
        
                                Teodor Fontane
                                     Stine
                                  Erstes Kapitel
In der Invalidenstrasse sah es aus wie gewöhnlich: die Pferdebahnwagen
klingelten, und die Maschinenarbeiter gingen zu Mittag, und wer durchaus was
Merkwürdiges hätte finden wollen, hätte nichts anderes auskundschaften können,
als dass in Nummer 98e die Fenster der ersten Etage - trotzdem nicht Ostern und
nicht Pfingsten und nicht einmal Sonnabend war - mit einer Art Bravour geputzt
wurden.
    Und nicht zu glauben, diese Merkwürdigkeit ward auch wirklich bemerkt, und
die schräg gegenüber an der Scharnhorststrassen-Ecke wohnende alte Lierschen
brummelte vor sich hin: »Ich weiss nich, was der Pittelkown wieder einfällt. Aber
sie kehrt sich an nichts. Un was ihre Schwester is, die Stine, mit ihrem
Stübeken oben bei Polzins un ihren Sep'ratschlüssel, dass keiner was merkt, na,
die wird grad ebenso. Schlimm genug. Aber die Pittelkown is schuld dran. Wie sie
man bloss wieder da steht und rackscht und rabatscht! Und wenn es noch Abend wär,
aber am hellen, lichten Mittag, wo Borsig und Schwarzkoppen seine grade die
Strasse runterkommen. Is doch wahrhaftig, als ob alles Mannsvolk nach ihr
raufkucken soll; 'ne Sünd und 'ne Schand.«
    So brummelte die Lierschen vor sich hin, und so wenig freundlich ihre
Betrachtungen waren, so waren sie doch nicht ganz ohne Grund; denn oben auf dem
Fensterbrett und kniehoch aufgeschürzt stand eine schöne, schwarze Frauensperson
mit einem koketten und wohlgepflegten Wellenscheitel und wusch und rieb, einen
Lederlappen in der Hand, die Scheiben der einen Fensterseite, während sie den
linken Arm, um sich besser zu stützen, über das andere Querholz gelegt hatte.
Mitunter gönnte sie sich einen Stillstand in der Arbeit und sah dann auf die
Strasse hinunter, wo jenseits des Pferdebahngeleises ein dreirädriger, beinahe
eleganter Kinderwagen in greller Mittagssonne hielt. Dem im Wagen sitzenden,
allem Anscheine nach überaus ungebärdigen Kinde, das ganz aristokratisch in
weisse Spitzen gekleidet war, war ein zehnjähriges Mädchen zur Aufsicht
beigegeben, das, als alles Bitten und Zureden nichts helfen wollte, dem
Schreihals einen tüchtigen Klaps gab. Im selben Augenblick aber schielte die
Zehnjährige, die diesen Erziehungsakt gewagt hatte, scheu nach dem Fenster
hinauf, und richtig, es war alles von drüben her gesehen worden, und die schöne,
schwarze Person, die »klapsen und erziehn« durchaus als ihre Sache betrachtete,
drohte sofort mit dem Lederlappen nach der auf ihrem Übergriff Ertappten
hinüber. Auch schien ein Zornausbruch in Worten trotz der weiten Entfernung
folgen zu sollen; aber ein befreundeter Briefbote, der gerade die Strasse
heraufkam, hielt einen Brief in die Höh, zum Zeichen, dass er ihr etwas bringe.
Sie verstand es auch so, stieg sofort vom Fensterbrett auf einen nebenstehenden
Stuhl und verschwand im Hintergrunde des Zimmers, um den Brief draussen auf dem
Korridor in Empfang zu nehmen. Eine Minute später kam sie zurück und setzte sich
ins Licht, um bequemer lesen zu können. Aber was sie da las, schien ihr mehr
Ärger als Freude zu machen, denn ihre Stirn legte sich sofort in ein paar
Verdriesslichkeitsfalten, und den Mund aufwerfend, sagte sie spöttisch: »Alter
Ekel. Immer verquer.« Aber sie war keine Person, sich irgendwas auf lange zu
Herzen zu nehmen, und so lehnte sie sich, den Brief immer noch in der Hand
haltend, weit über die Fensterbrüstung hinaus und rief mit jener enrhümierten
Altstimme, wie sie den unteren Volksklassen unserer Hauptstadt nicht gerade zum
Vorteil eigen ist, über die Strasse hin: »Olga!«
    »Was denn, Mutter?«
    »Was denn, Mutter! Dumme Jöre! Wenn ich dir rufe, kommste. Verstehste?«
    Ein mit einem alten Dampfkessel bepackter Lastwagen, der dröhnend und
schütternd gerade des Weges kam, hinderte die unverzügliche Ausführung des
Befehls; kaum aber, dass der Rollwagen vorüber war, so nahm Olga den Stossgriff
des Kinderwagens in die Hand und fuhr, quer über den Damm hin, auf das Haus zu
und mit einem Ruck in den Hausflur hinein. Hier nahm sie das Kind heraus und
ging, während sie den Wagen zunächst unten stehenliess, treppauf in die Wohnung
der Mutter.
    Diese hatte sich mittlerweile beruhigt, die Stirnfalte war fort, und Olga
bei der Hand nehmend, sagte sie mit jenem Übermass von Vertraulichkeit, das
gewöhnliche Leute gerade bei Behandlung intimster Dinge zu zeigen pflegen:
»Olga, der Olle kommt heute wieder. Immer wenn's nich passt, is er da. Grad als
wollt er mir ein'n Tort antun. Ja, so is er. Na, es hilft nu nich und, Gott sei
Dank, vor achten kommt er nich. Und nun gehst du zu Wanda und sagst ihr... Ne,
lass man... Bestellen kannst du's doch nich, es is zu lang zum Bestellen... Ich
werd dir lieber einen Zettel schreiben.«
    Und mit diesen Worten trat sie, von der Tür her, wo dies Gespräch
stattgefunden, an einen überaus eleganten und um eben deshalb zu Haus und
Wohnung wenig passenden Rokokoschreibtisch heran, auf dem eine fast noch mehr
überraschende ledergepresste Schreibmappe lag. In dieser Mappe begann jetzt die
noch immer hochaufgeschürzte Frau nach einem Stück Briefpapier zu suchen,
anfangs ziemlich ruhig, als sich aber, nach dreimaligem Durchblättern der roten
Löschpapierbogen, immer noch nichts gefunden hatte, brach ihre schlechte Laune
wieder los und richtete sich, wie gewöhnlich, gegen Olga: »Hast es wieder
weggenommen un Puppen ausgeschnitten.«
    »Nein, Mutter, wahr un wahrhaftig nich; ich kann es dir zuschwören.«
    »Ach, geh mir mit dein ewiges Geschwöre. Haste denn gar nichts?«
    »Ja, mein Schreibebuch.«
    Und Olga lief, so rasch es ging, in das Neben- und Hinterzimmer und kam dann
mit einem blauen Schreibehefte zurück. Die Mutter riss ohne weiteres die letzte
Seite heraus, auf deren oberster Zeile lauter »ch's« standen, und kritzelte nun
mit verhältnismässiger Schnelligkeit einen Brief fertig, faltete das Blatt
zweimal und verklebte die noch offene Stelle mit Briefmarkenstreifen, von denen
sie die gummireichsten immer mit dem Bemerken »Is besser als englisch Pflaster«
aufzuheben pflegte. »So, Olgachen. Nun gehst du zu Wanda un gibst ihr das. Und
wenn sie nich da is, gibst du's an den alten Schlichting. Aber nich an seine
Frau un auch nich an die Flora, die kuckt immer rein un braucht nicht alles zu
wissen. Und wenn du zurückkommst, dann gehste mit zu Bolzanin ran und bestellst
'ne Torte.«
    »Was für eine?« fragte Olga, deren Gesicht sich plötzlich verklärte.
    »Appelsine... Un bezahlst sie gleich. Un wenn du sie bezahlt hast, sagste,
dass er nichts drauflegen soll, auch keine Appelsinenstücke, die doch bloss Pelle
un Steine sind... Und nun geh, Olgachen, un mach flink, und wenn du wieder da
bist, kannst du dir drüben bei Marzahn auch für 'n Sechser Gerstenbonbons
kaufen.«
 
                                Zweites Kapitel
Olga säumte nicht und ging in die Hinterstube, um hier ihr rot und schwarz
kariertes Umschlagetuch zu holen, das, neben einem etwas verschlissenen
Schnurrenhut, ihr gewöhnliches Strassenkostüm bildete. Witwe Pittelkow in Person
aber stieg, nachdem sie das immer noch schreiende Kind in eine ganz vornehm
ausgestattete Himmelwiege gelegt und ihm eine Flasche mit Saugpfropfen in den
Mund gesteckt hatte, zwei Treppen höher zu Polzins hinauf, wo ihre Schwester
Stine Chambre garnie wohnte.
    Polzins waren gutsituierte Leute, die das mit dem Chambre garnie gar nicht
nötig gehabt hätten, aber trotzdem, aus purem Geiz, alles vermieteten, oder doch
soviel wie irgend möglich, um ihrerseits frei wohnen zu können oder, wie Frau
Polzin sich ausdrückte, »für umsonst einzusitzen«. Er, Polzin, war, seiner
eigenen Angabe nach, »Teppichfabrikant« (allerdings niedrigster Observanz) und
beschränkte sich darauf, unter geflissentlicher Verachtung aller
Komplementärfarbengesetze, schmale, kaum fingerbreite Tuchstreifen wie Stroh
oder Binsen nebeneinanderzuflechten und dies Geflecht als »Polzinsche Teppiche«
zu verkaufen. »Sehen Sie«, so schloss jedes seiner Geschäftsgespräche, »solch
Polzinscher« (er behandelte sich dabei ganz als historische Person) »wird nie
alle; wenn eine Stelle weggetreten is oder der Esstisch mit seinem Rollfuss ein
Loch eingerissen hat, nehm ich ein paar alte Streifen raus un setz ein paar neue
rein, un alles is wieder propper un fix un fertig. Sehen Sie, so sind die
Polzinschen. Aber wenn der Smyrnaer ein Loch hat, dann hat er's, und da hilft
kein Gott nich.«
    Polzin, wie sich aus diesem Redestück ergibt, neigte zu philosophischer
Betrachtung; ein Zug, der durch das zweite Metier, das er betrieb, noch eine
ganz erhebliche Stärkung erfuhr. Während der Abendstunden nämlich war er bei
sich bietenden Gelegenheiten auch noch Lohndiener und wegen seiner Vorsicht und
Geschicklichkeit beim Präsentieren in dem zwischen Invaliden- und Chausseestrasse
gelegenen Stadtteil allgemein beliebt, was Frau Polzin in ihren Gesprächen mit
der Pittelkow immer wieder betonte: »Sehn Sie, liebe Pittelkow, mein Mann is ein
ordentlicher und manierlicher Mensch, der, weil wir selber ganz klein angefangen
haben, am besten weiss, dass es nich jeder zum Wegschmeissen hat. Un sehn Sie,
danach präsentiert er auch, und Saucieren, die nich feststehn und immer hin und
her rutschen, die nimmt er gar nich. Und wenn Polzin schon eine einzige
Plüschtaille verdorben hat, so will ich sterben. Und ebenso galant und
manierlich is er auch bei 's Mitnehmen. Er is mein Mann, aber das muss ich sagen,
er hat was Feines un Bescheidenes un überhaupt so was, was die andern nich
haben. Ja, das muss ich ihm lassen. Und da reichen nich hundert Mal, dass er mir
gesagt hat: Emile, heut hab ich mir mal wieder über meine Kollegen geschämt.
Natürlich war es wieder der mit 'n Plattfuss aus der Charitéstrasse. Glaubst du,
dass er sich auch bloss geniert und ein ganz klein bisschen für Schein und Anstand
gesorgt hätte? I, Gott bewahre. Ganz dreiste weg, als ob er sagen wollte: ja,
meine Herrschaften, da steht der Rotwein, un nu nehm ich ihn mit nach Hause.«
So waren die Polzins, an deren Flurtür, trotz einer daneben befindlichen
Klingel, die Pittelkow jetzt klopfte, zum Zeichen (so hatte man abgemacht), dass
es bloss »Freundschaft« sei, was zu Besuch käme. Und gleich danach erschien denn
auch Frau Polzin und öffnete.
    Die nur drei Stuben zählende Polzinsche Wohnung erfreute sich des Vorzugs
eines Korridors, der aber freilich nicht grösser war als ein aufgeklappter
Spieltisch und augenscheinlich nur den Zweck hatte, drei auf ihn ausmündende
Türen zu zeigen, von denen die links gelegene zu der verwitweten Privatsekretär
Kahlbaum, die mittlere zu Polzins selbst, die rechts gelegene zu Stine führte.
Diese hatte das beste Zimmer der Wohnung, hell und freundlich, mit dem Blick auf
die Strasse, während sich die Kahlbaum mit etwas Beleuchtung vom Hof her und die
Polzinschen Eheleute mit einem schrägen Dachlicht begnügen mussten, das, wie bei
photographischen Ateliers, von oben her einfiel.
    »Liebe Polzin«, sagte die Pittelkow, als beide Frauen sich oberflächlich
begrüsst hatten, »es riecht wieder so sehr nach Petroleum bei Ihnen. Warum nehmen
Sie nich Coaks? Sie werden sich mit Ihrem ewigen Petroleumkocher noch alle
Mieter aus der Wohnung kochen. Und Ihr lieber Mann! Was sagt denn der eigentlich
dazu? Der muss doch nachgerade bei Puten un Fasanen eine feine Nase gekriegt
haben. Und ich weiss nicht, wenn ich ein herrschaftlicher Lohndiener wäre, so was
litt' ich nich. In Gesellschaften immer was Delikats un zu Hause so. Na,
meinetwegen. Is denn Stine drin?«
    »Ich denke doch, ich habe sie nicht weggehen hören. Und denn wissen Sie ja,
liebe Pittelkow, wir sehen nichts un hören nichts.«
    »Versteht sich, versteht sich«, lachte die Pittelkow, »sehen nichts un hören
nichts. Und das ist auch immer das beste.«
Sehr wahrscheinlich, dass sich dies Gespräch noch fortgesetzt hätte, wenn nicht
in eben diesem Augenblick die Tür von rechts her aufgemacht und Stine
herausgetreten wäre.
    »Jott, Stine«, sagte die Pittelkow mit einem Ausdruck von Freude. »Na, das
ist recht, Kind. Ein Glück, dass du da bist. Du musst heute noch runterkommen un
helfen.«
    Unter diesen Worten waren die Schwestern, während sich Frau Polzin artig,
aber grienend zurückzog, in Stines Zimmer eingetreten und auf ein paar kleine
Stühle zugegangen, die zu beiden Seiten des Fensters auf einem Trittbrett
standen. Draussen am Fenster aber war ein Dreh- und Strassenspiegel angebracht,
bei dessen Anbringung der ebenso praktische wie pfiffige Polzin vor Jahr und Tag
schon zu seiner Frau gesagt hatte: »Emilie, solange der da ist, so lange
vermieten wir.«
    Die Pittelkow setzte sich gegenüber dem Drehspiegel, der denn auch heute
wieder, wie zur Bestätigung der Worte Polzins, eine Quelle herzlichen Vergnügens
für die hübsche Witwe wurde, nicht aus Eitelkeit (denn sie sah sich gar nicht),
sondern aus blosser Neugier und Spielerei. Stine, die das alles schon kannte,
lächelte vor sich hin; auch sie trug einen gewellten Scheitel, aber ihr Haar war
flachsgelb, und die Ränder der überaus freundlichen Augen zeigten sich leicht
gerötet, was, aller sonst blühenden Erscheinung und einer gewissen Ähnlichkeit
mit der Pittelkow unerachtet, doch auf eine zartere Gesundheit hinzudeuten
schien. Und so war es auch. Die brünette Witwe war das Bild einer südlichen
Schönheit, während die jüngere Schwester als Typus einer germanischen, wenn auch
freilich etwas angekränkelten Blondine gelten konnte.
    Stine sah der immer noch mit dem Spiegel beschäftigten Schwester eine Weile
zu, dann erhob sie sich, hielt ihr die Hand vor die Augen und sagte: »Nun hast
du aber genug, Pauline. Du musst doch nachgerade wissen, wie die Invalidenstrasse
aussieht.«
    »Hast recht, Kind. Aber so is der Mensch; immer das Dummste gefällt ihm un
beschäftigt ihn, un wenn ich in den Spiegel kucke und all die Menschen und
Pferde drin sehe, dann denk ich, es is doch woll anders als so mit blossen Augen.
Un ein bisschen anders is es auch. Ich glaube, der Spiegel verkleinert, un
verkleinern is fast ebensogut wie verhübschen. Aber du brauchst nicht kleiner zu
werden, Stine, du kannst so bleiben, wie du bist. Ja, wahrhaftig. Aber, warum
ich komme... Jott, man hat doch auch keine ruhige Stunde.«
    »Was is denn?«
    »Er kommt heute wieder.«
    »Nu, Pauline, das is doch kein Unglück. Bedenke doch, dass er für alles
sorgt. Und so gut, wie er ist, und gar nich so.«
    »Na, ich wollt ihm auch. Und den alten Baron bringt er auch mit, und noch
einen.«
    »Und noch einen? Wen denn?«
    »Lies.«
    Und sie reichte Stine den eben erhaltenen Brief, und diese las nun mit
halblauter Stimme: »Mein lieber schwarzer Deibel. Ich komme heute, aber nicht
allein; Papageno kommt mit und ein Neffe von mir auch; natürlich noch jung und
etwas blass. Aber bleich und blass, ei, die Weiber lieben das. Sorge nur, dass
Wanda kommt und Stine. Wein schick ich und eine Salatschüssel. Aber für alles
andre musst Du sorgen. Nichts Apartes, nichts Grosses, bloss so wie immer. Dein
Sarastro.«
    »Wer ist denn der Neffe?« fragte Stine.
    »Weiss ich nich. Wer kann alle Neffens kennen. Denkst du, dass ich mich um
seinen Stammbaum kümmere. Jott, wie mag es damit aussehen. Na, überhaupt
Stammbäume.«
    »Lass ihn das nich hören.«
    »Oh, der hört noch ganz andres. Oder denkst du, dass ich mir wegen eine
Treppe hoch mit Klavier un Diwan un wegen 'nen Schreibtisch, der immer wackelt,
weil er dünne Beine hat, ein Pechpflaster aufkleben soll? Nein, Stinechen, da
kennst du deine Schwester schlecht. Oder wegen den blassen Neffen? Ich denk ihn
mir so.« Und dabei zog sie das Gesicht in die Länge und drückte mit Daum und
Zeigefinger die beiden Backen ein.
    Stine lachte. »Ja, damit wirst du's wohl getroffen haben. Und überhaupt, ich
find es unpassend und ungebildet, dass er den jungen Menschen mitbringt. Ein
Onkel ist doch immer so was wie 'ne Respektsperson. Für sich mag er ja tun, was
er will; aber solchen jungen Menschen... ich weiss nicht, Pauline. Findst du nich
auch?«
    »Na, ob ich finde. Natürlich; erst recht. Aber, Kind, wenn wir davon erst
reden wollen, denn is kein Ende. Das is nu mal so; sie taugen alle nichts und is
auch recht gut so; wenigstens für unsereins - mit dir is es was anders - und für
alle, die so tief drinsitzen un nich aus noch ein wissen. Denn wovon soll man
denn am Ende leben?«
    »Von Arbeit.«
    »Ach Jott, Arbeit. Bist du jung, Stine. Gewiss, arbeiten is gut, un wenn ich
mir so die Ärmel aufkremple, is mir eigentlich immer am wohlsten. Aber, du weisst
ja, denn is man mal krank un elend, un Olga muss in die Schule. Wo soll man's
denn hernehmen? Ach, das is ein langes Kapitel, Stine. Na, du kommst doch? So
Klocker acht, oder lieber noch ein bisschen eh'r.«
 
                                Drittes Kapitel
Während die Pittelkow oben bei Stine war, um sich dieser für den Abend zu
versichern, ging Olga die Invalidenstrasse hinauf, um erst den Brief abzugeben
und dann auf dem Rückwege bei Konditor Bolzani die Torte zu bestellen. Es war
ihr Eile befohlen, aber sie kehrte sich nicht dran, freute sich vielmehr, eine
Stunde lang ohne mütterliche Kontrolle zu sein, und getröstete sich, »dass es
noch lange hin sei bis Abend«. An allen Läden blieb sie stehen, am längsten vor
dem Schaufenster eines Putzgeschäfts, aus dessen buntem Inhalt sie sich
abwechselnd eine rote Schärpe mit Goldfranzen und dann wieder einen braunen
Kastorhut mit Reiherfeder als Schönstes wünschte. Diesen Wunsch in Erfüllung
gehen zu sehen, war freilich wenig Aussicht vorhanden, aber es schadete nicht
viel, weil sich ihre nächste Zukunft unter allen Umständen angenehm genug
gestalten musste. Wanda, wie sie von Tante Stine her wusste, hatte meistens
Sandtorte, ja mitunter sogar Schokoladenplätzchen in ihrem Schrank, und wenn
sich beides auch nicht erfüllte, so blieben doch immer noch die Gerstenbonbons.
    Solchen Betrachtungen hingegeben, kam Olga bis an die Chausseestrasse, wo,
wie gewöhnlich in dieser kirchhofreichen Gegend, ein grosses Begräbnis die
Strassenpassage hemmte.
    Olga, weitab davon, irgendwelchen Anstoss an dieser Wegestörung zu nehmen,
wünschte ganz im Gegenteil, dieselbe so lange wie möglich andauern zu sehen, und
stellte sich, besseren Überblicks halber, auf eine vor einem Öl- und
Spiritusgeschäft angebrachte Steintreppe. Der Wagen mit dem Sarge war schon eine
Weile vorüber, so dass sie nur noch das versilberte Kreuz über einem Meer von
schwarzen Hüten hin und her schwanken sah. Kutschen fehlten im Zuge (so
wenigstens schien es), dafür aber folgten allerlei Baugewerke mit Bannern und
Musik, und während noch aus der Front her der Trauermarsch der Zimmerleute bis
weit nach rückwärts tönte, klang schon aus der Mitte des Zuges und vom
Oranienburger Tor her ein zweiter und dritter Trauermarsch herauf, so dass Olga
nicht wusste, worauf sie hören und welchem Geblase sie den Vorzug geben sollte.
Neben dem eigentlichen Gefolge drängten breite Volksmassen mit vorwärts und
liessen nur allemal eine schmale Gasse frei, wenn reitende Schutzleute von der
Queue her bis an die Spitze des Zuges und dann wieder zurücksprengten. »Wer es
nur is?« dachte Olga, in deren Herzen etwas wie Neid aufkeimte, so schön
begraben zu werden, aber soviel sie horchte, sie konnte es bei den mit ihr auf
der Steintreppe Stehenden nicht mit Bestimmteit in Erfahrung bringen. Einer
versicherte, dass es ein alter Mauerpolier, ein anderer, dass es ein reicher
Ratszimmermeister sei, während eine mit braunem Torfstaub ganz überdeckte Frau,
die der herannahende Zug sichtlich beim Abladen unterbrochen hatte, von nichts
Geringerem als von einem Minister für Maurer- und Zimmerleute wissen wollte.
»Dummes Zeug«, unterbrach sie der nebenan wohnende Budiker, »so was gibt es ja
gar nich.« Aber das Torfweib liess sich nicht stören und sagte nur: »Warum nich,
warum soll es so was nich geben?« Und so stritt man sich hin und her. Endlich
aber war der Zug vorüber, und Olga passierte nun den Damm und bog hundert
Schritte weiter abwärts in die Tieckstrasse ein.
    Nummer 27a war das dritte Haus von der Ecke: fünf Fenster Front, drei Stock
und eine kleine Mansarde. Der Wirt, ein Kupferschmied, hatte den Hof in eine
halb offene Werkstatt verwandelt, in der nun, den ganzen Tag über, auf oft
zweimannshohen Braukesseln herumgehämmert wurde, bei welchem Gedröhn und
Gehämmre Wanda ihre Rollen lernte. Es tat ihr nichts, ja sie hätte nirgends
lieber wohnen mögen, und der Kupferschmiedegeselle, der auf der obersten
Kesselrundung oft stundenlang herumritt und sich dabei in platonischer Liebe
(der einzigen, die Wanda so kleinen Leuten gestattete) verzehrte, war jedesmal
ihr guter Freund. Ihre von Glasermeister Schlichting abgemietete Wohnung lag
nämlich nach dem Hofe hinaus und hatte hier ihren eigentlichen Auf- und Eingang.
Hier befand sich denn auch ihre Klingel und ihre Karte: »Wanda Grützmacher,
Schauspielerin am Nordend-Teater.«
    Und dieses Titels durfte sie sich rühmen wie manche Berühmtere. War sie doch
ein Liebling der Bühne, die das Glück hatte, sie zu besitzen, und nicht nur ein
Liebling des Publikums, sondern auch des Direktors, der, persönlicher
Beziehungen zu geschweigen, vor allem das an ihr schätzte, dass sie, mit Ausnahme
der Gage, vollkommen prätensionslos war und alles spielte, was vorkam. »Immer
tapfer in die Bresche« war einer ihrer Lieblingssätze. Sie war überhaupt für
leben und lebenlassen, behandelte delikate Vorkommnisse von einem gewissen
höheren Standpunkt aus und hatte stereotype, dem urältesten Berliner Witzfonds
entnommene Wendungen, in denen sich ihre Stellung zum »Ideal« ausdrückte. Sie
zog dementsprechend »ein gutes Gehalt einer schlechten Behandlung vor«, und wenn
ihr bei Soupers mit Bourgeoiswitwern, einer ihr besonders sympatischen
Gesellschaftsklasse, die Speisekarte gereicht wurde, so zeigte sie mit einem ihr
kleidenden und seine Wirkung nie verfehlenden Ernst auf das rasch als Bestes und
Teuerstes Erkannte, jedesmal feierlich hinzusetzend: »Dafür lass ich mein Leben.«
    So Wanda Grützmacher, Tieckstrasse 27a.
    Olga, die sonderbarerweise noch nie Bestellungen bei der Schauspielerin zu
machen gehabt hatte, klingelte zunächst vorn bei Schlichtings, und Fräulein
Flora Schlichting erschien denn auch, halb verschlafen, an der Tür und öffnete.
    »Is Fräulein Wanda zu Haus?«
    »Zu Haus is sie; ich glaube, sie schläft. Hast du was abzugeben?«
    »Ja. Aber ich soll es ihr selber geben.«
    »I, gib man...« Und damit griff sie nach dem Brief.
    Olga zog aber energisch zurück. »Nein, ich darf nich...«
    »Na, denn komme morgen wieder.«
    Wanda, trotzdem sie nicht Wand an Wand mit der Schlichtingschen Vorderstube
wohnte, musste trotzdem von dieser Unterhaltung gehört haben, denn als eben die
Tür zugeworfen werden sollte, war sie, wie aus der Erde gewachsen, da und sagte:
»Gott, Olgachen. Was bringst du denn, Kind? Mutter is doch nich krank?« Olga
hielt ihr statt aller Antwort den Brief entgegen. »Ach, ein Brief. Na, denn komm
in meine Stube, dass ich ihn lesen kann. Hier is es ja stockduster und wahrhaftig
nicht zu merken, dass man bei 'nem Glaser wohnt.«
    dabei nahm sie das Kind bei der Hand und zog es mit sich durch die mit jedem
Schritte dunkler werdende Schlichtingsche Wohnung, bis in ihre Hinterstube
hinein. Hier musste sie lachen, als sie den sonderbaren Briefverschluss ihrer
Freundin Pauline sah; dann aber öffnete sie die verklebte Stelle mit einer aus
ihrem dicken, schwarzen Zopf genommenen Haarnadel und las nun mit sichtlicher
Freude:
    »Liebe Wanda. Er kommt heute wieder, was mir sehr verkwehr is, denn ich
mache gerade reine. Jott, ich bin so ärgerlich und bitte Dich bloss: komm. Ohne
Dir is es nichts. Stine kommt auch. Komm Klocker 8, aber nich später und behalte
lieb
                                 Deine Freundin
                                                              Pauline Pittelkow,
                                                                  geb. Rehbein.«
Wanda steckte den Brief unter die Taille, schnitt Olga ein grosses Stück von
einem in einer Fayenceterrine mit Deckel aufbewahrten altdeutschen Napfkuchen ab
und sagte dann: »Un nu grüsse Mutterchen und sag ihr, ich käme Punkt acht. Mit 'm
Schlag. Denn wir von 's Teater sind pünktlich, sonst geht es nich. Und wenn du
wiederkommst, Olgachen, so kannst du gleich die kleine Hoftreppe raufkommen,
bloss drei Stufen, da brauchst du vorn nich durch und is kein Fräulein Flora nich
da, die dich anschreit und wegschicken will. Hörst du?« Und in einer Art
Selbstgespräch setzte sie hinzu: »Gott, diese Flora; je weniger Bildung, je mehr
Einbildung. Ich begreife diese Menschen nich.«
    Olga versprach, alles zu bestellen, und eilte mit ihrem Beutestück ins
Freie. Kaum draussen, sah sie sich noch einmal um und biss dann herzhaft ein und
schmatzte vor Vergnügen. Aber schnöder Undank keimte bereits in ihrer Seele, und
während es ihr noch ganz vorzüglich schmeckte, sagte sie schon vor sich hin:
»Eigentlich is es gar kein richtiger... Ohne Rosinen... Einen mit Rosinen ess ich
lieber.«
 
                                Viertes Kapitel
Als Olga, nach Erledigung aller ihr aufgetragenen Gänge, den zu Kaufmann Marzahn
an der Ecke natürlich mit eingerechnet, wieder nach Hause kam, fand sie hier
alles verändert und Tante Stine damit beschäftigt, die rote Wollschnur der
Tüllgardinen in die messingblechenen Halter einzuhaken. Überall herrschte
Sauberkeit und Ordnung - nur in der Nebenstube war man nicht fertig geworden -,
und das einzige, was als Störung gelten konnte, war ein eben abgegebener Korb
mit Weinflaschen und eine vorläufig auf einen danebenstehenden Stuhl gesetzte
Hummermayonnaise.
    Olga berichtete, dass Wanda kommen würde, was von seiten der Pittelkow mit
sichtlicher Freude vernommen wurde. »Wenn Wanda nich da is, is es immer bloss
halb. Ich möchte mir nich alle Tage hinstellen un Prinzessin spielen; aber das
muss wahr sein, alle von 's Teater haben so was un kriegen einen Schick un
können reden. Wo's ihnen eigentlich sitzt, ich weiss es nich und am wenigsten bei
Wanda. Wanda war immer die Faulste von uns un die Klügste auch nich un liess sich
vorsagen, und ohne Lehrer Kulike... na, mit dem hatte sie's. Überhaupt, es war
'ne pfiffige Kröte, was sonst die Dicken eigentlich nich sind. Aber immer gut
und kein Neidhammel und gab immer was ab.«
    Während dieser Rede, die sich nur halb an Stine richtete, war die mitten auf
dem Sofa stehende Witwe mit Geraderückung dreier Bilder beschäftigt und trat,
als sie damit fertig war, vom Sofa her bis an die Türschwelle zurück, um von
hier aus noch einmal alles überblicken und sich von dem Gelungensein ihres
Arrangements überzeugen zu können. Wegen solcher Dinge gelobt zu werden war ihr,
bei ihrer im Grunde genommen ganz auf Wirtschaftlichkeit und Ordnung gestellten
Natur, ein wahres Herzensbedürfnis, und wenn sie je zuvor einen Anspruch auf ein
dafür einzuheimsendes Lob gehabt hatte, so sicherlich heute. Alles, was aus dem
ihr zur Verfügung stehenden Material gemacht werden konnte, war daraus gemacht
worden und liess wenigstens momentan übersehen, wie sehr und zum Teil auch in wie
komischer Weise sich die hier aufgestellten Sachen untereinander widersprachen.
Ein Büfett, ein Sofa und ein Pianino, die, hintereinander weg, die von keiner
Tür unterbrochene Längswand des Zimmers einnahmen, hätten auch bei »Geheimrats«
stehen können; aber die von der Pittelkow eben geradegerückten drei Bilder
stellten das im übrigen erstrebte Ensemble wieder stark in Frage. Zwei davon:
»Entenjagd« und »Tellskapelle«, waren nichts als schlecht kolorierte
Litographien allerneuesten Datums, während das dazwischen hängende dritte Bild,
ein riesiges, stark nachgedunkeltes Ölporträt, wenigstens hundert Jahre alt war
und einen polnischen oder litauischen Bischof verewigte, hinsichtlich dessen
Sarastro schwor, dass die schwarze Pittelkow in direkter Linie von ihm abstamme.
Gegensätze wie diese zeigten sich in der gesamten Zimmereinrichtung, ja schienen
mehr gesucht als vermieden zu sein, und während sich an einem der Wandpfeiler
ein prächtiger Trumeau mit zwei vorspringenden goldenen Sphinxen breitmachte,
standen auf dem Bücherschrank zwei jämmerliche Gipsfiguren, eine Polin und ein
Pole, beide kokett und in Nationaltracht zum Tanze ansetzend. Am
interessantesten aber präsentierte sich der eben erwähnte Bücherschrank selbst,
dessen vier Mittelfächer leer waren, während auf seinem obersten Brett zwölf
prachtvoll in Leder gebundene Bände von Humes »History of England« und achtzehn
Bände »OEuvres postumes de Frédéric le Grand« standen und einen wundervollen
Gegensatz zu dem »Berliner Pfennigmagazin« bildeten, das, in zwei Haufen
übereinandergetürmt, unten im Schrank lag. All dies Einrichtungsmaterial,
Kleines und Grosses, Kunst und Wissenschaft, war an ein und demselben Vormittage
gekauft und mittels Handwagen, der ein paarmal fahren musste, von einem Trödler
in der Mauerstrasse nach der Invalidenstrasse geschafft worden. Auf die vor allem
verwunderlichen französischen und englischen Prachtbände hatte der, aus dessen
Mitteln dies alles kam, eigens und mit besonderem Nachdruck bestanden, »auf
dass«, wie er sich in seiner spöttisch huldigenden Weise auszudrücken liebte,
»die Welt erfahre, wer Pauline Pittelkow eigentlich sei«.
    Das waren die Schätze, die jetzt, von der Tür her, einer letzten Musterung
unterworfen wurden, und als schliesslich auch noch die Fransen des vor dem Sofa
liegenden Brüsseler Teppichs geradegezupft waren, sagte die Pittelkow: »So,
Stine, nu komm, nu kochen wir uns einen Kaffee, das heisst einen orntlichen. Und
Olga holt uns was dazu. Willst du Streusel oder bloss mit Zucker und Zimt?«
    »Ach, Pauline, du weisst ja...«
    »Na, dann Streusel... Olga.«
    Und diese, die, weil die Tür aufstand, jedes Wort gehört und sich nur zum
Schein, aber eben deshalb auch um so zudringlich-liebevoller mit dem
»Brüderchen« beschäftigt hatte, stürzte jetzt, wie besessen, aus der Hinterstube
nach vorn und war ganz Ohr und Auge.
    »Da, Olga. Nu geh. Aber von Katzfuss, nich von Zachow. Und nasche nich wieder
und rede nachher von Krümel.«
    »Und nu, Stine«, fuhr die Pittelkow fort, während Olga verschwand und das
längst blankgewordene Treppengeländer im Nu herunterrutschte, »nu wird's auch
wohl Zeit, uns fein zu machen. Aber komme nich wieder in deinem grünen Kamlott.
Du weisst, so was kann er nich leiden. Und solang es so is, wie es is, muss man
doch machen, was er will. Und denn bringt er ja auch das ausgepustete Ei mit.
Und die kenn ich, die verlangen immer am meisten, und wenn's weiter nichts is,
wollen sie wenigstens was sehn un Augen machen. Und das weiss auch die Wanda. Pass
mal auf, die kommt wieder mit 's schwarze Samtkleid und 'ne Rose vorn. Ich muss
immer lachen.«
    Und wirklich, Wanda kam in schwarzem Sammet und sah sehr stattlich aus. Ihr
Kopf hatte nichts von der frappierenden Schönheit ihrer alten Schul- und
Jugendfreundin, aber an »Pli« war sie dieser, wie die Pittelkow selbst
zugestand, sehr überlegen. »In Pli kann ich gegen Elisabetten nich an.« Das war
die letzte Rolle, worin sie Wanda gesehen und beinahe widerwillig bewundert
hatte.
    »Ah, Wanda«, so begrüsste sie jetzt die Freundin, »das is nett, dass du da
bist; immer pünktlich.«
    »Ja, liebe Pauline, das is so bei uns, das lernen wir wie die Soldaten. Wenn
's Stichwort fällt, müssen wir vor, und wenn's das Leben kostet.«
    Die Pittelkow lachte herzlich, was sie jedoch nicht abhielt, Wanda mit einer
gewissen Feierlichkeit in den rechten Sofaplatz hineinzukomplimentieren. Stine,
die sehr gut aussah und auf Wunsch der Schwester ihr getüpfeltes »Perlhuhnkleid«
anhatte, sollte sich neben Wanda setzen, bestand aber hartnäckig auf ihrem
Willen und nahm einen Lehnstuhl der Schauspielerin gegenüber. Zwischen beiden
stand ein Riesenbouquet, das im Invalidenhausgarten für diesen Festabend
geschnitten worden war: ein Dutzend Rosen, aus deren Mitte hohe Feuerlilien
aufwuchsen. Wanda, die riechen wollte, bückte sich zu tief hinein und machte
sich dadurch einen gelben Bart, was Paulinen ungemein amüsierte. Sogar Olga
wurde herbeigerufen. »Sieh, Olga, sieh, Tante Wanda hat 'nen Schnurrbart. Und
was für einen! Ihr sollt mal sehn, Kinder, der junge Graf hat gar keinen!«
    In diesem Augenblick wurde die Klingel gezogen, und die Pittelkow ging, um
in Person zu öffnen. Stine folgte, weil sie nicht sitzen bleiben und grossartig
die Dame spielen wollte. Wanda dagegen, im Vollgefühl dessen, was sie sich und
der Kunst schuldig sei, rührte sich nicht vom Fleck und tronte weiter. Erst als
der Besuch eintrat, erhob sie sich und erwiderte leichtin den Gruss der beiden
älteren Herren, während sie vor dem jungen Grafen einen Hofknicks machte.
    »Darf ich die Herrschaften miteinander bekannt machen?« fragte jetzt
Sarastro verbindlich und mit anscheinend ernstester Miene. »Mein Neffe Waldemar«
(dieser verbeugte sich), »Frau Pauline Pittelkow geborene Rehbein, Fräulein
Ernestine Rehbein, Fräulein Wanda Grützmacher. Einer Vorstellung unseres
Freundes Papageno bedarf es nicht; er geniesst des Vorzuges, allen Anwesenden
bekannt zu sein.«
    In der Art, wie diese Vorstellung von den drei Damen aufgenommen wurde,
zeigte sich durchaus die Verschiedenheit ihrer Charaktere: Wanda fand alles in
der Ordnung, Pauline brummte was von Unsinn und Afferei vor sich hin, und nur
Stine, das Verletzende der Komödie herausfühlend, wurde rot.
    »Hat Borchardt geschickt?«
    »Versteht sich, hat er...«
    »Nun, dann bitt ich also...«
    Der ungewöhnliche Bestimmteitston, in dem das alles von seiten Sarastros
gesagt wurde, verschnupfte die Pittelkow nicht wenig, sie hielt es aber für
angemessen, ihren Ärger darüber auf andere Zeit zu vertagen, und ging mit Stine
hinaus, um den schon vorher gedeckten Tisch aus dem Hinterzimmer in das
Vorderzimmer zu tragen.
    Inzwischen war der alte Graf, der sehr feine Nerven hatte, durch die
Feuerlilien und ihren Geruch heftig inkommodiert worden; er nahm sie darum ohne
weiteres aus dem Bouquet, öffnete das Fenster und warf sie hinaus. »Ein mir
unerträglicher Geruch; halb Kirchhof, halb Pfarrgarten. Und von beiden halt ich
nicht viel.«
    Ehe fünf Minuten um waren, war die Tafelrunde geschlossen. Alle sassen an
einem ovalen Tisch: obenan der alte Graf, neben ihm Wanda und Stine, dann
Papageno und Waldemar, zuunterst aber, also dem alten Grafen gegenüber, seine
Freundin Pauline. Sie sass so, dass sie bei jedem Aufblick in den Trumeau sehen
musste, was den alten Grafen, als er es merkte, zu dem halb scherzhaften, halb
huldigenden Zuruf »Ehre, dem Ehre gebührt!« veranlasste. Die Pittelkow aber
gefiel sich heute in Ablehnung solcher Huldigungen und sagte: »Jott, Ehre! Mir
ist nichts jrässlicher als immer meine Visage sehn.«
    »Dann bitt ich meine schöne Freundin, ihren Augenaufschlag etwas niedriger
zu richten; sie sieht dann mich.«
    Das erheiterte sie. »Da bin ich doch lieber fürs Gewesene. Da bin ich doch
noch lieber für mich.«
    Sarastro und Papageno waren entzückt und tranken ihrer schwarzen Freundin
zu.
    »Immer dieselbe«, sagte Sarastro. »Nicht wahr, Fräulein Wanda?«
    Diese stimmte zu, schon einfach, weil sie musste, begann aber doch an ihrer
Rose zu zupfen, zum Zeichen, dass sie nicht hergekommen sei, sich vor den
Triumphwagen der Witwe Pittelkow zu spannen. Dann lehnte sie sich zurück und sah
nach der »Tellskapelle«.
    Papageno trug dieser Stimmung Rechnung und kam der Künstlerin, die durchaus
versöhnt werden musste, mit einem Kunstgespräch entgegen, was sich um so eher tun
liess, als auch der alte Graf an allem Teaterklatsch einen ehrlichen Anteil nahm
und keinen Unterschied machte, gleichviel ob sich's um die Lucca oder Patti oder
um die letzte Choristin in der »Fledermaus« handelte.
    »Meine Gnädigste«, begann Papageno, »was dürfen wir demnächst an Neuigkeiten
auf Ihrem Kunstinstitut erwarten?«
    »Unser Alter«, erwiderte Wanda, »will es mit einem Ausstattungsstück
versuchen. Er meint, es sei noch das einzige...«
    »Da hat er recht. Ist es eine Reise nach dem Mond oder in den Mittelpunkt
der Erde?«
    »Hoffentlich das letztere«, warf der alte Graf ein. »Ich bin für
Mittelpunkte.«
    Wanda lächelte. Das Eis war gebrochen, und es wurde ihr von diesem
Augenblick an einigermassen schwer, in einem öden, weil wenigstens zunächst noch
unpersönlich verbleibenden Kunstgespräch weiter fortzufahren. Sie bezwang sich
aber und sagte, während sie nur dann und wann den alten Grafen verständnisvoll
streifte: »Wegen Beschaffung eines Textes hat sich der Alte natürlich kein
graues Haar wachsen lassen. Er bleibt bei seiner Abneigung, für Dinge zu zahlen,
die man umsonst haben kann, und glaubt, wie mein Kollege Pöltrig sagt, der
übrigens studiert hat, anstandslos in das Gebiet der Dichtung übergreifen zu
können. Unser Alter ist überhaupt der Mann der Übergriffe, woran ich immer nur
mit Unwillen denken kann.«
    »Empörend«, sagte der alte Graf. »Übrigens ahn ich bereits, an welche Tür er
geklopft haben wird. Wohl zu verstehen: an welche Dichtertür. Ich wette zehn
gegen eins: Shakespeare...«
    »Der Herr Graf treffen immer ins Schwarze. Ja, das Wintermärchen, und mir
ist die Hauptrolle zugefallen, die der Hermióne, von der ich vorläufig nur weiss,
dass ich eine ganze Szene lang auf einem Postamente stehe, ganz schmucklos, aber
doch was Weisses um.«
    Sarastro lächelte. »Diese Besetzung der Rolle kann niemand überraschen, und
Sie, mein gnädigstes Fräulein, wenn Sie nicht blind gegen Ihre so deutlich
hervortretenden Gaben und Vorzüge sind, am wenigsten. Die Natur hat Sie zu
glücklich ausgestattet, als dass das Marmorbräutliche, das hier beinahe
ausschliesslich in Frage kommt, an Ihnen vorübergehen konnte. Wenn ich mir Sie so
denke, ganz Stein, und mit einem Male durchdringt Sie das warme, pulsierende
Leben, alles wogt, und in rötlicher Beleuchtung steigen Sie vom Sockel
hernieder, um wieder Mensch unter Menschen zu sein, ein erhabener Gedanke...«
    »Der Herr Graf schmeicheln. Es ist eine Rolle, die durchaus Jugend fordert,
ja, mehr als Jugend, ich möchte sagen dürfen, Jugend und Zarteit...«
    »Eigenschaften, die Sie sich in übergrosser Bescheidenheit nur absprechen, um
unseres heftigsten Widerspruchs sicher zu sein. Hermióne, soviel mir vorschwebt,
ist schon zu Beginn des Stücks Gattin und Mutter, zudem auf Untreue verklagt,
Ereignisse, die doch nur ausnahmsweise vor das vierzehnte Lebensjahr fallen. Ich
bitte Sie, was heisst jung, und vor allem, was heisst zart. Es wird mit diesem
Worte zart ein beständiger Missbrauch getrieben, und alles, was bleich oder
schwindsüchtig ist, das ist sicher, als zart bezeichnet zu werden. Eine der
vielen Verirrungen unseres modernen Geschmacks. Zart, zart; zart ist etwas
Innerliches, Seelisches, das auch innerhalb einer vollsten Formengebung
existieren kann. Fragen Sie meinen Neffen. Er reist seit fünf Jahren in Italien
umher, namentlich in Kirchen, und kennt, schlecht gerechnet, fünftausend Heilige
weiblichen Geschlechts. Und was heilig ist, muss doch auch zart sein. Und nun
soll er uns Rede stehen über den Begriff der Zarteit. Ich will seinem bessern
Urteile nicht vorgreifen, aber ich wage vorweg die Behauptung, alles, was er von
heiligen Cäcilien und Barbaras und selbstverständlich auch von Genovevas, die
immer die Hauptsache bleiben, gesehen hat - alle waren Damen von Ihrer
Konstitution, meine Gnädigste, Damen, denen alles Mondscheinene fehlte, Damen in
schwarzem Sammet und roter Rose. Waldemar, ich bitte dich dringend, unterstütze
mich in einer Sache, die meinem Herzen und meinem Kunstgefühl gleich viel
bedeutet.«
    Er stiess mit Wanda an und hatte die Freude, dass Waldemar auf den
angestimmten Ton einging und unter verbindlichem Lächeln versicherte: Der Onkel
habe recht; alle Heiligen seien wohlproportioniert, und auch das Zarteste könne
sich noch innerhalb der Wellenlinie...
    »Brav, brav«, unterbrach hier der Graf. »Und so bitt ich denn, die Gläser zu
füllen, um auf das Wohl Hermiónens zu trinken - eine von Fräulein Wanda
bevorzugte Akzentverschiebung, die mir eine ganz neue Auffassung verspricht.
Denn die Akzente machen's im Leben und in der Kunst. Es lebe die Kunst, es lebe
das Zarte, es lebe die Wellenlinie, vor allem, es lebe Hermióne-Hermióne, es
lebe Fräulein Wanda, es lebe die rote Rose.«
    Wanda verneigte sich und überreichte dem alten Grafen die rote Rose, die so
sinnig den Schluss seiner Rede gebildet hatte. Der alte Baron aber stiess von der
andern Seite her mit beiden an.
    Es folgte nun Toast auf Toast, Papageno liess Stine leben, und nachdem auch
noch Waldemar, ebenfalls an Stine sich wendend, ein paar Worte gesprochen,
sprach Wanda, wie herkömmlich, in Klappreimen, die sie sich übrigens auf die
einfachste Weise, indem sie »Liebe« statt »Freundschaft« setzte, für
Gelegenheiten wie die heutige aus einem alten Stammbuchvers zurechtgemacht
hatte. Zuletzt ergriff der alte Graf noch einmal das Wort, um seine Freundin
Pauline leben zu lassen. Er verschwieg aber ihren Namen dabei, sprach nur ganz
allgemein über den Zauber und die Vorzüge der Witwenschaft und schloss mit dem
Ausruf: »Es lebe meine Mohrenkönigin, meine Königin der Nacht.«
    Alles erhob sich, und Baron Papageno versicherte, dass das ein echter
Sarastro-Toast gewesen sei und dass die Reihe der Trinksprüche nicht würdiger
hätte schliessen können.
    Alle stimmten zu, nur nicht die, der der Trinkspruch gegolten hatte. Das
Drastische darin mochte gehen (verhöhnte sie doch selber alles, was sie »sich
zieren« nannte), der Spott aber, der durchklang, und ein behagliches
Sich-Ergehen in Witzeleien, die sie nur halb verstand und die gerade deshalb ihr
schlimmer erschienen, als sie waren - das verdarb ihr die Stimmung, und so sagte
sie, während sie sich verfärbte: »Na, Graf, bloss nich so, bloss nich übermütig.
Das lieb ich nich. Un so vor alle! Was sollen denn der junge Herr Graf davon
denken?«
    »Immer das Beste.«
    »Na, das Jute wäre mir lieber.« Und während sie sich Wasser einschenkte,
wiederholte sie: »Königin der Nacht. Is nich zu glauben.«
 
                                Fünftes Kapitel
Die sich im Herzen der Witwe Pittelkow regende Verstimmung würde sich bei der
vorherrschenden Tafelheiterkeit unter allen Umständen rasch wieder verzogen
haben, der alte Graf aber, der die beispiellose Heftigkeit seiner »Königin der
Nacht« nur zu gut kannte, hielt es nichtsdestoweniger für angezeigt, auch der
blossen Möglichkeit eines Sturmes vorzubeugen. »Ich denke«, sagte er, »wir sorgen
für etwas frische Luft und nehmen im Nebenzimmer den Kaffee.«
    »Geht nich«, erwiderte die Pittelkow. »Alle Gardinen ab; alles wie Kraut und
Rüben...«
    »Gut denn, so bleiben wir. Auch eng und warm hat seine Vorzüge... Darf ich
bitten...« Und damit nahm er, die Tafel aufhebend, Wandas Arm und geleitete sie
bis an den Sofaplatz, den sie beim Erscheinen der Herren innegehabt hatte. Der
junge Graf führte Stine, während der mit der Sitte solcher Pittelkow-Abende
längst vertraute Baron ohne weiteres einen eleganten Liqueurkasten und eine
Zigarrenkiste vom Büfett her auf den Sofatisch setzte. Der alte Graf nickte
zustimmend, strich ein Phosphorholz an der Sohle seines Lackstiefels und zündete
sich eine sorgfältig gewählte Havanna an. Als er den ersten Zug getan und die
Wolke weggeblasen hatte, wandt er sich kavalierhaft verbindlich an Wanda und
Stine und sagte: »Die Damen erlauben doch?«
    Frau Pauline hatte sich gleich von Tisch in die Küche begeben und kam schon
nach wenigen Minuten mit dem Kaffee zurück, eine Schnelligkeit, die sich nur
daraus erklärte, dass sich Olga der ihr gewordenen Doppelaufgabe: das Kind ruhig
und das Wasser im Kochen zu erhalten, mit einer durch Furcht und Hoffnung
gleichmässig geschärften Gewissenhaftigkeit unterzogen hatte. Der Kaffee wurde
präsentiert, auch der alte Baron nahm aus dem Zigarrenkistchen, und einen
Augenblick später kräuselten sich die Rauchwolken von zwei Seiten her durch die
Luft.
    »In der ganzen Welt gibt es keine zweite solche Zigarre«, versicherte
Papageno.
    »Zugestanden«, erwiderte der Graf. »Und zudem eine Zigarre hier, im Hause
meiner Freundin, ist mir immer wie Opiumrauchen, das glücklich macht, und bei
jedem neuen Zuge seh ich die Gefilde der Seligen oder, was dasselbe sagen will,
die Houris im Paradiese.«
    »Na, na«, sagte die Pittelkow, die, wenn sie nicht schon da waren, neue
Verhöhnungen fürchten mochte.
    Der alte Graf aber liess sich durch diesen Zuruf nicht stören und fuhr
seinerseits fort: »Überhaupt alles wundervoll, und ich vermisse nur eins, die
Liqueure. Papageno hat freilich für den Kasten gesorgt - - dafür ist er Papageno
-, aber nicht für den Schlüssel... Ah, sieh da, Fräulein Stine bringt ihn schon.
Ich glaube, sie hat überhaupt den Schlüssel und schliesst uns jedes Glück auf,
vorausgesetzt, dass sie will... Und nun überlassen Sie mir die Wahl, meine Damen.
Ich wette, dass ich's für jede von Ihnen treffe.«
    »Das wäre«, sagte Wanda, »da bin ich doch neugierig.«
    »Es ist leichter, als Sie denken. Jedem sind seine Neigungen von der Stirn
zu lesen: hier, meine Freundin, ist für Curaçao« (die Pittelkow nickte), »der
früher unter dem schlichteren Namen Pomeranzen eine nicht verächtliche Karriere
machte, Fräulein Stine ist natürlich für Anisette, und Fräulein Wanda für einen
Benediktiner oder zwei. Kosten Sie, meine Gnädigste. Wie denken Sie über solche
Mönche? Nicht wahr, nicht übel?«
    Es wurde nun immer belebter, und je mehr sich eine narkotische Wolke durch
das Zimmer verbreitete, desto mysteriöser wurd auch die Sprache. Der alte Graf
übernahm dabei die Führung, während Baron Papageno sekundierte. Beider
Intimitäten aber richteten sich ausschliesslich an Wanda, weil sie vor den beiden
Schwestern eine gewisse Scheu hatten, vor der älteren um ihres unberechenbaren
Temperaments, vor der jüngeren um ihrer Unschuld willen. Wanda, die die
momentane Vernachlässigung zu Beginn der Tafel längst vergessen hatte, sah in
diesem beständigen Sichwenden an ihre Person selbstverständlich nichts als einen
ihr zustehenden Triumph und berauschte sich in der Fülle der ihr immer
eindringlicher zuteil werdenden Huldigungen. Und was die Huldigungen nicht
taten, das tat der Benediktiner. Alle Grandezza war längst abgestreift, und als
sie mit einigen Kulissengeheimnissen debütiert und namentlich den alten Direktor
in seiner eigentlichsten Sphäre, der des Serails, gekennzeichnet hatte, war sie
vorgeschritten genug, dem Wunsche des alten Grafen, der nach Proben ihrer Kunst
verlangte, nachzugeben. Ein paar auch jetzt noch verbleibende Bedenken wurden
durch Baron Papageno beseitigt, der im rechten Momente erzählte, »die Rachel
habe, mit nichts als einem Spitzenschleier drapiert, auf der Pfaueninsel die
Phädra gespielt und den Kaiser Nikolaus zur Bewunderung hingerissen: er
bezweifle nicht, dass Wanda dasselbe könne, gleichviel nun, ob sie den Ritter
Toggenburg oder den Gang nach dem Eisenhammer oder auch bloss den Handschuh
deklamiere. Aber einer müsse hinter ihr stehen und die Gesten machen; ohne
Gesten sei der Erfolg nur halb.« Diese Frage wurde weiter ausgesponnen, und
nachdem man die verschiedenen Formen und Zusätze durchgenommen hatte, durch
deren Anfügung die Schillersche Ballade zu höherer Wirkung gelangen sollte, kam
man schliesslich überein, da doch alles auf den dramatischen Effekt hinauslaufe,
lieber die Deklamation ganz fallenzulassen und statt dessen ein Stück
aufzuführen: ein Schattenspiel oder am liebsten eine Kartoffelkomödie. Dieses
Wort, kaum gefallen, wurde mit Begeisterung aufgenommen, und Wanda, nachdem sie
die noch vor ihr stehende kleine Tasse geleert, erhob sich von ihrem Sofasitze,
zum Zeichen, dass sie nunmehr bereit sei, mit einer dramatischen Aufführung zu
beginnen.
    »Aber was? was...? Lustspiel oder Trauerspiel?«
    »Natürlich Trauerspiel...«, so klang es durcheinander, und selbst der junge
Graf und Stine, die sich bis dahin zurückgehalten hatten, wurden lebendig. Wanda
selbst aber verbeugte sich und sagte nicht ohne Anflug von Humor: »Ein
verehrungswürdiges Publikum wird seinerzeit über Inhalt und Titel des näheren
verständigt werden.«
    »Bravo! Bravo!«
    Hierauf zog sie sich in der Tat zurück und ging in die Küche, wo sie das
Nötigste für die Komödie zu finden hoffte. Die Pittelkow folgte. Bald danach
aber erschienen beide wieder in Front der Wohnung, wo man sofort, die nach der
Nebenstube führende Flügeltür öffnend, innerhalb eben dieser Türöffnung ein
kariertes Plaid auszuspannen und in etwa Manneshöhe zu befestigen begann.
Dahinter nahm jetzt Wanda ihren Stand und drückte das Plaid gerade weit genug
herunter, um bequem darüber fortsehen zu können. Und nun verkündigte sie:
»Judit und Holofernes, Trauerspiel in zwei Akten von Tussauer, ohne Musik. Wir
beginnen mit dem ersten Akt« (»sehr gut«... »merkwürdig«) »oder, was dasselbe
sagen will, mit der Zeltgasse des Holofernes.«
    Und nach dieser Ankündigung schnellte das Plaid wieder in die Höhe, und an
Stelle von Wandas brünettem Gesicht erschien eine weissgekleidete
Kartoffelprinzessin mit rotem Turban und rotem Siegellackmund. Natürlich Judit.
Diese verneigte sich, geschickt dirigiert, vor dem Publikum, sah abwechselnd
nach links und rechts, wie wenn sie jemand erwarte, und begann dann in etwas
heiserem Ton:
»Er ist es, Holofern, der schwergeprüfte Mann,
Ich seh sein grosses Schwert und einen Klunker dran.«
Wirklich zeigte sich in eben diesem Augenblicke von der einen Seite her eine
hagere Rotmantelgestalt mit einer Papierkrone:
»Wer bist du, schöne Frau? Wo kommst du hergereist?
Im Krieg ist mancher Mann manchmalen etwas dreist.«
»Auch im Frieden«, tuschelte Sarastro dem Baron zu. Judit aber fuhr fort:
»Ergebne Dreistigkeit erleid ich sittig gern,
Ich nenne Judit mich und suche Holofern.«
»So bin ich's, den du suchst... Wie war ich so allein...«
»Doch nur durch deine Schuld...« - »Es soll nicht länger sein.«
Und unter einem halb befehlshaberischen, halb vertraulichen Augen- und
Fingerwink auf sein Zelt zuschreitend, folgte Judit, während das gleichzeitig
im Nebenzimmer erlöschende Licht anzeigte, dass der Vorhang vorläufig falle.
    Der junge Graf wollte Beifall klatschen, der Oheim aber hielt ihn zurück und
erklärte, »dass man sein Feuer, auch in solchen Dingen, nicht zu früh verknattern
müsse. Dies alles sei nur Vorspiel und stelle viel, viel Intrikateres in
Aussicht. Er, für seine Person, sei vor allem neugierig, wie Fräulein Wanda
gewisse szenische Schwierigkeiten, so beispielsweise das Konnubium und in
zweiter Reihe die Dekapitation, überwinden werde. Freilich bestreite man jetzt
das Vorhandensein szenischer Schwierigkeiten, aber alles habe doch seine
Grenze.«
    Sarastro würde noch weitergesprochen haben, wenn nicht das sich wieder
erhellende Nebenzimmer den Fortgang der Handlung angezeigt hätte. Wirklich
erschien im nächsten Augenblicke Judit aufs neue, diesmal, um ihren
entscheidenden Monolog zu halten.
»Er sterbe... Muss er's denn? Mir selber ist es leid,
Er sprach von einem Schmuck und sprach von einem Kleid,
Allein wer bürgt dafür? Ich weiss, wie Männer sind,
Ist erst der Sturm vorbei, so dreht sich auch der Wind:
Er sprach von Frau sogar, allein was ist es wert...?
Komm denn an meine Brust, geliebtes Racheschwert;
Er hat es so gewollt - ich fasse seinen Schopf,
Dass er mich zubegehrt, das kostet ihm den Kopf.«
Und im selben Augenblicke (die Gestalt des Holofernes war inzwischen aus der
Tiefe heraufgestiegen) vollzog sich auch schon der Entauptungsakt, und der Kopf
des Holofernes flog, über die Gardine fort, ins andere Zimmer hinein und fiel
hier vor Baron Papageno nieder. Alles klatschte dem Stück und mehr noch dem
virtuosen Schwertiebe Beifall, der alte Baron aber nahm den ihm zu Füssen
liegenden Kopf auf und sagte: »Wahrhaftig, bloss eine Kartoffel. Kein Holofernes.
Und doch war es mir, als ob er lebe. Was eigentlich auch nicht wundernehmen
kann. Denn früher oder später ist eine derartige Dekapitation unser aller Los.
Irgendeine Judit, die wir zubegehren - beiläufig eine herrliche Wortbildung -,
entscheidet über uns und tötet uns so oder so.«
    »Lassen Sie's, Baron. Wozu diese schwermütigen Betrachtungen. Ich find es
einfach superb. Und glücklich der Dichter, der derlei schaffen konnte. Sie,
Fräulein Wanda, nannten vorhin einen Namen, aber vielleicht nur, um von sich
persönlich abzulenken... Eigene Schöpfung?«
    »O nein, Herr Graf.«
    »Nun, wenn nicht von Ihnen, meine Gnädigste, von wem denn?«
    »Von einem jungen Freunde.«
    »Will sagen, von einem alten Anbeter.«
    »Nein, Herr Graf, von einem wirklichen jungen Freunde, von einem Studenten.«
    »Das sind wir alle. Was studiert er? Darauf kommt es an.«
    »Ich habe das Wort vergessen, und auf seiner Karte steht es immer nur halb.
Und sein Museum ist in der Königgrätzer Strasse. Da wollen sie, wenn mir recht
ist, herauskriegen, wie die Welt entstanden ist und woraus und wann.«
    »Und vielleicht auch warum? Ein sehr interessantes Studium... Und er dichtet
auch?«
    Wanda bejahte, zugleich hinzusetzend, dass es nichts Leichtes gewesen sei,
seiner ernsten Richtung in der Kunst ein Stück wie »Judit und Holofernes«
abzugewinnen. »Er werde seine Muse nicht entweihen«, seien damals seine Worte
gewesen. Aber sie habe, Gott sei Dank, Mittel in Händen gehabt, ihn zu zwingen.
    »Ah, ich verstehe...«
    »Nein, nicht das, Herr Graf. Er ist ein sehr verschämter junger Mann und
liest mir bloss seine grossen Trauerspiele vor, immer mit einem Vorspiel. Und
dabei hofft er auf meine Fürsprache. Damit hab ich ihn in der Gewalt. Freilich,
ich muss es sagen, es wird nichts mit ihm. Aber ein guter Junge, der mir alles
zuliebe tut.«
    »Glaub ich«, lachte der Baron. »Aber, meine Gnädigste, wer wollt es auch
anders? Und nun denk ich, wir machen einen Whist.«
    Ein Spieltisch wurde herbeigeschaft und aufgeklappt, und die drei Herren
und Wanda nahmen Platz. Auf ein niedriges Tischchen daneben wurde ein
Champagnerkühler gesetzt, und der alte Graf in Person machte den Wirt.
Eigentlich trank nur Wanda, trotzdem auch ihr ein Spatenbräu sehr viel lieber
gewesen wäre. Stine stand hinter Papagenos Stuhl und musste die Versicherung mit
anhören, »eine reine Jungfrau bringe Glück«. Die Pittelkow machte sich
wirtschaftlich zu tun und putzte bereits die Gabeln wieder blank.
    So verging eine gute Weile. Zuletzt aber warf der alte Graf die Karten hin
und sagte: »Kommt nichts dabei heraus. Ein Spiel ist eigentlich nur was, wenn es
la banque ou la vie geht. Ich glaub, ich habe sieben Mark verloren, und quäle
mich nun schon eine Glockenstunde. Wanda, sind Sie bei Stimme? Natürlich; was
frag ich noch. Eine Dame wie Sie hat ihre Requisiten immer bei sich. Omnia mea
mecum portans...«
    Papageno lachte.
    Der alte Graf aber fuhr fort: »Omnia mea... Welche Perspektive! Auf Ihr
Wohl, Wanda. Und auf das Ihre, Fräulein Stine. Pauline braucht unser Wohl nicht,
der ist wohl von selbst.«
    »Na, na, Graf. Bloss nich so. Von selbst? Wovon denn? Weiss es Gott, es is
auch nich immer 'n Vergnügen.«
    »O vorzüglich, Pauline. Du bist doch die Beste. Stoss an, Kind. Aber nun
singen, Wanda.«
    »Ja, wer begleitet?«
    »Natürlich der, der allein begleiten kann: Papageno.«
    »Gut, gut.«
    Und der alte Baron schob einen Stuhl ans Klavier, drehte den kleinen
Schlüssel und öffnete. »Was soll es sein?«
    »Nun«, sagte der alte Graf, »das wenigstens sind wir dir schuldig, Freund,
dass wir mit der Papageno-Arie beginnen. Also: Bei Männern, welche Liebe fühlen,
fehlt auch ein gutes Herze nicht. Aber freilich, das ist eine Platitüde, das ist
selbstverständlich. Erst was folgt, ist das Eigentliche. Die süssen Triebe
mitzufühlen ist dann des Weibes erste Pflicht.«
    Der Baron nickte zustimmend und wiederholte den Schluss: »ist dann des Weibes
erste Pflicht«. Wanda aber, die, wie die meisten ihrer Art, an ganz
unmotivierten Anstands- und Tugendrückfällen litt, sagte mit einem Male: »Nein,
meine Herren, es ist noch zu früh. Ich finde, dies Lied ist schon über der
Grenze.«
    Die Herren sahen einander an, weil keiner wusste, was er aus diesem Unsinn
machen sollte, die Pittelkow aber, die sich über das »Wandasche Gehabe« ganz
aufrichtig ärgerte, fuhr energisch dazwischen und sagte: »Jott, Wanda, bloss
keine Geschichten. Jrenze! Wenn einer so was hört! Man is entweder rüber oder
man is nich rüber. Un wenn man erst rüber is, und wir sind rüber, dann is es
auch ganz egal, ob es Klock zehn is oder Klock elfe. Nein, Wanda, bloss nich
zieren. Immer anständig, dafür bin ich, aber zieren kann ich nich leiden.«
    Es schien sich ein Streit entspinnen zu sollen, der, bei dem rücksichtslosen
Charakter der Pittelkow, bei der alles immer biegen oder brechen musste, leicht
zu sehr unliebsamen Erörterungen hätte führen können. Niemand wusste das, nach
allerpersönlichsten Erfahrungen, besser als der alte Graf selbst. Er sprang also
über den Streitpunkt rasch weg und sagte: »Dann bin ich, wenn es die Zauberflöte
nicht sein kann, für den Alten Feldherrn. Aber im Kostüm.«
    Das wurde denn auch allerseits freudig aufgenommen, und nach kurzem Rückzug
in die Nebenstube trat Wanda wieder ein, rot drapiert und eine Gardinenstange
statt des Fahnenstocks in der Hand.
    »Singen, singen!«
    »Ich werde ja«, sagte Wanda, sich vor ihrem Publikum verneigend, »aber was?
Der Alte Feldherr hat zwei Stücke.«
    »Nun denn, das Hauptstück: Fordre niemand, mein Schicksal zu hören. Ein
wundervolles Lied und ebenso wahr wie ergreifend. Eigentlich könnt es jeder
singen, vor allem solche alte Feldherrn wie wir. Nicht wahr, Papageno? Aber nun
anfangen. Schnell, schnell.«
    Und im nächsten Augenblick brach es los, und durch alle drei Stockwerke hin,
so dass selbst die Polzins oben es hören konnten, klang es in immer erneutem
Refrain:
»Ist mir nichts, ist mir gar nichts geblieben
Als die Ehr und dies alternde Haupt.«
Die Pittelkow hatte sich dabei hinter den Stuhl des alten Grafen gestellt und
schlug mit ihrem Zeigefinger den Takt auf seiner kahlen Kopfstelle.
    Wanda war glücklich und gab immer Neues zum besten, wobei die Pittelkow, die
viel Gehör hatte, die zweite Stimme sang, während Sarastro mit seinem Bass und
der nach wie vor am Klavier begleitende Papageno mit seinem schadhaft gewordenen
Bariton einfielen.
    Nur der junge Graf und Stine schwiegen und wechselten Blicke.
 
                                Sechstes Kapitel
So verging noch eine Stunde. Dann brach man endlich auf, und Sarastro und
Papageno baten mit aller Dringlichkeit um die Ehre, Fräulein Wanda, »damit ihr
nichts zustosse«, gemeinschaftlich nach Hause bringen zu dürfen. Der junge Graf
schloss sich wohl oder übel an. Die so doppelt und dreifach Gefeierte drang
freilich ihrerseits auf Vereinfachung des Verfahrens, immer wieder versichernd,
»dass einer genüge«. Sie sah sich aber überstimmt. »Die Verantwortung sei zu
gross.«
    Als alle fort waren, nahm die Pittelkow ihre Schwester um die Taille, walzte
mit ihr dreimal im Zimmer umher und sagte dann: »So, Stine, nu wird es erst
nett. Eine braune Kanne voll hab ich uns gleich noch beiseite gestellt, und ein
paar Morgensemmeln sind auch noch da. Die werden nu woll zäh genug sein, aber
mit Butter geht es doch, da rutschen sie... Nein, diese Wanda; nich zu glauben.
Und eine Stimme, wie 'ne Harfenjule.«
    Stine versuchte zum Guten zu reden und warf der Schwester vor, dass sie, wie
gewöhnlich, viel zu streng sei. Zudem verrate sie sich; alles, was sie da sage,
sei doch bloss aus Eifersucht. Aber sie brauche gar nicht eifersüchtig zu sein,
denn alle drei seien ja mitgegangen, und drei seien immer besser als einer. Die
gute Wanda! Nun ja, wenn man wolle, so liesse sich jedem was ans Zeug flicken
(ihnen beiden auch), alles in allem aber sei die Grützmacher eigentlich eine
nette Person und jedenfalls eine sehr gutmütige.
    »Ja«, sagte Pauline, »das ist sie; man bloss so wichtig und zierig. Und wenn
sie sich dann ausgeziert hat, denn ziert sie sich wieder nicht genug und hat so
was Johliges und Genierliches.«
    »Du bist heute gut im Zuge«, lachte Stine. »Das also ist Wanda. Und nun sage
mir, wie bin ich denn? Aber nein, sag es nur lieber nicht...«
    »Will auch nicht...«
    »Sage mir lieber etwas über die drei. Wie steht es mit dem alten Grafen?«
    »Ein Ekel.«
    »Und mit dem Baron?«
    »Ein Dummbart.«
    »Und mit dem jungen Grafen?«
    »Ein armes, krankes Huhn.«
 
                               Siebentes Kapitel
Der nächste Tag verging, ohne dass sich die Schwestern auch nur gesehen hätten:
die Pittelkow hatte wieder Ordnung zu schaffen, und Stine sollte bis Sonnabend
abend noch eine grosse Rahmenstickerei abliefern.
    Und still und ohne Begegnung wie der erste Tag schien auch der zweite
vergehen zu sollen. Niemand kam zu Stine hinauf, und diese - nachdem Olga den
Drücker gebracht hatte - wusste nur das eine, dass ihre Schwester Pauline mit
beiden Kindern in die Stadt gegangen sei. Langsam schwanden die Stunden, und die
niedergehende Sonne hing schon tief zwischen den zwei Türmen des Hamburger
Bahnhofs, als ein elegant gekleideter Herr die Invalidenstrasse heraufkam und in
Nähe des von Stine bewohnten Hauses eine Häusermusterung begann. Es war der
junge Graf, der, seinem Sehen und Suchen nach zu schliessen, die Pittelkowsche
Hausnummer samt ihrem a, b, c vergessen haben musste, trotzdem aber darauf
rechnete, sich in dem Wirrwarr zurechtzufinden. Und sei's nun aus Zufall oder
mit Hilfe kleiner Zeichen, er traf es wirklich; und als er gleich danach auf dem
ersten Treppenflur »Witwe Pittelkow« las, stieg er, nunmehr sicher geworden,
ohne weiteres bis ins dritte Stock hinauf und klingelte. Stine, die die
Schwester erwartet haben mochte, kam rasch und öffnete.
    »Gott, Herr Graf.«
    »Ja, Fräulein Stine.«
    »Sie wollen zu meiner Schwester: meine Schwester muss gleich zurückkommen.
Ich habe Drücker und Schlüssel und kann Ihnen aufschliessen.«
    »Nein, ich will nicht zu Ihrer Schwester; ich will zu Ihnen, Fräulein
Stine.«
    »Das geht nicht, Herr Graf. Ich bin allein, und ein alleinstehendes Mädchen
muss auf sich halten. Sonst gibt es ein Gerede. Die Leute sehen alles.«
    Er lächelte. »Wenn es so ist, Fräulein Stine, dann ist rasches Eintreten
immer noch das sicherste.«
    »Nun gut, Herr Graf... Ich bitte...«
    Und damit trat sie von der Korridortür zurück und ging ihm voran, auf ihr
Zimmer zu.
Die Polzin hatte, solange das Gespräch dauerte, beobachtend an ihrem Türguckloch
gestanden. Im selben Augenblick aber, wo Stine, voranschreitend, den Grafen in
ihr Zimmer führte, wandte sie sich ebenfalls in ihre halbdunkle Stube zurück, in
der auf einem kienen Klapptisch bereits das Abendbrot für ihren Mann stand: ein
Bückling und ein rundes Landbrot, von dem sie jedesmal zwei kaufte, »weil sich
das frische zu sehr wegschneide«.
    »Na«, sagte Polzin, »was meinst du, Mutter? Drei Mark mehr is nu woll nich
zuviel?«
    »Drei...? Wo denkst du hin? Wenigstens fünfe. Man bloss, dass es noch nich
sicher is. Er war so zittrig und bibberte so.«
    Und bei diesen Worten legte sie das Ohr wieder an die Wand, während Polzin,
der mit seiner Klapperei die Horcherszene nicht stören wollte, von seiner Arbeit
aufstand und sich an sein Abendbrot machte.
 
                                 Achtes Kapitel
Der unerwartete Besuch war inzwischen in das Frontzimmer eingetreten, und
während Stine wieder auf das Fenster und ihre hier aufgestellte Rahmenstickerei
zuschritt, forderte sie den jungen Grafen auf, auf dem schräg zur Seite
stehenden Sofa Platz zu nehmen. Er lehnte dies aber ab und schob statt dessen
einen Stuhl in die Nähe Stines, die sich ihrerseits sofort wieder ihrer Arbeit
zuwandte, freilich in sichtlicher Erregung. Die Nadel flog, und der
orangefarbene Faden von Flockseide blitzte bei jedem neuen Stich, den sie
machte.
    »Nun, Herr Graf«, begann sie, während sich ihr Kopf immer tiefer auf die
Stickerei senkte, »was verschafft mir die Ehre? Was führt Sie zu mir?«
    Aber ehe der, an den sich die Frage richtete, noch antworten konnte, fuhr
sie schon mit einer ihr sonst fremden Lebendigkeit fort: »Ich glaube, Sie
verkennen mich. Sie mögen darüber lachen, aber ich bin ein ordentliches Mädchen,
und ist keiner in der Welt, der hintreten und zu mir sagen kann: Du lügst. Ich
sehe ja, wie's geht... nein, nein, lassen Sie mich ausreden..., und solch ein
Leben, wie's meine Schwester führt, verführt mich nicht; es schreckt mich bloss
ab, und ich will mich lieber mein Leben lang quälen und im Spital sterben als
jeden Tag alte Herren um mich haben, bloss um Unanständigkeiten mit anhören zu
müssen oder Anzüglichkeiten und Scherze, die vielleicht noch schlimmer sind. Das
kann ich nicht, das will ich nicht. Und nun wissen Sie, woran Sie sind.«
    »Fräulein Stine«, sagte der junge Graf, »Sie sagen, ich irrte mich in Ihnen.
Ich glaube nicht, dass ich mich in Ihnen irre. Aber selbst wenn es so wäre, so
lassen Sie mich Ihnen sagen, Sie irren sich auch in mir. Ich komme zu Ihnen,
weil Sie mir gefallen und mir eine Teilnahme eingeflösst haben, oder lieber
rundheraus, weil Sie mir leid tun. Ich hab es Ihnen wohl angesehen, dass an dem
Abende neulich nicht alles nach Ihrem Sinn und Geschmack war, und da nahm ich
mir vor, du willst sehen, wie's dem Fräulein Stine geht. Ja, Fräulein, das nahm
ich mir vor, und wenn ich Ihnen helfen kann, so will ich Ihnen helfen und Ihnen
Ihre Freiheit wiedergeben und Sie losmachen aus dieser Umgebung. Ich glaube, dass
ich es kann, trotzdem ich kein Prinz bin und noch weniger ein Wundertäter. Und
Sie dürfen auch nicht fürchten, dass ich eines Tages mit der Absicht kommen
werde, mir einen schönen Dank dafür zu holen. Nein, nichts davon. Ich bin krank
und ohne Sinn für das, was die Glücklichen und Gesunden ihre Zerstreuung nennen.
Eine lange Geschichte, womit ich Sie nicht behelligen will, wenigstens heute
nicht.«
    Er hatte sich, während er diese letzten Worte sprach, erhoben und sah, seine
Hand auf Stines Stuhl lehnend, in den Sonnenball, der eben zwischen den nach
Westen stehenden Bäumen des Invalidenparks niederging. Alles schwamm in einem
goldenen Schimmer, und das Schweigen, in das er verfiel, zeigte, dass er auf
Augenblicke von nichts als von der Schönheit des sich vor ihm auftuenden Bildes
hingenommen war. Endlich aber nahm er sich Stines Hand und sagte: »Was hab ich
da gesprochen von Freiheit geben und Sie wieder losmachen wollen! Geben Sie mir
keine Antwort darauf. Alles falsch und eingebildet und töricht dazu. Weil ich
mich selber hilfebedürftig fühle, war ich wohl des Glaubens, Sie müssten auch
hilfebedürftig sein. Aber ich empfinde mit einem Male, dass Sie's nicht sind, dass
Sie's nicht sein können.«
    Stine lächelte vor sich hin. Der junge Graf aber, der es nicht sah oder
nicht sehen wollte, fuhr in dem ihm eigentümlich elegischen Tone fort: »Ja,
Fräulein Stine, das Kranksein, das eigentlich von Jugend auf mein Lebensberuf
war, es hat auch seine Vorteile; man kriegt allerlei Nerven in seinen zehn
Fingerspitzen und fühlt es den Menschen und Verhältnissen ab, ob sie glücklich
sind oder nicht. Und mitunter sogar den Räumen, darin die Menschen wohnen. Und
hier lehren mich meine Sinne, Sie können nicht unglücklich sein. Es ist nicht
ein Zufall, dass ein solches Bild hier vor Ihnen ausgebreitet liegt, und ein
Zimmer, in das die Sonne jeden Abend so freundlich blickt, das ist ein gutes
Zimmer.«
    »Ja«, sagte Stine, »das ist es. Freilich, man soll sich seines Glückes nicht
rühmen, schon, um's nicht zu berufen. Aber es ist wahr, ich bin glücklich.«
    Der junge Graf sah sie bei diesen Worten forschend und beinah verwundert von
der Seite her an. Er hatte sich darin gefallen, ihr, um der freundlichen
Umgebung willen, in der er sie gegen Erwarten antraf, ohne weiteres das Glück
zuzusprechen, und war nun doch betroffen, sie so rundheraus das bestätigen zu
hören, was er ihr selber eben gesagt hatte. Stine sah das alles und setzte
deshalb hinzu: »Sie müssen nun freilich nicht denken, ich wisse vor lauter Glück
nicht ein noch aus. So steht es auch nicht. Ich bin glücklich, aber nicht wie
die, welche die Not nicht kennen und immer nur gute Tage haben. Und bin auch
nicht so glücklich wie die katolische Schwester, die mich letzten Winter in
meiner Krankheit pflegte. Solche fromme Seele, die nichts will als Gott
wohlgefällig sein, ja, die hat freilich mehr, und mit der steht es besser. Aber
ich bin so gut dran wie gewöhnliche Menschen, die Gott schon danken, wenn ihnen
nichts Schlimmes passiert.«
    »Und das Zusammenleben mit Ihrer Schwester! Ist es Ihnen keine Last und
keine Sorge?«
    »Nein. Ich liebe meine Schwester und sie liebt mich.«
    »Aber Sie sind doch so sehr verschieden.«
    »Nicht so sehr, wie Sie glauben. Sie verkennen meine Schwester; meine
Schwester ist sehr gut.«
    »Aber das Verhältnis, in dem sie steht! Es muss doch darüber geredet werden
und Anstoss geben bei Leuten, die noch ihren Katechismus haben und die Zehn
Gebote halten.«
    »Ja, bei denen gibt es freilich Anstoss, und meine Schwester, wenn sie mit
solchen zusammentrifft, muss oft böse Worte hören. Aber so heftig sie sonst ist,
so ruhig ist sie dabei. Sie hat nämlich einen sehr guten Verstand und ein grosses
Gerechtigkeitsgefühl, und wenn sie solche Worte hört, so sagt sie: Ja, Stine,
das ist nun mal nicht anders; wer sich in den Rauch hängt, der wird schwarz.«
    »Nun gut. Aber einen je besseren Verstand Ihre Schwester hat und je mehr sie
zugibt, so, wie sie lebt, das Urteil und Gerede der Leute herauszufordern, desto
mehr muss sie doch leiden unter der Missachtung, die sie trifft.«
    »Es wäre vielleicht so«, nahm Stine wieder das Wort, »wenn alle Menschen in
einerlei Weise dächten. Aber das ist nicht der Fall. Die, die sie verurteilen -
und die mitunter lieber schweigen sollten -, das sind immer nur einzelne; die
meisten plappern ihre Lehren und Vorwürfe nur so herunter und meinen es nicht
bös und denken in ihrem Herzen ganz anders darüber.«
    »Wie das?«
    »Ja, das ist schwer zu sagen, aber es ist so und kann auch kaum anders sein.
Denn die, die Not leiden, wollen vor allem aus ihrer Not und ihrem Elend heraus
und sinnen und simulieren bloss, wie das zu machen sei. Brav sein und sich
rechtschaffen halten, das ist alles sehr gut und schön, aber doch eigentlich nur
was Feines für die Vornehmen und Reichen, und wer arm ist und das Feine
mitmachen will, über den ziehen sie bloss her - und die gestern noch die
Strengsten waren, am meisten - und reden und spotten, dass man was Apartes sein
wolle. Die denkt wohl, sie sei es. Ach, wie oft hab ich das hören müssen.«
    »Welche Verworrenheit der Begriffe.«
    »Ja, so nennen Sie's, und ich mag nicht widersprechen. Aber dieselben Leute,
die so verworren scheinen, sind auch wieder sehr hell und halten auf Pflicht, wo
sie sich aus freien Stücken verpflichtet haben. Und das gleicht manches wieder
aus. Neben ihrem blossen Gerede, das heute so ist und morgen so, gibt es auch
was, das ihnen feststeht, und das ist das Wort und die Zusage. Mit dem sich gut
halten, solange man frei ist, kann man's am Ende halten, wie man will; aber mit
dem Kontrakte muss man's halten, wie man soll. Was ich übernehme, das gilt, und
ehrlich sein ist die Hauptsache geworden. Und so kann es einer armen Frau
passieren, in einem Verhältnis, das nicht löblich ist, doch noch gelobt zu
werden.«
    »Und dieses Vorzuges geniesst Ihre Schwester?«
    »Ja. Dass sie das Verhältnis hat, ist ihr kein Lob, aber bei der grossen
Mehrzahl auch keine Schande. Die arme Frau, so sagen sie, sie hätt's lieber
anders. Aber sie muss. Und muss ist eine harte Nuss. Und so lässt man sie's nicht
entgelten und fordert nur das eine von ihr, dass sie, was sie versprochen, auch
respektiere. Wanda darf tun und lassen, was sie will, meine Schwester Pauline
darf es nicht. Die muss halten, wozu sie sich verpflichtet, und ich darf Ihnen
versichern, es wird gehalten.«
    »Und in das alles hat sich Ihre Schwester hineingefunden? Vielleicht sogar
mit Leichtigkeit?«
    »Doch nicht leicht. Eher schwer. Aber, die Wahrheit zu gestehen, nicht
schwer von Tugend wegen - davon will sie nichts wissen -, sondern nur deshalb,
weil ihr, von Natur, an einem Leben nichts liegt, wie sie's zu führen gezwungen
ist. Meine Schwester ist arbeitsam und ordentlich und ganz ohne Passion.
Wenigstens hat sie mir das hundertmal versichert.«
    »Und aufrichtig?«
    »Wer sieht ins Herz? Aber ich glaube: ganz aufrichtig. Und wenn Sie meine
Schwester so gut kannten wie ich, so würden Sie's auch glauben.«
    »Und doch sagte sie mir, als ich vorgestern nach Olga fragte: Danach dürfen
Sie nicht fragen. Einen Vater hat sie, das ist gewiss. Aber mehr kann ich Ihnen
nicht sagen.«
    Stine lächelte verlegen vor sich hin. Endlich aber sagte sie: »Ja, in diesem
Tone spricht sie gern, das ist wahr; aber nicht aus schlechter Sitte, sondern
aus Übermut. Sie weiss, dass sie noch immer sehr hübsch ist, und hat aus Eitelkeit
und Gefallsucht, wovon ich sie nicht freisprechen kann, eine sie beständig
quälende Lust, die Männer in Verwunderung zu setzen, bloss um sie hinterher
auszulachen. Ich kenne sie besser, weil ich ihr Leben kenne. Sie war kaum
zwanzig, als Olga geboren wurde. Da hatte sie nun das Kind, eine gewöhnliche
Verführungsgeschichte, womit ich Sie verschonen will, und weil man ihren
Anspruch mit einer hübschen Geldsumme zufriedenstellte, so war sie nun eine gute
Partie geworden und verheiratete sich auch bald danach. Und wie meist in solchen
Fällen, mit einem kreuzbraven Mann. Aber ich muss auch sagen, er kam ihr zu. Sie
war eine ganz vorzügliche Frau, nicht das geringste konnt ihr nachgesagt werden,
und als der Mann krank wurde, hat sie ihn, mit allem, was sie hatte, treu bis
zum Tode gepflegt. Freilich, als er dann in seinem Grabe lag, war auch der
letzte Notgroschen hin, und Ihr Herr Onkel, der in demselben Hause wohnte, nahm
sich ihrer an. Und da kam es dann - nun, Sie wissen wie. Das geht jetzt ins
dritte Jahr, und sie wünscht es sich nicht anders, trotzdem sie klagt und
wettert, übrigens ohne sich viel dabei zu denken. Sie nimmt ihr gegenwärtig
Leben als einen Dienst, drin sich Gutes und Schlimmes die Waage hält; aber des
Guten ist doch mehr, weil sie keine Sorge hat um das tägliche Brot. Und nun bitt
ich Sie, wenn Sie sie wiedersehen, so sehen Sie sich ihr Tun und Treiben auf
meine Worte hin an, und Sie werden finden, dass ich nicht zuviel gesagt habe.«
    »Und was fordert sie von Ihnen?«
    »Fordert? Nichts. Sie liebt mich und ist seelensgut zu mir und freut sich,
dass ich auf mich halte, und ermutigt mich darin. Es ist immer das klügste so,
das sind ihre Worte. Würd es aber anders kommen, so wär es nicht viel, und sie
würde nur sagen: Ich weiss wohl, Stine, das Richtige lässt sich nicht immer tun.
Ja, sie sieht das, was sie das Richtige nennt, für etwas Wünschenswertes an,
aber nicht als etwas Notwendiges; sie gönnt es mir, nichts weiter.«
    Allmählich, während dies Gespräch geführt wurde, war die Sonne drüben
niedergegangen, und nur ein letztes verblassendes Abendrot schimmerte noch
zwischen dem Gezweige der Parkbäume. Stine hatte längst den Stickrahmen beiseite
gestellt, und der junge Graf, der ihr jetzt gegenübersass, sah in dem
Fensterspiegel, wie, die ganze Strasse hinunter, die Gaslaternen aufflammten. Er
war so benommen davon, dass er eine Weile schwieg und dem eigentümlichen
Strassenbilde zusah.
    »Ich sehe«, sagte Stine, »der Spiegel tut es Ihnen auch an. Ich weiss das
schon; es ist immer dasselbe.«
    Der junge Graf nickte. Dann nahm er Stines Hand wie zum Abschied und sagte,
während er sich rasch erhob: »Ich darf doch wiederkommen, Fräulein Stine?«
    »Besser wäre es, Sie kämen nicht. Sie beunruhigen mich nur.«
    »Aber Sie verbieten es nicht, Sie sagen nicht nein?«
    »Ich sage nicht nein, weil ich es nicht sagen darf. Meine Schwester würd es
unklug finden, und ich weiss, dass ich ihr Rücksichten schuldig bin.«
    »So denn auf Wiedersehen, Fräulein Stine.«
    Stine gab ihm das Geleit bis auf den kleinen Korridor; dann aber rasch in
ihre Stube zurückkehrend, trat sie ans offene Fenster und sog die frische Luft
ein, die vom Park her herüberkam. Aber es blieb ihr bang ums Herz, und sie hatte
das bestimmte Gefühl, dass ihr nur Schweres und Schmerzliches aus dieser
Bekanntschaft erwachsen werde. »Warum hab ich nicht nein gesagt? Ich habe mich
nun in seine Hand begeben... Und doch, ich will nicht, will nicht. Ich hab es
ihr auf dem Sterbebette schwören müssen. Stine, sagte sie, halte dich. Es kommt
nichts dabei heraus. Du bist nicht so hübsch wie deine Schwester Pauline, das
ist mir ein Trost. Ach, das Hübschsein... - Ich war noch ein halbes Kind damals;
aber was ich ihr versprochen, ich will es halten!«
Im selben Augenblick, wo der junge Graf, von Stine geleitet, aus dem Zimmer in
den Korridor trat, trat auch die Polzin von ihrem Horcheplatz wieder an den
Klapptisch zurück, wo sich nun zwischen den beiden Eheleuten sofort ein kurzes,
aber intimes Zwiegespräch entspann.
    »Er ist eigentlich lange geblieben«, sagte Polzin, während er sich wieder an
den Webstuhl setzte. »Wie war es denn?«
    »Gar nichts war es. Und wird auch nichts.«
    »I wo«, sagte Polzin. »Es wird schon werden. Alles muss doch Zeit und Weile
haben. Aber du denkst immer...«
    »Ach was, denken; ich denke gar nich. Ich sage bloss, wenn was werden soll,
wird es gleich. Un wenn es nich gleich wird, wird es gar nich... Ich kenne doch
auch die Mannsleute.«
    »Ja, ja«, sagte Polzin und griente, »die kennst du.«
    »Höre, Polzin, komme mir nich so. Fange nich wieder alte Geschichten an.«
    »I wie werd ich denn... Ich meine ja bloss...«
 
                                Neuntes Kapitel
Der junge Graf wiederholte seine Besuche. Während der ersten Woche kam er einen
Tag um den andern, dann täglich; aber immer blieb er nur bis Spätnachmittag.
Dann ging er wieder.
    Einmal kam ausnahmsweise der Abend heran, und man öffnete die Fenster und
sah hinaus. Die Schwere der Luft machte, dass das Strassentreiben unten anders als
sonst auf die Sinne wirkte, die Lichter brannten trüber, und das Geläute der
Pferdebahnglocke klang gedämpfter herauf. Über dem Parke drüben stand der Mond
und warf seinen Schimmer auf einen frei zwischen den Bäumen stehenden Obelisken;
die Nachtigallen schlugen, und die Linden blühten in aller Pracht.
    Der junge Graf wies darauf hin und sagte: »Das ist nun ein Park und heisst
auch so. Aber ist es nicht eigentlich wie ein Kirchhof? Dass alles blüht, das hat
der Kirchhof auch. Und der Obelisk sieht aus wie ein Grabstein.«
    »Und ist auch so was.«
    »Wie das? Ist da jemand begraben?«
    »Nein, begraben nicht. Aber ein Denkmal ist es, das zur Erinnerung an die
mit der Amazone Verunglückten errichtet wurde. Hundert oder mehr, und ich habe
manchmal ihre Namen gelesen. Es ist rührend; lauter junge Leute.«
    »Ja«, sagte der junge Graf, »ich entsinne mich, lauter junge Leute.« Dann
schwieg er wieder, und der Ton, in dem er gesprochen hatte, klang fast, wie wenn
er sie mehr beneide als beklage.
    Bald danach brach er auf, sichtlich bewegt von der Wendung, die das Gespräch
genommen, und Stine sah, als er auf die Strasse hinaustrat, dass er nicht, wie
gewöhnlich, nach links hin auf die Bahnhofsbrücke zuschritt, sondern, quer über
den Damm, nach dem eingegitterten Park. Da stand er nun an dem Gitter und beugte
sich vor, und es war, als ob er die Namen, die der Obelisk trug, in dem
Halblicht zu lesen versuche.
    An diesem Tage hatte sein Besuch etwas länger gedauert; sonst blieb er nur
bis Sonnenuntergang und hatte seine Freude daran, Stine bei der Arbeit zu sehen
und dabei plaudern zu hören. Er nahm teil an allen Vorkommnissen, am liebsten
aber war es ihm, wenn sie Geschichten aus ihrem Leben erzählte, von ihren
Kinder- und Schultagen, von dem frühen Tod ihrer Mutter und von der Einsegnung,
die kurz nachher gewesen, und wie die Leute im Hause gesammelt hätten, um ihr
das Einsegnungskleid schenken zu können. Und wie sie dann in demselben Jahre
noch in das grosse Woll- und Stickereigeschäft eingetreten sei - dasselbe, für
das sie jetzt noch arbeite; meistens zu Haus, aber mitunter auch im Geschäft
selbst - und wie sie da lebten und Freundschaften schlössen und in der
Weihnachtswoche bis in die halbe Nacht beisammensässen und der Reihe nach eine
immer vorlesen müsse. Das sei nicht bloss gestattet, das sei sogar gewünscht;
denn der Herr des Geschäfts sei klug und gütig und wisse, was es wert sei, die,
die arbeiten müssten, bei Lust und Liebe zu halten. Und so käm es auch, dass sie
keinen Wechsel im Personal hätten, oder doch nur sehr selten, und alle gern
blieben, es sei denn, dass sie sich verheirateten. Überhaupt müsse sie sagen, es
würde soviel von Aussaugen und Quälen und von Bedrückung gesprochen, aber nach
ihrer eigenen Erfahrung könne sie dem durchaus nicht zustimmen. Im Gegenteil. Im
Winter hätten sie Maskenball und Teaterstücke; denn ihr Geschäftsherr, wie sie
nur wiederholen könne, vergesse nie, dass ein armer Mensch auch mal aus dem
Alltag herauswolle. Das schönste aber seien die Landpartien im Sommer. Da würden
ein paar Kremser gemietet, und noch vor Tau und Tag ging' es ins Freie hinaus,
nach Schildhorn und Grunewald oder nach Tegel und dem Finkenkrug. Oder auch zu
Wasser, was freilich, solange sie da sei, nur einmal gewesen, aber ihr auch ganz
unvergesslich geblieben sei. Da wär ein Dampfschiff gemietet worden, und die
ganze Spree hinauf, an Treptow und Stralow und dann an Schloss Köpenick und
Grünau vorüber, wären sie bis in die Einsamkeit gefahren, bis an eine Stelle, wo
nur ein einziges Haus mit einem hohen Schilfdach dicht am Ufer gestanden habe.
Da wären sie gelandet und hätten Reifen gespielt. Ihr aber sei das Herz so zum
Zerspringen voll gewesen, dass sie nicht habe mitspielen können, wenigstens nicht
gleich, weshalb sie sich unter eine neben dem Hause stehende Buche gesetzt und
durch die herabhängenden Zweige wohl eine Stunde lang auf den Fluss und eine
drüben ganz in Ampfer und Ranunkeln stehende Wiese geblickt habe, mit einem
schwarzen Waldstreifen dahinter. Und es sei so still und einsam gewesen, wie sie
gar nicht gedacht, dass Gottes Erde sein könne. Nur ein Fisch sei mitunter
aufgesprungen und ein Reiher über die Wasserfläche hingeflogen. Und als sie sich
satt gesehen an der Einsamkeit, habe sie die andern wieder aufgesucht und mit
ihnen gespielt; und sie höre noch das Lachen und sähe noch, wie die Reifen in
der Sonne gebljetzt hätten.
    Der junge Graf hörte nichts lieber als dergleichen Erzählungen, und so
glücklich ihn jedes Wort stimmte, so lehrreich war es ihm auch. Er war in der
Vorstellung herangewachsen, dass die grosse Stadt ein Babel sei, darin die
Volksvergnügungen, wenn nicht mit Sittenlosigkeit und Roheit, so doch mit Lärm
und Gejohle ziemlich gleichbedeutend seien, und musste nun aus Stines Munde
hören, dass dies Babel eine Vorliebe für Lagern im Grünen, für Zeck und Anschlag
habe. Dergleichen verfehlte denn auch nicht, seine Gedanken immer mehr einer ihm
angeborenen, allen Standesvorurteilen abgewandten Richtung zuzuwenden, und wenn
Stine mit solchen Schilderungen, ernsten und heiteren, ihn in die Gemütlichkeit
hineingeplaudert hatte, wurd er zuletzt selber mitteilsam und sogar gesprächig
und erzählte von seinem eigenen Leben: von dem Predigtamtskandidaten, bei dem er
bis zum Überdruss Gesangbuchlieder und Bibelsprüche habe lernen müssen, weil es
so das bequemste für den Lehrer gewesen, von seinen Vorbereitungen zum Examen,
durch das er nur (denn er habe nie was gelernt) wie durch ein Wunder
hindurchgekommen sei, und endlich, nach seinem Eintritt ins Regiment, von seinen
Avantageur- und Fähnrichstagen. Das wäre seine beste Zeit gewesen, seine einzig
frohe, trotzdem es bei seinem frommen und eisenfresserischen Kommandeur ein für
allemal festgestanden habe, »ein Fähnrich ist ein Nichtsnutz«. Und da mit einem
Male hab es geheissen »Krieg«; ein Jubel wäre losgebrochen, und drei Tage später
hab er schon eingepfercht in einem Waggon gesessen, überglücklich, auch
seinerseits, aus dem Garnisons-Einerlei heraus zu sein. Überglücklich. Aber
freilich nicht auf lange. Denn wieder drei Tage später, und er habe, aus dem
Sattel geschossen, dagelegen, und als einen Halbtoten hätten sie ihn
weggetragen. Und während seine Kameraden von Sieg zu Sieg gezogen seien, hätt er
sich in einem Nest an der Grenze hingequält und nicht gewusst, ob er leben oder
sterben solle. Und die Natur hab es auch nicht recht gewusst und habe sich nicht
entscheiden wollen. Aber zuletzt habe sie sich entschieden, und er sei genesen.
Oder doch halb. Ob zu seinem Glück? er wiss es nicht. »Es ist doch das schönste,
wenn die Sonne niedergeht und ausruhen will von ihrem Tagewerk.«
    Stine verstand ihn wohl und bat ihn, als er das sagte, nicht so zu sprechen.
Er müsse doppelt hoffen; denn wer vom Tode gerettet sei, der lebe lange. So sage
das Sprichwort, und die Sprichwörter hätten immer recht.
    Er lächelte bei diesen Worten und lenkte dann auch seinerseits wieder zu
heiteren Dingen über. Und bald danach trennte man sich in Herzlichkeit und guter
Laune.
 
                                Zehntes Kapitel
Es war in der dritten Woche nach ihrer Bekanntschaft, ein Freitagabend, und der
junge Graf hatte noch keine zehn Minuten das Haus verlassen, als es oben an der
Flurtür klopfte. Das war das Zeichen für die Polzin, die denn auch sofort
erschien und sich mit der Pittelkow begrüsste.
    »War Besuch hier, liebe Polzin? Ich meine bei Stine?«
    »Kann ich wirklich nich sagen, liebe Frau Pittelkow. Sie wissen, wir sehen
und hören nichts.«
    Es schien, dass sich die Polzin über dies ihr Lieblingstema noch weiter
verbreiten wollte, Stine jedoch, die das draussen auf dem Flur geführte Gespräch
gehört und die Stimme der Schwester erkannt hatte, liess es nicht dazu kommen.
»Ei, das ist hübsch, Pauline, dass du da bist.« Und hiermit wandte sie sich
wieder in ihr Zimmer zurück, um, vorsichtig umhersuchend, von einem schon im
vollen Abendschatten stehenden Eckschrank die Lampe herunterzunehmen.
    »Lass man, Stinechen«, sagte die Schwester. »Es ist so hübsch schmustrig
hier, un das Schmustrige hab ich nu mal am liebsten, un is immer wie 'n altes
schwarzes Kreppschintuch, wo man sich gleich einmummeln un anlehnen kann, un
braucht nicht steif un grade zu sitzen. Nein, lass man, Stine; wir haben Licht
genug von unten her. Sieh doch bloss, da kuckt ja der Mond grad über Sieboldten
seinen Schornstein weg.«
    Unter solchem Geplauder hatte die Pittelkow auf dem Sofa Platz genommen und
sagte, während sie sich behaglich in die Kissen drückte: »Ja, was ich sagen
wollte, Stine, das Grafchen war eben wieder hier?«
    »Ja, Pauline.«
    »Jott, Kind, wie dir die Backen brennen.«
    »Ja, sie brennen mir. Aber ich weiss eigentlich nicht warum. Es ist fast zum
Ärgern; ich bin rot geworden und brauchte doch nicht.«
    »Ach, mein Stineken, werde du man rot; es is immer besser mal zuviel als mal
zuwenig. Aber was ich sagen wollte, das Grafchen... Es gefällt mir nich, dass er
hier immer bei Dagesschluss die Treppe raufsteigt, grad als müsst er die Betglocke
läuten.«
    »Er ist der beste Mensch von der Welt, Pauline. Nie hätt ich geglaubt, dass
es einen so guten Menschen gäbe. Den ersten Tag hatte ich eine Aussprache mit
ihm und redete von Anständigkeit und auf sich Halten, und dass ich ein
ordentliches Mädchen sei. Aber ich schäme mich jetzt fast, dass ich so was gesagt
habe. Denn immer ängstlich sein ist auch nicht gut und zeigt bloss, dass man sich
nicht recht traut und dass man schwächer ist, als man sein sollte.«
    Die Pittelkow lächelte vor sich hin und schien antworten zu wollen, aber
Stine fuhr fort: »Ja, Pauline, der beste Mensch, ohne Falsch und ohne Hochmut,
aber auch ohne Glück. Wenn er mir so gegenübersjetzt, ist es mir oft, als ob wir
die Rollen vertauscht hätten und als ob ich eine Prinzessin wär und könnt ihn
glücklich machen. Er sieht mich dann immer an und hört auf jedes Wort, das ich
spreche, nicht bloss zum Schein und aus Haberei, nein, solch dummes Ding bin ich
nicht mehr, mir so was einzubilden, wenn es nicht wahr wäre. Nichts von bloss so
tun; ich seh es ihm an, dass er wirklich dabei ist und dass ihn alles freut, was
ich da so hinplaudere. Freilich, du wirst mich für eitel halten und es nicht
glauben wollen.«
    »O warum nich, Stine? Warum soll ich es nich glauben? Ich glaub es alles.
Aber alles hat auch seinen Grund und sogar seinen guten Grund. Und ich kenn ihn
auch.«
    »Und ich denke mir, ich kenn ihn auch und weiss, woran es liegt. Sieh, es
liegt daran, er hat so wenig Menschen gesehen und noch weniger kennengelernt. In
seiner Eltern Hause gab es nicht viel davon - sie sind alle stolz und hart, und
seine Mutter ist seine Stiefmutter -, und dann hat er Kameraden und Vorgesetzte
gehabt und hat gehört, wie seine Kameraden und seine Vorgesetzten sprechen; aber
wie Menschen sprechen, das hat er nicht gehört, das weiss er nicht recht. Ich
denke mir das nicht aus, ich hab es von ihm, es sind seine eigenen Worte. Ja,
Pauline, daran liegt es. Das ist der Grund, dass ich armes Ding ihm gefalle;
nichts weiter. Er ist unglücklich in seinem Haus und seiner Familie. Vor allem
aber denke nur nicht, er sei mein Anbeter oder Liebhaber, oder wie du's sonst
noch nennen willst. Ich sehe wohl, dass er mich liebhat, aber das ist doch was
andres, und das kann ich dir sagen, noch ist kein Wort über seine Lippen
gekommen, dessen ich mich vor Gott und Menschen oder vor mir selber zu schämen
hätte.«
    »Glaub es«, sagte die Pittelkow. »Glaub es alles. Aber, meine liebe Stine,
das ist es ja eben. Ich hab es mir so gedacht, gerade so. Gleich als ich ihn das
erste Mal sah, als die beiden Alten mit da waren und Wanda Holofernessen köppte,
da wusst ich es. Sieh, Kind, es sind mir so viele Mannsleute zu Gesichte
gekommen, und wenn ich welche sehe, na, so kenn ich sie gleich durch un durch un
kann sie aussuchen wie Handschuh nach der Nummer un weiss gleich, was los is. Un
mit dem jungen Grafen is nich viel los. Er is man schwächlich, un die
Schwächlichen sind immer so un richten mehr Schaden an als die Dollen.«
    Stine sah die Schwester an.
    »Ja, du siehst mich an, Kind. Aber es is wahr un wahrhaftig so. Du denkst
wunder, wie du mich beruhigst, wenn du sagst: Es is keine Liebschaft. Ach, meine
liebe Stine, damit beruhigst du mich gar nich; konträr im Gegenteil. Liebschaft,
Liebschaft. Jott, Liebschaft is lange nich das schlimmste. Heut is sie noch, un
morgen is sie nich mehr, un er geht da hin, und sie geht da hin, un den dritten
Tag singen sie wieder alle beide: Geh du nur hin, ich hab mein Teil. Ach, Stine,
Liebschaft! Glaube mir, daran stirbt keiner, un auch nich mal, wenn's schlimm
geht. Was is es denn gross? Na, dann läuft 'ne Olga mehr in der Welt rum, un in
vierzehn Tagen kräht nich Huhn, nich Hahn mehr danach. Nein, nein, Stine,
Liebschaft is nich viel, Liebschaft is eigentlich gar nichts. Aber wenn's hier
sitzt« (und sie wies aufs Herz), »dann wird es was, dann wird es eklig.«
    Stine lächelte.
    »Du lachst, und ich weiss auch warum. Du lachst, weil du denkst, Pauline weiss
nichts davon und kann auch nichts davon wissen, denn es hat ihr nie hier
gesessen. Un das hat auch seine Richtigkeit damit. Ich bin noch so drum
rumgekommen. Aber, meine liebe Stine, man erlebt nich bloss an sich selbst, man
erlebt auch an andern. Un ich sage dir, von so was, wie du mit dem Grafen
vorhast oder der Graf mit dir, von so was is noch nie was Gutes gekommen. Es hat
nu mal jeder seinen Platz, un daran kannst du nichts ändern, un daran kann auch
das Grafchen nichts ändern. Ich puste was auf die Grafen, alt oder jung, das
weisst du, hast es ja oft genug gesehen. Aber ich kann so lange pusten, wie ich
will, ich puste sie doch nich weg, un den Unterschied auch nich; sie sind nun
mal da, und sind, wie sie sind, und sind anders aufgepäppelt wie wir, und können
aus ihrer Haut nicht raus. Un wenn einer mal raus will, so leiden es die andern
nich und ruhen nich eher, als bis er wieder drinsteckt. Un denn kannst du hier
so lang in die Sonne kucken, bis sie morgens bei Polzins oder bei der Frau
Privatsekretär wieder rauskommt, er kommt doch nich, er sitzt erster Klasse mit
Plüsch un hat noch ein Luftkissen bei sich, un sie hat 'nen blauen Schleier an
'n Hut, und so geht es heidi! nach Italien. Un das is denn, was sie
Hochzeitsreise nennen.«
    »Ach, Pauline, so kommt es nich.«
    »Ja, so kommt es, mein armes Stineken. Un wenn es nich so kommt, na, denn
kommt es noch schlimmer, denn is er ein Eigensinn un will partout mit 'n Kopp
durch die Wand, un da hast du denn den Kladderadatsch erst recht. Glaube mir,
Kind, von 'ne unglückliche Liebe kann sich einer noch wieder erholen un ganz gut
rausmausern, aber von 's unglückliche Leben nich.«
 
                                 Elftes Kapitel
Baron Papageno (niemanden über sich) wohnte von alter Zeit her drei Treppen
hoch, teils, weil er das seiner Meinung nach erst in etwa Dachhöhe beginnende
Ozon auch in seiner Berliner Abschwächung nicht missen wollte, teils, weil er
einen Widerwillen hatte, bei jeder über ihm stattfindenden Mahlzeit ein halbes
Dutzend Menschen und Stühle herumpoltern zu hören. Namentlich war ihm das
Hinundherschrammen in den Tod verhasst, das seiner in früheren Wohnungen
gemachten Erfahrung nach überall da blühte, wo Kinder mit zu Tische sassen,
Kinder, die noch nicht alt genug waren, ihren Stuhl manierlich heranzustellen,
und sich deshalb aushilfeweise zum Schieben gezwungen sahen. Neben dem
Griffelgequietsch auf Schiefertafeln gab es nichts, was ihn so nervös gemacht
hätte wie solche Stuhl- und Rutschfahrten ihm zu Häupten.
    Aber freilich, seine der gesamten Wohnungsfrage geltenden Sorglichkeiten
beschränkten sich nicht auf Luftschicht und Hausruhe, sondern zeigten sich
beinah mehr noch in dem Raffinement, mit dem er bei der Wahl der Stadtgegend
verfahren war und Zietenplatz und Mohrenstrasse-Ecke gewählt hatte. Wie sich
denken lässt, hielt er diese seine Kastellecke für nicht mehr und nicht weniger
als den schönsten Punkt der Stadt und lag darüber mit dem alten Grafen in einer
beständigen Fehde. Dieser seinerseits zog die Behrenstrasse weit vor, unterlag
aber bei den sich darüber entspinnenden Streitigkeiten jedesmal, weil er in der
üblen Lage war, mit blossen legitimistischen Sentiments gegen Tatsachen fechten
zu müssen. »Ich bitte Sie, Graf«, sagte dann Papageno mit einer von vornherein
überlegenen Miene, »was haben Sie, Hand aufs Herz, in der Behrenstrasse? Sie
sehen nun schon sieben Jahre lang in das Portal der kleinen Mauerstrasse hinein,
ohne je was anderes herauskommen zu sehen als eine Kutsche mit einer alten
Prinzessin oder einer noch älteren Hofdame. Das ist mir aber, offen gestanden,
trotzdem die Kutschen zu sind, als Point de vue nicht anziehend genug. Und nun
vergleichen Sie damit meine Mohrenstrasse-Ecke? Sag ich zuviel, wenn ich
behaupte, dass mir, von meinem Ausguck aus, ganz Berlin, soweit es mitspricht, zu
Füssen liegt? Was ich jeden Morgen zuerst zu begrüssen in der Lage bin, ist der
alte Zieten auf seinem Postament. Als er noch weiss war, war er mir freilich noch
lieber, und wenn ich ihn damals so marmorblank in der Morgensonne dastehen und
leuchten sah, dacht ich mitunter, er werde reden wie der selige Memnon aus
seiner Säule. Nun, das hat er schon damals unterlassen, und seitdem er erz- und
olivenfarben geworden ist, ist es vollends damit vorbei - die besseren Tage
liegen ihm und anderen zurück. Aber besser oder nicht, der alte Zieten ist
überhaupt nur Vorposten an dieser Stelle, hinter dem ich - die Menge muss es
bringen - an jedem neuen Tage nach links hin die Gamaschen des Alten Dessauers
und nach rechts hin die Fahnenspitze des alten Schwerin blinken sehe. Vielleicht
ist es auch sein Degen. Und en arrière meiner Generäle türmen sich die
Ministerien auf und Pless und Borsig, und wenn ich mich noch weiter vorbeuge, seh
ich sogar das Gitter von Radziwill, jetzt Bismarck, und durchdringe mich mit dem
patriotischen Hochgefühle: hier Preussen unter dem Alten Fritzen, dort Preussen
unter dem eisernen Kanzler.«
    So liebte Baron Papageno zu perorieren und schloss dann in der Regel mit
Zitaten aus der ersten Strophe des »Ring des Polykrates«, womit sich seine
Kenntnis der Ballade, wie bei vielen andern, erschöpfte.
    Der Baron lag auch heute wieder im Fenster, aber nicht nach dem
Zietenplatze, sondern nach der Mohrenstrasse hinaus, und beobachtete die
Sperlinge, die gerad gegenüber in der Dachrinne sassen und sich unter beständigem
Gepiep und Gehupf, dem dann ein abschüttelndes Flügelschlagen folgte, den
Extravaganzen eines geordneten oder vielleicht auch ungeordneten Familienlebens
hingaben. Er sann eben darüber nach, ob er sich nicht aus moralpädagogischen
Gründen ein kleines Pustrohr anschaffen und durch Hinüberschiessen kleiner
Lehmkugeln etwas mehr Askese heranbilden solle, als er draussen auf dem Flur die
Klingel gehen hörte. Seine Wirtin musste, der Tagesstunde nach, eigentlich noch
zu Hause sein, und so hielt er vorläufig ruhig auf seinem Beobachtungsposten
aus, bis das mehrfach wiederholte Klingeln ihn veranlasste, nachzusehen, was es
sei.
    Baron Papageno hatte draussen den Postboten erwartet und war nicht wenig
überrascht, statt seiner den jungen Grafen vor sich zu sehen. »Ah, Waldemar!
Herzlich willkommen. Wie Zeit und Jugend sich ändern! Ich schlief immer noch um
elf, und Sie sind schon auf und gestiefelt und gespornt und machen Ihre Visiten.
Aber bitte, geben Sie mir Ihren Überzieher. Oder wenn Sie meine Dienste
verschmähen, auch gut; auch das alte Selbst ist der Mann hat seine Vorzüge. Hier
an diesen Riegel, wenn ich bitten darf. Und nun lassen Sie mich vorangehen und
den Führer machen... Soll ich das Fenster schliessen?«
    »Ich denke«, sagte der junge Graf, »wir lassen es, wie's ist.«
    »Gut. Oder vielmehr desto besser. Nichts über frische Luft. Ich war eben
naturhistorischen Betrachtungen hingegeben, und zwar dem Liebesleben einer
Sperlingsfamilie drüben in der Dachrinne. Nichts interessanter als solche
Betrachtungen. Und warum? Weil wir ihnen entnehmen dürfen, dass auch das
tierweltlich Intrikateste seine Parallelstellen in unserem eigenen Leben findet.
Glauben Sie mir, Waldemar, nichts falscher als die Vorstellung, dass es mit der
Gattung homo was ganz Besonderes sei.«
    Der junge Graf nickte zustimmend. Der alte Baron aber, ohne sich im
geringsten um Anzweiflung oder Zustimmung zu kümmern, fuhr in dem ihm eigenen
jovialen Tone fort: »Sehen Sie, Waldemar, die Sperlinge. Meine Passion! Jedes
Alter hat seine Passionen, und die Sperlinge repräsentieren am Ende nicht die
schlimmste. Hübsch freilich sind meine Freunde drüben nicht und auch nicht
wählerisch, eigentlich in nichts, im Gegenteil, immer frère cochon, aber auch
immer amüsant, und das ist für mich das entscheidende. Denn die meisten Tiere -
wiederum ganz nach höherer Analogie - sind herzlich langweilig, darunter selbst
solche, die für bevorzugt gelten, und fast möcht ich sagen, den Vortritt haben.
Nehmen Sie beispielsweise den Hahn. Er denkt sich wunder was und ist doch
eigentlich nur ein Geck. Ausser dem Amte, das ihm obliegt und über das ich in so
früher Stunde nicht gern sprechen möchte, was tut er sonst noch, das der Rede
wert wäre? Nichts. Er hält sommers von drei Uhr ab seine Dienststunden. Aber das
ist mir zuwenig. Und nun vergleichen Sie damit den Sperling. Immer guter Laune,
gesprächig, fidel. Überall guckt er rein, alles will er wissen, alles will er
haben - die reinen Preussen in der Weltgeschichte der Vögel... Aber ich
verschwatze mich, die Sperlinge sind nun mal mein Steckenpferd, ein etwas
sonderbares Bild. Und nun nehmen Sie Platz, wenn ich bitten darf... Zigaretten?
Oder einen Morgencognac?«
    Und er fuhr im Zimmer hin und her, um zunächst ein Kistchen Zigaretten und
dann Aschbecher und Feuerzeug vor den jungen Grafen hinzustellen. Als er aber
endlich damit zu Ruhe war, nahm er selber Platz und blickte mit seinen
freundlichgrauen Augen, die pfiffig und unbedeutend in die Welt hineinsahn,
seinen Besucher an.
    »Ich komme«, begann dieser, »in einer etwas diffizilen Angelegenheit...«
    »Also Geldsache«, warf Papageno dazwischen und versuchte zu lachen. Denn
seine Finanzlage war nicht die beste.
    »Nein, nicht das, lieber Baron. Es handelt sich vielmehr um eine Herzens-
und Standessache. Rundheraus, ich habe vor, mich zu verheiraten.«
    »Ah, charmant. Eine Hochzeit. Wahrhaftig, ich wüsste nicht, lieber Waldemar,
was Sie mir Lieberes sagen könnten. Ich hab es verpasst und stecke nun in meinen
Junggesellenpantoffeln. Aber wenn ich höre, dass ein anderer es wagen will, da
fasst mich immer ein heftiger Neid, und ich höre nichts als Orgel und Tanzmusik
und sehe nichts als Bouquets und kleine weisse Atlasschuhe. Die sind auch eine
Passion von mir, beinah noch mehr als die Sperlinge. Und aus allen Backöfen
werden dann Kuchen gezogen, und abends steigen Raketen aus dem Park in den
schwarzblauen Himmel auf, und im Kruge, was immer das interessanteste bleibt,
gibt es nichts als Friesröcke, Brustlatz und Zwickelstrümpfe.«
    »Meine Hochzeit, lieber Baron, wenn sie überhaupt stattfindet, wird
mutmasslich einfacher verlaufen. Ich habe nicht unter den Komtessen des Landes
gewählt und bin, von unserm Standpunkt aus angesehn, eine gute Stufe
herabgestiegen...«
    »Auch das hat seine Vorzüge. Junge Bourgeoise?«
    »Nein, Baron, Sie müssen noch eine Stufe tiefer. Ich habe vor, die
Zustimmung des Mädchens vorausgesetzt, mich mit der Schwester der Pittelkow zu
verloben, mit Stine.«
    Der Baron war aufgesprungen. Er fasste sich aber schnell wieder und sagte,
während er sich setzte: »Sie werden Ihre Gründe gehabt haben. Ausserdem weiss ich
aus hundert Erlebnissen, um nicht zu sagen aus eigener Erfahrung, welche Launen
Gott Amor hat und in welchen Sprüngen und Abweichungen er sich gefällt. Man kann
beinah sagen, er hat eine Vorliebe für den Ausnahmefall. Aber Ihr Onkel? Ihre
Familie?«
    »Das eben ist es, Baron, weshalb ich zu Ihnen komme. Dass meine Familie
niemals zustimmen wird, ist mir gewiss, auch liegt es mir fern, nur den Versuch
dazu machen zu wollen. Ich respektiere die herrschenden Anschauungen. Aber man
kann in die Lage kommen, sich in tatsächlichen Widerstreit zu dem zu setzen, was
man selber als durchaus gültig anerkennt. Das ist meine Lage. Meine Familie kann
den Schritt nie guteissen, den ich vorhabe, braucht es nicht, soll es nicht,
aber sie kann ihn gelten lassen, ihn verzeihn. Und diese Verzeihung möcht ich
haben, nichts weiter. Ich will keine guten Worte hören, aber, wenn's sein kann,
auch keine bösen. Es genügt mir, einer gewissen Teilnahme sicher zu sein, in der
sich dann, aufs letzte hin angesehn, doch immer noch ein Rest von Liebe birgt.
Und mir diese Teilnahme zu gewinnen, dazu bedarf ich eines Anwalts. Glauben Sie,
dass mein Onkel geneigt sein könnte, dieser Anwalt zu sein? Sie kennen ihn besser
als ich. Er gilt für stolz bis zum Hochfahrenden, andrerseits hab ich ihn in
Situationen gesehn, die die Kehrseite davon waren. Sie wissen, Baron, welche
Situationen ich meine. Und nun sagen Sie mir, was hab ich von dem Onkel zu
gewärtigen? Sind Sie der Meinung, dass ich einer heftigen Szene voller
Unliebsamkeiten und vielleicht voller Beleidigungen entgegengehe, so verzichte
ich von vornherein auf den Versuch, ihn zu meinem Fürsprecher bei meinen Eltern
machen zu wollen.«
    Der Baron sah vor sich hin und wirbelte an seinem grauen, etwas mausrigen
Schnurrbart. Endlich, als er einsah, dass er wohl oder übel sprechen müsse, warf
er sich in den Schaukelstuhl zurück und sagte, während er jetzt ebenso nach der
Zimmerdecke hinauf- wie vorher zur Erde niederstarrte: »Lieber Haldern, wer rät,
gerät leicht mit hinein. Und ich gerate nicht gern mit hinein; in nichts. Aber
Sie wollen meine Meinung, und so muss ich sie geben und meine Vorsicht opfern.
Nun denn, es scheint mir unerlässlich, dass Sie mit Ihrem Onkel sprechen.«
    »Ich freue mich dieser Bestätigung meiner eignen Ansicht.«
    »Sie müssen mit ihm sprechen, sag ich, auf alle Fälle, trotzdem ich weiss,
dass er ein absolut unberechenbarer Herr ist und sich aus lauter Widersprüchen
zusammensetzt oder doch aus Eigenschaften, die danach aussehn. Er steckt, und
insoweit liegt die Sache zunächst nicht allzu günstig für Sie, bis über die
Ohren in Dünkel und Standesvorurteilen, und doch ist ebensogut möglich, dass er
Sie küsst und umarmt und sich vorweg zu Gevatter lädt. Auf Ehr.«
    Waldemar lächelte vor sich hin, aber es war ein Lächeln, das mehr Zweifel
als Zustimmung ausdrückte.
    »Ja, Waldemar. Sie lächeln. Und wenn ich Ihren Onkel nach seiner Alltags-
und Durchschnittslaune beurteile, so kann ich nur sagen, Sie haben ein Recht zu
lächeln. Aber, um es zu wiederholen, er ist auch einer völlig entgegengesetzten
Auffassung fähig, und ich hab ihn im Klub und auch sonstwo Dinge sagen hören,
dass mir das Blut in den Adern starrte.«
    »Und in Fragen wie diese?«
    »Wie Sie sagen; just in Fragen wie diese. War es vor oder nach dem Kriege,
gleichviel, aber es sind noch keine zehn Jahre, dass sich der jüngste Schwilow
mit der Duperré verlobte, Balletteuse comme il faut. Sie werden sich ihrer
erinnern und damals von der Sache gehört haben. Nun, Waldemar, wenn ich sage,
die Duperré hatte, was Ruf angeht, einen Knacks, so sagt das eigentlich gar
nichts, denn sie war ein Knacks vom Wirbel bis zur Zeh - die Zeh selbst war
natürlich ihr Bestes -, und alle Welt war ausser sich, und der Klub ballotierte
den armen Schwilow, den sie damals Schmilow und ich weiss nicht wie sonst noch
nannten, heraus. Lauter schwarze Kugeln. Was aber tat Ihr Herr Onkel? Er gab ihm
mit Ostentation eine weisse Kugel. Und als ich ihn auf dem Heimwege nach dem
Warum fragte, blieb er vor der Rampe von Prinz Georg stehn, unten wo die
Bohlenbretter liegen oder wenigstens damals noch lagen, und perorierte so laut
in die Behrenstrasse hinein, dass die Schildwache bis an das Eisengitter der Rampe
herantrat und hinuntersah, um zu sehn, was es denn eigentlich gäbe. Und was war
es, das er sagte? Das wäre der erste vernünftige Schritt, den das Haus Schwilow
seit fünfhundert Jahren getan. Einer wäre beim Cremmer-Damm, in der sogenannten
ersten Hohenzollernschlacht, für die neukreierte Nürnbergerei gefallen, was grad
auch nicht das gescheiteste gewesen, seitdem aber schweige die Geschichte von
ihnen, was ein wahres Glück sei, sie würde sonst nur von Imbéciles und im
günstigsten Fall von allerlei Durchschnittsware zu berichten gehabt haben, von
öden Mittelmässigkeiten, die sich mit den umwohnenden Ihlows - die geradeso wie
die Schwilows waren - in einem fort versippten und verschwägerten und sich
unausgesetzt der Aufgabe hingaben, die sechzehn Ahnen, die sie schon zu Albrecht
des Bären Zeiten hatten, auf zweiunddreissig, vierundsechzig und
hundertachtundzwanzig zu bringen. Was ihnen denn auch, wie nicht erst versichert
zu werden brauche, längst geglückt sei. Denn schon beim Regierungsantritt des
Grossen Kurfürsten hätten sie die Zahl voll gehabt. Und in derselben riesigen
Proportion, wie die Ahnenreihe, sei auch die Stultitia gewachsen, die einzig
historisch beglaubigte Ahnfrau des Geschlechts. Und nun passen Sie auf, Papageno
(so schloss er), wir erleben es freilich nicht mehr und können es nur von einem
andern Stern aus - vielleicht von der Venus, was mir das liebste wäre -
beobachten, aber das sag ich Ihnen, diese Balletteuse bringt die ganze Sippe
wieder auf die Beine, der ganze Stammbaum, der gerade deshalb für uns und die
Menschheit so dürr ist, weil er für sich selbst so wunderbar grünt und blüht,
kriegt wieder ein andres Ansehn, und wo bis jetzt immer nur Landrat oder
Deichhauptmann stand, stehen, von Anno 1900 an, junge Genies, Feldherrn und
Staatsmänner, und irgendein Skriblifax schreibt ein dickes Buch und beweist
durch Grabschriften und Taufscheine, dass die Duperré die Tochter oder Enkelin
des Admirals Graf Duperré gewesen sei, desselben prächtigen alten Duperré, der
1830 Algier bombardierte, den Dei von Tunis gefangennahm und fast so vornehm war
wie die Montmorencys oder die Lusignans. Glauben Sie mir, Baron, ich kenne
Familien und Familiengeschichten, und mein Wort zum Pfande, wo das alte Blut
nicht aufgefrischt wird, da kann sich die ganze Sippe begraben lassen. Und
behufs Auffrischung gibt es nur zwei legitime Mittel: Illegitimitäten oder
Mesalliancen. Und sittenstrenger Mann, der ich bin, bin ich natürlich für
Mesalliancen.«
    Waldemar sah vor sich hin. Dann nahm er das Wort und sagte: »Wohl, ich
könnte mir einen Trost und eine Hoffnung daraus nehmen und eine freundliche
Aufnahme beim Onkel wenigstens als eine Möglichkeit gewärtigen. Aber muss ich
Sie, lieber Baron, an den alten, unserm gesamten Adel so geläufig gewordenen
Satz erinnern: Ja, Bauer, das ist was andres. Immer der andre, der andre. Was
für die Schwilows gilt, gilt darum noch nicht für die Halderns. Dem andern, so
denkt jeder einzelne, darf alles passieren, aber nicht ihm selbst. Es ist eine
merkwürdige Erscheinung, mit welcher Gleichgültigkeit alte Familien sich
gegenseitig beurteilen und welches Arsenal von Spott verschossen wird, die sich
gleichdünkenden und mitbewerbenden Mächte zu ridikülisieren. Aber dieser Spott,
ich muss es noch einmal sagen, ist immer nur für den andern da. Was kümmern
meinen Oheim die Schwilows? Je mehr Balletteusen, desto besser, denn mit jeder
neuen Balletteuse hat er nicht bloss einen neuen Stoff für die Klubmedisance,
sondern auch eine beständig erneute Veranlassung, sich mit immer wachsendem
Stolze des ungeheuren Unterschiedes zwischen den verduperréten Schwilows und den
oberpriesterhaft rein gebliebenen Sarastro-Haldern bewusst zu werden. Das zieht
sich durch alle Adelsgeschichten, wiederholt sich bei jeder Familie: je freier
in der Teorie, desto befangener in der Praxis, desto enger und ängstlicher in
der Anwendung auf das eigne Ich.«
    »Es ist, wie Sie sagen, Waldemar, und ich mag mich nicht verbürgen, dass es
mit Ihrem Onkel anders steht. Aber steh es mit ihm, wie's wolle, Sie müssen ihm
unter allen Umständen das Wort gönnen. Es bleibt doch immer die Möglichkeit
seiner Zustimmung, und versagt er sie, nun so war es am Ende bloss der Onkel,
bloss eine halbe Respektsperson, der man, wenn es zu toll kommt, den Respekt auch
kündigen kann. Und da liegt der Unterschied zwischen Onkel und Vater. Einem
Vater gegenüber, und wenn er einem das Furchtbarste sagt, muss man sich ruhig
verhalten und sich das Furchtbarste gefallen lassen, das verlangt so das vierte
Gebot. Aber das vierte Gebot schneidet scharf ab und versteigt sich, soweit mir
bekannt ist, nirgends zu dem Zusatzparagraphen: Du sollst Onkel und Tante ehren.
Und das ist ein wahres Glück. Gott, Tante! Ich hatte auch mal eine, eine
merkwürdige Frau, die Gott weiss was von mir verlangte, nur nicht das eine, dass
ich sie ehren sollte. Beinah das Gegenteil. Nein. Onkel und Tante sind hors de
concours. Einem Onkel gegenüber kann man sich seiner Haut wehren, einem Onkel
kann man antworten und widersprechen und steht schlimmstenfalls Mann gegen Mann,
und wär es mit dem Pistol in der Hand. Also nur vorwärts, Waldemar, vorwärts.«
    Der junge Graf erhob sich, der Baron aber wollte von Aufbruch noch nichts
wissen und drückte seinen Gast leise wieder in das Sofa zurück. »Ich bitte Sie,
Waldemar, Sie werden doch nicht gehn, ohne meinen Lafitte gekostet zu haben. Ich
weiss, Sie machen sich nichts draus, unter allen Umständen ist Ihnen die Stunde
zu früh; aber ich lasse Sie nicht los, und wenn Sie nicht trinken wollen, nun so
nippen Sie wenigstens. Anstossen müssen wir doch, um dem Geschäftlichen einen
ungeschäftlichen und, wenn's sein kann, einen gemütlichen Abschluss zu geben.«
    Während er noch so sprach, war er an einen Wandschrank getreten, der in
seinem untersten Fach zugleich sein Weinkeller war, und kam mit zwei Gläsern und
einer Flasche zurück. An der Art, wie er den Kork zog, erkannte man den
Frühstücker von Fach, und nun goss er ein und stiess an. »Hören Sie, wie das
klingt. So harmonisch soll alles klingen. Ja, harmonisch, das ist das rechte
Wort. Und nun Ihr Wohl, Waldemar. Ich halte Sie nicht mehr lange fest, aber doch
fünf Minuten noch. Ich muss Ihnen nämlich eine Liebeserklärung machen, die Sie
mir zugute halten wollen. Einem solchen vieux wie ich muss man was zugute halten.
Sehen Sie, Sie haben ein so gutes Gesicht, ein bisschen schwermütig, aber das tut
nichts, das gibt einen Charme mehr, und ich wollte mein Leben darauf verwetten,
dass Sie keinem Menschen je was zuleide getan haben. Ich schloss Sie gleich in
mein Herz, gleich den ersten Abend... Und nun bring ich noch eine Gesundheit
aus, aber ohne Namen. Wozu sollt ich ihn auch nennen? Er steht ohnehin in Ihrem
Herzen... Und sehen Sie, Sie sind mir seitdem noch lieber geworden. Im ersten
Augenblick bekam ich einen Schreck, ich kann es nicht leugnen, und als ich nun
gar noch einen Rat geben sollte, ja, das war mir ein bisschen zuviel. Aber das
Diplomatische, das Offizielle, das liegt nun hinter uns, und ich kann nun
sprechen, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Und da will ich Ihnen denn
aufrichtig sagen, aber nur so ganz unter uns, Sie brauchen sich nicht auf mich
zu berufen, ich freue mich immer, wenn einer die Courage hat, den ganzen
Krimskrams zu durchbrechen. Es gilt auch von dieser Ebenbürtigkeitsregel, was
von jeder Regel gilt, sie dauert so lange, bis der Ausnahmefall eintritt. Und
Gott sei Dank, dass es Ausnahmefälle gibt. Es lebe der Ausnahmefall. Es lebe...
Noch ein halbes Glas, Waldemar. Und was ich Ihnen zum Abschiede noch sagen
wollte, ja, sagen muss, der jüngste Schwilow, von dem ich Ihnen vorhin erzählte,
hatte recht, und Ihr Onkel hatte zweimal recht, und die Gesellschaft beruhigte
sich über die Duperré. Noch kein Vierteljahr, dass ich die jetzige Baronin
Schwilow auf Tzschatschow, etwas schwer auszusprechen, im Französischen Teater
traf, wo die Subra die Froufrou spielte. Sie sah reizend aus, ich meine die
Schwilow - die Subra natürlich auch -, und als sie im Zwischenakt das Köpfchen
warf und dabei die Brillanten im Ohrläppchen hin und her läuteten, da läutete
sie zugleich die ganze vornehme Gesellschaft zusammen. Und wissen Sie, wer ihr
am meisten den Hof machte? Natürlich der Herr Onkel, der aussah, als ob er
selber geneigt sei, das von ihm prognostizierte dicke Buch von der gräflichen
Admiralstochter zu schreiben. Ja, ja, Waldemar, Erfolg und Mut. Oder beginnen
wir mit dem Mut. Am Mute hängt der Erfolg. Und nun Gott befohlen.«
    Waldemar hatte sich inzwischen erhoben und seinen Hut genommen. Er dankte
dem Baron und bat ihn, wenn ein ernsteres Zerwürfnis eintreten sollte, seinen
Besuch wiederholen zu dürfen.
 
                                Zwölftes Kapitel
Waldemar, als er bei Baron Papageno vorsprach, hatte die Meinung des Barons in
einer ihm wichtigen Angelegenheit hören, im übrigen aber in eben dieser Sache
sich durchaus nicht beeilen wollen. Umgekehrt, ein seiner Natur entsprechendes
Abwarten und Hinausschieben, und wenn auch nur auf ein paar Tage, war auch
diesmal sein Plan gewesen, und erst der ermutigende Ton, in dem der Baron
gesprochen hatte, hatte den Gedanken in ihm angeregt, den Besuch beim Onkel, in
Ausnutzung der guten Stimmung, in der er sich befand, auf der Stelle machen zu
wollen. So bog er denn vom Zietenplatz her in die Mauerstrasse ein, sah, als er
das Königsmarcksche Palais passierte, zu der zweiten Etage, hinter deren kleinen
Fenstern er mit einem vor Jahr und Tag dort wohnenden Freunde manche glückliche
Stunde verplaudert hatte, hinauf und stand, nach einer abermaligen
Strassenbiegung, vor dem altmodischen, im übrigen aber gut und sauber gehaltenen
Hause, dessen oberes Stockwerk der Onkel seit einer Reihe von Jahren innehatte.
Portiersleute fehlten, statt ihrer aber war ein ganzes System von Gittertüren
da, das, wenn man unten - oder, was dasselbe sagen wollte, vor einem mit
allerhand unleserlichen Blechschilden reich ausgestatteten Parterre-Verhau -
klingelte, mitunter wie durch einen rätselhaften Federdruck in seiner Gesamteit
aufsprang, mitunter aber auch nicht, in welch letzterem Falle die nun von Etage
zu Etage nötig werdende Einzel-Klingelei gar kein Ende nahm und bei jedem neuen
Gitter zu dem Erscheinen eulenartiger alter Köchinnen führte, deren
Examinationsverfahren um so peinlicher und eindringlicher war, als nur ihr Auge
die Fragen stellte. Waldemar war zu lang und zu gut mit dieser altberlinischen
Haus- und Treppeneinrichtung bekannt, um für gewöhnlich Anstoss daran zu nehmen,
heute jedoch hatte dieses Absperrungssystem eine gewisse Bedeutung für ihn, und
jede neu zu passierende Gittertür erschien ihm wie eine Mahnung, »es lieber
nicht versuchen zu wollen«. Der mitgebrachte gute Mut indes überwand alle
Bedenklichkeiten und liess ihn schliesslich bei der dritten und letzten Gittertür
ankommen, an der er von einem alten Muffel von Diener (natürlich vom Lande),
dessen Umwandlung ins Herrschaftliche sich nur sehr unvollkommen vollzogen
hatte, mit einigermassen überraschlicher Freundlichkeit empfangen wurde. Der Herr
Graf seien zu Haus und würden sich sehr freuen. »Er sitzt über die Kupferstiche«
(so schloss er), »und wenn er da drüben her is, is er immer guter Laune.«
Der Diener ging voran, um zu melden, und der Eindruck, den Waldemar gleich bei
seinem Eintreten empfing, war der denkbar günstigste. Wenn schon immer eine
gewisse, durch einen guten Geschmack in Einrichtung und Ausschmückung bedingte
Behaglichkeit in dem Wohnzimmer des Onkels anzutreffen war, so war diese
Behaglichkeit heute bis zur Gemütlichkeit gesteigert. Die Fenster standen auf,
und von den »Linden« her klang die Musik eines auf Wache ziehenden Bataillons
herüber. Aber das war nicht alles, einfallende Lichter blitzten an den Wänden
hin und her, und auf einem grossen und eleganten Ständer von Mahagoniholz, dessen
Wände niedergeklappt waren, lag eine Kupferstichmappe, darin der alte Graf emsig
und andächtig zu blättern schien. Er trug schottischkarierte Pantalons,
Sammetrock und einen Fez mit Puschel, alles in allem ein ziemlich sonderbar
zusammengestelltes Kostüm, das freilich vollkommen zu seiner Versicherung
stimmte: dem Eklektizismus gehöre die Welt.
    »Ah, Waldemar. Soyez le bienvenu. Herzlich willkommen, mein Junge. Nimm
einen Stuhl oder stelle dich persönlich hierher... Im übrigen ganz nach deiner
Bequemlichkeit. Du findest mich in einer gewissen Aufregung: eben hat mir Amsler
diese Mappe voll italienischer Stiche geschickt, und ich schwelge in
Reminiszenzen. Sieh...«
    »Mantegna...«
    »Ja, Waldemar, Mantegna. Du wirst das Original in der Brera gesehen haben.
Süperbe. Wie das wohltut, eine verständnisvolle Seele zu finden. Alles redet von
Kunst, aber niemand weiss etwas davon, und die wenigen, die die Wissenden sind,
die fühlen wieder nichts oder wenigstens nicht genug. Ich möchte wissen, oder
lieber nicht wissen, was der Baron zu diesem gekreuzigten und zugleich so
wundersam verkürzten Christus sagen würde. Mantegna, für den ich beiläufig eine
Spezialpassion habe - du hast doch hoffentlich seine Fresken im Gonzagaschen
Palaste gesehn -, Mantegna, sag ich, hat den Leichnam Christi hier von der
Fusssohle her gemalt, ein Wunderstück der Verkürzung, etwas Klassisches; etwas
Niedagewesenes, versteht sich, in seiner Art. Ich wette zehn gegen eins, der
Baron würde mir versichern, Christus sähe hier aus wie eine Badepuppe. Und wenn
er sich dazu aufschwänge, so wär es nicht das schlimmste. Denn das ist
zuzugestehn, die ganze Gestalt hat etwas Verzwergtes, etwas Koboldartiges, und
indem ich darüber spreche, kommt mir ein andrer Vergleich, der mit dem von der
Badepuppe beinah zusammenfällt. Wahrhaftig, dieser Zwerg-Christus erinnert mich
an das in Holz geschnitzte Christkind in Ara Celi, an die Bambino-Puppe. Findest
du nicht auch?«
    »In der Tat«, antwortete Waldemar, »es erinnert daran. Aber ich fürchte,
lieber Onkel...«
    »... dich gestört zu haben. Nein, Waldemar. Ein Italianissimus wie du kann
mich nie stören, wenn ich in italienischen Erinnerungen schwelge. Nichts davon.
Aber diese Dinge stören dich. Wenigstens heute. Du bist zerstreut, du hast etwas
auf dem Herzen. Und es kann nichts Kleines sein, denn ich seh in deinem Gesichte
so was wie Fieberröte, die mir nicht recht gefällt. Lass dir sagen, Waldemar, was
du freilich auch ohne mich weisst, dass dein Leben an einem seidnen Faden hängt.
Also solide! Debauchiere, wer kann und mag, aber jeder nach seinen Kräften, und
durchschwärmte Nächte sind nicht für jedermann und sicherlich nicht für dich.
Übrigens nichts für ungut. Sitte hin, Sitte her, ich bin kein Sittenrichter und
jedenfalls der letzte, dich für den Jünglingsverein anwerben zu wollen; meinen
Beitrag zahl ich. Aber Gesundheit, Waldemar, Gesundheit; du bist für immer ins
Schuldbuch der Tugend eingeschrieben, oder um mich deutlicher und doch zugleich
kaum minder poetisch auszudrücken, du musst leben wie eine eingemauerte Nonne;
den andern trau ich nicht recht. Und nun sage mir, wenn sich's sagen lässt, woher
die roten Flecke?«
    Waldemar lachte. »Von einem zu frühen Frühstück, lieber Onkel. Ich war beim
Baron, und als ich gehen wollte, hielt er mich mit einem Glase Lafitte fest.«
    Jetzt war das Lachen auf des alten Grafen Seite. »Der gute Baron. Er nennt
es Lafitte, Gott verzeih es ihm, und bildet sich noch ein, eine Weinzunge zu
haben. Und warum? Weil er von der Voraussetzung ausgeht, ein beständiger
Frühstücker müsse sich auch zum Frühstücksverständigen ausbilden. Ein Satz, der
grundfalsch ist und an die Doktoren erinnert, die mit Stolz von ihrer
fünfzigjährigen Erfahrung sprechen, nachdem ihnen jeder einzelne wenn irgend
möglich gestorben ist. Glaube mir, Waldemar, wer beständig zwischen Hiller und
Dressel hin und her pendelt, kann seine Zunge verfeinern, aber auch nicht. Und
das letztre bildet die Regel. Übrigens, um elf beim Baron; was bedeutet das? Da
muss was vorliegen. Und nun heraus damit!«
    »Ich war da, mir seinen Rat zu holen.«
    »Bei dem Baron? Rat? Nun, da steh ich doch noch lieber zu seinem Lafitte.
Der ist schlimmstenfalls mit Pepsinpastillen zu bekämpfen, aber von seinem Rat
ist kein Erholen. Waldemar, ich dächte doch... Rat! Nun, ich bin auch nicht von
den Sieben Weisen Griechenlands, aber neben dem Baron... Oder vielleicht war der
gute Papageno nur Vorstufe. Lass hören. Ist es eine Sache, von der ich erfahren
darf, an der ich möglicherweise mit raten und taten kann?«
    »Ja, Onkel. Und zu dem Zwecke bin ich hier. Es ist, wie du sagst, der Baron
war nur Vorstufe.«
    »Nun denn?«
    »Also kurz, ich habe vor, mich zu verheiraten.«
    Der alte Graf schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.
    »Du erschrickst...«
    »Ich erschrecke nicht. Das ist nicht das rechte Wort, und wenn ich eben mit
der Hand auf den Tisch schlug, so war es nur ein lebhaftes oder vielleicht auch
zu lebhaftes Zeichen meiner Teilnahme. Nervosität, nichts weiter. Du bist
überhaupt ein Gegenstand meiner Teilnahme, Waldemar, denn ich bin dir ungeheuer
gut, und wenn ich das Wort nicht hasste, weil soviel Missbrauch damit getrieben
wird, so spräch ich dir rundheraus von meiner Liebe. Wahrhaftig, Junge, du bist
der Beste von allen lebenden Halderns - vielleicht können wir auch die Toten mit
einrechnen -, und ich weiss nicht, was ich alles für dich tun könnte. Dass du mich
beerbst, versteht sich von selbst; ich wünsche dir jedes erdenkliche Glück. Aber
eines, wenn es eins ist, wünsch ich dir nicht. Ein Mann wie du heiratet nicht.
Das bist du drei Parten schuldig: dir, deiner Nachkommenschaft - die bei
kränklichen Leuten wie du nie ausbleibt - und drittens der Dame, die du
gewählt.«
    »Es ist keine Dame.«
    Der alte Graf verfärbte sich. Unter einem halben Dutzend Möglichkeiten, die
durch sein Hirn schossen, war auch eine... Nein, nein... Und er fasste sich
wieder und sagte mit wiedergewonnener Ruhe: »Keine Dame. Was dann? Wer?«
    »Stine.«
    Der alte Graf sprang auf, warf seinen Stuhl um einen Schritt zurück und
sagte: »Stine! Bist du toll, Junge?«
    »Nein. Ich bin bei Sinnen. Und ich frage dich, ob du mich hören willst?«
    Der Graf sagte nicht ja und nicht nein, setzte sich aber wieder und sah
Waldemar fragend an.
    »Ich nehme an«, fuhr dieser fort, »dass du mich hören willst. Und wenn du
meinen ersten Satz gehört haben wirst, so wirst du ruhiger werden. Ich bin in
den Jahren und in der Lage, selbständig handeln zu dürfen, und ich werde
selbständig handeln. An dem allen ist nichts zu ändern; Krankheit macht
eigensinnig, und die Halderns sind es von Natur. Ich komme nicht, um eine
Familienerlaubnis nachzusuchen, die mir, wenn das Gesetz eine Verweigerung
zuliesse, verweigert werden würde. Da dies nicht der Fall ist, so hat anfragen
und Antwort einholen keinen Sinn. Und so denn noch einmal, meine Entschlüsse
sind gefasst. Du sollst nicht den Anwalt für mich machen, am wenigsten für das,
was ich vorhabe: mit solchen Dingen komm ich dir nicht, und wenn ich
nichtsdestoweniger dein gutes Wort erbitte, so geschieht es, weil alles
Gehässige meiner Natur widerstreitet. Hass ist mir hässlich. Ich erbitte dein
gutes Wort, weil ich versöhnungsbedürftig bin und in Frieden aus dieser Alten
Welt scheiden möchte.«
    »Was heisst das? Was hast du vor? Waldemar, ich bitte dich, du wirst uns doch
nicht eine dieser modernen Selbstmordskomödien aufführen und dich mit deiner
Stine nach erfolgter Kopulation, das Wort bleibt mir in der Kehle stecken, auf
eine Bahnschiene werfen oder im Hans-und-Grete-Stil in einen Dorftümpel stürzen
wollen? Ich bitte dich, Waldemar, verschon uns wenigstens mit einem Debüt im
Polizeibericht.«
    »Es ist nicht das. Ich habe nur einfach vor, mit der Alten Welt Schicht zu
machen und drüben ein anderes Leben anzufangen.«
    »Und als Hinterwäldler deine Tage zu beschliessen. Umgang mit Chingachgook,
alias le gros serpent, und Vermählung deiner ältesten Tochter Komtesse Haldern
mit irgendeinem Unkas oder einem Grossgrossneffen von Lederstrumpf. Was meinst du
dazu? Und wenn nicht Hinterwäldler, so doch Cowboy, und wenn nicht Cowboy, so
vielleicht Kellner auf einem Mississippidampfer. Ich gratuliere. Waldemar, ich
begreife dich nicht. Ist denn keine Spur von Haldernschem Blut in dir? Ist es
denn so leicht, aus einer Welt bestimmter und berechtigter Anschauungen zu
scheiden und bei Adam und Eva wieder anzufangen?«
    »Da triffst du's, Onkel. Ja, bei Adam und Eva wieder anfangen, das will ich,
da liegt es. Was dir ein Schrecken ist, ist mir eine Lust. Ich habe mir sagen
lassen, alles regle sich nach einem Gesetz des Gegensatzes, das zugleich ein
Gesetz des Ausgleichs ist, eine neue Teorie von diesem oder jenem, die Vorhand
ist, glaub ich, streitig. Aber gleichviel, von wem sie herrührt, es hat damit
nach meiner eigenen Erfahrung und ebenso nach meinem bisschen Wissen seine
vollkommne Richtigkeit. Der Alte Fritz hasste das Alte Testament, weil er in
seiner Jugend erbarmungslos damit gequält worden war, und der dicke König liebte
die Frauen und überschätzte sie, weil sie fünfzig Jahre lang vom preussischen
Hofe verbannt gewesen waren. Alles, was unten ist, kommt mal wieder obenauf, und
was wir Leben und Geschichte nennen, läuft wie ein Rad; la grande roue de
l'histoire sagen die Franzosen. Und nun lass mich die Nutzanwendung machen. Die
Halderns haben lange genug an der Feudalpyramide mit bauen helfen, um endlich
den Gegensatz oder den Ausgleich, oder wie du's sonst nennen willst, erwarten zu
dürfen. Und da kommt denn nun Waldemar von Haldern und bezeigt eine Neigung,
wieder bei Adam und Eva anzufangen.«
    Der Alte war nicht unempfindlich gegen solche Sätze, die, wenn sich's nicht
um Verwirklichung an einem Familienmitgliede gehandelt hätte, sehr
wahrscheinlich seinen Beifall gehabt haben würden. Ein Lächeln lief über sein
Gesicht, das ausdrücken mochte: »Sieh, er führt seine Sache gut«, ja, vielleicht
entsann er sich sogar, in Übermut und Weinlaune mehr als einmal dasselbe
proklamiert zu haben. Und so war es denn in einem viel ruhigeren Tone, dass er
antwortete: »Waldemar, lass uns vernünftig reden. Ich bin nicht so verrottet, wie
du glaubst. Ich kann dem allen folgen, und ich habe von der göttlichen
Weltordnung nicht die Vorstellung, dass sie sich mit dem Staatskalender und der
Rangliste vollkommen deckt. Ja, ich will dir noch mehr sagen: ich habe Stunden,
in denen ich ziemlich fest davon überzeugt bin, dass sie sich nicht damit deckt.
Und es werden, und vielleicht in nicht allzu ferner Zukunft, die
Regulierungszeiten kommen, von denen du eben sprachst, und vielleicht auch
wieder die Adam-und-Eva-Zeiten. Und sie mögen auch kommen, warum nicht? Ich bin
vor Adam nie erschrocken und vor Eva erst recht nicht. Aber sind gerade wir dazu
da, dem weltgeschichtlichen Umschwungsrade, das du da vorhin zitiertest, sind,
sag ich, gerade wir dazu da, diesem grande roue de l'histoire solchen
energischen Vorwärts- oder meinetwegen auch Zurückruck zu geben? Überlasse das
andern. Zur Zeit sind wir nur noch die Beati possidentes. Sei im Besitze, und du
bist im Recht ist vorläufig noch für uns geschrieben. Warum sich selbst um
diesen Besitz bringen und auf eigene Kosten eine Zukunft heraufbeschwören, von
der vielleicht keiner profitiert, und wir gewiss nicht. Adam, Neubeginn der
Menschheit, Paradies und Rousseau - das alles sind wundervolle Temata, für die
sich in praxi alle diejenigen begeistern mögen, die dabei nur gewinnen und
nichts verlieren können, die Halderns aber tun gut, all dies in der Teorie zu
belassen und nicht persönlich danach zu handeln.«
    Der junge Graf lächelte vor sich hin. »Ja, Onkel, das ist das Allgemeine,
das Alltäglich-Gültige. Gewiss, ich weiss es. Da gilt das, was du sagst. Und lass
mich dir versichern, ich bin weit ab davon, den Welt- oder auch nur den
Gesellschaftsreformator machen zu wollen. Dazu hab ich nicht die Schultern. Aber
das Besondre, das Besondre.«
    »Welches Besondre?«
    »Stine.«
    »Ja so, die«, sagte der alte Haldern und liess in allem erkennen, dass er im
Laufe des Gesprächs den Ausgangspunkt so gut wie vergessen hatte. »Ja, Stine...
Dummes Zeug. Ich kenne das. Ein Junggeselle, der über fünfzig hinaus ist, ist
mehr als einmal in Gefahr gewesen, an dieser Klippe zu scheitern. Aber das sind
Anwandlungen, Fieberanfälle. Solange sie dauern, legt man sich die
Weltgeschichte nach dem kleinen Gefühl zurecht, das einen gerade beherrscht;
aber von heute auf morgen, oder wenn es hoch kommt von heute bis übers Jahr, hat
man sich besonnen und sieht die Dinge nicht mehr durch das Trug- und Zauberglas
unserer erhitzen Phantasie, sondern durch die Fensterscheibe der
Alltäglichkeit. Stine! Du sollst nicht brüsk mit ihr brechen, im Gegenteil,
besuche sie, solange dich's dazu treibt; habe deine Plauderstunde mit ihr ruhig
weiter; aber es muss der Augenblick kommen, wo sich's ausgeplaudert hat und wo du
deinen Irrtum empfindest. Eines schönen Tages fällt es dir wie Schuppen von den
Augen, und du siehst in einen Abgrund.«
    »In welchen?«
    »Das wag ich nicht vorherzusagen, vielleicht bloss in den der Langweile,
vielleicht auch in einen schlimmeren. Und den Tag danach schreibst du ihr einen
Abschiedsbrief und trittst deine dritte Römerfahrt an. Rom passt ohnehin für die
Halderns, alt zu alt. Aber nicht Amerika. Ja, für die Diggings oder ein
Goldgräbercamp ist mir, offen gestanden, auch Stine zu schade. Beiläufig, was
Stine von Amerika braucht, ist eine Singersche Nähmaschine.«
    Waldemar erhob sich von seinem Platze. »Du hast, Onkel, von deinem
Standpunkt aus, ein Recht, so zu sprechen, ja, vielleicht härter und herber
noch; es liegt dir fern, mich kränken zu wollen, ich höre das heraus, und ich
danke dir dafür. Aber alles, was du gesagt, kann mich nicht umstimmen; es muss
bleiben, wie es ist. Ich fühle mich zu diesem liebenswürdigen Geschöpf, das
nichts ist als Wahrhaftigkeit, Natürlichkeit und Güte, nicht nur hingezogen, das
sagt nicht genug, ich fühle mich an sie gekettet, und ein Leben ohne sie hat
keinen Wert mehr für mich und ist mir undenkbar geworden. Es braucht nicht
Amerika zu sein; es findet sich auch wohl ein Winkel hier...«
    »Was Gott verhüte...«
    »Dann also drüben. Und ich bitte dich, mir bei den Eltern in Gross-Haldern,
wenn nichts weiter, so doch das Ausbleiben eines grossen, aufgesteiften Protestes
erwirken zu wollen. Eine gegen mich verhängte Familienacht möcht ich, wenn's
irgend geht, vermieden sehen, sowenig Schreckliches alle Bann- und
Achterklärungen von jeher für mich gehabt haben. Ich erwarte kein Ja, keinen
Segen; ich verzichte darauf, schon einfach, weil ich muss. Es verlangt mich nur
zu hören, dass man sich in das Unvermeidliche gefunden hat, dass man sich ihm
unterwirft, als wär es eine Schickung, oder welch sonstige fromme Bezeichnung
man dafür wählen mag. Der junge Pastor kann ja Worte zur Auswahl stellen. Lebte
der alte Buntebart noch, so wär es besser. Der Besitz fällt meinem jüngeren
Bruder zu, trotzdem Gross- und Klein-Haldern Primogenitur sind; ich werde den
Verzicht gerichtlich aussprechen. Nur ein Pflichtteil erbitt ich mir, um das
Nötigste durchführen zu können. Und nun noch einmal, willst du mein Fürsprecher
sein, der wenigstens das Schmerzlichste von mir abwendet und mir für die
Zukunft, und wenn es die fernste wäre, die Möglichkeit einer Versöhnung
offenhält?«
    Der alte Graf schüttelte den Kopf.
    »Also nein. Und auch das ist gut, weil es etwas Bestimmtes ist. Ich danke
dir, dass du mich angehört und mich mit Standesredensarten und vor allem auch mit
jenem französischen Worte, das bei solchen Gelegenheiten in unseren Kreisen gang
und gäbe ist, verschont hast. Und nun lebe wohl; ich sehe dich nicht wieder.
Alles, was noch zu tun oder zu sagen bleibt, wird durch andere geschehen.«
    Der alte Graf hatte sich ebenfalls erhoben und schritt, über den Teppich
hin, auf und ab. Jetzt aber blieb er stehen und sprach nicht ohne Bewegung vor
sich hin: »Und daran bin ich schuld... ich.«
    »Schuld? Du? Schuld an meinem Glück? Nein, Onkel, nur Dank und wieder Dank.«
Und dabei nahm er den Hut, um zu gehen, hielt aber noch einmal an,
augenscheinlich in Zweifel, ob er dem Oheim die Hand reichen solle oder nicht.
    Der alte Graf sah es und trat seinerseits einen Schritt zurück.
    So verbeugte sich denn der Neffe nur in aller Förmlichkeit und schritt dann
auf die Tür zu, die nach dem Korridor hinausführte.
    Draussen stand Johann, der gehorcht hatte, mit dem Überzieher schon in der
Hand und liess es an Dienstbeflissenheit nicht fehlen. Aber das nachdrückliche
Schweigen, in dem er verharrte, schien doch auch seinerseits eine Missbilligung
ausdrücken zu sollen. War er doch lange genug im Haldernschen Dienst, um über
Mesalliancen noch strenger zu denken als sein Herr.
 
                              Dreizehntes Kapitel
Erst als er wieder allein war, wurde sich der alte Graf alles dessen, was er
gehört hatte, voll bewusst. Allerdings war ihm gleich im ersten Augenblick das
Blut zu Kopf gestiegen, Waldemars ruhiges Sprechen aber und vielleicht mehr noch
ein ihm tief im Blute steckender Hang nach dem Aparten und Abenteuerlichen hatte
seinen Unmut zurückgehalten. Indessen dieser Zustand konnte nicht dauern, und
jetzt, wo Waldemar fort und die Diskussion einer ihn prickelnden Frage
geschlossen war, war auch der Moment wieder da, die zurückgedrängten ersten
Empfindungen: Entrüstung und Schreck, wieder auflohen zu lassen.
    In der Tat auch Schreck. Er war Grund und Ursach all dieser Wirrnisse, die
nicht gekommen wären, wenn er, für seine Person, auf die törichte Laune,
Waldemar bei der Pittelkow einzuführen, verzichtet hätte. Dieser faux pas
seinerseits musste früher oder später zur Kenntnis seines älteren Bruders, des
Majoratsherrn auf Gross- und Klein-Haldern, kommen, und wenn er sich dann
verklagt sah, gleichviel laut oder leise, wie wollt er da bestehen? Und wenn vor
ihm, dem Bruder, wie vor ihr, der Frau Schwägerin. Sie war die stolzeste Frau
weit und breit, eine von Petersburger Erinnerungen getragene kurländische Dame,
vor der selbst die Halderns nur mit Mühe bestehen konnten und der eine
Schwiegertochter im Stile von Stine Rehbein einfach Tod und Schande bedeutete.
Was half es, wenn Waldemar aus dem Lande ging und sich für immer expatriierte?
Die Tatsache der »Encanaillierung« eines Haldern blieb bestehen und mit ihr der
Skandal, die Blâme, das Ridikül. Und das letztere war das schlimmste.
    »Nein, es geht nicht«, überlegte der Graf, während er, immer erregter und
nervöser werdend, in seinem Zimmer auf und ab schritt. »Ich werde mit Gewalt
dazwischenfahren. Ich bin schuld, ja und nochmals ja, und immer wieder ja - ich
will es nicht von mir abwälzen. Aber meine Dummheit allein hat es nicht dahin
gebracht, da steckt meine gute Freundin dahinter, dieser schwarze Gottseibeiuns,
meine gute Pittelkow, die jeden Tag rappelköppischer wird. Denn soviel bon sens
sie hat, so ist sie doch vom Hochmutsteufel besessen, und während sie nach links
hin sich einbildet, mit mir machen zu können, was sie will, will sie nach rechts
hin die blonde Schwester mit ihrer langweiligen Tugendgrimasse direkt in unsere
Familie hineinspielen. Aber ich werde dem Hause Pittelkow mit all seinen Annexen
zeigen, dass es denn doch die Rechnung ohne den Wirt gemacht hat. Undankbare
Kreatur. Aus dem Kehricht hab ich sie aufgelesen, und als Lohn für meine Guttat
zahlt sie mir in dieser Münze.«
    Während er noch so sprach, traf sich's, dass sein Blick von ungefähr in den
Spiegel fiel. Er trat denn auch heran, rückte sich das rote Halstuch zurecht und
lachte: »So also sieht ein Ehrenmann aus, ein Witwenretter und Waisenvater...
Habe die Ehre.« Und er bekomplimentierte sich selbst. »Immer das alte Lied.
Sowie man in der Patsche sitzt, spielt man sich auf den Unschuldigen hin aus,
schimpft über die Komplizen, die meist viel weniger Schuld haben als man selbst,
und lässt andere die Dummheiten entgelten, die man höchst eigenhändig gemacht
hat. Und in meinem Falle nennt sich diese schnöde Weisswascherei noch
aristokratische Gesinnung und erhebt sich über die Pittelkows, die sich
wenigstens nicht mit Noblesse oblige durch die Welt zieren. Jammervoll. Wohin
man sieht, hat man sich zu schämen. Und doch muss etwas geschehen, und wenn meine
Schuld noch zehnmal grösser wäre.«
    Bei diesen Worten zog er die Klingelschnur. »Eine Droschke, Johann.« Und
während dieser sich nach dem nächsten Halteplatz aufmachte, machte der alte Graf
Toilette, sorglich und vor dem Spiegel, aber doch mit der Raschheit eines alten
Militärs.
    Eine halbe Stunde später hielt die Droschke vor dem Eingange zum
Invalidenpark. Der alte Graf stieg aus und ging, über den Damm fort, auf das ihm
wohlbekannte Haus zu, das im grellen Scheine der Mittagssonne wie ausgestorben
dalag. Pauline stand am Fenster und erkannte den Grafen, als er hastigen
Schrittes auf ihre Wohnung zusteuerte. »Jott«, sagte sie, »nu schon bei Dage!«
dabei rückte sie aber doch den Kragen zurecht und warf ihre Küchenschürze hinter
den Ofen. Und jetzt hörte sie's klingeln.
    »Mama zu Haus?«
    Olga wollte »nachsehen«, aber der Graf war nicht in der Laune, sich auf
seinem eigensten Territorium allerlei lächerlichen Anmeldeförmlichkeiten zu
unterwerfen, und trat also, während er Olga folgte, gleichzeitig mit dieser in
das Vorderzimmer ein.
    »Guten Tag, Witwe.«
    Die Pittelkow sah, dass er schlechter Laune war, und erwiderte deshalb, ohne
sich von ihrer Fensterstelle zu rühren, im gleichgültigsten Tone: »Guten Tag,
Graf... Eine schmähliche Hitze...«
    Der alte Graf bezeugte keine Lust, sich in ein Wettergespräch einzulassen,
warf sich vielmehr ohne weiteres ins Sofa und sagte, während er sich mit dem
Taschentuch etwas frische Luft zufächelte: »Komme heut in einer ernsten Sache,
Pauline. Was ist das mit der Stine?«
    »Mit Stine?«
    »Ja. Sie hat da mit meinem Neffen angebändelt. Und nun ist er verrückt
geworden und will sie heiraten. Und wer ist schuld daran? Du, Pauline. Du hast
mir dies eingebrockt. Du, nur du. Stine macht nicht drei Schritte, geht nicht
von hier bis ans Fenster, ohne dich zu fragen; sie hat nie was andres getan, als
was du gewollt oder gutgeheissen hast, und auf dich fällt dieser Skandal. Ich
frage dich, ob ich Anspruch auf solche Behandlung habe? Nun, wir wollen sehen,
was wird. Wolle du, was du willst, ich will, was ich will. Die Welt ist verrückt
genug geworden, aber so weit sind wir noch nicht, dass die Häuser Haldern und
Pittelkow Arm in Arm ihr Jahrhundert in die Schranken fordern. Nein, Pauline.
Solchen Unsinn verbitt ich mir, und was ich von dir fordre, ist das, dass du
dieser Kinderei ein Ende machst.«
    »Kann ich nicht.«
    »Weil du nicht willst.«
    »Oh, ich will schon. Ich habe schon gewollt, gleich als ich die Geschichte
kommen sah. Es ist ein Unglück für meine Stine.«
    »Was?«
    »Es is ein Unglück für meine Stine. Ja, Graf. Oder denken Sie, dass ich so
dumm bin, so was für 'n Glück zu halten? Ach, du meine Güte, da sind der Herr
Graf mal wieder aus Irrland, un ganz gehörig. Und nu hören Sie mal ein bisschen
zu. Hier drüben wohnt ein Schlosser, ein Kunstschlosser, und hat 'nen Neffen,
einen allerliebsten Menschen, der bei den Maikäfern gestanden - aber jetzt is er
wieder ins Geschäft. Nu, der war letzten Sommer immer um die Stine rum, un wenn
der das Mächen nimmt, dann geh ich nächsten Sonntag in 'n Dom oder zu Büchseln
und weine mir aus und danke dem lieben Gott für seine grosse Guttat un Gnade, was
ich nu schon eine gute Weile nich gedan habe. Ja, Graf, so steht es. Mein
Stinechen ist kein Mächen, das sich an einen hängt oder mit Gewalt einen
rankratzt, Graf oder nich, un hat's auch nich nötig. Die kriegt schon einen. Is
gesund un propper un kein Untätchen an ihr, was nich jeder von sich sagen kann.
He?«
    »Komme mir nicht damit. Das sind Ausweichungen und Redensarten, bloss um von
der Sache loszukommen. Darum handelt sich's nicht. Untätchen! Was heisst
Untätchen? Ich habe der Stine nichts auf den Leib geredt, ich weiss, sie ist ein
gutes Kind. Aber was soll das mit deinem Untätchen und was nicht jeder von sich
sagen kann. Meinst du mich? Meinetwegen. Mir tut's nichts; ich bin drüber weg.
Aber du meinst meinen Neffen, und das reizt mich und ärgert mich, weil's mal
wieder deinen schlechten Charakter zeigt. Oder wenn nicht deinen schlechten
Charakter, so doch, dass du hart bist und ohne rechte Güte. Was soll das mit dem
anzüglichen Vorwurf und deinem spöttischen Gesicht dabei? Waldemar ist ein
armer, unglücklicher Mensch und kann freilich keinen Degen verschlucken oder
sich einen Amboss auf die Brust legen lassen. Und wenn du das ein Untätchen
nennen willst, nun so tu's. Aber seine Krankheit und sein Elend, das ist es ja
gerade, was ihm vor Gott und Menschen zur Ehre gereicht. Denn woher hat er's?
Aus dem Krieg her hat er's. Er war noch keine neunzehn und ein schmächtiger
dünner Fähnrich bei den Dragonern und sah aus wie 'ne Milchsuppe, das muss wahr
sein. Aber ein Haldern war er. Und weil er einer war, war er der erste von der
Schwadron, der an den Feind kam, und vor dem Karree, das sie sprengen sollten,
ist er zusammengesunken, zwei Kugeln und ein Bajonettstich und das Pferd über
ihn. Und das war zuviel für den jungen Menschen. Zwei Jahre hat er gelegen und
gedoktert und gequient, und nun drückt er sich schwach und krank in der Welt
herum, und weil er nicht weiss, was er machen soll, besucht er Stine und will sie
heiraten. Das ist ein Unsinn. Aber komme mir nicht mit allerlei Spitzen und
Anzüglichkeiten, die für den armen Jungen nicht passen. Er hat das Eiserne
Kreuz, und ich will, dass du mit Achtung von ihm sprichst.«
    Pauline lachte. »Jott, Graf, wenn das einer hört, so muss er ja wahr und
wahrhaftig denken, ich wollt einem einen Spott draus machen, dass er ein braver
Junge gewesen. Aber das is auch so eine von euren Marotten, dass ihr immer denkt,
wir verstünden nichts davon und wüssten nichts von Vaterland und knappzu von
Courage. Aber wie steht es denn? Alle Wetter, ich bin auch fürs Vaterland und
für Wilhelm, und wer seine Knochen zu Markte getragen hat, vor dem hab ich
Respekt un brauche mir nich erst sagen zu lassen, dass ich Respekt vor ihm haben
soll. Un denn, Graf, man nich immer jleich mit die Halderns. Ich habe welche
gekannt, die waren auch erst neunzehn und keine Halderns und sassen nich zu
Pferde, nein, immer bloss auf Gebrüder Benekens, un mussten auch immer vorwärts.
Un zuletzt, als es bergan ging un sie nich mehr konnten, da hielten sie sich an
die Kusseln, weil sie sonst rücklings runtergefallen wären, un immer die
verdammten Dinger dazwischen, die so quietschen un sich anhören wie 'ne
Kaffeemühle. Ne, ne, Graf, die Halderns haben es nich alleine gemacht un der
junge Graf auch nicht. Aber er hat seine Schuldigkeit getan un seine Gesundheit
drangegeben, und da werd ich ihm doch nichts anreden - i, da biss ich mir ja
lieber die Zunge ab. Ich habe bloss sagen wollen, dass an Stine kein Untätchen is.
Un dabei bleib ich. Und da wir nu mal davon reden, dabei bleib ich auch, dass ans
Gräfliche öfter so was is als an unserein, un nu gar erst an Stinechen. Ich weiss
nicht, wie die Dokters es nennen, aber das weiss ich, es gibt Untätchen schon von
'n Urgrossvater her. Un die Urgrossväter, was so die Zeit von 'n dicken König war,
na, die waren schlimm. Und die Halderns werden woll auch nich anders gewesen
sein als die andern.«
    »Es ist gut«, sagte der alte Graf mit wiedergewonnener Ruhe. »Was du gleich
zuerst gesagt hast von dem Schlosser drüben und seinem Neffen, das ist die
Hauptsache, das hat mich überführt. Ich glaube jetzt, dass du unschuldig an der
Sache bist, und muss auch einräumen, es sieht dir nicht ähnlich. Du bist viel zu
klug und zu verständig, um solchen Unsinn in Gang zu bringen. Denn du sagst es
ja selbst, ein Unsinn ist es und ein Unglück dazu. Und noch dazu für alle
beide.«
    Pauline nickte zustimmend.
    »Also ein Unglück, sag ich. Und nun lass uns überlegen, wie wir da rauskommen
oder es wenigstens eingrenzen und wieder Schick in die Sache bringen. Waldemar
ist eigensinnig - alle Kranken sind es - und wird von seinem Vorhaben nicht
lassen wollen, davon bin ich überzeugt. Es ist also nur dadurch etwas zu machen,
dass wir auf den andern Part, auf deine Schwester, einen Einfluss gewinnen.«
    Die Pittelkow zuckte mit den Achseln.
    »Du willst sagen, es fehlt auch ihr nicht an Eigensinn. Und ich glaub es
beinah. Ausserdem ist alles Zureden umsonst, solange noch die Möglichkeit für
Stine bleibt, Waldemar zu sehn und zu sprechen. Den wird sie natürlich lieber
hören als uns. Jeder hört am liebsten, was ihm schmeichelt und wohltut. Ich seh
also nur ein Mittel: sie muss fort. Und ich stelle dir alles dabei zur Verfügung.
Überlege. Sie wird doch irgendwo in der Welt, in der Priegnitz oder Uckermark,
eine Freundin oder Anverwandte haben, und wo nicht, so müssen wir so was
erfinden. Da muss sie hin. Nur weg von hier, weg. Zeit gewonnen, alles gewonnen.
Und ist erst eine Trennung da und haben beide vierzehn Tage lang eingesehn, dass
sich auch ohne Mondscheinkuss immer noch leben lässt, so haben wir wenigstens
einen guten Anfang gemacht. Und dann sehen wir weiter.«
    Die Pittelkow war im wesentlichen damit einverstanden und fiel, als ihr
Haldern auch erzählt hatte, dass Waldemar nach Amerika wolle, rasch wieder in
ihren Alltags- und Gemütlichkeitston. »Ich war von Anfang an dagegen. Und nu
will er auch noch nach Amerika! Du mein Gott, was will er da? Da müssen sie
scharf ran, un bei sieben Stunden in Stichsonne, da fällt er um. Erst heute früh
haben sie hier einen vom Bau vorbeigebracht un war noch dazu ein Steinträger mit
Schnurrbart und Soldatenmütze, was immer die Stärksten sind. Un nu solch armer
Invalide. Graf, ich werd es schon machen un will gleich zu Wanda, die muss mir
eine Geschichte zurechtlügen. Un wenn ich die habe, dann packen wir Stinen ein,
nach Alt-Landsberg oder nach Bernau mit 's Storchnest oder nach Fürstenwalde.
Sie will immer beistehn un helfen, und wir müssen ihr so was vorreden von
Beistand un Hilfe.«
    Der Graf war erfreut, und so trennten sie sich.
 
                              Vierzehntes Kapitel
Die Pittelkow, als der Graf fort war, warf sich in Staat, nahm ihren Umhang und
ging in die Tieckstrasse, um mit Wanda zu beraten, was zu tun und in welchem
märkischen Neste Stine wohl am besten unterzubringen sei. Wanda, dessen entsann
sie sich, hatte eine ältere, nach Teupitz hin an einen Schlächtermeister
verheiratete Halbschwester; vielleicht wenn man sagte, dass da was Kleines
angekommen und der Mann, samt seinen vielen Kindern, eines Beistands in der
Wirtschaft bedürftig sei? »Ja, so muss es gehn. Un is erst wer in Teupitz, so
kommt er so bald nich wieder weg. Und die Frau wird sie schon festalten - so
viel wird sie doch woll von Wandan haben, dass sie nich gleich lockerlässt. Und
wenn jrade geschlachtet wird, kann Stine ja zusehn und hat en bisschen
Zerstreuung.«
    In dieser Richtung gingen die Gedanken der Pittelkow, die, während sie diese
Pläne machte, nicht ahnen konnte, dass ziemlich um eben diese Zeit bereits
Entschlüsse gefasst und Entscheidungen getroffen worden waren, die jeden weitern
Klugheitsplan unnötig machten.
Waldemar, als er den Onkel verlassen hatte, hatte seinen Weg erst bis Schloss
Bellevue hin und von dort aus nach einem um ein paar hundert Schritte weiter
flussabwärts gelegenen Sommerlokale genommen, das er für gewöhnlich an jedem
Spätnachmittag, eh er zu Stine ging, aufzusuchen pflegte. Dort im Schatten alter
Bäume niederzusitzen und zu sinnen und zu träumen war das, was er liebte. Wirt
und Wirtin in diesem Lokale kannten ihn längst, ebenso war er Intimus der dort
zahlreich ansässigen Spatzen, die, sobald er Platz genommen, den Tisch umhüpften
und die Brocken und Krümel des eigens für sie bestellten Stück Kuchens
aufzupicken pflegten. Das alles war heute geradeso wie sonst, und nur die ihre
Köpfe neugierig zusammensteckenden Kellner beschäftigten sich augenscheinlich
mit der Frage, was ihren regelmässigen Spätnachmittagsgast heute schon zu so
früher Stunde hierhergeführt haben könne. Denn es war erst zwei. Waldemar hatte
seine Freude daran, diese kleine Neugier zu beobachten, und las aus den Mienen
der Kellner den Gang ihrer Unterhaltung mit einer Sicherheit heraus, als ob er
sie vom nächsten Baum her hätte belauschen können. Überhaupt entging ihm nichts,
und wenn er eine Zeitlang die Qualmwolken aus dem gerade gegenüber gelegenen
Borsigschen Eisenwerke hatte hervorquellen und nach der Jungfernheide hin
abziehen sehen, so gab er seinem Blick mit einem Male wieder eine
Seitwärtsrichtung und zählte dabei die Brückenpfeiler oder die Spreekähne, die
von der Stadt her den Fluss herunterkamen. Er war ohne jede Spur besonderer
Erregung und beschäftigte sich, was übrigens seinem Charakter entsprach, kaum
noch mit dem Gespräche, das er eben erst mit dem Onkel gehabt hatte. Wenn er den
Frieden nicht haben konnte, so war es schon viel für ihn, ihn seinerseits
ehrlich und aufrichtig gewollt zu haben. Und das war ja der Fall. Aus diesem
Bewusstsein erwuchs ihm etwas wie Trost und Ergebung, und wenn Ergebung auch
nicht das absolut Beste, nicht der Friede selbst war, so war es doch das, was
dem Frieden am nächsten kam.
    Er blieb wohl eine Stunde. Dann erst erhob er sich und ging auf den Ausgang
zu. Von draussen her aber sah er noch einmal über den Staketzaun in den Garten
zurück. Da war wieder die Musikestrade mit den wackeligen Notenpulten und gleich
dahinter das primitive Büfett mit den eingeschnittenen Querhölzern, daran
zahllose Weissbierdeckel wie kleine Schilde hingen. Und dicht daneben und halb
überwachsen von einer Kugelakazie stand der eben von ihm verlassene Tisch, auf
dessen grüner Platte jetzt die Lichter und Schatten tanzten. Er konnte sich
nicht losreissen von dem allen und prägte sich's ein, als ob er ein bestimmtes
Gefühl habe, dass er's nicht wiedersehen werde. »Glück, Glück. Wer will sagen,
was du bist und wo du bist! In Sorrent, mit dem Blick auf Capri, war ich elend
und unglücklich, und hier bin ich glücklich gewesen.« Und nun ging er weiter
flussabwärts bis an die Moabiter Brücke, weil er vorhatte, den Rückweg am anderen
Ufer zu machen. Als er aber drüben war, nahm er langsam und unter gelegentlichem
Verweilen seinen Weg auf den Humboldtshafen und zuletzt auf den Invalidenpark
zu. Dort blieb er stehen und musterte das gegenübergelegene Haus. Stine stand
oben am Fenster. Er grüsste mit der Hand und stieg dann in ihre Wohnung hinauf.
Stine empfing ihn schon an der Tür, glücklich, ihn zu sehen, aber doch mit einem
Anfluge von Sorge, weil er sonst nie vor Dämmerstunde kam.
    »Was ist?« sagte sie, »du siehst so verändert aus.«
    »Möglich. Aber es ist nichts. Ich bin vollkommen ruhig.«
    »Ach sage nicht das. Wenn man sagt, man sei ruhig, ist man's nie.«
    »Woher weisst du das?«
    »Ich glaube, das lernt jeder, dafür sorgt das Leben. Und dann weiss ich es
von Pauline. Wenn die zu mir sagt: Stine, nun bin ich wieder ruhig, dann ist es
immer noch schlimm genug. Aber nun sage, was ist?«
    »Was ist? Eine Kleinigkeit. Eigentlich nichts. Ich stand immer einsam unter
den Meinigen, und nun soll ich noch etwas einsamer dastehn. Es wirkt einen
Augenblick, aber nicht lange...«
    »Du verschweigst mir etwas. Sprich!«
    »Gewiss, deshalb bin ich hier. Und so höre denn. Ich war bei meinem Onkel, um
ihm zu sagen... ja, was, Stine? um ihm zu sagen, dass ich dich liebhätte...«
    Stine kam in ein Zittern.
    »... Und dass ich dich heiraten wolle... Ja, heiraten, nicht um eine Gräfin
Haldern aus dir zu machen, sondern einfach eine Stine Haldern, eine mir liebe
kleine Frau, und dass wir dann nach Amerika wollten. Und zu diesem Schritt erbät
ich seine Zustimmung oder doch eine Fürsprache bei meinen Eltern.«
    »Und?«
    »Und diese Fürsprache hat er mir verweigert.«
    »Ach, was hast du getan?«
    »Sollt ich nicht?«
    »Was hast du getan?« wiederholte Stine, zugleich hinzusetzend: »Und ich
Ärmste bin schuld daran. Bin schuld, weil ich's habe gehen lassen und mich nie
recht gefragt habe: was wird? Und wenn mir die Frage kam, so hab ich sie
zurückgedrängt und nicht aufkommen lassen und nur gedacht: freue dich, solange
du dich freuen kannst. Und das war nicht recht. Dass es nicht ewig dauern würde,
das wusst ich, aber ich rechnete doch auf manchen Tag. Und nun ist alles falsch
gewesen, und unser Glück ist hin, viel, viel schneller als nötig, bloss weil du
wolltest, dass es dauern solle.«
    Waldemar wollte widersprechen; aber Stine litt es nicht und sagte, während
ihre Stimme mit jedem Augenblick beschwörender und eindringlicher wurde: »Du
willst nach Amerika, weil es hier nicht geht. Aber glaube mir, es geht auch
drüben nicht. Eine Zeitlang könnt es gehn, vielleicht ein Jahr oder zwei, aber
dann wär es auch drüben vorbei. Glaube nicht, dass ich den Unterschied nicht
sähe. Sieh, es war mein Stolz, ein so gutes Herz wie das deine lieben zu dürfen,
und dass es mich wiederliebte, das war meines Lebens höchstes Glück. Aber ich
käme mir albern und kindisch vor, wenn ich die Gräfin Haldern spielen wollte.
Ja, Waldemar, so ist es, und dass du so was gewollt hast, das macht nun ein
rasches Ende. Vor Jahren, ich war noch ein Kind, hab ich mal ein Feenstück
gesehn, in dem zwei Menschen glücklich waren; aber ihr Glück, so hatte die Fee
gesagt, würde für immer hin sein, wenn ein bestimmtes Wort gesprochen oder ein
bestimmter Name genannt werde. Siehst du, so war es auch mit uns. Jetzt hast du
das Wort gesprochen, und nun ist es vorbei, vorbei, weil die Menschen davon
wissen. Vergiss mich; du wirst es. Und wenn auch nicht, ich mag keine Kette für
dich sein, an der du dein Leben lang herumschleppst. Du musst frei sein; gerade
du.«
    »Ach, meine liebe Stine, wie du mich verkennst. Du sprichst von einer Kette
und dass ich frei sein müsse. Freiheit. Nun ja, mein Leben war frei, was man so
frei sein nennt, seit ich aus meiner Eltern Hause ging, und in manchen Stücken
auch früher schon. Aber wie verlief es trotzdem? Wie war es von Jugend an? Wir
haben soviel davon geplaudert, und ich habe dir von meinen Kindertagen erzählt
und von dem langweiligen Hauslehrer, der den Frommen spielen musste nach
Anweisung und mich mit Sprüchen und Geboten und dem ewigen Was ist das quälte
und mit dem Glaubensbekenntnis, das ich nie verstand und er auch nicht. Aber der
arme, traurige Mensch, der - ich sollte vielleicht nicht spotten, gerade ich
nicht - immer einen Katarrh und eine Liebschaft hatte, war lange nicht der
schlimmste. Das schlimmste war, dass ich im Hause selbst, bei meinen eignen
Eltern, ein Fremder war. Und warum? Ich habe später darauf geachtet und es in
mehr als einer Familie gesehn, wie hart Eltern gegen ihre Kinder sind, wenn
diese ganz bestimmten Wünschen und Erwartungen nicht entsprechen wollen.«
    Stine, die dieselbe Wahrnehmung auch in ihrer bescheidenen Sphäre gemacht
haben mochte, nickte zustimmend, und Waldemar, der sich dieser Zustimmung
freute, fuhr deshalb fort: »Es wird wohl überall so sein, und jedenfalls war es
so bei uns. Und dazu die Launen und Verstimmungen einer Frau, weil ihr ein
Grossfürst einmal ein Billet geschrieben, das beinah ein Liebesbillet war, und
die sich nun einbildete, nicht viel was andres als eine Missheirat geschlossen zu
haben. Da hast du das Bild meiner Stiefmutter. Den Sommer über war sie verstimmt
über das langweilige Landleben und über die Damen der Nachbarschaft, die gar
keine Damen waren, wenigstens nicht in ihren Augen, und wenn sie dann winters zu
Hofe ging, so war sie noch verstimmter, weil Schönere oder Vornehmere da waren
und ihr den Rang abliefen. Und diese schlechte Laune musst ich entgelten, diese
Verstimmungen trafen mich, der ich ihr überhaupt von Anfang an missfiel. Und als
ich dann heranwuchs und wohl auch meinerseits zeigen mochte, dass mir nicht alles
gefalle, da war ich vollends nicht auf Rosen gebettet. Und so ging's, bis ich
mit neunzehn eintrat und mit zu Felde zog und die Kugel kriegte oder zwei, wovon
ich dir erzählt habe. Da wurd es freilich einen Augenblick besser, und ich war
ein Vierteljahr lang der Held und Mittelpunkt der Familie; besonders als auch
prinzliche Telegramme kamen, die sich nach mir erkundigten. Ja, Stine, das war
meine grosse Zeit. Aber ich hätte sterben oder mich rasch wieder zu Gesundheit
und guter Karriere herausmausern müssen, und weil ich weder das eine noch das
andre tat und nur so hinlebte, manchem zur Last und keinem zur Lust, da war es
mit meinem Ruhme bald vorbei. Der Vater hätt es vielleicht ändern können, wenn
er ein festes Eintreten für mich gewagt und nicht seinen Haus-und Ehefrieden
über mein Glück gestellt hätte. So konnt er sich nicht aufraffen, und so hab ich
denn durch viele Jahre hin gelebt, ohne recht zu wissen, was Herz und Liebe sei.
Nun weiss ich es. Und jetzt, wo ich es weiss und mein Glück festalten will, soll
ich es wieder aus der Hand lassen. Und alles bloss, weil du von Ansprüchen
sprichst und vielleicht auch daran glaubst, die mir im Blute stecken sollen und
die - weil im Blute - gar nicht aufzugeben seien. Ach, meine liebe Stine, was
geb ich denn auf? Nichts, gar nichts. Ich sehne mich danach, einen Baum zu
pflanzen oder ein Volk Hühner aufsteigen oder auch bloss einen Bienenstock
ausschwärmen zu sehen.«
    Er schwieg und sah vor sich hin, Stine aber nahm seine Hand und sagte: »Wie
du dich selbst verkennst. Der Tagelöhnersohn aus eurem Dorfe, der mag so leben
und dabei glücklich sein; nicht du. Dadurch, dass man anspruchslos sein will, ist
man's noch nicht, und es ist ein ander Ding, sich ein armes und einfaches Leben
ausmalen oder es wirklich führen. Und für alles, was dann fehlt, soll das Herz
aufkommen. Das kann es nicht, und mit einemmal fühlst du, wie klein und arm ich
bin. Ach, dass ich in diesem Augenblick so spreche, das ist vielleicht auch schon
eine Schwachheit und ein kleines Gefühl; aber ich kämpfe nicht dagegen an, weil
ich glaube, dass aus allem, was du vorhast, nur Unheil kommt, nur Enttäuschung
und Elend. Der alte Graf ist dagegen und deine Eltern sind dagegen - du sagst es
selbst -, und ich habe noch nichts zum Glück ausschlagen sehen, worauf von
Anfang an kein Segen lag. Es ist gegen das vierte Gebot, und wer dagegen
handelt, der hat keine ruhige Stunde mehr, und das Unglück zieht ihm nach.«
    »Ach, meine liebste Stine, du redest dich so hinein und kommst mir nun gar
mit dem vierten Gebot. Glaube mir, das mit dem vierten Gebot, das hat auch seine
Grenze. Vater und Mutter sind nicht bloss Vater und Mutter, sie sind auch
Menschen, und als Menschen irren sie so gut wie du und ich. Nein, ich will dir
sagen, was es ist und warum du glaubst, so sprechen zu müssen. Ich verstehe mich
ein bisschen auf das menschliche Herz, denn sieh, wer jahrelang auf dem
Krankenbett liegt, der hat viel Zeit und spürt vielem nach, und das
verlockendste sind immer die Schlängelgänge des Herzens, des eignen und des der
andern. Und nun höre, was es ist. Es ist was Hochmütiges in eurer Familie, daran
drei Grafen genug hätten, etwas Trotziges und Herausforderndes und ein Hang, die
Wahrheit zu sagen und mitunter auch noch mehr. Deine Schwester hat es sehr
stark, und du hast es auch, hast auch dein Teil daran. Und sieh, in diesem
deinem falschen Stolze willst du nicht, dass ich auch nur einen Augenblick
glauben soll, du hättest an so was wie eine Stine Haldern gedacht. Das ist dir
gegen deine Ehre. Hab ich recht und ist es so?«
    »Nein.«
    »Gut. Ich glaube dir. Ich weiss ganz bestimmt, dass du ja gesagt hättest, wenn
du's hättest sagen können. Und dass du dies ehrliche Nein sagen kannst, das ist
schön von dir und lässt mich aufs neue sehen, eine wie gute Wahl ich getroffen.
Und nun soll es an blossen Einbildungen scheitern. Ich bin aus den Vorurteilen
heraus, und nun willst du sie haben. Ich beschwöre dich, Stine, mache dich frei
davon, und vor allem entschlage dich deiner Ängstlichkeiten.«
    Stine schüttelte den Kopf.
    »Es soll also nichts mit uns werden?«
    »Es kann nicht.«
    »Und alles soll bloss ein Sommerspiel gewesen sein?«
    »Es muss.«
    »Und es kommt dir nicht der Gedanke, dass mir dies alles das Leben bedeuten
könnte?«
    »Um Gottes willen, Waldemar!«
    »Ich will keine Ausrufe, ich will eine Antwort. Ein Ja, kurz und bestimmt,
und dann fort, fort. Sprich, Stine, du weisst, was ich bitte. Willst du?«
    »Nein.«
    Und sie stürzte weinend an ihm vorüber. Er hielt sie aber fest und sagte:
»Stine, so wollen wir nicht scheiden. Ein Nein soll nicht dein letztes Wort
gewesen sein. Setze dich nieder und sieh mich an. Und nun sage mir: Hast du mich
wirklich geliebt?«
    »Ja.«
    »Von Herzen?«
    »Von ganzem Herzen.«
    Und das Krampfschluchzen, unter dem sie sprach, ging in eine Ohnmacht über.
    Als sie wieder zu sich kam, war sie allein.
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Waldemar ging nach rechts auf das Oranienburger Tor zu, weil ihm darum zu tun
war, in einem an der Ecke der Linden und Friedrichsstrasse gelegenen Bankhause
verschiedene geschäftliche Dinge zum Abschluss zu bringen. Aber in der Nähe der
Weidendammer Brücke fiel ihm ein, dass die Bureaus sehr wahrscheinlich schon
geschlossen seien, weshalb er seinen Stadtgang aufgab, um sich in seine dicht
hinter dem Generalstabsgebäude gelegene Wohnung zurückzubegeben. Er war durch
eben diese Wohnung Nachbar von Moltke, welche Nachbarschaft er gern hervorhob
und in Ernst und Scherz zu versichern liebte: »Man kann nicht besser aufgehoben
sein als gerade da. Wer für die grosse Sicherheit so zu sorgen weiss, der sorgt
auch für die kleine.«
    Von der Doroteenstädtischen Kirche her schlug es fünf, als unser zu
Betrachtungen der Art nur zu geneigter Freund in den Schiffbauerdamm einbog, und
ehe noch die Turmuhr ausgeschlagen hatte, schlugen die kleinen Uhren nach, die
sich in ziemlich beträchtlicher Zahl an der Wasser- und Rückfront der
jenseitigen Fabrikgebäude befanden. Er zählte die Schläge, musterte den Quai
hüben und drüben und freute sich des regen und doch stillen Lebens, das hier
überall auf und ab wogte. Nichts entging ihm, auch nicht das Treiben auf den
Kähnen, an deren Tauen und Strickleitern, und mitunter auch auf quergelegten
Ruderstangen, allerlei Wäsche zum Trocknen hing, und erst als er unter langsamem
Weiterschlendern die Graefsche Klinik im Rücken hatte, liess er von dem
Beobachten ab und ging rascheren Schrittes auf die Unterbaumbrücke zu. Hier
hielt er wieder und betrachtete die bronzenen Kandelaber, die, weil sie noch
keine Patina hatten, in der schrägstehenden Sonne prächtig blitzten und
flimmerten. »Wie hübsch das alles ist. Ja, es kommen bessere Tage. Nur... wer's
erlebt. Qui vivra, verra...« Und er brach ab und sah von der Brückenwölbung auf
die tief unten am Quai sich hinziehenden Weiden, aus deren graugrünem Blattwerk
einige tote Äste wie Besen hervorragten. Es waren seine Lieblinge, diese Bäume.
»Halb abgestorben und immer noch grün.«
    Endlich war er vom Kronprinzen-Ufer und der Alsenstrasse her bis an den
reizenden, mit Bosquets und Blumenbeeten und dazwischen wieder mit Marmorbildern
und Springbrunnen geschmückten Square gekommen, der, dem Königsplatze
vorgelegen, einen Teil desselben ausmacht und doch auch wieder sich von ihm
scheidet. Eine frische Brise ging und milderte die Hitze, von den Beeten aber
kam ein feiner Duft von Reseda herüber, während drüben bei Kroll das Konzert
eben anhob. Unser Kranker sog das alles in vollen Zügen ein, Duft und Melodie:
»Wie lange, dass ich nicht so frei geatmet habe. Königin, das Leben ist doch
schön - unsterbliches Wort eines optimistischen Marquis, und ein pessimistisches
Gräflein plappert es ihm nach.«
    Nun schwieg die Musik drüben, und Waldemar, während er zwischen den grossen
Rondelen auf und ab schlenderte, musterte zugleich die Figuren, die hier mit
Hilfe von Sternblumen und roten Verbenen in den Rasen eingezeichnet waren;
endlich aber ging er auf eine Bank zu, die, von allerlei dicht dahinter
stehendem Strauchwerk überwachsen, einen vollen Schatten gewährte. Da nahm er
Platz, denn er war müde geworden. Das viele Gehen in der Hitze hatte seine
Kräfte verzehrt, und so schloss er unwillkürlich die Augen und fiel in Traum und
Vergessen. Als er wieder erwachte, wusst er nicht, ob es Schlaf oder Ohnmacht
gewesen; »ich glaube, so kommt der Tod«, und erst allmählich fand er sich wieder
zurecht und bemerkte nun ein Marienwürmchen, das sich ihm auf die Hand gesetzt
hatte. Da blieb es und kroch hin und her, trotzdem er schüttelte und pustete.
»Einen wie feinen Instinkt die Tiere haben; es weiss, dass es sicher ist.« Endlich
aber flog es doch fort, und Waldemar, sich vorbeugend von seiner Bank, begann
jetzt allerlei Figuren in den Sand zu zeichnen, ohne recht zu wissen, was er
tat. Als er sich's aber bewusst wurde, sah er, dass es Halbkreise waren, die sich,
erst enge, dann immer weiter und grösser, um seine Stiefelspitze herumzogen.
»Unwillkürliches Symbol meiner Tage. Halbkreise! Kein Abschluss, keine Rundung,
kein Vollbringen... Halb, halb... Und wenn ich nun einen Querstrich ziehe« (und
er zog ihn wirklich), »so hat das Halbe freilich seinen Abschluss, aber die
rechte Rundung kommt nicht heraus.«
    In solche Gedanken verloren, sass er noch eine Weile. Dann stand er auf und
ging auf seine Wohnung zu.
    Diese, gleich zu Beginn der Zeltenstrasse, bestand aus einem zwei Treppen
hoch gelegenen Front- und Hinterzimmer, von denen jenes auf die Parkbäume des
Krollschen Gartens, dieses auf eine grasbewachsene, bis hart an die Spree sich
hinziehende Baustelle sah. Dahinter die roten Dächer von Moabit, und weiter
links der grüne Saum der Jungfernheide. Waldemar liebte diesen Blick, und so kam
es, dass er das Zimmer, darin er schlief, zugleich zu seinem Wohn-und
Arbeitszimmer gemacht und ein altdeutsches Cylinder-Bureau darin aufgestellt
hatte.
    Er hielt sich auch heute nicht in dem Vorderzimmer auf, vertauschte den
engen Rock mit einem leichten Jackett und trat an das Fenster seines
Schlafzimmers. Die Sonne war im Niedergehen, und er entsann sich jenes Tages,
als er, von Stines Fenster aus, dasselbe Sonnenuntergangsbild vor Augen gehabt
hatte... »Wie damals«, sprach er vor sich hin. Und er sah in die röter werdende
Glut, bis endlich der Ball gesunken und volle Dämmerung um ihn her war.
    Auf seinem Schreibzeug lag ein kleiner Revolver, zierlich und mit
Elfenbeingriff. Er nahm ihn in die Hand und sagte: »Spielzeug. Und tut es am
Ende doch. Bei gutem Willen ist viel möglich; mit einer blossen Nadel, sagt
Hamlet, und er hat recht. Aber ich kann es nicht. Es ist mir, als wäre hier noch
alles weh und wund oder doch eben erst vernarbt. Nein, ich erschrecke davor,
trotzdem ich wohl fühle, dass es standesgemässer und Haldernscher wäre. Doch was
tut's! Die Halderns, die mir schon soviel zu vergehen haben, werden mir auch das
noch verzeihen müssen. Ich habe nicht Zeit, mich über Punkte wie diese zu
grämen.«
    Und er legte den Revolver wieder aus der Hand.
    »Ich muss es also anders versuchen«, fuhr er nach einer Weile fort. »Und
schliesslich warum nicht? Ist die Blâme denn gar so gross? Kaum. Es finden sich am
Ende ganz reputierliche Kameraden. Aber welche? Ich war nie gross im Historischen
- überhaupt worin -, und nun versagen mir die Beispiele. Hannibal... Weiter komm
ich nicht. Indessen er kann genügen. Und es werden gewiss noch ein paar sein.«
    Während er so sprach, zog er eins der unteren Schubfächer in seinem
Schreibtisch auf und suchte nach einem Schächtelchen. Als er's endlich hatte,
fiel er wieder in Betrachtungen. »Auch klein. Noch kleiner als das Spielzeug da.
Und doch genug. Es ist ein Ersparnis aus alten Zeiten her, und mein Vorgefühl
war richtig, als ich mir's damals sammelte.«
    Bei diesen Worten stand er auf, stellte sich eine noch aus dem Süden
mitgebrachte römische Lampe zurecht und nahm, als er die vier kleinen Dochte
derselben angezündet hatte, Couverts und Briefbogen aus einer vor ihm liegenden
Schreibmappe.
    Dann schrieb er.
    »Mein lieber Onkel! Wenn Du diese Zeilen erhältst, sind alle Wirrnisse
gelöst. Etwas gewaltsam. Aber das ist gleich. Es wird Dir obliegen, und
jedenfalls bitte ich Dich darum, das Geschehene nach Gross-Haldern hin zu melden.
Was über mich entschied, war, wie Du bei Eintreffen dieser Zeilen vielleicht
schon wissen, jedenfalls aber sehr bald erfahren wirst, der Widerstand von ganz
anderer und sehr unerwarteter Seite her. Und so kam, was kam. Ich klage
niemanden an; ist wer schuldig, so bin ich es. Das gute Kind hatte nur zu recht,
mich auszuschlagen; aber ich war nicht mehr stark genug, mich drein zu ergeben.
Auf dem letzten Blatt meines Notizbuches hab ich über mein Erbteil von meiner
Mutter Seite her verfügt. Ich hoffe sagen zu können, verfügt auch unter
schuldiger Rücksicht gegen die Halderns. Überweise das Blatt an Justizrat
Erbkamm; er wird danach verfahren. Allerdings weiss ich, dass sie, der diese
Festsetzungen zugute kommen und als ein Ausdruck meines Dankes gelten sollen,
alles ablehnen wird; aber sorge dafür, dass ihr ein bestimmter Teil gesichert
bleibt, auch gegen ihren Willen. Ein Wille kann sich ändern, und es beglückt
mich die Vorstellung, vielleicht noch einmal, und wenn es nach vielen Jahren
wäre, da helfen und wohltun zu können, wo mir's leider, wenn auch absichtslos,
beschieden war, ein Herz zu beschweren und ihm wehe zu tun. An meinen Vater
schreib ich nicht; ich wünsche Auseinandersetzungen zu vermeiden. Meine Sache
kann ich in keine besseren Hände legen als in die Deinen, denn ich weiss wohl,
was ich, trotz alledem und alledem, an Dir hatte. So wenig Haldernsch ich
vielleicht war, so wünsch ich doch in der Haldernschen Gruft zu stehen. Dies
mein Letztes. Deiner freundlichen Erinnerung bin ich gewiss.
                                                                  Dein Waldemar«
Er schob das Blatt beiseite, legte die Feder nieder und fuhr sich über Aug und
Stirn.
    »Und nun das Letzte.«
    Und er nahm einen zweiten Bogen und schrieb.
    »Meine liebe Stine! Du wolltest nicht den weiten Weg mit mir machen, und so
mache ich den weiteren. Ich glaube, was Du tatest, war richtig, und ich hoffe,
das, womit ich nun abschliesse, soll es auch sein. Es gibt oft nur ein Mittel,
alles wieder in Ordnung zu bringen. Vor allem klage Dich nicht an. Die Stunden,
die wir zusammen verlebten, waren, vom ersten Tage an, Sonnenuntergangsstunden,
und dabei ist es geblieben. Aber es waren doch glückliche Stunden. Ich danke Dir
für alle Freundlichkeit und Liebe. Mein Leben hat doch nun einen Inhalt gehabt.
Vergiss mich - das darf ich nicht sagen, es käme mir nicht von Herzen und wär
auch töricht, denn ich weiss, Du wirst es nicht und kannst es nicht. So denn
also: gedenke mein. Aber gedenke meiner freundlich, und vor allem verzichte
nicht auf Hoffnung und Glück, weil ich darauf verzichtete. Lebe wohl. Ich
schulde Dir das Beste.
                                                                  Dein Waldemar«
Als er beide Briefe couvertiert hatte, warf er sich in den Stuhl zurück, und die
freundlichen Bilder, die dieser Sommer ihm gebracht hatte, zogen noch einmal an
seiner Seele vorüber. So wenigstens schien es, denn er lächelte. Dann aber nahm
er das bereitgestellte Schächtelchen und schob das Innenkästchen aus der äusseren
Hülse heraus. Es ging schwer, und man konnte sehen, dass er lange daran gesammelt
und immer neue Käpselchen hineingezwängt hatte. »Schlafpulver! Ja, ich wusste,
dass eure Stunde kommen würde.« Und nun brach er die Kapseln einzeln auf und tat
ihren Inhalt, langsam und sorglich, in ein kleines, halb mit Wasser gefülltes
Rubinglas. »So, das ist es.« Und während er das Glas hob und wieder
niedersetzte, trat er noch einmal ans Fenster und sah hinaus. Der Mond, eine
schwache Sichel, war aufgegangen und schüttete sein Licht über den Fluss und weit
jenseit desselben über Feld und Wald.
    »Es ist hell genug... Und ich mag auch die Lampe nicht brennen und erst
gegen Morgen verlöschen und verschwelen lassen, als hätt ich abgeschlossen bei
Rausch und Gelage. Mein Leben ein Bacchanal!«
    Und er löschte die Lichter und trank. Und dann nahm er seinen Platz wieder
ein und lehnte sich zurück und schloss die Augen.
 
                              Sechzehntes Kapitel
Den dritten Tag danach war von Mittag ab ein stilles, aber rühriges Treiben auf
dem Bahnhofe von Klein-Haldern. Eine dicht neben dem Stationshause befindliche
Pforte wurde mit Tannenzweigen umwunden, Oleander und Lorbeerbäume standen, eine
Hecke bildend, in Front, und an dem Querbalken der Pforte hing ein grosser
Immortellenkranz, dessen Öffnung das Haldernsche Wappen zeigte. Hinter dem
Stationshause hielten mehrere herrschaftliche Wagen, die Kutscher mit einem
Trauerflor um den Hut, in einem als Ausläufer des Perrons sich hinziehenden
Gartenstreifen aber schritten ein Dutzend schwarzgekleidete Personen auf und ab,
Dorfleute von mittleren Jahren, und sprachen ernst und leise miteinander.
    Drei Uhr dreissig kam der Zug. »Haldern«, »Klein-Haldern«, riefen die
Schaffner und öffneten ein paar Coupés, aus denen verschiedene Personen
ausstiegen: zunächst ein alter Geistlicher von besonderer Würde, dem man seines
Amtes und seiner Jahre halber den Vorrang gönnte, dann ein Oberst mit seinem
Adjutanten und endlich mehrere reichbordierte Herren, die selbst der
Klein-Halderner Stationsbeamte nicht kannte. Die Hüte mit Federbüschen aber und
mehr noch der ausgesuchte Respekt, mit dem ihnen selbst von seiten des Obersten
begegnet wurde, liessen keinen Zweifel darüber, dass es, wenn nicht
Prinzlichkeiten, so doch Personen vom Hof oder vielleicht auch hohe
Ministerialbeamte sein mussten. Alle gingen auf den Ausgang zu, vor dem die Wagen
im selben Augenblicke vorfuhren, und eine Minute später sah man nichts mehr als
eine Staubwolke, die sich, immer dichter werdend, auf dem halbchaussierten
Fahrwege dem nächsten Dorfe zu bewegte.
    Während diese Szene sich in Front des Stationsgebäudes abspielte, wurde
weiter abwärts im Zuge die grosse Schiebetür des letzten Wagens geöffnet und von
innen her ein Sarg herausgehoben, den jetzt sechs Träger aus der Zahl derer, die
bis dahin im Garten auf und ab marschiert waren, in Empfang nahmen und auf ihre
Schultern hoben; andere sechs gingen zur Ablösung nebenher, und was sonst noch
auf dem Bahnhof war, folgte. Solange dieser Zug den auf eine kurze Strecke zur
Seite des Bahnkörpers hinlaufenden Fahrweg innehielt, war alles still; im selben
Augenblick aber, wo Sarg und Träger von eben diesem Fahrweg her in eine
Kirschallee einbogen, die von hier aus gradlinig auf das nur fünfhundert Schritt
entfernte Klein-Haldern zuführte, begann die Klein-Haldernsche Schulglocke zu
läuten, eine kleine Bimmelglocke, die wenig feierlich klang und doch mit ihren
kurzen, scharfen Schlägen wie eine Wohltat empfunden wurde, weil sie das
bedrückende Schweigen unterbrach, das bis dahin geherrscht hatte.
    So ging es nach Klein-Haldern hinein, ohne dass man etwas anderes als die
Schulglocke gehört hätte; kaum aber, dass man nach Passierung der Schmiede - mit
der das Dorf nach der andern Seite hin abschloss - in die von Klein-Haldern nach
Gross-Haldern hinüberführende, beinah laubenartig zusammengewachsene Rüsterallee
einmündete, so nahm auch schon ein allgemeines Läuten, daran sich die ganze
Gegend beteiligte, seinen Anfang. Die Gross-Halderner Glocke, die sie die
Türkenglocke nannten, weil sie von Geschützen gegossen war, die Mattias von
Haldern aus dem Türkenkriege mit heimgebracht hatte, leitete das Läuten ein;
aber ehe sie noch ihre ersten fünf Schläge tun konnte, fielen auch schon die
Glocken von Crampnitz und Wittenhagen ein, und die von Ortwig und Nassenheide
folgten. Es war, als läuteten Himmel und Erde.
    Halben Wegs zwischen den Dörfern lief ein Grenzgraben, über den eine
steinerne Brücke führte. Jenseits dieser Brücke betrat man die Gross-Halderner
Feldmark, und hier begann denn auch das Spalier, das alt und jung auf dieser
letzten Wegstrecke gebildet hatte. Den Anfang machten die Schulen. Danach kamen
die Kriegervereine mit einem Trompetercorps aus der nächsten kleinen Garnison,
und immer wenn die Träger an einer Sektion vorüber waren, schwenkte diese
dreigliedrig ein und folgte mit »Jesus, meine Zuversicht«. Am Schluss aber
marschierten ein paar Dreizehner Veteranen mit der alten Kriegsdenkmünze, lauter
Achtziger, die den Kopf schüttelten, niemand wusste zu sagen, ob vor Alter oder
über den Lauf der Welt. Und so ging es nach Gross-Haldern hinein, an dem alten
Giebelschlosse vorüber und unmittelbar auf die Feldsteinkirche zu, die, höher
gelegen als das sie umgebende Dorf, von terrassenförmig ansteigenden und um
diese Jahreszeit dicht in Blumen stehenden Gräberreihen eingefasst wurde. Vor dem
kleinen Rundbogenportale stand der Dorfgeistliche, neben ihm zwei Amtsbrüder,
und empfing den Toten an geweihter Stätte. Zugleich setzten die Träger den Sarg
nieder, auf den jetzt zunächst Palmenzweige gelegt wurden, und trugen ihn, als
dies geschehen, den Mittelgang hinauf, bis vor den Altar. Hier stand der alte
Generalsuperintendent, der von Berlin aus mitgekommen war, um die Parentation zu
halten; die grossen Lichter brannten, und ihr dünner Rauch wirbelte neben dem
grossen, halbverblakten Altarbilde auf. Es stellte den Verlornen Sohn dar. Aber
nicht bei seiner Heimkehr, sondern in seinem Elend und seiner Verlassenheit.
    Die Kirche hatte sich, als der Sarg unmittelbar über der Gruftsenkung
niedergelassen war, auf all ihren Plätzen gefüllt, und auch die seit dem Tode
Friedrich Wilhelms IV. sonntäglich meist leerstehende herrschaftliche Loge,
heute war sie besetzt. In Front erblickte man den alten Grafen, Waldemars Vater,
in grauem Toupet und Johanniterkreuz, neben ihm in tiefer und soignierter Trauer
die Stiefmutter des Toten, eine noch schöne Frau, die, was geschehen war,
lediglich vom Standpunkte des »Affronts« aus ansah und mit Hilfe dieser
Anschauung über die vorschriftsmässige Trauer mit beinah mehr als standesgemässer
Würde hinwegkam. Hinter ihr der jüngere Sohn (ihr eigener), Graf Konstantin, dem
der ältere Bruder, um das mindeste zu sagen, in nicht unerwünschter Weise Platz
gemacht hatte. Seine Haltung war untadelig und gleichfalls von bemerkenswerter
Gefassteit, ohne die der Mutter ganz erreichen zu können. Ein langes Lied, das
teilweis in allerkräftigsten Wendungen allem Erdendunkel einen Riegel
vorzuschieben trachtete, wurde gesungen; dann sprach der alte
Generalsuperintendent schöne, tiefempfundene Worte - tiefempfundene, weil ihn im
eigenen Hause schwerste Schicksalsschläge getroffen hatten -, und als er nun
vortrat und den Segen sprach und nach dem Singen des letzten Verses der Ton der
Orgel nur noch leise nachzitterte, senkte sich der Sarg mit all den Kränzen, die
ganz zuletzt noch auf ihn gehäuft worden waren, in die Gruft hernieder.
    Eine tiefe Stille trat ein, und die fremden Gäste steckten eben die Köpfe
zum Schlussgebet in den Hut, als man hinter einem der Pfeiler ein heftiges und
beinah krampfhaftes Schluchzen hörte. Die Gräfin sah empört nach der Stelle hin,
von der es kam; aber der deckunggebende Pfeiler liess glücklicherweise nicht
erkennen, wer die Anmassung gehabt hatte, ergriffener sein zu wollen als sie.
Stine, die die Fahrt nach Klein-Haldern schon mit dem Vormittagszuge gemacht und
sich, um die Zwischenzeit hinzubringen, eine Stunde lang und länger am
Aussenrande des Gross-Halderner Parkes und dann wieder auf dem angrenzenden
Wiesengrunde, wo sie dem Vieh, das hier weidete, zusah, verweilt hatte, war
unter den letzten, die die Kirche verliessen. Sie hielt sich abseits, ging noch
eine Weile zwischen den Gräbern auf und ab und trat dann langsam ihren Rückweg
nach dem Klein-Halderner Bahnhof hin an. Alles war still, es klangen keine
Glocken mehr, und sie hörte nichts als die Lerchen, die mit ihrem Tirili aus der
ringsumher in Garben stehenden Mahd in die Luft emporstiegen. Eine stieg höher
als die andere, und sie sah ihr nach, bis sie hoch oben im Blau verschwunden
war. »In den Himmel... Ach, wer ihr folgen könnte... Leben; leben müssen...« Und
im Übermass schmerzlicher Erregung und einer Ohnmacht nahe, setzte sie sich auf
einen Stein am Weg und barg ihre Stirn in der Hand.
    Als sie sich nach einer Weile wieder erhob und ihren Weg inmitten der
Fahrstrasse fortsetzen wollte, hörte sie, dass in ihrem Rücken, von Gross-Haldern
her, ein Wagen in raschem Trabe herankam. Und sich umwendend, sah sie, dass es
dieselben Personen waren, die während der Trauerfeier mit in dem
herrschaftlichen Kirchenstuhle gesessen hatten. In dem letzten Wagen aber sass
Waldemars Oheim, den Sommerüberzieher zurückgeschlagen, so dass man das grosse
blaue Ordensland, das des schwedischen Seraphinenordens, in aller Deutlichkeit
erkennen konnte. Stine wollte nicht gesehen sein und trat mit halber Wendung zur
Seite, der alte Graf aber hatte sie schon von fernher erkannt, und einer
flüchtig in ihm aufsteigenden Verlegenheit rasch Herr werdend, erhob er sich im
Wagen und lud sie durch eine freundlich-verbindliche Handbewegung zum Einsteigen
ein. Über Stines Züge ging ein Leuchten, das der schönste Dank für des alten
Grafen, bei Gelegenheiten wie diese, nie versagende Ritterlichkeit war, aber
zugleich schüttelte sie den Kopf und ging unter gelegentlichem Verweilen und
sich dadurch absichtlich verspätend auf Klein-Haldern zu, von dessen Kirschallee
aus sie bald danach die weisse Dampfwolke des auf die Hauptstadt zueilenden Zuges
sah. Eine Stunde später, soviel wusste sie, kam ein zweiter Zug, und bis dahin
allein zu sein war ihr keinenfalls unwillkommen, ja recht eigentlich das, wonach
sie sich sehnte.
    Dazu ward ihr nun freilich mehr Gelegenheit, als ihr lieb war. Die Zeit
wollte nicht enden, und sie sah unausgesetzt den langen Schienenweg hinauf,
immer nach der einen Seite hin, von der der Zug kommen musste. Vergebens, er
schien ausbleiben zu wollen. Und doch war sie todmüde von Erregung und
Anstrengung und fror, und ihre Füsse trugen sie kaum noch. Endlich aber sah sie,
dass die Signale gezogen wurden, und bald danach auch, dass die grossen Feueraugen
immer näher und näher kamen. Und nun Halt. Eine Coupétür wurde geöffnet, und
rasch einsteigend, drückte sie sich, Wärme halber, in eine der Ecken und zog
ihre Mantille fester um ihre Schultern. Aber es half zu nichts, und ein Fieber
schüttelte sie, während der Zug nach Berlin weiterdampfte.
»Stine, Kind, wie siehst du denn aus! Dir sitzt ja der Dod um die Nase.« So
waren die Worte, womit die schon lange am ersten Treppengeländer wartende Witwe
Pittelkow ihr Stinechen empfing und nicht zuliess, dass sie noch höher hinauf in
ihre Polzinsche Wohnung stiege.
    »Komm, Kind, und leg dich man gleich hier aufs Bett. Na, ich sage... War's
denn so doll? Oder haben sie dich geschubst? Oder haben sie dich wegjagen
wollen? Oder er vielleicht? Na, dann erlebt er was, dann jag ich ihn zum Deibel.
Olga, Baby, wo bist du denn? Uff, sag ich, un mache Feuer. Un wenn's kocht,
rufst du mir. Hörst du... Jott, Stine, du bibberst ja man so. Was haben se dir
denn gedan?« Und dabei knöpfte sie der Schwester das Kleid auf und schob ihr
Kissen unter und deckte sie mit zwei Deckbetten zu.
    Nach einer halben Stunde hatte sich Stine soweit erholt, dass sie sprechen
konnte.
    »Na, nu wird es ja wieder«, sagte Pauline. »Wenn die Mühle erst wieder geht,
is auch wieder Wind da. Kind, dir war ja die Puste reine weg, un ich dachte
schon, nu stirbt die auch noch.«
    Stine nahm ihrer Schwester Hand, klopfte und streichelte sie und sagte: »Ich
wollte, es wäre so.«
    »Ach, rede doch nich so, Stine. Du wirst ja schon wieder werden. Un bei
allens is auch wieder 'n Glück. Jott, er war ja soweit ganz gut un eigentlich
ein anständiger Mensch, un nich so wie der Olle, der ans Ganze schuld is; warum
hat er 'n mitgebracht? Aber viel los war nich mit ihm; er war doch man miesig.«
    Stine fühlte sich unter der Schwester Guttat erleichtert, und die Tränen
rannen ihr übers Gesicht.
    »Weine man, Stinechen, weine man orntlich. Wenn's erst wieder drippelt, is
es schon halb vorbei, grade wie bei 's Gewitter. Un nu trink noch 'ne Tasse...
Olga, wo bist du denn? Ich glaube, die Jöre schnarcht schon wieder... Un
nächsten Sonntag is Sedan, da machen wir auf nach 'n Finkenkrug un fahren
Karussell un würfeln. Un dann würfelst du wieder alle zwölfe.«
    Die Polzin hatte horchend am Treppengeländer oben gestanden und mit nur zu
geübtem Ohre jedes der Worte gehört, womit die Pittelkow ihr Stinechen unten an
der Korridortür empfangen hatte. Gleich danach aber, als sie die Tür unten ins
Schloss fallen hörte, war sie wieder in ihre Stube gegangen, wo sich Polzin eben
zu seiner Nachttoilette rüstete. Von einer solchen liess sich wirklich sprechen,
denn er trug, weil er andauernd an einem trockenen Husten litt, auch beim
Zubettgehen eine schwarze, mit einem dicken Tuchstreifen gefütterte
Militärkrawatte.
    »Nu«, frug er, während er eben das Leder in die Schnalle schob. »Is sie heil
wieder da?«
    »Heil? Was heisst heil? Die wird nich wieder.«
    »Is eigentlich schade drum.«
    »I wo. Gar nich... Das kommt davon.«
 
    