sich, um hülfreich zu
sein, sogar von seiner jungen Frau trennen wolle, wurde dem Vorschlage
zugestimmt, und Innstetten, mit Gieshübler und dem Doktor im Fond, nahm jetzt
wieder die Tête. Crampas und Lindequist folgten unmittelbar. Und als gleich
danach auch Kruse mit dem landrätlichen Schlitten vorfuhr, trat Sidonie lächelnd
an Effi heran und bat diese, da ja nun ein Platz frei sei, mit ihr fahren zu
dürfen. »In unserer Kutsche ist es immer so stickig; mein Vater liebt das. Und
ausserdem, ich möchte so gerne mit Ihnen plaudern. Aber nur bis Quappendorf. Wo
der Morgnitzer Weg abzweigt, steig ich aus und muss dann wieder in unsern
unbequemen Kasten. Und Papa raucht auch noch.«
    Effi war wenig erfreut über diese Begleitung und hätte die Fahrt lieber
allein gemacht; aber ihr blieb keine Wahl, und so stieg denn das Fräulein ein,
und kaum dass beide Damen ihre Plätze genommen hatten, so gab Kruse den Pferden
auch schon einen Peitschenknips, und von der oberförsterlichen Rampe her, von
der man einen prächtigen Ausblick auf das Meer hatte, ging es, die ziemlich
steile Düne hinunter, auf den Strandweg zu, der, eine Meile lang, in beinahe
gerader Linie bis an das Kessiner Strandhotel und von dort aus, rechts
einbiegend, durch die Plantage hin, in die Stadt führte. Der Schneefall hatte
schon seit ein paar Stunden aufgehört, die Luft war frisch, und auf das weite
dunkelnde Meer fiel der matte Schein der Mondsichel. Kruse fuhr hart am Wasser
hin, mitunter den Schaum der Brandung durchschneidend, und Effi, die etwas
fröstelte, wickelte sich fester in ihren Mantel und schwieg noch immer und mit
Absicht. Sie wusste recht gut, dass das mit der »stickigen Kutsche« bloss Vorwand
gewesen und dass sich Sidonie nur zu ihr gesetzt hatte, um ihr etwas Unangenehmes
zu sagen. Und das kam immer noch früh genug. Zudem war sie wirklich müde,
vielleicht von dem Spaziergang im Walde, vielleicht auch von dem
oberförsterlichen Punsch, dem sie, auf Zureden der neben ihr sitzenden Frau von
Flemming, tapfer zugesprochen hatte. Sie tat denn auch, als ob sie schliefe,
schloss die Augen und neigte den Kopf immer mehr nach links.
    »Sie sollten sich nicht so sehr nach links beugen, meine gnädigste Frau.
Fährt der Schlitten auf einen Stein, so fliegen Sie hinaus. Ihr Schlitten hat
ohnehin kein Schutzleder und, wie ich sehe, auch nicht einmal die Haken dazu.«
    »Ich kann die Schutzleder nicht leiden; sie haben so was Prosaisches. Und
dann, wenn ich hinausflöge, mir wär es recht, am liebsten gleich in die
Brandung. Freilich ein etwas kaltes Bad, aber was tut's... Übrigens hören Sie
nichts?«
    »Nein.«
    »Hören Sie nicht etwas wie Musik?«
    »Orgel?«
    »Nein, nicht Orgel. Da würd ich denken, es sei das Meer. Aber es ist etwas
anderes, ein unendlich feiner Ton, fast wie menschliche Stimme...«
    »Das sind Sinnestäuschungen«, sagte Sidonie, die jetzt den richtigen
Einsetzemoment gekommen glaubte. »Sie sind nervenkrank. Sie hören Stimmen. Gebe
Gott, dass Sie auch die richtige Stimme hören.«
    »Ich höre... nun, gewiss, es ist Torheit, ich weiss, sonst würd ich mir
einbilden, ich hätte die Meerfrauen singen hören... Aber, ich bitte Sie, was ist
das? Es blitzt ja bis hoch in den Himmel hinauf. Das muss ein Nordlicht sein.«
    »Ja«, sagte Sidonie. »Gnädigste Frau tun ja, als ob es ein Weltwunder wäre.
Das ist es nicht. Und wenn es dergleichen wäre, wir haben uns vor Naturkultus zu
hüten. Übrigens ein wahres Glück, dass wir ausser Gefahr sind, unsern Freund
Oberförster, diesen eitelsten aller Sterblichen, über dies Nordlicht sprechen zu
hören. Ich wette, dass er sich einbilden würde, das tue ihm der Himmel zu
Gefallen, um sein Fest noch festlicher zu machen. Er ist ein Narr. Güldenklee
konnte Besseres tun als ihn feiern. Und dabei spielt er sich auf den Kirchlichen
aus und hat auch neulich eine Altardecke geschenkt. Vielleicht, dass Cora daran
mitgestickt hat. Diese Unechten sind schuld an allem, denn ihre Weltlichkeit
liegt immer obenauf und wird denen mit angerechnet, die's ernst mit dem Heil
ihrer Seele meinen.«
    »Es ist so schwer, ins Herz zu sehen!«
    »Ja. Das ist es. Aber bei manchem ist es auch ganz leicht.« Und dabei sah
sie die junge Frau mit beinahe ungezogener Eindringlichkeit an.
    Effi schwieg und wandte sich ungeduldig zur Seite.
    »Bei manchem, sag ich, ist es ganz leicht«, wiederholte Sidonie, die ihren
Zweck erreicht hatte und deshalb ruhig lächelnd fortfuhr, »und zu diesen
leichten Rätseln gehört unser Oberförster. Wer seine Kinder so erzieht, den
beklag ich, aber das eine Gute hat es, es liegt bei ihm alles klar da. Und wie
bei ihm selbst, so bei den Töchtern. Cora geht nach Amerika und wird Millionärin
oder Metodistenpredigerin; in jedem Fall ist sie verloren. Ich habe noch keine
Vierzehnjährige gesehen...«
    In diesem Augenblicke hielt der Schlitten, und als sich beide Damen umsahn,
um in Erfahrung zu bringen, was es denn eigentlich sei, bemerkten sie, dass
rechts von ihnen, in etwa dreissig Schritt Abstand, auch die beiden anderen
Schlitten hielten - am weitesten nach rechts der von Innstetten geführte, näher
heran der Crampassche.
    »Was ist?« fragte Effi.
    Kruse wandte sich halb herum und sagte: »Der Schloon, gnäd'ge Frau.«
    »Der Schloon? Was ist das? Ich sehe nichts.«
    Kruse wiegte den Kopf hin und her, wie wenn er ausdrücken wollte, dass die
Frage leichter gestellt als beantwortet sei. Worin er auch recht hatte. Denn was
der Schloon sei, das war nicht so mit drei Worten zu sagen. Kruse fand aber in
seiner Verlegenheit alsbald Hülfe bei dem gnädigen Fräulein, das hier mit allem
Bescheid wusste und natürlich auch mit dem Schloon.
    »Ja, meine gnädigste Frau«, sagte Sidonie, »da steht es schlimm. Für mich
hat es nicht viel auf sich, ich komme bequem durch; denn wenn erst die Wagen
heran sind, die haben hohe Räder, und unsere Pferde sind ausserdem daran gewöhnt.
Aber mit solchem Schlitten ist es was anderes; die versinken im Schloon, und Sie
werden wohl oder übel einen Umweg machen müssen.«
    »Versinken! Ich bitte Sie, mein gnädigstes Fräulein, ich sehe noch immer
nicht klar. Ist denn der Schloon ein Abgrund oder irgendwas, drin man mit Mann
und Maus zugrunde gehen muss? Ich kann mir so was hierzulande gar nicht denken.«
    »Und doch ist es so was, nur freilich im kleinen; dieser Schloon ist
eigentlich bloss ein kümmerliches Rinnsal, das hier rechts vom Gotener See her
herunterkommt und sich durch die Dünen schleicht. Und im Sommer trocknet es
mitunter ganz aus, und Sie fahren dann ruhig drüber hin und wissen es nicht
einmal.«
    »Und im Winter?«
    »Ja, im Winter, da ist es was anderes; nicht immer, aber doch oft. Da wird
es dann ein Sog.«
    »Mein Gott, was sind das nur alles für Namen und Wörter!«
    »... Da wird es ein Sog, und am stärksten immer dann, wenn der Wind nach dem
Lande hin steht. Dann drückt der Wind das Meerwasser in das kleine Rinnsal
hinein, aber nicht so, dass man es sehen kann. Und das ist das Schlimmste von der
Sache, darin steckt die eigentliche Gefahr. Alles geht nämlich unterirdisch vor
sich, und der ganze Strandsand ist dann bis tief hinunter mit Wasser durchsetzt
und gefüllt. Und wenn man dann über solche Sandstelle weg will, die keine mehr
ist, dann sinkt man ein, als ob es ein Sumpf oder ein Moor wäre.«
    »Das kenn ich«, sagte Effi lebhaft. »Das ist wie in unsrem Luch«, und
inmitten all ihrer Ängstlichkeit wurde ihr mit einem Male ganz wehmütig-freudig
zu Sinn.
    Während das Gespräch noch so ging und sich fortsetzte, war Crampas aus
seinem Schlitten ausgestiegen und auf den am äussersten Flügel haltenden
Gieshüblerschen zugeschritten, um hier mit Innstetten zu verabreden, was nun
wohl eigentlich zu tun sei. Knut, so vermeldete er, wolle die Durchfahrt
riskieren, aber Knut sei dumm und verstehe nichts von der Sache; nur solche, die
hier zu Hause seien, müssten die Entscheidung treffen. Innstetten - sehr zu
Crampas' Überraschung - war auch fürs »Riskieren«, es müsse durchaus noch mal
versucht werden... er wisse schon, die Geschichte wiederhole sich jedesmal: die
Leute hier hätten einen Aberglauben und vorweg eine Furcht, während es doch
eigentlich wenig zu bedeuten habe. Nicht Knut, der wisse nicht Bescheid, wohl
aber Kruse solle noch einmal einen Anlauf nehmen und Crampas derweilen bei den
Damen einsteigen (ein kleiner Rücksitz sei ja noch da), um bei der Hand zu sein,
wenn der Schlitten umkippe. Das sei doch schliesslich das Schlimmste, was
geschehen könne.
    Mit dieser Innstettenschen Botschaft erschien jetzt Crampas bei den beiden
Damen und nahm, als er lachend seinen Auftrag ausgeführt hatte, ganz nach
empfangener Ordre den kleinen Sitzplatz ein, der eigentlich nichts als eine mit
Tuch überzogene Leiste war, und rief Kruse zu: »Nun vorwärts, Kruse.«
    Dieser hatte denn auch die Pferde bereits um hundert Schritte zurückgezoppt
und hoffte, scharf anfahrend, den Schlitten glücklich durchbringen zu können; im
selben Augenblick aber, wo die Pferde den Schloon auch nur berührten, sanken sie
bis über die Knöchel in den Sand ein, so dass sie nur mit Mühe nach rückwärts
wieder heraus konnten.
    »Es geht nicht«, sagte Crampas, und Kruse nickte.
    Während sich dies abspielte, waren endlich auch die Kutschen herangekommen,
die Grasenabbsche vorauf, und als Sidonie, nach kurzem Dank gegen Effi, sich
verabschiedet und dem seine türkische Pfeife rauchenden Vater gegenüber ihren
Rückplatz eingenommen hatte, ging es mit dem Wagen ohne weiteres auf den Schloon
zu; die Pferde sanken tief ein, aber die Räder liessen alle Gefahr leicht
überwinden, und ehe eine halbe Minute vorüber war, trabten auch schon die
Grasenabbs drüben weiter. Die andern Kutschen folgten. Effi sah ihnen nicht ohne
Neid nach. Indessen nicht lange, denn auch für die Schlittenfahrer war in der
zwischenliegenden Zeit Rat geschafft worden, und zwar einfach dadurch, dass sich
Innstetten entschlossen hatte, statt aller weiteren Forcierung, das friedlichere
Mittel eines Umwegs zu wählen. Also genau das, was Sidonie gleich anfangs in
Sicht gestellt hatte. Vom rechten Flügel her klang des Landrats bestimmte
Weisung herüber, vorläufig diesseits zu bleiben und ihm durch die Dünen hin bis
an eine weiter hinauf gelegene Bohlenbrücke zu folgen. Als beide Kutscher, Knut
und Kruse, so verständigt waren, trat der Major, der, um Sidonie zu helfen,
gleichzeitig mit dieser ausgestiegen war, wieder an Effi heran und sagte: »Ich
kann Sie nicht allein lassen, gnäd'ge Frau.«
    Effi war einen Augenblick unschlüssig, rückte dann aber rasch von der einen
Seite nach der anderen hinüber, und Crampas nahm links neben ihr Platz.
    All dies hätte vielleicht missdeutet werden können, Crampas selbst aber war
zu sehr Frauenkenner, um es sich bloss in Eitelkeit zurechtzulegen. Er sah
deutlich, dass Effi nur tat, was, nach Lage der Sache, das einzig Richtige war.
Es war unmöglich für sie, sich seine Gegenwart zu verbitten. Und so ging es denn
im Fluge den beiden anderen Schlitten nach, immer dicht an dem Wasserlaufe hin,
an dessen anderem Ufer dunkle Waldmassen aufragten. Effi sah hinüber und nahm
an, dass schliesslich an dem landeinwärts gelegenen Aussenrande des Waldes hin die
Weiterfahrt gehen würde, genau also den Weg entlang, auf dem man in früher
Nachmittagsstunde gekommen war. Innstetten aber hatte sich inzwischen einen
andern Plan gemacht, und im selben Augenblicke, wo sein Schlitten die
Bohlenbrücke passierte, bog er, statt den Aussenweg zu wählen, in einen
schmaleren Weg ein, der mitten durch die dichte Waldmasse hindurchführte. Effi
schrak zusammen. Bis dahin waren Luft und Licht um sie her gewesen, aber jetzt
war es damit vorbei, und die dunklen Kronen wölbten sich über ihr. Ein Zittern
überkam sie, und sie schob die Finger fest ineinander, um sich einen Halt zu
geben. Gedanken und Bilder jagten sich, und eines dieser Bilder war das
Mütterchen in dem Gedichte, das die »Gottesmauer« hiess, und wie das Mütterchen,
so betete auch sie jetzt, dass Gott eine Mauer um sie her bauen möge. Zwei, drei
Male kam es auch über ihre Lippen, aber mit einemmal fühlte sie, dass es tote
Worte waren. Sie fürchtete sich und war doch zugleich wie in einem Zauberbann
und wollte auch nicht heraus.
    »Effi«, klang es jetzt leis an ihr Ohr, und sie hörte, dass seine Stimme
zitterte. Dann nahm er ihre Hand und löste die Finger, die sie noch immer
geschlossen hielt, und überdeckte sie mit heissen Küssen. Es war ihr, als wandle
sie eine Ohnmacht an.
    Als sie die Augen wieder öffnete, war man aus dem Walde heraus, und in
geringer Entfernung vor sich hörte sie das Geläut der voraufeilenden Schlitten.
Immer vernehmlicher klang es, und als man, dicht vor Utpatels Mühle, von den
Dünen her in die Stadt einbog, lagen rechts die kleinen Häuser mit ihren
Schneedächern neben ihnen.
    Effi blickte sich um, und im nächsten Augenblicke hielt der Schlitten vor
dem landrätlichen Hause.
 
                              Zwanzigstes Kapitel
Innstetten, der Effi, als er sie aus dem Schlitten hob, scharf beobachtet, aber
doch ein Sprechen über die sonderbare Fahrt zu zweien vermieden hatte, war am
anderen Morgen früh auf und suchte seiner Verstimmung, die noch nachwirkte, so
gut es ging, Herr zu werden.
    »Du hast gut geschlafen?« sagte er, als Effi zum Frühstück kam.
    »Ja.«
    »Wohl dir. Ich kann dasselbe von mir nicht sagen. Ich träumte, dass du mit
dem Schlitten im Schloon verunglückt seist, und Crampas mühte sich, dich zu
retten; ich muss es so nennen, aber er versank mit dir.«
    »Du sprichst das alles so sonderbar, Geert. Es verbirgt sich ein Vorwurf
dahinter, und ich ahne weshalb.«
    »Sehr merkwürdig.«
    »Du bist nicht einverstanden damit, dass Crampas kam und uns seine Hülfe
anbot.«
    »Uns?«
    »Ja, uns, Sidonien und mir. Du musst durchaus vergessen haben, dass der Major
in deinem Auftrage kam. Und als er mir erst gegenübersass, beiläufig jämmerlich
genug auf der elenden schmalen Leiste, sollte ich ihn da ausweisen, als die
Grasenabbs kamen und mit einem Male die Fahrt weiterging? Ich hätte mich
lächerrlich gemacht, und dagegen bist du doch so empfindlich. Erinnere dich, dass
wir unter deiner Zustimmung viele Male gemeinschaftlich spazierengeritten sind,
und nun sollte ich nicht gemeinschaftlich mit ihm fahren? Es ist falsch, so hiess
es bei uns zu Haus, einem Edelmanne Misstrauen zu zeigen.«
    »Einem Edelmanne«, sagte Innstetten mit Betonung.
    »Ist er keiner? Du hast ihn selbst einen Kavalier genannt, sogar einen
perfekten Kavalier.«
    »Ja«, fuhr Innstetten fort, und seine Stimme wurde freundlicher, trotzdem
ein leiser Spott noch darin nachklang. »Kavalier, das ist er, und ein perfekter
Kavalier, das ist er nun schon ganz gewiss. Aber Edelmann! Meine liebe Effi, ein
Edelmann sieht anders aus. Hast du schon etwas Edles an ihm bemerkt? Ich nicht.«
    Effi sah vor sich hin und schwieg.
    »Es scheint, wir sind gleicher Meinung. Im übrigen, wie du schon sagtest,
ich bin selber schuld; von einem Fauxpas mag ich nicht sprechen, das ist in
diesem Zusammenhange kein gutes Wort. Also selber schuld, und es soll nicht
wieder vorkommen, soweit ich's hindern kann. Aber auch du, wenn ich dir raten
darf, sei auf deiner Hut. Er ist ein Mann der Rücksichtslosigkeiten und hat so
seine Ansichten über junge Frauen. Ich kenne ihn von früher.«
    »Ich werde mir deine Worte gesagt sein lassen. Nur soviel, ich glaube, du
verkennst ihn.«
    »Ich verkenne ihn nicht«
    »Oder mich«, sagte sie mit einer Kraftanstrengung und versuchte seinem
Blicke zu begegnen.
    »Auch dich nicht, meine liebe Effi. Du bist eine reizende kleine Frau, aber
Festigkeit ist nicht eben deine Spezialität.«
    Er erhob sich, um zu gehen. Als er bis an die Tür gegangen war, trat
Friedrich ein, um ein Gieshüblersches Billet abzugeben, das natürlich an die
gnädige Frau gerichtet war.
    Effi nahm es. »Eine Geheimkorrespondenz mit Gieshübler«, sagte sie: »Stoff
zu neuer Eifersucht für meinen gestrengen Herrn. Oder nicht?«
    »Nein, nicht ganz meine liebe Effi. Ich begehe die Torheit, zwischen Crampas
und Gieshübler einen Unterschied zu machen. Sie sind sozusagen nicht von
gleichem Karat; nach Karat berechnet man nämlich den reinen Goldeswert, unter
Umständen auch der Menschen. Mir persönlich, um auch das noch zu sagen, ist
Gieshüblers weisses Jabot, trotzdem kein Mensch mehr Jabots trägt, erheblich
lieber als Crampas' rotblonder Sappeurbart. Aber ich bezweifle, dass dies
weiblicher Geschmack ist.«
    »Du hältst uns für schwächer, als wir sind.«
    »Eine Tröstung von praktisch ausserordentlicher Geringfügigkeit. Aber lassen
wir das. Lies lieber.«
    Und Effi las: »Darf ich mich nach der gnäd'gen Frau Befinden erkundigen? Ich
weiss nur, dass Sie dem Schloon glücklich entronnen sind: aber es blieb auch durch
den Wald hin immer noch Fährlichkeit genug. Eben kommt Dr. Hannemann von Uvagla
zurück und beruhigt mich über Mirambo: gestern habe er die Sache für
bedenklicher angesehen, als er uns habe sagen wollen, heute nicht mehr. Es war
eine reizende Fahrt. - In drei Tagen feiern wir Silvester. Auf eine
Festlichkeit, wie die vorjährige, müssen wir verzichten; aber einen Ball haben
wir natürlich, und Sie erscheinen zu sehen würde die Tanzwelt beglücken und
nicht am wenigsten Ihren respektvollst ergebenen Alonzo G.«
    Effi lachte. »Nun, was sagst du?«
    »Nach wie vor nur das eine, dass ich dich lieber mit Gieshübler als mit
Crampas sehe.«
    »Weil du den Crampas zu schwer und den Gieshübler zu leicht nimmst.«
    Innstetten drohte ihr scherzhaft mit dem Finger.
    Drei Tage später war Silvester. Effi erschien in einer reizenden
Balltoilette, einem Geschenk, das ihr der Weihnachtstisch gebracht hatte; sie
tanzte aber nicht, sondern nahm ihren Platz bei den alten Damen, für die, ganz
in der Nähe der Musikempore, die Fauteuils gestellt waren. Von den adligen
Familien, mit denen Innstettens vorzugsweise verkehrten, war niemand da, weil
kurz vorher ein kleines Zerwürfnis mit dem städtischen Ressourcenvorstand, der,
namentlich seitens des alten Güldenklee, mal wieder »destruktiver Tendenzen«
beschuldigt worden war, stattgefunden hatte; drei, vier andere adlige Familien
aber, die nicht Mitglieder der Ressource, sondern immer nur geladene Gäste waren
und deren Güter an der anderen Seite der Kessine lagen, waren aus zum Teil
weiter Entfernung über das Flusseis gekommen und freuten sich, an dem Feste
teilnehmen zu können. Effi sass zwischen der alten Ritterschaftsrätin von Padden
und einer etwas jüngeren Frau von Titzewitz. Die Ritterschaftsrätin, eine
vorzügliche alte Dame, war in allen Stücken ein Original und suchte das, was die
Natur, besonders durch starke Backenknochenbildung, nach der
wendisch-heidnischen Seite hin für sie getan hatte, durch christlich-germanische
Glaubensstrenge wieder in Ausgleich zu bringen. In dieser Strenge ging sie so
weit, dass selbst Sidonie von Grasenabb eine Art Esprit fort neben ihr war,
wogegen sie freilich - vielleicht weil sich die Radegaster und die Swantowiter
Linie des Hauses in ihr vereinigten - über jenen alten Paddenhumor verfügte,
der, von langer Zeit her, wie ein Segen auf der Familie ruhte und jeden, der mit
derselben in Berührung kam, auch wenn es Gegner in Politik und Kirche waren,
herzlich erfreute.
    »Nun, Kind«, sagte die Ritterschaftsrätin, »wie geht es Ihnen denn
eigentlich?«
    »Gut, gnädigste Frau; ich habe einen sehr ausgezeichneten Mann.«
    »Weiss ich. Aber das hilft nicht immer. Ich hatte auch einen ausgezeichneten
Mann. Wie steht es hier? Keine Anfechtungen?«
    Effi erschrak und war zugleich wie gerührt. Es lag etwas ungemein
Erquickliches in dem freien und natürlichen Ton, in dem die alte Dame sprach,
und dass es eine so fromme Frau war, das machte die Sache nur noch erquicklicher.
    »Ach, gnädigste Frau...«
    »Da kommt es schon. Ich kenne das. Immer dasselbe. Darin ändern die Zeiten
nichts. Und vielleicht ist es auch recht gut so. Denn worauf es ankommt, meine
liebe junge Frau, das ist das Kämpfen. Man muss immer ringen mit dem natürlichen
Menschen. Und wenn man sich dann so unter hat und beinah schreien möchte, weil's
weh tut, dann jubeln die lieben Engel!«
    »Ach, gnädigste Frau. Es ist oft recht schwer.«
    »Freilich ist es schwer. Aber je schwerer, desto besser. Darüber müssen Sie
sich freuen. Das mit dem Fleisch, das bleibt, und ich habe Enkel und Enkelinnen,
da seh ich es jeden Tag. Aber im Glauben sich unterkriegen, meine liebe Frau,
darauf kommt es an, das ist das Wahre. Das hat uns unser alter Martin Luter zur
Erkenntnis gebracht, der Gottesmann. Kennen Sie seine Tischreden?«
    »Nein, gnädigste Frau.«
    »Die werde ich Ihnen schicken.«
    In diesem Augenblicke trat Major Crampas an Effi heran und bat, sich nach
ihrem Befinden erkundigen zu dürfen. Effi war wie mit Blut übergossen, aber ehe
sie noch antworten konnte, sagte Crampas: »Darf ich Sie bitten, gnädigste Frau,
mich den Damen vorstellen zu wollen?«
    Effi nannte nun Crampas' Namen, der seinerseits schon vorher vollkommen
orientiert war und in leichtem Geplauder alle Paddens und Titzewitze, von denen
er je gehört hatte, Revue passieren liess. Zugleich entschuldigte er sich, den
Herrschaften jenseits der Kessine noch immer nicht seinen Besuch gemacht und
seine Frau vorgestellt zu haben; »aber es sei sonderbar, welche trennende Macht
das Wasser habe. Es sei dasselbe wie mit dem Canal La Manche...«
    »Wie?« fragte die alte Titzewitz.
    Crampas seinerseits hielt es für unangebracht, Aufklärungen zu geben, die
doch zu nichts geführt haben würden, und fuhr fort »Auf zwanzig Deutsche, die
nach Frankreich gehen, kommt noch nicht einer, der nach England geht. Das macht
das Wasser; ich wiederhole, das Wasser hat eine scheidende Kraft.«
    Frau von Padden, die darin mit feinem Instinkt etwas Anzügliches witterte,
wollte für das Wasser eintreten, Crampas aber sprach mit immer wachsendem
Redefluss weiter und lenkte die Aufmerksamkeit der Damen auf ein schönes Fräulein
von Stojentin, »das ohne Zweifel die Ballkönigin« sei, wobei sein Blick übrigens
Effi bewundernd streifte. Dann empfahl er sich rasch unter Verbeugung gegen alle
drei.
    »Schöner Mann«, sagte die Padden. »Verkehrt er in Ihrem Hause?«
    » Flüchtig.«
    »Wirklich«, wiederholte die Padden, »ein schöner Mann. Ein bisschen zu
sicher. Und Hochmut kommt vor dem Fall... Aber sehen Sie nur, da tritt er
wirklich mit der Grete Stojentin an. Eigentlich ist er doch zu alt; wenigstens
Mitte Vierzig.«
    »Er wird vierundvierzig.«
    »Ei, ei. Sie scheinen ihn ja gut zu kennen.«
Es kam Effi sehr zupass, dass das neue Jahr, gleich in seinem Anfang, allerlei
Aufregungen brachte. Seit Silvesternacht ging ein scharfer Nordost, der sich in
den nächsten Tagen fast bis zum Sturm steigerte, und am dritten Januar
nachmittags hiess es, dass ein Schiff draussen mit der Einfahrt nicht zustande
gekommen und hundert Schritt vor der Mole gescheitert sei; es sei ein
englisches, von Sunderland her, und soweit sich erkennen lasse, sieben Mann an
Bord; die Lotsen könnten beim Ausfahren, trotz aller Anstrengung, nicht um die
Mole herum, und vom Strande aus ein Boot abzulassen, daran sei nun vollends
nicht zu denken, die Brandung sei viel zu stark. Das klang traurig genug. Aber
Johanna, die die Nachricht brachte, hatte doch auch Trost bei der Hand: Konsul
Eschrich, mit dem Rettungsapparat und der Raketenbatterie, sei schon unterwegs,
und es würde gewiss glücken; die Entfernung sei nicht voll so weit wie Anno 75,
wo's doch auch gegangen, und sie hätten damals sogar den Pudel mit gerettet, und
es wäre ordentlich rührend gewesen, wie sich das Tier gefreut und die
Kapitänsfrau und das liebe, kleine Kind, nicht viel grösser als Anniechen, immer
wieder mit seiner roten Zunge geleckt habe.
    »Geert, da muss ich mit hinaus, das muss ich sehen«, hatte Effi sofort
erklärt, und beide waren aufgebrochen, um nicht zu spät zu kommen, und hatten
denn auch den rechten Moment abgepasst; denn im Augenblick, als sie, von der
Plantage her, den Strand erreichten, fiel der erste Schuss, und sie sahen ganz
deutlich, wie die Rakete mit dem Fangseil unter dem Sturmgewölk hinflog und über
das Schiff weg jenseits niederfiel. Alle Hände regten sich sofort an Bord, und
nun holten sie, mit Hülfe der kleinen Leine, das dickere Tau samt dem Korb
heran, und nicht lange, so kam der Korb in einer Art Kreislauf wieder zurück,
und einer der Matrosen, ein schlanker, bildhübscher Mensch mit einer
wachsleinenen Kappe, war geborgen an Land und wurde neugierig ausgefragt,
während der Korb aufs neue seinen Weg machte, zunächst den zweiten und dann den
dritten heranzuholen und so fort. Alle wurden gerettet, und Effi hätte sich, als
sie nach einer halben Stunde mit ihrem Manne wieder heimging, in die Dünen
werfen und sich ausweinen mögen. Ein schönes Gefühl hatte wieder Platz in ihrem
Herzen gefunden, und es beglückte sie unendlich, dass es so war.
    Das war am Dritten gewesen. Schon am Fünften kam ihr eine neue Aufregung,
freilich ganz anderer Art. Innstetten hatte Gieshübler, der natürlich auch
Stadtrat und Magistratsmitglied war, beim Herauskommen aus dem Ratause
getroffen und im Gespräche mit ihm erfahren, dass seitens des Kriegsministeriums
angefragt worden sei, wie sich die Stadtbehörden eventuell zur Garnisonsfrage zu
stellen gedächten. Bei nötigem Entgegenkommen, also bei Bereitwilligkeit zu
Stall- und Kasernenbauten, könnten ihnen zwei Schwadronen Husaren zugesagt
werden. »Nun, Effi, was sagst du dazu?« - Effi war wie benommen. All das
unschuldige Glück ihrer Kinderjahre stand mit einemmal wieder vor ihrer Seele,
und im Augenblick war es ihr, als ob rote Husaren - denn es waren auch rote wie
daheim in Hohen-Cremmen - so recht eigentlich die Hüter von Paradies und
Unschuld seien. Und dabei schwieg sie noch immer.
    »Du sagst ja nichts, Effi.«
    »Ja, sonderbar, Geert. Aber es beglückt mich so, dass ich vor Freude nichts
sagen kann. Wird es denn auch sein? Werden sie denn auch kommen?«
    »Damit hat's freilich noch gute Wege, ja, Gieshübler meinte sogar, die Väter
der Stadt, seine Kollegen, verdienten es gar nicht. Statt einfach über die Ehre,
und wenn nicht über die Ehre, so doch wenigstens über den Vorteil einig und
glücklich zu sein, wären sie mit allerlei Wenns und Abers gekommen und hätten
geknausert wegen der neuen Bauten; ja, Pfefferküchler Michelsen habe sogar
gesagt, es verderbe die Sitten der Stadt, und wer eine Tochter habe, der möge
sich vorsehen und Gitterfenster anschaffen.«
    »Es ist nicht zu glauben. Ich habe nie manierlichere Leute gesehen als
unsere Husaren; wirklich, Geert. Nun, du weisst es ja selbst. Und nun will dieser
Michelsen alles vergittern. Hat er denn Töchter?«
    »Gewiss; sogar drei. Aber sie sind sämtlich hors concours.«
    Effi lachte so herzlich, wie sie seit lange nicht mehr gelacht hatte. Doch
es war von keiner Dauer, und als Innstetten ging und sie allein liess, setzte sie
sich an die Wiege des Kindes, und ihre Tränen fielen auf die Kissen. Es brach
wieder über sie herein, und sie fühlte, dass sie wie eine Gefangene sei und nicht
mehr heraus könne.
    Sie litt schwer darunter und wollte sich befreien. Aber wiewohl sie starker
Empfindungen fähig war, so war sie doch keine starke Natur; ihr fehlte die
Nachhaltigkeit, und alle guten Anwandlungen gingen wieder vorüber. So trieb sie
denn weiter, heute, weil sie's nicht ändern konnte, morgen, weil sie's nicht
ändern wollte. Das Verbotene, das Geheimnisvolle hatte seine Macht über sie.
    So kam es, dass sie sich, von Natur frei und offen, in ein verstecktes
Komödienspiel mehr und mehr hineinlebte. Mitunter erschrak sie, wie leicht es
ihr wurde. Nur in einem blieb sie sich gleich: sie sah alles klar und
beschönigte nichts. Einmal trat sie spätabends vor den Spiegel in ihrer
Schlafstube; die Lichter und Schatten flogen hin und her, und Rollo schlug
draussen an, und im selben Augenblicke war es ihr, als sähe ihr wer über die
Schulter. Aber sie besann sich rasch. »Ich weiss schon, was es ist; es war nicht
der«, und sie wies mit dem Finger nach dem Spukzimmer oben. »Es war was
anderes... mein Gewissen... Effi, du bist verloren.«
    Es ging aber doch weiter so, die Kugel war im Rollen, und was an einem Tage
geschah, machte das Tun des andern zur Notwendigkeit.
    Um die Mitte des Monats kamen Einladungen aufs Land. Über die dabei
innezuhaltende Reihenfolge hatten sich die vier Familien, mit denen Innstettens
vorzugsweise verkehrten, geeinigt: die Borckes sollten beginnen, die Flemmings
und Grasenabbs folgten, die Güldenklees schlossen ab. Immer eine Woche
dazwischen. Alle vier Einladungen kamen am selben Tage; sie sollten ersichtlich
den Eindruck des Ordentlichen und Wohlerwogenen machen, auch wohl den einer
besonderen freundschaftlichen Zusammengehörigkeit.
    »Ich werde nicht dabeisein, Geert, und du musst mich der Kur halber, in der
ich nun seit Wochen stehe, von vornherein entschuldigen.«
    Innstetten lachte. »Kur. Ich soll es auf die Kur schieben. Das ist das
Vorgebliche; das Eigentliche heisst: du willst nicht.«
    »Nein, es ist doch mehr Ehrlichkeit dabei, als du zugeben willst. Du hast
selbst gewollt, dass ich den Doktor zu Rate ziehe. Das hab ich getan, und nun muss
ich doch seinem Rate folgen. Der gute Doktor, er hält mich für bleichsüchtig,
sonderbar genug, und du weisst, dass ich jeden Tag von dem Eisenwasser trinke.
Wenn du dir ein Borckesches Diner dazu vorstellst, vielleicht mit Presskopf und
Aal in Aspik, so musst du den Eindruck haben, es wäre mein Tod. Und so wirst du
dich doch zu deiner Effi nicht stellen wollen. Freilich mitunter ist es mir...«
    »Ich bitte dich, Effi ...«
    »... Übrigens freu ich mich, und das ist das einzige Gute dabei, dich
jedesmal, wenn du fährst, eine Strecke Wegs begleiten zu können, bis an die
Mühle gewiss oder bis an den Kirchhof oder auch bis an die Waldecke, da, wo der
Morgnitzer Querweg einmündet. Und dann steig ich ab und schlendere wieder
zurück. In den Dünen ist es immer am schönsten.«
    Innstetten war einverstanden, und als drei Tage später der Wagen vorfuhr,
stieg Effi mit auf und gab ihrem Manne das Geleit bis an die Waldecke. »Hier lass
halten, Geert. Du fährst nun links weiter, ich gehe rechts bis an den Strand und
durch die Plantage zurück. Es ist etwas weit, aber doch nicht zu weit. Doktor
Hannemann sagt mir jeden Tag, Bewegung sei alles, Bewegung und frische Luft. Und
ich glaube beinah, dass er recht hat. Empfiehl mich all den Herrschaften; nur bei
Sidonie kannst du schweigen.«
    Die Fahrten, auf denen Effi ihren Gatten bis an die Waldecke begleitete,
wiederholten sich allwöchentlich; aber auch in der zwischenliegenden Zeit hielt
Effi darauf, dass sie der ärztlichen Verordnung streng nachkam. Es verging kein
Tag, wo sie nicht ihren vorgeschriebenen Spaziergang gemacht hätte, meist
nachmittags, wenn sich Innstetten in seine Zeitungen zu vertiefen begann. Das
Wetter war schön, eine milde, frische Luft, der Himmel bedeckt. Sie ging in der
Regel allein und sagte zu Roswita: »Roswita, ich gehe nun also die Chaussee
hinunter und dann rechts an den Platz mit dem Karussell; da will ich auf dich
warten, da hole mich ab. Und dann gehen wir durch die Birkenallee oder durch die
Reeperbahn wieder zurück. Aber komme nur, wenn Annie schläft. Und wenn sie nicht
schläft, so schicke Johanna. Oder lass es lieber ganz; es ist nicht nötig, ich
finde mich schon zurecht.«
    Den ersten Tag, als es so verabredet war, trafen sie sich auch wirklich.
Effi sass auf einer an einem langen Holzschuppen sich hinziehenden Bank und sah
nach einem niedrigen Fachwerkhause hinüber, gelb mit schwarzgestrichenen Balken,
einer Wirtschaft für kleine Bürger, die hier ihr Glas Bier tranken oder Solo
spielten. Es dunkelte noch kaum, die Fenster aber waren schon hell, und ihr
Lichtschimmer fiel auf die Schneemassen und etliche zur Seite stehende Bäume.
»Sieh, Roswita, wie schön das aussieht.«
    Ein paar Tage wiederholte sich das. Meist aber, wenn Roswita bei dem
Karussell und dem Holzschuppen ankam, war niemand da, und wenn sie dann
zurückkam und in den Hausflur eintrat, kam ihr Effi schon entgegen und sagte:
»Wo du nur bleibst, Roswita, ich bin schon lange wieder hier.«
    In dieser Art ging es durch Wochen hin. Das mit den Husaren hatte sich wegen
der Schwierigkeiten, die die Bürgerschaft machte, so gut wie zerschlagen; aber
da die Verhandlungen noch nicht geradezu abgeschlossen waren und neuerdings
durch eine andere Behörde, das Generalkommando, gingen, so war Crampas nach
Stettin berufen worden, wo man seine Meinung in dieser Angelegenheit hören
wollte. Von dort schrieb er den zweiten Tag an Innstetten: »Pardon, Innstetten,
dass ich mich auf französisch empfohlen. Es kam alles so schnell. Ich werde
übrigens die Sache hinauszuspinnen suchen, denn man ist froh, einmal draussen zu
sein. Empfehlen Sie mich der gnädigen Frau, meiner liebenswürdigen Gönnerin.«
    Er las es Effi vor. Diese blieb ruhig. Endlich sagte sie: »Es ist recht gut
so.«
    »Wie meinst du das?«
    »Dass er fort ist. Er sagt eigentlich immer dasselbe. Wenn er wieder da ist,
wird er wenigstens vorübergehend was Neues zu sagen haben.«
    Innstettens Blick flog scharf über sie hin. Aber er sah nichts, und sein
Verdacht beruhigte sich wieder. »Ich will auch fort«, sagte er nach einer Weile,
»sogar nach Berlin; vielleicht kann ich dann, wie Crampas, auch mal was Neues
mitbringen. Meine liebe Effi will immer gern was Neues hören; sie langweilt sich
in unserm guten Kessin. Ich werde gegen acht Tage fort sein, vielleicht noch
einen Tag länger. Und ängstige dich nicht... es wird ja wohl nicht
wiederkommen..., du weisst schon, das da oben... Und wenn doch, du hast ja Rollo
und Roswita.«
    Effi lächelte vor sich hin, und es mischte sich etwas von Wehmut mit ein.
Sie musste des Tages gedenken, wo Crampas ihr zum erstenmal gesagt hatte, dass er
mit dem Spuk und ihrer Furcht eine Komödie spiele. Der grosse Erzieher! Aber
hatte er nicht recht? War die Komödie nicht am Platz? Und allerhand
Widerstreitendes, Gutes und Böses, ging ihr durch den Kopf.
    Den dritten Tag reiste Innstetten ab.
    Über das, was er in Berlin vorhabe, hatte er nichts gesagt.
 
                           Einundzwanzigstes Kapitel
Innstetten war erst vier Tage fort, als Crampas von Stettin wieder eintraf und
die Nachricht brachte, man hätte höheren Orts die Absicht, zwei Schwadronen nach
Kessin zu legen, endgültig fallenlassen; es gäbe so viele kleine Städte, die
sich um eine Kavallerie-Garnison, und nun gar um Blüchersche Husaren, bewürben,
dass man gewohnt sei, bei solchem Anerbieten einem herzlichen Entgegenkommen,
aber nicht einem zögernden zu begegnen. Als Crampas dies mitteilte, machte der
Magistrat ein ziemlich verlegenes Gesicht; nur Gieshübler, weil er der
Philisterei seiner Kollegen eine Niederlage gönnte, triumphierte. Seitens der
kleinen Leute griff, beim Bekanntwerden der Nachricht, eine gewisse Verstimmung
Platz, ja selbst einige Konsuls mit Töchtern waren momentan unzufrieden; im
ganzen aber kam man rasch über die Sache hin, vielleicht weil die
nebenherlaufende Frage, »was Innstetten in Berlin vorhabe«, die Kessiner
Bevölkerung oder doch wenigstens die Honoratiorenschaft der Stadt mehr
interessierte. Diese wollte den überaus wohlgelittenen Landrat nicht gern
verlieren, und doch gingen darüber ganz ausschweifende Gerüchte, die von
Gieshübler, wenn er nicht ihr Erfinder war, wenigstens genährt und
weiterverbreitet wurden. Unter anderem hiess es, Innstetten würde als Führer
einer Gesandtschaft nach Marokko gehn, und zwar mit Geschenken, unter denen
nicht bloss die herkömmliche Vase mit Sanssouci und dem Neuen Palais, sondern vor
allem auch eine grosse Eismaschine sei. Das letztere erschien, mit Rücksicht auf
die marokkanischen Temperaturverhältnisse, so wahrscheinlich, dass das Ganze
geglaubt wurde.
    Effi hörte auch davon. Die Tage, wo sie sich darüber erheitert hätte, lagen
noch nicht allzuweit zurück; aber in der Seelenstimmung, in der sie sich seit
Schluss des Jahres befand, war sie nicht mehr fähig, unbefangen und ausgelassen
über derlei Dinge zu lachen. Ihre Gesichtszüge hatten einen ganz anderen
Ausdruck angenommen, und das halb rührend, halb schelmisch Kindliche, was sie
noch als Frau gehabt hatte, war hin. Die Spaziergänge nach dem Strand und der
Plantage, die sie, während Crampas in Stettin war, aufgegeben hatte, nahm sie
nach seiner Rückkehr wieder auf und liess sich auch durch ungünstige Witterung
nicht davon abhalten. Es wurde wie früher bestimmt, dass ihr Roswita bis an den
Ausgang der Reeperbahn oder bis in die Nähe des Kirchhofs entgegenkommen solle,
sie verfehlten sich aber noch häufiger als früher. »Ich könnte dich schelten,
Roswita, dass du mich nie findest. Aber es hat nichts auf sich; ich ängstige
mich nicht mehr, auch nicht einmal am Kirchhof, und im Walde bin ich noch keiner
Menschenseele begegnet.«
    Es war am Tage vor Innstettens Rückkehr von Berlin, dass Effi das sagte.
Roswita machte nicht viel davon und beschäftigte sich lieber damit, Girlanden
über den Türen anzubringen; auch der Haifisch bekam einen Fichtenzweig und sah
noch merkwürdiger aus als gewöhnlich. Effi sagte: »Das ist recht, Roswita; er
wird sich freuen über all das Grün, wenn er morgen wieder da ist. Ob ich heute
wohl noch gehe? Doktor Hannemann besteht darauf und meint in einem fort, ich
nähme es nicht ernst genug, sonst müsste ich besser aussehn; ich habe aber keine
rechte Lust heut, es nieselt, und der Himmel ist so grau.«
    »Ich werde der gnäd'gen Frau den Regenmantel bringen.«
    »Das tu! Aber komme heute nicht nach, wir treffen uns ja doch nicht«, und
sie lachte. »Wirklich, du bist gar nicht findig, Roswita. Und ich mag nicht,
dass du dich erkältest, und alles um nichts.«
    Roswita blieb denn auch zu Haus, und weil Annie schlief, ging sie zu
Kruses, um mit der Frau zu plaudern. »Liebe Frau Kruse«, sagte sie, »Sie wollten
mir ja das mit dem Chinesen noch erzählen. Gestern kam die Johanna dazwischen,
die tut immer so vornehm, für die ist so was nicht. Ich glaube aber doch, dass es
was gewesen ist, ich meine mit dem Chinesen und mit Tomsens Nichte, wenn es
nicht seine Enkelin war.«
    Die Kruse nickte.
    »Entweder«, fuhr Roswita fort, »war es eine unglückliche Liebe« (die Kruse
nickte wieder), »oder es kann auch eine glückliche gewesen sein, und der Chinese
konnte es bloss nicht aushalten, dass es alles mit einemmal so wieder vorbei sein
sollte. Denn die Chinesen sind doch auch Menschen, und es wird wohl alles ebenso
mit ihnen sein wie mit uns.«
    »Alles«, versicherte die Kruse und wollte dies eben durch ihre Geschichte
bestätigen, als ihr Mann eintrat und sagte: »Mutter, du könntest mir die Flasche
mit dem Lederlack geben; ich muss doch das Sielenzeug blank haben, wenn der Herr
morgen wieder da ist; der sieht alles, und wenn er auch nichts sagt, so merkt
man doch, dass er's gesehn hat.«
    »Ich bring es Ihnen raus, Kruse«, sagte Roswita. »Ihre Frau will mir bloss
noch was erzählen; aber es is gleich aus, und dann komm ich und bring es.«
    Roswita, die Flasche mit dem Lack in der Hand, kam denn auch ein paar
Minuten danach auf den Hof hinaus und stellte sich neben das Sielenzeug, das
Kruse eben über den Gartenzaun gelegt hatte. »Gott«, sagte er, während er ihr
die Flasche aus der Hand nahm, »viel hilft es ja nicht, es nieselt in einem weg,
und die Blänke vergeht doch wieder. Aber ich denke, alles muss seine Ordnung
haben.«
    »Das muss es. Und dann, Kruse, es ist ja doch auch ein richtiger Lack, das
kann ich gleich sehn, und was ein richtiger Lack ist, der klebt nicht lange, der
muss gleich trocknen. Und wenn es dann morgen nebelt oder nass fällt, dann schadet
es nich mehr. Aber das muss ich doch sagen, das mit dem Chinesen is eine
merkwürdige Geschichte.«
    Kruse lachte. »Unsinn is es, Roswita. Und meine Frau, statt aufs Richtige
zu sehen, erzählt immer so was, un wenn ich ein reines Hemd anziehen will, fehlt
ein Knopp. Un so is es nu schon, solange wir hier sind. Sie hat immer bloss
solche Geschichten in ihrem Kopp und dazu das schwarze Huhn. Un das schwarze
Huhn legt nich mal Eier. Un am Ende, wovon soll es auch Eier legen? Es kommt ja
nich raus, und von 's blosse Kikeriki kann doch so was nich kommen. Das is von
keinem Huhn nich zu verlangen.«
    »Hören Sie, Kruse, das werde ich Ihrer Frau wiedererzählen. Ich habe Sie
immer für einen anständigen Menschen gehalten, und nun sagen Sie so was wie das
da von Kikeriki. Die Mannsleute sind doch immer noch schlimmer, als man denkt.
Un eigentlich müsst ich nu gleich den Pinsel hier nehmen und Ihnen einen
schwarzen Schnurrbart anmalen.«
    »Nu von Ihnen, Roswita, kann man sich das schon gefallen lassen«, und
Kruse, der meist den Würdigen spielte, schien in einen mehr und mehr schäkrigen
Ton übergehen zu wollen, als er plötzlich der gnädigen Frau ansichtig wurde, die
heute von der anderen Seite der Plantage herkam und in eben diesem Augenblicke
den Gartenzaun passierte.
    »Guten Tag, Roswita, du bist ja so ausgelassen. Was macht denn Annie?«
    »Sie schläft, gnäd'ge Frau.«
    Aber Roswita, als sie das sagte, war doch rot geworden und ging, rasch
abbrechend, auf das Haus zu, um der gnädigen Frau beim Umkleiden behülflich zu
sein. Denn ob Johanna da war, das war die Frage. Die steckte jetzt viel auf dem
»Amt« drüben, weil es zu Haus weniger zu tun gab, und Friedrich und Christel
waren ihr zu langweilig und wussten nie was.
    Annie schlief noch. Effi beugte sich über die Wiege, liess sich dann Hut und
Regenmantel abnehmen und setzte sich auf das kleine Sofa in ihrer Schlafstube.
Das feuchte Haar strich sie langsam zurück, legte die Füsse auf einen niedrigen
Stuhl, den Roswita herangeschoben, und sagte, während sie sichtlich das
Ruhebehagen nach einem ziemlich langen Spaziergange genoss: »Ich muss dich darauf
aufmerksam machen, Roswita, dass Kruse verheiratet ist.«
    »Ich weiss, gnäd'ge Frau.«
    »Ja, was weiss man nicht alles und handelt doch, als ob man es nicht wüsste.
Das kann nie was werden.«
    »Es soll ja auch nichts werden, gnäd'ge Frau...«
    »Denn wenn du denkst, sie sei krank, da machst du die Rechnung ohne den
Wirt. Die Kranken leben am längsten. Und dann hat sie das schwarze Huhn. Vor dem
hüte dich, das weiss alles und plaudert alles aus. Ich weiss nicht, ich habe einen
Schauder davor. Und ich wette, dass das alles da oben mit dem Huhn
zusammenhängt.«
    »Ach, das glaub ich nicht. Aber schrecklich ist es doch. Und Kruse, der
immer gegen seine Frau ist, kann es mir nicht ausreden.«
    »Was sagte der?«
    »Er sagte, es seien bloss Mäuse.«
    »Nun, Mäuse, das ist auch gerade schlimm genug. Ich kann keine Mäuse leiden.
Aber ich sah ja deutlich, wie du mit dem Kruse schwatztest und vertraulich
tatest, und ich glaube sogar, du wolltest ihm einen Schnurrbart anmalen. Das ist
doch schon sehr viel. Und nachher sitzest du da. Du bist ja noch eine schmucke
Person und hast so was. Aber sieh dich vor, soviel kann ich dir bloss sagen. Wie
war es denn eigentlich das erste Mal mit dir? Ist es so, dass du mir's erzählen
kannst?«
    »Ach, ich kann schon. Aber schrecklich war es. Und weil es so schrecklich
war, drum können gnäd'ge Frau auch ganz ruhig sein, von wegen dem Kruse. Wem es
so gegangen ist wie mir, der hat genug davon und passt auf. Mitunter träume ich
noch davon, und dann bin ich den andern Tag wie zerschlagen. Solche grausame
Angst...«
    Effi hatte sich aufgerichtet und stützte den Kopf auf ihren Arm. »Nun
erzähle. Wie kann es denn gewesen sein? Es ist ja mit euch, das weiss ich noch
von Hause her, immer dieselbe Geschichte...«
    »Ja, zuerst is es wohl immer dasselbe, und ich will mir auch nicht
einbilden, dass es mit mir was Besonderes war, ganz und gar nicht. Aber wie sie's
mir dann auf den Kopf zusagten und ich mit einem Male sagen musste: Ja, es ist
so, ja, das war schrecklich. Die Mutter, na, das ging noch, aber der Vater, der
die Dorfschmiede hatte, der war streng und wütend, und als er's hörte, da kam er
mit einer Stange auf mich los, die er eben aus dem Feuer genommen hatte, und
wollte mich umbringen. Und ich schrie laut auf und lief auf den Boden und
versteckte mich, und da lag ich und zitterte und kam erst wieder nach unten, als
sie mich riefen und sagten, ich solle nur kommen. Und dann hatte ich noch eine
jüngere Schwester, die wies immer auf mich hin und sagte Pfui. Und dann, wie das
Kind kommen sollte, ging ich in eine Scheune nebenan, weil ich mir's bei uns
nicht getraute. Da fanden mich fremde Leute halbtot und trugen mich ins Haus und
in mein Bett. Und den dritten Tag nahmen sie mir das Kind fort, und als ich
nachher fragte, wo es sei, da hiess es, es sei gut aufgehoben. Ach, gnädigste
Frau, die heil'ge Mutter Gottes bewahre Sie vor solchem Elend.«
    Effi fuhr auf und sah Roswita mit grossen Augen an. Aber sie war doch mehr
erschrocken als empört. »Was du nur sprichst! Ich bin ja doch eine verheiratete
Frau. So was darfst du nicht sagen, das ist ungehörig, das passt sich nicht.«
    »Ach, gnädigste Frau...«
    »Erzähle mir lieber, was aus dir wurde. Das Kind hatten sie dir genommen. So
weit warst du...«
    »Und dann, nach ein paar Tagen, da kam wer aus Erfurt, der fuhr bei dem
Schulzen vor und fragte, ob da nicht eine Amme sei. Da sagte der Schulze Ja.
Gott lohne es ihm, und der fremde Herr nahm mich gleich mit, und von da an hab
ich bessere Tage gehabt; selbst bei der Registratorin war es doch immer noch zum
Aushalten, und zuletzt bin ich zu Ihnen gekommen, gnädige Frau. Und das war das
Beste, das Allerbeste.« Und als sie das sagte, trat sie an das Sofa heran und
küsste Effi die Hand.
    »Roswita, du musst mir nicht immer die Hand küssen, ich mag das nicht. Und
nimm dich nur in acht mit dem Kruse. Du bist doch sonst eine so gute und
verständige Person... Mit einem Ehemanne... das tut nie gut.«
    »Ach, gnäd'ge Frau, Gott und seine Heiligen führen uns wunderbar, und das
Unglück, das uns trifft, das hat doch auch sein Glück. Und wen es nicht bessert,
dem is nich zu helfen... Ich kann eigentlich die Mannsleute gut leiden...«
    »Siehst du, Roswita, siehst du.«
    »Aber wenn es mal wieder so über mich käme, mit dem Kruse, das is ja nichts,
und ich könnte nicht mehr anders, da lief ich gleich ins Wasser. Es war zu
schrecklich. Alles. Und was nur aus dem armen Wurm geworden is? Ich glaube
nicht, dass es noch lebt; sie haben es umkommen lassen, aber ich bin doch
schuld.« Und sie warf sich vor Annies Wiege nieder und wiegte das Kind hin und
her und sang in einem fort ihr »Buküken von Halberstadt«.
    »Lass«, sagte Effi. »Singe nicht mehr; ich habe Kopfweh. Aber bringe mir die
Zeitungen. Oder hat Gieshübler vielleicht die Journale geschickt?«
    »Das hat er. Und die Modezeitung lag obenauf. Da haben wir drin geblättert,
ich und Johanna, eh sie rüberging. Johanna ärgert sich immer, dass sie so was
nicht haben kann. Soll ich die Modezeitung bringen?«
    »Ja, die bringe und bring auch die Lampe.«
    Roswita ging, und Effi, als sie allein war, sagte: »Womit man sich nicht
alles hilft! Eine hübsche Dame mit einem Muff und eine mit einem Halbschleier;
Modepuppen. Aber es ist das Beste, mich auf andre Gedanken zu bringen.«
Im Laufe des andern Vormittags kam ein Telegramm von Innstetten, worin er
mitteilte, dass er erst mit dem zweiten Zuge kommen, also nicht vor Abend in
Kessin eintreffen werde. Der Tag verging in ewiger Unruhe; glücklicherweise kam
Gieshübler im Laufe des Nachmittags und half über eine Stunde weg. Endlich um
sieben Uhr fuhr der Wagen vor, Effi trat hinaus, und man begrüsste sich.
Innstetten war in einer ihm sonst fremden Erregung, und so kam es, dass er die
Verlegenheit nicht sah, die sich in Effis Herzlichkeit mischte. Drinnen im Flur
brannten die Lampen und Lichter, und das Teezeug, das Friedrich schon auf einen
der zwischen den Schränken stehenden Tische gestellt hatte, reflektierte den
Lichterglanz.
    »Das sieht ja ganz so aus wie damals, als wir hier ankamen. Weisst du noch,
Effi?«
    Sie nickte.
    »Nur der Haifisch mit seinem Fichtenzweig verhält sich heute ruhiger, und
auch Rollo spielt den Zurückhaltenden und legt mir nicht mehr die Pfoten auf die
Schulter. Was ist das mit dir, Rollo?«
    Rollo strich an seinem Herrn vorbei und wedelte.
    »Der ist nicht recht zufrieden, entweder mit mir nicht oder mit andern. Nun,
ich will annehmen, mit mir. Jedenfalls lass uns eintreten.« Und er trat in sein
Zimmer und bat Effi, während er sich aufs Sofa niederliess, neben ihm Platz zu
nehmen. »Es war so hübsch in Berlin, über Erwarten; aber in all meiner Freude
habe ich mich immer zurückgesehnt. Und wie gut du aussiehst! Ein bisschen blass
und auch ein bisschen verändert, aber es kleidet dich.«
    Effi wurde rot.
    »Und nun wirst du auch noch rot. Aber es ist, wie ich dir sage. Du hattest
so was von einem verwöhnten Kind, mit einemmal siehst du aus wie eine Frau.«
    »Das hör ich gern, Geert, aber ich glaube, du sagst es nur so.«
    »Nein, nein, du kannst es dir gutschreiben, wenn es etwas Gutes ist...«
    »Ich dächte doch.«
    »Und nun rate, von wem ich dir Grüsse bringe.«
    »Das ist nicht schwer, Geert. Ausserdem, wir Frauen, zu denen ich mich,
seitdem du wieder da bist, ja rechnen darf« (und sie reichte ihm die Hand und
lachte), »wir Frauen, wir raten leicht. Wir sind nicht so schwerfällig wie ihr.«
    »Nun von wem?«
    »Nun natürlich von Vetter Briest. Er ist ja der einzige, den ich in Berlin
kenne, die Tanten abgerechnet, die du nicht aufgesucht haben wirst und die viel
zu neidisch sind, um mich grüssen zu lassen. Hast du nicht auch gefunden, alle
alten Tanten sind neidisch.«
    »Ja, Effi, das ist wahr. Und dass du das sagst, das ist ganz meine alte Effi
wieder. Denn du musst wissen, die alte Effi, die noch aussah wie ein Kind, nun,
die war auch nach meinem Geschmack. Grad so wie die jetzige gnäd'ge Frau.«
    »Meinst du? Und wenn du dich zwischen beiden entscheiden solltest...«
    »Das ist eine Doktorfrage, darauf lasse ich mich nicht ein. Aber da bringt
Friedrich den Tee. Wie hat's mich nach dieser Stunde verlangt! Und hab es auch
ausgesprochen, sogar zu deinem Vetter Briest, als wir bei Dressel sassen und in
Champagner dein Wohl tranken... Die Ohren müssen dir geklungen haben... Und
weisst du, was dein Vetter dabei sagte?«
    »Gewiss etwas Albernes. Darin ist er gross.«
    »Das ist der schwärzeste Undank, den ich all mein Lebtag erlebt habe. Lassen
wir Effi leben, sagte er, meine schöne Cousine... Wissen Sie, Innstetten, dass
ich Sie am liebsten fordern und totschiessen möchte? Denn Effi ist ein Engel, und
Sie haben mich um diesen Engel gebracht. Und dabei sah er so ernst und wehmütig
aus, dass man's beinah hätte glauben können.«
    »Oh, diese Stimmung kenn ich an ihm. Bei der wievielten wart ihr?«
    »Ich hab es nicht mehr gegenwärtig, und vielleicht hätte ich es auch damals
nicht mehr sagen können. Aber das glaub ich, dass es ihm ganz ernst war. Und
vielleicht wäre es auch das richtige gewesen. Glaubst du nicht, dass du mit ihm
hättest leben können?«
    »Leben können? Das ist wenig, Geert. Aber beinah möchte ich sagen, ich hätte
auch nicht einmal mit ihm leben können.«
    »Warum nicht? Er ist wirklich ein liebenswürdiger und netter Mensch und auch
ganz gescheit.«
    »Ja, das ist er...«
    »Aber...«
    »Aber er ist dalbrig. Und das ist keine Eigenschaft, die wir Frauen lieben,
auch nicht einmal dann, wenn wir noch halbe Kinder sind, wohin du mich immer
gerechnet hast und vielleicht, trotz meiner Fortschritte, auch jetzt noch
rechnest. Das Dalbrige, das ist nicht unsre Sache. Männer müssen Männer sein.«
    »Gut, dass du das sagst. Alle Teufel, da muss man sich ja zusammennehmen. Und
ich kann von Glück sagen, dass ich von so was, das wie Zusammennehmen aussieht
oder wenigstens ein Zusammennehmen in Zukunft fordert, so gut wie direkt
herkomme... Sage, wie denkst du dir ein Ministerium?«
    »Ein Ministerium? Nun, das kann zweierlei sein. Es können Menschen sein,
kluge, vornehme Herren, die den Staat regieren, und es kann auch bloss ein Haus
sein, ein Palazzo, ein Palazzo Strozzi oder Pitti oder, wenn die nicht passen,
irgendein andrer. Du siehst, ich habe meine italienische Reise nicht umsonst
gemacht.«
    »Und könntest du dich entschliessen, in solchem Palazzo zu wohnen? Ich meine
in solchem Ministerium?«
    »Um Gottes willen, Geert, sie haben dich doch nicht zum Minister gemacht?
Gieshübler sagte so was. Und der Fürst kann alles. Gott, der hat es am Ende
durchgesetzt, und ich bin erst achtzehn.«
    Innstetten lachte. »Nein, Effi, nicht Minister, soweit sind wir noch nicht.
Aber vielleicht kommen noch allerhand Gaben in mir heraus, und dann ist es nicht
unmöglich.«
    »Also jetzt noch nicht, noch nicht Minister?«
    »Nein. Und wir werden, die Wahrheit zu sagen, auch nicht einmal in einem
Ministerium wohnen, aber ich werde täglich ins Ministerium gehen, wie ich jetzt
in unser Landratsamt gehe, und werde dem Minister Vortrag halten und mit ihm
reisen, wenn er die Provinzialbehörden inspiziert. Und du wirst eine
Ministerialrätin sein und in Berlin leben, und in einem halben Jahre wirst du
kaum noch wissen, dass du hier in Kessin gewesen bist und nichts gehabt hast als
Gieshübler und die Dünen und die Plantage.«
    Effi sagte kein Wort, und nur ihre Augen wurden immer grösser; um ihre
Mundwinkel war ein nervöses Zucken, und ihr ganzer zarter Körper zitterte. Mit
einem Male aber glitt sie von ihrem Sitze vor Innstetten nieder, umklammerte
seine Knie und sagte in einem Tone, wie wenn sie betete: »Gott sei Dank!«
    Innstetten verfärbte sich. Was war das? Etwas, was seit Wochen flüchtig,
aber doch immer sich erneuernd über ihn kam, war wieder da und sprach so
deutlich aus seinem Auge, dass Effi davor erschrak. Sie hatte sich durch ein
schönes Gefühl, das nicht viel was andres als ein Bekenntnis ihrer Schuld war,
hinreissen lassen und dabei mehr gesagt, als sie sagen durfte. Sie musste das
wieder ausgleichen, musste was finden, irgendeinen Ausweg, es koste, was es
wolle.
    »Steh auf, Effi. Was hast du?«
    Effi erhob sich rasch. Aber sie nahm ihren Platz auf dem Sofa nicht wieder
ein, sondern schob einen Stuhl mit hoher Lehne heran, augenscheinlich, weil sie
nicht Kraft genug fühlte, sich ohne Stütze zu halten.
    »Was hast du?« wiederholte Innstetten. »Ich dachte, du hättest hier
glückliche Tage verlebt. Und nun rufst du Gott sei Dank, als ob dir hier alles
nur ein Schrecknis gewesen wäre. War ich dir ein Schrecknis? Oder war es was
andres? Sprich.«
    »Dass du noch fragen kannst, Geert«, sagte sie, während sie mit einer
äussersten Anstrengung das Zittern ihrer Stimme zu bezwingen suchte. »Glückliche
Tage! Ja, gewiss, glückliche Tage, aber doch auch andre. Nie bin ich die Angst
hier ganz losgeworden, nie. Noch keine vierzehn Tage, dass es mir wieder über die
Schulter sah, dasselbe Gesicht, derselbe fahle Teint. Und diese letzten Nächte,
wo du fort warst, war es auch wieder da, nicht das Gesicht, aber es schlurrte
wieder, und Rollo schlug wieder an, und Roswita, die's auch gehört, kam an mein
Bett und setzte sich zu mir, und erst als es schon dämmerte, schliefen wir
wieder ein. Es ist ein Spukhaus, und ich hab es auch glauben sollen, das mit dem
Spuk - denn du bist ein Erzieher. Ja, Geert, das bist du. Aber lass es sein,
wie's will, soviel weiss ich, ich habe mich ein ganzes Jahr lang und länger in
diesem Hause gefürchtet, und wenn ich von hier fortkomme, so wird es, denk ich,
von mir abfallen, und ich werde wieder frei sein.«
    Innstetten hatte kein Auge von ihr gelassen und war jedem Worte gefolgt. Was
sollte das heissen: »Du bist ein Erzieher?« und dann das andre, was vorausging:
»Und ich hab es auch glauben sollen, das mit dem Spuk.« Was war das alles? Wo
kam das her? Und er fühlte seinen leisen Argwohn sich wieder regen und fester
einnisten. Aber er hatte lange genug gelebt, um zu wissen, dass alle Zeichen
trügen und dass wir in unsrer Eifersucht, trotz ihrer hundert Augen, oft noch
mehr in die Irre gehen als in der Blindheit unsres Vertrauens. Es konnte ja so
sein, wie sie sagte. Und wenn es so war, warum sollte sie nicht ausrufen: »Gott
sei Dank!«
    Und so, rasch alle Möglichkeiten ins Auge fassend, wurde er seines Argwohns
wieder Herr und reichte ihr die Hand über den Tisch hin: »Verzeih mir, Effi,
aber ich war so sehr überrascht von dem allen. Freilich wohl meine Schuld. Ich
bin immer zu sehr mit mir beschäftigt gewesen. Wir Männer sind alle Egoisten.
Aber das soll nun anders werden. Ein Gutes hat Berlin gewiss: Spukhäuser gibt es
da nicht. Wo sollen die auch herkommen? Und nun lass uns hinübergehen, dass ich
Annie sehe; Roswita verklagt mich sonst als einen unzärtlichen Vater.«
    Effi war unter diesen Worten allmählich ruhiger geworden, und das Gefühl,
aus einer selbstgeschaffenen Gefahr sich glücklich befreit zu haben, gab ihr
ihre Spannkraft und gute Haltung wieder zurück.
 
                           Zweiundzwanzigstes Kapitel
Am andern Morgen nahmen beide gemeinschaftlich ihr etwas verspätetes Frühstück.
Innstetten hatte seine Missstimmung und Schlimmeres überwunden, und Effi lebte so
ganz dem Gefühl ihrer Befreiung, dass sie nicht bloss die Fähigkeit einer gewissen
erkünstelten guten Laune, sondern fast auch ihre frühere Unbefangenheit
wiedergewonnen hatte. Sie war noch in Kessin, und doch war ihr schon zumute, als
läge es weit hinter ihr.
    »Ich habe mir's überlegt, Effi«, sagte Innstetten, »du hast nicht so ganz
unrecht mit allem, was du gegen unser Haus hier gesagt hast. Für Kapitän Tomsen
war es gerade gut genug, aber nicht für eine junge verwöhnte Frau; alles
altmodisch, kein Platz. Da sollst du's in Berlin besser haben, auch einen Saal,
aber einen andern als hier, und auf Flur und Treppe hohe bunte Glasfenster,
Kaiser Wilhelm mit Zepter und Krone oder auch was Kirchliches, heilige Elisabet
oder Jungfrau Maria. Sagen wir Jungfrau Maria, das sind wir Roswita schuldig.«
    Effi lachte. »So soll es sein. Aber wer sucht uns eine Wohnung? Ich kann
doch nicht Vetter Briest auf die Suche schicken. Oder gar die Tanten! Die finden
alles gut genug.«
    »Ja, das Wohnungsuchen. Das macht einem keiner zu Dank. Ich denke, da musst
du selber hin.«
    »Und wann meinst du?«
    »Mitte März.«
    »Oh, das ist viel zu spät, Geert, dann ist ja alles fort. Die guten
Wohnungen werden schwerlich auf uns warten!«
    »Ist schon recht. Aber ich bin erst seit gestern wieder hier und kann doch
nicht sagen reise morgen. Das würde mich schlecht kleiden und passte mir auch
wenig; ich bin froh, dass ich dich wiederhabe.«
    »Nein«, sagte sie, während sie das Kaffeegeschirr, um eine aufsteigende
Verlegenheit zu verbergen, ziemlich geräuschvoll zusammenrückte, »nein, so
soll's auch nicht sein, nicht heut und nicht morgen, aber doch in den nächsten
Tagen. Und wenn ich etwas finde, so bin ich rasch wieder zurück. Aber noch eins,
Roswita und Annie müssen mit. Am schönsten wär es, du auch. Aber ich sehe ein,
das geht nicht. Und ich denke, die Trennung soll nicht lange dauern. Ich weiss
auch schon, wo ich miete...«
    »Nun?«
    »Das bleibt mein Geheimnis. Ich will auch ein Geheimnis haben. Damit will
ich dich dann überraschen.«
    In diesem Augenblick trat Friedrich ein, um die Postsachen abzugeben. Das
meiste war Dienstliches und Zeitungen. »Ah, da ist auch ein Brief für dich«,
sagte Innstetten. »Und wenn ich nicht irre, die Handschrift der Mama.«
    Effi nahm den Brief. »Ja, von der Mama. Aber das ist ja nicht der Friesacker
Poststempel; sieh nur, das heisst ja deutlich Berlin.«
    »Freilich«, lachte Innstetten. »Du tust, als ob es ein Wunder wäre. Die Mama
wird in Berlin sein und hat ihrem Liebling von ihrem Hotel aus einen Brief
geschrieben.«
    »Ja«, sagte Effi, »so wird es sein. Aber ich ängstige mich doch beinah und
kann keinen rechten Trost darin finden, dass Hulda Niemeier immer sagte: Wenn man
sich ängstigt, ist es besser, als wenn man hofft. Was meinst du dazu?«
    »Für eine Pastorstochter nicht ganz auf der Höhe. Aber nun lies den Brief.
Hier ist ein Papiermesser.«
    Effi schnitt das Couvert auf und las: »Meine liebe Effi. Seit 24 Stunden bin
ich hier in Berlin; Konsultationen bei Schweigger. Als er mich sieht,
beglückwünscht er mich, und als ich erstaunt ihn frage, wozu, erfahr ich, dass
Ministerialdirektor Wüllersdorf eben bei ihm gewesen und ihm erzählt habe:
Innstetten sei ins Ministerium berufen. Ich bin ein wenig ärgerlich, dass man
dergleichen von einem Dritten erfahren muss. Aber in meinem Stolz und meiner
Freude sei Euch verziehen. Ich habe es übrigens immer gewusst (schon als 1. noch
bei den Ratenowern war), dass etwas aus ihm werden würde. Nun kommt es Dir
zugute. Natürlich müsst Ihr eine Wohnung haben und eine andere Einrichtung. Wenn
du, meine liebe Effi, glaubst, meines Rates dabei bedürfen zu können, so komme,
so rasch es Dir Deine Zeit erlaubt. Ich bleibe acht Tage hier in Kur, und wenn
es nicht anschlägt, vielleicht noch etwas länger; Schweigger drückt sich
unbestimmt darüber aus. Ich habe eine Privatwohnung in der Schadowstrasse
genommen; neben dem meinigen sind noch Zimmer frei. Was es mit meinem Auge ist,
darüber mündlich; vorläufig beschäftigt mich nur Eure Zukunft. Briest wird
unendlich glücklich sein, er tut immer so gleichgültig gegen dergleichen,
eigentlich hängt er aber mehr daran als ich. Grüsse Innstetten, küsse Annie, die
Du vielleicht mitbringst. Wie immer Deine Dich zärtlich liebende Mutter
                                                                   Luise von B.«
Effi legte den Brief aus der Hand und sagte nichts. Was sie zu tun habe, das
stand bei ihr fest; aber sie wollte es nicht selber aussprechen, Innstetten
sollte damit kommen, und dann wollte sie zögernd ja sagen.
    Innstetten ging auch wirklich in die Falle. »Nun, Effi, du bleibst so
ruhig.«
    »Ach, Geert, es hat alles so seine zwei Seiten. Auf der einen Seite beglückt
es mich, die Mama wiederzusehen und vielleicht sogar schon in wenig Tagen. Aber
es spricht auch so vieles dagegen.«
    »Was?«
    »Die Mama, wie du weisst, ist sehr bestimmt und kennt nur ihren eignen
Willen. Dem Papa gegenüber hat sie alles durchsetzen können. Aber ich möchte
gern eine Wohnung haben, die nach meinem Geschmack ist, und eine neue
Einrichtung, die mir gefällt.«
    Innstetten lachte. »Und das ist alles?«
    »Nun, es wäre grade genug. Aber es ist nicht alles.« Und nun nahm sie sich
zusammen und sah ihn an und sagte: »Und dann, Geert, ich möchte nicht gleich
wieder von dir fort.«
    »Schelm, das sagst du so, weil du meine Schwäche kennst. Aber wir sind alle
so eitel, und ich will es glauben. Ich will es glauben und doch zugleich auch
den Heroischen spielen, den Entsagenden. Reise, sobald du's für nötig hältst und
vor deinem Herzen verantworten kannst.«
    »So darfst du nicht sprechen, Geert. Was heisst das, vor meinem Herzen
verantworten. Damit schiebst du mir, halb gewaltsam, eine Zärtlichkeitsrolle zu,
und ich muss dir dann aus reiner Koketterie sagen: Ach, Geert, dann reise ich
nie. Oder doch so etwas Ähnliches.«
    Innstetten drohte ihr mit dem Finger. »Effi, du bist mir zu fein. Ich dachte
immer, du wärst ein Kind, und sehe nun, dass du das Mass hast wie alle andern.
Aber lassen wir das, oder wie dein Papa immer sagte: Das ist ein zu weites Feld.
Sage lieber, wann willst du fort?«
    »Heute haben wir Dienstag. Sagen wir also Freitag mittag mit dem Schiff.
Dann bin ich am Abend in Berlin.«
    »Abgemacht. Und wann zurück?«
    »Nun, sagen wir Montag abend. Das sind dann drei Tage.«
    »Geht nicht. Das ist zu früh. In drei Tagen kannst du's nicht zwingen. Und
so rasch lässt dich die Mama auch nicht fort.«
    »Also auf Diskretion.«
    »Gut.«
    Und damit erhob sich Innstetten, um nach dem Landratsamte hinüberzugehen.
Die Tage bis zur Abreise vergingen wie im Fluge. Roswita war sehr glücklich.
»Ach, gnädigste Frau, Kessin, nun ja... aber Berlin ist es nicht. Und die
Pferdebahn. Und wenn es dann so klingelt und man nicht weiss, ob man links oder
rechts soll, und mitunter ist mir schon gewesen, als ginge alles grad über mich
weg. Nein, so was ist hier nicht. Ich glaube, manchen Tag sehen wir keine sechs
Menschen. Und immer bloss die Dünen und draussen die See. Und das rauscht und
rauscht, aber weiter ist es auch nichts.«
    »Ja, Roswita, du hast recht. Es rauscht und rauscht immer, aber es ist kein
richtiges Leben. Und dann kommen einem allerhand dumme Gedanken. Das kannst du
doch nicht bestreiten, das mit dem Kruse war nicht in der Richtigkeit.«
    »Ach, gnädigste Frau...«
    »Nun, ich will nicht weiter nachforschen. Du wirst es natürlich nicht
zugeben. Und nimm nur nicht zuwenig Sachen mit. Deine Sachen kannst du
eigentlich ganz mitnehmen und Annies auch.«
    »Ich denke, wir kommen noch mal wieder.«
    »Ja, ich. Der Herr wünscht es. Aber ihr könnt vielleicht dableiben, bei
meiner Mutter. Sorge nur, dass sie Anniechen nicht zu sehr verwöhnt. Gegen mich
war sie mitunter streng, aber ein Enkelkind...«
    »Und dann ist Anniechen ja auch so zum Anbeissen. Da muss ja jeder zärtlich
sein.«
    Das war am Donnerstag, am Tage vor der Abreise. Innstetten war über Land
gefahren und wurde erst gegen Abend zurückerwartet. Am Nachmittag ging Effi in
die Stadt, bis auf den Marktplatz, und trat hier in die Apoteke und bat um eine
Flasche Sal volatile. »Man weiss nie, mit wem man reist«, sagte sie zu dem alten
Gehülfen, mit dem sie auf dem Plauderfusse stand und der sie anschwärmte wie
Gieshübler selbst.
    »Ist der Herr Doktor zu Hause?« fragte sie weiter, als sie das Fläschchen
eingesteckt hatte.
    »Gewiss, gnädigste Frau; er ist hier nebenan und liest die Zeitungen.«
    »Ich werde ihn doch nicht stören?«
    »Oh, nie.«
    Und Effi trat ein. Es war eine kleine, hohe Stube, mit Regalen ringsherum,
auf denen allerlei Kolben und Retorten standen; nur an der einen Wand befanden
sich alphabetisch geordnete, vorn mit einem Eisenringe versehene Kästen, in
denen die Rezepte lagen.
    Gieshübler war beglückt und verlegen. »Welche Ehre. Hier unter meinen
Retorten. Darf ich die gnädige Frau auffordern, einen Augenblick Platz zu
nehmen?«
    »Gewiss, lieber Gieshübler. Aber auch wirklich nur einen Augenblick. Ich will
Ihnen adieu sagen.«
    »Aber meine gnädigste Frau, Sie kommen ja doch wieder. Ich habe gehört, nur
auf drei, vier Tage...«
    »Ja, lieber Freund, ich soll wiederkommen, und es ist sogar verabredet, dass
ich spätestens in einer Woche wieder in Kessin bin. Aber ich könnte doch auch
nicht wiederkommen. Muss ich Ihnen sagen, welche tausend Möglichkeiten es gibt...
Ich sehe, Sie wollen mir sagen, dass ich noch zu jung sei... auch Junge können
sterben. Und dann so vieles andere noch. Und da will ich doch lieber Abschied
nehmen von Ihnen, als wär es für immer.«
    »Aber meine gnädigste Frau...«
    »Als wär es für immer. Und ich will Ihnen danken, lieber Gieshübler. Denn
Sie waren das Beste hier; natürlich, weil Sie der Beste waren. Und wenn ich
hundert Jahr alt würde, so werde ich Sie nicht vergessen. Ich habe mich hier
mitunter einsam gefühlt, und mitunter war mir so schwer ums Herz, schwerer, als
Sie wissen können; ich habe es nicht immer richtig eingerichtet; aber wenn ich
Sie gesehen habe, vom ersten Tage an, dann habe ich mich immer wohler gefühlt
und auch besser.«
    »Aber meine gnädigste Frau.«
    »Und dafür wollte ich Ihnen danken. Ich habe mir eben ein Fläschchen mit Sal
volatile gekauft; im Coupé sind mitunter so merkwürdige Menschen und wollen
einem nicht mal erlauben, dass man ein Fenster aufmacht; und wenn mir dann
vielleicht - denn es steigt einem ja ordentlich zu Kopf, ich meine das Salz -
die Augen übergehen, dann will ich an Sie denken. Adieu, lieber Freund, und
grüssen Sie Ihre Freundin, die Trippelli. Ich habe in den letzten Wochen öfter an
sie gedacht und an Fürst Kotschukoff. Ein eigentümliches Verhältnis bleibt es
doch. Aber ich kann mich hineinfinden... Und lassen Sie einmal von sich hören.
Oder ich werde schreiben.«
    Damit ging Effi. Gieshübler begleitete sie bis auf den Platz hinaus. Er war
wie benommen, so sehr, dass er über manches Rätselhafte, was sie gesprochen, ganz
hinwegsah.
Effi ging wieder nach Haus. »Bringen Sie mir die Lampe, Johanna«, sagte sie,
»aber in mein Schlafzimmer. Und dann eine Tasse Tee. Ich hab es so kalt und kann
nicht warten, bis der Herr wieder da ist.«
    Beides kam. Effi sass schon an ihrem kleinen Schreibtisch, einen Briefbogen
vor sich, die Feder in der Hand. »Bitte, Johanna, den Tee auf den Tisch da.«
    Als Johanna das Zimmer wieder verlassen hatte, schloss Effi sich ein, sah
einen Augenblick in den Spiegel und setzte sich dann wieder. Und nun schrieb
sie: »Ich reise morgen mit dem Schiff, und dies sind Abschiedszeilen. Innstetten
erwartet mich in wenig Tagen zurück, aber ich komme nicht wieder... Warum ich
nicht wiederkomme, Sie wissen es... Es wäre das beste gewesen, ich hätte dies
Stück Erde nie gesehen. Ich beschwöre Sie, dies nicht als einen Vorwurf zu
fassen; alle Schuld ist bei mir. Blick ich auf Ihr Haus. .. Ihr Tun mag
entschuldbar sein, nicht das meine. Meine Schuld ist sehr schwer. Aber
vielleicht kann ich noch heraus. Dass wir hier abberufen wurden, ist mir wie ein
Zeichen, dass ich noch zu Gnaden angenommen werden kann. Vergessen Sie das
Geschehene, vergessen Sie mich. Ihre Effi.«
    Sie überflog die Zeilen noch einmal, am fremdesten war ihr das »Sie«; aber
auch das musste sein; es sollte ausdrücken, dass keine Brücke mehr da sei. Und nun
schob sie die Zeilen in ein Couvert und ging auf ein Haus zu, zwischen dem
Kirchhof und der Waldecke. Ein dünner Rauch stieg aus dem halb eingefallenen
Schornstein. Da gab sie die Zeilen ab.
    Als sie wieder zurück war, war Innstetten schon da, und sie setzte sich zu
ihm und erzählte ihm von Gieshübler und dem Sal volatile.
    Innstetten lachte. »Wo hast du nur dein Latein her, Effi?«
Das Schiff, ein leichtes Segelschiff (die Dampfboote gingen nur sommers), fuhr
um zwölf. Schon eine Viertelstunde vorher waren Effi und Innstetten an Bord;
auch Roswita und Annie.
    Das Gepäck war grösser, als es für einen auf so wenig Tage geplanten Ausflug
geboten erschien. Innstetten sprach mit dem Kapitän: Effi, in einem Regenmantel
und hellgrauen Reisehut, stand auf dem Hinterdeck, nahe am Steuer, und musterte
von hier aus das Bollwerk und die hübsche Häuserreihe, die dem Zuge des
Bollwerks folgte. Gerade der Landungsbrücke gegenüber lag Hoppensacks Hotel, ein
drei Stock hohes Gebäude, von dessen Giebeldach eine gelbe Flagge, mit Kreuz und
Krone darin, schlaff in der stillen, etwas nebeligen Luft herniederhing. Effi
sah eine Weile nach der Flagge hinauf, liess dann aber ihr Auge wieder abwärts
gleiten und verweilte zuletzt auf einer Anzahl von Personen, die neugierig am
Bollwerk umherstanden. In diesem Augenblicke wurde geläutet. Effi war ganz eigen
zumut, das Schiff setzte sich langsam in Bewegung, und als sie die
Landungsbrücke noch einmal musterte, sah sie, dass Crampas in vorderster Reihe
stand. Sie erschrak bei seinem Anblick und freute sich doch auch. Er
seinerseits, in seiner ganzen Haltung verändert, war sichtlich bewegt und grüsste
ernst zu ihr hinüber, ein Gruss, den sie ebenso, aber doch zugleich in grosser
Freundlichkeit, erwiderte; dabei lag etwas Bittendes in ihrem Auge. Dann ging
sie rasch auf die Kajüte zu, wo sich Roswita mit Annie schon eingerichtet
hatte. Hier, in dem etwas stickigen Raume, blieb sie, bis man aus dem Fluss in
die weite Bucht des Breitling eingefahren war; da kam Innstetten und rief sie
nach oben, dass sie sich an dem herrlichen Anblick erfreue, den die Landschaft
gerade an dieser Stelle bot. Sie ging dann auch hinauf. Über dem Wasserspiegel
hingen graue Wolken, und nur dann und wann schoss ein halbumschleierter
Sonnenblick aus dem Gewölk hervor. Effi gedachte des Tages, wo sie, vor jetzt
gerade fünf Vierteljahren, im offenen Wagen am Ufer eben dieses Breitlings hin
entlanggefahren war. Eine kurze Spanne Zeit, und das Leben oft so still und
einsam. Und doch, was war alles seitdem geschehen!
    So fuhr man die Wasserstrasse hinauf und war um zwei an der Station oder doch
ganz in Nähe derselben. Als man gleich danach das Gastaus des »Fürsten
Bismarck« passierte, stand auch Golchowski wieder in der Tür und versäumte
nicht, den Herrn Landrat und die gnädige Frau bis an die Stufen der Böschung zu
geleiten. Oben war der Zug noch nicht angemeldet, und Effi und Innstetten
schritten auf dem Bahnsteig auf und ab. Ihr Gespräch drehte sich um die
Wohnungsfrage; man war einig über den Stadtteil, und dass es zwischen dem
Tiergarten und dem Zoologischen Garten sein müsse. »Ich will den Finkenschlag
hören und die Papageien auch«, sagte Innstetten, und Effi stimmte ihm zu.
    Nun aber hörte man das Signal, und der Zug lief ein; der Bahnhofsinspektor
war voller Entgegenkommen, und Effi erhielt ein Coupé für sich.
    Noch ein Händedruck, ein Wehen mit dem Tuch, und der Zug setzte sich wieder
in Bewegung.
 
                           Dreiundzwanzigstes Kapitel
Auf dem Friedrichstrassen-Bahnhofe war ein Gedränge; aber trotzdem, Effi hatte
schon vom Coupé aus die Mama erkannt und neben ihr den Vetter Briest. Die Freude
des Wiedersehens war gross, das Warten in der Gepäckhalle stellte die Geduld auf
keine allzu harte Probe, und nach wenig mehr als fünf Minuten rollte die
Droschke neben dem Pferdebahngeleise hin, in die Doroteenstrasse hinein und auf
die Schadowstrasse zu, an deren nächstgelegener Ecke sich die »Pension« befand.
Roswita war entzückt und freute sich über Annie, die die Händchen nach den
Lichtern ausstreckte.
    Nun war man da. Effi erhielt ihre zwei Zimmer, die nicht wie erwartet, neben
denen der Frau von Briest, aber doch auf demselben Korridor lagen, und als alles
seinen Platz und Stand hatte und Annie in einem Bettchen mit Gitter glücklich
untergebracht war, erschien Effi wieder im Zimmer der Mama, einem kleinen Salon
mit Kamin, drin ein schwaches Feuer brannte; denn es war mildes, beinah warmes
Wetter. Auf dem runden Tische mit grüner Schirmlampe waren drei Couverts gelegt,
und auf einem Nebentischchen stand das Teezeug.
    »Du wohnst ja reizend, Mama«, sagte Effi, während sie dem Sofa gegenüber
Platz nahm, aber nur um sich gleich danach an dem Teetisch zu schaffen zu
machen. »Darf ich wieder die Rolle des Teefräuleins übernehmen?«
    »Gewiss, meine liebe Effi. Aber nur für Dagobert und dich selbst. Ich
meinerseits muss verzichten, was mir beinah schwerfällt.«
    »Ich versteh, deiner Augen halber. Aber nun sage mir, Mama, was ist es
damit? In der Droschke, die noch dazu so klapperte, haben wir immer nur von
Innstetten und unserer grossen Karriere gesprochen, viel zuviel, und das geht
nicht so weiter; glaube mir, deine Augen sind mir wichtiger, und in einem finde
ich sie, Gott sei Dank, ganz unverändert, du siehst mich immer noch so
freundlich an wie früher.« Und sie eilte auf die Mama zu und küsste ihr die Hand.
    »Effi, du bist so stürmisch. Ganz die alte.«
    »Ach nein, Mama. Nicht die alte. Ich wollte, es wäre so. Man ändert sich in
der Ehe.«
    Vetter Briest lachte. »Cousine, ich merke nicht viel davon; du bist noch
hübscher geworden, das ist alles. Und mit dem Stürmischen wird es wohl auch noch
nicht vorbei sein.«
    »Ganz der Vetter«, versicherte die Mama; Effi selbst aber wollte davon
nichts hören und sagte: »Dagobert, du bist alles nur kein Menschenkenner. Es ist
sonderbar. Ihr Offiziere seid keine guten Menschenkenner, die jungen gewiss
nicht. Ihr guckt euch immer nur selber an oder eure Rekruten, und die von der
Kavallerie haben auch noch ihre Pferde. Die wissen nun vollends nichts.«
    »Aber Cousine, wo hast du denn diese ganze Weisheit her? Du kennst ja keine
Offiziere. Kessin, so habe ich gelesen, hat ja auf die ihm zugedachten Husaren
verzichtet, ein Fall, der übrigens einzig in der Weltgeschichte dasteht. Und
willst du von alten Zeiten sprechen? Du warst ja noch ein halbes Kind, als die
Ratenower zu euch herüberkamen.«
    »Ich könnte dir erwidern, dass Kinder am besten beobachten. Aber ich mag
nicht, das sind ja alles bloss Allotria. Ich will wissen, wie's mit Mamas Augen
steht.«
    Frau von Briest erzählte nun, dass es der Augenarzt für Blutandrang nach dem
Gehirn ausgegeben habe. Daher käme das Flimmern. Es müsse mit Diät gezwungen
werden; Bier, Kaffee, Tee - alles gestrichen und gelegentlich eine lokale
Blutentziehung, dann würde es bald besser werden. »Er sprach so von vierzehn
Tagen. Aber ich kenne die Doktorangaben; vierzehn Tage heisst sechs Wochen, und
ich werde noch hiersein, wenn Innstetten kommt und ihr in eure neue Wohnung
einzieht. Ich will auch nicht leugnen, dass das das Beste von der Sache ist und
mich über die mutmasslich lange Kurdauer schon vorweg tröstet. Sucht euch nur
recht was Hübsches. Ich habe mir Landgrafen- oder Keitstrasse gedacht, elegant
und doch nicht allzu teuer. Denn ihr werdet euch einschränken müssen.
Innstettens Stellung ist sehr ehrenvoll, aber sie wirft nicht allzuviel ab. Und
Briest klagt auch. Die Preise gehen herunter, und er erzählt mir jeden Tag, wenn
nicht Schutzzölle kämen, so müss er mit einem Bettelsack von Hohen-Cremmen
abziehen. Du weisst, er übertreibt gern. Aber nun lange zu, Dagobert, und wenn es
sein kann, erzähle uns was Hübsches. Krankheitsberichte sind immer langweilig,
und die liebsten Menschen hören bloss zu, weil es nicht anders geht. Effi wird
wohl auch gern eine Geschichte hören, etwas aus den Fliegenden Blättern oder aus
dem Kladderadatsch. Er soll aber nicht mehr so gut sein.«
    »Oh, er ist noch ebensogut wie früher. Sie haben immer noch Strudelwitz und
Prudelwitz, und da macht es sich von selber.«
    »Mein Liebling ist Karlchen Miessnick und Wippchen von Bernau.«
    »Ja, das sind die Besten. Aber Wippchen, der übrigens - Pardon, schöne
Cousine - keine Kladderadatschfigur ist, Wippchen hat gegenwärtig nichts zu tun,
es ist ja kein Krieg mehr. Leider. Unsereins möchte doch auch mal an die Reihe
kommen und hier diese schreckliche Leere«, und er strich vom Knopfloch nach der
Achsel hinüber, »endlich loswerden.«
    »Ach, das sind ja bloss Eitelkeiten. Erzähle lieber. Was ist denn jetzt
dran?«
    »Ja, Cousine, das ist ein eigen Ding. Das ist nicht für jedermann. Jetzt
haben wir nämlich die Bibelwitze.«
    »Die Bibelwitze? Was soll das heissen...? Bibel und Witze gehören nicht
zusammen.«
    »Eben deshalb sagte ich, es sei nicht für jedermann. Aber ob zulässig oder
nicht, sie stehen jetzt hoch im Preise. Modesache, wie Kiebitzeier.«
    »Nun, wenn es nicht zu toll ist, so gib uns eine Probe. Geht es?«
    »Gewiss geht es. Und ich möchte sogar hinzusetzen dürfen, du triffst es
besonders gut. Was jetzt nämlich kursiert, ist etwas hervorragend Feines, weil
es als Kombination auftritt und in die einfache Bibelstelle noch das dativisch
Wrangelsche mit einmischt. Die Fragestellung - alle diese Witze treten nämlich
in Frageform auf - ist übrigens in vorliegendem Falle von grosser Simplizität und
lautet: Wer war der erste Kutscher? Und nun rate.«
    »Nun, vielleicht Apollo.«
    »Sehr gut. Du bist doch ein Daus, Effi. Ich wäre nicht daraufgekommen. Aber
trotzdem, du triffst damit nicht ins Schwarze.«
    »Nun, wer war es denn?«
    »Der erste Kutscher war Leid. Denn schon im Buche Hiob heisst es: Leid soll
mir nicht widerfahren oder auch wieder fahren in zwei Wörtern und mit einem e.«
    Effi wiederholte kopfschüttelnd den Satz, auch die Zubemerkung, konnte sich
aber trotz aller Mühe nicht drin zurechtfinden; sie gehörte ganz ausgesprochen
zu den Bevorzugten, die für derlei Dinge durchaus kein Organ haben, und so kam
denn Vetter Briest in die nicht beneidenswerte Situation, immer erneut erst auf
den Gleichklang und dann auch wieder auf den Unterschied von »widerfahren« und
»wieder fahren« hinweisen zu müssen.
    »Ach, nun versteh ich. Und du musst mir verzeihen, dass es so lange gedauert.
Aber es ist wirklich zu dumm.«
    »Ja, dumm ist es«, sagte Dagobert kleinlaut.
    »Dumm und unpassend und kann einem Berlin ordentlich verleiden. Da geht man
nun aus Kessin fort, um wieder unter Menschen zu sein, und das erste, was man
hört, ist ein Bibelwitz. Auch Mama schweigt, und das sagt genug. Ich will dir
aber doch den Rückzug erleichtern...«
    »Das tu, Cousine.«
    »... Den Rückzug erleichtern und es ganz ernstaft als ein gutes Zeichen
nehmen, dass mir, als erstes hier, von meinem Vetter Dagobert gesagt wurde: Leid
soll mir nicht widerfahren. Sonderbar, Vetter, so schwach die Sache als Witz
ist, ich bin dir doch dankbar dafür.«
    Dagobert, kaum aus der Schlinge heraus, versuchte über Effis Feierlichkeit
zu spötteln, liess aber ab davon, als er sah, dass es sie verdross.
    Bald nach zehn Uhr brach er auf und versprach, am anderen Tage
wiederzukommen, um nach den Befehlen zu fragen.
    Und gleich nachdem er gegangen, zog sich auch Effi in ihre Zimmer zurück.
Am andern Tage war das schönste Wetter, und Mutter und Tochter brachen früh auf,
zunächst nach der Augenklinik, wo Effi im Vorzimmer verblieb und sich mit dem
Durchblättern eines Albums beschäftigte. Dann ging es nach dem Tiergarten und
bis in die Nähe des »Zoologischen«, um dorterum nach einer Wohnung zu suchen.
Es traf sich auch wirklich so, dass man in der Keitstrasse, worauf sich ihre
Wünsche von Anfang an gerichtet hatten, etwas durchaus Passendes ausfindig
machte, nur dass es ein Neubau war, feucht und noch unfertig. »Es wird nicht
gehen, liebe Effi«, sagte Frau von Briest, »schon einfach Gesundheitsrücksichten
werden es verbieten. Und dann, ein Geheimrat ist kein Trockenwohner.«
    Effi, sosehr ihr die Wohnung gefiel, war um so einverstandener mit diesem
Bedenken, als ihr an einer raschen Erledigung überhaupt nicht lag, ganz im
Gegenteil: »Zeit gewonnen, alles gewonnen«, und so war ihr denn ein
Hinausschieben der ganzen Angelegenheit eigentlich das Liebste, was ihr begegnen
konnte. »Wir wollen diese Wohnung aber doch im Auge behalten, Mama, sie liegt so
schön und ist im wesentlichen das was ich mir gewünscht habe.« Dann fuhren beide
Damen in die Stadt zurück, assen im Restaurant, das man ihnen empfohlen, und
waren am Abend in der Oper, wozu der Arzt unter der Bedingung, dass Frau von
Briest mehr hören als sehen wolle, die Erlaubnis gegeben hatte.
    Die nächsten Tage nahmen einen ähnlichen Verlauf; man war aufrichtig
erfreut, sich wiederzuhaben und nach so langer Zeit wieder ausgiebig miteinander
plaudern zu können. Effi, die sich nicht bloss auf Zuhören und Erzählen, sondern,
wenn ihr am wohlsten war, auch auf Medisieren ganz vorzüglich verstand, geriet
mehr als einmal in ihren alten Übermut, und die Mama schrieb nach Hause, wie
glücklich sie sei, das »Kind« wieder so heiter und lachlustig zu finden; es
wiederhole sich ihnen allen die schöne Zeit von vor fast zwei Jahren, wo man die
Ausstattung besorgt habe. Auch Vetter Briest sei ganz der alte. Das war nun auch
wirklich der Fall, nur mit dem Unterschiede, dass er sich seltener sehen liess als
vordem und auf die Frage nach dem »Warum« anscheinend ernstaft versicherte: »Du
bist mir zu gefährlich, Cousine.« Das gab dann jedesmal ein Lachen bei Mutter
und Tochter, und Effi sagte: »Dagobert, du bist freilich noch sehr jung, aber zu
solcher Form des Courmachens doch nicht mehr jung genug.«
    So waren schon beinah vierzehn Tage vergangen. Innstetten schrieb immer
dringlicher und wurde ziemlich spitz, fast auch gegen die Schwiegermama, so dass
Effi einsah, ein weiteres Hinausschieben sei nicht mehr gut möglich und es müsse
nun wirklich gemietet werden. Aber was dann? Bis zum Umzuge nach Berlin waren
immer noch drei Wochen, und Innstetten drang auf rasche Rückkehr. Es gab also
nur ein Mittel: sie musste wieder eine Komödie spielen, musste krank werden.
    Das kam ihr aus mehr als einem Grunde nicht leicht an; aber es musste sein,
und als ihr das feststand, stand ihr auch fest, wie die Rolle, bis in die
kleinsten Einzelheiten hinein, gespielt werden müsse.
    »Mama, Innstetten, wie du siehst, wird über mein Ausbleiben empfindlich. Ich
denke, wir gehen also nach und mieten heute noch. Und morgen reise ich. Ach, es
wird mir so schwer, mich von dir zu trennen.«
    Frau von Briest war einverstanden. »Und welche Wohnung wirst du wählen?«
    »Natürlich die erste, die in der Keitstrasse, die mir von Anfang an so gut
gefiel und dir auch. Sie wird wohl noch nicht ganz ausgetrocknet sein, aber es
ist ja das Sommerhalbjahr, was einigermassen ein Trost ist. Und wird es mit der
Feuchtigkeit zu arg und kommt ein bisschen Rheumatismus, so hab ich ja
schliesslich immer noch Hohen-Cremmen.«
    »Kind, beruf es nicht; ein Rheumatismus ist mitunter da, man weiss nicht
wie.«
    Diese Worte der Mama kamen Effi sehr zupass. Sie mietete denselben Vormittag
noch und schrieb eine Karte an Innstetten, dass sie den nächsten Tag zurückwolle.
Gleich danach wurden auch wirklich die Koffer gepackt und alle Vorbereitungen
getroffen. Als dann aber der andere Morgen da war, liess Effi die Mama an ihr
Bett rufen und sagte: »Mama, ich kann nicht reisen. Ich habe ein solches Reissen
und Ziehen, es schmerzt mich über den ganzen Rücken hin, und ich glaube beinah,
es ist ein Rheumatismus. Ich hätte nicht gedacht, dass das so schmerzhaft sei.«
    »Siehst du, was ich dir gesagt habe: man soll den Teufel nicht an die Wand
malen. Gestern hast du noch leichtsinnig darüber gesprochen, und heute ist es
schon da. Wenn ich Schweigger sehe, werde ich ihn fragen, was du tun sollst.«
    »Nein, nicht Schweigger. Der ist ja ein Spezialist. Das geht nicht, und er
könnt es am Ende übelnehmen, in so was anderem zu Rate gezogen zu werden. Ich
denke, das beste ist, wir warten es ab. Es kann ja auch vorübergehen. Ich werde
den ganzen Tag über von Tee und Sodawasser leben, und wenn ich dann
transpiriere, komm ich vielleicht drüber hin.«
    Frau von Briest drückte ihre Zustimmung aus, bestand aber darauf, dass sie
sich gut verpflege. Dass man nichts geniessen müsse, wie das früher Mode war, das
sei ganz falsch und schwäche bloss; in diesem Punkte stehe sie ganz zu der jungen
Schule: tüchtig essen.
    Effi sog sich nicht wenig Trost aus diesen Anschauungen, schrieb ein
Telegramm an Innstetten, worin sie von dem »leidigen Zwischenfall« und einer
ärgerlichen, aber doch nur momentanen Behinderung sprach, und sagte dann zu
Roswita: »Roswita, du musst mir nun auch Bücher besorgen; es wird nicht
schwerhalten, ich will alte, ganz alte.«
    »Gewiss, gnäd'ge Frau. Die Leihbibliotek ist ja gleich hier nebenan. Was
soll ich besorgen?«
    »Ich will es aufschreiben, allerlei zur Auswahl, denn mitunter haben sie
nicht das eine, was man grade haben will.« Roswita brachte Bleistift und
Papier, und Effi schrieb auf: Walter Scott, »Ivanhoe« oder »Quentin Durward«;
Cooper, »Der Spion«; Dickens, »David Copperfield«; Willibald Alexis, »Die Hosen
des Herrn von Bredow«.
    Roswita las den Zettel durch und schnitt in der anderen Stube die letzte
Zeile fort; sie genierte sich ihret- und ihrer Frau wegen, den Zettel in seiner
ursprünglichen Gestalt abzugeben.
    Ohne besondere Vorkommnisse verging der Tag. Am andern Morgen war es nicht
besser und am dritten auch nicht.
    »Effi, das geht so nicht länger. Wenn so was einreisst, dann wird man's nicht
wieder los; wovor die Doktoren am meisten warnen und mit Recht, das sind solche
Verschleppungen.«
    Effi seufzte. »Ja, Mama, aber wen sollen wir nehmen? Nur keinen jungen; ich
weiss nicht, aber es würde mich genieren.«
    »Ein junger Doktor ist immer genannt, und wenn er es nicht ist, desto
schlimmer. Aber du kannst dich beruhigen; ich komme mit einem ganz alten, der
mich schon behandelt hat, als ich noch in der Heckerschen Pension war, also vor
etlichen zwanzig Jahren. Und damals war er nah an fünfzig und hatte schönes
graues Haar, ganz kraus. Er war ein Damenmann, aber in den richtigen Grenzen.
Ärzte, die das vergessen, gehen unter, und es kann auch nicht anders sein;
unsere Frauen, wenigstens die aus der Gesellschaft, haben immer noch einen guten
Fond.«
    »Meinst du? Ich freue mich immer, so was Gutes zu hören. Denn mitunter hört
man doch auch andres. Und schwer mag es wohl oft sein. Und wie heisst denn der
alte Geheimrat? Ich nehme an, dass es ein Geheimrat ist.«
    »Geheimrat Rummschüttel.«
    Effi lachte herzlich. »Rummschüttel! Und als Arzt für jemanden, der sich
nicht rühren kann.«
    »Effi, du sprichst so sonderbar. Grosse Schmerzen kannst du nicht haben.«
    »Nein, in diesem Augenblicke nicht; es wechselt beständig.«
Am andern Morgen erschien Geheimrat Rummschüttel. Frau von Briest empfing ihn,
und als er Effi sah, war sein erstes Wort: »Ganz die Mama.«
    Diese wollte den Vergleich ablehnen und meinte, zwanzig Jahre und drüber
seien doch eine lange Zeit; Rummschüttel blieb aber bei seiner Behauptung,
zugleich versichernd: nicht jeder Kopf präge sich ihm ein, aber wenn er
überhaupt erst einen Eindruck empfangen habe, so bleibe der auch für immer. »Und
nun, meine gnädigste Frau von Innstetten, wo fehlt es, wo sollen wir helfen?«
    »Ach, Herr Geheimrat, ich komme in Verlegenheit, Ihnen auszudrücken, was es
ist. Es wechselt beständig. In diesem Augenblick ist es wie weggeflogen. Anfangs
habe ich an Rheumatisches gedacht, aber ich möchte beinah glauben, es sei eine
Neuralgie, Schmerzen den Rücken entlang, und dann kann ich mich nicht
aufrichten. Mein Papa leidet an Neuralgie, da hab ich es früher beobachten
können. Vielleicht ein Erbstück von ihm.«
    »Sehr wahrscheinlich«, sagte Rummschüttel, der den Puls gefühlt und die
Patientin leicht, aber doch scharf beobachtet hatte. »Sehr wahrscheinlich, meine
gnädigste Frau.« Was er aber still zu sich selber sagte, das lautete:
»Schulkrank und mit Virtuosität gespielt; Evastochter comme il faut.« Er liess
jedoch nichts davon merken, sondern sagte mit allem wünschenswerten Ernst: »Ruhe
und Wärme sind das Beste, was ich anraten kann. Eine Medizin, übrigens nichts
Schlimmes, wird das Weitere tun.«
    Und er erhob sich, um das Rezept aufzuschreiben Aqua Amygdalarum amararum
eine halbe Unze, Sirupus florum Aurantii zwei Unzen. »Hiervon, meine gnädigste
Frau, bitte ich Sie, alle zwei Stunden einen halben Teelöffel voll nehmen zu
wollen. Es wird Ihre Nerven beruhigen. Und worauf ich noch dringen möchte: keine
geistigen Anstrengungen, keine Besuche, keine Lektüre.« dabei wies er auf das
neben ihr liegende Buch.
    »Es ist Scott.«
    »Oh, dagegen ist nichts einzuwenden. Das beste sind Reisebeschreibungen. Ich
spreche morgen wieder vor.«
    Effi hatte sich wundervoll gehalten, ihre Rolle gut durchgespielt. Als sie
wieder allein war - die Mama begleitete den Geheimrat -, schoss ihr trotzdem das
Blut zu Kopf; sie hatte recht gut bemerkt, dass er ihrer Komödie mit einer
Komödie begegnet war. Er war offenbar ein überaus lebensgewandter Herr, der
alles recht gut sah, aber nicht alles sehen wollte, vielleicht weil er wusste,
dass dergleichen auch mal zu respektieren sein könne. Denn gab es nicht zu
respektierende Komödien, war nicht die, die sie selber spielte, eine solche?
    Bald danach kam die Mama zurück, und Mutter und Tochter ergingen sich in
Lobeserhebungen über den feinen alten Herrn, der trotz seiner beinah Siebzig
noch etwas Jugendliches habe. »Schicke nur gleich Roswita nach der Apoteke...
Du sollst aber nur alle drei Stunden nehmen, hat er mir draussen noch eigens
gesagt. So war er schon damals, er verschrieb nicht oft und nicht viel; aber
immer Energisches, und es half auch gleich.«
Rummschüttel kam den zweiten Tag und dann jeden dritten, weil er sah, welche
Verlegenheit sein Kommen der jungen Frau bereitete. Dies nahm ihn für sie ein,
und sein Urteil stand ihm nach dem dritten Besuche fest: »Hier liegt etwas vor,
was die Frau zwingt, so zu handeln, wie sie handelt.« Über solche Dinge den
Empfindlichen zu spielen lag längst hinter ihm.
    Als Rummschüttel seinen vierten Besuch machte, fand er Effi auf, in einem
Schaukelstuhl sitzend, ein Buch in der Hand, Annie neben ihr.
    »Ah, meine gnädigste Frau! Hocherfreut. Ich schiebe es nicht auf die Arznei;
das schöne Wetter, die hellen, frischen Märztage da fällt die Krankheit ab. Ich
beglückwünsche Sie. Und die Frau Mama?«
    »Sie ist ausgegangen, Herr Geheimrat, in die Keitstrasse, wo wir gemietet
haben. Ich erwarte nun innerhalb weniger Tage meinen Mann, den ich mich, wenn in
unserer Wohnung erst alles in Ordnung sein wird, herzlich freue Ihnen vorstellen
zu können. Denn ich darf doch wohl hoffen, dass Sie auch in Zukunft sich meiner
annehmen werden.«
    Er verbeugte sich.
    »Die neue Wohnung«, fuhr sie fort, »ein Neubau, macht mir freilich Sorge.
Glauben Sie, Herr Geheimrat, dass die feuchten Wände...«
    »Nicht im geringsten, meine gnädigste Frau. Lassen Sie drei, vier Tage lang
tüchtig heizen und immer Türen und Fenster auf, da können Sie's wagen, auf meine
Verantwortung. Und mit Ihrer Neuralgie, das war nicht von solcher Bedeutung.
Aber ich freue mich Ihrer Vorsicht, die mir Gelegenheit gegeben hat, eine alte
Bekanntschaft zu erneuern und eine neue zu machen.«
    Er wiederholte seine Verbeugung, sah noch Annie freundlich in die Augen und
verabschiedete sich unter Empfehlungen an die Mama.
    Kaum dass er fort war, so setzte sich Effi an den Schreibtisch und schrieb:
»Lieber Innstetten! Eben war Rummschüttel hier und hat mich aus der Kur
entlassen. Ich könnte nun reisen, morgen etwa; aber heut ist schon der 24. und
am 28. willst Du hier eintreffen. Angegriffen bin ich ohnehin noch. Ich denke,
Du wirst einverstanden sein, wenn ich die Reise ganz aufgebe. Die Sachen sind ja
ohnehin schon unterwegs, und wir würden, wenn ich käme, in Hoppensacks Hotel wie
Fremde leben müssen. Auch der Kostenpunkt ist in Betracht zu ziehen, die
Ausgaben werden sich ohnehin häufen; unter anderem ist Rummschüttel zu
honorieren, wenn er uns auch als Arzt verbleibt. Übrigens ein sehr
liebenswürdiger alter Herr. Er gilt ärztlich nicht für ersten Ranges,
Damendoktor sagen seine Gegner und Neider. Aber dies Wort umschliesst doch auch
ein Lob; es kann eben nicht jeder mit uns umgehen. Dass ich von den Kessinern
nicht persönlich Abschied nehme, hat nicht viel auf sich. Bei Gieshübler war
ich. Die Frau Majorin hat sich immer ablehnend gegen mich verhalten, ablehnend
bis zur Unart; bleibt nur noch der Pastor und Dr. Hannemann und Crampas.
Empfiehl mich letzterem. An die Familien auf dem Lande schicke ich Karten;
Güldenklees, wie Du mir schreibst, sind in Italien (was sie da wollen, weiss ich
nicht), und so bleiben nur die drei andern. Entschuldige mich, so gut es geht.
Du bist ja der Mann der Formen und weisst das richtige Wort zu treffen. An Frau
von Padden, die mir am Silvesterabend so ausserordentlich gut gefiel, schreibe
ich vielleicht selber noch und spreche ihr mein Bedauern aus. Lass mich in einem
Telegramm wissen, ob Du mit allem einverstanden bist. Wie immer
                                                                     Deine Effi«
Effi brachte selber den Brief zur Post, als ob sie dadurch die Antwort
beschleunigen könne, und am nächsten Vormittage traf denn auch das erbetene
Telegramm von Innstetten ein: »Einverstanden mit allem.« Ihr Herz jubelte, sie
eilte hinunter und auf den nächsten Droschkenstand zu. »Keitstrasse 1 c.«
    Und erst die Linden und dann die Tiergartenstrasse hinunter flog die
Droschke, und nun hielt sie vor der neuen Wohnung.
    Oben standen die den Tag vorher eingetroffenen Sachen noch bunt
durcheinander, aber es störte sie nicht, und als sie auf den breiten
aufgemauerten Balkon hinaustrat, lag jenseits der Kanalbrücke der Tiergarten vor
ihr, dessen Bäume schon überall einen grünen Schimmer zeigten. Darüber aber ein
klarer blauer Himmel und eine lachende Sonne.
    Sie zitterte vor Erregung und atmete hoch auf. Dann trat sie, vom Balkon
her, wieder über die Türschwelle zurück, erhob den Blick und faltete die Hände.
    »Nun, mit Gott, ein neues Leben! Es soll anders werden.«
 
                           Vierundzwanzigstes Kapitel
Drei Tage danach, ziemlich spät, um die neunte Stunde, traf Innstetten in Berlin
ein. Alles war am Bahnhof, Effi, die Mama, der Vetter; der Empfang war herzlich,
am herzlichsten von seiten Effis, und man hatte bereits eine Welt von Dingen
durchgesprochen, als der Wagen, den man genommen, vor der neuen Wohnung in der
Keitstrasse hielt. »Ach, da hast du gut gewählt, Effi«, sagte Innstetten, als er
in das Vestibül eintrat, »kein Haifisch, kein Krokodil und hoffentlich auch kein
Spuk.«
    »Nein, Geert, damit ist es nun vorbei. Nun bricht eine andere Zeit an, und
ich fürchte mich nicht mehr und will auch besser sein als früher und dir mehr zu
Willen leben.« Alles das flüsterte sie ihm zu, während sie die teppichbedeckte
Treppe bis in den zweiten Stock hinanstiegen. Der Vetter führte die Mama.
    Oben fehlte noch manches, aber für einen wohnlichen Eindruck war doch
gesorgt, und Innstetten sprach seine Freude darüber aus. »Effi, du bist doch ein
kleines Genie«, aber diese lehnte das Lob ab und zeigte auf die Mama, die habe
das eigentliche Verdienst. »Hier muss es stehen«, so hab es unerbittlich
geheissen, und immer habe sie's getroffen, wodurch natürlich viel Zeit gespart
und die gute Laune nie gestört worden sei. Zuletzt kam auch Roswita, um den
Herrn zu begrüssen, bei welcher Gelegenheit sie sagte: »Fräulein Annie liesse sich
für heute entschuldigen« - ein kleiner Witz, auf den sie stolz war und mit dem
sie auch ihren Zweck vollkommen erreichte.
    Und nun nahmen sie Platz um den schon gedeckten Tisch, und als Innstetten
sich ein Glas Wein eingeschenkt und »auf glückliche Tage« mit allen angestossen
hatte, nahm er Effis Hand und sagte: »Aber Effi, nun erzähle mir, was war das
mit deiner Krankheit?«
    »Ach, lassen wir doch das, nicht der Rede wert; ein bisschen schmerzhaft und
eine rechte Störung, weil es einen Strich durch unsere Pläne machte. Aber mehr
war es nicht, und nun ist es vorbei. Rummschüttel hat sich bewährt, ein feiner,
liebenswürdiger alter Herr, wie ich dir, glaub ich, schon schrieb. In seiner
Wissenschaft soll er nicht gerade glänzen, aber Mama sagt, das sei ein Vorzug.
Und sie wird wohl recht haben wie in allen Stücken. Unser guter Doktor Hannemann
war auch kein Licht und traf es doch immer. Und nun sage, was macht Gieshübler
und die anderen alle?«
    »Ja, wer sind die anderen alle? Campas lässt sich der gnäd'gen Frau empfehlen
...«
    »Ah, sehr artig.«
    »Und der Pastor will dir desgleichen empfohlen sein; nur die Herrschaften
auf dem Lande waren ziemlich nüchtern und schienen auch mich für deinen Abschied
ohne Abschied verantwortlich machen zu wollen. Unsere Freundin Sidonie war sogar
spitz, und nur die gute Frau von Padden, zu der ich eigens vorgestern noch
hinüberfuhr, freute sich aufrichtig über deinen Gruss und deine Liebeserklärung
an sie. Du seist eine reizende Frau, sagte sie, aber ich sollte dich gut hüten.
Und als ich ihr erwiderte: Du fändest schon, dass ich mehr ein »Erzieher« als ein
Ehemann sei, sagte sie halblaut und beinahe wie abwesend: Ein junges Lämmchen
weiss wie Schnee. Und dann brach sie ab.«
    Vetter Briest lachte. »Ein junges Lämmchen weiss wie Schnee... Da hörst du's,
Cousine.« Und er wollte sie zu necken fortfahren, gab es aber auf, als er sah,
dass sie sich verfärbte.
    Das Gespräch, das meist zurückliegende Verhältnisse berührte, spann sich
noch eine Weile weiter, und Effi erfuhr zuletzt aus diesem und jenem, was
Innstetten mitteilte, dass sich von dem ganzen Kessiner Hausstande nur Johanna
bereit erklärt habe, die Übersiedelung nach Berlin mitzumachen. Sie sei
natürlich noch zurückgeblieben, werde aber in zwei, drei Tagen mit dem Rest der
Sachen eintreffen; er sei froh über ihren Entschluss, denn sie sei immer die
brauchbarste gewesen und von einem ausgesprochen grossstädtischen Chic.
Vielleicht ein bisschen zu sehr. Christel und Friedrich hätten sich beide für zu
alt erklärt, und mit Kruse zu verhandeln habe sich von vornherein verboten. »Was
soll uns ein Kutscher hier?« schloss Innstetten. »Pferd und Wagen, das sind Tempi
passati, mit diesem Luxus ist es in Berlin vorbei. Nicht einmal das schwarze
Huhn hätten wir unterbringen können. Oder unterschätz ich die Wohnung?«
    Effi schüttelte den Kopf, und als eine kleine Pause eintrat, erhob sich die
Mama; es sei bald elf, und sie habe noch einen weiten Weg, übrigens solle sie
niemand begleiten, der Droschkenstand sei ja nah - ein Ansinnen, das Vetter
Briest natürlich ablehnte. Bald darauf trennte man sich, nachdem noch Rendezvous
für den andern Vormittag verabredet war.
    Effi war ziemlich früh auf und hatte - die Luft war beinahe sommerlich warm
- den Kaffeetisch bis nahe an die geöffnete Balkontür rücken lassen, und als
Innstetten nun auch erschien, trat sie mit ihm auf den Balkon hinaus und sagte:
»Nun, was sagst du? Du wolltest den Finkenschlag aus dem Tiergarten hören und
die Papageien aus dem Zoologischen. Ich weiss nicht, ob beide dir den Gefallen
tun werden, aber möglich ist es. Hörst du wohl? Das kam von drüben, drüben aus
dem kleinen Park. Es ist nicht der eigentliche Tiergarten, aber doch beinah.«
    Innstetten war entzückt und von einer Dankbarkeit, als ob Effi ihm das alles
persönlich herangezaubert habe. Dann setzten sie sich, und nun kam auch Annie.
Roswita verlangte, dass Innstetten eine grosse Veränderung an dem Kinde finden
solle, was er denn auch schliesslich tat. Und dann plauderten sie weiter,
abwechselnd über die Kessiner und die in Berlin zu machenden Visiten und ganz
zuletzt auch über eine Sommerreise.
    Mitten im Gespräch aber mussten sie abbrechen, um rechtzeitig beim Rendezvous
erscheinen zu können.
Man traf sich, wie verabredet, bei Helms, gegenüber dem Roten Schloss, besuchte
verschiedene Läden, ass bei Hiller und war bei guter Zeit wieder zu Haus. Es war
ein gelungenes Beisammensein gewesen, Innstetten herzlich froh, das
grossstädtische Leben wieder mitmachen und auf sich wirken lassen zu können. Tags
darauf, am 1. April, begab er sich in das Kanzlerpalais, um sich einzuschreiben
(eine persönliche Gratulation unterliess er aus Rücksicht), und ging dann aufs
Ministerium, um sich da zu melden. Er wurde auch angenommen, trotzdem es ein
geschäftlich und gesellschaftlich sehr unruhiger Tag war, ja, sah sich seitens
seines Chefs durch besonders entgegenkommende Liebenswürdigkeit ausgezeichnet.
»Er wisse, was er an ihm habe, und sei sicher, ihr Einvernehmen nie gestört zu
sehen.«
    Auch im Hause gestaltete sich alles zum Guten. Ein aufrichtiges Bedauern war
es für Effi, die Mama, nachdem diese, wie gleich anfänglich vermutet, fast sechs
Wochen lang in Kur gewesen, nach Hohen-Cremmen zurückkehren zu sehen, ein
Bedauern, das nur dadurch einigermassen gemildert wurde, dass sich Johanna
denselben Tag noch in Berlin einstellte. Das war immerhin was, und wenn die
hübsche Blondine dem Herzen Effis auch nicht ganz so nahestand wie die ganz
selbstsuchtslose und unendlich gutmütige Roswita, so war sie doch gleichmässig
angesehen, ebenso bei Innstetten wie bei ihrer jungen Herrin, weil sie sehr
geschickt und brauchbar und der Männerwelt gegenüber von einer ausgesprochenen
und selbstbewussten Reservierteit war. Einem Kessiner on dit zufolge liessen sich
die Wurzeln ihrer Existenz auf eine längst pensionierte Grösse der Garnison
Pasewalk zurückführen, woraus man sich auch ihre vornehme Gesinnung, ihr schönes
blondes Haar und die besondere Plastik ihrer Gesamterscheinung erklären wollte.
Johanna selbst teilte die Freude, die man allerseits über ihr Eintreffen
empfand, und war durchaus einverstanden damit, als Hausmädchen und Jungfer, ganz
wie früher, den Dienst bei Effi zu übernehmen, während Roswita, die der
Christel in beinahe Jahresfrist ihre Kochkünste so ziemlich abgelernt hatte, dem
Küchendepartement vorstehen sollte. Annies Abwartung und Pflege fiel Effi selber
zu, worüber Roswita freilich lachte. Denn sie kannte die jungen Frauen.
    Innstetten lebte ganz seinem Dienst und seinem Haus. Er war glücklicher als
vordem in Kessin, weil ihm nicht entging, dass Effi sich unbefangener und
heiterer gab. Und das konnte sie, weil sie sich freier fühlte. Wohl blickte das
Vergangene noch in ihr Leben hinein, aber es ängstigte sie nicht mehr, oder doch
um vieles seltener und vorübergehender, und alles, was davon noch in ihr
nachzitterte, gab ihrer Haltung einen eigenen Reiz. In jeglichem, was sie tat,
lag etwas Wehmütiges, wie eine Abbitte, und es hätte sie glücklich gemacht, dies
alles noch deutlicher zeigen zu können. Aber das verbot sich freilich.
    Das gesellschaftliche Leben der grossen Stadt war, als sie während der ersten
Aprilwochen ihre Besuche machten, noch nicht vorüber, wohl aber im Erlöschen,
und so kam es für sie zu keiner rechten Teilnahme mehr daran. In der zweiten
Hälfte des Mai starb es dann ganz hin, und mehr noch als vorher war man
glücklich, sich in der Mittagsstunde, wenn Innstetten von seinem Ministerium
kam, im Tiergarten treffen oder nachmittags einen Spaziergang nach dem
Charlottenburger Schlossgarten machen zu können. Effi sah sich, wenn sie die
lange Front zwischen dem Schloss und den Orangeriebäumen auf und ab schritt,
immer wieder die massenhaft dort stehenden römischen Kaiser an, fand eine
merkwürdige Ähnlichkeit zwischen Nero und Titus, sammelte Tannenäpfel, die von
den Trauertannen gefallen waren, und ging dann, Arm in Arm mit ihrem Manne, bis
auf das nach der Spree hin einsam gelegene »Belvedere« zu.
    »Da drin soll es auch einmal gespukt haben«, sagte sie.
    »Nein, bloss Geistererscheinungen.«
    »Das ist dasselbe.«
    »Ja, zuweilen«, sagte Innstetten. »Aber eigentlich ist doch ein Unterschied.
Geistererscheinungen werden immer gemacht - wenigstens soll es hier in dem
Belvedere so gewesen sein, wie mir Vetter Briest erst gestern noch erzählte -,
Spuk aber wird nie gemacht, Spuk ist natürlich.«
    »Also glaubst du doch dran?«
    »Gewiss glaub ich dran. Es gibt so was. Nur an das, was wir in Kessin davon
hatten, glaub ich nicht recht. Hat dir denn Johanna schon ihren Chinesen
gezeigt?«
    »Welchen?«
    »Nun, unsern. Sie hat ihn, eh sie unser altes Haus verliess, oben von der
Stuhllehne abgelöst und ihn ins Portemonnaie gelegt. Als ich mir neulich ein
Markstück bei ihr wechselte, hab ich ihn gesehen. Und sie hat es mir auch
verlegen bestätigt.«
    »Ach, Geert, das hättest du mir nicht sagen sollen. Nun ist doch wieder so
was in unserm Hause.«
    »Sag ihr, dass sie ihn verbrennt.«
    »Nein, das mag ich auch nicht, und das hilft auch nichts. Aber ich will
Roswita bitten...«
    »Um was? Ah, ich verstehe schon, ich ahne, was du vorhast. Die soll ein
Heiligenbild kaufen und es dann auch ins Portemonnaie tun. Ist es so was?«
    Effi nickte.
    »Nun, tu, was du willst. Aber sag es niemandem.«
    Effi meinte dann schliesslich, es lieber doch lassen zu wollen, und unter
allerhand kleinem Geplauder, in welchem die Reisepläne für den Sommer mehr und
mehr Platz gewannen, fuhren sie bis an den Grossen Stern zurück und gingen dann
durch die Korso-Allee und die breite Friedrich-Wilhelms-Strasse auf ihre Wohnung
zu.
Sie hatten vor, schon Ende Juli Urlaub zu nehmen und ins bayerische Gebirge zu
gehen, wo gerade in diesem Jahre wieder die Oberammergauer Spiele stattfanden.
Es liess sich aber nicht tun; Geheimrat von Wüllersdorf, den Innstetten schon von
früher her kannte und der jetzt sein Spezialkollege war, erkrankte plötzlich,
und Innstetten musste bleiben und ihn vertreten. Erst Mitte August war alles
wieder beglichen und damit die Reisemöglichkeit gegeben; es war aber nun zu spät
geworden, um noch nach Oberammergau zu gehen, und so entschied man sich für
einen Aufentalt auf Rügen. »Zunächst natürlich Stralsund, mit Schill, den du
kennst, und mit Scheele, den du nicht kennst und der den Sauerstoff entdeckte
was man aber nicht zu wissen braucht. Und dann von Stralsund nach Bergen und dem
Rugard, von wo man, wie mir Wüllersdorf sagte, die ganze Insel übersehen kann,
und dann zwischen dem Grossen und Kleinen Jasmunder Bodden hin, bis nach Sassnitz.
Denn nach Rügen reisen heisst nach Sassnitz reisen. Binz ginge vielleicht auch
noch, aber da sind - ich muss Wüllersdorf noch einmal zitieren - so viele kleine
Steinchen und Muschelschalen am Strande, und wir wollen doch baden.«
    Effi war einverstanden mit allem, was von seiten Innstettens geplant wurde,
vor allem auch damit, dass der ganze Hausstand auf vier Wochen aufgelöst werden
und Roswita mit Annie nach Hohen-Cremmen, Johanna aber zu ihrem etwas jüngeren
Halbbruder reisen sollte, der bei Pasewalk eine Schneidemühle hatte. So war
alles gut untergebracht. Mit Beginn der nächsten Woche brach man denn auch
wirklich auf, und am selben Abende noch war man in Sassnitz. Über dem Gastause
stand »Hotel Fahrenheit«. »Die Preise hoffentlich nach Réaumur«, setzte
Innstetten, als er den Namen las, hinzu, und in bester Laune machten beide noch
einen Abendspaziergang an dem Klippenstrande hin und sahen von einem
Felsenvorsprung aus auf die stille, vom Mondschein überzitterte Bucht. Effi war
entzückt. »Ach, Geert, das ist ja Capri, das ist ja Sorrent. Ja, hier bleiben
wir. Aber natürlich nicht im Hotel; die Kellner sind mir zu vornehm, und man
geniert sich, um eine Flasche Sodawasser zu bitten...«
    »Ja, lauter Attachés. Es wird sich aber wohl eine Privatwohnung finden
lassen.«
    »Denk ich auch. Und wir wollen gleich morgen danach aussehen.«
    Schön wie der Abend war der Morgen, und man nahm das Frühstück im Freien.
Innstetten empfing etliche Briefe, die schnell erledigt werden mussten, und so
beschloss Effi, die für sie frei gewordene Stunde sofort zur Wohnungssuche zu
benutzen. Sie ging erst an einer eingepferchten Wiese, dann an Häusergruppen und
Haferfeldern vorüber und bog zuletzt in einen Weg ein, der schluchtartig auf das
Meer zulief. Da, wo dieser Schluchtenweg den Strand traf, stand ein von hohen
Buchen überschattetes Gastaus, nicht so vornehm wie das Fahrenheitsche, mehr
ein blosses Restaurant, in dem, der frühen Stunde halber, noch alles leer war.
Effi nahm an einem Aussichtspunkte Platz, und kaum dass sie von dem Sherry, den
sie bestellt, genippt hatte, so trat auch schon der Wirt an sie heran, um halb
aus Neugier und halb aus Artigkeit ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen.
    »Es gefällt uns sehr gut hier«, sagte sie, »meinem Manne und mir; welch
prächtiger Blick über die Bucht, und wir sind nur in Sorge wegen einer Wohnung.«
    »Ja, gnädigste Frau, das wird schwerhalten . .«
    »Es ist aber schon spät im Jahr...«
    »Trotzdem. Hier in Sassnitz ist sicherlich nichts zu finden, dafür möcht ich
mich verbürgen; aber weiter hin am Strand, wo das nächste Dorf anfängt, Sie
können die Dächer von hier aus blinken sehen, da möcht es vielleicht sein.«
    »Und wie heisst das Dorf?«
    »Crampas.«
    Effi glaubte nicht recht gehört zu haben. »Crampas«, wiederholte sie mit
Anstrengung. »Ich habe den Namen als Ortsnamen nie gehört... Und sonst nichts in
der Nähe?«
    »Nein, gnädigste Frau. Hierherum nichts. Aber höher hinauf, nach Norden zu,
da kommen noch wieder Dörfer, und in dem Gastause, das dicht neben
Stubbenkammer liegt, wird man Ihnen gewiss Auskunft gehen können. Es werden dort
von solchen, die gerne noch vermieten wollen, immer Adressen abgegeben.«
    Effi war froh, das Gespräch allein geführt zu haben, und als sie bald danach
ihrem Manne Bericht erstattet und nur den Namen des an Sassnitz angrenzenden
Dorfes verschwiegen hatte, sagte dieser: »Nun, wenn es hierherum nichts gibt, so
wird es das beste sein, wir nehmen einen Wagen (wodurch man sich beiläufig einem
Hotel immer empfiehlt) und übersiedeln ohne weiteres da höher hinauf, nach
Stubbenkammer hin. Irgendwas Idyllisches mit einer Geissblattlaube wird sich da
wohl finden lassen, und finden wir nichts, so bleibt uns immer noch das Hotel
selbst. Eins ist schliesslich wie das andere.«
    Effi war einverstanden, und gegen Mittag schon erreichten sie das neben
Stubbenkammer gelegene Gastaus, von dem Innstetten eben gesprochen, und
bestellten daselbst einen Imbiss. »Aber erst nach einer halben Stunde; wir haben
vor, zunächst noch einen Spaziergang zu machen und uns den Hertasee anzusehen.
Ein Führer ist doch wohl da?«
    Dies wurde bejaht, und ein Mann von mittleren Jahren trat alsbald an unsere
Reisenden heran. Er sah so wichtig und feierlich aus, als ob er mindestens ein
Adjunkt bei dem alten Hertadienst gewesen wäre.
    Der von hohen Bäumen umstandene See lag ganz in der Nähe, Binsen säumten ihn
ein, und auf der stillen, schwarzen Wasserfläche schwammen zahlreiche Mummeln.
    »Es sieht wirklich nach so was aus«, sagte Effi, »nach Hertadienst.«
    »Ja, gnäd'ge Frau... Dessen sind auch noch die Steine Zeugen.«
    »Welche Steine?«
    »Die Opfersteine.«
    Und während sich das Gespräch in dieser Weise fortsetzte, traten alle drei
vom See her an eine senkrecht abgestochene Kies- und Lehmwand heran, an die sich
etliche glattpolierte Steine lehnten, alle mit einer flachen Höhlung und
etlichen nach unten laufenden Rinnen.
    »Und was bezwecken die?«
    »Dass es besser abliefe, gnäd'ge Frau.«
    »Lass uns gehen«, sagte Effi, und den Arm ihres Mannes nehmend, ging sie mit
ihm wieder auf das Gastaus zurück, wo nun, an einer Stelle mit weitem Ausblick
auf das Meer, das vorher bestellte Frühstück aufgetragen wurde. Die Bucht lag im
Sonnenlichte vor ihnen, einzelne Segelboote glitten darüber hin, und um die
benachbarten Klippen haschten sich die Möwen. Es war sehr schön, auch Effi fand
es, aber wenn sie dann über die glitzernde Fläche hinwegsah, bemerkte sie, nach
Süden zu, wieder die hell aufleuchtenden Dächer des langgestreckten Dorfes,
dessen Name sie heute früh so sehr erschreckt hatte.
    Innstetten, wenn auch ohne Wissen und Ahnung dessen, was in ihr vorging, sah
doch deutlich, dass es ihr an aller Lust und Freude gebrach. »Es tut mir leid,
Effi, dass du der Sache hier nicht recht froh wirst. Du kannst den Hertasee
nicht vergessen und noch weniger die Steine.«
    Sie nickte. »Es ist so, wie du sagst. Und ich muss dir bekennen, ich habe
nichts in meinem Leben gesehen, was mich so traurig gestimmt hätte. Wir wollen
das Wohnungssuchen ganz aufgeben; ich kann hier nicht bleiben.«
    »Und gestern war es dir noch der Golf von Neapel und alles mögliche Schöne.«
    »Ja, gestern.«
    »Und heute? Heute keine Spur mehr von Sorrent?«
    »Eine Spur noch, aber auch nur eine Spur; es ist Sorrent, als ob es sterben
wollte.«
    »Gut dann, Effi«, sagte Innstetten und reichte ihr die Hand. »Ich will dich
mit Rügen nicht quälen, und so geben wir's denn auf. Abgemacht. Es ist nicht
nötig, dass wir uns an Stubbenkammer anklammern oder an Sassnitz oder da weiter
hinunter. Aber wohin?«
    »Ich denke, wir bleiben noch einen Tag und warten das Dampfschiff ab, das,
wenn ich nicht irre, morgen von Stettin kommt und nach Kopenhagen hinüberfährt.
Da soll es ja so vergnüglich sein, und ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr
ich mich nach etwas Vergnüglichem sehne. Hier ist mir, als ob ich in meinem
ganzen Leben nicht mehr lachen könnte und überhaupt nie gelacht hätte, und du
weisst doch, wie gern ich lache.«
    Innstetten zeigte sich voll Teilnahme mit ihrem Zustand, und das um so
lieber, als er ihr in vielem recht gab. Es war wirklich alles schwermütig, so
schön es war.
    Und so warteten sie denn das Stettiner Schiff ab und trafen am dritten Tage
in aller Frühe in Kopenhagen ein, wo sie auf Kongens Nytorv Wohnung nahmen. Zwei
Stunden später waren sie schon im Torwaldsen-Museum, und Effi sagte: »Ja,
Geert, das ist schön, und ich bin glücklich, dass wir uns hierher auf den Weg
gemacht haben.« Bald danach gingen sie zu Tisch und machten an der Table d'hôte
die Bekanntschaft einer ihnen gegenübersitzenden jütländischen Familie, deren
bildschöne Tochter, Tora von Penz, ebenso Innstettens wie Effis beinah
bewundernde Aufmerksamkeit sofort in Anspruch nahm. Effi konnte sich nicht satt
sehen an den grossen, blauen Augen und dem flachsblonden Haar, und als man sich
nach andertalb Stunden von Tisch erhob, wurde seitens der Penzschen Familie -
die leider, denselben Tag noch, Kopenhagen wieder verlassen musste - die Hoffnung
ausgesprochen, das junge preussische Paar mit nächstem in Schloss Aggerhuus (eine
halbe Meile vom Limfjord) begrüssen zu dürfen, eine Einladung, die von den
Innstettens auch ohne langes Zögern angenommen wurde. So vergingen die Stunden
im Hotel. Aber damit war es nicht genug des Guten an diesem denkwürdigen Tage,
von dem Effi denn auch versicherte, dass er im Kalender rot angestrichen werden
müsse. Der Abend brachte, das Mass des Glücks voll zu machen, eine Vorstellung im
Tivoli-Teater: eine italienische Pantomime, Arlequin und Colombine. Effi war
wie berauscht von den kleinen Schelmereien, und als sie spät am Abend nach ihrem
Hotel zurückkehrten, sagte sie: »Weisst du, Geert, nun fühl ich doch, dass ich
allmählich wieder zu mir komme. Von der schönen Tora will ich gar nicht erst
sprechen; aber wenn ich bedenke, heute vormittag Torwaldsen und heute abend
diese Colombine...«
    »... die dir im Grunde doch noch lieber war als Torwaldsen...«
    »Offen gestanden, ja. Ich habe nun mal den Sinn für dergleichen. Unser gutes
Kessin war ein Unglück für mich. Alles fiel mir da auf die Nerven. Rügen beinah
auch. Ich denke, wir bleiben noch ein paar Tage hier in Kopenhagen, natürlich
mit Ausflug nach Frederiksborg und Helsingör, und dann nach Jütland hinüber; ich
freue mich aufrichtig, die schöne Tora wiederzusehen, und wenn ich ein Mann
wäre, so verliebte ich mich in sie.«
    Innstetten lachte. »Du weisst noch nicht, was ich tue.«
    »Wär mir schon recht. Dann gibt es einen Wettstreit, und du sollst sehen,
dann hab ich auch noch meine Kräfte.«
    »Das brauchst du mir nicht erst zu versichern.«
So verlief denn auch die Reise. Drüben in Jütland fuhren sie den Limfjord
hinauf, bis Schloss Aggerhuus, wo sie drei Tage bei der Penzschen Familie
verblieben, und kehrten dann mit vielen Stationen und kürzeren und längeren
Aufentalten in Viborg, Flensburg, Kiel über Hamburg (das ihnen ungemein gefiel)
in die Heimat zurück - nicht direkt nach Berlin in die Keitstrasse, wohl aber
vorher nach Hohen-Cremmen, wo man sich nun einer wohlverdienten Ruhe hingeben
wollte. Für Innstetten bedeutete das nur wenige Tage, da sein Urlaub abgelaufen
war, Effi blieb aber noch eine Woche länger und sprach es aus, erst zum dritten
Oktober, ihrem Hochzeitstage, wieder zu Haus eintreffen zu wollen.
    Annie war in der Landluft prächtig gediehen, und was Roswita geplant hatte,
dass sie der Mama in Stiefelchen entgegenlaufen sollte, das gelang auch
vollkommen. Briest gab sich als zärtlicher Grossvater, warnte vor zuviel Liebe,
noch mehr vor zuviel Strenge, und war in allem der alte. Eigentlich aber galt
seine Zärtlichkeit doch nur Effi, mit der er sich in seinem Gemüt immer
beschäftigte, zumeist auch, wenn er mit seiner Frau allein war.
    »Wie findest du Effi?«
    »Lieb und gut wie immer. Wir können Gott nicht genug danken, eine so
liebenswürdige Tochter zu haben. Und wie dankbar sie für alles ist und immer so
glücklich, wieder unter unserm Dach zu sein.«
    »Ja«, sagte Briest, »sie hat von dieser Tugend mehr, als mir lieb ist.
Eigentlich ist es, als wäre dies hier immer noch ihre Heimstätte. Sie hat doch
den Mann und das Kind, und der Mann ist ein Juwel, und das Kind ist ein Engel,
aber dabei tut sie, als wäre Hohen-Cremmen immer noch die Hauptsache für sie und
Mann und Kind kämen gegen uns beide nicht an. Sie ist eine prächtige Tochter,
aber sie ist es mir zu sehr. Es ängstigt mich ein bisschen. Und ist auch
ungerecht gegen Innstetten. Wie steht es denn eigentlich damit?«
    »Ja, Briest, was meinst du?«
    »Nun, ich meine, was ich meine, und du weisst auch was. Ist sie glücklich?
Oder ist da doch irgendwas im Wege? Von Anfang an war mir's so, als ob sie ihn
mehr schätze als liebe. Und das ist in meinen Augen ein schlimm Ding. Liebe hält
auch nicht immer vor, aber Schätzung gewiss nicht. Eigentlich ärgern sich die
Weiber, wenn sie wen schätzen müssen; erst ärgern sie sich, und dann langweilen
sie sich, und zuletzt lachen sie.«
    »Hast du so was an dir selber erfahren?«
    »Das will ich nicht sagen. Dazu stand ich nicht hoch genug in der Schätzung.
Aber schrauben wir uns nicht weiter, Luise. Sage, wie steht es?«
    »Ja, Briest, du kommst immer auf diese Dinge zurück. Da reicht ja kein
dutzendmal, dass wir darüber gesprochen und unsere Meinungen ausgetauscht haben,
und immer bist du wieder da mit deinem Alles-wissen-Wollen und fragst dabei so
schrecklich naiv, als ob ich in alle Tiefen sähe. Was hast du nur für
Vorstellungen von einer jungen Frau und ganz speziell von deiner Tochter?
Glaubst du, dass das alles so plan daliegt? Oder dass ich ein Orakel bin (ich kann
mich nicht gleich auf den Namen der Person besinnen) oder dass ich die Wahrheit
sofort klipp und klar in den Händen halte, wenn mir Effi ihr Herz ausgeschüttet
hat? Oder was man wenigstens so nennt. Denn was heisst ausschütten? Das
Eigentliche bleibt doch zurück. Sie wird sich hüten, mich in ihre Geheimnisse
einzuweihen. Ausserdem, ich weiss nicht, von wem sie's hat, sie ist... ja, sie ist
eine sehr schlaue kleine Person, und diese Schlauheit an ihr ist um so
gefährlicher, weil sie so sehr liebenswürdig ist.«
    »Also das gibst du doch zu... liebenswürdig. Und auch gut?«
    »Auch gut. Das heisst voll Herzensgüte. Wie's sonst steht, da bin ich mir
doch nicht sicher; ich glaube, sie hat einen Zug, den lieben Gott einen guten
Mann sein zu lassen und sich zu trösten, er werde wohl nicht allzu streng mit
ihr sein.«
    »Meinst du?«
    »Ja, das mein ich. Übrigens glaube ich, dass sich vieles gebessert hat. Ihr
Charakter ist, wie er ist, aber die Verhältnisse liegen seit ihrer Übersiedlung
um vieles günstiger, und sie leben sich mehr und mehr ineinander ein. Sie hat
mir so was gesagt, und, was mir wichtiger ist, ich hab es auch bestätigt
gefunden, mit Augen gesehen.«
    »Nun, was sagte sie?«
    Sie sagte: »Mama, es geht jetzt besser. Innstetten war immer ein
vortrefflicher Mann, so einer, wie's nicht viele gibt, aber ich konnte nicht
recht an ihn heran, er hatte so was Fremdes. Und fremd war er auch in seiner
Zärtlichkeit. Ja, dann am meisten; es hat Zeiten gegeben, wo ich mich davor
fürchtete.«
    »Kenn ich, kenn ich.«
    »Was soll das heissen, Briest? Soll ich mich gefürchtet haben oder willst du
dich gefürchtet haben? Ich finde beides gleich lächerrlich...«
    »Du wolltest von Effi erzählen.«
    »Nun also, sie gestand mir, dass dies Gefühl des Fremden sie verlassen habe,
was sie sehr glücklich mache. Kessin sei nicht der rechte Platz für sie gewesen,
das spukige Haus und die Menschen da, die einen zu fromm, die andern zu platt,
aber seit ihrer Übersiedlung nach Berlin fühle sie sich ganz an ihrem Platz. Er
sei der beste Mensch, etwas zu alt für sie und zu gut für sie, aber sie sei nun
über den Berg. Sie brauchte diesen Ausdruck, der mir allerdings auffiel.«
    »Wieso? Er ist nicht ganz auf der Höhe, ich meine, der Ausdruck. Aber...«
    »Es steckt etwas dahinter. Und sie hat mir das auch andeuten wollen.«
    »Meinst du?«
    »Ja, Briest; du glaubst immer, sie könne kein Wasser trüben. Aber darin
irrst du. Sie lässt sich gern treiben, und wenn die Welle gut ist, dann ist sie
auch selber gut. Kampf und Widerstand sind nicht ihre Sache.«
    Roswita kam mit Annie, und so brach das Gespräch ab.
Dies Gespräch führten Briest und Frau an demselben Tage, wo Innstetten von
Hohen-Cremmen nach Berlin hin abgereist war, Effi auf wenigstens noch eine Woche
zurücklassend. Er wusste, dass es nichts Schöneres für sie gab, als so sorglos in
einer weichen Stimmung hinträumen zu können, immer freundliche Worte zu hören
und die Versicherung, wie liebenswürdig sie sei. Ja, das war das, was ihr vor
allem wohltat, und sie genoss es auch diesmal wieder in vollen Zügen und aufs
dankbarste, trotzdem jede Zerstreuung fehlte; Besuch kam selten, weil es seit
ihrer Verheiratung, wenigstens für die junge Welt, an dem rechten
Anziehungspunkte gebrach, und selbst die Pfarre und die Schule waren nicht mehr
das, was sie noch vor Jahr und Tag gewesen waren. Zumal im Schulhause stand
alles halb leer. Die Zwillinge hatten sich im Frühjahr an zwei Lehrer in der
Nähe von Gentin verheiratet, grosse Doppelhochzeit mit Festbericht im »Anzeiger
fürs Havelland«, und Hulda war in Friesack zur Pflege einer alten Erbtante, die
sich übrigens, wie gewöhnlich in solchen Fällen, um sehr viel langlebiger
erwies, als Niemeiers angenommen hatten. Hulda schrieb aber trotzdem immer
zufriedene Briefe, nicht weil sie wirklich zufrieden war (im Gegenteil), sondern
weil sie den Verdacht nicht aufkommen lassen wollte, dass es einem so
ausgezeichneten Wesen anders als sehr gut ergehen könne. Niemeier, ein schwacher
Vater, zeigte die Briefe mit Stolz und Freude, während der ebenfalls ganz in
seinen Töchtern lebende Jahnke sich herausgerechnet hatte, dass beide junge
Frauen am selben Tage, und zwar am Weihnachtsheiligabend, ihre Niederkunft
halten würden. Effi lachte herzlich und drückte dem Grossvater in spe zunächst
den Wunsch aus, beiden Enkeln zu Gevatter geladen zu werden, liess dann aber die
Familientemata fallen und erzählte von »Kjöbenhavn« und Helsingör, vom Limfjord
und Schloss Aggerhuus und vor allem von Tora von Penz, die, wie sie nur sagen
könne, »typisch skandinavisch« gewesen sei, blauäugig, flachsen und immer in
einer roten Plüschtaille, wobei sich Jahnke verklärte und ein Mal über das
andere sagte: »Ja, so sind sie; rein germanisch, viel deutscher als die
Deutschen.«
    An ihrem Hochzeitstage, dem dritten Oktober, wollte Effi wieder in Berlin
sein. Nun war es der Abend vorher, und unter dem Vorgeben, dass sie packen und
alles zur Rückreise vorbereiten wolle, hatte sie sich schon verhältnismässig früh
auf ihr Zimmer zurückgezogen. Eigentlich lag ihr aber nur daran, allein zu sein;
so gern sie plauderte, so hatte sie doch auch Stunden, wo sie sich nach Ruhe
sehnte.
    Die von ihr im Oberstock bewohnten Zimmer lagen nach dem Garten hinaus; in
dem kleineren schlief Roswita und Annie, die Tür nur angelehnt, in dem
grösseren, das sie selber innehatte, ging sie auf und ab: die unteren
Fensterflügel waren geöffnet, und die kleinen weissen Gardinen bauschten sich in
dem Zuge, der ging, und fielen dann langsam über die Stuhllehne, bis ein neuer
Zugwind kam und sie wieder frei machte. dabei war es so hell, dass man die
Unterschriften unter den über dem Sofa hängenden und in schmale Goldleisten
eingerahmten Bildern deutlich lesen konnte: »Der Sturm auf Düppel, Schanze V«,
und daneben: »König Wilhelm und Graf Bismarck auf der Höhe von Lipa«. Effi
schüttelte den Kopf und lächelte. »Wenn ich wieder hier bin, bitt ich mir andere
Bilder aus; ich kann so was Kriegerisches nicht leiden.« Und nun schloss sie das
eine Fenster und setzte sich an das andere, dessen Flügel sie offenliess. Wie tat
ihr das alles so wohl. Neben dem Kirchturm stand der Mond und warf sein Licht
auch auf den Rasenplatz mit der Sonnenuhr und den Heliotropbeeten. Alles
schimmerte silbern, und neben den Schattenstreifen lagen weisse Lichtstreifen, so
weiss, als läge Leinwand auf der Bleiche. Weiter hin aber standen die hohen
Rhabarberstauden wieder, die Blätter herbstlich gelb, und sie musste des Tages
gedenken, nun erst wenig über zwei Jahre, wo sie hier mit Hulda und den
Jahnkeschen Mädchen gespielt hatte. Und dann war sie, als der Besuch kam, die
kleine Steintreppe neben der Bank hinaufgestiegen, und eine Stunde später war
sie Braut.
    Sie erhob sich und ging auf die Tür zu und horchte: Roswita schlief schon
und Annie auch.
    Und mit einem Male, während sie das Kind so vor sich hatte, traten ungerufen
allerlei Bilder aus den Kessiner Tagen wieder vor ihre Seele: das landrätliche
Haus mit seinem Giebel und die Veranda mit dem Blick auf die Plantage, und sie
sass im Schaukelstuhl und wiegte sich; und nun trat Crampas an sie heran, um sie
zu begrüssen, und dann kam Roswita mit dem Kinde, und sie nahm es und hob es
hoch in die Höhe und küsste es.
    »Das war der erste Tag; da fing es an.« Und während sie dem nachhing,
verliess sie das Zimmer, drin die beiden schliefen, und setzte sich wieder an das
offene Fenster und sah in die stille Nacht hinaus.
    »Ich kann es nicht loswerden«, sagte sie. »Und was das schlimmste ist und
mich ganz irremacht an mir selbst...«
    In diesem Augenblicke setzte die Turmuhr drüben ein, und Effi zählte die
Schläge.
    »Zehn... Und morgen um diese Stunde bin ich in Berlin. Und wir sprechen
davon, dass unser Hochzeitstag sei, und er sagt mir Liebes und Freundliches und
vielleicht Zärtliches. Und ich sitze dabei und höre es und habe die Schuld auf
meiner Seele.«
    Und sie stützte den Kopf auf ihre Hand und starrte vor sich hin und schwieg.
    »Und habe die Schuld auf meiner Seele«, wiederholte sie. »Ja, da hab ich
sie. Aber lastet sie auch auf meiner Seele? Nein. Und das ist es, warum ich vor
mir selbst erschrecke. Was da lastet, das ist etwas ganz anderes - Angst,
Todesangst und die ewige Furcht: es kommt doch am Ende noch an den Tag. Und dann
ausser der Angst... Scham. Ich schäme mich. Aber wie ich nicht die rechte Reue
habe, so hab ich auch nicht die rechte Scham. Ich schäme mich bloss von wegen dem
ewigen Lug und Trug; immer war es mein Stolz, dass ich nicht lügen könne und auch
nicht zu lügen brauche, lügen ist so gemein, und nun habe ich doch immer lügen
müssen, vor ihm und vor aller Welt, im grossen und im kleinen, und Rummschüttel
hat es gemerkt und hat die Achseln gezuckt, und wer weiss, was er von mir denkt,
jedenfalls nicht das Beste. Ja, Angst quält mich und dazu Scham über mein
Lügenspiel. Aber Scham über meine Schuld, die hab ich nicht oder doch nicht so
recht oder doch nicht genug, und das bringt mich um, dass ich sie nicht habe.
Wenn alle Weiber so sind, dann ist es schrecklich, und wenn sie nicht so sind,
wie ich hoffe, dann steht es schlecht um mich, dann ist etwas nicht in Ordnung
in meiner Seele, dann fehlt mir das richtige Gefühl. Und das hat mir der alte
Niemeier in seinen guten Tagen noch, als ich noch ein halbes Kind war, mal
gesagt: auf ein richtiges Gefühl, darauf käme es an, und wenn man das habe, dann
könne einem das Schlimmste nicht passieren, und wenn man es nicht habe, dann sei
man in einer ewigen Gefahr, und das, was man den Teufel nenne, das habe dann
eine sichere Macht über uns. Um Gottes Barmherzigkeit willen, steht es so mit
mir?«
    Und sie legte den Kopf in ihre Arme und weinte bitterlich.
    Als sie sich wieder aufrichtete, war sie ruhiger geworden und sah wieder in
den Garten hinaus. Alles war so still, und ein leiser, feiner Ton, wie wenn es
regnete, traf von den Platanen her ihr Ohr.
    So verging eine Weile. Herüber von der Dorfstrasse klang ein Geplärr: der
alte Nachtwächter Kulicke rief die Stunden ab, und als er zuletzt schwieg,
vernahm sie von fern her, aber immer näher kommend, das Rasseln des Zuges, der,
auf eine halbe Meile Entfernung, an Hohen-Cremmen vorüberfuhr. Dann wurde der
Lärm wieder schwächer, endlich erstarb er ganz, und nur der Mondschein lag noch
auf dem Grasplatz, und nur auf die Platanen rauschte es nach wie vor wie leiser
Regen nieder.
    Aber es war nur die Nachtluft, die ging.
 
                           Fünfundzwanzigstes Kapitel
Am andern Abend war Effi wieder in Berlin, und Innstetten empfing sie am
Bahnhof, mit ihm Rollo, der, als sie plaudernd durch den Tiergarten hinfuhren,
nebenhertrabte.
    »Ich dachte schon, du würdest nicht Wort halten.«
    »Aber Geert, ich werde doch Wort halten, das ist doch das erste.«
    »Sage das nicht. Immer Wort halten ist sehr viel. Und mitunter kann man auch
nicht. Denke doch zurück. Ich erwartete dich damals in Kessin, als du die
Wohnung mietetest, und wer nicht kam, war Effi.«
    »Ja, das war was anderes.«
    Sie mochte nicht sagen, »ich war krank«, und Innstetten hörte drüber hin. Er
hatte seinen Kopf auch voll anderer Dinge, die sich auf sein Amt und seine
gesellschaftliche Stellung bezogen. »Eigentlich, Effi, fängt unser Berliner
Leben nun erst an. Als wir im April hier einzogen, damals ging es mit der Saison
auf die Neige, kaum noch, dass wir unsere Besuche machen konnten, und
Wüllersdorf, der einzige, dem wir näherstanden - nun, der ist leider
Junggeselle. Von Juni an schläft dann alles ein, und die heruntergelassenen
Rouleaux verkünden einem schon auf hundert Schritt: Alles ausgeflogen; ob wahr
oder nicht, macht keinen Unterschied... Ja, was blieb da noch? Mal mit Vetter
Briest sprechen, mal bei Hiller essen, das ist kein richtiges Berliner Leben.
Aber nun soll es anders werden. Ich habe mir die Namen aller Räte notiert, die
noch mobil genug sind, um ein Haus zu machen. Und wir wollen es auch, wollen
auch ein Haus machen, und wenn der Winter dann da ist, dann soll es im ganzen
Ministerium heissen: Ja, die liebenswürdigste Frau, die wir jetzt haben, das ist
doch die Frau von Innstetten.«
    »Ach, Geert, ich kenne dich ja gar nicht wieder, du sprichst ja wie ein
Courmacher.«
    »Es ist unser Hochzeitstag, und da musst du mir schon was zugute halten.«
Innstetten war ernstaft gewillt, auf das stille Leben, das er in seiner
landrätlichen Stellung geführt, ein gesellschaftlich angeregteres folgen zu
lassen, um seinet- und noch mehr um Effis willen; es liess sich aber anfangs nur
schwach und vereinzelt damit an, die rechte Zeit war noch nicht gekommen, und
das Beste, was man zunächst von dem neuen Leben hatte, war genauso wie während
des zurückliegenden Halbjahres ein Leben im Hause. Wüllersdorf kam oft, auch
Vetter Briest, und waren die da, so schickte man zu Gizickis hinauf, einem
jungen Ehepaare, das über ihnen wohnte. Gizicki selbst war Landgerichtsrat,
seine kluge, aufgeweckte Frau ein Fräulein von Schmettau. Mitunter wurde
musiziert, kurze Zeit sogar ein Whist versucht; man gab es aber wieder auf, weil
man fand, dass eine Plauderei gemütlicher wäre. Gizickis hatten bis vor kurzem in
einer kleinen oberschlesischen Stadt gelebt, und Wüllersdorf war sogar, freilich
vor einer Reihe von Jahren schon, in den verschiedensten kleinen Nestern der
Provinz Posen gewesen, weshalb er denn auch den bekannten Spottvers:
Schrimm
Ist schlimm,
Rogasen
Zum Rasen,
Aber weh dir nach Samter
Verdammter -
mit ebensoviel Emphase wie Vorliebe zu zitieren pflegte. Niemand erheiterte sich
dabei mehr als Effi, was dann meistens Veranlassung wurde, kleinstädtische
Geschichten in Hülle und Fülle folgen zu lassen. Auch Kessin - mit Gieshübler
und der Trippelli, mit Oberförster Ring und Sidonie Grasenabb - kam dann wohl an
die Reihe, wobei sich Innstetten, wenn er guter Laune war, nicht leicht genugtun
konnte. »Ja«, so hiess es dann wohl, »unser gutes Kessin! Das muss ich zugeben, es
war eigentlich reich an Figuren, obenan Crampas, Major Crampas, ganz Beau und
halber Barbarossa, den meine Frau, ich weiss nicht, soll ich sagen
unbegreiflicher- oder begreiflicherweise, stark in Affektion genommen hatte...«
- »Sagen wir begreiflicherweise«, warf Wüllersdorf ein, »denn ich nehme an, dass
er Ressourcenvorstand war und Komödie spielte, Liebhaber oder Bonvivants. Und
vielleicht noch mehr, vielleicht war er auch ein Tenor.« Innstetten bestätigte
das eine wie das andere, und Effi suchte lachend darauf einzugehen, aber es
gelang ihr nur mit Anstrengung, und wenn dann die Gäste gingen und Innstetten
sich in sein Zimmer zurückzog, um noch einen Stoss Akten abzuarbeiten, so fühlte
sie sich immer aufs neue von den alten Vorstellungen gequält, und es war ihr zu
Sinn, als ob ihr ein Schatten nachginge.
    Solche Beängstigungen blieben ihr auch. Aber sie kamen doch seltener und
schwächer, was bei der Art, wie sich ihr Leben gestaltete, nicht wundernehmen
konnte. Die Liebe, mit der ihr nicht nur Innstetten, sondern auch fernerstehende
Personen begegneten, und nicht zum wenigsten die beinah zärtliche Freundschaft,
die die Ministerin, eine selbst noch junge Frau, für sie an den Tag legte - all
das liess die Sorgen und Ängste zurückliegender Tage sich wenigstens mindern, und
als ein zweites Jahr ins Land gegangen war und die Kaiserin, bei Gelegenheit
einer neuen Stiftung, die »Frau Geheimrätin« mit ausgewählt und in die Zahl der
Ehrendamen eingereiht, der alte Kaiser Wilhelm aber auf dem Hofball gnädige,
huldvolle Worte an die schöne, junge Frau, »von der er schon gehört habe«,
gerichtet hatte, da fiel es allmählich von ihr ab. Es war einmal gewesen, aber
weit, weit weg, wie auf einem andern Stern, und alles löste sich wie ein
Nebelbild und wurde Traum.
    Die Hohen-Cremmener kamen dann und wann auf Besuch und freuten sich des
Glücks der Kinder, Annie wuchs heran - »schön wie die Grossmutter«, sagte der
alte Briest -, und wenn es an dem klaren Himmel eine Wolke gab, so war es die,
dass es, wie man nun beinahe annehmen musste, bei Klein-Annie sein Bewenden haben
werde; Haus Innstetten (denn es gab nicht einmal Namensvettern) stand also
mutmasslich auf dem Aussterbe-Etat. Briest, der den Fortbestand anderer Familien
obenhin behandelte, weil er eigentlich nur an die Briests glaubte, scherzte
mitunter darüber und sagte: »Ja, Innstetten, wenn das so weitergeht, so wird
Annie seinerzeit wohl einen Bankier heiraten (hoffentlich einen christlichen,
wenn's deren dann noch gibt), und mit Rücksicht auf das alte freiherrliche
Geschlecht der Innstetten wird dann Seine Majestät Annies Hautefinance-Kinder
unter dem Namen von der Innstetten im Gotaischen Kalender oder, was weniger
wichtig ist, in der preussischen Geschichte fortleben lassen« - Ausführungen, die
von Innstetten selbst immer mit einer kleinen Verlegenheit, von Frau von Briest
mit Achselzucken, von Effi dagegen mit Heiterkeit aufgenommen wurden. Denn so
adelsstolz sie war, so war sie's doch nur für ihre Person, und ein eleganter und
welterfahrener und vor allem sehr, sehr reicher Bankierschwiegersohn wäre
durchaus nicht gegen ihre Wünsche gewesen.
    Ja, Effi nahm die Erbfolgefrage leicht, wie junge, reizende Frauen das tun;
als aber eine lange, lange Zeit - sie waren schon im siebenten Jahre in ihrer
neuen Stellung - vergangen war, wurde der alte Rummschüttel, der auf dem Gebiete
der Gynäkologie nicht ganz ohne Ruf war, durch Frau von Briest doch schliesslich
zu Rate gezogen. Er verordnete Schwalbach. Weil aber Effi seit letztem Winter
auch an katarrhalischen Affektionen litt und ein paarmal sogar auf Lunge hin
behorcht worden war, so hiess es abschliessend: »Also zunächst Schwalbach, meine
Gnädigste, sagen wir drei Wochen, und dann ebensolange Ems. Bei der Emser Kur
kann aber der Geheimrat zugegen sein. Bedeutet mitin alles in allem drei Wochen
Trennung. Mehr kann ich für Sie nicht tun, lieber Innstetten.«
    Damit war man denn auch einverstanden, und zwar sollte Effi, dahin ging ein
weiterer Beschluss, die Reise mit einer Geheimrätin Zwicker zusammen machen, wie
Briest sagte, »zum Schutze dieser letzteren«, worin er nicht ganz unrecht hatte,
da die Zwicker, trotz guter vierzig, eines Schutzes erheblich bedürftiger war
als Effi. Innstetten, der wieder viel mit Vertretung zu tun hatte, beklagte, dass
er, von Schwalbach gar nicht zu reden, wahrscheinlich auch auf gemeinschaftliche
Tage in Ems werde verzichten müssen. Im übrigen wurde der 24. Juni (Johannistag)
als Abreisetag festgesetzt, und Roswita half der gnädigen Frau beim Packen und
Aufschreiben der Wäsche. Effi hatte noch immer die alte Liebe für sie, war doch
Roswita die einzige, mit der sie von all dem Zurückliegenden, von Kessin und
Crampas, von dem Chinesen und Kapitän Tomsens Nichte, frei und unbefangen reden
konnte.
    »Sage, Roswita, du bist doch eigentlich katolisch. Gehst du denn nie zur
Beichte?«
    »Nein.«
    »Warum nicht?«
    »Ich bin früher gegangen. Aber das Richtige hab ich doch nicht gesagt.«
    »Das ist sehr unrecht. Dann freilich kann es nicht helfen.«
    »Ach, gnädigste Frau, bei mir im Dorfe machten es alle so. Und welche waren,
die kicherten bloss.«
    »Hast du denn nie empfunden, dass es ein Glück ist, wenn man etwas auf der
Seele hat, dass es runter kann?«
    »Nein, gnädigste Frau. Angst habe ich wohl gehabt, als mein Vater damals mit
dem glühenden Eisen auf mich loskam; ja, das war eine grosse Furcht, aber weiter
war es nichts.«
    »Nicht vor Gott?«
    »Nicht so recht, gnädigste Frau. Wenn man sich vor seinem Vater so fürchtet,
wie ich mich gefürchtet habe, dann fürchtet man sich nicht so sehr vor Gott. Ich
habe bloss immer gedacht, der liebe Gott sei gut und werde mir armem Wurm schon
helfen.«
    Effi lächelte und brach ab und fand es auch natürlich, dass die arme Roswita
so sprach, wie sie sprach. Sie sagte aber doch: »Weisst du, Roswita, wenn ich
wiederkomme, müssen wir doch noch mal ernstlich drüber reden. Es war doch
eigentlich eine grosse Sünde.«
    »Das mit dem Kinde, und dass es verhungert ist? Ja, gnädigste Frau, das war
es. Aber ich war es ja nicht, das waren ja die anderen... Und dann ist es auch
schon so sehr lange her.«
 
                          Sechsundzwanzigstes Kapitel
Effi war nun schon in die fünfte Woche fort und schrieb glückliche, beinahe
übermütige Briefe, namentlich seit ihrem Eintreffen in Ems, wo man doch unter
Menschen sei, das heisst unter Männern, von denen sich in Schwalbach nur
ausnahmsweise was gezeigt habe. Geheimrätin Zwicker, ihre Reisegefährtin, habe
freilich die Frage nach dem Kurgemässen dieser Zutat aufgeworfen und sich aufs
entschiedenste dagegen ausgesprochen, alles natürlich mit einem
Gesichtsausdrucke, der so ziemlich das Gegenteil versichert habe; die Zwicker
sei reizend, etwas frei, wahrscheinlich sogar mit einer Vergangenheit, aber
höchst amüsant, und man könne viel, sehr viel von ihr lernen; nie habe sie sich,
trotz ihrer fünfundzwanzig, so als Kind gefühlt wie nach der Bekanntschaft mit
dieser Dame. dabei sei sie so belesen, auch in fremder Literatur, und als sie,
Effi, beispielsweise neulich von »Nana« gesprochen und dabei gefragt habe, »ob
es denn wirklich so schrecklich sei,« habe die Zwicker geantwortet: »Ach, meine
liebe Baronin, was heisst schrecklich? Da gibt es noch ganz anderes.« - »Sie
schien mich auch«, so schloss Effi ihren Brief, »mit diesem anderen bekannt
machen zu wollen. Ich habe es aber abgelehnt, weil ich weiss, dass Du die Unsitte
unserer Zeit aus diesem und ähnlichem herleitest, und wohl mit Recht. Leicht ist
es mir aber nicht geworden. Dazu kommt noch, dass Ems in einem Kessel liegt. Wir
leiden hier ausserordentlich unter der Hitze.«
    Innstetten hatte diesen letzten Brief mit geteilten Empfindungen gelesen,
etwas erheitert, aber doch auch ein wenig missmutig. Die Zwicker war keine Frau
für Effi, der nun mal ein Zug innewohnte, sich nach links hin treiben zu lassen;
er gab es aber auf, irgendwas in diesem Sinne zu schreiben, einmal, weil er sie
nicht verstimmen wollte, mehr noch, weil er sich sagte, dass es doch nichts
helfen würde. dabei sah er der Rückkehr seiner Frau mit Sehnsucht entgegen und
beklagte des Dienstes nicht bloss »immer gleichgestellte«, sondern jetzt, wo
jeder Ministerialrat fort war oder fort wollte, leider auch auf Doppelstunden
gestellte Uhr.
    Ja, Innstetten sehnte sich nach Unterbrechung von Arbeit und Einsamkeit, und
verwandte Gefühle hegte man draussen in der Küche, wo Annie, wenn die
Schulstunden hinter ihr lagen, ihre Zeit am liebsten verbrachte, was insoweit
ganz natürlich war, als Roswita und Johanna nicht nur das kleine Fräulein in
gleichem Masse liebten, sondern auch untereinander nach wie vor auf dem besten
Fusse standen. Diese Freundschaft der beiden Mädchen war ein Lieblingsgespräch
zwischen den verschiedenen Freunden des Hauses, und Landgerichtsrat Gizicki
sagte dann wohl zu Wüllersdorf: »Ich sehe darin nur eine neue Bestätigung des
alten Weisheitssatzes: Lasst fette Leute um mich sein; - Cäsar war eben ein
Menschenkenner und wusste, dass Dinge wie Behaglichkeit und Umgänglichkeit
eigentlich nur beim Embonpoint sind.« Von einem solchen liess sich denn nun bei
beiden Mädchen auch wirklich sprechen, nur mit dem Unterschiede, dass das in
diesem Falle nicht gut zu umgehende Fremdwort bei Roswita schon stark eine
Beschönigung, bei Johanna dagegen einfach die zutreffende Bezeichnung war. Diese
letztere durfte man nämlich nicht eigentlich korpulent nennen, sie war nur prall
und drall und sah jederzeit mit einer eigenen, ihr übrigens durchaus kleidenden
Siegermiene gradlinig und blauäugig über ihre Normalbüste fort. Von Haltung und
Anstand getragen, lebte sie ganz in dem Hochgefühl, die Dienerin eines guten
Hauses zu sein, wobei sie das Überlegenheitsbewusstsein über die halb bäuerisch
gebliebene Roswita in einem so hohen Masse hatte, dass sie, was gelegentlich
vorkam, die momentan bevorzugte Stellung dieser nur belächelte. Diese
Bevorzugung - nun ja, wenn's dann mal so sein sollte, war eine kleine
liebenswürdige Sonderbarkeit der gnädigen Frau, die man der guten alten Roswita
mit ihrer ewigen Geschichte »von dem Vater mit der glühenden Eisenstange« schon
gönnen konnte. »Wenn man sich besser hält, so kann dergleichen nicht vorkommen.«
Das alles dachte sie, sprach's aber nicht aus. Es war eben ein freundliches
Miteinanderleben. Was aber wohl ganz besonders für Frieden und gutes
Einvernehmen sorgte, das war der Umstand, dass man sich, nach einem stillen
Übereinkommen, in die Behandlung und fast auch Erziehung Annies geteilt hatte.
Roswita hatte das poetische Departement, die Märchen- und Geschichtenerzählung,
Johanna dagegen das des Anstands, eine Teilung, die hüben und drüben so
festgewurzelt stand, dass Kompetenzkonflikte kaum vorkamen, wobei der Charakter
Annies, die eine ganz entschiedene Neigung hatte, das vornehme Fräulein zu
betonen, allerdings mitalf, eine Rolle, bei der sie keine bessere Lehrerin als
Johanna haben konnte.
    Noch einmal also: Beide Mädchen waren gleichwertig in Annies Augen. In
diesen Tagen aber, wo man sich auf die Rückkehr Effis vorbereitete, war Roswita
der Rivalin mal wieder um einen Pas voraus, weil ihr, und zwar als etwas ihr
Zuständiges, die ganze Begrüssungsangelegenheit zugefallen war. Diese Begrüssung
zerfiel in zwei Hauptteile: Girlande mit Kranz und dann, abschliessend,
Gedichtvortrag. Kranz und Girlande - nachdem man über »W.« oder »E.v.I.« eine
Zeitlang geschwankt - hatte zuletzt keine sonderlichen Schwierigkeiten gemacht
(»W.«, in Vergissmeinnicht geflochten, war bevorzugt worden), aber desto grössere
Verlegenheit schien die Gedichtfrage heraufbeschwören zu sollen und wäre
vielleicht ganz unbeglichen geblieben, wenn Roswita nicht den Mut gehabt hätte,
den von einer Gerichtssitzung heimkehrenden Landgerichtsrat auf der zweiten
Treppe zu stellen und ihm mit einem auf einen »Vers« gerichteten Ansinnen mutig
entgegenzutreten. Gizicki, ein sehr gütiger Herr, hatte sofort alles
versprochen, und noch am selben Spätnachmittage war seitens seiner Köchin der
gewünschte Vers, und zwar folgenden Inhalts, abgegeben worden:
Mama, wir erwarten dich lange schon,
Durch Wochen und Tage und Stunden,
Nun grüssen wir dich von Flur und Balkon
Und haben Kränze gewunden.
Nun lacht Papa voll Freudigkeit,
Denn die gattin- und mutterlose Zeit
Ist endlich von ihm genommen,
Und Roswita lacht und Johanna dazu,
Und Annie springt aus ihrem Schuh
Und ruft: Willkommen, willkommen.
Es versteht sich von selbst, dass die Strophe noch an demselben Abend auswendig
gelernt, aber doch nebenher auch auf ihre Schönheit beziehungsweise
Nicht-Schönheit kritisch geprüft worden war. Das Betonen von Gattin und Mutter,
so hatte sich Johanna geäussert, erscheine zunächst freilich nur in der Ordnung;
aber es läge doch auch etwas darin, was Anstoss erregen könne, und sie persönlich
würde sich als »Gattin und Mutter« dadurch verletzt fühlen. Annie, durch diese
Bemerkung einigermassen geängstigt, versprach, das Gedicht am andern Tage der
Klassenlehrerin vorlegen zu wollen, und kam mit dem Bemerken zurück. »Das
Fräulein sei mit Gattin und Mutter durchaus einverstanden, aber desto mehr gegen
Roswita und Johanna gewesen« - worauf Roswita erklärt hatte: »Das Fräulein sei
eine dumme Gans; das käme davon, wenn man zuviel gelernt habe.«
Es war an einem Mittwoch, dass die Mädchen und Annie das vorstehende Gespräch
geführt und den Streit um die bemängelte Zeile beigelegt hatten. Am andern
Morgen - ein erwarteter Brief Effis hatte noch den mutmasslich erst in den Schluss
der nächsten Woche fallenden Ankunftstag festzustellen - ging Innstetten auf das
Ministerium. Jetzt war Mittag heran, die Schule aus, und als Annie, ihre Mappe
auf dem Rücken, eben vom Kanal her auf die Keitstrasse zuschritt, traf sie
Roswita vor ihrer Wohnung.
    »Nun lass sehen«, sagte Annie, »wer am ehesten von uns die Treppe
heraufkommt.« Roswita wollte von diesem Wettlauf nichts wissen, aber Annie
jagte voran, geriet, oben angekommen, ins Stolpern und fiel dabei so
unglücklich, dass sie mit der Stirn auf den dicht an der Treppe befindlichen
Abkratzer aufschlug und stark blutete. Roswita, mühevoll nachkeuchend, riss
jetzt die Klingel, und als Johanna das etwas verängstigte Kind hineingetragen
hatte, beratschlagte man, was nun wohl zu machen sei. »Wir wollen nach dem
Doktor schicken... wir wollen nach dem gnädigen Herrn schicken..., des Portiers
Lene muss ja jetzt auch aus der Schule wieder dasein.« Es wurde aber alles wieder
verworfen, weil es zu lange dauere, man müsse gleich was tun, und so packte man
denn das Kind aufs Sofa und begann mit kaltem Wasser zu kühlen. Alles ging auch
gut, so dass man sich zu beruhigen begann. »Und nun wollen wir sie verbinden«,
sagte schliesslich Roswita. »Da muss ja noch die lange Binde sein, die die
gnädige Frau letzten Winter zuschnitt, als sie sich auf dem Eise den Fuss
verknickt hatte. ..« - »Freilich, freilich«, sagte Johanna, »bloss wo die Binde
hernehmen...? Richtig, da fällt mir ein, die liegt im Nähtisch. Er wird wohl zu
sein, aber das Schloss ist Spielerei; holen Sie nur das Stemmeisen, Roswita, wir
wollen den Deckel aufbrechen.« Und nun wuchteten sie auch wirklich den Deckel ab
und begannen in den Fächern umherzukramen, oben und unten, die zusammengerollte
Binde jedoch wollte sich nicht finden lassen. »Ich weiss aber doch, dass ich sie
gesehn habe«, sagte Roswita, und während sie halb ärgerlich immer weitersuchte,
flog alles, was ihr dabei zu Händen kam, auf das breite Fensterbrett: Nähzeug,
Nadelkissen, Rollen mit Zwirn und Seide, kleine vertrocknete Veilchensträusschen,
Karten, Billets, zuletzt ein kleines Konvolut von Briefen, das unter dem dritten
Einsatz gelegen hatte, ganz unten, mit einem roten Seidenfaden umwickelt. Aber
die Binde hatte man noch immer nicht.
    In diesem Augenblicke trat Innstetten ein.
    »Gott«, sagte Roswita und stellte sich erschreckt neben das Kind. »Es ist
nichts, gnädiger Herr; Annie ist auf das Kratzeisen gefallen... Gott, was wird
die gnädige Frau sagen. Und doch ist es ein Glück, dass sie nicht mit dabei war.«
    Innstetten hatte mittlerweile die vorläufig aufgelegte Kompresse
fortgenommen und sah, dass es ein tiefer Riss, sonst aber ungefährlich war. »Es
ist nicht schlimm«, sagte er; »trotzdem, Roswita, wir müssen sehen, dass
Rummschüttel kommt. Lene kann ja gehen, die wird jetzt Zeit haben. Aber was in
aller Welt ist denn das da mit dem Nähtisch?«
    Und nun erzählte Roswita, wie sie nach der gerollten Binde gesucht hätten;
aber sie woll es nun aufgeben und lieber eine neue Leinwand schneiden.
    Innstetten war einverstanden und setzte sich, als bald danach beide Mädchen
das Zimmer verlassen hatten, zu dem Kinde. »Du bist so wild, Annie, das hast du
von der Mama. Immer wie ein Wirbelwind. Aber dabei kommt nichts heraus oder
höchstens so was.« Und er wies auf die Wunde und gab ihr einen Kuss. »Du hast
aber nicht geweint, das ist brav, und darum will ich dir die Wildheit
verzeihen... Ich denke, der Doktor wird in einer Stunde hiersein; tu nur alles,
was er sagt, und wenn er dich verbunden hat, so zerre nicht und rücke und drücke
nicht dran, dann heilt es schnell, und wenn die Mama dann kommt, dann ist alles
wieder in Ordnung oder doch beinah. Ein Glück ist es aber doch, dass es noch bis
nächste Woche dauert, Ende nächster Woche, so schreibt sie mir; eben habe ich
einen Brief von ihr bekommen; sie lässt dich grüssen und freut sich, dich
wiederzusehen.«
    »Du könntest mir den Brief eigentlich vorlesen, Papa.«
    »Das will ich gern.«
    Aber eh er dazu kam, kam Johanna, um zu sagen, dass das Essen aufgetragen
sei. Annie, trotz ihrer Wunde, stand mit auf, und Vater und Tochter setzten sich
zu Tisch.
 
                          Siebenundzwanzigstes Kapitel
Innstetten und Annie sassen sich eine Weile stumm gegenüber; endlich, als ihm die
Stille peinlich wurde, tat er ein paar Fragen über die Schulvorsteherin, und
welche Lehrerin sie eigentlich am liebsten habe. Annie antwortete auch, aber
ohne rechte Lust, weil sie fühlte, dass Innstetten wenig bei der Sache war. Es
wurde erst besser, als Johanna, nach dem zweiten Gericht, ihrem Anniechen
zuflüsterte, es gäbe noch was. Und wirklich, die gute Roswita, die dem Liebling
an diesem Unglückstage was schuldig zu sein glaubte, hatte noch ein übriges
getan und sich zu einer Omelette mit Apfelschnitten aufgeschwungen.
    Annie wurde bei diesem Anblicke denn auch etwas redseliger, und ebenso
zeigte sich Innstettens Stimmung gebessert, als es gleich danach klingelte und
Geheimrat Rummschüttel eintrat. Ganz zufällig. Er sprach nur vor, ohne jede
Ahnung, dass man nach ihm geschickt und um seinen Besuch gebeten habe. Mit den
aufgelegten Kompressen war er zufrieden. »Lassen Sie noch etwas Bleiwasser holen
und Annie morgen zu Hause bleiben. Überhaupt Ruhe.« Dann frug er noch nach der
gnädigen Frau, und wie die Nachrichten aus Ems seien; er werde den andern Tag
wiederkommen und nachsehen.
Als man von Tisch aufgestanden und in das nebenangelegene Zimmer - dasselbe, wo
man mit soviel Eifer und doch vergebens nach dem Verbandstück gesucht hatte -
eingetreten war, wurde Annie wieder auf das Sofa gebettet. Johanna kam und
setzte sich zu dem Kinde, während Innstetten die zahllosen Dinge, die bunt
durcheinandergewürfelt noch auf dem Fensterbrett umherlagen, wieder in den
Nähtisch einzuräumen begann. Dann und wann wusste er sich nicht recht Rat und
musste fragen.
    »Wo haben die Briefe gelegen, Johanna?«
    »Ganz zuunterst«, sagte diese, »hier in diesem Fach.«
    Und während so Frage und Antwort ging, betrachtete Innstetten etwas
aufmerksamer als vorher das kleine, mit einem roten Faden zusammengebundene
Paket, das mehr aus einer Anzahl zusammengelegter Zettel als aus Briefen zu
bestehen schien. Er fuhr, als wäre es ein Spiel Karten, mit dem Daumen und
Zeigefinger an der Seite des Päckchens hin, und einige Zeilen, eigentlich nur
vereinzelte Worte, flogen dabei an seinem Auge vorüber. Von deutlichem Erkennen
konnte keine Rede sein, aber es kam ihm doch so vor, als habe er die Schriftzüge
schon irgendwo gesehen. Ob er nachsehen solle?
    »Johanna, Sie könnten uns den Kaffee bringen. Annie trinkt auch eine halbe
Tasse. Der Doktor hat's nicht verboten, und was nicht verboten ist, ist
erlaubt.«
    Als er das sagte, wand er den roten Faden ab und liess, während Johanna das
Zimmer verliess, den ganzen Inhalt des Päckchens rasch durch die Finger gleiten.
Nur zwei, drei Briefe waren adressiert: »An Frau Landrat von Innstetten.« Er
erkannte jetzt auch die Handschrift; es war die des Majors. Innstetten wusste
nichts von einer Korrespondenz zwischen Crampas und Effi, und in seinem Kopfe
begann sich alles zu drehen. Er steckte das Paket zu sich und ging in sein
Zimmer zurück. Etliche Minuten später, und Johanna, zum Zeichen, dass der Kaffee
da sei, klopfte leis an die Tür. Innstetten antwortete auch, aber dabei blieb
es; sonst alles still. Erst nach einer Viertelstunde hörte man wieder sein
Aufundabschreiten auf dem Teppich. »Was nur Papa hat?« sagte Johanna zu Annie.
»Der Doktor hat ihm doch gesagt, es sei nichts.«
Das Aufundabschreiten nebenan wollte kein Ende nehmen. Endlich erschien
Innstetten wieder im Nebenzimmer und sagte: »Johanna, achten Sie auf Annie, und
dass sie ruhig auf dem Sofa bleibt. Ich will eine Stunde gehen oder vielleicht
zwei.«
    Dann sah er das Kind aufmerksam an und entfernte sich.
    »Hast du gesehen, Johanna, wie Papa aussah?«
    »Ja, Annie. Er muss einen grossen Ärger gehabt haben. Er war ganz blass. So hab
ich ihn noch nie gesehen.«
    Es vergingen Stunden. Die Sonne war schon unter, und nur ein roter
Widerschein lag noch über den Dächern drüben, als Innstetten wieder zurückkam.
Er gab Annie die Hand, fragte, wie's ihr gehe, und ordnete dann an, dass ihm
Johanna die Lampe in sein Zimmer bringe. Die Lampe kam auch. In dem grauen
Schirm befanden sich halb durchsichtige Ovale mit Photographien, allerlei
Bildnisse seiner Frau, die noch in Kessin, damals, als man den Wichertschen
»Schritt vom Wege« aufgeführt hatte, für die verschiedenen Mitspielenden
angefertigt waren. Innstetten drehte den Schirm langsam von links nach rechts
und musterte jedes einzelne Bildnis. Dann liess er davon ab, öffnete, weil er es
schwül fand, die Balkontür und nahm schliesslich das Briefpaket wieder zur Hand.
Es schien, dass er, gleich beim ersten Durchsehen, ein paar davon ausgewählt und
obenauf gelegt hatte. Diese las er jetzt noch einmal mit halblauter Stimme.
    »Sei heute nachmittag wieder in den Dünen, hinter der Mühle. Bei der alten
Adermann können wir uns ruhig sprechen, das Haus ist abgelegen genug. Du musst
Dich nicht um alles so bangen. Wir haben auch ein Recht. Und wenn Du Dir das
eindringlich sagst, wird, denk ich, alle Furcht von Dir abfallen. Das Leben wäre
nicht des Lebens wert, wenn das alles gelten sollte, was zufällig gilt. Alles
Beste liegt jenseits davon. Lerne Dich daran freuen.«
    »... Fort, so schreibst Du, Flucht. Unmöglich. Ich kann meine Frau nicht im
Stich lassen, zu allem andern auch noch in Not. Es geht nicht, und wir müssen es
leichtnehmen, sonst sind wir arm und verloren. Leichtsinn ist das Beste, was wir
haben. Alles ist Schicksal. Es hat so sein sollen. Und möchtest Du, dass es
anders wäre, dass wir uns nie gesehen hätten?«
    Dann kam der dritte Brief.
    »... Sei heute noch einmal an der alten Stelle. Wie sollen meine Tage hier
verlaufen ohne Dich! In diesem öden Nest. Ich bin ausser mir, und nur darin hast
Du recht: es ist die Rettung, und wir müssen schliesslich doch die Hand segnen,
die diese Trennung über uns verhängt.«
    Innstetten hatte die Briefe kaum wieder beiseite geschoben, als draussen die
Klingel ging. Gleich danach meldete Johanna: »Geheimrat Wüllersdorf.«
    Wüllersdorf trat ein und sah auf den ersten Blick, dass etwas vorgefallen
sein müsse.
    »Pardon, Wüllersdorf«, empfing ihn Innstetten, »dass ich Sie gebeten habe,
noch gleich heute bei mir vorzusprechen. Ich störe niemand gern in seiner
Abendruhe, am wenigsten einen geplagten Ministerialrat. Es ging aber nicht
anders. Ich bitte Sie, machen Sie sich's bequem. Und hier eine Zigarre.«
    Wüllersdorf setzte sich. Innstetten ging wieder auf und ab und wäre bei der
ihn verzehrenden Unruhe gern in Bewegung geblieben, sah aber, dass das nicht
gehe. So nahm er denn auch seinerseits eine Zigarre, setzte sich Wüllersdorf
gegenüber und versuchte ruhig zu sein.
    »Es ist«, begann er, »um zweier Dinge willen, dass ich Sie habe bitten
lassen: erst, um eine Forderung zu überbringen, und zweitens, um hinterher, in
der Sache selbst, mein Sekundant zu sein; das eine ist nicht angenehm und das
andere noch weniger. Und nun Ihre Antwort.«
    »Sie wissen, Innstetten, Sie haben über mich zu verfügen. Aber eh ich die
Sache kenne, verzeihen Sie mir die naive Vorfrage: muss es sein? Wir sind doch
über die Jahre weg, Sie, um die Pistole in die Hand zu nehmen, und ich, um dabei
mitzumachen. Indessen missverstehen Sie mich nicht, alles dies soll kein Nein
sein. Wie könnte ich Ihnen etwas abschlagen. Aber nun sagen Sie, was ist es?«
    »Es handelt sich um einen Galan meiner Frau, der zugleich mein Freund war
oder doch beinah.«
    Wüllersdorf sah Innstetten an. »Innstetten, das ist nicht möglich .«
    »Es ist mehr als möglich, es ist gewiss. Lesen Sie.«
    Wüllersdorf flog darüber hin. »Die sind an Ihre Frau gerichtet?«
    »Ja. Ich fand sie heut in ihrem Nähtisch.«
    »Und wer hat sie geschrieben?«
    »Major Crampas.«
    »Also Dinge, die sich abgespielt, als Sie noch in Kessin waren?«
    Innstetten nickte.
    »Liegt also sechs Jahre zurück oder noch ein halb Jahr länger.«
    »Ja.«
    Wüllersdorf schwieg. Nach einer Weile sagte Innstetten: »Es sieht fast so
aus, Wüllersdorf, als ob die sechs oder sieben Jahre einen Eindruck auf Sie
machten. Es gibt eine Verjährungsteorie, natürlich, aber ich weiss doch nicht,
ob wir hier einen Fall haben, diese Teorie gelten zu lassen.«
    »Ich weiss es auch nicht«, sagte Wüllersdorf. »Und ich bekenne Ihnen offen,
um diese Frage scheint sich hier alles zu drehen.«
    Innstetten sah ihn gross an. »Sie sagen das in vollem Ernst?«
    »In vollem Ernst. Es ist keine Sache, sich in jeu d'esprit oder in
dialektischen Spitzfindigkeiten zu versuchen.«
    »Ich bin neugierig, wie Sie das meinen. Sagen Sie mir offen, wie stehen Sie
dazu?«
    »Innstetten, Ihre Lage ist furchtbar, und Ihr Lebensglück ist hin. Aber wenn
Sie den Liebhaber totschiessen, ist Ihr Lebensglück sozusagen doppelt hin, und zu
dem Schmerz über empfangenes Leid kommt noch der Schmerz über getanes Leid.
Alles dreht sich um die Frage, müssen Sie's durchaus tun? Fühlen Sie sich so
verletzt, beleidigt, empört, dass einer weg muss, er oder Sie? Steht es so?«
    »Ich weiss es nicht.«
    »Sie müssen es wissen.«
    Innstetten war aufgesprungen, trat ans Fenster und tippte voll nervöser
Erregung an die Scheiben. Dann wandte er sich rasch wieder, ging auf Wüllersdorf
zu und sagte: »Nein, so steht es nicht.«
    »Wie steht es dann?«
    »Es steht so, dass ich unendlich unglücklich bin; ich bin gekränkt,
schändlich hintergangen, aber trotzdem, ich bin ohne jedes Gefühl von Hass oder
gar vor Durst nach Rache. Und wenn ich mich frage, warum nicht?, so kann ich
zunächst nichts anderes finden als die Jahre. Man spricht immer von unsühnbarer
Schuld; vor Gott ist es gewiss falsch, aber vor den Menschen auch. Ich hätte nie
geglaubt, dass die Zeit, rein als Zeit, so wirken könne. Und dann als zweites:
ich liebe meine Frau, ja, seltsam zu sagen, ich liebe sie noch, und so furchtbar
ich alles finde, was geschehen, ich bin so sehr im Bann ihrer Liebenswürdigkeit,
eines ihr eignen heiteren Charmes, dass ich mich, mir selbst zum Trotz, in meinem
letzten Herzenswinkel zum Verzeihen geneigt fühle.«
    Wüllersdorf nickte. »Kann ganz folgen, Innstetten, würde mir vielleicht
ebenso gehen. Aber wenn Sie so zu der Sache stehen und mir sagen: Ich liebe
diese Frau so sehr, dass ich ihr alles verzeihen kann, und wenn wir dann das
andere hinzunehmen, dass alles weit, weit zurückliegt, wie ein Geschehnis auf
einem andern Stern, ja, wenn es so liegt, Innstetten, so frage ich, wozu die
ganze Geschichte?«
    »Weil es trotzdem sein muss. Ich habe mir's hin und her überlegt. Man ist
nicht bloss ein einzelner Mensch, man gehört einem Ganzen an, und auf das Ganze
haben wir beständig Rücksicht zu nehmen, wir sind durchaus abhängig von ihm.
Ging' es, in Einsamkeit zu leben, so könnt ich es gehen lassen; ich trüge dann
die mir aufgepackte Last, das rechte Glück wäre hin, aber es müssen so viele
leben ohne dies rechte Glück, und ich würde es auch müssen und - auch können.
Man braucht nicht glücklich zu sein, am allerwenigsten hat man einen Anspruch
darauf, und den, der einem das Glück genommen hat, den braucht man nicht
notwendig aus der Welt zu schaffen. Man kann ihn, wenn man weltabgewandt
weiterexistieren will, auch laufenlassen. Aber im Zusammenleben mit den Menschen
hat sich ein Etwas ausgebildet, das nun mal da ist und nach dessen Paragraphen
wir uns gewöhnt haben alles zu beurteilen, die andern und uns selbst. Und
dagegen zu verstossen geht nicht; die Gesellschaft verachtet uns, und zuletzt tun
wir es selbst und können es nicht aushalten und jagen uns die Kugel durch den
Kopf. Verzeihen Sie, dass ich Ihnen solche Vorlesung halte, die schliesslich doch
nur sagt, was sich jeder selber hundertmal gesagt hat. Aber freilich, wer kann
was Neues sagen! Also noch einmal, nichts von Hass oder dergleichen, und um eines
Glückes willen, das mir genommen wurde, mag ich nicht Blut an den Händen haben;
aber jenes, wenn Sie wollen, uns tyrannisierende Gesellschafts-Etwas, das fragt
nicht nach Charme und nicht nach Liebe und nicht nach Verjährung. Ich habe keine
Wahl. Ich muss.«
    »Ich weiss doch nicht, Innstetten...«
    Innstetten lächelte. »Sie sollen selbst entscheiden, Wüllersdorf. Es ist
jetzt zehn Uhr. Vor sechs Stunden, diese Konzession will ich Ihnen vorweg
machen, hatt ich das Spiel noch in der Hand, konnt ich noch das eine und noch
das andere, da war noch ein Ausweg. Jetzt nicht mehr, jetzt stecke ich in einer
Sackgasse. Wenn Sie wollen, so bin ich selber schuld daran; ich hätte mich
besser beherrschen und bewachen, alles in mir verbergen, alles im eignen Herzen
auskämpfen sollen. Aber es kam zu plötzlich, zu stark, und so kann ich mir kaum
einen Vorwurf machen, meine Nerven nicht geschickter in Ordnung gehalten zu
haben. Ich ging zu Ihnen und schrieb Ihnen einen Zettel, und damit war das Spiel
aus meiner Hand. Von dem Augenblicke an hatte mein Unglück und, was schwerer
wiegt, der Fleck auf meiner Ehre einen halben Mitwisser, und nach den ersten
Worten, die wir hier gewechselt, hat es einen ganzen. Und weil dieser Mitwisser
da ist, kann ich nicht mehr zurück.«
    »Ich weiss doch nicht«, wiederholte Wüllersdorf. »Ich mag nicht gerne zu der
alten abgestandenen Phrase greifen, aber doch lässt sich's nicht besser sagen:
Innstetten, es ruht alles in mir wie in einem Grabe.«
    »Ja, Wüllersdorf, so heisst es immer. Aber es gibt keine Verschwiegenheit.
Und wenn Sie's wahr machen und gegen andere die Verschwiegenheit selber sind, so
wissen sie es, und es rettet mich nicht vor Ihnen, dass Sie mir eben Ihre
Zustimmung ausgedrückt und mir sogar gesagt haben: Ich kann Ihnen in allem
folgen. Ich bin, und dabei bleibt es, von diesem Augenblicke an ein Gegenstand
Ihrer Teilnahme (schon nicht etwas sehr Angenehmes), und jedes Wort, das Sie
mich mit meiner Frau wechseln hören, unterliegt Ihrer Kontrolle, Sie mögen
wollen oder nicht, und wenn meine Frau von Treue spricht oder, wie Frauen tun,
über eine andere zu Gericht sitzt, so weiss ich nicht, wo ich mit meinen Blicken
hin soll. Und ereignet sich's gar, dass ich in irgendeiner ganz alltäglichen
Beleidigungssache zum Guten rede, weil ja der Dolus fehle oder so was Ähnliches,
so geht ein Lächeln über Ihr Gesicht, oder es zuckt wenigstens darin, und in
Ihrer Seele klingt es: Der gute Innstetten, er hat doch eine wahre Passion, alle
Beleidigungen auf ihren Beleidigungsgehalt chemisch zu untersuchen, und das
richtige Quantum Stickstoff findet er nie. Er ist noch nie an einer Sache
erstickt... Habe ich recht, Wüllersdorf, oder nicht?«
    Wüllersdorf war aufgestanden. »Ich finde es furchtbar, dass Sie recht haben,
aber Sie haben recht. Ich quäle Sie nicht länger mit meinem muss es sein. Die
Welt ist einmal, wie sie ist, und die Dinge verlaufen nicht, wie wir wollen,
sondern wie die andern wollen. Das mit dem Gottesgericht, wie manche hochtrabend
versichern, ist freilich ein Unsinn, nichts davon, umgekehrt, unser Ehrenkultus
ist ein Götzendienst, aber wir müssen uns ihm unterwerfen, solange der Götze
gilt.«
    Innstetten nickte.
    Sie blieben noch eine Viertelstunde miteinander, und es wurde festgestellt,
Wüllersdorf solle noch denselben Abend abreisen. Ein Nachtzug ging um zwölf.
    Dann trennten sie sich mit einem kurzen: »Auf Wiedersehen in Kessin.«
 
                           Achtundzwanzigstes Kapitel
Am andern Abend, wie verabredet, reiste Innstetten. Er benutzte denselben Zug,
den am Tage vorher Wüllersdorf benutzt hatte, und war bald nach fünf Uhr früh
auf der Bahnstation, von wo der Weg nach Kessin links abzweigte. Wie immer,
solange die Saison dauerte, ging auch heute, gleich nach Eintreffen des Zuges,
das mehrerwähnte Dampfschiff, dessen erstes Läuten Innstetten schon hörte, als
er die letzten Stufen der vom Bahndamm hinabführenden Treppe erreicht hatte. Der
Weg bis zur Anlegestelle war keine drei Minuten; er schritt darauf zu und
begrüsste den Kapitän, der etwas verlegen war, also im Laufe des gestrigen Tages
von der ganzen Sache schon gehört haben musste, und nahm dann seinen Platz in der
Nähe des Steuers. Gleich danach löste sich das Schiff vom Brückensteg los; das
Wetter war herrlich, helle Morgensonne, nur wenig Passagiere an Bord. Innstetten
gedachte des Tages, als er, mit Effi von der Hochzeitsreise zurückkehrend, hier
am Ufer der Kessine hin in offenem Wagen gefahren war - ein grauer Novembertag
damals, aber er selber froh im Herzen; nun hatte sich's verkehrt: das Licht lag
draussen, und der Novembertag war in ihm. Viele, viele Male war er dann des Weges
hier gekommen, und der Frieden, der sich über die Felder breitete, das Zuchtvieh
in den Koppeln, das aufhorchte, wenn er vorüberfuhr, die Leute bei der Arbeit,
die Fruchtbarkeit der Äcker, das alles hatte seinem Sinne wohlgetan, und jetzt,
in hartem Gegensatz dazu, war er froh, als etwas Gewölk heranzog und den
lachenden blauen Himmel leise zu trüben begann. So fuhren sie den Fluss hinab,
und bald, nachdem sie die prächtige Wasserfläche des »Breitling« passiert, kam
der Kessiner Kirchturm in Sicht und gleich danach auch das Bollwerk und die
lange Häuserreihe mit Schiffen und Booten davor. Und nun waren sie heran.
Innstetten verabschiedete sich von dem Kapitän und schritt auf den Steg zu, den
man, bequemeren Aussteigens halber, herangerollt hatte. Wüllersdorf war schon
da. Beide begrüssten sich, ohne zunächst ein Wort zu sprechen, und gingen dann,
quer über den Damm, auf den Hoppensackschen Gastof zu, wo sie unter einem
Zeltdach Platz nahmen.
    »Ich habe mich gestern früh hier einquartiert«, sagte Wüllersdorf, der nicht
gleich mit den Sachlichkeiten beginnen wollte. »Wenn man bedenkt, dass Kessin ein
Nest ist, ist es erstaunlich, ein so gutes Hotel hier zu finden. Ich bezweifle
nicht, dass mein Freund, der Oberkellner, drei Sprachen spricht; seinem Scheitel
und seiner ausgeschnittnen Weste nach können wir dreist auf vier rechnen...
Jean, bitte, wollen Sie uns Kaffee und Cognac bringen.«
    Innstetten begriff vollkommen, warum Wüllersdorf diesen Ton anschlug, war
auch damit einverstanden, konnte aber seiner Unruhe nicht ganz Herr werden und
zog unwillkürlich die Uhr.
    »Wir haben Zeit«, sagte Wüllersdorf. »Noch andertalb Stunden oder doch
beinah. Ich habe den Wagen auf acht ein Viertel bestellt; wir fahren nicht
länger als zehn Minuten.«
    »Und wo?«
    »Crampas schlug erst ein Waldeck vor, gleich hinter dem Kirchhof. Aber dann
unterbrach er sich und sagte: Nein, da nicht. Und dann haben wir uns über eine
Stelle zwischen den Dünen geeinigt. Hart am Strand; die vorderste Düne hat einen
Einschnitt, und man sieht aufs Meer.«
    Innstetten lächelte. »Crampas scheint sich einen Schönheitspunkt ausgesucht
zu haben. Er hatte immer die Allüren dazu. Wie benahm er sich?«
    »Wundervoll.«
    »Übermütig? frivol?«
    »Nicht das eine und nicht das andere. Ich bekenne Ihnen offen, Innstetten,
dass es mich erschütterte. Als ich Ihren Namen nannte, wurde er totenblass und
rang nach Fassung, und um seine Mundwinkel sah ich ein Zittern. Aber all das
dauerte nur einen Augenblick, dann hatte er sich wieder gefasst, und von da ab
war alles an ihm wehmütige Resignation. Es ist mir ganz sicher, er hat das
Gefühl aus der Sache nicht heil herauszukommen, und will auch nicht. Wenn ich
ihn richtig beurteile, er lebt gern und ist zugleich gleichgültig gegen das
Leben. Er nimmt alles mit und weiss doch, dass es nicht viel damit ist.«
    »Wer wird ihn sekundieren? Oder sag ich lieber, wen wird er mitbringen?«
    »Das war, als er sich wieder gefunden hatte, seine Hauptsorge. Er nannte
zwei, drei Adlige aus der Nähe, liess sie dann aber wieder fallen, sie seien zu
alt und zu fromm, er werde nach Treptow hin telegraphieren an seinen Freund
Buddenbrook. Und der ist auch gekommen, famoser Mann, schneidig und doch
zugleich wie ein Kind. Er konnte sich nicht beruhigen und ging in grösster
Erregung auf und ab. Aber als ich ihm alles gesagt hatte, sagte er geradeso wie
wir: Sie haben recht, es muss sein!«
    Der Kaffee kam. Man nahm eine Zigarre, und Wüllersdorf war wieder darauf
aus, das Gespräch auf mehr gleichgültige Dinge zu lenken.
    »Ich wundere mich, dass keiner von den Kessinern sich einfindet, Sie zu
begrüssen. Ich weiss doch, dass Sie sehr beliebt gewesen sind. Und nun gar Ihr
Freund Gieshübler...«
    Innstetten lächelte. »Da verkennen Sie die Leute hier an der Küste; halb
sind es Philister und halb Pfiffici, nicht sehr nach meinem Geschmack; aber eine
Tugend haben sie, sie sind alle sehr manierlich. Und nun gar mein alter
Gieshübler. Natürlich weiss jeder, um was sich's handelt, aber eben deshalb hütet
man sich, den Neugierigen zu spielen.«
    In diesem Augenblicke wurde von links her ein zurückgeschlagener Chaisewagen
sichtbar, der, weil es noch vor der bestimmten Zeit war, langsam herankam.
    »Ist das unser?« fragte Innstetten.
    »Mutmasslich.«
    Und gleich danach hielt der Wagen vor dem Hotel, und Innstetten und
Wüllersdorf erhoben sich.
    Wüllersdorf trat an den Kutscher heran und sagte: »Nach der Mole.«
    Die Mole lag nach der entgegengesetzten Strandseite, rechts statt links, und
die falsche Weisung wurde nur gegeben, um etwaigen Zwischenfällen, die doch
immerhin möglich waren, vorzubeugen. Im übrigen, ob man sich nun weiter draussen
nach rechts oder links zu halten vorhatte, durch die Plantage musste man
jedenfalls, und so führte denn der Weg unvermeidlich an Innstettens alter
Wohnung vorüber. Das Haus lag noch stiller da als früher; ziemlich
vernachlässigt sah's in den Parterreräumen aus; wie mocht es erst da oben sein!
Und das Gefühl des Unheimlichen, das Innstetten an Effi so oft bekämpft oder
auch wohl belächelt hatte, jetzt überkam es ihn selbst, und er war froh, als sie
dran vorübe waren.
    »Da hab ich gewohnt«, sagte er zu Wüllersdorf.
    »Es sieht sonderbar aus, etwas öd und verlassen.«
    »Mag auch wohl. In der Stadt galt es als ein Spukhaus, und wie's heute
daliegt, kann ich den Leuten nicht unrecht geben.«
    »Was war es denn damit?«
    »Ach, dummes Zeug: alter Schiffskapitän mit Enkelin oder Nichte, die eines
schönen Tages verschwand, und dann ein Chinese, der vielleicht ein Liebhaber
war, und auf dem Flur ein kleiner Haifisch und ein Krokodil, beides an Strippen
und immer in Bewegung. Wundervoll zu erzählen, aber nicht jetzt. Es spukt einem
doch allerhand anderes im Kopf.«
    »Sie vergessen, es kann auch alles glatt ablaufen.«
    »Darf nicht. Und vorhin, Wüllersdorf, als Sie von Crampas sprachen, sprachen
Sie selber anders davon.«
    Bald danach hatte man die Plantage passiert, und der Kutscher wollte jetzt
rechts einbiegen auf die Mole zu. »Fahren Sie lieber links. Das mit der Mole
kann nachher kommen.«
    Und der Kutscher bog links in eine breite Fahrstrasse ein, die hinter dem
Herrenbade grad auf den Wald zulief. Als sie bis auf dreihundert Schritt an
diesen heran waren, liess Wüllersdorf den Wagen halten, und beide gingen nun,
immer durch mahlenden Sand hin, eine ziemlich breite Fahrstrasse hinunter, die
die hier dreifache Dünenreihe senkrecht durchschnitt. Überall zur Seite standen
dichte Büschel von Strandhafer, um diesen herum aber Immortellen und ein paar
blutrote Nelken. Innstetten bückte sich und steckte sich eine der Nelken ins
Knopfloch. »Die Immortellen nachher.«
    So gingen sie fünf Minuten. Als sie bis an die ziemlich tiefe Senkung
gekommen waren, die zwischen den beiden vordersten Dünenreihen hinlief, sahen
sie, nach links hin, schon die Gegenpartei: Crampas und Buddenbrook und mit
ihnen den guten Doktor Hannemann, der seinen Hut in der Hand hielt, so dass das
weisse Haar im Winde flatterte.
    Innstetten und Wüllersdorf gingen die Sandschlucht hinauf, Buddenbrook kam
ihnen entgegen. Man begrüsste sich, worauf beide Sekundanten beiseite traten, um
noch ein kurzes sachliches Gespräch zu führen. Es lief darauf hinaus, dass man a
tempo avancieren und auf zehn Schritt Distance feuern solle. Dann kehrte
Buddenbrook an seinen Platz zurück; alles erledigte sich rasch; und die Schüsse
fielen. Crampas stürzte.
    Innstetten, einige Schritt zurücktretend, wandte sich ab von der Szene.
Wüllersdorf aber war auf Buddenbrook zugeschritten, und beide warteten jetzt auf
den Ausspruch des Doktors, der die Achseln zuckte. Zugleich deutete Crampas
durch eine Handbewegung an, dass er etwas sagen wollte. Wüllersdorf beugte sich
zu ihm nieder, nickte zustimmend zu den paar Worten, die kaum hörbar von des
Sterbenden Lippen kamen, und ging dann auf Innstetten zu.
    »Crampas will Sie noch sprechen, Innstetten. Sie müssen ihm zu Willen sein.
Er hat keine drei Minuten Leben mehr.«
    Innstetten trat an Crampas heran.
    »Wollen Sie...«, das waren seine letzten Worte.
    Noch ein schmerzlicher und doch beinah freundlicher Schimmer in seinem
Antlitz, und dann war es vorbei.
 
                           Neunundzwanzigstes Kapitel
Am Abend desselben Tages traf Innstetten wieder in Berlin ein. Er war mit dem
Wagen, den er innerhalb der Dünen an dem Querwege zurückgelassen hatte, direkt
nach der Bahnstation gefahren, ohne Kessin noch einmal zu berühren, dabei den
beiden Sekundanten die Meldung an die Behörden überlassend. Unterwegs (er war
allein im Coupé) hing er, alles noch mal überdenkend, dem Geschehenen nach; es
waren dieselben Gedanken wie zwei Tage zuvor, nur dass sie jetzt den umgekehrten
Gang gingen und mit der Überzeugteit von seinem Recht und seiner Pflicht
anfingen, um mit Zweifeln daran aufzuhören. »Schuld, wenn sie überhaupt was ist,
ist nicht an Ort und Stunde gebunden und kann nicht hinfällig werden von heute
auf morgen. Schuld verlangt Sühne; das hat einen Sinn. Aber Verjährung ist etwas
Halbes, etwas Schwächliches, zum mindesten was Prosaisches.« Und er richtete
sich an dieser Vorstellung auf und wiederholte sich's, dass es gekommen sei,
wie's habe kommen müssen. Aber im selben Augenblicke, wo dies für ihn feststand,
warf er's auch wieder um. »Es muss eine Verjährung geben, Verjährung ist das
einzig Vernünftige; ob es nebenher auch noch prosaisch ist, ist gleichgültig;
das Vernünftige ist meist prosaisch. Ich bin jetzt fünfundvierzig. Wenn ich die
Briefe fünfundzwanzig Jahre später gefunden hätte, so war ich siebzig. Dann
hätte Wüllersdorf gesagt: Innstetten, seien Sie kein Narr. Und wenn es
Wüllersdorf nicht gesagt hätte, so hätt es Buddenbrook gesagt, und wenn auch der
nicht, so ich selbst. Dies ist mir klar. Treibt man etwas auf die Spitze, so
übertreibt man und hat die Lächerlichkeit. Kein Zweifel. Aber wo fängt es an? Wo
liegt die Grenze? Zehn Jahre verlangen noch ein Duell, und da heisst es Ehre, und
nach elf Jahren oder vielleicht schon bei zehnundeinhalb heisst es Unsinn. Die
Grenze, die Grenze. Wo ist sie? War sie da? War sie schon überschritten? Wenn
ich mir seinen letzten Blick vergegenwärtige, resigniert und in seinem Elend
doch noch ein Lächeln, so hiess der Blick: Innstetten, Prinzipienreiterei... Sie
konnten es mir ersparen und sich selber auch. Und er hatte vielleicht recht. Mir
klingt so was in der Seele. Ja, wenn ich voll tödlichem Hass gewesen wäre, wenn
mir hier ein tiefes Rachegefühl gesessen hätte... Rache ist nichts Schönes, aber
was Menschliches und hat ein natürlich menschliches Recht. So aber war alles
einer Vorstellung, einem Begriff zuliebe, war eine gemachte Geschichte, halbe
Komödie. Und diese Komödie muss ich nun fortsetzen und muss Effi wegschicken und
sie ruinieren und mich mit... Ich musste die Briefe verbrennen, und die Welt
durfte nie davon erfahren. Und wenn sie dann kam, ahnungslos, so musst ich ihr
sagen: Da ist dein Platz, und musste mich innerlich von ihr scheiden. Nicht vor
der Welt. Es gibt so viele Leben, die keine sind, und so viele Ehen, die keine
sind... dann war das Glück hin, aber ich hätte das Auge mit seinem Frageblicke
und mit seiner stummen leisen Anklage nicht vor mir.«
    Kurz vor zehn hielt Innstetten vor seiner Wohnung. Er stieg die Treppen
hinauf und zog die Glocke; Johanna kam und öffnete.
    »Wie steht es mit Annie?«
    »Gut, gnäd'ger Herr. Sie schläft noch nicht... Wenn der gnäd'ge Herr...«
    »Nein, nein, das regt sie bloss auf. Ich sehe sie lieber morgen früh. Bringen
Sie mir ein Glas Tee, Johanna. Wer war hier?«
    »Nur der Doktor.«
    Und nun war Innstetten wieder allein. Er ging auf und ab, wie er's zu tun
liebte. »Sie wissen schon alles; Roswita ist dumm, aber Johanna ist eine kluge
Person. Und wenn sie's nicht mit Bestimmteit wissen, so haben sie sich's
zurechtgelegt und wissen es doch. Es ist merkwürdig, was alles zum Zeichen wird
und Geschichten ausplaudert, als wäre jeder mit dabeigewesen.«
    Johanna brachte den Tee. Innstetten trank. Er war nach der Überanstrengung
totmüde und schlief ein.
Innstetten war zu guter Zeit auf. Er sah Annie, sprach ein paar Worte mit ihr,
lobte sie, dass sie eine gute Kranke sei, und ging dann aufs Ministerium, um
seinem Chef von allem Vorgefallenen Meldung zu machen. Der Minister war sehr
gnädig. »Ja, Innstetten, wohl dem, der aus allem, was das leben uns bringen
kann, heil herauskommt; Sie hat's getroffen.« Er fand alles, was geschehen, in
der Ordnung und überliess Innstetten das Weitere.
    Erst spätnachmittags war Innstetten wieder in seiner Wohnung, in der er ein
paar Zeilen von Wüllersdorf vorfand. »Heute früh wieder eingetroffen. Eine Welt
von Dingen erlebt; Schmerzliches, Rührendes, Gieshübler an der Spitze. Der
liebenswürdigste Pucklige, den ich je gesehen. Von Ihnen sprach er nicht
allzuviel, aber die Frau, die Frau! Er konnte sich nicht beruhigen, und zuletzt
brach der kleine Mann in Tränen aus. Was alles vorkommt. Es wäre zu wünschen,
dass es mehr Gieshübler gäbe. Es gibt aber mehr andere. Und dann die Szene im
Hause des Majors... furchtbar. Kein Wort davon. Man hat wieder mal gelernt:
aufpassen. Ich sehe Sie morgen. Ihr W.«
    Innstetten war ganz erschüttert, als er gelesen. Er setzte sich und schrieb
seinerseits ein paar Briefe. Als er damit zu Ende war, klingelte er: »Johanna,
die Briefe in den Kasten.«
    Johanna nahm die Briefe und wollte gehen.
    »... Und dann, Johanna, noch eins: die Frau kommt nicht wieder. Sie werden
von anderen erfahren, warum nicht. Annie darf nichts wissen, wenigstens jetzt
nicht. Das arme Kind. Sie müssen es ihr allmählich beibringen, dass sie keine
Mutter mehr hat. Ich kann es nicht. Aber machen Sie's gescheit. Und dass Roswita
nicht alles verdirbt.«
    Johanna stand einen Augenblick ganz wie benommen da. Dann ging sie auf
Innstetten zu und küsste ihm die Hand.
    Als sie wieder draussen in der Küche war, war sie von Stolz und Überlegenheit
ganz erfüllt, ja beinahe von Glück. Der gnädige Herr hatte ihr nicht nur alles
gesagt, sondern am Schlusse auch noch hinzugesetzt: »und dass Roswita nicht
alles verdirbt«. Das war die Hauptsache, und ohne dass es ihr an gutem Herzen und
selbst an Teilnahme mit der Frau gefehlt hätte, beschäftigte sie doch, über
jedes andere hinaus, der Triumph einer gewissen Intimitätsstellung zum gnädigen
Herrn.
    Unter gewöhnlichen Umständen wäre ihr denn auch die Herauskehrung und
Geltendmachung dieses Triumphes ein leichtes gewesen, aber heute traf sich's so
wenig günstig für sie, dass ihre Rivalin, ohne Vertrauensperson gewesen zu sein,
sich doch als die Eingeweihtere zeigen sollte. Der Portier unten hatte nämlich,
so ziemlich um dieselbe Zeit, wo dies spielte, Roswita in seine kleine Stube
hineingerufen und ihr gleich beim Eintreten ein Zeitungsblatt zum Lesen
zugeschoben. »Da, Roswita, das ist was für Sie; Sie können es mir nachher
wieder runterbringen. Es ist bloss das Fremdenblatt: aber Lene ist schon hin und
holt das Kleine Journal. Da wird wohl schon mehr drinstehen; die wissen immer
alles. Hören Sie, Roswita, wer so was gedacht hätte.«
    Roswita, sonst nicht allzu neugierig, hatte sich doch nach dieser Ansprache
so rasch wie möglich die Hintertreppe hinaufbegeben und war mit dem Lesen gerade
fertig, als Johanna dazukam.
    Diese legte die Briefe, die ihr Innstetten eben gegeben, auf den Tisch,
überflog die Adressen oder tat wenigstens so (denn sie wusste längst, an wen sie
gerichtet waren) und sagte mit gut erkünstelter Ruhe: »Einer ist nach
Hohen-Cremmen.«
    »Das kann ich mir denken«, sagte Roswita.
    Johanna war nicht wenig erstaunt über diese Bemerkung. »Der Herr schreibt
sonst nie nach Hohen-Cremmen.«
    »Ja, sonst. Aber jetzt... Denken Sie sich, das hat mir eben der Portier
unten gegeben.«
    Johanna nahm das Blatt und las nun halblaut eine mit einem dicken
Tintenstrich markierte Stelle: »Wie wir kurz vor Redaktionsschluss von
gutunterrichteter Seite her vernehmen, hat gestern früh in dem Badeorte Kessin,
in Hinterpommern, ein Duell zwischen dem Ministerialrat v.I. (Keitstrasse) und
dem Major von Crampas stattgefunden. Major von Crampas fiel. Es heisst, dass
Beziehungen zwischen ihm und der Rätin, einer schönen und noch sehr jungen Frau,
bestanden haben sollen.«
    »Was solche Blätter auch alles schreiben«, sagte Johanna, die verstimmt war,
ihre Neuigkeit überholt zu sehen. »Ja«, sagte Roswita. »Und das lesen nun die
Menschen und verschimpfieren mir meine liebe, arme Frau. Und der arme Major. Nun
ist er tot.«
    »Ja, Roswita, was denken Sie sich eigentlich. Soll er nicht tot sein? Oder
soll lieber unser gnädiger Herr tot sein?«
    »Nein, Johanna, unser gnäd'ger Herr, der soll auch leben, alles soll leben.
Ich bin nicht für totschiessen und kann nicht mal das Knallen hören. Aber
bedenken Sie doch, Johanna, das ist ja nun schon eine halbe Ewigkeit her, und
die Briefe, die mir gleich so sonderbar aussahen, weil sie die rote Strippe
hatten und drei- oder viermal umwickelt und dann eingeknotet und keine Schleife
- die sahen ja schon ganz gelb aus, so lange ist es her. Wir sind ja nun schon
über sechs Jahre hier, und wie kann man wegen solcher alten Geschichten...«
    »Ach, Roswita, Sie reden, wie Sie's verstehen. Und bei Lichte besehen, sind
Sie schuld. Von den Briefen kommt es her. Warum kamen Sie mit dem Stemmeisen und
brachen den Nähtisch auf, was man nie darf; man darf kein Schloss aufbrechen, was
ein anderer zugeschlossen hat.«
    »Aber, Johanna, das ist doch wirklich zu schlecht von Ihnen, mir so was auf
den Kopf zuzusagen, und Sie wissen doch, dass sie schuld sind und dass Sie wie
närrisch in die Küche stürzten und mir sagten, der Nähtisch müsse aufgemacht
werden, da wäre die Bandage drin, und da bin ich mit dem Stemmeisen gekommen,
und nun soll ich schuld sein. Nein, ich sage...«
    »Nun, ich will es nicht gesagt haben, Roswita. Nur Sie sollen mir nicht
kommen und sagen: Der arme Major. Was heisst der arme Major! Der ganze arme Major
taugte nichts; wer solchen rotblonden Schnurrbart hat und immer wribbelt, der
taugt nie was und richtet bloss Schaden an. Und wenn man immer in vornehmen
Häusern gedient hat, aber das haben Sie nicht, Roswita, das fehlt Ihnen
eben..., dann weiss man auch, was sich passt und schickt und was Ehre ist, und
weiss auch, dass, wenn so was vorkommt, dann geht es nicht anders, und dann kommt
das, was man eine Forderung nennt, und dann wird einer totgeschossen.«
    »Ach, das weiss ich auch; ich bin nicht so dumm, wie Sie mich immer machen
wollen. Aber wenn es so lange her ist...«
    »Ja, Roswita, mit Ihrem ewigen so lange her; daran sieht man ja eben, dass
Sie nichts davon verstehen. Sie erzählen immer die alte Geschichte von Ihrem
Vater mit dem glühenden Eisen, und wie er damit auf Sie losgekommen, und
jedesmal, wenn ich einen glühenden Bolzen eintue, muss ich auch wirklich immer an
Ihren Vater denken und sehe immer, wie er Sie wegen des Kindes, das ja nun tot
ist, totmachen will. Ja, Roswita, davon sprechen Sie in einem fort, und es
fehlt bloss noch, dass Sie Anniechen auch die Geschichte erzählen, und wenn
Anniechen eingesegnet wird, dann wird sie's auch gewiss erfahren, und vielleicht
denselben Tag noch; und das ärgert mich, dass Sie das alles erlebt haben, und Ihr
Vater war doch bloss ein Dorfschmied und hat Pferde beschlagen oder einen
Radreifen gelegt, und nun kommen Sie und verlangen von unserm gnäd'gen Herrn,
dass er sich das alles ruhig gefallen lässt, bloss weil es so lange her ist. Was
heisst lange her? Sechs Jahre ist nicht lange her. Und unsre gnäd'ge Frau - die
aber nicht wiederkommt, der gnäd'ge Herr hat es mir eben gesagt -, unsre gnäd'ge
Frau wird erst sechsundzwanzig, und im August ist ihr Geburtstag, und da kommen
Sie mir mit, lange her'. Und wenn sie sechsunddreissig wäre, ich sage Ihnen, bei
sechsunddreissig muss man erst recht aufpassen, und wenn der gnäd'ge Herr nichts
getan hätte, dann hätten ihn die vornehmen Leute geschnitten. Aber das Wort
kennen Sie gar nicht, Roswita, davon wissen Sie nichts.«
    »Nein, davon weiss ich nichts, will auch nicht; aber das weiss ich, Johanna,
dass Sie in den gnäd'gen Herrn verliebt sind.«
    Johanna schlug eine krampfhafte Lache auf.
    »Ja, lachen Sie nur. Ich seh es schon lange. Sie haben so was. Und ein
Glück, dass unser gnäd'ger Herr keine Augen dafür hat... Die arme Frau, die arme
Frau.«
    Johanna lag daran, Frieden zu schliessen. »Lassen Sie's gut sein, Roswita.
Sie haben wieder Ihren Koller; aber ich weiss schon, den haben alle vom Lande.«
    »Kann schon sein.«
    »Ich will jetzt nur die Briefe forttragen und unten sehen, ob der Portier
vielleicht schon die andere Zeitung hat. Ich habe doch recht verstanden, dass er
Lene danach geschickt hat? Und es muss auch mehr darin stehen; das hier ist ja so
gut wie gar nichts.«
 
                              Dreissigstes Kapitel
Effi und die Geheimrätin Zwicker waren seit fast drei Wochen in Ems und
bewohnten daselbst das Erdgeschoss einer reizenden kleinen Villa. In ihrem
zwischen ihren zwei Wohnzimmern gelegenen gemeinschaftlichen Salon mit Blick auf
den Garten stand ein Polysanderflügel, auf dem Effi dann und wann eine Sonate,
die Zwicker dann und wann einen Walzer spielte; sie war ganz unmusikalisch und
beschränkte sich im wesentlichen darauf, für Niemann als Tannhäuser zu
schwärmen.
    Es war ein herrlicher Morgen; in dem kleinen Garten zwitscherten die Vögel,
und aus dem angrenzenden Hause, drin sich ein »Lokal« befand, hörte man, trotz
der frühen Stunde, bereits das Zusammenschlagen der Billardbälle. Beide Damen
hatten ihr Frühstück nicht im Salon selbst, sondern auf einem ein paar Fuss hoch
aufgemauerten und mit Kies bestreuten Vorplatz eingenommen, von dem aus drei
Stuten nach dem Garten hinunterführten; die Markise, ihnen zu Häupten, war
aufgezogen, um den Genuss der frischen Luft in nichts zu beschränken, und sowohl
Effi wie die Geheimrätin waren ziemlich emsig bei ihrer Handarbeit. Nur dann und
wann wurden ein paar Worte gewechselt.
    »Ich begreife nicht,« sagte Effi, »dass ich schon seit vier Tagen keinen
Brief habe; er schreibt sonst täglich. Ob Annie krank ist? Oder er selbst?«
    Die Zwicker lächelte: »Sie werden erfahren, liebe Freundin, dass er gesund
ist, ganz gesund.«
    Effi fühlte sich durch den Ton, in dem dies gesagt wurde, wenig angenehm
berührt und schien antworten zu wollen, aber in eben diesem Augenblicke trat das
aus der Umgegend von Bonn stammende Hausmädchen, das sich von Jugend an daran
gewöhnt hatte, die mannigfachsten Erscheinungen des Lebens an Bonner Studenten
und Bonner Husaren zu messen, vom Salon her auf den Vorplatz hinaus, um hier den
Frühstückstisch abzuräumen. Sie hiess Afra.
    »Afra«, sagte Effi. »es muss doch schon neun sein; war der Postbote noch
nicht da?«
    »Nein, noch nicht, gnäd'ge Frau.«
    »Woran liegt es?«
    »Natürlich an dem Postboten; er ist aus dem Siegenschen und hat keinen
Schneid. Ich hab's ihm auch schon gesagt, das sei die reine Lodderei. Und wie
ihm das Haar sitzt; ich glaube, er weiss gar nicht, was ein Scheitel ist.«
    »Afra, Sie sind mal wieder zu streng. Denken Sie doch: Postbote, und so
tagaus, tagein bei der ewigen Hitze...«
    »Ist schon recht, gnäd'ge Frau. Aber es gibt doch andere, die zwingen's;
wo's drinsteckt, da geht es auch.« Und während sie noch so sprach, nahm sie das
Tablett geschickt auf ihre fünf Fingerspitzen und stieg die Stufen hinunter, um
durch den Garten hin den näheren Weg in die Küche zu nehmen.
    »Eine hübsche Person«, sagte die Zwicker. »Und so quick und kasch, und ich
möchte fast sagen, von einer natürlichen Anmut. Wissen Sie, liebe Baronin, dass
mich diese Afra... übrigens ein wundervoller Name, und es soll sogar eine
heilige Afra gegeben haben, aber ich glaube nicht, dass unsere davon abstammt...«
    »Und nun, liebe Geheimrätin, vertiefen Sie sich wieder in Ihr Nebentema,
das diesmal Afra heisst, und vergessen darüber ganz, was Sie eigentlich sagen
wollten . . .«
    »Doch nicht, liebe Freundin, oder ich finde mich wenigstens wieder zurück.
Ich wollte sagen, dass mich diese Afra ganz ungemein an die stattliche Person
erinnert, die ich in Ihrem Hause...«
    »Ja. Sie haben recht. Es ist eine Ähnlichkeit da. Nur unser Berliner
Hausmädchen ist doch erheblich hübscher und namentlich ihr Haar viel schöner und
voller. Ich habe so schönes flachsenes Haar, wie unsere Johanna hat, überhaupt
noch nicht gesehen. Ein bisschen davon sieht man ja wohl, aber solche Fülle..«
    Die Zwicker lächelte. »Das ist wirklich selten, dass man eine junge Frau mit
solcher Begeisterung von dem flachsenen Haar ihres Hausmädchens sprechen hört.
Und nun auch noch von der Fülle! Wissen Sie, dass ich das rührend finde. Denn
eigentlich ist man doch bei der Wahl der Mädchen in einer beständigen
Verlegenheit. Hübsch sollen sie sein, weil es jeden Besucher, wenigstens die
Männer, stört, eine lange Stakete mit griesem Teint und schwarzen Rändern in der
Türöffnung erscheinen zu sehen, und ein wahres Glück, dass die Korridore meistens
so dunkel sind. Aber nimmt man wieder zuviel Rücksicht auf solche
Hausrepräsentation und den sogenannten ersten Eindruck und schenkt man wohl gar
noch einer solchen hübschen Person eine weisse Tändelschürze nach der andern, so
hat man eigentlich keine ruhige Stunde mehr und fragt sich, wenn man nicht zu
eitel ist und nicht zu viel Vertrauen zu sich selber hat, ob da nicht Remedur
geschaffen werden müsse. Remedur war nämlich ein Lieblingswort von Zwicker,
womit er mich oft gelangweilt hat; aber freilich, alle Geheimräte haben solche
Lieblingsworte.«
    Effi hörte mit sehr geteilten Empfindungen zu. Wenn die Geheimrätin nur ein
bisschen anders gewesen wäre, so hätte dies alles reizend sein können, aber da
sie nun mal war, wie sie war, so fühlte sich Effi wenig angenehm von dem
berührt, was sie sonst vielleicht einfach erheitert hätte.
    »Das ist schon recht, liebe Freundin, was Sie da von den Geheimräten sagen.
Innstetten hat sich auch dergleichen angewöhnt, lacht aber immer, wenn ich ihn
daraufhin ansehe, und entschuldigt sich hinterher wegen der Aktenausdrücke. Ihr
Herr Gemahl war freilich schon länger im Dienst und überhaupt wohl älter...«
    »Um ein geringes«, sagte die Geheimrätin spitz und ablehnend.
    »Und alles in allem kann ich mich in Befürchtungen, wie Sie sie aussprechen,
nicht recht zurechtfinden. Das, was man gute Sitte nennt, ist doch immer noch
eine Macht...«
    »Meinen Sie?«
    »... Und ich kann mir namentlich nicht denken, dass es gerade Ihnen, liebe
Freundin, beschieden gewesen sein sollte, solche Sorgen und Befürchtungen
durchzumachen. Sie haben, Verzeihung, dass ich diesen Punkt hier so offen
berühre, gerade das, was die Männer einen Charme nennen, Sie sind heiter,
fesselnd, anregend, und wenn es nicht indiskret ist, so möcht ich, angesichts
dieser Ihrer Vorzüge, wohl fragen dürfen, stützt sich das, was Sie da sagen, auf
allerlei Schmerzliches, das Sie persönlich erlebt haben?«
    »Schmerzliches?« sagte die Zwicker. »Ach, meine liebe, gnädigste Frau,
Schmerzliches, das ist ein zu grosses Wort, auch dann noch, wenn man vielleicht
wirklich manches erlebt hat. Schmerzlich ist einfach zuviel, viel zuviel. Und
dann hat man doch schliesslich auch seine Hülfsmittel und Gegenkräfte. Sie dürfen
dergleichen nicht zu tragisch nehmen.«
    »Ich kann mir keine rechte Vorstellung von dem machen, was Sie anzudeuten
belieben. Nicht, als ob ich nicht wüsste, was Sünde sei, das weiss ich auch; aber
es ist doch ein Unterschied, ob man so hineingerät in allerlei schlechte
Gedanken oder ob einem derlei Dinge zur halben oder auch wohl zur ganzen
Lebensgewohnheit werden. Und nun gar im eigenen Hause...«
    »Davon will ich nicht sprechen, das will ich nicht so direkt gesagt haben,
obwohl ich, offen gestanden, auch nach dieser Seite hin voller Misstrauen bin
oder, wie ich jetzt sagen muss, war; denn es liegt ja alles zurück. Aber da gibt
es Aussengebiete. Haben Sie von Landpartien gehört?«
    »Gewiss. Und ich wollte wohl, Innstetten hätte mehr Sinn dafür...«
    »Überlegen Sie sich das, liebe Freundin. Zwicker sass immer in Saatwinkel.
Ich kann Ihnen nur sagen, wenn ich das Wort höre, gibt es mir noch jetzt einen
Stich ins Herz. Überhaupt diese Vergnügungsörter in der Umgegend unseres lieben,
alten Berlin! Denn ich liebe Berlin trotz alledem. Aber schon die blossen Namen
der dabei in Frage kommenden Ortschaften umschliessen eine Welt von Angst und
Sorge. Sie lächeln. Und doch, sagen Sie selbst, liebe Freundin, was können Sie
von einer grossen Stadt und ihren Sittlichkeitszuständen erwarten, wenn Sie
beinah unmittelbar vor den Toren derselben (denn zwischen Charlottenburg und
Berlin ist kein rechter Unterschied mehr), auf kaum tausend Schritte
zusammengedrängt, einem Pichelsberg, einem Pichelsdorf und einem Pichelswerder
begegnen. Dreimal Pichel ist zuviel. Sie können die ganze Welt absuchen, das
finden Sie nicht wieder.«
    Effi nickte.
    »Und das alles«, fuhr die Zwicker fort, »geschieht am grünen Holze der
Havelseite. Das alles liegt nach Westen zu, da haben Sie Kultur und höhere
Gesittung. Aber nun gehen Sie, meine Gnädigste, nach der andern Seite hin, die
Spree hinauf. Ich spreche nicht von Treptow und Stralau, das sind Bagatellen,
Harmlosigkeiten, aber wenn Sie die Spezialkarte zur Hand nehmen wollen, da
begegnen Sie neben mindestens sonderbaren Namen wie Kiekebusch, wie Wuhlheide...
Sie hätten hören sollen, wie Zwicker das Wort aussprach... Namen von geradezu
brutalem Charakter, mit denen ich Ihr Ohr nicht verletzen will. Aber natürlich
sind das gerade die Plätze, die bevorzugt werden. Ich hasse diese Landpartien,
die sich das Volksgemüt als eine Kremserpartie mit Ich bin ein Preusse vorstellt,
in Wahrheit aber schlummern hier die Keime einer sozialen Revolution. Wenn ich
sage soziale Revolution, so meine ich natürlich moralische Revolution, alles
andere ist bereits wieder überholt; und schon Zwicker sagte mir noch in seinen
letzten Tagen Glaube mir, Sophie, Saturn frisst seine Kinder. Und Zwicker, welche
Mängel und Gebrechen er haben mochte, das bin ich ihm schuldig, er war ein
philosophischer Kopf und hatte ein natürliches Gefühl für historische
Entwickelung... Aber ich sehe, meine liebe Frau von Innstetten, so artig sie
sonst ist, hört nur noch mit halbem Ohr zu; natürlich, der Postbote hat sich
drüben blicken lassen, und da fliegt denn das Herz hinüber und nimmt die
Liebesworte vorweg aus dem Briefe heraus... Nun, Böselager, was bringen Sie?«
    Der Angeredete war mittlerweile bis an den Tisch herangetreten und packte
aus: mehrere Zeitungen, zwei Friseuranzeigen und zuletzt auch einen grossen
eingeschriebenen Brief an Frau Baronin von Innstetten, geb. von Briest.
    Die Empfängerin unterschrieb, und nun ging der Postbote wieder. Die Zwicker
aber überflog die Friseuranzeigen und lachte über die Preisermässigung von
Shampooing.
    Effi hörte nicht hin; sie drehte den ihrerseits empfangenen Brief zwischen
den Fingern und hatte eine ihr unerklärliche Scheu, ihn zu öffnen.
Eingeschrieben und mit zwei grossen Siegeln gesiegelt und ein dickes Couvert. Was
bedeutete das? Poststempel: »Hohen-Cremmen«, und die Adresse von der Handschrift
der Mutter. Von Innstetten, es war der fünfte Tag, keine Zeile.
    Sie nahm eine Stickschere mit Perlmuttergriff und schnitt die Längsseite des
Briefes langsam auf. Und nun harrte ihrer eine neue Überraschung. Der
Briefbogen, ja das waren eng geschriebene Zeilen von der Mama, darin eingelegt
aber waren Geldscheine mit einem breiten Papierstreifen drum herum, auf dem mit
Rotstift, und zwar von des Vaters Hand, der Betrag der eingelegten Summe
verzeichnet war Sie schob das Konvolut zurück und begann zu lesen, während sie
sich in den Schaukelstuhl zurücklehnte. Aber sie kam nicht weit, die Zeilen
entfielen ihr, und aus ihrem Gesicht war alles Blut fort. Dann bückte sie sich
und nahm den Brief wieder auf.
    »Was ist Ihnen, liebe Freundin? Schlechte Nachrichten?«
    Effi nickte, gab aber weiter keine Antwort und bat nur, ihr ein Glas Wasser
reichen zu wollen. Als sie getrunken, sagte sie: »Es wird vorübergehen, liebe
Geheimrätin, aber ich möchte mich doch einen Augenblick zurückziehen... Wenn Sie
mir Afra schicken könnten.«
    Und nun erhob sie sich und trat in den Salon zurück, wo sie sichtlich froh
war, einen Halt gewinnen und sich an dem Polysanderflügel entlangfühlen zu
können. So kam sie bis an ihr nach rechts hin gelegenes Zimmer, und als sie
hier, tappend und suchend, die Tür geöffnet und das Bett an der Wand gegenüber
erreicht hatte, brach sie ohnmächtig zusammen.
 
                           Einunddreissigstes Kapitel
Minuten vergingen. Als Effi sich wieder erholt hatte, setzte sie sich auf einen
am Fenster stehenden Stuhl und sah auf die stille Strasse hinaus. Wenn da doch
Lärm und Streit gewesen wäre; aber nur der Sonnenschein lag auf dem chaussierten
Wege und dazwischen die Schatten, die das Gitter und die Bäume warfen. Das
Gefühl des Alleinseins in der Welt überkam sie mit seiner ganzen Schwere. Vor
einer Stunde noch eine glückliche Frau, Liebling aller, die sie kannten, und nun
ausgestossen. Sie hatte nur erst den Anfang des Briefes gelesen, aber genug, um
ihre Lage klar vor Augen zu haben. Wohin? Sie hatte keine Antwort darauf, und
doch war sie voll tiefer Sehnsucht, aus dem herauszukommen, was sie hier umgab,
also fort von dieser Geheimrätin, der das alles bloss ein »interessanter Fall«
war und deren Teilnahme, wenn etwas davon existierte, sicher an das Mass ihrer
Neugier nicht heranreichte.
    »Wohin?«
    Auf dem Tische vor ihr lag der Brief; aber ihr fehlte der Mut,
weiterzulesen. Endlich sagte sie »Wovor bange ich mich noch? Was kann noch
gesagt werden, das ich mir nicht schon selber sagte? Der, um den all dies kam,
ist tot, eine Rückkehr in mein Haus gibt es nicht, in ein paar Wochen wird die
Scheidung ausgesprochen sein, und das Kind wird man dem Vater lassen. Natürlich.
Ich bin schuldig, und eine Schuldige kann ihr Kind nicht erziehen. Und wovon
auch? Mich selbst werde ich wohl durchbringen. Ich will sehen, was die Mama
darüber schreibt, wie sie sich mein Leben denkt.«
    Und unter diesen Worten nahm sie den Brief wieder, um auch den Schluss zu
lesen.
    »... Und nun Deine Zukunft, meine liebe Effi. Du wirst Dich auf Dich selbst
stellen müssen und darfst dabei, soweit äussere Mittel mitsprechen, unserer
Unterstützung sicher sein. Du wirst am besten in Berlin leben (in einer grossen
Stadt vertut sich dergleichen am besten) und wirst da zu den vielen gehören, die
sich um freie Luft und lichte Sonne gebracht haben. Du wirst einsam leben und,
wenn Du das nicht willst, wahrscheinlich aus Deiner Sphäre herabsteigen müssen.
Die Welt, in der Du gelebt hast, wird Dir verschlossen sein. Und was das
traurigste für uns und für Dich ist (auch für Dich, wie wir Dich zu kennen
vermeinen) - auch das elterliche Haus wird Dir verschlossen sein; wir können Dir
keinen stillen Platz in Hohen-Cremmen anbieten, keine Zuflucht in unserem Hause,
denn es hiesse das, dies Haus von aller Welt abschliessen, und das zu tun, sind
wir entschieden nicht geneigt. Nicht weil wir zu sehr an der Welt hingen und ein
Abschiednehmen von dem, was sich Gesellschaft nennt, uns als etwas unbedingt
Unerträgliches erschiene; nein, nicht deshalb, sondern einfach, weil wir Farbe
bekennen und vor aller Welt, ich kann Dir das Wort nicht ersparen, unsere
Verurteilung Deines Tuns, des Tuns unseres einzigen und von uns so sehr
geliebten Kindes, aussprechen wollen...«
    Effi konnte nicht weiterlesen; ihre Augen füllten sich mit Tränen, und
nachdem sie vergeblich dagegen angekämpft hatte, brach sie zuletzt in ein
heftiges Schluchzen und Weinen aus, darin sich ihr Herz erleichterte.
Nach einer halben Stunde klopfte es, und auf Effis »Herein« erschien die
Geheimrätin.
    »Darf ich eintreten?«
    »Gewiss, liebe Geheimrätin«, sagte Effi, die jetzt, leicht zugedeckt und die
Hände gefaltet, auf dem Sofa lag. »Ich bin erschöpft und habe mich hier
eingerichtet, so gut es ging. Darf ich Sie bitten, sich einen Stuhl zu nehmen.«
    Die Geheimrätin setzte sich so, dass der Tisch, mit einer Blumenschale
darauf, zwischen ihr und Effi war. Effi zeigte keine Spur von Verlegenheit und
änderte nichts in ihrer Haltung, nicht einmal die gefalteten Hände. Mit einem
Male war es ihr vollkommen gleichgültig, was die Frau dachte; nur fort wollte
sie.
    »Sie haben eine traurige Nachricht empfangen, liebe, gnädigste Frau...«
    »Mehr als traurig«, sagte Effi. »Jedenfalls traurig genug, um unserem
Beisammensein ein rasches Ende zu machen. Ich muss noch heute fort.«
    »Ich möchte nicht zudringlich erscheinen, aber ist es etwas mit Annie?«
    »Nein, nicht mit Annie. Die Nachrichten kamen überhaupt nicht aus Berlin, es
waren Zeilen meiner Mama. Sie hat Sorgen um mich, und es liegt mir daran, sie zu
zerstreuen oder, wenn ich das nicht kann, wenigstens an Ort und Stelle zu sein.«
    »Mir nur zu begreiflich, sosehr ich es beklage, diese letzten Emser Tage nun
ohne Sie verbringen zu sollen. Darf ich Ihnen meine Dienste zur Verfügung
stellen?«
    Ehe Effi darauf antworten konnte, trat Afra ein und meldete, dass man sich
eben zum Lunch versammle. Die Herrschaften seien alle sehr in Aufregung: der
Kaiser käme wahrscheinlich auf drei Wochen, und am Schluss seien grosse Manöver,
und die Bonner Husaren kämen auch.
    Die Zwicker überschlug sofort, ob es sich verlohnen würde, bis dahin zu
bleiben, kam zu einem entschiedenen »Ja« und ging dann, um Effis Ausbleiben beim
Lunch zu entschuldigen.
    Als gleich danach auch Afra gehen wollte, sagte Effi: »Und dann, Afra, wenn
Sie frei sind, kommen Sie wohl noch eine Viertelstunde zu mir, um mir beim
Packen behülflich zu sein. Ich will heute noch mit dem Sieben-Uhr-Zuge fort.«
    »Heute noch? Ach, gnädigste Frau, das ist doch aber schade. Nun fangen ja
die schönen Tage erst an.«
    Effi lächelte.
Die Zwicker, die noch allerlei zu hören hoffte, hatte sich nur mit Mühe
bestimmen lassen, der »Frau Baronin« beim Abschiede nicht das Geleit zu geben.
»Auf einem Bahnhofe«, so hatte Effi versichert, »sei man immer so zerstreut und
nur mit seinem Platz und seinem Gepäck beschäftigt; gerade Personen, die man
liebhabe, von denen nähme man gern vorher Abschied.« Die Zwicker bestätigte das,
trotzdem sie das Vorgeschützte darin sehr wohl herausfühlte; sie hatte hinter
allen Türen gestanden und wusste gleich, was echt und unecht war.
    Afra begleitete Effi zum Bahnhof und liess sich fest versprechen, dass die
Frau Baronin im nächsten Sommer wiederkommen wolle; wer mal in Ems gewesen, der
komme immer wieder. Ems sei das schönste, ausser Bonn.
    Die Zwicker hatte sich mittlerweile zum Briefschreiben niedergesetzt, nicht
an dem etwas wackligen Rokokosekretär im Salon, sondern draussen auf der Veranda,
an demselben Tisch, an dem sie kaum zehn Stunden zuvor mit Effi das Frühstück
genommen hatte.
    Sie freute sich auf den Brief, der einer befreundeten, zur Zeit in
Reichenhall weilenden Berliner Dame zugute kommen sollte. Beider Seelen hatten
sich längst gefunden und gipfelten in einer der ganzen Männerwelt geltenden
starken Skepsis; sie fanden die Männer durchweg weit zurückbleibend hinter dem,
was billigerweise gefördert werden könne, die sogenannten »forschen« am meisten.
»Die, die vor Verlegenheit nicht wissen, wo sie hinsehen sollen, sind, nach
einem kurzen Vorstudium, immer noch die besten, aber die eigentlichen Don Juans
erweisen sich jedesmal als eine Enttäuschung. Wo soll es am Ende auch
herkommen.« Das waren so Weisheitssätze, die zwischen den zwei Freundinnen
ausgetauscht wurden.
    Die Zwicker war schon auf dem zweiten Bogen und fuhr in ihrem mehr als
dankbaren Tema, das natürlich »Effi« hiess, eben wie folgt fort: »Alles in allem
war sie sehr zu leiden, artig, anscheinend offen, ohne jeden Adelsdünkel (oder
doch gross in der Kunst, ihn zu verbergen) und immer interessiert, wenn man ihr
etwas Interessantes erzählte, wovon ich, wie ich Dir nicht zu versichern
brauche, den ausgiebigsten Gebrauch machte. Nochmals also, reizende junge Frau,
fünfundzwanzig oder nicht viel mehr. Und doch hab ich dem Frieden nie getraut
und traue ihm auch in diesem Augenblicke noch nicht, ja, jetzt vielleicht am
wenigsten. Die Geschichte heute mit dem Briefe - da steckt eine wirkliche
Geschichte dahinter. Dessen bin ich so gut wie sicher. Es wäre das erste Mal,
dass ich mich in solcher Sache geirrt hätte. Dass sie mit Vorliebe von den
Berliner Modepredigern sprach und das Mass der Gottseligkeit jedes einzelnen
feststellte, das und der gelegentliche Gretchenblick, der jedesmal versicherte,
kein Wässerchen trüben zu können - alle diese Dinge haben mich in meinem
Glauben... Aber da kommt eben unsere Afra, von der ich Dir glaub ich, schon
schrieb, eine hübsche Person, und packt mir ein Zeitungsblatt auf den Tisch, das
ihr, wie sie sagt, unsere Frau Wirtin für mich gegeben habe; die blau
angestrichene Stelle. Nun verzeih, wenn ich diese Stelle erst lese...
    Nachschrift. Das Zeitungsblatt war interessant genug und kam wie gerufen.
Ich schneide die blau angestrichene Stelle heraus und lege sie diesen Zeilen
bei. Du siehst daraus, dass ich mich nicht geirrt habe. Wer mag nur der Crampas
sein? Es ist unglaublich - erst selber Zettel und Briefe schreiben und dann auch
noch die des anderen aufbewahren! Wozu gibt es Öfen und Kamine? Solange
wenigstens, wie dieser Duellunsinn noch existiert, darf dergleichen nicht
vorkommen; einem kommenden Geschlechte kann diese Briefschreibepassion (weil
dann gefahrlos geworden) vielleicht freigegeben werden. Aber so weit sind wir
noch lange nicht. Übrigens bin ich voll Mitleid mit der jungen Baronin und
finde, eitel wie man nun mal ist, meinen einzigen Trost darin, mich in der Sache
selbst nicht getäuscht zu haben. Und der Fall lag nicht so ganz gewöhnlich. Ein
schwächerer Diagnostiker hätte sich doch vielleicht hinters Licht führen lassen.
Wie immer
                                                                   Deine Sophie«
 
                           Zweiunddreissigstes Kapitel
Drei Jahre waren vergangen, und Effi bewohnte seit fast ebenso langer Zeit eine
kleine Wohnung in der Königgrätzer Strasse, zwischen Askanischem Platz und
Halleschem Tor: ein Vorder- und Hinterzimmer und hinter diesem die Küche mit
Mädchengelass, alles so durchschnittsmässig und alltäglich wie nur möglich. Und
doch war es eine apart hübsche Wohnung, die jedem, der sie sah, angenehm
auffiel, am meisten vielleicht dem alten Geheimrat Rummschüttel, der, dann und
wann vorsprechend, der armen jungen Frau nicht bloss die nun weit zurückliegende
Rheumatismus- und Neuralgiekomödie, sondern auch alles, was seitdem sonst noch
vorgekommen war, längst verziehen hatte, wenn es für ihn der Verzeihung
überhaupt bedurfte. Denn Rummschüttel kannte noch ganz anderes. Er war jetzt
ausgangs Siebzig, aber wenn Effi, die seit einiger Zeit ziemlich viel kränkelte,
ihn brieflich um seinen Besuch bat, so war er am anderen Vormittag auch da und
wollte von Entschuldigungen, dass es so hoch sei, nichts wissen. »Nur keine
Entschuldigungen, meine liebe, gnädigste Frau; denn erstens ist es mein Metier,
und zweitens bin ich glücklich und beinahe stolz, die drei Treppen so gut noch
steigen zu können. Wenn ich nicht fürchten müsste, Sie zu belästigen - - denn ich
komme doch schliesslich als Arzt und nicht als Naturfreund und
Landschaftsschwärmer -, so käme ich wohl noch öfter, bloss um Sie zu sehen und
mich hier etliche Minuten an Ihr Hinterfenster zu setzen. Ich glaube, Sie
würdigen den Ausblick nicht genug.«
    »O doch, doch«, sagte Effi; Rummschüttel aber liess sich nicht stören und
fuhr fort: »Bitte, meine gnädigste Frau, treten Sie hier heran, nur einen
Augenblick, oder erlauben Sie mir, dass ich Sie bis an das Fenster führe. Wieder
ganz herrlich heute. Sehen Sie doch nur die verschiedenen Bahndämme, drei, nein
vier, und wie es beständig darauf hin und her gleitet... und nun verschwindet
der Zug da wieder hinter einer Baumgruppe. Wirklich herrlich. Und wie die Sonne
den weissen Rauch durchleuchtet! Wäre der Mattäikirchhof nicht unmittelbar
dahinter, so wäre es ideal.«
    »Ich sehe gern Kirchhöfe.«
    »Ja, Sie dürfen das sagen. Aber unserein! Unsereinem kommt unabweislich
immer die Frage, könnten hier nicht vielleicht einige weniger liegen? Im
übrigen, meine gnädigste Frau, bin ich mit Ihnen zufrieden und beklage nur, dass
Sie von Ems nichts wissen wollen; Ems, bei Ihren katarrhalischen Affektionen,
würde Wunder...«
    Effi schwieg.
    »Ems würde Wunder tun. Aber da Sie's nicht mögen (und ich finde mich darin
zurecht), so trinken Sie den Brunnen hier. In drei Minuten sind Sie im
Prinz-Albrechtschen Garten, und wenn auch die Musik und die Toiletten und all
die Zerstreuungen einer regelrechten Brunnenpromenade fehlen, der Brunnen selbst
ist doch die Hauptsache.«
    Effi war einverstanden, und Rummschüttel nahm Hut und Stock. Aber er trat
noch einmal an das Fenster heran. »Ich höre von einer Terrassierung des
Kreuzbergs sprechen, Gott segne die Stadtverwaltung, und wenn dann erst die
kahle Stelle dahinten mehr in Grün stehen wird... Eine reizende Wohnung. Ich
könnte Sie fast beneiden... Und was ich schon längst einmal sagen wollte, meine
gnädige Frau, Sie schreiben mir immer einen so liebenswürdigen Brief. Nun, wer
freute sich dessen nicht? Aber es ist doch jedesmal eine Mühe... Schicken Sie
mir doch einfach Roswita.«
Effi dankte ihm, und so schieden sie.
    »Schicken Sie mir doch einfach Roswita...«, hatte Rummschüttel gesagt. Ja,
war denn Roswita bei Effi? war sie denn statt in der Keit- in der Königgrätzer
Strasse? Gewiss war sie's, und zwar sehr lange schon, gerade so lange, wie Effi
selbst in der Königgrätzer Strasse wohnte. Schon drei Tage vor diesem Einzug
hatte sich Roswita bei ihrer lieben gnädigen Frau sehen lassen, und das war ein
grosser Tag für beide gewesen, so sehr, dass dieses Tages hier noch nachträglich
gedacht werden muss.
    Effi, hatte damals, als der elterliche Absagebrief aus Hohen-Cremmen kam und
sie mit dem Abendzuge von Ems nach Berlin zurückreiste, nicht gleich eine
selbständige Wohnung genommen, sondern es mit einem Unterkommen in einem
Pensionate versucht. Es war ihr damit auch leidlich geglückt. Die beiden Damen,
die dem Pensionate vorstanden, waren gebildet und voll Rücksicht und hatten es
längst verlernt, neugierig zu sein. Es kam da so vieles zusammen, dass ein
Eindringenwollen in die Geheimnisse jedes einzelnen viel zu umständlich gewesen
wäre. Dergleichen hinderte nur den Geschäftsgang. Effi, die die mit den Augen
angestellten Kreuzverhöre der Zwicker noch in Erinnerung hatte, fühlte sich denn
auch von dieser Zurückhaltung der Pensionsdamen sehr angenehm berührt, als aber
vierzehn Tage vorüber waren, empfand sie doch deutlich, dass die hier herrschende
Gesamtatmosphäre, die physische wie die moralische, nicht wohl ertragbar für sie
sei. Bei Tisch waren sie zumeist zu sieben, und zwar ausser Effi und der einen
Pensionsvorsteherin (die andere leitete draussen das Wirtschaftliche) zwei die
Hochschule besuchende Engländerinnen, eine adelige Dame aus Sachsen, eine sehr
hübsche galizische Jüdin, von der niemand wusste, was sie eigentlich vorhatte,
und eine Kantorstochter aus Polzin in Pommern, die Malerin werden wollte. Das
war eine schlimme Zusammensetzung, und die gegenseitigen Überheblichkeiten, bei
denen die Engländerinnen merkwürdigerweise nicht absolut obenan standen, sondern
mit der vom höchsten Malergefühl erfüllten Polzinerin um die Palme rangen, waren
unerquicklich; dennoch wäre Effi, die sich passiv verhielt, über den Druck, den
diese geistige Atmosphäre übte, hinweggekommen, wenn nicht, rein physisch und
äusserlich, die sich hinzugesellende Pensionsluft gewesen wäre. Woraus sich diese
eigentlich zusammensetzte, war vielleicht überhaupt unerforschlich, aber dass sie
der sehr empfindlichen Effi den Atem raubte, war nur zu gewiss, und so sah sie
sich, aus diesem äusserlichen Grunde, sehr bald schon zur Aus- und Umschau nach
einer anderen Wohnung gezwungen, die sie denn auch in verhältnismässiger Nähe
fand. Es war dies die vorgeschilderte Wohnung in der Königgrätzer Strasse. Sie
sollte dieselbe zu Beginn des Herbstvierteljahrs beziehen, hatte das Nötige dazu
beschafft und zählte während der letzten Septembertage die Stunden bis zur
Erlösung aus dem Pensionat.
    An einem dieser letzten Tage - sie hatte sich eine Viertelstunde zuvor aus
dem Esszimmer zurückgezogen und gedachte sich eben auf einem mit einem
grossblumigen Wollstoff überzogenen Seegras-Sofa auszuruhen - wurde leise an ihre
Tür geklopft.
    »Herein.«
    Das eine Hausmädchen, eine kränklich aussehende Person von Mitte Dreissig,
die, durch beständigen Aufentalt auf dem Korridor des Pensionats, den hier
lagernden Dunstkreis überallhin in ihren Falten mitschleppte, trat ein und
sagte: »Die gnädige Frau möchte entschuldigen, aber es wolle sie jemand
sprechen.«
    »Wer?«
    »Eine Frau.«
    »Und hat sie ihren Namen genannt?«
    »Ja. Roswita.«
    Und siehe da, kaum dass Effi diesen Namen gehört hatte, so schüttelte sie den
Halbschlaf von sich ab und sprang auf und lief auf den Korridor hinaus, um
Roswita bei beiden Händen zu fassen und in ihr Zimmer zu ziehen.
    »Roswita. Du. Ist das eine Freude. Was bringst du? Natürlich was Gutes. Ein
so gutes altes Gesicht kann nur was Gutes bringen. Ach, wie glücklich ich bin,
ich könnte dir einen Kuss geben; ich hätte nicht gedacht, dass ich noch solche
Freude haben könnte. Mein gutes altes Herz, wie geht es dir denn? Weisst du noch,
wie's damals war, als der Chinese spukte? Das waren glückliche Zeiten. Ich habe
damals gedacht, es wären unglückliche, weil ich das Harte des Lebens noch nicht
kannte. Seitdem habe ich es kennengelernt. Ach, Spuk ist lange nicht das
schlimmste! Komm, meine gute Roswita, komm, setze dich hier zu mir und erzähle
mir... Ach, ich habe solche Sehnsucht. Was macht Annie?«
    Roswita konnte kaum reden und sah sich in dem sonderbaren Zimmer um, dessen
grau und verstaubt aussehende Wände in schmale Goldleisten gefasst waren. Endlich
aber fand sie sich und sagte, dass der gnädige Herr nun wieder aus Glatz zurück
sei; der alte Kaiser habe gesagt, »sechs Wochen in solchem Falle sei gerade
genug«, und auf den Tag, wo der gnädige Herr wieder dasein würde, darauf habe
sie bloss gewartet, wegen Annie, die doch eine Aufsicht haben müsse. Denn Johanna
sei wohl eine sehr propre Person, aber sie sei doch noch zu hübsch und
beschäftige sich noch zuviel mit sich selbst und denke vielleicht Gott weiss was
alles. Aber nun, wo der gnädige Herr wieder aufpassen und in allem nach dem
Rechten sehen könne, da habe sie sich's doch antun wollen und mal sehen, wie's
der gnädigen Frau gehe...
    »Das ist recht. Roswita...«
    »Und habe mal sehen wollen ob der gnädigen Frau was fehle und ob sie sie
vielleicht brauche, dann wolle sie gleich hierbleiben und beispringen und alles
machen und dafür sorgen, dass es der gnädigen Frau wieder gut ginge.«
    Effi hatte sich in die Sofaecke zurückgelehnt und die Augen geschlossen.
Aber mit eins richtete sie sich auf und sagte: »Ja, Roswita, was du da sagst,
das ist ein Gedanke; das ist was. Denn du musst wissen, ich bleibe hier nicht in
dieser Pension, ich habe da weiter hin eine Wohnung gemietet und auch
Einrichtung besorgt, und in drei Tagen will ich da einziehen. Und wenn ich da
mit dir ankäme und zu dir sagen könnte: Nein, Roswita, da nicht, der Schrank
muss dahin und der Spiegel da, ja, das wäre was, das sollte mir schon gefallen.
Und wenn wir dann müde von all der Plackerei wären, dann sagte ich: Nun,
Roswita, gehe da hinüber und hole uns eine Karaffe Spatenbräu, denn wenn man
gearbeitet hat, dann will man doch auch trinken, und wenn du kannst, so bring
uns auch etwas Gutes aus dem Habsburger Hof mit, du kannst ja das Geschirr
nachher wieder herüberbringen -, ja, Roswita, wenn ich mir das denke, da wird
mir ordentlich leichter ums Herz. Aber ich muss dich doch fragen, hast du dir
auch alles überlegt? Von Annie will ich nicht sprechen, an der du doch hängst,
sie ist ja fast wie dein eigen Kind - aber trotzdem, für Annie wird schon
gesorgt werden, und die Johanna hängt ja auch an ihr. Also davon nichts. Aber
bedenke, wie sich alles verändert hat, wenn du wieder zu mir willst. Ich bin
nicht mehr wie damals; ich habe jetzt eine ganz kleine Wohnung genommen, und der
Portier wird sich wohl nicht sehr um dich und um mich bemühen. Und wir werden
eine sehr kleine Wirtschaft haben, immer das, was wir sonst unser
Donnerstag-Essen nannten, weil da rein gemacht wurde. Weisst du noch? Und weisst
du noch, wie der gute Gieshübler mal dazukam und sich zu uns setzen musste und
wie er dann sagte: So was Delikates habe er noch nie gegessen. Du wirst dich
noch erinnern, er war immer so schrecklich artig, denn eigentlich war er doch
der einzige Mensch in der Stadt, der von Essen was verstand. Die andern fanden
alles schön.«
    Roswita freute sich über jedes Wort und sah schon alles in bestem Gange,
bis Effi wieder sagte: »Hast du dir das alles überlegt? Denn du bist doch - ich
muss das sagen, wiewohl es meine eigne Wirtschaft war -, du bist doch nun durch
viele Jahre hin verwöhnt, und es kam nie darauf an, wir hatten es nicht nötig,
sparsam zu sein; aber jetzt muss ich sparsam sein, denn ich bin arm und habe nur,
was man mir gibt, du weisst, von Hohen-Cremmen her. Meine Eltern sind sehr gut
gegen mich, soweit sie's können, aber sie sind nicht reich. Und nun sage, was
meinst du?«
    »Dass ich nächsten Sonnabend mit meinem Koffer anziehe, nicht am Abend,
sondern gleich am Morgen, und dass ich da bin, wenn das Einrichten losgeht. Denn
ich kann doch ganz anders zufassen wie die gnädige Frau.«
    »Sage das nicht, Roswita. Ich kann es auch. Wenn man muss, kann man alles.«
    »Und dann, gnädige Frau, Sie brauchen sich wegen meiner nicht zu fürchten,
als ob ich mal denken könnte: Für Roswita ist das nicht gut genug. Für Roswita
ist alles gut, was sie mit der gnädigen Frau teilen muss, und am liebsten, wenn
es was Trauriges ist. Ja, darauf freue ich mich schon ordentlich. Dann sollen
Sie mal sehen, das verstehe ich. Und wenn ich es nicht verstünde, dann wollte
ich es schon lernen. Denn, gnädige Frau, das hab ich nicht vergessen, als ich da
auf dem Kirchhof sass, mutterwindallein, und bei mir dachte, nun wäre es doch
wohl das beste, ich läge da gleich mit in der Reihe. Wer kam da? Wer hat mich da
bei Leben erhalten? Ach, ich habe soviel durchzumachen gehabt. Als mein Vater
damals mit der glühenden Stange auf mich loskam...«
    »Ich weiss schon, Roswita...«
    »Ja, das war schlimm genug. Aber als ich da auf dem Kirchhof sass, so ganz
arm und verlassen, das war doch noch schlimmer. Und da kam die gnädige Frau. Und
ich will nicht selig werden, wenn ich das vergesse.«
    Und dabei stand sie auf und ging aufs Fenster zu. »Sehen Sie, gnädige Frau,
den müssen Sie doch auch noch sehen.«
    Und nun trat auch Effi heran.
    Drüben, auf der anderen Seite der Strasse, sass Rollo und sah nach den
Fenstern der Pension hinauf.
Wenige Tage danach bezog Effi, von Roswita unterstützt, ihre Wohnung in der
Königgrätzer Strasse, darin es ihr von Anfang an gefiel. Umgang fehlte freilich,
aber sie hatte während ihrer Pensionstage von dem Verkehr mit Menschen so wenig
Erfreuliches gehabt, dass ihr das Alleinsein nicht schwerfiel, wenigstens
anfänglich nicht. Mit Roswita liess sich allerdings kein ästetisches Gespräch
führen, auch nicht mal sprechen über das, was in der Zeitung stand, aber wenn es
einfach menschliche Dinge betraf und Effi mit einem »Ach, Roswita, mich
ängstigt es wieder...« ihren Satz begann, dann wusste die treue Seele jedesmal
gut zu antworten und hatte immer Trost und meist auch Rat.
    Bis Weihnachten ging es vorzüglich; aber der Heiligabend verlief schon recht
traurig, und als das neue Jahr herankam, begann Effi ganz schwermütig zu werden.
Es war nicht kalt, nur grau und regnerisch, und wenn die Tage kurz waren, so
waren die Abende desto länger. Was tun? Sie las, sie stickte, sie legte
Patience, sie spielte Chopin, aber diese Nocturnes waren auch nicht angetan,
viel Licht in ihr Leben zu tragen, und wenn Roswita mit dem Teebrett kam und
ausser dem Teezeug auch noch zwei Tellerchen mit einem Ei und einem in kleine
Scheiben geschnittenen Wiener Schnitzel auf den Tisch setzte, sagte Effi,
während sie das Pianino schloss: »Rücke heran, Roswita. Leiste mir
Gesellschaft.«
    Roswita kam denn auch. »Ich weiss schon, die gnädige Frau haben wieder
zuviel gespielt; dann sehen Sie immer so aus und haben rote Flecke. Der
Geheimrat hat es doch verboten.«
    »Ach, Roswita, der Geheimrat hat leicht verbieten, und du hast es auch
leicht, all das nachzusprechen. Aber was soll ich denn machen? Ich kann doch
nicht den ganzen Tag am Fenster sitzen und nach der Christuskirche hinübersehen.
Sonntags, beim Abendgottesdienst, wenn die Fenster erleuchtet sind, sehe ich ja
immer hinüber; aber es hilft mir auch nichts, mir wird dann immer noch schwerer
ums Herz.«
    »Ja, gnädige Frau, dann sollten Sie mal hineingehen. Einmal waren Sie ja
schon drüben.«
    »O schon öfters. Aber ich habe nicht viel davon gehabt. Er predigt ganz gut
und ist ein sehr kluger Mann, und ich wäre froh, wenn ich das Hundertste davon
wüsste. Aber es ist doch alles bloss, wie wenn ich ein Buch lese; und wenn er dann
so laut spricht und herumficht und seine schwarzen Locken schüttelt, dann bin
ich aus meiner Andacht heraus.«
    »Heraus?«
    Effi lachte. »Du meinst, ich war noch gar nicht drin. Und es wird wohl so
sein. Aber an wem liegt das? Das liegt doch nicht an mir. Er spricht immer
soviel vom Alten Testament. Und wenn es auch ganz gut ist, es erbaut mich nicht.
Überhaupt all das Zuhören; es ist nicht das Rechte. Sieh, ich müsste so viel zu
tun haben, dass ich nicht ein noch aus wüsste. Das wäre was für mich. Da gibt es
so Vereine, wo junge Mädchen die Wirtschaft lernen, oder Nähschulen oder
Kindergärtnerinnen. Hast du nie davon gehört?«
    »Ja, ich habe mal davon gehört. Anniechen sollte mal in einen Kindergarten.«
    »Nun, siehst du, du weisst es besser als ich. Und in solchen Verein, wo man
sich nützlich machen kann, da möchte ich eintreten. Aber daran ist gar nicht zu
denken; die Damen nehmen mich nicht an und können es auch nicht. Und das ist das
schrecklichste, dass einem die Welt so zu ist und dass es sich einem sogar
verbietet, bei Gutem mit dabeizusein. Ich kann nicht mal armen Kindern eine
Nachhülfestunde geben...«
    »Das wäre auch nichts für Sie, gnädige Frau; die Kinder haben immer so
fettige Stiefel an, und wenn es nasses Wetter ist - das ist dann solch Dunst und
Schmok, das halten die gnädige Frau gar nicht aus.«
    Effi lächelte. »Du wirst wohl recht haben, Roswita; aber es ist schlimm,
dass du recht hast, und ich sehe daran, dass ich noch zuviel von dem alten
Menschen in mir habe und dass es mir noch zu gut geht.«
    Davon wollte aber Roswita nichts wissen. »Wer so gut ist wie gnädige Frau,
dem kann es gar nicht zu gut gehen. Und Sie müssen nur nicht immer so was
Trauriges spielen, und mitunter denke ich mir, es wird alles noch wieder gut,
und es wird sich schon was finden.«
    Und es fand sich auch was. Effi, trotz der Kantorstochter aus Polzin, deren
Künstlerdünkel ihr immer noch als etwas Schreckliches vorschwebte, wollte
Malerin werden, und wiewohl sie selber darüber lachte, weil sie sich bewusst war,
über eine unterste Stufe des Dilettantismus nie hinauskommen zu können, so griff
sie doch mit Passion danach, weil sie nun eine Beschäftigung hatte, noch dazu
eine, die, weil still und geräuschlos, ganz nach ihrem Herzen war. Sie meldete
sich denn auch bei einem ganz alten Malerprofessor, der in der märkischen
Aristokratie sehr bewandert und zugleich so fromm war, dass ihm Effi von Anfang
an ans Herz gewachsen erschien. Hier, so gingen wohl seine Gedanken, war eine
Seele zu retten, und so kam er ihr, als ob sie seine Tochter gewesen wäre, mit
einer ganz besonderen Liebenswürdigkeit entgegen. Effi war sehr glücklich
darüber, und der Tag ihrer ersten Malstunde bezeichnete für sie einen Wendepunkt
zum Guten. Ihr armes Leben war nun nicht so arm mehr, und Roswita triumphierte,
dass sie recht gehabt und sich nun doch etwas gefunden habe.
    Das ging so Jahr und Tag und darüber hinaus. Aber da sie nun wieder eine
Berührung mit den Menschen hatte, wie sie's beglückte, so liess es auch wieder
den Wunsch in ihr entstehen, dass diese Berührungen sich erneuern und mehren
möchten. Sehnsucht nach Hohen-Cremmen erfasste sie mitunter mit einer wahren
Leidenschaft, und noch leidenschaftlicher sehnte sie sich danach, Annie
wiederzusehen. Es war doch ihr Kind, und wenn sie dem nachhing und sich dabei
gleichzeitig der Trippelli erinnerte, die mal gesagt hatte: »die Welt sei so
klein, und in Mittelafrika könne man sicher sein, plötzlich einem alten
Bekannten zu begegnen«, so war sie mit Recht verwundert, Annie noch nie
getroffen zu haben. Aber auch das sollte sich eines Tages ändern. Sie kam aus
der Malstunde, dicht am Zoologischen Garten, und stieg, nahe dem Halteplatz, in
einen die lange Kurfürstenstrasse passierenden Pferdebahnwagen ein. Es war sehr
heiss, und die herabgelassenen Vorhänge, die bei dem starken Luftzuge, der ging,
hin und her bauschten, taten ihr wohl. Sie lehnte sich in die dem Vorderperron
zugekehrte Ecke und musterte eben mehrere in eine Glasscheibe eingebrannte
Sofas, blau, mit Quasten und Puscheln daran, als sie - der Wagen war gerade in
einem langsamen Fahren - drei Schulkinder aufspringen sah, die Mappen auf dem
Rücken, mit kleinen spitzen Hüten, zwei blond und ausgelassen, die dritte dunkel
und ernst. Es war Annie. Effi fuhr heftig zusammen, und eine Begegnung mit dem
Kinde zu haben, wonach sie sich doch so lange gesehnt, erfüllte sie jetzt mit
einer wahren Todesangst. Was tun? Rasch entschlossen öffnete sie die Tür zu dem
Vorderperron, auf dem niemand stand als der Kutscher, und bat diesen, sie bei
der nächsten Haltestelle vorn absteigen zu lassen. »Is verboten, Fräulein«,
sagte der Kutscher; sie gab ihm aber ein Geldstück und sah ihn so bittend an,
dass der gutmütige Mensch anderen Sinnes wurde und vor sich hin sagte: »Sind soll
es eigentlich nich; aber es wird ja wohl mal gehn.« Und als der Wagen hielt,
nahm er das Gitter aus, und Effi sprang ab.
    Noch in grosser Erregung kam Effi nach Hause.
    »Denke dir, Roswita, ich habe Annie gesehen.« Und nun erzählte sie von der
Begegnung in dem Pferdebahnwagen. Roswita war unzufrieden, dass Mutter und
Tochter keine Wiedersehensszene gefeiert hatten, und liess sich nur ungern
überzeugen, dass das, in Gegenwart so vieler Menschen, nicht wohl angegangen sei.
Dann musste Effi erzählen, wie Annie ausgesehen habe, und als sie das mit
mütterlichem Stolze getan, sagte Roswita »Ja, sie ist so halb und halb. Das
Hübsche und, wenn ich es sagen darf, das Sonderbare, das hat sie von der Mama;
aber das Ernste, das ist ganz der Papa. Und wenn ich mir so alles überlege, ist
sie doch wohl mehr wie der gnädige Herr.«
    »Gott sei Dank!« sagte Effi.
    »Na, gnäd'ge Frau, das ist nu doch auch noch die Frage. Und da wird ja wohl
mancher sein, der mehr für die Mama ist.«
    »Glaubst du, Roswita? Ich glaube es nicht.«
    »Na, na, ich lasse mir nichts vormachen, und ich glaube, die gnädige Frau
weiss auch ganz gut, wie's eigentlich ist und was die Männer am liebsten haben.«
    »Ach, sprich nicht davon, Roswita.«
    Damit brach das Gespräch ab und wurde auch nicht wieder aufgenommen. Aber
Effi, wenn sie's auch vermied, grade über Annie mit Roswita zu sprechen, konnte
die Begegnung in ihrem Herzen doch nicht verwinden und litt unter der
Vorstellung, vor ihrem eigenen Kinde geflohen zu sein. Es quälte sie bis zur
Beschämung, und das Verlangen nach einer Begegnung mit Annie steigerte sich bis
zum Krankhaften. An Innstetten schreiben und ihn darum bitten, das war nicht
möglich. Ihrer Schuld war sie sich wohl bewusst, ja, sie nährte das Gefühl davon
mit einer halb leidenschaftlichen Geflissentlichkeit; aber inmitten ihres
Schuldbewusstseins fühlte sie sich andererseits auch von einer gewissen
Auflehnung gegen Innstetten erfüllt. Sie sagte sich: er hatte recht und noch
einmal und noch einmal, und zuletzt hatte er doch unrecht. Alles Geschehene lag
so weit zurück, ein neues Leben hatte begonnen - er hätte es können verbluten
lassen, statt dessen verblutete der arme Crampas.
    Nein, an Innstetten schreiben, das ging nicht; aber Annie wollte sie sehen
und sprechen und an ihr Herz drücken, und nachdem sie's tagelang überlegt hatte,
stand ihr fest, wie's am besten zu machen sei.
    Gleich am andern Vormittage kleidete sie sich sorgfältig in ein dezentes
Schwarz und ging auf die Linden zu, sich hier bei der Ministerin melden zu
lassen. Sie schickte ihre Karte hinein, auf der nur stand: Effi von Innstetten,
geb. von Briest. Alles andere war fortgelassen, auch die Baronin. »Exzellenz
lassen bitten,« und Effi folgte dem Diener bis in ein Vorzimmer, wo sie sich
niederliess und trotz der Erregung, in der sie sich befand, den Bilderschmuck an
den Wänden musterte. Da war zunächst Guido Renis »Aurora«, gegenüber aber hingen
englische Kupferstiche, Stiche nach Benjamin West, in der bekannten
Aquatinta-Manier von viel Licht und Schatten. Eines der Bilder war König Lear im
Unwetter auf der Heide.
    Effi hatte ihre Musterung kaum beendet, als die Tür des angrenzenden Zimmers
sich öffnete und eine grosse, schlanke Dame von einem sofort für sie einnehmenden
Ausdruck auf die Bittstellerin zutrat und ihr die Hand reichte: »Meine liebe,
gnädigste Frau«, sagte sie, »welche Freude für mich, Sie wiederzusehen...«
    Und während sie das sagte, schritt sie auf das Sofa zu und zog Effi, während
sie selber Platz nahm, zu sich nieder.
    Effi war bewegt durch die sich in allem aussprechende Herzensgüte. Keine
Spur von Überheblichkeit oder Vorwurf, nur menschlich schöne Teilnahme. »Womit
kann ich Ihnen dienen?« nahm die Ministerin noch einmal das Wort.
    Um Effis Mund zuckte es. Endlich sagte sie: »Was mich herführt, ist eine
Bitte, deren Erfüllung Exzellenz vielleicht möglich machen. Ich habe eine
zehnjährige Tochter, die ich seit drei Jahren nicht gesehen habe und gern
wiedersehen möchte.«
    Die Ministerin nahm Effis Hand und sah sie freundlich an.
    »Wenn ich sage, in drei Jahren nicht gesehen, so ist das nicht ganz richtig.
Vor drei Tagen habe ich sie wiedergesehen.« Und nun schilderte Effi mit grosser
Lebendigkeit die Begegnung, die sie mit Annie gehabt hatte. »Vor meinem eigenen
Kinde auf der Flucht. Ich weiss wohl, man liegt, wie man sich bettet, und ich
will nichts ändern in meinem Leben. Wie es ist, so ist es recht; ich habe es
nicht anders gewollt. Aber das mit dem Kinde, das ist doch zu hart, und so habe
ich denn den Wunsch, es dann und wann sehen zu dürfen, nicht heimlich und
verstohlen, sondern mit Wissen und Zustimmung aller Beteiligten.«
    »Unter Wissen und Zustimmung aller Beteiligten wiederholte die Ministerin
Effis Worte. "Das heisst also unter Zustimmung Ihres Herrn Gemahls. Ich sehe, dass
seine Erziehung dahin geht, das Kind von der Mutter fernzuhalten, ein Verfahren,
über das ich mir kein Urteil erlaube. Vielleicht, dass er recht hat; verzeihen
Sie mir diese Bemerkung, gnädige Frau.«
    Effi nickte.
    »Sie finden sich selbst in der Haltung Ihres Herrn Gemahls, zurecht und
verlangen nur, dass einem natürlichen Gefühle, wohl dem schönsten unserer Gefühle
(wenigstens wir Frauen werden uns darin finden), sein Recht werde. Treff' ich es
darin?«
    »In allem.«
    »Und so soll ich denn die Erlaubnis zu gelegentlichen Begegnungen erwirken,
in Ihrem Hause, wo Sie versuchen können, sich das Herz Ihres Kindes
zurückzuerobern.«
    Effi drückte noch einmal ihre Zustimmung aus, während die Ministerin
fortfuhr: »Ich werde also tun, meine gnädigste Frau, was ich tun kann. Aber wir
werden es nicht eben leicht haben. Ihr Herr Gemahl, verzeihen Sie, dass ich ihn
nach wie vor so nenne, ist ein Mann, der nicht nach Stimmungen und Laune,
sondern nach Grundsätzen handelt, und diese fallenzulassen oder auch nur
momentan aufzugeben wird ihm hart ankommen. Läg es nicht so, so wäre seine
Handlungs- und Erziehungsweise längst eine andere gewesen. Das, was hart für Ihr
Herz ist, hält er für richtig.«
    »So meinen Exzellenz vielleicht, es wäre besser, meine Bitte
zurückzunehmen?«
    »Doch nicht. Ich wollte nur das Tun Ihres Herrn Gemahls erklären, um nicht
zu sagen rechtfertigen, und wollte zugleich die Schwierigkeiten andeuten, auf
die wir, aller Wahrscheinlichkeit nach, stossen werden. Aber ich denke, wir
zwingen es trotzdem. Denn wir Frauen, wenn wir's klug einleiten und den Bogen
nicht überspannen, wissen mancherlei durchzusetzen. Zudem gehört Ihr Herr Gemahl
zu meinen besonderen Verehrern, und er wird mir eine Bitte, die ich an ihn
richte, nicht wohl abschlagen. Wir haben morgen einen kleinen Zirkel, auf dem
ich ihn sehe, und übermorgen früh haben Sie ein paar Zeilen von mir, die Ihnen
sagen werden, ob ich's klug, das heisst glücklich, eingeleitet oder nicht. Ich
denke, wir siegen in der Sache, und Sie werden Ihr Kind wiedersehen und sich
seiner freuen. Es soll ein sehr schönes Mädchen sein. Nicht zu verwundern.«
 
                           Dreiunddreissigstes Kapitel
Am zweitfolgenden Tage trafen, wie versprochen, einige Zeilen ein, und Effi las:
»Es freut mich, liebe gnädige Frau, Ihnen gute Nachricht geben zu können. Alles
ging nach Wunsch; Ihr Herr Gemahl ist zu sehr Mann von Welt, um einer Dame eine
von ihr vorgetragene Bitte abschlagen zu können; zugleich aber - auch das darf
ich Ihnen nicht verschweigen -, ich sah deutlich, dass sein Ja nicht dem
entsprach, was er für klug und recht hält. Aber kritteln wir nicht, wo wir uns
freuen sollen. Ihre Annie, so haben wir es verabredet, wird über Mittag kommen,
und ein guter Stern stehe über Ihrem Wiedersehen.«
    Es war mit der zweiten Post, dass Effi diese Zeilen empfing, und bis zu
Annies Erscheinen waren mutmasslich keine zwei Stunden mehr. Eine kurze Zeit,
aber immer noch zu lang, und Effi schritt in Unruhe durch beide Zimmer und dann
wieder in die Küche, wo sie mit Roswita von allem möglichen sprach, von dem
Efeu drüben an der Christuskirche, nächstes Jahr würden die Fenster wohl ganz
zugewachsen sein, von dem Portier, der den Gashahn wieder so schlecht
zugeschraubt habe (sie würden doch noch nächstens in die Luft fliegen), und dass
sie das Petroleum doch lieber wieder aus der grossen Lampenhandlung Unter den
Linden als aus der Anhaltstrasse holen solle - von allem möglichen sprach sie,
nur von Annie nicht, weil sie die Furcht nicht aufkommen lassen wollte, die
trotz der Zeilen der Ministerin, oder vielleicht auch um dieser Zeilen willen in
ihr lebte.
    Nun war Mittag. Endlich wurde geklingelt, schüchtern, und Roswita ging, um
durch das Guckloch zu sehen. Richtig, es war Annie. Roswita gab dem Kinde einen
Kuss, sprach aber sonst kein Wort, und ganz leise, wie wenn ein Kranker im Hause
wäre, führte sie das Kind vom Korridor her erst in die Hinterstube und dann bis
an die nach vorn führende Tür.
    »Da geh hinein, Annie.« Und unter diesen Worten, sie wollte nicht stören,
liess sie das Kind allein und ging wieder auf die Küche zu.
    Effi stand am andern Ende des Zimmers, den Rücken gegen den Spiegelpfeiler,
als das Kind eintrat. »Annie!« Aber Annie blieb an der nur angelehnten Tür
stehen, halb verlegen, aber halb auch mit Vorbedacht, und so eilte denn Effi auf
das Kind zu, hob es in die Höhe und küsste es.
    »Annie, mein süsses Kind, wie freue ich mich. Komm, erzähle mir«, und dabei
nahm sie Annie bei der Hand und ging auf das Sofa zu, um sich da zu setzen.
Annie stand aufrecht und griff, während sie die Mutter immer noch scheu ansah,
mit der Linken nach dem Zipfel der herabhängenden Tischdecke. »Weisst du wohl,
Annie, dass ich dich einmal gesehen habe.«
    »Ja, mir war es auch so.«
    »Und nun erzähle mir recht viel. Wie gross du geworden bist! Und das ist die
Narbe da; Roswita hat mir davon erzählt. Du warst immer so wild und ausgelassen
beim Spielen. Das hast du von deiner Mama, die war auch so. Und in der Schule?
ich denke mir, du bist immer die Erste, du siehst mir so aus, als müsstest du
eine Musterschülerin sein und immer die besten Zensuren nach Hause bringen. Ich
habe auch gehört, dass dich das Fräulein von Wedelstädt so gelobt haben soll. Das
ist recht; Ich war auch so ehrgeizig, aber ich hatte nicht solche gute Schule.
Mytologie war immer mein Bestes. Worin bist du denn am besten?«
    »Ich weis es nicht.«
    »Oh, du wirst es schon wissen. Das weiss man. Worin hast du denn die beste
Zensur?«
    »In der Religion.«
    »Nun, siehst du, da weiss ich es doch. Ja, das ist sehr schön; ich war nicht
so gut darin, aber es wird wohl auch an dem Unterricht gelegen haben. Wir hatten
bloss einen Kandidaten.«
    »Wir hatten auch einen Kandidaten.«
    »Und der ist fort?«
    Annie nickte.
    »Warum ist er fort?«
    »Ich weiss es nicht. Wir haben nun wieder den Prediger.«
    
    »Den ihr alle sehr liebt.«
    »Ja; zwei aus der ersten Klasse wollen auch übertreten.«
    »Ah, ich verstehe; das ist schön. Und was macht Johanna?«
    »Johanna hat mich bis vor das Haus begleitet...«
    »Und warum hast du sie nicht mit heraufgebracht?«
    »Sie sagte, sie wolle lieber unten bleiben und an der Kirche drüben warten.«
    »Und da sollst du sie wohl abholen?«
    »Ja.«
    »Nun, sie wird da hoffentlich nicht ungeduldig werden. Es ist ein kleiner
Vorgarten da, und die Fenster sind schon halb von Efeu überwachsen, als ob es
eine alte Kirche wäre.«
    »Ich möchte sie aber doch nicht gerne warten lassen.«
    »Ach, ich sehe, du bist sehr rücksichtsvoll, und darüber werde ich mich wohl
freuen müssen. Man muss es nur richtig einteilen... Und nun sage mir noch, was
macht Rollo?«
    »Rollo ist sehr gut. Aber Papa sagt, er würde so faul; er liegt immer in der
Sonne.«
    »Das glaub ich. So war er schon, als du noch ganz klein warst... Und nun
sage mir, Annie - denn heute haben wir uns ja bloss so mal wiedergesehen -, wirst
du mich öfter besuchen?«
    »O gewiss, wenn ich darf.«
    »Wir können dann in dem Prinz-Albrechtschen Garten spazierengehen.«
    »O gewiss, wenn ich darf.«
    »Oder wir gehen zu Schilling und essen Eis, Ananas- oder Vanilleneis; das ass
ich immer am liebsten.«
    »O gewiss, wenn ich darf.«
    Und bei diesem dritten »wenn ich darf« war das Mass voll; Effi sprang auf,
und ein Blick, in dem es wie Empörung aufflammte, traf das Kind. »Ich glaube, es
ist die höchste Zeit, Annie; Johanna wird sonst ungeduldig.« Und sie zog die
Klingel. Roswita, die schon im Nebenzimmer war, trat gleich ein. »Roswita, gib
Annie das Geleit bis drüben zur Kirche. Johanna wartet da. Hoffentlich hat sie
sich nicht erkältet. Es sollte mir leid tun. Grüsse Johanna.«
    Und nun gingen beide.
    Kaum aber, dass Roswita draussen die Tür ins Schloss gezogen hatte, so riss
Effi, weil sie zu ersticken drohte, ihr Kleid auf und verfiel in ein
krampfhaftes Lachen. »So also sieht ein Wiedersehen aus«, und dabei stürzte sie
nach vorn, öffnete die Fensterflügel und suchte nach etwas, das ihr beistehe.
Und sie fand auch was in der Not ihres Herzens. Da neben dem Fenster war ein
Bücherbrett, ein paar Bände von Schiller und Körner darauf, und auf den
Gedichtbüchern, die alle gleiche Höhe hatten, lag eine Bibel und ein Gesangbuch.
Sie griff danach, weil sie was haben musste, vor dem sie knien und beten konnte,
und legte Bibel und Gesangbuch auf den Tischrand, gerade da, wo Annie gestanden
hatte, und mit einem heftigen Ruck warf sie sich davor nieder und sprach
halblaut vor sich hin: »O du Gott im Himmel, vergib mir, was ich getan; ich war
ein Kind... Aber nein, nein, ich war kein Kind, ich war alt genug, um zu wissen,
was ich tat. Ich hab es auch gewusst, und ich will meine Schuld nicht kleiner
machen... aber das ist zuviel. Denn das hier, mit dem Kind, das bist nicht du,
Gott, der mich strafen will, das ist er, bloss er! Ich habe geglaubt, dass er ein
edles Herz habe, und habe mich immer klein neben ihm gefühlt; aber jetzt weiss
ich, dass er es ist, er ist klein. Und weil er klein ist, ist er grausam. Alles,
was klein ist, ist grausam. Das hat er dem Kinde beigebracht, ein Schulmeister
war er immer, Crampas hat ihn so genannt, spöttisch damals, aber er hat recht
gehabt. O gewiss, wenn ich darf. Du brauchst nicht zu dürfen; ich will euch nicht
mehr, ich hass euch, auch mein eigen Kind. Was zuviel ist, ist zuviel. Ein
Streber war er, weiter nichts. - Ehre, Ehre, Ehre... und dann hat er den armen
Kerl totgeschossen, den ich nicht einmal liebte und den ich vergessen hatte,
weil ich ihn nicht liebte. Dummheit war alles, und nun Blut und Mord. Und ich
schuld. Und nun schickt er mir das Kind, weil er einer Ministerin nichts
abschlagen kann, und ehe er das Kind schickt, richtet er's ab wie einen Papagei
und bringt ihm die Phrase bei wenn ich darf. Mich ekelt, was ich getan; aber was
mich noch mehr ekelt, das ist eure Tugend. Weg mit euch. Ich muss leben, aber
ewig wird es ja wohl nicht dauern.«
    Als Roswita wiederkam, lag Effi am Boden, das Gesicht abgewandt, wie
leblos.
 
                           Vierunddreissigstes Kapitel
Rummschüttel, als er gerufen wurde, fand Effis Zustand nicht unbedenklich. Das
Hektische, das er seit Jahr und Tag an ihr beobachtete, trat ihm ausgesprochener
als früher entgegen, und, was schlimmer war, auch die ersten Zeichen eines
Nervenleidens waren da. Seine ruhig freundliche Weise aber, der er einen Beisatz
von Laune zu geben wusste, tat Effi wohl, und sie war ruhig, solange Rummschüttel
um sie war. Als er schliesslich ging, begleitete Roswita den alten Herrn bis in
den Vorflur und sagte: »Gott, Herr Geheimrat, mir ist so bange; wenn es nu mal
wiederkommt, und es kann doch; Gott - da hab ich ja keine ruhige Stunde mehr. Es
war aber doch auch zuviel, das mit dem Kind. Die arme gnädige Frau. Und noch so
jung, wo manche erst anfangen.«
    »Lassen Sie nur, Roswita. Kann noch alles wieder werden. Aber fort muss sie.
Wir wollen schon sehen. Andere Luft, andere Menschen.«
    Den zweiten Tag danach traf ein Brief in Hohen-Cremmen ein, der lautete:
»Gnädigste Frau! Meine alten freundschaftlichen Beziehungen zu den Häusern
Briest und Belling und nicht zum wenigsten die herzliche Liebe, die ich zu Ihrer
Frau Tochter hege, werden diese Zeilen rechtfertigen. Es geht so nicht weiter.
Ihre Frau Tochter, wenn nicht etwas geschieht, das sie der Einsamkeit und dem
Schmerzlichen ihres nun seit Jahren geführten Lebens entreisst, wird schnell
hinsiechen. Eine Disposition zu Phtisis war immer da, weshalb ich schon vor
Jahren Ems verordnete; zu diesem alten Übel hat sich nun ein neues gesellt: ihre
Nerven zehren sich auf. Dem Einhalt zu tun, ist ein Luftwechsel nötig. Aber
wohin? Es würde nicht schwer sein, in den schlesischen Bädern eine Auswahl zu
treffen, Salzbrunn gut und Reinerz, wegen der Nervenkomplikation, noch besser.
Aber es darf nur Hohen-Cremmen sein. Denn, meine gnädigste Frau, was Ihrer Frau
Tochter Genesung bringen kann, ist nicht Luft allein; sie siecht hin, weil sie
nichts hat als Roswita. Dienertreue ist schön, aber Elternliebe ist besser.
Verzeihen Sie einem alten Manne dies Sicheinmischen in Dinge, die jenseits
seines ärztlichen Berufes liegen. Und doch auch wieder nicht, denn es ist
schliesslich auch der Arzt, der hier spricht und seiner Pflicht nach, verzeihen
Sie dies Wort, Forderungen stellt... Ich habe soviel vom Leben gesehen... aber
nichts mehr in diesem Sinne. Mit der Bitte, mich Ihrem Herrn Gemahl empfehlen zu
wollen, in vorzüglicher Ergebenheit
                                                              Dr. Rummschüttel.«
Frau von Briest hatte den Brief ihrem Manne vorgelesen; beide sassen auf dem
schattigen Steinfliesengange, den Gartensaal im Rücken, das Rondell mit der
Sonnenuhr vor sich. Der um die Fenster sich rankende wilde Wein bewegte sich
leis in dem Luftzuge, der ging, und über dem Wasser standen ein paar Libellen im
hellen Sonnenschein.
    Briest schwieg und trommelte mit dem Finger auf dem Teebrett.
    »Bitte, trommle nicht; sprich lieber.«
    »Ach, Luise, was soll ich sagen. Dass ich trommle, sagt gerade genug. Du
weisst seit Jahr und Tag, wie ich darüber denke. Damals, als Innstettens Brief
kam, ein Blitz aus heiterem Himmel, damals war ich deiner Meinung. Aber das ist
nun schon wieder eine halbe Ewigkeit her; soll ich hier bis an mein Lebensende
den Grossinquisitor spielen? Ich kann dir sagen, ich hab es seit lange satt...«
    »Mache mir keine Vorwürfe, Briest; ich liebe sie so wie du, vielleicht noch
mehr; jeder hat seine Art. Aber man lebt doch nicht bloss in der Welt, um schwach
und zärtlich zu sein und alles mit Nachsicht zu behandeln, was gegen Gesetz und
Gebot ist und was die Menschen verurteilen und, vorläufig wenigstens, auch noch
- mit Recht verurteilen.«
    »Ach was. Eins geht vor.«
    »Natürlich, eins geht vor; aber was ist das eine?«
    »Liebe der Eltern zu ihren Kindern. Und wenn man gar bloss eines hat...«
    »Dann ist es vorbei mit Katechismus und Moral und mit dem Anspruch der
Gesellschaft.«
    »Ach, Luise, komme mir mit Katechismus, soviel du willst; aber komme mir
nicht mit Gesellschaft.«
    »Es ist sehr schwer, sich ohne Gesellschaft zu behelfen.«
    »Ohne Kind auch. Und dann glaube mir, Luise, die Gesellschaft, wenn sie nur
will, kann auch ein Auge zudrücken. Und ich stehe so zu der Sache: kommen die
Ratenower, so ist es gut, und kommen sie nicht, so ist es auch gut. Ich werde
ganz einfach telegraphieren: Effi, komm. Bist du einverstanden?«
    Sie stand auf und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. »Natürlich bin ich's. Du
solltest mir nur keinen Vorwurf machen. Ein leichter Schritt ist es nicht. Und
unser Leben wird von Stund an ein anderes.«
    »Ich kann's aushalten. Der Raps steht gut, und im Herbst kann ich einen
Hasen hetzen. Und der Rotwein schmeckt mir noch. Und wenn ich das Kind erst
wieder im Hause habe, dann schmeckt er mir noch besser... Und nun will ich das
Telegramm schicken.«
    Effi war nun schon über ein halbes Jahr in Hohen-Cremmen; sie bewohnte die
beiden Zimmer im ersten Stock, die sie schon früher, wenn sie zu Besuch da war,
bewohnt hatte; das grössere war für sie persönlich hergerichtet, nebenan schlief
Roswita. Was Rummschüttel von diesem Aufentalt und all dem andern Guten
erwartet hatte, das hatte sich auch erfüllt, soweit sich's erfüllen konnte. Das
Hüsteln liess nach, der herbe Zug, der das so gütige Gesicht um ein gut Teil
seines Liebreizes gebracht hatte, schwand wieder hin, und es kamen Tage, wo sie
wieder lachen konnte. Von Kessin und allem, was da zurücklag, wurde wenig
gesprochen, mit alleiniger Ausnahme von Frau von Padden und natürlich von
Gieshübler, für den der alte Briest eine lebhafte Vorliebe hatte. »Dieser
Alonzo, dieser Preciosa-Spanier, der einen Mirambo beherbergt und eine Trippelli
grosszieht - ja, das muss ein Genie sein, das lass ich mir nicht ausreden.« Und
dann musste sich Effi bequemen, ihm den ganzen Gieshübler, mit dem Hut in der
Hand und seinen endlosen Artigkeitsverbeugungen, vorzuspielen, was sie, bei dem
ihr eigenen Nachahmungstalent, sehr gut konnte, trotzdem aber ungern tat, weil
sie's allemal als ein Unrecht gegen den guten und lieben Menschen empfand. - Von
Innstetten und Annie war nie die Rede, wiewohl feststand, dass Annie Erbtochter
sei und Hohen-Cremmen ihr zufallen würde.
    Ja, Effi lebte wieder auf, und die Mama, die, nach Frauenart, nicht ganz
abgeneigt war, die ganze Sache, so schmerzlich sie blieb, als einen
interessanten Fall anzusehen, wetteiferte mit ihrem Manne in Liebes-und
Aufmerksamkeitsbezeugungen.
    »Solchen guten Winter haben wir lange nicht gehabt«, sagte Briest. Und dann
erhob sich Effi von ihrem Platz und streichelte ihm das spärliche Haar aus der
Stirn. Aber so schön das alles war, auf Effis Gesundheit hin angesehen, war es
doch alles nur Schein, in Wahrheit ging die Krankheit weiter und zehrte still
das Leben auf. Wenn Effi - die wieder wie damals an ihrem Verlobungstage mit
Innstetten, ein blau und weiss gestreiftes Kittelkleid mit einem losen Gürtel
trug - rasch und elastisch auf die Eltern zutrat, um ihnen einen guten Morgen zu
bieten, so sahen sich diese freudig verwundert an, freudig verwundert, aber doch
auch wehmütig, weil ihnen nicht entgehen konnte, dass es nicht die helle Jugend,
sondern eine Verklärteit war, was der schlanken Erscheinung und den leuchtenden
Augen diesen eigentümlichen Ausdruck gab. Alle, die schärfer zusahn, sahen
dies, nur Effi selbst sah es nicht und lebte ganz dem Glücksgefühle, wieder an
dieser für sie so freundlich friedreichen Stelle zu sein, in Versöhnung mit
denen, die sie immer geliebt hatte und von denen sie immer geliebt worden war,
auch in den Jahren ihres Elends und ihrer Verbannung.
    Sie beschäftigte sich mit allerlei Wirtschaflichem und sorgte für
Ausschmückung und kleine Verbesserungen im Haushalt. Ihr Sinn für das Schöne
liess sie darin immer das Richtige treffen. Lesen aber und vor allem die
Beschäftigung mit den Künsten hatte sie ganz aufgegeben. »Ich habe davon so viel
gehabt, dass ich froh bin, die Hände in den Schoss legen zu können.« Es erinnerte
sie auch wohl zu sehr an ihre traurigen Tage. Sie bildete statt dessen die Kunst
aus, still und entzückt auf die Natur zu blicken, und wenn das Laub von den
Platanen fiel, wenn die Sonnenstrahlen auf dem Eis des kleinen Teiches blitzten
oder die ersten Krokus aus dem noch halb winterlichen Rondell aufblühten - das
tat ihr wohl, und auf all das konnte sie stundenlang blicken und dabei
vergessen, was ihr das Leben versagt oder, richtiger wohl, um was sie sich
selbst gebracht hatte.
    Besuch blieb nicht ganz aus, nicht alle stellten sich gegen sie; ihren
Hauptverkehr aber hatte sie doch in Schulhaus und Pfarre.
    Dass im Schulhaus die Töchter ausgeflogen waren, schadete nicht viel, es
würde nicht mehr so recht gegangen sein; aber zu Jahnke selbst - der nicht bloss
ganz Schwedisch-Pommern, sondern auch die Kessiner Gegend als Skandinavisches
Vorland ansah und beständig darauf bezügliche Fragen stellte -, zu diesem alten
Freunde stand sie besser denn je. »Ja, Jahnke, wir hatten ein Dampfschiff, und
wie ich Ihnen, glaub ich, schon einmal schrieb oder vielleicht auch schon mal
erzählt habe, beinahe wär ich wirklich rüber nach Wisby gekommen. Denken Sie
sich, beinahe nach Wisby. Es ist komisch, aber ich kann eigentlich von vielem in
meinem Leben sagen beinah.«
    »Schade, schade«, sagte Jahnke.
    »Ja, freilich schade. Aber auf Rügen bin ich wirklich umhergefahren. Und das
wäre so was für Sie gewesen, Jahnke. Denken Sie sich, Arkona mit einem grossen
Wenden-Lagerplatz, der noch sichtbar sein soll; denn ich bin nicht hingekommen;
aber nicht allzu weit davon ist der Hertasee mit weissen und gelben Mummeln. Ich
habe da viel an Ihre Herta denken müssen...«
    »Nun, ja, ja, Herta... Aber Sie wollten von dem Hertasee sprechen...«
    »Ja, das wollt ich... Und denken Sie sich, Jahnke, dicht an dem See standen
zwei grosse Opfersteine, blank und noch die Rinnen drin, in denen vordem das Blut
ablief. Ich habe von der Zeit an einen Widerwillen gegen die Wenden.«
    »Ach, gnäd'ge Frau verzeihen. Aber das waren ja keine Wenden. Das mit den
Opfersteinen und mit dem Hertasee, das war ja schon wieder viel, viel früher,
ganz vor Christum natum; reine Germanen, von denen wir alle abstammen...«
    »Versteht sich«, lachte Effi, »von denen wir alle abstammen, die Jahnkes
gewiss und vielleicht auch die Briests.«
    Und dann liess sie Rügen und den Hertasee fallen und fragte nach seinen
Enkeln, und welche ihm lieber wären, die von Berta oder die von Herta.
    Ja, Effi stand gut zu Jahnke. Aber trotz seiner intimen Stellung zu
Hertasee, Skandinavien und Wisby war er doch nur ein einfacher Mann, und so
konnte es nicht wohl ausbleiben, dass der vereinsamten jungen Frau die
Plaudereien mit Niemeier um vieles lieber waren. Im Herbst, solange sich im
Parke promenieren liess, hatte sie denn auch die Hülle und Fülle davon; mit dem
Eintreten des Winters aber kam eine mehrmonatliche Unterbrechung, weil sie das
Predigerhaus selbst nicht gern betrat; Frau Pastor Niemeier war immer eine sehr
unangenehme Frau gewesen und schlug jetzt vollends hohe Töne an, trotzdem sie,
nach Ansicht der Gemeinde, selber nicht ganz einwandsfrei war.
    Das ging so den ganzen Winter durch, sehr zu Effis Leidwesen. Als dann aber,
Anfang April, die Sträucher einen grünen Rand zeigten und die Parkwege rasch
abtrockneten, da wurden auch die Spaziergänge wieder aufgenommen.
    Einmal gingen sie auch wieder so. Von fern her hörte man den Kuckuck, und
Effi zählte, wie viele Male er rief. Sie hatte sich an Niemeiers Arm gehängt und
sagte: »Ja, da ruft der Kuckuck. Ich mag ihn nicht befragen. Sagen Sie, Freund,
was halten Sie vom Leben?«
    »Ach, liebe Effi, mit solchen Doktorfragen darfst du mir nicht kommen. Da
musst du dich an einen Philosophen wenden oder ein Ausschreiben an eine Fakultät
machen. Was ich vom Leben halte? Viel und wenig. Mitunter ist es recht viel und
mitunter ist es recht wenig.«
    »Das ist recht, Freund, das gefällt mir; mehr brauch ich nicht zu wissen.«
Und als sie das so sagte, waren sie bis an die Schaukel gekommen. Sie sprang
hinauf, mit einer Behendigkeit wie in ihren jüngsten Mädchentagen, und ehe sich
noch der Alte, der ihr zusah, von seinem halben Schreck erholen konnte, huckte
sie schon zwischen den zwei Stricken nieder und setzte das Schaukelbrett durch
ein geschicktes Auf- und Niederschnellen ihres Körpers in Bewegung. Ein paar
Sekunden noch, und sie flog durch die Luft, und bloss mit einer Hand sich
haltend, riss sie mit der andern ein kleines Seidentuch von Brust und Hals und
schwenkte es wie in Glück und Übermut. Dann liess sie die Schaukel wieder langsam
gehen und sprang herab und nahm wieder Niemeiers Arm.
    »Effi, du bist doch noch immer, wie du früher warst.«
    »Nein. Ich wollte, es wäre so. Aber es liegt ganz zurück, und ich hab es nur
noch einmal versuchen wollen. Ach, wie schön es war, und wie mir die Luft
wohltat; mir war, als flög ich in den Himmel. Ob ich wohl hineinkomme? Sagen Sie
mir's, Freund, Sie müssen es wissen. Bitte, bitte...«
    Niemeier nahm ihren Kopf in seine zwei alten Hände und gab ihr einen Kuss auf
die Stirn und sagte: »Ja, Effi, du wirst.«
 
                           Fünfunddreissigstes Kapitel
Effi war den ganzen Tag draussen im Park, weil sie das Luftbedürfnis hatte; der
alte Friesacker Dr. Wiesike war auch einverstanden damit, gab ihr aber in diesem
Stücke doch zuviel Freiheit, zu tun, was sie wolle, so dass sie sich während der
kalten Tage im Mai heftig erkältete: sie wurde fiebrig, hustete viel, und der
Doktor, der sonst jeden dritten Tag herüberkam, kam jetzt täglich und war in
Verlegenheit, wie er der Sache beikommen solle, denn die Schlaf- und
Hustenmittel, nach denen Effi verlangte, konnten ihr des Fiebers halber nicht
gegeben werde.
    »Doktor«, sagte der alte Briest, »was wird aus der Geschichte? Sie kennen
sie ja von klein auf, haben sie geholt. Mir gefällt das alles nicht; sie nimmt
sichtlich ab, und die roten Flecke und der Glanz in den Augen, wenn sie mich mit
einem Male so fragend ansieht. Was meinen Sie? Was wird? Muss sie sterben?«
    Wiesike wiegte den Kopf langsam hin und her. »Das will ich nicht sagen, Herr
von Briest. Dass sie so fiebert, gefällt mir nicht. Aber wir werden es schon
wieder runterkriegen, dann muss sie nach der Schweiz oder nach Mentone. Reine
Luft und freundliche Eindrücke, die das Alte vergessen machen .«
    »Lete, Lete.«
    »Ja, Lete«, lächelte Wiesike. »Schade, dass uns die alten Schweden, die
Griechen, bloss das Wort hinterlassen haben und nicht zugleich auch die Quelle
selbst...«
    »Oder wenigstens das Rezept dazu; Wässer werden ja jetzt nachgemacht. Alle
Wetter, Wiesike, das wär ein Geschäft, wenn wir hier so ein Sanatorium anlegen
könnten: Friesack als Vergessenheitsquelle. Nun, vorläufig wollen wir's mit der
Riviera versuchen. Mentone ist ja wohl Riviera? Die Kornpreise sind zwar in
diesem Augenblicke wieder schlecht, aber was sein muss, muss sein. Ich werde mit
meiner Frau darüber sprechen.«
    Das tat er denn auch und fand sofort seiner Frau Zustimmung, deren in
letzter Zeit - wohl unter dem Eindruck zurückgezogenen Lebens - stark erwachte
Lust, auch mal den Süden zu sehen, seinem Vorschlage zu Hülfe kam. Aber Effi
selbst wollte nichts davon wissen. »Wie gut ihr gegen mich seid. Und ich bin
egoistisch genug, ich würde das Opfer auch annehmen, wenn ich mir etwas davon
verspräche. Mir steht es aber fest, dass es mir bloss schaden würde.«
    »Das redest du dir ein, Effi.«
    »Nein. Ich bin so reizbar geworden; alles ärgert mich. Nicht hier bei euch.
Ihr verwöhnt mich und räumt mir alles aus dem Wege. Aber auf einer Reise, da
geht das nicht, da lässt sich das Unangenehme nicht so beiseite tun; mit dem
Schaffner fängt es an, und mit dem Kellner hört es auf. Wenn ich mir die
süffisanten Gesichter bloss vorstelle, so wird mir schon ganz heiss. Nein, nein,
lasst mich hier. Ich mag nicht mehr weg von Hohen-Cremmen, hier ist meine Stelle.
Der Heliotrop unten auf dem Rondell, um die Sonnenuhr herum, ist mir lieber als
Mentone.«
    Nach diesem Gespräch liess man den Plan wieder fallen, und Wiesike, soviel er
sich von Italien versprochen hatte, sagte: »Das müssen wir respektieren, denn
das sind keine Launen; solche Kranken haben ein sehr feines Gefühl und wissen,
mit merkwürdiger Sicherheit, was ihnen hilft und was nicht. Und was Frau Effi da
gesagt hat von Schaffner und Kellner, das ist doch auch eigentlich ganz richtig,
und es gibt keine Luft, die soviel Heilkraft hätte, den Hotelärger (wenn man
sich überhaupt darüber ärgert) zu balancieren. Also lassen wir sie hier; wenn es
nicht das Beste ist, so ist es gewiss nicht das Schlechteste.«
    Das bestätigte sich denn auch. Effi erholte sich, nahm um ein geringes
wieder zu (der alte Briest gehörte zu den Wiegefanatikern) und verlor ein gut
Teil ihrer Reizbarkeit. dabei war aber ihr Luftbedürfnis in einem beständigen
Wachsen, und zumal wenn Westwind ging und graues Gewölk am Himmel zog,
verbrachte sie viele Stunden im Freien. An solchen Tagen ging sie wohl auch auf
die Felder hinaus und ins Luch, oft eine halbe Meile weit, und setzte sich, wenn
sie müde geworden, auf einen Hürdenzaun und sah, in Träume verloren, auf die
Ranunkeln und roten Ampferstauden die sich im Winde bewegten.
    »Du gehst immer so allein«, sagte Frau von Briest. »Unter unseren Leuten
bist du sicher; aber es schleicht auch soviel fremdes Gesindel umher.«
    Das machte doch einen Eindruck auf Effi, die an Gefahr nie gedacht hatte,
und als sie mit Roswita allein war, sagte sie: »Dich kann ich nicht gut
mitnehmen, Roswita; du bist zu dick und nicht mehr fest auf den Füssen.«
    »Nu, gnäd'ge Frau, so schlimm ist es doch noch nicht. Ich könnte ja doch
noch heiraten.«
    »Natürlich«, lachte Effi. »Das kann man immer noch. Aber weisst du, Roswita,
wenn ich einen Hund hätte, der mich begleitete. Papas Jagdhund hat gar kein
Attachement für mich, Jagdhunde sind so dumm, und er rührt sich immer erst, wenn
der Jäger oder der Gärtner die Flinte vom Riegel nimmt. Ich muss jetzt oft an
Rollo denken.«
    »Ja«, sagte Roswita, »so was wie Rollo haben sie hier gar nicht. Aber damit
will ich nichts gegen hier gesagt haben. Hohen-Cremmen ist sehr gut.«
Es war drei, vier Tage nach diesem Gespräche zwischen Effi und Roswita, dass
Innstetten um eine Stunde früher in sein Arbeitszimmer trat als gewöhnlich. Die
Morgensonne, die sehr hell schien, hatte ihn geweckt, und weil er fühlen mochte,
dass er nicht wieder einschlafen würde, war er aufgestanden, um sich an eine
Arbeit zu machen, die schon seit geraumer Zeit der Erledigung harrte.
    Nun war es eine Viertelstunde nach acht, und er klingelte. Johanna brachte
das Frühstückstablett, auf dem, neben der »Kreuzzeitung« und der »Norddeutschen
Allgemeinen«, auch noch zwei Briefe lagen. Er überflog die Adressen und erkannte
an der Handschrift, dass der eine vom Minister war. Aber der andere? Der
Poststempel war nicht deutlich zu lesen, und das »Sr. Wohlgeboren Herrn Baron
von Innstetten« bezeugte eine glückliche Unvertrauteit mit den landesüblichen
Titulaturen. Dem entsprachen auch die Schriftzüge von sehr primitivem Charakter.
Aber die Wohnungsangabe war wieder merkwürdig genau: W., Keitstrasse 1 c, zwei
Treppen hoch.
    Innstetten war Beamter genug, um den Brief von »Exzellenz« zuerst zu
erbrechen. »Mein lieber Innstetten! Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können,
dass Seine Majestät Ihre Ernennung zu unterzeichnen geruht haben, und gratuliere
Ihnen aufrichtig dazu.« Innstetten war erfreut über die liebenswürdigen Zeilen
des Ministers, fast mehr als über die Ernennung selbst. Denn was das
Höherhinaufklimmen auf der Leiter anging, so war er seit dem Morgen in Kessin,
wo Crampas mit einem Blick, den er immer vor Augen hatte, Abschied von ihm
genommen, etwas kritisch gegen derlei Dinge geworden. Er mass seitdem mit anderem
Masse, sah alles anders an. Auszeichnung, was war es am Ende? Mehr als einmal
hatte er, während der ihm immer freudloser dahinfliessenden Tage, einer
halbvergessenen Ministerialanekdote, aus den Zeiten des älteren Ladenberg her,
gedenken müssen, der, als er nach langem Warten den Roten Adlerorden empfing,
ihn wütend und mit dem Ausrufe beiseite warf: »Da liege, bis du schwarz wirst.«
Wahrscheinlich war er dann hinterher auch »schwarz« geworden, aber um viele Tage
zu spät und sicherlich ohne rechte Befriedigung für den Empfänger. Alles, was
uns Freude machen soll, ist an Zeit und Umstände gebunden, und was uns heute
noch beglückt, ist morgen wertlos. Innstetten empfand das tief, und so gewiss ihm
an Ehren und Gunstbezeugungen von oberster Stelle her lag, wenigstens gelegen
hatte, so gewiss stand ihm jetzt fest, es käme bei dem glänzenden Schein der
Dinge nicht viel heraus, und das, was man »das Glück« nenne, wenn's überhaupt
existiere, sei was anderes als dieser Schein. »Das Glück, wenn mir recht ist,
liegt in zweierlei: darin, dass man ganz da steht, wo man hingehört (aber welcher
Beamte kann das von sich sagen), und zum zweiten und besten in einem behaglichen
Abwickeln des ganz Alltäglichen, also darin, dass man ausgeschlafen hat und dass
einen die neuen Stiefel nicht drücken. Wenn einem die 720 Minuten eines
zwölfstündigen Tages ohne besonderen Ärger vergehen, so lässt sich von einem
glücklichen Tage sprechen.« In einer Stimmung, die derlei schmerzlichen
Betrachtungen nachhing, war Innstetten auch heute wieder. Er nahm nun den
zweiten Brief. Als er ihn gelesen, fuhr er über seine Stirn und empfand
schmerzlich, dass es ein Glück gebe, dass er es gehabt, aber dass er es nicht mehr
habe und nicht mehr haben könne.
    Johanna trat ein und meldete: »Geheimrat Wüllersdorf.«
    Dieser stand schon auf der Türschwelle. »Gratuliere, Innstetten.«
    »Ihnen glaub ich's; die anderen werden sich ärgern. Im übrigen...«
    »Im übrigen. Sie werden doch in diesem Augenblicke nicht kritteln wollen.«
    »Nein. Die Gnade Seiner Majestät beschämt mich und die wohlwollende
Gesinnung des Ministers, dem ich das alles verdanke, fast noch mehr.«
    »Aber...«
    »Aber ich habe mich zu freuen verlernt. Wenn ich es einem anderen als Ihnen
sagte, so würde solche Rede für redensartlich gelten. Sie aber, Sie finden sich
darin zurecht. Sehen Sie sich hier um; wie leer und öde ist das alles. Wenn die
Johanna eintritt, ein sogenanntes Juwel, so wird mir angst und bange. Dieses
Sich-in-Szene-Setzen« (und Innstetten ahmte Johannas Haltung nach), »diese halb
komische Büstenplastik, die wie mit einem Spezialanspruch auftritt, ich weiss
nicht, ob an die Menschheit oder an mich - ich finde das alles so trist und
elend, und es wäre zum Totschiessen, wenn es nicht so lächerrlich wäre.«
    »Lieber Innstetten, in dieser Stimmung wollen Sie Ministerialdirektor
werden?«
    »Ah, bah. Kann es anders sein? Lesen Sie; diese Zeilen habe ich eben
bekommen.«
    Wüllersdorf nahm den zweiten Brief mit dem unleserlichen Poststempel,
amüsierte sich über das »Wohlgeboren« und trat dann ans Fenster, um bequemer
lesen zu können.
    »Gnäd'ger Herr! Sie werden sich wohl am Ende wundern, dass ich Ihnen
schreibe, aber es ist wegen Rollo. Anniechen hat uns schon voriges Jahr gesagt:
Rollo wäre jetzt so faul; aber das tut hier nichts, er kann hier so faul sein,
wie er will, je fauler, je besser. Und die gnäd'ge Frau möchte es doch so gern.
Sie sagt immer, wenn sie ins Luch oder über Feld geht: Ich fürchte mich
eigentlich, Roswita, weil ich da so allein bin; aber wer soll mich begleiten?
Rollo, ja, das ginge; der ist mir auch nicht gram. Das ist der Vorteil, dass sich
die Tiere nicht so drum kümmern. Das sind die Worte der gnäd'gen Frau, und
weiter will ich nichts sagen und den gnäd'gen Herrn bloss noch bitten, mein
Anniechen zu grüssen. Und auch die Johanna. Von Ihrer treu ergebensten Dienerin
                                                           Roswita Gellenhagen«
»Ja«, sagte Wüllersdorf, als er das Papier wieder zusammenfaltete, »die ist uns
über.«
    »Finde ich auch.«
    »Und das ist auch der Grund, dass Ihnen alles andere so fraglich erscheint.«
    »Sie treffen's. Es geht mir schon lange durch den Kopf, und diese schlichten
Worte mit ihrer gewollten oder vielleicht auch nicht gewollten Anklage haben
mich wieder vollends aus dem Häuschen gebracht. Es quält mich seit Jahr und Tag
schon, und ich möchte aus dieser ganzen Geschichte heraus; nichts gefällt mir
mehr; je mehr man mich auszeichnet, je mehr fühle ich, dass dies alles nichts
ist. Mein Leben ist verpfuscht, und so hab ich mir im stillen ausgedacht, ich
müsste mit all den Strebungen und Eitelkeiten überhaupt nichts mehr zu tun haben
und mein Schulmeistertum, was ja wohl mein Eigentlichstes ist, als ein höherer
Sittendirektor verwenden können. Es hat ja dergleichen gegeben. Ich müsste also,
wenn's ginge, solche schrecklich berühmte Figur werden, wie beispielsweise der
Doktor Wichern im Rauhen Hause zu Hamburg gewesen ist, dieser Mirakelmensch, der
alle Verbrecher mit seinem Blick und seiner Frömmigkeit bändigte...«
    »Hm, dagegen ist nichts zu sagen; das würde gehen.«
    »Nein, es geht auch nicht. Auch das nicht mal. Mir ist eben alles
verschlossen. Wie soll ich einen Totschläger an seiner Seele packen? Dazu muss
man selber intakt sein. Und wenn man's nicht mehr ist und selber so was an den
Fingerspitzen hat, dann muss man wenigstens vor seinen zu bekehrenden Confratres
den wahnsinnigen Büsser spielen und eine Riesenzerknirschung zum besten geben
können.«
    Wüllersdorf nickte.
    »... Nun sehen Sie, Sie nicken. Aber das alles kann ich nicht mehr. Den Mann
im Büsserhemd bring ich nicht mehr heraus und den Derwisch oder Fakir, der unter
Selbstanklagen sich zu Tode tanzt, erst recht nicht. Und da hab ich mir denn,
weil das alles nicht geht, als ein Bestes herausgeklügelt: weg von hier, weg und
hin unter lauter pechschwarze Kerle, die von Kultur und Ehre nichts wissen.
Diese Glücklichen! Denn gerade das, dieser ganze Krimskrams ist doch an allem
schuld. Aus Passion, was am Ende gehen möchte, tut man dergleichen nicht. Also
blossen Vorstellungen zuliebe... Vorstellungen..! Und da klappt denn einer
zusammen, und man klappt selber nach. Bloss noch schlimmer.«
    »Ach was, Innstetten, das sind Launen, Einfälle. Quer durch Afrika, was soll
das heissen? Das ist für 'nen Leutnant, der Schulden hat. Aber ein Mann wie Sie!
Wollen Sie mit einem roten Fez einem Palaver präsidieren oder mit einem
Schwiegersohn von König Mtesa Blutfreundschaft schliessen? Oder wollen Sie sich
in einem Tropenhelm, mit sechs Löchern oben, am Kongo entlangtasten, bis Sie bei
Kamerun oder da herum wieder herauskommen? Unmöglich!«
    »Unmöglich? Warum? Und wenn unmöglich, was dann?«
    »Einfach hierbleiben und Resignation üben. Wer ist denn unbedrückt? Wer
sagte nicht jeden Tag: eigentlich eine sehr fragwürdige Geschichte. Sie wissen,
ich habe auch mein Päckchen zu tragen, nicht gerade das Ihrige, aber nicht viel
leichter. Es ist Torheit mit dem Im-Urwald-Umherkriechen oder in einem
Termitenhügel nächtigen; wer's mag, der mag es, aber für unserein ist es nichts.
In der Bresche stehen und aushalten, bis man fällt, das ist das beste. Vorher
aber im kleinen und kleinsten soviel herausschlagen wie möglich und ein Auge
dafür haben, wenn die Veilchen blühen oder das Luisendenkmal in Blumen steht
oder die kleinen Mädchen mit hohen Schnürstiefeln über die Korde springen. Oder
auch wohl nach Potsdam fahren und in die Friedenskirche gehen, wo Kaiser
Friedrich liegt und wo sie jetzt eben anfangen, ihm ein Grabhaus zu bauen. Und
wenn Sie da stehen, dann überlegen Sie sich das Leben von dem, und wenn Sie dann
nicht beruhigt sind, dann ist Ihnen freilich nicht zu helfen.«
    »Gut, gut. Aber das Jahr ist lang, und jeder einzelne Tag... und dann der
Abend.«
    »Mit dem ist immer noch am ehesten fertig zu werden. Da haben wir Sardanapal
oder Coppelia mit der dell'Era, und wenn es damit aus ist, dann haben wir
Siechen. Nicht zu verachten. Drei Seidel beruhigen jedesmal. Es gibt immer noch
viele, sehr viele, die zu der ganzen Sache nicht anders stehen wie wir, und
einer, dem auch viel verquer gegangen war, sagte mir mal: Glauben Sie mir,
Wüllersdorf, es geht überhaupt nicht ohne »Hülfskonstruktionen«! Der das sagte,
war ein Baumeister und musst es also wissen. Und er hatte recht mit seinem Satz.
Es vergeht kein Tag, der mich nicht an die Hülfskonstruktionen gemahnte.«
    Wüllersdorf, als er sich so expektoriert, nahm Hut und Stock. Innstetten
aber, der sich bei diesen Worten seines Freundes seiner eigenen voraufgegangenen
Betrachtungen über das »kleine Glück« erinnert haben mochte, nickte halb
zustimmend und lächelte vor sich hin.
    »Und wohin gehen Sie nun, Wüllersdorf? Es ist noch zu früh für das
Ministerium.«
    »Ich schenk es mir heute ganz. Erst noch eine Stunde Spaziergang am Kanal
hin bis an die Charlottenburger Schleuse und dann wieder zurück. Und dann ein
kleines Vorsprechen bei Hut, Potsdamer Strasse, die kleine Holztreppe vorsichtig
hinauf. Unten ist ein Blumenladen.«
    »Und das freut Sie? Das genügt Ihnen?«
    »Das will ich nicht gerade sagen. Aber es hilft ein bisschen. Ich finde da
verschiedene Stammgäste, Frühschoppler, deren Namen ich klüglich verschweige.
Der eine erzählt dann vom Herzog von Ratibor, der andere vom Fürstbischof Kopp
und der dritte wohl gar von Bismarck. Ein bisschen fällt immer ab. Dreiviertel
stimmt nicht, aber wenn es nur witzig ist, krittelt man nicht lange dran herum
und hört dankbar zu.«
    Und damit ging er.
 
                          Sechsunddreissigstes Kapitel
Der Mai war schön, der Juni noch schöner, und Effi, nachdem ein erstes
schmerzliches Gefühl, das Rollos Eintreffen in ihr geweckt hatte, glücklich
überwunden war, war voll Freude, das treue Tier wieder um sich zu haben.
Roswita wurde belobt, und der alte Briest erging sich, seiner Frau gegenüber,
in Worten der Anerkennung für Innstetten, der ein Kavalier sei, nicht kleinlich,
und immer das Herz auf dem rechten Fleck gehabt habe. »Schade, dass die dumme
Geschichte dazwischenfahren musste. Eigentlich war es doch ein Musterpaar.« Der
einzige, der bei dem Wiedersehen ruhig blieb, war Rollo selbst, weil er entweder
kein Organ für Zeitmass hatte oder die Trennung als eine Unordnung ansah, die nun
einfach wieder behoben sei. Dass er alt geworden, wirkte wohl auch mit dabei. Mit
seinen Zärtlichkeiten blieb er sparsam, wie er beim Wiedersehen sparsam mit
seinen Freudenbezeugungen gewesen war, aber in seiner Treue war er womöglich
noch gewachsen. Er wich seiner Herrin nicht von der Seite. Den Jagdhund
behandelte er wohlwollend, aber doch als ein Wesen auf niederer Stufe. Nachts
lag er vor Effis Tür auf der Binsenmatte, morgens, wenn das Frühstück im Freien
genommen wurde, neben der Sonnenuhr, immer ruhig, immer schläfrig, und nur wenn
sich Effi vom Frühstückstisch erhob und auf den Flur zuschritt und hier erst den
Strohhut und dann den Sonnenschirm vom Ständer nahm, kam ihm seine Jugend
wieder, und ohne sich darum zu kümmern, ob seine Kraft auf eine grosse oder
kleine Probe gestellt werden würde, jagte er die Dorfstrasse hinauf und wieder
herunter und beruhigte sich erst, wenn sie zwischen den ersten Feldern waren.
Effi, der freie Luft noch mehr galt als landschaftliche Schönheit, vermied die
kleinen Waldpartien und hielt meist die grosse, zunächst von uralten Rüstern und
dann, wo die Chaussee begann, von Pappeln besetzte grosse Strasse, die nach der
Bahnhofsstation führte, wohl eine Stunde Wegs. An allem freute sie sich, atmete
beglückt den Duft ein, der von den Raps- und Kleefeldern herüberkam, oder folgte
dem Aufsteigen der Lerchen und zählte die Ziehbrunnen und Tröge, daran das Vieh
zur Tränke ging. dabei klang ein leises Läuten zu ihr herüber. Und dann war ihr
zu Sinn, als müsse sie die Augen schliessen und in einem süssen Vergessen
hinübergehen. In Nähe der Station, hart an der Chaussee, lag eine Chausseewalze.
Das war ihr täglicher Rasteplatz, von dem aus sie das Treiben auf dem Bahndamm
verfolgen konnte; Züge kamen und gingen, und mitunter sah sie zwei Rauchfahnen,
die sich einen Augenblick wie deckten und dann nach links und rechts hin wieder
auseinandergingen, bis sie hinter Dorf und Wäldchen verschwanden. Rollo sass dann
neben ihr, an ihrem Frühstück teilnehmend, und wenn er den letzten Bissen
aufgefangen hatte, fuhr er, wohl um sich dankbar zu bezeigen, irgendeine
Ackerfurche wie ein Rasender hinauf und hielt nur inne, wenn ein paar beim
Brüten gestörte Rebhühner dicht neben ihm aus einer Nachbarfurche aufflogen.
    »Wie schön dieser Sommer! Dass ich noch so glücklich sein könnte, liebe Mama,
vor einem Jahre hätte ich's nicht gedacht« - das sagte Effi jeden Tag, wenn sie
mit der Mama um den Teich schritt oder einen Frühapfel vom Zweig brach und
tapfer einbiss. Denn sie hatte die schönsten Zähne. Frau von Briest streichelte
ihr dann die Hand und sagte: »Werde nur erst wieder gesund, Effi, ganz gesund;
das Glück findet sich dann; nicht das alte, aber ein neues. Es gibt Gott sei
Dank viele Arten von Glück. Und du sollst sehen, wir werden schon etwas finden
für dich.«
    »Ihr seid so gut. Und eigentlich hab ich doch auch euer Leben geändert und
euch vor der Zeit zu alten Leuten gemacht.«
    »Ach, meine liebe Effi, davon sprich nicht. Als es kam, da dacht ich ebenso.
Jetzt weiss ich, dass unsere Stille besser ist als der Lärm und das laute Getriebe
von vordem. Und wenn du so fortfährst, können wir noch reisen. Als Wiesike
Mentone vorschlug, da warst du krank und reizbar und hattest, weil du krank
warst, ganz recht mit dem, was du von den Schaffnern und Kellnern sagtest; aber
wenn du wieder festere Nerven hast, dann geht es, dann ärgert man sich nicht
mehr, dann lacht man über die grossen Allüren und das gekräuselte Haar. Und dann
das blaue Meer und weisse Segel und die Felsen ganz mit rotem Kaktus überwachsen
- ich habe es noch nicht gesehen, aber ich denke es mir so. Und ich möchte es
wohl kennenlernen.«
    So verging der Sommer, und die Sternschnuppennächte lagen schon zurück. Effi
hatte während dieser Nächte bis über Mitternacht hinaus am Fenster gesessen und
sich nicht müde sehen können. »Ich war immer eine schwache Christin; aber ob wir
doch vielleicht von da oben stammen und, wenn es hier vorbei ist, in unsere
himmlische Heimat zurückkehren, zu den Sternen oben oder noch drüber hinaus! Ich
weiss es nicht, ich will es auch nicht wissen, ich habe nur die Sehnsucht.«
    Arme Effi, du hattest zu den Himmelswundern zu lange hinaufgesehen und
darüber nachgedacht, und das Ende war, dass die Nachtluft und die Nebel, die vom
Teich her aufstiegen, sie wieder aufs Krankenbett warfen, und als Wiesike
gerufen wurde und sie gesehen hatte, nahm er Briest beiseite und sagte: »Wird
nichts mehr; machen Sie sich auf ein baldiges Ende gefasst.«
    Er hatte nur zu wahr gesprochen, und wenige Tage danach, es war noch nicht
spät und die zehnte Stunde noch nicht heran, da kam Roswita nach unten und
sagte zu Frau von Briest: »Gnädigste Frau, mit der gnädigen Frau oben ist es
schlimm; sie spricht immer so still vor sich hin, und mitunter ist es, als ob
sie bete, sie will es aber nicht wahrhaben, und ich weiss nicht, mir ist, als ob
es jede Stunde vorbei sein könnte.«
    »Will sie mich sprechen?«
    »Sie hat es nicht gesagt. Aber ich glaube, sie möchte es. Sie wissen ja, wie
sie ist; sie will Sie nicht stören und ängstlich machen. Aber es wäre doch wohl
gut.«
    »Es ist gut, Roswita«, sagte Frau von Briest, »ich werde kommen.«
    Und ehe die Uhr noch einsetzte, stieg Frau von Briest die Treppe hinauf und
trat bei Effi ein. Das Fenster stand auf, und sie lag auf einer Chaiselongue,
die neben dem Fenster stand.
    Frau von Briest schob einen kleinen schwarzen Stuhl mit drei goldenen
Stäbchen in der Ebenholzlehne heran, nahm Effis Hand und sagte:
    »Wie geht es dir, Effi? Roswita sagt, du seist so fiebrig.«
    »Ach, Roswita nimmt alles so ängstlich. Ich sah ihr an, sie glaubt, ich
sterbe. Nun, ich weiss nicht. Aber sie denkt, es soll es jeder so ängstlich
nehmen wie sie selbst.«
    »Bist du so ruhig über Sterben, liebe Effi?«
    »Ganz ruhig, Mama.«
    »Täuschst du dich darin nicht? Alles hängt am Leben und die Jugend erst
recht. Und du bist noch so jung, liebe Effi.«
    Effi schwieg eine Weile. Dann sagte sie: »Du weisst, ich habe nicht viel
gelesen, und Innstetten wunderte sich oft darüber, und es war ihm nicht recht.«
    Es war das erste Mal, dass sie Innstettens Namen nannte, was einen grossen
Eindruck auf die Mama machte und dieser klar zeigte, dass es zu Ende sei. »Aber
ich glaube«, nahm Frau von Briest das Wort, »du wolltest mir was erzählen«
    »Ja, das wollte ich, weil du davon sprachst, ich sei noch so jung. Freilich
bin ich noch jung. Aber das schadet nichts. Es war noch in glücklichen Tagen, da
las mir Innstetten abends vor; er hatte sehr gute Bücher, und in einem hiess es:
es sei wer von einer fröhlichen Tafel abgerufen worden, und am anderen Tage habe
der Abgerufene gefragt, wie's denn nachher gewesen sei. Da habe man ihm
geantwortet: Ach, es war noch allerlei; aber eigentlich haben Sie nichts
versäumt. Sieh, Mama, diese Worte haben sich mir eingeprägt - es hat nicht viel
zu bedeuten, wenn man von der Tafel etwas früher abgerufen wird.«
    Frau von Briest schwieg. Effi aber schob sich etwas höher hinauf und sagte
dann: »Und da ich nun mal von alten Zeiten und auch von Innstetten gesprochen
habe, muss ich dir doch noch etwas sagen, liebe Mama.«
    »Du regst dich auf, Effi.«
    »Nein, nein; etwas von der Seele heruntersprechen, das regt mich nicht auf,
das macht still. Und da wollt ich dir denn sagen: ich sterbe mit Gott und
Menschen versöhnt, auch versöhnt mit ihm.«
    »Warst du denn in deiner Seele in so grosser Bitterkeit mit ihm? Eigentlich,
verzeihe mir, meine liebe Effi, dass ich das jetzt noch sage, eigentlich hast du
doch euer Leid heraufbeschworen.«
    Effi nickte. »Ja, Mama. Und traurig, dass es so ist. Aber als dann all das
Schreckliche kam, und zuletzt das mit Annie, du weisst schon, da hab ich doch,
wenn ich das lächerliche Wort gebrauchen darf, den Spiess umgekehrt und habe mich
ganz ernstaft in den Gedanken hineingelebt, er sei schuld, weil er nüchtern und
berechnend gewesen sei und zuletzt auch noch grausam. Und da sind Verwünschungen
gegen ihn über meine Lippen gekommen.«
    »Und das bedrückt dich jetzt?«
    »Ja. Und es liegt mir daran, dass er erfährt, wie mir hier in meinen
Krankheitstagen, die doch fast meine schönsten gewesen sind, wie mir hier
klargeworden, dass er in allem recht gehandelt. In der Geschichte mit dem armen
Crampas - ja, was sollt er am Ende anders tun? Und dann, womit er mich am
tiefsten verletzte, dass er mein eigen Kind in einer Art Abwehr gegen mich
erzogen hat, so hart es mir ankommt und so weh es mir tut, er hat auch darin
recht gehabt. Lass ihn das wissen, dass ich in dieser Überzeugung gestorben bin.
Es wird ihn trösten, aufrichten, vielleicht versöhnen. Denn er hatte viel Gutes
in seiner Natur und war so edel, wie jemand sein kann, der ohne rechte Liebe
ist.«
    Frau von Briest sah, dass Effi erschöpft war und zu schlafen schien oder
schlafen wollte. Sie erhob sich leise von ihrem Platz und ging. Indessen, kaum
dass sie fort war, erhob sich auch Effi und setzte sich an das offene Fenster, um
noch einmal die kühle Nachtluft einzusaugen. Die Sterne flimmerten, und im Parke
regte sich kein Blatt. Aber je länger sie hinaushorchte, je deutlicher hörte sie
wieder, dass es wie ein feines Rieseln auf die Platanen niederfiel. Ein Gefühl
der Befreiung überkam sie. »Ruhe, Ruhe.«
Es war einen Monat später, und der September ging auf die Neige. Das Wetter war
schön, aber das Laub im Parke zeigte schon viel Rot und Gelb, und seit den
Äquinoktien, die drei Sturmtage gebracht hatten, lagen die Blätter überallhin
ausgestreut. Auf dem Rondell hatte sich eine kleine Veränderung vollzogen, die
Sonnenuhr war fort, und an der Stelle, wo sie gestanden hatte, lag seit gestern
eine weisse Marmorplatte, darauf stand nichts als »Effi Briest« und darunter ein
Kreuz. Das war Effis letzte Bitte gewesen: »Ich möchte auf meinem Stein meinen
alten Namen wiederhaben; ich habe dem andern keine Ehre gemacht.« Und es war ihr
versprochen worden.
    Ja, gestern war die Marmorplatte gekommen und aufgelegt worden, und
angesichts der Stelle sassen nun wieder Briest und Frau und sahen darauf hin und
auf den Heliotrop, den man geschont und der den Stein jetzt einrahmte. Rollo lag
daneben, den Kopf in die Pfoten gesteckt.
    Wilke, dessen Gamaschen immer weiter wurden, brachte das Frühstück und die
Post, und der alte Briest sagte: »Wilke, bestelle den kleinen Wagen. Ich will
mit der Frau über Land fahren.«
    Frau von Briest hatte mittlerweile den Kaffee eingeschenkt und sah nach dem
Rondell und seinem Blumenbeete. »Sieh, Briest, Rollo liegt wieder vor dem Stein.
Es ist ihm doch noch tiefer gegangen als uns. Er frisst auch nicht mehr.«
    »Ja, Luise, die Kreatur. Das ist ja, was ich immer sage. Es ist nicht soviel
mit uns, wie wir glauben. Da reden wir immer von Instinkt. Am Ende ist es doch
das Beste.«
    »Sprich nicht so. Wenn du so philosophierst... nimm es mir nicht übel,
Briest, dazu reicht es bei dir nicht aus. Du hast deinen guten Verstand, aber du
kannst doch nicht an solche Fragen...«
    »Eigentlich nicht.«
    »Und wenn denn schon überhaupt Fragen gestellt werden sollen, da gibt es
ganz andere, Briest, und ich kann dir sagen, es vergeht kein Tag, seit das arme
Kind da liegt, wo mir solche Fragen nicht gekommen wären...«
    »Welche Fragen?«
    »Ob wir nicht doch vielleicht schuld sind?«
    »Unsinn, Luise. Wie meinst du das?«
    »Ob wir sie nicht anders in Zucht hätten nehmen müssen. Gerade wir. Denn
Niemeier ist doch eigentlich eine Null, weil er alles in Zweifel lässt. Und dann,
Briest, so Leid es mir tut... Deine beständigen Zweideutigkeiten... und zuletzt,
womit ich mich selbst anklage, denn ich will nicht schuldlos ausgehen in dieser
Sache, ob sie nicht doch vielleicht zu jung war?« Rollo, der bei diesen Worten
aufwachte, schüttelte den Kopf langsam hin und her, und Briest sagte ruhig »Ach,
Luise, lass... das ist ein zu weites Feld.«
 
    