
        
                                Teodor Fontane
                                     Quitt
                                     Roman
                                  Erstes Kapitel
Die Kirche war noch nicht aus, aber die alte Frau Menz und ihr Sohn Lehnert -
ein schlanker, hübscher Mensch von siebenundzwanzig, dem man, auch ohne seine
siebenziger Kriegsdenkmünze (neben der übrigens auch noch ein anderes
Ehrenzeichen hing), den altgedienten Soldaten schon auf weite Entfernung hin
angesehen hätte - hatten den Schluss des Gottesdienstes nicht abgewartet und
sassen bereits draussen auf einem grossen Grabstein, zu dessen Häupten eine
senkrecht stehende Marmorplatte mit einer »Christi Himmelfahrt« in Relief in die
dicht dahinter befindliche Kirchhofsmauer eingelassen war. Der Sohn, der schon
während einer ganzen Weile mit der Kante seiner Stiefelsohlen allerlei Rinnen in
den Sand gezogen hatte, war augenscheinlich verstimmt und vermied es, die Mutter
anzublicken, die ihrerseits ängstlich vor sich hin sah und darauf wartete, dass
der Sohn reden solle. Dazu kam es aber nicht, und so hörte man denn nichts als
die letzte Liederstrophe, die drinnen eben gesungen wurde. Sonst war alles
still. Der grelle Sonnenschein lag auf den Gräbern, die Schmetterlinge flogen
dazwischen hin und her, und über dem Ganzen wölbte sich der tiefblaue Himmel und
versprach einen heissen Tag.
    Endlich nahm die Mutter ihres Sohnes Hand. Er zog sie aber unwirsch wieder
zurück und sagte: »Ach lass, Mutter. Du meinst es gut. Aber was hab ich davon?
Eigentlich bist du doch schuld an allem, weil du nicht weisst, was du willst, und
auch nie gewusst hast. Auf Paschen und Wildern hast du mich erzogen, und wenn's
dann schiefgeht und du's mit der Angst kriegst, dann steckst du dich hinter
Siebenhaar und jammerst ihm was vor, und der soll dann mit einem Mal einen
Heiligen aus mir machen.«
    »Du weisst ja doch, Lehnert, was er alles für dich getan hat.«
    »Weiss alles. Aber er darf mich nicht anpredigen, und wenn er's tut, so darf
er nicht nach mir hinsehen, dass auch der Dümmste merken kann, wen er meint. Das
darf er nicht, und wenn ich ihn sehe, dann sag ich's ihm auch.«
    »Er will dich sprechen nach der Kirche.«
    »Da haben wir's. Also wieder abgekartet. Dacht ich's doch. Ach, Mutter, du
quälst mich und richtest nichts Gutes damit an.«
    In diesem Augenblicke schwieg es drin, und statt des Gesanges der Gemeinde
hörte man nur noch das Nachzittern der Orgel und bald danach den eigentümlichen
Klapperton, mit dem die Pfennigstücke der einzeln und in Gruppen aus der Kirche
Kommenden in die dicht an der Kirchentür aufgestellte Sammelbüchse fielen.
    Und nun kamen auch die Leute selbst und gingen an dem Grabstein vorüber, auf
das weit offenstehende, kaum dreissig Schritt entfernte Kirchhofsportal zu, wobei
sie der Frau Menz und ihrem Sohne freundlich zunickten; aber ehe sie noch den
Ausgang erreicht hatten, erschien auch schon in Front der nach wie vor auf dem
Grabstein Sitzenden ein breitschultriger und kurzhalsiger Mann von Mitte
Dreissig, dessen Stutzhut und hechtgrauer Rock mit grünen Rabatten (des
Hirschfängers ganz zu schweigen) über seinen Beruf keinen Zweifel lassen konnte.
Vorn, im zweiten Knopfloch, an einem absichtlich nicht allzu kurzen Bande, trug
er das Eiserne Kreuz, das sich, eben weil das Band zu lang war, bei jedem
Schritt in herausfordernder und jedenfalls in respekterwartender Weise hin und
her bewegte. Der ganze Mann ein Bild von Selbstbewusstsein und Hochmut.
    »Guten Tag, Herr Förster«, sagte Frau Menz und stand rasch auf, um ihm einen
Knicks zu machen.
    Der Förster nickte kurz, streifte Lehnert, der sich nicht gerührt hatte, mit
einem Blick und ging dann weiter.
    »Was bliebst du nicht sitzen. Mutter? Warum hast du geknickst? Er kam, er
musste grüssen, nicht du. Aber das ist immer die alte Geschichte mit dir. Du hast
nur zwei Gedanken: Angst und Vorteil, und hast keinen Stolz und keine Ehre. Du
bist noch ganz aus der Kriechezeit. Und nun gar kriechen vor dem, vor solchem
Schubbejack. Ist er denn dein Herr? Unser Feind ist er, weiter nichts. Gott sei
Dank, er fürchtet sich vor mir. Aber ich wollt es ihm auch raten. Er kennt mich
noch vom Görlitzer Scheibenstand her und weiss, ich hab eine sichere Hand und ein
gutes Auge.«
    »Sei doch still, Junge! Du redst dich noch ins Gericht. Und wenn du durchaus
reden willst, so rede nicht so laut. Es kann's ja jeder hören.«
    »Soll auch.«
    Er hätte wohl noch weitergesprochen, wenn nicht in eben diesem Augenblicke
der alte Pastor Siebenhaar in Person von der Kirche her den Kirchhofsgang
heraufgekommen wäre, neben ihm der Küster, zu dem er leise sprach.
    Und jetzt erhob sich auch Lehnert.
    »Ich möchte dich noch sprechen«, sagte der Alte, während er Lehnert im
Vorübergehen die Hand reichte. »Komm in einer Viertelstunde! Das heisst, so dir's
beliebt.« Und mit einem freundlichen Blick, der Lehnert zu Herzen ging, ging der
Alte weiter, erst auf das Portal und dann, etwas rechts abbiegend, auf das
hinter einer Reihe verschnittener Linden gelegene Pfarrhaus zu.
 
                                Zweites Kapitel
Lehnert - nach dieser flüchtigen Begegnung - setzte sich wieder. Sonst, wenn der
Gottesdienst aus war, ging er mit seiner Mutter in den nahen Kretscham hinüber,
um erst eine Stonsdorfer und hinterher einen »Grünen« oder auch wohl einen
Ingwer zu trinken. Heut aber war ihm nicht danach zumute. »Lass uns sehen,
Mutter, wie das Grab aussieht!«
    Er meinte das seines Vaters, und während er so sprach, der alten Frau Arm
nehmend, ging er mit ihr den langen Hauptgang hinauf, bis sie vor einem gut
gepflegten Grabe standen, an dem nur die halb verwaschene Inschrift erkennen
liess, dass der Tote schon seit lange hier liegen müsse. Die Jahreszahl bestätigte
das auch: »Hier ruhet in Gott Anton Menz, Stellmacher und Schreiner zu Wolfshau
bei Krummhübel, geb. 13. März 1821, gest. 17. August 1859. Selig sind, die da
Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.«
    Lehnert, als er die Worte las, faltete die Hände, als er aber sah, dass die
Alte nach ihrem Sacktuch suchte, riss er die Hände gleich wieder auseinander und
sah ärgerlich weg, weil er wusste, dass alles bloss Schein und Komödie war und die
Alte nur weinte, weil sie weinen wollte. Sie steckte denn auch das Tuch wieder
ein und bückte sich, um eine grosse gelbe Studentenblume zu pflücken.
    »Das war seine Lieblingsblume«, sagte sie.
    »Weisst du das gewiss, Mutter? Ich habe noch keinen Menschen gekannt...«
    In diesem Augenblicke schlug die Turmuhr ein Viertel, und Lehnert unterbrach
sich mitten im Satz. »Es ist Zeit«, fuhr er fort, »ich kann den Alten nicht
warten lassen und muss nun hin und mir meine Litanei holen. Als ob ich in der
Kirche nicht schon genug gehabt hätte. Willst du hier auf dem Kirchhof warten,
oder gehst du lieber gleich nach Hause? Eine Weile wird es in der Pastorstube
doch wohl dauern, Siebenhaar ist nicht immer der Kürzeste. Oder willst du lieber
nach dem Kretscham hinüber und dir bei Pohl einen Ingwer geben lassen?«
    Die Alte verschwor sich gegen den Kretscham und den Ingwer; ihr sei heute so
andächtig wie lange nicht, und so wollte sie denn lieber gleich nach Hause. Da
sei sie doch am liebsten und am nötigsten. Opitzens Christine hab ihr freilich
versprochen, in der Küche nach dem Rechten zu sehen, aber vielleicht habe die
gute Seele selber alle Hände voll zu tun.
    Und so verliessen sie denn gemeinschaftlich den Kirchhof.
    Als sie draussen am Portal waren, musste die Alte, wenn sie nach Krummhübel
und Wolfshau zurück wollte, scharf nach links hin abbiegen, sie liess sich's aber
nicht nehmen, ihren Sohn erst noch bis zur Pfarre, die nach der
entgegengesetzten Seite hin lag, zu begleiten, wo sie, vor dem Pfarrhaus
angekommen, vorsichtig wartete, bis er eingetreten und im Flur verschwunden war.
Dann aber steuerte sie sofort mit einem geschickten kleinen Umwege nach dem
Kretscham hinüber, um sich hier den Ingwer geben zu lassen, den sie, »weil ihr
noch so andächtig sei«, vor wenig Minuten erst abgelehnt hatte.
Lehnert stand inzwischen auf dem kühlen Fliesenflur und wartete, denn niemand
erschien, trotzdem die Klingel zweimal angeschlagen hatte. Die Hoftür, hinter
der ein alter Nussbaum stand, stand weit auf, und das Summen einer Wespe, die
sich vom Hof her in den Flur verirrt hatte, war das einzige, was die Stille
unterbrach. Endlich kam die Magd und sagte, sie wisse schon, er möge nur
eintreten.
    Das tat er denn auch.
    Es war des Alten Studierstube, die Lehnert von seinen Kindertagen her
kannte. Das Christusbild, mit Friedrich Wilhelm III. und dem Kronprinzen zur
Linken und Rechten, hing noch geradeso schief wie vor vierzehn Jahren, als er
hier, wöchentlich zweimal, auf einer wackligen Konfirmandenbank gesessen hatte.
Alles genau wie damals und nur die Dielen noch etwas ausgehöhlter.
    Lehnert hatte so seine Betrachtungen, kam aber nicht weit damit, denn in der
nächsten Minute schon trat der Alte, der mittlerweile seinen Talar abgelegt und
einen Imbiss genommen hatte, von der Nebenstube herein und liess sich in einen vor
seinem Schreibtisch stehenden Polstersessel nieder.
    »Ja, Lehnert«, hob er an, »es ist das alte Lied. Deine Mutter hat sich
wieder über dich beklagt.«
    »Ach, Herr Prediger...«
    »... Und dass du wieder deine Tobsucht hast und nichts wie bittere Worte
sagst und ihm, ich meine natürlich deinen Nachbar Opitz, den Tod an den Hals
wünschst und fluchst und dich verschwörst, dass er dran glauben solle. Lauter
gotteslästerliches dummes Zeug, für das du viel zu klug und, ich muss dir das
nachsagen, auch eigentlich viel zu gut bist. Ich begreife dich nicht. Du hast
doch einen guten Verstand und hast die gute Schule gehabt, und wenn ich auch
weiss, dass man nicht immer nach dem Worte Gottes lebt, so kennst du's doch und
darfst nicht so sprechen, als ob du's nicht kenntest und als ob es gar nicht da
wäre. Du weisst recht gut, dass es da ist, und weisst auch recht gut, dass Gottes
Wort heilig ist und dass es das klügste und beste ist, seine Gebote zu halten.
Aber du redest drauflos wie ein Heide und Türke...«
    »Ach, Herr Prediger...«
    »Wie ein Heide und Türke, sag ich, und tust es nicht bloss zu Haus und in
deinen vier Pfählen, du sagst es auch jedem, der's hören will, und wenn du dich
müde gesprochen und keine Worte mehr gegen ihn finden kannst, dann bindest du
mit dem Grafen an, dem guten gnädigen Herrn, von dem du doch weisst, wie
nachsichtig er ist, und hältst ihm vor, dass er was Besseres tun könne, als
solchen Grosstuer und Menschenquäler in die Försterei zu setzen, und dass es kein
gutes Ende nehme.«
    Lehnert nickte.
    »Nun siehst du, du nickst und hältst es nicht mal für nötig, nein zu sagen
und deinem alten Freund und Lehrer, von dem du weisst, dass er's gut mit dir
meint, in einer Entschuldigung oder so was Ähnlichem entgegenzukommen. Du bist
geblieben, wie du schon warst, als du hier mit deinem blonden Krauskopf auf der
Konfirmandenbank sassest. Das krause Haar haben sie dir bei den Soldaten
weggekämmt, aber den krausen Sinn haben sie dir nicht wegschaffen können, du
bist ein Trotzkopf, voll Selbstgerechtigkeit, und glaubst, alles am besten zu
wissen. Und nun liest du auch noch allerlei dumme Blätter, in denen hochmütige
Schulmeister und verlogene Winkeladvokaten ihre Weisheit zu Markte bringen, und
redest hier in den Kretschams herum von Freiheit und Republik und dem
glücklichen Amerika. Lehnert, Lehnert, dazu bist du mir viel zu schade! Sieh,
Junge! aus dir hätt eigentlich was Ordentliches und was ganz apart Gutes werden
müssen, und nun vertust du deine Zeit mit schlechter Tat und schlechtem Wort.
Und das schlechte Wort ist schlimmer als die schlechte Tat. Ich lebe nun hier
seit Anno 29, und noch zwei Jahre, dann hab ich mein Jubiläum, und ich darf wohl
sagen, ich kenne euch und weiss, dass euch allen der Pascher und Wilddieb von
Kindheit an im Leibe steckt. Das wird euch so gleich mit in die Wiege gelegt,
und so nehmt ihr's als euer gutes Recht, und wenn ihr einen Grenzer oder Förster
über den Haufen schiesst, dann ist es nicht Mord, dann ist es Notwehr. Ich weiss
das alles und find es traurig genug. Aber ich finde mich darin zurecht, das
heisst, missversteh mich nicht, ich finde mich darin zurecht, weil ich die
schwache menschliche Natur kenne, der es schwer wird, der Versuchung und der
Sünde, die heute so ist und morgen so, zu widerstehen. Aber dass ihr das alles in
der Ordnung findet, dass ihr tut, als ob das Gesetz sich gegen euch versündige,
sieh, das ist das Traurige. Und dass du die Dummheit mitmachst und auch so
sprichst, als ob der Opitz ein Scheusal und eigentlich nicht viel besser als der
Gottseibeiuns wäre, das tut mir leid. Und nun sprich und sage was Vernünftiges.
Aber erst trink ein Glas Wein mit mir. Es ist heiss, und die Zunge klebt einem am
Gaumen.«
    Der Pastor trank auch wirklich ein Glas; Lehnert aber dankte.
    »Nun gut, dann setz dich wenigstens. Und dann sage mir, was du zu sagen
hast.«
    »Ach, Herr Prediger, Sie wissen ja, wie's liegt, und wissen auch, wir sind
nicht so schlimm, ich schon gewiss nicht. Ich war bei den Soldaten und weiss, was
gehorchen heisst, und is gar kein vernünftiger Mensch, der gegen 's Gehorchen is.
Denn das hält alles zusammen. Und so muss auch das Gesetz sein. Aber die
Menschen, ja, Herr Pastor, die Menschen, die machen den Unterschied, und wenn
die nichts taugen, dann ist es schlimm. Das weiss ich auch noch von den Soldaten
her, und ich darf wohl sagen, und ich hab es schriftlich in meinen Attesten, ich
war ein guter Soldat. Aber auf die, die den Befehl haben, auf die kommt es an,
und was gibt es nicht für Vorgesetzte! Da muss man antreten mit Gepäck und zwei
Stunden auf dem Hofe nachexerzieren, und die Sonne brennt und sticht, und wie
man sich quälen mag, der Paradeschritt taugt nichts, die Griffe bleiben falsch,
und wenn sie noch so richtig wären; immer wieder ran, immer wieder vor, und dann
einen Stoss unters Kinn und Verwünschungen und Drohungen, dass man's wohl noch bis
zum Zuchtaus oder bis zum Baugefangenen bringen würde. Ja, Herr Pastor, solch
Unteroffizier - und es gibt's ihrer - verlangt auch Gehorsam und findet ihn
auch, aber wenn's dann passt, dann stellt man ihm ein Bein oder schafft ihn über
Eck. Und die, die das tun, die sind nicht gegen Gehorsam und Disziplin, die sind
bloss gegen den Unteroffizier. Und was mich angeht, Herr Prediger, ich bin nicht
gegen das Gesetz, auch wenn ich's nicht immer halte, ich bin bloss gegen den
Opitz, diesen Schuft und Schelm, diesen Saufaus und Menschenschinder«.
    Siebenhaar lächelte. »Da haben wir's wieder, ganz wie ein Puter, wenn er den
roten Lappen sieht. Du willst Person und Sache trennen. Aber geht das, hast du
ein Recht dazu?«
    »Ich meine ja, Herr Pastor. Sie wissen, dass ich zwei Monat drüben in Jauer
war, wie 'n Verbrecher, unter lauter Gesindel. Und das verdank ich ihm.«
    »Er hat dich angezeigt. Das war seine Pflicht.«
    »Er hat mich angezeigt, das war seine Lust. So liegt es. Er ist immer lustig
dazu, bei jedem, aber doppelt bei mir, denn wir sind alte Feinde, noch von den
Soldaten und vom Kriege her. Ich kenn ihn, Herr Pastor; er ist ein schlechter
Kerl, und solang ich denken kann, hat er mich gequält. Er war mein Oberjäger,
und kein gutes Wort hat er mir je gegönnt. Immer hart, immer roh, auch vorm
Feind, und nur wenn's in die Schlacht ging, war er wie 'n Ohrwurm. Es gibt eben
Kugeln, die sich verirren. Und dann, Herr Pastor, wenn er nicht war, so hätt ich
das Kreuz. Aber er hat dagegen gesprochen. Und was hat er gesagt? Ich taugte
nichts, ich wäre frech und übermütig, und man könne nicht jedem das Kreuz geben,
der ein paarmal aus einem Fenster geschossen habe, bei guter Deckung. Wahr und
wahrhaftig, bei guter Deckung, so hat er gesagt, der schlechte Kerl. Und er war
gar nicht einmal dabei. Ich will nicht sagen, dass er feige ist, nein, feige ist
er nicht, aber ein Neidhammel ist er. Und was dann nachher kam, ich meine das
vorige Jahr, nun, das weiss der Herr Pastor. Von Unschlitt und Schimmelbrot will
ich leben, wenn ich's dem Kerl verzeih, dass er mich belauert und an die
Grenzaufseher verraten hat und dass sie mich nach Jauer abgeliefert haben. Und
warum? Um ein Stück Reichenberger Tuch, nicht der Rede wert! Immer hat er mir
den Weg gekreuzt. Hol ihn der Teufel!«
    Siebenhaar drohte halb scherzhaft mit dem Finger. Lehnert aber trat an den
Alten heran und bat in einem Tone, drin sich Ernst und gute Laune die Waage
hielten, um Entschuldigung.
    »Ich will dir den Teufel zugute halten, Lehnert, wiewohlen man ihn nicht
anrufen soll. Aber versprich mir dafür, Friede zu halten. Ich weiss nicht, ob er
dir unrecht getan hat mit dem Kreuz, aber wenn es auch wäre, du musst es
vergessen.«
    »Will's versuchen.«
    »Versprichst du's ernstaft? Hab ich dein Wort?«
    »Ja. Aber wenn er wieder anfängt...«
    »Er wird nicht. Ich werde mit ihm sprechen, und du sollst Bescheid haben.
Vielleicht bald. Und dann komm ich selbst.«
 
                                Drittes Kapitel
Während Lehnert dieses Gespräch hatte, schritt der, dem all diese Drohungen
galten, heimwärts auf Wolfshau zu, wo seine Försterswohnung mit der der
Menzschen Stellmacherei grenzte. Der nächste Weg nach Haus wäre der unten im
Tal, an der Lomnitz hin, immer flussaufwärts, gewesen, er mied ihn aber, weil
dieser nähere Weg ohne Wirtshaus war und er ernstlich vorhatte, sich bei einem
Glase Bier und einem guten Gespräch von den Anstrengungen der Siebenhaarschen
Predigt, die, wie gewöhnlich, gut, aber etwas lang gewesen war, zu erholen.
    So stieg er denn, den Umweg nicht scheuend, die grosse Strasse bergan auf
Krummhübel zu, wo er sicher war, in dem prächtig gelegenen Wirtshause »Zur
Schneekoppe« den ersehnten guten Trunk und vor allem auch eine gute, das heisst
eine gefällige Gesellschaft zu finden, die sich's angelegen sein liess, ihn reden
zu lassen und ihn bei jedem dritten Worte »Herr Förster« zu nennen. Denn sich
umworben und ausgezeichnet zu sehen und Ehre vor den Menschen zu haben, war das,
wonach ihm zumeist der Sinn stand. Sein Hühnerhund Diana, der darauf dressiert
war, die Predigt draussen auf einer von der Sonne beschienenen Kiesstelle zu
verschlafen, folgte dicht hinter ihm, ein schönes, schwarz und weiss geflecktes
Tier.
    Und keine halbe Stunde, so bog er in Krummhübel ein, drin eine sonntägliche
Stille herrschte. Links lief ein Wässerchen und schäumte, Hühner und Sperlinge
pickten überall umher, wo eine Krippe gestanden hatte, und in der offenen
Haustür lehnten einzelne Dorfbewohner und genossen der Sonntagsruhe.
    »Guten Tag, Herr Förster«, sagte Gerichtsmann Klose, seine Pfeife
respektvoll aus dem Munde nehmend, und »Guten Tag, Herr Förster«, wiederholte
die nebenan wohnende, für gewöhnlich mit ihren Gunstbezeigungen etwas kargende
Frau Böhmer den Gerichtsmann Kloseschen Gruss auch ihrerseits und trat aus ihrem
Kramladen in die Dorfstrasse hinaus, um dem Vorübergehenden die Hand zu geben,
ja, sie schien ihn sogar anreden zu wollen. Des Försters Haltung aber war so
steif und gemessen, dass selbst Frau Böhmer mit ihrer Frage zurückzuhalten für
gut fand.
    Und nun noch hundert Schritte, so stand unser Förster Opitz vor Exners
»Schneekoppe«, trat aber nicht über den Schwellstein in den Flur, sondern bog
gleich daneben in einen von einem Staketenzaun eingefassten Garten ein, in dem,
um einen plätschernden Springbrunnen herum, und zugleich in Front einer grossen
Veranda, viele Sommergäste sassen. Sich diesen zu gesellen fiel Opitz aber nicht
ein, weil er im Vorübergehen herausgehört hatte, dass es Berliner waren, also
Leute, von deren eigener Eingebildeteit er für die seinige nicht viel zu hoffen
hatte. So ging er denn lieber auf eine kleine, von wildem Wein umwachsene
Holzlaube zu, wo noch niemand sass, und liess sich hier an einem langen,
braungestrichenen Esstisch nieder, von dem aus, unmittelbar an der Wand daneben,
ein Klingeldraht nach dem Wirtshause hinüberführte. Diesen zog er. Die Bedienung
war aber einigermassen säumig, was ihn, weil er eine Verkennung seiner
Wichtigkeit und Würde darin erblickte, sofort heftig ärgerte. Wirklich, sein
ohnehin etwas auf Schlagfluss deutendes Gesicht wurde von Minute zu Minute röter,
und erst den Hut vom Kopf nehmend und gleich danach das Sacktuch aus seiner
Tasche ziehend, begann er sich in nervöser Unruhe bald mit dem einen, bald mit
dem andern zu beschäftigen. Endlich kam die Bedienung, eine schöne schwarze
Person, von der es hiess, dass sie Kunstreiterin gewesen und als Kind durch fünf
Reifen gesprungen sei, was ihr jetzt freilich etwas schwer hätte werden sollen,
und entschuldigte sich, dass der »Herr Förster« so lange habe warten müssen.
    »Schon gut, Marie, schon gut.«
    Und nun bestellte er eine Kulmbacher und ein Schnitzel. »Aber ohne Kapern
und Sardellen!«
    Die Kulmbacher kam denn auch bald, aber das Schnitzel au naturel liess auf
sich warten, und in der ihm sofort wiederkehrenden Unruhe nahm er diesmal, statt
des Sacktuches, ein Notizbuch aus seiner Tasche und begann Einzeichnungen zu
machen, die, seiner Miene nach, von besonderer Wichtigkeit sein mussten. In
Wahrheit aber waren es bloss Krickelkrakel, bei deren gedankenloser Hinmalung er,
aller Aufregung und Wichtigtuerei zum Trotz, nach der grossen Veranda und den in
Front derselben stehenden Tischen hinübersah.
    Der ihm zunächst stehende Tisch war der unzweifelhaft anziehendste: zwei
Herren und eine Dame sassen daran, mit ihnen zwei hübsche Kinder. Letztere
freilich waren von einer Beweglichkeit, dass man sie kaum noch als Tischgäste
rechnen konnte, woran, neben angeborener Fahrigkeit, vor allem der Springbrunnen
schuld war, von dessen Staubregen sich treffen zu lassen ein nicht enden
wollendes Vergnügen für sie war. Die weissen Waschkleider machten denn auch
bereits ihrem Namen Ehre und wurden in ihrer Durchnässteit nur noch von dem
blonden Haar übertroffen, das in einzelnen langen Strähnen bis auf die
rosafarbenen Schärpen herabhing.
    »Geraldine«, sagte der ältere der beiden Herren, indem er sich der, trotz
ihrer neununddreissig, immer noch sehr schönen Dame zuwandte, »du solltest es
ihnen verbieten. Es ist weder opportun noch sanitätlich zulässig.«
    »Aber unterhaltlich und vergnüglich«, antwortete die Dame mit sehr
überlegener Miene. »Nur keine Philistereien, Espe; dazu hast du zu Hause Zeit
genug, in unserem lieben schrecklichen Berlin. Es wird sich ja wohl eine
Plätterin hier finden lassen. Jugend ist Jugend, und dass sie keine Tugend hat,
ist bloss Verleumdung. Frage nur Herrn Lieutenant Kowalski.«
    Dieser, der schon vor fünfzehn Jahren den mageren Dienst in der Armee mit
dem vorteilhafteren in einer Hagelversicherungsgesellschaft vertauscht, seinen
»Leutnant« aber trotzdem beibehalten hatte, wartete die von dem älteren Herrn zu
stellende Frage gar nicht erst ab, sondern entschied sich sofort für ein
unbedingtes und mit grosser Emphase vorgetragenes »laisser aller«, was durchaus
zu dem phrasenhaften Wesen des Herrn Lieutenant stimmte, der seine ganz auf
Flunkerei, Zynismus und Prosa gestellte Natur hinter hochtönenden Redensarten,
zu denen auch ein paar französische Sätze gehörten, zu verbergen trachtete. Je
mehr er persönlich, so fuhr er nach einem mehrfach wiederholten laisser aller
fort, in zurückliegenden Jahren unter dem Drill des Dienstes gelitten habe, je
mehr sei er für Freiheit. Freiheit sei das einzige richtige Lebensprinzip, und
der inneren Stimme gehorchen zu dürfen, und hierbei suchte sein Blick das Auge
der schönen Frau, sei nicht bloss das Glück, sondern auch das Heil des Daseins.
Nichts über eine freie Seele. Ganz frei. Nur auf die Weise werde die Lüge
hinschwinden, was dann gleichbedeutend sei mit dem Siege wirklicher
Sittlichkeit.
    Kowalski, wenn er einen längeren Satz sprach, schloss immer mit Sittlichkeit
ab.
Opitz, so scharf er aufpasste, sass doch zu weit ab, um jedes Wort, das am
Nebentische gesprochen wurde, wegfangen zu können, aber wenn er es auch aufgeben
musste, dem Gange der Unterhaltung in aller Deutlichkeit zu folgen, so gab er es
doch nicht auf, sich mit Hilfe dessen, was er mit scharfem Auge sah, in dem
Verhältnis der drei Personen zueinander zurechtzufinden. Der aschfarbene kleine
Herr mit dem wenigen Haar und der Goldbrille war offenbar der Gatte der Dame,
was sich schon aus der Devotion ergeben haben würde, mit der er sich gegen sie
benahm. Aber wie kam sie zu diesem Hutzelmännchen? Viel erklärlicher war ihm der
militärisch wirkende Herr, hinsichtlich dessen ihm eigentlich nur unsicher
blieb, ob er ihm eine dauernde oder nur eine vorübergehende Beziehung zur
schönen Frau zuschreiben sollte.
    Das Schnitzel, mit dem Marie jetzt endlich erschien, unterbrach seine
Betrachtungen, die natürlich nur den Charakter von Vermutungen gehabt haben
konnten, und gab ihm statt dessen die Möglichkeit in die Hand, durch einige
direkt gestellte Fragen um einen reellen Schritt weiterzukommen.
    »Sagen Sie, Marie, wer sind die Herrschaften da?«
    »Rechnungsrat Espe mit Frau und Kindern.«
    »Und der grosse stattliche Herr?«
    »Ist ein Herr Lieutenant, aber bloss a. D.; seinen Namen hab ich vergessen.«
    »Und gehören zusammen?«
    »Nein. Er hat sich erst neuerdings hier eingefunden. Und nun machen sie
Partien. Jeden Tag eine.«
    »So, so.«
    »Ja.«
    Hier brach es ab, und es entstand eine Pause, während welcher Marie sorglich
und langsam den Tisch arrangierte, gerade langsam genug, um zu weiteren Fragen
aufzufordern.
    Und wirklich, es gab auch kein langes Warten darauf.
    »Espe«, fuhr Opitz nach einer kleinen Weile fort. »Und Rechnungsrat. Hm. Er
behandelt seine Frau, als wäre sie wenigstens eine Prinzess oder doch eine vom
Teater...«
    »Ist auch so was. Und er soll ihr zweiter Mann sein... Das heisst, eigentlich
ihr erster. Denn ihr erster war keiner und war zu vornehm, um es zu werden. Und
da kam Espe, der damals noch sehr unten war. Und die Kinder, so heisst es, sind
auch gleich mitgekommen.«
    
    »Von Espe?«
    »Nein«, kicherte Marie. »Von Espe nicht; von dem andern. Es soll, glaub ich,
ein Präsident gewesen sein. Ach, es ist doch ein merkwürdiges Leben in dem
Berlin, und ich möchte da nicht hin. Man ist da ja keinen Augenblick seines
Lebens sicher, und ich hätte keine ruhige Stunde mehr.«
    »Na, das ist recht, Marie«, lachte Förster Opitz und patschelte der
Sprecherin die Hand. »Aber wissen Sie, Marie, bedenken Sie sich's noch; - Sie
sehen ja, dass nicht viel Schlimmes dabei herauskommt. Eine Rätin ist am Ende
nicht zu verachten und sollt Ihnen schon gefallen.« Opitz hätte wohl noch
weitergesprochen, wenn nicht in eben diesem Augenblick ein Kamerad, der alte
Förster von der Annakapelle, samt Grenzaufseher Kraatz und Lehrer Wonneberger,
dessen Schule bei den »Baberhäusern« hoch oben im Gebirge lag, in den Exnerschen
Garten eingetreten wäre. Das war alte Bekanntschaft, und Opitz, der einen guten
Diskurs liebte, ging ihnen, was eine grosse Auszeichnung war, drei Schritte
entgegen und begrüsste jeden einzeln. Er sei froh, dass sie kämen, denn er hab
einen ganzen Sack voll Neuigkeiten. Es gehe wieder was vor, und der
gottvergessene Kerl, der Gambetta, stecke dahinter.
    »Ja«, fuhr er fort, »der Gambetta, wenn's nich der Skobeleff is; dem trau
ich auch nicht. Alle Wetter, wir haben sie nun all am Kragen gehabt und jeden
geschüttelt und ausgeschmiert; nur der Russe war noch nicht dran, der fehlt
noch. Aber ich denke, den fassen wir auch noch. Nennt sich immer Freund. Aber
was heisst Freund! Alles Fusel und Dusel. Wenn sie nicht den Kaviar und die
Juchten hätten, wär's gar nichts. Da muss auch einmal aufgeräumt werden. Was
meinen Sie, Kraatz? Sie sind ja doch auch ein Mann, der was hört und weiss und
mit dabei war.«
    Während Opitz noch so sprach, hatte man sich's um den Tisch her bequem
gemacht. Die Klingel wurde gezogen, eine Bestellung folgte der anderen, und ehe
zehn Minuten um waren, hörte man, aus der Holzlaube her, nichts als Lachen und
das Zusammenstossen der Seidel.
    Unter der nachbarlichen Veranda aber, wo die Espes gesessen hatten, war
alles still und leer geworden.
Ja, alles war still und leer geworden, und doch wurden Opitz und seine Freunde
beobachtet, nicht von Gästen draussen, deren es kaum noch gab, wohl aber von
Gästen, die drinnen im Exnerschen Hause sassen und durch die Fenster der
Gaststube nach der Holzlaube hinübersahn, kleine Leute von Querseiffen und
Wolfshau her, Freunde Lehnerts, Führer und Träger, auch wohl Pascher und
Wilderer, die hier herkömmlich nach dem Gottesdienst - und sie waren auch heute
wieder mit unten in der Arnsdorfer Kirche gewesen - ihren Sonntag feierten.
Allen gemeinsam war das Gedientaben bei den »Görlitzern« oder den
Siebenundvierzigern oder den Königsgrenadieren in Liegnitz, und kaum einer
befand sich unter ihnen, der nicht die Kriegsdenkmünze getragen hätte. Von einer
richtigen Mahlzeit war nicht die Rede, sie begnügten sich mit einem »Grünen«
oder einer Stonsdorfer, und die kleine Stummelpfeife ging nicht aus.
    »Opitz lässt heute was draufgehn«, sagte der dem Fenster zunächst Sitzende.
»Wenn ich recht gezählt hab, ist er schon beim dritten Seidel und sieht aus wie
'n Puter. Ihr sollt sehen, er biert sich noch den Schlag an den Hals, und eh
Gott den Schaden besieht, ist er um die Ecke.«
    »Du musst ihm heute was zugute halten, Schmidt. Siebenhaar hat ja gepredigt,
als ob Krummhübel und Wolfshau so was wie Sodom und Gomorrha wär. Und so was
hört Opitz gern. Und was ihn am meisten gefreut haben wird, nu das war, dass
Siebenhaar immer nach der Ecke hinsah, wo Lehnert Menz sass, und hätte bloss noch
gefehlt, dass er ihn beim Namen genannt hätt. Und ich sah auch, wie Lehnert sich
verfärbte.«
    »Ja«, sagte Schmidt. »Und dabei hat Lehnert noch 'nen Stein bei ihm im Brett
und ist eigentlich sein Liebling. Dass er ihn, weil er so findig und anschlägig
war, auf die Schule geschickt hat, nach Jauer hin, na, das wisst ihr, und nun
nimmt er doch Partei für den Opitz, der ihn zwei Monat ins Jauersche Prison
geschickt hat. Und das muss ich sagen, Schule war gerad auch nicht mein Fall,
aber doch immer noch lieber als Prison. Ich versteh den Alten nicht, und ich
kann es mir mit seiner Predigt bloss so denken, dass er ein Unglück verhüten will.
Er weiss, dass es beide harte Steine sind und dass es kein gutes Ende nimmt, wenn
nicht Friede wird. Einer muss klein beigeben, und der eine muss Lehnert sein, weil
es Opitz nicht sein kann. Er is doch nu mal ein Mann im Amt und sozusagen im
Recht. Hol's der Teufel, dass ich das sagen muss. Und da hat Siebenhaar ihn warnen
wollen, ich meine den Lehnert, und ihn ermahnen, dass er zu Kreuze kriecht.«
    »Es wird aber nicht helfen. Is alles ein alter Schaden noch von den Soldaten
her und nun schon viele Jahre zurück. Opitz ist ein Quäler und Schufter und war
es immer. Er hat ihn schikaniert vom ersten Tag an, ich weiss nicht warum. Ich
glaube, Lehnert war ihm zu forsch und zu freiweg und nicht untertänig genug, und
ich erinnere mich, dass das ein ewiges Schnauzern war. Das will ein Jäger sein,
du mein Gott, der Menz hat keinen Zug im Leibe, der Menz hat keine Ehre, der
Menz hat keinen Schneid. Und so ging es weiter und nahm kein Ende, bis Menz den
kleinen Fähnrich von Uttenhoven aus dem Wasser zog. Opitz natürlich spöttelte
bloss, als sei's nichts gewesen, keine vier Fuss tief, und der Fähnrich so leicht
wie 'ne Feder; als aber dann die Medaille kam und das Bataillon Carré schloss, da
musste Opitz still sein, und von nicht Ehre und nicht Schneid war keine Rede
mehr. Ich sage euch, Major Griepenkerl, der damals das Bataillon hatte, der
hielt eine Rede, Donnerwetter, der verstand es, das ging an die Nieren, und
hätte sich alles wieder zurechtgezogen, wenn nicht der Krieg gekommen wär und
die Geschichte mit dem Kreuz. Opitz hat ihm das Kreuz gestohlen. Eine ganz
verdammte Geschichte...«
    »Warst du denn mit dabei...«
    »Nein. Aber so gut wie mit dabei, denn ich stand in demselben Zug und habe
den ganzen Spektakel, der nachher kam, mit erlebt. Alles war für Menz. Aber
Opitz, der sich bei seinem Hauptmann - es war ein neuer, der alte war gefallen -
in Tee gesetzt hatte, das versteht er, denn nach oben hin kriecht er, und nach
unten hin tritt er und schurigelt er, Opitz, sag ich, wusst es so zu drehen, dass
Lehnert leer ausging und das Nachsehen hatte. Und von dem Tag an war der
Unfrieden wieder da.«
    »Wie war es denn eigentlich? War es denn noch bei Sedan? Lehnert spricht nie
davon.«
    »Nein, bei Sedan war es nicht. Bei Sedan, das war Spass, trotzdem wir fünf
Minuten lang scharf drinsteckten. Aber das ging vorüber wie 'ne Regenhusche.
Nein, dies war im Winter, als der französische General ... nu, Donnerwetter, wie
hiess er doch? Bazaine war es nicht...«
    »Ducrot.«
    »Richtig, Ducrot... als der seinen letzten Ausfall machte. Maywald muss ja
davon wissen; die Sechsundvierziger standen dicht neben uns. Aber was ich sagen
wollte, das mit dem Lehnert, ja das war eine verdammte Geschichte. Die dritte
Compagnie hielt die Vorderreihe von Saint-Cloud, und in dem Eckhause rechts,
dran die grosse Strasse vorbeiläuft, lagen zwölf Jäger von uns unter Oberjäger
Jaczewski, und bei diesen zwölfen war auch Lehnert. Nun, dass ich's kurz mache,
die ganze Linie musste zurück, und der Angriff ging zuletzt auf das Eckhaus, das
der Punkt war, auf den es ankam. Ging das Eckhaus auch verloren, so nahm man uns
in die Flanke. Jaczewski fiel, und das Kommando kam an Lehnert, und da war bald
keiner mehr, der nicht einen Denkzettel weggehabt hätte; Lehnerten, das hab ich
nachher gesehen, wurde der Gefreitenknopf und der Ohrzipfel weggeschossen. Aber
er wollte nichts von Übergabe wissen und hielt aus, bis Sukkurs kam und die
ganze Linie wieder genommen wurde.«
    »Und kein Kreuz? Das begreife, wer kann. Du mein Gott, da waren doch die
Aussagen der Leute!«
    »Ja, die Aussagen der Leute. Die Leute, die lagen verwundet im Lazarett und
liessen sich natürlich betimpeln und beschwatzen und sagten aus, was Opitz ihnen
vorredete. Jaczewski habe das Kommando gehabt, und Jaczewski sei gefallen...«
    »Aber bist du denn auch sicher, dass Opitz unrecht hatte? Menz ist ein
forscher Kerl, aber er dünkt sich was, weil er auf Schulen war, und ist eitel
und hält sich für mehr, als er ist. Er hat einen Nagel.«
    »Ja, den hat er, und es ist schwer Friede mit ihm halten. Er hat so was wie
Opitz selber und ist gleich aus dem Häuschen. Aber eins muss doch wahr bleiben,
er is ein guter Kerl und ein guter Kamerad und dabei grundehrlich und lässt
keinen im Stich, und wenn man ihn nicht reizt und ihm nicht widerspricht und ihm
in seinem Willen zu Willen ist, dann ist er wie 'n Kind, und man kann ihn um den
Finger wickeln.«
    »Das sag ich auch. Und wenn Siebenhaar es recht angefangen hätte, na, dann
hätt er Opitzen angepredigt und dem ins Gewissen geredet und von den Geizigen
und Harterzigen gesprochen, die nicht ins Himmelreich kommen. Aber er hat den
Spiess umgedreht und hat Opitzen recht gegeben. Und das ist nicht recht. Denn
Opitz ist ein Narr und ein Quälgeist, und ich wollte bloss, er tränke sieben
Seidel und hätte seinen Schlag weg. Dann wären wir ihn los, und das arme Volk
wär ihn los, das in den Wald geht, und könnte sich ruhig sein bisschen Holz
raffen.«
    »Und wir könnten einen Spiesser wegschiessen, ohne Gefahr und Prison. Und das
ist doch immer die Hauptsache.«
 
                                Viertes Kapitel
Opitz hatte keine Eile, nach Hause zu kommen, und die dritte Stunde war fast
schon heran, als er aufbrach und seinen Weg nach seiner Wolfshauer Försterei hin
fortsetzte. Der alte Förster von der Annenkapelle blieb noch im Exnerschen Lokal
zurück, ebenso Grenzjäger Kraatz, und nur Lehrer Wonneberger, der bis zur
Obermühle hin denselben Weg mit Opitz hatte, schloss sich ihm an. Es war ein in
wunderlichen Sprüngen gehendes Gespräch, das sie führten, erst über den Papst
und das neue Dogma, von dem beide nicht viel wissen wollten, dann über Mac
Mahon, der viel zu gut für die Franzosen, und über General Tümpling in Breslau,
der zu lang im Dienste sei. All dies wurde übrigens in kurzen grossen Sätzen
erledigt, um dann um so ausführlicher auf das Nächstliegende einzugehen, auf
Siebenhaar, auf Exner, Vater und Sohn, auf den alten Laboranten Zölfel mit
seinem Melissengeist und seinen Wundertropfen, auf das Blitzmädel »die schwarze
Marie« und nicht zum wenigsten auf Rechnungsrat Espe und seine schöne Frau.
    »Sehen Sie, Wonneberger«, sagte Opitz, der stark angeheitert und in der all
seinen Freunden wohlbekannten Stimmung war, in der er alle Welt küssen und
jeden, der dies ablehnte, niederstechen wollte. »Sehen Sie, Wonneberger, wenn
ich der Rechnungsrat wäre, so soll mich der Teufel holen, wenn ich nicht mit der
Marie anbändelte, bloss um dieser eingebildeten Madame ein Schnippchen zu
schlagen. Die sollte zappeln.«
    Wonneberger lachte. »Ja, Förster Opitz, wenn Rechnungsrat Espe der Förster
Opitz wäre, dann ging' es. Aber er ist bloss ein Männchen und bringt, wie meine
Berliner oben sagen - Sie wissen doch, dass ich wieder Sommergäste habe -, die
Forsche nicht raus. Und wenn er auch wollte, würde denn die Marie wollen? Und
wenn auch die Marie wollte, was man am Ende nie wissen kann, so hälf' es ihm
auch nicht viel. Die Rätin ist doch keine Frau, die sich so was zu Herzen nimmt,
und ich wette, sie würde bloss lachen und sagen: Mein armer Espe! Wenn es ihm nur
nicht schadet.«
    »Ach, Wonneberger, reden Sie doch nicht so! Man merkt es, bei den
Baberhäusern hört die Welt auf, und deshalb kennen Sie die Welt nicht. Ich sag
Ihnen, die Weiber sind ganz anders, und wenn sie heut einen kleinen stumprigen
Mann ausgelacht haben, so lachen sie morgen einen langen Laband aus. Und wenn es
ein Simson wäre. Na, und ein Simson ist dieser Lieutenant Kowalski noch lange
nicht. Immer was anderes, das ist die Hauptsache. Heute der grosse Goliat und
morgen der kleine David. Und die Kleinen, glauben Sie mir, Wonneberger, die
Kleinen haben auch ihre Meriten, und wenn sich dieser Rechnungsrat ein Herz
nehmen und der Marie einen Kuss geben wollte, das heisst einen ordentlichen, der
schmatzt und den man in der Nebenlaube hören kann, so hätte die Rätin morgen die
schönsten Krämpfe.«
    Wonneberger schien wenig überzeugt, übrigens auch unlustig, sich überzeugen
zu lassen, und so brach er denn ab und sagte: »Die Marie soll sich ja
verheiraten wollen. Ist es denn richtig, dass sie Kunstreiterin war und als Kind
durch fünf Papierreifen gesprungen ist?«
    »Ich habe sie nicht gezählt, und es mögen wohl auch ihrer sieben gewesen
sein. Aber fünf oder sieben, es ist eine forsche Person, und sie hat so was, was
nicht jede hat, und wenn sie so das Essen bringt und die Messer und Gabeln über
den Tisch hinfliegen lässt, wie die chinesischen Messerspieler, dann denk ich
immer, es geht wieder los. Haben Sie mal solche Messerspieler gesehen?«
    »Ei freilich, einen Messerspieler und einen Degenschlucker. Und waren noch
dazu Brüder. Das Runterschlucken ging noch; aber wenn er dann die lange Klinge
wieder rausholte... na, so was wird die Marie doch wohl nicht gemacht haben.«
    »Wer weiss. Sie hat so was Biegiges, und da geht alles. Und dann, lieber
Wonneberger, Sie glauben gar nicht, was die Weiber alles können, wenn sie
wollen. Sie können eigentlich alles, und wenn ich höre, Marie hat einen
Windmühlflügel mit der Kniekehle festgehalten... aber hier ist ja schon die
Mühle... Nu Gott befohlen, Wonneberger, und stecken Sie nicht immer mit dem Menz
zusammen. Er hat jetzt seine zwei Monat abgesessen, und wenn ich ihn recht
kenne, so ruht er nicht eher, als bis er die zwei Monat auf zwei Jahre gebracht
hat. Er ist ein Tunichtgut und, was schlimmer ist, ein Übermut und ein
hochfahrender Schlingel, der grosse Rosinen im Sack hat. Aber ich werde sorgen,
dass sie klein werden.«
    Wonneberger wollte was zur Verteidigung sagen, weil er eigentlich eine Liebe
für Lehnert hatte. Opitz unterbrach ihn aber und fuhr fort: »Und Sie wissen
doch, Freund, die Lehrer sollen ein gutes Beispiel geben. Der Liegnitzer
Schulrat passt auf, und da steht man im schwarzen Buch, man weiss nicht wie:
Reputation, Wonneberger! Immer aufpassen und nie vergessen, dass man Vorgesetzte
hat und dass man dem Staat dient und dass man mitzählt. Alles andere gilt nicht,
und wenn es gelten will, ist es Hochmut und Unsinn. Und der Frau Rätin, wenn ich
ihr oben im Gebirge begegne, vielleicht mit dem Kowalski, werd ich ein
Kompliment bestellen, ein Kompliment von ihrem neuen Ritter Wonneberger, Ritter
und Schulmeister, der hoch von ihr denkt. Na, ich nicht. Ich wollte sie schon
ziehen. Spät is es, aber besser spät als gar nicht... Und nun Gott befohlen,
Wonneberger. Und nehmen Sie sich in acht, wenn Sie weiter hin übers Wasser
müssen; die Brücke ist weggeschwemmt, und die Steine sind glatt, und Sie sind
nicht mehr ganz fest auf den Beinen. Adieu, Wonneberger. Sie sind eigentlich ein
guter Kerl, eine gute Schulmeisterseele. Kommen Sie her, Sie sollen noch einen
Kuss haben.«
    Und nun schieden sie wirklich, und während der Lehrer höher bergan stieg,
stieg Opitz einen Abhang nieder, der ihn unten, an einem Waldsaume hin, auf die
Wolfshauer Gemarkung führte. Freundliche Häuser waren über einen weiten
Wiesengrund hin ausgebreitet, durch den die Lomnitz schoss, an deren diesseitigem
Ufer das Forstaus, mit dem Hirschgeweih am Giebel, aufragte. Opitz, der jeden
Steg kannte, nahm seinen Weg über eine hoch in Blumen und Gräsern stehende Wiese
hin, und eh er noch bis auf hundert Schritt an seine Gartenpforte heran war,
schlug der grosse Kettenhund an, und die bis dahin stumm hinter ihm hertrollende
Diana antwortete mit einem kurzen Blaff.
    Und wenige Minuten später überschritt Opitz die Schwelle seines Hauses.
Frau Opitz, eine hagere Frau mit tiefliegenden dunklen Augen, die mal schön und
lachend gewesen sein mochten, jetzt aber nur noch geängstigt in die Welt
blickten, empfing ihren Mann und fragte, ob sie decken und das Mittagbrot
auftragen solle.
    So geängstigt die Worte klangen, so klang doch auch was von Vorwurf und
Anklage heraus, was Opitzen, trotz seiner Umnebelteit, nicht entging.
    »Ach was, Bärbel. Mittagbrot. Was soll das wieder? Wenn ich nicht da bin,
bin ich nicht da. Du sollst nicht auf mich warten, ein für allemal. Alles bloss
Eigensinn, und mir zum Tort wird das Essen beiseite gestellt und schmort in der
Schüssel, dass es wie Leder aussieht und wie Leder schmeckt. Ich will Ordnung und
Stunde halten, so soll's sein, und wenn ich die Stunde nicht halte, weil ich sie
mal nicht halten will, nun dann will ich sie nicht halten und will nicht dran
erinnert sein, am wenigsten durch deinen Schmorbraten und dein Jammergesicht, in
dem immer so was liegt, was mich ärgert und was ich nicht leiden kann.«
    Diana, müde von dem weiten Marsche, war auf den Grossvaterstuhl gesprungen
und wollte sich's eben bequem machen. Aber das passte Opitzen schlecht. »Ist denn
alle Welt verrückt geworden?« Und den Hund beim Fell packend, warf er ihn auf
die Erde und gab ihm einen Fusstritt. Dann ging er auf einen Schrank zu, nahm
eine mit Rohr umflochtene Flasche heraus und trank. Es war Kirschwasser, zu dem
er, mit oder ohne Grund, das Vertrauen hatte, dass es »niederschlage«. Dann hing
er den Staatsrock an den Riegel, machte die Krawatte weiter und warf sich, einen
Stuhl heranschiebend, aufs Bett. Und keine halbe Minute mehr, so hörte man nur
noch sein Atmen und Schnarchen. Diana kroch unter den Stuhl, und die Frau
Försterin verliess leise die Stube, draussen in der Küche aber setzte sie sich
zwischen Wand und Herd und liess sich von Christine, die seit etwa zwei Jahren in
ihrem Dienste stand, die Kaffeemühle geben und begann sofort ein allerintimstes
Gespräch. Denn in einem ihr eigentümlichen Klageton über Ehe zu sprechen war ihr
so ziemlich das Liebste vom Leben, auf das sie nicht verzichten mochte, trotzdem
sie wohl wusste, dass Christine durchaus abweichender Meinung war.
    »Es war ihm wieder nicht recht, Christine. Und wenn ich es nicht warm
stelle, ist es auch nicht recht. Er redet immer von Ordnung, aber jeden Tag hat
er eine andere. Heb ich was auf, weil er zu spät kommt, dann ist zwölf Uhr
Ordnung und darf nichts aufgehoben werden, und heb ich nichts auf, dann ist es
Ordnung, dass eine Frau was aufhebt. Und immer grob und bullrig. Ich sage dir,
Christine, heirate nicht! Du steckst so mit dem Lehnert zusammen, aber glaube
mir, einer ist wie der andere.«
    »Nein, Frau Försterin, Lehnert ist doch ganz anders.«
    »Ja, das sagt ihr, das sagt jede; jede denkt, ihrer ist besser und ihr wird
der Kuchen apart gebacken. Aber dem ist nicht so. Freilich hat er nicht solchen
kurzen Hals wie Opitz, und die Kurzhalsigen sind immer die Schlimmsten, das ist
wahr und kann ich nicht bestreiten, aber es bleibt doch dabei, sie sind sich
gleich oder wenigstens sehr ähnlich, und einer ist eigentlich wie der andere.
Sie quälen uns bloss, heute mit Eifersucht und morgen mit Liebe.«
    »Na, mit Liebe, das ginge doch noch, Frau Opitz; das is doch nich schlimm.
Liebe, denk ich mir, is die Hauptsache.«
    »Ja, Kind, das sagst du wohl, weil du noch jung bist. Da sieht es so aus.
Aber nachher ist es alles anders, und mit der Liebe auch. Und wenn man dann alt
ist, ist man bloss noch dazu da, sich schimpfen und schelten zu lassen und
Strümpfe zu stopfen und einen Knopf anzunähen.«
    Christine versicherte das Gegenteil, und schon ihre Mutter selig habe immer
gesagt: »Christine, heiraten musst du, heiraten muss der Mensch. Und die, die viel
schimpfen und schlagen, die sind auch gut, und mitunter sind es die Besten. Und
dann, Frau Opitz, ich habe doch auch schon gesehen, dass er Ihnen einen Kuss
gegeben hat, und da waren Sie doch ganz vergnügt und so ... ja, ich weiss nicht
recht wie ... Nein, nein, Frau Opitz, ich lasse mir nichts weismachen. Ich bin
für Heiraten, und wenn Lehnert nicht will, nu, dann will er nicht, dann will ein
anderer. Ich werde schon einen finden. Und ich weiss auch, wie man's machen muss.
Man muss nur immer fidel sein und immer ja sagen und nichts merken von dem, was
man nicht merken soll. Dann kann man hinterher machen, was man will. Ach, liebe
Frau Opitz, Sie verstehen es nicht, Sie sehen immer aus, als ob einer gestorben
wär oder eben dabei wär, und das können die Männer nicht leiden. Nein, nein,
Frau Opitz, ich heirate.«
    Und während sie noch so sprach, nahm sie den Kessel vom Herd und brühte den
Kaffee. »Nicht zuviel, Christine, nicht zuviel; du weisst doch, dass er ihn gern
stark hat, und weisst auch, was er immer dabei sagt: Schwarz wie der Tod und heiss
wie die Hölle, was mir immer einen Stich ins Herz gibt. Denn man soll vom Tod
nicht so reden und am wenigsten, wenn man ein Förster ist. Da ist der Tod da,
man weiss nicht wie. Und schlagflüssig ist er auch, und von dem verdammten
starken Bier kann er nicht lassen. Und dann immer das Kirschwasser. Es schlägt
nieder, sagt er. Ja, wenn es bloss ihn nicht niederschlägt...«
    In diesem Augenblick fuhren beide Frauen erschreckt zusammen, denn in der
Stube nebenan fiel etwas mit dumpfem Schlage zur Erde. Der Schreck indessen
währte nicht lange. Frau Opitz erholte sich zuerst. »Er hat den Stuhl
umgestossen, und ich will nun hinein und nachsehen, ob er ausgeschlafen hat.«
    Opitz, als seine Frau eintrat, stand bereits vor dem kleinen Spiegel mit
blankem Glasrand, der, samt einer doppelten Verzierung von Zittergras, über der
Kommode hing. Er fuhr sich eben mit der Hand durchs Haar und sah noch halb
verschlafen aus seinen geröteten Augen. Ihr Ausdruck aber war mittlerweile doch
ein anderer geworden, der Ärger schien mit dem Rausch dahin, und im Spiegel
seine Frau gewahrend, trat er auf sie zu, legte den Arm um ihre Hüfte und gab
ihr einen Kuss. Die Frau sah verschämt vor sich nieder, denn eigentlich liebte
sie ihn und empfand es als einen Gram, dass solche Zärtlichkeiten so selten
waren.
    »Soll Christine den Kaffee bringen?«
    »Versteht sich, soll sie. Und gib mir die Pfeife! Die verdammte Trinkerei
bekommt mir nicht, und der Doktor will's auch nicht und droht mir immer mit dem
Finger. Aber das Fleisch ist schwach. Auch ein Förster und alter Soldat hat
seine schwachen Stunden. Nicht wahr, Bärbel? Und nun gib mir auch Feuer und dann
den Kaffee. Aber keine Plempe.«
    Bärbel, während Opitz noch so sprach, klopfte mit dem Knöchel an die Wand,
was das Zeichen für Christine war, und zündete gleich danach einen Fidibus an,
woran Opitz, der sonst in solchen Dingen für das Neue war, eigensinnig
festielt. Er hatte nur zufällig einen Hass gegen Schwefel- und Phosphorhölzer.
    Und nun brachte Christine den Kaffee.
    »Nu, Christine, lass sehen! Ich hoffe, du hast nicht zuviel Bohnen aus der
Mühle springen lassen. Oder hat die Frau gemahlen? Na, na, nur still... Spass muss
sein... In Querseiffen ist heute Tanz. Was meinst du, willst du hin? Die Frau
wird es schon erlauben; nicht wahr, Bärbel?«
    Die Frau nickte.
    »Nun siehst du. Der Lehnert wird auch wohl dasein, und das ist doch die
Hauptsache. He? Na, tu nur nich, als ob's anders wär... Und dass ihn Siebenhaar
heute angepredigt und ihm den Kopf a bissel gewaschen und seinen Standpunkt
klargemacht hat, na, das wird ihn dir beim Schottschen nicht verleiden und noch
weniger draussen in der Laube. Tanz ist Tanz, und Kuss ist Kuss. Und ich gönne ihn
dir auch, und heute lieber als morgen. Denn du bist eine verständige Person und
wirst ihn schon zurechtrücken, besser als Siebenhaar. Und ist er erst aus dem
Dünkel heraus und sitzt an der Wiege, vielleicht sind es Zwillinge, was meinst
du, Christine? Ja, was ich sagen wollte, sitzt er erst an der Wiege, statt zu
paschen und zu wildern, dann werd ich auch gute Nachbarschaft mit ihm halten.
Ich bin für Frieden, aber zu gutem Frieden gehören zwei.«
    Christine hatte, während Opitz so redete, den linken Schürzenzipfel in die
Hand genommen und strich an dem Saum entlang. Als er jetzt schwieg, sagte sie:
»Nichts für ungut, Herr Förster, aber wenn sie besser mit ihm wären...«
    »... da wär er besser mit mir«, lachte Opitz. »Ja, das glaub ich. Ich soll
anfangen und jeden Morgen, wenn ich ihn drüben hantieren seh, meine Kapp
abnehmen und über die Brück hinübergrüssen: Guten Morgen, Herr Lehnert Menz. Herr
Lehnert Menz geruhten wohl zu ruhen. Ach, sehr erfreut. Empfehle mich zu
Gnaden... Nein, nein, Christine, Unterschiede müssen sein, Unterschiede sind
Gottes Ordnungen. Und nun geh und komme nicht zu spät. All Ding will Mass haben.«
    Christine ging. Frau Bärbel aber hatte mittlerweile nach ihrem Strickstrumpf
gegriffen und sah verstimmt vor sich hin, weil es ihr gegen die Hausfrauenehre
war, dass Opitz sich in ihre Sache gemischt und der Christine, so mir nichts, dir
nichts, einen Ausgehetag angeboten hatte. Sie schwieg aber, und erst als Opitz,
der heute den Galanten und Rücksichtsvollen spielte, sie mit freundlicher Miene
bat, das Licht und den Fidibusbecher vor ihn hinzustellen, weil er sie nicht
immer wieder inkommodieren wolle, hielt sie mit ihrer neben allem Ärger
herlaufenden Neugier nicht länger zurück und sagte: »Angepredigt hat er ihn?
Bist du denn auch sicher? Er wird ihn doch nicht beim Namen genannt haben?«
    »Nein«, sagte Opitz, dessen gute Laune durch seiner Frau Neugier eher
gesteigert als gemindert wurde, »nein, er nannte keinen Namen. Aber es war so
gut, als ob er ihn genannt hätte, denn alles sah nach der Ecke hin, wo die
Menzens sassen. Und die Alte nickte mit dem Kopf, als ob sie jedes Wort
unterschreiben wolle. Freilich weiss ich, dass es nichts zu bedeuten hat, ihr
steckt noch so was Polnisches im Blut, kriecht und scherwenzelt immer hin und
her und kann keinem ins Gesicht sehen, und von alldem, wovon der Lehnert zuviel
hat, hat sie zuwenig. Alte Hexe, verschlagen und heimtückisch und feige dazu.«
    »Sie taugt nicht viel. Aber du wirst doch dem Sohne die Mutter nicht
anrechnen wollen?«
    »Nein«, lachte Opitz. »Das nicht, und ist auch nicht nötig, denn er trägt an
seinem eignen Bündel gerade schwer genug. Er trotzt mir, und weil er, ausser der
Denkmünze, auch noch das Ding, die Schwimmedaille, hat, ich sage die
Schwimmmedaille, denn von Retten war keine Rede, und weil es, Gott sei's
geklagt, nahe dran war, dass er das Kreuz kriegte, spielt er sich mir gegenüber
auf den Ebenbürtigen und den Überlegenen aus. Ich wette, er wildert bloss, um mir
einen Tort anzutun; er könnte die Dummheit sehr gut lassen, bei der ohnehin
nicht viel rauskommt, aber es macht ihm Spass, mir so unter der Nase hin ein Wild
wegzuknallen. Das ist es. Aber ich denke, die zwei Monat in Jauer werden ihm
gezeigt haben...«
    »Du bist zu streng, Opitz.«
    »Unsinn! Streng! Was heisst streng? Ich tu meine Pflicht.«
    »Zu sehr. Du müsstest auch mal ein Auge zudrücken.«
    »Bah, Bärbel, du redest, wie du's verstehst. Auge zudrücken. Dazu bin ich
nicht da, dazu bin ich nicht in Dienst und Lohn. Ich sage Lohn, ein gutes, altes
Wort, das die dummen Neumod'schen nicht mehr hören wollen. Ich bin dazu da, die
Augen aufzumachen. Und tu meine Pflicht zu sehr, sagst du! Als ob man jemalen
seine Pflicht zu sehr tun könnte. Man kann sie falsch tun, am unrechten Fleck,
soviel geb ich zu; tut man sie aber am rechten Fleck, so ist von zu sehr keine
Rede mehr. Die Gesetze sind nicht dazu da, dass Hinz und Kunz mit ihnen
umspringen. Das verloddert bloss. Ich bin nicht so dumm, dass ich mir einbildete,
wenn der Rehbock geschossen wird, geht die Welt unter. Nein, die Welt geht nicht
unter. Aber Ordre parieren geht unter, Ordre parieren, ohne das die Welt nicht
gut sein kann. Und heut am wenigsten, wo jeder denkt, er sei Graf oder Herr und
könne tun, was ihm beliebt, und sei kein Unterschied mehr. Das ist die verdammte
neue Zeit, die das Maulhelden - und Schreibervolk gemacht hat, Kerle, die keinen
Fuchs von einem Hasen unterscheiden können, trotzdem sie beides sind. Geh mir
damit. Ich weiss, was ich zu tun hab. Und dieser Bengel, dieser Herr Lehnert
Menz, gehört auch mit dazu, hat die Glocken läuten hören, schwatzt und quatscht
von Freiheit, will nach Amerika gehen und hat keine Ahnung davon, dass sie da
drüben noch ganz anders heran müssen als hier, sonst holt sie der Teufel erst
recht und lacht sie mit ihrer ganzen Freiheit aus. Ich sage dir, hier ist es am
besten, hier, weil wir Ordnung haben und einen König und eine Armee und
Bismarcken. Ich sage dir, was die Richtigen sind da drüben, die lachen, wenn sie
von Freiheit hören; denn die wissen am besten, dass nichts dahinter ist. Ich bin
ein Mann in Amt und Dienst, und meinen Dienst tu ich, und wenn es mir ans Leben
geht.«
    »Sprich nicht so! Beruf es nicht!«
    »Unsinn! Unsere Stunden sind gezählt, und wir können uns keine zulegen und
keine wegnehmen.«
    »Doch, doch«, sagte die Frau.
 
                                Fünftes Kapitel
Der Förster war unter diesem Gespräch ans Fenster getreten und sah auf die hart
an seinem Vorgarten vorüberführende Fahrstrasse. Jenseits derselben, dem Blick
entzogen, floss die tief eingebettete Lomnitz, und man hörte nur ihr Hinschäumen
über das Steingeröll. Opitz öffnete das Fenster, um frische Luft zu schöpfen,
nahm ein Kissen und wollte sich's eben bequem machen, als er, Lehnerts gewahr
werdend, unwillkürlich zurücktrat, aber doch nur so, dass er, von der Strasse her,
immer noch deutlich gesehen werden konnte. Lehnert sah ihn auch wirklich und hob
seinen Zeigefinger nachlässig und wie zu halbem Gruss bis an den Schirm seiner
Mütze.
    »Wie der Kerl nur wieder grüsst«, rief Opitz seiner Frau zu. »Hast du
gesehen, Bärbel? Und das soll ich für einen Gruss nehmen. So grüsst man einen
Rekruten, aber nicht einen Vorgesetzten. Und das Gesicht dazu...«
    »Du bist nicht sein Vorgesetzter.«
    »Ach was. Was weisst du davon. Ich sage dir, ich bin's. Und wenn ich es nicht
wär, ein Mann in Amt und Würden ist allemal eine Respektsperson. Der Gernegross
da drüben kann seinen Gruss lassen und sagen, er habe mich nicht gesehen, aber
wenn er mich grüsst, muss er mich grüssen, wie sich's gehört, Mütze runter oder den
Finger fest an den Streifen, und nicht so wie von ungefähr und wie bloss zum
Spass. Das ist Unordnung und Unmanier.«
    Opitz hatte sich unter diesen Worten ausgewettert, und als ihm gleich danach
eine behaglichere Stimmung wiederkehrte, trat er auch wieder ans Fenster und
lehnte sich hinaus, um sich an den Narzissen und Aurikeln zu freuen, die
spärlich in seinem Vorgarten blühten. dabei blies er Wolken aus seinem
Meerschaum in die stille Luft und liess, unter behaglichen Träumen, alles an sich
vorüberziehen, was der Tag gebracht hatte, darunter auch den Diskurs in der
Exnerschen Laube mit Grenzaufseher Kraatz und dem alten Förster von der
Annakapelle. Was er dann später noch, und schon auf dem Heimwege, zu Lehrer
Wonneberger gesagt hatte, darüber unterhielt er nur unklare Vorstellungen und
entsann sich bloss, dass es allerhand krauses Zeug über Frauen gewesen sei, Frauen
im allgemeinen und Kunstreiterinnen im besonderen. »Ach das verteufelte Bier!
Aber Wonneberger war auch schon etwas fisslig und wird nichts gemerkt haben. Und
wenn auch, morgen ist alles in den Wind.«
    Lehnert, als er an Opitz vorbei war, war auf sein Haus zugegangen, das
unmittelbar jenseits der Lomnitz lag, der Försterei so nahe, dass man sich
gegenseitig so gut wie in die Fenster sehen konnte. Nichts als Fluss und
Fahrstrasse trennte beide Gehöfte, deren gesamtes Acker- und Heideland in alten
Zeiten ausschliesslich Stellmacher Menzsches Eigentum gewesen war, bis man, auf
dem diesseits der Lomnitz gelegenen Kusselstreifen, eine Försterei gebaut und
nur alles jenseits des Flusses Gelegene bei den Menzes belassen hatte. Das war
jetzt runde dreissig Jahr, und fast ebensolange hatte man hüben und drüben ohne
Neid und Eifersucht gelebt, trotzdem dazu, wie nun mal die Menschen sind,
vielleicht Grund gewesen wäre. Denn wenn einerseits die neue Försterei, mit
ihrer Sauberkeit und ihrem roten Dach, die drüben gelegene, hier und da sehr
baufällige Stellmacherei weit in den Schatten stellte, so hatte diese dafür die
»fette Seite« behalten, während sich die Förstersleute, den kleinen Vorgarten
abgerechnet, mit einem Streifen Heideland und einem noch schmaleren
Lupinenstreifen begnügen mussten. Aber das alles hatte die ganze Zeit über keinen
Ärger geschaffen und noch weniger der zufällige Umstand, dass das auf einer
Stein- und Geröllinsel, inmitten zweier Lomnitzarme, gelegene Menzsche Wohnhaus,
sowenig gepflegt es war, doch kastellartig auf alles unmittelbar Umhergelegene
herabsah, und natürlich auch auf die Försterei. Zu keiner Zeit, um es zu
wiederholen, war an diesem und ähnlichem Anstoss genommen worden, bis Opitz ans
Regiment kam, von dem, ohne dass er es zugab, die Hochlage der Stellmacherei
drüben einfach als ein Tort empfunden wurde.
    Selbstverständlich unterhielt diese malerische Kastellinsel auch ihre
Verbindungen mit dem Festland, und zwar mit Hilfe zweier Brückenstege, von denen
der eine beinah unmittelbar nach der Försterei, der andere, nach der
entgegengesetzten Seite hin, erst nach dem Menzschen Ackerland und gleich
dahinter nach dem schräg ansteigenden gräflichen Forst hinüberführte. Der
Ackerstreifen war mit Roggen und Kartoffeln bestellt, von denen der Roggen in
diesem Jahre ganz wundervoll stand, auf dem Inselchen selbst aber befand sich,
in geringer Entfernung vom Wohnhaus, noch ein Arbeitsschuppen, drin Lehnert die
schon von Vater und Grossvater her ererbte Stellmacherei betrieb, ein Geschäft,
das im Frühjahr und Herbst meist gut ging, im Sommer aber beinah ruhte.
So war es auch heut. Alles ruhte. Freilich sah man einen Pflug und ein paar alte
Karren und Wagenachsen unter dem Schuppen stehen, aber all diese Dinge konnten
ebensogut zur eignen Wirtschaft gehören wie zur Reparatur abgeliefert sein. In
dem abgeschrägten Vorgarten von nur geringer Tiefe, durch den eine
Feldsteintreppe zu dem Häuschen hinaufführte, blühten Georginen und Reseda,
während ein alter Rosenstrauch von beträchtlicher Stärke neben der Haustür
aufwuchs und sein mit gelben Rosen überdecktes Gezweig unter dem Strohdach hin
ausspannte. Nachmittagssonne lag auf Haus und Gehöft, und nichts war hörbar als
die doppelarmig vorüberschiessende Lomnitz und das Meckern einer Ziege vom Stall
her. Ein Hahn, ein schönes Tier mit Silberhals, stolzierte den Schuppen entlang,
aber er krähte nicht und hatte wenig Aufmerksamkeit für die Hühner, die sich
Erdlöcher gemacht hatten, um sich zu kühlen.
Nicht voll so still war es drinnen im Hause, darauf Lehnert, von der Försterei
her, eben zuschritt.
    Er hatte sich unterwegs nicht beeilt, ebensowenig wie Opitz. Vom Pastorhause
war er zunächst nach dem Kretscham hinübergegangen und hatte hier von dem ihn
begrüssenden Wirt erfahren, dass Frau Menz, seine Mutter, eben dagewesen sei und
gerad an demselben Tisch erst einen »Grünen« und dann einen Ingwer getrunken
habe. Das hörte Lehnert nicht gern. Er gönnte der alten Frau die kleine
Herzstärkung, denn er liebte sie trotz all ihrer Schwächen, aber er ärgerte sich
wieder über die Heimlichkeit, und dieser Ärger war noch nicht voll überwunden,
als er, über die Schwelle seines Hauses tretend, der am Herde hantierenden Alten
ansichtig wurde.
    »Guten Tag, Mutter. Pohl lässt grüssen.«
    »Welcher?«
    »Nu, der aus dem Kretscham unten.«
    »So, der. Warst du da?«
    »Ja, Mutter. Und kannst du dir denken, ich habe mich just da hingesetzt, wo
du gesessen hattest. Und dir zu Ehren hab ich meinen Ingwer aus deinem Glase
getrunken. Es stand noch da.«
    Die Alte sah verlegen vor sich hin und sagte dann: »Aber nur einen, Lehnert.
Mir war so schwach«.
    Lehnert lachte. Dann ging er auf sie zu und sagte, während er ihr das graue
Haar streichelte: »Gott, Mutter, wie du so bist! Wenn das einer hört', so müsst
er denken, der Lehnert ist ein Filz und schlechter Kerl und gönnt seiner alten
Mutter nicht einmal einen Tropfen Stärkung. Aber wie liegt es denn? Ich gönne
dir nicht einen Ingwer, ich gönne dir zwei, und wenn dir's nicht zuviel wird,
Alte, dann können es auch drei und vier werden. Ich habe dich auch noch eigens
gefragt, und da hast du nein gesagt, aber freilich, als du nein sagtest, da
sagtest du schon ja, und als ich die Klingeltür bei Siebenhaar noch kaum aus der
Hand hatte, da bist du schon hinübergegangen. Immer versteckt; du kannst nichts
offen tun, auch nicht mal das, was die Sonne gar nicht zu scheuen braucht. Alles
muss heimlich sein. Und sieh, Mutter, so hast du mich auch erzogen und angelernt.
Das muss ich dir immer wieder sagen. Gott sei's geklagt, dass ich's muss. Es ist
immer ein und dasselbe, was du so bei dir denkst: es sieht es ja keiner; bei
Nacht sind alle Katzen grau, und es darf bloss nich rauskommen. Und wenn es nicht
rauskommt, dann ist alles gleich. So denkst du bei dir, und denkst auch wohl:
ach, der liebe Gott, der is nicht so, der ist gut und freut sich, wenn man einem
Förster oder Grenzaufseher ein Schnippchen schlägt.«
    »Ach, Lehnert, rede doch nicht so! Du weisst ja doch...«
    »Und wenn es dann schiefgeht, ja, dann ist es wieder anders. Dann geht es in
die Predigt, und Siebenhaar... na, du weisst schon, ich hab es dir heute schon
mal gesagt..., der muss dann wieder einen Heiligen aus mir machen. Aber nicht zu
lang; Gott bewahre, denn ein Heiliger passt auch nicht, und wenn uns dann die Not
wieder an der Kehle sitzt, und braucht auch noch gar nicht mal eine rechte Not
zu sein, dann ist es mit Siebenhaar auch wieder vorbei, und dann heisst es
wieder: Es wird es ja wohl keiner sehen, oder: Man muss es nur klug anfangen, und
die Menschen müssen es einem bloss nicht auf den Kopf zusagen können. Ach,
Mutter, du meinst es mit keinem bös, und mit mir erst recht nicht, aber du hast
das Ehrlichsein nicht gelernt, und davon ist alles gekommen... Und nun will auch
Siebenhaar noch mit ihm sprechen, mit Opitz, als ob das was helfen könnte, will
mich mit ihm versöhnen, und ich hab's auch versprechen müssen. Aber ich mag
nicht. Ich hasse ihn, und Hass ist überhaupt das Beste, was man hat.«
    »Überlege dir's, Lehnert. Er ist ein gräflicher Förster und is nun doch mal
der Herr.«
    »Ach was, der Herr! Ein Diener is er. Ich bin ein Herr, wenigstens eher als
er, und kann machen, was ich will.«
    »Er hat das Ansehen vor den Leuten, und ich weiss es von Christinen, er ist
nicht so schlimm, wie du glaubst und ihn immer machen willst. Er kann auch durch
die Finger sehen. Aber er verlangt, dass man ihm gute Worte gibt und ihn für was
Besonderes ansieht. Und das tust du nicht. Er kann bloss deinen Trotz nicht
leiden. Und darum hab ich Siebenhaar gebeten.«
    »Aha«, lachte Lehnert. »Also du. Nun meinetwegen.«
    »Und darum«, so wiederholte die Alte, »hab ich Siebenhaar gebeten, als ich
nun doch mal mit ihm sprach, dass er ihn gut für uns stimme. Soviel weiss ich, er
gibt was auf Siebenhaar, und wenn der ihn rumkriegt und Opitz dir dann die Hand
gibt, dann nimm sie, dann stosse sie nicht weg und vergiss all das Alte. Sieh,
Lehnert, es hat ja doch alles seine zwei Seiten, und vielleicht hat er nicht so
ganz unrecht gehabt, und du hast aus der Sache mit dem Kreuz mehr gemacht, als
du hättest machen sollen. Gib nach, Lehnert! Trotz macht Feind. Und wir brauchen
Freunde, weil wir arm sind und das Geschäft schlecht geht, und gerade jetzt im
Sommer. Und unser Nachbar ist er auch. Es is doch sonst mit den Försters gut
gegangen. Gib nach und versöhne dich mit ihm! Dann haben wir gute Zeit, und wenn
dann mal was vorkommt, na, du weisst schon, was ich meine, so verpufft und
verknallt es. Kennst ja doch unser altes Sprichwort: Der Wald ist gross, und der
Himmel ist weit.«
    Lehnert, die Hände auf dem Rücken, ging auf und ab. Er hatte das alles schon
oft gehört, nur eines nicht: dass er das mit dem Kreuz doch vielleicht schlimmer
genommen als nötig. Und so hochmütig er war, so bescheiden war er auch.
    »Wenn es so wäre? Wenn ich mehr daraus gemacht hätte als nötig?« so gingen
seine Gedanken.
    Und er nahm der Mutter Hand und sagte: »Gut, Alte. Ich will es mir
überlegen.«
 
                                Sechstes Kapitel
Was hüben die Mutter ihrem Sohn und drüben die Frau ihrem Mann gesagt hatte,
blieb doch nicht ganz ohne Einfluss, weil beide Parteien klug genug waren, das
Wahre darin herauszufühlen; Opitz war strenger als nötig, Lehnert war
aufsässiger als nötig, und der schlichte Ton, worin das einem jeden gesagt
wurde, tat seine Wirkung. So machte sich's, dass beide stillschweigend
übereinkamen, sich wenigstens nicht mehr zum Tort leben zu wollen, und weil sie
dabei fühlen mochten, dass das bei steten persönlichen Begegnungen sehr schwer
sein würde, so fassten sie den Entschluss, sich nach Möglichkeit aus dem Wege zu
gehen. In der Tat, man vermied es, sich zu sehen, und gab es unter anderm auf,
zu gleicher Zeit, wie sonst wohl, im Vorgarten zu sitzen und sich über die
Strasse hin mit den Augen zu messen. Ja, Lehnert seinerseits ging noch weiter und
machte, wenn er ins Dorf musste, nur um die Försterei zu vermeiden, lieber den
Umweg am Waldsaume hin. Auch die Hühner, die durch ihre Besuche drüben im Garten
der Försterei beständig Anlass zu Klagen und bitteren Worten gegeben hatten,
hielt er besser in Ordnung, und das Steinsprengen, das mit seinem Knall und
seiner aufsteigenden Rauchwolke seinen reizbaren Nachbar durch Jahr und Tag hin
mehr als alles andere verdrossen hatte, gab er ganz auf. An einen völligen
Ausgleich der alten Gegensätze war freilich nicht zu denken, dazu war zuviel
vorgefallen, aber wenn Friede nicht sein konnte, so doch wenigstens
Waffenstillstand.
    Und unter solchem Waffenstillstande verging eine Woche.
    Nun war wieder Sonntag, und die Glocken der Arnsdorfer Kirche klangen wie
gewöhnlich vom Tal zu den Bergen herauf. Aber diesem Rufe folgten heute nur
wenig, weil oben in Kirche Wang ein Brückenberger Paar getraut werden sollte.
Das veranlasste denn alle die, die sich mehr von der Trauung einer jungen
hübschen Braut als von der Predigt des alten Siebenhaar versprachen, lieber
bergauf nach Wang zu steigen, und das um so mehr, als über das wundervolle
Brautkleid, das aus Hirschberg und nach andern sogar aus Breslau stammen sollte,
schon die ganze Woche lang gesprochen worden war. In der Tat, Schaulust und
Neugier gaben heute den Ausschlag. Aber einige stiegen doch nicht bloss als
Neugierige, sondern als recht eigentliche Trauzeugen und Hochzeitsgäste hinauf,
unter ihnen auch Opitz in Gala, dem sich, gleich nach Passierung des am Ausgange
von Krummhübel gelegenen Rummlerschen Gastauses, auch noch Grenzaufseher Kraatz
und der alte Laborant Zölfel angeschlossen hatten.
    Zu diesen zur Hochzeit Geladenen hatte, wegen alter guter Beziehungen zum
Bräutigam, anfangs auch Lehnert gehört; als er aber durch Christine von Opitz'
wahrscheinlicher Anwesenheit erfuhr, war er sofort zum Fernbleiben entschlossen
gewesen. Wusst er doch, dass mit Opitz, wenn dieser ein Glas über den Durst
getrunken hatte, doppelt schwer zu verkehren war, und auf diese Gefahr hin wollt
er eine Begegnung mit ihm nicht wagen. So zog er es denn vor, zu Hause zu
bleiben und in einem von Amerika handelnden Buche zu lesen, das ihm ein alter
Kriegskamerad neuerdings geliehen und das durchzusehen er sich schon ein paar
Tage lang gefreut hatte. Daneben war es ihm durchaus recht, dass seine Mutter,
ohne gerade zu den Geladenen zu zählen, an dem Kirchgange, nach Wang hinauf,
teilnehmen und sich hinterher in dem ihr aus bessren Tagen wohlbekannten
Hochzeitshause nach Möglichkeit nützlich machen wollte.
    So war der Plan. Und gemäss dem Plan verlief auch der Tag, der freilich
unserem Lehnert, ganz gegen Erwarten, lang und schwer genug wurde. Denn bald
nach Opitz waren auch Frau Bärbel und Christine nach Wang hinaufgestiegen, und
so kam es, dass der auf seinem Inselchen Zurückgebliebene zwölf Stunden lang
nichts als das Vorüberschiessen der Lomnitz hörte, wenn nicht gerade drüben der
Opitzsche Hofhund anschlug. Bis gegen Abend sass er so draussen im Freien und las
von Urwald und Prärie, von grossen Seen und Einsamkeit. Er schwelgte darin und
vergass die Zeit, aber mit einem Mal ergriff ihn doch ein Grauen. »Einsamkeit!
Nein, nein, nicht Einsamkeit. Nicht einsam leben, nicht einsam sterben.« Und er
wiederholte sich das Wort, und in seiner überreizten Einbildungskraft sah er
sich auf einem Bergkegel, ein Tal zu seinen Füssen und den Sternenhimmel über
sich. Ein Frösteln überkam ihn zuletzt, und so ging er denn wieder hinein und
warf Kienäpfel in die Glut und starrte darauf hin. Aber das Hineinstarren in die
Flamme war ihm bald nicht weniger unheimlich als das Bild, das eben draussen vor
seiner Seele gestanden hatte. dabei war es ihm beständig, als ob er Stimmen
höre, Stimmen von weit, weit her. Und er sprang auf und trällerte vor sich hin,
um sich alles, was ihn ängstigte, fortzusingen. Aber es wollte nicht recht
glücken, und er war froh, als er, um die zehnte Stunde, seine Mutter schon von
fernher des Weges kommen und gleich danach, an der Försterei vorüber, auf den
Brückensteg zuschreiten sah.
    »Singst ja so, Lehnert. Was is es denn? Christine war wohl da... Ja, sie
ging schon, als der Tanz eben anfing.«
    »Ach, lass doch die Christine!«
    »Du nimmst sie doch noch.« Und während die Alte das sagte, stellte sie ein
Bündel, das sie bis dahin vorsichtig in Händen gehalten, auf den Tisch und löste
den Knoten eines buntgeblümten Taschentuchs, in das alles eingeschlagen, was sie
vom Hochzeitshause her mitgebracht hatte: grosse Stücke Streuselkuchen, eine
halbe Wurst, ein Schinkenknochen und ein Napfkuchen.
    »Wollen wir uns noch einen Kaffee machen, Lehnert?«
    Er schwieg.
    »Du hast ja noch Feuer im Ofen. Und das ist recht. Oben auf Wang in der
Kirche war es wieder so kalt, und auf dem Kirchhof pfiff es, dass es einem bis
auf die Seele ging. Ich glaub, ich habe mir wieder was geholt, hier links unterm
Schulterblatt. Aber wenn wir uns noch einen Kaffee machen und ein Glas Rum
eintun, ich habe noch welchen... ja, Lehnert, ein paar Tropfen muss man doch
immer haben... dann vergeht es wieder. Und ein Katzenfell ist auch gut.«
    Während sie noch so sprach, hatte sie vom Schapp her ein Messer geholt und
begann den Napfkuchen in grosse Scheiben zu schneiden. »Iss, Lehnert; frisch
schmeckt er doch am besten!« Und dabei griff sie nach dem grössten Stücke.
»Begräbniskuchen mag ich nicht. Aber Hochzeitskuchen, den mag ich; der schmeckt
und bekommt einem alten Menschen. Und warum bekommt er einem? Weil man nicht an
Tod und Sterben zu denken braucht und alles mit Appetit isst. Un auf den Appetit
kommt es an und auf den Hunger. Das heisst, wenn er nicht zu gross ist und nicht
weh tut und wenn man was hat, dass er aufhört.«
    Lehnert schwieg noch immer.
    »Iss doch, Jung!«
    »Ich mag nicht, Mutter... Und wie das alles wieder aussieht, wie 'n
Bettelsack. Haben sie dir's denn gegeben?«
    »Gewiss. Ich werde mir doch nichts wegstibitzen und abziehn wie die Katze vom
Taubenschlag.«
    »Ach, das mein ich ja nicht, Mutter. Ich meine bloss, ob sie dir's aus freien
Stücken gegeben haben oder ob du darum gebeten hast?«
    »Versteht sich, hab ich drum gebeten. Alle haben...«
    »Opitz auch?«
    »Nu, der wohl nich. Der is ja was Vornehmes. Und Siebenhaar auch nich.«
    »Siebenhaar? War denn Siebenhaar auch da?«
    »Gewiss war er da. Der von Wang hat freilich getraut, aber Siebenhaar kam
auch noch und kam justement, als alles zu Tisch ging, und war grosser Jubel, als
er kam, und sass gerade der Braut gegenüber und hat auch eine Rede gehalten. Und
als sie die Tische wegtrugen und das Tanzen anfangen sollte, da nahm Siebenhaar
Opitzen am Arm und gingen beide, wohl an die vier- oder fünfmal, um die Wiese
rum. Und immer, wenn sie wieder an dem Staketzaun vorüberkamen, hab ich
gehorcht.«
    »Das glaub ich. Du horchst immer. Aber der Horcher an der Wand...«
    »Diesmal nicht, Lehnert. Es war bloss Gutes, und dass es von dir war, ist
sicher; ich habe deinen Namen gehört. Und Opitz, der wieder etwas fisslig war, er
hielt sich aber und liess sich nichts merken. Opitz nickte. Das hab ich mit
diesen meinen Augen gesehen. Und einmal hört ich ganz deutlich, dass er sagte:
Nu, ja, ja. Jeder ist ein Mensch, und jeder hat seine Menschlichkeiten und seine
Fehler. Und ich auch. Siebenhaar hat ihm also ins Gewissen geredet. Und du
sollst sehn, Lehnert, es wird noch alles gut, und du kommst mit ihm auf
Freundschaft und du und du. Und dann guckt er uns durch die Finger, und wir
haben gute Tage.«
    »Ja, ja«, sagte Lehnert, »durch die Finger gucken, das kenn ich. Is ja das
alte Lied. Na, gute Nacht, Mutter. Ich bin müde.«
    Und dabei nahm er einen Blaker und das Amerika-Buch und stieg in seine
Giebelkammer hinauf. Oben aber schob er einen Stuhl an sein Bett. Und eh er das
Licht auslöschte, sah er noch einmal auf den Titel des Buchs. Der lautete: »Die
Neue Welt oder Wo liegt das Glück?«
Opitz hatte wirklich, ganz wie Frau Menz erzählte, während der Brückenberger
Hochzeit in entgegenkommender Weise mit sich reden lassen, und als Siebenhaar,
wie durch einen glücklichen Zufall, am folgenden Tage schon einen
schwarzgesiegelten Brief empfing, der ihn in die Notwendigkeit versetzte, für
einen unbemittelten und brustkranken Amtsbruder samt Schwägerin und fünf in
kürzesten Zwischenräumen aufeinander gefolgten Kindern (die Mutter war dann
schliesslich im Kindbett gestorben) eine hochgelegene, möglichst geräumige, vor
allem aber möglichst billige Wohnung im Gebirge zu mieten, beschloss er, sich
dieses Auftrages auf der Stelle zu entledigen und bei der Gelegenheit seinen
längst beabsichtigten Besuch bei den Menzes in Wolfshau zu machen und seinen
Freund Lehnert wissen zu lassen, dass alles gut stehe.
    Siebenhaar, trotz seiner siebzig, war noch ein rüstiger Steiger und hielt
deshalb zu dem Satze, »was sich zu Fuss tun lasse, nicht auf kostspielige Weise
zu Ross und Wagen machen«. Er griff also zu Hut und Stock, um gegen elf in
Krummhübel und, nach einem Imbiss in der »Schneekoppe«, spätestens um zwölf in
Wolfshau zu sein.
    Der Morgen war prachtvoll, und der Heugeruch zog vom Feld her über den Weg.
Aber dieser selbst, trotzdem es die grosse chaussierte Strasse war, war noch wenig
belebt, und erst als Siebenhaar, an der Untermühle vorbei, bis an die steile, zu
den ersten Häusern von Krummhübel hinaufführende Berglehne gekommen war, war
auch Leben da: die Schule war aus, und die flachsköpfige Jugend, Jungen und
Mädchen, mit Mappen unterm Arm und auf dem Rücken, stürmten übermütig den Abhang
hinunter. Aber mit einem Male Siebenhaars ansichtig werdend, hielten sie mitten
im Jagen inne und grüssten und stürmten dann erst weiter. Dem alten Herrn lachte
das Herz bei dieser Begegnung, und die Freude darüber erleichterte ihm den
Aufstieg bis auf die Höhe, von der aus, bis weiter hinauf zum Exnerschen
Gastause, nur noch eine kleine Strecke war. Aber so klein sie war, so war sie
doch bestimmt, ihm eine freundliche Überraschung zu bringen: eine
Feuerwehrparade. Für gewöhnlich war diese, samt nachfolgender Mannschaftsübung,
eine Sonn- und Feiertagssache, die Brückenberger Hochzeit aber, die gestern
alles in Atem erhalten hatte, hatte diesmal eine Verlegung gefordert, und so kam
es denn, dass Siebenhaar an einem Schauspiel teilnehmen konnte, das er seit Jahr
und Tag nicht mehr gehabt hatte. Die Dorfgasse hinauf, hart an einem kleinen
Rinnsal entlang, standen die Spritzen und Wasserwagen, aus deren Mitte hohe
Leitern aufragten, während auf dem frei gebliebenen Strassenteil die Feuerwehr
selber stand, dreigliedrig aufmarschiert, prächtige Gestalten in bayerischen
Helmen und mit Musik am rechten Flügel. In Front seiner Mannschaften aber stand
Exner junior aus der »Schneekoppe«, der, ein Jahr jünger als Lehnert, gleich
nach dem Kriege bei den Görlitzern gedient und den Schneid und Pli dieser
erlesenen Truppe weggekriegt hatte. Das, und mehr noch seine gesellschaftliche
Stellung als Reichster und deshalb Erster im Dorf, hatte dafür Sorge getragen,
dass ihm das Feuerwehrkommando wie selbstverständlich zugefallen war. Er war
gekleidet wie der Rest der Mannschaften, roter Kragen und Aufschläge zu
dunkelblauem Rock, trug aber die Galons und Achselbänder des Offiziers. Die von
ihm abzunehmende Revue hatte just abgeschlossen, wie kaum gesagt zu werden
braucht, »zu seiner besonderen Zufriedenheit«, und eben schien er den Befehl zum
Abmarsch auf das mehr talwärts gelegene Dorf Steinseiffen zu, wo dann mit
Leitern und Rettungsapparaten ein Scheinfeuer bekämpft werden sollte, gehen zu
wollen, als er, des alten Siebenhaar, seines Freundes und Lehrers, ansichtig
werdend, sich plötzlich eines andern besann und »Stillgestanden... Rückwärts
richt't euch... Präsentiert das Gewehr« kommandierte. Wie da die Griffe
klappten; alles fuhr stramm zusammen, und unter Ehrenbezeigungen wie diese
passierte der Alte die für ihn freigegebene Gasse. Nun erst nahm Exner sein
ursprüngliches Kommando wieder auf: »Rechtsum.. . Feuerwehr, marsch«, und unter
Trommelschlag und Querpfeife setzte sich der lange Zug bergab, auf Steinseiffen
hin, in Bewegung. Aber eine kleine Strecke nur, dann schwiegen die Trommeln und
Pfeifen, und Horn und Klapptuba stimmten statt ihrer eine militärische Musik an,
und Becken und Pauke fielen ein. Siebenhaar, ein alter Burschenschafter, sah
ihnen nach, und eine Träne stand in seinem Auge: »Wie dank ich dir, Gott, diese
Tage noch erlebt zu haben«, und erst als die Kolonne seinem Blick entschwunden
war, stieg er weiter hinauf auf den Exnerschen Gastof zur »Schneekoppe« zu,
woselbst er einen Imbiss nehmen und wegen der für den Amtsbruder zu mietenden
Wohnung einige Erkundigungen bei der guten alten Frau Exner, der Mutter des
Feuerwehrkommandanten, einziehen wollte.
    Selbstverständlich nahm Siebenhaar, als er sein vorläufiges Ziel erreicht
hatte, seinen Platz in Front der Halle, just an der Stelle, wo sonst Espes und
Lieutenant Kowalski zu sitzen pflegten. Der Garten war, der frühen Stunde
halber, noch leer, und nur in der Siebenhaar zunächst befindlichen Laube
standen, angesichts einer über den Tisch hin ausgebreiteten Karte, drei
Touristen von eleganter und beinah weltmännischer Haltung, die trotz ihres
prononciert sächsischen Dialekts unschwer erkennen liessen, dass sie viel »drüben«
gewesen sein mussten, in England oder vielleicht gar in Amerika. Siebenhaar, wenn
er nach der Seite hin schärfer zu beobachten gewusst hätte, würde sofort auf
Chemnitzer oder doch mindestens auf Meeraner Industrielle geraten haben. Aber
dergleichen Beobachtungen lagen ihm fern. Er sah nur nach der Laube hinüber und
horchte neugierig auf den Gang der von nur zu deutlichen Stimmen geführten
Unterhaltung. Einer der drei, der der Kritischste zu sein schien, unterzog - ein
grosses gelbes Kursbuch in der Hand - die von dem über die Karte gebeugten
Hauptsprecher in einem fort vorgebrachten Zeit- und Ortsangaben einer
beständigen Kontrolle, was den Reisestrategen, den »Mann der Karte«, natürlich
sehr verdross. Überhaupt schien die Stimmung nicht die beste zu sein, denn zwei
junge hübsche Frauen, die mit zur Partie gehörten, sahen sich entweder unter
ironischem Lächeln an oder schlugen ungeduldig die fünf Finger ihrer Hände
ineinander. Es half ihnen aber nichts.
    »Ich denke also«, fuhr der Hauptsprecher und Kartenstratege fort, »wir gehen
über das Gehänge. Führer brauchen wir nicht, denn wir haben eben die Karte. Hier
läuft der Weg - ein bemerkenswert dicker Strich, alles klar und deutlich. Willst
du so gut sein, Agnes, und dich durch den Augenschein überzeugen, dass er hier
läuft. Bitte, Matilde, tritt auch heran! Ich habe nicht Lust, mir nachher
Vorwürfe machen zu lassen oder Anklagen zu hören über Nichtwegekenntnis und
Verlaufen und Irrfahrten. Freilich, wenn die Schuhe drücken, so ist das eine
Sache für sich, die mit dem Weg und der Führung nicht das geringste gemein hat.
Auf Reisen sollten Eitelkeiten der Art aufhören. Denn enge Schuhe sind
Eitelkeiten. Es ist jetzt elf Uhr fünf Minuten, wir müssen also spätestens drei
Uhr fünfzehn Minuten oben sein. Schnitzel oder Koppen-Beefsteak, je nachdem. Ich
rechne darauf vierzig Minuten. Aber sagen wir fünfundvierzig, was hoch gerechnet
ist. Jedenfalls sind wir mit dem Glockenschlage vier auf der böhmischen Seite.
Dann im Laufschritt bergab; Laufschritt, wenn die Terrainbeschaffenheit ihn
irgendwie gestattet, ist bekanntlich bequemer und sicherer als ewige Vorsicht
und Trippelei. Um sechs Uhr sind wir in Johannisbad und sieben Uhr fünf Minuten
in Trautenau. Hier treffen wir den Zug und sind um Mitternacht in Prag.«
    »Der Zug von Trautenau geht aber schon sechs Uhr fünfundfünfzig«, sagte der
mit dem Kursbuch, der auf diesen abzugebenden Zwischenschuss mit einer Art
Schadenfreude gewartet zu haben schien.
    »Sieben Uhr fünf oder sechs Uhr fünfundfünfzig ist gleich. Eine Differenz
von zehn Minuten ist keine Differenz; jedenfalls aber durch ein rascheres Tempo
leicht einzubringen. Ausserdem gehen von Johannisbad aus immer Retourwagen. Aber
wenn auch nicht, mit Hilfe von...«
    Er kam nicht weiter in seinen Auseinandersetzungen, denn beide junge Frauen,
welche die »ewige Rennerei« längst satt hatten, fassten sich in diesem Augenblick
unter und traten ziemlich demonstrativ vom Tisch fort an den plätschernden
Springbrunnen.
    »Ach, Matilde«, sagte die eine, »wenn wir den doch mitnehmen könnten.« Und
dabei stellte sie sich aufatmend in den Sprühregen. »Weisst du, dass ich hier
bleiben möchte?«
    Die andere nickte.
    »Und was wohl die Kinder machen mögen?«
    »Ach die! Aber wir!«
 
                               Siebentes Kapitel
Siebenhaar war entzückt, ebenso von dem feierlichen Ernste, mit dem die Fehde
zwischen dem Karten- und dem Kursbuchmann geführt wurde, wie von den kleinen
Verstimmungen des verbleibenden Restes der Gesellschaft. Er sah denn auch, um
diese Verstimmungen besser verfolgen zu können, eben neugierig nach dem
Springbrunnen hinüber, auf dessen Rand sich die beiden Damen und mit ihnen der
dritte, jüngere Herr (welcher der Unverheiratete der Partie zu sein schien)
gesetzt hatten, als er, einigermassen verlegen - weil es mit dem Weiterbeobachten
nun natürlich vorbei sein musste -, die gute Frau Exner auf sich zukommen sah,
seine liebe, alte Freundin, die vor vierzig Jahren oder, was dasselbe sagen
will, bald nach seinem Amtsantritte von ihm eingesegnet und zehn Jahre später
getraut worden war. Sie nickte schon von weitem und setzte sich zu ihm, um eine
kleine Plauderei mit ihm zu haben. Die machte sich denn auch - nur noch von
einzelnen Streifblicken nach dem Springbrunnen hin begleitet - ebenso rasch wie
gemütlich, und erst als eine Viertelstunde später die Touristen, Männlein und
Weiblein, aufgebrochen waren, entsann sich Siebenhaar, mitten im Gespräch über
die glänzende Vermögenslage des alten Zölfel, auch seines Amtsbruders, um
dessentwillen er eigentlich gekommen war, und las nun aus dem Briefe desselben
die Stelle vor, die des kranken und kinderreichen Mannes Wünsche noch einmal
kurz zusammenfasste. »So handelt es sich denn, lieber Bruder«, so hiess es im
Wortlaut, »vor allem um reine Luft und gesunde Lage, wenn es sein kann, an einem
Hochwalde hin, selbstverständlich mit Ausschluss von Sumpf und Wiesengrund, zum
zweiten aber um drei geräumige Zimmer mit sieben Betten, am liebsten über dem
Kuhstall, wenigstens das meinige. Dass ich vor Hundebleff geschützt bin, darf ich
wohl voraussetzen, ebenso dass das Haus oder die Baude nicht unmittelbar an der
Lomnitz steht. Ich leide nämlich seit letztem Winter an einer
Trommelfellaffektion oder vielleicht auch bloss an allgemeiner Nervenüberreizung
und bedarf deshalb absoluter Stille. Was ich eingangs über den Preis geschrieben
habe, brauche ich Dir nicht zu wiederholen.«
    Siebenhaar, als er gelesen, steckte den Brief wieder ein und sagte: »Ja, das
wär es, liebe Frau Exner. Und nun sagen Sie, was meinen Sie dazu?«
    Diese lachte still vor sich hin.
    »Es fehlte bloss noch, dass er geschrieben hätte, nicht Wind, nicht Sonne
haben zu wollen. Aber ich werde mir's überlegen, und wenn ich was finde, so
schick ich einen Boten oder komm auch wohl selbst und sehe mir mal wieder die
Konfirmandenstube an.«
    »Das soll ein Wort sein, liebe Frau Exner. Und dann zeig ich Ihnen auch
gleich meine Kanarienvogelhecke, zwei Schläger, wie sie die Harzer nicht besser
haben.«
Er blieb noch eine kleine Weile, dann stand er auf und ging in einem langsamen
Schritt, denn es war heiss geworden, bis zum Gerichtskretscham und dem gleich
dahinter gelegenen katolischen Kapellchen, um von hier aus nach Wolfshau
abzubiegen. Der Weg schlängelte sich durch Kusseln und Heidekraut und mündete
zuletzt auf die breite Hauptstrasse, die neben der Lomnitz hinlief und weiter
aufwärts die Grenze zwischen dem Opitzschen und dem Menzschen Gewese zog. Als er
diesen Teil der Strasse fast schon erreicht und jedenfalls die beiden Häuser
schon in Sicht hatte, hielt er noch einmal an, weil er etwas ausser Atem war, und
schritt dann erst auf den Brückensteg zu, der nach dem Inselchen hinüberführte.
    Von dem Kapellchen her klang gerade das Mittagsläuten, Lehnert aber, der,
wenigstens bei der Arbeit, nicht für strenges Stundenhalten war, blieb in seinem
Schuppen und schnitzelte weiter, ohne des Läutens und der Mahnung zur
Mittagsmahlzeit zu achten. Erst als der Hahn in ein ungewöhnliches Krähen kam
und mit seinem ganzen Hühnergefolge nach dem Arbeitsschuppen hin retirierte, sah
er auf und bemerkte nun Siebenhaar, der eben vom Brückensteg her auf den
Vorgarten und die kleine Steintreppe zuschritt. Er legte nun das Schnitzeisen
aus der Hand und ging auf den Alten zu, den er, seine Kappe ziehend, respektvoll
begrüsste. dabei wollte Lehnert etwas von Dank und Freude sprechen, aber
Siebenhaar, der nicht bloss eine Kanarienvogelhecke hatte, sondern vor allem auch
ein Rosenzüchter war, war von dem das ganze Haus umfassenden und überall hin mit
Knospen und gelben Blüten überdeckten Rosenbusche viel zu sehr entzückt, um
Lehnert ausreden zu lassen, und sagte nur ein Mal über das andere: »Lehnert,
Junge, wo hast du diesen Busch her? Der ist ja schöner als der Hildesheimsche.
Rote, die hat jeder; aber gelbe, gelbe. Wie nennt ihr sie denn? Ei, das ist ja
eine wahre Gottesgabe.«
    Während er noch so sprach, war er auf den Flur und gleich danach in die
Stube getreten, drin Frau Menz eben am Ofenherd stand und die Kartoffeln,
frische, die von ihr wie Gold behandelt wurden, in den Topf zählte. Kaum aber,
dass sie des Besuchs ansichtig wurde, so fuhr sie zunächst mit der nassen Hand
über die Schürze, band diese dann rasch ab und kam auf Siebenhaar zu, den sie
jetzt umknickste und mit einer Flut von kriecherischen Worten überströmte.
    Lehnert schüttelte den Kopf, aber die Alte sah es nicht oder wollt es nicht
sehen und fuhr in ihrem Wortschwall unverändert fort: »Aber nun bitt ich, Herr
Pastor; hier dieser, der hat die beste Lehne... setzen müssen Sie sich... Sie
werden uns doch die Ruhe nicht mit fortnehmen wollen... Ich denke, hier an den
Ofen. Oder soll ich das Fenster aufmachen? Ja, das will ich, das wird das beste
sein, ich werde das Fenster aufmachen. Der Herr Pastor, soviel habe ich wohl
gesehn, haben immer das eine Fenster auf, und auch noch ein Fliegenfenster dazu,
da zieht es noch mehr. Ja, was die Reichen sind und die Studierten, die sind
immer so sehr für frische Luft, auch wenn es kalt ist; aber unsereins will gern
warm sitzen, weil man sonst nichts Warmes hat, und das bisschen Kleinholz gibt es
ja auch, das heisst, wenn man den Zettel hat, sonst ist Opitz gleich bei der Hand
und schreibt einen auf, und man hat seine vierzehn Tage weg, man weiss nicht
wie... Gott, wenn ich nur noch von dem Hochzeitskuchen hätte... Nun hab ich so
gut wie nichts für den Herrn Pastor... Aber wenn arme Leute so was im Hause
haben, dann sind sie wie die Kinder, und Lehnert ist eigentlich schuld... Ja,
Lehnert, du bist schuld, du sagst doch sonst immer: Mutter, verdirb dich nicht,
Mutter, sei nicht so naschig. Aber du hast kein Wort gesagt, und da hab ich
alles verputzt und verurscht, und is kein Krümel mehr da.«
    Lehnert war aufgestanden und trommelte vor Ungeduld an die Fensterscheibe,
Siebenhaar aber, der sich noch der Zeiten erinnerte, wo so mancher aus dem armen
Volk hier diese Sprache der Unfreien und Hörigen gesprochen hatte, lächelte nur
und sagte: »Liebe Frau Menz, ich habe ja selber von dem Hochzeitskuchen gehabt
und hab es geradeso gemacht wie Sie und hab ihn auch aufgegessen oder verputzt,
wie Sie sagen, jedenfalls viel zuviel, was man eigentlich nicht soll. Und
Lehnert hat ganz recht, wenn er gegen das Naschen ist. Aber das ist nun mal
nicht anders, auch die Alten bleiben Kinder. Und wissen Sie, wer der dritte war,
der auch zuviel gegessen hat, und noch dazu gleich oben, als der Kaffee kam? Der
dritte war unser Freund Opitz...«
    Die Alte nickte und kicherte vor sich hin. Siebenhaar aber wiederholte:
    »Ja, unser Freund Opitz. Und sehn Sie, liebe Frau Menz, wenn ich hörte, dass
er diese Nacht ein grosses Alpdrücken gehabt und seine Frau mit seinem Tode
geängstigt habe, so würd ich mich nicht wundern. Aber, wie gesagt, es haut eben
jeder mal über die Schnur, Sie und ich und natürlich auch ein Förster. Und ist
auch nicht so schlimm, wenn einer nur sonst brav und tüchtig ist. Und das ist
Opitz und auch gar nicht so hart, wie die Leute glauben, und wenn man ihn nur zu
nehmen weiss und ihm seine Ehre gibt, darauf hält er, und darauf muss er halten,
so lässt sich ganz gut mit ihm leben, und ist auch nicht so gehässig und
unversöhnlich, wie mancher meint, wovon ich mich erst gestern wieder überzeugen
konnte...«
    »Hörst du, Lehnert, hörst du? Das ist es ja, was ich auch immer sage. Der
Förster ist doch eine Obrigkeit, und die Obrigkeit ist von Gott. Ja, das haben
Sie gepredigt, Herr Prediger, und das vergess ich nicht wieder. Opitz ist
Obrigkeit und ein guter Mann und steht eigentlich in Gottes Namen da...«
    »Ach, Mutter, rede doch nicht solchen Unsinn. Er ist bei dem Grafen in
Dienst, und für den steht er da. So was darfst du nicht sagen, und am wenigsten,
wenn der Herr Pastor da ist, das ist ja die reine Gotteslästerung. Und du sagst
es auch alles bloss so hin und weisst recht gut, dass er nicht anders ist als du
und ich und vielleicht noch ein bisschen schlechter.«
    Siebenhaar nahm Lehnerts Hand und lächelte:
    »Musst dich nicht so ereifern, Lehnert. Die Mutter sagt es bloss, weil sie den
ewigen Streit nicht will und sich ängstigt und Ruh und Frieden und gute
Nachbarschaft haben möchte. Treff ich's? Sage selbst...«
    »Und weil ihr alles gleich ist, Herr Pastor, wenn sie nur ihren Vorteil hat.
Das ist es. Und wenn sie drüben ein ranzig Stück Speck haben oder mit einem
Rehviertel nicht mehr wissen, wo sie mit hin sollen, dann ist sie gleich bei der
Hand und will sich's schenken lassen. Ich will aber nichts Geschenktes haben aus
dem Haus da, und wenn es denn durchaus ein Reh oder ein Rehviertel sein soll...«
    »Dann weisst du, wo du's hernimmst... Ja, Lehnert, das ist es eben, und
darüber klagt Opitz und über deinen Trotz, der das Verbotene nicht bloss tut,
sondern sich's auch noch berühmt. Wie viele Male hab ich dir das schon vorhalten
müssen. Erst neulich wieder. Ist es nicht so? Du schweigst... Sieh, ich bin
gestern mit ihm eine halbe Stunde lang um die Brückenberger Waldwiese
herumgegangen und hab ihn beschworen, nicht alles sehen und nicht alles hören zu
wollen, und hab ihm Vorstellungen gemacht und ihm ins Gewissen geredet. Und ich
kann dir sagen, wörtlich sagen, oder doch so gut wie wörtlich, was ich ihm bei
der Gelegenheit alles gesagt habe. Sehen Sie, Opitz, so hab ich ihm gesagt, Sie
reden immer von Recht und Ordnung, aber was heisst Recht und Ordnung? Das sind
alles sehr schöne Sachen, und doch ist es mit Recht und Ordnung geradeso wie mit
Zucht und Sitte.«
    Lehnert nickte.
    »Wie mit Zucht und Sitte. Die sollen sein. Gewiss, Zucht und Sitte sollen
sein; wer will das bestreiten? Und wenn ich dann im Unterricht und zuletzt noch
mal am Einsegnungstage den jungen Dingern zurede, dass sie sie gut halten sollen,
dann tu ich das nicht bloss, um was zu sagen, dann tu ich es auch, weil mir's
mein Herz so vorschreibt und weil ich weiss, was ein guter Wandel nicht bloss vor
Gott, sondern auch vor den Menschen bedeutet und dass Glück und Unglück daran
hängt. Ja, Opitz, so hab ich ihm gesagt, ich bin für Zucht und Sitte. Aber
wenn's dann nachher anders geht und wenn eine Braut vor den Altar tritt mit
einem Myrtenkranz, der ihr eigentlich nicht zukommt, dann nehm ich ihr den Kranz
nicht aus dem Haar und fahre nicht mit Feuer und Schwefel drein und sprech auch
nicht von ewiger Verdammnis und verzichte darauf, aus der Altarstufe, darauf das
arme Ding kniet, eine Armensünderbank zu machen. Ich verzichte darauf, sag ich,
und tue sie beide zusammen und empfehle sie in meinen Worten und vor allem auch
in meinem Herzen der Gnade Gottes. Ich will nicht wissen, was ich weiss, und will
die Kirchenzucht nicht üben, trotz dem ich sie wohl üben dürfte, ja, wie die
Strengen meinen, auch wohl üben sollte. Und sehen Sie, Opitz, wie's in der
Kirche ist, so ist es auch im Wald. Sie müssen der Armut war nachsehen und nicht
bloss dem Gesetze nichts vergeben, sondern auch der Liebe nichts vergeben. Es ist
eine Täuschung, wenn wir uns immer und ewig auf unser Amt und unsere Pflicht
oder gar auf unseren Schwur und unser Gewissen berufen. Das meiste, was wir tun,
tun wir doch aus unserer Natur heraus, aus Neigung und Willen.«
Die Alte, während der Prediger so sprach, hatte mit gefalteten Händen dagesessen
und allerlei vor sich hin gemurmelt, wie um ihre Andacht zu bezeugen. Aber auch
auf Lehnert waren die Worte nicht ohne Einfluss geblieben, denn er war klug
genug, nicht bloss das herauszuhören, was sich gegen Opitz richtete. Nein, er
hörte ganz allgemein den Geist christlicher Liebe heraus und sagte sich, dass er
dieser Liebe geradesogut entbehre wie Opitz und dass er sein Recht geradeso
heftig und eigensinnig vertrete wie Opitz das seine. Und sein Recht war doch nur
sein Recht, Opitz' Recht aber war das anerkannte, das gültige, das uralt
bestätigte.
Siebenhaar, der wohl sehen mochte, was in ihm vorging, hütete sich, durch eine
Zwischenbemerkung zu stören. Und so verging eine geraume Weile. Dann erst nahm
Lehnert seinerseits das Wort wieder und sagte: »Und was sagte da Opitz, Herr
Pastor? Ich weiss von Christine...«
    »Dass er einen hochfahrenden Sinn hat und sich in dem, was seines Amtes ist,
nicht gern dreinreden lässt. Ja, so heisst es von ihm und wird auch wohl seine
Richtigkeit damit haben. Aber es kommt doch auch darauf an, wer mit ihm spricht,
und vor allem, wie man mit ihm spricht, und ich hab ihn gestern als einen
christlichen Mann befunden, das heisst als einen Mann, der vergeben kann, weil er
fühlt, dass er selber der Vergebung bedürftig ist. So wenigstens schien es mir,
als ich ihm nach den Augen sah, und war mir fast, als ob ich eine Träne darin
gesehen hätte.«
    Lehnert lachte. »Wohl, wohl. Wenn er unter Wein ist, ist ihm immer das
Weinen nah. Das kenn ich. Aber es hält nicht lange vor, und von gestern auf
heute wird er sich wieder anders besonnen haben.«
    »Kann sein, Lehnert, aber es ist nicht wahrscheinlich. Und unter allen
Umständen musst du vorläufig an seine Versöhnlichkeit glauben und dein Betragen
danach einrichten. Du hast es mir versprochen, neulich schon, und ich könnte
dich beim Worte nehmen. Aber ich will es nicht. Ich will es nach allem, was er
mir gestern gesagt hat, aufs neue von dir hören und, wenn es sein kann, aus
einem freudigeren Herzen und einem festeren Entschluss.«
    »Ich geh ihm aus dem Wege.«
    »Das ist nicht genug, Lehnert. Das vertagt den Streit bloss, aber schafft ihn
nicht aus der Welt, und der nächste Wind, der euch wieder zusammenweht, bläst
auch die Flamme wieder an. Damit schliesst man keinen Frieden, dass man sich aus
dem Wege geht, das ist äusserlich und auf die Dauer einfach unausführbar. Hier
muss es anfangen und hier. Herz und Einsicht müssen dazu zwingen. Und ist erst
der gute Wille gewonnen, dann ist alles gewonnen. Den seinen hab ich...«
    »Und den meinen auch«, sagte Lehnert in plötzlicher, beinah freudiger
Erregteit. Und dabei nahm er des Alten Hand, um sie dankbar zu küssen. »Ich
will tun, was ich kann. Ich will die Kappe vor ihm ziehen, immer zuerst, und
will kein Schmokfeuer mehr machen, wenn drüben das Leinzeug an der Leine hängt,
und will das Wehr so stellen, dass das Wasser bei mir übertritt und nicht bei
ihm, und wenn mir's auch einen halben Morgen Kartoffelland kostet. Und wenn
seine Diana mir nach den Beinen fährt, so will ich den Stock bloss leise nach
hinten halten, wie die Bettler und Strolche tun, und will nicht mehr nach der
Bestie schlagen. Und was die Hauptsach is, ich will den Mund halten und nicht
mehr mit den andern auf ihn schelten und schimpfen und will aufhören, ihn einen
Neidhammel zu nennen und die Geschichte von dem Kreuz immer und immer wieder
aufzutischen. Was vielleicht ohnehin das klügste ist, denn man soll nicht immer
von seinen Heldentaten sprechen, worüber die Leute doch bloss lachen...«
    »Also abgemacht, Lehnert. Und nun, Frau Menz, wenn Sie ein Glas Milch für
mich haben, dann bringen Sie's mir, das soll mir besser tun als der
Hochzeitskuchen mit seinen vielen Rosinen. Wenn man bei Jahren ist, soll man
überhaupt keine Rosinen mehr essen. Das hat mir noch der alte Doktor Mattersdorf
beigebracht, und der wusste es... So, die hat mir geschmeckt, eine wundervolle
Milch. Und nun machen Sie, dass die Kartoffeln ans Feuer kommen. Ich habe
gesehen, dass es frische sind und noch dazu blaue! Hab auch welche. Sie scheffeln
in diesem Jahr. Und nun Gott befohlen!«
    Und so sprechend überschritt er die Schwelle.
    Lehnert und seine Mutter begleiteten ihn bis an den Steg, und die Alte
knickste und dienerte noch, als er längst schon drüben war.
 
                                 Achtes Kapitel
Lehnert, als Siebenhaar drüben war, kehrte - die Kartoffeln wurden eben erst
beigesetzt, und der Speck war noch nicht in der Pfanne - zu seiner Arbeit
zurück, eigentlich nur deshalb, weil er sich dem unverständigen Gerede der Alten
nach Möglichkeit entziehen wollte. Dies gelang ihm aber nur auf eine kleine
Weile, denn als bald danach das Essen auf dem Tische stand, brach der
zurückgestaute Redestrom der Alten mit verdoppelter Macht über ihn herein, und
die Versicherungen nahmen kein Ende, dass sich nun alles zum Guten wenden müsse:
Lehnert werde seinen Eigensinn abtun und Opitz fünf gerade sein lassen und auf
den Ohren sitzen. »Ja, Lehnert, so wird es kommen, und wir werden wieder gute
Nachbarschaft halten, und alles wird gegenseitig sein, und ich werde mir bei der
guten Frau Opitz wieder ein Mangelholz oder ein Kuchenblech borgen können, und
Christine wird nicht mehr nötig haben, immer so zu tun, als ob sie sich aus uns
nichts mache, nein, sie wird jede Stunde kommen können, und dann wird es auch
noch was werden mit euch zwei beiden, und wir werden dann eine Hochzeit haben
wie die gestern in Brückenberg.«
    »Ach, Mutter, rede doch nicht immer von der Christine!«
    
    »Warum nicht, Lehnert? Es ist ein gutes Kind, das was auf sich hält und was
gespart hat. Und wenn's dann Hochzeit gibt...«
    »Ja, wenn, wenn; die gibt es aber nicht. Christine ist eine Magd, und eine
Magd heirate ich nicht, auch wenn sie drei Sparkassenbücher und eine ganze
Linnentruhe hat. Ich versteh meine Sach und will in die Stadt gehen und eine
Städtische heiraten, die Manieren hat. Und am liebsten will ich in die Welt
gehen und gar nicht heiraten; es brennt mir hier unter den Füssen, und wenn es
nicht deinetwegen wäre, Mutter, so ging' ich lieber heut als morgen. Übers Meer
will ich. Es ist mir alles so klein und eng hier, ein Polizeistaat, ein Land mit
ein paar Herren und Grafen, so wie unserer da, und sonst mit lauter Knechten und
Bedienten. Aber davon verstehst du nichts, und ist dir auch gleich. Mir aber ist
es nicht gleich. Ich mag nicht, dass, wenn ein Schuss fällt, gleich sieben Förster
da sind, die's mit ihren vierzehn Ohren hören und sich die Köpfe zerbrechen, wer
da mal wieder den Staat betrügt und ein schwer Verbrechen auf seine Seele lädt.
Und vielleicht war es gar nichts, bloss eine Milchsuppe von Berliner, ein
Gymnasiast, der oben bei Wang ein paar Zündhütchen verknallt. Eine jämmerliche
Welt hier; immer muss man scherwenzeln, und wenn man nach vorn hin dienert, stösst
man nach hinten hin einen um. Eng und klein, sag ich, und ich möchte, wenn
Siebenhaar auch dagegen ist - der Alte weiss nichts von solchen Dingen -, für
mein Leben gern nach Amerika, wo's anders aussieht und wo, wenn ich mein Gewehr
abschiesse, niemand es hört als Wald und Berg und auf zehn Meilen in der Runde
kein menschlich Ohr ist.«
    »Das hast du wieder aus dem Buch, Lehnert. Wenn du doch das Lesen lassen
wolltest. Siebenhaar hat es gut gemeint, als er dich auf die Schule geschickt.
Aber mitunter denk ich, es wäre besser gewesen...«
    »Ich wüsste gar nichts und wüsst auch nicht, dass es eine neue Welt gibt, die
besser ist als die alte. Ja, Mutter, mag sein; aber das ist nun zu spät. Und ich
danke Gott, dass ich's weiss und dass es einen Platz gibt, wo man hin kann, wenn
einem der Boden hier zu heiss wird und das Leben zu miserabel vorkommt. Und nun
bin ich auch noch auf den Opitz eingeschworen und soll Friede halten. Ach, es
gefällt mir nicht und tut mir schon wieder leid, dass ich's dir und dem Alten
versprochen und mein Wort gegeben habe. Und dem Alten sogar doppelt. Ach, dieser
Opitz! Als ich mich jeden Tag noch über ihn wüten konnte, das war doch was,
wenn's auch bloss Wut und Hass war, aber nun hab ich gar nichts und werde mir jede
Stunde sagen müssen, dass ich ein Lump und ein Feigling geworden bin und dass der
Kerl mich untergekriegt hat. Ach, Mutter, es wird nichts. Siebenhaar hat es gut
gemeint, aber aus Hund und Katze kann man kein Paar machen; eine Weile mag es
gehen, aber mit einem Male hebt die Katze die Pfote wieder, und der Hund packt
zu. Hoffentlich bin ich der, der zupackt.«
    So redete Lehnert eine gute Weile, bis er zuletzt aufsprang und im Zimmer
auf und ab schritt. Aber auch im Aufundabschreiten sprach er noch weiter,
allerhand Unverständliches zwischen den Zähnen murmelnd, und mitunter war es,
als ob er mitten in einem Streite stünde. Plötzlich blieb er stehen, erst vor
der am Ofen hängenden Ziter, über deren Saiten er - er war fast ein Virtuos auf
diesem Instrument - mechanisch mit dem Zeigefinger hin und her fuhr, dann vor
einem alten vergilbten Kalender, der, hart an der Tür, an demselben Riegel wie
seine Flinte hing. Eben diese Flinte nahm er jetzt ab und stellte sie beiseit
und riss aus dem Kalender ein paar Blätter heraus, hartes, steifes Papier, draus
er seine Patronenhülsen zu machen pflegte.
    »Was hast du vor, Lehnert? Du willst doch nicht in den Wald, am hellen
lichten Tag?«
    Es war, als ob die Worte der Alten ihn wieder zu sich brächten. Er lachte
und warf die Blätter, deren eines er schon zu drehen begonnen hatte, rasch ins
Feuer und hing die Flinte wieder an den Haken, von dem er sie genommen hatte.
    Das Ganze war wie ein Anfall gewesen. Rasch, wie es gekommen, ging es
wieder, und er kehrte zu seinem Arbeitsschuppen zurück.
Eine Woche verging, während der seine Stimmung beständig wechselte, was bei den
Erlebnissen der letzten Zeit und mehr noch bei seinem von Natur beweglichen
Gemüt nicht wohl wundernehmen konnte. Denn so gewiss er einen Hang nach dem
Abenteuerlichen hatte, so gewiss überkam ihn auch, inmitten dieses Hanges, eine
plötzliche Sehnsucht danach, die Hände in den Schoss zu legen und alles ruhig
über sich ergehen zu lassen. Er war dann mit einem Male von der Vergeblichkeit
alles Ankämpfens überzeugt und verlor in diesem ihn überkommenden Gefühl seiner
Ohnmacht auch die Lust zum Kampf. »Ja, die Alte hat eigentlich ganz recht. Was
ist all die Jahre bei meiner Auflehnung herausgekommen? Nur Ärger und böses
Blut. Und so geht es dann weiter, immer Zug um Zug, bis man sich das Messer in
die Brust stösst. Ach, es ist besser, ich tue, was ich versprochen hab, und grüss
ihn, anstatt ihn anzustarren und ein spöttisch Gesicht zu machen. Er ist der
Stärkere, weil er im Dienst ist und die Gerichte neben und hinter sich hat. Und
wer mit dem Stärkeren anbindet, solang er noch eine Wahl hat, der ist ein Narr.
Wahrhaftig, was hab ich davon gehabt? Nichts, als dass ich zwei Monate hinter
Schloss und Riegel war und dass nun in meinen Akten steht: Bestraft. Und wer kann
immer gleich erzählen, wie's kam und dass es eigentlich nichts war; bestraft ist
bestraft, und wenn man gefragt wird, wie's denn eigentlich mit einem stehe, so
wird man rot und steht da, als ob man ein Galgenvogel wär oder einer, der den
Leuten die Uhr aus der Tasche zieht.«
In dieser Richtung gingen tagelang Lehnerts Betrachtungen, und mehr, er tat auch
danach, und wenn er in der letzten Woche, bloss um einer Begegnung auszuweichen,
den grossen Umweg am Waldsaume hin gemacht hatte, so zwang er sich jetzt, die
Begegnung geradezu zu suchen, nur um durch artigen Gruss oder auch wohl durch ein
»Guten Morgen, Herr Förster« seinen Respekt zu bezeugen. Und Opitz freute sich
dieser Wandlung und gefiel sich seinerseits darin, den Gnädigen zu spielen. Er
trat jetzt öfter, wenn Lehnert vorüberging, mit einer Art wohlwollenden
Behagens, an den Staketenzaun heran und verstieg sich nicht bloss zu Fragen und
Scherzworten, sondern einmal sogar bis zur Inanspruchnahme kleiner
Gefälligkeiten. »Ihr geht ja nach Arnsdorf, Lehnert. Bitte, nehmt das mit an den
Grafen, und wenn Ihr bei Pohl vorbeikommt, so bringt mir eine Kruke Himbeersaft
mit herauf. Oder lieber eine Flasche, wenn er's in Flaschen hat. Ich kann heut
die Christine nicht schicken.«
    An solchen Annäherungen war eine Zeitlang kein Mangel, und Frau Menz
berechnete sich schon, was, im Herbst, beim Gänseschlachten, auf das sie sich
ganz vorzüglich verstand (sie sang dann immer, wenn sie die Gans zwischen die
Knie nahm und mit dem Messer zu bohren anfing, allerlei Wiegenlieder), an Federn
und Fett für sie abfallen würde. »Ja, Lehnert, du siehst es nun. Ist es nicht
besser so? Haben wir nicht gute Tage? Sage selbst!«
    Aber diese guten Tage sollten nicht Dauer haben. Im Gegenteil, sie gingen so
rasch, wie sie gekommen waren, und wie gewöhnlich war es ein blosses Geklätsch,
was den ersten Anstoss zu diesem Wiederhinschwinden gab.
    Christine, wohl wissend, welche Pläne Frau Menz mit ihr hatte, war jetzt oft
drüben bei der Alten, öfter vielleicht, als gut war, und jedenfalls öfter, als
sie sollte. Zu verdenken war es ihr freilich nicht, denn die Försterei, wenn
Opitz im Wald war, war ein schweigsames, ja beinah ein melancholisches Haus, in
dem wenig gesprochen wurde. Plaudern aber und sich aussprechen war Christinens
grösste Lust, und dazu gab es für sie keine bessere Gelegenheit als bei den
Menzes drüben. Alles nahm ihr die Alte wie vom Munde weg, und wenn drüben bei
Opitzens eine Maus gefangen oder ein Fliegenstock umgefallen war, so war es ein
mitteilenswertes Ereignis, an das sich sofort allerlei Hoffnungen und
Befürchtungen knüpften.
    Und zu solcher Plauderstunde war man eben wieder beisammen und genoss sie
doppelt, weil Christine nicht mit leeren Händen, sondern mit einem Teller voll
prächtiger Glaskirschen herübergekommen war, deren Heranreifen die alte Menz
schon seit andertalb Wochen mit Aufmerksamkeit verfolgt hatte.
    »Die schickt Euch die Frau Försterin«, sagte Christine.
    »Gott, Gott, die Frau Försterin! Eine seelensgute Frau, das muss wahr sein,
und alle wie frisch vom Baum und keine angestossen. Aber er auch, er is auch gut;
ein bisschen bullrig und kollert gleich, aber wer es bloss versteht, der hat es
gut mit ihm. Und wie soll er's denn auch anders machen? Er muss doch auch welche
anzeigen. Lehnert sagt es auch. Und sie sind ja jetzt ein Herz und eine Seele.«
    »Ja«, sagte Christine. »Das sind sie. Das heisst, solang es dauert.«
    »Wird schon dauern, Kind, wird schon. Warum soll es nicht dauern? Sie haben
sich nun beide die Hörner abgestossen und sehen, dass Frieden besser ist als
Krieg. Lehnert grüsst ihn und gafft ihm nicht mehr ins Gesicht. Guten Morgen,
Herr Förster, sagt er. Und dann stehen sie beid' an dem Staketenzaun und haben
ihren Schnack. Und neulich hat ihm Opitz einen Zettel an den Grafen mitgegeben
und eine Bestellung für unten bei Pohl, und Lehnert hat ihm alles besorgt und
ihm den Himbeersaft auch richtig mit raufgebracht. Eine ganze Flasche voll. Es
war justament der Tag, als der neue Oberförster kam und ihr drüben den
Semmelpudding hattet. Aber was sag ich nur, du musst es ja besser wissen als
ich...«
    »Freilich weiss ich es. Aber ich weiss auch, was Opitz sagte.«
    »Was war es, was er sagte?«
    »Nu, sagte er, als er vom Flur in die Küche kam und den Saft vor uns
hinstellte, da habt ihr den Saft, das süsse Zeug, das der Lehnert mit
raufgebracht hat. Und diesmal mag es drum sein. Aber das nächste Mal, Bärbel,
das nächste Mal pass besser auf. Der grosse Herr drüben ist auf eine Weile zahm
geworden und frisst vorläufig aus der Hand. Aber wer weiss, ob es vorhält... Ja,
Frau Menz, das war es, was Opitz sagte. Und als meine gute Frau darauf
antwortete und ihm zureden wollte, weil Lehnert ja jetzt grüsse, da liess er sie
gar nicht zu Worte kommen und bullerte gleich los: Das verstehst du nicht,
Bärbel. Was heisst Gruss? Er grüsst; aber es ist auch danach. Er hat noch dieselben
Mucken wie sonst; ich seh's ihm jedesmal an, wenn er so verlegen dasteht und
nicht weiss, was er sagen soll. Und ein Glück ist es, dass er wenigstens eine
Weile klein beigegeben! Davon erholt er sich nicht wieder. Wer mal zu Kreuze
gekrochen ist, der bringt die Courage nicht mehr fertig. Das ist nu mal so.«
    So ging das von Frau Menz und Christine geführte Gespräch, das noch eine
Weile weitergesponnen wurde, weil sie sich allein glaubten. Aber sie waren nicht
allein. Dicht hinter ihnen stand Lehnert in der offenen Tür und hatte jedes Wort
mit angehört. Er zog sich, eh sie seiner gewahr wurden, still wieder zurück und
ging auf seinen Arbeitsschuppen und in diesem auf die Stelle zu, wo die
Hobelspäne hoch aufgeschichtet lagen.
    Da warf er sich hin und schlug sich vor die Stirn und schwur und zitterte.
Denn er war seiner Sinne kaum noch mächtig. Zuletzt verfiel er in ein
krampfhaftes Weinen, aber auch die Tränen gaben ihm keine Erleichterung. Er
hatte sich klein und verächtlich gemacht und alles umsonst. Alles lag wieder wie
vordem, und vor seiner Seele stand es, wie's kommen würde.
 
                                Neuntes Kapitel
Am andern Tage hatte sich Lehnert von dem, was er gehört, insoweit erholt, dass
er die Kraft aufbrachte, sich's ruhiger zurechtzulegen. »Er traut mir nicht.
Soll ich ihm böse darüber sein? Trau ich ihm? Was dem einen recht ist, ist dem
andern billig. Es ist gut, dass ich nun weiss, wie's mit ihm steht und was ich von
ihm zu gewärtigen habe. Wenn ich ihm so weiter geglaubt hätte, so wär ich
vielleicht unvorsichtig geworden, und das tut nie gut, am wenigsten einem Opitz
gegenüber... Ich will nicht wieder anfangen, nein, er soll anfangen. Dann bin
ich ohne Schuld.« So sprach er noch weiter vor sich hin, ohne jede leiseste
Vorahnung, dass derselbe Tag noch den alten Streit wieder anfachen sollte. Nur
schärfer und bitterer als je zuvor.
    Es war ein heisser Tag, und die Steine, die durch die Lomnitz hin zerstreut
lagen und bei niedrigem Wasserstand einen Übergang von einem Ufer zum andern
bildeten, blitzten in der Sonne; drüben das Heidekraut auf der Opitzschen Seite
schimmerte rot, und von dem Lupinenfeld, das sich, freilich als schmaler Strich
nur, durch das Heidekraut hinzog, zog ein süsser Duft nach dem Inselchen herüber.
Der Himmel stand in einem wolkenlosen Blau. Lehnert, der sich, der grossen Hitze
halber, von dem Vorplatz am Schuppen unter den Schuppen selbst zurückgezogen
hatte, sah einen Augenblick von seiner Arbeit auf und wurde dabei mehrere
Taubenschwärme gewahr, deren einer eben über die Tannen am Waldsaum hinschwebte.
Plötzlich aber, während er noch so hinaufsah, vernahm er, durch die
Mittagsstille hin, einen Hundeblaff und gleich danach einen durchdringenden
Hahnenschrei, der, weitab davon, sicher und siegesfroh wie sonst wohl die Seinen
zuhauf zu rufen, umgekehrt etwas von einem Angst- und Todesschrei hatte. Lehnert
ahnte, was es war, sprang auf die Deichsel und Vorderachse des gerade vor ihm
stehenden Arbeitswagens und sah von dieser Hochstellung aus, was drüben
passierte. Diana hatte den Hahn an seinem Silberkragen gepackt und schüttelte
ihn. Und nun liess der Hund wieder ab, und die plötzliche Lautlosigkeit verriet
nur zu deutlich, dass das schöne Tier, das er gepackt und geschüttelt, tot war.
Das gab Lehnert einen Stich ins Herz, denn neben dem prächtigen gelben
Rosenstrauch an Haus und Dach war der Silberhahn so ziemlich das einzige, woran
er hing; alles andere war in Rückgang und Verfall. Er ballte die Faust und
drohte nach drüben hin, aber er bezwang sich wieder und richtete seinen Zorn und
Unmut, einen Augenblick wenigstens, statt gegen Opitz gegen die eigene Mutter.
    »Die ist schuld; es musste so kommen. Hab ich doch den da drüben wohl ein
dutzendmal sagen hören: Liebe Frau Menz, wenn Sie nicht nach dem Rechten sehen
und das Hühnervolk immer über den Steg und die Steine bis in meinen Vorgarten
lassen, ich stehe für nichts; Diana packt mal zu. Nun hat Diana zugepackt, und
wir sind unseren Hahn los und müssen noch still sein und vielleicht auch noch
gute Worte geben wegen der Aurikeln und Levkojen oder was das arme schöne Tier
sonst noch zerpflückt und zertreten hat... Aber so ist die Alte, sie will die
paar Futterkörner sparen, und selbst ihre Hühner sollen drüben zu Gaste gehen.
Es ist ein Elend, und bloss neugierig bin ich, was er nun machen und ob er sich
entschuldigen und so was von Bedauern sagen wird.«
    Und sieh, Lehnert war kaum wieder bei seiner Arbeit, so kam auch schon
Christine zur Frau Menz in die Küche und bestellte von Förster Opitz: Es tät ihm
leid, dass seine Diana den Hahn gewürgt hätte. Mehr könn er aber nicht sagen. Er
habe der Frau Menz im voraus gesagt, dass es so kommen würde. Sein eigener Schade
sei noch grösser, und wenn er zusammenrechne, was die Menzschen Hühner ihm alles
ruiniert hätten, so käme mehr heraus als der Hahn.
    »Und will er denn den Hahn behalten?« wimmerte die Alte.
    »Nein«, sagte Christine, »den Hahn sollt ich Euch bringen. Aber Frau Opitz
sagte, der würd Euch doch nicht schmecken. Und hinterher hat sie mir heimlich
gesagt, ich sollt Euch fragen, was Ihr dafür haben wolltet, und sie wollt es
alles bezahlen und noch ein Reugeld dazu.«
    Lehnert, als seine Mutter und Christine so sprachen, war von seinem
Arbeitsschuppen herbeigekommen.
    »Ich will den Hahn«, sagte er, »und nicht das Geld. Aber gegessen wird er
nicht, Mutter. Ich begrab ihn und mach ihm einen Stein. Das schöne Tier! Meine
einzige Freude! Nun ist er hin. Diese Diana, diese Bestie! Mir will sie auch
immer nach den Beinen. Aber sie soll sich vorsehn, und ihr Herr auch.«
    Und er ging wieder an seine Arbeit, während Christine bei der Alten blieb
und ihr ohne weiteres das Geld gab, das die gute Frau Opitz für den erwürgten
Hahn bewilligt hatte.
Lehnert verwand es schneller, als er selber gedacht haben mochte. Hätt er klarer
in seinem Herzen lesen können, so würd er gefunden haben, dass er eigentlich froh
war, seines Gegners Schuldsumme wachsen zu sehen. Je mehr und je rascher, desto
rascher musst auch die Abrechnung kommen, das war das Gefühl, das ihn mehr und
mehr zu beherrschen begann. Bei Tisch sprach er nicht, und als er den Krug Bier,
den ihm die Mutter aus dem Kretscham geholt, geleert hatte, ging er auf seine
Kammer hinauf und schlief.
    Als er wieder wach war, war er zunächst willens, doppelt fleissig zu sein und
bei der Arbeit alles zu vergessen - nicht für immer, dafür war gesorgt, aber
doch auf ein paar Stunden. Am Abend wollt er dann in den Querseiffner Kretscham
gehn, wo heute Tanz war.
    »Ich sitze jetzt zuviel an der Schnitzelbank und lebe... nun, wie leb ich?
Ja, wie wenn ich nur noch Botenfrau wär, Botenfrau für Opitz. Ich will es mir
heute raustanzen aus dem Geblüt.«
    Und damit ging er von seiner Kammer in die Küche, nahm da den Bunzlauer
Topf, drin ihm die Alte den Nachmittagskaffee warm zu stellen pflegte, vom Herd
und ging wieder auf seinen Schuppen zu. Die Hühner lagen hier in ihren
Erdlöchern und sahen ihn wie fragend an.
    »Ihr wollt mich wohl gar noch verantwortlich machen? Dummes Volk! Ich sag
euch, er wäre nicht rübergegangen, er hielt auf sich und hätte sich seine paar
Körner auch hier gesucht. Ihr seid schuld, ihr habt ihn verleitet, und er ist
euch bloss gefolgt, um euch nicht im Stich zu lassen. Nun ist er weg, und ihr
habt das Nachsehen. Solchen schönen Herrn kriegt ihr nicht wieder, verdient ihr
auch gar nicht.«
    Er unterhielt sich noch so weiter und freute sich, dass er seine gute Laune
wiederhatte.
    So vergingen etliche Stunden, und die Sonne machte schon Miene, hinter der
mit Tannen besetzten Höhe zu verschwinden. Lehnert aber, der all die Zeit über
mit besonderem Fleisse gearbeitet hatte, hatte seines in die Hobelspäne
gestellten Kaffees ganz vergessen und wollt eben aufstehen, um das Versäumte
nachzuholen, als die Mutter in grosser Hast und Aufregung vom Haus her auf ihn
zukam und in den Arbeitsschuppen hineinrief: »Ein Has, Lehnert, ein Has!«
    »Wo, Mutter?«
    »In unserm Korn.«
    Und ehe zwischen beiden noch weiter ein Wort gewechselt werden konnte,
sprang Lehnert auch schon von seiner Arbeit auf, lief auf das Haus zu, riss die
Flinte vom Riegel und stürzte durch die Hintertür, über den Hof fort, auf den zu
Feld und Wald hinüberführenden Brückensteg zu. Bevor er diesen aber erreichen
konnte, wurd es dem Hasen drüben nicht recht geheuer, der denn auch in kurzen
Sätzen, und zwar immer an dem Kornfeldstreifen entlang, auf den Wald zu
retirierte. Freilich nur langsam und mit Pausen. »Sieh, er sputet sich nicht
mal, er hat nicht mal Eile«, sagte Lehnert vor sich hin und legte den Kolben an
die Schulter und zielte. Da wurde der drüben mit einemmal flinker und eilte
sich, den kaum zehn Schritt breiten Abhang, der zwischen Acker und Wald die
Grenze zog, hinaufzukommen, aber eh er noch bis an das Unterholz heran war, fiel
der Schuss. Am Saume hin zog der Pulverrauch und wollte sich nicht gleich vertun;
Lehnert indes, der wohl wusste, dass er keinen Fehlschuss getan hatte, ging langsam
auf die Stelle zu, nahm den Hasen vom Boden und kehrte dann über Steg und Hof in
sein Häuschen zurück.
    »Da, Mutter. Der soll uns schmecken. Opitz kann sich den Hahn braten
lassen.«
    Erst als Lehnert diesen Namen nannte, kam der Alten die nur zu berechtigte
Sorge wieder, was Opitz zu dem allem wohl sagen würde, Lehnert selbst aber war
guter Dinge, sprach in einem fort von Haus- und Feldrecht und suchte der Alten
ihre Befürchtungen auszureden. Ob es ihm Ernst damit war und ob er wirklich an
sein »Haus- und Feldrecht« glaubte, war schwer zu sagen und blieb auch da noch
im ungewissen, als eine halbe Stunde später Opitz in Person von seiner Försterei
herüberkam und den Hasen forderte.
    Lehnert spielte den Unbefangenen, ja zunächst sogar den Verbindlichen und
bat Opitz, Platz nehmen zu wollen, und erst als dieser, unter Ablehnung der
Artigkeit, die Forderung wiederholte, stellte sich Lehnert mit dem Rücken an den
Ofen und sagte: »Was man nicht hat, kann man nicht geben.«
    Um Opitz' Züge, der nur zu gut wusste, dass er jetzt seinen alten Gegner in
Händen habe, flog ein spöttelndes Lächeln, und es trieb ihn mächtig, diesem
seinem Gefühle von Überlegenheit auch sofort einen Ausdruck zu geben. Er bezwang
sich aber und sagte: »Lehnert, Ihr nehmt den Streit wieder auf und tätet doch
klüger und besser, es nicht zu tun. Ich warn Euch. Ich mein es gut mit Euch.«
    »Ich habe den Hasen nicht.«
    »Ihr habt von dem Brückensteg aus gezielt und geschossen.«
    »Ich habe von dem Brückensteg aus geschossen, aber nicht gezielt. Der Hase
sass in unserm Feld; er ist jetzt öfters bei uns zu Gast, und nachts wird er wohl
mit Familie kommen. Ich brauche keinen Hasen in meinem Felde zu leiden, und ich
hab ihn verjagen wollen.«
    »Ein Has ist ein Has, und Ihr braucht bloss in die Hand zu klatschen...«
    »Aber ein Schuss hilft mehr.«
    »Namentlich, wenn er getroffen hat.«
    Lehnert schwieg und sah an Opitz vorbei, der seinerseits eine kleine Weile
vergehen liess, fast als ob er Lehnert eine Frist zur Überlegung gönnen wollte.
Als aber jedes Entgegenkommen ausblieb, nahm er zuletzt das Wort wieder und
sagte: »Lehnert, Ihr bringt Euch in Ungelegenheiten. Ihr habt einen Hass gegen
mich, und das verdirbt Euch Euren guten Verstand. Ihr streitet mir den Hasen ab,
Ihr, der Ihr immer von Eurer Wahrheitsliebe sprecht, und wäre mir doch ein
leichtes, den Hasen in Eurem Hause zu finden. Und wenn ich ihn nicht fände, so
doch Diana... Kusch dich... Ihr habt den Hasen verjagen wollen. Nun,
meinetwegen; das ist Euer gutes Recht. Und wenn Ihr's Euch einen Schuss Pulver
kosten lassen wollt, nun, so mag auch das hingehen, obwohlen es auffällig ist
und eigentlich nicht in der Ordnung. Es ist nicht Brauch hierzuland, einen Hasen
durch einen Flintenschuss zu verjagen. Und der Letztberechtigte dazu seid Ihr,
der Ihr schon manches auf dem Kerbholz habt. Ich sah von meiner Giebelstube her,
dass Ihr im Anschlag lagt, und ich sah auch, wie der Hase zusammenbrach. Und zum
Überfluss hab ich mir die Stelle drüben, eh ich in Euer Haus kam, mit allem
Vorbedacht angesehen und habe den Schweiss an dem hohen Farnkraut gefunden, das
drüben steht.«
    Die Bedrängnis, in der sich Lehnert befand, wuchs immer mehr, und ein
begreifliches Verlangen überkam ihn, aus dieser seiner Lage heraus zu sein. Er
war aber schon zu tief drin, und was die Hauptsache war, er konnte sich nicht
entschliessen zuzugeben, eine Lüge gesprochen zu haben. So pfiff er denn leise
vor sich hin, als ob er andeuten wolle, dass der Worte genug gewechselt seien.
    Opitz seinerseits aber war nicht willens, seinen Triumph abzukürzen, und
fuhr, während er eine gewisse Gütigkeitsrolle weiterspielte, ruhigen Tones fort:
»Ich sehe, Lehnert, dass Ihr ungeduldig werdet, und will Eure kostbare Zeit nicht
über Gebühr in Anspruch nehmen. Und so hört denn meinen letzten Vorschlag! Ich
will den Hasen nicht, und meine Frau, die's, wie Ihr wisst, gut mit Euch meint,
mag Euch auch noch den Speck dazu schicken. Und ich, Lehnert, ich will's bei dem
Grafen verantworten, und wenn er sich wundern sollte, so will ich, aus Rücksicht
für Euch, von einem Schreckschuss sprechen, der zufällig getroffen habe. Der Graf
ist ein gnädiger und nachsichtiger Herr, und wenn er das mit dem Schreckschuss
auch nicht glauben wird, so wird er doch so tun, als glaub er's. Aber das
verlang ich von Euch, dass Ihr Euch vor mir zu dem bekennt, was Ihr getan habt,
und dass Ihr Euch entschuldigt. Hab ich Euch doch mein Bedauern über den Hahn
ausgesprochen. Und war nicht dazu gebunden. Aber Ihr, Ihr seid's. Und nun heraus
mit der Sprache. Beichten ist immer das beste, da wird die Seele wieder frei,
nicht wahr? Und man kann jedem wieder ins Auge sehn.«
    »Kann ich!« sagte Lehnert, und sein Auge suchte das des Försters, um sich
mit ihm zu messen. Aber das Gefühl seines Unrechts war doch stärker als sein
Trotz, und er senkte den Blick wieder.
    Opitz lächelte.
    »Guten Abend, Frau Menz. Ich werde meine Frau von Euch grüssen. Und auch
Christinen. Und nun Gott befohlen!«
    Und ohne weiter ein Wort oder einen Blick an Lehnert zu richten, verliess er
das Haus und ging auf den Steg zu. Diana folgte.
 
                                Zehntes Kapitel
Die Alte war ihm bis in den Vorgarten gefolgt und rechnete darauf, dass er sich
noch einmal umsehen würde, für welchen Fall sie devotest zu knicksen vorhatte,
schliesslich aber gewahr werdend, dass auf einen gnädigen Abschiedsblick nicht
mehr zu rechnen sei, gab sie's auf und ging in die Stube zurück. Hier stand
Lehnert noch am alten Fleck und sah vor sich hin.
    »Ach, Lehnert, wenn du's doch nicht getan hättest... Und Speck will er uns
auch noch schicken. Sieh, so ist er immer und meint es gut. Aber wenn ich ihn
auch mit Schmand brate, schmecken tut er mir doch nicht. Wie kann er mir auch
schmecken? Wenn man Angst hat, schmeckt einem nichts, gar nichts, und will nicht
runter, und ich fühle schon, wie's mir hier sitzt und ordentlich vor der Brust
steht.«
    »Ach, Mutter, was soll das? Aber so bist du. Du willst alles haben, und wenn
dann nachher was passiert, was nach Gerichtsvorladung aussieht, oder wenn du gar
zu glauben anfängst, nun ist es mit dem Schinkenknochen und dem Liesenschmalz
drüben vorbei, dann heisst es wieder: ja warum auch? warum hast du geschossen?«
    »Ich habe nichts gesagt, ich habe dir nicht zugeredet.«
    Lehnert stampfte heftig auf, fiel aber rasch wieder ins Lachen und sagte:
»Wir wollen uns vertragen, Mutter. Du bist, wie du bist. Nein, zugeredet hast du
nicht. Du kamst bloss, als ob wenigstens das Haus in Brand stünd, und riefest:
Ein Has, ein Has! Nun sage, was hiess das? was sollte das? Sollt ich kommen und
mir das Wundertier ansehn? Oder ihn wegjagen? Kannst du nicht selber einen Hasen
wegjagen? Ich habe just das getan, was du wolltest, und du hast dabei gedacht:
Opitz wird heute still sein von wegen dem Hahn und vielleicht auch von wegen der
neuen Freundschaft. Und weil es nun anders gekommen, so bist du wieder mit
Vorwurf und Klage bei der Hand und weimerst mir wieder was vor, weil ich
geschossen hab, und sähest es am liebsten, ich ginge gleich rüber und würfe mich
ihm zu Füssen und küsste seinen Rockzipfel. Aber davon wird nichts. Er mag nun
wieder seine Schreiberei machen und alles zur Anzeige bringen. Aufschreiben und
Anzeigen versteht er, das war schon seine Kunst, als er noch bei den Soldaten
war. Aber ich werde mich schon zu verteidigen wissen und werde vor Gericht
aussagen, dass ich meinen Kohl und meinen Hafer, oder was es sonst ist, nicht für
Opitz und seine Hasen ziehe. Geschossen hätt ich blind drauflos, was dann aus
dem Hasen geworden, das wüsst ich nicht und braucht ich nicht zu wissen, und wenn
Opitz eines Hasen Schweiss gefunden habe, was ja sein könne, so sei's nicht der,
um den sich's hier handle, der sei lustig in die Welt gegangen.«
    »Aber dann werden sie dir einen Eid zuschieben. Willst du schwören?«
    »Nein, das will ich nicht. Schwören tu ich nicht. Aber ich werde schon was
finden, um aus der Geschichte rauszukommen.«
    Er sagte das so hin, halb um der Mutter zu widersprechen, halb um sie zu
beruhigen, war aber klug genug, zu wissen, dass er schwerlich eine Ausrede finden
und somit sehr wahrscheinlich einer zweiten Verurteilung entgegengehen werde.
Das war ihm ein schrecklicher Gedanke, so schrecklich, dass ihm alle Lust an der
Arbeit auf ganze Tage verlorenging und er umherzutabagieren begann, was er
ohnehin liebte. Den Tag über sprach er in dieser oder jener Baude vor oder ging
auch wohl ins Böhmische hinüber, wo er, bis nach Sankt Peter und Trautenau hin,
viel Anhang hatte, abends aber sass er in den nächstgelegenen Kretschams umher,
im »Waldhaus«, in Brückenberg, in Wang, heute hier und morgen da, und erzählte
jedem, der's hören wollte, dass wieder ein Krieg in der Luft sei, drüben in
Böhmen wüssten sie schon davon, und dass er seinerseits warten wolle, bis es
wieder losginge. Krieg in Frankreich, das sei das einzig vernünftige Leben; wenn
es aber nicht wieder losginge, nun, dann ginge er, und er wiss auch schon wohin.
Er wolle zu den Heiligen am Salzsee, da hätte jeder sieben Frauen, und wenn er
auch immer gesagt habe, dass eine schon zuviel sei, was auch eigentlich richtig,
so woll er's doch mal mit sieben versuchen; es sei doch mal was anderes. Er war
sehr aufgeregt und sprach immer in diesem Ton, und sein einziges Vergnügen war,
dass man ihn für einen Ausbund von Klugheit hielt und sich wunderte, wo er das
alles herhabe.
    Ja, das schmeichelte seiner Eitelkeit und gab ihm eine momentane
Befriedigung, die meiste Zeit aber war er nicht bloss unzufrieden mit aller Welt,
sondern auch mit sich selbst und konnte zu keinem festen Entschluss kommen. All
das Sprechen von Krieg und Auswanderung und Salzsee war doch nur ein müssiges
Spiel, im Grunde seines Herzens hing er mit Zärtlichkeit an seinem Schlesierland
und dachte gar nicht an Fortgehen, wenn ihm der Boden unter den Füssen nicht zu
heiss gemacht würde. Aber das war es eben. Machte »der da drüben« Ernst, so war
der heisse Boden da und zugleich der Augenblick, wo das, was er bisher bloss an
die Wand gemalt hatte, Wirklichkeit werden musste. Denn zum zweiten Mal ins
Gefängnis, das zu vermeiden, war er fest entschlossen, und so hing denn alles an
der Frage: wird Opitz Ernst machen oder nicht?
    Nach seinem ersten unmittelbaren Gefühle war an diesem Ernste wohl nicht zu
zweifeln, aber das Weibervolk drüben hatte grossen Einfluss, und wenn Bärbel und
Christine die rechte Stunde wahrnahmen, so war es doch am Ende möglich, dass sie
den trotz aller Schroffheit und Bärbeissigkeit auch wieder sehr bestimmbaren
Hausherrn dahin brachten, die Sache fallenzulassen. Und warum auch nicht? Was
war es denn gross? Ein Has. Und dass der Hase wirklich in dem Kornfeld gesessen,
darüber war kein Zweifel, dem konnte sich auch Opitz nicht entziehen, und wenn
er, Lehnert, in seinem Stolz und seinem Übermut auch keine Nachsicht verdienen
mochte, so doch die alte Frau, die so gut wie eine Bettlerin war, wenn man ihr
den Sohn noch einmal ins Gefängnis schickte.
So vergingen, ohne dass auf seiten Lehnerts etwas geschehen wäre, gegen
andertalb Wochen, und wär auch wohl noch weiter so gegangen, wenn nicht die
Plaudertasche, die Christine, gewesen wäre, die beständig alles, was drüben in
der Försterei vorging, zu den Menzes hinübertrug. Unter den kleinen Freiheiten,
die sie sich regelmässig nahm, war auch die, dass sie den Opitzschen Schreibtisch
beim Aufräumen und Staubabwischen einer gründlichen Revision unterzog, so dass
sie jederzeit wusste, wie die Dienstsachen standen. War das nun schon ihr
alltägliches Tun, so doppelt, seitdem Lehnert in Gefahr schwebte, der Gegenstand
oder das Opfer einer Opitzschen Schreibübung zu werden. Eine ganze Woche lang
hatte sich nichts finden lassen, heut aber, es war der Tag vor dem vierten
Sonntage nach Trinitatis, war ihr der lang erwartete Bericht an den Grafen, in
geschnörkelter Abschrift und sauber zwischen zwei Löschblätter gelegt, zu
Gesicht gekommen, und ehe noch eine Viertelstunde um war, war sie schon drüben,
um ihre Neuigkeit vor die rechte Schmiede zu bringen.
    »Liebe Frau Menz, ich habe es nun alles gelesen. Es sind drei Seiten, alles
fein abgeschrieben und unterstrichen, denn er hat ein kleines Pappelholzlineal,
das nimmt er immer, wenn er unterstreichen will, und das sind allemal die
schlimmsten Stellen.«
    »Jesus«, sagte Frau Menz und zitterte. »Sie können ihm doch nicht ans Leben,
bloss um den Has, und war noch dazu so klein, als ob er keine drei Tage wär, und
ich hab ihn eigentlich nicht essen können vor lauter Angst, bloss einen Lauf und
das Rückenstück, weil es doch zu schade gewesen wäre. Ach, du meine Güte, wenn
er um so was sterben sollte, da wäre ja keine Gerechtigkeit mehr, und der Kaiser
in Berlin wird doch wissen, dass er ein so guter Görlitzer war und dass er's
beinah gekriegt hätte...«
    »Gott, liebe Frau Menz, was Sie nur alles reden, so schlimm ist es ja nicht.
Und wär überhaupt gar nicht so schlimm, wenn es nicht das zweite Mal wär, oder
was sie, die so was schreiben, den Wiederbetretungsfall nennen. Das ist das
Wort, das drin steht. Und da machen sie denn gleich aus dem Floh 'nen Elefanten
und tun, als ob es wunder was sei, nicht weil es wirklich was Grosses und
Schlimmes wäre, nein, bloss von wegen dem zweiten Mal, von wegen dem
Wiederbetretungsfall. Und da sind sie denn wie versessen drauf, und das war auch
die Stelle mit dem dicken Strich... Das heisst die eine.«
    »Die eine? Aber du mein Gott, war denn noch eine?«
    »Gewiss war noch eine da, die war noch dicker unterstrichen, und das war die
von seinem Charakter.«
    »Ach, du meine Güte. Von seinem Charakter! Und die hat Opitz auch
unterstrichen? Ja, was soll denn das heissen? Ein Charakter is doch bloss, wie man
is. Und wie is man denn? Man is doch bloss so, wie einen der liebe Gott gemacht
hat, und wenn man auch nicht alles tun darf, aber seinen Charakter, ja, du mein
Gott, den hat man doch nu mal, und den wird man doch haben dürfen, und den kann
er nicht unterstreichen. Und ein Mann wie Opitz, den ich immer beknickst habe,
wie wenn er der Graf wäre. Gott, Christine, sage, Kind, was steht denn drin, und
was hat er denn alles gesagt?«
    »Er hat gesagt, dass man sich jeder Tat von ihm zu gewärtigen habe, das steht
drin, Frau Menz, und das Wort jeder ist noch extra rot unterstrichen und sieht
aus wie Blut, so dass ich einen regulären Schreck kriegte und bloss nicht wusste,
an wen ich dabei denken sollte, ob an Opitzen oder an Lehnert. Ja, liebe Frau
Menz, jeder Tat, so steht drin, und dass er aus diesem Grunde beantrage, die
Strafe streng zu bemessen, und zweitens auch deshalb, weil er viel Anhang und
Zuhörerschaft habe und überall in den Kretschams herumsitze und den Leuten
Widersetzlichkeit beibringe, was um so törichter und strafenswerter sei, als er
eigentlich einen guten Verstand habe und sehr gut wisse, dass alles, was er so
predige, bloss dummes Zeug sei. Er sei ein Verführer für die ganze Gegend, so
recht eigentlich, was man einen Aufwiegler nenne, und rede beständig von
Freiheit und Amerika und dass es da besser sei als hier, in diesem dummen Lande.
Ja, Frau Menz, das alles hat Opitz geschrieben, und am Schlusse hat er auch noch
geschrieben, dass man an Lehnert ein Exempel statuieren müsse, damit das Volk mal
wieder sähe, dass noch Ordnung und Gesetz und ein Herr im Lande sei.«
    »Das alles?«
    »Ja, Frau Menz, das alles. Denn das weiss ich schon, weil ich öfter so was
lese; wenn er erst mal im Zug ist, dann ist kein Halten mehr, und auf eine Seite
mehr oder weniger kommt es ihm dann nicht an, schon weil er eine hübsche
Handschrift hat und mitunter zu mir sagt: Nu, Christine, wie gefällt dir das
grosse H?, und vor allem, weil er gerne so was schreibt von Ordnung und Gesetz
und dabei wohl denken mag, so was lesen die Herren gern und halten ihn für einen
pflichttreuen Mann. Ja, liebe Frau Menz, so redt er in einem fort zu Haus, und
so schreibt er auch, und dann stellt er sich vor meine gute Frau hin und sagt:
Sieh, Bärbel, ich bin nur ein kleiner Mann, aber das tut nichts, jeder an seinem
Fleck, und das weiss ich, ich sorge darfür, dass die Fundamente bleiben, und bin
eine Stütze von Land und Tron.«
    Christine hätte wohl noch weitergesprochen, aber Lehnert, der schon von früh
an oben im Dorf gewesen war, kam eben von Krummhübel zurück, wohin er eine
Wagenachse abgeliefert hatte. Christine mocht ihm nicht begegnen, um nicht aufs
neue in ein Gespräch verwickelt zu werden, oder vielleicht auch, weil sie die
Wirkung der schlimmen Nachricht auf ihn nicht selber sehen wollte. So nahm sie
denn ihren Weg über den nach der Waldseite hin gelegenen Brückensteg und kehrte
auf einem Umwege und unter Benutzung einiger im Lomnitzbette liegender Steine
nach der Försterei zurück.
 
                                 Elftes Kapitel
Frau Menz hatte zu schweigen versprochen, aber sie war unfähig, etwas auf der
Seele zu behalten, und so wusste Lehnert nach einer Viertelstunde schon, was
Christine berichtet hatte.
    »Lass ihn, er wird nicht weit damit kommen!«
    Er sagte das so hin, um die Mutter, so gut es ging, zu beruhigen, in seinem
Herzen aber sah es ganz anders aus, und er ging auf das Fenster zu, das er
aufriss, um frische Luft einzulassen. Er hatte diesen Ausgang wohl für möglich,
aber, bei der Fürsprache drüben, keineswegs für wahrscheinlich gehalten, und nun
sollte doch das Schlimmste kommen, und wenn er sich diesem Schlimmsten entziehen
wollte, so gab es nur ein Mittel und musste nun das geschehen, womit er bis dahin
in seiner Phantasie bloss gespielt hatte: Flucht. Ungezählte Male war es ihm eine
Freude gewesen, von dem elenden Leben in diesem Sklavenlande zu sprechen, von
der Lust, dieser Armseligkeit und Knechterei den Rücken zu kehren und übers Meer
zu gehen, und doch - jetzt, wo die Stunde dazu da war, das immer wieder und
wieder mit Entzücken Ausgemalte zur Tat werden zu lassen, jetzt wurd er zu
seiner eigenen Überraschung gewahr, wie sehr er seine Heimat liebe, sein
Schlesierland, seine Berge, seine Koppe. Das sollte nun alles nicht mehr sein.
Um nichts, oder um so gut wie nichts, war er das erstemal von Opitz zur Anzeige
gebracht worden, und um nichts sollt es wieder sein. Was war es denn? Ein Has,
der in seinem Kornfeld gesessen und den er über Eck gebracht hatte. Das war
alles, und dies alles war eben nichts. Und wenn es etwas war, wer war schuld
daran? Wer anders als »der da drüben«, der ihm den Dienst verleidet hatte, sonst
wär alles anders gekommen, und er wäre, was eigentlich sein Ehrgeiz und seine
Lust war, bei den Soldaten geblieben und hätte seinem König weiter gedient und
hätte jedes Jahr Urlaub genommen und wäre dann mit dem Hirschfänger und dem
Czako durch die Dorfstrasse gegangen, und alles hätte gegrüsst und sich über ihn
gefreut. »Um all das hat er mich gebracht, weil er mir's missgönnte, weil er
nicht wollte, dass wer neben ihm stünde. Ja, er ist schuld, er allein. Um das
Kreuz hat er mich gebracht, aber mein Haus- und Lebenskreuz war er von Anfang an
und hat mich geschunden und gequält, und wie damals, so tut er's auch heute
noch. Er hat mir das Leben verdorben und mein Glück und meine Seligkeit.«
    Als er das letzte Wort gesprochen, brach er ab und sah vor sich hin. Alles,
was in Nächten, wenn er nicht schlief, ihm halb traumhaft erschienen war,
erschien ihm in diesem Augenblicke wieder, aber nicht als ein in Nebelferne
vorüberziehendes Bild, sondern wie zum Greifen nah, und in seiner Seele klang es
noch einmal nach: »und meine Seligkeit«.
    Es war Mittag, und Frau Menz brachte die Mahlzeit. Aber Lehnert ass nicht,
und als die Alte ihm zuredete, wies er es kurzerhand ab, stand auf und ging in
seine Kammer, um, was ihn peinigte, loszuwerden und Ruhe zu suchen. Wenn er
hätte schlafen können! Aber er fühlte nur, wie's hämmerte. Mit einem Male sprang
er auf. »Nein, ich bleibe. Nicht fort. Ich will nicht fort. Einer muss das Feld
räumen, gewiss. Aber warum soll ich denn der eine sein? Warum nicht der andere?
Mann gegen Mann... und oben im Wald... und heute noch. Ich sage nicht, dass ich's
tun will, ich will es nicht aus freien Stücken tun, nein, nein, ich will es in
Gottes Hand legen, und wenn der es fügt, dann soll es sein... Und das Papier
drüben und alles, was drin steht, das will ich schon aus der Welt schaffen...
Und wenn ich ihm nicht begegne, dann soll es nicht sein, und dann will ich mich
drein ergeben und will ins Gefängnis oder will weg und über See.«
    Lehnert war klug genug, alles, was in diesen seinen Worten Trugschluss und
Spiegelfechterei war, zu durchschauen; aber er war auch verrannt und befangen
genug, sich drüber hinwegzusetzen, und so kam es, dass er sich wie befreit
fühlte, nach all dem Schwanken endlich einen bestimmten Entschluss gefasst zu
haben. Er wartete bis um die sechste Stunde, legte dann, wie stets, wenn er ins
Gebirge wollte, hirschlederne Gamaschen an und stieg, als er sich auf diese
Weise marschfertig gemacht hatte, von seiner Bodenkammer wieder in die Wohnstube
hinunter. Hier riss er aus dem unter der Jagdflinte hängenden Kalender ein paar
Blätter heraus und wickelte was hinein, was wie Flachs oder Werg aussah. Alles
aber tat er in eine Ledertasche, wie sie die Botenläufer tragen, gab dann der
Alten, unter einem kurzen »Adjes, Mutter«, die Hand und ging auf das sogenannte
»Gehänge« zu, den nächsten Weg zum Kamm und zur Koppe hinauf. Drüben in der
Försterei schien alles ausgeflogen. Nur Diana lag auf der Schwelle und sah ihm
nach.
Lehnert verfolgte seinen Weg, der ihn zunächst an den letzten Häusern von
Wolfshau vorüberführte. Von hier aus bis zu dem das gräfliche Jagdrevier auf
Meilen hin einhegenden Wildzaun waren keine tausend Schritt mehr, ein mit
Kusseln besetztes, von einem schmalen Weg durchschnittnes Waldvorland, auf dem
sich in diesem Augenblick eine Krummhübler Kinderschar heranbewegte, lauter
halbwachsene Mädchen, die, von ihrem Lehrer geführt, eine Tagespartie nach der
Schwarzen Koppe hinauf gemacht hatten. Lehnert blieb stehen; als sie näher
kamen, sah er, dass sie Blumen in Haar und Hand trugen. Und dazu sangen sie:
»Schlesierland! Schlesierland!
Du bist es, wo meine Wiege stand.
Wo die Schneekoppe hoch in die Wolken steigt,
Wo der Kynast grau die Zinnen zeigt,
Wo Rübezahl tief im Berge tront,
Wo Liebe, Frohsinn, Treue wohnt,
Schlesierland! Schlesierland!
Du bist es, wo meine Wiege stand.«
Es war dasselbe Lied, das er in seinen Knabentagen und dann später, bei den
Jägern, auf manchem heissen Marsch in Frankreich gesungen hatte. Wie das Lied ihn
jetzt ins Herz traf, und er trat zurück, um den jungen Dingern, von denen die
meisten ihn kannten, den Weg freizugeben. Sie nickten ihm zu, und eine gab ihm
im Vorübergehen den Enzianenkranz, den sie hoch oben im Gebirge gepflückt und
geflochten hatte. »Da, Lehnert!« Und kaum, dass sie vorbei waren, so nahmen sie
das Lied wieder auf und sangen die letzte Strophe:
»Schlesierland! Schlesierland!
Du bist es, wo meine Wiege stand,
Ach, werd ich je dich wiedersehn,
Im Schatten deiner Tannen gehn,
Am Hügel meiner Eltern knien
Und sehen, wie die Wolken ziehn?
Auch in der Ferne knüpft mich ein Band
An dich, geliebtes Heimatland.«
Lehnert, als sie so sangen, hatte die Schlusszeilen unwillkürlich mitgesungen und
wiederholte sie sich, als ob er in diesem Augenblicke schon ein tiefstes Heimweh
in seinem Herzen empfunden hätte.
    dabei war er bis an den Wildzaun gekommen, bis an das Gatter, aus dem die
Mädchen eine kleine Weile vorher herausgetreten waren. Er öffnete jetzt
seinerseits das aus Holzstämmen zusammengefügte, schwer in den Angeln gehende
Tor und liess es wieder ins Schloss fallen, und der Ton, mit dem es einklinkte,
durchfuhr ihn und liess ihn zusammenschauern. Er war nun drin in dem Waldgehege.
Was war geschehen oder doch vielleicht geschehn, wenn er wieder heraustrat? Aber
er entschlug sich solcher Gedanken und schritt die geradlinige, steile Strasse
hinauf, das »Gehänge«, das hier am Gatter seinen Anfang nahm und abwechselnd an
hochstämmigem Wald und niedriger Kusselheide vorüberführte. Dann und wann kamen
auch Wiesenstreifen und Streifen von Moorgrund. Es war jetzt um die siebente
Stunde und die Sonne, für die Talbewohner, noch über dem Horizont, hier oben
aber herrschte schon Dämmer und abendliches Schweigen, und nur dann und wann
hörte man das Klucken und Glucksen eines bergabschiessenden Wasserlaufes oder
eine vereinzelte Vogelstimme. Kein Schmettern oder Singen, nur etwas, das wie
Klage klang. Am Himmel, der hell leuchtete, wurde die Mondsichel sichtbar, ein
blasser Ring, und einmal war es Lehnert, als ginge wer neben ihm her. Aber es
war eine Sinnestäuschung, und wenn er seinen Schritt anhielt, schwieg auch der
begleitende Schritt im Walde.
    So war er, das »Gehänge« hinauf, schon bis ziemlich hoch gekommen, und durch
eine bergan steigende Lichtung im Walde konnt er bereits den Gebirgskamm in
aller Deutlichkeit erkennen. Er sah aber nicht lange hinauf, sondern setzte
sich, plötzlich der Ruhe bedürftig, auf eine Bank, die man hier, wohl zu Nutz
und Frommen bergan steigender Sommergäste, zwischen zwei dicht nebeneinander
stehenden Tannen angebracht hatte. Das dachartig überhängende Gezweige war
Ursache, dass es um die ganze Stelle her schon dunkelte, trotzdem war es noch
hell genug, um alles Nächstliegende deutlich erkennen zu können. An der anderen
Seite des Weges sprang ein Quell aus einer nur wenig übermanneshohen Felswand,
und der Umstand, dass man dem Quell eine zierliche Holzrinne gegeben und ihn in
geringer Entfernung, davon in einen von Moos überwachsenen Steintrog geleitet
hatte, gab diesem Rastplatz etwas von einem Waldidyll. An dem Steintroge vorbei
zog sich, nicht allzu weit unter dem Kamm hin, ein dem Zuge desselben folgender
Pfad, der zuletzt auf die Hampelbaude zulief.
    Lehnert wusste hier Bescheid auf Schritt und Tritt und hatte manch liebes Mal
auf dieser Bank gesessen und nach dem Quell hinübergesehen und gehorcht, ob
vielleicht Opitz aus dem Unterholz heraustreten würde. Fast zu gleichem Zwecke
sass er wieder hier, und als sich's drüben einen Augenblick wie regte, schoss ihm
das Blut zu Kopf, und er griff unwillkürlich nach links, wie wenn er, der doch
noch ohne Waffe war, das Gewehr von der Schulter reissen wollte. Rasch aber
entschlug er sich seiner Erregung wieder, und an ihre Stelle trat ein Lächeln.
War er doch mit nichts ausgerüstet als mit einer Tasche, wie sie die Führer und
Botenläufer tragen, und wenn Opitz in diesem Augenblicke wirklich aus dem Walde
drüben herausgetreten wäre, so hätt er ihm einen »guten Abend« bieten und trotz
aller Bitterkeit im Herzen ein Gespräch über den Koppenwirt oder über den
nächsten Krieg oder über die »Görlitzer« mit ihm haben müssen. Er wurd überhaupt
wieder unsicher und verlangte nach einem weitern Zeichen, das ihm noch einmal
sage, was er zu tun habe. So brach er denn einen dürren Zweig ab und machte zwei
Lose daraus, in Länge nur wenig voneinander unterschieden, und tat beide in
seinen Hut. Und nun schüttelte er und zog und mass. Er hatte das etwas längere
Stück gezogen. »Gut dann... es soll also sein...«, und mit einer Raschheit, in
der sich die Furcht vor einem abermaligen Schwanken und Unschlüssigwerden
aussprach, erhob er sich von seiner Bank und schlängelte sich mit einer
Findigkeit, die deutlich sein Zuhausesein an dieser Stelle zeigte, durch
allerhand dichtes Unterholz bis auf eine Waldwiese, die, nach der einen Seite
hin, ganz besonders aber in der Mitte, mit riesigen Huflattichblättern
überwachsen war, während sie nach der anderen Seite hin in buschhohem
Farrenkraut stand, das sich, heckenartig, an einer niedrigen Felswand
entlangzog. In Front dieser Buschhecke war nirgends ein Einschnitt, weshalb
Lehnert, der dies sehr wohl wusste, seinen Eingang von der Seite her nahm und
sich zwischen dem Farrenkraut und der Felswand hindurchdrängte, mit seiner
Rechten an dem Gesteine beständig hintastend. Als er bis in die Mitte war, war
auch die Felsspalte da, nach der er suchte, freilich nur schmal und eng. Er
streifte deshalb den Ärmel in die Höh, um bequemer mit Hand und Unterarm hinein
zu können, und nahm, als ihm dies gelungen, aus einer in der Felsspalte
befindlichen Nische sein Doppelgewehr heraus, das hier, bis an den Kolben in ein
Futteral von Hirschleder gesteckt, seinen Versteck hatte. Gleich danach hielt er
auch Pulverhorn und Schrotbeutel in Händen, und abermals einen Augenblick später
von einem der von seiner Wohnung her mitgenommenen alten Kalenderblätter einen
breiten Streifen abreissend, der als Schusspfropfen dienen sollte, lud er jetzt
beide Läufe, setzte die Zündhütchen auf und hakte das mit zwei Drahtösen
versehene Stück Werg, das ein falscher Bart war, über die Ohrwinkel. Und nun
wand er sich, wie vorher zu diesem Versteck hin, so jetzt mit gleicher Raschheit
durch Farrenkraut und Unterholz zurück und trat wieder auf die grosse Strasse
hinaus. Er war derselbe nicht mehr. Der flachsene Vollbart, der aus Zufall oder
Absicht tief eingedrückte Hut, der Doppellauf über der Schulter - das alles gab
ein Bild, das in nichts mehr an den Lehnert erinnerte, der vor einer
Viertelstunde noch, schwankend und unsicher, auf der Bank am Quell gesessen
hatte.
    »Nun, mit Gott«, sprach er vor sich hin und stieg höher hinauf, auf den Grat
des Gebirges zu.
Stiller wurd es, und niemand begegnete ihm. Nur einmal trat ein Rehbock auf eine
Lichtung und stand, und Lehnert griff schon nach dem Gewehr, um anzuschlagen.
Aber im nächsten Augenblicke war er wieder anderen Sinnes geworden. »Nein, nicht
so. Sein Schicksal soll über ihn entscheiden, nicht ich. Ich will ihn nicht
heranrufen; ich hab es in eine höhere Hand gelegt.« Und sein Gewehr wieder über
die Schulter hängend, schob er sich weiter an den Tannen hin. Aber es waren
ihrer nicht allzu viele mehr, immer lichter wurd es zwischen den Stämmen, und
kaum hundert Schritte noch, so lag der Wald zurück, und ein breites Stück
Moorland tat sich auf, durch das, jetzt, mitten hindurch, der Weg unmittelbar
auf den Grat hinaufführte. Wo der Torf nicht zutage lag, war alles von einem
gelben, sonnverbrannten Gras überwachsen; dazwischen aber blinkten Sumpf und
Wasserlachen, auf deren schwarzer Fläche die Mondsichel sich spiegelte. Kein
Leben, kein Laut. Aber während Lehnert dieser Lautlosigkeit noch nachhorchte,
klang plötzlich, durch die tiefe Stille hin, ein helles Läuten herauf.
    »Das ist das Kapellchen unten. Das fängt an und läutet den Sonntag ein.«
    Und wirklich, ehe noch eine Minute vergangen, fiel das ganze Tal mit all
seinen Kirchen und Kapellen ein, und wie im Wettstreit klangen die Glocken
mächtig und melodisch bis auf den Koppengrat hinauf. Und nun war auch Lehnert
oben und sah hinab. Der Mond gab eben Licht genug, ihn alles im Tal unten, drin
eben ein dünner Nebel aufstieg, wie in einem halben Dämmer erkennen zu lassen.
Da lagen die beiden Falkenberge, deren einer seine Zacken phantastisch
emporstreckte, dahinter aber waren die Friesensteine, noch von einem letzten
Widerscheine des Abendrots überglüht.
    Lange sah er hinab, bis der Widerschein verblasst und das weite Tal unten
nichts mehr als eine Nebelkufe war. Nur um ihn her war noch klare Luft, und die
Mondsichel blinkte.
    »Wohin jetzt?« fragte er sich.
    Er sah nach links hin, den Grat entlang, und bemerkte das Licht, das oben
auf der Koppe schimmerte.
    »Wenn ich mich ranhalte, bin ich in zwanzig Minuten oben... Und dann bin ich
ihm nicht begegnet. Aber warum nicht? Weil ich ihm nicht begegnen konnte, weil
ich ihm aus dem Wege gegangen bin. Ist das das Rechte? Heisst das sein Schicksal
befragen? Ich darf ihm nicht aus dem Wege gehen, das ist kein richtig Spiel; ich
muss dahin, wo sich's begegnen lässt... Da ist mein Platz.«
    Und rasch entschlossen wandt er sich wieder und schritt denselben Weg
zurück, auf dem er gekommen war.
    Solang er das Moor und seine freie Fläche zu seiten hatte, hing er allerhand
Träumereien nach, kaum aber dass der Hochwald wieder um ihn her war, so schien
auch sein Auge zwischen den Stämmen hin das Dunkel durchdringen zu wollen. Aber
es blieb trotzdem, wie's war, und er war schon wieder bis an jene Wegstelle, wo
sich die Bank befand und der Quell in den Steintrog fiel, ohne dass sich etwas
geregt oder ihm auch im geringsten nur die Gegenwart seines Gegners verraten
hätte. »Was soll er auch hier auf der grossen Strasse? Feige bin ich, nichts als
Feigheit.« Und sich von der Bank her, drauf er abermals eine kurze Rast
genommen, zum Weitergehen anschickend, bog er drüben in den am Steintroge
vorüberführenden Querpfad ein, der in langer Linie, waagrecht und ohne jede
Steigung, auf die Hampelbaude zulief. »Da will ich hin. In der Hampelbaude will
ich schlafen. Und hab ich ihn bis dahin nicht getroffen, so soll es nicht sein.
Und ich muss ins Prison oder in die weite Welt.«
    Er musste so sprechen, denn er wusste nur zu gut, dass er bis dahin mit der
Begegnungsfrage bloss gespielt hatte. Jetzt aber musste sich's zeigen. Und
wunderbar, statt erregter zu werden, ward er mit jedem Augenblicke stiller und
seine Seele ruhiger, vielleicht, weil er jetzt ein Ende absah. Und ihn verlangte
danach, so oder so. Nur eines war ihm lästig, die Mondsichel blinkte so hell,
als ob Vollmond wäre. »Der Bart ist doch immer nur eine halbe Verkleidung. Und
wenn die Toten auch schweigen... Es wäre besser, die Wolke drüben legte sich
vor.«
    Und wirklich, sie tat's. Und was jetzt niederflimmerte, war nur noch das
matte Licht der Sterne...
    Da kam wer auf ihn zu. »Steh!« Opitz war um eine Wegecke gebogen und hielt
auf fünf Schritt.
    Und Lehnert stand.
    »Gewehr weg! Was ein Richtiger ist, der weiss, wie sich's gehört. Aber du
bist wohl ein Böhm'scher... Eins, zwei...«
    Lehnert, das Gewehr in der Hand, zögerte noch.
    »Gewehr weg... drei.« Und im selben Augenblicke schlug der Hahn auf das
Piston. Aber das Zündhütchen versagte.
    Und nun schlug Lehnert an, und zwei Schüsse krachten.
    Opitz brach zusammen.
    In engem Bogen an ihm vorbei ging Lehnert auf die Hampelbaude zu.
 
                                Zwölftes Kapitel
Zehn Uhr war durch, als Lehnert, der inzwischen sein Gewehr an einem anderen
Versteckort wieder untergebracht hatte, bei der Hampelbaude eintraf. Trotz
später Stunde war noch Leben drin, sogar Tanz, zu dem zwei böhmische
Harfenistinnen von mittleren Jahren und ein zwölfjähriger Geiger lustig
aufspielten. Lehnert setzte sich und liess sich ein Nachtessen geben, als es aber
vor ihm stand, schob er es wieder zurück und sprach nur dem Bier zu. Was um ihn
her tanzte, waren Sommergäste, darunter Mütter, die dicht vor der silbernen
Hochzeit, und Töchter, die dicht vor der ersten Konfirmationsstunde standen.
Auch die Väter waren, in Ermangelung anderen Tanzmaterials, mit herangezogen
worden, behäbige Männer mit ängstlich kurzen Hälsen, die durch Bemerkungen wie
»frei weg« oder »immer feste« jeder weiteren Legitimation hinsichtlich ihres
Wohnorts entbehren konnten. Dazwischen trippelten die Backfische mit hohen
Knöpfstiefeln und lang herabhängendem Haar, dessen letzte natürliche Welle dem
voraufgegangenen sechsstündigen Marsch in Julihitze längst zum Opfer gefallen
war. Zwei, die vierzehn und dreizehn sein mochten, hatten ernste Freundschaft
geschlossen und gingen, während der Tanzpausen, um die Taille gefasst, in dem mit
Petroleumqualm gesättigten Saalzimmer auf und ab.
    »Sieh, Ulrike, sieh bloss Hedwigen«, sagte der Vater der älteren, der jetzt
als Cavaliere servente hinter dem Stuhl seiner Frau stand, »sieh bloss Hedwigen,
wie sie die Augen schmeisst; ich glaube, die wird gut. Wahrhaftig, was ein guter
Haken werden will...«
    »Ich bitte dich, Hermann, keine Unanständigkeiten...«
    »Aber, Ulrike, Haken ist doch nicht unanständig.«
    »Nein. Aber besser ist besser. Ich kenne deine Anfänge und deine Schlüsse.«
    Lehnert sah auf das Treiben, und mitunter konnt es fast den Anschein
gewinnen, als freue er sich darüber, am meisten, wenn die jungen Dinger, von
denen einige immer aus dem Takte heraus und andere noch gar nicht hinein waren,
an ihm vorbeiwalzten. Dann aber schwand mit einemmal wieder alles, was um ihn
her war, und er sah wieder Opitz um die Buschecke biegen und hörte, wie der Hahn
aufschlug, und sah ihn zusammenbrechen. »Er hat es nicht anders gewollt... Ob er
tot ist...? Er muss tot sein.. .« Und während er noch so sann und in sich
hineinredete, trat er aus dem heissen Saal ins Freie hinaus und sah nach dem
Gehänge hinüber und dann hinauf in den gestirnten Himmel. Da stand die Sichel in
aller Klarheit über ihm, aber über dem Toten am Wege stand sie auch.
    Eine kalte Nachtluft ging, und Lehnert trat wieder in den Saal, der sich
allmählich zu leeren anfing.
    Als die letzten fort waren, erschien Lissi, seine gute Freundin, auch eine
Böhmin, in der Tür und sagte: »Nun, Lehnert, was meinst? wenn ich der Berta
zurede, spielt sie noch einen Ländler auf, einen Ländler oder einen
Schott'schen.« Und die Harfenistin, die jedes Wort, das die beiden sprachen,
gehört und guten Grund zur Freundschaft mit der Kellnerin hatte, fuhr auch
gutwillig über die Saiten. Aber Lehnert wich aus und sagte, »dass er die fremden
Herrschaften, die gewiss sehr müde seien, in ihrem Schlafe nicht stören wolle«.
    »Was du da nur redst, Lehnert! Du willst halt nit. Das is alles. Aber gib
acht, wenn du willst, will ich nit.« Und damit griff sie nach einer ganzen
Anzahl von Seideln, die leer auf den Tischen umherstanden, und ging spöttisch
und hochmütig an Lehnert vorüber. Zuletzt kam auch der Wirt. »Nu, Lehnert, ich
sehe, du willst zu Nacht bleiben. Schlimm; alles voll bis unters Dach. Aber komm
nur, ich weiss schon, was du gern hast.« Und dabei ging er voran und stieg,
während Lehnert folgte, draussen am Giebel eine Leiter hinauf, die zunächst bis
an eine Lukentür und durch diese hindurch nach dem Heuboden führte.
    Lehnert machte sich's hier bequem und suchte zu schlafen. Aber es war zu
schwül und der Heugeruch zu stark. So trat er denn wieder bis an die Lukentür
heran und riss einen der beiden Flügel auf. Aber ebenso rasch schloss er ihn
wieder. Schräg über ihm stand die Mondsichel und sah herab auf ihn und fragte.
Bald nach Tagesanbruch war Lehnert auf. Alles schlief noch, und nur das hübsche
böhmische Mädchen, das er am Abend zuvor durch sein »Nein« erzürnt hatte, stand
im Hof und spaltete Holz. Sie schien ihn nicht sehen zu wollen. Er trat aber an
sie heran und sagte: »Lass gut sein, Lissi. Du weisst, ich bin kein Spielverderber
und weiss, was sich passt. Und wenn einem ein hübsches Mädel, und nun gar eins wie
du, einen Kuss oder einen Tanz anbietet, da soll man nicht nein sagen. Das weiss
ich so gut wie einer. Und hab ich dir schon was abgeschlagen? Nun, siehst du, du
lachst. Also lass gut sein. Ich konnte nicht, mir war so schwindlig, und ich
hätte von dem Bier nicht trinken sollen. Am Ende hast du was hineingetan, was
einen behext. Und nun mache mir einen Kaffee, hörst du? Und vergiss nicht, wer
zuerst kommt, der mahlt zuerst. Für die Berliner ist das andere gut genug.«
    »Pst.«
    »Ach, die schlafen ja noch.« Und damit ging er auf einen Vorplatz zwischen
Stall und Giebel und setzte sich in eine Gitterlaube, die an der windgeschützten
Seite mit Convolvulus spärlich umwachsen war.
    Und nicht lange, so kam der Kaffee mit Brot und Butter und einem Cognac;
denn Lissi kannte seine Gewohnheiten. »Auf dein Wohl, Lissi! Und das nächste Mal
tanz ich, bis ich umfalle.« Und als er das sagte, streckte er die Hand nach ihr
aus. Aber sie gab ihm einen Klaps und sagte: »Du denkst halt, jede Stund ist gut
zum Brezelbacken. Aber da irrst, das is nit wahr. Wer nicht kommt zur rechten
Zeit ... Und jetzt ist nicht rechte Zeit, und morgens ist nicht abends... Aber
mein Gott, da klingelt es schon und ruft auch schon. Ich wette, das ist die
dicke Madame, die gestern tanzte, wie wenn ihre Hochzeit wär!«
    Wirklich, es war drinnen im Hause lebendig geworden, und Lissi ging hinein
und überliess Lehnert seinem Frühstück und seinen Betrachtungen, die nicht
freundlich, aber auch nicht traurig waren. Gestern, als er hier ankam, war er in
einer vollständigen Erschöpfung gewesen, und das Geschehene hatte noch mit all
seinem Graus auf ihm gelastet. Das war aber über Nacht anders geworden, vier
Stunden festen Schlafs hatten ihm seine Spannkraft und Energie zurückgegeben und
liessen ihn jetzt das Behagen an einem gut besetzten Frühstückstische voll
geniessen. Was alles in allem überhaupt kein Wunder nehmen konnte. Denn wenn er
schon, wie soviel andere, die Fähigkeit hatte, sich die Dinge, auch die
schlimmsten, nach seinem Wunsch und Gebrauch zurechtzulegen, so war, im
besonderen, alles, was sich gestern abend ereignet hatte, so wunderbar glücklich
für ihn verlaufen, dass selbst ein zu Trugschlüssen und Spiegelfechtereien minder
geneigter Charakter als der seine Veranlassung gehabt hätte, sich über
Gewissensskrupel einigermassen hinwegzusetzen. Was er vorgehabt hatte, nun,
darüber mochte sich streiten lassen, was sich aber tatsächlich ereignet hatte,
war nichts als ein Akt der Notwehr gewesen. Opitz hatte den ersten Schuss getan,
und wenn dieser Schuss versagt und nun ihm das Spiel in die Hand gegeben hatte,
so war das so recht ein Zeichen, das ihn in seinem Gemüt beruhigen durfte. Das
Frühere, mit der Begegnung oder Nichtbegegnung und dem Gottesurteil, das darin
liegen sollte, das war etwas Ausgeklügeltes gewesen, jetzt aber war Gott aus
freien Stücken für ihn eingetreten und hatte gegen Opitz entschieden. Er
seinerseits war nur Werkzeug gewesen, dessen sich die Vorsehung zur Abstrafung
eines bösen Menschen bedient hatte.
    Dies waren so die Vorstellungen, in denen er sich erging und die so stark
waren, dass selbst die Stimme des Mitleids darin erstickte. Nur an die Frau dacht
er mit Teilnahme. »Sie war immer gut gegen mich; aber sie wird sich trösten und
nach Jahr und Tag dem vielleicht danken, der's tat und sie mit befreite. War sie
doch eine Kreuzträgerin, und das tägliche Brot, das sie hatte, war ein
Tränenbrot.«
    Und nun war sein Frühstück beendet, und er trat eben aus der Laube heraus,
um seinen Weg, er wusste noch nicht wohin, fortzusetzen, als dieselbe Madame,
deren Stimme sich schon vor einer halben Stunde mit einem so scharfen Ton
angekündigt hatte, in einer merkwürdigen Mischung von Nacht- und Morgenkostüm
auf ihn zukam und ihn fragte, ob er sie vielleicht, über den Kamm weg, bis nach
Schreiberhau hinführen und dabei das Gepäck tragen wolle.
    Lehnert, der nie Führerdienste geleistet hatte, suchte noch nach einer
möglichst artigen Form der Ablehnung, als ihn die plötzliche Dazwischenkunft
eines in seiner Erscheinung die Dame noch weit in den Schatten stellenden
älteren Herrn aller unmittelbaren Antwortsbenötigung überhob. Natürlich war es
der Eheherr. Seine nach oben hin jeden Halts entbehrenden Beinkleider fielen,
nach unten zu, ganz nach Art einer französischen Artilleriehose, faltenreich
über den Spann und bedeckten hier die Mittelteile seiner Plüschpariser von
ponceauroter Farbe. Sonstige Mängel verbargen sich hinter einer dunkelgelben,
mit einem springenden Panter ausgestatteten Reisedecke, die königsmantelartig
um seine Schultern geschlagen war.
    »Ja, lieber Pfadfinder«, nahm der so plötzlich Hinzugekommene das Wort,
»nach Schreiberhau hin. Selbstverständlich über den Kamm, und zwar mit allen
Schikanen, worunter ich Aussichtspunkte verstehe. Was mich persönlich angeht, so
bin ich entschieden für den Mittagsstein, ein Wort, das immer angenehm berührt,
wenn auch schliesslich nicht viel daraus wird, meine Frau, geborne Lezius, aber
wird wohl für die Grosse Sturmhaube sein. Oder wenigstens für die kleine. Nicht
wahr, Ulrike?«
    Lehnert hatte sich mittlerweile sein »Nein« zurechtgelegt und sagte, dass
er's beim besten Willen nicht übernehmen könne, auch nicht einmal dürfe. Wenn er
aber einem Führer begegne, so werd er ihn schicken. An der Riesenbaude gäb's
ihrer immer ein halbes Dutzend. Das Ehepaar schien damit einverstanden, und eine
Zigarre, die der Lohn dieser Auskunft war, wurde von Lehnert dankend und
lächelnd angenommen. Dann empfahl er sich und ging auf die Riesenbaude zu. Hier
angekommen, entledigte er sich seines Auftrages und bog dann, an der Aupa hin,
in den Riesengrund ein, sich berechnend, dass er um zehn in Trautenau sein könne.
Da (das wusst er) fand er Freundschaft und Anhang und konnte leicht weiter, fort
in die Welt, und war dann keine Not und Gefahr mehr. Aber musst er denn fort? Um
was war denn das alles geschehen? Doch nur, um nicht in die Welt hinaus zu
müssen. Wenn er aber umgekehrt so ohne weiteres Platz machen wollte, dann konnte
»der andere« auch bleiben und die Leute weiterquälen. Er durfte nicht gehen.
Wenn er ging, war alles umsonst gewesen. So sann er auf seinem Wege hin und her,
und als er bis Johannisbad gekommen war, war er entschlossen, den Weitermarsch
bis Trautenau aufzugeben und in seine Wolfshauer Stellmacherei zurückzukehren.
Es zog ihn mit einemmal wieder heim, und ein seltsames Verlangen regte sich in
ihm, Zeuge zu sein, wie's nun wohl kommen werde.
Der Abstieg war bequem gewesen, jetzt aber ging es wieder steil bergan, und von
Bequemlichkeit war keine Rede mehr. Indessen, er war ein guter Steiger, und
schon um vier war er wieder auf dem Koppenkamm und um sechs in Wolfshau.
    Die Mutter, die die Siebenhaarsche Predigt unten in Arnsdorf nicht versäumt
hatte, stand am Herd und hielt just einen Bunzlauer Kaffeetopf und ein Stück
Streuselkuchen in Händen, als Lehnert unter Kopfnicken eintrat.
    »Guten Tag, Mutter!«
    »Tag, Lehnert!«
    »Weiter nichts, Mutter? Du bist doch sonst nicht so kurz. Nichts Neues?
Nichts vorgefallen? Keine Menschenseele dagewesen? Der Streusel da kann doch
nicht durch den Schornstein gekommen sein wie der Klapperstorch oder der
Gottseibeiuns.«
    »Ach, rede doch nicht von dem, der kommt doch, der kommt auch so.«
    »Durch die Tür, meinst du?«
    Sie nickte, tat einen Zug und starrte dann wieder schweigend vor sich hin,
ohne Lehnert anzusehen. Der schwieg auch. Endlich sagte sie: »Opitz ist noch
nicht da.«
    »So?«
    »Die Frau war hier und weinte.«
    »Warum?«
    »Weil sie glaubt, dass ihm was passiert sein könne.«
    Lehnert lachte. »Dann muss eine Förstersfrau jeden Tag weinen.«
    »Und dann fragte sie nach dir...«
    »So, so. Und was sagtest du?«
    »Dass du nach dem Waldhaus gewollt hättest und vom Waldhaus nach Arnsdorf...
vielleicht von wegen dem Has'... zum Grafen. Aber ich wüsst es nicht genau.«
    »Das ist recht, Mutter, dass du das gesagt hast, dass du gesagt hast, du
wüsstest es nicht genau. Das ist immer das beste, das musst du immer sagen. Und
nun gib mir einen Schluck von dem Kaffee da. Nein, lass lieber, ein Teller Milch
ist mir besser. Ich bin verhungert und verdurstet. Seit heute früh keinen Bissen
und keinen Tropfen.«
    Beide standen auf, Lehnert, um sich umzuziehen und die Gamaschen abzutun,
die Mutter, um ihm die Milch zu holen, die nach Landesbrauch in einer vom Ufer
aus vorgebauten Steinhütte stand, durch die nun die Lomnitz hindurchschoss und
Kühle gab.
    Als Lehnert wieder treppab kam, sah er, dass die Mutter ihm das Abendbrot vor
dem Hause hergerichtet hatte, neben dem Rosenbusch, unter dessen überhängendem
Gezweig er am liebsten sass. Drüben aber, in der Haustür der Försterei, stand die
gute Frau Opitz und sah abwechselnd nach dem Gehänge hinauf und dann wieder in
die tiefrot untergehende Sonne.
    »Nicht hier, Mutter.«
    »Aber es ist doch deine Lieblingsstelle.«
    »Ja, sonst. Aber heute nicht.«
    Und er hiess sie den Tisch mit anfassen, und beide trugen ihn mit leichter
Mühe durch den Flur, bis vor die Küchentür. Da nahm er nun Platz und ass.
    Als er damit geendet hatte, stand er auf und ging wieder in die Vorderstube,
in der jetzt völlige Dämmerung herrschte. Die Mutter war noch draussen, und so
schritt er auf und ab und überlegte, was werden würde. Mit einemmal aber war es
ihm, als würde die Klinke leis geöffnet und wieder ins Schloss gedrückt, und als
er sich umsah, sah er, dass Christine vor ihm stand.
    »Da, Lehnert!« Und sie hielt ihm bei diesen Worten ein nach Art eines
amtlichen Schreibens zweimal zusammengefaltetes Papier hin. Als er es
auseinandergeschlagen und, ans Fenster tretend, einen Blick hineingeworfen
hatte, sah er, dass es der Bericht war, in dem Opitz seinen Strafantrag gestellt
hatte.
    »Zerreiss es!« sagte Christine. »Ich hab es gefunden. Es lag auf seinem
Schreibtisch.«
    »Aber er wird es suchen, wenn er nach Hause ... wenn er wiederkommt«.
    »Er kommt nicht wieder«.
    Und damit war sie fort, und er sah nur, wie sie rasch über den Steg
hinhuschte, wieder der Försterei zu.
 
                              Dreizehntes Kapitel
»Er kommt nicht wieder«, hatte Christine gesagt; - sie konnte nicht wissen, was
geschehen war, und sie wusst es doch. Dass er von ihr nichts zu befürchten habe,
das bewies das Papier, das er in Händen hielt, und doch konnt er sich eines
Gefühls banger Unruhe nicht entschlagen. Erst hatte die Mutter in Andeutungen
gesprochen und nun Christine. Wenn er vor aller Welt der war, gegen den sich der
Verdacht wie von selbst richten musste, so war er verloren oder hatte doch auf
lange hin einen schweren Stand. Er war müde von dem vielstündigen Bergauf und
Bergab, aber seine Erregung war doch so stark, dass es ihn zu Hause nicht litt.
Er musste wieder hinaus, und die Frage war nur, »wohin?« Am nächsten lag ihm
Vater Brauner, in dessen Ausschank »Zur Rabenklippe« die Holzknechte zu
verkehren und sich bei einer Stonsdorfer oder einem Ingwer gütlich zu tun
pflegten; aber das war keine Gesellschaft, die heute für ihn passte. »Was macht
Opitz?« oder »Ist Opitz noch immer gut bei Wege?« Das waren Fragen, die sich
hier in zurückliegender Zeit, und noch ganz vor kurzem, mehr als einmal und
mitunter mit ganz besonderer Betonung an ihn gerichtet hatten, und er erschrak
bei dem Gedanken, dass sie sich auch heute wieder an ihn richten könnten. Das
sollte nicht sein, und so beschloss er denn, statt in die »Rabenklippe« lieber
ein paar tausend Schritte weiter bis zu Exners in die »Schneekoppe« zu gehen und
in der wohlbekannten niedrigen Gaststube mit Gebirgsführern und Sesselträgern
oder vielleicht auch mit alten Kriegskameraden, was immer das beste war, einen
Diskurs zu haben. Denn er sehnte sich danach, eine Stimme ausser seiner eigenen
zu hören und von seiner Unruhe loszukommen. Er griff denn auch bald nach seiner
Soldatenmütze, die neben dem Gewehr und dem alten Kalender am Riegel hing, und
schritt auf Krummhübel zu. Halben Weges zwischen Brückenberg und der Obermühle
trat er von dem tiefer gelegenen Wolfshau her auf den eine lange Schräglinie
bildenden Fahrweg und sah nun einerseits nach Kirche Wang hinauf und
andererseits nach Dorf Krummhübel hinunter, dessen weisse Giebel, trotz der schon
herrschenden Dämmerung, in aller Deutlichkeit aus den vereinzelten Baumgruppen
hervorblinkten. Der am deutlichsten blinkende Giebel aber war der von Exners
»Schneekoppe«, und das helle Licht, das er dicht über der Strasse flimmern sah,
kam aus eben der Gaststube, drin er sich gütlich tun und hören und sprechen und
alles, was ihn quälte, nach Möglichkeit vergessen wollte. Zwischen ihm und Exner
lag nur noch der Gerichtskretscham und das kleine katolische Kapellchen mit
seinem Sparrenwerk und seinem rotgestrichenen Dache.
    Der Abend fiel rasch ein, und nur über Arnsdorf, tief unten im Tal, hing
noch ein rotes Gewölk, vor dem der Schattenriss eines Kirchturms aufragte. Rechts
daneben zog sich ein langes, schlossartiges, matt erleuchtetes Fabrikgebäude,
dessen Fenster durch den Abendnebel hin gespenstisch flimmerten. Lehnert, der
rüstig zuschritt, schickte sich eben an, die Fenster des obersten Stocks zu
zählen, als er heftig zusammenschrak. Das Kapellchen, an das er bis auf fünfzig
Schritt heran war, begann gerade zu läuten, und die zwischen dem Sparrenwerk
hängende Glocke klang mit ihrem dünnen Tone hell und scharf durch die Luft. Es
war dasselbe Läuten, das gestern, bald nach seiner Rast am Quell, vom Tale her
zu der Kammhöhe hinaufgedrungen war, und unwillkürlich hielt er an und suchte,
während er sich rückwärts wandte, die Stelle, drauf er gestern um eben diese
Stunde gestanden hatte. Da war auch die Sichel wieder, und so schwach in diesem
Augenblick ihr Licht war, so war es doch hell genug, den Weg am »Gehänge« hin
deutlich zu zeigen, auf dem er gestern um fast dieselbe Zeit emporgestiegen war.
Und dort war die Stelle, wo der Seitenpfad, an dem Brunnen vorüber, in scharfer
Biegung abbog, und er mühte sich, ob er die nach der Hampelbaude hinüberführende
Querlinie vielleicht verfolgen könne. Jetzt war sie da, die Linie, und jetzt
wieder nicht, je nachdem die Phantasie mit ihm spielte, bis er mit einem Male
einen Aufblitz und ein Rauchwölkchen sah und gleich danach den Widerhall eines
Schusses durch die Berge rollen hörte.
    Die Sinne vergingen ihm fast. Aber ein viel Erschütternderes harrte seiner
im nächsten Augenblicke, denn ehe noch das Rollen von Schlucht zu Schlucht
verhallen konnte, klang es deutlich vom Berge her zu Tal: »Hilfe!«
    Lehnert hielt sich an dem das Kapellchen samt seinem dazugehörigen Schulhaus
einfassenden Heckenzaun und horchte hinauf, ob sich der Ruf wiederholen würde.
»Ja«, »nein«, und dann wieder »ja«. Und von einer furchtbaren Angst geschüttelt,
war er bald nur noch von dem einen Verlangen erfüllt, die Stimme von da oben
nicht mehr zu hören, dem Hilferuf zu entfliehen. Aber wohin? Exner, das ganze
Dorf, alles schien ihm noch im Bereich der Stimme zu liegen, im Bereich des
Hilferufes da oben vom Gehänge her, und so lief er denn weiter bergab, um die
Nacht in Arnsdorf, oder wo's sonst sei, nur weit, weit ab zu verbringen.
    Er war schon halb bis nach Arnsdorf heran und wollte eben in ein Wäldchen
einbiegen, das die Krummhübler das »Birkicht« nennen, als er, andern Sinnes
werdend, plötzlich in seiner Flucht anhielt und sich auf einen der vielen
Baumstämme setzte, die hier, am Waldsaume hin, aufgeschichtet lagen.
    »Es geht nicht. Ich kann so nicht weiter. Er lebt, es war. seine Stimme...
Um Gottes Barmherzigkeit willen, vierundzwanzig Stunden... soviel tausend
tausend Sekunden... Ich muss es anzeigen, dass ich einen Hilferuf gehört habe...
bei Zölfel oder Exner oder im Gerichtskretscham. Und sie müssen diese Nacht noch
hinauf, diese Stunde noch.«
    Und nun schwieg er, weil ihm mit einem Male der Gedanke kam, dass er sich,
wenn er spräche, verraten werde. Bald aber nahm er sein Vorhaben wieder auf.
    »Nein, ich werde mich nicht verraten. Gerade, dass ich es sage, das wird mich
retten und wird alle Welt glauben machen, dass ich schuldlos sei. Bin's auch...
Und wenn er mich erkannt hat? Er hat mich nicht erkannt. Und Vermutung ist kein
Beweis. Und wenn doch? Nun denn, dann mag mir das Messer an die Kehle gehen. Ich
kann ihn nicht verkommen lassen in seiner Not und seinem Blut.«
    Und er wandte sich wieder und stieg die zurück nach Krummhübel führende
Berglehne fast noch schneller hinauf, als er hinabgekommen war, und zehn Uhr war
noch nicht heran, als er vor Exners »Schneekoppe« hielt. Da wollt er hinein und
sah durch die Fenster. Aber es waren zu viele Fremde da; so stieg er denn weiter
hinauf, bis er an den Gerichtskretscham kam. Da war es stiller und nur
Einheimische da, was ihm passte. Vorher aber übersann er noch einmal in aller
Vorsicht, was er sagen wolle. Da war denn das nächste, was ihm einfiel, dass er
das Rufen nicht schon vor einer Stunde gehört haben dürfe, sondern in diesem
Augenblick erst. Und nun trat er ein und machte Meldung und begrüsste Maywald und
Neigenfink und den alten Gerichtsmann Klose, die sich eben zum Skat
niedergesetzt hatten.
    Aber keiner rührte sich, und das Spiel ging weiter. »Grand mit vieren«,
sagte der alte Gerichtsmann. »Und nun komm, Lehnert, und sieh mit hinein,
verstehst es ja, so was lernt man bei den Soldaten... Und gerufen hat es, sagst
du... Das sind Fremde... junge Leute... Heute früh kamen Breslauer hier durch,
ein ganzes Rudel, Gymnasiasten, oder wohl gar welche von der Kunstschule. Das
ist dann ein ewiges Singen und Rufen. Und das verdammte Schiessen dazu... Soll
eigentlich nicht sein... Und wenn Opitz mal einen packt, dann is er sein
Terzerol los oder auch seinen Revolver. Denn ohne Revolver geht es heutzutage
nicht mehr... Du gibst, Maywald. Aber was Ordentliches... Dann is er sein
Terzerol los, sag ich, und die Geldstrafe hat er dazu... Wetter, ist das ein
Blatt! Aber das kommt von solchen Geschichten, da grault sich 'ne gute Karte...
Nimm einen Stuhl und rücke ran, Lehnert, und hilf mir aus der Patsche.«
    »Kann nicht, Gerichtsmann Klose«, sagte Lehnert. »Ich war heute schon drüben
und bin müde zum Auslöschen... Und Ihr meint also, es wäre nichts und man hätte
keine Pflicht, hinaufzusteigen und nachzusehen? Von dem Schuss will ich nichts
sagen, geschossen wird immer. Aber das Rufen. Es klang so, ja, wie sag ich, es
klang so, wie wenn es was wäre.«
    »Ja, wie wenn es was wäre«, lachte Klose, während Maywald zustimmte, »was
sein wird es wohl. Aber was? Ein Kommis, der seines Prinzipals Gelder zu früh
einkassiert hat, und mit ihm eine Teaterprinzess, und die sind nun längst oben
und trinken einen Schlummerpunsch.«
    Es war Lehnert nicht unlieb, die Skaterren, die zugleich zu den
Dorfhonoratioren zählten (denn auch Neigenfink, der sich übrigens
zurückhaltender verhielt, war Gerichtsmann), so leichtin sprechen zu hören. Es
gab ihm einen Teil seiner Ruhe wieder. »Sie haben am Ende doch recht. Und
eigentlich kann's auch nicht anders sein. Es ist schon zu lange her... Aber wenn
es doch wäre... wenn es doch wäre...«
    Draussen vor dem Kretscham stand ein Ackerwagen. Lehnert setzte sich auf die
Deichsel und sah das Gehänge hinauf und horchte wieder mit gespanntem Ohr. Aber
alles blieb still. So ging er zuletzt auf Wolfshau zu. Bei Frau Opitz war noch
Licht, und Diana, als er vorüberging, schlug an. Sonst rührte sich nichts.
    Und nun war er wieder auf dem Inselchen drüben und stieg in seine Kammer
hinauf. Eine kleine Weile noch jagten sich allerlei Bilder und Gedanken durch
seine Seele. Dann schlief er ein, fest und schwer und ohne Traum.
 
                              Vierzehntes Kapitel
Die Skatpartie blieb zurück, war aber nicht bestimmt, ungestört zu gutem Ende zu
kommen, denn wenig mehr als eine halbe Stunde nach Lehnerts Aufbruch, so hörte
man draussen ein Sprechen und Weinen, und ehe die Skaterren noch fragen konnten,
was es sei, trat Frau Opitz ein, um drinnen in der Stube zu wiederholen, was sie
schon, draussen im Flur, der Kretschamwirtin erzählt. Alles in ihrer Rede drehte
sich um den Mann und sein Ausbleiben. Opitz habe gestern spät nachmittag die
Försterei verlassen und sei nach der Hampelbaude hinaufgestiegen, um oben im
Wald den Holzschlägern ihren Wochenlohn auszuzahlen. Das sei nun über
vierundzwanzig Stunden, und noch sei er nicht zurück, weshalb sie fürchte, dass
ihm etwas zugestossen sei. All das wurde vorwiegend zu dem Ältesten, zu
Gerichtsmann Klose gesprochen, einem rüstigen Fünfziger, der, weil er grad im
Verluste war, keine Lust hatte, das Spiel unterbrochen zu sehen. Er suchte
deshalb der heftig schluchzenden Frau nach Möglichkeit zuzureden und dabei,
soweit es ging und ohne geradezu zu verletzen, einen leichten und heiteren Ton
anzuschlagen. Opitz werde gute Gesellschaft und vielleicht sogar eine Skatpartie
gefunden haben, so was käme vor, wie Frau Opitz ja jetzt mit eigenen Augen sähe.
Solch Ausbleiben sei nicht schlimm. Alle Frauen ängstigten sich, wenn die Männer
nicht pünktlich zu Hause seien, aber das kenne man schon, mit der ganzen Angst
sei's nicht weit her und sei eigentlich alles bloss, um den Mann, dem man nie
recht traue, hinterher desto fester am Bändel zu haben. Er sprach noch eine gute
Weile so weiter, unter beständigem Niederlegen und Wiederaufnehmen seiner
Karten, und schien ernstlich gewillt, sich durch diese »Habereien« der guten
Frau nicht stören zu lassen. Als Frau Opitz aber nicht nachliess und sich in
ihrem Bitten und Drängen durch die zwei Mitspieler und zuletzt sogar durch die
hinzugekommene Kretschamwirtin unterstützt sah, gab er seinen Widerstand auf und
sagte: »Gut denn, es kann am Ende so was sein, will's nicht geradezu bestreiten.
Ein Förster hat immer viel Feindschaft und Opitz nicht zum wenigsten. Und so
wollen wir denn mit dem frühsten nach der Hampelbaude hinauf. Vorher aber ist
nichts zu machen, trotzdem wir das bisschen Mondschein haben. Ich denk also, wir
sind morgen in aller Frühe hier wieder beisammen, sagen wir um fünf, und nehmen
dann mit uns, was wir von Mannschaften zu so früher Stunde zur Hand haben
können. Vor allem aber halten wir reinen Mund, dass die Fremden keinen Schreck
kriegen und nicht etwa denken, unser altes Krummhübel sei über Nacht eine
Mördergrube geworden.«
    Alle waren einverstanden, und Frau Opitz, der die gutmütige Kretschamwirtin
eine von ihren Mägden als Begleitung mit nach Hause gab, gab ihr Weinen und
Schluchzen schliesslich auf und beruhigte sich in dem Gefühl, dass, was es auch
sein möge, der nächste Tag ihr jedenfalls Gewissheit bringen müsse.
Das Kapellchen läutete zum ersten Mal, als man am anderen Morgen zwischen fünf
und sechs vom Gerichtskretscham in einem starken Trupp aufbrach, denn es hatten
sich ihrer erheblich mehr eingefunden, als anfänglich erwartet war. Ausser den
drei Herren vom Abend vorher, unter denen jetzt Gerichtsmann Klose den
Skatspieler völlig abgestreift hatte, waren auch der Lehrer und ein junger
Forstaspirant erschienen, findige Leute, die zu sehen und zu beobachten
verstanden. Ebenso hatte sich ein Grenzaufseher, mit dem Gewehr am Bandelier,
ihnen angeschlossen. Was sonst noch folgte, waren Führer und Dienstleute, mit
allem ausgerüstet, was zu solcher Suche herkömmlich gehörte: Stricke, Leitern,
Spaten und Äxte. Eine frische Brise kam von der Koppe her und erleichterte
wenigstens einigermassen das Steigen, das bei der, trotz früher Stunde, schon
stechenden Sonne ziemlich beschwerlich fiel. Von Kirche Wang ab hatte man
Waldesschatten, und als es unten im Tale sieben schlug, war man oben auf der
Hampelbaude, wo zunächst Rast gemacht und nach Befund dessen, was man dort
erfahren würde, der weitere Vormarsch verabredet werden sollte. Der Wirt wurde
gerufen und bestätigte, dass Opitz, von den Holzschlägern kommend, am Sonnabend
um die achte Stunde dagewesen sei und nach kurzem Aufentalt seinen Weg nach der
Riesenbaude zu genommen habe, vielleicht an den Teichen vorüber und dann über
den Kamm hin, aber vielleicht auch den neuen schmalen Querweg entlang, der beim
Quell und dem Steintrog in den grossen Gehängeweg einmünde. Noch ein paar andere
Fragen wurden gestellt, vor allem auch, wer sonst noch oben genächtigt habe,
worauf der Wirt berichtete, dass nur Berliner oben gewesen seien und Lehnert Menz
aus Wolfshau.
    Dieser Name, wenn auch nur kurz hingeworfen, bewirkte doch, dass sich die
Gerichtsmänner untereinander ansahen, aber kein Wort wurde laut, und nachdem man
einen Imbiss genommen hatte, brach man wieder auf, um auf dem vom Wirte
bezeichneten schmalen Querpfade (denn dass Opitz auf die Teiche zugegangen sei,
war nicht wahrscheinlich) den Weg nach dem Gehänge hin einzuschlagen. In einer
Art Treiben ging man dabei vor, derart, dass der alte Gerichtsmann und drei, vier
von den Gebirgsführern den eigentlichen Weg einhielten, während, was sonst noch
verblieb, zu beiden Seiten des Weges ausschwärmte. Der Spüreifer einzelner - die
hier oben, wo nur Kusseln standen, wieder arg von der Stichsonne zu leiden
begannen - erschöpfte sich bereits, und schon hörte man, dass es eine nutzlose
Quälerei sei, als Lehrer Lösche, der die rechte Seitenkolonne führte, plötzlich
ein Volk Krähen auffliegen sah. Krähen! Das wäre an und für sich nichts
Sonderbares gewesen, aber es waren ihrer zuviel, und so sagte denn Lösche: »Passt
Achtung, Kinder! Ich wette, da gibt es was.« Und von einer starken Vorahnung
erfüllt, dass sich ihm, auf zehn Schritt Entfernung, etwas Grausiges vor Augen
stellen würde, schritt er langsam und zögernd weiter und suchte nach vorn und
hinten mit seinen Blicken. Richtig, da lag er. Aber wer? War er es? Was man
zunächst sah, war nur die Mütze, die das Gesicht halb zudeckte, daneben ein
blinkender Gewehrlauf, alles andere barg sich noch hinter einem Busch, dessen
blätterreiches Gezweige den Toten wie hinter einem Schirm versteckte. Lösche
wusste, noch drei Schritte, so musste sich's zeigen. Und sich einen Ruck gebend,
trat er von links her um das Gezweige herum und sah nun den Toten ausgestreckt
vor sich. Es war Opitz. Aber das Grauen, auf das er sich gefasst gemacht hatte,
blieb aus, und er empfing nur den Eindruck eines erschütternden Todesernstes.
Wenn dieser Mann sich jahrelang durch mitleidslose Strenge vergangen hatte, so
hatte sein Tod seine Strenge gesühnt und mehr noch die Art, wie er diesem Tod
ins Auge gesehen und sich auf ihn vorbereitet hatte. Lösches Auge ging der
Blutspur nach, die sich von eben dem Busch her, wo der Tote jetzt lag, bis zu
dem schmalen Querpfade hinabzog.
    Es war ersichtlich, dass der auf den Tod Getroffene nur mit höchster
Anstrengung von dem kaum zehn Schritt entfernten Wege sich bis zu der
ansteigenden Stelle hinaufgeschoben und hier sich, um gegen die Sonne oder
vielleicht auch nachts gegen die Kälte geschützt zu sein, unter die Zweige des
Busches gebettet hatte. Dann, als er sein herannahendes Ende gefühlt, hatte er
sich zum Sterben zurechtgelegt, und so lag er nun da, die Jagdtasche unterm
Kopf, das Gewehr links neben sich, die Hände gefaltet und im Antlitz die Ruhe
des Todes, aber freilich auch die Spuren vorangegangenen Kampfes.
    Inzwischen waren auch die anderen herangekommen, und da standen sie nun
erschüttert und stumm. Zuletzt nahm Gerichtsmann Klose seine Kappe vom Kopf und
sagte: »Beten wir!« So verging eine Weile. Dann, als sich die Köpfe wieder
bedeckt hatten, wurden auch einzelne Worte laut, und der Alte stellte zunächst
zur Frage, wie man den Toten wohl am besten nach Wolfshau herabschaffe. Einen
Handwagen oder auch nur eine Karre von der Hampelbaude herbeizuholen, wurde,
wegen zu weiter Entfernung, abgelehnt und statt dessen beschlossen, zwei
zusammengebundene Leitern als Tragbahre zu benutzen. Das geschah denn auch, und
nun legte man den Toten hinauf und bedeckte sein Gesicht mit Zweigen desselben
Busches, unter dem man ihn gefunden hatte. Gleich danach setzte sich der Zug in
Bewegung und schritt auf den Punkt zu, wo der Querpfad in den breiten Gehängeweg
einmündete. Hier endlich fanden sie Waldesschatten, und als man aus dem Quell
getrunken und sich auf der Bank, an der anderen Seite des Weges, eine kleine
Weile geruht hatte, nahm man die Leiterbahre wieder auf und schritt das steile
Gehänge weiter hinab. Die mit jeder Viertelstunde wachsende Glut erschwerte den
Abstieg, aber mit Hilfe häufigen Trägerwechsels war es doch möglich, in einem
ziemlich raschen Marschtempo zu bleiben, und ehe noch das Kapellchen Mittag
läutete, passierte man das Gatter und trat auf das mit Kusseln besetzte
Waldvorland hinaus, darauf Lehnert, zwei Tage zuvor, den Schulkindern begegnet
war und in ihren Gesang mit eingestimmt hatte. Die Strasse lief, von hier aus,
beinah geradlinig auf die Försterei zu, da man aber der armen Frau den Toten
nicht unmittelbar vor Gesicht führen, sie vielmehr erst vorbereiten wollte, so
bog man links in einen in mässiger Schrägung wieder ansteigenden Querweg ein, der
sich schliesslich bis auf die hochgelegene Krummhübler Chaussee
hinaufschlängelte. Die Stelle, wo der Querweg die Chaussee traf, hiess »der
goldene Frieden« und war ein hochgelegener Punkt, von dem aus man nicht nur das
langgestreckte Dorf Krummhübel überblicken, sondern auch, auf einem mässig hohen
Vorsprung, den alten Gerichtskretscham deutlich erkennen konnte, zu dessen
Häupten eben die Mittagssonne flimmerte. Das war das Ziel. Dort sollte der Tote
zunächst niedergelegt und über alles Weitere befunden werden.
Eine Viertelstunde später hatte man den Kretscham erreicht, aber nicht mehr
allein. Alles, was in dem Oberdorfe wohnte, hatte sich angeschlossen und stand
nun draussen und wartete der Dinge, die kommen würden. Am zahlreichsten waren
natürlich die Wolfshauer erschienen, unter ihnen auch Lehnert. Er begrüsste
diesen und jenen, und wiewohl ihn Blicke trafen, aus denen er sehr wohl einen
Verdacht herauslesen konnte, so war doch niemand da, der ihm Wort und Handschlag
versagt hätte. Manche traten freilich beiseit, aber mehr, um untereinander ihre
Zustimmung zu dem Geschehenen als ihren Abscheu davor auszusprechen.
    »Er hat einen schweren Tod gehabt.«
    »Und wir vorher ein schweres Leben.«
    Gleich daneben stand eine zweite Gruppe, die noch leiser sprach.
    »Wer's ihm nur gegeben hat?«
    »Wer? Das is gleich. Ob sie's ihm beweisen können, das is die Frage.«
Drinnen hatte man mittlerweile den Toten auf eine breite Tischplatte gelegt und
ihn, bis hoch hinauf, mit neu abgebrochenem Gezweige bedeckt; nur Brust und Kopf
waren frei. Klose trat heran und hatte vor, mit der Protokollaufnahme zu
beginnen. Aber der Marsch im Sonnenbrand war doch so beschwerlich gewesen, dass
er davon Abstand nehmen und nicht bloss um der andern, sondern auch um seiner
selbst willen ein kurzes Ausruhen in einer kühlen schattigen Nebenstube
vorschlagen musste, welche Pause dann freilich von der draussen harrenden Menge
sofort dazu benutzt wurde, bis in den bis dahin abgesperrten Saal vorzudringen.
Auch Lehnert war unter denen, die sich herzudrängten, blieb aber in Nähe der Tür
und mied es, vor das Angesicht des Toten zu kommen.
    In der kühlen schattigen Nebenstube hatte sich inzwischen alles
zusammengefunden, was zur Obrigkeit gehörte, Fragen und Vermutungen aller Art,
wie sich denken lässt, waren ausgetauscht worden, und als schliesslich auch einige
Gerichtspersonen von Arnsdorf und Giersdorf her erschienen waren, trat Klose von
der Nebenstube her wieder in den Saal und sagte: »Wir wollen nun anfangen. Ich
werde Fragen stellen und drüber hinsehen, dass hier ihrer viele sind, die besser
draussen wären und sich geduldet und abgewartet hätten, ob wir ihrer Aussage
vielleicht bedürfen werden. Zunächst aber geben wir dem Toten das Wort. Sein
Blut verklagt seinen Mörder. Er hat aber auch gesprochen, als er noch bei Leben
war, und seine letzten Worte halte ich hier in Händen.«
    Und der alte Gerichtsmann, als er dies sagte, zog ein Notizbuch aus der
Tasche, das er unmittelbar nach Auffindung des Toten zu sich gesteckt und gleich
danach, am ersten Rastplatz schon, einer flüchtigen Einsicht unterzogen hatte.
    »Dies ist Opitz' Notizbuch«, fuhr er fort. »Als Opitz wusste, dass er in aller
Einsamkeit sterben müsse, hat er mit schwerer Hand seinen Letzten Willen hier
eingeschrieben. Alles nur kurz und abgerissen und Blutstropfen dazwischen. Und
ich werde nun vorlesen, was er geschrieben hat.«
    Alles drängte bei diesen Worten näher, und die zuhinterst, standen, hoben
sich auf die Fussspitzen, um kein Wort zu verlieren.
    »Die Kräfte verlassen mich«, so beginnen seine Aufzeichnungen. »Geschossen
bin ich um die neunte Stunde... Wenn ich sterben sollte, eh ich gefunden werde,
so wisse man, dass ich von einem Wilddiebe geschossen bin, der war ganz nahe mit
Doppelflinte, wahrscheinlich ein Böhm'scher, ziemlich gross in braunem Rock und
Hut und falschem Bart... Eltern und Geschwister, lebet wohl, und Du, meine gute
Frau, der ich viel abbitte, lebe wohl! Ich bitte den Herrn Grafen, dass er Euch
versorge, da ich mein Blut in seinem Dienst vergossen habe... Lebet wohl; Gott
sei mir gnädig! Betet für mich! Ich habe grosse Schmerzen. Guter Gott, erbarme
Dich meiner. Herr Graf, sorge für die Meinigen, ich habe mein Blut für Dich
vergossen... Ich schreie so sehr und habe mein Gewehr abgeschossen, dass man mich
höre, aber kein Mensch hört mich. O Gott, erlöse mich! Betet für mich und denket
nicht auf Rache... Gott vergebe meinem Mörder und erbarme sich meiner... Meine
Leiden sind gross.«
    Als Gerichtsmann Klose diese seine Vorlesung geschlossen und das Notizbuch
wieder zu sich gesteckt hatte, ging ein Gemurmel durch den Saal. Es war das
Gemurmel der Teilnahme, der Zustimmung, des Erschüttertseins. Opitz war wenig
beliebt gewesen, und unter denen, die da standen, Männer und Frauen, waren
viele, die seinen Tod mehr als einmal gewünscht hatten; aber nach Anhörung
dieser Worte regte sich doch das Mitleid. Und dass er so sehr für seine Frau bat,
für dieselbe Frau, der er viel Herzeleid angetan hatte, der er nun aber auch
abbat, das versöhnte mit ihm, und eine der Frauen sagte: »Wer das gedacht hätt.«
    Der alte Gerichtsmann unterbrach diese dem Toten so günstige Stimmung nicht,
und erst als sich die Erregung gelegt hatte, nahm er die Verhandlung wieder auf:
»Und nun frag ich nach dem Mörder! Wer war es? In dem Notizbuch heisst es, dass es
ein Böhmischer war... Ich glaube nicht, dass es ein Böhmischer war; ich glaube,
dass wir ihn hier auf unserer Seite suchen müssen und dass er, wenn wir alles
sehen könnten, was sich klug verbirgt, dass er vielleicht in diesem Saale zu
finden wäre.«
    Während Klose so sprach, sah er absichtlich nur auf den Toten und vermied
es, weil er nicht vor der Zeit den ganz bestimmten Ankläger machen wollte, nach
der Stelle hinzusehen, wo Lehnert stand. Aber seine Vorsicht war nicht mehr
vonnöten; inmitten der Aufregung, die die Vorlesung der Notizblätter
hervorgerufen hatte, hatte sich Lehnert aus dem Saal entfernt, unbekümmert
darum, ob sein Verschwinden auffallen werde oder nicht.
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Vom Gerichtskretscham aus bis zum »Goldenen Frieden« war die Dorfstrasse leer,
und erst als Lehnert an dieser Stelle links einbiegen und auf dem mehrerwähnten
Schlängelpfade nach dem tiefergelegenen Wolfshau hinunter wollte, sah er Frau
Opitz auf eben diesem Schlängelpfade herankommen und trat seitab in den Schatten
eines hier stehenden Schuppens, um nicht gesehen zu werden. Frau Opitz sah ihn
auch wirklich nicht und schritt ihrerseits auf den Gerichtskretscham zu, wo sie,
wie man ihr in Wolfshau gesagt hatte, den Toten finden würde. Jeder war
erschüttert, als sie hier in den Saal trat und dem Toten das Haar aus der Stirn
strich und ihn küsste, und wenn sich schon vorher ein Stimmungsumschlag zugunsten
Opitz' gezeigt hatte, so vollends jetzt. Die Männer hielten wohl noch zurück,
aber die verheirateten Frauen fuhren mit dem Schürzenzipfel nach dem Auge, wenn
sie nicht geradezu schluchzten und weinten. Einige drängten sich an die nun
Verwitwete heran und baten, sie nach Hause begleiten zu dürfen, wobei sie hoffen
mochten, noch was Besonderes zu hören, die gute Frau war aber entweder zu
schwach oder wollte sich nicht von dem Toten trennen. Jedenfalls nahm sie, statt
der Anerbietungen ihrer Wolfshauer Nachbarsleute, lieber das Anerbieten der
Kretschamwirtin an und setzte sich zu dieser in die Küche. Das geschäftige
Treiben hier tat ihr wohl und zerstreute sie, denn sie hatte den Hausfrauensinn,
der sich auch in diesem Augenblicke nicht verleugnete.
    Drinnen im Saale war mittlerweile das Bild ein anderes geworden. Es gab
nichts mehr zu hören und zu sehen, und so verliefen sich die bloss aus Neugier
Herzugeströmten, und nur die, die wegen des Protokolls pflichtmässig zu bleiben
hatten, blieben noch und suchten sich über einige fragliche Punkte zu einigen.
Die Tat selbst lag klar vor. Aber die Frage »wer« blieb durchaus unentschieden
und wurde durch Opitz' Aufzeichnungen, der auf einen »Böhmischen« geraten hatte,
mehr verwirrt als aufgeklärt.
    »Es war kein Böhmischer«, wiederholte Gerichtsmann Klose, der seinen ohnehin
starken Verdacht gegen Lehnert durch das plötzliche Verschwinden desselben nur
noch bestätigt sah; »es war kein Böhmischer, und wenn ich Bestimmung zu treffen
hätte, so brächen wir in dieser Minute noch auf, um Lehnert Menz in Verhaft zu
nehmen. Alles deutet auf ihn, auf ihn und keinen andern. Er hat Sonnabend sechs
Uhr Wolfshau verlassen, ist das Gehänge hinaufgestiegen, und die Schulkinder
haben ihn gesehen. Um acht Uhr muss er oben gewesen sein, um neun Uhr ist es
geschehen, um zehn Uhr war er auf der Hampelbaude. Niemand anders ist im Wald
oben betroffen worden. All das sagt genug. Zudem wissen wir, dass er noch von
I870 her einen Span mit Opitz hatte, sie gönnten sich nicht so viel wie unterm
Nagel, und als vorhin alles, was draussen war, in den Saal drängte, hat er immer
im Hintergrunde gestanden, statt mit in vorderster Reihe zu stehen, wie doch
sonst wohl seine Art ist, und als das Notizbuch von mir vorgezeigt und sein
Inhalt verlesen wurde, da hat er's nicht ertragen können und ist davongegangen.
Das alles hat mir den Beweis gegeben. Und ich wiederhole, der, der diesen Mord
auf seine Seele geladen hat, ist kein anderer wie Lehnert Menz.«
    Die Mehrzahl stimmte zu. Nur der jüngere Gerichtsmann, der in einer Art
Eifersucht gegen den alten Klose war, unterhielt allerlei Zweifel (oder gab es
wenigstens vor) und gab diesen Zweifeln auch Ausdruck. Alles, was eben gesagt
worden sei, sei, seiner Ansicht nach, viel zu schwach, um darauf hin eine
Verhaftung vornehmen zu können. Es lasse sich schlechterdings nicht sagen,
niemand anders sei oben im Gebirge gewesen, im Gegenteil, man wisse nie, wer
oben gewesen und wer nicht. Lehnert Menz sei gescheit und umsichtig, und gerade,
dass er auf der Hampelbaude vorgesprochen und genächtigt habe, das beweise sein
gutes Gewissen. Auch dass er sich hier im Saal immer an der Tür gehalten und die
Vorlesung der letzten Worte kaum abgewartet habe, spräche nicht so sehr gegen
ihn, als es schiene, wohl aber spräche das für ihn, dass er der erste gewesen
sei, der auf Hilfe gedrungen habe. Ja, rasche Hilfe, das sei das einzig Richtige
gewesen, und er für seine Person beklage jetzt aufrichtig, dass man nicht gleich
gestern abend diese Hilfe geleistet. »Mondschein war. Und vielleicht hätten wir
ihn um Mitternacht noch am Leben gefunden.«
    Auch diese Rede (was den alten Klose sichtlich verstimmte) wurde beifällig
aufgenommen, und weil man sich, wie das so leicht geschieht, infolge dieser
immer persönlicher werdenden Fehde nicht recht einigen konnte, stand man eben
auf dem Punkt, die Frage nach der Täterschaft vorläufig wenigstens ganz
fallenzulassen, als der Grenzaufseher und gleich nach ihm der junge
Forstgehilfe, die man beide zu weiterer Nachforschung an Ort und Stelle
zurückgelassen hatte, voll grosser Aufregung eintraten. Sie waren erschöpft, denn
es war immer schwüler geworden: trotzdem liess sich unschwer von ihrer Stirn
lesen, dass sie gute Botschaft brächten und ihr Suchen nach einem Anhaltspunkte
nicht vergeblich gewesen sei.
    »Nun, ihr Herren«, empfing sie der alte Klose mit der ihm eigenen Bonhomie.
»Was bringt ihr? Aber erst einen Cognac, und dann euren Bericht! Eine
Bärenhitze! Maywald, wir wollen Tür und Fenster aufmachen. So! Nun herangerückt!
Und nun, ihr Herren, was gibt es?«
    Der Grenzaufseher, welcher der ältere war, nahm zunächst das Wort und
erzählte mit vieler Anschaulichkeit, wie sie, nach Ausmessen der Fussspuren (denn
was anderes habe sich nicht finden lassen wollen), nahe daran gewesen wären,
unverrichtetersache wieder umzukehren, als sein Kamerad, und hierbei wies er auf
den jungen Forstgehilfen, eines angebrannten Papierstückchens ansichtig geworden
wäre, das an der abgestochenen schmalen Lehmwand des Weges geklebt hätte. Dies
Papierstückchen sei, wie sie gleich vermutet, ein Schusspfropfen gewesen, was sie
denn bestimmt habe, dasselbe sorglich auseinanderzufalten und zu glätten. Hier
sei es und könne vielleicht zur Entdeckung des Täters führen; denn wie leicht zu
sehen, sei es kein gewöhnliches Stück Zeitungspapier, sondern ein Stück von
einem alten Kalender, und der Monat sei noch halb und die Jahreszahl 1816 noch
ganz deutlich zu lesen. Er glaube, dass das wichtig sei; denn in demselben Hause,
drin man einen alten Kalender von 1816 finden werde, werde man mutmasslich auch
den Mörder finden.
    Alles war unter diesem Berichte des Grenzaufsehers in Aufregung geraten,
weil jeder fühlte, dass die nächste Stunde schon das Geheimnis aufklären müsse.
Natürlich war eine Haussuchung nötig, und zur Frage stand nur noch das eine, bei
wem damit begonnen werden solle.
    »Bei wem anfangen?« fragte der Alte.
    »Bei Lehnert Menz«, antwortete der Forstgehilfe.
    »Gut. Und wann?«
    »In dieser Minute noch. Denn er hat viel Freundschaft hierherum, und erfährt
er, was wir vorhaben, oder wohl gar, wonach wir suchen, so wandert der Kalender
in den Ofen oder er selber in die Welt. Er hat es schon lange vor.«
    Alle waren einverstanden. Nur einige wenige blieben im Kretscham zurück, der
Rest aber erhob sich und ging auf Wolfshau zu.
Bei der grossen Hitze, die herrschte, zog man es vor, die ganz in greller Sonne
liegende Chaussee zu vermeiden und lieber, von dem hochgelegenen Kretscham aus,
gleich nach links hin bergab zu steigen, um hier, im Schatten der Berglehne, den
Weg an der Kühlung gebenden Lomnitz hin zurückzulegen.
    Unterwegs wurden einige wieder unsicher, und Zweifel liessen sich hören, die,
wenn sie nicht geradezu von dem jüngeren Gerichtsmann ausgingen, so doch
wenigstens durch eben diesen genährt wurden. Ein halbverbrannter Papierpfropfen
sei gefunden worden, soviel stehe fest, aber dieser Pfropfen brauche keineswegs
aus dem Gewehre des Wilddiebs zu stammen. Auch Opitz habe geschossen, wenn nicht
im Kampf (worüber sich vielleicht streiten lasse), so doch jedenfalls ein paar
Not- und Signalschüsse, was aus seinen eigenen Aufzeichnungen hervorgehe.
Solcher Äusserungen wurden in der Arrieregarde mehrere laut, aber an der Spitze
der Kolonne, wo neben Klose der aus Erdmannsdorf herbeigekommene Gendarm Brei
marschierte, hielt man an der einmal gefassten Meinung fest und war nur
einigermassen überrascht, als man, im Näherkommen an das Inselchen und seine
Stellmacherei, Lehnert Menz, in der Tür stehend, gewahr wurde, damit
beschäftigt, ein paar überhängende Rosenzweige mit Bast wieder zurück an den
Stamm zu binden.
    So wenigstens schien es. Er stand abgewandt und sah sich bei seiner Arbeit
erst um, als er den Tritt der Herankommenden auf der kleinen Bohlenbrücke hörte.
Dass er zusammenfuhr und sich verfärbte, sah niemand. Rasch entschlossen ging er
dem Trupp bis an den Brückensteg entgegen und begrüsste den alten Gerichtsmann.
    »Ich weiss, Gerichtsmann Klose, weshalb Sie kommen.« dabei zog er den Hut und
trat respektvoll beiseite. Der Angeredete lächelte.
    »Nun gut, Lehnert, wenn Ihr wisst, weshalb wir kommen, so werdet Ihr auch
nicht erstaunt sein, wenn wir vorsichtig sind und Eure kleine Festung absperren
und die Brückenstege besetzen. Ich will Euch und uns wünschen, dass sich
schliesslich alles als nicht nötig gewesen herausstellen möge. Vorläufig aber muss
ich Euch bitten, voranzugehen und dafür zu sorgen, dass wir Euch im Auge
behalten. Im übrigen sollt Ihr, vorderhand wenigstens, persönlich unbehelligt
bleiben, denn es handelt sich in diesem Augenblicke nicht um Eure Person,
sondern um eine Sache. Wir sind nämlich hier, um Euer Haus nach einem falschen
Bart zu durchsuchen.«
    Der alte Klose sagte das so hin, um den unter Verdacht Stehenden auf eine
falsche Fährte zu führen und dadurch wie sicher zu machen, was auch glückte.
Lehnert, voranschreitend, stieg die Steintreppe hinan, während der Gerichtsmann
und der junge Forstgehilfe folgten. Gendarm Brei aber postierte sich vor der
Fronttür und überwachte von dieser seiner Hochstellung aus die durch den anderen
Trupp erfolgende Besetzung der beiden Brückenstege. Flucht war unmöglich.
    In der Stube begann inzwischen ein Wehklagen und Geschrei. Die alte Menz
warf sich dem Gerichtsmann zu Füssen, küsste dem jungen Forstgehilfen die Hand und
schwor und jammerte, dass sie unschuldig sei und von nichts wisse und dass Lehnert
auch unschuldig sei und ein frommes Gemüt habe, was ja der liebe Pastor
Siebenhaar bestätigen könne, der ihn auf die Freischule geschickt, weil er immer
die Sprüche so gut gelernt und immer neben der Orgel gestanden und am besten
gesungen habe. Ja, so sei das Lehnertchen immer gewesen, ein frommes Gemüt und
kränke keinen und keine Fliege nich an der Wand. Und was die Leute gesagt hätten
und was auch Opitz gesagt habe (Gott hab ihn selig, denn er war ein engelsguter
Mann, und nun gar erst die Frau, die gab all und jedem), das sei nicht wahr und
alles bloss gelogen, weil es soviel schlechte Menschen gäbe, die einem nichts
gönnten, und sie seien unschuldig. Und wenn sie vor Gottes Tron stünde und sie
solle es anders sagen, so könne sie nicht anders sagen, als dass sie unschuldig
seien und Lehnert auch, denn er sei immer ein frommes Kind gewesen, und
Siebenhaar unten in Arnsdorf...
    In diesem Augenblicke wurde der junge Forstgehilfe, während die Hände der
Frau Menz die Knie des alten Klose nach wie vor umklammert hielten, einiger an
einem Bindfadenreste hängender Kalenderblätter gewahr und machte Miene, darauf
zuzuschreiten. Lehnert, der mit klugem Auge jeder Bewegung gefolgt war, wusste,
dass man ihn jetzt in Händen habe.
    »Lass doch, Mutter!« rief er dieser erkünsteltem Zorne zu, während er die
Kniende vom Boden aufriss, »was erniedrigst du dich? Ich will das nicht. Ich kann
das nicht mit ansehn.«
    Und, die kleine Frau heftig schüttelnd, schob er sie, nur um dem Geplärr und
Gewimmer ein Ende zu machen (so wenigstens schien es), auf die Tür und den Flur
zu.
    Der mittlerweile ganz an seine Fährte gebannte Forstgehilfe war, ohne für
das, was sonst in der Stube vorging, einen Blick zu haben, an die vergilbten
Blätter herangetreten und hob sie samt dem Faden, daran sie hingen, vom Nagel.
Und schon das erste, worauf sein Auge fiel, war das, wonach er suchte.
    »Wir haben ihn!« Und triumphierenden Auges an den alten Gerichtsmann
herantretend, wies er auf die Jahreszahl oben rechts in der Ecke. »Wir haben
ihn!«
    Und unter diesen Worten eilte man nach dem Flur hinaus, um Lehnert, dessen
Schuld nun klar war, in Verhaft zu nehmen. Aber wo war er? Die Alte lag draussen,
in wirklicher oder erheuchelter Ohnmacht, jedenfalls unfähig oder unwillig, auf
die stürmisch an sie sich richtenden Fragen Antwort zu geben. Wo war er?
    Die Brückenstege waren nach wie vor dicht besetzt, so musst er denn, wenn
nicht ein Wunder geschehen, im Hause selbst irgendwo verborgen sein. Und bis
unter das Dach hin wurde nun jeder Winkel und Verschlag untersucht und die Suche
bis in Schuppen und Milchkeller fortgesetzt. Man durchwühlte das Heu, die
Hobelspäne, selbst in den Rauchfang stieg man hinauf und wurde nicht müde, das
Oberste zuunterst zu kehren. Alles umsonst. Die Alte wusste nichts. Er war fort.
 
                              Sechzehntes Kapitel
Am Tage nach Lehnerts Verschwinden, über das nicht nur die Krummhübler, sondern
auch ihre Sommergäste sich des breiteren unterhielten, sassen auch Rechnungsrat
Espes wieder an ihrem Exnerschen Stammtisch. Die schöne Frau hatte sich, was
selbst Espe nicht entging, unter dem mehrwöchentlichen Einfluss der Gebirgsluft
wo möglich noch verschönt; ihr gegenüber sass aber nicht mehr Lieutenant Kowalski
- dieser war vielmehr abgereist, um den Rest seines Urlaubs auf der Hohen Tatra
zu verbringen -, sondern Assessor Doktor Unverdorben, ein feiner, kluger Herr,
der seine Klugheit neben anderm auch darin zeigte, dass er eine gegen ihn
gerichtete Laune der Natur - er war nämlich ein Kakerlak - sich dienstbar
gemacht und das, was ihn ridikülisieren sollte, recht eigentlich zum Schemel
seiner Macht erhoben hatte. Schon als Knabe gehänselt und immer nur das »weisse
Kaninchen« genannt, war er auf den Einfall gekommen, sich durch Übertrumpfung zu
helfen, wozu die Sommerferien in besonders heissen Jahren ihm mehr als einmal
eine günstige Gelegenheit geboten hatten. Auch in diesem Jahre erschien er
wieder ausschliesslich in weissem Piqué, Rock, Beinkleid und Weste, samt weissem
Strohhut und beschränkte sich im übrigen in seinem gesamten Anzuge, seine
Lackstiefel abgerechnet, auf zwei schmale schwarze Streifen, von denen der eine
als Schlips, der andere als Monokelband figurierte. Diese seine Kühnheit verhalf
ihm, wie allerorten, so natürlich auch in Krummhübel, zu einem vollständigen
Triumphe, den allerdings, wie nicht geleugnet werden soll, umgehende Gerüchte
von seiner günstigen Vermögenslage nicht unerheblich steigerten, Gerüchte, die,
zwischen hunderttausend und dreihunderttausend schwankend, selbstverständlich
auf letztere Zahl festgesetzt und ebenso prompt aus Mark in Taler erhoben
wurden.
    Seine Bekanntschaft mit den Espes war jetzt genau zwei Wochen alt und hatte
sich, gleich nach Kowalskis Abreise, ganz natürlich gemacht. Espes waren auf der
Annakapelle gewesen, um dort Forellen zu essen, bei welcher Gelegenheit Selma
ihr rot und schwarz kariertes Plaid - das sie (bei dreizehn Jahren etwas
vorzeitig) als eine mit einem Riemen festgeschnallte Aussentournure trug -
verloren hatte. Seitens des bald nach den Espes auf der Annakapelle
erscheinenden und daselbst seinen Nachmittagskaffee nehmenden Assessors war
unschwer in Erfahrung gebracht worden, wem das Verlorengegangene gehöre (waren
doch »Rechnungsrats« so gut wie Stammgäste dort oben), und am nächsten
Vormittage schon war, in weiterer natürlicher Entwicklung der Dinge, das Plaid
in der Espeschen Wohnung abgegeben worden, zugleich mit einer grossen
goldgeränderten Karte, darauf Stand und Name lautete:
                             Dr. Sophus Unverdorben
               Kammergerichtsassessor und Lieutenant der Reserve
                  im 2. Garde-Grenadier-Regiment Kaiser Franz.
                           Berlin W. Lützow-Ufer 7a.
Wie sich denken lässt, wurde das Wiedereintreffen des von dem etwas rätselhaften
»Onkel« herrührenden rot und schwarz karierten Plaids - der Onkel beschenkte
seine Nichten regelmässig zu Weihnachten und Kaisers Geburtstag - von der ganzen
rechnungsrätlichen Familie mit aufrichtiger Freude begrüsst, aber soweit Espe
persönlich in Betracht kam, verschwand diese Freude doch neben einem sozusagen
auf staatlicher Grundlage ruhenden Wohlgefühl, womit der Anblick einer so
korrekt abgefassten Karte den Rechnungsrat erfüllt hatte.
    »Seht, Kinder, so muss dergleichen aussehen«, waren seine mehr als einmal
wiederholten Worte, während die Rätin ihrerseits sich ausschliesslich mit
Feststellung der Personalfrage beschäftigte. Wer war dieser Assessor
Unverdorben? Alle, die beim Abstieg von der Annakapelle ihnen begegnet waren,
wurden durchgenommen, und für Geraldine stand es alsbald fest, dass es der
distinguierte Herr mit dem aufgesetzten Schnurrbart und dem schwarzen, etwas
gekräuselten Haar gewesen sein müsse, der so verbindlich gegrüsst und sie, so
flüchtig die Begegnung auch gewesen sei, doch ganz eminent an Hendrichs erinnert
habe. Die Rätin führte dann diese Lieblingserinnerung, die sich, wie selbst
Selma schon wusste, bei jeder mit einem brünetten Herrn gehabten Begegnung
unweigerlich wiederholte, des weiteren aus und schloss damit, dass Espe die
Pflicht habe, den Assessor behufs Dankeserstattung aufzusuchen, und zwar heute
noch, denn es gäbe jetzt so viele, die bloss Passanten wären und nur einen Tag
blieben. Espe schien anfänglich das Rangverhältnis zwischen Rechnungsrat und
Assessor abwägen und danach langsam und mit einer sich und seiner Stellung
schuldigen Reserve seine Entscheidung treffen zu wollen, gab aber schliesslich
doch nach und versprach, am Nachmittag um die fünfte Stunde nach dem Assessor
fragen und, wenn er noch da sei, sofort seine Visite bei demselben machen zu
wollen.
    Damit war die Rätin denn auch einverstanden, nicht ahnend, dass das Schicksal
eine viel schnellere Lösung der Frage beschlossen hatte. Denn kaum dass die
Mitglieder der Familie nach Zurücklegung des kurzen Weges vom Tannicht (wo sie
wohnten) bis zum Exnerschen Gastaus an dem ein für allemal für sie reservierten
Ecktisch glücklich placiert waren, als auch schon ein Herr auf sie zuschritt,
der sich, während er eben noch die Lachlust aller weiblichen Espes wachgerufen
hatte, gleich danach als Assessor Unverdorben vorstellte. Die Verlogenheit
konnte nicht wohl grösser sein, und der einzige, der in dieser schwierigen Lage
volle Contenance bewahrte, war Espe selbst. Er bat den Assessor, Platz nehmen zu
wollen, und sprach in der ihm eigenen würdigen und gewählten Weise den Dank für
soviel Liebenswürdigkeit aus, denn von der Annakapelle bis nach Krummhübel
hinunter sei doch ein ziemlich weiter Weg, und die ganze Zeit über ein rotes
Plaid zu tragen oder doch wenigstens ein Plaid mit eingemusterten roten Karos...
    Er stockte hier und brach ab, weil er plötzlich fühlen mochte, dass ihm das
ewige und noch dazu ganz nutzlose Hervorheben des Rot und wieder Rot als etwas
politisch Absichtliches gedeutet werden könne. Dies war ihm aber fatal, denn
Espe war ein korrekter Mann und sehr ängstlich dazu.
    Die Rätin ihrerseits hatte, während dieses Gespräch andauerte, sowohl Lachen
wie Verlegenheit überwunden, was nicht wundernehmen durfte, weil sie
mittlerweile Zeit gefunden hatte, das, was den Assessor in allem übrigen
auszeichnete, sowohl zu bemerken wie zu würdigen. Und zwar lag dies ihn
Auszeichnende nach einer ganz bestimmten und den meisten Menschen immer wieder
imponierenden Seite hin, nach der Seite der tadellosesten weissen Wäsche. Beide,
Rat und Rätin, hielten auch auf weisse Wäsche, sie von Sauberkeits, er von
Ordnungs wegen, aber was waren ihre vereinten Anstrengungen auf diesem Gebiete
neben einem Manne wie Unverdorben. Und neben dem allen her lief die Betrachtung:
So ganz zweifelsohne, wie dieser Piquérock war, war er selber, und unwillkürlich
wiederholte sich Geraldine den Inhalt seiner bis dahin nicht genug gewürdigten
Visitenkarte, ganz besonders aber die Schlusszeile: »... im 2.
Garde-Grenadier-Regiment Kaiser Franz.« Selbst die Kaninchenaugen hörten auf,
ihr zu missfallen, sahen sie doch mit einer merkwürdigen Mischung von Klugheit
und Selbstbewusstsein und dazu mit einem Anfluge von Ironie in die Welt.
Geraldine verstand sich aus zurückliegenden Tagen her auf feine Leute, und kein
Zweifel, der Assessor gehörte dieser Gruppe zu.
    Unverdorben blieb bei Gelegenheit dieser ersten Vorstellung nur etwa zehn
Minuten, aber diese zehn Minuten hatten doch ausgereicht, ein vorzügliches
Verhältnis herzustellen. Espe war einfach entzückt, die Rätin war es beinah, und
selbst Selma versicherte, sie begriffe nicht, wie sie habe lachen können, eine
Bemerkung, der sie, mit einer ihr kleidenden Wichtigkeit, hinzusetzte, sie würde
sich von Stund an nicht genieren, unmittelbar an seiner Seite durch ganz
Krummhübel zu gehen. Und wenn es sein müsse, durchs Leben.
    »Selma, sprich nicht so!« bemerkte tadelnd Espe. »Das ist über deine Jahre.«
Die Rätin aber sagte: »Espe, das verstehst du nicht! Selma hat ganz recht; sie
hat sich, um eines Höheren willen, in ihrem ersten Gefühl überwinden gelernt,
und darauf kommt es an. Formen entscheiden.«
    Espe wiegte den Kopf, was ebenso Zustimmung wie Zweifel ausdrücken konnte.
    Von jener ersten Begegnung an sahen sich Espes und Unverdorben täglich,
wobei sich des letzteren Verhältnis zur Rätin immer intimer gestaltete, trotzdem
er ihr, darüber war kein Zweifel, den auf der Hohen Tatra weilenden Kowalski
nicht voll ersetzen konnte. Sie fühlte das namentlich an einem gewitterschwülen
Tage, wo eine an sie gerichtete Hotelpostkarte mit aufgedruckter Landschaft
(Tannen inmitten von Burgtrümmern) eintraf, darauf nichts stand als »Eljen
Geraldine« und darunter in geschnörkelter altdeutscher Schrift: »Ein Fichtenbaum
steht einsam...« Die Rätin liebte dergleichen Dunkelheiten, besonders wenn sie
sich in poetischer Geheimsprache gaben, andererseits aber - und das sorgte für
Balancierung dessen, was dem Assessor fehlen mochte - war sie zärtliche Mutter
und als solche bei jenem Lebensabschnitt angelangt, wo die hinsterbende »grosse
Passion«, ohne übrigens ganz zu schweigen, in der verklärten Gestalt einer
umschauhaltenden Mutterliebe wieder aufzuwachen pflegt. Selma freilich war noch
ein halbes Kind, aber was tat das? Es war ja keine Sache von heut auf morgen,
und es verdross Geraldinen ernstlich, ihren ewig rechnenden Espe bei Behandlung
dieser Frage so beharrlich den Kopf schütteln zu sehen.
    Dies Kopfschütteln Espes indes, wie durchaus gesagt werden muss, galt nur dem
vorzeitigen und überhasteten Schlachtplane seiner Frau, keineswegs dem, an den
dieser Plan anknüpfte. Diesem, eben unserem Assessor, war Espe viel mehr mit
Aufrichtigkeit zugeneigt, besonders nachdem sich ein paar kleine Unebenheiten,
auf deren eine wenigstens an dieser Stelle hingewiesen werden mag, rasch wieder
beglichen hatten. Unverdorben nämlich (so war die Sache gekommen), in dem sich
von Zeit zu Zeit das ganze Selbstbewusstsein eines vom mündlichen Examen
dispensierten Primus omnium mit dem grösseren Hochgefühl eines Trienniums in
Göttingen, Bonn und Heidelberg und dem selbstverständlich grössten eines
Garde-Reserve-Offiziers mischte, hatte sich in einem im übrigen rein akademisch
und jedenfalls ganz unpersönlich geführten Gespräche zu der Bemerkung hinreissen
lassen, dass der alte Blücher, all seiner Meriten unerachtet, eigentlich doch nur
eine »subalterne Natur« gewesen sei, welchen Ausspruch der von dem blossen Worte
»subaltern« allemal höchst unangenehm berührte Espe mit vieler Geistesgegenwart,
ja, wie zugestanden werden muss, sogar mit einer gewissen Würde dahin beantwortet
hatte, dass er dem preussischen Staate viele »Subalternen« à la Blücher wünsche,
demselben preussischen Staate, von dem es, beiläufig bemerkt, weltkundig sei, dass
er zwar nicht die »grossen Männer«, die fänden sich überall, wohl aber die
Dorfschulmeister und ähnliche »subalterne Leute« vor anderen Staaten voraushabe.
Denn worauf es allezeit ankomme, das seien die Fundamente, nicht aber die
Krönung des Gebäudes - ein Ausdruck, bei dem die Rätin immer in ähnlicher Weise
zusammenzuckte wie Espe bei dem Worte »subaltern«.
    Dies kleine Rencontre, wenn man der Szene diesen Namen überhaupt geben
durfte, hatte gleich in den ersten Tagen ihrer Bekanntschaft stattgefunden.
Seitdem war längst wieder Friede geschlossen, und die Rätin, wenn sie mit Espe
spätabends im Fenster ihrer kleinen Wohnung lag und, sentimental angeflogen,
nach den Sternen hinaufsah und an die Hohe Tatra dachte, pflegte dann wohl zu
sagen: »Ja, Lieutenant Kowalski. Denken muss ich seiner. Er war, wenn er aus den
Redensarten heraus war, eigentlich gemütlicher und ungenierter als Unverdorben,
ja fast könnte man sagen, zu gemütlich. Aber Unverdorben ist ihm doch sittlich
überlegen und hat es nicht bloss in seinem Namen, wiewohl der Name auch viel
bedeutet, sondern ist wirklich ein höchst anständiger Mann.«
    Espe teilte diese Meinung vollkommen und erging sich in Lobsprüchen; das
eigentlichste Bindeglied in dem freundschaftlichen Verkehr beider Parteien blieb
aber doch Selma, die seitens des Assessors ganz als Kind und Backfisch und doch
zugleich mit sichtlicher Vorliebe behandelt wurde, was die Rätin Mal auf Mal mit
einem auf Espe gerichteten und nicht misszuverstehenden Blick der Überlegenheit
und Siegeszuversicht begleitete. »Du siehst, ich werde recht behalten.«
Solche Blicke waren auch heute, gleich zu Beginn der Mahlzeit, über den Tisch
geflogen, denn man hatte, wie herkömmlich, gemeinschaftlich diniert, was man so
in Sommerfrischen dinieren nennt, und eben erschien wieder die hübsche Marie mit
dem grossen Tablett, um die Kalbsbratenreste samt einigen übriggebliebenen
Kartoffeln in der Schale abzuräumen, blauschalige, von denen der Rechnungsrat
nicht mit Unrecht bemerkte, dass sie mehr durch ihre Farbe wie durch sonstige
Vorzüge wirkten, als sich das seit Minuten um Opitz und seinen mutmasslichen
Mörder drehende Tischgespräch plötzlich unterbrochen sah, und zwar durch Selma
und Frida, die mit dem Jubelrufe »Sie kommen« auf den Esstisch zurückstürzten.
Wer diese »sie« waren, wusste zunächst niemand zu sagen, aber im nächsten
Augenblick gab ein seltsames Trommeln und Pfeifen jede wünschenswerte
Aufklärung. Unter Vorantritt einer überaus zahlreichen Dorfschuljugend, in die
sich, allen Residenzhochmut und alle Standesunterschiede vergessend, auch kleine
Berlinerinnen mit Kiepenhüten und roten Jacketts gemischt hatten, erschien ein
dunkeläugiger Italiener, zwei Bären hinter sich, von denen der eine mit seinem
wie von Motten zerfressenen Pelz nur noch als Tummelplatz für zwei blaujackige
Affen diente, während unmittelbar daneben ein grosses wohlkonditioniertes
Prachtexemplar, der unzweifelhafte Held der Kavalkade wie der ganzen Situation,
einhertrottete. Zwischen den beiden Bären aber, und für die tanz- und
musiklustige Jugend von annähernd gleichem Interesse, wurde man eines auf einem
zweiräderigen Karren ruhenden mächtigen Leierkastens gewahr, neben dem eine
phantastisch gekleidete schwarze Person einherschritt. Einen Augenblick schienen
Selma und Frida von der Angst erfüllt, den Zug an dem Exnerschen Lokal, als
einem zu vornehmen, vorüberziehen zu sehen, dieser Angst jedoch machte der
Abruzzenmann ein rasches Ende, denn kaum war er bis in die Höhe des gerade
lebhaft plätschernden Springbrunnens gekommen, als er auch schon anhielt und
tambourmajorartig mit seiner Pickelflöte ein Zeichen gab, auf das hin der
Musterbär sich erhob und, einen Stock über Hals und Rücken, seinen Tanz begann.
Seine glänzende Leistung würde allein schon genügt haben, eine Welt von
Entzücken wachzurufen, aber wer beschreibt den Jubel aller und ganz besonders
der Espeschen Mädchen, als eben jetzt das mit allerlei roten Tüchern drapierte
Zigeunerweib die Leierkastenkurbel zu drehen und dem Prachtbären - für den
Trommel und Pfeife ganz augenscheinlich als nicht gut genug erachtet worden
waren - zum weiteren Tanz aufzuspielen begann. Dazu kam noch, dass der
Leierkasten selbst keine gewöhnliche Drehorgel, sondern ein höheres
Kunstinstrument mit Janitscharenmusik war, dessen Becken und Pauke, ja selbst
Trompete durch Strippeziehen und eine spinnradähnliche Tretvorrichtung in
beständiger Aktion erhalten wurden. Und damit nicht genug, sprangen in eben
diesem Augenblick auch noch die beiden Affen von ihrem Mottenpelzbären plötzlich
auf den Exnerschen Staketenzaun, also mitten in die Krummhübler Zaungäste
hinein, was, als diese laut aufschrien, das Entzücken aller derer noch
steigerte, die, weil zurückstehend, diesem unerwarteten Überfall entgangen
waren.
    Jung und alt waren erheitert, nur Espe konnte dergleichen nicht ertragen.
Was sich allen andern einfach als Mummenschanz, als ein Stück poetischer, mit
dem Zauber des Fremdartigen ausgestatteter Welt darstellte, war ihm nur eine
Welt der Unordnung, der Unsitte, der Faulenzerei, durchsetzt mit Keimen, aus
denen allerlei Verbrechen über kurz oder lang aufgehen müsse. »Selma... Frida!«
rief er zwei-, dreimal, ohne dass die Kinder hörten, und als die darüber mehr und
mehr in Verlegenheit geratende Rätin ihm schliesslich zuflüsterte, dass er doch
auf die Nachbartische Rücksicht nehmen und sich seiner Erziehungsphilistereien
entalten möge, wurd er unwirsch und beinah heftig, wie immer, wenn das Kapitel
der Ordnung in Frage kam, und mit dem Zeigefinger auf den Tisch schlagend (er
traf leider die Gabel, die nun in einem Bogen aufflog und dann erst zur Erde
fiel), fuhr er in spitzem Tone fort: »Liebe Geraldine, das sind
Prinzipienfragen, und Prinzipienfragen sind nicht deine Stärke...«
    »Nein«, sagte diese.
    »Nun wohl. Es gibt aber Prinzipien, und es gibt Erfahrungssätze. Was da
herumzieht - den grossen Bären nehm ich aus; der Bär ist der einzig Anständige
von der Gesellschaft -, was da herumzieht, sag ich, ist Gesindel, und ich mag
nicht alles auf der Seele haben...«
    »... und ich noch weniger auf dem Körper«, ergänzte Sophus...
    »... was sich da drüben bei dem seinwollenden Ehepaare, das doch natürlich
keines ist, vorfindet...«
    »Es gibt so viele Ehepaare, die keine sind«, sagte Geraldine gereizt. »Ich
bitte dich, Espe, wenn du nur nicht immer verbessern und die Menschen so
vortrefflich machen wolltest, wie du bist. Du verlangst lauter Espes. Das hilft
dir aber nicht. Der liebe Gott hat es anders gefügt, und die Menschen gehen nun
mal ihrer Lust und ihrem Vergnügen nach.«
    »Meinetwegen. Ich will sie dabei nicht stören, und ich bin selber sogar, was
du vielleicht nicht glauben wirst, für Lust und Vergnügen, wenn das alles eine
zulässige Basis hat. Aber dies, was wir hier vor uns haben, ist Verbrechervolk
und Mörderbande. Das zieht nun bis auf die Koppe hinauf, und morgen ist es in
Böhmen, und in vier Wochen ist es in Galizien oder in Ungarn.«
    »Oder wohl gar auf der Hohen Tatra«, warf Unverdorben ein, und Geraldine
verfärbte sich sofort und schoss einen erzürnten Blick auf den Sprecher... Aber
es dauerte nicht lange, ja, die böse Miene ging sogar rasch in ein Lächeln über,
als ihr der Gedanke kam, dass dies alles der Ausdruck einer aufkeimenden
Eifersucht sein könne.
    »In Galizien oder in Ungarn«, nahm Espe seine Rede wieder auf, »oder
meinetwegen auch auf der Hohen Tatra. Und dann sind es nicht mehr zwei, sondern
mutmasslich drei, und der dritte, der sich dann eingefunden hat und sich auf
falsche Bärte versteht und es gewiss nicht unter einem andertalb Fuss langen
Sappeurbart tut und der dann vielleicht abwechselnd mit der schwarzen Hexe da
den Leierkasten dreht oder auch an der Beckenstrippe zieht - dieser dritte
Galgenvogel ist dann unser Freund Lehnert Menz... Ein fixer Kerl, gewiss, und das
Weibervolk ist um ihn rum und starrt ihn an und bestaunt ihn, weil er einen so
schönen Bart hat, falsch oder nicht. Und ein Glück für ihn, dass er ihn hat, ich
meine den falschen, der ihn unkenntlich macht und ihn den Händen der
Gerechtigkeit entzieht... Aber ich hoffe, sie fassen ihn noch.«
    »Und ich hoffe, sie fassen ihn nicht«, sagte Sophus.
    »Sie belieben zu scherzen...«
    »Ich glaube, der Herr Assessor spricht in vollem Ernst«, triumphierte
Geraldine.
    »Vollkommen«, bestätigte dieser. »Ich bin kein Anhänge der
Abschreckungsteorie. Die Leute von Fach, Doktoren und Gerichtsleute, glauben
selten an die gäng und gäben Heilmittel, auch wenn sie gezwungen sind, sie zu
verordnen. Wenn sie den Lehnert fassen, so kommt er ein halbes Leben lang ins
Zuchtaus und zupft Lumpen und wird selber ein Lump. Wenn er aber, wie der Herr
Rat eben zu bemerken die Güte hatte, den Händen der Gerechtigkeit entschlüpft,
so wird er ein Mohrenkönig oder ein chinesischer Admiral oder ein Robinson. Und
Leute, die das Zeug dazu haben, die sind mir immer zu schade, um hinter Schloss
und Riegel zu verkommen, bloss um fiat justitia willen. Gerechtigkeit! Was heisst
Gerechtigkeit? was war hier Gerechtigkeit? Dieser Opitz, der für seiner Sünden
Schuld hat zahlen müssen...«
    »Er war ein Mann im Dienst...«
    »Gewiss. Aber er soll ein wunderbarer Heiliger gewesen sein in jedem
Betracht. Und wer will sagen, wie's stand und wie sich Schuld und Unschuld in
diesem Falle verteilt haben? Ich hab mir im Gerichtskretscham gestern abend den
Fall erzählen lassen und habe dann auch nach dem Lehnert gefragt und ob er was
tauge oder nicht. Und da hab ich nicht eben viel Schlimmes gehört. Im Gegenteil.
Ein bisschen wirr wie alle Halbgebildete, die viel Zeitungen und Freiheitsbücher
lesen. Aber trotz dem nicht übel. Meinen Segen hat er, und ich wollte, dass ihn
ein Pass aus meinem Segen würde; den kann er brauchen. Bärenführer! Der wird kein
Bärenführer und zieht an keiner Beckenstrippe...«
    Und Unverdorben, während er so sprach, liess das Monocle fallen, und seine
Kaninchenaugen waren noch röter geworden als gewöhnlich. Das alles sah
Geraldine. Sie war nicht für Kakerlaken, und Kowalski blieb ihr unersetzt, aber
sie hätte trotzdem aufspringen und dem Sprecher vor aller Welt Augen einen Kuss
geben mögen. Denn sie war eine Frau, die, wie die meisten, die sich einer
Vergangenheit rühmen dürfen, ein gutes und starkes Herz und jedenfalls eine
Verachtung gegen alle Tugend- und Offiziositätsphrasen hatte.
 
                              Siebzehntes Kapitel
Sechs Jahre waren hin, und wieder war Sommer, als ein schlank aufgeschossener
Mann von Mitte Dreissig, der in seinem Aufzuge halb einem Cooperschen Trapper und
halb einem Bret Harteschen Kalifornier aus den Diggings glich, auf einem
bequemen Waldpfade, zu den Shawnee-Hills emporstieg, einem ausgedehnten, südlich
vom Staate Kansas in den sogenannten »Indian-Territories« gelegenen Gebirgszuge.
Er kam vom Fort MacCulloch, das er schon tags vorher verlassen, und hoffte noch
vor Abend in dem an der andern Seite der Shawnee-Hills gelegenen Fort Holmes zu
sein, an dessen Befehlshaber er einen Empfehlungsbrief hatte. Der Brief selbst
aber lautete:
    »... Dem Kommandierenden von Fort Holmes empfehle ich den Überbringer dieser
Zeilen, Mr. Lionheart Menz, aus San Francisco, einen Preussen (aus Silesia) von
Geburt, der bei Gelegenheit des letzten in unserer Nähe stattgehabten
Railway-Accidents nach Fort MacCulloch gebracht und von uns in mehrwöchentliche
Pflege genommen wurde. Bruch des linken Oberarms. In Abwesenheit Doktor
Morrisons machte der auf einem Jagdzuge zufällig hier anwesende Gunpowder-Face,
dessen Heilmetode sich wieder vollkommen bewährte, die Kur. Ich hebe diesen
Punkt hervor, einerseits weil ich vernommen habe, dass Gunpowder-Face häufig auch
in Fort Holmes verkehrt, andererseits weil ich zu wissen glaube, dass das
Unterhalten freundschaftlicher Beziehungen zu den Indianer-Chiefs der Regierung
mindestens ebenso erwünscht ist wie uns selbst. Mr. Lionheart Menz hat sich hier
unser aller Herzen gewonnen. Er war, eh er nach San Francisco ging, mehrere
Jahre lang in den Diggings, kam daselbst zu Vermögen und hatte vor, von San
Francisco nach Portland und von Portland nach Shanghai zu gehen, um daselbst in
ein Geschäft einzutreten, als das Fallissement der Neu-Mexiko-Bank ihn um fast
sein ganzes Vermögen brachte. Von neuem anzufangen, war er unlustig, und so hat
er denn, seit dem Zusammenbruch, vor, es wieder als Carpenter zu versuchen, am
liebsten, seiner eigenen Angabe nach, in der Brettschneidebranche, weshalb er an
den Mississippi will, wahrscheinlich nach St. Louis und, wenn er dort scheitert,
nach Milwaukee, Wisconsin. Er ist, wie alle Deutsche, musikalisch, wovon er uns
Proben gab, trotzdem ihm, die ganze Zeit über, nur die rechte Hand zur Verfügung
war. Jetzt ist er vollkommen wiederhergestellt, und Ihr werdet zu Spiel und Tanz
mehr von ihm haben wie wir. Sein eigentliches Instrument ist die Ziter,
hierlandes wohl schwer zu beschaffen, aber er knipst auch auf der Violine,
meistens mit einer Federspule, was allemal eine vorzügliche Wirkung macht. Er
hat den Wunsch ausgesprochen, seine Weiterreise, zunächst wenigstens, zu Fuss
machen zu dürfen, weil er sich, nach so vielen Wochen voll Untätigkeit, nach
Bewegung und Anspannung sehnt. Wir haben seinem Wunsche gern willfahrt und ihm
zwei von unsern Cherokeeleuten als Führer und Träger mitgegeben. Unsere Bitte an
Euch geht nun dahin, ihm in Fort Holmes gastlich begegnen zu wollen, mit jenem
Entgegenkommen, das Ihr immer übt und sich in diesem Falle doppelt belohnen
wird. Er ist nämlich, von seiner Musik ganz abgesehen, über deutsche Zustände
gut unterrichtet, war Anno siebzig in der Nähe des deutschen Kronprinzen und hat
den Einzug in Paris unter Bismarcks Augen mitgemacht. Dass seine Stellung in
jenen Tagen eine hervorragende gewesen sei, wird sich kaum annehmen lassen, aber
er hat doch den Vorzug, von allem damals Erlebten erzählen zu können. Ich
empfehle mich Eurer kameradschaftlichen Geneigteit. Henry Wood, Agent of the
United States Government und Kommandant von Fort MacCulloch.«
    So der Brief, der das, was Lehnert in den letzten sechs Jahren erlebt hatte,
kurz erzählte. Ja, so war es gewesen: ein Vermögen war rascher hingeschwunden,
als er es erworben hatte. Im übrigen war die Nachricht von dem Bankrott der
Neu-Mexiko-Bank, so unvorbereitet sie ihn traf, ohne tiefere Bewegung von ihm
aufgenommen worden, weil ihn dieser beinahe völlige Vermögensverlust rasch und
mit einem Schlag einem im Lauf des letzten halben Jahres in San Francisco
geführten Spekulationsleben entriss, das ihm eigentlich schon widerstand, während
er es noch mitmachte. Ja, er sehnte sich aufrichtig danach, an die Stelle des
mit deutschen und schweizerischen und vielfach auch mit französischen
Abenteurern in den Diggings verbrachten Lebens, und des schlimmren in der
kalifornischen Hauptstadt, wieder ein Leben voll Arbeit treten zu lassen, und
die Reise nach dem Osten erschien ihm als der erste Schritt dazu. Selbst der
Eisenbahnunfall, der ihn traf, war nicht angetan, ihn anderen Sinnes zu machen.
Im Gegenteil, die stillen Wochen in Fort MacCulloch hatten ihn in diesen seinen
Anschauungen nur noch gefestigt, und es war unter einem lange nicht gefühlten
Behagen, dass er jetzt, frisch und rüstig, die Shawnee-Hills hinaufstieg, auf
kaum fünfzig Schritt die beiden Cherokees vor sich, die seinen Koffer an einer
über ihre Schultern gelegten Stange trugen. Von Zeit zu Zeit sahen sie sich nach
ihm um, und ihr freundliches Grinsen, wenn er nach diesem oder jenem fragte,
steigerte nur noch die Heiterkeit seiner Seele.
    Gegen Mittag hatten alle drei, nach mehrmaliger Rast, den Kamm des ziemlich
hohen Gebirgszuges erreicht, und Lehnert sah nun weit und frei nach Norden hin.
Alles, was da vor ihm lag, war ein wohl an sieben Meilen breites, von der von
Galveston kommenden Texas-Kansas-Missouri-Bahn durchschnittenes Quertal, an
dessen entgegengesetzter Seite das Land allmählich wieder anstieg, bis es
abermals einen ziemlich hohen, dem diesseitigen Zuge der Shawnee-Hills
entsprechenden Bergzug bildete. Dazwischen wenig Leben. Von den Ortschaften an
der Bahn hin waren nur die weiter entfernten sichtbar: Station Darlington und
Station Gibson (letztere schon ganz drüben), während sich die verhältnismässig
nahe gelegene Station Holmes, samt ihrem gleichnamigen Fort, verbergen zu wollen
schien. Erst als Lehnert die beiden Indianer herbeirief und nach dem Fort
fragte, gaben sie seinem Auge die richtige Richtung, und nun sah er (die Station
blieb versteckt) wenigstens die vier gekupferten Türmchen von Fort Holmes
deutlich in der Nachmittagssonne blinken. Auch das palisadenumstandene Blockhaus
sah er, samt seinem Feldsteinfundament, ja, die Luft war so klar, dass er
vermeinte, die Palisadenstämme zählen zu können. Einer der beiden Indianer aber,
der ein wenig Englisch radebrechte, wies unausgesetzt mit der Fingerspitze
darauf hin und wiederholte dabei: »Tat's it... Fort Holmes«, lächelnd und
bedeutungsvoll hinzusetzend: »Tea... brandy... six o'clock.«
Und ehe noch sechs Uhr heran war, hatte sich Fort Holmes in aller Gastlichkeit
aufgetan, trotzdem der mitgebrachte Empfelungsbrief, und zwar infolge zufälliger
Abwesenheit des Kommandanten von Fort Holmes, noch gar nicht seine Schuldigkeit
hatte tun können. Als nun aber, zwei Stunden später, der Kommandierende wieder
daheim war und den ausführlichen Brief seines Kameraden Henry Wood von Fort
MacCulloch gelesen hatte, steigerte sich das Entgegenkommen noch um ein
erhebliches, und Aufforderungen von beinah dringlicher Natur ergingen an
Lehnert, auch in Fort Holmes eine längere Rast nehmen zu wollen. Es würde sich
schon ein Faden spinnen lassen, und was das Ziterspielen angehe, dessen der
Brief Erwähnung tue, so woll er nur sagen, die German Mennonites bei Station
Darlington, keine fünfundzwanzig englische Meilen von hier, hätten eine Ziter
und würden sich gewiss bereit finden lassen, sie für kurze Zeit nach Fort Holmes
hin zu leihen. Auf der Bahn sei's nah, und wenn sie dann die Ziter hätten (und
er wisse wohl, eine Ziter sei noch viel schöner als eine irish harp), dann
wollten sie »Yankee-Doodle« spielen und die »Wacht am Rhein«. Aber nicht »God
save the Queen«, nichts Englisches, alles Englische tauge nichts. Und dann
sollten die Indianer tanzen oder auch die Nigger, deren sie seit kurzem ein paar
von Galveston her hätten, und wenn dann der Tag auf die Neige ginge, dann
wollten sie sich auf den Wallgang setzen und den Mond aufgehen sehen und bei
Brandy und Whisky, er habe noch einen feinen alten Glen Fillan, ihren Schwatz
haben, von Chattanooga und Grant und Sheridan und von Bismarck und Moltke und
Old William.
    In dieser Weise - denn Fort Holmes war ein einsamer Posten, ebenso wie Fort
MacCulloch - drang man gleich am ersten Abend in Lehnert ein, dieser aber, den
ein ernstliches Verlangen erfüllte, dem vielwöchentlichen Nichtstun ein Ende zu
machen, blieb nur bis über den zweiten Tag. Am Morgen des dritten nahm er
Abschied und schritt vom Fort aus auf das gleichnamige Stationsgebäude zu, das,
in kaum halbstündiger Entfernung, gerade da, wo der Schienenweg aus dem Gebirge
trat, in einer halbmondförmigen Ausbiegung am Saum eines Ahornwäldchens lag.
    Die kleine Bahnhofsuhr von Station Holmes zeigte neun Uhr früh, als Lehnert
daselbst eintraf. In einer Viertelstunde musste der von Galveston nach dem Norden
führende Zug dasein, er kam aber mit erheblicher Verspätung, so dass Lehnert und
die wenigen Personen, die mit ihm auf dem Bahnsteige warteten, sich beim
Einsteigen in die Wagen beeilen mussten. Diese waren nur schwach besetzt, und in
dem Coupé, darin sich's Lehnert alsbald bequem zu machen suchte, befand sich nur
ein einziger Mitreisender, ein junger Mann von achtzehn Jahren, der, wiewohl
einigermassen abweichend von der Mode gekleidet, trotzdem leicht erkennen liess,
dass er einem guten Hause zugehörte. Seine Züge verrieten den Deutschen, während
andererseits die Sicherheit und Ruhe seiner Haltung mit gleicher Bestimmteit
zeigte, dass er, wenn auch vielleicht nicht in Amerika geboren, so doch
jedenfalls amerikanisch geschult sei. Die Gegend schien er zu kennen. Er las, in
die Ecke gedrückt, eine Galveston-Zeitung und hatte den linken Arm auf eine
Ledertasche gestützt, in deren Messingschild, wenn nicht alles täuschte, der
Name des jungen Reisenden eingraviert war. Lehnert suchte denn auch das
Eingravierte zu lesen, was ihm unschwer glückte. »Tobias Hornbostel« stand in
oberster Reihe, dicht darunter aber in etwas kleinerer Schrift: »Nogat-Ehre,
Station Darlington, Indian-Territory.« Das war beinah eine Biographie,
mindestens eine volle Adresse. Lehnert, als er Namen und Ortsangaben entziffert
hatte, war von dem allen aufs äusserste betroffen, und wenn er schon vorher den
Wunsch einer Gesprächsanknüpfung gehabt hatte, so steigerte sich dieser Wunsch
jetzt bis zum festen Entschluss. Er wollte nur warten, bis der Mitreisende das
Zeitungsblatt aus der Hand gelegt haben würde. Das war nun geschehen, und
Lehnert sagte: »Ihr seid ein Deutscher?«
    Der, an den die Frage sich richtete, bejahte mit vieler Freundlichkeit und
fragte dann seinerseits, woran er ihn erkannt habe.
    »Nichts leichter als das«, sagte Lehnert. »Du hast das deutscheste Gesicht,
das ich all mein Lebtag gesehen habe. Lache nur! Und siehst dabei so klar aus
und so gut. Du gefällst mir.«
    »Du nennst mich du.«
    »Und du mich auch«, fuhr Lehnert fort, »was mir nur beweist, dass ich recht
habe. Du bist nicht bloss ein Deutscher, du bist auch ein Mennonit. Und die
Mennoniten nennen sich, glaub ich, du, ganz so wie die Quäker.«
    »Dass ich nicht wüsste! Jedenfalls nicht immer.«
    »Aber doch oft. Und wenn sie Tobias Hornbostel heissen, dann ganz gewiss.
Nicht wahr?«
    »Ja, dann gewiss«, antwortete Tobias und streckte ihm die Hand entgegen. »Ich
sehe, du hast gute Augen und hast Namen und Ort auf dem Messingschilde gelesen.
Und aus Nogat-Ehre hast du den Schluss gezogen, dass ich ein Mennonit sein müsse.«
    »Freilich. Aber du triffst es nur halb. Schon dein Name Hornbostel hätte mir
alles gesagt, auch wenn ich den Ortsnamen Nogat-Ehre gar nicht gelesen hätte.
Vor sechs Jahren, als ich eben herübergekommen war, war ich in Dakota, wo sie
damals die Schwellen und Schienen für die Nord-Pacific-Bahn legten, und in einem
Dorfe, das uns wegen seiner Tieflage viel zu schaffen machte (wenn ich nicht
irre, nannten sie's Dirschau), in eben diesem Dorfe waren Mennoniten, und der
Oberste der Gemeinde hiess Hornbostel, Obadja Hornbostel, mir noch deutlich in
Erinnerung, weil wir, verzeih, über den Namen oft scherzten. Und ich weiss auch,
dass die Rede davon war, in Obadja Hornbostels Farm einzutreten, wo's uns
jedenfalls besser ergangen wär als in unserem fiebrigen Sumpfloch. Aber ich
hatte damals noch die Sehnsucht nach den Diggings hin, weil ich ein Narr war und
reich werden wollte. Sonst hätt ich's wahr und wahrhaftig auf der Stelle
versucht ... Obadja Hornbostel, ein hübscher, aber etwas wunderbarer Name.«
    »Das war mein Vater.«
    Lehnert erschrak fast. »Aber das war ja doch in Dakota, neunhundert
Englische von hier.«
    »Und ist doch so, wie ich sage. Wir waren erst in Dakota, da bin ich auch
geboren, und meine Schwester Rut auch. Und unsere Mutter ist da begraben. Und
wir dachten auch in Dakota zu bleiben. Als aber ein Streit mit dem Government
kam und die klugen Herren, die man uns nach Dakota schickte, so taten, als ob
wir Mormonen seien oder doch nicht viel anders, da machte der Vater kurzen
Prozess und ist ausgezogen wie Abraham und die ganze Kolonie mit ihm, und diesen
Herbst werden es fünf Jahre, dass wir hier sind und eine neue Heimat haben, in
der man uns, bis jetzt wenigstens, nicht gestört hat. Erst sollt es wieder
Dirschau heissen, so wenigstens wollt es der Vater, aber schliesslich gab er es
auf und nannt es, wie die Gemeinde wollte. Und so wohnen wir denn in
Nogat-Ehre.«
    Lehnert, als sein junger Mitreisender so sprach, starrte nachsinnend vor
sich hin und rauchte dabei mit verdoppelter Energie. Dann warf er den Stummel
weg, und es war ersichtlich, dass er sich einen Plan gemacht und eine Frage
vorbereitet hatte. Trotzdem schwieg er noch immer. Endlich nah m er den Hut vom
Kopf, strich sich über das volle Haar und sagte: »Glaubst du an Bestimmungen?«
    Der andere lachte. »Gewiss glaub ich an Bestimmungen. Wenn Gott lebt und uns
trägt und hält, muss es doch auch eine Bestimmung geben. Gott bestimmt alles, und
er bestimmt sogar alles vorher.«
    Lehnert sah unausgesetzt in die Landschaft hinaus. Erst nach einer Weile
nahm er das Gespräch wieder auf und sagte: »Bestimmung. Ja, es wird schon so
sein. Und wenn ich überlege... Wie kam es? In Dakota hört ich deines Vaters
Namen und wollt eintreten in seine Farm, oder doch beinah. Und hier, an den
Shawnee-Hills, neunhundert Meilen weiter südlich, kaum berühr ich das Land, wen
seh ich, wen treff ich? Dich, deines Vaters Sohn. Ja, das ist Bestimmung. Gott
will, ich soll mit euch leben. Glaubst du, dass dein Vater mich brauchen kann?«
    Tobias schwieg.
    »Du schweigst. Und ich sehe daraus, ihr seid sehr wählerisch geworden seit
Dakota.«
    »Nein. Das nicht. Ich überlege nur, wie's wohl ginge.«
    »Das soll euch keine Sorge machen. Ich habe, von Kind auf, Schwielen an
meinen Händen gehabt, und wenn ich sie hatte, war mir immer am wohlsten. Ich
will deinem Vater in der Wirtschaft helfen, pflügen und graben, wenn es sein
muss, und das Vieh austreiben. Ich weiss mit Axt und Säge Bescheid und kann Uhren
reparieren und Dach decken, mit Schindel und mit Stroh, und einen Stollen in den
Berg schlagen. Und ich kann auch die Schreiberei besorgen und werde mich
überhaupt schon nützlich machen. Und wenn du mit deinem Vater sprichst, denn ich
komme nicht gleich mit (du musst vorauf, während ich in Station Darlington
bleibe, das ist ja wohl eure nächste Station), dann sag ihm: ich glaubte, dass es
so Gottes Wille sei, und deshalb früg ich bei ihm an. Zweimal derselbe Name,
derselbe Mann. Es steht mir fest, es soll so sein.«
    Toby nickte. Lehnert aber, als er gleich danach in Erfahrung brachte, dass
man in weniger als einer halben Stunde schon auf Station Darlington eintreffen
werde, liess das Tema, das er vorläufig als erledigt ansah, fallen und sprach
statt dessen von Utah und den Heiligen am Salzsee, von Portland, wohin er, um
von dort aus in ein China-Handelshaus einzutreten, eigentlich habe gehen wollen,
und zuletzt auch von Kalifornien.
    »Kennst du Kalifornien?« fragte Toby.
    »Nur zu gut. Was ich in vier Jahren in den Diggings erworben, bin ich in
vier Monaten in San Francisco wieder losgeworden. Aber es ist gut so. Bestimmung
auch das. Ich habe nie am Gelde gehangen und will nur frei sein. Ist dein Vater
streng? Ein grosser Befehlshaber?«
    »Er befiehlt nie. Er sagt nur: Ich denke, wir machen das so.«
    Lehnert lachte: »Oh, das kenn ich, das ist die fromme Form, aber es läuft
auf dasselbe hinaus. Übrigens mir gleich. Wo Verstand befiehlt, ist der Gehorsam
leicht. Bloss der Befehl rein als Befehl, bloss hart und grausam, da kann ich
nicht mit, das kann ich nicht aushalten.«
    Toby sah ihn gross an. »Das ist recht, was du da sagst. So denk ich auch, und
so denken wir alle. Und wenn du so bist, da bin ich auch sicher, du wirst dem
Vater gefallen. Er hat es gern, wenn man frei spricht und eine Meinung hat. Aber
eine Form muss es haben, darauf hält er.«
    Unter diesem Gespräche hatte man Darlington erreicht, und beide stiegen aus.
Ein kleines Ponygefährt war schon vorher bis dicht an das Stationsgebäude
herangefahren, und ein junges Mädchen von kaum sechzehn Jahren hielt die Zügel
in Händen. »Grüss dich Gott, Rut!« Ein listig dreinschauender junger Cherokee,
der den Dienst auf der Station hatte, stand neben dem Gefährt und wartete.
Diesem warf das junge Mädchen mit grosser Geschicklichkeit die Zügel zu, sprang
vom Wagen und war im nächsten Augenblick in herzlichem Gespräch mit ihrem
Bruder. Dies Gespräch aber, wenn nicht alles täuschte, drehte sich um Lehnert
und ob man ihn nicht sofort nach Nogat-Ehre mit hinausnehmen solle, was die
Schwester von ihrem Bruder Toby zu fordern schien. Und in der Tat trat dieser
noch einmal an Lehnert heran und sprach in dem Sinne, wie's Rut gewollt hatte.
Lehnert blieb aber fest und beharrte bei seiner Ablehnung. Er werde die Nacht im
Stationshause zubringen und am anderen Morgen auf die Farm hinauskommen. So
sei's am besten, und Toby solle nur vorher schon für ihn sprechen und nichts von
dem vergessen, was er ihm gesagt habe.
    Damit trennte man sich, und eine Minute später rollte das Ponygefährt wieder
in die Landschaft hinein. Toby fuhr jetzt, während Rut den Arm um des Bruders
Schulter gelegt hatte. Der blaue Schleier flog, und an einer Biegung des Weges
sahen sich beide noch einmal um und grüssten.
    »Unschuld...«, sagte Lehnert. »Wer dich hat, hat das Glück.«
 
                              Achtzehntes Kapitel
Am anderen Morgen wollte Lehnert nach Nogat-Ehre hinaus und daselbst sein Heil
bei den Mennoniten versuchen. Aber bis dahin war noch eine lange Zeit, lang und
bedrücklich, abgesehen davon, dass es Schwierigkeiten zu haben schien, auf der
Station eine Bewirtung und selbst ein Unterkommen zu finden. Als dies
Unterkommen aber erst bewilligt war, fand sich auch ein Essen: ein Huhn, das bei
Eintreffen des Zuges noch im Wegekies umhergescharrt hatte. dabei blieb es denn
freilich - es war eine von den Einsamkeitsstationen -, und Lehnert, um die Zeit
notdürftig hinzubringen, sah sich gezwungen, stundenlang alte Geschäftsanzeigen
und noch ältere Fahrpläne zu lesen. Dann und wann kam ein Zug, das war etwas,
aber die daraus erwachsende Zerstreuung war doch nur gering und jedenfalls immer
nur von kürzester Dauer.
    Der letzte Zug kam um neun Uhr vierzig Minuten und war ein Expresstrain, der,
auf der Strecke von Galveston bis St. Louis nur dreimal auf längere Zeit
anhaltend, an einer so kleinen Station wie Darlington mit rasender
Geschwindigkeit vorübersauste. Lehnert sah diesem Zuge nach und freute sich der
am letzten Wagen ausgehängten Laterne, die, wie suchend, auf die durchflogene
Strecke zurückzublicken schien; plötzlich aber schwand das Licht in einem
Nebelstreifen, so wenigstens kam es ihm vor, und als Lehnert es wiederzufinden
trachtete, sah er plötzlich statt des einen Lichtes viele Lichter, wie wenn der
Zug mit seinen erleuchteten Waggons eine Biegung gemacht und aus der senkrechten
Linie in die waagerechte übergegangen wäre. Jeden Augenblick war er denn auch
gewärtig, das helle, lichterreiche Bild, in dem er nach wie vor den Zug
vermutete, zwischen den Bergen verschwinden zu sehen. Als es aber blieb, überkam
ihn eine Neugier, und er fragte den jetzt dienstfreien Beamten, was es sei.
    »Das ist Nogat-Ehre.«
    »Nogat-Ehre«, wiederholte Lehnert und sah unausgesetzt auf das Geflimmer,
das ihn friedlich wie die Sterne zu grüssen schien.
Lehnert war früh auf und hatte wieder auf derselben Bank am Stationshause Platz
genommen, von der aus er, am Abend vorher, erst auf den verschwindenden Eilzug
und dann auf die bleibende Lichterreihe von Nogat-Ehre geblickt hatte. Der
Morgen war frisch und steigerte das Wohlgefühl, das ihm ein guter und
auskömmlicher Schlaf gegeben hatte, trotzdem war seine Zuversicht hin und einem
starken Zweifel gewichen, dem Zweifel, ob er, trotz seiner Unterredung mit
Tobias, den Schritt auch tun und sich in Nogat-Ehre melden solle. Wie war sein
Leben verlaufen? Unter Abenteuer und Gewalttätigkeit und unter Auflehnung gegen
Ordnung und Gesetz. Und er wollte sich bei den Mennoniten verdingen? Ja, wer
waren denn die Mennoniten? Damals, als er noch im Camp in Dakota lag und abends
beim Gin immer nur ein Witzeln über die Mennoniten hörte, die für reich galten
und weiter nichts, da hätt es vielleicht gepasst, weil er's nicht besser wusste.
Jetzt aber wusste er, dass es fromme Leute seien, fromm und fleissig und
wahrheitsliebend und Feinde von Eid und Krieg. Und in solche Friedensstätte
wollt er einbrechen? Das durft er nicht; er gehörte nicht dahin, er war eine
Störung, und wenn er keine Störung war und den Frieden der Friedfertigen nicht
trübte, war er seinerseits der Mann, den Frieden, den er da vorfand, auch nur
tragen zu können? Lag es nicht so, dass der Krieg sein einzig Stück glücklich
Leben gewesen war? Und was verwürfe der Mennonit mehr als den Krieg?
    So sinnend, sah er auf das Bahngeleise, das, auf kaum zehn Schritt
Entfernung, hart an ihm vorüber nach Norden führte. War es nicht besser, diesem
eisern vorgeschriebenen Wege, wie er's ursprünglich gewollt hatte, zu folgen?
    Er Überlegte noch, als er, schräg neben der Bahn, ein zierliches kleines
Fuhrwerk über die Felder kommen sah, und ein zweiter rascher Blick war
ausreichend, ihn erkennen zu lassen, wer die Herankommenden seien. Es waren die
Geschwister, die gestern auf demselben Feldwege die Heimfahrt nach Nogat-Ehre
gemacht hatten, und Ruts Schleier, der auch heute wieder wehte, nahm ihm den
letzten Zweifel. Und mit diesem Zweifel fielen auch all die Bedenken, die seit
Stunden auf ihm gelastet hatten, wieder von ihm ab, und es stand wieder fest in
seiner Seele, dass die gestrige Begegnung eine Schickung gewesen sei und dass er's
bei den Mennoniten versuchen müsse. Freudig erhob er sich und ging rasch auf den
kleinen Wagen zu, der, eben die Schienen kreuzend, mit geschickter Biegung auf
den Hof des Stationsgebäudes fuhr. Derselbe junge Cherokee, der schon gestern
bei Lehnerts Ankunft bereitgestanden hatte, sprang auch heute wieder
dienstfertig hinzu, Tobias aber gab der Schwester die Zügel in die Hand, stieg
ab und begrüsste sich mit Lehnert. »Alles in Ordnung. Ich habe mit dem Vater
gesprochen, und es ist nun an dir, in unsere Farm einzutreten und sein Hausmeier
zu werden. Ob erster oder zweiter, das wird sich zeigen. Er ist froh, einen
Deutschen mehr in seinem Hause zu haben. Er sagt, die Deutschen seien die
besten, auch wenn sie, verzeih, nichts taugten. Und nun erlaube mir nachzuholen,
was ich gestern versäumt habe, dir meine Schwester Rut vorzustellen, un ange,
wie Monsieur L'Hermite jeden Tag mehreremal versichert, eine verwöhnte Krabbe,
wie Mister Kaulbars sagt.« (Rut nickte.) »Mister Kaulbars ist nämlich ein
Landsmann von dir, ein Preusse, der dir, denk ich, ein gut Teil von Prince
Frederic Charles erzählen wird. Aber nun steig auf und setz dich neben Rut.
Oder noch besser, wir setzen uns zwei beid in den Fond, und Rut kutschiert. Sie
fährt nämlich wie ein Fahrer, ein Wort, das ich auch deinem preussischen
Landsmann verdanke.«
    Während Toby noch so plauderte, war auch der Clerk aus dem Stationshause
herangetreten, dem nun Auftrag gegeben wurde, Lehnerts Felleisen nach Nogat-Ehre
hinauszuschaffen. Er versprach es auch mit aller Bereitwilligkeit, denn im
Stationshause hielt man auf gute Nachbarschaft mit den Mennoniten, besonders mit
Obadja, der es an Hilfen und Liebesdiensten nie fehlen liess und erst neulich
wieder, bei der Krankheit des jüngsten Kindes, mit Akonit und Nux Vomica
geholfen hatte.
    Mittlerweile lenkte das Wägelchen in den Feldweg ein, und die Bahn in
freilich immer weiter werdendem Abstande neben sich, ging es zwischen den
Maisfeldern hin, deren hoher Stand den Wagen samt seinen Ponies überragte.
Schliesslich war man aus den Maisfeldern heraus, und gelber Raps lag vor ihnen,
dessen Duft der von dem den Shawnee-Hills gegenüber gelegenen Gebirge
herkommende Wind ihnen zutrug. Und dazu klangen die Glöckchen, wenn die
Shetländer ihre langen Mähnen schlugen, um sich der Bremsen zu erwehren. Lehnert
aber sog das alles begierig ein, und es war ihm, als flög er und als wären es
alte Zeiten und als täten sich Heimat und Glück noch einmal vor ihm auf.
    »Ist das alles euer?« frug er und wies auf die Fruchtfelder links und
rechts.
    »Ja«, sagte Toby, »das heisst, alles Mennonitenland, alles Nogat-Ehre. Was
aber dem Vater persönlich gehört, unsere Farm, das liegt nach der anderen Seite
zu, das sollst du morgen sehen, da steht es noch besser, und der Klee geht bis
über die Wagenräder. Du musst nämlich wissen, der Vater ist ein grosser Farmer und
Landmann und liest alle Zeitungen und Zeitschriften, und was die Gelehrten
anraten, und besonders, wenn es aus England kommt, das schafft er an und scheut
kein Geld. Nicht wahr, Rut?«
    Rut, ohne sich nach ihnen umzusehen, nickte langsam und gravitätisch, und
Lehnert sah aus der halb komischen Art, in der diese Zustimmung erfolgte, dass
Obadja zu den Neuerungsentusiasten gehören müsse, die den Entdeckern das Ei
fortziehen, noch eh es ausgebrütet. Überhaupt konnt er wahrnehmen, dass das
Gemisch von Offenheit und Heiterkeit, das ihn schon an dem Bruder so angezogen
hatte, bei der Schwester noch stärker vertreten war. Von Ernst und
Schwerfälligkeit keine Spur, und dabei ihr Frohsinn von jener entzückenden Art,
wie die kindlich Gläubigen ihn so oft haben, die nicht anders wissen, als dass
Gottes gütige Vaterhand sie jeden Augenblick hält und trägt und schützt. Ein
beseligendes Gefühl immer abwesender Gefahr.
    Eine kleine Pause war eingetreten, und Toby, dem daran lag, das so glücklich
eingefädelte Gespräch auch fortgesetzt zu sehen, nahm es an alter Stelle wieder
auf und sagte: »Ja, kein Geld und keine Müh. Nichts scheut er. Und das alles bei
seinen hohen Jahren.«
    »Ist er denn schon so alt?« fragte Lehnert. »Ihr seid ja doch beide noch so
jung.«
    »Dreiundsiebzig«, lachte Rut.
    »Da muss er sehr spät geheiratet haben.«
    Jetzt verdoppelte sich das Lachen. Aber Toby, der wohl fühlte, dass das
Lachen Lehnert verlogen machen müsse, gab nun Aufklärung und erzählte, dass der
Vater dreimal verheiratet gewesen sei, so dass sie viele Halbgeschwister hätten.
Die Kinder der ersten Ehe seien nach Preussen, nach Danzig und Dirschau
zurückgegangen, die der zweiten lebten in Dakota, und sie beide seien die
jüngsten. Ihr ältester Halbbruder sei schon über vierzig Jahre und voriges Jahr
zum Besuch in Nogat-Ehre gewesen.
    In diesem Augenblicke stieg der Boden ein wenig an, und als man oben war,
wurd in kaum halbmeiliger Entfernung eine blinkende, langgestreckte, nur hier
und da von hohen Pappeln überragte Häuserreihe sichtbar, auf die Rut jetzt mit
der Peitschenspitze hindeutete. »Das ist Nogat-Ehre. Siehst du's? In einer
Viertelstunde sind wir da. Das letzte Gehöft da, zwischen den zwei Pappeln, das
ist unser Haus. Und dann kannst du sehen, wie wir leben. Es wird dir schon
gefallen. Das heisst, wenn du nicht so sauertöpfisch bist wie Mister Kaulbars,
dein Landsmann. Der hat an allem was auszusetzen. Ob alle Preussen so sind? Ich
kann es mir nicht denken. Du siehst um vieles freundlicher aus und so recht, als
ob du glücklich und zufrieden sein könntest. Aber ich spreche so, wie wenn wir
dich schon hätten. Und wir haben dich noch lange nicht. Ich weiss ja noch nicht
einmal deinen Namen... Toby, warum hast du mir seinen Namen nicht genannt?«
    Toby lachte. »Weil ich ihn selber noch nicht weiss. Und der Vater hat auch
gar nicht danach gefragt. Aber nun wird es freilich Zeit damit, wenn wir nicht
mit einem Namenlosen in Nogat-Ehre einfahren wollen.«
    »Ich heisse Lehnert Menz.«
    »Ein hübscher Name«, sagte Toby.
    Rut nickte zustimmend. Aber gleich danach schien sie wieder wie wankend und
schwankend zu werden und setzte hinzu: »Ja, hübsch. Aber was ist Lehnert? Ist es
ein Kalendername?«
    »Freilich ist er. Und du solltest ihn kennen. Lehnert ist Lienhardt.
Lienhardt und Gertrud wirst du doch noch nicht ganz vergessen haben.«
    »Nein, gewiss nicht. Und war die schönste Geschichte, die wir als Kinder
gelesen haben. Und der Vater kam oft dazu, wenn die Mutter sie vorlas, und nur
Maruschka schlief immer ein und wurd erst wach, wenn ich sie mit dem Grashalm
kitzelte. Ja, Lienhardt und Gertrud, das kenn ich, das war schön, wenn ich auch,
offen gestanden, nichts Rechtes mehr davon weiss, und wenn Lienhardt und Lehnert
ein und dasselbe sind, dann gefällst du mir noch besser. Und wenn du so bist wie
Lienhardt, denn soviel weiss ich noch, dass er gut war, da wollen wir gute Freunde
werden.«
 
                              Neunzehntes Kapitel
Als Rut noch sprach, passierte man einen Brückenbogen und bog jenseits
desselben in einen breiten, mit jungen Akazien besetzten Weg ein, zu dessen
einer Seite ein von den Bergen kommender Bach schäumte, während sich an der
anderen Seite die Gehöfte der Mennonitenkolonie hinzogen. Man war in Nogat-Ehre.
Soviel Lehnert im Passieren der langen Dorfstrasse wahrnehmen konnte, schienen
die Gehöfte von ziemlich gleichem Aussehen und bestanden aus einem einstöckigen
Fachwerkwohnhaus, das mit breiter Front auf die Strasse blickte, während die
grossen Stallgebäude quer standen und mit ihren Giebeln (statt mit der Front) auf
die Strasse sahen. Einige hatten vor ihrer Tür eine mit Geissblatt und
Pfeifenkraut umsponnene Gitterlaube, von der aus vier oder fünf Steinstufen
zunächst auf den Akazienweg und dann bis zum Bach hinabführten, allen Häusern
gemeinsam aber war ein von einem Staketenzaun eingefasster Vorgarten, in dem,
zwischen Taxus- und Buchsbaumrabatten, einige wenige Georginen, meist aber
Malven und Sonnenblumen standen, ganz als ob es Gärten aus der Nogat- und
Weichselniederung wären.
    Lehnert ging das Herz auf beim Anblick dieser einfachen Anlagen, die den aus
Deutschland mitgebrachten Gartentypus mit soviel Vorliebe weiterpflegten, und
wandte sich eben, um eine grosse Glaskugel und ein bemaltes Bienenhaus noch
einmal flüchtig zu mustern, als er, als letztes in der Reihe, eines grösseren
Gehöftes ansichtig wurde. Täuschte nicht alles, so war dies das Gehöft, auf das
Rut, als sie noch durch die Felder fuhren, hingewiesen hatte. Ja, das musst es
sein; da waren ja auch die hohen Pappeln, und wirklich, einen Augenblick später
lenkte das Ponygefährt auf den etwas ansteigenden und fast eine Rampe bildenden
Kiesweg hinauf und hielt nun vor dem Schwellstein eines ziemlich nüchtern
wirkenden, weitschichtigen Hauses, das, zum Unterschiede von den anderen bis
dahin passierten, ohne Staketenzaun und ohne Vorgarten war und durch seine
Stille, seine hohen Fenster und nicht zum wenigsten durch ein paar gotische
Holzverzierungen an ein halb kirchliches Gebäude gemahnte.
    »Hier sind wir«, sagte Toby, nahm seiner Schwester die Zügel aus der Hand
und wartete, bis ein Knecht (auch hier ein junger Cherokee) vom Hof her
erschien, dem er das Gespann übergeben konnte. Dann traten alle drei, von der
Rampe her, in ein bis hoch hinauf mit Holz bekleidetes Treppenhaus, das durch
die ganze Tiefe des Hauses lief. Rut, als man bis an die gradlinig aufsteigende
Treppe gekommen war, gab Lehnert zum Abschiede die Hand, wandte sich aber auf
der dritten Stufe noch einmal und sagte: »Die Hauptsache nicht zu vergessen,
Gott segne deinen Aus- und Eingang.« Und nun erst eilte sie rasch ihrer im
Oberstock gelegenen Wohnung zu. Toby musste lächeln, als er sah, wie Lehnert der
Erscheinung nachblickte. Dann nahm er seinerseits Lehnerts Arm und sagte: »Nun
komm, dass ich dich zu dem Vater führe!«
Das einen grossen Flur bildende Treppenhaus hatte zu beiden Seiten Bänke, sonst
war es ein leerer Raum, der, mit Ausnahme des Frontportals, nichts als drei
Türen zeigte, von denen eine kleinere nach dem Hof hinausging, während zwei hohe
Doppeltüren in die neben dem Treppenhause gelegenen Haupträumlichkeiten führten.
Beide Doppeltüren standen in diesem Augenblick auf und gestatteten einen Blick
nach rechts hin in einen Betsaal oder ein Tabernakel, nach links hin in eine
hochgewölbte Halle. Diese Halle - von mächtiger Wirkung, trotzdem sie von
kleineren Dimensionen als das Tabernakel war - musste von jedem, der in Obadjas
Wohn- und Arbeitszimmer wollte, passiert werden. Auch hier übrigens, in dieser
geräumigen Halle, gab sich, ganz so wie draussen im Flur, alles aufs einfachste;
nur ein schwerer Eichentisch, um den einige Stühle standen, zog sich durch den
nahezu schmucklosen und nur mit einem Geweihkronleuchter ausstaffierten Fest-
und Speiseraum, dem ein grosser, an der einen Schmalseite befindlicher Silber-
und Geschirrschrank zugleich als Anrichtetisch diente. Des weiteren aber lief,
quer durch den Raum hin, eine Matte von Kokosfaser auf eine kleine Tür zu, deren
gobelinartige Portiere Toby jetzt zurückschlug. Und nun liess er Lehnert vorgehen
und folgte.
    Wenn das Treppenhaus schattig und die Halle beinah dunkel gewesen war, so
war hier alles hell, denn ein breiter Lichtstreifen fiel durch ein Giebelfenster
von beträchtlicher Höhe; neben diesem Fenster aber, und von seinem Lichte noch
halb umschienen, sass Obadja bei seiner Korrespondenz, die, sorglich von ihm
unterhalten, nach den verschiedensten Teilen der Union, ganz besonders aber nach
Kansas und Dakota ging. Als er hörte, dass wer eingetreten war, wandt er sich,
indem er einfach den Stuhl drehte, der Tür zu, blieb aber sitzen.
    »Lieber Vater«, sagte Toby, »hier bring ich dir Mister Lehnert Menz.«
    »Lehnert Menz«, wiederholte ruhig und freundlich der Alte. »Hab ich recht
verstanden?«
    »Zu Befehl«, sagte Lehnert.
    Obadja lächelte, weil er sich, aus lang zurückliegenden Zeiten her, dieser
preussisch-militärischen Form der Bejahung erinnerte. »Nun, Mister Lehnert«, fuhr
er fort, »Ihr wollt es also mit uns versuchen? Toby hat mir davon erzählt. Und
hat mir auch erzählt, dass Ihr ein Zeichen darin sähet, dass sich unsere Wege vor
Jahren schon einmal gekreuzt haben. Und darin habt Ihr recht, denn es gibt
solche Zeichen, so gewiss es eine Vorbestimmung und eine Gnadenwahl gibt. Und das
ist unser aller Hoffnung, ein solch Erwählter zu sein. Aber, Toby, nun sorge vor
allem für einen Imbiss, und wenn du Maruschka nicht findest, die wohl schon ihre
Vormittagsruhe halten wird - es ist unsere älteste Dienerin und Freundin, und
wir müssen ihr etwas zugute halten -, so sag es der Mistress Kaulbars. Es wird
ohnehin Zeit, dass wir ihr das Küchenwesen anvertrauen, auf das sie sich
jedenfalls besser versteht, schon weil sie noch jung und noch bei Kräften ist.
Aber nun, Mister Lehnert, nehmt einen Stuhl und rückt hier heran und setzt Euch
ins Licht, dass ich Euch besser sehen kann. Es geht noch mit allem sonst, des
Barmherzigen Gnade sei dafür gepriesen, aber mit dem Sehen will es nicht mehr
recht. Und ich sehe doch jedem gern ins Auge. Das Auge sagt noch mehr als die
Stimme.«
    Lehnert tat, wie ihm geheissen, und erwartete nun, dass ein Fragen und
Katechisieren beginnen werde, ja mehr, es lag ihm daran, es war geradezu sein
Wunsch. All die Zeit über hatte seine Tat auf seiner Seele gelastet, und er
sehnte sich danach, alles herunterzubeichten und in dieser Beichte Trost und
Erleichterung finden zu können. Aber von dieser Erwartung erfüllte sich nichts,
und wenn ihm auch nicht entging, dass Obadja, wie zufällig, seine Hand nahm und
ihn dann von der Seite her ansah, so konnt ihm doch noch weniger entgehen, dass
jede direkte Frage nach Leben und Vergangenheit mit Absicht vermieden wurde.
    »Ich höre von meinem Sohne Toby«, nahm er nach einer Weile wieder das Wort,
»dass Ihr ein Preusse seid, also, meiner Geburt nach, ein Landsmann von mir und
jedenfalls ein Landsmann meiner zwei ältesten Söhne, die diesem neuen Lande
wieder den Rücken gekehrt haben und lieber drüben sind als hier. Und vielleicht
haben sie recht getan. Denn die Freiheit, deren wir uns hier rühmen und freuen,
ist ein zweischneidig Schwert, und die Despotie der Massen und das ewige
Schwanken in dem, was gilt, erfüllen uns, sosehr ich die Freiheit liebe, mit
einer Unruhe, die man da nicht kennt, wo stabile Gewalten zu Hause sind.«
    Lehnerts Auge sagte, dass er dem eben Gehörten zustimme, während der Alte
selbst in dem ihm eigenen lehrhaften Tone fortfuhr: »Aber das alles sind Fragen,
die für mich zu spät kommen. Ich gehöre jetzt diesem Lande, dem ich für so
vieles zu Danke verpflichtet bin, von ganzem Herzen an, und ich zahl ihm meinen
Dank am besten, indem ich ihm nach meiner Kraft diene. Der aber macht sich am
nützlichsten, der arbeitet und vordringt und aufschliesst und den Wald und das
Heidentum ausrodet und den Glauben an Jesum Christum, unsern Erlöser, an seine
Stelle setzt. Ja, Lehnert Menz, der dient ihm am besten, der in der Arbeit steht
und Ordnung hält. Und Ordnung und Arbeit, worauf es ankommt, die sind in dem
Lande drüben, drin wir beide geboren wurden, recht eigentlich zu Haus, und um
dieser Tugenden und vor allem auch um der Nüchternheit willen sind mir die
Preussen die liebsten und sind mir die nutzbarsten Mitarbeiter am Werk. Das
verdanken sie, von alter Zeit her, ihren Fürsten und Königen, die sich selbst
immer mit Stolz die ersten Diener, das will sagen die fleissigsten Arbeiter,
ihres Landes genannt haben, und verdanken es ihren Schulen und ihrer guten Zucht
und Sitte.«
    Hier unterbrach sich Obadja, wie sich Prediger in ihrer Predigt
unterbrechen, um nach einiger Zeit einen neuen Anlauf zu nehmen, und Lehnert
schwieg, weil er fühlte, dass jetzt ein Übergang kommen müsse. Und der kam denn
auch wirklich.
    »Ihrer guten Zucht und Sitte«, wiederholte Obadja. »Und diese gute Zucht und
Sitte hat auch der gute Mister Kaulbars, der jetzt meiner gesamten Wirtschaft
als ein Verwalter und Hausmeier vorsteht. Er ist ein ehrlicher Mann, ohne Lug
und Trug, ein treuer Arbeiter und prompt in der Erfüllung seiner Pflichten und
hat, was ihn meinem Herzen am nächsten stellt, die rechte Freud und Lust an dem
Segen Gottes als solchem, und eine Ernte zugrunde gehen zu sehen, das wurmt ihn
und quält ihn, auch wenn jeder Halm versichert ist. Es ist ihm nicht um den
Gewinn bloss, es ist ihm um den Segen, den er nicht missen will. Ja, so ist
dieser Mister Kaulbars, den ich, solang ich noch in der Arbeit steh und
hienieden ein Knecht meines Gottes bin, in Ehren zu halten gedenke. Aber Euer
Landsmann ist ein Eigensinn und ein Besserwisser, der sich dem neuen Lande, drin
er nun lebt, nicht anbequemen und alles nach der Weise seiner alten Heimat
anordnen und regeln will. Er gehorcht wohl, weil er im Gehorsam erzogen ist,
aber es ist ein toter Gehorsam, und ein toter Gehorsam ist unfruchtbar, nicht
bloss in Herz und Seele, sondern auch auf dem Arbeitsfelde draussen, und so
schädigt er mich, ohne es zu wollen, und mindert mein Gut, das ich, dies darf
ich sagen, nicht ansammle zu meiner und meines Hauses, wohl aber zu Gottes und
seiner Heiligen Ehre. Dem will ich abhelfen, da will ich Wandel schaffen, und
dessen verseh ich mich von Euch. Ich hab in Eurem Auge gelesen, und ich kenne
Euch nun: Ihr habt einen Ehrgeiz, und es lastet was auf Eurer Seele, das hat
Euch bis diese Stunde durch die Welt getrieben, und sehe das Zeichen auf Eurer
Stirn. Aber ich weiss auch, dass Ihr ein tapferes Herz habt und einen Edelsinn,
der sich nicht verleugnet, wo Liebe ihn pflegt. Und diese Liebe soll Euch
werden. Getröstet Euch dessen. Keiner, der unter dieses Dach getreten, ist
ungetröstet von dannen gegangen. Im Namen dessen, der die Liebe war, ruf ich
Euch zu: Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Lehnert Menz,
deine Last soll von dir genommen werden. Ich segne dich...«
    Und Lehnert, während er den Kopf neigte, fühlte, wie die Hand Obadjas seinen
Scheitel berührte.
 
                              Zwanzigstes Kapitel
Nebenan, in der grossen Halle, war inzwischen für Lehnert ein Frühstück
aufgestellt worden, und zwar durch Frau Rosalie Kaulbars in Person, die, weil
sie der Umsicht des kleinen Cherokeemädchens misstrauen mochte, nicht nur alles
Nötige selbst herzugetragen, sondern dem angerichteten Frühstückstisch auch noch
eine der preussisch-heimischen Art entsprechende Ausschmückung gegeben hatte. So
kam es, dass sich, um gleich die Hauptsache zu nennen, um die Kufe mit saurer
Milch ein blühender Lindenzweig legte. Eier in der Schale samt Schinken
vervollständigten das einfache Mahl, dem anfänglich, einigermassen aus der Rolle
fallend, auch noch eine halbe Wassermelone beigegeben war, bis der zufällig vom
Felde hereingekommene Mister Kaulbars gegen solche Zusammenstellung remonstriert
hatte. »Was denkst du denn eigentlich, Röse? Soll er hier gleich mit Kullern und
Schneiden anfangen?«
    Das war voraufgegangen. Als aber Lehnert aus Obadjas Zimmer trat, lag nicht
nur das Zwiegespräch der Kaulbarsschen Eheleute um einige Minuten zurück,
sondern auch das Ehepaar selbst hatte sich, um nicht neugierig zu scheinen, aus
der Halle wieder in die Wirtschaftsräume des abgetrennt stehenden Quergebäudes
zurückgezogen. Statt ihrer waren jetzt Rut und Toby da, mit ihnen Uncas, ein
wundervoller, schwarz und weiss gefleckter Neufundländer, der seine Herrin Rut
auf Schritt und Tritt zu begleiten pflegte. Toby ging Lehnert entgegen, um ihn,
die Honneurs des Hauses machend, bis an die Schmalseite des Tisches zu führen,
wo gedeckt war.
    »Stören wir dich, wenn wir uns zu dir setzen?« fragte Toby.
    Lehnert suchte nach einer Antwort, aber er fand sie nicht. Er war wie
benommen von dem allem. Das war mehr Liebe, als er sich in seinem ganzen
dreiunddreissigjährigen Leben zusammenrechnen konnte. Er legte die Hand auf die
Stuhllehne, drin ein Kleeblatt eingeschnitten war, und faltete die Hände zum
ersten Male seit vielen Jahren. dabei war ihm, als flimmere was vor seinen
Augen.
    Die Geschwister schwiegen und sahen ihm bewegt zu. Als sie aber wahrnahmen,
dass er sich wieder gesammelt hatte, sagte Toby: »Nun also, Lehnert, wir bleiben
und leisten dir Gesellschaft. Sieh nur, Uncas schliesst auch Freundschaft mit
dir. Nicht wahr, Rut, das bedeutet was? Er ist sehr wählerisch und hält nicht
gleich zu jedem.«
    Lehnert nahm von der Milch und brach dann, um sie sich vorzustecken, einige
Blüten von dem Lindenzweig ab, und Rut sah wohl, dass ihn dieser Zweig ganz
besonders erfreut hatte.
    »Das dankst du dem Mister Kaulbars und seiner Frau«, sagte Rut. »Die
sagten, das sei so Sitte drüben. Und da bin ich selber gegangen und habe den
Zweig gepflückt und um die Milchkufe gelegt, aber, die Wahrheit zu gestehen,
doch nur mit halber Freude. Denn die Kaulbarse, besonders aber er, wollen alles
preussisch machen, und wenn ich denke, dass du nun auch ein Landsmann von ihnen
bist, so beschleicht mich eine kleine Furcht, dass wir hier eine preussische
Kolonie werden.«
    »Das hat gute Wege«, lachte Lehnert, »ich habe das Alte drüben gelassen.«
    »Ja«, fuhr Rut fort, »das sagen alle, die herüberkommen, und auch die
Kaulbarse haben so was gesagt; aber eigentlich halten sie fest am alten, und da
macht keiner eine Ausnahme, nicht einmal Monsieur L'Hermite, der freilich nicht
am alten hängt, aber doch an seinen alt mitgebrachten Ideen, und sich dabei
einbildet, was mindestens ebenso schlimm ist, der Neueste der Neuen zu sein.«
    »Und soll er es nicht?« warf Toby ein. »Ist er nicht der Allerneuesten
einer? Ist er nicht ein Kommunard? Und wenn du von Furcht redest, von Furcht vor
Lehnert und vor den Preussen, warum, wenn du doch von ebenso schlimm sprichst,
warum fürchtest du dich nicht vor Monsieur L'Hermite und seiner Kommune?«
    »Weil ich nicht an sie glaube.«
    »Wie kannst du das sagen, Rut! Das ist Torheit. Warum glaubst du nicht an
sie?«
    »Weil sie für uns ein Märchen ist.«
    »Ein schönes Märchen! Rotkäppchen ist mir lieber.«
    »Da triffst du's freilich«, lachte Rut und war froh, von einem Gespräche
loszukommen, das ganz gegen ihren Willen ins Politische hineingeraten war. Und
nun tat sie noch ein paar Fragen, und als Lehnert mittlerweile sein Mahl beendet
hatte, wandte sie sich wieder an den Bruder und sagte: »Nun aber ist es Zeit,
Toby, dass wir Mister Lehnert auf sein Zimmer führen.«
Alle drei stiegen treppauf. Toby führte, während Rut, im Geplauder mit Lehnert,
folgte.
    Der Oberstock war von ganz anderer Einrichtung als das im wesentlichen nur
aus Treppenhaus, Betsaal und Halle bestehende Erdgeschoss, und wenn dieses
letztere, mit Ausnahme von Obadjas Wohnzimmer, lediglich kirchlichen Zwecken
oder gelegentlicher gesellschaftlicher Repräsentation diente, so diente das, was
eine Treppe hoch lag, dem häuslichen Leben, der Gemütlichkeit, der Familie.
Beide Hälften des Oberstockes, zwischen ihnen ein grosser quadratischer Flur,
waren durch einen schmalen Mittelgang wieder in eine Reihe verschiedenster
Vorder - und Hinterzimmer geteilt, von denen alles Linksseitige von Maruschka,
Rut und Toby bewohnt wurde, während alles an der entgegengesetzten Seite
Gelegene die Gast- und Fremdenzimmer umschloss. Eines derselben war für Lehnert
bestimmt worden und lag dem Zimmer gegenüber, das von Monsieur L'Hermite bewohnt
wurde.
    Rut, als man oben war, ging, sich verabschiedend, nach links hin den Gang
hinunter, während Toby Lehnerts Hand nahm und ihn, nach der anderen Seite hin,
auf einen in Dämmerlicht daliegenden Korridor zuführte. Nur am Ende desselben
war ein Lichtschein. Dieser kam aus Monsieur L'Hermites Zimmer, das meist
offenstand und dem Korridor nicht bloss einiges von seiner Helle, sondern, nicht
eben zur Freude der anderen Hausbewohner, auch viel von dem »Korporal«
mitteilte, da beständig darin geraucht wurde. Lehnert, als er bis heran war,
warf einen Blick in das Zimmer hinein und sah hier einen hageren Mann von Mitte
Fünfzig, mit Zwickelbart und Käppi, der, an einem Schraubstock eifrig
beschäftigt, eben in einem scharfen Profile sichtbar wurde. Auch L'Hermite sah
von der Arbeit auf und schob das Käppi nach hinten, was einen Gruss bedeuten,
aber auch blosse Neugier sein konnte. Weiter darüber nachzudenken verbot sich,
denn Toby hatte mittlerweile die gerad gegenüber gelegene Tür geöffnet und trat
ein, während Lehnert folgte.
    »Das ist nun also dein Heim, Lehnert, das dir eine Friedensstätte werden
möge. So soll ich dir im Auftrage des Vaters sagen. Er hat dies Zimmer für dich
ausgesucht, weil er meint, die Berge drüben würden dich freuen.«
    »Das werden sie; danke deinem Vater dafür! Und nun sage du mir, wie hab ich
mich drüben zu meinem Nachbar zu stellen? Er ist ein Franzose?«
    »Ja. Von Geburt. Aber es ist sein nicht geringer Stolz und, wie du bald
erfahren wirst, auch sein Lieblingstema, die nationalen Vorurteile hinter sich
zu haben. Er war, wie du vorhin schon aus unserem Gespräche gehört haben wirst,
ein Mitglied der Kommune, ja mehr, ein Führer derselben, und hat den Erzbischof
von Paris erschiessen lassen und sollte dann später selbst erschossen werden. Nur
durch ein Wunder kam er mit dem Leben davon. All das sind Dinge, wovon ich dir
(wenn er's nicht selber tut) ein andermal erzählen werde. Heute nur das noch,
dass er deinen Frieden nicht stören wird, höchstens deine nächtliche Ruhe. Denn
er ist ein unruhiger Geist, den mitunter die Lust anwandelt, ein paar Stunden in
der Nacht zu plaudern. Vielleicht ist es auch sein Gewissen, was ihn wach hält.
Und dann wankt er durch das Haus und weckt jeden, und einmal war er selbst bei
dem Vater. Und dann spricht er wie irr und deklamiert lange Gedichte vom
Menschengeist, der seine letzten Fesseln abwerfen müsse.«
    »So nehmt ihr ihn also einfach als einen Irren?«
    »O nein, durchaus nicht; er ist nicht irr, im Gegenteil, er ist
grundgescheut und kann alles und weiss alles. Er hat nur eine
Menschheitsbeglückungsidee, der er alles opfert, und am liebsten einen
Erzbischof, einen Empereur, einen Papst. In seinen Ideen ist er ein Fanatiker
und tut das Äusserste, sonst aber ist er wie ein Kind. Er ist der Friedliebendste
von uns allen, und es ist rührend, ihn zu sehen, wenn er Rut sieht. Dann
verklärt sich sein Gesicht, und ich glaube, wenn sie's beföhle: so ging' er nach
Neu-Kaledonien und Numea zurück. Von da floh er nämlich und kam bis hierher.
Aber was sprech ich nur von Monsieur L'Hermite. Du wirst ihn kennenlernen, und
unter allen Umständen ist er kein Gesprächsstoff für deinen Einzug an dieser
Stelle. Denn es ist Blut an seinen Händen, ungesühntes Blut.«
    Lehnert, als Toby so sprach, brannte der Boden unter den Füssen, und es war
ihm, als ob er fliehen müsse. Toby aber, völlig ahnungslos, welche Wirkung seine
harmlos hingesprochenen Worte hervorgerufen hatten, trat in diesem Augenblick an
ein mit allerhand Matten und Kissen belegtes, zugleich als Sofa dienendes
Bambusgestell und sagte, während er auf zwei darüber aufgehängte Bildchen in
schwarzem Rahmen hinwies: »Das ist der Remter in Marienburg... Und das hier ist
Kloster Oliva. Kennst du sie? Sie sind das einzig Preussische, was wir noch von
alter Zeit her im Hause haben.«
    Es war nicht ohne Verlegenheit, dass Lehnert Namen und Dinge nennen hörte,
die jenseits seiner Kenntnis lagen, es blieb ihm aber erspart, diese
Nichtkenntnis bekennen zu müssen, denn Toby brach ab, ohne auf Antwort zu
warten, und verliess das Zimmer. Als er schon draussen war, wandt er sich noch
einmal zurück und sagte: »Ich hoffe, dass nichts fehlt. Wenn aber etwas fehlen
sollte, hier ist der Knopf, auf den du drücken musst; es ist eine Drahtleitung,
die wir Monsieur L'Hermite verdanken. Monsieur L'Hermite ist nämlich ein
Erfindergenie; nun, du wirst ihn ja kennenlernen. Und nun Gott befohlen. Ich
will zu Rut und ihr, wozu ich gestern nicht kam, von Galveston erzählen und von
Edwin Boot, der von New York auf Gastspiel da war und volle Häuser machte.
Good-bye!«
    Und nun war Lehnert allein, ein Moment, nach dem er sich gesehnt hatte.
Benommen von der Fülle von Eindrücken, die diese wenigen Stunden ihm gebracht
hatten, ging er auf das mit Matten und Kissen überdeckte Lager zu, streckte sich
nieder und schloss die Augen. Er wollte nicht sehen, um die Bilder seiner Seele
desto deutlicher vor Augen zu haben. Da war der Alte, lächelnd, vornehm
überlegen, ein wenig zu sehr Papst. Aber was bedeutete das, bei soviel Milde!
Dann trat Monsieur L'Hermite vor ihn hin, das Käppi zurückgeschoben und das
Gesicht über den Schraubstock gebeugt. Und dann wieder sah er Ruts halb noch
kindliche Gestalt, und ein Gefühl unendlicher Sehnsucht ergriff ihn. Wonach?
Nach einer ihm verlorengegangenen Welt. Er sann nach, womit er Rut vergleichen
könne, verwarf aber alles wieder, bis ihm zuletzt die Worte Tobys gleich bei der
Vorstellung wieder einfielen, und dass Monsieur L'Hermite gesagt habe »un ange«.
Ja, das war sie, ein Lichtstrahl. Und wenn seinem Leben ein solches Licht
geleuchtet hätte, ja, wenn er nur gewusst hätte, dass es Erscheinungen wie diese
gäbe... Ja, dann... Aber nun war es zu spät.
    Er stand auf und hielt in dem Zimmer Umschau. Schlicht und sauber war alles.
Alle Stühle von Bambus (sogar der Schaukelstuhl am Fenster) und am Pfeiler
daneben zwei Stiche: Washington und General Grant. Sonst nur noch ein Bett und
ein Tisch und eine Bibel darauf. Und er nahm die Bibel, und der Gedanke kam ihm,
er wollte sein Schicksal darin lesen, und ob er den Frieden finden würde. Und
nun schlug er auf, es war ein Psalm, und las: »Zähle meine Flucht, fasse meine
Tränen, ohne Zweifel, du zählest sie. Was können mir die Menschen tun? Ich hoffe
auf dich, du hast meine Seele vom Tode gerettet.« Er war tief ergriffen, und
Tränen entstürzten seinem Auge. Dann schritt er auf das Fenster zu, öffnete
beide Flügel und sah hinaus. Greifbar nah, so wenigstens erschien es ihm, zog
sich das bis auf den Kamm hinauf mit Tannen und allen Arten von Nadelholz
bestandene Gebirge, dazwischen aber schlängelte sich ein Weg hernieder, und wo
der Weg ins Tal mündete, stand ein weisses Haus, zerfallen und ohne Dach, vordem
ein Fort, das Fort O'Brien. Darüber lag der blaue Himmel, und ein heller
Wolkenstreifen zog den Kamm entlang, den an dieser Stelle nur ein einziges
mächtiges Felsenstück überragte.
    »Das ist der Mittagsstein.«
    Und dann sah er wieder hinaus und suchte hinauf, ob er nicht noch andere
Punkte zur Vergleichung und Erinnerung fände. Zuletzt aber ruhte sein Blick
immer wieder bei dem weissen Haus unten am Abhang aus, und eine Stimme rief ihm
zu, dass sich seine Geschicke dort erfüllen würden.
    Aber die Stimme sagte nicht, ob zu Glück oder Unglück.
 
                           Einundzwanzigstes Kapitel
Andertalb Wochen waren um, und Lehnert hatte sich eingelebt. Er sah kein
Regieren, und einfach ein Geist der Ordnung und Liebe sorgte dafür, dass alles
nach Art eines Uhrwerks ging. Der Tag begann mit einer Andacht, die der Alte
klug genug war, wenigstens als Regel, knapp und kurz einzurichten, weil er sich
sagte, dass Ermüdung der Tod aller Erbauung sei. Gewöhnlich las er einen Psalm
oder etwas aus der Patriarchengeschichte, wenn er nicht vorzog, an mehr oder
weniger wichtige Tagesereignisse mit Spruch und Betrachtung anzuknüpfen. War
dann unmittelbar nach der Andacht das Frühstück eingenommen, so gab er
persönlich die Weisungen für den Tag, was er, gestützt auf eine genaue Kenntnis
seines Grund und Bodens und andererseits auch mit Hilfe der ihm am Abend vorher
durch Toby oder Kaulbars oder Lehnert erstatteten Rapporte, sehr wohl konnte.
Begegnungen um die Mittagsstunde fielen aus, weil ein guter Imbiss entweder
gleich mitgenommen oder auf die Felder hinausgeschickt wurde, was denn zur Folge
hatte, dass man sich erst um sieben Uhr abends zum zweiten Male zu
gemeinschaftlicher Mahlzeit versammelte, woran sich dann der Abendsegen und eine
kurze Plauderei schloss. Bald danach zog man sich zurück, denn der Tag begann
früh wieder. Es war kein herzlicher, aber doch ein unausgesetzt friedlicher
Verkehr, in dem man lebte, was Lehnert um so mehr wundernahm, als die bunte
Menschenmasse, daraus sich das Hauswesen von Nogat-Ehre zusammensetzte, nicht
einmal durch das Band gemeinsamer kirchlicher Anschauungen zusammengehalten
wurde. Die Kaulbarse, Vollblutmärker, hielten natürlich zu Luter, Maruschka,
Polin, war katolisch und fuhr alle Jahre zweimal zur Beichte nach Denver,
Totto, Litauer, glaubte, wenn überhaupt an was, höchstens an das schwarze und
weisse Pferd seiner litauischen Urahnen, und L'Hermite war schlechtweg Ateist,
so dass von der ganzen Obadjaschen Hausgenossenschaft, selbstverständlich mit
Ausnahme der eigentlichen Familie, nur die dienenden Cherokee- und
Arapahoindianer, Männer und Frauen, zur »Gemeinde« gehörten, in die sie, nach
zuvor empfangenem Unterrichte, meist mit zwanzig oder vierundzwanzig Jahren
einzutreten pflegten. Lehnert, wenn er das überdachte, sah sich dadurch mehr als
einmal an einen nach Art eines grossen Vogelbauers eingerichteten Schaukasten in
San Francisco erinnert, drin nicht nur ein Hund, ein Hase, eine Maus und eine
Katze samt Kanarienvogel und Uhu, sondern auch ein Storch und eine Schlange
friedlich zusammen gewohnt hatten. »A happy family« stand als Aufschrift
darüber, und wenn Lehnert so beim Breakfast und Supper den langen Tisch
musterte, kam ihm der Schaukasten immer wieder in den Sinn, und er sprach dann
wohl leise vor sich hin: »A happy family.« Sann er dann aber weiter nach,
wodurch dies Wunder bewirkt werde, so fand er keine andere Erklärung als den
»Hausgeist«, als Obadja, der das Friedensevangelium nicht bloss predigte, sondern
in seiner Erscheinung und in seinem Tun auch verkörperte.
    Die Folge davon war ein Gefühl immer wachsender Verehrung und Dankbarkeit
auf seiten Lehnerts. Aber so wahr und aufrichtig dies Gefühl war, so kam er
demohnerachtet zu keiner rechten Freudigkeit. Er fühlte sich vereinsamt und
brachte sich's gelegentlich zu geradezu schmerzlichem Bewusstsein, dass er in
seinen schwersten und schlimmsten Tagen, ja, vor Jahr und Tag noch bei den
zweifelhaften Leuten am Sakramento, heiterer und fast auch glücklicher gewesen
sei als hier unter den Bekehrten und Nichtbekehrten von Nogat-Ehre. Friede und
Freundlichkeit waren da, aber was er mehr und mehr vermisste, war Verkehr und
Vertraulichkeit. Dazu sah er, dass er in seiner Herzensstellung nicht recht von
der Stelle kam. Obadja, mit all seinen Vorzügen, war doch unnahbar, die
Geschwister zu jung, Maruschka zu kindisch, Totto zu stumpf und Monsieur
L'Hermite zu reserviert und zu superior ablehnend. Bei diesem Befunde verblieben
ihm nur seine Landsleute, die beiden Kaulbarse, und das war hart, weil ihre
Nüchternheit keine Grenzen kannte. Dennoch, so nüchtern sie waren und in so
lächerrlich wichtiger Weise sie sich mit ihrer Lieblingswendung »mein Mann sagt
auch« oder »meine Frau sagt auch« aufeinander zu berufen pflegten, Berufungen,
von denen aus ein weiterer Appell nicht wohl mehr möglich war, dennoch sah
Lehnert ein, dass er, in Ermangelung von etwas Besserem, durchaus bemüht sein
müsse, mit ihnen auf einem guten Fusse zu leben, und das um so mehr, als ihn
beide die Tatsache nicht entgelten liessen, dass ihre Machtstellung, das mindeste
zu sagen, durch sein Eintreten in die Wirtschaft halbiert worden war. Ob dies
Gutmütigkeit oder Gleichgültigkeit oder vielleicht sogar das lauernde Warten auf
den Moment war, wo sich das »Umkippen« vollziehen werde, war, so wahrscheinlich
das letztere sein mochte, doch nicht mit Sicherheit festzustellen, weshalb
Lehnert es, bis zum Beweise des Gegenteils, für geraten, ja für pflichtmässig
hielt, von allem das Beste zu glauben. Und so verging denn kein Tag, an dem er
nicht, an der Seite von Kaulbars, den Versuch einer mal flüchtigeren, mal
eingehenderen Unterhaltung über Nahes und Fernes, über Wirtschaftliches und
Persönliches gemacht hätte.
    Gewöhnlich ritten sie gemeinschaftlich vom Nogat-Ehrer Hof aus auf die
Felder und trennten sich erst weiter hin am Vorwerk, wo der Weg gabelte.
    »Ja, die Schlesier«, sagte Kaulbars, der gerad in einer landwirtschaftlichen
Meinungsverschiedenheit mit Lehnert war, »die Schlesier machen es so. Glaub's
schon und will auch nichts weiter dagegen sagen. Und wir haben auch ein
Sprichwort: Der Klügste gibt nach.«
    Lehnert wollte beruhigen, Kaulbars aber, der mal im Zuge war, hatte nicht
acht darauf und fuhr fort: »Ja, die Schlesier. Bei Graf Zieten-Schwerin in
Wustrau, Sie werden wohl von ihm gehört haben, bei dem war auch ein Schlesier,
ein kleiner Knurzel und schon so halb pohl'sch und mit 'm genierten Blick un mit
richtige O-Beine. Jott mag wissen, wie der Kerl dahingekommen war. Bei die
Vierundzwanziger in Ruppin kann er nich gestanden haben, die Vierundzwanziger
nehmen so einen gar nich an. Aber ich will weiter nichts sagen, Schlesien is
auch ganz gut, und wo man her is, na, das is wie Vater und Mutter, und ein
anderer soll nichts Böses davon sagen. Das is alles schon richtig... Ich bin von
'n Glien. Kennen Sie den Glien?«
    »Nein«, sagte Lehnert und lächelte.
    »Na, das is so die Cremmer Gegend, alles, was da so zwischen Oranienburg und
Fehrbellin liegt. Fehrbellin kennen Sie doch woll?«
    »Ja, das kenn ich. Das ist das mit dem Grossen Kurfürsten.«
    »Richtig. Na sehen Sie woll, es kommt schon, es dämmert schon. Und Sie solln
mal sehen, zuletzt kennen Sie auch noch 'n Glien.«
    So ging es meistens in der Unterhaltung. Aus jedem Worte, das Kaulbars
sprach, sprach ein unendliches Von-oben-herab, ein Dünkel, der für den reizbaren
und auf seine Heimatprovinz überaus stolzen Lehnert unerträglich gewesen wäre,
wenn sich dies zur Schau getragene Überlegenheitsgefühl bloss auf Schlesien und
die Schlesier bezogen und sich nicht vielmehr gleicherweise, ja womöglich noch
verstärkt, auch gegen Amerika gerichtet hätte. Jederzeit war er bereit, den
Amerikanern ihre Sünden vorzuhalten, und diese Gelegenheit bot sich ihm täglich,
weil er ein wahres Talent besass, auf dieses sein Lieblingstema überzulenken.
    Eines Tages war es ein Gespräch über Rut und Toby, von dem aus die Brücke
mit gewohnter Geschicklichkeit geschlagen wurde.
    »Die beiden Kinder sind doch der Sonnenschein von Nogat-Ehre«, sagte
Lehnert. »Über Rut ist gar nicht zu streiten; ich kann sie nicht sehen, ohne an
die Lilien auf dem Felde zu denken, wovon die Bibel spricht. Aber auch Toby, wie
brav und wie gescheit ist er, und wie gewandt! Wenn Obadja heute stirbt, was
Gott verhüten wolle, so nimmt er die Wirtschaft in die Hand.«
    »Ja, das tut er, die Einbildung dazu hat er, die haben sie hier alle. Kaum
ist einer trocken hinter den Ohren, oder auch noch nich mal, so wird er ein
Reverend oder ein Magistrate oder ein Justice, oder sie schicken ihn als
Gesandten nach der Türkei... Na, für die Türken mag es gehen. Un is gar ein
bisschen Krieg in der Luft und soll es gegen Texas losgehen oder Utah oder gegen
Mexiko, na, denn hast du nich gesehen, denn backen sie die Generäle und Obersten
wie Semmeln. Und wer heute noch ein Advokat is oder ein Chemist oder ein
Furnischer, der is morgen ein Oberst, und nu geht das Schlachtenschlagen los,
das heisst, was sie hier so Schlachtenschlagen nennen, eigentlich is es ja bloss
'ne Hasenjagd. Und denn marschieren sie los und singen Yankee-Doodle und tun,
als ob sie wenigstens die Welt erobern wollten, und solange sie die Schienen
unter den Beinen haben, so lange geht es. Aber wenn nu das Marschieren anfängt
und das erste Camp kommt oder das erste Bivouac, ja, du himmlischer Vater, da
haben wir denn die Bescherung. Da is nichts da, da fehlt die Verpflegung, und
das Gehungre geht los, und wenn sie vierzehn Tage lang im Modder gelegen und
noch keinen Feind gesehen haben, dann fallen ihnen die Stiebel vom Leibe, und
keine Naht hält mehr, und wenn sie dann den Feind zu sehen kriegen, das heisst,
was sie so nennen, denn einen richtigen Feind haben sie hier gar nicht, dann
platzen die Flinten oder gehen gar nicht los, weil das Pulver nichts taugt oder
die Patrone nicht passt. Und warum is es so? Weil es alles bloss Spielerei is und
kein Ernst nich, und Ernst ist immer bloss, dass der Lieferant sein Geld kriegt
für die Tornister, die von Pappe sind, und für seine Mäntel von Löschpapier. Ich
habe welche gesehen...«
    Lehnert wollte widersprechen, aber Kaulbars litt es nicht und fuhr in gleich
überlegenem Tone fort: »Ich habe welche gesehen, sag ich, die wie Zunder vom
Leibe fielen. Und warum? Weil alles Geschäft is, und wo alles Geschäft is, is
alles Schwindel. Und wenn ich nu frage, warum is es alles Schwindel? so kann ich
bloss sagen, weil sie nichts kennen als Geld und nichts wollen als Geld und
nichts anbeten als Geld und weil sie keinen richtigen Gott haben. Und wo sie
keinen richtigen Gott haben, da haben sie auch keine Pflicht und keine Ehre. Und
woran liegt es? Weil sie verloddert sind. Und warum sind sie verloddert? Weil
sie nicht dienen. Und der Toby hat auch nicht gedient, und von Strammheit und
richtiger Propreté ist keine Rede nich. Blaue Krawatte trägt er und hat 'ne
legere Haltung, aber ein blauer Schlips is nicht Propreté, und eine lange
Stakete, die hin und her schlenkert, weil kein Rückgrat drin is, is nich
Strammheit.«
    Hier hatte sich Kaulbars vorläufig erschöpft, und Lehnert fand Gelegenheit
einzuwerfen: »Ich bin überrascht, Mister Kaulbars, Sie so streng zu sehen. Als
hier der grosse Krieg war, Anno 63, da waren wir beide noch drüben und haben
beide nichts gehört und nichts gesehen, und was wir nachher, als wir rüberkamen,
gehört haben, nu hören Sie, Mister Kaulbars, da muss man doch Respekt haben vor
dem, wie's damals hergegangen ist, und haben sich geschlagen wie die besten
Truppen und sind auch richtig verpflegt worden und war keine Rede von vor Hunger
sterben. Und so mein ich denn, es kann nicht alles bloss Schwindel sein.«
    »Es is Schwindel, sag ich, und wer gedient hat...« »Ich habe auch gedient,
Mister Kaulbars.«
    Kaulbars lächelte. »Wobei denn?«
    »Bei den Görlitzer Jägern.«
    »Na, hören Sie, mit die Jäger, das ist immer bloss soso. Das is nich Fisch
und nich Vogel und geht eigentlich immer bloss auf Jagd und wilddiebt ein bisschen
und is kein richtiger Soldat nich. Ich habe bei die Vierundzwanziger gestanden,
Hauptmann von Goerschen, fünfte Compagnie. Haben Sie von dem mal gehört? Ich
meine von Goerschen. Das heisst, es gab eigentlich zwei Goerschens, einer hiess
Franz, der war auch ganz gut, aber unserer hiess Otto, und wir nannten ihn
unseren Otto, und war schon mit bei Düppel, Schanze drei. Ich sag Ihnen, die
Schanze war weg wie Schnupftabak. Ja, so sind die Vierundzwanziger, Ruppin und
Havelberg, und Ratenow und die Zietenschen, das gehört eigentlich auch noch mit
dazu. Hören Sie, die Görlitzer mögen ja soweit ganz gut sein, man soll nicht
streiten und soll nicht nein sagen, wenn man's nich weiss. Aber das sag ich
Ihnen, Mister Lehnert, aufs Dienen kommt es an, und jeder muss mal Rekrut gewesen
sein und muss die Honneurs gelernt haben und muss die Signale gelernt haben. Und
das is gewiss, wenn der Hornist blies und war das Signal von der fünften
Compagnie, da gab es ein Ohrenspitzen wie 'n Kavalleriepferd und mitten im
Schlaf. Und wenn dann der alte Oberst von Unruh mit seiner Krähstimme
kommandierte: Präsentiert das Gewehr! und dann der Prinz, unser Prinz, die Front
abschritt und die Spielleute spielten und wir mit Augen rechts dastanden wie die
Puppen, und ich sag Ihnen, Lehnert, was für Puppen, ja, das hätten Sie sehen
sollen, das hatte so seine Art, das war ein Vergnügen, und wenn der Prinz dann
sagte: Ja, das sind meine Vierundzwanziger; Kinder, wenn ich Soldaten sehen
will, dann seh ich mir die Vierundzwanziger an; es lebe der Kaiser!, ja, Mister
Lehnert, das war was, das kommt vons Dienen und Gehorchenkönnen und von der
Strammheit und der Propreté, und wenn Sie die ganzen achtunddreissig States
umstülpen und hier unser Indian-Territory mit dazu und alle Mennoniten und den
alten Obadja auch, so was fällt nich raus und kann auch nich rausfallen, weil's
nich drin is und weil alles Schwindel is... Und Miss Rut, nu ja, Miss Rut ist
ein hübsches Ding, geb ich zu, meinetwegen, und Mister Toby kuckt in die Welt
wie die Maus aus der Hede. Glau sind sie und gewaschen und haben so was wie
Prinz und Prinzessin. Aber, bei Lichte besehen, das ist eben der Unsinn. Wer
kein Prinz is, darf auch nicht wie 'n Prinz aussehen. Prinz Friedrich Karl, der
durfte, der war einer. Aber Toby? Toby weiss alles am besten und is doch bloss
noch ein Quack. Aber das is hier alles eins, und mit zwanzig ist er bei der
Gesandtschaft in Japan, und mit vierundzwanzig ist er Oberpriester in
Nogat-Ehre. Denn der Alte wird klapprig, und ewig kann er doch nicht leben, und
wenn er auch so fromm wäre wie Abraham oder wie Hiob.«
 
                           Zweiundzwanzigstes Kapitel
So verliefen die Gespräche, die die beiden preussischen »Kameraden«, wenn sie
morgens auf die Felder hinausritten, miteinander führten, Gespräche, die Lehnert
nur zu deutlich zeigten, dass mit dem guten Kaulbars (und mit der Frau lag es
nicht viel besser) wohl ein friedlicher, aber kein freundschaftlicher Verkehr
möglich sei. Und so würde denn das Gefühl von Vereinsamung, das ihn, sehr bald
nach seinem Erscheinen in Nogat-Ehre, zu quälen begann, sehr wahrscheinlich in
einem beständigen Wachsen geblieben sein, wenn ihm nicht der anfangs mit soviel
Misstrauen und Abneigung von ihm angesehene Monsieur Camille L'Hermite mit jedem
Tage teurer geworden wäre. Monsieur L'Hermite hatte nichts von der
selbstgefälligen Enge, darin sich beide Kaulbarse gefielen, und so kam es, dass
sich mit dem Landesfeinde - »mon cher ennemi«, wie Monsieur L'Hermite sagte -
nach und nach ein Verhältnis anbahnte, das ihm der deutsche Landsmann nicht
gewähren konnte.
    Den ersten Anstoss zu dieser Bekehrung gab ein ganz kleiner, schon während
der ersten Wochen sich ereignender Vorfall. Lehnert, wenn von Tisch aufgestanden
und nach kurzem und meist die Wirtschaft betreffendem Gespräche der Rückzug in
die Zimmer des oberen Stocks angetreten wurde, schloss sich diesem Rückzug nicht
immer an, sondern zog es mitunter vor, in einer jenseits der Akazienallee
gelegenen Garten- und Parkanlage, darin sich auch die von Obadja aus grossen
Feldsteinen aufgeführte Familiengruft befand, noch eine halbe Stunde lang auf
und ab zu gehen, wobei Ruts Neufundländer ihn meistens begleitete. Stieg er
dann, wenn's dunkel geworden, auch seinerseits die Treppe hinauf, so klang
regelmässig vom linken Korridor her ein Choral herüber oder ein geistliches Lied:
Rut sang und Toby begleitete. Was aber Lehnerts Gemüt mehr noch als dieser
Gesang in Anspruch nahm, war das, dass er, wenn er an Monsieur L'Hermites Zimmer
vorüberkam, Mal auf Mal in aller Deutlichkeit hören konnte, wie dieser die Türe
leis ins Schloss drückte, ganz so, wie wenn er's verbergen wolle, dem Gesange
Ruts gelauscht zu haben. Einmal aber traf es sich, dass L'Hermite, trotz aller
Vorsicht, auf seinem Lauscherposten von Lehnert doch überrascht und dadurch in
eine kleine momentane Verlegenheit versetzt wurde. Seine französisch gute Laune
half ihm aber rasch darüber hin, und sein Käppi zurückschiebend, wie seine
Gewohnheit bei jeder Ansprache war, trat er an Lehnert heran und sagte, während
er nach dem linken Korridor hinüberdeutete: »Ce n'est pas mal; n'est-ce pas?«
Und als Lehnert nickte, nahm er dessen Arm und sagte: »Entrez, mon cher ennemi.«
    Lehnert folgte denn auch der freundlichen Aufforderung und nahm in einem
Schaukelstuhle Platz, während sich L'Hermite mit übergeschlagenem Bein auf den
durch eine grüne Schirmlampe nur mässig erleuchteten Arbeitstisch setzte. Die
mässige Beleuchtung war denn auch Ursache, dass viele Stellen des Zimmers, der
eigentlichen Ecken und Winkel ganz zu geschweigen, in einem Halbdunkel
verblieben, gab aber immer noch Licht genug, um den umschauhaltenden Lehnert
erkennen zu lassen, dass der ganze Raum ein merkwürdiges und sehr unordentliches
Durcheinander von Schlosserwerkstatt und chemischem Laboratorium, von
physikalischem Cabinet und Mineraliensammlung war. Das Chemische herrschte vor,
im übrigen aber lief der Gesamteindruck darauf hinaus, dass es nichts auf der
Welt gäbe, was hier nicht entdeckt und erfunden werden könne. Welchem Zweck das
alles diente, gab zu denken, und Lehnert, der immerhin einiges von L'Hermites
Vergangenheit in Erfahrung gebracht hatte, würde beim Anblick all dieser Kolben
und Retorten sicherlich auf einige für Europa bestimmte Nihilistenbomben geraten
haben, wenn nicht Nogat-Ehre so ganz den Stempel des Friedens getragen und
Obadja selbst bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit einer besonderen Vorliebe
von Monsieur L'Hermite gesprochen hätte.
Lehnerts Verweilen an jenem ersten Besuchsabend war nur von kurzer Dauer
gewesen, aber es hatte doch ausgereicht, beide zu nähern und in weiterer Folge
sogar regelmässige Reunions herbeizuführen. An jedem dritten Tage, wobei zwischen
hüben und drüben gewechselt wurde, kam man zu ziemlich später Stunde zusammen
und plauderte dann bis Mitternacht. Das war die Regel, die, wenn Lehnert Wirt
war, strikte galt. An den L'Hermite-Abenden aber - an denen, ausser einigen
anderen Verpflegungsfinessen, auch ein in Galveston erstandener und mit Cognac-
und Absintflaschen reichlich ausgestatteter Rosenholzkasten eine Rolle spielte
- ging ihr Geplauder gelegentlich bis über die zwölfte Stunde hinaus. Obadja
wusste von diesem Rosenholzkasten und dass ihm, vor allem von L'Hermite selbst,
fleissig zugesprochen würde, was er, wie sich denken lässt, missbilligte; trotzdem
liess er es geschehen, einmal, weil ihm alles Erziehen, wenn es sich nicht von
selbst machte, zuwider war, und fast mehr noch, weil er sich nicht das Recht
zuschrieb, die Lebensgewohnheiten eines Mannes zu regeln, der, wenn auch ein
Flüchtling, so doch immerhin ein unbeanstandeter Gast und, wie schon hier gesagt
werden mag, auch eine Person von praktischer Bedeutung für Nogat-Ehre war. Und
so störte denn niemand diese Zusammenkünfte, die bald beider Freunde besondere
Lust und Freude wurden.
    Eins nur, was übrigens die Freude nicht minderte, fiel Lehnert bei diesen
abendlichen Zusammenkünften auf, und das war die Zurückhaltung, mit der
L'Hermite seine »grosse Zeit«, seine historische Vergangenheit behandelte. Nicht
als ob er Lust bezeigt hätte, sich von ihr loszusagen, durchaus nicht, er
vermied nur einfach, ohne Veranlassung davon zu sprechen, und beschränkte sich,
wenn diese Veranlassung eintrat, auf das unbedingt Nötigste. Der furchtbare
Ernst der Szene, darin er mitgespielt, war ihm gegenwärtig, und ein feines
ästetisches Gefühl, das ihn überhaupt auszeichnete, hielt ihn ab, von einem
Hergange zu sprechen, dessen Erwähnung, wenn es die Verhältnisse nicht geradezu
geboten, entweder renommistisch der zynisch berühren musste. Lehnert, als er erst
klar darin sah, stimmte seinem Flurgenossen zu, bevor dieser Zeitpunkt aber da
war, war er doch wochenlang von dem Verlangen erfüllt, über den interessanten
Hergang Ausführlicheres zu hören, und schwankte nur, nach welchem Plane er, um
seine Neugier zu befriedigen, verfahren solle. Schliesslich entschied er sich
dafür, auf einem Umwege vorzugehen und das Gespräch zunächst auf die langen
Einschliessungstage von Paris zu lenken. Es seien langweilige Tage gewesen, auch
für sie draussen, und das Zerstreuliche hab erst eigentlich begonnen, als die
Franzosen untereinander ins Bataillieren geraten seien, die Versailler gegen die
Pariser. Da hätten er und seine Kameraden oft viele Stunden lang auf dem
Höhenzuge zwischen St. Germain und St. Denis gestanden und dem Kriege wie einem
richtigen Kriegsschauspiel zugesehen. Und einmal hab er ganz deutlich beobachten
können, wie die Parisischen durch eine geschickte Bewegung über die Brücke von
Asnieres alles, was von Regierungstruppen in der grossen Seine-Schleife
gestanden, abgeschnitten hätten. Aber das sei freilich auch der letzte Sieg
gewesen, und schon am nächsten Tage wäre der Triumphbogen von den von St. Cloud
vorgehenden Bataillonen erstürmt worden. Und wenn er sich vergegenwärtige, was
er bei der Gelegenheit alles gesehen hätte, so begreif er nur zu gut, was
unmittelbar darauf von seiten der Kommunards geschehen sei, und könne von
Grausamkeit keine Rede sein.
    Monsieur L'Hermite, während Lehnert so sprach, hatte still vor sich hin
geblickt und eine Zigarette gedreht und erst nach einer Weile das Wort genommen.
Es sei so, wie Lehnert sage. »Die Sache da draussen am Trocadero war kein Spass,
und daraufhin wurden die Geiseln erschossen... Und der letzte war der
Erzbischof... Ich übernahm selber das Kommando... Er ist gestorben wie ein Held,
wie nur die von der Kirche zu sterben verstehen.«
    Lehnert, als L'Hermite so sprach, sog jedes Wort ein und glaubte, jetzt sei
der Augenblick für intimste Mitteilungen gekommen. Aber er sah sich abermals
getäuscht, und sein Wissen blieb im wesentlichen auf dem Punkt, auf dem es schon
vorher gestanden hatte.
    Nicht viel besser erging es ihm, als er, auf einem ähnlichen Umwege, den
Versuch machte, Näheres über seines Flurgenossen Flucht aus Numea, wohin dieser
deportiert worden war, herauszuholen. L'Hermite wiegte den Kopf hin und her und
sagte dann, während er, um damit zu spielen, eine grosse Feile vom Arbeitstische
nahm: »Es machte sich schnell. Wir waren unserer drei, die's wagten, weil wir
gut schwimmen konnten, und schwammen denn auch wirklich, trotz Brandung, auf ein
Schiff zu, von dem wir wussten, dass der Kapitän mit unserer Sache sei. Meinen
beiden Kameraden aber ging die Kraft aus; ich für mein Teil konnte noch gerad
ein Tau fassen, das mir von Deck aus zugeworfen wurde. Das ergriff ich denn
auch, und eine Minute später zogen sie mich an Bord. In derselben Stunde noch
ging's nach Portland. Und da war ich frei. Das andere wisst Ihr; Ihr kommt ja
auch von San Francisco her. Ist eins wie das andere.«
    So knapp waren Monsieur L'Hermites Erzählungen, wenn es seine historische
Zeit galt, aber desto mitteilsamer war er, wenn er auf seine mit Technik und
Mechanik und vor allem mit dem Bergwerkswesen in Zusammenhang stehenden Pläne zu
sprechen kam, was übrigens kaum verwundern konnte. War er doch vor allem, wie
schon die Geschwister gleich am ersten Tag auf der gemeinschaftlichen Fahrt von
Station Darlington nach Nogat-Ehre zu Lehnert gesagt hatten, ein Entdecker und
Erfinder, und wenn er auch unzweifelhaft an seiner »Idee« mit einem stillen
Fanatismus festielt, so gab es doch eins, was in seinen Augen der »Idee«
gleichkam, das war das »Projekt«. Ja, er war, vielleicht über alles andere
hinaus, seiner ganzen Natur nach ein Projektenmacher, und was er die
»Durchführung seiner Idee« nannte, war eigentlich auch nur Projekt und hätt ihn,
wenn es anders gewesen wäre, schwerlich in seinem Gemüte derart ergriffen, wie's
jetzt tatsächlich der Fall war. Er hielt Lesseps für den grössten Mann des
Jahrhunderts, und Istmusdurchstechung oder eine Tunneleisenbahn unter dem Kanal
hin, Ausschöpfung des Zuidersees und Füllung der Saharawüste mit Ozeanwasser,
das alles waren Dinge, die seiner Seele mindestens so hoch standen (vielleicht
noch höher) als der Sieg der Kommune. Sah man auf sein Leben zurück, so war es,
in Gutem und Schlechtem, in Glück und Unglück, eine natürliche Folge dieser
seiner Beanlagung. In der Mitte Frankreichs, in dem kleinen, aber mineralreichen
Departement Creuze geboren, war er schon als Kind in den Galmei- und
Bleierzbergwerken seines heimischen Departements beschäftigt gewesen, bis er
1849, damals erst neunzehn Jahr alt, nach Paris und hier wiederum (nach nur
kurzer Beschäftigung in einer Fabrik, darin Bleiröhren gezogen wurden) unter die
»Roten« ging, in deren Reihen er gleich danach die Junischlacht mitmachte.
Verwundet, gefangen und eingekerkert, liess er, als er wieder freikam, auf eine
Weile die Politik fallen und machte, mittlerweile Soldat geworden, mit Passion
den Krimkrieg mit, bei welcher Gelegenheit er sich im Minenkriege vor Sebastopol
derart auszeichnete, dass ihm das Kreuz der Ehrenlegion zuerkannt und vom
Obersten Niel, dem späteren Marschall, in Person an die Brust geheftet wurde.
Zugleich empfing er die Galons. Aber fünf Jahre später, kurz nach Solferino, den
Abschied nehmend, war auch, mit der Rückkehr in die bürgerliche Gesellschaft,
sofort der »Rote« wieder da. Rasch erkannte die Parteileitung seine besonderen
Meriten: ein Tüftelgenie höchster Gattung, das mit Rücksicht auf Höllenmaschinen
und Dynamitbomben gehegt und gepflegt werden müsse. Welchem Vertrauen er denn
auch entsprach. In einem Zeitraume von zehn Jahren verging kaum eine Woche, wo
nicht neue Vorschläge von ihm eingereicht worden wären, und nur wenn politisch
unfruchtbare Zeiten kamen, von ihm »Vacances« genannt, entsprach es ganz seiner
Natur, den nun an die Stelle von Knallsilber und Nitroglyzerin tretenden
harmlosen »Ferienarbeiten«, wohin beispielsweise Pencils mit Mechanik, neue
Tornisterschnallung, Apfelschälmaschinen und ähnliches gehörten, ein nicht viel
geringeres Interesse wie einer neuen Bombenfüllung entgegenzubringen. Er verfuhr
dabei ganz nach dem Prinzip: »Wer des Kleinen nicht achtet, ist des Grossen nicht
wert«, und so durfte denn in der Tat von ihm gesagt werden, dass die Jahre von
Solferino bis Sedan, gleichviel ob die Verschwörungschancen hoch oder niedrig
standen, alles in allem eine Glücks-und Zufriedenheitsepoche für ihn
darstellten, aus der ihn erst die »hundert Tage« der Kommune wieder
herausrissen, um ihn dann, nach kurzem Glanz, als einen auf Lebenszeit
Verurteilten an die Küste von Neu-Kaledonien zu werfen.
    Seitdem, die Neu-Kaledonien- und die Nogat-Ehre-Tage zusammengerechnet,
waren zwölf Jahre vergangen, aber er war derselbe geblieben, und als seine
glücklichsten Momente konnten die gelten, wo die lange Serie wünschenswerter
oder in seinen Augen auch wohl unerlässlicher Entdeckungen und Erfindungen
angesichts des oft sich öffnenden Rosenholzkastens durchgesprochen wurden. Dass
alles dabei zur Sprache Kommende jetzt nach der friedlichen Seite hin lag, nahm
der Debatte nichts von ihrem Reiz und Eifer. Unter der hundertmal wiederholten
Versicherung von »on revient toujours à ses premiers amours« war L'Hermite, fast
von dem Tag an, an dem er in Nogat-Ehre sein Refugium gefunden hatte, vor allem
wieder auf das Bergwerkswesen, auf die Montanindustrie seiner frühesten
Knabenjahre zurückgekommen und verfolgte dabei zu nicht geringer Befriedigung,
um nicht zu sagen Erbauung Obadjas - der nach Art vieler Frommen einen stark
ausgebildeten Sinn für die Güter dieser Welt hatte - den Plan einer
»Exploitierung« der Ozark-Mountains auf Blei, zu welchem Behufe die
verhältnismässig nahe gelegenen Berge mannigfach von ihm durchforscht und wohl
Hunderte von Erzstufen auf ihren Bleigehalt hin untersucht worden waren. Um das
zerfallene Fort O'Brien herum, und dann ansteigend bis zu dem Kamm der Mountains
hinauf, lag das Erz an mehr als einer Stelle fast wie zutage, und wenn Obadja,
so wenigstens versicherte L'Hermite, sich vor Jahr und Tag schon zu Drangebung
der jämmerlichen Feldwirtschaft, bei der nichts herauskomme, hätte bestimmen
lassen, so wär er längst schon zum Krösus, zum Roi de Lydie dieser Gegenden
geworden. Denn einmal sei das Blei selbst ein wirklicher Schatz, aber wenn
Obadja, der nichts davon verstehe, das auch anzweifeln wolle, so wisse doch
jedes Kind, wo Blei sei, sei auch Silber, und wo Silber sei, sei auch Gold. In
fünf Jahren, wenn alles geschickt exploitiert werde, müsse das ganze Territorium
mit seinen Bahnen und Bergen in Händen von Obadja sein, und wenn dann Prinz
Toby, Königliche Hoheit, zur Regierung komme, so sei Vanderbilt ein Strohmann
dagegen und Mister Mackay eine Schillingspuppe. Das Durchsprechen solcher Pläne,
begleitet von spöttischen Ausfällen gegen die Frommen und Gläubigen, die zwar
alle gern reich sein wollten, aber in ihrer sich Gottvertrauen nennenden
Beschränkteit immer verlangten, dass ihnen alles in den Schoss falle, das war ein
Tema, das an den Reunion-Abenden mit einer gewissen Regelmässigkeit
wiederkehrte, wenn aber - genauso wie vordem in Paris - die grossen Pläne
momentan zu Boden fielen, so traten auch hier im Obadjaschen Hause wieder
vergleichsweise kleine Sachen dafür ein.
    Eines Abends standen auch wieder solche Nipp-und Kleinkramsachen auf dem
Programm, lauter Dinge, die sich nicht auf die Bleibergwerke, sondern ganz
einfach auf den Hausstand und das unmittelbare Beisammenleben in Nogat-Ehre
bezogen. L'Hermite, wie gewöhnlich ganz hingenommen, sprach mit Lebhaftigkeit
über Gasleitung und Anbringung eines Betsaalkronleuchters, dessen
Fledermausflammen, wenn gewünscht, ja mit Leichtigkeit auch aus Christus-oder
Prophetenköpfchen (selbstverständlich unter Bevorzugung des Obadjakopfes)
aufschlagen könnten, und als Lehnert darüber lachte, spielte L'Hermite Trumpf
auf Trumpf aus und gefiel sich darin, immer grotesker zu werden. Endlich aber
liess man das Gas-und Kronleuchtertema fallen und kam überein, zunächst neue
Stahlreifen und Croquetämmer für Rut und Toby und, wenn das geschehen sein
würde, ein neues grosses Spind mit Fliegenfenster für Maruschka machen zu wollen.
    Es lag nah, dass man, bei Besprechung dieser mit den einzelnen Hausinsassen
sich beschäftigenden Dinge, von den Dingen zuletzt auch auf die Personen kam,
und Lehnert, als er sah, dass L'Hermite seinen Absint ohne Wasser zu nehmen
anfing, konnte, so vorsichtig er sonst war, der Versuchung nicht widerstehen,
allerhand Fragen zu tun, um auf die Weise seinen nun schon im fünften Jahr in
Nogat-Ehre weilenden Haus- und Flurgenossen über die verschiedenen Mitglieder
der Familie, wie des Hauses überhaupt, auszuholen.
    »Es ist sonderbar«, sagte Lehnert, »man hört und sieht dies und das und
stellt sich natürlich auch allerhand Fragen über die, die so neben einem
herleben, und doch hat man nicht recht Antwort darauf, auch nicht einmal bei
denen, die die klarsten und einfachsten zu sein scheinen.«
    »Ihr seid zu schwierig, Lehnert«, lachte L'Hermite. »Zu schwierig und zu
gewissenhaft, so recht ein Deutscher, und wollt immer zu tief auf den Grund.
Aber das glückt nicht. Ich für meine Person, ich wüsste keinen, über den ich auch
nur im geringsten in Zweifel wäre, und verpflichte mich, ohne Besinnen, einem
jedem sein Zertifikat zu geben.«
    »Das wäre«, sagte Lehnert. »Soll ich einmal den Versuch machen?«
    L'Hermite nickte.
    »Nun denn, Kaulbars?«
    »Tête carrée.«
    »Und Maruschka?«
    »Un peu de cochon.«
    »Und Obadja?«
    »Un peu de Mormon.«
    »Und Toby?«
    »Bon garçon.«
    »Und Rut?«
    »Ange.«
    »Und Monsieur Camille L'Hermite?«
    »Blagueur.«
    »Und Lehnert Menz?«
    »Caïn le Sentimental.«
    Lehnert fuhr zusammen. L'Hermite aber sah einfach zur Seite, nahm einen
Absint und riss dann ruhig ein Blättchen Seidenpapier aus dem Block, um eine
neue Zigarette zu drehen.
 
                           Dreiundzwanzigstes Kapitel
Lehnert war derart getroffen, dass er unfähig war, das Gespräch weiterzuführen,
und bald danach sich erhob, um in sein Zimmer hinüberzugehen. Da schritt er nun
auf und ab und kam schliesslich zu dem Resultat, dass alles ein Zufall gewesen
sei. Sehr bald aber war es mit diesem Trost vorbei. »Nein, nicht Zufall. Er hat
mich wissen lassen wollen: Ich weiss. Nicht aus böser Absicht (ist er doch selber
mit drin), aber aus Laune, vielleicht auch aus Teilnahme.«
    So sann er noch weiter nach, und Mitternacht war heran, als er sich, halb
angekleidet, auf das aus Bambusstäben leicht zusammengefügte Ruhebett streckte;
das Bett selbst aufzusuchen widerstand ihm. Was geschehen war, geschehen vor
manchem Jahr, war ihm seit einer Stunde wieder mit vollem Gewicht auf die Seele
gelegt worden, und lebhafter noch als gleich am ersten Tage bei seinem
Erscheinen in Nogat-Ehre beklagte er es, dass Obadja keine Beichte von ihm
verlangt habe. »Warum verlangte er sie nicht? Weil er's wohl mit mir meinte. Nun
aber quält es mich und belastet mich. Was gebeichtet wird, das kann verziehen
werden, aber die verborgene Schuld, vor niemand eingestanden, das ist die
schwerste der Strafen.«
    Und erschöpft schlief er endlich ein und nahm seine selbstquälerischen
Gedanken mit in seinen Traum. Er schlief noch nicht lang, als ein Klopfen ihn
weckte. Wer es sein könne, war ihm kaum zweifelhaft, und er ging auf die Tür zu
und öffnete. Wirklich, es war L'Hermite, nur in Slippers und weitem Beinkleid
und sein Käppi wie gewöhnlich im Nacken. In der Linken hielt er einen Blaker,
drin ein Lichtstümpfchen, mit einem Dieb am Docht, russig qualmend hin und her
flackerte. Das Groteske ging unter in dem Schmerzlichen der Erscheinung. Er
mühte sich, überlegen dreinzuschauen, und schien sich und die Welt ironisieren
zu wollen, aber ein mächtigeres Gefühl hielt seinen Spott im Bann, und er sah
aus wie der Tod auf der Maskerade, der tanzen will. Endlich nahm er Platz,
während Lehnert sich ihm gegenübersetzte.
    »Ihr könnt nicht schlafen, Monsieur L'Hermite. Was gibt es?« »Es sah wer in
mein Fenster.«
    »Wer?«
    »Ich sah ihn nicht. Aber er hielt ein Kreuz vor der Brust.«
    »Das war das Fensterkreuz und der Mondschein dahinter.«
    L'Hermite lächelte. Lehnert aber, der das Grauen, das ihn mit erfasst hatte,
dem Freunde wie sich selber wegreden wollte, suchte bei seinem zwangsweis
angeschlagenen Heiterkeitstone zu beharren und sagte: »Sinnestäuschung, Monsieur
L'Hermite. Wer Euch ins Fenster sehen will, muss von unten her eine Leiter
anlegen.«
    »Oder von oben.«
    Er sprach das so, dass Lehnert verstummte. Und nun sassen sie sich einander
gegenüber, und zwischen ihnen schwebte das Licht, dessen Flackerschein in dem
Spiegelchen reflektierte.
    So verging eine Weile. Dann sagte Lehnert: »Es gibt eine Himmelsleiter, und
die Engel steigen hernieder, so steht geschrieben... Und vielleicht auch die
Engel des Gerichts. Glaubt Ihr solche Dinge?«
    »Nein. Aber das Ammenmärchen hat nun mal Gewalt über uns, das Eiapopeia, das
uns schon von der Wiege her gesungen wird. Die pfäffische Lüge verdirbt alles.
Da liegt es. Statt, wie jetzt, in der grossen Lüge grossgezogen zu werden, müssen
wir grossgezogen werden in der Idee. Bis dahin zittern wir vor dem Spuk und haben
kein Mark in der Seele.«
    Lehnert schwieg. Endlich sagte er: »Monsieur L'Hermite, drüben vor Eurem
Fenster steht der Mond, und der Mond ist nicht jedermanns Sache. Bleibt hier,
legt Euch auf das Ruhebett!«
    L'Hermite aber erhob sich wieder von seinem Platz, legte seine Hand auf
Lehnerts Schulter und sagte: »Nein, wir wollen lieber in die Kapelle gehen; ich
will da das Kreuz vom Altar nehmen und es hochhalten und den Geist anrufen, den
Saint-Esprit. Denn der Geist ist die Idee. Die Kapelle soll mal etwas anderes
hören als die Geschichte von Pharaos Traum und den ewigen sieben Kühen. Obadja
persönlich ist eine fette Kuh, aber seine Predigt ist eine magere. Kommt! Ich
will sein Tabernakel in einen Tempel der Idee verwandeln und will bloss vor
zweien sprechen. Vor Euch und dem Mond. Das ist mir genug.«
Es war nicht leicht, Monsieur L'Hermite von seinem Vorhaben ab- und in sein
Zimmer zurückzubringen. Endlich gelang es, und nachdem Lehnert, des noch immer
draussen stehenden Mondes halber, die Läden des einen Fensters geschlossen hatte,
ging er in sein eigenes Zimmer zurück, um hier wieder sein Lager aufzusuchen. Er
war nun selber Zeuge gewesen von der gelegentlichen Geistesgestörteit
L'Hermites, von der er schon gehört hatte. »Wenn es nicht sein Gewissen ist«,
hatte Toby damals hinzugesetzt. Und Lehnert wiederholte jetzt Tobys damalige
Worte.
    Der andere Tag war ein Sonntag. Lehnert erschien zur Morgenandacht,
beurlaubte sich aber gleich danach für den ganzen Tag, um ins Gebirge zu reiten,
in die Ozark-Mountains, deren viele Meilen langen Zug er nun seit einer Reihe
von Wochen in beinah nächster Nähe vor sich sah, ohne dass es ihm bisher möglich
gewesen wäre, sie zu besuchen. Die Woche gehörte der Arbeit und der Sonntag der
Betrachtung und Ruhe, worauf Obadja, mit einer ihm sonst nicht eigenen Strenge
hielt. Ausnahmen waren aber stattaft, und Lehnerts musterhafte Innehaltung
aller Hausgesetze während seiner jetzt mehr als zweimonatlichen Anwesenheit in
Nogat-Ehre liess es Obadja nicht schwerfallen, heute solchen Ausnahmefall
eintreten zu lassen.
    Es war der zweite September, und Lehnert, als er eben eine leis ansteigende
Ebereschenallee hinaufritt - er hatte sich für einen kleinen Umweg entschieden -
entsann sich mit einer gewissen Freudigkeit, dass es der Sedantag war. Er
versenkte sich wieder in die Vorgänge von damals und sah wieder den Angriff der
Chasseurs d'Afrique und wie die Säbel und roten Käppis der attackierenden
Schimmelschwadron in der Sonne blitzten.
    Solche Bilder vor der Seele, ritt er weiter, allmählich aber bog die
Ebereschenallee wieder nach links ein und ging in einen Birkenweg über, der sich
alsbald in geringer Entfernung von dem in Trümmern liegenden Fort O'Brien ins
Gebirge hineinzog. Als er in Höhe dieser Stelle war, stieg er ab und band sein
Pferd an einen Baum, um, eh er weiterritt, erst dem interessanten Trümmerhaufen,
auf den sich, von seinem Fenster aus, sein Auge manches liebe Mal gerichtet
hatte, seinen Besuch zu machen. Fort O'Brien war, vor kaum mehr als zwanzig
Jahren, in einem der vielen kleinen Kämpfe mit den Indianern von diesen erstürmt
und zerstört worden, wobei Dach und Inneres total verbrannt, der Wallgang aber
samt seinen Palisaden und vor allem ein an einer Ecke stehender abgeflachter
Steinturm in leidlich gutem Zustande verblieben waren. Lehnert, als er das Fort
erreicht hatte, kroch überall umher, erstieg den Turm auf einer noch
wohlerhaltenen Wendeltreppe und sah nun zurück nach Nogat-Ehre hin. Die
Entfernung mochte fast zwei Wegstunden sein, aber die wundervolle Klarheit der
Luft liess ihn alles aufs bestimmteste erkennen. Das Eckfenster zur Linken, das
war seine, und das an der anderen Ecke, da wohnte Rut. Es war ihm, als säh er
sie, und indem er ihrer gedachte, gedacht er auch schon des Moments der Rückkehr
und sah sich die Treppe hinaufsteigen und vernahm andächtig den Choral, den sie
mit klarer Kinderstimme sang. Und nun bog er in den Korridor ein und hörte
wieder deutlich, wie die Tür ins Schloss fiel und wie sich Monsieur L'Hermite wie
herkömmlich von seinem Lauscherposten zurückzog. Und während er das alles im
Geiste vorwegnahm, trat er, sich wieder erinnernd, wo er war, an die Brüstung
des alten Turmes heran und pflückte, sich bückend, allerlei kleine Blumen, die
hier aus dem zerbröckelten Gestein reichlich aufsprossten, und band einen Strauss,
den er mitnehmen und Rut überreichen wollte.
    Das Pferd nagte noch ruhig an den Birkenzweigen, als er nach einer Weile
zurückkam, um wieder in den Sattel zu steigen. Der Weg aber, der immer steiler
anstieg, erschien ihm jetzt mehr und mehr wie die Krummhübler Strasse zwischen
dem »Goldenen Frieden« und dem »Waldhaus«, und der Gebirgsbach, der da neben ihm
schäumte, das war die Lomnitz, die vom Mittagsstein und den Teichen herunterkam.
Und unwillkürlich sah er auch nach dem Inselchen aus und ob er das Haus sähe,
sein Haus, mit den zwei Brückenstegen und dem Schindeldach und dem erst sich am
Hause hin und dann bis aufs Dach hinaufrankenden gelben Rosenstrauch. Er sah
aber nichts als Tannen und wieder Tannen und dann und wann eine Lichtung, und
dabei wurde der Weg immer enger und steiler, bis zuletzt ein Quell kam, der aus
einer niedrigen, aber senkrechten Felswand sprang und dicht darunter in einen
aus vier mächtigen Steinen gebildeten Kessel fiel. Und an dem Kessel hin lief
ein Pfad, und dahinter kam ein Moorstreifen und verdorrtes Gras und Huflattich
... Und dann kam ein Kusselgebüsch... Und da lag wer...
    Und Lehnert hielt an und fuhr mit der Hand über Stirn und Auge, wie wenn er
das Bild verscheuchen wolle. Aber es wich nicht. Und zuletzt gab er dem Pferde
die Sporen und ritt, so rasch es der Weg zuliess, immer höher bergan.
    Nur einmal noch sah er nach der Stelle zurück.
    »Das ist der, der bei L'Hermite ins Fenster sah.«
 
                           Vierundzwanzigstes Kapitel
Anfang September war die Ernte herein und zum grössten Teil auf dem ziemlich in
der Mitte der Obadjaschen Gesamtfarm gelegenen und mit einer guten
Wasserverbindung ausgestatteten »Vorwerk« untergebracht worden, auf dem Mister
und Mistress Kaulbars schon seit Wochen die Vorwerkswirtschaft leiteten und ein
kleines daselbst befindliches Wohnhaus bezogen hatten. Um dies Wohnhaus herum
lagen, im Viereck, vier grosse Scheunen, aus denen das ausgedroschene Getreide
teils zur nächsten Eisenbahnstation gefahren, teils in Flachkähne verladen
wurde, prahmartige Fahrzeuge, die, von einem Dampfer geschleppt, den Red River
hinuntergingen. Kaulbars war unermüdlich tätig, umsichtig und von strengem
Regiment und erwarb sich, weil er hier selbständig und nach eigenem Ermessen
handeln durfte, nicht nur Obadjas Anerkennung, sondern auch Lehnerts
bereitwilligste Zustimmung. »Er ist schrecklich, aber das muss wahr sein, seine
Sache versteht er.«
    So sah es auf dem Vorwerk aus. Alle Hände rührten sich, während für
Nogat-Ehre selbst minder arbeitsame Tage kommen zu wollen schienen. Und für
Lehnert, wenn auch die Arbeit nicht geradezu ruhte, kamen sie wirklich, nur
freilich nicht für Obadja, für den einfach die Aufgaben zu wechseln begannen.
Für ihn waren jetzt die Tage da, wo sich seine Tätigkeit, statt dem
Landwirtschaftlichen, dem Leben in der Gemeinde zuzuwenden hatte. Beratungen
fanden statt, an denen zunächst die Mennoniten von Nogat-Ehre, bald aber auch
die Brüder aus Kansas und sogar Abgesandte von Dakota her teilnahmen. Es war ein
beständiges Kommen und Gehen, und Rut, die neben der nur noch den Namen dazu
hergebenden Maruschka den Hausstand in Abwesenheit der Mistress Kaulbars
leitete, war so beschäftigt, dass sie bei den Mahlzeiten und oft auch bei den
Andachten gar nicht erscheinen und die Gesangsübungen, die sonst ihre Freude
waren, nicht fortsetzen konnte. Freilich ward es ihr nicht allzu schwer, dies
Opfer zu bringen, hatte sie doch vom Vater her mit der Gabe des Regierens auch
die Lust dazu geerbt und führte das Regiment, wie L'Hermite mit Vorliebe zu
versichern pflegte, »zur Ehre von Nogat-Ehre«.
Ja, viel Kommen und Gehen war in Nogat-Ehre, das war gewiss, da der Hausbrauch es
aber mit sich brachte, dass mehr geschwiegen als gesprochen wurde, so kam es zu
keinen Aufklärungen, und Lehnert blieb in Zweifel darüber, zu welchem Zwecke das
alles sei. Schliesslich war er gewillt zu fragen, und zwar am selben Tage noch,
als er aber um die sechste Stunde vom Felde, drauf er das Grabenziehen an einer
sumpfigen Stelle beaufsichtigt hatte, hereinkam, fand er alles ausgeflogen und
erfuhr von einem Cherokeemädchen, das eben neben ihm die Treppe passierte:
Master (dies war Obadja) und Miss Rut und Mister Toby seien mit dem
Zehn-Uhr-Zuge gefahren und zwei Stunden später Monsieur L'Hermite; Master sei
nach Halstead. Wohin Monsieur L'Hermite sei, das wisse sie nicht. Aber auch
hierüber sollte Lehnert nicht lange mehr im Dunkel bleiben, denn kaum dass er in
sein Zimmer getreten war, so wurd er eines Zettels gewahr, den L'Hermite mit
Hilfe zweier Wachskügelchen auf die Tischplatte geklebt hatte. Drauf stand in
einer Art Telegrammstil: »Mit dem Zwölf-Uhr-Zuge nach Galveston. Ich sehne mich
nach Menschen. In drei Tagen wieder zurück. Bis dahin und weiter Ihr L'Hermite.«
    Ja, das gab Aufklärung über das »Wohin«, aber über nichts weiter, und wenn
schon dies Umgebensein von Geheimnissen ein gewisses unbehagliches Gefühl in ihm
weckte, so wuchs dasselbe, wenn er sich sagte, dass er nun auf drei lange Tage
hin in dem grossen, halb kirchenhaften Hause mutterwindallein sei, Totto,
Maruschka und ein Dutzend halbwachsener Cherokeemädchen abgerechnet, die doch
kaum als Gesellschaft gelten konnten. Verstimmt ging er in seinem Zimmer auf und
ab, liess sich bei Maruschka, seiner alten Tischgenossin, entschuldigen und
begnügte sich mit ein paar Biscuits, einem Cognac und einem Glase Wasser.
    Aber diese Rolle der Absperrung und Askese war doch nicht durchzuführen, und
so beschloss er denn tags darauf ein Gespräch zu versuchen und sich zunächst dem
guten alten Totto zu nähern.
    Totto war über siebzig und genoss schon seit etlichen Jahren eine Art
Gnadenbrot. Er war, als ein litauischer Knecht, mit Obadja herübergekommen und
hatte diesem, damals noch in Dakota, an zwanzig Jahre und länger in Eifer und
Treue gedient. Eines Tages aber war er fort gewesen; andere hatten ihn
überredet, und mit diesen war er den Missouri und dann den Mississippi
hinuntergefahren, auf Neu-Orleans zu. Dort war er Cabkutscher geworden und hatte
viel Geld verdient, bis er, den Herrn spielend, alles wieder verloren hatte. Von
einem Rettungsinstinkt geleitet, war er dann, mit dem Reste seiner Barschaft,
denselben Weg flussaufwärts zurückgefahren und nach fünfjähriger Abwesenheit
wieder in Dirschau, Dakota, eingetroffen, in einem grauen Leinwandanzug und im
übrigen nichts mit sich führend als ein Felleisen, darin er seinen geretteten
Sonntagsstaat untergebracht hatte. »Bist du wieder da, Totto?« waren damals
Obadjas von keiner weiteren Frage begleiteten Begrüssungsworte gewesen, die
zugleich den ganzen Zwischenfall als erledigt ansahen. Von Stund an war er auf
ein paar weitere Jahre hin mit einer Art Oberaufsicht über das gesamte
Pferdewesen betraut worden, auf das er sich, als Litauer, gut verstand, und sass
nun, nachdem er schliesslich auch dazu zu alt geworden, den ganzen Tag über vor
den Stallgebäuden im Hofe, mit seiner Bank, weil ihn fror, immer der Sonne
nachrückend. Sonntags zog er seinen aus seiner grossen Zeit in Neu-Orleans
mitgebrachten Staat an: einen blauen Frack mit kurzen Schössen und hechtgraue
Hosen, dazu Zylinder und Vatermörder, ganz spitz, deren Plättung er überwachte.
Alle liebten ihn und liessen ihn gewähren, weil er einfältigen Herzens war.
    »Nun, Totto, wieder in der Sonne?« sagte Lehnert. »Wie geht es?«
    »Oh, es geht ja, Mister Lehnert. Ein bisschen kalt.«
    »Ihr sitzt nicht an der richtigen Stelle. Die Sonne steht ja da.«
    »Ja, wahrhaftig, da steht sie. Indeed, indeed. Na, da will ich doch...«
    Und er erhob sich und nahm seine Bank, um an eine wärmere Stelle zu rücken.
    »Aber Totto«, fuhr Lehnert fort, »Ihr habt ja heute schon Euren Staat an.
Und ist doch erst Dienstag. Ihr werdet ihn ruinieren.«
    »Ja, Dienstag is erst. Aber Sonntag auch, Mister Lehnert. Te whole week is
festival-week. Festwoche, Sonntagswoche.«
    »Ja, was heisst das, Totto? Sonntagswoche. Warum Sonntagswoche? Was ist los?«
    »Waschung is los, Mister Lehnert. Washing feet. Und kettle-drums und
Gunpowder-Face, well; you know him... Und Obadja preaching. Und plenty of
people.«
    Lehnert tat noch ein paar andere Fragen, aber er kam damit nicht weiter und
erfuhr nur soviel, dass sich ein grosses Fest vorbereite. Welcher Art im übrigen
dies Fest sein würde, blieb ihm unklar, teils weil er Totto nicht recht
verstand, teils weil ihm manche mennonitische Gebräuche, wie beispielsweise das
Fest der Fusswaschung, noch fremd waren. Und so beschloss er denn, wenn die
Mittagsstunde dasein würde, statt bei Totto, bei Maruschka sein Heil versuchen
zu wollen.
    Maruschka, wiewohl erst sechzig, war ein ebenso altes Hausinventar wie Totto
und wie dieser mit nach Amerika herübergekommen. Ihren eigentlichen Namen kannte
niemand, auch Obadja nicht, und nur soviel wusste man, dass sie, Polin von Geburt,
schon als Kind auf einem Flissakenflosse die Weichsel herab nach Danzig gekommen
sei, wo man sie, bei Schneegestöber, verirrt auf der Strasse gefunden und nach
einem katolischen Krankenhause gebracht hatte, drin sie, sich nützlich machend,
jahrelang geblieben war, bis das Krankenhaus aufgelöst wurde. Da habe sie denn
nicht gewusst »wohin« und wäre wieder barfuss flussauf gezogen, mit einem roten
Tuch über den Kopf, um sich durchzubetteln bis Polen hin. Und in einem grossen
Mennonitendorfe, das Obadja damals bewohnte, sei sie zurückgeblieben und ein
halbes Jahr später mit in die Neue Welt übersiedelt. Alle drei Frauen Obadjas
hatte sie seitdem hinsterben und die Kinder, die beiden ältesten abgerechnet,
geboren werden sehen: Anhänglichkeit und Treue waren allezeit ihre Tugenden
gewesen und in ihren jungen Jahren auch Fleiss und wirtschaftliches Geschick. In
ihrem Katolizismus aber hatte der Hausherr und Patriarch von Nogat-Ehre sie
jederzeit gewähren lassen, entweder aus Respekt vor jeder aufrichtigen
Glaubensform, oder weil er der Ansicht lebte, dass Maruschka zu den Auserwählten
gehöre, die nicht um ihres Glaubens, wohl aber (wie Totto) um ihrer Einfalt
willen selig werden.
    Und nun war es fünf Uhr, und Lehnert erwartete jeden Augenblick den Schlag
an den Schild, der ihn, auch bei zusammengeschmolzener Tafelrunde, zu Tische
rufen musste. Wen durft er dabei erwarten? Wenn sich nicht der Lehrer aus der
Nachbarfarm oder aber Missionar Krähbiel aus der nächsten Indianersiedlung
eingefunden hatte, so ging er einem tête-a-tête mit Maruschka entgegen, ein
Gedanke, der ihn, trotz seiner Neugier und aller Fragen, die er vorhatte, mehr
oder weniger bedrückte. Wusst er doch, wes Geistes Kind Maruschka war und dass
ihre Geistesarmut nur noch von der Unfähigkeit, sich auszudrücken, übertroffen
wurde. Vom Polnischen, ohne dass sich ein gutes Englisch oder Deutsch dafür
gefunden hätte, war ihr nicht viel geblieben, und so sprach sie denn ein
Kauderwelsch, das mit dem des alten Litauers, mit dem ihr ohnehin so vieles
gemeinsam war, um den Preis der Unverständlichkeit streiten konnte.
    Lehnert hing diesen Gedanken noch nach, als der Schlag an den Schild durch
das Haus hin hallte. Sofort verliess er sein Zimmer, stieg die Treppe hinab und
ging langsam auf die Halle zu. Wirklich, nur für zwei war gedeckt, und hinter
dem Stuhl des einen Gedecks stand Maruschka. Sie war zu ihrer Zeit nicht ohne
Wünsche gewesen, und etwas davon umleuchtete sie noch jetzt und kam heut in
ihrer Toilette zum Ausdruck. Ihrem mitunter ganz schräg sitzenden Scheitel hatte
sie mit Sorglichkeit eine senkrechte Richtung gegeben, während auf dem schwarzen
und schon etwas blanken Poplinkleide, neben anderem Schmuck, eine dünne,
vielfach um Hals und Nacken gelegte Silberkette prangte, mit einem Kreuz. Mit
diesem Kreuz machte sie sich, als Lehnert auf sie zutrat, ziemlich demonstrativ
zu schaffen, wies dann aber rasch auf den Stuhl ihr gegenüber und sagte: »Now
let us see, Mister Lehnert.«
    Lehnert, als er Platz nahm, war in Zweifel, was er aus dieser einigermassen
intimen Äusserung der guten Alten machen sollte. Das heiterstrahlende Gesicht
aber, mit dem sie gleich danach den leichten Metalldeckel von einer vor ihr
stehenden Schüssel nahm, liess ihn rasch erkennen, dass sich das gemütliche »now
let us see« nur auf das in der Schüssel verborgene Gericht: Kraut und Knödel und
eine Garnitur gebratener Speckschnitten, bezogen haben konnte. Lehnert - von
allem halbschlesisch angeheimelt - kam denn auch mit der Alten um die Wette
sofort in eine behagliche Stimmung und bat ihr im Herzen alles ab, was er
gelegentlich über sie gespöttelt hatte. Die Herzensgüte, die Gebelust, vor allem
die kleinen Schelmereien, womit sie die Wirtin machte, taten ihm nach den
Steifheiten der Obadjaschen Tischordnung unendlich wohl, und erst ganz zuletzt
kam er auf das zu sprechen, was zu fragen er sich den Tag über vorgenommen
hatte. Maruschka gab auch Antwort. Aber alles, was er daraus ersehen konnte, war
nur das, was er schon wusste: dass es sich um ein bevorstehendes grosses Fest
handle. Was es aber eigentlich damit war, kam nicht zur Sprache, weil sie kein
rechtes Interesse daran nahm, jedenfalls viel, viel weniger als an den
»dumplings« und »slices of bacon«, die sie nach wie vor nicht müde wurde Lehnert
anzubieten.
    Endlich stand man auf, sagte sich gegenseitig allerlei Freundliches und
verabschiedete sich bis auf den anderen Morgen.
Am Abend des dritten Tages war L'Hermite, ganz wie sein Zettel versprochen, von
Galveston zurück. Er hatte mancherlei schöne Sachen eingekauft und erschien,
angeheitert und Tabak kauend, in Begleitung zweier Stationsindianer, die eine
Kiste von mässigem Umfange trugen. Als er Lehnert im Flur begegnete, wies er auf
die Kiste und sagte: »Für unsere Abende. Der Winter ist lang.« Alle freuten
sich, dass er wieder da war, am meisten Maruschka, die nicht müde wurde, sein
Mienenspiel zu belachen, was sich, wenn Obadja erst wieder zurück war,
einigermassen verbot. »Der alte Kater« aber, wie L'Hermite seinen Hausherrn mit
Vorliebe nannte, war noch nicht wieder da, kam vielmehr erst am übernächsten
Tag, und so hatten denn, um unsern Freund L'Hermite zum zweiten Male zu
zitieren, »die Mäuse noch vierundzwanzig Stunden Zeit, auf dem Tische zu
tanzen«. Das geschah denn auch redlich, und Tüten mit Bonbons und Pralinés, die
L'Hermite mitgebracht hatte, wurden Maruschka neben allerhand persönlich
Verbindlichem überreicht, zugleich mit der Versicherung, dass Polen noch nicht
verloren und die katolische Kirche, solange die Herrschaft der Idee nicht
proklamiert werden könne, das einzig Vernünftige sei. Maruschka, beständig
knabbernd, verstand kein Wort davon und hielt L'Hermite die Hand hin, als er ihr
wahrsagen wollte, natürlich aber bloss »killekille« machte. Sie war überglücklich
und unterliess nicht, als ihre Hand wieder frei war, ihn abwechselnd auf Brust
und Knie zu tippen. So ging es bis neun Uhr, wo man sich trennte, Maruschka mit
dem Trauerworte, dass es bald wieder ganz anders sein würde, was L'Hermite mit
einem »oui, oui« bestätigte. Dann nahm dieser Lehnerts Arm, und eine Minute
später stiegen beide gemeinschaftlich die Treppe hinauf.
    Als man oben war, wurde noch ein Plauderabend beschlossen, was Lehnert
durchaus zupass kam, weil er nun endlich zu hören hoffte, was es mit dem »feast«
und dem »festival«, von denen Totto wie von etwas geheimnisvoll sich Steigerndem
gesprochen hatte, denn eigentlich auf sich habe.
    L'Hermite lachte. »Ja, feast und festival; dies ist die Woche dazu. Les
jours de fête sont passés pour nous, mais« (und er schmunzelte) »les jours de
fête commencent pour Obadja.« Und nach diesem zugespitzten Einleitungsworte
begann er dem aufhorchenden Lehnert zu erzählen, dass die letzten Septembertage
regelmässig die grossen Fest- und Ehrentage von Nogat-Ehre seien. Im Laufe des
nächsten oder zweitnächsten Tages werde nicht nur Obadja mit Rut und Toby
wieder von Halstead her eintreffen, sondern auch alles Mennonitische, was auf
dreissig und fünfzig Meilen in der Runde zu finden sei, und dann würde der
Betsaal unten seine grossen Aufführungen haben. Einem zivilisierten Geschmacke
könne die Sache nicht eigentlich genügen, da man indes eine wirkliche Komödie
nicht haben könne, so sei solch Heiligensabbat immer noch das Unterhaltlichste,
was Nogat-Ehre biete. Das Ganze hier auszuplaudern würde zu lange dauern,
weshalb er es vorzöge, sich für heut auf ein kurzes Programm zu beschränken. Die
Sache beginne mit einer Art Vorfeier, und zwar mit der sogenannten Fusswaschung,
bei der Obadja den Heiland spiele. Beiläufig gut genug, nur um vierzig Jahre zu
alt. Das alles (bei einer Fusswaschung übrigens selbstverständlich) sei
Abendprogramm, und nun folge tags darauf der eigentliche jour de fête. Dann sei
das ganze Tabernakel so gefüllt, dass kein Apfel zur Erde könne; wo noch Lücken
seien, würden ein paar Indianer hineingestopft, und endlich erscheine Obadja in
höchsteigener Person und spreche das Gebet. Daran schlösse sich dann am selben
Tage noch, oder auch am Tage darauf, die Taufe der Neuaufzunehmenden, unter
denen nur selten eine Weisshaut sei, und dann komme die Predigt, in der der Alte
meistens Geschmack genug habe, sich kurz zu fassen. Im weiteren Verlauf singe
Rut, was immer das Beste sei, und zuletzt falle der Chor der Cherokee- und
Arapahokinder ein und habe man dann einen Lärm wie bei »Ferdinand Cortez ou la
Conquête de la Mexique«, namentlich wenn gleichzeitig das grosse Tamtam
geschlagen würde, das beiläufig wirklich aus Mexiko stamme. Der alte
Gunpowder-Face aber, den er (Lehnert) bisher nur von seiner Doktorseite
kennengelernt habe, sei dann - weil er nicht bloss die kettle-drums, sondern auch
das Tamtam zu bedienen habe - auf seiner eigentlichen Höhe, sähe dabei aus wie
ein mexikanischer Oberpriester, und Obadja verschwinde daneben.
    L'Hermite hatte das alles in bester Laune vorgetragen und Lehnert mehr als
einmal ein Lächeln abgenötigt. Aber ihn in eine wirklich heitere Stimmung zu
bringen war ihm trotzdem nicht gelungen. Im Gegenteil, Lehnert blieb befangen
und unruhig und sah den Festlichkeiten fast wie mit Bangen entgegen.
Der zweitnächste Morgen brachte nicht nur Obadja samt Rut und Toby nach
Nogat-Ehre zurück, sondern auch alle Mennoniten aus dem weiteren Umkreise trafen
ein, meist Lehrer und Prediger, die zwischen den Ozark-Mountains und den
Shawnee-Hills ihre Wohnung und ihren Wirkungskreis hatten, und mit ihnen viele
bekehrte Rotäute, Männer und Frauen, die, während des Festes, in die Gemeinde
der »Taufgesinnten« aufgenommen werden sollten. Ein Teil davon, so viele waren
ihrer, musste, wegen Raummangels, in einer benachbarten Indianersiedlung
untergebracht werden, drin unser Freund Gunpowder-Face - welchen Namen er wegen
seines anscheinend mit Schiesspulverkörnern überstreuten Gesichts erhalten hatte
- das Regiment führte. Nach diesem mehr oder weniger befreundeten Indianerdorfe
kamen viele, der Rest aber verblieb teils in Nogat-Ehre, teils in Obadjas
eigenem Hause, darin wieder Mistress Kaulbars, nach inzwischen erfolgter
Rückkehr vom Vorwerk, mit bewährter Umsicht das Wirtschaftliche leitete, während
Rut die Honneurs des Hauses zu machen hatte. Freitag war alles versammelt;
erste Begrüssung im Tabernakel und Ansprache, woran sich dann tags darauf der Akt
der Fusswaschung mit vieler Feierlichkeit anschloss. Und nun ging man dem
eigentlichen grossen Festtage, dem Sonntag, entgegen, dessen Programm Monsieur
L'Hermite bereits in aller Kürze gegeben hatte.
Bis in die Nacht hinein und dann wieder in frühester Morgenstunde war im Betsaal
alles für den grossen Tag hergerichtet worden, so dass man sich, um die neunte
Morgenstunde, darin versammeln und Plätze, nach vorher getroffener Anordnung,
einnehmen konnte. Wie sich denken lässt, hatte das Tabernakel unter all diesen
Herrichtungen seine fast an Kahlheit grenzende Schlichteit eingebüsst:
überallhin waren Laub - und Blumengirlanden gezogen, am meisten an der der
Eingangstür gegenübergelegenen dreigeteilten Empore, zu deren Füssen, um ein
geringes vorspringend, der von Lichtern flimmernde Altar aufragte. Hierher
richtete sich denn auch die Hauptaufmerksamkeit, desgleichen nach dem breiten
Mittelteile der Empore, wo Rut in vorderster Reihe stand, um sie her die den
Chor bildenden Mennonitentöchter von Nogat-Ehre. Daneben aber, in dem rechten
und linken Flügelteile, befanden sich, zur Verstärkung des Chors herangezogen,
viele Indianerkinder, deren eines, ein sehr hübsches Mädchen, eine Christusfahne
hielt, während, ganz im Hintergrunde, Häuptling Gunpowder-Face nicht bloss mit
einem mexikanischen Oberpriester-, sondern geradezu mit einem mexikanischen
Götzengesicht sichtbar wurde, glühäugig und erregt, weil ihm, wie herkömmlich,
so auch heute wieder, die beiden Kesselpauken und vor allem das an der Wand
hängende Tamtam zur Bedienung anvertraut worden waren. Die Kesselpauken, wie
noch hervorgehoben werden muss, waren ein Geschenk von Monsieur L'Hermite, der
sie, mit Hilfe selbstpräparierten Pergaments, erfinderisch und kunstvoll
hergestellt hatte, zugleich mit der schon erwähnten, von dem jungen
Cherokeemädchen gehaltenen Kirchenfahne, deren auf Wolken tronender Heiland
allerdings mehr an Judas Ischariot als an Christus erinnerte - wobei
selbstverständlich im Dunkel blieb, ob L'Hermite diese
Dreissig-Silberlings-Physiognomie mit Absicht oder nur in totaler Abwesenheit
Leonardischer Kunst geschaffen hatte.
    Festlich wirkte die dreigeteilte Empore samt Altar, aber kaum minder
festlich der Saal selbst, nachdem er sich unten auf allen seinen Plätzen gefüllt
hatte. Vorn, auf den ersten zwei Bänken, erblickte man in langer Reihe die
Männer und Frauen, meist vom Stamm der Arapahos, die heute noch, seitens
Obadjas, in die Gemeinde der Taufgesinnten aufgenommen werden sollten, und
zwischen ihnen, als Paten oder Taufzeugen, sassen die Mennonitenväter von
Nogat-Ehre samt den Lehrern und Missionaren, sechs an der Zahl, die das Werk der
Bekehrung geleitet hatten. Einer derselben, mit einem feinen Windhundkopf, war
ersichtlich ein Engländer: Mister Antony Shellei, während die fünf andern
sämtlich gute Deutsche waren, was nicht bloss ihre vierkantigen Köpfe, sondern
beinah mehr noch ihre kerndeutschen Namen bezeugten: Bartels und Nickel,
Krähbiel, Stauffer und Penner. All diese hatten auf der ersten und zweiten
Bankreihe Platz gefunden, unmittelbar hinter ihnen aber sassen alle die, die mit
zum Obadjaschen Hauswesen, trotzdem aber nicht eigentlich zur Gemeinde von
Nogat-Ehre gehörten, also Maruschka und Totto, Mister und Mistress Kaulbars,
Lehnert und L'Hermite, letzterer in einem Respektabilitätsanzuge, drin man ihn
nur mühsam wiedererkennen konnte. Von Lehnert gefragt, warum er überhaupt
erschienen sei, hatte er in der ihm eignen Weise geantwortet, dass er das seinem
Christus in Gouache, vor allem aber seinem Freunde Gunpowder-Face schuldig sei,
welcher letztere, trotz seiner Bekehrung - und was mehr sagen wolle, trotz
seiner persönlich freundschaftlichen Gefühle für ihn - doch nach seinem Skalp
trachten werde, wenn er sich seiner (Gunpowder-Faces) allerdings ans Virtuose
streifenden Paukenleistung entziehen wolle. Das war so L'Hermites Redeweise. Sah
man ihn aber so sitzen, so schien er voll Ernst und Interesse, zumal wenn er,
halb nach rückwärts gewandt, die zweite Hälfte des Saales neugierig musterte,
drin die schon früher getauften Cherokees und Arapahos zu Hunderten standen und
mit grossen Augen nach dem Altar hinübersahn, an dessen Stufen sich der heutige
Feierlichkeitsakt vollziehen sollte.
    Dem grossen Feierlichkeitsakte vorauf aber ging ein Gebet, darin Obadja,
unter Vermeidung alles bloss Lehrsätzlichen, das gab, was er praktisches
Christentum nannte. »Lasset uns beten!« so begann er. »Das Gebet heiligt uns und
macht unsere Seele frei. Das Gebet macht uns jeden Tag zum Feiertag. Ohne Gebet
wäre unser Leben ein Haus ohne Dach, ein Garten ohne Blumen, eine Wüste ohne
Oase. Was unser grosser Benjamin Franklin von der Mässigkeit gesagt hat, das sag
ich von der Frömmigkeit: sie bringt Kohlen zum Feuer, Mehl in das Mehlfass, Geld
in den Beutel, Kredit bei der Welt, Zufriedenheit in das Haus, Kleider für die
Kinder, Verstand ins Gehirn und Leben in alle Verhältnisse. Das sind die Wunder
der Frömmigkeit, und das Gebet ist unser Beistand und unsere Hilfe dazu!«
    L'Hermite nickte Zustimmung, während er vor sich hin brummte: »Ca suffit«,
Obadja seinerseits aber fuhr fort: »Unsere Hilfe, sag ich. Aber das Gebet, das
helfen und Wunder tun soll, das muss den rechten Weg gehen. Wer den falschen Weg
geht, dem hilft kein Gebet, und vor allem hütet euch vor denen, die der armen
Seele, sei's mit Wissen, sei's ohne, den falschen Weg weisen. Lasset euch
erzählen von einem, der den falschen Weg wies. Ein alter Mann kam zu sterben und
schickte nach dem Geistlichen, um ihm zu beichten. Und der Geistliche kam. Und
nun höret, was der Alte zu beichten hatte! Leute hätten in der Wildnis einen
Wegweiser gesetzt, und als der Wegweiser gestanden, da hab er ihn umgedreht und
dadurch Tausende in die Irre geführt. Das laste jetzt schwer auf seiner Seele...
So war die Beichte des Alten. Ich aber sage euch: wer die Lehre verdreht oder
umkehrt, der tut Schlimmeres, denn er führt von dem rechten Weg ab, der allein
zum Himmel führt. Unser Wegweiser aber, dessen bin ich sicher, zeigt in die
rechte Richt, denn er ist das Wort Gottes, und wir beten, dass er uns das Licht
und das Auge gebe und die Kraft dazu, die Wege zu wandeln, die er uns weist.«
    Ein liturgischer Vers wurde nach dem Gebet gesungen, und als auch der Gesang
schwieg, gab Obadja ein Zeichen, und die zu Taufenden traten nun vor. Und er
besprengte sie mit dem Taufwasser und sprach die Formel. L'Hermite aber nickte
wieder und sah zu seinem Freunde Gunpowder-Face hinauf, der, zur Antwort, ihn
freundlich angrinste, während die plötzlich von einem Feierlichkeitsgefühl
angewandelte Maruschka die Galvestonsche Bonbontüte, die sie bis dahin in der
Hand gehabt hatte, leise beiseite schob und das Kreuz schlug.
    Obadja war inzwischen von dem Taufbecken wieder an den Altar getreten, um
nun, worauf alles wartete, die eigentliche Predigt zu halten, die - wie
gewöhnlich bei diesen Jahresfesten - die Hauptunterscheidungspunkte der
mennonitischen Lehre betonen sollte. Der Text aber, den er seiner Predigt
zugrunde gelegt hatte, war der: »Wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert
umkommen«, und daneben der andere Spruch: »Die Rache ist mein, spricht der
Herr.« Er sah, als er diese Worte sprach, zu Lehnert hinüber, der sein Auge vor
dem ruhigen Blick des Alten senkte. Dann aber wandte sich dieser der Auslegung
seiner Textesworte zu und stellte die Bilder kriegerischen und friedlichen
Lebens einander gegenüber. Alles Blut, was flösse, flösse zum Unheil, und nur
einmal sei Blut zum Heil geflossen, freilich nicht zum Heile derer, die's
vergossen, wohl aber zum Heile der Menschheit, um deretwillen es vergossen
wurde. Das sei das Erlöserblut Jesu Christi gewesen. Alles andere Blutvergiessen
aber sei Sünde, zumeist, wenn es flösse, der Rache des einzelnen zuliebe. Das
führe zu sicherem Untergang und Verderben. Aber auch der grosse Krieg sei Sünde,
auch das Blutvergiessen um Land und Herrscher und selbst um Glaubens und Freiheit
willen. Und so hab er denn auch in diesem gesegneten Lande den Krieg beklagt,
den Nord und Süd um die Frage der Befreiung ihrer schwarzen Brüder geführt
hätten, sosehr er dieser Befreiung selbst auch entgegengejubelt habe.
Fortschritt und Freiheit sollten freilich ihren Einzug halten in die Welt, aber
auf einer Palmenstrasse, nicht auf einer Strasse, da die Kriegsknechte zu beiden
Seiten am Wege stehen. Absage dem Krieg, das sei die Lehre der Taufgesinnten.
»Und so höret denn zum Schluss: Übermut macht Krieg, Demut macht Frieden. Und der
Frieden im Gemüt ist das Glück und die Vorbereitung zum ewigen Heil. Selig sind
die Friedfertigen, selig sind, die reines Herzens sind. Die Rache ist mein,
spricht der Herr.«
    Obadja schwieg jetzt, und im Augenblick, als er die Stufen verliess, klang es
von der Mittelempore her:
»Rühret eigner Schmerz
Irgend unser Herz,
Kümmert uns ein fremdes Leiden,
O so gib Geduld zu beiden,
Richte unsern Sinn
Auf das Ende hin!«
Es war Rut, deren Stimme mit wunderbarer Klarheit durch den Saal drang, während
die jungen, sie umstehenden Mädchen die Palmenzweige immer höher über ihr
emporhielten. Lehnert sah hinauf, zitternd vor innerster Bewegung, und wollte
die Friedensstätte meiden, die seine Stätte nicht mehr war. Aber eh er sich
erheben konnte, klang der Schlussvers von oben her:
»Soll's uns hart ergehn,
Lass uns feste stehn
Und auch in den schwersten Tagen
Niemals über Lasten klagen,
Denn durch Trübsal hier
Geht der Weg zu dir.«
Und nun schwieg auch Rut und trat, verdeckt fast von den über sie gehaltenen
Zweigen, in den Hintergrund der Empore zurück. Aber ehe sie sich noch ganz dem
Auge der unten Versammelten entziehen konnte, fiel auch schon, von rechts und
links her, der Chor der Indianerkinder ein, und während das schöne
Cherokeemädchen, strahlend vor Freude, die Christusfahne schwang, rührte
Gunpowder-Face seine kettle-drums und schlug zugleich zweimal an das hinter ihm
aufgehängte Tamtam.
    L'Hermite war nicht müde, stille Zeichen des Beifalls zu geben und huldigend
hinaufzugrüssen, aber ehe er noch einen Gegengruss eintauschen konnte, vernahm er
auch schon, unmittelbar neben sich, einen schweren Fall und sah, sich wendend,
dass Lehnert, wie vom Schlage getroffen, zusammengebrochen war.
    Alles drängte herzu, Maruschka und Toby und zuletzt auch Obadja und Rut.
    »Er ist tot.«
    »Nein, er lebt«, sagte Rut im festen Glauben ihres Herzens. Und ihr Auge
leuchtete, als sie so sprach.
 
                           Fünfundzwanzigstes Kapitel
Das Jahresfest konnte nicht eindringlicher abschliessen, und als am andern Tage,
nach voraufgegangener Beichte Lehnerts, Lehnert selbst (woran bis dahin weder er
noch andere gedacht hatten) in die Gemeinde der Taufgesinnten aufgenommen worden
war, war man einig, dass, bei der Beschreibung des Festes in den Blättern der
mennonitischen Genossenschaft, auch speziell dieses Bekehrungsherganges, als
einer wunderbaren Erweckung, gedacht werden müsse. Ganz besonders waren es die
Brüder Krähbiel und Nickel, die sich in diesem Sinne vernehmen liessen und bei
der Gelegenheit in Obadja drangen, sie mit der Vorgeschichte Lehnerts bekannt zu
machen. Obadja aber lehnte dies Ansinnen nicht nur ab, sondern behandelte das
Vorkommnis überhaupt als ein Etwas, das wohl erfreuen und zufriedenstellen, aber
nicht gross in Verwunderung setzen könne. Er ging darin so weit, dass seine zur
Schau getragene Ruhe den trotz tiefster Erschütterung immer noch in menschlicher
Eitelkeit verbliebenen Lehnert beinah verletzte, während Krähbiel und Nickel,
was wohl auch in Obadjas eigentlichster Absicht gelegen haben mochte, nicht müde
wurden, aus dieser Ruhe des Alten aufs neue den Beweis seiner Überlegenheit und
seines besonderen Berufenseins für sein Amt herzuleiten. Und mehr oder weniger
war dies die Meinung aller. Selbst L'Hermite gab seiner Genugtuung auf seine
Weise Ausdruck und sagte zu Krähbiel: »Oui, oui, c'est beaucoup plus que le
prophète du Testament, c'est le prophète de Meierbeer.«
    In der Tat, jeder fühlte sich erhoben, und nur einer war da, der sowohl der
Tatsache der Erweckung wie dem Erwecker gegenüber in seiner landeseigentümlichen
Nüchternheit verharrte. Dieser eine war natürlich Mister Kaulbars. »Sieh, Röse«,
so etwa waren seine Worte, »da siehst du, was ein Schlesier is. Die sind so...
ja, wie sag ich bloss, die sind so duselig, so gleich weg und fallen um wie
Bleisoldaten, schon bloss wenn einer antippt. So was kann unserein gar nich
passieren. Und nun gar erst der Alte!«
    »Nu höre, Martin, gegen den Alten wirst du doch woll nichts sagen wollen!
Der Alte is ja doch soweit ganz gut.«
    »Freilich is er. Warum soll er auch nich? Und ich muss auch sagen, er macht
es fein und forsch genug und sieht aus, na, wie sag ich gleich, na doch
wenigstens wie Abraham oder wie Noah oder so einer von die Allerältesten. Aber
du meine Güte: Stehe auf und lebe, was er da zuletzt doch wahr und wahrhaftig
gesagt hat, als Lehnert wie für dod dalag, sieh, Röse, das is ja doch schon die
reine Dodenerweckung oder Jüngling zu Nain. Und soviel is doch nich los mit ihm.
Er ist ja doch am Ende kein Christus nich und auch kein Heiland, und wenn ich
auch nichts gegen ihn sagen will, denn darin hast du ganz recht, er ist immer
noch von die Besten einer - aber höre, soviel bleibt doch, wo Bartel Most holt,
das weiss er ganz gut und weiss auch ganz gut, dass die Spargelköppe besser
schmecken als die Stangen, und in Denver hat er was in der Bank liegen, und in
Galveston hat er was liegen, und in Amsterdam hat er auch was liegen. Er hat
überall was liegen. Und dann: Steh auf und lebe, und auch gleich niederknien
lassen und ihm die Hand hinhalten, bis er seinen Handkuss weg hat... Ne, Röse,
das is mir zuviel. Unser alter Rütnick in Schwante, na, da kniete man woll auch
mal nieder und kam auch so was vor, aber Rütnick war arm, und dieser is reich.
Und Armut, das is die Hauptsache. Glaube mir, auf die Armut kommt es an!«
    Röse lachte und sagte: »Du sagst sonst immer, Martin, aufs Geld käme es an.«
    »Is auch ganz richtig, aufs Geld kommt es auch an. Aber wenn einer immer
dasteht wie vom Himmel hoch, da komm ich her, da muss er an das Kamel und das
Nadelöhr denken und nicht rechnen können wie 'n Bankdirektor.«
    »Freilich, rechnen kann er«, sagte Röse.
    »Na siehst du, nu sagst du's auch schon.«
Ja, auf Kaulbars und Frau - die, bald nach der Abreise der Gäste, nach ihrem
Vorwerke wieder hinausgezogen - war die Wirkung der Erweckung nicht allzu gross
gewesen, desto grösser aber auf Tobias und Rut. Sie hatten von Anfang an eine
Liebe zu Lehnert gehabt, die sich jetzt, nachdem er ein Mitglied der Gemeinde
geworden, unbefangener zeigen durfte, was dann selbstverständlich auch das
Vertrauen auf Lehnerts Seite steigern musste, so weit, dass es allmählich zur
Vertraulichkeit wurde. L'Hermite, ganz unkleinlich und jedenfalls frei von jeder
Eifersuchtsregung, hatte seine Freude daran, und so begann denn bei beiden ein
Wetteifer, nicht nur in ihrer Liebe zu den Geschwistern, sondern auch - wozu die
grossen Eisenbahnlinien nach dem Süden und Osten die Mittel und Wege schafften -
in der Erfüllung aller Wünsche, die Rut und Toby hegten. Ja, die beiden
sonderbaren Schwärmer, von denen der eine den Erzbischof von Paris und der
andere den Förster Opitz auf dem Gewissen hatte, kannten nichts Schöneres, als
für Miss Rut zu denken und zu arbeiten, und fühlten sich belohnt, wenn sie
lachte, nickte, dankte.
    Der Lehnert-L'Hermiteschen Reunion-Abende wurden, in natürlicher Folge
davon, immer weniger, und an ihre Stelle traten Familienabende, zu deren
Abhaltung man sich auf Ruts oder Maruschkas Zimmer versammelte. L'Hermite,
sosehr er sich dieser Abende freute, kam freilich nur selten und immer nur auf
Aufforderung, desto häufiger aber stieg der Alte die Treppe hinauf, und mit
herzlicher Genugtuung erzählten alsbald die Kinder, dass der Vater, seit der
Mutter Tode, kaum jemals in ihrer Mitte so fröhlich und guter Dinge gewesen sei
wie gerade jetzt.
    Dass er dies sein konnte, war vor allem Ruts, aber doch auch Lehnerts
Verdienst. Denn wenn Rut erfinderisch und in ihren Vorschlägen immer auf einen
glücklichen Wechsel bedacht war, so war es doch schliesslich allemal Lehnert, der
das wechselvolle Programm durchzuführen hatte. Vielleicht, dass er damit
gescheitert wäre, wenn er nicht voll musikalischen Sinnes und zugleich - wie
schon der alte Kommandant von Fort MacCulloch in seinem Briefe geschrieben hatte
- von einer nicht unbeträchtlichen Fertigkeit im Geigen- und Ziterspiel (und
eine Ziter hatte sich natürlich gefunden) gewesen wäre. Rut ihrerseits war
eine kleine Gesangsvirtuosin, als die wir sie schon im Tabernakel kennenlernten,
und wenn ihre melodische Stimme, während Toby auf dem Harmonium und Lehnert auf
der Geige begleitete, durch das Zimmer klang, so verklärten sich des alten
Obadja Züge, und glückliche Stunden, die nun weit, weit zurücklagen, Stunden aus
der Kindheit Tagen her, traten wieder lebhaft vor seine Seele. Das zurückhaltend
Feierliche, das er sonst hatte, fiel in solchen Stunden von ihm ab, und im
Augenblicke, wo die Kinder diesen Wechsel eintreten sahen, wechselten sie, je
nach dem Mass der aufkeimenden guten Laune, rasch auch die Lieder selbst, und
wenn eben noch ein Choral auf dem Notenpult gestanden hatte, so wurde jetzt ein
weltliches, wenn auch zunächst noch ein elegisches Lied aus dem Choral. Eines
unter diesen elegischen Liedern, welches das »Lied vom Herzen« hiess und eine
sehr gefällige, ganz für die Ziter berechnete Melodie hatte, war eine Zeitlang
aller Lieblingsstück, so sehr, dass selbst Monsieur L'Hermite mit einstimmte.
's Herz ist ein spassig Ding,
An sich nur klein und g'ring;
Oft ist's ganz mäuschenstill,
Dann hämmert's wie 'ne Mühl,
Oft tut mir's wohl und oftmals wehe! -
Drum denk'ch in meinem Sinn,
's sitzt was Lebend'ges drin,
Zeigt Freud und Schmerzen
Ganz tief im Herzen! -
Auch Maruschka sang mit Vorliebe diese Strophe mit, trotzdem sie vom Text wenig
oder nichts verstand, aber das Zittrige der Melodie tat ihr unendlich wohl und
bestimmte sie, während sie weinte, Mal auf Mal auf das »Durchsingen« aller
Strophen zu bestehen. Es waren ihrer sechs oder sieben, unter denen die junge
Welt die zweite bevorzugte. Diese lautete:
Wenn man was Böses tut,
Da hämmert's gar nicht gut,
Dann redt man gern sich ein:
's wird wohl so schlimm nicht sein,
Man möcht die Wahrheit sich nicht sagen!
Doch - was hilft aller Schein,
Der droben schaut darein,
Er wird's am Schlagen
Dir deutlich sagen! -
In Lehnerts Auge flimmerte dann was, auch wohl bei den andern, und nur Obadja,
der, infolge seines Vertrautseins mit dem Kirchenliede, dem bloss Weichlichen
durchaus abhold war, ausserdem auch die dünne knipsige Begleitung auf der Ziter
nicht recht leiden konnte, blieb ziemlich nüchtern bei diesen Sentimentalitäten,
die die Kinder, in totaler Verkennung seines Geschmacks, recht eigentlich für
ihn ausgesucht hatten, und kam immer erst in die richtige, von seiner Umgebung
gewünschte Stimmung, wenn man aus dem Gefühlvollen offen und ehrlich in die
direkten Heiterkeiten überging.
Auf Schlesiens Bergen, da wächst ein Wein,
Den trifft nicht Regen, nicht Sonnenschein ...
Ja, das tat ihm wohl, und wenn Obadja dann, am Schluss des Liedes, den sich in
seiner Trinkwette für überwunden erklärenden Teufel laut jammern hörte:
Noch mehr zu trinken solch sauren Wein,
Muss man ein geborner Schlesier sein ....
da kam ein Lachen über ihn, so herzlich, als ob er nie der Hohepriester von
Nogat-Ehre gewesen wäre.
    Dass dem so sein konnte, das hing übrigens noch mit einem andern Zuge seiner
Natur zusammen: Obadja, trotz beinah vierzigjährigen Aufentalts in Amerika,
hatte sich einen alteimatlichen Sinn, ganz besonders aber einen Sinn für
provinziale Sitten und Vorkommnisse bewahrt, und gleich nach Kaiser Wilhelm und
Bismarck gab es eigentlich nichts Unterhaltlicheres für ihn als
Weichselüberschwemmungen oder Sand- und Schneeverwehungen auf der Nehrung oder
Bernsteinausgrabungen - lauter ost- und westpreussische Temata, daran sich
selbstverständlich auch schlesische Besonderheiten anschliessen durften, und je
mehr Sagen und Märchen aus dem Riesengebirge von Lehnert erzählt und je mehr
Wichtelmännchen und Zwerge dem Monsieur L'Hermite für seine Schürfversuche zur
Verfügung gestellt wurden, je lächelnder und glücklicher sah Obadja drein. Am
meisten, und das galt für alt und jung, interessierte natürlich Rübezahl, von
dem jeder immer mehr hören wollte, bis Lehnert versprach, ihnen allen einen
Rübezahl in Holz zu schnitzen. Das könne jeder Schlesier, und er wolle sich für
Porträtähnlichkeit verbürgen, trotzdem er Rübezahl seit über sechs Jahren nicht
mehr gesehen habe.
    Und gesagt, getan. Eine grosse Fichtenflechte, die für Haar und Bart zu
sorgen hatte, wurde von den benachbarten Ozark-Mountains herbeigeschaft, und
schon am nächsten Familienabende machte der alte Berggeist, dem L'Hermite ein
Paar rote Glasaugen eingesetzt hatte, seine Aufwartung und ging reihum und wurde
bestaunt und bewundert. Nur Maruschka erklärte, ihn nicht anfassen zu wollen;
der heilige Niklas sei es nicht, also sei es ein Götze. Und mit dieser ihrer
naiven Erklärung behielt sie mehr recht, als sie selber erwartet haben mochte.
Denn kaum drei Tage nachdem man das Holzbild in die Halle gestellt hatte, liessen
sich mehrere Mennoniten von Nogat-Ehre bei Obadja melden und stellten den
Antrag, den Götzen, der bereits Anstoss in der Gemeinde gegeben habe, wieder
beseitigen zu wollen, ein Antrag, dem natürlich Folge gegeben und mit dessen
Ausführung: ein Autodafé drüben im Parkgarten, Monsieur L'Hermite betraut wurde.
Ja, der Rübezahl ging in Flammen auf, aber diese Nachgiebigkeit machte die mal
zu Wort gekommenen Unzufriedenen nicht schweigen, seitens derer die Gelegenheit
benutzt und über den Einzelfall hinausgreifend ganz allgemein bemerkt wurde: Das
käme davon, wenn man sein Haus zur Freistätte für all und jeden mache - eine
Bemerkung, die sich übrigens, sonderbar zu sagen, nicht so sehr gegen Lehnert
und Monsieur L'Hermite wie gegen Maruschka richtete, der es nichts half, das
unzweifelhaft harmloseste Mitglied der katolischen Kirche zu sein. Obadja nahm
daraus Veranlassung, am nächsten Sonntag im Betsaale eine Ansprache zu halten
und auf den Unterschied zwischen einem Götzen und einem blossen Spielzeug
hinzuweisen. Auch gegen ein solches, ein Spielzeug, rigoros vorzugehen, verenge
den Sinn und verkümmere das Leben. Und was die Dinge angehe die nebenher noch zu
seinen Ohren gekommen seien, so sei sein Haus ein Haus des Friedens und der
darin herrschende Geist, nach seinem allerbestimmtesten Wunsch und Willen, ein
Geist des Ausgleichs und der Versöhnung, ein Quell, der jeden labe, der da
durstig sei. Nach dieser Ansprache beruhigte man sich wieder in der Gemeinde.
Die schlesischen Geschichten aber mit ihrem verdeckten Heidentume, soviel hatte
dieser Protest doch gewirkt, wurden auf längere Zeit vom Programm abgesetzt, und
für Rut lag wieder die Notwendigkeit vor, nach anderem Unterhaltungsstoff
auszusehen.
    Und bald war eine Hilfe gefunden, und zwar zumeist dadurch, dass man
übereinkam, die Musikabende mit Leseabenden abwechseln zu lassen. Aber was
sollte man lesen? Erbauliches gab es jeden Tag bei der Morgenandacht; es war
also höchst wünschenswert, eine Lektüre zu finden, am besten eine Romanlektüre,
deren weltlicher und vielleicht selbst liebesgeschichtlicher Inhalt immer noch,
auch wenn Obadja der Vorlesung beiwohnte, für zulässig angesehen werden konnte.
L'Hermite, mit dem ihm eigenen grotesken Ernst, proponierte »Madame Bovary«,
dann »Nana«, Vorschläge, die von Rut und Toby, da das Renommee dieser Romane
selbst bis Nogat-Ehre gedrungen war, unter Heiterkeit niedergestimmt wurden -
eine Heiterkeit, dran auch Maruschka, wie an jeder Heiterkeit, teilnahm, ohne zu
wissen, um was sich's handelte. Flaubert und Zola fielen also, alles
Französische überhaupt, denn nur Englisches und Deutsches sollte Geltung haben,
und nachdem man auch noch einen zweiten Abend unter Namensnennung aller
möglicher alter und neuer Autoren und ihrer Werke verbracht hatte, kam man auf
Ruts und Tobys Vorschlag endlich überein, mit Bret Hartes kleinen Erzählungen
und Pestalozzis »Gertrud und Lienhardt« abwechseln zu wollen. Gertrud und
Lienhardt wären ihnen zwar schon bekannt, aber damals seien sie Kinder gewesen,
und sie wollten jetzt sehen, ob es noch Stich halte, vor allem aber, ob zwischen
Lehnert und Lienhardt eine Ähnlichkeit sei und wer von beiden ihnen besser
gefalle.
    Mit Bret Harte fing man an, und »Te Luck of Roaring Camp« ebenso wie die
»Outcasts of Pokers Flat« kamen gleich in der ersten Woche zum Vortrage.
Sonderbarerweise kannte niemand die Sachen, auch Lehnert nicht, trotzdem er
jahrelang in den Diggings und San Francisco gelebt hatte. Dafür aber kam diesem,
als es ans Kritisieren ging, sein Vertrautsein mit den kalifornischen Menschen
und Zuständen zustatten, derart, dass er einfach als Autorität angesehen und
selbst von Obadja, der all diesen Schilderungen mit grösstem Interesse gefolgt
war, um seine Meinung gefragt wurde. Lehnert, zum ersten Mal in seinem Leben vor
solche Frage gestellt, geriet in eine gewisse Verlegenheit und wollte sich dem
Sprechenmüssen entziehen. Als er aber kein Entrinnen sah, nahm er sich ein Herz
und sagte, dass ihn alles tief ergriffen habe, besonders die »Outcasts of Pokers
Flat«, denn solche Figuren gäb es in beträchtlicher Zahl in den Diggings. Alles
in allem aber fänd er doch, dass der Erzähler um etliche Grade zu nachsichtig und
zu gelinde vorgegangen sei. Läg es so, wie Bret Harte die Dinge geschildert, so
wären alle diese sonderbaren Leute nichts als gescheiterte Prachtmenschen, bei
denen, je nach der Abstammung, der Gentleman oder der Hidalgo oder der Chevalier
in jedem Augenblick wieder zum Vorschein kommen müsse. Was er indessen
persönlich kennengelernt habe, das seien, wenn auch mit gelegentlichen
Ausnahmen, nur Rowdies gewesen, Rowdies, die mit dem Bowiemesser besser als mit
dem Degen Bescheid gewusst hätten. Mit einem Wort, er fände, dass die
kalifornische Natur vorzüglich getroffen, aber die kalifornische Menschheit doch
allzusehr verherrlicht sei. So vornehm seien die Leute nicht.
    Diese Worte Lehnerts fanden Zustimmung bei Obadja, noch mehr bei L'Hermite,
der nur hinzusetzte, man müsse diese Schönfärberei möglichst milde beurteilen,
weil sie sich durch alles zöge, was geschrieben würde. Der grosse Zola, dessen
neuestem Roman er erst neulich wieder in der »Galveston-Gazette« begegnet sei,
mache freilich Versuche, dem Übelstande beizukommen, aber immer noch schwächlich
und mit durchaus unausreichendem Mut. Erst die Herrschaft der »Idee« werde die
Lüge beseitigen, zunächst aus dem Leben und hinterher auch aus der Literatur.
    Die nächste Woche begann mit »Gertrud und Lienhardt«.
    »Wir wollen gründlich vorgehen«, nahm Obadja gleich am ersten Abende das
Wort. »Das heisst, wir wollen auch die Vorrede lesen. Das sind schlechte Leser,
die von Vorreden nichts wissen wollen.«
    »Ich kenne nur langweilige«, sagte L'Hermite.
    »Das kommt vor, aber nicht immer. Unter allen Umständen wollen wir's
versuchen. Lies, Rut!«
    Und nun nahm Rut das Buch und schob die Lampe nach links.
    »Es waren aber Männer unter den Heiden«, so begann sie, »Männer voll
Weisheit, die weit und breit auf der Erde ihresgleichen nicht hatten. Und diese
sprachen: Lasset uns zu den Königen und ihren Gewaltigen gehen und sie lehren,
ihre Völker glücklich zu machen. Und sie gingen auch. Und die Könige und
Gewaltigen, als sie die Lehre der Weisen gehört, lobten die weisen Männer und
gaben ihnen Gold und Seide, taten aber gegen ihre Völker wie vorher. Und die
weisen Männer wurden von dem Gold und der Seide blind, und nur einer war, der
vergass nicht seines Worts und seiner Pflicht und gab dem Bettler seine Hand und
grüsste den Zöllner samt dem Knecht und führte den Sünder und den Verbannten in
seine Hütte. Das sah das Volk und pries ihn um seines Ausharrens in der Liebe
willen.«
    Rut, als sie bis zu dieser Stelle gelesen, wollte rasch fortfahren, Obadja
nahm aber jetzt seinerseits das Wort und bemerkte, dass er sich keine bessere
Vorrede denken könne, denn sie gäbe das Leitmotiv für das Ganze, welches Wort er
wähle, weil es jetzt »drüben« derartig Mode sei, dass man's in jedem
Zeitungsblatt finde...
    »Oui, oui«, sagte L'Hermite. »C'est le grand mot du grand Richard...«
    »Es ist«, fuhr Obadja fort, ohne der Unterbrechung weiter zu achten, »es ist
der richtige Taktaufschlag und lässt dem Leser kaum Zweifel über den Geist, aus
dem heraus das Ganze geschrieben ist. Und dieser Geist ist der republikanische
Geist. Und dass derselbe hier lebendig ist, hier in dieser herrlichen alten
Schweizergeschichte, das ist ein Vorzug, dessen sich nur wenig deutsche Bücher
rühmen dürfen. Über allen deutschen und namentlich über allen preussischen
Büchern, auch wenn sie sich von aller Politik fernhalten, weht ein königlich
preussischer Geist, eine königlich preussische privilegierte Luft; etwas
Mittelalterliches spukt auch in den besten und freiesten noch, und von der
Gleichheit der Menschen oder auch nur von der Erziehung des Menschen zum
Freiheitsideal statt zum Untertan und Soldaten ist wenig die Rede. Darin ist die
schweizerische Literatur, weil sie die Republik hat, der deutschen überlegen,
und alle Deutsche, die, wie wir, das Glück haben, Amerikaner zu sein, haben
Grund, sich dieses republikanischen Zuges zu freuen.«
    Alles nickte. Nur L'Hermite, der nichts Lächerrlicheres als jene
»Halbheitszustände« kannte, die sich Republik nennen, wiegte den Kopf mit
überlegener Miene hin und her und war froh, als auf Weiterlesen gedrungen wurde.
Rut, weil sie lieber selbst las als zuhörte, sprach den Wunsch aus, fortfahren
zu dürfen, und Obadja stimmte zu.
    Noch denselben Abend kam man ein gut Stück in die Geschichte hinein, die
bald wieder alt und jung ins Interesse zog. Voran in lebhafter Teilnahme stand
aber Lehnert, vielleicht, weil er aus vielem, was da erzählt wurde, seine eigene
Lebensgeschichte heraushörte. Lienhardt, das war er selbst, und der böse Vogt,
der den armen Lienhardt gequält und zum Schlechten verführt, das war Opitz. Er
wollte immer mehr hören und war beinahe missgestimmt, als man auf Obadjas Geheiss
plötzlich abbrach und die Vorlesung bis auf den andern Abend vertagte.
Wenigstens das nächste Kapitel, das sich »Niedriger Eigennutz« betitelte, hätt
er gern noch kennengelernt, und so nahm er denn, als man sich bald danach
zurückzog, das von Rut auf einen Ecktisch gelegte Buch zur Befriedigung seiner
Neugier mit in sein Zimmer hinüber und las bis Mitternacht. Dann schritt er noch
eine Zeitlang auf und ab, um seiner Aufregung Herr zu werden, und öffnete dabei
das Fenster und lehnte hinaus und sah nach dem in klaren Umrissen daliegenden
Gebirge hinüber. Darüber flimmerten die Sterne. Ihm war es, als erblick er die
Leiter, von der L'Hermite damals in jener Mond- und Spuknacht gesprochen hatte,
nur mit dem Unterschiede, dass er, statt ihn ängstigender Schatten, Engel und
Lichtgestalten auf- und niedersteigen sah. Und nun schloss er das Fenster wieder
und sah Rut, wie sie drüben in halber Beleuchtung gesessen und in den
Lesepausen abwechselnd dem Vater und der alten Maruschka die Hand gestreichelt
hatte.
    »Ja, wer so geboren wird, wen das Leben so wiegt und trägt... Armer Mensch
ich, arm und elend und verloren, wenn Gott nicht ein Wunder tut... Aber wie's
auch komme, doch gut, dass ich das alles noch erlebt... Und wenn er ein Wunder
täte! Hab ich es verwirkt? Ist ein Wunder unmöglich? Nie, sonst wär es kein
Wunder.«
    Und er lebte sich in diese Vorstellung ein und legte sich's zurecht und sah
wieder heiter in die Zukunft. Unklare, verschwimmende Bilder von Besitz und
Glück und Ruhe stiegen vor ihm auf.
 
                          Sechsundzwanzigstes Kapitel
Rut und Toby war es nicht entgangen, dass Lehnert das Buch mit hinübergenommen
hatte; beide hatten sich darüber gefreut und fast auch über die Heimlichkeit,
mit der es geschah. Sie gestanden sich das, als sie tags darauf nach der
Morgenandacht die Treppe hinaufstiegen, um oben in Ruts Zimmer noch ein kurzes
vertrauliches Geplauder zu haben. Sie setzten sich einander gegenüber und sahen
eine Weile Maruschka zu, die mit grossen Holznadeln an einem mächtigen Wollshawl
strickte, während ein Rotfink im Zimmer hin und her flog. Zuletzt folgten die
Geschwister dem Hinundherfluge des schönen Tieres, und als es sich auf den
Ecktisch setzte, darauf Rut gestern das »Gertrud-und-Lienhardt«-Buch gelegt
hatte, sagte diese:
    »Sieh, Toby, da liegt das Buch wieder! So geschickt er es gestern
mitgenommen, so geschickt hat er es heute wieder hingelegt. Es muss gewesen sein,
als wir schon unten waren; er kam auch eine Minute zu spät, und der Vater sah
ihn an. Gib das Buch her, vielleicht hat er ein Zeichen eingelegt oder gar ein
paar Striche gemacht. Manche können das nicht lassen, und ich möchte beinahe
sagen, er sieht mir ganz danach aus.«
    Toby, gehorsam, holte das Buch, und Maruschka mit dem langen weissen
Wollshawl, der aber längst aufgehört hatte, weiss zu sein, rückte näher heran,
weil sie neugierig war. Und nun begann Toby zu blättern, während ihm Rut, die
sich von ihrem Platz erhoben hatte, neugierig über die Schulter sah.
    »Siehst du«, lachte sie plötzlich auf, »da kommen schon die Striche; wie
richtig ich meinen Mann erkannt habe! Das hätte nicht mit rechten Dingen zugehen
müssen, wenn's anders gewesen wäre. Wer Bücher heimlich mit fortnimmt, der macht
auch Striche hinein, und vielleicht sogar mit der Absicht, andere wissen zu
lassen, was ihm am besten gefallen hat.«
    »Woher weisst du so was, Rut?«
    »Einfach genug. Weil ich es selber ein paarmal so gemacht habe.«
    »Wo denn? Hier?«
    »Nein, in Halstead, in der Schule. Das ist aber gleich, lass uns lieber
sehen, wieviel Striche wir finden. Hoffentlich nicht zu viele. Drei, vier, das
geht; sind es mehr, so wird es albern und sagt gar nichts mehr. Wieviel Stellen
sind es?«
    »Du hast gut geraten, gerade vier. Und folgen alle rasch aufeinander.«
    »Nun lies! Aber der Reihe nach.«
    Toby blätterte wieder zurück und begann dann: »Es missfiel ihr aber, dass
ihrer so rühmend erwähnt wurde. Denn sie war bescheiden und demütig und grämte
sich über den blossen Anschein von Eitelkeit.«
    Hier sah Toby Rut an und sagte: »Da hat er an dich gedacht; das bist du.«
    Rut aber hielt ihm den Mund zu: »Rede nicht so, Toby, wer weiss, an wen er
gedacht hat. Und es passt nicht einmal; ich bin nicht demütig, und noch weniger
bin ich bescheiden. Aber lass uns weitersehen!«
    »Nun denn. Ich sehe dir's an, du Gute, du kannst dich nicht verstellen.«
    »Das bist du wieder, Rut.«
    »Ja«, lachte diese jetzt. »das kann ich wenigstens sein...
    Aber nun lass uns nach einer etwas längeren Stelle suchen, das sind ja alles
nur Zeilen... Sieh hier, das ist länger, das wird sich verlohnen...«
    Und nun las Rut selbst, während sie sich im Lesen immer weiter über Tobys
Schulter vorbeugte: »Von Kindesbeinen an stak ihm zuviel Feuer in Blut und
Herzen, und die Mutter, anstatt dasselbe zu löschen und zu dämpfen, gefiel sich
darin, es anzufachen.«
    »Ach, das ist er«, sagte Rut und fuhr dann im Lesen fort: »Er war ein
Trotzkopf und redete stundenlang kein Wort, wenn man ihm nicht tat, was er
wollte. Und hier, meine Lieben... ah, nun wird es lehrhaft, und der Prediger und
Erzieher kommt heraus..., hier muss ich innehalten und den Vätern und Müttern
meiner Gemeinde die grosse Lehre der Auferziehung sagen: Bieget eure Kinder, ehe
sie noch wissen, was links oder rechts ist, zu dem, wozu sie gebogen sein
müssen. Und sie werden's euch bis ins Grab danken, wenn ihr sie zum Guten
gezogen und ins Joch des armen Lebens gebogen habt, noch ehe sie wissen, warum.«
    »Nun sage selbst«, sagte Rut, »ist es nicht, wie wenn der Vater spräche? Da
dürfen wir uns nicht wundern, dass er so ganz besonders zu dem Buche hält und zu
dem Manne, der es geschrieben: Pestalozzi! Sonderbarer Name und so gar nicht
deutsch.«
    »Nicht so deutsch wie Hornbostel«, lachte Toby. »Soviel kannst du nicht von
jedem Namen verlangen... Aber«, und dabei nahm er das Buch, das er einen
Augenblick aus der Hand gelegt hatte, wieder auf, »jetzt kommt die letzte
Stelle, die hat sogar zwei Striche und hier an der einen Stelle noch ein
Nebenstrichelchen.«
    »Nun gut. Nun lies du wieder!« sagte Rut. »Und die Stelle mit dem
Nebenstrichelchen musst du betonen.«
    »Versteht sich.«
    Und nun las Toby wieder. » ... Der Menschen Herzen müssen in Ordnung sein,
wenn sie glücklich sein sollen. Und zu dieser Ordnung kommen die Menschen eher
durch Not und Sorgen als durch Ruh und Freude, Gott würde uns sonst mehr Freude
gegönnt und gegeben haben. Aber weil die Menschen ihr Glück nur ertragen können,
wenn ihr Herz zu vielen Überwindungen gebildet und stark und standhaft und
geduldig geworden ist, so müssen wir's auch als notwendig erkennen, dass, als
eine Staffel und Vorschule, soviel Not und Elend in der Welt ist.«
    »Du hast schlecht gelesen, Toby; von Betonung keine Rede. Lies noch mal,
lies die Stelle, wo der Nebenstrich steht!«
    »... Aber weil die Menschen ihr Glück nur ertragen können...«
    »Ah, ich weiss schon... Ich dachte mir's, dass das die Stelle sein würde...«
    »Warum gerade die, Rut? Und dabei bist du rot geworden. Aber ich will
nichts gesagt und nichts gesehen haben... Und nun rücke nur wieder näher an
Maruschka heran und hilf ihr bei dem Shawl, sonst wird er erst fertig, wenn wir
ihren achtzigsten Geburtstag feiern.«
    »Unsinn, Torheit!«
    »Oder deine silberne Hochzeit.« Und dabei gab er ihr einen Kuss und sprang
rasch aus dem Zimmer.
    »Was meint er nur?« sagte Maruschka. »Was will er sagen mit meinem
achtzigsten Geburtstag?«
    »Ach, liebe Maruschka, was er mit deinem achtzigsten Geburtstag sagen will,
das ist nicht schwer, das kann jeder verstehen. Ein achtzigster Geburtstag ist
ein achtzigster Geburtstag. Aber was will er sagen mit silberner Hochzeit? Was
soll das?«
    Maruschka kam auf sie zu, das Wollvlies wie eine Schleppe hinter sich her,
und dabei gingen und klapperten die Nadeln: »Was das heissen soll, Rut? Silberne
Hochzeit! Nun freilich, dein Vater hat nie so lange gewartet, oder auch nicht
gekonnt, weil der Tod immer dazwischenkam; aber du musst doch wissen, was eine
silberne Hochzeit ist?«
    »Gewiss, Maruschka, gewiss weiss ich, was eine silberne Hochzeit ist. Aber er
sprach ja von meiner silbernen Hochzeit, und da muss ich doch fragen dürfen, was
soll das? Erst muss ich doch eine Braut sein und dann eine Frau...«
    »Kommt Zeit, kommt Rat«, sagte Maruschka. »Du wirst eine Braut sein und auch
eine glückliche junge Frau. Und dann werden wir zuletzt auch eine schöne
silberne Hochzeit haben. Ich bin dann fünfundachtzig oder etwas drüber... Aber
wenn man warten kann, kommt alles.«
    Rut nahm der Alten Hand. »Ach, Maruschka, ich will dir's nur gestehen, ich
weiss alles, was Toby meinte... Die Tage hier vergehen so still, und das Leben
ist so gleich und arm.«
    Und dabei seufzte sie.
    »Nicht so, Rut. Das kleidet dir nicht, dir kleidet bloss Fröhlichkeit und
Lachen. Und die Heilige Jungfrau, die hilft. Aber das darfst du dem Alten nicht
sagen, dass ich dir von der Heiligen Jungfrau gesprochen habe. Das mag er nicht.«
    Und nun lachte Rut wieder.
 
                          Siebenundzwanzigstes Kapitel
Ende Oktober schlug das Wetter um, und nachdem bis dahin wundervolle Herbsttage
geherrscht hatten, stellten sich nun Sturm und Regen ein. Der vom Gebirge
herabkommende kleine Fluss, der den ganzen Sommer über mit nur wenig Wasser durch
Nogat-Ehre hingeplätschert war, stieg plötzlich über seine Ufer und
überschwemmte den etwas tiefer gelegenen Park. Zum Teil standen auch die Felder
unter Wasser, und nur mit grosser Anstrengung hielt man die Verbindung mit dem
Stationshause von Darlington aufrecht, ohne welche Verbindung man von der Welt
abgeschnitten und ohne Zeitungen und Briefe gewesen wäre. Die Wege zu den über
das Tal hin zerstreuten Indianerdörfern aber blieben grundlos und der Mehrzahl
nach unpassierbar.
    So verlief eine Woche. Da liess endlich der Regen wieder nach, ein
auftrocknender Wind ging, und Anfang November, am Allerseelentag, war alles
wieder so weit passierbar geworden, dass Bruder Krähbiel, der das Bekehrungswerk
und die Missionsschule bei den benachbarten Arapahos leitete, von dem kaum zwei
deutsche Meilen entfernten und unter der Herrschaft von Gunpowder-Face stehenden
grossen Dorfe Navaconsin in Nogat-Ehre eintreffen und bei Obadja vorfahren
konnte. Das Gefährt, in dem er kam, war freilich, um der schlechten Wege willen,
so primitiv wie möglich gewählt worden und bestand aus einer ungefügen
Schlittenschleife, vor die zwei Kühe gespannt waren. Ein alter, in eine dicke
Friesdecke gehüllter Indianer, mit einem Zylinder auf dem Kopf, der mit dem
Tottoschen eine bemerkenswerte Ähnlichkeit hatte, hatte die Zügel in Händen,
unmittelbar hinter ihm aber sass Bruder Krähbiel selbst in einem Schafpelz und
einer Otterfellmütze. Denn der austrocknende Wind, sosehr man sich seiner
freute, war doch von empfindlicher Kälte.
    Krähbiel, steif und klamm geworden, suchte sich, so gut es ging, aus dem
Schlittenstroh herauszuwinden, eh er aber damit zustande kommen konnte, waren
auch schon Lehnert und Toby, die das Herankommen des Gefährts vom Oberstock aus
gesehen hatten, ihm helfend zur Seite, halb von Diensteifer und
Menschenfreundlichkeit, halb auch von Neugier geleitet. Und diese Neugier
steigerte sich selbstverständlich noch, als das Gesicht, das Bruder Krähbiel
alsbald aufsetzte, keinen Zweifel darüber lassen konnte, dass er eine
Trauerbotschaft überbringe. Volle Gewissheit aber kam erst, als Krähbiel, um
aufzutauen, vor das in der Halle flackernde Kaminfeuer gebracht worden war,
allwo man dann, nachdem inzwischen auch Obadja erschienen, des breiteren in
Erfahrung brachte, dass Gunpowder-Face während der letzten Nacht gestorben sei.
Sein Tod sei der eines gläubigen Christen gewesen, und die Bemerkungen derer, er
nenne keine Namen (aber jeder wusste, dass er L'Hermite meine), die nicht müde
geworden wären, den grossen Häuptling als einen unentwegten Heiden anzusehen,
seien jämmerlich zuschanden geworden. Er, Krähbiel, habe noch in der letzten
Minute verschiedene Fragen an ihn gerichtet, darunter auch die: »Fürchtest du
dich vor dem Tode?«, worauf der nunmehr selig Entschlafene mit einem deutlichen
»Nein« und gleich danach auf die weitere Frage: »Weisst du, Gunpowder-Face, dass
du durch Jesum Christum selig werden wirst?«, mit einem noch deutlicheren »Ja«
geantwortet habe. Seine Bekehrung sei fest gewesen und in die Tiefe gegangen und
werde ganz zweifellos die segensreichsten Folgen in der vielfach noch im argen
liegenden Navaconsingemeinde haben. Als Krähbiel in seinem Berichte - dessen
wesentlichster Inhalt, die Todesnachricht selbst, sofort durch das ganze Haus
lief - bis an diese Stelle gekommen war, waren auch Rut und Maruschka und
gleich danach Monsieur L'Hermite erschienen, alle begierig, etwas Näheres zu
hören, am begierigsten der Letztgenannte, der für die groteske Gestalt seines
Paukenschlägers immer eine selbst ans Groteske streifende Vorliebe gehabt hatte.
L'Hermite war es denn auch, der am lebhaftesten darauf drang, in seines
Lieblings Krankheit oder sonstige Todesursache eingeweiht zu werden, was den
halb erstaunten Krähbiel, der sonst wenig für den Franzosen übrig hatte,
zunächst zu freundlicher Verneigung gegen denselben und dann zu Fortsetzung
seines Berichts veranlasste. Gunpowder-Face, so teilte Krähbiel mit, sei vor zwei
Tagen, als das Unwetter nachliess, auf die Hirschjagd gegangen und bei der
Gelegenheit - und zwar sehr wahrscheinlich, weil das Gewehr infolge des immer
noch nassen Wetters versagt habe - von einem Dreizehnender aufgespiesst worden.
Allerdings habe er noch in diesem bejammernswerten Zustande dem Hirsch eine
tödliche Wunde beigebracht, aber dieser endliche Sieg habe doch in der
Hauptsache nichts ändern und seinen Freund Gunpowder-Face nicht retten können,
trotzdem man ihn mit jeder erdenklichen Vorsicht nach Hause getragen und ihn
vierundzwanzig Stunden lang in Wundkrautabkochung gelegt habe und zuletzt sogar
in Öl.
    »Comme des sardines«, warf L'Hermite dazwischen. Krähbiel aber, der sich das
Ansehen gab, diese Bemerkung überhört zu haben, glitt einfach zu dem
eigentlichen Zweck seines Kommens hinüber und stellte nunmehr die Frage, wann
und wie der grosse Häuptling begraben werden solle. Sein Tod und noch mehr sein
Begräbnis müssten das durch seinen Übertritt eingeleitete grosse Bekehrungswerk
vervollständigen.
    
    Obadja nickte zustimmend, und nachdem noch ein gut Teil hin und her
gesprochen war, wurde beschlossen, dass man am andern Tage die Fahrt nach dem
Indianerdorfe machen, ausserdem aber, und zwar in Nachgiebigkeit gegen Monsieur
L'Hermites dreimal gestellten Antrag, sowohl die Kesselpauken wie die
Kirchenfahne mit hinübernehmen wolle. Von diesem Beschlusse (so war Obadjas
letztes Wort) sollten die Arapahos durch einen sicheren Boten sofort in Kenntnis
gesetzt werden, Krähbiel selbst aber solle bis morgen in Nogat-Ehre verbleiben,
um, wenn sich Mangel an Platz herausstelle, mit seinem Kuhgefährt zur Aushilfe
herangezogen werden zu können.
    In Gemässheit dieser Beschlüsse wurde denn auch verfahren, und am andern
Mittage setzten sich, nach voraufgegangener Aufladung der mehrgenannten
Festrequisiten, von der Rampe her zwei Schlitten in Bewegung, auf denen Obadja
und Krähbiel, ferner Toby, L'Hermite und Lehnert und schliesslich, zu allgemeinem
Erstaunen, auch der alte Totto Platz genommen hatte, der hier, zum ersten Mal
wieder, ein wohl mit den »kettledrums« zusammenhängendes Interesse zeigte.
Natürlich trug er seinen Sonntagsstaat und sass zur Seite des auch heute wieder
den Krähbielschen Schlitten lenkenden Arapahoindianers, also zwei hohe Zylinder
nebeneinander. Den andern Schlitten lenkte Toby. Beide fuhren langsamen
Schrittes und mahlten und matschten vorsichtig durch Schlamm und Tümpel hin.
    Um drei Uhr war man in dem grossen Dorf und hielt vor dem Hause, darin
Gunpowder-Face gewohnt und das Zeitliche gesegnet hatte. Man stieg, so rasch es
ging, ab und trat gleich danach in einen grossen qualmigen und nur spärlich
erleuchteten Raum, in dessen Mitte die Witwe des Toten den offenen Sarg, mit
zwei Fackeln zu Häupten, aufgestellt hatte. Was sich Obadja sofort bei seinem
Eintreten aufdrängte, war ein deutlich erkennbarer Gegensatz im Kreise der schon
Versammelten, unter denen einige, besonders Frauen und Kinder der nächsten
Anverwandtschaft, einen schmerzbewegten, beinah rührenden Eindruck machten,
während andererseits allerlei dunkle Gestalten in den Ecken umherstanden, denen
man ansah, dass ihnen das Erscheinen der weissen Männer aus Nogat-Ehre wenig
gefiel, auch nicht gefallen konnte, da von diesem Augenblicke an nur zu sicher
war, dass ihnen der Tote, den ihre Zauberer in der Sterbestunde noch wieder
zurückerobert zu haben glaubten, nun doch entrissen werden würde. L'Hermite
hatte seine Freude daran, während Obadja ehrlich zusammenschrak, nicht um seiner
selbst willen, er war furchtlos, wohl aber, weil er jetzt erst die Gefahr sah,
in der die Seele des erst neuerlich Bekehrten geschwebt haben musste. Das alles
aber ging vorüber, und er begegnete fest und ruhig den feindlichen Blicken, die
sich auf ihn richteten. Dann, während er der Witwe Hand nahm, trat er mit dieser
zugleich an den Sarg und sagte: »Seht her, so stirbt ein Christ! Er wanderte
lange Jahre durch Irrsal und Dunkel, bis ihm das Licht des Heilands und in
seinem Heilande das Licht der Erlösung leuchtete. Davon seht ihr einen Abglanz
in seinem Angesicht. Er starb in Frieden, und sein letztes Wort bekannte sich zu
dem neuen Glauben, den er, trotz vieler Gegnerschaft, aufrichtig ergriff und
ehrlich festielt. Und nicht tot war dieser Glaube, nein, es war ihm gegeben,
diesen seinen Glauben auch zu betätigen. Er brach mit der Unsitte der
Vielweiberei, einer gehörte sein Haus« (hier richtete sich sein Blick auf die
Squaw) »und einer gehören seine Kinder. Er sah, sag ich, das Licht, und die
Finsternis fiel von ihm. Und nun hebet seine irdische Hülle, dass wir sie
hinaustragen und sie betten in geweihter Erde, über die der Spuk und die
Zauberer und die Hölle selbst keine Macht haben.«
    Einige der Hintergrundsgestalten verfielen bei diesen Worten in ein Grinsen,
aber die, die mehr in vorderster Reihe standen, traten trotzdem an den Sarg
heran und hoben ihn und trugen ihn hinaus, während Obadja und all die andern aus
Nogat-Ehre folgten.
    Der christliche Begräbnisplatz war verhältnismässig nah und lag an einem
Abhange, der den Raum zwischen dem Dorf und einem schmalen, auf der Höhe sich
hinziehenden Waldgürtel ausfüllte. Das Wetter hatte sich vollkommen geklärt, und
nur das Gras, daran Regentropfen hingen, und mehr noch der Lehm, der hoch
aufgeschüttet zu Häupten des Grabes lag, erinnerten an das Unwetter, das so
lange geherrscht hatte. Vorsichtig setzte man den Sarg auf ein paar über die
Grube gelegte Bretterbohlen, und alle die, die zur Mennonitengemeinde gehörten,
traten nunmehr heran und stellten sich, wie schützend, um das Grab, während alle
die, die noch zu Manito hielten und die Bekehrung ihres Häuptlings nur mit
Widerwillen gesehen, weiter hinauf, am Waldrande hin, ihre Aufstellung genommen
hatten. Da standen sie, die meisten ein Tierfell um die Schulter, den Jagd- und
Kriegsspeer in der Hand, und folgten einigermassen ingrimmig dem Hergange, der
ihnen und ihrem Gotte den Häuptling für immer entreissen sollte. Der heftige Wind
hatte sich schon seit einer Stunde gelegt, und statt der Sturmwolken zogen
einzelne, von der Spätnachmittagsonne durchleuchtete Nebelstreifen über die
Wipfel der Bäume hin.
    Obadja sah dem allem eine Weile zu. Dann gab er das Zeichen, und der Sarg,
um den man Tücher und Stricke gelegt hatte, glitt nun langsam in die Tiefe. Die
Squaw wollte nachspringen. Aber es war nur ein nicht allzu ernstlich gemeinter
Anlauf, den zu hindern der ihr zunächst stehende Bruder Krähbiel und ein
jüngerer ihm unterstellter Missionar keine zu grosse Schwierigkeit hatten. Und
nun trat Obadja bis dicht an das Grab heran und sagte: »Die Sonne, lieben
Freunde, sinkt dahin, aber sie bettet sich nur, um desto schöner wieder
aufzustehen. Und das ist unser Zeichen. Das ist das Zeichen, in dem wir siegen.
Auch du, Freund, wirst auferstehen von der Stätte, darin wir dich gebettet
haben. Es ist nur ein Gott, der sich eines jeden erbarmt und jeden, der an ihn
glaubt, einführt in die himmlischen Freuden. Und das ist der Christengott, unser
Gott, der Allmächtige, der Allgnädige. Die aber, die sich zurückstellen bis an
den Waldrand hinauf, die sich ihm und seinem Worte stolz verschliessen und ihn
verhöhnen, als ob er nicht der Allmächtige wäre, die wird er heimsuchen, und
statt des Weidegrundes, auf den sie hoffen, werden sie Steine finden und einen
toten See, daraus die Flamme schlägt. So scheide denn, so fahre denn dahin! Der
Herr nehme dich auf in sein Reich und seinen Frieden und sei mit dir immerdar!«
    In diesem Augenblicke fiel der von Krähbiel geleitete Kinderchor ein und
sang mit heller Stimme:
»Herr und Heiland hier und dort,
Christus, Jesus, sei mein Hort,
Ohne dich werd ich vergehn,
Mit dir werd ich auferstehn -
Auferstehn, ja auferstehn.«
In dieser Strophe, die Obadja mitsang, gipfelte die Feier, und als das Wort
»auferstehn«, und zuletzt sogar mit der Vorschlagssilbe »ja«, sich dreimal
wiederholt hatte, fiel L'Hermite mit den kettle-drums ein und schlug und
wirbelte so, dass es seine Wirkung auch auf die bis dahin grösstenteils spöttisch
dreinschauenden Indianer nicht verfehlte, während Totto, mit glückseligstem
Gesichtsausdrucke, dreimal die Christusfahne senkte.
    Hiermit war das Begräbnis vorüber, und alles kehrte nach dem Trauerhause
zurück, um hier einen Imbiss zu nehmen. Auch die Manitoleute trieben den Zorn
über das »gebrannte Herzeleid«, das ihnen angetan wurde, nicht bis zum Hass gegen
das gebrannte Wasser, schienen vielmehr umgekehrt ein längeres Mahl, unter
Heranziehung einiger Whisky-Bottles, einnehmen zu wollen. Ebenso die Getauften,
die ganze Verwandtschaft von Gunpowder-Face, samt seiner Witwe. Nur alles, was
zu Nogat-Ehre gehörte, lehnte jedes längere Bleiben ab, und die Sonne, die schon
beim Begräbnis niedrig gestanden hatte, war eben erst unter, als man die
Rückfahrt - abermals in zwei Schlitten, trotzdem Krähbiel zurückblieb - antrat.
In dem zweiten sassen Lehnert und L'Hermite.
    Lehnert hing ernsten Betrachtungen nach, L'Hermite dagegen war voller
Behagen und fühlte sich, als ob er von einer melodramatischen Aufführung
heimkäme, darin mitzuwirken ihm vergönnt gewesen wäre.
    »Was war das eigentlich mit den Kienfackeln am Sarge?« fragte Lehnert.
    »Nichts«, sagte L'Hermite, der sich eben die Pauke zurechtgeschoben und als
Rückenlehne hergerichtet hatte. »Wenn man die Blessierten unter Öl legt, kann
man auch die Toten unter Kien legen. Pourquoi pas?«
    »Ich dachte, dass es eine Bedeutung habe.«
    »Vielleicht. Aber ich habe in meinem betrübten Gemüte keine Zeit, mich bei
solchen Nebensachen aufzuhalten. Ich kann, was mir wichtiger ist, das Bild und
die Sorge nicht loswerden, wie nun die Rotäute, und besonders die tätowierte
Bestie, die gleich vornan am rechten Flügel stand, bemüht sein werden, unseren
Freund ihrem Gott und ihrem Himmel zurückzuerobern, und ich wette, wenn Neumond
oder Vollmond ist, wird der Hokuspokus seinen Anfang nehmen, und sie werden dann
sein Grab mit frischem Hirschblut besprengen, wenn sie nicht das von frère
Krähbiel vorziehen. Au nom de Dieu, das wäre was, und ich könnte mich, wenn das
mit dem Krähbiel was würde, wahr und wahrhaftig entschliessen, den Weg auf dieser
Armensünderschleife noch mal zu machen.«
    »Das wird aber nicht geschehen, Monsieur L'Hermite. Krähbiel ist beliebt,
fast so beliebt wie Obadja.«
    »Nun, wenn sie Krähbiel nicht nehmen, dann vielleicht einen andern.«
    »Wen anders?«
    »Wer will sagen, wen? Vielleicht mich, vielleicht Euch, vielleicht Rut. Ihr
dürft nicht so zusammenfahren. Aber lassen wir das, es wird so schlimm nicht
kommen - der alte Rotaut-Furor ist hin. Aber dessen dürft Ihr sicher sein, hin
oder nicht, sie werden nicht eher ruhen, als bis sie dem Segen, den ihm Obadja
mit ins Grab gegeben, ihr Paroli gebogen haben. Und ich sag Euch, solch
Hokuspokus ist nicht zu verachten, und wer weiss, wie die Partie steht, wenn es
zum Letzten kommt. Und wenn ich mir dann ausmale, wie das Reissen und Zerren um
meinen Freund Gunpowder-Face losgeht und wie Krähbiel, oder vielleicht auch
Obadja selbst, ihn als weisses Schaf nach rechts und wie Manito ihn als schwarzes
Schaf nach links haben will, da kommt mir doch ein Weh und ein Bangen an. Und da
kenn ich nur einen, der ihn retten kann, und dieser eine bin ich. Und ich werde
dann zu Manito sagen: Retirez-vous! Den kenn ich, den hab ich wirbeln sehen. Und
die Kesselpauke steht gut mit der Posaune. Basta. Nehmt ihn nach rechts, ihr,
ihr Himmlischen! Und dann hat Camille L'Hermite ihn gerettet und nicht Krähbiel
und nicht Obadja... Ja, ja, Monsieur Lehnert, die Machtfragen liegen wunderbar,
und die Maus knabbert den Löwen frei.«
 
                           Achtundzwanzigstes Kapitel
Nach dem Begräbnis von Gunpowder-Face, das noch mehrere Tage lang ein
bevorzugtes Gesprächstema bildete, wurde die frühere Lebensweise wieder
aufgenommen und durch den ganzen November hin fortgesetzt. Obadja fehlte selten
an den nach wie vor stattfindenden Gesellschaftsabenden und war dabei von einer
Freudigkeit und Frische, die jeden, am meisten aber die Kinder in Erstaunen
setzte. Scherzworte wurden nicht nur gestattet, er erging sich sogar selber
darin. Einmal sprach Toby von der verwundersamen Vorliebe, die Monsieur
L'Hermite für Gunpowder-Face gehabt habe. »Nicht zu verwundern«, sagte Obadja,
»sie waren wie Ordensbrüder, und ihr gemeinsames Gelübde war das Groteske.« Bald
danach kam auch auf Kaulbars die Rede, der bei dem Begräbnis gefehlt habe. »Wir
wollen ihn zum Häuptling vorschlagen«, sagte Obadja. »Mistress Kaulbars gibt
eine gute Squaw.«
    So vergingen, wie herkömmlich, die Abende, bis mit der Adventszeit ein
plötzlicher Wandel eintrat und Weihnachten auf die Tagesordnung kam. Nichts mehr
von Musizieren, noch weniger von Lesen, denn mit »Gertrud und Lienhardt« hatte
man längst geendet. Ja, Buch und Notenblatt verschwanden, und statt ihrer lagen
grosse Flanellstücke durch die Stuben hin zerstreut, Flanellstücke, daraus Kappen
und Kapuzen, und daneben bunte Lappen und Federn, aus denen Puppen für die
Arapahokinder unter Bruder Krähbiels und für die Cherokeekinder unter Bruder
Nickels Leitung angefertigt werden sollten. Alles war in Aufregung, am meisten
L'Hermite, der jetzt jeden Abend kam und nicht bloss einen grossen Eifer, sondern
auch eine grosse Geschicklichkeit in Herstellung aller Arten von »German Toys«,
also von Hampelmännern, Stehaufs und Sägebirnen an den Tag legte, nicht viel
anders, als ob er jahrelang Obermeister in einer türingischen Spielwarenfabrik
gewesen wäre. Nicht minder gab er, weil er als Franzose dergleichen wissen
musste, für die Puppen die Moden an, und wenn Maruschka eben erst eine à l'Empire
gekleidete Puppe bewundert hatte, erschienen auch schon andere mit Krinolinen à
la Eugénie oder mit Tournuren à la Zouave. Eine besonders hübsche, mit einer
Kasawaika und einer viereckigen polnischen Mütze, führte natürlich die
Bezeichnung à la Maruschka, bei deren feierlicher Überreichung der
miteingeweihte Toby das Klavier aufschlagen und den Anfang von »Noch ist Polen
nicht verloren« zum besten geben musste.
    Das ging so bis zum elften Dezember. An diesem Tage trafen die beiden
Kaulbarse vom Vorwerk her ein, und wiewohl ihr Kommen im ersten Augenblick eine
Störung und fast einen Schreck verursachte, denn sie waren um ihrer
Neunmalweisheit willen bei niemand recht beliebt, so fand man sich doch schnell
ins Unvermeidliche und zog sie wohl oder übel mit in die kleine Tafelrunde
hinein. Ihr Erscheinen, das eigentlich ausser aller Berechnung gelegen hatte,
hatte seinen Grund in einem zufälligen Ereignis, und zwar in einem Briefe, der
am zehnten Dezember vormittags bei Martin Kaulbars eingetroffen war und von
seiner in Berlin an einen Pantoffelmacher Hecht verheirateten Schwester Ida
herrührte, bei deren Verheiratung es beiläufig auf gut berlinisch geheissen
hatte: die Kaulbars, nunmehrige Hecht, habe sich über ihren Stand verheiratet.
Das alles lag jetzt dreizehn Jahre zurück, aus dem Pantoffelmacher von damals
war - übrigens ohne irgendwelche Veränderung des Lokals, eines multrigen
Berliner Kellers - eine sogenannte »Puppenschuhfabrik« geworden, und aus eben
dieser »Fabrik« schrieb Schwester Ida unterm siebenundzwanzigsten November einen
längeren Brief an ihren Bruder Martin, darin es gegen den Schluss hin wörtlich
lautete: »Beinah, mein lieber Martin, hätt ich vergessen, Dir von den Kindern zu
schreiben. Alle sind gut; es ist so was Kaulbarsiges drin, so was, ja, wie sag
ich, so was Eigentümliches und Apartiges, was wir ja alle haben und beinah auch
Deine Frau. Ulrike, unsere Älteste, ist so gut wie erwachsen und kann jeden Tag
heiraten; in Amerika soll es ja schon mit zwölfe passieren, so sagt wenigstens
Hecht, was aber doch wohl zu früh ist und selbst in der Freiheit nicht vorkommen
sollte. Sophie, die zweite, hantiert am geschicktesten und is ein Daus im
Geschäft und wird es wohl mal übernehmen. Und Philippinchen, die nun erst vier
ist und die wir Pippi nennen, klebt auch schon, und ich sage Dir, alles sauber
und akkurat, dass es eine Freude ist, und ganz flink. Eigentlich war ich dagegen,
ich meine das mit Pippi, mit dem Namen, der mir ein bisschen genierlich vorkam,
aber Hecht sagte: Warum nicht, Ida? Drüben die bei Geheimrats heisst Lolo, warum
soll unsere nicht Pippi heissen? Und seitdem heisst sie so. Recht hat er. Aber nun
muss ich schliessen, denn wir haben alle Hände voll zu tun, weil wir zum Fest
diesmal eine Weihnachtsbude haben wollen, und Ulrike soll in der Bude sitzen und
verkaufen. Und bis dahin sind bloss noch vierzehn Tage. Denn den elften fängt ja
der Weihnachtsmarcht an, das wirst Du wohl noch wissen, auch wenn Ihr drüben
keinen habt. Denn wenn der Busstag in Sachsen auch anders liegt als bei uns
(wobei ich die Sachsen eigentlich nich recht begreife), so denk ich mir doch:
Weihnachten ist überall gerade zu Weihnachten und auch in Amerika. Eben kommt
Pippi und will Goldpapier. Gott, mir brummt der Kopf, wie wenn schon Marcht und
Weihnachten wäre... Am elften, wenn wir die Bude aufmachen, dann denkt an uns.
Es ist doch ein wichtiger Schritt, auch wegen Ulrike. Deine ewig unveränderte
Schwester Ida Hecht geb. Kaulbars.«
    Dieser Brief, der trotz seiner in mehr als einem Stück anfechtbaren Adresse:
»Herrn Martin Kaulbars aus Preussen (Kreis Ost-Havelland), zur Zeit in Nogat-Ehre
bei Darlington; Indien Trottoiry, Amerika...« glücklich angekommen war, hatte
die bei dem Hinweis auf den elften Dezember ganz natürlich von einem
weihnachtsmarktlichen Gefühl ergriffenen Kaulbarse sofort mobil gemacht und nach
Nogat-Ehre hinübergeführt, wo sie, wenn auch keinen Weihnachtsmarkt, so doch ein
paar weisse Christenmenschen vorfanden, in deren Gesellschaft es am Heiligen
Abend immerhin besser war als auf dem Vorwerk und sich, wenn weiter nichts,
wenigstens ein paar Nüsse vergolden und ein paar Lichter anzünden liessen.
Kaulbars und Frau waren nun also wieder in Nogat-Ehre, verträglicher und
umgänglicher als gewöhnlich, was in einer gewissen Weihnachtsstimmung seinen
Grund hatte. Trotzdem war man im Oberstocke froh, sie nur an den ersten zwei,
drei Abenden erscheinen und sich bald danach auf ihr Küchen- und
Wirtschaftsdepartement beschränken zu sehen. In Wirtschaft und Küche war ihnen
am wohlsten, weil sie sich hier am nützlichsten machen konnten.
    Frau Kaulbars, die bei der alten Pfefferküchlerin Winkler in Neu-Ruppin ihre
Anlernejahre durchgemacht hatte, war in diesem Dienstverhältnis eine gute
Kuchen- und Pfefferkuchenbäckerin geworden, die, wenn es sein musste, sogar
französische Zitronat-Gewürzkuchen backen konnte, was ihr schon beim vorjährigen
Weihnachtsfeste, trotzdem Maruschka aus der Torner Pfefferkuchengegend war,
einen Oberaufsichtsposten auf diesem Gebiete eingetragen hatte. Das wiederholte
sich jetzt, während er, Kaulbars, von der Mitte des Monats an, den Post- und
Reisedienst übernahm und aus Halstead, und selbst aus Denver, alles
herbeischafte, was zu Geschenken und Bewirtung noch fehlte. Zugleich war ihm
aufgetragen, sich um Tischplatten, Ständer und Holzböcke zu kümmern, für den
Fall, dass der grosse Tisch in der Halle nicht ausreichen würde.
    So war die eigentliche Festwoche herangekommen; nur noch vier Tage standen
zur Verfügung, und doch fehlte noch immer die Hauptsache: der Baum. Ihn zu
beschaffen war jetzt höchste Zeit und führte zu Verhandlungen, in denen der von
seinen verschiedenen Missionen eben zurückgekehrte Kaulbars kategorisch
erklärte: So wie früher ginge das nicht, und von einer Zypresse, »bloss weil sie
auch Nadeln habe«, könne diesmal keine Rede sein. Er habe schon das vorige Jahr
zu Obadja gesagt, Zypresse sei ganz gut und er habe nichts gegen Zypressen, aber
das Zypressige sei nun mal für die Dodigen und nicht für die Lebendigen, und
Weihnachten sei kein Kirchhof. Es müsste partout eine propre Tanne sein, so was
Schlankes wie Miss Rut, und wenn es eine Tanne nicht sein könne, na, denn eine
Kiefer oder eine Kussel. Irgendwas werde sich doch wohl finden lassen,
vielleicht schon drüben im Park, und wenn nicht da, so doch oben im Gebirge.
    Es bedarf keiner Versicherung, dass die Rede Kaulbars' (Obadja war nicht
zugegen) unter allseitiger Zustimmung aufgenommen und dabei festgesetzt wurde,
sofort ans Werk gehen zu wollen. Und wirklich, eh noch die Fluruhr zehn schlug,
fuhr auch schon ein auf niedrigen Rädern gehender, im übrigen aber
langgestreckter und mit zwei starken Pferden bespannter Korbwagen vor, auf den
die schon in der Halle Wartenden aufstiegen. Es waren ihrer vier, zunächst Rut
und Toby, die vorn auf einem Häckselsack Platz nahmen, dann Kaulbars und
Lehnert. Hinter und zwischen ihnen lagen Axt und Grabscheit und ein paar starke
Stricke zum Umwuchten, denn man hatte vor, nicht ein Bäumchen, sondern einen
wirklichen Baum nach Hause zu bringen. Der fünfte von der Partie war Uncas. Er
sollte, nach aller Wunsch und Plan, eigentlich mit aufsteigen, denn der Weg war
weit; Uncas zog es aber vor, nebenherzutrotten, mutmasslich, um auch heute
wieder, wie das seine Art war, einen Vorsprung zu gewinnen und dann Rut, unter
Gebläff und Freudengewinsel, an sich vorbeipassieren zu lassen. Obadja, nachdem
er übrigens erst nach einigem Zögern seine Zustimmung zu der Fahrt gegeben
hatte, war mit auf die Rampe hinausgetreten, küsste Rut und gab Toby
Verhaltungsregeln. Er solle nicht zu hoch in das Gebirge hineinfahren und
überhaupt sich mit der Rückkehr beeilen, das Barometer sei stark gefallen, und
irgendwas wie Regen oder Sturm stehe mutmasslich in Aussicht. Toby wisse ja, dass
dergleichen oft schnell komme. Vor allem aber solle er nicht eigensinnig, unter
Zeitverlust und Fährlichkeit, nach einer Tanne suchen; wenn solche nicht gleich
da sei, so solle er nicht vergessen, Kiefer oder Fichte täten es auch. Und damit
Gott befohlen. Und nun trat er wieder in den Flur zurück, und während Uncas,
überglücklich, mit dabeizusein, an den Pferden in die Höhe sprang, fuhr der
Wagen von der Rampe hinunter und mit einer kleinen Biegung nach rechts auf das
Waldgebirge zu.
Das Wetter war prachtvoll, dabei milde wie ein Frühlingstag, und ein von der
Wintersonne durchleuchtetes Gewölk, das über den Kamm zog, steigerte nur die
Schönheit des Bildes und den Genuss der Fahrt. Man sprach wenig, den wie
gewöhnlich so auch heute ziemlich redseligen Kaulbars ausgenommen, der über die
Küchenmädchen schimpfte, von denen eine gestern abend ein ganzes Blech voll
Pfeffernüsse habe verbrennen lassen; seine Frau habe sich denn auch über solche
»Veraasung« gar nicht beruhigen können. Aber das komme davon, wenn man lauter
spielrige Indianergören in die Küche nähme und keinen richtigen Backofen habe.
So bloss, mit Eisenblech und Steinkohlen, womit sie jetzt alles machen wollten,
damit ginge so was nich - so 'n richtiger alter von Lehm, der aussäh, als ob er
keinen Tag mehr leben könne, das sei die beste Sorte, da sei Verlass drauf, und
von gleich Verbrennen und Schwarzwerden sei keine Rede nich. Aber das seien so
die verdammten Verbesserungen, die, bei Licht besehen, nie keine nich wären;
immer was Neues und dann wieder was Neues, und schon sein Vater selig habe
gesagt: »Glaube mir, Martin, die Bockmühlen sind doch besser als die
holländischen.«
    In demselben Augenblicke, wo Kaulbars seinen Vater selig zitierte, stiess er
mit dem Fuss an das Grabscheit, das gerade vor ihm lag und mit seiner Spitze
zwischen Sohle und Oberleder eindrang. Das war ihm gar nicht recht, und er
sagte: »Merkwürdig! Voriges Jahr hatten wir die Zypresse, heute haben wir das
Grabscheit. Immer wie Kirchhof und Dotengräber. Is doch wahrhaftig, als ob wir
aus so was gar nicht mehr rauskommen sollten.«
    Die Geschwister hörten das alles, trotzdem sich die Rede nur an Lehnert
gerichtet hatte. Toby nahm Anstoss daran und wandte sich und sagte:
    »Nicht so, Mister Kaulbars. Die Dinge sind das, wofür wir sie nehmen, in dem
Glauben hat der Vater uns grossgezogen, und Aberglauben und Vorbedeutungen oder
auch Stunden- und Tagewählerei gehören nicht unter die Mennoniten und am
wenigsten nach Nogat-Ehre.«
    »Na«, sagte Kaulbars, »wenn es man wahr ist. Unser alter Rütnick war auch
gegen Aberglauben, und jeder gebildete Mensch is gegen Aberglauben. Aber die
Geschichte mit dem Anno 13 über Eck gebrachten und dann heimlich unten in 'n
Keller eingebuddelten französischen Tambour, der, wenn was los war, immer
rumorte und trommelte, die hat er doch nich wegpriestern können, und die
Geschichte von Rotmützeken, der immer aufs Dach sass, wo Feuer kommen sollte, ja,
sehen Sie, Mister Toby, die hat er auch nich wegpriestern können.«
    »Dummheit«, sagte Toby.
    »Nein«, antwortete Kaulbars gereizt. »Nich Dummheit. Man bloss zu klug sein
ist Dummheit.«
    So sprach man noch eine Weile weiter, bis Lehnert beschwichtigend einfiel
und lachend sagte, Rübezahl habe sich in Nogat-Ehre nicht halten können und sei
verbrannt worden, und wo sich Rübezahl nicht habe halten können, da wär auch
kein Platz für den französischen Tambour und für Rotmützeken und auch nicht
einmal für den Glauben an sie.
    Daraufhin wurde denn wieder Friede geschlossen, und die Fahrt ging weiter,
bis man nach andertalb Stunden an dem ins Gebirge hineinführenden Eingange
hielt, keine tausend Schritt von dem hügelartigen Abhang entfernt, auf dem das
verfallene Fort O'Brien aufragte, dasselbe, das Lehnert noch zur Sommerzeit
besucht und von dem aus er seinen ersten Ritt ins Gebirge gemacht hatte. Lehnert
und Kaulbars stiegen ab, nahmen Axt und Spaten und wollten eben, am Wagen
vorbei, den schluchtartig ansteigenden Pfad weiter hinaufklettern, als Toby von
der Lust erfasst wurde, mit dabeizusein.
    »Ich möchte doch mit«, wandte er sich fragend an Rut. »Ängstigst du dich,
wenn du eine halbe Stunde allein bleibst?«
    Rut lachte. »Vor wem sollt ich mich ängstigen? Am hellen lichten Tag. Es
muss gerade Mittag sein. Und Uncas ist bei mir. Der schützt mich besser als ihr
alle zusammengenommen, du und Mister Kaulbars... und Lehnert«, setzte sie
zögernd hinzu.
    Toby gab ihr die Leinen. Aber von einer merkwürdigen Furcht erfüllt, oder
vielleicht auch, weil er sich Vorwürfe machte, drang er lebhaft in sie, nicht
von der Stelle weichen zu wollen, damit man sicher sei, sie hier wieder zu
finden, gerade hier. Und nun trennte man sich.
    »In einer Stunde sind wir wieder da«, sagte Toby.
    »Sagen wir lieber zwei«, setzte Kaulbars vorsichtig hinzu.
Sie stiegen nun einen schmalen, tief eingeschnittenen Weg hinauf, der ziemlich
parallel mit dem lief, der auf Fort O'Brien zuführte. Toby schritt voran, weil
er am besten Bescheid wusste, Lehnert und Kaulbars folgten. Sehr bald
verbreiterte sich die Schlucht, wenn auch nicht viel, und zeigte zu beiden
Seiten allerlei Laubholz. Kaulbars, kein Bergsteiger und bald ausser Atem, bat,
eine kleine Rast machen zu dürfen, und so setzte man sich denn auf einen
Eichenstamm, der abgebrochen am Wege lag. Der Weg selbst war immer noch schmal
genug, und die Buchen, die bis dicht heran standen, wölbten mit ihrem kahlen
Gezweig beinah eine Laube. Aber überall waren offene Stellen, und als Lehnert
mit Hilfe derselben Umschau hielt, sah er, dass der Mittagshimmel seine Bläue
verloren hatte; die Sonne war fort, Wolken zogen, und in den hohen Kronen war
ein Wiegen und Wehen.
    »Ich denke, wir eilen uns. Wenn mir recht ist, ist ein Wetter im Anzug; ich
schmecke Regen.«
    Kaulbars, der immer widersprach, widersprach selbstverständlich auch
diesmal. Alles in der Welt sei trügerisch und ohne Verlass, aber das
Unverlässlichste sei doch das Wetterglas, und er seinerseits glaub an Regen immer
erst, wenn er schon da sei.
    Trotz dieser Rede brach er auf, weil er nicht hören wollte, er sei schuld.
    Der Weg blieb so ziemlich derselbe, und erst als man abermals tausend
Schritt oder mehr höher hinauf war, kam nach links hin eine grosse Lichtung, eine
Waldwiese, darauf Gras und Huflattich und hohe Farnkräuter standen, alles
winterlich vergilbt. Jenseits dieser Lichtung aber, die nicht breiter als
fünfhundert Schritt sein mochte, begann der eigentliche Hochwald, mächtige
Tannen, in die, soviel sich erkennen liess, Kiefern und auch einzelne Birken
eingesprengt waren. Auf diesen Hochwald wollte man jetzt zu; bevor man aber die
Lichtung, geschweige den jenseitigen Wald erreichen konnte, fielen schon
einzelne Flocken aus dem überallhin grau gewordenen Himmel. Noch federten sie
leicht über die Bäume hin, sprang aber, was oft geschah, der Wind um und trieb
die Schneewolkenmassen von der Ebene her an das Gebirge heran, so konnte sich's
ereignen, dass in einer halben Stunde Wald und Wege verschneit waren.
    »Lasst uns umkehren«, sagte Lehnert, der mit den Wettertücken im Gebirge am
besten vertraut war. Aber Toby hatte den Leichtsinn und Übermut der Jugend, und
auch Kaulbars, als er erst wahrnahm, dass Toby die Verantwortung übernehmen
wollte, mochte sich's nicht versagen, sich Lehnert gegenüber mal wieder auf den
superioren Mann aus dem Glien hin auszuspielen, und erging sich in Bemerkungen,
in denen Worte wie »feuerfest« und »man nich ängstlich« wiederholentlich und mit
einiger Anzüglichkeit vorkamen.
    So ging es denn wirklich weiter, schräg über die Lichtung hin, und einige
Minuten später, so hatte man den Waldrand erreicht, um den sich's handelte. Aber
es waren lauter starke Stämme, Stämme wie Masten, alles Jungholz fehlte, und so
blieb nichts übrig, als ein Stückchen weiter waldeinwärts nach etwas Passlicherem
Umschau zu halten. Richtig, da stand eine, wie man sie brauchte, schlank und nur
zweimannshoch und doch schon ein Baum, doch schon eine wirkliche Tanne. Toby,
der gern einen lebendigen Baum mit heimbringen wollte, begann emsig zu graben,
aber die grossen Wurzeln umherstehender älterer Bäume liessen ihn nicht recht von
der Stelle kommen, so dass Lehnert, der wohl wusste, dass das eigentliche
Schneetreiben in jedem Augenblick beginnen könne, heftig und fast gewaltsam
dazwischenfuhr.
    »Darauf können wir nicht warten, Toby. Wir müssen den Baum umhauen; das
spart Zeit. Von uns will ich nicht sprechen. Aber Rut.«
    Und dabei hieb er auch schon mit der Axt auf den Baum ein, während er dem
verdutzten und deshalb plötzlich zu Gehorsam geneigten Kaulbars zuschrie, den
Strick um das untere Gezweig zu legen und den Stamm mit aller Kraft
niederzuwuchten, was auch gelang. Schon beim fünften Axtschlage brach der Baum
dicht über der Wurzel ab, und nun griff Lehnert zu, legte den Stamm über die
Schulter und setzte sich, während Kaulbars und Toby folgten, auf die Waldwiese
hin in Bewegung, über die man den Rückweg nehmen wollte, wie vorher den Hinweg.
Aber von der Waldwiese war nichts mehr zu sehen, und nur an dem bis dahin durch
die dichten Baumwipfel gehinderten, jetzt aber massenhaften und
undurchdringlichen Flockentanze liess sich erkennen, dass man an der schräg zu
passierenden Lichtung angekommen sein müsse.
    »Vorwärts«, kommandierte Lehnert. »Solange wir die Flocken um uns her haben,
sind wir im Freien, und haben wir erst drüben die Bäume wieder, so finden wir
uns schon zurecht. Wo der Schnee durch den Wald hin am tiefsten liegt, da läuft
der Weg. Vorwärts!«
    Und die Tanne, die für einen Augenblick zu Boden geglitten war, wieder auf
die linke Schulter nehmend, begann er aufs neue seinen Laufschritt und zog das
grüne Gezweig durch den Schnee hin nach. Die Furcht war nur, in dem Flockentanze
die Richtung über die Wiese hin zu verlieren; aber die Findigkeit, die Lehnert
von Jugend auf in derlei Dingen gelernt und geübt hatte, sorgte dafür, dass der
Waldrand drüben glücklich erreicht und bald auch die bergab steigende, durch
ihre Schneemasse leicht erkennbare Strasse gefunden wurde. Hier freilich brach
er, erschöpft vor Anstrengung und Aufregung, auf einen Augenblick wie ohnmächtig
zusammen. Aber schon im nächsten Momente stand er wieder da, rieb sich die
Stirne mit Schnee und liess nun Kaulbars und Toby gemeinschaftlich anfassen, die
jetzt nach dem Beispiel, das er ihnen gegeben, die Baumspitze nachschleiften. An
dem immer steileren Abfall merkten sie mit einer Art Sicherheit, dass sie nicht
fehlgingen und in einer Viertelstunde, vielleicht noch schneller, wieder unten
am Abhang sein mussten. Und wirklich, nicht lange mehr, so sahen sie's lichter
werden (das Unwetter hatte nachgelassen) und hörten, trotzdem der Schnee den Ton
dämpfte, wie Uncas mit immer lauter werdendem Gebläff ihre Hoihorufe
beantwortete.
    »Gott sei Dank!« so klang es jetzt von ihrer aller Lippen, und zwei Minuten
später, so war man aus dem Schluchtwege heraus und erblickte Rut und das
Gefährt, ohne dass man lange danach gesucht hätte. Denn es fielen jetzt keine
Flocken mehr, die Luft war klar geworden, und nur an der Schneemasse, die bis
hoch über die Radachsen lag, sah man, wie mächtig eine halbe Stunde lang der von
der Ebene kommende Wind den Schnee gegen das Gebirge getrieben hatte.
    »Gott sei Dank!« wiederholte Toby, während er die Schwester umarmte. »Das
wär uns beinahe ein teurer Baum geworden - ein teurer Baum und ein teures Fest.
Und welch ein Glück, dass du tapfer ausgehalten hast! Wie hätt ich vor den Vater
hintreten sollen! Aber das soll nicht wieder vorkommen, dass ich dich so allein
lasse. Hast du dich geängstigt?«
    »Nein! Wenigstens nicht um mich. Wir hätten den Weg gefunden, nicht wahr,
Uncas? Aber ihr, du! Nun, Gott sei Dank, es ist vorüber.«
    Inzwischen waren auch Kaulbars und Lehnert herangetreten und luden den so
mühsam eroberten Baum auf den Wagen. Es war aber noch zu früh dazu, ja, man
musste den Baum wieder herabnehmen, weil man sich überzeugte, dass der Schnee,
drin der Wagen stak, erst fortgeschaufelt werden müsse. Das bot Schwierigkeiten
genug, und um so mehr, als man in der Eile und Erregung das Grabscheit oben im
Walde hatte liegenlassen. Indessen Lehnert wusste auch hier zu helfen. Er nahm
ein paar Bretter heraus, welche die Rückenlehne des Wagens bildeten, und begann
mit Hilfe derselben die Räder freizuschaufeln, wobei Kaulbars und Toby natürlich
halfen. Und nun konnte man das Gefährt mit verhältnismässiger Leichtigkeit wenden
und ihm die Richtung auf den Rückweg geben. Einen Augenblick noch, so setzte
sich Uncas an die Spitze, den Weg durch den Schnee hin ausspürend, und ihm
folgend, mahlte das Fuhrwerk langsam heimwärts auf Nogat-Ehre zu.
 
                           Neunundzwanzigstes Kapitel
Erst um sechs Uhr - es war längst dunkel geworden, und nur der Schnee leuchtete
- trafen unsere Freunde wieder in Nogat-Ehre ein, wo man ihrer Rückkehr seit
Stunden in banger Erwartung entgegengesehen hatte, selbst von seiten Obadjas, zu
dessen Lebensregeln es sonst gehörte, sich nicht mit Vorängstigungen zu quälen.
Seltsamerweise war es diesmal Maruschka gewesen, die, während all dieser Stunden
voll Angst und Sorge, das recht eigentliche Trosteswort gefunden hatte. Sie
seien ausgefahren, so hatte die gute Alte gesagt, um dem Christkind einen Baum
zu holen, und das Christkind werde die liebe Rut auch schützen. Denn Rut sei
ein darling und ein pet, im Himmel geradesogut wie auf Erden, und die liebe
Jungfrau Maria - Maruschka vergass in ihrer Aufregung ganz Obadjas Gegenwart -,
die liebe Jungfrau Maria wisse nur zu gut, dass die alte Maruschka ohne Rut
nicht leben könne, und werd ihr das nicht antun. So hatte Maruschka getröstet,
und Obadja, der wohl wusste, was ein treues und gläubiges Herz bedeute, auch wenn
es in der alten Irrlehre stecke und seine Gebete bloss an die Heilige Jungfrau
richte, hatte der Alten Hand genommen und mit bewegter Stimme gesagt: »Ja,
Maruschka, du hast recht. Das Christkind wird unsere Kinder schützen.« Zeuge
dieser Unterredung war auch L'Hermite gewesen, der schon seit Stunden unten war
und beinah noch ängstlicher als die beiden Alten nach dem Gefährt auslugte, noch
ängstlicher, weil sein Vertrauen auf eine Hilfe von oben, trotzdem er eben ein
Christkind in Wachs bossiert und es einer gleichfalls von ihm herrührenden
Jungfrau Maria in den Schoss gelegt hatte, ziemlich gering war. Nebenher aber
verschwor er sich ein Mal über das andere gegen diesen preussisch-hyperboreischen
Tannenbaumkultus, der an all dieser Angst und Sorge törichterweise schuld sei.
Warum es denn durchaus eine Tanne sein müsse? Das sei nichts als eine bêtise
allemande, deren Vater oder Urahne niemand anders als dieser wohlgenährte
»Monsieur Luter« sei, ein Mann ohne Taille, so recht der Typus eines Deutschen,
mit seinen Päffchen und seinem tête carrée. Schade, dass man ihn nicht zu Beginn
seiner Laufbahn verbrannt habe, denn Rut sei wichtiger als Luter.
    Dieser Groll über den Tannenbaumkultus hielt aber nicht vor, ja, ging rasch
in sein Gegenteil über, als man, tags darauf, den Baum ohne Rücksicht auf seine
Wurzellosigkeit in eine mit kleinen Steinen und Erde gefüllte Tonne gepflanzt
und beides, Baum und Tonne, neben dem in der grossen Halle stehenden Esstisch
aufgestellt hatte. Ihn hier auszuschmücken war, von Stund an, die Freude aller,
am meisten L'Hermites. Bis zu Mannshöhe machte sich dies leicht, dann aber
mussten Stehleitern aushelfen, um zunächst, und zwar oben an der Spitze des
Baumes, einen Weihnachtsengel anzubringen. L'Hermite, glücklich damit zustande
gekommen, blieb eine Viertelstunde lang oben in seiner Höhe, während welcher
Zeit Rut und Maruschka hinaufreichten, was alles in den voraufgehenden Tagen
ausgeschnitten, vergoldet und versilbert worden war. Lehnert und Toby aber
beschäftigten sich mittlerweile mit Herstellung einer transparenten Krippe, in
deren Vordergrund alle die bekannten auf Pappe geklebten Christnachtfiguren
standen. Nur einer der drei Könige aus dem Morgenland, der Alte mit dem Bart,
war von L'Hermite plastisch ausgearbeitet worden und sah aus wie Obadja. Das
alles geschah im grossen Hause. Natürlich verhielt sich auch Mistress Kaulbars
nicht träge. Sie buk, tagaus, tagein, ihre Mandel- und Rosinenkuchen, auch
solche mit Ingwer und Kardamom, deren würziger Duft, trotzdem das Küchenwesen im
Nebenhause lag, das ganze Vorderhaus durchzog. Zugleich rieb sie Mohnpielen und
beschäftigte sich mit der Frage, wie Bierkarpfen auch ohne Bernauer Bier gekocht
werden könne. Wie sich denken lässt, wurden auch Enten, Hühner und Gänse
geschlachtet, und Totto sass in der Wintersonne und rupfte das geschlachtete
Federvieh, das ihm die Arapahomädchen unter Lachen und kleinen Neckereien
beständig zutrugen. Jeder im Hause nahm teil und freute sich, und am
vierundzwanzigsten früh erschienen auch noch die beiden Missionsschulen, die von
Krähbiel und die von Nickel. Denn für die Kinder dieser beiden Schulen war ja
recht eigentlich das Fest.
Und nun war der Abend da, und Totto wurde beauftragt, um sechs Uhr an den grossen
Schild zu schlagen. Das tat er denn auch. Und nicht lange, so kam man von allen
Seiten herbei: Maruschka, Rut und Toby vom linken, Lehnert und L'Hermite vom
rechten Korridor her, während Mister und Mistress Kaulbars die verschiedenen
Mägde, Krähbiel und Nickel aber die Indianerkinder herbeiführten, Knaben und
Mädchen, die man bis dahin im Tabernakel untergebracht und mit Tee bewirtet
hatte.
    Der grosse Flur (Totto noch immer unter dem Tamtam) war vorläufig
Versammlungsplatz, und nun endlich öffnete Obadja die grosse Tür, und während
einer der Lehrer auf dem Harmonium spielte, das man zu diesem Zweck aus Ruts
Zimmer heruntergeschaft hatte, trat alles in langem Zug in die Halle, wo der
Baum mit seinem Christengel und seinen Lichtern stand, vor allem aber über die
lange Tafel hin die hundert Geschenke ausgebreitet lagen: in der Mitte die der
Hausgenossen und Gemeinde, links und rechts die für die Cherokee- und
Arapahokinder. Die Freude zu sehen bildete doch die Hauptfreude. L'Hermite vor
allem war entzückt, gab jedem der kleinen Rotäute, männlich wie weiblich, die
bedenklichsten französischen Namen, unter denen petit bougre von den mildesten
war, stellte dabei mehrere Jungen auf seine Schulter und blies ihnen ein Stück
auf einer Blechtrompete. Das Bewundertste blieben aber doch die Tiere der Arche
Noah, und Krähbiels und Nickels Anstrengungen, die Aufmerksamkeit der Kinder auf
die Krippe hinzulenken, waren nur von halbem Erfolg. Das Natürliche war und
blieb ihnen das Liebere, und so kam es denn, dass sie von dem alten weissbärtigen
König aus Morgenland, trotzdem sie lächelnd Obadja in ihm erkannt hatten, nicht
viel wissen wollten und immer wieder zur Arche Noah zurückkehrten. Im Flur wurde
mittlerweile das Abendbrot genommen. Aber schon nach kurzer Zeit begab man sich
wieder in die Halle zurück, wo jetzt von den Kindern Obadjas Lieblingslied
gesungen wurde:
»Valet will ich dir geben,
Du arge falsche Welt,
Dein sündlich böses Leben
Durchaus mir nicht gefällt;
Im Himmel ist gut wohnen,
Hinauf steht mein Begier,
Da wird Gott ewig lohnen
Dem, der ihm dient allhier.«
Obadja, der schon vorher mit seinen Hausgenossen am Kaminfeuer Platz genommen,
erhob sich während dieses Gesanges, alle mit ihm, sogar L'Hermite, der zwischen
Spott und Rührung kämpfte. dabei zog er die Stirn in immer krausere Falten und
versuchte hinter Gesichterschneiderei zu verbergen, was in ihm vorging. Als die
Kinder dann zum dritten Mal an Obadja vorüberzogen, sangen sie die Schlussstrophe
des schönen Liedes:
»Schreib meinen Nam'n aufs beste
Ins Buch des Lebens ein,
Und bind mein Seel gar feste
Ins schöne Bündelein
Der'r, die im Himmel grünen
Und vor dir leben frei,
So will ich ewig rühmen,
Dass dein Herz treue sei.«
Die zwei letzten Zeilen erklangen schon draussen im Flur und gingen, zur
Genugtuung Obadjas, der nicht nur ein Verständnis, sondern auch eine Freude für
den natürlichen Menschen hatte, sofort in Kinderlachen und heiterstes Geplauder
über. Dann schritten alle, die Geschenke vorläufig noch auf dem Weihnachtstische
zurücklassend, bei klarem Sternenhimmel auf die Nachbargehöfte von Nogat-Ehre
zu, wo man sie, je nach der Grösse der Farmen, in grösseren und kleineren Trupps
unterzubringen wusste. Nur die, die nach ihrer Lehrer Zeugnis die Besten waren,
blieben zur Auszeichnung und Belohnung in Obadjas Hause zurück und bezogen hier
ein paar Zimmer auf demselben Korridor, auf dem Lehnerts und L'Hermites Zimmer
gelegen waren.
Die Hausangehörigen ihrerseits, während die Mehrzahl der Kinder in den Farmen
verteilt wurde, blieben noch beisammen und gruppierten sich wieder um den Kamin.
Nur Mistress Kaulbars blieb in Bewegung, machte, vom Buffet her, die Wirtin und
erntete viel Lob und Zuspruch für die von ihr bereiteten Weihnachtsgerichte.
L'Hermite fand die Mohnpielen »un peu curieux«, aber doch »admirable« und
erklärte, wenn's irgend ginge, sich auf diesem Wege milderer Observanz zum
Opiumesser heranbilden zu wollen, was er, ihm selber unerklärlich, bis diesen
Augenblick ungebührlich versäumt habe. Denn des Lebens Bestes sei doch immer das
Ins-Vergessen-Sinken, das lehre nicht bloss le grand Buddha, sondern auch le
petit L'Hermite.
    Obadja lachte herzlich, gab ihm dabei die Hand und sagte: das könn ihm in
Nogat-Ehre nie und nimmer bewilligt werden; er werde hier vielmehr fortleben,
genau wie die Mohnpielen, »un peu curieux«, aber doch »admirable«. Was aber
wichtiger sei: wenn sich ihm (Obadja) das erfülle, was er von ganzem Herzen
hoffe, so werde Camille L'Hermite dermaleinst auch an anderer Stelle nicht
vergessen sein. Schon die Wege des Lebens seien wunderbar, aber am wunderbarsten
seien die Gnadenwege. Wer die Gnade habe, der mühe sich umsonst, sie zu
verscherzen.
    L'Hermite lächelte, sei's, weil er im allgemeinen oder nur persönlich
allerlei Zweifel unterhielt, Obadja aber sah über das Lächeln hin und fragte
Lehnert, der die zuletzt gesprochenen Worte gierig eingesogen, ob er das eben
von den Kindern gesungene Lied schon gekannt habe, das »Valet will ich dir
geben«.
    Ja, sagte Lehnert, er hab es gekannt, denn es habe dem Liederschatze seiner
heimatlichen Dorfkirche mit angehört.
    »Dann weisst du auch wohl, von wem es ist?«
    »Nein.«
    »Aber das solltest du doch. Es ist nämlich ein Landsmann von dir, der es
gedichtet hat, und hiess Valerius Herberger. Ein schöner Name, nicht wahr? Denn
unsere Kirche soll eine Herberge sein, und der, der darin waltet, ein rechter
Herberger. Und ein solcher Herberger war unser Valerius auch wirklich. Ihr
Schlesier seid überhaupt bevorzugt in solchen Stücken, und ich möchte wohl, ich
könnte von meiner alten heimischen Weichsel- und Nogatgegend dasselbe sagen.
Aber wenn ich auch stolz bin auf meine Nogateimat, so sind uns doch die Gaben,
die so viel bedeuten und so mächtig sind (auch für die noch, die sich der
rechten Lehre rühmen dürfen), versagt geblieben. Wir sind arm, und ihr seid
reich. Da habt ihr den herrlichen Mann, den Zinzendorf, denn die Sachsen und
Lausitzer sind schon wie halbe Schlesier, und da habt ihr den herrlichen Paul
Fleming und vor allem auch den Opitz.«
    Lehnert verfärbte sich.
    Als er aber sah, dass der Name voll Unbefangenheit gesprochen worden war, kam
er rasch wieder zu sich und folgte mit scharfem Ohre, während Obadja fortfuhr:
»Und zu diesen Erwählten unter euch, die nun dastehen als eine Säule der neuen
Kirche, zählt auch der Valerius Herberger, und wie sein Glaube in seinen Liedern
lebt, so lebt er auch in seinen Werken. Und ich beuge mich vor diesem Manne.
Kein Märtyrer, im Sinne der alten Kirche, hat er doch dem Tode Tag um Tag ins
Auge gesehen. Er war Prediger in Fraustadt in Schlesien, und in neun Wochen
starb die Stadt aus, denn der schwarze Tod ging in ihr um. Mehr als dreihundert
hat er persönlich unter Schulgesang mit bestatten helfen, und doch blieb er ohne
Furcht und Ekel. Manche Leiche begrub er mit dem Totengräber allein. Er ging
voran und sang; der Totengräber aber führte ihm die Leiche auf einem Karren
nach, an dem ein Glöckchen hing, damit die Leute der Begegnung ausweichen
konnten. Sein Trost war: wer Gott im Herzen und ein gut Gebet und einen
ordentlichen Beruf hat und den Vorwitz meidet, dem kann der Teufel nicht
ankommen und die Seuche noch weniger.«
    »Ah, das ist schön«, sagte Rut. Obadja aber nickte Rut zu und fuhr dann
fort: »Und als die Seuche fort und aus dem Lande war, da schrieb er: Es war all
die Zeit über, als ob ein Engel mit dem Schwert mein Haus verteidigt hätte, so
dass mir kein Leid widerfahren durfte. Und während dieser Zeit war es auch, dass
er das schöne Lied dichtete, das, wie's ihn aufrichtete, seitdem soviel tausend
andere mit aufgerichtet hat.«
    Die Lichter am Baum waren schon lange vorher gelöscht worden. Auch im Kamin
fiel das Feuer zusammen und glühte nur noch dunkel. Aber die goldnen Nüsse
blinkten in dem tiefen Licht um so goldner, und der Christengel schwebte
darüber.
    »Ich denke, wir trennen uns«, sagte Obadja. »Rut, singe mir noch einmal die
erste Strophe. Das soll heute mein Nachtgebet sein.«
    Rut tat, wie ihr geboten.
    Dann nahm Obadja das zunächststehende Licht, grüsste die noch Versammelten
und ging auf sein Zimmer zu.
    Auch die anderen erhoben sich bald.
    »Ihr scheint bewegt«, sagte Lehnert, als er sich an L'Hermites Tür von
diesem trennte.
    L'Hermite lächelte. »Oui, oui. Mais cela n'importe rien. Wir sind
verpfuscht, cher Lehnert, verpfuscht durch die alte Legende. Heiland, Erlöser.
Bah! Le grand Sauveur c'est l'idée.«
 
                              Dreissigstes Kapitel
Früher als gewöhnlich war man am anderen Morgen auf und nahm das Frühstück,
nachdem die Lichter am Baum noch einmal angezündet waren. Obadja las das
Weihnachtsevangelium und zog sich dann in sein Arbeitszimmer zurück, um sich
hier vorzubereiten, und zwar für die Christpredigt. Diese war, neben der
Taufpredigt im September, die wichtigste Predigt im Jahre, zu der, schon weil
die Mennoniten von Nogat-Ehre auf viele Meilen in der Runde die einzigen waren,
die eine Gemeinde bildeten und einen Betsaal hatten, alles zusammenkam, was in
der grossen Talmulde zwischen den Shawnee-Hills und den Ozark-Mountains an Jesum
Christum glaubte. Das waren, ausser den Leuten von Station Darlington, ganz
besonders auch die Besatzungen von Fort Holmes und Fort Gibson, die bei der
Weihnachtspredigt nie zu fehlen und mit ihren bunten Uniformen die Kirche zu
beleben pflegten.
    Und sie fehlten auch heute nicht. Überhaupt war es ein grosses Andrängen, und
unter der nun winterlich entlaubten Akazien- und Lindenallee standen in langer
Reihe die Wagen, auf denen man herbeigekommen war. Einige fuhren auch auf die
zum Teil weit ausgebauten Farmen, mit deren Bewohnern man schon aus
Unterhaltungsbedürfnis auf dem besten Fusse stand. Um zehn Uhr begann der Gesang,
bei dem Rut wieder das Beste tat, und dann folgte Gebet und Predigt, die der
Alte mit gewohnter Geschicklichkeit nicht bloss dem Tage, sondern auch den
Anschauungen seiner gemischten Zuhörerschaft anzupassen wusste. Das Predigen über
die Köpfe weg war nicht seine Sache. So liess er auch heut alles bloss Lehrhafte
fallen, hütete sich, vom »geistigen Leibe Christi« zu sprechen, und beschränkte
sich darauf, in der schlichten Erzählung von der Geburt des Heilands das schön
Menschliche zu betonen. Aus Not und Bedrängnis, aus Armut und Niedrigkeit sei
das Heil geboren worden, und der Krippe zu Betlehem entstamme die Welterlösung.
Er verweilte hierbei, sprach aber trotzdem nur kurz, so dass schon um elf Uhr der
Gottesdienst mit einem Vers aus dem Weihnachtsliede schliessen konnte, bei dessen
Verklingen Obadja den Saal als erster verliess. Dann folgte die Gemeinde, zuletzt
die Kinder, die diesen Augenblick mit Sehnsucht erwartet hatten und, vom Betsaal
in die Halle hinübergeführt, hier mit kaum unterdrückter Aufregung ihre
Geschenke vom Weihnachtstische nahmen, um gleich danach unter Vorantritt
Krähbiels und Nickels ihren Rückweg in ihre Dörfer anzutreten.
    Obadja hatte sich in sein Zimmer zurückgezogen, und eine halbe Stunde später
erschien Rut, um ihm das Frühstück zu bringen, das er um diese Zeit zu nehmen
pflegte. Sie setzte das Tablett vor ihn hin und wollte wieder gehen, aber er
hielt sie fest.
    »Du bist so still, Rut. Hast du mir nichts zu sagen?«
    »Nein. Oder doch nur das eine, das du längst weisst, dass ich glücklich bin
und dich liebe.«
    »Und bist du glücklich?«
    »Ja.«
    Sie sagte das mit einem Ton, der jeden Zweifel ausschloss. Und dann küsste sie
seine Hand und verliess das Zimmer.
In der Halle, darin eben noch alles so laut und lebendig gewesen war, war jetzt
alles still, und diese Stille schien noch zu wachsen unter der Dunkelheit, die
herrschte. Denn es war ein grauer Tag, ein rechtes Weihnachtswetter. Nichts war
sichtbar als der weissgedeckte Tisch, von dem jetzt die Geschenke verschwunden
waren, und daneben der Weihnachtsbaum, der wie ein dunkler Schatten in dem
allgemeinen Dämmer aufragte. Rut wollte daran vorüber, fuhr aber zusammen, als
ihr Lehnert, den der Baum bis dahin verdeckt hatte, plötzlich entgegentrat.
Indessen es währte nicht lang; im nächsten Augenblick lachte sie wieder:
»Lehnert, du hier? Du schleichst ja wie durch den Forst.«
    Sie wusste nicht, wie das Wort ihn traf, und setzte scherzhaft und in
wiedergewonnener guter Laune hinzu: »Du darfst nicht vorher die goldnen Nüsse
zählen; dazu ist Zeit heut abend, wenn wir den Baum plündern. Und dafür musst du
Sorge tragen, dass Maruschka das Beste kriegt, sonst ist sie traurig und weint.«
    Lehnert versprach alles und fragte dann, ob der Vater in seinem Zimmer sei.
    »Willst du zu dem?«
    »Ja.«
    »Und das heut am Weihnachtstag und gleich nach der Predigt? Ei, das muss
etwas Grosses sein.«
    »Ist es auch. Ich will ihn um etwas bitten. Und höre, Rut, dabei fällt mir
ein, du könntest mir Glück dazu wünschen.«
    »Wenn es etwas Gutes ist.«
    »Ich glaube, dass es etwas Gutes ist.«
    »Nun denn von ganzem Herzen.«
    Sie gab ihm die Hand, und während sie nach links hin und weit um den Tisch
herum auf den offenstehenden Flur zuschritt, schritt Lehnert auf Obadjas Zimmer
zu, von dessen Tür er den Vorhang zurückschlug.
    Obadja sass an seinem Arbeitstisch, genau wie damals, als Lehnert zum ersten
Male hier eintrat, und ganz wie damals gab er sich und seinem Stuhl eine rasche
halbe Wendung und sagte: »Nun, Lehnert. Was bringst du? Nimm Platz!«
    Lehnert setzte sich auch wirklich, schwieg aber befangen.
    Endlich war er seiner Verlegenheit Herr und begann damit, ihm für die
heutige Predigt zu danken, am meisten aber für das, was er gestern abend über
den Valerius Herberger gesagt habe. Das hab ihn die ganze Nacht nicht schlafen
lassen. Er fühle, dass das das rechte Leben sei: sich, mit Gott im Herzen, vor
dem Tode nicht zu fürchten. Und solches Leben zu führen, das sei so recht seine
Sehnsucht. Und wenn ihn der Teufel der Eitelkeit und Selbstgerechtigkeit nicht
verblende, so möcht er wohl sagen dürfen, er glaube, dass er nicht bloss die
Sehnsucht, sondern auch die Kraft dazu habe.
    »Glaub's Lehnert, glaub's... Aber du wolltest mir etwas anderes sagen.«
    »Ja«, bestätigte Lehnert, »das wollt ich...« Und doch (so fuhr er fort) hab
er alles, was er eben über den Herberger und über sich selbst gesagt, erst sagen
müssen, denn nur daraus, dass er auch so was wie der Herberger in sich fühle, nur
daraus käm ihm der Mut zu dem, was er jetzt sagen wolle. Heraus müss' es; er
liebe Rut, und wenn das vermessen und hoffnungslos sei, dann woll er fort, und
zwar lieber heut wie morgen...
    Und nun hielt er inne, gewärtig dessen, was Obadja sagen würde.
    Der aber schwieg beharrlich und schien nur durch Blick und Handbewegung
andeuten zu wollen, dass Lehnert weitersprechen möge. Da fiel denn auch alle
Furcht von ihm ab, und er liess sein Herz nicht bloss reden, sondern ihm auch die
Zügel schiessen. Er wisse wohl, dass er ein schlechter Mensch und des Glückes, das
er begehre, durchaus unwürdig sei. Aber er wisse auch, dass die Gnade gross sei,
so gross wie seine Reue. Wen Gott erwählt habe (das seien Obadjas eigene Worte),
der könne straucheln und fallen, aber er falle nur, um durch Gott selbst wieder
aufgerichtet zu werden. Er hoffe, dass dies auch sein Los sein werde.
Selbstgerecht und gewalttätig sein, das seien die Fehler seiner Jugend gewesen
und die Wurzeln des Verbrechens, um dessentwillen er seine Heimat habe meiden
müssen, aber er glaube sagen zu dürfen, das alles liege jetzt weit zurück, und
seit dem Tage, der seine Bekehrung gebracht, steh es fest in ihm, dass die
Reinheit und der Friede das einzige Heil seien. Das Friedenslied, das damals
gesungen worden sei, das hab ihn bekehrt, und wenn nicht das Lied, so die
Stimme.
    »Und wenn nicht die Stimme, so Rut«, lächelte Obadja.
    Aber Lehnert sah das Lächeln nicht. Er hörte nur heraus, was freundlich
darin klang, und wiederholte mit Unbefangenheit: »Ja, Rut...«, sie sei es, der
er alles schulde, und sie werd ihm auch dann noch das Glück bedeuten, wenn er
es, ihm nur zu begreiflich, in diesem Augenblicke für immer hinschwinden sähe.
Denn Rut, das wiss' er nur zu gut, sei weit über ihn hinaus, eine Herrentochter
und eine Lady, während er in Not und Armut und in noch Schlimmerem grossgezogen
sei. Das heimatliche Haus habe nichts für ihn getan und die Schule nicht viel,
und alles, was er sei, das habe zu Gutem und Schlimmem das Leben aus ihm
gemacht. Er sähe hinauf zu Rut. Aber seine Liebe sei gross und gleich gross sein
Wille, sie glücklich zu machen. Sein Wille und hoffentlich auch seine Kraft.
    Und nun sah er Obadja fest an und erwartete sein Urteil.
    Der Alte schwieg aber und begegnete seinem Blicke mit nichts als
freundlicher Ruhe. Dann erhob er sich, ging auf Lehnert zu und sagte: »Weiss Rut
davon?«
    »Nein.«
    »Nun, dann gedulde dich, Lehnert! Es ist Rahel, um die du wirbst... Ich
werde dir Antwort sagen.«
 
                           Einunddreissigstes Kapitel
»Gedulde dich! Ich werde dir Antwort sagen.« Hundertmal wiederholte sich's
Lehnert, und als Obadja am andern Morgen die Andacht gehalten und wie
herkömmlich ein Bibelkapitel gelesen hatte, hoffte Lehnert, dass nun das Wort,
das über sein Leben entscheiden sollte, gesprochen werden würde. Aber das Wort
blieb aus, und er verzehrte sich tagelang darüber, dass es ausblieb. Er wurde wie
krank im Gemüt und mied es nach Möglichkeit, mit Rut und mehr noch mit Obadja
zusammenzutreffen. Als aber, ohne dass ein Wort laut geworden wäre, das neue Jahr
angebrochen war, war er entschlossen, mit dem Elend ein Ende zu machen und sich
wieder in sein altes Leben zurückzufinden.
    Das wär ihm nun freilich einfach unmöglich gewesen, wenn die Haltung Obadjas
irgend etwas gezeigt hätte, was auf Missstimmung oder gar auf Übelwollen und
Ablehnung hätte gedeutet werden können. Aber eher das Gegenteil war der Fall.
Keine Begegnung verging, ohne dass Lehnert wenigstens einen freundlichen Blick
erhascht hätte, was noch wuchs, als Obadja sich überzeugte, dass in der Tat keine
Heimlichkeiten zwischen den jungen Leuten existierten und Rut ohne jede Ahnung
von dem Schritte war, den Lehnert getan hatte. So kehrte denn ein gewisser
Zustand der Ruhe, wenigstens äusserlich, zurück, und Lehnert, wenn er jetzt, was
nur zu oft geschah, seines Weihnachtszwiegespräches mit Obadja gedachte,
verzichtete darauf, diesem Zwiegespräch nur das zu entnehmen, was ihm passte,
sondern erinnerte sich daran, dass der Alte hinzugesetzt hatte: »Es ist Rahel, um
die du wirbst.« Das war, das sah er jetzt ein, mit gutem Bedachte gesagt worden,
und jedenfalls zu dem Zweck, ihn wissen zu lassen, dass es einer langen Probezeit
bedürfe.
    Ja, der frühere Zustand der Ruhe kehrte zurück, und als der Winter auf die
Neige ging und der Frühling anbrach, wurden die Feldarbeiten, sowohl von
Nogat-Ehre wie vom Vorwerk aus, wohin Kaulbars und Frau zurückgekehrt waren, im
ganzen Umfange wiederaufgenommen. Überall gab es ein Pflügen und Säen, und
Lehnert, bei Beaufsichtigung der Arbeit, war oft bis halben Weges nach
Darlington oder auch, nach der andern Seite hin, bis an den Abhang der Berge hin
in Tätigkeit. Auch Toby war mit Uncas viel draussen, um auf Hühner zu jagen,
welche Form der Jagd der Alte, trotz prinzipieller Bedenken, gelten liess, ja
geradezu begünstigte, da zu seinen kleinen Schwächen, ganz nach Patriarchen- und
Kirchenfürstenart, auch die gehörte, den Freuden der Tafel nicht abgestorben und
speziell in bezug auf Bekassinen ein Feinschmecker zu sein.
    Eine dieser Jagden auf Hühner hatte sich an einem schönen Märztage bis an
eine fast schon zu Füssen von Fort O'Brien gelegene Sumpfstrecke gezogen, und
Toby, gegen Abend mit reicher Ausbeute heimkehrend, zeigte sich entzückt von dem
landschaftlichen Anblick, den er kurz vor Beendigung seines Jagdausfluges von
dem Wallgange des halbverfallenen Forts aus gehabt habe; der ganze Hügelabhang
habe ihm den Anblick eines grossen Blumengartens gewährt, viel, viel schöner als
irgend etwas der Art, was er je gesehen habe, denn in beinahe felderartigen
Streifen sei die ganze Schrägung mit Frühlingsblumen überdeckt gewesen, mit
Krokus und Konvallarien, mit Narzissen und Anemonen. Rut, anfänglich ungläubig,
war endlich doch von seiner Begeisterung mit hingerissen worden und hatte bei
dem abschliessenden Vorschlage, tags darauf eine Partie hinaus machen und auf der
von Palisaden umstellten Bastion ein Picknick abhalten zu wollen, Maruschka wie
selig am Arm genommen und war mit ihr durch die Stube getanzt. Zugleich aber
hatte sie sich vorsorglich erboten, den Vater nicht bloss zur Zustimmung, sondern
selbst zur Teilnahme bewegen zu wollen, was ihr, wie sie wohl wusste, nicht
schwer werden konnte, da sie seine Pläne kannte, Pläne, die sich seit lange
damit beschäftigten, das Fort von der Regierung in Kauf zu nehmen und nach
erfolgtem Ausbau zum Mittelpunkt eines neuen Vorwerks zu machen. Ein solcher
Ausflug aber, so rechnete sie, würd ihm erwünschte Gelegenheit bieten, die ganze
Sache mit unbefangenem Auge nochmals zu prüfen.
    Und siehe da, Rut hatte sich nicht verrechnet. Obadja war auf alles mit
bemerkenswerter Freudigkeit eingegangen, nur immer das eine zur Bedingung
stellend, dass beide Kaulbarse mit aufgefordert werden müssten, ausserdem auch
Bruder Krähbiel, welcher letztere seit zwei Tagen in Nogat-Ehre war, um die nach
Gunpowder-Faces Tode noch immer in der Schwebe verbliebene
Häuptlingserbfolgefrage endlich zum Abschluss zu bringen. Selbstverständlich
hatte niemand Lust bezeigt, am wenigsten aber Rut und Maruschka, das Vergnügen
einer Landpartie mit Picknick an dieser ihnen ziemlich gleichgültig
erscheinenden Kaulbars- oder Krähbiel-Frage scheitern zu sehen, und so war denn
alles bewilligt und zwei Uhr als beste Stunde für den Ausflug nach Fort O'Brien
festgesetzt worden.
    In zwei Wagen fuhr man rechtzeitig hinaus und fand die noch am Abend vorher
benachrichtigten Kaulbarse bereits am Eingang in die Bergschlucht vor, an einer
geschützten Stelle, von der aus eine links einbiegende Steintreppe fast
unmittelbar bis nach Fort O'Brien hinaufführte. Man begrüsste sich ziemlich
herzlich, denn selbst Nogat-Ehre kannte die Kunst der Verstellung, und als man,
oben angelangt, an ein Auspacken der seitens der Kaulbarse mitgebrachten und aus
Artigkeit gleich in erster Reihe mit hinaufgenommenen Körbe ging, überzeugte man
sich, dass das Vorwerk den Hauptsitz um ein bedeutendes überflügelt habe. Topf-
und Blechkuchen, Mohnstriezel und Marmeladentöpfe stiegen in solchen Mengen aus
der Tiefe der beiden Körbe herauf, als ob es sich um eine Verproviantierung von
Fort O'Brien oder, doch mindestens um einen unverlöschlichen Eindruck auf
Maruschka gehandelt hätte. Diese wurde denn auch nicht müde, der guten Frau
Kaulbars ihre Bewunderung auszudrücken und sie ein Mal über das andere als »my
dear Mistress Kaulbars« anzusprechen.
    »Aber nun ein Feuer«, sagte Toby. »Wir können nicht die Verwegenheit haben,
uns trocken durch diesen Kuchenberg hindurchessen zu wollen; daran würde selbst
Maruschka scheitern. Also Kaffee, viel Kaffee, sonst sind wir verloren, und hier
unter dieser Ahornplatane, die nicht bloss Schatten gibt, sondern auch warm und
behaglich unterm Winde liegt, hier wollen wir das Feuer machen. Ich denke, wir
holen uns alte Bretter aus dem Fort, das Jungholz hierherum ist noch zu nass, und
wenn wir keine Bretter finden, nun, so brechen wir einen Pfahl heraus, sind
ihrer ja die Menge vorhanden, und auf Vernichtung von Staatseigentum werden wir
wohl nicht verklagt werden. Vater ist ja Obrigkeit und hat es in der Hand, gegen
uns vorzugehen oder es niederzuschlagen.«
    Und so sprechend, trat er an die mit spitzen Pfählen dicht umstellte
Brüstung des alten Wallganges heran und versuchte mit aller Anstrengung, eine
der Palisaden herauszuwuchten; aber Bretter und dürres Holz aus den hier und da
noch halbwegs geschützten Räumen des Forts waren rascher zur Hand, und ehe man
noch die Nogat-Ehrener Picknickkörbe von den nach wie vor unten am Eingange der
Schlucht haltenden Wagen treppauf geschafft hatte, brannte auch schon das Feuer,
und drumherum standen ein paar umgestülpte Körbe, die nun als Sitz- und
Ehrenplätze für Obadja und Maruschka dienten, während Krähbiel und Kaulbars und
bald auch Lehnert und L'Hermite sich ihrerseits begnügten, etliche Steine
heranzutragen und diese mit Plaids und Tüchern zu überdecken. Das war die
Hauptgruppe. Mistress Kaulbars aber, unter beständigem Hin und Her die Wirtin
machend, kam wie gewöhnlich auch heute nicht zur Ruhe - noch weniger freilich
die Geschwister, die voll Jubel den Palisadenzaun hinabkletterten, um sich in
den den Abhang überdeckenden Blumenfeldern zu vergnügen, von denen Rut jetzt
zugestehen musste, dass sie noch viel, viel schöner seien, als Toby sie
geschildert habe. dabei bückten sie sich, um Sträusse zu pflücken, und erst als
man sie zurückrief, stiegen sie den Abhang wieder hinauf und liefen nun auf
Maruschka zu, der sie den ganzen Vorrat ihrer Blumen in den Schoss warfen.
    »Vierge aux fleurs«, sagte L'Hermite, was Krähbiel, der darin eine
katolische Huldigung vermutete, mit sauersüssem Lächeln begleitete.
    Maruschka selbst aber war glücklich wie ein Kind, und in ihrem Übermut ihrem
ihr gegenübersitzenden Freunde L'Hermite ein ganzes Narzissenbündel zuwerfend,
verlor sie stolpernd das Gleichgewicht und verschüttete den Kaffee, den Mistress
Kaulbars ihr eben erst in einer dicken Fayencetasse präsentiert hatte.
    »Tut nichts«, tröstete diese. »Bringe gleich eine andere. Ja, liebe
Maruschka, wenn es nicht Sünde wäre, müsste man's immer so machen, und mit
Absicht. Eigentlich schmeckt ja nur der erste Schluck, und auch nur, wenn er
heiss ist, und ausser dem alten Rütnick in Schwante hab ich keinen Menschen
gekannt, der für kalten gewesen wäre. Gott, wenn ich daran denke! Die Leute
sagten immer, er wolle noch schöner werden, und brauchen konnt er's. Denn all
mein Lebtag hab ich solchen Flunsch und solche Lippe nich wiedergesehen wie
Rütnicken seine. War aber sonst eine Seele von Mann.«
    Obadja lachte herzlich, und Rut und Toby stimmten mit ein, und nur
L'Hermite, der sonst ein feines Ahnungsvermögen für derlei Dinge hatte, konnte
diesmal nicht mit und fragte: »Qu'est-ce que ça: flounch?« Aber ehe Lehnert ihm
antworten konnte, nahm er wahr, dass Rut noch keinen Platz habe, weshalb er sich
in der ihm eigenen Artigkeit rasch erhob, um ihr den seinigen als den
vergleichsweise besten anzubieten, »weil vis-à-vis de Maruschka«.
    Rut dankte, nahm aber das Opfer nicht an und erklärte, für sich selber
sorgen zu wollen. dabei trat sie dicht an eine Palisade heran, dieselbe, daran
Tobys Kräfte sich schon vorher versucht hatten, und mühte sich zunächst, einen
ziemlich grossen Stein loszumachen, der dicht neben dem Palisadenpfahl
eingebettet lag. Ihre kleinen Hände waren aber zu schwach, und so sprang denn
Lehnert herzu, um ihr bei dem Lockern des Steins nach Möglichkeit behilflich zu
sein. Und es gelang auch. Aber freilich im selben Augenblicke, wo der Stein sich
löste, fuhr eine Kreuzotter darunter hervor und biss Rut in das Handgelenk,
dicht neben der grossen Ader, und war dann im Nu die Palisade hinab und in dem
Blumengewirr verschwunden.
    Mit einem Schrei sank Rut in die Knie und sagte, während sie die Hände
faltete, mit unaussprechlich trauriger Stimme: »Nun muss ich sterben.«
    Aber kaum dass sie diese Worte gesprochen hatte, so warf sich Lehnert neben
sie nieder, ergriff ihre Hand und sog mit einer leidenschaftlichen Gewalt, und
ehe sie's hindern konnte, das Gift aus der Wunde.
    Das Ganze war wie ein Blitz; Tod und Rettung nur ein Augenblick.
    Rut aber verblieb in ihrer knienden Stellung und sagte: »Nun stirbst du.«
    »Nein, Rut, nein! Und wenn... Was liegt daran? Was liegt an mir?«
 
                           Zweiunddreissigstes Kapitel
Lehnert wurde tags darauf von einem heftigen Fieber befallen, und alle
fürchteten für sein Leben. Rut und Maruschka waren in Tränen, und L'Hermite,
der den regelrechten Ärzten misstraute, sacrete durch das Haus hin und hielt
Reden, selbst zu Totto, über den zu frühen Tod seines Freundes Gunpowder-Face,
des einzigen, der noch, nach Indianerweise, den Mut gehabt habe, jedes Fieber
durch Hineinschieben in einen Backofen zu heilen, und überhaupt der beste Doktor
in den ganzen United States gewesen sei. Jeder klagte, selbst Martin Kaulbars,
der freilich seiner glücklichen Beanlagung nach nicht umhin konnte, seiner Klage
zugleich etwas von einer Anklage beizumischen. »Das Gift auslutschen sei der
reine Unsinn und sollte bloss so was sein; ausbrennen, das sei das richtige, das
wisse jedes Kind, und wenn man einen alten Nagel in das Kaffeefeuer oder auch
bloss in die noch glimmenden Kohlen gelegt hätte, so wäre das für Miss Rut das
beste gewesen und für den guten Schlesier auch. Nu werd er wohl dran glauben
müssen. Und ob Miss Rut durchkäme, das wäre auch noch soso. Aber das käme
davon, wenn man von nichts wisse und in allem zurück sei.«
    Zum Glück kam es anders, und alle Herzensnot Ruts und alle Neunmalweisheit
Martin Kaulbars' erwiesen sich als ungerechtfertigt. Das Fieber, das Lehnert
heimgesucht hatte, hatte mit dem Gift nichts zu schaffen und war einfach eine
Folge grosser Aufregung und hinzugetretener Erkältung gewesen, so dass am dritten
Tage schon der aus der Nachbarschaft von Fort MacCulloch herbeigerufene Doktor
Morrison die Versicherung einer vollständigen Genesung geben und
selbstverständlich an dem Fest- und Freudenmahl, das Obadja denselben Abend noch
veranstaltete, teilnehmen konnte.
    Lehnert war sehr glücklich und empfing, als nun alle Sorgen abgetan waren,
noch einmal die Danksagung der Familie. Sein Glück wuchs aber noch, als am
andern Morgen Obadja das Gebet sprach, worin es mit besonderer Betonung hiess,
dass die Liebe der einzige Lohn für treues Dienen sei. Und gleich danach nahm der
Alte die Bibel und las: »Und Jakob gewann die Rahel lieb und sprach: Ich will
dir sieben Jahre um Rahel dienen. Und Laban antwortete: Es ist besser, ich gebe
sie dir denn einem andern. Also dienete Jakob um Rahel sieben Jahr, und deuchten
ihn, als wären es einzelne Tage, so lieb hatte er sie.«
    Rut errötete. Denn ohne dass ein Wort zwischen ihr und Obadja gesprochen
worden war, wusste sie doch nur zu wohl, dass der Vater in ihrem Herzen gelesen
hatte.
    Oben umarmte sie Maruschka, und die gute Alte sagte: »Nun wird alles gut, du
stirbst nicht, und er stirbt nicht. Doktor Morrison hat mir alles gesagt, und
ich hab es ihn auch noch schwören lassen, was doch immer sicherer und besser ist
als euer blosses Ja und Nein. Schwören ist doch noch was Besonderes und macht
alles erst fest. Und nun werdet ihr glücklich sein. Ich habe mir unten im Garten
schon eine Myrte gezogen, und wenn Toby das Getreide nach Galveston bringt, muss
er mir auch ein Kleid mitbringen, ein rotseidnes. Ich habe darauf gespart,
solange du lebst.«
Ja, Lehnert war glücklich, und nur eines war, was ihm fehlte: sich über sein
Glück aussprechen können. Er fühlte, so widerstrebend er sich dies auch
eingestand, noch kein rechtes Recht dazu, denn das Wort, das ihm Obadja
verheissen hatte, war noch immer ungesprochen geblieben, und so hielt er es denn
einfach für seine Pflicht, in Zurückhaltung und Schweigen zu verharren.
    Vielleicht, dass er trotz dieses starken Gefühls von dem, was sich vorläufig
einzig und allein für ihn zieme, sein Schweigen dennoch durchbrochen hätte, wenn
ihm L'Hermite, sein treuer Gefährte, mit etwas mehr Neugier entgegengekommen
wäre. Dieser vermied es aber offenbar, irgendeine Frage zu tun, ja zeigte sich,
wenn nicht alles täuschte, geradezu sorglich beflissen, einem solchen Gespräch
aus dem Wege zu gehen. Lehnert zerbrach sich den Kopf darüber, und zu der Pein
des Schweigenmüssens gesellte sich alsbald auch noch die Frage, warum L'Hermite
seinerseits jede Frage vermeide. Von Neid oder Eifersüchtelei konnte keine Rede
sein, das lag nicht in L'Hermites Charakter oder war etwas längst Überwundenes,
und wenn dieser, wie ganz augenscheinlich, der Liebe seines Freundes zu Rut
trotzdem nicht froh wurde, so musste was anderes vorliegen, was ihn zu diesem
Gefühl und einer daraus erwachsenden ablehnenden Haltung bestimmte. Das
Unhehagen, das Lehnert über diese Wahrnehmung empfand, war so gross, dass er
schliesslich, allen entgegenstehenden Selbstgelöbnissen zum Trotz, doch den
Entschluss fasste, sich bei nächster Gelegenheit Gewissheit darüber zu verschaffen.
    Diese Gelegenheit bot sich denn auch bald. Es war ein Musikabend gewesen,
und Rut hatte Lehnerts und auch L'Hermites Wunsch nachgegeben und ganz zum
Schlusse noch einmal das Friedenslied vorgetragen, das sie, während der
Septemberfesttage, so schön und für Lehnert so entscheidungsvoll gesungen hatte.
Dieser war denn auch, ähnlich wie damals, von den Liebesworten und mehr noch von
Ruts Stimme ergriffen worden und hatte Tränen im Auge, als das Lied schwieg.
Auch L'Hermite war bewegt, und beide, wie wenn sie gewillt gewesen wären, sich
den eben gehabten Eindruck durch Maruschka nicht stören zu lassen, brachen
früher als gewöhnlich auf und gingen in ihren Korridor hinüber. Einen Augenblick
schwankten sie hier, wohin sich wenden, aber L'Hermites Zimmer, überhaupt das
bevorzugtere, ward auch heute gewählt, und nach rechts hin eintretend, nahmen
beide Platz, Lehnert auf einem Schaukelstuhl, L'Hermite, wie gewöhnlich mit
untergeschlagenen Beinen, auf seinem Arbeitstisch, den Schraubstock neben sich.
    »Eh bien«, sagte L'Hermite, während er eine kleine Eisenstange aus dem
Schraubstock herauszog und damit zu spielen begann, »eh bien, Lehnert, was
gibt's? Ich glaube, Ihr wollt mir etwas sagen.«
    »Ja, seit lange schon.«
    »Nun denn.«
    »Ich liebe Rut.«
    L'Hermite lächelte. »Wer nicht?«
    »Ah, ich versteh... Ihr findet es anmasslich« (L'Hermite schüttelte den Kopf)
»oder vielleicht ein Unrecht.«
    »Ni l'un ni l'autre.«
    »Oder Ihr meint, sie liebe mich nicht?«
    »Au contraire.«
    »Nun, was dann?«
    »Mon cher Lehnert«, und L'Hermite setzte sich in eine Art Positur, »Ihr
kennt meinen Katechismus und wisst, dass der Pfaffengott nicht darin vorkommt.«
    Lehnert nickte.
    »Gut denn, es gibt also keinen Gott, wenigstens nicht für mich. Aber, mon
cher ami, es gibt ein Fatum. Und weil es ein Fatum gibt, geht alles seinen Gang,
dunkel und rätselvoll, und nur mitunter blitzt ein Licht auf und lässt uns gerade
so viel sehen, um dem Ewigen und Rätselhaften, oder wie sonst Ihr's nennen
wollt, seine Launen und Gesetze abzulauschen.«
    »Nun?«
    »Und ein solches Gesetz ist es auch: wenn man erst mal heraus ist, kommt man
nicht wieder hinein. Und da hilft kein Hoherpriester und kein Prophet, und wenn
es Obadja selber wäre, gleichviel ob der alte oder der neue. Das Fatum ist eben
stärker, und es ist das beste, cher Lehnert, Ihr lebt Euch mit diesem Gedanken
ein. Ich hab es getan. Und wenn Euch das auch glückt, so werdet Ihr wenigstens
eines davon haben, dasselbe, was ich davon gehabt habe: das Glück der
Einsamkeit. Ihr steht dann von Stund an über dieser armen Komödie, die Welt und
Leben heisst.«
    Lehnert starrte ihn an.
    L'Hermite aber, dessen Bewegungen immer nervöser wurden, fuhr fort: »Gebt
Rut auf. Ihr kriegt sie nicht. Und wenn morgen die Hochzeit sein soll und die
gute Frau Kaulbars so viel Kringel und Krausgebackenes bäckt, dass der Fettgeruch
bis zu Krähbiel und den Arapahos hinüberzieht und unserem Freunde
Gunpowder-Face, der dergleichen liebte, noch in seinem Grab umkitzelt - ich sag
Euch, Lehnert, Ihr kriegt sie doch nicht, Ihr fallt tot vorm Altar nieder. Und
wenn nicht Ihr, so Rut. Glaubt mir, es soll nicht sein. Es ist da so was
Merkwürdiges in der Weltordnung, und Leute wie wir - Pardon, ich sage mit
Vorbedacht wie wir -, die nimmt das Schicksal, der grosse Jaggernaut, unter die
Räder seines Wagens und zermalmt sie, wenn sie glücklicher sein wollen, als sie
noch dürfen.«
 
                           Dreiunddreissigstes Kapitel
Lehnert, als er nach diesen Worten in sein Zimmer zurückkehrte, war wie vom
Blitz getroffen, doppelt, weil er sich, wenn auch mit Widerstreben, gestand, aus
dem Munde L'Hermites nur das gehört zu haben, was ihm eine innere Stimme selber
schon zugerufen hatte. Was unheimlich seinen Freund umschlich, umschlich auch
ihn, immer wieder war es da. Warum war er so miterschüttert gewesen, als der mit
dem Kreuz auf der Brust in jener Sommernacht bei L'Hermite ins Fenster gesehen,
und warum lag da wer am Weg, als er, am Tage danach, von Fort O'Brien aus zum
ersten Mal ins Gebirge hinaufritt? Sinnestäuschung? Nein. Gewissen. Es half
nicht Reue, nicht Beichte; was geschehen war, war geschehen, und im selben
Augenblicke, wo nur noch ein Schritt, ein einziger, ihn von seinem Glücke zu
trennen schien, sah er, dass dieser Schritt ein Abgrund war.
    Er konnte keine Ruhe finden und zermarterte sein Gehirn mit dem, was kommen
müsse. So verging ihm die Nacht, und erst gegen Morgen schlief er ein.
    Nicht lang. Aber so kurz der Schlaf gewesen war, doch war es, als wären ihm
Kraft und Mut zu gutem Teile zurückgekehrt, und als er das Fenster aufstiess und
Frühlingsluft und Morgensonne hereindrangen, lösten sich die Vorstellungen, die
sich während der Nacht, als wären es Gespenster, seiner Seele bemächtigt hatten,
wie die Nebel auf, die drüben am Gebirge hinzogen. Eine Schuld lag auf ihm; aber
hiess es nicht in dem Gebet, das Christus selbst uns gelehrt, »und vergib uns
unsere Schuld«? Und wenn Christus so gelehrt und geboten hatte, so musste doch
auch eine Möglichkeit der Erhörung sein und bei rechter Demut und Zerknirschung
auch wohl eine Gewissheit. So sann er weiter, und als er sich's zurechtgelegt und
bei der Morgenandacht das Auge des Alten so fest und freundlich wie nur je zuvor
auf sich ruhen gefühlt hatte, war alles, womit L'Hermite ihn - und was schwerer
war, er sich selber - geängstigt hatte, besiegt und verschwunden.
    L'Hermite, der wohl sah, was in der Seele seines Freundes vorging, vermied
es, auf seine düstere Prophezeiung zurückzukommen, ja schlug umgekehrt einen
halb heiteren Ton an, der darauf aus war, die Wirkung seiner Worte wieder
abzuschwächen. Ob die Welt eine Welt der Wunder sei, das müsse schliesslich
dahingestellt bleiben, aber dass die Welt eine Welt der Überraschungen sei, das
sei nur zu gewiss. Mit aller Berechnung sei nicht viel getan. Es gäbe Regeln,
freilich, aber der Ausnahmen seien so viele, dass es sich, ganz wie beim
Unterricht im Englischen (und er spreche da aus eigner trauriger Erfahrung),
eigentlich nicht recht verlohne, die Regeln zu lernen. Und was nun speziell die
guten Schicksalsgöttinnen anginge, so hätten sie Launen wie alle Weiber, und die
alten erst recht.
    Und dabei bot er Lehnert eine Zigarette.
    Der wusste wohl, dass das alles nur so hingesprochen war, um ihn zu beruhigen,
aber sosehr er dies durchschaute, so trug es trotzdem nicht wenig dazu bei,
seine Hoffnungen neu zu beleben.
    Auch Obadjas wachsend freundliche Gesinnung gab ihm viel von seiner alten
Freudigkeit und Frische zurück, was aber dies Gefühl der Frische vielleicht am
meisten belebte, das war, dass sich Tobys in letzter Zeit eine wahre Jagdpassion
bemächtigt hatte, zu deren Befriedigung, wie sich denken lässt, niemand
geeigneter erschien als Lehnert, der die Tugenden eines guten Schützen mit denen
eines erfahrenen Bergsteigers in sich vereinigte. Dies letztere war die
Hauptsache. Denn von einem bequemen Absuchen, wie früher, an den
niedriggelegenen Sümpfen und Teichen hin, war schon lange keine Rede mehr,
vielmehr ging es, bei jeder sich bietenden Gelegenheit, hoch ins Gebirge hinein,
und Weihen und Bussarde wegschiessen oder auch wohl einen Bartgeier beschleichen,
das war jetzt das Jagdvergnügen, nach dem Toby dürstete.
    Der Alte missbilligte das alles und würde dagegen eingeschritten sein, wenn
er nicht Tobys Charakter gekannt hätte, der alles mit Feuereifer angriff, aber
nur, um es, nach kurzer Zeit schon, wieder fallenzulassen. Hierin fand er seine
Beruhigung und liess es gehen und war zufrieden, wenn Lehnert, was freilich bei
den sich mehrenden Feldarbeiten immer seltener geschah, den wenigstens zunächst
noch in seiner Jagdpassion beharrenden Toby auf seinen Ausflügen begleitete.
So war Ende Mai gekommen, und Toby verlangte danach, einen Steinadler zu
schiessen, der (er wusste genau die Stelle, wo) hoch im Gebirge nistete. Dann aber
wollt er zu dem Neste hinaufklettern und die zwei Jungen ausnehmen und
grossziehen, um sie den Zoological Gardens in Galveston zum Geschenk zu machen.
Bei seiner letzten Anwesenheit daselbst war er nämlich eitel und unvorsichtig
genug gewesen, dem Vorstande des Gartens ein solches Versprechen zu machen, und
hielt nun die Durchführung für Ehrensache, worin er sich sogar von seiten Ruts
bestärkt sah.
    Und nun war es zwei Tage vor Sonntag Exaudi, den letzten Tag im Monat, dass
sich Toby zu diesem Fange rüstete. Lehnert, der aufs Feld musste, konnte nicht
mit, weshalb - wie schon bei früheren Gelegenheiten - ein junger Arapahoindianer
für ihn eintrat, ein Schwestersohn von Gunpowder-Face, der, erst bei Krähbiel
und dann in der Missionsschule zu Halstead erzogen, seit seiner Rückkehr von
dort ein besonderer Liebling von seiten Ruts und Tobys war. Er hiess Shortarm,
weil er, infolge eines Armbruchs, einen etwas zu kurzen Arm hatte.
    Beide, Toby und Shortarm, waren sehr früh, schon bald nach Mitternacht,
aufgebrochen und hofften mit Sonnenaufgang oben und spätestens um Mittag in
Nogat-Ehre zurück zu sein. Aber die vierte Stunde war schon heran, ohne dass sich
Toby gemeldet hätte. L'Hermite, von Rut und Maruschka, die sich zu ängstigen
begannen, ins Vertrauen gezogen, ging in Lehnerts Zimmer hinüber, um von dort
aus nach dem Gebirge hin Ausschau zu halten, aber, so klar der Tag war, auf der
ganzen zwischengelegenen Strecke war zunächst für ihn niemand sichtbar, bis er
nach einer Weile Lehnerts gewahr wurde, der auf dem vom Vorwerk nach Nogat-Ehre
führenden Feldwege langsam herangeritten kam und zufällig nach dem Fenster
seiner Wohnung hinaufsah. Die Sonne, die stark blendete, liess den ruhig
Herantrottenden anfänglich bei seinem Aufblick nicht viel erkennen, als er aber
eine Weile danach den mit seinem Käppi winkenden L'Hermite deutlich bemerkte,
wurd er stutzig und setzte sich, während er seinem Pferde die Sporen gab, in
einen rascheren Trab. Und nun war er heran und erfuhr von dem in der Flurhalle
seiner bereits harrenden Freunde, dass man Tobys halber in Sorge sei. Sie
sprachen noch, als auch Obadja hinzutrat und seiner Unruhe, der er bis dahin
nicht hatte nachgeben wollen, einen allerlebhaftesten Ausdruck gab. Die Wanduhr
schlug halb. Halb fünf. Auch Rut und Maruschka waren die Treppe herabgekommen,
und die gute Alte weinte heftig. Das käme davon, wenn man einer Kreatur die Brut
wegnehmen wolle oder es doch litte. Dann würden einem selber die Jungen
genommen. Und sie seien alle schuld, alle, sie selber, weil sie den Toby nicht
besser erzogen, und am meisten Obadja, der der Herr sei und der Vater und der
Priester. Und er werde wohl Hals und Beine gebrochen haben, der arme Toby, und
sie sähe schon, wie man ihn hereinbringe. Gott sei Dank, dass seine Mutter nicht
mehr lebe, für die wäre das der Tod gewesen. Und dann umarmte sie Rut und
setzte sich auf die unterste Treppenstufe, wo sie viele Paternoster vor sich hin
sprach und die Perlen ihres Rosenkranzes unaufhörlich durch die Finger gleiten
liess. Sonst schwieg alles, und doch war es eine Szene voll immer wachsender
Aufregung. Lehnert fuhr, überlegend, mit der Hand über die Stirn, L'Hermite
pfiff, und Obadja richtete sein Auge nach oben. Zwischen ihnen hin und her aber
lief Uncas und winselte, und wenn er vor Lehnert stand, setzte er sich und sah
ihn an und schien zu fragen: »Wo ist Toby?« Das kluge Tier wusste: der allein
kann helfen; ihr anderen seid nichts.
    In diesem Augenblicke tat Rut einen Schrei; Shortarm war die Rampe
heraufgekommen, atemlos, und auf Obadja zustürzend, warf er sich vor dem Alten
aufs Knie und sagte: »Master Toby...«
    »Is dead?«
    »No, not dead; but he lost his way. We missed us. I couldn't find him.«
    Und nun erzählte er mit zitternder Stimme, dass Toby, dicht neben einem
Vorsprung, auf einige dort auf dem Grat zusammengewürfelte Steintrümmer
hinaufgestiegen, aber nach einer halben Stunde und länger noch immer nicht
zurückgekommen sei. Auch kein Hilferuf. Nichts. Da sei er selber
hinaufgeklettert. Aber kein Toby da. Tot könn er nicht sein. Denn es sei nicht
hoch gewesen und keine Gefahr. Aber er sei weg. Er müsse sich in den Felsen oder
weiter unten im Walde verirrt haben.
    Obadja rang nach Fassung. Seine Tage waren gezählt. Wenn das der Ausgang
war, dass ihm Gott den Jungen nahm, den Erben, für den er gelebt hatte...
    Und sonst so ruhig und überlegen, war er jetzt wie ratlos und schritt auf
und ab. »Ich will beten«, sprach er vor sich hin. »Aber Gebete... Gott will
nicht bloss Gebete... Wir sollen auch tun, mittun. So will es Gott. Dann hilft
er... Lehnert... Dear... Alles, alles.«
    Und dabei nahm er Lehnerts Hand.
    Und über Lehnerts Züge flog es wie ein Glanz von Glück, und er fühlte
deutlich, der Tag, der über ihn entscheiden müsse, sei nun gekommen. Er ging auf
Shortarm zu, riss ihm Gewehr und Jagdtasche von der Schulter und sagte: »Komm,
Uncas!«
    Und vor Freude heulend, sprang das schöne Tier in die Höh und folgte dem
voranschreitenden Lehnert.
    L'Hermite sah dem Freunde nach. »Ça ira... Wird es? Non.«
 
                           Vierunddreissigstes Kapitel
Lehnert ging in starkem Schritt auf das Vorwerk zu, bog aber, eh er heran war,
nach rechts hin in einen Querpfad ein, der, in seiner Verlängerung, fast
parallel mit der an Fort O'Brien vorüberführenden Schlucht ins Gebirge
hinaufstieg. Oben wollt er dann den Kamm entlang gehen und von den höchsten
Punkten aus Umschau halten. Er war von einem festen Vertrauen erfüllt, dass er
Toby finden würde, wenn nicht unterwegs, was freilich das wünschenswerteste, so
doch in Nähe der weit vorspringenden Felspartie, die, wegen der mit Vorliebe
darauf nistenden Adler, schon von alter Zeit her den Namen Eagles Point führte.
Jeder Punkt an dieser Stelle war ihm, nach den vielen gemeinschaftlichen
Jagdausflügen der letzten Monate, ziemlich genau bekannt, was aber sein
Vertrauen noch stärkte, war der Umstand, dass, etwa tausend Schritt von Eagles
Point entfernt, ein noch höherer Kegel aufragte, der kurzweg der Look-out hiess
und nicht bloss wundervolle Fernblicke, sondern einen genauen und leichten
Einblick in die nächstgelegenen Felspartien, am besten aber in die von Eagles
Point gewährte. Von diesem Look-out aus musst er Toby sehen oder ihn abrufen
können, denn dieselbe klare Luft, die das Sehen erleichterte, trug auch den
Schall fort. Er musste ihn finden, und über den an Fort O'Brien vorüberführenden
Weg wollt er dann mit ihm zurück... Aber wenn er ihn nicht fand? Er mochte den
Gedanken nicht ausdenken.
    Es war um die siebente Stunde, dass er an der Stelle hielt, wo der
Look-out-Kegel erst in mässiger Schrägung, dann aber, einen Knick, eine Stufe
machend, in beinah senkrechter Steile anstieg. Am Fusse der gesamten Felsmasse,
Sockel wie Spitze, sprang ein Quell und fiel in einen ausgehöhlten Stein. Und
hier bückte sich Lehnert, um zu trinken, und stieg dann den unteren Absatz bis
zu dem Einknick hinauf. Er war müde geworden und hätte hier gern eine kleine
Weile gerastet, um neue Kraft für die letzte und schwerste Strecke, den
eigentlichen Kegel, zu sammeln; aber die Sonne stand schon tief, und so war denn
keine Zeit mehr zu verlieren, wenn er noch, mit Hilfe des Tageslichts, einen
leidlich guten Einblick in die Spalten und Klüfte haben wollte. So warf er denn
die Jagdtasche beiseite, die ihm beim Klettern bloss hinderlich gewesen wäre, und
stieg ohne Säumen höher hinauf. Uncas wollte mit. Es war aber zu steil und zu
glatt für ihn, und unglücklich, seinem Herrn nicht folgen zu können, blieb er
auf dem breiten Rande, den der Einknick bildete, zurück und legte sich mit
vorgestreckten Pfoten neben die Jagdtasche. Dass er etwas zu hüten hatte, schien
ihm ein Trost.
    Der Aufstieg ging besser, als von Lehnert erwartet war. Die Steile zeigte
sich freilich beträchtlich, aber überall waren Spalten und Risse, die dem Fuss
einen Halt gaben, und an mehr als einer Stelle stand Zwergholz und hier und da
selbst ein Busch, daran er sich halten und mit nicht allzuviel Schwierigkeit
hinaufziehen konnte. Die ganze Höhe betrug keine hundert Fuss, und ehe fünf
Minuten um waren, war er oben und genoss eines wundervollen Umblicks. Zur Linken,
unmittelbar über dem Kamm, in einer Art Quer- oder Giebelstellung, stand der
Sonnenball und goss seine Glut derart über die ganze lange Berglinie hin aus, dass
beide Seiten des Kamms in einem hellen Lichte lagen. Weiter abwärts freilich
herrschte schon Dämmerung, was übrigens nicht hinderte, dass Lehnert die weite
Talmulde, bis zu den Shawnee-Hills hin, überblicken konnte.
    Das da drüben musste Fort Holmes sein, und die vereinzelt aufblinkenden
Lichter im Tal bezeichneten die Linie, wo die Bahn lief. Und zuletzt weilte sein
Blick auf Nogat-Ehre. Da lag es. Das erste Haus, das war Obadjas, da wohnte
Rut, und er grüsste hinüber. Ja, einen Augenblick vergass er fast, um was er hier
war, und erst als er sich's wieder in die Seele zurückgerufen, rief er Tobys
Namen. Aber nur das Echo antwortete.
    So vergingen Minuten. Alles blieb still. Das über den Kamm hin ausgebreitete
Licht erlosch, und Lehnert fühlte, dass es keinen Sinn mehr habe, auf seiner
Felshöhe zu verweilen. Und so wollt er denn rasch wieder hinab, um wenigstens
vor Beginn völliger Dunkelheit noch bis Eagles Point zu kommen, wo, wenn das
Rufen vergeblich blieb, Uncas ihm Beistand leisten und in dem Gestrüpp
umhersuchen konnte. Fand er ihn nicht, und seine frühere Zuversicht hatte ihn zu
nicht kleinem Teil verlassen, so wollt er nach dem Vorwerk zurück und am andern
Morgen von dort aus das Suchen erneuern. Ohne Toby nach Nogat-Ehre
zurückzukehren erschien ihm unmöglich.
    Er hatte sich die Stelle gemerkt, wo er aufgestiegen war, und an eben dieser
Stelle wollt er auch - schon der ziemlich vielen Sträucher und Zwergbüsche
halber - wieder zurück. Die waren ihm eine Hilfe, wenn er ins Gleiten und
Glitschen kam. Und wirklich, es schien fast, als ob diese seine Vorsicht sich
lohnen solle. Zwei-, dreimal, beim Ausrutschen, hatte er zufassen und sich
halten können, auch der Gewehrkolben kam ihm mehr als einmal zupass, und bis zu
der Stelle hin, wo Uncas die Jagdtasche bewachte, waren keine dreissig Fuss mehr.
Auch die Steile war hier geringer, und so gab er denn die Vorsicht auf, die er
bis dahin geübt hatte. Freilich nicht zu seinem Heil. Denn mit einemmal kam er
in ein halbes Stürzen, und weil zufällig kein Strauch mehr da war, dran er sich
klammern konnte, schoss er, wie von einer Rutschbahn, mit aller Gewalt auf den
Plateaurand nieder und musste froh sein, unterwegs auf eine stumpfe Steinkante zu
stossen, die den Sturz einigermassen aufhielt. In der Tat, die Erschütterung, als
er auf dem Plateaurand ankam, war nicht allzu gross, ebensowenig empfand er einen
Schmerz, und so stand er denn auf dem Punkt, sich zu dem den jähen Absturz
hemmenden »Stein des Anstosses« aufrichtig zu beglückwünschen, als er bei dem
Versuche, sich aufzurichten, erkennen musste, dass der Stein des Anstosses wohl
geholfen, aber doch noch mehr geschadet habe. Mit der Hüfte gegen den Stein
fahrend, war der Hüftknochen aus dem Gelenk gesprungen. Er erhob sich mit
äusserster Anstrengung, aber nur, um im selben Augenblick wieder
zusammenzubrechen. Jetzt kamen auch Schmerzen, begleitet von einer schweren
Ohnmacht, und als er nach einiger Zeit (er wusste nicht wie lange) wieder
erwachte, standen schon die Sterne am Himmel.
    Über sich die Sterne und unten die Lichter von Nogat-Ehre, sonst alles
dunkel um ihn her. Dazu kam ein Frösteln. Er hing sich mühsam die neben ihm
liegende Jagdtasche um und schob sich seitwärts bis an eine Stelle, wo ein
Erlenbusch stand, verkrüppelt, mit halb am Boden ausgestrecktem Gezweig. Unter
dies Gezweige kroch er. Es gab ihm Schutz gegen den Nachtwind; Uncas legte sich
neben ihn, und die Wärme tat ihm wohl. Und als Mitternacht heran war, schlief er
ein.
    Er schlief mehrere Stunden, und die Sonne stand schon über dem Horizont, als
er aufwachte. Die Schmerzen hatten nachgelassen, aber das Bewusstsein seiner Lage
packte ihn jetzt mit doppelter Gewalt. Gewiss, dass man im Laufe des Tages nach
ihm ausziehen, ja, dass Freund L'Hermite den ganzen Arapahostamm aufbieten werde,
nach ihm zu suchen. Gewiss, gewiss. Und sie würden ihn auch finden. Aber wann? Bis
dahin war es vielleicht um ihn geschehen. »Und wenn es so kommen soll, wenn kein
Entrinnen, dann, du Vater im Himmel, mach es rasch, lass es rasch vorüber sein.«
    Das war das Morgengebet, mit dem er seinen Tag einleitete.
    Die Sonne zog herauf, immer höher, und als es Mittag war, meldete sich
Hunger und bald auch ein brennender Durst. Er durchsuchte die Jagdtasche nach
etwas, das ihn erfrischen mochte, aber er fand nichts als etwas Brot, das ihm
widerstand. Und so warf er's dem Hunde hin. Der aber winselte nur und kroch
wieder zu Lehnert heran und leckte ihm die Hand.
    Lehnert freute sich dieses Liebeszeichens und streichelte das schöne Tier.
Und mit eins schoss es ihm durch den Kopf: »Uncas, du kannst mich retten, du bist
klug. Und nun höre gut zu. Sieh, wenn du jetzt nach Hause trabst, zu Rut, zu
Miss Rut, hörst du, dann kannst du sie hierherführen, und dann finden sie mich
und dann retten sie mich. Und nun auf!«
    Uncas hatte jedes Wort verstanden, aber er schüttelte nur den Behang und
streckte sich still wieder nieder und sah Lehnert an. Und dieser las aus dem
treuen Auge mit Schrecken heraus: Ich bleibe.
    »Geh, Uncas! Lauf! Fort!«
    Und als alles nichts half, nahm er das Gewehr und stiess nach ihm. Und bald
danach erhob sich Uncas auch wirklich und trabte langsam und ohne sich umzusehen
den unteren und verhältnismässig wenig steilen Teil der Felspartie hinab. Lehnert
sah ihm nach, und ein Hoffnungsschimmer umleuchtete seine Stirn. Aber keine
Viertelstunde, so war der Hund wieder da. Er war nur bis an den Quell gegangen
und hatte getrunken, und kaum wieder frisch, war er auch frisch wieder in seiner
Pflicht und seinem Vorhaben. Und kurzum, da war er wieder.
    »Es soll also sein«, sagte Lehnert, über den plötzlich eine volle Ergebung
in sein Schicksal kam. »Es ist Gottes Wille... Komm, Uncas... Es ist mir eine
schöne Lehre, die du mir gibst: Treue halten und tun, was recht ist.«
    Und er verfiel alsbald in ein fieberhaftes Träumen und wurd erst wieder
wach, als ein Läuten aus dem Tale heraufdrang. Es war die Glocke, die sonst zum
Gottesdienst läutete. »Sie wollen mir ein Zeichen geben. Und ich will ihnen
antworten, so gut ich kann.«
    Und dabei nahm er das neben ihm liegende Gewehr und schoss, und der Rauch zog
am Gebirge hin, und das Echo trug den Schall immer weiter und weiter und
vielleicht bis hinunter zu Tal.
    Er horchte nach, bis es verklang. Und nun schwieg es, und im selben
Augenblicke war es ihm, als höre er von weit her einen Ruf: »Hilfe.«
    Wessen Stimme war das?
    Er richtete sich auf und horchte noch einmal hinüber, und einen Moment
überkam ihn der Gedanke, dass es Toby sein könne.
    »Nein, es war ein anderer, der rief... Gut... Ich bin fertig... Ich komme.«
    Und nun fiel er mit dem Kopf auf das Lager zurück, das er sich gemacht
hatte.
 
                           Fünfunddreissigstes Kapitel
Zwischen den Feldern hin huschte was. Was es war, war nicht deutlich erkennbar,
das Korn stand zu hoch, und die Dämmerung war noch zu dicht. Aber jetzt kam ein
gemähter Wiesengrund, der ganz zuletzt zwischen den Maisfeldern und dem Dorfe
lag, und nun liess sich's erkennen, dass es Uncas war, der in Sprüngen auf
Nogat-Ehre zujagte. Nur noch das Stück Parkland und die Brücke war zu passieren.
Und nun war er heran und gab einen lauten Blaff, zwei-, dreimal, und sprang dann
an dem Erdgeschoss in die Höh und kratzte an den Läden, die das Fenster von
Obadjas Zimmer schlossen.
    Obadja stand auf und warf einen Pelzrock über, den zu tragen er sich in den
langen Wintertagen von Dakota gewöhnt hatte. Dann ging er hinaus auf den Flur,
den Hund einzulassen. Aber Uncas sprang ihm schon entgegen, weil L'Hermite - der
sich für alle Fälle halb angekleidet aufs Bett geworfen hatte - schneller als
Obadja zur Hand gewesen war. Gleich danach kamen auch Rut und Maruschka die
Treppe herab und mit ihnen Toby; Toby, der noch am selben Abend, wo Lehnert auf
die Suche nach ihm ausgezogen, wohl und munter und jedenfalls völlig unverletzt
heimgekommen war. Und ein wunderlicher Anblick war es, den die Halle jetzt bot.
Front- und Hoftür standen auf, und von beiden Seiten her fiel ein fahles
Dämmerlicht ein, während das Licht in der herabhängenden Flurlampe zu
verschwelen begann. Am bemerkbarsten aber und jedenfalls am lautesten war Uncas.
Er lief hin und her und sprang empor und beschäftigte sich vor allem mit Rut,
an deren Kleid er zerrte, wie um zu zeigen, dass sie folgen solle.
    Jeder wusste, was geschehen, und war erschüttert. Am meisten Toby, der, wenn
auch schuldlos, die Veranlassung von all dem war, was jetzt auf jedem lastete.
L'Hermite schritt auf und ab, die Hände à la Zouave in den weiten Beutelhosen,
das Käppi zurück. Toby aber nahm ihn beiseit und fragte, was er zu dem allem
denke.
    »Pas beaucoup de bien.«
    »Und was?«
    »La mort sans phrase.«
Obadja fasste sich zuerst und gab, als er sah, dass Uncas, wie um die
einzuschlagende Richtung anzugeben, immer wieder auf die Steinbrücke zulief,
kurze Weisungen für das, was zunächst zu tun sei. Toby solle mit Shortarm und
einem andern Indianer, Yellow Cat, von dem bekannt war, dass er wie eine Katze
kletterte, zunächst nach dem Vorwerk aufbrechen und dort die weitere Führung an
Kaulbars abtreten. Er, Obadja, so sehr er es wünsche, könne sich dem Zuge nicht
anschliessen, das würde nur Hindernisse schaffen.
    Und keine fünf Minuten mehr, so brach denn auch Toby mit den zwei Gefährten
auf, Uncas abwechselnd vorantrabend und dann wieder an Tobys Seite. Von
L'Hermites Begleitung war all die Zeit über mit keinem Worte die Rede gewesen,
was in einer Art abergläubischen Vorstellung von seiten Obadjas seinen Grund
hatte. L'Hermite, wenn es sich um Leben und Sterben handelte, hatte keine
glückliche Hand, was niemandem klarer war als ihm selbst, weshalb er denn auch
sein Ausgeschlossensein von dieser Expedition als etwas durchaus
Selbstverständliches ansah und sich begnügte, sich Miss Rut anzuschliessen, als
diese mit der alten Maruschka wieder die Treppe hinaufstieg. Oben angekommen
aber trat er, statt in sein eigenes Zimmer, in das von Lehnert, um von hier aus
- weil es den Blick auf das Gebirge hatte - dem Zug eine Weile nachzusehen. Eine
gute Strecke konnt er es auch und sah deutlich, wie Uncas seine Freude bezeigte,
dass man ihn endlich verstanden.
    »Ist noch Hoffnung...? Keine. Seine Geschicke haben sich erfüllt.«
    Es war vier Uhr, und die Sonne stieg eben herauf, als Toby mit seinen zwei
Gefährten auf dem Vorwerk eintraf. Das Ehepaar Kaulbars war schon auf und nahm
eben seinen Morgenkaffee.
    Kaulbars erhob sich sofort, um seines Herrn Sohn zu begrüssen und ihn zur
Teilnahme am Frühstück einzuladen. Aber Toby dankte, nahm auch nicht Platz und
beschränkte sich darauf, in aller Kürze mitzuteilen, um was sich's handle.
Leider sah er nicht die Wirkung davon, auf die zu rechnen er ein Recht hatte,
was ihn auf einen Augenblick ernstlich verdross und doch eigentlich nicht
verdriessen durfte. Leute hergeben und vorherbestimmte Tagesarbeit unterbrechen,
das konnte bei Kaulbars in erster Reihe nur Verstimmung wecken, weil er ganz und
gar und in besonders hohem Grade zu jenen ausgesprochenen Bauer- und
Landwirtsnaturen gehörte, die, wenn ihnen Vater und Mutter während der Ernte
sterben, zunächst nur unter dem Gefühle stehen: Vater und Mutter hätten sich
auch eine bessere Zeit aussuchen können. Als indessen dies erste selbstische
Gefühl in unserem Kaulbars überwunden war, war er nicht bloss gutwillig, sondern
vor allem auch umsichtig in all seinen Anordnungen und wählte neben allerlei
Rettungsmaterial, das man mutmasslich brauchen würde, zugleich drei seiner besten
Leute zur Verstärkung des nun von ihm zu führenden Zuges aus. Auch eine Leiter
samt einer Schütte Stroh nahm er mit, weil er, ganz im Gegensatze zu L'Hermite,
der bestimmten Ansicht war, dass der Verunglückte, verwundet oder nicht, noch am
Leben sein müsse; dreissig Stunden könne man's aushalten, und Tobys Bemerkung,
dass Uncas ihn sicher erst verlassen habe, als es mit ihm vorbei gewesen, wollt
er nicht gelten lassen. Der Hund sei klug, aber doch bloss ein Hund und eine
unvernünftige Kreatur. »Und reden kann er doch am Ende nich.«
    Es war gegen sechs Uhr, als man oben war und eine kurze Rast nahm. Im Tale
lag noch ein Nebel, aber dünn und niedrig, und man sah die Häuser von
Nogat-Ehre, die mit ihren Dächern darüber hinausragten. Und da war wieder
Station Darlington, und wo der Qualm schwarz über dem weissen Nebel hinzog, da
kam der Zug heran, der grosse Expresstrain von Galveston. Alles liess sich deutlich
erkennen. Aber es war nicht Zeit zu solchen Betrachtungen. Uncas, solange die
Rast dauerte, jagte beständig hin und her, immer auf denselben Punkt zu, so dass
Toby nun in aller Bestimmteit wusste, wohin man die Schritte zu richten habe.
    »Er ist auf den Look-out hinaufgestiegen, um nach mir auszusehen. Und bei
dem Aufstieg ist er verunglückt.«
    Auf den Look-out also schritten sie zu, Kaulbars voran. Und nur noch wenige
Minuten, so waren sie bis an den Fuss der Felspartie gekommen und tranken hier
aus dem Quell (denn es war, trotz früher Stunde, schon heiss) und stiegen nun
höher hinauf bis auf den Einknick, von dem aus der eigentliche Kegel anhob.
    Und nun hatte man die Stufe glücklich erreicht und schritt um den mässig
breiten Rand, den sie bildete, herum. Das erste, was man sah, war der Brotrest,
den Lehnert auf ein paar Schritt Entfernung dem Hunde zugeworfen, den dieser
aber nicht berührt hatte.
    »Hier müssen wir ihn finden«, sagte Toby, und das Zweigwerk eines ziemlich
blattreichen, am Fusse des Kegels festeingewurzelten Gebüsches zurückschlagend,
sah er den, dem die Suche galt. Unwillkürlich liess er das Gezweig, das er in
Händen hielt, wieder zurückfahren, und seine Augen füllten sich mit Tränen.
Konnt es anders sein? Der da lag, war gestorben um ihn, um seinetwillen. Und er
sprach ein kurzes Gebet, während die andern noch zurückstanden. Und nun näherte
sich auch Shortarm und brach die weit vorgestreckten Zweige fort, und gleich
nach ihm traten alle heran und schlossen einen Halbkreis und blickten auf den
Toten. Er sah ernst aus, aber nicht von Schmerzen verzerrt oder entstellt, und
hatte die Jagdtasche unter dem Kopf; - neben ihm lag das Gewehr, und ein kurzes
Jagdmesser, das er noch in seiner letzten Stunde gebraucht haben musste, war mit
der Klinge in den Sand gestossen. Sein Rock war halb geöffnet, und man sah ein
zusammengefaltetes Zeitungsblatt, das er in die Rocköffnung wie in eine
Brusttasche gesteckt hatte. Darüber ruhte seine linke Hand, auf deren Oberfläche
man geronnenes Blut sah, aber nur wenig, wie von einem kleinen Riss mit dem
Messer. Und nun bückte sich Toby, um das Zeitungsblatt zu nehmen, auf das der
Tote, wie's schien, in seiner letzten Stunde seine letzten Worte geschrieben
hatte. Zwischen den Fingern der rechten Hand hielt er noch ein zugespjetztes
Holzstäbchen. Was er aber geschrieben, das lautete: »Vater unser, der du bist im
Himmel... Und vergib uns unsere Schuld... Und du, Sohn und Heiland, der du für
uns gestorben bist, tritt ein für mich und rette mich... Und vergib uns unsere
Schuld... Ich hoffe: quitt.«
 
                          Sechsunddreissigstes Kapitel
Der Rückweg war sehr beschwerlich, und die zehnte Stunde war schon heran, als
man am Vorwerk anlangte. Toby war dagegen, den Zug gleich unmittelbar bis nach
Nogat-Ehre hin fortzusetzen, und der sonst immer widersprechende Kaulbars war
diesmal derselben Meinung, hinzusetzend: es ginge nicht, ihn so bloss auf einer
Leiter heranzutragen; alles müsse seine Ordnung haben; und auf einer Leiter sei
keine Art und keine Ordnung nich.
    So wurde denn beschlossen, Shortarm und Yellow Cat nach Nogat-Ehre hin
vorauszuschicken, einfach mit der Meldung, dass man Lehnert gefunden habe.
    Nach diesem Beschlusse machten sich die beiden Indianer sofort auch auf den
Weg und waren um Mittag wieder zurück, mit einer Bahre, darauf Lehnert nunmehr
gelegt wurde, bedeckt mit einem ebenfalls mitgebrachten Bahrtuch, in das ein
grosses silbernes Kreuz eingestickt war. So stand er noch bis gegen Abend auf
einer Scheunentenne. Dann aber brach man auf nach Nogat-Ehre. Wie Totto sie
kommen sah, begann er zu läuten, aber nur Obadja ging dem Zuge bis auf die Rampe
entgegen; mit ihm L'Hermite. Rut und Maruschka mochten nicht Zeuge sein.
    Von der Rampe trug man die Bahre bis vor den Altar. Und nun schlug Totto die
Decke zurück und kniete nieder und sagte, während er des Toten Hand streichelte:
»Poor man... dead... quite dead.« Und dann sang er vor sich hin, was keiner
verstand.
»Wo bestatten wir ihn?« Das war die Frage, die denselben Abend noch das Haus
beschäftigte. L'Hermite drang mit sonderbarem Ernste darauf, den Toten zu den
Arapahos zu schaffen und ihn neben Gunpowder-Face zu begraben, das würde einen
Eindruck machen, mehr als Krähbiels Schul- und Katechismusstunden, und er,
L'Hermite, genösse dabei des Vorzugs, seine beiden besten Freunde
zusammenzuhaben: eine Rotaut und einen Prussien. Es war barock, wie alles, was
er tat und sagte, aber es klang so herzbeweglich, dass niemand Anstoss daran nahm.
Endlich sagte Obadja: »Er soll der erste drüben in unserer Gruft sein. Ich
wollte den Zug eröffnen. Aber er kommt mir nun zuvor.«
    Und dabei glitt sein Auge zu Rut und Toby hinüber, die beide zustimmend
nickten.
Am zweiten Tage danach erfolgte Lehnerts Beisetzung; Krähbiel und Nickel waren
mit ihren Schulen gekommen und sangen. Dann sprach Obadja, diesmal nicht der
Bibel, sondern dem Leben des Valerius Herberger seinen Text entnehmend. Alle
würden sich noch erinnern, was er am Christfest über den Valerius Herberger,
diesen treuen Diener seines Gottes, gesagt habe, der dem Tode Tag um Tag ins
Auge gesehen, durch nichts gehalten und getragen als durch den Spruch: »Wer Gott
im Herzen hat, dem kann der Teufel nichts anhaben.« Und eben das seien auch die
Worte gewesen, die damals auf Lehnert einen so tiefen Eindruck gemacht hätten,
so tief, dass er anderen Tages zu ihm gekommen sei und ihm gesagt habe: »Ja, es
sei so, und er fühle deutlich, dass nur das ein rechtes Leben sei, sich, mit Gott
im Herzen, vor dem Tode nicht zu fürchten, und solches Leben zu führen sei seine
Sehnsucht; und wenn ihn der Teufel der Eitelkeit und Selbstgerechtigkeit nicht
ganz verblende, so möcht er wohl sagen dürfen, er glaube, dass er nicht bloss die
Sehnsucht, sondern auch die Kraft zu solchem Leben habe...« - »Und diese Kraft,
meine Lieben, er hat sie gehabt und hat sie bestätigt und ist gestorben, wie
seine Sehnsucht war. Denn einen andern zu retten, den er liebte, das hat ihm den
Tod gebracht. Dieser Tod war schwer, aber er war auch ein Ausgleich und eine
Sühne. Das hat er selbst empfunden, und in diesem Glauben und in der Hoffnung,
dass seine Schuld getilgt sei, wie sein letztes Wort uns bezeugt, ist er
gestorben.«
    Und nun sangen die Kinder wieder:
»Valet will ich dir geben,
Du arge falsche Welt,
Dein sündlich böses Leben
Durchaus mir nicht gefällt;
Im Himmel ist gut wohnen,
Hinauf steht mein Begier,
Da wird Gott ewig lohnen
Dem, der ihm dient allhier.«
Alle waren bewegt und befriedigt, sogar Kaulbars. Als er aber schliesslich auf
seinem Vorwerk ankam und von seiner Frau gefragt wurde, wie's denn eigentlich
gewesen sei, kam doch etwas vom alten Adam wieder in ihm heraus, und so musst er
denn wieder nörgeln, wie's nun mal seine Natur war. »Ja, Röse, wie soll es
gewesen sein«, hob er an, »es war ja soweit alles ganz gut. Aber als der alte
Herr von Bredow begraben wurde, war nicht halb soviel los. Sie haben immer
zuviel von ihm gemacht, und eigentlich war es, wie wenn ein Prinz begraben
würde. Und Obadja, denk ich, wird nu woll auch noch Landestrauer ausschreiben.
Was zuviel is, is zuviel... Und Miss Rut, na, die weinte, dass es ein Jammer
war, und die alte Pollacksche schrie, als ob sie der Bock stiesse. Und der
verrückte Franzose, den hättst du sehen sollen. Der stand da, geradso, als ob er
lebendig mit eingemauert werden sollte. Und wenn sie ihn mal kriegen, na, denn
kann so was auch immer noch kommen.«
Um dieselbe Nachmittagsstunde aber, wo Kaulbars diese Betrachtungen seiner Frau
gegenüber anstellte, sass Obadja an seinem Arbeitstisch und schloss einen längeren
Brief mit der geschnörkelten Aufschrift: An den Kirchen- und Gemeindevorstand zu
Wolfshau bei Krummhübel in Schlesien (Prussia).
    Der Brief selbst aber lautete:
    »Dem verehrlichen Kirchen- und Gemeindevorstande zu Wolfshau (Krummhübel)
habe ich in nachstehendem die Pflicht, das Hinscheiden ihres Ortsangehörigen
Lehnert Menz bekanntzugeben. Er starb hier am 1. Juni d. J. und wurde den 4. in
unserer Familiengruft zu seiner letzten Ruhe bestattet. Über sein Vorleben und
seine Schuld war ich durch ihn selbst unterrichtet, aber ebenso war ich, von dem
Tage seines Eintritts in unser Haus an, auch ein Zeuge seiner Reue. Seine
Tüchtigkeit bei der Arbeit, seine kleinen gesellschaftlichen Gaben, seine Demut
und Bescheidenheit (wohl erst durch den Gang seines Lebens erworben), vor allem
aber seine gute Sitte, machten ihn zum Liebling unseres Hauses, und es war
beschlossen, ihn, noch im Laufe dieses Sommers, meiner Familie näher zu
verbinden: die Hand meiner Tochter Rut, die er durch seinen Mut und seine
Geistesgegenwart gerettet hatte, war ihm zugesprochen. Alles liess eine
glückliche Zukunft erwarten. Als er mir aber auch den auf einem Jagdausfluge
begriffenen und in eine gefährliche Lage geratenen Sohn erhalten wollte, war es
ihm, nach Gottes unerforschlichem Ratschluss, vorherbestimmt, diese neue
Liebestat mit seinem Leben zu bezahlen. Im eifrigen Suchen nach dem, den er in
unserem Gebirge verirrt glaubte, glitt er einen steilen Bergkegel, den wir den
Look-out nennen, herab und verletzte sich dabei derart (der Hüftknochen sprang
aus dem Gelenk), dass er unfähig war, sich von der Unglücksstelle fortzubewegen,
geschweige denn seinen Rückweg nach unserem Dorfe hin zu finden. Und in
Einsamkeit ist er dort oben gestorben, nicht ohne dass sich zu seinem
körperlichen Schmerz auch noch der Schmerz des Gewissens gesellt hätte, wie
seine letzten Worte mit aller Bestimmteit bezeugen. Wir fanden ihn den zweiten
Tag, hoch auf dem Kamm des Gebirges, tot, mit einem in die Brusttasche
gesteckten Zettel, auf den er, nachdem er sich eigens die Hand mit seinem Messer
geritzt, all das mit Blut niedergeschrieben, was ihm in seiner letzten schweren
Stunde das Herz bewegt hatte. Das Holzstäbchen, das ihm dabei gedient, hielt er
noch in seiner Rechten. Die niedergeschriebenen Worte aber lauten: Vater unser,
der du bist im Himmel... Und vergib uns unsere Schuld... Und du, Sohn und
Heiland, der du für uns gestorben bist, tritt ein für mich und rette mich... Und
vergib uns unsere Schuld... Ich hoffe: quitt. Mir aber, der ich, neben der
Meldung vom Tode des Lehnert Menz, auch diese seine letzten Worte zu Ihrer
Kenntnis zu bringen hatte, sei es gestattet, hinzuzufügen, dass ich der
Überzeugung lebe, seine Busse habe seine Schuld gesühnt: Hoffnung lässt nicht
zuschanden werden.
    Eines verehrlichen Kirchen- und Gemeindevorstandes zu Wolfshau (Krummhübel)
ganz ergebenster Obadja Hornbostel, Prediger und Vorstand der Mennonitengemeinde
zu Nogat-Ehre, Indian-Territory. U. St.«
 
                          Siebenunddreissigstes Kapitel
Es war grad am Johannistage, dass dieser Brief Obadjas in Krummhübel eintraf und,
nach einigem Schwanken, wer denn eigentlich als Adressat anzusehen sei (denn es
gab keinen Kirchen- und Gemeindevorstand von Wolfshau), von dem neuen Arnsdorfer
Pastor unter Herzuziehung von Exner und Gerichtsmann Klose geöffnet und gelesen
wurde. Selbstverständlich in grosser Aufregung, an der alsbald das ganze Dorf
teilnahm, vor allem die Wolfshauer. Wer irgend konnte, nahm Abschrift von dem
Brief, auch Exner und Klose, da das Original zu den Akten musste.
    Das war am Johannistag 1885.
    Drei Tage später kam auf der Krummhübler Chaussee, von Schmiedeberg her, ein
Zweispänner herauf, hinten mit einem auf die Pritsche geschnallten grossen
Reisekorb, vorn aber mit einem obeliskartig aufgerichteten Lederkoffer. Halb in
Deckung dieses Koffers, und zugleich Schulter an Schulter mit dem Kutscher, sass
ein kleiner Herr in einem modischen, grau-und braunmelierten Reiseanzug und
sprach dann und wann lebhaft in den mit drei Damen besetzten Fond des Wagens
hinein. Alle schienen heiter und ausgelassen. Aber wer sie waren, liess sich
nicht deutlich erkennen, da sich die Damen mit ihren Sonnenschirmen und der
kleine Herr sogar mit einem graukattunenen Regenschirm gegen die Sonne
schützten. Eins nur war gewiss, sie konnten nicht fremd an dieser Stelle sein;
das sah man an ihren Bewegungen und lebhaft vorgestreckten Zeigefingern, wenn
sie den einen oder anderen Punkt wiedererkannten.
    So kamen sie bis an den ziemlich steilen Abhang, der von der Untermühle her
zum Dorfe hinaufführt, und bogen nach Passierung dieser von allen Hauderern und
Lohnkutschern gefürchteten Stelle glücklich, an der Schmiede vorüber, in die
Dorfstrasse ein. Und nun hielten sie vor der »Schneekoppe«, wo sie schon erwartet
zu werden schienen, denn alles stand in der Tür, um sie zu begrüssen, auch Marie,
die seit den mittlerweile verflossenen sieben Jahren noch etwas korpulenter,
aber, trotz aller Korpulenz, nur eleganter und hübscher geworden war. Endlich
wurden auch die Schirme zugeklappt, die rotseidnen wie der kattunene, und jeder
sah nun, dass es Espes waren.
    Ja, es waren Espes, die, nach Begrüssung der gesamten Exnerfamilie, sofort
auf die offene Halle zuschritten und hier an ihrem Stammtische Platz nahmen.
    »Nun, Marie, da sind wir wieder. Alles unverändert; herrlich! Und Sie
selber! Immer jünger geworden... Wenn ich Sie bitten darf, Marie: vier Schnitzel
und zwei Kulmbacher. Und zwei Himbeerlimonaden... Oder haben die Damen
vielleicht andere Befehle? Geraldine, vielleicht Mosel und Erdbeeren?«
    Espe sagte das alles sehr forsch und zeigte sich überhaupt verwandelt, sogar
in seiner Haltung seiner Frau gegenüber, was ihm gut stand und als ein Resultat
der grossen Ereignisse der letzten zwei Jahre - er war »Geheimer« geworden -
angesehen werden konnte. Das eigentlich Ausschlaggebende lag aber erst ganz
kurze Zeit zurück und bestand darin, dass ihm, beim letzten Ordensfeste, die
dritte Klasse behändigt worden war, bei welcher Gelegenheit (ein Glück kommt nie
allein) der an ihn herantretende Kronprinz mit der ihm eignen Freundlichkeit
gesagt hatte: »Was Tausend, Espe, auch hier? Wie geht es? Freue mich sehr« -
Huldbeweise, zu denen sich bei Geraldine nach und nach die ganz richtige
Betrachtung gesellt hatte, dass das Eheliche, bei massvollen Ansprüchen,
eigentlich angenehmer und besser als das »ewige Gehabe« sei, das, bei Lichte
besehen, wenig Vergnügen und bloss viel Klatschereien einbringe. Sie lachte jetzt
mitunter über die zurückliegenden Zeiten und sagte, wenn sie mit Espe, während
Selma den Tee machte, eine Partie Besique oder Rabouge spielte: »Espe, du
könntest mir wohl mal einen Kuss geben.« Das tat er denn auch und war glücklich
über seine verbesserte Stellung, seine Frau und seine Kinder, die, beiläufig,
seit sie gross und erwachsen waren, ihrem Namensgeber womöglich noch unähnlicher
sahen als früher. Im übrigen hatte er, wie alle Leute, die mit vierzig schon
fast wie Siebziger aussehen, nicht im geringsten gealtert und war beinah
lebhafter und gesprächiger als früher. »Ach, da ist ja auch der Springbrunnen«,
wandte er sich an die beiden Töchter. »Und da der Mittagsstein. Und da die
Koppe. Sieh nur, Selma, wie scharf profiliert; welche Silhouette!«
    Die Mädchen kicherten, weil sie die Schwäche des Vaters kannten, auf Reisen
und an öffentlichen Orten immer zu Fremdwörtern zu greifen, waren aber sonst,
was die »Silhouette« betraf, ganz derselben Meinung und suchten ihrerseits nach
den Teichrändern und ob man, bei dem klaren Wetter, vielleicht die Schneegruben
und die Grosse Sturmhaube sehen könne.
    In dieser Weise setzte sich das Gespräch fort und ward erst unterbrochen,
als Marie mit dem Tablett kam und die Couverts aufstellte, wie sich denken lässt,
mit besonderer Artigkeit gegen die Rätin, deren dominierende Stellung ihr aus
früherer Zeit her noch sehr wohl in Erinnerung war. Ebenso fand sie für die
Fräuleins, die, weil beide sehr hübsch, seit lange schon ein Gegenstand
hochfliegendster mütterlicher Pläne waren, die allerschmeichelhaftesten Worte.
Marie verstand das.
    Espe selbst wurde bei diesem Tischgespräch nur gestreift, was darin seinen
Grund hatte, dass er - sonst ein guter und freudiger Esser - heute das sich
vorbereitende Frühstück eigentlich nur als eine Störung ansah und fortfuhr, mit
seinem Opernglas an den Bergen entlang zu suchen. »Ah, da ist ja auch das
Gehänge. Und da rechts, wenn mein Glas mich nicht täuscht, steht so was wie ein
Denkmal; das muss ungefähr die Stelle sein, wo sie damals den Opitz gefunden
haben. Sagen Sie, Marie, wie steht es denn damit? Ist es noch immer nicht
heraus? War es der Menz (so hiess er ja wohl), oder war er's nicht?«
    »Ja, Herr Rat, er war es... Oder Herr Geheimer... Ich weiss nicht recht, aber
ich habe gehört...«
    »Bitte, bitte, Marie.«
    »Nun denn, Herr Rat, der Lehnert Menz war es. Seit drei Tagen wissen wir es
gewiss. Und Herr Exner hat auch eine Abschrift genommen.«
    »Eine Abschrift? Wovon?«
    »Von dem Brief, der hier ankam. Aus Amerika. Den Namen hab ich vergessen.«
    »Ei, da bin ich doch neugierig, Marie. Kann man den Brief nicht lesen?«
    »O gewiss, gewiss. Ich werd es in der Küche der jungen Frau Exner sagen und
Ihnen den Brief bringen, das heisst die Abschrift. Es ist alles sehr rührend, und
alle sind wieder für ihn und gegen Opitz, und die alte Frau Böhmer hat sogar
geweint.«
Eine Viertelstunde später waren Espes in alles eingeweiht. Der Geheimrat hatte
klüglicherweise den Brief erst überflogen, weil man doch nicht wissen könne...
dann aber alles vorgelesen, Zeile um Zeile, und war, was ihm nicht leicht
passierte, wenigstens vorübergehend, in eine nicht geringe Bewegung geraten, von
der er sich erst, als er den Brief an Marie zurückgab, durch die Bemerkung frei
zu machen suchte: »Ich sehe hier Namen und nehme an, dass es eine vidimierte
Abschrift ist.«
    Diesmal kicherten die Mädchen nicht und waren vielmehr ganz bei Lehnert und
Rut.
    »Rut«, sagte Selma zu Frida. »Welch hübscher Name!«
    »Ja. Und wie geschaffen für eine Liebesgeschichte. Hättest du ihn nehmen
mögen, Selma?«
    »Gewiss hätt ich. Und noch dazu drüben in Amerika, wo man nicht das Aussuchen
hat. Aber wenn auch, wer sich für einen Freund opfert, opfert sich auch für eine
Braut, und darauf kommt es an. Er muss ganz ungemein schneidig gewesen sein.«
    Espe, der das plötzlich in ihm lebendig gewordene Mitleid längst wieder den
Forderungen staatlich-gesellschaftlicher Sicherheit untergeordnet hatte, nahm
Anstoss an diesen Gewagteiten seiner Tochter, ganz besonders aber an dem Worte
»schneidig«.
    »Du weisst, Selma, dass ich das nicht liebe. Vor allem aber solltet ihr über
das Nebensächliche die Hauptsache nicht vergessen. Es ist hier formell und
materiell gefehlt und nichts in die rechten Wege geleitet worden. Soviel ich
weiss, haben wir, wie mit anderen zivilisierten Staaten, auch mit Amerika
Kartellverträge. Daraufhin musste die Spur dieses Lehnert Menz verfolgt und auf
seine Auslieferung bestanden werden. Er gehörte vor die Geschworenen und nach
seiner Verurteilung (die wohl nicht ausbleiben konnte) vor Krauts, den wir ja
jetzt, ich will nicht sagen auf Requisition, aber doch auf behördlichen Antrag,
auch in den Provinzen haben können. Was heisst quitt? Wer das Schwert nimmt, soll
durch das Schwert umkommen; das ist quitt. Der Staat, wenn ich mich so
ausdrücken darf, ist in diesem Fall in seinem Recht leer ausgegangen, und die
Justiz hat das Nachsehen. Und das soll nicht sein und darf nicht sein. Ordnung,
Anstand, Manier. Ich bin ein Todfeind aller ungezügelten Leidenschaften.«
    »Ach, Espe, lass das«, sagte die Rätin.
    Und Bilder anderer Tage standen auf einen Augenblick wieder vor Geraldinens
Seele.
 
    