
        
                                 Wilhelm Raabe
                                  Stopfkuchen
                          Eine See- und Mordgeschichte
                                                                Wieder an Bord! -
Es liegt mir daran, gleich in den ersten Zeilen dieser Niederschrift zu beweisen
oder darzutun, dass ich noch zu den Gebildeten mich zählen darf. Nämlich ich habe
es in Südafrika zu einem Vermögen gebracht, und das bringen Leute ohne tote
Sprachen, Literatur, Kunstgeschichte und Philosophie eigentlich am leichtesten
und besten zustande. Und so ist es im Grunde auch das Richtige und Dienlichste
zur Ausbreitung der Kultur; denn man kann doch nicht von jedem deutschen
Professor verlangen, dass er auch nach Afrika gehe und sein Wissen an den Mann,
das heisst an den Buschmann bringe oder es im Busche sitzenlasse, bloss - um ein
Vermögen zu machen.
    »Geben wir den Beweis aus der Verhängnisvollen Gabel, Eduard, dass wir immer
noch unsere Literaturkunde am Bändchen haben!« Eduard ist nämlich mein Taufname,
und Mopsus heisst bei August von Platen der Schäfer in Arkadien, welcher »auf dem
Vorgebürg der guten Hoffnung mit der Zeit ein Rittergut zu kaufen wünscht und
alles diesem Zweck erspart«.
    »Wie kam er drauf?« fragt Damon, der Schulteiss von Arkadien, und dieselbe
Frage an mich zu stellen, ist die Welt vollauf berechtigt.
    Aber vielleicht weiss grade sie das mir mitzuteilen! Wie kommen Menschen
dahin, wo sie sich, sich besinnend, zu eigener Verwunderung dann und wann
finden?
    Ich an dieser Stelle kann nur so viel sagen, dass ich glaube, den
Landbriefträger Störzer als dafür verantwortlich halten zu dürfen. Meinen alten
Freund Störzer. Meinen alten guten Freund von der Landstrasse der Kinderzeit in
der nächsten Umgebung meiner Heimatstadt in Arkadien, also - von allen
Landstrassen und Seewegen der weitesten Welt.
    Nachdem man also seinen Berechtigungsgrund, im alten Vaterlande
mitzusprechen, wo gebildete Leute reden, auf den Tisch gelegt hat, kann man
hoffentlich weitergehen. Dieses tue ich jetzt mit der Zwischenbemerkung, dass ich
absolut nicht sagen kann, ob ich für das heutige Vaterland bloss nur allein
ortographisch noch recht oder richtig schreiben kann. Es sind selbst in dieser
Richtung während meiner Abwesenheit zu grosse kleine Leute am Werke gewesen und
können unter polizeilicher Beglaubigung das wundervolle ironische Wort des
französischen Erbfeindes gebrauchen: Nous avons changé tout cela. Das haben wir
am verkehrten Ende aufgenommen, sagt freilich leider der deutsche Mann nicht!
Der nimmt immer die Sache ernst, vorzüglich wo sein Vorteil, sein Ehrgeiz oder
seine Eitelkeit mit im Spiel ist.
    Aber es ist doch hübsch im Vaterlande, und wenn dem nicht so wäre, so würde
ich dieses sicherlich nicht der Rückreise-Unterhaltung wegen an Bord des
»Hagebucher« auf den langen Wogen des Atlantischen Ozeans niederschreiben. Zum
wenigsten werde ich mir, wenn das Wetter gut bleibt, dreissig nicht ganz unnütz
verträumte Seefahrtstage - von Hamburg aus gerechnet - durch die ungewohnte
Federarbeit verschaffen. Wie aber würden sich meine Nachbarn am Oranjefluss und
im Transvaalschen über unsern gemeinsamen Vetter Stopfkuchen wundern und freuen,
wenn sie das Kajüten-Gekritzel lesen könnten, so sie es in die Hände kriegten!
Zu dem letztern ist aber sowenig eine Aussicht wie zu dem erstern, und unser
Präsident, mein guter Freund daheim im Burenlande, hat wirklich auch wenig Zeit
zu so was, sonst täte er mir wohl den Gefallen und sagte mir seine Meinung über
mein Manuskript.
Es war eine sternenklare Nacht, und wir waren auf dem Heimwege. Nicht nach dem
Kap der Guten Hoffnung, sondern vom »Brummersumm«. Einer gottlob unter einem
ganzen, ja auch unter einem halben Dutzend deutscher Männer hat immer Astronomie
ein wenig gründlicher getrieben als die übrigen und weiss Auskunft zu gehen,
Namen zu nennen und mit seinem Stabe zu deuten, wo die andern vorübergehend in
der schauerlichen Pracht des Weltalls verlorengehen und kopfschüttelnd sagen: Es
ist grossartig.
    Man kann in vielen Wissenschaften Bescheid wissen und sich doch bei
passender, stimmungsvoller Gelegenheit belehren lassen müssen, wo der Sirius zu
finden ist, wo die Beteigeuze und wo der Arktur und der Aldebaran. Die den Orion
kennen, sind den andern schon weit voraus; denn auch was die Sternbilder
anbetrifft, tappen die meisten im dunkeln. So allein und einfach wie mein
Südliches Kreuz steht das nicht am Himmel, und wenn nördliche Männer den Grossen
Bären zu finden wissen, ist das schon viel, doch verfallen auch hierbei nicht
üble Kenner manchmal in den Irrtum, dass sie den Polarstern ihm zurechnen und
nicht dem Kleinen Bären.
    Wir sahen auf dem Heimwege vom Brummersumm nach den Sternen. So gegen
Mitternacht, wo sie dann und wann am schönsten zu sehen sind und einer am
wenigsten bei seiner Betrachtung gestört wird. Zu den Stunden auf einem Feldwege
allein mit den noch übrigen Genossen seiner Jugend zu sein - das ist etwas!
Wovon man reden mag, ob Politik, Börsengeschäften, Fabrikangelegenheiten,
Ästetik: jeder Mann und berufenste Mitredner in allem diesen darf ungehöhnt
sein gescheitestes Wort abbrechen und aufblinzelnd bemerken: Da liegt doch auch
was drin! - Nachher darf er natürlich eine Prise nehmen, wenn er schnupft; ich
für mein Teil rauche und zünde mir gern beim Anblick des unendlichen Heeres der
himmlischen Lichter eine frische Zigarre an, denn das leuchtet doch auch, und
der Mensch auf Erden ist darauf angewiesen, gegen alles und also auch gegen das
»Übermass der Sterne« zu reagieren.
    Jaja, und wenn man auch noch ein Deutscher älterer Generation ist, so bleibt
man doch am liebsten bei dem Nächstliegenden, dem angenehmen Abend, der guten
Gesellschaft, und was sonst so dazu gehört, wenn man sich auch, der Abwechselung
wegen, einmal auf »Siriusweiten« in das Glitzern und Flimmern überm Kopfe davon
entfernt. Und das ist unser gutes Erdenrecht. Es ist uns, wenigstens fürs erste,
wichtiger, zu wissen, was für Menschen hier mit uns leben und mit welchen von
ihnen man es zu tun gekriegt hat, eben kriegt und morgen kriegen wird, als
herauszukriegen, ob der Mond und der Mars bewohnt sind und von wem oder was. -
    Nun musste mir aber die Weggenossenschaft grade dieses Abends näherliegen als
alles, was auf dem Mars, dem Monde, dem Sirius und der Beteigeuze, der Venus und
dem Jupiter herumlaufen konnte. Es waren die Leute, mit denen man ging, die
einem in der Fremde im Wachen und im Träumen, vorzüglich jedoch im Halbwachen
und im Halbtraume, plötzlich vorübergleiten oder sich in den Weg stellen! Die,
an welche man lange Jahre nicht gedacht und an die man dann um so intensiver zu
denken hat:
    I, der und der! Ob der gute alte Kerl wohl noch lebt und es ihm nach
Verdienst wohl ergeht? ... Und nun - da - guck den Stänker - den hämischen
Schulbankpetzer! Wie kommt mir der Bursche in seinen zu kurzen Hosen und
Rockärmeln grade jetzt, hier an dieser Strassenecke am Hafen, in den Sinn, hier
unter den Palmen und Sykomoren und andern Mohren und bei der äquatorialen Hitze?
Aber es freut einen doch, grade bei der Hitze und unter dem exotischen,
heidnischen Niggerpack, dass man in kühlerer Zeit mal mit dem heimatländischen,
germanischen Christen zu tun gehabt hat und von ihm mit der Nase drauf gestossen
worden ist, wie treuherzig es in der Welt und unter den Leuten zugeht! ...
Herrgott, da kommt ja Meyer! ... Meyer! Aber wie von einer Teekistenbemalung,
mit dem seligen Porzellanturm von Nanking hinter sich! Wie kommt denn der liebe
alte Junge und Schafskopf zu dem wundervollen Zopf und dem Mandarinenknopf
vierter Rangklasse? ... Herrje, und Stopfkuchen? Wie komme ich denn grade hier
auf Stopfkuchen, auf meinen dicken Freund Stopfkuchen, den ersten auf unserer
Bank in der Tertia von unten auf gerechnet? Ei, Stopfkuchen! ... Stopfkuchen!
    Ich hatte weder in der Stadt noch im Brummersumm alle wieder beieinander
angetroffen. Den einen hatte der Tod, den andern das Leben daraus weggeholt. Und
was den Brummersumm im besondern anbetraf, so war der eine zu gut verheiratet
und der andere zu schlecht, als dass sie noch die gehörige Stimmung für die
abendliche, ja manchmal auch nächtliche Gesellschaft und Geselligkeit dort aus
ihrem Eheleben hätten herausschlagen können. Einer aber von uns hatte auf den
Brummersumm Verzicht geleistet und blieb bei seinem Weibe aus ganz besonderm
Grunde, und sein Name oder vielmehr sein Spitzname war:
                                  Stopfkuchen.
Er wird sehr häufig auf diesen Blättern das Wort haben; es war aber auch eine
längere Zeit in der alten Schenke die Rede von ihm gewesen und auf dem Heimwege
unter dem glitzernden Sternenhimmel und in der langen Pappelallee auch. Ich aber
war eine geraume Zeit hinter den andern gegangen, ohne an der Unterhaltung
teilzunehmen, und hatte nur wiederum alte Erinnerungen lebendig werden lassen
und hatte nur gedacht:
    Stopfkuchen! Und Stopfkuchen auf der Roten Schanze! Eduard, solltest du das
dir als den besten Bissen vom Kuchen bis zuletzt aufgehoben haben? Welch ein
Gott hat dir den wunderlichen Gesellen und guten Jungen hier bis jetzt aus dem
Wege geschoben? Also Stopfkuchen wirklich auf der Roten Schanze! Und wenn sich
Afrika und Europa dir morgen in den Weg stellt: du schiebst sie zur Seite und
bist morgen so früh als möglich auf dem Wege nach der Roten Schanze und zu
deinem dicksten Freunde Stopfkuchen. Also Stopfkuchen wirklich und wahrhaftig
auf der Roten Schanze!
Ich war, wie gesagt, nach Jahren der Abwesenheit einmal wieder ihr Gast, der
Gast der Heimatstadt, im Kruge zum Brummersumm gewesen oder hatte vielmehr
endlich einmal wieder daselbst einen Stuhl eingenommen.
    Natürlich könnte man hier Gedanken, Gefühle, Stimmungen und Anmerkungen aus
der Tiefe des deutschen Herzens, Busens und Gemütes heraus noch recht
erklecklich weiter, und zwar ins Behaglichste ausmalen; man tut es aber nicht,
sondern bemerkt nur das Notwendige.
    Nämlich als Kind schon begleitete ich meinen jetzt längst verstorbenen Vater
dortin. Er hatte seine Pfeife da stehen, doch dann und wann hatte ich ihm auch
eine neue hinauszutragen. Viele Leute werden nun sagen: Der selige alte Herr gab
da seinem Jungen ein recht sauberes Beispiel! Und sie haben recht und wissen gar
nicht, wie sehr sie recht haben. Er tat es auch und gab mir ein nettes Beispiel
- freilich nicht bloss in dieser Hinsicht.
    Ich bin also Stammgast des Brummersumms von Kindsbeinen an gewesen und habe
schon um dessentwegen mit geheiratet, um gleich dem wackern alten Vater allerlei
von dorter an meine eigenen Jungen drunten im »heissen Afrika« weitergeben zu
können. Die verwilderten, halbschlächtig deutsch-holländischen Schlingel geben
gottlob unter den Buren, Kaffern und Hottentotten manch ein Kulturmoment weiter,
was aus dem Brummersumm stammt. Sie sagen dann gewöhnlich dabei: Mein Vater
hat's gesagt, und der hat's schon von seinem Vater, unserm Grossvater in
Deutschland.
    Ja, so ein richtiger deutscher Spiessbürger in seiner Kneipe!
    Man zieht die Achseln nur deshalb über ihn, weil man selbstverständlich
stets den unrichtigen für den richtigen nimmt. Wo in aller Welt als wie so im
Brummersumm lässt sich denn der Spiess leichter umdrehen, auf dass man die
langweilige, die dumme, die abgeschmackte, die boshafte, die neidische Welt
drauflaufen lasse? Und wo kann man kräftiger nachstossen, um das überleidige
Untier völlig zu Boden zu bringen?
    Wie sich freilich die Frau Spiessbürgerin zu dem Brummersumm verhält, das
steht auf einem ganz andern Blatte. Auf einem ganz besondern Blatte aber steht,
wie sich meine selige Mutter zu ihm verhielt. Erst in reifern Jahren natürlich
habe ich den Sachverhalt herausgekriegt durch wehmütig-fröhliche Rückerinnerung,
und da ist der Gesamteindruck ein höchst erfreulicher. Das brave Weib hatte sich
nicht nur mit dem Brummersumm abgefunden, sondern es ermahnte dann und wann
meinen Vater: »Du, es ist wohl Zeit für deinen Abendweg!« Und seltsamerweise
geschah dieses am häufigsten dann, wenn Sorge, Kummer und Verdruss unser Haus in
der Stadt umkrochen und böser Lebensdunst sich darüber und also zumeist über
ihrem teuren Haupte zusammengezogen hatte. Es gibt wohl nichts, was mehr für die
Frau und den Brummersumm spricht.
    Ich hatte auch an dem Abend, unter dessen Sternkonstellationen diese Blätter
sich auftaten, alle möglichen alten Erinnerungen von neuem aufgefrischt. Sie
hatten im Brummersumm gemeint, ich sei doch recht schweigsam aus dem
Kaffernlande auf Besuch nach Hause gekommen, und sie bedachten wie gewöhnlich
nicht, dass man den Mund halten und doch die lebendigste Unterhaltung mit einem,
mit mehreren, mit vielen führen kann. Dazu hatte ich wirklich das meiste
vernommen, was an diesem Abend um mich her gesprochen worden war, und ein im
Vorübergehen rasch und leicht hingesprochenes Gesprächstema hatte mich in der
Tat länger und eingehender beschäftigt und nachdenklicher bei sich festgehalten
als die andern um den alten Tisch herum.
    Es gehört nämlich jetzt einer von uns der Kaiserlichen Reichspost als
Beamter an, und der erzählte oder gab vielmehr beiläufig in die Unterhaltung
hinein:
    »Es wird vielleicht einige der Herren interessieren, dass man uns heute
angezeigt hat, dass Störzer tot ist. Unser ältester und weitgelaufenster
Landpostbote. Es sollte mich wundern, wenn einer hier unter uns wäre, dem er
nicht über den Weg gelaufen wäre.«
    »I, natürlich!« klang es im Kreise. »Der alte Störzer! Also der hat endlich
auch seinen Pilgerstab in den Winkel gestellt.«
    »Mit allen Ehren. Volle einunddreissig Jahre ist er gelaufen, und wir haben
uns unter dem ersten Eindruck der Nachricht drangemacht und haben es ihm
postamtlich nachgerechnet, welchen Weg er in seinem Dienste treu und redlich,
ohne einen einzigen Urlaubstag zu verlangen, zurückgelegt hat. Wie viele Male
glauben die Herren, dass er hätte rund um die Erde herumgewesen sein können?«
    »Da bin ich doch neugierig!« sagte der ganze Brummersumm.
    »Fünfmal. Rund um den Erdball. Siebenundzwanzigtausend und zweiundachtzig
Meilen in vierundfünfzigtausendeinhundertvierundsechzig Berufs-Gehstunden! Und,
wie gesagt, keinen Tag hat der Glückspilz in seinen einunddreissig Dienstjahren
ausgesetzt - aussetzen müssen aus Gesundheitsrücksichten. Wie viele der Herren
würden gegen seine Beine die ihrigen mit anhängendem Rheuma, mehr oder minder
ausgesprochener Ischias, und was sonst so zu den Beigaben einer sesshaften
Lebensstellung gehört, mit Vergnügen ausgetauscht haben! Ach, und wenn er sie
hätte vererben können!«
    »Das weiss der liebe Gott!« seufzten verschiedene der Herren, indem sie noch
einmal hinzufügten: »Also der alte Störzer ist tot!«
    »Also der alte Störzer ist tot!« hatte auch ich gemurmelt. »Hat sich zur
Ruhe gesetzt, nachdem er fünfmal die Weglänge um den Erdball zurückgelegt hat.
Hm, hm, den hättest du gern auch noch einmal gesehen und gesprochen vor seinem
allerletzten Wege, der nicht mehr zu seinen irdischen, amtlichen gehörte!« - Und
ein unbehagliches Gefühl, eine Pflicht und Verpflichtung leichtin versäumt zu
haben, überkam mich. »Musste der Mann es denn diesmal so eilig haben? Konnte er
es keinen Augenblick ruhig abwarten, bis du dich auch seiner erinnern würdest,
Eduard, um auch ihm seinen ihm zukommenden Freundschaftsbesuch bei diesem deinem
Besuch in der Heimat abzustatten?«
    »Du musst dich doch seiner vor uns allen gut erinnern, Eduard?« hatte vorhin
einer am Lebenstisch mich gefragt.
    »Jawohl, ich erinnere mich seiner sehr gut«, hatte ich geantwortet; und nun
sind die folgenden Blätter seinetwegen, Störzers wegen, mit geschrieben worden.
    »Jawohl, jawohl, wie gut ich mich seiner erinnere!« wiederholte ich mir,
eine halbe Stunde oder eine Stunde später, als ich im Wirtshause, in meinem
Absteigequartier in hiesiger Stadt, mit mir und den Heimatseindrücken des eben
abgelaufenen Tages allein war. Er, Störzer, gehörte freilich, zu meinen
allerbesten Jugendbekannten, und mein Vater war's gewesen, der mich mit ihm
bekannt gemacht und auf seinen Umgang hingewiesen hatte, indem er mir riet:
    »Sieh einmal, mein Junge, an dem nimm dir ein Beispiel. Der macht sich weder
aus dem Wege noch aus dem Wetter was. Und was alles trägt er täglich den Leuten
in seiner Ledertasche zu und macht dabei an dem einen wie an dem andern Tage das
gleiche Gesicht.«
    Der letztere Teil dieser Rede war mir damals wohl etwas dunkel geblieben;
heute weiss ich, dass mein seliger Papa vor dem Worte »Gesicht« wohl die
dazugehörigen Beiwörter »dumm, gleichgültig, stillvergnügt« unterschlagen hatte.
Aber welch ein richtiger Junge achtet nicht einen Menschen, der ihm als ein
Muster aufgestellt wird, weil er sich weder aus dem Wetter noch aus dem Wege
etwas macht?
    »Wo das Kind eigentlich wieder stecken mag?« pflegte in jenen glücklichen
Tagen meine arme selige Mutter zu fragen.
    Das Kind steckte bei Störzern, seiner Kunst, sämtlichen autochtonen und
auch einigen exotischen Vögeln nachzupfeifen, - flöten, - zirpen und -
schnarren, bei seiner »Kriegsbereitschaft« Anno achtzehnhundertfünfzig und bei
seiner - Geographie. Die Sache war doch ganz klar, so dunkel sie auch einem den
Deckel vom Suppennapf abhebenden und vergeblich um sich schauenden Muttergemüt
sein mochte. Beiläufig: dass wir ebenfalls zur Post (damals noch nicht
Kaiserlichen) gehörten und dass mein Vater in seinen letzten Lebensjahren sogar
Herr Postrat genannt wurde, trug wohl auch das Seinige zu dem angenehmen und
innigen Verhältnis zwischen mir und Störzer bei. Wir rechneten uns einander, wie
man das ausdrückt, zueinander; und auf meinen Wegen nicht um, sondern durch die
Welt habe ich niemals ein selten Postorn zu Ohr bekommen, ohne dabei an meinen
seligen Vater, meine selige Mutter und den Landbriefträger Störzer zu denken.
Übrigens bekam Störzer auch jedesmal eine Zigarre mit auf den Weg, wenn er dem
Vater und mir draussen vor der Stadt begegnete. Da war's wohl kein Wunder, wenn
er jedesmal, wo er mich allein traf, zu fragen pflegte:
    »Nu, Eduard, wie ist es? Willst du mit? Darfst du mit?« -
    Ich hätte ihm doch, wenn nicht zuerst, so doch unter den ersten meinen
Besuch machen sollen. Jetzt war es wieder einmal zu spät für etwas. Auch die
Kaiserliche Reichspostverwaltung hatte ihr Recht an ihm verloren, holte ihn sich
nicht mehr zu neuem Marsch durch gutes und böses Wetter vor Tage aus den Federn
oder besser von seinem Strohsack; und ich - ich sass bei meinem Freunde Sichert,
dem Wirt zu den Drei Königen, und gedachte seiner, wie man eines gedenkt, zu dem
man in seiner Kindheit aufgesehen hat und mit dem man Wege gegangen ist, aller
Phantasien, Wunder und Abenteuer der Welt voll.
    Man hat so Stunden, wo einem alles übrige Leben und alle sonstige
Lebendigkeit zu einem fernen Gesumm wird und man nur eine einzelne Stimme ganz
in der Nähe und ganz laut und genau vernimmt.
    »Damit ist es nun nichts, Eduard!« hörte ich Störzer ganz deutlich seufzen.
Er hatte mir aber, das heisst an dem Tage damals, ein Kuckucksei in einem
Grasmückenneste zeigen wollen, und es hatte sich gefunden, dass schon andere
Naturforscher vor uns dagewesen waren und dass der Kuckuck die ganze
naturhistorische Merkwürdigkeit aus dem Busch in dem alten Steinbruche, rechts
abseits der Landstrasse und des Postdienstweges, geholt hatte.
    Und wieder, von einem andern Tage her, höre ich diese Stimme:
    »Siehst du, Eduard, wenn ich heute deine Mutter gewesen wäre, so hätte ich
dich an diesem Morgen doch vielleicht nicht mit mir gehen lassen, und wenn es
auch hundertmal die grossen Ferien sind. Noch hält dies zwar jeder, der nichts
davon versteht, für einen recht schönen Tag; aber, aber, ich sage nichts, wie
ich die Gegend hier herum und die Wetteraussichten kenne. Mir wölkt es sich
trotz allem gegenwärtigen Sonnenschein dahinten und von so ganz herum, aber
grade aus unserer Wetterecke hinter Maiholzen, doch ein bisschen zu verdächtig
auf. Willst du lieber noch umkehren, Eduard, so tust du vielleicht deinen lieben
Eltern und deinem Anzug einen grossen Gefallen. Ich will nichts sagen, aber es
könnte doch eine Stunde kommen, wo sie dich am liebsten zu Hause wüssten.«
    Es ist nicht immer dieselbe Stimme. Es fällt noch eine andere ein, und das
ist die meinige, die sich aber noch lange nicht »gesetzt« hat und sich erst in
einigen Jahren »setzen« wird.
    »In Südamerika ist ein grosses Erdbeben gewesen, Störzer. Mein Vater hat es
heute früh beim Kaffee aus der Zeitung vorgelesen. Das hat viele Ortschaften
übereinandergeschmissen und darunter eine Stadt so gross wie unsere.
Donnerwetter, wer da hätte beisein können, Störzer!«
    »Hm, Eduard, das sagten Anno fünfzig auch viele von uns bei der grossen
Mobilmachung, wenn alte Leute, die dabeigewesen waren, von der Schlacht bei
Leipzig oder der Schlacht bei Waterloo und den Drangsalen auf den Märschen
erzählten. Nachher war's uns allen aber doch recht lieb, dass es diesmal zu
nichts Rechtem kam. Das grösste Grossmaul von uns hatte die Geschichte bloss nur
auf dem Exerzierplatz bald satt. Und selbst Karl Drönemann, den sie zu einem
reitenden Postillion bei der Kriegspost gemacht hatten, meinte: zu Hause davon
nachher zu erzählen, wiege es doch nicht auf, es vorher mit seinem eigenen
menschlichen Leben selber durchgemacht zu haben. Das ist wie mit den
Reisebeschreibungen. Nimm da nur unsern Levalljang, wie hübsch sich das liest,
weil er es so hübsch zu Hause beschrieben hat... Also in Südamerika ist das
grosse Erdbeben diesmal gewesen? Jaja, die Geographie ist doch die allerhöchste
Wissenschaft für uns alle von der Post! Wie viele sind wohl umgekommen, Eduard?«
    »Na, so an die Hunderttausend. Auf das genaueste kann man das wohl nicht
ausrechnen.«
    »Hm, ein paar tausend mehr oder weniger! Einer mehr oder weniger! Ja, einer
mehr oder weniger - weniger. Eduard, unser Herrgott muss es doch wohl
verantworten können. Ist das nicht auch deine Meinung?«
    »Das weiss ich nicht; aber ihre dortige Brief- und Paketbestellung muss das
höllisch in Unordnung bringen, sagt mein Vater, und da kommt doch sicherlich
vieles als unbestellbar zurück. Meinst du nicht auch, Störzer?«
    »Einer mehr oder weniger in der Welt.«
    »Kaufmann Katerfeld, der da einen reichen Bruder hat, wie meine Mutter
sagte, ist auch schon heute beim Kaffee beim Vater gewesen und hat danach
angefragt.«
    »I, sieh mal, Eduard! Auch einer mehr oder weniger! Ja, diesen auswärtigen
Katerfeld, er heisst mit Vornamen Sekkel, kenne ich noch ganz gut aus meinen
Jungensjahren. Das muss also in Chile gewesen sein, dein Erdbeben; denn dahin ist
der ausgewandert und hat's zum Millionär gebracht. Und das sollten wir alle tun.
Er ist unverheiratet geblieben, weil ihn hier eine gewisse nicht gewollt hat.
Das kannst du halten, wie du willst, Eduard, denn das ist doch die Nebensache.
Sieh, sieh, also der ist mit in das Erdbeben hineingeraten! Ja, da hätte ich in
Herrn Samuel Katerfelds Stelle mich auch gleich bei deinem Herrn Vater, dem
Herrn Postmeister, nach dem Nähern erkundigt. Aber - das verstehst du noch
nicht, Eduard. Also du willst auf gut und schlecht Wetter heute morgen wieder
mit. Nun, denn nimm den Weg unter die Füsse und lass uns von dem Levalljang
sprechen. Das ist doch unser Buch! Und der Welt- und Reisebeschreiber treibt
einem die trüben Grillen aus dem Kopf. Und so ein Leben wie der sollten wir alle
führen unter den wilden und zahmen Hottentotten. Ich habe wieder die halbe Nacht
in dem Buche studiert.«
    »Du hast heute eine schwere Tasche.«
    »Eine schwere Tasche! ... Ja, was schreiben die Leute! Allein die Rote
Schanze, der Bauer von der Roten Schanze! Wer mir im Amte von der Roten Schanze
und ihren Poststücken hülfe, Eduard, dem wollte ich auf den Knien für die
Erlösung danken. Es ist freilich heute bloss nur die Zeitung. Die trägst du mir
wohl wieder einmal über den Graben nach der Schanze hinüber. Nicht wahr, du tust
mir den Gefallen? Ich sortiere mir derweilen die übrigen Briefe und Gartenlauben
und Modenzeitungen an die Herren Ökonomen und Pastöre und Fabrikinspektoren ein
bisschen handgerechter diesseits des Grabens.«
    Was hätte ich damals nicht dem Landpostboten Störzer zu Gefallen getan?
    »Natürlich bringe ich deine Sachen zu Quakatz, Fritze, und wenn er auch noch
so sehr sein Sauerampfergesicht mir schneidet und seine wilde Katze mir am
liebsten in mein Gesicht springen möchte. Setze du dich dreist untern Baum vor
dem Graben und sortiere deine Geschichten. Ich springe schon hinüber zur Roten
Schanze und nehme sie mit Sturm, wie Stopfkuchen sie nehmen will. Damit werden
wir noch fertig, ehe dein Gewitter heraufkommt, Störzer!«
    »Je, so rasch kommt's hoffentlich nicht, Eduard.«
    Wir steigen nun, trotz aller schlimmen Wetterzeichen rundum am Horizont, in
der Morgensonne wacker zu.
    »Eine schwere Tasche!« hörte ich in meinem Absteigequartier zu den Heiligen
Drei Königen meinen harmlosen Jugendbekannten Störzer noch einmal stöhnen oder
vielmehr seufzen; aber wenn ich auch noch so sehr ein Herz und eine Seele mit
ihm war: was kümmerte mich die Korrespondenz der Bauern, der Gutsherrschaften,
der Fabrikleute, die er in der Tasche über Land trug? Dafür kroch, flog, lief,
schwirrte, leuchtete, flimmerte und glänzte doch allzuviel Wichtigeres sowohl an
der Landstrasse wie an den Beiwegen. Ja, wenn sich der Kuckuck, die Grasmücke,
der Igel, der Hase und diese übrige Gesellschaft, eingeschlossen die Sonne, der
Schatten, der Wind, der Regen, der Blitz und der Donner, auch auf schriftlichen
Verkehr untereinander durch Störzers Vermittelung eingelassen haben würden, dann
hätte es vielleicht noch wundervoller sein können. Aber es war auch so ganz gut,
wo der Roggen und der Weizen, die Kornblume und die Klatschrose rundum ohne
Dinte, Feder und Papier auskamen und sich ohne fortgeschrittene Bildung
innerhalb ihrer Isoteren und Isotermen freundschaftlich und geschäftlich
beieinanderzuhalten wussten.
    Isoteren! Isotermen! Wie diese gelehrten Worte zu den lieben Namen, den
Heimatsnamen von allem, was »auf dem Felde« (»Sehet die Lilien« und so weiter)
wächst, passten, so passten sie auch zu unserer - übrigen Erdkunde (Geographie)
damals. Und doch, was für wundervolle Geographen, Erdkundige, Erdbeschreiber wir
damals waren, Störzer und ich! Wir wären die rechten Leute damals für den alten
freundlichen und gelehrten Karl Ritter gewesen, wenn er seine Landschaftsbilder
auf die grosse schwarze Tafel hinter seinem Kateder in Berlin malte.
    Und wie weit man um diese Lebenszeit auf den paar Stunden Weges von einem
Dorf, Pastorhaus und Gutshof zum andern in die weite unermessliche Welt
hinauskam!
    Zu Hause, in Neuteutoburg, weiss ich nur zu gut, dass die Welt oder in diesem
Falle der Erdball durchaus nicht unabmesslich ist, sondern dass dieser im Äter
schwimmende Kloss gar nicht so dick ist, wie er sich einbildet. Aber wenn ich
wenigstens bis zu den Kaffern und Buren und zu einem anständigen Vermögen
gekommen bin: wem anders verdanke ich das als dem Landbriefträger Friedrich
Störzer und seinem Lieblingsbuch, Levaillants »Reisen in das Innere von Afrika«,
aus dem Französischen übersetzt und mit Anmerkungen von Johann Reinhold Forster?
    Wie deutlich ich in den Heiligen Drei Königen die Stimme höre: »Die
Geographie, die Geographie, Eduard! Und so ein Mann wie dieser Levalljang! Was
wäre und wo bliebe unsereiner ohne die Geographie und solch ein Muster von
Menschen und Reisenden? Nimm nur mal an, so Tag für Tag, jahrein, jahraus die
nämlichen Wege. Jedes Dorf wie deine Tasche. In jedem Hause, von der ältesten
Grossmutter bis zum eben ausgebrochenen jüngsten Wurm, alles wie deine eigenen
Leute in deinem eigenen Hause! Und aus jedwedem Hause der Ruf: Da kommt Störzer!
Und in jedem Hause: Störzer hat die Zeitung gebracht, Störzer bringt 'n Brief! -
Könntest du das auf Lebenszeit und immer auf denselben Wegen aushalten, Eduard,
ohne deine Gedanken und Einbildungskraft und Phantasien und Lektüre, Eduard?
Müsste dir das nicht auch auf die Länge langweilig werden ohne die Geographie?«
    »Ne, Störzer! Denn wir haben sie auf dem Gymnasium, und da haben sie mich
gestern erst ihretwegen eine Stunde länger in der Schule behalten. Bitynien,
Paphlagonien und Pontus wusste ich: aber ich sollte alle alten Staaten von
Kleinasien wissen.«
    »Das tut mir deinetwegen ja sehr leid, Eduard, aber mir hättest du doch
einen Gefallen getan, wenn du sie beim Nachsitzen noch auswendig gelernt
hättest, wenn auch bloss für mich.«
    »Für dich, Fritze? Nun denn: Mysia, Lydia, Karia, Lycia, Pisidia, Phrygia,
Galatia, Lykaonia, Cilicia, Kappadocia, Armenia minor, das sind sie alle; denn
Bitynien, Paphlagonien und Pontus habe ich dir schon genannt.«
    »Donnerwetter, Eduard, das ist ja grade, als ob du uns Deutsche in allen
unsern Unterabteilungen aufzähltest! Es klingt bloss 'n bisschen hübscher und
ausländischer. Nun sieh mal, was für ein Vergnügen muss das für dich sein, dass du
dieses alles so an der Schnur hersagen kannst und dir dabei was denken kannst,
hier auf der Landstrasse mit der ganzen altbekannten Umgebung rundherum und da -
hier - der Roten Schanze vor der Nase.«
    »Campes Reisebeschreibungen sind mir lieber. Und du bist mir auch lieber,
Störzer. Mysien, Lydien, Karien, bringe du das da unten in dem dumpfigen
Schulstall mal in deinen Kopf und sehne dich mal nicht nach dem Levaillant
seinem Afrika und seinen Hottentotten, Giraffen, Löwen und Elefanten.
Stopfkuchen haben sie auch mit mir eine Stunde über den Unsinn dabehalten. Der
frägt aber nichts nach Afrika. Dem seine tägliche Sehnsucht ist dort die Rote
Schanze; na, das weisst du ja.«
    »Das weiss ich freilich, und es ist närrisch genug von dem Dicken - deinem
närrischen Kameraden. Weisst du, Eduard, wenn ich mir aus der Weltkunde ein
Faultier vorstelle, so muss ich mir dabei immer diesen deinen Freund und
Schulkameraden mit vorstellen. Der und die Rote Schanze!«
Die Rote Schanze! Ich hatte doch allmählich ein wenig in all diese Erinnerungen,
in diesen Wechsel von Stimmen und Gestalten hineingegähnt und das Bedürfnis
gefühlt, nun auch Störzern seiner ewigen Ruhe zu überlassen und selber für diese
Nacht zur Ruhe zu gehen, als mich dieser Name doch noch eine Weile wach und bei
meinem Jugendleben lebendigst festielt. Die Rote Schanze!
    Es überkam mich ein lachendes Behagen über die Rote Schanze in ihrer
Verbindung mit dem Dicksten, dem Faulsten, dem Gefrässigsten unter uns von
damals.
    »Im Bette habe ich sie am festesten am Wickel, Eduard«, pflegte Stopfkuchen
zu sagen. »Wenn ich mal träume, dann träume ich von ihr, und wer dann Herr auf
ihr ist und keinen Schulrat, Oberlehrer und Kollaborator über den Graben lässt,
das ist nicht der Bauer Quakatz, sondern das bin ich. Ich, sage ich dir,
Eduard.«
    Und in den Traum nahm auch ich sie, die Rote Schanze, mit hinein in dieser
Nacht in den Heiligen Drei Königen der Heimatstadt. In diesem Traume sah ich ihn
noch einmal in meinem Leben so traumhaft aller Wunder voll, wie ich ihn von der
Oberquarta und Untertertia aus gesehen hatte, diesen Bauerhof - diese Rote
Schanze, diesen alten, herrlichen Kriegs-und Belagerungs- Aufwurf des Prinzen
Xaverius von Sachsen, den Hof des Bauern Andreas Quakatz, aus welchem der
kursächsische Herr Prinz in den sechziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts
nicht nur die Stadt da unten, sondern auch die hohe Schule, unser Gymnasium,
darin so gründlich beschossen hatte, dass sie beide sich ihm sofort übergeben
mussten, obgleich er wahrlich nicht der erste und grösste Held des Siebenjährigen
Krieges war. Der Siebenjährige Krieg war ein paar Jahre länger vorüber als meine
und Stopfkuchens Kindheit; aber die Rote Schanze war noch immer vorhanden in
diesem Traume, wie sie unser Jungensideal gewesen war.
    Da stieg sie auf im wohlerhaltenen Viereck. Nur durch einen Dammweg über den
tiefen Graben mit der übrigen Welt in Verbindung! Mit allem, was sie der
Knabenphantasie zu einem Entzücken und Geheimnis gemacht hatte: mit den Kanonen
und Mörsern des Prinzen Xaver und mit der undurchdringlichen Dornenhecke, die
der böse Bauer Andreas Quakatz auf ihrer Höhe um sich, sein Tinchen, sein Haus,
seine Ställe und Scheunen und alles, was sonst sein war, zum Abschluss gegen die
schlimme Welt gezogen hatte!
    Ich höre ein dumpfes Rollen und Krachen in meinen Traum von der Roten
Schanze hinein; aber es ist nicht der kursächsische Kanonendonner gegen den
König Fritz von Preussen: es ist das Gewitter, bei dem Störzer sagt:
    »Es kommt doch noch rascher über uns, als ich mir dachte. Da, Eduard, nun tu
mir den Gefallen und lauf zu dem Adressaten Quakatz mit seinen Sachen hinüber.
Da, seine Zeitung; - hier auch ein, zwei, drei Briefe. Was der Mann eine
Schreiberei um sich hat! Ach, Eduard, und immer ein paar mit den
Gerichtssiegeln! Da - das Kind, sein Tinchen kuckt schon um den Torpfeiler! Gib
sie ihm ab, die Sachen; ich sortiere hier unter der Hainbuche derweil das
übrige, ehe das Unwetter ganz da ist.«
    »Was willst du von uns, dummer Junge?« höre ich nun ein feines Stimmchen,
das gar böse tut, und zwar inmitten des Gekläffs von einem halben Dutzend vor
Wut und Gift ausser sich geratener Haus- und Hofköter aller Sorten und Gattungen.
Und sie lassen es nicht bei dem Blaffen und Zähnegefletsch. Sie fahren mir nach
der Hose und springen mir gegen die Kehle: man hätte das vollste Recht, dabei
aus jedem Traume selbst als älterer Herr und südafrikanischer Buer mit einem
hellen Schrei zu erwachen.
    Ich bleibe aber doch darin, auf dem Damm, vor den beiden Torpfeilern vom
Quakatzenhof auf der Roten Schanze, und die Kinderstimme kreischt lachend und
höhnisch: »Lasst ihn! Wollt ihr herein! Das ganze Gerichte! Präsendent, Akzesser,
Reffrendar! Kusch alle, kusch Geschworener Vahldiek, kusch Meyer, kusch
Braunsberg, kusch das ganze Geschworenengerichte!«
    »Da sind eure Postsachen, eure Schreibsachen und die Zeitung, du Giftkatze!«
rufe ich, der rotköpfigen Krabbe des Bauern von der Roten Schanze die
Korrespondenz des Bauern in die aufgehaltene Schürze werfend und von dem
ungastlichen Anwesen über den Fahrdamm auf das freie Feld und zu der Hainbuche
und zu Störzer zurückweichend.
    »Komm, Eduard«, sagt Störzer, »wir wollen den Weg zwischen die Beine nehmen,
dass wir wenigstens Maiholzen noch trocken abreichen. Da, sieh mal hin, wie es
dahinten schon giesst. Das ist nun so 'n schöner Sommertag. Na, gottlob, dass wir
wenigstens die Rote Schanze und Quakatz hinter uns haben.«
Nun war es seltsam, wie sich in dieser Nacht in den Heiligen Drei Königen
Vergangenheit und Gegenwart im Bett, Schlaf, Traum und Halbtraum vermischten. Es
rauschte und rollte wie grosser Platzregen und schwerer Donner: ich lag im Bett
in den Heiligen Drei Königen als Gatte, Vater, Grundbesitzer und grosser
Schafzüchter am Oranjefluss und lief zu gleicher Zeit mit dem Landbriefträger
Störzer als zwölfjähriger Schuljunge im strömenden Gewitterschauer, unter Blitz
und Donner über das freie Feld, um Maiholzen, das gute Dorf hinter der Roten
Schanze, zu erreichen - wenn nicht mit trockenen Kleidern, so doch wenigstens
bei lebendigem Leibe.
    Erst als der Kellner mit dem Rasierwasser kam, erfuhr ich, dass es wirklich
gegen Morgen noch ein heftiges Gewitter gegeben habe, und es war wirklich nichts
dagegen zu sagen, dass der junge Mann den höflichen Wunsch äusserte, ich möge »die
Sache angenehm verschlafen haben«.
    Das wirkliche Gewitter der Nacht hatte ich angenehm verschlafen, oder sein
Getöse hatte sich doch so sehr mit dem Rollen und Rauschen der Vergangenheit
vermischt, dass ein Unterscheiden von Traum und Wahrheit nicht möglich war. Nun
aber hatte ich, ehe der Kellner anklopfte, längere Zeit auf etwas anderes
horchen müssen, was ebenfalls in Traumbeschreibungen häufig literarisch
vorkommt: die Turmglocken der Heimatstadt. Ich hatte es sechs schlagen hören und
halb sieben und sieben. Und dabei, grade bei diesem angenehmsten wachen Liegen
und Dehnen und Strecken im Bette und dem Glockenklang dieser Stunden, war mir
ein anderes von neuem lebendig in der Seele geworden - süss und schauerig
lebendig! Die Stunde nämlich, in welcher man in der Schule zu sein hatte - im
Sommer um sieben, im Winter um acht und, von mir ganz abgesehen, Stopfkuchen
schändlicherweise auch! Stopfkuchen! Er, den »der ganze Quark gar nichts anging,
wenigstens ein beträchtliches weniger als den ganzen übrigen Cötus zusammen«.
    Er fragte wahrhaftig gar nichts danach, was »die Leute« (er meinte die
Herren Lehrer) wussten und lächerrlicherweise ihm mitzuteilen wünschten. Er war
ganz gut so, wie er war, und kurz und gut, es war eine Niederträchtigkeit, im
Sommer um sieben und im Winter um acht »dasein« zu müssen, um sich doch nur mit
völliger Verachtung strafen zu lassen, da »alles andere doch nichts half«.
    Stopfkuchen! Wahrlich nicht der Kirchenglocken wegen (obgleich er auch den
Versuch gemacht hatte, Teologie zu studieren), sondern einzig und allein der
Turmuhr halber stieg er mir nun so hell wie Störzer in der Seele empor, mein
Freund Stopfkuchen, mein anderer Kindheits-, Feld-, Wald- und Wiesenfreund
Stopfkuchen, den ich nur dann seinen Schritt etwas beschleunigen sah, wenn ihn
der alte Konrektor mit der Haselnussgerte im Kreise nicht um die Welt, sondern um
die schwarze Schultafel und die ungelöste matematische Aufgabe jagte.
    Ja, zu unserer Zeit kriegte man noch die Prügel, die einem gebührten... Gott
sei Dank! - »Stopfkuchen« nannten wir ihn auf der Schule. Eigentlich hiess er
Heinrich Schaumann und war das einzige Kind so dürrer, eingeschrumpfelter,
zaunkönighaft-nervös-lebendiger Eltern, dass die in der Stadt nicht unrecht zu
haben schienen, die da behaupteten, er habe in einem Kuckucksei gelegen und sei
schändlich doloser Weise dem Herrn Registrator und der Frau Registratorin
Schaumann ins Nest geschoben worden. Wie dem auch sein mochte: sie hatten ihn
herangefüttert und ihm zu-und in den Schnabel getragen, was sie vermochten; und
es war ihm gediehen.
    Und wie ein Zaunkönigspaar seine Freude und seinen Stolz an seinem dicken
Nestling hat, so hatten auch Vater und Mutter Schaumann ihren Stolz und ihre
Freude an ihrem »Dicken« und wollten selbstverständlich auch noch nach einer
andern Dimension hin etwas aus ihm machen, nämlich etwas Grosses. Natürlich einen
Pastor, Regierungsrat, Sanitätsrat oder dergleichen.
    »Die Sache könnte mir schon passen, Eduard«, sagte Heinrich damals häufig zu
mir. »Wenn nur nicht die verdammten Vorstrapazen wären, das schauderhafte Latein
und gar Griechisch und nachher, um einen verrückt zu machen, das Hebräische!«
seufzte er dazu und rieb sich nicht selten die Schultern dabei.
    »Und die Rote Schanze, Heinrich.«
    »Die auch, Eduard, obgleich das nur eine Dummheit von euch andern ist. Na,
mir ist's übrigens eins, was ihr Esel von mir sagt und denkt! Und dann lässt sich
das auch gar nicht in einem Atem nennen, das Gymnasium und Quakatzen seine Rote
Schanze. Herr du mein Gott, wenn mich einer zum Bauer auf der Roten Schanze
machen wollte, ich hinge jedes Pastorhaus in der Welt drum an den Nagel und
schlüge Kienbaum mit Vergnügen dreimal tot!«
    »Aber Stopfkuchen?«
    »Jawohl, Stopfkuchen! Nennt mich nur so; ich mache mir auch daraus nichts.
Wenn ich Kuchen kriege, so stopfe ich; darauf könnt ihr euch verlassen. Und
nochmals, was Quakatzen anbetrifft, so mache ich mir gar nichts draus, was die
ganze Welt über ihn spricht. Meinswegen kann er Kienbaum sechsmal totgeschlagen
haben; darum bleibt er doch der Bauer auf der Roten Schanze und hat's am besten
in der ganzen Welt. Und übrigens, bewiesen ist ihm ja von keinem Gerichte was,
und wenn jetzt die ganze Welt auf ihn hetzt, beweist das gar nichts gegen ihn.
Auf mich hetzt auch die ganze Welt, und wenn ihr morgen Blechhammern, euern
Herrn Oberlehrer Doktor Blechhammer, irgendwo am Wege abgegurgelt fändet, dann
könntet ihr dreist auch mir die Geschichte in die Schuh schieben und behaupten,
ich sei's gewesen und habe mir endlich das Vergnügen gegönnt und meine Rache
ausgeübt. Quakatz auf der Roten Schanze hat ganz recht, wenn er am liebsten
seinen Wall vom Prinzen Xaver her auch lieber mit Kanonen als bloss mit seinen
Dornbüschen bespicken möchte gegen die ganze Welt, die ganze Menschheit. Hu,
wenn ich mal von der Roten Schanze aus drunterpfeffern dürfte - unter die ganze
Menschheit nämlich, und nachher noch die Hunde loslassen! Du weisst es, Eduard,
und kannst es bezeugen, wie reif ich diesmal wenigstens war. Und sie haben mich
doch wieder sitzenlassen und nicht mitgenommen in die Obertertia! Da komme du
mal nach Hause und habe Freude an deinen Eltern und sonst am Leben. Ne, da soll
man wohl zum Eremiten werden und sich hinter seine Kanonen zurückziehen. Da
hilft mir nichts als wie die Rote Schanze und die Idee, dass ich ihr Herr wäre!
Du läufst mit Störzern, Eduard, und ich liege vor der Roten Schanze - jeder nach
seinem Geschmack -, und ich denke mich, mit der ganzen Welt und Schule hinter
mir, in sie hinein, und wie mir da das Rindvieh Blechhammer kommen könnte. Hier
- sieh mal her, Eduard! Dass mich Tinchen Quakatz gestern hier in die Hand
gebissen hat, die bissige Katze, das passt mir ganz. Da soll wohl einer nicht
beissen, wenn ihm keiner seine Ruhe lassen will? Übrigens hat die Kröte die
Maulschelle, die ich ihr darauf versetzt habe, auch gespürt; und als der Alte
dazugekommen ist, hat er jedem von uns recht geben müssen. Spuckt euer Gift aus,
hat er gesagt. Es ist besser, als es in sich hineinzufressen, hat er gesagt. Und
wenn einer weiss, wie recht er da gehabt hat, so bin ich das. Auf der untersten
Bank zu sitzen und zu all Blechhammers Redensarten keinen Muck sagen zu dürfen,
das ist zehntausendmal schlimmer, als Kienbaum nicht totgeschlagen zu haben und
doch dafür angesehen zu werden. Ja, sieh mich nur so drauf an, Eduard. Du bist
auch so einer von denen, die sich stündlich gratulieren, dass sie nicht der
Mörderbauer von der Roten Schanze oder Heinrich Schaumann sind.«
    »Da verkennst du mich aber riesig, Heinrich.«
    »Gar nicht, Eduard; ich kenne euch nur. - Alle kenne ich euch, in- und
auswendig.«
Ich hatte mich rasiert. Nämlich ich rasiere mich selber: da drunten oder da
hinten im Kaffernlande könnte man lange auf den Barbier warten, und wenn er
einen Vogel Strauss bestiege, um mit seinem Handwerkszeug eiligst von einem Kral
zum andern, von einem Bauernhof zum andern zu reiten und die Kundschaft zu
bedienen. Die Sonne stand hell am Himmel und schien mir auf den Kaffeetisch. Ich
durfte meinem Wirtshausbett in den Heiligen Drei Königen das Kompliment machen,
dass ich trotz allem einen ausgezeichnet guten Schlaf in ihm getan hatte,
einerlei, wie es zehntausend andern vor mir darin ergangen sein mochte.
    Es war ein schöner Morgen heraufgekommen mit Hülfe des Nachtgewitters. So
frisch und licht und leicht in seinem Anfang, dass man die Aussicht auf einen
neuen heissen Tag wohl mit in den Kauf nehmen konnte.
    »Also der alte Störzer ist tot?« seufzte ich behaglich-wehmütig über dem
Kaffeetisch und der neuesten Zeitung, die mir der Kellner mit den Worten
gebracht hatte: »Unser Herr schickt sie dem Herrn zuerst, weil er meint, sie
interessiere ihn wohl zuerst im Hause, da - Sie so weit aus der Fremde nach
Hause kämen. Es hätte diesmal Zeit damit, bis sie in das Gastzimmer zu den
übrigen Herren herunterkäme.«
    In diesem Worte des jungen höflichen Menschen kam auch wieder ein Stück
Bekanntschaft aus alter Zeit zum Vorschein. Es war sehr freundlich von mine host
in den Heiligen Drei Königen; aber diesmal verlangte mich nicht grade allzusehr
danach, das Neueste vom Weltgericht, nämlich von der Weltgeschichte vor die Nase
zu bekommen. Ich schob das Tageblatt sehr bald zurück und dachte nochmals:
    Der alte Störzer tot! Schade! Den hast du nun also schon durch eigene Schuld
versäumt, Eduard. Also nun heute unter allen Umständen nach der Roten Schanze zu
- Stopfkuchen! ... Wie dies alles doch so wieder aufwacht und auflebt, ohne dass
man für seine Person weiter etwas dazu tut, als dass man hinhorcht und hinsieht!
Stopfkuchen! Was war mir vor vierzehn Tagen noch viel übriggeblieben von
Stopfkuchen - meinem alten närrischen Freunde Heinrich Schaumann, dem guten, dem
lieben, dem faulen, dem dicken, dem braven Freunde Heinrich Schaumann, genannt
Stopfkuchen?
    Und nun hatte ich ihn plötzlich wieder ganz! Gerade, wie ich den eben
gestorbenen Störzer wieder ganz hatte. Und es wäre sehr unrecht von mir gewesen,
wenn ich dem erstern nicht sofort einen Besuch gemacht hätte - jetzt, da es noch
Zeit war. Ich hatte es doch eben wieder an dem letztern erfahren, wie bald man
so einen letzten günstigen Augenblick versäumen kann.
    Ja freilich, als wir von Schulen liefen, hätte er, Heinrich, zehntausendmal
leben und sterben können, ohne dass ich, eigenen Lebens und Sterbens wegen, einen
kürzesten Augenblick Zeit für ihn übrig gehabt hätte.
    Wir kamen eben voneinander um die Zeit, wo man am allerwenigsten Zeit
füreinander hat. Die heutige Leichtigkeit der Korrespondenz tut da gar nichts
zu; denn - wer schreibt heute in der Postkartenperiode noch Briefe?
    Ich sehe die ganze zweite Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts und ein gut
Drittel des neunzehnten den Kopf schütteln und denke an meinem Frühstückstische
im Gastause der Heimatstadt. Wenigstens einmal hättet ihr euch doch schreiben
können - du und dein Freund Heinrich.
    Na, alles in allem genommen und dazu ehrlich gesprochen: was man so nennt,
zärtlich hatten wir uns auch im persönlichen Verkehr gegeneinander nicht
gehalten. Aber was man, und vorzüglich in jener Lebensepoche, gute
Schulkameraden nennt, das waren wir doch gewesen, Stopfkuchen und ich. Wer von
uns beiden dem andern dann und wann die meisten Haare ausgerauft, die blauesten
Beulen und dickgeschwollensten Augen beigebracht hatte, das mochte heute
dahingestellt bleiben. Es kam jetzt darauf an, was die Zeit aus dem dicken,
guten Jungen gemacht hatte, ob er sich sehr verändert hatte und ob er infolge
dieser Veränderung imstande war, jetzt ebenfalls wie seinerzeit der Bauer
Quakatz der ganzen Welt und also auch mir die Pforte der Roten Schanze vor der
Nase zuzuschlagen, oder ob er nach der gewöhnlichen, verlegen-ratlosen Frage:
»Mit wem habe ich die Ehre?« mir beide Hände entgegenstrecken und mit halbwegs
dem alten Schulton sagen werde: »Hurrjeses, du bist's, Eduard? Nu, das ist aber
schön, dass du dich meiner noch erinnerst!«
    In Anbetracht, dass er »weit draussen im Felde« wohnte, hielt ich es nicht für
notwendig, die durch Sitte und Gewohnheit festgesetzten gross-, mittel- und
kleinstädtischen Besuchsstunden innezuhalten, und war gegen neun Uhr morgens auf
dem Wege zu ihm.
Ein wirklich feiner Morgen. In der Stadt hatte die Polizei sich löblichst dafür
an die Laden gelegt, dass die Gassen sauber gekehrt worden waren, und draussen im
Freien, im »Felde«, hatte Mutter Natur dafür gesorgt, dass sich alles hübsch
gewaschen hatte. Ja sie hatte es selber besorgt mit Seife und Schwamm, mit
Donner und Blitz; und wie frischgewaschenen Kindern hingen Baum, Busch, Gras und
Blume noch die Tränen ob der Operation an den Wimpern, und manchem sah man es
auch recht gut an, wie es sich mit Strampeln und Zappeln gewehrt hatte. Aber
einerlei, überstanden war's noch mal, und hübsch war's doch jetzt so. Die Welt
glänzte, und dass ein frisch wohlig Wehen darüber hinfuhr, machte den Morgen auch
nicht verdriesslicher; - drunten im jungfräulichen Kaffernlande bei den
Betschuanen und Buren konnte nach einem Nachtgewitter die Landschaft nicht
jugendlicher aussehen als wie hier im alten, durch das Bedürfnis ungezählter
Jahrtausende abgebrauchten, ausgenutzten Europa.
    »Und alles noch ganz so wie zu deiner Zeit, Eduard!« seufzte ich mit
wehmütiger Befriedigung. - Dem war aber doch nicht vollständig so.
    Da war zum Beispiel bei näherer Betrachtung früher rechts vom Wege, der nach
der Roten Schanze führt, ein ungefähr vier bis fünf Ar grosser Teich oder
eigentlich Sumpf; - der war nicht mehr da.
    Früher aller geheimnisvoll wimmelnden Wunder voll, hatte man ihn jetzt zu
einem Stücke mehr oder weniger fruchtbaren Kartoffellandes gemacht, und so
nützlich das auch sein mochte, schöner war's doch früher gewesen und
»erziehlicher« auch. Der Lurkenteich hatte das volle Recht dazu, zu verlangen,
dass ich mich mit Verwunderung nach ihm umsehe und nachher schmerzlich ihn
vermisse. Solch ein guter Bekannter, ja vertrauter Freund, so voll von Kalmus,
Schilfrohr, Kolben, Fröschen, Schnecken, Wasserkäfern, so überschwirrt von
Wasserjungfern, so überflattert von Schmetterlingen, so weidenumkränzt und so -
wohlriechend. Ja, wohlriechend, ja süss anheimelnd übelduftend, vorzüglich an
heissen Sommertagen und wenn man uns in der nachmittäglichen
Naturgeschichtsstunde gesagt hatte:
    »Im Lurkenteich findet man alles, was zur heutigen Lektion gehört, in
seltener Vollständigkeit.«
    »Weiss Gott, sie hätten ihn lassen können, wo er war. Sie hätten ihn lassen
sollen, wie er war«, murrte ich auf meinem diesmaligen Wege zur Roten Schanze.
»Auf die paar Säcke voll Feldfrüchte für ihr Vieh oder sich selber brauchte es
ihnen doch nicht anzukommen!«
    Es war ihnen aber doch darauf angekommen, und so war heute denn nichts mehr
dagegen zu machen, und ich hatte mich einfach in den Verlust zu fügen. Da ich es
nicht wusste, was ging es mich an, dass die »Melioration« einen langjährigen,
durch alle Instanzen ausgefochtenen Prozess bedeutete und das irdische Behagen
von drei oder vier städtischen Gemüsegärtnerfamilien gekostet hatte?
    Da war ein anderer Prozess, der schon von meinen frühern Jugenderinnerungen
her eine ganz andere Bedeutung hatte: der böse Fall Quakatz in Sachen Kienbaum.
    Je weiter ich auf dem engen, hübschen Feldwege zwischen den wogenden,
morgensonnebeglänzten, feuchtfrischen, der Ernte zureifenden Kornfeldern der
Roten Schanze zu wanderte, desto deutlicher kam mir die jetzt so völlig
verhallte Aufregung von Stadt und Land meiner Jugendzeit über den Mord an
Kienbaum in das Gedächtnis zurück. Mit immer neuen Einzelheiten eine immer
interessanter als die andere!
    Dreimal hatten sie den damaligen Herrn der Roten Schanze, den Bauer Andreas
Quakatz, gefänglich eingezogen, weil sich neue »Indizien« in Sachen Kienbaum
ergehen hatten. Und dreimal hatten sie ihn wieder ungeköpft loslassen müssen,
den Bauer Quakatz, weil diese neuen Anzeichen und Vermutungsgründe sich doch
abermals als das auswiesen, was sie waren, nämlich mehr oder weniger
leichtfertige und einige Male auch heimtückisch und boshaft aufgebrachte
Verdachtserregungen.
    »Ja, Eduard, wer erschlug den Hahn Gockel?« fragte Heinrich Schaumann,
genannt Stopfkuchen, trübselig, kopfschüttelnd und sich hinter den etwas sehr
abstehenden Ohren kratzend, als ich mit ihm zum letztenmal nach unserm Abgang
von der Schule auf der Höhe des Weges stand, von wo aus man das Kriegswerk des
Comte de Lusace, des Prinzen Xaver von Sachsen zuerst - auch heute noch -
vollständig in seiner ganzen Wohlerhaltenheit vor Augen hat. Es ist dieselbe
Höhe, auf welcher ich im nächtlichen Halb-und Ganztraum anhielt zum
Briefsortieren unter der alten Hainbuche gegenüber dem Dammwege, der - heute
auch noch - über den Graben zu dem Eingangstore von Quakatzenhof führt.
    Die Hainbuche hatte ich nun zu vermissen. Auch sie war wie der Lurkenteich
der Melioration, der Feldverbesserung, zum Opfer gefallen. Sie hatte
wahrscheinlich für das Bedürfnis der hungerigen Gegenwart zuviel Schatten über
das Ackerland geworfen oder zu sehr ihre Wurzeln im Grund und Boden
ausgebreitet. Doch, gottlob, die Rote Schanze war noch vorhanden wie sie,
freilich wahrhaftig damals nicht zur Melioration der Gegend, im Jahre
siebenzehnhunderteinundsechzig aus dem Grund und Boden vom alten grimmigen
Maulwurf Krieg aufgeworfen worden war. Und ich stand ihr nun wieder gegenüber
und dachte zurück an uns zwei: Heinrich Schaumann, genannt Stopfkuchen, und
mich, und an das, was Stopfkuchen damals aus dem frischesten Miterleben heraus
über den Fall Kienbaum contra Quakatz oder Quakatz contra Kienbaum und, was mehr
oder weniger damit zusammenhing, über Tinchen Quakatz zu bemerken hatte.
    Wie ein angehender Beflissener der Gottesgelehrteit sah er nicht aus; denn
bei den jungen Herren pflegt die Wohlbeleibteit, die er, Stopfkuchen, schon
damals aufzuweisen hatte, erst später zu kommen, wenn sie auf nahrhafter Pfarre
am eigenen Tische nachholen, was sie am Freitische seinerzeit versäumt haben.
Aber er war gut, herzensgut. Er versuchte es wenigstens, seinen Eltern zuliebe
sich in das gedeihlichste Amt der Erde hineinzu-hungern. »Was tut man nicht
einer nicht nur verbohrten, sondern auch verweinten Mama und einem wahrhaft
wütend auf das nächstliegende beste Brotstudium für den Herrn Sohn erpichten
Alten gegenüber? Man will doch dem Greisenpaar nicht die schönsten Hoffnungen
knicken. Und etwas wünschen die beiden guten Leute doch auch dafür zu haben, dass
sie einen in diese Welt voll abgenagter Knochen, trockner Brotrinden und höchst
gesunden, klaren, erquickenden und vor allem billigen Brunnenwassers
hineingesetzt haben, Eduard!«
    Eben von mir niedergeschriebene und von einem treuen, herzlichen, kindlichen
Gemüte zeugende Eräusserungen sind selbstverständlich auch eine Erinnerung. Er
tröstete sich nur Von der Sekunda bis zum Abiturientenexamen recht häufig damit.
Aber damals - an jenem Tage des Abschiednehmens, wenn nicht von der Jugendzeit,
so doch von der Kinderzeit, an jenem Tage, wo wir beiden, ich und er, für lange,
lange Zeit zum letzten Male unter Störzers Hainbuche vor der Roten Schanze
standen, sagte er ganz was anderes; er sagte:
    »Da ist sie! Mitten unter ihrem Kriegsvolk. Nun höre und sieh nur die Hunde,
wie sie hier herüberblaffen und uns die Zähne zeigen! Famose Köter! Wenn ich an
irgend etwas im Leben meine Freude habe, so sind sie es. Nu guck nur, wie gut
sie die Parole gefasst haben und wie sie es verstehen, alles unnötige Pack vom
Tinchen Quakatz und von der Roten Schanze abzuwehren. Sag selber: hätte der
lächerliche Musjeh in französischen Diensten, der Herr Graf von der Lausitz, der
Herr Prinz Xaver von Kursachsen, den Wall da drüben besser spicken können als
der Bauer Quakatz?«
    »Nu ja, Heinrich, es passt eins zum andern: Haus, Hof und Graben - Vater,
Tochter und Wachtmannschaft.«
    »Das tut's. Gottlob! Und nun will ich dir noch etwas sagen, Eduard, wenn du
es mir nicht übelnehmen willst. Nämlich jetzt wär's mir doch lieber, wenn du
dich auf dem Wege hierher mir nicht aufgehängt hättest. Den Damon und Pytias,
den David und Jonatan, und wie die Musterfreunde sonst noch heissen mögen,
hätten wir bei anderer Gelegenheit, auf einem andern Spazierpfade in
entgegengesetzter Richtung von der Stadt und der Roten Schanze vor unserer
demnächstigen Trennung spielen können. Aber da du ein guter Kerl und wirklich
mein Freund bist, so bleib meinswegen, da ich es nicht ändern kann. Aber die
Liebe tust du mir und lösest dich möglichst in Luft und unverbrüchliches
Schweigen auf, und nachher, drunten in der Stadt, machst du mich in der übrigen
Bekanntschaft nicht lächerlicher, als es unbedingt nötig ist. Die Rote Schanze
hat es mir nun einmal angetan, und das arme Mädchen darüber unter seiner
Hundebande kann auch nichts dafür, wenn es mich gleichfalls zu einem Narren
gemacht hat. Es ist eben so geschrieben, und ich habe einfach das Schicksal in
mich hineinzufressen. Guten Tag, Fräulein Valentine!«
    »Guten Tag, Herr Schaumann.«
    Sie sah, wie sie mit untergeschlagenen Armen am Torpfeiler lehnte, nicht
danach aus, als ob es in Wahrheit ihr Ernst damit sei, jemandem in der Welt
einen guten Tag zu bieten. Man blickte unwillkürlich danach um, ob nicht eine
geladene Büchsflinte neben ihr am Eingang der Schanze lehne oder ob sie nicht
ein scharfes spitzes Messer in der rechten Faust unter der linken Achsel
verborgen und zum schnellen Gebrauch bereitalte. Auch so was wie von einer
wilden Katze hatte sie an sich, die im Notfall keiner künstlichen Waffe
bedurfte, sondern nur jedem mit den echtgewachsenen Krallen ins Gesicht zu
fahren brauchte und sich mit den Zähnen festzubeissen, um in jedem Kampfe für
sich und um ihres Vaters Haus, Hof und Herd die Oberhand zu behalten.
    Nicht gross und nicht klein, nicht mager und nicht fett, nicht hübsch und
nicht hässlich, nicht städtisch und nicht dörfisch, nicht Kind und nicht Jungfrau
stand sie, Valentine Quakatz, des Mordbauern Andreas Quakatzen einzige Tochter,
und bewachte ihres blutig berüchtigten Vaters Anwesen, die Rote Schanze, in der
friedlichen, sonnebeglänzten, laubgrünen und ährenblonden Landschaft.
    Ich rufe nicht mehr: »Da sind eure Postsachen, eure Schreibsachen, eure
Zeitung, du rote Giftkatze«, Störzers Amtsgeschäfte am Eingangstor der Roten
Schanze ausrichtend. Sie aber, Fräulein Quakatz, duckt die Hunde wie damals und
fast mit den nämlichen wunderlichen Zurufen wie damals. Die Köter beruhigen sich
langsam und widerwillig und behalten uns, leise fortknurrend, fest und
misstrauisch im Auge.
    »Der Vater ist nicht zu Hause«, sagte Valentine. »Und die Leute sind im
Felde«, fügt sie hinzu.
    »Schön!« sagt Stopfkuchen. »Da sind wir ja wieder einmal unter uns beiden,
Tinchen; denn dem da habe ich es eben schon klar genug auseinandergesetzt, dass
er sich gegenwärtig vollständig als Luft zu betrachten habe. Natürlich, wenn er
nicht mein bester Freund wäre, würde ich ihm meine Meinung in Hinsicht auf seine
heutige völlige Überflüssigkeit hier noch deutlicher zum Bewusstsein gebracht
haben. Aber er ist mein Freund und also auch, natürlich soweit das mir passt, der
deinige, Tinchen; und so dumm bist du nicht, Mädchen, dass du nicht Bescheid
wüsstest, dass er über euch, die Rote Schanze, so gut Bescheid weiss wie die übrige
edle, christliche Menschheit auf fünf Meilen im Umkreis. Herrgott, darum allein
könnte man schon mit Wonne Teologie studieren, um einmal so recht von der
Kanzel aus unter sie fahren zu dürfen, die edle Menschheit nämlich! Und nun
kommt endlich ins Haus. Die letzte Nase voll des übeln Geruches der Roten
Schanze zum Mitnehmen in die reinere, die bessere Luft da draussen, jenseits der
eben erwähnten fünf Meilen!«
    Zum »Sich äussern« - zum »Worte machen« - zum »Reden halten«, kurz zum
»Predigen« war er immer sofort da, der dicke Heinrich. Wenn es darauf angekommen
wäre, müsste er unbedingt heute, wenn nicht cismontaner Papst, so doch Kardinal
oder zum mindesten Archiepiscopus, aber wahrhaftig nicht der jetzige Bauer auf
der Roten Schanze sein.
    »Wo ist denn der alte Mann?« fragt er fürs erste noch.
    »Wieder vorm Gericht in der Stadt«, spricht grimmig die Tochter und Erbin
der Roten Schanze. »Er hat's ja wieder mit dem Schulzen von Maiholzen da gehabt
und ihm die Faust vors dumme Gesicht gehalten und ihn in der alten Sache wegen
Kienbaum von neuem einen Verleumder geheissen. Da ist er denn von neuem verklagt
worden.«
    Und Stopfkuchen zeigt, dass er ungemein melodisch zu flöten versteht. Er lässt
seine Gefühle in einer langgezogenen Kadenz verklingen und nimmt sie tätlich
wieder auf, indem er den Arm dem Mädchen um die Hüften legt und, zu mir gewandt,
sagt:
    »Schöner konnten wir's ja wieder mal nicht treffen.«
    Da aber begibt sich etwas, was vor allem diesen längst vergangenen Jugendtag
mir wieder in vollster Lebendigkeit vor die Seele stellt: Valentine Quakatz gibt
ihre Wacht am Eingangstor der Roten Schanze auf - vollständig! Der
bösverkniffene Mund wird zu einem weinerlichen verzogen - das Mädchen kämpft,
kämpft mit seinen Tränen, aber sie sind mächtiger als es. Tinchen schluchzt,
weint laut hinaus und springt Stopfkuchen nicht mit den Fingernägeln ins
Gesicht, sondern legt sich ihm um den Hals, hängt ihm am Halse und jammert:
    »Heinrich, du bist zu schlecht!«
    »Na, na!«
    »Du bist so schlecht wie die ganze andere Welt.«
    »Na, so hetze mir doch deine Köter an den Hals, verrücktes Frauenzimmer! Was
sagst du dazu, Eduard? Ich so schlecht wie die ganze übrige Welt?«
    Ich sage gar nichts. Ich stehe nur wie ein dummer Junge mit offenem Munde
und sehe, wie der dicke Freund das Mädchen ein Mädchen, wie als was ganz
Selbstverständliches, ebenfalls im Arme hält, ihm auf den Rücken klopft, ihm
über die Haare streichelt, ihm das Kinn aufhebt und ihm einen Kuss gibt. Ich
sehe, wie er mühsam hinten in der Rocktasche nach seinem Taschentuch angelt, wie
es ihm gelingt, dasselbe hervorzuholen, und wie er mit demselben dem Mädchen -
einem Mädchen, einem fremden, erwachsenen Mädchen die Tränen aus den Augen
wischt, und ich sehe Stopfkuchen mit einem Male mit ganz andern Augen an, als
mit welchen ich ihn bis zu dieser verblüffenden Stunde gesehen habe.
Blutübergossen wünsche ich mich bis in die fernsten Fernen weg und möchte
zugleich den mal sehen, dem ich folgte, wenn er mich beim Ellbogen nähme und
sagte: »Komm, Eduard, du hast doch hier gar nichts zu suchen!«
    Glücklicherweise hat Stopfkuchen aber viel zuviel mit dem Mädchen zu tun und
widmet mir nur dann und wann beiläufig eine höfliche Bemerkung.
    »Herze von 'ner Gans, kann ich denn was dafür? Gehe ich etwa aus freien
Stücken? Muss ich nicht? Habe ich nicht die Verpflichtung, wenigstens einmal
durchs Examen zu fallen meinen guten Eltern zuliebe? Wie gerne ich dir zuliebe
hierbliebe, Tinchen, das weisst du, also sei ein gutes Mädchen und lass das dumme
Gewimmer. Guck nur, wie der Taps, der Eduard, guckt und sich überlegt, was er zu
Hause alles erzählen kann! Da - hast du noch mal mein Taschentuch, und nun
blamiere uns nicht länger in freier Luft. Glaubst du, dass darum der Herr Graf
von der Lausitz diesen Wall aufgeworfen habe, dass Heinrich Schaumann, genannt
Stopfkuchen, von ihm herab sich dem Nest drunten von seiner weichsten Seite
zeige? Bilde dir das nicht ein. Bombardieren werde ich noch mal von ihm aus das
Philistertum da unten, dass der kursächsische Staberl-Xaverl sich heute noch als
balsamiertes Leder- und Knochenbündel in seiner Fürstengruft darüber freuen
soll. Komm mit, Eduard, da du da bist. Wir wollen endlich hinein ins Haus; denn
nämlich, Eduard, nicht immer holt man draussen in der freien Luft am freiesten
Atem, welche Erfahrung ich dir, mein Junge, zu möglichem Gebrauche gerne gratis
überlasse. Dumme Witze verbitte ich mir natürlich, jetzt hier und nachher
drunten in der Stadt im Kreise deiner lieben Verwandten und nähern und weitern
Bekannten. Wir drei sind also ganz allein auf der Roten Schanze? Wundervoll!
Sag's deinen Kötern so eindringlich als möglich, was sie zu tun haben, Tinchen.«
Fräulein Valentine wendet sich zu ihrer vierbeinigen Wachtmannschaft, das heisst,
sie hebt die Faust gegen sie und schüttelt dieselbe dann gegen die lachende,
freundliche Sommerlandschaft jenseits des Grabens. Das bedeutet, dass das Vieh
noch weniger als sonst jemandem ungestraft den Eintritt in das Bollwerk des
Grafen von der Lausitz gewähren soll. Und es versteht das und antwortet mit
einem dumpfen, giftigen Gewinsel und Geknurr: wir drei aber haben jetzt
wahrhaftig wundervoll den Nachmittag allein auf der Roten Schanze. -
    Erfreulich war der Anblick grade nicht, wenn man die Hunde und das Tor
hinter sich hatte. Verwildert und verwahrlost erschien alles umher, jede Arbeit
nur halb und nachlässig und widerwillig getan. Es war keine rechte Ordnung im
Garten, im Hofe, im Hause, und in der Scheune wahrscheinlich auch nicht. Alles
Geräte lag und stand umher, wie man es eben aus der Hand hatte fallen lassen
oder beiseite gestellt hatte. Das Gebüsch und Unkraut wuchs ungehindert. Die
Jauche konnte sich keine bessern Tage wünschen als wie auf der Roten Schanze,
und sie suchte sich denn auch ihre Rinnsale, wo es ihr beliebte. Die Hühner
scharrten, wo sie wollten im Garten. Enten und Gänse watschelten ebenso, wo sie
wollten im Hofe und im Hause. Dem Stallvieh sah man es an, dass der Herr häufig
nicht zu Hause war und auch dann nicht sein Auge, wie es sein sollte, bei ihm
hatte. Dass das Kind vom Hause nicht alles allein besorgen konnte und dass das
Gesinde es deshalb sehr »sachte angehen liess«, das war nur zu augenscheinlich.
Was aber den letztern Punkt, das Gesinde, anbetraf, so hatte das mit dessen
Nichtsnützigkeit seine besten Gründe. Der Bauer auf der Roten Schanze hatte
sich, was Knechte, Mägde und Jungen anging, eben mit dem zu begnügen, was
niemand sonst mochte - mit dem Abhub und dem Bodensatz der Gegend.
    Es tat für einen rechtlichen Menschen, für ein ordentlich Mädchen nicht gut,
auf der Roten Schanze zu dienen und da ehrlich nach der Ordnung zu sehen. Hoher
Lohn und gute Behandlung kamen da gar nicht in Betracht. Jeder Groschen, den der
Bauer Quakatz hergab, hatte ja einen Blutgeruch an sich. Wer von der Roten
Schanze kam und einen andern Dienst suchte, der brachte denselben Geruch in den
Kleidern mit, und man liess es mit verzogner Nase ihm merken und schickte ihn um
ein Haus weiter. Bis der Bauer Andreas Quakatz endlich eingestand, dass er
Kienbaum totgeschlagen habe, oder bis der Hof auf der Roten Schanze im ganzen
unter den Hammer gebracht oder noch besser für Maiholzen im einzelnen
ausgeschlachtet worden war, konnte sich hieran nichts, gar nichts ändern. Und
die Erbtochter der Roten Schanze, Valentine Quakatz, änderte auch nichts, gar
nichts daran; sie hatte nur ihr bitter Teil an der bösen Verfemung mitzutragen.
Es ist Stopfkuchen, der, wie die langen Wogen des Weltmeeres mich wieder auf dem
»Hagebucher« der neuen Heimat zutragen, fragt:
    »Was meinst du, Eduard? Sieht das hier nicht niedlich aus?«
    Knecht und Magd haben, da der Herr wieder mal in »Beleidigungs- und
Ehrensachen-Kränkungsgeschäften« von Hause ist, sich ihre Arbeit nach Gutdünken
draussen gesucht, liegen vielleicht auch irgendwo unter einem Busch und lassen
unsern Herrgott den besten Meister sein. Kein Laut ringsumher als das Schrillen
der Grillen und das Gekreisch zankender Spatzen auf den Dächern oder in den
Hecken! Auch Tinchen schluchzt nicht mehr zornig aus sich heraus oder
erbittert-giftig in sich hinein. Sie ist uns voran in die Stube gegangen, ohne
sich danach umgesehen zu haben, ob wir ihr auch gefolgt sind. Wir sind ihr, doch
ein wenig scheu und befangen, gefolgt, und nun sitzt sie am Tische, mit dem
Rücken an der Wand, und hat beide Arme, die Hände flach ausgebreitet, auf die
altersschwarze Eichenplatte gelegt, und Stopfkuchen und ich stehen vor ihr und
sehen, in der dunkeln, niedern Bauernstube vom Lichte da draussen geblendet, auf
sie hin; - man kann eine Meile weit jede Fliege summen hören. Ja, die Fliegen
der Roten Schanze! Sie haben das Schanzwerk des Prinzen Xaver von Sachsen auch
nicht aufgegeben. Sie sind noch vorhanden in der Stube des Bauern Quakatz,
einerlei, ob er Kienbaum totgeschlagen hat oder nicht. Es gibt nichts innerhalb
der vier Wände, was sie nicht beschmjetzt haben, vor allem die Bilder an den
Wänden: die Zehn Gebote, des Jägers Begräbnis, den unter die Räuber gefallenen
Mann im Evangelio. An des Jägers Begräbnis haben sie mit allen übrigen Tieren
sehr teilgenommen und dem Sarge alle Ehren erwiesen. Ebenso dem Wort: Du sollst
nicht töten. Es hängt übrigens kein neues Bild zu ihrer Begutachtung an der
Wand. An der Schanze des Siebenjährigen Krieges ist selbst die neueste
Weltgeschichte vorbeigezogen, ohne ein Zeichen hinterlassen zu haben. Kein
Schlachtenbild aus Neu-Ruppin vom Düppelsturm, keins von Sechsundsechzig, keins
von Siebenzig! Nicht Kaiser Wilhelm, Fürst Bismarck und Graf Moltke! Was ging
die Weltgeschichte den Bauer von der Roten Schanze an? Er hatte seinen Kienbaum;
er hatte viel zu schwer an seinem eigenen Dasein auf dieser Erde zu tragen, um
sich viel um das anderer Leute kümmern zu können, und wenn es die Ersten dieser
Welt waren! Ihm hatte diese Welt überall in seinem Hause, wo er auf eine Wand
sah, Kienbaumen drangehängt, und er brauchte dazu nicht Malerkunst und Glas und
Rahmen: er sah den Mann jederzeit, und selbst bei geschlossenen Augen, so genau
und deutlich vor sich, wie kein Maler, und wenn es der allerbeste gewesen wäre,
ihn ihm hätte malen können.
    Ich gaffe von dem bunten Bilderbogen der Zehn Gebote verlegen und unruhig
auf das uns anstarrende Mädchen, da sagt Heinrich:
    »Nun, Tinchen, lass das dumme Zeug und stiere nicht die beiden besten
Lateiner und firmsten Griechen des diesmaligen Oster- Abgangs-Schwindels -
grinse nicht, Eduard! - aus ihrer guten Meinung von sich selber heraus. Ja,
armes Wurm, die süsse Kinderzeit liegt nun unwiderruflich hinter uns, der Ernst
des Lebens - weine nicht, Eduard! - beginnt, und lebten wir noch in
vernünftigeren Zeiten, so würde ich dir vorschlagen, Herze: steig hinter deinem
Ritter auf den Gaul, fasse mich um die Taille und halte dich feste. Komm kurz
und gut mit mir. Aber es geht nicht, Eduard. Was können wir dafür, dass wir
wenigstens dies eine Mal nicht von den Eseln aufs Pferd kommen? Dass wir einfach
morgen mit der Eisenbahn fortmüssen? Tinchen, mein Herzenstinchen, sich mich
nicht so dumm an; was ich meinen Herren Eltern aus dem ersten Semester
mitbringen werde, weiss ich nicht; aber dir bringe ich den alten Stopfkuchen
wieder. So wahr jetzt der Himmel blau über uns ist und die Erde grün wird und
immer grüner: ich will nicht umsonst meine täglichen Prügel der Roten Schanze
wegen gekriegt haben! Ich will nicht umsonst meine einzigen guten Stunden in
diesem Jammertal auf dem Anstand dem alten Quakatz und seinem kleinen Tinchen
gegenüber verlebt haben. Wenn Sie es verlangen, Fräulein Valentine, so
hinterlasse ich Ihnen das auch schriftlich!«
    Es fuhr wie ein Schauder durch den ganzen Körper der Tochter des alten
Quakatz; dann aber sagt Valentine:
    »Ich will nichts Schriftliches. Was von Schriftlichem hierher kommt, das
nimmt auch mein Vater am liebsten nur, wenn es ihm auf die Mistgabel gelegt und
zugereicht wird. Nachher fasst er es an wie eine glühe Kohle. Und du, du - noch
besser wär's, wenn gar kein Mensch eine Zunge hätte zum Sprechen, zum Lügen, zum
Sticheln - du auch!«
    »Ich auch?« fragt Stopfkuchen, aber ohne jeden Ausdruck der Überraschung,
des Gekränktseins oder gar der Entrüstung. Indem er sich halb zu mir wendet,
sagt er:
    »Ein bisschen mehr könntest du selbst bei den heutigen tragischen Umständen
bei dir selber bleiben, Tinchen; und du, Eduard, jetzt kannst du wirklich mal
für die Lebenspraxis was lernen. Du auch! Dies Wort ist grossartig, und dann sieh
dir mal das Gesicht an, was sie mir zu der Sottise schneidet. Das hat man nun
davon, dass man einem Frauenzimmer von Kindesbeinen an seine schönsten freien
Sommer- und Winternachmittage und die Ferien ganz gewidmet hat. Hat die Person
wohl eine Ahnung davon, wie viele Prügel et cetera man ihretwegen von Erzeugern
und Lehrern hingenommen hat, ohne einen Muck zu sagen? - Du auch! Mädchen,
Mädchen, wenn das Schaf, dieser Eduard hier, nicht bei uns stände, ich würde dir
und deinem verrückten Alten und der Roten Schanze meine Zuneigung noch einmal in
einer Weise deutlich machen, die sich wahrhaftig nicht gewaschen haben sollte.«
    Nun läuft wieder ein Zucken über die Schultern unter dem buntbäuerlichen
Brusttuch. Die Erbtochter der Roten Schanze schielt wie ein nur halb gebändigtes
und zum Bessern überredetes oder vielmehr verschüchtertes Tier zu dem angehenden
Kandidaten aller denkbaren Brotstudien, Schaumann, auf; sie will mit beiden
Fäusten auf den Tisch schlagen, aber es geht nicht. Sie lässt die Arme schlaff am
Leibe heruntersinken und schluchzt:
    »Ich habe keinen gerufen, um sich um mich zu bekümmern!«
    »Ne«, sagt Stopfkuchen. »Ja, da hat sie recht, Eduard! Ich bin ganz von
selber gekommen und habe mich ihrer angenommen. Du weisst es ja, Eduard.«
    Ganz so genau, wie der Freund zu meinen schien, wusste ich es doch nicht. Nur
das wusste ich, dass es während unserer ganzen »Jungenszeit« in dieser Hinsicht
und nach der Anschauung sowohl des Hauses wie der Schule keinen verrücktern
Bengel gegeben hatte als Heinrich Schaumann, genannt Stopfkuchen. Wie ich mit
dem Landpostboten Friedrich Störzern gelaufen war, so hatte er sich vor der
Roten Schanze festgelegt - »wie die Katze vor dem Mauseloch«, wie er sich selber
ausdrückte. Um mit einem zu gehen oder gar zu laufen, dazu war der gemütliche
Knabe viel zu faul; aber sich durch einen Reisbreiwall ins Schlaraffenland
hineinzufressen, dazu war er imstande, und dieses war bis jetzt die Meinung der
Welt und also auch die meinige über ihn gewesen. Das war es einzig und allein,
was ich damals an jenem Abschiedstage über sein Verhältnis zu - dem Mädchen, zu
Tinchen - Valentine Quakatz wusste. Meine Dumme-Jungens-Seele dachte nicht daran,
dass die verschüchterte, verwilderte, rotaarige Krabbe des Bauern Quakatz etwas
anderes als eine sehr beiläufige Rolle bei seiner Verliebteit in die Rote
Schanze des Prinzen Xaver von Sachsen spielen könne. Ich und die Welt von damals
konnten es doch wahrhaftig nicht wissen, dass Stopfkuchen auch nach solcher
Richtung hin romantischer Gefühle fähig sei.
    Es war eine Luft in der niedern, schwarzen Bauernstube, die keinem gefallen
konnte. Und der Bauer Andreas hatte einen deutlichen Gang auf ihrem schwarzen
Fussboden ausgetreten vom Fenster bis nach dem Ofen.
    »Da geht er, solange ich weiss«, sagt seine Tochter, »und ich sitze hier und
höre ihn mit sich selber sprechen, die halbe Nacht durch, bis er mich zu Bette
jagt. Du musst es wissen, Heinrich, weshalb du zu mir gekommen bist und dich an
die Rote Schanze herangemacht hast; aber dein Herr Freund, der Herr Eduard, kann
nichts davon wissen, wie es jetzt mir hier bei deinem Abschiede zu Sinnen sein
muss. Aber wenn er so freundlich sein will, kann er später vielleicht einmal
Zeuge sein, dass ich dir nach meinem Tode die Rote Schanze vermacht habe mit
allem, was dazu gehört; denn mein Vater hat doch keinen andern, dem er sie in
sein Testament setzen kann, als nur mich, ausser den Hunden draussen am Torweg.
Wollen Sie so gut sein, Herr Eduard, da Sie heute mitgekommen sind, dass Sie es
später einmal vor dem Gerichte mit bezeugen, dass die Rote Schanze, wenn mein
Vater und ich nichts mehr von der Welt brauchen, einzig und allein Herrn
Schaumann gehört?«
    Wie es für den Menschen, einen körperlich so angelegten Menschen, so rasch
möglich zu machen gewesen war, weiss ich nicht; aber das Faktum war vorhanden:
er, Stopfkuchen, sitzt hinter dem alten Esstisch des Quakatzenhofes neben der
Erbtochter desselben und hat seinen Arm ihr um die Schulter gelegt und ruft:
    »Jetzt hört es aber auf! Dummheit lässt man sich wohl gefallen, aber doch nur
bis zu einem gewissen Grade, sagt Kollege Blechhammer da unten, Eduard. Sieh dir
noch einmal die Quakatzenburg von inwendig an, alter Junge. Wer weiss, ob du sie
so in deinem Leben wieder zu sehen kriegst? Hier mein Ideal meine Burg, mein
Haus! Da draussen die holde Flur, wo wir als Knaben spielten. Morgen also die
Universitas litterarum und das hohe Meer des Lebens! Verflucht poetisch und
verlockend für zwei abgehende Pennäler. Wisch dir die Augen, du liebste,
närrische Bauerngans, und tu mir den Gefallen und komm wieder mit ins Freie.
Sowie man den ersten Atemzug hier innen tut, hat man genug davon und schnappt
nach der Luft da draussen. Vivant omnes virgines - komm, virgo - kratze und
spucke nicht, virago! Ja wehre dich nur, Fräulein! Sie sollen mich nicht umsonst
da unten Stopfkuchen benamset haben, ich werde ihnen zeigen, was dem Herz und
dem Magen bekommt.«
    Er hatte das Mädchen um den Leib gefasst, er hob es hinter dem Bauernesstisch
hervor, er trug es weg, trug es aus dem Hause und setzte es wieder hin auf den
Wall des Prinzen Xaver von Sachsen. Valentine liess es sich ruhig gefallen, und
ich - ich folgte verblüfft, betäubt, zweifelnd - kurz, Stopfkuchen hätte gesagt:
»wie ein Schaf!« Wenn aber Stopfkuchen jetzt auch noch Flügel entfaltet hätte
und mit der Erbtochter von der Roten Schanze, mit dem Kinde von Kienbaums Mörder
langsam, aber immer höher, höher, höher in den blauen Frühlingshimmel
aufgestiegen wäre, so hätte ich willenlos mir auch das gefallen lassen müssen
und hätte höchstens fragen dürfen: »Ist es denn die Möglichkeit?« -
    Wir standen wieder auf der grüngrasigen Waldhöhe des alten Kriegskunststücks
des Herrn Grafen von der Lausitz - wir beiden angehenden Studenten und Valentine
Quakatz, Heinrich und Tinchen Arm in Arm.
    Plötzlich stiess der närrische Mensch, Stopfkuchen, einen jauchzenden Ruf
aus, schlug mich auf die Schulter, dass ich in die Knie schoss, und sagte wie aus
tiefstem Magen heraus:
    »Und es ist, eines ins andere gerechnet, doch so ungemütlich nicht, dass der
Sachse und der Franzos Anno siebenzehnhunderteinundsechzig das Nest da unten
nicht gänzlich ausgerottet und also auch uns unmöglich gemacht haben. Wie nett
es eigentlich, so im ganzen, da doch liegt und durch die Güte des Herrn dem
Siebenjährigen Kriege zum Trotz liegengeblieben ist! Ja, Flur, wo wir als Knaben
spielten - Eduard! Sieh sie dir noch mal an, alter Junge, und gehe hin und lerne
was, auf dass du ihr einmal ebenfalls Ehre machst und ihren guten Ruf bei den
Leuten aufrechterhältst. Du aber, Tinchen, kümmere dich gar nicht um sie. Was
ich und du und dein Papa von ihr zu halten haben, das wissen wir, und von dem -
unserm Standpunkt mach ich es vielleicht doch möglich, Prediger oder
Staatsanwalt in ihr zu werden. Eine standfeste, haltbare Kanzel würde freilich
zum erstern Lehr- und Straffach wohl gehören«, seufzte er, seine derbe, biedere
Rechte erst betrachtend und sie dann zur Faust geballt der Heimatstadt drunten
im Tal ebenfalls wie zu vorsichtiger, genauer Betrachtung hinhaltend.
    »Da sitzen sie nun auf ihren Bockstühlen, dein und mein Alter, Eduard, und
haben keine Ahnung davon, von welcher Höhe aus Stopfkuchen sie betrachtet oder,
nach eurer Ausdrucksweise, auf sie runterkuckt.«
    »Goldne Abendsonne, wie bist du so schön!« summte ich, wie um die Rede auf
was anderes zu bringen; aber Stopfkuchen liess selten von einem einmal begonnenen
Gedankengange leicht ab.
    »Natürlich ist sie schön - vorzüglich, wie wir hier an des Herrn Prinzen von
Sachsen Wallböschung der endlich gewonnenen Freiheit, wirklich Mensch sein zu
dürfen, uns erfreuen. Sieh mal, da flammt sie grade in den Fenstern des
Schulkarzers sowie in denen unseres Provinzialgefangenhauses. Der reine
Märchenzauber! Hättest du wirklich nie das Bedürfnis gefühlt, Freund meiner
Kindheit, o du mein Eduard, deinen greulichen Alten so wie ich den meinigen, und
vorzüglich um die Zeit der Versetzung in eine höhere Klasse edelster deutscher
Menschenbildung, dort hinter einem jener Gitter unschädlich gemacht, in
Sicherheit sitzend zu wissen?«
    Und diesen Menschen hatten wir nicht nur für den Dicksten, Faulsten und
Gefrässigsten unter uns, sondern auch nicht nur für den Dummsten unter uns,
sondern auch überhaupt für einen Dummkopf gehalten, o wir Esel!
    Und wer ihn auch jetzt wieder, nicht etwa von seinem Gedankengange
abbrachte, sondern ihm darin im bedachtsamen, ruhigen Schritt bestärkte, das war
nicht der feine, wohlgesittete, mit dem besten Schul-Abgangszeugnis versehene
Eduard aus dem Postause, sondern das war Tinchen Quakatz von der Roten Schanze,
deren Vater man es leider nur nicht hatte beweisen können, dass er Kienbaum
totgeschlagen habe, und der darum im Bann, wenn nicht der Welt, so doch seiner
nächsten Umgebung, was dasselbe ist, ging und sein Kind natürlich mit.
    Valentine Quakatz hatte auch von der Schanze des Prinzen Xaver, von ihrem
verfemten Wall aus, auf die Stadt und die in der Sonne blitzenden Fenster
derselben hinabgesehen; nun wendete sie sich ab und wischte sich mit der Hand
und dem Schürzenzipfel die Augen.
    »Mir ist ein Tier hineingekommen, oder der Glanz beisst mich, dass sie tränen;
und ihr - du denkst wieder, ich heule.«
    Und jetzt ballte sie die Hand und schüttelte sie gegen die glitzernden
Fenster des Provinzialgefangenhauses:
    »Aber ich heule nicht. Ich will nicht. Heinrich hat ganz recht, es ist dumm,
nur zu weinen. Es beisst mich der Glanz auch nur in die Augen, weil ich so lange
und so oft hier habe stehen müssen, wenn er dahinter sass, da unten hinter den
Fenstern, in seinem Gefängnis, mein Vater, mein lieber, liebster Vater. Und weil
ich keinen hatte -«
    »Und weil sie keinen weiter hatte als mich, Eduard. Und weil ich auch nun
wieder gehe, in Abwesenheit ihres Alten. Na ja, da siehst du mal wieder, lieber
Eduard, was das Leben ist und wie das Vergnügen dran immer bloss als blosser
Schaum drobenauf schwimmt. Jetzt bitte ich dich, setze dich mal in meine Stelle
und suche mit, euch dummen Jungen, seinen lieben Eltern und was sonst dazu
gehört zum Trotz, aus so 'ner verschüchterten, zur Feldkatze verwilderten
Dorfmieze wieder ein niedliches, nettes, reinliches, schnurrendes, gurrendes,
liebes, liebstes kleines Mädchen zu machen. Na, nun tu noch mal die Schürze von
den Augen und sich mich mit ihnen an; sonst beisst es mich in meinen Augen auch,
und das möchte ich doch hier des klugen, gebildeten Eduards wegen lieber
vermeiden. So ist's recht, und nun lass uns die Zähne aufeinanderbeissen. Ich kann
wahrhaftig nichts dafür, dass andere Leute das Recht zu haben behaupten, etwas
anderes aus mir zu machen, als was in mir steckt. Da hast du meine Hand darauf,
Jungfer Quakatz: ich komme wieder und behalte mir bis dahin alle meine Rechte
hier an dieser Erdstelle vor, und den seligen Kienbaum soll doch noch mal der
Teufel holen. Sage es deinem Vater, wenn er nach Hause kommt, dass ich es gesagt
habe, Tinchen! Und du, feiner Eduard, bitte, sieh gütigst noch mal hinein in die
schöne Landschaft und auf die liebe Vaterstadt - schade, dass jetzt grade nicht
die Glocken dazu läuten. So ist's recht, verlegener Jüngling - - - -«
    Ich sehe mich wirklich um - verschüchtert, verstört, verlegen. Ich sehe
hinaus in die Landschaft und auf die Stadt drunten im Tale - kurz - ich sehe weg
und vernehme im klingenden, summenden Ohre, hinter meinem Rücken, auf der alten
Wallhöhe des Siebenjährigen Krieges, rasch hintereinanderfolgende Töne, die ich
nur mit dem Namen Stopfkuchen ganz und gar in Einklang zu bringen weiss.
Dazwischen ein unterdrücktes Geschluchz und Gekicher und dazu die Worte: »Ach
Heinrich, Heinrich!«
 - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Als ich wieder aufsehe, ist weiter nichts vorgefallen, als dass die Jahre
hingegangen sind und dass die langen Wogen des grossen Meeres unter dem Schiffe
weiterrollen und es gegenwärtig gutmütig, ohne zu arges Rollen, Schütteln und
Schüttern weitertragen, dem Kap der Guten Hoffnung zu.
Zuerst sah das Ding noch gradeso aus, wie es vor Jahren ausgesehen hatte. Nur
dass es heute in anderer Beleuchtung als an jenem Abschiedstage vor mir lag,
nämlich im frischen, hellen Tagesschein, so um zehn Uhr morgens.
    Noch immer derselbe alte Wall und Graben, wie er sich aus dem achtzehnten
Jahrhundert in die zweite Hälfte des neunzehnten wohl erhalten hatte. Die alten
Hecken im Viereck um das jetzige bäuerliche Anwesen, die alten Baumwipfel
darüber. Nur das Ziegeldach des Hauptauses, das man sonst über das Gezweig weg
und durch es hindurch noch von der Feldmark von Maiholzen aus gesehen hatte,
erblickte man heute nicht mehr. Dieses brachte mich denn darauf, dass die Hecken
doch wohl gewachsen und die Baumkronen noch mehr über der Quakatzenburg sich
verdichtet haben müssten. Es musste unbedingt im Sommer noch schattiger als sonst
auf der Roten Schanze geworden sein, und um dieses würdigen zu können, musste man
eben wie ich die Linie gekreuzt haben, um noch einmal nach Hause zu kommen, und
sonst auch überhaupt jetzt dort zu Hause sein, wo es durchschnittlich im Jahre
recht heiss ist und wo der Schatten manchmal ganz bedenklich mangelt.
    Ich sah hin, die Hände vor dem Leib übereinandergelegt; und ich sah mir
alles, da ich ja Zeit hatte und niemand auf der weiten Flur mich störte und die
Lerchen in den Lüften nicht störten, sehr genau an, ehe ich den Graben des
Grafen von der Lausitz überschritt.
    Da fiel mir denn bald noch ein anderes auf. Wie es innerhalb der Roten
Schanze aussehen mochte - ausserhalb derselben, so weit ihr Reich ging, erschien
mir das Ding verwahrloster denn je.
    Sonst sah man es doch, trotz aller Verfemung, dem Dammweg sehr an, dass der
kriegerische Aufwurf im fetten Ackerboden dieser Landschaft zu der Umwallung
eines friedlichen Bauernhofes geworden war, dass Mensch und Vieh darüberhin ein
und aus gingen, dass Mist- und Erntewagen darüber hinfuhren, dass der Mensch,
trotzdem dass Kienbaum von hier aus totgeschlagen worden war, auch hier noch
seiner Nahrung und seinem Behagen nachging.
    Dem schien jetzt nicht mehr so zu sein. Eine Römerstrasse, auf der vor,
während und nach der Völkerwanderung Tausende totgeschlagen worden waren, konnte
im laufenden Saeculo nicht mehr überwachsen und von Grasnarbe überzogen sein wie
die alten Radgleise und Fussspuren, die über den Graben des Prinzen Xaverius von
Sachsen auf dem Dammwege des Bauern zu der Roten Schanze führten. Es leitete
jetzt nur noch ein ganz schmaler, schmaler Fusspfad, ohne Radgleisen, Huf- und
Klauenspuren daneben, durch das hohe Gras. Quendel, blaue Glockenblume,
Löwenzahn, Tymian, und was sonst im Grunde das meiste Recht hier hatte,
brauchte sich nicht mehr scheu wegzuducken oder sich von Huf, Klaue und
Schuhsohle alles gefallen zu lassen.
    Nun soll es mich doch wundern, dachte ich. Es ist doch wirklich, als ob das
Gras auch hinter ihm wieder aufgestanden sei! Und damit setzte ich den Fuss auf
den Damm und in den engen Pfad, der zu Stopfkuchen hinüberführte, wie er vordem
zum Bauer Andreas Quakatz hinübergeführt hatte, und - hielt noch einmal an. Es
war noch ein Drittes jetzt hier am Eingange anders geworden als sonst: wo
steckten die Hunde?
    Ja, wo waren die Hunde der Roten Schanze? Die Wächter der Quakatzenburg? Wo
war die durch stille Winter- und Sommernächte, vorzüglich wenn in ihnen der
Vollmond am Himmel stand, weitin ins Land ob ihrer guten, aber lauten Wacht
bekannte und berüchtigte Wachtmannschaft?
    Wir haben im Kaffernlande auf unsern Gehöften ihrer auch und haben sie
nötig; aber nun war es mir wieder ganz deutlich: ich war nie in der Welt auf
bösere Hunde getroffen als die der Roten Schanze, und ich hatte nie ein Gebell
böser Hunde - selbst wo ich wieder an es zurückdachte - so vermisst als wie hier
am Eingangstor dieses deutschen Bauernhofes.
    Die nächsten Schritte gegen die Quakatzenburg belehrten mich, dass die Wache
abgelöst, aber keineswegs aufgegeben worden sei. Eine andere Mannschaft hatte
sie bezogen, und der Empfang durch dieselbe sprach wahrlich für friedlichere
Zustände als die von vergangenen Zeiten.
    Wir kennen alle die alten hübschen, behaglichen Bilder, auf welchen am Tor
mittelalterlicher Städte der Stadtsoldat auf der Bank unter dem letzten Edikt
seines Senatus populusque, die Brille auf der Nase, den Bierkrug zur Rechten,
die feuer-, schloss- und steinlose Flinte zur Linken, in idyllischer Ruhe und
Beschaulichkeit an seinem Strumpf strickt. Ich habe selber solch ein Bild,
Spitzweg gezeichnet, draussen zu Hause, drunten in Afrika, an der Wand über dem
Sofa und Sofatisch meiner Frau (es mutet mich dann und wann um so mehr an, weil
unter dem letztern, dem Sofatisch meiner Frau nämlich, ein Löwenfell zum
Fussteppich dient), und ich fand es nicht ohne Behagen wieder, hier zu Hause, am
Tor der Roten Schanze. Nur wurde von dem jetzigen Wachtinhaber des weiland
Prinzen Xaverius von Sachsen und Kienbaums Mörder, des Bauern Quakatz, nicht
gestrickt.
    Es wurde gesponnen.
    Er sass nicht an, sondern auf dem rechten Torpfeiler, der jetzige Wachtmann
der Roten Schanze. Er sass mit Würde da in der Morgensonne und sah ruhig,
gelassen, zu mir hinüber - und er spann dabei. Sein Spinnen hinderte ihn aber
nicht, auch den Schnurrbart zu streichen, ja er fuhr sich mit der wehrhaften
Faust sogar über die Ohren (was beiläufig in seiner Kompanie bedeutet, dass
Besuch kommt) und strich sich die Nase und nieste dabei. Ich war ganz dicht bei
ihm, als er einen Satz tat und langsam, stattlich und über die Schulter
gleichmütig nach mir zurücksehend, mir voranging, hinein in Quakatzenhof: der
»Kapitän Hinze«, der »weisse Mann«, der wirklich fleckenlos weisse Kater - der
Hauskater der Schanze des Comte de Lusace.
    Er blieb noch einmal stehen und schlenkerte erst die rechte, dann die linke
Pfote ab; denn es hing da immer noch etwelcher Tau am Grase, wo der
Lindenschatten noch auf letzterm lag. Er sah mich noch einmal an und ging
langsam wieder weiter, als wolle er mir den Weg zeigen: er betrachtete mich
unbedingt nicht als Feind und ging auch wahrlich nicht mehr, um die Hunde zu
holen und Tinchen Quakatz mit einem Feldstein in der Kinderfaust und den Vater
Quakatz mit dem ersten besten Prügel oder gar der Mistgabel oder der Holzaxt! Es
gab wohl nichts Einladenderes als ihn, den Hauptmann Hinze; und das, wozu der
neue Wachtkommandant der Roten Schanze einlud, winkte ebenfalls nicht ab und
riet zu schleuniger Umkehr und eiligem Rückzug.
    Ganz Stopfkuchen!
    Stopfkuchen, wie er sich selber wohl tausendmal in seinen schönsten,
elegischsten Jugendträumen als Ideal gesehen hatte.
    O welch ein Frühstückstisch vor dem Binsenhüttchen, das heisst dem
behaglichen, auch auf Winterschnee und Regensturm behaglich zugerichteten
deutschen Bauernhause - vor dem Hause, am deutschen Sommermorgen, zwischen
hochstämmigen Rosen, unter Holunderbüschen, im Baumschatten, mit der Sonne
drüber und der Frau, der Katze, dem Hunde (jetzt ein ruhiger, verständiger,
alter Spitz), den Hühnern, den Gänsen, Enten, Spatzen und so weiter und so
weiter rundum! Und solch ein grauer, der Jahreszeit angemessener, jedem Recken
und Dehnen gewachsener Schlaf- oder vielmehr Hausrock! Und solch eine offene
Weste und solch eine würdige, lange Pastorenpfeife mit dem dazugehörigen
angenehmen Pastorenknaster in blauen Ringeln in der stillen Luft!
    »Stopfkuchen!«
    Es gab nur ein Wort, und dieses war es, was ich murmeln konnte, wie ich
jetzt stand und, wie der Marquis von Carabas, dem Kapitän Hinze meine weitere
Einführung in die Behaglichkeit überliess.
    »Stopfkuchen!« murmelte ich, während ich stand und darauf wartete, dass man,
just aus seinem Wohlsein heraus, noch einmal in meinem Leben Notiz von mir nehme
auf der Roten Schanze.
    Selbstverständlich war's die Frau, welche die Störung zuerst bemerkte, zu
dem Fremden hastig aufsah und ihren Mann anstiess:
    »Aber Heinrich! Ein Herr! Da ist ja wer!«
    Ich habe es nicht gehört, aber ich bin nicht nur fest überzeugt, sondern ich
weiss es gewiss, dass ihr Heinrich nichts weiter als »Na?!« gesagt hat, als er,
wenig erfreut, die Zeitung sinken liess und die Nase erst seinem Wachtkapitän zu,
sodann nach seinem Toreingang hin und zuletzt dem Eindringling in seinen
Morgenfrieden entgegenhob.
    »Entschuldige den Störenfried, lieber Alter. Eduard nanntest du, freilich
vor langen Jahren, einen Freund, wenn er auch kein junger Baron war, sondern nur
aus dem Postause da unten stammte, Schaumann«, sagte ich, wie vollständig aus
dem heissen Afrika in seine wonnige Kühle hinein ihm näher tretend. Die Frau
legte das Strickzeug auf den Kaffeetisch, der Mann legte beide fleischigen Hände
auf beide Lehnen seines Gartenarmstuhls, wand sich langsam in die Höhe, in
seiner gediegenen Breite nun noch mehr zur Erscheinung kommend, und - sprang
vor. Er tat einen Sprung! Es war der Sprung eines überfetten Frosches, aber ein
Sprung war es!
    Das Wort nahm ihm jedoch noch einmal die kleine, zarte Frau vom Munde weg.
    »Jesus, Heinrich«, rief Valentine Schaumann, geborene Quakatz, »es ist
wirklich und wahrhaftig dein Freund Eduard!«
    »Halte doch mal meine Pfeife, Tinchen«, sagte Stopfkuchen, und dann nahm er
mich, wenn auch nicht in seine Arme, so doch an meinen beiden Oberarmen hielt
mich so eine Weile fest, aber doch von sich, besah mich ganz genau und - fragte:
    »Bist du es? Bist du es wirklich doch noch einmal? Die Möglichkeit ist es
ja!« setzte er hinzu.
    »Es ist die Wirklichkeit, alter Heinz; und ich freue mich, dich - die Rote
Schanze - nein, dich und deine Frau so wohl zu sehen! Du hast -«
    »Dich gar nicht verändert. Bleibe mir, an jedem warmen Tage im Jahre
wenigstens, mit der verruchten Redensart vom Wanste. Der andere Hohn: Mensch,
aber wie dick bist du geworden! kommt ja doch gleich hinterdrein. In der
Beziehung könnt ihr alle -«
    »Schaumann, ich freue mich so sehr, dich so, grade so, wiederzufinden!«
    »Na, na, im Schatten geht es ja wohl noch an. Da zerfliesst man seinem besten
Jugendfreund nicht sofort als ein Schemen in den Armen. Er ist es wirklich,
Tinchen! Er hat wahrhaftig die Freundlichkeit gehabt, sich auch unserer noch zu
erinnern.«
    »Stopfkuchen?!«
    »Das Wort schmeckt wenigstens noch ein bisschen nach andern, jüngern Tagen
und lebendigeren Gefühlen; aber die Tatsache bleibt dessenungeachtet bestehen:
Geehrter, weshalb kommst du jetzt erst auch zu uns? Soweit lesen wir die
Zeitungen hier oben auf Quakatzenburg noch, dass wir aus der Gastofsliste
wissen, wie lange du dich da unten bereits aufgehalten und natürlich einer Menge
anderer das Vergnügen, dich wiederzusehen, geschenkt hast. Nu denn, das ist denn
ja sehr freundlich von dir.«
    Wie jeder, der mit Recht wegen einer Versäumnis am Ohr genommen wird, suchte
ich nach einer Ausrede und fand diesmal folgende:
    »Das Beste erspart sich der verständige Erdenbewohner stets bis zuletzt.
Dieses war, wie ich mich ungemein deutlich erinnere, auch dein Grundsatz in den
Tagen unserer Kindheit und Jugend, lieber Heinrich.«
    »Davon bin ich völlig abgekommen«, erwiderte Stopfkuchen. »Seit einigen
Jahren schon nehme ich das Beste zuerst, lieber Eduard, und verlasse mich nicht
mehr darauf, dass man ja Zeit habe und das Butterbrot sicher und fest in beiden
Fäusten halte. Na, lassen wir die Komplimente! Das Glück ist dir diesmal
wenigstens noch günstig gewesen: einen fetten Happen hast du dir an mir
aufgehoben, was?«
    »Nun, nun, bester Schaumann -«
    »Und du - wie stehst du denn so dumm da, Mieze? Quakätzchen? Da der Mann
sich als Mensch, Bruder und Freund wenigstens annäherungsweise legitimiert hat
nach Menschenbrauch, so biete ihm wenigstens einen Stuhl und noch eine Tasse
Kaffee an, wenn der noch warm ist. Setze dich wenigstens einen Augenblick,
Eduard, wenn du Zeit hast; und dann - du, sieh sie dir einmal an! - Das ist sie!
Tinchen; Tinchen Quakatz. Na, was meinst du, Eduard? Über mich hast du deine
Meinung, dir unbewusst, durch Blick, Mundaufsperren, Hand- und Fussmimik bereits
geäussert. Jetzt sage es mir dreist aufrichtig, wie du sie im Fleisch findest?«
    Die Handbewegung, der Blick, und was sonst zu dieser Vorstellung der Frau
Valentine Schaumann gehörte - nichts ist davon zu beschreiben. Auch von dem Ton
nicht, mit dem das Wort »Mieze« gesprochen wurde.
    Und Quakätzchen?!
    Eine geborene Quakatz, die Tochter von Kienbaums Mörder, Andreas Quakatz,
die sich bei ihrem Eheherrn zu einer »Mieze«, ja, wie ich nachher merkte, sogar
zu einem »Müschen«, mit längster, zärtlichster Dehnung auf dem ü ausgewachsen
hatte und jetzt mir Platz im Sommermorgen und am Frühstückstisch auf der Roten
Schanze machte, die muss doch beschrieben werden!
    Ich hatte sie als Kind nur hager gekannt - »klapperig« nannte es
Stopfkuchen; aber sie hatte es nicht so wie Stopfkuchen gemacht, sie hatte nicht
ihre Körperveranlagung im Laufe der Jahre zur höchsten Potenz ausgebildet. Sie
war nicht in dem Grade dürr geworden, wie er dick; geworden war. Sie war nicht
eingehutzelt unter seinem Regimente in dem Schatten, dem beträchtlichen
Schatten, den er warf.
    Sie war ein wohlgebautes, behagliches Persönchen geworden, mit einigem Grau
im Haar, wie man es so gegen das vierzigste Jahr wohl gelten lassen muss. Ich sah
sie mir natürlich zuerst darauf an, ob sie wohl noch die Hunde über den Dammweg
auf »uns Jungens« und die übrige Welt hetzen könne; ich sah sie mir sehr genau
darauf an, und ich freute mich. Vollständig hatte sie den wilden, manchmal halb
irren Blick ihrer Kindheit und »Jugendblüte«, der aus ihrer trostlosen Verfemung
damals stammte, verloren. Und als sie lächelnd die ersten Worte auch an mich
gerichtet hatte, wusste ich nach diesen ersten Worten, dass sie seit lange nicht
mehr das verschüchterte, mit bösen Worten, Steinen und Erdklössen beworfene
Bauernmädchen vom Quakatzenhof war. Es war durchaus nicht nötig, dass mein Freund
Schaumann es für notwendig zu halten schien, meine Aufmerksamkeit noch reger zu
machen, und zwar mit den abgeschmackten Worten:
    »Jaja, Eduard, Bildung steckt an, und ich bin immer ein sehr gebildeter
Mensch gewesen, wenn ihr da unten es auch nicht immer Wort haben wolltet. Und
dann, Eduard, studiert man manchmal auch nicht ganz ohne Nutzen für die oder den
Nebenmenschen - das Kochbuch.«
    »Wer es nicht wüsste, dass wir seit lange recht gute, gute Bekannte sind, der
müsste das hieraus doch sofort merken«, sagte freundlich zierlich Frau Valentine
Schaumann, und weder im Salon der Madame Récamier noch dem der Madame de Staël
noch dem der Frau Varnhagen von Ense, die ihrerzeit Rahel genannt wurde, konnte
etwas Feineres und Besseres mit einem bessern und feinern Lächeln bemerkt
werden.
    Ich hatte es damit vollständig heraus, dass ich hier am Ort in der Heimat den
Fuss zuerst auf einen verzauberten Boden gesetzt hatte, auf welchem die
Enttäuschungen der Heimkehr doch vielleicht noch einem rechten, echten,
wahrhaftigen, wirklichen Heimatsbehagen Raum geben konnten. Nach zehn Minuten
einer Unterhaltung, die sich nur auf unser Wieder-aneinander-Herantreten bezog
und gar nichts Bemerkenswertes an sich hatte, wollte uns die Frau verlassen und
ins Haus gehen, dem Gatten verständnisvoll zunickend, nachdem Stopfkuchen gesagt
hatte:
    »Du, Mieze, natürlich rastet der Fremdling heute im gelobten Lande. In der
Abendkühle können wir ihn dann ja ein bisschen auf seinem Wege nach der Stadt und
Afrika zurückbegleiten.«
    Ich war wohl nicht mit der Absicht gekommen, so lange zu verweilen: aber ich
bin doch wirklich gern den Tag über auf der Roten Schanze geblieben, nachdem ich
meinerseits gerufen hatte:
    »O Frau Valentine, wohin wollen Sie? Bleiben Sie sitzen. Man muss aus
Südkaffraria und über die Tropen auf Besuch nach Hause gekommen sein, um
wirklich zu erproben, wie wohlig es sich zu Hause an einem Morgen wie der
heutige vor einem solchen Hause sitzen lässt!«
    »Nicht wahr?« sagte Stopfkuchen. »Da hörst du's mal wieder, Tinchen Quakatz!
Übrigens geh du nur ruhig hin; der fremde Herr erzählt uns nachher wohl das
Genauere von seinem Hauswesen da unten, da hinten. Das macht man wahrhaftig am
besten und gemütlichsten bei Tische ab. Lass du dich nicht von ihm jetzt
abhalten; geh du ruhig an dein Geschäft, Müschen. Dieser abenteuernde Afrikaner
wird seine richtige Desdemona wohl auch schon anderswo gefunden haben, und du
kriegst doch nur die schönen Reste seiner Schnarren und Seelenstimmungen. Geh du
ruhig in deine Küche - doch die Hauptsache. Auch ihm!«
    Und der Gatte warf der Gattin einen schmunzelnd verständnisinnigen Blick zu
und zog sich mit der Handkante vor der Gurgel her, den Gestus des
Halsabschneidens aufs vollkommenste zur Darstellung bringend.
    »Heinz hat wahrhaftig recht, Herr Eduard. Die Herren müssen mich wirklich
für einige Augenblicke entschuldigen. Sei nur ruhig, Schaumann, ich weiss schon!«
    Sie entschlüpfte, und ein Weib, das von einem alten Mörder, von Kienbaums
Mörder abstammte und eben ebenfalls mit Mordgedanken umging, konnte wahrlich
dabei nicht lieber und gutmütiger und behaglicher mir zunicken und mir ihre
Freude darob zu erkennen geben, dass sie mich heute mittag bei Tisch haben werde.
Aber es lag auch eine Welt voll Vertrauen in der Rauchwolke, die ihr der Gatte
aus seiner Pfeife nachblies mit den Worten: »Alte - Achtung! Das Afrika verwöhnt
seine Leute. Ein in der Asche gebratener Elefantenfuss soll keine Kleinigkeit
sein. Tinchen, das wäre doch endlich ein wahrer guter Ruf, wenn dieser fremde
Herr daheim, zu Hause, bei sich von uns beiden mit Vergnügen erzählen - müsste!«
    »Welch eine wirklich liebe Frau«, sagte ich.
    »Nicht wahr?« fragte Stopfkuchen und fügte hinzu: »Was und wie gut
konserviert?«
    Und dann sassen wir einige Zeit in Nachdenken und die Behaglichkeit der
Stunde versunken und bemerkten es währenddem erst allmählich, dass nach und nach
um uns her eine Bewegung entstand. Es kam nämlich ein Aufhorchen, ein
Umhersehen, ein Schnabelzusammenstecken in das Federviehvolk um den
Frühstückstisch der Roten Schanze - alles infolge eines heftigen Gegackers und
Gekreisches aus dem Hofraum hinter dem Hause. Und nicht ohne Grund, denn von
dorter über das niedrige Gatter um den obbemeldeten Hof war ein einzeln Huhn
mit gesträubten Flügeln und mit einigen Federn im Schwanze weniger gelaufen
gekommen und hatte böse Mär gebracht.
    »Was hat denn das Vieh? Wer hat denn jetzt wieder Kienbaum totgeschlagen?«
fragte Stopfkuchen, seinen Tauben nachstarrend, die plötzlich von ihrem Schlage
sich erhoben und in angstvollen Kreisen über unsern Häuptern und über den grünen
Lindenwipfeln der Roten Schanze, allmählich zu silbernen Pünktchen im Himmelblau
werdend, sich entsetzt umschwangen.
    
    »Das Zeugs ist ja wie rein toll!« sagte er; ich aber tat natürlich, als ob
ich nicht die geringste Ahnung davon habe, dass der ganze Aufruhr und Schrecken
der Natur sich von mir herleite, dass meinetwegen Frau Valentine Stopfkuchen auf
der Roten Schanze in der Küche gerufen habe: »Stine, wir haben heute einen Gast,
und wenn mich nicht alles täuscht, einen aus fremden Ländern her sehr
verwöhnten. Was fangen wir an? Mein Mann hat ihn zu Tische gebeten, und wir
haben für so einen, der von so weit herkommt, eigentlich gar nichts Ordentliches
im Hause.«
    »Na ja, so muss es uns immer zur unrechten Zeit über den Hals kommen«, hatte
dann wahrscheinlich Stopfkuchens guter, zweitbester Küchengenius gerufen und -
sicherlich hinzugesetzt: »Na, ganz so schlimm ist es wohl noch nicht mit ihm,
dem fremden Herrn, und uns hier auf der Roten Schanze. Die Hühner und den
Taubenschlag haben wir ja immer gottlob noch bei der Hand.«
    Ich wusste es auch noch von meiner seligen Mutter her, was die Antwort und
der Trost war. »Für eine gute Bouillon wollen wir jedenfalls sorgen, Stine. Die
lassen sich auch die Verwöhntesten gefallen.«
    Frau Tinchen Schaumann hat an dem Tage aber noch aus ihrer eigenen
Speisekammer und, was noch besser, aus ihrer eigenen guten Seele »mit einem
Stein vom Herzen« hinzugesetzt: »Und dann haben wir ja auch, Gott sei Dank, den
Schinken in Burgunder liegen. Also denn, Stine, rasch in den Hühnerhof und auf
den Taubenschlag! Der fremde Herr bleibt bis zum Abend, und es ist ein alter
Freund von meinem Mann, und es ist auch mir eine grosse Freude, dass er nach so
langen Jahren und von so weit her hier noch einmal auf der Schanze zu Besuch
ist!«
Es möchten vielleicht manche auf dem Schiffe gern wissen, womit sich eigentlich
der Herr aus der Burenrepublik so eifrig literarisch beschäftige, was er
schreibe, worüber er jetzt knurre, jetzt seufze und jetzt lache. Es ist aber
keiner unter der ganzen Reisegesellschaft, dem ich es vollständig klarmachen
könnte, wie sich ein vernünftiger Mensch auf einer solchen Fahrt so mit einem
längst gegessenen und verdaueten Schinken, und wenn auch in Burgunder, so
eingehend noch einmal beschäftigen könne. Wir haben Deutsche, Niederländer,
Engländer, Norweger, Dänen und Schweden, die ganze germanische Vetternschaft, an
Bord des »Leonhard Hagebucher«; aber sie würden mich alle mehr für einen Narren
als einen mit ein wenig Weltverschönerungssinn begabten Teutonen nehmen, wenn
ich heute abend im Rauchsalon ihnen einige Seiten aus meinem diesmaligen Logbuch
und Reisemanuskript, aus der Kriminalgeschichte »Stopfkuchen« vorlesen würde.
Ich lasse das wohl bleiben; aber ich bleibe auch bei meinem Manuskript, wenn das
Wetter und der Wogengang es erlauben. Ich bin eben oft genug im Leben zu Schiffe
gewesen, um zu wissen, was das Behaglichere ist auf einer längern Fahrt. Es ist
eine grosse Täuschung, zu meinen, dass auf den grossen Wassern alle Augenblicke
etwas Merkwürdiges vorkomme und dass eine germanische Reiseverwandtschaft immer
ungemein humoristisch, gemütvoll, feinfühlig und interessant sei...
    Nämlich den frischen Schinken in Burgunder und die gute Hühnersuppe fanden
wir auf dem Mittagstisch; aber so weit sind wir ja wohl noch nicht. Wir sitzen
noch hinter Stopfkuchens zweitem Frühstück unter den alten Linden vor der
Quakatzenburg auf der Roten Schanze, Freund Heinrich Schaumann und ich, und der
Esstisch drinnen im Hause wird eben erst in die Mitte der Stube gezogen, um von
Frau Tinchen und einer zweiten Magd derselben für das Haupttreffen, die
Hauptbefriedigung des täglichen Nahrungsbedürfnisses, »gedeckt« zu werden.
    »Endlich doch einmal ein Mensch, der ein vorgesetztes Ziel erreicht hat,
ohne dass es ihn nach dem Anlangen enttäuscht hat!« sagte und seufzte ich, in die
nochmals dargereichte Zigarrenkiste greifend.
    »Ein bisschen viel Übergewicht«, brummte Stopfkuchen. »An heissen Tagen etwas
beschwerlich, lieber Eduard. Vorzüglich bei den doch immer notwendigen
Geschäftsgängen.«
    »Ja, hast du denn wirklich noch solche notwendige Gänge zu machen, lieber
Heinrich? Hast du wahrhaftig noch nicht mit allem, was für unsereinen so draussen
herumliegt und besorgt werden muss, abgeschlossen? Liegt nicht alles das draussen
vor deinen wundervollen Wällen des Prinzen Xaver von Sachsen?«
    »Was wohl soviel heissen soll als: bist du nur dazu da, auf der Roten Schanze
nach dem Lebensunbehagen des Vaters Quakatz die Behaglichkeit des Daseins in
deiner feisten Person zur Darstellung zu bringen? Jetzt leihe mir mal gütigst
deinen Arm, Eduard. Eine Weile dauert es wohl, ehe wir zu Tisch gerufen werden;
also kann ich dir, wenn es dir gefällig ist, vorher noch Festung, Haus und Hof -
my house and my castle -, wie das alles unter meiner und Tinchens Herrschaft
geworden ist, etwas genauer zeigen. Uf - langsam! Nur nicht zu hastig. Weshalb
sollen wir uns nicht Zeit nehmen? Was könnte ich Hinhocker einem Weltwanderer
gleich dir Merkwürdiges zu weisen haben, was solche ein rasendes Drauflosstürzen
erforderte? Nur mit aller Bequemlichkeit, Freund! Wandeln wir langsam, langsam,
und zwar zuerst noch einmal um den Wall des Herrn Grafen von der Lausitz,
segensreichen, wenn auch nicht gloriosen Angedenkens.«
    »Segensreichen Angedenkens? Das sagte die Stadt da unten, sowie die
Umgegend, im Jahre Christi siebenzehnhunderteinundsechzig grade nicht.«
    »Aber ich sage es heute. Was geht mich die hiesige Gegend und Umgegend an?
Die schöne Aussicht darauf von Quakatzenburg aus natürlich abgerechnet.«
    Ich war jetzt so gespannt auf das, was er mir zu zeigen hatte, dass ich
wirklich mit einiger Mühe meinen Schritt aus den Goldfeldern von Kaffraria nach
seinem Schritt von der Roten Schanze mässigte. Und zum erstenmal nun in meinem
Leben umging ich auf dem Walle selbst das Schanzenviereck des Prinzen Xaver; als
Junge und als junger Mensch hatte ich es mir ja nur von jenseits des Grabens,
vom Felde, von dem »Glacis« dann und wann ansehen können. Und die Jahre zählten!
Es ging freilich heute etwas langsam damit; denn der Jugendfreund hatte in
Wahrheit meinen Arm nicht bloss der Zierde und Zärtlichkeit wegen genommen. Seine
Pfeife nahm er natürlich auch mit, hielt sie im Brande und deutete mit ihrer
Spitze hierhin und dortin, wo er meine nach seiner Meinung durch allerlei
Weltumsegelungen zerstreute Aufmerksamkeit hinzuwenden wünschte.
    Wir wandelten oder watschelten wieder durch seinen Gartenweg, zwischen
seinen Johannis- und Stachelbeerbüschen, seiner Brennenden Liebe, seinen Rosen
und Lilien, seinem Rittersporn und Venuswagen empor zu der Brüstung seiner
Festung. Als Geschichtsforscher und als Philosoph der Roten Schanze erwies er
sich von Augenblick zu Augenblick grösser - bedeutender. Und dabei hatte er sich
in seiner wohlgefütterten Einsamkeit und in den Armen seiner kleinen herzigen
Frau zu einem Selbstredner sondergleichen ausgebildet. Er fragte, und er gab
gewöhnlich die Antwort selber, was für den Gefragten stets seine grosse
Bequemlichkeit hat.
    »Woher stammen im Grunde des Menschen Schicksale, Eduard?« fragte er zuerst,
und ehe ich antworten konnte (was hätte ich antworten können?), meinte er:
»Gewöhnlich, wenn nicht immer, aus einem Punkte. Von meinem Kinderwagen her - du
weisst, Eduard, ich war seit frühester Jugend etwas schwach auf den Beinen -
erinnere ich mich noch ganz gut jener Sonntagsnachmittagsspazierfahrtstunde, wo
mein Dämon mich zum erstenmal hierauf anwies, in welcher mein Vater sagte:
Hinter der Roten Schanze, Frau, kommen wir gottlob bald in den Schatten. Der
Bengel da könnte übrigens auch bald zu Fusse laufen! Meinst du nicht? - Er ist so
schwach auf den Füssen, seufzte meine selige Mutter, und dieses Wort vergesse ich
ihr nimmer. Ja, Eduard, ich bin immer etwas schwach, nicht nur von Begriffen,
sondern auch auf den Füssen gewesen, und das ist der besagte Punkt! Ich habe mich
wahrhaftig nicht weiter in der Welt bringen können als bis in den Schatten der
Roten Schanze. Ich kann wirklich nichts dafür. Hier war mein schwacher oder,
wenn du willst, starker Punkt. Hier fasste mich das Schicksal. Ich habe mich
gewehrt, aber ich habe mich fügen müssen, und ich habe mich seufzend gefügt.
Dich, lieber Eduard, haben Störzer und M. Levaillant nach dem heissen Afrika
gebracht, und mich haben meine schwachen Verstandeskräfte und noch schwächern
Füsse im kühlen Schatten von Quakatzenhof festgehalten. Eduard, das Schicksal
benutzt meistens doch unsere schwachen Punkte, um uns auf das uns Dienliche
aufmerksam zu machen.«
    Dieser Mensch war so frech-undankbar, hier wahrhaftig einen Seufzer aus der
Tiefe seines Wanstes hervorzuholen. Natürlich nur, um mir sein Behagen noch
beneidenswerter vorzurücken. Ich ging aber nicht darauf ein. Den Gefallen,
meinerseits jetzt noch tiefer und mit besserer Berechtigung zu seufzen, tat ich
ihm nicht.
    Ruhig, Eduard! sagte ich mir. Sollst doch zu erfahren suchen, was er noch
weiter mehr weiss als du.
    Ich liess ihn also am Worte, still von einer Ecke des alten, jetzt so
friedlichen Kriegsbollwerkes aus dem Schatten heraus in die sonnige, weite
Landschaft mit meiner Heimatstadt, ihren Dörfern, Wäldern, nahen Hügeln und
fernem Gebirge hinausschauend.
    »Ja, da hast du den ganzen Kriegsschauplatz von Schaumann contra Quakatz vor
dir«, sprach Stopfkuchen. »Sieh dir die Landschaft ja noch einmal an, ehe du
dich wieder nach deinem herrlichen Afrika verziehst. Es ist und bleibt doch eine
nette Gegend, was?«
    »Freilich, freilich! Man braucht grade nicht aus Libyen zu kommen oder
wieder dortin abreisen zu müssen, um das dreist behaupten zu können.«
    »Und dann, was alles in ihr passiert ist, Eduard«, sagte Stopfkuchen, mich
leicht mit dem Ellbogen in die Seite stossend. »Von alten Historien will ich gar
nicht anfangen; aber nimm nur bloss diesen himmlischen Siebenjährigen Krieg an!«
    »Bester Freund -«
    »Für diesen göttlichen Siebenjährigen Krieg und den wundervollen alten
Streitahnen, den Alten Fritz, habe ich immer meine stillste, aber innigste
Zuneigung gehabt.«
    »Liebster Heinrich -«
    »Jawohl, etwas von dieser herzlichen Neigung in mir dämmert dir vielleicht
heute auch noch wohl aus unschuldigen Kinder- und nichtsnutzigsten Flegeljahren
auf. Eduard, wäre ich heute nicht Stopfkuchen, so möchte ich nur Friedrich der
Andere in Preussen - in der ganzen Weltgeschichte nur Fritz der Zweite gewesen
sein. Ich weiss nicht, wie es mit deiner Bibliotek im Kaffernlande bestellt ist,
aber, bitte, nenne mir einen andern aus der Welt Haupt und Staatsaktionen, der
für unsereinen etwas Sympatischeres als der an sich haben kann! So dürr -
ausgetrocknet, mit seinem vom Rheinwein seines Herrn Vaters her angeerbten
Podagra etwas schwach auf den Füssen, aber immer in den Stiefeln! Immer munter
bei sich selber im Hallo, Geheul und Gebrüll der Furien und der Kanonen. Mit
seinem Krückstock, seiner Nase voll Schnupftabak, seiner mit Siegellack
eigenhändigst reparierten Degenscheide - scharfklingig, frech und spitzig, was
man jetzt schnodderig nennt, gegen die allerhöchsten Damen, Frau Marie Terese,
Frau Elisabet, Frau Jeanne-Antoinette, was ich freilich meiner allerhöchsten
Dame, meines Tinchens wegen, nicht ganz und gar billigen kann. Aber dagegen sein
Appetit! Tadellos! Gut in seiner Kindheit, in seiner Jugend, aber über alles Lob
erhaben bei zunehmendem Alter. Hätte ich wo ein Wort zu verlieren, so wäre es
bei dieser Betrachtung, so wäre es hier. Der Mann verdaute alles! Verdruss,
Provinzen, eigenes und fremdes Pech und vor allem seine jeden Tag eigenhändig
geschriebene Speisekarte. Eduard, dieser Mensch wäre auch Herr der Roten Schanze
geworden, wenn er ich gewesen wäre. Eduard, wenn ein Mensch was dazu getan hat,
mich zum Herrn, Eigentümer und Besitzer von der Roten Schanze und somit auch von
Tinchen Quakatz zu machen, so ist das immer der Alte Fritz von Preussen,
selbstverständlich immer in Verbindung mit seinem herzigen, mir so unendlich
wertvollen Gegner auf dieser Erdstelle, dem Prinzen Xaverius von Sachsen,
Kurfürstlicher Hoheit.«
    Der Mensch, Heinrich Schaumann, genannt Stopfkuchen, redete einen solchen
Haufen von Gegensätzen zusammen, dass ich gar nicht mehr imstande war, zu
seufzen: »Nun, das soll mich doch weiter wundern, worauf dieses hinauslaufen
kann.«
    »Setzen wir uns doch lieber«, meinte Heinrich. »Ich sehe es dir an, dass ich
dir noch ein wenig konfus erscheine. Vielleicht kommt das noch besser; aber ich
kann es nicht ändern. Diese Bank hier habe ich übrigens nur aufstellen lassen,
um dann und wann nicht selber meinen historischen Boden unter den Füssen weg zu
verlieren. Wenn ich dir aber langweilig werde, höre ich auf der Stelle auf,
interessantester aller Afrikaner und bester aller alten Freunde.«
    »Ich bitte dich, Stopf- bester Freund!«
    »Sage dreist Stopfkuchen, Eduard. Ich höre gern auch heute noch auf das alte
liebe Wort; und von den alten Freunden, die es mir in schönern Jahren so sehr
scherzhaft aufhingen, muss ich dir doch zuerst reden, um meinem seligen
Schwiegerpapa von Kienbaums Angedenken allmählich näherzukommen. Also dieses war
der Anfang der Historie von Heinrich und Valentine, von Kienbaum, vom Meister
Andreas Quakatz und von der Roten Schanze. Du sitzest doch gemütlich, Eduard?«
    »Ich habe selten in meinem Leben gemütlicher gesessen. Aber unterbrich dich
doch nicht immer selbst, alter, wunderlicher Freund! Mir scheint es jetzt
wahrlich, ich sei nur deshalb einzig und allein in die alte Heimat auf Besuch
gekommen, um dich zu hören!«
    »Sehr schmeichelhaft! Also auch deshalb zuerst von den alten Freunden, von
euch nichtsnutzigen, boshaftigen, unverschämten Schlingeln, die ihr, solange ich
euch zu denken vermag, euer Bestes getan habt, mir die Tage meiner Kindheit und
Jugend zu verekeln!«
    »Stopfkuchen, ich bitte dich -«
    »Jawohl, Stopfkuchen! Was konnte ich denn dafür, dass ich schwach von Beinen
und stark von Magen und Verdauung war? Hatte ich mir die Kraft und Macht meiner
peristaltischen Bewegungen und die Hinfälligkeit meiner Extremitäten und
überhaupt meine Veranlagung zum Idiotentum anerschaffen? Hätte ich die Wahl
gehabt, so wäre ich ja zehntausendmal lieber als Qualle in der bittern Salzflut
denn als Schaumanns Junge, der dicke, dumme Heinrich Schaumann, in die
Erscheinung getreten. Sauber seid ihr mit mir umgegangen und habt euer
schändliches Menschenrecht genommen. Leugne es nicht, Eduard!«
    »Du gibst keine Ausnahme zu, Heinrich?«
    »Keine! Soll ich etwa dich ausnehmen, du mein bester, liebster Freund? Bilde
dir das nicht ein! Frage nachher nur Tinchen bei Tische, was sie darüber denkt.
Sie hat dich ja auch damals mit den andern vor ihres Vaters Burgwall gehabt.
Hast du nicht mit den Wölfen geheult, so hast du mit den Eseln geiahet, und
jedenfalls bist auch du mit den andern gelaufen und hast Stopfkuchen mit seiner
unverstandenen Seele gleichwie mit einem auf die gute Seite gefallenen
Butterbrot auf der Haustürtreppe, auf der faulen Bank in der Schule und am
Feldrain vor der Roten Schanze sitzenlassen. Jawohl hast du dich schön nach mir
umgesehen, wenn du nicht etwa etwas Besseres, sondern wenn du etwas
Vergnüglicheres wusstest.«
    »Heinrich, das kannst du doch wirklich nicht sagen!«
    »Eduard, sässe ich sonst so hier? Und dann - übrigens, mache ich dir einen
Vorwurf daraus? Habe ich euch - dich nicht laufen lassen, und habe ich nicht
etwa mein Butterbrot aus dem Erdenstaube aufgehoben und es gefressen - mit einem
Viertel Wehmut und drei Vierteln Hochgenuss in meiner - Einsamkeit? Habe ich euch
- habe ich dich etwa nicht ruhig laufen lassen? Habe ich mich je euch durch
Gewinsel hinter euren leichter beschwingten Seelen und bewegungslustigern
Körpern her noch lächerlicher, als ich schon war, gemacht?«
    »Wahrhaftig nicht! Und um der Wahrheit die Ehre zu geben, ich - wir haben
dich einfach sitzenlassen, wie und wo du dich hingesetzt hattest!«
    »Seht ihr! Siehst du! Und ich hoffe es dir im Laufe des Tages doch noch zu
beweisen, dass auch die einsame Haustürtreppe, der unterste Platz in jeder
Schulklasse, der tränenreiche Sitz am Wiesenrain den Menschen doch noch zu einem
gewissen Weltüberblick und einem Zweck und Ziel im Erdendasein gelangen lassen
können. Zum Laufen hilft eben nicht immer schnell sein, lieber Eduard.«
    »Das weiss der liebe Gott!« seufzte ich aus voller Seele, aus allen
Lebenserrungenschaften und vom untern Ende Afrikas her.
    »Ein Indianer am Pfahl konnte es unter dem Kriegsgeheul und Hohngebrüll
seiner Feinde nicht schöner haben als Stopfkuchen in euerm muntern Kreise. Nette
Siegestänze eurer Überlegenheit habt ihr um mich armen maulfaulen, feisten,
schwitzenden Tropf aufgeführt. Und so helle Köpfe waret ihr allesamt! Jawohl
habe ich mein Brot mit Tränen gegessen in eurer lieben Kameradschaft. Was blieb
mir da anders übrig, als mich an meinen Appetit zu halten und mich auf mich
selber zu beschränken und euch mit meinen herzlichsten Segenswünschen die
Rückseite zuzudrehen.«
    »Heinrich -«
    »Na, na, lass das nur sein. Es liegt jetzt hinter uns beiden, und Tinchen ist
in ihrer Küche für dein und mein Wohl heute beschäftigt, wie es sich gehört. Das
Herzblatt! Lass uns jetzt dem näherzukommen suchen, und also - vivat der Prinz
Xaver von Sachsen, und nochmals und zum dritten Male hoch der Comte de Lusace,
Prinz Xaverius von Sachsen!«
»Er lebe! Aber was er mit deiner - meiner - unserer und deiner Frau Geschichte
zu tun hat, das bleibt mir augenblicklich noch ein Rätsel, Schaumann! Du hast
eben wohlberechtigte Worte zu mir gesprochen; aber deinen Grafen von der
Lausitz, deinen mir völlig unbekannten Prinzen von Sachsen, brauche ich mir doch
nicht so ohne weiteres gefallen zu lassen, Heinrich! Jetzt, ehe deine Frau zum
Essen ruft, was hat dieser sonderbare Prinz Xaver, Xaverius, mit ihr, mit dir,
mit mir noch zu tun an diesem wundervollen, windstillen, himmelblauen,
blättergrünen, sonnigen Sommermorgen?«
    Das Schiff stösst heute ein wenig mehr als gestern.
»Und wenn du auch die halbe neue Weltgeschichte miterlebt und in Afrika selber
mitgemacht hast, Eduard, das musst du doch auch noch wissen, dass in meines Vaters
Hausgiebel eine Kanonenkugel stak und heute noch steckt, die er - der Xaverl -
damals im Siebenjährigen Kriege zu uns in die Stadt hineingeschossen hat! Sei
nur ganz still und unterbrich mich nicht; wir kommen dem Tinchen an ihrem
Küchenherde auf der Roten Schanze näher und immer näher. Nämlich sie war meines
Vaters Stolz, nicht das Tinchen, sondern die Kanonenkugel. Sie war ja eine
Merkwürdigkeit der Stadt, und mein erstes Denken haftet an ihr. Die ist von der
Roten Schanze gekommen, Junge, sagte mein Vater, und nun sage mir, Eduard, hast
du da hinten in Pretoria, oder wie ihr es und euch nennt, etwas Besseres als
eine Kugel im Gebälk oder in der Hauswand, um deinem Jungen oder deinen Jungen
den Verstand für irgend etwas aufzuknöpfen? So ein Wort schlägt ein und haftet
im Gehirn und in der Phantasie wie die Kugel selber in der Mauer. Sie kommt noch
aus dem Kriege des Alten Fritz her, Heinrich, sagte mein Vater. Pass in der
Schule ordentlich auf, denn da können sie dir das Genauere darüber erzählen! -
Na, ich habe um alles andere in der Schule Prügel gekriegt, nur um den
Siebenjährigen Krieg nicht; und daran ist die Geschützkugel des Prinzen Xaver an
unserer Hauswand, die Kugel, die von der Roten Schanze hergekommen war, schuld
gewesen, und sie hat mir denn auch so im Laufe der Zeiten zum Tinchen Quakatz
und zu der Roten Schanze verholfen. Nachher bei Tische, hoffe ich, sollst du es
mir ganz aufrichtig sagen müssen, dass du es doch recht behaglich bei uns
findest.«
    »Habe ich denn das nicht schon verschiedene Male gesagt?«
    »Nein. Wenigstens noch lange nicht nach Würden. Denn was weisst du denn
eigentlich bis jetzt Genauestes von uns? Aber Menschenkind, musst du denn immer
unterbrechen? Menschenkind, begreifst du denn gar nicht, wie viele verhaltene
Reden, wieviel verhaltener Wortschwall in einem nicht zum Zweck und auf die
Kanzel gekommenen Kandidaten der Teologie stecken können? Da, sitze still und
gucke in die schöne Gegend und auf die Heimatsgefilde und lass mich mir endlich
mal Luft machen, einem Menschen gegenüber Luft machen, der nicht da unten in das
alte Nest hineingehört, sondern der morgen schon wieder auf dem Wege nach dem
untersten Ende vom alleruntersten Südafrika ist, also nicht die Geschichte vom
Stopfkuchen und seiner Roten Schanze in sein nachbarliches Ehebett und in seine
Stammkneipe weiterträgt.«
    »Ich sage gar nichts mehr, bis du selber mich dazu aufforderst oder bis
deine liebe Frau es wünscht.«
    »Schön, lieber Junge! Damit tust du mir eine wahre Wohltat an. Also kommen
wir zurück zu der Schicksalskugel an Rendanten Schaumanns Hause. Allein tat sie
es natürlich nicht. Es hatte sich im Hause auch ein alter Schmöker erhalten.
Meine Mutter hatte ihn jahrelang benutzt, um einem wackelnden Schrank den
mangelnden vierten Fuss unterzuschieben. Der half mir weiter. Nicht der Schrank,
sondern der Schmöker! Es war ein Lokalprodukt, das die Geschichte der Belagerung
unserer süssen Kindheitswiege durch den Prinzen Xaver von Sachsen, wenn nicht
wahr, so doch für ein Kindergemüt um ein bedeutendes deutlicher ausmalte. Den
Klassiker zog ich unter dem Schranke vor, den las ich lieber als den Cornelius
Nepos, und von dem aus kam ich, Eduard - sei ruhig, wir kommen Tinchen immer
näher! -, zu dem lebendigen alten Schmöker Schwartner. Selbstverständlich
erinnerst du dich noch an den alten Schwartner, den Registrator Schwartner?«
    Ich erinnerte mich selbstverständlich, aber schüttelte natürlich ebenso
selbstverständlich das Haupt.
    »Ja so: er soll ja nicht dreinreden!« brummte der Herr der Roten Schanze und
fuhr fort in seiner Seelenerleichterung, ohne dass er durch mich aufgehalten
worden war. »Der alte Schwartner in seinem alten schwarzen Hause unter den
dunkeln Kastanien der Kirche gegenüber. Es spukte in ihm, weisst du noch, Eduard?
In dem Hause natürlich, aber - in dem alten Herrn auch. In dem alten Herrn haben
nach seinem Tode oder vielmehr endlichen völligen Austrocknen die Doktoren nicht
einen Tropfen Flüssigkeit mehr gefunden, obgleich er aller Humore voller steckte
als die ganze übrige Stadt. Und beim Abbruch seines Familienhauses, nachdem man
vorher die Kastanienbäume niedergeschlagen hatte, haben die Arbeiter mehr als
einmal am hellen Mittage die Äxte, Schaufeln und Spitzhacken hingeworfen und
haben sich unter den Schutz der Hauptkirche gegenüber geflüchtet, weil plötzlich
ein Schrecken über sie kam. Ihr Gelehrten schiebt das ja wohl auf den alten
Bockfüssler Pan; die städtische Arbeiterbummlerschaft aber schob's auf den alten
Bockfüssler Schwartner. Na, mit dem letztern Alten habe ich denn so ganz hinter
euerm Rücken, ihr lieben, hellen Schulkameraden, Kameradschaft gemacht, und zwar
mit Nutzen in vielen Dingen, von denen ihr Feldhasen nicht die geringste Ahnung
haben konntet. Sitze nur ruhig, Eduard; ich führe dich nicht zu weit ab: wir
bleiben einfach bei der Roten Schanze und kommen meinem Tinchen immer näher.
Übrigens wird sie hoffentlich nun auch bald uns zu Tische rufen.«
    Ich hätte hier wirklich etwas sagen können; aber ich bezwang mich und tat es
nicht. Stopfkuchen fuhr, seine Pfeife besser in Brand ziehend, fort:
    »Also die Kugel an meines Vaters Hause hatte zuerst auf meine kindliche
Phantasie gewirkt; der alte Schwartner wirkte zuerst auf meinen historischen
Sinn. Und den historischen Sinn im Menschen erklären heutzutage ja viele
Gelehrte für das Vorzüglichste, was es überhaupt im Menschen gibt. Ich bin nicht
dieser Ansicht. Ja, wenn man sich immer nur an was Angenehmes erinnerte! ...
Aber einerlei, der alte Schwartner hatte historischen Sinn und erweckte
denselben auch, soweit es möglich war, in mir. Dass ich mich mit ihm, immer dem
historischen Sinn. Einzig und allein auf die Rote Schanze zu beschränken wusste,
spricht meines Erachtens zuletzt denn doch dafür, dass noch etwas in mir lag, was
selbst über den historischen Sinn hinausging. Wie ich eigentlich zuerst in sein
Haus gekommen bin, weiss ich nicht recht. Er hat mich wahrscheinlich die
Kanonenkugel an unserm Hausgiebel oder die Rote Schanze angaffend gefunden, eine
verwandte Seele in mir gewittert und mich mal mit sich genommen. Wir kamen
jedenfalls bald auf den kameradschaftlichsten Fuss. Wer mich brauchte und in
meines Vaters Hause nicht vorfand, der hatte mich nur beim alten Registrator
Schwartner zu suchen, da fand er mich ziemlich sicher. Schulkenntnisse,
Heinrich, sagte der alte Schwartner, erwirb dir ja Schulkenntnisse und
vorzüglich Geschichte. Ohne Geschichtskenntnis bleibt der Gescheuteste ein
dummer Esel, mit ihr steckt er als überlegener Mensch eine ganze Stadt, ein ganz
Gemeinwesen wissenschaftlich in die Tasche. Brauchst da bloss mich anzusehen, den
blossen Subalternenbeamten, der ihnen allen doch allein sagen kann, wie es mit
ihnen eigentlich steht. Viele allgemeine Geschichtskenntnis habe ich nun
freilich doch nicht aus der Freundschaft des alten Herrn gezogen; aber die
Geschichte des Siebenjährigen Krieges und der Roten Schanze, die weiss ich von
ihm, mag es meinetwegen mit dem übrigen bestellt sein und bleiben, wie es ist.
Jaja, Eduard, sein - des alten Schwartners - Grossonkel oder Urgrossonkel hatte
als damaliger Stadtsyndikus den Prinzen Xaverius persönlich gesprochen. Der
Prinz hatte ihm seine Dose geboten, aber ihm seinen Beitrag zur Kontribution und
Brandschatzung nach gewonnener Stadt leider nicht erlassen. Er, der Herr
Registrator, bewahrte auch noch viele andere Sachen in seinem gespenstischen
Familienhause zum Angedenken an jene unruhige Zeit auf: ein Sponton in der Ecke
hinter seinem Schreibtische, Pläne und Kupferstiche an den Wänden, Stühle, auf
welchen die Urgrossmutter und die Grossmutter mit dem preussischen
Stadtkommandanten gesessen hatten, einen Tisch, von welchem die Einquartierung
eine Ecke abgeschlagen hatte, und vor allen Dingen Rechnungen, Rechnungsbücher,
Abrechnungen! Na, sie hatten blechen müssen, das sage ich dir, Eduard! Der liebe
Gott beschirme deine Urenkel in Afrika vor derartigen lieben Angedenken oder
gebe ihnen wenigstens den behaglichen historischen Sinn des alten Schwartner,
der durchaus keinen Groll darüber mehr in sich trug, der nur noch sein Vergnügen
aus der Sache zog und dem nichts als sein Interesse an dem Dinge geblieben war.
Er hatte einen ziemlich grossen Plan der Stadt aus dem Ende des vorigen
Jahrhunderts an der Wand neben seinem Sofa hängen, und wenn er nicht draussen im
Felde diese närrische verjährte Belagerung mit mir traktierte, so dozierte er
sie mir von diesem Sofa aus, und ich musste auf der Karte mit dem Finger
nachfahren, meistens natürlich zwischen der Stadt und der Roten Schanze hin und
her. Und nun steh mal auf und komm mal her, Eduard.«
    Und nun, wie als ob ich aus meinem Leben und aus Afrika nicht das geringste
Neue und für ihn vielleicht auch Merkwürdige zu erzählen gehabt hätte, zog er
mich an den Rand seines Burgwalls und deutete mir mit dem Finger dieses so
grenzenlos unbedeutende Stück Weltistorie, Kanonenlärm, Bürgerangst, Weiber-
und Kindergekreisch, Brand und Blutvergiessen: da und da stand der und der. Das
corps combiné du Royal François et des Saxons war zwanzigtausend Mann stark.
Soundso viel Franzosen und soundso viel Sachsen. »In der Stadt lag eine
Besatzung von sieben-bis achtundert Mann Invaliden und Landmiliz unterm alten
Platzmajor von Stummel, sein Nachkomme lebt noch in der Stadt als quieszierter
Gerichtsassessor, und man sieht es ihm wahrhaftig nicht an, dass er einen Heros
zum Ahnherrn gehabt hat; nach dem Brummersumm geht er, wie ich höre, jeden
Nachmittag, und auch du hast ihn da vielleicht noch wieder angetroffen, Eduard,
und auch um seinetwillen deinen Freund Stopfkuchen und dessen Rote Schanze bis
heute verabsäumt. Es war doch eigentlich nicht hübsch von dir.«
    Letzteres mochte sein; aber wenn mir natürlich jetzt alles an Stopfkuchen
und der Roten Schanze von neuem sehr interessant und sympatisch war, so war ich
doch eigentlich nicht um das, was er mir bis jetzt von sich und allem Seinigen
vorgetragen hatte, nach seiner Festung, seiner Xavers-, Quakatzen- und
Valentinenburg, hinausgegangen. Ich hatte wenigstens nach Möglichkeit
nachgeholt, was ich unfreundlicherweise verabsäumt haben mochte an dem
fürchterlichen Langweiler, dem feistesten meiner Jugendfreunde.
    Dem mochte nun sein, wie ihm wollte: in einer Beziehung hatte ich etwas ganz
Wunderbares ganz sicher noch vor mir Stopfkuchens Mittagsessen. Nachdem die
Düfte vom Hause her immer nahrhafter und delikater geworden waren, schaute Frau
Valentine Schaumann, gekorene Quakatz, um den Busch hinter unserer Bank und
fragte mit dem liebsten, einladendsten Lächeln auf dem guten Gesicht, ob es den
Herren gefällig sei. -
Es war den Herren gefällig.
    Heute, unter der Linie, habe ich zwar die Glocke des Schiffskochs nicht
überhört, aber ich habe ihr doch auch nicht Folge geleistet. Ich bin von Tische
fort - und bei meinem Manuskript geblieben. Mit dem Appetit des Nordländers ist
es zwischen den Wendekreisen des Krebses und des Steinbocks leider nur zu häufig
soso, und die sind schon gut dran, die in jenen schönen Gegenden sich wenigstens
noch mit Behagen oder doch ohne Missbehagen an frühern Tafelgenuss und bessere
Verdauung erinnern dürfen.
    »Na, Tinchen, da hast du denn endlich einmal wieder einen andern, der dir
seinen Arm bietet«, sagte Heinrich, seine Pfeife an die Gartenbank lehnend und
seinen Schlafrock um sich zusammenziehend, was die einzige Verbesserung und
Verschönerung seiner Dinertoilette blieb, während seine Frau im hübschen und
geschmackvollen, im tadellosen, feiertäglichen Hauskleide zu uns gekommen war.
»Nämlich«, fügte er hinzu, Stopfkuchen nämlich, »so habe ich sie gewöhnt,
Eduard, dass ich mich in dieser Hinsicht allmählich auf sie verlassen kann. Sie
reicht mir stets unaufgefordert den Arm, und ich habe ihn nötig. Aber wie
gesagt, Weib, reiche ihn heute ihm. Eines so werten und seltenen Gastes wegen
verzichte ich auch mal darauf. Also geht nur voran, ihr beiden, ich folge
langsam in eurer lieben Spur.«
    Das tat er wirklich, und da es jetzt in Wahrheit zu Tische ging, auch ohne
sich nochmals unterwegs niederzulassen oder gar in den Siebenjährigen Krieg, auf
den Prinzen Xaver von Sachsen und die Belagerung unserer Heimatstadt zu fallen.
Dicht hinter uns her erreichte er das Haus, welchem auch ich jetzt
sonderbarerweise zuerst am heutigen Tage in nächste Nähe trat. Bis jetzt war es
aber zu gemütlich unter den Linden vor ihm - dem Hause - gewesen. Und was aus
einer blutigen Kriegesschanze und aus dem verfemten, verrufenen Unterschlupf von
Kienbaums Mörder zu machen gewesen war, das hatte Stopfkuchen daraus gemacht.
Solches konnte ich ihm zugehen, und darauf konnte er unbedingt stolz sein. Er
hatte es verstanden, hier die bösen Geister auszutreiben, das bemerkte man auf
den ersten Blick, wenn man Quakatzens Heimwesen noch gekannt hatte. Er aber
sagte, ohne sich auf der Schwelle etwas zugute zu tun:
    »Komm denn herein, lieber Junge. Wenn der Mensch mit seinen höheren Zwecken,
nach dem Dichterwort, in die Höhe wachsen soll, so sollte er von Rechts wegen
mit seinem zwecklosen guten Gewissen sich unangegrinst in ebendem Verhältnis
ruhig in die Breite ausdehnen dürfen. Aber komme der schlechten Welt mit diesem
bescheidenen Anspruch! Na, die Haustür des alten Quakatz habe ich übrigens
meinetwegen noch nicht breiter machen lassen müssen. Eduard, es freut mich
ungemein, Arm in Arm mit dir diese Schwelle überschreiten zu können.«
    Damit schob er seine Frau von mir ab und sie vor uns ins Haus. Er watschelte
richtig Arm in Arm mit mir hinterdrein, nicht ohne vorher noch einen Augenblick
stehengeblieben zu sein und mich auf die Überschrift seiner Tür aufmerksam
gemacht zu haben. Ich traute meinen Augen nicht; aber es stand wahrhaftig da, in
grossen, weissen Lettern auf schwarzem Grunde angemalt, zu lesen:
                      Da redete Gott mit Noah und sprach:
                              Gehe aus dem Kasten.
Und als ich den Dicken darob wirklich nicht ganz ohne Verwunderung ansah,
lächelte dieser behaglichste aller Lehnstuhlmenschen überlegen und sprach:
    »Weil ihr ein bisschen weiter als ich in die Welt hinein euch die Füsse
vertreten habt, meint ihr selbstverständlich, dass ich ganz und gar im Kasten
sitzen geblieben sei. Ne, ne, lieber Eduard, es ist wirklich mein Lebensmotto:
Gehe heraus aus dem Kasten!«
    Ich würde einiges zu erwidern gehabt haben, aber er liess mich wahrlich
wiederum nicht zum Worte, sondern fuhr fort:
    »Was sagst du aber schon hier draussen zu den kleinen Verschönerungen, die
ich an Tinchen Quakatzens Erbsitz vorgenommen habe? Hier auswendig am Hause,
meine ich. Nicht wahr, hell und freundlich - alles, was Pinsel und Farbentopf in
dieser Hinsicht ins Erheiternde zu tun vermochten!«
    Er hatte gewiss nicht nötig, mich noch besonders aufmerksam zu machen. Die
Verschönerungen mussten jedem, der die »Mördergrube« auf der Roten Schanze ehedem
in ihrer ärgsten Verwahrlosung gekannt hatte, auffallen.
    »Sieh mal«, sagte Stopfkuchen, »auf den Noahkasten habe ich dich bereits
aufmerksam gemacht; jetzt schüttele einmal in der Phantasie eine andere deiner
Weihnachtsschachteln aus. Dorf oder Stadt - steht auf dem Deckel derjenigen, die
ich meine. Kippe dreist um auf den Tisch und suche mir mein Weihnachtsmusterhaus
heraus! Was? Hast du's? Schön himmelblau die Mauern, schön zinnoberrot das Dach,
Fenster und Tür kohlenpechrabenschwarz, nur der Schornstein schön weiss. Es gibt
auch nette Paläste, Häuser und Hütten in anderen Farben in der Schachtel, aber
ich habe Tinchens wegen ein helles Himmelblau gewählt. Dem sieht hoffentlich
niemand mehr Kienbaums Blut ab, sondern es sagt höchstens dann und wann jemand:
Dieser alte Schaumann auf der Roten Schanze ist doch ein ganz verrückter Hahn,
und es ist nur zu hoffen, dass ihn seine brave Frau fest unter ihrer Kuratel
hält.«
    Die brave Frau auf dem Hausflur wendete sich auf dieses letzte Wort um und
sagte lächelnd:
    »Heinrich, ich bitte dich, vor diesem deinem Freunde brauchst du dich doch
nicht ganz so närrisch wie vor den anderen anzustellen.«
    »Aber immer doch ein bisschen darf ich - was, alter Schatz?«
    »Was kann ich dagegen machen? Sagen Sie selber aus ältester Bekanntschaft
mit ihm, Herr Eduard!« lachte Frau Valentine, und dabei stand auch ich an
Stopfkuchens Arm auf seinem Hausflur und fiel in ein neues Erstaunen.
    »Ja, aber, was ist denn das?« entrang sich, um im gehobenen Ton zu bleiben,
das Wort meinen Lippen.
    »Ein Bruchteil meines geologischen Museums. Die Pièce de résistance, die
Krone, mein Mammut, werde ich dir nach Tische zeigen«, sagte Schaumann.
    Ich stand starr.
    »Es ist die Liebhaberei meiner alten Tage«, fuhr der dicke Freund fort.
»Etwas muss der Mensch doch immer haben, woran er sich hält, wenn er dem Gebote
des Herrn nachkommt und aus dem Kasten geht. Was wunderst du dich? Für alle
Ewigkeit reicht doch selbst der Prinz Xaver von Sachsen nicht aus, um einem
Einsiedler oder vielmehr Zweisiedler durch die Stunden, Tage, Wochen und Jahre
ein Liebhabereibedürfnis behaglich zu stillen. Aber sei nur ruhig, Eduard; dies
ist meine Sache, dieses sind meine Knochen! Du kriegst die Suppe von ihnen
nicht, Tinchen hält sich mehr an was Frischeres mit mehr Fleisch darauf. Ich
hoffe, du wirst ihre Kochkunst, meinem osteologischen Museum zum Trotz, loben
und draussen im Säkulum gleichfalls bestätigen, dass man auf der Roten Schanze
nicht bloss an den Knochen nagt. Übrigens sehe ich zu meinem Erstaunen, dass du
derartigen Dilettantenwahnsinn bei mir am wenigsten gesucht hast.«
    »Das muss ich sagen!«
    »Der Zauber des Gegensatzes, Eduard. Einfach der Zauber des Gegensatzes!
Werde du mal so fett wie ich und suche du nicht deinen Gegensatz - also hier
diese Knochen! Dein Hausarzt wird sicherlich nichts dagegen einzuwenden haben.
Der meinige hält zum Beispiel mein Herumkriechen, - keuchen und - klettern in
den umliegenden Kiesgruben und Steinbrüchen der Feldmark um die Rote Schanze für
sehr wohltätig für meine Konstitution. Seinen Redensarten nach sollte es mir
manchmal vorkommen, als sei die Sintflut nur meinetwegen eingetreten, nämlich
bloss damit ich mir unter ihren Ruderibus, ihren schönen Resten, die mir so
notwendige Bewegung mache. Und mit ganz ähnlichen Redensarten legt auch Tinchen,
wie sie sich ausdrückt, meiner Narrheit nichts in den Weg. Das kommt davon, fügt
sie höchstens hinzu, wenn der dicke Bauer der Roten Schanze sein ganzes
Ackerland der Zuckerfabrik Maiholzen als Rübenboden hingibt.«
    »Mensch!« rief ich. »Jetzt lass uns endlich zu Tisch! Deine Frau wartet, und
ich habe es unbedingt nötig, auch mit deiner Frau über dich zu reden!«
    »Aber erst nach Tische!« grinste Stopfkuchen. Er »bat« darum, wie man das in
solchen Fällen sittiger zu bezeichnen pflegt, fügte auch noch hinzu »Dass ich
mich auf dem Wege zum Essen und beim Essen ungern aufhalten und nur sehr ungern
stören lasse, weisst du ja wohl noch aus alter lieber Jugenderinnerung!«
    Ich warf noch einen Blick auf die an den Wänden der alten »Bauerndehle« auf
Börten und in offenen Schränken aufgestapelten Versteinerungen aus der Umgegend
der Roten Schanze und trat noch einmal in meinem Leben in die Wohnstube des
Bauern Andreas Quakatz zur linken Seite des Hausflurs und an den Tisch, den auch
Stopfkuchen zu einem Esstisch gemacht hatte und auf welchem Tinchen Quakatz vor
so vielen Jahren in meiner Gegenwart in Trotz, Grimm, Angst und Verzweiflung mit
den Armen und mit dem Kopfe lag.
»Wie freue ich mich, Sie wieder hier zu sehen, Herr Eduard«, sagte Frau
Valentine Schaumann. - - -
    Ich reichte ihr in Wahrheit bewegt die Hand über Stopfkuchens in Wahrheit
wunderbar gedeckten Ess-und Lebenstisch. Aber Stopfkuchen drängte: ich hatte die
Serviette zu entfalten und zu Löffel, Messer und Gabel zu greifen. So konnte er,
Heinrich, doch nicht drängen, dass ich mich nicht auch hier schnell noch
umgesehen hätte. Es hatte sich auch hier manches verändert.
    »Ja, guck nur«, sagte er. »Hier kannst du es richtig sehen, wie sie mich
gegen den Strich zu kämmen pflegt. Nichts als meinen Koprolitenschrank habe ich
hier hereinschmuggeln können. Da steht er in der Ecke, und da sitzt sie dir
gegenüber und erwartet, dass du ihr deine Komplimente über ihren guten Geschmack
machst. Sie hat den Raum von ihren Jugenderinnerungen gründlich gereinigt haben
wollen, und der Schatz hat das Recht dazu gehabt. Erfreuliches hing nicht an den
Wänden, stand nicht umher - diesen Esstisch ausgenommen - und verkroch sich noch
weniger in den Winkeln. Wir haben aber den väterlichen und urväterlichen Hausrat
vom Quakatzenhof nicht verauktioniert. Wir haben ihn den Flammen übergeben,
teilweise auf dem Küchenherde, zum grössten Teil aber da draussen unter den
Lindenbäumen. Da haben wir ein Feuer angezündet, am schönen Sommertage im
Sonnenschein zwischen zehn und elf Uhr morgens. Da haben wir den alten wüsten
Wust in die reinen blauen Lüfte geschickt. O wie haben wir alle süssen,
heimlichen, sentimentalen Gemütsstimmungen auf den Kopf gestellt! Ei ja, wie
haben wir die Rote Schanze durch Feuer von ihrer Krankheit geheilt! Sieh,
Eduard, wie das Kind sich heute noch ihrer, wie die Leute umher sagten,
unzurechnungsfähigen, grenzenlosen Herzlosigkeit freut - diese Mordbrennerin.
Sieht sie aus, als ob sie sich durch das Aufwärmen ihrer eigensten Tat jetzt
noch den Appetit verderben lassen würde?«
    So sah sie wahrlich nicht aus! Frau Valentine Schaumann lächelte über unsern
Suppennapf mich an und sagte:
    »Merken Sie es wohl, wie gründlich Heinrich mich erzogen hat? Ich habe auch
gar nichts dagegen, wenn er es Ihnen nach Tisch noch gründlicher erzählt, wie er
das angefangen hat und wie er mich auch heute noch auf der Schulbank sitzen hat.
Das heisst, Alter, dein Nachmittagsschläfchen hältst du erst wie gewöhnlich, denn
Herr Eduard wird aus seinem heissen Afrika wohl auch ein wenig dran gewöhnt
sein.«
    »Wenn Eduard zu schlummern wünscht, schlummre ich gewiss auch ein wenig ihm
zuliebe. Mit den gewöhnlichen Gewissensbissen der ärztlichen Ratschläge wegen.
Und hat dir Gott 'nen Wanst beschert, so halte ihn - und so weiter. Na, der Herr
beschere uns allen einen sanften Sofatod.«
    »Du gehst mir heute und von heute an jeden Tag auf der Stelle nach dem Essen
mit deinem Freunde oder mit mir in den Garten und auf den Wall!« rief Frau
Valentine. »Heinrich, ich bin imstande und blase noch einmal ein Feuer unter den
Linden an und verbrenne dir alle unsere Sofas unterm Leibe.«
    »O du süsse, umgekehrte indische Witwe in spe!« grinste Stopfkuchen, und dann
war er eine geraume Zeit wieder einmal ganz bei der Sache, nämlich nur bei
Tische, ganz und gar, einzig und allein, nur, nur bei Tische! Wir speisten
vorzüglich, und eine Viertelstunde lang sagte er einmal kein Wort. Der
Behaglichkeit und der Kühle wegen blieben wir auch mit dem Kaffee und bei der
Zigarre fürs erste im Hause, und Tinchen Quakatz sass bei uns und ging ab und zu,
freute sich ihres Mannes und, wie es gottlob schien, auch seines Jugendfreundes,
und wir verzichteten alle drei auf den Nachmittagsschlummer zur »Feier meines
Besuchs«.
    Im behaglichsten Moment des Verdauungsprozesses legte sich dann Stopfkuchen
in seinem Sessel zurück, schlang über dem weitaufgeknöpften Busen die Hände
ineinander, drehte die Daumen umeinander, seufzte wohllüstig und - fragte:
    »Und nun, Eduard, machen wir dir noch den Eindruck einer Mörderhöhle?
Würdest du dich vor dem seligen Kienbaum und der Mitternacht fürchten und
dankend ablehnen, wenn wir dir ein Bett im Hause anböten? Sag es ganz offen
heraus, wenn es dir im geringsten noch nach Blut und Moder auf der Roten Schanze
riecht.«
    Hoffentlich erwartete er, dass ich nun aufspringe, mit Händen und Füssen
abwehrend, donnernd dreimal »Nein!« brülle. Aber den Gefallen tat ich dem fast
unheimlich behaglichen, feisten Geschöpf doch nicht. Ich sagte ihm ganz ruhig:
    »Auch deine antediluvianischen versteinerten Gebeine draussen riechen mir
nach nichts mehr. Selbst deine Koproliten da im Schrank kann die feinste Dame
dreist als Briefbeschwerer gebrauchen, wenn niemand sie fragt und sie keinem
mitteilt, was das eigentlich ist. In die Gespensterkammer von Quakatzenhof würde
ich mit Vergnügen ziehen, wenn meine Zeitumstände es erlaubten. Dass deine liebe
Frau mir im Schlafe den Hals abschneiden könne, glaube ich nicht; aber - was
dich selber freilich anbetrifft, so möchte ich dich wirklich jetzt noch am
freundlichen Nachmittage ausfragen, ehe die spukhafte Nacht kommt. Wundervolle
Menschenkinder - unbegreiflicher Mensch - wie habt ihr - wie hast du es
angefangen, den bösen Geist und Gast der Roten Schanze zu bändigen?«
    »Ich habe Kienbaum völlig totgeschlagen«, sagte Stopfkuchen. »Weiter
brauchte es ja nichts. Der Schlingel - will sagen, der arme Teufel hatte
freilich ein zähes Leben; aber - ich - ich habe ihn untergekriegt. Wenn ein
Mensch Kienbaum totgeschlagen hat, so bin ich der Mensch und Mörder.«
    »Du? Heinrich, mir -«
    »Willst du dabeisein, wenn ich's ihm ins genauere auseinandersetze,
Tinchen?« wendete sich Heinrich an seine Frau, und sie meinte lächelnd:
    »Du weisst es ja, dass du mich nicht dabei nötig hast, Alter. Wenn dein Herr
Freund es gestattet, so horche ich lieber wie bisher von Zeit zu Zeit ein wenig
hin, dass du mir nicht allzusehr ins Phantastische und Breite fällst.«
    »Ich ins Breite und Phantastische, Eduard?!«
    »Aber ich würde den Herren vorschlagen, sich doch lieber mit dem alten Elend
wieder draussen unter die grauen Bäume zu setzen. Sie, Herr Eduard, hören gewiss
lieber draussen im Freien davon. Ich räume derweilen hier auf und komme nachher
-«
    »Mit meinem Strickzeug«, schloss Heinrich Schaumann den herzigen Rat und
Vorschlag ab.
Er nahm seine Zigarrenkiste unter den Arm, ich bot ihm wieder den meinen; die
Frau trug uns ein brennend Licht in die stille Sommerluft hinaus, und so sassen
wir noch einmal unter den Linden, und ich wehrte eine letzte Tasse Kaffee ab,
und jetzt könnte ich jeden fragen, ob's nicht merkwürdig sei, auf einem Schiffe,
auf dem sogenannten hohen Meer, auf der Rückreise in das ödeste,
langgedehnteste, wenn auch nahrhafteste Fremdenleben so von dem sogenannten
heimischen, vaterländischen Philisterleben zu schreiben...
    »Jaja, Eduard«, sagte Stopfkuchen, »gehe heraus aus dem Kasten! Einige
werden in die Welt hinausgeschickt, um ein König oder Kaiserreich zu stiften,
andere, um ein Rittergut am Kap der Guten Hoffnung zu erobern, und wieder andere
bloss, um ein kleines Bauernmädchen mit unterdrückten Anlagen zur Behaglichkeit
und einem armen Teufel von geplagtem, halb verrückt gemachtem Papa einzufangen
und es mit Henriette Davidis' Kochbuche und mit Heinrich Schaumanns ebenfalls
schändlich unterdrückten Anlagen zur Gemütlichkeit und Menschenwürde etwas
bekannter zu machen.«
    »Gehe heraus aus dem Kasten, Heinrich!«
    »Ihr andern, als ihr hier noch auf Schulen ginget, glaubtet vielleicht, eure
Ideale zu haben. Ich hatte das meinige fest.«
    »Das weiss ich zur Genüge; du hast es mir heute schon öfter gesagt: die Rote
Schanze.«
    »Nein, durchaus nicht.«
    »Nun, dann soll es mich doch wundern, was denn!«
    »Mich!« sprach Stopfkuchen mit unerschütterlicher Gelassenheit. Dann aber
sah er sich über die Schulter nach seinem Hause um, ob auch niemand von dort
komme und horche. Er hielt die Hand an den Mund und flüsterte mir hinter ihr zu:
    »Ich kann dir sagen, Eduard, sie ist ein Prachtmädchen und bedurfte zur
richtigen Zeit nur eines verständigen Mannes, also eines Idealmenschen, um das
zu werden, was ich aus ihr gemacht habe. Das siehst du doch wohl ein, Eduard,
obgleich es freilich die reine Zwickmühle ist: damit ich ihr Ideal werde, musste
ich doch unbedingt vorher erst meines sein?«
    »Aus dem Kasten, nur immer weiter heraus aus dem Kasten!« murmelte ich. Was
hätte ich sonst murmeln sollen?
    »Ihr hattet mich mal wieder allein unter der Hecke sitzen lassen, ihr
andern, und waret eurem Vergnügen an der Welt ohne mich nachgelaufen. Und am
Morgen in der Schule hatte mich Blechhammer mal wieder wissenschaftlich zum
abschreckenden Beispiel verwendet als Bradypus. Ich kann ihn heute noch nicht
nur zitieren, sondern lebendig auf die Bühne bringen, mit seinem: Seht ihn euch
an, ihr andern, den Schaumann, das Faultier. Da sitzt er wieder auf der faulen
Bank, der Schaumann, wie der Bradypus, das Faultier. Hat fahle Haare wie welkes
Laub, vier Backenzähne. Klettert langsam in eine andere Klasse - wollt ich
sagen: klettert auf einen Baum, auf dem es bleibt, bis es das letzte Blatt
abgefressen hat. Schuberts Lehrbuch der Naturgeschichte, Seite
dreihundertachtundfünfzig: kriecht auf einen andern Baum, aber so langsam, dass
es ein Jäger, der es am Morgen an einem Fleck gesehen hat, auch am Abend noch
ganz in der Nähe findet. Und dem soll man klassische Bildung und Geschmack an
den Wissenschaften und Verständnis für die Alten beibringen! - Na, Eduard, du
bist auch mit einer von meinen Jägern gewesen, wenn auch keiner von den
allerschlimmsten: wie findest du mich, nachdem du mich am Morgen an einem Flecke
gefunden hast und mich jetzt am Abend noch ganz in der Nähe desselben
wiederfindest?«
    Was sollte ich anders sagen als:
    »Du wolltest von den grünen, den lebendigen Hecken unserer Jugend reden,
alter Heinrich, alter lieber Freund! Erzähle weiter. Erzähle, wie du erzählst.«
    »Meinetwegen. Jawohl, ihr habt sie ja wohl noch in voller, grüner Fülle und
möglichst unbeschnitten um eure Felder und Gärten in Afrika? Hier reuten sie sie
allmählich überall aus, die Hecken. Da drunten um das Nest herum, in welchem wir
jung geworden sind und grüne Jungen waren, haben sie sie glücklich alle durch
ihre Gartenmauern, Eisengitter und Hausmauern ersetzt. Es ist wirklich, als
könnten sie nichts Grünes mehr sehen! Selbst hier draussen fangen sie schon an,
ein Ende damit zu machen. Na, lass sie, ich habe für mein Teil noch die Wonne
genossen, mich drunterzulegen, heute in die Sonne, morgen lieber in den
Schatten. Unter der Hecke hätte ich überhaupt geboren werden sollen und nicht in
so einer muffigen Stadtkammer nach dem Hofe hinaus. Über die Hecken hätten meine
Windeln gehängt werden sollen und nicht um den überheizten Ofen herum. Heinrich
von der Hecke oder vom Hagen! Nicht wahr, das wäre etwas für mich, den Eroberer
der Roten Schanze und der dazugehörigen Tine Quakatz gewesen, lieber Eduard?
Herr Heinrich von der Hecke, wieviel würdiger, edler, bedeutungsvoller das doch
klänge als Kandidat Schaumann, ehelicher Sohn weiland Oberundunterrevisors
Schaumann und dessen Ehefrau und so weiter mit allen bürgerlichen
Ehrenhaftigkeiten. Und noch dazu, da ich im Grunde doch auch es, mein Tinchen,
unter ihr, der Hecke, der grünen, sonnigen, wonnigen, der ganz und gar
lebendigen Hecke gefunden habe, da ich unter ihr mein Fräulein, die mir
bestimmte Jungfer, meinen scheuen Heckenspatz, für diese diesmalige, sauersüsse
Zeitlichkeit eingefangen habe. Geh da weg, Junge, sprach die junge Dame, mir die
Zunge zeigend. Die Hecke gehört meinem Vater, und da hat keiner ein Recht daran
als wir. - Bauergans! Dumme Trine! sagte ich, und damit war die erste
Bekanntschaft gemacht. Sehr mit eurem Zutun, lieber Eduard; denn was liesset ihr
mich so allein im Grase unterm Haselnussbusch in Vater Quakatzens Reich? - Ich
bin keine Bauerngans, und ich bin keine Trine, rief die Krabbe. Ich bin Tine
Quakatz. Geh weg von unserm Brinke, Stadtjunge! Das sind meine Nüsse, dies ist
unsere Hecke und unser Brink; und weil es unser Brink und unsere Hecke ist, so
werfen sie auch gleich mit Dreck. Sie haben's mir wieder in der
Nachmittagsschule verabredet und es sich versprochen. Ob das eine Warnung sein
sollte, kann ich nicht sagen; jedenfalls kam die Benachrichtigung zu spät. Denn
im selbigen Augenblick schon hatte ich die Pastete über den Kopf, an die Nase,
in die Augen und teilweise auch ins weitoffene Auslasstor der Rede, war jedoch,
trotz meiner weichen Füsse, wieder im nächsten Augenblick über die Hecke und
hatte den ländlich-sittlichen Attentäter mit seiner Faust voll frisch
aufgegriffener Ackerkrume am Kragen und zu Boden. Im allernächsten Augenblick
die ganze junge Dorfsbande, Jungen und Mädchen und Köter, über mich her und
Tinchen mit den Nägeln in den Gesichtern und den Fäusten in den Haaren der
Gespielen und Gespielinnen und sämtliche Hundewachtmannschaft von der Roten
Schanze über den Dammweg uns zu Hülfe! Reizend! Ich fühle die Püffe heute noch
und greife heute noch nach hinten und vorn mir am Leibe herum! Dann mit einem
Male der Graben des Prinzen Xaver und die Wallhecke des Bauern Quakatz zwischen
uns und dem Feinde! Herrgott, wie lief mir das Blut aus der Nase, und wie
wischten sie drüben mit den Jackenärmeln das ihrige von den Mäulern und
kreischten und schimpften und warfen mit Steinen herüber: Kopfab, kopfab!
Kienbaum! Kienbaum! Tine Quakatz, kopfab, kopfab! Herrgott, und dann der
wirkliche Schrecken bis ins Mark, sowohl bei mir wie bei der
Menschheits-Entrüstungs-Kundgebung von drüben, jenseit des Grabens. Da stand er
- die drüben rissen aus wie die Spatzen vor dem Steinwurf -, da stand er hinter
mir, zum erstenmal in meinem Leben dicht neben mir: der Mordbauer von der Roten
Schanze, der verfemte Mann von der Roten Schanze, der Bauer Andreas Quakatz -
Kienbaums Mörder! Im Grunde war es doch eigentlich nur eure Schuld, Eduard, dass
ich seine Bekanntschaft so zuerst machte und nachher sie mehr und mehr suchte.
Ein Mensch, den seine Zeitgenossen unter der Hecke liegenlassen, der sucht sich
eben einsam sein eigenes Vergnügen und lässt den andern das ihrige. Ja, mein
seliger Schwiegervater an jenem Tage! Mich schien er gar nicht zu sehen; er sah
nur auch über die Hecke nach dem kreischenden, immer noch mit allem möglichen
Wurfmaterial schleudernden Schwarm unserer und seiner Gegner. Und statt etwas
dazu zu bemerken, wendete er sich wieder und ging gegen das Haus zu - Kienbaums
Mörder. Er konnte hier nichts auch für sein Kind tun, und er musste uns allein
mit der Sache fertig werden lassen. Doch die einzige Bewegung, die er gemacht
hatte, hatte freilich schon genügt, das junge Dorfvolk; im panischen Schrecken
aus dem Felde zu scheuchen. Komm, Junge, an den Brunnen! sagte Tinchen. Wie
siehst du aus! Deine Mutter, wenn du noch eine hast, schlägt dich tot, wenn sie
dich so sieht. Siehst du, Eduard, da steht er noch. Es ist derselbe alte
Ziehbrunnen und liefert ein braves Wasser. Der Schacht geht ziemlich tief durch
das Schanzenwerk des Herrn Grafen von der Lausitz, bis in den Grund der Erde. In
Afrika habt ihr kein besseres Wasser, meine ich, und wenn du einen Trunk daraus
wünschest, so wende dich nachher nur an Tinchen. Sie windet den Eimer heute noch
so wie damals auf. Damals aber sagte sie: Wenn wir und unser Vieh nicht daraus
trinken müssten, so hätte ich schon längst ein paar von ihnen drunten liegen! Und
dabei drohte sie mit der Faust nach dem Dorfe zu, und alle Köter der Roten
Schanze bellten nach derselben Richtung hin. - Nun wusch ich mir das Blut ab,
und dann tranken wir beide aus dem Eimer, indem wir daneben knieten und die
Köpfe nebeneinander in ihn hineinversenkten. Es war auch eine Art Blutsbruder
oder - schwesterschaft, die da auf solche Weise gemacht wurde. Als wir uns aber
die Mäuler getrocknet hatten, meinte das Burgfräulein von Quakatzenburg: Wenn du
dich fürchtest, jetzt bei hellem allein nach Hause zu gehen, so kannst du
hierbleiben, bis es dunkel geworden ist, Stadtjunge. Sie lauern dir sicher am
Dorfe auf; da kenne ich sie.
    Sie prügeln dich durch, und so ist es dir vielleicht lieber, du lässt dich
abends wegen Ausbleiben von deinem Vater oder deiner Mutter durchprügeln. - Ihr
habt mich nie in der Schar eurer Helden mitgezählt, Eduard. Von euch
hellumschienten Achaiern hätte ich nimmer das beste und also auch ehrenvollste
Stück vom Schweinebraten in die Hände gelegt bekommen. Wieviel mehr Heroentum
unter Umständen in mir als wie in euch steckte, davon hattet ihr natürlich keine
Ahnung. Wenn ich mein Rückenstück vom Spiess mit gebräuntem Mehl bestreut haben
wollte, so hatte ich es mir hinter eurem Rücken selber anzurenommieren: Ich
fürchte mich vor nichts in der Welt und vor dem Pack aus Maiholzen gar nicht.
Derentwegen gehe ich schon bei Tage zu jeder Zeit: aber weil du dies gesagt
hast, bleibe ich doch jetzt hier - jetzt grade! Der Herr Registrator Schwartner
und der Prinz Xaver von Sachsen hatten in diesem Augenblick nichts mit dem
gruselndsüssen Gefühl, endlich innerhalb der verrufenen, geheimnisvollen Roten
Schanze zu stehen, zu tun. - Der Vater ist wieder im Haus, und wir sind vor ihm
sicher, sagte meine jetzige Frau. Du bist gut gegen mich gewesen, Stadtjunge, du
brauchst dich diesmal also nicht vor mir zu fürchten. Ich werfe dich nicht in
den Brunnen. Sollen wir zuerst in den Birnbaum steigen oder willst du lieber
erst meine Kaninchen sehen und meine Ziegen? Wir haben auch kleine Hunde. Von
denen lässt der Vater aber diesmal nur einen bei der Alten liegen; wir haben noch
genug auf dem Wall. Wenn es der Vater mir nicht verboten hätte und ich sie mit
nach draussen, da nach der Hecke im Felde draussen, nehmen dürfte und wenn ich sie
hetzen dürfte, so sollte mir keiner aus Maiholzen noch mit gesunden Beinen und
heilen Schürzen, Röcken und Hosen herumlaufen. Guck nur, wie sie auch dich drauf
ansehen, dass ich sagen soll: Pack an! Fass, fass, fass an! Dem war gewiss so. Sie
hielten mich alle giftig genug im Auge und umknurrten mich böse. Na, ich bin
ihnen allmählich doch nähergekommen, Eduard. Da, du da, komm du mal her, Prinz!
Siehst du, das ist noch einer von der alten Garde oder stammt wenigstens noch
von ihr her. Auch er hätte eigentlich schon längst den neun Gewehrläufen oder
der Blausäure verfallen müssen, wenn ich das Herz dazu aufbrächte. Meine Frau
will natürlich auch nichts von so einer wohltätigen Gewalttat hören, und selbst
meinem guten Kater da würde die Sache gewiss leid tun. Nun, ich hoffe, eines
Morgens finden wir ihn mal in einem Winkel heimgegangen zu seinen Vätern und aus
dieser bissigen Welt heraus im Hafen als angelangt verzeichnet.«
    »Sollte ich seine Bekanntschaft vielleicht schon gemacht haben, als wir vor
unserm Abgang zur Universität hier Abschied voneinander nahmen, Heinrich?«
    »Kaum möglich. So alt wird kein verständiger Hund, höchstens ein
vernünftiger Mensch.«
    »Entschuldige, dass ich dich unterbrochen habe. Erzähle weiter, Stopfkuchen.«
    »Nicht wahr, für den Schwiegersohn von Kienbaums Mörder erzähle ich hübsch
gemütlich? Jaja, es war im vollsten Sinne des Wortes eine Mordwirtschaft, in
welcher ich mich zum einzigen Haus- und Familienfreunde auswuchs! Die
Versicherung kann ich dir geben, Freund, dass nur sehr selten ein Schwiegervater
sich seinen Schwiegersohn in so kurioser Weise gross und allgemach ans Herz
gezogen hat wie Vater Quakatz mich, seinen dicken, braven Heinrich. Und dann der
Heckenspatz, dem ich im Getümmel des Kampfes Salz auf den Schwanz gestreut
hatte, oder - vielmehr der Schmetterling, auf den ich mit blutender Nase und
blauem Buckel die Schülermütze gedeckt hatte. Jaja, so einen saubern fängt sich
nicht jeder ein, der auf diese Jagd ausgeht! Herrje, wie das Frauenzimmer in
jenen Tagen aussah! Solch ein Bündel, wie meine selige Mutter gesagt haben
würde, solch ein vom Regen gewaschenes, von der Sonne getrocknetes, vom Winde
zerzaustes, hülfloses, mutterloses, sich selber die Kleider flickendes, sich
nach dem Modejournal der Roten Schanze selber zusammenkostümierendes Bündel und
mit diesem Hautgout von Blut, Moder und ungesühntem Totschlag, diesem
Kienbaums-Geruch, an sich! Weisst du, was sie, Frau Schaumann, sagte, als sie mir
unten im Grase von oben aus den Zweigen des Birnbaums ihre Birnen zuwarf? Sie
meinte: Er ist jetzt im Hause, mein Vater, und wenn er dich nicht sieht, ist es
mir doch lieb und das beste. Ich weiss es von allen im Dorfe und auch unten in
der Stadt, dass er Kienbaum totgeschlagen hat, und ich glaube es nicht. Darauf
lasse ich mich totschlagen von euch allen, dass er es nicht getan hat: aber das
weiss ich auch, dass er die ganze Welt und dich auch, Stadtjunge, vergiften
könnte. Das glaube ich fest! Er sagt es, dass er alle unsere Hausmäuse und unsere
Feldmäuse und die Hamäuse auch gern frei laufen und Schaden tun lässt, weil er
euch nicht an den Hals kann. Was konnte ich darauf anderes sagen als: Tinchen
Quakatz, dann sich nur zu, dass er mich in der Naturgeschichte als Haus-, Feld-
und Hamaus mitzählt; denn morgen komme ich noch einmal wieder nach der Roten
Schanze, wenn ich nicht nachsitzen muss. - Mein Vater hat auch sitzen müssen;
aber sie haben ihn doch immer wieder freigeben müssen. Sie können ihm mit aller
Gewalt nichts anhaben. Es kann ihm keiner beweisen, dass er Kienbaum
totgeschlagen hat.«
In diesem Augenblick trat Frau Valentine wieder einmal aus dem Hause, kam aber
diesmal mit ihrem Arbeitskörbchen und setzte sich zu uns, indem sie ihren Stuhl
dicht an den ihres Mannes rückte.
    »Nicht so nahe auf den Leib, Kind!« seufzte Stopfkuchen. »Ist das ein
gedeihlicher Sommer! Guter Gott, die Leute draussen auf dem Felde, die keinen
Schatten haben oder sich doch nicht in ihn hineinlegen dürfen! Wir sind nämlich
eben im Schatten der Roten Schanze angelangt, Eduard und ich, und ich erzähle
ihm grade, wie du mir zum erstenmal den Kopf, das heisst dasmal die blutende Nase
gewaschen hast und wie ich ein Held war und wie gern unser seliger Papa die
Mäuse hätte laufen lassen und die ganze Menschheit vergiftet hätte.«
    »Lassen Sie sich nur nicht zu argen Unsinn von ihm aufreden«, sagte Frau
Schaumann freundlich, indem sie ihre Nähnadel ruhig einfädelte. »Manchmal ist er
auch heute noch ganz in der Stille zu allem fähig, grade wie als dummer, kleiner
Junge. Nun, Sie kennen ihn ja, Herr Eduard!«
    »Sowie das Weib kommt, geht die Kritik und der Zank los!« sprach Heinrich,
mit ausgebreitetstem Bauch und Behagen seinem Weibe die Hand auf den Kopf
legend. »Das arme Wurm! Wenn es mich mit meinen Dummheiten nicht gefunden hätte!
Nun, wo waren wir denn stehengeblieben, Herr Eduard?«
    »Unter dem Birnbaum. Wahrscheinlich unter jenem dort.«
    Wir sahen alle drei nach der Richtung hin, und Frau Valentine nickte
nachdrücklich.
    »Richtig«, sagte ihr Mann. »Sie sass drin, und ich sass drunter. Sie pflückte,
und ich frass. Eduard, ihr habt meiner körperlichen Anlagen wegen meine geistigen
stets verkannt. Ihr Schlaumichel, Schnellfüsse, gymnastische Affenrepublik hattet
keine Ahnung davon, was in einem Bradypus bohren und treiben kann. Mit der
Krabbe, dem Mädchen da, war ich im reinen. Die war nunmehr meine Freundin und
meine Schutzbefohlene und ich ihr Schutzpatron, ihr Sankt Heinrich von der
Hecke; das war ja selbstverständlich -«
    »Lieber Mann -«
    »Liebe Frau, und ebenso selbstverständlich, ich will lieber sagen
folgerecht, kam jetzt - unterbricht mich nicht immer, Alte -, kam jetzt der Alte
dran. Und da machte sich die Sache denn natürlich auch. Ihr, Eduard, hieltet
mich für dumm und gefrässig; er hielt mich wohl auch für gefrässig, jedoch aber
auch, meine allgemeine Unschädlichkeit dazugerechnet, für ein Licht in einem
gewissen Teile des Dunkels, das sein Leben umgab, sein armes Leben, Tine!«
    Die letzten paar Worte waren so gesprochen, dass sein Weib doch den Stuhl
wieder dicht an ihn heranrückte. Sie legte auch ihre Hand auf die seine, und er
schlug den Arm um sie und sagte noch einmal: »Tine, meine alte Tine Quakatz!«
    Dann wendete er sich wieder zu mir, und ich wusste jetzt schon den Wechsel im
Ton zurechtzulegen.
    »Nämlich am nächsten Tage nach der Heckenschlacht fand ich mich natürlich
zum zweitenmal in Registrator Schwartners Zauberreich, und diesmal sass ich im
Baum, einem niedern Apfelbaum - dem dort. Und diesmal stand Tinchen drunter mit
aufgehaltener Schürze, und wieder stand der Alte plötzlich da und sah nun stumm
zu mir hinauf, und das Wetterglas schien auf Sturm zu weisen. - Vater, er will
nur unsere Befestigung verstudieren, sagte Tinchen, vielleicht doch auch etwas
zaghaft. Er kommt mit den Geschichtsbüchern von der Belagerung her, und sie
haben sein Haus von hier aus beschossen. - Komm lieber doch erst mal da
herunter, sagte Vater Quakatz. Und wie rasch selbst ein Bradypus, ein Faultier,
von einem Baum herabsteigen kann, das bewies ich jetzt. Da stand ich vor
Kienbaums Mörder, und wenn ich nicht erwartete, nun gleichfalls totgeschlagen zu
werden, so war doch auch Tinchen der Meinung, der alte Herr werde wenigstens
über den Graben ins freie Feld deuten und mit Nachdruck sagen: Jetzt scher dich.
- Es kam aber anders, er sagte nur: Meinetwegen, was sich doch nur auf mein
Verstudieren seines Anwesens beziehen konnte. Nachher dachten wir, er werde sich
nun wieder nach seiner Art umdrehen und weggehen; aber auch das kam anders. Er
blieb und fragte: Du gehst auf die Lateinschule? - J, j, j ja, Herr Quakatz! -
Kannst du es lesen? Das Lateinische meine ich. - J, j, ja, stotterte ich und
dachte an nichts Böses. - Dann teilt euch die Äpfel, und nachher kommt mal in
die Stube. Du sollst mir was aus dem Latein übersetzen. - Da sass ich denn
freilich fest drin. So hatte ich das Wort vom Lateinlesen nicht verstanden. Da
rufe ich den gelehrten Afrikaner, den Eduard, zum Zeugnis auf, wie gründlich ich
von Papa missverstanden worden war, Frau! Wer aber in der Falle sitzt, der sitzt
drin; und nach einer unheimlichen, zögernden, apfelkauenden Viertelstunde noch
draussen sass ich noch mehr drinnen, sass ich mit dem verfemten Mann von der Roten
Schanze in seiner Stube, unserer heutigen Essstube, Eduard, der Stube da, die du
in ihrer damaligen dumpfigen Ungemütlichkeit bei unserm Jünglingsabschied
kennengelernt hast, Eduard. Da mein Zögern dem alten Herrn zu lange gedauert
hatte, war er noch mal in den Garten gekommen, hatte mich am Oberarm gepackt, in
seine Mörderhöhle geführt und mich am Tische unter dem Groschenbild von Kain und
Abel auf die Bank gedrückt, und zwar mit den Worten: Was schlotterst du, Junge?
Ich schneide dir den Hals nicht ab. - Nachher ging er zu einem Schrank, ich habe
ihn heute durch meinen Koprolitenbehälter ersetzt, nahm ein dickes Buch in
Schweinsleder hervor, legte es vor mich hin auf den Tisch, nachdem er eine Weile
darin geblättert hatte, setzte sich zu mir wie zu einem erwachsenen Mann und
Rechtsanwalt, setzte den harten, knochigen Zeigefinger auf eine Stelle und
sagte: Hier, Lateiner! Mache du das mir mal auf deine Art deutsch klar - ein
Wort nach dem andern. Es ist das Korpusjuris, das Korpusjuris, das Korpusjuris,
und ich will es mal von einem auf deutsch vernehmen, der noch nichts von dem
Korpusjuris, von dem Korpusjuris weiss! Die Stelle war mit Rotkreide kräftig
unterstrichen, und ein Ohr war ins Blatt eingeschlagen, und alles deutete darauf
hin, dass hier öfters ein vor Aufregung zitternder Daumen und Zeigefinger
gestanden hatten. Ich aber sass vor dem Buch und rieb mir weinerlich mit den
Handknöcheln die Augen: so weit waren wir noch nicht in der Schule, dass wir dem
Bauer Andreas Quakatz das Buch aller juristischen Bücher hätten auslegen können.
Und wie in der Schule mich duckend, stotterte ich endlich: Herr Quakatz, bloss
wenn ich die Worte wissen sollte, müsste ich mein Wörterbuch hier haben, und das
habe ich unten in der Stadt. - Dann hole es und bringe es morgen mit heraus. Ich
bin ein Narr, dass ich so mit dir rede; aber die Welt hat mich ja so gewollt, und
du bist mir gradesogut als wie ein anderer, wenn ich zu einem über meine Sache
reden will. Es ist aus, ich will keine Gelehrten, keine Afkaten, keine
Grossgewachsenen mehr bei mir und meiner Sache. Du sollst mir klug genug sein,
dass ich auf dich hereinreden kann wie zu einem Vernunftmenschen. Die Alten,
unsere Vorfahren, haben es auch so gemacht, dass sie sich an die Dummen und
Unmündigen gehalten haben. Junge, Junge, meine Tine sagt, dass du herausgekommen
bist, um die Rote Schanze zu verstudieren. Verstudiere sie und kriege es mir
heraus, wer recht hat, die Welt oder der Bauer auf der Roten Schanze! Du hast
dich meiner Krabbe aus Gerechtigkeitsgefühl angenommen - ich habe es hinter der
Hecke vom Wall mit angesehen -, nun will ich's mal daraufhin probieren, ob es
wahr ist, wie es geschrieben steht "In den Mäulern der Unmündigen will ich der
Wahrheit eine Stätte bereiten." Kriegst du es mir heraus, wer Kienbaum
totgeschlagen hat, so schenke ich dir und dem Herrn Registrator Schwartner die
Rote Schanze mit allen Historien vom Siebenjährigen und Dreissigjährigen Kriege
und ziehe ab von ihr mit meinem Kinde und dem weissen Stabe in der Hand. Das
Mädchen erzählt mir, sie lassen dich auch allein sitzen: so probiere es, kriege
heraus, wer Kienbaum totgeschlagen hat, und ich verschreibe die Rote Schanze dir
und allen deinen Rechtsnachfolgern. - Jaja, Frau Valentine Schaumann, geborenes
Quakätzlein, so ging er mit allen deinen Rechtsansprüchen an die Welt um; aber
wenn ein unzurechnungsfähiger, gefrässiger, weichfüssiger Bradypus imstande war,
dir zu dem Deinigen in ihr zu verhelfen, so bin ich das gewesen, Heinrich
Schaumann, genannt Stopfkuchen. Zuerst aber winselte ich den Bauer von der Roten
Schanze noch einmal an: Herr Quakatz, ich weiss doch gar nicht, ob ich es kann.
Ich bin bei der letzten Versetzung wieder nicht mit nach der Obertertia
gekommen. - Probier's! sagte der zukünftige Schwiegervater, und sein Töchterlein
stiess mir den Ellbogen in die Seite, als wolle sie sagen: Tu auch mir den
Gefallen: und als wir wieder draussen im Garten standen, flüsterte sie mir zu:
Sei doch nicht so dumm, er weiss ja selbst vor dem schlimmen Buch nicht, was er
will. Es ist ja auch nur, weil er keinen, keinen, keinen hat, ausser den Afkaten,
die er nicht mehr will, mit dem er reden kann. Und morgen redet er dich wohl gar
nicht mehr drauf an: es ist ihm jetzt eben nur so in den Sinn gekommen, weil du
ihm als Gelehrter in den Weg gekommen bist. Bring du dein dickstes Buch mit
heraus. Er kann dich ja jetzt hier auf unserm Hofe sehen, und du kannst zusehen
und es probieren, was du für uns herauskriegst.
    Na ja, Frau, du kannst es dem Eduard eigentlich viel besser berichten, wie
ich denn so von Zeit zu Zeit herausgekommen bin nach der Roten Schanze, um
endlich ganz dazubleiben. Dass ich dem Mordbauern auf der Roten Schanze nicht das
Corpus juris ins Deutsche übertragen habe, das steht fest. Aber das steht auch
fest, mein Herz, mein Kind, du altes, gutes Weib, und du, afrikanischer Freund,
dass ich es beiläufig und fast ohne mein Zutun herausgekriegt habe: wer Kienbaums
Mörder gewesen ist - wer Kienbaum totgeschlagen hat.«
Ohne Sturm oder gar Wirbelsturm sind wir bis jetzt glücklich durchgekommen. Aber
gestern mittag ging plötzlich über den »Hagebucher« der Ruf: »Feuer auf dem
Schiff!« Und es blieb nur der Schiffskoch ruhig; denn der wusste es ja anfangs
allein, woher der Brandgeruch stammte. Er wusste allein von dem alten wollenen
Strumpf, welcher ihm unter seine Steinkohlen und auf seinen Küchenherd geraten
war. Der nichtsnutzige Nigger hatte ihn im nordischen Hamburg noch am eigenen
Fusse gehabt; aber unterm Äquator hatte er die schönen Reste davon eben
entbehrlich gefunden.
    Wie als wenn eben vom Hause her auch der Ruf: »Feuer!
    Feuer auf der Roten Schanze!« erschollen wäre, war ich aufgesprungen und
stand Frau Valentine aufrecht am Tische und hatte ihr Strickzeug weit von sich
geschleudert.
    »Ist es die Möglichkeit?« stammelte ich. »Frau Valentine -«
    Die Frau stand nur bleich und wortlos und starrte aus weit offenen Augen auf
ihren Mann.
    »Es ist die Möglichkeit gewesen«, sagte dieser. »Es ist eine altbekannte
Sache, auch der Dummste kann einen Zweck erreichen, wenn er nur seinen Dickkopf
fest dran- und draufsetzt. Ja, Kinder, ich weiss es heute, wer Kienbaum
totgeschlagen hat.«
    »Aber deine Frau! So sieh doch nur deine Frau an! Mensch, Mensch, hat denn
deine Frau ebenfalls bis heute wie alle andern -«
    »Meine Frau erfährt von meinem Wissen in diesem Augenblicke gleichfalls das
erste Wort. Das kannst du ihr doch ansehen, Eduard. Aber so setze dich doch
wieder, Tinchen! Liebes Herz, Alte, liebe, gute Alte, bleib doch ruhig! Erinnere
dich, was wir ausgemacht haben. Erst wenn mir die Pfeife über einer Sache
ausgeht, kommt an dich die Reihe, Jodute! zu rufen, mit den Beinen zu strampeln,
die Arme aufzuwerfen und der Welt mit Tränen oder Grobheiten aufzuwarten.
Kinder, tut mir den Gefallen und sitzt still!«
    Wie es mit seiner Tabakspfeifenverabredung beschaffen sein mochte: dem
Ausgehen war seine Pfeife eben doch nahe. Aber er brachte sie durch einiges
Saugen dran richtig wieder zum hellen Brande, blies eine blaue Wolke in die
liebe Sommerluft und - ja, kurz, war eben nicht ohne Grund von uns Stopfkuchen
genannt worden! Da sein Weib sich wirklich wieder hinsetzte, blieb mir nichts
anderes übrig, als dasselbe zu tun.
    »Heinrich!« murmelte angstvoll, flehend die Frau. Ich brummte unwillkürlich:
»So gehe doch heraus aus dem Kasten, Ungeheuer!« Aber Stopfkuchen sagte,
stossweise, immer noch an seinem Weichselrohr saugend: »Aber - Kinder - so - lasst
mich doch - die Geschichte von der völligen Eroberung von Quakatzenburg in Ruhe
erzählen, wenn ihr sie wissen wollt. Unterbrecht mich doch nicht immer! Diese
ewige Aufgeregteit in der jedesmaligen, eben vorhandenen Menschheit, bis sie
sich hinlegt und tot ist! Fallt mir doch nicht bei jedem dritten Worte ins Wort,
wenn wir bis zum Abendessen mit der Sache fertig sein sollen.«
    Der Mensch sprach wahrhaftig vom Abendessen wie von der Hauptsache bei der
Sache. Es blieb nichts übrig, als ihn faultierhaft in seinen Baum hinaufsteigen
zu lassen; aber selbst für jemand, der auf allerlei Kreuz- und Querzügen rund um
den Erdball auch das Seinige ruhig erlebt zu haben glaubte, wurde diese
Kaltblütigkeit allgemach zu unheimlich.
    »Herze, schenk mir noch eine Tasse Kaffee ein und gib Eduard auch eine. Du
regst dich doch nicht auf, Kind? Welch ein wundervoller Tag hier in der Kühle
mit der heissen Welt da draussen! So - noch ein Stück Zucker.«
    Das arme Weib kam dem Wunsche nach, aber wie eine Traumwandlerin, wie eine
Hypnotisierte. Auf den Topf und die Tassen blickte sie nicht - nur immerfort auf
den Mann, und zwar wie auf einen, von dem man nicht weiss ob man ihn ferner
liebbehalten oder sich vor ihm zu Tode fürchten soll.
    »Ich bitte dich, Heinrich -«
    »Tu das nicht. Du weisst doch, Kind, dass du das nicht nötig hast! Kenne ich
nicht alle deine Wünsche im Voraus? Ich sage dir, Eduard, nicht einmal an den
Augen brauche ich sie ihr abzusehen wie andere, gewöhnlichere gute Ehemänner. Du
erfährst alles, Tinchen. Es tut ja nun niemand mehr Schaden und hilft keinem zu
Schadenfreude, den alten, verjährten, muffigen Schrecken mit der Zange
anzufassen, ans Licht zu ziehen und in der Sonne vorsichtig mit der Fussspitze
umzuwenden. Übrigens steht es bei euch: soll ich fortfahren, wie ich angefangen
habe, oder wünscht ihr einen kurzen Aufschluss in drei Worten?«
    »Fahre fort, Menschenkind!« musste ich nun doch rufen, und die Frau sagte,
mehr denn je wie im Banne gehend: »Ich kann nichts dagegen machen; es wird ja
auch wohl das beste sein, wie du es verstehst.«
    »Dann bleiben wir noch ein Weilchen in der Idylle und lassen Kienbaum
Kienbaum sein, so lange als möglich«, sagte Stopfkuchen. »Was sollen auch die
versteinerten Gesichter? Ziehe ich euch eines? Ne, dafür hat man sich eben das
schlechte Beispiel des Bauern auf der Roten Schanze zur Warnung dienen lassen.
An seinem Elend konnte man wohl lernen, ruhig, gleichmütig den Weltlauf an sich
herankommen zu lassen. Natürlich mit einer Anlage hierzu muss einer auch in die
Welt hineingesetzt worden sein: es braucht nicht jeder die Forsche zu haben, das
neue Deutsche Reich aufzurichten, hinzustellen und zu sagen: Nun könnt ihr und
so weiter... Jawohl, lieber Eduard, lass nur jeden auf seine Weise heraus aus dem
Herdenkasten gehen. Da war zum Exempel der Heinrich Schaumann, den ihr
Stopfkuchen nanntet. Er hat wenigstens mal ganz und gar nach seiner Natur
gelebt, hat getan und hat gelassen, was er tun oder was er lassen musste; - ist
es dann am Ende nachher seine Schuld, wenn in irgendeiner Weise doch etwas
Vernünftiges dabei herauskommt? Gar nicht. Für diese Verantwortlichkeit danke
ich ganz und gar. Da ich nicht in einer netten, saubern, durchaus behaglichen
Welt leben kann: was kümmert's mich, ob ich in einer verständigen und
vernünftigen lebe? Plato, Aristoteles, der selige Kant -«
    »Mensch, Mensch, Mensch, mach mich nicht ganz verrückt!« rief ich, mit
beiden Händen nach beiden Ohren fassend, und Stopfkuchen sprach lachend:
    »Siehst du, Eduard, so zahlt der überlegene Mensch nach Jahren ruhigen
Wartens geduldig ertragene Verspottung und Zurücksetzung heim. Darauf, auf diese
Genugtuung, habe ich hier in der Kühle gewartet, während du mit deinem
Levaillant im heissen Afrika auf die Elefanten-, Nashorn- und Giraffenjagd
gingest oder dich auf andere unnötige Weise ab- und ausschwjetztest. Also bleiben
wir noch ein wenig in der Idylle, ehe wir von Kienbaum, und wie er zu Tode kam,
weiterreden. Nachher magst du ja selber beurteilen, ob du deine, seine oder
meine Geschichte für die wichtigere hältst. Sei nur ruhig, Tinchen, und verlass
dich auch heute noch einmal auf deinen Mann! Du bist Partei, aber du weisst es
ja: dein Mann nimmt immer deine Partei!«
Wir liessen also, da wir mussten, Kienbaum fürs erste noch ungerächt weitermodern
und blieben in der Idylle.
    »Ich glaube, ich habe dich schon einige Male aufgefordert, Eduard, meine
Frau dir anzusehen; aber jetzt bitte ich dich von neuem: guck sie dir noch
einmal an. Wie sie da so niedlich sitzt! Kannst du es heute noch für möglich
halten, dass sie einmal wie eine in eine Wildkatze verzauberte Jungfer, die auf
ihren Erlösungsritter wartet, dagesessen hat? Mich brauchst du wohl ja nicht
weiter drauf anzusehen: mein Rittertum fiel euch und also auch dir von früher
Jugend an umfänglich imponierend in die Augen, und ihr habt's mich genug
entgelten lassen. Aber die Narren haben mich doch unterschätzt. Sage du es ihm,
Alte, wie viele Schock Leihbibliotekspaladine ich eigentlich in mir hatte und
sie offenbarte, als du mir zum erstenmal gesagt hattest. Du, mein Vater mag
dich, also besuche uns nur. Nein, sage es dem guten Eduard lieber nicht, er
benutzt sonst sofort die Gelegenheit, sich mir als bloss verleumdeten Pylades
aufzuspielen und zu behaupten, er habe mich nie verkannt. Bleiben wir bei deinem
Alten, Weib. Natürlich komme ich morgen wieder und nicht bloss eurer Birnen
wegen. Dein Alter ist ein ganz famoser Kerl, und wenn der wen totgeschlagen hat,
so hat der's dreidoppelt verdient gehabt. Mit seinem dicken Gesetzbuche und mit
meinem Latein ist das natürlich nur dummes Zeug, aber mit der Kugel, die von der
Roten Schanze bis an unser Haus geflogen ist, nicht. Und wenn ich dem alten
Schwartner erzähle, dass dein Vater mich in die Rote Schanze hineingelassen hat,
so schenkt er mir vier Groschen, und dann pass auf, dann gibt's hier auch Kuchen
und nicht bloss Äpfel und Birnen. Morgen bin ich wieder da.
    Da am folgenden Tage weder Vater und Mutter noch der Klassenlehrer den
Riegel vorschob, war ich wieder da. Na, Tinchen, und wer durfte gründlicher
Triumph krähen: der Prinz Xaverius von Sachsen von der Roten Schanze aus über
die Stadt oder Schaumanns dicker, dummer Junge von der Stadt aus über die Rote
Schanze?«
    »Du!« sagte Frau Valentine, und zu mir sich wendend, fügte sie hinzu: »Es
hilft uns nichts; wir müssen ihm seinen Willen und Weg lassen.«
    Wir liessen ihm seinen Willen und Weg, und er watschelte auf dem letztern
weiter, mit dem sichern Bewusstsein, uns in seiner Hand zu haben.
Erst stopfte er seine Pfeife von neuem, dann seufzte er: »Da die Welt von ihm,
dem Schanzenbauer, nichts mehr wissen wollte, weil sie nicht genug von ihm
herausgekriegt hatte, so suchte er nach seinem angeborenen Menschenrecht ohne
sie auszukommen, so gut es ging. Eigentlich ging es schlecht, denn er steckte zu
der Aufgabe weder in meiner Haut noch in meinem Gemüte. Er war viel zu dürr und
viel zu lebendig und viel zu gesellig dafür angelegt. Die Rätsel und die harten
Nüsse kommen nur zu häufig an die Unrechten. Was hätte es mir Feistling gemacht,
unter dem Verdachte, Kienbaum totgeschlagen zu haben, durch die Welt zu
vegetieren? Gar nichts! Oder die Sache würde sogar einen gewissen Glanz auf mich
geworfen haben; denn die Welt würde sicherlich gesagt haben: I, sieh mal!
Eigentlich sollte man es dem faulen Strick gar nicht zutrauen, und zu dumm ist
der Bengel im Grunde auch dazu. Aber der Vater Quakatz? Was blieb ihm übrig, um
nicht ganz verrückt zu werden, als seinen Sinn und seine Gedanken auf allerlei
Dinge zu richten, auf die vor ihm noch kein Bauer auf der Roten Schanze gekommen
war? Dass ich, Heinrich Schaumann, genannt Stopfkuchen, ihm dabei zu Hülfe kommen
konnte, mochte Zufall sein, war aber unbedingt Schicksal. - Da war zuerst die
Geschichte seiner Burg; und ich sagte ihm: Herr Quakatz, von hier aus hat der
Prinz von Sachsen eine ganze Menge Menschen drunten in der Stadt ums Leben
gebracht.
    Ja, Junge, in der Schwedenzeit.
    Nein, Herr Quakatz. So lange ist's noch gar nicht her. Im Siebenjährigen
Kriege ist's gewesen.
    Kannst du mir welche mit Namen nennen, Junge?
    Nein, aber ich kann den Herrn Registrator Schwartner nach ihnen fragen und
sie Ihnen bei ihm aufschreiben. Er hat sie alle schriftlich.
    Dann bring mir mal das Register mit heraus, Dicker. Aber sag nicht, dass ich
es habe haben wollen. Sie möchten sich sonst wieder was denken.
    Und an einem der nächsten Tage schon steckten wir statt über dem Corpus
juris die Köpfe über meiner Abschrift aus der Sammlung des alten Schwartner
zusammen, und der Bauer auf der Roten Schanze suchte herauszubringen, welche
Leute heute die Rechtsnachfolger der Totgeschlagenen von
Siebenzehnhunderteinundsechzig waren und möglicherweise die Rechtsnachfolger des
Grafen von der Lausitz darob verklagen konnten. Was für ein Trost damals für den
Papa hierin lag, Tinchen, war mir zu jener Zeit dunkel. Heute glaube ich es zu
wissen. Von den Knochen der jüngern Vergangenheit gingen wir sodann zu denen der
wirklichen Vorwelt über: und gross und bedeutend für mich war der Tag, lieber
Eduard, an welchem mich der Bauer Quakatz zum erstenmal in einen verschlossenen
Stall führte und, auf einen sonderbaren Haufen zeigend, fragte: Was ist das,
Junge? Ja, was war es? Ein ziemlich vollständiges Mammutsgerippe war's und - ich
bin beim Kiesgraben hinterm Hofe drauf gestossen, sagte der Bauer, es liegt wohl
noch mehr da; denn diese Schanze ist wohl so eine Anschwemmung von der Sündflut
her. Junge, Junge, von der Sündflut her! Du weisst es nicht, wie es dem Bauer auf
der Roten Schanze zumute ist, wenn er in der Bibel von der Sündflut liest; aber
wenn du in deinen Büchern über das Knochenzeug was hast, so bringe es auch mit
heraus; aber sage keinem Menschen davon, welch einen versteinerten Drachen
Kienbaums Mörder zu seinem Troste in seiner Kiesgrube gefunden hat. - Ich habe
keinem Menschen damals davon gesagt, welch interessanten Fund Tinchens Vater
gemacht hat; aber wenn heute der Briefträger - nicht mehr Freund Störzer - nach
der Roten Schanze herauskommt, so hat er, ausser der Zeitung, gewöhnlich irgend
etwas von irgendeiner geologischen oder sonst in das Fach schlagenden
Gesellschaft für Herrn Schaumann. Die Vorstellung, in einer spätern Schicht auch
mal unter den merkwürdigen Versteinerungen gefunden zu werden, hat für den
gemütlich angelegten, denkenden Menschen so viel Anregendes, dass sie ihn, und
noch dazu, wenn er Zeit dafür hat, unbedingt in die Petrefaktenkunde, in die
Paläontologie, führt. Und du brauchst bloss noch einmal die paar Schritte an die
Brüstung unserer Schanze zu tun, Eduard, und dir die Umgegend noch einmal in
Beziehung hierauf zu betrachten, um sie plötzlich auch noch nach einer ganz
neuen Richtung hin höchst interessant zu finden. Zwischen der Trias und der
Kreide nichts als Wasser, und die erste nächste Insel dort der blaue Berg im
Süden! Wenn das Feuchte sich in der Eozänzeit etwas zurückzog, in der Miozänzeit
es, was man jetzt nennt, trocken wurde und wenn es in der Pliozänzeit sogar dann
und wann hier über der Roten Schanze schon staubte, so war das dem Bauer auf
derselben ganz einerlei: der fragte nur danach, wer in der Welt etwas von seinem
Verhältnis zu Kienbaum wusste oder gewusst haben konnte. Aber mir, dem heutigen
Bauer auf der Roten Schanze, ist es im Laufe der Jahre nicht einerlei geblieben.
Der Doktor hatte Tinchen nämlich gesagt: Bei der Körperbeschaffenheit Ihres
Herrn Gemahls gibt es gar nichts Vernünftigeres für ihn als diese Liebhaberei
und sein Herumkriechen in Steinbrüchen und Kies- und Mergelgruben; - je mehr er
bei seinem Knochensuchen schwitzt, desto besser ist's für ihn und Sie. Und,
lieber Eduard, wenn je ein Weib eine närrische Liebhaberei ihres Gatten
befördert hat, so ist es Valentine Quakatz auf diesen ärztlichen Ausspruch hin
gewesen. O Eduard, in der Tertiärzeit soll es hier noch so heiss gewesen sein wie
heute bei dir zu Hause im heissesten Afrika, und wäre ich damals hierhergekommen,
so wollte und könnte ich ja gar nichts dagegen sagen. Aber ich bitte dich, erst
in der Eiszeit - in der Eiszeit! - ist unter den ersten Säugetieren auch der
Mensch hier auf der Roten Schanze aus Asien eingewandert - und da soll ein
Nachkömmling von ihm heute im Sommer nicht schwitzen, wenn er pietätvoll und
wissenschaftlich nach den ersten Spuren seiner Vorfahren hier um den Aufwurf des
Prinzen Xaver von Sachsen herum nachsucht!«
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Keine Möglichkeit, heute weiterzuschreiben. Das Schiff stösst allzusehr. Hohle
See. Kapitän unnahbar. Matrosen sehr beschäftigt und vernünftigerweise ungemein
grob. Niggersteward besoffen. Passagiere - »hol der Henker das Heulen! Sie
überschreien das Ungewitter und unsere Verrichtungen! Heigh, my hearts! cheerly,
cheerly, my hearts! yare, yare!« - Siehe den Sturm, ein Zaubermärchen von
William Shakespeare, aber sieh ihn - wenn es dir irgend möglich ist - ja nur von
einem sichern Sperrsitz oder sonst behaglichen Teaterplatz aus mit an.
Zwei Tage und zwei Nächte durch hat das Unwetter gedauert. Die »Riesen ängsteten
sich unter den Wassern« und »die bei ihnen wohnen« auch. Wer wäre da nicht gern
herausgegangen aus dem Kasten, wenn er's nur gekonnt hätte?! Wahrlich, der Herr
hat mir wieder einmal grosse Wunder auf dem grossen Meere gewiesen, und wie
gemütlich ist's nun um so mehr jetzt, immer noch mit seinen kleinen und grossen
Heimatserinnerungen und - erfahrungen auf Quakatzenburg bei Heinrich Schaumann,
genannt Stopfkuchen, zu Gast zu sein und den dicken Freund zu seiner Frau sagen
zu hören:
    »Aber, Kind, was geht dich und Eduard eigentlich deines Vaters und meine
Spezialliebhaberei und die Petrefaktenkunde überhaupt an? Was geht es euch an,
wie lange der Ozean über der Roten Schanze gestanden hat, ehe die Möglichkeit
vorhanden war, dass Kienbaum in ihrer Umgebung totgeschlagen werden konnte?
Wieviel ergötzlicher ist es doch, davon zu reden, dass der Herr nach der Sintflut
wieder aufgehen liess Gras, Busch und Baum, und dass er Blüten gleich
Weihnachtslichtern dransteckte und allerlei Früchte daranhing, lieblich dem Auge
und angenehm dem Gaumen! Eduard, wie oft soll ich es dir sagen, dass man den
edlen Namen Stopfkuchen nicht ohne die dazugehörigen Leistungen trägt? Welch ein
Leben und Futter in dieser Hinsicht hier auf der Schanze! O Tinchen, o
Valen-ti-ne, und so mit dir unterm Busch, kauend und schmatzend, und der andern
lächerliche, mühesame Papierdrachen über dem Herbstfelde im Blau!«
    »O Heinrich«, unterbrach hier noch einmal die arme Frau, »bester Heinrich,
ich bitte dich himmelhoch, mach dich nicht schlechter -«
    »Gefrässiger willst du sagen -«
    »Meinetwegen auch! Aber bitte, bitte, mach dich doch in diesem schrecklichen
Augenblick, wo mir alle Glieder beben von deinem Worte über Kienbaum, mach dich
jetzt wenigstens nicht grässlicher, als du bist. Bist du denn allein der
Obstbäume und der Stachelbeeren wegen zu - mir - uns herausgekommen aus der
Stadt?«
    »Ganz gewiss nicht, Schatz. Die Speisekammer und die Milchkammer hatten auch
ihre Reize. Nimm nur mal die frische Butter und das Bauernbrot an! Und euren
Käse! Für mich hatte die ganze klassische und moderne Welt nur deshalb
geschrieben und drucken lassen, um das nötige Einwickelpapier herzustellen.
Nämlich, Eduard, ich stopfte mir nicht nur den Hals, sondern auch die Taschen
voll.«
    »Er ist unverbesserlich!« seufzte die Frau, sich zu mir wendend. »Ich habe
es eigentlich auch schon von unserer ersten Bekanntschaft an aufgegeben, ihn zu
bessern, und versuche es nur manchmal noch bloss des Anstands wegen vor fremden
Leuten und liebem Besuch. Aber jetzt im Ernst, o Gott ja, im herzbebenden Ernst,
ich rede nun wohl selber zu deinem Freunde ein Wort von unserm damaligen
Verhältnis, wenn - wenn du uns nicht doch vorher sagen willst -«
    »Nein, das will ich nicht. Wenn etwas heute gottlob Zeit hat, so ist es das!
Du hängst und köpfst ihn nicht mehr, Schatz. Es ist zu spät. Es geht heute
keiner mehr Kienbaums Mörder an den Kragen als der Totenrichter: und freilich,
wer weiss, ob nicht grade der uns drei heute hierherbestellt hat zu seinen
Schöffen und Beisitzern?«
    »Heinrich, meines armen Vaters Tag- und Nachtgespenst -«
    »Lass es noch einen Augenblick, Kind. Sich in das wonnige Blau über uns,
blicke in Eduards dürres, aber wohlwollendes, wenngleich auch etwas verlegen
gespanntes Kafferngesicht und bleib noch ein klein bisschen in unserm Idyll.
Erzähle ihm meinetwegen auf deine Weise unsere Liebesgeschichte. Ich gehe dir
mein Wort darauf: was das andere anbetrifft, so kommt es wahrhaftig nicht darauf
an, ob du das Genauere ein paar Minuten früher oder später erfährst. Dein Vater,
unser Vater ist mit unserer Hülfe in Frieden beruhigt hinübergegangen, und
Kienbaums Mörder wird die Mitwelt und die Nachwelt auch nichts mehr anhaben
können als mit dem ungewaschenen Maul. Und letzteres auch dann vielleicht nur,
wenn ihr - du und Eduard - morgen den Mund darüber würdet nicht halten können.«
    Die Frau schüttelte noch einmal über das bessere Wissen und Verstehen ihres
Mannes den Kopf, dann legte sie die gefalteten Hände auf den Tisch und blieb
ebenfalls noch bei ihrem und seinem Lebensidyll, und es kam freilich, trotz
aller Melancholie und der Aufregung und Spannung der Stunde, herzig und lieblich
heraus, wie sie - erzählte, ehe Stopfkuchen das Geheimnis der Roten Schanze
offenbarte.
    »Ich kann es gar nicht sagen, wie lieb es mir war, dass der Junge zu uns
kam«, sagte sie. »So wie mich weiss ich doch keinen in meiner Bekanntschaft, dem
es als Kind so ergangen wäre als wie mir. Armes Volk in der Stadt und auf dem
Lande muss auch wohl das Seinige ausstehen; aber wir hier auf der Schanze
gehörten ja gar nicht zu dem armen Volk, und doch - wenn ich unter der Hecke
geboren wäre und meiner Mutter aus der Kiepe in das öffentliche Mitleid gefallen
wäre, hätte ich es besser gehabt wie als des Bauern von der Roten Schanze
einziges wohlhabendes Kind und seine Tochter! Dass ich bei meinen Erlebnissen und
Erfahrungen im Dorfe, in der Schule, auf dem Felde, auf der Wiese nicht
hundertmal mehr als mein armer seliger Vater ein wirklicher Mörder geworden bin,
das ist nichts weiter als ein unendliches grosses Wunder. Was ich habe sehen,
hören und fühlen müssen, seit ich mich zuerst in die Welt finden musste, das geht
in gar kein Buch zu schreiben.«
    »Hm«, murrte Stopfkuchen, »vielleicht lohnte es sich grade gegenwärtig mehr
als manches andere.«
    »Nein, Heinrich, es war doch zu hässlich.«
    »Grade darum«, brummte Heinrich Schaumann, doch seine Frau rief jetzt:
    »Ich habe dich reden lassen, nun lass auch mir das Wort, da du mich doch
einmal dazu aufgefordert hast. Und Herr - Herr -«
    »Eduard -«
    »Ja denn, wenn unser lieber Freund, Herr Eduard, so gut sein will, mit
unsern kleinen Erlebnissen hier in der Einsamkeit heute vorliebzunehmen.«
    »Einsamkeit?!« grinste Stopfkuchen »Na ja, dem da wird es in seiner
afrikanischen Wüste freilich wohl manchmal zu lebendig um ihn her. Wenn ich mir
wo eine ewige Sabbatstille hindenke, so ist's grade die Gegend, die er sich
ausgesucht hat, unser lieber Freund - Herr - Eduard.«
    Ich bezwang mich und schlug den Dicken mit seinem lächelnden Verständnis für
mein Dasein und meine exotischen Errungenschaften nicht hinter die Ohren, ich
nahm die Hand seiner Frau und sagte: »Lassen Sie alles, liebe Freundin, liebe
Frau Valentine, und erzählen Sie mir für meine Einsamkeit von sich und dem Vater
und der Roten Schanze.«
    »Ja von uns dreien alleine weiss ich auch nur was. Ich bin niemals auf einer
Insel im Meere gewesen, aber wie ich das mir vorstelle, so waren wir drei
zusammen wie eine Insel im Meere.«
    »Aber ein sauberer Brei, dickflüssig, graugelb, mit grünen Schimmelflecken
qualmte statt der blauen karaibisschen See drum herum und roch nach Pech,
Schwefel und noch viel Schlimmern!« brummte der Unverbesserliche.
    »Können Sie sich, Herr Eduard, wenn Sie sich als ein gehetztes Tier und
alleingelassenes Kind in der Welt finden, einen bessern Aufentaltsort für sich
denken als wie diese unsere alte, vergessene Kriegesburg?«
    »Ganz gewiss nicht, Frau Valentine.«
    »War es nicht schlimm, dass ich selber als so junges Kind die Hunde habe mit
bösartig gegen die armen Menschen machen müssen? Aber war es nicht gut, nach der
Schule in Sicherheit da auf dem Walle zu sitzen und das Dorf und die Stadt und
die bösen Blicke und bösen Worte und das Geflüster und Gucken auch der Besten
und Vernünftigsten unter sich zu haben? O Gott, man sollte sich heute noch
schämen, weil man so oft, eigentlich tagtäglich aus seiner letzten Schanze
heraus die Zunge hat ausstrecken und mit Steinen werfen und die armen treuen
Tiere hat hetzen müssen! Heinrich hat's eben erzählt, wie mein seliger Vater
auch hinter ihm stand und kein Wort sagte. Grosser Gott, so hat er ja immer
hinter mir gestanden, seit ich ins Denken und Nachdenken hineingekommen bin! Es
konnte mir ja auch nur ganz langsam ins klare wachsen, weshalb er so wild auf
die Menschen war und keinem gut als dann und wann einem Advokaten, der ihm nach
dem Munde gesprochen hatte. Es ist schlimm, es als Kind von Kindern erfahren zu
müssen, dass man allein sein soll in der schönen Gotteswelt! Und wenn ich auch
tausendmal sagte und weinte und schrie: Lügner!, sie machten mir doch hinterm
Rücken des Schullehrers immer dieselben Zeichen, wie als wenn man einem einen
Strick um den Hals legt oder nach einem Schlachtochsen mit dem Beile ausholt.
Wenn der Vater mir dann und wann über die Haare fuhr, wenn wir den Winterabend
ohne ein Wort gesessen hatten, ich im Winkel und er im Winkel, und wenn er gar
sagte: Ich kann nicht helfen, du Wurm, geh zu Bett und schlafe du, ich komme und
sehe nach, ob du nichts mehr von dir weisst!, ja, dann hatte ich einen Trost, der
mir das Herz in die Kehle trieb. Manchmal bin ich wieder in später Nacht aus dem
Bette gekrochen und bin an die Stubentür auf nackten Füssen geschlichen und habe
ihn dann noch ohne Schlaf sitzen sehen. Ach, Herr Eduard, es haben wohl wenige
Leute so wenig geschlafen wie mein armer seliger Vater! Und dann die Dienstboten
- die Knechte und Mägde: o wie hat es da an einem Haar gehangen, dass ich
wirklich schlecht, wirklich vielleicht zu einer Mörderin oder Totschlägerin
wurde! Sie brachten mir jedes Orgellied und alles, was sich sonst in der Art auf
dem Jahrmarkte kaufen lässt, und sangen es mir und pfiffen mir es, und wenn sie
zueinander davon redeten und bloss nach mir dabei hinübersahn, so war's noch
schlimmer. Auf jede grüne Wiese, wo andere Kinder Blumen pflücken und
Ringelkränze von Kuhblumenstielen machen durften, wurde mir ein Galgen
hingebaut; und mitten unter die Erdbeeren, die Heidelbeeren und Himbeeren im
Wald ein Schafott. Der Hirte und der Pflugknecht im Felde, die Weiber und
Mädchen beim Rübenjäten und Kartoffelroden hatten alle ihre Geschichten für mich
und gaben sie mir mit nach Hause, auf den Wall von meines Vaters Schanze und
nachts mit unter das Deckbett, das ich im heissesten Sommer oft über mich zog,
auf die Gefahr hin, darunter vor Herzbeben und Grauen zu ersticken. O wie manche
Nacht habe ich mich in den Kleidern ins Bett gesteckt, weil es mir, und nicht
bloss beim Wintersturm, sondern auch im Sommermondschein davor zu arg graute, die
Schuhe und die Röcke auszuziehen.«
    »Du armes Kind«, murmelte ich unwillkürlich.
    »Jawohl, du armes Kind, Eduard«, brummte Stopfkuchen. »Ich armes Kind habe
mich natürlich in meiner Jugend so kläglich anstellen können, wie's mir
beliebte: das machte auf niemanden einen bemerkenswerten Eindruck. Der Bengel
wird von Tag zu Tag muffiger! Das war das einzige, was ich zu hören kriegte.«
    dabei fingen aber des Dicken Äuglein an, sonderbar zu leuchten, und er
klopfte mich aufs Knie und fragte:
    »War es nicht Zeit, dass ich mich der Sache annahm? War es nicht das Beste,
was wir tun konnten, als unser Elend zusammenzuwerfen und unsern Jammer in einem
Topfe ans Feuer zu rücken? Und ist nicht das Resultat erquicklich? Habe ich die
hagere Wildkatze von Quakatzenburg nicht recht hübsch und rund und nett und fett
herausgefüttert und sie behaglich mit dem gewöhnlichen und deshalb um so
komfortabelern Weiberstrickzeug in die behagliche Sofaecke niedergedrückt? Na,
du solltest Mieze jetzt einmal beim Wintersturm und Sommermondschein drin
spinnen - schnurren und purren hören!«
    »Ich habe das Wort, Heinrich!« meinte lächelnd die liebe Frau.
    »Das hast du. Hast es immer. Und immer das letzte. Behalt es auch
meinetwegen; ich wollte nichts weiter bemerken, als dass wir heute nicht mehr des
Abends weder das grosse noch das kleine Malefizbuch lesen, Tinchen. Nämlich,
Eduard, höchstens stört sie mir jetzt mit der Frau Davidis in der Hand das
Nachdenken und paläontologische Studium, indem sie kommt und, mit dem Zünglein
um die Lippen neue Triumphe vorkostend, die Frage stellt: Du, Alter, sollen wir
uns mal an dieses Rezept wagen? Ich, lieber Eduard, habe selbstverständlich auch
für diesen Verdruss nur die eine Antwort: Dem Mutigen gehört die Welt. Heraus aus
dem Kasten!«
    Frau Valentine behandelte vernünftigerweise ihren Feinschmecker mit seinem
berühmten Kochbuch als Luft und fuhr, gegen mich gewendet, in ihrem Recht, jetzt
einmal selber zu erzählen, fort. Gottlob, wirklich wie aus der Sofaecke heraus,
wenn auch mit einem feuchten Leuchten in den Augen und einem verschluckten
Aufsteigen in der Kehle, gleich einem Kinde, das aus erlittenem, aber
vergangenem Kummer in das Lachen der Gegenwart übergeht.
    »Ja, es war schlimm. Und es war die höchste Zeit, sowohl für meinen Vater
wie für mich, dass wir endlich einen Kameraden kriegten - einen, den unsere Hunde
über unsern Graben und Dammweg passieren liessen, ohne dass sie ihm an die Kehle
fuhren und ihm unser häuslich Glück und Behagen entgegenkläfften und - heulten.
Anfangs konnte ich es doch nicht wissen, dass der Junge aus der Stadt auch für
meinen Vater brauchbar war. Zuerst war er ja nur für mich gegen die Dorfkinder
eingetreten und hatte sich die Nase blutig schlagen lassen. Da nahm ich ihn auch
nur meinetwegen zwischen den Hunden durch mit auf die Schanze und brachte ihn an
den Brunnen, dass er sich wenigstens ein bisschen wieder waschen konnte. Aber es
wies sich zum Segen für Vater und Kind, für die Rote Schanze aus, dass es doch
mehr mit ihm an sich hatte durch Gottes Güte. Nicht wahr, Heinrich?«
    Das letzte Wort war ein Fehler von der Frau. Damit hatte sie ihrem dicken
Haupt und Herrn vollständig wieder das Heft in die Hand gegeben.
Glücklicherweise hatte er aber eben etwas zerstreut den Wolken seiner Pfeife in
die Baumwipfel nachgesehen und brummte nur: »Hast immer recht, Alte! Was war es
denn eigentlich - wo warst du stehengeblieben? Ja so! Na, Eduard, gewinnst du
bald die Überzeugung, dass wir drei, Vater Quakatz, sein Tinchen und der faule
Schaumann aus der Stadt, hier - hier keinen Vierten zwischen uns gebrauchen
konnten?«
    »Nein, den brauchten wir damals nicht!« rief Frau Valentine Schaumann, ohne
meine Meinung über die Sache abzuwarten. »Wenn meinem Vater und mir der liebe
Gott nur einen gab, so war das völlig genug! Aber dem musste ebenfalls alles
andere gleichgültig oder zuwider sein: nur wir und die Rote Schanze nicht! Der
musste alles mögen, was der Bauer Quakatz und sein kleines Mädchen gehen konnten,
ohne sich vor dem Mord- und Schinderkuhlengeruch, der dranhing, zu ekeln und zu
fürchten. Und, Herr Eduard, dazu, dazu hatte der Stadtjunge, der mich vor den
Dorfjungen und -mädchen in seinen Schutz genommen hatte, unter der Hecke da
drüben auf der städtischen Feldmark gelegen! Und dazu hatte er auch genug
Latein, dass er es meinem Vater in seinem dicken Wörterbuch nachschlug und
übersetzte für seine Schriften und Akten, wo der selbst seinem Advokaten nicht
mehr traute. Herr Eduard, bitte, achten Sie jetzt gar nicht auf meinen Mann! Er
mag nachher, bis er mit Ihnen als angehender Student hier stand und von uns
Abschied nahm, in seinen Schulzeiten noch etwas mehr gelernt haben - das kann
ich nicht beurteilen, aber für die Rote Schanze war er damals genügend mit allen
Kenntnissen ausgestattet. Er brachte nicht bloss die Hunde zur Ruhe, er brachte
auch meinem seligen Vater ruhigere Stunden.«
    »Nu höre sie, Eduard! Jaja; aber sie hat recht: die Klugen haben wahrhaftig
lange nicht soviel Behaglichkeit in die Welt gebracht und so viele Glückliche
drin gemacht wie die Einfältigen.«
    »Ganz sicher, Heinrich! Mein seliger Vater meinte das wenigstens auch. Er
drückte sich nur etwas anders aus: Tinchen, sagte er, ich will nichts dagegen
sagen, dass dieser dicke, stille Junge sich an uns herangemacht hat. Wenn du mit
ihm auskommen kannst, soll es mir recht sein. Mich stört er nicht, und man hat
doch einen in der Stube, der nicht zu den anderen gehört.«
    »Das war ein grosses Wort von deinem verstorbenen Herrn Vater, Frau Valentine
Stopfkuchen!« grinste Heinrich Schaumann unverbesserlich drein.
    »Es war nur das Wort von einem Manne, der seinen Kopf und sein Herz seit
Jahren, Jahren, Jahren mit beiden Händen hatte zusammenhalten müssen, auf dass
ihm beides nicht in Wut und Angst und Grimm und Scham zerspringe. Wenn einer
damals nicht zu den andern gehörte, Herr Eduard, so war das mein Mann. Nicht
etwa, weil er grade so was Besonderes an sich gehabt hätte, sondern grade
vielleicht, weil er das nicht hatte und auch an uns in unserer Verscheuchung und
Verschüchterung nichts Besonderes fand und mit uns wie mit ganz gewöhnlichen
sonstigen Menschen in Verkehr und Umgang kam!« -
    Frau Valentine hatte natürlich nicht im geringsten eine Ahnung davon, welch
ein wunderbar Zeugnis und Lob sie jetzt meinem Freunde ausstellte und wie sehr
sie mich zu den ganz Gewöhnlichen, den ganz Gemeinen, an jedem Wege Wachsenden
warf: zu denen, die nur dreist in die Welt hinaus und nach Afrika laufen
mochten, um ihre trivialen Abenteurerhistorien zu erleben. Mein dickster Freund
grinste wieder nur, war sich aber sicherlich klar über alles.
    Die Frau fuhr fort:
    »Er sass mit meinem Vater in der Stube, und er lag mit mir auf unserm Wall
gegen die Menschheit unterm Busch. Ja, gegen die Menschheit, Herr Eduard: denn
jetzt warfen sie mit ihren Steinen auch nach ihm über den Graben, aber nicht
lange. Ihre jungen Herren Kollegen und Schulkameraden haben doch nicht ganz
genau gewusst, was mein Mann damals war -«
    »Alte!« lachte Stopfkuchen.
    »Ach ja, ich drücke mich wohl wieder falsch aus. Nun denn: sie wussten nicht
ganz vollkommen, was du alles in dir hattest, Heinrich, und was du alles tun und
sagen konntest, wenn dir ein Erdkloss, der eigentlich doch nur für Kienbaums
Mörder bestimmt war, an deinen Kopf flog. O Herr Eduard, Ihr damaliger Freund
konnte sich damals schon in den ersten grossen Sommerferien als den Herrn der
Roten Schanze betrachten. Er hatte sie, und zwar für mich mit, einem schlimmen
Feinde abgewonnen; und nun, da ich mich nun nicht mehr nachts so arg vor anderen
zu fürchten brauchte, lag ich manchmal ganz wütend und fragte mich, weshalb ich
es eben von ihm litte! Denn, Herr Eduard, er behandelte mich eigentlich gar
nicht gut bei seinem Ritteramt! Dumme Gans war noch der mildeste Ehrentitel, den
er mir zukommen liess. Und wehe mir, wenn ich es merken liess, dass auch ich meinen
Vorrat von Kosenamen zur Hand hatte aus meinem Verkehr und Krieg mit den andern
Kindern! Und wenn ich mich durch Tränen wehren wollte, da war's noch schlimmer.
Da hiess es höchstens: Sie hat den besten Platz in ganz Deutschland, und sie
mault! Mädchen, sitze du mal auf meinem -«
    »Podex«, riet Freund Heinrich.
    »Platz in der Schule«, fuhr Frau Tine fort, doch lieber einen zarten
Ausdruck für das Ding wählend. »Freilich, es mochte ihm, was den anbetraf,
manchmal zu Hause und in der Schule auch nicht zum besten gehen. Nun, auf der
Roten Schanze sass er dann mit seinen Sünden ebenso sicher als wie ich. Beim
Mordbauern Quakatz tat ihm keiner noch mehr was drum zuleide, sondern im
Gegenteil! Er war mir vielleicht auch darum grade recht und zu meinem und meines
seligen Vaters Umgang passend, weil auch er recht häufig was auf dem Gewissen
hatte und noch mit den Tränenspuren auf den Backen zu uns herauskam und dort von
der Wallbrüstung auf die ganze Stadt und die ganze Schule ungestört
hinunterbrummeln und -grummeln und -schimpfen konnte. Schrecklich faul muss er
damals gewesen sein, Herr Eduard.«
    »Meine jetzigen süssen Daseinsbedingungen in dieser Hinsicht lässt sie gelten,
Eduard. Aber ich imponiere ihr doch auch ein wenig durch meine Petrefakten und
die gelehrte Korrespondenz, die sich dranknüpft. Man kann schon seinem Weibe was
unter die Nase halten, wenn man Mitglied von einem halben Dutzend
paläontologischer Gesellschaften ist. Und eines blüht ihr noch. Meine Abhandlung
über das Mammut und seine Beziehungen zu der Roten Schanze, dem Prinzen Xaver
von Sachsen und dem Bauer Andreas Quakatz nebst angehängtem Exkurs über das
Megaterium wird ihr unbedingt gewidmet. Wer weiss, ob das Riesenfaultier ihr
nicht noch den Kranz der Unsterblichkeit auf die Haube - wollt ich sagen die
Locken druckt?«
    »Gott soll mich bewahren!« lachte Frau Valentine, fügte aber hinzu: »O Gott,
wohin bringt er mich und uns durch seine Art und Weise, Herr Eduard! Er weiss es,
wer Kienbaum totgeschlagen hat, und hier sitze ich und rede alles dumme Zeug
durcheinander, bloss weil er's so haben will. O mein armer, armer Vater! Und wenn
er, meinen Mann meine ich, mit dem Ärmel um die Augen Staub und Feuchtigkeit
durcheinandergerieben hatte -«
    »Dreck und Tränen willst du sagen, Herze.«
    »Jawohl, und mit dem Jackenärmel! Und wenn er dann zuweilen noch nach dem -
Rücken griff und sich zwischen den Schulterblättern rieb, dann sagte mein
seliger Vater -«
    »Geh hin und schneid ihm erst ein ordentliches Butterbrot und gib ihm ein
ordentlich Stück Wurst dazu. Der hat auch das Seinige ausgestanden und weiss in
seinen jungen Jahren schon, was an der Welt ist.«
    »Nun, das tat ich denn auch, und dann gingen wir zu den Käsen, den
Stachelbeeren, den Birnen, Äpfeln und Pflaumen, und was sonst so die Jahreszeit
zu seinem und meinem Troste gab. Ja, Herr Eduard, in dieser Hinsicht war die
Rote Schanze vom sächsischen Prinzen ganz für ihn geschaffen. Oh, was er aber
auch durch seinen Herrn Schwartner von ihr alles wusste! O Gott, wie ich sie noch
sitzen sehe, ihn und meinen armen Vater, wie sie die Geschichte vom
Siebenjährigen Kriege traktierten, und wie es so schade sei, dass die arme Stadt
drunten damals nicht ganz in 'n Klump geschossen worden sei!«
    »Das Wort traktieren hat sie von mir, Eduard«, schmunzelte Stopfkuchen: doch
Frau Valentine lächelte und seufzte weiter:
    »Ich hielt ihn schon damals für den gelehrtesten und weisesten aller
Menschen. Dass ich ihm das aber damals schon auf die Nase band, konnte doch
keiner von mir verlangen; denn dazu war er doch noch zu dumm und ich zu sehr in
der Wildheit und Wut gegen alles aufgewachsen. Er brachte mir, ohne dass ich es
ihm merken liess, von so vielen Dingen ein Verständnis und an so manchen Sachen
Geschmack bei -«
    »Das Wort Geschmack hat sie von mir, Eduard.«
    »Und da kam er mit meinem Vater zu der Überzeugung, dass kein Hahn mehr nach
dem hochberühmten Herrn Prinzen von Sachsen und seinem Mordkriege krähe und dass
auch einmal nach dem Herrn Oberlehrer Blechhammer und uns andern und - und - und
Kienbaum auch kein Hahn mehr krähen, kein Hund mehr bellen und kein Mensch mehr
die Nase verziehen werde und dass es bei allem auf der Erde nur ankomme auf ein
gutes Gewissen und Genügsamkeit -«
    »Genügsamkeit hat sie von mir.«
    »Natürlich! Alles habe ich von dir!« rief Frau Valentine jetzt wirklich
etwas zitterig, aufgeregt, ärgerlich. »Nun, da ist es ja noch ein Trost, dass du
mir wenigstens das gute Gewissen als mein eigenstes Eigentum lässt! Und wenn ich
denn einmal die Genügsamkeit auch von dir haben soll, so hat doch gewiss
wenigstens etwas davon auch schon in mir gelegen, und du hast mir nur -«
    »Das Verständnis aufgeknöpft. Da hat sie recht, Eduard. Ich sage dir,
Eduard, du hast in der Hinsicht gar keinen Begriff davon, was und wieviel alles
in ihr verstöpselt lag und darauf wartete, dass ich komme und den Korkzieher
mitbringe. O Alte, Alte, liebe beste, alte Alte: wie hätten wir zwei auch sonst
so gut zueinander gepasst. O Tine, Tine - du und ich, des Gottes schöne Trümmer -
na, haben wir denn nicht von Anfang an zueinander gehört und halten wir nicht
beieinander bis zum allerletzten? Du vom alleräussersten Ende von Afrika, du,
Eduard, was ist deine Meinung?«
    Vor Jahren hatte ich weggeguckt; diesmal sah ich genau hin, wie sich die
zwei den Arm um die Schulter legten und sich aneinanderdrückten und sich einen
lauten Kuss gaben. Sie zierten sich diesmal gar nicht mehr vor mir; aber Heinrich
hatte freilich heute auch eine glänzende Glatze, und in Valentinens Haar mischte
sich hier und da ein vorzeitig silbernes Fädchen; aber hübsch war's doch, und es
tat der Sache durchaus auch keinen Abbruch, dass Stopfkuchen ein bisschen fett war
und seine kleine, gute, tapfere Frau der Aphrodite von Melos gar nicht glich.
    »Ich sage Ihnen, lieber Herr Eduard«, sagte Valentine, ihre Haube unbefangen
wieder zurechtrückend, »wenn ich mich jetzt als erwachsene, alte Frau in meinen
Zustand als Quakatzens Mädchen von der Roten Schanze zurückdenke und es mir
überlege, wie es gekommen ist und wie es die Vorsehung angefangen hat, dass ich
durch Heinrichs Bekanntschaft aus einem verwilderten Tier zur Ruhe und ins
Menschliche hineinkam, so soll mir keiner meinen Glauben an den lieben Gott aus
der Bibel und dem Gesangbuche streichen: auch selbst der, mein Alter, nicht mit
seinen Knochen und Versteinerungen und seinen Briefen und Drucksachen von seinen
gelehrten Gesellschaften.
    Und wenn er tausendmal nicht mehr an ein Wunder glaubt und eine höhere
Regierung: zu einem halben Wunder muss er sich mit seinem wissenschaftlichen
Besserwissen doch bequemen. Denn dass so ein Junge so einen segensreichen Einfluss
auf so ein Frauenzimmer ausübt, von meinem armen seligen Vater dabei gar nicht
zu reden, das ist doch nicht bloss ein halbes Wunder, das ist ein ganzes, ein
doppeltes, ein dreidoppeltes! Sie haben es wohl gelesen, was er über unsere
Haustür geschrieben hat: Gehe heraus aus dem Kasten. Das ist eigentlich dummes
Zeug; denn das hat auf uns hier gar keine Beziehung. Ich habe darüber die Bücher
Moses nachgelesen; es betrifft bloss die Arche Noah und den Vater Noah und
möglicherweise noch seine Familie und seinen Tierbestand. Die Redensart hatte
damals mein Heinrich auch noch nicht an sich. Vielleicht erinnern Sie sich noch
an seinen damaligen ewigen Trost, Herr Eduard?«
    Leider erinnerte ich mich nicht mehr, und Stopfkuchen sah mich nur
erwartend, grinsend an und half mir nicht ein. Wenn ich ihm in unsern Schultagen
»einhelfen« sollte, dann grinste er nicht; dann sah er anders aus als wie heute.
    »Na, Eduard?« Das war das einzige, auf was er sich heute einliess.
    »Friss es aus und friss dich durch! lautete seine damalige Redensart«, sagte
Frau Valentine und liess es in Ton und Ausdruck zweifelhaft, ob sie heute noch
völlig ihre Billigung habe. Doch jetzt ergriff Schaumann, genannt Stopfkuchen,
wieder das Wort und seufzte zwar weich und elegisch, aber voll Behagen:
    »Und meinetwegen könnt ihr sie mir auch mal in Goldschrift auf meinen
Grabstein setzen lassen. Natürlich ohne irgendwem die Möglichkeit zu nehmen,
eine noch bessere zu finden.«
    »O Gott«, seufzte seine Frau, »damals setzte er gewöhnlich noch hinzu: Es
gibt keine andere, um durchs Leben zu kommen, Tinchen!«
    »Meinst du nicht auch, dass alle anderen mehr oder weniger auf Schwindel
beruhen, Eduard? Oder hast du in dieser Beziehung wirklich einige neue
Erfahrungen vom alten nobeln Onkel Ketschwayo mitgebracht? Na, mal raus damit:
was habt ihr dem Mann auf sein Heldengrab gesetzt, nachdem der brave Kaffer sein
stolzes Königsleben aus- und sich durch euch Englishmen, Dutchmen und Deutsche
Burengesellschaft durchgefressen hatte? Aber entschuldige, Schatz, ich meine
dich, Madam Stopfkuchen, wir sind immer noch bei deiner Idylle und nicht der
unseres teuren afrikanischen Gastfreundes.«
    Die Frau Valentine warf mir einen Blick zu, der wieder nur bedeuten konnte:
wer kann wider Gott und Gross-Nowgorod? Es war gegen den Menschen nicht
anzuerzählen. Sie gab es auf, nahm dafür ihr Strickzeug wieder und überliess
ihren Dicken seiner Rednergabe und, wie sie sich ausdrückte, seinem doch bessern
Verständnis. Dass sie wohl hoffte, auf diese Art am Ende doch noch etwas früher
zu erfahren, wer Kienbaum totgeschlagen und das Lebenselend ihres Vaters dazu
auf dem Gewissen gehabt hatte, trug wohl dazu bei, dass sie sich den Anschein
gab, von jetzt an ruhig weiterzustricken.
    »Ich sagte ihr also ganz einfach, wenn mal die Welt wieder ein wenig mehr
als gewöhnlich die Katze gegen sie gespielt hatte oder, was auch vorkam, sie die
Katze gegen die Welt zu spielen wünschte und mit ausgespreizten Krallen fauchend
gegen sie anfuhr - bemerke beiläufig die sich hier ganz von selber gebende,
weich hinfliessende Alliteration, Eduard -, ich sagte ihr also: Schatz, friss mich
nicht; aber, Mädchen, friss es aus und friss dich durch, und, bei Gott, ich helfe
dir dabei! Mit dem herzigen Wort und Rat nahm ich sie am Wickel, holte sie so
peu à peu aus sich heraus und mir allgemach die ganze Rote Schanze, den Papa
Quakatz eingeschlossen. Wir frassen es zusammen aus und frassen uns durch, wir
armen Würmer. Für alles, mit welchem ich meinerseits da unten in der Stadt und
in eurer Schule nicht aus mir herauskommen durfte, hatte ich hier oben freiesten
Spielraum. Da entwickelte sich, was ich an Lyrischem und Epischem in dem hatte,
was ihr da unten als mein gemütliches Fett zu bezeichnen pflegtet. Was ich an
Dramatischem in mir hatte, liess ich natürlich ruhig in dem, was ihr meinen Wanst
benamsetet, latent bleiben. Das erfordert zuviel Kapriolen, Fratzen und Phrasen,
und es ist, Gott sei Dank, immer noch hie und da einem gestattet, ore rotundo
seine Serviette oder, wie man itzo im teutschen Vaterlande sagt, sein Tellertuch
unterm Kinn festzustecken und über seinen Sesquipedalien die Hände
ineinanderzulegen und die Daumen umeinanderzudrehen. Würde ich hier heute bei
dem Tinchen, diesem Quakätzchen hier, so sitzen, wie ich sitze, wenn ich der
Roten Schanze damals ebenfalls dramatisch gekommen wäre? Gewiss nicht, lieber
Eduard! Diesem Kriegsaufwurf des Herrn Grafen von der Lausitz, diesem Punktum
auf hiesiger Feldmark hinter dem Wort: Kindlein, liebt euch untereinander, war
nur durch die Lyrik und Epik beizukommen, und das habe ich denn auch besorgt!
Was, Tinchen Quakatz? Ich kann es nur immer von neuem wiederholen, Eduard: ihr
habt mich verkannt, die Schätze in meinem Busen lagen euch, offen gesagt, dummen
Jungen viel zu tief. Dazu gehörte eben ein schlaues kleines Mädchen, um die
heraufzuangeln. Du persönlich, Eduard, liefest höchstens mit deinem Freunde
Störzer und bereitetest dich durch des alten Levaillants Geschichte von wilden
Eseln, Giraffen, Elefanten, Nashörnern, saubern Namaquamädchen und aus der
Historie vom Bravsten der Braven aller Hottentotten Swanepoel auf dein
Kaffern-Eldorado vor. Den biedern Buren Klaas Baster wirst du wahrscheinlich
allmählich auch gefunden haben und ihn in sentimentalen afrikanischen Stimmungen
an den Busen schliessen: aber den biedern Heinrich Schaumann hast du jenerzeit
auch nicht gefunden, sondern ihn nur mit den übrigen von uns als Stopfkuchen
unter der Hecke belassen. Verzeihe die Abschweifung: bei dem Bauer Quakatz und
seinem verwilderten, zerzausten Kätzchen, da erklang die Zauberharfe, da griffen
die Geister der Roten Schanze hinein und entlockten ihr die Töne, welche euch
europäischen gezähmten Eseln, Affen und Rhinozerossen, so das Fürstliche
Gymnasium alle Nachmittage um vier aus dem Kulturpferch herausliess, auf, wie ihr
euch freundlich ausdrücktet, auf kompletten Blödsinn hinzudeuten schienen. O
Eduard, wenn ich heute, jetzt, endlich doch einmal zu dem Genuss käme, ein
teatralisches Interesse an meiner eigenen Person zu nehmen! Aber damit ist es
selbst heute, heute, wo du wieder da bist, nichts! Ich kriege es nicht fertig,
und so bleibe ich ohne Arm- und Beinschlenkern sitzen, wo ich mich hingesetzt
habe: auf der Roten Schanze. Mach nur keine Gesichter, Tinchen; ich bleibe bei
der Sache. Du weisst es ja: wie närrisch ich reden mag, ich bin immer bei dir. Da
sei nur ganz ruhig; kein Kind hält sich so krampfhaft fest am Rocke seiner
Mutter, wie ich mich an deiner Schürze und - Eduard hat ja heute bei uns
gegessen und wird mir also einmal in seinem Leben beistimmen - vor allem an
deiner Küchenschürze! Ja, lieber Eduard, kein Winkel im Hause, kein Fleckchen im
Garten, kein Mauerwerk, keine Bank, kein Busch und Baum und, wieder vor allem,
kein Viehzeug auf der Roten Schanze, die nicht allgemach ein lieber Schein und
Schimmer überlief aus dem Robinson, aus dem Ferdinand Freiligrat, aus den
Gebrüdern Grimm, dem Hans Christian Andersen und dem alten Musäus! Ich war feist
und faul, aber doch nun grade, euch allen zum Trotz, noch vor meiner
Kenntnisnahme des Weisen von Frankfurts bester Table d'hôte ein Poet ersten
Ranges: der Begriff war mir gar nichts; ich nahm alles unter der Hecke weg, mit
dem Sonnenschein des Daseins warm auf dem Bauche, aus der Anschauung! Es zog
einer den andern in seine Kreise oder vielmehr in seinen Kreis: Tinchen mich,
ich Tinchen. Aber an dem Tage, an welchem auch der Papa Quakatz hinter mir zum
erstenmal fragte: Wie war die Geschichte. Junge?, da hatte ich ihn ebenfalls
beim Wickel. Erinnerst du dich noch, Valentine? Es war die Geschichte von den
beiden unüberwindlichen, kugelrunden Müllern, die sein Interesse erweckte. Ja,
dahin hatte es die Welt mit ihm und Kienbaums Morde gebracht, dass er auch so
einer hätte sein und so sich wappnen mögen. Ein Wams mit Kalk und Sand und zur
Verbindung mit geschmolzenem Pech gefüttert, hinten und vorn beblecht mit alten
Reibeisen und Topfdeckeln, darunter drei bis vier Hemden, darüber neun lodene
Röcke; zur Abwehr und zum Angriff zwei Spiesse, eine Armbrust, ein Zweihander
eine Manneslänge lang und auf die Wirkung in die Ferne ein Bogen mit
Pfeilköcher!«
    »Jaja«, seufzte Frau Valentine, »und endlich eine Wohnung in einer Wüste
hinten an der Welt! Ach ja, und wenn auch er nicht gestorben wäre, so lebte auch
er heute noch, wie die Märchen endigen. Der arme, arme, liebe Vater! Und er, er
hätte es sicherlich nicht ertragen, dass du uns so lange darauf warten lässt, wer
an seiner Statt Kienbaum totgeschlagen hat, für wen er, er, der Arme, Arme,
durch sein ganzes Leben hat unschuldig büssen müssen!«
    In diesem Augenblick wurde die arme Frau abgerufen, und Stopfkuchen benutzte
die Gelegenheit, um mir zuzuflüstern:
    »Hoffentlich bleibt sie uns jetzt fünf Minuten vom Halse. Vom Papa spreche
ich, jetzt im Vertrauen ganz offen gesagt, am liebsten hinter ihrem Rücken, wenn
ich einmal davon sprechen muss. Und sie hat es auch eigentlich nicht gern, wenn
ich in ihrer Gehörweite wirklich mal aufrichtig an meine innerste Meinung über
ihn anstreife.«
Schön Wetter auf See! Wie hätte ich mein Garn aber auch so fortspinnen dürfen,
wie es eben geschehen ist, wenn dem nicht so gewesen wäre? Halkyonische Tage
haben uns die letzte Woche durch das Geleit über das grosse Meer gegeben. Infolge
davon angenehme Stimmung auf dem Schiff und wenig Störung des »sonderbaren Herrn
im Rauchzimmer, der von Hamburg an ununterbrochen über seinem Geschäftskonto
brütet und wahrscheinlich erst am Jüngsten Tage damit zu Rande kommen wird.«
    Die Herrschaften und die Leute haben aber recht mit ihrer Verwunderung,
ihrem Lächeln und Kopfschütteln, Kopfzusammenstecken und Flüstern. Da sitzt ein
sonderbarer Herr auf dem guten Schiff »Hagebucher«, und sonderbar von ihm ist's
im hohen Grade, grade auf dem hohen Meer den Versuch zu wiederholen, das Leben
mit einem Fingerhut ausschöpfen zu wollen! ...
    Was aber würden die Herren und Damen, die einige Male sogar den Versuch
gemacht haben, mir beim freundschaftlichen Auf-die-Schulter-Klopfen über die
Schulter auf die »absonderliche Schreiberei« zu sehen, sagen, wenn ihnen der
Versuch gelungen wäre?
    Wahrscheinlich nichts weiter als:
    »Nun, das hätte er zu Hause auch bequemer haben können.«
    Darin werden sie sich aber doch auch irren. Ich hätte das nicht zu Hause
bequemer haben können, und deshalb eben schrieb ich's auf dem Schiffe mir auf,
um es späterhin zu Hause im Wirrsal der Tage für einen möglichen stillern
Augenblick bequem zur Hand zu haben. - - -
    Seinen Stuhl mir näher rückend, sagte Stopfkuchen, noch einmal einen
vorsichtigen Blick nach dem Hause sendend: »Evasit - sie trippelte ab. Jawohl,
Eduard, wenn die Welt irgendwo und - wann das Recht hatte, einem ducknackigen,
mürrischen, widerwärtigen Patron, kurz einem unangenehmen Menschen mit dicker,
die Oberlippe einsaugender Unterlippe und malaiischen Wülsten hinter den Ohren -
einen Mord als sein kleinstes Verbrechen zuzutrauen, so war das bei meinem
seligen Schwiegervater - Gott hab ihn selig! - der Fall. Im Grunde war er ein
greulicher Kerl, dem keiner deiner bösartigsten, schlimmsten Kaffern das Wasser
reichte. Eine misstrauische, stänkerhafte, auf Kisten und Kasten hockende
Bauernseele vom faulsten Wasser! Ob er Kienbaum totgeschlagen hat, der alte
Quakatz, wirst du ja wohl nachher noch erfahren; aber dass ich ihn nicht drei
oder drei Dutzend Male totgeschlagen habe, das war keine Kleinigkeit, das sage
ich dir jetzt schon. Es gehörte eben eine Natur oder, wenn du lieber willst, ein
Gemüt wie das meinige dazu, um so einem missglückten Ebenbilde Gottes an den Kern
zu kommen! Nun, weisst du, Eduard, Apfel, Reis und Mandelkern frisst der kleine
Affe gern; aber auch Nüsse mag er und knackt sie ihres süssen Inhalts wegen:
seines süssen Inhalts wegen habe ich denn auch den Bauer Andreas Quakatz auf der
Roten Schanze mit der Roten Schanze geknackt. Freilich nicht ohne die harte Nuss
eine erkleckliche Weile aus einer Backentasche in die andere gewälzt zu haben
und mit allen Backenzähnen und aller Kinnbackenkraft drangewesen zu sein. Ob er
Kienbaums wegen gehängt zu werden verdient hätte, wollen wir immer noch auf sich
beruhen lassen. Aber aus manchem andern Grunde hätte er sicherlich Verdient,
wenn nicht gehängt, so doch geprügelt zu werden. Vor allen Dingen seines
Tinchens wegen. Sie lässt sich immer abrufen, wenn darauf die Rede kommt. Diesen
närrischen Frauenzimmern ist eben die Pietät auf keine Weise auszutreiben; und,
beiläufig, man mag sich manchmal darüber ärgern, wie man will, man stellt sich
und andern doch nur sehr selten die Frage, wozu dieses gut sei. Gut - das heisst,
grosser Gott, die Welt war schlecht gegen das Kind von der Roten Schanze; aber so
schlimm wie der Papa, der Bauer auf der Roten Schanze, war sie doch nicht gegen
es. Da hielt sie ihm noch lange nicht die Stange! Die Schule war arg, und meine
Herren Eltern waren grade auch nicht von der liebenswürdigsten Sorte; aber so
verschüchterten sie mich doch nicht, wie der alte Quakatz seine Krabbe zu
verschüchtern verstand. Aus der alleruntersten Schublade seiner verstockten
Seele holte er sein Wesen gegen sie; und tausendmal mochte er meinetwegen
Kienbaum totgeschlagen haben und der Menschheit, ihr Jüngstes Gericht
eingeschlossen, es ableugnen: so - in solcher Weise brauchte er seinen Verdruss
nicht auf sein eigen Fleisch und Blut abzuladen! Eduard, leugne es nicht: ihr
habt mich dann und wann nicht bloss für einen faulen, sondern auch für einen
feigen Burschen taxiert, doch wirklich mit Unrecht. Ihr armen Hasen, deren
ganzes Heldentum auf dann und wann eine zerrissene Hose, einen Buckel voll
Schläge oder ein paar Stunden Karzer hinauslief! Die Rote Schanze hättet ihr mal
erobern sollen! Das wäre etwas gewesen, was einen neuen Plutarch auch für euch
wünschenswert gemacht haben würde. Und dann der Oberlehrer Blechhammer, wenn der
mal wieder in meinem Kopfe mit der Stange gestört, nach der Eule der Minerva
geforscht hatte und von neuem zu der Überzeugung gekommen war, dass da vielleicht
eben noch eine Eule, aber freilich nicht die der Pallas Atene gesessen hatte!
War der brave Mann - Gott erfülle alle seine Verheissungen an ihm und rangiere
ihn unter seine beflügeltsten Engel! -, war der alte ciceronianische
Kochinchinaknarrhahn einer Würdigung meiner Lebensaufgabe fähig? Wahrlich nicht,
im höchsten Patos dieses aus der Erinnerung heraus gesprochen. Doch ich
schweife ab - der warme Tag öffnet einem so angenehm alle Poren des Leibes und
der Seele! Wo war ich denn eigentlich, was die Hauptsache anbetrifft? Jawohl,
natürlich, immer noch beim Vater Quakatz. Du grosser Gott, wo in aller Welt haben
wir, ich und Tinchen, uns vor dem verkrochen? Wie und wo haben wir hier unter
dem Schutze Sancti Xaverii, comitis Lusatiae, vor seiner Unvernunft Unterschlupf
suchen müssen, nachdem ich schon längst Vernunft zu ihm geredet hatte und
stellenweise auch damit durchgedrungen war? Im Taubenschlag, im Schweinestall,
auf dem Heuboden, im Wandschrank, hinter und unter dem Bett. Wo suchte er nicht
sein Kind mit dem Prügel und der Peitsche in der Hand? Ihr Helden führtet
derweilen eure Indianergeschichten, euren Fenimore Cooper draussen im Felde dumm
und phantasielos genug auf: ich schützte Cora und versteckte Alice im Leben und
in der Wirklichkeit, wenn nicht in der Felshöhle, so doch hinter dem
Küchenschrank und liess den verrückten, wütenden alten Mingo mit geheimstem,
wollüstigstem Grausen suchen und hörte ihn schnüffeln und sein Kriegsgeheul
erheben. Wenn dann Tinchen flüsterte: Ich habe ihm die Schnapsflasche auf den
Küchentisch gestellt!, so weiss ich es heute ganz genau zu taxieren, wieviel mehr
sie auf Miss Cora als auf Miss Alice zugeschnitten war. Damals wusste ich es noch
nicht so und hielt mich mehr, als mir zukam, für den edlen, urwalderfahrenen
Lederstrumpf. Aber die Hauptsache war natürlich, dass der Alte die Flasche fand.
Sowie wir sein Hugh vor ihr hörten, waren wir einmal noch gerettet, und die Welt
und die Rote Schanze gehörten uns wieder allein! Aus Pietät steht sein
Sorgenstuhl, wie du bei Tische bemerkt haben wirst, noch immer hinter dem Ofen,
und wenn ich jetzt darin sitze und mir überlege, wie ich damals schon den Fall
Kienbaum gegen Quakatz frühreif ansah und sagamorenhaft dem aus seinem
Feuerwasserdusel erwachenden armen Kerl sagte: Herr Quakatz - - - du liebster
Himmel, da ist sie schon wieder!
    Keinen Augenblick hat man doch Ruhe vor ihr. Na, Eduard, dann das Weitere
vielleicht bei Sonnenuntergang.«
    
    
Da war sie wieder, und wenn ich sie wieder ansah, wie sie vom Hause her näher
kam und wieder zu uns trat und ihrem Mann die Hand auf die Schulter legte, hätte
ich mir dreist alles »Weitere« von ihm schenken lassen dürfen. Die Hauptsache
wusste ich jedenfalls.
    Der schöne Nachmittag aber war, ohne dass ich es gemerkt hatte, was freilich
selbstverständlich war, ruhig immer mehr gegen den Abend hin vorgeschritten. Es
war selbst für unsern Dicken allgemach angenehm kühl unterm Lindenbaume
geworden, und er bezeigte nun Lust, »sich ein wenig die Füsse zu vertreten«. Er
bot seiner Frau den Arm, und bei sinkender Sonne umschritten wir jetzt das
Viereck des alten Kriegswalles auf seinem äussersten Rande, Stopfkuchen
natürlich, ohne die lange Pfeife dabei aufzugehen. »Du bemerkst, ich habe mir
hier wie ein anderer Gefangener von Chillon einen Pfad ausgetreten, aber dazu
auch einige Bänke hingesetzt. Seine Aussicht in die Weite wünscht der
Genügsamste in dieser Beziehung zu haben; behält er seine Bequemlichkeit sich
dabei vor, so verdenke ich es ihm nicht, sondern lobe ihn. Wie du gleichfalls
bemerkst, Eduard, bin ich auch hier immer unter der Hecke geblieben.«
    Dem war so. Die vier Bänke auf den vier Ecken der Roten Schanze hatten alle
ein schattig Gebüsch hinter sich, und man konnte sich wohl auf ihnen in die Lust
der Jugend, unter der Hecke zu liegen - zurückträumen. Der Pfad war wohl
betreten, aber auch wohl gepflegt: »Ich pflege hier auch im Winter meine Welt
und die der übrigen ins Auge zu fassen«, sagte Stopfkuchen. - Die Aussicht nach
Norden und Süden, nach Osten und Westen war so ziemlich geblieben, wie sie in
unserer Kinderzeit war. Da war in der Tiefe die Stadt, da zur Seite Dorf
Maiholzen, da der Wald, da das freie Feld und da die fernen blauen Berge liegen
geblieben. Behaglich schliefen darunter und darin Heinrich Schaumanns Floren und
Faunen sämtlicher wissenschaftlichen Erdballsperioden, Formationen und
Übergangsperioden, das Riesenfaultier eingeschlossen und mit eingeschlafen.
Darüber der Sommerspätnachmittagssonnenschein. Nur eine oder zwei neue
Eisenbahnlinien durchschnitten jetzt die Ebene. Und der Zug, der eben auf der
einen die Stadt verlassen hatte und mit langgezogener weisser Lokomotivenwolke
der Ferne zuglitt, erinnerte mich in diesem Augenblick wieder daran, wie wenig
Halt und Anhalt ich jetzt noch in der Geburtsstadt, in den Heimatsgefilden,
habe.
    Statt mir aber mit einem Hinweis auf die neuen Verkehrsmittel aufzuwarten,
zog Heinrich Schaumann sonderbarerweise sein Tinchen nur noch ein bisschen
zärtlicher an sich und sagte:
    »Ja, Alte, nicht wahr, auch der Winter ist hübsch hier, es lässt sich leben
auf Quakatzenburg, und man sehnt sich so leicht nicht fort? Das kann man aber im
Grunde überall haben, lieber Eduard, den ich doch wohl auch einen Baron, und
noch dazu einen südafrikanischen nennen darf. Man muss nur von jedem Ort den von
Rechts und Ewigkeits wegen dranhaftenden Spuk auszutreiben verstehen, und man
sitzt immer gut. Eine gute Frau ist freilich nicht von Überfluss dabei. Sitze du
selbst hier mal mit einer bösen, Eduard!«
    »Ein vernünftiger, wenn auch halb närrischer Mann gehört doch aber auch
dazu«, meinte Frau Valentine, zugleich seufzend und lächelnd, und Stopfkuchen
sprach mit allem Nachdruck:
    »Selbstverständlich!«
    Wir sassen ebenso selbstverständlich bereits wieder. Auf einer der Bänke, von
denen aus man die Stadt und Dorf Maiholzen vor sich hatte.
    »Ein halbvernünftiger, wenn auch ganz und gar nicht närrischer Mann und
Mensch kann einem überall den weichsten Sitz und die schönste Aussicht und
Gegend verleiden«, fuhr Heinrich fort. »Jaja, unser guter seliger Vater! Weisst
du wohl noch, Tine, wie der mich hier mal um den Wall jagte wie der
unzurechnungsfähige, alberne wütende Achill den einzigen anständigen,
ordentlichen Charakter in der ganzen Ilias? Und weisst du wohl noch wie damals
die Sache ganz anders ausging als wie vor Troja und in der Iliade? Damals
stellte ich dem unberechtigten Verfolger das Bein, und so kam er kopfüber,
kopfunter hinunter in den Graben des Prinzen Xaver von Sachsen, und du, Tinchen,
konntest wieder aus deinem Versteck im Keller zum Vorschein kommen und mir
behülflich sein, den armen Teufel fernerweit zu Bette und zu besserer Besinnung
zu bringen.«
    »Der Vater, der arme Vater! O Gott jaja! Aber, Heinrich, so haben wir ja
noch niemals hiervon vor andern Leuten gesprochen!«
    »Ich glaube, ich habe es dir schon bemerkt, Schatz, dass wir heute eben auch
nicht mit anderen Leuten, sondern mit einem von uns zu tun haben. Dieser hier
zeigte doch schon in seiner Kindheit Mitgefühl und ging als der letzte, wenn die
anderen mich unter der Hecke liegenliessen. Und als Jüngling - na, Eduard, nicht
wahr, du nimmst in diskreter Weise teil an der letzten Entwickelung dessen, was
dir vor Jahren, als wir nicht mehr unschuldige Kinder, sondern mehr und weniger
schuldenbehaftete Jünglinge waren, hier - da drüben jenseits des Grabens aus dem
Gesichte kam?«
    Ich nickte, nicht zu dem Dicken, sondern zu seiner Frau hinüber, wie man
nickt, wenn man innigstes Mitgefühl nicht durch Worte kundgeben kann.
    Valentine sagte:
    »Als mein Mann, das heisst damals Heinrich, auf die Universität abgehen
wollte und Sie, Herr Eduard, mitbrachte am letzten Tage, da drüben hin auf den
Feldrain zum Abschiednehmen, da hatte sich schon vieles hier verändert, und wo
es zum Bessern war, da war er, mein Mann - Heinrich wirklich sehr beteiligt. Wie
er das auf seine närrische Weise Ihnen ja auch bereits schon mitgeteilt hat. In
dieser Hinsicht braucht er freilich vor keinem Menschen was zu verschweigen von
uns, der Roten Schanze und meinem armen seligen Vater.«
    »Ja, es ist eine reizende Gegend heute im Sommergewande, Eduard«, seufzte
Stopfkuchen, mit der Pfeifenspitze um den Horizont herum deutend, als ob er mir
da etwas ganz Neues zeige. »Aber schön war doch auch die Winternacht, in der ich
hier auf Quakatzenburg bei der verlorenen Tochter als verlorener Sohn im Ernst
an den Fensterladen klopfte! Was, Tinchen Quakatz? Wie, kleine Mieze?«
    »Heinrich, Heinrich, es ist ja dein Busenfreund, der dich jetzt so
ausführlich hierüber sprechen lässt, und so will ich ihm zuliebe auf deine
sonstigen Dummheiten nicht eingehen, sondern es auch ihm sagen: wenn ich tausend
Jahre alt würde, so könnte ich doch die Nacht nicht vergessen. Ja, Herr Eduard,
es ist so, wie er sagt. Und er ist ein viel klügerer und gelehrterer Mensch, als
wie er sich stellt, und mir gegenüber stellt er sich auch nur so an, weil er
weiss, dass wir von Anfang an zueinander gehören und nicht ohne einander leben
können. Glauben Sie ihm ja nur nicht alles, was er an Dummheiten vorbringt: er
hat es selbst in den schlimmsten und besten Augenblicken, die der Mensch auf
dieser Erde erleben muss, zu dick hinter den Ohren. Ja, ja, ja, er kam damals zur
rechten Zeit! Meinen Vater hatte zum erstenmal der Schlag gerührt, und ich war
einundzwanzig Jahre alt geworden und die Herrin auf der Roten Schanze. O du
grundgütige Barmherzigkeit, was für eine Herrin! Mit was für einer Welt auf dem
Hofe und rund umher! Seine Witze konnte Heinrich ja natürlich auch dabei nicht
lassen. Ich habe es aber in seinem Konversationslexikon nachgeschlagen, weshalb
er mich mitten in meinen Tränen Kaiserliche Majestät nannte. Die Frau Kaiserin
Maria Teresia meinte er mit mir und hatte wohl nicht unrecht.«
    »Moriamur pro rege nostro Maria Teresia«, brummte Stopfkuchen. »Sie will
die Schmeichelei bloss wieder hören in deiner Gegenwart, Eduard.«
    »Der Doktor hatte mich wohl getröstet, dass es für diesmal noch nichts auf
sich habe, und der Vater war auch schon wieder aus dem Bett und ging an meinem
Arm und an einem Stocke herum, aber dass er sein gesundes Menschenverständnis
ganz und völlig wiedererhalte, das wollte der Doktor mir nicht versprechen. Auf
alles musste ich mich für ihn besinnen, für alles, was er sagen wollte, die Worte
finden. Und er wollte immer reden und mir so vieles sagen und hatte doch für
nichts mehr das richtige Wort. Und von keinem Menschen, und wenn er noch so gut
wusste, wie er hiess, konnte er den richtigen Namen finden. Da erfand er auch
neue, o was für schlimme für alle seine Bekannten!«
    »Höre sie nur, Eduard!« rief Stopfkuchen.
    »Nein, hören Sie sie nicht, Herr Eduard, sondern lassen Sie mich so schnell
als möglich hierüber wegkommen. Ach ja, und der Knecht hatte mir an dem ganz
besondern Nachmittage wieder mal die Faust unter die Nase gehalten und die Magd
mir den Kochlöffel vor die Füsse geworfen. Einen von den Hunden wenigstens hatte
ich ja immer bei mir, um mich mit ihm im letzten Notfall zu wehren; aber an dem
Sonntage hatten sie mir auch gedroht, sie mir alle zu vergiften. Ei freilich,
wenn sie dieses ausgeführt hätten, ehe Heinrich kam, so wäre ich freilich bis
dahin ganz verraten und verkauft und in ihren Händen gewesen.«
    Es lässt sich nicht schildern, wie ruhig die Frau alles dieses jetzt
erzählte: man musste sie dabei sehen, ansehen. Stopfkuchen stopfte seine Pfeife
aus einer Schweinsblase, die er mühsam, ächzend aus seiner Schlafrocktasche
emporwand. Frau Valentine erzählte weiter:
    »Es war Sonntag und in Maiholzen Durchtanz, Knecht und Magd mir gegen meinen
Willen durchgegangen und im Dorf und auf dem Tanzboden. Es war ein wüster
Wintertag gewesen, und am Abend wurde es noch wüster, und es kam ein Schneewehen
-«
Eine Mauer um uns baue,
Sang das fromme Mütterlein,
summte Stopfkuchen; aber sein Weib rief:
    »O nein, das tat damals das fromme Mütterlein gar nicht. Sie redete nur auf
ihren Vater im Lehnstuhl hinein, denn der war unruhiger als wie je und immer
verwirrter aus seinen eigenen und anderer Mordgeschichten und Jurisprudenzen und
Scharfrichtersachen. Den Namen Kienbaum, ja, den konnte er immer finden und
sagen an diesem Abend; immer hatte er ihn auf der Zunge. Jawohl, singen - an dem
Abend, Heinrich? In jedem Schneeanwehen gegen die Fenster und das Haus und in
die Gräben der Roten Schanze: Kienbaum! Kienbaum! Kienbaum! Singen? Nicht mal
vor Angst! Aber tot wäre ich gerne gewesen, Herr Eduard! Und da kam es mir fast
wie eine Erlösung: ja, wenn jetzt so eine Bande bei euch einbräche, deinen
armen, hülflosen Vater und dich unnützes Geschöpf totschlüge und alles nähme,
was ich ihnen gerne gönnte, alles, alles, und über euch das Haus in Brand setzte
und so dem Jammer, der Verlassenheit, dem Schimpf und der Schande auf einmal ein
Ende machte! Singen? Jawohl, nach dem Fenster hinhorchen und zwischen den
Sturmstössen darauf passen, ob es nicht endlich, endlich als eine Gnade von Gott
so komme, ob sich nicht endlich in dieser Hinsicht draussen was rühre! Aber es
rührte sich nichts als, wie gesagt, der Wind und die Fensterläden und dann und
wann eine Stalltür, die der Knecht offengelassen hatte und die hin und her
schlug. Dazu im Hause allerlei Spuktöne und ein Eulenschrei vom Scheunengiebel.
Oh, so dazusitzen und mit den krampfigen Händen zwischen den Knien den Vater von
Kienbaum, Galgen und Rad murmeln zu hören, bis die Hunde allesamt mit einem Male
anschlugen, als ob auch noch der ganze Siebenjährige Krieg auf der Roten Schanze
von neuem angehe!«
    »Philosophie der Geschichte, Eduard!« brummte Heinrich. »Auch der Alte
Fritze hatte keine Ahnung davon, wie nahe er dem Hubertusburger Frieden war, als
die Kaiserin Katarine ihm seinen guten Freund Peter abgurgelte und ihre Russen
ihm wieder aus den Händen, unter der Nase und aus seiner ordre de bataille
wegnahm. Es kam nur der Hubertusburger Frieden für die Rote Schanze, Eduard.«
    »Nämlich selbst der Vater, den sonst so etwas damals gar nicht mehr
aufregte, fuhr aus dem Stuhl und zitterte und wimmerte leise: Jetzt kommen sie!
Und ich, die ich mir alles schon längst für solche Fälle zurechtphantasiert
hatte: was tust du, wenn es mal mitten in der Nacht so kommt? - ich griff nach
dem Hackemesser, das ich mir immer unter die Kommode geschoben hielt, und fasste
es hiebgerecht und sagte so gelassen wie möglich: Einer wenigstens geht mit,
wenn es endlich so sein soll! Es kam aber gottlob anders.«
    »Selbstverständlich!« brummte Heinrich.
    »Die Hunde, die sich eben noch die Seele aus dem Leibe gebellt hatten, gaben
mit einem Male keinen Laut mehr; und ich dachte auch da schon wieder an Gift,
ohne zu bedenken, dass das doch recht schnell gewirkt haben müsste. Ich hatte das
Ohr am Fensterladen und das Hackmesser mit der Schärfe auf der Fensterbank zum
Schlag bereit; da - da - na, Herr Eduard, wie fuhr ich zurück!«
Jawohl, wie fuhr auch ich, der Herr Eduard, der Gastfreund der Roten Schanze,
zurück, als mein Freund Heinrich trotz seines Fetts mit jugendlich-frischestem
Nachdruck anstimmte:
Was kommt dort von der Höh?
Was kommt dort von der Höh?
Was kommt dort von der ledern Höh?
Si, sa, ledern Höh!
Was kommt dort von der Höh?
»Stopfkuchen?!«
    »Jawohl, Stopfkuchen, Herr Eduard!« sagte Frau Valentine lächelnd. »Sollten
Sie es für möglich halten, Herr Eduard, dass dieses närrische Menschenkind sich
in dieser Nacht vor unsern Fensterladen wirklich und wahrhaftig mit dem dummen
Liede bemerklich machte, und natürlich umwinselt und umschmeichelt von allem
Hundevolk der Roten Schanze? Nach dem ersten Blaff alles so still und stumm vor
Verwunderung wie ich nach seinem ersten albernen Verse! Aber es dauerte doch
eine geraume Weile, ehe ich mich so weit gefasst hatte auf den Schrecken, dass ich
dem Narren die Haustür aufschliessen konnte; ich -«
    »Da hörst du eben wieder einmal, wie sie, seit wir uns kennen, von ihrem ihr
von Gott vor- und aufgesetzten Herrn und Haupte redet. Tinchen, nimm Rat an und
blamiere euer Geschlecht hier in Europa nicht unnötigerweise. Bedenke, der Mann,
dieser Eduard, kommt als Gatte aus Afrika: da sind die Weiber äusserlich wohl
etwas schwärzer als ihr; aber inwendig -«
    »Natürlich viel weisser. Ich weiss das ja, oder wenn ich es nicht weiss, so
gestehe ich es gern zu: aber lass mich dafür auch ausreden, bester Heinrich. Ich
öffnete ihm also, Herr Eduard, und er kam herein. Ja, Herr Eduard, und wie von
der Vorsehung geschickt zur richtigen Stunde: denn gleich nach ihm kam der
Knecht betrunken und wollte mich erst küssen und mir dann die Kehle
zusammendrücken. Und die Magd, die ein Sonntagstuch von mir trug, nannte in
meiner Gegenwart meinen Vater noch einmal einen alten Mörder und riet ihm, sich
doch selber an den Nagel an der Tür aufzuhängen, da er dem öffentlichen Galgen
entgangen sei. Sie waren beide sehr lustig und spasshaft und hatten beide keine
Ahnung davon, wer da jetzt hinter dem Schrank stand und sich die Szene mit
anhörte und mit ansah. Ja, er trat zur rechten Zeit hinter dem Schranke vor und
seinerseits auf die Szene: der Herr und Meister und das Haupt der Roten Schanze,
mein -«
    »Liebes Dickerchen - Heinrich Stopfkuchen - in wohltuendster Fülle der
Erscheinung, Eduard, und mit allem Humor und Animus, aber auch mit der
dazugehörigen Faust für die Sache.«
    »Jaja, und wem nicht die Kehle in dieser Nacht zusammengedrückt wurde, das
war die Tochter von der Roten Schanze! Und wer der Magd nicht das Schuhband
aufzubinden hatte, das war ebenfalls die Tochter von der Roten Schanze.«
    »Und wer einfach und ganz gemütlich auf den Tisch schlug, die nötige Ordnung
wiederherstellte und dem alten Herrn im Lehnstuhl das Kissen zurechtrückte und
das junge Mädel mit dem blutdürstigsten aller Hackmesser um die Hüften nahm und
ihr den ihr in dieser Nacht bestimmten Kuss aufdrückte, dass der Schmatz alles
Sturmgeheul draussen übertönte, das war ich! Wenn es dich langweilt, Eduard, sag
es ja! Wir beide von der Roten Schanze können jeden Augenblick mit unsern
Dummheiten aufhören und dich von deinen erzählen lassen. Auf meine Frau brauchst
du nicht die geringste Rücksicht zu nehmen in deinen Gefühlen. Ich tue es in den
meinigen auch nie.«
    »Diese Redewendung wird jedenfalls allmählich langweilig, Schaumann.«
    »Schön!« sagte Schaumann und behielt jetzt das Wort wiederum für längere
Zeit allein. Ich legte nur einen Augenblick leise wieder meine Hand auf die der
Frau Valentine, was soviel hiess als: »Es ist wundervoll!«
    »Die Geschichte war ganz einfach«, sagte Stopfkuchen, »und einfach so:
Draussen und im wissenschaftlichen Brotstudium hatte es mir absolut nicht gepasst.
Ich fiel dabei für meine Natur viel zu sehr vom Fleisch. Es mag der Welt
unglaublich erscheinen, aber es ist dessenungeachtet doch lächerrlich wahr: auch
die vergnüglichste Seite des Universitätslebens war nichts für mich. So eine
deutsche Alma mater ist doch die reine Amazone. Sie hält dir die eine Brust hin,
und du saugst oder saufst. Sie dreht dir die andere zu, und du empfindest dich
in der Tat als das bekannte Tier auf dürrer Heide. Jeder Blick in eure
Gerichtsstuben, auf eure Schulkateder und Kirchenkanzeln und in eure Landtage
und vor allem in den deutschen Reichstag zeigt, was dabei herauskommt, soweit es
unsere leitenden gelehrten Gesellschaftsklassen anbetrifft. Entschuldige, Tine,
ich bin gleich wieder bei dir; aber wenn man so einem alten, lieben, gelehrten
Afrikaner gegenüber auf sein Studentenleben kommt, geht einem das Herz auf, wie
die Welt sagt. Da ist es denn aber für dich gleich ein wahres Glück, Tinchen,
dass mich der Bursche hier schon auf Schulen da unten in dem Neste im Tal nicht
für den Gerichtsstuhl, das Kateder, die Kanzel und das Reichstagsmandat,
sondern für die Rote Schanze hat miterziehen helfen, indem auch er mich unter
der Hecke hat liegenlassen, meiner schwachen Füsse wegen. Von meinen Fäusten
hatte er eben, meiner angeborenen Gutmütigkeit wegen, nicht die genügende
Ahnung. Aber es ist einerlei, denn es ist so: was ein Mensch bei mässigen
Geistesgaben, schwachen Füssen und einer unmässigen Anlage zum Fettwerden aus sich
für die Jungfer Quakatz und den Prinzen Xaver und die Rote Schanze machen
konnte, das ist gemacht worden. Was, Tine Schaumann? Wie, Tine Quakatz? Für dich
armen, zerzausten Spatz liess mich die Weltentwickelung unter der Hecke in der
Sonne liegen und auf der Studentenbude im Schatten und Tabaksgewölk. Um dich,
Himmlische, nach deinem vollen Werte zu erkennen, machte es mir für sechs
Semester einen Platz am Freitische der Universitas litterarum aus. Fasse es
ganz, Eduard: Stopfkuchen am Freitische! Das alte Mädchen da neben dir schiebt
ihr Entsetzen in jener stürmischen Winternacht auf alles mögliche, nur nicht auf
das Richtige, nämlich auf den Knochenfinger, mit welchem ich an ihren
Fensterladen pochte. Lass du dir mal, um Mitternacht in Afrika, vom Freund Hein
an den Laden klopfen und erschrick nicht vor seinem dürren Knöchel! Hat mich
nicht das Studieren meines eigenen Knochengerüstes im achten Semester auf meine
jetzige Liebhaberei gebracht? Hat mir nicht mein sogenanntes Brotstudium die
fürchterlichst günstigste gute Gelegenheit geboten, das vorsintflutliche
Riesenfaultier wissenschaftlich einwandsfrei tadellos zu rekonstruieren? Auf
diese Wissenschaft hin hätte ich freilich Doktor werden können; aber - schweigen
wir davon, die Erinnerung an das Studieren greift mich heute noch zu sehr an!
... Als ich wieder zu Hause ankam, roch es hinter mir ganz verdammt nach
verbrannten Schiffen, und zwar nach meinen eigenen. Ich wusste es ganz genau, dass
ich weder das Kateder noch die Kanzel und den Richterstuhl je besteigen werde!
Auch zur praktischen Ausübung der Arzeneikunst reichte meine Kenntnis der
Osteologie doch nicht aus. Meine Mutter war tot. Freunde hatte ich nicht - auch
du, teuerster meiner Freunde, warst in der Ferne, wenn ich nicht irre, bereits
als Schiffsarzt ununterbrochen auf dem Wege zwischen Hamburg und New York und
New York und Hamburg. Was mein Vater sagte? Nun, so juckt es mich natürlich, das
Meinige dazu zu bemerken; aber ich lasse es doch lieber. Es mischt sich da zum
bissigen Nachtragen doch etwas wie Gewissensbisse ein. Er war recht grob und
hatte sehr das Recht dazu. Als er mir erklärte, da die Welt nichts mit mir
anzufangen wisse, so könne ich nicht verlangen, dass er zum zehnten Male den
Versuch mache, mit mir was zu beginnen, war mir in der Tat nichts geblieben, was
ich dagegen einwenden konnte. Geh zu deinem Mordbauern, dem Quakatz! brauchte er
grade nicht mir vorzuschlagen: aber es war kein übler Rat. Ob er an jenem
unbehaglichen Abend, an welchem wir das Fazit unseres gegenseitigen
Verhältnisses in der Welt und im Leben zogen, der Meinung war, dass ich ihn auf
der Stelle befolgen werde, weiss ich nicht, glaube ich eigentlich auch nicht.
Aber er rief mich auch nicht zurück, als ich ihm von der Türschwelle zumurrte:
Moriturus the salutat! Der gute Alte! Er hätte freilich für seine dürren
Subalternenbeamtengefühle einen strebenderen, einen weniger gemütlichen, einen
weniger bequemen, einen weniger feisten Sprössling verdient: aber konnte ich
dafür, dass ich sein Sohn war und er nicht der meinige? ... Gottlob, wir können
ja jetzt ohne Gewissensbisse und Reuegefühle darüber lächeln was, Tinchen, alte
Sibylle? Wir sind doch noch auf den allerbesten Fuss miteinander gekommen. Dort,
hinter uns, unter den Linden hat auch er noch manchmal sich seinen
Nachmittagskaffee von meiner Frau einschenken lassen. Und er hat sich sogar auch
noch für meine und Tinchens Knochen - unsere Urweltsknochen meine ich -
interessiert. Er stieg nämlich nach seiner Pensionierung mit Vorliebe, weniger
der schönen Natur wegen als um ihrer selbst willen, um die Rote Schanze herum
und hat mir mehr als einmal von seinen Spazierwegen einen aufgepflügten
Kalbsschädel oder ein Schinkenbein mitgebracht und es meiner Sammlung
einverleiben wollen mit der Überzeugung, einen Fund für mich getan und alte
Sünden durch ihn an mir wiedergutgemacht zu haben. Nun, in jener Nacht oder
vielmehr an jenem Nachmittag und Abend waren wir natürlich so weit in Güte noch
nicht miteinander. Der alte Herr hatte eben die Überzeugung gewonnen, dass ich
ihm jetzt bis zum längsten auf der Tasche gelegen habe, und gab es mir zu
verstehen, wie der Vater Jobs seinem Hieronymus. Lass mich dich verschonen,
Eduard, mit Einzelheiten, die sich in die Tage und Stunden zwischen meiner
letzten Heimkehr ins Vaterhaus und meinem endgültigen Verlassen desselben
drängten. Ich stand plötzlich mit sehr beunruhigtem Gewissen und mit einem
herzlichen Mitleid mit dem alten Mann draussen in der Strasse im wehenden Sturm
und treibenden Schnee und konnte dreist von neuem die bittere Frage an das ewige
Dunkel und die gegenwärtige Finsternis stellen: Wer hatte eigentlich das Recht,
dich so als geistigen und körperlichen Kretin so hier hinzustellen: so! - ? -
Glücklicherweise war im Goldenen Arm Licht, und da ich doch in der Strasse nicht
stehenbleiben konnte, ging ich hinüber und fand die Gesellschaft, die mir
augenblicklich allein gemäss war, und mit ihr die Lösung der eben aufgeworfenen
Frage. Es war gottlob noch so früh am Tage, dass selbst die trostlosesten
Philister der Stadt noch nicht zu Bette waren. Da fand ich und nahm ich meinen
Trost, wo mir aller Welt Schönheit, Weisheit und Tugend zu gar nichts von Nutzen
gewesen sein würde. Juchhe, lauter gute alte Bekannte, die sich zwischen
Schoppen und Schoppen immer das Beste wünschten und mir natürlich auch - an
diesem Abend sogar in ausgiebigster Fülle! Ich kam ihnen grade zur rechten Zeit,
bei sinkender Unterhaltung und epidemischer Maulfäule wahrhaftig als ein
gefundenes Fressen; und ich hatte bloss hinzuhorchen, um von ihnen die Antwort
auf jenes grosse fragende Warum hinzunehmen. Es hätte mir jedermann im Kreise
gern auch einen Bleistift geliehen, wenn ich den Wunsch ausgesprochen haben
würde, mir den Schicksalsspruch ihres Mundes lieber doch auch noch zu notieren.
Dies war aber durchaus nicht nötig. Gottlob haben es mir die Götter, die mir so
vieles versagten, gegeben, mich betreffende Reden und Redensarten an mich
herankommen zu lassen, das dazu passende Gesicht dabei zu machen und
nötigenfalls mit den darauf passenden Gegenbemerkungen aufzuwarten. Ihr habt
diese Gabe lange nicht genug an mir gewürdigt, lieber Eduard; ihr waret wohl
noch nicht reif genug dafür. Nun, für ein paar Schoppen reichte es an jenem
historischen Abend auch noch, und bei denen vernahm ich denn das Meinige,
überlegte mir das Meinige und fand das Richtige. Selbstverständlich kam sofort
bei meinem Eintritt in das alte, wohlbekannte Eckzimmer die Rede auf mich. Man
war so freundlich, sich zu freuen, mich noch zu sehen: je später der Abend,
desto schöner die Leute! Aber dass man bereits ziemlich genau wusste, wie es mit
mir daheim im Vaterhause stand, war klar und quoll rundum auf in jedem lautern
Wort und leisen Geflüster. Wenn sie auch um alles in der Welt nicht gern in
meiner Haut gesteckt hätten, so hätten sie doch allesamt unmenschlich gern
gewusst, wie ich mich bei so bewandter Lebenslage in ihr fühle. Mit dem Humor der
Verzweiflung, wie ja wohl das Wort lautet, schenkte ich ihnen denn reinsten Wein
ein, nahm diesen Herren vom Spiess diese ihre edle Väterwaffe ab und liess sie
kneipengerecht drauflaufen. Was hätte ich an diesem in der Tat recht
ungemütlichen Abend vor dem Sturz in den Abgrund Besseres beginnen können, um -
deutsches Gemüt zu zeigen? Dass ich von Universitäten endgültig weggegangen sei,
gab ich zu; aber die genauen Umstände stellte ich nunmehr in das rechte Licht.
Dass von Zwang oder dergleichen die Rede gewesen sei, lag ja voll ständig ausser
Frage; doch dass ich herzlicher Bitte und langem, wiederholtem, inständigem
Zureden endlich, vielleicht allzu gutmütig Folge gegeben habe, musste jetzt doch,
und noch dazu bei so passender Gelegenheit und in so trautem, teilnehmendem
Kreise bester Bekannter, Schul- und anderer Freunde, klargestellt werden.
Eduard, ich hatte Humor an jenem Abend! Nicht den des Satans, aber den eines
armen Teufels, welchen ein Missverhältnis zwischen körperlicher und geistiger
Veranlagung faktisch unfähig machte, mit dem, was gedeihlich durch den Lebenstag
hastet, wettzulaufen. Ja, denen zeigte ich an jenem Abend, wie man einer öden
Welt auf dem Wege zum Ideal voranlaufen und welche üble Folgen ein zu gutes
Beispiel in dieser Hinsicht haben könne. Da standen in meiner Generalbeichte die
Wirte vor den leeren Bänken, die vollen Fässer hinter sich, da sassen die Mädchen
im Kämmerlein und verschluchzten ihre jungen Seelen, weil sich meine sämtlichen
Mitstrebenden ein zu gutes Exempel an meinem Streben genommen hatten. Sämtliche
Studierende sämtlicher Brotwissenschaften sassen so sehr über ihren Büchern, dass
verschiedene Male die Feuerwehr alarmiert werden musste ob des Dampfes, der von
ihren Köpfen aufstieg. Da ging es denn nicht anders; die Ärzte - Sanitäts- und
Medizinalräte - mussten sich einmischen, der Verein für öffentliche
Gesundheitspflege musste einschreiten. Die ersten gingen selber in corpore, der
letztere schickte seinen Vorsitzenden sowie zwei Abgeordnete, und alle
verlangten sie ein und dasselbe vom Profax, nämlich meine schleunige Abreise
(guck mal, Eduard, wie das Tinchen hierbei so vergnügt wie die Maus aus der Hede
guckt!), grade als ob Mutter Eruditio, unser germanisches verschleiertes Bild zu
Sais, einen Menschen von meinem Gewicht so leicht wie einen Floh aus dem Gewande
schüttele! Sie kamen auch zu mir. Sie schickten auch mir eine Deputation, eine
Abordnung, wenn nicht mit der Aufforderung, so doch mit der Bitte: Gehe uns aus
dem Kasten! Wer hätte so herzlichem Anflehen widerstehen können, zumal da auch
von Hause ein ähnliches Rufen kam. Ich ging ihnen aus dem Kasten, und noch am
Bahnhof war mancher, der sich schluchzend mir an den Hals hing. Bruder, lass uns
das wenigstens von deinem Wissen, wofür du zu Hause gar keine Verwendung hast.
Natürlich sagte ich, mit einem Fusse im Wagen. Gerne! und sagte damit keine
Unwahrheit. Ich konnte ihnen in dieser Hinsicht mit Vergnügen vieles dalassen.
Ich war im Goldenen Arm wirklich gut im Zuge, spasshaft in das Nichts zu sehen,
bis ich plötzlich die Maulschelle heiss und brennend spürte, den Schlag auf die
ironische Nase, den ich mir so wohl verdient hatte, nicht bloss an meinem armen,
kümmerlichen Erzeuger, sondern auch an diesen wohlverdienten und
wohlverdienenden braven Philistern und guten Leuten und Staatsbürgern. - Sagte
einer: Es geht also aus allem diesen einzig und allein hervor, Heinrich, dass du
dich allein und einzig die ganzen Jahre durch auf deine Rote Schanze, den
seligen Kienbaum und deinen Freund Quakatz einstudiert hast. - Was? frage ich. -
Nu, was ich sage und worin mir die andern Herren hier am Tische beistimmen
werden: so wie du jetzt bist, können sie grade jetzt dich wirklich vielleicht
recht gut da brauchen. Vermisst haben sie dich da oben ja wohl lange genug. - Oh,
wie der Mensch recht hatte! Nicht wahr, Valentine Quakatz? Das ganze grosse Wort,
Volkes Stimme, Gottes Stimme! hielt mir in ihm grinsend das Gehörorgan hin, und
ich konnte ihn nicht hinter den Löffel schlagen! - Wie, Valentinchen Quakatz?
Ich konnte dem Mann, der da für Tausende sprach, nur freundschaftlichst näher
rücken, die Allgemeinunterhaltung abbrechen und mich noch eine Viertelstunde ihm
allein widmen, das heisst, ihn und durch ihn die Tausende hinter ihm gemütlich
ausfragen. Nachher ging ich: aber nie vorher hatte ich mich und nie nachher habe
ich mich so fest auf den Beinen gefühlt wie an jenem Abend, als ich nun aus der
überheizten Kneipe, aus dem Bier-, Grog- und Tabaksgedünst in den wehenden
Wintersturm hinaustrat und die weichen Füsse in den fusshohen Schnee setzte.
Willst du genau erfahren, Eduard, was im bürgerlichen Leben das Richtige ist, so
frage nur beim nächsten Spiessbürger an. Der sagt es dir schon! Ich kann es
natürlich nicht wissen, wie das bei euch in Afrika ist, aber hier in Deutschland
spricht man immer dann nachher von Intuition, Führung von oben, Zuge des
Herzens, Stimme des Schicksals, Vorsehung und dergleichen. - Gegen den Wind wäre
es mir wohl unmöglich gewesen. Mit dem Winde ging es, und merkwürdigerweise um
so besser, je weiter ich die Gassen der Stadt und ihre Gärten hinter mir liess.
Er fegte gegen die Rote Schanze, der Wind, und über die Höhenrücken trieb er den
Schnee vom Pfade und schob mich schnarchend, aber gutmütig, als meine auch er:
Wo wolltest du an diesem Abend wohl anders hin als zum Vater Quakatz, Heinrich?
- Auch den Graben des Prinzen Xaver hatte der gute Dämon zugeweht und den
Übergang klar gemacht; aber dann kam die weisse Mauer am Tor und an der Hecke
durch den Garten bis an die Fensterladen; na, ob Schnee oder Reisbrei: Stimme
des Schicksals, Zug des Herzens, Führung von oben, und nicht zu vergessen, von
unten der Stammgast im Goldenen Arm, alles half. Ich war dazu geboren worden,
mich durchzufressen ins Schlaraffenland und in Jungfer Quakatzens weiche,
weitgeöffnete Arme.«
    »Oh, aber Heinrich!?« rief errötend Frau Valentine Schaumann.
    »Sammetpfötchen, behalte die Krallen eingezogen! Wir erzählen ja nur Eduard
aus Afrika hiervon, und der sagt es unter seinen Kaffern und seiner Frau nicht
weiter.«
    Auf dieses Wort hin wendete sich die Frau Valentine wieder zu mir und sagte:
    »Sie haben ja die Tiere jetzt auch wohl persönlich kennengelernt: sagen Sie
doch mal, bester Herr Freund aus Afrika, haben Sie es zu Ihrer Zeit, ich meine
Ihrer Jungjüngern Zeit, wohl je für möglich gehalten, dass mein Heinrich
Löwenaugen machen könne?«
    »Nein!« erwiderte ich sofort und kurzweg. Wenn es einen Helden gab, den die
schroffe Verneinung nicht kränken konnte, so war das mein Freund Schaumann.
    Er lachte auch nur herzlich, nahm aber doch ebenso rasch und kurzweg seiner
Gattin das Wort wieder vom Munde und sagte:
    »Aber ich habe sie gemacht, Eduard. Ich habe sie um mich herumgeworfen.
Löwenaugen! Prinz Xaver von Sachsen konnte, als er von der Roten Schanze aus die
Kapitulation eures Nestes drunten entgegennahm, keine grössern in die Welt
hineinwerfen. Die Augen wurden Teller, singt ein Dichter jener Tage, kannte aber
natürlich noch nicht die, mit welchen ich, von unserm Neste da unten aus, Besitz
von der Roten Schanze, Tinchen Quakatz und dem Vater Quakatz samt Knecht, Magd,
Kienbaum - kurz von der ganzen Mordgeschichte nahm. Da reichten Teller lange
nicht. Er soll auch, eurem Kommandanten gegenüber, auf den Tisch geschlagen
haben, Eduard, dieser erhabene Siebenjährige Kriegs-Heros; aber ich bezweifle
es, dass er nach dem Schlage so mit der brennenden Faust an den Mund fuhr und den
schmerzlichen Übereifer wegsog wie ich, nachdem ich das unbotmässige
Vasallengesindel der Roten Schanze geduckt hatte. Nachher machte ich mich
selbstverständlich näher an dies kleine Mädchen hier und triumphierte auch da
über allerhand Dummheiten und Widerspenstigkeiten. Solltest du es für möglich
halten, Eduard, dass sie mich halb durch ihre Tränen und halb durch ihr Lachen
fragte: Aber sage mal, Heinrich, geht denn dieses so? Und schickt es sich so für
mich und für uns mit dem ganzen Dorf und der ganzen Stadt mit allen Augen und
Brillen auf uns? Im Grunde genommen war dieses nur eine andere, das heisst den
Umständen angemessene Wendung für das schämige Wort: Sprechen Sie mit meiner
Mutter! Und ich tat dem Gänselein den Gefallen, klopfte diesmal nicht auf den
Tisch, sondern dem guten Kind auf die Schulter, seufzte schmachtend: Sie sollen
mich nicht umsonst Stopfkuchen benamset haben, Fräulein, und da sitzt ja der
Papa, den können wir um das übrige fragen; den hat die Welt sicherlich ganz
genau gelehrt, was sich auf der Roten Schanze schickt und was sich nicht
schickt. An diesem Abend wurde es freilich mit solcher Frage noch nichts. Ein
vernünftiges Wort war an diesem Abend mit Vater Quakatz noch nicht zu sprechen;
die Szene von vorhin war ihm zu arg auf die Nerven gefallen. Er sass da,
schlotternd vor Angst, blödsinnig weinerlich jetzt, aber doch immer fest bei
seiner Behauptung: Mord und Totschlag! Mord und Totschlag! Aber ich bin's doch
nicht gewesen, ich nicht, ich nicht! Ich bin es nicht gewesen, Herr Präsidente!
Gott sei Dank erkannte er mich aber doch zuletzt und begriff, dass ich für diese
Nacht eine Schlafstelle in seiner Burg brauche, und nahm die Hausmütze ab und
murmelte: 's ist der dicke, gelehrte Junge aus der Stadt! 's ist Heinrich! Wenn
er sein Latein bei sich hat, kann er dableiben. Gib ihm eine Birne, Tine, und
mach ihm ein Bett; aber gib ihm auch die Axt mit. Mit der soll er jedem den
Schädel einschlagen, der sagt, dass ich Kienbaum totgeschlagen habe. - Das sah
selbst Tine ein, dass sie hier nichts weiter machen konnte, als mich machen zu
lassen. Und es ging ja denn auch ganz gut. Ich bekam meine Schlafstelle zum
erstenmal auf der Roten Schanze, und am andern Morgen schien die Sonne auf den
Schnee und - ich werde heute noch poetisch! - wie auf ein ausgebreitetes
Brautkleid aus der Krinolinenzeit. An diesem andern Morgen hatte das Herze
natürlich auch einen aussergewöhnlich guten Kaffee gekocht, und bei demselben
liess ich das Ingesinde vortreten, und der Bauer auf der Roten Schanze stellte
mich bei vollständig klarem Bewusstsein dem Reich als major domus oder, wie er
sich ausdrückte, als den neuen Administrator vor. Das Gericht, das sich früher
in seinem Leben soviel um ihn gekümmert hatte, schien ihn in der letzten Zeit
gänzlich aus den Augen verloren zu haben. Es schien sein Interesse an ihm nur
als an Kienbaums Mörder genommen zu haben; und das war jetzt, und zwar was alle
beteiligten Parteien anging, ein Glück und ein Segen, wenn du die Freundlichkeit
haben willst, Eduard, nach dem heutigen Tage zu schliessen. Emerentia, ich
glaube, Sie werden gerufen.«
    »Er war noch nicht von Gerichts wegen entmündigt worden, unser armer, lieber
Vater, Herr Freund!« schluchzte Frau Schaumann. »Heinrich, du brauchst jetzt
wirklich nicht mehr mit Literaturpersonen und - geschichten zu kommen, um zu
sagen, was du zu sagen hast. Ja, Herr Eduard, es war so! Sie hatten dem Vater
nur noch keinen Vormund bestellt von Gerichts wegen, bis Heinrich kam, wenn es
auch manchmal noch so nötig gewesen wäre. Und es war auch noch nicht so nötig;
denn am nächsten Morgen begriff er ganz gut, um was es sich für ihn und für mich
handelte, und jetzt kam es erst heraus, wie sehr die Vorsehung ihre Hand im
Spiel gehabt hatte, als sie Heinrich mit dem unglückseligen Bauern von der Roten
Schanze bekannt machte.«
    »Der Blindeste konnte die Sterne sehen, die hier geleuchtet hatten. Erst mit
Dreck schmeissen und dann einander in die Arme. Und was die Befähigung, eine
Landwirtschaft zu führen, anbetrifft, na, Eduard, so weisst du ja auch wohl ein
wenig aus deinem afrikanischen Bauernleben, wie sich das macht. Dir kam die
Geschicklichkeit aus der innersten, lebendigen Natur, mir flog sie unter der
Hecke an und auf Tinchens Birnenbaum und in der Speisekammer der Roten Schanze.
Ich hatte Tinchen Mist aufladen sehen, und - was tut die Liebe nicht? - ich nahm
ihr die Gabel aus der Hand und probierte die Kunst ächzend ebenfalls. Der Mensch
ist doch nicht allein auf Messer und Gabel angewiesen in dieser Welt, und eine
Serviette bekommt er auch nicht umgebunden bei jedem Lebensgericht, so ihm auf
den Tisch gesetzt wird. Braucht sie auch nicht. Aber das Kind, das gnädige
Fräulein, das Burgfräulein von Quakatzenburg schickte ich doch lieber wieder mit
wiedergewaschenen Händen in die Küche. Reinlichkeit ist doch eine Tugend,
Eduard! Man schätzt sie an der Hottentottin, und man nimmt sie als etwas
Selbstverständliches an seiner europäischen Geliebten. O Gott, wie dankbar war
mir dies kätzlich reinliche, gute, alte junge Mädchen da, als ich ihr die
Möglichkeit bot, unterzutauchen wie Schundkönigs Tochter und aufzutauchen wie
Prinzess Schwanhilde. Sag es selber: ist es nicht so, Lichtalfe, o du Herrin
meines Lebens?«
    »Er erzählt das, wie er es weder vor Gott und den Menschen und selber kaum
vor seinem besten Freunde verantworten kann; aber es ist so - es war so!« rief
Frau Valentine zwischen Lachen und Weinen. Und wie ihr ging es mir beinahe auch,
was das Lachen und das Weinen anbetraf. Zu einer Äusserung darüber aber kam ich
nicht; denn natürlich grinste Stopfkuchen:
    »Was für mich die Hauptsache bei der Geschichte war, war das Vergnügen, das
ich mir in den Gefühlen, durch die Gefühle der Gegend und der Umgegend
bereitete. Nur solange der Schnee hoch lag, und er türmte sich in den Tagen nach
meiner Ankunft auf Quakatzenburg sehr hoch, hatte ich das Tinchen, den Papa und
das Ingesinde ganz allein für mich. Kein Gott hatte sich je in einer dichtern
weissen Wolke dem Nachstarren der Menschheit so entzogen als wie ich. Die Welt
hatte fürs erste Tauwetter abzuwarten, ehe sie mich wiederbekam. Nachher aber
hatte sie mich als die merkwürdigste Tatsache seit dem Deutsch Französischen
Kriege; und wochenlang war der historische Vorgang in der Spiegelgalerie zu
Versailles gar nichts gegen das geschichtliche Faktum: Der dicke Schaumann ist
Grossknecht auf der Roten Schanze geworden! Wer will, kann hinausgehen und ihn im
Februarschmadder Klüten treten sehen und Quakatzens Hofgesinde zusammenreissen
hören! - Und sie gingen hin und kamen und sahen sich fürs erste vorsichtig von
weitem über den Graben des Prinzen Xaver das Phänomen, das Portentum an. Nach
Tinchen hatte beim Mistauf- und - abladen natürlich niemand geguckt; aber nach
mir schauten sie aus, und wenn ich jemals einen Spass in der Welt gehabt habe, so
war's damals, wo ich zum erstenmal nicht bloss Geschmack, sondern auch Geschick
entwickelte.«
    »Herr Eduard, er erzählt greulich; aber es ist wirklich, wirklich so
gewesen, wie er's auf seine alberne Weise vorbringt!« rief die Frau hier wieder
drein. »Er ist unser erster und letzter Knecht gewesen, als ob er's von Ewigkeit
an gewesen wäre, als ob ihn nie mein seliger Vater hingeschickt hätte, um sein
lateinisches Wörterbuch zu holen. Es ist ihm von der Hand gegangen, als ob er
von Jugend auf dabeigewesen wäre als Ökonom, als Landwirt, als Bauer auf der
Roten Schanze. O guter Gott, wie habe ich damals geschluchzt oder meine Tränen
verbissen, wie habe ich geweint vor Jammer und Frohlocken! Natürlich nur vom
Küchenfenster aus, wo er nichts davon merken konnte. Es war ja zu unnatürlich!«
    »Natürlich war es zu unnatürlich, nämlich dass Jakob um Rahel sieben Jahre
lang dienete«, grinste Stopfkuchen. »Etwas kurzer machten wir doch die Sache ab.
Ich nahm sie und sie nahm mich bedeutend früher; und jetzt ganz kurz, o du mein
Jugendfreund: es war jammerschade, dass du nicht mit bei der Hochzeit warst; denn
da würdest du mich zum erstenmal nach Verdienst gewürdigt haben. Und wenn du an
dem Tage gerufen hättest: O dieser Stopfkuchen!, so würdest du zum erstenmal
vollkommen recht mit dem Worte gehabt haben, sowohl was die Braut, wie was das
Festmahl anbetraf. Die reine Hochzeit des Camacho, nur dass ich auch die Maid für
mich selber behielt! Du weisst, Eduard, dass ich unter meiner Hecke allerlei
durcheinander zusammenlas. Aber du erfährst vielleicht erst heute, dass es in der
ganzen Weltpoesie nur eine Schilderung gibt, welche mich selber poetisch stimmt,
stimmte und stimmen wird: die Hochzeit des Camacho! O welch einen Hunger muss der
Senor Miguel bei der Ausmalung der Vorbereitungen zu der wunderbaren,
schmalzreichen, bratenfettglänzenden, zuckerig-inkrustierenden Abfütterung
gehabt haben, seinen südländischen, mässigen, nach Ziegenfellschläuchen duftenden
Durst selbstverständlich gar nicht mitgerechnet! Unter der Hecke noch hatte ich
mir schon als Junge fest vorgenommen, nur bei ähnlichen oder vielmehr nur bei
gleichen Kesseln, Pfannen, Töpfen und Bratenwendern auch einmal ein Mädchen
glücklich zu machen! Jetzt war ich soweit und konnte die Gegend einladen, mir
über die Hecke bei dem Vergnügen zuzusehen. Tinchens Meinung war das so, aber
nicht die meinige, und das bräutliche Kind gab nach, wenn auch seufzend: Aber es
hat ja keiner das um uns verdient! - Grade deshalb, sprach ich, einen Spass will
doch der Mensch an seinem ernsten Hochzeitstage haben, also lass mir dies
Vergnügen. Und dann sollst du mal sehen: der Scherz lohnt sich zugleich und hat
Folgen. - Du meinst, sie vergeben uns nachher das Leid, das sie uns angetan
haben, und die Rote Schanze darf sich wieder sehen lassen unter den Leuten? -
Auf diese lächerliche Frage antwortete ich gar nicht; sie war zu entschuldigen,
aber zeugte doch von allzuwenig Menschenkenntnis. Ich wusch, wie euer Ketschwayo
sich ausgedrückt haben würde, Eduard, meine Speere in den Eingeweiden der
umwohnenden feindlichen Stämme: frei Futter wurde für den Tag ausgerufen, so
weit das Gerücht von Kienbaum und Kienbaums Mörder gereicht hatte, und ich habe
sie alle oder doch beinahe alle auf Quakatzens Hofe gehabt an dem
menschenfreundlichsten Tage meines Lebens. Sie haben uns alle bis auf wenige,
welche ich für magenkrank hielt, die Ehre gegeben: der Fleischtopf rief, und
alle, alle kamen; und ich stand am Tor und empfing sie, begrüsste sie und lud sie
ein, noch näher zu treten, mit allen Kulturerrungenschaften der Jahrtausende im
Busen. Ich bin fest überzeugt, ich habe der Welt nie so dick, und zwar so dick
-deutsch-gemütlich ausgesehen wie an jenem sonnigen Sommermorgen. Die Hunde
hatte ich eingesperrt, doch davon später.«
    »Ich kann dies nicht mehr anhören!« rief Frau Valentine. »Ich kann es
wirklich nicht, Herr Eduard. Oh, und dein alter, guter Vater, Heinrich?!«
    »Jawohl, der kam auch, zum erstenmal in seinem Leben, über den Graben des
Prinzen Xaverius, und zwar in seinem Hochzeitsfrack, und bedauerte an diesem
festlichen Tage zum erstenmal in seinem Leben es nicht mehr, mich in die Welt
gesetzt zu haben. Hätte ich dich denn genommen, Wurm, wenn ich nicht genau
gewusst hätte, wie niedlich und töchterlich, schwiegertöchterlich du dich gegen
den braven alten Hämorrhoidarier benehmen würdest? Wie er sich mir zuliebe
nachher sogar auf die Paläontologie geworfen hat, habe ich dir ja wohl schon
erzählt, Eduard? Die Hauptsache übrigens an jenem Tage, Tinchen, war nicht mein
Vater, sondern deiner.«
    »O Gott, ja, ja, ja!«
    »Wir hatten ihn nämlich ausnehmend wohl unter uns, Eduard. Auch Doktor
Oberwasser - du kennst ihn ja als Langdarm, wie ihr ihn zu unserer Zeit im
Gegensatz zu mir nanntet, und hast ihm vielleicht im Brummersumm ebenso feist
jetzt als wie mich wiedergefunden -, also auch Doktor Oberwasser war mit
herausgekommen und gab uns die Versicherung: Unter guter Pflege, bei
freundlichem Eingehen auf seine Schrullen und bei möglichster Vermeidung alles
Widerspruchs kann euch der alte Sünder noch lange auf dem Halse liegen. - Nun,
wir haben ihn gottlob noch eine geraume Zeit bei uns behalten und an jenem
festlichen Tage als ein leuchtend psychologisch Exempel des Wandels des Menschen
unter Menschen. Was war mir Freund Oberwasser? Ich rieb mir verstohlen die Hände
ob meiner eigenen psychiatrischen Behandlung des Vaters Quakatz! Der nahm, weiss
Gott, ganz selbstverständlich den Honoratiorenzusammenlauf auf der Roten
Schanze, der fröhlich meinetwegen stattfand, für eine Ehre und Ehrenerklärung,
die ihm angetan wurde. Und das brauchte mir Freund Langdarm wahrlich nicht noch
anzuempfehlen und dem Tinchen auch nicht, dass wir ihn bei seiner Höflichkeit,
seinen Komplimenten und seiner innerlichen Genugtuung liessen. Übrigens sass er
dann doch auch wieder in seinem Ehrenstuhl wie ein echter roi des gueux; denn
das hatte ich mir auch nicht nehmen lassen: ich hatte ihm auch die eingeladen,
welche ihn niemals aufgegeben hatten. Ein ausnehmend reichhaltiges
Lumpenkontingent von unter den Hecken und Landstrassen weg war nicht von dem Wall
und Graben seiner Kursächsischen und Königlich Polnischen Hoheit zurückgewiesen
worden. Die Fahne mit dem Salve hospes wehete für alle, und alle Hunde lagen,
wenn nicht an der Kette, so doch im fest umfriedeten Hofraum, für heute und von
nun an für immer ihrer Wacht auf der Roten Schanze entledigt. Wenn aber wer vor
den gefülltesten Fressnäpfen und umgeben von Bergen abgenagter Knochen mit
Hochzeit feierte, so war sie es, die alte, treue, gute Wachtmannschaft der alten
Roten Schanze und meiner jungen Frau! Ich stahl mich gleich nach dem Tusch oder
Trinkspruch aufs Brautpaar aus dem Kreise der Freunde und Bekannten fort und
ging mal zu ihnen hinein in ihren abgeschlossenen Bezirk hinter dem Hühnerhofe.
Sie lächelten mich sämtlich an, das heisst, sie wedelten sämtlich mit den
Schwänzen bis auf den Braven, der es nicht konnte, weil ihm ein Maiholzener
Halunke den wohlwollenden Appendix dicht an der Wurzel abgehackt hatte. Der aber
rieb zärtlich winselnd seine Nase an meinem Bein und gestand mir so zu: Na ja,
du weisst es wirklich, was das Beste für uns hier auf der Roten Schanze ist! -
Nach meinem Mädchen habt ihr das wohl zuerst herausgeschnüffelt? fragte ich
dagegen, dem alten Veteranen die Hand aufs Haupt legend. Ich meine, Eduard, wir
hatten beide recht: der eine mit seiner Bemerkung, der andere mit seiner Frage.«
    »Ich sage gar nichts mehr!« sagte Frau Valentine Schaumann.
    »Und da hast wieder du recht«, seufzte Heinrich, trotz der Abendkühle sich
immer doch noch mit dem Taschentuch über die Stirn fahrend. »Aber wenn du doch
noch etwas sagen willst, so komm jetzt damit heraus und nicht, wenn Eduard
wieder weg ist, sowohl heute abend wie später auf seinem weitern Wege nach
Afrika. Nun? Sprich aus!«
    »Nein!« sagte Frau Valentine, mit dem Taschentuch sich an die Augen fahrend.
    »Schön. Es wird Eduarden aber auch wohl so am liebsten sein; denn was soll
dieser Weltwanderer und Abenteurer auf seiner demnächstigen Fahrt über das grosse
Weltmeer eigentlich von uns denken, wenn das mit unsern Lebensabenteuern und
unserer Erzählungsweise noch lange auf diese Weise weitergeht?«
Etwas Besonderes ist auf dem Schiffe nicht vorgefallen und scheint auch nicht
passieren zu sollen. Wir haben Sankt Helena angelaufen. Aber ich war schon
einmal in Longwood und habe mir nicht zum zweitenmal die Mühe gegeben, die
entsetzlichen Treppen zu steigen, um die abgebleichten, zerfetzten Tapeten zu
sehen, auf welchen das Auge von den Pyramiden, von Austerlitz, Jena, Leipzig und
Waterloo in seinen letzten Lebensfieber Tagen und - Nächten das Muster gezählt
hatte. Ich gehe an Deck, wo der Kapitän den Kindern auf seinem Schiffe,
natürlich aus der ersten Kajüte, den Kindern zuliebe noch einmal einen Haifisch
hat fangen lassen, aus dessen Bauche sich aber gottlob diesmal nichts dem
Menschen allzu Greuliches entwickelt. Das Vieh hat, naturgeschichtlich
ausnahmsweise, keinen Menschen gefressen, hat kein halb verdautes Matrosenbein
oder keine, noch auf ein Brett gebundene, Kinderleichte in sich. Es hat nur
gegessen, was ihm sonst aus der Naturgeschichte als zu seiner Nahrung gehörig
geboten wurde, und ich gehe bei ruhigstem Wogengang wieder hinunter in den
Rauchsalon und lasse Stopfkuchen weitererzählen.
    Er tat's; denn die Unterbrechung an dieser Stelle meines Logbuchs kam nicht
auf seine Kappe. Er berichtete:
    »Am Morgen nach der Hochzeit traf natürlich nur das ein, was ich schon
längst im voraus gewusst hatte. Ich lag auf der Roten Schanze, wenn auch nicht an
der Kette, so doch im beschlossenen Bezirk. Und dass der gefüllte Fressnapf dazu
gehörte, war für sämtliche Festgäste des vergangenen schönen Tages im mehr oder
weniger behaglichen Nach-Verdauungsgefühl Glaubensartikel Numero eins im
anteilnehmenden Hinblick auf mein ferneres Lebensglück. Ja, ich hatte es nun,
was ich hatte haben wollen. Ich sass mitten drin in meinem Ideal, und ich war mit
meinem Ideal allein auf der Roten Schanze. Am Lendemain stand ich mit meiner
jungen Rosigen auf dem Wall, der unser junges Glück umschloss, und sah mit ihr
auf Dorf und Stadt hinunter und in die schöne Natur hinaus und liess mich recht
unnötigerweise auf eine Verständigung ein. Kind, sagte ich, dass wir jetzt ins
Weite gehen, geht nicht. Dazu habe ich mir doch nicht so grosse Mühe um dich
gegeben. Wir haben annähernd den Papa wieder unter uns Menschen. Es war zwar
nicht hübsch anzusehen, wie die Verbindung sich wiederherstellte; aber was hilft
es? Es muss doch unsere Sorge sein, dass sich der Zusammenhang nicht wieder löse.
Also - pflegen wir den Vater weiter, wie ich angefangen habe! Solltest du später
einmal Berlin, Petersburg, Paris, London, Rom und dergleichen doch zu sehen
wünschen, so watschele ich natürlich mit oder hinter dir drein. Aber Eile hat es
damit nicht. Augenblicklich haben wir noch ganz andere Dinge und Herrlichkeiten
vor der Hand. Das hatten wir in der Tat. Die Rote Schanze zu erobern war
verhältnismässig recht leicht gegen die Aufgabe, sie zu erhalten und sich in ihr,
und das letztere noch dazu mit Sack und Pack, mit Weib und Schwiegervater.
Tinchen, es ist mein bester Freund, dem ich hiervon jetzt erzähle, und er kann
alles hören.«
    »Mich hast du freilich schon lange gewöhnt, alles von dir zu hören«, seufzte
Frau Valentine Schaumann.
    »Meinst du?« fragte ihr Mann. »Heute abend noch hoffe ich dir das Gegenteil
zu beweisen. Wenn es irgend möglich ist, lasse ich dir morgen von andern
zutragen, was ich dir heute abend noch sagen könnte.«
    »O Gott, doch nicht in Sachen Kienbaums?«
    »Ich war unbedingt der schwerwiegendste lateinische Bauer, den die Göttin
der Geschichte der Landwirtschaft je auf ihre Waagschale gelegt hat, Eduard. Ich
bestellte den Acker, von dem ich ass, aber ich sah auch die dazugehörigen
schriftlichen Dokumente und sonstigen Papiere im Schreibschranke meines armen,
närrischen Schwiegervaters nach. Ich bestellte auch das Vermögen, welches er in
Schuldverschreibungen, also nicht bloss in rund um die Rote Schanze liegenden,
nicht nur in paläontologischer Hinsicht fruchtreichen Gründen besass. Des Volkes
Stimme erklärte mich darob für den Schlauesten, aber auch Gewissenslosesten aus
seiner Mitte. Es hat so was, wie du weisst, lieber Freund, von Zeit zu Zeit
nötig, um sich selber vor sich selbst eine etische Haltung zu geben. Du lieber
Himmel, wie waren sie mit dem Andreas Quakatz, mit Kienbaums Mörder, trotzdem,
dass sie gar nichts von ihm wissen wollten, in Geldangelegenheiten intim
umgegangen! Was alles hatte sich vertraulich, Zutrauen gegen Zutrauen setzend,
an ihn gemacht mit schlechten und guten Aktien, mit Pfandscheinen, Hypoteken,
Bürgschaften, und was sonst im wechselnden Verkehrsleben vorkommt. Bei drei
Feuerversicherungsagenten hatte der alte Herr die Rote Schanze versichert, weil
sie ihm versichert hatten, dass sie fest überzeugt seien, er habe Kienbaum nicht
totgeschlagen. Ich gebe dir da einen Faden in die Hand, an dem du dich, so weit
es dir beliebt, in das dunkle Labyrint, in das ich den Tag einzulassen hatte,
zurücktasten magst. Mir erlass eine weitere Ausführlichkeit. Kurz und gut, der
Fluch Adams, soweit er den Acker, das Graben, Hacken, Pflügen, die Kartoffel-,
Heu- und Getreideernte angeht, war eine Erholung gegen das nächtliche Graben,
Pflügen und Roden am Schreibtische. Uh je, Eduard, hätte ich da nicht das
Tinchen, das Kind mit seinem Strickzeuge, seiner Welterfahrung, seinen am Abend
öfters regt altklugen, aber am andern Morgen manchmal zum Erstaunen schlauen
Zuflüsterungen bei mir gehabt und die beiden arbeitsharten Bauernpfötchen, wenn
sie mir meine zwei weichen Bildungsmenschenhände von den fiebernden Schläfen
sanft herniederzog: O Heinrich, du tust es ja mir zuliebe, und, sieh nun mal zu,
den fehlenden Rest von Kleinkauers Schuld findest du vielleicht noch auf seinen
Schwiegersohn, der den Ausspann drunten in der Stadt hat, und auf seine
zugekaufte Wiese hinter seinem Hause ins Schuldbuch eingetragen! - Eduard, auch
du hast es im Kaffernlande zu einem Vermögen gebracht: bitte, überhebe dich
nicht deiner Anstrengungen dabei! Sieh, da fängt das Kind zu guter Letzt auch
noch an zu weinen, weil sie es mir überlassen muss, dir zum Schluss mitzuteilen,
dass es uns - ihr und mir - gelungen ist, dem Vater ein bisschen von seinem Recht
an der Lebenssonne in den Belagerungsaufwurf des Comte de Lusace, den Ofenwinkel
hinein und auf das wirre Haupt und über die geschwollenen Knie und die tauben
Füsse leuchten zu lassen.«
    »Ja, ja, ja, Herr Eduard!« schluchzte die Erbtochter der Roten Schanze,
Quakatzens Tochter; doch Heinrich Schaumann schien weniger denn je in diesem
Logbuch des Lebens Sinn zu haben für solche Rührung. Er zog bloss die Augenbrauen
etwas tiefer herunter und murrte (zum erstenmal in seiner Erzählung machte sich
hier so etwas wie ein leises Knurren geltend) und murrte: »Ja, ja, ja, da sie
mich zu grüssen hatten, so grüssten sie auch ihn wieder, und der Mensch ist so,
Eduard, es machte dem greisen Sünder wirklich Spass, es machte ihm das höchste
Vergnügen, noch einmal seine Zipfelkappe vor der albernen Welt freundlich zum
Gegengruss lupfen zu dürfen. Er ist hinübergegangen in der vollen Überzeugung,
unter der Menschheit in integrum restituiert worden zu sein. Was für eine
Ehrenerklärung ihm drüben, droben, vom Allerallerhöchsten Tron und Gerichtssitz
zuteil geworden ist, kann ich leider nicht sagen. Und nun -nun, Tinchen, altes,
tapferes Herz, und du, Eduard, fernster, das heisst entferntest wohnender Freund
meiner Jugend, nun werde auch ich ihm sein letztes Recht zuteil werden lassen.
Wer weiss, ob der höchste und letzte Richter mich nicht bloss deshalb so fett und
so gelassen in die hiesige Gegend abgesetzt hat? Was die Gelassenheit
anbetrifft, soll er wirklich den Richtigen an mir gefunden haben. Also, wenn du
nichts dagegen hast, begleite ich dich nachher ein Stück Weges auf deiner
Rückfahrt nach Afrika.«
    »Heinrich?!« rief die Frau, beide Hände zusammenschlagend.
    »Frau Valentine Schaumann?!« mimte der Gatte ihr den Ton alleräusserster
Verwunderung nach.
    »Herr Eduard«, rief die Frau, »er hat mir Rom, Neapel, Berlin und Paris und
dergleichen nicht gezeigt, und ich hatte auch nie ein Bedürfnis danach; aber er
hat selber auch nie ein Bedürfnis danach gehabt! Er hat seit unserer
Verheiratung keine sechs Male den Fuss über unser Besitztum und seine
Knochensucherei in der nächsten Nähe hinausgesetzt! In die Stadt geht er nur,
wenn ihm eine Behörde dreimal ein Mandat geschickt hat und zuletzt mit Gefängnis
droht! Er macht mich schwindlig mit so einem Wort, wie er eben gesprochen hat!«
    »So sind die Weiber!« seufzte Stopfkuchen. »In Paris, Berlin und Rom hatten
wir eben nicht das mindeste zu suchen; aber in der Stadt dort unten haben wir
heute abend ausnahmsweise noch ein Geschäft. Wir! Frau Valentine Schaumann,
geborene Quakatz! Solltest dich doch auch heute abend noch einmal darauf
verlassen, dass ich weiss, was für unsere Gemütlichkeit das zweckmässigste ist.«
    »O Heinrich, das weiss ich ja!« rief die Frau, zitternd den Arm ihres Mannes
fassend und ihm ängstlich in die Augen sehend. »Aber das ist heute abend doch
ganz was anderes als wie sonst! Du erzählst freilich den ganzen Tag durch nach
deiner gewöhnlichen Art das Schlimmste und das Beste, das Herzbrechendste und
das Dummste, wie als wenn man einen alten Strumpf aufriwwelt; aber jetzt
solltest du damit aufhören und Rücksicht auf mich nehmen, grade wenn du mich
auch zu allen übrigen Frauen auf Erden rechnest. Es ist mein Vater, von dem du
so erzählst! Es ist meine kümmerliche Kinderangst und Jugendnot, von der du so
sprichst! Und - Herr Eduard, er stellt sich ja auch nur deshalb so albern, weil
er es wieder nicht an die grosse Glocke hängen will, was er eigentlich Gutes an
uns getan hat! Nun sieh mir in die Augen, bester Heinrich, bester Mann, und habe
noch einmal Mitleid mit mir! Es ist des Vaters letzter, vollständiger
Rechtfertigung wegen, weshalb du jetzt mit deinem Freunde in die Stadt willst;
und - und du willst mich nicht dabeihaben! O Mann, Mann, ich gehöre aber doch
dazu, und du musst mich dabeisein lassen. Nicht wahr, du nimmst mich mit dir in
die Stadt?«
    »Nehme ich dich mit in die Stadt?« murmelte der jetzige unbestrittene Herr
auf der Roten Schanze, trotz aller rührenden Bitten seinem Weibe nicht in die
Augen schauend, sondern nachdenklich und zweifelnd nur nach oben sehend. Erst
nach einer geraumen Weile sagte er: »Wie du willst, mein Kind, Hm, hm, wenn
deine Küche - wenn du nicht meinst, dass du in deiner Küche - Eduard bleibt doch
auch wohl zum Abendessen -«
    »Mensch, Mensch«, rief aber jetzt ich, »Unmensch, ich bin satt! Jetzt hörst
du endlich hiermit auf und quälst mir deine Frau in diesem Augenblick nicht
länger! Was hast du ihr, was hast du uns zu sagen? Kannst du es denn wirklich
nicht hier auf deiner Verschanzung, in dieser Stille, bei diesem Abendschein
über unserer Erde mitteilen?«
    »Du wünschest lieber hier im Freien mit dem Graun zu Nacht zu speisen und
dich zu sättigen mit Entsetzen, Eduard? Hm, hm, hm -«
    Und jetzt nahm er zärtlich sein Weib in seine Arme und küsste es und
streichelte ihm die Wangen und fuhr ihm kosend, beruhigend über das Haar.
    »Mein Herz, mein Kind, mein Trost und Segen, es ist so ein alberner, alter,
abgestunkener Unrat, den ich aufzuwühlen habe, weil es am Ende wohl nicht anders
geht. Wie gern hielte ich den letzten, öden, faden Geruch, der davon aufsteigen
wird, ganz fern von unserer Verschanzung, wie Eduard eben die Sache mit dem ganz
richtigen Namen genannt hat! Das kann ich nicht; aber - ich kann dir davon
erzählen in dieser Nacht, so nach Mitternacht, wenn wir beide die Nachtmützen
übergezogen haben - ich kann dir dann auch besser, wenn alles still ist über
Quakatzenburg - oben die Sterne und unten die Gräber, sagt der alte Goete - die
dazugehörigen Bemerkungen machen -«
    »Ich bleibe zu Hause und warte wieder auf dich, Heinrich«, sagte die Frau.
Sie weinte, sie war in grosser Aufregung, und ihr Dicker war unerträglich für
jeden andern in seiner Art, sich zu geben und andere dran teilnehmen zu lassen;
aber sie war nicht bloss eine gute, sondern sie war auch eine glückliche Frau.
    »Siehst du, das war wirklich im Grunde meine Meinung, Tinchen! Da - hier
dieser gute Freund, dieser Eduard, reist morgen - übermorgen oder in drei Wochen
ab, und zwar zu Schiffe. Er geht, wie man das im hohen Ton nennt, aufs hohe
Meer. Dort weht gewöhnlich ein frischer Wind, und der Mann sieht auch unterwegs
nur lauter andere Gesichter, nicht wie wir hier immer dieselbigen. Dem
glücklichen Kerl will ich frisch diesen Duft der Heimat von der Lagerstelle aus
mit auf die Reise geben, und dann ist er gewissermassen auch sogar dazu
berechtigt. Er steckt persönlich viel tiefer mit drin, als er es sich jetzt noch
vermutet. Jaja, guck nur, mein Junge! Mach mir nur grosse Augen! Also, du willst
wirklich nicht mit uns zu Abend essen? Na, dann unterhalte du jetzt meine Frau
so lange, bis ich die nötige Toilette gemacht habe.«
    Er erhob sich schwer stöhnend von der Bank auf dem Wall des Prinzen
Xaverius, griff, die erloschene Pfeife in der Linken, mit der Rechten zärtlich
seinem Weibe unters Kinn und sagte: »Ja, bleib du lieber hier oben in der guten,
lieben Luft unserer Schanze, Herz. Es ist ein zu angenehmer Abend und zu hübsch
still, nur noch mit den späten Lerchen in der Luft! Diesem Weltwanderer wird der
Seewind und vielleicht so 'n kleiner Schiffbruch mit interessanter Rettung und
dergleichen den fatalen Geruch von da unten wieder aus der Nase fegen. Und dann
sehe ich ihn leider vielleicht in meinem ganzen Leben, nach seiner Abreise
natürlich, nicht wieder und habe ihm also auch nicht Beruhigung, Seelenruhe
zuzusprechen und dummes Gespenstergesindel aus der Phantasie wegzukehren. Aber
mit dir - zwischen uns, mein armes Herz, ist das eben eine andere Sache. Dich
habe ich nun einmal bei gutem und bei schlechtem Wetter, bei Zahn- und Leibweh
und allen übrigen Lebensnöten und Gebresten auf dem Halse und - zugleich die
Pflicht, doch auch mich in jeglichem Verdruss und Elend, bei jedwedem
Gespenstersehen aufrechtzuerhalten. Was willst du jetzt persönlich dein altes
Näschen in den Olimsblutundverwesungsquark hineinstecken? Siehst du, ich bringe
nur Eduard ein Stück Weges auf den Weg und nachher - nach Mitternacht - na, wie
gesagt, Eduard, jetzt unterhalte du meine Frau ein bisschen: ich bin sofort
wieder bei euch.«
Er wackelte schwerfällig dem Hause zu, und sein Weib und ich sahen ihm von der
Bank aus über die Schultern nach, sahen ihn unterwegs noch einmal anhalten, um
seinen Kater zu streicheln, und sahen ihn in der Tür mit der Überschrift »Gehe
heraus aus dem Kasten!« verschwinden. Dann erst griff die Frau wieder nach ihrem
Taschentuch und rief:
    »Was sagen Sie nun zu ihm? Hier sitze ich nun in der lieben Abendsonne so
still und gut, wie er sagt. O ja, und Sie, lieber Herr Freund, sehen es mir auch
nicht zu sehr an, wie sehr diese heutige Nachricht mich innerlich aufregt! Ein
anderer als wie Sie, der selber soviel durchgemacht hat, würde auch ganz gewiss
meinen: Dies ist denn doch eigentlich zu arg, und er hätte ganz gewiss nicht
unrecht. Aber so ist er nun - meinen Heinrich meine ich, Er erfährt das
Wichtigste und Schrecklichste, was Herz und Seele bewegen kann, und lässt dabei
seine Pfeife nicht ausgehen. Sagt keinen Laut, bis es ihm passt! Und ich - ich,
meines armen Vaters Tochter, ich habe so eine unruhvolle, schlimme Kinderzeit
mit Steinwerfen, Fingernägelkratzen gegen jedermann durchlebt, dass ich mich gern
und willig nun in meinen jetzigen Jahren in alles füge und bei seinem
Besserverstehen nach nichts frage, sondern auch meine Ruhe behalte, obgleich das
eigentlich leider Gottes gar nicht in meiner Natur liegt. Ich weiss es ja wohl,
dass wir jetzt, Gott sei Dank, hier auf der Schanze so still für uns hinleben,
dass wir für alles Zeit haben. Dass wir für alles die Zeit abwarten können, wo wir
uns alles sagen, am Mittage oder um Mitternacht, das Schlimmste und das Beste.
Ich kenne auch gottlob jede Fiber in seiner Seele und dass er kein Geheimnis vor
mir hat; denn sonst würden wir ja auch nicht so leben, wie wir leben: aber was
zu arg ist, ist zu arg! Und eine Tochter bleibt doch immer eine Tochter und eine
Frau eine Frau, ja und, Herr Eduard, und ein Frauenzimmer ein Frauenzimmer: er
kennt Kienbaums Mörder, er kann ihn vielleicht heute schon aufs Schafott
bringen, und er hat des Bauern Quakatz Tochter von der Roten Schanze zum Weibe
und nimmt die Sache so, als stecke er den Kopf aus dem Fenster und sage: Schwül
genug war's den Tag über, vielleicht gibt es doch ein kleines Gewitter!... Ich
bitte Sie, bester Herr, was sagen Sie hierzu?«
    »Dass ihr zwei das glücklichste Ehepaar seid, das sich je zueinander gefunden
und ineinander hineingelebt hat! Und dass Stopf- mein Freund Heinrich Vollkommen
recht hatte, wenn er unter seiner Hecke liegenblieb und hinter uns anderen
jungen Narren höchstens dreingrinste, wenn er uns unsere Wege laufen liess oder,
wie wir damals meinten, laufen lassen musste.«
    »Oh, Herr Eduard, nennen Sie meinen Mann dreist auch vor meinen Ohren
Stopfkuchen! Den Namen verdient er ebenfalls mit vollem Rechte«, lächelte trotz
ihrer Aufregung und durch ihre Tränen Frau Valentine. »Das heisst«, fuhr sie dann
aber doch, zärtlich allem Missverständnis vorbeugend, fort, »dass er das Leben und
sein Gutes hastig und gierig in sich hineinstopfe, kann man wirklich auch nicht
sagen. O nein, wie er sich die gehörige Zeit beim Essen nimmt, so tut er's auch
in allen anderen Angelegenheiten und Dingen. Wir erfahren's ja eben grade zu
jetziger Stunde im allerhöchsten Masse! Aber er ist nun einmal so, und dass ihn
der liebe Gott so zu meinem Besten erschaffen hat, davon bin ich nicht bloss im
grossen und ganzen fest überzeugt. Ich hoffe es in meinen stillen, liebsten
Stunden gleichfalls, dass ich auch meinerseits so von der Vorsehung, wie ich bin,
für ihn gemacht bin und dass es wohl auch ihm recht einsam und elend in der Welt
wäre, wenn er mich nicht darin gefunden hätte! Aber dass wir hier auf der Roten
Schanze jedermann draussen als ein wunderliches, wunderliches Gespann vorkommen
müssen, das glaube ich jedem, der es mir sagt, auf sein Wort, da ich es mir
selber oft genug selbst sage... Liebster Himmel, ist er denn schon mit seinem
Anzuge fertig, ohne mich dreissigmal dazugerufen zu haben, selbst wenn er bloss
auf seine versteinerten Knochenexpeditionen gehen will? O Gott, jaja, auf welche
noch ältere und viel schlimmere Totengräberei will er aber auch jetzt gehen?!«
    Da war er wieder. Halb Pfarrherr, halb Landbebauer; aber ganz der dicke
Schaumann! - Er trug jetzt einen langen, schwarzen Lastingrock, eine
aufgeknöpfte Sommerweste, ein loses Halstuch, einen breiträndigen braunen
Strohhut und war in seinen hellen Sommerhosen geblieben. Einen derben Gehstock
führte er auch mit sich und hatte ihn jedenfalls zu seiner Stütze nötig.
Gegenwärtig aber nahm er ihn unter den einen Arm und legte den andern um sein
Weib.
    »Küsse mich, Andromache, und sich mir nach von der Mauer von Ilion; aber
ängstige dich um Gottes willen nicht um mich. Den hellumschienten Achaier von da
unten möchte ich sehen, der es fertigkriegte, Patroklos' Schatten zu Ehren und
zur Rache den dicken Schaumann um seinen Burgwall herum in Trab oder Galopp zu
bringen. Da hast du noch einen Kuss, und nun lass mich aus deinen Armen. Ich gehe
dir mein Wort drauf, ich komme heil und möglichst unverschwjetzt wieder nach
Hause und bringe dir auch, wenn nichts Hübsches, so doch recht Beruhigendes mit.
Eduard wird dabeisein, wie ich das Blut bespreche, Kienbaums Manen Genugtuung
verschaffe und auch meinerseits die Erinnyen veranlasse, endlich hübsch die Tür
hinter sich zuzumachen und die Rote Schanze in Ruhe zu lassen.«
    Ich hatte nun Abschied von der lieben Frau Valentine zu nehmen und natürlich
zu versprechen, dass mein erster Besuch nicht der letzte gewesen sein solle. Der
Freund schritt mir über seinen verwachsenen Dammweg voran, ohne sich
umzublicken; ich aber tat das noch mehrere Male und sah des Bauern Quakatz
Tochter auf der Höhe der Kriegsschanze des Prinzen Xaver von Sachsen stehen.
Eine tiefe Rührung, doch eine behagliche, überkam mich dabei, und aus vollem
Herzen sagte ich:
    »Die Gute! Sie hat es wahrhaftig wohl verdient, dass ihr weich gebettet
werde. Heinrich, möget ihr noch lange unter euren grünen Sommerbäumen und an
eurem Winterofen sitzen und der Welt ihren Lauf lassen.«
    »Amen, und nachher in ein Grab gelegt werden und ein Menschenalter durch
spuken gehen und einer respektablen Nachbarschaft zum Überdruss werden«, sagte
Stopfkuchen. -
    Es begegneten uns bald Leute, die uns erst verwundert anstarrten und, wenn
wir an ihnen vorbei waren, stehenblieben, uns nachblickten und sicherlich
murmelten:
    »Jeses, der dicke Schaumann hier draussen?!«
    Dieses Aufsehen, das wir machten, nahm zu, je mehr wir uns der Stadt
näherten und bürgerliche, städtische Gruppen oder Einzelläufer als
Abendspaziergänger uns entgegenkamen.
    Einige Male wurden wir nun auch angehalten, und die verwunderte Frage, was
ihn denn in die Stadt treibe, wurde dem Freunde in Worten und persönlichst
nahegelegt.
    »Höflichkeitsgeschäfte! Mein Freund Eduard fährt nach dem Kap der Guten
Hoffnung nach Hause, und ich bringe ihn bloss ein bisschen auf den Weg. Übrigens
hat er auch heute mittag bei mir gegessen.«
    Mehr als einmal vernahm ich dann das Wort:
    »Ist es die Möglichkeit?«...
    War der Tag schön gewesen, so war der Abend wundervoll.
    Tiefer Friede in der Natur und die Stadt still und reinlich! Es war immer
ein Gemeinwesen gewesen, das auf Reinlichkeit, Ordnung, grüne Bäume auf den
Marktplätzen und in den breitern Strassen, auf sprudelnde Brunnen, und was sonst
hierzu gehört, viel gehalten hatte. Auch die Weltgeschichte, das heisst in diesem
Falle der Prinz Xaver von Sachsen mit seinem Bombardement und nach ihm mehrere
grosse Brände hatten das Ihrige getan, die Stadt dem laufenden Tage hübsch und
wohlerhalten zu überliefern, indem sie manch altes Gerümpel aus dem Wege geräumt
hatten. Es war, alles in allem, ein Gemeinwesen, in das man gern abends vom
Felde und aus dem Walde nach Hause kam und in welchem man dreist die Fenster
öffnen durfte, ohne sie sofort wieder schliessen zu müssen mit dem Ächzwort:
»Pfui Deubel, stinkt das heute mal wieder!« -
    »Lecker, was?« meinte Stopfkuchen, als wir die zierlichen Anlagen, die sich
rund um den Ort zogen, erreichten. »Es musste dich doch recht anheimeln, Eduard,
als du neulich den Fuss wieder hersetztest? Der verwöhnteste Kaffer muss hier
Bürgermeister, Magistrat und Stadtverordnete loben! Wie?«
    »Jawohl, jawohl!«
    »Hm, hm, und die Kindermädchen mit den süssen Kleinen da auf den Bänken -
alle diese lieben Abendlustwandler und - wandlerinnen. Alles so gemütlich, so
behaglich - so - unschuldig! Und nun versetze dich mal in meine Stimmung, wie
ich hier neben dir wandele, mit der Macht und eigentlich auch der höchsten
Verpflichtung, diese Idylle heute abend noch in den nächsten Band des neuen
Pitaval zu bringen! Jawohl, jawohl, hier gehe ich neben dir bis jetzt bloss als
der dicke Schaumann durch den Stadtfrieden - wenn sie morgen von ihm aus nach
der Roten Schanze hinüber- und hinaufsehen, werden sie nur noch vom
geheimnisschwangern, sühneträchtigen Schaumann reden und mich den
giftgeschwollenen Bauch blähen sehen: Eduard, du ahnst es doch nicht ganz, wie
unangenehm mir diese Geschichte mit Kienbaum ist und wie fürchterlich es mir
gegen die Natur geht, dass grade mir die endliche Abwickelung der Sache
aufgeladen worden ist! Mir, mir, und noch dazu, wenn ich mir dabei vorstelle,
was für eine Menge Volks ich im Namen der sogenannten ewigen Gerechtigkeit in
das himmlischste Entzücken versetze! Denke dich in meine Nächte, wie ich mir die
Leute sämtlich persönlichst in der Phantasie vor die Seele halte und bei jedem
einzelnen mich frage: Was? Dem zum Spasse? Dem zum Vergnügen? Dem zur Genugtuung?
- Du lieber Gott, wenn ich nicht doch auch in dieser Hinsicht eine gewisse
Verpflichtung gegen das Herz - ich meine meine Frau hätte, Eduard! Eine geborene
Quakatz bleibt sie ja nun einmal: und so geht es einem hier immer noch in
Europa, lieber Eduard, wenn man in anrüchige Familien hineinheiratet.«
    Wie die Stadtidylle morgen sich zu dem Körperumfange meines Freundes stellen
mochte, mir schwoll er heute schon von Augenblick zu Augenblick mehr über
jeglichen Rahmen hinaus. Und wie seine brave, gute, nette, niedliche Frau war
ich ihm ohne jegliches Wort und Widerwort verfallen, musste ihn reden lassen,
liess ihn reden und wartete jedesmal, wenn er mal aufhörte, mit innerlichster
Spannung, dass er wieder anfange, sich gehenzulassen und zu reden. -
    Trotz aller Annehmlichkeit der Heimatstadt vermieden wir sie doch fürs
erste: Stopfkuchen führte mich um den »Wall«. Weshalb, sagte er nicht, und ich
fragte auch nicht danach. Ich hielt es wirklich allmählich für das beste, mich
ruhig in seiner Weise von ihm führen zu lassen.
    Dieser Wall, den einst der Prinz Xaverius von der Roten Schanze aus
beschossen hatte, war jetzt in allerliebste Spaziergänge umgewandelt worden.
Teile des früheren Stadtgrabens waren auch noch vorhanden, zu hübschen Teichen
auseinandergezogen, umkränzt von Pappeln, Trauerweiden und Lustgebüsch. Es
liefen vom Kern der Stadt Haupt- und Nebenstrassen auf diese Lustwege hinaus, und
eine der Nebenstrassen führte gleich hinter den Baumreihen und dem Zierbuschwerk
auch zu dem Viertel der »Weinen Leute«. Wir nannten das zu meiner Zeit »Mattäi
am letzten«, und es hiess auch wohl noch so.
    Als wir uns der Gegend näherten, fiel es mir recht aufs Herz, wie gut
bekannt ich vor Zeiten daselbst gewesen war, wie gute Freunde ich auch dort
gehabt hatte und was nun alles zwischen den Kindertagen und dem heutigen Tage
für mich lag.
    Herrgott, und auch Störzer! fiel mir ein. Auch der! Und du wolltest wieder
an ihm vorbeigehen? Der Gedanke kam mir wirklich zur rechten Zeit. Was ich nach
der Nachricht vom Brummersumm her versäumt hatte, konnte ich ja jetzt noch
nachholen und dem alten, treuen Freunde einen Besuch abstatten. Er war in seinem
Leben und Berufe fünfmal um die Erde gewesen, ohne von Hause fortgekommen zu
sein: nun konnte ich, den seine Lebensfahrten so weit von Hause weggeführt
hatten, doch noch einmal im Vorbeigehen bei ihm eintreten und ihm vielleicht
überm untern Ende des Sarges die Hand auf die müden Füsse legen.
    Ich nahm den Arm meines Führers.
    »Heinrich, ich erinnere mich eben! Es sind kaum hundert Schritte weit. Da
liegt sein Haus -«
    »Wessen Haus?«
    »Jawohl, du hast recht mit der Frage. Der Mensch kommt nie über den Egoismus
weg, alles nur in seinen eigenen Gedankenzusammenhang hineinzuziehen. Eben fällt
mir ein, dass der alte, selige Freund, mein alter Landstrassenfreund Fritz
Störzer, dort hinter dem Buschwerk liegt. Wenn es dir nicht ein zu weiter Umweg
ist, Heinrich, so lass uns einen Augenblick abbiegen. Jetzt möchte ich dem alten
zur Ruhe gelangten Wanderer doch noch einen Besuch machen. Was du nachher noch
zu sagen hast, weiss ich ja noch nicht; aber sei deine Rätsellösung auch noch so
grimmig, ich glaube, ich kann mir ein Stück beruhigender Anteilnahme jetzt am
besten von dorter holen.«
    »Wenn du meinst? Ei wohl, das ist sein Schornstein hinter den Baumwipfeln.
Der brave Störzer! Nun, Zeit haben wir zu dem, was du meine Rätsellösung nennst,
nachher immer noch, und ein grosser Umweg zu dem alten, guten Kerl ist's grade
auch nicht. Ich bin ganz zu deiner Verfügung.«
    So bogen wir ab von dem »Wall«, hatten aber grade jetzt noch einem Ehepaar,
das mit Töchtern seinen Abendspaziergang um ihn herum machte und den dicken
Schaumann auch kannte, Rede zu stehen auf die verwunderte Frage: »Herrje, wie
kommt denn das, dass man Sie einmal in der Stadt sieht?«
    »Es macht sich eben so«, erwiderte Stopfkuchen gemütlich. »Ich weiss im
Grunde eigentlich auch selber nicht, wie ich zu dem Vergnügen komme.«
    Es war ein Glück, dass unser Weg zur Seite ab in das am wenigsten respektable
Viertel der Stadt führte; die Herrschaften würden uns sonst wohl gern ein Stück
weit drauf begleitet haben: diese Begegnung war doch zu interessant! -
    Es gibt viele Unmündige in jenem durchaus nicht nach dem Muster grösserer
Städte unfreundlichen, unheimlichen Stadtteile; und sie befanden sich um diese
liebe Abendstunde natürlich alle in den Gässchen und Sackgässchen. Vollkommene
Rührung überkam mich nun, wie ich daran dachte, wie lange und doch wie kurz es
her sei, dass auch ich, und zwar unter den Augen Störzers, hier die Rinnsteine
abgedämmt und den Leuten den Weg versperrt habe. Und noch immer standen die
Mütter mit den Kleinsten auf dem Arm in den Haustüren, und noch immer roch es
nach Eierkuchen und Ziegenställen, und noch immer wurde Salat gewaschen. Der
symbolische Begleiter des Evangelisten Mattäus ist ja eigentlich ein recht
schöner Engel; aber im Sankt-Mattäus-Viertel da war und ist das nicht der Fall.
Da ist es das Schwein, das Haupt-Segens- und Glückstier des »kleinen Manns«, und
man hörte es behaglich grunzen aus einem nähern oder fernern Stall. Es roch auch
wohl nach ihm; aber - mir sollte einer im Viertel Mattäi am letzten mit
Kölnischem Wasser und dergleichen kommen, zumal in einer Zeit, wo auch die
türkische Bohne noch blühte - rot, das schönste Rot der Erde - ein Wunder von
Schönheit und Nutzbarkeit, wenn sie sich zwischen den Häusern des kleinen Manns
über die Zäune hängt oder hinter denselben an ihren Stangen sich aufrankt. Man
muss freilich eben für dies alles riechen, sehen und fühlen können; und wer das
nicht kann, der gehe hin und werde Liebhaber-Photograph. Es ist aber nicht
nötig, dass er sich selber photographieren lasse, ich habe ihn schon in meinem
Album in Südafrika, und der dicke Schaumann hat ihn auch in dem seinigen auf
seiner Schanze Quakatzenburg.-
    Von der abendlichen Stille draussen im freien Felde habe ich schon
geschrieben; aber die friedlichste Landschaft macht längst nicht den Eindruck
der Ruhe wie so ein Gässchen am Feierabend bei den »kleinen Leuten«, wie man sich
heute ausdrückt, oder »an der Mauer«, nämlich an der Stadtmauer, wie man im
Mittelalter sagte. Und ich hatte auch einst hier hineingehört, hinter dem Rücken
meiner Eltern und unter der Protektion meines guten Freundes Fritz Störzer, und
das Herz ging mir auf und zog sich wieder zusammen unter dem Gefühl, wie sehr
das alles vergangen sei und als was für ein Held und mit was für einem Sack voll
Erfahrungen und Errungenschaften auf dem Buckel ich nun hier wieder ankomme!
    Wir bogen jetzt um die Ecke, hinein in das Sackgässchen, in dem das Haus, das
ich noch so gut kannte, lag; und auch da fand ich auch heute wieder das, was ich
in meiner Kinderzeit so oft hier mit schauerlichem, aber gar nicht unangenehmem
Nerven- und Seelenkitzel mitgenossen hatte: ein Hineingucken auf einen Hausflur,
wo ein Sarg steht.
    Alles wie sonst! Nur alles noch ein wenig mehr zusammengeschrumpft: der
kleine Platz enger, die Häuser niedriger, die Fenster zusammengedrückter, die
Haustüren schmaler.
    Und sie drängten sich alle wieder um eine Haustür, die Kinder und die Frauen
mit Kindern auf dem Arme, die alten Frauen und zwei oder drei alte Männer, diese
alle mit den Abendpfeifen im Munde: es stand ja wieder einmal ein Sarg auf einem
Hausflur!
    Sie drehten alle uns den Rücken zu und machten uns verwundert Platz, als wir
ihnen über die Schultern auch mit in die Tür zu sehen wünschten. Sie
verwunderten sich aber noch viel mehr, als wir gar in die Tür traten.
    Es schien niemand zu Hause zu sein als der alte Störzer, und auch der
schlief, lag ruhig in dem engen, schwarzen Gehäuse, welches da auf drei Stühlen
stand, mit den Lichtern, die morgen früh beim ehrenvollen Begängnis angezündet
werden sollten, auf einem vierten Stuhle neben sich. Dass der liebe Freund, der
getreue, müde Wandersmann auch unter Blumen und Kränzen lag, verstand sich von
selber. Das kostete um diese Jahreszeit im Mattäusviertel nichts, und die
Nachbarschaft tat gern das Ihrige hierin, ihre Teilnahme zu bezeigen.
    Es stand noch ein Stuhl auf dem Flur, auf welchem die Hauskatze sass und
ernstaft auf die alten und jungen Gesichter sah, die in die Haustür guckten.
    »Puh!« seufzte Stopfkuchen, »ich habe doch meine Energie ein wenig
überschätzt. Schwül und heiss!« Er hob den Strohhut von der schweissglänzenden
Stirn und trocknete sich den Kopf mit dem Sacktuch. »Entschuldige, Eduard«,
sagte er, hob den Stuhl an der Lehne, liess das Tier hinuntergleiten und setzte
sich selber. »Einen Augenblick, Eduard, und ich bin vollständig wieder zu deiner
Verfügung.«
    Das oder dergleichen sagte er, während ich stand und augenblicklich
wenigstens nichts zu sagen, sondern nur recht viel mit dem mehr oder weniger
dunkelen Gefühl, das bei solchen Gelegenheiten die Oberhand gewinnt, zu tun
hatte.
    »Fritze Störzer! Der alte Störzer!«... Und ich tat, was ich vorhin mir
vorgenommen hatte: ich legte die Hand auf den Sarg, dahin, wo die Füsse ruhten,
die, wie die Herren im Brummersumm ausgerechnet hatten, fünfmal um die Welt
gewesen waren. Stopfkuchen fächelte sich immer noch mit dem Taschentuch kühlere
Luft zu.
    Der Mensch aber muss bei solchen Gelegenheiten irgend etwas sagen.
    »Du konntest nichts dafür: aber du bist eben unter deiner Hecke
liegengeblieben, Heinrich!« sagte ich. »Ich aber bin mit ihm gegangen, gelaufen,
habe mit ihm seinen trefflichen Tröster, den Levaillant, studiert! Und wenn mich
ein Mensch von seinen Wegen auf die meinigen hingeschoben und mich nach Afrika
befördert hat, so ist dieser hier, mein alter, guter Freund, mein ältester
Freund, Friedrich Störzer, es gewesen. Möge er sanft ruhen!«
    »Amen!« sagte mein Freund Heinrich Schaumann, wieder aufstehend. »Jawohl!
Das kann ich ihm ja wohl auch wünschen - von unter meiner Hecke weg! Er gehörte
nicht zu den schlimmsten Lebens- und Weggenossen. Er war ein halber Idiot, aber
er war ein braver, ein guter Kerl. Na - denn ruhe auch meinetwegen sanft, grauer
Sünder, du alter Weltwanderer und Wegschleicher! Nun lasst endlich aber auch mich
aus dem Spiel und macht die Geschichte drüben unter euch dreien aus, ihr drei:
Kienbaum, Störzer und Quakatz!«
    Er hatte eine Faust gemacht; aber er legte sie so leise auf das Kopfende des
Sarges wie ich meine offene Hand auf das Fussende.
    »Was?« fragte ich zusammenfahrend, und Schaumann sagte:
    »Ja.«
Der Kapitän behauptet, dass er so einen Menschen wie mich (er drückte sich
englisch aus und sagte Gentleman), solange er fahre, noch nicht auf seinem
Schiff gehabt habe. Er war eigens meinetwegen hinuntergekommen, um mich
heraufzuholen und auch mir die Berge von Angra Pequeña auf unserer Leeseite zu
zeigen, und ich hatte nur geantwortet »Komme gleich« und hatte vergessen zu
kommen und hatte den braven Alten nicht einmal davon benachrichtigt, dass ich
diese Berge bereits kenne. - Ich wollte nach seiner Hand greifen, nicht nach der
des Kapitäns, sondern nach der Stopfkuchens, als er, Heinrich, mir warnend
zunickte und mit dem Daumen kurz zur Seite deutete. Da sah ich, dass wir beide
jetzt nicht mehr allein neben dem Sarge standen.
    Es war eine Frau, auch mit einem Kinde auf dem Arme und einem andern an der
Schürze, aus der Stube gekommen und stand verweinten Gesichts,
verlegen-verwundert und sagte:
    »Guten Tag, die Herren! Das ist doch zu gütig von Ihnen. Ja, da liegt nun
der Vater! So ein guter Mann für uns! Sie kenne ich wohl, auch durch Ihre liebe
Frau, Herr Schaumann; aber der andere Herr, der uns hier auch die Ehre schenkt
in unserem Kummer, hat er ihn auch gekannt, unsern lieben Grossvater?«
    »Freilich, liebe Frau Störzer. Es ist ja recht, Sie haben erst nachher hier
ins Haus geheiratet: dieser Herr hat seinerzeit den Schwiegerpapa ganz gut
gekannt, wenn auch nicht so gut wie ich. Das ist wohl Ihr Kleiner da auf dem Arm
- der Enkel? Und hier am Rock die Enkelin?«
    »Jaja, liebe Herren, und wir drei sind nun nur noch allein übrig und wissen
heute noch nicht in unserer Verlassenheit, was aus uns werden soll, da der
Grossvater nicht mehr da ist. Wer hätte das so schnell für möglich halten sollen?
Er war noch so rüstig zu Fusse! Er hätte gut noch manch liebes Jahr gehen können
in seinem Amte! Es war ja immer eine Verwunderung hier im Viertel über ihn und
sein Stolz dazu, dass er immer noch auf den Beinen sich hielt wie der Jüngste.«
    »Nun, das kann in einem Alter wie das seinige freilich nicht jeder von sich
behaupten, und das ist doch auch ein Trost, liebe Frau; und das übrige wird sich
ja auch wohl finden und machen. So eine rüstige, junge Frau - bloss mit einem auf
dem Arm und einem an der Schürze! Man schlägt sich schon durch, und im Notfall
helfen auch wohl andere. Was hat er denn für einen Tod gehabt, Frau Störzer?«
    »Ja, Gott sei wenigstens dafür Dank: einen recht guten! ... Viel leiden hat
er nicht müssen, sagt der Herr Doktor. Und das soll man ihm auch wohl gönnen;
denn auf der Seele hat ihm wohl nichts zu schwer gelegen. Dass aber jetzt grade
Sie so gütig sind und hier zu uns an sein letztes Ruhebett treten, das ist mir
fast wie eine Schickung, Herr Schaumann. Nämlich grade bei Ihnen, Herr
Schaumann, oder auf Ihrer Roten Schanze ist er in seinen letzten Tagen und
Stunden recht häufig anwesend gewesen. Er hat immerfort nach der Schanze
hinausgewollt: da hätte er noch eine wichtige Sache und Bestellung. Davon hat er
immerzu gesprochen und von einer Bestellung bei Ihnen, das heisst bei Ihrem
seligen Herrn Schwiegervater, dem seligen Herrn Quakatz, dem man - nun Sie
wissen ja und nehmen's wohl nicht übel -, geredet. Wir mochten ihm zusprechen,
wie wir wollten; er ist immer dabei geblieben, dass er nach der Roten Schanze
hinausmüsse: er hätte da noch etwas abzugeben gegen Quittung. Aber dies waren
auch seine unruhigsten Einbildungen, und dabei ist er zuletzt, ohne dass es einer
gemerkt hat, sanft eingeschlafen.«
    Heinrich zuckte die Achseln, sah mich an und nach den Kinder-, Weiber- und
Altmännergesichtern, die in der Haustür auf den Sarg gafften. Er deutete auch
nach diesen hin und fragte:
    »Nun, was ist deine Meinung, Eduard? Seinen Schlaf störe ich nicht dadurch:
soll ich jetzt die Welt da von der Gasse hereinrufen an sein Kissen? Soll ich
nun selber von dieser Stelle aus ore rotundo das Geheimnis ihr kundmachen? Oder
findet sich doch noch ein passenderes Organ der Mitteilung? Oder - vielleicht -
wünschest du selber -«
    Ich brauchte nicht zu antworten, selbst wenn ich es gekonnt hätte. Der Mann
von der Roten Schanze nahm meinen Arm, sagte der Schwiegertochter des Seligen
noch einige tröstende Worte, die sich auf den Gemüsegarten, den Butter- und
Eierhandel von Quakatzenburg bezogen, tätschelte die Enkel auf die Köpfe, und so
traten wir wieder hinaus in die Welt vor der Tür, schritten durch die Gaffer und
brachten den Abendhimmel nicht zum Einfallen über dem Sankt-Mattäus-Viertel.
    Ja, ich selber! In der nächsten Gasse erst fragte ich, aus meiner Betäubung
durch einen halben Welteinsturz erwachend:
    »Was nun? Wohin nun? Willst du mich in meinen Gastof begleiten, Heinrich?«
    »In deinen Gastof? Hm! Wieder in ein Privatzimmer daselbst? Hm, hm! Weisst
du, Eduard, ich bin so lange nicht aus dem Kasten gekommen, habe seit Jahren in
keiner echten und gerechten Kneipe gesessen: ich hatte es wohl zu behaglich
kneipgerecht bei meinem alten Mädchen zu Hause, unter unsern Bäumen, hinterm
Ofen, hinter unsern Wällen, kurz im Kasten! Aber jetzt spüre ich das Bedürfnis
danach, die Ellbogen so auf so einen Tisch am Wege zu stemmen und das Leben
durch die grosse Gaststube und auf der allgemeinen Landstrasse vorbeipassieren zu
sehen. Komm, Alter, wir sitzen vor deinem Abschied und deiner Abreise noch
einmal im Goldenen Arm!«
    Ich sah noch alles nur wie durch einen Schleier: die Gassen, die mit uns
gehenden oder uns begegnenden Menschen, vernahm die Stimmen, das Wagengerassel
wie im Traume und fand mich plötzlich wirklich an einem Fenstertisch im Goldenen
Arm sitzend, indem ich Stopfkuchen pustend Platz nehmen sah und ihn aufatmend
seufzen hörte:
    »So!«
    Und nach einer Weile:
    »Jaja, jaja, wer erschlug den Hahn Gockel?«
Um diese Stunde des Tages war in einer so soliden Stadt wie die unserige noch
niemand in der Schenkstube des Goldenen Arms vorhanden als das Schenkmädchen,
die Sommerfliegen, die für den Abend blankgescheuerten Lindenholztische, die
Stühle und Bänke, die auswärtigen Zeitungen vom gestrigen Tage nebst dem
heutigen »Abendblatt« der städtischen Presse. Wir kamen so früh, dass die
Kellnerin ganz verwundert aufschaute, als wir eintraten. Aber es fand sich auch
hier, dass man den dicken Schaumann von der Roten Schanze ganz gut persönlich
kannte, ohne dass er oft den Fuss von seinem Wall in die grosse Welt hinaussetzte.
    Heinrich wurde natürlich von der jungen Dame mit seinem Namen begrüsst, und
indem sich dieselbe nach unsern Befehlen erkundigte, fragte sie höflich auch
nach dem Befinden meines Freundes.
    »Kind, erst etwas Kühles, dann die warme Anteilnahme. Herz, früher pflegte
des dicken Schaumanns wegen immer frisch angestochen zu werden!«
    »Und es ist auch diesmal geschehen. Grad als wenn wir Sie erwartet hätten,
Herr Schaumann.«
    Es kam ein säuberlich Getränke. Stopfkuchen hob den Krug, beäugelte Farbe
und Blume, sog, setzte ab, reichte den Humpen geleert hin, kniff wahrhaftig die
Mamsell in die Backe, als komme er noch jeden Abend als Stammgast. Dazu nannte
er sie dann sein »liebes Mäuschen«. Der Stoff musste also ganz seinen Beifall
haben.
    Es wurden zwischen ihm und dem Mädchen noch einige Scherzreden gewechselt,
bis er mit einem Male sich wieder zu mir wendete:
    »Nun aber zu unserm Geschäft, lieber Eduard.«
    Das Fräulein verstand den Wink, zog sich in ihren dunkeln Winkel hinter dem
Schenktische zu ihrem Strickstrumpf zurück und sah nur von Zeit zu Zeit um die
Schrankecke nach unsern Bedürfnissen aus. Wir beiden andern am offenen Fenster,
mit dem Ellenbogen nach alter Weise auf dem Tische und dem Bierkruge vor uns,
hatten hier am Platze Quakatzenburg, das Viertel Sankt Mattäi am letzten, das
deutsche Volk und die Welt »so im ganzen« eine genügende Zeit für uns allein.
    »So macht es sich ja wirklich ganz behaglich und jedenfalls viel besser, als
wie ich es mir in unnötigerweise überreizter Phantasie manchmal zurechtgerückt
habe«, brummte der Freund. »Du glaubst es mir vielleicht nicht, Eduard, aber es
ist doch so: ich habe mir manchmal den Kopf darüber zerbrochen, zu welcher
Tagesstunde, an welchem Orte und zu wem ich am bequemsten und liebsten von, von
- nun von dem Hahn Gockel reden würde. Es macht sich alles, alles doch
gewöhnlich leichter, als man es sich unter seinen Beängstigungen einbildet.
Diese Stunde gefällt mir ausnehmend, dieser Ort passt mir ganz, und das Kind da
hinter seinem Schenkentisch kann mir auch nur von der Allerhöchsten
Weltregierung dahingesetzt worden sein.«
    »Heinrich?!«
    »Eduard? ... Nun bitte ich dich aber dringend, Eduard, dass du dich auch
fernerhin als blossen Chorus in der Tragödie betrachtest. Fahre du dreist morgen
wieder ab nach deinem Kaffernlande und singe mir da meinetwegen so viele
Begleitstrophen und Begleitgegenstrophen zu der Geschichte, wie du willst; ich
für mein Teil denke doch nur: da habe ich dem guten alten Kerl doch noch eine
nette Erinnerung an die alte gemütliche Heimat mit aufs Schiff gegeben.«
    Ich konnte nur durch eine matte Handbewegung antworten; Stopfkuchen warf
noch einen Blick in die Gasse und einen hinter den Schenktisch und sagte:
    »Von allen Menschen, so auf Erden um diese grausame und erschreckliche
Historie herum wandelten, schnüffelten und sich die Köpfe zerbrachen, hätte von
Rechts wegen ich der letzte sein sollen, dem das Vergnügen, sie vor einer
gemalten Leinwand und zu einer Drehorgel kundzumachen, aufgehalst werden durfte.
Meinst du nicht, Eduard?«
    »Aber nein - nein! Du, der Mann und Eroberer der Roten Schanze, der Schützer
und Trostbringer der armen Valentine, der - Rechtsnachfolger, ja der
Rechtsnachfolger des Bauern Quakatz!«
    »Ach was, ich meine natürlich dem Charakter und der körperlichen Veranlagung
nach, Menschenkind! Ich hatte doch sowohl dem einen wie der andern nach gar
nichts damit zu tun. Was hatte der dicke Schaumann vor und von der Roten Schanze
mit Kienbaums Morde und Kienbaums Mörder zu schaffen, soweit es auf die
juristische Lösung der Frage ankam? Nichts! Gar nichts! Nun, das Schicksal hat's
mir so bestimmt, und ich kann denn weiter nichts dagegen machen, als mir
wenigstens die Form vorzubehalten oder auszuwählen. Kommt diesselbe der
Weltregierung und allerhöchsten Justiz nicht dramatisch effektvoll genug heraus,
so ist das nicht meine Schuld. Na, wenn mich Meta da hinter der Anrichte noch
nicht ganz versteht, so würde mich ein gewisser Stratforder Poet gewiss schon
verstehen und sich auf der Stelle vornehmen, auch aus mir mal was Dramatisches
zu machen.«
    »Riefen Sie, Herr Schaumann?« fragte es über die »Anrichte« und um den
Gläserschrank herum. »Wünschen Sie etwas?«
    »Nein, Herz. Jetzt noch nicht, aber bald. Bleib jedenfalls in der Nähe: wir
brauchen dich ganz gewiss noch, und ich kann durchaus nicht ohne dich fertig
werden.«
    »Ich bin immer hier und höre mit beiden Ohren.«
    »Schön. Bist ein gutes Mädchen. Also, lieber Eduard, wir, meine Frau und
ich, haben dir vorhin den Tag über unter unsern Bäumen und hinterm Wall des
Prinzen Xaver einiges über die letzten Jahre unseres alten Herrn, unseres Vaters
Andres, mitgeteilt und du wirst daraus entnommen haben, dass es unser Bestreben
gewesen sein musste, sie ihm so behaglich als möglich zu machen. Das ist uns
gottlob, soweit es eben möglich war, gelungen. Zu dieser Aufgabe konnte mich die
ewige Gerechtigkeit schon eher, sowohl meiner Körper- wie Geisteskonstitution
nach, auch mehr nach meinem Geschmack nützlich verwerten. Dagegen hatte ich gar
nichts einzuwenden. So gut wie mir selber konnte ich auch einem andern und noch
dazu dem Vater meiner Frau, vulgo Schwiegervater, ein Kopfkissen unter den Kopf
legen. Das ländliche Geschäft hob ich uns natürlich bald soviel als möglich vom
Nacken. Der Herrgott hatte es wohlwollend so eingerichtet, dass die besten
Zuckerrüben der ganzen Gegend auf unserm Grund und Boden wuchsen. So verpachtete
ich den grössten Teil der Äcker vortrefflich an die nächste Zuckerfabrik und
führte auf dem Reste von Tinchens Erbgute persönlich den Pflug nur so weit zu
Felde, als das eben zu dem gewohnten Behagen meines Bauermädchens gehörte. Dein
afrikanisches Kolonistenauge wird es dir gezeigt haben, lieber Eduard, dass es
heute gar so übel nicht aussieht, sowohl auf der Roten Schanze wie um sie her.
Ich mache übrigens gar kein Hehl daraus, dass der Schwiegervater, der Bauer
Andreas Quakatz, auch abgesehen von seinem Grundbesitz, ein vermöglicher Mann
war, dass er Geld hatte, einerlei, woher das stammte, ob von Kienbaums Morde oder
nicht.«
    Es fuhr hastig ein Weiberkopf aus dem Winkel vor.
    »Ja, es ist recht, Schatz! Komm her und fülle ein. Dem Herrn da auch noch
einen Schoppen«, sagte Stopfkuchen. »Er, Eduard, ich meine der alte Andres,
wusste nur nichts mit dem Mammon anzufangen, als ihn höchstens den Advokaten in
seiner Sache in die Taschen zu stecken. dabei steckte ich einen Pfahl mit einem
Strohwisch und der Inschrift: Lasset die Toten ihre Toten begraben. In andern
Geschäftsangelegenheiten wende man sich an Heinrich Schaumann, Rentner.
Sprechstunden nach Verabredung. Einen Hinweis auf euern Scherznamen Stopfkuchen
liess ich aus, denn der verstand sich ja bei jedermann auf Meilen Weges in der
Runde von selber, wo es sich um mich und gar noch in meiner jetzigen Verbindung
mit der Roten Schanze handelte. Bleiben wir bei dem richtigen Herrn derselben.
Sie hatten ihm Knochen genug in den Weg geworfen: ich gewann ihn für die
Paläontologie. Ich nahm ihn mit auf mein Feld hinaus. Am Stock, auf Krücken, im
Rollstuhl nahm ich ihn mit an meine Steinbrüche, Kies- und Mergelgruben und
überzeugte sein armes, konfuses Gehirn vollständig, dass diese Knochensuche sehr
genau mit der Zuckerraffinerie und also auch mit dem Steigen und Fallen unserer
Fabrikaktien zusammenhänge. Hatte ich ihm als dummer Junge durch mein Latein
imponiert, so imponierte ich ihm jetzt durch Paläozoologie und Paläophytologie.
Tinchen, der ich von Frauenrechts wegen mit meiner Liebhaberei lächerrlich
vorkommen musste, wusste sie in dieser Hinsicht aber doch zu schätzen, ja weinte
Tränen der Rührung, der dankbarsten Rührung über sie. Als wir unser
Olimsfaultier gefunden hatten und ihr Papa, kindisch-kichernd und behaglich
grunzend, sich die Hände in seinem Lehnstuhle rieb, nannte auch sie es ein
herziges Geschöpf und grossartig und räumte ihre beste Wäschekammer aus, um einen
würdigen Aufbewahrungsplatz für das Scheusal zu schaffen. - Was soll ich dir
noch viel davon reden, Eduard? Wir halfen unserm Vater so gut als möglich über
seine letzten Lebensjahre weg und liessen, nach Verordnung des Arztes, Kienbaum
sowenig als möglich an ihn heran. Wenn ich mich bescheiden mal rühmen will, so
sage ich: ja, es ist mein Stolz und darf mein Stolz sein, dass ich diesem
langweiligen Spuk ein Ende gemacht habe, dass ich diesem Gespenst die dürre
Lemurengurgel zudrücken und ihm mit den Knien den modrigen Brustkasten einstossen
durfte, dass der dicke Schaumann es war, der das Gerippe zu Staub verrieb. Das
andere Gerippe, unsern allgemeinen Freund Hein, hielt ich freilich nicht dadurch
von der Roten Schanze ab. Das frass den Bauer Quakatz, wie es den Prinzen Xaver
von Sachsen gefressen hatte, von Kienbaum gar nicht mehr zu reden. Und wenn ich
meinerseits zuletzt doch noch einmal einen Wall hätte gegen es aufwerfen können:
wer weiss, ob ich es getan hätte? Es war doch eine Erlösung, als wir dem alten
Herrn das letzte, schwere Deckbett aus guter Dammerde auflegten. Er selber hat
sich wohl in seinem Leben kein leichteres über den Kopf gezogen, und er tut
jedenfalls heute noch einen guten Schlaf darunter nach den ungemütlichen
Träumen, die ihm der sogenannte helle, lichte Tag seines Vorhandenseins in der
Präsenz- und Steuerliste des Menschentums beschert hatte. Wir begruben ihn in
Maiholzen an einem wunderschönen Sommermorgen, ganz in der Frühe. Das Dorf war
natürlich vollständig an der Versenkung versammelt; aber wir hatten auch
Herrschaften aus der Stadt dabei. Da war zum Beispiel der Exekutor Kahlert, der
in der heiligen Frühe in Amtsgeschäften bei uns draussen sich eingefunden hatte,
da war Schneidermeister Buschs Junge, der unserm Pastor die neue Hose
herausgebracht hatte, in welcher, wie ich dir gleich auseinandersetzen werde,
der geistliche Hirte meine Rede hielt. Da war Fräulein Eyweiss, die durch ihre
Brunnenkur zu uns hinausgeführt worden war und die ihre Karlsbader
Brunnenflasche auf einem der nächsten Grabsteine abgestellt hatte, um sich
freier ihrer angenehm-gerührten Teilnahme an dem immer interessanten Vorgang
überlassen zu können. Auch den Landbriefträger Störzer, der auch in seinem Amte
schon draussen war, sah ich in der Versammlung am Grabe. Meta, Sie sind doch noch
da? Grausame Schöne, willst du denn wirklich den dicken Schaumann von der Roten
Schanze verdursten lassen?«
    »O Gott, jaja, gleich! Oh, wie Sie das alles so erzählen, Herr Schaumann, da
muss man ja zuhören!«
    »Nicht wahr, Kind? ... Also, Eduard, da auch du noch zuhörst: wenn es einen
Menschen in der Welt gibt, ausser dir natürlich, mit dem ich mich gut stehe, so
ist das mein angepfarrter Seelsorger, der Pastor von Maiholzen. Wir tun uns
einander gar nichts; aber wir halten das behagliche Nebeneinanderleben in der
gemütlichsten Weise aufrecht. In der letztern Hinsicht tun wir einander sogar
alles zu Gefallen, was wir nur können. Er weiss in allen menschlichen Dingen
Stopfkuchen zu schätzen und ich ihn. Selbstverständlich war ich am Tage vorher,
das heisst vor dem Begräbnis, bei ihm und besprach mit ihm die Sache. Ich traf
ihn, oben an seiner Dachrinne hängend. Es hatte einer seiner Bienenstöcke
geschwärmt, und der Weisel war auf die Idee gekommen, sich dort festzusetzen.
Ich hielt dem zweitdicksten Mann der Gegend die Leiter und korrigierte ihm
nachher in der Laube ein wenig in sein Manuskript hinein. Letzteres ist aber nur
eine kulturelle Redensart: der Mann spricht aus freier Hand und - gut, wenn er
in der Stimmung ist. Und zu der Stimmung des Menschen kann der Nebenmensch ein
Erkleckliches beitragen. Ich tat dies, und als wir später an dem warmen Abend
mit einem Wetterleuchten am Horizont an seiner Gartenpforte voneinander Abschied
nahmen, sagte er: Seien Sie ganz ruhig, Herr Nachbar; ich bin vollständig Ihrer
Ansicht. Am andern Morgen redete er denn auch möglichst annähernd das, was ich
zu sagen hatte. Ich räusperte mich - nein, er räusperte sich und sprach: Nun
sieh mal, christliche Gemeinde, da liegt er - mausetot!«
    »O Gott, Herr Schaumann, das kann der Herr Pastor doch nicht gesagt haben!«
klang es hinter dem Schenktische hervor.
    »Ich bin dabeigewesen, Kind. - Tot ist er, und ihr lebt. Er ist so tot wie
Kienbaum, den er, nach der Meinung der Mehrzahl von uns, totgeschlagen haben
soll. Er steht nun vor dem Richter, der das letzte Wort in dieser dunkeln Sache
sprechen wird: sollten wir jetzt wenigstens nicht doch ein wenig mehr, hier am
Ort, in uns gehen und uns fragen: haben wir dem stillen Mann hier vor uns nicht
doch vielleicht zu viele Steine des Ärgernisses in den Weg geworfen? Christliche
Gemeinde, meine lieben Brüder und Schwestern, haben wir nicht doch vielleicht
etwas zu lautalsig Racha über ihn geschrien? Wenn er nun da an den schwarzen
Deckel pochte und noch einmal wenigstens für einen Augenblick herausverlangte,
um sein Verdikt von da oben her schriftlich uns zuzureichen, was würden wir da
tun? Wer würde die Hand ohne Bangnis nach dem Blatt ausstrecken? O liebe Brüder
und Schwestern, beim Hochzeitsmahl der beiden verehrten Hauptleidtragenden sind
wir wohl so ziemlich alle hier im Kreise anwesend gewesen; aber ich wünschte
auch, es wären wenigstens einige von euch vorgestern abend mit mir nach der
Roten Schanze gegangen, dass sie sich das friedliche Gesicht des eben
Entschlafenen hätten ansehen können. Da hätten wohl einige, die schon in solche
Gesichter haben sehen müssen, sicherlich gesagt: Dieser muss trotz allem eines
sanften Todes gestorben sein! -
    Christliche Gemeinde, wenn er Kienbaum nun doch nicht totgeschlagen hätte?
... Hätte er da nicht vor dem letzten Richter sein Wort sprechen dürfen? Ich
glaube, er hat die Erlaubnis erhalten; und wie ich ihn kennengelernt habe (er
war kein weicher Mann), hat er geächzt: "Herr, Herre, was ich sonsten gesündigt
haben mag, das haben sie da unten mich schon reichlich büssen lassen durch
Missachtung, scheele Blicke, Fingerdeuten, Abrücken im Kruge und Alleinlassen bei
jeder Haushaltsnot. Wenn ich nun als ein vergrellter, in seinen Erdengrimm
verbissener Mann zu dir komme, Herr des Himmels und der Erden, so zieh von
meiner Strafe im ewigen Leben meine tagtägliche und allnächtliche Büssung da
unten in der Sterblichkeit ab, grundgütiger Gott. Und vergib ihnen in Maiholzen
und der Umgegend auch, was sie nach unserer armen Menschenweise an mir zuviel
getan haben." - Liebe Brüder und Schwestern, wir wissen alle bis zu dieser
Stunde noch nicht, wer eigentlich Kienbaum totgeschlagen hat. Der Bauer Andreas
Quakatz von der Roten Schanze ist tot und hat Rechenschaft über sein Leben
abgelegt; aber vielleicht christliche Gemeinde, ich sage vielleicht! -,
vielleicht geht noch ein anderer im Leben umher als ein lebendiges Beispiel
davon, was der Mensch aushalten kann mit einer Bluttat auf der Seele und dem
täglichen und nächtlichen Bewusstsein, einen andern, einen Unschuldigen, dafür
aufkommen zu lassen. Wenn dieses der Fall ist - wenn Kienbaums Mörder noch lebt,
dann - o dann, christliche Gemeinde, lass uns auch für ihn, ihn - hier, hier an
diesem Grabe ein stilles Gebet sprechen wie für den beruhigten Toten in diesem
Sarge vor unsern Füssen! Den beiden Hauptleidtragenden, vor allem der Tochter,
sage ich noch: "Der Herr sprach: Weine nicht, und er gab ihn seiner Mutter." Wer
aber von uns, geliebte Brüder und Schwestern, noch über das Grab hinaus über den
Bauer Andreas Quakatz auf der Roten Schanze, seine Nachkommen und sein Erbe mit
seinen schlimmen Gedanken anhalten will, der lasse wenigstens seine Hand von
dieser Schaufel, auf welche ich jetzo die meinige lege.
    Dies Grab will dessen Beihülfe zu seiner Ausfüllung nicht. Amen.«
    »Amen! O Gott, o Gott!« murmelte es hinter dem Schenktisch.
    »Es kam nun das zwischen den übrigen liturgischen Formeln nie seine Wirkung
verfehlende: Von Erde bist du genommen, zu Erde sollst du wieder werden, und die
Schaufeln gingen von Hand zu Hand mit einer bangen Hast, mit einem Eifer, wie
ich noch nicht bei ähnlichen Fällen zu bemerken die Gelegenheit hatte. Sie
warfen alle dem übelberüchtigtsten Menschen der Gegend die drei Spaten voll
Mutterboden nach. Alle bis auf einen! - Es gab das bekannte dumpfe Gepolter und
die dazugehörigen Gefühle, letztere diesmal im verstärkten Masse. Es war, als
wünsche jedermann sich wenigstens zuletzt noch auf diese Weise mit dem Andres
Quakatz im guten abzufinden. Sie wünschten vielleicht doch auch ein wenig, Dorf
Maiholzen in der Wertschätzung der Roten Schanze zu rehabilitieren. Ich als der
jetzt am nächsten zu dem alten Bollwerk des Prinzen Xaver von Sachsen Stehende
bekam natürlich zuerst vom Totengräber die Schaufel in die Hand und tat die drei
Würfe. Und nun weiss ich wirklich nicht, liebster Eduard, wie es kam, dass ich bei
dem dritten so für mich hinmurmelte: Für Kienbaums Mörder. Schönen guten Abend,
Herr Müller!«
Der Gruss galt einem draussen in der Gasse unter dem Fenster Vorbeiwandelnden, und
dieser hielt verwundert an: »I, Herr Schaumann, auch mal wieder am alten guten
Ort? Nun, das ist brav. Na, denn halten Sie mir den Platz fest; ich denke, in
einem halben Stündchen ist unser Stammtisch wieder so ziemlich vollzählig
beieinander.«
    »Ich reichte den Spaten dem mir jetzt Nächststehenden und sah in ein sehr
merkwürdiges Gesicht. Den Spaten hätte ich ebensogut ins Leere reichen können.
Er fiel zu Boden und wurde erst von einem Nachdrängenden, dem Ortsvorsteher,
aufgegriffen. Der, dem ich die Höflichkeit hatte erweisen wollen, war unter das
Volk, das heisst unter die Weiber und Kinder zurückgewichen und hatte sie, meine
Höflichkeit meine ich, wahrscheinlich nicht bemerkt. Mich aber durchfuhr es: Was
ist das, was soll das? und dann: Bist du verrückt, Stopfkuchen, oder kann dies
wirklich etwas zu bedeuten haben? - Es hatte niemand ausser mir, auch meine Frau
nicht, im Kreise um das Grab des Bauern von der Roten Schanze bemerkt, dass eben
etwas Absonderliches geschehen sei, dass einer die drei Schaufeln für den Toten
mit dem Zeichen Kains auf der Stirne verweigert habe.«
    »Herr Schaumann!« klang es hinter dem Schenktische, und ich hörte trotz
aller eigenen Erregung das Mädchen die Hände zusammenschlagen.
    »Und du, du, Heinrich, was tatest du?«
    »Ich? Ich führte fürs erste meine Frau nach Hause. Für diese armen Würmer
ist's wirklich nichts, so blind, betäubt, verbiestert durch ihre Tränen in
solche Grube auf den erdklossüberhäuften Sarg hinunterzugucken und lange dabei
stehengelassen zu werden. Ich hatte doch vor allem ihr erst das zu sagen, auf
was man einem liebsten Menschen gegenüber unter solchen Umständen an
Kirchhofsgemeinplätzen angewiesen ist. Maiholzen half mir übrigens dabei mit
bestem Willen. Sie wollten alle auf dem engen Wege zwischen den Gräbern uns die
Hand drücken, und einige kamen auch und redeten. Herr Schaumann, wenn es Ihnen
und der Frau recht ist, so lassen wir alles nun vergessen und begraben sein. Es
ist ja ganz richtig, wie der Herr Pastor sagte, zu scharf soll keiner mit dem
andern ins Gericht gehen, und alles in allem genommen, hatte der Selige doch
auch seine guten Seiten, und mancher hätte sich da ein Muster annehmen können.
Darauf antwortete ich denn höflich, und dann überschritten Tinchen und ich, Gott
sei Dank, den Graben des Herrn Grafen von der Lausitz und waren also wieder in
unserer Schanze, und die Welt lag draussen, und im Hause war es still und kühl
unter den Bäumen. Und die Hunde kamen, und in ihren Augen lag ein gewisser
Vorwurf, dass sie nicht mit zum Grabe genommen worden waren - sie! Und Miezchen
kam und rieb sich zärtlich an Frau Valentine Schaumann, einer geborenen Quakatz.
Und Valentine sank in der dämmerigen Essstube auf einen Stuhl und schluchzte sich
weiter aus. Die halbe Dämmerung und die Kühle mussten aber doch auch ihr wohltun
nach dem hellen, heissen Licht auf dem Friedhofe -«
    »Und du, du - du?«
    »Ich? Nun was sollte ich denn anders tun, als sie sich ausweinen lassen und
sie dabei von Zeit zu Zeit sanft auf den Rücken klopfen? Als sie dann in die
Küche hinausgerufen wurde, stopfte ich mir natürlich eine Pfeife und überlegte.«
    »Du überlegtest!«
    »Was sollte ich denn anders tun? Auf was anderes ist denn ein Mensch
angewiesen, den man unter der Hecke hat liegenlassen? Vor allen Dingen ruhig
Blut, sagte ich mir. Zeit nehmen, Stopfkuchen, und die fünf Sinne zusammen,
Dicker! ... Ja, was war das nun? Hast du wirklich da etwas gesehen? Der? ...
Der? Dieser brave alte Biedermann und Dummkopf? Die Sache ist eigentlich zu
dumm, und es wird einem selber immer dummer, je mehr man drüber nachdenkt.
Einfältig und gutmütig genug sieht er freilich aus; aber das hindert nicht bei
dergleichen. Hm, die Kraniche des Ibykus über dem Maiholzener Dorfkirchhofe?
Grossartig wäre es, wenn jetzt eine Schaufel Erde weniger in die Grube es dir
zuwege gebracht hätte, in die Welt zu schreien: Hier ist er! Der ist's! Fort mit
ihm zum Prytanen! - - Hm, hm, aber der? Zu dumm! Das reine
Friedhofs-Morgensonne-Gespenst! Weiter nichts, dicker Schaumann! ... Dann aber
wieder: du hast aber doch etwas gesehen und nicht bloss gesehen, sondern auch
gefühlt. Was steckte in der plötzlichen tauben Empfindung im Magen, dem Summen
und Glockengeläut in den Ohren und dem scharfen, klaren, geistigen Ruck: Da, da,
da! Jetzt, jetzt, jetzt!? ... Sollte sich nicht auch einmal unter deiner
Speckhülle etwas melden, was - na, Eduard, der Überlegung war das doch wert: mir
ging glücklicherweise die Pfeife dabei aus, und ich hatte sie wieder
anzuzünden.«
    »Du hattest sie wieder anzuzünden.«
    »Es ist nämlich eine häufige Erfahrung von mir dass man bei ratlosem
Nachdenken, in ausnehmend seelischer Konfusion nichts Besseres tun kann, als die
ausgegangene Pfeife von neuem anzustecken. Die Zündhölzer habe ich gewöhnlich
zur Hand, aber eine liebe Gewohnheit ist es mir, trotz ihnen in die Küche zu
gehen, zu meiner Frau, und mir vom Herde einen brennenden Span zu holen. Ja,
gehen Sie nur zu ihr, Herr, sagte mir die Magd in der Stubentür. Sie weint doch
zu bitter allein in das Feuer! - Und so ging ich und stellte mich zu dem Tinchen
und sagte ihr: Nun hör auf, Herz! Sagt sie: Es ist ja auch nur noch zu
Erleichterung, Heinrich; und ich bin ja in Sicherheit und Ruhe hier bei dir auf
der Roten Schanze; und es ist jetzt ja alles so einerlei, wer Kienbaum
totgeschlagen und dem Vater das Leben verbittert hat. Ach, wenn mir doch nur
keiner mehr davon spräche! - Da war denn die Erleuchtung! - Sie hob die
Bratpfanne vom prasselnden, knackenden, flackernden Feuer, und ich nickte dem
Funkensprühen und den Rauchwolken in den dunkeln Rauchfang hinauf nach. Da sie
es wieder selber sagt, dass du der rechte Mann für sie gewesen bist, so bleibe
das ferner. Verdirb ihr die Sicherheit und Ruhe nicht, lass ihr die guten Tage,
und - was das andere anbetrifft: na, so frage den alten Mann selber! Aber,
Stopfkuchen, hat es für unsern Herrgott diese langen Jahre Zeit gehabt, so
wird's jetzt auf ein paar Tage mehr auch nicht ankommen. Frage bei passender
Gelegenheit so ruhig als möglich den alten Mann selber aus, Stopfkuchen. Mach es
fürs erste mal mit ihm alleine ab. Bleib fürs erste mit der Geschichte mal
wieder ganz für dich unter der Hecke.«-
    Die Kellnerin setzte dem feisten Folterknecht ein frisches Glas hin, und
zwar mit unsicherer Hand. Aus weitgeöffneten Augen starrte sie ihn an; aber auch
sie war nicht mehr fähig, ihm dreinzureden.
    »Dein Wohl, Eduard! Einige Tage nach dem Begräbnis gab sich denn auch schon
die erste Gelegenheit. Ich bekomme einen Brief und sage: Na, Störzer, das soll
mich doch wundern, was für eine Unruhe Sie da wieder mir ins Haus schleppen. Ist
Antwort darauf? - Der Alte sieht mich natürlich ob der Dummheit der Frage
verwundert an und meint: Wie kann ich denn das wissen, Herr Schaumann? Das
Briefgeheimnis ist uns ja doch garantieret, und ich bin wohl der letzte, der es
bricht. - Richtig, alter Freund! Jawohl, mit den Geheimnissen anderer Leute soll
man vorsichtig umgehen. Nun, wissen Sie, es ist wieder ein heisser Morgen; lassen
Sie sich draussen einen kühlen Trunk gehen. Ich möchte wissen, ob ich Ihnen, wenn
Sie heute wieder vorbeikommen, eine Antwort auf die Molestierung mit nach der
Stadt zu geben habe. - Ich danke Ihnen freundlich für die Erfrischung; aber ich
- ich will doch auch ohne sie auf Sie draussen auf der Bank warten. So lange Zeit
habe ich hier wohl. - Sind Sie nicht wohl, Störzer? Wo fehlt es denn? - In allen
Gliedern; man wird doch eben mit der Zeit auch alt, Herr Schaumann. - Da haben
Sie recht, grauer Lebenskamerad. Na, es kommt jeder einmal zur Ruhe, das haben
wir ja auch vorigen Mittwoch mal wieder gesehen: auch der Bauer Quakatz, mein
Schwiegervater, hat das Warten aufgegeben und endgültig das Gesicht nach der
Wand gedreht. - Der Alte wendet sich, ohne was zu sagen, und geht vors Haus. Ich
erbreche im Hausgange den Briefumschlag und kann mich, Gott sei Dank, auch in
jetziger Stimmung noch über den Inhalt erbosen. 's ist eine Einladung zum
nächsten paläontologischen Kongress in Berlin und weiter nichts. Unsinn! Das
möchten sie wohl! Dich da in dem Neste mit deinem Mammut Arm in Arm! Ja schön!
Mir das? Lächerlich! Sind denn die Leute so dumm, oder kennt die Welt
Stopfkuchen so wenig? Was der aufgegraben hat, das behält er und lässt es sich
keinesfalls durch schöne Redensarten und weltlichen Mammon abschwindeln. - Ich
gehe also zu meinem Alten hinaus und sage ihm: Es ist wirklich keine Antwort
nötig, Störzer. Um das Briefschreiben sind wir noch einmal glücklich
herumgekommen. - Kann mir auch recht sein, Herr Schaumann. Was kommt auch bei
dem vielen Geschreibe heraus? Guten Morgen also, Herr Schaumann! - Leben Sie
wohl, Störzer, und schonen Sie Ihre alten Beine. Denken Sie wirklich immer noch
nicht daran, sich endlich auch mal zur Ruhe zu setzen? - Da zuckt der Graukopf
die Achseln; aber es zuckt ihm zugleich etwas durch das dumm-gutmütige,
wetterfeste Gesicht. Es tut es noch nicht, Herr Schaumann. Man ist das eben so
gewohnt geworden, und so hat unsereiner eigentlich seine Ruhe mehr draussen auf
der Landstrasse, als wenn er so hinterm Ofen oder auf der Altvaterbank vor dem
Hause stillesitzen sollte. Ja, wenn man nur des Nachts im Bette seine Ruhe hat,
so ist man schon zufrieden. - Hm, ja - des Nachts im Bette! Ja freilich, das
sagte schon der weise Salomo oder Sirach, wenn man da liegen und schlafen soll,
so kommen einem die Gedanken, die man des Tages bei Regen und Sonnenschein auf
der Landstrasse vertreten hat, und leiden es nicht. Wie oft bin ich da zu meinem
seligen Schwiegervater hingetreten und habe ihm zugeredet: Na, Vater, so lassen
Sie doch die Knie zwischen den Armen weg und legen Sie sich nieder - es ist
alles in Sicherheit und Frieden auf und um die Rote Schanze. Ja, Störzer, alter
Freund, Sie hätten sich doch einen Trunk von meiner Frau einschenken lassen
sollen zur Auffrischung. Was haben Sie denn? Tine Quakatz gibt's gern und ein
freundlich Gesicht dazu, vorzüglich so einem langjährigen guten Bekannten wie
Sie. Wirklich, Störzer, Sie machen ja wieder ein Gesicht, wie, wie neulich -
dort auf dem Maiholzener Kirchhofe, als ich Ihnen an unseres seligen Vaters
Grube den Spaten zureichen wollte. Wissen Sie wohl, lieber Störzer, dass Sie mich
eben lebhaft an des Bauern Quakatz Mienen erinnerten, wenn man ihm wieder mal so
durch die Blume zu verstehen gegeben hatte, dass doch er - er - Kienbaum
totgeschlagen habe? Störzer, Sie sollten doch daran denken, sich endlich zur
Ruhe zu setzen! Sie werden doch zu alt und knickebeinig für die Last, die Ihnen
das Schicksal als Ihr Teil vom Gewicht der Welt auf den Buckel gelegt hat. -
Darauf antwortete, sagte er denn - wenn man es antworten, sagen nennen konnte -
ja, ich möge wohl recht haben, er wolle es noch einmal mit seinen Kindern
bereden. Und dann ging er wenn man das gehen nennen konnte, und ich liess ihn
laufen und sah ihm bloss so lange nach vom Wall des Herrn Grafen von der Lausitz,
bis er auf dem Wege nach Maiholzen um die Buschecke bog. Ändern liess sich nun
für mich nichts mehr an der Sachlage, so gern ich es gemocht hätte; aber die
Beruhigung, endlich mal über etwas ganz im klaren zu sein, bedeutet oder bringt
nicht immer dem Menschen das, was er, erleichtert aufatmend, eine Beruhigung
nennt. Was nun? ist gewöhnlich für besagten armen Teufel und geplagten
Erdentropf an seine genauere Kenntnisnahme im gegebenen Fall geknüpft, und so
auch bei mir. Was würdest du in meiner Stelle auf die Frage in diesem Falle
getan haben, Eduard?«
Es kommt wirklich nichts darauf an, was ich damals geantwortet habe oder
antworten konnte. Es genügt, dass er, wahrscheinlich ohne meine Antwort
abzuwarten, fortfuhr: »Was mich anbetrifft, so glaubst du sicherlich, dass ich
wieder zuerst zu meiner Frau ging, irrst dich jedoch. Diesmal ging ich zuerst
hinten in die Kammer zu meinem Riesenfaultier, besah mir dessen saubere Reste
noch einmal und sagte: Alter Gesell, was hätte es denn dir gemacht, wenn
Stopfkuchen ein paar Wochen oder ein paar Jahre dich später aufgedeckt hätte?
Und nachdem das gute Tier mir die genügende Antwort gegeben hatte, ging ich
wieder zum Tinchen und besah auch das mir wieder einmal genau, von der Frisur
bis zu den Schuhspitzen; und dabei dachte ich denn ausnahmsweise auch mal ein
bisschen an mich. Ich streichelte dem Herzen die Backen: so unsägliche Mühe hatte
es mich gekostet, dies behagliche, reinliche, zierliche Rom aufzuerbauen - und
nun sollte das alles umsonst sein? Und warum? Wegen wessen? Wofür und wozu?
Kienbaums wegen? Der ewigen und der menschlichen Gerechtigkeit wegen? Ich sah
mir mein Weib an, sah mir die Zeitgenossenschaft an und nahm jeden aus der
letztern, soweit sie um die Rote Schanze herum wohnte, vor. Um nachher von der
Gesamteit keinen Vorwurf zu verdienen, nahm ich es mit jedem einzelnen ernst;
und - ich fand nicht einen drunter, dem ich persönlich verpflichtet gewesen
wäre, ihm sofort bekanntzumachen, wer in der Tat Kienbaum totgeschlagen hatte.
Aber die ewige Gerechtigkeit? wirst du fragen, Eduard. Ja, sieh mal, lieber
Freund, in deren Belieben hatte es, meiner Meinung nach, denn doch lange genug
gelegen, das Ihrige zur Sache zu tun. Da sie es nicht getan hatte und den Vater
Quakatz allein hatte suchen lassen, so hatte sie von seinem Schwiegersohn gar
nichts zu verlangen: ich aber durfte sie dreist ersuchen, jetzt meine Frau mit
den widerwärtigen Geschichten wenigstens so lange, als es gar nicht anders ging,
in Ruhe und Frieden zu lassen. Blieb also nur die Frage: Aber du? Nämlich ich,
lieber Eduard - Heinrich Schaumann, genannt Stopfkuchen. - Dir sitzt doch nun
mal der Floh im Ohr, Heinrich! Willst und kannst du ihn wirklich ruhig sitzen
lassen, ohne den Kitzel wenigstens wegzujucken? Ein Gott hätte man sein müssen,
um das zu können, und, wie ich mich auch schätzte, auf diesen hohen Standpunkt
oder bis zu dieser, wenn du lieber willst, Dickfelligkeit hatte ich mich noch
nicht erhoben, und da sagte ich mir denn: Na, so kratze dich, da es juckt und wo
es juckt! Sitze erst mal selber zu Gerichte über den verjährten Sünder: nimm ihn
mal unterwegs vor, aber allein! Ist dir in der Sache schon einmal allein der
Präsentierteller unter die Nase gehalten worden, so macht sich das sicherlich
auch zum andern Male. Lass sie dich nicht umsonst Stopfkuchen genannt haben. Friss
auch dieses für dich allein herunter. Und am liebsten auch wieder unter der
Hecke, so unterm Brombeerbusch, bei ruhigem blauem Himmel und heller Sonne, mit
den Feldgrillen als Beisitzern und dem Angeklagten, dem Landbriefträger
Friedrich Störzer, auf dem Chausseegrabenrand dir gegenüber... Aber Kind, Meta,
so lass dich doch endlich mal wieder sehen! Heraus da aus dem dunkeln Winkel und
hier an den Tisch, Mädchen!«
    Der Folterer klopfte mit dem Hammer an die Daumschrauben - nein, er klappte
mit dem Deckel seines Kruges, und Meta, bleich, aufgeregt, mit fliegendem Atem
wankte hinter ihrem Schenktische hervor.
    »O Gott, Gott, Herr Stopf- Herr Schaumann, lieber Herr Schaumann, ich kann
ja nichts dafür, aber -«
    »Gehorcht hast du. Nun, weisst du, denn mach es dir bequemer, setz dich her
und höre weiter. Aber erst noch einen Schoppen und dem Herrn da - nein, der
scheint nicht mehr zu wollen; aber er hat auch nur zugehört und seinen
genauesten Freund reden lassen. So, jetzt rücke her, Herz, und lass dir erzählen.
Deine Abend-Stammgäste kommen ja wohl bald? Ich höre die Schritte der grossen
Bruderschaft der Erde nahen; und siehst du, Eduard, besser konnte sich die Sache
gar nicht für mich machen: der alte Störzer ist tot, hat seinen fünfmaligen
March, um die Erde vollendet, und zu dem Tinchen kommt morgen Frau Fama auf ein
halbes Stündchen zum Besuch und setzt sich zu der Erbtochter der Roten Schanze
eine Weile auf den Grabenrand des Prinzen Xaver von Sachsen; und ich habe es
nachher wirklich behaglicher mit meinen dazugehörigen Kommentaren. Das Glas ist
aber schlecht eingeschenkt, Jungfer!«
    »O Gott, darauf achten Sie noch? Darauf können Sie jetzt achten, Herr
Schaumann?« schluchzte das entsetzte, zitternde junge Ding.
    »Da, setz dich her, Krabbe, und sperr jetzt weiter die Ohren auf und nachher
den Schnabel, meinetwegen, so weit du willst: des Menschen Maul tut heute in
dieser Angelegenheit keinen Schaden mehr. Wenn das Schicksal will, dass Leute
zusammenkommen, weiss es das schon einzurichten. Ich tat in diesem Falle gar
nichts dazu: ich ging meine Wege und liess Störzer die seinigen gehen; ihm
irgendwo hinter einem Busch einer meiner Hecken aufzupassen und ihn beim Kragen
zu nehmen lag nicht in meiner Natur. Meine Wege? Sie führten mich nimmer weit
über meinen Grenzwall hinaus, aber doch von Zeit zu Zeit wenigstens ein wenig
hinein in die Feldmark. Bist du Mitgründer und Aktieninhaber einer Zuckerfabrik,
so siehst du auch in Afrika dann und wann nach deinen und der andern Rüben, so
faul du auch sonst auf deiner Löwenhaut liegen und Gier-Maul-Affen feilhalten
magst. Auf einem dieser beschwerlichen Gänge kam es denn zu der
Auseinandersetzung. Du weisst, wo die kaiserliche Poststrasse von der Stadt her
nach Gleimekendorf durch das Bauerngehölz, den Papenbusch, führt. Die
Schlupfpfade unserer Jungenszeit laufen heute noch dort kreuz und quer, aber
teilweise immer auch noch auf die Landstrasse zu. Der Busch ist ein wenig höher
geworden; aber der Graben, der ihn auf beiden Seiten der Landstrasse von
derselben scheidet, ist ganz derselbe geblieben. Man muss ihn überspringen oder
hindurchsteigen, wenn man auf den Heerweg will. Und letzteres war meine Absicht.
Jaja, nur nicht zappeln, Mariechen oder Metachen! Ich bin ein wenig breit - auch
in meiner Schöne-Geschichten-Erzählungsweise. Aber dafür sind andere Leute desto
kürzer, und so gleicht auch das sich im grossen und ganzen immer wieder aus. Ob
die Zweige auf dem lieben Waldpfade um mich her sehr rauschten und raschelten,
als ich fürderschiebend sie auseinanderbog, weiss ich nicht. Jedenfalls wurde der
Mann, der da mit dem Rücken gegen den Busch auf dem Grabenrande sass, durch mein
und der Erinnyen Näherkommen nicht sofort aus seiner Beschaulichkeit aufgestört.
Ausnahmsweise kamen die letztern auch mal wieder als Eumeniden. Meinetwegen,
wenn sich Zürnen und Wohlwollen im gegebenen Falle vereinigen liessen, war das
mir wahrhaftig recht! - Guten Tag, Alter! Hier ist's ja wohl gewesen?, und er
gab den Gruss nicht zurück, und die Frage beantwortete er dadurch, dass er herum-
und emporfuhr und seinen Wanderstab mit so verzerrtem Gesicht und mit solch
einem festen Griffe fasste, dass ich unwillkürlich auch den meinigen erhob und
rief: Sind Sie verrückt, Störzer? Soll etwa jetzt hier am Ort der gute Freund
Schaumann dran? Na, ich meine, wir lassen es bei dem einen bewenden, und die
Welt hat auch wohl genug gehabt an - Kienbaum! Darauf begab sich etwas, was ich
mir so nicht voraus hingemalt hatte. Dass das arme Menschenkind seinen Knüttel
fallen liess und den dicken Stopfkuchen für den Jüngsten-Gerichts-Boten in Person
nahm und abwehrend beide zitternde alte Arme ihm entgegenstreckte, das war in
der Ordnung; aber von Überfluss war's, dass es sich selbst fallen liess und mit
einem: Herr, Herr! O Jesus, Sie wieder? die Böschung hinabrutschte, sich in
seinen Chausseegraben legte, und zwar aufs Gesicht - beide Hände drunter, vor
den Augen, wie ein Kind, mit racheanlockend-hochgehobenem Hinterteil. Da hatte
ich die Bescherung! Ich bin fest überzeugt, wenn ich je in meinem Dasein ein
Nussknackergesicht gemacht habe, so ist's damals gewesen. Was blieb mir nun
anderes übrig, als ebenfalls in den Graben hinunterzuächzen und den armen
Schächer an der Schulter zu rütteln und ihm zuzureden: So beruhigen Sie sich
doch nur, Störzer! Es ist ja die ganzen langen Jahre für Sie recht gut gegangen;
also richten Sie sich wenigstens auch jetzt noch mal auf und zeigen Sie noch
einmal Ihr Gesicht. Ich gebe Ihnen mein heiliges Wort darauf, Alter, dass ich mit
Ihnen ganz verständig und ruhig über die Sache reden werde. Ja, rede einmal
einer zu einem von euch, lieber Eduard, in einem solchen Falle mit Ruhe
vernünftig! Es dauerte eine geraume Weile, ehe auch diesem betrübten Sünder das
bekannte Zucken über die Schulterblätter lief und er noch durch andere Zeichen
und auch Laute bewies, dass er verstehe, was der gute Bruder im
Erdendurcheinander auf ihn hineinspreche. Nachher haben wir denn freilich eine
ziemlich inhaltvolle Vertrauensstunde auf dem Grabenrande beieinander sitzend
miteinander zugebracht. Es würde gewiss ein zu starkes Stück gewesen sein, wenn
der alte Bursche mit seinem beneidenswertest dicksten Fell der ganzen Gegend
auch jetzt noch nichts von seinem Geheimnisse durch die Poren hätte durchsickern
lassen wollen. Meinst du nicht auch, lieber Eduard?«
    Ich meinte gar nichts mehr. Ich hörte den jetzigen Mann von der Roten
Schanze, den Erbnehmer des Mordbauern Quakatz, so sprechen im Goldenen Arm und
sass zu gleicher Zeit auch am Grabenrand im Papenbusch mit meinem Freund
Friedrich Störzer und hörte den reden von Afrika, und wie schön es da sein müsse
und wie angenehm es sich von den Abenteuern und der Friedfertigkeit dorten lesen
lasse in dem wunderschönen Buche vom Herrn Levalljang.
    Stopfkuchen legte die Hand auf den Deckel seines Kruges.
    »Jetzt noch nicht, liebes Kind. Nachher vielleicht noch einen letzten mit
dem fremden Herrn hier zum guten Beschluss. Ja, ja, ja, Eduard, was liegt doch
alles zwischen des Lebens Anfang und Ende? Und wie klar und nett legt sich so
alles auseinander und nebeneinander, wenn man mal dazu kommt, es sich zu
überlegen, wie die Sachen denn eigentlich möglich gewesen sind. Von dir, den
dein Freund Störzer mit seinem Monsieur Levaillant nach dem Kaffernlande
beförderte, rede ich nicht; von Störzer selber und dem Bauer Quakatz und seinem
Tinchen und so ein bisschen beizu von mir ist die Rede. Und da sagte Störzer denn
jetzt zu mir: Ja, ich bin's gewesen, und ich habe es die ganzen langen Jahre
getragen, dass ich es gewesen bin und dass sie nach mir vergeblich gesucht haben.
- Hm, und weiter haben Sie sich nichts dabei gedacht, als ob man Sie wohl finden
werde, Störzer? - O du meine Güte! - An meinen armen Schwiegervater haben Sie
zum Exempel nicht gedacht? - O Gotte doch ja, Herre! Aber nur so recht
eigentlich nicht, liebster Herre! Es hat mir zwar wohl recht leid getan, wie er
so um nichts und wieder nichts hat verkümmern müssen in seiner unverdienten
Verlassenheit; aber ändern habe ich ja doch nichts dran können! Und er war dabei
ja auch immer ein wohlhabender Mensche und hatte sein reichliches Auskommen und
hat auch zurückgelegt. Das war doch ein Trost, und sie konnten ihm ja auch
niemals viel anhaben von Gerichts wegen! Aber denken Sie nur ja nicht, dass es
mir nicht immer ein Angehen gewesen ist, der Roten Schanze von Amts wegen nahe
zu kommen. Und wenn es möglich war, schickte ich auch immer einen andern mit den
Briefschaften und der Zeitung hinein. O Herr Schaumann, Herr Schaumann, von Amts
wegen musste ich ja auch tagtäglich, tagtäglich, tagtäglich da vorbei, wo - wo
ich die Tat begangen habe. Von dem Elend half mir auch keiner, grade wie ich dem
Andres auf der Roten Schanze nicht von seinem Verdruss meinetwegen helfen konnte!
- Nicht helfen konnte, Störzer? - Nein, Herr, leider nicht! Denn es war gegen
die Natur. Ach Barmherziger, wenn ich es nur ausdrücken könnte, wie ganz und gar
es gegen meine Natur war! - Eine saubere Natur, Störzer! - Wie oft, Herr, habe
ich dasselbe mir gesagt, hier, wo wir sitzen, auf den Knien, wenn ich den Busch
und die Strasse für mich alleine hatte! - Hier? - Ja, hier im Papenbusch auf der
Stelle, wo ich's ihm heimgezahlt habe, was er von Kindsbeinen an an mir
gesündigt hatte. Wenn es über das rechte Mass dabei gegangen ist, so habe ich vor
dem barmherzigen Gott die langen, langen Jahre schwer an der Verschuldigung und
der Bangnis getragen. Es hat mir zu gar keinem Troste verholfen, was Kienbaum
für ein Mensch und im besondern gegen mich gewesen ist. Ich habe es aber auch ja
erst am andern Tage vernommen, was meine Tat gewesen ist! Hätte ich ihn hier vor
mir liegen sehen, hätte der Bauer von der Roten Schanze, der Herr
Schwiegervater, wohl nicht meine Schuld auf sich zu nehmen brauchen: da hätten
sie mich ganz gewiss bei der Leiche gefunden und mich gleich mit sich nehmen
können vor den Richter. Die eine Nacht zwischen dem einen Abend und dem einen
Morgen hat es gemacht, dass mich mein Gewissen doch verhältnismässig in Ruhe
gelassen hat, dass aber dafür mir und dem Herrn Papa die schwere, schwere
Lebenslast aufgeleget worden ist. - Hm, hm, Störzer, es lässt sich hören, was Sie
da sagen; aber ein etwas zu gemütliches und jedenfalls sehr bequemes Gewissen
ist's doch, was Sie in Ihrer Brust tragen. Ihre Posttasche da könnte ungefähr
dieselben Gefühle wie Sie für den Inhalt der Briefschaften in ihr hegen. - Ich
verstehe nicht recht, was Sie meinen, Herr Schaumann, und wie es in so
schrecklichen Sachen mit anderen ist, weiss ich auch nicht; aber eines weiss ich,
dass es ja nun heraus ist und durch Ihre gütige Vermittelung die Menschheit sich
ja nun wird beruhigen können. Und was den lieben Herrgott angeht, ach Gott, so
muss ich mich in bitterer Reue damit vertrösten, dass er Kienbaum gekannt hat und
mich in meinen jungen Jahren auch gekannt hat und besser als ein anderer
Bescheid weiss, wie es gekommen ist. - Jawohl, aber besser Bescheid möchte doch
auch ich jetzt darum wissen. - Was Sie nachher mit mir machen wollen, das liegt
ja nun ganz bei Ihnen. Um mich selbst ist es mir nicht mehr - Kinder und
Kindeskinder müssen aber zusehen, wie sie sich mit dem Geruch, den der alte
Grossvater ihnen hinterlässt, abfinden. So ein oder zwei Jahre fehlen wohl noch an
der Verjährung. Ich dachte, ich brächte es noch bis dahin! Aber das ist nun eben
wieder mal ganz anders gekommen. Also, wenn auch nur des Herrn Schwiegervaters
wegen, tun Sie, was Sie müssen, Herr Schaumann, und für recht halten! - Darüber
später. Erzählen Sie jetzt, wie die Sache war und sich zugetragen hat. - Ach,
das ist es ja grade, dass da gar nicht viel zu erzählen ist, so schlimm es auch
ausgegangen ist. Es ist nicht einmal über ein Mädchen oder über Geld und
Geldeswert, wie es sonst zwischen anderen zugeht, zwischen uns beiden
hergekommen. Es hat sich nur bloss gemacht durch den bösen Feind, wie es sich hat
machen sollen. Wir sind nämlich in einem Alter, Kienbaum und ich, und haben in
zwei Wiegen gelegen, die sozusagen Wand an Wand standen, und sind miteinander
aufgewachsen und haben einer den andern ganz genau kennenlernen können. Es war
nicht viel an ihm, Herr Schaumann, und es ist mir diese lieben langen Jahre
durch manchmal wenigstens ein kleiner Trost gewesen, wenn ich dieses Wort über
ihn auch aus anderer Munde habe vernehmen dürfen. - Ein sauberer Trost,
unglückseliges Menschenkind! - Jawohl, unglückseliges Menschenkind! Da haben Sie
recht; aber dafür und dessenungeachtet und grade darum hat man wohl das Recht,
jede Tröstung auf dem schweren Wege mitzunehmen. Herr, Herr, wie hat mir der
meine Wege schwer gemacht von Kindsbeinen an, von Schulwegen an bis auf diese
königliche Landstrasse hier! Er ist es gewesen, der mir auf der Schulbank den
Schimpfnamen Storzhammel erfunden und für mein Leben angehängt hat. Er ist es
gewesen, der mir von der Schulbank an von allen Menschen am meisten den
Unterschied zwischen Armut und Wohlstand und zwischen einer langsamen
Besinnlichkeit und einem hellen Kopf mit Bosheit und grossem Maul zu erkennen
gegeben hat. Herr, Herr, sein Blut klebt an mir, und ich will es heute noch
durch meines gerne abwaschen, wenn das so wie jetzt so von selber sich macht,
ohne mein Zutun: aber Herr, Herr, er - Kienbaum muss auch für das Seinige
aufkommen, was er mir an Angst vor ihm und Zorn und Wut und Verdruss gegen ihn
von Kindsbeinen an fast tagtäglich aufgelegt hat. Denn der liebe Herrgott hatte
ihn ja auch in seinem Beruf nachher auf die Chaussee gesetzt als reichen
Viehhändler. Herr, wenn da an jeder Ecke ein früherer alter Raubritter auf mich
und meine Briefschaften gelauert hätte, hätte es nicht schlimmer sein können,
als sich ewig sagen zu müssen: Gleich kommt wieder Kienbaum angefahren und
bietet dir die Tageszeit auf seine Weise. Herr Schaumann, Sie sind hier als ein
guter, stiller Mensch bekannt, und ein stiller Mensche bin auch ich mein Lebtage
gewesen und für mich hingegangen und habe alles gehen lassen und auch ihm
jahrelang seine Briefe in Gleimekendorf ins Haus getragen und mir von Amts wegen
seinen Gift- und Hohnspott gefallen lassen, bis mir in der Schreckensstunde
hier, hier im Papenbusch, sein und mein Schicksal, und des Herrn Schwiegervaters
kummervolles Schicksal auch, auf den Hals gefallen ist. Herr, Herr, und so wahr
ich lebe, nur durch mein halbes Zutun und ganz durch den schrecklichen Zufall!
Dass es nur ein Zufall gewesen ist, das weiss der höchste Richter und hat mich
auch wohl nur dessentwegen doch in ein verhältnismässig ruhiges hohes Alter
kommen lassen; und das ist denn so mein zweiter Lebenstrost gewesen bei
Gewittersturm und Hagel, Schnee und Hitze auf der Chaussee, tagein, tagaus mit
sich selber alleine und seinen Gedanken. Ja, Herr Schaumann, jeder macht sich
das auf seine Weise zurecht. Nicht wahr, Sie machen es sich auch eben auf Ihre
Weise zurecht, was nun Ihre Pflicht gegen mich, und Ihre liebe Frau und den
alten Quakatz und Kienbaum ist? - Ich wollte freilich, Ihr lieber Herrgott hätte
einen andern damit betraut, Störzer! - O lassen Sie sich das nicht anfechten:
ich bin bereit, da es jetzt so mit der Offenbarung gekommen ist. Heute - morgen
- übermorgen! Und es soll mir kein irdischer Gerichtsherr beim Verhör eine Lüge
nachsagen. Darauf lege ich Ihnen schon jetzt einen heiligen Eid ab. -
Stopfkuchen mit Storzhammel im Beichtstuhl als Beichtvater und -kind, mein guter
Eduard! - Was soll man machen, seufzt das letztere, das Beichtkind, wenn man
eigentlich ohne jegliche Wehr und Waffe gegen jeglichen Schlingel von Jugend auf
geboren ist? O Gott, Gott, Gott, es ist ja gewisslich ein Mord gewesen, den ich
an Kienbaum begangen habe; aber es gehört eben alles dazu, im kleinen und
allerkleinsten wie im groben und allergröbsten, was mir der Mann als Junge und
junger Mensch und Mannsmensch angetan hat. Und mir hat Kienbaum so ziemlich
alles angetan, was kein Junge vom andern erträgt! Wenn seine Püffe und Knüffe
beim alten Kantor Fuhrhans mir an der Haut haftengeblieben wären, so wäre heute
kein weisser Christenflecken mehr an mir, sondern alles blau, grün und gelb. Und
wenn die Wuttränen, die ich hinter ihm drein verschluckt habe, jetzt ausbrächen,
so gäb's drei Eimer voll! Ich habe Ihnen wohl vorhin gesagt, es sei über kein
Mädchen so gekommen, aber dabei ist doch eines gewesen. Nämlich beim Militär.
Als wir zwei beim Militär auch vom Herrgott wie aneinandergenagelt waren. Ich
wollte nichts von ihr, aber ich habe sie ihm, mit seinem Kind bei sich, aus dem
Wasser geholt, in der ganzen Garnitur Numero zwei, und es wäre besser gewesen,
ich hätte sie drin gelassen, die zwei armen Geschöpfe. Um die Alimente hat er
sich nachher weggeschworen, und so ist das Kind unter der Hecke verkommen und
sie im Zuchtause. Aber davon will ich gar nichts sagen; denn im Grunde ging das
mich doch eigentlich weiter nichts an als im allgemeinen menschlichen Gefühl.
Aber sein Wohlstand! ... Ich habe auch vorhin bemerkt, dass es nicht um Geld und
Geldeswert zwischen uns zum Schlimmsten gekommen ist, und das verhält sich auch
so. Ich war ihm nichts schuldig und er mir nichts. Doch dass ihn sein Geschäft
und Reichtum auf die Landstrasse führen musste, das war das Böse. Dass der
Viehhandel das richtige für ihn war, wenn auch nicht immer für seine Käufer und
Verkäufer, das ist sicher: aber weshalb konnte ihn der liebe Gott denn nicht auf
eine andere Weise zu seinem Besitz kommen lassen und musste mich mit ihm immer
tagtäglich, tagtäglich, tagtäglich mit seinem Hohn und Spott und Stolz
zusammenbringen? Er hatte den Hof in Gleimekendorf gekauft, mitten in meinem
Amtsberufsbezirk, und so musste er an mir vorbei, aufgepustet zu Pferde oder zu
Wagen - an mir zu Fusse. Unsere jungen Herren auf der Post haben es sich schon
lange vorgenommen, sich es mal auszurechnen, wie oft ich jetzt zu Fusse um die
Welt gelaufen bin. Damals mochte ich nach meiner Berechnung wohl einmal drum
herumgewesen sein, aber es genügte, wenn mir tagtäglich so ein Halunke begegnen
musste, der von seinem Wagen, wenn er Sie von hinten treffen kann, Ihnen auch mit
der Peitsche einen Schnipser gibt und im Davonjagen Sie hochneckt: "Bäh, bäh,
Storzhammel! Lauf dich zum Teckel, bring mir die Lujedors und hol dir deinen
Briefgroschen; Kienbaum ist mein Name!" Herr Schaumann, damit geht es denn bis
einmal zum Überfliessen. Und zum Überfliessen ist es gekommen; und wenn es nicht
so eine schauderhafte Tat wäre, wäre gar nichts Besonderes dran. O du lieber,
barmherziger Himmel, wovon hängt es doch ab, dass der Mensch seine ruhigen
Lebensstunden und Nächte und sein reines Gewissen behält oder sie sich oder
einem andern wie Ihrem Herrn Schwiegervater, Herr Schaumann, für sein ganzes
Dasein verderben muss? Grad so ein schöner Abend wie heute war's. Bloss ein
bisschen gewitterschwüler als wie heute. Und ich hatte einen sauern Tag gehabt -
die Tasche voll und dazu ein halb Dutzend Geldbriefe, was mir immer das
beschwerlichste gewesen ist, von wegen der Verantwortlichkeit und genauer
Eintragung und nachheriger Abrechnung im Büro. Ich fühle es durch alle Knochen,
wie ich von Kräften bin, und schleiche her und komme hierher in den Papenbusch,
als die Dämmerung sich eben ins Gehölz genistet hat. Der Ewige Jude bist du doch
nicht, Störzer, sage ich mir. Fünf Minuten wird's ja mal Zeit haben, und da fasst
mich der Teufel, oder der liebe Herrgott will's, und ich setze mich die fünf
Minuten hier auf den Grabenrand: o hätte mir doch der Himmel lieber fünf Minuten
vorher einen durchgehenden, vierspännigen Heuwagen über den Leib gehen lassen!
Und jetzt fehlte dir bloss noch Kienbaum bei deinem jetzigen Kaputtsein, muss ich
auch noch sagen. Und in dem nämlichen Augenblick muss ich auch schon aufhorchen:
denn dort um die Ecke her kommt Räderwerk, und ich höre schon von weitem, wie
einer auf seine Gäule haut und schreit: "Verfluchte Karnaljen!" Da fährt's mir
giftig durch: Na, da haben wir das Vergnügen schon! Und ich wusste, dass mir heute
wieder mal gar nichts von meinen Molesten geschenkt werden sollte. Ich mache
mich auch auf alles gefasst, aber ich fasse diesmal in der Gewitterluft auch nach
meinem Stocke neben mir und sage mir: Störzer, im Notfall sei mal 'n Mann und
wehre dich gegen den höhnischen Grobsack! Aber auch dies kommt anders wie
meistens bei solchen Gelegenheiten. Als mich Kienbaum sitzen sieht, zieht er die
Zügel an und hält mit seinem leeren Viehwagen. Ich denke: Na, heute hat er's gut
im Sinne, und so ist's auch gewesen. Er hat mal ausnahmsweise einen noch
Schlauern als wie er gefunden. Wie sich nachher ausgewiesen hat, Ihren Herrn
Schwiegervater, den Bauer von der Roten Schanze, Herr Schaumann. Der
Ochsenhandel ist nachher vor Gericht breit genug getreten worden als Indizium
gegen den Bauer Quakatz von der Roten Schanze. Dass der Herr Schwiegervater nach
dem Geschäft am Morgen am späten Abend auf dem Wege nach Gleimekendorf gesehen
worden ist, das war das zweite Indizium, wie Sie wissen, Herr Schaumann. Es
hatten zu viele in der Stadt, im Blauen Engel, vernommen, wie sie sich um Mittag
einen Schuft, Halunken und Spitzbuben um den andern an die Köpfe geworfen haben;
aber an wem soll's denn nachher so ein Mensch wie Kienbaum, wenn er die unterste
Hand im Spiel gehabt hat, besser auslassen als an so einem wie ich? Ich bitte
Sie! ... Ihr Herr Schwiegervater und er haben sich nicht mehr im Papenbusch
getroffen, aber auf mich, seinen Storzhammel, trifft Kienbaum daselbst - hier -
hier - an diesem Platze grade zur richtigen Stunde für seine Gefühle. Er hält
seinen Wagen an, und ich bin aufgestanden und habe meine Tasche zurechtgerückt
und meinen Stock fest gefasst. Ich sehe ihn in der Dämmerung sein Gesicht auf
seine Weise verziehen, und da schreit er mich schon an: "Richtig, Storzhammel!
Na, sitzt er wieder und brütet anderen die Eier aus? Hast dich heute mal wieder
für fünf Groschen zum Teckelhund gelaufen, du Blödbock? Nimmst es mir doch nicht
übel? Sind ja die besten Kameraden von der Schulbank und dem Regiment her! Da -
reich mir die Hand, mein Leben!" Und damit haut er mit seiner Peitsche, was er
nach seiner Manier für einen guten Spass hält, nach mir hin, dass sich die
Schwippe mir um den Arm legt und mir einen blutigen Striemen über die Hand
zieht. So arg hatte er's wohl nicht im Sinne gehabt; aber was nun kam, das musste
eben dadurch kommen. Ich lasse den Stock fallen und greife im Schmerz nach ihm
auf dem Erdhoden; aber dafür kommt mir, barmherziger Gott, an seiner Statt der
nächstliegende Feldstein in die Hand. Gedacht hab ich mir nichts bei dem Wurfe,
und gezielt habe ich auch nicht, aber getroffen hat es - durch Gottes und des
Satans Willen. Ich sehe, wie der Mann nach der Seite schwankt und den Zügel
schüttelt. Die Pferde ziehen an, der Wagen fährt an mir vorbei in die nächtliche
Dämmerung herein. "Nimm's mit nach Hause und leg eine kalte Messerklinge drauf,
du Lump!" rufe ich nach. Ob er es noch vernommen hat, kann ich nicht sagen.
Meine Meinung ist nachher in mancher bangen Nacht und Stunde gewesen, dass er's
nicht gehört haben kann. Es ist mir trotz meiner Wut wohl etwas kurios, dass er
mit seinem Kurs nicht auf der Strasse nach Gleimekendorf bleibt, sondern
rechtsum, dort in den Wald- und Holzweg nach der Roten Schanze einbiegt, aber
geachtet hab ich in meiner Wut auch nicht weiter drauf, sondern bin nach Hause
gegangen und habe bis nach Hause an meinem wunden Handgelenk gesogen wie ein
geschlagenes Kind. Was dann nachher sich herausgestellt hat, Herr Schaumann,
wissen Sie ja selber ebensogut als ich. Sie wissen, wie die Gäule auf dem
Holzwege in den Schlenkerschritt gefallen sein müssen und auch wohl stundenlang
ganz stille gehalten haben, bis sie sich auf dem Feldwege um Mitternacht nach
Gleimekendorf auf ihren Hof und vor ihren Stall gefunden haben. Da kommen sie
mit Laternen und gucken in den Wagen und finden Kienbaum im Stroh, und die
Doktoren haben es herausgekriegt, dass es ein Schlag oder Wurf an die linke
Schläfe gewesen sein muss, der das Unglück gemacht hat. Alles steht in den Akten
ganz genau, nur ich nicht. Ich komme nur beiläufig darin vor als wie einer, den
Kienbaum auch noch, auf der Chaussee getroffen und mit dem er sich unterhalten
hat. Ach Gott, Herr Schaumann, weshalb hat mich der Herrgott so geschaffen, wie
er mich geschaffen hat, wenn er mir dies Schrecknis dazu schaffen wollte? Der
Menschheit und der Juristerei ist es nicht zu verdenken, dass sie in dieser Sache
sich an Quakatz gehalten hat und nicht an den Landbriefträger Störzer. In seiner
Natur und Stellung zu ihm lag's, Kienbaum totzuschlagen. In meiner nicht! Gott
sei Lob und Dank, sie haben mich wenigstens nicht zum Zeugen gegen ihn, Ihren
Herrn Schwiegerpapa, aufgerufen. Da hätte ich mein schweres Herz auf den grünen
Tisch legen können; aber mich so nach angst vollen Nächten und einsamem
Tagesmarsch von selber angeben - - ich habe es versucht, aber es ist nicht
gegangen - ich habe es wollen, aber ich habe es verschoben - immer weiter
verschoben, und so sind die Jahre hingegangen, und dem Bauer auf der Roten
Schanze ist es trotz seinem Verdruss immer besser ergangen. Die stille Angst, die
stille Angst durch ein Menschenalter, Herr Schaumann! Mit jedem Briefe habe ich
sie tagtäglich durch ein Menschenalter rund um die Rote Schanze her und auf ihr
den Menschen abgeben müssen und habe es doch nicht können - habe mich doch nicht
selber angehen können als den Täter von der Tat, als Kienbaums Mörder. Herr,
Herr, es ist zwar eigentlich zu spät, aber ich lege Ihnen kein Hindernis in den
Weg: - Sie brauchen mich nicht an der Schulter zu nehmen: ich folge gern und
gutwillig, wenn Sie mich jetzt, heute abend, in die Stadt bringen und dem ersten
am Tor sagen: "Der ist's gewesen! Er hat es eben ganz von selber gestanden!" «-
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»Was ist denn das? Noch kein Licht hier?« sagte der erste Stammgast. »Bald
sollen wir uns unsere Erleuchtung wohl selber mitbringen? Meta, Sie, wo stecken
Sie denn?«
    »Hier, Herr Staatsanwalt! O Gott, ja, gleich!« rief das Mädchen mit
zitternder Stimme. Auch das angezündete Streichholz zitterte in ihrer Hand, und
es gelang ihr nur nach wiederholt misslungenen Versuchen, das Separatzimmer der
besten Männer im Goldenen Arm in ein helleres Licht zu setzen.
    »Siehe da, die Herren!« sagte der Staatsanwalt. »Was, Schaumann, und nun
wollen Sie gehen, da wir eben kommen? Ei was, Stopfkuchen, alter dicker Freund,
und du, Eduard, jetzt bleibt einmal sitzen wie in andern, schönern Zeiten. Was
noch von der alten Korona in diesem Jammertal vorhanden ist, verzeiht es mir
nie, wenn ich euch jetzt ruhig laufen lasse, den einen nach seiner Roten
Schanze, den andern nach seinem schwarzen Afrika. Meta, jedem der Herren auch
noch einen Schoppen! Kinder, das ist ja zu famos, das kann ja endlich mal wieder
ein fideler Abend nach der guten alten Art werden. Na, ihr bleibt, was?«
    »Wie gerne, wenn es ginge und mein Leibarzt es mir nicht untersagt hätte«,
lachte Stopfkuchen. »Ach, wenn Sie nur eine Ahnung davon hätten, Schellbaum, wie
streng mir der Mensch, der Oberwasser, geistige Aufregung jeder Art untersagt
hat, Sie liessen mich wie in andern, schönern Zeiten ruhig unter meiner Hecke.«
    Wir nahmen unsere Hüte. Das Zimmer hatte sich jetzt schon mehr gefüllt, aber
glücklicherweise mit Stammgästen, die nichts mehr von Joseph wussten und den
dicken Schaumann nur von Hörensagen und von ferne kannten. So kamen wir
glücklich endlich hinaus auf den Vorplatz, und dortin kam die arme Meta,
zitternd vor Aufregung, uns nach.
    »O Gott, o Gott, Herr Schaumann, aber ich habe ja alles mit angehört! Ist es
denn möglich? Und die Herren da drinnen! Darf es denn jetzt jeder wissen? Darf
auch ich jetzt alles den Herren heute abend sagen?«
    »Alles, mein Kind.«
Dem Kapitän wird die Sache immer unheimlicher. Eben sagt er: »Herr, dass das
Trinkwasser auf dem Schiffe ausgeht, das passierte früher öfter, kann auch heute
noch vorkommen und hat seine Unbequemlichkeiten; aber was sagen Sie, wenn ich
Ihnen tränenden Herzens signalisieren muss: Sir, wir sind beim letzten Droppen
Dinte angekommen? Well, da ist es ja ein wahres Glück, dass wir von morgen an
nach dem Tafelberg ausgucken können.«
    »Das ist es, old friend!«
    Und der alte Seebär stieg wieder auf Deck, kopfschüttelnd und vor sich bin
brummend, dass so 'ne verdammte Schreiberei gottlob doch nur eine Ausnahme auf
dem Wasser sei. Ich bin fest überzeugt, in drängender Not hätte er mich für den
Unheilsvogel auf seinem Schiff genommen und ohne grosse Gewissensbisse über Bord
in die tosende See befördert, um die übrige Ladung durch das sühnende Opfer zu
retten. - -
    Wir, Stopfkuchen und ich, aber standen wieder vor dem Goldenen Arm unter dem
stillen, warmen, dunkeln Sommerabendhimmel, und ich trocknete mir die Stirn
nicht weniger ab wie der erstaunliche dicke Freund. Er hatte die Geschichte von
Kienbaums Morde nicht bloss mit seiner dröhnigen, langweiligen Redegabe von sich
gegeben, er hatte sie auch ausgeschwjetzt, sie durch die Poren aus sich
herausgelassen. Ich aber, hatte ich darum draussen soviel zu Wasser und zu Lande
erlebt, um in dem stillen Heimatwinkel vor Stopfkuchen und Storzhammel zu stehen
wie vor etwas weder von mir noch von irgendeinem andern Menschen je Erlebten?
    Wer von beiden war mir nun der Unbegreiflichste, der Unheimlichste geworden?
O dieser Störzer! O dieser Schaumann! - Mein alter, ältester Kinderfreund und
Spielkamerad Kienbaums Mörder! Er, der mich im Grunde doch ganz allein auf die
See und in die Wüste durch seinen Levaillant gebracht hatte, dem ich mein
»Rittergut« am Kap der Guten Hoffnung einzig und allein durch seine
Unterhaltungen auf seinen Weltwanderungen, auf seinen Landstrassen und Feldwegen
zu danken hatte. Es war nicht auszudenken, jedenfalls jetzt - augenblicklich
nicht weiter darüber zu reden.
    Stopfkuchen begleitete mich zu meinem Gastofe, und an dessen Tür tat ich
wenigstens noch eine Frage an ihn.
    »Willst du nicht noch einen Augenblick mit heraufkommen?«
    »Lieber nicht«, meinte Heinrich. »Meine Frau hat sich schon seit Jahren
nicht mehr um mich geängstigt. Um diese Tageszeit bin ich immer zu Hause. Nun,
es ist freilich heute mal eine gerechtfertigte Ausnahme. Was tut man so einem
lieben, alten fremd gewordenen Freunde nicht alles zu Gefallen, um ihm das alte
Nest wieder heimelig und vertraulich zu machen! Wir sehen dich doch noch einmal
vor deiner Abreise, Alter? Du musst dir doch noch das Gesicht ansehen, was meine
Alte macht, nachdem sie auf die mir angemessenste Weise durch andere erfahren
haben wird, was ich ihr - nach der sichern Meinung der Welt morgen - schon
längst selber hätte sagen sollen. Gute Nacht denn für diesmal, Eduard! Habe Dank
für deinen Besuch; das war wirklich heute endlich mal wieder ein etwas
ungewöhnlicherer Tag für die Rote Schanze.«
    »Gute Nacht, Heinrich«, sagte ich, augenblicklich nicht imstande, ihm noch
etwas anderes zu bemerken, und er schien dieses auch für ganz selbstverständlich
zu nehmen, denn er watschelte ruhig durch die angenehme Nacht seiner festen Burg
im Leben zu, mich mit ihm, seiner Frau, seinem seligen Schwiegervater, mit
Störzer und mit Kienbaum nun im »Hotel« allein lassend. Wenn ich ihn je in
vergangenen Jahren, wie er sich ausdrückte, unter seiner Hecke seinen Gedanken,
Gefühlen, Stimmungen, kurz, sich selber allein als eigenster Austrägalinstanz
anbefohlen hatte, so zahlte er mir das heute mit tausendfachen Zinsen zurück und
liess mich ihm nachgucken in die Nacht hinein, wie selten einem Menschen
nachgeguckt worden ist.
    Nun war ich unter meiner Hecke, in meinem heimatlichen Absteigequartier
allein und hatte die Nacht vor mir, um zu überlegen, was ich den Tag über erlebt
hatte. Als aber die Morgensonne mir ins Fenster und auf die Bettdecke schien und
ich das Fazit von Wachen und Traum zog, fand ich, dass ich mich sonderbarerweise
eigentlich nur mit Frau Valentine Schaumann, geborener Quakatz, und
verhältnismässig recht wenig mit Kienbaum, Störzer, dem Papa Quakatz und mit
Stopfkuchen beschäftigt hatte.
    Die Gute! Die Arme und Gute! ...
    Und konnte man es Stopfkuchen verdenken, dass er um sie und ihre Rote
Schanze, um deren Behaglichkeit willen, endlich auch die irdisch Gerechtigkeit
als das Gleichgültigere, das weniger in Betracht Kommende angesehen hatte? So
wahrscheinlich bald nach Mitternacht hatte ich mich ganz in des Dicken Stelle,
das heisst seine Haut versetzt, das heisst war in dieselbe hineinversetzt worden.
Ich war zu seinem Leibesumfang angeschwollen und hatte mich auf die Höhe seiner
behaglichen Weltverachtung erhoben und hatte gesagt: »Dem dürren Afrikaner,
diesem Eduard, wollen wir nun doch einmal aus dem alten Neste heraus imponieren
und ihm beweisen, dass man auch von der Roten Schanze aus aller
Philisterweltanschauung den Fuss auf den Kopf setzen kann. Dem wollen wir einmal
zeigen, wie Zeit und Ewigkeit sich einem gestalten können, den man jung allein
unter der Hecke liegenlässt und der da liegenbleibt und, um die Seele
auszufüllen, nach Tinchen Quakatz sucht und, um den Leib bei Rundung zu
erhalten, die Rote Schanze erobert und in Mussestunden von letzterer aus auch den
gestern vergangenen Tag als wie einen seit Jahrtausenden begrabenen
Mammutsknochen aufgräbt.«
    Da überlegte ich mir in dieser Nacht, erst ausserhalb des Wirtshausbettes und
dann in demselben, den mir eben vergangenen Tag noch einmal von Stunde zu
Stunde, von Wort zu Wort. Und mehr und mehr kam mir wieder zum vollen Bewusstsein
der alte ganz richtige Satz vom zureichenden Grunde, wie ihn der alte Wolff hat:
»Nihil est sine ratione, cur potius sit quam non sit«, und wie es der
Frankfurter Buddha übersetzt: »Nichts ist ohne Grund, warum es sei.« - Wie mich
der Levaillant, übersetzt von Johann Reinhold Forster, in der Bibliotek des
Landbriefträgers Störzer zu den Buren in Pretoria gebracht hatte, so hatte der
Steinwurf aus Störzers Hand nach Kienbaums Kopfe den Freund zu Tinchen Quakatz
geführt und ihn zum Herrn der Roten Schanze gemacht. Und so, wenn Kienbaum nicht
Kienbaum, wenn Störzer nicht Störzer, wenn Stopfkuchen nicht Stopfkuchen und
Tinchen nicht Tinchen gewesen wären, so wäre auch ich nicht ich gewesen und
hätte gegen Morgen über dieser Mordgeschichte in den ruhigsten Schlaf versinken
und daraus erwachen können mit den beruhigenden Gedanken an das »afrikanische
Rittergut« und an mein Weib und meine Kinder daheim.
    »Nun, die Sache hat sich ja noch ganz erträglich gemacht.«
    Fertig war ich freilich noch nicht mit ihr, der Sache nämlich. Das sollte
ich sofort von dem Gesicht des Kellners ablesen, als ich die Zimmerglocke
gezogen hatte und der Jüngling mich erst eine geraume Weile angaffte, ehe er
meinen Wunsch nach frischem und nach warmem Wasser begriff. Und schon erschien
Freund Sichert, der Wirt, selber hinter ihm und starrte mich gleichfalls an und
rief:
    »Aber, Herr, ist es denn möglich? Ich bitte tausendmal um Entschuldigung,
aber Sie sind ja der erste aus der Stadt, der's ganz genau von Herrn Schaumann
vernommen hat, wie es eigentlich gewesen ist! Und es sind auch schon einige von
Ihren verehrten Herren Bekannten unten im Speisesaal gewesen und haben sich
erkundigt, ob Sie noch nicht auf seien und ob es sich denn wirklich so verhalte
mit Kienbaum und mit Störzer.«
    »Nun ja, lieber Sichert. Es wird es ja wohl.«
    »Es ist doch nicht möglich! Ein Teil der Stadt ist ja freilich schon gestern
abend, gestern nacht vom Goldenen Arm aus darüber in die grösste Aufregung
geraten. Leider waren Sie bereits zur Ruhe gegangen, als die Überraschung auch
noch zu mir drang, und ich nahm mir die Freiheit nicht -«
    »Mich zu wecken und sofort um die genaueste Auskunft anzugehen. Ich danke
Ihnen verbindlichst, lieber -«
    »Aber, mein Gott, Sie verzeihen, bester, verehrtester Herr, Sie sind doch
auch ein Stadtkind und gehören sozusagen noch zu uns, und womit man sich die
langen Jahre so schwer und interessiert herumgetragen hat - wenn da nun mit
einem Male eine so merkwürdige Aufklärung kommt! ... Und dieser alte Störzer! Es
hielt ihn ja keiner für mehr als für einen guten, unschädlichen alten Mann und
Hammel! Und heute morgen begraben sie ihn, dem Arme der irdischen Gerechtigkeit
vollständig entzogen! Und unser verehrter Herr Schaumann von der Roten Schanze,
der doch schon längst so viel zur völligen Aufklärung hätte tun können, der so
viel dazu hätte tun können -«
    »Uns noch eine letzte angenehm-unheimliche Aufregung zu verschaffen. Ne, ne,
lieber Sichert, dazu war er eben zu dick, zu unbeholfen, zu schwerfällig, oder
wie Sie es sonst nennen wollen. Auch wohl ein wenig zu gutmütig und für seine
Bequemlichkeit besorgt. Und dann - na, dann war es ja doch auch eine so alte
Geschichte, eine so verjährte Sache, die im Grunde ja niemand mehr was anging
als vielleicht noch ein wenig seine Frau - Herrn Schaumanns Frau, eine geborene
Quakatz. Ja, weshalb sollten die beiden, und noch dazu von ihrer jetzigen ganz
sichern Schanze aus, um den alten, guten Störzer die hohe Justiz bemühen, ihr
auf die Sprünge helfen, um sie eigentlich doch nur dadurch zu beschämen?
Überlegen Sie das einmal.«
    »Ich kann es doch nicht fassen!« seufzte mein Herr Wirt und ging
kopfschüttelnd und durchaus nicht befriedigt von mir. Ich aber fasste mich an die
Stirn: Du lieber Himmel, wie sehr hatte Stopfkuchen recht! Schon was ich jetzt
über mich nur kommen sah, genügte vollständig, um mich nunmehr ganz in seine
Situation während der Zeit nach seinem plötzlichen Aufmerken an dem schönen
Sommermorgen beim Begräbnis seines Schwiegervaters zu versetzen. Sofort aber
folgte auch die Überlegung: Und nun kannst auch du mit ausbaden, was der Dicke
hinter aufgezogener Zugbrücke der Welt so lange als möglich so schnöde als
möglich vorentalten hat! Und der Feistling ist auch jetzt noch imstande, seine
Schanze um sich und sein Weib herum noch mehr in Verteidigungszustand zu setzen,
die Bulldoggen, Fleischer-und Schäferhunde, die giftigen Spitze, kurz, alle die
bissigen Wächter seines seligen Schwiegervaters wieder aus der Gruft zu
beschwören und dir, Eduard, es ganz allein zu überlassen, die Sache
Störzer-Kienbaum gegen die Menschheit auszutragen!
    Dass der Mensch trotz seiner einladenden Worte noch einen zweiten Besuch von
mir erwartete, glaubte ich nicht mehr. Und ich habe es schon gesagt: die Rote
Schanze war der letzte Ort der Heimat, dem ich noch einen Besuch schuldig
gewesen war. Geschäfte hatte ich nicht mehr zu Hause. Alle lieben und alle
schlimmen Erinnerungen hatte ich von neuem geweckt und konnte sie aufgefrischt
mit nach Kaffraria nehmen. Wenn ich durchging vor den Manen Kienbaums, liess ich
kaum ein Bedauern, sondern nur höchstens eine kurzlebige Verwunderung über den
raschen Aufbruch hinter mir zurück. Es war niemand von beiden Geschlechtern
vorhanden, der mir den Rock zerrissen haben würde bei dem Versuche, mich
»wenigstens noch ein paar Tage« zurückzuhalten.
    Wie wäre es denn, wenn du den Kopf aus der Geschichte zögest, Eduard, und
dein Teil daran sofort mit auf das Schiff nähmest? Mit dem Wort oder vielmehr
Gedanken stand ich bereits nicht mehr auf dem festen Boden des Vaterlandes, ich
stand wieder auf meinen Seebeinen, auf den beweglichen Planken über dem grossen
Gewoge des Ozeans, und es blies mir ein sehr erfrischender Meerwind ins Gesicht.
    »Ich gehe!« sagte ich, und - ich ging wirklich und wahrhaftig. Stille
Vorwürfe liess ich dabei ausser acht, und für laute war ich ja immer noch in
Afrika zu finden und hätte da gern jedem Rechenschaft abgelegt, das heisst ihm
dies mein Schiffstagebuch zu lesen gegeben.
    Übrigens kostete es doch einige List und Mühe, bloss die Heiligen Drei Könige
unverhindert hinter sich zu lassen. Nur durch etwas, was einer Bestechung recht
ähnlich sah, gelang es mir, meine Rechnung sogleich und hinterm Rücken meines
Herrn Wirtes zu erhalten. Es kostete mich Geld, aber ich fand einen
dienstwilligen Geist, der mich des Hotelwagens überhob und mir mein Gepäck ganz
verstohlen auf einem Schubkarren zum Bahnhof beförderte. Ich verkleidete mich
nicht, ich schlug mir nicht den Teatermantel um die Ohren und zog den
Schlapphut über die Nase herab; aber ich verzog mich auch nicht auf dem offenen,
gradesten Wege, sondern entschlüpfte durch die Hinterpforte und den Hausgarten
der Heiligen Drei Könige. Aus dem Garten brachte mich ein zweites Pförtchen in
einen mir aus der Kinderzeit wohlbekannten, gottlob noch vorhandenen engen Pfad
zwischen andern Gärten, Stallungen und sonstigen Hintergebäuden. Hätte ich
Kienbaum totgeschlagen und wären mir die Häscher auf den Fersen gewesen, ich
hätte nicht behutsamer verduften können: und ich pries es jetzt als ein wahres
Glück für mich, dass sich in der Stadt doch verhältnismässig wenig während meiner
letzten Abwesenheit verändert hatte und ich mit dem alten Haus- und Ortssinn
auch auf den weniger begangenen Wegen auskam.
    Es war gegen neun Uhr, als ich nicht durch die Stadt, sondern um sie herum
hinter den Gärten zum Bahnhof wanderte. Dass dieser Weg durch das Mattäiviertel
führte, hatte ich bei meinem Wunsche, die Hauptstrassen zu vermeiden, nicht mit
in Betracht gezogen und mich also nicht zu sehr zu verwundern über das Getümmel,
in welches ich trotz aller augenblicklichen vorsichtigen Menschenscheu geriet.
    Es wäre übertrieben, wenn ich sagen wollte, dass die halbe Stadt auf den
Beinen war, um dem Begräbnis des Landbriefträgers Störzer mit anzuwohnen: aber
ein gut Teil der Bevölkerung war doch versammelt in den Gassen und Gässchen um
seine Behausung her. Und darunter nicht bloss Fräulein Eyweiss mit ihrer
Brunnenkruke, sondern auch mehrere Bekannte aus dem Brummersumm.
    Dass man dastehe und auf den Zug warte, um dem Alten mit ein ehrenvolles
Geleit zu seinem Grabe zu geben, äusserte niemand. Aber jedermann hatte gewiss das
Recht, seiner Morgenbequemlichkeit oder seinen Geschäften ein paar Augenblicke
abzuzwacken, um jetzt, im letzten Augenblick, einen Blick auf die schwarze Truhe
zu werfen, die den augenblicklich merkwürdigsten Menschen, nicht bloss der Stadt,
sondern auch der Umgegend auf weitin, barg. Sie wollten alle den guten, alten,
dummen Kerl, diesen alten Störzer, der in seinen
vierundfünfzigtausendeinhundertvierundsechzig Amts-Gehstunden mit seinem
schweren Gewissen fünfmal um die Erde herumgewesen war und der die ganze Stadt
von oben bis unten so lange, lange Jahre hatte reden lassen, ohne ein Wort zu
sagen - sie wollten ihn, Kienbaums Mörder, ihn oder wenigstens seinen Sarg doch
noch einmal sehen!
    Und schon bekam ich einen freundschaftlichen Schlag auf die Schulter.
    »Je, Eduard! Du musstest freilich vom Kap der Guten Hoffnung mal nach Hause
kommen, um uns hier diese Überraschung mit zu bereiten. Wir haben es gestern
abend im Arm schon ziemlich zueinander gebracht, wie ihr - du und Schaumann -
gestern auf der Roten Schanze euren Gefühlen Luft gemacht haben werdet. Das war
aber vortrefflich von dir, dass du dem Dicken endlich zu einer mitteilsamen,
redefreudigen Stimmung verholfen hast. Dieser Stopfkuchen! Ja, so ist er immer
gewesen! Jaja, du musstest erst kommen, dass es so kommen konnte! Ohne dich,
Eduard, hätten wir noch lange drauf warten können, zu erfahren, wer eigentlich
Kienbaum totgeschlagen habe. Und dieser alte Störzer: man weiss wirklich nicht,
ob die Geschichte durch ihn unheimlicher oder sozusagen ganz gemütlich wird.
Aber wie gesagt, hauptsächlich: was sagst du zu Stopfkuchen? Ist er nicht
göttlich? Ist er nicht immer noch ganz der alte?«
    »Ganz der alte. So leicht verändern wir uns nicht. Aber du Verzeihst: geht
deine Uhr richtig?«
    Der Freund sah nach ihr:
    »Auf die Minute. In zehn Minuten halb zehn.«
    »Dann hab ich keinen Augenblick mehr zu versäumen. Der Zug nach Hamburg
fährt in zwanzig Minuten ab!«
    »Du reisest nach Hamburg?«
    »Und ein wenig weiter. Ich reise ab nach Afrika. Es freut mich sehr, dass ich
dich eben noch getroffen habe, um auch dir für diesmal aufs herzlichste Lebewohl
zu sagen.«
    »Aber Eduard! Eduard, du scherzest! Wie kommt denn das so rasch, so
plötzlich?«
    Glücklicherweise kam in diesem Augenblick der kümmerliche, ärmliche
Leichenzug um die Ecke und überhob mich der Antwort. Der so wunderlich aller
irdischen Sühne entschlüpfte Totschläger ging dem Freunde doch noch mehr über
allen Spass als wie meine plötzliche Abreise. Das Schauspiel fesselte so sehr
seine ganze Aufmerksamkeit, dass ich gleichfalls entschlüpfen konnte, nachdem
auch ich dem Sarge meines ältesten Freundes in der Stadt noch einen letzten
kurzen Blick hatte schenken können.
    Dieser arme Sarg - jetzt mit einem Gefolge, das nur aus einer Frau mit einem
Kinde auf dem Arm und einem an der Schürze bestand! ...
    Sie hatten alle das Geleit verweigert, die sonst wohl dazu gehört haben
würden. Auch die Kaiserliche Post hatte es nicht mehr für schicklich erachtet,
ihre niedern Bediensteten dem alten Weltwanderer, dem guten Beamten, aber sehr
verstohlenen Mordgesellen hinterdreinzuschicken; und sie war ganz gewiss dabei
nicht im Unrecht, sie hatte volkommen recht.
    »Nun, er hat es sich und dem unglücklichen Frauenzimmer ja schon gestern
abend versprochen, hier an Kinder und Enkel zu denken«, sagte ich, den Bahnhof
erreichend. Es ging grade ein früher Vergnügungszug südwärts durch, und es
wimmelte von lustigen Fahrgästen mit grünen Zweigen an den Hüten, Liederbüchern
in den Taschen, Futterkobern und -körben und allem, was sonst zu solchem
beschwerdenschwangern Ausflug aus dem Alltage heraus gehört: ich hätte in kein
richtigeres Getümmel für meine Stimmung hineingeraten können. So war die Welt!
    Mit einiger Mühe gelangte ich in den nach dem Norden abgehenden Zug; aber es
war keine unliebe Mühe, und ein Kind habe ich dabei nicht über den Haufen
gerannt, auch keinem Weibe durch einen übereiligen Ellbogenstoss den Ausruf »O
mein Gott!« entlockt. Aber mich fest hinsetzend in, gottlob, der Wagenecke,
seufzte ich:
    »So, Stopfkuchen!«... und fügte erst nach einer Weile hinzu: »Ja, im Grunde
läuft es doch auf ein und dasselbe hinaus, ob man unter der Hecke liegenbleibt
und das Abenteuer der Welt an sich herankommen lässt oder ob man sich von seinem
guten Freunde Fritz Störzer und dessen altem Levaillant und Johann Reinhold
Forster hinausschicken lässt, um es draussen auf den Wassern und in den Wüsten
aufzusuchen!«
    Ein schriller Pfiff, ein Zischen, ein Schnaufen und Schnauben, ein immer
beschleunigteres Atemholen und Ächzen, und die Heimatstadt mit allem geistigen
und körperlichen eisernen Bestand des Menschen, mit Lebendem und Totem, mit
Vater und Mutter, Onkel und Tante, mit Freunden, Schulmeistern, guten und bösen
Kneipgesellen, mit Kirche und Markt lag wieder hinter mir. Und der Brummersumm,
der Goldene Arm und die Heiligen Drei Könige und - Stopfkuchen auch.
    Nein, der letztere doch nicht. Dafür zog sich doch mein ganzer Aufentalt in
der Heimat jetzt zu sehr um seine dicke Person zusammen seit dem gestrigen Tage.
Sie konnten auch daheim, ohne sich unter ihren Hecken wegzurühren, was erleben
und es in wundervoll erleuchteter, in lichter Seele zum Austrag bringen.
    Die Menschheit hatte immer noch die Macht, sich aus dem Fett, der Ruhe, der
Stille heraus dem sehnigsten, hageren, fahrigen Kouquistadorentum gegenüber zur
Geltung zu bringen. Heinrich Schaumann, genannt Stopfkuchen, hatte dieses mir
gegenüber gründlich besorgt. Ich fuhr wahrlich nicht ab und vorbei, ohne nach
seiner Schanze auszusehen von meinem Eilzuge.
    Andertalb Eisenbahnminuten von der Stadt führte ja die Bahn unter der Roten
Schanze hin, und man hatte einen Augenblick lang einen recht guten Überblick
über den Kriegsmaulwurfshaufen Seiner Hoheit des Herrn Grafen von der Lausitz,
Prinz Xaver von Sachsen. Wallböschung, Baumwuchs und Hausdach hoben sich scharf
und klar ab vom blauen Sommermorgenhimmel, und mit schärfster, wunderlich
wehmütiger und vergnüglicher Aufmerksamkeit wartete ich auf das Vorbeifliegen
und das Abschiednehmen im Vorbeifliegen.
    Und ich erfasste alles nach Wunsch genau. Es waren nur zwei helle Pünktchen,
aber sie waren da in der sonnenhellen, grüngoldnen Heimatslandschaft. Er stand
auf seinem Wall in seinem Sommerschlafrock und hatte sein Tinchen bei sich -
ebenso sicher wie seine lange Philisterpfeife. Sicherlich auch hatte seine Frau
ihren Arm in den seinigen geschoben, und wenn sie nun endlich auch wusste, wer
Kienbaum totgeschlagen habe, so wartete sie doch im vollen Verlass auf ihren
Heinrich das Anspülen jener Welt draussen ab, die gestern abend ebenfalls
erfahren hatte, wer Kienbaum totgeschlagen habe. Sie genossen trotz allem, was
ihnen aus der letztern Tatsache aufwuchs, den schönen Morgen. Es lagen da jetzt
zwei, die man vordem hatte abseits liegenlassen, unter der Hecke und blieben nun
ruhig liegen, was auch die Welt, die Welt da draussen, zu ihrer unbegreiflichen
Indolenz sagen mochte.
    O dieser Stopfkuchen!
    Hätte er eine Ahnung davon gehabt, dass sein »guter Freund Eduard« da unten
an ihm vorbeifahre, so würde er sicherlich seine Pfeife in die Luft erhoben und
seine Hauskappe geschwenkt haben. Und dann würde auch Frau Valentine
Stopfkuchen, geborene Quakatz, ihr Taschentuch haben wehen lassen. Die aber
würde vielleicht dazu gesagt haben:
    »Das ist doch aber eigentlich unbegreiflich von ihm!«
    Was mein dicker Freund Heinrich Schaumann anderes als »Hm!« hätte erwidern
können, kann ich nicht sagen.
    Vorbei die Rote Schanze! Aber doch ein Glück diese Sicherheit, dass sie ruhig
liegenblieb, wo sie lag und wie sie lag, dass ich sie, wie sie war, im Gedächtnis
behalten konnte: als einen sonnenbeleuchteten Punkt im schönsten Heimatsgrün.
    Schon ersuchte mein Wagengegenüber mich höflichst, des Zuges wegen doch
lieber das Fenster auf dieser Seite zu schliessen, da der Wind von der Seite
komme und das entgegengesetzte offenstehe. Da auch die Sonne als Hitzespenderin
in das betreffende Fenster schien, kam ich gern dem Wunsch der Dame nach. Ich
zog die Scheibe herauf und die blauen Vorhänge zusammen, und ich kann es nicht
leugnen, dass mir die blaue Dämmerung ganz wohl tat nach dem
kurz-scharf-angestrengten Ausschauen in den scharf hellen Morgen hinein mit
seinem blendenden Gelb und Grün und den beiden winzigen Figürchen auf dem Walle
der Roten Schanze - nach dem letzten Ausgucken nach dem guten dicken Freunde und
der lieben, guten Freundin Valentine Schaumann in der Jugendheimat! So etwas von
Kohlenstaub aus der Lokomotive war mir so schon ins rechte Auge geweht.
    Aber noch etwas will ich nicht leugnen: nämlich, dass mich das blaue Licht
oder die lichtblaue Dämmerung, in der ich bei der Abfahrt von der Heimat die
Augen schloss, um mich erst wieder an die rechte Beleuchtung zu gewöhnen, trotz
dieser Gewöhnung dennoch bis Hamburg, bis auf das Schiff - bis in diese Stunde
begleitet hat. Vernünftige Leute werden wohl sagen: »Ja, worauf fällt der Mensch
nicht, um sich bei günstiger Fahrt und auf fast zu ruhiger See die Zeit zu
vertreiben? Na, das ist eben Geschmackssache, nach was für einem Auskunftsmittel
man in der Langenweile greift.«
    Ganz etwas Ähnliches sagte der Kapitän, der eben herunterkam und meinte:
»Wissen Sie wohl, lieber Herr, dass Sie das einzige Merkwürdige sind, was ich auf
dieser Fahrt erlebt habe? Etwas von schlechtem Wetter kommt doch immer vor, aber
diesmal nicht das geringste; denn den squall von neulich rechnen Sie wohl selber
nicht. Da oben fangen wir jetzt an, nach dem Tafelberg auszugucken, aber, zum
Henker, Herr, mir wäre es doch jetzt die Hauptsache, wenn Sie mich mal sehen
liessen, was Sie diesen ganzen Monat hier auf meinem Schiff zusammengeschrieben
haben.«
    »Es würde Sie wirklich wenig interessieren, Kapitän. Die reine Privatsache!«
sagte ich und klappte das Manuskript zu.
Als ich dann auch auf Deck stieg, um mit den anderen den Tafelberg aus dem Meer
aufsteigen zu sehen, und als wirklich ein blaues Wölkchen am Horizont vom
Schiffsvolk für den berühmten Berg erklärt wurde, musste ich mich doch an die
Stirn greifen und fragen:
    »Eduard, wie ist denn das? Du bist wieder hier?« - - -
    Es dauerte noch andertalb Tage, ehe wir landen konnten, und während dieser
Zeit wanderte ich noch recht oft auf der Landstrasse der Heimat mit dem
Landbriefträger Störzer und hörte den mit sonderbaren Seitenblicken auf die Rote
Schanze vom Levaillant und von dem Innern Südafrikas erzählen zu aller
froh-unruhigen Gewissheit: nun hängt bald dein Weib wieder an deinem Halse und
dazu deine doppelschlächtige deutschholländische Brut dir an den Rockschössen.
    »Vader, wat hebt gij uns mitgebracht uit het Vaderland, aus dem
Deutschland?«
 
    