
        
                                Teodor Fontane
                                Die Poggenpuhls
                                     Roman
                                  Erstes Kapitel
Die Poggenpuhls - eine Frau Majorin von Poggenpuhl mit ihren drei Töchtern
Terese, Sophie und Manon - wohnten seit ihrer vor sieben Jahren erfolgten
Übersiedelung von Pommersch-Stargard nach Berlin in einem gerade um jene Zeit
fertig gewordenen, also noch ziemlich mauerfeuchten Neubau der
Grossgörschenstrasse, einem Eckhause, das einem braven und behäbigen Manne, dem
ehemaligen Maurerpolier, jetzigen Rentier August Nottebohm gehörte. Diese
Grossgörschenstrassen-Wohnung war seitens der Poggenpuhlschen Familie nicht zum
wenigsten um des kriegsgeschichtlichen Namens der Strasse, zugleich aber auch um
der sogenannten »wundervollen Aussicht« willen gewählt worden, die von den
Vorderfenstern aus auf die Grabdenkmäler und Erbbegräbnisse des
Mattäikirchhofs, von den Hinterfenstern aus auf einige zur Kulmstrasse gehörige
Rückfronten ging, an deren einer man, in abwechselnd roten und blauen
Riesenbuchstaben, die Worte »Schulzes Bonbonfabrik« lesen konnte. Möglich, ja
sogar wahrscheinlich, dass nicht jedem mit dieser eigentümlichen Doppelaussicht
gedient gewesen wäre; der Frau von Poggenpuhl aber, einer geborenen Pütter - aus
einer angesehenen, aber armen Predigerfamilie stammend -, passte jede der beiden
Aussichten gleich gut, die Frontaussicht, weil die etwas sentimental angelegte
Dame gern vom Sterben sprach, die Rückfrontaussicht auf die Kulmstrasse aber,
weil sie beständig an Husten litt und aller Sparsamkeit ungeachtet zu gutem
Teile von Gerstenbonbons und Brustkaramellen lebte. Jedesmal, wenn Besuch kam,
wurde denn auch von den grossen Vorzügen dieser Wohnung gesprochen, deren
einziger wirklicher Vorzug in ihrer grossen Billigkeit und in der vor mehreren
Jahren schon durch Rentier Nottebohm gemachten Zusicherung bestand, dass die Frau
Majorin nie gesteigert werden würde. »Nein, Frau Majorin«, so etwa hatte sich
Nottebohm damals geäussert, »was dieses angeht, so können Frau Majorin ganz ruhig
sein und die Fräuleins auch. Gott, wenn ich so alles bedenke... verzeihen Frau
Majorin, das Manonchen war ja noch ein Quack, als Sie damals, zu Michaeli, hier
einzogen..., un als Sie dann Neujahr runterkamen und die erste Miete brachten
und alles noch leer stand von wegen der nassen Wände, was aber ein Unsinn is, da
sagte ich zu meiner Frau, denn wir hatten es damals noch nich: Line, sagte ich,
das is Handgeld und bringt uns Glück. Und hat auch wirklich. Denn von dasselbe
Vierteljahr an war nie was leer, un immer reputierliche Leute - das muss ich
sagen... Und dann, Frau Majorin, wie werd ich denn grade bei Ihnen mit so was
anfangen... ich meine mit das Steigern. Ich war ja doch auch mit dabei;
Donnerwetter, es war eine ganz verfluchte Geschichte. Hier sitzt mir noch die
Kugel; aber der Doktor sagt: sie würde schon mal rausfallen und dann hätt ich
ein Andenken.«
    Und damit schloss Nottebohm eine Rede, wie er sie länger nie gehalten und wie
sie die gute Frau Majorin nie freundlicheren Ohres gehört hatte. Das mit dem
»Dabeigewesensein« aber bezog sich auf Gravelotte, wo Major von Poggenpuhl, spät
gegen Abend, als die pommersche Division herankam, an der Spitze seines
Bataillons, in dem auch Nottebohm stand, ehrenvoll gefallen war. Er, der Major,
hinterliess nichts als einen guten alten Namen und drei blanke Krönungstaler, die
man in seinem Portemonnaie fand und später seiner Witwe behändigte. Diese drei
Krönungstaler waren, wie das Erbe der Familie, so selbstverständlich auch der
Stolz derselben, und als sechzehn Jahre später die erst etliche Monate nach dem
Tode des Vaters geborene jüngste Tochter Manon konfirmiert werden sollte, waren
aus den drei Krönungstalern - die bis dahin zu konservieren keine Kleinigkeit
gewesen war - drei Broschen angefertigt und an die drei Töchter zur Erinnerung
an diesen Einsegnungstag überreicht worden. Alles unter geistlicher Mitwirkung
und Beihilfe. Denn Generalsuperintendent Schwarz, der die Familie liebte, war am
Abend des Konfirmationstages in die Poggenpuhlsche Wohnung gekommen und hatte
hier die in Gegenwart einiger alter Kameraden und Freunde stattfindende
Broschenüberreichung fast zu einer kirchlichen Zeremonie, jedenfalls aber zu
einer Feier erhoben, die sogar dem etwas groben und gegen die »Adelspackage«
stark eingenommenen Portier Nebelung imponiert und ihn, wenn auch nicht geradezu
bekehrt, so doch den wohlwollenden Gesinnungen seines Haus- und Broterrn
Nottebohm um etwas näher geführt hatte.
    Wie sich von selbst versteht, war auch die Poggenpuhlsche
Wohnungseinrichtung ein Ausdruck der Verhältnisse, darin die Familie nun mal
lebte; von Plüschmöbeln existierte nichts und von Teppichen nur ein kleiner
Schmiedeberger, der mit schwarzen, etwas ausgefusselten Wollfransen vor dem Sofa
der zunächst am Korridor gelegenen und schon deshalb als Empfangssalon dienenden
»guten Stube« lag. Entsprechend diesem Teppiche waren auch die schmalen, hier
und dort gestopften Gardinen; alles aber war sehr sauber und ordentlich
gehalten, und ein mutmasslich aus einem alten märkischen Herrenhause
herstammender, ganz vor kurzem erst auf einer Auktion erstandener,
weisslackierter Pfeilerspiegel mit eingelegter Goldleiste lieh der ärmlichen
Einrichtung trotz ihres Zusammengesuchtseins oder vielleicht auch um dessen
willen etwas von einer erlöschenden, aber doch immerhin mal dagewesenen
Feudalität.
    Über dem Sofa derselben »guten Stube« hing ein grosses Ölbildnis (Kniestück)
des Rittmeisters von Poggenpuhl vom Sohrschen Husarenregiment, der 1813 bei
Grossgörschen ein Carré gesprengt und dafür den Pour le mérite erhalten hatte -
der einzige Poggenpuhl, der je in der Kavallerie gestanden. Das halb
wohlwollende, halb martialische Gesicht des Rittmeisters sah auf eine flache
Glasschale hernieder, drin im Sommer Aurikeln und ein Vergissmeinnichtkranz, im
Winter Visitenkarten zu liegen pflegten. An der andern Wand aber, genau dem
Rittmeister gegenüber, stand ein Schreibtisch mit einem kleinen erhöhten
Mittelbau, drauf, um bei Besuchen eine Art Gastlichkeit üben zu können, eine
halbe Flasche Kapwein mit Liqueurgläschen tronte, beides, Flasche wie Gläschen,
auf einem goldgeränderten Teller, der beständig klapperte.
    Neben dieser »guten Stube« lag die einfensterige Wohnstube, daran sich nach
hinten zu das sogenannte »Berliner Zimmer« anschloss, ein blosser Durchgang, wenn
auch im übrigen geräumig, an dessen Längswand drei Betten standen, nur drei,
trotzdem es eine viergliedrige Familie war. Die vierte Lagerstätte, von mehr
ambulantem Charakter, war ein mit Rohr überflochtenes Sofagestell, drauf sich,
wochenweis wechselnd, eine der zwei jüngeren Schwestern einzurichten hatte.
    Hinter diesem »Berliner Saal« (Nottebohm selbst hatte den Grundriss dazu
entworfen) lag die Küche mitsamt dem Hängeboden. Hier hauste das alte
Dienstmädchen Friederike, eine treue Seele, die noch den gnädigen Herrn gekannt
und als Vertraute der Frau Majorin alles Glück und Unglück des Hauses und
zuletzt auch die Übersiedelung von Stargard nach Berlin mit durchgemacht hatte.
    So wohnten die Poggenpuhls und gaben der Welt den Beweis, dass man auch in
ganz kleinen Verhältnissen, wenn man nur die rechte Gesinnung und dann freilich
auch die nötige Geschicklichkeit mitbringe, zufrieden und beinahe standesgemäss
leben könne, was selbst von Portier Nebelung, allerdings unter Kopfschütteln und
mit einigem Widerstreben, zugegeben wurde. Sämtliche Poggenpuhls - die Mutter
freilich weniger - besassen die schöne Gabe, nie zu klagen, waren lebensklug und
rechneten gut, ohne dass sich bei diesem Rechnen etwas störend Berechnendes
gezeigt hätte.
    Darin waren sich die drei Schwestern gleich, trotzdem ihre sonstigen
Charaktere sehr verschieden waren.
    Terese, schon dreissig, konnte (was denn auch redlich geschah) auf den
ersten Blick für unpraktisch gelten und schien von allerhand kleinen Künsten
eigentlich nur die eine, sich in einem Schaukelstuhle gefällig zu wiegen,
gelernt zu haben; in Wirklichkeit aber war sie geradeso lebensklug wie die
beiden jüngeren Schwestern und bebaute nur ein sehr andres Feld. Es war ihr, das
stand ihr fest, ihrer ganzen Natur nach die Aufgabe zugefallen, die
Poggenpuhlsche Fahne hochzuhalten und sich mehr, als es durch die Schwestern
geschah, in die Welt, in die die Poggenpuhls nun mal gehörten, einzureihen. In
den Generals- und Ministerfamilien der Behren- und Wilhelmstrasse war sie denn
auch heimisch und erzielte hier allemal grosse Zustimmung und Erfolge, wenn sie
beim Tee von ihren jüngeren Schwestern und deren Erlebnissen in der
»seinwollenden Aristokratie« spöttisch lächelnd berichtete. Selbst der alte
Kommandierende, der, im ganzen genommen, längst aufgehört hatte, sich durch
irgend etwas Irdisches noch besonders imponieren zu lassen, kam dann in eine
vergnüglich liebenswürdige Heiterkeit, und der der Generalsfamilie befreundete,
schräg gegenüber wohnende Unterstaatssekretär, trotzdem er selber von
allerneustem Adel war (oder vielleicht auch eben deshalb), zeigte sich dann
jedesmal hingerissen von der feinen Malice des armen, aber standesbewussten
Fräuleins. Eine weitere Folge dieser gesellschaftlichen Triumphe war es, dass
Terese, wenn es irgend etwas zu bitten gab, auch tatsächlich bitten durfte,
wobei sie, wie bemerkt werden muss, nie für sich selbst oder aber, klug abwägend,
immer nur um solche Dinge petitionierte, die man mühelos gewähren konnte, was
dann dem Gewährenden eine ganz spezielle Befriedigung gewährte.
    So war Terese von Poggenpuhl.
    Sehr anders erwiesen sich die beiden jüngeren Schwestern, die, den
Verhältnissen und der modernen Welt sich anbequemend, bei ihrem Tun sozusagen in
Compagnie gingen.
    Sophie, die zweite, war die Hauptstütze der Familie, weil sie das besass, was
die Poggenpuhls bis dahin nicht ausgezeichnet hatte: Talente. Möglich, dass diese
Talente bei günstigeren Lebensverhältnissen einigermassen zweifelvoll angesehen
und mehr oder weniger als »unstandesgemäss« empfunden worden wären, bei der
bedrückten Lage jedoch, in der sich die Poggenpuhls befanden, waren diese
natürlichen Gaben Tag für Tag ein Glück und Segen für die Familie. Selbst
Terese gab dies in ihren ruhigeren Momenten zu. Sophie - auch äusserlich von den
Schwestern verschieden, sie hatte ein freundliches Pudelgesicht mit Löckchen -
konnte eigentlich alles; sie war musikalisch, zeichnete, malte, dichtete zu
Geburtstagen und Polterabenden und konnte einen Hasen spicken; aber alles dies,
soviel es war, hätte für die Familie doch nur die halbe Bedeutung gehabt, wenn
nicht neben ihr her noch die jüngste Schwester gewesen wäre, Manon, das
Nestäkchen.
    Manon, jetzt siebzehn, war, im Gegensatze zu Sophie, ganz ohne Begabung,
besass aber dafür die Gabe, sich überall beliebt zu machen, vor allem in
Bankierhäusern, unter denen sie die nichtchristlichen bevorzugte, so namentlich
das hochangesehene Haus Bartenstein. Bei dem Kindersegen der Mehrzahl dieser
Häuser war nie Mangel an angehenden Backfischen, die mit den Anfängen
irgendeiner Kunst oder Wissenschaft bekannt gemacht werden sollten, und ein über
die verschiedensten Disziplinen angestrengtes längeres oder kürzeres Gespräch
endete regelmässig mit der leicht hingeworfenen Bemerkung Manons: »Ich halte es
für möglich, dass meine Schwester Sophie da aushelfen kann«, eine Bemerkung, die
sie gern machen durfte, weil Sophie tatsächlich vor nichts erschrak, nicht
einmal vor Physik und Spektralanalyse.
    So war die Rollenverteilung im Hause Poggenpuhl, aus der sich, wie schon
angedeutet, allerlei finanzielle Vorteile herausstellten, Vorteile, die zuzeiten
nicht unbeträchtlich über die kleine Pension hinauswuchsen, die den eisernen
Einnahmebestand der Familie bildete. Sämtliche drei junge Damen vergaben sich
dabei nicht das geringste, waren vielmehr (besonders die zwei jüngeren) ebenso
leichtlebig wie dankbar, vermieden es taktvoll, in geschmacklose Huldigungen
oder gar in Schmeichelei zu verfallen, und standen überall in Achtung und
Ansehen, weil ihr Tun, und das war die Hauptsache, von einer grossen persönlichen
Selbstlosigkeit begleitet war. Sie brauchten wenig, wussten sich, zumal auf dem
Gebiete der Toilette - was aber ein gefälliges Erscheinen nicht hinderte -, mit
einem Minimum zu behelfen und lebten in ihren Gedanken und Hoffnungen eigentlich
nur für die »zwei Jungens«, ihre Brüder, Wendelin und Leo, von denen jener schon
ein älterer Premier über dreissig, dieser ein junger Dachs von kaum
zweiundzwanzig war. Beide, wie sich das von selbst verstand, waren in das
hinterpommersche, neuerdings übrigens nach Westpreussen verlegte Regiment
eingetreten, drin schon ihr Vater seine Laufbahn begonnen und am denkwürdigen
18. August in Ruhm und Ehre beschlossen hatte.
    Diesen Ruhm der Familie womöglich noch zu steigern war das, was die
schwesterliche Trias mit allen Mitteln anstrebte.
    Hinsichtlich Wendelins, der ihrem eigenen Bemühen in allen Stücken
entgegenkam, besonders auch darin, dass er zu sparen verstand, hinsichtlich
dieses älteren Bruders unterlag das Erreichen höchster Ziele kaum einem Zweifel.
Er war klug, nüchtern, ehrgeizig, und soviel durch Aufhorchen in dem
militärexzellenzlichen Hause zur Kenntnis Teresens gekommen war, konnte sich's
bei Wendelin eigentlich nur noch darum handeln, ob er demnächst in das
Kriegsministerium oder in den Generalstab abkommandiert werden würde. Nicht so
glücklich stand es mit Leo, der, weniger beanlagt als der ältere Bruder, nur der
»Schneidigkeit« zustrebte. Zwei Duelle, von denen das eine einem
Gerichtsreferendarius einen Schuss durch beide Backen und den Verlust etlicher
Oberzähne eingetragen hatte, schienen ein rasches Sichnähern an sein
Schneidigkeitsideal zu verbürgen und hätten ebensogut wie Wendelins Talente zu
grossen Hoffnungen berechtigen dürfen, wenn nicht das Gespenst der Entlassung
wegen beständig anwachsender Schulden immer nebenher geschritten wäre. Leo, der
Liebling aller, war zugleich das Angstkind, und immer wieder zu helfen und ihn
vor einer Katastrophe zu bewahren, darauf war alles Dichten und Trachten
gerichtet. Kein Opfer erschien zu gross, und wenn die Mutter auch gelegentlich
den Kopf schüttelte, für die Töchter unterlag es keinem Zweifel, dass Leo, »wenn
es nur möglich war, ihn bis zu dem entsprechenden Zeitpunkt zu halten«, die
nächste grosse Russenschlacht, das Zorndorf der Zukunft, durch entscheidendes
Eingreifen gewinnen würde.
    »Aber er ist ja nicht Garde du Corps«, sagte die Mama.
    »Nein. Aber das ist auch gleichgültig. Die nächste Schlacht bei Zorndorf
wird durch Infanterie gewonnen werden.«
 
                                Zweites Kapitel
Es war ein Wintertag, der dritte Januar.
    Eben kam Friederike von ihrem regelmässigen Morgeneinkauf zurück, einen Korb
mit Frühstückssemmeln in der einen, einen Topf mit Milch in der andern Hand,
beides, Semmeln und Milch, aus dem Keller gegenüber. Die Finger, trotz wollener
Handschuhe, waren ihr bei der Kälte klamm geworden, und so nahm sie denn beim
Eintreten in ihre Küche den Teekessel aus dem Kochloch und wärmte sich an der
Glut. Aber nicht lange, denn sie hatte sich, weil sie gegen Morgen noch einmal
eingeschlafen war, um eine halbe Stunde verspätet, was natürlich wieder
eingebracht werden musste.
    So machte sie sich denn eifrig an ihre vom Brett genommene Kaffeemühle,
schüttete, so dass sie nachher nur noch aufzugiessen brauchte, das braune Pulver
in den Beutel und ging nun, nachdem sie schliesslich noch den Teekessel wieder in
die Glut gestellt hatte, mit ihrem Holzkorb (dessen Boden übrigens jeden
Augenblick herauszufallen drohte) nach vorn, um da das einfensterige Wohnzimmer
zu heizen. Hier kniete sie vor dem Ofen nieder und baute Holz und Presskohlen so
kunstgerecht auf, dass es nur eines einzigen Schwefelholzes, allerdings unter
Zutat eines aus Zeitungspapier zusammengedrehten Zopfes, bedurfte, den
künstlichen Bau in Brand zu setzen.
    Keine halbe Minute verging, so begann es im Ofen auch wirklich zu knacken
und zu knistern, und als Friederike nun wusste, dass es brennen würde, stand sie
von ihrem Ofenplatz wieder auf, um sich ihrer zweiten Morgenaufgabe, dem
Staubabwischen, zu unterziehen. Hierbei, weil das, was sie leistete, die drei
Fräuleins doch nie zufriedenstellte, verfuhr sie, so gewissenhaft sie sonst war,
ziemlich obenhin und beschränkte sich darauf, eine über dem Sofa hängende
Bilderreihe, die Leo, trotzdem es Zeitgenossen waren, die »Ahnengalerie des
Hauses Poggenpuhl« zu nennen pflegte, leidlich blank zu putzen. Drei oder vier
dieser Bilder waren Photographien in Kabinettformat; die älteren aber gehörten
noch der Daguerreotypzeit an und waren so verblichen, dass sie nur bei besonders
günstiger Beleuchtung noch auf ihren Kunstwert hin geprüft werden konnten.
    Aber diese »Ahnengalerie« war doch nicht alles, was hier hing. Unmittelbar
über ihr präsentierte sich noch ein Ölbild von einigem Umfang, eine
Kunstschöpfung dritten oder vierten Ranges, die den historisch bedeutendsten
Moment aus dem Leben der Familie darstellte. Das meiste, was man darauf sehen
konnte, war freilich nur Pulverqualm, aber inmitten desselben erkannte man doch
ziemlich deutlich noch eine Kirche samt Kirchhof, auf welch letzterem ein
verzweifelter Nachtkampf zu toben schien.
    Es war der Überfall von Hochkirch, die Österreicher bestens »ajustiert«, die
armen Preussen in einem pitoyablen Bekleidungszustande. Ganz in Front aber stand
ein älterer Offizier in Unterkleid und Weste, von Stiefeln keine Rede, dafür ein
Gewehr in der Hand. Dieser Alte war Major Baltasar von Poggenpuhl, der den
Kirchhof eine halbe Stunde hielt, bis er mit unter den Toten lag. Eben dieses
Bild, wohl in Würdigung seines Familienaffektionswertes, war denn auch in einen
breiten und stattlichen Barockrahmen gefasst, während die bloss unter Glas
gebrachten Lichtbilder nichts als eine Goldhorte zeigten.
    Alle Mitglieder der Familie, selbst der in Kunstsachen etwas skeptische Leo
mit einbegriffen, übertrugen ihre Pietät gegen den »Hochkircher« - wie der
Hochkirch-Major zur Unterscheidung von vielen andern Majors der Familie genannt
würde - auch auf die bildliche Darstellung seiner ruhmreichen Aktion, und nur
Friederike, sosehr sie den Familienkultus mitmachte, stand mit dem alten, halb
angekleideten Helden auf einer Art Kriegsfuss. Es hatte dies einfach darin seinen
Grund, dass ihr oblag, mit ihrem alten, wie Spinnweb aussehenden Staublappen doch
mindestens jeden dritten Tag einmal über den überall Berg und Tal zeigenden
Barockrahmen hinzufahren, bei welcher Gelegenheit dann das Bild, wenn auch nicht
geradezu regelmässig, so doch sehr, sehr oft von der Wand herabglitt und über die
Lehne weg auf das Sofa fiel. Es wurde dann jedesmal beiseite gestellt und nach
dem Frühstück wieder eingegipst, was alles indessen nicht recht half und auch
nicht helfen konnte. Denn die ganze Wandstelle war schon zu schadhaft, und über
ein kleines, so brach der eingegipste Nagel wieder aus, und das Bild glitt
herab.
    »Gott«, sagte Friederike, »dass er da so gestanden hat, nu ja, das war ja
vielleicht ganz gut. Aber nu so gemalen... es sitzt nich und sitzt nich.«
    Und nachdem sie dies Selbstgespräch geführt und die Ofentür, was immer das
letzte war, wieder fest zugeschraubt hatte, tat sie Handfeger und Wischtuch
wieder in den Holzkorb und trat leise durch die lange Schlafstube hin ihren
Rückzug in die Küche an. Es war aber nicht mehr nötig, dabei so vorsichtig zu
sein, denn alle vier Damen waren bereits wach, und Manon hatte sogar den einen
nach dem Hof hinausführenden Fensterflügel halb aufgemacht, davon ausgehend, dass
vier Grad unter Null immer noch besser seien als eine vierschläfrige Nacht- und
Stubenluft.
    Keine Viertelstunde mehr, so kam der Kaffee. Die Damen sassen schon vorn in
der warmen Stube, die Majorin auf dem Sofa, Terese in ihrem Schaukelstuhl,
während Manon, einen Handwerkszeugkasten vor sich, eben diesen Kasten nach einem
etwas längeren Nagel, und zwar für den alten, wieder herabgefallenen
»Hochkircher«, durchsuchte.
    »Friederike«, sagte die Majorin, »du solltest dich mit dem Bilde doch etwas
mehr in acht nehmen.«
    »Ach, Frau Majorin, ich tu es ja, ich rühr ihn ja beinah nich an; aber er
sitzt immer so wacklig... Gott, Manonchen, wenn Sie doch bloss mal einen recht
langen fänden oder, noch besser, wenn Sie mal so 'nen richtigen Haken
einschlagen könnten. In acht nehmen! Gott, ich denke ja immer dran, aber wenn er
denn so mit einmal rutscht, krieg ich doch immer wieder 'nen Schreck. Un is mir
immer, als ob er vielleicht seine Ruhe nich hätte.«
    »Ach, Friederike, rede doch nicht solch dummes Zeug«, sagte Terese halb
ärgerlich. »Der, gerade der. Als ob der seine Ruhe nicht hätte! Was das nur
heissen soll! Ich sage dir, der hat seine Ruhe. Wenn nur jeder seine Ruhe so
hätte. Gut Gewissen ist das beste Ruhekissen. Das weisst du doch auch. Und das
gute Gewissen, na, das hat er... Aber wo hast du nur wieder die Semmeln her? Die
sehen ja wieder aus wie erschrocken, viel erschrockener als du. Ich mag nicht
die Budikersemmeln. Warum gehst du nicht zu dem jungen Karchow, das ist doch ein
richtiger Bäcker.«
    Es war dies eine zwischen dem Mädchen und dem Fräulein jeden dritten Tag
wiederkehrende Meinungsverschiedenheit, und Friederike, die vollkommene
Redefreiheit hatte, würde auch heute nicht geschwiegen und ihren alten Satz,
»dass man es mit den Kellerleuten nicht verderben dürfe«, tapfer verteidigt
haben, wenn es nicht in diesem Augenblick draussen geklopft hätte. »Der
Briefträger«, riefen alle drei Schwestern, und gleich danach erschien auch
Friederike wieder im Zimmer und brachte die Postsachen: ein Zeitungsblatt unter
Kreuzband, eine Holz- und Torfanzeige und einen richtigen Brief. Die Holz- und
Torfanzeige flog gleich aufs Ofenblech, das an Sophie adressierte Zeitungsblatt,
das wahrscheinlich eine Rezension einiger ihrer eben ausgestellten
Aquarellbilder entielt, wurde beiseite geschoben, und nur der Brief erregte
allgemeine Freude. »Von Leo!« riefen die Schwestern und reichten den Brief der
Mutter. Diese gab ihn aber an Terese zurück und sagte: »Lies du, Terese. Ein
so guter Junge. Aber ich kriege immer einen Schreck. Immer will er was. Und nun
ist eben erst Weihnachten gewesen und Neujahr und die Miete...«
    »Ach, Mutter, du ängstigst dich immer gleich so. Man sieht doch, dass du
keine Soldatentochter bist.«
    »Nein, bin ich nicht. Und ist auch recht gut so. Wer sollte sonst das
bisschen zusammenhalten?«
    »Wir.«
    »Ach, ihr...! Aber nun lies, Terese. Mir schlägt ordentlich das Herz.«
    »... Liebe Mama! Weihnachten war es nichts. Urlaub hätte mir das Regiment
vielleicht gegeben, aber das Reisegeld! Sie reden immer soviel jetzt von
billigen Fahrpreisen, aber ich finde sie viel zu hoch, ganz unnatürlich hoch.
Und da Wendelin auch sagte, 's geht nich, Leo, so ging es nicht, und ich habe
unten bei Schlächtermeister Funke, meinem Wirte, wie Ihr wisst, die
Weihnachtsbescherung mit angesehen. Alles war sehr gerührt, auch Funke. Man
sollte es nicht für möglich halten. Denn gerade in der Weihnachtszeit wurde
immer geschlachtet, und ich konnte das Gequietsche der armen Biester mitunter
gar nicht mehr mit anhören, und Funke immer in Person dabei. Und nun doch
gerührt. Übrigens war die frische Wurst und besonders der Presskopf ganz
vorzüglich. In bezug auf Verpflegung bleibt hier in Torn überhaupt nichts zu
wünschen übrig, nur der Geist darbt, und das Herz darbt. Überhaupt scheint
darben mein Los. Ach, Mutter, warum bist du keine geborene Bleichröder...?«
    »Empörend«, unterbrach hier Terese ihre Vorlesung. »Wir haben schon Manon
mit ihren ewigen Bartensteins, und nun fängt Leo auch noch an.«
    »Dass wir Bartensteins haben, ist ganz gut. Lies lieber weiter.«
    »... Also Heiligabend war es nichts. Indessen das Jahr hat auch noch andre
grosse Tage. Der grösste aber ist der 4. Januar, wo meine gute Alte, geborene
Pütter, geboren wurde. Dieser Tag ist übermorgen, und ich werde gestiefelt und
gespornt antreten, um meine Glückwünsche persönlich überbringen zu können.«
    »Nicht zu glauben. Weihnachten kein Geld, und zwei Tage nach Neujahr, wo
doch die vielen Rechnungen kommen, will er die teure Reise machen.«
    »Es wird sich ja wohl alles aufklären, Mama«, sagte Manon. »Und mutmasslich
noch in diesem Briefe. Höre nur weiter.«
    »... Es geschehen nämlich immer noch Zeichen und Wunder, und mitunter ist es
mir, als ob der Unglauben und alle solche hässlichen Zeiterscheinungen
abgewirtschaftet hätten. Auch der Adel kommt wieder obenauf, und ganz zuoberst
der arme Adel, das heisst also die Poggenpuhls. Denn dass wir diesen in einer Art
von Vollendung, oder sag ich Reinkultur, darstellen, darüber kann kein Zweifel
sein. Aber zur Sache, wie die Parlamentarier sagen. Und so vernimm denn, am
Silvesterabend noch ein Bettler (allerdings ein glücklicher, denn wir brachten
es im Kasino auf sieben Bowlen in Grossformat) und am 1. Januar früh ein Gott,
ein Krösus. Krösus ist nämlich immer das Höchste, was man auch Klimax nennt.
Schon um zehn klopft es, ich reisse mich aus meinem Morgentraum und empfinde
einen gewissen bleiernen Zustand, aber nicht auf lange. Denn wer stand vor mir?
Oktavio? Nein, nicht Oktavio. Wir wollen ihn heute lieber Wendelin nennen. Und
was er sagte, war das Folgende: Leo, sagte er, du hast Glück. Geldschiff
angekommen.
    Für mich? frag ich.
    Nein, für dich nicht, wenigstens nicht unmittelbar. Aber doch für mich. Das
Militärwochenblatt hat mir heute früh das Honorar geschickt.
    Viel? unterbrach ich ihn wieder in höchster Erregung.
    Das Militärwochenblatt schickt immer viel, antwortete er ruhig und legte
dabei drei Zwanzigmarkscheine vor mich hin. Ich, geblendet, als ob es nicht
Scheine, sondern das reine pure Gold wäre, will mich blindlings und dankbar auf
ihn losstürzen, aber er wehrt mich vornehm ab und sagt nur: Alles deine, Leo;
aber nicht zum Verkneipen. Übermorgen früh reist du nach Berlin.«
    »Der gute Wendelin! Er schickt ihn dir, weil er weiss, dass er dein Liebling
ist«, unterbrach hier Manon und streichelte der Mama die Hände. Terese aber las
weiter: »... Vier Uhr nachmittags bist du da, benimmst dich nett und hilfst am
andern Morgen den Geburtstag mitfeiern. Nach Kaisers Geburtstag kommt Mamas
Geburtstag. Das ist Poggenpuhlscher Katechismus. Und nun zieh dich an und geh
eine Stunde spazieren. Denn du stehst da wie Silvester in seiner letzten Stunde.
Unter diesen Worten verliess er mich wie ein Fürst. Und ich werde tun, wie er
befohlen hat, und Dienstag nachmittag bei Euch eintreffen. Vier Uhr. Tout à vous
ma Reine-mère. Dein glücklicher, verdrehter, wohlaffektionierter Leo I.«
    Die beiden jüngeren Schwestern klatschten in die Hände, ja, selbst Terese,
soviel sie an diesem Übermut auszusetzen hatte, freute sich des Besuchs. Nur die
Mutter sagte: »Ja, da soll ich mich nun freuen. Aber kann ich mich freuen?
Herkommen wird er ja wohl gerade mit dem Geld, aber wenn er hier ist, müssen wir
ihm doch ein paar gute Tage machen, und wenn er auch bescheiden in seinen
Ansprüchen ist, so muss er doch den dritten Tag wieder zurück, und dafür müssen
wir aufkommen.«
    »Sprich doch nicht immer davon«, sagte Terese.
    »Ja, Terese, du denkst immer, ein Livreediener wird dir eine Kassette
bringen mit der Aufschrift Dem tapferen Hause Poggenpuhl, aber das sind alles
Märchengeschichten, und der Mann am Schalter, der die Fahrkarten verkauft, ist
eine unerbittliche Wirklichkeit.«
    »Ach, Mama«, sagte Sophie, »damit musst du dir die Vorfreude nicht verderben.
Es geschehen noch Zeichen und Wunder, so hat er geschrieben, und wenn sie nicht
geschehen, so lass ich mir auf meine letzten Bilder einen Vorschuss geben, und
wenn auch das nicht geht, so...«
    »Nun, so haben wir immer noch die Zuckerdose«, warf Manon ein.
    »Ja, die soll jedesmal aushelfen. Aber mit einemmal ist sie doch weg.«
    »Was schliesslich auch nichts täte«, fuhr Manon beschwichtigend fort. »Dann
schenken uns Bartensteins eine neue: Frau Bartenstein sagte mir noch neulich:
Liebe Manon, haben Sie denn gar keinen Wunsch? Ja, Mama, so liegt es, Gott sei
Dank, und ich bin nur traurig, dass ich heute abend, wenn Leo kaum angekommen
ist, auf die Polterabendprobe muss. Aber am Ende könnt ich ihn mitnehmen. Ich
habe schon lange meine Gedanken darüber und möchte mich verwetten, dass Flora
sich aufrichtig freuen würde.«
    »Du vergisst immer, dass er des Königs Rock trägt.«
    »Ach, Terese, das ist ja kleinlich und altmodisch und ganz überholt. Unser
Kronprinz ist Kronprinz und trägt auch des Königs Rock, und wenn er noch nicht
bei Bartensteins war, so war er doch woanders. Aber ebenso.«
    »Nun, wir werden ja sehen«, sagte Terese, die zwar kritisch zu den
Bartensteins stand, aber schliesslich auch froh war, dass sie existierten.
 
                                Drittes Kapitel
Der nächste Tag kam. Als es am Nachmittag schon dämmerte, hielt eine Droschke
vor dem Hause, und Mutter und Töchter sahen alsbald vom Fenster aus, wie
Friederike nach vergnüglicher Begrüssung mit Leo den kleinen Offizierskoffer vom
Kutscherbock nahm und an Agnes Nebelung vorbei - die, weil sie den Leutnant gern
sehen wollte, dicht neben dem Trottoir Aufstellung genommen - auf die Haustür
zuschritt. Leo folgte. Schon auf der von den Schwestern en échelon besetzten
Treppe wurden Küsse gewechselt, oben aber stand die Mama. »Tag, meine gute
Alte«, und nun wieder ein Kuss. Allerhand konfuse Sätze, die gar nicht passten,
flogen hin und her, und nun trat Leo von der guten Stube her in das
einfensterige Wohnzimmer, legte Paletot und Säbel ab, zupfte vor dem Spiegel
seinen etwas raufgerutschten Waffenrock zurecht und sagte, während er sich mit
einem strammen Ruck vom Spiegel her umdrehte: »Na, Kinder, da wär ich mal
wieder. Wie findet ihr mich?«
    »Oh, wundervoll.«
    »Danke schön. So was tut immer wohl, wenn's auch nicht wahr ist, man kann
beinahe sagen, es erquickt. Aber apropos, Erquickung. Trotz der frischen Luft,
ich bin kolossal durstig; seit sieben Stunden nichts als eine Sardellensemmel;
wenn ihr ein Glas Bier hättet.«
    »Gewiss, gewiss. Friederike kann ein Seidel echtes holen.«
    »Nein, nein; nichts holen. Und wozu? Wasser tut's auch«, und er stürzte mit
einem Zug ein Glas Wasser hinunter, das ihm Manon gereicht hatte. »Brr. Aber
gut.«
    »Du bist so hastig«, sagte Manon. »Das bekommt dir nicht. Ich denke, du
trinkst nun erst eine Tasse Kaffee. Wir haben jetzt halb fünf. Und um sieben
dann einen Imbiss.«
    »Sehr gut, Manon, sehr gut. Nur die Reihenfolge lässt sich vielleicht ändern.
Das Wasser hab ich intus; nehme ich nun auch noch gleich den Kaffee, so gibt das
zuviel Flüssigkeit, nutzlose Magenerweiterung, also so gut wie Schwächung. Und
man braucht seine Kräfte, oder, sagen wir, das Vaterland braucht sie.«
    »Du meinst also...«
    »Ich möchte mir zu meinen erlauben: Umkehr der Wissenschaft; erst Imbiss,
dann Kaffee. Denn wenn mein Durst gross war, mein Hunger kommt gleich danach. In
sieben Stunden...«
    »Das hast du ja schon gesagt.«
    »Ja, Wahrheiten drängen sich immer wieder auf. Nun sagt, was habt ihr?«
    »Eine Ente.«
    » Kapital.«
    »Aber sie hängt noch oben am Bodenfenster und ist auch noch alles dran und
drin. Also eine Sache von zwei Stunden...«
    »Etwas lange.«
    »... Doch ich glaube, ich weiss Rat. Wir nehmen die Leber heraus, und in
einer Viertelstunde hast du sie gebraten auf dem Teller. Willst du sie mit Äpfel
oder Zwiebel?«
    »Mit beiden. Nur nichts ablehnen, wenn es der Anstand nicht absolut
erfordert.«
    »Du kennst also doch Fälle«, sagte Terese.
    »Natürlich kenn ich Fälle, natürlich. Aber nun sage mir, liebe Alte, wie
geht es dir eigentlich? Immer noch Schmerzen hierherum?«
    »Ja, Leo, jede Nacht.«
    »Weiss der Himmel, dass die Doktors auch gar nichts können. Sieh hier meinen
Zeigefinger, neulich umgeknickt, das heisst, 's ist schon ein Vierteljahr, und
immer dieselbe Schwäche. Vielleicht muss ich den Abschied nehmen.«
    »Ach, rede doch nicht so«, unterbrach Terese. »Die Poggenpuhls nehmen nicht
den Abschied.«
    »Dann kriegen sie ihn.«
    »Sie kriegen ihn auch nicht. Der da« (und sie wies auf den »Hochkircher«)
»ist unvergessen und der Sohrsche auch und Papa auch. Der Kaiser weiss, was er an
uns hat.«
    »Ja, Terese, was hat er an uns?«
    »Er hat unsre Gesinnung und die Gewissheit der Treue bis auf den letzten
Blutstropfen.«
    »Nun ja, ja, das hat er... Aber sage, Mutter, hast du denn schon böten
lassen?«
    » Böten?«
    »Ja, böten. Böten ist pusten und besprechen oder so was wie mit Sympatie.
Das hilft immer. Wir haben da eine alte Pohlsche, sowie die lospustet, ist es
weg... Apropos, ist denn noch Weihnachtsmarkt?«
    »Ich glaube, er ist noch oder wenigstens ein bisschen.«
    »Ein paar Buden werden ja wohl noch stehen, und da müssen wir hin, Kinder.
Herr Jraf, einen Dreier, so was Klassisches will ich mal wieder hören. Und dann
gehen wir zu Helms und trinken Grog oder Schokolade mit Schlagsahne und dann in
die Reichshallen.«
    »Oh, das ist ein glücklicher Einfall«, sagte Manon. »Nicht wahr, Sophie? Du
bist so still; sprich doch auch... Für Terese wird es wohl nicht passen, sie
wird die Reichshallen nicht vornehm genug finden. Aber zwei Schwestern ist auch
genug, und ich freue mich herzlich. Nur musst du's so einrichten, dass wir etwa um
neun bei Bartensteins sind oder doch nicht viel später. Ja, Leo, bis in die
Vossstrasse musst du uns dann bringen.«
    »Gern. Aber wozu? Was ist denn da los?«
    »Polterabendprobe. Seraphine Schweriner, eine Cousine von Flora, verheiratet
sich in vierzehn Tagen, und da haben wir seit Weihnachten immer Proben. Ich
spiele mit, sogar zweimal, erst Quirlmädchen, dann Slowake mit Mausefallen. Ich
soll reizend aussehen.«
    »Natürlich.«
    »Und Sophie hat ein Transparent gemalt und den Prolog gedichtet. Aber sie
will ihn nicht sprechen.«
    »Das musst du dann am Ende auch noch.«
    »Vielleicht; aber jedenfalls nicht gern. Prolog ist immer zu langweilig.
Jeder ist immer froh, wenn es damit vorbei ist. Aber ob ja oder nein, davon
sprechen wir unterwegs, vorausgesetzt, dass sich unterwegs überhaupt ein Gespräch
führen lässt. Denn man muss jetzt sehr aufpassen: es ist abends immer so neblig.
Überhaupt, Berliner Luft...«
    »Ach, rede doch nicht so was, Manon. Berlin hat die feinste Luft von der
Welt. Ich kann dir sagen, dass ich froh bin, mal wieder ein bisschen drin
herumschnuppern zu können. Nebel; Nebel ist ganz egal, Nebel ist was
Äusserliches, und alles Äusserliche bedeutet nichts. Innen steckt es, innen lebt
die schaffende Gewalt, immer frisch, froh und frei; - fromm schenk ich mir,
verzeih, Terese... Gott, unser Nest da, das hat die reinste Luft, immer Ostwind
und dergleichen, und wer nicht fest auf der Bost ist«, und er gab sich einen
Schlag auf die Brust, »der hat eine Lungenentzündung weg, er weiss nicht wie.
Also wir haben die reinste Luft, keine Frage. Und doch sag ich euch, immer
stickig, immer eng, immer klein. Wenn der Oberst niest, hört es der Posten vorm
Gewehr und präsentiert. Greulich. Wenn nicht das bisschen Jeu wäre und die paar
Judenmädchen...«
    »Aber Leo...«
    »Oder die paar Christenmädchen; bloss die Jüdinnen sind hübscher.«
    »Ihr müsst aber doch geistige Beschäftigung haben?«
    »I bewahre. Dazu ist ja gar keine Zeit. Ich überschlage bloss dann und wann
meine Schulden und rechne und rechne, wie ich wohl rauskomme. Das ist meine
geistige Beschäftigung, ganz ernstaft, beinahe schon wissenschaftlich.«
    »Gott, Leo«, sagte die Mutter und sah ihn ängstlich an. »Gewiss bist du bloss
deshalb gekommen. Ist es denn wieder viel?«
    »Viel, Mutter? Viel ist es nie. Viel kann es überhaupt nie sein. Denn so
dumm ist keiner. Viel, das fehlte auch noch. Aber wenig ist es, und bei allem
Glück, dass es so wenig ist, ist das doch auch grade wieder das Ärgerliche, ja
das Allerärgerlichste. Denn man sagt sich: Gott, es ist so wenig, dafür kann man
ja gar nichts gehabt haben, und hat auch nicht, und dann kommt erst das andre,
dass man's, trotzdem es so wenig ist, doch nicht begleichen kann. Keiner, der
einem hilft, keine Seele. Wenn ich mir da die andern ansehe! Jeder hat einen
Onkel...«
    »Oh, den haben wir auch«, unterbrach Sophie. »Und Onkel Eberhard ist ein
Ehrenmann...«
    »Zugestanden. Aber Onkel Eberhard, so gut er ist, er legitimiert sich nicht
als Onkel oder wenigstens nicht genug. Und dann, Kinder, wer keinen Onkel hat,
der hat doch wenigstens einen Grossvater oder einen Paten oder eine Stiftsdame.
Stiftsdame ist das beste. Die glauben alles, jede Geschichte, die man ihnen
vorerzählt, und wenn sie auch selber nicht viel haben, so geben sie doch alles,
ihr letztes.«
    »Ach, Leo, rede doch nicht so. Sie können doch nicht alles geben.«
    »Alles, sag ich. Denn was eine richtige Stiftsdame ist, die kann auch alles
geben, weil sie gar nichts braucht. Sie hat Wohnung und Fisch und Wild, und die
Putühner laufen im Hof herum, und die Tauben sitzen auf dem Dach, und in dem
grossen Gemüsegarten, den sie natürlich selber besorgen (denn sie haben ja nichts
zu tun), da steht immer irgendwo ein Kohlrabi oder eine Mohrrübe, und in der
Küche ist immer Feuer, weil sie frei Holz haben. Und deshalb, ja, ich muss es
noch einmal sagen, deshalb können sie alles geben, weil sie alles haben und
nichts brauchen.«
    »Aber sie müssen sich doch kleiden.«
    »Kleiden? I bewahre. Die kleiden sich nicht. Sie haben ein Kleid, und das
dauert dreissig Jahre. Sie ziehen sich bloss an; natürlich, denn auf Eva im
Paradiese sind sie nicht eingerichtet... Aber da kommt ja die Leber; riecht
köstlich, delikat. Und nun, Kinder wollen wir teilen: Mutter Mittelstück, weil
das das weichste ist, Terese rechte Spitze, ich linke Spitze, Sophie und
Manon...«
    »Ach, Leo, mache doch keine Komödie. Du weisst ja doch, dass du das Ganze
kriegst. So warst du immer, du willst dich nett machen, wo du nicht beim Worte
genommen wirst.«
    »Gib hier nicht Aufschlüsse über meinen Charakter, Sophie, gib mir lieber
eine Semmel zu der Leber, sie ist sonst zu fett. Und mit der Verwandtschaft hab
ich doch recht; keine Stiftsdame, keine Muhme, keine Base, keine Tante, kaum
eine Cousine, wenigstens keine richtige - man möchte rasend werden, sagt
Mephisto irgendwo. Kennst du Mephisto, Mutter?«
    »Natürlich kann ich ihn. Ihr Poggenpuhls denkt immer, ihr habt die Weisheit
allein und alles wie durch Inspiration. Denn von der Schule her habt ihr doch
eigentlich gar nichts. Und nun gar du, Leo. Wenn ich an deine Zensuren denke.
Mit Wendelin war das was andres. Aber warum? weil er ins Püttersche schlägt.«
    »Ach, Mutter, du bist schon die Beste; wenn wir dich nicht hätten! Und ich
glaube auch beinahe, dass uns die Pütters über sind. Bloss in einem sind sie uns
ganz gleich, sie haben auch nichts, und das ist mein Schmerz. Ach, Mama,
nirgends Geld, nirgends Rückendeckung, und dazu jung und ein Leutnant; - eine
ganz verdeubelte Geschichte. Und dabei habe ich euch aufgefordert, mit zu Helms
zu kommen und dann in die Reichshallen.«
    »Er ist unverbesserlich«, lachte Sophie. »Was soll das nun wieder! Erstens
bist du unser Gast, der nichts als die Honneurs zu machen braucht. Und das
Ritterliche wirst du doch wohl für uns übrig haben.«
    »Gott, Mädels, seid ihr gut. Und so aufgeklärt und begreift, dass es nicht
anders sein kann, und ich bleibe in eurer Liebe und Achtung. Das hoffe ich
wenigstens, sonst würde ich es nicht annehmen. Und nun, denk ich, gehen wir.
Mama, du kommst doch mit?«
    »Nein, Leo. Eine Person mehr macht schon immer was aus. Und dann mein
Mantel, wenn wir in einem Lokal sitzen, ist auch nicht mehr gut genug.«
    »Ach, das ist ja gleich, Mutter.«
    »Und dann hab ich so leicht das Reissen hier, und man weiss nie, welchen Platz
man kriegt und ob es nicht gerade zieht. Und wenn ich den Zug kriege, dann krieg
ich auch meinen Rheumatismus und muss ins Bett. Und wenn ich den Rheumatismus
nicht kriege, dann krieg ich meine Kolik, und das ist noch schrecklicher.«
 
                                Viertes Kapitel
Leo, der den Weihnachtsmarkt und Helms und die Reichshallen wirklich besucht und
sich dann schliesslich vor dem Bartensteinschen Hause von den beiden jüngeren
Schwestern, die er bis dahin begleitet, verabschiedet hatte, war bald nach neun
wieder zu Haus, wo er nun, so ging wenigstens sein Plan, mit der Mutter und
Terese weidlich plaudern und über seine Berliner Eindrücke berichten wollte,
denn er gehörte zu den Glücklichen, die, sowie sie den Fuss auf die Strasse
setzen, immer was erleben oder sich wenigstens einbilden, was erlebt zu haben.
Er traf es daheim aber anders als erwartet: Terese war in die Stadt gegangen,
um noch ein paar Kleinigkeiten für den Geburtstagstisch der Mama zu kaufen, und
diese selbst, wie er von Friederike gleich auf dem Korridor erfuhr, war schon zu
Bett. »Hm«, brummte er und schickte sich, weil ihm nichts andres übrigblieb,
eben zu stillem Meditieren in einer Sofaecke an, als die Mama ihm sagen liess, er
solle nur an ihr Bett kommen und ihr was erzählen. Das war ihm denn allerdings
erheblich lieber, als, wie er sich ausdrückte, »unter Betrachtung seines Innern«
auf Terese zu warten.
    »Ist dir schlecht, Mama?«
    »Nein, Leo, schlecht eigentlich nicht. Ich habe mich nur hingelegt, weil ich
morgen doch ein bisschen bei Kräften sein will. Nimm dir einen Stuhl und rücke
ran und dann hole die Lampe, dass ich dich immer vor mir habe. Denn du hast ein
gutes Poggenpuhlsches Gesicht, und wenn dann was kommt, was nicht stimmt, so
kann ich es dir immer gleich ansehen und mir meinen Vers danach machen.«
    »Ach, Mama, du denkst immer, ich mache Flausen; aber es ist nicht so schlimm
damit. Ich habe nicht mal Talent dazu; ich übertreibe bloss ein bisschen.«
    »Ist schon recht. Und du warst auch immer mein Liebling, und die andern
haben es dir auch gegönnt. Aber du bist so leichtsinnig und denkst immer, es
wird sich schon finden. Und sieh, das ängstigt mich. Was finden! Wie soll sich
denn was finden, wo soll es denn herkommen? Es ist ja doch eigentlich ein
Wunder, dass es noch immer so gegangen ist.«
    »Ja, Mutter, das ist es ja gerade; da steckt ja gerade die Hoffnung, und ich
muss beinahe sagen die Zuversicht. Wenn das Wunder gestern war, warum soll es
nicht auch heute sein oder morgen oder übermorgen.«
    »Das klingt ganz gut, aber es ist doch nicht richtig. Sich zu Wunder und
Gnade so stellen, als ob alles so sein müsste, das verdriesst den, der all die
Gnade gibt, und er versagt sie zuletzt. Was Gott von uns verlangt, das ist nicht
bloss so hinnehmen und dafür danken (und oft oberflächlich genug), er will auch,
dass wir uns die Gnadenschaft verdienen oder wenigstens uns ihrer würdig zeigen
und immer im Auge haben, nicht was so vielleicht durch Wunderwege geschehen kann
, sondern was nach Vernunft und Rechnung und Wahrscheinlichkeit geschehen muss.
Und auf solchem Rechnen steht dann ein Segen.«
    »Ach, Mama, ich rechne ja immerzu.«
    »Ja, du rechnest immerzu, freilich, aber du rechnest nachher, statt vorher.
Du rechnest, wenn es zu spät ist, wenn du bis über den Kopf drinsteckst, und
dann willst du dich herausrechnen und rechnest dich bloss immer tiefer hinein.
Was dir nicht passt, das siehst du nicht, willst du nicht sehen, und was dir
schmeichelt und gefällt, daraus machst du Wahrscheinlichkeiten. Die Menschen
haben so viel für uns getan, auch für dich, und nun, mein ich, heisst es: Hilf
dir selber. Immer bloss wir sind ja die Poggenpuhls, damit machen wir uns bloss
bedrücklich, und zuletzt sind wir Querulanten, was ich doch nicht erleben
möchte.«
    »Davon sind wir weitab, Mama.«
    »Nicht so weit, wie du denkst. Onkel Eberhard, der ein sehr feiner und sehr
gütiger Mann ist, ich muss ihn wirklich einen echten Edelmann nennen, wird
allmählich auch reserviert und ungeduldig. Er sagt es nicht geradeheraus, weil
er eben gütig ist, aber es steht doch leise zwischen den Zeilen.«
    »Ja, der Onkel, der alte Streitpunkt. Ich bitte dich, Mama, er tut aber doch
auch wirklich zu wenig und alles so bloss um Gottes willen, und er müsste doch
eigentlich denken: Ich habe meine Zeit gehabt, nun sind die andern dran. Er gibt
wohl dann und wann, gewiss, aber was er so auf dem Familienaltar opfert, steht in
keinem rechten Verhältnis, weder zu seinen Einnahmen noch zu seinen Ermahnungen.
Er könnte sich kürzer fassen und mehr geben. Hat er doch ein riesiges Glück
gehabt und sitzt nun über ein Dutzend Jahre schon in der Wolle oder, wie manche
sagen, in einer guten Assiette.«
    »Dass du nicht davon abzubringen bist und nicht wissen willst, wie's mit dem
Onkel eigentlich liegt. Er hat die reiche Witwe geheiratet und wohnt in einem
Schloss, und wenn seine Frau den Prinzen Albrecht oder einen von den Carolats
einladen will, dann ist das ein grosses Wesen, und der halbe niederschlesische
Adel sitzt dann mit zu Tisch, und es sieht dann aus, als gäbe Onkel Eberhard das
Fest. Aber er gibt es nicht, sie gibt es; er gibt nur den Namen dazu her und
auch das kaum, denn viele, wenn sie hinter dem Rucken der Tante sprechen nennen
sie noch immer bei dem Namen ihres ersten Mannes. Der war schlesisch und ein
sehr vornehmer Mann, vornehmer als die Poggenpuhls ... das müsst ihr euch nun
schon gefallen lassen, dass es noch Vornehmere gibt... Ich sage dir, so gut sie
ist, sie hält ihn trotzdem knapp, und er hat nicht viel mehr als seine
Generalspension, von der er noch alte Schulden bezahlen muss...«
    »... Alte Schulden! Siehst du, Mama, da sagst du's nun selbst. Auch der
also. Und ist doch General geworden und hat nun eine reiche Frau...«
    »... Wovon er alte Schulden bezahlen muss«, wiederholte die Mama, ohne seiner
Zwischenrede weiter zu achten. »Und da bleibt ihm nur ein Taschengeld.«
    »Aber ein gutes...«
    »Vielleicht, oder sagen wir gewiss. Und wenn er trotzdem damit zu Rate hält,
so liegt es wohl auch daran, dass er dir misstraut oder, wenn nicht er, dass die
Frau dir misstraut und dass deren Einfluss ihn bestimmt.«
    »Das ist es ja eben, was einen ärgert, dieser unwürdige Weibereinfluss. Und
dann, Mama, von mir will ich am Ende nicht reden, ich bin vielleicht enfant
perdu; meinetwegen. Aber Wendelin, dieser Musterknabe, wenn ich meinen Herrn
Bruder so nennen darf, an dem müsste er doch wenigstens seine Freude haben und
sogar die Frau Tante. Da liegt doch die Knauserei ganz deutlich zutage.«
    »Spricht Wendelin ebenso?«
    »Nein. Der nicht, der braucht es auch nicht. Wendelin, der das Talent hat,
bei seiner Wasserkaraffe sich Herr von ungezählten Welten zu fühlen, Wendelin
macht auch so seinen Weg. Aber auch für ihn ist doch ein Unterschied. Es ist nun
mal was andres, ob man seinen Weg spielend macht oder in ewiger Askese. Die mit
Askese haben meistens einen Knacks weg; - sie werden berühmt oder können es
wenigstens werden, aber auch wenn sie berühmt sind, wirken sie meistens wie
kleine Schulmeister. Möglich, dass Wendelin eine Ausnahme macht.«
    »Glaubst du denn überhaupt und mit einer Art von Zuversicht, dass etwas
Höheres aus ihm werden wird?«
    »Gewiss, Mutter. Kein halbes Jahr, so kommt er in den Generalstab. Was er
über Skobeleff geschrieben, hat Aufsehen gemacht. Und dann noch ein Jahr oder
zwei, dann schicken sie ihn nach Petersburg, und da heiratet er, so nehme ich
vorläufig an, eine Yussupoff oder eine Dolgorucka; die haben alle wenigstens
zehntausend Seelen und Bergwerke mit Diamanten. Was meinst du dazu? Kein übler
Blick in die Zukunft. Zugegeben, nicht wahr? Aber wenn der Onkel anders wäre
oder meinetwegen auch die Tante - doch von der können wir es nicht verlangen,
denn sie ist bloss angeheiratet und war eine Bourgeoise, was immer schlimm ist;
du bist doch wenigstens eine Bürgerliche -, ja, dann wäre er schon da, dann wär
er schon in Petersburg, und ich wäre schon attachiert und ginge mit in den
Kaukasus oder nach Merw oder nach Samarkand, und all das unterbleibt oder
vertagt sich wenigstens grausamerweise, bloss weil kein Vorspann da ist, weil die
Goldfüchse fehlen.«
    »Gott, Leo, wenn man dich so hört, so sollte man glauben, du könntest alles
haben, wenn sich bloss der Wind ein bisschen drehen wollte. Phantasien, Pläne, so
warst du schon als kleiner Junge.«
    »Ja, Mutter, so muss man auch sein, wenigstens unsereiner. Wer was hat, nun
ja, der kann das Leben so nehmen, wie's wirklich ist, der kann das sein, was sie
jetzt einen Realisten nennen; wer aber nichts hat, wer immer in einer Wüste
Sahara lebt, der kann ohne Fata Morgana mit Palmen und Odalisken und all
dergleichen gar nicht existieren. Fata Morgana, sag ich. Wenn es dann, wenn man
näher kommt, auch nichts ist, so hat man doch eine Stunde lang gelebt und
gehofft und hat wieder Courage gekriegt und watet gemütlich weiter durch den
Sand. Und so sind denn die Bilder, die so trügerisch und unwirklich vor uns
gaukeln, doch eigentlich ein Glück.«
    »Ja, die Jugend kann das und darf es auch vielleicht. Und ich will dir noch
mehr zugehen: wer immer hoffen kann, und die Hoffnung ist oft besser als die
Erfüllung, der hat sein Teil Freude weg. Aber trotzdem, du hoffst zuviel und
arbeitest zuwenig.«
    »Ich arbeite wenig, das ist richtig, und ich will es nicht loben. Aber ich
habe einen heiteren Sinn, und das ist schliesslich besser als alles Arbeiten.
Heiterkeit zieht an, Heiterkeit ist wie ein Magnet, und da denk ich, ich kriege
doch auch noch was.«
    »Nun, ich will es dir wünschen. Und jetzt geh in die Küche und sage
Friederike, dass sie dir was zum Abendbrot bringt.«
 
                                Fünftes Kapitel
Leo war es zufrieden, denn er hatte wirklich Hunger. Die Entenleber zu Mittag
war nicht viel gewesen und die Tasse Schokolade bei Helms noch weniger.
    Er ging also hinaus und traf Friederike, die vor einer Küchenlampe sass und,
ein an den Fuss der Lampe gestelltes Tintenfass dicht vor sich, in ihrem
Wirtschaftsbuch aufschrieb. Der aus Holz geschnitzte Federhalter, den sie
nachsinnend zwischen Daumen und Zeigefinger hielt, war noch ganz neu (wohl ein
Weihnachtsgeschenk) und schloss nach oben hin mit einem Adler ab, der aber auch
eine Taube sein konnte. Soviel sich bei dem herrschenden Halbdunkel erkennen
liess, war in der Küche rundum alles in guter Ordnung und Sauberkeit, wenn auch
nicht gerade blitzblank; blitzblank war nur der in seinem Kochloch stehende
Teekessel, dessen Tüllendeckel beständig klapperte. Denn immer kochendes Wasser
zur Verfügung zu haben war ein eigentümlicher, zugleich klug erwogener Luxus der
Poggenpuhlschen Familie, die sich dadurch in Stand gesetzt sah, jederzeit eine
bescheidene Gastlichkeit üben zu können. Diese betätigte sich dann in
verschiedenem. Obenan, fast schon als Spezialität, stand eine mit Hilfe von
gerösteten Semmelscheiben und einer Muskatnussprise rasch herzustellende
Kraftbrühe von französischen Namen, in deren Anfertigung jeder einzelne so sehr
exzellierte, dass selbst Flora, wenn sie abends zu einer Plauderstunde mit
herankam, unter freundlicher Ablehnung von »Aufschnitt« und dergleichen, darum
zu bitten pflegte. Was auch klug war.
    »Ja, Friederike«, sagte jetzt Leo, als er, einen Küchenstuhl heranrückend,
sich über die Lehne desselben beugte, »Mama schickt mich zu dir und hat sogar
von Abendbrot gesprochen. Wie steht es eigentlich damit? Ich habe Hunger und
danke Gott für alles. Und dir auch.«
    »Ja, junger Herr, viel is es nich.«
    »Na, was denn?«
    »Nun, eine Boulette von gestern mittag und ein paar eingelegte Heringe mit
Dill und Gurkenscheiben. Und dann noch ein Edamer. Aber von dem Edamer is bloss
noch sehr wenig. Und dann kann ich Ihnen vielleicht noch einen Tee aufgiessen.
Das Wasser bullert ja noch.«
    »Nein, Friederike, Tee nicht. Was soll man damit? Aber das andre ist gut,
und ich werde gleich hier bleiben, gleich hier in der Küche. Mama ist müd und
angegriffen, und du kannst mir dann auch was von den Mädchen erzählen. Sie
schreiben mir immer, Manon immer vier Seiten, aber es steht nicht viel drin. Wie
geht es denn eigentlich?«
    »Ja, junger Herr, wie soll es gehn? Fräulein Terese, na, da wissen Sie ja
Bescheid;... aber ich will am Ende nichts gesagt haben. Und dann Sophiechen. Nu,
das Sophiechen ist ein Prachtstück. Und Manonchen ist immer fidel, das muss wahr
sein.«
    »Und hält es mit den reichen Bankiers, und das ist auch klug und weise.
Bankiers, das sind eigentlich die einzigen Menschen, mit denen man umgehen
sollte, bloss schade, dass sie fast alle vom Alten Bund sind.«
    »Ja, junger Herr, so is es, und ich hab es ihr auch schon gesagt; aber da
sagte sie: Ja, Friederike, wenn man so was will, dann darf man nicht viel
aussuchen, dann muss man's nehmen, wie's fällt.«
    »Sehr vernünftig, ein kluges Mädchen; gefällt mir ausserordentlich und ist
mir auch ganz recht. Ich bin nämlich auch so 'n bisschen mit drin, hab auch
angebändelt, schöne schwarze Person, Taille so, und Augen, na, Friederike, ich
sag dir, Augen, die reinen Mandelaugen und eigentlich alles schon wie Harem.
Kennst du Harem?«
    »Natürlich kenn ich Harem. Das is das, wo die Türken ihre Frauen drin haben
und keine Fenster als bloss ganz kleine Löcher, wo sie nur mal heimlich
rausgucken können.«
    »Richtig. Und so wie bei den Türken oder doch beinahe so, so sieht meine
auch aus.«
    »Aber wird es denn gehen, junger Herr? Wird es denn die Familie zugeben?«
    »Welche? Meine oder ihre?«
    »Nu, ich meine die Poggenpuhls.«
    »Das ist mir egal, Friederike. Und dann ... sich, so dumm sind die
Poggenpuhls auch nicht, wenn es nur recht viel ist, sind sie ganz zufrieden und
geben alles zu.«
    »Is es denn viel?«
    »Ja, das weiss ich selber noch nicht. Und dann sind diese Orientalen so
grässlich vorsichtig und machen immer Ehekontrakte, wo man nichts kriegt, wenn
man nicht gleich ein halbes Dutzend herzaubert. Und so schnell geht es doch
nicht.«
    »Ach, Leochen, Sie werden schon...«
    »Ja, Friederike, das sagst du so; die Spiele der Natur sind aber merkwürdig,
und wenn dann welche geboren werden, kleine, reizende Engelchen, denn wenn sie
ganz klein sind, sind sie immer Engelchen, dann sterben sie, und sieh, dann
sitzt man wieder da und hat alle Mühe umsonst gehabt.«
    »Ja, ja, so was kommt vor. Na, aber sind Sie denn schon eins miteinander?«
    »I Gott bewahre, sie weiss eigentlich kein Sterbenswort, und ich sage das
auch bloss alles so, weil einem immer das Messer an der Kehle sitzt, und da malt
man sich denn so was aus und tröstet sich und denkt, mal wirst du doch wohl
rauskommen aus all dem Elend... Aber Friederike, du könntest mir doch eigentlich
einen Tee machen, das heisst, wenn noch ein bisschen Rum da ist.«
    »Nein, Leochen, Rum is nich mehr da; bloss noch ein Gilka.«
    »Hm, das passt eigentlich nicht recht. Aber am Ende, warum nicht? Eintun kann
ich ihn freilich nicht, aber so nebenher ist er ganz gut zu brauchen. Und nach
dem Hering ist mir doch so 'n bisschen durstig geworden. Und was ich dir von der
schönen schwarzen Jüdin gesagt habe, drüber musst du reinen Mund halten und
darfst davon nicht sprechen, nicht zu Mutter und auch nicht zu den Schwestern,
wenigstens nicht zu Terese. Zu Manon kannst du schon eher etwas sagen, die ist
ja schon so gut wie mit dabei, mit ihren ewigen Bartensteins, wo sie mich auch
immer hin haben will. Der Alte soll übrigens sehr reich sein, und ich weiss auch
noch nicht, was ich tue. Man ist dann mit einemmal raus, und das ist doch die
Hauptsache. Wenn es aber nichts wird, na, dann, Friederike, dann müssen die
Schwarzen ran, das heisst die richtigen Schwarzen, die wirklichen, dann muss ich
nach Afrika.«
    »Gott, Leochen! Davon hab ich ja gerade dieser Tage gelesen. Du meine Güte,
die machen ja alles tot und schneiden uns armen Christenmenschen die Hälse ab.«
    »Das tun sie hier auch; überall dasselbe.«
    »Und soviel wilde Tiere, Schlangen und Krokodile, dass man bei all der Hitze
nich mal baden kann.«
    »Ja, das ist richtig. Aber dafür hat man auch alles frei, und wenn man einen
Elefanten schiesst, da hat man gleich Elfenbein, soviel man will, und kann sich
ein Billard machen lassen. Und glaube mir, so was Freies, das hat schliesslich
auch sein Gutes. Hast du mal von Schuldhaft gehört? Natürlich hast du. Nu sieh,
so was wie Schuldhaft gibt es da gar nicht, weil es keine Schulden und keine
Wechsel gibt und keine Zinsen und keinen Wucher, und wenn ich in Bukoba bin -
das ist so 'n Ort zweiter Klasse, also so wie Potsdam -, da kann sich's treffen,
dass mir der Äquator, von dem du wohl schon gelesen haben wirst und der so seine
guten fünftausend Meilen lang ist, dass mir der gerade über den Leib läuft.«
    »Um Gottes willen...«
    »Und so was ist hier ganz unmöglich, und deshalb will ich auch hin, wenn
sich hier nicht bald was findet.«
    »Gott, junger Herr, dann doch lieber...«
    »Gewiss, Friederike, viel lieber. Und all das Poggenpuhlsche, wovon Terese
soviel Lärm macht... Aber, alle Wetter, dabei fällt mir ein, wo steckt denn nur
eigentlich Terese? Sie wollte ja, wie du sagtest, bloss in die Stadt, um noch zu
Mamas Geburtstag was einzukaufen... Gott, Geburtstag. Sage, Friederike, da muss
ich am Ende doch auch wohl was anschaffen, die alte Frau glaubt sonst, ich denke
bloss immer an mich. Also was meinst du, was kann ich ihr wohl schenken, was
braucht sie?«
    »Gott, junger Herr, die gnädige Frau braucht ja eigentlich alles.«
    »Alles? Das ist mir zuviel, das geht nicht, das ist über meinen Etat. Und
zurück muss ich doch auch noch wieder, und es reicht schon nicht... Aber du hast
ja vorhin von einem Edamer gesprochen. Is noch was da?«
    »Versteht sich.«
    »Nun gut. Aber zunächst wollen wir das mit dem Geburtstagsgeschenk abmachen.
Freilich, zurück muss ich, das bleibt das erste.«
    »Ja, junger Herr, wieviel wollen Sie denn wohl anlegen?«
    »Wollen? Eine Million. Aber können, Friederike, können, da sitzt es, da
hapert es. Über, über... na, ich will lieber keine Summe nennen; nur bloss was
Nettes, was Sinniges muss es sein.«
    »Nu, ich denke mir eine Primel.«
    »Gut, Primel. Primel passt ganz vorzüglich. Primel oder Primula veris, das
ist nämlich der lateinische Name, heisst soviel wie Frühlingsanfang, und Mutter
wird siebenundfünfzig. Und sieh, das ist das, was ich sinnig nenne.«
    »Und dann, junger Herr, vielleicht noch eine Tüte mit Mehlweisschen; die isst
sie für ihr Leben gern. Aber knusprige, nicht solche, die sich so ziehen wie
Leder.«
    »Auch gut. Also Primel und Mehlweisschen, knusprig und alle weiss bestreut.
Aber es ist schon so spät; ich glaube, man kriegt keine mehr.«
    »Nein, heute nicht mehr; ich besorge sie aber morgen früh. Vor neun wird ja
doch nich aufgebaut, denn es muss doch erst überall warm sein und auch alles ein
bisschen in Ordnung.«
    Unter diesen Worten begann Friederike die herumstehenden Teller und Gläser
abzuräumen und setzte dafür den halben Edamer, der eigentlich nur noch eine rote
Schale war, auf den Tisch. Aber das tat nichts. Leo hatte schon sein kleines
Taschenmesser, weil ihm das am handlichsten war, herausgenommen und schabte
damit die guten Stellen mit vieler Geschicklichkeit heraus, immer versichernd,
dass, wenn man noch was fände, wo eigentlich nichts mehr zu finden sei, das sei
jedesmal das beste und darin läge auch was Sinniges. »Ja, Friederike, so muss man
leben, immer so die kleinen Freuden aufpicken, bis das grosse Glück kommt...«
    »Ja, wenn es bloss kommt...«
    »Und wenn es nicht kommt, dann hat man wenigstens die kleinen Glücke
gehabt.«
    Und dabei setzte er den ausgehöhlten Edamer auf seinen linken Zeigefinger
und drehte ihn erst langsam und dann immer rascher herum, wie einen kleinen
Halbglobus.
    »Sieh, das hier oben, das ist die Nordhälfte. Und hier unten, wo gar nichts
ist, da liegt Afrika.«
 
                                Sechstes Kapitel
Leo war in der guten Stube untergebracht worden und schlief hier unbequem, aber
fest auf dem kleinen Rohrsofa, das für gewöhnlich in der Schlafstube stand. Er
wurde nur einen Augenblick wach, als Friederike kam, um einzuheizen, fiel aber
rasch wieder in einen ruhigen Morgenschlaf zurück, als er nebenan in der
einfenstrigen Wohnstube das Knacken und Knistern des Holzes und bald darauf das
Klappern der Ofentür hörte.
    Gegen halb neun erst kam Manon, um ihn zu wecken. »Aufstehn, Leo; es ist
höchste Zeit. Wir können Mama nicht länger im Bett halten.« Und nun sprang er
auf und machte mit soldatischer Schnelligkeit seine Toilette. Der Pfeilerspiegel
über der Konsole präsentierte sich dabei stattlich genug, alles übrige aber war
desto primitiver: ein Küchenstuhl mit Waschbecken und Handtuch, ein Glas und
eine Wasserkaraffe. Was er sonst noch brauchte, nahm er aus seinem Koffer.
    »Guten Morgen, meine Damen«, mit diesen Worten trat er bei den Schwestern
ein und gab jeder einen Kuss. Es war schon recht hübsch warm in dem kleinen
Zimmer. Auf einem alten Klavier lagen und standen die für die Mama bestimmten
Geschenke noch wirr und ungeordnet umher, denn sie sollten, wie
selbstverständlich, nicht hier, sondern in der guten Stube, die noch erst in
Stand zu setzen war, aufgebaut werden. Das geschah denn auch, und nun hatte man
über alles einen Überblick: eine Morgenhaube, zwei Paar Zwirnhandschuhe und ein
Paar Filzschuhe. Von Friederike war eine Erika gestiftet, zwischen den zwei
Filzschuhen stand Leos Primel und die Tüte, Leo selbst aber riss noch rasch ein
Blatt aus seinem Notizbuch, um ein paar Zeilen aufzuschreiben, und schob diese
dann zwischen die beiden blasslilafarbenen Primelblüten. »Ein Bild meines
Glücks«, sagte er zu der neben ihm stehenden Sophie; »zwei Blüten und blasslila.«
Nun endlich konnte auch die schon ungeduldig werdende Mutter aus ihrer
Schlafstube befreit und an den Geburtstagstisch geführt werden. Leo und die zwei
jüngeren Schwestern küssten ihr die Hand, während sich Terese mit einem
Backenkuss begnügte. »Gott, Kinder, so vielerlei«, sagte die gute alte Dame. »Und
wie ausgesucht. Ja, die Filzschuhe haben mir gefehlt; ich hab es immer so kalt.
Und die Primel und noch dazu mit einem Spruch.« Und sie nahm den Zettel und las:
»Eine Primel, von deinem... Ja, ja, Leo, das bist du; du hast das Wort nicht
ausgeschrieben, aber das war auch nicht nötig. Na, der liebe Gott meint es ja
gut mit uns allen, und vielleicht hilft er dir auch noch.«
    »Natürlich, Mutter«, sagte Terese, »du darfst ihn nicht so herabstimmen. Er
muss sein Selbstgefühl behalten und sich sagen, dass ein Pommerscher von Adel
immer seinen Platz findet. Ich bin guten Muts.«
    »Und übernimmst auch Bürgschaft?«
    »Nein, Leo; Bürgschaft übernimmst du selbst. Und wenn du sie richtig
übernimmst, wie es einem Poggenpuhl geziemt und worin dir Wendelin ein Vorbild
sein kann, so wirst du gute Tage haben. Wir haben einen Stern im Wappen.«
    »Ich wollte, ich hätte erst einen auf der Achselklappe.«
    »Kommt Zeit, kommt Rat. Aber nun nimm Mamas Arm und führe sie.«
Man blieb wohl eine Stunde beim Kaffee. Leo hatte von seinem Torner Leben zu
berichten, am meisten von seinen Besuchen auf dem Lande, sowohl bei den
deutschen wie bei den polnischen Edelleuten.
    »Und macht ihr bei diesen moralische Eroberungen?« fragte Terese. »Gewinnt
ihr Terrain?«
    »Terrain? Ich bitte dich, Terese, wir sind froh, wenn wir im Skat gewinnen.
Aber auch damit hat's gute Wege. Diese Polen, ich sage dir, das sind verdammt
pfiffige Kerle, lauter Schlauberger...«
    »Du hast soviel berlinische Ausdrücke, Leo.«
    »Hab ich. Und weil man nie genug davon haben kann, denk ich, wir brechen so
bald wie möglich auf und gehen in die Stadt auf weitere Suche. Wer Augen und
Ohren hat, findet immer was. Ich möchte mal wieder eine Litfasssäule studieren.
Wer dreihundert Mark sparen will oder die Goldene Hundertzehn oder Mittel gegen
den Bandwurm. Ich lese so was ungeheuer gern. Wer kommt mit? Wer hat Zeit und
Lust?«
    Terese schwieg und wandte sich ab.
    »Hm, Terese lässt mich im Stich, und Sophie hat die Wirtschaft. Aber Manon,
auf dich, denk ich, ist Verlass. Wir sehen uns das Rezonvillepanorama an (so was
verstehn die Franzosen) und sind um zwölf Unter den Linden und sehen die Wache
aufziehn mit voller Musik, und wenn wir Glück haben, steht der alte Kaiser am
Fenster und grüsst uns. Oder wir können's uns wenigstens einbilden.«
    Unter diesen Worten hatten sich Leo und Manon erhoben.
    »Kommt nicht zu spät; zwei Uhr«, mahnte Sophie, was denn auch versprochen
wurde.
Leo und Manon hielten Zeit, und Punkt zwei ging man zu Tisch. Es war in der
guten Stube gedeckt, in der Mitte eine Torte, links und rechts die Erika und die
Primel. Der Sohrsche sah aus seinem Rahmen herab und lächelte.
    Gleich nach der Suppe wurde der Glasteller mit der kleinen
Repräsentationsweinflasche von dem Schreibtisch heruntergenommen und vor Leo
hingestellt, der mit vieler Würde bemerkte: »Wenn dies mir gilt, so muss ich es
zurückweisen; wenn es aber wegen Mamas Geburtstag ist, auf deren Wohl wir
trinken müssen, so kann es stehnbleiben.«
    Und während noch darüber parlamentiert und Leos Widerstand beseitigt wurde,
kam Friederike und brachte die Ente.
    »Wovon willst du?« fragte Sophie.
    »Keule, wenn ich bitten darf. Ich finde nämlich, wer um die Keule bittet,
fährt immer am besten. Es macht jedesmal einen guten, weil bescheidenen
Eindruck, und zweitens lässt einen das Bindestück nicht leicht im Stich. Ausserdem
ist die reine Quantitätsfrage doch auch nicht zu verachten.«
    Er tat sich denn auch bene; alles war ihm zu Willen, und dann brachte er
seinen Toast aus auf das Wohl der Mutter. Diese musste trinken, die Mädchen aber
stiessen nur mit dem Knöchel ihres Zeigefingers an.
    »Es ist doch wahr, zu Hause schmeckt es immer am besten. Solche mütterliche
Ente krieg ich in ganz Torn nicht. Und diese Füllung, noch dazu zweierlei, hier
Maronen und hier Pudding mit Rosinen. Kinder, ich glaube beinahe, es ist alles
Verstellung bei euch; ich glaube, ihr habt was, ihr seid gar nicht so arm.«
    »Ach, Leo, sage nur so was nicht, sprich nicht so was; das ängstigt mich
immer. Du bist imstande, dir wirklich so was einzubilden...«
    »Nein, nein, ich weiss ja Bescheid. Ich dachte nur zufällig an etwas, was ich
mal in einer Zeitung gelesen habe, eine Geschichte von einer alten Frau, die ein
ganzes Vermögen, ich will nicht sagen, wo, eingenäht hatte. Und dann dacht ich
auch an Onkel Eberhard, an unsern Onkelgeneral, und dass er doch eigentlich...«
    In diesem Augenblick ging draussen die Klingel, und Friederike trat ein, um
den Herrn General zu melden.
    »Lupus in fabula.« Aber ehe Leo noch das Wort aussprechen konnte, stand der
Onkel schon in der Tür, legte den Finger halb dienstlich an die Schläfe und
sagte: »Habe die Ehre, Frau Schwägerin.«
    Die Mädchen eilten ihm entgegen, Leo natürlich desgleichen; als aber auch
die alte Frau sich erheben wollte, versagten ihr die Kräfte, so sehr war sie
bewegt von der Güte ihres Schwagers, für den sie immer eine besondere Liebe und
Verehrung gehabt hatte.
    »Sitzen bleiben, meine liebe Albertine. Das kommt von den zu jugendlichen
Bewegungen. Bringe dir auch Grüsse von meiner Frau... Und dass ich den Leo hier
treffe! Wetter, Junge, du siehst brillant aus und wundervoll genährt. Freilich,
freilich...«, und er wies auf die Ente.
    »An der du dich beteiligen musst«, sagte Manon.
    Und der Onkel rückte auch wirklich ein, band sich, was er selbst als
altmodisch bezeichnete, eine Serviette vor und machte sich mit vielem Behagen
daran, einen Flügel abzuknaupeln. »Delikat. Es ist übrigens bekannt, was
wirklich Gutes kriegt man nur in den kleinen Haushaltungen. Und warum? In einem
kleinen Haushalt kocht man noch mit Liebe. Ja, meine liebe Albertine, mit Liebe;
das ist nun mal die Hauptsache.«
    »Du bist immer so gut, Eberhard, immer der alte. Und wenn es dir schmeckt...
Aber sage vor allem, was führt dich her? In Winterszeit nach Berlin.«
    »Ja, Albertine, was führt mich her! Ich könnte sagen, dein Geburtstag. Aber
du würdest es vielleicht nicht glauben, und da ist es doch wohl besser, dass ich
gleich mit der Wahrheit herausrücke. Geschäftliches führt mich her, Hypoteken,
Abschreibungen und auf der Bank allerlei Sachen. Eigentlich langweilig. Aber
doch auch wieder interessant...«
    »Sehr, sehr«, seufzte Leo und wollte dies weiter ausführen. Terese aber hob
den Finger, um ihm Schweigen anzudeuten.
    »... Und«, fuhr der Onkelgeneral fort, »da die Reise nun mal nötig war, habe
ich mir natürlich diesen vierten Januar ausgesucht, um meiner lieben Frau
Schwägerin gratulieren zu können.«
    »Und du wirst bei uns wohnen«, sagte die Majorin. »Wir können dir nicht viel
bieten, aber wir haben doch die Aussicht auf den Mattäi...«
    »Ich weiss, Albertine«, sagte der General. »Alles sehr schön. Aber offen
gestanden, ich ziehe den Potsdamer Platz vor, weil da das meiste Leben ist. Und
Leben ist nun mal das Beste, was eine grosse Stadt hat. Das fehlt uns in
Adamsdorf. Ich bin also wieder im Fürstenhof abgestiegen, bin da schon bekannt,
und wahrhaftig, es sieht beinahe so aus, als freuten sich alle, wenn ich komme.«
    »Wird auch wohl so sein.«
    »Und wenn ich mich da morgens ins Fenster lege, links und rechts ein
Sofakissen unterm Arm, und die frische Winterluft kommt so vom Hall'schen Tor
her - was ich mir wohl gönnen kann, weil ich dran gewöhnt bin, denn von unsrer
alten Koppe herunter pustet es noch ganz anders -, und ich habe dann so Café
Bellevue und Josty vor mir, Josty mit dem Glasvorbau, wo sie schon von früh an
sitzen und Zeitungen lesen, und die Pferdebahnen und Omnibusse kommen von allen
Seiten heran, und es sieht aus, als ob sie jeden Augenblick ineinanderfahren
wollten, und Blumenmädchen dazwischen (aber es sind eigentlich Stelzfüsse), und
in all dem Lärm und Wirrwarr werden dann mit einem Male Extrablätter ausgerufen,
so wie Feuerruf in alten Zeiten und mit einer Unkenstimme, als wäre wenigstens
die Welt untergegangen - ja, Kinder, wenn ich das so vor mir habe, da wird mir
wohl, da weiss ich, dass ich mal wieder unter Menschen bin, und darauf mag ich
nicht gern verzichten.«
    Leo nickte stumm.
    »Also verzeih, Albertine, wenn ich ablehne. Bequemer gelegen ist der
Fürstenhof auch. Aber zusammen sein wollen wir doch. Jetzt ist es drei. Was
machen wir heute? Kroll! Gut, das ginge. Da wird doch wohl eine
Weihnachtsvorstellung sein, Schneewittchen oder Aschenbrödel; Aschenbrödel ist
besser. In Schneewittchen haben wir den gläsernen Sarg. Und ich bin im ganzen
genommen nicht für Särge, bin überhaupt mehr für heitere Ideenverbindungen.«
    »Ja, Onkel«, sagte Leo, »da wäre vielleicht ein Teater das beste. Sie geben
heute die Quitzows an zwei Stellen: im Schauspielhause die richtigen Quitzows
und am Moritzplatz die parodierten. Was meinst du zu den Quitzows am
Moritzplatz?«
    »Nein, Leo, das geht nicht, so gern ich sonst dergleichen sehe. Man ist doch
seinem Namen auch was schuldig. Sieh, die Poggenpuhls waren in Pommern so
ziemlich dasselbe, was die Quitzows in der Mark waren, und da, mein ich,
verlangt es der Korpsgeist, dass wir uns eine Parodie der Sache nicht so ganz
gemütlich mit ansehn.«
    Terese erhob sich, um dem Onkel einen Kuss zu geben. »Es ist mir immer eine
Genugtuung, Onkel, solcher Gesinnung zu begegnen. Leo verflacht sich mit jedem
Tage mehr. Und warum, weil er dem Goldenen Kalbe nachjagt.«
    »Ja«, sagte Leo, »das tu ich. Wenn es nur was hülfe.«
    »Wird schon«, tröstete die sofort an Flora denkende Manon.
    »Aber wozu das?« fuhr Leo fort. »Das liegt ja alles weitab. Vorläufig sind
wir noch bei den Quitzows, bei den richtigen und den falschen. Die falschen sind
abgelehnt, also...«
    »... die richtigen«, ergänzte der General. »Die richtigen im
Schauspielhause; da wollen wir hin. Und hinterher in ein Lokal, um da noch
unsern kleinen Schwatz zu haben und, so gut es geht, festzustellen, was es denn
eigentlich mit dem Stück auf sich hat. Es soll ein sehr gutes Stück sein, auch
schon darin dass es beiden Parteien gerecht wird, was doch immer eine schwere
Sache bleibt. Aber, soviel hab ich schon gehört, der Dietrich von Quitzow soll
interessanter sein als der Kurfürst Friedrich. Natürlich; das ist immer so. Wer
mit dem Eisenhandschuh auf den Tisch schlägt, ist immer interessanter als der,
der bloss eine Nachmittagspredigt hält. Damit kommt man nicht weit. Ich denke mir
den Dietrich so wie etwa den Götz von Berlichingen, der vor dem Kaiser nicht
erschrak und den Heilbronner Rat verhöhnte. Das war immer meine Lieblingsszene.
Billets werden wir doch wohl kriegen, meinetwegen auch mit Aufschlag. Wenn man
Poggenpuhl heisst, muss man für einen alten Kameraden von ehedem was übrighaben.«
    »Ein Glück, Eberhard«, sagte die Majorin, »dass die Wände keine Ohren haben.
So seid ihr Adligen. Und ihr Poggenpuhls... na, ich weiss ja, ihr seid immer noch
von den besten. Aber auch ihr! Alles habt ihr von den Hohenzollern, und sowie
die Standesfrage kommt, steht ihr gegen sie.«
    »Hast recht, Albertine. So sind wir. Aber es hat nicht viel auf sich damit.
Wenn es gilt, sind wir doch immer wieder da. Da nebenan hängt der Hochkircher,
nach wie vor ohne Rock, was ihn aber ehrt, und ich möchte beinahe sagen, was ihn
kleidet, und hier« (und er wies auf das Bild über dem Sofa), »hier hängt der
Sohrsche, und euer guter Vater, mein Bruder Alfred, nun, der liegt bei
Gravelotte. Das sind unsre Taten, die sprechen. Aber wenn stille Tage sind, so
wie jetzt, dann sticht uns wieder der Hafer, und wir freuen uns der alten
Zeiten, wo's noch kein Kriegsministerium und keine blauen Briefe gab und wo man
selber Krieg führte. Man soll es wohl eigentlich nicht sagen, und ich sag es
auch nur so hin, aber eigentlich muss es damals hübscher gewesen sein. Die Bürger
brauten das Bernauer und das Cottbusser Bier, und wir tranken es aus. Und so mit
allem. Es war alles forscher und fideler als jetzt und eigentlich für die Bürger
auch. Noch keine Konkurrenz. Nicht wahr, Leo?«
    »Na, ob, Onkel. Alles viel schneidiger. Vielleicht kommt es noch mal
wieder.«
    »Glaub ich auch. Nur nicht bei uns. Wir sind nicht mehr dran. Was jetzt so
aussieht, ist bloss noch Aufflackern... Aber nun Schlachtplan für heute abend.
Ich will zunächst in meinen Fürstenhof und ein paar Zeilen an meine Frau
schreiben, und um sechseinhalb seid ihr bei mir. Schwägerin, du auch.«
    »Nein, Eberhard. Für mich ist es nichts mehr, ich habe das Reissen und bleibe
lieber zu Hause. Wenn ihr alle fort seid, will ich erst das Tageblatt lesen und
dann den Abendsegen. Oder Friederike soll ihn lesen. Sie wundert sich schon, dass
wir seit Silvester so wie die Heiden gelebt haben.«
 
                               Siebentes Kapitel
Man hatte Billets erhalten, gute Plätze, vierte Parkettreihe. Mitterwurzer, der
gerade zum Gastspiel in Berlin war, gab den Dietrich von Quitzow, und gleich die
Szene mit Wend von Ilenburg, Akt zwei, schlug mächtig ein. In der bald darauf
folgenden Zwischenpause wandte sich der immer erregter gewordene Onkelgeneral an
die rechts neben ihm sitzende Terese und sagte: »Merkwürdig, ganz wie Bismarck.
Und dabei beide, so spielt der Zufall, wie Wand an Wand geboren; ich glaube, von
Schönhausen bis Quitzöwel kann man mit einer Windbüchse schiessen, oder ein
Landbriefträger läuft es in einem Vormittag. Wunderbare Gegend, diese Gegend da;
Langobardenland. Ja, wo's mal sitzt, da sitzt es. Was meinst du, Leo?«
    Leo hätte gern geantwortet, aber so freiweg er sonst war, er genierte sich
doch einigermassen, weil er sah, dass man auf den Reihen vor und hinter ihm
bereits die Köpfe zusammensteckte und tuschelte. Der Onkel sah es auch, nahm's
aber nicht übel und dachte nur: »Kenn ich; berlinische Zimperei.«
    Bald gegen zehn war die Vorstellung aus, und nach kurzer Beratung an einer
etwas zugigen Ecke beschloss man, möglichst in der Nähe zu bleiben und in einem
in der Charlottenstrasse gelegenen Teaterrestaurant zu soupieren. Man fand hier
alles so ziemlich besetzt, kam aber doch noch unter und traf nach Überfliegung
der Speisekarte rasch die Wahl. Alle waren für Seezunge, mit Ausnahme von
Terese, die sich für Makkaroni mit Tomaten erklärte. Gleich danach wurden ohne
weiteres fünf Seidel wie ebenso viele Selbstverständlichkeiten vor sie
hingepflanzt, und erst als diese Seidel schon halb geleert waren, erschien auch
das Bestellte, was dem schon ziemlich nervös gewordenen alten General sein
Gleichgewicht wiedergab. Er ruckte nun seinen Teller etwas näher an sich heran,
tröpfelte Zitronensaft auf die knusprige Panierung und sagte, während er gleich
den ersten Bissen kennermässig würdigte: »Ja, Berlin wird Weltstadt. Aber was
mehr sagen will, es wird auch Seestadt. Sie reden ja schon von einem grossen
Hafen, ich glaube, da bei Tegel herum - und ich kann wohl sagen, diese Seezunge
schmeckt, als ob wir den Hafen schon hätten oder als ob wir hier mindestens in
Wilkens Keller in Hamburg sässen. Es sind das noch so Erinnerungen von
achtundvierzig her, wo ich ein blutjunger Leutnant war, so wie Leo jetzt, nur
schmalere Gage.«
    »Kann ich mir kaum denken, Onkel.«
    »Nun, wir wollen das fallenlassen; so was wird leicht persönlich, und im
Persönlichen liegen immer die Keime zu Streitigkeiten. Aber Kunst, Kunst,
darüber lässt sich reden; Kunst ist immer friedlich. Sagt, Kinder, was war das
eigentlich mit dem Berliner Jargon in dem Stück? Schon gleich als die
Straussberger kamen und der Torwart nach ihnen auslugte, ging es damit los. Und
das alles so um 1411 herum.«
    »Ich denke mir«, sagte Terese, »der Dichter, ein Mann von Familie, wird
doch wohl seine Studien dazu gemacht haben. Vielleicht, dass er Wendungen und
Ausdrücke, die dich verwundern, in alten Magistratsakten gefunden hat.«
    »Ach, Kind, das Berlinische, das da gesprochen wird, das ist noch keine
hundert Jahre alt und manches noch keine zwanzig. Aber es mag wohl schwer sein.
Am besten hat mir die polnische Gräfin gefallen, ich glaube Barbara mit Namen,
eine schöne Person, das muss wahr sein. Auf dem Zettel stand: Natürliche Tochter
König Jagellos von Polen. Will ich gern glauben; sie hatte so was, Augen wie
Kohlen. Und dieser Dietrich; alle Wetter, muss der verwöhnt gewesen sein, um
solche polnische Königstochter so abfallen zu lassen. Ich kenne nur wenig Fälle
der Art, vielleicht den mit Karl dem Zwölften und der Aurora von Königsmarck.
Aber dieser Fall ist eigentlich keiner. Denn das mit Karl dem Zwölften lag doch
noch wieder anders; das hatte einen Haken...«
    »Einen Haken? Welchen, Onkel?«
    »Ach, Manonchen, das ist nichts für junge Damen. Und hier so öffentlich...«
    »Dann sag es mir ins Ohr.«
    »Geht auch nicht. Sieh, das sind so Finessen, auf die man warten muss, bis
man sie zufällig mal aufpickt, sagen wir auf einem Einwickelbogen oder auf einem
alten Zeitungsblatt, da wo die Gerichtssitzungen oder die historischen Miszellen
stehn. Denn nach meinen Erfahrungen umschliesst die sogenannte Makulatur einen
ganz bedeutenden Geschichtsfonds, mehr als manche Geschichtsbücher. Ich würde
mich dabei vielleicht auf Leo berufen, wenn er nicht mit seinem Kneifer
beständig nach dem eleganten jungen Herrn da drüben hinüberlorgnettierte; da
drüben am zweiten Tisch von uns. Und nun grüsst er auch noch.«
    Wirklich, Leo war während der letzten Minuten ziemlich unaufmerksam gewesen,
und jetzt erhob er sich von seinem Platz und ging auf den jungen Herrn zu, von
dem der Onkel eben gesprochen. Es war unschwer zu sehen, dass beide gleichmässig
verwundert waren, sich hier zu finden, und nachdem sie, wie's schien, ein paar
orientierende Fragen ausgetauscht hatten, führte Leo den hier so unerwartet
Wiedergefundenen an den Poggenpuhlschen Tisch und sagte: »Lieber Onkel, erlaube
mir, dass ich dir Herrn von Klessentin vorstelle. Alter Kamerad von mir, noch von
den Kadetten her... Meine drei Schwestern...«
    Herr von Klessentin, sehr gewandt und von typischer Leutnantshaltung,
verbeugte sich gegen den General und die jungen Damen und bemerkte dann, dass er
sich des Herrn Generals, der mal zum Besuch draussen in Lichterfelde gewesen sei,
sehr wohl noch erinnere.
    »Trifft zu, Herr von Klessentin. Ich war öfter draussen, musste doch dann und
wann nach dem Rechten sehn.« Und dabei wies er auf Leo. »Hat freilich nicht viel
geholfen. Aber wollen Sie nicht bei uns einrücken? Dies ist der beste Tisch
hier, etwas abgetrennt von den übrigen und kein Zug.«
    Klessentin verbeugte sich, holte sein Seidel und nahm den Platz zwischen dem
General und Terese.
    »Wir haben uns hier sesshaft gemacht«, fuhr der General fort, »weil es so
nahe beim Teater ist... Sie waren drüben auch zugegen...«
    »Zu Befehl, Herr General.«
    »... Und ich möchte beinahe wetten, Sie links im Parkett bemerkt zu haben,
sechste oder siebente Reihe.«
    »Bedaure, Herr General; ich war dem Aktionsfeld um ein gut Teil näher...«
    »Weiter vor?«
    »Ja, Herr General. Auf der Bühne selbst.«
    Alle (Leo mit eingeschlossen) fuhren neugierig, aber doch auch ein wenig
schreckhaft zusammen, und man war froh, als der Onkel in einem heiteren Tone
sagte: »Da hat man Sie zu beglückwünschen, Herr von Klessentin. Hinter den
Kulissen; à la bonne heure, so gut trifft es nicht jeder. Aber andrerseits,
Pardon, bin ich doch auch wieder erstaunt, etwas Derartiges unter der jetzigen
Verwaltung - die, soviel ich weiss, auf sittliche Strenge hält - sich überhaupt
ermöglichen zu sehn. Oder sind es persönliche Beziehungen zum Graf Hochbergschen
Hause?«
    »Leider nicht, Herr General. Es handelt sich auch nicht um besondere, mich
auszeichnende persönliche Beziehungen. Ich bin nämlich einfach Bühnenmitglied.
Der Dietrich Schwalbe, dessen Sie sich vielleicht aus dem letzten Akt her
entsinnen - auf dem Zettel steht Bannerträger; richtiger wäre vielleicht
Quitzowscher Milchbruder gewesen, aber diese Bezeichnung unterliess man wohl aus
Delikatesse -, dieser Dietrich Schwalbe bin ich.«
    Terese bog ein wenig nach links hin aus, während die beiden jüngeren
Mädchen noch mehr aufhorchten als vorher und auf den wiedergefundenen Freund
ihres Bruders mit einem rasch sich steigernden Interesse blickten. Leo selbst
schien immer noch etwas unsicher und war froh, als der Onkel mit grosser
Jovialität fortfuhr: »Freut mich, Herr von Klessentin. Man kann seinem König an
jeder Stelle dienen; nur auf die Treue des Dienstes kommt es an...«
    Klessentin verbeugte sich.
    »Aber was mich überrascht, ich habe den Zettel wenigstens dreimal
durchstudiert und bin Ihrem Namen nicht begegnet...«
    »Er fehlt auch, Herr General. Auf dem Zettel heisse ich einfach Herr Manfred,
nach meinem Vornamen. Es ist das so Sitte. Manfred ist mein nom de guerre.«
    »Nom de guerre«, lachte der Alte. »Vorzüglich. Ein Klessentin tritt aus der
Armee und wird Schauspieler, und im selben Augenblick, wo er dem Kriegshandwerk
entsagt, kriegt er einen nom de guerre. Ein Glück dabei, dass Sie solchen
hübschen Vornamen hatten. Aber so hübsch er ist, ich möchte doch fragen dürfen,
können nicht durch solche poetisch historischen Vornamen allerlei Komplikationen
entstehen, können Sie nicht beispielsweise grade mit Manfred in eine gewisse
Verlegenheit geraten?«
    »Ich mag die Möglichkeit nicht geradezu bestreiten, Herr General. Aber wenn
ich die ganze lange Reihe der Rollen und Stücke durchnehme, so kann ich mir, was
speziell meinen Namen angeht, eine solche Komplikation doch nur für den Fall
denken, dass ich den Lord Byronschen Manfred zu spielen hätte. Dann würd es
freilich auf dem Zettel heissen müssen: Manfred... Herr Manfred, was - soviel muss
ich zugeben - das Publikum einigermassen stutzig machen und eine momentane
Verwirrung heraufbeschwören könnte.«
    »Versteh, versteh. Eine Verwirrung übrigens, aus der Sie nichtsdestoweniger
einen Ausweg finden würden.«
    »Ich glaube dies bejahen zu dürfen, immer für den Fall, dass ich überhaupt in
die hier angedeutete Lage kommen sollte. Das ist aber so gut wie ausgeschlossen,
weil ganz ausserhalb meiner Sphäre.«
    »Sie sind dessen sicher?«
    »Vollkommen, Herr General. Der Lord Byronsche Manfred...«
    »Und dann, Pardon, Herr von Klessentin, der ältere Bruder in der Braut von
Messina... der, wenn mir recht ist, etwas weniger schuldbelastete...«
    »... Zu Befehl, Herr General. Aber, Verzeihung, das ist eigentlich ein Don
Manuel.«
    »Ah, richtig, richtig. Don Manuel, Don Manfred oder auch bloss Manfred, das
ist mir durcheinandergelaufen ... Und Sie meinen, dieser Manfred, also
wahrscheinlich auch dieser Manuel, beide Rollen, wie Sie sich ausdrückten, lägen
ganz ausserhalb Ihrer Sphäre.«
    »Gewiss, Herr General. Der Byronsche Manfred ist eine Pyramidalrolle, gross,
erhaben wie Lord Byron selbst, während ich durchaus auf einer Anfängerstufe
stehe.«
    »Das ändert sich. Das ist überall dasselbe. Heute Fähnrich und nach vierzig
Jahren General; kommt Zeit, kommt Rat.«
    »Wollte Gott, dass es so läge, Herr General. Aber es liegt anders. Ich bin
nun mal in der Bühnenlaufbahn drin und muss jetzt dabei verbleiben, ein ewiges
Umsatteln macht einen schlechten Eindruck. Aber es ist mir, gerade seit ich
dabei bin, ganz klargeworden, dass Herr Manfred kein grosser Künstlername werden
wird... Es ist möglich oder wenigstens sehr wünschenswert, dass ich über kurz
oder lang eine sogenannte gute Partie machen werde, nach welchem Ereignis ich
keinen Augenblick zögern würde, mich von der Bühne wieder zurückzuziehen. Ich
bin eigentlich gern Schauspieler, ja, ich könnte beinahe sagen mit Passion; aber
trotzdem... eine Tiergartenvilla mit einem Delphinbrunnen, der immer plätschert
und den Rasen bewässert...«
    »Eine solche Villa, mein lieber Klessentin, wurden Sie vorziehen. Das ist
das, was ich eine gesunde Reaktion nenne. Gott gebe seinen Segen dazu. Ja, Park
mit Reh und Wasserfall und mit alten Platanen, im Herbste goldgelb - das hat es
mir auch angetan. Aber solange Sie nun noch mitmachen, ist da nicht ein
Avancement möglich?«
    »Schwerlich, Herr General.«
    »... Und wenn nicht - verzeihen Sie meine Neugier, aber ich interessiere
mich für all dergleichen -, also wenn nicht, in welchem Rollenfache hat man Sie
denn eigentlich zu suchen? Wenn ich wieder auf meinem Gute sitze und nehme die
Zeitung und lese: Morgen, Mittwoch: »Wilhelm Tell«, so will ich, nachdem ich das
Vergnügen Ihrer Bekanntschaft gehabt habe - denn Sie gefallen mir
ausserordentlich, Herr von Klessentin; verzeihen Sie, dass ich Ihnen das so ohne
weiteres sage -, so will ich doch wissen, wo ich Sie im Tell unterzubringen
habe; für den Attinghaus sind Sie zu jung und für den Gessler nicht dämonisch
genug; aber vielleicht Rudenz.«
    »Sie greifen immer noch um etliche Stufen zu hoch, Herr General. Es gibt
allerdings ein paar Ausnahmefälle, so zum Beispiel heute abend, wo ich mich als
Quitzowscher Bannerträger von dem eigentlichen Gros um ein geringes abheben
durfte, im ganzen aber dürfen mich der Herr General immer nur da suchen, wo Sie
Gruppen und Rubriken finden: Erster Bürger, zweiter Mörder, dritter
Pappenheimer; so sind mir die Würfel gefallen. Speziell im Tell bin ich
natürlich mit auf dem Rütli und habe da den Mondregenbogen und dann später das
Alpenglühen dicht hinter mir. Trotzdem - ich habe bis jetzt immer nur den Meyer
von Sarnen und ein einziges Mal auch den Auf der Mauer gespielt, und ich darf
hinzusetzen, mein Ehrgeiz versteigt sich überhaupt nicht höher als bis zu
Rösselmann. Ein schwacher Aufstieg. Aber um Ihnen nichts zu verschweigen, man
verletzt auch schon durch ein so bescheidenes Avancement andrer Interessen. Und
so viel liegt mir wieder nicht dran.«
    »Bravo, bravo. Ganz mein Fall. Nur nicht andre beiseite schieben, nur nicht
über Leichen.«
    »Und dann, Herr General, wie man mit Recht sagt, dass auch die kleinen
Existenzen ihre grossen Momente haben, so ganz besonders auch beim Teater. Da
ist beinahe keiner unter den mir gleichgestellten Kollegen, der sich nicht
sagte: Ja, dieser Matkowsky! dieser Matkowsky spielt den Mortimer und den
Prinzen in Calderons »Leben ein Traum«, und er spielt beide gut, sehr gut; aber
den Friesshardt (das ist, Verzeihung, der Kriegsknecht, der vor Gesslers Hut Wache
steht) oder den Deveroux, der den Wallenstein mit der Partisane niederstösst,
oder die Hexe im »Faust« oder - verzeihen Sie, meine Damen, dass ich meine
Beispiele anscheinend mit Vorliebe grade aus dieser Sphäre nehme - die dritte
»Macbet«-Hexe, die spiele ich, da bin ich ihm über, diesem Matkowsky... Und
solche glücklichen Momente habe ich auch.«
    »Mir sehr interessant, mein lieber Herr von Klessentin. Und nun müssen Sie
auch noch einen Schritt weiter gehn und ausser dem Meyer von Sarnen, von dem ich,
offen gestanden, eine nur dunkle Vorstellung habe, mir also ausser diesem Meyer
von Sarnen noch ein paar andre Ihrer Paradepferde nennen, klein oder gross, denn
man kann bekanntlich auch auf einem Pony paradieren.«
    »Es schmeichelt mir, soviel freundlichem Interesse bei Ihnen zu begegnen,
und ich wünsche nur, dass meine gern abzulegenden Geständnisse mich um dies
freundliche Interesse nicht bringen mögen. Meine Begabung, wenn überhaupt von
einer solchen die Rede sein kann, liegt nämlich sonderbarerweise nach der Seite
des Grotesken hin; auch meine heutige Rolle streifte wenigstens dieses Gebiet,
und so darf ich denn wohl sagen, dass ich meine kleinen Triumphe bisher im
Sommernachtstraum und besonders in Shakespeares Heinrich dem Vierten, zweiter
Teil, errungen habe. Der Zufall, ein glücklicher oder unglücklicher, hat es so
gefügt, dass ich die ganze Reihe der Falstaffschen Rekruten, also des sogenannten
Kanonenfutters, durchgespielt habe, mit Ausnahme des Schwächlich. Einmal wurd
ich sogar durch Händeklatschen von seiten Seiner Majestät ausgezeichnet, was
mich begreiflicherweise sehr beglückte. Beim Publikum aber hab ich bisher in der
Rolle des Bullkalb am meisten angesprochen.«
    Terese begleitete dies Wort mit einer stolzen Kopfbewegung, die Herrn von
Klessentin nicht entging, weshalb er sofort hinzusetzte: »Wenn man erst mal, und
ich muss deshalb wiederholentlich die Verzeihung der Damen anrufen, beim Beichten
ist, so kommen leicht Dinge zum Vorschein, die mehr oder weniger anstössig
wirken. Und besonders wenn Shakespeare in Frage steht. In eben diesem Heinrich
dem Vierten begegnen wir Personen und Namen, einer Witwe Hurtig
beispielsweise... Nun, diese Witwe selbst möchte vielleicht noch gehn, aber
neben ihr waltet auch ein blondes Dorchen seines Amtes, ein junges Mädchen mit
einem Zunamen...«
    »Oh, ich weiss, ich weiss«, lachte Manon.
    »Du weisst es nicht«, sagte Terese mit dem ganzen Ernst einer älteren
Schwester, die den Schul- und Erziehungsgang der jüngeren überwacht und
daraufhin eine Verantwortlichkeit übernommen hat.
    »Doch, doch, und Leo kann es bezeugen. Und er muss es sogar, damit der Ärmste
mal wieder zu Worte kommt. Er ist ja ganz in bewunderndem Zuhören aufgegangen,
und ich wette, er hat die ganze Zeit über überlegt, welche Rollen ihm am besten
passen würden.«
    Sophie legte den Finger auf den Mund. Aber Manon sah es nicht oder wollte es
nicht sehen und fuhr fort: »Und wir erleben es auch noch, dass wir nach dem
Vorbilde von Manfred ... Herr Manfred auf dem Teaterzettel lesen: Leo... Herr
Leo. Der von ihm zu Spielende muss aber natürlich ein Papst sein, unter dem tu
ich es nicht. Ja, Leo, das ist mein Ernst. Und ich würde mich vielleicht auch
freuen, dich auf der Bühne zu sehn. Warum auch nicht? Ich meine, man muss nur
berühmt sein; auf welchem Gebiet, ist eigentlich ganz gleich.«
    »Das ist dann«, unterbrach Terese, »der Grundsatz jenes auch berühmt
Gewordenen, der den Tempel zu Korint anzündete...«
    »Ephesus...«, verbesserte Leo, »Korint, da waren die Kraniche...«
    »Das ist gleich, Tempel ist Tempel. Im übrigen, verzeih, Onkel, wenn ich,
dir vorgreifend, an unsern Aufbruch mahne. Auch Herr von Klessentin wird mir
verzeihen. Aber unsre gute Mama...«
    »Versteht sich, versteht sich. Und noch dazu heute an ihrem Geburtstage ...
Leo« (und Onkel Eberhard nahm bei diesen Worten einen Schein aus seiner
Brieftasche), »bitte, bemächtige dich des Kellners und bring alles ins klare.
Herr von Klessentin, Sie begleiten uns vielleicht eine Strecke...«
    »Mir eine grosse Ehre, Herr General. Aber bitte zugleich verzeihen zu wollen,
wenn ich schon an der Friedrichstrassenecke mich verabschiede. Eine
Verabredung... zwei Kameraden von meinem alten Regiment. Ich würde versuchen«,
und er wandte sich an die jungen Damen, »Ihnen auch Ihren Herrn Bruder abtrünnig
zu machen (wenn man mal in Berlin ist, will man auch Berliner Luft geniessen),
aber ich zweifle, dass seine ritterlichen Gesinnungen ihm diese Fahnenflucht
gestatten.«
    »Es wird sich leider verbieten, Herr von Klessentin«, sagte Terese mit
einem bedeutungsvollen Lächeln. »Und was die Berliner Luft angeht, ich glaube,
wir haben sie in der Grossgörschenstrasse reiner als in der Friedrichstrasse...«
    »Reiner, aber nicht echter... mein gnädigstes Fräulein.«
    Leo, der inzwischen die Rechnung beglichen hatte, gesellte sich ihnen
wieder, und so brach man denn in corpore auf: der General mit Terese, Leo mit
Manon, Herr von Klessentin mit Sophie, die weniger gesprochen, aber durch ihre
Mienen all die Zeit über ein besonderes Interesse gezeigt hatte.
    Sie fragte während ihres jetzt beginnenden Geplauders mit ihrem Partner auch
nach Fräulein Conrad, von deren Verlobung sie ganz vor kurzem gehört habe. »Der
Verlobte«, so bemerkte sie, »soll ein sehr scharfer Kritiker sein. Ich denke es
mir schwer, einen Kritiker immer zur Seite zu haben. Es bedrückt und lähmt den
höheren Flug.«
    »Nicht immer. Wer fliegen kann, fliegt doch.«
    »Ich freue mich, das aus Ihrem Munde zu hören...«
    Und bei diesen Worten hatte man die Ecke der Leipziger und Friedrichstrasse
erreicht, und Herr von Klessentin empfahl sich; die Poggenpuhls aber gingen
weiter auf das Potsdamer Tor zu, wo man sich am »Fürstenhofe« - nachdem Leo
nicht bloss eine exakte Rechnungsablegung, sondern zu des Onkels grosser
Erheiterung auch eine Behändigung des verbliebenen Restes versucht hatte - mit
einem »Bis auf morgen« voneinander verabschiedete.
 
                                 Achtes Kapitel
Mitternacht war dicht heran, als die Geschwister vor ihrer Wohnung eintrafen.
Sophie hatte den Schlüssel und schloss auf. In einer gewissen Erregung, in der
sie sich mehr oder weniger befanden, sprachen sie ziemlich laut auf der Treppe,
was das Gute hatte, dass ihnen die über das lange Ausbleiben schon etwas unruhig
gewordene Friederike bis in den zweiten Stock entgegenkam und leuchtete.
    »Mama noch auf?« fragte Leo.
    »Nein, junger Herr. Die gnädige Frau hat sich schon gleich nach neun zu Bett
gelegt; es war ihr so kalt. Aber sie liegt bloss; sie schläft noch nicht.«
    Unter diesem kurzen Gespräche hatten die jungen Damen ihre Mäntel, Leo
seinen Paletot abgelegt, und alle traten gemeinschaftlich in das grosse
Schlafzimmer, um die Mama noch zu begrüssen, während sich Friederike in ihre
Küche zurückzog.
    Die Majorin sass mehr im Bett, als sie lag, und schien in besserer Stimmung
als gewöhnlich. »Aber, Kinder, so spät; nachtschlafende Zeit; ich dachte schon,
es wäre was passiert...«
    »Ist auch, Mutter.«
    »Na, das mag was Schönes sein. Vielleicht hast du dein Vermögen verloren.
Aber davon hör ich noch immer früh genug. Komm, Manon, gib mir deine Hand und
sich mich an. Und nun rückt euch Stühle ran und erzählt. Und du, Leo, kannst
dich unten auf die Bettkante setzen. Es ist immer noch nicht so hart wie
Lattenstrafe; die gab es noch, als ich jung war. Ihr seid ja runde sechs Stunden
weg gewesen, und ein wahres Glück, dass ich Friederike habe, mit der ich mich
aussprechen kann.«
    »Was du wohl auch redlich getan hast«, sagte Terese. »Du machst dich immer
so vertraulich mit ihr, mehr als eine Herrschaft wohl eigentlich sollte.«
    »Meinst du?« sagte die Majorin, während sie sich in ihrem Bett noch etwas
höher hinaufrückte. »Was meine vornehme Terese nicht alles weiss und meint. Aber
nun will ich dir auch sagen, was ich meine. Ich meine, dass solche schlichte
Treue das Allerschönste ist, das Schönste für den, der sie gibt, und das
Schönste für den, der sie empfängt. Die Liebe der Kinder, auch wenn es gute
Kinder sind, die hat keine Dauer; die denken an sich, und ich will's auch nicht
tadeln und nicht anders haben; aber solch altes Hausinventar wie die Friederike,
die will nichts als helfen und beistehn und fordert weiter nichts, als dass man
mal danke sagt. Und ich sage dir, Terese, da steckt ein gut Teil Christentum
drin.«
    »Ja, das glaubst du immer, Mutter.«
    »Nein, das glaube ich nicht, das weiss ich. Aber wir wollen das lassen; Leo
soll lieber erzählen, wie alles war.«
    »Ja, Mama, wenn ich davon erzählen soll, so kann ich es nur nach einer
Disposition, dreigeteilt, also wie 'ne Predigt.«
    »Bitte, Leo...«
    »Dreigeteilt also schlechtweg, ohne Zubemerkung oder Vergleich. Erster Teil:
Onkel und die Quitzows; zweiter Teil: Onkel und Herr Manfred (Manfred ist
nämlich mein Kadettenfreund Klessentin) und dritter Teil: Onkel und... Aber
davon erst nachher; ich will meinen besten Trumpf nicht gleich in einer grossen
Überschrift ausspielen.«
    »Ach, Leo, das sind ja wieder Flausen; hinterher ist es gar nichts.«
    »Fehlgeschossen, wie du gleich sehen wirst. Aber jetzt aufgepasst. Erst also:
Onkel und die Quitzows.«
    »Der gute Onkel! Er wird natürlich über all die Rodomontaden entzückt
gewesen sein.«
    »Mitnichten, Mutter. Ich möchte vielmehr umgekehrt annehmen, dass er,
trotzdem er den Dietrich von Quitzow bewunderte, nicht so recht auf seine Kosten
gekommen ist. Aber es stehe dahin. Nur soviel, als die Straussberger mit Sack und
Pack anrückten, sprach er ziemlich laut (und jedenfalls so, dass es einen
genieren konnte) von Mühlendamm und Trödelmarkt. Am meisten gefallen hat ihm
offenbar eine hübsche Gräfin, eine gewisse Barbara, die bei den Pommernherzögen,
das mindeste zu sagen, gut angeschrieben stand und es nun auch mit unserm
Dietrich von Quitzow versuchen wollte. Aber da kam sie schön an. Die Mark
vertrat schon damals die höhere Sittlichkeit, also dasselbe, wodurch sie später
so gross geworden ist.«
    »Spotte nicht.«
    »Und der Onkel zeigte auch darin wieder seine pommersche Abstammung, dass er
gleich in hellen Flammen stand und von Manfred Klessentin, den wir nach der
Vorstellung im Teaterrestaurant trafen, auf der Stelle wissen wollte, wer denn
eigentlich die Gräfin sei. Das heisst, die Schauspielerin, die die Gräfin gab.«
    »Eine schöne Geschichte...«
    »... Und da haben wir denn mit guter Manier auch gleich die Überleitung auf
Teil zwei, auf Onkel Eberhard und Manfred Klessentin. Aber davon können dir am
Ende die Mädchen geradesogut erzählen wie ich selbst.«
    Die Mama nickte.
    »... Und so denn lieber gleich Teil drei unter der imposanten Überschrift:
Onkel Eberhard und der Hundertmarkschein. Und noch dazu ein ganz neuer. Ja,
Mama, das war ein grosser Moment. Er existiert zwar nicht mehr als Ganzes, ich
meine natürlich den Schein, aber doch immer noch in sehr respektablen
Überresten. Hier sind sie. Wie du dir denken kannst, sträubt ich mich eine ganze
Weile dagegen, als ich aber sah, dass er es übelnehmen würde...«
    »Leo, so hast du noch nie gelogen...«
    »Selbstverspottung ist keine Lüge, Mama. Aber du siehst daran so recht, wie
unrecht du mit deiner ewigen Sorge hast. Noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung
auf, solch grosses Dichterwort ist nicht umsonst gesprochen und darf nie
vergessen werden. Ich bekenne gern, dass ich den ganzen Abend über wegen des
Rückreisebillets in einer gewissen Unruhe war, denn ich darf wohl sagen, ich
gebe lieber, als ich nehme...«
    Die Mädchen lachten.
    »... Indessen, Gott verlässt keinen Deutschen nicht und einen Poggenpuhl erst
recht nicht, und wenn die Not am grössten ist, ist die Hilfe am nächsten. So hab
ich es immer gefunden. Und so schwimm ich denn augenblicklich ganz kreuzfidel
wieder obenauf und, so Gott will, eine ganze Weile noch. Denn die Rückreise
macht keinen grossen Abstrich, auch wenn ich erster Klasse fahre.«
    »Aber Leo...«
    »Beruhigt euch, Kinder. Ich werde ja nicht erster Klasse fahren; es beglückt
mich nur, so einen Augenblick denken zu können, ich könnt es. Alles bloss
Phantasie, Traumbild. Aber das ist Ernst: ich will wissen, wieviel ich von
meinem Vermögen hier lassen soll; jede Summe ist mir recht, und ich will auch
keine Rückzahlung und keine Zinsen. Ich will vielmehr diesen Zustand voll und
rein geniessen und will Wendelin mal übertrumpfen. Aber ihr sagt ja nichts, auch
du nicht, Mama.«
    »Nun, ich nehme es für genossen an, Leo. Und nun geh in die Vorderstube, und
nimm Manon mit, sie kann dir da beim Packen behilflich sein. Aber haltet euch
nicht zu lange damit auf; ich weiss schon, ihr kommt immer ins Schwatzen und
könnt dann kein Ende finden. Und nun gute Nacht, und wir nehmen auch gleich
Abschied. Komm morgen früh nicht an mein Bett, und bringe Wendelin meine Grüsse,
und es wäre hübsch von ihm gewesen, dass er dir diese Reise gegönnt. Er wäre nun
schon der Beste von der Familie, ganz anders...«
    »Wie Leo...«
    »Ja, ganz anders. Aber du kannst doch bleiben, wie du bist. So sind alle
alten Mütter; die Tunichtgute sind ihnen immer die liebsten, wenn sie nebenher
nur das Herz auf dem rechten Fleck haben. Und das hast du. Du taugst nichts,
aber du bist ein lieber Kerl. Und nun gute Nacht, mein Junge.«
    Er streichelte sie und gab ihr einen Kuss, und dann ging er mit der jüngsten
Schwester, die seine besondere Vertraute war, nach vorn, um da für den
Abreisemorgen alles in Ordnung zu bringen.
Als sie mit dem Kofferpacken fertig waren, nahm Manon Leos Hand und sagte: »Setz
dich da in die Sofaecke; ich muss noch ein paar Worte mit dir sprechen.«
    »Brrr. Das klingt ja ganz ernstaft. Ist es so was?«
    »Ja, es ist so was. Freilich in deinen Augen kaum. Und nun höre zu, ganz
aufmerksam. Ich bin nämlich einigermassen in Sorge, dass du, deiner ewigen
Schulden halber, falsche Schritte tust. Und noch dazu in Torn. Ich bitte dich,
übereile nichts. Du hast neuerdings ein paarmal Andeutungen gemacht, erst in
deinen Briefen und nun auch hier wieder, so heute abend noch auf dem Heimwege.
Du weisst, dass ich in dieser delikaten Sache nicht wie Terese denke; sie hält
die Poggenpuhls für einen Pfeiler der Gesellschaft, für eine staatliche Säule,
was natürlich lächerrlich ist; aber du deinerseits hast umgekehrt eine Neigung,
zuwenig auf unsern alten Namen zu geben oder, was dasselbe sagen will, auf den
Ruhm unsres alten Namens. Ruhm und Name sind aber viel.«
    »Kann ich zugeben, Manon; aber wer hat heutzutage nicht einen Namen? Und was
macht nicht alles einen Namen! Pears Soap, Blookers Cacao, Malzextrakt von
Johann Hoff. Rittertum und Heldenschaft stehen daneben weit zurück. Nimm da
beispielsweise den Marschall Niel! Er hat, glaub ich, Sebastopol erobert und
war, wenn ich nicht irre, verzeih den Kalauer, ein Genie im Genie; jedenfalls
eine militärische Berühmteit. Und doch, wenn nicht die Rose nach ihm hiesse,
wüsste kein Mensch mehr, dass er gelebt hat. Indessen lassen wir Niel; was geht
uns am Ende Niel an? Nehmen wir lieber etwas, was uns viel, viel näher liegt,
nehmen wir da beispielsweise den grossen Namen Hildebrand. Es gibt, glaub ich,
drei berühmte Maler dieses Namens, der dritte kann übrigens auch ein Bildhauer
gewesen sein, es tut nichts. Aber wenn irgendwo von Hildebrand gesprochen wird,
wohl gar in der Weihnachtszeit, so denkt doch kein Mensch an Bilder und Büsten,
sondern bloss an kleine dunkelblaue Pakete mit einem Pfefferkuchen obenauf und
einer Strippe drum herum. Ich sage dir, Manon, ich habe mein
Poggenpuhlhochgefühl geradesogut wie du und fast so gut wie Terese; wenn ich
dieses Hochgefühls aber froh werden soll, so brauche ich zu meinem
Poggenpuhlnamen, der, trotz aller Berühmteit, doch leider nur eine einstellige
Zahl ist, noch wenigstens vier Nullen. Eigentlich wohl fünf.«
    »Ich habe nichts dagegen, Leo, dass du so rechnest; ganz im Gegenteil. Bin
ich doch selber nicht ängstlich in diesem Punkte. Ja, ich gehe zu, du musst so
rechnen. Aber ich fürchte, du rechnest nicht an der richtigen Stelle. Da sind
Bartensteins, da ist Flora... Ja, das wäre was. Flora Bartenstein ist ein kluges
und schönes Mädchen und dazu meine Freundin. Und reich ist sie nun schon ganz
gewiss. Also darüber liesse sich reden. Aber in Torn, wovon du beständig
schreibst und sprichst... freilich immer nur so dunkel und bloss in Andeutungen.
Ich bitte dich, Leo, was soll das? In Torn ...! Wie heisst sie denn eigentlich?«
    »Ester.«
    »Nun, das ginge. Viele Engländerinnen heissen so. Und ihr Vatersname?«
    »Blumental.«
    »Das ist freilich schon schlimmer. Aber am Ende mag auch das hingehen, weil
es ein zweilebiger Name ist, sozusagen à deux mains zu gebrauchen, und wenn du
Stabsoffizier bist (leider noch weitab), und es heisst dann bei Hofe, wo du doch
wohl verkehren wirst: die Frau Majorin oder die Frau Oberst von Poggenpuhl ist
eine Blumental, so hält sie jeder für eine Enkelin des Feldmarschalls. Ein
Poggenpuhl, der eine Blumental heiratet, soviel Vorteil muss man am Ende von
einem alten Namen haben, rückt sofort auf den rechten Flügel der Möglichkeiten.«
    »Bravo, Manon. Also deine Bedenken zerrinnen.«
    »Doch nicht ganz; soviel kann ich nicht zugehen. Ich mühe mich nur einfach,
aus Ester und Blumental das Beste zu machen. Ausserdem, ich begreife deine
Lage, fühle den Druck mit und freue mich, dass du heraus willst. Aber wenn es
irgend sein kann, bleibe im Lande und nähre dich redlich; lass es nicht an der
Weichsel sein, nicht Ester; sie kann, wie sie auch sei, an Flora nicht
heranreichen. Zudem, die ganze Bartensteinsche Familie - es sind drei Brüder,
zwei in der Vossstrasse - hat ein besonderes Ansehen; der, in dessen Hause ich
verkehre, ist ein Ehrenmann, beiläufig auch noch ein Humorist, und ich bin
sicher, dass er bei der nächsten Anleihe geadelt wird. In meinen Augen ist das
nichts von Bedeutung, ja, beinahe störend, denn ich hasse alles Halbe, was es
doch am Ende bleibt. Aber vor der Welt...«
    »Ich will es mir überlegen, Manon. Vorläufig find ich es entzückend, so
gleichsam die Wahl zu haben; wenigstens kann ich mir so was einbilden. Am
liebsten freilich blieb ich noch eine Weile, was ich bin; ein Junggeselle steht
doch obenan. Nur der Witwer mit seinem Blick in Vergangenheit und Zukunft steht
vielleicht noch höher. Aber das kann man nicht gleich so haben. Und nun gehab
dich wohl. Mama wird sich schon wundern, was wir noch alles wieder miteinander
gehabt haben.«
    Und bei diesen Worten trennten sie sich.
    Manon aber trat noch an das Bett der Mutter, um zu sehen, ob sie schliefe.
    »Du hast geweint, Mama.«
    »Ja, Kind. Aber gute Tränen; die tun wohl.«
 
                                Neuntes Kapitel
Manon war früh auf, um dem Bruder noch bei der Abreise behilflich zu sein, die
beiden andern Schwestern aber beschränkten sich darauf, als Leo den Korridor
passierte, ihm ihre Arme durch den Türspalt entgegenzustrecken.
    »Ich kenne euch doch«, sagte Leo, »der dicke Arm, das ist Sophie.« Die von
ihm gestellte Diagnose war denn auch richtig, aber für Terese verletzlich, und
so empfing der Abschiedsmoment einen kleinen Beigeschmack von Verstimmung.
Friederike, die natürlich mit aufgestanden war, trug den Koffer bis an den
nächsten Droschkenstand, und als Leo hier gewählt und Platz genommen und dem
Kutscher »Friedrichstrassenbahnhof« zugerufen hatte, drückte er Friederike etwas
in die Hand, das diese - trotzdem ihr bei den Poggenpuhls eigentlich wenig
Gelegenheit gegeben war, ein feines Abschätzungsvermögen für im Halbdunkel
gereichte Trinkgelder auszubilden - sofort als einen richtigen preussischen Taler
erkannte. Der Schreck darüber war beinahe noch grösser als die Freude.
    »Gott, junger Herr...«
    »Ja, Friederike, die Tage sind verschieden, und wenn es nach mir ginge...«
    »Nein, nein...«
    »... Und wenn es nach mir ginge, so nähm ich gleich den ausgehöhlten Edamer,
der doch wohl noch da ist, und schüttete ihn dir voll lauter Goldstücke. Na, nun
mit Gott, vorwärts.« Und dabei gab er ihr noch die Hand, und die Droschke setzte
sich in eine wilde, aber schnell nachlassende Bewegung.
Auf dem Heimwege von der Potsdamerstrassenecke bis wieder nach Hause kamen
Friederike allerlei Betrachtungen. »Es kann einen doch eigentlich rühren«, sagte
sie. »Und wenn ich dann so an das reiche Volk denke, wo ich früher war, und gar
kein Mensch nich. Und daneben nun diese Poggenpuhls! Eigentlich haben sie ja gar
nichts, un mitunter genier ich mich, wenn ich sagen muss: Ja, gnäd'ge Frau, der
Scheuerlappen geht nu nich mehr. Aber sie haben doch alle so was, auch die
Terese; sie tut wohl ein bisschen gross, aber eigentlich is es doch auch nich
schlimm. Un nu das Leochen! Ein Tunichtgut ist er und ein Flausenmacher, da hat
die arme alte Frau ganz recht, un hat auch seinen Nagel, wie sie alle haben,
bloss die Frau nich... na, die hat sich zu sehr quälen müssen, un da vergeht es
einem... Aber man is doch immer ein Mensch, un darin sind sie sich alle gleich.
Ich bin froh, dass ich solche Stelle habe; satt wird man ja doch am Ende, un wenn
es mitunter knapp is, denn kosten sie bloss un lassen einen alles; aber ich mag
denn auch nich; wenn man das so sieht, da steckt es einen auch in 'n Hals un
will nich runter. Ja, ja, das liebe Geld... Un 'n Taler. Wo er ihn bloss herhat?
Na, der Onkel wird wohl ordentlich in die Tasche gegriffen haben.«
    Als Friederike wieder oben war, fand sie die beiden älteren Mädchen schon am
Kaffeetisch, und Manon kniete vor dem Ofen, um einzuheizen. Als es zuletzt
brannte, kam auch die Mutter und nahm wie gewöhnlich ihren Platz auf dem Sofa.
    »Na, ist er gut fortgekommen?«
    »Ja, Mama«, sagte Manon, »und ich soll dir auch noch einen Kuss von ihm
geben, und du wärst doch die Beste, wenn du auch keine richtige Poggenpuhl
wärst...«
    »Nein, das bin ich nicht. Gott, Kinder, wenn ich auch eine wäre, da wäre die
Elle schon lange viel länger als der Kram.«
    »Ach lass doch; es geht auch so. Nur immer Mut. Ich hatte mir schon
vorgenommen, mit Flora zu sprechen, und da mit einmal kam der Onkel...«
    »Ja, der hat mal wieder geholfen. Aber man muss nicht denken, dass es immer so
geht...«
    »Nicht immer, Mama; aber doch beinah.«
    »Ja, du bist auch solch Leichtfuss, ganz wie der Bruder. Und mit dem jungen
Klessentin wird es wohl auch so gewesen sein. Da seht ihr, was dabei
herauskommt. Und nun heisst er Herr Manfred. Und wenn nicht ein Wunder geschieht,
und ihr habt ja auch schon so was gesagt, so lesen wir auch noch mal auf dem
Teaterzettel: Herr Leo. Wie fandet ihr denn den jungen Klessentin? Und wie kam
denn der Onkel mit ihm aus oder er mit dem Onkel? Es muss doch eine rechte
Verlegenheit gewesen sein.«
    »Nein, Mama«, sagte Sophie. »Und warum auch? Man muss es nur immer richtig
ansehen. Ich bin doch auch von Adel und eine Poggenpuhl, und ich male Teller und
Tassen und gebe Klavier- und Singunterricht. Er spielt Teater. Es ist doch
eigentlich dasselbe.«
    »Nicht so ganz, Sophie. Das Öffentliche. Da liegt es.«
    »Ja, was heisst öffentlich? Wenn sie bei Bartensteins tanzen und ich spiele
meine drei Tänze, weil es unfreundlich wäre, wenn ich nein sagen wollte, dann
ist es auch öffentlich. Sowie wir aus unsrer Stube heraus sind, sind wir in der
Öffentlichkeit und spielen unsre Rolle.«
    »Gut, gut, Sophie. Du sollst recht haben; ich will es glauben. Aber der
junge Klessentin. Was spielt er denn eigentlich? Ich habe doch noch nie von ihm
gelesen.«
    »Er hat immer nur ganz kleine Rollen und nannte auch ein paar. Aber, was
einen trösten kann, er setzte gleich hinzu, das mache keinen rechten
Unterschied, und die kleinen Rollen, auf die käm es mitunter auch an,
geradesogut wie auf die grossen. Und alles, was er sagte, klang so nett und so
zufrieden und so voll guter Laune, dass Onkel Eberhard ganz eingenommen von ihm
war und ihn beglückwünschte.«
    »Ja, das glaub ich. Der gute Onkel ist eine Seele von Mann und kann das
Wichtigtun und das Auf-Stelzen-Gehen nicht leiden, und wenn einer sagt: Ich bin
fürs Kleine, der hat gleich sein Herz gewonnen. Er mag's nicht, wenn die
Menschen sich aufblasen und so tun, als ob sie ohne Atlastapeten nicht leben
konnten. Er ist für seine Person beinahe bedürfnislos und mit allem zufrieden,
und deshalb will ich ihn auch bitten, heute mittag mit uns fürliebzunehmen. Denn
ich denke doch, dass er noch mit herankommt. Was können wir ihm denn wohl
vorsetzen? Du hast ja die Woche, Sophie; was meinst du?«
    »Nun, ich meine: Weissbiersuppe mit Sago, die hat ihm das vorige Mal so gut
geschmeckt. Und dann haben wir noch eine kleine Schüssel Teltower Rüben und
können von der Spickgans aufschneiden.«
    »Das wird nicht gehen«, sagte Terese. »Die Spickgans ist aus Adamsdorf, von
der Tante.«
    »Tut nichts. Spickgänse kann man nicht unterscheiden. Und wenn er es merkt,
ist es eigentlich eine kleine Aufmerksamkeit. Und als dritten Gang denk ich mir
dann Sahnenbaisers von Konditor Eschke drüben. Und dann Butterbrot und Käse.«
    Die Mutter, die das Ganze nur als eine symbolische Handlung ansah und sehr
wohl wusste, dass der Onkel vorher gefrühstückt haben würde, war mit diesem Menü
zufrieden und verlangte nur noch, dass die Töchter, die noch nachträgliche
Neujahrsvisiten in der Stadt zu machen hatten, um spätestens zwei Uhr wieder zu
Hause wären, weil es sonst zu spät würde. Bis dahin wollte sie den Onkel schon
festalten.
    Und nachdem auf diese Weise alles geordnet war, räumte man den Kaffeetisch
ab und begab sich in das Hinterzimmer, um da für die noch ausstehenden Besuche
die nötige Toilette zu machen.
Alle drei Schwestern verliessen gleichzeitig die Wohnung, um vom Botanischen
Garten aus die Pferdebahn zu benutzen, deren »Zonentarif« sie sehr genau
kannten. Die alte Majorin, als alles ausgeflogen, ging nun auch ihrerseits an
ihre »Restituierung« und war kaum damit fertig, als sie draussen auf dem Vorflur
ein ziemlich lautes und gemütliches Sprechen hörte, das keinen Zweifel darüber
liess, dass der Schwagergeneral gekommen sein müsse.
    »Guten Morgen, Albertine. Verzeih, dass ich etwas früh komme, aber, wie ich
sehe, doch nicht zu früh. Alles schon blink und blank, alles schon in full
dress, wenn man dies von einer Dame sagen kann; full dress ist nämlich
eigentlich wohl männlich und heisst, glaub ich, soviel wie Frack oder Schniepel.
Früher sagte man Schniepel.«
    »Ach, Eberhard, du meinst es gut und hast immer ein freundliches Wort und
siehst es auch gleich, dass ich mir meine Staatshaube mit einem neuen Band
aufgesetzt habe. Aber mit mir ist Spiel und Tanz vorbei.«
    »Nicht vorbei, Albertine. Immer noch eine propre Frau. Und du bist ja noch
keine sechzig. Aber wenn auch. Was sind Jahre? Jahre sind gar nichts. Sieh mich
an. Eben kam ein Bataillon von eurem Eisenbahnregiment an mir vorbei - ich sage
von eurem, denn ihr habt es ja hier in eurer Strasse -, und ich kann dir sagen,
wie ich bloss den ersten Paukenschlag hörte, da ging es mir wieder durch alle
Glieder, und ich fühlte ordentlich, wie das alte Gebein wieder jung und
elastisch wurde. Man hat immer das Spiel in der Hand und ist geradeso jung, wie
man sein will. Aber du spinnst dich zu sehr ein, da wird man Antiquitäte,
Ägyptisches Museum, man weiss nicht wie. Sieh zum Beispiel gestern. Warum warst
du nicht mit dabei?«
    »Lieber Eberhard, Teater - es ist nichts mehr für mich.«
    »Falsch, falsch. So denkt jeder. Aber ist man erst drin im Feuer, dann hat
man auch das alte Vergnügen wieder. Ich sage dir, Albertine, wenn du diesen
Quitzow, diesen Dietrich von Quitzow, gesehen hättest, Studie nach Bismarck,
aber Bismarck Waisenknabe daneben. Augenbrauen wie 'ne Schuhbürste. Müssen das
Leute gewesen sein. Und sein Bruder soll noch toller ausgesehen haben, weil er
bloss ein Auge hatte. Polyphem. Hiess er nicht Polyphem?«
    »Ich glaube, Eberhard. Wenigstens gibt es so einen.«
    »Und dann nach dem Teater. In der Kneipe. Nun, die Kinder werden dir davon
erzählt haben und von diesem Herrn Manfred, diesem Klessentin. Ein reizender
junger Kerl, schneidig, frisch, humoristisch angeflogen. Ach, Albertine,
mitunter ist mir doch so, als ob alles Vorurteil wäre. Na, wir brauchen es nicht
abzuschaffen; aber wenn andre sich dranmachen, offen gestanden, ich kann nicht
viel dagegen sagen. Es hat alles so seine zwei Seiten. Adel ist gut, Klessentin
ist gut, aber Herr Manfred ist auch gut. Überhaupt, alles ist gut, und
eigentlich ist ja doch jeder Schauspieler.«
    »Ach, ich nicht, lieber Eberhard.«
    »Nein, du nicht, Albertine. Dir ist es vergangen. Aber ich, ich bin einer.
Sieh, ich spiele den Gemütlichen, und ich darf nicht mal sagen, dass sich solche
Schauspielerei für einen General nicht passte. Da gibt es noch ganz andre
Nummern, die auch alle Komödie gespielt haben, Kaiser und Könige. Nero spielte
und sang und liess Rom anzünden. Jetzt ist es Panorama, fünfzig Pfennig Entree.
Denke dir, so billig ist alles geworden. Und vor zehn Jahren, wie mir eben
einfällt, waren hier sogar die Fackeln des Nero ausgestellt, ein grosses Bild.
Damals war ich noch in Dienst, und ich sehe die grosse Leinwand noch vor mir. Und
du hast es vielleicht auch gesehen.«
    »Nein, Eberhard, ich habe so was nie gesehen. Ich musste mir dergleichen
immer versagen. Du weisst schon weshalb.«
    »Sprich nicht von versagen. Das Wort kann ich nicht leiden, man muss sich
nichts versagen, und wenn man nicht will, braucht man auch nicht. Nun sieh, das
war ein Bild, so gross wie die Segelleinwand von einem Spreekahn oder wohl
eigentlich noch grösser, und rechts an der Seite, ja, da war ja nun das, was die
Gelehrten die Fackeln des Nero nennen, und ein paar brannten auch schon, und die
andern wurden eben angesteckt. Und was glaubst du nun wohl, Albertine, was diese
Fackeln eigentlich waren? Christenmenschen waren es, Christenmenschen, in
Pechlappen einbandagiert, und sahen aus wie Mumien oder wie grosse Wickelkinder,
und dieser Nero, der Veranstalter von all dieser Grässlichkeit, der lag ganz
gemütlich auf einem goldnen Wagen, und zwei goldfarbne Löwen davor, und der
dritte Löwe lag neben ihm, und er kraute ihn in seiner Mähne, als ob es ein
Pudel wäre. Und nun sieh, dieser selbige Nero, der sich so was leisten konnte,
der die ganze Welt, ich glaube bis hier in unsre Berliner Gegend, beherrschte,
der sang und spielte auch, geradeso wie dieser Herr von Klessentin, und da frag
ich mich denn: Ja, warum soll er nicht, dieser junge Mensch? Wenn ein Kaiser
spielen darf, warum soll Klessentin nicht spielen? ein unbescholtener junger
Mann, der wahrscheinlich niemals 'ne Fackel angesteckt hat, am wenigsten
solche.«
    Die Majorin reichte dem Schwager die Hand und sagte: »Eberhard, du bist
immer noch derselbe. Und Leo wird auch so. Dein Bruder Alfred war immer ernst,
ein bisschen zu sehr, was wohl an den Verhältnissen liegen mochte...«
    »Sprich nicht von Verhältnissen, Albertine. Verhältnisse, davon kann ich
nicht hören...«
    »Und es ist merkwürdig, dass die Kinder oft mehr den Charakter aus der
Seitenlinie haben. Und ich will nur wünschen, dass sein Lebensgang, ich meine
Leos, auch so wird wie der deine, dasselbe Glück...«
    »Sprich nicht von Glück, Albertine. Mag ich auch nicht hören. Selbst ist der
Mann. Aber nein, nein, ich will dies nicht gesagt haben... Sprich nur von
Glück... Es ist ganz richtig... Ich habe Glück gehabt. Erst im Dienst. Natürlich
immer meine Schuldigkeit getan, aber doch schliesslich kein Moltke... Gott sei
Dank übrigens, dass es davon so wenige gibt, sie frässen sich sonst untereinander
auf, und wenn es zum Klappen käme, hätten wir keinen... Einer ist schon immer
das beste, da gibt es keine Konkurrenz und keinen Neid. Aber nun lassen wir
Klessentin und Nero und Moltke und versuchen wir ein ander Bild. Wo sind die
Mädchen?«
    »Ausgeflogen. Und ich habe es unternommen, sie bei dem gütigen Onkel zu
entschuldigen. Es waren aufgeschobene Besuche, höchste Zeit. Aber du siehst sie
noch. Ich rechne darauf, dass du bleibst und unser Gast bist, so gut wir's
haben.«
    »Ah, ah, ah. Kann ich nicht leiden. So gut wir's haben. Was heisst das? Ein
Teller Suppe...«
    »Sophie sprach von Weissbiersuppe mit Sago...«
    »Vorzüglich. Und könnte meine Beschlüsse beinah umstossen. Aber ich habe noch
allerhand zu tun und zu besorgen. Eigentlich Unsinn; eine Postkarte besorgt es
alles viel besser. Aber meine Frau wünscht es. Und was eine Frau wünscht, ist
Befehl, sonst ist der Krieg da, worin wir Militärs immer geschlagen werden; je
schneidiger, je grösser die Niederlage. Also ich muss fort. Und so gern ich die
Mädchen alle drei noch mal gesehen hätte, so passt es mir auch wieder, dass sie
nicht da sind. Ich will nämlich eine nach Adamsdorf mitnehmen, meine Frau hat
den Wunsch ausgesprochen, und ist nur noch die Frage, natürlich deine Zustimmung
vorausgesetzt, welche?«
    »Und du meinst, die Frage beantwortet sich besser unter uns.«
    »Ja, Albertine.«
    »Nun, da denke ich mir Terese. Sie war schon vorletzten Sommer mit deiner
Frau in Pyrmont und kennt alles und hat sich einigermassen mit ihr eingelebt.«
    »Alles richtig. Und doch wäre vielleicht ein Wechsel angezeigt. Lass mich
offen zu dir sprechen. Terese ist ein vortreffliches Mädchen und eine Dame.
Aber sie hat von der Dame mehr, als meiner Frau lieb ist. Meine Frau, eine
Bürgerliche wie du, ist von einfachen Lebensgewohnheiten und Anschauungen, was
ich alles nur billigen kann. Und Terese - du wirst verzeihen, dass ich es sage -
hat eine ziemlich ausgesprochene Neigung, sich auf das Poggenpuhlsche hin
auszuspielen. Ich mag nichts dagegen sagen und nehme persönlich keinen Anstoss
daran. Aber meine Frau findet es etwas übertrieben und hat auch seinerzeit
Auseinandersetzungen mit ihr darüber gehabt.«
    »Ich versteh, Eberhard. Und deine Frau hat recht. Es geht mir hier ebenso
mit ihr. Sie hat einen zuverlässigen Charakter und nimmt es ziemlich ernst mit
ihren Anschauungen von Adel und Adelspflicht. Aber es ist sehr schwer, wenn man
in Verhältnissen...«
    »Nein, nein, nein...«
    »... Wenn man auf so bescheidenem Fusse lebt wie wir. Das gibt dann immer
Meinungsverschiedenheiten und Unliebsamkeiten. Aber wenn Terese nicht, wer
dann? Von Manon würde ich mich nicht gern trennen.«
    »Sollst du auch nicht, Albertine. Manon ist Nestäkchen und muss dir bleiben.
Meine Frau hat sich, ich wiederhole, deine Zustimmung vorausgesetzt, für Sophie
entschieden. Die hat ihr sehr gefallen, als sie sie hier sah, und ihre Briefe
haben ihr gefallen, auch die, die sie an Terese schrieb. Alles so verständig.
Und meine Frau hat eine Vorliebe für das Verständige, nur keine Flausen und
Redensarten und aufgesteifte Sachen. Und Mogeleien sind ihr nun schon von Grund
aus zuwider.«
    »Davon hat Sophie, Gott sei Dank, nichts. Ihr Leben ist immer Arbeit
gewesen, und sie hält eigentlich alles zusammen, was sonst auseinanderfiele.«
    »Darf nicht. Darf nicht. Nichts darf auseinanderfallen. Also Sophie! Meine
Frau will nämlich allerlei Neues und will namentlich auch neue Wappenteller
haben, was mich anfänglich, offen gestanden, aufs äusserste verwunderte. Sie hat
mir aber Aufschluss darüber gegeben. Ich bin jetzt, sagte sie mir neulich, eine
Poggenpuhl, und da passt es nicht mehr, dass alles noch das Leisewitzsche Wappen
hat; ich glaube, die Leute reden darüber, und das muss man vermeiden. Sophie malt
so gut; sie soll uns das Poggenpuhlsche Wappen malen, dabei wird sie sich auch
wohl fühlen und glücklich sein, ihre Gaben im Dienste der Familie verwenden zu
können. Und dann ist sie so musikalisch. In der Dämmerstunde zuhören, wenn ein
Schubertsches Lied gespielt wird, darauf freu ich mich, das wird unser stilles
Haus beleben, und wir können Besuche dazu laden.«
    »Und wann denkst du, dass sie reisen soll?«
    »Gleich heute mit mir. Sie muss um drei mit ihrem Koffer in meinem Hotel
sein. Am besten allein. Abschiede verwirren, Küsse sind lächerrlich. Um vier geht
der Zug, und um elf sind wir in Adamsdorf.«
    Damit erhob er sich, und unter Grüssen an Terese und Manon nahm er Abschied.
 
                                Zehntes Kapitel
                  Sophie von Poggenpuhl an Frau von Poggenpuhl
                                                            Adamsdorf, 6. Januar
Liebe Mama! Gestern, gleich nach elf, sind wir wohlbehalten hier eingetroffen.
Ganz zuletzt, auf dem Wege von Hirschberg hierher, entzückte mich die Fahrt im
offenen Wagen, trotzdem der Himmel bedeckt und das Gebirge, das zu sehen ich
mich so gefreut, in seinen Linien unsichtbar war. Aber in den Dörfern herrschte
doch noch Leben, und die Erdmannsdorfer Fabrik, in der auch die Nacht hindurch
gearbeitet wird, leuchtete durch den Nebel, der zog. Es sah
mittelalterlich-romantisch aus, als ob eine uralte Piastenfamilie darin wohnte.
Hier in Adamsdorf - nur ganz in der Ferne schlug noch ein Hund an, und ein
andrer antwortete - war schon alles still, und still war es auch auf dem
Vorplatz vor dem Schloss. Ich ängstigte mich einen Augenblick; aber wie fiel das
alles von mir ab, als ich in den Salon trat und von der Tante aufs
liebenswürdigste begrüsst wurde! Eine herrliche Frau. Ich begreife Terese nicht,
die sich nie so recht mit ihr stellen konnte. Vielleicht kommen auch für mich
noch die Beschwerlichkeiten, aber ich glaube es kaum. Dass Dir, mein altes
Mutterchen, die Lebenslose doch auch so glücklich gefallen wären! Ich sprach
von: Salon. Ja, es war ein Salon, in den wir eintraten, aber viel mehr noch ist
es eine Halle. Der Vorbesitzer von Adamsdorf, das in alten Zeiten eine
Benediktinerabtei war, hat viel von den alten Klostergebäuden mit in den Neubau
herübergenommen, und diese Halle war vordem ein Refektorium; - durch den Raum
hin stehen noch drei gotische Pfeiler, und in dem Kamin glomm ein Feuer, dessen
von Zeit zu Zeit aufflackernde Lichter an der gewölbten Decke hin spielten.
Ausser der Tante war nur noch eine Katze da, ein wunderschönes grosses Tier, das
spinnend um mich herum ging und mir dann auf den Schoss sprang. Ich erschrak;
aber die Tante beruhigte mich und sagte: das sei eine Liebeserklärung, womit Bob
(es wird also wohl ein Kater sein) sonst sehr zurückhalte. Er sei misstrauisch
und eifersüchtig. Weil wir ausgefroren waren, bat der Onkel um einen Eierpunsch,
den sie hier aus Ungarwein und Gelbei machen. Es schmeckte mir ganz vorzüglich.
Und was noch wichtiger, ich habe hinterher herrlich geschlafen, und als ich zu
guter Zeit aufstand und die Jalousien in die Höhe zog, da lag das Gebirge, ganz
von Schnee überdeckt, in langer Linie vor mir. Wir wollen in den nächsten Tagen
eine Partie nach der Heinrichsbaude machen und dann in einem Hörnerschlitten
wieder zu Tale fahren. Es soll wunderschön sein, aber ich ängstige mich ein
wenig. Ergeh es Dir gut. Gruss und Kuss Euch allen und (wenn Ihr schreibt) auch
nach Torn hin an die Brüder. In herzlicher Liebe
                                                                    Deine Sophie
                                                    Schloss Adamsdorf, 16. Januar
Liebe Mama! Ich habe mich nun schon ganz hier eingelebt. Die Tante verbleibt in
ihrer Güte dieselbe gegen mich; vom Onkel es zu versichern ist nicht nötig, und
auch Bob hält in seinem Attachement aus. Er geht darin ein wenig zu weit, denn
seine Zärtlichkeitsbezeigungen haben immer etwas Überfallartiges. Mit einemmal
springt er mich an, immer noch die Tigernatur. Die Fahrt zur Heinrichsbaude
hinauf ist vertagt worden. Man will noch einen frischen Schneefall abwarten,
denn es heisst: je mächtiger die Schneedecke, desto schöner die Fahrt talwärts
und desto gefahrloser; der Schlitten fliegt dann über die Felsblöcke weg, als ob
es Maulwurfshügel wären. Unser Leben hier ist ziemlich still, wenig Besuch, und
ausser unserm Adamsdorfer Prediger, der dann und wann vorspricht, kommen meist
nur Prediger aus der Nachbarschaft und ein alter Oberst aus der Stadt; ausserdem
auch noch ein Amtsgerichtsrat und seine Frau. Diese Besuche freuen mich immer
sehr, aber auch ohne sie habe ich Unterhaltung die Hülle und Fülle, weil die
Tante gern aus ihrem Leben erzählt, am liebsten aus ihren Kindertagen, die sie
noch in Armut verbrachte. Zu dem allem haben wir auch noch eine merkwürdige
Bildergalerie hier, deren Grundstock aus verschiedenen Bildnissen aus der
Klosterzeit her besteht: Heiligenbilder (nicht viele), zu denen sich die
Porträts von Äbten und Prioren und sogar ein Fürstbischof von Breslau gesellen;
dazwischen allerlei spezifisch Preussisches: Friedrich der Grosse (dreimal), Prinz
Heinrich, General Tauentzien und zum Schluss ein Dutzend Bildnisse von Personen
aus der Familie des ersten Mannes der Tante. Lauter Leisewitze. Von den
Poggenpuhls nichts; nicht einmal das Porträt des Onkels. Ich nahm vor ein paar
Tagen Gelegenheit, leise darauf hinzuweisen, worauf er lachend erwiderte: »Ja,
Fiechen« (so nennt er mich immer), »das Poggenpuhlsche fehlt ganz und gar, was
aber recht gut ist; es herrscht hier schon ein ungeheures Durcheinander, und
wenn auch noch der Hochkircher und der Sohrsche hinzukämen, so wäre die
Konfusion vollständig.« Der gute Onkel hat solchen bon sens, dass ihm der Hang,
auch Mitglieder seiner eigenen Familie hier einziehen und mit den
altschlesischen Adligen in Wettstreit treten zu sehen, gänzlich fernliegt. Und
damit hängt es auch wohl zusammen, dass die Wappentellerfrage ruht. Onkel
Eberhard war wohl von Anfang an dagegen und hat nur schliesslich, ich will nicht
sagen gern, aber doch ohne lange Kämpfe nachgegeben. All das hat sich aber
geändert. Eine ganz andere Aufgabe harrt jetzt meiner, die mich stolz und
glücklich macht. Was dies andre nun ist, davon das nächste Mal. - Wenn Briefe
von Wendelin oder Leo bei Euch eintreffen, so schickt sie mir, zunächst
natürlich meinetwegen, aber doch auch des Onkels halber, der sich für beide ganz
aufrichtig interessiert und von jedem was erwartet, von Wendelin gewiss, aber
auch von Leo. Leo, sagte er noch heut, ist ein Glückskind, und das Beste, was
man haben kann, ist doch immer das Glück. Die Tante wurde dabei ganz ernstaft
und bestritt es, beruhigte sich aber, als er verbindlich und mit einer
chevaleresken Handbewegung sagte: »Hab ich dich verdient oder war es Glück?« Sie
gab ihm einen Kuss, was mich rührte, denn es war kein Zärtlichkeitskuss, den ich
bei alten Leuten nicht sehen mag, sondern nur echte Zuneigung und Dankbarkeit.
Und mit Recht. Denn so gewiss diese Verheiratung ihn glücklich gemacht hat, so
gewiss auch sie. - Du siehst aus diesem allem, wie glücklich ich hier bin, aber
mitunter sehne ich mich doch nach Dir und möchte Dir die Hände streicheln.
Ängstige Dich nur nicht zu viel. Es wird noch alles gut. Das lässt Dir der Onkel
noch eigens durch mich vermelden. Er sagte mir heut, es gäbe einen Wappenspruch,
der laute: »Sorg, aber sorge nicht zu viel, es kommt doch, wie's Gott haben
will.« Und gegen diesen Spruch, so schloss er, verstiessest Du mehr, als recht
sei. Ich hab übrigens nicht, wie Du vielleicht glaubst, mit eingestimmt, hab ihm
vielmehr gesagt: »Wie weh etwas tut, weiss nur der, der das Weh gerade hat.« Da
hat er mir auch einen Kuss gegeben. Es ist ein herrlicher Mann, und ich kann
nicht herauskriegen, wer besser ist, er oder sie. Nun aber lebe wohl.
                                                                    Deine Sophie
                                                     Schloss Adamsdorf, 19 Januar
Heut, meine liebe Mama, nur eine Karte. Vorgestern ist Schnee gefallen; er liegt
um das Schloss her wie eine Mauer. Seit heute früh aber klarer blauer Himmel,
milde Kälte, himmlisches Wetter. Wir wollen nun in den nächsten Tagen zu Fuss und
zu Wagen bis auf den Kamm des Gebirges und dann in Hörnerschlitten zu Tal. Der
Pastor und ein Assessor aus der Stadt wollen teilnehmen. Ich freue mich
unendlich darauf. Ergeh es Euch gut.
                                                                    Deine Sophie
                                                      Heinrichsbaude, 22. Januar
Wieder nur eine Karte. Diesmal aber mit einem Bilde drauf (Heinrichsbaude). Wir
sind nämlich hier oben und werden wenigstens noch bis morgen bleiben, bleiben
müssen. Und daran bin ich schuld. Ich verfehlte, gleich als ich den Schlitten
bestiegen und das Niedersausen begonnen hatte, den rechten Weg und wäre,
rettungslos verloren, in den Krater gestürzt - den sie, weil er unten Wasser
hat, den »kleinen Teich« nennen -, wenn nicht ein in der richtigen Richtung
fahrender Schlitten, der dies sah, mit allem Vorbedacht von der Seite her in
meinen Hörnerschlitten hineingefahren wäre. Bei diesem, ich muss sagen
glücklichen, weil mich rettenden Zusammenstoss wurde ich herausgeschleudert und
musste, weil ich, etwas verletzt, nicht gehen konnte, hierher zurückgetragen
werden. Wir erwarten in ein paar Stunden den Arzt aus Krummhübel. Das ist das
nächste grosse Dorf. Ängstigt Euch nicht. Auf Hörnerschlittenfahrten aber lass ich
mich nicht wieder ein. Mein Retter war ein junger Assessor (adlig) und schon
verlobt. Wie immer
                                                                    Deine Sophie
                                                    Schloss Adamsdorf, 25. Januar
Zwei Telegramme des guten Onkels werden Dich über mein Befinden beruhigt haben.
Von Gefahr keine Rede mehr; Oberschenkelbruch; in vier Wochen, spätestens in
sechs, kann ich wieder tanzen. Der Arzt ist vorzüglich und sehr dezent; Sohn
eines Webers hier aus der Nähe (Notiz für Terese). Meine Rettung, wie ich Dir,
glaub ich, schon schrieb, verdanke ich allein dem Assessor; er ist natürlich
Reserveleutnant und will, wenn es zum Kriege kommt, dabeibleiben. Akten sind ihm
zuwider, was der Amtsgerichtsrat, sein Vorgesetzter, lächelnd bestätigt. Dass ich
so viele Wochen ruhig liegen muss, würde mir hart ankommen, wenn mir der Doktor
nicht freie Bewegung meiner Arme gestattet hätte. Die Tante liess mir denn auch
sofort eine Stellage herrichten, so dass ich ohne Mühe schreiben und zeichnen
kann. Ich mache davon den reichlichsten Gebrauch und fertige Skizzen über
Skizzen. Und da ist es denn auch wohl an der Zeit, Dir, meine gute Alte, von dem
neuen Plan zu erzählen, hinsichtlich dessen ich schon vor ein paar Wochen, bald
nach meinem Eintreffen hier, einige kurze Andeutungen machte. Statt mit dem
Malen von Wappentellern bin ich nämlich, höre und staune, mit Ausmalung unsrer
protestantischen Kirche (das Dorf hat, wie fast überall hier, auch eine
katolische) betraut worden, und zwar sollen in all die tiefer liegenden Felder,
die sich um die Kirchenempore herumziehen, auf Holz gemalte biblische Bilder
eingelassen werden, jedes etwa von der Grösse eines zusammengeklappten
Spieltisches. Eine freilich etwas sonderbare Mass- und Grössenangabe, wenn ich
bedenke, dass es sich um eine Kirche handelt. Natürlich wird es nichts grossartig
Kunstmässiges werden, dafür ist gesorgt, aber doch auch nichts Schlechtes, und,
was mich am meisten beglückt, ich werde die Aufgabe ganz neu zu lösen trachten.
Also: »Joseph wird nach Ägypten hin verkauft«, »Judit und Holofernes«, »Simson
und Delila« - all dergleichen denk ich fallenzulassen und dafür das zu nehmen,
worin das Landschaftliche vorherrscht. Meine Bemühungen gehen mitin zunächst
dahin, in der Bibel nach Stoffen mit guter Szenerie zu suchen und solche, wenn
ich sie gefunden, in wenig Strichen hinzuwerfen, so gut es in meiner
gegenwärtigen Lage geht.
    Aus der Länge meines Briefes siehst Du, dass es mir trotz alledem und alledem
sehr gut ergeht. Manon wird dies vielleicht bestreiten und sich darauf berufen,
dass man, weil man Briefe vorläufig noch mit der Hand schreibe, keine
Schlussfolgerungen daraus auf das Wohlbefinden des Fusses ziehen dürfe. Das ist
aber falsch. Wenn man einen kranken grossen Zehen hat, d.h. wirklich krank, so
kann man ebensowenig schreiben, wie wenn es ein kranker Daumen wäre.
    Lass mich recht ausführlich hören, wie's Euch geht. Auch Friederike soll mir
schreiben; Dienstbotenbriefe sind immer so reizend, so ganz anders wie die der
Gebildeten. Die Gebildeten schreiben schlechter, weil weniger natürlich;
wenigstens oft. Das Herz bleibt doch die Hauptsache. Nicht wahr, meine liebe
gute Alte?! Du weisst das am besten. Und Terese soll mir eine Beschreibung von
der Soiree bei Bronsarts machen und ob lebende Bilder gestellt wurden und
welche. Und Manon soll mir von Bartensteins schreiben und dem Ball und ob sie
mitgetanzt hat und mit wem. Und welche Toilette sie hatte. Manon versteht es,
aus ein bisschen Tüll und einem Rosaband ein Feenkostüm zu machen. Und nun lebe
wohl. Die Tante will noch ein paar Zeilen (vielleicht einen Krankenbericht) mit
beilegen. Wie immer Deine Dich herzlich liebende
                                                                          Sophie
 
                                 Elftes Kapitel
Während der Wochen, wo diese Korrespondenz zwischen Berlin und Schloss Adamsdorf
ging, ging auch ein Briefwechsel zwischen Berlin und Torn. Leo begann mit einer
Karte an Manon, die, nachdem sie geschrieben, wohlweislich noch in ein Couvert
gesteckt worden war.
                                                                Torn, 8. Januar
Seit drei Tagen wieder da. Kopernikus steht noch. Im ganzen Neste riecht es nach
Bierfisch, was übrigens nicht ganz richtig ist, denn sie kochen hier die Karpfen
mit Pfefferkuchen und Ungarwein. In diesen Stücken sind wir Euch überlegen;
freilich geht man etwas missbräuchlich damit vor. - Wendelin empfing mich am
Bahnhof, furchtbar artig, aber doch auch sehr gnädig. Er übertreibt es;
Gönnermiene, ganz Generalstab. Und er ist es noch nicht mal. Natürlich kommt er
dazu. Soviel Tugenden kann sich der Staat nicht entgehen lassen. Verzeih diese
Malicen, aber wenn man sich so verschwindend klein fühlt, hat man nichts als
Schändlichkeiten, um sich vor sich und andern zu behaupten. Der Wurm krümmt
sich. Ich schreibe morgen wieder, vielleicht noch heute, wenn mir das
Rekrutenexerzieren nicht den Lebensodem nimmt. »Dobry, dobry« und dazwischen
»Schafskopp«. Tausend Grüsse.
                                                                        Dein Leo
An den Rand der Karte war noch eine Nachschrift gekritzelt.
    »Eben kommt eine Einladung zu heut abend; engster Zirkel. Wohin, brauche ich
Dir wohl nicht erst zu sagen. Ester übrigens heute früh schon am Fenster
gesehen - pompös, ja fast Pomposissima, was mich ein wenig ängstigt. Denn sie
ist erst 18. Wohin soll das am Ende führen?«
    Drei Tage nach Empfang antwortete Manon.
                                                              Berlin, 12. Januar
Mein lieber Leo! Habe Dank für Deine Zeilen, die mich herzlich erfreut haben,
weil sie so ganz Du selbst waren. Deine Karte, glücklicherweise couvertiert, kam
zugleich mit einem Briefe von Sophie. Da sah man so recht den Unterschied.
Sophie immer, ich möchte sagen, Palette in Hand, immer künstlerisch, immer
gefühlvoll und immer dankbar. Namentlich dies letztere lässt sich Dir nicht
vorwerfen. Dein älterer Bruder (und der bessere dazu) macht Dir den Hof, und Du
bespöttelst ihn. Ei, ei; poggenpuhlsch ist das jedenfalls nicht. Die Poggenpuhls
sind pietätvoll. Ich glaube, Dein Hang zu kleinen Spöttereien und
Überheblichkeiten fliegt Dir so an, ist Umgangseinfluss oder, was dasselbe sagen
Will, eine Folge des Tons, dem Du im Hause der pompösen Ester oder der
»Pomposissima«, wie Du schreibst, begegnest. Ich kenne diesen Ton auch von
Bartensteins her, wiewohl diese selbst nicht daran teilnehmen und verlegen
werden, wenn er überhaupt angeschlagen wird. Dass dies geschieht, können aber
freilich selbst Bartensteins nicht verhüten, denn sie haben, bei der
eigentümlichen Zusammensetzung ihrer Gesellschaft, das Spiel nie ganz in der
Hand. Um nur eins zu nennen, die Verwandtschaft, die sich allsonntäglich bei
ihnen versammelt, ist immer wie aus zwei Welten: der eine Onkel war vielleicht
dreissig Jahre lang in London oder Paris, der andre dreissig Jahre lang in
Schrimm. Und das macht denn doch einen Unterschied. Ich sprach von
Umgangseinfluss. Er ist da; seine Macht verspür ich an mir selbst, und wenn ich
Terese ansehe, so bestätigt sich mir dieser Einfluss, von der andern Seite her,
wie eine Probe aufs Exempel. Terese, wenn auch manches an ihr anders sein
könnte, weiss doch jederzeit, was sich schickt, und das verdankt sie der
Wilhelmstrassenluft, in der sie nun mal lebt. Ich weiss nicht, in welcher Strasse
Ester wohnt (vielleicht auch in einer Wilhelmstrasse), nur das weiss ich, dass es
in der unsrigen keine Pomposissimas gibt. Ich muss mich hier unterbrechen. Eben
hat es geklingelt, und aus dem Korridorgespräch, das Friederike führt, hab ich
gehört, dass Flora gekommen und bei der Mama eingetreten ist. Sie wird mich
einladen wollen. Über das vorstehende Tema nächstens mehr. Deine ganze Zukunft,
soviel wird mir immer klarer, dreht sich um die Frage: Ester oder Flora. Flora,
Gott sei Dank, ist blond, sogar hellrotblond. Lebe wohl. In alter Liebe
                                                                     Deine Manon
                                                              Berlin, 15. Januar
Lieber Leo! Du hast meinen zweiten Brief, der den ersten vervollständigen
sollte, gar nicht abgewartet und mir umgehend geantwortet. Das ist sehr
liebenswürdig, aber leider auch ängstlich, und wenn schon die blosse Raschheit
der Erwiderung etwas Mich-besorgt-Machendes hatte, so mehr noch die einzelnen
Wendungen Deines Briefs. Ich will doch nicht fürchten, dass die Einladung zum 8.
abends, von der Du auf Deiner Karte schriebst, verhängnisvoll für Dich geworden
ist. Ich weiss, dass dunkler Teint Dir immer gefährlich war. Und Ester! Es ist
merkwürdig, dass manchem Namen etwas wie eine mystische Macht innewohnt, eine Art
geistiges Fluidum, das in rätselhafter Weise weiterwirkt. Raffe Dich auf, sei
stärker, als Ahasverus war (ich meine den Perserkönig), der auch der Macht der
Ester erlag. Eben habe ich Deine Zeilen noch einmal überflogen und wieder den
Eindruck davon gehabt, als hättest Du Dich bereits engagiert. Ist dem so, so
weiss ich sehr wohl, dass die Welt darüber nicht zugrunde gehen wird, aber mit
Deiner Karriere ist es dann vorbei. Denn in der Provinz, und speziell in Deiner
Provinz, ist das religiöse Gefühl - oder, wie sie bei Bartensteins immer sagen,
das »Konfessionelle« (sie wählen gern solche sonderbar verschränkten Ausdrücke)
- von viel eigensinnigerem Charakter, und der Übertritt wird von den Eltern
einfach verweigert werden. In diesem Falle bliebe Dir also nur Standesamt, ein,
so aufgeklärt ich bin, mir geradezu schrecklicher Gedanke. Solch ein Schritt
würde Dich nicht nur von der Armee, sondern, was mehr sagen will, auch von der
»Gesellschaft« ausschliessen, und Du würdest von da ab in der Welt umherirren
müssen, fremd, abgewiesen, ruhelos. Und da hätten wir dann den andern Ahasverus.
Tu uns das nicht an. Terese würd es nicht überleben.
                                                                     Deine Manon
                                                              Berlin, 18. Januar
Mein lieber Leo! Gott sei Dank. Nun kann noch alles gut werden. Du glaubst
nicht, wie erlöst ich mich fühle, dass dieses Wetter an uns allen und nicht zum
wenigsten an Dir selber vorübergegangen ist. Du lachst mich aus über meine
Besorgnisse, neckst mich und stellst die Frage, was denn, wenn's nun wirklich
sich so gestaltet hätte, was denn für ein Unterschied gewesen wäre zwischen den
so verpönten Blumentals und den mit so vielem Empressement empfohlenen
Bartensteins. Ja, Du fügst hinzu, Blumental führe seit Jahr und Tag den
Kommerzienratstitel und solche Staatsapprobation durch eine doch immerhin
christliche Behörde sei zwar nicht die Taufe selbst, aber doch nahe daran, und
so sei denn Haus Blumental dem Hause Bartenstein eigentlich um einen Pas
voraus. Ach, lieber Leo, das klingt ganz gut, und als einen Scherz will ich es
gelten lassen, aber in Wahrheit liegt es doch anders. Bei Bartensteins war der
Kronprinz, Bartenstein ist rumänischer Generalkonsul, was höher steht als
Kommerzienrat, und bei Bartensteins waren Droysen und Mommsen (ja, einmal, kurz
vor seinem Hinscheiden, auch Leopold von Ranke), und sie haben in ihrer Galerie
mehrere Bilder von Menzel, ich glaube einen Hofball und eine Skizze zum
Krönungsbild. Ja, lieber Leo, wer hat das? In einem Damenkomitee für das
Magdalenum sitzt Frau Melanie, das ist der Vorname der Frau Bartenstein, seit
einer Reihe von Jahren, Dryander zeichnet sie bei jeder erdenklichen Gelegenheit
aus... Und dann Ester und Flora selbst! Es ist ein Unterschied, muss ein
Unterschied sein. Ich beschwöre Dich: überlege - vor allem aber - und das ist
das, was ich Dir nicht genug ans Herz legen kann -, vor allem wiege Dich nicht
in der eitlen Vorstellung, dass man hier, bloss weil ich es im stillen so sehr,
sehr wünsche, dass man hier etwa bang und sehnlichst auf Dich wartete. Die
Wünsche beider Eltern, auch Floras selbst, gehen unzweifelhaft nach der
Adelsseite hin, aber doch sehr mit Auswahl, und wenn beispielsweise bei Frau
Melanie - die sich ihrer und ihres Hauses Vorzüge sehr wohl bewusst ist - die
Entscheidung läge, so weiss ich ganz bestimmt, dass sie's unter einem Arnim oder
Bülow nicht gern tun wurde. Und nun berechne danach die Chancen der Poggenpuhls!
Sie sind, trotz Terese, nicht eben überwältigend, und Deine persönliche
Liebenswürdigkeit würde schliesslich doch viel, viel mehr den Ausschlag zu geben
haben als das Mass unsrer historischen Berühmteit. Demungeachtet ist auch diese
ein durchaus in Rechnung zu stellender Faktor, ganz besonders Flora gegenüber,
die, im Gegensatz zu beiden Eltern, einen ausgesprochen romantischen Sinn hat
und mir erst vorgestern wieder versicherte, dass ihr, als sie neulich in Potsdam
die Grenadiermützen vom 1. Garderegiment gesehen hätte, die Tränen in die Augen
gekommen seien. - Alles in allem, Leo, Du hast noch keine volle Vorstellung
davon, um was und um wieviel Du wirbst und dass es, trotz meiner guten und, ich
kann wohl sagen, intimsten Beziehungen, immer noch Mühen und Anstrengungen
kosten wird, die Braut heimzuführen. Weise also nicht hochmütig das, was ich Dir
noch vorzuschlagen haben werde, zurück, ein Leichtsinn, gegen den ich Dich durch
Deinen guten Verstand und Deine schlechte Finanzlage gleichmässig geschützt
glaube.
    ... Aber da kommt eben Flora, um mich zum »shopping« (sie wählt gern
englische Wendungen) abzuholen, und ich muss hier abbrechen, ohne mich über
meinen Plan: eine Familiengeschichte der Poggenpuhls, höre und staune, durch
Dich geschrieben zu sehen, näher ausgesprochen zu haben. Nur noch soviel:
Wendelin muss das Beste dabei tun und hinterher natürlich Onkel Eberhard.
Überleg's. Vor allem aber Mut und Schweigen. Flora weiss nichts, ahnt nichts. Wie
immer
                                                                     Deine Manon
Umgehend antwortete Leo.
                                                               Torn, 19. Januar
Meine liebe Manon! Ich fühle mich wie beschämt durch Deine Liebe und Fürsorge.
Ein vorzüglicher Plan, geradezu grossartig. Aber, aber... Und ach, dies Aber lässt
mich Dir in ziemlich schwermütiger Verfassung antworten. Wendelin, der es doch
schliesslich machen müsste, will nicht. Er findet es einfach ridikül. Und warum?
Weil, seiner aufrichtigen Meinung nach, das Poggenpuhlsche nicht mit den
Kreuzzügen, sondern einfach mit Wendelin von Poggenpuhl anfängt. Was seit
hundert Jahren unter dem »Hochkircher« und dem »Sohrschen« geschah, war
Alltagsarbeit; in Front stehen und Hurra schreien bedeutet ihm nicht viel, er
ist für strategische Gedanken. Jedenfalls denkt er mehr an sich als an die
Familie. Er hilft mir zwar regelmässig und ist in vielen Stücken eine glänzende
Nummer, aber es muss immer was sein, was ihm zugleich in aller Augen zu Vorteil
und Ehre gereicht; wenn es ihm so vorkommt, dass er persönlich damit bei hohen
Vorgesetzten anstossen oder wohl gar in einem fragwürdigen Lichte dastehen
könnte, so ist es mit allem Familiengefühl und aller Bereitwilligkeit rasch
vorbei. Er heisst Poggenpuhl, aber er ist keiner, oder doch ganz auf seine Weise,
die von der unsrigen sehr abweicht. Darüber aber kein Wort zu Mama; die ist
imstande und schreibt es ihm, und dann bin ich an den Pranger gestellt. Ich bin
ohnehin schon immer verlegen, wenn er bei mir in die Stube tritt. Er hat so 'n
verdammt superiores Lächeln, und ich muss mich ducken. Überhaupt - und das ist
das Fatale der ganzen Karriere -, man muss sich immer ducken. Aber statt dieser
Confessions lieber zurück zur Hauptsache, zu der zu schreibenden
Ruhmesbroschüre. Wendelin, wie gesagt, will nicht, und ich selber kann nicht,
kann nicht und wenn sich's darum handelte, die Königin von Madagaskar als Braut
heimzuführen. Ach, Manon! ... »über Madagaskar fern im Osten seh ich Frühlicht
glänzen« - ja, dahin muss ich, damit endet's, damit muss es enden! Denn ich werde
Flora nie »mein nennen« (so drücken sich manche aus), wenn die
Familiengeschichte durchaus geschrieben werden muss. Und daneben, und das ist das
Schlimmste, weil zugleich das Beschämendste, daneben hab ich die Leidenschaft
Esters für mich stark überschätzt. Oder vielleicht auch, dass mir über Nacht ein
Rival, ein bevorzugter Mitbewerber erstanden. In diesem Falle würde ich Ester
hassen müssen. Und um mit nichts zurückzuhalten, ach, Manon, auch von dem
Quitzowabend, der sich so glänzend anliess oder wenigstens so glänzend abschloss,
ist seit einer Woche so gut wie nichts mehr da. Trauriges Dasein und draussen
Tauwetter. Ich könnte den Hamletmonolog deklamieren, aber ich wähle das Kürzere:
»Nymphe, bete für mich.« Es wird wohl falsch zitiert sein; die meisten Zitate
sind falsch.
                                                                        Dein Leo
 
                                Zwölftes Kapitel
Diese Korrespondenz zwischen den zwei jüngeren Geschwistern setzte sich bis in
den Februar hinein fort, wenig zur Freude Teresens, die gelegentlich einen von
Leos Briefen las und es jedesmal beklagte, dass sich »das Poggenpuhlsche so weit
verirren könne«, wobei sie übrigens der Schwester die Hauptschuld zumass. »Meiner
Meinung nach«, so hiess es regelmässig, wenn dies Tema zur Sprache kam, »ist der
ganze Briefwechsel überhaupt überflüssig; wenn er aber stattfinden soll, so
möcht ich wohl, dass er einen andern Inhalt hätte. Du wirst ihn noch ganz zu dir
hinüberziehen, in jene gesellschaftliche Sphäre, darin du dich leider wohl und
immer wohler fühlst. Du willst nicht einsehen, dass die Welt, die du leichtfertig
und hochmütig, und bloss um dich zu mokieren, als die christlich-germanische
bezeichnest, dass diese Welt mehr bedeutet als ein halbes Dutzend Gersons - denn
so viele werden es doch wohl nachgerade sein. Es kommt auf das innerliche Leben
an, nicht auf das äusserliche: die Äpfel mit der schönen Schale sind meist
wurmstichig.«
    »Und die grauen Reinetten überdauern den ganzen Winter.«
    Terese zuckte die Achseln und brach ab, nahm auch nicht Veranlassung,
darauf zurückzukommen, und zwar um so weniger, als sich das, was ihr die Mama in
dieser Streitsache begütigend gesagt hatte, sehr bald erfüllen sollte. »Lass doch
die beiden«, so etwa waren die Worte der Majorin bei jener Gelegenheit gewesen,
»du solltest doch Leo kennen und wissen, wie wenig das alles auf sich hat. Heute
will er das und morgen das. Ehe drei Wochen um sind, hört die Schreiberei
zwischen ihnen von selbst auf.« Und so kam es auch. Leo schloss sich, noch ehe
der Januar zu Ende ging, einem katolischen Geistlichen an, der Dogmenstrenge
mit Skat und Fidelität glücklich zu vereinigen wusste, welche neue Bekanntschaft
denn auch sofort verhängnisvoll für die weitere Erörterung der Ester- und
Flora-Frage wurde. Sie starb sehr bald ab.
    Ja, die Korrespondenz nach Torn hin erlosch rasch, aber die zwischen Sophie
und Manon setzte sich fort, und keine Woche verging, ohne dass ein Brief aus
Adamsdorf eingetroffen wäre, meistens gleichzeitig mit einer sorglich gepackten
Kiste, deren Eintreffen Friederike, wenn sie sie öffnete, jedesmal mit derselben
Rede begleitete: »Wieder frische Eier und alle eingewickelt und in Häcksel. Ja,
das lass ich mir gefallen, gnäd'ge Frau. Denn erstens kriegt man keine frischen,
wenn es auch draufsteht, und zweitens sind Eier doch immer besser, als was eben
erst geschlachtet is. Ente geht noch, weil Ente fett ist; aber schon bei Hühnern
fängt es an, und ist es gar Kalb, dann hat es immer einen Stich... Un ich werde
auch gleich eins kochen, gnäd'ge Frau; Sie müssen sich auch mal was gönnen. Es
ist wahr, Sie haben ja die Bonbons, aber das gibt keine Kraft un is bloss von
wegen den Husten.«
    Sophiens Briefe teilten sich, der Zeit nach, in solche, die sich mit ihrer
fortschreitenden Genesung und, als diese schliesslich da war, mit ihrer
malerischen Tätigkeit beschäftigten. Diese Briefe zu lesen war immer ein
Vergnügen, und einzelne davon nahm Manon sogar mit zu Bartensteins, um sie da
zum besten zu geben, aber freilich meist nur, wenn der Alte zugegen war, der so
was gern hörte, während die Damen eigentlich nur aus Artigkeit folgten. Flora
(vielleicht weil sie wegen eines geplanten Ausfluges nach Olympia gerade
Neugriechisch lernte) hatte eine Neigung, alles »unbedeutend« zu finden, was
Manon, so verliebt sie in die Freundin war, doch bestimmte, mit ihren
Mitteilungen schliesslich etwas zurückhaltender zu sein.
    In einem dieser Briefe hiess es: »Ich bin jetzt bei der Sündflut, die ja,
wenn man will, auch ins Landschaftliche fällt. Wasser ist doch auch Gegend, und
Gegend ist Landschaft. Und was denkt Ihr nun wohl, wie meine Sündflut aussieht?
Ganz anders wie andre, was ich, ohne unbescheiden zu sein, sagen darf, weil die
Idee nicht von mir, sondern von Onkel Eberhard herrührt. Und auch eigentlich
nicht von ihm, wie Ihr gleich hören werdet. Als ich mich nämlich vorige Woche
beim Tee dahin äusserte, dass ich jetzt an die Sündflut herangehen wolle, sagte
der Onkel: Ja, Fiechen, wie denkst du dir das nun eigentlich? Oder richtiger,
ich will es gar nicht wissen, ich will dir lieber gleich sagen, wie ich es mir
denke und wie ich es mir wünsche. Als ich noch in Berlin bei »Alexander« stand,
war ich mal auf Besuch in einer benachbarten Dorfkirche, drin viele Bilder
waren, auch eine Sündflut. Und aus der Sündflut ragte nicht bloss, wie
gewöhnlich, der Berg Ararat mit der Arche hervor, nein, neben dem Ararat befand
sich auch noch in geringer Entfernung ein zweiter Berg, und auf diesem zweiten
Berge stand eine Kirche. Und diese Kirche war genau die kleine märkische
Dorfkirche mit einem Laternenturm und sogar einem Blitzableiter, in der wir uns
in jenem Augenblick gerade befanden. Und das hat damals einen so grossen Eindruck
auf mich gemacht, dass ich dich bitten möchte, du machtest es auch so und liessest
auch zwei Kuppen aufsteigen und auf der zweiten Kuppe stände die Kirche von
Adamsdorf. Das heisst die protestantische. Wenn sich die Katoliken darüber
ärgern, können sie sich ja ihre Kirche auch malen lassen. Ich stehe zu Martin
Luter und der reinen Lehre. Darin, denke ich, bin ich ein fester Poggenpuhl.
Ich erschrak erst, als der Onkel das sagte, weil ich es mir alles anders gedacht
hatte, da's aber kein Entrinnen gab, so gab ich mich zufrieden, und jetzt, wo's
beinahe fertig ist, hab ich mich in die Idee ganz verliebt. So kindlich es mir
anfänglich vorkam und auch noch vorkommt, so hat es doch zugleich eine tiefe
Bedeutung; als die alte Sündenwelt unterging und die neue bessere, sich
aufbaute, war das erste, was neu erschien (denn die Tiere waren ja noch aus der
alten Welt), die Kirche jenes kleinen märkischen Dorfes und jetzt also die von
Adamsdorf. Es war, als ob Gott sie gleich dahin gestellt habe. Natürlich kann
man darüber lachen, aber man kann sich auch darüber freuen. Und Du, meine liebe
Mama, die Du ja Gott sei Dank aus einem frommen Predigerhause bist, Du wirst es
schön finden und den Onkel Eberhard noch lieber haben als zuvor. Er ist auch
wirklich ein kapitaler Mann. Soviel über die Idee zu dem Bilde. Und nun wirst Du
Dich nur noch wundern, wo und wie ich, die ich das Meer nie gesehen, die
Vorstellung dazu hergenommen und zu meiner Sündflut verwandt habe. Nun höre.
Vielleicht erinnerst Du Dich noch der Partie, die wir vorigen Herbst mit
Bartensteins machten, alle dritter Klasse, was Bartensteins noch so sehr
amüsierte. Dritter Klasse Ringbahn und bis Bahnhof Stralau. Und als wir da hoch
oben ausstiegen, hoch wie der Berg Ararat, da lag der Rummelsburger See mitsamt
der Spree wie eine mächtige Wasserfläche vor uns. Dieses Panorama hab ich für
mein Bild benutzt. Der Bahnhof ist der Ararat, der Rummelsburger See die
Sündflut. Auf stürmische Bewegung, weil ich doch sozusagen nur den Schlussakt der
Sündflut gemalt habe, glaubte ich, ohne dadurch unkorrekt zu werden, verzichten
zu können.«
Briefe verwandten Inhalts trafen öfter ein, unter denen einer, der Sophies
»Untergang von Sodom und Gomorrha« beschrieb, des alten Bartenstein ganz
besondern Beifall weckte. »Das ist eine Mahnung«, hatte er sich damals gegen
Manon geäussert ohne übrigens anzudeuten, wen er dadurch gemahnt sehen wollte.
    Fiechen lebte sich inzwischen immer mehr ein, und je länger sie bei den
Verwandten weilte, desto lebhafter wandte sie sich, neben ihren Malereien, auch
den häuslichen Angelegenheiten von Schloss Adamsdorf und ganz besonders dem
Charakter der Frau vom Hause zu. Gespräche, die sie, wenn sie gemeinschaftlich
um die grosse Parkwiese gingen, mit der Tante führte, teilte sie, wenn es passte,
ganz ausführlich nach Hause hin mit. Einmal schrieb sie: »Wir haben gestern
wieder unsern Spaziergang gemacht, um die grosse Wiese herum, in deren Mitte sich
ein Gehege mit ein paar jungen Rehen befindet, reizenden Tiere, die ich auch
noch zu verwenden hoffe. Da mit einmal, ich weiss nicht mehr in welchem
Zusammenhange, sagte die Tante: Ja, deine Schwester Terese. Sie wird nicht
recht zufrieden mit mir gewesen sein und mich vielleicht bei euch verklagt
haben, weil ich damals in Pyrmont nicht Lust bezeigte, mich der Fürstin von Wied
vorstellen zu lassen, worauf sie beständig drang, und als ein Korso war, wollte
ich nicht mit in der Reihe fahren und noch weniger die Pferdegeschirre mit
Rosengirlanden ausstaffieren lassen. Es erschien mir alles unpassend, und ich
hab es ihr auch frank und frei gesagt. Terese, wie das so oft geschieht, hat
eine falsche Vorstellung von meiner Vermögenslage, die mal glänzend war, aber es
nicht mehr ist. Es liegt mir daran, dich über diese Dinge, die ziemlich
kompliziert sind, aufzuklären. Ich bin aus einer einfachen bürgerlichen Familie,
die klein und arm anfing und es nachher zu Reichtum brachte. Da heiratete mich
mein erster Mann, der damals nichts besass, und kaufte sich Schloss Adamsdorf,
denselben Besitz, der schon früher einmal, als es aufhörte Kloster zu sein, in
seiner Familie war und dann verlorenging. Er war ein vollkommener Kavalier, und
wir führten eine sehr glückliche Ehe, in der übrigens, was das Vermögen angeht,
die Rollen sehr bald gewechselt wurden. Mein Geld nämlich ging verloren, und wir
hätten Adamsdorf wieder aufgeben müssen, wenn nicht mein Mann durch Todesfälle
ganz unerwartet ein ziemlich bedeutendes Vermögen geerbt hätte. Das hat uns an
dieser Stelle gehalten. Aber alles, was wir besitzen, ist dadurch wieder
Leisewitzisch geworden und muss den Leisewitzes verbleiben, was dein Onkel auch
von Anfang an gewusst hat und gutiess. Ich habe das seltene Glück erfahren, in
zwei Ehen zwei gleich treffliche Männer zur Seite gehabt zu haben. Alles hat
sich zum Guten für mich gefügt, aber diese glückliche Gestaltung der
Verhältnisse darf ich auch nicht vergessen und muss danach leben. Es liegt so:
Von allem, was du hier siehst, haben wir nur den Niessbrauch; Schloss, Gut,
Vermögen, alles fällt zurück, und weil es so ist, habe ich haushalten gelernt.
Und du, du bist ein gutes und kluges Kind und kannst mir in allem folgen.
Terese, die, wenn ich Andeutungen der Art machte, kaum mit halbem Ohr hinhörte,
wollte nicht recht daran glauben. Das ist immer so. Was einem nicht passt, das
glaubt man nicht gern.
    Ja, liebe Mama, das war es, was die Tante mich wissen liess. Es wird ganz gut
sein, wenn Terese davon erfährt. Aber in Deiner Antwort bitte ich Dich, all
dieser Dinge, trotzdem sie mir wahrscheinlich mitgeteilt wurden, um sie Dich
wissen zu lassen, nicht zu erwähnen; ich bin daran gewöhnt, Deine und der
Schwestern Briefe beim Frühstück vorzulesen, und eine auf diese meine
Mitteilungen bezügliche Antwortstelle würde mich nur in Verlegenheit bringen.
    Im übrigen hab ich seit vielen Wochen nichts von den Brüdern gehört.
Wendelin, das fällt nicht auf, er schrieb immer nur Pflichtbriefe. Aber Leo?
Mitunter ängstige ich mich doch und denke, sein nächster Brief kommt aus Kamerun
oder Namaqualand. Ehe nicht seine Verhältnisse geordnet sind, kommt er nicht zur
Ruhe. Aber wo soll diese Ordnung herkommen?«
Es war Ende Mai, als Sophie diesen Brief schrieb, und sie vermied klugerweise,
das darin behandelte Tema noch einmal zu berühren. Es genügte ihr, dass ihr
Brief seine Wirkung getan und das ungerechte Kritteln der älteren Schwester in
eine gerechtere Beurteilung umgewandelt hatte.
    Das stille Leben in Schloss Adamsdorf nahm mittlerweile seinen Fortgang und
erfuhr nur einen Wandel, als der Hochsommer heran war und die Tante, eine
passionierte Schlesierin, allwöchentlich einmal auf eine Fahrt ins Gebirge
drang. Abwechselnd fuhr man bis Schreiberhau oder Hermsdorf oder Krummhübel, um
dann von diesen Punkten aus höher ins Gebirge hinaufzusteigen, nach Kirche Wang
oder dem Mittagsstein, oder selbst bis zu den Schneegruben. Sophie skizzierte
irgendeine Szenerie für ihre alttestamentlichen Bilder und sagte dabei: »Das ist
Abrahams Grab, das ist der Sinai, das ist der Bach Kidron.« Ihr grösstes
Vergnügen aber war immer, wenn auf dem Heimwege, da, wo man das Fuhrwerk
zurückgelassen hatte, noch einmal Rast gemacht und das Tun und Treiben der
Berliner »Sommerfrischler« beobachtet wurde. Das gab dann jedesmal
Heiterkeitsstoff für die Rückfahrt, und Onkel Eberhard wurde nicht müde zu
versichern: »Ja, diese Berliner, man mag sie nun lieben oder hassen, amüsant
sind sie, und ihnen so zuzusehen ist immer wie ein Schauspiel. Eigentlich ist es
auch wirklich so was; denn sie kucken sich immer um, ob sie auch wohl ein
Publikum haben, vor dem sich's verlohnt, den Vorhang aufzuziehen.«
    An den Bildern für die Kirche wurde den ganzen Sommer über fleissig
weitergearbeitet. Ende August war Sophie schon bei »Saul in der Höhle« (die
Höhle dazu hatte sie dicht bei den Kräbersteinen entdeckt), und Saul selbst war
halb Onkel Eberhard, halb der Kretschamwirt, der einen Vollbart trug und einen
bösen Blick hatte. David aber war der Assessor. Onkel Eberhard freute sich
aufrichtig am Fortschreiten der Arbeit und versicherte jeden Tag, dass er nie
geglaubt hätte, von einer solchen Sache soviel Freude haben zu können. Er erging
sich dann auch in wohlgemeinten Äusserungen über Künstlerleben überhaupt und nahm
alles zurück, was er in seinen früheren Jahren darüber gesagt hatte. »Man kann
darüber lachen, aber es ist doch immer eine kleine Schöpfung. Und schaffen macht
Freude. Wenigstens kann ich mir nicht denken, dass Gott die Welt aus
Verdriesslichkeit geschaffen hat.«
    »Mancher sieht doch so aus, Onkel.«
    »Ja, Fiechen, da hast du recht. Mancher sieht so aus. Aber was kommt nicht
alles vor! Und das einzelne beweist nichts. Das ist ein fataler Zug letzt bei
den Menschen, dass sie den Ausnahmefall zur Regel machen wollen. Und wenn sie
sich dabei nur was Hübsches aussuchten! Aber nein, was recht Hässliches muss es
sein. 's war freilich vor dreissig Jahren auch nicht viel besser. Ich hab es noch
erlebt, wie das mit den Affen aufkam und dass irgendein Orang-Utang unser
Grossvater sein sollte. Da hättest du sehen sollen, wie sie sich alle freuten.
Als wir noch von Gott abstammten, da war eigentlich gar nichts los mit uns, aber
als das mit dem Affen Mode wurde, da tanzten sie wie vor der Bundeslade.«
    Das war gerade am zweiten September, dass Onkel Eberhard und Sophie dies
Gespräch hatten, oben in der Giebelstube, die die Adamsdorfer Herrschaften ihrer
Nichte zum Atelier eingerichtet hatten. Eine Stunde später fuhr der Onkel nach
Hirschberg, wo der Sedantag wie herkömmlich festlich begangen werden sollte.
Natürlich auch durch eine Rede auf Kaiser Wilhelm. Und diese Rede, wie nicht
minder selbstverständlich, hatte der alte General von Poggenpuhl zu halten, dem
dabei schlechter zumute war als bei St. Privat im allerverflixtesten Moment.
Sonst, wenn er die schöne Fahrt durchs Tal machte, lachten ihn die Felder in
ihrem Segen an, aber heute sah er nicht, wie der Hafer stand, er sah ihn
überhaupt nicht, sondern memorierte in einem fort und sagte sich in wachsender
Unruhe: »Jetzt ist es eins. Noch drei Stunden, dann fängt mein Leben erst wieder
an und vielleicht auch mein Appetit. Bis dahin ist es nichts.« Er hatte denn
auch Kopfweh, ein leises Ticken an zwei Stellen, das sich bei der beständig
wiederkehrenden Frage: »Wenn ich nun steckenbleibe?« natürlich noch steigerte.
Zuletzt aber fand er sich auch darin zurecht oder resignierte sich wenigstens.
»Und wenn ich nun wirklich steckenbleibe, was ist es denn am Ende? Zu meiner
Zeit konnte überhaupt keiner reden, und das wissen die Vernünftigen auch.
Ausserdem hab ich die Einleitung ganz intus, und wenn ich merke, dass ich mich zu
verwickeln anfange, so sag ich bloss: ... Und so möcht ich Sie denn fragen, Sie
alle, die Sie hier versammelt sind, sind wir Preussen? Ich bin Ihrer Antwort
sicher. Und in diesem Sinne fordre ich Sie auf... Und dann das Hoch.«
    All das gab ihm seine Haltung einigermassen wieder, aber er blieb trotzdem in
einem gewissen Fieber, und dies hielt auch noch an, als der schreckliche Moment
bereits vorüber war. Vielleicht lag es auch daran, dass er gleich nach seinem
Hoch ein grosses Glas herben Ungar heruntergestürzt hatte. Nach dem Kaffee
überfiel ihn ein Schwindel. Es ging aber wieder vorüber, und in bester Laune
brach er schliesslich auf. Die Sterne funkelten; es war schon herbstlich frisch,
und er fröstelte. »Höre, Johann«, sagte er, »hast du nicht eine Zudecke?«
    »Nein, Herr General; ich werde aber meinen Mantel ausziehen.«
    Aber da kam er schön an. »Unsinn, Menschen Rock vom Leibe ziehen; ich, ein
Poggenpuhl.« Und in solchen Ausrufungen sprach er noch eine Weile weiter.
    Es war ein Uhr, als er in die Dorfgasse einfuhr. Im Schloss war noch ein
alter Diener auf, ebenso Sophie. Die sah schon auf dem Flur, wie verändert er
war. »Onkel, du frierst so, soll ich noch einen Tee machen oder eine Stürze?«
    »Unsinn. General Poggenpuhl ...«
    Es klang so sonderbar, und Johann sagte zu Sophie: »Gott, Fräulein, so sagt
er schon immerzu. Ich glaube, er ist sehr krank.«
Er war sehr krank. Doktor Nitsche, der am andern Morgen gerufen wurde, bemerkte
zu der Tante: »Gnädige Frau, wir müssen nasse Tücher aufhängen und ein mattes
Licht und vollkommene Ruhe«; zu Sophie aber sagte er: »Typhus, mein gnädiges
Fräulein.«
    »Wird er wieder?«
    Er zuckte die Achseln.
 
                              Dreizehntes Kapitel
Die Befürchtungen erfüllten sich schnell. Sophie, die trotz Widerspruch des
Arztes die Pflege leitete, schrieb jeden Abend eine Karte nach Haus, in der sie
- schon der Tante halber, die die Zeilen vielleicht lesen mochte - zunächst
immer nur betonte, »dass noch keine Gefahr sei«. Sie war aber nur zu sehr da, und
den siebenten Tag nach Beginn der Krankheit traf ein Brief bei der Mama ein, der
dahin lautete:
    »Heute mittag ist Onkel Eberhard gestorben; während der Nacht war er noch in
grosser Unruhe, dann fiel er im Laufe des Vormittags in einen apatischen
Zustand, und kurz vor zwölf ist er eingeschlafen. Von Anfang an war wenig
Hoffnung, weniger, als ich Dir aussprechen mochte. Ich habe viel an ihm
verloren, aber nicht ich nur; wir werden ihn alle sehr vermissen, vielleicht
Wendelin ausgenommen, der seinen Weg auch so macht. Über manches, was diese Tage
mich sonst noch erleben liessen, mündlich ausführlicher. Ich freue mich, Euch
alle wiederzusehen, vor allem Dich, meine liebe gute Mama. Dass Ihr kommt, nehme
ich als sicher an. Die Tante wünscht es dringend, und ich glaube, wir müssen
ihre Wünsche respektieren. Erst aus Klugheit und dann, weil sie's so sehr
verdient. Das Beigeschlossene bittet sie freundlichst aus ihrer Hand annehmen zu
wollen und hofft, dass es ausreichen werde, die Reise sowie alles übrige zu
bestreiten. Was ich brauche, wird aus Breslau kommen. Ihr werdet am besten
übermorgen abend abreisen. Dann seid Ihr am zwölften in aller Frühe hier. In der
Mittagsstunde soll die Beisetzung erfolgen.
                                                                   Deine Sophie«
Die Gefühlsbewegung, als Manon diesen Brief vorgelesen hatte, war bei den drei
Damen eine nicht geringe, bewegte sich aber doch nach sehr verschiedenen Seiten
hin. Die Mutter hing ganz einer herzlichen Trauer nach, die noch reiner gewesen
wäre, wenn sich nicht manche bange Zukunftssorge mit eingemischt hätte; Manon,
trotz aller Verehrung und Liebe für den Onkel, empfand es schmerzlich, einer
gerade für den zwölften bei Bartensteins angesetzten Soiree nicht beiwohnen zu
können, während sich Terese nur von einer Vorstellung beherrscht fühlte: von
dem Gedanken an das ihr lediglich als eine Haupt- und Staatsaktion erscheinende
Begräbnis. Sie sah sich nicht nur bereits in der vordersten Reihe der
Leidtragenden, sondern lebte auch ganz dem Hochgefühle, dass die Repräsentation
der Poggenpuhlschen Familie - die beiden alten Damen, als nur angeheiratete,
zählten kaum mit - einzig und allein auf ihr beruhe. Dies Hochgefühl sah sich
allerdings durch den dem Briefe beigelegten Tausendmarkschein auf Augenblicke
beeinträchtigt, aber die Vorzüge lagen andrerseits auch wieder so klar zutage,
dass das Bedrückliche schnell hinschwand, besonders nachdem man sich
untereinander dahin geeinigt hatte, dass Terese in die Stadt fahren und dort die
Trauergarderobe besorgen solle. Nächst dem Begräbnis selbst erschien allen
dieser Besuch in einem Trauermagazin als der bedeutungsvollste Moment, und die
Miene, mit der sich die ältere Schwester zu dieser Fahrt anschickte, hatte etwas
so ausgesprochen Distinguiertes, dass selbst Manon davon berührt und zu einer Art
Huldigung hingerissen wurde.
    Dieses Gefühl machte freilich rasch einer entgegengesetzten Empfindung
Platz, als Terese von ihrer Fahrt zurückkehrte. Die Kleider, so berichtete sie,
würden bis morgen früh geliefert werden, kleine Änderungen seien leicht zu
bewerkstelligen; alles andre aber habe sie gleich erstanden und in einem grossen
Karton mitgebracht. Es waren dies Krepphüte, lange schwarze Schleier und drei
Trauerhauben mit einer tiefen Stirnschnebbe.
    »Gehst du davon aus«, sagte Manon, »dass wir diese Hauben mit Schnebbe
wirklich tragen sollen?«
    »Eine sonderbare Frage.«
    »Das heisst also ja?«
    Terese nickte.
    »Nun, dann erlaube mir, dir zu sagen, dass ich mich davon ausschliessen
werde.«
    »Das wirst du nicht. An solchem Tage wenigstens wirst du dich auf das
besinnen, was du deinem Namen schuldig bist.«
    »Ich weiss, was ich meinem Namen schuldig bin.«
    »Und das wäre?«
    »Wenn es sein kann, nicht ins Ridiküle zu fallen.«
    »Was in deinen Augen worin besteht?«
    »... Uns à tout prix als Königinwitwe herauszustaffieren. Wir sind einfach
die Nichten eines alten Generals.«
    »Des Generals von Poggenpuhl. Ich wenigstens stehe in der alten guten
Tradition.«
    »Aber nicht in der des guten Geschmacks.«
    Man erhitzte sich immer mehr; zuletzt sollte die Mama entscheiden. Diese
lehnte das aber ab. »Ich bin nicht bewandert genug in derlei Fragen und weiss
nicht, ob es passt oder ob es zuviel ist. Ich denke mir, wir nehmen die Kartons
mit und richten uns nach dem Ausspruch der Tante.«
    Dies fand Zustimmung, und als am andern Morgen die gleich »wie angegossen«
sitzenden Kleider erschienen, wurde vor dem langen schmalen Spiegel, in dem man
sich gemustert und gegenseitig befriedigend gefunden hatte, der schwesterliche
Friede neu besiegelt.
    »Er war doch ein herrlicher Mann«, sagte Manon.
    »Das war er, und sein Andenken sei gesegnet. Aus meinem Herzen kann sein
Bild nie wieder schwinden.«
Um zehn Uhr ging der Nachtzug, vom Friedrichsstrassenbahnhof aus, ab. Schon vor
neun stand man in voller Reisetoilette da, bei der Manon, die sehr gut aussah,
auf einen zufällig vorhandenen Krimstecher nur ungern verzichtet hatte. Sie
sagte sich aber, dass es »stillos« sein würde (stillos war eine Lieblingswendung
Floras), und als sie dies erlösende Wort gefunden hatte, wurde ihr der Verzicht
auch leichter. Friederike befand sich mit im Vorzimmer, um zu helfen, wenn die
Mäntel umgenommen werden sollten; es war aber immer noch viel zu früh, und man
kam in Verlegenheit, wie die Zeit hinzubringen sei. Das benutzte die Majorin, um
noch eindringlich eine Rede zu halten.
    »Ich kann dir nur sagen, Friederike, sei vorsichtig und denke daran, was
alles vorkommt. Erst gestern stand wieder was drin.«
    »Ich weiss ja, gnäd'ge Frau. Aber man is doch auch kein Kind mehr.«
    »Und wenn es klingelt, mache nicht gleich auf und schiebe dir lieber erst
eine Fussbank ran, dass du durchs Oberfenster sehen kannst, wer eigentlich draussen
ist...«
    »Ja, gnäd'ge Frau.«
    »Und wenn du aufmachst, immer noch die Kette vor und immer bloss durch die
Ritze... Neulich ist erst wieder eine Witwe totgemacht worden, und wenn du
gleich alles aufreisst, kann es dir auch passieren, oder sie streuen dir
Schnupftabak in die Augen, oder sie haben auch einen Knebel, und du kannst nicht
mal schreien. Und dann rauben sie alles aus...«
    »Ach Gott, gnäd'ge Frau, die wissen ja immer gut Bescheid, hier kommen sie
nicht.«
    »Sage das nicht. Die denken auch, wer das Kleine nicht ehrt, ist des Grossen
nicht wert. Immer besser bewahrt als beklagt!«
    Friederike versprach alles, und nun trennte man sich.
    Eine Droschke - die Portierfrau hatte sich dazu verstanden, eine von der
Ecke her herbeizuholen - hielt schon vor der Tür, und nach nochmaligem Abschied
von Friederike ging es auf die Potsdamer Strasse zu.
Morgens gleich nach fünf kam der Zug in Schmiedeberg an, von dem aus es nur eine
kleine Stunde bis Adamsdorf war. Johann hielt in einem offenen Wagen am
Bahnhofe; der grosse Koffer kam nach vorn, die alte Majorin in den Fond, ebenso
Terese; Manon dagegen sass auf dem Rücksitz und freute sich über das
Landschaftsbild. Die Sonne war noch nicht auf, die Berge ringsum aber röteten
sich schon, und dazu ging eine frische Luft. Alles versprach einen schönen
Herbsttag.
    Auch Terese war ganz hingenommen davon, und als die Berglinien immer
schärfer und klarer hervortraten, deutete sie darauf hin und sagte, sich von
ihrem Sitz erhebend: »Das also ist das Riesengebirge?«
    Johann, an den sich diese Frage richtete, fand sich in dem ungewohnten Worte
nicht gleich zurecht und sagte deshalb: »Ja, da links, das ist die Koppe.«
    »Die Schneekoppe?«
    »Ja, die Koppe.«
    Manon amüsierte sich, dass der Kutscher auf das Bildungsdeutsch ihrer älteren
Schwester nicht recht eingehen wollte, während Terese selbst ihrer
Lieblingsvorstellung von der Volkbeschränkung behaglich nachhing.
    Es war gerade sechs, als der Wagen vor Schloss Adamsdorf hielt. Ein Diener
half den Damen beim Aussteigen, und gleich nach ihm erschien Sophie, die
sichtlich erfreut war, alle drei wiederzusehen, Terese mit eingeschlossen,
trotzdem diese sich etwas reserviert zeigte. Sie fand nämlich den Empfang anders
als erwartet und vermisste namentlich die Tante.
    »Wo ist die Tante?« fragte sie. »Doch nicht krank?«
    »Nein, nicht krank«, erwiderte Sophie, die sofort erriet, was in Teresens
Seele vorging. »Die letzten Tage waren so schwere Tage. Da will sie sich
ausruhen, solange es irgend geht. Sie hat mich gebeten, sie zu entschuldigen.«
    »Arme Verwandte«, sagte Terese mit halblauter Stimme vor sich hin.
    Danach stiegen alle die breite Treppe hinauf in den ersten Stock, wo zwei
Fremdenzimmer hergerichtet waren, ein grosses und ein kleines, beide
nebeneinander und die Zwischentür auf, nur durch eine schwere Portiere
geschlossen. In dem grossen Zimmer sollte die Mama mit Manon schlafen, in dem
kleineren Terese. Die Auszeichnung, die darin lag, söhnte diese halb wieder
aus.
    »Und nun könnt ihr euch«, sagte Sophie, »noch volle zwei Stunden ausruhen.
Oder soll ich euch gleich ein Frühstück aufs Zimmer schicken, und ihr geht dann
im Park spazieren, bis die Tante kommt? Es ist am schönsten des Morgens.«
    Manon und die Mama schienen auch wirklich zu schwanken, namentlich erstere,
die von »Morgenspaziergängen im Park« eine hohe Vorstellung hatte. Terese hielt
es aber für unklug, diese Dinge zu sehr zu betonen und zu tun, als ob man
dergleichen noch nie gesehen habe; die Güter in Pommern, die sie kannte, hatten
doch schliesslich auch ihre Paris, und so sagte sie denn, es wurde wohl das beste
sein, dem Beispiel der Tante zu folgen und für das, was der Tag noch alles
bringen müsse, nach Möglichkeit Kräfte zu sammeln.
 
                              Vierzehntes Kapitel
Um halb neun erschienen die Damen unten in der grossen Halle, darin ein Feuer
brannte, trotzdem die Luft draussen beinahe sommerlich war. Die Tante begrüsste
die Verwandtschaft herzlich und zugleich mit einem so vornehmen Anstand, dass
Terese ziemlich verwundert war. Damals, in Pyrmont, hatte die Generalin einen
sehr bürgerlichen Eindruck auf sie gemacht, woraus alle
Meinungsverschiedenheiten und kleinen Häkeleien entstanden waren. Und jetzt nun
so ganz anders. War es das Gefühl, hier in Adamsdorf auf der eigenen Scholle zu
sein? Oder war es einfach der Schmerz, der sie geadelt hatte? Sie entschied sich
für den Schmerz.
    Ihr Beisammensein beim Frühstück währte nicht lange; waren doch nur noch
wenige Stunden bis zum Begräbnis, und der Adel aus der Nachbarschaft erschien
sehr wahrscheinlich um ein gut Teil früher. Die Mama fragte, ob sie den Schwager
noch einmal sehen könne, was verneint wurde; der Sarg sei schon geschlossen.
Manon und Terese drückten ihre Trauer darüber aus, waren aber eigentlich froh
und fanden Trost in der Wendung, »er lebt so in einem lichteren Bilde in uns
fort«.
    Schon um zehn füllte sich der Platz vor dem Schloss mit Leuten aus dem Dorf;
die Alten, Männer wie Frauen, waren ernst und bewegt, denn sie hatten den
General geliebt und verehrt, das junge Volk aber war mehr oder weniger in
Kirmesstimmung und kicherte sich sehr Irdisches ins Ohr. Um elf kamen die
Equipagen, eine halbe Stunde später die beiden Geistlichen aus dem Dorf (auch
der katolische), und um zwölf setzte sich der Zug unter Gesang in Bewegung, bis
in die Kirche. Hier sprach der Geistliche; nach ihm, in privater Eigenschaft,
auch der alte katolische Pfarrer, »der nur dem Dank für die schöne
Gerechtigkeit Worte leihen wolle, die den verehrten Toten ausgezeichnet habe« -
danach noch die Einsegnung, und der Sarg senkte sich in die Kirchengruft.
Terese hatte ein schmerzliches Gefühl, dass ein Poggenpuhl ausersehen sei, so
zwischen den Särgen einer fremden Familie zu liegen, und ihre Haltung, die durch
Ernst auffiel, gab diesem Gefühle Ausdruck. Einige billigten es; andre aber -
Schlesische von Adel - fanden es etwas albern und flüsterten sich zu:
»Pommerscher Junkerhochmut«. Denn die Schlesier haben keine Junker. Oder
wenigstens keine ganz echten.
    Alle waren übrigens mit der Feier zufrieden, einen Kirchenältesten
ausgenommen, der nicht darüber weg konnte, dass auch der »alte Katolsche«
gesprochen habe. Das ginge nicht. Wenn man das einreissen lasse, so setze man
sich in die Nesseln und die »Simonie« sei fertig. Was er darunter eigentlich
verstand, konnte nicht aufgeklärt werden.
Gleich nach der Feier in der Kirche wurde ein Imbiss genommen, Mittagstafel fiel
aus, und als die Gäste wieder fort waren, zogen sich die beiden alten Damen, die
Generalin und die Majorin, in ihre Zimmer zurück. Sie bedurften der Ruhe,
wollten allein sein. Sophie hatte noch in der Wirtschaft zu tun, und so blieben
nur Manon und Terese, die sich alsbald zu einem Spaziergange an dem von einem
Wässerchen umzogenen Aussenrande des Parkes hin entschlossen. Es mochte gegen
vier Uhr sein, die Sonne neigte sich schon und schien durch hohe Silberpappeln.
Kein Lüftchen ging, alles still, nur von einer benachbarten Schmiede her hörte
man ein Hämmern und Pinken und ganz zuletzt, als man weiter und schon bis in die
Nähe der Felder gekommen war, auch das Dengeln der Sense; weisse Birkenbrücken
führten über das Wässerchen hinüber, und an einzelnen Stellen machte der
Laubengang kleine Nischen und Buchtungen, in denen Bänke standen. Die Vögel
sangen nicht mehr, aber ein Eichhörnchen sprang über den Weg. Terese gab ihre
kritische Laune ganz auf und fand sich gemüssigt, anerkennende Äusserungen über
den schlesischen Adel einzustreuen. »Es ist alles reicher hier«, sagte sie, »man
fühlt es den Dingen ab, dass niemand ans Sparen dachte. Bei uns denkt man immer
daran, auch die, die's nicht nötig haben. Sieh diese Bank. Alles Granit und mit
Sandstein eingefasst. Bei uns wäre sie von Holz.«
    Manon fand es eigentlich auch. Aber die Hauptunterhaltungsform zwischen den
Poggenpuhlschen Schwestern war die, dass eine der andern widersprach. Und so
sagte sie denn: »Du kannst nie Mass halten, Terese. Wie wir ankamen, missfiel dir
alles, und nun findest du wieder alles schön und reich und uns überlegen. Ich
kann es nicht finden; ich finde den Tiergarten viel schöner.«
    »Wie du nur so was sagen kannst, und alles bloss aus Widerspruch. Der
Tiergarten, nun meinetwegen, der kann passieren; aber er ist doch etwas
Öffentliches, und was öffentlich ist, ist immer gewöhnlich. Und vieles, was man
im Tiergarten sieht, ist geradezu zynisch.«
    »Zynisch?«
    »Ja. Man sieht Statuen und Reliefs, die das Zynische rücksichtslos
herauskehren. Ich wähle diesen Ausdruck absichtlich. Es ist das eben die
Vorliebe für das Natürliche, das die moderne Kunst als ihr gutes Recht ansieht;
ich glaube aber umgekehrt, dass die Kunst verhüllen soll. Indessen dies alles mag
auf sich beruhen, ich will davon nicht sprechen; als ich vorhin mit Vorbedacht
das Wort zynisch gebrauchte, dachte ich vielmehr an die lebendigen Bilder und
Szenen, an die Menschen also, die man dort findet. Auf jeder Bank sitzt ein Paar
und verletzt durch seine Haltung. Und wenn man endlich wo Platz nehmen will, an
einer Stelle, wo sich zufällig kein Paar befindet, so kann man es auch nicht,
weil man nie weiss, wer vorher da gesessen hat. Gerade im Tiergarten soll es so
furchtbare Menschen geben.«
    »Ich setze mich immer da, wo Kinder spielen.«
    »Das solltest du nicht tun, Manon. Man ist auch da nicht sicher, oft da am
wenigsten. Und jedenfalls fehlt allem der Zauber des Unberührten; hier weiss ich,
ich atme eine reine Luft. Sich doch, wie das da plätschert; bei uns ist alles
trübe Lache.«
    Terese sprach noch weiter in dieser Richtung und verstieg sich dabei bis zu
hoher Anerkennung der Tante. »Sophie hat uns nicht zuviel geschrieben, eine
Frau, in der alles Frühere bis auf den letzten Rest getilgt ist. Es ist nicht
jedem beschieden, dies von sich sagen zu können. Wenn ich da an Mama denke...«
    »Du solltest nichts gegen Mama sagen. Mama ist gut und musste viel tragen und
hat es. Das kann auch nicht jeder.«
    Erst beim Tee sahen sich alle wieder. Manon sprach über die Gäste, über
einzelne Vorkommnisse, zuletzt auch über die Predigt. Der Geistliche hatte viel
von Auferstehung gesprochen, und die Tante richtete die Frage an Sophie, ob die
Auferstehung nicht auch durch einen Hergang aus dem Alten Testament dargestellt
werden könne. Sie würde sich freuen zu hören, dass das möglich sei.
    »Ja«, sagte Sophie, »das Alte Testament hat einen Hergang, von dem man
annimmt, dass er die Auferstehung bedeute.«
    »Und welcher ist das?«
    »Es ist das der Moment, wo der grosse Walfisch den von ihm verschlungenen
Propheten Jonas wieder auswirft. Wie man zugestehen muss, sehr sinnreich. Ich
fühle mich der Aufgabe aber nicht gewachsen.«
    »Gott sei Dank«, sagte Manon in einem plötzlichen Anfall von Übermut.
    »Sage das nicht, Kind«, bemerkte die Tante. »Dir erscheint es komisch; aber
was Jahrhunderte mit Ernst und Achtung angeschaut haben, darin seh ich immer
etwas, was man respektieren muss.«
    Manon errötete und erhob sich dann und küsste der Tante die Hand.
Man trennte sich früh, aber doch mit der Zusicherung, am andern Tage spätestens
um sieben beim Frühstück sein zu wollen. Es gab noch allerhand zu besprechen. Da
kam man denn auch überein, dass Sophie, die nun schon so lange in halber
Einsamkeit gelebt habe, wieder mit nach Berlin zurückkehren solle, aber nur auf
kurze Zeit. Sophie, so äusserte sich die Tante, sei so gut und so klug und so
bescheiden, dass ihre Nähe ihr ein Bedürfnis geworden sei; sie müsse sich
freilich in der grossen Stadt erholen, aber je eher sie zurückkehre, je lieber
sei es ihr. Es wurde seitens der Tante festgesetzt, dass sie Mitte November
wieder in Adamsdorf eintreffen solle; mit dem Malen würde es dann in den dunkeln
Nebeltagen wohl vorbei sein, aber das schade nichts, und wenn Sophie neben ihr
sitze und mit ihr ins Feuer sähe und des lieben Toten gedenke, so sei das noch
besser als das beste Bild. Als sie das sagte, reichte sie Sophie die Hand, und
alle waren glücklich, dass ein so herzliches Verhältnis zwischen den beiden
bestehe. Selbst Terese freute sich; ihr Familiengefühl war stärker als ihre
persönliche Eitelkeit, und sie sah in dem Ganzen einen Sieg des Poggenpuhlschen,
das doch auch in Sophie lebte, wenn auch anders als bei den andern und ganz
besonders bei ihr. Sie hatte das Liebe, Freundliche, Demütige, das der gute
Onkel ja auch gehabt.
    Nach diesen Abmachungen zogen sich die jungen Mädchen zurück, um dem Pfarrer
und seiner jungen Frau, die für eine Schönheit galt und es auch war, einen
Besuch zu machen, und nur die beiden alten Damen, die den Namen Poggenpuhl
trugen und doch keine Poggenpuhls waren, blieben in der Veranda zurück. Der
Diener wollte den Frühstückstisch abräumen. »Lass noch, Joseph«, sagte die
Generalin, und als sie wieder allein waren, sahen beide auf das Gartenrondel und
dann, über eine von Efeu überwachsene Mauer fort, auf die Dächer der Dorfstrasse,
zwischen denen der Kirchturm mit seinem grünen Kupferdach aufragte. Die Gedanken
beider gingen denselben Weg, sie dachten an den, der nun da drüben in der
stillen Gruft lag.
    Eine Weile verging, ohne dass ein Wort gesprochen worden wäre, dann nahm die
Generalin der Majorin Hand und sagte: »Liebe Frau Majorin, ich muss nun noch
etwas richtigstellen zwischen uns. Etwas Geschäftliches. Und ich denke, Sie
werden mir zustimmen in dem, was ich vorzuschlagen habe.«
    »Das werde ich gewiss. Ich darf das sagen, ohne dass ich weiss, um was es sich
handelt. Ich habe zu sehr erfahren, wie gütig Sie sind.«
    »Nun denn ohne Umschweife. Sie wissen durch Sophie, die mir diese
Ausplauderei nachträglich gebeichtet, wie die Besitzverhältnisse liegen.
Adamsdorf verbleibt mir bei meinen Lebzeiten, dann fällt es an die Familie
meines ersten Mannes zurück. Mein eingebrachtes Vermögen ging verloren. Auch
davon werden Sie wissen. Aber diesen Vermögensverlust war ich doch imstande
später wieder zu begleichen, wenigstens einigermassen. Poggenpuhl bestritt seine
kleinen Liebhabereien von seiner Pension, unser Haushalt wurde sparsam geführt,
und so hab ich mich in der glücklichen Lage gesehen, schlechter Ernten
unerachtet, ein bescheidenes Privatvermögen aufs neue sammeln zu können. Darüber
habe ich freie Bestimmung, und ehe Sie Adamsdorf verlassen, sollen Sie hören,
wie ich darüber verfügt habe. Die Summe selbst beträgt bis zur Stunde nicht mehr
als etwa siebzehntausend Taler - ich rechne noch nach Talern -, von denen ich
zwölftausend Taler in fünfprozentigen Papieren bei meinem Bankier in Breslau
deponiert habe. Sie werden davon, vom ersten Oktober an, die vierteljährlichen
Zinsen empfangen, so dass sich Ihre Jahreseinnahmen um etwa sechshundert Taler
verbessern werden. Das Kapital ist unkündbar. Nur im Falle sich eine Ihrer
Töchter verheiraten sollte, wird ihr ihr Anteil ausgezahlt. Wenn sich alle drei
verheiraten, würde für Sie, meine gnädige Frau, nur ein Geringes übrigbleiben,
aber Ihnen verbliebe dann die ganze staatliche Pension, und ich weiss von vielen
Jahren her, wie anspruchslos Sie Ihr Leben einzurichten wissen.«
    Die Majorin war so gerührt, dass sie stumm dasass und vor sich hin blickte,
während die Generalin fortfuhr: »Dann sind da freilich noch die Söhne, und die
sollen nicht vergessen sein. Aber das ist eine Privatsache, die das andere nicht
berührt; sie werden sich mit kleinen einmaligen Geschenken ihrer Tante begnügen
müssen. Ich habe vor, an Wendelin, der ein guter Wirt ist und den Wert des
Geldes kennt, tausend Taler zu schicken, an Leo fünfhundert. Leo wird sich davon
einen guten Tag machen; er ist ein Leichtfuss, woran ich aber keine moralischen
Betrachtungen knüpfe, denn auch die Leichtfüsse sind mir sympatisch,
vorausgesetzt, dass Anstand und gute Gesinnung in dem leichten Leben nicht
untergehen. Für meine teure Sophie behalte ich mir noch Sonderentschlüsse vor.
Das war es, meine liebe Frau Majorin, was ich Ihnen vor Ihrer Abreise noch
mitteilen wollte.«
    Die Sonne schimmerte gedämpften Lichts durch die noch dicht in Laub
stehenden Bäume, auf das Rondel und die Beete aber, die sich vor der Veranda
ausdehnten, fiel ihr voller Schein, und die noch hie und da blühenden Balsaminen
und Verbenen leuchteten auf in einem helleren Weiss und Rot. Von dem Gutshof her
stiegen Tauben auf und flogen hoch über den Garten hin, auf den Kirchturm zu,
den sie umschwärmten, ehe sie sich auf den kupfernen Helm und den First des
Daches niederliessen.
    Die Majorin wollte der Generalin die Hand küssen, aber diese umarmte sie und
küsste sie auf die Stirn.
    »Ich bin glücklicher als Sie«, sagte die Generalin.
    »Das sind Sie, gnädige Frau. Glücklich machen ist das höchste Glück. Es war
mir nicht beschieden. Aber auch dankbar empfangen können ist ein Glück.«
 
                              Fünfzehntes Kapitel
An dem Tage, an dem die Poggenpuhls zurückerwartet wurden, war nicht bloss
Friederike, sondern auch die Portierfamilie in einer gewissen Aufregung. Es hing
dies, soweit die Nebelungs in Betracht kamen, mit dem zufälligen Umstande
zusammen, dass infolge Verreistseins eines in der zweiten Etage wohnenden
freikonservativen Geheimrats die für diesen bestimmten Zeitungen unten in der
Portierwohnung abgegeben und von dem ebenso neugierigen wie gern faulenzenden
Nebelung (seine Frau musste sich dafür quälen) je nach Laune durchstudiert oder
auch bloss überflogen wurden. Unter diesen Zeitungen war auch die »Post«, in der
in der heutigen Morgennummer des Hinscheidens des Generalmajors von Poggenpuhl
kurz Erwähnung geschehen war, unter gleichzeitiger Anfügung der Worte: »Siehe
auch die Todesanzeigen.« Auf diese stürzte sich nun unser Nebelung sofort, und
als er die schwarz umränderte Anzeige gefunden und mit einem gewissen Grinsen
aufmerksam gelesen hatte, schob er das Blatt seiner vierzehnjährigen, mit ihren
zwei Brüdern gerade beim Nachmittagskaffee sitzenden Tochter Agnes zu und sagte:
»Da, Agnes, lies mal; das da, wo die dicken schwarzen Striche sind.« Und Agnes,
die nicht bloss bleichsüchtig, sondern wegen ihrer Figur und ihrer Vorliebe für
die »Jungfrau von Orleans« auch fürs Teater bestimmt war, las, während alles
aufhorchte:
»Heute starb, 67 Jahre alt, auf Schloss Adamsdorf in Schlesien unser teurer
Gatte, Schwager und Oheim, der Generalmajor a. D.
                         Eberhard Pogge von Poggenpuhl,
Ritter des Eisernen Kreuzes I. Klasse wie des Ordens Albrechts des Bären. Dies
zeigen statt jeder besonderen Meldung an die tiefbetrübten Hinterbliebenen
    Josephine Pogge von Poggenpuhl, geb. Bienengräber, verwitwete Freiin von
        Leisewitz, als Gattin
    Albertine Pogge von Poggenpuhl, geb. Pütter, verwitwete Majorin, als
        Schwägerin
    Wendelin Pogge von Poggenpuhl, Premierleutnant im Grenadier-Reg. von
        Trzebiatowski
    Leo Pogge von Poggenpuhl, Sekondleutnant im Grenadier-Reg. von Trzebiatowski
    Terese Pogge von Poggenpuhl
    Sophie Pogge von Poggenpuhl
    Manon Pogge von Poggenpuhl, als Neffen und Nichten.«
Agnes, deren etwas käseweisses Gesicht bei dem Vortrag all dieser Namen - nur den
polnischen Regimentsnamen brachte sie nicht recht zustande - ganz rot geworden
war, legte das Blatt aus der Hand, während der Alte mit breitem Behagen sagte:
»Na, so was von Poggen; ich hör es ordentlich quaken« - ein Witz, der von dem
johlenden Beifall seiner beiden Jungens (echter Nebelungs) sofort begleitet
wurde. Die Tochter aber, die sich von ihrem dramatischen Vortrag eine ganz
andere Wirkung versprochen hatte, stand auf und sagte, während sie hinausging,
zu der etwas seitab sitzenden Mutter: »Ich weiss nicht, Vater ist heute wieder so
ordinär« - eine Bemerkung, die die kränkliche, immer verärgerte Frau durch
mehrmaliges Kopfnicken bestätigte. Nebelung selbst aber rief der in der Tür eben
verschwindenden Tochter nach: »Sei nich so frech, Kröte; - noch bist du nich
dabei.«
In gewissem Sinne hatte Agnes ihrem Vater unrecht getan. In der Tiefe seiner
Seele fühlte sich Nebelung gar nicht so unberührt von dem allen, er hatte sich
vielmehr, als echter Berliner, nur den durch die glänzende Namensaufzählung
empfangenen Eindruck wegschwadronieren wollen. Andrerseits freilich war er
aufrichtig unwirsch, dass ihm das »pauvre Volk da oben« mit einmal als etwas
Besonderes aufgezwungen werden sollte. Das sei doch alles bloss zum Lachen, der
reine Unsinn. Aber wie immer auch, während er sich noch dagegen sträubte, war er
doch auch schon wieder bereit, gute Miene zum bösen Spiele zu machen, und die
Gelegenheit dazu bot sich bald.
    Es mochte halb fünf sein (die Jungens waren eben aus der Schule nach Hause
gekommen), als die Streitszene zwischen Vater und Tochter gespielt hatte, und
keine Stunde mehr, so kam auch schon eine Droschke mit Reisekoffer die
Grossgörschenstrasse herauf. Das ganze Haus wartete. Wie Friederike, so hatten
sich auch die Nebelungs unten aufgepflanzt, allerdings in sehr verschiedenen
Stellungen und Beschäftigungen; die beiden Jungens lehnten sich an die Hauswand,
halb neugierig, halb bummelig, weil sie dem »freien deutschen Mann« in ihnen
nichts vergeben wollten, Nebelung selbst aber, eine Art Fes auf dem Kopfe,
patrouillierte das Trottoir auf und ab, während Agnes, wie wenn es sich um ihr
Auftreten etwa als Mondecar oder irgend sonst ein spanisches Hoffräulein
gehandelt hätte, schlank und aufrecht in der offenstehenden Haustüre stand. Als
die Frau Majorin an ihr vorüberging, machte sie einen gut einstudierten
Hofknicks, der sich gesteigert wiederholte, als gleich danach Terese kam. War
diese doch die einzige der Familie, die noch unentwegt den langen Trauerschleier
trug, was ihr, samt ihrer funebren Haltung, auch schon unterwegs allerlei
Huldigungen eingetragen hatte. Man hatte sie für eine junge Offizierswitwe
gehalten, deren Mann in einem schlesischen Bade gestorben sei.
    Hart neben dem Bürgersteige hielt noch immer die Droschke, mit deren
Kutscher, einem ziemlich verschmitzt dreinschauenden Manne, Manon und Sophie
wegen Heraufschaffung des Koffers parlamentierten; »er könne nicht von dem
Pferde weg, er käme sonst in Strafe«, so hiess es seinerseits immer wieder. In
diesem Verlegenheitsmoment aber trat der sonst so zugeknöpfte Nebelung an die
beiden jungen Damen heran und erklärte sich unter gefälliger Lüftung seines Fes
bereit, den grossen Koffer in die Wohnung hinaufzutragen. »Ach, Herr
Nebelung...«, sagte Sophie. Dieser aber hatte schon Hand angelegt, wuchtete den
Koffer ziemlich geschickt auf seine Schulter und liess sich auch nicht
irremachen, als ihm der in seiner Diplomatie verunglückte Droschkenkutscher
spöttisch nachrief: »Na, schaden Sie sich man nich.«
    Es hatte damit aber gute Wege, denn der Koffer, so gross er war, war nicht
schwer, und Nebelung schien kaum ausser Atem, als er oben ankam. Friederike nahm
ihm den Koffer ab, und im selben Augenblicke sagte Sophie: »Bitte, Herr
Nebelung... Ich danke Ihnen.« Unten aber, in seine Portierloge zurückgekehrt,
warf Nebelung ein blankes Markstück auf den Tisch und sagte: »Da, Mutter, das
muss in die Sparbüchse. Pogge von Poggenpuhl... Un noch dazu von Sophiechen...
Jungferngeld; das heckt.«
    Agnes, die nur die Schlussworte gehört hatte, drehte sich verächtlich um.
An der Türeinfassung oben hing ein halber Papierbogen mit »Willkommen« von
Friederikens eigener Hand. Aus Schreibunsicherheit oder vielleicht auch aus
Ersparnis hatten die Buchstaben alle keinen rechten Tintenkorpus, sondern
bestanden bloss aus zwei nebeneinanderherlaufenden Linien. In der Blumenschale
vor dem Bilde des Sohrschen befanden sich rote und weisse Markt-Astern. Einige
davon waren für den Hochkircher bestimmt gewesen, und zwar zum Einstecken hinter
den Rahmen; aber Friederike hatte wieder Abstand davon genommen mit der
Bemerkung: »Den kenn ich; wenn man ihn anrührt, fällt er.«
    »Na, leben tust du ja noch«, sagte die Majorin, als ihr Friederike
dienstbeflissen den Mantel abnahm. »Hast du auch nicht zu sehr gespart? Das musst
du nicht. Und immer bloss Nachguss; dabei kannst du nicht gedeihen.«
    »Ach, ich gedeihe schon, gnäd'ge Frau.«
    »Na, wenn es nur wahr ist. Aber nun bringe uns Kaffee. Die Tassen stehen ja
schon. Ein bisschen ausgefroren bin ich doch; die eine Dame riss immer alles auf.«
    »Ja, das tut man jetzt, Mama«, sagte Terese.
    »Ich weiss, man tut es jetzt. Und es mag auch gut sein, aber nicht für jeden.
Wer Rheumatismus hat...«
    Sophie hatte sich's inzwischen auch bequem gemacht und warf sich mit einem
gewissen Behagen in die Sofaecke, erst das Zimmer und dann all die alten
Kleinigkeiten musternd, die umher standen und lagen und die sie hundertmal in
Händen gehabt hatte.
    »Komm, Mama, du musst dich hier neben mich setzen, oder ich rücke weiter hin,
denn dies ist ja deine Ecke. Gott, wenn ich mich hier so umsehe. Eigentlich ist
es doch ganz hübsch bei euch.«
    »Du könntest sagen bei uns«, sagte Terese.
    »Gewiss, gewiss. Ich gehöre ja zu euch und werde immer zu euch gehören. Aber
die lange Zeit. Dreiviertel Jahr oder doch beinah. Und dann soll ich ja auch
wieder zurück.«
    »Und willst auch? Und willst es auch gern?«
    »Natürlich. Es ist ja abgemacht. Und wenn es auch nicht abgemacht wäre, ich
bin gern in Adamsdorf und gern bei der Tante.«
    »Wer wär es nicht«, sagte Terese. »Der Park und die Gruft, darin nun der
General, unser Onkel, ruht. Dahin zieht es wohl jeden. Und diese Frau, der ich
viel abbitten muss, ich hielt sie für befangen in Bürgerlichkeit, aber sie hat
ganz die Formen der vornehmen Welt. Es ist schade, dass sich dieser
Umwandlungsprozess so selten vollzieht.«
    Sophie und Manon warfen der Schwester Blicke zu mit der offenbaren Absicht,
sie von dem heiklen Tema abzubringen. Aber so gut gemeint dies war, so war es
doch nicht nötig, weil die Mama nichts von Bitterkeit dabei empfand. Sie
lächelte nur wehmutig vor sich hin mit jener stillen Überlegenheit, die das
Leben und das Bewusstsein gibt, die Kämpfe des Lebens ehrlich durchgefochten zu
haben. »Ach, meine liebe vornehme Tochter«, sagte sie, »was du da wieder
sprichst.«
    »Ich habe dich nicht kränken wollen, Mama.«
    »Weiss ich. Und es kränkt mich auch nicht. Ich hatte auch mal mein
Selbstgefühl und meinen Stolz, aber all das hat das Leben zerrieben und mich
mürbe gemacht... Das mit der Tante, ja, da hast du recht, das ist eine
vorzügliche Frau und, wenn du's so haben willst, auch eine adlige Frau. Das hab
ich immer gewusst, und seit diesen Tagen weiss ich es noch besser. Aber das alles
- und es ist hart, dass ich das meiner eigenen Tochter immer wieder versichern
muss, während sie's doch wissen könnte, auch ohne meine Versicherung -, aber das
alles hätte das Leben auch aus mir machen können. Es hat es nur nicht gewollt.
In einem Schloss zu Hause zu sein und Hunderte beglücken und dann durch
Entziehung von Glück auch mal wieder strafen zu können, das alles ist eine andre
Lebensschule, wie wenn man nach Herrn Nebelungs Augen sehen und sich um seine
Gunst bewerben muss. Ich habe nur sorgen und entbehren gelernt. Das ist meine
Schule gewesen. Viel Vornehmes ist dabei nicht herausgekommen, nur Demut. Aber
Gott verzeih es mir, wenn ich etwas Unrechtes damit sage, die Demut, wenn sie
recht und echt ist, ist vielleicht auch eine Eigenschaft, die sich unter dem
Adel sehen lassen kann.«
    Sophie glitt leise von dem Sofa nieder auf ihre Knie und bedeckte die Hände
der alten Frau mit Tränen und Küssen. »Das kannst du nicht verantworten,
Terese«, sagte Manon und trat ans Fenster.
    Terese selbst aber liess ihr Auge ruhig über die über der Sofalehne hängende
»Ahnengalerie« hingleiten, und ihr Auge schien sagen zu wollen: »Ihr seid
Zeugen, dass ich nicht mehr gesagt, als ich sagen durfte.« Dann aber kam ihr ein
zweites, besseres Gefühl, und sie lieh ihm auch Worte. »Verzeih, Mama«, sagte
sie. »Es kann sein, dass ich unrecht habe.«
Es lag nicht im Charakter der Familie, den Verstimmungen über eine derartige
Szene Dauer zu geben. Die Mutter hatte Schwereres tragen gelernt und war jeden
Augenblick zur Verzeihung und Nachgiebigkeit geneigt, während die im
wesentlichen in ihren Anschauungen verharrende, trotzdem aber nicht eigentlich
eigensinnige Terese das Bedürfnis hatte, wieder einzulenken, wozu ein Gespräch
mit Manon das beste Mittel bot. Sie nahm daher diese bei der Hand, führte sie
von ihrem Fensterplatz her an den Kaffeetisch zurück und sagte, während sie sie
neben sich auf eine Fussbank niederzog: »Es muss nun doch vieles anders werden mit
uns und auch mit dir, Manon. Du bist, mein lieber Schelm, am weitesten ab vom
rechten Wege. Wie denkst du nun eigentlich hinsichtlich deiner Zukunft?«
    »Zukunft? - Ach, du meinst heiraten?«
    »Ja, das vielleicht auch. Aber zunächst meine ich hinsichtlich deines
Umgangs, deines gesellschaftlichen Verkehrs. Wie denkst du darüber?«
    »Nun geradeso wie früher. Mein Verkehr bleibt, wie er ist.«
    »Das solltest du doch überlegen.«
    »Überlegen? Ich bitte dich... Ich möchte wohl das Gesicht des alten
Bartenstein sehen, wenn ich mich, angesichts meiner zweihundert Taler Zinsen,
plötzlich auf meinen alten Adel besönne. Wenn es mehr wäre, verzieh er mir's
vielleicht. Aber...«
    »Also alles beim alten?«
    »Ja. Und nun gar heiraten! So dumme Gedanken dürfen wir doch nicht haben;
wir bleiben eben arme Mädchen. Aber Mama wird besser verpflegt werden, und Leo
braucht nicht nach dem Äquator. Denn ich denke mir, seine Schulden werden nun
wohl bezahlt werden können, ohne Blumentals und selbst ohne Flora. Flora selbst
aber bleibt meine Freundin. Das ist das, was ich haben will. Und so leben wir
glücklich und zufrieden weiter, bis Wendelin und Leo etwas Ordentliches geworden
sind und wir wieder ein paar andre Grössen haben als den Sohrschen und den
Hochkircher.«
    »Du vergisst einen dritten, deinen Vater«, sagte die Majorin, in der sich bei
dieser Übergehung zum erstenmal das Poggenpuhlsche regte.
    »Ja, meinen Vater, den hatt ich vergessen. Sonderbar, Väter werden fast
immer vergessen. Ich werde mit Flora darüber sprechen. Die sagte auch mal so
was.«
 
    