
        
                                Teodor Fontane
                               Frau Jenny Treibel
                                      oder
                        »Wo sich Herz zum Herzen findt«
                                     Roman
                                  Erstes Kapitel
An einem der letzten Maitage, das Wetter war schon sommerlich, bog ein
zurückgeschlagener Landauer vom Spittelmarkt her in die Kur- und dann in die
Adlerstrasse ein und hielt gleich danach vor einem, trotz seiner Front von nur
fünf Fenstern, ziemlich ansehnlichen, im übrigen aber altmodischen Hause, dem
ein neuer, gelbbrauner Ölfarbenanstrich wohl etwas mehr Sauberkeit, aber keine
Spur von gesteigerter Schönheit gegeben hatte, beinahe das Gegenteil. Im Fond
des Wagens sassen zwei Damen mit einem Bologneserhündchen, das sich der hell- und
warmscheinenden Sonne zu freuen schien. Die links sitzende Dame von etwa
dreissig, augenscheinlich eine Erzieherin oder Gesellschafterin, öffnete, von
ihrem Platz aus, zunächst den Wagenschlag und war dann der anderen, mit
Geschmack und Sorglichkeit gekleideten und trotz ihrer hohen Fünfzig noch sehr
gut aussehenden Dame beim Aussteigen behülflich. Gleich danach aber nahm die
Gesellschafterin ihren Platz wieder ein, während die ältere Dame auf eine
Vortreppe zuschritt und nach Passierung derselben in den Hausflur eintrat. Von
diesem aus stieg sie, so schnell ihre Korpulenz es zuliess, eine Holzstiege mit
abgelaufenen Stufen hinauf, unten von sehr wenig Licht, weiter oben aber von
einer schweren Luft umgeben, die man füglich als eine Doppelluft bezeichnen
konnte. Gerade der Stelle gegenüber, wo die Treppe mündete, befand sich eine
Entreetür mit Guckloch und neben diesem ein grünes, knittriges Blechschild,
darauf »Professor Wilibald Schmidt« ziemlich undeutlich zu lesen war. Die ein
wenig astmatische Dame fühlte zunächst das Bedürfnis sich auszuruhen und
musterte bei der Gelegenheit den ihr übrigens von langer Zeit her bekannten
Vorflur, der vier gelbgestrichene Wände mit etlichen Haken und Riegeln und
dazwischen einen hölzernen Halbmond zum Bürsten und Ausklopfen der Röcke zeigte.
Dazu wehte, der ganzen Atmosphäre auch hier den Charakter gebend, von einem nach
hinten zu führenden Korridor her ein sonderbarer Küchengeruch heran, der, wenn
nicht alles täuschte, nur auf Rührkartoffeln und Carbonade gedeutet werden
konnte, beides mit Seifenwrasen untermischt. »Also kleine Wäsche«, sagte die von
dem allen wieder ganz eigentümlich berührte stattliche Dame still vor sich hin,
während sie zugleich weit zurückliegender Tage gedachte, wo sie selbst hier, in
eben dieser Adlerstrasse, gewohnt und in dem gerade gegenüber gelegenen
Materialwarenladen ihres Vaters mit im Geschäft geholfen und auf einem über zwei
Kaffeesäcke gelegten Brett kleine und grosse Düten geklebt hatte, was ihr
jedesmal mit »zwei Pfennig fürs Hundert« gutgetan worden war. »Eigentlich viel
zuviel, Jenny«, pflegte dann der Alte zu sagen, »aber du sollst mit Geld umgehen
lernen.« Ach, waren das Zeiten gewesen! Mittags, Schlag zwölf, wenn man zu Tisch
ging, sass sie zwischen dem Commis Herrn Mielke und dem Lehrling Louis, die
beide, so verschieden sie sonst waren, dieselbe hochstehende Kammtolle und
dieselben erfrorenen Hände hatten. Und Louis schielte bewundernd nach ihr
hinüber, aber wurde jedesmal verlegen, wenn er sich auf seinen Blicken ertappt
sah. Denn er war zu niedrigen Standes, aus einem Obstkeller in der Spreegasse.
Ja, das alles stand jetzt wieder vor ihrer Seele, während sie sich auf dem Flur
umsah und endlich die Klingel neben der Tür zog. Der überall verbogene Draht
raschelte denn auch, aber kein Anschlag liess sich hören, und so fasste sie
schliesslich den Klingelgriff noch einmal und zog stärker. Jetzt klang auch ein
Bimmelton von der Küche her bis auf den Flur herüber, und ein paar Augenblicke
später liess sich erkennen, dass eine hinter dem Guckloch befindliche kleine
Holzklappe beiseite geschoben wurde. Sehr wahrscheinlich war es des Professors
Wirtschafterin, die jetzt, von ihrem Beobachtungsposten aus, nach Freund oder
Feind aussah, und als diese Beobachtung ergeben hatte, dass es »gut Freund« sei,
wurde der Türriegel ziemlich geräuschvoll zurückgeschoben, und eine ramassierte
Frau von ausgangs Vierzig, mit einem ansehnlichen Haubenbau auf ihrem vom
Herdfeuer geröteten Gesicht, stand vor ihr.
    »Ach, Frau Treibel... Frau Kommerzienrätin... Welche Ehre...«
    »Guten Tag, liebe Frau Schmolke. Was macht der Professor? Und was macht
Fräulein Corinna? Ist das Fräulein zu Hause?«
    »Ja, Frau Kommerzienrätin. Eben wieder nach Hause gekommen aus der
Philharmonie. Wie wird sie sich freuen.«
    Und dabei trat Frau Schmolke zur Seite, um den Weg nach dem einfenstrigen,
zwischen den zwei Vorderstuben gelegenen und mit einem schmalen Leinwandläufer
belegten Entree freizugeben. Aber ehe die Kommerzienrätin noch eintreten konnte,
kam ihr Fräulein Corinna schon entgegen und führte die »mütterliche Freundin«,
wie sich die Rätin gern selber nannte, nach rechts hin, in das eine
Vorderzimmer.
    Dies war ein hübscher, hoher Raum, die Jalousien herabgelassen, die Fenster
nach innen auf, vor deren einem eine Blumenestrade mit Goldlack und Hyazinten
stand. Auf dem Sofatische präsentierte sich gleichzeitig eine Glasschale mit
Apfelsinen, und die Porträts der Eltern des Professors, des Rechnungsrats
Schmidt aus der Heroldskammer und seiner Frau, geb. Schwerin, sahen auf die
Glasschale hernieder - der alte Rechnungsrat in Frack und Rotem Adlerorden, die
geborne Schwerin mit starken Backenknochen und Stubsnase, was, trotz einer
ausgesprochenen Bürgerlichkeit, immer noch mehr auf die
pommersch-uckermärkischen Träger des berühmten Namens als auf die spätere oder,
wenn man will, auch viel frühere posensche Linie hindeutete.
    »Liebe Corinna, wie nett du dies alles zu machen verstehst und wie hübsch es
doch bei euch ist, so kühl und so frisch - und die schönen Hyazinten. Mit den
Apfelsinen verträgt es sich freilich nicht recht, aber das tut nichts, es sieht
so gut aus... Und nun legst du mir in deiner Sorglichkeit auch noch das
Sofakissen zurecht! Aber verzeih, ich sitze nicht gern auf dem Sofa; das ist
immer so weich, und man sinkt dabei so tief ein. Ich setze mich lieber hier in
den Lehnstuhl und sehe zu den alten, lieben Gesichtern da hinauf. Ach, war das
ein Mann; gerade wie dein Vater. Aber der alte Rechnungsrat war beinah noch
verbindlicher, und einige sagten auch immer, er sei so gut wie von der Kolonie.
Was auch stimmte. Denn seine Grossmutter, wie du freilich besser weisst als ich,
war ja eine Charpentier, Stralauer Strasse.«
    Unter diesen Worten hatte die Kommerzienrätin in einem hohen Lehnstuhle
Platz genommen und sah mit dem Lorgnon nach den »lieben Gesichtern« hinauf,
deren sie sich eben so huldvoll erinnert hatte, während Corinna fragte, ob sie
nicht etwas Mosel und Selterwasser bringen dürfe, es sei so heiss.
    »Nein, Corinna, ich komme eben vom Lunch, und Selterwasser steigt mir immer
so zu Kopf. Sonderbar, ich kann Sherry vertragen und auch Port, wenn er lange
gelagert hat, aber Mosel und Selterwasser, das benimmt mich... Ja, sieh, Kind,
dies Zimmer hier, das kenne ich nun schon vierzig Jahre und darüber, noch aus
Zeiten her, wo ich ein halbwachsen Ding war, mit kastanienbraunen Locken, die
meine Mutter, soviel sie sonst zu tun hatte, doch immer mit rührender Sorgfalt
wickelte. Denn damals, meine liebe Corinna, war das Rotblonde noch nicht so Mode
wie jetzt, aber kastanienbraun galt schon, besonders wenn es Locken waren, und
die Leute sahen mich auch immer darauf an. Und dein Vater auch. Er war damals
noch ein Student und dichtete. Du wirst es kaum glauben, wie reizend und wie
rührend das alles war, denn die Kinder wollen es immer nicht wahrhaben, dass die
Eltern auch einmal jung waren und gut aussahen und ihre Talente hatten. Und ein
paar Gedichte waren an mich gerichtet, die hab ich mir aufgehoben bis diesen
Tag, und wenn mir schwer ums Herz ist, dann nehme ich das kleine Buch, das
ursprünglich einen blauen Deckel hatte (jetzt aber hab ich es in grünen Maroquin
binden lassen), und setze mich ans Fenster und sehe auf unsern Garten und weine
mich still aus, ganz still, dass es niemand sieht, am wenigsten Treibel oder die
Kinder. Ach Jugend! Meine liebe Corinna, du weisst gar nicht, welch ein Schatz
die Jugend ist und wie die reinen Gefühle, die noch kein rauher Hauch getrübt
hat, doch unser Bestes sind und bleiben.«
    »Ja«, lachte Corinna, »die Jugend ist gut. Aber Kommerzienrätin ist auch gut
und eigentlich noch besser. Ich bin für einen Landauer und einen Garten um die
Villa herum. Und wenn Ostern ist und Gäste kommen, natürlich recht viele, so
werden Ostereier in dem Garten versteckt, und jedes Ei ist eine Attrappe voll
Konfitüren von Hövell oder Kranzler, oder auch ein kleines Necessaire ist drin.
Und wenn dann all die Gäste die Eier gefunden haben, dann nimmt jeder Herr seine
Dame, und man geht zu Tisch. Ich bin durchaus für Jugend, aber für Jugend mit
Wohlleben und hübschen Gesellschaften.«
    »Das höre ich gern, Corinna, wenigstens gerade jetzt; denn ich bin hier, um
dich einzuladen, und zwar auf morgen schon; es hat sich so rasch gemacht. Ein
junger Mister Nelson ist nämlich bei Otto Treibels angekommen (das heisst aber,
er wohnt nicht bei ihnen), ein Sohn von Nelson & Co. aus Liverpool, mit
denen mein Sohn Otto seine Hauptgeschäftsverbindung hat. Und Helene kennt ihn
auch. Das ist so hamburgisch, die kennen alle Engländer, und wenn sie sie nicht
kennen, so tun sie wenigstens so. Mir unbegreiflich. Also Mister Nelson, der
übermorgen schon wieder abreist, um den handelt es sich; ein lieber
Geschäftsfreund, den Ottos durchaus einladen mussten. Das verbot sich aber
leider, weil Helene mal wieder Plättag hat, was nach ihrer Meinung allem anderen
vorgeht, sogar im Geschäft. Da haben wir's denn übernommen, offen gestanden
nicht allzu gern, aber doch auch nicht geradezu ungern. Otto war nämlich,
während seiner englischen Reise, wochenlang in dem Nelsonschen Hause zu Gast. Du
siehst daraus, wie's steht und wie sehr mir an deinem Kommen liegen muss; du
sprichst Englisch und hast alles gelesen und hast vorigen Winter auch Mister
Boot als Hamlet gesehen. Ich weiss noch recht gut, wie du davon schwärmtest. Und
englische Politik und Geschichte wirst du natürlich auch wissen, dafür bist du
ja deines Vaters Tochter.«
    »Nicht viel weiss ich davon, nur ein bisschen. Ein bisschen lernt man ja.«
    »Ja, jetzt, liebe Corinna. Du hast es gut gehabt, und alle haben es jetzt
gut. Aber zu meiner Zeit, da war es anders, und wenn mir nicht der Himmel, dem
ich dafür danke, das Herz für das Poetische gegeben hätte, was, wenn es mal in
einem lebt, nicht wieder auszurotten ist, so hätte ich nichts gelernt und wüsste
nichts. Aber, Gott sei Dank, ich habe mich an Gedichten herangebildet, und wenn
man viele davon auswendig weiss, so weiss man doch manches. Und dass es so ist,
sieh, das verdanke ich nächst Gott, der es in meine Seele pflanzte, deinem
Vater. Der hat das Blümlein grossgezogen, das sonst drüben in dem Ladengeschäft
unter all den prosaischen Menschen - und du glaubst gar nicht, wie prosaische
Menschen es gibt - verkümmert wäre... Wie geht es denn mit deinem Vater? Es muss
ein Vierteljahr sein oder länger, dass ich ihn nicht gesehen habe, den 14.
Februar, an Ottos Geburtstag. Aber er ging so früh, weil soviel gesungen wurde.«
    »Ja, das liebt er nicht. Wenigstens dann nicht, wenn er damit überrascht
wird. Es ist eine Schwäche von ihm, und manche nennen es eine Unart.«
    »Oh, nicht doch, Corinna, das darfst du nicht sagen. Dein Vater ist bloss ein
origineller Mann. Ich bin unglücklich, dass man seiner so selten habhaft werden
kann. Ich hätt ihn auch zu morgen gerne mit eingeladen, aber ich bezweifle, dass
Mister Nelson ihn interessiert, und von den anderen ist nun schon gar nicht zu
sprechen; unser Freund Krola wird morgen wohl wieder singen und Assessor
Goldammer seine Polizeigeschichten erzählen und sein Kunststück mit dem Hut und
den zwei Talern machen.«
    »Oh, da freu ich mich. Aber freilich, Papa tut sich nicht gerne Zwang an,
und seine Bequemlichkeit und seine Pfeife sind ihm lieber als ein junger
Engländer, der vielleicht dreimal um die Welt gefahren ist. Papa ist gut, aber
einseitig und eigensinnig.«
    »Das kann ich nicht zugeben, Corinna. Dein Papa ist ein Juwel, das weiss ich
am besten.«
    »Er unterschätzt alles Äusserliche, Besitz und Geld, und überhaupt alles, was
schmückt und schön macht.«
    »Nein, Corinna, sage das nicht. Er sieht das Leben von der richtigen Seite
an; er weiss, dass Geld eine Last ist und dass das Glück ganz woanders liegt.« Sie
schwieg bei diesen Worten und seufzte nur leise. Dann aber fuhr sie fort: »Ach,
meine liebe Corinna, glaube mir, kleine Verhältnisse, das ist das, was allein
glücklich macht.«
    Corinna lächelte. »Das sagen alle die, die drüberstehen und die kleinen
Verhältnisse nicht kennen.«
    »Ich kenne sie, Corinna.«
    »Ja, von früher her. Aber das liegt nun zurück und ist vergessen oder wohl
gar verklärt. Eigentlich liegt es doch so: alles möchte reich sein, und ich
verdenke es keinem. Papa freilich, der schwört noch auf die Geschichte von dem
Kamel und dem Nadelöhr. Aber die junge Welt...«
    »... ist leider anders. Nur zu wahr. Aber so gewiss das ist, so ist es doch
nicht so schlimm damit, wie du dir's denkst. Es wäre auch zu traurig, wenn der
Sinn für das Ideale verlorenginge, vor allem in der Jugend. Und in der Jugend
lebt er auch noch. Da ist zum Beispiel dein Vetter Marcell, den du beiläufig
morgen auch treffen wirst (er hat schon zugesagt) und an dem ich wirklich nichts
weiter zu tadeln wüsste, als dass er Wedderkopp heisst. Wie kann ein so feiner Mann
einen so störrischen Namen führen! Aber wie dem auch sein möge, wenn ich ihn bei
Ottos treffe, so spreche ich immer so gern mit ihm. Und warum? Bloss weil er die
Richtung hat, die man haben soll. Selbst unser guter Krola sagte mir erst
neulich, Marcell sei eine von Grund aus etische Natur, was er noch höher stelle
als das Moralische; worin ich ihm, nach einigen Aufklärungen von seiner Seite,
beistimmen musste. Nein, Corinna, gib den Sinn, der sich nach oben richtet, nicht
auf, jenen Sinn, der von dorter allein das Heil erwartet. Ich habe nur meine
beiden Söhne, Geschäftsleute, die den Weg ihres Vaters gehen, und ich muss es
geschehen lassen; aber wenn mich Gott durch eine Tochter gesegnet hätte, die
wäre mein gewesen, auch im Geist, und wenn sich ihr Herz einem armen, aber edlen
Manne, sagen wir einem Manne wie Marcell Wedderkopp, zugeneigt hätte...«
    »... so wäre das ein Paar geworden«, lachte Corinna. »Der arme Marcell! Da
hätt er nun sein Glück machen können, und muss gerade die Tochter fehlen.«
    Die Kommerzienrätin nickte.
    »Überhaupt ist es schade, dass es so selten klappt und passt«, fuhr Corinna
fort. »Aber Gott sei Dank, gnädigste Frau haben ja noch den Leopold, jung und
unverheiratet, und da Sie solche Macht über ihn haben - so wenigstens sagt er
selbst, und sein Bruder Otto sagt es auch, und alle Welt sagt es -, so könnt er
Ihnen, da der ideale Schwiegersohn nun mal eine Unmöglichkeit ist, wenigstens
eine ideale Schwiegertochter ins Haus führen, eine reizende, junge Person,
vielleicht eine Schauspielerin...«
    »Ich bin nicht für Schauspielerinnen...«
    »Oder eine Malerin oder eine Pastors- oder eine Professorentochter...«
    Die Kommerzienrätin stutzte bei diesem letzten Worte und streifte Corinna
stark, wenn auch flüchtig. Indessen wahrnehmend, dass diese heiter und unbefangen
blieb, schwand ihre Furchtanwandlung ebenso schnell, wie sie gekommen war. »Ja,
Leopold«, sagte sie, »den hab ich noch. Aber Leopold ist ein Kind. Und seine
Verheiratung steht jedenfalls noch in weiter Ferne. Wenn er aber käme...« Und
die Kommerzienrätin schien sich allen Ernstes - vielleicht weil es sich um etwas
noch »in so weiter Ferne« Liegendes handelte - der Vision einer idealen
Schwiegertochter hingeben zu wollen, kam aber nicht dazu, weil in eben diesem
Augenblicke der aus seiner Obersekunda kommende Professor eintrat und seine
Freundin, die Rätin, mit vieler Artigkeit begrüsste.
    »Stör ich?«
    »In Ihrem eigenen Hause? Nein, lieber Professor; Sie können überhaupt nie
stören. Mit Ihnen kommt immer das Licht. Und wie Sie waren, so sind Sie
geblieben. Aber mit Corinna bin ich nicht zufrieden. Sie spricht so modern und
verleugnet ihren Vater, der immer nur in einer schönen Gedankenwelt lebte...«
    »Nun ja, ja«, sagte der Professor. »Man kann es so nennen. Aber ich denke,
sie wird sich noch wieder zurückfinden. Freilich, einen Stich ins Moderne wird
sie wohl behalten. Schade. Das war anders, als wir jung waren, da lebte man noch
in Phantasie und Dichtung...«
    Er sagte das so hin, mit einem gewissen Patos, als ob er seinen Sekundanern
eine besondere Schönheit aus dem Horaz oder aus dem »Parzival« (denn er war
Klassiker und Romantiker zugleich) zu demonstrieren hätte. Sein Patos war aber
doch etwas teatralisch gehalten und mit einer feinen Ironie gemischt, die die
Kommerzienrätin auch klug genug war herauszuhören. Sie hielt es indessen
trotzdem für angezeigt, einen guten Glauben zu zeigen, nickte deshalb nur und
sagte: »Ja, schöne Tage, die nie wiederkehren.«
    »Nein«, sagte der in seiner Rolle mit dem Ernst eines Grossinquisitors
fortfahrende Wilibald. »Es ist vorbei damit; aber man muss eben weiterleben.«
    Eine halb verlegene Stille trat ein, während welcher man, von der Strasse
her, einen scharfen Peitschenknips hörte.
    »Das ist ein Mahnzeichen«, warf jetzt die Kommerzienrätin ein, eigentlich
froh der Unterbrechung. »Johann unten wird ungeduldig. Und wer hätte den Mut, es
mit einem solchen Machtaber zu verderben.«
    »Niemand«, erwiderte Schmidt. »An der guten Laune unserer Umgebung hängt
unser Lebensglück; ein Minister bedeutet mir wenig, aber die Schmolke...«
    »Sie treffen es wie immer, lieber Freund.«
    Und unter diesen Worten erhob sich die Kommerzienrätin und gab Corinna einen
Kuss auf die Stirn, während sie Wilibald die Hand reichte. »Mit uns, lieber
Professor, bleibt es beim alten, unentwegt.« Und damit verliess sie das Zimmer,
von Corinna bis auf den Flur und die Strasse begleitet.
    »Unentwegt«, wiederholte Wilibald, als er allein war. »Herrliches Modewort,
und nun auch schon bis in die Villa Treibel gedrungen... Eigentlich ist meine
Freundin Jenny noch gerade so wie vor vierzig Jahren, wo sie die
kastanienbraunen Locken schüttelte. Das Sentimentale liebte sie schon damals,
aber doch immer unter Bevorzugung von Courmachen und Schlagsahne. Jetzt ist sie
nun rundlich geworden und beinah gebildet, oder doch, was man so gebildet zu
nennen pflegt, und Adolar Krola trägt ihr Arien aus Lohengrin und Tannhäuser
vor. Denn ich denke mir, dass das ihre Lieblingsopern sind. Ach, ihre Mutter, die
gute Frau Bürstenbinder, die das Püppchen drüben im Apfelsinenladen immer so
hübsch herauszuputzen wusste, sie hat in ihrer Weiberklugheit damals ganz richtig
gerechnet. Nun ist das Püppchen eine Kommerzienrätin und kann sich alles gönnen,
auch das Ideale, und sogar unentwegt. Ein Musterstück von einer Bourgeoise.«
    Und dabei trat er ans Fenster, hob die Jalousien ein wenig und sah, wie
Corinna, nachdem die Kommerzienrätin ihren Sitz wieder eingenommen hatte, den
Wagenschlag ins Schloss warf. Noch ein gegenseitiger Gruss, an dem die
Gesellschaftsdame mit sauersüsser Miene teilnahm, und die Pferde zogen an und
trabten langsam auf die nach der Spree hin gelegene Aus-fahrt zu, weil es schwer
war, in der engen Adlerstrasse zu wenden.
    Als Corinna wieder oben war, sagte sie: »Du hast doch nichts dagegen, Papa.
Ich bin morgen zu Treibels zu Tisch geladen. Marcell ist auch da und ein junger
Engländer, der sogar Nelson heisst.«
    »Ich was dagegen? Gott bewahre. Wie könnt ich was dagegen haben, wenn ein
Mensch sich amüsieren will. Ich nehme an, du amüsierst dich.«
    »Gewiss amüsier ich mich. Es ist doch mal was anderes. Was Distelkamp sagt
und Rindfleisch und der kleine Friedeberg, das weiss ich ja schon alles
auswendig. Aber was Nelson sagen wird, denk dir, Nelson, das weiss ich nicht.«
    »Viel Gescheites wird es wohl nicht sein.«
    »Das tut nichts. Ich sehne mich manchmal nach Ungescheiteiten.«
    »Da hast du recht, Corinna.«
 
                                Zweites Kapitel
Die Treibelsche Villa lag auf einem grossen Grundstücke, das, in bedeutender
Tiefe, von der Köpnicker Strasse bis an die Spree reichte. Früher hatten hier in
unmittelbarer Nähe des Flusses nur Fabrikgebäude gestanden, in denen alljährlich
ungezählte Zentner von Blutlaugensalz und später, als sich die Fabrik
erweiterte, kaum geringere Quantitäten von Berliner Blau hergestellt worden
waren. Als aber nach dem siebziger Kriege die Milliarden ins Land kamen und die
Gründeranschauungen selbst die nüchternsten Köpfe zu beherrschen anfingen, fand
auch Kommerzienrat Treibel sein bis dahin in der Alten Jakobstrasse gelegenes
Wohnhaus, trotzdem es von Gontard, ja nach einigen sogar von Knobelsdorff
herrühren sollte, nicht mehr zeit- und standesgemäss und baute sich auf seinem
Fabrikgrundstück eine modische Villa mit kleinem Vorder- und parkartigem
Hintergarten. Diese Villa war ein Hochparterrebau mit aufgesetztem ersten Stock,
welcher letztere jedoch, um seiner niedrigen Fenster willen, eher den Eindruck
eines Mezzanin als einer Beletage machte. Hier wohnte Treibel seit sechzehn
Jahren und begriff nicht, dass er es, einem noch dazu bloss gemutmassten
friderizianischen Baumeister zuliebe, so lange Zeit hindurch in der unvornehmen
und aller frischen Luft entbehrenden Alten Jakobstrasse ausgehalten habe;
Gefühle, die von seiner Frau Jenny mindestens geteilt wurden. Die Nähe der
Fabrik, wenn der Wind ungünstig stand, hatte freilich auch allerlei Missliches im
Geleite; Nordwind aber, der den Qualm herantrieb, war notorisch selten, und man
brauchte ja die Gesellschaften nicht gerade bei Nordwind zu geben. Ausserdem liess
Treibel die Fabrikschornsteine mit jedem Jahre höher hinaufführen und beseitigte
damit den anfänglichen Übelstand immer mehr.
Das Diner war zu sechs Uhr festgesetzt; aber bereits eine Stunde vorher sah man
Hustersche Wagen mit runden und viereckigen Körben vor dem Gittereingange
halten. Die Kommerzienrätin, schon in voller Toilette, beobachtete von dem
Fenster ihres Boudoirs aus all diese Vorbereitungen und nahm auch heute wieder,
und zwar nicht ohne eine gewisse Berechtigung, Anstoss daran. »Dass Treibel es
auch versäumen musste, für einen Nebeneingang Sorge zu tragen! Wenn er damals nur
ein vier Fuss breites Terrain von dem Nachbargrundstück zukaufte, so hätten wir
einen Eingang für derart Leute gehabt. Jetzt marschiert jeder Küchenjunge durch
den Vorgarten, gerade auf unser Haus zu, wie wenn er mit eingeladen wäre. Das
sieht lächerrlich aus und auch anspruchsvoll, als ob die ganze Köpnicker Strasse
wissen solle: Treibels geben heut ein Diner. Ausserdem ist es unklug, dem Neid
der Menschen und dem sozialdemokratischen Gefühl so ganz nutzlos neue Nahrung zu
gehen.«
    Sie sagte sich das ganz ernstaft, gehörte jedoch zu den Glücklichen, die
sich nur weniges andauernd zu Herzen nehmen, und so kehrte sie denn vom Fenster
zu ihrem Toilettentisch zurück, um noch einiges zu ordnen und den Spiegel zu
befragen, ob sie sich neben ihrer Hamburger Schwiegertochter auch werde
behaupten können. Helene war freilich nur halb so alt, ja kaum das; aber die
Kommerzienrätin wusste recht gut, dass Jahre nichts bedeuten und dass Konversation
und Augenausdruck und namentlich die »Welt der Formen«, im einen und im andern
Sinne, ja im »andern« Sinne noch mehr, den Ausschlag zu geben pflegen. Und
hierin war die schon stark an der Grenze des Embonpoint angelangte
Kommerzienrätin ihrer Schwiegertochter unbedingt überlegen.
    In dem mit dem Boudoir korrespondierenden, an der andern Seite des
Frontsaales gelegenen Zimmer sass Kommerzienrat Treibel und las das »Berliner
Tageblatt«. Es war gerade eine Nummer, der der »Ulk« beilag. Er weidete sich an
dem Schlussbild und las dann einige von Nunnes philosophischen Betrachtungen.
»Ausgezeichnet... Sehr gut... Aber ich werde das Blatt doch beiseite schieben
oder mindestens das Deutsche Tageblatt darüberlegen müssen. Ich glaube,
Vogelsang gibt mich sonst auf. Und ich kann ihn, wie die Dinge mal liegen, nicht
mehr entbehren, so wenig, dass ich ihn zu heute habe einladen müssen. Überhaupt
eine sonderbare Gesellschaft! Erst dieser Mister Nelson, den sich Helene, weil
ihre Mädchen mal wieder am Plättbrett stehen, gefälligst abgewälzt hat, und zu
diesem Nelson dieser Vogelsang, dieser Lieutenant a. D. und Agent provocateur in
Wahlsachen. Er versteht sein Metier, so sagt man mir allgemein, und ich muss es
glauben. Jedenfalls scheint mir das sicher: hat er mich erst in Teupitz-Zossen
und an den Ufern der Wendischen Spree durchgebracht, so bringt er mich auch hier
durch. Und das ist die Hauptsache. Denn schliesslich läuft doch alles darauf
hinaus, dass ich in Berlin selbst, wenn die Zeit dazu gekommen ist, den Singer
oder irgendeinen andern von der Couleur beiseite schiebe. Nach der
Beredsamkeitsprobe neulich bei Buggenhagen ist ein Sieg sehr wohl möglich, und
so muss ich ihn mir warmhalten. Er hat einen Sprechanismus, um den ich ihn
beneiden könnte, trotzdem ich doch auch nicht in einem Trappistenkloster geboren
und grossgezogen bin. Aber neben Vogelsang? Null. Und kann auch nicht anders
sein; denn bei Lichte besehen, hat der ganze Kerl nur drei Lieder auf seinem
Kasten und dreht eins nach dem andern von der Walze herunter, und wenn er damit
fertig ist, fängt er wieder an. So steht es mit ihm, und darin steckt seine
Macht, gutta cavat lapidem; der alte Wilibald Schmidt würde sich freuen, wenn er
mich so zitieren hörte, vorausgesetzt, dass es richtig ist. Oder vielleicht auch
umgekehrt; wenn drei Fehler drin sind, amüsiert er sich noch mehr; Gelehrte sind
nun mal so... Vogelsang, das muss ich ihm lassen, hat freilich noch eines, was
wichtiger ist als das ewige Wiederholen, er hat den Glauben an sich und ist
überhaupt ein richtiger Fanatiker. Ob es wohl mit allem Fanatismus ebenso steht?
Mir sehr wahrscheinlich. Ein leidlich gescheites Individuum kann eigentlich gar
nicht fanatisch sein. Wer an einen Weg und eine Sache glaubt, ist allemal ein
Poveretto, und ist seine Glaubenssache zugleich er selbst, so ist er
gemeingefährlich und eigentlich reif für Dalldorf. Und von solcher
Beschaffenheit ist just der Mann, dem zu Ehren ich, wenn ich von Mister Nelson
absehe, heute mein Diner gebe und mir zwei adlige Fräuleins eingeladen habe,
blaues Blut, das hier in der Köpnicker Strasse so gut wie gar nicht vorkommt und
deshalb aus Berlin W von mir verschrieben werden musste, ja zur Hälfte sogar aus
Charlottenburg. O Vogelsang! Eigentlich ist mir der Kerl ein Greuel. Aber was
tut man nicht alles als Bürger und Patriot.«
    Und dabei sah Treibel auf das zwischen den Knopflöchern ausgespannte
Kettchen mit drei Orden en miniature, unter denen ein rumänischer der
vollgültigste war, und seufzte, während er zugleich auch lachte. »Rumänien,
früher Moldau und Walachei. Es ist mir wirklich zuwenig.«
Das erste Coupé, das vorfuhr, war das seines ältesten Sohnes Otto, der sich
selbständig etabliert und ganz am Ausgange der Köpnicker Strasse, zwischen dem
zur Pionierkaserne gehörigen Pontonhaus und dem Schlesischen Tor, einen Holzhof
errichtet hatte, freilich von der höheren Observanz, denn es waren Farbehölzer,
Fernambuk- und Campecheholz, mit denen er handelte. Seit etwa acht Jahren war er
auch verheiratet. Im selben Augenblicke, wo der Wagen hielt, zeigte er sich
seiner jungen Frau beim Aussteigen behülflich, bot ihr verbindlich den Arm und
schritt, nach Passierung des Vorgartens, auf die Freitreppe zu, die zunächst zu
einem verandaartigen Vorbau der väterlichen Villa hinaufführte. Der alte
Kommerzienrat stand schon in der Glastür und empfing die Kinder mit der ihm
eigenen Jovialität. Gleich darauf erschien auch die Kommerzienrätin aus dem
seitwärts angrenzenden und nur durch eine Portière von dem grossen Empfangssaal
geschiedenen Zimmer und reichte der Schwiegertochter die Backe, während ihr Sohn
Otto ihr die Hand küsste. »Gut, dass du kommst, Helene«, sagte sie mit einer
glücklichen Mischung von Behaglichkeit und Ironie, worin sie, wenn sie wollte,
Meisterin war. »Ich fürchtete schon, du würdest dich auch vielleicht behindert
sehen.«
    »Ach, Mama, verzeih... Es war nicht bloss des Plätttags halber; unsere Köchin
hat zum 1. Juni gekündigt, und wenn sie kein Interesse mehr haben, so sind sie
so unzuverlässig; und auf Elisabet ist nun schon gar kein Verlass mehr. Sie ist
ungeschickt bis zur Unschicklichkeit und hält die Schüsseln immer so dicht über
den Schultern, besonders der Herren, als ob sie sich ausruhen wollte...«
    Die Kommerzienrätin lächelte halb versöhnt, denn sie hörte gern dergleichen.
    »... Und aufschieben«, fuhr Helene fort, »verbot sich auch. Mister Nelson,
wie du weisst, reist schon morgen abend wieder. Übrigens ein charmanter junger
Mann, der euch gefallen wird. Etwas kurz und einsilbig, vielleicht weil er nicht
recht weiss, ob er sich deutsch oder englisch ausdrücken soll; aber was er sagt,
ist immer gut und hat ganz die Gesetzteit und Wohlerzogenheit, die die meisten
Engländer haben. Und dabei immer wie aus dem Ei gepellt. Ich habe nie solche
Manschetten gesehen, und es bedrückt mich geradezu, wenn ich dann sehe, womit
sich mein armer Otto behelfen muss, bloss weil man die richtigen Kräfte beim
besten Willen nicht haben kann. Und so sauber wie die Manschetten, so sauber ist
alles an ihm, ich meine an Mister Nelson, auch sein Kopf und sein Haar.
Wahrscheinlich, dass er es mit Honei-water bürstet, oder vielleicht ist es auch
bloss mit Hülfe von Shampooing.«
    Der so rühmlich Gekennzeichnete war der nächste, der am Gartengitter
erschien und schon im Herankommen die Kommerzienrätin einigermassen in Erstaunen
setzte. Diese hatte, nach der Schilderung ihrer Schwiegertochter, einen Ausbund
von Eleganz erwartet; statt dessen kam ein Menschenkind daher, an dem, mit
Ausnahme der von der jungen Frau Treibel gerühmten Manschettenspezialität,
eigentlich alles die Kritik herausforderte. Den ungebürsteten Zylinder im Nacken
und reisemässig in einem gelb- und braunquadrierten Anzuge steckend, stieg er,
von links nach rechts sich wiegend, die Freitreppe herauf und grüsste mit der
bekannten heimatlichen Mischung von Selbstbewusstsein und Verlegenheit. Otto ging
ihm entgegen, um ihn seinen Eltern vorzustellen.
    »Mister Nelson from Liverpool - derselbe, lieber Papa, mit dem ich...«
    »Ah, Mister Nelson. Sehr erfreut. Mein Sohn spricht noch oft von seinen
glücklichen Tagen in Liverpool und von dem Ausfluge, den er damals mit Ihnen
nach Dublin und, wenn ich nicht irre, auch nach Glasgow machte. Das geht jetzt
ins neunte Jahr; Sie müssen damals noch sehr jung gewesen sein.«
    »O nicht sehr jung, Mister Treibel... about sixteen...«
    »Nun, ich dächte doch, sechzehn...«
    »Oh, sechzehn, nicht sehr jung... nicht für uns.«
    Diese Versicherungen klangen um so komischer, als Mister Nelson, auch jetzt
noch, wie ein Junge wirkte. Zu weiteren Betrachtungen darüber war aber keine
Zeit, weil eben jetzt eine Droschke zweiter Klasse vorfuhr, der ein langer,
hagerer Mann in Uniform entstieg. Er schien Auseinandersetzungen mit dem
Kutscher zu haben, während deren er übrigens eine beneidenswert sichere Haltung
beobachtete, und nun rückte er sich zurecht und warf die Gittertür ins Schloss.
Er war in Helm und Degen; aber ehe man noch der »Schilderhäuser« auf seiner
Achselklappe gewahr werden konnte, stand es für jeden mit militärischem Blick
nur einigermassen Ausgerüsteten fest, dass er seit wenigstens dreissig Jahren ausser
Dienst sein müsse. Denn die Grandezza, mit der er daherkam, war mehr die
Steifheit eines alten, irgendeiner ganz seltenen Sekte zugehörigen Torf- oder
Salzinspektors als die gute Haltung eines Offiziers. Alles gab sich mehr oder
weniger automatenhaft, und der in zwei gewirbelten Spitzen auslaufende schwarze
Schnurrbart wirkte nicht nur gefärbt, was er natürlich war, sondern zugleich
auch wie angeklebt. Desgleichen der Henriquatre. dabei lag sein Untergesicht im
Schatten zweier vorspringender Backenknochen. Mit der Ruhe, die sein ganzes
Wesen auszeichnete, stieg er jetzt die Freitreppe hinauf und schritt auf die
Kommerzienrätin zu. »Sie haben befohlen, meine Gnädigste...« - »Hoch erfreut,
Herr Lieutenant...« Inzwischen war auch der alte Treibel herangetreten und
sagte: »Lieber Vogelsang, erlauben Sie mir, dass ich Sie mit den Herrschaften
bekannt mache; meinen Sohn Otto kennen Sie, aber nicht seine Frau, meine liebe
Schwiegertochter - Hamburgerin, wie Sie leicht erkennen werden ... Und hier«,
und dabei schritt er auf Mister Nelson zu, der sich mit dem inzwischen ebenfalls
erschienenen Leopold Treibel gemütlich und ohne jede Rücksicht auf den Rest der
Gesellschaft unterhielt, »und hier ein junger lieber Freund unseres Hauses,
Mister Nelson from Liverpool.«
    Vogelsang zuckte bei dem Wort »Nelson« zusammen und schien einen Augenblick
zu glauben - denn er konnte die Furcht des Gefopptwerdens nie ganz loswerden -,
dass man sich einen Witz mit ihm erlaube. Die ruhigen Mienen aller aber belehrten
ihn bald eines Besseren, weshalb er sich artig verbeugte und zu dem jungen
Engländer sagte: »Nelson. Ein grosser Name. Sehr erfreut, Mister Nelson.«
    Dieser lachte dem alt und aufgesteift vor ihm stehenden Lieutenant ziemlich
ungeniert ins Gesicht, denn solche komische Person war ihm noch gar nicht
vorgekommen. Dass er in seiner Art ebenso komisch wirkte, dieser Grad der
Erkenntnis lag ihm fern. Vogelsang biss sich auf die Lippen und befestigte sich,
unter dem Eindruck dieser Begegnung, in der lang gehegten Vorstellung von der
Impertinenz englischer Nation. Im übrigen war jetzt der Zeitpunkt da, wo das
Eintreffen immer neuer Ankömmlinge von jeder anderen Betrachtung abzog und die
Sonderbarkeiten eines Engländers rasch vergessen liess.
    Einige der befreundeten Fabrikbesitzer aus der Köpnicker Strasse lösten in
ihren Chaisen mit niedergeschlagenem Verdeck die, wie es schien, noch immer sich
besinnende Vogelsangsche Droschke rasch und beinahe gewaltsam ab; dann kam
Corinna samt ihrem Vetter Marcell Wedderkopp (beide zu Fuss), und schliesslich
fuhr Johann, der Kommerzienrat Treibelsche Kutscher, vor, und dem mit blauem
Atlas ausgeschlagenen Landauer - derselbe, darin gestern die Kommerzienrätin
ihren Besuch bei Corinna gemacht hatte - entstiegen zwei alte Damen, die von
Johann mit ganz besonderem und beinahe überraschlichem Respekt behandelt wurden.
Es erklärte sich dies aber einfach daraus, dass Treibel, gleich bei Beginn dieser
ihm wichtigen und jetzt etwa um drittalb Jahre zurückliegenden Bekanntschaft,
zu seinem Kutscher gesagt hatte: »Johann, ein für allemal, diesen Damen
gegenüber immer Hut in Hand. Das andere, du verstehst mich, ist meine Sache.«
Dadurch waren die guten Manieren Johanns ausser Frage gestellt. Beiden alten
Damen ging Treibel jetzt bis in die Mitte des Vorgartens entgegen, und nach
lebhaften Bekomplimentierungen, an denen auch die Kommerzienrätin teilnahm,
stieg man wieder die Gartentreppe hinauf und trat, von der Veranda her, in den
grossen Empfangssalon ein, der bis dahin, weil das schöne Wetter zum Verweilen im
Freien einlud, nur von wenigen betreten worden war. Fast alle kannten sich von
früheren Treibelschen Diners her; nur Vogelsang und Nelson waren Fremde, was den
partiellen Vorstellungsakt erneuerte. »Darf ich Sie«, wandte sich Treibel an die
zuletzt erschienenen alten Damen, »mit zwei Herren bekannt machen, die mir heute
zum ersten Male die Ehre ihres Besuches geben: Lieutenant Vogelsang, Präsident
unseres Wahlkomitees, und Mister Nelson from Liverpool.« Man verneigte sich
gegenseitig. Dann nahm Treibel Vogelsangs Arm und flüsterte diesem, um ihn
einigermassen zu orientieren, zu: »Zwei Damen vom Hofe; die korpulente: Frau
Majorin von Ziegenhals, die nicht korpulente (worin Sie mir zustimmen werden):
Fräulein Edwine von Bomst.«
    »Merkwürdig«, sagte Vogelsang. »Ich würde, die Wahrheit zu gestehen...«
    »Eine Vertauschung der Namen für angezeigt gehalten haben. Da treffen Sie's,
Vogelsang. Und es freut mich, dass Sie ein Auge für solche Dinge haben. Da
bezeugt sich das alte Lieutenantsblut. Ja, diese Ziegenhals; einen Meter
Brustweite wird sie wohl haben, und es lassen sich allerhand Betrachtungen
darüber anstellen, werden auch wohl seinerzeit angestellt worden sein. Im
übrigen, es sind das so die scherzhaften Widerspiele, die das Leben erheitern.
Klopstock war Dichter, und ein anderer, den ich noch persönlich gekannt habe,
hiess Griepenkerl... Es trifft sich, dass uns beide Damen erspriessliche Dienste
leisten können.«
    »Wie das? wieso?«
    »Die Ziegenhals ist eine rechte Cousine von dem Zossener Landesältesten, und
ein Bruder der Bomst hat sich mit einer Pastorstochter aus der Storkower Gegend
ehelich vermählt. Halbe Mesalliance, die wir ignorieren müssen, weil wir Vorteil
daraus ziehen. Man muss, wie Bismarck, immer ein Dutzend Eisen im Feuer haben...
Ah, Gott sei Dank. Johann hat den Rock gewechselt und gibt das Zeichen.
Allerhöchste Zeit... Eine Viertelstunde warten geht; aber zehn Minuten darüber
ist zuviel... Ohne mich ängstlich zu belauschen, ich höre, wie der Hirsch nach
Wasser schreit. Bitte, Vogelsang, führen Sie meine Frau... Liebe Corinna,
bemächtigen Sie sich Nelsons... Victory and Westminster Abbei; das Entern ist
diesmal an Ihnen. Und nun meine Damen... darf ich um Ihren Arm bitten, Frau
Majorin...? und um den Ihren, mein gnädigstes Fräulein?«
    Und die Ziegenhals am rechten, die Bomst am linken Arm, ging er auf die
Flügeltür zu, die sich, während dieser seiner letzten Worte, mit einer gewissen
langsamen Feierlichkeit geöffnet hatte.
 
                                Drittes Kapitel
Das Esszimmer entsprach genau dem vorgelegenen Empfangszimmer und hatte den Blick
auf den grossen, parkartigen Hintergarten mit plätscherndem Springbrunnen, ganz
in der Nähe des Hauses; eine kleine Kugel stieg auf dem Wasserstrahl auf und ab,
und auf dem Querholz einer zur Seite stehenden Stange sass ein Kakadu und sah,
mit dem bekannten Auge voll Tiefsinn, abwechselnd auf den Strahl mit der
balancierenden Kugel und dann wieder in den Esssaal, dessen oberes
Schiebefenster, der Ventilation halber, etwas herabgelassen war. Der
Kronleuchter brannte schon, aber die niedriggeschraubten Flämmchen waren in der
Nachmittagssonne kaum sichtbar und führten ihr schwaches Vorleben nur deshalb,
weil der Kommerzienrat, um ihn selbst sprechen zu lassen, nicht liebte, »durch
Manipulationen im Laternenansteckerstil in seiner Dinerstimmung gestört zu
werden«. Auch der bei der Gelegenheit hörbar werdende kleine Puff, den er gern
als »moderierten Salutschuss« bezeichnete, konnte seine Gesamtstellung zu der
Frage nicht ändern. Der Speisesaal selbst war von schöner Einfachheit: gelber
Stuck, in den einige Reliefs eingelegt waren, reizende Arbeiten von Professor
Franz. Seitens der Kommerzienrätin war, als es sich um diese Ausschmückung
handelte, Reinhold Begas in Vorschlag gebracht, aber von Treibel, als seinen
Etat überschreitend, abgelehnt worden. »Das ist für die Zeit, wo wir
Generalkonsuls sein werden...« - »Eine Zeit, die nie kommt«, hatte Jenny
geantwortet. »Doch, doch, Jenny; Teupitz-Zossen ist die erste Staffel dazu.« Er
wusste, wie zweifelhaft seine Frau seiner Wahlagitation und allen sich daran
knüpfenden Hoffnungen gegenüberstand, weshalb er gern durchklingen liess, dass er
von dem Baum seiner Politik auch für die weibliche Eitelkeit noch goldene
Früchte zu heimsen gedenke.
    Draussen setzte der Wasserstrahl sein Spiel fort. Drinnen im Saal aber, in
der Mitte der Tafel, die, statt der üblichen Riesenvase mit Flieder und
Goldregen, ein kleines Blumenparkett zeigte, sass der alte Treibel, neben sich
die beiden adligen Damen, ihm gegenüber seine Frau zwischen Lieutenant Vogelsang
und dem ehemaligen Opernsänger Adolar Krola. Krola war seit fünfzehn Jahren
Hausfreund, worauf ihm dreierlei einen gleichmässigen Anspruch gab: sein gutes
Äussere, seine gute Stimme und sein gutes Vermögen. Er hatte sich nämlich kurz
vor seinem Rücktritt von der Bühne mit einer Millionärstochter verheiratet.
Allgemein zugestanden, war er ein sehr liebenswürdiger Mann, was er vor manchem
seiner ehemaligen Kollegen ebensosehr voraushatte wie die mehr als gesicherte
Finanzlage.
    Frau Jenny präsentierte sich in vollem Glanz, und ihre Herkunft aus dem
kleinen Laden in der Adlerstrasse war in ihrer Erscheinung bis auf den letzten
Rest getilgt. Alles wirkte reich und elegant; aber die Spitzen auf dem
veilchenfarbenen Brokatkleide, soviel musste gesagt werden, taten es nicht
allein, auch nicht die kleinen Brillantohrringe, die bei jeder Bewegung hin und
her blitzten; nein, was ihr mehr als alles andere eine gewisse Vornehmheit lieh,
war die sichere Ruhe, womit sie zwischen ihren Gästen tronte. Keine Spur von
Aufregung gab sich zu erkennen, zu der allerdings auch keine Veranlassung
vorlag. Sie wusste, was in einem reichen und auf Repräsentation gestellten Hause
brauchbare Dienstleute bedeuten, und so wurde denn alles, was sich nach dieser
Seite hin nur irgendwie bewährte, durch hohen Lohn und gute Behandlung
festgehalten. Alles ging in Folge davon wie am Schnürchen, auch heute wieder,
und ein Blick Jennys regierte das Ganze, wobei das untergeschobene Luftkissen,
das ihr eine dominierende Stellung gab, ihr nicht wenig zustatten kam. In ihrem
Sicherheitsgefühl war sie zugleich die Liebenswürdigkeit selbst. Ohne Furcht,
wirtschaftlich irgend etwas ins Stocken kommen zu sehen, konnte sie sich
selbstverständlich auch den Pflichten einer gefälligen Unterhaltung widmen, und
weil sie's störend empfinden mochte - den ersten Begrüssungsmoment abgerechnet -,
zu keinem einzigen intimeren Gesprächsworte mit den adligen Damen gekommen zu
sein, so wandte sie sich jetzt über den Tisch hin an die Bomst und fragte voll
anscheinender oder vielleicht auch voll wirklicher Teilnahme: »Haben Sie, mein
gnädigstes Fräulein, neuerdings etwas von Prinzess Anisettchen gehört? Ich habe
mich immer für diese junge Prinzessin lebhaft interessiert, ja, für die ganze
Linie des Hauses. Sie soll glücklich verheiratet sein. Ich höre so gern von
glücklichen Ehen, namentlich in der Obersphäre der Gesellschaft, und ich möchte
dabei bemerken dürfen, es scheint mir eine törichte Annahme, dass auf den Höhen
der Menschheit das Eheglück ausgeschlossen sein solle.«
    »Gewiss«, unterbrach hier Treibel übermütig, »ein solcher Verzicht auf das
denkbar Höchste...«
    »Lieber Treibel«, fuhr die Rätin fort, »ich richtete mich an das Fräulein
von Bomst, das, bei jedem schuldigen Respekt vor deiner sonstigen
Allgemeinkenntnis, mir in allem, was Hof angeht, doch um ein erhebliches
kompetenter ist als du.«
    »Zweifellos«, sagte Treibel. Und die Bomst, die dies eheliche Intermezzo mit
einem sichtlichen Behagen begleitet hatte, nahm nun ihrerseits das Wort und
erzählte von der Prinzessin, die ganz die Grossmutter sei, denselben Teint und
vor allem dieselbe gute Laune habe. Das wisse, soviel dürfe sie wohl sagen,
niemand besser als sie, denn sie habe noch des Vorzugs genossen, unter den Augen
der Hochseligen, die eigentlich ein Engel gewesen, ihr Leben bei Hofe beginnen
zu dürfen, bei welcher Gelegenheit sie so recht die Wahrheit begriffen habe, dass
die Natürlichkeit nicht nur das Beste, sondern auch das Vornehmste sei.
    »Ja«, sagte Treibel, »das Beste und das Vornehmste. Da hörst du's, Jenny,
von einer Seite her, die du, Pardon, mein gnädigstes Fräulein, eben selbst als
kompetenteste Seite bezeichnet hast.«
    Auch die Ziegenhals mischte sich jetzt mit ein, und das Gesprächsinteresse
der Kommerzienrätin, die, wie jede geborene Berlinerin, für Hof und
Prinzessinnen schwärmte, schien sich mehr und mehr ihren beiden Visavis zuwenden
zu wollen, als plötzlich ein leises Augenzwinkern Treibels ihr zu verstehen gab,
dass auch noch andere Personen zu Tische sässen und dass es des Landes der Brauch
sei, sich, was Gespräch angehe, mehr mit seinem Nachbar zur Linken und Rechten
als mit seinem Gegenüber zu beschäftigen. Die Kommerzienrätin erschrak denn auch
nicht wenig, als sie wahrnahm, wie sehr Treibel mit seinem stillen, wenn auch
halb scherzhaften Vorwurf im Rechte sei. Sie hatte Versäumtes nachholen wollen
und war dadurch in eine neue, schwerere Versäumnis hineingeraten. Ihr linker
Nachbar, Krola - nun, das mochte gehen, der war Hausfreund und harmlos und
nachsichtig von Natur. Aber Vogelsang! Es kam ihr mit einem Male zum Bewusstsein,
dass sie während des Prinzessinnengesprächs von der rechten Seite her immer etwas
wie einen sich einbohrenden Blick empfunden hatte. Ja, das war Vogelsang
gewesen, Vogelsang, dieser furchtbare Mensch, dieser Mephisto mit Hahnenfeder
und Hinkefuss, wenn auch beides nicht recht zu sehen war. Er war ihr widerwärtig,
und doch musste sie mit ihm sprechen; es war die höchste Zeit.
    »Ich habe, Herr Lieutenant, von Ihren beabsichtigten Reisen in unsere liebe
Mark Brandenburg gehört; Sie wollen bis an die Gestade der Wendischen Spree
vordringen, ja, noch darüber hinaus. Eine höchst interessante Gegend, wie mir
Treibel sagt, mit allerlei Wendengöttern, die sich, bis diesen Tag, in dem
finsteren Geiste der Bevölkerung aussprechen sollen.«
    »Nicht dass ich wüsste, meine Gnädigste.«
    »So zum Beispiel in dem Städtchen Storkow, dessen Burgemeister, wenn ich
recht unterrichtet bin, der Burgemeister Tschech war, jener politische
Rechtsfanatiker, der auf König Friedrich Wilhelm IV. schoss, ohne Rücksicht auf
die nebenstehende Königin. Es ist eine lange Zeit, aber ich entsinne mich der
Einzelheiten, als ob es gestern gewesen wäre, und entsinne mich auch noch des
eigentümlichen Liedes, das damals auf diesen Vorfall gedichtet wurde.«
    »Ja«, sagte Vogelsang, »ein erbärmlicher Gassenhauer, darin ganz der frivole
Geist spukte, der die Lyrik jener Tage beherrschte. Was sich anders in dieser
Lyrik gibt, ganz besonders auch in dem in Rede stehenden Gedicht, ist nur
Schein, Lug und Trug. Er erschoss uns auf ein Haar unser teures Königspaar. Da
haben Sie die ganze Perfidie. Das sollte loyal klingen und unter Umständen
vielleicht auch den Rückzug decken, ist aber schnöder und schändlicher als
alles, was jene verlogene Zeit sonst noch hervorgebracht hat, den grossen
Hauptsünder auf diesem Gebiete nicht ausgenommen. Ich meine natürlich Herwegh,
George Herwegh.«
    »Ach, da treffen Sie mich, Herr Lieutenant, wenn auch ungewollt, an einer
sehr empfindlichen Stelle. Herwegh war nämlich in der Mitte der vierziger Jahre,
wo ich eingesegnet wurde, mein Lieblingsdichter. Es entzückte mich, weil ich
immer sehr protestantisch fühlte, wenn er seine Flüche gegen Rom
herbeischleppte, worin Sie mir vielleicht beistimmen werden. Und ein anderes
Gedicht, worin er uns aufforderte, die Kreuze aus der Erde zu reissen, las ich
beinah mit gleichem Vergnügen. Ich muss freilich einräumen, dass es keine Lektüre
für eine Konfirmandin war. Aber meine Mutter sagte: Lies es nur, Jenny; der
König hat es auch gelesen, und Herwegh war sogar bei ihm in Charlottenburg, und
die besseren Klassen lesen es alle. Meine Mutter, wofür ich ihr noch im Grabe
danke, war immer für die besseren Klassen. Und das sollte jede Mutter, denn es
ist bestimmend für unseren Lebensweg. Das Niedere kann dann nicht heran und
bleibt hinter uns zurück.«
    Vogelsang zog die Augenbrauen zusammen, und jeder, den die Vorstellung von
seiner Mephistophelesschaft bis dahin nur gestreift hatte, hätte bei diesem
Mienenspiel unwillkürlich nach dem Hinkefuss suchen müssen. Die Kommerzienrätin
aber fuhr fort: »Im übrigen wird mir das Zugeständnis nicht schwer, dass die
patriotischen Grundsätze, die der grosse Dichter predigte, vielleicht sehr
anfechtbar waren. Wiewohl auch das nicht immer das Richtige ist, was auf der
grossen Strasse liegt...«
    Vogelsang, der stolz darauf war, durchaus eine Nebenstrasse zu wandeln,
nickte jetzt zustimmend.
    »... Aber lassen wir die Politik, Herr Lieutenant. Ich gebe Ihnen Herwegh
als politischen Dichter preis, da das Politische nur ein Tropfen fremden Blutes
in seinen Adern war. Indessen gross ist er, wo er nur Dichter ist. Erinnern Sie
sich? Ich möchte hingehn wie das Abendrot und wie der Tag mit seinen letzten
Gluten...«
    »... Mich in den Schoss des Ewigen verbluten... Ja, das kenn ich, meine
Gnädigste, das hab ich damals auch nachgebetet. Aber wer sich, als es galt,
durchaus nicht verbluten wollte, das war der Herr Dichter selbst. Und so wird es
immer sein. Das kommt von den hohlen, leeren Worten und der Reimsucherei.
Glauben Sie mir, Frau Rätin, das sind überwundene Standpunkte. Der Prosa gehört
die Welt.«
    »Jeder nach seinem Geschmack, Herr Lieutenant Vogelsang«, sagte die durch
diese Worte tief verletzte Jenny. »Wenn Sie Prosa vorziehen, so kann ich Sie
daran nicht hindern. Aber mir gilt die poetische Welt, und vor allem gelten mir
auch die Formen, in denen das Poetische herkömmlich seinen Ausdruck findet. Ihm
allein verlohnt es sich zu leben. Alles ist nichtig; am nichtigsten aber ist
das, wonach alle Welt so begehrlich drängt: äusserlicher Besitz, Vermögen, Gold.
Gold ist nur Chimäre, da haben Sie den Ausspruch eines grossen Mannes und
Künstlers, der, seinen Glücksgütern nach, ich spreche von Meierbeer, wohl in der
Lage war, zwischen dem Ewigen und Vergänglichen unterscheiden zu können. Ich für
meine Person verbleibe dem Ideal und werde nie darauf verzichten. Am reinsten
aber hab ich das Ideal im Liede, vor allem in dem Liede, das gesungen wird. Denn
die Musik hebt es noch in eine höhere Sphäre. Habe ich recht, lieber Krola?«
    Krola lächelte gutmütig verlegen vor sich hin, denn als Tenor und Millionär
sass er zwischen zwei Stühlen. Endlich aber nahm er seiner Freundin Hand und
sagte: »Jenny, wann hätten Sie je nicht recht gehabt?«
    Der Kommerzienrat hatte sich mittlerweile ganz der Majorin von Ziegenhals
zugewandt, deren »Hoftage« noch etwas weiter zurücklagen als die der Bomst. Ihm,
Treibel, war dies natürlich gleichgültig; denn sosehr ihm ein gewisser Glanz
passte, den das Erscheinen der Hofdamen, trotz ihrer Ausserdienststellung, seiner
Gesellschaft immer noch lieh, so stand er doch auch wieder völlig darüber, ein
Standpunkt, den ihm die beiden Damen selbst eher zum Guten als zum Schlechten
anrechneten. Namentlich die den Freuden der Tafel überaus zugeneigte Ziegenhals
nahm ihrem kommerzienrätlichen Freunde nichts übel, am wenigsten aber verdross es
sie, wenn er, ausser Adels- und Geburtsfragen, allerlei Sittlichkeitsprobleme
streifte, zu deren Lösung er sich, als geborener Berliner, besonders berufen
fühlte. Die Majorin gab ihm dann einen Tipp mit dem Finger und flüsterte ihm
etwas zu, das vierzig Jahre früher bedenklich gewesen wäre, jetzt aber - beide
renommierten beständig mit ihrem Alter - nur Heiterkeit weckte. Meist waren es
harmlose Sentenzen aus Büchmann oder andere geflügelte Worte, denen erst der
Ton, aber dieser oft sehr entschieden, den erotischen Charakter aufdrückte.
    »Sagen Sie, cher Treibel«, hob die Ziegenhals an, »wie kommen Sie zu dem
Gespenst da drüben; er scheint noch ein Vorachtundvierziger; das war damals die
Epoche des sonderbaren Lieutenants, aber dieser übertreibt es. Karikatur durch
und durch. Entsinnen Sie sich noch eines Bildes aus jener Zeit, das den Don
Quixote mit einer langen Lanze darstellte, dicke Bücher rings um sich her. Das
ist er, wie er leibt und lebt.«
    Treibel fuhr mit dem linken Zeigefinger am Innenrand seiner Krawatte hin und
her und sagte: »Ja, wie ich zu ihm komme, meine Gnädigste. Nun, jedenfalls mehr
der Not gehorchend als dem eigenen Triebe. Seine gesellschaftlichen Meriten sind
wohl eigentlich gering, und seine menschlichen werden dasselbe Niveau haben.
Aber er ist ein Politiker.«
    »Das ist unmöglich. Er kann doch nur als Warnungsschatten vor den Prinzipien
stehen, die das Unglück haben, von ihm vertreten zu werden. Überhaupt,
Kommerzienrat, warum verirren Sie sich in die Politik? Was ist die Folge? Sie
verderben sich Ihren guten Charakter, Ihre guten Sitten und Ihre gute
Gesellschaft. Ich höre, dass Sie für Teupitz-Zossen kandidieren wollen. Nun
meinetwegen. Aber wozu? Lassen Sie doch die Dinge gehen. Sie haben eine
charmante Frau, gefühlvoll und hochpoetisch, und haben eine Villa wie diese,
darin wir eben ein Ragout fin einnehmen, das seinesgleichen sucht, und haben
draussen im Garten einen Springbrunnen und einen Kakadu, um den ich Sie beneiden
könnte, denn meiner, ein grüner, verliert gerade die Federn und sieht aus wie
die schlechte Zeit. Was wollen Sie mit Politik? was wollen Sie mit
Teupitz-Zossen? Ja mehr, um Ihnen einen Vollbeweis meiner Vorurteilslosigkeit zu
geben, was wollen Sie mit Konservatismus? Sie sind ein Industrieller und wohnen
in der Köpnicker Strasse. Lassen Sie doch diese Gegend ruhig bei Singer oder
Ludwig Loewe, oder wer sonst hier gerade das Prä hat. Jeder Lebensstellung
entsprechen auch bestimmte politische Grundsätze. Rittergutsbesitzer sind
agrarisch, Professoren sind nationale Mittelpartei, und Industrielle sind
fortschrittlich. Seien Sie doch Fortschrittler. Was wollen Sie mit dem
Kronenorden? Ich, wenn ich an Ihrer Stelle wäre, lancierte mich ins Städtische
hinein und ränge nach der Bürgerkrone.«
    Treibel, sonst unruhig, wenn einer lange sprach - was er nur sich selbst
ausgiebig gestattete -, war diesmal doch aufmerksam gefolgt und winkte zunächst
einen Diener heran, um der Majorin ein zweites Glas Chablis zu präsentieren. Sie
nahm auch, er mit, und nun stiess er mit ihr an und sagte: »Auf gute Freundschaft
und noch zehn Jahre so wie heut! Aber das mit dem Fortschrittlertum und der
Bürgerkrone - was ist da zu sagen, meine Gnädigste! Sie wissen, unsereins
rechnet und rechnet und kommt aus der Regula-de-tri gar nicht mehr heraus, aus
dem alten Ansatze: wenn das und das soviel bringt, wieviel bringt das und das.
Und sehen Sie, Freundin und Gönnerin, nach demselben Ansatz hab ich mir auch den
Fortschritt und den Konservatismus berechnet und bin dahintergekommen, dass mir
der Konservatismus, ich will nicht sagen mehr abwirft, das wäre vielleicht
falsch, aber besser zu mir passt, mir besser kleidet. Besonders seitdem ich
Kommerzienrat bin, ein Titel von fragmentarischem Charakter, der doch natürlich
seiner Vervollständigung entgegensieht.«
    »Ah, ich verstehe.«
    »Nun sehen Sie, l'appétit vient en mangeant, und wer A sagt, will auch B
sagen. Ausserdem aber, ich erkenne die Lebensaufgabe des Weisen vor allen Dingen
in Herstellung des sogenannten Harmonischen, und dies Harmonische, wie die Dinge
nun mal liegen, oder vielleicht kann ich auch sagen, wie die Zeichen nun mal
sprechen, schliesst in meinem Spezialfalle die fortschrittliche Bürgerkrone so
gut wie aus.«
    »Sagen Sie das im Ernste?«
    »Ja, meine Gnädigste. Fabriken im allgemeinen neigen der Bürgerkrone zu,
Fabriken im besonderen aber - und dahin gehört ausgesprochenermassen die meine -
konstatieren den Ausnahmefall. Ihr Blick fordert Beweise. Nun denn, ich will es
versuchen. Ich frage Sie, können Sie sich einen Handelsgärtner denken, der,
sagen wir auf der Lichtenberger oder Rummelsburger Gemarkung, Kornblumen im
grossen zieht, Kornblumen, dies Symbol königlich preussischer Gesinnung, und der
zugleich Petroleur und Dynamitarde ist? Sie schütteln den Kopf und bestätigen
dadurch mein Nein. Und nun frage ich Sie weiter, was sind alle Kornblumen der
Welt gegen eine Berliner-Blau-Fabrik? Im Berliner Blau haben Sie das symbolisch
Preussische sozusagen in höchster Potenz, und je sicherer und unanfechtbarer das
ist, desto unerlässlicher ist auch mein Verbleiben auf dem Boden des
Konservatismus. Der Ausbau des Kommerzienrätlichen bedeutet in meinem
Spezialfalle das natürlich Gegebene... jedenfalls mehr als die Bürgerkrone.«
    Die Ziegenhals schien überwunden und lachte, während Krola, der mit halbem
Ohr zugehört hatte, zustimmend nickte.
So ging das Gespräch in der Mitte der Tafel, aber noch heiterer verlief es am
unteren Ende derselben, wo sich die junge Frau Treibel und Corinna
gegenübersassen, die junge Frau zwischen Marcell Wedderkopp und dem Referendar
Enghaus, Corinna zwischen Mister Nelson und Leopold Treibel, dem jüngeren Sohne
des Hauses. An der Schmalseite des Tisches, mit dem Rücken gegen das breite
Gartenfenster, war das Gesellschaftsfräulein, Fräulein Honig, placiert worden,
deren herbe Züge sich wie ein Protest gegen ihren Namen ausnahmen. Je mehr sie
zu lächeln suchte, je sichtbarer wurde der sie verzehrende Neid, der sich nach
rechts hin gegen die hübsche Hamburgerin, nach links hin, in fast noch
ausgesprochenerer Weise, gegen Corinna richtete, diese halbe Kollegin, die sich
trotzdem mit einer Sicherheit benahm, als ob sie die Majorin von Ziegenhals oder
doch mindestens das Fräulein von Bomst gewesen wäre.
    Die junge Frau Treibel sah sehr gut aus, blond, klar, ruhig. Beide Nachbarn
machten ihr den Hof, Marcell freilich nur mit erkünsteltem Eifer, weil er
eigentlich Corinna beobachtete, die sich aus dem einen oder andern Grunde die
Eroberung des jungen Engländers vorgesetzt zu haben schien. Bei diesem Vorgehen
voll Koketterie sprach sie übrigens so lebhaft, so laut, als ob ihr daran läge,
dass jedes Wort auch von ihrer Umgebung und ganz besonders von ihrem Vetter
Marcell gehört werde.
    »Sie führen einen so schönen Namen«, wandte sie sich an Mister Nelson, »so
schön und berühmt, dass ich wohl fragen möchte, ob Ihnen nie das Verlangen
gekommen ist...?«
    »O yes, yes...«
    »... Sich der Fernambuk- und Campecheholzbranche, darin Sie, soviel ich
weiss, auch tätig sind, für immer zu entschlagen? Ich fühle deutlich, dass ich,
wenn ich Nelson hiesse, keine ruhige Stunde mehr haben würde, bis ich meine
Battle at the Nile ebenfalls geschlagen hätte. Sie kennen natürlich die
Einzelheiten der Schlacht...«
    »Oh, to be sure.«
    »Nun, da wär ich denn endlich - denn hierlandes weiss niemand etwas Rechtes
davon - an der richtigen Quelle. Sagen Sie, Mister Nelson, wie war das
eigentlich mit der Idee, der Anordnung zur Schlacht? Ich habe die Beschreibung
vor einiger Zeit im Walter Scott gelesen und war seitdem immer im Zweifel
darüber, was eigentlich den Ausschlag gegeben habe, ob mehr eine geniale
Disposition oder ein heroischer Mut...«
    »I should rater tink, a heroical courage... British oaks and British
hearts...«
    »Ich freue mich, diese Frage durch Sie beglichen zu sehen, und in einer
Weise, die meinen Sympatien entspricht. Denn ich bin für das Heroische, weil es
so selten ist. Aber ich möchte doch auch annehmen, dass das geniale Kommando...«
    »Certainly, Miss Corinna. No doubt... England expects tat every man will do
his duty...«
    »Ja, das waren herrliche Worte, von denen ich übrigens bis heute geglaubt
hatte, dass sie bei Trafalgar gesprochen seien. Aber warum nicht auch bei Abukir?
Etwas Gutes kann immer zweimal gesagt werden. Und dann... eigentlich ist eine
Schlacht wie die andere, besonders Seeschlachten - ein Knall, eine Feuersäule,
und alles geht in die Luft. Es muss übrigens grossartig sein und entzückend für
alle die, die zusehen können; ein wundervoller Anblick.«
    »O splendid...«
    »Ja, Leopold«, fuhr Corinna fort, indem sie sich plötzlich an ihren andern
Tischnachbar wandte, »da sitzen Sie nun und lächeln. Und warum lächeln Sie? Weil
Sie hinter diesem Lächeln Ihre Verlegenheit verbergen wollen. Sie haben eben
nicht jene heroical courage, zu der sich dear Mister Nelson so bedingungslos
bekannt hat. Ganz im Gegenteil. Sie haben sich aus Ihres Vaters Fabrik, die doch
in gewissem Sinne, wenn auch freilich nur geschäftlich, die Blut-und
Eisenteorie vertritt ja, es klang mir vorhin fast, als ob Ihr Papa der Frau
Majorin von Ziegenhals etwas von diesen Dingen erzählt hätte -, Sie haben sich,
sag ich, aus dem Blutlaugenhof, in dem Sie verbleiben mussten, in den Holzhof
Ihres Bruders Otto zurückgezogen. Das war nicht gut, auch wenn es Fernambukholz
ist. Da sehen Sie meinen Vetter Marcell drüben, der schwört jeden Tag, wenn er
mit seinen Hanteln umherficht, dass es auf das Reck und das Turnen ankomme, was
ihm ein für allemal die Heldenschaft bedeutet, und dass Vater Jahn doch
schliesslich noch über Nelson geht.«
    Marcell drohte halb ernst-, halb scherzhaft mit dem Finger zu Corinna
hinüber und sagte: »Cousine, vergiss nicht, dass der Repräsentant einer andern
Nation dir zur Seite sitzt und dass du die Pflicht hast, einigermassen für
deutsche Weiblichkeit einzutreten.«
    »Oh, no, no«, sagte Nelson. »Nichts Weiblichkeit; always quick and clever...
das is, was wir lieben an deutsche Frauen. Nichts Weiblichkeit. Fräulein Corinna
is quite in the right way.«
    »Da hast du's, Marcell. Mister Nelson, für den du so sorglich eintrittst,
damit er nicht falsche Bilder mit in sein meerumgürtetes Albion hinübernimmt,
Mister Nelson lässt dich im Stich, und Frau Treibel, denk ich, lässt dich auch im
Stich und Herr Enghaus auch und mein Freund Leopold auch. Und so bin ich gutes
Muts, und bleibt nur noch Fräulein Honig...«
    Diese verneigte sich und sagte: »Ich bin gewohnt, mit der Majorität zu
gehen«, und ihre ganze Verbitterteit lag in diesem Tone der Zustimmung.
    »Ich will mir meines Vetters Mahnung aber doch gesagt sein lassen«, fuhr
Corinna fort. »Ich bin etwas übermütig, Mister Nelson, und ausserdem aus einer
plauderhaften Familie...«
    »Just what I like, Miss Corinna. Plauderhafte Leute, gute Leute, so sagen
wir in England.«
    »Und das sag ich auch, Mister Nelson. Können Sie sich einen immer
plaudernden Verbrecher denken?«
    »Oh, no; certainly not...«
    »Und zum Zeichen, dass ich, trotz ewigen Schwatzens, doch eine weibliche
Natur und eine richtige Deutsche bin, soll Mister Nelson von mir hören, dass ich
auch noch nebenher kochen, nähen und plätten kann und dass ich im Lette-Verein
die Kunststopferei gelernt habe. Ja, Mister Nelson, so steht es mit mir. Ich bin
ganz deutsch und ganz weiblich, und bleibt eigentlich nur noch die Frage: kennen
Sie den Lette-Verein und kennen Sie die Kunststopferei?«
    »No, Fräulein Corinna, neiter the one nor the oter.«
    »Nun sehen Sie, dear Mister Nelson, der Lette-Verein ist ein Verein oder ein
Institut oder eine Schule für weibliche Handarbeit. Ich glaube sogar nach
englischem Muster, was noch ein besonderer Vorzug wäre.«
    »Not at all; German schools are always to be preferred.«
    »Wer weiss, ich möchte das nicht so schroff hinstellen. Aber lassen wir das,
um uns mit dem weit Wichtigeren zu beschäftigen, mit der Kunststopfereifrage.
Das ist wirklich was. Bitte, wollen Sie zunächst das Wort nachsprechen...«
    Mister Nelson lächelte gutmütig vor sich hin.
    »Nun, ich sehe, dass es Ihnen Schwierigkeiten macht. Aber diese
Schwierigkeiten sind nichts gegen die der Kunststopferei selbst. Sehen Sie, hier
ist mein Freund Leopold Treibel und trägt, wie Sie sehen, einen untadeligen Rock
mit einer doppelten Knopfreihe, und auch wirklich zugeknöpft, ganz wie es sich
für einen Gentleman und einen Berliner Kommerzienratssohn geziemt. Und ich
taxiere den Rock auf wenigstens hundert Mark.«
    »Überschätzung.«
    »Wer weiss. Du vergisst, Marcell, dass es verschiedene Skalen auch auf diesem
Gebiete gibt, eine für Oberlehrer und eine für Kommerzienräte. Doch lassen wir
die Preisfrage. Jedenfalls ein feiner Rock, prima. Und nun, wenn wir aufstehen,
Mister Nelson, und die Zigarren herumgereicht werden - ich denke, Sie rauchen
doch -, werde ich Sie um Ihre Zigarre bitten und meinem Freunde Leopold Treibel
ein Loch in den Rock brennen, hier gerade, wo sein Herz sitzt, und dann werd ich
den Rock in einer Droschke mit nach Hause nehmen, und morgen um dieselbe Zeit
wollen wir uns hier im Garten wieder versammeln und um das Bassin herum Stühle
stellen, wie bei einer Aufführung. Und der Kakadu kann auch dabeisein. Und dann
werd ich auftreten wie eine Künstlerin, die ich in der Tat auch bin, und werde
den Rock herumgehen lassen, und wenn Sie, dear Mister Nelson, dann noch imstande
sind, die Stelle zu finden, wo das Loch war, so will ich Ihnen einen Kuss geben
und Ihnen als Sklavin nach Liverpool hin folgen. Aber es wird nicht dazu kommen.
Soll ich sagen leider? Ich habe zwei Medaillen als Kunststopferin gewonnen, und
Sie werden die Stelle sicherlich nicht finden...«
    »Oh, ich werde finden, no doubt, I will find it«, entgegnete Mister Nelson
leuchtenden Auges, und weil er seiner immer wachsenden Bewunderung, passend oder
nicht, einen Ausdruck geben wollte, schloss er mit einem in kurzen Ausrufungen
gehaltenen Hymnus auf die Berlinerinnen und der sich daran anschliessenden und
mehrfach wiederholten Versicherung, dass sie decidedly clever seien.
    Leopold und der Referendar vereinigten sich mit ihm in diesem Lob, und
selbst Fräulein Honig lächelte, weil sie sich als Landsmännin mitgeschmeichelt
fühlen mochte. Nur im Auge der jungen Frau Treibel sprach sich eine leise
Verstimmung darüber aus, eine Berlinerin und kleine Professorstochter in dieser
Weise gefeiert zu sehen. Auch Vetter Marcell, sosehr er zustimmte, war nicht
recht zufrieden, weil er davon ausging, dass seine Cousine ein solches Hasten und
Sich-in-Szene-Setzen nicht nötig habe; sie war ihm zu schade für die Rolle, die
sie spielte. Corinna ihrerseits sah auch ganz deutlich, was in ihm vorging, und
würde sich ein Vergnügen daraus gemacht haben, ihn zu necken, wenn nicht in eben
diesem Momente - das Eis wurde schon herumgereicht - der Kommerzienrat an das
Glas geklopft und sich, um einen Toast auszubringen, von seinem Platz erhoben
hätte: »Meine Herren und Damen, Ladies and Gentlemen. ..«
    »Ah, das gilt Ihnen«, flüsterte Corinna Mister Nelson zu.
    »... Ich bin«, fuhr Treibel fort, »an dem Hammelrücken vorübergegangen und
habe diese verhältnismässig späte Stunde für einen meinerseits auszubringenden
Toast herankommen lassen - eine Neuerung, die mich in diesem Augenblicke
freilich vor die Frage stellt, ob der Schmelzezustand eines rot und weissen
Panaché nicht noch etwas Vermeidenswerteres ist als der Hammelrücken im Zustande
der Erstarrung...«
    »Oh, wonderfully good...«
    »...Wie dem aber auch sein möge, jedenfalls gibt es zur Zeit nur ein Mittel,
ein vielleicht schon angerichtetes Übel auf ein Mindestmass herabzudrücken:
Kürze. Genehmigen Sie denn, meine Herrschaften, in Ihrer Gesamteit meinen Dank
für Ihr Erscheinen, und gestatten Sie mir des ferneren und im besonderen
Hinblick auf zwei liebe Gäste, die hier zu sehen ich heute zum ersten Male die
Ehre habe, meinen Toast in die britischerseits nahezu geheiligte Formel kleiden
zu dürfen: on our army and navy, auf Heer und Flotte also, die wir das Glück
haben hier an dieser Tafel, einerseits« (er verbeugte sich gegen Vogelsang)
»durch Beruf und Lebensstellung, andererseits« (Verbeugung gegen Nelson) »durch
einen weltberühmten Heldennamen vertreten zu sehen. Noch einmal also: Our army
and navy! Es lebe Lieutenant Vogelsang, es lebe Mister Nelson.«
    Der Toast fand allseitige Zustimmung, und der in eine nervöse Unruhe
geratene Mister Nelson wollte sofort das Wort nehmen, um zu danken. Aber Corinna
hielt ihn ab, Vogelsang sei der ältere und würde vielleicht den Dank für ihn mit
aussprechen.
    »Oh, no, no, Fräulein Corinna, not he... not such an ugly old fellow...,
please, look at him«, und der zapplige Heldennamensvetter machte wiederholte
Versuche, sich von seinem Platze zu erheben und zu sprechen. Aber Vogelsang kam
ihm wirklich zuvor, und nachdem er den Bart mit der Serviette geputzt und in
nervöser Unruhe seinen Waffenrock erst auf- und dann wieder zugeknöpft hatte,
begann er mit einer an Komik streifenden Würde: »Meine Herren. Unser
liebenswürdiger Wirt hat die Armee leben lassen und mit der Armee meinen Namen
verknüpft. Ja, meine Herren, ich bin Soldat...«
    »Oh, for shame!« brummte der über das wiederholte »meine Herren« und das
gleichzeitige Unterschlagen aller anwesenden Damen aufrichtig empörte Mister
Nelson, »oh, for shame«, und ein Kichern liess sich allerseits hören, das auch
anhielt, bis des Redners immer finsterer werdendes Augenrollen eine wahre
Kirchenstille wiederhergestellt hatte. Dann erst fuhr dieser fort: »Ja, meine
Herren, ich bin Soldat... Aber mehr als das, ich bin auch Streiter im Dienst
einer Idee. Zwei grosse Mächte sind es, denen ich diene: Volkstum und Königtum.
Alles andere stört, schädigt, verwirrt. Englands Aristokratie, die mir, von
meinem Prinzip ganz abgesehen, auch persönlich widerstreitet, veranschaulicht
eine solche Schädigung, eine solche Verwirrung; ich verabscheue Zwischenstufen
und überhaupt die feudale Pyramide. Das sind Mittelalterlichkeiten. Ich erkenne
mein Ideal in einem Plateau, mit einem einzigen, aber alles überragenden Pic.«
    Die Ziegenhals wechselte hier Blicke mit Treibel.
    »... Alles sei von Volkesgnaden, bis zu der Stelle hinauf, wo die
Gottesgnadenschaft beginnt. dabei streng geschiedene Machtbefugnisse. Das
Gewöhnliche, das Massenhafte, werde bestimmt durch die Masse, das Ungewöhnliche,
das Grosse, werde bestimmt durch das Grosse. Das ist Tron und Krone. Meiner
politischen Erkenntnis nach ruht alles Heil, alle Besserungsmöglichkeit in der
Aufrichtung einer Royaldemokratie, zu der sich, soviel ich weiss, auch unser
Kommerzienrat bekennt. Und in diesem Gefühle, darin wir uns eins wissen, erhebe
ich das Glas und bitte Sie, mit mir auf das Wohl unseres hochverehrten Wirtes zu
trinken, zugleich unseres Gonfaloniere, der uns die Fahne trägt. Unser
Kommerzienrat Treibel, er lebe hoch!«
    Alles erhob sich, um mit Vogelsang anzustossen und ihn als Erfinder der
Royaldemokratie zu beglückwünschen. Einige konnten als aufrichtig entzückt
gelten, besonders das Wort »Gonfaloniere« schien gewirkt zu haben, andere
lachten still in sich hinein, und nur drei waren direkt unzufrieden: Treibel,
weil er sich von den eben entwickelten Vogelsangschen Prinzipien praktisch nicht
viel versprach, die Kommerzienrätin, weil ihr das Ganze nicht fein genug vorkam,
und drittens Mister Nelson, weil er sich aus dem gegen die englische
Aristokratie gerichteten Satze Vogelsangs einen neuen Hass gegen eben diesen
gesogen hatte. »Stuff and nonsense! What does he know of our aristocracy? To be
sure, he does'nt belong to it; - tat's all.«
    »Ich weiss doch nicht«, lachte Corinna. »Hat er nicht was von einem Peer of
the realm?«
    Nelson vergass über dieser Vorstellung beinahe all seinen Groll und bot
Corinna, während er eine Knackmandel von einem der Tafelaufsätze nahm, eben ein
Vielliebchen an, als die Kommerzienrätin den Stuhl schob und dadurch das Zeichen
zur Aufhebung der Tafel gab. Die Flügeltüren öffneten sich, und in derselben
Reihenfolge, wie man zu Tisch gegangen war, schritt man wieder auf den
mittlerweile gelüfteten Frontsaal zu, wo die Herren, Treibel an der Spitze, den
älteren und auch einigen jüngeren Damen respektvoll die Hand küssten.
    Nur Mister Nelson verzichtete darauf, weil er die Kommerzienrätin »a little
pompous« und die beiden Hofdamen »a little ridiculous« fand, und begnügte sich,
an Corinna herantretend, mit einem kräftigen »shaking hands«.
 
                                Viertes Kapitel
Die grosse Glastür, die zur Freitreppe führte, stand auf; dennoch war es schwül,
und so zog man es vor, den Kaffee draussen zu nehmen, die einen auf der Veranda,
die andern im Vorgarten selbst, wobei sich die Tischnachbarn in kleinen Gruppen
wieder zusammenfanden und weiterplauderten. Nur als sich die beiden adligen
Damen von der Gesellschaft verabschiedeten, unterbrach man sich in diesem mit
Medisance reichlich gewürzten Gespräch und sah eine kleine Weile dem Landauer
nach, der, die Köpnicker Strasse hinauf, erst auf die Frau von Ziegenhalssche
Wohnung, in unmittelbarer Nähe der Marschallsbrücke, dann aber auf
Charlottenburg zufuhr, wo die seit fünfunddreissig Jahren in einem Seitenflügel
des Schlosses einquartierte Bomst ihr Lebensglück und zugleich ihren besten
Stolz aus der Betrachtung zog, in erster Zeit mit des hochseligen Königs
Majestät, dann mit der Königinwitwe und zuletzt mit den Meiningenschen
Herrschaften dieselbe Luft geatmet zu haben. Es gab ihr all das etwas
Verklärtes, was auch zu ihrer Figur passte.
    Treibel, der die Damen bis an den Wagenschlag begleitet, hatte mittlerweile,
vom Strassendamm her, die Veranda wieder erreicht, wo Vogelsang, etwas verlassen,
aber mit uneingebüsster Würde, seinen Platz behautete. »Nun ein Wort unter uns,
Lieutenant, aber nicht hier; ich denke, wir absentieren uns einen Augenblick und
rauchen ein Blatt, das nicht alle Tage wächst, und namentlich nicht überall.«
dabei nahm er Vogelsang unter den Arm und führte den Gerngehorchenden in sein
neben dem Saale gelegenes Arbeitszimmer, wo der geschulte, diesen
Lieblingsmoment im Dinerleben seines Herrn von langher kennende Diener bereits
alles zurechtgestellt hatte: das Zigarrenkistchen, den Liqueurkasten und die
Karaffe mit Eiswasser. Die gute Schulung des Dieners beschränkte sich aber nicht
auf diese Vorarrangements, vielmehr stand er im selben Augenblick, wo beide
Herren ihre Plätze genommen hatten, auch schon mit dem Tablett vor ihnen und
präsentierte den Kaffee.
    »Das ist recht, Friedrich, auch der Aufbau hier, alles zu meiner
Zufriedenheit; aber gib doch lieber die andere Kiste her, die flache. Und dann
sage meinem Sohn Otto, ich liesse ihn bitten... Ihnen doch recht, Vogelsang? Oder
wenn du Otto nicht triffst, so bitte den Polizeiassessor, ja, lieber den, er
weiss doch besser Bescheid. Sonderbar, alles, was in der Molkenmarktluft
grossgeworden, ist dem Rest der Menschheit um ein beträchtliches überlegen. Und
dieser Goldammer hat nun gar noch den Vorteil, ein richtiger Pastorssohn zu
sein, was all seinen Geschichten einen eigentümlich pikanten Beigeschmack gibt.«
Und dabei klappte Treibel den Kasten auf und sagte: »Cognac oder Allasch? Oder
das eine tun und das andere nicht lassen?«
    Vogelsang lächelte, schob den Zigarrenabknipser ziemlich demonstrativ
beiseite und biss die Spitze mit seinen Raffzähnen ab. Dann griff er nach einem
Streichhölzchen. Im übrigen schien er abwarten zu wollen, womit Treibel beginnen
würde. Der liess denn auch nicht lange warten: »Eh bien, Vogelsang, wie gefielen
Ihnen die beiden alten Damen? Etwas Feines, nicht wahr? Besonders die Bomst.
Meine Frau würde sagen: äterisch. Nun, durchsichtig genug ist sie. Aber offen
gestanden, die Ziegenhals ist mir lieber, drall und prall, kapitales Weib, und
muss ihrerzeit ein geradezu formidables Festungsviereck gewesen sein. Rasse,
Temperament, und wenn ich recht gehört habe, so pendelt ihre Vergangenheit
zwischen verschiedenen kleinen Höfen hin und her. Lady Milford, aber weniger
sentimental. Alles natürlich alte Geschichten, alles beglichen, man könnte
beinahe sagen, schade. Den Sommer über ist sie jetzt regelmässig bei den
Kraczinskis, in der Zossener Gegend; weiss der Teufel, wo seit kurzem all die
polnischen Namen herkommen. Aber schliesslich ist es gleichgültig. Was meinen
Sie, wenn ich die Ziegenhals, in Anbetracht dieser Kraczinskischen
Bekanntschaft, unsern Zwecken dienstbar zu machen suchte?«
    »Kann zu nichts führen.«
    »Warum nicht? Sie vertritt einen richtigen Standpunkt.«
    »Ich würde mindestens sagen müssen, einen nicht richtigen.«
    »Wieso?«
    »Sie vertritt einen durchaus beschränkten Standpunkt, und wenn ich das Wort
wähle, so bin ich noch ritterlich. Übrigens wird mit diesem ritterlich ein
wachsender und geradezu horrender Missbrauch getrieben; ich glaube nämlich nicht,
dass unsere Ritter sehr ritterlich, das heisst ritterlich im Sinne von artig und
verbindlich, gewesen sind. Alles bloss historische Fälschungen. Und was diese
Ziegenhals angeht, die wir uns, wie Sie sagen, dienstbar machen sollen, so
vertritt sie natürlich den Standpunkt des Feudalismus, den der Pyramide. Dass sie
zum Hofe steht, ist gut und ist das, was sie mit uns verbindet; aber das ist
nicht genug. Personen wie diese Majorin und selbstverständlich auch ihr adliger
Anhang, gleichviel ob er polnischen oder deutschen Ursprungs ist - alle leben
mehr oder weniger in einem Wust von Einbildungen, will sagen von
mittelalterlichen Standesvorurteilen, und das schliesst ein Zusammengehen aus,
trotzdem wir die Königsfahne mit ihnen gemeinsam haben. Aber diese Gemeinsamkeit
frommt nicht, schadet uns nur. Wenn wir rufen: Es lebe der König, so geschieht
es, vollkommen selbstsuchtslos, um einem grossen Prinzip die Herrschaft zu
sichern; für mich bürge ich, und ich hoffe, dass ich es auch für Sie kann...«
    »Gewiss, Vogelsang, gewiss.«
    »Aber diese Ziegenhals - von der ich beiläufig fürchte, dass Sie nur zu sehr
recht haben mit der von Ihnen angedeuteten, wenn auch, Gott sei Dank, weit
zurückliegenden Auflehnung gegen Moral und gute Sitte -, diese Ziegenhals und
ihresgleichen, wenn die rufen: Es lebe der König, so heisst das immer nur, es
lebe der, der für uns sorgt, unser Nährvater; sie kennen nichts als ihren
Vorteil. Es ist ihnen versagt, in einer Idee aufzugehen, und sich auf Personen
stützen, die nur sich kennen, das heisst unsre Sache verloren geben. Unsre Sache
besteht nicht bloss darin, den fortschrittlichen Drachen zu bekämpfen, sie
besteht auch in der Bekämpfung des Vampir-Adels, der immer bloss saugt und saugt.
Weg mit der ganzen Interessenpolitik. In dem Zeichen absoluter Selbstlosigkeit
müssen wir siegen, und dazu brauchen wir das Volk, nicht das Quitzowtum, das
seit dem gleichnamigen Stücke wieder obenauf ist und das Heft in die Hände
nehmen möchte. Nein, Kommerzienrat, nichts von Pseudo-Konservatismus, kein
Königtum auf falscher Grundlage; das Königtum, wenn wir es konservieren wollen,
muss auf etwas Soliderem ruhen als auf einer Ziegenhals oder einer Bomst.«
    »Nun, hören Sie, Vogelsang, die Ziegenhals wenigstens ...«
    Und Treibel schien ernstlich gewillt, diesen Faden, der ihm passte,
weiterzuspinnen. Aber ehe er dazu kommen konnte, trat der Polizeiassessor vom
Salon her ein, die kleine Meissner Tasse noch in der Hand, und nahm zwischen
Treibel und Vogelsang Platz. Gleich nach ihm erschien auch Otto, vielleicht von
Friedrich benachrichtigt, vielleicht auch aus eignem Antriebe, weil er von
langer Zeit her die der Erotik zugewendeten Wege kannte, die Goldammer, bei
Liqueur und Zigarren, regelmässig und meist sehr rasch, so dass jede Versäumnis
sich strafte, zu wandeln pflegte.
    Der alte Treibel wusste dies selbstverständlich noch viel besser, hielt aber
ein auch seinerseits beschleunigtes Verfahren doch für angezeigt und hob deshalb
ohne weiteres an: »Und nun sagen Sie, Goldammer, was gibt es? Wie steht es mit
dem Lützowplatz? Wird die Panke zugeschüttet oder, was so ziemlich dasselbe
sagen will, wird die Friedrichsstrasse sittlich gereinigt? Offen gestanden, ich
fürchte, dass unsre pikanteste Verkehrsader nicht allzuviel dabei gewinnen wird;
sie wird um ein geringes moralischer und um ein beträchtliches langweiliger
werden. Da das Ohr meiner Frau bis hierher nicht trägt, so lässt sich dergleichen
allenfalls aufs Tapet bringen; im übrigen soll Ihnen meine gesamte Fragerei
keine Grenzen ziehen. Je freier, je besser. Ich habe lange genug gelebt, um zu
wissen, dass alles, was aus einem Polizeimunde kommt, immer Stoff ist, immer
frische Brise, freilich mitunter auch Scirocco, ja geradezu Samum. Sagen wir
Samum. Also was schwimmt obenauf?«
    »Eine neue Soubrette.«
    »Kapital. Sehen Sie, Goldammer, jede Kunstrichtung ist gut, weil jede das
Ideal im Auge hat. Und das Ideal ist die Hauptsache, soviel weiss ich nachgerade
von meiner Frau. Aber das Idealste bleibt doch immer eine Soubrette. Name?«
    »Grabillon. Zierliche Figur, etwas grosser Mund, Leberfleck.«
    »Um Gottes willen, Goldammer, das klingt ja wie ein Steckbrief. Übrigens
Leberfleck ist reizend; grosser Mund Geschmackssache. Und Protegé von wem?«
    Goldammer schwieg.
    »Ah, ich verstehe. Obersphäre. Je höher hinauf, je näher dem Ideal. Übrigens
da wir mal bei Obersphäre sind, wie steht es denn mit der Grussgeschichte? Hat er
wirklich nicht gegrüsst? Und ist es wahr, dass er, natürlich der Nichtgrüsser,
einen Urlaub hat antreten müssen? Es wäre eigentlich das Beste, weil es so
nebenher einer Absage gegen den ganzen Katolizismus gleichkäme, sozusagen zwei
Fliegen mit einer Klappe.«
    Goldammer, heimlicher Fortschrittler, aber offener Antikatolik, zuckte die
Achseln und sagte: »So gut steht es leider nicht und kann auch nicht. Die Macht
der Gegenströmung ist zu stark. Der, der den Gruss verweigerte, wenn Sie wollen
der Wilhelm Tell der Situation, hat zu gute Rückendeckung. Wo? Nun, das bleibt
in der Schwebe; gewisse Dinge darf man nicht bei Namen nennen, und ehe wir nicht
der bekannten Hydra den Kopf zertreten oder, was dasselbe sagen will, dem
altenfritzischen Écrasez l'infâme zum Siege verholfen haben...«
    In diesem Augenblicke hörte man nebenan singen, eine bekannte Komposition,
und Treibel, der eben eine neue Zigarre nehmen wollte, warf sie wieder in das
Kistchen zurück und sagte: »Meine Ruh ist hin... Und mit der Ihrigen, meine
Herren, steht es nicht viel besser. Ich glaube, wir müssen wieder bei den Damen
erscheinen, um an der Ära Adolar Krola teilzunehmen. Denn die beginnt jetzt.«
    Damit erhoben sich alle vier und kehrten unter Vortritt Treibels in den Saal
zurück, wo wirklich Krola am Flügel sass und seine drei Hauptstücke, mit denen er
rasch hintereinander aufzuräumen pflegte, vollkommen virtuos, aber mit einer
gewissen, absichtlichen Klapprigkeit zum besten gab. Es waren: »Der Erlkönig«,
»Herr Heinrich sass am Vogelherd« und »Die Glocken von Speier«. Diese letztere
Nummer, mit dem geheimnisvoll einfallenden Glockenbimbam, machte jedesmal den
grössten Eindruck und bestimmte selbst Treibel zu momentan ruhigem Zuhören. Er
sagte dann auch wohl mit einer gewissen höheren Miene: »Von Loewe, ex ungue
Leonem; das heisst von Karl Loewe, Ludwig komponiert nicht.«
    Viele von denen, die den Kaffee im Garten oder auf der Veranda genommen
hatten, waren, gleich als Krola begann, ebenfalls in den Saal getreten, um
zuzuhören, andere dagegen, die die drei Balladen schon von zwanzig Treibelschen
Diners her kannten, hatten es doch vorgezogen, im Freien zu bleiben und ihre
Gartenpromenade fortzusetzen, unter ihnen auch Mister Nelson, der, als ein
richtiger Vollblut-Engländer, musikalisch auf schwächsten Füssen stand und
rundheraus erklärte, das liebste sei ihm ein Nigger, mit einer Pauke zwischen
den Beinen: »I can't see, what it means; music is nonsense.« So ging er denn mit
Corinna auf und ab, Leopold an der anderen Seite, während Marcell mit der jungen
Frau Treibel in einiger Entfernung folgte, beide sich über Nelson und Leopold
halb ärgernd, halb erheiternd, die, wie schon bei Tische, von Corinna nicht los
konnten.
    Es war ein prächtiger Abend draussen, von der Schwüle, die drinnen herrschte,
keine Spur, und schräg über den hohen Pappeln, die den Hintergarten von den
Fabrikgebäuden abschnitten, stand die Mondsichel; der Kakadu sass ernst und
verstimmt auf seiner Stange, weil es versäumt worden war, ihn zu rechter Zeit in
seinen Käfig zurückzunehmen, und nur der Wasserstrahl stieg so lustig in die
Höhe wie zuvor.
    »Setzen wir uns«, sagte Corinna, »wir promenieren schon, ich weiss nicht wie
lange«, und dabei liess sie sich ohne weiteres auf den Rand der Fontaine nieder.
»Take a seat, Mister Nelson. Sehen Sie nur den Kakadu, wie bös er aussieht. Er
ist ärgerlich, dass sich keiner um ihn kümmert.«
    »To be sure, und sieht aus wie Lieutenant Sangevogel. Does'nt he?«
    »Wir nennen ihn für gewöhnlich Vogelsang. Aber ich habe nichts dagegen, ihn
umzutaufen. Helfen wird es freilich nicht viel.«
    »No, no, tere's no help for him; Vogelsang, ah, ein hässlicher Vogel, kein
Singevogel, no finch, no trussel.«
    »Nein, er ist bloss ein Kakadu, ganz wie Sie sagen.«
    Aber kaum dass dies Wort gesprochen war, so folgte nicht nur ein lautes
Kreischen von der Stange her, wie wenn der Kakadu gegen den Vergleich
protestieren wolle, sondern auch Corinna schrie laut auf, freilich nur, um im
selben Augenblicke wieder in ein helles Lachen auszubrechen, in das gleich
danach auch Leopold und Mister Nelson einstimmten. Ein plötzlich sich
aufmachender Windstoss hatte nämlich dem Wasserstrahl eine Richtung genau nach
der Stelle hin gegeben, wo sie sassen, und bei der Gelegenheit allesamt, den
Vogel auf seiner Stange mit eingeschlossen, mit einer Flut von Spritzwasser
überschüttet. Das gab nun ein Klopfen und Abschütteln, an dem auch der Kakadu
teilnahm, freilich ohne seinerseits seine Laune dabei zu verbessern.
    Drinnen hatte Krola mittlerweile sein Programm beendet und stand auf, um
andern Kräften den Platz einzuräumen. Es sei nichts misslicher als ein solches
Kunstmonopol; ausserdem dürfe man nicht vergessen, der Jugend gehöre die Welt.
dabei verbeugte er sich huldigend gegen einige junge Damen, in deren Familien er
ebenso verkehrte wie bei den Treibels. Die Kommerzienrätin ihrerseits aber
übertrug diese ganz allgemein gehaltene Huldigung gegen die Jugend in ein
bestimmteres Deutsch und forderte die beiden Fräulein Felgentreus auf, doch
einige der reizenden Sachen zu singen, die sie neulich, als Ministerialdirektor
Stoeckenius in ihrem Hause gewesen, so schön vorgetragen hätten; Freund Krola
werde gewiss die Güte haben, die Damen am Klavier zu begleiten. Krola, sehr
erfreut, einer gesanglichen Mehrforderung, die sonst die Regel war, entgangen zu
sein, drückte sofort seine Zustimmung aus und setzte sich an seinen eben erst
aufgegebenen Platz, ohne ein Ja oder Nein der beiden Felgentreus abzuwarten. Aus
seinem ganzen Wesen sprach eine Mischung von Wohlwollen und Ironie. Die Tage
seiner eignen Berühmteit lagen weit zurück, aber je weiter sie zurücklagen,
desto höher waren seine Kunstansprüche geworden, so dass es ihm, bei dem totalen
Unerfülltbleiben derselben, vollkommen gleichgültig erschien, was zum Vortrage
kam und wer das Wagnis wagte. Von Genuss konnte keine Rede für ihn sein, nur von
Amüsement, und weil er einen angeborenen Sinn für das Heitere hatte, durfte man
sagen, sein Vergnügen stand jedesmal dann auf der Höhe, wenn seine Freundin
Jenny Treibel, wie sie das liebte, durch Vortrag einiger Lieder den Schluss der
musikalischen Soiree machte. Das war aber noch weit im Felde, vorläufig waren
noch die beiden Felgentreus da, von denen denn auch die ältere Schwester, oder,
wie es zu Krolas jedesmaligem Gaudium hiess, »die weitaus talentvollere«, mit
»Bächlein, lass dein Rauschen sein« ohne weiteres einsetzte. Daran reihte sich:
»Ich schnitt es gern in alle Rinden ein«, was, als allgemeines Lieblingsstück,
zu der Kommerzienrätin grossem, wenn auch nicht geäusserten Verdruss von einigen
indiskreten Stimmen im Garten begleitet wurde. Dann folgte die Schlussnummer, ein
Duett aus »Figaros Hochzeit«. Alles war hingerissen, und Treibel sagte zu
Vogelsang: »er könne sich nicht erinnern, seit den Tagen der Milanollos, etwas
so Liebliches von Schwestern gesehen und gehört zu haben«, woran er die weitere,
allerdings unüberlegte Frage knüpfte, ob Vogelsang seinerseits sich noch der
Milanollos erinnern könne. »Nein«, sagte dieser barsch und peremptorisch. -
»Nun, dann bitt ich um Entschuldigung.«
    Eine Pause trat ein, und einige Wagen, darunter auch der Felgentreusche,
waren schon angefahren; trotzdem zögerte man noch mit dem Aufbruch, weil das
Fest immer noch seines Abschlusses entbehrte. Die Kommerzienrätin nämlich hatte
noch nicht gesungen, ja war unerhörterweise noch nicht einmal zum Vortrag eines
ihrer Lieder aufgefordert worden - ein Zustand der Dinge, der so rasch wie
möglich geändert werden musste. Dies erkannte niemand klarer als Adolar Krola,
der, den Polizeiassessor beiseite nehmend, ihm eindringlichst vorstellte, dass
durchaus etwas geschehen und das hinsichtlich Jennys Versäumte sofort nachgeholt
werden müsse. »Wird Jenny nicht aufgefordert, so seh ich die Treibelschen
Diners, oder wenigstens unsere Teilnahme daran, für alle Zukunft in Frage
gestellt, was doch schliesslich einen Verlust bedeuten würde...«
    »Dem wir unter allen Umständen vorzubeugen haben, verlassen Sie sich auf
mich.« Und die beiden Felgentreus an der Hand nehmend, schritt Goldammer, rasch
entschlossen, auf die Kommerzienrätin zu, um, wie er sich ausdrückte, als
erwählter Sprecher des Hauses, um ein Lied zu bitten. Die Kommerzienrätin, der
das Abgekartete der ganzen Sache nicht entgehen konnte, kam in ein Schwanken
zwischen Ärger und Wunsch: aber die Beredsamkeit des Antragstellers siegte doch
schliesslich; Krola nahm wieder seinen Platz ein, und einige Augenblicke später
erklang Jennys dünne, durchaus im Gegensatz zu ihrer sonstigen Fülle stehende
Stimme durch den Saal hin, und man vernahm die in diesem Kreise wohlbekannten
Liedesworte:
»Glück, von deinen tausend Losen
Eines nur erwähl ich mir,
Was soll Gold? Ich liebe Rosen
Und der Blumen schlichte Zier.
Und ich höre Waldesrauschen,
Und ich seh ein flatternd Band -
Aug in Auge Blicke tauschen,
Und ein Kuss auf deine Hand.
Geben nehmen, nehmen geben,
Und dein Haar umspielt der Wind,
Ach, nur das, nur das ist Leben,
Wo sich Herz zum Herzen findt.«
Es braucht nicht gesagt zu werden, dass ein rauschender Beifall folgte, woran
sich, von des alten Felgentreu Seite, die Bemerkung schloss, »die damaligen
Lieder« (er vermied eine bestimmte Zeitangabe) »wären doch schöner gewesen,
namentlich inniger«, eine Bemerkung, die von dem direkt zur Meinungsäusserung
aufgeforderten Krola schmunzelnd bestätigt wurde.
    Mister Nelson seinerseits hatte von der Veranda dem Vortrage zugehört und
sagte jetzt zu Corinna: »Wonderfully good. Oh, tese Germans, tei know
everyting... even such an old lady.«
    Corinna legte ihm den Finger auf den Mund.
    Kurze Zeit danach war alles fort, Haus und Park leer, und man hörte nur
noch, wie drinnen im Speisesaal geschäftige Hände den Ausziehtisch
zusammenschoben und wie draussen im Garten der Strahl des Springbrunnens
plätschernd ins Bassin fiel.
 
                                Fünftes Kapitel
Unter den letzten, die, den Vorgarten passierend, das kommerzienrätliche Haus
verliessen, waren Marcell und Corinna. Diese plauderte nach wie vor in
übermütiger Laune, was des Vetters mühsam zurückgehaltene Verstimmung nur noch
steigerte. Zuletzt schwiegen beide.
    So gingen sie schon fünf Minuten nebeneinander her, bis Corinna, die sehr
gut wusste, was in Marcells Seele vorging, das Gespräch wieder aufnahm. »Nun,
Freund, was gibt es?«
    »Nichts.«
    »Nichts?«
    »Oder, wozu soll ich es leugnen, ich bin verstimmt.«
    »Worüber?«
    »Über dich. Über dich, weil du kein Herz hast.«
    »Ich? Erst recht hab ich...«
    »Weil du kein Herz hast, sag ich, keinen Sinn für Familie, nicht einmal für
deinen Vater...«
    »Und nicht einmal für meinen Vetter Marcell...«
    »Nein, den lass aus dem Spiel, von dem ist nicht die Rede. Mir gegenüber
kannst du tun, was du willst. Aber dein Vater. Da lässt du nun heute den alten
Mann einsam und allein und kümmerst dich sozusagen um gar nichts. Ich glaube, du
weisst nicht einmal, ob er zu Haus ist oder nicht.«
    »Freilich ist er zu Haus. Er hat ja heut seinen Abend, und wenn auch nicht
alle kommen, etliche vom hohen Olymp werden wohl dasein.«
    »Und du gehst aus und überlässest alles der alten guten Schmolke?«
    »Weil ich es ihr überlassen kann. Du weisst das ja so gut wie ich; es geht
alles wie am Schnürchen, und in diesem Augenblick essen sie wahrscheinlich
Oderkrebse und trinken Mosel. Nicht Treibelschen, aber doch Professor
Schmidtschen, einen edlen Trarbacher, von dem Papa behauptet, er sei der einzige
reine Wein in Berlin. Bist du nun zufrieden?«
    »Nein.«
    »Dann fahre fort.«
    »Ach, Corinna, du nimmst alles so leicht und denkst, wenn du's leicht
nimmst, so hast du's aus der Welt geschafft. Aber es glückt dir nicht. Die Dinge
bleiben doch schliesslich, was und wie sie sind. Ich habe dich nun bei Tisch
beobachtet...«
    »Unmöglich, du hast ja der jungen Frau Treibel ganz intensiv den Hof
gemacht, und ein paarmal wurde sie sogar rot...«
    »Ich habe dich beobachtet, sag ich, und mit einem wahren Schrecken das
Übermass von Koketterie gesehen, mit dem du nicht müde wirst, dem armen Jungen,
dem Leopold, den Kopf zu verdrehen...«
    Sie hatten, als Marcell dies sagte, gerade die platzartige Verbreiterung
erreicht, mit der die Köpnicker Strasse, nach der Inselbrücke hin, abschliesst,
eine verkehrslose und beinahe menschenleere Stelle. Corinna zog ihren Arm aus
dem des Vetters und sagte, während sie nach der anderen Seite der Strasse zeigte:
»Sieh, Marcell, wenn da drüben nicht der einsame Schutzmann stände, so stellt
ich mich jetzt mit verschränkten Armen vor dich hin und lachte dich fünf Minuten
lang aus. Was soll das heissen, ich sei nicht müde geworden, dem armen Jungen,
dem Leopold, den Kopf zu verdrehen? Wenn du nicht ganz in Huldigung gegen
Helenen aufgegangen wärst, so hättest du sehen müssen, dass ich kaum zwei Worte
mit ihm gesprochen. Ich habe mich nur mit Mister Nelson unterhalten, und ein
paarmal hab ich mich ganz ausführlich an dich gewandt.«
    »Ach, das sagst du so, Corinna, und weisst doch, wie falsch es ist. Sieh, du
bist sehr gescheit und weisst es auch; aber du hast doch den Fehler, den viele
gescheite Leute haben, dass sie die anderen für ungescheiter halten, als sie
sind. Und so denkst du, du kannst mir ein X für ein U machen und alles so drehen
und beweisen, wie du's drehen und beweisen willst. Aber man hat doch auch so
seine Augen und Ohren und ist also, mit deinem Verlaub, hinreichend ausgerüstet,
um zu hören und zu sehen.«
    »Und was ist es denn nun, was der Herr Doktor gehört und gesehen haben?«
    »Der Herr Doktor haben gehört und gesehen, dass Fräulein Corinna mit ihrem
Redekatarakt über den unglücklichen Mister Nelson hergefallen ist...«
    »Sehr schmeichelhaft...«
    »Und dass sie - wenn ich das mit dem Redekatarakt aufgeben und ein anderes
Bild dafür einstellen will -, dass sie, sag ich, zwei Stunden lang die
Pfauenfeder ihrer Eitelkeit auf dem Kinn oder auf der Lippe balanciert und
überhaupt in den feineren akrobatischen Künsten ein Äusserstes geleistet hat. Und
das alles vor wem? Etwa vor Mister Nelson? Mitnichten. Der gute Nelson, der war
nur das Trapez, daran meine Cousine herumturnte; der, um dessentwillen das alles
geschah, der zusehen und bewundern sollte, der hiess Leopold Treibel, und ich
habe wohl bemerkt, wie mein Cousinchen auch ganz richtig gerechnet hatte; denn
ich kann mich nicht entsinnen, einen Menschen gesehen zu haben, der, verzeih den
Ausdruck, durch einen ganzen Abend hin so total weg gewesen wäre wie dieser
Leopold.«
    »Meinst du?«
    »Ja, das mein ich.«
    »Nun, darüber liesse sich reden... Aber sieh nur...«
    Und dabei blieb sie stehen und wies auf das entzückende Bild, das sich - sie
passierten eben die Fischerbrücke - drüben vor ihnen ausbreitete. Dünne Nebel
lagen über den Strom hin, sogen aber den Lichterglanz nicht ganz auf, der von
rechts und links her auf die breite Wasserfläche fiel, während die Mondsichel
oben im Blauen stand, keine zwei Handbreit von dem etwas schwerfälligen
Parochialkirchturm entfernt, dessen Schattenriss am anderen Ufer in aller
Klarheit aufragte. »Sieh nur«, wiederholte Corinna, »nie hab ich den Singuhrturm
in solcher Schärfe gesehen. Aber ihn schön finden, wie seit kurzem Mode
geworden, das kann ich doch nicht; er hat so etwas Halbes, Unfertiges, als ob
ihm auf dem Wege nach oben die Kraft ausgegangen wäre. Da bin ich doch mehr für
die zugespitzten, langweiligen Schindeltürme, die nichts wollen als hoch sein
und in den Himmel zeigen.«
    Und in demselben Augenblicke, wo Corinna dies sagte, begannen die Glöckchen
drüben ihr Spiel.
    »Ach«, sagte Marcell, »sprich doch nicht so von dem Turm und ob er schön ist
oder nicht. Mir ist es gleich, und dir auch; das mögen die Fachleute miteinander
ausmachen. Und du sagst das alles nur, weil du von dem eigentlichen Gespräch los
willst. Aber höre lieber zu, was die Glöckchen drüben spielen. Ich glaube, sie
spielen: Üb immer Treu und Redlichkeit.«
    »Kann sein, und ist nur schade, dass sie nicht auch die berühmte Stelle von
dem Kanadier spielen können, der noch Europens übertünchte Höflichkeit nicht
kannte. So was Gutes bleibt leider immer unkomponiert, oder vielleicht geht es
auch nicht. Aber nun sage mir, Freund, was soll das alles heissen? Treu und
Redlichkeit. Meinst du wirklich, dass mir die fehlen? Gegen wen versünd'ge ich
mich denn durch Untreue? Gegen dich? Hab ich Gelöbnisse gemacht? Hab ich dir
etwas versprochen und das Versprechen nicht gehalten?«
    Marcell schwieg.
    »Du schweigst, weil du nichts zu sagen hast. Ich will dir aber noch allerlei
mehr sagen, und dann magst du selber entscheiden, ob ich treu und redlich oder
doch wenigstens aufrichtig bin, was so ziemlich dasselbe bedeutet.«
    »Corinna...«
    »Nein, jetzt will ich sprechen, in aller Freundschaft, aber auch in allem
Ernst. Treu und redlich. Nun, ich weiss wohl, dass du treu und redlich bist, was
beiläufig nicht viel sagen will; ich für meine Person kann dir nur wiederholen,
ich bin es auch.«
    »Und spielst doch beständig eine Komödie.«
    »Nein, das tu ich nicht. Und wenn ich es tue, so doch so, dass jeder es
merken kann. Ich habe mir, nach reiflicher Überlegung, ein bestimmtes Ziel
gesteckt, und wenn ich nicht mit dürren Worten sage dies ist mein Ziel, so
unterbleibt das nur, weil es einem Mädchen nicht kleidet, mit solchen Plänen aus
sich herauszutreten. Ich erfreue mich, dank meiner Erziehung, eines guten Teils
von Freiheit, einige werden vielleicht sagen von Emanzipation, aber trotzdem bin
ich durchaus kein emanzipiertes Frauenzimmer. Im Gegenteil, ich habe gar keine
Lust, das alte Herkommen umzustossen, alte, gute Sätze, zu denen auch der gehört:
ein Mädchen wirbt nicht, um ein Mädchen wird geworben.«
    »Gut, gut; alles selbstverständlich...«
    »... Aber freilich, das ist unser altes Evarecht, die grossen Wasser spielen
zu lassen und unsere Kräfte zu gebrauchen, bis das geschieht, um dessentwillen
wir da sind, mit anderen Worten, bis man um uns wirbt. Alles gilt diesem Zweck.
Du nennst das, je nachdem dir der Sinn steht, Raketensteigenlassen oder Komödie,
mitunter auch Intrige, und immer Koketterie.«
    Marcell schüttelte den Kopf. »Ach, Corinna, du darfst mir darüber keine
Vorlesung halten wollen und zu mir sprechen, als ob ich erst gestern auf die
Welt gekommen wäre. Natürlich hab ich oft von Komödie gesprochen und noch öfter
von Koketterie. Wovon spricht man nicht alles. Und wenn man dergleichen
hinspricht, so widerspricht man sich auch wohl, und was man eben noch getadelt
hat, das lobt man im nächsten Augenblick. Um's rundheraus zu sagen, spiele
soviel Komödie, wie du willst, sei so kokett, wie du willst, ich werde doch
nicht so dumm sein, die Weiberwelt und die Welt überhaupt ändern zu wollen, ich
will sie wirklich nicht ändern, auch dann nicht, wenn ich's könnte; nur um eines
muss ich dich angehen, du musst, wie du dich vorhin ausdrücktest, die grossen
Wasser an der rechten Stelle, das heisst also vor den rechten Leuten springen
lassen, vor solchen, wo's passt, wo's hingehört, wo sich's lohnt. Du gehst aber
mit deinen Künsten nicht an die richtige Adresse, denn du kannst doch nicht
ernstaft daran denken, diesen Leopold Treibel heiraten zu wollen?«
    »Warum nicht? Ist er zu jung für mich? Nein. Er stammt aus dem Januar und
ich aus dem September; er hat also noch einen Vorsprung von acht Monaten.«
    »Corinna, du weisst ja recht gut, wie's liegt und dass er einfach für dich
nicht passt, weil er zu unbedeutend für dich ist. Du bist eine aparte Person,
vielleicht ein bisschen zu sehr, und er ist kaum Durchschnitt. Ein sehr guter
Mensch, das muss ich zugehen, hat ein gutes, weiches Herz, nichts von dem Kiesel,
den die Geldleute sonst hier links haben, hat auch leidlich weltmännische
Manieren und kann vielleicht einen Dürerschen Stich von einem Ruppiner
Bilderbogen unterscheiden, aber du würdest dich doch totlangweilen an seiner
Seite. Du, deines Vaters Tochter, und eigentlich noch klüger als der Alte, du
wirst doch nicht dein eigentliches Lebensglück wegwerfen wollen, bloss um in
einer Villa zu wohnen und einen Landauer zu haben, der dann und wann ein paar
alte Hofdamen abholt, oder um Adolar Krolas ramponierten Tenor alle vierzehn
Tage den Erlkönig singen zu hören. Es ist nicht möglich, Corinna; du wirst dich
doch, wegen solches Bettels von Mammon, nicht einem unbedeutenden Menschen an
den Hals werfen wollen.«
    »Nein, Marcell, das letztere gewiss nicht; ich bin nicht für
Zudringlichkeiten. Aber wenn Leopold morgen bei meinem Vater antritt - denn ich
fürchte beinah, dass er noch zu denen gehört, die sich, statt der Hauptperson,
erst der Nebenpersonen versichern -, wenn er also morgen antritt und um diese
rechte Hand deiner Cousine Corinna anhält, so nimmt ihn Corinna und fühlt sich
als Corinne au Capitole.«
    »Das ist nicht möglich; du täuschest dich, du spielst mit der Sache. Es ist
eine Phantasterei, der du nach deiner Art nachhängst.«
    »Nein, Marcell, du täuschest dich, nicht ich; es ist mein vollkommener
Ernst, so sehr, dass ich ein ganz klein wenig davor erschrecke.«
    »Das ist dein Gewissen.«
    »Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber soviel will ich dir ohne weiteres
zugeben, das, wozu der liebe Gott mich so recht eigentlich schuf, das hat nichts
zu tun mit einem Treibelschen Fabrikgeschäft oder mit einem Holzhof und
vielleicht am wenigsten mit einer Hamburger Schwägerin. Aber ein Hang nach
Wohlleben, der jetzt alle Welt beherrscht, hat mich auch in der Gewalt, ganz so
wie alle anderen, und so lächerrlich und verächtlich es in deinem
Oberlehrers-Ohre klingen mag, ich halt es mehr mit Bonwitt und Littauer als mit
einer kleinen Schneiderin, die schon um acht Uhr früh kommt und eine merkwürdige
Hof- und Hinterstubenatmosphäre mit ins Haus bringt und zum zweiten Frühstück
ein Brötchen mit Schlackwurst und vielleicht auch einen Gilka kriegt. Das alles
widersteht mir im höchsten Masse; je weniger ich davon sehe, desto besser. Ich
find es ungemein reizend, wenn so die kleinen Brillanten im Ohre blitzen, etwa
wie bei meiner Schwiegermama in spe... Sich einschränken, ach, ich kenne das
Lied, das immer gesungen und immer gepredigt wird, aber wenn ich bei Papa die
dicken Bücher abstäube, drin niemand hineinsieht, auch er selber nicht, und wenn
dann die Schmolke sich abends auf mein Bett setzt und mir von ihrem verstorbenen
Manne, dem Schutzmann, erzählt, und dass er, wenn er noch lebte, jetzt ein Revier
hätte, denn Madai hätte grosse Stücke auf ihn gehalten, und wenn sie dann zuletzt
sagt: Aber, Corinnchen, ich habe ja noch gar nicht mal gefragt, was wir morgen
essen wollen...? Die Teltower sind jetzt so schlecht und eigentlich alle schon
madig, und ich möchte dir vorschlagen, Wellfleisch und Wruken, das ass Schmolke
auch immer so gern - ja, Marcell, in solchem Augenblicke wird mir immer ganz
sonderbar zumut, und Leopold Treibel erscheint mir dann mit einem Mal als der
Rettungsanker meines Lebens oder, wenn du willst, wie das aufzusetzende grosse
Marssegel, das bestimmt ist, mich bei gutem Wind an ferne, glückliche Küsten zu
führen.«
    »Oder, wenn es stürmt, dein Lebensglück zum Scheitern zu bringen.«
    »Warten wir's ab, Marcell.«
    Und bei diesen Worten bogen sie, von der Alten Leipziger Strasse her, in
Raules Hof ein, von dem aus ein kleiner Durchgang in die Adlerstrasse führte.
 
                                Sechstes Kapitel
Um dieselbe Stunde, wo man sich bei Treibels vom Diner erhob, begann Professor
Schmidts »Abend«. Dieser »Abend«, auch wohl Kränzchen genannt, versammelte, wenn
man vollzählig war, um einen runden Tisch und eine mit einem roten Schleier
versehene Moderateurlampe sieben Gymnasiallehrer, von denen die meisten den
Professortitel führten. Ausser unserem Freunde Schmidt waren es noch folgende:
Friedrich Distelkamp, emeritierter Gymnasialdirektor, Senior des Kreises; nach
ihm die Professoren Rindfleisch und Hannibal Kuh, zu welchen beiden sich noch
Oberlehrer Immanuel Schultze gesellte, sämtlich vom Grossen-Kurfürsten-Gymnasium.
Den Schluss machte Doktor Charles Etienne, Freund und Studiengenosse Marcells,
zur Zeit französischer Lehrer an einem vornehmen Mädchenpensionat, und endlich
Zeichenlehrer Friedeberg, dem, vor ein paar Jahren erst - niemand wusste recht
warum und woher -, der die Mehrheit des Kreises auszeichnende Professortitel
angeflogen war, übrigens ohne sein Ansehen zu heben. Er wurde vielmehr, nach wie
vor, für nicht ganz voll angesehen, und eine Zeitlang war aufs ernstafteste die
Rede davon gewesen, ihn, wie sein Hauptgegner Immanuel Schultze vorgeschlagen,
aus ihrem Kreise »herauszugraulen«, was unser Wilibald Schmidt indessen mit der
Bemerkung bekämpft hatte, dass Friedeberg, trotz seiner wissenschaftlichen
Nichtzugehörigkeit, eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für ihren »Abend«
habe. »Seht, lieben Freunde«, so etwa waren seine Worte gewesen, »wenn wir unter
uns sind, so folgen wir unseren Auseinandersetzungen eigentlich immer nur aus
Rücksicht und Artigkeit und leben dabei mehr oder weniger der Überzeugung,
alles, was seitens des anderen gesagt wurde, viel besser oder - wenn wir
bescheiden sind - wenigstens ebensogut sagen zu können. Und das lähmt immer. Ich
für mein Teil wenigstens bekenne offen, dass ich, wenn ich mit meinem Vortrage
gerade an der Reihe war, das Gefühl eines gewissen Unbehagens, ja zuzeiten einer
geradezu hochgradigen Beklemmung nie ganz losgeworden bin. Und in einem so
bedrängten Augenblicke seh ich dann unseren immer zu spät kommenden Friedeberg
eintreten, verlegen lächelnd natürlich, und empfinde sofort, wie meiner Seele
die Flügel wieder wachsen; ich spreche freier, intuitiver, klarer, denn ich habe
wieder ein Publikum, wenn auch nur ein ganz kleines. Ein andächtiger Zuhörer,
anscheinend so wenig, ist doch schon immer was und mitunter sogar sehr viel.«
Auf diese warme Verteidigung Wilibald Schmidts hin war Friedeberg dem Kreise
verblieben. Schmidt durfte sich überhaupt als die Seele des Kränzchens
betrachten, dessen Namensgebung: »Die sieben Waisen Griechenlands«, ebenfalls
auf ihn zurückzuführen war. Immanuel Schultze, meist in der Opposition und
ausserdem ein Gottfried-Keller-Schwärmer, hatte seinerseits »Das Fähnlein der
sieben Aufrechten« vorgeschlagen, war aber damit nicht durchgedrungen, weil, wie
Schmidt betonte, diese Bezeichnung einer Entlehnung gleichgekommen wäre. »Die
sieben Waisen« klängen freilich ebenfalls entlehnt, aber das sei bloss Ohr- und
Sinnestäuschung; das »a«, worauf es recht eigentlich ankomme, verändere nicht
nur mit einem Schlage die ganze Situation, sondern erziele sogar den denkbar
höchsten Standpunkt, den der Selbstironie.
    Wie sich von selbst versteht, zerfiel die Gesellschaft, wie jede Vereinigung
der Art, in fast ebenso viele Parteien, wie sie Mitglieder zählte, und nur dem
Umstande, dass die drei vom Grossen-Kurfürsten-Gymnasium, ausser der
Zusammengehörigkeit, die diese gemeinschaftliche Stellung gab, auch noch
verwandt und verschwägert waren (Kuh war Schwager, Immanuel Schultze
Schwiegersohn von Rindfleisch), nur diesem Umstande war es zuzuschreiben, dass
die vier anderen, und zwar aus einer Art Selbsterhaltungstrieb, ebenfalls eine
Gruppe bildeten und bei Beschlussfassungen meist zusammengingen. Hinsichtlich
Schmidts und Distelkamps konnte dies nicht weiter überraschen, da sie von alter
Zeit her Freunde waren, zwischen Etienne und Friedeberg aber klaffte für
gewöhnlich ein tiefer Abgrund, der sich ebensosehr in ihrer voneinander
abweichenden Erscheinung wie in ihren verschiedenen Lebensgewohnheiten
aussprach. Etienne, sehr elegant, versäumte nie, während der grossen Ferien, mit
Nachurlaub nach Paris zu gehen, während sich Friedeberg, angeblich um seiner
Malstudien willen, auf die Woltersdorfer Schleuse (die landschaftlich unerreicht
dastände) zurückzog. Natürlich war dies alles nur Vorgabe. Der wirkliche Grand
war der, dass Friedeberg, bei ziemlich beschränkter Finanzlage, nach dem
erreichbar Nächstliegenden griff und überhaupt Berlin nur verliess, um von seiner
Frau - mit der er seit Jahren immer dicht vor der Scheidung stand - auf einige
Wochen loszukommen. In einem sowohl die Handlungen wie die Worte seiner
Mitglieder kritischer prüfenden Kreise hätte diese Finte notwendig verdriessen
müssen, indessen Offenheit und Ehrlichkeit im Verkehr mit- und untereinander war
keineswegs ein hervorstechender Zug der »sieben Waisen«, eher das Gegenteil. So
versicherte beispielsweise jeder, »ohne den Abend eigentlich nicht leben zu
können«, was in Wahrheit nicht ausschloss, dass immer nur die kamen, die nichts
Besseres vorhatten. Teater und Skat gingen weit vor und sorgten dafür, dass
Unvollständigkeit der Versammlung die Regel war und nicht mehr auffiel.
    Heute aber schien es sich schlimmer als gewöhnlich gestalten zu wollen. Die
Schmidtsche Wanduhr, noch ein Erbstück vom Grossvater her, schlug bereits halb,
halb neun, und noch war niemand da ausser Etienne, der, wie Marcell, zu den
Intimen des Hauses zählend, kaum als Gast und Besuch gerechnet wurde.
    »Was sagst du, Etienne«, wandte sich jetzt Schmidt an diesen, »was sagst du
zu dieser Saumseligkeit? Wo bleibt Distelkamp? Wenn auch auf den kein Verlass
mehr ist (die Douglas waren immer treu), so geht der Abend aus den Fugen, und
ich werde Pessimist und nehme für den Rest meiner Tage Schopenhauer und Eduard
von Hartmann untern Arm.«
    Während er noch so sprach, ging draussen die Klingel, und einen Augenblick
später trat Distelkamp ein.
    »Entschuldige, Schmidt, ich habe mich verspätet. Die Details erspar ich dir
und unserem Freunde Etienne. Auseinandersetzungen, weshalb man zu spät kommt,
selbst wenn sie wahr, sind nicht viel besser als Krankengeschichten. Also lassen
wir's. Inzwischen bin ich überrascht, trotz meiner Verspätung immer noch der
eigentlich erste zu sein. Denn Etienne gehört ja so gut wie zur Familie. Die
Grossen Kurfürstlichen aber! Wo sind sie? Nach Kuh und unserem Freunde Immanuel
frag ich nicht erst, die sind bloss ihres Schwagers und Schwiegervaters Klientel.
Rindfleisch selbst aber - wo steckt er?«
    »Rindfleisch hat abgeschrieben; er sei heut in der Griechischen.«
    »Ach, das ist Torheit. Was will er in der Griechischen? Die sieben Waisen
gehen vor. Er findet hier wirklich mehr.«
    »Ja, das sagst du so, Distelkamp. Aber es liegt doch wohl anders.
Rindfleisch hat nämlich ein schlechtes Gewissen, ich könnte vielleicht sagen:
mal wieder ein schlechtes Gewissen.«
    »Dann gehört er erst recht hierher; hier kann er beichten. Aber um was
handelt es sich denn eigentlich? was ist es?«
    »Er hat da mal wieder einen Schwupper gemacht, irgendwas verwechselt, ich
glaube Phrynichos den Tragiker mit Phrynichos dem Lustspieldichter. War es nicht
so, Etienne?« (dieser nickte), »und die Sekundaner haben nun mit lirum larum
einen Vers auf ihn gemacht...«
    »Und?«
    »Und da gilt es denn, die Scharte, so gut es geht, wieder auszuwetzen, wozu
die Griechische mit dem Lustre, das sie gibt, das immerhin beste Mittel ist.«
    Distelkamp, der sich mittlerweile seinen Meerschaum angezündet und in die
Sofaecke gesetzt hatte, lächelte bei der ganzen Geschichte behaglich vor sich
hin und sagte dann: »Alles Schnack. Glaubst du's? Ich nicht. Und wenn es
zuträfe, so bedeutet es nicht viel, eigentlich gar nichts. Solche Schnitzer
kommen immer vor, passieren jedem. Ich will dir mal was erzählen, Schmidt, was,
als ich noch jung war und in Quarta brandenburgische Geschichte vortragen musste
- was damals, sag ich, einen grossen Eindruck auf mich machte.«
    »Nun, lass hören. Was war's?«
    »Ja, was war's. Offen gestanden, meine Wissenschaft, zum wenigsten was unser
gutes Kurbrandenburg anging, war nicht weit her, ist es auch jetzt noch nicht,
und als ich so zu Hause sass und mich notdürftig vorbereitete, da las ich - denn
wir waren gerade beim ersten König - allerhand Biographisches und darunter auch
was vom alten General Barfus, der, wie die meisten Damaligen, das Pulver nicht
erfunden hatte, sonst aber ein kreuzbraver Mann war. Und dieser Barfus
präsidierte, während der Belagerung von Bonn, einem Kriegsgericht, drin über
einen jungen Offizier abgeurteilt werden sollte.«
    »So, so. Nun, was war es denn?«
    »Der Abzuurteilende hatte sich, das mindeste zu sagen, etwas unheldisch
benommen, und alle waren für Schuldig und Totschiessen. Nur der alte Barfus
wollte nichts davon wissen und sagte: Drücken wir ein Auge zu, meine Herren. Ich
habe dreissig Rencontres mitgemacht, und ich muss Ihnen sagen, ein Tag ist nicht
wie der andere, und der Mensch ist ungleich und das Herz auch und der Mut erst
recht. Ich habe mich manches Mal auch feige gefühlt. Solange es geht, muss man
Milde walten lassen, denn jeder kann sie brauchen.«
    »Höre, Distelkamp«, sagte Schmidt, »das ist eine gute Geschichte, dafür dank
ich dir, und so alt ich bin, die will ich mir doch hinter die Ohren schreiben.
Denn weiss es Gott, ich habe mich auch schon blamiert, und wiewohl es die Jungens
nicht bemerkt haben, wenigstens ist mir nichts aufgefallen, so hab ich es doch
selber bemerkt und mich hinterher riesig geärgert und geschämt. Nicht wahr,
Etienne, so was ist immer fatal; oder kommt es im Französischen nicht vor,
wenigstens dann nicht, wenn man alle Juli nach Paris reist und einen neuen Band
Maupassant mit heimbringt? Das ist ja wohl jetzt das Feinste? Verzeih die kleine
Malice. Rindfleisch ist überdies ein kreuzbraver Kerl, nomen et omen, und
eigentlich der Beste, besser als Kuh und namentlich besser als unser Freund
Immanuel Schultze. Der hat's hinter den Ohren und ist ein Schlieker. Er grient
immer und gibt sich das Ansehen, als ob er dem Bilde zu Sais irgendwie und -wo
unter den Schleier geguckt hätte, wovon er weitab ist. Denn er löst nicht mal
das Rätsel von seiner eigenen Frau, an der manches verschleierter oder auch
nicht verschleierter sein soll, als ihm, dem Ehesponsen, lieb sein kann.«
    »Schmidt, du hast heute mal wieder deinen medisanten Tag. Eben hab ich den
armen Rindfleisch aus deinen Fängen gerettet, ja, du hast sogar Besserung
versprochen, und schon stürzest du dich wieder auf den unglücklichen
Schwiegersohn. Im übrigen, wenn ich an Immanuel etwas tadeln sollte, so läge es
nach einer ganz anderen Seite hin.«
    »Und das wäre?«
    »Dass er keine Autorität hat. Wenn er sie zu Hause nicht hat, nun, traurig
genug. Indessen das geht uns nichts an. Aber dass er sie, nach allem, was ich
höre, auch in der Klasse nicht hat, das ist schlimm. Sieh, Schmidt, das ist die
Kränkung und der Schmerz meiner letzten Lebensjahre, dass ich den kategorischen
Imperativ immer mehr hinschwinden sehe. Wenn ich da an den alten Weber denke!
Von dem heisst es, wenn er in die Klasse trat, so hörte man den Sand durch das
Stundenglas fallen, und kein Primaner wusste mehr, dass es überhaupt möglich sei,
zu flüstern oder gar vorzusagen. Und ausser seinem eigenen Sprechen, ich meine
Webers, war nichts hörbar als das Knistern, wenn die Horaz-Seiten umgeblättert
wurden. Ja, Schmidt, das waren Zeiten, da verlohnte sich's, ein Lehrer und ein
Direktor zu sein. Jetzt treten die Jungens in der Konditorei an einen heran und
sagen: Wenn Sie gelesen haben, Herr Direktor, dann bitt ich...«
    Schmidt lachte. »Ja, Distelkamp, so sind sie jetzt, das ist die neue Zeit,
das ist wahr. Aber ich kann mich nicht darüber ägrieren. Wie waren denn, bei
Lichte besehen, die grossen Würdenträger mit ihrem Doppelkinn und ihren
Pontacnasen? Schlemmer waren es, die den Burgunder viel besser kannten als den
Homer. Da wird immer von alten, einfachen Zeiten geredet; dummes Zeug! sie
müssen ganz gehörig gepichelt haben, das sieht man noch an ihren Bildern in der
Aula. Nu ja, Selbstbewusstsein und eine steifleinene Grandezza, das alles hatten
sie, das soll ihnen zugestanden sein. Aber wie sah es sonst aus?«
    »Besser als heute.«
    »Kann ich nicht finden, Distelkamp. Als ich noch unsere Schulbibliotek
unter Aufsicht hatte, Gott sei Dank, dass ich nichts mehr damit zu tun habe, da
hab ich öfter in die Schulprogramme hineingeguckt und in die Dissertationen und
Aktusse, wie sie vordem im Schwang waren. Nun, ich weiss wohl, jede Zeit denkt,
sie sei was Besonderes, und die, die kommen, mögen meinetwegen auch über uns
lachen; aber sieh, Distelkamp, vom gegenwärtigen Standpunkt unseres Wissens,
oder sag ich auch bloss unseres Geschmacks aus, darf doch am Ende gesagt werden,
es war etwas Furchtbares mit dieser Perückengelehrsamkeit, und die stupende
Wichtigkeit, mit der sie sich gab, kann uns nur noch erheitern. Ich weiss nicht,
unter wem es war, ich glaube unter Rodegast, da kam es in Mode - vielleicht weil
er persönlich einen Garten vorm Rosentaler hatte -, die Stoffe für die
öffentlichen Reden und ähnliches aus der Gartenkunde zu nehmen, und sieh, da hab
ich Dissertationen gelesen über das Hortikulturliche des Paradieses, über die
Beschaffenheit des Gartens zu Getsemane und über die mutmasslichen Anlagen im
Garten des Joseph von Arimatia. Garten und immer wieder Garten. Nun, was sagst
du dazu?«
    »Ja, Schmidt, mit dir ist schlecht fechten. Du hast immer das Auge für das
Komische gehabt. Das greifst du nun heraus, spiessest es auf deine Nadel und
zeigst es der Welt. Aber was daneben lag und viel wichtiger war, das lässest du
liegen. Du hast schon sehr richtig hervorgehoben, dass man über unsere
Lächerrlichkeiten auch lachen wird. Und wer bürgt uns dafür, dass wir nicht jeden
Tag in Untersuchungen eintreten, die noch viel toller sind als die
hortikulturlichen Untersuchungen über das Paradies. Lieber Schmidt, das
Entscheidende bleibt doch immer der Charakter, nicht der eitle, wohl aber der
gute, ehrliche Glaube an uns selbst. Bona fide müssen wir vorgehen. Aber mit
unserer ewigen Kritik, eventuell auch Selbstkritik, geraten wir in eine mala
fides hinein und misstrauen uns selbst und dem, was wir zu sagen haben. Und ohne
Glauben an uns und unsere Sache keine rechte Lust und Freudigkeit und auch kein
Segen, am wenigsten Autorität. Und das ist es, was ich beklage. Denn wie kein
Heerwesen ohne Disziplin, so kein Schulwesen ohne Autorität. Es ist damit wie
mit dem Glauben. Es ist nicht nötig, dass das Richtige geglaubt wird, aber dass
überhaupt geglaubt wird, darauf kommt es an. In jedem Glauben stecken
geheimnisvolle Kräfte und ebenso in der Autorität.«
    Schmidt lächelte. »Distelkamp, ich kann da nicht mit. Ich kann's in der
Teorie gelten lassen, aber in der Praxis ist es bedeutungslos geworden. Gewiss
kommt es auf das Ansehen vor den Schülern an. Wir gehen nur darin auseinander,
aus welcher Wurzel das Ansehen kommen soll. Du willst alles auf den Charakter
zurückführen und denkst, wenn du es auch nicht aussprichst: Und wenn Ihr Euch
nur selbst vertraut, vertrauen Euch auch die anderen Seelen. Aber, teurer
Freund, das ist just das, was ich bestreite. Mit dem blossen Glauben an sich oder
gar, wenn du den Ausdruck gestattest, mit der geschwollenen Wichtigtuerei, mit
der Pomposität ist es heutzutage nicht mehr getan. An die Stelle dieser
veralteten Macht ist die reelle Macht des wirklichen Wissens und Könnens
getreten, und du brauchst nur Umschau zu halten, so wirst du jeden Tag sehen,
dass Professor Hammerstein, der bei Spichern mit gestürmt und eine gewisse
Premierlieutenantshaltung von daher beibehalten hat, dass Hammerstein, sag ich,
seine Klasse nicht regiert, während unser Agaton Knurzel, der aussieht wie
Mister Punch und einen Doppelpuckel, aber freilich auch einen Doppelgrips hat,
die Klasse mit seinem kleinen Raubvogelgesicht in der Furcht des Herrn hält. Und
nun besonders unsere Berliner Jungens, die gleich weghaben, wie schwer einer
wiegt. Wenn einer von den Alten aus dem Grabe käme, mit Stolz und Hoheit
angetan, und eine hortikulturelle Beschreibung des Paradieses forderte, wie
würde der fahren mit all seiner Würde? Drei Tage später wär er im
Kladderadatsch, und die Jungens selber hätten das Gedicht gemacht.«
    »Und doch bleibt es dabei, Schmidt, mit den Traditionen der alten Schule
steht und fällt die höhere Wissenschaft.«
    »Ich glaub es nicht. Aber wenn es wäre, wenn die höhere Weltanschauung, das
heisst das, was wir so nennen, wenn das alles fallen müsste, nun, so lass es
fallen. Schon Attinghausen, der doch selber alt war, sagte: Das Alte stürzt, es
ändert sich die Zeit. Und wir stehen sehr stark vor solchem Umwandlungsprozess,
oder, richtiger, wir sind schon drin. Muss ich dich daran erinnern, es gab eine
Zeit, wo das Kirchliche Sache der Kirchenleute war. Ist es noch so? Nein. Hat
die Welt verloren? Nein. Es ist vorbei mit den alten Formen, und auch unsere
Wissenschaftlichkeit wird davon keine Ausnahme machen. Sieh hier...«, und er
schleppte von einem kleinen Nebentisch ein grosses Prachtwerk herbei, »... sieh
hier das. Heute mir zugeschickt, und ich werd es behalten, so teuer es ist.
Heinrich Schliemanns Ausgrabungen zu Mykenä. Ja, Distelkamp, wie stehst du
dazu?«
    »Zweifelhaft genug.«
    »Kann ich mir denken. Weil du von den alten Anschauungen nicht los willst.
Du kannst dir nicht vorstellen, dass jemand, der Tüten geklebt und Rosinen
verkauft hat, den alten Priamus ausbuddelt, und kommt er nun gar ins
Agamemnonsche hinein und sucht nach dem Schädelriss, aegistschen Angedenkens, so
gerätst du in helle Empörung. Aber ich kann mir nicht helfen, du hast unrecht.
Freilich, man muss was leisten, hic Rhodus, hic salta; aber wer springen kann,
der springt, gleichviel ob er's aus der Georgia Augusta oder aus der Klippschule
hat. Im übrigen will ich abbrechen; am wenigsten hab ich Lust, dich mit
Schliemann zu ärgern, der von Anfang an deine Renonce war. Die Bücher liegen
hier bloss wegen Friedeberg, den ich der beigegebenen Zeichnungen halber fragen
will. Ich begreife nicht, dass er nicht kommt oder, richtiger, nicht schon da
ist. Denn dass er kommt, ist unzweifelhaft, er hätte sonst abgeschrieben, artiger
Mann, der er ist.«
    »Ja, das ist er«, sagte Etienne, »das hat er noch aus dem Semitismus mit
rübergenommen.«
    »Sehr wahr«, fuhr Schmidt fort, »aber wo er's herhat, ist am Ende
gleichgültig. Ich bedauere mitunter, Urgermane, der ich bin, dass wir nicht auch
irgendwelche Bezugsquelle für ein bisschen Schliff und Politesse haben; es
braucht ja nicht gerade dieselbe zu sein. Diese schreckliche Verwandtschaft
zwischen Teutoburger Wald und Grobheit ist doch mitunter störend. Friedeberg ist
ein Mann, der, wie Max Piccolomini - sonst nicht gerade sein Vorbild, auch nicht
mal in der Liebe -, der Sitten Freundlichkeit allerzeit kultiviert hat, und es
bleibt eigentlich nur zu beklagen, dass seine Schüler nicht immer das richtige
Verständnis dafür haben. Mit anderen Worten, sie spielen ihm auf der Nase...«
    »Das uralte Schicksal der Schreib- und Zeichenlehrer...«
    »Freilich. Und am Ende muss es auch so gehen und geht auch. Aber lassen wir
die heikle Frage. Lass mich lieber auf Mykenä zurückkommen und sage mir deine
Meinung über die Goldmasken. Ich bin sicher, wir haben da ganz was Besonderes,
so das recht Eigentlichste. Jeder beliebige kann doch nicht bei seiner
Bestattung eine Goldmaske getragen haben, doch immer nur die Fürsten, also mit
höchster Wahrscheinlichkeit Orests und Iphigeniens unmittelbare Vorfahren. Und
wenn ich mir dann vorstelle, dass diese Goldmasken genau nach dem Gesicht geformt
wurden, gerade wie wir jetzt eine Gips- oder Wachsmaske formen, so hüpft mir das
Herz bei der doch mindestens zulässigen Idee, dass dies hier« - und er wies auf
eine aufgeschlagene Bildseite -, »dass dies hier das Gesicht des Atreus ist oder
seines Vaters oder seines Onkels...«
    »Sagen wir seines Onkels.«
    »Ja, du spottest wieder, Distelkamp, trotzdem du mir doch selber den Spott
verboten hast. Und das alles bloss, weil du der ganzen Sache misstraust und nicht
vergessen kannst, dass er, ich meine natürlich Schliemann, in seinen Schuljahren
über Strelitz und Fürstenberg nicht rausgekommen ist. Aber lies nur, was Virchow
von ihm sagt. Und Virchow wirst du doch gelten lassen.«
    In diesem Augenblicke hörte man draussen die Klingel gehen. »Ah, lupus in
fabula. Das ist er. Ich wusste, dass er uns nicht im Stiche lassen würde...«
    Und kaum dass Schmidt diese Worte gesprochen, trat Friedeberg auch schon
herein, und ein reizender schwarzer Pudel, dessen rote Zunge, wahrscheinlich von
angestrengtem Laufe, weit heraushing, sprang auf die beiden alten Herren zu und
umschmeichelte abwechselnd Schmidt und Distelkamp. An Etienne, der ihm zu
elegant war, wagte er sich nicht heran.
    »Aber alle Wetter, Friedeberg, wo kommen Sie so spät her?«
    »Freilich, freilich, und sehr zu meinem Bedauern. Aber der Fips hier treibt
es zu arg oder geht in seiner Liebe zu mir zu weit, wenn ein Zuweitgehen in der
Liebe überhaupt möglich ist. Ich bildete mir ein, ihn eingeschlossen zu haben,
und mache mich zu rechter Zeit auf den Weg. Gut. Und nun denken Sie, was
geschieht? Als ich hier ankomme, wer ist da, wer wartet auf mich? Natürlich
Fips. Ich bring ihn wieder zurück bis in meine Wohnung und übergeb ihn dem
Portier, meinem guten Freunde - man muss in Berlin eigentlich sagen, meinem
Gönner. Aber, aber, was ist das Resultat all meiner Anstrengungen und guten
Worte? Kaum bin ich wieder hier, so ist auch Fips wieder da. Was sollt ich am
Ende machen? Ich hab ihn wohl oder übel mit hereingebracht und bitt um
Entschuldigung für ihn und für mich.«
    »Hat nichts auf sich«, sagte Schmidt, während er sich zugleich freundlich
mit dem Hunde beschäftigte. »Reizendes Tier und so zutunlich und fidel. Sagen
Sie, Friedeberg, wie schreibt er sich eigentlich? f oder ph? Phips mit ph ist
englisch, also vornehmer. Im übrigen ist er, wie seine Rechtschreibung auch sein
möge, für heute abend mit eingeladen und ein durchaus willkommener Gast,
vorausgesetzt, dass er nichts dagegen hat, in der Küche, sozusagen am
Trompetertisch, Platz zu nehmen. Für meine gute Schmolke bürge ich. Die hat eine
Vorliebe für Pudel, und wenn sie nun gar von seiner Treue hört...«
    »So wird sie«, warf Distelkamp ein, »ihm einen Extrazipfel schwerlich
versagen.«
    »Gewiss nicht. Und darin stimme ich meiner guten Schmolke von Herzen bei.
Denn die Treue, von der heutzutage jeder redt, wird in Wahrheit immer rarer, und
Fips predigt in seiner Stadtgegend, soviel ich weiss, umsonst.«
    Diese von Schmidt anscheinend leicht und wie im Scherze hingesprochenen
Worte richteten sich doch ziemlich ernstaft an den sonst gerade von ihm
protegierten Friedeberg, dessen stadtkundig unglückliche Ehe, neben anderem,
auch mit einem entschiedenen Mangel an Treue, besonders während seiner Mal- und
Landschaftsstudien auf der Woltersdorfer Schleuse, zusammenhing. Friedeberg
fühlte den Stich auch sehr wohl heraus und wollte sich durch eine
Verbindlichkeit gegen Schmidt aus der Affaire ziehen, kam aber nicht dazu, weil
in eben diesem Augenblicke die Schmolke eintrat und, unter einer Verbeugung
gegen die anderen Herren, ihrem Professor ins Ohr flüsterte, »dass angerichtet
sei«.
    »Nun, lieben Freunde, dann bitt ich...« Und Distelkamp an der Hand nehmend,
schritt er, unter Passierung des Entrees, auf das Gesellschaftszimmer zu, drin
die Abendtafel gedeckt war. Ein eigentliches Esszimmer hatte die Wohnung nicht.
Friedeberg und Etienne folgten.
 
                               Siebentes Kapitel
Das Zimmer war dasselbe, in welchem Corinna, am Tage zuvor, den Besuch der
Kommerzienrätin empfangen hatte. Der mit Lichtern und Weinflaschen gut besetzte
Tisch stand, zu vieren gedeckt, in der Mitte; darüber hing eine Hängelampe.
Schmidt setzte sich mit dem Rücken gegen den Fensterpfeiler, seinem Freunde
Friedeberg gegenüber, der seinerseits, von seinem Platz aus, zugleich den Blick
in den Spiegel hatte. Zwischen den blanken Messingleuchtern standen ein paar auf
einem Bazar gewonnene Porzellanvasen, aus deren halb gezahnter, halb
wellenförmiger Öffnung - dentatus et undulatus, sagte Schmidt - kleine
Marktsträusse von Goldlack und Vergissmeinnicht hervorwuchsen. Quer vor den
Weingläsern lagen lange Kümmelbrote, denen der Gastgeber, wie allem Kümmlichen,
eine ganz besondere Fülle gesundheitlicher Gaben zuschrieb.
    Das eigentliche Gericht fehlte noch, und Schmidt, nachdem er sich von dem
statutarisch festgesetzten Trarbacher bereits zweimal eingeschenkt, auch beide
Knusperspitzen von seinem Kümmelbrötchen abgebrochen hatte, war ersichtlich auf
dem Punkte, starke Spuren von Missstimmung und Ungeduld zu zeigen, als sich
endlich die zum Entree führende Tür auftat und die Schmolke, rot von Erregung
und Herdfeuer, eintrat, eine mächtige Schüssel mit Oderkrebsen vor sich her
tragend. »Gott sei Dank«, sagte Schmidt, »ich dachte schon, alles wäre den
Krebsgang gegangen«, eine unvorsichtige Bemerkung, die die Kongestionen der
Schmolke nur noch steigerte, das Mass ihrer guten Laune aber ebensosehr sinken
liess. Schmidt, seinen Fehler rasch erkennend, war kluger Feldherr genug, durch
einige Verbindlichkeiten die Sache wieder auszugleichen. Freilich nur mit halbem
Erfolg.
    Als man wieder allein war, unterliess es Schmidt nicht, sofort den
verbindlichen Wirt zu machen. Natürlich auf seine Weise. »Sieh, Distelkamp,
dieser hier ist für dich. Er hat eine grosse und eine kleine Schere, und das sind
immer die besten. Es gibt Spiele der Natur, die mehr sind als blosses Spiel und
dem Weisen als Wegweiser dienen; dahin gehören beispielsweise die
Pontacapfelsinen und die Borsdorfer mit einer Pocke. Denn es steht fest, je
pockenreicher, desto schöner... Was wir hier vor uns haben, sind
Oderbruchkrebse; wenn ich recht berichtet bin, aus der Küstriner Gegend. Es
scheint, dass durch die Vermählung von Oder und Warte besonders gute Resultate
vermittelt werden. Übrigens, Friedeberg, sind Sie nicht eigentlich da zu Haus?
Ein halber Neumärker oder Oderbrücher.« Friedeberg bestätigte. »Wusst es; mein
Gedächtnis täuscht mich selten. Und nun sagen Sie, Freund, ist dies, nach Ihren
persönlichen Erfahrungen, mutmasslich als streng lokale Produktion anzusehen,
oder ist es mit den Oderbruchkrebsen wie mit den Werderschen Kirschen, deren
Gewinnungsgebiet sich nächstens über die ganze Provinz Brandenburg erstrecken
wird?«
    »Ich glaube doch«, sagte Friedeberg, während er durch eine geschickte,
durchaus den Virtuosen verratende Gabelwendung einen weiss und rosa schimmernden
Krebsschwanz aus seiner Stachelschale hob, »ich glaube doch, dass hier ein Segeln
unter zuständiger Flagge stattfindet und dass wir auf dieser Schüssel wirkliche
Oderkrebse vor uns haben, echteste Ware, nicht bloss dem Namen nach, sondern auch
de facto.«
    »De facto«, wiederholte der in Friedebergs Latinität eingeweihte Schmidt,
unter behaglichem Schmunzeln.
    Friedeberg aber fuhr fort: »Es werden nämlich, um Küstrin herum, immer noch
Massen gewonnen, trotzdem es nicht mehr das ist, was es war. Ich habe selbst
noch Wunderdinge davon gesehen, aber freilich nichts in Vergleich zu dem, was
die Leute von alten Zeiten her erzählten. Damals, vor hundert Jahren, oder
vielleicht auch noch länger, gab es so viele Krebse, dass sie durchs ganze Bruch
hin, wenn sich im Mai das Überschwemmungswasser wieder verlief, von den Bäumen
geschüttelt wurden, zu vielen Hunderttausenden.«
    »dabei kann einem ja ordentlich das Herz lachen«, sagte Etienne, der ein
Feinschmecker war.
    »Ja, hier an diesem Tisch; aber dort in der Gegend lachte man nicht darüber.
Die Krebse waren wie eine Plage, natürlich ganz entwertet und bei der dienenden
Bevölkerung, die damit geatzt werden sollte, so verhasst und dem Magen der Leute
so widerwärtig, dass es verboten war, dem Gesinde mehr als dreimal wöchentlich
Krebse vorzusetzen. Ein Schock Krebse kostete einen Pfennig.«
    »Ein Glück, dass das die Schmolke nicht hört«, warf Schmidt ein, »sonst würd
ihr ihre Laune zum zweiten Male verdorben. Als richtige Berlinerin ist sie
nämlich für ewiges Sparen, und ich glaube nicht, dass sie die Tatsache ruhig
verwinden würde, die Epoche von ein Pfennig pro Schock so total versäumt zu
haben.«
    »Darüber darfst du nicht spotten, Schmidt«, sagte Distelkamp. »Das ist eine
Tugend, die der modernen Welt, neben vielem anderen, immer mehr verlorengeht.«
    »Ja, da sollst du recht haben. Aber meine gute Schmolke hat doch auch in
diesem Punkte les defauts de ses vertus. So heisst es ja wohl, Etienne?«
    »Gewiss«, sagte dieser. »Von der George Sand. Und fast liesse sich sagen les
défauts de ses vertus und comprendre c'est pardonner - das sind so recht
eigentlich die Sätze, wegen deren sie gelebt hat.«
    »Und dann vielleicht auch von wegen dem Alfred de Musset«, ergänzte Schmidt,
der nicht gern eine Gelegenheit vorübergehen liess, sich, aller Klassizität
unbeschadet, auch ein modern-literarisches Ansehen zu geben.
    »Ja, wenn man will, auch von wegen dem Alfred de Musset. Aber das sind
Dinge, daran die Literaturgeschichte glücklicherweise vorübergeht.«
    »Sage das nicht, Etienne, nicht glücklicherweise, sage leider. Die
Geschichte geht fast immer an dem vorüber, was sie vor allem festalten sollte.
Dass der Alte Fritz am Ende seiner Tage dem damaligen Kammergerichtspräsidenten,
Namen hab ich vergessen, den Krückstock an den Kopf warf und, was mir noch
wichtiger ist, dass er durchaus bei seinen Hunden begraben sein wollte, weil er
die Menschen, diese mechante Rasse, so gründlich verachtete - sieh, Freund, das
ist mir mindestens ebensoviel wert wie Hohenfriedberg oder Leuten. Und die
berühmte Torgauer Ansprache, Rackers, wollt ihr denn ewig leben, geht mir
eigentlich noch über Torgau selbst.«
    Distelkamp lächelte. »Das sind so Schmidtiana. Du warst immer fürs
Anekdotische, fürs Genrehafte. Mir gilt in der Geschichte nur das Grosse, nicht
das Kleine, das Nebensächliche.«
    »Ja und nein, Distelkamp. Das Nebensächliche, soviel ist richtig, gilt
nichts, wenn es bloss nebensächlich ist, wenn nichts drinsteckt. Steckt aber was
drin, dann ist es die Hauptsache, denn es gibt einem dann immer das eigentlich
Menschliche.«
    »Poetisch magst du recht haben.«
    »Das Poetische - vorausgesetzt, dass man etwas anderes darunter versteht als
meine Freundin Jenny Treibel -, das Poetische hat immer recht; es wächst weit
über das Historische hinaus...«
    Es war dies ein Schmidtsches Lieblingstema, drin der alte Romantiker, der
er eigentlich mehr als alles andere war, jedesmal so recht zur Geltung kam; aber
heute sein Steckenpferd zu reiten verbot sich ihm doch, denn ehe er noch zu
wuchtiger Auseinandersetzung ausholen konnte, hörte man Stimmen vom Entree her,
und im nächsten Augenblicke traten Marcell und Corinna ein, Marcell befangen und
fast verstimmt, Corinna nach wie vor in bester Laune. Sie ging zur Begrüssung auf
Distelkamp zu, der ihr Pate war und ihr immer kleine Verbindlichkeiten sagte.
Dann gab sie Friedeberg und Etienne die Hand und machte den Schluss bei ihrem
Vater, dem sie, nachdem er sich auf ihre Ordre mit der breit vorgebundenen
Serviette den Mund abgeputzt hatte, einen herzhaften Kuss gab.
    »Nun, Kinder, was bringt ihr? Rückt hier ein. Platz die Hülle und Fülle.
Rindfleisch hat abgeschrieben... Griechische Gesellschaft... und die beiden
anderen fehlen als Anhängsel natürlich von selbst. Aber kein anzügliches Wort
mehr, ich habe ja Besserung geschworen und will's halten. Also, Corinna, du
drüben neben Distelkamp, Marcell hier zwischen Etienne und mir. Ein Besteck wird
die Schmolke wohl gleich bringen... So; so ist's recht... Und wie sich das
gleich anders ausnimmt! Wenn so Lücken klaffen, denk ich immer, Banquo steigt
auf. Nun, Gott sei Dank, Marcell, von Banquo hast du nicht viel, oder wenn doch
vielleicht, so verstehst du's, deine Wunden zu verbergen. Und nun erzählt,
Kinder. Was macht Treibel? Was macht meine Freundin Jenny? Hat sie gesungen? Ich
wette, das ewige Lied, mein Lied, die berühmte Stelle Wo sich Herzen finden, und
Adolar Krola hat begleitet. Wenn ich dabei nur mal in Krolas Seele lesen könnte.
Vielleicht aber steht er doch milder und menschlicher dazu. Wer jeden Tag zu
zwei Diners geladen ist und mindestens andertalb mitmacht... Aber bitte,
Corinna, klingle.«
    »Nein, ich gehe lieber selbst, Papa. Die Schmolke lässt sich nicht gerne
klingeln; sie hat so ihre Vorstellungen von dem, was sie sich und ihrem
Verstorbenen schuldig ist. Und ob ich wiederkomme, die Herren wollen verzeihen,
weiss ich auch nicht; ich glaube kaum. Wenn man solchen Treibelschen Tag hinter
sich hat, ist es das schönste, darüber nachzudenken, wie das alles so kam und
was einem alles gesagt wurde. Marcell kann ja statt meiner berichten. Und nur
noch soviel, ein höchst interessanter Engländer war mein Tischnachbar, und wer
es von Ihnen vielleicht nicht glauben will, dass er so sehr interessant gewesen,
dem brauche ich bloss den Namen zu nennen, er hiess nämlich Nelson. Und nun Gott
befohlen.«
    Und damit verabschiedete sich Corinna.
    Das Besteck für Marcell kam, und als dieser, nur um des Onkels gute Laune
nicht zu stören, um einen Kost- und Probekrebs gebeten hatte, sagte Schmidt:
»Fange nur erst an. Artischocken und Krebse kann man immer essen, auch wenn man
von einem Treibelschen Diner kommt. Ob sich vom Hummer dasselbe sagen lässt, mag
dahingestellt bleiben. Mir persönlich ist allerdings auch der Hummer immer gut
bekommen. Ein eigen Ding, dass man aus Fragen der Art nie herauswächst, sie
wechseln bloss ab im Leben. Ist man jung, so heisst es hübsch oder hässlich,
brünett oder blond, und liegt dergleichen hinter einem, so steht man vor der
vielleicht wichtigeren Frage Hummer oder Krebse. Wir könnten übrigens darüber
abstimmen. Andererseits, soviel muss ich zugeben, hat Abstimmung immer was Totes,
Schablonenhaftes und passt mir ausserdem nicht recht; ich möchte nämlich Marcell
gern ins Gespräch ziehen, der eigentlich dasitzt, als sei ihm die Gerste
verhagelt. Also lieber Erörterung der Frage, Debatte. Sage, Marcell, was ziehst
du vor?«
    »Versteht sich, Hummer.«
    »Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort. Auf den ersten Anlauf, mit ganz
wenig Ausnahmen, ist jeder für Hummer, schon weil er sich auf Kaiser Wilhelm
berufen kann. Aber so schnell erledigt sich das nicht. Natürlich, wenn solch ein
Hummer aufgeschnitten vor einem liegt und der wundervolle rote Rogen, ein Bild
des Segens und der Fruchtbarkeit, einem zu allem anderen auch noch die Gewissheit
gibt, es wird immer Hummer geben, auch nach Äonen noch, geradeso wie heute...«
    Distelkamp sah seinen Freund Schmidt von der Seite her an.
    »... Also einem die Gewissheit gibt, auch nach Äonen noch werden
Menschenkinder sich dieser Himmelsgabe freuen - ja, Freunde, wenn man sich mit
diesem Gefühl des Unendlichen durchdringt, so kommt das darin liegende
Humanitäre dem Hummer und unserer Stellung zu ihm unzweifelhaft zugute. Denn
jede philantropische Regung, weshalb man die Philantropie schon aus
Selbstsucht kultivieren sollte, bedeutet die Mehrung eines gesunden und zugleich
verfeinerten Appetits. Alles Gute hat seinen Lohn in sich, soviel ist
unbestreitbar.«
    »Aber...«
    »Aber es ist trotzdem dafür gesorgt, auch hier, dass die Bäume nicht in den
Himmel wachsen, und neben dem Grossen hat das Kleine nicht bloss seine
Berechtigung, sondern auch seine Vorzüge. Gewiss, dem Krebse fehlt dies und das,
er hat sozusagen nicht das Mass, was, in einem Militärstaate wie Preussen,
immerhin etwas bedeutet, aber dem ohnerachtet, auch er darf sagen: ich habe
nicht umsonst gelebt. Und wenn er dann, er, der Krebs, in Petersilienbutter
geschwenkt, im allerappetitlichsten Reize vor uns hintritt, so hat er Momente
wirklicher Überlegenheit, vor allem auch darin, dass sein Bestes nicht eigentlich
gegessen, sondern geschlürft, gesogen wird. Und dass gerade das, in der Welt des
Genusses, seine besonderen Meriten hat, wer wollte das bestreiten? Es ist,
sozusagen, das natürlich Gegebene. Wir haben da in erster Reihe den Säugling,
für den saugen zugleich leben heisst. Aber auch in den höheren Semestern...«
    »Lass es gut sein, Schmidt«, unterbrach Distelkamp. »Mir ist nur immer
merkwürdig, dass du, neben Homer und sogar neben Schliemann, mit solcher Vorliebe
Kochbuchliches behandelst, reine Menufragen, als ob du zu den Bankiers und
Geldfürsten gehörtest, von denen ich bis auf weiteres annehme, dass sie gut
essen...«
    »Mir ganz unzweifelhaft.«
    »Nun, sieh, Schmidt, diese Herren von der hohen Finanz, darauf möcht ich
mich verwetten, sprechen nicht mit halb soviel Lust und Eifer von einer
Schildkrötensuppe wie du.«
    »Das ist richtig, Distelkamp, und sehr natürlich. Sieh, ich habe die
Frische, die macht's; auf die Frische kommt es an, in allem. Die Frische gibt
einem die Lust, den Eifer, das Interesse, und wo die Frische nicht ist, da ist
gar nichts. Das ärmste Leben, das ein Menschenkind führen kann, ist das des
petit crevé. Lauter Zappeleien; nichts dahinter. Hab ich recht, Etienne?«
    Dieser, der in allem Parisischen regelmässig als Autorität angerufen wurde,
nickte zustimmend, und Distelkamp liess die Streitfrage fallen oder war geschickt
genug, ihr eine neue Richtung zu gehen, indem er aus dem allgemein Kulinarischen
auf einzelne berühmte kulinarische Persönlichkeiten überlenkte, zunächst auf den
Freiherrn von Rumohr und im raschen Anschluss an diesen auf den ihm persönlich
befreundet gewesenen Fürsten Pückler-Muskau. Besonders dieser letztere war
Distelkamps Schwärmerei. Wenn man dermaleinst das Wesen des modernen
Aristokratismus an einer historischen Figur werde nachweisen wollen, so werde
man immer den Fürsten Pückler als Musterbeispiel nehmen müssen. dabei sei er
durchaus liebenswürdig gewesen, allerdings etwas launenhaft, eitel und
übermütig, aber immer grundgut. Es sei schade, dass solche Figuren ausstürben.
Und nach diesen einleitenden Sätzen begann er speziell von Muskau und Branitz zu
erzählen, wo er vordem oft tagelang zu Besuch gewesen war und sich mit der
märchenhaften, von »Semilassos Weltfahrten« mit heimgebrachten Abessinierin über
Nahes und Fernes unterhalten hatte.
    Schmidt hörte nichts Lieberes als Erlebnisse der Art, und nun gar von
Distelkamp, vor dessen Wissen und Charakter er überhaupt einen ungeheuchelten
Respekt hatte.
    Marcell teilte ganz und gar diese Vorliebe für den alten Direktor und
verstand ausserdem - obwohl geborener Berliner - gut und mit Interesse zuzuhören;
trotzdem tat er heute Fragen über Fragen, die seine volle Zerstreuteit
bewiesen. Er war eben mit anderem beschäftigt.
    So kam elf heran, und mit dem Glockenschlage - ein Satz von Schmidt wurde
mitten durchgeschnitten - erhob man sich und trat aus dem Esszimmer in das
Entree, darin seitens der Schmolke die Sommerüberzieher samt Hut und Stock schon
in Bereitschaft gelegt waren. Jeder griff nach dem Seinen, und nur Marcell nahm
den Oheim einen Augenblick beiseite und sagte: »Onkel, ich spräche gerne noch
ein Wort mit dir«, ein Ansinnen, zu dem dieser, jovial und herzlich wie immer,
seine volle Zustimmung ausdrückte. Dann, unter Vorantritt der Schmolke, die mit
der Linken den messingenen Leuchter über den Kopf hielt, stiegen Distelkamp,
Friedeberg und Etienne zunächst treppab und traten gleich danach in die muffig
schwüle Adlerstrasse hinaus. Oben aber nahm Schmidt seines Neffen Arm und schritt
mit ihm auf seine Studierstube zu.
»Nun, Marcell, was gibt es? Rauchen wirst du nicht, du siehst mir viel zu
bewölkt aus; aber verzeih, ich muss mir erst eine Pfeife stopfen.« Und dabei liess
er sich, den Tabakskasten vor sich herschiebend, in eine Sofaecke nieder. »So!
Marcell... Und nun nimm einen Stuhl und setz dich und schiesse los. Was gibt es?«
    »Das alte Lied.«
    »Corinna?«
    »Ja.«
    »Ja, Marcell, nimm mir's nicht übel, aber das ist ein schlechter Liebhaber,
der immer väterlichen Vorspann braucht, um von der Stelle zu kommen. Du weisst,
ich bin dafür. Ihr seid wie geschaffen füreinander. Sie übersieht dich und uns
alle; das Schmidtsche strebt in ihr nicht bloss der Vollendung zu, sondern, ich
muss das sagen, trotzdem ich ihr Vater bin, kommt auch ganz nah ans Ziel. Nicht
jede Familie kann das ertragen. Aber das Schmidtsche setzt sich aus solchen
Ingredienzien zusammen, dass die Vollendung, von der ich spreche, nie bedrücklich
wird. Und warum nicht? Weil die Selbstironie, in der wir, glaube ich, gross sind,
immer wieder ein Fragezeichen hinter der Vollendung macht. Das ist recht
eigentlich das, was ich das Schmidtsche nenne. Folgst du?«
    »Gewiss, Onkel. Sprich nur weiter.«
    »Nun sieh, Marcell, ihr passt ganz vorzüglich zusammen. Sie hat die genialere
Natur, hat so den letzten Knips von der Sache weg, aber das gibt keineswegs das
Übergewicht im Leben. Fast im Gegenteil. Die Genialen bleiben immer halbe
Kinder, in Eitelkeit befangen, und verlassen sich immer auf Intuition und bon
sens und Sentiment, und wie all die französischen Worte heissen mögen. Oder wir
können auch auf gut deutsch sagen, sie verlassen sich auf ihre guten Einfälle.
Damit ist es nun aber soso; manchmal wetterleuchtet es freilich eine halbe
Stunde lang oder auch noch länger, gewiss, das kommt vor; aber mit einem Mal ist
das Elektrische wie verbljetzt, und nun bleibt nicht bloss der Esprit aus wie
Röhrwasser, sondern auch der gesunde Menschenverstand. Ja, der erst recht. Und
so ist es auch mit Corinna. Sie bedarf einer verständigen Leitung, das heisst sie
bedarf eines Mannes von Bildung und Charakter. Das bist du, das hast du. Du hast
also meinen Segen; alles andere musst du dir selber besorgen.«
    »Ja, Onkel, das sagst du immer. Aber wie soll ich das anfangen? Eine
lichterlohe Leidenschaft kann ich in ihr nicht entzünden. Vielleicht ist sie
solcher Leidenschaft nicht einmal fähig; aber wenn auch, wie soll ein Vetter
seine Cousine zur Leidenschaft anstacheln? Das kommt gar nicht vor. Die
Leidenschaft ist etwas Plötzliches, und wenn man von seinem fünften Jahr an
immer zusammen gespielt und sich, sagen wir, hinter den Sauerkrauttonnen eines
Budikers oder in einem Torf- und Holzkeller unzählige Male stundenlang versteckt
hat, immer gemeinschaftlich und immer glückselig, dass Richard oder Artur,
trotzdem sie dicht um einen herum waren, einen doch nicht finden konnten, ja,
Onkel, da ist von Plötzlichkeit, dieser Vorbedingung der Leidenschaft, keine
Rede mehr.«
    Schmidt lachte. »Das hast du gut gesagt, Marcell, eigentlich über deine
Mittel. Aber es steigert nur meine Liebe zu dir. Das Schmidtsche steckt doch
auch in dir und ist nur unter dem steifen Wedderkoppschen etwas vergraben. Und
das kann ich dir sagen, wenn du diesen Ton Corinna gegenüber festältst, dann
bist du durch, dann hast du sie sicher.«
    »Ach, Onkel, glaube doch das nicht. Du verkennst Corinna. Nach der einen
Seite hin kennst du sie ganz genau, aber nach der anderen Seite hin kennst du
sie gar nicht. Alles, was klug und tüchtig und, vor allem, was espritvoll an ihr
ist, das siehst du mit beiden Augen, aber was äusserlich und modern an ihr ist,
das siehst du nicht. Ich kann nicht sagen, dass sie jene niedrigstehende
Gefallsucht hat, die jeden erobern will, er sei wer er sei; von dieser
Koketterie hat sie nichts. Aber sie nimmt sich erbarmungslos einen aufs Korn,
einen, an dessen Spezialeroberung ihr gelegen ist, und du glaubst gar nicht, mit
welcher grausamen Konsequenz, mit welcher infernalen Virtuosität sie dies von
ihr erwählte Opfer in ihre Fäden einzuspinnen weiss.«
    »Meinst du?«
    »Ja, Onkel. Heute bei Treibels hatten wir wieder ein Musterbeispiel davon.
Sie sass zwischen Leopold Treibel und einem Engländer, dessen Namen sie dir ja
schon genannt hat, einen Mister Nelson, der, wie die meisten Engländer aus guten
Häusern, einen gewissen Naivitäts-Charme hatte, sonst aber herzlich wenig
bedeutete. Nun hättest du Corinna sehen sollen. Sie beschäftigte sich
anscheinend mit niemand anderem als diesem Sohn Albions, und es gelang ihr auch,
ihn in Staunen zu setzen. Aber glaube nur ja nicht, dass ihr an dem flachsblonden
Mister Nelson im geringsten gelegen gewesen wäre; gelegen war ihr bloss an
Leopold Treibel, an den sie kein einziges Wort, oder wenigstens nicht viele,
direkt richtete und dem zu Ehren sie doch eine Art von französischen Proverbe
aufführte, kleine Komödie, dramatische Szene. Und wie ich dir versichern kann,
Onkel, mit vollständigstem Erfolg. Dieser unglückliche Leopold hängt schon lange
an ihren Lippen und saugt das süsse Gift ein, aber so wie heute habe ich ihn doch
noch nicht gesehen. Er war von Kopf bis zu Fuss die helle Bewunderung, und jede
Miene schien ausdrücken zu wollen: Ach, wie langweilig ist Helene (das ist, wie
du dich vielleicht erinnerst, die Frau seines Bruders), und wie wundervoll ist
diese Corinna.«
    »Nun gut, Marcell, aber das alles kann ich so schlimm nicht finden. Warum
soll sie nicht ihren Nachbar zur Rechten unterhalten, um auf ihren Nachbar zur
Linken einen Eindruck zu machen? Das kommt alle Tage vor, das sind so kleine
Capricen, an denen die Frauennatur reich ist.«
    »Du nennst es Capricen, Onkel. Ja, wenn die Dinge so lägen! Es liegt aber
anders. Alles ist Berechnung: sie will den Leopold heiraten.«
    »Unsinn, Leopold ist ein Junge.«
    »Nein, er ist fünfundzwanzig, gerade so alt wie Corinna selbst. Aber wenn er
auch noch ein blosser Junge wäre, Corinna hat sich's in den Kopf gesetzt und wird
es durchführen.«
    »Nicht möglich.«
    »Doch, doch. Und nicht bloss möglich, sondern ganz gewiss. Sie hat es mir, als
ich sie zur Rede stellte, selber gesagt. Sie will Leopold Treibels Frau werden,
und wenn der Alte das Zeitliche segnet, was doch, wie sie mir versicherte,
höchstens noch zehn Jahre dauern könne und, wenn er in seinem Zossener
Wahlkreise gewählt würde, keine fünfe mehr, so will sie die Villa beziehen, und
wenn ich sie recht taxiere, so wird sie zu dem grauen Kakadu noch einen Pfauhahn
anschaffen.«
    »Ach, Marcell, das sind Visionen.«
    »Vielleicht von ihr, wer will's sagen? aber sicherlich nicht von mir. Denn
all das waren ihre eigensten Worte. Du hättest sie hören sollen, Onkel, mit
welcher Suffisance sie von kleinen Verhältnissen sprach und wie sie das dürftige
Kleinleben ausmalte, für das sie nun mal nicht geschaffen sei; sie sei nicht für
Speck und Wruken und all dergleichen... und du hättest nur hören sollen, wie sie
das sagte, nicht bloss so drüber hin, nein, es klang geradezu was von Bitterkeit
mit durch, und ich sah zu meinem Schmerz, wie veräusserlicht sie ist und wie die
verdammte neue Zeit sie ganz in Banden hält.«
    »Hm«, sagte Schmidt, »das gefällt mir nicht, namentlich das mit den Wruken.
Das ist bloss ein dummes Vornehmtun und ist auch kulinarisch eine Torheit; denn
alle Gerichte, die Friedrich Wilhelm I. liebte, so zum Beispiel Weisskohl mit
Hammelfleisch oder Schlei mit Dill - ja, lieber Marcell, was will dagegen
aufkommen? Und dagegen Front zu machen ist einfach Unverstand. Aber glaube mir,
Corinna macht auch nicht Front dagegen, dazu ist sie viel zu sehr ihres Vaters
Tochter, und wenn sie sich darin gefallen hat, dir von Modernität zu sprechen
und dir vielleicht eine Pariser Hutnadel oder eine Sommerjacke, dran alles chic
und wieder chic ist, zu beschreiben und so zu tun, als ob es in der ganzen Welt
nichts gäbe, was an Wert und Schönheit damit verglichen werden könnte, so ist
das alles bloss Feuerwerk, Phantasietätigkeit, jeu d'esprit, und wenn es ihr
morgen passt, dir einen Pfarramtskandidaten in der Jasminlaube zu beschreiben,
der selig in Lottchens Armen ruht, so leistet sie das mit demselben Aplomb und
mit derselben Virtuosität. Das ist, was ich das Schmidtsche nenne. Nein,
Marcell, darüber darfst du dir keine grauen Haare wachsen lassen; das ist alles
nicht ernstlich gemeint...«
    »Es ist ernstlich gemeint...«
    »Und wenn es ernstlich gemeint ist - was ich vorläufig noch nicht glaube,
denn Corinna ist eine sonderbare Person -, so nutzt ihr dieser Ernst nichts, gar
nichts, und es wird doch nichts draus. Darauf verlass dich, Marcell. Denn zum
Heiraten gehören zwei.«
    »Gewiss, Onkel. Aber Leopold will womöglich noch mehr als Corinna...«
    »Was gar keine Bedeutung hat. Denn lass dir sagen, und damit sprech ich ein
grosses Wort gelassen aus: die Kommerzienrätin will nicht.«
    »Bist du dessen so sicher?«
    »Ganz sicher.«
    »Und hast auch Zeichen dafür?«
    »Zeichen und Beweise, Marcell. Und zwar Zeichen und Beweise, die du in
deinem alten Onkel Wilibald Schmidt hier leibhaftig vor dir siehst...«
    »Das wäre.«
    »Ja, Freund, leibhaftig vor dir siehst. Denn ich habe das Glück gehabt, an
mir selbst, und zwar als Objekt und Opfer, das Wesen meiner Freundin Jenny
studieren zu können. Jenny Bürstenbinder, das ist ihr Vatersname, wie du
vielleicht schon weisst, ist der Typus einer Bourgeoise. Sie war talentiert
dafür, von Kindesbeinen an, und in jenen Zeiten, wo sie noch drüben in ihres
Vaters Laden, wenn der Alte gerade nicht hinsah, von den Traubenrosinen naschte,
da war sie schon geradeso wie heut und deklamierte den Taucher und den Gang nach
dem Eisenhammer und auch allerlei kleine Lieder, und wenn es recht was Rührendes
war, so war ihr Auge schon damals immer in Tränen, und als ich eines Tages mein
berühmtes Gedicht gedichtet hatte, du weisst schon, das Unglücksding, das sie
seitdem immer singt und vielleicht auch heute wieder gesungen hat, da warf sie
sich mir an die Brust und sagte: Wilibald, Einziger, das kommt von Gott. Ich
sagte halb verlegen etwas von meinem Gefühl und meiner Liebe, sie blieb aber
dabei, es sei von Gott, und dabei schluchzte sie dermassen, dass ich, so glücklich
ich einerseits in meiner Eitelkeit war, doch auch wieder einen Schreck kriegte
vor der Macht dieser Gefühle. Ja, Marcell, das war so unsere stille Verlobung,
ganz still, aber doch immerhin eine Verlobung; wenigstens nahm ich's dafür und
strengte mich riesig an, um so rasch wie möglich mit meinem Studium am Ende zu
sein und mein Examen zu machen. Und ging auch alles vortrefflich. Als ich nun
aber kam, um die Verlobung perfekt zu machen, da hielt sie mich hin, war
abwechselnd vertraulich und dann wieder fremd, und während sie nach wie vor das
Lied sang, mein Lied, liebäugelte sie mit jedem, der ins Haus kam, bis endlich
Treibel erschien und dem Zauber ihrer kastanienbraunen Locken und mehr noch
ihrer Sentimentalitäten erlag. Denn der Treibel von damals war noch nicht der
Treibel von heut, und am andern Tag kriegte ich die Verlobungskarten. Alles in
allem eine sonderbare Geschichte, daran, das glaub ich sagen zu dürfen, andere
Freundschaften gescheitert wären; aber ich bin kein Übelnehmer und
Spielverderber, und in dem Liede, drin sich, wie du weisst, die Herzen finden -
beiläufig eine himmlische Trivialität und ganz wie geschaffen für Jenny Treibel
-, in dem Liede lebt unsre Freundschaft fort bis diesen Tag, ganz so, als sei
nichts vorgefallen. Und am Ende, warum auch nicht? Ich persönlich bin drüber
weg, und Jenny Treibel hat ein Talent, alles zu vergessen, was sie vergessen
will. Es ist eine gefährliche Person, und um so gefährlicher, als sie's selbst
nicht recht weiss und sich aufrichtig einbildet, ein gefühlvolles Herz und vor
allem ein Herz für das Höhere zu haben. Aber sie hat nur ein Herz für das
Ponderable, für alles, was ins Gewicht fällt und Zins trägt, und für viel
weniger als eine halbe Million gibt sie den Leopold nicht fort, die halbe
Million mag herkommen, woher sie will. Und dieser arme Leopold selbst. Soviel
weisst du doch, der ist nicht der Mensch des Aufbäumens oder der Eskapade nach
Gretna Green. Ich sage dir, Marcell, unter Brückner tun es Treibels nicht, und
Kögel ist ihnen noch lieber. Denn je mehr es nach Hof schmeckt, desto besser.
Sie liberalisieren und sentimentalisieren beständig, aber das alles ist Farce;
wenn es gilt, Farbe zu bekennen, dann heisst es: Gold ist Trumpf und weiter
nichts.«
    »Ich glaube, dass du Leopold unterschätzest.«
    »Ich fürchte, dass ich ihn noch überschätze. Ich kenn ihn noch aus der
Untersekunda her. Weiter kam er nicht; wozu auch? Guter Mensch, Mittelgut, und
als Charakter noch unter Mittel.«
    »Wenn du mit Corinna sprechen könntest.«
    »Nicht nötig, Marcell. Durch Dreinreden stört man nur den natürlichen Gang
der Dinge. Mag übrigens alles schwanken und unsicher sein, eines steht fest: der
Charakter meiner Freundin Jenny. Da ruhen die Wurzeln deiner Kraft. Und wenn
Corinna sich in Tollheiten überschlägt, lass sie; den Ausgang der Sache kenn ich.
Du sollst sie haben, und du wirst sie haben, und vielleicht eher, als du
denkst.«
 
                                 Achtes Kapitel
Treibel war ein Frühauf, wenigstens für einen Kommerzienrat, und trat nie später
als acht Uhr in sein Arbeitszimmer, immer gestiefelt und gespornt, immer in
sauberster Toilette. Er sah dann die Privatbriefe durch, tat einen Blick in die
Zeitungen und wartete, bis seine Frau kam, um mit dieser gemeinschaftlich das
erste Frühstück zu nehmen. In der Regel erschien die Rätin sehr bald nach ihm,
heut aber verspätete sie sich, und weil der eingegangenen Briefe nur ein paar
waren, die Zeitungen aber, in denen schon der Sommer vorspukte, wenig Inhalt
hatten, so geriet Treibel in einen leisen Zustand von Ungeduld und durchmass,
nachdem er sich rasch von seinem kleinen Ledersofa erhoben hatte, die beiden
grossen nebenan gelegenen Räume, darin sich die Gesellschaft vom Tage vorher
abgespielt hatte. Das obere Schiebefenster des Garten- und Esssaales war ganz
heruntergelassen, so dass er, mit den Armen sich auflehnend, in bequemer Stellung
in den unter ihm gelegenen Garten hinabsehen konnte. Die Szenerie war wie
gestern, nur statt des Kakadu, der noch fehlte, sah man draussen die Honig, die,
den Bologneser der Kommerzienrätin an einer Strippe führend, um das Bassin
herumschritt. Dies geschah jeden Morgen und dauerte Mal für Mal, bis der Kakadu
seinen Stangenplatz einnahm oder in seinem blanken Käfig ins Freie gestellt
wurde, worauf sich dann die Honig mit dem Bologneser zurückzog, um einen
Ausbruch von Feindseligkeiten zwischen den beiden gleichmässig verwöhnten
Lieblingen des Hauses zu vermeiden. Das alles indessen stand heute noch aus.
Treibel, immer artig, erkundigte sich, von seiner Fensterstellung aus, erst nach
dem Befinden des Fräuleins - was die Kommerzienrätin, wenn sie's hörte, jedesmal
sehr überflüssig fand - und fragte dann, als er beruhigende Versicherungen
darüber entgegengenommen hatte, wie sie Mister Nelsons englische Aussprache
gefunden habe, dabei von der mehr oder weniger überzeugten Ansicht ausgehend,
dass es jeder von einem Berliner Schulrat examinierten Erzieherin ein kleines
sein müsse, dergleichen festzustellen. Die Honig, die diesen Glauben nicht gern
zerstören wollte, beschränkte sich darauf, die Korrekteit von Mister Nelsons a
anzuzweifeln und diesem seinem a eine nicht ganz stattafte Mittelstellung
zwischen der englischen und schottischen Aussprache dieses Vokals zuzuerkennen,
eine Bemerkung, die Treibel ganz ernstaft hinnahm und weiter ausgesponnen haben
würde, wenn er nicht im selben Moment ein leises Insschlossfallen einer der
Vordertüren, also mutmasslich das Eintreten der Kommerzienrätin, erlauscht hätte.
Treibel hielt es auf diese Wahrnehmung hin für angezeigt, sich von der Honig zu
verabschieden, und schritt wieder auf sein Arbeitszimmer zu, in das in der Tat
die Rätin eben eingetreten war. Das auf einem Tablett wohlarrangierte Frühstück
stand schon da.
    »Guten Morgen, Jenny... Wie geruht?«
    »Doch nur passabel. Dieser furchtbare Vogelsang hat wie ein Alp auf mir
gelegen.«
    »Ich würde gerade diese bildersprachliche Wendung doch zu vermeiden suchen.
Aber wie du darüber denkst... Im übrigen, wollen wir das Frühstück nicht lieber
draussen nehmen?«
    Und der Diener, nachdem Jenny zugestimmt und ihrerseits auf den Knopf der
Klingel gedrückt hatte, erschien wieder, um das Tablett auf einen der kleinen,
in der Veranda stehenden Tische hinauszutragen. »Es ist gut, Friedrich«, sagte
Treibel und schob jetzt höchst eigenhändig eine Fussbank heran, um es dadurch
zunächst seiner Frau, zugleich aber auch sich selber nach Möglichkeit bequem zu
machen. Denn Jenny bedurfte solcher Huldigungen, um bei guter Laune zu bleiben.
    Diese Wirkung blieb denn auch heute nicht aus. Sie lächelte, rückte die
Zuckerschale näher zu sich heran und sagte, während sie die gepflegte weisse Hand
über den grossen Blockstücken hielt: »Eins oder zwei?«
    »Zwei, Jenny, wenn ich bitten darf. Ich sehe nicht ein, warum ich, der ich
zur Runkelrübe, Gott sei Dank, keine Beziehungen unterhalte, die billigen
Zuckerzeiten nicht fröhlich mitmachen soll.«
    Jenny war einverstanden, tat den Zucker ein und schob gleich danach die
kleine, genau bis an den Goldstreifen gefüllte Tasse dem Gemahl mit dem Bemerken
zu: »Du hast die Zeitungen schon durchgesehen? Wie steht es mit Gladstone?«
    Treibel lachte mit ganz ungewöhnlicher Herzlichkeit. »Wenn es dir recht ist,
Jenny, bleiben wir vorläufig noch diesseits des Kanals, sagen wir in Hamburg
oder doch in der Welt des Hamburgischen, und transponieren uns die Frage nach
Gladstones Befinden in eine Frage nach unserer Schwiegertochter Helene. Sie war
offenbar verstimmt, und ich schwanke nur noch, was in ihren Augen die Schuld
trug. War es, dass sie selber nicht gut genug placiert war, oder war es, dass wir
Mister Nelson, ihren uns gütigst überlassenen oder, um es berlinisch zu sagen,
ihren uns aufgepuckelten Ehrengast, so ganz einfach zwischen die Honig und
Corinna gesetzt hatten?«
    »Du hast eben gelacht, Treibel, weil ich nach Gladstone fragte, was du nicht
hättest tun sollen, denn wir Frauen dürfen so was fragen, wenn wir auch was ganz
anderes meinen; aber ihr Männer dürft uns das nicht nachmachen wollen. Schon
deshalb nicht, weil es euch nicht glückt oder doch jedenfalls noch weniger als
uns. Denn soviel ist doch gewiss und kann dir nicht entgangen sein, ich habe
niemals einen entzückteren Menschen gesehen als den guten Nelson; also wird
Helene wohl nichts dagegen gehabt haben, dass wir ihren Protegé grade so
placierten, wie geschehen. Und wenn das auch eine ewige Eifersucht ist zwischen
ihr und Corinna, die sich, ihrer Meinung nach, zuviel herausnimmt und...«
    »... und unweiblich ist und unhamburgisch, was nach ihrer Meinung so
ziemlich zusammenfällt...«
    »... so wird sie's ihr gestern«, fuhr Jenny, der Unterbrechung nicht
achtend, fort, »wohl zum ersten Male verziehen haben, weil es ihr selber zugute
kam oder ihrer Gastlichkeit, von der sie persönlich freilich so mangelhafte
Proben gegeben hat. Nein, Treibel, nichts von Verstimmung über Mister Nelsons
Platz. Helene schmollt mit uns beiden, weil wir alle Anspielungen nicht
verstehen wollen und ihre Schwester Hildegard noch immer nicht eingeladen haben.
Übrigens ist Hildegard ein lächerlicher Name für eine Hamburgerin. Hildegard
heisst man in einem Schloss mit Ahnenbildern oder wo eine Weisse Frau spukt.
Helene schmollt mit uns, weil wir hinsichtlich Hildegards so sehr schwerhörig
sind.«
    »Worin sie recht hat.«
    »Und ich finde, dass sie darin unrecht hat. Es ist eine Anmassung, die an
Insolenz grenzt. Was soll das heissen? Sind wir in einem fort dazu da, dem
Holzhof und seinen Angehörigen Honneurs zu machen? Sind wir dazu da, Helenens
und ihrer Eltern Pläne zu begünstigen? Wenn unsre Frau Schwiegertochter durchaus
die gastliche Schwester spielen will, so kann sie Hildegard ja jeden Tag von
Hamburg her verschreiben und das verwöhnte Püppchen entscheiden lassen, ob die
Alster bei der Uhlenhorst oder die Spree bei Treptow schöner ist. Aber was geht
uns das alles an. Otto hat seinen Holzhof so gut wie du deinen Fabrikhof, und
seine Villa finden viele Leute hübscher als die unsre, was auch zutrifft. Unsre
ist beinah altmodisch und jedenfalls viel zu klein, so dass ich oft nicht aus
noch ein weiss. Es bleibt dabei, mir fehlen wenigstens zwei Zimmer. Ich mag davon
nicht viel Worte machen, aber wie kommen wir dazu, Hildegard einzuladen, als ob
uns daran läge, die Beziehungen der beiden Häuser aufs eifrigste zu pflegen, und
wie wenn wir nichts sehnlicher wünschten, als noch mehr Hamburger Blut in die
Familie zu bringen...«
    »Aber Jenny. ..«
    »Nichts von aber, Treibel. Von solchen Sachen versteht ihr nichts, weil ihr
kein Auge dafür habt. Ich sage dir, auf solche Pläne läuft es hinaus, und
deshalb sollen wir die Einladenden sein. Wenn Helene Hildegarden einlädt, so
bedeutet das so wenig, dass es nicht einmal die Trinkgelder wert ist und die
neuen Toiletten nun schon gewiss nicht. Was hat es für eine Bedeutung, wenn sich
zwei Schwestern wiedersehen? Gar keine, sie passen nicht mal zusammen und
schrauben sich beständig; aber wenn wir Hildegard einladen, so heisst das, die
Treibels sind unendlich entzückt über ihre erste Hamburger Schwiegertochter und
würden es für ein Glück und eine Ehre ansehen, wenn sich das Glück erneuern und
verdoppeln und Fräulein Hildegard Munk Frau Leopold Treibel werden wollte. Ja,
Freund, darauf läuft es hinaus. Es ist eine abgekartete Sache. Leopold soll
Hildegard oder eigentlich Hildegard soll Leopold heiraten; denn Leopold ist bloss
passiv und hat zu gehorchen. Das ist das, was die Munks wollen, was Helene will
und was unser armer Otto, der, Gott weiss es, nicht viel sagen darf, schliesslich
auch wird wollen müssen. Und weil wir zögern und mit der Einladung nicht recht
heraus wollen, deshalb schmollt und grollt Helene mit uns und spielt die
Zurückhaltende und Gekränkte und gibt die Rolle nicht einmal auf an einem Tage,
wo ich ihr einen grossen Gefallen getan und ihr den Mister Nelson hierher
eingeladen habe, bloss damit ihr die Plättbolzen nicht kalt werden.«
    Treibel lehnte sich weiter zurück in den Stuhl und blies kunstvoll einen
kleinen Ring in die Luft. »Ich glaube nicht, dass du recht hast. Aber wenn du
recht hättest, was täte es? Otto lebt seit acht Jahren in einer glücklichen Ehe
mit Helenen, was auch nur natürlich ist; ich kann mich nicht entsinnen, dass
irgendwer aus meiner Bekanntschaft mit einer Hamburgerin in einer unglücklichen
Ehe gelebt hätte. Sie sind alle so zweifelsohne, haben innerlich und äusserlich
so was ungewöhnlich Gewaschenes und bezeugen in allem, was sie tun und nicht
tun, die Richtigkeit der Lehre vom Einfluss der guten Kinderstube. Man hat sich
ihrer nie zu schämen, und ihrem zwar bestrittenen, aber im stillen immer
gehegten Herzenswunsche, für eine Engländerin gehalten zu werden, diesem Ideale
kommen sie meistens sehr nah. Indessen das mag auf sich beruhen. Soviel steht
jedenfalls fest, und ich muss es wiederholen, Helene Munk hat unsern Otto
glücklich gemacht, und es ist mir höchst wahrscheinlich, dass Hildegard Munk
unsren Leopold auch glücklich machen würde, ja noch glücklicher. Und wär auch
keine Hexerei, denn einen besseren Menschen als unsren Leopold gibt es
eigentlich überhaupt nicht; er ist schon beinah eine Suse...«
    »Beinah?« sagte Jenny. »Du kannst ihn dreist für voll nehmen. Ich weiss
nicht, wo beide Jungen diese Milchsuppenschaft herhaben. Zwei geborene Berliner,
und sind eigentlich, wie wenn sie von Herrnhut oder Gnadenfrei kämen. Sie haben
doch beide was Schläfriges, und ich weiss wirklich nicht, Treibel, auf wen ich es
schieben soll...«
    »Auf mich, Jenny, natürlich auf mich...«
    »Und wenn ich auch sehr wohl weiss«, fuhr Jenny fort, »wie nutzlos es ist,
sich über diese Dinge den Kopf zu zerbrechen, und leider auch weiss, dass sich
solche Charaktere nicht ändern lassen, so weiss ich doch auch, dass man die
Pflicht hat, da zu helfen, wo noch geholfen werden kann. Bei Otto haben wir's
versäumt und haben zu seiner eignen Temperamentlosigkeit diese temperamentlose
Helene hinzugetan, und was dabei herauskommt, das siehst du nun an Lizzi, die
doch die grösste Puppe ist, die man nur sehen kann. Ich glaube, Helene wird sie
noch, auf Vorderzähne-Zeigen hin, englisch abrichten. Nun, meinetwegen. Aber ich
bekenne dir, Treibel, dass ich an einer solchen Schwiegertochter und einer
solchen Enkelin gerade genug habe und dass ich den armen Jungen, den Leopold,
etwas passender als in der Familie Munk unterbringen möchte.«
    »Du möchtest einen forschen Menschen aus ihm machen, einen Kavalier, einen
sportsman...«
    »Nein, einen forschen Menschen nicht, aber einen Menschen überhaupt. Zum
Menschen gehört Leidenschaft, und wenn er eine Leidenschaft fassen könnte, sieh,
das wäre was, das würd ihn rausreissen, und sosehr ich allen Skandal hasse, ich
könnte mich beinah freuen, wenn's irgend so was gäbe, natürlich nichts
Schlimmes, aber doch wenigstens was Apartes.«
    »Male den Teufel nicht an die Wand, Jenny. Dass er sich aufs Entführen
einlässt, ist mir, ich weiss nicht, soll ich sagen leider oder glücklicherweise,
nicht sehr wahrscheinlich; aber man hat Exempel von Beispielen, dass Personen,
die zum Entführen durchaus nicht das Zeug hatten, gleichsam, wie zur Strafe
dafür, entführt wurden. Es gibt ganz verflixte Weiber, und Leopold ist gerade
schwach genug, um vielleicht einmal in den Sattel einer armen und etwas
emanzipierten Edeldame, die natürlich auch Schmidt heissen kann, hineingehoben
und über die Grenze geführt zu werden...«
    »Ich glaub es nicht«, sagte die Kommerzienrätin, »er ist leider auch dafür
zu stumpf.« Und sie war von der Ungefährlichkeit der Gesamtlage so fest
überzeugt, dass sie nicht einmal der vielleicht bloss zufällig, aber vielleicht
auch absichtlich gesprochene Name »Schmidt« stutzig gemacht hatte. »Schmidt«,
das war nur so herkömmlich hingeworfen, weiter nichts, und in einem halb
übermütigen Jugendanfluge gefiel sich die Rätin sogar in stiller Ausmalung einer
Eskapade: Leopold, mit aufgesetztem Schnurrbart, auf dem Wege nach Italien und
mit ihm eine Freiin aus einer pommerschen oder schlesischen
Verwogenheitsfamilie, die Reiherfeder am Hut und den schottisch karierten Mantel
über den etwas fröstelnden Liebhaber ausgebreitet. All das stand vor ihr, und
beinah traurig sagte sie zu sich selbst: »Der arme Junge. Ja, wenn er dazu das
Zeug hätte!«
Es war um die neunte Stunde, dass die alten Treibels dies Gespräch führten, ohne
jede Vorstellung davon, dass um eben diese Zeit auch die auf ihrer Veranda das
Frühstück nehmenden jungen Treibels der Gesellschaft vom Tage vorher gedachten.
Helene sah sehr hübsch aus, wozu nicht nur die kleidsame Morgentoilette, sondern
auch eine gewisse Belebteit in ihren sonst matten und beinah
vergissmeinnichtblauen Augen ein Erhebliches beitrug. Es war ganz ersichtlich,
dass sie bis diese Minute mit ganz besonderem Eifer auf den halb verlegen vor
sich hin sehenden Otto eingepredigt haben musste; ja, wenn nicht alles täuschte,
wollte sie mit diesem Ansturm eben fortfahren, als das Erscheinen Lizzis und
ihrer Erzieherin, Fräulein Wulsten, dies Vorhaben unterbrach.
    Lizzi, trotz früher Stunde, war schon in vollem Staate. Das etwas gewellte
blonde Haar des Kindes hing bis auf die Hüften herab; im übrigen aber war alles
weiss, das Kleid, die hohen Strümpfe, der Überfallkragen, und nur um die Taille
herum, wenn sich von einer solchen sprechen liess, zog sich eine breite rote
Schärpe, die von Helenen selbstverständlich nie »rote Schärpe«, sondern immer
nur »pinkcoloured scarf« genannt wurde. Die Kleine, wie sie sich da
präsentierte, hätte sofort als symbolische Figur auf den Wäscheschrank ihrer
Mutter gestellt werden können, so sehr war sie der Ausdruck von Weisszeug mit
einem roten Bändchen drum. Lizzi galt im ganzen Kreise der Bekannten als
Musterkind, was das Herz Helenens einerseits mit Dank gegen Gott, andrerseits
aber auch mit Dank gegen Hamburg erfüllte, denn zu den Gaben der Natur, die der
Himmel hier so sichtlich verliehen, war auch noch eine Mustererziehung
hinzugekommen, wie sie eben nur die Hamburger Tradition geben konnte. Diese
Mustererziehung hatte gleich mit dem ersten Lebenstage des Kindes begonnen.
Helene, »weil es unschön sei« - was übrigens von seiten des damals noch um
sieben Jahre jüngeren Krola bestritten wurde -, war nicht zum Selbstnähren zu
bewegen gewesen, und da bei den nun folgenden Verhandlungen eine seitens des
alten Kommerzienrats in Vorschlag gebrachte Spreewälderamme mit dem Bemerken,
»es gehe bekanntlich soviel davon auf das unschuldige Kind über«, abgelehnt
worden war, war man zu dem einzig verbleibenden Auskunftsmittel übergegangen.
Eine verheiratete, von dem Geistlichen der Tomasgemeinde warm empfohlene Frau
hatte das Aufpäppeln mit grosser Gewissenhaftigkeit und mit der Uhr in der Hand
übernommen, wobei Lizzi so gut gediehen war, dass sich eine Zeitlang sogar kleine
Grübchen auf der Schulter gezeigt hatten. Alles normal und beinah über das
Normale hinaus. Unser alter Kommerzienrat hatte denn auch der Sache nie so recht
getraut, und erst um ein erhebliches später, als sich Lizzi mit einem
Trennmesser in den Finger geschnitten hatte (das Kindermädchen war dafür
entlassen worden), hatte Treibel beruhigt ausgerufen: »Gott sei Dank, soviel ich
sehen kann, es ist wirkliches Blut.«
    Ordnungsmässig hatte Lizzis Leben begonnen, und ordnungsmässig war es
fortgesetzt worden. Die Wäsche, die sie trug, führte durch den Monat hin die
genau korrespondierende Tageszahl, so dass man ihr, wie der Grossvater sagte, das
jedesmalige Datum vom Strumpf lesen konnte. »Heut ist der Siebzehnte.« Der
Puppenkleiderschrank war an den Riegeln numeriert, und als es geschah (und
dieser schreckliche Tag lag noch nicht lange zurück), dass Lizzi, die sonst die
Sorglichkeit selbst war, in ihrer mit allerlei Kästen ausstaffierten Puppenküche
Griess in den Kasten getan hatte, der doch ganz deutlich die Aufschrift »Linsen«
trug, hatte Helene Veranlassung genommen, ihrem Liebling die Tragweite solchen
Fehlgriffs auseinanderzusetzen. »Das ist nichts Gleichgültiges, liebe Lizzi. Wer
Grosses hüten will, muss auch das Kleine zu hüten verstehen. Bedenke, wenn du ein
Brüderchen hättest, und das Brüderchen wäre vielleicht schwach, und du willst es
mit Eau de Cologne bespritzen, und du besprjetztest es mit Eau de Javelle, ja,
meine liebe Lizzi, so kann dein Brüderchen blind werden, oder wenn es ins Blut
geht, kann es sterben. Und doch wäre es noch eher zu entschuldigen, denn beides
ist weiss und sieht aus wie Wasser; aber Griess und Linsen, meine liebe Lizzi, das
ist doch ein starkes Stück von Unaufmerksamkeit oder, was noch schlimmer wäre,
von Gleichgültigkeit.«
    So war Lizzi, die übrigens zu weiterer Genugtuung der Mutter einen Herzmund
hatte. Freilich, die zwei blanken Vorderzähne waren immer noch nicht sichtbar
genug, um Helenen eine recht volle Herzensfreude gewähren zu können, und so
wandten sich ihre mütterlichen Sorgen auch in diesem Augenblicke wieder der ihr
so wichtigen Zahnfrage zu, weil sie davon ausging, dass es hier dem von der Natur
so glücklich gegebenen Material bis dahin nur an der rechten erziehlichen
Aufmerksamkeit gefehlt habe. »Du kneifst wieder die Lippen so zusammen, Lizzi;
das darf nicht sein. Es sieht besser aus, wenn der Mund sich halb öffnet, fast
so wie zum Sprechen. Fräulein Wulsten, ich möchte Sie doch bitten, auf diese
Kleinigkeit, die keine Kleinigkeit ist, mehr achten zu wollen... Wie steht es
denn mit dem Geburtstagsgedicht?«
    »Lizzi gibt sich die grösste Mühe.«
    »Nun, dann will ich dir deinen Wunsch auch erfüllen, Lizzi. Lade dir die
kleine Felgentreu zu heute nachmittag ein. Aber natürlich erst die
Schularbeiten... Und jetzt kannst du, wenn Fräulein Wulsten es erlaubt« (diese
verbeugte sich), »im Garten spazierengehen, überall, wo du willst, nur nicht
nach dem Hof zu, wo die Bretter über der Kalkgrube liegen. Otto, du solltest das
ändern; die Bretter sind ohnehin so morsch.«
    Lizzi war glücklich, eine Stunde frei zu haben, und nachdem sie der Mama die
Hand geküsst und noch die Warnung, sich vor der Wassertonne zu hüten, mit auf den
Weg gekriegt hatte, brachen das Fräulein und Lizzi auf, und das Elternpaar
blickte dem Kinde nach, das sich noch ein paarmal umsah und dankbar der Mutter
zunickte.
    »Eigentlich«, sagte diese, »hätte ich Lizzi gern hierbehalten und eine Seite
Englisch mit ihr gelesen; die Wulsten versteht es nicht und hat eine erbärmliche
Aussprache, so low, so vulgar. Aber ich bin gezwungen, es bis morgen zu lassen,
denn wir müssen das Gespräch durchaus zu Ende bringen. Ich sage nicht gern etwas
gegen deine Eltern, denn ich weiss, dass es sich nicht schickt, und weiss auch, dass
es dich bei deinem eigentümlich starren Charakter« (Otto lächelte) »nur noch in
dieser deiner Starrheit bestärken wird; aber man darf die Schicklichkeitsfragen,
ebenso wie die Klugheitsfragen, nicht über alles stellen. Und das täte ich, wenn
ich länger schwiege. Die Haltung deiner Eltern ist in dieser Frage geradezu
kränkend für mich und fast mehr noch für meine Familie. Denn sei mir nicht böse,
Otto, aber wer sind am Ende die Treibels? Es ist misslich, solche Dinge zu
berühren, und ich würde mich hüten, es zu tun, wenn du mich nicht geradezu
zwängest, zwischen unsren Familien abzuwägen.«
    Otto schwieg und liess den Teelöffel auf seinem Zeigefinger balancieren,
Helene aber fuhr fort: »Die Munks sind ursprünglich dänisch, und ein Zweig, wie
du recht gut weisst, ist unter König Christian gegraft worden. Als Hamburgerin
und Tochter einer Freien Stadt will ich nicht viel davon machen, aber es ist
doch immerhin was. Und nun gar von meiner Mutter Seite! Die Tompsons sind eine
Syndikatsfamilie. Du tust, als ob das nichts sei. Gut, es mag auf sich beruhen,
und nur soviel möcht ich dir noch sagen dürfen, unsre Schiffe gingen schon nach
Messina, als deine Mutter noch in dem Apfelsinenladen spielte, draus dein Vater
sie hervorgeholt hat. Material- und Kolonialwaren. Ihr nennt das hier auch
Kaufmann... ich sage nicht du..., aber Kaufmann und Kaufmann ist ein
Unterschied.«
    Otto liess alles über sich ergehen und sah den Garten hinunter, wo Lizzi
Fangball spielte.
    »Hast du noch überhaupt vor, Otto, auf das, was ich sagte, mir zu
antworten?«
    »Am liebsten nein, liebe Helene. Wozu auch? Du kannst doch nicht von mir
verlangen, dass ich in dieser Sache deiner Meinung bin, und wenn ich es nicht bin
und das ausspreche, so reize ich dich nur noch mehr. Ich finde, dass du doch mehr
forderst, als du fordern solltest. Meine Mutter ist von grosser Aufmerksamkeit
gegen dich und hat dir noch gestern einen Beweis davon gegeben; denn ich
bezweifle sehr, dass ihr das unsrem Gast zu Ehren gegebene Diner besonders zupass
kam. Du weisst ausserdem, dass sie sparsam ist, wenn es nicht ihre Person gilt.«
    »Sparsam«, lachte Helene.
    »Nenn es Geiz; mir gleich. Sie lässt es aber trotzdem nie an Aufmerksamkeiten
fehlen, und wenn die Geburtstage da sind, so sind auch ihre Geschenke da. Das
stimmt dich aber alles nicht um, im Gegenteil, du wächst in deiner beständigen
Auflehnung gegen die Mama, und das alles nur, weil sie dir durch ihre Haltung zu
verstehen gibt, dass das, was Papa die Hamburgerei nennt, nicht das Höchste in
der Welt ist und dass der liebe Gott seine Welt nicht um der Munks willen
geschaffen hat...«
    »Sprichst du das deiner Mutter nach, oder tust du von deinem Eignen noch was
hinzu? Fast klingt es so; deine Stimme zittert ja beinah.«
    »Helene, wenn du willst, dass wir die Sache ruhig durchsprechen und alles in
Billigkeit und mit Rücksicht für hüben und drüben abwägen, so darfst du nicht
beständig Öl ins Feuer giessen. Du bist so gereizt gegen die Mama, weil sie deine
Anspielungen nicht verstehen will und keine Miene macht, Hildegard einzuladen.
Darin hast du aber unrecht. Soll das Ganze bloss etwas Geschwisterliches sein, so
muss die Schwester die Schwester einladen; das ist dann eine Sache, mit der meine
Mama herzlich wenig zu tun hat...«
    »Sehr schmeichelhaft für Hildegard und auch für mich...«
    »... Soll aber ein andrer Plan damit verfolgt werden, und du hast mir
zugestanden, dass dies der Fall ist, so muss das, so wünschenswert solche zweite
Familienverbindung ganz unzweifelhaft auch für die Treibels sein würde, so muss
das unter Verhältnissen geschehen, die den Charakter des Natürlichen und
Ungezwungenen haben. Lädst du Hildegard ein und führt das, sagen wir einen Monat
später oder zwei, zur Verlobung mit Leopold, so haben wir genau das, was ich den
natürlichen und ungezwungenen Weg nenne; schreibt aber meine Mama den
Einladungsbrief an Hildegard und spricht sie darin aus, wie glücklich sie sein
würde, die Schwester ihrer lieben Helene recht, recht lange bei sich zu sehen
und sich des Glücks der Geschwister mitfreuen zu können, so drückt sich darin
ziemlich unverblümt eine Huldigung und ein aufrichtiges Sichbemühen um deine
Schwester Hildegard aus, und das will die Firma Treibel vermeiden.«
    »Und das billigst du?«
    »Ja.«
    »Nun, das ist wenigstens deutlich. Aber weil es deutlich ist, darum ist es
noch nicht richtig. Alles, wenn ich dich recht verstehe, dreht sich also um die
Frage, wer den ersten Schritt zu tun habe.«
    Otto nickte.
    »Nun, wenn dem so ist, warum wollen die Treibels sich sträuben, diesen
ersten Schritt zu tun? Warum, frage ich. Solange die Welt steht, ist der
Bräutigam oder der Liebhaber der, der wirbt...«
    »Gewiss, liebe Helene. Aber bis zum Werben sind wir noch nicht. Vorläufig
handelt es sich noch um Einleitungen, um ein Brückenbauen, und dies Brückenbauen
ist an denen, die das grössere Interesse daran haben.«
    »Ah«, lachte Helene. »Wir, die Munks... und das grössere Interesse! Otto, das
hättest du nicht sagen sollen, nicht weil es mich und meine Familie herabsetzt,
sondern weil es die ganze Treibelei und dich an der Spitze mit einem Ridikül
ausstattet, das dem Respekt, den die Männer doch beständig beanspruchen, nicht
allzu vorteilhaft ist. Ja, Freund, du forderst mich heraus, und so will ich dir
denn offen sagen, auf eurer Seite liegt Interesse, Gewinn, Ehre. Und dass ihr das
empfindet, das müsst ihr eben bezeugen, dem müsst ihr einen nicht
misszuverstehenden Ausdruck geben. Das ist der erste Schritt, von dem ich
gesprochen. Und da ich mal bei Bekenntnissen bin, so lass mich dir sagen, Otto,
dass diese Dinge, neben ihrer ernsten und geschäftlichen Seite, doch auch noch
eine persönliche Seite haben und dass es dir, so nehm ich vorläufig an, nicht in
den Sinn kommen kann, unsre Geschwister in ihrer äusseren Erscheinung miteinander
vergleichen zu wollen. Hildegard ist eine Schönheit und gleicht ganz ihrer
Grossmutter Elisabet Tompson (nach der wir ja auch unsere Lizzi getauft haben)
und hat den Chic einer Lady; du hast mir das selber früher zugestanden. Und nun
sieh deinen Bruder Leopold! Er ist ein guter Mensch, der sich ein Reitpferd
angeschafft hat, weil er's durchaus zwingen will, und schnallt sich nun jeden
Morgen die Steigbügel so hoch wie ein Engländer. Aber es nutzt ihm nichts. Er
ist und bleibt doch unter Durchschnitt, jedenfalls weitab vom Kavalier, und wenn
Hildegard ihn nähme (ich fürchte, sie nimmt ihn nicht), so wäre das wohl der
einzige Weg, noch etwas wie einen perfekten Gentleman aus ihm zu machen. Und das
kannst du deiner Mama sagen.«
    »Ich würde vorziehen, du tätest es.«
    »Wenn man aus einem guten Hause stammt, vermeidet man Aussprachen und
Szenen...«
    »Und macht sie dafür dem Manne.«
    »Das ist etwas anderes.«
    »Ja«, lachte Otto. Aber in seinem Lachen war etwas Melancholisches.
Leopold Treibel, der im Geschäft seines älteren Bruders tätig war, während er im
elterlichen Hause wohnte, hatte sein Jahr bei den Gardedragonern abdienen
wollen, war aber, wegen zu flacher Brust, nicht angenommen worden, was die ganze
Familie schwer gekränkt hatte. Treibel selbst kam schliesslich drüber weg,
weniger die Kommerzienrätin, am wenigsten Leopold selbst, der - wie Helene bei
jeder Gelegenheit und auch an diesem Morgen wieder zu betonen liebte - zur
Auswetzung der Scharte wenigstens Reitstunde genommen hatte. Jeden Tag war er
zwei Stunden im Sattel und machte dabei, weil er sich wirklich Mühe gab, eine
ganz leidliche Figur.
    Auch heute wieder, an demselben Morgen, an dem die alten und jungen Treibels
ihren Streit über dasselbe gefährliche Tema führten, hatte Leopold, ohne die
geringste Ahnung davon, sowohl Veranlassung wie Mittelpunkt derartiger heikler
Gespräche zu sein, seinen wie gewöhnlich auf Treptow zu gerichteten
Morgenausflug angetreten und ritt, von der elterlichen Wohnung aus, die zu so
früher Stunde noch wenig belebte Köpnicker Strasse hinunter, erst an seines
Bruders Villa, dann an der alten Pionierkaserne vorüber. Die Kasernenuhr schlug
eben sieben, als er das Schlesische Tor passierte. Wenn ihn dies Imsattelsein
ohnehin schon an jedem Morgen erfreute, so besonders heut, wo die Vorgänge des
voraufgegangenen Abends, am meisten aber die zwischen Mister Nelson und Corinna
geführten Gespräche noch stark in ihm nachwirkten, so stark, dass er mit dem ihm
sonst wenig verwandten Ritter Karl von Eichenhorst wohl den gemeinschaftlichen
Wunsch des »Sich-Ruhe-Reitens« in seinem Busen hegen durfte. Was ihm equestrisch
dabei zur Verfügung stand, war freilich nichts weniger als ein Dänenross voll
Kraft und Feuer, sondern nur ein schon lange Zeit in der Manege gehender
Graditzer, dem etwas Extravagantes nicht mehr zugemutet werden konnte. Leopold
ritt denn auch Schritt, sosehr er sich wünschte, davonstürmen zu können. Erst
ganz allmählich fiel er in einen leichten Trab und blieb darin, bis er den
Schafgraben und gleich danach den in geringer Entfernung gelegenen »Schlesischen
Busch« erreicht hatte, drin am Abend vorher, wie ihm Johann noch im Momente des
Abreitens erzählt hatte, wieder zwei Frauenzimmer und ein Uhrmacher beraubt
worden waren. »Dass dieser Unfug auch gar kein Ende nehmen will! Schwäche,
Polizeiversäumnis.« Indessen bei hellem Tageslichte bedeutete das alles nicht
allzuviel, weshalb Leopold in der angenehmen Lage war, sich der ringsumher
schlagenden Amseln und Finken unbehindert freuen zu können. Und kaum minder
genoss er, als er aus dem »Schlesischen Busche« wieder heraus war, der freien
Strasse, zu deren Rechten sich Saat- und Kornfelder dehnten, während zur Linken
die Spree mit ihren nebenherlaufenden Parkanlagen den Weg begrenzte. Das alles
war so schön, so morgenfrisch, dass er das Pferd wieder in Schritt fallen liess.
Aber freilich, so langsam er ritt, bald war er trotzdem an der Stelle, wo, vom
andern Ufer her, das kleine Fährboot herüberkam, und als er anhielt, um dem
Schauspiele besser zusehen zu können, trabten von der Stadt her auch schon
einige Reiter auf der Chaussee heran, und ein Pferdebahnwagen glitt vorüber,
drin, soviel er sehen konnte, keine Morgengäste für Treptow sassen. Das war so
recht, was ihm passte, denn sein Frühstück im Freien, was ihn dort regelmässig
erquickte, war nur noch die halbe Freude, wenn ein halb Dutzend echte Berliner
um ihn herumsassen und ihren mitgebrachten Affenpinscher über die Stühle springen
oder vom Steg aus apportieren liessen. Das alles, wenn dieser leere Wagen nicht
schon einen vollbesetzten Vorläufer gehabt hatte, war für heute nicht zu
befürchten.
    Gegen halb acht war er draussen, und einen halbwachsenen Jungen mit nur einem
Arm und dem entsprechenden losen Ärmel (den er beständig in der Luft schwenkte)
heranwinkend, stieg er jetzt ab und sagte, während er dem Einarmigen die Zügel
gab: »Führ es unter die Linde, Fritz. Die Morgensonne sticht hier so.« Der Junge
tat auch, wie ihm geheissen, und Leopold seinerseits ging nun an einem von
Liguster überwachsenen Staketenzaun auf den Eingang des Treptower Etablissements
zu. Gott sei Dank, hier war alles wie gewünscht, sämtliche Tische leer, die
Stühle umgekippt und auch von Kellnern niemand da als sein Freund Mützell, ein
auf sich haltender Mann von Mitte der Vierzig, der schon in den
Vormittagsstunden einen beinahe fleckenlosen Frack trug und die Trinkgelderfrage
mit einer erstaunlichen, übrigens von Leopold (der immer sehr splendid war) nie
herausgeforderten Gentilezza behandelte. »Sehen Sie, Herr Treibel«, so waren,
als das Gespräch einmal in dieser Richtung lief, seine Worte gewesen, »die
meisten wollen nicht recht und streiten einem auch noch was ab, besonders die
Damens, aber viele sind auch wieder gut und manche sogar sehr gut und wissen,
dass man von einer Zigarre nicht leben kann und die Frau zu Hause mit ihren drei
Kindern erst recht nicht. Und sehen Sie, Herr Treibel, die geben, und besonders
die kleinen Leute. Da war erst gestern wieder einer hier, der schob mir aus
Versehen ein Fünfzigpfennigstück zu, weil er's für einen Zehner hielt, und als
ich's ihm sagte, nahm er's nicht wieder und sagte bloss: Das hat so sein sollen,
Freund und Kupferstecher; mitunter fällt Ostern und Pfingsten auf einen Dag.«
    Das war vor Wochen gewesen, dass Mützell so zu Leopold Treibel gesprochen
hatte. Beide standen überhaupt auf einem Plauderfuss, was aber für Leopold noch
angenehmer als diese Plauderei war, war, dass er über Dinge, die sich von selbst
verstanden, gar nicht erst zu sprechen brauchte. Mützell, wenn er den jungen
Treibel in das Lokal eintreten und über den frischgeharkten Kies hin auf seinen
Platz in unmittelbarer Nähe des Wassers zuschreiten sah, salutierte bloss von
fern und zog sich dann ohne weiteres in die Küche zurück, von der aus er nach
drei Minuten mit einem Tablett, auf dem eine Tasse Kaffee mit ein paar
englischen Biskuits und ein grosses Glas Milch stand, wieder unter den
Frontbäumen erschien. Das grosse Glas Milch war Hauptsache, denn Sanitätsrat
Lohmeier hatte noch nach der letzten Auskultation zur Kommerzienrätin gesagt:
»Meine gnädigste Frau, noch hat es nichts zu bedeuten, aber man muss vorbeugen,
dazu sind wir da; im übrigen ist unser Wissen Stückwerk. Also wenn ich bitten
darf, sowenig Kaffee wie möglich und jeden Morgen ein Liter Milch.«
    Auch heute hatte bei Leopolds Erscheinen die sich täglich wiederholende
Begegnungsszene gespielt: Mützell war auf die Küche zu verschwunden und tauchte
jetzt in Front des Hauses wieder auf, das Tablett auf den fünf Fingerspitzen
seiner linken Hand mit beinahe zirkushafter Virtuosität balancierend.
    »Guten Morgen, Herr Treibel. Schöner Morgen heute morgen.«
    »Ja, lieber Mützell. Sehr schön. Aber ein bisschen frisch. Besonders hier am
Wasser. Mich schuddert ordentlich, und ich bin schon auf und ab gegangen. Lassen
Sie sehen, Mützell, ob der Kaffee warm ist.«
    Und ehe der so freundlich Angesprochene das Tablett auf den Tisch setzen
konnte, hatte Leopold die kleine Tasse schon herabgenommen und sie mit einem
Zuge geleert.
    »Ah, brillant. Das tut einem alten Menschen wohl. Und nun will ich die Milch
trinken, Mützell; aber mit Andacht. Und wenn ich damit fertig bin - die Milch
ist immer ein bisschen labbrig, was aber kein Tadel sein soll, gute Milch muss
eigentlich immer ein bisschen labbrig sein -, wenn ich damit fertig bin, bitt ich
noch um eine...«
    »Kaffee?«
    »Freilich, Mützell.«
    »Ja, Herr Treibel...«
    »Nun, was ist? Sie machen ja ein ganz verlegenes Gesicht, Mützell, als ob
ich was ganz Besonderes gesagt hätte.«
    »Ja, Herr Treibel...«
    »Nun, zum Donnerwetter, was ist denn los?«
    »Ja, Herr Treibel, als die Frau Mama vorgestern hier waren und der Herr
Kommerzienrat auch, und auch das Gesellschaftsfräulein, und Sie, Herr Leopold,
eben nach dem Sperl und dem Carrousel gegangen waren, da hat mir die Frau Mama
gesagt: Hören Sie, Mützell, ich weiss, er kommt beinahe jeden Morgen, und ich
mache Sie verantwortlich... eine Tasse; nie mehr..., Sanitätsrat Lohmeier, der
ja auch mal Ihre Frau behandelt hat, hat es mir im Vertrauen, aber doch mit
allem Ernste gesagt: zwei sind Gift...«
    »So... Und hat meine Mama vielleicht noch mehr gesagt?«
    »Die Frau Kommerzienrätin sagten auch noch: Ihr Schade soll es nicht sein,
Mützell... Ich kann nicht sagen, dass mein Sohn ein passionierter Mensch ist, er
ist ein guter Mensch, ein lieber Mensch..., Sie verzeihen, Herr Treibel, dass ich
Ihnen das alles, was Ihre Frau Mama gesagt hat, hier so ganz simplement
wiederhole, ... aber er hat die Kaffeepassion. Und das ist immer das Schlimme,
dass die Menschen grade die Passion haben, die sie nicht haben sollen. Also,
Mützell, eine Tasse mag gehen, aber nicht zwei.«
    Leopold hatte mit sehr geteilten Empfindungen zugehört und nicht gewusst, ob
er lachen oder verdriesslich werden solle. »Nun, Mützell, dann also lassen wir's;
keine zweite.« Und damit nahm er seinen Platz wieder ein, während sich Mützell
in seine Wartestellung an der Hausecke zurückzog.
    »Da hab ich nun mein Leben auf einen Schlag«, sagte Leopold, als er wieder
allein war. »Ich habe mal von einem gehört, der bei Josty, weil er so gewettet
hatte, zwölf Tassen Kaffee hintereinander trank und dann tot umfiel. Aber was
beweist das? Wenn ich zwölf Käsestullen esse, fall ich auch tot um; alles
Verzwölffachte tötet einen Menschen. Aber welcher vernünftige Mensch
verzwölffacht auch sein Speis und Trank. Von jedem vernünftigen Menschen muss man
annehmen, dass er Unsinnigkeiten unterlassen und seine Gesundheit befragen und
seinen Körper nicht zerstören wird. Wenigstens für mich kann ich einstehen. Und
die gute Mama sollte wissen, dass ich dieser Kontrolle nicht bedarf, und sollte
mir diesen meinen Freund Mützell nicht so naiv zum Hüter bestellen. Aber sie muss
immer die Fäden in der Hand haben, sie muss alles bestimmen, alles anordnen, und
wenn ich eine baumwollene Jacke will, so muss es eine wollene sein.«
    Er machte sich nun an die Milch und musste lächeln, als er die lange Stange
mit dem schon niedergesunkenen Milchschaum in die Hand nahm. »Mein eigentliches
Getränk. Milch der frommen Denkungsart würde Papa sagen. Ach, es ist zum Ärgern,
alles zum Ärgern. Bevormundung, wohin ich sehe, schlimmer als ob ich gestern
meinen Einsegnungstag gehabt hätte. Helene weiss alles besser, Otto weiss alles
besser, und nun gar erst die Mama. Sie möchte mir am liebsten vorschreiben, ob
ich einen blauen oder grünen Schlips und einen graden oder schrägen Scheitel
tragen soll. Aber ich will mich nicht ärgern. Die Holländer haben ein
Sprichwort: Ärgere dich nicht, wundere dich bloss. Und auch das werd ich mir
schliesslich noch abgewöhnen.«
    Er sprach noch so weiter in sich hinein, abwechselnd die Menschen und die
Verhältnisse verklagend, bis er mit einem Mal all seinen Unmut gegen sich selber
richtete: »Torheit. Die Menschen, die Verhältnisse, das alles ist es nicht;
nein, nein. Andere haben auch eine auf ihr Hausregiment eifersüchtige Mama und
tun doch, was sie wollen; es liegt an mir. Pluck, dear Leopold, tat's it, das
hat mir der gute Nelson noch gestern abend zum Abschied gesagt, und er hat ganz
recht. Da liegt es; nirgend anders. Mir fehlt es an Energie und Mut, und das
Aufbäumen hab ich nun schon gewiss nicht gelernt.«
    Er blickte, während er so sprach, vor sich hin, knipste mit seiner Reitgerte
kleine Kiesstücke fort und malte Buchstaben in den frischgestreuten Sand. Und
als er nach einer Weile wieder aufblickte, sah er zahlreiche Boote, die vom
Stralauer Ufer her herüberkamen, und dazwischen einen mit grossem Segel
flussabwärts fahrenden Spreekahn. Wie sehnsüchtig richtete sich sein Blick
darauf.
    »Ach, ich muss aus diesem elenden Zustande heraus, und wenn es wahr ist, dass
einem die Liebe Mut und Entschlossenheit gibt, so muss noch alles gut werden. Und
nicht bloss gut, es muss mir auch leicht werden und mich gradezu zwingen und
drängen, den Kampf aufzunehmen und ihnen allen zu zeigen, und der Mama voran,
dass sie mich denn doch verkannt und unterschätzt haben. Und wenn ich in
Unentschlossenheit zurückfalle, was Gott verhüte, so wird sie mir die nötige
Kraft geben. Denn sie hat all das, was mir fehlt, und weiss alles und kann alles.
Aber bin ich ihrer sicher? Da steh ich wieder vor der Hauptfrage. Mitunter ist
es mir freilich, als kümmere sie sich um mich und als spräche sie eigentlich nur
zu mir, wenn sie zu anderen spricht. So war es noch gestern abend wieder, und
ich sah auch, wie Marcell sich verfärbte, weil er eifersüchtig war. Etwas
anderes konnte es nicht sein. Und das alles...«
    Er unterbrach sich, weil eben jetzt die sich um ihn her sammelnden Sperlinge
mit jedem Augenblicke zudringlicher wurden. Einige kamen bis auf den Tisch und
mahnten ihn durch Picken und dreistes Ansehen, dass er ihnen noch immer ihr
Frühstück schulde. Lächelnd zerbrach er ein Biskuit und warf ihnen die Stücke
hin, mit denen zunächst die Sieger und, alsbald auch ihnen folgend, die anderen
in die Lindenbäume zurückflogen. Aber kaum dass die Störenfriede fort waren, so
waren für ihn auch die alten Betrachtungen wieder da. »Ja, das mit Marcell, das
darf ich mir zum Guten deuten und manches andere noch. Aber es kann auch alles
bloss Spiel und Laune gewesen sein. Corinna nimmt nichts ernstaft und will
eigentlich immer nur glänzen und die Bewunderung oder das Verwundertsein ihrer
Zuhörer auf sich ziehen. Und wenn ich mir diesen ihren Charakter überlege, so
muss ich an die Möglichkeit denken, dass ich schliesslich auch noch heimgeschickt
und ausgelacht werde. Das ist hart. Und doch muss ich es wagen... Wenn ich nur
wen hätte, dem ich mich anvertrauen könnte, der mir riete. Leider hab ich
niemanden, keinen Freund; dafür hat Mama auch gesorgt, und so muss ich mir, ohne
Rat und Beistand, allerpersönlichst ein doppeltes Ja holen. Erst bei Corinna.
Und wenn ich dies erste Ja habe, so hab ich noch lange nicht das zweite. Das seh
ich nur zu klar. Aber das zweite kann ich mir wenigstens erkämpfen und will es
auch... Es gibt ihrer genug, für die das alles eine Kleinigkeit wäre, für mich
aber ist es schwer; ich weiss, ich bin kein Held, und das Heldische lässt sich
nicht lernen. Jeder nach seinen Kräften, sagte Direktor Hilgenhahn immer. Ach,
ich finde doch beinahe, dass mir mehr aufgelegt wird, als meine Schultern tragen
können.«
    Ein mit Personen besetzter Dampfer kam in diesem Augenblicke den Fluss herauf
und fuhr, ohne an dem Wassersteg anzulegen, auf den »Neuen Krug« und »Sadowa«
zu; Musik war an Bord, und dazwischen wurden allerlei Lieder gesungen. Als das
Schiff erst den Steg und bald auch die »Liebesinsel« passiert hatte, fuhr auch
Leopold aus seinen Träumereien auf und sah, nach der Uhr blickend, dass es
höchste Zeit sei, wenn er noch pünktlich auf dem Kontor eintreffen und sich eine
Reprimande oder, was schlimmer, eine spöttische Bemerkung von seiten seines
Bruders Otto ersparen wollte. So schritt er denn unter freundlichem Gruss an dem
immer noch an seiner Ecke stehenden Mützell vorüber und auf die Stelle zu, wo
der Einarmige sein Pferd hielt. »Da, Fritz!« Und nun hob er sich in den Sattel,
machte den Rückweg in einem guten Trab und bog, als er das Tor und gleich danach
die Pionierkaserne wieder passiert hatte, nach rechts hin in einen neben dem
Otto Treibelschen Holzhofe sich hinziehenden, schmalen Gang ein, über dessen
Heckenzaun fort man auf den Vorgarten und die zwischen den Bäumen gelegene Villa
sah. Bruder und Schwägerin sassen noch beim Frühstück. Leopold grüsste hinüber:
»Guten Morgen, Otto; guten Morgen, Helene!« Beide erwiderten den Gruss, lächelten
aber, weil sie diese tägliche Reiterei ziemlich lächerrlich fanden. Und gerade
Leopold! Was er sich eigentlich dabei denken mochte!
    Leopold selbst war inzwischen abgestiegen und gab das Pferd einem an der
Hintertreppe der Villa schon wartenden Diener, der es, die Köpnicker Strasse
hinauf, nach dem elterlichen Fabrikhof und dem dazugehörigen Stallgebäude führte
- stableiard, sagte Helene.
 
                                Neuntes Kapitel
Eine Woche war vergangen, und über dem Schmidtschen Hause lag eine starke
Verstimmung; Corinna grollte mit Marcell, weil er mit ihr grollte (so wenigstens
musste sie sein Ausbleiben deuten), und die gute Schmolke wiederum grollte mit
Corinna wegen ihres Grollens auf Marcell. »Das tut nicht gut, Corinna, so sein
Glück von sich zu stossen. Glaube mir, das Glück wird ärgerlich, wenn man es
wegjagt, und kommt dann nicht wieder. Marcell ist, was man einen Schatz nennt
oder auch ein Juwel, Marcell ist ganz so, wie Schmolke war.« So hiess es jeden
Abend. Nur Schmidt selbst merkte nichts von der über seinem Hause lagernden
Wolke, studierte sich vielmehr immer tiefer in die Goldmasken hinein und
entschied sich, in einem mit Distelkamp immer heftiger geführten Streite, auf
das bestimmteste hinsichtlich der einen für Aegist. Aegist sei doch immerhin
sieben Jahre lang Klytämnestras Gemahl gewesen, ausserdem naher Anverwandter des
Hauses, und wenn er, Schmidt, auch seinerseits zugeben müsse, dass der Mord
Agamemnons einigermassen gegen seine Aegist-Hypotese spreche, so sei doch
andererseits nicht zu vergessen, dass die ganze Mordaffaire mehr oder weniger
etwas Internes, sozusagen eine reine Familienangelegenheit gewesen sei, wodurch
die nach aussen hin auf Volk und Staat berechnete Beisetzungs-und Zeremonialfrage
nicht eigentlich berührt werden könne. Distelkamp schwieg und zog sich unter
Lächeln aus der Debatte zurück.
    Auch bei den alten und jungen Treibels herrschte eine gewisse schlechte
Laune vor: Helene war unzufrieden mit Otto, Otto mit Helenen, und die Mama
wiederum mit beiden. Am unzufriedensten, wenn auch nur mit sich selber, war
Leopold, und nur der alte Treibel merkte von der ihn umgebenden Verstimmung
herzlich wenig oder wollte nichts davon merken, erfreute sich vielmehr einer
ungewöhnlich guten Laune. Dass dem so war, hatte, wie bei Wilibald Schmidt, darin
seinen Grund, dass er all die Zeit über sein Steckenpferd tummeln und sich
einiger schon erzielter Triumphe rühmen durfte. Vogelsang war nämlich,
unmittelbar nach dem zu seinen und Mister Nelsons Ehren stattgehabten Diner, in
den für Treibel zu erobernden Wahlkreis abgegangen, und zwar um hier in einer
Art Vorkampagne die Herzen und Nieren der Teupitz-Zossener und ihre mutmassliche
Haltung in der entscheidenden Stunde zu prüfen. Es muss gesagt werden, dass er,
bei Durchführung dieser seiner Aufgabe, nicht bloss eine bemerkenswerte Tätigkeit
entfaltet, sondern auch beinahe täglich etliche Telegramme geschickt hatte,
darin er über die Resultate seines Wahlfeldzuges, je nach der Bedeutung der
Aktion, länger oder kürzer berichtete. Dass diese Telegramme mit denen des
ehemaligen Bernauer Kriegskorrespondenten eine verzweifelte Ähnlichkeit hatten,
war Treibel nicht entgangen, aber von diesem, weil er schliesslich nur auf das
achtete, was ihm persönlich gefiel, ohne sonderliche Beanstandung hingenommen
worden. In einem dieser Telegramme hiess es: »Alles geht gut. Bitte,
Geldanweisung nach Teupitz hin. Ihr V.« Und dann: »Die Dörfer am Schermützelsee
sind unser. Gott sei Dank. Überall dieselbe Gesinnung wie am Teupitzsee.
Anweisung noch nicht eingetroffen. Bitte dringend. Ihr V.« ... »Morgen nach
Storkow! Dort muss es sich entscheiden. Anweisung inzwischen empfangen. Aber
deckt nur gerade das schon Verausgabte. Montecuculis Wort über Kriegführung gilt
auch für Wahlfeldzüge. Bitte weiteres nach Gross-Rietz hin. Ihr V.« Treibel, in
geschmeichelter Eitelkeit, betrachtete hiernach den Wahlkreis als für ihn
gesichert, und in den Becher seiner Freude fiel eigentlich nur ein
Wermutstropfen: er wusste, wie kritisch ablehnend Jenny zu dieser Sache stand,
und sah sich dadurch gezwungen, sein Glück allein zu geniessen. Friedrich,
überhaupt sein Vertrauter, war ihm auch jetzt wieder »unter Larven die einzig
fühlende Brust«, ein Zitat, das er nicht müde wurde sich zu wiederholen. Aber
eine gewisse Leere blieb doch. Auffallend war ihm ausserdem, dass die Berliner
Zeitungen gar nichts brachten, und zwar war ihm dies um so auffallender, als von
scharfer Gegnerschaft, allen Vogelsangschen Berichten nach, eigentlich keine
Rede sein konnte. Die Konservativen und Nationalliberalen, und vielleicht auch
ein paar Parlamentarier von Fach, mochten gegen ihn sein, aber was bedeutete
das? Nach einer ohngefähren Schätzung, die Vogelsang angestellt und in einem
eingeschriebenen Briefe nach Villa Treibel hin adressiert hatte, besass der ganze
Kreis nur sieben Nationalliberale: drei Oberlehrer, einen Kreisrichter, einen
rationalistischen Superintendenten und zwei studierte Bauergutsbesitzer, während
die Zahl der Ortodox-Konservativen noch hinter diesem bescheidenen Häuflein
zurückblieb. »Ernst zu nehmende Gegnerschaft, vacat.« So schloss Vogelsangs
Brief, und »vacat« war unterstrichen. Das klang hoffnungsreich genug, liess aber,
inmitten aufrichtiger Freude, doch einen Rest von Unruhe fortbestehen, und als
eine runde Woche seit Vogelsangs Abreise vergangen war, brach denn auch wirklich
der grosse Tag an, der die Berechtigung der instinktiv immer wieder sich
einstellenden Ängstlichkeit und Sorge dartun sollte. Nicht unmittelbar, nicht
gleich im ersten Moment, aber die Frist war nur eine nach Minuten ganz kurz
bemessene.
    Treibel sass in seinem Zimmer und frühstückte. Jenny hatte sich mit Kopfweh
und einem schweren Traum entschuldigen lassen. »Sollte sie wieder von Vogelsang
geträumt haben?« Er ahnte nicht, dass dieser Spott sich in derselben Stunde noch
an ihm rächen würde. Friedrich brachte die Postsachen, unter denen diesmal wenig
Karten und Briefe, dafür aber desto mehr Zeitungen unter Kreuzband waren,
einige, soviel sich äusserlich erkennen liess, mit merkwürdigen Emblemen und
Stadtwappen ausgerüstet.
    All dies (zunächst nur Vermutung) sollte sich, bei schärferem Zusehen, rasch
bestätigen, und als Treibel die Kreuzbänder entfernt und das weiche Löschpapier
über den Tisch hin ausgebreitet hatte, las er mit einer gewissen heiteren
Andacht: »Der Wächter an der Wendischen Spree«, »Wehrlos, ehrlos«, »Alltied
vorupp« und »Der Storkower Bote« - zwei davon waren zis-, zwei
transspreeanischen Ursprunges. Treibel, sonst ein Feind alles überstürzten
Lesens, weil er von jedem blinden Eifer nur Unheil erwartete, machte sich
diesmal mit bemerkenswerter Raschheit über die Blätter und überflog die blau
angestrichenen Stellen. Lieutenant Vogelsang (so hiess es in jedem in wörtlicher
Wiederholung), ein Mann, der schon Anno 48 gegen die Revolution gestanden und
der Hydra das Haupt zertreten, hätte sich an drei hintereinander folgenden Tagen
dem Kreise vorgestellt, nicht um seiner selbst, sondern um seines politischen
Freundes, des Kommerzienrats Treibel willen, der später den Kreis besuchen und
bei der Gelegenheit die von Lieutenant Vogelsang ausgesprochenen Grundsätze
wiederholen werde, was, soviel lasse sich schon heute sagen, als die wärmste
Empfehlung des eigentlichen Kandidaten anzusehen sei. Denn das Vogelsangsche
Programm laufe darauf hinaus, dass zuviel und namentlich unter zu starker
Wahrnehmung persönlicher Interessen regiert werde, dass also demgemäss alle
kostspieligen »Zwischenstufen« fallen müssten (was wiederum gleichbedeutend sei
mit Herabsetzung der Steuern) und dass von den gegenwärtigen, zum Teil
unverständlichen Komplizierteiten nichts übrigbleiben dürfe als ein freier
Fürst und ein freies Volk. Damit seien freilich zwei Dreh- oder Mittelpunkte
gegeben, aber nicht zum Schaden der Sache. Denn wer die Tiefe des Lebens
ergründet oder ihr auch nur nachgespürt habe, der wisse, dass die Sache mit dem
einfachen Mittelpunkt - er vermeide mit Vorbedacht das Wort Zentrum - falsch sei
und dass sich das Leben nicht im Kreise, wohl aber in der Ellipse bewege. Weshalb
zwei Drehpunkte das natürlich Gegebene seien.
    »Nicht übel«, sagte Treibel, als er gelesen, »nicht übel. Es hat so was
Logisches; ein bisschen verrückt, aber doch logisch. Das einzige, was mich
stutzig macht, ist, dass es alles klingt, als ob es Vogelsang selber geschrieben
hätte. Die zertretene Hydra, die herabgesetzten Steuern, das grässliche Wortspiel
mit dem Zentrum und zuletzt der Unsinn mit dem Kreis und der Ellipse, das alles
ist Vogelsang. Und der Einsender an die vier Spreeblätter ist natürlich wiederum
Vogelsang. Ich kenne meinen Pappenheimer.« Und dabei schob Treibel den »Wächter
an der Wendischen Spree« samt dem ganzen Rest vom Tisch auf das Sofa hinunter
und nahm eine halbe »Nationalzeitung« zur Hand, die gleichfalls mit den anderen
Blättern unter Kreuzband eingegangen war, aber, der Handschrift und ganzen
Adresse nach, von jemand anderem als Vogelsang aufgegeben sein musste. Früher war
der Kommerzienrat Abonnent und eifriger Leser der »Nationalzeitung« gewesen, und
es kamen ihm auch jetzt noch tagtäglich Viertelstunden, in denen er den Wechsel
in seiner Lektüre bedauerte.
    »Nun lass sehn«, sagte er schliesslich und ging, das Blatt aufschlagend, mit
lesegewandtem Auge die drei Spalten hinunter, und richtig, da war es:
»Parlamentarische Nachrichten. Aus dem Kreise Teupitz-Zossen.« Als er den
Kopftitel gelesen, unterbrach er sich. »Ich weiss nicht, es klingt so sonderbar.
Und doch auch wieder, wie soll es am Ende anders klingen? Es ist der
natürlichste Anfang von der Welt; also nur vorwärts.«
    Und so las er denn weiter: »Seit drei Tagen haben in unserem stillen und
durch politische Kämpfe sonst wenig gestörten Kreise die Wahlvorbereitungen
begonnen, und zwar seitens einer Partei, die sich augenscheinlich vorgesetzt
hat, das, was ihr an historischer Kenntnis und politischer Erfahrung, ja, man
darf füglich sagen, an gesundem Menschenverstande fehlt, durch Fixigkeit zu
ersetzen. Eben diese Partei, die sonst nichts weiss und kennt, kennt
augenscheinlich das Märchen vom Swinegel und siner Fru und scheint gewillt, an
dem Tage, wo der Wettbewerb mit den wirklichen Parteien zu beginnen hat, eine
jede derselben mit dem aus jenem Märchen wohlbekannten Swinegelzurufe: Ick bin
all hier empfangen zu wollen. Nur so vermögen wir uns dies überfrühe
Zurstellesein zu erklären. Alle Plätze scheinen, wie bei Teaterpremieren, von
Lieutenant Vogelsang und den Seinen im voraus belegt werden zu sollen. Aber man
wird sich täuschen. Es fehlt dieser Partei nicht an Stirn, wohl aber an dem, was
noch mit dazu gehört; der Kasten ist da, nicht der Inhalt...«
    »Alle Wetter«, sagte Treibel, »der setzt scharf ein... Was davon auf mein
Teil kommt, ist mir nicht eben angenehm, aber dem Vogelsang gönn ich es. Etwas
ist in seinem Programm, das blendet, und damit hat er mich eingefangen.
Indessen, je mehr ich mir's ansehe, desto fraglicher erscheint es mir. Unter
diesen Knickstiebeln, die sich einbilden, schon vor vierzig Jahren die Hydra
zertreten zu haben, sind immer etliche Zirkelquadratur- und
Perpetuum-mobile-Sucher, immer solche, die das Unmögliche, das sich in sich
Widersprechende zustande bringen wollen. Vogelsang gehört dazu. Vielleicht ist
es auch bloss Geschäft; wenn ich mir zusammenrechne, was ich in diesen acht
Tagen... Aber ich bin erst bis an den ersten Absatz der Korrespondenz gekommen;
die zweite Hälfte wird ihm wohl noch schärfer zu Leibe gehen oder vielleicht
auch mir.« Und Treibel las weiter:
    »Es ist kaum möglich, den Herrn, der uns gestern und vorgestern - seiner in
unserem Kreise voraufgegangenen Taten zu geschweigen - zunächst in
Markgraf-Pieske, dann aber in Storkow und Gross-Rietz beglückt hat, ernstaft zu
nehmen, und zwar um so weniger, je ernstafter das Gesicht ist, das er macht. Er
gehört in die Klasse der Malvoglios, der feierlichen Narren, deren Zahl leider
grösser ist, als man gewöhnlich annimmt. Wenn sein Galimatias noch keinen Namen
hat, so könnte man ihn das Lied vom dreigestrichenen C nennen, denn Cabinet,
Churbrandenburg und Cantonale-Freiheit, das sind die drei grossen C, womit dieser
Kurpfuscher die Welt oder doch wenigstens den preussischen Staat retten will.
Eine gewisse Metode lässt sich darin nicht verkennen, indessen Metode hat auch
der Wahnsinn. Lieutenant Vogelsangs Sang hat uns aufs äusserste missfallen. Alles
in seinem Programm ist gemeingefährlich. Aber was wir am meisten beklagen, ist
das, dass er nicht für sich und in seinem Namen sprach, sondern im Namen eines
unserer geachtetsten Berliner Industriellen, des Kommerzienrats Treibel
(Berliner-Blau-Fabrik, Köpnicker Strasse), von dem wir uns eines Besseren
versehen hätten. Ein neuer Beweis dafür, dass man ein guter Mensch und doch ein
schlechter Musikant sein kann, und desgleichen ein Beweis, wohin der politische
Dilettantismus führt.«
    Treibel klappte das Blatt wieder zusammen, schlug mit der Hand darauf und
sagte: »Nun, soviel ist gewiss, in Teupitz-Zossen ist das nicht geschrieben. Das
ist Tells Geschoss. Das kommt aus nächster Nähe. Das ist von dem
nationalliberalen Oberlehrer, der uns neulich bei Buggenhagen nicht bloss
Opposition machte, sondern uns zu verhöhnen suchte. Drang aber nicht durch.
Alles in allem, ich mag ihm nicht Unrecht geben, und jedenfalls gefällt er mir
besser als Vogelsang. Ausserdem sind sie jetzt bei der Nationalzeitung halbe
Hofpartei, gehen mit den Freikonservativen zusammen. Es war eine Dummheit von
mir, mindestens eine Übereilung, dass ich abschwenkte. Wenn ich gewartet hätte,
könnt ich jetzt, in viel besserer Gesellschaft, auf seiten der Regierung stehen.
Statt dessen bin ich auf den dummen Kerl und Prinzipienreiter eingeschworen. Ich
werde mich aber aus der ganzen Geschichte herausziehen, und zwar für immer; der
Gebrannte scheut das Feuer... Eigentlich könnt ich mich noch beglückwünschen, so
mit tausend Mark, oder doch nicht viel mehr, davongekommen zu sein, wenn nur
nicht mein Name genannt wäre. Mein Name. Das ist fatal...« Und dabei schlug er
das Blatt wieder auf. »Ich will die Stelle noch einmal lesen: einer unserer
geachtetsten Berliner Industriellen, der Kommerzienrat Treibel - ja, das lass ich
mir gefallen, das klingt gut. Und nun lächerliche Figur von Vogelsangs Gnaden.«
    Und unter diesen Worten stand er auf, um sich draussen im Garten zu ergehen
und in der frischen Luft seinen Ärger nach Möglichkeit loszuwerden.
    Es schien aber nicht recht glücken zu sollen, denn im selben Augenblick, wo
er, um den Giebel des Hauses herum, in den Hintergarten einbog, sah er die
Honig, die, wie jeden Morgen, so auch heute wieder das Bologneser Hündchen um
das Bassin führte. Treibel prallte zurück, denn nach einer Unterhaltung mit dem
aufgesteiften Fräulein stand ihm durchaus nicht der Sinn. Er war aber schon
gesehen und begrüsst worden, und da grosse Höflichkeit und mehr noch grosse
Herzensgüte zu seinen Tugenden zählte, so gab er sich einen Ruck und ging guten
Muts auf die Honig zu, zu deren Kenntnissen und Urteilen er übrigens ein
aufrichtiges Vertrauen hegte.
    »Sehr erfreut, mein liebes Fräulein, Sie mal allein und zu so guter Stunde
zu treffen... Ich habe seit lange so dies und das auf dem Herzen, mit dem ich
gern herunter möchte...«
    Die Honig errötete, weil sie, trotz des guten Rufes, dessen sich Treibel
erfreute, doch von einem ängstlich süssen Gefühl überrieselt wurde, dessen
äusserste Nichtberechtigung ihr freilich im nächsten Momente schon in beinah
grausamer Weise klar werden sollte.
    »... Mich beschäftigt nämlich meiner lieben kleinen Enkelin Erziehung, an
der ich denn doch das Hamburgische sich in einem Grade vollstrecken sehe - ich
wähle diesen Schafottausdruck absichtlich -, der mich von meinem einfacheren
Berliner Standpunkt aus mit einiger Sorge erfüllt.«
    Das Bologneser Hündchen, das Czicka hiess, zog in diesem Augenblick an der
Schnur und schien einem Perlhuhn nachlaufen zu wollen, das sich, vom Hof her, in
den Garten verirrt hatte; die Honig verstand aber keinen Spass und gab dem
Hündchen einen Klaps. Czicka seinerseits tat einen Blaff und warf den Kopf hin
und her, so dass die seinem Röckchen (eigentlich bloss eine Leibbinde) dicht
aufgenähten Glöckchen in ein Klingen kamen. Dann aber beruhigte sich das
Tierchen wieder, und die Promenade um das Bassin herum begann aufs neue.
    »Sehen Sie, Fräulein Honig, so wird auch das Lizzichen erzogen. Immer an
einer Strippe, die die Mutter in Händen hält, und wenn mal ein Perlhuhn kommt
und das Lizzichen fort will, dann gibt es auch einen Klaps, aber einen ganz,
ganz kleinen, und der Unterschied ist bloss, dass Lizzi keinen Blaff tut und nicht
den Kopf wirft und natürlich auch kein Schellengeläut hat, das ins Klingen
kommen kann.«
    »Lizzichen ist ein Engel«, sagte die Honig, die während einer
sechzehnjährigen Erzieherinnenlaufbahn Vorsicht im Ausdruck gelernt hatte.
    »Glauben Sie das wirklich?«
    »Ich glaub es wirklich, Herr Kommerzienrat, vorausgesetzt, dass wir uns über
Engel einigen.«
    »Sehr gut, Fräulein Honig, das kommt mir zupass. Ich wollte nur über Lizzi
mit Ihnen sprechen und höre nun auch noch was über Engel. Im ganzen genommen ist
die Gelegenheit, sich über Engel ein festes Urteil zu bilden, nicht gross. Nun
sagen Sie, was verstehen Sie unter Engel? Aber kommen Sie mir nicht mit Flügel.«
    Die Honig lächelte. »Nein, Herr Kommerzienrat, nichts von Flügel, aber ich
möchte doch sagen dürfen Unberührteit vom Irdischen, das ist ein Engel.«
    »Das lässt sich hören. Unberührteit vom Irdischen - nicht übel. Ja, noch
mehr, ich will es ohne weiteres gelten lassen und will es schön finden, und wenn
Otto und meine Schwiegertochter Helene sich klar und zielbewusst vorsetzen
würden, eine richtige kleine Genoveva auszubilden oder eine kleine keusche
Susanna, Pardon, ich kann im Augenblicke kein besseres Beispiel finden, oder
wenn alles ganz ernstaft darauf hinausliefe, sagen wir für irgendeinen
Türinger Landgrafen oder meinetwegen auch für ein geringeres Geschöpf Gottes
einen Abklatsch der heiligen Elisabet herzustellen, so hätte ich nichts
dagegen. Ich halte die Lösung solcher Aufgabe für sehr schwierig, aber nicht für
unmöglich, und wie so schön gesagt worden ist und immer noch gesagt wird, solche
Dinge auch bloss gewollt zu haben ist schon etwas Grosses.«
    Die Honig nickte, weil sie der eigenen, nach dieser Seite hin liegenden
Anstrengungen gedenken mochte.
    »Sie stimmen mir zu«, fuhr Treibel fort. »Nun, das freut mich. Und ich
denke, wir sollen auch in dem zweiten einig bleiben. Sehen Sie, liebes Fräulein,
ich begreife vollkommen, trotzdem es meinem persönlichen Geschmack widerspricht,
dass eine Mutter ihr Kind auf einen richtigen Engel hin erzieht; man kann nie
ganz genau wissen, wie diese Dinge liegen, und wenn es zum letzten kommt, so
ganz zweifelsohne vor seinem Richter zu stehen, wer sollte sich das nicht
wünschen? Ich möchte beinah sagen, ich wünsch es mir selber. Aber, mein liebes
Fräulein, Engel und Engel ist ein Unterschied, und wenn der Engel weiter nichts
ist als ein Waschengel und die Fleckenlosigkeit der Seele nach dem Seifenkonsum
berechnet und die ganze Reinheit des werdenden Menschen auf die Weissheit seiner
Strümpfe gestellt wird, so erfüllt mich dies mit einem leisen Grauen. Und wenn
es nun gar das eigene Enkelkind ist, dessen flachsene Haare, Sie werden es auch
bemerkt haben, vor lauter Pflege schon halb ins Kakerlakige fallen, so wird
einem alten Grossvater himmelangst dabei. Könnten Sie sich nicht hinter die
Wulsten stecken? Die Wulsten ist eine verständige Person und bäumt, glaub ich,
innerlich gegen diese Hamburgereien auf. Ich würde mich freuen, wenn Sie
Gelegenheit nähmen...«
    In diesem Augenblicke wurde Czicka wieder unruhig und blaffte lauter als
zuvor. Treibel, der sich in Auseinandersetzungen der Art nicht gern unterbrochen
sah, wollte verdriesslich werden, aber ehe er noch recht dazu kommen konnte,
wurden drei junge Damen von der Villa her sichtbar, zwei von ihnen ganz
gleichartig in bastfarbene Sommerstoffe gekleidet. Es waren die beiden
Felgentreus, denen Helene folgte.
    »Gott sei Dank, Helene«, sagte Treibel, der sich - vielleicht weil er ein
schlechtes Gewissen hatte - zunächst an die Schwiegertochter wandte, »Gott sei
Dank, dass ich dich einmal wiedersehe. Du warst eben der Gegenstand unseres
Gesprächs, oder mehr noch dein liebes Lizzichen, und Fräulein Honig stellte
fest, dass Lizzichen ein Engel sei. Du kannst dir denken, dass ich nicht
widersprochen habe. Wer ist nicht gern der Grossvater eines Engels? Aber, meine
Damen, was verschafft mir so früh diese Ehre? Oder gilt es meiner Frau? Sie hat
ihre Migräne. Soll ich sie rufen lassen...?«
    »O nein, Papa«, sagte Helene mit einer Freundlichkeit, die nicht immer ihre
Sache war. »Wir kommen zu dir. Felgentreus haben nämlich vor, heute nachmittag
eine Partie nach Halensee zu machen, aber nur wenn alle Treibels, von Otto und
mir ganz abgesehen, daran teilnehmen.« Die Felgentreuschen Schwestern
bestätigten dies alles durch Schwenken ihrer Sonnenschirme, während Helene
fortfuhr: »Und nicht später als drei. Wir müssen also versuchen, unserem Lunch
einen kleinen Dinner-Charakter zu geben oder aber unser Dinner bis auf acht Uhr
abends hinausschieben. Elfriede und Blanca wollen noch in die Adlerstrasse, um
auch Schmidts aufzufordern, zum mindesten Corinna; der Professor kommt dann
vielleicht nach. Krola hat schon zugesagt und will ein Quartett mitbringen,
darunter zwei Referendare von der Potsdamer Regierung...«
    »Und Reserveoffiziere«, ergänzte Blanca, die jüngere Felgentreu...
    »Reserveoffiziere«, wiederholte Treibel ernstaft. »Ja, meine Damen, das
gibt den Ausschlag. Ich glaube nicht, dass ein hierlandes lebender Familienvater,
auch wenn ihm ein grausames Schicksal eigene Töchter versagte, den Mut haben
wird, eine Landpartie mit zwei Reservelieutenants auszuschlagen. Also bestens
akzeptiert. Und drei Uhr. Meine Frau wird zwar verstimmt sein, dass, über ihr
Haupt hinweg, endgültige Beschlüsse gefasst worden sind, und ich fürchte beinah
ein momentanes Wachsen des tic douloureux. Trotzdem bin ich ihrer sicher.
Landpartie mit Quartett und von solcher gesellschaftlichen Zusammensetzung - die
Freude darüber bleibt prädominierendes Gefühl. Dem ist keine Migräne gewachsen.
Darf ich Ihnen übrigens meine Melonenbeete zeigen? Oder nehmen wir lieber einen
leichten Imbiss, ganz leicht, ohne jede ernste Gefährdung des Lunch?«
    Alle drei dankten, die Felgentreus, weil sie sich direkt zu Corinna begeben
wollten, Helene, weil sie Lizzis halber wieder nach Hause müsse. Die Wulsten sei
nicht achtsam genug und lasse Dinge durchgehen, von denen sie nur sagen könne,
dass sie »shocking« seien. Zum Glück sei Lizzichen ein so gutes Kind, sonst würde
sie sich ernstlicher Sorge darüber hingeben müssen.
    »Lizzichen ist ein Engel, die ganze Mutter«, sagte Treibel und wechselte,
während er das sagte, Blicke mit der Honig, welche die ganze Zeit über in einer
gewissen reservierten Haltung seitab gestanden hatte.
 
                                Zehntes Kapitel
Auch Schmidts hatten zugesagt, Corinna mit besonderer Freudigkeit, weil sie sich
seit dem Dinertage bei Treibels in ihrer häuslichen Einsamkeit herzlich
gelangweilt hatte; die grossen Sätze des Alten kannte sie längst auswendig, und
von den Erzählungen der guten Schmolke galt dasselbe. So klang denn »ein
Nachmittag in Halensee« fast so poetisch wie »vier Wochen auf Capri«, und
Corinna beschloss daraufhin, ihr Bestes zu tun, um sich bei dieser Gelegenheit
auch äusserlich neben den Felgentreus behaupten zu können. Denn in ihrer Seele
dämmerte eine unklare Vorstellung davon, dass diese Landpartie nicht gewöhnlich
verlaufen, sondern etwas Grosses bringen werde. Marcell war zur Teilnahme nicht
aufgefordert worden, womit seine Cousine, nach der eine ganze Woche lang von ihm
beobachteten Haltung, durchaus einverstanden war. Alles versprach einen frohen
Tag, besonders auch mit Rücksicht auf die Zusammensetzung der Gesellschaft.
Unter dem, was man im voraus vereinbart hatte, war, nach Verwerfung eines von
Treibel in Vorschlag gebrachten Kremsers, »der immer das Eigentliche sei«, das
die Hauptsache gewesen, dass man auf gemeinschaftliche Fahrt verzichten, dafür
aber männiglich sich verpflichten wolle, Punkt vier Uhr und jedenfalls nicht mit
Überschreitung des akademischen Viertels in Halensee zu sein.
    Und wirklich um vier Uhr war alles versammelt oder doch fast alles. Alte und
junge Treibels, desgleichen die Felgentreus, hatten sich in eigenen Equipagen
eingefunden, während Krola, von seinem Quartett begleitet, aus nicht
aufgeklärten Gründen die neue Dampfbahn, Corinna aber mutterwindallein - der
Alte wollte nachkommen - die Stadtbahn benutzt hatte. Von den Treibels fehlte
nur Leopold, der sich, weil er durchaus an Mister Nelson zu schreiben habe,
wegen einer halben Stunde Verspätung im voraus entschuldigen liess. Corinna war
momentan verstimmt darüber, bis ihr der Gedanke kam, es sei wohl eigentlich
besser so; kurze Begegnungen seien inhaltreicher als lange.
    »Nun, lieben Freunde«, nahm Treibel das Wort, »alles nach der Ordnung. Erste
Frage, wo bringen wir uns unter? Wir haben verschiedenes zur Wahl. Bleiben wir
hier Parterre, zwischen diesen formidablen Tischreihen, oder rücken wir auf die
benachbarte Veranda hinauf, die Sie, wenn Sie Gewicht darauf legen, auch als
Altan oder als Söller bezeichnen können? Oder bevorzugen Sie vielleicht die
Verschwiegenheit der inneren Gemächer, irgendeiner Kemenate von Halensee? Oder
endlich, viertens und letztens, sind Sie für Turmbesteigung und treibt es Sie,
diese Wunderwelt, in der keines Menschen Auge bisher einen frischen Grashalm
entdecken konnte, treibt es Sie, sag ich, dieses von Spargelbeeten und
Eisenbahndämmen durchsetzte Wüstenpanorama zu Ihren Füssen ausgebreitet zu
sehen?«
    »Ich denke«, sagte Frau Felgentreu, die, trotzdem sie kaum ausgangs Vierzig
war, schon das Embonpoint und das Astma einer Sechzigerin hatte, »ich denke,
lieber Treibel, wir bleiben, wo wir sind. Ich bin nicht für Steigen, und dann
mein ich auch immer, man muss mit dem zufrieden sein, was man gerade hat.«
    »Eine merkwürdig bescheidene Frau«, sagte Corinna zu Krola, der seinerseits
mit einfacher Zahlennennung antwortete, leise hinzusetzend, »aber Taler«.
    »Gut denn«, fuhr Treibel fort, »wir bleiben also in der Tiefe. Wozu dem
Höheren zustreben? Man muss zufrieden sein mit dem durch Schicksalsbeschluss
Gegebenen, wie meine Freundin Felgentreu soeben versichert hat. Mit anderen
Worten: Geniesse fröhlich, was du hast. Aber, liebe Festgenossen, was tun wir, um
unsere Fröhlichkeit zu beleben oder, richtiger und artiger, um ihr Dauer zu
geben? Denn von Belebung unserer Fröhlichkeit sprechen hiesse das augenblickliche
Vorhandensein derselben in Zweifel ziehen - eine Blasphemie, deren ich mich
nicht schuldig machen werde. Landpartien sind immer fröhlich. Nicht wahr.
Krola?«
    Krola bestätigte mit einem verschmitzten Lächeln, das für den Eingeweihten
eine stille Sehnsucht nach Siechen oder dem schweren Wagner ausdrücken sollte.
    Treibel verstand es auch so. »Landpartien also sind immer fröhlich, und dann
haben wir das Quartett in Bereitschaft und haben Professor Schmidt in Sicht und
Leopold auch. Ich finde, dass dies allein schon ein Programm ausdrückt.« Und nach
diesen Einleitungsworten einen in der Nähe stehenden mittelalterlichen Kellner
heranwinkend, fuhr er in einer anscheinend an diesen, in Wahrheit aber an seine
Freunde gerichteten Rede fort: »Ich denke, Kellner, wir rücken zunächst einige
Tische zusammen, hier zwischen Brunnen und Fliederbosquet; da haben wir frische
Luft und etwas Schatten. Und dann, Freund, sobald die Lokalfrage geregelt und
das Aktionsfeld abgesteckt ist, dann etwelche Portionen Kaffee, sagen wir
vorläufig fünf, Zucker doppelt, und etwas Kuchiges, gleichviel was, mit Ausnahme
von altdeutschem Napfkuchen, der mir immer eine Mahnung ist, es mit dem neuen
Deutschland ernst und ehrlich zu versuchen. Die Bierfrage können wir später
regeln, wenn unser Zuzug eingetroffen ist.«
    Dieser Zuzug war nun in der Tat näher, als die ganze Gesellschaft zu hoffen
gewagt hatte. Schmidt, in einer ihn begleitenden Wolke herankommend, war
müllergrau von Chausseestaub und musste es sich gefallen lassen, von den jungen,
dabei nicht wenig kokettierenden Damen abgeklopft zu werden, und kaum dass er in
Stand gesetzt und in den Kreis der übrigen eingereiht war, so ward auch schon
Leopold in einer langsam herantrottenden Droschke sichtbar, und beide
Felgentreus (Corinna hielt sich zurück) liefen auch ihm bis auf die Chaussee
hinaus entgegen und schwenkten dieselben kleinen Batisttücher zu seiner
Begrüssung, mit denen sie eben den alten Schmidt restituiert und wieder leidlich
gesellschaftsfähig gemacht hatten.
    Auch Treibel hatte sich erhoben und sah der Anfahrt seines Jüngsten zu.
»Sonderbar«, sagte er zu Schmidt und Felgentreu, zwischen denen er sass,
»sonderbar; es heisst immer, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Aber mitunter
tut er's doch. Alle Naturgesetze schwanken heutzutage. Die Wissenschaft setzt
ihnen zu arg zu. Sehen Sie, Schmidt, wenn ich Leopold Treibel wäre (mit meinem
Vater war das etwas anderes, der war noch aus der alten Zeit), so hätte mich
doch kein Deubel davon abgehalten, hier heute hoch zu Ross vorzureiten, und hätte
mich graziös - denn, Schmidt, wir haben doch auch unsere Zeit gehabt -, hätte
mich graziös, sag ich, aus dem Sattel geschwungen und mir mit der Badine die
Stiefel und die Unaussprechlichen abgeklopft und wäre hier, schlecht gerechnet,
wie ein junger Gott erschienen, mit einer roten Nelke im Knopfloch, ganz wie
Ehrenlegion oder ein ähnlicher Unsinn. Und nun sehen Sie sich den Jungen an.
Kommt er nicht an, als ob er hingerichtet werden sollte? Denn das ist ja gar
keine Droschke, das ist ein Karren, eine Schleife. Weiss der Himmel, wo's nicht
drin steckt, da kommt es auch nicht.«
    Unter diesen Worten war Leopold herangekommen, untergefasst von den beiden
Felgentreus, die sich vorgesetzt zu haben schienen, à tout prix für das
»Landpartieliche« zu sorgen. Corinna, wie sich denken lässt, gefiel sich in
Missbilligung dieser Vertraulichkeit und sagte vor sich hin: »Dumme Dinger!« Dann
aber erhob auch sie sich, um Leopold gemeinschaftlich mit den andern zu
begrüssen.
    Die Droschke draussen hielt noch immer, was dem alten Treibel schliesslich
auffiel. »Sage, Leopold, warum hält er noch? Rechnet er auf Rückfahrt?«
    »Ich glaube, Papa, dass er futtern will.«
    »Wohl und weise. Freilich mit seinem Häckselsack wird er nicht weit kommen.
Hier müssen energischere Belebungsmittel angewandt werden, sonst passiert was.
Bitte, Kellner, geben Sie dem Schimmel ein Seidel. Aber Löwenbräu. Dessen ist er
am bedürftigsten.«
    »Ich wette«, sagte Krola, »der Kranke wird von Ihrer Arznei nichts wissen
wollen.«
    »Ich verbürge mich für das Gegenteil. In dem Schimmel steckt was; bloss
heruntergekommen.«
    Und während das Gespräch noch andauerte, folgte man dem Vorgange draussen und
sah, wie das arme verschmachtete Tier mit Gier das Seidel austrank und in ein
schwaches Freudengewieher ausbrach.
    »Da haben wir's«, triumphierte Treibel. »Ich bin ein Menschenkenner; der hat
bessere Tage gesehen, und mit diesem Seidel zogen alte Zeiten in ihm herauf. Und
Erinnerungen sind immer das Beste. Nicht wahr, Jenny?«
    Die Kommerzienrätin antwortete mit einem langgedehnten »ja, Treibel« und
deutete durch den Ton an, dass er besser täte, sie mit solchen Betrachtungen zu
verschonen.
Eine Stunde verging unter allerhand Plaudereien, und wer gerade schwieg, der
versäumte nicht, das Bild auf sich wirken zu lassen, das sich um ihn her
ausbreitete. Da stieg zunächst eine Terrasse nach dem See hinunter, von dessen
anderm Ufer her man den schwachen Knall einiger Teschins hörte, mit denen in
einer dort etablierten Schiessbude nach der Scheibe geschossen wurde, während man
aus verhältnismässiger Nähe das Kugelrollen einer am diesseitigen Ufer sich
hinziehenden Doppelkegelbahn und dazwischen die Rufe des Kegeljungen vernahm.
Den See selbst aber sah man nicht recht, was die Felgentreuschen Mädchen zuletzt
ungeduldig machte. »Wir müssen doch den See sehen. Wir können doch nicht in
Halensee gewesen sein, ohne den Halensee gesehen zu haben!« Und dabei schoben
sie zwei Stühle mit den Lehnen zusammen und kletterten hinauf, um so den
Wasserspiegel vielleicht entdecken zu können. »Ach, da ist er. Etwas klein.«
    »Das Auge der Landschaft muss klein sein«, sagte Treibel. »Ein Ozean ist kein
Auge mehr.«
    »Und wo nur die Schwäne sind?« fragte die ältere Felgentreu neugierig. »Ich
sehe doch zwei Schwanenhäuser.«
    »Ja, liebe Elfriede«, sagte Treibel. »Sie verlangen zuviel. Das ist immer
so; wo Schwäne sind, sind keine Schwanenhäuser, und wo Schwanenhäuser sind, sind
keine Schwäne. Der eine hat den Beutel, der andre hat das Geld. Diese
Wahrnehmung, meine junge Freundin, werden Sie noch verschiedentlich im Leben
machen. Lassen Sie mich annehmen, nicht zu sehr zu Ihrem Schaden.«
    Elfriede sah ihn gross an. »Worauf bezog sich das und auf wen? Auf Leopold?
oder auf den früheren Hauslehrer, mit dem sie sich noch schrieb, aber doch nur
so, dass es nicht völlig einschlief. Oder auf den Pionierlieutenant? Es konnte
sich auf alle drei beziehen. Leopold hatte das Geld... Hm.«
    »Im übrigen«, fuhr Treibel an die Gesamteit gewendet fort, »ich habe mal wo
gelesen, dass es immer das Geratenste sei, das Schönste nicht auszukosten,
sondern mitten im Genusse dem Genuss Valet zu sagen. Und dieser Gedanke kommt mir
auch jetzt wieder. Es ist kein Zweifel, dass dieser Fleck Erde mit zu dem
Schönsten zählt, was die norddeutsche Tiefebene besitzt, durchaus angetan, durch
Sang und Bild verherrlicht zu werden, wenn es nicht schon geschehen ist - denn
wir haben jetzt eine märkische Schule, vor der nichts sicher ist,
Beleuchtungskünstler ersten Ranges, wobei Wort oder Farbe keinen Unterschied
macht. Aber eben weil es so schön ist, gedenken wir jenes vorzitierten Satzes,
der von einem letzten Auskosten nichts wissen will, mit andern Worten,
beschäftigen wir uns mit dem Gedanken an Aufbruch. Ich sage wohlüberlegt
Aufbruch, nicht Rückfahrt, nicht vorzeitige Rückkehr in die alten Geleise, das
sei ferne von mir; dieser Tag hat sein letztes Wort noch nicht gesprochen. Nur
ein Scheiden speziell aus diesem Idyll, eh es uns ganz umstrickt! Ich proponiere
Waldpromenade bis Paulsborn oder, wenn dies zu kühn erscheinen sollte, bis
Hundekehle. Die Prosa des Namens wird ausgeglichen durch die Poesie der grösseren
Nähe. Vielleicht, dass ich mir den besonderen Dank meiner Freundin Felgentreu
durch diese Modifikation verdiene.«
    Frau Felgentreu, der nichts ärgerlicher war als Anspielungen auf ihre
Wohlbeleibteit und Kurzatmigkeit, begnügte sich, ihrem Freunde Treibel den
Rücken zu kehren.
    »Dank vom Hause Österreich. Aber es ist immer so, der Gerechte muss viel
leiden. Ich werde mich auf einem verschwiegenen Waldwege bemühen, Ihrem schönen
Unmut die Spitze abzubrechen. Darf ich um Ihren Arm bitten, liebe Freundin?«
    Und alles erhob sich, um in Gruppen zu zweien und dreien die Terrasse
hinabzusteigen und, zu beiden Seiten des Sees, auf den schon im halben Dämmer
liegenden Grunewald zuzuschreiten.
Die Hauptkolonne hielt sich links. Sie bestand, unter Vorantritt des
Felgentreuschen Ehepaares (Treibel hatte sich von seiner Freundin wieder frei
gemacht), aus dem Krolaschen Quartett, in das sich Elfriede und Blanca
Felgentreu derart eingereiht hatten, dass sie zwischen den beiden Referendarien
und zwei jungen Kaufleuten gingen. Einer der jungen Kaufleute war ein berühmter
Jodler und trug auch den entsprechenden Hut. Dann kamen Otto und Helene, während
Treibel und Krola abschlossen.
    »Es geht doch nichts über eine richtige Ehe«, sagte Krola zu Treibel und
wies auf das junge Paar vor ihnen. »Sie müssen sich doch aufrichtig freuen,
Kommerzienrat, wenn Sie Ihren Ältesten so glücklich und so zärtlich neben dieser
hübschen und immer blink und blanken Frau einherschreiten sehen. Schon oben
sassen sie dicht beisammen, und nun gehen sie Arm in Arm. Ich glaube beinah, sie
drücken sich leise.«
    »Mir ein sichrer Beweis, dass sie sich vormittags gezankt haben. Otto, der
arme Kerl, muss nun Reugeld zahlen.«
    »Ach, Treibel, Sie sind ewig ein Spötter. Ihnen kann es keiner recht machen
und am wenigsten die Kinder. Glücklicherweise sagen Sie das so hin, ohne recht
dran zu glauben. Mit einer Dame, die so gut erzogen wurde, kann man sich
überhaupt nicht zanken.«
    In diesem Augenblicke hörte man den Jodler einige Juchzer ausstossen, so
tirolerhaft echt, dass sich das Echo der Pichelsberge nicht veranlasst sah, darauf
zu antworten.
    Krola lachte. »Das ist der junge Metzner. Er hat eine merkwürdig gute
Stimme, wenigstens für einen Dilettanten, und hält eigentlich das Quartett
zusammen. Aber sowie er eine Prise frische Luft wittert, ist es mit ihm vorbei.
Dann fasst ihn das Schicksal mit rasender Gewalt, und er muss jodeln. .. Aber wir
wollen von den Kindern nicht abkommen. Sie werden mir doch nicht weismachen
wollen« - Krola war neugierig und hörte gern Intimitäten -, »Sie werden mir doch
nicht weismachen wollen, dass die beiden da vor uns in einer unglücklichen Ehe
leben. Und was das Zanken angeht, so kann ich nur wiederholen, Hamburgerinnen
stehen auf einer Bildungsstufe, die den Zank ausschliesst.«
    Treibel wiegte den Kopf. »Ja, sehen Sie, Krola, Sie sind nun ein so
gescheiter Kerl und kennen die Weiber, ja, wie soll ich sagen, Sie kennen sie,
wie sie nur ein Tenor kennen kann. Denn ein Tenor geht noch weit übern
Lieutenant. Und doch offenbaren Sie hier in dem speziell Ehelichen, was noch
wieder ein Gebiet für sich ist, ein furchtbares Manquement. Und warum? Weil
Sie's in Ihrer eigenen Ehe, gleichviel nun, ob durch Ihr oder Ihrer Frau
Verdienst, ausnahmsweise gut getroffen haben. Natürlich, wie Ihr Fall beweist,
kommt auch das vor. Aber die Folge davon ist einfach die, dass Sie - auch das
Beste hat seine Kehrseite -, dass Sie, sag ich, kein richtiger Ehemann sind, dass
Sie keine volle Kenntnis von der Sache haben; Sie kennen den Ausnahmefall, aber
nicht die Regel. Über Ehe kann nur sprechen, wer sie durchgefochten hat, nur der
Veteran, der auf Wundenmale zeigt... Wie heisst es doch? Nach Frankreich zogen
zwei Grenadier, die liessen die Köpfe hangen... Da haben Sie's.«
    »Ach, das sind Redensarten, Treibel...«
    »... Und die schlimmsten Ehen sind die, lieber Krola, wo furchtbar gebildet
gestritten wird, wo, wenn Sie mir den Ausdruck gestatten wollen, eine
Kriegsführung mit Sammetandschuhen stattfindet oder, richtiger noch, wo man
sich, wie beim römischen Karneval, Konfetti ins Gesicht wirft. Es sieht hübsch
aus, aber verwundet doch. Und in dieser Kunst anscheinend gefälligen
Konfettiwerfens ist meine Schwiegertochter eine Meisterin. Ich wette, dass mein
armer Otto schon oft bei sich gedacht hat, wenn sie dich doch kratzte, wenn sie
doch mal ausser sich wäre, wenn sie doch mal sagte: Scheusal oder Lügner oder
elender Verführer...«
    »Aber, Treibel, das kann sie doch nicht sagen. Das wäre ja Unsinn. Otto ist
ja doch kein Verführer, also auch kein Scheusal... «
    »Ach, Krola, darauf kommt es ja gar nicht an. Worauf es ankommt, ist, sie
muss sich dergleichen wenigstens denken können, sie muss eine eifersüchtige Regung
haben, und in solchem Momente muss es afrikanisch aus ihr losbrechen. Aber alles,
was Helene hat, hat höchstens die Temperatur der Uhlenhorst. Sie hat nichts als
einen unerschütterlichen Glauben an Tugend und Windsor-soap.«
    »Nun meinetwegen. Aber wenn es so ist, wo kommt dann der Zank her?«
    »Der kommt doch. Er tritt nur anders auf, anders, aber nicht besser. Kein
Donnerwetter, nur kleine Worte mit dem Giftgehalt eines halben Mückenstichs,
oder aber Schweigen, Stummheit, Muffeln, das innere Düppel der Ehe, während nach
aussen hin das Gesicht keine Falte schlägt. Das sind so die Formen. Und ich
fürchte, die ganze Zärtlichkeit, die wir da vor uns wandeln sehen und die sich
augenscheinlich sehr einseitig gibt, ist nichts als ein Bussetun - Otto Treibel
im Schlosshof zu Canossa und mit Schnee unter den Füssen. Sehen Sie nun den armen
Kerl; er biegt den Kopf in einem fort nach rechts, und Helene rührt sich nicht
und kommt aus der graden Hamburger Linie nicht heraus... Aber jetzt müssen wir
schweigen. Ihr Quartett hebt eben an. Was ist es denn?«
    »Es ist das bekannte: Ich weiss nicht, was soll es bedeuten?«
    »Ah, das ist recht. Eine jederzeit wohl aufzuwerfende Frage, besonders auf
Landpartien.«
Rechts um den See hin gingen nur zwei Paare, vorauf der alte Schmidt und seine
Jugendfreundin Jenny und in einiger Entfernung hinter ihnen Leopold und Corinna.
    Schmidt hatte seiner Dame den Arm gereicht und zugleich gebeten, ihr die
Mantille tragen zu dürfen, denn es war etwas schwül unter den Bäumen. Jenny
hatte das Anerbieten auch dankbar angenommen; als sie aber wahrnahm, dass der
gute Professor den Spitzenbesatz immer nachschleppen und sich abwechselnd in
Wacholder und Heidekraut verfangen liess, bat sie sich die Mantille wieder aus.
»Sie sind noch geradeso wie vor vierzig Jahren, lieber Schmidt. Galant, aber mit
keinem rechten Erfolge.«
    »Ja, gnädigste Frau, diese Schuld kann ich nicht von mir abwälzen, und sie
war zugleich mein Schicksal. Wenn ich mit meinen Huldigungen erfolgreicher
gewesen wäre, denken Sie, wie ganz anders sich mein Leben und auch das Ihrige
gestaltet hätte...«
    Jenny seufzte leise.
    »Ja, gnädigste Frau, dann hätten Sie das Märchen Ihres Lebens nie begonnen.
Denn alles grosse Glück ist ein Märchen.«
    »Alles grosse Glück ist ein Märchen«, wiederholte Jenny langsam und
gefühlvoll. »Wie wahr, wie schön! Und sehen Sie, Wilibald, dass das beneidete
Leben, das ich jetzt führe, meinem Ohr und meinem Herzen solche Worte versagt,
dass lange Zeiten vergehen, ehe Aussprüche von solcher poetischen Tiefe zu mir
sprechen, das ist für eine Natur, wie sie mir nun mal geworden, ein ewig
zehrender Schmerz. Und Sie sprechen dabei von Glück, Wilibald, sogar von grossem
Glück! Glauben Sie mir, mir, die ich dies alles durchlebt habe, diese soviel
begehrten Dinge sind wertlos für den, der sie hat. Oft, wenn ich nicht schlafen
kann und mein Leben überdenke, wird es mir klar, dass das Glück, das anscheinend
soviel für mich tat, mich nicht die Wege geführt hat, die für mich passten, und
dass ich in einfacheren Verhältnissen und als Gattin eines in der Welt der Ideen
und vor allem auch des Idealen stehenden Mannes wahrscheinlich glücklicher
geworden wäre. Sie wissen, wie gut Treibel ist und dass ich ein dankbares Gefühl
für seine Güte habe. Trotzdem muss ich es leider aussprechen, es fehlt mir,
meinem Manne gegenüber, jene hohe Freude der Unterordnung, die doch unser
schönstes Glück ausmacht und so recht gleichbedeutend ist mit echter Liebe.
Niemandem darf ich dergleichen sagen; aber vor Ihnen, Wilibald, mein Herz
auszuschütten ist, glaub ich, mein schön menschliches Recht und vielleicht sogar
meine Pflicht...«
    Schmidt nickte zustimmend und sprach dann ein einfaches: »Ach, Jenny...« mit
einem Tone, drin er den ganzen Schmerz eines verfehlten Lebens zum Ausdruck zu
bringen trachtete. Was ihm auch gelang. Er lauschte selber dem Klang und
beglückwünschte sich im stillen, dass er sein Spiel so gut gespielt habe. Jenny,
trotz aller Klugheit, war doch eitel genug, an das »Ach« ihres ehemaligen
Anbeters zu glauben.
    So gingen sie, schweigend und anscheinend ihren Gefühlen hingegeben,
nebeneinander her, bis Schmidt die Notwendigkeit fühlte, mit irgendeiner Frage
das Schweigen zu brechen. Er entschied sich dabei für das alte Rettungsmittel
und lenkte das Gespräch auf die Kinder. »Ja, Jenny«, hob er mit immer noch
verschleierter Stimme an, »was versäumt ist, ist versäumt. Und wer fühlte das
tiefer als ich selbst. Aber eine Frau wie Sie, die das Leben begreift, findet
auch im Leben selbst ihren Trost, vor allem in der Freude täglicher
Pflichterfüllung. Da sind in erster Reihe die Kinder, ja, schon ein Enkelkind
ist da, wie Milch und Blut, das liebe Lizzichen, und das sind dann, mein ich,
die Hülfen, daran Frauenherzen sich aufrichten müssen. Und wenn ich auch Ihnen
gegenüber, teure Freundin, von einem eigentlichen Eheglücke nicht sprechen will,
denn wir sind wohl einig in dem, was Treibel ist und nicht ist, so darf ich doch
sagen, Sie sind eine glückliche Mutter. Zwei Söhne sind Ihnen herangewachsen,
gesund, oder doch was man so gesund zu nennen pflegt, von guter Bildung und
guten Sitten. Und bedenken Sie, was allein dies letzte heutzutage bedeuten will.
Otto hat sich nach Neigung verheiratet und sein Herz einer schönen und reichen
Dame geschenkt, die, soviel ich weiss, der Gegenstand allgemeiner Verehrung ist,
und wenn ich recht berichtet bin, so bereitet sich im Hause Treibel ein zweites
Verlöbnis vor, und Helenens Schwester steht auf dem Punkte, Leopolds Braut zu
werden...«
    »Wer sagt das?« fuhr jetzt Jenny heraus, plötzlich aus dem sentimental
Schwärmerischen in den Ton ausgesprochenster Wirklichkeit verfallend. »Wer sagt
das?«
    Schmidt geriet, diesem erregten Tone gegenüber, in eine kleine Verlegenheit.
Er hatte sich das so gedacht oder vielleicht auch mal etwas Ähnliches gehört und
stand nun ziemlich ratlos vor der Frage »wer sagt das?« Zum Glück war es damit
nicht sonderlich ernstaft gemeint, so wenig, dass Jenny, ohne eine Antwort
abgewartet zu haben, mit grosser Lebhaftigkeit fortfuhr: »Sie können gar nicht
ahnen, Freund, wie mich das alles reizt. Das ist so die seitens des Holzhofs
beliebte Art, mir die Dinge über den Kopf wegzunehmen. Sie, lieber Schmidt,
sprechen nach, was Sie hören, aber die, die solche Dinge wie von ungefähr unter
die Leute bringen, mit denen hab ich ernstlich ein Hühnchen zu pflücken. Es ist
eine Insolenz. Und Helene mag sich vorsehen.«
    »Aber, Jenny, liebe Freundin, Sie dürfen sich nicht so erregen. Ich habe das
so hingesagt, weil ich es als selbstverständlich annahm.«
    »Als selbstverständlich«, wiederholte Jenny spöttisch, die, während sie das
sagte, die Mantille wieder abriss und dem Professor über den Arm warf. »Als
selbstverständlich. So weit also hat es der Holzhof schon gebracht, dass die
nächsten Freunde solche Verlobung als eine Selbstverständlichkeit ansehen. Es
ist aber keine Selbstverständlichkeit, ganz im Gegenteil, und wenn ich mir
vergegenwärtige, dass Ottos alles besser wissende Frau neben ihrer Schwester
Hildegard ein blosser Schatten sein soll - und ich glaub es gern, denn sie war
schon als Backfisch von einer geradezu ridikülen Überheblichkeit -, so muss ich
sagen, ich habe an einer Hamburger Schwiegertochter aus dem Hause Munk gerade
genug.«
    »Aber, teuerste Freundin, ich begreife Sie nicht. Sie setzen mich in das
aufrichtigste Erstaunen. Es ist doch kein Zweifel, dass Helene eine schöne Frau
ist und von einer, wenn ich mich so ausdrücken darf, ganz aparten
Appetitlichkeit...«
    Jenny lachte.
    »... Zum Anbeissen, wenn Sie mir das Wort gestatten«, fuhr Schmidt fort, »und
von jenem eigentümlichen Charme, den schon, von alters her, alles besitzt, was
mit dem flüssigen Element in eine konstante Berührung kommt. Vor allem aber ist
mir kein Zweifel darüber, dass Otto seine Frau liebt, um nicht zu sagen, in sie
verliebt ist. Und sie, Freundin, Ottos leibliche Mutter, fechten gegen dies
Glück an und sind empört, dies Glück in Ihrem Hause vielleicht verdoppelt zu
sehen. Alle Männer sind abhängig von weiblicher Schönheit; ich war es auch, und
ich möchte beinah sagen dürfen, ich bin es noch, und wenn nun diese Hildegard,
wie mir durchaus wahrscheinlich - denn die Nestkücken sehen immer am besten aus
-, wenn diese Hildegard noch über Helenen hinauswächst, so weiss ich nicht, was
Sie gegen sie haben können. Leopold ist ein guter Junge, von vielleicht nicht
allzu feurigem Temperament; aber ich denke mir, dass er doch nichts dagegen haben
kann, eine sehr hübsche Frau zu heiraten. Sehr hübsch und reich dazu.«
    »Leopold ist ein Kind und darf sich überhaupt nicht nach eigenem Willen
verheiraten, am wenigsten aber nach dem Willen seiner Schwägerin Helene. Das
fehlte noch, das hiesse denn doch abdanken und mich ins Altenteil setzen. Und
wenn es sich noch um eine junge Dame handelte, der gegenüber einen allenfalls
die Lust anwandeln könnte, sich unterzuordnen, also eine Freiin oder eine
wirkliche, ich meine eine richtige Geheimeratstochter oder die Tochter eines
Oberhofpredigers... Aber ein unbedeutendes Ding, das nichts kennt als mit Ponies
nach Blankenese fahren und sich einbildet, mit einem Goldfaden in der
Plattstichnadel eine Wirtschaft führen oder wohl gar Kinder erziehen zu können,
und ganz ernstaft glaubt, dass wir hierzulande nicht einmal eine Seezunge von
einem Steinbutt unterscheiden können, und immer von Lobster spricht, wo wir
Hummer sagen, und Curry-Powder und Soja wie höhere Geheimnisse behandelt - ein
solcher eingebildeter Quack, lieber Wilibald, das ist nichts für meinen Leopold.
Leopold, trotz allem, was ihm fehlt, soll höher hinaus. Er ist nur einfach, aber
er ist gut, was doch auch einen Anspruch gibt. Und deshalb soll er eine kluge
Frau haben, eine wirklich kluge; Wissen und Klugheit und überhaupt das Höhere -
darauf kommt es an. Alles andere wiegt keinen Pfifferling. Es ist ein Elend mit
den Äusserlichkeiten. Glück, Glück! Ach Wilibald, dass ich es in solcher Stunde
gerade vor Ihnen bekennen muss, das Glück, es ruht hier allein.«
    Und dabei legte sie die Hand aufs Herz.
Leopold und Corinna waren in einer Entfernung von etwa fünfzig Schritt gefolgt
und hatten ihr Gespräch in herkömmlicher Art geführt, das heisst, Corinna hatte
gesprochen. Leopold war aber fest entschlossen, auch zu Worte zu kommen, wohl
oder übel. Der quälende Druck der letzten Tage machte, dass er vor dem, was er
vorhatte, nicht mehr so geängstigt stand wie früher; - er musste sich eben Ruhe
schaffen. Ein paarmal schon war er nahe daran gewesen, eine wenigstens auf sein
Ziel überleitende Frage zu tun; wenn er dann aber der Gestalt seiner stattlich
vor ihm dahinschreitenden Mutter ansichtig wurde, gab er's wieder auf, so dass er
schliesslich den Vorschlag machte, eine gerade vor ihnen liegende Waldlichtung in
schräger Linie zu passieren, damit sie, statt immer zu folgen, auch mal an die
Tete kämen. Er wusste zwar, dass er, in Folge dieses Manövers, den Blick der Mama
vom Rücken oder von der Seite her haben würde, aber etwas auf den Vogel Strauss
hin angelegt, fand er doch eine Beruhigung in dem Gefühl, die seinen Mut
beständig lähmende Mama nicht immer gerade vor Augen haben zu müssen. Er konnte
sich über diesen eigentümlichen Nervenzustand keine rechte Rechenschaft geben
und entschied sich einfach für das, was ihm von zwei Übeln als das kleinere
erschien.
    Die Benutzung der Schräglinie war geglückt, sie waren jetzt um ebensoviel
voraus, als sie vorher zurück gewesen waren, und ein Gleichgültigkeitsgespräch
fallenlassend, das sich, ziemlich gezwungen, um die Spargelbeete von Halensee
samt ihrer Kultur und ihrer sanitären Bedeutung gedreht hatte, nahm Leopold
einen plötzlichen Anlauf und sagte: »Wissen Sie, Corinna, dass ich Grüsse für Sie
habe?«
    »Von wem?«
    »Raten Sie.«
    »Nun, sagen wir von Mister Nelson.«
    »Aber das geht doch nicht mit rechten Dingen zu, das ist ja wie Hellseherei;
nun können Sie auch noch Briefe lesen, von denen Sie nicht einmal wissen, dass
sie geschrieben wurden.«
    »Ja, Leopold, dabei könnt ich Sie nun belassen und mich vor Ihnen als
Seherin etablieren. Aber ich werde mich hüten. Denn vor allem, was so mystisch
und hypnotisch und geisterseherig ist, haben gesunde Menschen bloss ein Grauen.
Und ein Grauen einzuflössen ist nicht das, was ich liebe. Mir ist es lieber, dass
mir die Herzen guter Menschen zufallen.«
    »Ach, Corinna, das brauchen Sie sich doch nicht erst zu wünschen. Ich kann
mir keinen Menschen denken, dessen Herz Ihnen nicht zufiele. Sie sollten nur
lesen, was Mister Nelson über Sie geschrieben hat; mit amusing fängt er an, und
dann kommt charming und high-spirited, und mit fascinating schliesst er ab. Und
dann erst kommen die Grüsse, die sich, nach allem, was voraufgegangen, beinahe
nüchtern und alltäglich ausnehmen. Aber wie wussten Sie, dass die Grüsse von Mister
Nelson kämen?«
    »Ein leichteres Rätsel ist mir nicht bald vorgekommen. Ihr Papa teilte mit,
Sie kämen erst später, weil Sie nach Liverpool zu schreiben hätten. Nun,
Liverpool heisst Mister Nelson. Und hat man erst Mister Nelson, so gibt sich das
andere von selbst. Ich glaube, dass es mit aller Hellseherei ganz ähnlich liegt.
Und sehen Sie, Leopold, mit derselben Leichtigkeit, mit der ich in Mister
Nelsons Brief gelesen habe, mit derselben Sicherheit lese ich zum Beispiel Ihre
Zukunft.«
    Ein tiefes Aufatmen Leopolds war die Antwort, und sein Herz hätte jubeln
mögen, in einem Gefühl von Glück und Erlösung. Denn wenn Corinna richtig las,
und sie musste richtig lesen, so war er allem Anfragen und allen damit
verknüpften Ängsten überhoben, und sie sprach dann aus, was er zu sagen noch
immer nicht den Mut finden konnte. Wie beseligt nahm er ihre Hand und sagte:
»Das können Sie nicht.«
    »Ist es so schwer?«
    »Nein. Es ist eigentlich leicht. Aber leicht oder schwer, Corinna, lassen
Sie mich's hören. Und ich will auch ehrlich sagen, ob Sie's getroffen haben oder
nicht. Nur keine ferne Zukunft, bloss die nächste, allernächste.«
    »Nun denn«, hob Corinna schelmisch und hier und da mit besonderer Betonung
an, »was ich sehe, ist das: zunächst ein schöner Septembertag, und vor einem
schönen Hause halten viele schöne Kutschen, und die vorderste, mit einem
Perückenkutscher auf dem Bock und zwei Bedienten hinten, das ist eine
Brautkutsche. Der Strassendamm aber steht voller Menschen, die die Braut sehen
wollen, und nun kommt die Braut, und neben ihr schreitet ihr Bräutigam, und
dieser Bräutigam ist mein Freund Leopold Treibel. Und nun fährt die
Brautkutsche, während die anderen Wagen folgen, an einem breiten, breiten Wasser
hin ...«
    »Aber Corinna, Sie werden doch unsere Spree zwischen Schleuse und
Jungfernbrücke nicht ein breites Wasser nennen wollen...«
    »... An einem breiten Wasser hin und hält endlich vor einer gotischen
Kirche.«
    »Zwölf Apostel...«
    »Und der Bräutigam steigt aus und bietet der Braut seinen Arm, und so
schreitet das junge Paar der Kirche zu, drin schon die Orgel spielt und die
Lichter brennen.«
    »Und nun...«
    »Und nun stehen sie vor dem Altar, und nach dem Ringewechsel wird der Segen
gesprochen und ein Lied gesungen oder doch der letzte Vers. Und nun geht es
wieder zurück, an demselben breiten Wasser entlang, aber nicht dem Stadtause
zu, von dem sie ausgefahren waren, sondern immer weiter ins Freie, bis sie vor
einer Cottage-Villa halten...«
    »Ja, Corinna, so soll es sein...«
    »Bis sie vor einer Cottagevilla halten und vor einem Triumphbogen, an dessen
oberster Wölbung ein Riesenkranz hängt, und in dem Kranze leuchten die beiden
Anfangsbuchstaben: L und H.«
    »L und H?«
    »Ja, Leopold, L und H. Und wie könnte es auch anders sein? Denn die
Brautkutsche kam ja von der Uhlenhorst her und fuhr die Alster entlang und
nachher die Elbe hinunter, und nun halten sie vor der Munkschen Villa draussen in
Blankenese, und L heisst Leopold und H heisst Hildegard.«
    Einen Augenblick überkam es Leopold wie wirkliche Verstimmung. Aber sich
rasch besinnend, gab er der vorgeblichen Seherin einen kleinen Liebesklaps und
sagte: »Sie sind immer dieselbe, Corinna. Und wenn der gute Nelson, der der
beste Mensch und mein einziger Vertrauter ist, wenn er dies alles gehört hätte,
so würd er begeistert sein und von capital fun sprechen, weil Sie mir so gnädig
die Schwester meiner Schwägerin zuwenden wollen.«
    »Ich bin eben eine Prophetin«, sagte Corinna.
    »Prophetin«, wiederholte Leopold. »Aber diesmal eine falsche. Hildegard ist
ein schönes Mädchen, und Hunderte würden sich glücklich schätzen. Aber Sie
wissen, wie meine Mama zu dieser Frage steht; sie leidet unter dem beständigen
Sichbesserdünken der dortigen Anverwandten und hat es wohl hundertmal
geschworen, dass ihr eine Hamburger Schwiegertochter, eine Repräsentantin aus dem
grossen Hause Tompson-Munk, gerade genug sei. Sie hat ganz ehrlich einen halben
Hass gegen die Munks, und wenn ich mit Hildegard so vor sie hinträte, so weiss ich
nicht, was geschähe; sie würde nein sagen, und wir hätten eine furchtbare
Szene.«
    »Wer weiss«, sagte Corinna, die jetzt das entscheidende Wort ganz nahe wusste.
    »... Sie würde nein sagen und immer wieder nein, das ist so sicher wie Amen
in der Kirche«, fuhr Leopold mit gehobener Stimme fort. »Aber dieser Fall kann
sich gar nicht ereignen. Ich werde nicht mit Hildegard vor sie hintreten und
werde statt dessen näher und besser wählen... Ich weiss, und Sie wissen es auch,
das Bild, das Sie da gemalt haben, es war nur Scherz und Übermut, und vor allem
wissen Sie, wenn mir Armen überhaupt noch eine Triumphpforte gebaut werden soll,
dass der Kranz, der dann zu Häupten hängt, einen ganz anderen Buchstaben als das
Hildegard-H in hundert und tausend Blumen tragen müsste. Brauch ich zu sagen,
welchen? Ach, Corinna, ich kann ohne Sie nicht leben, und diese Stunde muss über
mich entscheiden. Und nun sagen Sie ja oder nein.« Und unter diesen Worten nahm
er ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen. Denn sie gingen im Schutz einer
Haselnusshecke.
    Corinna - nach Confessions, wie diese, die Verlobung mit gutem Recht als ein
fait accompli betrachtend - nahm klugerweise von jeder weiteren
Auseinandersetzung Abstand und sagte nur kurzerhand: »Aber eines, Leopold,
dürfen wir uns nicht verhehlen, uns stehen noch schwere Kämpfe bevor. Deine Mama
hat an einer Munk genug, das leuchtet mir ein; aber ob ihr eine Schmidt recht
ist, ist noch sehr die Frage. Sie hat zwar mitunter Andeutungen gemacht, als ob
ich ein Ideal in ihren Augen wäre, vielleicht weil ich das habe, was dir fehlt,
und vielleicht auch, was Hildegard fehlt. Ich sage vielleicht und kann dies
einschränkende Wort nicht genug betonen. Denn die Liebe, das seh ich klar, ist
demütig, und ich fühle, wie meine Fehler von mir abfallen. Es soll dies ja ein
Kennzeichen sein. Ja, Leopold, ein Leben voll Glück und Liebe liegt vor uns,
aber es hat deinen Mut und deine Festigkeit zur Voraussetzung, und hier unter
diesem Waldesdom, drin es geheimnisvoll rauscht und dämmert, hier, Leopold, musst
du mir schwören, ausharren zu wollen in deiner Liebe.«
    Leopold beteuerte, dass er nicht bloss wolle, dass er es auch werde. Denn wenn
die Liebe demütig und bescheiden mache, was gewiss richtig sei, so mache sie
sicherlich auch stark. Wenn Corinna sich geändert habe, er fühle sich auch ein
anderer. »Und«, so schloss er, »das eine darf ich sagen, ich habe nie grosse Worte
gemacht, und Prahlereien werden mir auch meine Feinde nicht nachsagen; aber
glaube mir, mir schlägt das Herz so hoch, so glücklich, dass ich mir
Schwierigkeiten und Kämpfe beinah herbeiwünsche. Mich drängt es, dir zu zeigen,
dass ich deiner wert bin...«
    In diesem Augenblicke wurde die Mondsichel zwischen den Baumkronen sichtbar,
und von Schloss Grunewald her, vor dem das Quartett eben angekommen war, klang es
über den See herüber:
»Wenn nach dir ich oft vergebens
In die Nacht gesehn,
Scheint der dunkle Strom des Lebens
Trauernd stillzustehn...«
Und nun schwieg es, oder der Abendwind, der sich aufmachte, trug die Töne nach
der anderen Seite hin.
Eine Viertelstunde später hielt alles vor Paulsborn, und nachdem man sich
daselbst wieder begrüsst und bei herumgereichtem Crême de Cacao (Treibel selbst
machte die Honneurs) eine kurze Rast genommen hatte, brach man - die Wagen waren
von Halensee her gefolgt - nach einigen Minuten endgültig auf, um die Rückfahrt
anzutreten. Die Felgentreus nahmen bewegten Abschied von dem Quartett, jetzt
lebhaft beklagend, den von Treibel vorgeschlagenen Kremser abgelehnt zu haben.
    Auch Leopold und Corinna trennten sich, aber doch nicht eher, als bis sie
sich, im Schatten des hochstehenden Schilfes, noch einmal fest und verschwiegen
die Hände gedrückt hatten.
 
                                 Elftes Kapitel
Leopold, als man zur Abfahrt sich anschickte, musste sich mit einem Platz vorn
auf dem Bock des elterlichen Landauers begnügen, was ihm, alles in allem, immer
noch lieber war, als innerhalb des Wagens selbst, en vue seiner Mutter zu
sitzen, die doch vielleicht, sei's im Wald, sei's bei der kurzen Rast in
Paulsborn, etwas bemerkt haben mochte; Schmidt benutzte wieder den Vorortszug,
während Corinna bei den Felgentreus mit einstieg. Man placierte sie, so gut es
ging, zwischen das den Fond des Wagens redlich ausfüllende Ehepaar, und weil sie
nach all dem Voraufgegangenen eine geringere Neigung zum Plaudern als sonst wohl
hatte, so kam es ihr ausserordentlich zupass, sowohl Elfriede wie Blanca doppelt
redelustig und noch ganz voll und beglückt von dem Quartett zu finden. Der
Jodler, eine sehr gute Partie, schien über die freilich nur in Zivil
erschienenen Sommerlieutenants einen entschiedenen Sieg davongetragen zu haben.
Im übrigen liessen es sich die Felgentreus nicht nehmen, in der Adlerstrasse
vorzufahren und ihren Gast daselbst abzusetzen. Corinna bedankte sich herzlich
und stieg, noch einmal grüssend, erst die drei Steinstufen und gleich danach vom
Flur aus die alte Holztreppe hinauf.
    Sie hatte den Drücker zum Entree nicht mitgenommen, und so blieb ihr nichts
anderes übrig, als zu klingeln, was sie nicht gerne tat. Alsbald erschien denn
auch die Schmolke, die die Abwesenheit der »Herrschaft«, wie sie mitunter mit
Betonung sagte, dazu benutzt hatte, sich ein bisschen sonntäglich herauszuputzen.
Das Auffallendste war wieder die Haube, deren Rüschen eben aus dem Tolleisen zu
kommen schienen.
    »Aber liebe Schmolke«, sagte Corinna, während sie die Tür wieder ins Schloss
zog, »was ist denn los? Ist Geburtstag? Aber nein, den kenn ich ja. Oder
seiner?«
    »Nein«, sagte die Schmolke, »seiner is auch nich. Und da werd ich auch nicht
solchen Schlips umbinden und solch Band.«
    »Aber wenn kein Geburtstag ist, was ist dann?«
    »Nichts, Corinna. Muss denn immer was sein, wenn man sich mal ordentlich
macht? Sieh, du hast gut reden; du sitzt jeden Tag, den Gott werden lässt, eine
halbe Stunde vorm Spiegel, und mitunter auch noch länger, und brennst dir dein
Wuschelhaar...«
    »Aber, liebe Schmolke...«
    »Ja, Corinna, du denkst, ich seh es nicht. Aber ich sehe alles und seh noch
viel mehr... Und ich kann dir auch sagen, Schmolke sagte mal, er fänd es
eigentlich hübsch, solch Wuschelhaar...«
    »Aber war denn Schmolke so?«
    »Nein, Corinna, Schmolke war nich so. Schmolke war ein sehr anständiger
Mann, und wenn man so was Sonderbares und eigentlich Unrechtes sagen darf, er
war beinah zu anständig. Aber nun gib erst deinen Hut und deine Mantille. Gott,
Kind, wie sieht denn das alles aus? Is denn solch furchtbarer Staub? Un noch ein
Glück, dass es nich gedrippelt hat, denn is der Samt hin. Un soviel hat ein
Professor auch nich, un wenn er auch nich geradezu klagt, Seide spinnen kann er
nich.«
    »Nein, nein«, lachte Corinna.
    »Nu höre, Corinna, da lachst du nu wieder. Das ist aber gar nicht zum
Lachen. Der Alte quält sich genug, und wenn er so die Bündel ins Haus kriegt und
die Strippe mitunter nich ausreicht, so viele sind es, denn tut es mir mitunter
ordentlich weh hier. Denn Papa is ein sehr guter Mann, und seine Sechzig drücken
ihn nu doch auch schon ein bisschen. Er will es freilich nich wahrhaben und tut
immer noch so, wie wenn er zwanzig wäre. Ja, hat sich was. Un neulich ist er von
der Pferdebahn runtergesprungen, un ich muss auch gerade dazukommen; na, ich
dachte doch gleich, der Schlag soll mich rühren... Aber nu sage, Corinna, was
soll ich dir bringen? Oder hast du schon gegessen und bist froh, wenn du nichts
siehst...«
    »Nein, ich habe nichts gegessen. Oder doch so gut wie nichts; die Zwiebacke,
die man kriegt, sind immer so alt. Und dann in Paulsborn einen kleinen süssen
Likör. Das kann man doch nicht rechnen. Aber ich habe auch keinen rechten
Appetit, und der Kopf ist mir so benommen; ich werde am Ende krank...«
    »Ach, dummes Zeug, Corinna. Das ist auch eine von deinen Nücken; wenn du mal
Ohrensausen hast oder ein bisschen heisse Stirn, dann redest du immer gleich von
Nervenfieber. Un das is eigentlich gottlos, denn man muss den Teufel nich an die
Wand malen. Es wird wohl ein bisschen feucht gewesen sein, ein bisschen neblig und
Abenddunst.«
    »Ja, neblig war es gerade, wie wir neben dem Schilf standen, und der See war
eigentlich gar nicht mehr zu sehen. Davon wird es wohl sein. Aber der Kopf ist
mir wirklich benommen, und ich möchte zu Bett gehen und mich einmummeln. Und
dann mag ich auch nicht mehr sprechen, wenn Papa nach Hause kommt. Und wer weiss,
wann, und ob es nicht zu spät wird.«
    »Warum ist er denn nich gleich mitgekommen?«
    »Er wollte nicht und hat ja auch seinen Abend heut. Ich glaube bei Kuhs. Und
da sitzen sie meist lange, weil sich die Kälber mit einmischen. Aber mit Ihnen,
liebe, gute Schmolke, möchte ich wohl noch eine halbe Stunde plaudern. Sie haben
ja immer so was Herzliches...«
    »Ach, rede doch nich, Corinna. Wovon soll ich denn was Herzliches haben?
Oder eigentlich, wovon soll ich denn was Herzliches nich haben. Du warst ja noch
so, als ich ins Haus kam.«
    »Nun, also was Herzliches oder auch nicht was Herzliches«, sagte Corinna,
»gefallen wird es mir schon. Und wenn ich liege, liebe Schmolke, dann bringen
Sie mir meinen Tee ans Bett, die kleine Meissner Kanne, und die andere kleine
Kanne, die nehmen Sie sich; und bloss ein paar Teebrötchen, recht dünn
geschnitten und nicht zuviel Butter. Denn ich muss mich mit meinem Magen in acht
nehmen, sonst wird es gastrisch, und man liegt sechs Wochen.«
    »Is schon gut«, lachte die Schmolke und ging in die Küche, um den Kessel
noch wieder in die Glut zu setzen. Denn heisses Wasser war immer da, und es
bullerte nur noch nicht.
    Eine Viertelstunde später trat die Schmolke wieder ein und fand ihren
Liebling schon im Bette. Corinna sass mehr auf, als sie lag, und empfing die
Schmolke mit der trostreichen Versicherung, »es sei ihr schon viel besser«; was
man so immer zum Lobe der Bettwärme sage, das sei doch wahr, und sie glaube
jetzt beinahe, dass sie noch mal durchkommen und alles glücklich überstehen
werde.
    »Glaub ich auch«, sagte die Schmolke, während sie das Tablett auf den
kleinen, am Kopfende stehenden Tisch setzte. »Nun, Corinna, von welchem soll ich
dir einschenken? Der hier, mit der abgebrochenen Tülle, hat länger gezogen, und
ich weiss, du hast ihn gern stark und bitterlich, so dass er schon ein bisschen
nach Tinte schmeckt...«
    »Versteht sich, ich will von dem starken. Und dann ordentlich Zucker; aber
ganz wenig Milch, Milch macht immer gastrisch.«
    »Gott, Corinna, lass doch das Gastrische. Du liegst da wie ein Borsdorfer
Apfel und redst immer, als ob dir der Tod schon um die Nase sässe. Nein,
Corinnchen, so schnell geht es nich. Un nu nimm dir ein Teebrötchen. Ich habe
sie so dünn geschnitten, wie's nur gehen wollte...«
    »Das ist recht. Aber da haben Sie ja eine Schinkenstulle mit reingebracht.«
    »Für mich, Corinnchen. Ich will doch auch was essen.«
    »Ach, liebe Schmolke, da möcht ich mich aber doch zu Gaste laden. Die
Teebrötchen sehen ja nach gar nichts aus, und die Schinkenstulle lacht einen
ordentlich an. Und alles schon so appetitlich durchgeschnitten. Nun merk ich
erst, dass ich eigentlich hungrig bin. Geben Sie mir ein Schnittchen ab, wenn es
Ihnen nicht sauer wird.«
    »Wie du nur redest, Corinna. Wie kann es mir denn sauer werden. Ich führe ja
bloss die Wirtschaft und bin bloss eine Dienerin.«
    »Ein Glück, dass Papa das nicht hört. Sie wissen doch, das kann er nicht
leiden, dass Sie so von Dienerin reden, und er nennt es eine falsche
Bescheidenheit...«
    »Ja, ja, so sagt er. Aber Schmolke, der auch ein ganz kluger Mann war, wenn
er auch nicht studiert hatte, der sagte immer, höre, Rosalie, Bescheidenheit ist
gut, und eine falsche Bescheidenheit (denn die Bescheidenheit ist eigentlich
immer falsch) ist immer noch besser als gar keine.«
    »Hm«, sagte Corinna, die sich etwas getroffen fühlte, »das lässt sich hören.
Überhaupt, liebe Schmolke, Ihr Schmolke muss eigentlich ein ausgezeichneter Mann
gewesen sein. Und Sie sagten ja auch vorhin schon, er habe so etwas Anständiges
gehabt und beinah zu anständig. Sehen Sie, so was höre ich gern, und ich möchte
mir wohl etwas dabei denken können. Worin war er denn nun eigentlich so sehr
anständig... Und dann, er war ja doch bei der Polizei. Nun, offen gestanden, ich
bin zwar froh, dass wir eine Polizei haben, und freue mich immer über jeden
Schutzmann, an den ich herantreten und den ich nach dem Weg fragen und um
Auskunft bitten kann, und das muss wahr sein, alle sind artig und manierlich,
wenigstens hab ich es immer so gefunden. Aber das von der Anständigkeit und von
zu anständig...«
    »Ja, liebe Corinna, das is schon richtig. Aber da sind ja
Unterschiedlichkeiten, und was sie Abteilungen nennen. Und Schmolke war bei
solcher Abteilung.«
    »Natürlich. Er kann doch nicht überall gewesen sein.«
    »Nein, nicht überall. Und er war gerade bei der allerschwersten, die für den
Anstand und die gute Sitte zu sorgen hat.«
    »Und so was gibt es?«
    »Ja, Corinna, so was gibt es und muss es auch geben. Und wenn nu - was ja
doch vorkommt, und auch bei Frauen und Mädchen vorkommt, wie du ja wohl gesehen
und gehört haben wirst, denn Berliner Kinder sehen und hören alles -, wenn nu
solch armes und unglückliches Geschöpf (denn manche sind wirklich bloss arm und
unglücklich) etwas gegen den Anstand und die gute Sitte tut, dann wird sie
vernommen und bestraft. Und da, wo die Vernehmung is, da gerade sass Schmolke...«
    »Merkwürdig. Aber davon haben Sie mir ja noch nie was erzählt. Und Schmolke,
sagen Sie, war mit dabei? Wirklich, sehr sonderbar. Und Sie meinen, dass er
gerade deshalb so sehr anständig und so solide war?«
    »Ja, Corinna, das mein ich.«
    »Nun, wenn Sie's sagen, liebe Schmolke, so will ich es glauben. Aber ist es
nicht eigentlich zum Verwundern? Denn Ihr Schmolke war ja damals noch jung oder
so ein Mann in seinen besten Jahren. Und viele von unserem Geschlecht, und
gerade solche, sind ja doch oft bildhübsch. Und da sitzt nun einer, wie Schmolke
da gesessen, und muss immer streng und ehrbar aussehen, bloss weil er da zufällig
sitzt. Ich kann mir nicht helfen, ich finde das schwer. Denn das ist ja gerade
so wie der Versucher in der Wüste: Dies alles schenke ich dir.«
    Die Schmolke seufzte. »Ja, Corinna, dass ich es dir offen gestehe, ich habe
auch manchmal geweint, und mein furchtbares Reissen, hier gerad im Nacken, das is
noch von der Zeit her. Und zwischen das zweite und dritte Jahr, dass wir
verheiratet waren, da hab ich beinah elf Pfund abgenommen, und wenn wir damals
schon die vielen Wiegewaagen gehabt hätten, da wär es wohl eigentlich noch mehr
gewesen, denn als ich zu 's Wiegen kam, da setzte ich schon wieder an.«
    »Arme Frau«, sagte Corinna. »Ja, das müssen schwere Tage gewesen sein. Aber
wie kamen Sie denn darüber hin? Und wenn Sie wieder ansetzten, so muss doch so
was von Trost und Beruhigung gewesen sein.«
    »War auch, Corinnchen. Und weil du ja nu alles weisst, will ich dir auch
erzählen, wie's kam un wie ich meine Ruhe wieder kriegte. Denn ich kann dir
sagen, es war schlimm, und ich habe mitunter viele Wochen lang kein Auge
zugetan. Na, zuletzt schläft man doch ein bisschen; die Natur will es und is auch
zuletzt noch stärker als die Eifersucht. Aber Eifersucht ist sehr stark, viel
stärker als Liebe. Mit Liebe is es nich so schlimm. Aber was ich sagen wollte,
wie ich nu so ganz runter war und man bloss noch so hing un bloss noch so viel
Kraft hatte, dass ich ihm doch sein Hammelfleisch un seine Bohnen vorsetzen
konnte, das heisst, geschnitzelte mocht er nich, un sagte immer, sie schmeckten
nach Messer, da sah er doch wohl, dass er mal mit mir reden müsse. Denn ich redte
nich, dazu war ich viel zu stolz. Also er wollte reden mit mir, und als es nu
soweit war und er die Gelegenheit auch ganz gut abgepasst hatte, nahm er einen
kleinen vierbeinigen Schemel, der sonst immer in der Küche stand, un is mir, als
ob es gestern gewesen wäre, un rückte den Schemel zu mir ran und sagte: Rosalie,
nu sage mal, was hast du denn eigentlich.«
    Um Corinnas Mund verlor sich jeder Ausdruck von Spott; sie schob das Tablett
etwas beiseite, stützte sich, während sie sich aufrichtete, mit dem rechten Arm
auf den Tisch und sagte: »Nun weiter, liebe Schmolke.«
    »Also, was hast du eigentlich? sagte er zu mir. Na, da stürzten mir denn die
Tränen man so pimperlings raus, und ich sagte: Schmolke, Schmolke, und dabei sah
ich ihn an, als ob ich ihn ergründen wollte. Un ich kann wohl sagen, es war ein
scharfer Blick, aber doch immer noch freundlich. Denn ich liebte ihn. Und da sah
ich, dass er ganz ruhig blieb un sich gar nicht verfärbte. Un dann nahm er meine
Hand, streichelte sie ganz zärtlich un sagte: Rosalie, das is alles Unsinn.
Davon verstehst du nichts. Davon verstehst du nichts, weil du nicht in der Sitte
bist. Denn ich sage dir, wer da so tagaus, tagein in der Sitte sitzen muss, dem
vergeht es, dem stehen die Haare zu Berge über all das Elend und all den Jammer,
und wenn dann welche kommen, die nebenher auch noch ganz verhungert sind, was
auch vorkommt, und wo wir ganz genau wissen, da sitzen nu die Eltern zu Hause un
grämen sich Tag und Nacht über die Schande, weil sie das arme Wurm, das mitunter
sehr merkwürdig dazu gekommen ist, immer noch liebhaben und helfen und retten
möchten, wenn zu helfen und zu retten noch menschenmöglich wäre - ich sage dir,
Rosalie, wenn man das jeden Tag sehen muss, un man hat ein Herz im Leibe un hat
bei 's erste Garderegiment gedient un is für Proppertät und Strammheit und
Gesundheit, na, ich sage dir, denn is es mit Verführung un all so was vorbei, un
man möchte rausgehn und weinen, un ein paarmal hab ich's auch, alter Kerl, der
ich bin, und von Karessieren und »Fräuleinchen« steht nichts mehr drin, un man
geht nach Hause und is froh, wenn man sein Hammelfleisch kriegt un eine
ordentliche Frau hat, die Rosalie heisst. Bist du nu zufrieden, Rosalie? Un dabei
gab er mir einen Kuss...«
    Die Schmolke, der bei der Erzählung wieder ganz weh ums Herz geworden war,
ging an Corinnas Schrank, um sich ein Taschentuch zu holen. Und als sie sich nun
wieder zurechtgemacht hatte, so dass ihr die Worte nicht mehr in der Kehle
blieben, nahm sie Corinnas Hand und sagte: »Sieh, so war Schmolke. Was sagst du
dazu?«
    »Ein sehr anständiger Mann.«
    »Na ob.«
In diesem Augenblicke hörte man die Klingel. »Der Papa«, sagte Corinna, und die
Schmolke stand auf, um dem Herrn Professor zu öffnen. Sie war auch bald wieder
zurück und erzählte, dass sich der Papa nur gewundert habe, Corinnchen nicht mehr
zu finden; was denn passiert sei? Wegen ein bisschen Kopfweh gehe man doch nicht
gleich zu Bett. Und dann habe er sich seine Pfeife angesteckt und die Zeitung in
die Hand genommen und habe dabei gesagt: »Gott sei Dank, liebe Schmolke, dass ich
wieder da bin; alle Gesellschaften sind Unsinn; diesen Satz vermache ich Ihnen
auf Lebenszeit.« Er habe aber ganz fidel dabei ausgesehen, und sie sei
überzeugt, dass er sich eigentlich sehr gut amüsiert habe. Denn er habe den
Fehler, den so viele hätten, und die Schmidts voran: sie redten über alles und
wüssten alles besser. »Ja, Corinnchen, in diesem Belange bist du auch ganz
Schmidtsch.«
    Corinna gab der guten Alten die Hand und sagte: »Sie werden wohl recht
haben, liebe Schmolke, und es ist ganz gut, dass Sie mir's sagen. Wenn Sie nicht
gewesen wären, wer hätte mir denn überhaupt was gesagt? Keiner. Ich bin ja wie
wild aufgewachsen, und ist eigentlich zu verwundern, dass ich nicht noch
schlimmer geworden bin, als ich bin. Papa ist ein guter Professor, aber kein
guter Erzieher, und dann war er immer zu sehr von mir eingenommen und sagte: das
Schmidtsche hilft sich selbst oder es wird schon zum Durchbruch kommen.«
    »Ja, so was sagt er immer. Aber mitunter ist eine Maulschelle besser.«
    »Um Gottes willen, liebe Schmolke, sagen Sie doch so was nicht. Das ängstigt
mich.«
    »Ach, du bist närrisch, Corinna. Was soll dich denn ängstigen? Du bist ja
nun eine grosse, forsche Person und hast die Kinderschuhe längst ausgetreten und
könntest schon sechs Jahre verheiratet sein.«
    »Ja«, sagte Corinna, »das könnt ich, wenn mich wer gewollt hätte. Aber
dummerweise hat mich noch keiner gewollt. Und da habe ich denn für mich selber
sorgen müssen...«
    Die Schmolke glaubte nicht recht gehört zu haben und sagte: »Du hast für
dich selber sorgen müssen? Was meinst du damit, was soll das heissen?«
    »Es soll heissen, liebe Schmolke, dass ich mich heut abend verlobt habe.«
    »Himmlischer Vater, is es möglich. Aber sei nich böse, dass ich mich so
verfiere... Denn es is ja doch eigentlich was Gutes. Na, mit wem denn?«
    »Rate.«
    »Mit Marcell.«
    »Nein, mit Marcell nicht.«
    »Mit Marcell nich? Ja, Corinna, dann weiss ich es nich und will es auch nich
wissen. Bloss wissen muss ich es am Ende doch. Wer is es denn?«
    »Leopold Treibel.«
    »Herr, du meine Güte...«
    »Findest du's so schlimm? Hast du was dagegen?«
    »I bewahre, wie werd ich denn. Un würde sich auch gar nich vor mir passen.
Un denn die Treibels, die sind alle gut un sehr proppre Leute, der alte
Kommerzienrat voran, der immer so spassig is und immer sagt: Je später der Abend,
je schöner die Leute un noch fufzig Jahre so wie heut und so was. Und der
älteste Sohn is auch sehr gut und Leopold auch. Ein bisschen spitzer, das is
wahr, aber heiraten is ja nich bei Renz in 'n Zirkus. Und Schmolke sagte oft:
Höre, Rosalie, das lass gut sein, so was täuscht, da kann man sich irren; die
Dünnen un die so schwach aussehn, die sind oft gar nich so schwach. Ja, Corinna,
die Treibels sind gut, un bloss die Mama, die Kommerzienrätin, ja höre, da kann
ich mir nich helfen, die Rätin, die hat so was, was mir nich recht passt, un
ziert sich immer un tut so, un wenn was Weinerliches erzählt wird von einem
Pudel, der ein Kind aus dem Kanal gezogen, oder wenn der Professor was
vorpredigt un mit seiner Bassstimme so vor sich hin brummelt: Wie der
Unsterbliche sagt... un dann kommt immer ein Name, den kein Christenmensch
kennt, un die Kommerzienrätin woll auch nich - dann hat sie gleich immer ihre
Träne un sind immer wie Stehtränen, die gar nich runter wolln.«
    »Dass sie so weinen kann, ist aber doch eigentlich was Gutes, liebe
Schmolke.«
    »Ja, bei manchem is es was Gutes un zeigt ein weiches Herz. Un ich will auch
weiter nichts sagen un lieber an meine eigne Brust schlagen, un muss auch, denn
mir sitzen sie auch man lose... Gott, wenn ich daran denke, wie Schmolke noch
lebte, na, da war vieles anders, un Billetter für den dritten Rang hatte
Schmolke jeden Tag un mitunter auch für den zweiten. Un da machte ich mich denn
fein, Corinna, denn ich war damals noch keine dreissig un noch ganz gut im
Stande. Gott, Kind, wenn ich daran denke! Da war damals eine, die hiess die
Erhartten, die nachher einen Grafen geheiratet. Ach, Corinnchen, da hab ich auch
manche schöne Träne vergossen. Ich sage schöne Träne, denn es erleichtert einen.
Un in Maria Stuart war es am meisten. Da war denn doch eine Schnauberei, dass man
gar nichts mehr verstehn konnte, das heisst aber bloss ganz zuletzt, wie sie von
all ihre Dienerinnen und von ihrer alten Amme Abschied nimmt, alle ganz schwarz,
un sie selber immer mit 's Kreuz, ganz wie 'ne Katolsche. Aber die Erhartten
war keine. Un wenn ich mir das alles wieder so denke un wie ich da aus der Träne
gar nich rausgekommen bin, da kann ich auch gegen die Kommerzienrätin eigentlich
nichts sagen.«
    Corinna seufzte, halb im Scherz und halb im Ernst.
    »Warum seufzt du, Corinna?«
    »Ja, warum seufze ich, liebe Schmolke? Ich seufze, weil ich glaube, dass Sie
recht haben und dass sich gegen die Rätin eigentlich nichts sagen lässt, bloss weil
sie so leicht weint oder immer einen Flimmer im Auge hat. Gott, den hat mancher.
Aber die Rätin ist freilich eine ganz eigene Frau, und ich trau ihr nicht, und
der arme Leopold hat eigentlich eine grosse Furcht vor ihr und weiss auch noch
nicht, wie er da heraus will. Es wird eben noch allerlei harte Kämpfe geben.
Aber ich lass es darauf ankommen und halt ihn fest, und wenn meine
Schwiegermutter gegen mich ist, so schadt es am Ende nicht allzuviel. Die
Schwiegermütter sind eigentlich immer dagegen, und jede denkt, ihr Püppchen ist
zu schade. Na, wir werden ja sehn, ich habe sein Wort, und das andere muss sich
finden.«
    »Das ist recht, Corinna, halt ihn fest. Eigentlich hab ich ja einen Schreck
gekriegt, und glaube mir, Marcell wäre besser gewesen, denn ihr passt zusammen.
Aber das sag ich so bloss zu dir. Un da du nu mal den Treibelschen hast, na, so
hast du 'n, un da hilft kein Prätzelbacken, un er muss stillhalten und die Alte
auch. Ja, die Alte erst recht. Der gönn ich's.«
    Corinna nickte.
    »Un nu schlafe, Kind. Ausschlafen is immer gut, denn man kann nie wissen,
wie's kommt un wie man den andern Tag seine Kräfte braucht.«
 
                                Zwölftes Kapitel
Ziemlich um dieselbe Zeit, wo der Felgentreusche Wagen in der Adlerstrasse hielt,
um Corinna daselbst abzusetzen, hielt auch der Treibelsche Wagen vor der
kommerzienrätlichen Wohnung, und die Rätin samt ihrem Sohne Leopold stiegen aus,
während der alte Treibel auf seinem Platze blieb und das junge Paar - das wieder
die Pferde geschont hatte - die Köpnicker Strasse hinunter bis an den »Holzhof«
begleitete. Von dort aus, nach einem herzhaften Schmatz (denn er spielte gern
den zärtlichen Schwiegervater), liess er sich zu Buggenhagens fahren, wo
Parteiversammlung war. Er wollte doch mal wieder sehen, wie's stünde, und, wenn
nötig, auch zeigen, dass ihn die Korrespondenz in der »Nationalzeitung« nicht
niedergeschmettert habe.
    Die Kommerzienrätin, die für gewöhnlich die politischen Gänge Treibels
belächelte, wenn nicht beargwohnte - was auch vorkam -, heute segnete sie
Buggenhagen und war froh, ein paar Stunden allein sein zu können. Der Gang mit
Wilibald hatte so vieles wieder in ihr angeregt. Die Gewissheit, sich verstanden
zu sehen - es war doch eigentlich das Höhere. »Viele beneiden mich, aber was hab
ich am Ende? Stuck und Goldleisten und die Honig mit ihrem sauersüssen Gesicht.
Treibel ist gut, besonders auch gegen mich; aber die Prosa lastet bleischwer auf
ihm, und wenn er es nicht empfindet, ich empfinde es... Und dabei
Kommerzienrätin und immer wieder Kommerzienrätin. Es geht nun schon in das
zehnte Jahr, und er rückt nicht höher hinauf, trotz aller Anstrengungen. Und
wenn es so bleibt, und es wird so bleiben, so weiss ich wirklich nicht, ob nicht
das andere, das auf Kunst und Wissenschaft deutet, doch einen feineren Klang
hat. Ja, den hat es... Und mit den ewigen guten Verhältnissen! Ich kann doch
auch nur eine Tasse Kaffee trinken, und wenn ich mich zu Bett lege, so kommt es
darauf an, dass ich schlafe. Birkenmaser oder Nussbaum macht keinen Unterschied,
aber Schlaf oder Nichtschlaf, das macht einen, und mitunter flieht mich der
Schlaf, der des Lebens Bestes ist, weil er uns das Leben vergessen lässt... Und
auch die Kinder wären anders. Wenn ich die Corinna ansehe, das sprüht alles von
Lust und Leben, und wenn sie bloss so macht, so steckt sie meine beiden Jungen in
die Tasche. Mit Otto ist nicht viel, und mit Leopold ist gar nichts.«
    Jenny, während sie sich in süsse Selbsttäuschungen wie diese versenkte, trat
ans Fenster und sah abwechselnd auf den Vorgarten und die Strasse. Drüben, im
Hause gegenüber, hoch oben in der offenen Mansarde, stand, wie ein Schattenriss
in hellem Licht, eine Plätterin, die mit sicherer Hand über das Plättbrett
hinfuhr - ja, es war ihr, als höre sie das Mädchen singen. Der Kommerzienrätin
Auge mochte von dem anmutigen Bilde nicht lassen, und etwas wie wirklicher Neid
überkam sie.
    Sie sah erst fort, als sie bemerkte, dass hinter ihr die Tür ging. Es war
Friedrich, der den Tee brachte. »Setzen Sie hin, Friedrich, und sagen Sie
Fräulein Honig, es wäre nicht nötig.«
    »Sehr wohl, Frau Kommerzienrätin. Aber hier ist ein Brief.«
    »Ein Brief?« fuhr die Rätin heraus. »Von wem?«
    »Vom jungen Herrn.«
    »Von Leopold?«
    »Ja, Frau Kommerzienrätin... Und es wäre Antwort...«
    »Brief... Antwort... Er ist nicht recht gescheit«, und die Kommerzienrätin
riss das Couvert auf und überflog den Inhalt. »Liebe Mama! Wenn es Dir irgend
passt, ich möchte heute noch eine kurze Unterredung mit Dir haben. Lass mich durch
Friedrich wissen, ja oder nein. Dein Leopold.«
    Jenny war derart betroffen, dass ihre sentimentalen Anwandlungen auf der
Stelle hinschwanden. So viel stand fest, dass das alles nur etwas sehr Fatales
bedeuten konnte. Sie raffte sich aber zusammen und sagte: »Sagen Sie Leopold,
dass ich ihn erwarte.«
    Das Zimmer Leopolds lag über dem ihrigen; sie hörte deutlich, dass er rasch
hin und her ging und ein paar Schubkästen, mit einer ihm sonst nicht eigenen
Lauteit, zuschob. Und gleich danach, wenn nicht alles täuschte, vernahm sie
seinen Schritt auf der Treppe.
    Sie hatte recht gehört, und nun trat er ein und wollte (sie stand noch in
der Nähe des Fensters) durch die ganze Länge des Zimmers auf sie zuschreiten, um
ihr die Hand zu küssen; der Blick aber, mit dem sie ihm begegnete, hatte etwas
so Abwehrendes, dass er stehenblieb und sich verbeugte.
    »Was bedeutet das, Leopold? Es ist jetzt zehn, also nachtschlafende Zeit,
und da schreibst du mir ein Billet und willst mich sprechen. Es ist mir neu, dass
du was auf der Seele hast, was keinen Aufschub bis morgen früh duldet. Was hast
du vor? Was willst du?«
    »Mich verheiraten, Mutter. Ich habe mich verlobt.«
    Die Kommerzienrätin fuhr zurück, und ein Glück war es, dass das Fenster, an
dem sie stand, ihr eine Lehne gab. Auf viel Gutes hatte sie nicht gerechnet,
aber eine Verlobung über ihren Kopf weg, das war doch mehr, als sie gefürchtet.
War es eine der Felgentreus? Sie hielt beide für dumme Dinger und die ganze
Felgentreuerei für erheblich unterm Stand; er, der Alte, war Lageraufseher in
einem grossen Ledergeschäft gewesen und hatte schliesslich die hübsche
Wirtschaftsmamsell des Prinzipals, eines mit seiner weiblichen Umgebung oft
wechselnden Witwers, geheiratet. So hatte die Sache begonnen und liess in ihren
Augen viel zu wünschen übrig. Aber verglichen mit den Munks, war es noch lange
das Schlimmste nicht, und so sagte sie denn: »Elfriede oder Blanca?«
    »Keine von beiden.«
    »Also...«
    »Corinna.«
    Das war zuviel. Jenny kam in ein halb ohnmächtiges Schwanken, und sie wäre,
angesichts ihres Sohnes, zu Boden gefallen, wenn sie der schnell Herzuspringende
nicht aufgefangen hätte. Sie war nicht leicht zu halten und noch weniger leicht
zu tragen; aber der arme Leopold, den die ganze Situation über sich selbst
hinaushob, bewährte sich auch physisch und trug die Mama bis ans Sofa. Danach
wollte er auf den Knopf der elektrischen Klingel drücken, Jenny war aber, wie
die meisten ohnmächtigen Frauen, doch nicht ohnmächtig genug, um nicht genau zu
wissen, was um sie her vorging, und so fasste sie denn seine Hand, zum Zeichen,
dass das Klingeln zu unterbleiben habe.
    Sie erholte sich auch rasch wieder, griff nach dem vor ihr stehenden Flakon
mit Kölnischem Wasser und sagte, nachdem sie sich die Stirn damit betupft hatte:
»Also mit Corinna.«
    »Ja, Mutter.«
    »Und alles nicht bloss zum Spass. Sondern um euch wirklich zu heiraten.«
    »Ja, Mutter.«
    »Und hier in Berlin und in der Luisenstädtschen Kirche, darin dein guter,
braver Vater und ich getraut wurden?«
    »Ja, Mutter.«
    »Ja, Mutter, und immer wieder ja, Mutter. Es klingt, als ob du nach Kommando
sprächst und als ob dir Corinna gesagt hätte, sage nur immer: Ja, Mutter. Nun,
Leopold, wenn es so ist, so können wir beide unsere Rollen rasch auswendig
lernen. Du sagst in einem fort ja, Mutter, und ich sage in einem fort nein,
Leopold. Und dann wollen wir sehen, was länger vorhält, dein Ja oder mein Nein.«
    »Ich finde, dass du es dir etwas leicht machst, Mama.«
    »Nicht, dass ich wüsste. Wenn es aber so sein sollte, so bin ich bloss deine
gelehrige Schülerin. Jedenfalls ist es ein Operieren ohne Umschweife, wenn ein
Sohn vor seine Mutter hintritt und ihr kurzweg erklärt: Ich habe mich verlobt.
So geht das nicht in guten Häusern. Das mag beim Teater so sein oder vielleicht
auch bei Kunst und Wissenschaft, worin die kluge Corinna ja grossgezogen ist, und
einige sagen sogar, dass sie dem Alten die Hefte korrigiert. Aber wie dem auch
sein möge, bei Kunst und Wissenschaft mag das gehen, meinetwegen, und wenn sie
den alten Professor, ihren Vater (übrigens ein Ehrenmann), auch ihrerseits mit
einem ich habe mich verlobt überrascht haben sollte, nun, so mag der sich
freuen; er hat auch Grund dazu, denn die Treibels wachsen nicht auf den Bäumen
und können nicht von jedem, der vorbeigeht, heruntergeschüttelt werden. Aber
ich, ich freue mich nicht und verbiete dir diese Verlobung. Du hast wieder
gezeigt, wie ganz unreif du bist, ja, dass ich es ausspreche, Leopold, wie
knabenhaft.«
    »Liebe Mama, wenn du mich etwas mehr schonen könntest...«
    »Schonen? Hast du mich geschont, als du dich auf diesen Unsinn einliessest?
Du hast dich verlobt, sagst du. Wem willst du das weismachen? Sie hat sich
verlobt, und du bist bloss verlobt worden. Sie spielt mit dir, und anstatt dir
das zu verbitten, küssest du ihr die Hand und lässest dich einfangen wie die
Gimpel. Nun, ich hab es nicht hindern können, aber das Weitere, das kann ich
hindern und werde es hindern. Verlobt euch, soviel ihr wollt, aber wenn ich
bitten darf, im Verschwiegenen und Verborgenen; an ein Heraustreten damit ist
nicht zu denken. Anzeigen erfolgen nicht, und wenn du deinerseits Anzeigen
machen willst, so magst du die Gratulationen in einem Hôtel garni in Empfang
nehmen. In meinem Hause nicht. In meinem Hause existiert keine Verlobung und
keine Corinna. Damit ist es vorbei. Das alte Lied vom Undank erfahr ich nun an
mir selbst und muss erkennen, dass man unklug daran tut. Personen zu verwöhnen und
gesellschaftlich zu sich heraufzuziehen. Und mit dir steht es nicht besser. Auch
du hättest mir diesen Gram ersparen können und diesen Skandal. Dass du verführt
bist, entschuldigt dich nur halb. Und nun kennst du meinen Willen und, ich darf
wohl sagen, auch deines Vaters Willen, denn soviel Torheiten er begeht, in den
Fragen, wo die Ehre seines Hauses auf dem Spiele steht, ist Verlass auf ihn. Und
nun geh, Leopold, und schlafe, wenn du schlafen kannst. Ein gut Gewissen ist ein
gutes Ruhekissen...«
    Leopold biss sich auf die Lippen und lächelte verbittert vor sich hin.
    »... Und bei dem, was du vielleicht vorhast - denn du lächelst und stehst so
trotzig da, wie ich dich noch gar nicht gesehen habe, was auch bloss der fremde
Geist und Einfluss ist -, bei dem, was du vielleicht vorhast, Leopold, vergiss
nicht, dass der Segen der Eltern den Kindern Häuser baut. Wenn ich dir raten
kann, sei klug und bringe dich nicht um einer gefährlichen Person und einer
flüchtigen Laune willen um die Fundamente, die das Leben tragen und ohne die es
kein rechtes Glück gibt.«
Leopold, der sich, zu seinem eigenen Erstaunen, all die Zeit über durchaus nicht
niedergeschmettert gefühlt hatte, schien einen Augenblick antworten zu wollen;
ein Blick auf die Mutter aber, deren Erregung, während sie sprach, nur immer
noch gewachsen war, liess ihn erkennen, dass jedes Wort die Schwierigkeit der Lage
bloss steigern würde; so verbeugte er sich denn ruhig und verliess das Zimmer.
    Er war kaum hinaus, als sich die Kommerzienrätin von ihrem Sofaplatz erhob
und über den Teppich hin auf und ab zu gehen begann. Jedesmal, wenn sie wieder
in die Nähe des Fensters kam, blieb sie stehen und sah nach der Mansarde und der
immer noch in vollem Lichte dastehenden Plätterin hinüber, bis ihr Blick sich
wieder senkte und dem bunten Treiben der vor ihr liegenden Strasse zuwandte.
Hier, in ihrem Vorgarten, den linken Arm von innen her auf die Gitterstäbe
gestützt, stand ihr Hausmädchen, eine hübsche Blondine, die mit Rücksicht auf
Leopolds »mores« beinahe nicht engagiert worden wäre, und sprach lebhaft und
unter Lachen mit einem draussen auf dem Trottoir stehenden »Cousin«, zog sich
aber zurück, als der eben von Buggenhagen kommende Kommerzienrat in einer
Droschke vorfuhr und auf seine Villa zuschritt. Treibel, einen Blick auf die
Fensterreihe werfend, sah sofort, dass nur noch in seiner Frau Zimmer Licht war,
was ihn mitbestimmte, gleich bei ihr einzutreten, um noch über den Abend und
seine mannigfachen Erlebnisse berichten zu können. Die flaue Stimmung, der er
anfänglich in Folge der »Nationalzeitungs«-Korrespondenz bei Buggenhagens
begegnet war, war unter dem Einfluss seiner Liebenswürdigkeit rasch gewichen, und
das um so mehr, als er den auch hier wenig gelittenen Vogelsang schmunzelnd
preisgegeben hatte.
    Von diesem Siege zu erzählen, trieb es ihn, trotzdem er wusste, wie Jenny zu
diesen Dingen stand; als er aber eintrat und die Aufregung gewahr wurde, darin
sich seine Frau ganz ersichtlich befand, erstarb ihm das joviale »guten Abend,
Jenny« auf der Zunge, und ihr die Hand reichend, sagte er nur: »Was ist
vorgefallen, Jenny? Du siehst ja aus wie das Leiden... nein, keine Blasphemie...
Du siehst ja aus, als wäre dir die Gerste verhagelt.«
    »Ich glaube, Treibel«, sagte sie, während sie ihr Auf und Ab im Zimmer
fortsetzte, »du könntest dich mit deinen Vergleichen etwas höher
hinaufschrauben; verhagelte Gerste hat einen überaus ländlichen, um nicht zu
sagen bäuerlichen Beigeschmack. Ich sehe, das Teupitz-Zossensche trägt bereits
seine Früchte...«
    »Liebe Jenny, die Schuld liegt, glaube ich, weniger an mir als an dem
Sprach- und Bilderschatze deutscher Nation. Alle Wendungen, die wir als Ausdruck
für Verstimmungen und Betrübnisse haben, haben einen ausgesprochenen
Unterschichtscharakter, und ich finde da zunächst nur noch den Lohgerber, dem
die Felle weggeschwommen.«
    Er stockte, denn es traf ihn ein so böser Blick, dass er es doch für
angezeigt hielt, auf das Suchen nach weiteren Vergleichen zu verzichten. Auch
nahm Jenny selbst das Wort und sagte: »Deine Rücksichten gegen mich halten sich
immer auf derselben Höhe. Du siehst, dass ich eine Alteration gehabt habe, und
die Form, in die du deine Teilnahme kleidest, ist die geschmackloser Vergleiche.
Was meiner Erregung zugrunde liegt, scheint deine Neugier nicht sonderlich zu
wecken.«
    »Doch, doch, Jenny... Du darfst das nicht übelnehmen; du kennst mich und
weisst, wie das alles gemeint ist. Alteration! Das ist ein Wort, das ich nicht
gern höre. Gewiss wieder was mit Anna, Kündigung oder Liebesgeschichte. Wenn ich
nicht irre, stand sie...«
    »Nein, Treibel, das ist es nicht, Anna mag tun, was sie will, und
meinetwegen ihr Leben als Spreewälderin beschliessen. Ihr Vater, der alte
Schulmeister, kann dann an seinem Enkel erziehen, was er an seiner Tochter
versäumt hat. Wenn mich Liebesgeschichten alterieren sollen, müssen sie von
anderer Seite kommen...«
    »Also doch Liebesgeschichten. Nun sage, wer?«
    »Leopold.«
    »Alle Wetter...« Und man konnte nicht heraushören, ob Treibel bei dieser
Namensnennung mehr in Schreck oder Freude geraten war. »Leopold? Ist es
möglich?«
    »Es ist mehr als möglich, es ist gewiss; denn vor einer Viertelstunde war er
selber hier, um mich diese Liebesgeschichte wissen zu lassen...«
    »Merkwürdiger Junge...«
    »Er hat sich mit Corinna verlobt.«
    Es war ganz unverkennbar, dass die Kommerzienrätin eine grosse Wirkung von
dieser Mitteilung erwartete, welche Wirkung aber durchaus ausblieb. Treibels
erstes Gefühl war das einer heiter angeflogenen Enttäuschung. Er hatte was von
kleiner Soubrette, vielleicht auch von »Jungfrau aus dem Volk« erwartet und
stand nun vor einer Ankündigung, die, nach seinen unbefangeneren Anschauungen,
alles andere als Schreck und Entsetzen hervorrufen konnte. »Corinna«, sagte er.
»Und schlankweg verlobt und ohne Mama zu fragen. Teufelsjunge. Man unterschätzt
doch immer die Menschen und am meisten seine eigenen Kinder.«
    »Treibel, was soll das? Dies ist keine Stunde, wo sich's für dich schickt,
in einer noch nach Buggenhagen schmeckenden Stimmung ernste Fragen zu behandeln.
Du kommst nach Haus und findest mich in einer grossen Erregung, und im
Augenblicke, wo ich dir den Grund dieser Erregung mitteile, findest du's
angemessen, allerlei sonderbare Scherze zu machen. Du musst doch fühlen, dass das
einer Lächerrlichmachung meiner Person und meiner Gefühle ziemlich gleichkommt,
und wenn ich deine ganze Haltung recht verstehe, so bist du weitab davon, in
dieser sogenannten Verlobung einen Skandal zu sehen. Und darüber möchte ich
Gewissheit haben, eh wir weitersprechen. Ist es ein Skandal oder nicht?«
    »Nein.«
    »Und du wirst Leopold nicht darüber zur Rede stellen?«
    »Nein.«
    »Und bist nicht empört über diese Person?«
    »Nicht im geringsten.«
    »Über diese Person, die deiner und meiner Freundlichkeit sich absolut unwert
macht und nun ihre Bettlade - denn um viel was anderes wird es sich nicht
handeln - in das Treibelsche Haus tragen will.«
    Treibel lachte. »Sieh, Jenny, diese Redewendung ist dir gelungen, und wenn
ich mir mit meiner Phantasie, die mein Unglück ist, die hübsche Corinna
vorstelle, wie sie, sozusagen zwischen die Längsbretter eingeschirrt, ihre
Bettlade hierher ins Treibelsche Haus trägt, so könnte ich eine Viertelstunde
lang lachen. Aber ich will doch lieber nicht lachen und dir, da du so sehr fürs
Ernste bist, nun auch ein ernstaftes Wort sagen. Alles, was du da so
hinschmetterst, ist erstens unsinnig und zweitens empörend. Und was es ausserdem
noch alles ist, blind, vergesslich, überheblich, davon will ich gar nicht
reden...«
    Jenny war ganz blass geworden und zitterte, weil sie wohl wusste, worauf das
»blind und vergesslich« abzielte. Treibel aber, der ein guter und auch ganz
kluger Kerl war und sich aufrichtig gegen all den Hochmut aufrichtete, fuhr
jetzt fort: »Du sprichst da von Undank und Skandal und Blamage, und fehlt
eigentlich bloss noch das Wort Unehre, dann hast du den Gipfel der Herrlichkeit
erklommen. Undank. Willst du der klugen, immer heitren, immer unterhaltlichen
Person, die wenigstens sieben Felgentreus in die Tasche steckt - nächststehender
Anverwandten ganz zu geschweigen -, willst du der die Datteln und Apfelsinen
nachrechnen, die sie von unserer Majolikaschüssel, mit einer Venus und einem
Cupido darauf, beiläufig eine lächerliche Pinselei, mit ihrer zierlichen Hand
heruntergenommen hat? Und waren wir nicht bei dem guten alten Professor
unsererseits auch zu Gast, bei Wilibald, der doch sonst dein Herzblatt ist, und
haben wir uns seinen Brauneberger, der ebenso gut war wie meiner, oder doch
nicht viel schlechter, nicht schmecken lassen? Und warst du nicht ganz
ausgelassen und hast du nicht an dem Klimperkasten, der da in der Putzstube
steht, deine alten Lieder runtergesungen? Nein, Jenny, komme mir nicht mit
solchen Geschichten. Da kann ich auch mal ärgerlich werden...«
    Jenny nahm seine Hand und wollte ihn hindern weiterzusprechen.
    »Nein, Jenny, noch nicht, noch bin ich nicht fertig. Ich bin nun mal im
Zuge. Skandal sagst du und Blamage. Nun, ich sage dir, nimm dich in acht, dass
aus der bloss eingebildeten Blamage nicht eine wirkliche wird und dass - ich sage
das, weil du solche Bilder liebst - der Pfeil nicht auf den Schützen
zurückfliegt. Du bist auf dem besten Wege, mich und dich in eine unsterbliche
Lächerlichkeit hineinzubugsieren. Wer sind wir denn? Wir sind weder die
Montmorencys noch die Lusignans - von denen, nebenher bemerkt, die schöne
Melusine herstammen soll, was dich vielleicht interessiert -, wir sind auch
nicht die Bismarcks oder die Arnims oder sonst was Märkisches von Adel, wir sind
die Treibels, Blutlaugensalz und Eisenvitriol, und du bist eine geborne
Bürstenbinder aus der Adlerstrasse. Bürstenbinder ist ganz gut, aber der erste
Bürstenbinder kann unmöglich höher gestanden haben als der erste Schmidt. Und so
bitt ich dich denn, Jenny, keine Übertreibungen. Und wenn es sein kann, lass den
ganzen Kriegsplan fallen und nimm Corinna mit soviel Fassung hin, wie du Helene
hingenommen hast. Es ist ja nicht nötig, dass sich Schwiegermutter und
Schwiegertochter furchtbar lieben, sie heiraten sich ja nicht; es kommt auf die
an, die den Mut haben, sich dieser ernsten und schwierigen Aufgabe
allerpersönlichst unterziehen zu wollen...«
    Jenny war während dieser zweiten Hälfte von Treibels Philippika merkwürdig
ruhig geworden, was in einer guten Kenntnis des Charakters ihres Mannes seinen
Grund hatte. Sie wusste, dass er in einem überhohen Grade das Bedürfnis und die
Gewohnheit des Sichaussprechens hatte und dass sich mit ihm erst wieder reden
liess, wenn gewisse Gefühle von seiner Seele heruntergeredet waren. Es war ihr
schliesslich ganz recht, dass dieser Akt innerlicher Selbstbefreiung so rasch und
so gründlich begonnen hatte; was jetzt gesagt worden war, brauchte morgen nicht
mehr gesagt zu werden, war abgetan und gestattete den Ausblick auf friedlichere
Verhandlungen. Treibel war sehr der Mann der Betrachtung aller Dinge von zwei
Seiten her, und so war Jenny denn völlig überzeugt davon, dass er über Nacht
dahin gelangen würde, die ganze Leopoldsche Verlobung auch mal von der Kehrseite
her anzusehen. Sie nahm deshalb seine Hand und sagte: »Treibel, lass uns das
Gespräch morgen früh fortsetzen. Ich glaube, dass du, bei ruhigerem Blute, die
Berechtigung meiner Anschauungen nicht verkennen wirst. Jedenfalls rechne nicht
darauf, mich anderen Sinnes zu machen. Ich wollte dir, als dem Manne, der zu
handeln hat, selbstverständlich auch in dieser Angelegenheit nicht vorgreifen;
lehnst du jedoch jedes Handeln ab, so handle ich. Selbst auf die Gefahr deiner
Nichtzustimmung.«
    »Tu, was du willst.«
    Und damit warf Treibel die Tür ins Schloss und ging in sein Zimmer hinüber.
Als er sich in den Fauteuil warf, brummte er vor sich hin: »Wenn sie am Ende
doch recht hätte!«
    Und konnte es anders sein? Der gute Treibel, er war doch auch seinerseits
das Produkt dreier, im Fabrikbetrieb immer reicher gewordenen Generationen, und
aller guten Geistes- und Herzensanlagen unerachtet und trotz seines politischen
Gastspiels auf der Bühne Teupitz-Zossen - der Bourgeois steckte ihm wie seiner
sentimentalen Frau tief im Geblüt.
 
                              Dreizehntes Kapitel
Am anderen Morgen war die Kommerzienrätin früher auf als gewöhnlich und liess von
ihrem Zimmer aus zu Treibel hinüber sagen, dass sie das Frühstück allein nehmen
wolle. Treibel schob es auf die Verstimmung vom Abend vorher, ging aber darin
fehl, da Jenny ganz aufrichtig vorhatte, die durch Verbleib auf ihrem Zimmer
frei gewordene halbe Stunde zu einem Briefe an Hildegard zu benutzen. Es galt
eben Wichtigeres heute, als den Kaffee mussevoll und friedlich oder vielleicht
auch unter fortgesetzter Kriegführung einzunehmen, und wirklich, kaum dass sie
die kleine Tasse geleert und auf das Tablett zurückgeschoben hatte, so
vertauschte sie auch schon den Sofaplatz mit ihrem Platz am Schreibtisch und
liess die Feder mit rasender Schnelligkeit über verschiedene kleine Bogen
hingleiten, von denen jeder nur die Grösse einer Handfläche, Gott sei Dank aber
die herkömmlichen vier Seiten hatte. Briefe, wenn ihr die Stimmung nicht fehlte,
gingen ihr immer leicht von der Hand, aber nie so wie heute, und ehe noch die
kleine Konsoluhr die neunte Stunde schlug, schob sie schon die Bogen zusammen,
klopfte sie auf der Tischplatte wie ein Spiel Karten zurecht und überlas noch
einmal mit halblauter Stimme das Geschriebene.
»Liebe Hildegard! Seit Wochen tragen wir uns damit, unsren seit lange gehegten
Wunsch erfüllt und Dich mal wieder unter unsrem Dache zu sehen. Bis in den Mai
hinein hatten wir schlechtes Wetter, und von einem Lenz, der mir die schönste
Jahreszeit bedeutet, konnte kaum die Rede sein. Aber seit beinah vierzehn Tagen
ist es anders, in unsrem Garten schlagen die Nachtigallen, was Du, wie ich mich
sehr wohl erinnere, so sehr liebst, und so bitten wir Dich herzlich, Dein
schönes Hamburg auf ein paar Wochen verlassen und uns Deine Gegenwart schenken
zu wollen. Treibel vereinigt seine Wünsche mit den meinigen, und Leopold
schliesst sich an. Von Deiner Schwester Helene bei dieser Gelegenheit und in
diesem Sinne zu sprechen ist überflüssig, denn ihre herzlichen Gefühle für Dich
kennst Du so gut, wie wir sie kennen, Gefühle, die, wenn ich recht beobachtet
habe, gerade neuerdings wieder in einem beständigen Wachsen begriffen sind. Es
liegt so, dass ich, soweit das in einem Briefe möglich, ausführlicher darüber zu
Dir sprechen möchte. Mitunter, wenn ich sie so blass sehe, so gut ihr gerade
diese Blässe kleidet, tut mir doch das innerste Herz weh, und ich habe nicht den
Mut, nach der Ursache zu fragen. Otto ist es nicht, dessen bin ich sicher, denn
er ist nicht nur gut, sondern auch rücksichtsvoll, und ich empfinde dann allen
Möglichkeiten gegenüber ganz deutlich, dass es nichts anderes sein kann als
Heimweh. Ach, mir nur zu begreiflich, und ich möchte dann immer sagen, reise,
Helene, reise heute, reise morgen, und sei versichert, dass ich mich, wie des
Wirtschaftlichen überhaupt, so auch namentlich der Weisszeugplätterei nach besten
Kräften annehmen werde, gerade so, ja mehr noch, als wenn es für Treibel wäre,
der in diesen Stücken auch so diffizil ist, diffiziler als viele andere
Berliner. Aber ich sage das alles nicht, weil ich ja weiss, dass Helene lieber auf
jedes andere Glück verzichtet als auf das Glück, das in dem Bewusstsein erfüllter
Pflicht liegt. Vor allem dem Kinde gegenüber. Lizzi mit auf die Reise zu nehmen,
wo dann doch die Schulstunden unterbrochen werden müssten, ist fast ebenso
undenkbar, wie Lizzi zurückzulassen. Das süsse Kind! Wie wirst Du Dich freuen,
sie wiederzusehen, immer vorausgesetzt, dass ich mit meiner Bitte keine Fehlbitte
tue. Denn Photographien geben doch nur ein sehr ungenügendes Bild, namentlich
bei Kindern, deren ganzer Zauber in einer durchsichtigen Hautfarbe liegt; der
Teint nüanciert nicht nur den Ausdruck, er ist der Ausdruck selbst. Denn wie
Krola, dessen Du Dich vielleicht noch erinnerst, erst neulich wieder behauptete,
der Zusammenhang zwischen Teint und Seele sei geradezu merkwürdig. Was wir Dir
bieten können, meine süsse Hildegard? Wenig; eigentlich nichts. Die
Beschränkteit unsrer Räume kennst du; Treibel hat ausserdem eine neue Passion
ausgebildet und will sich wählen lassen, und zwar in einem Landkreise, dessen
sonderbaren, etwas wendisch klingenden Namen ich Deiner Geographiekenntnis nicht
zumute, trotzdem ich wohl weiss, dass auch Eure Schulen - wie mir Felgentreu
(freilich keine Autorität auf diesem Gebiete) erst ganz vor kurzem wieder
versicherte - den unsrigen überlegen sind. Wir haben zur Zeit eigentlich nichts
als die Jubiläumsausstellung, in der die Firma Dreher aus Wien die Bewirtung
übernommen hat und hart angegriffen wird. Aber was griffe der Berliner nicht an
- dass die Seidel zu klein sind, kann einer Dame wenig bedeuten -, und ich wüsste
wirklich kaum etwas, was vor der Eingebildeteit unserer Bevölkerung sicher
wäre. Nicht einmal Euer Hamburg, an das ich nicht denken kann, ohne dass mir das
Herz lacht. Ach, Eure herrliche Buten-Alster! Und wenn dann abends die Lichter
und die Sterne darin flimmern - ein Anblick, der den, der sich seiner freuen
darf, jedesmal dem Irdischen wie entrückt. Aber vergiss es, liebe Hildegard,
sonst haben wir wenig Aussicht, Dich hier zu sehen, was doch ein aufrichtiges
Bedauern bei allen Treibels hervorrufen würde, am meisten bei Deiner Dich innig
liebenden Freundin und Tante
                                                                  Jenny Treibel.
Nachschrift. Leopold reitet jetzt viel, jeden Morgen nach Treptow und auch nach
dem Eierhäuschen. Er klagt, dass er keine Begleitung dabei habe. Hast Du noch
Deine alte Passion? Ich sehe Dich noch so hinfliegen, Du Wildfang. Wenn ich ein
Mann wäre, Dich einzufangen würde mir das Leben bedeuten. Übrigens bin ich
sicher, dass andere ebenso denken, und wir würden längst den Beweis davon in
Händen haben, wenn Du weniger wählerisch wärst. Sei es nicht fürder und vergiss
die Ansprüche, die Du machen darfst.
                                                                    Deine J. T.«
Jenny faltete jetzt die kleinen Bogen und tat sie in ein Couvert, das,
vielleicht um auch schon äusserlich ihren Friedenswunsch anzudeuten, eine weisse
Taube mit einem Ölzweig zeigte. Dies war um so angebrachter, als Hildegard mit
Helenen in lebhafter Korrespondenz stand und recht gut wusste, wie, bisher
wenigstens, die wahren Gefühle der Treibels und besonders die der Frau Jenny
gewesen waren.
    Die Rätin hatte sich eben erhoben, um nach der am Abend vorher etwas
angezweifelten Anna zu klingeln, als sie, wie von ungefähr, ihren Blick auf den
Vorgarten richtend, ihrer Schwiegertochter ansichtig wurde, die rasch vom Gitter
her auf das Haus zuschritt. Draussen hielt eine Droschke zweiter Klasse,
geschlossen und das Fenster in die Höhe gezogen, trotzdem es sehr warm war.
    Einen Augenblick danach trat Helene bei der Schwiegermutter ein und umarmte
sie stürmisch. Dann warf sie Sommermantel und Gartenhut beiseite und sagte,
während sie ihre Umarmung wiederholte: »Ist es denn wahr? Ist es möglich?«
    Jenny nickte stumm und sah nun erst, dass Helene noch im Morgenkleide und ihr
Scheitel noch eingeflochten war. Sie hatte sich also, wie sie da ging und stand,
im selben Moment, wo die grosse Nachricht auf dem Holzhofe bekannt geworden war,
sofort auf den Weg gemacht, und zwar in der ersten besten Droschke. Das war
etwas, und angesichts dieser Tatsache fühlte Jenny das Eis hinschmelzen, das
acht Jahre lang ihr Schwiegermutterherz umgürtet hatte. Zugleich traten ihr
Tränen in die Augen. »Helene«, sagte sie, »was zwischen uns gestanden hat, ist
fort. Du bist ein gutes Kind, du fühlst mit uns. Ich war mitunter gegen dies und
das, untersuchen wir nicht, ob mit Recht oder Unrecht; aber in solchen, Stücken
ist Verlass auf euch, und ihr wisst Sinn von Unsinn zu unterscheiden. Von deinem
Schwiegervater kann ich dies leider nicht sagen. Indessen ich denke, das ist nur
Übergang, und er wird sich gehen. Unter allen Umständen lass uns zusammenhalten.
Mit Leopold persönlich, das hat nichts zu bedeuten. Aber diese gefährliche
Person, die vor nichts erschrickt und dabei ein Selbstbewusstsein hat, dass man
drei Prinzessinnen damit ausstaffieren könnte, gegen die müssen wir uns rüsten.
Glaube nicht, dass sie's uns leicht machen wird. Sie hat ganz den
Professorentochterdünkel und ist imstande, sich einzubilden, dass sie dem Hause
Treibel noch eine Ehre antut.«
    »Eine schreckliche Person«, sagte Helene. »Wenn ich an den Tag denke mit
dear Mister Nelson. Wir hatten eine Todesangst, dass Nelson seine Reise
verschieben und um sie anhalten würde. Was daraus geworden wäre, weiss ich nicht;
bei den Beziehungen Ottos zu der Liverpooler Firma vielleicht verhängnisvoll für
uns.«
    »Nun, Gott sei Dank, dass es vorübergegangen. Vielleicht immer noch besser
so, so können wir's en famille austragen. Und den alten Professor fürcht ich
nicht, den habe ich von alter Zeit her am Bändel. Er muss mit in unser Lager
hinüber. Und nun muss ich fort, Kind, um Toilette zu machen... Aber noch ein
Hauptpunkt. Eben habe ich an deine Schwester Hildegard geschrieben und sie
herzlich gebeten, uns mit nächstem ihren Besuch zu schenken. Bitte, Helene, füge
ein paar Worte an deine Mama hinzu und tue beides in das Couvert und
adressiere.«
    Damit ging die Rätin, und Helene setzte sich an den Schreibtisch. Sie war so
bei der Sache, dass nicht einmal ein triumphierendes Gefühl darüber, mit ihren
Wünschen für Hildegard nun endlich am Ziele zu sein, in ihr aufdämmerte; nein,
sie hatte angesichts der gemeinsamen Gefahr nur Teilnahme für ihre
Schwiegermutter, als der »Trägerin des Hauses«, und nur Hass für Corinna. Was sie
zu schreiben hatte, war rasch geschrieben. Und nun adressierte sie mit schöner
englischer Handschrift in normalen Schwung- und Rundlinien: »Frau Konsul Tora
Munk, geb. Tompson. Hamburg. Uhlenhorst.«
    Als die Aufschrift getrocknet und der ziemlich ansehnliche Brief mit zwei
Marken frankiert war, brach Helene auf, klopfte nur noch leise an Frau Jennys
Toilettenzimmer und rief hinein: »Ich gehe jetzt, liebe Mama. Den Brief nehme
ich mit.« Und gleich danach passierte sie wieder den Vorgarten, weckte den
Droschkenkutscher und stieg ein.
Zwischen neun und zehn waren zwei Rohrpostbriefe bei Schmidts eingetroffen, ein
Fall, der, in dieser seiner Gedoppelteit, noch nicht dagewesen war. Der eine
dieser Briefe richtete sich an den Professor und hatte folgenden kurzen Inhalt:
»Lieber Freund! Darf ich darauf rechnen, Sie heute zwischen zwölf und eins in
Ihrer Wohnung zu treffen? Keine Antwort, gute Antwort. Ihre ganz ergebene Jenny
Treibel.« Der andere, nicht viel längere Brief war an Corinna adressiert und
lautete: »Liebe Corinna! Gestern abend noch hatte ich ein Gespräch mit der Mama.
Dass ich auf Widerstand stiess, brauche ich Dir nicht erst zu sagen, und es ist
mir gewisser denn je, dass wir schweren Kämpfen entgegengehen. Aber nichts soll
uns trennen. In meiner Seele lebt eine hohe Freudigkeit und gibt mir Mut zu
allem. Das ist das Geheimnis und zugleich die Macht der Liebe. Diese Macht soll
mich auch weiter führen und festigen. Trotz aller Sorge Dein überglücklicher
Leopold.« Corinna legte den Brief aus der Hand. »Armer Junge! Was er da
schreibt, ist ehrlich gemeint, selbst das mit dem Mut. Aber ein Hasenohr guckt
doch durch. Nun, wir müssen sehen. Halte, was du hast. Ich gebe nicht nach.«
Corinna verbrachte den Vormittag unter fortgesetzten Selbstgesprächen. Mitunter
kam die Schmolke, sagte aber nichts und beschränkte sich auf kleine
wirtschaftliche Fragen. Der Professor seinerseits hatte zwei Stunden zu geben,
eine griechische: Pindar, und eine deutsche: romantische Schule (Novalis), und
war bald nach zwölf wieder zurück. Er schritt in seinem Zimmer auf und ab,
abwechselnd mit einem ihm in seiner Schlusswendung absolut unverständlich
gebliebenen Novalis-Gedicht und dann wieder mit dem so feierlich angekündigten
Besuche seiner Freundin Jenny beschäftigt. Es war kurz vor eins, als ein
Wagengerumpel auf dem schlechten Steinpflaster unten ihn annehmen liess, sie
werde es sein. Und sie war es, diesmal allein, ohne Fräulein Honig und ohne den
Bologneser. Sie öffnete selbst den Schlag und stieg dann langsam und bedächtig,
als ob sie sich ihre Rolle noch einmal überhöre, die Steinstufen der Aussentreppe
hinauf. Eine Minute später hörte Schmidt die Klingel gehen, und gleich danach
meldete die Schmolke: »Frau Kommerzienrätin Treibel.«
    Schmidt ging ihr entgegen, etwas weniger unbefangen als sonst, küsste ihr die
Hand und bat sie, auf seinem Sofa, dessen tiefste Kesselstelle durch ein grosses
Lederkissen einigermassen applaniert war, Platz zu nehmen. Er selber nahm einen
Stuhl, setzte sich ihr gegenüber und sagte: »Was verschafft mir die Ehre, liebe
Freundin? Ich nehme an, dass etwas Besonderes vorgefallen ist.«
    »Das ist es, lieber Freund. Und Ihre Worte lassen mir keinen Zweifel
darüber, dass Fräulein Corinna noch nicht für gut befunden hat, Sie mit dem
Vorgefallenen bekannt zu machen. Fräulein Corinna hat sich nämlich gestern abend
mit meinem Sohne Leopold verlobt.«
    »Ah«, sagte Schmidt in einem Tone, der ebensogut Freude wie Schreck
ausdrücken konnte.
    »Fräulein Corinna hat sich gestern auf unsrer Grunewald-Partie, die
vielleicht besser unterblieben wäre, mit meinem Sohne Leopold verlobt, nicht
umgekehrt. Leopold tut keinen Schritt ohne mein Wissen und Willen, am wenigsten
einen so wichtigen Schritt wie eine Verlobung, und so muss ich denn, zu meinem
lebhaften Bedauern, von etwas Abgekartetem oder einer gestellten Falle, ja,
Verzeihung, lieber Freund, von einem wohlüberlegten Überfall sprechen.«
    Dies starke Wort gab dem alten Schmidt nicht nur seine Seelenruhe, sondern
auch seine gewöhnliche Heiterkeit wieder. Er sah, dass er sich in seiner alten
Freundin nicht getäuscht hatte, dass sie, völlig unverändert, die, trotz Lyrik
und Hochgefühle, ganz ausschliesslich auf Äusserlichkeiten gestellte Jenny
Bürstenbinder von ehedem war und dass seinerseits, unter selbstverständlicher
Wahrung artigster Formen und anscheinend vollen Entgegenkommens, ein Ton
superioren Übermutes angeschlagen und in die sich nun höchstwahrscheinlich
entspinnende Debatte hineingetragen werden müsse. Das war er sich, das war er
Corinna schuldig.
    »Ein Überfall, meine gnädigste Frau. Sie haben vielleicht nicht ganz
unrecht, es so zu nennen. Und dass es gerade auf diesem Terrain sein musste.
Sonderbar genug, dass Dinge der Art ganz bestimmten Lokalitäten unveräusserlich
anzuhaften scheinen. Alle Bemühungen, durch Schwanenhäuser und Kegelbahnen im
stillen zu reformieren, der Sache friedlich beizukommen, erweisen sich als
nutzlos, und der frühere Charakter dieser Gegenden, insonderheit unseres alten
übelbeleumdeten Grunewalds, bricht immer wieder durch. Immer wieder aus dem
Stegreif. Erlauben Sie mir, gnädigste Frau, dass ich den derzeitigen Junker
generis feminini herbeirufe, damit er seiner Schuld geständig werde.«
    Jenny biss sich auf die Lippen und bedauerte das unvorsichtige Wort, das sie
nun dem Spotte preisgab. Es war aber zu spät zur Umkehr, und so sagte sie nur:
»Ja, lieber Professor, es wird das beste sein, Corinna selbst zu hören. Und ich
denke, sie wird sich mit einem gewissen Stolz dazu bekennen, dem armen Jungen
das Spiel über den Kopf weggenommen zu haben.«
    »Wohl möglich«, sagte Schmidt und stand auf und rief in das Entree hinein:
»Corinna.«
    Kaum dass er seinen Platz wieder eingenommen hatte, so stand die von ihm
Gerufene auch schon in der Tür, verbeugte sich artig gegen die Kommerzienrätin
und sagte: »Du hast gerufen, Papa?«
    »Ja, Corinna, das hab ich. Eh wir aber weitergehen, nimm einen Stuhl und
setze dich in einiger Entfernung von uns. Denn ich möchte es auch äusserlich
markieren, dass du vorläufig eine Angeklagte bist. Rücke in die Fensternische, da
sehen wir dich am besten. Und nun sage mir, hat es seine Richtigkeit damit, dass
du gestern abend im Grunewald, in dem ganzen Junkerübermut einer geborenen
Schmidt, einen friedlich und unbewaffnet seines Weges ziehenden Bürgerssohn,
namens Leopold Treibel, seiner besten Barschaft beraubt hast?«
    Corinna lächelte. Dann trat sie vom Fenster her an den Tisch heran und
sagte: »Nein, Papa, das ist grundfalsch. Es hat alles den landesüblichen Verlauf
genommen, und wir sind so regelrecht verlobt, wie man nur verlobt sein kann.«
    »Ich bezweifle das nicht, Fräulein Corinna«, sagte Jenny. »Leopold selbst
betrachtet sich als Ihren Verlobten. Ich sage nur das eine, dass Sie das
Überlegenheitsgefühl, das Ihnen Ihre Jahre...«
    »Nicht meine Jahre. Ich bin jünger...«
    »... Das Ihnen Ihre Klugheit und Ihr Charakter gegeben, dass Sie diese
Überlegenheit dazu benutzt haben, den armen Jungen willenlos zu machen und ihn
für sich zu gewinnen.«
    »Nein, meine gnädigste Frau, das ist ebenfalls nicht ganz richtig,
wenigstens zunächst nicht. Dass es schliesslich doch vielleicht richtig sein wird,
darauf müssen Sie mir erlauben, weiterhin zurückzukommen.«
    »Gut, Corinna, gut«, sagte der Alte. »Fahre nur fort. Also zunächst...«
    »Also zunächst unrichtig, meine gnädigste Frau. Denn wie kam es? Ich sprach
mit Leopold von seiner nächsten Zukunft und beschrieb ihm einen Hochzeitszug,
absichtlich in unbestimmten Umrissen und ohne Namen zu nennen. Und als ich
zuletzt Namen nennen musste, da war es Blankenese, wo die Gäste zum
Hochzeitsmahle sich sammelten, und war es die schöne Hildegard Munk, die, wie
eine Königin gekleidet, als Braut neben ihrem Bräutigam sass. Und dieser
Bräutigam war Ihr Leopold, meine gnädigste Frau. Selbiger Leopold aber wollte
von dem allen nichts wissen und ergriff meine Hand und machte mir einen Antrag
in aller Form. Und nachdem ich ihn an seine Mutter erinnert und mit dieser
Erinnerung kein Glück gehabt hatte, da haben wir uns verlobt...«
    »Ich glaube das, Fräulein Corinna«, sagte die Rätin. »Ich glaube das ganz
aufrichtig. Aber schliesslich ist das alles doch nur eine Komödie. Sie wussten
ganz gut, dass er Ihnen vor Hildegard den Vorzug gab, und Sie wussten nur zu gut,
dass Sie, je mehr Sie das arme Kind, die Hildegard, in den Vordergrund stellten,
desto gewisser - um nicht zu sagen desto leidenschaftlicher, denn er ist nicht
eigentlich der Mann der Leidenschaften -, desto gewisser, sag ich, würd er sich
auf Ihre Seite stellen und sich zu Ihnen bekennen.«
    »Ja, gnädigste Frau, das wusst ich oder wusst es doch beinah. Es war noch kein
Wort in diesem Sinne zwischen uns gesprochen worden, aber ich glaubte trotzdem,
und seit längerer Zeit schon, dass er glücklich sein würde, mich seine Braut zu
nennen.«
    »Und durch die klug und berechnend ausgesuchte Geschichte mit dem Hamburger
Hochzeitszuge haben Sie eine Erklärung herbeizuführen gewusst...«
    »Ja, meine gnädigste Frau, das hab ich, und ich meine, das alles war mein
gutes Recht. Und wenn Sie nun dagegen, und wie mir's scheint ganz ernstaft,
Ihren Protest erheben wollen, erschrecken Sie da nicht vor ihrer eignen
Forderung, vor der Zumutung, ich hätte mich jedes Einflusses auf Ihren Sohn
entalten sollen? Ich bin keine Schönheit, habe nur eben das Durchschnittsmass.
Aber nehmen Sie, so schwer es Ihnen werden mag, für einen Augenblick einmal an,
ich wäre wirklich so was wie eine Schönheit, eine Beauté, der Ihr Herr Sohn
nicht hätte widerstehen können, würden Sie von mir verlangt haben, mir das
Gesicht mit Ätzlauge zu zerstören, bloss damit Ihr Sohn, mein Verlobter, nicht in
eine durch mich gestellte Schönheitsfalle fiele?«
    »Corinna«, lächelte der Alte, »nicht zu scharf. Die Rätin ist unter unserm
Dache.«
    »Sie würden das nicht von mir verlangt haben, so wenigstens nehme ich
vorläufig an, vielleicht in Überschätzung Ihrer freundlichen Gefühle für mich,
und doch verlangen Sie von mir, dass ich mich dessen begebe, was die Natur mir
gegeben hat. Ich habe meinen guten Verstand und bin offen und frei und übe damit
eine gewisse Wirkung auf die Männer aus, mitunter auch gerade auf solche, denen
das fehlt, was ich habe - soll ich mich dessen entkleiden? soll ich mein Pfund
vergraben? soll ich das bisschen Licht, das mir geworden, unter den Scheffel
stellen? Verlangen Sie, dass ich bei Begegnungen mit Ihrem Sohne wie eine Nonne
dasitze, bloss damit das Haus Treibel vor einer Verlobung mit mir bewahrt bleibe?
Erlauben Sie mir, gnädigste Frau, und Sie müssen meine Worte meinem erregten
Gefühle, das Sie herausgefordert, zugute halten, erlauben Sie mir, Ihnen zu
sagen, dass ich das nicht bloss hochmütig und höchst verwerflich, dass ich es vor
allem auch ridikül finde. Denn wer sind die Treibels? Berliner-Blau-Fabrikanten
mit einem Ratstitel, und ich, ich bin eine Schmidt.«
    »Eine Schmidt«, wiederholte der alte Wilibald freudig, gleich danach
hinzufügend: »Und nun sagen Sie, liebe Freundin, wollen wir nicht lieber
abbrechen und alles den Kindern und einer gewissen ruhigen historischen
Entwicklung überlassen?«
    »Nein, mein lieber Freund, das wollen wir nicht. Wir wollen nichts der
historischen Entwicklung und noch weniger der Entscheidung der Kinder
überlassen, was gleichbedeutend wäre mit Entscheidung durch Fräulein Corinna.
Dies zu hindern, deshalb eben bin ich hier. Ich hoffte bei den Erinnerungen, die
zwischen uns leben, Ihrer Zustimmung und Unterstützung sicher zu sein, sehe mich
aber getäuscht und werde meinen Einfluss, der hier gescheitert, auf meinen Sohn
Leopold beschränken müssen.«
    »Ich fürchte«, sagte Corinna, »dass er auch da versagt ...«
    »Was lediglich davon abhängen wird, ob er Sie sieht oder nicht.«
    »Er wird mich sehen!«
    »Vielleicht. Vielleicht auch nicht.«
    Und darauf erhob sich die Kommerzienrätin und ging, ohne dem Professor die
Hand gereicht zu haben, auf die Tür zu. Hier wandte sie sich noch einmal und
sagte zu Corinna: »Corinna, lassen Sie uns vernünftig reden. Ich will alles
vergessen. Lassen Sie den Jungen wieder los. Er passt nicht einmal für Sie. Und
was das Haus Treibel angeht, so haben Sie's eben in einer Weise charakterisiert,
dass es Ihnen kein Opfer kosten kann, darauf zu verzichten...«
    »Aber meine Gefühle, gnädigste Frau...«
    »Bah«, lachte Jenny, »dass Sie so sprechen können, zeigt mir deutlich, dass
Sie keine haben und dass alles blosser Übermut oder vielleicht auch Eigensinn ist.
Dass Sie sich dieses Eigensinns begeben mögen, wünsche ich Ihnen und uns. Denn es
kann zu nichts führen. Eine Mutter hat auch Einfluss auf einen schwachen
Menschen, und ob Leopold Lust hat, seine Flitterwochen in einem Ahlbecker
Fischerhause zu verbringen, ist mir doch zweifelhaft. Und dass das Haus Treibel
Ihnen keine Villa in Capri bewilligen wird, dessen dürfen Sie gewiss sein.«
    Und dabei verneigte sie sich und trat in das Entree hinaus. Corinna blieb
zurück. Schmidt aber gab seiner Freundin das Geleit bis an die Treppe.
    »Adieu«, sagte hier die Rätin. »Ich bedaure, lieber Freund, dass dies
zwischen uns treten und die herzlichen Beziehungen so vieler, vieler Jahre
stören musste. Meine Schuld ist es nicht. Sie haben Corinna verwöhnt, und das
Töchterchen schlägt nun einen spöttischen und überheblichen Ton an und
ignoriert, wenn nichts andres, so doch die Jahre, die mich von ihr trennen.
Impietät ist der Charakter unsrer Zeit.«
    Schmidt, ein Schelm, gefiel sich darin, bei dem Wort »Impietät« ein
betrübtes Gesicht aufzusetzen. »Ach, liebe Freundin«, sagte er, »Sie mögen wohl
recht haben, aber nun ist es zu spät. Ich bedaure, dass es unserm Hause
vorbehalten war, Ihnen einen Kummer wie diesen, um nicht zu sagen eine Kränkung,
anzutun. Freilich, wie Sie schon sehr richtig bemerkt haben, die Zeit... Alles
will über sich hinaus und strebt höheren Staffeln zu, die die Vorsehung
sichtbarlich nicht wollte.«
    Jenny nickte. »Gott bessere es.«
    »Lassen Sie uns das hoffen.«
    Und damit trennten sie sich.
    In das Zimmer zurückgekehrt, umarmte Schmidt seine Tochter, gab ihr einen
Kuss auf die Stirn und sagte: »Corinna, wenn ich nicht Professor wäre, so würd
ich am Ende Sozialdemokrat.«
    Im selben Augenblick erschien auch die Schmolke. Sie hatte nur das letzte
Wort gehört, und erratend, um was es sich handle, sagte sie: »Ja, das hat
Schmolke auch immer gesagt.«
 
                              Vierzehntes Kapitel
Der nächste Tag war ein Sonntag, und die Stimmung, in der sich das Treibelsche
Haus befand, konnte nur noch dazu beitragen, dem Tage zu seiner herkömmlichen
Ödheit ein Beträchtliches zuzulegen. Jeder mied den andern. Die Kommerzienrätin
beschäftigte sich damit, Briefe, Karten und Photographien zu ordnen, Leopold sass
auf seinem Zimmer und las Goete (was, ist nicht nötig zu verraten), und Treibel
selbst ging im Garten um das Bassin herum und unterhielt sich, wie meist in
solchen Fällen, mit der Honig. Er ging dabei so weit, sie ganz ernstaft nach
Krieg und Frieden zu fragen, allerdings mit der Vorsicht, sich eine Art
Präliminarantwort gleich selbst zu geben. In erster Reihe stehe fest, dass es
niemand wisse, »selbst der leitende Staatsmann nicht« (er hatte sich diese
Phrase bei seinen öffentlichen Reden angewöhnt), aber eben weil es niemand
wisse, sei man auf Sentiments angewiesen, und darin sei niemand grösser und
zuverlässiger als die Frauen. Es sei nicht zu leugnen, das weibliche Geschlecht
habe was Pytisches, ganz abgesehen von jenem Orakelhaften niederer Observanz,
das noch so nebenherlaufe. Die Honig, als sie schliesslich zu Worte kam, fasste
ihre politische Diagnose dahin zusammen: sie sähe nach Westen hin einen klaren
Himmel, während es im Osten finster braue, ganz entschieden, und zwar oben
sowohl wie unten. »Oben wie unten«, wiederholte Treibel. »Oh, wie wahr. Und das
Oben bestimmt das Unten und das Unten das Oben. Ja, Fräulein Honig, damit haben
wir's getroffen.« Und Czicka, das Hündchen, das natürlich auch nicht fehlte,
blaffte dazu. So ging das Gespräch zu gegenseitiger Zufriedenheit. Treibel aber
schien doch abgeneigt, aus diesem Weisheitsquell andauernd zu schöpfen, und zog
sich nach einiger Zeit auf sein Zimmer und seine Zigarre zurück, ganz Halensee
verwünschend, das mit seiner Kaffeeklappe diese häusliche Missstimmung und diese
Sonntags-Extralangeweile heraufbeschworen habe. Gegen Mittag traf ein an ihn
adressiertes Telegramm ein: »Dank für Brief. Ich komme morgen mit dem
Nachmittagszug. Eure Hildegard.« Er schickte das Telegramm, aus dem er überhaupt
erst von der erfolgten Einladung erfuhr, an seine Frau hinüber und war, trotzdem
er das selbständige Vorgehen derselben etwas sonderbar fand, doch auch wieder
aufrichtig froh, nunmehr einen Gegenstand zu haben, mit dem er sich in seiner
Phantasie beschäftigen konnte. Hildegard war sehr hübsch, und die Vorstellung,
innerhalb der nächsten Wochen ein anderes Gesicht als das der Honig auf seinen
Gartenspaziergängen um sich zu haben, tat ihm wohl. Er hatte nun auch einen
Gesprächsstoff, und während ohne diese Depesche die Mittagsunterhaltung
wahrscheinlich sehr kümmerlich verlaufen oder vielleicht ganz ausgefallen wäre,
war es jetzt wenigstens möglich, ein paar Fragen zu stellen. Er stellte diese
Fragen auch wirklich, und alles machte sich ganz leidlich; nur Leopold sprach
kein Wort und war froh, als er sich vom Tisch erheben und zu seiner Lektüre
zurückkehren konnte.
    Leopolds ganze Haltung gab überhaupt zu verstehen, dass er über sich
bestimmen zu lassen fürder nicht mehr willens sei; trotzdem war ihm klar, dass er
sich den Repräsentationspflichten des Hauses nicht entziehen und also nicht
unterlassen dürfe, Hildegard am anderen Nachmittag auf dem Bahnhofe zu
empfangen. Er war pünktlich da, begrüsste die schöne Schwägerin und absolvierte
die landesübliche Fragenreihe nach dem Befinden und den Sommerplänen der
Familie, während einer der von ihm engagierten Gepäckträger erst die Droschke,
dann das Gepäck besorgte. Dasselbe bestand nur aus einem einzigen Koffer mit
Messingbeschlag, dieser aber war von solcher Grösse, dass er, als er
hinaufgewuchtet war, der dahinrollenden Droschke den Charakter eines Baus von
zwei Etagen gab.
    Unterwegs wurde das Gespräch von seiten Leopolds wieder aufgenommen,
erreichte seinen Zweck aber nur unvollkommen, weil seine stark hervortretende
Befangenheit seiner Schwägerin nur Grund zur Heiterkeit gab. Und nun hielten sie
vor der Villa. Die ganze Treibelei stand am Gitter, und als die herzlichsten
Begrüssungen ausgetauscht und die nötigsten Toiletten-Arrangements in fliegender
Eile, das heisst ziemlich mussevoll, gemacht worden waren, erschien Hildegard auf
der Veranda, wo man inzwischen den Kaffee serviert hatte. Sie fand alles
»himmlisch«, was auf Empfang strenger Instruktionen von seiten der Frau Konsul
Tora Munk hindeutete, die sehr wahrscheinlich Unterdrückung alles Hamburgischen
und Achtung vor Berliner Empfindlichkeiten als erste Regel empfohlen hatte.
Keine Parallelen wurden gezogen und beispielsweise gleich das Kaffeeservice
rundweg bewundert. »Eure Berliner Muster schlagen jetzt alles aus dem Felde,
selbst Sèvres. Wie reizend diese Grecborte.« Leopold stand in einiger Entfernung
und hörte zu, bis Hildegard plötzlich abbrach und allem, was sie gesagt, nur
noch hinzusetzte: »Scheltet mich übrigens nicht, dass ich in einem fort von
Dingen spreche, für die sich ja morgen auch noch die Zeit finden würde:
Grecborte und Sèvres und Meissen und Zwiebelmuster. Aber Leopold ist schuld; er
hat unsere Konversation in der Droschke so streng wissenschaftlich geführt, dass
ich beinahe in Verlegenheit kam; ich wollte gern von Lizzi hören, und denkt
euch, er sprach nur von Anschluss und Radialsystem, und ich genierte mich zu
fragen, was es sei.«
    Der alte Treibel lachte; die Kommerzienrätin aber verzog keine Miene,
während über Leopolds blasses Gesicht eine leichte Röte flog.
    So verging der erste Tag, und Hildegards Unbefangenheit, die man sich zu
stören wohl hütete, schien auch noch weiter leidliche Tage bringen zu sollen,
alles um so mehr, als es die Kommerzienrätin an Aufmerksamkeiten jeder Art nicht
fehlen liess. Ja, sie verstieg sich zu höchst wertvollen Geschenken, was sonst
ihre Sache nicht war. Ungeachtet all dieser Anstrengungen aber und trotzdem
dieselben, wenn man nicht tiefer nachforschte, von wenigstens halben Erfolgen
begleitet waren, wollte sich ein recht eigentliches Behagen nicht einstellen,
selbst bei Treibel nicht, auf dessen rasch wiederkehrende gute Laune bei seinem
glücklichen Naturell mit einer Art Sicherheit gerechnet war. Ja, diese gute
Laune, sie blieb aus mancherlei Gründen aus, unter denen gerade jetzt auch der
war, dass die Zossen-Teupitzer Wahlkampagne mit einer totalen Niederlage
Vogelsangs geendigt hatte. dabei mehrten sich die persönlichen Angriffe gegen
Treibel. Anfangs hatte man diesen, wegen seiner grossen Beliebteit,
rücksichtsvoll ausser Spiel gelassen, bis die Taktlosigkeiten seines Agenten ein
weiteres Schonen unmöglich machten. »Es ist zweifellos ein Unglück«, so hiess es
in den Organen der Gegenpartei, »so beschränkt zu sein wie Lieutenant Vogelsang,
aber eine solche Beschränkteit in seinen Dienst zu nehmen ist eine Missachtung
gegen den gesunden Menschenverstand unseres Kreises. Die Kandidatur Treibel
scheitert einfach an diesem Affront.«
Es sah nicht allzu heiter aus bei den alten Treibels, was Hildegard allmählich
so sehr zu fühlen begann, dass sie halbe Tage bei den Geschwistern zubrachte. Der
Holzhof war überhaupt hübscher als die Fabrik und Lizzi geradezu reizend mit
ihren langen weissen Strümpfen. Einmal waren sie auch rot. Wenn sie so herankam
und die Tante Hildegard mit einem Knicks begrüsste, flüsterte diese der Schwester
zu: »Quite English, Helen«, und man lächelte sich dann glücklich an. Ja, es
waren Lichtblicke. Wenn Lizzi dann aber wieder fort war, war auch zwischen den
Schwestern von unbefangener Unterhaltung keine Rede mehr, weil das Gespräch die
zwei wichtigsten Punkte nicht berühren durfte: die Verlobung Leopolds und den
Wunsch, aus dieser Verlobung mit guter Manier herauszukommen.
    Ja, es sah nicht heiter aus bei den Treibels, aber bei den Schmidts auch
nicht. Der alte Professor war eigentlich weder in Sorge noch in Verstimmung,
lebte vielmehr umgekehrt der Überzeugung, dass sich nun alles bald zum Besseren
wenden werde; diesen Prozess aber sich still vollziehen zu lassen schien ihm ganz
unerlässlich, und so verurteilte er sich, was ihm nicht leicht wurde, zu
unbedingtem Schweigen. Die Schmolke war natürlich ganz entgegengesetzter Ansicht
und hielt, wie die meisten alten Berlinerinnen, ausserordentlich viel von »sich
aussprechen«, je mehr und je öfter, desto besser. Ihre nach dieser Seite hin
abzielenden Versuche verliefen aber resultatlos, und Corinna war nicht zum
Sprechen zu bewegen, wenn die Schmolke begann: »Ja, Corinna, was soll denn nun
eigentlich werden? Was denkst du dir denn eigentlich?«
    Auf all das gab es keine rechte Antwort, vielmehr stand Corinna wie am
Roulett und wartete mit verschränkten Armen, wohin die Kugel fallen würde. Sie
war nicht unglücklich, aber äusserst unruhig und unmutig, vor allem, wenn sie der
heftigen Streitszene gedachte, bei der sie doch vielleicht zuviel gesagt hatte.
Sie fühlte ganz deutlich, dass alles anders gekommen wäre, wenn die Rätin etwas
weniger Herbheit, sie selber aber etwas mehr Entgegenkommen gezeigt hätte. Ja,
da hätte sich dann ohne sonderliche Mühe Frieden schliessen und das Bekenntnis
einer gewissen Schuld, weil alles bloss Berechnung gewesen, allenfalls ablegen
lassen. Aber freilich im selben Augenblicke, wo sie, neben dem Bedauern über die
hochmütige Haltung der Rätin, vor allem und in erster Reihe sich selber der
Schuld zieh, in eben diesem Augenblicke musste sie sich doch auch wieder sagen,
dass ein Wegfall alles dessen, was ihr vor ihrem eigenen Gewissen in dieser
Angelegenheit als fragwürdig erschien, in den Augen der Rätin nichts gebessert
haben würde. Diese schreckliche Frau, trotzdem sie beständig so tat und sprach,
war ja weitab davon, ihr wegen ihres Spiels mit Gefühlen einen ernstaften
Vorwurf zu machen. Das war ja Nebensache, da lag es nicht. Und wenn sie diesen
lieben und guten Menschen, wie's ja doch möglich war, aufrichtig und von Herzen
geliebt hätte, so wäre das Verbrechen genau dasselbe gewesen. »Diese Rätin, mit
ihrem überheblichen Nein, hat mich nicht da getroffen, wo sie mich treffen
konnte, sie weist diese Verlobung nicht zurück, weil mir's an Herz und Liebe
gebricht, nein, sie weist sie nur zurück, weil ich arm oder wenigstens nicht
dazu angetan bin, das Treibelsche Vermögen zu verdoppeln, um nichts, nichts
weiter; und wenn sie vor anderen versichert oder vielleicht auch sich selber
einredet, ich sei ihr zu selbstbewusst und zu professorlich, so sagt sie das nur,
weil's ihr gerade passt. Unter andern Verhältnissen würde meine Professorlichkeit
mir nicht nur nicht schaden, sondern ihr umgekehrt die Höhe der Bewunderung
bedeuten.«
    So gingen Corinnas Reden und Gedanken, und um sich ihnen nach Möglichkeit zu
entziehen, tat sie, was sie seit lange nicht mehr getan, und machte Besuche bei
den alten und jungen Professorenfrauen. Am besten gefiel ihr wieder die gute,
ganz von Wirtschaftlichkeit in Anspruch genommene Frau Rindfleisch, die jeden
Tag, ihrer vielen Pensionäre halber, in die grosse Marktalle ging und immer die
besten Quellen und die billigsten Preise wusste, Preise, die dann, später der
Schmolke mitgeteilt, in erster Linie den Ärger derselben, zuletzt aber ihre
Bewunderung vor einer höheren wirtschaftlichen Potenz weckten. Auch bei Frau
Immanuel Schultze sprach Corinna vor und fand dieselbe, vielleicht weil
Friedebergs nahe bevorstehende Ehescheidung ein sehr dankbares Tema bildete,
auffallend nett und gesprächig, Immanuel selbst aber war wieder so
grosssprecherisch und zynisch, dass sie doch fühlte, den Besuch nicht wiederholen
zu können. Und weil die Woche so viele Tage hatte, so musste sie sich zuletzt zu
Museum und Nationalgalerie bequemen. Aber sie hatte keine rechte Stimmung dafür.
Im Cornelius-Saal interessierte sie, vor dem einen grossen Wandbilde, nur die
ganz kleine Predelle, wo Mann und Frau den Kopf aus der Bettdecke strecken, und
im Ägyptischen Museum fand sie eine merkwürdige Ähnlichkeit zwischen Ramses und
Vogelsang.
    Wenn sie dann nach Hause kam, fragte sie jedesmal, ob wer dagewesen sei, was
heissen sollte: »War Leopold da?«, worauf die Schmolke regelmässig antwortete:
»Nein, Corinna, keine Menschenseele.« Wirklich, Leopold hatte nicht den Mut zu
kommen und beschränkte sich darauf, jeden Abend einen kleinen Brief zu
schreiben, der dann am andern Morgen auf ihrem Frühstückstische lag. Schmidt sah
lächelnd drüber hin, und Corinna stand dann wie von ungefähr auf, um das
Briefchen in ihrem Zimmer zu lesen. »Liebe Corinna. Der heutige Tag verlief wie
alle. Die Mama scheint in ihrer Gegnerschaft verharren zu wollen. Nun, wir
wollen sehen, wer siegt. Hildegard ist viel bei Helene, weil niemand hier ist,
der sich recht um sie kümmert. Sie kann mir leid tun, ein so junges und hübsches
Mädchen. Alles das Resultat solcher Anzettelungen. Meine Seele verlangt, Dich zu
sehen, und in der nächsten Woche werden Entschlüsse von mir gefasst werden, die
volle Klarheit schaffen. Mama wird sich wundern. Nur soviel, ich erschrecke vor
nichts, auch vor dem Äussersten nicht. Das mit dem vierten Gebot ist recht gut,
aber es hat seine Grenzen. Wir haben auch Pflichten gegen uns selbst und gegen
die, die wir über alles lieben, die Leben und Tod in unseren Augen bedeuten. Ich
schwanke noch, wohin, denke aber England; da haben wir Liverpool und Mister
Nelson, und in zwei Stunden sind wir an der schottischen Grenze. Schliesslich ist
es gleich, wer uns äusserlich vereinigt, sind wir es doch längst in uns. Wie mir
das Herz dabei schlägt. Ewig der Deine. Leopold.«
    Corinna zerriss den Brief in kleine Streifen und warf sie draussen ins
Kochloch. »Es ist am besten so; dann vergess ich wieder, was er heute
geschrieben, und kann morgen nicht mehr vergleichen. Denn mir ist, als schriebe
er jeden Tag dasselbe. Sonderbare Verlobung. Aber soll ich ihm einen Vorwurf
machen, dass er kein Held ist? Und mit meiner Einbildung, ihn zum Helden
umschaffen zu können, ist es auch vorbei. Die Niederlagen und Demütigungen
werden nun wohl ihren Anfang nehmen. Verdient? Ich fürchte.«
Andertalb Wochen waren um, und noch hatte sich im Schmidtschen Hause nichts
verändert; der Alte schwieg nach wie vor, Marcell kam nicht und Leopold noch
weniger, und nur seine Morgenbriefe stellten sich mit grosser Pünktlichkeit ein;
Corinna las sie schon längst nicht mehr, überflog sie nur und schob sie dann
lächelnd in ihre Morgenrocktasche, wo sie zersessen und zerknittert wurden. Sie
hatte zum Troste nichts als die Schmolke, deren gesunde Gegenwart ihr wirklich
wohltat, wenn sie's auch immer noch vermied, mit ihr zu sprechen.
    Aber auch das hatte seine Zeit.
    Der Professor war eben nach Hause gekommen, schon um elf, denn es war
Mittwoch, wo die Klasse, für ihn wenigstens, um eine Stunde früher schloss.
Corinna sowohl wie die Schmolke hatten ihn kommen und die Drückertür
geräuschvoll ins Schloss fallen hören, nahmen aber beide keine Veranlassung, sich
weiter um ihn zu kümmern, sondern blieben in der Küche, drin der helle
Julisonnenschein lag und alle Fensterflügel geöffnet waren. An einem der Fenster
stand auch der Küchentisch. Draussen, an zwei Haken, hing ein kastenartiges
Blumenbrett, eine jener merkwürdigen Schöpfungen der Holzschneidekunst, wie sie
Berlin eigentümlich sind: kleine Löcher zu Sternblumen zusammengestellt;
Anstrich dunkelgrün. In diesem Kasten standen mehrere Geranium- und
Goldlacktöpfe, zwischen denen hindurch die Sperlinge huschten und sich in
grossstädtischer Dreistigkeit auf den am Fenster stehenden Küchentisch setzten.
Hier pickten sie vergnügt an allem herum, und niemand dachte daran, sie zu
stören. Corinna, den Mörser zwischen den Knien, war mit Zimmetstossen
beschäftigt, während die Schmolke grüne Kochbirnen der Länge nach durchschnitt
und beide gleiche Hälften in eine grosse braune Schüssel, eine sogenannte
Reibesatte, fallen liess. Freilich zwei ganz gleiche Hälften waren es nicht,
konnten es nicht sein, weil natürlich nur eine Hälfte den Stengel hatte, welcher
Stengel denn auch Veranlassung zu Beginn einer Unterhaltung wurde, wonach sich
die Schmolke schon seit lange sehnte.
    »Sieh, Corinna«, sagte die Schmolke, »dieser hier, dieser lange, das ist so
recht ein Stengel nach dem Herzen deines Vaters...«
    Corinna nickte.
    »... Den kann er anfassen wie 'ne Makkaroni und hochhalten und alles von
unten her aufessen... Es ist doch ein merkwürdiger Mann...«
    »Ja, das ist er!«
    »Ein merkwürdiger Mann und voller Schrullen, und man muss ihn erst
ausstudieren. Aber das Merkwürdigste, das ist doch das mit den langen Stengeln,
un dass wir sie, wenn es Semmelpudding un Birnen gibt, nicht schälen dürfen un
dass der ganze Kriepsch mit Kerne und alles drinbleiben muss. Er is doch ein
Professor un ein sehr kluger Mann, aber das muss ich dir sagen, Corinna, wenn ich
meinem guten Schmolke, der doch nur ein einfacher Mann war, mit so lange Stengel
un ungeschält un den ganzen Kriepsch drin gekommen wär, ja, da hätt es was
gegeben. Denn so gut er war, wenn er dachte, sie denkt woll, das is gut genug,
dann wurd er falsch un machte sein Dienstgesicht un sah aus, als ob er mich
arretieren wollte...«
    »Ja, liebe Schmolke«, sagte Corinna, »das ist eben einfach die alte
Geschichte vom Geschmack und dass sich über Geschmäcker nicht streiten lässt. Und
dann ist es auch wohl die Gewohnheit und vielleicht auch von Gesundheits wegen.«
    »Von Gesundheits wegen«, lachte die Schmolke. »Na, höre, Kind, wenn einem so
die Hacheln in die Kehle kommen un man sich verschluckert un man mitunter zu
'nem ganz fremden Menschen sagen muss: Bitte, kloppen Sie mir mal en bisschen,
aber hier ordentlich ins Kreuz - nein, Corinna, da bin ich doch mehr für eine
ausgekernte Malvasier, die runtergeht wie Butter. Gesundheit ...! Stengel un
Schale, was da von Gesundheit is, das weiss ich nich...«
    »Doch, liebe Schmolke. Manche können Obst nicht vertragen und fühlen sich
geniert, namentlich wenn sie, wie Papa, hinterher auch noch die Sauce löffeln.
Und da gibt es nur ein Mittel dagegen: alles muss dran bleiben, der Stengel und
die grüne Schale. Die beiden, die haben das Adstringens...«
    »Was?«
    »Das Adstringens, das heisst das, was zusammenzieht, erst bloss die Lippen und
den Mund, aber dieser Prozess des Zusammenziehens setzt sich dann durch den
ganzen inneren Menschen hin fort, und das ist dann das, was alles wieder in
Ordnung bringt und vor Schaden bewahrt.«
    Ein Sperling hatte zugehört, und wie durchdrungen von der Richtigkeit von
Corinnas Auseinandersetzungen, nahm er einen Stengel, der zufällig abgebrochen
war, in den Schnabel und flog damit auf das andere Dach hinüber. Die beiden
Frauen aber verfielen in Schweigen und nahmen erst nach einer Viertelstunde das
Gespräch wieder auf.
    Das Gesamtbild war nicht mehr ganz dasselbe, denn Corinna hatte mittlerweile
den Tisch abgeräumt und einen blauen Zuckerbogen darüber ausgebreitet, auf
welchem zahlreiche alte Semmeln lagen und daneben ein grosses Reibeisen. Dies
letztere nahm sie jetzt in die Hand, stemmte sich mit der linken Schulter
dagegen und begann nun ihre Reibetätigkeit mit solcher Vehemenz, dass die
geriebene Semmel über den ganzen blauen Bogen hinstäubte. Dann und wann
unterbrach sie sich und schüttete die Bröckchen nach der Mitte hin zu einem Berg
zusammen, aber gleich danach begann sie von neuem, und es hörte sich wirklich
an, als ob sie bei dieser Arbeit allerlei mörderische Gedanken habe.
    Die Schmolke sah ihr von der Seite her zu. Dann sagte sie: »Corinna, wen
zerreibst du denn eigentlich?«
    »Die ganze Welt.«
    »Das is viel... un dich mit?«
    »Mich zuerst.«
    »Das is recht. Denn wenn du nur erst recht zerrieben un recht mürbe bist,
dann wirst du wohl wieder zu Verstande kommen.«
    »Nie.«
    »Man muss nie nie sagen, Corinna. Das war ein Hauptsatz von Schmolke. Un das
muss wahr sein, ich habe noch jedesmal gefunden, wenn einer nie sagte, dann is es
immer dicht vorm Umkippen. Un ich wollte, dass es mit dir auch so wäre.«
    Corinna seufzte.
    »Sieh, Corinna, du weisst, dass ich immer dagegen war. Denn es is ja doch ganz
klar, dass du deinen Vetter Marcell heiraten musst.«
    »Liebe Schmolke, nur kein Wort von dem.«
    »Ja, das kennt man, das is das Unrechtsgefühl. Aber ich will nichts weiter
sagen un will nur sagen, was ich schon gesagt habe, dass ich immer dagegen war,
ich meine gegen Leopold, un dass ich einen Schreck kriegte, als du mir's sagtest.
Aber als du mir dann sagtest, dass die Kommerzienrätin sich ärgern würde, da
gönnt ich's ihr un dachte, warum nich? warum soll es nich gehn? Un wenn der
Leopold auch bloss ein Wickelkind is, Corinnchen wird ihn schon aufpäppeln und
ihn zu Kräften bringen. Ja, Corinna, so dacht ich un hab es dir auch gesagt.
Aber es war ein schlechter Gedanke, denn man soll seinen Mitmenschen nich
ärgern, auch wenn man ihn nich leiden kann, un was mir zuerst kam, der Schreck
über deine Verlobung, das war doch das Richtige. Du musst einen klugen Mann
haben, einen, der eigentlich klüger ist als du - du bist übrigens gar nich mal
so klug - un der was Männliches hat, so wie Schmolke, un vor dem du Respekt
hast. Un vor Leopold kannst du keinen Respekt haben. Liebst du 'n denn noch
immer?«
    »Ach, ich denke ja gar nicht dran, liebe Schmolke.«
    »Na, Corinna, denn is es Zeit, un denn musst du nu Schicht damit machen. Du
kannst doch nich die ganze Welt auf den Kopp stellen un dein un andrer Leute
Glück, worunter auch dein Vater un deine alte Schmolke is, verschütten un
verderben wollen, bloss um der alten Kommerzienrätin mit ihrem Puffscheitel und
ihren Brillantbommeln einen Tort anzutun. Es is eine geldstolze Frau, die den
Apfelsinenladen vergessen hat un immer bloss ötepotöte tut un den alten Professor
anschmachtet un ihn auch Wilibald nennt, als ob sie noch auf 'n Hausboden
Versteck miteinander spielten un hinterm Torf stünden, denn damals hatte man
noch Torf auf 'm Boden, un wenn man runterkam, sah man immer aus wie 'n
Schornsteinfeger - ja, sieh, Corinna, das hat alles seine Richtigkeit, un ich
hätt ihr so was gegönnt, un Ärger genug wird sie woll auch gehabt haben. Aber
wie der alte Pastor Tomas zu Schmolke un mir in unsrer Traurede gesagt hat:
Liebet euch untereinander, denn der Mensch soll sein Leben nich auf den Hass,
sondern auf die Liebe stellen (dessen Schmolke un ich auch immer eingedenk
gewesen sind) - so, meine liebe Corinna, sag ich es auch zu dir, man soll sein
Leben nich auf den Hass stellen. Hast du denn wirklich einen solchen Hass auf die
Rätin, das heisst einen richtigen?«
    »Ach, ich denke ja gar nicht dran, liebe Schmolke.«
    »Ja, Corinna, da kann ich dir bloss noch mal sagen, dann is es wirklich die
höchste Zeit, dass was geschieht. Denn wenn du ihn nicht liebst und ihr nich
hasst, denn weiss ich nich, was die ganze Geschichte überhaupt noch soll.«
    »Ich auch nicht.«
    Und damit umarmte Corinna die gute Schmolke, und diese sah denn auch gleich
an einem Flimmer in Corinnas Augen, dass nun alles vorüber und dass der Sturm
gebrochen sei.
    »Na, Corinna, denn wollen wir's schon kriegen, un es kann noch alles gut
werden. Aber nu gib die Form her, dass wir ihn eintun, denn eine Stunde muss er
doch wenigstens kochen. Un vor Tisch sag ich deinem Vater kein Wort, weil er
sonst vor Freude nich essen kann...«
    »Ach, der ässe doch.«
    »Aber nach Tisch sag ich's ihm, wenn er auch um seinen Schlaf kommt. Und
geträumt hab ich's auch schon un habe dir nur nichts davon sagen wollen. Aber
nun kann ich es ja. Sieben Kutschen, und die beiden Kälber von Professor Kuh
waren Brautjungfern. Natürlich, Brautjungfern möchten sie immer alle sein, denn
auf die kuckt alles, beinah mehr noch als auf die Braut, weil die ja schon weg
ist; un meistens kommen sie auch bald ran. Un bloss den Pastor konnt ich nich
recht erkennen. Tomas war es nich. Aber vielleicht war es Souchon, bloss dass er
ein bisschen zu dicklich war.«
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Der Pudding erschien Punkt zwei, und Schmidt hatte sich denselben munden lassen.
In seiner behaglichen Stimmung entging es ihm durchaus, dass Corinna für alles,
was er sagte, nur ein stummes Lächeln hatte; denn er war ein liebenswürdiger
Egoist, wie die meisten seines Zeichens, und kümmerte sich nicht sonderlich um
die Stimmung seiner Umgebung, solange nichts passierte, was dazu angetan war,
ihm die Laune direkt zu stören.
    »Und nun lass abdecken, Corinna; ich will, eh ich mich ein bisschen
ausstrecke, noch einen Brief an Marcell schreiben oder doch wenigstens ein paar
Zeilen. Er hat nämlich die Stelle. Distelkamp, der immer noch alte Beziehungen
unterhält, hat mich's heute vormittag wissen lassen.« Und während der Alte das
sagte, sah er zu Corinna hinüber, weil er wahrnehmen wollte, wie diese wichtige
Nachricht auf seiner Tochter Gemüt wirke. Er sah aber nichts, vielleicht weil
nichts zu sehen war, vielleicht auch, weil er kein scharfer Beobachter war,
selbst dann nicht, wenn er's ausnahmsweise mal sein wollte.
    Corinna, während der Alte sich erhob, stand ebenfalls auf und ging hinaus,
um draussen die nötigen Ordres zum Abräumen an die Schmolke zu geben. Als diese
bald danach eintrat, setzte sie mit jenem absichtlichen und ganz unnötigen
Lärmen, durch den alte Dienerinnen ihre dominierende Hausstellung auszudrücken
lieben, die herumstehenden Teller und Bestecke zusammen, derart, dass die Messer-
und Gabelspitzen nach allen Seiten hin herausstarrten, und drückte diesen
Stachelturm im selben Augenblicke, wo sie sich zum Hinausgehen anschickte, fest
an sich.
    »Pieken Sie sich nicht, liebe Schmolke«, sagte Schmidt, der sich gern einmal
eine kleine Vertraulichkeit erlaubte.
    »Nein, Herr Professor, von pieken is keine Rede nich mehr, schon lange nich.
Un mit der Verlobung is es auch vorbei.«
    »Vorbei. Wirklich? Hat sie was gesagt?«
    »Ja, wie sie die Semmel zu den Pudding rieb, ist es mit eins rausgekommen.
Es stiess ihr schon lange das Herz ab, und sie wollte bloss nichts sagen. Aber nu
is es ihr zu langweilig geworden, das mit Leopolden. Immer bloss kleine Billetter
mit 'n Vergissmeinnicht draussen un 'n Veilchen drin; da sieht sie nu doch wohl,
dass er keine rechte Courage hat un dass seine Furcht vor der Mama noch grösser is
als seine Liebe zu ihr.«
    »Nun, das freut mich. Und ich hab es auch nicht anders erwartet. Und Sie
wohl auch nicht, liebe Schmolke. Der Marcell ist doch ein andres Kraut. Und was
heisst gute Partie? Marcell ist Archäologe.«
    »Versteht sich«, sagte die Schmolke, die sich dem Professor gegenüber
grundsätzlich nie zur Unvertrauteit mit Fremdwörtern bekannte.
    »Marcell, sag ich, ist Archäologe. Vorläufig rückt er an Hedrichs Stelle.
Gut angeschrieben ist er schon lange, seit Jahr und Tag. Und dann geht er mit
Urlaub und Stipendium nach Mykenä ...«
    Die Schmolke drückte auch jetzt wieder ihr volles Verständnis und zugleich
ihre Zustimmung aus.
    »Und vielleicht«, fuhr Schmidt fort, »auch nach Tiryns oder wo Schliemann
grade steckt. Und wenn er von da zurück ist und mir einen Zeus für diese meine
Stube mitgebracht hat ...«, und er wies dabei unwillkürlich nach dem Ofen oben,
als dem einzigen für Zeus noch leeren Fleck, »... wenn er von da zurück ist, sag
ich, so ist ihm eine Professur gewiss. Die Alten können nicht ewig leben. Und
sehen Sie, liebe Schmolke, das ist das, was ich eine gute Partie nenne.«
    »Versteht sich, Herr Professor. Wovor sind denn auch die Examens un all das?
Un Schmolke, wenn er auch kein Studierter war, sagte auch immer...«
    »Und nun will ich an Marcell schreiben und mich dann ein Viertelstündchen
hinlegen. Und um halb vier den Kaffee. Aber nicht später.«
Um halb vier kam der Kaffee. Der Brief an Marcell, ein Rohrpostbrief, zu dem
sich Schmidt nach einigem Zögern entschlossen hatte, war seit wenigstens einer
halben Stunde fort, und wenn alles gut ging und Marcell zu Hause war, so las er
vielleicht in diesem Augenblicke schon die drei lapidaren Zeilen, aus denen er
seinen Sieg entnehmen konnte. Gymnasial-Oberlehrer! Bis heute war er nur
deutscher Literaturlehrer an einer höheren Mädchenschule gewesen und hatte
manchmal grimmig in sich hineingelacht, wenn er über den Codex argenteus, bei
welchem Worte die jungen Dinger immer kicherten, oder über den Heliand und
Beowulf hatte sprechen müssen. Auch hinsichtlich Corinnas waren ein paar dunkle
Wendungen in den Brief eingeflochten worden, und alles in allem liess sich
annehmen, dass Marcell binnen kürzester Frist erscheinen würde, seinen Dank
auszusprechen.
    Und wirklich, fünf Uhr war noch nicht heran, als die Klingel ging und
Marcell eintrat. Er dankte dem Onkel herzlich für seine Protektion, und als
dieser das alles mit der Bemerkung ablehnte, dass, wenn von solchen Dingen
überhaupt die Rede sein könne, jeder Dankesanspruch auf Distelkamp falle, sagte
Marcell: »Nun, dann also Distelkamp. Aber dass du mir's gleich geschrieben, dafür
werd ich mich doch auch bei dir bedanken dürfen. Und noch dazu mit Rohrpost!«
    »Ja, Marcell, das mit Rohrpost, das hat vielleicht Anspruch; denn eh wir
Alten uns zu was Neuem bequemen, das dreissig Pfennig kostet, da kann mitunter
viel Wasser die Spree runterfliessen. Aber was sagst du zu Corinna?«
    »Lieber Onkel, du hast da so eine dunkle Wendung gebraucht... ich habe sie
nicht recht verstanden. Du schriebst: Kennet von Leoparden sei auf dem Rückzug.
Ist Leopold gemeint? Und muss es Corinna jetzt als Strafe hinnehmen, dass sich
Leopold, den sie so sicher zu haben glaubte, von ihr abwendet?«
    »Es wäre so schlimm nicht, wenn es so läge. Denn in diesem Falle wäre die
Demütigung, von der man doch wohl sprechen muss, noch um einen Grad grösser. Und
sosehr ich Corinna liebe, so muss ich doch zugeben, dass ihr ein Denkzettel wohl
not täte.«
    Marcell wollte zum Guten reden...
    »Nein, verteidige sie nicht, sie hätte so was verdient. Aber die Götter
haben es doch milder mit ihr vor und diktieren ihr statt der ganzen Niederlage,
die sich in Leopolds selbstgewolltem Rückzuge aussprechen würde, nur die halbe
Niederlage zu, nur die, dass die Mutter nicht will und dass meine gute Jenny,
trotz Lyrik und obligater Träne, sich ihrem Jungen gegenüber doch mächtiger
erweist als Corinna.«
    »Vielleicht nur, weil Corinna sich noch rechtzeitig besann und nicht alle
Minen springen lassen wollte.«
    »Vielleicht ist es so. Aber wie es auch liegen mag, Marcell, wir müssen uns
nun darüber schlüssig machen, wie du zu dieser ganzen Tragikomödie dich stellen
willst, so oder so. Ist dir Corinna, die du vorhin so grossmütig verteidigen
wolltest, verleidet oder nicht? Findest du, dass sie wirklich eine gefährliche
Person ist, voll Oberflächlichkeit und Eitelkeit, oder meinst du, dass alles
nicht so schlimm und ernstaft war, eigentlich nur blosse Marotte, die verziehen
werden kann? Darauf kommt es an.«
    »Ja, lieber Onkel, ich weiss wohl, wie ich dazu stehe. Aber ich bekenne dir
offen, ich hörte gern erst deine Meinung. Du hast es immer gut mit mir gemeint
und wirst Corinna nicht mehr loben, als sie verdient. Auch schon aus Selbstsucht
nicht, weil du sie gern im Hause behieltest. Und ein bisschen Egoist bist du ja
wohl. Verzeih, ich meine nur so dann und wann und in einzelnen Stücken...«
    »Sage dreist, in allen. Ich weiss das auch und getröste mich damit, dass es in
der Welt öfters vorkommt. Aber das sind Abschweifungen. Von Corinna soll ich
sprechen und will auch. Ja, Marcell, was ist da zu sagen? Ich glaube, sie war
ganz ernstaft dabei, hat dir's ja auch damals ganz frank und frei erklärt, und
du hast es auch geglaubt, mehr noch als ich. Das war die Sachlage, so stand es
vor ein paar Wochen. Aber jetzt, darauf möcht ich mich verwetten, jetzt ist sie
gänzlich umgewandelt, und wenn die Treibels ihren Leopold zwischen lauter
Juwelen und Goldbarren setzen wollten, ich glaube, sie nähm ihn nicht mehr. Sie
hat eigentlich ein gesundes und ehrliches und aufrichtiges Herz, auch einen
feinen Ehrenpunkt, und nach einer kurzen Abirrung ist ihr mit einem Male
klargeworden, was es eigentlich heisst, wenn man mit zwei Familienporträts und
einer väterlichen Bibliotek in eine reiche Familie hineinheiraten will. Sie hat
den Fehler gemacht, sich einzubilden, das ginge so, weil man ihrer Eitelkeit
beständig Zuckerbrot gab und so tat, als bewerbe man sich um sie. Aber bewerben
und bewerben ist ein Unterschied. Gesellschaftlich, das geht eine Weile; nur
nicht fürs Leben. In eine Herzogsfamilie kann man allenfalls hineinkommen, in
eine Bourgeoisfamilie nicht. Und wenn er, der Bourgeois, es auch wirklich übers
Herz brächte - seine Bourgeoise gewiss nicht, am wenigsten wenn sie Jenny
Treibel, née Bürstenbinder heisst. Rundheraus, Corinnas Stolz ist endlich
wachgerufen, lass mich hinzusetzen: Gott sei Dank, und gleichviel nun, ob sie's
noch hätte durchsetzen können oder nicht, sie mag es und will es nicht mehr, sie
hat es satt. Was vordem halb Berechnung, halb Übermut war, das sieht sie jetzt
in einem andern Licht und ist ihr Gesinnungssache geworden. Da hast du meine
Weisheit. Und nun lass mich noch einmal fragen, wie gedenkst du dich zu stellen?
Hast du Lust und Kraft, ihr die Torheit zu verzeihen?«
    »Ja, lieber Onkel, das hab ich. Natürlich, soviel ist richtig, es wäre mir
ein gut Teil lieber, die Geschichte hätte nicht gespielt; aber da sie nun einmal
gespielt hat, nehm ich mir das Gute daraus. Corinna hat nun wohl für immer mit
der Modernität und dem krankhaften Gewichtlegen aufs Äusserliche gebrochen und
hat statt dessen die von ihr verspotteten Lebensformen wieder anerkennen
gelernt, in denen sie grossgeworden ist.«
    Der Alte nickte.
    »Mancher«, fuhr Marcell fort, »würde sich anders dazu stellen, das ist mir
völlig klar; die Menschen sind eben verschieden, das sieht man alle Tage. Da hab
ich beispielsweise, ganz vor kurzem erst, eine kleine reizende Geschichte von
Heise gelesen, in der ein junger Gelehrter, ja, wenn mir recht ist, sogar ein
archäologisch Angekränkelter, also eine Art Spezialkollege von mir, eine junge
Baronesse liebt und auch herzlich und aufrichtig wiedergeliebt wird; er weiss es
nur noch nicht recht, ist ihrer noch nicht ganz sicher. Und in diesem
Unsicherheitszustande hört er in der zufälligen Verborgenheit einer Taxushecke,
wie die mit einer Freundin im Park lustwandelnde Baronesse eben dieser ihrer
Freundin allerhand Confessions macht, von ihrem Glück und ihrer Liebe plaudert
und sich's nur leider nicht versagt, ein paar scherzhaft übermütige Bemerkungen
über ihre Liebe mit einzuflechten. Und dies hören und sein Ränzel schnüren und
sofort das Weite suchen ist für den Liebhaber und Archäologen eins. Mir ganz
unverständlich. Ich, lieber Onkel, hätt es anders gemacht, ich hätte nur die
Liebe herausgehört und nicht den Scherz und nicht den Spott und wäre, statt
abzureisen, meiner geliebten Baronesse wahnsinnig glücklich zu Füssen gestürzt,
von nichts sprechend als von meinem unendlichen Glück. Da hast du meine
Situation, lieber Onkel. Natürlich kann man's auch anders machen; ich bin für
mein Teil indessen herzlich froh, dass ich nicht zu den Feierlichen gehöre.
Respekt vor dem Ehrenpunkt, gewiss; aber zuviel davon ist vielleicht überall vom
Übel und in der Liebe nun schon ganz gewiss.«
    »Bravo, Marcell. Hab es übrigens nicht anders erwartet und seh auch darin
wieder, dass du meiner leiblichen Schwester Sohn bist. Sieh, das ist das
Schmidtsche in dir, dass du so sprechen kannst; keine Kleinlichkeit, keine
Eitelkeit, immer aufs Rechte und immer aufs Ganze. Komm her, Junge, gib mir
einen Kuss. Einer ist eigentlich zuwenig, denn wenn ich bedenke, dass du mein
Neffe und Kollege und nun bald auch mein Schwiegersohn bist, denn Corinna wird
doch wohl nicht nein sagen, dann sind auch zwei Backenküsse kaum noch genug. Und
die Genugtuung sollst du haben, Marcell, Corinna muss an dich schreiben und
sozusagen beichten und Vergebung der Sünden bei dir anrufen.«
    »Um Gottes willen, Onkel, mache nur nicht so was. Zunächst wird sie's nicht
tun, und wenn sie's tun wollte, so würd ich doch das nicht mit ansehn können.
Die Juden, so hat mir Friedeberg erst ganz vor kurzem erzählt, haben ein Gesetz
oder einen Spruch, wonach es als ganz besonders strafwürdig gilt, einen
Mitmenschen zu beschämen, und ich finde, das ist ein kolossal feines Gesetz und
beinah schon christlich. Und wenn man niemanden beschämen soll, nicht einmal
seine Feinde, ja, lieber Onkel, wie käm ich dann dazu, meine liebe Cousine
Corinna beschämen zu wollen, die vielleicht schon nicht weiss, wo sie vor
Verlegenheit hinsehen soll. Denn wenn die Nichtverlegenen mal verlegen werden,
dann werden sie's auch ordentlich, und ist einer in solch peinlicher Lage wie
Corinna, da hat man die Pflicht, ihm goldne Brücken zu baun. Ich werde
schreiben, lieber Onkel.«
    »Bist ein guter Kerl, Marcell; komm her, noch einen. Aber sei nicht zu gut,
das können die Weiber nicht vertragen, nicht einmal die Schmolke.«
 
                              Sechzehntes Kapitel
Und Marcell schrieb wirklich, und am andern Morgen lagen zwei an Corinna
adressierte Briefe auf dem Frühstückstisch, einer in kleinem Format mit einem
Landschaftsbildchen in der linken Ecke, Teich und Trauerweide, worin Leopold,
zum ach, wievielsten Male, von seinem »unerschütterlichen Entschlusse« sprach,
der andere, ohne malerische Zutat, von Marcell. Dieser lautete:
»Liebe Corinna! Der Papa hat gestern mit mir gesprochen und mich zu meiner
innigsten Freude wissen lassen, dass, verzeih, es sind seine eignen Worte,
Vernunft wieder an zu sprechen fange. Und, so setzte er hinzu, die rechte
Vernunft käme aus dem Herzen. Darf ich es glauben? ist ein Wandel eingetreten,
die Bekehrung, auf die ich gehofft? Der Papa wenigstens hat mich dessen
versichert. Er war auch der Meinung, dass Du bereit sein würdest, dies gegen mich
auszusprechen, aber ich habe feierlichst dagegen protestiert, denn mir liegt gar
nicht daran, Unrechts- oder Schuldgeständnisse zu hören; - das, was ich jetzt
weiss, wenn auch noch nicht aus Deinem Munde, genügt mir völlig, macht mich
unendlich glücklich und löscht alle Bitterkeit aus meiner Seele. Manch einer
würde mir in diesem Gefühl nicht folgen können, aber ich habe da, wo mein Herz
spricht, nicht das Bedürfnis, zu einem Engel zu sprechen, im Gegenteil, mich
bedrücken Vollkommenheiten, vielleicht weil ich nicht an sie glaube; Mängel, die
ich menschlich begreife, sind mir sympatisch, auch dann noch, wenn ich unter
ihnen leide. Was Du mir damals sagtest, als ich Dich an dem Mr.-Nelson-Abend von
Treibels nach Hause begleitete, das weiss ich freilich noch alles, aber es lebt
nur in meinem Ohr, nicht in meinem Herzen. In meinem Herzen steht nur das eine,
das immer darin stand, von Anfang an, von Jugend auf.
    Ich hoffe Dich heute noch zu sehen. Wie immer Dein Marcell.«
Corinna reichte den Brief ihrem Vater. Der las nun auch und blies dabei doppelte
Dampfwolken; als er aber fertig war, stand er auf und gab seinem Liebling einen
Kuss auf die Stirn: »Du bist ein Glückskind. Sieh, das ist das, was man das
Höhere nennt, das wirklich Ideale, nicht das von meiner Freundin Jenny. Glaube
mir, das Klassische, was sie jetzt verspotten, das ist das, was die Seele frei
macht, das Kleinliche nicht kennt und das Christliche vorahnt und vergeben und
vergessen lehrt, weil wir alle des Ruhmes mangeln. Ja, Corinna, das Klassische,
das hat Sprüche wie Bibelsprüche. Mitunter beinah noch etwas drüber. Da haben
wir zum Beispiel den Spruch: Werde, der du bist, ein Wort, das nur ein Grieche
sprechen konnte. Freilich, dieser Werdeprozess, der hier gefordert wird, muss sich
verlohnen, aber wenn mich meine väterliche Befangenheit nicht täuscht, bei dir
verlohnt es sich. Diese Treibelei war ein Irrtum, ein Schritt vom Wege, wie
jetzt, wie du wissen wirst, auch ein Lustspiel heisst, noch dazu von einem
Kammergerichtsrat. Das Kammergericht, Gott sei Dank, war immer literarisch. Das
Literarische macht frei... Jetzt hast du das Richtige wiedergefunden und dich
selbst dazu... Werde, der du bist, sagt der grosse Pindar, und deshalb muss auch
Marcell, um der zu werden, der er ist, in die Welt hinaus, an die grossen
Stätten, und besonders an die ganz alten. Die ganz alten, das ist immer wie das
Heilige Grab; dahin gehen die Kreuzzüge der Wissenschaft, und seid ihr erst von
Mykenä wieder zurück - ich sage ihr, denn du wirst ihn begleiten, die Schliemann
ist auch immer dabei -, so müsste keine Gerechtigkeit sein, wenn ihr nicht übers
Jahr Privatdozent wärt oder Extraordinarius.«
    Corinna dankte ihm, dass er sie gleich mit ernenne, vorläufig indes sei sie
mehr für Haus und Kinderstube. Dann verabschiedete sie sich und ging in die
Küche, setzte sich auf einen Schemel und liess die Schmolke den Brief lesen.
»Nun, was sagen Sie, liebe Schmolke?«
    »Ja, Corinna, was soll ich sagen? Ich sage bloss, was Schmolke immer sagte:
Manchen gibt es der liebe Gott im Schlaf. Du hast ganz unverantwortlich un
beinahe schauderöse gehandelt un kriegst ihn nu doch. Du bist ein Glückskind.«
    »Das hat mir Papa auch gesagt.«
    »Na, denn muss es wahr sein, Corinna. Denn was ein Professor sagt, is immer
wahr. Aber nu keine Flausen mehr und keine Witzchen, davon haben wir nu genug
gehabt mit dem armen Leopold, der mir doch eigentlich leid tun kann, denn er hat
sich ja nich selber gemacht, un der Mensch is am Ende, wie er is. Nein, Corinna,
nu wollen wir ernstaft werden. Und wenn meinst du denn, dass es losgeht oder in
die Zeitung kommt? Morgen?«
    »Nein, liebe Schmolke, so schnell geht es nicht. Ich muss ihn doch erst sehn
und ihm einen Kuss geben...«
    »Versteht sich, versteht sich. Eher geht es nich ...«
    »Und dann muss ich doch auch dem armen Leopold erst abschreiben. Er hat mir
ja erst heute wieder versichert, dass er für mich leben und sterben will...«
    »Ach Jott, der arme Mensch.«
    »Am Ende ist er auch ganz froh...«
    »Möglich is es.«
Noch am selben Abend, wie sein Brief es angezeigt, kam Marcell und begrüsste
zunächst den in seine Zeitungslektüre vertieften Onkel, der ihm denn auch -
vielleicht weil er die Verlobungsfrage für erledigt hielt - etwas zerstreut und
das Zeitungsblatt in der Hand mit den Worten entgegentrat: »Und nun sage,
Marcell, was sagst du dazu? Summus episcopus... Der Kaiser, unser alter Wilhelm,
entkleidet sich davon und will es nicht mehr, und Kögel wird es. Oder vielleicht
Stoecker ...«
    »Ach, lieber Onkel, erstlich glaub ich es nicht. Und dann, ich werde ja doch
schwerlich im Dom getraut werden...«
    »Hast recht. Ich habe den Fehler aller Nicht-Politiker, über einer
Sensationsnachricht, die natürlich hinterher immer falsch ist, alles Wichtigere
zu vergessen. Corinna sitzt drüben in ihrem Zimmer und wartet auf dich, und ich
denke mir, es wird wohl das beste sein, ihr macht es untereinander ab; ich bin
auch mit der Zeitung noch nicht ganz fertig, und ein dritter geniert bloss, auch
wenn es der Vater ist.«
    Corinna, als Marcell eintrat, kam ihm herzlich und freundlich entgegen,
etwas verlegen, aber doch zugleich sichtlich gewillt, die Sache nach ihrer Art
zu behandeln, also sowenig tragisch wie möglich. Von drüben her fiel der
Abendschein ins Fenster, und als sie sich gesetzt hatten, nahm sie seine Hand
und sagte: »Du bist so gut, und ich hoffe, dass ich dessen immer eingedenk sein
werde. Was ich wollte, war nur Torheit.«
    »Wolltest du's denn wirklich?«
    Sie nickte.
    »Und liebtest ihn ganz ernstaft?«
    »Nein. Aber ich wollte ihn ganz ernstaft heiraten. Und mehr noch, Marcell,
ich glaube auch nicht, dass ich sehr unglücklich geworden wäre, das liegt nicht
in mir, freilich auch wohl nicht sehr glücklich. Aber wer ist glücklich? Kennst
du wen? Ich nicht. Ich hätte Malstunden genommen und vielleicht auch
Reitunterricht und hätte mich an der Riviera mit ein paar englischen Familien
angefreundet, natürlich solche mit einer Pleasure-Yacht, und wäre mit ihnen nach
Korsika oder nach Sizilien gefahren, immer der Blutrache nach. Denn ein
Bedürfnis nach Aufregung würd ich doch wohl zeitlebens gehabt haben; Leopold ist
etwas schläfrig. Ja, so hätt ich gelebt.«
    »Du bleibst immer dieselbe und malst dich schlimmer, als du bist.«
    »Kaum; aber freilich auch nicht besser. Und deshalb glaubst du mir wohl
auch, wenn ich dir jetzt versichre, dass ich froh bin, aus dem allen heraus zu
sein. Ich habe von früh an den Sinn für Äusserlichkeiten gehabt und hab ihn
vielleicht noch, aber seine Befriedigung kann doch zu teuer erkauft werden, das
hab ich jetzt einsehen gelernt.«
    Marcell wollte noch einmal unterbrechen, aber sie litt es nicht.
    »Nein, Marcell, ich muss noch ein paar Worte sagen. Sieh, das mit dem
Leopold, das wäre vielleicht gegangen, warum am Ende nicht? Einen schwachen,
guten, unbedeutenden Menschen zur Seite zu haben kann sogar angenehm sein, kann
einen Vorzug bedeuten. Aber diese Mama, diese furchtbare Frau! Gewiss, Besitz und
Geld haben einen Zauber, wär es nicht so, so wäre mir meine Verirrung erspart
geblieben; aber wenn Geld alles ist und Herz und Sinn verengt und zum Überfluss
Hand in Hand geht mit Sentimentalität und Tränen - dann empört sich's hier, und
das hinzunehmen wäre mir hart angekommen, wenn ich's auch vielleicht ertragen
hätte. Denn ich gehe davon aus, der Mensch in einem guten Bett und in guter
Pflege kann eigentlich viel ertragen.«
    Den zweiten Tag danach stand es in den Zeitungen, und zugleich mit den
öffentlichen Anzeigen trafen Karten ein. Auch bei Kommerzienrats. Treibel, der,
nach vorgängigem Einblick in das Couvert, ein starkes Gefühl von der Wichtigkeit
dieser Nachricht und ihrem Einfluss auf die Wiederherstellung häuslichen Friedens
und passabler Laune hatte, säumte nicht, in das Damenzimmer hinüberzugehen, wo
Jenny mit Hildegard frühstückte. Schon beim Eintreten hielt er den Brief in die
Höhe und sagte: »Was kriege ich, wenn ich euch den Inhalt dieses Briefes
mitteile?«
    »Fordere«, sagte Jenny, in der vielleicht eine Hoffnung dämmerte.
    »Einen Kuss.«
    »Keine Albernheiten, Treibel.«
    »Nun, wenn es von dir nicht sein kann, dann wenigstens von Hildegard.«
    »Zugestanden«, sagte diese. »Aber nun lies.«
    Und Treibel las: »Die am heutigen Tage stattgehabte Verlobung meiner
Tochter..., ja, meine Damen, welcher Tochter? Es gibt viele Töchter. Noch einmal
also, ratet. Ich verdoppele den von mir gestellten Preis. .. also meiner Tochter
Corinna mit dem Doktor Marcell Wedderkopp, Oberlehrer und Lieutenant der Reserve
im brandenburgischen Füsilierregiment Nr. 35, habe ich die Ehre hiermit ganz
ergebenst anzuzeigen. Doktor Wilibald Schmidt, Professor und Oberlehrer am
Gymnasium zum Heiligen Geist.«
    Jenny, durch Hildegards Gegenwart behindert, begnügte sich, ihrem Gatten
einen triumphierenden Blick zuzuwerfen, Hildegard selbst aber, die sofort wieder
auf Suche nach einem Formfehler war, sagte nur: »Ist das alles? Soviel ich weiss,
pflegt es Sache der Verlobten zu sein, auch ihrerseits noch ein Wort zu sagen.
Aber die Schmidt-Wedderkopps haben am Ende darauf verzichtet.«
    »Doch nicht, teure Hildegard. Auf dem zweiten Blatt, das ich unterschlagen
habe, haben auch die Brautleute gesprochen. Ich überlasse dir das Schriftstück
als Andenken an deinen Berliner Aufentalt und als Beweis für den allmählichen
Fortschritt hiesiger Kulturformen. Natürlich stehen wir noch eine gute Strecke
zurück, aber es macht sich allmählich. Und nun bitt ich um meinen Kuss.«
    Hildegard gab ihm zwei, und so stürmisch, dass ihre Bedeutung klar war.
Dieser Tag bedeutete zwei Verlobungen.
Der letzte Sonnabend im Juli war als Marcells und Corinnas Hochzeitstag
angesetzt worden; »nur keine langen Verlobungen«, betonte Wilibald Schmidt, und
die Brautleute hatten begreiflicherweise gegen ein beschleunigtes Verfahren
nichts einzuwenden. Einzig und allein die Schmolke, die's mit der Verlobung so
eilig gehabt hatte, wollte von solcher Beschleunigung nicht viel wissen und
meinte, bis dahin sei ja bloss noch drei Wochen, also nur gerade noch Zeit genug,
»um dreimal von der Kanzel zu fallen«, und das ginge nicht, das sei zu kurz,
darüber redeten die Leute; schliesslich aber gab sie sich zufrieden oder tröstete
sich wenigstens mit dem Satze: geredet wird doch.
    Am siebenundzwanzigsten war kleiner Polterabend in der Schmidtschen Wohnung,
den Tag darauf Hochzeit im »Englischen Hause«. Prediger Tomas traute. Drei Uhr
fuhren die Wagen vor der Nikolaikirche vor, sechs Brautjungfern, unter denen die
beiden Kuhschen Kälber und die zwei Felgentreus waren. Letztere, wie schon hier
verraten werden mag, verlobten sich in einer Tanzpause mit den zwei
Referendarien vom Quartett, denselben jungen Herren, die die Halenseepartie
mitgemacht hatten. Der natürlich auch geladene Jodler wurde von den Kuhs heftig
in Angriff genommen, widerstand aber, weil er, als Eckhaussohn, an solche
Sturmangriffe gewöhnt war. Die Kuhschen Töchter selbst fanden sich ziemlich
leicht in diesen Echec - »er war der erste nicht, er wird der letzte nicht
sein«, sagte Schmidt -, und nur die Mutter zeigte bis zuletzt eine starke
Verstimmung.
    Sonst war es eine durchaus heitere Hochzeit, was zum Teil damit
zusammenhing, dass man von Anfang an alles auf die leichte Schulter genommen
hatte. Man wollte vergeben und vergessen, hüben und drüben, und so kam es denn
auch, dass, um die Hauptsache vorwegzunehmen, alle Treibels nicht nur geladen,
sondern mit alleiniger Ausnahme von Leopold, der an demselben Nachmittage nach
dem Eierhäuschen ritt, auch vollzählig erschienen waren. Allerdings hatte die
Kommerzienrätin anfänglich stark geschwankt, ja, sogar von Taktlosigkeit und
Affront gesprochen, aber ihr zweiter Gedanke war doch der gewesen, den ganzen
Vorfall als eine Kinderei zu nehmen und dadurch das schon hier und da laut
gewordene Gerede der Menschen auf die leichteste Weise totzumachen. Bei diesem
zweiten Gedanken blieb es denn auch; die Rätin, freundlich-lächelnd wie immer,
trat in pontificalibus auf und bildete ganz unbestritten das Glanz-und
Repräsentationsstück der Hochzeitstafel. Selbst die Honig und die Wulsten waren
auf Corinnas dringenden Wunsch eingeladen worden; erstere kam auch, die Wulsten
dagegen entschuldigte sich brieflich, »weil sie Lizzi, das süsse Kind, doch nicht
allein lassen könne«. Dicht unter der Stelle »das süsse Kind« war ein Fleck, und
Marcell sagte zu Corinna: »Eine Träne, und ich glaube, eine echte.« Von den
Professoren waren, ausser den schon genannten Kuhs, nur Distelkamp und
Rindfleisch zugegen, da sich die mit jüngerem Nachwuchs Gesegneten sämtlich in
Kösen, Ahlbeck und Stolpemünde befanden. Trotz dieser Personal-Einbusse war an
Toasten kein Mangel; der Distelkampsche war der beste, der Felgentreusche der
logisch ungeheuerlichste, weshalb ihm ein hervorragender, vom Ausbringer
allerdings unbeabsichtigter Lacherfolg zuteil wurde.
    Mit dem Herumreichen des Konfekts war begonnen, und Schmidt ging eben von
Platz zu Platz, um den älteren und auch einigen jüngeren Damen allerlei
Liebenswürdiges zu sagen, als der schon vielfach erschienene Telegraphenbote
noch einmal in den Saal und gleich danach an den alten Schmidt herantrat.
Dieser, von dem Verlangen erfüllt, den Überbringer so vieler Herzenswünsche
schliesslich wie den Goeteschen Sänger königlich zu belohnen, füllte ein neben
ihm stehendes Becherglas mit Champagner und kredenzte es dem Boten, der es,
unter vorgängiger Verbeugung gegen das Brautpaar, mit einem gewissen Avec
leerte. Grosser Beifall. Dann öffnete Schmidt das Telegramm, überflog es und
sagte: »Vom stammverwandten Volk der Briten.«
    »Lesen, lesen.«
    »... To Doctor Marcell Wedderkopp.«
    »Lauter.«
    »England expects tat every man will do his duty... Unterzeichnet John
Nelson.«
    Im Kreise der sachlich und sprachlich Eingeweihten brach ein Jubel aus, und
Treibel sagte zu Schmidt: »Ich denke mir, Marcell ist Bürge dafür.«
    Corinna selbst war ungemein erfreut und erheitert über das Telegramm, aber
es gebrach ihr bereits an Zeit, ihrer glücklichen Stimmung Ausdruck zu geben,
denn es war acht Uhr, und um neuneinhalb Uhr ging der Zug, der sie zunächst bis
München und von da nach Verona oder, wie Schmidt mit Vorliebe sich ausdrückte,
»bis an das Grab der Julia« führen sollte. Schmidt nannte das übrigens alles nur
Kleinkram und »Vorschmack«, sprach überhaupt ziemlich hochmütig und orakelte,
zum Ärger Kuhs, von Messenien und dem Taygetos, darin sich gewiss noch ein paar
Grabkammern finden würden, wenn nicht von Aristomenes selbst, so doch von seinem
Vater. Und als er endlich schwieg und Distelkamp ein vergnügtes Lächeln über
seinen mal wieder sein Steckenpferd tummelnden Freund Schmidt zeigte, nahm man
wahr, dass Marcell und Corinna den Saal inzwischen verlassen hatten.
Die Gäste blieben noch. Aber gegen zehn Uhr hatten sich die Reihen doch stark
gelichtet; Jenny, die Honig, Helene waren aufgebrochen, und mit Helene natürlich
auch Otto, trotzdem er gern noch eine Stunde zugegeben hätte. Nur der alte
Kommerzienrat hatte sich emanzipiert und sass neben seinem Bruder Schmidt, eine
Anekdote nach der andern aus dem »Schatzkästlein deutscher Nation« hervorholend,
lauter blutrote Karfunkelsteine, von deren »reinem Glanze« zu sprechen
Vermessenheit gewesen wäre. Treibel, trotzdem Goldammer fehlte, sah sich dabei
von verschiedenen Seiten her unterstützt, am ausgiebigsten von Adolar Krola, dem
denn auch Fachmänner wahrscheinlich den Preis zuerkannt haben würden.
    Längst brannten die Lichter, Zigarrenwölkchen kräuselten sich in grossen und
kleinen Ringen, und junge Paare zogen sich mehr und mehr in ein paar Saalecken
zurück, in denen ziemlich unmotiviert vier, fünf Lorbeerbäume zusammenstanden
und eine gegen Profanblicke schützende Hecke bildeten. Hier wurden auch die
Kuhschen gesehen, die noch einmal, vielleicht auf Rat der Mutter, einen
energischen Vorstoss auf den Jodler unternahmen, aber auch diesmal umsonst. Zu
gleicher Zeit klimperte man bereits auf dem Flügel, und es war sichtlich der
Zeitpunkt nahe, wo die Jugend ihr gutes Recht beim Tanze behaupten würde.
    Diesen gefahrdrohenden Moment ergriff der schon vielfach mit »du« und
»Bruder« operierende Schmidt mit einer gewissen Feldherrngeschicklichkeit und
sagte, während er Krola eine neue Zigarrenkiste zuschob: »Hören Sie, Sänger und
Bruder, carpe diem. Wir Lateiner legen den Akzent auf die letzte Silbe. Nutze
den Tag. Über ein kleines, und irgendein Klavierpauker wird die Gesamtsituation
beherrschen und uns unsere Überflüssigkeit fühlen lassen. Also noch einmal, was
du tun willst, tue bald. Der Augenblick ist da; Krola, du musst mir einen
Gefallen tun und Jennys Lied singen. Du hast es hundertmal begleitet und wirst
es wohl auch singen können. Ich glaube, Wagnersche Schwierigkeiten sind nicht
drin. Und unser Treibel wird es nicht übelnehmen, dass wir das Herzenslied seiner
Eheliebsten in gewissem Sinne profanieren. Denn jedes Schaustellen eines
Heiligsten ist das, was ich Profanierung nenne. Hab ich recht, Treibel, oder
täusch ich mich in dir? Ich kann mich in dir nicht täuschen. In einem Manne wie
du kann man sich nicht täuschen, du hast ein klares und offnes Gesicht. Und nun
komm, Krola. Mehr Licht - das war damals ein grosses Wort unseres Olympiers; aber
wir bedürfen seiner nicht mehr, wenigstens hier nicht, hier sind Lichter die
Hülle und Fülle. Komm. Ich möchte diesen Tag als ein Ehrenmann beschliessen und
in Freundschaft mit aller Welt und nicht zum wenigsten mit dir, mit Adolar
Krola.«
    Dieser, der an hundert Tafeln wetterfest geworden und im Vergleich zu
Schmidt noch ganz leidlich im Stande war, schritt, ohne langes Sträuben, auf den
Flügel zu, während ihm Schmidt und Treibel Arm in Arm folgten, und ehe der Rest
der Gesellschaft noch eine Ahnung haben konnte, dass der Vortrag eines Liedes
geplant war, legte Krola die Zigarre beiseite und hob an:
»Glück, von allen deinen Losen
Eines nur erwähl ich mir,
Was soll Gold? Ich liebe Rosen
Und der Blumen schlichte Zier.
Und ich höre Waldesrauschen,
Und ich seh ein flatternd Band -
Aug in Auge Blicke tauschen,
Und ein Kuss auf deine Hand.
Geben, nehmen, nehmen, geben,
Und dein Haar umspielt der Wind.
Ach, nur das, nur das ist Leben,
Wo sich Herz zum Herzen findt.«
Alles war heller Jubel, denn Krolas Stimme war immer noch voll Kraft und Klang,
wenigstens verglichen mit dem, was man sonst in diesem Kreise hörte. Schmidt
weinte vor sich hin. Aber mit einem Male war er wieder da. »Bruder«, sagte er,
»das hat mir wohlgetan. Bravissimo. Treibel, unsere Jenny hat doch recht. Es ist
was damit, es ist was drin; ich weiss nicht genau, was, aber das ist es eben - es
ist ein wirkliches Lied. Alle echte Lyrik hat was Geheimnisvolles. Ich hätte
doch am Ende dabei bleiben sollen...«
    Treibel und Krola sahen sich an und nickten dann zustimmend.
    »... Und die arme Corinna! Jetzt ist sie bei Trebbin, erste Etappe zu Julias
Grab... Julia Capulet, wie das klingt. Es soll übrigens eine ägyptische
Sargkiste sein, was eigentlich noch interessanter ist... Und dann alles in
allem, ich weiss nicht, ob es recht ist, die Nacht so durchzufahren; früher war
das nicht Brauch, früher war man natürlicher, ich möchte sagen sittlicher.
Schade, dass meine Freundin Jenny fort ist, die sollte darüber entscheiden. Für
mich persönlich steht es fest, Natur ist Sittlichkeit und überhaupt die
Hauptsache. Geld ist Unsinn, Wissenschaft ist Unsinn, alles ist Unsinn.
Professor auch. Wer es bestreitet, ist ein pecus. Nicht wahr, Kuh...? Kommen
Sie, meine Herren, komm, Krola... Wir wollen nach Hause gehen.«
 
    