
        
                               Berta von Suttner
                               Die Waffen nieder!
                             Eine Lebensgeschichte
                                   Erster Band
                                   Erstes Buch
                                      1859
Mit siebzehn Jahren war ich ein recht überspanntes Ding. Das könnte ich wohl
heute nicht mehr wissen, wenn die aufbewahrten Tagebuchblätter nicht wären. Aber
darin haben die längst verflüchtigten Schwärmereien, die niemals wieder
gedachten Gedanken, die nie wieder gefühlten Gefühle sich verewigt, und so kann
ich jetzt beurteilen, was für exaltierte Ideen in dem dummen, hübschen Kopfe
steckten. Auch dieses Hübschsein, von dem mein Spiegel nicht mehr viel zu
erzählen weiss, wird mir durch alte Porträts verbürgt. Ich kann mir denken, welch
beneidetes Geschöpf die jugendliche, als schön gepriesene, von allem Luxus
umgebene Komtess Marta Altaus gewesen sein mochte. Die sonderbaren - in rotem
Umschlag gehefteten - Tagebuchblätter jedoch, deuten mehr auf Melancholie, als
auf Freude am Leben. Die Frage ist nun die: war ich wirklich so töricht, die
Vorteile meiner Lage nicht zu erkennen, oder nur so schwärmerisch zu glauben,
dass allein melancholische Empfindungen erhaben und wert seien, in poetischer
Prosa ausgedrückt und als solche in die roten Hefte eingetragen zu werden? Mein
Los schien mich nicht zu befriedigen, denn da steht's geschrieben:
    »Oh, Jeanne d'Arc, - du himmelsbegnadete Heldenjungfrau, könnt' ich sein wie
du! Die Oriflamme schwingen, meinen König krönen und dann sterben - für das
Vaterland, das teure.«
    Zur Verwirklichung dieser bescheidenen Lebensansprüche bot sich mir keine
Gelegenheit. Auch im Cirkus von einem Löwen als christliche Märtyrerin zerrissen
zu werden - ein anderer (laut Eintragung vom 19. September 1853) von mir
beneideter Beruf - war mir nicht zugänglich, und so hatte ich offenbar unter dem
Bewusstsein zu leiden, dass die grossen Taten, nach welchen meine Seele dürstete,
ewig ungeschehen bleiben müssten, dass mein Leben - im Grunde genommen - ein
verfehltes war. Ach, warum war ich nicht als Knabe zur Welt gekommen! (auch ein
in den roten Heften gegen das Schicksal oft vorgebrachter, fruchtloser Vorwurf)
- da hätte ich doch Erhabenes erstreben und leisten können. Vom weiblichen
Heldentum bietet die Geschichte nur wenig Beispiele. Wie selten kommen wir dazu,
die Gracchen zu Söhnen zu haben, oder unsere Männer zu den Weinsberger Toren
hinauszutragen, oder uns von säbelschwingenden Magyaren zuschreien zu lassen:
»Es lebe Maria Teresia, unser König!« Aber wenn man ein Mann ist, da braucht
man ja nur das Schwert umzugürten und hinauszustürzen, um Ruhm und Lorbeer zu
erringen - sich einen Tron erobern - wie Cromwell, ein Weltreich - wie
Bonaparte! Ich erinnere mich, dass der höchste Begriff menschlicher Grösse mir in
kriegerischem Heldentum verkörpert schien. Für Gelehrte, Dichter,
Länderentdecker hatte ich wohl einige Hochachtung, aber eigentliche Bewunderung
flössten mir nur die Schlachtengewinner ein. Das waren ja die vorzüglichen Träger
der Geschichte, die Lenker der Länderschicksale; die waren doch an Wichtigkeit,
an Erhabenheit - an Göttlichkeit beinahe - über alles andere Volk so erhaben,
wie Alpen- und Himalayagipfel über Gräser und Blümlein des Tales.
    Aus alledem brauche ich nicht zu schliessen, dass ich eine Heldennatur besass.
Die Sache lag einfach so: ich war begeisterungsfähig und leidenschaftlich; da
habe ich mich natürlich für dasjenige leidenschaftlich begeistert, was mir von
meinen Lehrbüchern und von meiner Umgebung am höchsten angepriesen wurde.
    Mein Vater war General in der österreichischen Armee und hatte unter »Vater
Radetzky«, den er abgöttisch verehrte, in Custozza gefochten. Was musste ich da
immer für Feldzugsanekdoten hören! Der gute Papa war so stolz auf seine
Kriegserlebnisse und sprach mit solcher Genugtuung von den »mitgemachten
Campagnen«, dass mir unwillkürlich um jeden Mann leid war, der keine ähnlichen
Erinnerungen besitzt. Welch eine Zurücksetzung doch für das weibliche
Geschlecht, dass es von dieser grossartigsten Betätigung des menschlichen Ehr-
und Pflichtgefühls ausgeschlossen ist! ... Wenn mir je etwas von den
Bestrebungen der Frauen nach Gleichberechtigung zu Ohren kam - doch davon hörte
man in meiner Jugend nur wenig und gewöhnlich in verspottendem und verdammendem
Tone - so begriff ich die Emanzipationswünsche nur nach einer Richtung: die
Frauen sollten auch das Recht haben, bewaffnet in den Krieg zu ziehen. Ach, wie
schön las sich's in der Geschichte von einer Semiramis oder Katarina II.: »sie
führte mit diesem oder jenem Nachbarstaate Krieg - sie eroberte dieses oder
jenes Land ...«
    Überhaupt, die Geschichte! die ist, so wie sie der Jugend gelehrt wird, die
Hauptquelle der Kriegsbewunderung. Da prägt sich schon dem Kindersinne ein, dass
der Herr der Heerscharen unaufhörlich Schlachten anordnet; dass diese sozusagen
das Vehikel sind, auf welchem die Völkergeschicke durch die Zeiten fortrollen;
dass sie die Erfüllung eines unausweichlichen Naturgesetzes sind und von Zeit zu
Zeit immer kommen müssen, wie Meeresstürme und Erdbeben; dass wohl Schrecken und
Greuel damit verbunden sind, letztere aber voll aufgewogen werden: für die
Gesamteit durch die Wichtigkeit der Resultate, für den Einzelnen durch den
dabei zu erreichenden Ruhmesglanz, oder doch durch das Bewusstsein der
erhabensten Pflichterfüllung. Gibt es denn einen schöneren Tod, als den auf dem
Feld der Ehre - eine edlere Unsterblichkeit, als die des Helden? Das alles geht
klar und einhellig aus allen Lehr- und Lesebüchern »für den Schulgebrauch«
hervor, wo nebst der eigentlichen Geschichte, die nur als eine lange Kette von
Kriegsereignissen dargestellt wird, auch die verschiedenen Erzählungen und
Gedichte immer nur von heldenmütigen Waffentaten zu berichten wissen. Das
gehört so zum patriotischen Erziehungssystem. Da aus jedem Schüler ein
Vaterlandsverteidiger herangebildet werden soll, so muss doch schon des Kindes
Begeisterung für diese seine erste Bürgerpflicht geweckt werden; man muss seinen
Geist abhärten gegen den natürlichen Abscheu, den die Schrecken des Krieges
hervorrufen könnten, indem man von den furchtbarsten Blutbädern und Metzeleien,
wie von etwas ganz Gewöhnlichem, Notwendigem, so unbefangen als möglich erzählt,
dabei nur allen Nachdruck auf die ideale Seite dieses alten Völkerbrauches
legend - und auf diese Art gelingt es, ein kampfmutiges und kriegslustiges
Geschlecht zu bilden.
    Die Mädchen - welche zwar nicht ins Feld ziehen sollen - werden aus
denselben Büchern unterrichtet, die auf die Soldatenzüchtung der Knaben angelegt
sind, und so entsteht bei der weiblichen Jugend dieselbe Auffassung, die sich in
Neid, nicht mittun zu dürfen, und in Bewunderung für den Militärstand auflöst.
Was uns zarten Jungfräulein, die wir doch in allem Übrigen zu Sanftmut und Milde
ermahnt werden, für Schauderbilder aus allen Schlachten der Erde, von den
biblischen und macedonischen und punischen bis zu den dreissigjährigen und
napoleonischen Kriegen vorgeführt werden, wie wir da die Städte brennen und die
Einwohner »über die Klinge springen« und die Besiegten schinden sehen - das ist
ein wahres Vergnügen.... Natürlich wird durch diese Aufhäufung und Wiederholung
der Greuel das Verständnis, dass es Greuel sind, abgestumpft; alles, was in die
Rubrik Krieg gehört, wird nicht mehr vom Standpunkte der Menschlichkeit
betrachtet - und erhält eine ganz besondere, mystisch-historisch-politische
Weihe. Es muss sein - es ist die Quelle der höchsten Würden und Ehren - das sehen
die Mädchen ganz gut ein: haben sie doch die kriegsverherrlichenden Gedichte und
Tiraden auch auswendig lernen müssen. Und so entstehen die spartanischen Mütter
und die »Fahnenmütter« und die zahlreichen, dem Offizierkorps gespendeten
Cotillonorden während der »Damenwahl«.
Ich bin nicht, wie so viele meiner Standesgenossinnen, im Kloster, sondern unter
der Leitung von Gouvernanten und Lehrern im Vaterhause erzogen worden. Meine
Mutter verlor ich früh. Mutterstelle an uns Kindern - ich hatte noch drei
jüngere Geschwister - vertrat unsere Tante, eine alte Stiftsdame. Wir
verbrachten die Wintermonate in Wien, den Sommer auf einem Familiengute in
Niederösterreich.
    Meinen Erzieherinnen und Lehrern habe ich viel Freude gemacht, dessen
erinnere ich mich - denn ich war eine fleissige mit gutem Gedächtnis begabte, und
namentlich ehrgeizige Schülerin. Da ich meinen Ehrgeiz, wie schon bemerkt, nicht
damit befriedigen konnte, als Heldenjungfrau Schlachten zu gewinnen, so begnügte
ich mich damit, in den Lektionen gute Zensuren davonzutragen und durch meinen
Lerneifer der Umgebung Bewunderung abzuzwingen. In der französischen und
englischen Sprache brachte ich es nahezu zur Vollkommenheit; von Erd- und
Himmelskunde, von Naturgeschichte und Physik machte ich mir so viel zu eigen,
als mir in dem Programm einer Mädchenerziehung überhaupt zugänglich war; aber
von dem Gegenstand »Geschichte« lernte ich noch mehr als von mir gefordert
wurde. Aus der Bibliotek meines Vaters holte ich mir dickbändige Historienwerke
hervor, in welchen ich in meinen Mussestunden studierte. Ich glaubte mich
jedesmal um ein Stück gescheiter geworden, wenn ich ein Ereignis, einen Namen,
ein Datum aus vergangenen Zeiten meinem Gedächtnis neu einverleibt hatte. Gegen
Klavierspielerei - welche doch auch im Erziehungsplan aufgezeichnet stand - habe
ich mich standhaft zur Wehr gesetzt. Ich besass weder Talent noch Lust zur Musik
und fühlte, dass mir darin keine Ehrgeizbefriedigung winkte. Ich bat so lange und
inständig, mir die kostbare Zeit, die ich an meine anderen Studien wenden
wollte, nicht für das aussichtslose Geklimper zu kürzen, dass mich mein guter
Vater von der musikalischen Frohnarbeit freisprach. Zum grossen Leidwesen der
Tante, welche meinte, ohne Klavierspiel gäbe es keine eigentliche Bildung mehr.
    Am 10. März 1857 feierte ich meinen siebzehnten Geburtstag. »Schon siebzehn«
lautet unter jenem Datum die Eintragung ins Tagebuch. Dieses »schon« ist ein
Poem. Es steht kein Kommentar daneben, aber vermutlich wollte ich damit sagen:
»und noch nichts für die Unsterblichkeit getan«. Diese roten Hefte leisten mir
heute, da ich meine Lebenserinnerungen aufzeichnen will, gar gute Dienste. Sie
ermöglichen mir, die vergangenen Ereignisse, welche nur als verschwommene
Umrissbilder im Gedächtnis haften geblieben, bis in die kleinsten Einzelheiten zu
schildern, und ganze, längst vergessene Gedankenfolgen oder längst verklungene
Gespräche wörtlich wiederzugeben.
    Im nächstfolgenden Fasching sollte ich in die Gesellschaft eingeführt
werden. Diese Aussicht entzückte mich aber nicht so ausserordentlich, wie dies
gewöhnlich bei jungen Mädchen der Fall ist. Mein Sinn strebte nach Höherem, als
nach Ballsaaltriumphen. Wonach ich strebte? Diese Frage hätte ich mir wohl
selber nicht beantworten können. Vermutlich nach Liebe ... doch das wusste ich
nicht. All diese glühenden Sehnsuchts- und Ehrgeizträume, welche im Jünglings-
und Jungfrauenalter die Menschenherzen schwellen, und welche unter allerlei
Formen - Wissensdurst, Reiselust, Tatendrang - sich verwirklichen wollen, sind
doch zumeist nur die unbewussten Bestrebungen des erwachenden verliebten Triebes.
    In diesem Sommer wurde meiner Tante ein Kurgebrauch in Marienbad verordnet.
Sie fand es für gut, mich mitzunehmen. Obgleich meine offizielle Einführung in
die sogenannte Welt erst in der kommenden Winterszeit stattfinden sollte, so
wurde mir doch gestattet, einige kleine Kurhausbälle mitzumachen; - gleichsam
als Vorübung im Tanzen und Konversieren, damit ich in meiner ersten
Faschingssaison nicht gar zu schüchtern und ungelenk auftreten möge.
    Doch was geschah auf der ersten »Reunion«, die ich besuchte? Ein grosses
sterbliches Verlieben. Natürlich war's ein Husarenlieutenant. Die im Saale
anwesenden Civilisten schienen mir neben den Militärs wie Maikäfer neben
Schmetterlingen. Und unter den anwesenden Uniformträgern waren die Husaren
jedenfalls die glänzendsten; unter den Husaren schliesslich war Graf Arno Dotzky
der blendendste. Über sechs Fuss gross, schwarzes Kraushaar, aufgezwirbeltes
Schnurrbärtchen, weissglitzernde Zähne, dunkle Augen, welche so durchdringend und
zärtlich schauen konnten - kurz, auf seine Frage: »Haben Sie den Cotillon noch
frei, Gräfin?« fühlte ich, dass es noch andere, ebenso erhebende Triumphe geben
kann, wie das Bannerschwingen der Jungfrau von Orleans, oder das
Szepterschwingen der grossen Katarina. Und er, der Zweiundzwanzigjährige, hat
wohl ähnliches empfunden, als er mit dem hübschesten Mädchen des Balles (nach
dreissig Jahren kann man schon so etwas konstatieren) im Walzertakt durch den
Saal flog; da dachte er wohl auch: Dich besitzen, du süsses Ding, das wöge alle
Marschallsstäbe auf.
    »Aber Marta - aber Marta!« brummte die Tante, als ich atemlos auf meinen
Sessel an ihrer Seite zurückfiel, ihr mit den schwingenden Tüllwolken meines
Kleides um den Kopf wirbelnd.
    »O pardon, pardon, Tanti!« bat ich und setzte mich zurecht. »Ich kann nichts
dafür....«
    »Davon ist auch nicht die Rede - mein Vorwurf galt Deinem Benehmen mit
diesem Husaren - Du darfst Dich beim Tanzen nicht so anschmiegen ... und schaut
man denn einem Herrn so in die Augen?«
    Ich errötete tief. Hatte ich etwas Unmädchenhaftes verbrochen? Mochte der
Unvergleichliche etwa eine schlechte Meinung von mir gefasst haben? ...
    Von diesen bangen Zweifeln wurde ich noch im Verlauf des Balles befreit,
denn während des Souperwalzers flüsterte mir der Unvergleichliche zu:
    »Hören Sie mich an - ich kann nicht anders - Sie müssen es erfahren - heute
noch: ich liebe Sie.«
    Das klang ein bisschen anders angenehm, als Johannas famose »Stimmen« ....
Aber so im Weitertanzen konnte ich doch nichts antworten. Das mochte er
einsehen, denn jetzt hielt er inne. Wir standen in einer leeren Ecke des Saales
und konnten die Unterhaltung unbelauscht fortführen:
    »Sprechen Sie, Gräfin, was habe ich zu hoffen?«
    »Ich verstehe Sie nicht,« log ich.
    »Glauben Sie vielleicht nicht an Liebe auf den ersten Blick? Bis jetzt hielt
ich es selber für eine Fabel, aber heute habe ich die Wahrheit davon erprobt.«
    Wie mir das Herz klopfte! Aber ich schwieg.
    »Ich stürze mich kopfüber in mein Schicksal,« fuhr er fort.... »Sie oder
keine! Entscheiden Sie über mein Glück oder über meinen Tod ... denn ohne Sie
kann und will ich nicht leben.... Wollen Sie die Meine werden?«
    Auf eine so direkte Frage musste ich doch etwas erwidern. Ich suchte nach
einer recht diplomatischen Phrase, die - ohne jegliche Hoffnung abzuschneiden -
meiner Würde nichts vergäbe, brachte aber weiter nichts hervor, als ein zitternd
gehauchtes »Ja«.
    »So darf ich morgen bei Ihrer Tante um Ihre Hand anhalten und dem Grafen
Altaus schreiben?«
    Wieder »ja« - diesmal schon etwas fester.
    »O, ich Glücklicher! Also auch auf den ersten Blick? - Du liebst mich?«
    Jetzt antwortete ich nur mit den Augen - doch diese, glaub' ich, sprachen
das allerdeutlichste »Ja«.
An meinem achtzehnten Geburtstage wurde ich getraut, nachdem ich zuvor in die
»Welt« eingeführt und der Kaiserin »als Braut« vorgestellt worden war. Nach
unserer Hochzeit unternahmen wir eine Italienreise. Zu diesem Zweck hatte Arno
einen längeren Urlaub genommen. Von einem Austritt aus dem Militärdienste war
niemals die Rede gewesen. Zwar besassen wir beide ziemlich ansehnliches Vermögen
- aber mein Mann liebte seinen Stand und ich mit ihm. Ich war stolz auf meinen
schmucken Husarenoffizier und sah mit Befriedigung der Zeit entgegen, da er zum
Rittmeister - zum Obersten - und einst zum Generalgouverneur vorrücken würde....
Wer weiss, vielleicht war er zu noch höheren Geschicken bestimmt: vielleicht
sollte er als grosser Feldherr in der vaterländischen Ruhmesgeschichte
glänzen....
    Dass die roten Hefte gerade in der seligen Brautzeit und während der
Flitterwochen eine Lücke aufweisen, tut mir jetzt sehr leid. Verflogen,
verweht, in Nichts verflattert wären die Wonnen jener Tage freilich ebenso, wenn
ich sie auch eingetragen hätte, aber wenigstens wäre ein Abglanz davon zwischen
den Blättern festgebannt. Aber nein: für meinen Gram und meine Schmerzen fand
ich nicht genug Klagen, Gedankenstriche und Ausrufungszeichen; die jammervollen
Dinge mussten der Mit- und Nachwelt sorgfältig vorgeheult werden, aber die
schönen Stunden, die habe ich schweigend genossen. - Ich war nicht stolz auf
mein Glücklichsein und gab es daher niemand - nicht einmal mir selber im
Tagebuche - kund und zu wissen; nur das Leiden und Sehnen empfand ich als eine
Art Verdienst, daher das viele Grosstun damit. Wie doch diese roten Hefte alle
meine traurigen Lagen getreulich spiegeln, während zu frohen Zeiten die Blätter
ganz unbeschrieben blieben. Zu dumm! Das ist, als sammelte Einer während eines
Spazierganges - um Andenken daran nach Hause zu bringen - als sammelte er von
den Dingen, die er auf dem Wege findet, nur das Hässliche; als füllte er seine
Botanisierbüchse nur mit Dornen, Disteln, Würmern, Kröten und liesse alle Blumen
und Falter weg.
    Dennoch, ich erinnere mich: es war eine herrliche Zeit. Eine Art
Feenmärchentraum. Ich hatte ja alles, was ein junges Frauenherz nur begehren
kann: Liebe, Reichtum, Rang, Vermögen - und das Meiste so neu, so überraschend,
so staunenerregend! Wir liebten uns wahnsinnig, mein Arno und ich, mit dem
ganzen Feuer unserer lebensstrotzenden, schönheitssicheren Jugend. Und zufällig
war mein glänzender Husar nebenbei ein braver, herzensguter, edeldenkender
Junge, mit weltmännischer Bildung und heiterem Humor (er hätte ja ebensogut -
was bot der Marienbader Ball für eine Bürgschaft dagegen? - ein böser und ein
roher Mensch sein können) und zufällig war auch ich ein leidlich gescheites und
gemütliches Ding (er hätte auf besagtem Balle ebensogut in ein hübsches
launenhaftes Gänschen sich verlieben können); so kam es denn, dass wir vollkommen
glücklich waren und dass infolgedessen das rotgebundene Lamento-Hauptbuch lange
Zeit leer blieb.
    Halt: hier finde ich eine fröhliche Eintragung - Verzückungen über die neue
Mutterwürde. Am ersten Januar 1859 (war das ein Neujahrsgeschenk!) ward uns ein
Söhnchen geboren. Natürlich erweckte dieses Ereignis so sehr unser Staunen und
unsern Stolz, als wären wir das erste Paar, dem so was passierte. Daher wohl
auch die Wiederaufnahme des Tagebuchs. Von dieser Merkwürdigkeit, von dieser
meiner Wichtigkeit musste die Nachwelt doch unterrichtet werden. Ferner ist das
Tema »junge Mutter« so vorzüglich kunst-und litteraturfähig. Dasselbe gehört zu
den bestbesungenen und fleissigst bemalten Vorwürfen; dabei lässt sich so gut
mystisch und heilig, gerührt und patetisch, naiv und lieblich - kurz ungeheuer
poetisch gestimmt sein. Zur Pflege dieser Stimmung tragen ja (sowie die
Schulbücher zur Pflege der Kriegsbewunderung) alle möglichen Gedichtsammlungen,
illustrierte Journale, Gemäldegalerien und landläufige Entzückungsphrasen unter
der Rubrik »Mutterliebe«, »Mutterglück«, »Mutterstolz« nach Kräften bei. Was
zunächst der Heldenanbetung (siehe Carlyles hero-worship) im Vergötterungsfach
Höchstes geleistet wird, das leisten die Leute in baby-worship. Natürlich blieb
hierin auch ich nicht zurück. Mein kleiner herziger Ruru war mir das wichtigste
Weltwunder. Ach, mein Sohn - mein erwachsener herrlicher Rudolf - was ich für
dich empfinde, dagegen verblasst jene kindische Babybestaunung - dagegen ist jene
blinde, affenmässige, jungmütterliche Fressliebe so nichtig, wie ein Wickelkind ja
selber gegen einen entfalteten Menschen nichtig ist....
    Auch der junge Vater war nicht wenig stolz auf seinen Nachfolger und baute
die schönsten Zukunftspläne auf ihn. »Was wird er werden?« Diese eben noch nicht
sehr dringende Frage wurde des öfteren über Rurus Wiege vorgelegt, und immer
einstimmig entschieden: Soldat. Manchmal erwachte ein schwacher Protest von
seiten der Mutter: »Wie aber, wenn er im Kriege verunglückt?« »Ach bah« ward
dieser Einwurf weggeräumt - »es stirbt ja doch jeder nur dort und dann, wie es
ihm bestimmt ist.« Ruru würde ja auch nicht der einzige bleiben; von den
folgenden Söhnen mochte in Gottes Namen einer zum Diplomaten, ein anderer zum
Landwirt, ein dritter zum Geistlichen erzogen werden, aber der älteste, der
musste seines Vaters und Grossvaters Beruf - den schönsten Beruf von allen -
erwählen, der musste Soldat werden.
    Und dabei ist's geblieben. Ruru wurde schon mit zwei Monaten von uns zum
Gefreiten befördert. Werden doch alle Kronprinzen gleich nach der Geburt zu
Regimentsinhabern ernannt, warum sollten wir unsern Kleinen nicht auch mit einem
imaginären Rang schmücken? Das war uns ein Hauptspass, dieses Soldatenspielen mit
einem Baby. Arno salutierte, so oft sein Bub auf den Armen der Amme ins Zimmer
gebracht wurde. Letztere nannten wir die Marketenderin, und was bei dieser das
Fouragemagazin hiess, lasse ich erraten; Rurus Geschrei ward Alarmsignal
geheissen, und was »Ruru sitzt auf dem Exerzierplatz« bedeutete, lasse ich
abermals erraten sein.
                                     * * *
Am 1. April, als am dritten Monatstage seiner Geburt (nur die Jahrestage zu
feiern hätte zu gar zu seltenen Festen Anlass gegeben), rückte Ruru vom Gefreiten
zum Korporal vor. An jenem Tage geschah aber auch etwas Düsteres; etwas, was mir
das Herz schwer machte und mich veranlasste, es in den roten Heften
auszuschütten.
    Schon längere Zeit war am politischen Horizont der gewisse »schwarze Punkt«
sichtbar, über dessen mögliches Anwachsen von allen Zeitungen und allen
Salongesprächen die lebhaftesten Kommentare geliefert wurden. Ich hatte bis
jetzt nicht darauf geachtet. Wenn mein Mann und mein Vater und deren
militärische Freunde auch öfters vor mir gesagt hatten: »Mit Italien setzt es
nächstens etwas ab«, so war das an meinem Verständnis abgeprallt. Mich um
Politik zu kümmern, hatte ich gerade Zeit und Lust! Da mochte um mich herum noch
so eifrig über das Verhältnis Sardiniens zu Österreich, oder über das Verhalten
Napoleons III. debattiert werden, dessen Hilfe Cavour durch die Teilnahme am
Krimkriege sich zugesichert hatte; da mochte man immerhin von der Spannung
reden, welche zwischen uns und den italienischen Nachbarn durch diese Allianz
hervorgerufen worden - das beachtete ich nicht. Aber an jenem 1. April sagte mir
mein Mann allen Ernstes:
    »Weisst Du, Schatz - es wird bald losgehen.«
    »Was wird losgehen, mein Liebling!«
    »Der Krieg mit Sardinien.«
    Ich erschrak. »Um Gotteswillen - das wäre furchtbar! Und musst Du mit?«
    »Hoffentlich.«
    »Wie kannst Du so etwas sagen? Hoffentlich fort von Weib und Kind?«
    »Wenn die Pflicht ruft ...«
    »Dann kann man sich fügen. Aber hoffen - das heisst also wünschen, dass einem
solch bittere Pflicht erwachse -«
    »Bitter? So ein frischer, fröhlicher Krieg muss ja was Herrliches sein. Du
bist eine Soldatenfrau - vergiss das nicht -«
    Ich fiel ihm um den Hals ...
    »O Du mein lieber Mann, sei ruhig: ich kann auch tapfer sein ... Wie oft
habe ich's den Helden und Heldinnen der Geschichte nachempfunden, welch
erhebendes Gefühl es sein muss, in den Kampf zu ziehen. Dürfte ich nur mit - an
Deiner Seite fechten, fallen oder siegen!«
    »Brav gesprochen, mein Weibchen - aber Unsinn. Dein Platz ist hier an der
Wiege des Kleinen, in dem auch ein Vaterlandsverteidiger gross gezogen werden
soll. Dein Platz ist an unserem häuslichen Herd. Um diesen zu schützen und vor
feindlichem Überfall zu wahren, um unserm Heim und unsern Frauen den Frieden zu
erhalten, ziehen wir Männer ja in den Krieg.«
    Ich weiss nicht, warum mir diese Worte, welche ich in ähnlicher Fassung doch
schon oft zustimmend gehört und gelesen hatte, diesmal einigermassen als »Phrase«
klangen ... Es war ja kein bedrohter Herd da, keine Barbarenhorden standen vor
den Toren - einfach politische Spannung zwischen zwei Kabinetten ... Wenn also
mein Mann begeistert in den Krieg ziehen wollte, so war es doch nicht so sehr
das dringende Bedürfnis, Weib und Kind und Vaterland zu schützen, als vielmehr
die Lust an dem abenteuerlichen, Abwechslung bietenden Hinausmarschieren - der
Drang nach Auszeichnung - Beförderung ... Nun ja, Ehrgeiz ist es - schloss ich
diesen Gedankengang - schöner, berechtigter Ehrgeiz, Lust an tapferer
Pflichterfüllung!
    Es war schön von ihm, dass er sich freute, wenn er zu Felde ziehen müsste;
aber noch war ja nichts entschieden. Vielleicht würde der Krieg gar nicht
ausbrechen, und selbst für den Fall, dass man sich schlage, wer weiss, ob gerade
Arno wegkommandiert würde - es geht ja doch nicht immer die ganze Armee vor den
Feind. Nein, dieses so herrliche, abgerundete Glück, welches mir das Schicksal
zurecht gezimmert hatte, konnte doch dieses selbe Schicksal nicht so roh
zertrümmern. - O Arno, mein vielgeliebter Mann - dich in Gefahr zu wissen, es
wäre entsetzlich! ... Solche und ähnliche Ergüsse füllen die in jenen Tagen
beschriebenen Tagebuchblätter.
    Von da ab sind die roten Hefte eine Zeit lang voll Kannegiesserei: Louis
Napoleon ist ein Intrigant ... Österreich kann nicht lange zuschauen ... es
kommt zum Kriege ... Sardinien wird sich vor der Übermacht fürchten und
nachgeben ... Der Friede bleibt erhalten ... Meine Wünsche - trotz aller
teoretischer Bewunderung vergangener Schlachten - waren natürlich inbrünstig
nach Erhaltung des Friedens gerichtet, doch der Wunsch meines Gatten rief
offenbar die andere Alternative herbei. Er sagte es nicht grad' heraus, aber
Nachrichten über die Vergrösserung des »schwarzen Punktes« teilte er immer
leuchtenden Auges mit; die hier und da, leider immer spärlicher werdenden
Friedensaussichten hingegen konstatierte er stets mit einer gewissen
Niedergeschlagenheit.
    Mein Vater war auch ganz Feuer und Flamme für den Krieg. Die Besiegung der
Piemontesen würde ja nur ein Kinderspiel sein, und zur Bekräftigung dieser
Behauptung regneten wieder die Radetzky-Anekdoten. Ich hörte von dem drohenden
Feldzug immer nur vom strategischen Standpunkt sprechen, nämlich ein Hin- und
Herwägen der Chancen, wie und wo der Feind geschlagen würde und die Vorteile,
welche »uns« daraus erwachsen mussten. Der menschliche Standpunkt - nämlich dass,
ob verloren oder gewonnen, jede Schlacht unzählige Blut- und Tränenopfer
fordert, - kam gar nicht in Betracht. Die hier in Frage stehenden Interessen
wurden als so sehr über alle Einzelschicksale erhaben dargestellt, dass ich mich
der Kleinlichkeit meiner Auffassung schämte, wenn mir bisweilen der Gedanke
aufstieg: »Ach, was frommt den armen Toten, was den armen Verkrüppelten, was den
armen Witwen der Sieg?« Doch bald stellten sich als Antwort auf diese verzagten
Fragen wieder die alten Schulbuchdityramben ein: Ersatz für alles bietet der
Ruhm. Doch wie, wenn der Feind siegte? Diese Frage liess ich einmal im Kreise
meiner militärischen Freunde laut werden - wurde aber schmählich niedergezischt.
Das blosse Erwähnen von der Möglichkeit eines Schattens eines Zweifels ist schon
antipatriotisch. Im voraus seiner Unüberwindlichkeit sicher sein, gehört mit zu
den Soldatenpflichten. Also gewissermassen auch zu den Pflichten einer loyalen
Lieutenantsfrau.
Das Regiment meines Mannes lag in Wien. Von unserer Wohnung hatte man die
Aussicht auf den Prater, und wenn man da ans Fenster trat, wehte es sommerlich
verheissend herein. Es war ein wundervoller Frühling. Die Luft war lau und
veilchenduftend, und zeitiger als in anderen Jahren sprosste das junge Laub
hervor. Auf die im kommenden Monat bevorstehenden grossen Praterfahrten freute
ich mich unbändig. Wir hatten uns zu diesem Zweck ein kokettes »Zeugel«
angeschafft, nämlich einen Kutschierwagen mit einem Viererzug von ungarischen
Juckern. Schon jetzt, in diesen herrlichen Apriltagen, fuhren wir beinahe
täglich in den Prateralleen spazieren, aber das war nur ein Vorkosten des
eigentlichen Maigenusses. Ach, wenn nur bis dahin nicht etwa der Krieg
ausbräche! ...
    »Na, Gott sei Dank - jetzt hat die Unentschiedenheit ein Ende! - rief mein
Mann, als er am Morgen des neunzehnten April vom Exerzieren nach Hause kam. »Das
Ultimatum ist gestellt.«
    Ich erschrak. »Wie - was - was heisst das?«
    »Das heisst, das letzte Wort der diplomatischen Verhandlungen, welches der
Kriegserklärung vorausgeht, ist gesprochen. Unser Ultimatum an Sardinien
fordert, dass Sardinien entwaffne - was dieses natürlich bleiben lässt, und wir
marschieren über die Grenze.«
    »Grosser Gott! - Vielleicht aber entwaffnen sie?«
    »Nun dann wäre der Streit auch beigelegt und es bleibt Frieden.«
    Ich fiel auf die Knie - ich konnte nicht anders. Lautlos und dennoch heftig
wie ein Schrei, schwang sich aus meiner Seele die Bitte zum Himmel: »Frieden,
Frieden!«
    Arno hob mich auf: »Du närrisches Kind!«
    Ich schlang meine Arme um seinen Hals und fing zu weinen an. Es war kein
Schmerzensausbruch, denn noch war ja das Unglück nicht entschieden - aber die
Nachricht hatte mich so erschüttert, dass meine Nerven zitterten und diesen
Tränensturz verursachten.
    »Marta, Marta, Du wirst mich böse machen,« schalt Arno. »Bist Du denn mein
braves Soldatenweiblein? Vergissest Du, dass Du Generalstochter,
Oberlieutenantsfrau und - schloss er lächelnd - Korporalsmutter bist?«
    »Nein, nein, mein Arno ... Ich begreife mich selber nicht ... Das war nur so
ein Anfall ... ich bin ja doch selber für militärischen Ruhm begeistert ... aber
ich weiss nicht - vorhin, als Du sagtest, alles hänge von einem Worte ab, das
jetzt gesprochen werden soll - ein Ja oder Nein auf das sogenannte Ultimatum -
und dieses Ja oder Nein solle entscheiden, ob Tausende bluten und sterben sollen
- sterben in diesen sonnigen, seligen Frühlingstagen - da war mir, als müsste das
Friedenswort fallen und ich konnte nicht anders, als betend niederknieen -«
    »Um dem lieben Gott die Sachlage mitzuteilen, Du Herzensnärrchen?«
    Die Hausglocke ertönte. Schnell trocknete ich meine Tränen. Wer konnte das
sein - so früh?
    Es war mein Vater. Derselbe kam hastig hereingestürzt.
    »Nun, Kinder,« rief er atemlos, indem er sich in einen Lehnsessel warf.
»Wisst Ihr schon die grosse Nachricht - das Ultimatum ...«
    »Soeben habe ich's meiner Frau erzählt.«
    »Sag' Papa, was meinst Du,« fragte ich bange, »wird der Krieg dadurch
abgewendet?«
    »Ich wüsste nicht, dass ein Ultimatum jemals einen Krieg abgewendet hätte.
Vernünftig wäre es wohl von diesem italienischen Jammerpack, wenn es nachgeben
würde und sich keinem neuen Novara aussetzte ... Ach, wäre der gute Vater
Radetzky nicht voriges Jahr gestorben, ich glaube er hätte, trotz seiner neunzig
Jahre, sich noch einmal an die Spitze seines Heeres gestellt und ich wäre, bei
Gott, auch wieder mitmarschiert ... Wir zwei haben's ja schon gezeigt, wie man
mit dem welschen Gesindel fertig wird. Sie haben aber noch nicht genug daran,
die Katzelmacher - sie wollen eine zweite Lektion haben! Auch recht: unser
lombardisch-venetianisches Königreich wird sich durch das piemontesische Gebiet
ganz schön vergrössern lassen - ich sehe schon den Einzug unserer Truppen in
Turin.«
    »Aber Papa, Du sprichst ja, als wäre der Krieg schon erklärt und als wärst
Du darüber froh. Doch wie, wenn Arno mitgehen muss?« Es standen mir schon wieder
die Tränen in den Augen.
    »Das wird er auch - der beneidenswerte Junge.«
    »Aber meine Angst - die Gefahr -«
    »Ach was, Gefahr! Man kommt vom Kriege auch nach Haus, wie Figura zeigt. Ich
habe mehr als eine Campagne mitgemacht, Gott sei Dank, bin auch mehr als einmal
verwundet worden - und bin doch am Leben, weil es mir eben bestimmt war, am
Leben zu bleiben.«
    Die alte fatalistische Redensart! Dieselbe, welche für Rurus künftige
Berufswahl hatte herhalten müssen und die mir auch jetzt wieder als ein Stück
Weisheit einleuchtete.
    »Wenn etwa mein Regiment nicht beordert werden sollte -« begann Arno.
    »Ach ja,« unterbrach ich freudig, »das ist auch noch eine Hoffnung.«
    »Dann lasse ich mich versetzen, wenn möglich -«
    »Es wird schon möglich sein,« versicherte mein Vater. »Hess bekommt den
Oberbefehl und der ist mein guter Freund.«
    Das Herz zitterte mir, aber dennoch konnte ich nicht anders, als diese
beiden Männer bewundern. Mit welche fröhlichem Gleichmut sie von einem kommenden
Feldzug sprachen, als handelte es sich um einen geplanten Spaziergang. Mein
tapferer Arno wollte sogar - auch wenn ihn die Pflicht nicht riefe - freiwillig
vor den Feind ziehen, und mein grossdenkender Vater fand das ganz einfach und
natürlich. Ich raffte mich auf. Fort mit meinem kindischen, weibischen Bangen!
Jetzt galt es, mich dieser meiner Lieben würdig zu zeigen, das Herz über alle
egoistischen Befürchtungen erheben und nur dem schönen Bewusstsein Raum geben:
Mein Gatte ist ein Held.
    Ich sprang auf und hielt ihm beide Hände hin:
    »Arno, ich bin stolz auf Dich!«
    Er zog meine Hände an seine Lippen; dann an den Vater gewendet, mit
freudestrahlender Miene:
    »Das Mädel hast Du gut erzogen, Schwiegervater!«
    Abgelehnt! Das Ultimatum abgelehnt! So geschehen in Turin am 26. April. Die
Würfel gefallen - der Krieg »ausgebrochen«!
    Seit einer Woche war ich auf die Katastrophe gefasst, dennoch versetzte mir
deren Eintreffen einen derben Schlag. Schluchzend warf ich mich auf das Sofa,
den Kopf in die Kissen verbergend, als mir Arno diese Nachricht brachte.
    Er setzte sich an meine Seite und tröstete mich sanft.
    »Mein Liebling, Mut - Fassung! Es ist ja nicht so schlimm ... in kurzer Zeit
kehren wir als Sieger heim ... Dann werden wir Zwei doppelt glücklich sein.
Weine nicht so, es zerreisst mir das Herz ... fast bereue ich, dass ich mich
engagiert habe, auf jeden Fall mitzugehen ... doch nein, bedenke: wenn meine
Kameraden hinaus müssen, mit welchem Recht dürfte ich da zu Hause bleiben? Du
selber müsstest Dich meiner schämen ... Einmal muss ich ja die Feuertaufe erhalten
- ehe das geschehen, fühle ich mich gar nicht recht als Mann und als Soldat.
Denk' nur, wie schön - wenn ich zurückkomme - mit einem dritten Stern am Kragen
- vielleicht mit einem Kreuz auf der Brust.«
    Ich lehnte meinen Kopf an seine Achsel und weinte da weiter. Wie klein ich
doch wieder dachte: Sterne und Kreuze erschienen mir in diesem Augenblick als so
schaler Flitter ... Nicht zehn Grosskreuze auf dieser teuren Brust konnten einen
Ersatz bieten für die grause Möglichkeit, dass eine Kugel sie zerschmettere ...
    Arno küsste mir die Stirn, schob mich sanft beiseite und stand auf:
    »Ich muss jetzt fortgehen, liebes Kind - zu meinem Obersten. Weine Dich aus
... wenn ich wiederkomme, hoffe ich, Dich standhaft und heiter zu finden - ich
brauche das, um nicht von trüben Ahnungen beschlichen zu werden. Jetzt, in so
entscheidender Zeit, wird doch meine eigene kleine Frau nichts tun, mir den Mut
zu benehmen, meine Tatenlust zu dämpfen? Adieu, mein Schatz.« Und er ging.
    Ich raffte mich auf. Seine letzten Worte klangen mir noch im Ohre nach. Ja
offenbar: meine Pflicht war nun die, seinen Mut und seine Tatenlust - nicht nur
nicht zu dämpfen, sondern nach Möglichkeit zu heben. Das ist ja die einzige Art,
wie wir Frauen unsern Patriotismus betätigen können, wie wir des Ruhmes
teilhaftig werden dürfen, den unsere Männer auf den Schlachtfeldern sich holen
... »Schlacht - felder« - sonderbar, wie dieses Wort jetzt plötzlich in zwei
grundverschiedenen Bedeutungen mir vor den Sinn trat. Halb in der altgewohnten,
historischen, patetischen, höchste Bewunderung erregenden Bedeutung, halb in
dem Ekelschauer der blutigen, brutalen Silbe »Schlacht« ... Ja geschlachtet
würden sie auf dem Felde daliegen, die armen hinausgetriebenen Menschen - mit
offenen, roten Wunden - und unter ihnen vielleicht ... Mit einem laut
ausgestossenen Schrei dachte ich diesen Gedanken aus.
    Meine Jungfer, Betti, kam erschrocken hereingerannt. Sie hatte mich schreien
gehört.
    »Um Gottes willen, Frau Gräfin, was ist geschehen?« fragte sie zitternd.
    Ich blickte das Mädchen an: auch sie hatte rotgeweinte Augen. Ich erriet -
sie wusste schon die Nachricht, und ihr Geliebter war Soldat. Mir war's, als
müsste ich die Unglücksschwester an mein Herz drücken.
    »Es ist nichts, mein Kind,« sagte ich weich ... »Die fortziehen, kommen ja
wieder zurück -«
    »Ach, gräfliche Gnaden, nicht alle,« antwortete sie, von neuem in Tränen
ausbrechend.
    Jetzt trat meine Tante bei mir ein und Betti entfernte sich.
    »Ich bin gekommen, Dir Trost zu sprechen, Marta,« sagte die alte Frau, mich
umarmend, »und Dir in dieser Prüfung Ergebung zu predigen.«
    »Also weisst Du?« -
    »Die ganze Stadt weiss es ... Es herrscht grosser Jubel, dieser Krieg ist sehr
populär.«
    »Jubel, Tante Marie?«
    »Nun ja, bei solchen, die kein geliebtes Familienglied mitziehen sehen. Dass
Du traurig sein wirst, konnte ich mir denken, und darum bin ich hierher geeilt.
Dein Papa wird auch gleich kommen; aber nicht um zu trösten, sondern zu
gratulieren: er ist ganz ausser sich vor Freude, dass es losgeht, und betrachtet
es als eine herrliche Chance für Arno, dass er mittun kann. Im Grunde hat er ja
auch recht ... für einen Soldaten gibt's auch nichts Besseres, als den Krieg. So
musst auch Du die Sache betrachten, liebes Kind - Berufserfüllung geht doch allem
voran. Was sein muss -«
    »Ja, Du hast recht, Tante, was sein muss - das Unabänderliche -«
    »Das von Gott gewollte« - schaltete Tante Marie bekräftigend ein.
    »Muss man mit Fassung und Ergebung ertragen.«
    »Brav, Marta. Es kommt ja doch alles so, wie es von der weisen und
allgütigen Vorsehung in unabänderlichem Ratschluss vorher bestimmt ist. Die
Sterbestunde eines Jeden, die steht schon von der Stunde seiner Geburt an
geschrieben. Und wir wollen für unsere lieben Krieger so viel und inbrünstig
beten -«
    Ich hielt mich nicht dabei auf, den Widerspruch, der in diesen beiden
Annahmen liegt: dass der Tod zugleich bestimmt und durch Gebete abzuwenden sein
könne, näher zu erörtern. Ich war mir selbst nicht klar darüber und hatte von
meiner ganzen Erziehung her das vage Bewusstsein, dass man an so heilige Dinge
nicht mit Vernunftfragen herantreten dürfe. Hätte ich gar der Tante gegenüber
solche Skrupel laut werden lassen, so würde sie das arg verletzt haben. Nichts
konnte sie mehr beleidigen, als wenn man über gewisse Dinge rationelle Zweifel
anstellte. »Nicht darüber nachdenken« ist allen Mysterien gegenüber
Anstandsgebot. Wie es die Hofsitte verbietet, an einen König Fragen zu richten,
so ist es auch eine Art lästerlichen Etiquettenbruchs, wenn man an einem Dogma
herum forschen und prüfen will. »Nicht darüber nachdenken« ist übrigens ein sehr
leicht erfüllbares Gebot, und bei diesem Anlass fügte ich mich bereitwillig
darein; ich fing daher mit der Tante keinen Streit an, sondern klammerte mich im
Gegenteil an den Trost, der in dem Hinweis auf das Beten lag. Ja - während der
ganzen Abwesenheit meines Gatten wollte ich so inbrünstig um des Himmels Schutz
flehn, dass dieser alle Kugeln im Fluge von Arno abwenden werde ... Abwenden? -
Wohin? Auf die Brust eines Andern, für den doch wahrscheinlich auch gebetet
wird? ... Und was war mir im physikalischen Lehrkurs demonstriert worden, von
den genau zu berechnenden, unfehlbaren Wirkungen der Stoffe und ihrer Bewegung?
... Wieder ein Zweifel? Fort damit.
    »Ja, Tante,« sagte ich laut, um diese in meinem Geist sich kreuzenden
Widersprüche abzubrechen, »ja, wir wollen fleissig beten und Gott wird uns
erhören: Arno bleibt unversehrt.«
    »Siehst Du, siehst Du, Kind, wie in schweren Stunden die Seele doch zu der
Religion flüchtet ... Vielleicht schickt Dir der liebe Gott die Prüfung, damit
Du Deine sonstige Lauheit ablegst.«
    Das wollte mir wieder nicht recht einleuchten, dass die ganze, noch aus dem
Krimkriege herstammende Verstimmung zwischen Österreich und Sardinien, die
ganzen Verhandlungen, die Aufstellung des Ultimatums und die Ablehnung desselben
nur von Gott veranstaltet worden wären, um meinen lauen Sinn zu erwärmen.
    Aber auch diesen Zweifel auszudrücken, wäre unanständig gewesen. Sobald
jemand den »lieben Gott« in den Mund genommen, gibt das den daran geknüpften
Ausspruch eine gewisse salbungsvolle Immunität. Was die vorgeworfene Lauheit
anbelangt, so hatte dieser Vorwurf einige Begründung. Tante Marias Religiosität
kam aus tiefstem Herzen, während ich mehr äusserlich fromm war. Mein Vater war in
dieser Beziehung völlig indifferent, ebenso mein Gatte; also hatte ich weder von
dem Einen noch dem Andern Anregung zu besonderem Glaubenseifer erhalten. Mich in
die kirchlichen Lehren mit Begeisterung zu vertiefen, hatte ich auch niemals
vermocht, da ich dieselben überhaupt nur mit Anwendung des
»Nichtdarübernachdenken«-Prinzips unangefochten lassen konnte. Ich ging wohl
allsonntäglich zur Messe und alljährlich zur Beichte; auch war ich bei diesen
Ceremonien voll Ehrfurcht und Andacht; aber das Ganze war doch mehr oder minder
eine Art standesmässiger Etiquettenbeobachtung; ich erfüllte die religiösen
Anstandspflichten mit derselben Korrekteit, wie ich auf dem Kammerball die
Figuren der Lanciers ausführte und die Hofreverenz machte, wenn die Kaiserin den
Saal betrat. Unser Schlosskaplan in Niederösterreich und der Nuntius in Wien
konnten mir nichts vorwerfen, aber die von der Tante vorgebrachte Beschuldigung
war wohl berechtigt.
    »Ja, mein Kind,« fuhr sie fort, »im Glück und im Wohlsein vergessen die
Leute leicht ihren Heiland - wenn aber Krankheit oder Todesgefahr über uns und,
mehr noch, über unsere Lieben, hereinbricht, wenn wir niedergeschlagen und in
Kümmernis sind -«
    In diesem Tone wäre es noch lange fortgegangen, aber da wurde die Türe
aufgerissen und mein Vater stürzte herein!
    »Hurrah, jetzt geht's los!« lautete seine Begrüssung »Sie wollen Prügel
haben, die Katzelmacher? So sollen sie Prügel haben - sollen sie haben!«
Das war nun eine aufgeregte Zeit. Der Krieg »ist ausgebrochen«. Man vergisst, dass
es zwei Haufen Menschen sind, die miteinander raufen gehen, und fasst das
Ereignis so auf, als wäre es ein erhabenes, waltendes Drittes, dessen »Ausbruch«
die beiden Haufen zum Raufen zwingt. Die ganze Verantwortung fällt auf diese
ausserhalb des Einzelwillens liegende Macht, welche ihrerseits nur die Erfüllung
der bestimmten Völkerschicksale herbeigeführt. Das ist so die dunkle und
ehrfürchtige Auffassung, welche die meisten Menschen vom Kriege haben und welche
auch die meine war. Von einer Revolte meines Gefühls gegen das Kriegführen
überhaupt, war keine Rede; nur darunter litt ich, dass mein geliebter Mann
hinauszuziehen hätte in die Gefahr, und ich in Einsamkeit und Bangen
zurückzubleiben. Ich kramte alle meine alten Eindrücke aus der Zeit der
Geschichtsstudien hervor, um mich an dem Bewusstsein zu stärken und zu
begeistern, dass die höchste Menschenpflicht es war, die meinen Teuren abberief,
und dass ihm hierdurch die Möglichkeit geboten würde, sich mit Ruhm und Ehren zu
bedecken. Jetzt lebte ich ja mitten drin in einer Geschichtsepoche: das war auch
ein eigentümlich erhebender Gedanke. Weil von Herodot und Tacitus an bis zu den
modernen Historikern herab die Kriege stets als die wichtigsten und
folgenschwersten Ereignisse dargestellt worden, so meinte ich, dass auch
gegenwärtig ein solches - künftigen Geschichtsschreibern als
Abschnittsüberschrift dienendes Weltereignis im Gange war.
    Diese gehobene, wichtigkeitsüberströmende Stimmung war übrigens die
allgemeine herrschende. Man sprach von nichts Anderem in den Salons und auf den
Gassen; las von nichts Anderem in den Zeitungen, betete für nichts Anderes in
den Kirchen: wo man hinkam, überall dieselben aufgeregten Gesichter und die
gleichen lebhaften Besprechungen der Kriegseventualitäten. Alles Übrige, was
sonst das Interesse der Leute wach hält: Teater, Geschäfte, Kunst -, das wurde
jetzt als ganz nebensächlich betrachtet. Es war einem zu Mute, als hätte man gar
kein Recht, an etwas Anderes zu denken, während dieser grosse
Weltschicksalsauftritt sich abspielte. Und die verschiedenen Armeebefehle mit
den bekannten siegesbewussten und ruhmverheissenden Phrasen; und die unter
klingendem Spiel und wehenden Standarten abmarschierenden Truppen; und die in
loyalstem und patriotisch glühendstem Tone gehaltenen Leitartikel und
öffentlichen Reden; dieser ewige Appell an Tugend, Ehre, Pflicht, Mut,
Aufopferung; diese sich gegenseitig gemachten Versicherungen, dass man die
bekannt unüberwindlichste, tapferste, zu hoher Machtausdehnung bestimmte, beste
und edelste Nation sei: alles dies verbreitet eine heroische Atmosphäre, welche
die ganze Bevölkerung mit Stolz erfüllt und in jedem Einzelnen die Meinung
hervorruft, er sei ein grosser Bürger einer grossen Zeit.
    Schlechte Eigenschaften, als da sind: Eroberungsgier, Rauflust, Hass,
Grausamkeit, Tücke - werden wohl auch als vorhanden und als im Kriege sich
offenbarend zugegeben, aber allemal nur beim »Feind«. Dessen Schlechtigkeit
liegt am Tage. Ganz abgesehen von der politischen Unvermeidlichkeit des eben
unternommenen Feldzuges, sowie abgesehen von den daraus unzweifelhaft
erwachsenden patriotischen Vorteilen, ist die Besiegung des Gegners ein
moralisches Werk, eine vom Genius der Kultur ausgeführte Züchtigung.... Diese
Italiener - welches faule, falsche, sinnliche, leichtsinnige, eitle Volk! Und
dieser Louis Napoleon - welcher Ausbund von Ehrsucht und Intriguengeist! Als
sein am 29. April publiziertes Kriegsmanifest erschien, mit dem Motto: »Freies
Italien bis zum adriatischen Meer« - rief das einen Sturm der Entrüstung bei uns
hervor! Ich erlaubte mir eine schwache Bemerkung, dass dies eigentlich eine
uneigennützige und schöne Idee sei, welche für italienische Patrioten
begeisternd wirken müsse; aber ich ward schnell zum Schweigen gebracht. An dem
Dogma »Louis Napoleon ist ein Bösewicht«, durfte, so lange er »der Feind« war,
nicht gerüttelt werden; Alles, was von ihm ausging, war von vornherein
»bösewichterisch«. Noch ein leiser Zweifel stieg in mir auf. In allen
geschichtlichen Kriegsberichten hatte ich die Sympatie und die Bewunderung der
Erzähler immer für diejenige Partei ausgedrückt gefunden, welche einem fremden
Joche sich entringen wollte und welche für die Freiheit kämpfte. Zwar wusste ich
mir weder über den Begriff »Joch« noch über den so überschwänglich besungenen
Begriff »Freiheit« einen rechten Bescheid zu geben, aber so viel schien mir doch
klar: die Jochabschüttelungs- und Freiheitsbestrebung lag diesmal nicht auf
österreichischer, sondern auf italienischer Seite. Aber auch für diese
schüchtern gedachten und noch schüchterner ausgedrückten Skrupel wurde ich
niedergedonnert. Da hatte ich Unselige wieder an einem sakrosankten Grundsatz
gerührt, nämlich dass unsere Regierung - d.h. diejenige, unter welcher man
zufällig geboren worden - niemals ein Joch, sondern nur einen Segen abgeben
könne; dass die von »uns« sich losreissen Wollenden nicht Freiheitskämpen, sondern
einfach Rebellen sind, und dass überhaupt und unter allen Umständen »wir« allemal
und überall in unserm vollen Rechte sind.
    In den ersten Maitagen - es waren kalte, regnerische Tage zum Glück;
sonniges, lenzfrohes Wetter hätte einen noch schmerzlicheren Kontrast bewirkt -
marschierte das Regiment ab, welchem Arno sich hatte zuteilen lassen. Um sieben
Uhr früh ... ach, die vorhergehende Nacht ... war das eine fürchterliche Nacht!
Wäre der Teure auch nur auf eine gefahrlose Geschäftsreise gegangen, die
Trennung hätte mich unsäglich traurig gemacht - Scheiden tut ja so weh - aber
in den Krieg! Dem Feuerregen der feindlichen Geschütze entgegen! ... Warum
konnte ich in jener Nacht bei dem Worte Krieg durchaus nicht mehr dessen
erhabene, historische Bedeutung erfassen, sondern nur dessen toddrohendes
Grausen?
    Arno war eingeschlafen. Ruhig atmend, mit heiterem Gesichtsausdruck lag er
da. Ich hatte eine frische Kerze angezündet und hinter einen Schirm gestellt:
ich konnte heute nicht im Finstern bleiben. Von Schlafen war ja für mich ohnehin
keine Rede - in dieser letzten Nacht. Da musste ich ihm wenigstens die ganze Zeit
ins liebe Gesicht schauen. In einen Schlafrock gehüllt, lag ich auf unserm
Bette; den Ellbogen auf das Kissen, das Kinn in die Handfläche gestützt, blickte
ich auf den Schlummernden herab und weinte still ... »Wie lieb - wie lieb ich
Dich habe, mein Einziger - und Du gehst fort von mir ... Warum ist das Schicksal
so grausam? Wie werde ich leben ohne Dich? Dass Du mir nur bald wiederkehrst! O
Gott, mein guter Gott, mein barmherziger Vater dort oben - lass ihn bald
zurückkommen - ihn und alle ... Lass es bald Frieden sein? ... Warum kann es denn
nicht immer Frieden sein? ... Wir waren so glücklich ... zu glücklich wohl ...
es darf ja auf Erden kein vollkommenes Glück geben ... O Seligkeit - wenn er
unversehrt heimkehrt und dann wieder so an meiner Seite liegt und für den
kommenden Morgen kein Abschied droht ... Wie er ruhig schläft - o Du mein
tapferer Schatz! Aber wie wirst Du dort schlafen? Da gibt es kein weiches, mit
Seide und Spitzen verhängtes Bett für Dich - da musst Du auf harter, nasser Erde
liegen ... vielleicht in einem Graben - hilflos - verwundet ...« Bei diesem
Gedanken konnte ich nicht anders, als mir eine klaffende Säbelhiebwunde auf
seiner Stirn vorstellen, von der das Blut herabsickert, oder ein Kugelloch in
seiner Brust ... und ein heisser Mitleidsschmerz ergriff mich. Wie gern hätte ich
meine Arme um ihn geschlungen und ihn geküsst, aber ich durfte ihn nicht wecken;
er brauchte diesen stärkenden Schlaf. Nur noch sechs Stunden ... tik - tak - tik
- tak: unbarmherzig schnell und sicher geht die Zeit jedem Ziele entgegen.
Dieses gleichgültige Tick - Tack tat mir weh. Auch das Licht brannte ebenso
gleichgültig hinter seinem Schirm, wie diese Uhr mit ihrem blöden regungslosen
Bronze-Amor tickte ... Begriffen denn all diese Dinge nicht, dass dies die letzte
Nacht war? Die tränenden Lider fielen mir zu, das Bewusstsein schwand
allmählich, und den Kopf auf das Kissen sinken lassend, schlief ich dennoch
selber ein. Aber immer nur auf kurze Zeit. Kaum verlor sich mein Sinn in die
Nebel eines formlosen Traumes, so krampfte mein Herz sich plötzlich zusammen und
ich erwachte durch einen heftigen Schlag desselben, mit dem gleichen
Angstgefühle, wie wenn man durch Hilferuf oder Feuerlärm geweckt wird ...
»Abschied, Abschied!« hiess der Alarm.
    Als ich zum zehnten oder zwölften male so aus dem Schlummer auffuhr, war es
Tag und die Kerze flackerte noch. Man klopfte an der Tür.
    »Sechs Uhr, Herr Oberlieutenant,« meldete die Ordonnanz, welche Befehl
erhalten hatte, rechtzeitig zu wecken.
    Arno richtete sich auf ... Jetzt also war die Stunde gekommen - jetzt würde
es gesprochen werden, dieses jammer-jammervolle Wort »Lebwohl«.
    Es war ausgemacht worden, dass ich ihn nicht zur Bahn begleiten würde. Die
eine Viertelstunde mehr oder weniger des Beisammenseins - auf die kam es nicht
mehr an. Und das Leid der letzten Losreissung, das wollte ich nicht vor fremden
Leuten blosslegen; ich wollte allein in meinem Zimmer sein, wenn der Abschiedskuss
getauscht worden, um mich auf den Boden werfen - um schreien, laut schreien zu
können.
    Arno kleidete sich rasch an. dabei sprach er allerlei Tröstliches auf mich
ein:
    »Wacker, Marta! In längstens zwei Monaten ist die Geschichte vorbei und ich
bin wieder da.... Zum Kuckuck - von tausend Kugeln trifft nur eine und die muss
nicht gerade mich treffen.... Es sind andere auch schon aus dem Krieg
zurückgekommen: sieh' Deinen Papa. Einmal musste es doch sein. Du hast doch
keinen Husarenoffizier in der Idee geheiratet, sein Handwerk sei die
Hyazintenzucht? Ich werde Dir oft schreiben, so oft als möglich, und Dir
berichten, wie frisch und fröhlich die ganze Campagne vor sich geht. Wenn mir
was Schlimmes bestimmt wäre, so könnte ich mich nicht so wohlgemut fühlen ...
einen Orden geh' ich mir holen, weiter nichts.... Gib nur hier recht acht auf
Dich selber und auf unsern Ruru - der, wenn ich avanciere, auch wieder um einen
Grad vorrücken darf. Grüss ihn von mir ... ich will den Abschied von gestern
Abend nicht noch wiederholen. ... Dem wird's einmal ein Vergnügen sein, wenn ihm
sein Vater erzählt, dass er im Jahr 59 bei den grossen italienischen Siegen dabei
gewesen.« ...
    Ich hörte ihm gierig zu. Dieses zuversichtliche Geplauder tat mir wohl. Er
ging ja gern und lustig fort - mein Schmerz war also ein egoistischer, daher ein
unberechtigter - dieser Gedanke würde mir die Kraft geben, ihn zu überwinden.
    Wieder klopfte es an der Türe.
    »Es ist schon Zeit, Herr Oberlieutenant.«
    »Bin schon fertig - komme gleich.« Er breitete die Arme aus: »Also jetzt,
Marta, mein Weib, mein Lieb -«
    Schon lag ich an seiner Brust. Reden konnte ich nicht. Das Wort Lebewohl
wollte mir nicht über die Lippen - ich fühlte, dass ich bei Äusserung dieses
Wortes zusammenbrechen musste, und die Ruhe, den Frohmut seiner Abfahrt durfte
ich ja nicht vergällen. Den Ausbruch meines Schmerzes sparte ich mir - wie eine
Art Belohnung - auf das Alleinsein auf.
    Nunmehr aber sprach er es, das herzzerreissende Wort:
    »Leb' wohl, mein alles, leb wohl!« und drückte innig seinen Mund auf den
meinen.
    Wir konnten uns aus dieser Umarmung garnicht losreissen - war es doch die
letzte. Da plötzlich fühle ich, wie seine Lippen beben, seine Brust sich
krampfhaft hebt ... und - mich freilassend, bedeckt er sein Gesicht mit beiden
Händen und schluchzt laut auf.
    Das war zu viel für mich. Ich glaubte wahnsinnig zu werden.
    »Arno, Arno,« rief ich, ihn umklammernd: »Bleib, bleib!« Ich wusste, dass ich
unmögliches verlangte, doch rief ich hartnäckig: »Bleib, bleib!«
    »Herr Oberlieutenant,« kam es von draussen, »schon höchste Zeit.
    Noch einen Kuss - den allerletzten - und er stürzte hinaus.
Charpie zupfen, Zeitungsberichte lesen, auf einer Landkarte Stecknadelfähnchen
aufstecken, um den Bewegungen der beiden Heere zu folgen und daraus
Schachaufgaben, in der Fassung von »Österreich zieht an und setzt mit dem
vierten Zuge matt« zu lösen trachten; in der Kirche fleissig um Schutz für seine
Lieben und um den Sieg der vaterländischen Waffen beten; von nichts anderem
reden als von den vom Kriegsschauplatz eingetroffenen Nachrichten: - das war es,
was meine und die Existenz meiner Verwandten- und Bekanntenkreise nunmehr
ausfüllte Das Leben mit allen seinen übrigen Interessen schien für die Dauer des
Feldzuges sozusagen in der Schwebe; alles bis auf die Frage »wie und wann wird
der Krieg enden?« war der Wichtigkeit, ja beinahe der Wirklichkeit beraubt. Man
ass, man trank, man las, man besorgte seine Geschäfte, aber das alles »galt«
eigentlich nicht - nur eins war von vollgewichtiger Gültigkeit: die Telegramme
aus Italien.
    Meine grössten Lichtblicke waren selbstverständlich die Nachrichten, welche
ich von Arno selber erhielt. Diese waren sehr kurz gefasst - das Briefschreiben
ist niemals seine starke Seite gewesen -; aber sie brachten mir doch das
beglückendste Zeugnis; noch am Leben - unverwundet. Sehr regelmässig konnten
diese Briefe und Depeschen freilich nicht eintreffen, denn oft waren die
Verbindungen abgebrochen, oder - wenn es irgendwo zur Aktion kam - der
Feldpostdienst aufgehoben.
    Wenn so einige Tage vergangen waren, ohne dass ich von Arno gehört, und es
wurde eine Verlustliste veröffentlicht - mit welchem Bangen las ich da nicht die
Namen durch! ... Es ist so spannend, wie für den Losbesitzer das Durchsehen der
Gewinnnummern einer Ziehungsliste, aber in umgekehrtem Sinne: was man da sucht,
wohl wissend, dass man (Gott sei Dank) die Wahrscheinlichkeit gegen sich hat, ist
der Haupttreffer des Unglücks ...
    Das erste Mal, als ich die Namen der Gefallenen durchgelesen - ich war eben
seit vier Tagen ohne Nachricht - und sah, dass der Name »Arno Dotzky« nicht
darunter war, da faltete ich die Hände und sprach mit lauter Stimme: »Mein Gott,
ich danke Dir!« Kaum aber waren die Worte geäussert, so klang es mir wie ein
schriller Misston daraus nach. Ich nahm das Blatt wieder zur Hand und betrachtete
zum zweitenmal die Namenreihe. Also weil Adolf Schmidt und Karl Müller und viele
andere - aber nicht Arno Dotzky - geblieben waren, hatte ich Gott gedankt?
Derselbe Dank wäre dann berechtigterweise von dem Herzen derer zum Himmel
aufgestiegen, welche für Schmidt und Müller zittern, wenn sie statt dieser Namen
»Dotzky« gelesen hätten? Und warum sollte gerade mein Dank dem Himmel genehmer
sein als jener? Ja - das war der schrille Misston meines Stossgebetes gewesen: die
Anmassung und die Selbstsucht, die darin lag, zu glauben, Dotzky sei mir zu lieb
verschont geblieben, und Gott zu danken, dass nicht ich, sondern nur Schmidts
Mutter und Müllers Braut und fünfzig andere über dieser Liste weinend
zusammenbrechen ...
    Am selben Tag erhielt ich wieder von Arno einen Brief:
    »Gestern gab's einen tüchtigen Kampf. Leider - leider eine Niederlage. Aber
    tröste Dich, meine geliebte Marta, die nächste Schlacht bringt uns den
    Sieg. Es war dies meine erste grosse Affaire. Ich stand mitten in dichtem
    Kugelregen - ein eigenes Gefühl ... das erzähle ich mündlich - es ist doch
    furchtbar: die armen Kerle, die da um einen herum fallen und die man liegen
    lassen muss, trotz ihres kläglichen Wimmerns. - c'est la guerre! Auf baldiges
    Wiedersehen, mein Herz. Wenn wir einmal in Turin die Friedensbedingungen
    diktieren, dann kommst Du mir nachgereist. Tante Marie wird indessen so gut
    sein, über unsern kleinen, Korporal zu wachen.«
Wenn der Empfang solcher Briefe die Sonnenblicke meines Daseins abgab - die
schwärzesten Schatten desselben waren meine Nächte. Wenn ich da aus selig
vergessendem Traum erwachte und mir die entsetzliche Wirklichkeit mit ihrer
entsetzlichen Möglichkeit vor das Bewusstsein trat, so erfasste mich schier
unerträgliches Leid und ich konnte stundenlang nicht wieder einschlafen. Die
Idee war nicht loszuwerden, dass Arno in diesem Augenblick vielleicht stöhnend
und sterbend in einem Graben lag - nach einem Tropfen Wasser lechzend -
sehnsüchtig nach mir rufend ... Nur damit konnte ich mich allmählich beruhigen,
dass ich mir mit aller Gewalt die Szene seiner Rückkunft vor die Einbildung rief.
Die war ja ebenso wahrscheinlich - sogar viel wahrscheinlicher, als das
verlassene Sterben - und da malte ich mir denn aus, wie er ins Zimmer
hereinstürmte und ich an sein Herz flöge - wie ich ihn dann zu Rurus Wiege
führte und wie glücklich und froh wir dann wieder sein könnten....
    Mein Vater war sehr niedergeschlagen. Es kam eine schlimme Nachricht nach
der anderen. Zuerst Montebello, dann Magenta. Nicht er allein - ganz Wien war
niedergeschlagen. Man hatte zu Anfang so zuversichtlich gehofft, dass
ununterbrochene Siegesbotschaften Anlass zu Häuserbeflaggung und Te deum Absingen
geben würden; statt dessen wehten die Fahnen und sangen die Priester in
Turin.... Dort hiess es jetzt: »Herr Gott, wir loben Dich, dass Du uns geholfen
hast, die bösen Tedeschi zu schlagen.«
    »Meinst Du nicht, Papa,« frug ich, »dass, wenn noch eine Niederlage für uns
käme, dann Frieden geschlossen würde? In diesem Falle könnte ich wünschen, dass
-«
    »Schämst Du Dich nicht, so etwas zu sagen?«
    Lieber soll es ein siebenjähriger - soll es ein dreissigjähriger Krieg
werden, nur sollen schliesslich unsere Waffen siegen und wir die
Friedensbedingungen diktieren. Wozu geht man denn in den Krieg, doch nicht dazu,
dass er baldmöglichst aus sei - sonst könnte man von vorherein zu Hause bleiben.«
    »Das wäre wohl das beste,« seufzte ich.
    »Was ihr Weibervolk doch feige seid! Selbst Du - die Du so gute Grundsätze
von Vaterlandsliebe und Ehrgefühl erhalten - bist jetzt ganz verzagt und
schätzest Deine persönliche Ruhe höher als die Wohlfahrt und den Ruhm des
Landes.«
    »Ja - wenn ich meinen Arno nicht gar so lieb hätte!« ...
    »Gattenliebe - Familienliebe - das ist alles recht schön ... aber es soll
erst in zweiter Linie kommen.«
    »Soll es?« ...
Die Verlustliste hatte schon mehrere Namen von Offizieren gebracht, die ich
persönlich gekannt hatte. Unter anderen des Sohnes - des einzigen - einer alten
Dame, für die ich eine grosse Verehrung empfand.
    An jenem Tage wollte ich die Ärmste aufsuchen. Es war mir ein peinlicher,
schwerer Gang. Trösten konnte ich sie doch nicht - höchstens mitweinen. Aber es
war eine Liebespflicht - und so machte ich mich denn auf den Weg.
    Vor der Wohnung der Frau v. Ullsmann angelangt, zögerte ich lange, ehe ich
die Glocke zog. Das letzte Mal, dass ich hierher gekommen, war es zu einer
lustigen kleinen Tanzunterhaltung gewesen. Die liebenswürdige alte Hausfrau war
damals selber voller Lustigkeit. »Marta,« hatte sie mir im Laufe des Abends
gesagt, »wir sind die beiden beneidenswertesten Frauen Wiens: Du hast den
hübschesten Mann und ich den trefflichsten Sohn.« - Und heute? Da besass ich wohl
noch meinen Mann ... Wer weiss? Die Bomben und Granaten flogen ja dort
unablässig; die letzte Minute konnte mich zur Witwe gemacht haben ... Und ich
fing vor der Tür zu weinen an. - Das war die richtige Verfassung für solch
traurigen Besuch. Ich klingelte. Niemand kam. Ich klingelte ein zweites Mal.
Wieder nichts.
    Da streckte jemand bei einer anderen Flurtür den Kopf heraus:
    »Sie läuten umsonst, Fräul'n - die Wohnung ist leer.«
    »Wie? ist Frau v. Ullsmann fortgezogen?« »Vor drei Tagen in die Irrenanstalt
überführt worden.« Und der Kopf war hinter der zufallenden Tür wieder
verschwunden.
    Ein paar Minuten blieb ich regungslos auf demselben Flecke stehen und vor
meinem inneren Auge spielten sich die Szenen ab, die hier stattgefunden haben
mochten. Bis zu welchem Grade musste die arme Frau gelitten haben, bis dass ihr
Schmerz in Wahnsinn ausbrach!
    »Und da wollte mein Vater, dass der Krieg dreissig Jahre währte - für das Wohl
des Landes ... wie viele solcher Mütter mussten da noch im Lande verzweifeln?«
    Aufs tiefste erschüttert ging ich die Treppe herab. Ich beschloss, noch einen
anderen Besuch bei einer befreundeten jungen Frau abzustatten, deren Gatte
gleich dem meinen auf dem Kriegsschauplatz war.
    Mein Weg führte mich durch die Herrengasse an dem Gebäude - das sogenannte
Landhaus - vorbei, wo der »patriotische Hilfsverein« seine Büreaus untergebracht
hatte. Damals gab es noch keine Genfer Konvention, kein »Rotes Kreuz«, und als
Vorbote jener humanen Institutionen hatte sich dieser Hilfsverein gebildet,
dessen Aufgabe es war, allerlei Spenden in Geld, Wäsche, Charpie, Verbandszeug
u.s.w. für die armen Verwundeten in Empfang zu nehmen und nach dem
Kriegsschauplatz zu befördern. Von allen Seiten kamen die Gaben reichlich
geflossen; ganze Magazine mussten zur Aufnahme derselben dienen; und kaum waren
die verschiedenen Vorräte verpackt und fortgeschickt, da türmten sich wieder
neue auf.
    Ich trat ein; es drängte mich, die Summe, die ich in meiner Geldbörse trug,
dem Komitee zu überreichen. Vielleicht konnte dieselbe einem leidenden Soldaten
Hilfe und Rettung bringen - und dessen Mutter vor Wahnsinn bewahren.
    Ich kannte den Präsidenten. »Ist Fürst C. anwesend?« fragte ich den Portier.
    »Im Augenblick nicht. Nur der Vizepräsident Baron S. ist oben.« Er zeigte
mir den Weg nach dem Lokale, wo die Geldspenden abgegeben wurden. Ich musste
durch mehrere Säle gehen, wo auf langen Tischen die Pakete an einander gereiht
lagen. Stösse von Wäschestücken, Cigarren, Tabak - und namentlich Berge von
Charpie ... Mir schauderte. Wie viel Wunden mussten da bluten, um mit so viel
gezupfter Leinwand bedeckt zu werden? »Und da wollte mein Vater,« dachte ich
wieder, »dass zum Wohle des Landes der Krieg noch dreissig Jahre dauere? Wie viel
Söhne des Landes müssten da noch ihren Wunden erliegen?«
    Baron S. nahm meine Gabe dankend in Empfang und erteilte mir auf meine
verschiedenen Fragen über die Wirksamkeit des Vereins bereitwilligst Auskunft.
Es war erfreulich und tröstlich zu hören, wie viel des Guten da geschah. Soeben
kam der Postbote mit eingelaufenen Briefen herein und meldete, dass zwei
Schubkarren voll Sendungen aus den Provinzen abzugeben seien. Ich setze mich auf
ein im Hintergrund des Zimmers stehendes Sofa, um das Hereintragen der Pakete
abzuwarten. Dieselben wurden jedoch in einem anderen Raume abgegeben. Jetzt trat
ein sehr alter Herr herein, dem man an der Haltung den einstigen Militär ansah.
    »Erlauben Sie, Herr Baron,« sagte er, indem er seine Brieftasche hervorzog
und sich auf einen neben dem Tische stehenden Sessel niederliess, »erlauben Sie,
dass auch ich mein kleines Scherflein zu Ihrem schönen Werke beitrage.« Er
reichte eine Hundertgulden-Note hin. »Ich betrachte Sie alle, die Sie das
organisiert haben, als wahre Engel ... Sehen Sie, ich bin selber ein alter
Soldat (Feldmarschall-Lieutenant X. schaltete er, sich vorstellend, ein) und
kann es beurteilen, was für eine enorme Wohltat den armen Kerlen geschieht, die
sich dort schlagen ... Ich habe die Feldzüge von anno 9 und anno 13 mitgemacht -
da hat's noch keine »patriotischen Hilfsvereine« gegeben; da hat man den
Verwundeten keine Kisten voll Verbandzeug und Charpie nachgeschickt. - Wie viele
mussten da, wenn die Vorräte der Feldscherer erschöpft waren, jämmerlich
verbluten, die durch eine Sendung, wie diese hier, hätten gerettet werden
können! Das ist eine segensreiche Arbeit, die Eure - Ihr guten, edlen Menschen -
Ihr wisst gar nicht, Ihr wisst gar nicht, wie viel Gutes Ihr da tut!« Und dem
alten Manne fielen zwei grosse Tränen auf den weissen Schnurrbart herab.
    Draussen erhob sich ein Lärm von Schritten und Stimmen. Beide Flügel der
Eingangstüre wurden aufgerissen und ein Gardist meldete:
    »Ihre Majestät die Kaiserin.«
    Der Vizepräsident eilte zur Tür hinaus, um die hohe Besucherin, wie
geziemend, am Fusse der Treppe zu empfangen, doch sie war schon im Nebensaal
angelangt.
    Ich schaute von meinem verborgenen Plätzchen mit Bewunderung nach der
jugendlichen Monarchin, die mir im einfachen Strassenkleide beinahe noch
lieblicher erschien, als in den Prunkroben der Hoffeste.
    »Ich bin gekommen,« sagte sie zu Baron S., »weil ich heute früh einen Brief
des Kaisers vom Kriegsschauplatz erhalten habe, worin er mir schreibt, wie
nützlich und willkommen die Gaben des patriotischen Hilfsvereins sich erweisen -
und da wollte ich selbst Einsicht nehmen ... und das Komitee von der Anerkennung
des Kaisers in Kenntnis setzen.«
    Hierauf liess sie sich von allen Einzelheiten der Vereinstätigkeit
unterrichten und betrachtete eingehend die verschiedenen aufgestapelten
Gegenstände.
    »Sehen Sie nur, Gräfin,« sagte sie zu der sie begleitenden
Oberstofmeisterin, indem sie ein Wäschestück zur Hand nahm, »wie gut diese
Leinwand ist - und wie hübsch genäht.« Dann bat sie den Vizepräsidenten, sie
noch in die anderen Räume zu geleiten und verliess an seiner Seite den Saal. Sie
sprach mit sichtlicher Zufriedenheit zu ihm und ich hörte sie noch sagen: »Es
ist ein schönes, patriotisches Unternehmen, welches den armen Soldaten -«
    Den Rest verstand ich nicht mehr. »Arme Soldaten -« das Wort klang mir noch
lange nach, sie hatte es so mitleidsvoll betont. Ja wohl, arm; und je mehr man
tat, ihnen Trost und Hilfe zu senden, desto besser. Aber wie - flog es mir
durch den Kopf - wenn man sie gar nicht hinschicken würde in all den Jammer, die
armen Leute: wäre das nicht noch viel besser?«
    »Ich verscheuchte diesen Gedanken ... es muss ja sein - es muss ja sein.
Andere Entschuldigung gibt es für das Greuel des Kriegführens keine, als die das
Wörtlein »muss« entält.
    Nun ging ich wieder meiner Wege. Die Freundin, die ich besuchen wollte,
wohnte ganz nahe vom »Landhaus« - auf dem Kohlmarkt. Im Vorübergehen trat ich in
eine Buch- und Kunstandlung, um eine neue Karte Oberitaliens zu kaufen; die
unsere war von den fähnchengekrönten Stecknadeln schon ganz durchlöchert. Ausser
mir waren noch mehrere Kunden anwesend. Alle verlangten nach Karten,
Schematismen und dergleichen. Nun kam die Reihe an mich.
    »Auch ein Kriegsschauplatz gefällig?« fragte der Buchhändler.
    »Sie haben es erraten.«
    »Das ist nicht schwer. Es wird ja beinahe nichts anderes gekauft.«
    Er holte das Gewünschte herbei, und während er die Rolle für mich in ein
Papier schlug, sagte er zu einem neben mir stehenden Herrn:
    »Sehen Sie, Herr Professor, jetzt geht es jenen schlecht, welche
belletristische oder wissenschaftliche Werke schreiben, oder verlegen - es fragt
kein Mensch darnach. So lange der Krieg währt, interessiert sich niemand für das
geistige Leben. Das ist für Schriftsteller und Buchhändler eine schlimme Zeit.«
    »Und eine schlimme Zeit für die Nation,« entgegnete der Professor, »bei
welcher solche Interesselosigkeit natürlich geistigen Niedergang zur Folge hat.«
    Und da wollte mein Vater - dachte ich zum drittenmale - dass zum Wohle des
Landes dreissig Jahre lang ... »So gehen Ihre Geschäfte schlecht?« mischte ich
mich jetzt laut in die Unterhaltung.
    »Nur meine? Alle, fast alle, meine Gnädige,« antwortete der Buchhändler.
»Mit Ausnahme der Armeelieferanten gibt es keinen Geschäftsmann, dem der Krieg
nicht unberechenbaren Schaden brächte. Alles stockt: die Arbeit in den Fabriken,
die Arbeit auf den Feldern, unzählige Menschen werden verdienst- und brodlos.
Die Papiere fallen, das Agio steigt, alle Unternehmungslust versiegt, zahlreiche
Firmen müssen Bankerott erklären - kurz, es ist ein Elend - ein Elend!«
    »Und da wollte mein Vater -« wiederholte ich im Stillen, während ich den
Laden verliess.
Meine Freundin fand ich zu Hause.
    Gräfin Lori Griesbach war in mehr als einer Hinsicht meine
Schicksalsgenossin. Generalstochter, wie ich, kurze Zeit an einen Offizier
verheiratet, wie ich, und - wie ich - Strohwitwe. In einem übertrumpfte sie
mich: sie hatte nicht nur ihren Mann, sondern auch noch zwei Brüder im Krieg.
Aber Lori war keine ängstliche Natur; sie war vollkommen überzeugt, dass ihre
Lieben unter dem besonderen Schutze eines von ihr sehr verehrten Heiligen
standen, und sie rechnete zuversichtlich auf deren Wiederkehr.
    Sie empfing mich mit offenen Armen.
    »Ach, grüss' Dich Gott, Marta - das ist wunderhübsch von Dir, dass Du mich
aufsuchst. - Aber Du siehst gar so bleich und gedrückt aus ... doch keine
schlimme Nachricht vom Kriegsschauplatze?«
    »Nein, Gott sei Dank. Aber das Ganze ist doch so traurig -«
    »Ja so - Du meinst die Niederlage? Da musst Du Dir nichts daraus machen, die
nächsten Berichte können einen Sieg vermelden.«
    »Siegen oder besiegt werden - der Krieg an und für sich ist schon
schrecklich ... Wäre es nicht besser, wenn es gar keinen solchen gäbe?«
    »Wozu wäre denn da das Militär da?«
    »Ja, wozu?« Ich sann nach. »Dann gäb' es keins.«
    »Was Du für Unsinn sprichst! Das wäre eine schöne Existenz - lauter
Civilisten - mir schaudert! Das ist zum Glück unmöglich.«
    »Unmöglich? Du musst recht haben. Ich will es glauben - sonst könnte ich
nicht fassen, dass es nicht schon längst geschehen.«
    »Was geschehen?«
    »Die Abschaffung des Krieges. Doch nein: ebensogut könnte ich sagen, man
solle das Erdbeben abschaffen ...«
    »Ich weiss nicht, was Du meinst. Was mich anbelangt, so bin ich froh, dass
dieser Krieg ausgebrochen, weil ich hoffe, dass sich mein Ludwig auszeichnen
wird. Auch für meine Brüder ist es eine gute Sache. Das Avancement ging schon so
langsam von starten, jetzt haben sie doch eine Chance -«
    »Hast Du kürzlich Nachricht erhalten,« unterbrach ich. »Sind die Deinen alle
heil?«
    »Eigentlich schon ziemlich lange nicht. Aber Du weisst, wie der Postverkehr
oft unterbrochen ist, und wenn man von einem heissen Marsch- oder Schlachttag so
recht müde geworden, hat man auch nicht viel Lust zum Schreiben. Ich bin ganz
ruhig. Sowohl Ludwig als meine Brüder tragen geweihte Amulette - Mama hat sie
ihnen selber umgehängt« ...
    »Wie stellst Du Dir denn einen Krieg vor, Lori, wo in beiden Heeren jeder
Mann ein Amulett trüge? Wenn da die Kugeln hin und her fliegen, werden sie sich
harmlos in die Wolken zurückziehen?«
    »Ich versteh' Dich nicht. Du bist so lau im Glauben. Das klagt mir öfters
Deine Tante Marie.«
    »Warum beantwortest Du meine Frage nicht?«
    »Weil in ihr ein Spott auf eine Sache liegt, die mir heilig ist.«
    »Spott? Nicht doch ... Einfach eine vernünftige Erwägung.«
    »Du weisst doch, dass es Sünde ist, der eigenen Vernunft die Kraft zuzutrauen,
in Dingen urteilen zu wollen, die über sie erhaben sind.«
    »Ich schweige schon, Lori. Du kannst recht haben: das Nachdenken und Grübeln
taugt nicht ... Seit einiger Zeit steigen mir so allerlei Zweifel an meinen
ältesten Überzeugungen auf, und ich empfinde dabei nur Qual. Wenn ich die
Überzeugung verlöre, dass es unbedingt notwendig und gut war, diesen Krieg zu
beginnen, so könnte ich jenen nicht verzeihen, welche -«
    »Du meinst Louis Napoleon? Das ist freilich ein Intrigant.«
    »Ob dieser oder andere - ich wollte unerschüttert glauben, dass es überhaupt
keine Menschen waren, die den Krieg veranlasst haben, sondern, dass er von selber
»ausgebrochen« - ausgebrochen wie das Nervenfieber, wie das Vesuvfeuer -«
    »Wie Du exaltiert bist, mein Schatz. Lass uns doch vernünftig reden. Also
hör' mich an. In kurzem wird die Campagne ein Ende haben und unsere beiden
Männer kommen als Rittmeister zurück ... Ich werde den meinen dann zu bewegen
trachten, dass er einen vier- oder sechswöchentlichen Urlaub nehme, um mit mir
ins Bad zu reisen. Es wird ihm gut tun nach seinen ausgestandenen Strapazen und
auch mir, nach der ausgestandenen Hitze, Langeweile und Bangigkeit. Denn Du musst
nicht glauben, dass ich gar keine Angst habe ... Es könnte doch Gottes Wille
sein, dass einer meiner Lieben den Soldatentod finde - und wenn es auch ein
schöner, beneidenswerter Tod ist ... auf dem Felde der Ehre ... für Kaiser und
Vaterland -«
    »Du sprichst ja wie der erste beste Armeebefehl.«
    »Es wäre doch schrecklich ... die arme Mama, wenn Gustav oder Karl etwas
zustossen würde ... Reden wir nicht davon! Also, um uns von all dem Schreck zu
erholen, gilt es, eine amüsante Badesaison durchmachen ... Am liebsten in
Karlsbad - dort bin ich einmal als Mädchen gewesen und habe mich göttlich
unterhalten.«
    »Und ich war in Marienbad ... Dort habe ich Arno kennen gelernt ... Aber
warum sitzen wir so müssig da? Hast Du nicht etwas Leinwand zur Hand, dass wir
Charpie zupfen? Ich war heute im patriotischen Hilfsverein und da kam - rate
wer?«
    Hier wurden wir unterbrochen. Ein Diener brachte einen Brief herein.
    »Von Gustav!« rief Lori freudig, indem sie das Siegel brach.
    Nachdem sie ein paar Zeilen gelesen, stiess sie einen Schrei aus; das Blatt
entfiel ihren Händen und sie warf sich an meinen Hals.
    »Lori - mein armes Herz, was ist's?« fragte ich, tief ergriffen - »Dein
Mann? ...«
    »O Gott, o Gott,« stöhnte sie. »Lies selber ...«
    Ich hob das Blatt vom Boden auf und begann zu lesen. Ich kann den Wortlaut
genau wiedergeben, denn in der Folge habe ich den Brief von Lori mir erbeten, um
dessen Inhalt in mein Tagebuch zu übertragen.
    »Lies laut,« bat sie - »ich habe nicht zu Ende kommen können.«
    Ich tat nach ihrem Wunsche;
    »Liebste Schwester! Gestern hatten wir eine heisse Schlacht - das wird eine
grosse Verlustliste geben. Damit Du - damit unsere arme Mutter nicht aus dieser
das Unglück erfährt und damit Du sie langsam vorbereiten könnest (sag', er sei
schwer verwundet) schreibe ich Dir lieber gleich, dass zu den für das Vaterland
gefallenen Kriegern auch unser tapferer Bruder Karl zählt.« Ich unterbrach mich,
um die Freundin zu umarmen.
    »Bis dahin war ich gekommen,« sagte sie leise.
    Mit tränenerstickter Stimme las ich weiter.
    »Dein Mann ist unversehrt und so auch ich. Hätte die feindliche Kugel doch
lieber mich getroffen: ich beneide Karl um seinen Heldentod - er fiel zu Anfang
der Schlacht, und weiss nicht, dass diese wieder - verloren ist. Das ist gar zu
bitter. Ich habe ihn fallen gesehen, denn wir ritten nebeneinander. Ich sprang
gleich ab, um ihn aufzuheben - nur noch einen Blick und er war tod. Die Kugel
muss ihm durch Herz oder Lunge gedrungen sein! es war ein schnelles, schmerzloses
Ende. Wie viele andere mussten stundenlang leiden und mitten im toben der
Schlacht hilflos daliegen, bis sie der Tod erlöste. Das war ein mörderischer Tag
- mehr als tausend Leichen - Freund und Feind - bedeckten die Wahlstatt. Ich
habe unter den Toten so manches liebe, bekannte Gesicht erkannt - das ist unter
anderen auch der arme - (hier musste die Seite umgewendet werden) der arme Arno
Dotzky -« Ich fiel ohnmächtig zu Boden.
»Jetzt ist alles aus, Marta! Solferino hat entschieden: wir sind geschlagen.«
    Mit diesen Worten kam mein Vater eines Morgens auf das Gartenplätzchen
geeilt, wo ich unter den Schatten einer Lindengruppe sass.
    Ich war mit meinem kleinen Rudolf in mein Mädchenheim zurückgekehrt. Acht
Tage nach dem grossen Schlage, der mich getroffen, übersiedelte meine Familie
nach Grumitz, unserem Landsitz in Niederösterreich, und ich mit ihr. Allein
hätte ich ja verzweifeln müssen. Jetzt waren sie wieder alle um mich, wie vor
meiner Verheiratung: mein Vater, Tante Marie, mein kleiner Bruder und meine zwei
aufblühenden Schwestern. Sie alle taten, was sie nur konnten, meinen Kummer zu
lindern, und behandelten mich mit einer Art Hochachtung, die mir wohltat. In
meinem traurigen Schicksal lag für sie offenbar eine gewisse Weihe, etwas, was
mich über meine Umgebung erhob - selbst eine Gattung Verdienst. Neben dem Blute,
das die Soldaten auf dem Altar des Vaterlandes vergiessen, bilden ja die am
selben Altar vergossenen Tränen der beraubten Soldatenmütter, Frauen und Bräute
die nächste heilige Libation. So war es auch ein leises Stolzgefühl - ein
Bewusstsein, dass es sozusagen eine militärische Würde vorstellt, einen geliebten
Mann auf dem Felde der Ehre verloren zu haben, welches mir meinen Schmerz am
besten tragen half. Und ich war ja nicht die einzige. Wie Viele, Viele im ganzen
Land trauerten jetzt um ihre in italienischer Erde ruhenden Lieben ...
    Nähere Einzelheiten über Arnos Ende sind mir damals nicht bekannt geworden;
man hat ihn tot aufgefunden, agnosziert, begraben, das war alles, was ich wusste.
Sein letzter Gedanke war gewiss zu mir und zu unserem kleinen Liebling geflogen,
und sein Trost im letzten Augenblick muss das Bewusstsein gewesen sein: Ich habe
meine Pflicht - mehr als meine Pflicht getan.
    »Wir sind geschlagen,« wiederholte mein Vater, düster, indem er sich neben
mich auf die Gartenbank setzte.
    »Also wurden die Geopferten umsonst geopfert,« seufzte ich.
    »Die Geopferten sind zu beneiden, weil sie von der Schmach nichts wissen,
die uns getroffen hat. Aber wir werden uns schon noch aufraffen, wenn auch jetzt
- wie es heisst - Friede geschlossen werden soll -«
    »Ah, Gott geb's!« unterbrach ich. »Für mich Arme freilich zu spät ... aber
so werden doch tausend andere verschont.«
    »Du denkst immer nur an Dich und an die einzelnen Menschen. Aber in dieser
Frage handelt es sich um Österreich.«
    »Und besteht dieses nicht aus lauter einzelnen Menschen?«
    »Mein Kind, ein Reich, ein Staat lebt ein längeres und wichtigeres Leben,
als die Individuen. Diese schwinden, Generation um Generation, und das Reich
entfaltet sich weiter; wächst zu Ruhm, Grösse und Macht, oder sinkt und schrumpft
zusammen und verschwindet, wenn es sich von anderen Reichen besiegen lässt. Darum
ist das Wichtigste und Höchste, was jeder Einzelne erstreben muss und wofür er
jederzeit gern sterben soll, die Existenz, die Grösse, die Wohlfahrt des
Reiches.«
    Diese Worte prägte ich mir ein, um sie am selben Tag in den roten Heften zu
notieren. Sie schienen mir so kräftig und bündig dasjenige auszudrücken, was ich
in meiner Lernzeit aus den Geschichtsbüchern herausgefühlt hatte, und was mir in
der letzten Zeit - seit Arnos Abmarsch - durch Angst und Mitleid aus dem
Bewusstsein verdrängt worden war. Daran wollte ich mich wieder so fest wie
möglich klammern, um in der Idee Trost und Erhebung zu finden, dass mein Liebster
um einer grosser Sache willen gefallen, dass mein Unglück selber ein Bestandteil
dieser grossen Sache war.
    Tante Marie hatte wieder andere Trostgründe zur Hand. »Weine nicht, liebes
Kind,« pflegte sie zu sagen, wenn sie mich in Trauer versunken fand. »Sei nicht
so selbstsüchtig, denjenigen zu beklagen, dem es jetzt so wohl geht. Er ist
unter den Seligen und sieht segnend auf Dich herab. Noch ein paar schnell
verflossene Erdenjahre und Du findest ihn wieder in seiner vollen Glorie Für
die, welche auf dem Schlachtfeld bleiben, bereitet der Himmel seine schönsten
Wohnungen ... Glücklich solche, die in dem Augenblicke abberufen werden, wo sie
eine heilige Pflicht erfüllen. Dem sterbenden Märtyrer steht der sterbende
Soldat an Verdienst am nächsten.«
    »Ich soll mich also freuen, dass Arno -«
    »Freuen: nein - das wäre zu viel verlangt. Aber Dein Schicksal mit demütiger
Ergebung tragen. Es ist eine Prüfung, die Dir der Himmel schickt und aus der Du
geläutert und im Glauben gestärkt hervorgehen wirst.«
    »Also damit ich geprüft und geläutert werde, musste Arno -«
    »Nicht deshalb - doch wer kann, wer darf die verschlungenen Wege der
Vorsehung ergründen wollen? Ich sicher nicht.«
    Obwohl mir gegen Tante Mariens Tröstungen immer derlei Einwendungen
entschlüpften, so gab ich mich im Grund der Seele doch gern der mystischen
Auffassung hin, dass mein Verklärter jetzt im Himmel den Lohn seines Opfertodes
geniesst, und dass sein Andenken unter den Menschen mit der unvergänglichen Glorie
der Heldenhaftigkeit geschmückt ist.
    Wie erhebend - wenngleich schmerzlich - hatte die grosse Trauerceremonie auf
mich gewirkt, welcher ich, am Tage vor unsrer Abreise, im Stefansdom beigewohnt.
Es war ein De profundis für unsere auf fremder Erde gefallenen und dort
begrabenen Krieger. In der Mitte der Kirche war ein hoher Katafalk aufgestellt,
von hunderten brennender Wachslichter umgeben und mit militärischen Emblemen -
Fahnen, Waffen - geschmückt. Vom Chor herab klang das rührend gesungene Requiem,
und die Anwesenden - meist schwarzgekleidete Frauen - weinten fast alle laut.
Und jede weinte nicht nur um den Einen, den sie verloren, sondern um alle
Anderen, die denselben Tod gefunden: sie hatten ja alle zusammen, die armen,
tapferen Waffenbrüder, für uns Alle, das heisst für ihr Land, für die Ehre der
Nation ihr junges Leben hingegeben. Und die lebenden Soldaten, die dieser Feier
beiwohnten, - sämtliche in Wien zurückgebliebenen Generäle und Offiziere waren
da, und mehrere Compagnien Mannschaft füllten den Hintergrund - diese alle waren
gewärtig und bereit, ihren gefallenen Kameraden zu folgen, ohne Zaudern, ohne
Murren, ohne Furcht ... Ja, mit den Weihrauchwolken, mit dem Geläute und den
Orgeltönen, mit den in einem gemeinsamen Schmerz vergossenen Tränen stieg da
sicherlich ein wohlgefälliges Opfer zum Himmel auf und der Herr der Heerschaaren
musste seinen Segen träufeln auf jene, denen dieser Katafalk errichtet war ...
    So dachte ich damals. Wenigstens sind dies die Worte, mit welchen die roten
Hefte der Trauerfeier beschreiben.
    Ungefähr vierzehn Tage später als die Nachricht von der Niederlage bei
Solferino, kam die Nachricht von der Unterzeichnung der Friedenspräliminarien in
Villafranca. Mein Vater gab sich alle mögliche Mühe, mir zu erklären, dass es aus
politischen Gründen zwingend notwendig war, diesen Frieden zu schliessen; worauf
ich versicherte, dass es mir auf jeden Fall erfreulich schien, wenn das böse
Kämpfen und Sterben ein Ende fand; aber der gute Papa liess es sich nicht nehmen,
mir entschuldigende Auseinandersetzungen zu unterbreiten:
    »Du musst nicht glauben, dass wir Angst haben ... Wenn es auch den Anschein
hat, als machten wir Konzessionen, wir vergeben unserer Würde nichts und wissen
schon, was wir tun. Wenn es sich um uns allein handelte, so hätten wir wegen
dieses kleinen Schachs in Solferino die Partie nicht aufgegeben. O nein, noch
lange nicht. Wir brauchten nur noch ein Armeekorps hinunter zu schicken und der
Feind müsste Mailand schnell wieder räumen ... Aber weisst Du, Marta, es handelt
sich um andere allgemeine Interessen und Prinzipien. Wir verzichten jetzt
darauf, uns weiter zu schlagen, um die anderen bedrohten italienischen
Fürstentümer zu bewahren, welche der sardinische Räuberhauptmann samt seinem
französischen Henkersbeistand auch gern überfallen wollten. Gegen Modena,
Toskana - wo, wie Du weisst, mit unserem Kaiserhaus verwandte Dynastien regieren
- ja sogar gegen Rom, gegen den Papst, wollen sie ziehen - die Vandalen. Wenn
wir nun vorläufig die Lombardei hergeben, so erhalten wir uns damit Venetien und
können den süditalienischen Staaten und dem heiligen Stuhl unsere Stütze
gewähren. Du siehst also ein, dass wir aus rein politischen Gründen und im
Interesse des europäischen Gleichgewichts -«
    »Ja, Vater,« unterbrach ich, »ich sehe es ein. Ach hätten diese Gründe doch
schon vor Magenta gewaltet!« fügte ich bitter seufzend hinzu. Dann, um
abzulenken, zeigte ich auf ein Bücherpaket, das heute aus Wien eingetroffen war.
    »Schau' her: der Buchhändler schickt uns verschiedene Sachen zur Ansicht.
Darunter ein eben erschienenes Werk eines englischen Naturforschers, eines
gewissen Darwin: Te Origin of Species - und er macht uns aufmerksam, dass dies
besonders interessant sei und geeignet, epochemachend zu wirken.«
    »Er soll mich auslassen, der gute Mann. Wer soll sich in einer so wichtigen
Zeit, wie die gegenwärtige, für derlei Lappalien interessieren? Was kann denn in
einem Buch über Tier- und Pflanzenarten Epochemachendes für uns Menschen
entalten sein? Ja, die Konföderation der italienischen Staaten, die Hegemonie
Österreichs im deutschen Bunde: das sind weittragende Dinge; die werden noch
lange in der Geschichte bestehen, wenn von diesem englischen Buch da kein Mensch
mehr etwas wissen wird. Merk' Dir das.«
    Ich habe es mir gemerkt.
 
                                  Zweites Buch
                                  Friedenszeit
Vier Jahre später. Meine beiden - nunmehr siebzehn-und achtzehnjährigen
Schwestern - sollten bei Hofe vorgestellt werden. Aus diesem Anlass entschloss
auch ich mich, wieder »in die Welt« zu gehen.
    Die verstrichene Zeit hatte ihr Werk getan und meinen Schmerz allmählich
gelindert. Die Verzweiflung wandelte sich in Trauer, die Trauer in Wehmut, die
Wehmut in Gleichgültigkeit und diese endlich in erneute Lebensfreudigkeit. Ich
erwachte eines schönen Morgens zum Bewusstsein, dass ich eigentlich in einer
beneidenswerten, glückverheissenden Lage mich befand: dreiundzwanzig Jahre alt,
schön, reich, hochgestellt, frei, Mutter eines allerliebsten Knaben, Glied einer
liebenden Familie - waren das nicht Bedingungen genug, um des Lebens froh zu
werden?
    Das kurze Jahr meines Ehelebens lag hinter mir wie ein Traum. Ja - ich war
in meinen schönen Husaren sterblich verliebt gewesen; ja - mein zärtlicher Mann
hatte mich sehr glücklich gemacht; ja - die Trennung hatte mir grossen Kummer,
sein Verlust wilden Schmerz bereitet - aber das war vorbei, vorbei. So innig mit
meinem ganzen Seelenleben verwachsen, dass ich eine Zerreissung nicht hätte
überleben, nicht verschmerzen können, war ja meine Liebe nicht gewesen; dazu
hatte unser Zusammensein zu kurz gedauert. Wir hatten uns angebetet, wie ein
paar feurige Verliebte; aber Herz in Herz, Geist in Geist aufgegangen, in
gegenseitiger Hochachtung und Freundschaft fest verbunden, wie dies manche
Eheleute nach langen Jahren geteilten Leiden und Freuden sind, - das waren wir
beide nicht gewesen. Auch ich war ja sein Höchstes, sein Unentbehrlichstes
nicht; wäre er sonst so frohgemut und ohne zwingende Pflicht - sein Regiment hat
niemals ausrücken müssen - fort von mir? Zudem war ich in den vier Jahren
allmählich eine Andere geworden; mein geistiger Gesichtskreis hatte sich in
vielem erweitert; ich war in den Besitz von Kenntnissen und Anschauungen
gelangt, von welchen ich zur Zeit meiner Verheiratung keine Ahnung gehabt und
von welchen auch Arno - das wusste ich jetzt zu beurteilen - sich keinen Begriff
gemacht und so hätte er meinem jetzigen Seelenleben - wäre er auferstanden - in
mancher Richtung fremd gegenüber gestanden.
    Wieso diese Wandlung mit mir geschehen? Das ist so gekommen:
    Ein Jahr meiner Witwenschaft war verstrichen, die Verzweiflung - erste Phase
- in Trauer übergegangen. Aber noch in eine sehr tiefe, herzblutende Trauer. Von
einer Wiederanknüpfung geselliger Verbindungen wollte ich durchaus nichts
wissen. Ich meinte, fortan müsse mein Leben nur noch mit der Erziehung meines
Sohnes Rudolf ausgefüllt sein. Nie mehr nannte ich das Kind »Ruru« oder
»Korporal«; die Babyspielereien des verliebten Elternpaares waren dahin; der
Kleine war mein »Sohn Rudolf« geworden, meines ganzen Strebens, Hoffens, Liebens
geheiligter Mittelpunkt. Um ihm einstens eine gute Lehrerin sein - oder doch, um
seinen Studien folgen und ihm eine Geisteskameradin werden zu können, wollte ich
selber so viel Wissen als möglich mir aneignen; zudem war Lesen die einzige
Zerstreuung, die ich mir erlaubte - so vertiefte ich mich denn von neuem in die
Schätze unserer Schlossbibliotek. Namentlich drängte es mich, mein einstiges
Lieblingsstudium - die Geschichte - wieder aufzunehmen. In der letzten Zeit, als
der Krieg von meinen Zeitgenossen und von mir selber so schwere Opfer gefordert
hatte, war mein früherer Entusiasmus stark abgekühlt worden und ich wünschte
denselben durch entsprechende Lektüre wieder anzufachen. Und in der Tat, es
gewährte mir manchmal einen gewissen Trost, wenn ich ein paar Seiten
Schlachtenberichte mit den daran geknüpften Heldenverherrlichungen gelesen, zu
denken, dass der Tod meines armen Mannes und mein eigenes Witwenleid als
Parzellen in einem ähnlichen grossen geschichtlichen Vorgang entalten waren. Ich
sage »manchmal« - nicht immer. So ganz und gar konnte ich mich doch nicht mehr
in jene Stimmungen meiner Mädchenzeit zurückversetzen, wo ich es der Jungfrau
von Orleans hätte gleich tun mögen. Vieles, vieles in den gelesenen
überschwänglichen Ruhmestiraden, welche die Schlachtenberichte begleiteten,
klang mir falsch und hohl, wenn ich mir zugleich die Schrecken der Schlacht
vergegenwärtigte - so falsch und hohl, wie eine als Preis für eine echte Perle
erhaltene Blechmünze. Die Perle Leben - ist die wohl ehrlich bezahlt, mit den
Blechphrasen der geschichtlichen Nachrufe? ...
    Bald hatte ich den Vorrat der in unserer Bücherei vorhandenen historischen
Werke erschöpft. Ich bat unseren Buchhändler, er möge mir ein neues
Geschichtswerk zur Ansicht schicken. Er schickte Tomas Buckles »History of
Civilization«. »Das Werk ist nicht vollendet,« schrieb der Buchhändler, »aber
die beifolgenden zwei, als Einleitung dienenden Bände bilden an und für sich ein
abgeschlossenes Ganzes und ihr Erscheinen hat sowohl in England, als in der
übrigen gebildeten Welt grosses Aufsehen erregt; der Verfasser, so sagt man, habe
damit den Grundstein zu einer neuen Auffassung der Geschichte gelegt.«
    In der Tat ja: - ganz neu. Mir war, nachdem ich diese zwei Bände gelesen
und wieder gelesen, wie Jemandem zu Mute, der zeitlebens in einem engen
Talkessel gewohnt und zum erstenmale auf eine der umgebenden Bergspitzen
hinaufgeführt worden, von wo ein ausgestrecktes Stück Land zu sehen ist, mit
Bauten und Gärten bedeckt, von endlosem Meere begrenzt. Ich will nicht
behaupten, dass ich - die Zwanzigjährige, welcher die bekannte oberflächliche
höhere Töchtererziehung zu teil geworden - das Buch in seiner ganzen Tragweite
verstand, oder - um obiges Bild beizubehalten - dass ich die Erhabenheit der
Monumentalbauten und die Grösse des Ozeans erfasste, die vor meinen überraschten
Blicken lagen; aber ich war geblendet, war überwältigt; ich sah, dass es jenseits
meines engen Heimattales eine weite, weite Welt gab, von der ich bisher niemals
Kunde erhalten. Erst, als ich das Buch nach fünfzehn oder zwanzig Jahren wieder
las, und nachdem ich andere im selben Geist verfasste Werke studiert hatte,
konnte ich mir vielleicht anmassen, zu sagen, dass ich es verstehe. Doch eins
wurde mir auch schon damals klar: die Geschichte der Menschheit wird nicht - wie
dies die alte Auffassung war - durch die Könige und Staatsmänner, durch die
Kriege und Traktate bestimmt, welche der Ehrgeiz der einen und die Schlauheit
der anderen ins Leben rufen, sondern durch die allmähliche Entwicklung der
Intelligenz. Die Hof- und Schlachtenchroniken, welche in den Historienbüchern an
einander gereiht sind, stellen einzelne Erscheinungen der jeweiligen
Kulturzustände vor, nicht aber deren bewegende Ursachen. Von der
altergebrachten Bewunderung, mit welcher andere Geschichtsschreiber die
Lebensläufe gewaltiger Eroberer und Länderverwüster zu erzählen pflegen, konnte
ich in Buckle gar nichts finden. Im Gegenteil, er führt den Nachweis, dass das
Ansehen des Kriegerstandes im umgekehrten Verhältnis zu der Kulturhöhe eines
Volkes steht: - je tiefer in der barbarischen Vergangenheit zurück, desto
häufiger die gegenseitige Bekriegung und desto enger die Grenzen des Friedens:
Provinz gegen Provinz, Stadt gegen Stadt, Familie gegen Familie. Er betont, dass
im Fortschritt der Gesellschaft, mehr noch als der Krieg selber, die Liebe zum
Kriege im Schwinden begriffen sei. Das war mir aus der Seele gesprochen. Sogar
in meinem kurzen Innenleben war diese Verminderung vor sich gegangen; und wenn
ich oft diese Regung als etwas Feiges, Unwürdiges unterdrückt hatte, glaubend,
dass ich allein mich solchen Frevels schuldig mache, so erkannte ich jetzt, dass
dies bei mir nur der schwache Widerhall des Zeitgeistes war; dass Gelehrte und
Denker, wie dieser englische Geschichtsschreiber, dass unzählige Menschen mit
ihm, die einstige Kriegsvergötterung verloren hatten, welche - wie sie eine
Phase meiner Kindheit gewesen - in diesem Buche auch als eine Phase aus der
Kindheit der Gesellschaft dargestellt war.
    Somit hatte ich in Buckles Geschichtswerke eigentlich das Gegenteil von dem
gefunden, was ich gesucht. Dennoch empfand ich diesen Fund als einen Gewinn -
ich fühlte mich dadurch gehoben, geklärt, beruhigt. Einmal versuchte ich mit
meinem Vater über diese neugewonnenen Gesichtspunkte zu reden - aber vergebens.
Auf den Berg hinauf wollte er mir nicht folgen - das heisst er wollte das Buch
nicht lesen - also war es aussichtslos, mit ihm von Dingen zu reden, die man nur
von dort oben aus wahrnehmen konnte.
    Nun folgte das Jahr - zweite Phase -, da die Trauer in Melancholie
übergegangen war. Jetzt las und studierte ich noch fleissiger. Das erste Werk
Buckles hatte mir Geschmack am Nachdenken gegeben und die Freuden eines
erweiterten Weltausblickes kosten gemacht. Davon wollte ich nun noch immer mehr
und mehr geniessen, und so liess ich diesem Buche noch viele andere, im gleichen
Geist verfasste, folgen. Und das Interesse, die Genüsse, welche ich in diesen
Studien fand, trugen dazu bei, die dritte Phase eintreten - nämlich die
Melancholie schwinden zu machen. Als aber die letzte Wandlung mit mir vorging,
das ist, als die Lebenslust von neuem erwachte, da wollten mir auf einmal die
Bücher nicht mehr genügen; da sah ich auf einmal ein, dass Etnographie und
Antropologie und vergleichende Mytologie und sonstige -logien und -graphien
unmöglich meine Sehnsucht stillen konnten; dass für eine junge Frau in meiner
Lage das Leben noch ganz andere Glücksblüten bereit hielt, nach welchen ich nur
die Hand auszustrecken brauchte ... Und so kam es, dass ich im Winter 1863 mich
anbot, meine jüngeren Schwestern selber in die Welt einzuführen und meine Salons
der wiener Gesellschaft öffnete.
Marta Gräfin Dotzky, eine reiche, junge Witwe. Unter diesem vielversprechenden
Namen stand ich auf dem Personenverzeichnis der »grosse-Welt«-Komödie. Und ich
muss sagen, die Rolle sagte mir zu. Es ist kein geringes Vergnügen, von allen
Seiten Huldigungen zu empfangen, von der ganzen Gesellschaft gefeiert, verwöhnt,
mit Auszeichnungen überschüttet zu werden. Es ist kein geringer Genuss, nach
beinahe vierjähriger Weltabgeschiedenheit plötzlich in einen Strudel von
allerlei Vergnügungen zu gelangen; interessante, bedeutende Menschen kennen zu
lernen, an fast jedem Tage ein glänzendes Fest mitzumachen - und dabei sich
selber als den Mittelpunkt allgemeiner Aufmerksamkeit zu fühlen.
    Wir drei Schwestern hatten den Spitznamen »die Göttinnen vom Berge Ida«
bekommen und die Erisäpfel lassen sich nicht zählen, welche die verschiedenen
jungen Parisse unter uns verteilten; ich natürlich - in meiner oben erwähnten
Teaterzettelwürde »reiche, junge Witwe« war gewöhnlich die Bevorzugte. Es galt
übrigens in meiner Familie - und auch ein klein wenig in meinem eigenen
Bewusstsein - als ausgemachte Sache, dass ich mich wieder vermählen würde. Tante
Marie pflegte in ihren Homilien nicht mehr auf den Verklärten anzuspielen, der
»dort oben meiner harrte«, denn wenn ich in den kurzen Erdenjahren, die mich vom
Grabe trennten, mir einen zweiten Gatten angeeignet - eine von Tante Marie
selber gewünschte Eventualität - so war dadurch die Gemütlichkeit des
himmlischen Wiedersehens mit dem ersten stark beeinträchtigt.
    Alle um mich herum schienen Arnos Existenz vergessen zu haben - nur ich
nicht. Obwohl die Zeit meinen Schmerz um ihn geheilt hatte - sein Bild hatte sie
nicht verlöscht. Man kann aufhören um seine Toten zu trauern - die Trauer hängt
auch nicht vom Willen ab - aber vergessen soll man sie nicht. Ich betrachtete
dieses von meiner Umgebung geübte Todschweigen eines Verstorbenen als eine
zweite nachträgliche Tötung und vermied es, den Armen auch noch totzudenken. Ich
hatte es mir zur Aufgabe gemacht, täglich zum kleinen Rudolf von seinem Vater zu
sprechen, und in seinem Abendgebet musste das Kind stets sagen: »Gott, lass mich
gut und brav sein, meinem geliebten Vater Arno zu Liebe!«
    Meine Schwestern und ich »amüsierten« uns köstlich - ich gewiss nicht minder
als sie. Es war ja sozusagen auch mein Debut in der Welt. Das erste Mal war ich
als Braut und Neuvermählte eingeführt worden; da hatten sich selbstverständlich
alle Kurmacher von mir fern gehalten, und was ist des »Welt«-Lebens höchster
Reiz, wenn nicht die Kurmacher? Aber sonderbar: so sehr es mir behagte, von
einer Schar von Anbetern umgeben zu sein, keiner von ihnen machte einen tieferen
Eindruck auf mich. Es lag eine Schranke zwischen ihnen und mir, die schier
unübersteiglich war. Und diese Schranke hatte sich durch die drei Jahre meines
einsamen Studierens und Denkens aufgerichtet. Alle diese glänzenden jungen
Herren, deren Lebensinteressen in Sport, Spiel, Ballet, Hofklatsch und, wenn es
hoch ging, in Berufsehrgeiz (die meisten waren Militärs) gipfelten, die hatten
von den Dingen, die ich in meinen Büchern von ferne erschaut und an denen mein
Geist sich gelabt, auch nicht die entfernteste Idee. Jene Sprache, von der ich
freilich auch nur die Anfangsgründe kennen gelernt, von der ich aber wusste, dass
in ihr durch die Männer der Wissenschaft die höchsten Fragen beraten und einst
gelöst werden; jene Sprache war ihnen nicht nur »spanisch«, sondern -
patagonisch.
    Unter dieser Kategorie junger Leute würde ich mir keinen Gatten wählen - das
stand fest. Überhaupt hatte ich keine Eile, meine Freiheit, die mir so wohl
gefiel, wieder aufzugeben. Ich wusste meine seinwollenden Freier so in Entfernung
zu halten, dass keiner einen Antrag wagte und dass auch niemand in der
Gesellschaft das kompromittierende Wort von mir sagen konnte: »Sie lässt sich den
Hof machen.« Mein Sohn Rudolf sollte einst auf seine Mutter stolz sein dürfen -
keinen Hauch des Verdachtes auf dem blanken Spiegel ihres guten Rufes vorfinden.
Wenn jedoch der Fall einträte, dass mein Herz von neuem in Liebe erglühte - es
konnte nur für einen Würdigen sein - dann war ich ja geneigt, das Anrecht,
welches meine Jugend noch auf irdisches Glück besass, geltend zu machen und eine
zweite Ehe einzugehen.
    Unterdessen - von Liebe und Glück abgesehen - war ich recht guter Dinge. Der
Tanz, das Teater, der Putz: an alledem fand ich lebhaftes Vergnügen. dabei
vernachlässigte ich weder meinen kleinen Rudolf noch meine eigene Ausbildung.
Nicht, dass ich mich in gründliche Fachstudien vertiefte; aber über die Bewegung
der Geister erhielt ich mich stets auf dem Laufenden, indem ich mir die
hervorragendsten neuen Erscheinungen der Weltlitteratur anschafte und
regelmässig sämtliche Artikel, auch die wissenschaftlichen, der »Revue des deux
Mondes« und ähnlicher Zeitschriften aufmerksam las. Diese Beschäftigung hatte
freilich zur Folge, dass die vorerwähnte Schranke, welche mein Seelenleben von
der mich umgebenden Junge-Herrenwelt abschloss, immer höher wurde - aber das war
schon recht so. Gern hätte ich in meinen Salon einige Persönlichkeiten aus der
Litteraten- und Gelehrtenwelt zugezogen, allein dies war in der Mitte, in der
ich mich bewegte, nicht recht tunlich. Bürgerliche Elemente werden der
österreichischen sogenannten »Societät« nicht beigemischt. Namentlich damals;
seiter hat sich dieser ausschliessliche Geist etwas geändert und es ist Mode
geworden, einzelnen Vertretern der Kunst und Wissenschaft seine Salons zu
öffnen. Zu der Zeit, von der ich spreche, war dies jedoch nicht der Fall; was
nicht hoffähig war - das heisst was nicht sechzehn Ahnen aufzuweisen hatte - war
von vornherein ausgeschlossen. Unsere gewohnte Gesellschaft wäre ganz unangenehm
überrascht gewesen, bei mir unadelige Leute anzutreffen, und hätte nicht den
rechten Ton gefunden, mit solchen zu verkehren. Und diese selber hätten meinen
mit »Komtesseln« und Sportsmen, mit alten Generälen und alten Stiftsdamen
gefüllten Salon schon gar unerträglich langweilig gefunden. Welchen Anteil
konnten Männer von Geist und Wissen, Schriftsteller und Künstler, an den ewig
gleichen Erörterungen nehmen: bei wem gestern getanzt worden und bei wem morgen
getanzt wird - ob bei Schwarzenberg, bei Pallavicini oder bei Hof - welche
Passionen Baronin Pacher einflösst, welche Partie Komtess Palffy ausgeschlagen,
wieviel Herrschaften Fürst Croy besitzt, was die junge Almasy für eine
»Geborene« sei, ob eine Festetics oder eine Wenkheim, und ob die Wenkheim, deren
Mutter ein Khevenhüller gewesen u.s.w. u.s.w. Das war nämlich so der Stoff der
meisten um mich herum geführten Unterhaltungen. Auch die geistvollen und
unterrichteten Leute, von welchen doch gar manche in unseren Kreisen sich fanden
- Staatsmänner und dergleichen - glaubten sich verpflichtet, wenn sie mit uns -
tanzender Jugend - verkehrten, denselben frivolen und inhaltslosen Ton
anzuschlagen. Wie gerne hätte ich oft nach einem Diner mich in die Ecke begeben,
wo ein paar unserer vielgereisten Diplomaten, beredten Reichsräten, oder
sonstige bedeutende Männer über bedeutende Fragen ihre Meinung austauschten -
aber das war nicht tunlich; ich musste schon bei den anderen jungen Frauen
bleiben und die Toiletten besprechen, die wir für den nächsten grossen Ball
vorbereiteten. Und hätte ich mich auch in jene Gruppe eingedrängt, sogleich
würden die eben geführten Gespräche über Nationalökonomie, über Byrons Poesie,
über Teorien von Strauss und Renan verstummt sein und es würde geheissen haben:
»Ach, Gräfin Dotzky! ... gestern auf dem Damen-Pique-nique haben Sie bezaubernd
ausgesehen ... und Sie gehen doch morgen zum Empfang bei der russischen
Botschaft?«
»Erlaube, liebe Marta,« sagte mein Vetter Konrad Altaus, »dass ich Dir
Oberstlieutenant Baron Tilling vorstelle.«
    Ich neigte den Kopf. Der Vorstellende entfernte sich und der Vorgestellte
blieb stumm. Ich fasste dies als eine Aufforderung zum Tanze auf und erhob mich
von meinem Sitz - mit gerundet aufgehobenem linken Arm, bereit, ihn auf Baron
Tillings Schulter zu lehnen.
    »Verzeihen Sie, Gräfin,« sagte jener mit einem flüchtigen Lächeln, das
blitzend weisse Zähne aufdeckte, »ich kann nicht tanzen.«
    »Ah so - desto besser,« antwortete ich, mich wieder setzend. »Ich hatte mich
ohnehin hierher zurückgezogen, um ein wenig auszuruhen.«
    »Und ich hatte mir die Ehre erbeten, Ihnen vorgestellt zu werden, gnädige
Gräfin, um Ihnen eine Mitteilung zu machen.«
    Ich blickte erstaunt auf. Der Baron machte ein sehr ernstes Gesicht. Er war
überhaupt ein ernstaft aussehender Mann - nicht mehr jung, etwa vierzig, mit
einigen Silberfäden an den Schläfen - im ganzen eine vornehme, sympatische
Erscheinung. Ich hatte mir angewöhnt, jeden Neuvorgestellten auf die Frage hin
prüfend anzusehen: Bist Du ein Freier? - würde ich Dich nehmen? Beide Fragen
beantwortete ich mir in diesem Falle mit einem schnellen »Nein«. Es fehlte dem
Betreffenden durchaus der verbindlich-anbetende Ausdruck, welchen alle jene
anzunehmen pflegen, die sich den Frauen mit sogenannten »Absichten« nahen; - und
die andere Frage fand schon durch seine Uniform verneinende Erledigung. Ein
zweites Mal würde ich keinem Soldaten die Hand reichen - das hatte ich mir fest
vorgenommen. Nicht nur aus dem Grunde, um kein zweites Mal der schrecklichen
Angst ausgesetzt zu werden, den Gatten ins Feld ziehen zu sehen, sondern weil
ich seiter über den Krieg im allgemeinen zu Ansichten gelangt war, in welchen
ich unmöglich mit einem Krieger hätte übereinstimmen können.
    Oberstlieutenant von Tilling machte von meiner Aufforderung, sich neben mich
zu setzen, keinen Gebrauch.
    »Ich will Sie nicht lange belästigen, Gräfin. Was ich Ihnen mitzuteilen
habe, passt nicht in ein Ballfest. Ich wollte mir nur die Erlaubnis erbitten,
mich in Ihrem Hause einzufinden; können Sie mir gnädigst einen Tag und eine
Stunde bestimmen, wann ich Sie sprechen darf?«
    »Ich empfange an Samstagen zwischen zwei und vier.«
    »Dann gleicht an Samstagen zwischen zwei und vier Ihr Haus vermutlich einem
Bienenstock, wo die Honigträger aus- und einfliegen -«
    »Und ich als Königin in der Zelle sitze, meinen Sie - das ist ein recht
hübsches Kompliment.«
    »Komplimente mache ich nie - ebensowenig als Honig, und so behagt mir die
samstägliche Schwarmstunde durchaus nicht; ich muss Sie allein sprechen.«
    »Sie reizen meine Neugier. Sagen wir also morgen Dienstag, um die gleiche
Stunde; ich werde für Sie und sonst niemand zu Hause sein.«
    Er dankte mit einer Verbeugung und ging.
    Eine Weile später kam mein Vetter Altaus vorbei. Ich rief ihn zu mir, liess
ihn an meiner Seite Platz nehmen und verlangte Auskunft über Baron Tilling.
    »Gefällt er Dir? Hat er dir solch' tiefen Eindruck gemacht, dass Du Dich gar
so angelegentlich erkundigst? Er ist zu haben - das heisst er ist noch ledig.
Darum soll er aber doch nicht frei sein ... Man munkelt, dass eine sehr hohe Dame
(Altaus nannte eine Prinzessin aus regierendem Hause) ihn durch zarte Bande an
sich fesselt - deshalb heirate er nicht. Sein Regiment ist erst seit kurzer Zeit
hierher versetzt worden, daher hat man ihm noch nicht viel in der Gesellschaft
begegnet - auch ist er, glaube ich, ein Feind von Bällen und dergleichen. Ich
habe ihn im adeligen Kasino kennen gelernt, wo er täglich ein paar Stunden
verbringt, aber gewöhnlich im Lesezimmer in die Zeitungen, oder mit unseren
besten Schachspielern in eine Partie vertieft. Ich war erstaunt, ihn hier zu
treffen - da jedoch die Hausfrau seine Kousine ist, so erklärt sich seine kurze
Erscheinung auf dem Ball - er ist auch schon wieder weg. Nachdem er sich von Dir
empfohlen, sah ich ihn fortgehen.«
    »Hast Du ihn noch mehreren anderen Damen vorgestellt?«
    »Nein, nur Dir. Aber darum musst Du Dir nicht einbilden, dass Du es ihm von
weitem angetan, und er deshalb verlangte, Dich kennen zu lernen: - »Können Sie
mir nicht sagen, fragte er mich, ob eine gewisse Gräfin Dotzky, geborene Altaus
- vermutlich mit Ihnen verwandt - hier anwesend ist? Ich muss mit derselben
sprechen.« - »Ja, antwortete ich, auf Dich zeigend, - dort in jener Ecke auf dem
Sofa - im blauen Kleide.« - »Ah, die? Seien Sie so gut, stellen Sie mich vor.« -
Was ich denn bereitwilligst tat, ohne zu ahnen, dass ich Dich dadurch um Deine
Ruhe bringen würde.«
    »So sprich doch keinen Unsinn, Konrad - meine Ruhe ist nicht so leicht zu
untergraben. Tilling? was ist das für eine Familie? - ich höre den Namen zum
erstenmale.«
    »Aha, Du gibst nicht nach ... Ist das ein Glücksmensch! Ich habe mich durch
volle drei Monate, mit Aufwand aller meiner Bezauberungskräfte, in Deine Gunst
einzuschleichen versucht - vergebens. Und dieser kalte Oberstlieutenant - denn
er ist kalt und fühllos, lass Dir das gesagt sein - kam, sah und siegte. - Was
Tilling für eine Familie sei, fragtest Du? Ich glaube preussischen Ursprungs -
doch war schon sein Vater in österreichische Dienste getreten - seine Mutter ist
auch Preussin - Du musst seinen norddeutschen Accent bemerkt haben.«
    »Ja, er spricht ein wunderschönes Deutsch.«
    »Natürlich - alles ist wunderschön an ihm.« Altaus stand auf. »Jetzt habe
ich gerade genug. Erlaube, dass ich Dich Deinen Träumen überlasse; ich will
versuchen, mich mit Damen zu unterhalten, welche«
    »Dich wunderschön finden. Solche gibt es wohl genug.«
    Ich verliess den Ball zu früher Stunde. Meine Schwestern konnten unter dem
Schutze Tante Maries noch bleiben und mich hielt nichts zurück. Die Lust am
Tanzen war mir vergangen, ich fühlte mich ermüdet und sehnte mich nach
Einsamkeit. Warum? ... Doch nicht, um ungestört an Tilling denken zu können? ..
Es scheint doch so - da ich noch um Mitternacht die roten Hefte mit Eintragung
der oben angeführten Gespräche bereicherte und Betrachtungen daran knüpfte, wie
folgt: »Ein interessanter Mensch, dieser Tilling ... Die hohe Frau, die ihn
liebt, denkt jetzt wahrscheinlich an ihn ... oder vielleicht kniet er in diesem
Augenblick zu ihren Füssen und sie ist nicht so allein - allein - wie ich. Ach,
jemand so recht innig lieben zu können ... es müsste nicht eben Tilling sein -
ich kenne ihn ja nicht ... Nicht um Tilling beneide ich die Prinzessin, aber um
ihr Verliebtsein. Und je leidenschaftlicher, je wärmer sie ihm zugetan ist,
desto mehr beneide ich sie.«
    Mein erster Gedanke beim Erwachen war wieder - Tilling. Ja richtig: er hatte
sich für diesen Tag behufs wichtiger Mitteilungen bei mir angesagt. So gespannt,
wie auf diesen Besuch, hatte ich mich schon lange nicht gefühlt.
    Um die bestimmte Stunde gab ich Befehl, dass mit Ausnahme des Erwarteten
niemand vorgelassen werde. Meine Schwestern waren nicht zu Hause Tante Marie,
die unermüdliche garde-dame, hatte sie auf den Eislaufplatz begleitet.
    Ich setzte mich in meinen kleinen Salon - mit einer hübschen Haustoilette
von violettem Sammt angetan (violett steht Blondinen bekanntlich vorteilhaft),
nahm ein Buch zur Hand und wartete. Lang' habe ich nicht warten müssen: zehn
Minuten nach Zwei trat Freiherr von Tilling bei mir ein.
    »Wie Sie sehen, Gräfin, habe ich von Ihrer Erlaubnis pünktlich Gebrauch
gemacht«, sagte er, mir die Hand küssend.
    »Glücklicherweise,« antwortete ich lächelnd, indem ich ihm einen Platz
anwies; »ich hätte sonst vor Ungeduld vergehen müssen, denn Sie haben mich
wahrhaftig in grosse Spannung versetzt.«
    »Dann will ich gleich, ohne lange Einleitung, sagen, was ich zu sagen habe.
Dass ich es nicht schon gestern getan, geschah, um Ihre fröhliche Stimmung nicht
zu trüben -«
    »Sie erschrecken mich -«
    »Mit einem Wort: ich habe die Schlacht von Magenta mitgemacht -«
    »Und Sie haben Arno sterben sehen!« schrie ich auf.
    »So ist es. Ich bin in der Lage, Ihnen über seine letzten Augenblicke
Bescheid zu geben.«
    »Sprechen Sie,« sagte ich bebend.
    »Zittern Sie nicht, Gräfin. Wenn diese letzten Augenblicke so schrecklich
gewesen wären, wie bei so manchen anderen Kameraden, so würde ich Ihnen sicher
nicht davon gesprochen haben: es gibt nichts Traurigeres, als von einem teueren
Toten zu erfahren, dass er qualvoll gestorben - das ist aber hier nicht der
Fall.«
    »Sie nehmen mir einen Stein vom Herzen. Erzählen Sie.«
    »Ich werde Ihnen nicht die leere Phrase wiederholen, mit welcher man
Soldatenhinterbliebene zu trösten pflegt. Er starb als Held, denn ich weiss nicht
recht, was man damit sagen will; - den wirklichen Trost kann ich Ihnen aber
bieten: er starb, ohne an den Tod zu denken. Er war von allem Anfang überzeugt,
dass ihm nichts geschehen werde. Wir waren viel zusammen und er erzählte mir oft
von seinem Familienglück, zeigte mir das Bild seines schönen jungen Weibchens
und das seines Kindes; er lud mich ein, wenn nur einmal die Campagne aus sei,
ihn in seiner Häuslichkeit zu besuchen. In dem Gemetzel von Magenta befand ich
mich zufällig an seiner Seite. Ich erspare Ihnen die Schilderung der
vorhergehenden Szenen - so etwas erzählt sich nicht. Männer, die kriegerischen
Geistes sind, werden mitten im Pulverdampf und Kugelregen von so einem Taumel
erfasst, dass sie eigentlich nicht wissen, was um sie vorgeht. Dotzky war ein
solcher Mann. Seine Augen sprühten, er zielte mit fester Hand; er war in vollem
Kriegsrausch, das konnte ich - Nüchterner - sehen. Da kam ein Hohlgeschoss
geflogen und fiel auf ein paar Schritte Entfernung vor uns nieder. Als das
Ungetüm platzte, stürzten zehn Mann zusammen - darunter Dotzky. Es erhob sich
ein Jammergeschrei unter den Unglücklichen - aber Dotzky schrie nicht: er war
tot. Ich und noch ein paar Kameraden bückten uns zu den Getroffenen herab, um
ihnen, wenn möglich, Hilfe zu bringen. - Es war aber nicht möglich. Sie rangen
alle mit dem Tode, auf das greulichste zerrissen und zerfleischt, die Beute
schrecklichster Schmerzen ... Nur Dotzky, zu dem ich mich zuerst auf den Boden
gekniet, atmete nicht mehr; sein Herz stand still und aus der aufgerissenen
Seite quoll das Blut in solchen Strömen, dass - wenn sein Zustand auch nur
Ohnmacht und nicht der Tod gewesen wäre - es nicht zu befürchten stand, dass er
wieder zu sich komme -«
    »Zu befürchten?« unterbrach ich weinend.
    »Ja - denn wir mussten sie hilflos da liegen lassen: vor uns erklang wieder
das mordgebietende »Hurra!« und hinter uns stürmten berittene Scharen heran,
welche über diese Sterbenden hinwegsetzen würden - glücklich der Bewusstlose!
Sein Gesicht hatte einen ganz ruhigen, schmerzlosen Ausdruck - und als wir,
nachdem der Kampf vorüber war, unsere Toten und Verwundeten auflasen, fand ich
ihn auf derselben Stelle, in gleicher Lage und mit dem gleichen friedlichen
Ausdruck. Das habe ich Ihnen sagen wollen, Gräfin. Freilich hätte ich das schon
vor Jahren tun können und, da ich nicht mit Ihnen zusammentraf, an Sie
schreiben - aber die Idee kam mir erst gestern, als mir meine Cousine sagte, sie
erwarte unter ihren Gästen die schöne Witwe Arno Dotzkys. Verzeihen Sie, wenn
ich schmerzliche Erinnerungen wachgerufen; ich glaube doch eine Pflicht erfüllt
und Sie von peinlichen Zweifeln befreit zu haben.«
    Er stand auf. Ich reichte ihm die Hand:
    »Ich danke, Baron Tilling,« sagte ich, meine Tränen trocknend. »Sie haben
mir in der Tat ein wertvolles Geschenk gemacht: die Beruhigung, dass das Ende
meines teueren Mannes frei von Schmerz und Qual war ... Aber bleiben Sie noch
ein wenig, ich bitte Sie ... Ich wollte Sie noch sprechen hören ... Vorhin, in
Ihrer Ausdrucksweise, haben Sie einen Ton angeschlagen, der in meinem Gemüte
eine gewisse Saite vibrieren gemacht - ohne Umschweife: Sie verabscheuen den
Krieg?«
    Tillings Gesicht verfinsterte sich:
    »Verzeihen Sie, Gräfin,« sagte er, »wenn ich Ihnen über diesen Gegenstand
nicht Rede stehe. Auch bedauere ich, mich nicht länger aufhalten zu können - ich
werde erwartet.«
    Jetzt nahm mein Gesicht einen kalten Ausdruck an: vermutlich erwartete ihn
die Prinzessin - und der Gedanke war mir unangenehm.
    »Da will ich Sie nicht zurückhalten, Herr Oberstlieutenant,« entgegnete ich
kalt.
    Ohne nur die Erlaubnis zu erbitten, wiederkommen zu dürfen, verbeugte er
sich und ging.
Der Fasching war zu Ende. Rosa und Lilli, meine Schwestern, hatten sich
»ungeheuer amüsiert«. Jede verzeichnete ein halb Dutzend Eroberungen; dennoch
befand sich keine wünschenswerte Partie darunter und der »Rechte« war für keine
erschienen. Desto besser: sie wollten gern noch ein paar Mädchenjahre geniessen,
ehe sie ins Ehejoch traten.
    Und ich? In den roten Heften stehen meine Faschingseindrücke folgendermassen
notiert:
    »Ich bin froh, dass die Tanzerei vorüber ist. Es fing schon an, eintönig zu
werden. Immer dieselben Touren und immer dieselben Gespräche und immer ein und
derselbe Tänzer: - denn ob es nun der Husarenlieutenant X, oder der
Dragonerlieutenant Y, oder der Ulanenrittmeister Z ist - es sind doch die
gleichen Verbeugungen, die gleichen Bemerkungen, die gleichen Seufzer und
Blicke. Nicht ein interessanter Mensch darunter, nicht einer. Und der einzige
der allenfalls ... reden wir nichts von dem, der gehört ja seiner Prinzessin.
Sie ist eine hübsche Frau, ja - zugestanden, aber ich finde sie sehr
unsympatisch.«
    Obgleich der Fasching mit seinen grossen Ballfesten zu Ende war, so hatten
die geselligen Vergnügungen darum nicht aufgehört. Soiréen, Diners, Konzerte:
der Wirbel dauerte fort. Auch eine grosse Liebhaberteatervorstellung ward in
Aussicht genommen - dies jedoch erst nach Ostern. Für die Fastenzeit war doch
eine Mässigung in Vergnügen geboten - nach Tante Maries Ansicht mässigten wir uns
lange nicht genug. Dass ich die Fastenpredigten nicht regelmässig besuchte, konnte
sie mir nicht recht verzeihen, und sie entschädigte sich für meine Lauheit,
indem sie Rosa und Lilli zu allen berühmten Kanzelrednern schleppte. Die Mädchen
liessen sich das gern gefallen; einmal trafen sie in den Kirchen mit ihrer ganzen
gewohnten Koterie zusammen - Pater Klinkowström war ebensosehr Mode bei den
Jesuiten, als die Murska in der Oper, und in zweiter Linie waren sie ja auch
leidlich fromm.
    Aber nicht nur den Predigten, auch den Soiréen hielt ich mich während jener
Fastenzeit ziemlich fern. Ich hatte plötzlich an geselligen Zusammenkünften den
Geschmack verloren und liebte es, manchmal allein zu Hause zu bleiben - mit
meinem Sohn zu spielen, und wenn der Kleine zu Bett gebracht war, mich mit einem
guten Buch an das Kaminfeuer zu setzen und zu lesen. Zuweilen besuchte mich dann
mein Vater und verplauderte ein bis zwei Stunden bei mir. Natürlich kamen die
Feldzugserinnerungen dabei unablässig zum Vorschein. Ich hatte ihm Tillings
Bericht über Arnos Ende mitgeteilt; er nahm die Geschichte jedoch ziemlich kühl
auf. Ob einer mit Schmerzen oder ohne Schmerzen geendet, schien ihm eine ganz
nebensächliche Frage. »Geblieben« sein - wie der Tod auf dem Schlachtfelde heisst
- war seiner Anschauung nach eine so rühmliche - durch ein so erhabenes Fatum
herbeigeführte Sache, dass die Details der dabei allenfalls ausgestandenen
körperlichen Leiden garnicht in Betracht kamen. In seinem Munde klang das
»Geblieben« stets wie die neidende Konstatierung einer besonderen Auszeichnung,
und die dem »Bleiben« nächstfolgende Annehmlichkeit war nach seiner Auffassung
offenbar das »Blessiert«-werden. Die Art und Weise, wie er von sich mit Stolz
und von den anderen mit Respekt erzählte, dass sie bei diesem oder jenem - nach
irgend einer Ortschaft benannten - Gefecht verwundet worden, liess einen ganz
vergessen, dass das Ding eigentlich weh tun könne. Welch ein Unterschied mit der
kurzen Erzählung Tillings: in der Schilderung der zehn Unglücklichen, welche,
von dem platzenden Geschoss zerschmettert, in lauten Jammer ausbrachen - was lag
da für ein anderer Ton erschütternden Mitleids darin! Ich habe Tillings Worte
meinem Vater nicht wiederholt, denn ich empfand instinktiv, dass ihm dieselben
unsoldatenmässig erschienen wären und seine Achtung vor dem Sprecher
beeinträchtigt hätten, und das hätte mich verdrossen; denn gerade der vielleicht
unsoldatische, aber sicherlich menschliche Abscheu, mit welchem er das
schreckliche Ende seiner Kampfgenossen geschaut und erzählt, war mir ins Herz
gedrungen.
    Wie gern hätte ich mit Tilling über dieses Tema noch weiter gesprochen -
aber er schien meine Bekanntschaft nicht pflegen zu wollen. Seit seinem Besuche
waren vierzehn Tage vergangen und weder hatte er den Besuch wiederholt, noch war
ich ihm in der Gesellschaft begegnet. Nur zwei- oder dreimal auf der Ringstrasse
und einmal im Burgteater war ich seiner ansichtig geworden: er grüsste
ehrerbietig, ich dankte freundlich - weiter nichts. Weiter nichts? ... Warum
klopfte mir bei diesen Gelegenheiten das Herz, warum konnte ich dann stundenlang
die Gebärde seines Grusses nicht aus dem Sinn bringen? ...
    »Liebes Kind, ich habe eine Bitte an Dich.« Mit diesen Worten trat eines
Vormittags mein Vater bei mir ein. Er hielt ein papierumwickeltes Paket in der
Hand, »hier bringe ich Dir etwas mit,« fügte er hinzu, das Ding auf einen Tisch
legend.
    »Eine Bitte und ein Geschenk zugleich?« lachte ich. »Das ist ja Bestechung.«
    »So höre mein Anliegen, ehe Du mein Geschenk auspackst und von dessen Pracht
geblendet wirst. Ich habe heute ein langweiliges Diner -«
    »Ja, ich weiss; drei alte Generäle mit ihren Frauen.«
    »Und zwei Minister mit den ihrigen; kurz, eine feierliche, steife,
einschläfernde Geschichte -«
    »Da mutest Du mir doch nicht zu, dass ich -«
    »Ja, ich mute es Dir zu, denn - da mich Damen mit ihrer Gegenwart beehren
wollen - muss ich doch eine Dame zum Honneursmachen haben.«
    »Dieses Amt hat ja Tante Marie übernommen?«
    »Die ist heute wieder von ihrem gewissen Kopfschmerz befallen; es bleibt mir
also nichts anderes übrig -«
    »Als Deine Tochter hinzuopfern - wie dies schon andere Väter im Altertum -
z.B. Agamemnon mit Iphigenia - getan? Ich füge mich.«
    Übrigens sind unter den Gästen auch ein paar jüngere Elemente: Doktor
Bresser, der mich in meiner letzten Krankheit so ausgezeichnet behandelt hat und
dem ich die Artigkeit einer Einladung erweisen wollte; ferner Oberstlieutenant
Tilling - Du wirst ja ganz feuerrot - was ist Dir?«
    »Ich? ... Es ist die Neugier: jetzt muss ich doch schauen, was Du mir
gebracht hast.« Und ich begann, das Paket aus seiner Papierhülle zu lösen.
    »Es ist nichts für Dich - erwarte nicht etwa ein Perlenhalsband, Das gehört
dem Rudi.«
    »Ja, ich sehe, eine Spielereischachtel - ah, Bleisoldaten! Aber Vater, das
vierjährige Kind soll doch nicht -«
    »Ich habe schon mit drei Jahren Soldaten gespielt - man kann nicht früh
genug damit anfangen ... Meine allerersten Eindrücke waren Trommeln, Säbel -
exerzieren, kommandieren: auf die Art erwacht die Liebe zum Metier, auf die Art
-«
    »Mein Sohn Rudolf wird nicht unter die Soldaten gehen,« unterbrach ich.
    »Marta! Ich weiss doch, dass seines Vaters Wunsch -«
    »Der arme Arno ist nicht mehr. Rudolf ist mein alleiniges Eigentum und ich
will nicht -«
    »Dass er den schönsten und ehrenvollsten Beruf einschlage?«
    »Das Leben meines einzigen Kindes soll nicht im Kriege auf das Spiel gesetzt
werden.«
    »Ich war auch ein einziger Sohn und bin Soldat geworden. Arno hat keine
Geschwister, so viel ich weiss, und Dein Bruder Otto ist gleichfalls einziger
Sohn und ich habe ihn doch in die Militärakademie gegeben. Die Tradition unserer
Familie fordert es, dass der Sprosse eines Dotzky und einer Altaus seine Dienste
dem Vaterlande weihe.«
    »Das Vaterland wird ihn weniger brauchen, als ich.«
    »Wenn alle Mütter so dächten!«
    »Dann gäbe es keine Paraden und Revuen - und keine Männerwälle zum
Niederschiessen - kein Kanonenfutter, wie der bezeichnende Ausdruck heisst. Das
wäre auch kein Unglück.«
    Mein Vater machte ein sehr böses Gesicht. Dann aber zuckte er die Achseln:
    »Ach, ihr Weiber,« sagte er verächtlich. »Zum Glück wird der Junge nicht um
Deine Erlaubnis fragen; das Soldatenblut fliesst ihm in den Adern - Na, und Dein
einziger Sohn wird er ja nicht bleiben. Du musst wieder heiraten, Marta. In
Deinem Alter ist's nicht gut, allein sein. Erzähl' mir: gibt es keinen unter
Deinen Bewerbern, der vor Deinen Augen Gnade findet? Da ist zum Beispiel der
Rittmeister Olensky, der sterblich in Dich verliebt ist - er hat mir neulich
wieder vorgeseufzt. Der gefiele mir recht gut als Schwiegersohn.«
    »Mir aber nicht als Gatte.«
    »Da wäre noch der Major Millersdorf -«
    »Und wenn Du mir den ganzen Militärschematismus hersagst - es ist vergebens.
Um wie viel Uhr findet Dein Diner statt - wann soll ich kommen?« fragte ich, um
abzubrechen.
    »Um fünf. Aber komm' um eine halbe Stunde früher. Und jetzt adieu - ich muss
fort. Grüss mir den Rudi - zukünftigen Oberbefehlshaber der k. k. Armee.«
Eine feierliche, steife, einschläfernde Geschichte - so hatte mein Vater sein
bevorstehendes Diner genannt; und so würde ich die Ceremonie auch aufgefasst
haben, wäre nicht der eine Gast gewesen, dessen Nähe mich eigentümlich bewegte
...
    Baron Tilling war knapp vor dem Speisen gekommen; ich hatte daher, als er
mich im Salon begrüsste, nur zu einem ganz kurzen Wortaustausch Zeit gefunden,
und bei Tisch, wo ich zwischen zwei eisgrauen Generälen sass, war der Baron so
weit von mir entfernt, dass ich ihn unmöglich in die an unserem Tischende
geführte Unterhaltung ziehen konnte. Ich freute mich auf die Rückkehr in den
Salon; dort wollte ich Tilling an meine Seite rufen und ihn noch weiter
ausforschen über jene Schlachtzene; ich sehnte mich darnach, noch einmal jenen
Ton zu hören, der mich das erste Mal so sympatisch berührt hatte.
    Doch zur Ausführung dieses Vorhabens bot sich mir anfänglich keine
Gelegenheit; die beiden Eisgrauen blieben mir auch nach Tische treu und nahmen
an meiner Zeite Platz, als ich im Salon mich anschickte, den schwarzen Kaffee
einzugiessen. Dazu gesellten sich noch, im Halbkreis, mein Vater, der Minister
***, Doktor Bresser - und auch Tilling, aber die sich entspinnende Unterhaltung
war eine allgemeine. Die übrigen Gäste, darunter sämtliche Damen, liessen sich in
einer anderen Ecke des Salons nieder, wo nicht geraucht wurde; während in
unserer Ecke - auch ich hatte mir eine Cigarette angezündet - das Rauchen
gestattet war.
    »Ob es denn nicht bald wieder losgehen wird?« warf einer der Generäle hin.
    »Hm,« meinte der andere, »den nächsten Krieg werden wir mit Russland haben,
denk' ich.«
    »Muss es denn immer einen nächsten Krieg geben?« warf ich dazwischen, aber
niemand achtete darauf.
    »Eher mit Italien,« versicherte mein Vater. »Wir müssen doch unsere
Lombardei zurückbekommen ... So einen Einmarsch in Mailand, wie im Jahre 49 mit
Vater Radetzky an der Spitze - das wollte ich doch noch erleben. Es war an einem
sonnigen Vormittag -«
    »Ach, die Geschichte vom Einmarsch in Mailand kennen wir alle,« unterbrach
ich.
    »Auch die vom braven Hupfauf?«
    »Ich schon - und ich finde dieselbe sogar höchst widerwärtig.«
    »Was verstehst Du davon?«
    »Lassen Sie hören, Altaus - wir kennen die Geschichte nicht.«
    Das liess sich der Vater nicht zweimal sagen.
    »Der Hupfauf also - vom Regiment Tiroler Jäger - selber ein Tiroler, hat ein
famoses Stück'l aufgeführt. Er war der beste Schütz', den man sich denken kann;
bei allen Scheibenschiessen war er immer König - er traf fast jedesmal ins Ziel.
Was hat der Mann getan, als die Mailänder revoltierten? Er erbat sich die
Erlaubnis, mit vier Kameraden auf das Dach des Domes zu steigen und von dort auf
die Rebellen herab zu schiessen. Man hat's ihm erlaubt und er hat's auch
ausgeführt. Die vier anderen, von welchen jeder einen Stutzen trug, taten
weiter nichts, als ohne Unterlass ihre Waffen laden und sie dem Hupfauf reichen,
damit dieser keine Zeit verliere. Und so hat er hintereinander neunzig Italiener
totgeschossen.«
    »Abscheulich!« rief ich. »Jeder dieser totgeschossenen Italiener, auf die
der oben aus sicherer Höhe zielte, hatte eine Mutter und eine Geliebte zu Haus
und hing wohl selber an seinem jungen Leben.«
    »Jeder war ein Feind, Kind; das ändert den ganzen Standpunkt.«
    »Sehr richtig,« sagte Doktor Bresser; »so lange der Begriff Feindschaft
unter den Menschen sanktioniert wird, so lange können die Gebote der
Menschlichkeit keine allgemeine Geltung erlangen.«
    »Was sagen Sie, Baron Tilling?« fragte ich.
    »Ich hätte dem Manne einen Orden gewünscht, der ihm die tapfere Brust
geschmückt - und eine Kugel, die ihm das harte Herz durchschossen hätte. Beides
wäre verdient gewesen.«
    Ich warf dem Sprecher einen warmen, dankbaren Blick zu; die anderen aber,
mit Ausnahme des Doktors, schienen von den eben gehörten Worten unangenehm
berührt. Es entstand eine kleine Pause. Cela avait jeté un froid.
    »Haben Sie schon von dem Buche eines englischen Naturforschers Namens Darwin
gehört, Exzellenz?« wandte sich jetzt der Doktor an meinen Vater.
    »Nein, nichts.«
    »Doch, Papa ... erinnere Dich nur: schon vor vier Jahren, als es eben
erschienen war, hat uns unser Buchhändler das Buch geschickt und Du sagtest noch
damals, es werde bald von aller Welt vergessen sein.«
    »Was mich betrifft, so habe ich's auch vergessen.«
    »Alle Welt hingegen wird dadurch ziemlich in Aufregung versetzt,« sagte der
Doktor. »Es wird aller Orten für und gegen die neue Abstammungslehre
gestritten.«
    »Ach, Sie meinen wohl die Affenteorie?« fragte der General zu meiner
Rechten. »Davon war gestern im Kasino die Rede. Die Herren Gelehrten kommen oft
auf sonderbare Einfälle - der Mensch soll ursprünglich ein Orang-Utang gewesen
sein!«
    »Allerdings,« nickte der Minister - (wenn Minister*** »allerdings« sagte, so
war das ein Zeichen, dass er sich zu einer längeren Rede den Anlauf nahm), »die
Sache klingt etwas komisch; doch kann dieselbe nicht als Scherz aufgefasst
werden. Es ist eine nicht ohne Talent und mit dem Apparat fleissig gesammelter
Tatsachen aufgestellte wissenschaftliche Teorie, welche allerdings von den
Männern vom Fach schon genügend widerlegt worden, welche aber, wie alle
abenteuerlichen Ideen - so abgeschmackt dieselben auch seien - einen gewissen
Effekt hervorgebracht hat und ihre Verteidiger findet. Über Darwin zu
disputieren, ist Mode geworden. Es wird nicht lange dauern, so kann man das Wort
»Darwinismus« erfinden - allerdings wird dann die so benannte Teorie selber
schon aufgehört haben, ernst genommen zu werden. Es ist ein Fehler, dass die
Leute in Bekämpfung dieses englischen Sonderlings sich so erhitzen; dadurch wird
seiner Lehre eine Wichtigkeit beigelegt, die ihr nicht zukommt. Namentlich ist
es die Geistlichkeit, welche sich gegen die allerdings herabwürdigende Zumutung
zur Wehr setzt, dass der nach dem Ebenbilde Gottes geschaffene Mensch jetzt
plötzlich als dem Tierreich entstammend gedacht werden soll, eine vom religiösen
Standpunkte aus allerdings höchst anstössige Annahme. Jedoch ist bekanntermassen
die kirchliche Verdammung einer unter dem Gewand der Wissenschaftlichkeit
auftretenden Lehre, nicht im stande der Verbreitung derselben Einhalt zu tun.
Dieselbe wird erst dann unschädlich, wenn sie von den Vertretern der
Wissenschaft ad absurdum geführt worden ist, was gegenüber der Darwinischen
allerdings -«
    »Aber der Unsinn!« unterbrach mein Vater, welcher fürchten mochte, dass noch
eine lange Kette von »allerdings« seine übrigen Gäste ermüden konnte, der
Unsinn: vom Affen der Mensch! Da genügt doch wohl der sogenannte gesunde
Menschenverstand, um solche tolle Einfälle abzuweisen - da braucht man doch
nicht erst gelehrte Widerlegungen« ...
    »Nun, für gar so apodiktisch sicher möchte ich diese Widerlegungen doch
nicht halten,« nahm nun der Doktor das Wort. »Es haben sich zwar Zweifel
erhoben, aber die Teorie hat doch manches Wahrscheinliche für sich und es wird
noch eine Zeit brauchen, bis die Gelehrten einig werden.«
    »Ich glaub' die Herren werden nie einig,« bemerkte der General zu meiner
Linken, welcher in barschem Ton und in Wiener Dialekt zu sprechen pflegte, »die
leben ja vom Disputieren. Ich hab' von der Affeng'schicht auch schon was g'hört.
War mir aber zu dumm, um aufzupassen. Wenn man sich immer um alles Geschwätz
kümmern sollt', mit dem uns die Sterngucker und Graspflücker und
Froschhaxl-Untersucher ein X für ein U vormachen wollen - da müsst einem ja Hören
und Sehen vergehen. Übrigens habe ich neulich in einer illustrierten Zeitung dem
Darwin sein G'sicht g'sehen und das is selber so affenmässig, dass ich fast
glauben möcht, sein Grossvater is ä Schimpans g'wesen.«
    Diesem letzten, den Sprecher sehr befriedigenden Witz liess derselbe ein
schallendes Gelächter folgen, in welches mein Vater aus hausherrlicher
Zuvorkommenheit einstimmte.
    »Gelächter ist allerdings auch eine Waffe,« sprach der Minister ernst, -
»beweist aber nichts. Dem Darwinismus - ich benütze schon das neue Wort - kann
man doch auch ernstafte, auf wissenschaftlicher Basis ruhende Argumente
siegreich entgegenstellen. Wenn man gegen einen Schriftsteller ohne Autorität,
Namen wie Linné, Cuvier, Agassiz, Quatrefages anführen kann, so muss dessen
System zusammenstürzen. Andererseits lässt sich allerdings nicht leugnen, dass
zwischen Mensch und Affe eine grosse Stammesähnlichkeit besteht und dass -«
    »Trotz dieser Ähnlichkeit ist die Kluft doch eine meilenweite,« unterbrach
der sanfte General. »Lässt sich ein Affe denken, der den Telegraphen erfinden
könnte? Die Sprache allein erhebt den Menschen so weit über das Tier -«
    »Entschuldigen Sie, Exzellenz,« sagte Doktor Bresser, »Sprache und
technische Erfindungen waren dem Menschen nicht ursprünglich angeboren - ein
Wilder wird auch heute noch keinen Telegraphenapparat konstruieren; das alles
sind Früchte langsamer Vervollkommnung und Entwickelung -«
    »Ja ja, lieber Doktor,« versetzte der General, »ich weiss: Entwickelung ist
das Schlagwort der neuen Teorie - aber aus einem Känguruh entwickelt sich kein
Kameel ... und warum sieht man heutzutage keinen Affen Mensch werden?«
    Jetzt wandte ich mich an Baron Tilling:
    »Und was sagen Sie? Haben Sie von Darwin gehört und zählen Sie sich zu
seinen Anhängern oder - Gegnern?«
    »Gehört habe ich über diesen Gegenstand schon vieles, Gräfin; aber ich kann
kein Urteil abgeben, denn das in Frage stehende Werk: Te origin of species habe
ich nicht gelesen.«
    »Ich muss gestehen,« sagte der Doktor, »ich auch nicht.«
    »Gelesen habe ich es allerdings auch nicht,« gestand der Minister.
    »Ich auch nicht« - »ich auch nicht« - »ich auch nicht« - kam es nun von den
Anderen.
    »Aber,« fuhr der Minister fort, »das Tema wird so vielfach besprochen, die
Schlagwörter des Systems sind in aller Mund; »Kampf ums Dasein« - natürliche
Zuchtwahl« - »Evolution« und so weiter, dass man sich doch einen klaren Begriff
vom Ganzen machen kann und sich resolut auf die Seite der Anhänger oder der
Gegner stellen, zu welch' erster Kategorie allerdings nur umsturzliebende und
effektaschende Heisssporne gehören, während die kaltblütigen, nach positiven
Beweisen verlangenden, streng kritischen Leute unmöglich einen anderen, als den
von so bedeutenden Fachgelehrten geteilten Standpunkt der Gegnerschaft einnehmen
können; ein Standpunkt, der allerdings -«
    »Nicht mit Sicherheit zu behaupten ist, wenn man denjenigen der
Anhängerschaft nicht kennt, ergänzte Tilling. Um zu wissen, was die
Gegenargumente wert sind, welche man, so oft eine neue Idee auftaucht, um sich
herum im Chor vorbringen hört, muss man in diese neue Idee auch selber
eingedrungen sein. Gewöhnlich sind es die schlechtesten und seichtesten Gründe,
die mit solcher Einstimmigkeit von den Massen wiederholt werden - und auf diese
hin fällt mir nicht ein, ein Urteil zu stützen. Als die Lehre des Kopernikus
auftauchte, konnten nur diejenigen, die sich der Mühe unterzogen, die
kopernikanischen Berechnungen nachzurechnen, einsehen, dass dieselben richtig
waren; die anderen, die ihr Urteil nach den Bannflüchen richteten, welche von
Rom aus gegen das neue System geschleudert wurden -«
    »In unserem Jahrhundert werden, wie ich schon früher bemerkte,« unterbrach
der Minister, »wissenschaftliche Hypotesen, wenn sie irrig sind, nicht mehr vom
Standpunkte der Ortodoxie, sondern von demjenigen der Wissenschaft
abgefertigt.«
    »Nicht nur wenn sie irrig sind,« versetzte Tilling, »auch wenn sie sich
später bewahrheiten sollen, werden neue Hypotesen anfänglich immer von einer
Zopfpartei unter den Gelehrten bestritten. Diese lässt auch heute nicht gern an
ihren altergebrachten Anschauungen und Dogmen rütteln; gerade so wie damals
nicht nur die Kirchenväter, sondern ebenso die Astronomen gegen Kopernikus
geeifert.«
    »Wollen's damit behaupten,« fiel der barsche General ein, »dass dem
verrückten Engländer seine Affenidee so richtig ist, wie dass die Erd' um die
Sonn' herumlauft?«
    »Ich will garnichts behaupten, weil ich, wie gesagt, das Buch nicht kenne.
Doch nehme ich mir vor, dasselbe zu lesen; vielleicht - aber auch nur
vielleicht, denn meine einschlagenden Kenntnisse sind nur gering - werde ich mir
dann ein Urteil bilden können. Bis dahin muss ich mich darauf beschränken, meine
Meinung auf den Umstand zu stützen, dass die Teorie auf verbreiteten und
leidenschaftlichen Widerspruch stösst, ein Umstand, welcher mir allerdings eher
für als gegen deren Richtigkeit zeugt.«
    »Du tapferer, gerader, heller Geist,« apostrophierte ich in Gedanken den
Sprecher.
Gegen acht Uhr brachen sämtliche Gäste auf. Mein Vater wollte sie noch alle
zurückhalten und auch ich murmelte verbindlich ein paar gastliche Phrasen, wie
»Doch wenigstens noch eine Tasse Tee?« aber vergebens. Jeder brachte eine
Entschuldigung vor: der eine wurde im Kasino, der andere in einer Soirée
erwartet; eine der Damen hatte ihren Logentag in der Oper und wollte den vierten
Akt der Hugenotten hören; die zweite erwartete noch Gäste bei sich; kurz, man
musste sie - und nicht so ungern als es den Anschein hatte - ziehen lassen.
    Tilling und Doktor Bresser, die sich gleichzeitig mit den anderen erhoben
hatten, empfahlen sich zuletzt.
    »Und was haben Sie beide noch Wichtiges vor?« fragte mein Vater.
    »Ich eigentlich nichts,« antwortete Tilling lächelnd; »da aber sämtliche
Gäste sich entfernen, wäre es unbescheiden -«
    »Dasselbe gilt von mir,« fiel der Doktor ein.
    »Nun, dann lasse ich keinen von beiden fort.«
    Ein paar Minuten später hatten mein Vater und der Doktor am Spieltisch Platz
genommen und vertieften sich in eine Partie Piket, während Baron Tilling sich an
meine Seite zum Kamin setzte. - »Eine einschläfernde Geschichte dieses Diner? -
Nein, wahrlich, angenehmer und anregender hätte sich mir kein Abend gestalten
können -« flog es mir durch den Sinn, und laut:
    »Eigentlich sollte ich Ihnen Vorwürfe machen, Baron Tilling: warum haben Sie
nach Ihrem ersten Besuche den Weg in mein Haus vergessen?«
    »Sie hatten mich nicht aufgefordert, wiederzukommen.«
    »Ich teilte Ihnen doch mit, dass an Samstagen -«
    »Ja, ja, zwischen Zwei und Vier ... Das dürfen Sie mir nicht zumuten,
Gräfin. Aufrichtig: ich kenne nichts Schrecklicheres, als diese offiziellen
Empfangstage. In einen mit fremden Leuten angefüllten Salon eintreten; - sich
vor der Hausfrau verbeugen; - am äussersten Ende eines Halbkreises Platz nehmen;
- Bemerkungen über das Wetter austauschen hören und, wenn man zufällig neben
einen Bekannten zu sitzen kam, eine eigene Bemerkung hinzufügen; - von der
Hausfrau über alle Hindernisse weg mit einer Frage ausgezeichnet zu werden, die
man eifrigst beantwortet, hoffend, dass sich nun mit derjenigen, die man besuchen
wollte, ein Gespräch entspinnen werde - vergebens: soeben tritt wieder ein
anderer Gast ein, der begrüsst werden muss und der sich hierauf auf das nächste
leere Plätzchen des Halbkreises niederlässt und - in der Meinung, das Tema sei
noch nicht berührt worden - eine neue Bemerkung über das Wetter in Umlauf
bringt; dann nach zehn Minuten - wenn abermals Besuchsverstärkung kommt,
womöglich eine Mama mit vier heiratsfähigen Töchtern, für die nicht genug Sessel
mehr frei wären - im Verein mit einigen anderen aufstehen, von der Hausfrau sich
empfehlen und gehen ... nein, Gräfin, so etwas übersteigt meine ohnehin nur
schwachen geselligen Fähigkeiten.«
    »Sie scheinen überhaupt der Gesellschaft sich fern zu halten - man sieht Sie
nirgends. Sie sind ein Menschenfeind? ... Doch nein, diese Frage nehme ich
zurück. Aus manchem, was Sie sagten, habe ich herausgehört, dass Sie alle
Menschen lieben.«
    »Die Menschheit liebe ich, aber alle Menschen? - Nein. Es gibt zu viele
nichtswürdige, bornierte, selbstsüchtige, kaltblütig grausame darunter - die
kann ich nicht lieben, wenngleich ich sie bedaure, dass ihnen Erziehung und
Umstände nicht gestattet haben, liebwert zu sein.«
    »Umstände und Erziehung? Der Charakter hängt doch hauptsächlich von den
angeborenen Anlagen ab - meinen Sie nicht?«
    »Was Sie angeborene Anlagen nennen, sind doch weiter nichts als auch
Umstände, ererbte Umstände.«
    »Dann sind Sie der Ansicht, dass ein schlechter Mensch an seiner
Schlechtigkeit unschuldig und darum nicht zu verabscheuen sei?«
    »Der Nachsatz ist durch den Vordersatz nicht bedingt: unschuldig wohl - aber
dennoch zu verabscheuen. Sie sind an Ihrer Schönheit auch unschuldig und darum
doch bewunderungswürdig.«
    »Baron Tilling! Wir haben angefangen, als zwei vernünftige Leute ernste
Dinge zu sprechen - verdiene ich da, plötzlich als komplimentensüchtige
Salondame behandelt zu werden?«
    »Verzeihen Sie mir - so war es nicht gemeint. Ich habe nur das mir zunächst
liegende Argument gebraucht.«
    Es entstand eine kleine Pause. Tillings Blick hing mit einem bewundernden,
fast zärtlichen Ausdruck an meinen Augen, die ich nicht senkte ... Ich weiss
wohl, dass ich hätte wegschauen sollen - aber ich tat es nicht. Ich fühlte meine
Wangen erglühen und wusste, dass, wenn er mich hübsch fand, ich in diesem
Augenblick noch hübscher erscheinen musste ... es war ein angenehmes,
»bösgewissiges«, verwirrendes Gefühl und dauerte eine halbe Minute. Länger
durfte es nicht dauern; ich hob den Fächer vors Gesicht und veränderte meine
Stellung. Dann in gleichgültigem Tone:
    »Sie haben vorhin dem Minister Allerdings eine vortreffliche Antwort
gegeben.«
    Tilling schüttelte den Kopf, als ob er sich aus einem Traume risse:
    »Ich? ... Vorhin? ... Ich erinnere mich nicht. Im Gegenteil: mir scheint,
dass ich Ärgernis gegeben habe, mit meiner Bemerkung über den Springauf - Hopsauf
- oder wie der brave Schütze hiess.«
    »Hupfauf.«
    »Sie waren die Einzige, der ich zu Dank gesprochen. Die Exzellenzherren
hingegen habe ich mit meiner, für einen k. k. Oberstlieutenant höchst
unpassenden Äusserung natürlich verletzt ... hartes Herz, von einem, der so
braves Bestschiessen auf den Feind leistet: Lästerung! Soldaten sind doch
bekanntlich - je kaltblütiger sie töten - desto gutmütigere Kumpane; es gibt
keine sentimentalere Rührfigur im melodramatischen Repertoir, als den
schlachtenergrauten, weichherzigen Krieger: keiner Fliege könnte der stelzfüssige
Veteran etwas zu Leide tun.«
    »Warum sind Sie Soldat geworden?«
    »Mit dieser so gestellten Frage beweisen Sie, dass Sie mir ins Herz geschaut
haben. Nicht ich - nicht der neununddreissigjährige Friedrich Tilling, der drei
Feldzüge gesehen, habe den Beruf gewählt, sondern der zehn- oder zwölfjährige
kleine Fritzl, der unter hölzernen Streitrossen und bleiernen Regimentern
aufgewachsen und den sein Vater, der ordensgeschmückte General, und sein Onkel,
der mädchenerobernde Lieutenant, aufmunternd fragten: Junge, was willst Du
werden? Was sonst als ein wirklicher Soldat, mit einem wirklichen Säbel und
einem lebendigen Pferd?«
    »Für meinen Sohn Rudolf wurde mir heute auch eine Schachtel Bleisoldaten
gebracht - ich werde sie ihm nicht geben. - Doch warum - als der Fritzl zum
Friedrich sich entwickelt hatte, warum haben Sie da nicht einen Stand verlassen,
der Ihnen verhasst geworden?«
    »Verhasst? Das ist zu viel gesagt. Ich hasse den Zustand der Dinge, der uns
Menschen so grausige Pflichten auferlegt, wie das Kriegführen; da dieser Zustand
nun aber einmal da ist - unvermeidlich da ist - so kann ich die Leute nicht
hassen, welche die daraus erwachsenden Pflichten auf sich nehmen und
gewissenhaft, mit Aufwand ihrer besten Kräfte, erfüllen. Wenn ich den
Militärdienst verliesse, würde darum weniger Krieg geführt? Gewiss nicht. Es würde
nur an meiner Stelle ein Anderer sein Leben einsetzen - das kann ich schon auch
selber tun.«
    »Könnten Sie Ihren Mitmenschen nicht in einem anderen Stande mehr Nutzen
bringen?«
    »Ich wüsste nicht. Ich habe nichts Anderes gründlich gelernt als die
Soldaterei. Man kann um sich herum immer Gutes und Nützliches wirken; ich habe
Gelegenheit genug, den Leuten, die unter mir dienen, das Leben zu erleichtern.
Und was mich selber betrifft - ich bin ja sozusagen auch ein Mitmensch - so
geniesse ich den Respekt, welchen die Welt meinem Stande entgegenbringt; ich habe
eine leidlich gute Karrière gemacht - bin bei den Kameraden beliebt, und freue
mich dieser Erfolge. Vermögen besitze ich keins, als Privatmann hätte ich weder
die Mittel, anderen noch mir zu nützen - aus welchem Grunde hätte ich da meine
Laufbahn aufgeben sollen?«
    »Weil Ihnen das Totschlagen widerstrebt.«
    »Wenn es gilt, das eigene Leben gegen einen anderen Totschläger zu
verteidigen, so hört die persönliche Tötungsverantwortung auf. Der Krieg ist oft
und ganz zutreffend ein Massenmord benannt worden, aber der einzelne fühlt sich
nicht als Mörder. Dass mir jedoch der Kampf widerstrebt, dass mir die
Jammerauftritte des Schlachtfeldes Schmerz und Ekel einflössen - das ist wahr.
Ich leide dabei, leide intensiv ... aber so muss auch mancher Seemann während des
Sturmes von der Seekrankheit leiden, und dennoch, wenn er ein halbwegs braver
Kerl ist, hält er aus auf Deck, und wagt sich, wenn es sein muss, immer wieder
hinaus ins Meer.«
    »Ja, wenn es sein muss. Muss der Krieg denn sein?«
    »Das ist eine andere Frage. Aber mitziehen muss der einzelne - und das gibt
ihm, wenn auch nicht Lust, so doch Kraft zu seiner Amtserfüllung.«
    So sprachen wir noch eine Zeit lang fort - in leisem Ton, um die
Piketspieler nicht zu stören - und wohl auch, um von ihnen nicht gehört zu
werden, denn unsere getauschten Ansichten - Tilling schilderte noch einige
Schlachtenepisoden und seinen dabei empfundenen Abscheu, ich teilte ihm die von
Buckle aufgestellten Betrachtungen über den mit steigender Civilisation
abnehmenden Kriegsgeist mit - diese Reden passten nicht für die Ohren des
Generals Altaus. Ich empfand, dass es ein Zeichen grossen Vertrauens von seiten
Tillings war, mir über dieses Tema so rückhaltlos sein Inneres aufzudecken - es
war da ein Strom von Sympatie von einer Seele zur anderen übergegangen ...
    »Ihr seid ja dort in sehr eifriges Geflüster vertieft!« rief einmal beim
Kartenmischen mein Vater zu uns herüber. »Was komplottiert Ihr denn?«
    »Ich erzähle der Gräfin Feldzugsgeschichten -«
    »So? Das ist sie schon von Kindheit an gewohnt. Ich erzähle dergleichen auch
zuweilen. Sechs Blatt, Herr Doktor, und eine Quartmajor -«
    Wir nahmen unser Geflüster wieder auf.
    Plötzlich, während Tilling sprach - er hatte seinen Blick wieder in den
meinen gesenkt und aus seiner Stimme klang so inniges Vertrauen - fiel mir die
Prinzessin ein.
    Es gab mir einen Stich und ich wandte den Kopf ab.
    Tilling unterbrach sich mitten in seinem Satz:
    »Was machen Sie so ein böses Gesicht, Gräfin?« fragte er erschrocken; »hab'
ich etwas gesagt, das Ihnen missfallen?«
    »Nein, nein ... es war nur ein peinlicher Gedanke. Fahren Sie fort.«
    »Ich weiss nicht mehr, wovon ich sprach. Vertrauen Sie mir lieber Ihren
peinlichen Gedanken an. Ich habe Ihnen die ganze Zeit über so offen mein Herz
ausgeschüttet - vergelten Sie mir das.«
    »Es ist mir ganz unmöglich, Ihnen das mitzuteilen, woran ich vorhin dachte.«
    »Unmöglich? Darf ich raten? ... Betraf es Sie?«
    »Nein.«
    »Mich?«
    Ich nickte.
    »Etwas Peinliches über mich, was Sie mir nicht sagen können? ... Ist es -«
    »Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf; ich verweigere jede weitere Auskunft!«
dabei stand ich auf und blickte nach der Uhr.
    »Schon halb zehn .. Ich werde Dir jetzt adieu sagen, Papa -«
    Mein Vater schaute von seinen Karten auf:
    »Gehst Du noch in eine Soirée?«
    »Nein, nach Hause - ich bin gestern sehr spät zu Bett gegangen -«
    »Und da bist Du schläfrig? Tilling, das ist kein Kompliment für Sie.«
    »Nein, nein,« protestierte ich lächelnd, »den Baron trifft keine Schuld ...
wir haben uns sehr lebhaft unterhalten.«
    Ich verabschiedete mich von meinem Vater und dem Doktor; Tilling bat sich
die Erlaubnis aus, mich bis zu meinem Wagen zu geleiten. Er war's, der mir im
Vorzimmer den Mantel umhing und der mir über die Treppe hinab den Arm reichte.
Beim Hinuntergehen blieb er einen Moment stehen und fragte mich ernstaft:
    »Nochmals, Gräfin, habe ich Sie etwa erzürnt?«
    »Nein - auf Ehre.«
    »Dann bin ich beruhigt.«
    Indem er mich in den Wagen hob, drückte er fest meine Hand und führte sie an
die Lippen.«
    »Wann darf ich Ihnen meine Aufwartung machen?«
    »An Samstagen bin ich -«
    Er verneigte sich und trat zurück.
    Ich wollte ihm noch etwas zurufen, aber der Bediente schloss den Wagenschlag.
    Ich warf mich in die Ecke zurück und hätte am liebsten geweint - Tränen des
Trotzes, wie ein erbostes Kind. Ich war auf mich selber wütend: wie konnte ich
nur so kalt, so unhöflich, so beinahe grob mit einem Menschen sein, der mir so
warme Sympatie einflösste ... Daran war diese Prinzessin schuld - wie ich die
hasste! Was war das? ... Eifersucht? Jetzt blitzte mir das Verständnis dessen
auf, was mich bewegte: ich war in Tilling verliebt - - - - »Verliebt, liebt,
liebt« rasselten die Räder auf dem Pflaster, »Du liebst ihn,« leuchteten mir die
vorüberfliegendem Strassenlaternen zu - »Du liebst ihn,« duftete es mir aus dem
Handschuh, den ich an meine Lippen führte - an der Stelle, die er geküsst.
Tags darauf trug ich in die roten Hefte folgende Zeilen ein: »Was mir gestern
die Wagenräder und die Strassenlaternen sagten, ist nicht wahr, oder doch zum
mindesten sehr übertrieben. Ein sympatischer Zug zu einem edlen und gescheidten
Menschen: - ja; aber Leidenschaft? - nein. Ich werde doch mein Herz nicht so
hinschleudern an jemand, der einer Anderen gehört. Auch er empfindet Sympatie
für mich - wir verstehen uns in vielen Dingen; vielleicht bin ich die Einzige,
der er seine Gedanken über den Krieg mitteilt - aber darum ist er noch lange
nicht verliebt in mich - und ebensowenig darf ich es in ihn sein. Dass ich ihn
nicht aufforderte, mich an einem anderen Tage, als an den ihm so verhassten
offiziellen Empfangstagen zu besuchen, mochte wohl nach dem vorausgegangenen,
vertrauensvollen Gedankenaustausch etwas unfreundlich geschienen haben ... Aber
es ist vielleicht besser so. Wenn nur erst ein paar Wochen über die geistigen
Eindrücke, die mich so tief erschüttert haben, verstrichen sind, dann werde ich
Tilling wieder ganz ruhig begegnen können, mit der Idee vertraut, dass er eine
andere liebt und mich harmlos an seinem freundschaftlichen und geistanregenden
Umgang erlaben. Denn es ist wahrhaft ein Vergnügen, mit ihm zu verkehren - er
ist so anders, so ganz anders als alle anderen. Ich bin wirklich froh, dass ich
das heute so gelassen konstatieren kann - gestern musste ich einen Augenblick
schon fürchten, dass es um meine Ruhe geschehen sei, und dass ich die Beute
quälender Eifersucht würde ... heute ist diese Furcht verflogen.«
    Am selben Tage besuchte ich meine Freundin Lori Griesbach - dieselbe, bei
der ich den Tod meines armen Arno erfahren. Sie war unter den jungen Frauen
meiner Bekanntschaft diejenige, mit welcher ich am meisten und am intimsten
verkehrte. Nicht, dass wir in vielen Hinsichten übereinstimmten, oder dass wir uns
gegenseitig vollkommen verstanden - wie dies doch die Grundlage echter
Freundschaft sein soll; - aber wir waren als Kinder Gespielinnen, als jung
verheiratete Frauen Stellungsgenossinnen gewesen; hatten damals fast täglich
verkehrt und so war eine gewisse Gewohnheitsvertraulichkeit zwischen uns
entstanden, welche - trotz so mancher Grundverschiedenheit unserer Wesen -
unseren gegenseitigen Umgang zu einem recht angenehmen und gemütlichen
gestaltete. Es war ein gewisses, engbegrenztes Gebiet, auf dem wir uns
begegneten, aber auf dem waren wir einander aufrichtig gut. Ganze Seiten meines
Seelenlebens blieben ihr ganz verschlossen. Von den An-und Einsichten, zu
welchen ich in meiner stillen Studienzeit gelangt war, hatte ich ihr nie ein
Wort mitgeteilt und fühlte auch kein Bedürfnis dazu. Wie selten kann man sich
einem Menschen ganz geben! Das habe ich recht oft im Leben erfahren, dass ich dem
einen nur diese, dem anderen nur jene Seite meiner geistigen Persönlichkeit
erschliessen konnte; dass, so oft ich mit diesem oder jenem verkehrte, sozusagen
nur ein gewisses Register sich aufzog, die ganze übrige Klaviatur aber stumm
blieb.
    Zwischen Lori und mir gab es der Gegenstände genug, die uns zu stundenlangem
Plaudern Stoff boten: unsere Kindheitserinnerungen, unsere Kleinen, die
Ereignisse und Vorkommnisse unseres Gesellschaftskreises, Toilette, englische
Romane und dergleichen mehr.
    Loris Knabe, Xaver, war im Alter meines Sohnes Rudolf und dessen liebster
Spielkamerad; und Loris Töchterchen, Beatrix, damals zehn Monate alt, wurde
scherzweise von uns bestimmt, einst Gräfin Rudolf Dotzky zu werden.
    »Sieht man Dich endlich wieder!« empfing mich Lori. »Du bist ja in letzter
Zeit ganz Einsiedlerin geworden. Auch meinen künftigen Schwiegersohn habe ich
schon lange nicht die Ehre gehabt bei mir zu sehen - Beatrix wird das sehr übel
nehmen ... Jetzt erzähle, Kind, was treibst Du? ... Und wie geht es Rosa und
Lilli? Für Lilli habe ich übrigens eine interessante Nachricht, die mir mein
Mann gestern aus dem Kaffeehaus mitgebracht: es ist einer sehr verliebt in sie -
einer, von dem ich glaubte, er machte Dir die Kour ... doch das erzähle ich
später. Was Du da für ein hübsches Kleid hast - von der Francine, nicht wahr?
Das habe ich gleich erkannt - sie hat doch ein eigentümliches Cachet ... Und der
Hut von Gindreau? Steht Dir allerliebst ... Er macht jetzt auch Kostüme, nicht
nur Hüte ... auch mit ungeheurem Geschmack. Gestern Abend bei Dietrichstein -
warum bist Du nicht gekommen? - hatte die Nini Chotek eine Gindreausche Toilette
an und sah beinahe hübsch aus ...«
    So ging es eine Zeit lang fort und ich antwortete im selben Tone. Nachdem
ich das Gespräch geschickt auf die in der »Welt« kursierenden Klatschereien
gelenkt, stellte ich in möglichst unbefangener Weise die Frage:
    »Hast Du auch gehört, dass Prinzessin *** ein Verhältnis mit - mit einem
gewissen Baron Tilling haben soll?«
    »Ich habe so etwas gehört - aber jedenfalls ist das de l'histoire ancienne.
Heute ist es eine allbekannte Sache, dass die Prinzessin für einen
Burgschauspieler schwärmt. Interessierst Du Dich etwa für diesen Baron Tilling?
Du wirst rot? Da hilft kein verneinendes Kopfschütteln - beichte lieber! Es ist
ohnedies unerhört, dass Du so lang kalt und fühllos bleibst ... es wäre mir eine
wahre Genugtuung, Dich einmal verliebt zu wissen ... Freilich, eine Partie für
Dich wäre Tilling nicht - da hast Du glänzendere Bewerber - er soll gar nichts
haben. Nun, Du bist selber reich genug - aber er ist auch zu alt für Dich ...
Wie alt wäre jetzt der arme Arno? ... Das war doch gar zu traurig damals ... den
Augenblick werde ich nie vergessen, da Du mir meines Bruders Brief vorgelesen
... Ja, es ist doch eine schlimme Einrichtung, der Krieg ... Für manche - für
andere ist er eine wunderschöne Einrichtung: mein Mann wünscht sich nichts
sehnlicher, als dass es bald wieder zu etwas käme; er möchte sich so gern
auszeichnen. Ich begreife dies - wenn ich ein Soldat wäre, würde ich mir auch
wünschen, eine Grosstat machen zu können, oder doch in der Karriere vorwärts zu
kommen -«
    »Oder verkrüppelt oder totgeschossen zu werden?«
    »Daran dächt' ich nie. Daran soll man nicht denken - und es trifft ja doch
nur die, denen es bestimmt ist. - So war es Deine Bestimmung, Herz, eine junge
Wittwe zu werden.«
    »Darum musste der Krieg mit Italien ausbrechen?«
    »Und wenn es meine Bestimmung ist, die Frau eines verhältnismässig jungen
Generals zu sein -«
    »So muss es nächstens zu einem Völkerkonflikt kommen, damit Griesbach schnell
avanciren könne? Du zeichnest der Weltordnung einen sehr einfachen Lauf vor. -
Was wolltest Du mir mit Bezug auf Lilli erzählen?«
    »Dass Euer Vetter Konrad für sie schwärmt. Ich vermute, er wird nächstens um
sie anhalten.«
    »Das bezweifle ich. Konrad Altaus ist ein viel zu flatterhafter und toller
Bursch', um ans Heiraten zu denken.«
    »Ach, toll und flatterhaft sind sie ja alle und heiraten doch, wenn sie sich
vernarren ... Glaubst Du, dass er der Lilli gefällt?«
    »Ich habe nichts bemerkt.«
    »Er wäre eine sehr gute Partie. Wenn sein Onkel Dronteim stirbt, so erbt er
die Herrschaft Selavetz. Apropos Dronteim - weisst Du, dass der Ferdi Dronteim,
derselbe, der sein Vermögen mit der Tänzerin Grilli durchgebracht hat, jetzt
eine reiche Bankierstochter heiraten soll? - Nun - empfangen wird sie doch
niemand ... Kommst Du heute Abend zur englischen Botschaft? Wieder nicht?
Eigentlich hast Du recht - in diesen Gesandtschafts-Raouts fühlt man sich doch
nicht so ganz unter sich: es sind so viele fremdartige Leute dabei, von denen
man nicht sicher weiss, ob sie comme il faut sind; jeder durchreisende Engländer,
der sich bei seinem Gesandten vorstellen lässt, wird da eingeladen - wenn es auch
ein bürgerlicher Gutsbesitzer, oder gar Industrieller oder so etwas ist. Ich
habe die Engländer nur in der Tauchnitz-Edition gern ... Hast Du »Jane Eyre«
schon ausgelesen? - nicht wahr, wunderhübsch? Wenn Beatrix zu sprechen anfängt,
werde ich ihr eine englische Bonne nehmen ... Mit der Französin des Xaver bin
ich gar nicht zufrieden ... Neulich bin ich ihr auf der Strasse begegnet, wie sie
den Kleinen ausführte, und ein junger Mann - anscheinend ein Kommis - ging
nebenher, in angelegentlichstem Gespräch mit ihr. Plötzlich stand ich vor ihnen
- die Verlegenheit hättest Du sehen sollen! Überhaupt, mit den Leuten hat man
sein Kreuz! ... Da ist meine Jungfer, die hat mir gekündigt, weil sie heiratet -
jetzt, wo ich sie gewohnt war - es ist nichts unausstehlicher, als neue
Gesichter zum bedienen ... Was? Du willst schon fort?«
    »Ja, liebes Herz - ich muss noch einige unaufschiebbare Besuche machen ...
adieu.«
    Und ich liess mich nicht bewegen auch »nur noch fünf Minuten!« zu bleiben,
obwohl die unaufschiebbaren Besuche erlogen waren. Sonst hatte ich es doch
stundenlang ausgehalten, solch' inhaltsloses Geplapper anzuhören und
mitzuplappern - aber an diesem Tage widerte es mich an. Eine Sehnsucht ergriff
mich: ... Ach nur wieder so ein Gespräch wie gestern abends - ach Tilling -
Friedrich Tilling ... Die Wagenräder hatten also doch recht mit ihrem Refrain!
... Es war eine Wandlung mit mir geschehen - ich war in eine andere Gefühlswelt
hinaus gehoben; diese kleinlichen Interessen, in welche meine Freundin so ganz
vertieft war: Toiletten, Bonnen, Heirats- und Erbschaftsgeschichten aus der
Gesellschaft - das war doch gar zu nichtig, zu erbärmlich, zu erstickend ...
Hinaus, hinauf in eine andere Lebensluft! Und Tilling war ja frei: die
Prinzessin »schwärmt für einen Burgschauspieler« ... Die hat er wohl nie geliebt
... ein vorübergehendes - ein vorübergegangenes Abenteuer, weiter nichts.
Es verstrichen mehrere Tage, ohne dass ich Tilling wiedersah. Jeden Abend ging
ich ins Teater und von da in eine Soirée, in der hoffenden Erwartung ihm zu
begegnen, aber vergebens.
    Mein Empfangstag brachte mir viele Besuche, aber natürlich nicht den seinen.
Den hatte ich auch nicht erwartet. Es sah ihm nicht ähnlich, nach seinem
bestimmten »Gräfin, das dürfen Sie mir nicht zumuten« und seinem am Wagenschlag
gesagten »Ich verstehe - also gar nicht« sich dennoch an einem solchen Tage bei
mir einzufinden. Ich hatte ihn an jenem Abend gekränkt, das war gewiss; und er
vermied es, mit mir zusammenzukommen, das war offenbar. Allein, was konnte ich
tun? Ich brannte danach, ihn wieder zu sehen, meine damalige Unfreundlichkeit
wieder gut zu machen und eine neue solche Plauderstunde zu erleben, wie jene in
meines Vaters Haus; eine Plauderstunde, deren Reiz mir jetzt noch hundertfach
erhöht worden wäre, durch das mir nunmehr klar gewordene Bewusstsein meiner
Liebe.
    In Ermangelung Tillings brachte mir der nächstfolgende Samstag doch
wenigstens Tillings Cousine - dieselbe, auf deren Ball ich ihn kennen gelernt.
Als sie eintrat, fing mir das Herz zu pochen an; jetzt konnte ich doch
wenigstens etwas von demjenigen erfahren, der meine Gedanken so beschäftigte.
Ich brachte es jedoch nicht über mich, eine diesbezügliche Frage zu stellen; ich
fühlte, dass ich nicht im stande wäre, den gewissen Namen auszusprechen, ohne
verräterisch zu erglühen, und so unterhielt ich meine Besucherin von hundert
verschiedenen Dingen - unter anderen auch vom Wetter - aber nur nicht von dem,
was ich auf dem Herzen hatte.
    »Ah, Marta,« sagte jene unvermittelt, »ich habe eine Post an Sie zu
bestellen: mein Vetter Friedrich lässt Sie grüssen - er ist vorgestern abgereist.«
    Ich fühlte, dass mir das Blut aus den Wangen wich.
    »Abgereist? Wohin? Wurde sein Regiment versetzt?«
    »Nein ... er hat nur einen kurzen Urlaub genommen, um nach Berlin zu eilen,
wo seine Mutter auf dem Sterbebette liegt. Der Arme, er dauert mich; denn ich
weiss, wie er seine Mutter vergöttert.«
    Nach zwei Tagen erhielt ich einen Brief von unbekannter Hand, mit dem
Poststempel Berlin. Noch ehe ich nach der Unterschrift geschaut, wusste ich, dass
das Schreiben von Tilling kam. Es lautete:
                                        »Berlin, Friedrichstr. 8, 30. März 1863.
                                                                   1 Uhr nachts.
Teure Gräfin! Ich muss Jemandem klagen ... Warum gerade Ihnen? Habe ich ein Recht
dazu? Nein - aber den unwiderstehlichen Drang. Sie werden mir nachfühlen - ich
weiss es.
    Hätten Sie die Sterbende gekannt. Sie würden sie geliebt haben. Dieses
weiche Herz, dieser helle Verstand, diese heitere Laune, diese Hoheit und Würde
- und das alles soll jetzt ins Grab - keine Hoffnung!
    Ich habe den ganzen Tag an ihrem Lager verbracht und werde auch die Nacht
über hier bleiben - ihre letzte Nacht ...
    Sie hat viel gelitten, die Arme. Jetzt ist sie ruhig - die Kräfte schwinden,
der Pulsschlug hat beinah schon aufgehört ... Ausser mir wachen noch ihre
Schwester und ein Arzt im Krankenzimmer.
    Ach, diese schreckliche Zerreissung: der Tod! Man weiss doch, dass er alle
fällen muss, und doch kann man's nie recht fassen, dass er auch unsere Lieben
hinraffen darf. Was mir diese Mutter war, das vermag ich nicht zu sagen.
    Sie weiss, dass sie stirbt. Als ich ankam, heute morgen, empfing sie mich mit
einem Freudengeschrei:
    - Also doch - sehe ich Dich noch einmal, mein Fritz! Ich fürchtete so, Du
kämst zu spät.
    - Du wirst ja wieder gesund werden, Mutter, rief ich.
    - Nein, nein - davon ist keine Rede, mein alter Bub'. Nimm diesem unseren
letzten Beisammensein nicht die Weihe durch die üblichen
Krankenbettvertröstungen. Sagen wir uns Lebewohl -
    Ich fiel schluchzend an der Bettseite in die Knie.
    - Du weinst, Fritz? Schau, ich sage Dir auch nicht das üble Weine nicht. Es
ist mir lieb, dass Dir der Abschied von Deiner besten alten Freundin leid tut.
Das bürgt mir, dass ich lange unvergessen bleibe -
    - Solang' ich lebe, Mutter!
    - Erinnere Dich dabei, dass ich viel Freude an Dir gehabt. Ausser der Sorge,
die mir Deine Kinderkrankheiten bereitet, und dem Bangen, während Du im Kriege
warst, hast Du mir nur glückliche Gefühle verursacht und hast mir Alles tragen
helfen, was das Schicksal mir Trübes auferlegt. Ich segne Dich dafür, mein Kind.
    Jetzt kam wieder ein Anfall ihrer Schmerzen über sie. Wie sie jammerte und
stöhnte, wie ihre Züge sich verzerrten - es war herzzerreissend. Ja, es ist ein
fürchterlicher, grimmer Feind, der Tod ... und der Anblick dieser Agonie rief
mir alle Agonien ins Gedächtnis, welche ich auf den Schlachtfeldern und in den
Lazaretten gesehen ... Wenn ich denke, dass wir Menschen bisweilen willkürlich,
frohgemut einander dem Tod entgegenhetzen, dass wir der vollkräftigen Jugend
zumuten, diesem Feind sich willig zu ergeben, gegen den das müde und
gebrechliche Alter sogar noch verzweifelt ringt, es ist - niederträchtig!
    Diese Nacht ist schaurig lang ... Wenn die arme Kranke nur schliefe - aber
sie liegt mit offenen Augen da. Ich verbringe immer halbe Stunden lang
regungslos an ihrem Lager, dann schleiche ich mich zu diesem Briefbogen, um ein
paar Worte zu schreiben - dann wieder zurück zu ihr. So ist es schon vier Uhr
geworden. Ich habe eben die vier Schläge von allen Glockentürmen hallen gehört -
es mutet einem so kalt, so teilnahmslos an, dass die Zeit stetig unbeirrt durch
alle Ewigkeit fortschreitet, während eben für ein heissgeliebtes Wesen die Zeit
aufhören soll - für alle Ewigkeit. Aber je kälter, je teilnahmsloser das All
sich zu unserem Schmerz verhält, desto sehnsüchtiger flüchten wir an ein anderes
Menschenherz, von dem wir glauben, dass es mitfühlend schlägt. Darum hat mich das
weisse Papierblatt, das der Arzt beim Rezeptschreiben auf dem Tische liegen liess,
herangelockt - und darum schicke ich das Blatt an Sie ...
    7 Uhr. Es ist vorbei.
    - Lebewohl, mein alter Bub'. Das waren ihre letzten Worte. Darauf schloss sie
die Augen und schlief ein. - Schlaf wohl, meine alte Mutter!
    Weinend küsst Ihre lieben Hände Ihr zu Tode betrübter
                                                             Friedrich Tilling.«
Diesen Brief besitze ich noch. Wie verknittert und verblasst sieht das Blatt
nicht aus! Nicht nur die verflossenen fünfundzwanzig Jahre haben diese
Verwitterung verursacht, sondern auch die Tränen und Küsse, mit welchen ich
damals die lieben Schriftzüge bedeckte. »Zu Tode betrübt« - ja - aber auch
»himmelhochjauchzend« war mir zu Mute, nachdem ich gelesen. Deutlicher - obwohl
kein Wort von Liebe darin stand - konnte kein Brief den Beweis erbringen, dass
der Schreiber die Empfängerin - und keine andere - liebte. Dass er in solcher
Stunde, am Sterbelager der Mutter, sein Leid nicht am Herzen der Prinzessin
auszuweinen sich sehnte, sondern an dem meinen - das musste doch jeden
eifersüchtigen Zweifel ersticken.
    Ich überschickte am selben Tage einen Totenkranz aus hundert grossen weissen
Kamelien, mit einer halberblühten roten Rose drin. Ob er wohl verstehen würde,
dass die blassen, duftlosen Blumen der Dahingeschiedenen galten, als Symbole der
Trauer, und das glutfarbige Röschen - ihm? ...
Drei Wochen waren vergangen.
    Konrad Altaus hatte um meine Schwester Lilli angehalten und einen Korb
bekommen. Er nahm jedoch die Sache nicht tragisch und blieb wie zuvor ein
eifriger Besucher unseres Hauses und umschwärmte uns in den Salons der
Gesellschaft.
    Ich drückte ihm einmal meine Verwunderung über seine unerschütterte
Vasallentreue aus:
    »Es freut mich sehr,« sagte ich, »dass Du nicht zürnst; aber es beweist mir,
dass Dein Gefühl für Lilli doch kein so heftiges war, wie Du vorgibst, denn
verschmähte Liebe pflegt boshaft und nachträgerisch zu sein.«
    »Du irrst, verehrteste Frau Cousine - ich habe die Lilli rasend gern. Zuerst
glaubte ich, mein Herz gehöre Dir; Du hast Dich aber so zurückhaltend kalt
erwiesen, dass ich noch rechtzeitig die keimende Leidenschaft erstickte; dann
hab' ich mich eine Zeit lang für Rosa interessiert; schliesslich aber hat sich
meine Neigung bei Lilli fixiert - und dieser Neigung werde ich jetzt treu
bleiben - bis an mein Lebensende.«
    »Sieht Dir ganz ähnlich.«
    »Lilli oder keine!«
    »Da sie Dich aber nicht will, mein armer Konrad?«
    »Glaubst Du, ich wäre der erste, der einen Korb bekommen, der sich bei der
Selben einen zweiten und dritten geholt und beim vierten Antrag angenommen
wurde? - schon um der Zudringlichkeit ein Ende zu machen? ... Lilli hat sich
nicht verliebt in mich, eine nicht ganz erklärliche - aber immerhin eine
Tatsache. Dass sie unter so bewandten Umständen der für so viele Mädchen
unwiderstehlichen Verlockung, Frau zu werden, widerstanden hat, und auf einen,
vom weltlichen Standpunkt annehmbaren Antrag nicht eingegangen ist, das gefällt
mir eigentlich sehr gut von ihr, und ich bin noch verliebter als zuvor. Nach und
nach wird meine Anhänglichkeit sie rühren und Gegenliebe erwecken; dann sollst
Du doch meine Schwägerin werden, liebste Marta. Hoffentlich wirst Du mir nicht
entgegenwirken?«
    »Ich? - o nein, im Gegenteil; mir gefällt Dein Verharrungssystem. So sollte
immer um uns geworben werden - mit Zeit- und Zärtlichkeitsaufwand - was die
Engländer to woe and to win nennen. Aber minnen und gewinnen: dazu geben sich
unsere jungen Herren wahrlich nicht die Mühe. Sie wollen ihr Glück nicht erst
erringen, sondern es mühelos pflücken, wie eine Blume am Wegesrand!«
    Tilling war seit vierzehn Tagen nach Wien zurückgekehrt - so hatte ich
erfahren - doch kam er nicht zu mir. In den Salons konnte ich natürlich nicht
erwarten, ihm zu begegnen, da ihn seine Trauer von allem gesellschaftlichen
Umgang fern hielt. Doch hatte ich gehofft, dass er zu mir kommen oder wenigstens
mir schreiben würde; es verging aber ein Tag um den andern, ohne mir den
erwarteten Besuch oder Brief zu bringen.
    »Ich begreife nicht, was Du hast, Marta,« so sprach mich eines Morgens
Tante Marie an; »Du bist seit einiger Zeit so verstimmt, so zerstreut, so, ich
weiss nicht wie ... Du hast sehr, sehr unrecht, dass Du keinem Deiner Bewerber
Gehör schenkst. Dieses Alleinsein - das habe ich zu allem Anfang gesagt - taugt
nicht für Dich. Die Folge davon ist dieser Spleen, der Dich jetzt auszeichnet. -
Hast Du schon Deine österliche Andacht verrichtet? Das würde Dir auch gut tun.«
    »Ich denke, beides: heiraten und beichten, sollte aus Liebe zur Sache getan
werden und nicht als Spleenkur. - Von meinen Bewerbern gefällt mir keiner, und
was das Beichten betrifft -«
    »So ist es höchste Zeit: morgen ist Gründonnerstag ... Hast Du Billets zur
Fusswaschung?«
    »Ja - Papa hat mir welche verschafft - aber ich weiss wirklich nicht, ob ich
gehen werde.«
    »O das musst Du - es gibt nichts Schöneres und Erhebenderes, als diese
Ceremonie ... der Triumph der christlichen Demut: Kaiser und Kaiserin auf dem
Boden rutschend, um die Füsse armer Pfründner und Pfründnerinnen zu waschen -
symbolisiert das nicht so recht, wie klein und nichtig die irdische Majestät vor
der göttlichen ist?«
    »Um durch Niederknieen Demut sinnbildlich darzustellen, muss man sich eben
sehr erhaben fühlen. Es drückt aus: was Gott Sohn im Verhältnis zu den Aposteln,
das bin ich, Kaiser, zu Pfründnern. Mir kommt dieses Grundmotiv der Ceremonie
nicht gerade demütig vor.«
    »Du hast so kuriose Ansichten, Marta. In den drei Jahren, die Du in
ländlicher Einsamkeit und mit Lesen schlechter Bücher zugebracht, hast, sind
Deine Ideen so verschroben geworden.
    »Schlechte Bücher?«
    »Ja, schlecht - ich halte das Wort aufrecht. Neulich, als ich in meiner
Unschuld zum Erzbischof von einem Buch sprach, das ich auf Deinem Tisch gesehen
und das ich dem Titel nach für ein Andachtsbuch hielt: Das Leben Jesu von einem
gewissen Strauss - da schlug er die Hände über dem Kopf zusammen und rief:
Barmherziger Himmel, wie kommen Sie zu so einem ruchlosen Werk? Ich wurde ganz
feuerrot und versicherte, dass ich das Buch nicht selber gelesen, sondern nur bei
einer Verwandten gesehen. Dann fordern Sie diese Verwandte bei ihrer Seligkeit
auf, diese Schrift ins Feuer zu werfen. Das tue ich hiermit, Marta. Wirst Du
dies Buch verbrennen?«
    »Wären wir um zwei- oder dreihundert Jahre jünger, so könnten wir zusehen,
wie nicht nur das Werk, sondern auch der Autor in Flammen aufginge. Das wäre
wirksamer - momentan wirksamer - auch nicht für lang' ...«
    »Du antwortest mir nicht. Wirst Du das Buch verbrennen?«
    »Nein.«
    »So kurzweg nein?«
    »Wozu lange Reden? Wir verstehen einander in dieser Richtung doch nicht,
mein liebstes Tantchen. Lass Dir lieber erzählen, was gestern der kleine Rudolf
...«
    Und damit war das Gespräch glücklich auf ein anderes, sehr ergiebiges Tema
gelenkt, wo es zu keiner Meinungsverschiedenheit zwischen uns kam; denn über die
Tatsache, dass Rudolf Dotzky das herzigste, originellste, für sein Alter
vorgeschrittenste Kind der Welt ist - darüber waren wir beide einig.
    Am folgenden Tag entschloss ich mich doch, der Fusswaschung beizuwohnen. Etwas
nach zehn Uhr, schwarz gekleidet, wie es sich für die Karwoche ziemt begaben wir
uns, mein Schwester Rosa und ich, in den grossen Ceremoniensaal der Burg.
Daselbst waren auf einer Estrade Plätze für die Mitglieder der Aristokratie und
des diplomatischen Korps vorbehalten. Man war da also wieder unter sich und
teilte rechts und links Grüsse aus. Auch die Galerie war dicht gefüllt:
gleichfalls Bevorzugte, welche Eintrittskarten erlangt hatten - aber doch etwas
»gemischt«, nicht zur »Crème« gehörig, wie wir da unten, auf unserer Estrade.
Kurz, die alte Kastenabsonderung und -bevorrechtung - anlässlich dieser Feier der
symbolisierten Demut.
    Ich weiss nicht, ob den anderen irgendwie religiösweihevoll zu Mute war; aber
ich erwartete das Kommende mit ganz derselben Empfindung, mit welcher man im
Teater einem angekündigten Spektakelstück entgegensieht. Ebenso gespannt, wie
man da - nachdem die Grüsse von Loge zu Loge getauscht, den aufzurollenden
Vorhang ansieht, schaute ich nach der Richtung, wo die Chöre und Solisten des
bevorstehenden Schaugepränges erscheinen sollten. Die Dekoration war schon
aufgestellt - nämlich die lange Tafel, an welcher die zwölf Greise und zwölf
Greisinnen Platz zu nehmen hatten.
    Ich war doch froh, gekommen zu sein; denn ich fühlte mich gespannt, was
immerhin eine angenehme Empfindung ist, und eine Empfindung, welche momentan von
kummervollen Gedanken befreit. Mein steter Kummer war der: »Warum lässt sich
Tilling nicht sehen? Jetzt hatte mich diese fixe Idee verlassen; was ich zu
sehen erwartete und wünschte, waren die kaiserlichen und die pfründnerischen
Mitwirkenden der angesetzten Feier. Und gerade in diesem Augenblicke, wo ich
seiner nicht dachte, fielen meine Augen auf Tilling. Soeben nach beendeter
Messe, waren die Hofwürdenträger in den Saal getreten, gefolgt von der
Generalität und dem Offizierkorps; ich liess meinen Blick gleichgültig über alle
diese uniformierten Gestalten schweifen - dieselben waren ja nicht die Träger
der Hauptrollen, sondern nur zum Ausfüllen der Bühne bestimmt - da plötzlich
erkannte ich Tilling, der gerade unserer Tribüne gegenüber Aufstellung genommen
hatte. Es durchzuckte mich wie ein elektrischer Schlag. Er sah nicht in unsere
Richtung. Seine Miene trug die Spur des in den letzten Wochen durchgemachten
Leides: es lag ein tieftrauriger Ausdruck in seinen Zügen. Wie gern hätte ich
durch einen stummen, innigen Händedruck mein Mitgefühl ihm ausgedrückt! Ich liess
meinen Blick hartnäckig auf ihn geheftet, hoffend, dass dies durch eine
magnetische Gewalt ihn zwingen würde, auch zu mir aufzuschauen - aber vergebens.
    »Sie kommen, sie kommen!« rief Rosa, mich anstossend. »So sieh doch hin ....
Wie schön! Wie ein Gemälde!«
    Es waren die Greise und Greisinnen, angetan in altdeutsche Tracht, welche
jetzt hereingeleitet wurden. Die jüngste von den Frauen - so hatten die
Zeitungen berichtet - war achtundachtzig, der jüngste von den Männern
fünfundachtzig Jahre alt. Runzlig, zahnlos, gebückt; - ich konnte Rosas »Ach wie
schön« wahrlich nicht bestätigt finden. Was ihr gefiel, war jedenfalls die
Verkleidung. Diese stimmte eigentlich auch vortrefflich zu der ganzen, von
mittelalterlichem Geist durchwehten Ceremonie. Die Anachronismen hier waren wir,
in unseren modernen Kleidern und mit unseren modernen Begriffen - wir passten
nicht in dies Gemälde.
    Nachdem die vierundzwanzig Alten ihre Sitze an der Tafel eingenommen hatten,
trat eine Anzahl goldgestickter und ordengeschmückter, zumeist ältlicher Herren
in den Saal: - die Geheimen Räte und Kammerherren; viele bekannte Gesichter -
auch Minister »Allerdings« befand sich darunter. Zuletzt folgten die
Geistlichen, welche bei der feierlichen Handlung fungieren sollten. Jetzt also
war der Einmarsch der Statisten vorüber und die Erwartung des Publikums auf das
höchste gespannt.
    Meine Augen waren jedoch nicht so starr, wie diejenigen der übrigen Zuseher,
nach jener Richtung geheftet, wo der Hof erscheinen sollte, sondern kehrten
immer zu Tilling zurück. Dieser hatte mich nunmehr gesehen und erkannt. Er
grüsste.
    Wieder legte sich Rosas Hand auf meinen Arm:
    »Marta - ist Dir unwohl? Du bist plötzlich blass und rot geworden - schau'!
... jetzt! jetzt!!«
    In der Tat: der Kapell- - will sagen der Oberceremonienmeister hob seinen
Stab und gab das Zeichen, dass das Kaiserpaar nahe. Dies versprach nun allerdings
einen lohnenden Anblick, denn abgesehen davon, dass es das höchste war - war es
sicherlich eins der schönsten Paare im Lande. Mit Kaiser und Kaiserin zugleich
waren auch mehrere Erzherzoge und Erzherzoginnen hereingekommen und jetzt konnte
die Feier beginnen. Truchsessen und Edelknaben trugen die gefüllten Schüsseln
herbei, und der Monarch und die Monarchin stellten dieselben vor die sitzenden
Alten hin. Das war wieder mehr Gemälde als je. Das Geräte und die Speisen und
die Art der Pagen, dieselben zu tragen, erinnerte an verschiedene berühmte
Bilder von Festgelagen im Renaissancestil.
    Kaum aber waren die Gerichte aufgestellt, so wurde die Tafel wieder
abgeräumt, eine Arbeit, welche - gleichfalls als Zeichen der Demut - die
Erzherzoge verrichteten. Hiernach ward die Tafel hinausgetragen, die eigentliche
Effektscene des Stückes (was die Franzosen »le clou de la pièce« nennen) - die
Fusswaschung - begann. Freilich nur eine Scheinwaschung, wie das Mahl nur ein
Scheinmal, gewesen. Auf dem Boden knieend, streifte der Kaiser mit einem Tuch
über die Füsse der Greise hinweg, nachdem der ihm assistierende Priester aus
einer Kanne scheinbar Wasser darüber gegossen, und so rutschte er vom ersten bis
zum zwölften Pfründner, während die Kaiserin - die man sonst nur so majestätisch
hochaufgerichtet zu sehen bekommt - in derselben demütigen Stellung, in welcher
sie ihre gewohnte Anmut übrigens nicht verliess, die gleiche Prozedur an den
zwölf Pfründnerinnen vornahm. Die begleitende Musik, oder, wenn man will, den
erklärenden Chor, bildete das gleichzeitig vom Hofburgpfarrer vorgelesene
Evangelium des Tages.
    Gern hätte ich auf einige Augenblicke mitempfinden mögen, was in dem Geiste
dieser Alten vorging, während sie so dasassen, in der seltsamen Tracht, von einer
glänzenden Menge angegafft, den Landesvater, die Landesmutter - Ihre Majestäten
- zu ihren Füssen ... Wahrscheinlich wäre es gar keine klare Empfindung gewesen,
die ich da nachgefühlt hätte, wenn mir der gewünschte momentane
Bewusstseinstausch gewährt worden wäre, sondern ein verwirrter, geblendeter
Halbtraum, ein zugleich frohes und peinliches, verlegenes und feierliches
Gefühl, ein vollständiges Stillstehen der Gedanken in den ohnehin unwissenden
und altersschwachen armen Köpfen. Das einzige Wirkliche und Fassbare an der Sache
mochte den guten Alten nur die Aussicht auf das rotseidene Beutelchen mit den
dreissig Silberstücken sein, welches jedem von Allerhöchster Hand umgehängt wird
und auf den Korb voll Speisen, welchen man ihnen auf die Heimfahrt mitgibt.
    Die ganze Ceremonie war schnell zu Ende und gleich darauf leerte sich der
Saal. Zuerst zog sich der Hof zurück; hierauf entfernten sich alle anderen
Mitbeteiligten, und zugleich auch das Publikum von Estrade und Galerie.
    »Schön war's, schön war's!« flüsterte Rosa mit einem tiefen Atemzug.
    Ich antwortete nichts. Eigentlich hatte ich keine Ursache, die Verwirrung
und Gedankerarmut der Festgreise zu bemitleiden, war mir doch selber das
Verständnis der eben stattgehabten Feier ein ziemlich verschwommenes, und hatte
ich nur noch den einen Gedanken im Sinn: »Wird er uns am Ausgang erwarten?«
    Doch wir gelangten nicht so schnell zum Ausgang, als ich gewollt hätte.
Zuerst hiess es noch, mit fast sämtlichen Estradezuschauern, welche gleichzeitig
mit uns ihre Plätze verliessen, Hände schütteln und ein paar Phrasen tauschen.
Man blieb da im Stiegenhause in einer grossen Gruppe stehen und es gab einen
förmlichen Morgenraout. »Grüss' Dich, Tini.« - »Bonjour, Marta.« - »Ah, Sie auch
da, Gräfin?« - »Bist Du für den Ostersonntag schon vergeben?« - »Guten Tag,
Durchlaucht, vergessen Sie nicht, dass wir Sie Montag Abend zu einer kleinen
Tanzerei erwarten.« - »Warst Du gestern bei den Dominikanern in der Predigt? -
»Nein, ich war im Sacré-coeur, wo meine Töchter eine Retraite machen.« - »Die
nächste Probe zu unserer Wohltätigkeitsvorstellung ist Dienstag um zwölf Uhr,
lieber Baron, seien Sie ja pünktlich.« - »Die Kaiserin hat wieder superb
ausgesehen.« - »Hast Du bemerkt, Lori, wie der Erzherzog Ludwig Viktor immer zu
der Götter-Fanny herüberschielte?« - Madame, j'ai l'honneur de vous présenter
mes hommages.« - »Ah, c'est vous, marquis ... charmée.« - »I wish you good
morning, Lord Chesterfield. - »Oh, how are you? Awfully fine woman, your
Empress.« - »Haben Sie schon eine Loge gesichert für die Vorstellung der Adelina
Patti? Ein ganz wunderbarer aufgehender Stern ...« - »Die Nachricht von der
Verlobung des Ferdi Dronteim mit der Bankierstochter soll sich also doch
bestätigen - es ist ein Skandal!«
    Und so schwirrte es hin und her. Ein unbefangener Horcher hätte diesen
Gesprächen wohl kaum angemerkt, dass sie der Nachstimmung einer eben verrichteten
Demutsandacht entsprangen.
    Endlich traten wir vor das Tor hinaus, wo unsere Wagen warteten und eine
Menge Volk versammelt war. Diese Leute wollten wenigstens diejenigen sehen,
welche so glücklich waren, den Allerhöchsten Hof gesehen zu haben; sie konnten
dann ihrerseits als diejenigen, welche die Gesehenhabenden gesehen hatten,
wieder minder Bevorzugten sich sehen lassen.
    Kaum waren wir hinausgetreten, so stand Tilling vor mir. Er verneigte sich.
    »Ich muss Ihnen noch danken, Gräfin Dotzky, für den herrlichen Kranz.«
    Ich reichte ihm die Hand - aber konnte kein Wort sprechen.
    Unser Wagen war vorgefahren; wir mussten einsteigen und Rosa drängte mich
vorwärts; Tilling führte die Hand an die Mütze und wollte zurücktreten. Da
machte ich eine heftige Anstrengung und sagte mit einer Stimme, die mir selber
ganz fremd klang:
    »Sonntag zwischen zwei und drei, werde ich zu Hause sein.«
    Er verneigte sich stumm und wir stiegen ein.
    »Du musst Dich erkältet haben, Marta,« bemerkte meine Schwester, als wir
davonfuhren; »Deine Aufforderung klang furchtbar heiser. Und warum hast Du mir
diesen schwermütigen Stabsoffizier nicht vorgestellt? Ich habe noch selten ein
weniger aufheiterndes Gesicht gesehen.«
Am bestimmten Tage und zur bestimmten Stunde liess sich Tilling bei mir anmelden.
Vorher hatte ich in die roten Hefte folgende Eintragung gemacht:
    »Ich ahne, dass der heutige Tag über mein Schicksal entscheiden wird. Mir ist
so feierlich und bang, so süss erwartungsvoll zu Mute. Diese Stimmung muss ich in
diesen Blättern fixieren, damit, wenn ich einst nach langen Jahren darin
blättere, ich mir recht lebhaft die Stunde ins Gedächtnis zurückrufen könne,
welcher ich jetzt so bewegt entgegensehe. Vielleicht kommt es ganz anders, als
ich denke - vielleicht auch genau so ... jedenfalls wird es mich einst
interessiren, zu sehen, wie weit Voraussicht und Wirklichkeit sich deckten. - -
- Der Erwartete liebt mich - das bewies mir sein am Sterbelager der Mutter
geschriebener Brief; er ist wiedergeliebt - das muss ihm das Röslein im
Totenkranz verraten haben ... Und nun kommen wir zusammen - ohne Zeugen - im
Innersten bewegt - er trostbedürftig - ich vom Wunsche zu trösten durchdrungen:
ich glaube, es wird gar nicht viel Worte geben ... Tränen in unserer beiden
Augen, zitternd vereinte Hände - und wir werden uns verstanden haben ... Zwei
liebende, zwei glückliche Menschen - ernstaft, weihevoll, leidenschaftlich,
andächtig glücklich - während in der Gesellschaft die Sache gleichgültig und
trocken etwa so verkündet wird! »Wissen Sie schon? die Marta Dotzky hat sich
mit Tilling verlobt - eine miserable Partie.« ... Es ist zwei Uhr und fünf
Minuten - jetzt kann er jeden Augenblick eintreten. - Die Glocke ... dieses
Herzklopfen dieses Zittern, ich fühle, dass - -«
    So weit war ich gekommen. Die letzte Zeile ist mit beinahe unleserlichen
Buchstaben gekritzelt, ein Zeichen, dass »dieses Herzklopfen, dieses Zittern«
keine blosse rhetorische Figur war.
    Voraussicht und Wirklichkeit deckten sich nicht. Tilling verhielt sich
während seines halbstündigen Besuches ganz zurückhaltend und kalt. Er bat mich
um Verzeihung für die Kühnheit, welche er gehabt, an mich zu schreiben; ich möge
dieses Beiseitesetzen der Etikette der Unzurechnungsfähigkeit zu gute halten,
welche einen Menschen in so schmerzlichen Augenblicken befallen kann. Dann
erzählte er mir noch einiges von den letzten Tagen und aus dem Leben seiner
Mutter; aber von dem, was ich erwartet hatte - kein Wort. Und so wurde auch ich
immer zurückhaltender und kälter. Als er sich zum Gehen erhob, machte ich keinen
Versuch, ihn zu halten und forderte ihn auch nicht auf, wiederzukommen.
    Und als er draussen war, stürzte ich wieder zu den noch offen liegenden roten
Heften hin und schrieb den unterbrochenen Satz weiter:
    »Ich fühle, dass - alles aus ist ... dass ich mich schmählich getäuscht habe,
dass er mich nicht liebt und jetzt auch glauben wird, dass er mir ebenso
gleichgültig ist, wie ich ihm. Beinahe abstossend habe ich mich benommen. Ich
fühle - er kommt nie wieder. Und doch entält die Welt keinen zweiten Menschen
für mich! So gut, so edel, so geistvoll ist keiner mehr - und so lieb wie ich
Dich gehabt hätte, Friedrich, so lieb hat Dich keine andere, Deine Prinzessin -
zu der Du zurückgekehrt zu sein scheinst - schon gewiss nicht. Mein Sohn Rudolf,
Du sollst mein Trost und mein Halt sein. Fortan will ich von Frauenliebe nichts
mehr wissen; nur die Mutterliebe soll mir Herz und Leben ausfüllen ... Wenn es
mir gelingt, einen solchen Mann aus Dir zu bilden, wie jener einer ist - wenn
ich einst von Dir so beweint werde, Rudolf, wie jener seine Mutter beweint, so
werde ich mein Ziel erreicht haben.«
    Eigentlich eine törichte Einrichtung, das Tagebuchschreiben. Diese stets
wechselnden, zerfliessenden und neu erstehenden Wünsche, Vorsätze und
Anschauungen, welche den Lauf des Seelenlebens bilden, durch aufgeschriebene
Worte verewigen zu wollen, das ist ein verfehltes Beginnen und bringt dem
älteren nachlesenden Ich die immerhin beschämende Erkenntnis der eigenen
Veränderlichkeit. Hier standen nun auf demselben Blatte und unter demselben
Datum, zwei so grundverschiedene Stimmungen verzeichnet: zuerst die
zuversichtlichste Hoffnung - daneben die vollständigste Entsagung und die
nächsten Blätter sollten doch wieder ganz Neues berichten ...
    Der Ostermontag war vom herrlichsten Frühlingswetter begünstigt und die an
diesem Tage hergekommenermassen stattfindende Praterfahrt - eine Art Vorfeier des
grossen Ersten-Mai-Corso, fiel besonders glänzend aus. Ich weiss noch, wie dieser
Glanz, diese Fest- und Lenzwonne, die mich da umgab, mit der Traurigkeit
kontrastierte, welche mein Gemüt erfüllte. Und doch - ich hätte meine
Traurigkeit nicht hergeben wollen - nicht wieder so heiteren, dabei aber leeren
Herzens sein, wie vor etwa zwei Monaten, als ich Tilling noch nicht kannte. Denn
wenn meine Liebe auch allem Anschein nach eine unglückliche war, so war es doch
Liebe - das heisst eine Steigerung der Lebensintensität: dieses warme, zärtliche
Gefühl, welches mein Herz schwellte, so oft das teure Bild mir vor das innere
Auge trat - ich hätte es nimmer missen mögen.
    Dass ich den Gegenstand meiner Träume hier im Prater, mitten im Gewühle
weiblicher Fröhlichkeit zu Gesicht bekommen würde, erwartete ich nicht. Und
doch: als ich einmal zerstreut die Blicke nach der Reit-Allee schweifen liess,
sah ich von weitem, die Allee in unserer Richtung herabgaloppierend, einen
Offizier in welchem ich sogleich - obschon mein kurzsichtiges Auge ihn nur
undeutlich ausnahm - Tilling erkannte. Als er nun in die Nähe kam und, zu uns
herübersalutierend, sich mit unserem Wagen kreuzte, da erwiderte ich seinen Gruss
nicht nur mit einem Kopfnicken, sondern mit lebhaften Winken. Im selben
Augenblick war ich gewahr, dass ich da etwas Unpassendes und Ungerechtfertigtes
getan.
    »Wem hast Du solche Zeichen gemacht?« fragte meine Schwester Lilli: »War es
etwa Papa? ... Ah, ich sehe,« fügte sie hinzu, »da spaziert ja eben der
unvermeidliche Konrad - dem galt Deine Handverrenkung?«
    Dieses rechtzeitige Erscheinen des »unvermeidlichen Konrad« kam mir sehr
gelegen. Ich war dem treuen Vetter dankbar dafür und betätigte diese
Dankbarkeit sofort:
    »Schau, Lilli,« sagte ich, »er ist doch ein lieber Mensch und gewiss nur
wieder Deinetwegen hier - Du solltest Dich seiner erbarmen, Du solltest ihm gut
sein ... O, wenn Du wüsstest, wie süss es ist, Jemanden lieb zu haben, Du würdest
Dein Herz nicht so verschliessen. Geh, mach ihn glücklich, den guten Menschen.«
    Lilli schaute mich erstaunt an.
    »Wenn er mir aber gleichgültig ist, Marta?«
    »So liebst Du vielleicht einen anderen?«
    Sie schüttelte den Kopf: »Nein, niemand.«
    »O Du Arme!«
    Wir fuhren noch zwei- oder dreimal die Allee auf und nieder. Aber
denjenigen, nach welchem meine Blicke jetzt spähend umhersuchten, sah ich kein
zweites Mal. Er hatte den Prater wieder verlassen.
Einige Tage später, um die Nachmittagsstunde, trat Tilling bei mir ein. Er traf
mich jedoch nicht allein. Mein Vater und Tante Marie waren auf Besuch gekommen,
und ausserdem befanden sich noch Rosa und Lilli, Konrad Altaus und Minister
»Allerdings« in meinem Salon.
    Ich hatte Mühe, einen Überraschungsschrei zu unterdrücken: der Besuch kam
mir so unerwartet und so freudig erregend zugleich. Aber mit der Freude war es
bald vorüber, als Tilling, nachdem er die Anwesenden begrüsst und sich auf meine
Einladung mir gegenüber niedergesetzt hatte, in kaltem Tone sagte:
    »Ich bin gekommen, Ihnen meine Abschiedsaufwartung zu machen, Gräfin. Ich
verlasse in den nächsten Tagen Wien.«
    »Auf lange?« »Und wohin?« »Und warum?« »Und wieso?« fragten gleichzeitig und
lebhaft die anderen, während ich stumm blieb.
    »Vielleicht auf immer. - Nach Ungarn. - Zu einem anderen Regiment versetzen
lassen. - Aus Vorliebe für die Magyaren,« gab Tilling nach den verschiedenen
Seiten Bescheid.
    Indessen hatte ich mich gefasst.
    »Das war ein rascher Entschluss,« sagte ich möglichst ruhig. »Was hat Ihnen
denn unser Wien zu leid getan, dass Sie es auf so gewaltsame Weise verlassen?«
    »Es ist mir zu lebhaft und zu lustig. Ich bin in einer Stimmung, welche die
Sehnsucht nach einsamer Pussta mit sich bringt.
    »Ach was,« meinte Konrad, »je trüber die Stimmung, desto mehr soll man
Zerstreuung suchen. Ein Abend im Carlteater wirkt jedenfalls erfrischender, als
tagelange beschauliche Einsamkeit.«
    »Das beste, um Sie aufzurütteln, lieber Tilling,« sagte mein Vater, »wäre
wohl ein frischer, fröhlicher Krieg - aber leider ist jetzt gar keine Aussicht
dazu vorhanden; der Friede droht sich unabsehbar auszudehnen.«
    »Was das doch für sonderbare Wortzusammensetzungen sind,« konnte ich mich
nicht entalten zu bemerken: »Krieg und - fröhlich; Friede und - drohen.«
    »Allerdings,« bestätigte der Minister, »der politische Horizont zeigt vor
der Hand noch keinen schwarzen Punkt; doch es steigen Wetterwolken mitunter ganz
unerwartet rasch auf, und die Chance ist niemals ausgeschlossen, dass eine - wenn
auch geringfügige - Differenz einen Krieg zum Ausbruch bringt. Das sage ich
Ihnen zum Trost, Herr Oberstlieutenant. Was mich anbelangt, der ich kraft meines
Amtes die inneren Angelegenheiten meines Landes zu verwalten habe, so müssen
meine Wünsche allerdings nur nach möglichst langer Erhaltung des Friedens
gerichtet sein; denn dieser allein ist geeignet, die in meinem Ressort liegenden
Interessen zu fördern; doch hindert dies mich nicht, die berechtigten Wünsche
derer anzuerkennen, welche vom militärischen Standpunkt allerdings -«
    »Gestatten Sie mir, Excellenz,« unterbrach Tilling, »für meine Person gegen
die Zumutung mich zu verwahren, dass ich einen Krieg herbeiwünsche. Und auch
gegen die Unterstellung zu protestieren, als dürfe der militärische Standpunkt
ein anderer sein, als der menschliche. Wir sind da, um, wenn der Feind das Land
bedroht, dasselbe zu schützen, geradeso wie die Feuerwehr da ist, um, wenn ein
Brand ausbricht, denselben zu löschen. Damit ist weder der Soldat berechtigt,
einen Krieg, noch der Feuerwehrmann, einen Brand herbeizuwünschen. Beides
bedeutet Unglück, schweres Unglück, und als Mensch darf keiner am Unglück seiner
Mitmenschen sich erfreuen.«
    »Du guter, teurer Mann!« redete ich im Stillen den Sprecher an. Dieser fuhr
fort:
    »Ich weiss wohl, dass die Gelegenheit zu persönlicher Auszeichnung dem einen
nur bei Feuersbrünsten dem anderen nur bei Feldzügen geboten wird; aber wie
kleinherzig und enggeistig muss ein Mensch nicht sein, damit sein selbstisches
Interesse ihm so riesig erscheine, dass es ihm den Ausblick auf das allgemeine
Weh verrammelt. Oder wie hart und grausam, wenn er es dennoch sieht und nicht
als solches mitempfindet. Der Friede ist die höchste Wohltat - oder vielmehr
die Abwesenheit der höchsten Übeltat, - er ist, wie Sie selber sagten, der
einzige Zustand, in welchem die Interessen der Bevölkerung gefördert werden
können, und Sie wollten einem ganzen grossen Bruchteil dieser Bevölkerung - der
Armee - das Recht zuerkennen, den gedeihlichen Zustand wegzuwünschen und den
verderblichen zu ersehnen? Diesen berechtigten Wunsch grossziehen, bis er zur
Forderung anwächst, und dann vielleicht sogar erfüllen? Krieg führen, damit die
Armee doch beschäftigt und befriedigt werde - Häuser anzünden, damit die
Löschmannschaft sich bewähren und Lob ernten könne?«
    »Ihr Vergleich hinkt, lieber Oberstlieutenant,« entgegnete mein Vater, indem
er gegen seine Gewohnheit Tilling mit seinem militärischen Titel ansprach,
vielleicht um ihn zu ermahnen, dass seine Gesinnungen mit seiner Charge nicht
übereinstimmten. - »Feuersbrünste bringen nur Schaden, während Kriege dem Lande
Macht und Grösse zuführen können. Wie anders haben sich denn die Staaten gebildet
und ausgebreitet, als durch siegreiche Feldzüge? Der persönliche Ehrgeiz ist
wohl nicht das einzige, was dem Soldaten Freude am Kriege macht, vor allem ist
es der nationale, der vaterländische Stolz, der da seine köstliche Nahrung
findet; - mit einem Wort, der Patriotismus -«
    »Nämlich die Liebe zur Heimat?« fiel Tilling ein. »Ich begreife wirklich
nicht, warum gerade wir Militärs machen, als hätten wir dieses, den meisten
Menschen natürliche Gefühl, allein in Pacht. Jeder liebt die Scholle, auf der er
aufgewachsen; jeder wünscht die Hebung und den Wohlstand der eigenen Landsleute;
aber Glück und Ruhm sind durch ganz andere Mittel zu erreichen, als durch den
Krieg; stolz kann man auf ganz andere Leistungen sein, als auf Waffentaten; ich
bin zum Beispiel auf unseren Anastasius Grün stolzer, als auf diesen oder jenen
Generalissimus.«
    »Wie kann man einen Dichter mit einem Feldherrn nur vergleichen!« rief mein
Vater.
    »Das frage ich auch. Der unblutige Lorbeer ist weitaus der schönere.«
    »Aber, lieber Baron, sagte nun meine Tante, so habe ich noch keinen Soldaten
sprechen hören. Wo bleibt da die Kampfbegeisterung, wo das kriegerische Feuer?«
    »Das sind mir keine unbekannten Gefühle, meine Gnädige. Von solchen beseelt,
bin ich als neunzehnjähriger Junge zum erstenmal zu Feld gezogen. Als ich aber
die Wirklichkeit des Gemetzels gesehen, nachdem ich Zeuge der dabei entfesselten
Bestialität gewesen, da war es mit meinem Entusiasmus vorbei, und in die
nachfolgenden Schlachten ging ich schon nicht mehr mit Lust, sondern mit
Ergebung.«
    »Hören Sie, Tilling, ich habe mehr Campagnen mitgemacht als Sie und auch
Schauderscenen genug gesehen, aber mich hat der Eifer nicht verlassen. Als ich
im Jahre 49 schon als ältlicher Mann mit Radetzky marschierte, war's mit
demselben Jubel wie das erste Mal.«
    »Entschuldigen Sie, Excellenz - aber Sie gehören einer älteren Generation
an, einer Generation, in welcher der kriegerische Geist noch viel lebendiger
war, als in der unseren, und in welcher das Weltmitleid, welches nach
Abschaffung alles Elends begehrt, und das jetzt in immer grössere Kreise dringt,
noch sehr unbekannt war.«
    »Was hilft's? Elend muss es immer geben - das lässt sich nicht abschaffen,
ebensowenig wie der Krieg.« ...
    »Sehen Sie, Graf Altaus, mit diesen Worten kennzeichnen Sie den einstigen,
jetzt schon sehr erschütterten Standpunkt, auf welchem sich die Vergangenheit
allen sozialen Übeln gegenüber verhielt, nämlich den Standpunkt der Resignation,
mit der man das Unvermeidliche, das Naturnotwendige betrachtet. Wenn aber einmal
beim Anblick eines grossen Elends die zweifelnde Frage Musste es sein? ins Herz
gedrungen, so kann das Herz nicht mehr kalt bleiben, und es steigt neben dem
Mitleid zugleich eine Art Reue auf - keine persönliche Reue, sondern - wie soll
ich sagen? - ein Vorwurf des Zeitgewissens.«
    Mein Vater zuckte die Achseln. »Das ist mir zu hoch,« sagte er. »Ich kann
Sie nur versichern, dass nicht nur wir Grossväter mit Stolz und Freude auf die
durchgemachten Feldzüge zurückdenken, sondern dass auch die meisten von den
Jungen und Jüngsten, wenn befragt, ob sie gern in den Krieg zögen, lebhaft
antworten würden: Ja gern - sehr gern.«
    »Die Jüngsten - gewiss. Die haben noch den in der Schule eingepflanzten
Entusiasmus im Herzen. Und von den anderen antworteten viele dieses Gern, weil
dasselbe nach allgemeinen Begriffen als männlich und tapfer erscheint, das
aufrichtige Nicht gern aber gar zu leicht als Furcht gedeutet werden könnte.«
    »Ach,« sagte Lilli mit einem kleinen Schauder, »ich würde mich auch fürchten
... Das muss ja entsetzlich sein, wenn so von allen Seiten die Kugeln fliegen,
wenn jeden Augenblick der Tod droht -«
    »So etwas klingt aus Ihrem Mädchenmunde ganz natürlich,« entgegnete Tilling,
»aber wir müssen den Selbsterhaltungstrieb verleugnen ... Soldaten müssen auch
das Mitleid, den Mitschmerz für den auf Freund und Feind hereinbrechenden
Riesenjammer verleugnen, denn nächst der Furcht wird uns jede Sentimentalität,
jede Rührseligkeit am meisten verübelt.«
    »Nur im Krieg, lieber Tilling,« sagte mein Vater, »nur im Krieg; im
Privatleben haben wir, Gott sei Dank, auch weiche Herzen.«
    »Ja, ich weiss: das ist so eine Art Verzauberung. Nach der Kriegserklärung
heisst es plötzlich von allen Schrecknissen: Es gilt nicht. Kinder lassen
manchmal diese Konvention in ihren Spielen walten. Wenn ich dies oder jenes
tue, so gilt es nicht, hört man sie sagen. Und im Kriegsspiel herrschen auch
solche unausgesprochene Übereinkommen; Totschlag gilt nicht mehr als Totschlag;
Raub ist nicht Raub - sondern Requisition; brennende Dörfer stellen keine
Brandunglücke, sondern genommene Positionen vor. Von allen Satzungen des
Gesetzbuches, des Katechismus, der Sittlichkeit heisst es da - solange die Partie
dauert - Es gilt nicht. Wenn aber manchmal der Spieleifer nachlässt, wenn das
verabredete Gilt nicht für einen Moment aus dem Bewusstsein schwindet, und man
die umgebenden Scenen in ihrer Wirklichkeit erfasst und dies abgrundtiefe
Unglück, das Massenverbrechen als geltend begreift, da wollte man nur noch eins,
um sich aus dem unerträglichen Weh dieser Einsicht zu retten: - tot sein.«
    »Eigentlich, es ist wahr,« bemerkte Tante Marie nachdenklich, »Sätze wie: Du
sollst nicht töten - sollst nicht stehlen - liebe deinen Nächsten wie dich
selbst - verzeihe deinen Feinden -«
    »Gilt nicht,« wiederholte Tilling. »Und diejenigen, deren Beruf es wäre,
diese Sätze zu lehren, sind die ersten, welche unsere Waffen segnen und des
Himmels Segen auf unsere Schlachtarbeit herabflehen.«
    »Und mit Recht,« sagte mein Vater. »Schon der Gott der Bibel war der Gott
der Schlachten, der Herr der Heerschaaren ... Er ist es, der uns befiehlt, das
Schwert zu führen, er ist es -«
    »Als dessen Willen die Menschen immer dasjenige dekretieren,« unterbrach
Tilling, »was sie getan sehen wollen - und dem sie zumuten, ewige Gesetze der
Liebe erlassen zu haben, welche er, - wenn die Kinder das grosse Hassspiel
aufführen -, durch göttliches Gilt nicht aufhebt. Genau so roh, genau so
inkonsequent, genau so kindisch wie der Mensch, ist der jeweilig von ihm
dargestellte Gott. Und jetzt, Gräfin,« fügte er hinzu, indem er aufstand,
»verzeihen Sie mir, dass ich eine so unerquickliche Diskussion heraufbeschworen
und lassen Sie mich Abschied nehmen.«
    Stürmische Empfindungen durchbebten mich. Alles, was er eben gesprochen,
hatten mir den teuren Mann noch teurer gemacht ... Und jetzt sollte ich von ihm
scheiden - vielleicht auf Nimmerwiedersehen? So vor anderen Leuten ein kaltes
Abschiedswort mit ihm wechseln und damit alles zu Ende sein lassen? ... Es war
nicht möglich: ich hätte, wenn die Türe sich hinter ihm geschlossen, in
Schluchzen ausbrechen müssen. Das durfte nicht sein. Ich stand auf:
    »Einen Augenblick, Baron Tilling,« sagte ich ... »ich muss Ihnen doch noch
jene Photographie zeigen, von der wir neulich gesprochen.«
    Er schaute mich erstaunt an, denn es war zwischen uns niemals von einer
Photographie die Rede gewesen. Dennoch folgte er mir in die andere Ecke des
Salons, wo auf einem Tische verschiedene Albums lagen und - wo man sich ausser
Gehörweite der anderen befand.
    Ich schlug ein Album auf und Tilling beugte sich darüber. Indessen sprach
ich halblaut und zitternd zu ihm:
    »So lasse ich Sie nicht fort ... Ich will, ich muss mit Ihnen reden.«
    »Wie Sie wünschen, Gräfin - ich höre.«
    »Nein, nicht jetzt. Sie müssen wiederkommen ... morgen, um diese Stunde!«
    Er schien zu zögern.
    »Ich befehle es ... bei dem Andenken Ihrer Mutter, um welche ich mit Ihnen
geweint -«
    »Oh Marta!« ...
    Der so ausgesprochene Name durchzuckte mich wie ein Glücksstrahl.
    »Also morgen,« wiederholte ich, ihm in die Augen schauend.
    »Um dieselbe Stunde.«
    Wir waren einig. Ich kehrte zu den andern zurück und Tilling, nachdem er
noch meine Hand an seine Lippen geführt und die übrigen mit einer Verbeugung
begrüsst, ging zur Tür hinaus.
    »Ein sonderbarer Mensch,« bemerkte mein Vater kopfschüttelnd. »Was er da
alles gesagt hat, würde höheren Ortes kaum Beifall finden.«
Als am folgenden Tage die bestimmte Stunde schlug, gab ich, wie anlässlich seines
ersten Besuches, Befehl, niemand anderen als Tilling vorzulassen.
    Ich sah der kommenden Unterhaltung mit gemischten Gefühlen
leidenschaftlichen Bangens, süsser Ungeduld und - einiger Verlegenheit entgegen.
Was ich eigentlich ihm sagen wollte, das wusste ich nicht genau - darüber wollte
ich gar nicht nachdenken ... Wenn Tilling etwa die Frage an mich stellte: »Nun
denn, Gräfin, was haben Sie mir mitzuteilen - was wünschen Sie von mir?« so
konnte ich doch nicht die Wahrheit antworten, nämlich: »Ich habe Ihnen
mitzuteilen, dass ich Sie liebe; ich wünsche, dass - Du bleibst.« - Aber in so
trockener Form würde er mich wohl nicht verhören und wir würden uns schon
verstehen, ohne solche kategorische Fragen und Antworten. Die Hauptsache war:
ihn noch einmal sehen - und wenn schon geschieden sein musste, so doch nicht ohne
vorher ein herzliches Wort gesprochen, ein inniges Lebewohl getauscht zu haben
... Bei dem bloss gedachten Worte Lebewohl füllten sich meine Augen mit Tränen.
-
    In diesem Augenblick trat der Erwartete ein.
    »Ich gehorche Ihrem Befehle, Gräfin und - Was ist Ihnen?« unterbrach er
sich. »Sie haben geweint? Sie weinen noch?«
    »Ich? ... nein ... es war der Rauch - im Nebenzimmer, der Kamin ... Setzen
Sie sich, Tilling ... Ich bin froh, dass Sie gekommen sind -«
    »Und ich glücklich, dass Sie mir befohlen haben zu kommen - erinnern Sie
sich? im Namen meiner Mutter befohlen ... Auf das hin habe ich mir vorgenommen,
Ihnen alles zu sagen, was mir auf dem Herzen liegt. Ich -«
    »Nun - warum halten Sie inne?«
    »Das Sprechen wird mir schwerer noch, als ich glaubte.«
    »Sie zeigten mir doch so viel Vertrauen - in jener schmerzlichen Nacht, wo
Sie an einem Sterbebette wachten. - Wie kommt es, dass Sie jetzt so alles
Vertrauen wieder verloren haben?«
    »In jener feierlichen Stunde war ich aus mir selber herausgetreten - seiter
hat mich wieder meine gewohnte Schüchternheit erfasst. Ich sehe ein, dass ich
damals mein Recht überschritten - und um es nicht wieder zu überschreiten, hatte
ich Ihre Nähe geflohen.« ...
    »In der Tat ja: Sie scheinen mich zu meiden. Warum?«
    »Warum? Weil - weil ich Sie anbete.«
    Ich antwortete nichts, und um meine Bewegung zu verbergen, wandte ich den
Kopf ab. Auch Tilling war verstummt.
    Endlich fasste ich mich wieder und brach das Schweigen:
    »Und warum wollen Sie Wien verlassen?« fragte ich.
    »Aus demselben Grunde.«
    »Können Sie Ihren Entschluss nicht mehr rückgängig machen?«
    »Ich könnte wohl - noch ist die Versetzung nicht entschieden.«
    »Dann bleiben Sie.«
    Er fasste meine Hand - »Marta!«
    Es war zum zweitenmale, dass er mich bei meinem Namen nannte. Diese beiden
Silben hatten einen berauschenden Klang für mich ... Darauf musste ich etwas
erwidern, was ihm ebenso süss klänge - auch zwei Silben, in welchen alles lag,
was mir das Herz schwellte, und meinen Blick zu ihm erhebend, sagt' ich leise:
    »Friedrich!«
    In diesem Augenblicke öffnete sich die Tür und mein Vater kam herein.
    »Ah, da bist Du ja! Der Bediente sagte, Du seist nicht zu Hause ... ich aber
antwortete, dass ich auf Dich warten wolle ... Guten Tag, Tilling! Nach Ihrem
gestrigen Abschied bin ich sehr überrascht, Sie hier zu finden -«
    »Meine Abreise ist wieder aufgehoben, Excellenz, und da kam ich -«
    »Meiner Tochter eine Antrittsvisite machen? Schön. Und jetzt wisse, was mich
zu Dir führt, Marta. Es ist eine Familienangelegenheit ...«
    Tilling stand auf:
    »Dann störe ich vielleicht?«
    »Meine Mitteilung hat ja keine solche Eile.« -
    Ich wünschte Papa samt seiner Familienangelegenheit zu den Antipoden.
Ungelegener hätte mir keine Unterbrechung kommen können. Tilling blieb jetzt
nichts Anderes übrig, als zu gehen. Aber nach dem, was eben zwischen uns
vorgefallen, bedeutete Entfernung keine Trennung: unsere Gedanken, unsere Herzen
blieben bei einander.
    »Wann seh' ich Sie wieder?« fragte er leise, als er mir zum Abschied die
Hand küsste.
    »Morgen um neun Uhr früh im Prater, zu Pferd,« antwortete ich rasch im
selben Tone.
    Mein Vater grüsste den Fortgehenden ziemlich kalt, und nachdem sich die Tür
hinter ihm geschlossen:
    »Was soll das bedeuten?« fragte er mit strenger Miene. Du lässest Dich
verleugnen - und ich finde Dich in tête-à-tête mit diesem Herrn?«
    Ich wurde rot - halb in Zorn, halb in Verlegenheit.
    »Was ist die Familienangelegenheit, welche Du -«
    »Das ist sie. Ich wollte Deinen Courmacher nur entfernen, um Dir meine
Meinung sagen zu können ... Und ich betrachte es als eine für unsere Familie
sehr wichtige Angelegenheit, dass Du, Gräfin Dotzky, geborene Altaus, Deinen Ruf
nicht etwa verscherzest.«
    »Lieber Vater, der sicherste Wächter meines Rufes und meiner Ehre ist mir in
der Person des kleinen Rudolf Dotzky gegeben, und was die väterliche Autorität
des Grafen Altaus anbelangt, so lasse mich in aller Ehrerbietung Dich erinnern,
dass ich in meiner Eigenschaft als selbstständige Witwe derselben entwachsen bin.
Ich beabsichtige nicht, mir einen Liebhaber zu nehmen, denn das ist's, was Du zu
vermuten scheinst; aber wenn ich mich entschliessen wollte, wieder zu heiraten,
so behalte ich mir vor, ganz frei nach meinem Herzen zu wählen.«
    »Den Tilling heiraten? wo denkst Du hin? Das gäbe erst eine rechte
Familienkalamität. Da wäre mir beinahe noch lieber ... nein, das will ich nicht
gesagt haben ... aber ernstlich, Du führst doch keine solche Idee im Schilde?«
    »Was wäre dagegen einzuwenden? Du hast mir erst neulich einen
Oberlieutenant, einen Hauptmann und einen Major in Vorschlag gebracht - Tilling
ist nun gar schon Oberstlieutenant -«
    »Das ist das schlimmste an ihm. Wäre er Civilist, so könnte man ihm die
Ansichten noch verzeihen, die er gestern vorgebracht hat; aber bei einem Militär
grenzen dieselben hart an Verrat ... Er möchte wohl gern seinen Abschied nehmen,
um ja nicht der Gefahr ausgesetzt zu sein, einen Feldzug mitzumachen, dessen
Strapazen und Leiden er offenbar fürchtet. Und da er kein Vermögen besitzt, so
ist es eine ganz kluge Idee von ihm, eine reiche Heirat machen zu wollen. Ich
hoffe aber zu Gott, dass sich zu diesem Zwecke keine Frau hergeben wird, welche
die Tochter eines alten Soldaten ist, der in vier Kriegen gefochten hat, und
bereit wäre, heute noch mit Begeisterung auszurücken - und die Wittwe eines
tapferen jungen Kriegers, welcher auf dem Felde der Ehre einen ruhmvollen Tod
gefunden.«
    Mein Vater, welcher während des Sprechens mit grossen Schritten im Zimmer auf
und nieder ging, war hochgerötet und seine Stimme zitterte vor Erregung. Auch
ich war im Innersten erregt. Das Phrasenwerk, das hohle Wortgeklingel, in welche
die Angriffe auf den Mann meiner Liebe eingekleidet waren, widerte mich an. Aber
ich fand keine Entgegnung. Dass meine Verteidigung das bodenlose Unrecht, welches
Tilling hier geschah, nicht aufheben konnte, das fühlte ich. Wenn mein Vater die
gestern geäusserten Ansichten so falsch beurteilte, so lag das eben an einem
gänzlichen Unverständnis. Gegen die Gesichtspunkte, welche Tilling vertreten
hatte, war mein Vater einfach blind. Ich konnte ihn nicht sehend machen. Ich
konnte ihn nicht lehren, einen anderen etischen Massstab - als den soldatischen,
der ja in General Altaus' Augen der höchste Massstab war - an die Gesinnungen zu
legen, welche jener als Mensch und Denker hegte. Aber während ich den eben
gehörten Ausfall gegenüber so stumm dastand, dass mein Vater wohl glauben mochte,
er habe mich beschämt und meine Absichten im Keime erstickt, fühlte ich mich
doppelt sehnsüchtig zu dem verkannten Manne hingezogen und in dem Entschluss
bestärkt, die Seine zu werden. Ich war ja zum Glück frei. Des Vaters
Missbilligung konnte mich allerdings betrüben, allein mich von dem Zuge meines
Herzens zurückhalten, das konnte sie nicht. Und auch zu grosser Betrübnis war
kein Raum in meiner Seele. Das wunderbare, das mächtige Glück, welches in der
letzten Viertelstunde sich mir eröffnet hatte, war zu lebhaft, um daneben den
Verdruss aufkommen zu lassen.
Am folgenden Morgen erwachte ich mit einem Gefühle, das demjenigen glich, mit
welchem ich jedesmal als Kind am Weihnachtstage und einmal als Braut an meinem
Vermählungsmorgen erwachte: dieselbe unaussprechliche Erwartung, dasselbe
erregte Bewusstsein, dass heute Frohes, Grosses bevorstand. Einige Missstimmung
brachte mir zwar die Erinnerung an die Worte, welche Tags vorher mein Vater
gesprochen - aber diesen Gedanken hatte ich schnell wieder verscheucht.
    Es war noch nicht neun Uhr, als ich am Eingang der Praterallee den Wagen
verliess und mein mit dem Reitknecht vorausgeschicktes Pferd bestieg. Das Wetter
war frühlingsduftend und mild - zwar sonnenlos, darum aber nur desto milder, und
Sonnenschein trug ich ohnehin im Herzen. Es hatte in der Nacht geregnet; die
Blätter prangten in frischem Grün und aus dem Boden drang feuchter Erdgeruch
herauf.
    Ich war kaum hundert Schritte die Allee hinabgeritten, als ich hinter mir
den Hufschlag eines in scharfem Trabe heransprengenden Pferdes vernahm.
    »Ah, grüss Gott, Marta - das freut mich, Dich hier zu treffen.«
    Es war Konrad, der Unvermeidliche. Mich freute diese Begegnung gar nicht.
Nun freilich, der Prater war nicht mein Privatpark und an so schönen
Frühlingsmorgen ist die Reit-Allee stets gefüllt: wie konnte ich nur so
ungeschickt sein, hier auf ein ungestörtes Stelldichein zu rechnen? Altaus
hatte seinem Pferd die Gangart des meinen annehmen lassen und schickte sich
offenbar an, der treue Begleiter meines Spazierrittes zu sein. Jetzt erblickte
ich von weitem Friedrich von Tilling, der in unserer Richtung die Allee
herabgaloppierte.
    »Vetter - nicht wahr, ich bin Dir eine gute Verbündete? Du weisst, dass ich
mir Mühe gebe, Lilli für Dich zu stimmen?«
    »Ja, edelste der Cousinen.«
    »Erst gestern abends habe ich ihr wieder Deine guten Eigenschaften gepriesen
... denn Du bist wirklich ein prächtiger Junge: gefällig rücksichtsvoll -«
    »Was willst Du nur von mir?«
    »Dass Du Deinem Tiere einen Gertenhieb giebst und weiter trabst ...«
    Schon war Tilling ganz nahe. Zuerst schaute Konrad ihn, dann mich an, und
ohne ein Wort zu sagen, nickte er mir lächelnd zu und stürmte davon, als wäre er
auf der Flucht.
    »Wieder dieser Altaus!« waren Tillings erste Worte, nachdem er Kehrt
gemacht, um an meiner Seite weiterzureiten. In seinem Tone und seinen Mienen
drückte sich deutlich Eifersucht aus. Das freute mich. »Ist er bei meinem
Anblicke so ausgerissen, oder geht sein Pferd durch?«
    »Ich habe ihn weggeschickt, weil -«
    »Gräfin Marta - dass ich Sie gerade mit Altaus treffen musste! Wissen Sie
dass die Welt behauptet, er sei in seine Cousine verliebt?«
    »Das ist wahr.«
    »Und werbe um ihre Gunst?«
    »Das ist auch wahr.«
    »Und nicht hoffnungslos?«
    »Nicht ganz hoffnungslos -«
    Tilling schwieg. Ich schaute ihm glücklich lächelnd ins Gesicht.
    »Ihr Blick widerspricht Ihren letzten Worten,« sagte er nach einer Pause;
»denn Ihr Blick scheint mir zu sagen: Altaus liebt mich hoffnungslos.«
    »Er liebt mich überhaupt nicht. Der Gegenstand seiner Werbung ist meine
Schwester Lilli.«
    »Sie wälzen mir einen Stein vom Herzen. Dieser Mensch war mit ein Grund,
warum ich Wien verlassen wollte. Ich hätte es nicht ertragen können, sehen zu
müssen -«
    »Und was hatten Sie noch für andere Gründe?« unterbrach ich.
    »Die Angst, dass meine Leidenschaft zunehme, dass ich dieselbe nicht länger
würde verhehlen können - dass ich mich lächerrlich mache und unglücklich zugleich
-«
    »Sind Sie unglücklich heute?«
    »O Marta!« ... Ich lebe seit gestern in einem solchen Taumel der Gefühle,
dass ich fast bewusstlos bin. Aber nicht ohne Angst - wie wenn man gar zu süss
träumt - dass ich plötzlich wieder zu einer schmerzlichen Wirklichkeit erweckt
werde. Im Grunde ist ja meine Liebe doch aussichtslos ... Was kann ich Ihnen
bieten? Heute lächelt mir Ihre Huld und erhebt mich in den siebenten Himmel ...
Morgen - oder etwas später - werden Sie mir die unverdiente Huld wieder
entziehen und mich in einen Abgrund der Verzweiflung stürzen ... Ich kenne mich
selbst nicht mehr: wie hyperbolisch ich da rede - der ich sonst ein ruhiger,
besonnener Mensch, ein Feind aller Übertreibungen bin ... Aber Ihnen gegenüber
kommt mir nichts mehr übertrieben vor: in Ihrer Macht liegt es, mich selig und
elend zu machen« ...
    »Sprechen wir auch von meinen Zweifeln: die Prinzessin -«
    »O, ist dieser Klatsch Ihnen auch zu Ohren gekommen? Nichts - nichts ist
daran.«
    »Natürlich, Sie leugnen. Das ist Ihre Pflicht -«
    »Die betreffende Dame, deren Herz jetzt bekanntermassen in der Burg gefesselt
ist - auf wie lang? denn dieses Herz verschenkt sich häufig - die Dame würde
auch den diskretesten Menschen nicht zu Grabesverschwiegenheit verpflichten -
also können Sie mir doppelt glauben. Und übrigens: hätte ich Wien verlassen
wollen, wenn jenes Gerücht begründet wäre?«
    »Eifersucht kennt keine Vernunftschlüsse: hätte ich Sie hierher bestellt,
wenn ich gekommen wäre, um meinen Vetter Altaus zu treffen?«
    »Es wird mir schwer, Marta, so ruhig neben Ihnen einzureiten ... Ich wollte
Ihnen zu Füssen fallen - wollte wenigstens Ihre geliebte Hand an meine Lippen
führen -«
    »Lieber Friedrich,« sagte ich zärtlich, »solche Ergüsse sind nicht nötig -
auch mit Worten kann man huldigen, wie mit einem Kniefall und liebkosen, wie -«
    »Mit einem Kuss,« ergänzte er.
    Nach diesem letzten Worte, das uns beide elektrisch durchzuckte, schauten
wir uns eine Zeit lang in die Augen und erfuhren, dass man auch mit Blicken
küssen kann ...
    Er sprach zuerst:
    »Seit wann?«
    Ich verstand die unvollendete Frage ganz gut.
    »Seit jenem Diner bei meinem Vater,« antwortete ich. »Und Sie?«
    »Sie? Dieses Sie ist eine Dissonanz, Marta. Soll ich die Frage beantworten,
so werde sie anders formuliert.«
    »Und - - Du?«
    »Ich? Wohl auch seit demselben Abend. Aber so recht klar wurde es mir erst
am Sterbebett meiner armen Mutter ... Wie sehnsüchtig meine Gedanken zu Dir
flüchteten!«
    »Das habe ich auch so verstanden. Du hingegen, hast die Sprache der roten
Rose nicht verstanden, welche zwischen den weissen Totenblumen eingeflochten war,
sonst hättest Du bei Deiner Ankunft mich nicht so gemieden. Ich begreife noch
jetzt den Grund dieses Fernhaltens nicht - und warum Du abreisen wolltest?«
    »Weil sich mein Gedanke nie bis zu der Hoffnung verstieg, dass ich Dich
erringen könnte. Erst als Du mir bei dem Andenken meiner Mutter befahlst, zu Dir
zu kommen und zu bleiben befahlst - da habe ich verstanden, dass Du mir gewogen
bist - dass ich Dir mein Leben weihen dürfe.«
    »Also, wenn ich nicht selber mich Dir an den Hals geworfen - Du hättest Dich
nicht um mich bemüht?«
    »Du hast eine grosse Anzahl Bewerber - unter diesen Haufen würde ich mich
nicht gemischt haben.«
    »Ach, die zählen ja nicht. Die meisten haben es doch nur darauf abgesehen,
die reiche Wittwe -«
    »Siehst Du - mit diesem Wort ist die Schranke bezeichnet, die mich von der
Bewerbung abhielt: eine reiche Witwe - und ich - ganz ohne Vermögen. Lieber an
unglücklicher Liebe zu Grunde gehen, als von der Welt und namentlich von der
Frau, die ich anbete, dessen verdächtigt zu werden, wessen Du Deinen
Bewerbertross soeben beschuldigt hast.«
    »O Du Stolzer, Edler, Teurer! Ich wäre übrigens nicht im stande, Dir einen
niedrigen Gedanken zuzumuten« ...
    »Woher dieses Vertrauen? Eigentlich kennst Du mich ja so wenig.«
    Und jetzt forschten wir einander noch weiter aus. Auf diese Frage »seit
wann« wir uns liebten, folgten nun die Erörterungen »warum«? Was mich zuerst
angezogen, war die Art gewesen, in welcher er vom Kriege gesprochen. Was ich im
Stillen gedacht und gefühlt - glaubend, es könne kein Soldat ein Gleiches denken
und am allerwenigsten äussern - das hat er mit grösserer Klarheit gedacht, als
ich, stärker gefühlt, - und ganz freimütig ausgesprochen. So sah ich, wie sein
Herz die Interessen seines Standes und sein Geist die Ansichten seiner Zeit
überragten. Das war's, was sozusagen die Grundlage meiner ihm geweihten Liebe
bildete - daneben gab es für das aufgestellte »warum« noch unzählige »weil«.
Weil er eine so hübsche, vornehme Erscheinung besass; - weil in seiner Stimme ein
eigens sanfter und doch fester Ton vibrierte; - weil er ein so liebender Sohn
gewesen; - weil -
    »Und Du? Warum liebst Du mich?« unterbrach ich meine Rechenschaftsablegung.
    »Aus tausend Gründen und aus einem.«
    »Lass hören. Zuerst die tausend.«
    »Das grosse Herz - der kleine Fuss - die schönen Augen - der glänzende Geist -
das sanfte Lächeln - der scharfe Witz - die weisse Hand - die frauliche Würde -
der wunderbare -«
    »Halt ein! Das sollte so bis tausend fortgehen? Da sag' mir lieber den einen
Grund.«
    »Das ist auch einfacher, denn der eine in seiner Kraft und
Unwiderstehlichkeit umfasst die anderen alle. Ich lieb' Dich, Marta, weil - ich
Dich liebe. Darum.«
Vom Prater aus fuhr ich geradewegs zu meinem Vater.
    Die Mitteilung, die ich ihm zu machen hatte, würde zu unangenehmen
Erörterungen Anlass geben, das sah ich voraus. Doch ich wollte diese
unausbleibliche Unannehmlichkeit sobald als möglich überstanden haben, und ihr
lieber noch unter dem ersten Eindruck meines eben erworbenen Glückes die Stirne
bieten.
    Mein Vater, der ein Spätaufsteher war, sass noch bei seinem Frühstück über
den Morgenblättern, als ich in sein Arbeitszimmer eindrang Tante Marie war
gleichfalls anwesend und gleichfalls mit Zeitunglesen beschäftigt.
    Bei meinem etwas ungestümen Eintritt blickte mein Vater überrascht von
seiner »Presse« auf, und Tante Marie legte ihr »Fremdenblatt« aus der Hand.
    »Marta? So früh? Und im Reitkleid - was bedeutet das?«
    Ich umarmte die beiden und sagte dann, mich in einen Lehnsessel werfend:
    »Das bedeutet, dass ich von einem Ritt im Prater komme, wo etwas vorgefallen
ist, das ich euch ohne Aufschub mitteilen wollte. Ich nahm daher nicht einmal
die Zeit, nach Hause zu fahren und Toilette zu wechseln -«
    »Also gar so wichtig und eilig?« fragte mein Vater, indem er sich eine
Cigarre ansteckte. »Erzähle, wir sind gespannt.«
    Sollte ich weiter ausholen? Sollte ich Einleitungen und Vorbereitungen
machen? Nein: lieber kopfüber mich hineinstürzen, wie man vom Springbrett sich
ins Wasser schwingt -:
    »Ich habe mich verlobt -«
    Tante Marie schlug die Hände über dem Kopf zusammen und mein Vater runzelte
die Stirn:
    »Ich will doch nicht hoffen -« begann er.
    Aber ich liess ihn nicht ausreden: »Verlobt mit einem Manne, den ich von
Herzen liebe und hochachte, von dem ich glaube, dass er mich vollständig
glücklich machen kann - mit Baron Friedrich von Tilling.«
    Mein Vater sprang auf:
    »Da haben wir's! Nach allem, was ich Dir gestern gesagt -«
    Tante Marie schüttelte den Kopf:
    »Ich hätte lieber einen anderen Namen gehört,« sagte sie. »Erstens ist Baron
Tilling keine Partie er soll gar nichts haben; zweitens scheinen mir seine
Grundsätze und Ansichten ...«
    »Seine Grundsätze und Ansichten stimmen mit den meinen überein, und eine
sogenannte Partie zu suchen - darauf bin ich nicht angewiesen ... Vater - mein
Herzensvater, schau' nicht so bitter drein - verdirb mir das hohe Glück nicht,
welches ich zu dieser Stunde empfinde - mein guter, geliebter alter Papa!
    »Aber Kind,« antwortete er in etwas besänftigtem Tone, denn ein wenig
Zärtlichkeit pflegte ihn gleich zu entwaffnen: »es ist ja eben Dein Glück,
welches ich im Auge habe. Ich könnte mit keinem Soldaten glücklich werden, der
nicht mit Leib und Seele Soldat ist.«
    »Du brauchst ja Tilling nicht zu heiraten,« bemerkte Tante Marie ganz
zutreffend. »Das Soldatentum ist das geringste,« fügte sie hinzu; »aber ich
könnte mit einem Manne nicht glücklich werden, der von dem Gott der Bibel in so
wenig ehrerbietigem Tone redet, wie neulich -«
    »Erlaube mir, Dich aufmerksam zu machen, liebste Tante, dass auch Du
Friedrich Tilling nicht zu heiraten brauchst.«
    »Des Menschen Wille ist sein Himmelreich,« sagte mein Vater mit einem
Seufzer, indem er sich wieder niedersetzte. »Natürlich wird Tilling quittieren?«
    »Darüber haben wir noch nicht gesprochen. Lieber wäre es mir freilich - aber
ich fürchte, er wird es nicht tun.«
    »Wenn ich denke, dass Du einem Fürsten einen Korb gegeben hast,« seufzte
Tante Marie, »und jetzt, statt Dich zu erheben, wirst Du auf der
gesellschaftlichen Leiter herabsteigen!«
    »Wie unfreundlich Ihr beide seid - und Ihr behauptet doch, mich lieb zu
haben. Da komme ich zu euch - das erste Mal seit des armen Arno Tode - mit der
Nachricht, dass ich mich vollkommen glücklich fühle, und anstatt Euch dessen zu
freuen, sucht Ihr allerlei Vergällungsgründe hervor - und was für welche:
Militarismus, Jehovah, soziale Leiter!«
    Nach einem halben Stündchen war es mir doch gelungen, die alten Leute
einigermassen umzustimmen. Ich hatte mir - nach der Tags zuvor gehaltenen Rede zu
schliessen - den Widerstand meines Vaters viel heftiger gedacht. Vermutlich wurde
er auch, falls meinerseits blosse Absicht und Neigung vorgelegen hätte, energisch
versucht haben, Absicht und Neigung zu ersticken; aber dem »fait accompli«
gegenüber sah er wohl ein, dass Widerstand nichts mehr nützen konnte. Oder war es
doch der Einfluss des überströmenden Glücksgefühls, welches in meinen Augen
leuchten und in meiner Stimme beben mochte, das seinen Verdruss verscheuchte und
woran er unwillkürlich freudigen Anteil nehmen musste? - kurz, als ich zum Gehen
aufstand und ihm adieu sagte, drückte er einen herzhaften Kuss auf meine Wange
und versprach, noch am selben Abend zu mir zu kommen, um daselbst seinen
künftigen Schwiegersohn als solchen zu begrüssen.
    Wie noch weiter jener Tag und der darauf folgende Abend verlief - schade,
dass die roten Hefte es nicht verzeichnet haben. Die Einzelheiten sind nach so
langer Zeit meinem Gedächtnis entschwunden - ich weiss nur noch, dass es herrliche
Stunden waren.
    Zum Tee hatte ich den ganzen Familienkreis um mich versammelt und ich
stellte den Meinen Friedrich von Tilling als meinen Verlobten vor.
    Rosa und Lilli waren entzückt; Konrad Altaus rief: »Bravo, Marta! - und
Du, Lilli, nimm Dir ein Beispiel daran!« Mein Vater hatte seine frühere
Antipatie entweder überwunden, oder es gelang ihm, dieselbe mir zu liebe zu
verbergen; und Tante Marie war weich und gerührt:
    »Die Ehen werden im Himmel geschlossen,« sagte sie, »und jedem geschieht
nach seiner Bestimmung. Mit Gottes Segen werdet ihr glücklich werden und den
will ich unermüdlich auf euch herabflehen.«
    Auch mein Sohn Rudolf wurde dem künftigen »neuen Papa« vorgestellt, und es
war mir ein eigenes Wohl- und Weihegefühl, als der geliebte Mann mein geliebtes
Kind in seine Arme hob, es innig küsste und sagte: »Aus Dir, kleiner Bursch',
werden wir einen ganzen Mann machen.«
    Im Laufe des Abends brachte mein Vater seine Idee in Betreff des Quittierens
zur Sprache:
    »Sie werden jetzt vermutlich Ihre Karrière aufgeben, Tilling? Da Sie ohnehin
kein Freund des Krieges sind -«
    Friedrich warf mit überraschter Miene den Kopf zurück:
    »Meine Karrière aufgeben? Ich habe ja keine andere .... Und man braucht doch
kein Freund vom Kriege zu sein, um den Militärdienst zu leisten, ebenso wenig
als man -«
    »Ja, ja,« unterbrach mein Vater, »das sagten Sie schon neulich: ebenso wenig
als ein Feuerwehrmann ein Liebhaber von Feuersbrünsten zu sein braucht -«
    »Ich könnte noch mehr Beispiele anführen: ebenso wenig als ein Arzt den
Krebs und den Typhus lieben, oder als ein Richter ein besonderer Verehrer von
Einbruchsdiebstählen sein muss. Aber meine Laufbahn aufgeben? Was hätte ich für
eine Veranlassung dazu?«
    »Veranlassung wäre,« sagte Tante Marie, »Ihrer Frau das Garnisonleben zu
ersparen - und die Angst zu ersparen, falls ein Krieg ausbricht .... Obgleich
diese Angst ein Unsinn ist; denn wenn es einem bestimmt ist, alt zu werden, so
lebt er lange, trotz aller Gefahren.«
    »Die genannten Gründe wären freilich gewichtig. Meiner künftigen Gefährtin
die Unannehmlichkeiten des Lebens so viel als möglich fernzuhalten, wird ja mein
eifrigstes Bestreben sein; aber die Unannehmlichkeit einen Mann zu haben, der
berufs- und beschäftigungslos wäre, müsste doch noch grösser sein, als diejenige
des Garnisonlebens. Und die Gefahr, dass mein Rücktritt von irgend jemand als
Faulheit oder Feigheit ausgelegt werden könnte, wäre doch noch schlimmer, als
die Gefahren eines Feldzuges. Mir ist der Gedanke wirklich keinen Augenblick
gekommen .... Hoffentlich auch Ihnen nicht, Marta?« (Vor Leuten hatten wir das
»Du« wieder eingestellt.)
    »Und wenn ich es als Bedingung stellte?«
    »Das werden Sie nicht. Denn sonst müsste ich auf das höchste Glück
verzichten. Sie sind reich - ich besitze nichts, als meine militärische Charge,
als die Aussicht auf künftige höhere Rangstufen - und diesen Besitz gebe ich
nicht her. Es wäre gegen alle Würde, gegen meine Begriffe von Ehre -«
    »Brav, mein Sohn ... jetzt bin ich ausgesöhnt. Es wäre Sünd' und Schand' um
Ihre Laufbahn. Sie haben gar nicht mehr weit zum Obersten und bringen es sicher
zum General - können schliesslich Festungskommandant, Gouverneur oder
Kriegsminister werden. Das gibt auch der Frau eine angenehme Stellung.«
    Ich schwieg still. Um die Aussicht, Frau Kommandantin zu werden, war es mir
gar nicht zu tun. Am liebsten wäre es mir gewesen, mit dem Manne meiner Wahl
das Leben in ländlicher Zurückgezogenheit zu verbringen; aber dennoch waren mir
seine eben geäusserten Entschlüsse lieb. Denn dieselben bewahrten ihn vor dem
Makel des Verdachtes, welchen mein Vater gegen ihn gehegt, und der ihn
sicherlich auch in den Augen der Welt getroffen hätte.
    »Ja, ganz ausgesöhnt« - fuhr mein Vater fort. »Denn aufrichtig: ich glaubte,
es sei Ihnen hauptsächlich darum zu tun .... nun, nun - Sie brauchen nicht so
wütend zu schauen - ich meine: nebenbei darum zu tun, sich ins Privatleben
zurückzuziehen, und da hätten Sie sehr unrecht getan. Auch meiner Marta
gegenüber - die ist nun schon einmal ein Soldatenkind, eine Soldatenwitwe - und
ich glaube kaum, dass sie einen in Civilkleidern auf die Dauer lieb haben
könnte.«
    Jetzt musste Tilling lächeln. Er warf mir einen Blick zu, welcher deutlich
sagte: Ich kenne Dich besser, und antwortete laut:
    »Das glaube ich auch: sie hat sich eigentlich nur in meine Uniform verliebt.
Im September desselben Jahres fand unsere Trauung statt.
    Mein Bräutigam hatte sich für die Hochzeitsreise einen zweimonatlichen
Urlaub erwirkt. Unsere erste Etappe war Berlin. Ich hatte den Wunsch geäussert,
einen Kranz auf das Grab von Friedrichs Mutter niederzulegen und unsere Reise
mit diesem Pilgergang zu eröffnen.
    In der preussischen Hauptstadt hielten wir uns acht Tage auf. Friedrich
machte mich mit seinen dort lebenden Verwandten bekannt und alle erschienen mir
als die liebenswürdigsten Leute von der Welt. Freilich - wenn man eben die
rosafarbenen Brillen trägt, durch welche man während der Honigwochen die
Aussenwelt zu betrachten pflegt, da findet man alles lieb und schön. Zudem wird
neuvermählten Paaren allseitig mit heiterer und freundlicher Zuvorkommenheit
begegnet: alles hält sich für verpflichtet, auf ihre ohnedies so blühenden Pfade
immer neue Rosen zu streuen.
    Was mir an den Norddeutschen besonders wohlgefiel, war die Sprache. Nicht
nur, weil dieselbe den Accent meines Mannes aufwies - eine seiner
Eigentümlichkeiten, in welche ich mich zuerst verliebt hatte - sondern weil sie
mir, im Vergleich zu der in Österreich üblichen Redeweise, ein höheres
Bildungsniveau zu bekunden schien; oder vielmehr, nicht nur schien, sondern in
der Tat bekundete. Grammatikalische Verstösse, wie solche die Umgangssprache der
besseren wiener Kreise verunstalten, kommen in der guten berliner Gesellschaft
nicht vor. Die preussische Verwechselung des Dativ und Accusativ: »Gieb mich
einen Federhut« bleibt auf die unteren Klassen beschränkt, während die in Wien
üblichen Kasus-Fehler: »Ohne Dir« - »Mit die Kinder« häufig genug in den ersten
Salons gehört werden. »Gemütlich mögen wir immerhin unsere Sprache nennen und
dieselbe von den Ausländern auch so befunden werden lassen - eine Inferiorität
stellt sie jedenfalls vor. Wenn man Menschenwert nach der Bildungsstufe misst -
und welchen richtigeren Massstab gäb' es wohl, als diesen? - so ist der
Norddeutsche um ein Stückchen mehr Mensch, als der Süddeutsche - ein Ausspruch,
der im Munde eines Preussen sehr »arrogant« klänge, und aus der Feder einer
Österreicherin sehr »unpatriotisch« erscheinen mag; - aber wie selten gibt es
eine ausgesprochene Wahrheit, die nicht irgendwo oder irgendwen verletzte ...
    Unser erster Besuch in Berlin - nachdem wir auf dem Friedhofe gewesen - galt
der Schwester der Verstorbenen. Aus der Liebenswürdigkeit und geistigen
Bedeutendheit dieser Frau konnte ich schliessen, wie liebenswürdig und bedeutend
Friedrichs Mutter gewesen sein musste, wenn sie Frau Kornelie von Tessow glich.
Letztere war die Witwe eines preussischen Generals und besass einen einzigen Sohn,
welcher damals eben Lieutenant geworden war.
    Einem schöneren Jüngling wie diesem Gottfried von Tessow bin ich in meinem
ganzen Leben nicht begegnet. Rührend anzusehen war es, wie Mutter und Sohn an
einander hingen; auch darin schien Frau Kornelie Ähnlichkeit mit ihrer
verstorbenen Schwester gehabt zu haben. Wenn ich den Stolz sah, welchen sie
augenscheinlich in Gottfried setzte, und die Zärtlichkeit, mit welcher dieser
seine Mutter behandelte, so freute ich mich schon in Gedanken auf die Zeit, wo
mein Sohn Rudolf erwachsen sein würde. Nur eines konnte ich nicht begreifen, und
ich äusserte dies auch zu meinem Manne:
    »Wie kann eine Mutter ihr einziges Kind, ihr Kleinod, einen so gefährlichen
Beruf ergreifen lassen, wie den militärischen?«
    »Es gibt einfach Gedanken, liebes Herz,« antwortete mir Friedrich, »die
niemand denkt, naheliegende Erwägungen, die niemand anstellt. Ein solcher
Gedanke ist die Gefährlichkeit des Soldatenberufes. Den lässt man nicht
aufkommen: es liegt - so meint man - eine Art Unanständigkeit und Feigheit
darin, diese Erwägung in Betracht zu ziehen. Es wird als so selbstverständlich
und unvermeidlich angenommen, dass diese Gefahr bestanden werden muss und
eigentlich fast immer glücklich bestanden wird (die Prozente der Gefallenen
verteilen sich auf die anderen), dass man an die Todeschance gar nicht denkt. Sie
ist zwar da - aber das ist sie ja für jeden Geborenen, und keiner denkt an den
Tod. In dem Verjagen lästiger Begriffe vermag der Geist Grosses zu leisten. Und
schliesslich: was kann ein preussischer Edelmann wohl für eine angenehmere und
angesehenere Stellung haben als die eines preussischen Kavallerieoffiziers?«
    Tante Kornelia schien auch an mir Gefallen zu finden.
    »Ach,« seufzte sie einmal -, »dass meine arme Schwester die Freude nicht
erleben sollte, solch eine Schwiegertochter zu besitzen und ihren Friedrich so
glücklich zu sehen wie er es jetzt an Deiner Seite ist. Es war immer ihr
sehnlichster Wunsch, ihn verheiratet zu sehen. Aber er stellte so hohe
Anforderungen an die Ehe -«
    »Es scheint nicht, Tantchen, da er mit mir vorlieb genommen ...«
    »A trap for a compliment nennen das die Engländer. - Ich wollte, mein
Gottfried könnte auch einst solchen Treffer machen. Ich bin jetzt schon
ungeduldig, Grossmutterfreuden zu erleben. Doch da werde ich wohl noch lange
warten können: mein Sohn ist erst einundzwanzig Jahre alt.«
    »Er mag viele Mädchenköpfe verdrehen,« sagte ich, »viele Herzen brechen -«
    »Das sicht ihm nicht gleich: einen braveren rechtschaffeneren Jungen gibt's
nicht. Er wird einmal eine Frau sehr glücklich machen -«
    »So wie Friedrich die seine -«
    »Noch kannst Du das nicht wissen, liebes Herz; darüber müssen wir nach zehn
Jahren wieder reden. In den ersten Wochen sind fast alle Ehen glücklich. Damit
will ich jedoch keinen Zweifel an meinem Neffen, noch an Dir ausgedrückt haben -
ich glaube selber, dass Euer Glück ein dauerhaftes sein wird.«
    Von Berlin aus begaben wir uns nach den deutschen Bädern. Meine kurze
Italienreise mit Arno - von der ich übrigens nur eine ganz traumhafte Erinnerung
hatte - abgerechnet, war ich von Hause nie weggekommen. Dieses Kennenlernen
neuer Orte, neuer Menschen und neuen Lebens versetzte mich in gehobenste
Stimmung. Die Welt schien mir plötzlich so schön und noch einmal so interessant
geworden. Wäre mein kleiner Rudolf nicht gewesen, den ich zurückgelassen hatte,
ich würde Friedrich vorgeschlagen haben: »Lass uns jahrelang so herumreisen, wie
jetzt. Besuchen wir ganz Europa und hernach die übrigen Weltteile; geniessen wir
diese Wanderexistenz, dieses ungebundene Umherstreifen; sammeln wir die
Reichtümer neuer Eindrücke und Erfahrungen. Überall, wo wir hinkommen - und
seien uns Land und Leute noch so fremd - bringen wir ja durch unser
Beisammensein ein genügendes Stück Heimstätte mit.« Was hätte mir Friedrich auf
solchen Vorschlag geantwortet? Wahrscheinlich, dass man es sich nicht zum Beruf
machen kann, bis an sein Lebensende »hochzeitzureisen,« dass sein Urlaub nur zwei
Monate dauert und dergleichen vernünftige Sachen mehr.
    Wir besuchten Baden-Baden, Homburg und Wiesbaden. Überall dasselbe
fröhliche, elegante Treiben - überall so viele interessante Menschen aus aller
Herren Ländern. Im Umgang mit diesen Fremden wurde ich erst gewahr, dass
Friedrich die französische und englische Sprache vollkommen beherrschte; dies
liess ihn in meiner Bewunderung noch um einen Grad steigen. Immer wieder
entdeckte ich neue Eigenschaften an ihm: Sanftmut, Heiterkeit, lebhafteste
Empfänglichkeit für alles Schöne. Eine Rheinfahrt setzte ihn in Entzücken und im
Teater oder Konzertsaal, wenn die Künstler Hervorragendes leisteten, leuchtete
ihm der Genuss aus den Augen. Dadurch erschien mir der Rhein mit seinen Burgen
doppelt romantisch, darum bewunderte ich die Vorträge berühmter Virtuosen
doppelt.
    Diese zwei Monate vergingen leider viel zu schnell. Friedrich kam um
Verlängerung seines Urlaubs ein, wurde aber abschlägig beschieden. Das war mir
seit unserer Verheiratung der erste Moment des Ärgers, als dieses offizielle
Papier anlangte, welches im trockenen Stile unsere Heimkehr befahl.
    »Und das nennen die Menschen Freiheit!« rief ich, das beleidigende Dokument
auf den Tisch schleudernd.
    Tilling lächelte. »O, ich bilde mir nicht im mindesten ein, frei zu sein,
meine Herrin,« erwiderte er.
    »Wenn ich Deine Herrin wäre, könnte ich Dir befehlen, dem Militärdienst
Valet zu sagen und nur noch meinem Dienste zu leben.«
    »Über diese Frage waren wir ja einig geworden -«
    »Freilich: ich habe mich fügen müssen, doch das beweist, dass Du nicht mein
Sklave bist - und das ist mir im Grunde recht, mein lieber, stolzer Mann!«
Von unserer Reise zurückgekehrt, rückten wir nach einer kleinen mährischen Stadt
- der Festung Olmütz - ein, wo Friedrichs Regiment in Garnison lag. Von
geselligem Verkehr war in dem Neste keine Rede, und so lebten wir beide in
völliger Zurückgezogenheit. Ausser den Stunden, die wir dem Dienst widmeten - er
als Oberstlieutenant bei seinen Dragonern, ich als Mutter bei meinem Rudolf -
widmeten wir uns gegenseitig nur einander. Mit den Damen des Regiments waren die
nötigen Ceremonienbesuche und Gegenbesuche ausgetauscht worden, aber auf näheren
Umgang liess ich mich nicht ein; es gelüstete mich nicht im geringsten darnach,
bei Nachmittag-Kaffeegesellschaften Dienstbotengeschichten und Stadtklatsch zu
hören, und ebenso fern hielt sich Friedrich den Spielpartien des Obersten und
den Trinkgelagen der Offiziere. Da hatten wir Besseres zu tun. Die Welt, in der
wir uns bewegten - wenn wir des Abends zusammen beim brodelnden Teekessel sassen
- die war von der Welt der Olmützer Geselligkeitskreise sternenweit entfernt.
»Sternenweit« mitunter im buchstäblichen Sinne - denn einige unserer liebsten
geistigen Ausflüge waren nach dem Firmament gerichtet. Wir lasen nämlich
miteinander wissenschaftliche Werke und unterrichteten uns über die Wunder des
Weltalls. Da durchstreiften wir die Tiefen des Erdballs und die Höhen der
Himmelsräume; da drangen wir in die Geheimnisse der mikroskopisch unendlichen
Kleinheiten und der teleskopisch unendlichen Fernen, und je grösser die Welt vor
unseren Blicken sich entfaltete, in desto winzigere Dimensionen schrumpfte der
Olmützer Interessenkreis ein. Unsere Lektüren beschränkten sich nicht auf
Naturkunde allein, sondern umfassten noch viele andere Zweige der Forschung und
des Gedankens. So nahm ich unter anderem zum drittenmal meinen geliebten Buckle
vor, um Friedrich mit diesem Autor bekannt zu machen, den er dann ebensosehr
bewunderte, wie ich; dabei vernachlässigten wir auch die Dichter und
Romanschriftsteller nicht, und so gestalteten sich unsere gemeinschaftlichen
Leseabende zu wahren Festen des Geistes - während unsere übrige Existenz
eigentlich ein ununterbrochenes Fest des Herzens war. Täglich gewannen wir uns
lieber; was die Leidenschaft an Feuer einbüsste, das gewann die Zuneigung an
Innigkeit, die Achtung an Festigkeit. Das Verhältnis zwischen Friedrich und
Rudolf war der Gegenstand meines Entzückens. Die beiden waren die besten
Kameraden der Welt, und sie miteinander spielen zu sehen, war köstlich.
Friedrich war dabei von den zweien beinah der kindischere. Natürlich mischte ich
mich sofort auch in die Partie, und was da für Dummheiten getrieben und geredet
wurden, das mögen uns die Weisen und Gelehrten verzeihen, deren Werke wir lasen
- wenn Rudolf zu Bett gebracht war. Zwar behauptete Friedrich, dass er von Hause
aus kein besonderer Kinderfreund sei; aber einmal war der Kleine seiner Marta
Sohn, und zweitens war er wirklich lieb und herzig und schmiegte sich seinem
Stiefvater gar so zärtlich an. Wir machten häufig Pläne über die Zukunft des
Knaben. Soldat? ... Nein. Dazu würde er nicht taugen, denn in unserem
Erziehungsplan würde die Drillung zur Kriegsruhmliebe keinen Platz finden.
Diplomat! Vielleicht. Am wahrscheinlichsten aber Landwirt. Als künftiger Erbe
des Dotzkyschen Majorats, welches ihm von dem nunmehr sechsundsechzigjährigen
Onkel Arnos einst zufallen musste, würde es ihm Berufs genug sein, seine
Besitzungen rationell zu verwalten. Dann sollte er seine kleine Braut Beatrix
heimführen und ein glücklicher Mensch werden. Wir waren selber so glücklich, dass
wir gern für die ganze Mitwelt, und für die künftigen Geschlechter obendrein,
Schätze von Lebensfreude hätten gesichert sehen wollen ... Dennoch verschloss
sich unsere Einsicht dem Elend nicht, unter welchem der grösste Teil der
Menschheit seufzt und wohl noch durch manche Generation wird seufzen müssen:
Armut, Unwissenheit, Unfreiheit - so vielen Gefahren und Übeln ausgesetzt -
unter diesen Übeln das fürchterlichste: der Krieg. »Ach, wenn man beitragen
könnte, es abzuwälzen!« Dieser seufzende Wunsch entrang sich oft unseren Herzen,
aber die Betrachtung der herrschenden Zustände und Ansichten stellte solchen
Wünschen ein entmutigendes »Unmöglich« entgegen. Leider - der schöne Traum, dass
es allen »wohlergehe, und alle lange leben mögen auf Erden«, lässt sich nicht
erfüllen - wenigstens nicht in der Gegenwart. Aber die pessimistische Lehre, dass
das Leben ein Übel sei, dass es allen besser wäre, sie wären nie geboren - die
war uns durch unser eigenes Dasein gründlich widerlegt.
    Zu Weihnachten unternahmen wir einen Abstecher nach Wien, um die Festtage im
Kreise meiner Familie zuzubringen. Mein Vater war nunmehr mit Friedrich völlig
ausgesöhnt. Die Tatsache, dass letzterer den Militärdienst nicht verlassen,
hatte die anfänglichen Zweifel und Verdächtigungen verscheucht. Dass ich eine
»schlechte Partie« gemacht, das blieb freilich sowohl meines Vaters als auch
Tante Mariens Überzeugung; andererseits mussten sie aber auch die Tatsache
anerkennen, dass mich mein Mann sehr glücklich machte, und das rechneten sie ihm
doch zu gute.
    Rosa und Lilli tat es leid, dass sie im kommenden Fasching nicht unter
meiner, sondern unter der weit strengeren Aussicht der Tante in »die Welt« gehen
sollten. Konrad Altaus war nach wie vor ein eifriger Besucher des Hauses, und
es wollte mir scheinen, als hätte er in der Gnade Lillis einige Fortschritte
gemacht.
    Der heilige Abend fiel sehr heiter aus. Es ward ein grosser Christbaum
angezündet und von einem zum andern wurden allerlei Geschenke getauscht. Der
König des Festes und der Meistbeschenkte war natürlich mein Sohn Rudolf; aber
auch alle übrigen wurden bedacht. So erhielt Friedrich von mir einen Gegenstand,
bei dessen Anblick er einen Freudenschrei nicht unterdrücken konnte. Es war ein
silberner Briefbeschwerer in Gestalt eines Storches. Derselbe hielt einen Zettel
im Schnabel, auf welchem von meiner Schrift die Worte standen: Im Sommer 1864
bringe ich etwas.
    Friedrich umarmte mich stürmisch. Wären die andern nicht dabei gewesen, er
hätte sicherlich einen Rundtanz mit mir aufgeführt.
Am ersten Feiertag versammelte sich die ganze Familie wieder bei meinem Vater
zum Diner. Von Fremden war nur Excellenz »Allerdings« und Doktor Bresser
anwesend. Als wir da in dem altbekannten Speisezimmer bei Tische sassen, musste
ich lebhaft jenes Abends gedenken, wo uns beiden unsere Liebe zuerst deutlich
ins Bewusstsein getreten. Doktor Bresser hatte denselben Gedanken:
    »Erinnern Sie sich noch der Piketpartie, die ich mit Ihrem Herrn Vater
spielte, während Sie am Kamin mit Baron Tilling plauderten?« fragte er mich.
»Ich sah aus, nicht wahr, als wäre ich ganz in mein Spiel vertieft, aber dennoch
hatte ich mein Ohr in Ihrer Richtung gespitzt und hörte aus dem Klang der
Stimmen - die Worte konnte ich nicht vernehmen - ein gewisses Etwas heraus,
welches in mir die Überzeugung weckte: Die zwei werden ein Paar. Und wenn ich
Sie jetzt mit einander beobachte, so steigt mir eine neue Überzeugung auf,
nämlich: Die zwei sind und bleiben ein glückliches Paar.«
    »Ich bewundere Ihren Scharfsinn, Doktor. Ja, wir sind glücklich. Ob wir es
bleiben? Das hängt leider nicht von uns ab, sondern vom Schicksal ... Über jedem
Glück schwebt eine Gefahr, und je inniger das erste, desto grausiger die
letzte.«
    »Was können Sie fürchten?«
    »Den Tod.«
    »Ah so. Der war mir gar nicht eingefallen. Ich habe zwar als Arzt öfters
Gelegenheit, dem Gesellen zu begegnen - aber ich denke nicht daran. Der liegt ja
bei gesunden und jungen Leuten, wie das in Rede stehende glückliche Paar, in so
entrückter Ferne -«
    »Was nützt dem Soldaten Jugend und Gesundheit?«
    »Verscheuchen Sie solche Ideen, liebste Baronin. Es ist ja kein Krieg in
Sicht. Nicht wahr, Excellenz,« wandte er sich an den Minister, »gegenwärtig ist
am politischen Himmel der mehrfach erwähnte schwarze Punkt nicht zu sehen?«
    »Punkt ist viel zu wenig gesagt,« antwortete der Befragte. »Es ist vielmehr
eine schwarze, schwere Wolke.«
    Ich erbebte bis ins Innerste:
    »Was? wie? was meinen Sie?« rief ich lebhaft.
    »Dänemark treibt es gar zu bunt« ...
    »Ah so, Dänemark,« sagte ich erleichtert. »Die Wolke droht also nicht uns?
Es ist mir zwar unter allen Umständen betrübend, wenn ich höre, dass man sich
irgendwo schlagen will - aber wenn es die Dänen sind und nicht die Österreicher,
dann flösst mir das wohl Beileid, aber keine Furcht ein.«
    »Du brauchst Dich auch nicht zu fürchten,« fiel mein Vater lebhaft ein,
»falls Österreich sich beteiligt. Wenn wir die Rechte Schleswig-Holsteins gegen
die Vergewaltigung Dänemarks verteidigen, so riskieren wir ja nichts dabei. Es
handelt sich da um kein österreichisches Territorium, dessen Verlust ein
unglücklicher Feldzug herbeiführen könnte -«
    »Glaubst Du denn, Vater, dass - wenn unsere Truppen ausmarschieren müssten -
ich an solche Dinge, wie österreichisches Territorium, schleswig-holsteinsche
Rechte und dänische Vergewaltigung dächte? Ich sähe bloss eins: die Lebensgefahr
unserer Lieben. Und die bleibt gleich gross, ob nun aus diesem oder jenem Grund
Krieg geführt wird.«
    »Die Schicksale der Einzelnen kommen nicht in Betracht, mein liebes Kind, da
wo es sich um weltgeschichtliche Ereignisse handelt. Bricht ein Krieg aus, so
verstummen die Fragen, ob der oder der dabei fällt, oder nicht, vor der einen
gewaltigen Frage, was das eigene Land dabei gewinnen oder verlieren wird. Und
wie gesagt: wenn wir uns mit den Dänen raufen, so ist nichts zu verlieren dabei,
wohl aber unsere Machtstellung im deutschen Bund zu erweitern. Ich träume immer,
dass die Habsburger noch einmal die ihnen gebührende deutsche Kaiserwürde
zurückerlangen. Es wäre auch ganz in der Ordnung. Wir sind der bedeutendste
Staat im Bunde! die Hegemonie ist uns gesichert - aber das genügt nicht ... Ich
würde den Krieg mit Dänemark als eine sehr günstige Gelegenheit begrüssen, nicht
nur die Scharte von 59 auszuwetzen, sondern auch unsere Stellung im deutschen
Bunde so zu gestalten, dass wir für den Verlust der Lombardei reichen Ersatz
finden und - wer weiss - so an Macht gewinnen, dass uns die Rückeroberung dieser
Provinz ein leichtes wäre.«
    Ich blickte zu Friedrich hinüber. Er hatte sich an dem Gespräche nicht
beteiligt, sondern war in eine eifrige lachende Unterhaltung mit Lilli
verwickelt. Ein stechender Schmerz schnitt mir durch die Seele: ein Schmerz, der
in ein Bündel zwanzig verschiedene Vorstellungen vereinte: Krieg ... und er,
mein alles, musste mit ... verkrüppelt, erschossen ... das Kind unter meinem
Herzen, dessen angekündigtes Kommen er gestern mit solchem Jubel begrüsst - es
sollte vaterlos zur Erde kommen? ... Zerstört, zerstört - unser kaum erblühtes,
noch so reiche Frucht verheissendes Glück! ... Diese Gefahr in der einen
Wagschale, und in der anderen? Österreichisches Ansehen im deutschen Bund,
schleswig-holsteinische Befreiung - »frische Lorbeerblätter im Ruhmeskranze des
Heeres« - das heisst ein paar Phrasen für Schulvorträge und Armeeproklamationen
... und sogar das nur zweifelhaft, denn ebenso möglich wie der Sieg, ist ja die
Niederlage ... Und nicht nur einem vereinzelten Leid, dem meinen, wird das
vermeintliche vaterländische Wohl entgegengestellt, sondern tausend und
abertausend einzelne im eigenen und im Feindeslande müssten denselben Schmerz
einsetzen, der mich jetzt durchbebte ... Ach, war denn dem nicht vorzubeugen -
war's nicht abzuwehren? Wenn sich alle vereinten - alle Vernünftigen, Guten,
Gerechten - um das drohende Übel zu verhüten -
    »Sagen Sie mir doch,« wandte ich mich laut an den Minister, »stehen die
Dinge wirklich schon so schlimm? Habt Ihr, Minister und Diplomaten, habt Ihr
denn solche Konflikte nicht zu vermeiden gewusst, werdet Ihr deren Ausbruch nicht
zu verhindern wissen?«
    »Glauben Sie denn, Baronin, dass es unseres Amtes ist, den ewigen Frieden zu
erhalten? Das wäre allerdings eine schöne Mission - aber unausführbar Wir sind
nur da, über die Interessen unserer respektiven Staaten und Dynastien zu wachen,
jeder drohenden Verringerung ihrer Machtstellung entgegenzuarbeiten und jede
mögliche Suprematie zu erringen trachten, eifersüchtig die Ehre des Landes
hüten, uns angetanen Schimpf rächen -«
    »Kurz,« unterbrach ich, »nach dem kriegerischen Grundsatze handeln: dem
Feind - das ist nämlich jeder andere Staat - tunlichst zu schaden und, wenn ein
Streit entsteht, so lange hartnäckig behaupten, dass man im Recht ist, - auch
wenn man sein Unrecht einsieht, nicht wahr?«
    »Allerdings.«
    »Bis beiden Streitenden die Geduld reisst und drauf losgehauen werden muss ...
es ist abscheulich!
    »Das ist doch der einzige Ausweg. Wie anders soll denn ein Völkerstreit
geschlichtet werden?«
    »Wie werden denn Prozesse zwischen einzelnen gesitteten Menschen
geschlichtet?«
    »Durch das Tribunal. Die Völker unterstehen aber keinem solchen.«
    »Ebensowenig wie die Wilden,« kam mir Doktor Bresser zu Hilfe. »Ergo sind
die Völker in ihrem Verkehr noch ungesittet und es dürfte wohl noch lange Zeit
vergehen, bis sie dazu gelangen, ein internationales Schiedsgericht
einzusetzen.«
    Dazu wird es nie kommen,« sagte mein Vater »Es gibt Dinge, die nur
ausgefochten und nicht ausprozessiert werden können. Selbst wenn man versuchen
wollte, ein solches Schiedsgericht zu errichten - die starken Regierungen würden
sich demselben ebensowenig beugen, wie zwei Edelleute, von denen der eine
beleidigt worden, ihre Differenz zu Gericht tragen. - Die schicken einander
einfach ihre Zeugen und schlagen sich rechtschaffen.
    »Das Duell ist aber auch ein barbarischer, unsittlicher Brauch -«
    »Sie werden's nicht ändern, Doktor.«
    »Ich werde es aber wenigstens nicht guteissen, Excellenz.«
    »Was sagst denn Du, Friedrich?« wandte sich nun mein Vater an den
Schwiegersohn. »Bist Du etwa auch der Ansicht, dass man nach einer erhaltenen
Ohrfeige zu Gericht gehen soll und um 5 fl. Schadenersatz klagen?«
    »Ich würde es nicht tun.«
    »Du würdest den Beleidiger fordern?«
    »Versteht sich.«
    »Aha, Doktor - aha, Marta,« triumphierte mein Vater, »hört Ihr? Auch
Tilling, der doch kein Freund des Krieges ist, gibt zu, ein Freund des Duells zu
sein.«
    »Ein Freund? Das habe ich nie behauptet. Ich sagte nur, dass ich gegebenen
Falls selbstverständlich zum Duell greifen würde - wie ich es übrigens auch
schon ein und das andere Mal getan; gerade so selbstverständlich, wie ich schon
mehreremale in den Krieg gezogen, und bei dem nächsten Anlass wieder ziehen
werde. Ich füge mich den Satzungen der Ehre. Damit will ich aber keineswegs
gesagt haben, dass diese Satzungen, wie sie unter uns bestehen, meinem sittlichen
Ideal entsprechen. Nach und nach, wenn dieses Ideal die Herrschaft gewinnt, wird
der Begriff der Ehre auch eine Wandlung erfahren: einmal wird eine erhaltene
Injurie, wenn sie unverdient ist, nicht auf den Empfänger, sondern auf den rohen
Geber als Schmach zurückfallen; zweitens wird das Selbsträcheramt auch in Sachen
der Ehre ebenso ausser Gebrauch kommen, wie in kultivierter Gesellschaft die
Selbstjustiz in anderen Dingen tatsächlich schon verschwunden ist. Bis dahin -
    »Da können wir lange warten,« unterbrach mein Vater. »So lange es überhaupt
Edelleute gibt -«
    »Das muss auch nicht immer sein,« meinte der Doktor.
    »Oho, Sie wollen gar den Adel abschaffen, Sie Radikaler?« rief mein Vater.
    »Den feudalen allerdings. Edelleute braucht die Zukunft keine.«
    »Desto mehr Edelmenschen,« bekräftigte Friedrich.
    »Und diese neue Gattung wird Ohrfeigen einstecken?«
    »Sie wird vor allem keine austeilen.«
    »Und sich nicht verteidigen, wenn der Nachbarstaat einen kriegerischen
Einfall macht?«
    »Es wird keine einfallenden Nachbarstaaten geben - ebensowenig als jetzt
unsere Landsitze von feindlichen Nachbarburgen umgeben sind. Und wie der heutige
Schlossherr keinen Tross bewaffneter Knappen mehr braucht -«
    »So soll der Zukunftsstaat des bewaffneten Heeres entraten können? Was wird
dann aus Euch Oberstlieutenants?«
    »Was ist aus den Knappen geworden?«
    So hatte sich der alte Streit wieder einmal entsponnen und derselbe wurde
noch eine Zeit lang fortgesetzt Ich hing mit Entzücken an Friedrichs Lippen; es
tat mir unsäglich wohl, die Sache erhöhter Gesittung von ihm so fest und sicher
vertreten zu sehen, und im Geiste verlieh ich ihm selber den Titel, den er
vorhin genannt hatte: »Edelmensch«!
 
                                  Drittes Buch
                                      1864
Wir blieben noch vierzehn Tage in Wien. Es war aber keine fröhliche Urlaubszeit
für mich. Dieses fatale »Krieg in Sicht«, welches nunmehr alle Zeitungen und
alle Gespräche ausfüllte, benahm mir jede Lebensfreudigkeit. So oft mir etwas
von den Dingen einfiel, aus welchen mein Glück zusammengesetzt war - vor allem
der Besitz eines täglich teurer werdenden Gatten -, so oft musste ich auch an die
Unsicherheit denken, an die unmittelbare Gefahr, welche der in Aussicht stehende
Krieg über mein Glück verhängte. Ich konnte desselben, wie man zu sagen pflegt,
»nicht froh werden«. Der Zufälligkeiten von Krankheit und Tod, von Feuersbrunst
und Überschwemmungen - kurz, der Natur- und Elementardrohungen gibt es genug;
aber man hat sich gewöhnt, nicht mehr daran zu denken, und lebt trotz dieser
Gefahren in einem gewissen Stabilitätsbewusstsein. Doch wozu haben die Menschen
sich auch noch willkürlich selbst verhängte Gefahren geschaffen, und so den
ohnehin vulkanischen Boden, auf den ihr Erdenglück gebaut ist, noch eigenmächtig
und mutwillig in künstliches Schwanken versetzt! Zwar haben sich die Leute daran
gewöhnt, auch den Krieg als Naturereignis zu betrachten und denselben als
vertragsaufhebend in einer Linie mit Erdbeben und Wassernot zu nennen - daher
auch so wenig als möglich daran zu denken. Aber ich konnte mich in diese
Auffassung nicht mehr finden. Jene Frage: »Muss es denn sein?« von welcher einst
Friedrich gesprochen, die hatte ich mir mit Bezug auf den Krieg oft mit »nein«
beantwortet; und statt Resignation empfand ich dann Schmerz und Groll - ich
hätte ihnen allen zurufen wollen: »Tut es nicht! - tut es nicht!« Dieses
Schleswig-Holstein und die dänische Verfassung - was ging denn das uns an? Ob
der »Protokoll-Prinz« die Grundgesetze vom 13. November 1863 aufhob oder
bestätigte - was war denn das uns? Aber da waren alle Blätter und Gespräche nur
immer voll von Erörterungen über diese Frage, als wäre das das Wichtigste,
Entscheidendste, Weltumwälzendste, was sich denken lässt, sodass die Frage:
»Sollen unsere Männer und Söhne totgeschossen werden oder nicht?« daneben gar
nicht aufkommen durfte. Nur einigermassen versöhnen, wenn mir nämlich der Begriff
»Pflicht« so recht vor die Seele trat. Nun ja: - wir gehörten zum deutschen
Bunde und mit den verbündeten deutschen Brüdern im Verein mussten wir für die
Rechte unterdrückter deutscher Brüder kämpfen. Das Nationalitätsprinzip war
vielleicht doch etwas, das mit elementarer Kraft Betätigung erheischte - - von
diesem Standpunkte aus also musste es sein ... Beim Anklammern an diese Idee liess
der schmerzende Groll in meiner Seele ein wenig nach. Hätte ich voraussehen
können, wie zwei Jahre später diese ganze deutsche Verbrüderung in bitterste
Feindschaft sich auflösen sollte; wie dann der Preussenhass in Österreich noch
viel wütender angefacht würde, als jetzt der Dänenhass - so hätte ich damals
schon erkannt, wie ich das seiter erkennen gelernt, dass die Motive, welche als
Rechtfertigung der Feindseligkeiten angeführt werden, nichts als Phrasen sind,
Phrasen und Vorwände.
    Den Sylvesterabend verbrachten wir wieder im Hause meines Vaters. Mit dem
Schlage zwölf erhob dieser sein Punschglas:
    »Möge der Feldzug, welcher uns in dem neugeborenen Jahre bevorsteht, ein für
unsere Waffen glorreicher werden« - sprach er feierlich; - ich stellte mein
schon erhobenes Glas auf den Tisch zurück - »und mögen unsere Lieben uns
erhalten bleiben!« beschloss er.
    Jetzt erst tat ich Bescheid.
    »Warum hast Du bei der ersten Hälfte meines Toastes nicht angestossen,
Marta?«
    »Weil ich von einem Feldzug nichts anderes wünschen kann, als dass er -
unterbleibe«
    Als wir ins Hotel und in unser Schlafzimmer zurückgekehrt waren, warf ich
mich Friedrich um den Hals.
    »Mein Einziger! Friedrich! Friedrich!!«
    Er drückte mich sanft an sich:
    »Was hast Du, Marta? Du weinst ... heute in der Neujahrsnacht? Warum denn
das junge 1864 mit Tränen einweihen, mein Liebling? Bist Du denn nicht
glücklich? Habe ich Dich irgendwie gekränkt?«
    »Du? O nein, nein, - nur zu glücklich machst Du mich, viel zu glücklich -
und deshalb ist mir bang.«
    »Abergläubisch, meine Marta? Stellst Du Dir auch neidische Götter vor,
welche zu schönes Menschenglück zerstören?«
    »Nicht die Götter - die unsinnigen Menschen selber beschwören das Unglück
auf sich herab.«
    »Du spielst auf den möglichen Krieg an? Es ist ja noch nichts entschieden,
wozu denn der vorzeitige Kummer? Wer weiss, ob es zum Kampfe kommt, wer weiss, ob
ich mitgehen muss? ... Komm her, mein Liebling, setzen wir uns« - er zog mich
neben sich auf das Sofa - »verschwende Deine Tränen nicht an eine blosse
Möglichkeit.«
    »Schon die Möglichkeit ist mir schmerzlich. Wäre es Gewissheit, Friedrich,
ich würde nicht sanft und still an Deiner Schulter weinen - ich müsste laut
aufschreien und aufjammern ... Aber die Möglichkeit, die Wahrscheinlichkeit, dass
in dem anbrechenden Jahre Du mir mittelst Armeebefehl aus den Armen gerissen
würdest - die genügt schon, mich in Bangen und Trauer zu versetzen.«
    »Bedenke, Marta, Du gehst ja auch selber einer Gefahr entgegen - wie mir
dies Dein Weihnachtsgeschenk so lieb verkündet hat - und doch denken wir beide
nicht an die grause Möglichkeit, welche jeder Frau im Wochenbette beinahe ebenso
häufig droht, wie jedem Manne auf dem Schlachtfelde ... Freuen wir uns des
Lebens und denken wir nicht an den über unser aller Häupter schwebenden Tod.«
    »Du sprichst ja wie Tante Marie, Liebster - als ob unser Loos nur von der
Bestimmung abhinge und nicht von den Unvorsichtigkeiten, Grausamkeiten,
Wildheiten und Dummheiten unserer eigenen Mitmenschen. Wo liegt die unabwendbare
Notwendigkeit dieses Krieges mit Dänemark?«
    »Noch ist derselbe nicht ausgebrochen, noch -«
    »Ich weiss, ich weiss: - noch können Zufälligkeiten das Übel verhüten. Aber
nicht der Zufall, nicht politische Ränke und Launen sollten über eine solche
Schicksalsfrage entscheiden, sondern der feste, aufrichtige Wille der Menschen.
Doch was nützt mein »es sollte nicht« und »es sollte« - ich kann die Ordnung der
Dinge nicht ändern, nur darüber klagen. Aber darin hilf mir, Friedrich -
versuche nicht, mit den landläufigen leeren Ausflüchten mich zu trösten! Du
glaubst selber nicht daran - Du selbst erbebst vor edlem Widerwillen ... Nur
darin finde ich Genugtuung, wenn Du mit mir verdammst und beklagst, was mich
und unzählige Andere so unglücklich machen soll.«
    »Ja, mein Herz, wenn es hereinbricht, das Verhängnis, dann will ich Dir
recht geben; dann will ich Dir den Schauder und den Hass nicht verhehlen, den mir
der anbefohlene Völkermord einflösst ... Aber heute lass uns noch des Lebens froh
sein ... Wir haben einander ja - nichts trennt uns ... nicht die geringste
Schranke zwischen unseren Seelen! Lass uns dieses Glück geniessen - so lange es
unser ist - mit Inbrunst geniessen ... Denken wir nicht an die angedrohte
Zerstörung desselben ... Ewig kann ja keine Freude dauern. In hundert Jahren
ist's doch einerlei, ob wir lang oder ob wir kurz gelebt. Auf die Zahl der
schönen Tage kommt es schliesslich nicht an, sondern auf den Grad ihrer
Schönheit. Die Zukunft bringe was sie wolle, mein vielgeliebtes Weib - unsere
Gegenwart ist so schön, so schön, dass ich jetzt nichts fühlen mag, als seliges
Entzücken.«
    Während er so sprach, schlang er seinen Arm um mich und küsste mein an seiner
Brust ruhendes Haupt. Da schwand auch mir die drohende Zukunft aus dem
Bewusstsein und auch ich versenkte mich in den süssen Frieden des Augenblickes.
Am 10. Januar kehrten wir nach Olmütz zurück.
    Niemand zweifelte mehr an dem Ausbruch des Krieges. In Wien hatte ich noch
vereinzelte Stimmen vernommen, welche meinten, dass die dänisch-holsteinische
Frage vielleicht doch noch auf diplomatischem Wege beigelegt werden könne; aber
in den militärischen Kreisen unserer Festungsbesatzung galt die
Friedensmöglichkeit für ausgeschlossen. Unter den Offizieren und ihren Frauen
herrschte eine aufgeregte, aber zumeist freudig aufgeregte Stimmung: Gelegenheit
zu Auszeichnung und Avancement in Sicht - zur Befriedigung des Tatendurstes des
einen, des Ehrgeizes des zweiten, des Gage-Erhöhungsbedürfnisses des dritten.
    »Das ist ein famoser Krieg, der sich da vorbereitet,« sagte der Oberst, bei
dem wir nebst mehreren anderen Offizieren samt Gemahlinnen zu Tische geladen
waren, »ein famoser Krieg, der auch ungeheuer populär sein wird. Keine Gefahr
für unser Territorium - auch der Landbevölkerung erwächst kein Schaden, denn der
Kriegsschauplatz liegt auf fremdem Gebiet. Unter solchen Umständen ist es
wirklich eine doppelte Lust sich zu schlagen.«
    »Was mich daran begeistert,« sagte ein junger Oberlieutenant, »ist das edle
Motiv: unterdrückte Rechte unserer Brüder verteidigen. Dass die Preussen mit uns
gehen, oder vielmehr wir mit ihnen, das sichert erstens den Sieg und zweitens
wird es die nationalen Bande noch enger verknüpfen. Die Nationalitätsidee -«
    »Reden Sie lieber nichts von der,« unterbrach der Regimentschef etwas
strenge. »Für einen Österreicher schickt sich dieser Schwindel nicht wohl. Der
war's, der uns den 59er Krieg heraufbeschworen hat, denn auf diesem
Steckenpferd, ein italienisches Italien, ist ja Louis Napoleon stets
herumgeritten. Und überhaupt passt dieses ganze Prinzip nicht für Österreich;
Böhmen, Ungarn, Deutsche, Kroaten - wo ist da das Nationalitätsband? Wir kennen
nur ein Prinzip, das uns vereint, das ist die loyale Liebe zu unserer Dynastie.
Was uns also begeistern soll, wenn wir zu Felde ziehen, ist nicht der Umstand,
dass wir für Deutsche und mit Deutschen kämpfen, sondern dass wir unserem
erhabenen und geliebten Kriegsherrn Heeresfolge leisten dürfen. Es lebe der
Kaiser!«
    Alle erhoben sich und taten stehend Bescheid. Ein Funken Begeisterung fiel
auch mir ins Herz und erfüllte es - einen Augenblick aufflammend - mit
wohltuender Wärme. Eine und dieselbe Sache, eine und dieselbe Person lieben,
wenn man Tausend ist, das gibt eine eigentümliche, vertausendfachte
Hingebungslust ... Das ist's, was als Loyalität, als Patriotismus, als
Korpsgeist die Herzen schwellt. Es ist nichts anderes als Liebe, und die wirkt
so mächtig, dass einem das in ihrem Namen gebotene Werk des Hasses - das
allerscheusslichste Werk des tödlichsten Hasses, der Krieg - als erfüllte
Liebespflicht erscheint.
    Aber nur einen Augenblick hatte es in meinem Herzen so geglüht, denn eine
stärkere Liebe als die zu allen erdenklichen Vaterländern und Landesvätern ruhte
in dessen Grunde - die Liebe zu meinem Mann. Sein Leben war mir doch das höchste
aller Güter, und wenn dieses aufs Spiel gesetzt werden sollte, konnte ich die
Partie - gelte es nun Schleswig-Holstein oder Japan - nur verwünschen.
    Die jetzt folgende Zeit lebte ich in unerhörtem Bangen. Am 16. Januar
stellten die Bundesmächte an Dänemark das Ansinnen, ein gewisses Gesetz, gegen
welches die holsteinische Ständeversammlung und Ritterschaft den Schutz des
Bundes anrief, aufzuheben, und zwar innerhalb vierundzwanzig Stunden. Dänemark
verweigerte dies. Wer wird auch so sich befehlen lassen? Diese Weigerung war
natürlich vorausgesehen worden, denn schon standen preussische und
österreichische Truppen an den Grenzen postiert, und am 1. Februar überschritten
sie die Eider.
    So waren denn die blutigen Würfel wieder gefallen - die Partie begann. Dies
veranlasste meinen Vater einen Gratulationsbrief an uns zu richten.
    »Freut Euch, Kinder,« schrieb er. »Jetzt haben wir doch Gelegenheit, die
erhaltenen Schläge von 59 wieder gut zu machen, indem wir den Dänen Schläge
geben Wenn wir von Norden siegreich heimkehren, so können wir uns auch wieder
nach Süden wenden: die Preussen bleiben unsere Alliirten, und dann können uns die
schäbigen Italiener samt ihrem intriganten Louis Napoleon nicht mehr aufkommen.«
    Friedrichs Regiment, zur grossen Enttäuschung des Obersten und des
Offizierkorps, war nicht zur Grenze entsendet worden. Dies brachte uns ein
väterliches Kondolenzschreiben ein:
    »Ich bedaure aufrichtig, dass Tilling das Pech hat, gerade bei einem Regiment
zu dienen, welches nicht berufen war, den so glorreich sich anlassenden Feldzug
zu eröffnen; übrigens besteht ja immer noch die Möglichkeit, dass es zum
Nachrücken bestimmt werde, Marta wird der Sache freilich die gute Seite
abgewinnen und sich freuen, dass ihr die Angst um den geliebten Mann erspart
bleibt, und auch Friedrich ist eingestandenermassen selber kein Freund des
Krieges; aber ich denke, er ist nur im Prinzip dagegen, das heisst: es wäre ihm
aus sogenannten humanitären Gründen lieber, wenn es zu keiner Schlacht käme; ist
es aber einmal dazu gekommen, so wollte er wohl auch lieber dabei sein, da regt
sich wohl die männliche Kampfeslust. Es sollte wirklich immer die ganze Armee
gegen den Feind geschickt werden; in solchen Zeiten zu Hause bleiben zu müssen,
ist für den Soldaten doch gar zu hart.«
    »Trifft es Dich hart, mein Friedrich, bei mir zu bleiben?« fragte ich,
nachdem ich den Brief gelesen.
    Er drückte mich an sein Herz. Diese stumme Antwort genügte mir.
    Aber was half's? Um meine Ruhe war es doch geschehen. Jeden Tag konnte der
Marschbefehl kommen. Würde der unselige Krieg nur schnell zu Ende geführt! ...
Mit grösstem Eifer las ich in den Zeitungen die Berichte vom Kriegsschauplatz und
wünschte heiss, dass die Verbündeten rasche und entscheidende Siege erföchten. Ich
gestehe es, der Wunsch war nicht vor allem ein patriotischer. Lieber war es mir
immerhin, wenn der Sieg auf unserer Seite blieb; aber was ich von diesem
erhoffte, war die Beendigung des Kampfes, ehe mein Alles in der Welt dahin
entsendet werde, in zweiter Linie erst der Triumph meiner Landsleute und in
allerletzter Linie die Interessen des »meerumschlungenen« Stück Landes. Ob nun
Schleswig zu Dänemark gehörte, oder nicht, was in aller Welt konnte mich das
anfechten? Und schliesslich - was focht es die Dänen und die Schleswig-Holsteiner
selber an? Sahen denn die beiden Völker nicht ein, dass es nur ihre Lenker waren,
welche um Land- und Machtbesitz sich stritten, dass es in diesem Fall zum
Beispiel nicht um ihr Wohl und Wehe, sondern um die Gelüste des
Protokoll-Prinzen und des Augustenburgers sich handelte? Wenn mehrere Hunde um
ein paar Knochen sich raufen, so zerfleischen einander doch nur die Hunde; in
der Völkergeschichte sind es aber meist die dummen Knochen selber, welche auf
einander losschlagen und sich gegenseitig zertrümmern, um für die Rechte der sie
begehrenden Streiter zu kämpfen. »Mich will Azor haben« - und »Auf mich hat
Pluto Anspruch« - »Ich protestiere gegen Karo's Fänge« und »Ich rechne es mir
zur Ehre, von Minka gefressen zu werden,« sagen die Knochen. »Dänemark bis zur
Eider,« riefen die dänischen Patrioten. »Wir wollen Friedrich von Augustenburg
zum Herzog,« riefen die Loyalen von Holstein. Unsere Zeitungsartikel und die
Gespräche unserer Kannegiesser waren natürlich alle von dem Grundsatz
durchdrungen, dass die Sache für welche »Wir« eingetreten, die gerechtere, die
einzig »historisch entwickelte«, die einzig für Erhaltung des »europäischen
Gleichgewichtes« erforderliche war. Natürlich wurde in den Leitartikeln und den
politischen Unterhaltungen in Kopenhagen das gegenteilige Prinzip mit gleichem
Nachdruck verfochten. Warum nicht gegenseitig die Rechte abwägen, um sich zu
verständigen, und wenn dies nicht gelingt, eine dritte Macht zum Schiedsrichter
machen? Warum nur immer beiderseitig schreien. »Ich - ich bin im Rechte.« Sogar
gegen die eigene Überzeugung schreien, so lange, bis man sich heiser geschrien
und losschlägt - die Entscheidung der Gewalt überlassend? Ist das nicht
Wildheit? Und wenn nun eine dritte Macht sich in den Streit mischt, so tut auch
sie es nicht mit Rechtserwägung und Urteilsspruch, sondern gleichfalls mit
Dreinschlagen? ... Und das nennen die Leute »äussere Politik?« Aussere und innere
Rohheit ist es - staatskluge Schildbürgerei - internationale Barbarei. - - -
Mit solcher Bestimmteit fasste ich wohl damals die Ereignisse noch nicht in
diesem Lichte auf. Nur momentan erwachten mir derlei Zweifel, und dann gab ich
mir Mühe, dieselben zu verscheuchen. Ich versuchte, mir einzureden, dass das
geheimnisvolle Ding »Staatsraison« genannt, ein über alle Privat- und namentlich
über meine kleine Vernunft erhabenes, das Leben der Staaten bedingendes Prinzip
sei, und eifrig studierte ich in der Geschichte Schleswig-Holsteins nach, um
einen Begriff von dem »historischen Recht« zu erlangen, zu dessen Wahrung der
gegenwärtige Prozess geführt ward.
    Da fand ich denn, dass der fragliche Landstrich schon im Jahre 1027 an
Dänemark abgetreten worden war. Also haben eigentlich die Dänen recht; sie sind
die legitimen Könige des Landes ...
    Nun aber, zweihundert Jahre später, wird das Land einer jüngeren Linie des
Königshauses zugeteilt und gilt nur noch als ein dänisches Fahnenlehen. 1326
wird Schleswig dem Grafen Gerhard von Holstein überlassen und die »Waldemarsche
Konstitution« verbrieft, dass »es nie wieder mit Dänemark so verbunden werden
soll, dass ein Herr sei.« Ah so, dann ist das Recht doch auf Seite der
Verbündeten: wir kämpfen für die »Waldemarsche Konstitution«. Das ist wohl in
der Ordnung, denn wozu wären denn verbriefte Zusicherungen, wenn man sie nicht
aufrecht erhielte?
    Im Jahre 1448 wird die Waldemarsche Konstitution nochmals durch König
Christian I. bestätigt. Also kein Zweifel; nie soll und darf wieder »Ein Herr
sein«. Was wollte da der Protokoll-Prinz?
    Zwölf Jahre später stirbt der Herrscher von Schleswig kinderlos und die
Landstände versammeln sich zu Ripen (gut, dass man immer so genau weiss, wann und
wo sich Landstände versammelten: es war also 1460 zu Ripen) und proklamieren den
dänischen König zum Herzog von Schleswig, wogegen er ihnen verspricht, dass die
Lande »ewig zusammenbleiben sollen - ungeteilt«. Das macht mich wieder ein wenig
konfus. Der einzige Anhaltspunkt ist noch das »ewig zusammenbleiben«.
    Aber die Verwirrung nimmt im weiteren Verlauf dieses historischen Studiums
fortwährend zu, denn jetzt beginnt, trotz der »Formel: ewig ungeteilt (das Wort
ewig spielt in politischen Verträgen überhaupt eine niedliche Rolle) ein ewiges
Spalten und Teilen des Besitzes zwischen den Söhnen des Königs und
Wiedervereinen unter einem nächsten König und Gründen neuer Linien -
Holstein-Gottorp und Schleswig- Sonderburg - welche sich unter gegenseitigen
Verschiebungen und Abtretungen der Anteile abermals spalteten in die Linien
Sonderburg-Augustenburg, Beck-Glücksburg, Sonderburg-Glücksburg, Holstein-
Glückstadt - kurz, ich kenne mich gar nicht mehr aus.«
    Aber nur weiter. Vielleicht begründet sich das historische Recht, um welches
heute unsere Landessöhne bluten müssen, erst später.
    Christian IV. mischt sich in den dreissigjährigen Krieg und die Kaiserlichen
und Schweden fallen in die Herzogtümer ein. Jetzt wird wieder (zu Kopenhagen,
1658) ein Vertrag gemacht, worin dem Hause Holstein- Gottorp die Oberherrschaft
über den schleswigschen Anteil zugesichert wird, und da ist es endlich mit der
dänischen Lehenshoheit vorbei.
    Auf ewig vorbei. Gott sei Dank Jetzt finde ich mich doch wieder zurecht.
    Was geschieht aber durch Patent vom 22. August 1721? Einfach dies: der
gottorpsche Anteil von Schleswig wird der dänischen Monarchie einverleibt. Und
am 1. Juni 1773 wird auch Holstein dem dänischen Königshause überlassen - das
Ganze gilt nun als dänische Provinz.
    Das ändert die Sache: ich sehe schon - die Dänen sind im Recht.
    Aber doch nicht so ganz. Denn der wiener Kongress von 1815 erklärt Holstein
für einen Teil des deutschen Bundes. Dies aber wurmt die Dänen. Sie erfinden das
Schlagwort: »Dänemark bis zur Eider« und streben nach der totalen Besitznahme
des von ihnen »Südjütland« benannten Schleswig. Hier hingegen wird das »Erbrecht
des Augustenburgers« als Losung gebraucht und zu deutschnationalen Kundgebungen
benutzt. Im Jahre 1846 schreibt der König Christian einen offenen Brief, worin
er die Integrität des Gesamtstaates als Ziel hinsetzt, wogegen die »deutschen
Lande« protestieren. Zwei Jahre später wird vom Trone aus die völlige
Vereinigung nicht mehr als Ziel, sondern als fait accompli verkündet, worauf in
den »deutschen Landen« der Aufstand ausbricht Jetzt geht das Raufen los. Bald
siegen die Dänen in diesem Gefecht, bald die Schleswig-Holsteiner in einem
anderen. Dann mischt sich der deutsche Bund hinein. Die Preussen »nehmen« die
Düppeler Höhen; aber das macht dem Streit kein Ende. Preussen und Dänemark
schliessen Frieden; Schleswig-Holstein muss nun allein gegen die Dänen kämpfen und
wird bei Idstedt geschlagen.
    Der Bund verlangt nun von den »Aufständischen«, dass sie den Krieg
einstellen. Was sie denn auch tun. Österreichische Truppen besetzen Holstein,
und die zwei Herzogtümer werden getrennt. Wo ist nun das verbriefte »ewig
zusammenbleiben« hin?
    Aber noch immer ist die Angelegenheit nicht festgesetzt. Da finde ich ein
Londoner Protokoll, vom 8. Mai 1852 (gut, dass man das immer so ganz genau weiss,
unter welchem Datum die zerbrechlichen Verträge gemacht wurden), welches die
Erbfolge Schleswigs dem Prinzen Christian von Glücksburg sichert. (»Sichert« ist
gut.) Jetzt weiss ich doch auch, woher die Benennung »Protokoll-Prinz« stammt.
    Im Jahre 1854, nachdem jedes Herzogtum eine eigene Verfassung erhalten,
werden sie beide »danisiert«. Aber 1858 muss die Danisierung Holsteins wieder
aufgehoben werden. Jetzt ist diese geschichtliche Darstellung der Gegenwart
schon ganz nahe gerückt, aber noch immer ist mir nicht klar, wo die zwei »Lande«
rechtmässig hingehören, und was eigentlich den Ausbruch des gegenwärtigen Krieges
veranlasst hat.
    Am 18. November 1858 wird das famose »Grundgesetz für die gemeinschaftlichen
Angelegenheiten Dänemarks und Schleswigs« vom Reichsrat genehmigt. Zwei Tage
darauf stirbt der König. Mit ihm erlischt wieder einmal eine Linie - nämlich die
Linie Holstein-Glückstadt, und als der Nachfolger des Monarchen das zwei Tage
alte Gesetz bestätigt, erscheint Friedrich von Augustenburg (diese Linie hätte
ich beinahe vergessen) auf dem Plan, erhebt seine Ansprüche und wendet sich samt
der Ritterschaft um Beistand an den deutschen Bund.
    Dieser lässt sofort durch Sachsen und Hannoveraner Holstein besetzen und
proklamiert den Augustenburger zum Herzog. Warum?
    Damit sind aber Preussen und Österreich nicht einverstanden. Warum? Das
verstehe ich heute noch nicht.
    Es heisst, das Londoner Protokoll müsse respektiert werden. Warum? Sind denn
Protokolle über Dinge, die einem absolut nichts angehen, gar so respektabel, dass
man sie mit dem Blut der eigenen Söhne verteidigen muss? Da steckt wohl wieder
irgend eine verborgene »Staatsraison« dahinter ... Als Dogma muss man festalten:
Was die Herren am grünen Diplomatentisch entscheiden, das ist die höchste
Weisheit und bezweckt die grösstmögliche Förderung der vaterländischen
Machtstellung. Das Londoner Protokoll vom 8. Mai 1852 musste aufrecht erhalten,
aber das Kopenhagener Grundgesetz vom 13. Januar 1863 musste aufgehoben werden,
und zwar binnen vierundzwanzig Stunden. Daran hing Österreichs Ehre und Wohl.
Das Dogma war ein bisschen schwer zu glauben; aber in politischen Dingen, beinahe
noch williger als in religiösen, lässt sich die Masse von dem Prinzip des quia
absurdum lenken; auf das Verstehen und Begreifen wird von vornherein verzichtet.
Ist das Schwert einmal gezogen, dann bedarf es nichts mehr, als des Rufes
»Hurrah« und des heissen Siegesdranges. Dazu ruft man nur noch den Segen des
Himmels auf den Kampf herab. Denn soviel ist gewiss: dem lieben Gott muss daran
gelegen sein, dass das Protokoll vom 8. Mai eingehalten und das Gesetz vom 13.
Januar zurückgenommen werde; er muss es so lenken, dass genau so viele Menschen
verbluten und Dörfer verbrennen, als es erforderlich ist, damit die Linie von
Glückstadt oder die von Augustenburg über ein gewisses Stück Erde regiere ... O
du törichte, grausame, gedankenlose, gängelbandgeführte Welt! Das war das
Ergebnis meiner Geschichtsstudien.
Vom Kriegsschauplatze her kamen gute Nachrichten. Die Verbündeten siegten Schlag
auf Schlag. Nach den ersten Gefechten schon mussten die Dänen das ganze Danewerk
räumen; Schleswig und Jütland bis Limfjord wurde von den Unseren besetzt und der
Feind behauptete sich nur noch in den Düppeler Schanzen und auf Alsen.
    Das wusste ich alles so genau, weil auf den Tischen wieder die
stecknadelbespickten Landkarten auflagen, auf welchen die Bewegungen und
Stellungen der Truppen, je nach den einlaufenden Berichten, markiert wurden.
    »Wenn wir jetzt auch noch die Düppeler Schanzen nehmen, oder wenn wir gar
Alsen erobern,« sagten die Olmützer Bürger (denn niemand spricht so gern von den
kriegerischen Taten per »wir« als diejenigen, welche niemals dabei waren),
»dann sind wir fertig ... Jetzt zeigen doch wieder unsere Österreicher, was sie
können. Auch die braven Preussen schlagen sich prächtig - die beiden miteinander
sind natürlich unüberwindlich. Das Ende wird sein, dass ganz Dänemark erobert und
dem deutschen Bunde zugeteilt wird - ein glorreicher, glückbringender Krieg!«
    Auch ich wünschte jetzt nichts sehnlicher, als die Erstürmung von Düppel -
je früher, je lieber - denn diese Aktion würde doch entscheidend sein und der
Schlägerei ein Ende machen. Hoffentlich ein Ende machen, ehe Friedrichs Regiment
Marschbefehl erhielt.
    O dieses Damoklesschwert ... Jeden Tag beim Erwachen fürchtete ich mich, dass
die Nachricht gebracht werde: »Wir marschieren ab!« Friedrich war gefasst darauf.
Er wünschte es nicht, aber er sah es kommen.
    »Gewöhne Dich an den Gedanken, Kind,« sagte er mir. »Gegen die unerbittliche
Notwendigkeit hilft kein Sträuben. Ich glaube nicht, selbst wenn Düppel fällt,
dass der Krieg darum zu Ende sein wird. Die ausgesandte Doppelarmee ist viel zu
klein, um den Dänen eine Entscheidung aufzuzwingen; wir werden noch bedeutenden
Nachschub schicken müssen - und da wird auch mein Regiment nicht verschont
bleiben.«
    Schon dauerte dieser Feldzug über zwei Monate, und noch kein Resultat. Wenn
sich die grause Partie doch in einem Kampfe entscheiden wollte, wie bei dem
Duell. Aber nein: ist eine Schlacht verloren, so wird eine zweite geliefert; muss
eine Position aufgegeben werden, so wird eine andere behauptet, und so fort bis
zur Vernichtung des einen oder des anderen Heeres, oder zur Erschöpfung beider
...
    Am 14. April endlich wurden die Düppeler Schanzen erstürmt.
    Die Nachricht ward mit einem Jubel aufgenommen, als wäre hinter diesen
Schanzen das nunmehr eroberte Paradies gelegen. Man umarmte sich auf den
Strassen: »Sie wissen schon? Düppel! ... O unser tapferes Heer ... Eine unerhörte
Grosstat! ... Jetzt danket alle Gott.« Und in sämtlichen Kirchen Absingung des
Tedeums; unter den Militärkapellmeistern emsiges Komponieren von
»Düppelerschanzenmarsch«, »Sturm von Düppel-Galopp« und so weiter.
    Die Kameraden meines Mannes und deren Frauen hatten zwar einen Tropfen
Bitterkeit in ihrem Freudenbecher; nicht dabei gewesen zu sein ... bei einem
solchen Triumph fehlen zu müssen - solches »Pech«!
    Mir verursachte dieser Sieg eine grosse Freude; denn gleich darauf trat in
London eine Friedenskonferenz zusammen und vermittelte einen Waffenstillstand.
Welches freie Aufatmen dieses Wort »Waffenstillstand« doch gewährt! ... Wie
müsste die Welt erst aufatmen - dachte ich damals zum erstenmal - wenn es
allentalben hiesse: die Waffen nieder - auf immer nieder! Ich trug das Wort in
die roten Hefte ein. Daneben aber schrieb ich verzagt, zwischen Klammern:
»Utopia«.
    Dass der Londoner Kongress dem schleswig-holsteinschen Kriege ein Ende machen
würde, daran zweifelte ich gar nicht. Die Verbündeten hatten gesiegt, die
Düppeler Schanzen waren genommen - diese Schanzen hatten in letzter Zeit eine so
grosse Rolle gespielt, dass mir deren Einnahme als endgültig entscheidend erschien
- wie wollte Dänemark jetzt noch weiter sich behaupten? Die Verhandlungen zogen
sich unglaublich lange hin. Dies wäre mir eine Qual gewesen, wenn ich nicht von
allem Anfang an die Überzeugung gehabt hätte, dass das Ergebnis ein
befriedigendes sein müsse. Wenn die Vertreter mächtiger Staaten, dabei
vernünftige, wohlmeinende Leute, sich zusammentun, um ein so wünschenswertes
Ziel zu erreichen, wie Friedensschliessung, wie könnte das misslingen? Desto
entsetzlicher war meine Enttäuschung, als nach zwei Monate lang geführten
Debatten die Nachricht eintraf, dass der Kongress unverrichteter Dinge wieder
auseinandergehe.
    Und zwei Tage später kam für Friedrich - der Marschbefehl!
    Zur Vorbereitung und zum Abschied hatte er vierundzwanzig Stunden Zeit. Und
ich war auf dem Punkte, niederzukommen. In der toddräuenden, schweren Stunde, wo
eines Weibes einziger Trost darin besteht, den geliebten Mann neben sich zu
haben, würde ich allein bleiben müssen - allein mit dem über alles bangen
Bewusstsein, dass der geliebte Mann in den Krieg gegangen - wissend, dass es ihm
ebenso schmerzlich sein musste, in solcher Stunde seine arme Frau zu verlassen,
als es mir schmerzlich sein würde, ihn zu missen ...
    Es war am Morgen des 20. Juni. Alle Einzelheiten dieses denkwürdigen Tages
sind mir eingeprägt geblieben.
    Draussen herrschte drückende Hitze und um diese auszuschliessen, waren die
Rollvorhänge in meinem Zimmer herabgelassen. In leichte und lose Gewänder
gehüllt, lag ich ermattet auf der Chaiselongue. Ich hatte die Nacht ziemlich
schlaflos verbracht, und jetzt hatte mir ein traumhafter Halbschlummer die Augen
geschlossen. Neben mir, auf einem Tischchen, stand eine Vase mit stark duftenden
Rosen. Durch das offene Fenster drang der Ton entfernter Trompetenübungen
herein. Das alles wirkte einschläfernd, dennoch hatte mich das Bewusstsein nicht
ganz verlassen. Nur die eine Hälfte davon - die Sorgenhälfte - war mir
geschwunden. Die Kriegsgefahr und die mir bevorstehende Gefahr hatte ich
vergessen; ich wusste nur, dass ich lebte, dass die Rosen - nach dem Rhytmus des
Reveille-Signals - betäubend süsse Düfte hauchten; dass mein geliebter Mann jede
Minute hereinkommen konnte und, wenn er mich schlafen sähe, nur ganz leise
träte, um mich nicht zu wecken. Und richtig: im nächsten Augenblick öffnete sich
die mir gegenüberliegende Türe. Ohne die Lider zu heben - nur durch eine
linienbreite Spalte unter den Wimpern - konnte ich sehen, dass es der Erwartete
war. Ich machte keinen Versuch, mich aus meinem Halbschlummer herauszureissen -
dadurch hätte ich möglicherweise das ganze Bild verscheuchen können, denn
vielleicht war die Erscheinung an der Tür nur ein fortgesetzter Traum, und
vielleicht träumte ich nur, dass ich die Lider linienbreit geöffnet ... Jetzt
schloss ich dieselben ganz und gab mir Mühe, weiter zu träumen, dass der Teuere
näher kommt - sich herabbeugt und mir die Stirne küsst ...
    So geschah es auch. Dann kniete er neben mein Lager nieder und blieb eine
Weile regungslos. Noch immer dufteten die Rosen und trarate das ferne Hornsignal
...
    »Marta, schläfst Du,« hörte ich ihn leise fragen.
    Da schlug ich die Augen auf.
    »Um Gotteswillen, was ist's?« rief ich, zu Tode erschreckt - denn das
Antlitz des an meiner Seite knieenden Gatten war von so tiefer Trauer
übergossen, dass ich mit einemmal erriet, es sei ein Unglück hereingebrochen.
Statt zu antworten, legte er sein Haupt an meine Brust.
    Ich wusste alles: Er muss fort ... Ich hatte den Arm um seinen Hals
geschlungen und so blieben wir beide eine Zeit lang stumm.
    »Wann?« fragte ich endlich.
    »Morgen früh -«
    »O mein Gott - mein Gott!!«
    »Fasse Dich, meine arme Marta -«
    »Nein, nein, lass mich jammern ... Mein Unglück ist zu gross - und ich weiss -
ich seh' Dir's an: das Deine auch. So viel Schmerz, wie ich vorhin in Deinen
Zügen gelesen, habe ich noch in keines Menschen Angesicht gesehen.«
    »Ja, mein Weib - ich bin unglücklich. Dich jetzt lassen zu müssen, in einer
solchen Zeit -«
    »Friedrich, Friedrich, wir sehen uns nimmer - ich werde sterben ...«
Es war ein herzzerreissender Abschied, der diese letzten vierundzwanzig Stunden
füllte ... Das war nun das zweite Mal im Leben, dass ich einen teueren Gatten zu
Felde ziehen sah. Doch unvergleichlich schwerer war diese zweite Losreissung, als
die erste. Damals war meine und besonders Arnos Auffassung eine ganz andere,
primitivere gewesen: ich hatte das Ausrücken als eine alle persönlichen Gefühle
überwiegende Naturnotwendigkeit - er sogar als eine freudige Ruhmesexpedition
betrachtet. Er ging mit Begeisterung, ich blieb ohne Murren. Noch haftete etwas
von der Kriegsbewunderung an mir, die ich in meiner Jugenderziehung eingesogen;
noch fühlte ich dem Hinausstürmenden etwas von dem Stolze nach, welchen er
angesichts der grossen Unternehmung empfand. Aber jetzt wusste ich, dass der
Scheidende eher mit Abscheu, denn mit Jubel an die Mordarbeit ging; ich wusste,
dass er das Leben liebte, welches er aufs Spiel setzen musste; dass ihm über alles
- ja, alles, auch über die Rechtsansprüche des Augustenburgers - sein Weib teuer
war, sein Weib, das in wenigen Tagen Mutter werden sollte. Während ich bei Arno
die Überzeugung gehabt, dass er mit Gefühlen schied, um die er immerhin zu
beneiden war, erkannte ich, dass bei dieser zweiten Trennung wir beide gleiches
Mitleid verdienten. Ja, wir litten in gleichem Masse und wir sagten und klagten
es einander. Keine Heucheleien, keine leeren Trostphrasen, keine Prahlworte. Wir
waren ja eins und keines suchte das andere zu betrügen. Es war noch unser bester
Trost, dass jedes seine Trostlosigkeit vom andern voll verstanden wusste. Die
Grösse des über uns hereingebrochenen Unglückes suchten wir durch keine
konventionellen, patriotischen und heroischen Mäntelchen und Lärvchen zu
verhüllen. Nein - die Aussicht, auf Dänen schiessen und hauen zu dürfen, war ihm
keine, gar keine Wettmachung des Leides, mich verlassen zu müssen; im Gegenteile
- eher eine Verschärfung: denn Töten und Zerstören widert jeden »Edelmenschen«
an. Und mir war es kein, gar kein Ersatz für mein Leid, dass der Vielgeliebte
etwa um eine Rangstufe vorrücken könnte. Und falls das Unglück der gefährlichen
Trennung noch zum Unglück der ewigen Trennung sich steigerte - sollte Friedrich
fallen - so war mir die Staatsraison, wegen welcher dieser Krieg geführt werden
musste, nicht im entferntesten erhaben und heilig dünkend genug, um solches Opfer
aufzuwiegen. - Vaterlandsverteidiger: das ist der schön klingende Titel, mit
welchem der Soldat geschmückt wird. Und in der Tat: was kann es für die Glieder
des Gemeinwesens für eine edlere Pflicht geben, als die, die bedrohte
Gemeinschaft zu verteidigen? Warum aber bindet dann den Soldaten sein Fahneneid
zu hundert anderen Kriegspflichten, als die der Schutzwehr? Warum muss er
angreifen gehen, warum muss er - wo dem Vaterlande nicht der mindeste Einfall
droht - wegen der blossen Besitz-und Ehrgeizstreitigkeiten einzelner fremder
Fürsten, dieselben Güter - Leben und Herd - einsetzen, als ob es sich, wie es
doch zur Rechtfertigung des Krieges heisst, um die Verteidigung des gefährdeten
Lebens und Herdes handelte? Warum musste hier zum Beispiel das österreichische
Heer ausziehen, um den Augustenburger auf das fremde Trönchen zu setzen? Warum
- warum? - das ist ein Fragwort, welches an Kaiser oder Papst zu richten, an
sich schon hochverräterisch und lästerlich ist, welches dort als Irreligiosität
und hier als Illoyalität gilt und welches nie beantwortet zu werden braucht ...
    Um zehn Uhr morgens sollte das Regiment ausrücken. Wir waren die ganze Nacht
aufgeblieben. Nicht eine Minute des uns noch beschiedenen Zusammenseins hatten
wir verlieren wollen.
    Es war so viel, was wir uns noch zu sagen hatten, und doch sprachen wir nur
wenig. Küsse und Tränen waren es zumeist, welche beredter als alle Worte
sagten: Ich hab' Dich lieb und muss Dich lassen. Dazwischen fiel auch wieder ein
hoffnungsvolles Wort: »Wenn Du wiederkommst« ... Es war ja möglich ... es kommen
ja so viele heim. Doch sonderbar! ich wiederholte: »Wenn Du wiederkommst« und
bemühte mich, mir das Entzückende dieser Eventualität vorzustellen, aber
vergebens: meine Einbildungskraft vermochte kein anderes Bild zu schaffen, als
des Gatten Leiche auf der Wahlstatt oder mich selber auf der Bahre mit einem
toten Kind im Arm ...
    Friedrich war von ähnlichen trüben Vermutungen erfüllt; denn sein »Wenn ich
wiederkomme« klang nicht aufrichtig, und häufiger sprach er von dem, was
geschehen sollte, »wenn ich bleibe«.
    »Heirate kein drittes Mal, Marta! Verwische nicht durch neue
Liebeseindrücke die Erinnerungen dieses herrlichen Jahres ... nicht wahr, es ist
eine glückliche Zeit gewesen?«
    Wir liessen nun hundert kleine Einzelheiten, welche von unserer ersten
Begegnung bis zu dieser Stunde sich uns eingeprägt hatten, an unserem Gedächtnis
vorüberziehen.
    »Und mein Kleines, mein armes Kleines, das ich wohl nie an mein Herz drücken
werde - wie soll es getauft werden?
    »Friedrich oder Friederike.«
    »Nein - Marta ist schöner. Wenn es ein Mädchen ist, so nenne ich es mit dem
Namen, den sein sterbender Vater zuletzt -«
    »Friedrich - warum sprichst Du immer vom Sterben? Wenn Du wiederkommst ...«
    »Wenn ...« wiederholte er.
    Als der Tag zu grauen begann, fielen mir die tränenmüden Augen zu. Ein
leichter Schlummer senkte sich auf uns beide; mit verschlungenen Armen lagen wir
da, ohne das Bewusstsein zu verlieren, dass dies unsere Scheidestunde war.
    Plötzlich fuhr ich auf und brach in lautes Stöhnen aus.
    Friedrich erhob sich rasch:
    »Um Gotteswillen, Marta, was ist Dir? ... Doch nicht? ... So sprich ...
Etwa? ...
    Ich nickte bejahend.
    War es ein Schrei, oder ein Fluch, oder ein Stossgebet, das sich seinen
Lippen entrang? Er riss die Glocke und gab Alarm:
    »Augenblicklich zum Arzt, zur Wärterin!« rief er der herbeigeeilten Dienerin
zu. Dann warf er sich an meine Seite knieend nieder und küsste meine
herabhängende Hand:
    »Mein Weib, mein alles! ... Und jetzt - jetzt muss ich fort!«
    Ich konnte nicht sprechen. Der heftigste physische Schmerz, den man sich
vorstellen kann, wand und krümmte meinen Leib und dabei war das Seelenweh doch
noch entsetzlicher, dass er »jetzt, jetzt fort musste« und dass er darüber so
unglücklich war ...
    Bald kamen die Gerufenen herbei und machten sich um mich zu schaffen. Zu
gleicher Zeit musste Friedrich die letzte Vorbereitung zum Abmarsch treffen.
Nachdem er damit fertig geworden:
    »Doktor, Doktor,« rief er, den Arzt bei beiden Händen fassend, »nicht wahr -
Sie versprechen mir - Sie bringen sie durch? Und Sie telegraphieren mir heute
noch dort- und dahin? Er nannte die Stationen, welche er auf der Reise berühren
sollte. »Und wenn eine Gefahr wäre ... Ach, was hilft's? unterbrach er sich
selber - »wenn auch die Gefahr die äusserste wäre, könnte ich denn zurück?«
    »Es ist hart, Herr Baron,« bestätigte der Arzt. »Aber seien Sie unbesorgt -
die Patientin ist jung und kräftig ... heut' abend ist alles überstanden und Sie
erhalten beruhigende Depeschen.«
    »Ja, Sie werden mir auf jeden Fall günstig berichten, da ja das Gegenteil
nichts nützen könnte ... Ich will aber die Wahrheit! Hören Sie, Doktor, ich
verlange Ihren heiligsten Ehreneid darauf: die ganze Wahrheit! Nur unter dieser
Voraussetzung kann eine beruhigende Nachricht mich wirklich beruhigen - sonst
halte ich alles für Lüge. Also schwören Sie.«
    Der Arzt leistete das verlangte Versprechen.
    »O, mein armer, armer Mann« - schnitt es mir durch die Seele. - »Wie, wenn
du heute noch die Nachricht erhältst, deine Marta liege im Sterben und darfst
nicht umkehren, ihr die Augen zuzudrücken ... Du hast wichtigeres zu tun: es
gilt des Augustenburgers Tronansprüche. - Friedrich!« rief ich laut.
    Er flog an meine Seite.
    Im selben Augenblick schlug die Uhr. Wir hatten nur noch ein paar Minuten
Zeit. Aber auch um diese letzte Frist wurden wir betrogen, denn wieder erfasste
mich ein Anfall, und statt der Abschiedsworte konnte ich nur Schmerzenslaute
ausstossen.
    »Gehen Sie, Herr Baron, brechen Sie diesen Auftritt ab,« sagte der Arzt.
»Solche Erregung ist für die Kranke gefährlich.«
    Noch ein Kuss und er stürzte hinaus ... mein Wimmern und des Doktors letztes
nachklingendes Wort »gefährlich« gaben ihm das Geleite.
    In welcher Stimmung mag er wohl geschieden sein? Darüber gab das Olmützer
Lokalblättchen am nächsten Tage Bescheid:
    Gestern verliess das -the Regiment unter klingendem Spiel und mit flatternden
    Fahnen unsere Stadt, um sich in dem meerumschlungenen Bruderlanden grüne
    Lorbeeren zu holen. Helle Begeisterung erfüllte die Reihen, man sah den
    Leuten die Kampfesfreude aus den Augen leuchten u.s.w., u.s.w. ...
Friedrich hatte vor seiner Abreise noch an Tante Marie telegraphiert, dass ich
ihrer Pflege bedürfe, und sie kam einige Stunden später bei mir an. Sie fand
mich bewusstlos und in grosser Gefahr.
    Mehrere Wochen schwebte ich zwischen Leben und Tod. Mein Kind war am Tage
seiner Geburt gestorben. Der moralische Schmerz, den mir der Abschied von dem
geliebten Manne verursacht hatte - gerade in dem Zeitpunkt, wo ich aller Kräfte
bedurft hätte, um den physischen Schmerz zu bewältigen - durch den war ich
widerstandsunfähig geworden, und es fehlte nicht viel, so wäre ich unterlegen.
    Meinem armen Manne musste der Arzt, seinem eidlichen Versprechen gemäss, den
traurigen Bericht schicken, dass das Kind gestorben und die Wöchnerin in
Todesgefahr sei.
    Was die Nachrichten betraf, die von ihm anlangten, so konnten mir dieselben
nicht mitgeteilt werden. Ich kannte niemand und delirierte Tag und Nacht. Ein
sonderbares Delirium. Ich habe davon eine schwache Erinnerung in das
zurückgekehrte Bewusstsein mit hinübergenommen - aber dies mit vernünftigen
Worten wiederzugeben, wäre mir unmöglich. In dem anormalen Wirbel des fiebernden
Hirns bilden sich eben Begriffe und Vorstellungen, für welche die dem normalen
Denken angepasste Sprache keine Ausdrücke hat. Nur so viel kann ich andeuten -
ich habe das phantastische Zeug in die roten Hefte einzuzeichnen versucht -: dass
ich die beiden Ereignisse, den Krieg und meine Niederkunft, miteinander
verwechselte; mir war, als wären Kanonen und blanke Waffen - ich fühlte deutlich
die Bajonettstiche - das Werkzeug der Geburt und als läge ich da, das
Streitobjekt zwischen zwei aufeinander losstürmende Armeen ... Dass mein Gatte
fortgezogen, wusste ich; doch sah ich ihn in Gestalt des toten Arno, während
Friedrich an meiner Seite, als Krankenwärterin verkleidet, den silbernen Storch
streichelte. Jeden Augenblick erwartete ich die platzende Granate, welche uns
alle drei - Arno, Friedrich und mich zersplittern sollte, damit das Kind zur
Welt kommen könne, welches bestimmt war, über Dänewig, Schlesstein und Holmark
zu regieren ... Und das alles tat so unsäglich weh und war so überflüssig ...
Es musste doch irgendwo jemand geben, der es hätte ändern und aufheben können,
der diesen Alp von meiner Brust und von der ganzen Menschheit mittelst eines
Machtwortes hätte abwälzen können - und die Sehnsucht verzehrte mich, diesem
jemand mich zu Füssen zu werfen und zu flehen: Hilf ab - aus Barmherzigkeit, aus
Gerechtigkeit hilf ab! - Die Waffen nieder - nieder!!
    Mit diesem Ruf auf den Lippen erwachte ich eines Tages zum Bewusstsein. Mein
Vater und Tante Marie standen am Fusse des Bettes, und beschwichtigend sagte mir
der erstere:
    »Ja, ja, Kind, sei ruhig, - alle Waffen nieder -«
    Dieses Wiedererlangen des Ichgefühls nach langer Geistesabwesenheit ist doch
ein eigentümlich Ding. Zuerst die frohe erstaunte Wahrnehmung, dass man lebt und
dann die gespannte, an sich selber gerichtete Frage: wer man eigentlich sei ...
    Aber die plötzlich mit vollem Licht hereinbrechende Antwort auf diese Frage
verwandelte mir die eben erwachte Daseinslust in heftigen Schmerz. Ich war die
kranke Marta Tilling, deren neugeborenes Kind gestorben, deren Mann in den
Krieg gezogen war ... Seit wann? Das wusst' ich nicht.
    »Lebt er? Sind Briefe da? Depeschen?« war meine erste Frage.
    Ja, es hatte sich ein ganzer kleiner Stoss von Briefen und Telegrammen
angesammelt, welche während meiner Krankheit eingelangt. Zumeist waren es nur
Anfragen über meinen Zustand, Bitten um tägliche, um möglichst stündliche
Benachrichtigung. Dies natürlich nur, solange der Schreiber an Orten sich
befand, wo der Telegraph ihn erreichen konnte.
    Man wollte mir nicht gleich erlauben, die Briefe Friedrichs zu lesen; - es
hätte mich zu sehr aufregen und erschüttern können, meinten sie, und jetzt, da
ich kaum aus dem Delirium erwacht, musste ich vor allem Ruhe haben. So viel
konnten sie mir sagen: Friedrich war bis jetzt unversehrt. Er hatte schon
mehrere glückliche Gefechte durchgemacht - der Krieg müsste bald zu Ende sein;
der Feind behauptete sich nur noch auf Alsen; und war dies einmal genommen, so
würden unsere Truppen - ruhmgekrönt - heimkehren.
    So sprach mein Vater tröstend auf mich ein. Und Tante Marie erzählte mir
meine eigene Krankheitsgeschichte. Es waren nun mehrere Wochen seit dem Tage
ihrer Ankunft vergangen, welcher zugleich der Tag war, an welchem Friedrich
schied und an welchem mein Kind geboren wurde und starb ... Daran war mir die
Erinnerung geblieben, aber was dazwischen lag: des Vaters Ankunft, die laufenden
Nachrichten von Friedrich, der Verlauf meiner Krankheit - von dem allen wusste
ich nichts. Jetzt erst erfuhr ich, mein Zustand sei ein so schlimmer gewesen,
dass die Ärzte mich bereits aufgegeben hatten und mein Vater gerufen worden war,
um mich »ein letztes Mal« zu sehen. An Friedrich waren die bösen Nachrichten
gewissenhaft geschickt worden, aber auch die besseren Nachrichten - seit einigen
Tagen nämlich gaben die Ärzte wieder Hoffnung - mussten zur Stunde schon in
seinen Händen sein.
    »Wenn er selbst noch am Leben ist« - warf ich mit einem schweren Seufzer
ein.
    »Versündige Dich nicht, Marta,« ermahnte die Tante; »der liebe Gott und
seine Heiligen werden Dich nicht auf unser Flehen hin gerettet haben, um Dich
dann so heimzusuchen. Auch Dein Mann wird Dir erhalten bleiben, für den ich, Du
kannst es mir glauben, ebenso heiss gebetet habe, wie für Dich ... sogar ein
Skapulier habe ich ihm nachgeschickt ... Ja, ja - zucke nur die Achseln - aber
schaden können sie doch keinesfalls, nicht wahr? Und wie viele Beispiele hat
man, dass sie genützt haben ... Du selber bist mir auch wieder ein Beweis, was
die Fürsprache der Heiligen vermag - denn Du warst schon am Rande des Grabes,
glaube mir - da habe ich mich an Deine Schutzpatronin, die heilige Marta,
gewendet -«
    »Und ich,« unterbrach mein Vater, welcher in politischer Hinsicht zwar sehr
klerikal gesinnt war, in praktischer Hinsicht jedoch durchaus nicht mit seiner
Schwester sympatisierte, »ich habe aus Wien den Doktor Braun verschrieben, und
der hat Dich gerettet.«
    Am nächsten Tage, auf mein dringendes Bitten, wurde mir gestattet, sämtliche
von Friedrich eingelaufenen Sendungen durchzulesen. Zumeist waren es nur
zeilenlange Anfragen oder ebenso lakonische Berichte: »Gestern Gefecht - bin
unversehrt.« - »Marschieren heute weiter - Depeschen zu adressieren nach * * *.«
Ein längerer Brief trug auf dem Umschlag den Vermerk: »Nur zu übergeben, wenn
jede Gefahr vorüber ist.« Diesen las ich zuerst:
    »Mein Alles! Ob Du dieses jemals lesen wirst? Die letzte Nachricht, die ich
    von Deinem Arzt erhalten, meldete: Patientin in heftigem Fieber: Zustand
    bedenklich, Bedenklich - den Ausdruck hat der Mann vielleicht aus Schonung
    gebraucht, um nicht zu sagen hoffnungslos ... Wenn Dir dieses eingehändigt
    wird, so weisst Du ja, dass Du der Gefahr entronnen bist; aber Du mögest denn
    nachträglich erfahren, wie mir zu Mute war, während ich - am Vorabend einer
    Schlacht - mir vorstellte, dass mein angebetetes Weib im Sterben liegt. Dass
    sie nach mir ruft - die Arme nach mir ausstreckt ... Wir hatten uns ja nicht
    einmal ordentlich Lebewohl gesagt ... Und unser Kind, auf das ich mich so
    gefreut - tot! Und ich selber morgen - ob mich eine Kugel trifft? Wenn ich
    vorher wüsste, dass Du nicht mehr bist, so wäre mir die tödliche Kugel das
    liebste - aber wenn Du gerettet werden sollst - nein; dann will ich vom
    Sterben noch nichts wissen. »Todesfreudigkeit«, dieses widernatürliche, von
    den Feldpredigern uns stets angepriesene Ding, das kann ein glücklicher
    Mensch nicht empfinden - und wenn Du lebst und ich heimkomme, so habe ich
    noch unberechenbare Schätze von Glück zu beheben. O, welche
    Lebensfreudigkeit, mit der wir beide noch die Zukunft geniessen wollten, wenn
    uns eine solche beschieden ist!
        Heute trafen wir zum erstenmal mit dem Feind zusammen. Bisher ging unser
        Weg durch eroberte Länderstriche, aus welchen die Dänen sich
        zurückgezogen. Rauchende Dorftrümmer, zertretene Saaten, herumliegende
        Waffen und Tornister, durch Granaten aufgewirbelte Erde, Blutlachen,
        Pferdeleichen, Massengräber: - das sind die Landschaften und deren
        Staffage, durch welche wir hinter dem Sieger hergewandelt sind, um
        womöglich neue Siege daran zu reihen, das heisst neue Dörfer anzuzünden
        und so weiter ... Das haben wir nun heute auch getan. Die Position ist
        unser. Hinter uns steht ein Dorf in Flammen. Die Einwohner hatten es zum
        Glück vorher verlassen. Aber in einem Stall war ein Pferd vergessen
        worden - ich hörte das verzweifelte Tier stampfen und schreien ... Weisst
        Du, was ich tat? das hat mir wahrlich keinen Orden eingetragen - denn
        statt ein paar Dänen niederzumachen, sprengte ich auf jenen Stall zu, um
        das arme Ross zu befreien. Unmöglich: schon brannte die Krippe, schon das
        Stroh unter seinen Hufen, schon seine Mähne ... Da schoss ich ihm zwei
        Revolverkugeln durch den Kopf - es fiel getroffen nieder und war von dem
        qualvollen Flammentod gerettet. Dann zurück in den Kampf, in den
        Mordgestank des Pulvers, in den wüsten Lärm knatternder Schüsse,
        stürzenden Gebälks, wütenden Kriegsgeschreies. Die Meisten um mich her,
        Freund und Feind, waren wohl vom Kriegstaumel erfasst - ich aber blieb in
        unseliger Nüchternheit. Zu Dänenhass konnte ich mich nicht aufschwingen -
        was taten die Braven, indem sie über uns herfielen? weiter nichts als
        ihre Pflicht. - Meine Gedanken waren bei Dir, Marta ... Ich sah Dich
        auf dem Paradebette liegen, und was ich mir wünschte, war, dass mich eine
        Kugel treffe. Dazwischen blitzte doch wieder ein Sehnsuchts- und ein
        Hoffnungsstrahl: Wie, wenn sie lebt? Wie, wenn ich heimkehrte? ... Das
        Gemetzel dauerte über zwei Stunden und wir behaupteten, wie gesagt, das
        Feld. Der geschlagene Feind entfloh. Wir verfolgten ihn nicht. Auf dem
        Platze blieb uns Arbeit genug zu verrichten. Von dem Dorfe einige
        hundert Schritte entfernt und vom Brande unversehrt geblieben, steht ein
        grosser Meierhof, mit zahlreichen leeren Wohnräumen und Ställen; hier
        werden wir die Nacht über ausruhen und hierher haben wir unsere
        Verwundeten gebracht. Das Begraben der Toten bleibt auf morgen früh.
        dabei werden natürlich wieder einige Lebendige verscharrt, denn der
        Starrkrampf nach Verwundungen ist eine häufige Erscheinung. Manche, die
        drüben geblieben, ob tot, oder verletzt, oder auch unverletzt, werden
        wir ganz zurücklassen müssen; diejenigen nämlich, welche unter den
        Trümmern der eingestürzten Häuser liegen. Die können dann hier, wenn sie
        tot sind, langsam vermodern; wenn verwundet - langsam verbluten, und
        wenn unversehrt - langsam verhungern. Und wir - hurrah! - können
        weiterziehen, in unseren frischen, fröhlichen Krieg ... Der nächste
        Zusammenstoss wird wohl eine Feldschlacht abgeben. Allem Anschein nach
        werden sich zwei grosse Armeekorps gegenüberstehen. Dann kann die Zahl
        der Toten und Verwundeten leicht in die Zehntausend gehen; denn wenn die
        Kanonen ihres vernichtungspeienden Amtes walten, so werden beiderseitig
        die vorderen Reihen schnell weggefegt. Das ist ja eine wunderschöne
        Einrichtung. Aber noch besser wird es sein, wenn einst die Schiesstechnik
        so weit vorgeschritten ist, dass jede Armee ein Geschoss abfeuern kann,
        welches die ganze feindliche Armee mit einem Schlag zertrümmert.
        Vielleicht würde so das Kriegführen überhaupt unterbleiben. Der Gewalt
        könnte dann - wenn zwischen zwei Streitenden die Allgewalt eine gleich
        grosse wäre - nicht mehr die Rechtsentscheidung überantwortet werden.
        Warum schreibe ich Dir dies alles? Warum breche ich nicht, wie es einem
        Kriegsmann ziemt, in begeisterte Lobeshymnen auf das Kriegshandwerk aus?
        Warum? Weil ich nach Wahrheit - und nach rückhaltloser Äusserung
        derselben - dürste; weil ich jederzeit die lügenhafte Phrase hasse, - in
        diesem Augenblick aber - wo ich dem Tode so nahe bin; und wo ich zu Dir
        spreche, die Du vielleicht auch im Sterben liegst - es mich doppelt
        drängt, zu sprechen, wie es mir ums Herz ist. Mögen tausend Andere auch
        anders denken, oder doch anders zu sprechen sich verpflichtet dünken,
        ich will, ich muss es noch einmal gesagt haben, eh' ich dem Krieg zum
        Opfer falle: ich hasse den Krieg. Würde nur jeder, der das Gleiche
        fühlt, es laut zu verkünden wagen - welch ein dröhnender Protest schrie
        da zum Himmel auf! Alles jetzt erschallende Hurrah samt dem begleitenden
        Kanonendonner würde dann durch den Schlachtruf der nach Menschlichkeit
        lechzenden Menschheit übertönt, durch das siegesgewisse: Krieg dem
        Kriege!
                                                                 1/2 4 Uhr früh.
Obiges schrieb ich gestern nachts. Dann habe ich mich auf einen Strohsack gelegt
und ein paar Stunden geschlafen. In einer halben Stunde wird aufgebrochen, und
dies kann ich noch der Feldpost übergeben. Alles ist schon wach und rüstet zum
Abmarsch. Die armen Leute: wenig Ruhe haben sie gefunden, nach der gestern
vollbrachten - wenig Kräftigung zu der heute zu vollbringenden Blutarbeit ...
Vorhin habe ich noch einen Rundgang durch unser improvisiertes Lazaret gemacht,
welches hier zurückbleibt. Da sah ich unter den Verwundeten und Sterbenden ein
paar, denen ich es gern so gemacht hätte, wie dem brennenden Pferde: ihnen eine
Gnadenkugel durch den Kopf gejagt. Da ist einer, dem der ganze Unterkiefer
weggeschossen ist; da ist ein anderer, der - Genug ... Ich kann nicht helfen -
niemand kann da helfen, als der Tod. Leider ist der oft so langsam ... Wer ihn
verzweifelt anruft, dem gegenüber stellt er sich taub. Er ist anderweitig viel
zu sehr beschäftigt, diejenigen hinzuraffen, die inbrünstig auf Genesung hoffen,
die ihn flehentlich anrufen: O verschone mich! Mein Pferd ist gesattelt - jetzt
heisst es, diese Zeilen schliessen. Leb wohl! Marta - wenn Du lebst.«
Zum Glück befanden sich in dem Briefpaket noch Nachrichten jüngeren Datums, als
das eben angeführte Schreiben ... Nach der in letzterem vorhergesagten grossen
Schlacht hatte Friedrich berichten können:
    »Der Tag ist unser. Ich bin unversehrt geblieben. Das sind zwei gute
    Nachrichten - die erste namentlich für Deinen Vater, die zweite für Dich.
    Dass für unzählige andere derselbe Tag unzähligen Jammer gebracht hat, vermag
    ich nicht zu übersehen.«
In einem andern Brief erzählte Friedrich, dass er mit seinem Vetter Gottfried
zusammengetroffen:
    »Stelle Dir vor, welche Überraschung: Wen sehe ich an der Spitze eines
    Detachements an mir vorüber reiten? Tante Korneliens einzigen Sohn. Muss die
    Arme jetzt doch zittern ... Der Junge selber ist ganz begeistert und
    kampfesfroh. Ich sah es seiner stolzen, leuchtenden Miene und er hat es mir
    auch bestätigt. Am selben Abend waren wir zusammen im Lager und ich liess ihn
    in mein Zelt rufen. Das ist ja herrlich, rief er entzückt, dass wir für
    dieselbe Sache kämpfen, Vetter - und nebeneinander! Hab' ich nicht Glück,
    dass gleich im ersten Jahre meiner Lieutenantschaft Krieg ausgebrochen? Ich
    werde mir ein Verdienstkreuz holen. - Und die Tante - wie hat sie Dein
    Ausrücken aufgenommen? - Wie das nun schon 'mal der Mütter Brauch: mit
    Tränen - die sie übrigens zu verbergen suchte, um meine Lust nicht zu
    dämpfen - mit Segenswünschen, mit Kummer und mit Stolz. - Und wie war's Dir
    selber zu Mute, als Du zum erstenmale ins Gemenge kamst? - O wonnig,
    erhebend! - Du brauchst nicht zu lügen, mein Junge. Nicht der Stabsoffizier
    fragt nach Deinen pflichtschuldigen Lieutenantsgefühlen, sondern der Mensch
    und Freund. - Ich kann nur wiederholen: wonnig und erhebend. Schauerlich -
    ja ... aber: so grossartig! Und das Bewusstsein, dass ich die höchste
    Mannespflicht erfülle mit Gott für König und Vaterland! Und dann: dass ich
    den Tod, dieses sonst so gefürchtete und gemiedene Gespenst, hier so nahe um
    mich herum walten sehen, - seine Sense auch über mir erhoben - das versetzt
    mich in eine eigene, über die Gewöhnlichkeit so erhabene, epische Stimmung
    ... Die Muse der Geschichte fühle ich uns zu Häupten schweben und unserem
    Schwert die Siegeskraft verleihen. Ein edler Zorn durchglüht mich gegen den
    frechen Feind, der das Recht der deutschen Lande niedertreten wollte, und es
    ist mir ein Hochgefühl, diesen Hass befriedigen zu dürfen ... das ist ein
    eigen, geheimnisvolles Ding, dieses Umbringendürfen - nein, Umbringen müssen
    - ohne ein Mörder zu sein und mit unerschrockener Preisgebung des eigenen
    Lebens ...
        So faselte der Knabe weiter. Ich liess ihn reden. Habe ich doch Ähnliches
        empfunden, als mich die erste Schlacht umtoste. Episch ja, da hat er das
        richtige Wort getroffen. Die Heldengedichte und Heldengeschichten,
        mittelst deren uns die Schule zu Kriegern aufzieht, die sind es, welche
        dann durch den Donner der Geschütze, durch das Blitzen der blanken
        Waffen und durch das Feldgeschrei der Kämpfer in unserem Hirn zum
        Vibrieren gebracht werden. Und die Aussergewöhnlichkeit, die
        unverständliche Aussergesetzlichkeit, in der man plötzlich sich befindet,
        die macht, als wäre man in eine andere Welt versetzt ... es ist wie ein
        Ausblick von dem banalen Erdendasein mit seiner friedlichen,
        bürgerlichen Ruhe, in ein titanisches Gewühl von Höllengeistern ... Aber
        mir war dieser Taumel bald verflogen und nur mühsam kann ich mich in die
        Empfindungen zurückdenken, wie sie mir der junge Tessow geschildert. Ich
        habe es zu früh erkannt, dass der Schlachteneifer nichts
        Übermenschliches, sondern - Untermenschliches ist; keine mystische
        Offenbarung aus dem Reiche Luzifers, sondern eine Reminiscenz aus dem
        Reiche der Tierheit - ein Wiedererwachen der Bestialität. Nur wer sich
        bis zur wilden Mordlust berauschen kann, wer - wie ich das bei Manchen
        unter uns gesehen - mit weit ausgeholtem Hiebe den Schädel eines
        entwaffneten Feindes spaltet; wer zum Berserker - tiefer noch - zum
        blutdurstigen Tiger herabgesunken, der hat für Augenblicke des Kampfes
        Wollust genossen. Ich nie - mein Weib - glaube es mir, ich nie.
        Gottfried ist entzückt, dass wir Österreicher für dieselbe gerechte Sache
        (was weiss denn er? Als ob nicht jede Sache im Armeebefehl als die
        gerechte hingestellt würde) wie die Preussen eingetreten sind. Ja, wir
        Deutsche sind doch alle ein einig Volk von Brüdern. - Das hat sich schon
        im dreissigjährigen Krieg - und auch im siebenjährigen Krieg gezeigt,
        schaltete ich halblaut ein. Gottfried überhörte mich und fuhr fort:
        Füreinander, miteinander besiegen wir jeden Feind. - Wie dann, mein
        Junge, wenn heute oder morgen die Preussen mit den Österreichern kämpfen
        und wir zwei als Feinde gegeneinander gestellt werden? - Nicht denkbar.
        Jetzt, nachdem unser beider Blut für eine Sache geflossen, jetzt kann
        doch nie mehr ... - Nie mehr? Ich warne Dich vor den Ausdrücken nie und
        ewig in politischen Dingen. Was die Eintagsfliegen im Reiche der
        Lebewesen, das sind die Völkerfeindschaften und Freundschaften im Reiche
        der geschichtlichen Erscheinungen. Ich schreibe das alles nieder,
        Marta, nicht, weil ich glaube, dass es Dich - arme Kranke -
        interessieren könne; noch, weil ich Dir gegenüber Betrachtungen
        anstellen will: aber ich habe eine Idee, dass ich bleiben werde und da
        will ich nicht, dass meine Gefühle unausgesprochen mit mir ins Grab
        versinken. Mein Brief kann - auch noch von anderen als Dir - gefunden
        und gelesen werden. Es soll nicht ewig verschwiegen und vertuscht
        bleiben, was sich im Geiste unbefangen denkender und menschlich
        fühlender Soldaten regt. Ich hab's gewagt, war Ulrich von Huttens
        Wahlspruch. Ich hab's gesagt -: mit dieser Gewissensberuhigung will ich
        aus dem Leben geschieden sein.«
Die jüngste der vorhandenen Nachrichten war vor fünf Tagen abgesendet worden und
vor zwei Tagen angekommen. Was kann in fünf Tagen - fünf Kriegstagen - nicht
alles geschehen sein? Sorge und Bangen ergriff mich. Warum war gestern, warum
heute kein Zeichen angelangt? O diese Sehnsucht nach einem Briefe - lieber noch
Telegramme -: ich glaube, kein von Fieberdurst Gequälter kann so nach Wasser
lechzen, wie ich damals nach einer Nachricht lechzte. Ich war gerettet; ihm
sollte die grosse Freude werden, mich lebend zu finden, wenn - - immer dieses
»wenn« - dieses jede Zukunftshoffnung in der Knospe erstickende »wenn«!
    Mein Vater musste wieder abreisen. Nunmehr konnte er mich beruhigt verlassen
- die Gefahr war vorüber und er hatte schon dringend in Grumitz zu tun. Ich
sollte, sobald ich hierzu die nötigen Kräfte zurückerlangt, ihm dortin mit
meinem kleinen Rudolf folgen. Der Aufentalt in der frischen Landluft würde mich
erst vollständig herstellen können, und auch dem Kleinen förderlich sein. Tante
Marie blieb zurück; sie wollte mich weiter pflegen und dann mit mir zugleich
nach Grumitz fahren, wohin uns Rosa und Lilli schon vorangegangen waren. Ich
liess sie reden und für mich Pläne machen. Im Stillen nahm ich mir vor - sobald
ich nur halbwegs dazu fähig sein würde - nach Schleswig-Holstein abzureisen.
    Wo Friedrichs Regiment in diesem Augenblicke sich befand, wussten wir nicht.
Es war unmöglich, ihm eine Depesche zukommen zu lassen, und am liebsten hätte
ich jede Stunde telegraphiert, um zu fragen: »Lebst Du?«
    »Du musst Dich nicht so aufregen,« predigte mein Vater, als er von mir
Abschied nahm, »sonst bekommst Du gar noch einen Rückfall. Zwei Tage ohne
Nachricht: was ist das? Doch wahrlich kein Grund zur Besorgnis. Im Felde findet
man nicht überall Briefkasten und Telegraphenstationen - abgesehen davon, dass
man während des Marsches und des Schlagens und des Ruhens gar nicht im stande
ist, zu schreiben. Die Feldpost funktioniert nicht immer regelmässig; da kann man
leicht vierzehn Tage nachrichtslos bleiben, ohne dass dies Schlimmes bedeutet. Zu
meiner Zeit habe ich oft noch länger nicht nach Hause geschrieben und man war
darum nicht besorgt um mich.«
    »Wie weisst Du das, Papa? Ich bin überzeugt, die Deinen haben für Dich ebenso
gezittert, wie ich für Friedrich zittere. Nicht wahr, Tante?«
    »Wir waren gottvertrauender als Du,« antwortete diese; »wir wussten, dass,
wenn die gütige Vorsehung es so lenken wollte, dass - ob wir nun Nachrichten
erhielten oder keine - Dein Vater zu uns zurückkehren würde.«
    »Und wäre ich nicht zurückgekehrt, alle Kuckuck, so waret ihr auch
vaterlandsliebend genug, um einzusehen, dass eine so geringe Sache, wie eines
einzelnen Soldaten Leben in der grossen Sache, für die er es gelassen hat,
gänzlich verschwindet. Du, meine Tochter, bist lange nicht patriotisch genug
gesinnt. Aber ich will jetzt mit Dir nicht zanken ... Die Hauptsache ist, dass Du
wieder gesund wirst, und Dich für Deinen Rudi erhältst, um einen tüchtigen Mann
und Vaterlandsverteidiger aus ihm heranzubilden.
Ich genas nicht so schnell, als man anfangs gehofft. Die fortdauernde
Nachrichtslosigkeit versetzte mich in solche bange Aufregung, dass ich aus dem
fieberhaften Zustand eigentlich gar nicht herauskam, Die Nächte waren mit
schauerlichen Phantasien gefüllt und die Tage vergingen in harrender Sehnsucht
oder trübem Hinbrüten; dabei war es schwer, wieder zu Kräften zu gelangen.
    Einmal, nach einer Nacht, da ich besonders schauderhafte Gesichte gehabt -
Friedrich - lebend unter einem Haufen von Menschen- und Pferdeleichen
verschüttet - stellte sich sogar ein Rückfall ein, der mein Leben neuerdings in
Gefahr brachte. Die arme Tante Marie hatte ein schweres Amt. Sie hielt es für
ihre Pflicht, mir unablässig Trost und Ergebung zuzusprechen und ihre Gründe -
namentlich die immer wiederkehrende »Bestimmung« hatten die Wirkung, mich aufs
höchste aufzubringen; und statt sie ruhig predigen zu lassen, liess ich mich zu
leidenschaftlichem Widersprechen, zu auflehnenden Klagen gegen das Geschick, zu
unumwundenem Versichern hinreissen, dass mir ihre »Bestimmung« als ein Unsinn
erschiene. Das Alles klang natürlich lästerlich, und die gute Tante fühlte sich
nicht allein persönlich verletzt, sondern zitterte auch für meine rebellische,
jetzt vielleicht so bald vor den ewigen Richterstuhl gerufene Seele ...
    Nur ein Mittel gab es, mich für einige Momente zu beruhigen. Das war, wenn
man mir den kleinen Rudolf ins Zimmer brachte. »Du mein geliebtes Kind - Du mein
Trost, meine Stütze, meine Zukunft!« ... so rief ich den Kleinen in meinem
Innern an, wenn ich ihn erblickte. Er blieb aber nicht gern in dem traurigen,
verhängten Krankenzimmer. Es war ihm wohl unheimlich, seine sonst so lustige
Mama jetzt unaufhörlich im Bette liegen zu sehen, verweint und blass. Er wurde
selber ganz niedergeschlagen, und so behielt ich ihn immer nur für kurze
Augenblicke bei mir.
    Von meinem Vater kamen häufig Anfragen und Nachrichten. Er hatte an
Friedrichs Obersten und noch an mehrere Andere geschrieben, doch »noch keine
Antwort erhalten«. Wenn eine Verlustliste eintraf, schickte er eine Depesche an
mich:
    »Friedrich nicht dabei.«
    »Ob ihr mich nicht vielleicht betrügt?« fragte ich einmal die Tante. »Ob
nicht schon längst die Todesnachricht da ist - und ihr sie mir verhehlet?«
    »Ich schwöre Dir ...«
    »Bei Deinem Glauben? bei Deiner Seele?« ...
    »Bei meiner Seele.«
    Solche Versicherung tat mir unsäglich wohl, denn mit aller Macht klammerte
ich mich an meine Hoffnung ... Stündlich erwartete ich das Eintreffen eines
Briefes, einer Depesche. Bei jedem Lärm im Nebenzimmer stellte ich mir vor, dass
es der Bote sei; fast beständig waren meine Blicke zur Tür gerichtet, mit der
beharrlichen Vorstellung, dass einer da eintreten müsse, die beglückende
Botschaft in der Hand ... Wenn ich auf jene Tage zurückschaue, so liegen sie wie
ein langes, qualgefülltes Jahr in meiner Erinnerung. Der nächste Lichtblick war
mir die Nachricht, dass abermals ein Waffenstillstand geschlossen worden sei -
das bedeutete diesmal wohl den Frieden. An dem Tage nach dem Eintreffen dieser
Neuigkeit stand ich zum erstenmale ein wenig auf. Der, Friede! Welch ein süsser,
wohliger Gedanke ... Vielleicht zu spät für mich! ... Gleichviel: ich fühlte
mich doch unsäglich beruhigt: wenigstens brauchte ich mir nicht mehr täglich,
stündlich den tosenden Kampf vorzustellen, von welchem Friedrich vielleicht
gerade umgeben war ...
    »Gott sei Dank, jetzt wirst Du bald gesund werden,« sagte die Tante eines
Tages, nachdem sie mir geholfen, mich auf einen Ruhesessel niederzulassen, den
man mir zum offenen Fenster geschoben hatte. »Und da können wir nach Grumitz
...«
    »Sobald ich die Kraft habe, reise ich nach - Alsen!«
    »Nach Alsen? Aber Kind, was fällt Dir ein?«
    »Ich will dort die Stelle finden, wo Friedrich entweder verwundet oder -«
ich konnte nicht weitersprechen.
    »Soll ich den kleinen Rudolf holen?« fragte die Tante nach einer Weile. Sie
wusste, dass dies das beste Mittel sei, um meine trüben Gedanken für eine Zeit zu
verscheuchen.
    »Nein, jetzt nicht - ich möchte ganz ruhig und allein bleiben ... Auch Du
tätest mir einen Gefallen, Tante, wenn Du in das Nebenzimmer gingest ...
vielleicht werde ich ein wenig schlafen. Ich fühle mich so matt ...«
    »Gut, mein Kind, ich will Dich in Ruhe lassen ... Hier auf dem Tischchen
neben Dir steht eine Glocke. Wenn Du etwas brauchst, wird gleich jemand zur Hand
sein.«
    »War der Briefträger schon da?«
    »Nein - es ist noch nicht Postzeit.«
    »Wenn er kommt, so wecke mich.«
    Ich lehnte mich zurück und schloss die Augen. Leisen Schrittes ging die Tante
hinaus. Dieses unhörbare Auftreten hatten sich in letzter Zeit alle Hausgenossen
angewöhnt.
    Nicht schlafen wollte ich, sondern nur mit meinen Gedanken allein bleiben
... Ich befand mich in demselben Zimmer, auf demselben Ruhesessel, wie an jenem
Vormittage, wo Friedrich gekommen war, mir mitzuteilen: »Wir haben
Marschbefehl«. Es war auch eben so schwül, wie an jenem Tage, und wieder
dufteten Rosen in einer Vase neben mir, wieder tönten von der Kaserne
Trompetenübungen her. Ich konnte mich ganz in die Stimmung von damals
zurückversetzen ... Ich wollte, ich hätte wieder so einschlummern können und
träumen, wie ich damals zu träumen wähnte: dass die Tür leise aufging und der
geliebte Mann hereintrat ... Die Rosen dufteten immer schwerer und durch das
offene Fenster hallten die fernen Tra - ra - - - allmählich schwand mir das
Bewusstsein der Gegenwart, immer mehr und mehr fühlte ich mich in jene Stunde
zurückversetzt - vergessen war alles, was seiter vorgefallen, nur die eine fixe
Idee ward immer intensiver, dass jetzt und jetzt die Tür sich öffnen müsse, um
dem Teuren Einlass zu gewähren. Zu diesem Zwecke musste ich aber träumen, dass ich
die Augen halb offen hielt. Es war mir eine Anstrengung dies zu erzwingen, aber
es gelang - linienbreit hob ich die Lider und - -
    ... Und da war es, das ersehnte, das beglückende Bild: Friedrich, mein
geliebter Friedrich auf der Schwelle ... Laut aufschluchzend und das Gesicht mit
beiden Händen bedeckend, fuhr ich aus meinem traumhaften Zustand auf. Mit einem
Schlag war es mir klar geworden, dass dies nur eine Hallucination gewesen, und
das himmelshelle Glückslicht, welches von diesem Wahnbild ausgeflossen, liess mir
die höllenfinstere Nacht meines Unglücks nun desto schwärzer erscheinen.
    »O mein Friedrich - mein Verlorener!« stöhnte ich.
    »Marta, Weib -!«
    Was war das? Eine wirkliche Stimme - die seine - und wirkliche Arme, die
mich stürmisch umfingen ... Es war kein Traum: ich lag an meines Mannes Herzen.
Wie in der letzten Abschiedsstunde unser Schmerz sich mehr in Tränen und
Küssen, denn in Worten geäussert hatte - so auch unser Glück in dieser
Wiedersehensstunde. Dass man vor Freude wahnsinnig werden kann, ich fühlte es
deutlich, als ich den Verlorengeglaubten wieder fest hielt, als ich schluchzend
und lachend und erregungszitternd immer wieder den teuren Kopf mit beiden Händen
fasste, um ihm Stirn und Augen und Mund zu küssen, unverständliche Worte
stammelnd ...
    Auf meinen ersten Jubelschrei war Tante Marie aus dem Nebenzimmer
herheigeeilt. Auch sie hatte von Friedrichs Rückkunft keine Ahnung gehabt und
bei seinem Anblick liess sie sich mit einem lauten »Jesus, Maria und Joseph!« auf
den nächsten Sessel fallen.
    Es dauerte lange, bis der erste Freudentaumel sich genug gelegt hatte, um
gegenseitigen Fragen und Gegenfragen, Mitteilungen und Berichten Raum zu lassen.
Dann erfuhren wir, dass Friedrich in einem Bauernhause liegen geblieben war,
während sein Regiment weiter gezogen. Die Wunde war keine schwere gewesen,
dennoch hatte er mehrere Tage bewusstlos im Fieber gelegen. Briefe waren ihm in
letzter Zeit keine zugekommen, und es war auch nicht möglich gewesen, solche
abzuschicken. Als er genesen, da war der Waffenstillstand bereits erklärt und
eigentlich der Krieg zu Ende. Nichts hinderte ihn, nach Hause zu eilen. Jetzt
schrieb und telegraphierte er nicht mehr und reiste Tag und Nacht, um so schnell
als möglich anzukommen. Ob ich noch am Leben, ob ich ausser Gefahr war - das
wusste er nicht. Er wollte sich auch gar nicht darum erkundigen - nur hin, nur
hin, ohne eine Stunde zu verlieren und ohne seiner Heimfahrt etwa die Hoffnung
abzuschneiden, dass er sein Liebstes wiederfindet ... Und diese Hoffnung ward
nicht getäuscht: jetzt hatte er sein Liebstes wiedergefunden: gerettet und selig
- über die Massen selig ...
    Bald übersiedelten wir alle nach meines Vaters Landsitz. Friedrich hatte zur
Herstellung seiner Gesundheit einen längeren Urlaub erhalten und die ihm vom
Arzt verordneten Mittel: Ruhe und gute Luft, konnte er am besten bei uns in
Grumitz finden.
    Das war ein glücklicher Nachsommer ... Ich erinnere mich keines
Zeitabschnittes in meinem Leben, der schöner gewesen wäre. Die endliche
Vereinigung mit einem lang ersehnten Geliebten mag wohl unendlich sein; aber
fast noch süsser will mir die Wiedervereinigung mit einem schon halb
Verlorengegebenen scheinen. Wenn ich mich für einen Moment in das Angstgefühl
zurück versetzte, welches mich vor Friedrichs Rückkunft erfüllte, oder mir die
Bilder herauf beschwor, welche meine Fiebernächte gequält hatten - Friedrich,
allerlei Todesqual erleidend - und mich dann an seinem Anblick weidete, so
jubelte mir das Herz. Ich hatte ihn jetzt noch lieber, noch hundertmal lieber,
den wiedererlangten Gatten, und ich empfand seinen Besitz als einen immer
anwachsenden Reichtum. Schon hatte ich mich für eine Bettlerin gehalten - und
jetzt: - die Freudenmillion war mein!
    Die ganze Familie war in Grumitz versammelt. Auch Otto, mein Bruder, brachte
seine Ferien bei uns zu. Er war jetzt fünfzehn Jahre alt und sollte noch drei
Jahre in der Wiener-Neustädter Militärakademie zubringen. Ein herziges
Bürschchen, mein Bruder, und des Vaters Liebling und Stolz. Er sowohl, als Lilli
und Rosa füllten das Haus mit ihrer Lustigkeit. Das war ein ewiges Lachen und
Springen und Ball- und Raquette-Spiel und allerlei tolles Streiche-machen.
Vetter Konrad, dessen Regiment unweit von Grumitz in Garnison lag, kam so häufig
als möglich herübergeritten und hielt bei den Ausgelassenheiten der Jungen
wacker mit. Eine zweite Partei bildeten die Alten - nämlich Tante Marie, mein
Vater und einige als Gäste bei uns weilende Kameraden des Letzteren. Unter
diesen wurde fleissig Karten gespielt, gemässigte Parkpromenaden gemacht, den
Tafelfreuden gehuldigt und unabsehbar viel »kannegegossen«. Die eben
stattgehabten kriegerischen Ereignisse und die durch letztere durchaus nicht zum
Abschluss gebrachte schleswig-holsteinische Frage boten ein ergiebiges Feld
hierzu. Friedrich und ich lebten von den anderen eigentlich so ziemlich
abgeschieden - nur zu den Mahlzeiten trafen wir mit ihnen zusammen - und auch
das nicht immer. Man liess uns gewähren. Es galt als ausgemacht, dass wir in einer
zweiten Auflage des Honigmondes uns befanden und uns Einsamkeit gebühre. Und wir
waren auch am liebsten allein. Nicht etwa, um, wie die anderen vermutlich
glaubten, in Honigmondesart zu schäkern und zu kosen - dazu waren wir doch nicht
»neuvermählt« genug; aber weil wir im gegenseitigen Umgang die meiste
Befriedigung fanden. Nach den kürzlich durchgemachten schweren Sorgen konnten
wir die naive Munterkeit der Jugendpartei nicht teilen und noch weniger
sympatisierten wir mit den Interessen und Unterhaltungen der Würdenspersonen,
und so zogen wir es vor - unter dem uns stillschweigend zuerkannten Privilegium
eines verliebten Paares - uns ein gutes Stück Abgeschiedenheit zu wahren. Wir
unternahmen zusammen lange Spaziergänge, mitunter Ausflüge in die Umgebung,
wobei wir den ganzen Tag abwesend blieben; viele Stunden verbrachten wir zu
zweien im Bibliotekzimmer, und abends, wenn die verschiedenen Spielpartien in
Angriff genommen wurden, zogen wir uns in unsere Gemächer zurück, wo wir bei
Tee und Cigarette unsere vertraulichen Plaudereien wieder aufnahmen. Wir fanden
immer unendlich viel uns zu sagen. Am liebsten erzählten wir einander von den
Trauer- und Schreckgefühlen, die wir während unserer Trennungszeit empfunden,
dies weckte die Freude unseres Wiederfindens immer aufs neue. Wir kamen überein,
dass Todesahnungen und dergleichen nichts als Aberglaube seien, denn beide waren
wir seit der Stunde unseres Abschiedes von der Voraussicht erfüllt gewesen, dass
eins oder das andere sterben müsse - und jetzt hatten wir uns wieder! Friedrich
musste mir genau alle die Gefahren und Leiden erzählen, die er eben durchgemacht,
und die Greuelbilder des Schlachtfeldes und des Lazarets beschreiben, welche er
neuerdings in seine schaudernde Seele aufgenommen. Ich liebte den Ton des
Unwillens und des Schmerzes, der bei solchen Berichten in seiner Stimme
zitterte. Aus der Art, wie er von den Grausamkeiten sprach, deren Zeuge er im
Kriegsgetümmel gewesen war, hörte ich die Verheissung der Edelmenschlichkeit
heraus, welche berufen ist, erst bei Einzelnen, später bei Vielen, endlich bei -
Allen die alte Barbarei zu überwinden.
    Auch mein Vater und Otto forderten Friedrich häufig auf, Episoden aus dem
stattgehabten Feldzuge zum besten zu geben. Freilich geschah dies in ganz
anderem Geiste, als wenn ich um eine solche Erzählung bat, und in anderem Geiste
war dann auch Friedrichs Vortrag gehalten. Er begnügte sich damit, die
taktischen Bewegungen der Truppen, die Ergebnisse der Gefechte, die Namen der
genommenen und der verteidigten Ortschaften zu berichten, einzelne Lagerscenen
zu beschreiben, Worte zu wiederholen, welche von den Heerführern gesprochen
wurden, und was dergleichen Kriegsmiscellen mehr sind. Sein Auditorium war
entzückt davon; mein Vater lauschte mit Genugtuung, Otto mit Bewunderung, die
Generäle mit sachverständiger Wichtigkeit. Nur ich konnte an dieser trockenen
Erzählungsweise keinen Geschmack finden; ich wusste, dass dieselbe eine ganze Welt
von Gefühlen und Gedanken verschwieg, welche die berichteten Dinge in des
Erzählers Seelengrund geweckt hatten. Als ich ihm einst unter vier Augen darüber
einen Vorwurf machte, entgegnete er:
    »Falschheit? Unaufrichtigkeit? Mangel an Meinungsmut? Nein, liebes Kind, Du
irrst - blosse Anständigkeit ist es. Erinnerst Du Dich unserer Hochzeitsreise, -
unserer Abfahrt von Wien, das erste Alleinsein im Waggon - die Nacht im prager
Hotel? Hast Du die Einzelheiten jener Stunden jemals hier erzählt - und jemals
Deinen Freunden und Verwandten die Gefühle und Regungen dieser Rosenzeit
geschildert?«
    »Nein, gewiss nicht ... von solchen Dingen schweigt wohl jede Frau ...«
    »Nun siehst Du, es gibt auch Dinge, von welchen jeder Mann zu schweigen
pflegt. Ihr dürft von Euren Liebesfreuden nichts berichten; wir nichts von
unseren Kriegsleiden. Ersteres könnte Eure Haupttugend - die Keuschheit -
blossstellen; letzteres die unsere - den Mut. Die Wonnen der Flitterwochen und
die Schrecken des Schlachtfeldes: davon kann doch in gesitteter Gesellschaft
kein weibliches Weib, kein männlicher Mann etwas erzählen. Wie? Du hättest in
der Verzückung der Liebe süsse Tränen vergossen - wie? - ich hätte unter dem
Hieb der Todessense aufgeschrieen - wie könntest Du Dich zu solcher
Sinnlichkeit, wie dürfte ich zu solcher Feigheit mich bekennen?«
    »Und hast Du geschrieen - hast Du gezittert, Friedrich? Mir kannst Du es
sagen. Ich verschweige Dir auch die Geheimnisse meiner Liebesfreuden nicht, so
magst Du -«
    »Dir das Todesbangen eingestehen, das uns Soldaten auf der Wahlstatt erfasst?
Wie wäre es denn anders möglich? Die Phrase und die Dichtung lügt darüber hinweg
- die durch Phrase und Dichtung künstlich angefachte Begeisterung vermag sogar
den Naturtrieb der Selbsterhaltung momentan zu überwinden - aber nur momentan
... Bei den Rohen kann auch mitunter Mord- und Zerstörungslust die Angst um das
eigene Leben verscheuchen; bei den Ehrenfesten wird der Stolz vermögen, die
äussere Kundgebung dieser Angst zu unterdrücken ... Aber wie viele habe ich
stöhnen und wimmern gehört, von den armen jungen Burschen - welche verzweifelnde
Blicke, welch todesfurcht-verzerrte Gesichter hab' ich gesehen - welche wilde
Klagen und Flüche und flehendes Bitten vernommen!«
    »Und das hat Dir weh getan, Du mein Guter, Milder?«
    »Oft zum Aufschreien weh, Marta. Und doch weniger, als es meiner
Mitleidsfähigkeit eigentlich entspräche ... ... Man sollte glauben, wenn man
beim Anblick eines vereinzelten Leidens von Mitgefühl ergriffen ist, dass
vertausendfachtes Leid auch tausendmal stärkeres Mitgefühl wecken müsste. Aber
das Gegenteil tritt ein: die Massenhaftigkeit stumpft ab. Man kann den einen
nicht so heftig bedauern, wenn man um ihn herum 999 ebenso Unglückliche sieht.
Aber wenn man auch die Fähigkeit nicht hat, über einen gewissen Grad von
Mitschmerz hinaus zu fühlen - zu denken und zu berechnen vermag man es doch, dass
die unfassbare Jammerquantität vorhanden ist -«
    »Das vermagst Du und ein paar andere - doch die meisten denken und berechnen
nicht.«
    »Denken nicht.« wiederholte er. »Gott sei's geklagt, das ist an allen Übeln
schuld: die meisten denken nicht.« - -
Es war mir gelungen, Friedrich zu dem Entschlusse zu bewegen, den Dienst zu
verlassen. Der Umstand, dass er - nach seiner Verheiratung - noch über ein Jahr
gedient und mit Auszeichnung einen Feldzug mitgemacht, schützte ihn vor dem,
meinem Vater in der Brautzeit aufgestiegenen Verdacht, dass die ganze Heirat nur
den Zweck hatte, seine Laufbahn aufgeben zu können. Jetzt, wenn der Friede,
dessen Präliminarien im Gange waren, geschlossen sein würde, und da
voraussichtlich lange Jahre des Friedens bevorstanden - - jetzt hatte ein
Austritt aus dem Militärverband nichts Ehrverletzendes an sich. Zwar
widerstrebte es noch einigermassen Friedrichs Stolz, auf Stellung und Einkommen
zu verzichten, um, wie er sagte, »nichts zu tun, nichts zu sein und nichts zu
haben«; aber seine Liebe zu mir war doch ein mächtigeres Gefühl, als sein Stolz,
und er konnte meinen Bitten nicht widerstehen. Ich erklärte, ein zweites Mal
könne ich die Seelenangst nicht durchmachen, die mir die letzte Trennung
verursacht - und er mochte wohl selber solchen Schmerz nicht wieder auf uns
Beide herabbeschwören. Das Zartgefühl, welches vor seiner Verheiratung mit mir
ihn vor der Idee zurückschrecken liess, von dem Vermögen der reichen Frau zu
leben, das war jetzt nicht mehr im Spiele, denn wir waren so sehr eins geworden,
dass zwischen »mein« und »dein« kein fühlbarer Unterschied mehr waltete, und
verstanden einander so gut, dass er eine Missbeurteilung seines Charakters von
meiner Seite nicht mehr befürchten durfte. Der letzte Feldzug hatte zudem seine
Abneigung gegen die Mordpflichten des Krieges noch so sehr vergrössert und das
rückhaltlose Aussprechen dieser Abneigung hatte dieselbe so gefestigt, dass ihm
das Quittieren nicht nur als eine unserem häuslichen Glücke gemachte Konzession,
sondern zugleich als eine Betätigung seiner Gesinnung, als einen
Überzeugungstribut erscheinen liess, und so versprach er mir, im kommenden
Herbste - bis dahin mussten die Friedensverhandlungen doch beendet sein - seinen
Abschied zu nehmen.
    Wir planten, mit meinem, gegenwärtig im Bankhause Schmitt & Söhne
liegenden Vermögen ein Gut zu kaufen, an dessen Bewirtschaftung Friedrich
Beschäftigung finden würde. Damit sollte der erste Teil seiner Sorge »nichts zu
tun, nichts zu sein und nichts zu haben«, schon beseitigt werden. Für das Sein
und Haben würde auch Abhilfe geschaffen:
    »Sein: k. k. Oberst a. D. und ein glücklicher Mensch - ist das nicht genug?«
fragte ich Und haben: Du hast uns - mich und Rudi und - - die Kommenden ... ist
das nicht auch genug?«
    Er schloss mich lachend in die Arme.
    Meinem Vater und den Anderen wollten wir von unseren Plänen vorläufig noch
nichts mitteilen. Jedenfalls würden jene Einwände erheben, Ratschläge erteilen,
Rügen aussprechen - und das war jetzt noch überflüssig. Später würden wir uns
über derlei hinauszusetzen wissen; denn wenn sich zwei alles in allem sind,
prallt jede fremde Meinung wirkungslos von ihnen ab. Diese gewonnene Sicherheit
für die Zukunft erhöhte noch den Genuss der Gegenwart, welche sich ohnehin von
der Folie der durchgemachten schweren Vergangenheit so vorteilhaft abhob ... ich
kann es nur wiederholen: es war eine schöne Zeit.
    Mein Sohn Rudolf, nunmehr ein siebenjähriger kleiner Mann, fing jetzt an
lesen und schreiben zu lernen, und seine Lehrerin - war ich. Ich hätte keiner
»Bonne« die Freude gegönnt - was ihr übrigens vermutlich gar keine gewesen wäre
- diese kleine Seele langsam sich entfalten zu sehen und derselben die ersten
Überraschungen des Wissens beizubringen. Oftmals war der Kleine unser Begleiter
auf unseren Spaziergängen und wir wurden nicht müde, die Fragen, welche seine
erwachende Wissbegier an uns stellte, zu beantworten. Zu beantworten so gut und
so weit wir konnten. Auf Lügen liessen wir uns nicht ein. Wir scheuten uns nicht,
solche Fragen, auf die wir keinen Bescheid wussten - auf die kein Mensch Bescheid
weiss - mit einem aufrichtigen »das weiss man nicht, Rudi« zu beantworten.
Anfänglich geschah es, dass Rudolf, mit solcher Antwort nicht zufrieden, seine
Frage nochmals bei Tante Marie, bei seinem Grossvater oder bei - der Kinderfrau
vorbrachte, und da wurden ihm stets unzweifelhafte Aufschlüsse zu teil.
Triumphierend kam er dann zu uns: »Ihr wisst nicht, wie alt der Mond ist? Ich
weiss es jetzt: sechs tausend Jahre - merkt euch das.« Friedrich und ich
wechselten einen stummen Blick. Ein ganzes Buch voll pädagogischer Klagen und
Bedenken lag in diesem Blick und diesem Schweigen.
    Besonders unliebsam war mir die Soldatenspielerei, welche sowohl mein Vater
wie mein Bruder mit dem Kleinen trieben. Die Begriffe von »Feind« und von
»Dreinhauen« wurden ihm beigebracht, ich weiss gar nicht wie. Eines Tages kamen
wir dazu, Friedrich und ich, wie Rudolf mit einer Reitgerte unbarmherzig auf
zwei wimmernde junge Hunde einhieb.
    »Das ist ein falscher Italiener,« sagte er, auf das eine der armen Tierchen
ausholend, »und das« - auf das andere - »ein frecher Däne«.
    Friedrich riss dem Nationenzüchter die Gerte aus der Hand:
    »Und das ist ein herzloser Österreicher,« sagte er, indem er ein paar
tüchtige Schläge auf Rudolfs Schultern fallen liess. Italiener und Däne liefen
vergnügt davon, und das Wimmern wurde jetzt von unserem kleinen Landsmann
besorgt.
    »Bist Du mir böse, Marta, dass ich Deinen Sohn geschlagen? Ich bin sonst
wahrlich nicht für die Prügelstrafe eingenommen, aber Grausamkeit gegen Tiere
kann mich entrüsten -«
    »Du hast recht getan,« unterbrach ich.
    »Also nur gegen Menschen ... darf man ... grausam sein?« fragte der Kleine
mitten in seinem Schluchzen.
    »Auch nicht - noch weniger -«
    »Du hast doch selber auf Italiener und Dänen gehaut?«
    »Das waren Feinde -«
    »Die also darf man hassen?«
    »Und heute oder morgen« - wandte sich Friedrich leise an mich - »wird ihm
der Pfarrer sagen, dass man seine Feinde lieben solle - o Logik!« Dann laut zu
Rudolf: »Nicht, weil wir sie hassen, dürfen wir unsere Feinde schlagen, sondern
weil sie uns schlagen wollen.«
    »Und warum wollen sie uns schlagen?«
    »Weil wir sie - nein, nein,« unterbrach er sich, »aus diesem Cirkel find'
ich keinen Ausweg. Geh spielen, Rudi - wir verzeihen Dir - aber tu's nicht
wieder.«
    Vetter Konrad machte, wie mir schien, einige Fortschritte in Lillis Gnade.
Es geht doch nichts über Ausdauer. Ich hätte diese Verbindung sehr gern gesehen,
und beobachtete mit Vergnügen, wie die Blicke meiner Schwester froh
aufleuchteten, wenn von weitem der Hufschlag von Konrads Pferde sich vernehmen
liess, und wie sie seufzte, wenn er wieder davonritt. Er machte ihr nicht mehr
den Hof, das heisst er sprach nichts von seiner Liebe, brachte seine Werbung
nicht von neuem vor - dennoch war sein Benehmen eine regelrechte Belagerung.
    »Wie es verschiedene Arten gibt, eine Festung zu nehmen,« so erklärte er mir
eines Tages, »durch Sturm, - durch Hunger - so gibt es auch mehrfache Mittel,
ein Frauenherz zur Kapitulation zu bringen. Darunter eins der wirksamsten: die
Gewohnheit - die Rührung ... Es muss sie doch rühren, dass ich so beharrlich
liebe, dabei so beharrlich schweige und immer wiederkomme. Wenn ich ausbliebe,
risse das eine gewaltige Lücke in ihre Existenz; und wenn ich noch eine Zeit
lang so fortfahre, so wird sie ohne mich es gar nicht mehr aushalten.«
    »Und wieviel mal sieben Jahre gedenkst Du so um Deine Erkorene zu dienen?«
    »Das habe ich nicht berechnet ... so lange, bis sie mich nimmt.«
    »Ich bewundere Dich. Gibt es denn gar keine anderen Mädchen auf der Welt?«
    »Für mich nicht. Ich habe mir die Lilli in den Kopf gesetzt. Sie hat ein
gewisses Etwas um die Mundwinkel, im Gang, in der Art zu sprechen, das mir keine
Andere ersetzen kann ... Du, Marta, bist zum Beispiel zehnmal hübscher und
hundertmal gescheiter -«
    »Danke -«
    »Aber ich wollte Dich nicht zur Frau.«
    »Danke.«
    »Eben weil Du zu gescheit bist - Du würdest mich so gewiss von oben herab
ansehen. Mein Kreuzchen am Kragen, mein Säbel, die Sporen imponieren Dir nicht.
Lilli hat doch Respekt vor einem streitbaren Mann - ich weiss, sie betet das
Militär an, während Du -«
    »Ich habe doch zweimal Militärs geheiratet,« erwiderte ich lächelnd.
Während der Mahlzeiten, an dem oberen Ende der Tafel, wo mein Vater und seine
alten Freunde den Ton angaben und wo auch ich und Friedrich sassen - die Jugend
war am anderen Ende und unterhielt sich untereinander - wurde zumeist
»politisiert«; das war so der alten Herren Lieblingsgesprächsstoff. Die
schwebenden Friedensverhandlungen boten genügenden Anlass zu dieser
Weisheitsentfaltung; denn dass politische Erörterungen die gediegenste und
ernster Männer würdigste Unterhaltung sei, das steht bei den meisten Leuten
fest. Aus Galanterie und in freundlicher Rücksicht auf meine weibliche
Verstandesschwäche, sagte wohl mitunter einer der Generäle: »Diese Dinge können
unsere junge Baronin Marta kaum interessieren - wir sollten darüber nur
sprechen, wenn wir unter uns sind, nicht wahr, schönes Frauchen?«
    Aber dagegen verwahrte ich mich und bat ernstlich, das Gespräch
fortzusetzen. Ich nahm an den Vorgängen in der militärischen und diplomatischen
Welt wirklichen und gespannten Anteil. Nicht vom selben Standpunkt, wie diese
Herren; doch war mir daran gelegen, die »dänische Frage«, deren Ursprung und
Verlauf ich anlässlich des Krieges so aufmerksam studiert hatte, bis zu ihrem
endgültigen Abschluss zu verfolgen. Jetzt, nach diesen Kämpfen und Siegen, hätte
es wohl entschieden sein sollen, was mit den fraglichen Herzogtümern zu
geschehen habe - aber immer noch schwebten die Fragen und die Zweifel. Der
Augustenburger - der famose Augustenburger, wegen dessen altbegründeten Rechten
der ganze Streit entbrannt war - war er denn jetzt eingesetzt? Durchaus nicht.
Sogar ein ganz neuer Prätendent erschien auf dem Plan. Mit Glücksburg und
Gottorp und wie alle die Linien und Nebenlinien hiessen, deren Namen ich mir
mühsam angeeignet hatte, war's noch nicht genug. Jetzt trat Russland auf und
schob dem Augustenburger einen - Oldenburger vor. Das Resultat des Krieges aber
war bisher, dass weder einem Glücks-, noch Augusten-, noch Olden-, noch sonst
einem-burger die Herzogtümer gehören sollten, sondern den verbündeten Siegern.
Folgendes, so erfuhr ich, waren die Artikel der eben im Gang befindlichen
Friedensunterhandlungen:
1) »Dänemark tritt die Herzogtümer an Österreich und Preussen ab.«
Damit war ich zufrieden. Die Verbündeten würden sich nun natürlich beeilen, das
nicht für sich, sondern für einen anderen eroberte Land diesem anderen zu
übergeben.
2) »Die Grenze wird genau reguliert.«
Das wäre auch ganz hübsch; wenn nur diese Regulierungen ein bisschen mehr
Verharrungskraft hätten; aber es ist ja erbärmlich, welche ewige Verschiebungen
solche blaue und grüne Striche auf den Landkarten unaufhörlich zu erleiden
haben.
3) »Die Staatsschulden werden nach dem Mass der Bevölkerung verteilt.«
Das verstand ich nicht. Bis zu volkswirtschaftlichen und finanziellen Fragen
hatte ich mich in meinen Studien nicht aufgeschwungen; ich nahm an der Politik
nur sofern Anteil, als sie auf Krieg und Frieden Bezug hatte, denn dies war mir
- als Mensch und Gattin - Herzensfrage.
4) »Die Kriegskosten tragen die Herzogtümer.«
Das was mir wieder einigermassen klar. Das Land war verwüstet worden, die Saaten
zertreten, dessen Söhne getötet: einiger Ersatz gebührte ihm doch - nun denn: es
durfte die Kriegskosten tragen.
    »Und was gibt es heute Neues mit Schleswig-Holstein?« fragte ich selber,
wenn das Gespräch noch nicht auf das politische Gebiet gelenkt worden war.
    »Das neueste ist,« berichtete am 13. August mein Vater, »dass Herr von Beust
an den Bundestag die Frage gestellt hat, mit welchem Rechte die Verbündeten sich
die Herzogtümer von einem Könige abtreten liessen, den der Bund gar nicht als
rechtmässigen Besitzer anerkannt hatte.«
    »Das ist eigentlich ein ganz vernünftiger Einwand,« bemerkte ich; »denn es
hiess ja doch, der Protokoll-Prinz sei nicht der legitime Herr der deutschen
Lande, und nun lasst Ihr Euch feierlich von Christian IX. -«
    »Das verstehst Du nicht, Kind« - unterbrach mein Vater. »Eine Frechheit,
eine Chicane ist es von diesem Herrn von Beust, weiter nichts. Die Herzogtümer
gehören ohnehin schon uns, da wir sie erobert haben.«
    »Aber doch nicht für Euch erobert? - es hiess: für den Augustenburger.«
    »Das verstehst Du wieder nicht. Die Gründe, welche vor Ausbruch eines
Krieges von den Kabinetten als Veranlassung desselben angegeben werden, die
treten in den Hintergrund, sobald die Schlachten einmal geschlagen worden. Da
bringen die Siege und Niederlagen ganz neue Kombinationen hervor; dann
vermindern und vermehren und bilden sich die Reiche in vorher ungeahnten
Verhältnissen.«
    »Also sind die Gründe eigentlich keine Gründe, sondern Vorwände gewesen?«
fragte ich.
    »Vorwände? nein« - kam einer der Generäle meinem Vater zu Hilfe. - »Anlässe
vielmehr, Anstösse zu den Ereignissen, welche sich dann selbständig nach Massstab
der Erfolge gestalten.«
    »Hätte ich zu sprechen,« sagte mein Vater, »so würde ich nach Düppel und
Alsen wahrlich zu keinen Friedensverhandlungen mich hergegeben haben - ganz
Dänemark hätte man erobern können.«
    »Und was damit?«
    »Dem deutschen Bunde einverleiben.«
    »Du bist doch sonst nur spezifisch österreichischer Patriot, lieber Vater -
was liegt Dir an der Vergrösserung Deutschlands?«
    »Hast Du vergessen, dass die Habsburger deutsche Kaiser waren und es wieder
werden könnten?«
    »Das würde Dich freuen?«
    »Welchen Österreicher sollte dies nicht mit Freude und Stolz erfüllen?«
    »Wie aber,« meinte Friedrich, »wenn die andere deutsche Grossmacht gleiche
Träume nährte?«
    Mein Vater lachte laut auf:
    »Die Krone des heiligen römisch-deutschen Reiches auf dem Haupte eines
protestantischen Königleins? Bist Du bei Trost?«
    »Wenn jetzt nur nicht,« bemerkte Doktor Bresser, »zwischen den beiden
Mächten über das Objekt, für welches sie vereint gefochten haben, ein Streit
entsteht. Die Elbprovinzen erobern - das war eine Kleinigkeit - aber was nun
damit anfangen? Das kann noch zu allerlei Verwickelungen Anlass geben. Jeder
Krieg - was immer dessen Ausgang sei - entält unweigerlich den Keim eines
folgenden Krieges in sich. Ganz natürlich: ein Gewaltakt verletzt immer irgend
ein Recht. Dieses erhebt über kurz oder lang seine Ansprüche und der neue
Konflikt bricht aus - wird dann von neuem durch unrechtsschwangere Gewalt zum
Austrag gebracht - und so ins Unendliche.«
    Einige Tage später gab es wieder eine Neuigkeit. König Wilhelm von Preussen
stattete unserem Kaiser in Schönbrunn einen Besuch ab. Äusserst herzlicher
Empfang, Umarmung. Aufgehisste preussische Adler. Von allen Militärkapellen
vorgetragene preussische Volkshymne. Jubelnde Hochrufe. Mir waren diese Berichte
wohltuend, denn durch sie wurde die schlimme Prophezeiung Doktor Bressers zu
Schanden gemacht, dass die beiden Mächte über das gemeinschaftlich befreite
Ländchen miteinander in Streit geraten würden. Dieser beruhigten Zuversicht
gaben auch allentalben die Zeitungen Ausdruck.
    Mein Vater freute sich gleichfalls über die freundschaftlichen Kundgebungen
in Schönbrunn. Aber nicht vom friedlichen, sondern vom kriegerischen Standpunkte
aus.
    »Ich bin froh,« sagte er, »dass wir nun einen neuen Alliierten haben. Mit
Preussen im Bunde, werden wir - ebenso leicht, wie wir die Elbherzogtümer erobert
haben - uns die Lombardei zurückholen können.«
    »Das wird Napoleon III. nicht zugeben, und mit dem wird sich der Preusse auch
nicht brouillieren wollen,« meinte einer der Generäle. »Es ist ohnehin ein
schlechtes Zeichen, dass Benedetti, Österreichs ärgster Feind, jetzt Gesandter in
Berlin ist.«
    »Aber sagt mir doch, Ihr Herren, rief ich, die Hände faltend, warum
schliessen denn nicht die sämtlichen gesitteten Mächte Europas einen Bund? das
wäre doch das einfachste.« ...
    Die Herren zuckten die Achseln, lächelten überlegen und gaben mir keine
Antwort. Ich hatte offenbar wieder eine jener Dummheiten ausgesprochen, wie sie
»die Damen« zu sagen pflegen, wenn sie sich in das ihnen unzugängliche Gebiet
der höheren Politik wagen.
Der Herbst war gekommen. Am 30. Oktober wurde zu Wien der Friede unterzeichnet
und somit war der Zeitpunkt da, wo mein Lieblingswunsch - Friedrichs Quittierung
- erfüllt werden sollte.
    Aber der Mensch denkt und die Umstände lenken. Es traf ein Ereignis ein -
ein schwerer Schlag für mich - das unsere so froh gehegten Pläne scheitern
machte. Einfach dies: das Haus Schmitt & Söhne brach zusammen und mein
gesamtes Privatvermögen war hin.
    Auch eine Folge des Krieges, dieses Fallissement. Nicht nur die Mauern, auf
welche sie gezielt sind, schiessen die Kartätschen und Bomben zusammen -: durch
diese Erschütterung fallen auch in weitem Umkreis Bankhäuser und Kreditgebäude
in Trümmer ...
    Ich war darum nicht - wie so manche andere - an den Bettelstab gebracht;
denn mein Vater würde es mir an nichts fehlen lassen. Aber mit dem
Quittierungsplane war es jetzt vorbei. Wir waren keine unabhängigen Leute mehr;
jetzt war Friedrichs Gehalt unsere einzige selbständige Hilfsquelle. Wenn mir
mein Vater auch eine genügende Zulage gewähren würde - unter solchen Umständen
war es ausgeschlossen, dass Friedrich den Dienst verlasse. Ich selber konnte es
ihm nicht zumuten: welche Rolle hätte er da meinem Vater gegenüber gespielt?
    Es war nichts zu machen - wir mussten uns fügen. »Bestimmung« hätte Tante
Marie gesagt. Von der Kränkung, die ich über diesen bedeutenden pekuniären
Verlust empfand - es handelte sich um mehrere Hunderttausend - weiss ich nicht
viel zu berichten. Es finden sich nämlich in meinem Tagebuch keine weitläufigen
Eintragungen darüber, und auch mein Gedächtnis - das seiter so viel tiefer
schmerzende Eindrücke aufgenommen hat - weist von diesen Vorfällen keine sehr
lebhaften Spuren mehr auf. Ich weiss nur, dass mir hauptsächlich um das schöne
Luftschloss leid war, welches wir uns da gebaut hatten: Quittierung, Gutsankauf,
unabhängige, von der sogenannten »Welt« abgeschiedene Existenz; im übrigen traf
mich der Verlust nicht gar so schwer. Denn, wie gesagt: mein Vater würde mir bei
seinen Lebzeiten nichts abgehen lassen und hernach mir ein genügendes Erbe
hinterlassen; auch meinem Sohn Rudolf stand in Zukunft sicherer Reichtum bevor.
Eins tröstete mich: es war ja nicht der mindeste Krieg in Sicht; man konnte gut
auf zehn bis zwanzig Friedensjahre hoffen. - Bis dahin! ...
    Schleswig-Holstein und Lauenburg waren im Vertrag vom 30. Oktober endgültig
an Preussen und Österreich zu freier Verfügung abgetreten. Diese beiden, nunmehr
die besten Freunde, würden sich dieses Erfolges freuen, die hieraus erwachsenden
Vorteile brüderlich teilen und keinen Grund finden, zu streiten. Nirgends - am
ganzen politischen Horizont - der berüchtigte »schwarze Punkt«. Die Scharte der
in Italien erlittenen Niederlage war durch den in Schleswig-Holstein geholten
Waffenruhm genügend ausgewetzt, es lag also auch für den militärischen Ehrgeiz
keine Veranlassung mehr vor, neue Feldzüge heraufzubeschwören. In dieser
Hinsicht also war ich beruhigt. Dass der Krieg vor so kurzer Zeit gewesen, fasste
ich als Bürgschaft auf, dass derselbe sich nicht so bald wiederholen würde. Auf
Regen folgt Sonnenschein und im Sonnenschein vergisst man den Regen. Auch nach
Erdbeben und Vulkanausbrüchen bauen die Menschen auf der Schuttstätte wieder
neue Wohnungen auf und denken nicht an die Gefahr, dass die überstandene
Katastrophe sich wiederhole. Ein Hauptbestandteil unserer Lebensenergie scheint
in der Vergesslichkeit zu liegen.
    Wir nahmen Winterquartier in Wien. Friedrich hatte nunmehr Beschäftigung im
Kriegsministerium, eine Tätigkeit, die er dem Kasernendienst jedenfalls vorzog.
Dieses Jahr waren meine Schwestern mit Tante Marie den Fasching über nach Prag
gezogen. Dass Konrads Regiment gegenwärtig in der böhmischen Hauptstadt lag, war
doch nur eine Zufälligkeit? Oder sollte dieser Umstand einigermassen auf die Wahl
des Winteraufentaltes Einfluss gehabt haben? Als ich letztere Vermutung meiner
Schwester Lilli gegenüber fallen liess, errötete sie tief und antwortete
achselzuckend:
    »Du weisst doch, dass ich ihn nicht mag.«
    Mein Vater bezog seine alte Wohnung in der Herrengasse. Er trug uns an, wir
möchten uns bei ihm niederlassen, da er genügend Raum dazu hätte; wir zogen es
aber vor, allein zu leben, und mieteten am Franz-Joseph-Quai ein kleines
Mezzanin. Meines Mannes Gehalt und das mir von meinem Vater ausgestellte
Monatsgeld genügten für unseren bescheidenen Haushalt reichlich. Auf abonnierte
Logen, Hofbälle - überhaupt auf »in die Welt gehen« musste freilich verzichtet
werden. Aber wie leicht verzichteten wir da! Es war uns sogar angenehm, dass
meine pekuniären Verluste dieses Zurückziehen rechtfertigten - denn wir liebten
die Zurückgezogenheit.
    Einem kleinen Kreise von Verwandten und Freunden blieb unser Haus immerhin
offen. Besonders meine Jugendfreundin Lori Griesbach besuchte uns oft, öfter
beinahe, als mir lieb war. Ihre Gespräche, die mir schon früher stark
oberflächlich erschienen waren, fand ich jetzt gar ermüdend schal, und ihr
Interessenhorizont, dessen Enge ich immer erkannt hatte, machte mir den
Eindruck, jetzt noch zusammengeschrumpfter zu sein. Aber hübsch war sie und
lebhaft und kokett. Ich begriff, dass sie in der Gesellschaft so manchen den Kopf
verdrehte - und es hiess, dass sie sich nicht ungern den Hof machen liess. Was mir
nicht ganz angenehm war, war die Wahrnehmung, dass ihr Friedrich sehr wohl gefiel
und dass sie manche Blickpfeile auf ihn abschoss, welche offenbar die Bestimmung
hatten, in seinem Herzen sitzen zu bleiben. Loris Mann, eine Zierde des
Jockeiclubs, des Rennplatzes und der Teatercoulissen, war bekanntermassen so
wenig treu, dass eine kleine Rachenahme ihrerseits nicht allzustreng zu verdammen
gewesen wäre; aber dass Friedrich als Revanchemittel dienen sollte - dagegen
hätte ich doch einiges einzuwenden gehabt ...
    Eifersüchtig - ich? ... Ich wurde rot, als ich mich bei dieser Erregung
ertappte. Ich war ja seines Herzens so sicher ... Keine, keine auf der Welt
konnte er so lieben wie mich. Nun ja: lieben - aber eine kleine
Verliebtseinsflamme - die hätte immerhin neben der mir geweihten, sanften Glut
aufflackern können ...
    Lori verhehlte mir gar nicht, wie sehr sie an Friedrich Gefallen fand:
    »Hörst Du, Marta - Du bist wirklich zu beneiden um diesen charmanten Mann.«
Oder: »Bewache ihn nur ordentlich, Deinen Friedrich, denn dem setzen gewiss alle
Frauenzimmer nach.«
    »Ich bin seiner Treue sicher,« antwortete ich darauf.
    »Lass Dich nicht auslachen - als ob »treu« und »Ehemann« nebeneinander
genannt werden könnten. Das gibt's nicht. Du weisst, wie zum Beispiel mein Mann
-«
    »Mein Gott, vielleicht bist Du da auch falsch berichtet. Dann sind ja nicht
alle gleich -«
    »Alle, alle - glaube mir. Ich kenne keinen von unseren Herren, der nicht ...
Unter denen, die mir den Hof machen, sind mehrere verheiratet - was wollen die
nun? Offenbar nicht mich und nicht sich in ehelicher Treue üben.«
    »Sie wissen vermutlich, dass Du sie nicht erhören wirst ... Und gehört
Friedrich auch zu dieser Phalanx?« fragte ich lachend.
    »Das werde ich Dir doch nicht sagen, Gänschen. Es ist ohnehin sehr schön von
mir, Dich aufmerksam zu machen, wie gut er mir gefällt. Jetzt heisst es nur, ein
wachsames Auge öffnen.«
    »Ich habe es schon weit offen, dieses Auge, Lori, und dasselbe hat bereits
mit Missbehagen verschiedene Koketterie-Angriffe Deinerseits wahrgenommen.«
    »Da haben wir's! So werde ich mich in Zuknnft besser verstellen müssen« ...
    Wir lachten beide; dennoch fühlte ich, dass - so wie hinter meiner scherzhaft
vorgebrachten Eifersucht eine wirkliche Regung dieser Leidenschaft sich verbarg
- so auch unter ihrer vermeintlich neckenden Rede ein Kern von Wahrheit lag.
    Loris Mann hatte den Schleswig-Holsteiner Feldzug nicht mitgemacht und das
verdross ihn sehr. Auch Lori ärgerte sich ob dieses »Pechs«.
    »So ein schöner, siegreicher Krieg!« klagte sie. »Jetzt wäre Griesbach gewiss
um eine Stufe im Rang vorgerückt. Nun, das Tröstliche ist, dass bei einer
nächsten Campagne -«
    »Was fällt Dir ein?« unterbrach ich. »Dazu ist nicht die mindeste Aussicht.
Oder weisst Du einen Anlass? Wofür sollte denn jetzt ein Krieg geführt werden?«
    »Wofür? Darum kümmere ich mich wahrlich nicht. Die Kriege kommen und sind
da. Alle fünf oder sechs Jahre bricht immer wieder etwas aus - das ist so der
Gang der Geschichte.«
    »Es müssen aber doch Gründe vorliegen?«
    »Vielleicht ... doch wer kennt sie? Ich gewiss nicht, und mein Mann auch
nicht. Warum schlägt man sich denn eigentlich dort droben, fragte ich ihn
während des letzten Krieges. Das weiss ich nicht - ist mir auch ganz egal,
antwortete er achselzuckend. Ärgerlich ist nur, dass ich nicht mit dabei bin,
fügte er hinzu. O, Griesbach ist ein echter Soldat. - Das warum und das wozu der
Kriege, das geht den Soldaten nichts an. Das machen die Diplomaten untereinander
ab. Ich habe mir nie den Kopf zerbrochen über alle die politischen
Streitigkeiten. Uns Frauen geht es schon gar nichts an - wir würden doch nichts
davon verstehen. Ist das Gewitter einmal losgebrochen, so heisst es beten -«
    »Dass es beim Nachbar einschlage und nicht bei uns, das ist freilich das
einfachste.«
    Gnädige Frau!
    Ein Freund - vielleicht auch ein Feind, gleichviel - ein Wissender, der sich
    nicht nennen will, benachrichtigt Sie hierdurch, dass Sie betrogen werden.
    Auf die verräterischste Weise betrogen. Ihr scheinheiliger Mann und Ihre
    unschuldigtuende Freundin lachen Sie aus ob Ihres gutmütigen Vertrauens,
    Sie arme, verblendete Frau. Ich habe meine Gründe, den Beiden die Maske vom
    Gesicht zu reissen. Nicht aus Wohlwollen für Sie handle ich da, denn ich kann
    mir denken, dass diese Entlarvung zweier geliebter Wesen Ihnen eher Schmerz
    als Gewinn bringen wird - aber ich bin Ihnen nicht wohlwollend gesinnt.
    Vielleicht bin ich sogar ein verstossener Anbeter, der sich rächt ... Was
    liegt am Motiv? Die Tatsache ist da, und wenn Sie Beweise wollen, so kann
    ich Ihnen dieselben liefern. Ohne Beweise würden Sie einem anonymen Brief
    ohnehin keinen Glauben schenken. Beifolgendes Billet hat Gräfin Gr***
    verloren.
Diese überraschende Epistel lag eines schönen Frühlingsmorgens auf unserem
Frühstückstisch. Friedrich sass mir gegenüber, mit seiner Post beschäftigt,
während ich Obiges las und zehnmal wiederlas. Das dem verräterischen Schreiben
beigelegte Billet war in einen Extra-Umschlag verschlossen und ich zögerte,
denselben aufzureissen.
    Ich schaute zu Friedrich auf. Er war in ein Morgenblatt vertieft, doch musste
er meinen auf ihn gerichteten Blick gefühlt haben, denn er liess die Zeitung
sinken und mit seinem gewohnten lieben, lächelnden Ausdruck wandte er den Kopf
zu mir:
    »Nun, was gibt's, Marta? Warum starrst Du mich so an?«
    »Ich möchte wissen, ob Du mich noch lieb hast?«
    »Schon lange nicht mehr,« scherzte er. »Eigentlich habe ich Dich nie recht
leiden können.«
    »Das glaube ich nicht.«
    »Aber jetzt sehe ich erst - Du bist ja ganz blass! Hast Du eine böse
Nachricht erhalten?«
    Ich schwankte. Sollte ich ihm den Brief zeigen? Sollte ich vorher das
Beweisstück besehen, welches ich noch immer unerbrochen in der Hand hielt? Die
Gedanken schwirrten mir im Kopfe ... Mein Friedrich, mein alles, mein Freund und
Gatte, mein Vertrauter und Geliebter - könnte er mir verloren sein? Untreu - er?
Ach, ein momentaner Sinnentaumel, weiter nichts ... War da in meinem Herzen
nicht Nachsicht genug, um das zu verzeihen, zu vergessen, als nicht geschehen zu
betrachten? ... Aber die Falschheit! Wie, wenn auch sein Herz sich von mir
abwendete, wie, wenn er die verführerische Lori lieber hatte als mich? ...
    »So sprich doch - Du bist ja ganz verstummt ... Zeige mir den Brief, der
Dich so erschreckt hat.« Er streckte die Hand darnach aus.
    »Da hast Du.« Ich überliess ihm das schon gelesene Blatt; die Einlage behielt
ich zurück.
    Er überflog die angeberischen Zeilen. Mit einem zornigen Fluche zerknitterte
er das Blatt und sprang von seinem Sitze auf.
    »Eine Infamie!« rief er. »Und wo ist das vermeintliche Beweisstück?«
    »Hier - noch uneröffnet. Friedrich, sag' nur ein Wort und ich werfe das Ding
ins Feuer. - Ich will keine Beweise, dass Du mich betrogen hast.«
    »O Du meine Einzige!« ... Er war jetzt an meiner Seite und umschlang mich
stürmisch - »mein Kleinod! Sieh mir in die Augen - zweifelst Du an mir? Beweis,
oder kein Beweis - genügt Dir mein Wort?«
    »Ja,« sagte ich und warf das Papier in den Kamin.
    »Es fiel aber nicht in die Flammen, sondern blieb neben dem Roste liegen.
Friedrich hatte sich darauf hingestürzt und hob es auf.
    »Nein, nein, das dürfen wir nicht vernichten - ich bin zu neugierig ... wie
wollen es zusammen ansehen. Ich erinnere mich nicht, je Deiner Freundin etwas
geschrieben zu haben, was auf ein Verhältnis schliessen liesse - welches nie
bestanden hat.«
    »Aber Du gefällst ihr, Friedrich ... Du brauchst nur Dein Taschentuch
hinzuwerfen -«
    »Glaubst Du? ... Komm, lass uns dieses Dokument besichtigen. - Richtig: meine
Schrift! Ah, sieh her, es sind ja die zwei Zeilen, die Du mir selber vor einigen
Wochen diktiert hattest, als Deine rechte Hand verwundet war:
    Meine Lori, komm, ich erwarte Dich mit Sehnsucht heute um 5 Uhr Nachmittag.
                                                    Marta (noch immer Krüppel).
Die Bedeutung der Klammer nach der Unterschrift hat der Finder des Billets nicht
verstanden ... Das ist wirklich ein komisches Quiproquo. Gottlob, dass dieses
prächtige Beweismaterial nicht verbrannt ist - jetzt ist meine Unschuld am Tage.
Oder hast Du noch immer Verdacht?«
    »Schon seitdem Du mir ins Auge gesehen hast - nicht mehr. - Weisst Du,
Friedrich, dass ich sehr unglücklich gewesen wäre - Dir aber doch verziehen
hätte. Lori ist kokett, sehr hübsch ... Sag' - hat sie Dir nicht Avancen
gemacht? - Du schüttelst den Kopf ... Nun freilich: hierin hättest Du ein Recht,
ja beinah' die Pflicht, sogar mich anzulügen - ein Mann darf weder angenommene
noch verschmähte Frauengunst verraten.«
    »Du würdest mir also eine Verirrung verzeihen? Bist Du nicht eifersüchtig?«
    »Doch - auf herzquälerische Weise ... Wenn ich Dich mir vorstelle, einer
Anderen zu Füssen, von den Lippen einer Anderen Seligkeit nippend ... gegen mich
erkaltet - jedes Begehren erstorben - das ist mir schrecklich. Dennoch - das
Ersterben Deiner Liebe fürchte ich nicht - Dein Herz wird unter keinen Umständen
mehr gegen mich erkalten, dessen fühle ich mich sicher - unsere Seelen sind ja
so verschlungen, aber -«
    »Ich verstehe. Du brauchst mir aber durchaus nicht zuzumuten, dass ich für
Dich fühle wie ein Ehemann nach der silbernen Hochzeit. Dazu sind wir doch noch
zu jung verheiratet - so weit das Feuer der Jugend (ich bin freilich schon
vierzig Jahre alt) noch in mir lodert, brennt es für Dich. Du bist mir das
einzige Weib auf Erden. Und sollte in der Tat noch einmal eine andere
Versuchung an mich herankommen - ich habe den festen Willen, sie von mir
abzuwehren. Das Glück, welches in dem Bewusstsein liegt, den Treueschwur bewahrt
zu haben; die stolze Gewissensruhe, mit der man sich sagen kann, dass man den
festgeschlungenen Lebensbund in jeder Beziehung heilig gehalten - das alles
finde ich zu schön, um es durch einen vorübergehenden Sinnentaumel vernichten zu
lassen. Du hast überhaupt einen so vollständig glücklichen Menschen aus mir
gemacht, meine Marta, dass ich über alles, was Berauschung, was Lust, was
Vergnügen ist, so erhaben bin, wie der Besitzer von Goldbarren über den Gewinn
von Kupfermünzen.«
    Wie wonnig mir solche Worte ins Herz fielen! Ich war dem anonymen
Briefschreiber förmlich dankbar, dass er mir zu diesem süssen Auftritt verholfen.
Auch habe ich jedes Wort in die roten Hefte gesetzt. Hier kann ich die
Eintragung noch nachlesen, unter dem Datum 1/4. 1865. Ach wie weit - wie weit
liegt das alles zurück!
    Friedrich hingegen war gegen den Verleumder höchlichst aufgebracht. Er
schwor, herauszubringen, wer das Machwerk verfasst, um den Täter gehörig zu
strafen.
    Ich erfuhr noch am selben Tage, was Ursprung und Zweck des Schriftstücks
gewesen; den Erfolg desselben - nämlich, dass Friedrich und ich uns nunmehr noch
ein wenig näher gekommen - hatte der Urheber schwerlich vorausgesehen.
    Am Nachmittage ging ich zu meiner Freundin Lori, um ihr den Brief zu zeigen.
Ich wollte sie aufmerksam machen, dass sie einen Feind habe, von welchem sie
fälschlich verdächtigt wurde, und wollte mit ihr über den Fall lachen, dass mein
diktiertes Billet so missdeutet worden.
    Sie lachte mehr als ich geglaubt
    »Also bist Du über den Brief erschrocken?«
    »Ja, tödlich. Und doch hätte ich beinahe das inliegende Billet ungelesen
verbrannt.«
    »Da wäre ja der ganze Spass misslungen -«
    »Welcher Spass?«
    »Du hättest am Ende noch geglaubt, dass ich Dich wirklich betrüge. Lass mich
bei dieser Gelegenheit Dir beichten, dass ich in einer verrückten Stunde - es war
nach dem Diner bei Deinem Vater, wo ich neben Tilling sass, und weil ich zu viel
Champagner getrunken hatte - dass ich da wirklich mein Herz so zu sagen auf einem
Präsentierteller ihm antrug -«
    »Und er?«
    »Und er mir noch rechtzeitig sagte, dass er Dich über alles liebe und fest
entschlossen sei, Dir bis zum Tode treu zu bleiben. Damit Du nun dieses Phänomen
desto besser schätzen lernen mögest, ist der ganze Spass gemacht worden.«
    »Von welchem Spass redest Du nur immer?«
    »Du weisst ja doch: nachdem der Brief samt Einlage von mir kommt -«
    »Von Dir? ... Ich weiss nichts.«
    »Hast Du denn das Begleitschreiben nicht umgewendet? Sieh her: hier steht ja
auf der Kehrseite der Name und das Datum: Erster April.
Näher gebracht - immer näher! Ich habe es erfahren, dass die Annäherungsfähigkeit
liebender Herzen zu jenen Dingen gehört, die keine Grenzen haben - wie zum
Beispiel die Teilbarkeit. Man sollte glauben, ein Partikelchen sei schon so
klein, dass es nicht kleiner gedacht werden könne, und doch: es lässt sich noch in
zwei Hälften spalten; und man sollte glauben, zwei Herzen seien schon so
ineinander verschmolzen, dass ein innigeres Einswerden nicht mehr möglich wäre,
und doch: eine äussere Einwirkung und noch fester und näher - immer näher -
umschlingen und durchdringen sich die Herzensatome.
    So hatte Loris ziemlich geschmackloser Aprilscherz auf uns gewirkt, und so
wirkte noch ein äusseres Ereignis, welches kurz darauf eintrat. Ein heftiges
Nervenfieber nämlich, das mich sechs Wochen auf das Krankenlager warf. Ein an
sich zwar trübes Ereignis - und doch wie fruchtbar an glücklichen Erinnerungen
für mich und wie einflussreich auf den oben geschilderten Vorgang: das
»Noch-näher-bringen« von zwei so allernahesten Herzen. War es die Furcht, mich
zu verlieren, die mich dem Gatten noch teurer machte, oder war mir seine Liebe
nur noch offenbarer geworden durch sein Krankenwärter-Benehmen - kurz, während
dieses Nervenfiebers und nach demselben fühlte ich mich noch viel mehr und noch
viel sicherer geliebt als zuvor.
    Vor dem Sterben hatte ich mich auch wohl gefürchtet. Einmal, weil es mir
schrecklich leid getan hätte, ein Leben zu verlieren, das mir so reich an
Schönheit und Glück schien, und meine Lieben - Friedrich, mit dem ich so gern
alt geworden wäre, Rudolf, den ich so gern zum Manne auferzogen hätte, zu
verlassen; zweitens auch - nicht in Selbstsucht, sondern im Hinblick auf
Friedrich - war mir der Gedanke an den Tod entsetzlich, denn ich wusste, so gewiss
als man nur wissen kann, dass der Schmerz, mich zu begraben, den Beraubten schier
unerträglich wäre ... Nein, nein: glückliche Menschen und von teuren Wesen
geliebte Menschen können nicht Todesverachtung empfinden. Zu dieser gehört vor
allem Lebensverachtung. Ich konnte auf meinem Lager, wo die Krankheit mit ihrer
tödlichen Gewalt mich umschwirrte, wie der Krieger auf dem Schlachtfeld von
Kugeln umschwirrt wird, mich so recht in die Empfindung solcher Soldaten
hineindenken, welche das Leben lieben, und welche wissen, dass ihr Tod geliebte
Wesen in Verzweiflung stürzen würde.
    »Nur das eine hat der Soldat vor dem Fieberkranken voraus: das Bewusstsein
erfüllter Pflicht,« antwortete mir Friedrich, als ich ihm diese Gedanken
mitteilte. »Doch darin gebe ich Dir recht: gleichgültig sterben, freudig
sterben, - was uns allentalben zugemutet wird - das kann kein glücklicher
Mensch. Das konnten nur die aller Lebensnot Preisgegebenen in alter Zeit, die an
der Friedensexistenz gar nichts zu verlieren hatten, oder solche, die sich und
ihre Brüder nur durch den Tod von Schmach und unerträglichem Joch befreien
können.«
    Als die Gefahr überstanden war, wie genoss ich da meine Genesung, meine
Wiedergeburt! Das war ein Fest - für uns beide. Ähnlich dem Glücke bei der
Wiedervereinigung nach dem Schleswig-Holsteiner Kriege, aber doch anders. Dort
kam die Freude mit einem Schlag und hier nach und nach - und zudem, wir waren
uns ja seiter wieder näher, immer näher.
    Mein Vater hatte mich während meiner Krankheit täglich besucht und viel
Besorgnis gezeigt; dennoch, ich wusste, dass er sich meinen Tod nicht übertrieben
zu Herzen genommen hätte. Seine beiden jüngeren Töchter hatte er viel lieber als
mich, und der Liebste von Allen war ihm Otto. Ich war ihm durch meine zwei
Heiraten, namentlich durch die zweite, und vielleicht auch durch meine ganz
verschiedene Denkungsart, einigermassen entfremdet. Als ich vollständig
hergestellt war - es war Mitte Juni -, übersiedelte er nach Grumitz und forderte
mich lebhaft auf, samt meinem kleinen Rudolf mitzukommen. Ich aber zog es vor,
da Friedrich diensteshalber die Stadt nicht verlassen durfte, meinen
Landaufentalt ganz in der Nähe von Wien zu nehmen, wo mein Mann mich täglich
besuchen konnte, und so mietete ich eine Sommerwohnung in Hitzing.
    Meine Schwestern - immer unter Tante Mariens Schutz - reisten nach
Marienbad. In ihrem letzten Brief aus Prag schrieb mir Lilli unter Anderem:
    »Ich muss Dir gestehen, dass Vetter Konrad anfängt, mir - gar nicht zuwider zu
    werden. Während so manchen Cotillons war ich in der Laune, wenn er nur die
    betreffende Frage gestellt hätte, ja zu sagen. Er unterliess es aber, den
    entscheidenden Schritt im rechten Moment zu tun. Als es hiess, dass wir
    abreisen sollten, hat er zwar wieder einen neuen Antrag gemacht, aber da
    hatte ich einen neuen Anfall von Korbgeben. Das habe ich mir dem armen
    Konrad gegenüber schon so angewöhnt, dass, wenn er das bekannte: Willst Du
    nicht doch meine Frau werden, Lilli? vorbringt, meine Zunge ganz von selber
    antwortet: Fällt mir gar nicht ein. Diesmal aber habe ich hinzugefügt: Frage
    in sechs Monaten nochmals an. Ich werde nämlich den Sommer über mein Herz
    prüfen. Sehne ich mich nach dem Abwesenden, verlässt mich der Gedanke an ihn
    - der mich jetzt so ziemlich unablässig im Wachen und Träumen verfolgt -
    auch in Marienbad nicht; gelingt es dort und auch in folgender Jagdsaison
    keinem Anderen, Eindruck auf mich zu machen - dann hat des eigensinnigen
    Vetters Ausdauer gesiegt.«
Um dieselbe Zeit schrieb mir Tante Marie: (Es ist zufällig der einzige Brief von
ihr, den ich aufbewahrt habe.)
    »Mein liebes Kind! Das war eine ermüdende Winter-Campagne: Ich werde nicht
    wenig froh sein, wenn Rosa und Lilli Partien gefunden haben werden. Gefunden
    hätten sie deren zwar genug, denn wie Du weisst, haben sie hier im Laufe des
    Faschings jede ein Vierteldutzend Körbe ausgeteilt - den perennierenden
    Konrad gar nicht mitgerechnet. Jetzt wird die Plackerei in Marienbad wieder
    anheben. Ich wäre für mein Leben gern nach Grumitz gegangen, oder zu Dir -
    und muss statt dessen die mühsame und undankbare Chaperon-Rolle bei den
    vergnügungssüchtigen Mädchen weiterspielen.
        Ich freue mich sehr, zu hören, dass Du wieder ganz gesund bist. Jetzt, da
        die Gefahr vorüber, kann ich Dir sagen, dass wir sehr besorgt waren -
        Dein Mann schrieb uns eine Zeit lang so verzweifelte Briefe: jeden
        Augenblick fürchtete er, Dich sterben zu sehen. Nun das war Dir, Gott
        sei Dank, nicht bestimmt. Die Novene, welche ich für Deine Genesung bei
        den Ursulinerinnen abgehalten, hat vielleicht auch zu Deiner Rettung
        beigetragen. Der liebe Gott wird Dich für Deinen Rudi erhalten. Grüsse
        mir den lieben Kleinen, und er soll nur immer recht brav lernen. Ich
        schicke ihm gleichzeitig ein paar Bücher: Das fromme Kind und sein
        Schutzengel - eine wunderschöne Geschichte - und Vaterländische Helden -
        eine Sammlung von Kriegsbildern für Knaben. Man kann den Kleinen nicht
        früh genug Sinn für derlei beibringen. Dein Bruder Otto z.B. war noch
        nicht fünf Jahre alt, als ich ihm schon vom grossen Alexander, von Cäsar
        und anderen berühmten Eroberern erzählte - und wie ist er jetzt für
        alles Heroische begeistert - es ist ein Vergnügen! Ich habe vernommen,
        dass Du den Sommer in der Nähe von Wien bleiben willst, statt nach
        Grumitz zu gehen. Daran tust Du sehr unrecht. Die Luft in Grumitz würde
        Dir viel besser bekommen, als die des staubigen Hietzing - und der arme
        Papa wird sich langweilen, so allein. Vermutlich willst Du Deines Mannes
        wegen nicht fort; aber mir will scheinen, dass die Tochterpflichten doch
        auch nicht ganz vernachlässigt werden sollten. Tilling könnte ja doch
        bisweilen auch einen Tag nach Grumitz kommen. Gar so viel beieinander
        sein ist für Eheleute nicht einmal gut - glaube meiner Lebenserfahrung.
        Ich habe bemerkt, dass die besten Ehen diejenigen sind, wo die Gatten
        sich nicht immer gegenseitig auf dem Halse sitzen, sondern einander eine
        gewisse Freiheit lassen. Jetzt leb' wohl, schone Dich, damit Du keinen
        Rückfall bekommst, und überlege Dir das noch mit Hietzing. Der Himmel
        schütze Dich und Deinen Rudi! - Dies das aufrichtige Gebet Deiner Dich
        liebenden
                                                                    Tante Marie.
P. S. Dein Mann hat ja Verwandte in Preussen (zum Glück ist er nicht so arrogant
wie seine Landsleute), frage ihn doch, was man dort im allgemeinen spricht über
die politische Lage. Dieselbe ist doch sehr bedenklich.«
Dieser Brief meiner Tante brachte mir erst wieder ins Gedächtnis, dass es eine
»politische Lage« gebe. Die ganze Zeit über hatte ich mich nicht um derlei
gekümmert. Vor und nach meiner Krankheit hatte ich zwar, wie immer, viel
gelesen: Tag- und Wochenblätter, Revüen und Bücher, aber die Leitartikel der
Zeitungen waren unbeachtet geblieben; seitdem ich nicht mehr die bange Frage
aufstellte: »Krieg oder nicht Krieg«, besass der inner- und ausserpolitische
Klatsch kein Interesse für mich. Erst anlässlich der Nachschrift des oben
angeführten Briefes fiel mir ein, das Vernachlässigte einzuholen und mich nach
den gegenwärtigen Verhältnissen zu erkundigen.
    »Was will denn Tante Marie mit diesem bedrohlich sagen, Du minder arroganter
Preusse?« frug ich meinen Mann, ihm den Brief zu lesen gebend. »Gibt es denn
überhaupt jetzt eine politische Lage?«
    »Die gibt es - gerade so wie irgend ein Wetter - leider immer. Und dabei
ebenso veränderlich und trügerisch -«
    »Nun, so erzähle mir ... Spricht man etwa noch immer von den verwickelten
Elbherzogtümern? Sind die nicht abgemacht?«
    »Mehr als je spricht man davon. Nicht im geringsten abgemacht. Die
Schleswig-Holsteiner haben jetzt grosse Lust, die Preussen - die arroganten, denn
das sind wir, dem neuesten Schlagwort gemäss - wieder ganz los zu werden. Eher
dänisch als preussisch, wiederholen sie eine ihnen von den Mittelstaaten gegebene
Losung. Und weisst Du, wie das abgedroschene Meerumschlungen-Lied jetzt zur
Abwechselung gesungen wird:
»Schleswig-Holstein stammverwandt
Schmeisst die Preussen aus dem Land.«
»Und was ist's mit dem Augustenburger? Den haben sie doch? O sag' mir nicht,
Friedrich, dass sie ihn nicht haben ... Wegen dieses einzig berechtigten
Tronerben, nach welchem die armen dänengedrückten Lande sich so gesehnt, musste
der ganze Krieg, der mich Dich - Dich! - hätte kosten können, geführt werden!
Lass mir also wenigstens den Trost, dass der nötige Augustenburg in seine Rechte
eingesetzt worden und über die ungeteilten Herzogtümer regiert. Auf diesem
ungeteilt bestehe ich: das ist ein altes historisches Recht, das jenem seit
mehreren hundert Jahren verbürgt ist und dessen Begründung ich mir mühsam genug
erforscht habe.«
    »Schlecht steht's um Deine historischen Rechtsansprüche, meine arme Marta,«
lachte Friedrich. »Vom Augustenburger ist - ausser in seinen eigenen Protesten
und Manifesten - gar nicht mehr die Rede!«
    Von nun an fing ich wieder an, mich um die politischen Verwicklungen zu
bekümmen und erfuhr folgendes:
    
    Festgesetzt und anerkannt war - trotz des beim wiener Frieden gezeichneten
Protokolls - eigentlich noch gar nichts. Die schleswig-holsteinische Frage war
seiter in allerlei Stadien gebracht worden, »schwebte« aber mehr als je. Der
Augustenburger und der Oldenburger hatten sich beeilt - nach der von seiten des
Glücksburgers erfolgten Abtretung -, beim Bundestag zu reklamieren. Und
Lauenburg verlangte stürmisch, dem Königreich Preussen einverleibt zu werden.
Niemand wusste, was die Verbündeten nun eigentlich mit den eroberten Provinzen
anfangen würden. Von diesen beiden Mächten selber mutete jede der anderen zu,
dass jede die andere übervorteilen wolle.
    »Was will nur dieses Preussen?« Das ist nunmehr die von Österreich, von den
Mittelstaaten und den Herzogtümern stets aufgeworfene, Böses ahnende Frage.
Napoleon III. rät Preussen, es solle die Herzogtümer - bis auf das dänisch
redende Nordschleswig annektieren. Aber daran denkt Preussen vorläufig nicht. Am
22. Februar 1865 formuliert es endlich seine Ansprüche dahin: Preussische Truppen
bleiben in den Landen; die letzteren haben ihre Wehrkraft zu Wasser und zu Land
mit Ausnahme eines Bundeskontingents Preussen zur Verfügung zu stellen. Der
Kieler Hafen wird in Besitz genommen: Post und Telegraphen sollen preussisch
werden und die Herzogtümer müssen sich dem Zollverein anschliessen.
    Über diese Forderungen ärgert sich - ich weiss nicht warum - unser Minister
Mensdorf-Ponilly. Und noch mehr - ich weiss schon gar nicht warum - vermutlich
aus Neid, diesem Grundzug in Behandlung der »äusseren Angelegenheiten« - ärgern
sich die Mittelstaaten. Dieselben verlangen ungestüm, der Augustenburger möge
eiligst, sofort, in die Verwaltung der Herzogtümer eingesetzt werden. Österreich
hat aber auch etwas zu sagen und sagt - indem es den Augustenburger als Luft
behandelt -, dass es den Besitz des Kieler Hafens gern zugestehe, aber gegen die
Rekrutierung und Matrosenpresse sich verwahre.
    So wird unablässig fortgestritten. Preussen erklärt, dass seine Forderungen
nur im Interesse Deutschlands gemacht werden, dass es Annektierung gar nicht
verlange - Augustenburg möge, unter Gewährung der gestellten Forderungen, sein
Erbrecht antreten; wenn aber diese notwendigen und billigen Ansprüche nicht
befriedigt werden, dann - mit drohend erhobener Stimme - dann werde es
vielleicht gezwungen sein, mehr zu fordern. - Gegen diese drohenden erheben sich
sofort höhnische, hämische, hetzende Stimmen. In den Mittelstaaten und in
Österreich wird die öffentliche Meinung gegen Preussen und namentlich gegen
Bismarck immer mehr verbittert. Am 27. Juni tragen die Mittelstaaten darauf an,
von den Grossmächten Auskunft zu verlangen, aber (Auskunftgeben ist auch nicht
diplomatischer Brauch, nur alles schön geheim) die Grossmächte unterhandeln unter
sich. König Wilhelm reist nach Gastein, Kaiser Franz Joseph nach Ischl. Graf
Blome fliegt zwischen beiden hin und her und man einigt sich über verschiedene
Punkte: Die Besatzung soll halb österreichisch und halb preussisch werden.
Lauenburg wird - wie es ja selber wünschte - Preussen einverleibt. Dafür erhält
Österreich eine Entschädigung von zweieinhalb Millionen Taler. Dieses letztere
Ergebnis ist durchaus nicht im stande, mir patriotische Freude einzuflössen. Was
soll den sechsunddreissig Millionen Österreichern - selbst wenn sie unter ihnen
verteilt würde, was nicht geschieht - diese unbedeutende Summe nützen? Würde sie
die Hunderttausende ersetzen, die zum Beispiel ich bei Schmitt & Söhne durch
den Krieg verloren? Oder gar die Verluste derjenigen, die ihre gefallenen Lieben
beweinen? ... Was mich freut, ist ein am 14. August zu Gastein unterzeichneter
Vertrag. - »Vertrag«, das Wort klingt so friedensverheissend. Erst später habe
ich die Erfahrung gemacht, dass die internationalen Verträge sehr oft dazu da
sind, um durch gelegentliche Verletzungen dasjenige herbeizuschaffen, was man
einen »casus belli« nennt. Da braucht denn nur einer den anderen des
»Vertragsbruches« anzuklagen und sofort springen - mit allem Anschein der
Verteidigung verbriefter Rechte - die Schwerter aus der Scheide.
    Mir jedoch gewährte der Gasteiner Vertrag Beruhigung. Der Streit schien
beigelegt, General Gablenz - der schöne Gablenz, für welchen wir Frauen alle
leise schwärmten - ward Stattalter in Holstein; - Manteuffel in Schleswig. Auf
meine im Jahre 1460 erhaltene Lieblingszusicherung, dass die Lande ewig zusammen
bleiben, »ungeteilt«, musste ich jetzt doch endgültig verzichten. Und was meinen
Augustenburger betraf, für dessen Rechte ich mich so mühsam erwärmt hatte, so
geschah, dass der Prinz einmal ins Land kam und sich von seinen Getreuen anjubeln
liess, worauf ihm Manteuffel bedeutete, dass, wenn er noch einmal sich
unterstände, ohne Erlaubnis in die Gegend zu kommen, er ihn unweigerlich
verhaften lassen müsste. Wer das keinen guten Witz der Muse Klio findet, der hat
kein Verständnis für die »Fliegenden Blätter« der Geschichte.
Trotz des Gasteiner Vertrages wollte die Angelegenheit nicht zur Ruhe kommen,
und da ich nun - durch Tante Mariens Brief und die darauf erhaltenen Auskünfte
aufgeschreckt - nunmehr wieder regelmässig die politischen Leitartikel las und
mich allseitig über die herrschenden Meinungen erkundigte, so konnte ich die
Phasen des schwebenden Streites wieder genau verfolgen. Dass derselbe zu einem
Krieg führen würde, fürchtete ich nicht. Solche Prozessfragen mussten doch auf dem
Wege der Prozesse - nämlich durch Abwägung der Rechtsansprüche und durch
hiernach zu fällendem Rechtsspruch - zum Austrag zu bringen sein. Alle diese
beratenden Minister- und Bundesversammlungen, diese unterhandelnden Staatsmänner
und freundschaftlich verkehrenden Monarchen, würden doch mit diesen - im Grunde
so unwichtigen - Streitfragen fertig werden. Mehr mit Neugierde, als mit
Besorgnis folgte ich dem Gang dieser Angelegenheit, deren verschiedene Stadien
ich in den roten Heften notiert finde:
    1. Oktober 1865. In Frankfurt Abgeordnetentag, folgende Beschlüsse gefasst:
    1) Selbstbestimmungsrecht des schleswigholsteinschen Volkes bleibt in Kraft.
    Der Gasteiner Vertrag wird als Rechtsbruch von der Nation verworfen. 2) Alle
    Volksvertreter sollen den Regierungen, welche die bisherige Politik der
    Vergewaltigung fordern, alle Steuern und Anlehen verweigern.
    15. Oktober. Preussischer Kronsyndikus gibt sein Gutachten über die Erbrechte
    des Prinzen Augustenburg ab. Der Vater desselben habe für sich und seine
    Nachkommen, gegen eine Summe von andertalb Millionen Speziestaler auf die
    Tronanwartschaft verzichtet. Im wiener Frieden seien die Herzogtümer
    abgetreten - somit habe der Augustenburger gar nichts mehr zu beanspruchen.
Eine Frechheit, eine Anmassung - wird die in Berlin geführte Sprache genannt und
die »preussische Arroganz« wird zum Schlagwort. »Gegen die muss man sich schützen:
das wird allentalben als Dogma aufgestellt. König Wilhelm scheint sich auf den
deutschen Viktor Emanuel aufspielen zu wollen.« - »Österreich hat die stille
Absicht, Schlesien zurück zu erobern.« »Preussen buhlt mit Frankreich.«
»Österreich buhlt mit Frankreich« ... et patati et patatà, wie die Franzosen
sagen ... Tritschtratsch heisst es auf deutsch und pflegt in den Kaffeekränzchen
der Kleinstädter, nicht eifriger betrieben zu werden, als zwischen den
Kabinetten der Grossmächte.
    Der Winter brachte meine ganze Familie wieder nach Wien zurück. Rosa und
Lilli hatten sich in den böhmischen Bädern sehr gut unterhalten, aber verlobt
hatte sich keine. Konrads Aktien standen vortrefflich. In der Jagdsaison war er
nach Grumitz gekommen, und obwohl bei dieser Gelegenheit das entscheidende Wort
noch immer nicht gesprochen wurde, waren jetzt doch beide in ihrem Innern
überzeugt, dass sie als ein Paar enden würden.
    Auch zu diesen Herbstjagden war ich, trotz meines Vaters dringenden
Zuredens, nicht erschienen. Friedrich hatte keinen Urlaub erhalten, und mich von
ihm zu trennen, war ein Leidwesen, das ich mir ohne Notwendigkeit nicht
auferlegen mochte. Ein zweiter Grund, mich nicht auf längere Zeit zu meinem
Vater zu begeben, war der, dass ich meinen kleinen Rudolf nicht gern dem
grossväterlichen Einfluss überliess, denn dieser war dazu angetan, dem Kinde
militärische Neigungen einzuflössen. Die Lust zu diesem Berufe, zu welchem ich
meinen Sohn durchaus nicht bestimmen wollte, war ohnehin schon in ihm geweckt.
Vermutlich lag's im Blute. Der Spross einer langen Reihe von Kriegern muss
naturgemäss kriegerische Anlagen zur Welt bringen. In den naturwissenschaftlichen
Werken, deren Studium wir jetzt eifriger denn je betrieben, hatte ich von der
Macht der Vererbung gelernt, von dem Wesen der sogenannten »angeborenen
Anlagen«, welche weiter nichts sind, als der Drang, die von den Ahnen
angenommenen Gewohnheiten zu betätigen.
    Zu des Kleinen Geburtstag brachte ihm sein Grossvater diesmal richtig wieder
einen Säbel.
    »Du weisst doch, Vater,« sagte ich ärgerlich, »dass mein Rudolf durchaus nicht
Soldat werden soll; ich muss Dich schon ernstlich bitten -«
    »Also ein Muttersöhnchen willst Du aus ihm machen? Das wird Dir hoffentlich
nicht gelingen. Gutes Soldatenblut lügt nicht: ... Ist der Bursch einmal
erwachsen, so wird er seinen Beruf schon selber wählen - und einen schöneren
gibt es nicht, als den, welchen Du ihm verbieten willst.«
    »Marta fürchtet sich, den einzigen Sohn der Gefahr auszusetzen,« bemerkte
Tante Marie, welche diesem Gespräche beiwohnte; »sie vergisst aber, dass, wenn es
einem bestimmt ist, zu sterben, ihn dieses Los ebensogut im Bett als im Krieg
ereilt.«
    »Also, wenn in einem Kriege hunderttausend Menschen zu grunde gegangen sind,
so wären dieselben auch im Frieden verunglückt?«
    Tante Marie war um eine Antwort nicht verlegen.
    »Diese Hunderttausend waren dann eben bestimmt, im Krieg zu sterben.«
    »Wenn aber die Menschen so gescheit wären, keinen solchen mehr zu beginnen?«
warf ich ein.
    »Das ist aber eine Unmöglichkeit,« rief mein Vater, und damit war das
Gespräch wieder auf eine Kontroverse gebracht, welche er und ich des öfteren -
und zwar stets in denselben Geleisen - zu führen pflegten. Auf der einen Seite
die gleichen Behauptungen und Gründe, auf der anderen die gleichen
Gegenbehauptungen und Gegengründe. Es gibt nichts, worauf die Fabel der Hydra so
gut passt, wie auf das Ungetüm: stehende Meinung. Kaum hat man ihm so einen
Argumentenkopf abgeschlagen und macht sich daran, den zweiten folgen zu lassen,
so ist der erste schon wieder nachgewachsen.
    Da hatte mein Vater so ein paar Lieblingsbeweise zu Gunsten des Krieges, die
nicht umzubringen waren.
1. Kriege sind von Gott - dem Herrn der Heerscharen - selber eingesetzt, siehe
    die heilige Schrift.
2. Es hat immer welche gegeben, folglich wird es auch immer welche geben.
3. Die Menschheit würde sich ohne diese gelegentliche Dezimierung zu stark
    vermehren.
4. Der dauernde Friede erschlafft, verweichlicht, hat - wie stehendes
    Sumpfwasser - Fäulnis, nämlich den Verfall der Sitten zur Folge.
5. Zur Betätigung der Selbstaufopferung, des Heldenmuts, kurz zur
    Charakterstählung sind Kriege das beste Mittel.
6. Die Menschen werden immer streiten, volle Übereinstimmung in allen Ansprüchen
    ist unmöglich - verschiedene Interessen müssen stets aneinanderstossen,
    folglich ewiger Friede ein Widersinn.
Keiner dieser Sätze, namentlich keins der darin entaltenen »folglich« lässt sich
stichhaltig behaupten, wenn man ihm zu Leibe rückt. Aber jeder dient dem
Verteidiger als Verschanzung, wenn er die anderen fallen lassen musste. Und
während die neue Verschanzung fällt, hat sich die alte wieder aufgerichtet.
    Zum Beispiel wenn der Kriegskämpe, in die Enge getrieben, nicht mehr im
stande ist, Nr. 4 aufrecht zu erhalten und zugeben muss, dass der Friedenszustand
menschenwürdiger, beglückender, kulturfördernder sei als der Krieg, so sagt er:
    Nun ja, ein Übel ist der Krieg schon, aber unvermeidlich, denn: Nr. 1 und 2.
    Zeigt man nun, dass er vermieden werden könnte, durch Staatenbund,
Schiedsgerichte u.s.w., so heisst es:
    Nun ja, man könnte, wohl aber soll nicht, denn: Nr. 5.
    Jetzt wirft der Friedensanwalt diesen Einwand um und beweist, dass, im
Gegenteile, der Krieg den Menschen verroht und entmenschlicht -
    Nun ja, das schon, aber - Nr. 3.
    Dieses Argument, wenn von den Verherrlichern des Krieges angeführt, ist
schon das allerunaufrichtigste. Eher dient es jenen, die den Krieg verabscheuen
und die für die grausige Erscheinung doch einen Grund, ein die Natur sozusagen
entschuldigendes Moment auffinden wollen; aber wer im Innern den Krieg liebt und
ihn erhalten hilft, der tut es sicher nicht im Hinblick auf das Wohlbefinden
entfernter Geschlechter. Die gewalttätige Dezimierung der gegenwärtigen
Menschheit durch Totschlag, künstliche Seuchenbildung und Verarmung wird gewiss
nicht veranstaltet, um von der künftigen die Gefahr etwaigen Mangelleidens
abzulenken; wenn menschliches Eingreifen nötig wäre, um zum allgemeinen Wohle
Übervölkerung zu verhüten, so gäbe es wohl direktere Mittel hierzu als
Kriegführung. Das Argument ist also nur eine Finte, welche aber meist mit Erfolg
angewendet wird, weil sie verblüfft. Das Ding klingt so gelehrt und eigentlich
sehr menschenfreundlich - man denke nur: unsere lieben in einigen tausend Jahren
lebenden Nachkommen, denen müssen wir doch genügenden Ellbogenraum schaffen! -
Dieses Nr. 3 bringt viele Friedensverteidiger in Verlegenheit. Über solche
naturwissenschaftliche und sozialökonomische Fragen sind die wenigsten Leute
unterrichtet; die wenigsten wissen wohl, dass das Gleichgewicht von Sterblichkeit
und Fruchtbarkeit von selber sich herstellt; dass die Natur über ihre Lebewesen
nicht die vernichtenden Gefahren bringt, um deren Überzahl zu verhüten, sondern
umgekehrt: dass sie die Fruchtbarkeit derer erhöht, die grossen Gefahren
ausgesetzt sind. Nach einem Kriege z, B. steigt die Zahl der Geburten und so
wird der Verlust wieder ersetzt; nach langem Frieden und bei Wohlstande fällt
diese Zahl - und so tritt die Übervölkerung - - dieses Wahngespenst - überhaupt
nicht ein. Das alles aber hat man nicht klar vor Augen; man fühlt nur
instinktiv, dass das berühmte Nr. 3 nicht richtig sein kann und keinesfalls vom
anderen ehrlich gemeint ist. Da begnügt man sich, das alte Sprichwort
anzuführen: »Es ist schon dafür gesorgt, dass die Bäume nicht in den Himmel
wachsen« und dann - nicht jenes Resultat haben die Machtaber im Auge ...
    - Zugegeben - aber Nr. 1.
    Und so nimmt der Streit kein Ende. Der Kriegerische behält immer recht; sein
Räsonnement bewegt sich in einem Kreise, wo man ihm stets nachlaufen, ihn aber
nie erreichen kann. Der Krieg ist ein schreckliches Übel, aber er muss sein. - Er
muss zwar nicht sein, aber er ist ein hohes Gut. Diesen Mangel an
Folgerichtigkeit, an logischer Ehrlichkeit, lassen sich alle jene zu schulden
kommen, welche aus uneingestandenen Gründen - oder auch ohne Gründe, bloss
instinktiv - eine Sache vertreten und hier alle ihnen je zu Ohren gekommenen
Phrasen und Gemeinplätze benutzen, welche zur Verteidigung der betreffenden
Sache in Umlauf gesetzt worden sind. Dass diese Argumente von den verschiedensten
Standpunkten ausgehen, dass sie daher einander nicht nur nicht unterstützen,
sondern mitunter geradezu aufheben, das ist jenen einerlei. Nicht weil diese
oder jene Schlüsse dem eigenen Nachdenken entsprungen und der eigenen
Überzeugung gemäss sind, sind sie zu ihrer aufgestellten Behauptung gelangt,
sondern nur um diese letztere zu stützen, gebrauchen sie auswahllos die von
anderen Leuten durchdachten Folgerungen.
    Das alles konnte ich mir zwar damals, wenn ich mit meinem Vater über das
Tema Krieg und Frieden stritt, nicht so ganz klar machen; erst später habe ich
mir angewöhnt, den Verrichtungen des Geistes im eigenen und im Kopfe anderer
beobachtend nachzuspüren. Ich erinnere mich nur, dass ich immer höchst ermüdet
und abgespannt aus diesen Diskussionen hervorging, und jetzt weiss ich, dass diese
Ermüdung von dem »Im-Kreise-nachlaufen« kam, zu welchem mich meines Vaters
Streitweise zwang. Der Schluss war dann doch jedesmal ein seinerseits mit
mitleidigem Achselzucken gesprochenes »Das verstehst Du nicht«, welches - da es
sich um militärische Dinge handelte - im Munde eines alten Generals, einer
jungen Frau gegenüber, gewiss sehr gerechtfertigt klang.
Neujahr 1866. Wieder sassen wir alle - bei Punsch und Faschingkrapfen - um meines
Vaters Tisch versammelt, als die erste Stunde dieses verhängnisvollen Jahres
schlug. Es war ein heiteres Fest. Zugleich mit Sylvester feierten wir eine
Verlobung: Konrad und Lilli. Als der Zeiger auf Zwölf wies und auf der Strasse
einige Freudenschüsse losgingen, umschlang mein unternehmender Vetter das neben
ihm sitzende Mädchen, presste - zu unser aller Staunen - einen Kuss auf ihre
Lippen und fragte dann:
    »Willst Du mich in 66?«
    »Ja - ich will,« antwortete sie; »ja - ich hab' Dich lieb, Konrad.« Das war
nun von allen Seiten ein Gläser-erklingen-lassen und umarmen und Händeschütteln,
und Glück- und Segenwünschen ohne Ende:
    »Das Brautpaar soll leben« - »Konrad und Lilli - hoch!« - »Gott segne eueren
Bund, Kinder« - »Gratuliere herzlichst, Vetter« - »Sei glücklich, Schwester« und
so weiter und so weiter. Eine freudige und gerührte Stimmung bemächtigte sich
unser aller. Vielleicht nicht bei allen ganz neidlos; denn so wie der Tod das
traurigste und bedauernswerteste Ereignis abgibt, so ist die Liebe - die zum
lebenschaffenden Bunde sanktionierte Liebe - das fröhlichste und
beneidenswerteste. Ich konnte zwar von Neid nichts spüren, denn mir war das der
neuen Braut erst verheissene Glück schon zum wirklichen und festen Besitz
geworden; es beschlich mich eher ein Gefühl des Zweifels: »So ein vollkommenes
Glück, wie es mir von Friedrich bereitet wird, kann wohl der armen Lilli kaum zu
teil werden ... Konrad ist zwar ein allerliebster Mensch, aber - es gibt nur
einen Friedrich!«
    Mein Vater machte dem Gratulationstumult ein Ende, indem er mit dem an
seinem kleinen Finger befindlichen Siegelring an das Glas klopfte und sich zum
sprechen erhob:
    »Meine lieben Kinder und Freunde« - sagte er ungefähr - »das Jahr
sechsundsechzig fängt gut an. Mir bringt es schon in der ersten Stunde die
Erfüllung eines Lieblingswunsches - denn auf den Konrad als Schwiegersohn hatte
ich es lange abgesehen. Hoffen wir, dass dieses freundliche Jahr auch unsere Rosa
unter die Haube und euch - Marta und Tilling - einen Storchbesuch bringt ...
Ihnen, Doktor Bresser, soll es zahlreiche Patienten verschaffen - was zwar mit
den vielen Gesundheitswünschen, die heute ausgetauscht werden, nicht recht
klappt ... und Dir, liebe Marie, bescheere es - vorausgesetzt, dass es Dir
bestimmt sei, ich kenne und ehre Deinen Fatalismus - einen Haupttreffer, oder
einen vollständigen Ablass, oder was Du Dir sonst wünschen magst; ... Dich, mein
Otto, beschenke es mit zahlreicher »Eminenz« zu Deiner Schlussprüfung und mit
allen möglichen soldatischen Tugenden und Kenntnissen, damit Du einst eine
Zierde der Armee und der Stolz Deines alten Vaters werdest ... Letzterem muss ich
doch auch einiges Gute zukommen lassen, und da dieser keine höheren Wünsche
kennt, als das Wohl und den Ruhm Österreichs, so möge das kommende Jahr dem
Lande einen grossen Gewinn bringen - die Lombardei oder - was weiss ich? - die
Provinz Schlesien ... Man kann nicht wissen, was sich da alles vorbereitet - es
ist gar nicht unmöglich, dass wir dieses, der grossen Maria Teresia entwendete
Land den frechen Preussen wieder abnehmen« ...
    Ich erinnere mich, dass der Schluss von meines Vaters Trinkrede »eine Kälte«
verbreitete. Die Lombardei und Schlesien - wahrlich, nach diesen fühlte niemand
unter uns ein dringendes Bedürfnis. Und der darunter versteckte Wunsch: »Krieg«
- also neuer Jammer, neue Todesqual - der stimmte schon gar nicht zu der weichen
Fröhlichkeit, welche diese, durch einen neuen Liebesbund geweihte Stunde in
unseren Herzen wachgerufen. Ich erlaubte mir sogar eine Entgegnung:
    »Nein, lieber Vater - für die Italiener und für die Preussen ist heute auch
Neujahr ... da wollen wir ihnen kein Verderben wünschen. Mögen im Jahre 66 und
in den folgenden alle Menschen besser, einträchtiger und glücklicher werden!«
    Mein Vater zuckte die Achseln!
    »O, Du Schwärmerin,« sagte er mitleidig.
    »Durchaus nicht,« nahm mich Friedrich in Schutz. »Der von Marta
ausgedrückte Wunsch beruht nicht auf Schwärmerei - denn seine Erfüllung ist uns
wissenschaftlich verbürgt. Besser und einträchtiger und glücklicher werden die
Menschen beständig - seit den Uranfängen bis auf heute. Aber so unmerklich
langsam, dass eine kleine Spanne Zeit, wie ein Jahr, kein sichtbares
Vorwärtsschreiten aufweisen kann.«
    »Wenn Ihr so fest an den ewigen Fortschritt glaubt,« warf mein Vater ein,
»warum dann euer häufiges Klagen über Reaktion, über Rückfall in die Barbarei?«
...
    »Weil« - Friedrich zog einen Bleistift aus der Tasche und zeichnete auf ein
Blatt Papier eine Spirale - »weil der Gang der Civilisation so beschaffen ist
wie dieses ... Bewegt sich diese Linie, trotz ihrer gelegentlichen
Rückwärtskrümmungen, nicht sicher voran? Das beginnende Jahr kann freilich eine
der Krümmungen vorstellen, besonders wenn, wie es den Anschein hat, wieder ein
Krieg geführt werden sollte. So etwas schleudert die Kultur - in jeder, in
materieller wie in moralischer Beziehung - immer wieder um ein gutes Stück
zurück.«
    »Du sprichst nicht wie ein Soldat, mein lieber Tilling.«
    »Ich spreche von einer allgemeinen Sache, mein lieber Schwiegervater.
Darüber kann meine Ansicht eine richtige oder falsche sein - ob sie nun eine
soldatische sei oder nicht, ist eine andere Frage. Wahrheit gibt es doch überall
nur eine ... Wenn ein Ding rot ist - soll es einer grundsätzlich blau nennen,
wenn er eine blaue Uniform, und schwarz, wenn er eine schwarze Kutte trägt?«
    »Eine - was?« Mein Vater pflegte, wenn ihm eine Diskussion nicht recht
genehm war, etwas Schwerhörigkeit hervorzukehren. Auf solches »was« die ganze
Rede zu wiederholen - dazu hatten die wenigsten Leute die Geduld und man gab den
Streit lieber auf.
    Noch in derselben Nacht, nachdem wir nach Hause gekommen, nahm ich meinen
Mann ins Verhör:
    »Was hast Du meinem Vater gesagt? ... Dass es allen Anschein habe, man würde
sich in diesem Jahre wieder schlagen? Ich will Dich in keinen Krieg mehr ziehen
lassen, ich will nicht« ...
    »Was hilft dieses leidenschaftliche ich will, meine Marta? Du wärest doch
die erste, die es angesichts der Umstände wieder zurückzöge. Je wahrscheinlicher
ein Krieg vor der Tür steht, desto unmöglicher wäre es mir, um Entlassung
einzukommen. Unmittelbar nach Schleswig-Holstein wäre es tunlich gewesen -«
    »Ach, diese elenden Schmitt & Söhne!« ...
    »Doch jetzt, wo sich neue Wolken ballen -«
    »Du glaubst also wirklich, dass -«
    »Ich glaube, diese Wolken werden sich wieder verziehen - die beiden
Grossmächte werden sich doch jener Nordländchen wegen nicht zerfleischen. Aber
weil es nun einmal drohend aussieht, würde ein Zurückziehen feige erscheinen.
Das leuchtet Dir wohl ein?«
    Diesen Gründen musste ich mich fügen. Aber ich klammerte mich fest an das
Hoffnungswort »Die Wolken werden sich verziehen.«
    Mit Spannung folgte ich nunmehr der Entwickelung der politischen Ereignisse
und den darüber in Zeitungen und Gesprächen kursierenden Meinungen und
Vorhersagungen. »Rüsten,« »rüsten« war jetzt die Losung. Preussen rüstet im
Stillen. Österreich rüstet im Stillen. Die Preussen behaupten, dass wir rüsten,
und es ist nicht wahr - sie rüsten. Sie leugnen - nein, es ist nicht wahr: wir
rüsten. Wenn jene rüsten, müssen wir auch rüsten. Wenn wir abrüsten, wer weiss,
ob jene abrüsten? So schlug die Rüsterei in allen möglichen Varianten an mein
Ohr. - Aber wozu denn dieses Waffengeklirre, wenn man nicht angreifen will?
fragte ich, worauf mein Vater den alten Spruch vorbrachte: Sie vis pacem, para
bellum: Wir rüsten ja doch nur aus Vorsicht. - Und die Andern? - In der Absicht,
uns zu überfallen. - Jene sagen aber auch, dass sie sich nur gegen unseren
Überfall vorsehen. - Das ist Heimtücke. - Und sie sagen, dass wir heimtückisch
seien. - Das sagen sie nur als Vorwand, um besser rüsten zu können.
    Wieder so ein endloser Cirkel, eine sich in den Schwanz beissende Schlange,
deren oberes und unteres Ende zweifache Unaufrichtigkeit ist ... Nur um einem
Feinde zu imponieren, der den Krieg will, kann die rüstende Schreckmetode etwa
des Friedens willen am Platze sein; aber zwei Gleichgesinnte, Frieden Wollende,
können unmöglich nach diesem System handeln, ohne dass Jeder fest überzeugt sei,
dass der Andere mit leeren Phrasen lügt. Und diese Überzeugung wird nur so fest,
wenn man selber hinter den gleichen Phrasen dieselben Absichten versteckt, deren
man den Gegner beschuldigt. Nicht nur die Auguren - auch die Diplomaten wissen
voneinander genau, was jeder hinter den öffentlichen Ceremonien und Redeweisen
im Sinne führt ...
    Das beiderseitige In-Kriegsbereitschaft-setzen dauerte die ersten Monate des
Jahres fort. Am 12. März kam mein Vater freudestrahlend in mein Zimmer gestürzt.
    »Hurrah!« rief er. »Gute Nachrichten -«
    »Abgerüstet?« fragte ich freudig.
    »Warum nicht gar! Im Gegenteil, die gute Nachricht ist die: Gestern wurde
grosser Kriegsrat gehalten ... Es ist wirklich glänzend, über welche Streitmacht
wir verfügen ... da kann sich der arrogante Preusse verstecken. - Mit 800 000
Mann sind wir stündlich bereit, auszurücken. Und Benedek, unser tüchtigster
Stratege, wird Oberfeldherr mit unbeschränkter Vollmacht ... Ich sag' Dir's im
Vertrauen, Kind: Schlesien ist unser, wenn wir nur wollen« ...
    »O Gott, o Gott,« - stöhnte ich - »soll denn wieder diese Geissel über uns
kommen! Wer - wer kann denn nur so gewissenlos sein - aus Ehrgeiz, aus
Ländergier -«
    »Beruhige Dich. Wir sind nicht so ehrgeizig - noch sind wir ländergierig.
Wir wollen - (das heisst ich gerade nicht, mir wäre die Wiedergewinnung unseres
Schlesiens schon recht) aber die Regierung will Frieden halten - das hat sie oft
genug versichert. Und der ungeheuere Stand unserer aktiven Armee, wie derselbe
aus den im gestrigen Kriegsrat dem Kaiser vorgelegten Mitteilungen sich ergibt,
wird allen anderen Mächten gehörigen Respekt einflössen ... Preussen wird wohl zu
allererst klein beilegen und aufhören, das grosse Wort führen zu wollen ... Wir
haben, Gott sei Dank, in Schleswig-Holstein auch noch mitzureden - und werden
sicher nie dulden, dass sich der andere Grossstaat durch allzustarke
Machtausdehnung eine überwiegende Stellung in Deutschland erringe ... Da handelt
es sich um unsere Ehre, um unser »prestige« - vielleicht um unsere Existenz -
das verstehst Du nicht ... Das Ganze ist ja doch nur ein Hegemoniestreit - um
das miserable Schleswig handelt es sich am wenigsten - aber der prächtige
Kriegsrat hat deutlich gezeigt, wer den ersten Rang einnimmt und wer den Anderen
Bedingungen vorschreiben darf; die Nachkommen der kleinen brandenburger
Kurfürsten oder diejenigen der langen römisch-deutschen Kaiser- Ich halte den
Frieden für gesichert. Sollten aber die anderen dennoch fortfahren, sich
unverschämt und arrogant zu gebärden und dadurch einen Krieg unvermeidlich
machen, so ist uns der Sieg verbürgt und mit demselben ganz unberechenbare
Gewinne ... Es wäre zu wünschen, dass es losginge -«
    »Nun ja, das wünschest Du auch, Vater - und mit Dir wahrscheinlich der ganze
Kriegsrat! So ist's mir lieber, wenn das aufrichtig gesagt wird ... Nur nicht
diese Falschheit, dem Volke und den Friedliebenden zu versichern, dass all die
Waffenanschaffungen und Heerverstärkungen und Militärkreditforderungen nur um
des lieben Friedens willen geschehen. Wenn ihr schon die Zähne zeigt und die
Fäuste ballt, so flüstert keine sanften Worte dazu - wenn ihr schon vor Ungeduld
zittert, das Schwert zu schwingen, so macht doch nicht, als legtet ihr aus
blosser Vorsicht die Hand an den Knauf« ...
    So redete ich eine Weile mit bebender Stimme und steigendem Affekte fort -
ohne dass mein verblüffter Vater ein Wort erwiderte - und brach schliesslich in
Tränen aus.
Jetzt folgte eine Zeit der schwankenden Hoffnungen und Befürchtungen. Heute hiess
es »der Friede gesichert«, morgen - »der Krieg unvermeidlich«. Die meisten Leute
waren letzterer Ansicht. Nicht so sehr, weil die Verhältnisse auf die
Notwendigkeit eines blutigen Austrages wiesen, als deshalb, weil, wenn das Wort
»Krieg« einmal gefallen, wohl noch sehr lange hin und her debattiert werden
kann, aber erfahrungsgemäss das Ende jedesmal Krieg ist. Das kleine, unscheinbare
Ei, welches den »Casus belli« entält, wird da so lange ausgebrütet bis das
Ungetüm hervorkriecht.
    Täglich zeichnete ich in die roten Hefte die Phasen des schwebenden Streites
auf und so wusste ich damals, und weiss noch heute, wie der verhängnisvolle »66er
Krieg sich vorbereitet hat und wie er ausgebrochen ist. Ohne diese Eintragungen
wäre ich wohl über das betreffende Stück Geschichte in derselben Unkenntnis, in
welcher die meisten, inmitten der Geschichtsabspielung lebenden Menschen sich
befinden. Gewöhnlich weiss die grosse Mehrzahl der Bevölkerung nicht, warum und
wie ein Krieg entsteht - man sieht ihn nur eine Zeit lang kommen - dann ist er
da. Und wenn er da ist, so frägt man schon gar nicht mehr nach den kleinen
Interessen und Meinungsverschiedenheiten, die ihn herbeigeführt, sondern ist nur
noch mit den gewaltigen Ereignissen beschäftigt, die sein Fortgang mit sich
bringt. Und ist er einmal vorüber, so erinnert man sich höchstens der dabei
persönlich erlebten Schrecken und Verluste - beziehungsweise Gewinne und
Triumphe - aber an die politischen Entstehungsgründe wird nicht mehr gedacht. In
den verschiedenen Geschichtswerken, welche nach jedem Feldzuge unter Titeln wie
»Der Krieg vom Jahre - historisch und strategisch dargestellt -« und dergleichen
erscheinen, werden alle vergangenen Streitmotive und alle taktischen Bewegungen
des betreffenden Feldzuges aufgezählt, und wer dafür Interesse hat, kann in der
einschlägigen Litteratur sich Aufschluss holen; - aber im Gedächtnis des Volkes
lebt diese Geschichte gewiss nicht fort. Auch von den Gefühlen des Hasses und der
Begeisterung, der Erbitterung und Siegeshoffnung, mit welchen die ganze
Bevölkerung den Anfang des Krieges begrüsst - Gefühle, welche sich in dem
Schlagwort äussern: »dieser Krieg ist sehr populär«, auch davon ist nach ein paar
Jahren alles verwischt.
    Am 24. März erlässt Preussen ein Rundschreiben, worin es sich über die
bedrohlichen österreichischen Rüstungen beklagt. - Warum rüsten wir denn nicht
ab, wenn wir nicht bedrohen wollen? - Wie sollen wir? Es wird ja am 28. März
preussischerseits verfügt, dass die Festungen in Schlesien und zwei Armeekorps in
Bereitschaft gesetzt werden sollen ...
    31. März. Gott sei Dank! Österreich erklärt, dass sämtliche umlaufende
Gerüchte über geheimes Rüsten falsch seien; es falle ihm gar nicht ein, Preussen
anzugreifen. Er stellt daher die Forderung, dass Preussen seine
Kriegsbereitschafts-Massnahmen einstelle.
    Preussen erwidert: Es denke gar nicht im entferntesten daran, Österreich
anzugreifen, aber durch des letzteren Rüstungen sei es gezwungen, sich auf
Angriff gefasst zu machen.
    So wird der zweistimmige Wechselgesang unausgesetzt fortgeführt:
Meine Rüstung ist die defensive,
Deine Rüstung ist die offensive,
Ich muss rüsten, weil du rüstest,
Weil du rüstest, rüste ich,
Also rüsten wir,
Rüsten wir nur immer zu.
Die Zeitungen geben die Orchesterbegleitung zu diesem Duo ab. Die Leitartikler
schwelgen in sogenannter Konjekturalpolitik. Es wird geschürt, gehetzt,
geprahlt, verleumdet. Geschichtswerke über den siebenjährigen Krieg werden
veröffentlicht, mit der ausgesprochenen Tendenz, die einstige Feindschaft
aufzufrischen.
    Indessen, der Notenwechsel dauert fort. Unterm 7. April leugnet Österreich
nochmals offiziell seine Rüstungen, spielt aber auf eine mündliche Äusserung an,
welche Bismarck gegen Károlyi gemacht hätte, »dass man sich über den Gasteiner
Vertrag leicht hinwegsetzen werde.« - Also davon sollen die Völkerschicksale
abhängen, was zwei Herren Diplomaten in mehr oder minder guter Laune über
Verträge sprechen? Und was sind das überhaupt für Verträge, deren Einhalten von
dem guten Willen der Kontrahenten abhängig bleibt und durch keine höhere
schiedsrichterliche Gewalt gesichert wird?
    Auf diese Note antwortet Preussen unterm 15. April, dass die Anschuldigung
unwahr sei; es müsse aber dabei beharren, dass Österreich wirklich an den Grenzen
gerüstet habe; dadurch sei die eigene Gegenrüstung gerechtfertigt. Ist es
Österreich mit dem Nichtangreifen Ernst, so solle es zuerst abrüsten.
    Hierauf das wiener Kabinett: Wir wollen am 23. dss. abrüsten, wenn Preussen
verspricht, am folgenden Tage dasselbe zu tun.
    Preussen erklärt sich bereit.
    Welch ein Aufatmen! So wird denn trotz aller drohenden Anzeichen der Friede
erhalten bleiben! Diese Wendung verzeichnete ich freudig in die roten Hefte.
    Aber zu früh. Neue Verwickelungen stellen sich ein. Österreich erklärt, es
könne nur im Norden, nicht aber zugleich im Süden abrüsten, denn dort sei es von
Italien bedroht.
    Darauf Preussen: Wenn Österreich nicht ganz abrüstet, so wollen wir auch
gerüstet bleiben.
    Jetzt lässt sich Italien vernehmen: Es wäre ihm nicht im entferntesten
eingefallen, Österreich anzugreifen, aber nach dessen letzter Erklärung werde es
allerdings Gegenrüstungen machen.
    Und so wird das hübsche Defensivlied nunmehr dreistimmig gesungen.
    Ich lasse mich von dieser Melodie wieder einigermassen in Ruhe lullen. Nach
solchen lauten und wiederholten Versicherungen kann doch keiner angreifen, und
ohne dass einer angreife, gibt es keinen Krieg. Das Prinzip, dass nur noch
Verteidigungskriege gerecht seien, hat sich schon so sehr des öffentlichen
Bewusstseins bemächtigt, dass doch keine Regierung mehr einen Einfall in das
Nachbarland unternehmen darf; und wenn sich nur lauter Verteidiger
gegenüberstehen, so können dieselben, so drohend sie auch bewaffnet, so fest sie
auch entschlossen seien, sich bis aufs Messer zu wehren - doch tatsächlich den
Frieden nicht brechen.
    Welche Täuschung! Neben »Offensive« gibt es ja noch verschiedene andere
Arten, Feindseligkeiten zu eröffnen. Da sind die irgend ein drittes Ländchen
betreffenden Forderungen und Einmengungen, die als ungerecht abgewehrt werden
können; da sind die alten Verträge, die man für verletzt erklärt, und für deren
Aufrechterhaltung zu den Waffen gegriffen werden muss; da ist endlich das
»europäische Gleichgewicht«, welches durch die Machterweiterung des einen oder
des anderen Staates gefährdet werden könnte und daher gegen solche
Machterweiterung energisches Einschreiten erheischt. Uneingestandenermassen, aber
am heftigsten zum Kampfe treibend, wirkt der lang geschürte Hass, welcher
schliesslich ebenso sehnsüchtig und naturgewaltig nach todbringendem Handgemenge
drängt, wie lang genährte Liebe nach lebenschöpfender Umarmung.
    Von nun an überstürzen sich die Ereignisse, Osterreich tritt so entschieden
für den Augustenburger ein, dass Preussen dies für einen Bruch des Gasteiner
Vertrags erklärt und darin eine deutliche feindliche Absicht erkennt, was zur
Folge hat, dass beiderseits aufs äusserste gerüstet wird und nun auch Sachsen
damit beginnt. Die Aufregung ist eine allgemeine und wird täglich heftiger.
»Krieg in Sicht, Krieg in Sicht!« verkünden alle Blätter und alle Gespräche. Mir
ist zu Mute, als wäre ich auf dem Meere und der Sturm im Anzug ...
    Der gehassteste und geschmähteste Mann in Europa heisst jetzt Bismarck. Am 7.
Mai wird auf denselben ein Mordversuch gemacht. Hat Blind, der Täter, jenen
Sturm dadurch abwenden wollen? Und hätte er ihn abgewendet?
    Ich erhalte aus Preussen Briefe von Tante Kornelie, aus welchen hervorgeht,
dass dort zu Lande der Krieg nichts weniger als gewünscht wird. Während bei uns
allgemeine Begeisterung für die Idee eines Krieges mit Preussen herrscht, und mit
Stolz auf unsere »Million auserlesener Soldaten« geblickt wird, herrscht drüben
innere Zerfahrenheit. Bismarck wird im eigenen Lande nicht viel weniger
geschmäht und verleumdet, als bei uns; das Gerücht geht, dass die Landwehr sich
weigern werde, in den »Bruderkrieg« zu ziehen, und man erzählt, dass die Königin
Augusta sich ihrem Gemahl zu Füssen geworfen, um für den Frieden zu flehen. O,
wie gern hätte ich an ihrer Seite gekniet und alle meine Schwestern - alle - zu
gleicher Tat hinreissen wollen. Das, das allein sollte aller Frauen Bestreben
sein: »Friede, Friede - die Waffen nieder!« Hätte doch unsere schöne Kaiserin
sich auch zu Füssen ihres Gemahls geworfen und weinend, mit erhobenen Händen, um
Entwaffnung gefleht! Wer weiss? Vielleicht hat sie es getan - vielleicht hätte
der Kaiser selber auch gewünscht, den Frieden zu erhalten, aber der Druck, der
von den Räten, von den Sprechern, Schreiern und Schreibern kommt, dem kann ein
einzelner Mensch, - selbst auf dem Tron - nicht widerstehen.
Am 1. Juni erklärt Preussen dem Bundestage, es werde sofort abrüsten, wenn
Österreich und Sachsen das Beispiel geben. Dagegen erfolgt von Wien geradeheraus
die Anschuldigung, dass Preussen schon lange mit Italien einen Angriff auf
Österreich geplant habe, weshalb Letzteres sich nunmehr ganz dem deutschen Bund
in die Arme werfen wolle, um diesen aufzufordern, die Entscheidung in Sachen der
Elbherzogtümer zu übernehmen. Gleichzeitig wolle es die holsteinischen Stände
einberufen.
    Gegen diese Erklärung legte Preussen Protest ein, weil dieselbe gegen den
Gasteiner Vertrag verstosse. Damit sei zum wiener Vertrag zurückgekehrt, nämlich
zum gemeinschaftlichen Condominat; folglich habe Preussen auch das Recht,
Holstein zu besetzen, wie es seinerseits den Österreichern den Besitz Schleswigs
nicht verwehre. Und zugleich rücken die Preussen in Holstein ein. Gablenz weicht
ohne Schwertstreich, aber unter Protest zurück.
    Vorher hat Bismarck in einem Rundschreiben gesagt: Von Wien hatten wir gar
kein Entgegenkommen gefunden. Im Gegenteil: es waren dem Könige von
autentischer Quelle Auslassungen von österreichischen Staatsmännern und
Ratgebern des Kaisers zu Ohren gekommen (Tritschtratsch), welche beweisen, dass
die Minister den Krieg um jeden Preis wünschen (Völkermord wünschen: welche
furchtbare Verbrechensanklage!), teils auf Erfolg im Felde hoffend, teils, um
über innere Schwierigkeiten hinwegzukommen und um den eigenen zerrütteten
Finanzen durch preussische Kontribution aufzuhelfen. (Staatsklugheit.)
    Unterm 9. Juni erklärt Preussen dem Bundestag, derselbe habe kein Recht zur
alleinigen Entscheidung in der schleswig-holsteinischen Frage. Ein neuer
Bundesreformplan wird vorgelegt, nach welchem die Niederlande und Österreich
ausgeschlossen bleiben sollen.
    Die Presse ist nunmehr ganz kriegerisch und zwar, wie dies patriotische
Sitte ist, siegesgewiss. Die Möglichkeit einer Niederlage muss für den loyalen
Untertan, den sein Fürst zum Kampfe ruft, völlig ausgeschlossen sein.
Verschiedene Leitartikel malen den bevorstehenden Einzug Benedeks in Berlin aus,
sowie die Plünderung dieser Stadt durch die Kroaten. Einige empfehlen auch,
Preussens Hauptstadt dem Erdboden gleich zu machen. »Plünderung«, »Erdboden
gleich machen«, »über die Klinge springen lassen« - diese Worte entsprechen zwar
nicht mehr dem neuzeitlichen Völkerrechtsbewusstsein, sie sind aber, von den
Schulstudien der alten Kriegsgeschichte her, an den Leuten hängen geblieben;
derlei ward in den auswendig gelernten Schlachtberichten so oft hergesagt, in
den deutschen Aufsätzen so oft niedergeschrieben, dass, wenn nun über das Tema
Krieg Zeitungsartikel verfasst werden sollen, solche Worte von selber in die
Feder fliessen. Die Verachtung des Feindes kann nicht drastisch genug ausgedrückt
werden; für die preussischen Truppen haben die wiener Zeitungen keine andere
Bezeichnung mehr, als »die Schneidergesellen«. General-Adjutant Graf Grünne hat
geäussert: »Diese Preussen werden wir mit nassen Fetzen verjagen«. Mit derlei
macht man einen Krieg eben »populär«. So etwas kräftigt das nationale
Selbstgefühl.
    11. Juni. Österreich beantragt, der Bund solle gegen die preussische
Selbstilfe in Holstein einschreiten und das ganze Bundesheer mobil machen. Am
14. Juni wird über diesen Antrag abgestimmt und mit neun gegen sechs Stimmen -
angenommen. O, diese drei Stimmen! Wie viel Jammer- und Wehgeheul hat diesen
drei Stimmen als Echo nachgedröhnt!
    Es ist geschehen. Die Gesandten erhalten ihre Pässe. Am 16. fordert der Bund
Österreich und Bayern auf, den Hannoveranern und Sachsen, welche bereits von
Preussen angegriffen seien, zu Hilfe zu kommen.
    Am 18. ergeht das preussische Kriegsmanifest. Zu gleicher Zeit das Manifest
des Kaisers von Österreich an sein Volk und die Proklamation Benedeks an seine
Truppen. Am 22. erlässt Prinz Friedrich Karl einen Armeebefehl und eröffnet damit
den Krieg. Ich habe die vier Urkunden zur Zeit abgeschrieben; hier sind sie:
    König Wilhelm sagt:
    »Österreich will nicht vergessen, dass seine Fürsten einst Deutschland
    beherrschten, will im jungen Preussen keinen Bundesgenossen, sondern nur
    einen feindlichen Nebenbuhler erkennen. Preussen, meint es, sei in allen
    seinen Bestrebungen zu bekämpfen, weil, was Preussen frommt, Österreich
    schade. Alte, unselige Eifersucht ist in hellen Flammen wieder aufgelodert;
    Preussen soll geschwächt, vernichtet, entehrt werden. Ihm gegenüber gelten
    keine Verträge mehr. Wohin wir in Deutschland schauen, sind wir von Feinden
    umgeben und deren Kampfgeschrei ist Erniedrigung Preussens. Bis zum letzten
    Augenblick habe ich die Wege zu gütigem Ausgleich gesucht und offen gehalten
    - Österreich wollte nicht.«
Dagegen lässt sich Kaiser Franz Joseph also vernehmen:
    »Die neuesten Ereignisse erweisen es unwiderleglich, dass Preussen nun offen
    Gewalt an Stelle des Rechtes setzt. So ist der unheilvollste Krieg - ein
    Krieg Deutscher gegen Deutsche - unvermeidlich geworden! Zur Verantwortung
    all des Unglücks, das er über einzelne, Familien, Gegenden und Länder
    bringen wird, rufe ich diejenigen, welche ihn herbeigeführt, vor den
    Richterstuhl der Geschichte und des ewigen allmächtigen Gottes.«
Immer der »Andere« ist der Kriegwünschende. Immer dem »Anderen« wird
vorgeworfen, dass er Gewalt an Stelle des Rechtes setzen will. Warum ist es denn
überhaupt noch völkerrechtlich möglich, dass dies geschehe? Ein »unheilvoller
Krieg«, weil »Deutsche gegen Deutsche«. Ganz richtig: es ist schon ein höherer
Standpunkt, der über »Preussen« und »Österreich« den weiteren Begriff
»Deutschland« erhebt - aber nur noch einen Schritt: und es wäre jene noch höhere
Einheit erreicht, in deren Licht jeder Krieg - Menschen gegen Menschen,
namentlich civilisierte gegen civilisierte - als unheilvoller Bruderkrieg
erscheinen müsste. Und vor den »Richterstuhl der Geschichte« rufen - was nützt
das? Die Geschichte, wie sie bisher geschrieben wurde, hat noch niemals anders
gerichtet, als dass sie dem Erfolge huldigte. Derjenige, der aus dem Kriege als
Sieger hervorgeht, vor dem fällt die historienskribbelnde Gilde in den Staub und
preist ihn als den Erfüller einer »Kulturmission«. Und »vor dem Richterstuhl
Gottes, des Allmächtigen«? Ja, ist es denn dieser selber nicht, der stets als
der Lenker der Schlachten hingestellt wird - geschieht denn mit dem Ausbruch
sowohl als mit dem Ausgang jedes Krieges nicht eben dieses Allmächtigen
unverrückbarer Wille? O Widerspruch über Widerspruch! Ein solcher muss sich eben
überall einstellen, wo unter Phrasen die Wahrheit versteckt werden soll, wo man
zwei einander aufhebende Prinzipien - wie Krieg und Gerechtigkeit, wie Völkerhass
und Menschlichkeit, wie Gott der Liebe und Gott der Schlachten - nebeneinander
gleich heilig halten will.
    Und Benedek sagt:
    »Wir stehen einer Streitmacht gegenüber, die aus zwei Hälften
    zusammengesetzt ist: Linie und Landwehr. Erstere bilden lauter junge Leute,
    die, weder an Strapazen und Entbehrungen gewöhnt, niemals eine bedeutende
    Campagne mitgemacht haben. Letztere besteht aus jetzt unzuverlässigen,
    missvergnügten Elementen, die lieber die eigene missliebige Regierung stürzen,
    als gegen uns kämpfen möchten. Der Feind hat infolge langer Friedensjahre
    auch nicht einen einzigen General, der Gelegenheit gehabt hätte, sich auf
    den Schlachtfeldern heranzubilden. Veteranen von Mincio und Palestro, ich
    denke, ihr werdet unter euren alten bewährten Führern es euch zur besonderen
    Ehre rechnen, einem solchen Gegner auch nicht den leisesten Vorteil zu
    gestatten. Der Feind prahlt seit langer Zeit mit seinem schnellen
    Kleingewehrfeuer - aber, Leute, ich denke, das soll ihm wenig Nutzen
    bringen. Wir werden ihm wahrscheinlich keine Zeit dazu lassen, sondern
    ungesäumt ihm mit Bajonett und Kolben auf den Leib gehen. Sobald mit Gottes
    Hilfe der Gegner geschlagen und zum Rückzug gezwungen sein wird, werden wir
    ihn auf dem Fusse verfolgen und ihr werdet in Feindesland euch ausrasten und
    diejenigen Erholungen im reichlichsten Masse in Anspruch nehmen, die sich
    eine siegreiche Armee mit vollstem Rechte verdient haben wird.«
Prinz Friedrich Karl endlich spricht:
    Soldaten! Das treulose und bundesbrüchige Österreich hat ohne
    Kriegserklärung schon seit einiger Zeit die preussischen Grenzen in
    Oberschlesien nicht respektiert. Ich hätte also ebenfalls ohne
    Kriegserklärung die böhmische Grenze überschreiten dürfen. Ich habe es nicht
    getan. Heute habe ich eine betreffende Kundgebung überreichen lassen und
    heute betreten wir das feindliche Gebiet, um unser eigenes Land zu schonen.
    Unser Anfang sei mit Gott. (Ist das derselbe Gott, mit dessen Hilfe Benedek
    versprochen hat, den Feind mittels Bajonett und Kolben zurückzuschlagen?
    ...) Auf ihn lasst uns unsere Sache stellen, der die Herzen der Menschen
    lenkt, der die Schicksale der Völker und den Ausgang der Schlachten
    entscheidet. Wie in der heiligen Schrift geschrieben steht: Lasst eure Herzen
    zu Gott schlagen und eure Fäuste auf den Feind. In diesem Kriege handelt es
    sich - ihr wisst es - um Preussens heiligste Güter und um das Fortbestehen
    unseres teuren Preussens. Der Feind will es ausgesprochenermassen zerstückeln
    und erniedrigen. Die Ströme von Blut, welche eure und meine Väter unter
    Friedrich dem Grossen und wir jüngst bei Düppel und auf Alsen vergossen
    haben, sollten sie umsonst vergossen sein? Nimmermehr! Wir wollen Preussen
    erhalten wie es ist, und durch Siege kräftiger und mächtiger machen. Wir
    werden uns unserer Väter würdig zeigen. Wir bauen auf den Gott unserer
    Väter, der uns gnädig sein und Preussens Waffen segnen möge. Und nun vorwärts
    mit unserem alten Schlachtruf:
              Mit Gott für König und Vaterland. Es lebe der König!
 
                                  Zweiter Band
                                   Viertes Buch
                                      1866
Und so war es denn wieder da - dieses grösste alles denkbaren Unglücks - und
wurde von der Bevölkerung mit dem gewohnten Jubel begrüsst. Die Regimenter
marschierten aus (wie würden sie wiederkehren?) und Sieges- und Segenswünsche
und schreiende Gassenjungen gaben ihnen das Geleite.
    Friedrich war schon vor einiger Zeit nach Böhmen beordert worden - noch ehe
der Krieg erklärt war, und gerade als die Dinge so standen, dass ich
zuversichtlich hoffen konnte, der unselige, so geringfügige Herzogtümerstreit
werde sich gütlich beilegen. Diesmal also war mir das herzzerreissende
Abschiednehmen erspart geblieben, welches dem direkten »In den Krieg ziehen« des
Geliebten vorangeht. Als mir mein Vater triumphierend die Nachricht brachte:
»Jetzt geht's los«, war ich schon seit vierzehn Tagen allein. Und seit letzter
Zeit war ich auf diese Nachricht schon gefasst gewesen - wie ein Verbrecher in
seiner Zelle auf Verlesung des Todesurteils gefasst ist.
    Ich beugte den Kopf und sagte nichts.
    »Sei guten Mut's, Kind. Der Krieg wird nicht lang dauern - über heut' und
morgen sind wir in Berlin ... Und so wie er aus Schleswig-Holstein
zurückgekommen, so wird Dein Mann auch aus diesem Feldzug heimkehren, aber mit
viel grünerem Lorbeer bedeckt. Unangenehm mag es ihm zwar sein, da er selbst
preussischen Ursprungs ist, gegen Preussen zu ziehen - aber seit er in
österreichischen Diensten steht, ist er ja doch mit Leib und Seel' einer von den
unsern ... Diese Preussen! Aus dem Bund wollen sie uns hinauswerfen, die
arroganten Windbeutel - das werden sie schön bereuen, wenn Schlesien wieder
unser ist, und wenn die Habsburger -«
    Ich streckte die Hände aus:
    »Vater - eine Bitte: lass mich jetzt allein.«
    Er mochte glauben, dass ich das Bedürfnis fühlte, mich auszuweinen, und da er
ein Feind aller Rührscenen war, so willfahrte er bereitwilligst meinem Wunsch
und ging.
    Ich aber weinte nicht. Es war mir, als wäre ein betäubender Schlag auf
meinen Kopf gefallen. Schwer atmend, starr blickend sass ich eine Zeit regungslos
da. Dann ging ich zu meinem Schreibtisch, schlug die roten Hefte auf und trug
ein:
    »Das Todesurteil ist gesprochen. Hunderttausend Menschen sollen hingerichtet
werden. Ob Friedrich auch dabei ist? ... Folglich auch ich ... Wer bin ich, um
nicht auch zu grunde zu gehen, wie die anderen Hunderttausend? - ich wollt' ich
wär' schon tot.«
    Von Friedrich erhielt ich am selben Tag einige flüchtig geschriebene Zeilen:
    »Mein Weib! Sei mutig - hoch das Herz! Wir waren glücklich, das kann uns
    niemand nehmen, selbst wenn heute, wie für so viele andere, auch für uns das
    Dekret gefallen wäre: Es ist vorbei. (Derselbe Gedanke, wie ich in meinen
    roten Heften: die vielen anderen Verurteilten.) Heute geht's dem Feind
    entgegen. Vielleicht erkenne ich drüben ein paar Kampfgenossen von Düppel
    und Alsen - vielleicht meinen kleinen Vetter Gottfried ... Wir marschieren
    nach Liebenau mit der Avantgarde des Grafen Clam-Gallas. Von nun an gibt's
    zum Schreiben keine Zeit mehr. Erwarte Dir keine Briefe. Höchstens, wenn
    sich die Gelegenheit bietet, eine Zeile, zum Zeichen, dass ich lebe. Vorher
    möchte ich noch ein einziges Wort finden, das meine ganze Liebe in sich
    fasste, um es Dir - falls es das letzte wäre - hier niederzuschreiben. Ich
    finde nur dieses: Marta! Du weisst, was mir das bedeutet.«
Konrad Altaus musste auch ausrücken. Er war voll Feuer und Kampfeslust und von
genügendem Preussenhass beseelt, um gern hinauszuziehen; dennoch fiel ihm der
Abschied schwer. Die Heiratsbewilligung war erst zwei Tage vor dem Marschbefehl
eingetroffen. »O, Lilli, Lilli,« sprach er schmerzlich, als er seiner Braut
Lebewohl sagte, »warum hast Du so lang gezögert, mich zu nehmen? Wer weiss nun,
ob ich wiederkomme!«
    Meine arme Schwester war selbst von Reue erfüllt. Jetzt erst erwachte
leidenschaftliche Liebe für den Langverschmähten. Als er fort war, sank sie
weinend in meine Arme.
    »O warum habe ich nicht längst ja gesagt! Jetzt wäre ich sein Weib« ...
    »Da wäre Dir der Abschied nur desto schmerzlicher geworden, meine arme
Lilli.«
    Sie schüttelte den Kopf. Ich verstand wohl, was in ihrem Innern vorging -
vielleicht klarer, als sie es selber verstand: sich trennen müssen bei noch
ungestilltem - vielleicht ewig ungestillt bleiben sollendem Liebessehnen; - den
Becher von den Lippen weggerissen und möglicherweise zerschellt sehen, ehe man
noch einen einzigen Trunk getan - das mag wohl doppelt quälend sein.
    Mein Vater, die Schwestern und Tante Marie übersiedelten jetzt nach Grumitz.
Ich liess mich leicht bereden, samt meinem Söhnchen mitzukommen. So lange
Friedrich fort war, schien mir der eigene Herd erstorben - ich hätte es da nicht
ausgehalten. Es ist sonderbar: ich fühlte mich so verwitwet, als wäre die
Nachricht von dem ausgebrochenen Kriege zugleich die Nachricht von Friedrichs
Tod gewesen. Manchmal, mitten in meine dumpfe Trauer, fiel ein lichter Gedanke:
»Er lebt und kann ja wiederkommen« - daneben aber stieg wieder die schreckliche
Idee auf: er krümmt und windet sich in unerträglichen Schmerzen ... er
verschmachtet in einem Graben - schwere Wagen fahren über seine zerschossenen
Glieder weg - Mücken und Ameisen wimmeln auf seinen offenen Wunden; - die Leute,
welche das Schlachtfeld räumen, halten den erstarrt Daliegenden für tot und
scharren ihn lebendig mit anderen Toten in die seichte Grube - hier kommt er zu
sich und - - -
    Mit einem lauten Schrei fuhr ich aus solchen Vorstellungen empor:
    »Was hast Du nun wieder, Marta?« schalt mein Vater. »Du wirst noch verrückt
werden, wenn Du so brütest und aufschreist. Beschwörst Du Dir wieder so dumme
Bilder vor die Einbildung? Das ist sündhaft.« ...
    Ich hatte nämlich öfters diese meine Ideen laut werden lassen, was meinen
Vater höchlichst entrüstete.
    »Sündhaft,« fuhr er fort, »und unanständig und unsinnig. Solche Fälle, wie
sie Deine überspannte Phantasie ausmalt, die kommen mitunter - unter tausend
Fällen einmal - bei der Mannschaft - vor, aber einen Stabsoffizier, wie Deinen
Mann, lassen die Anderen nicht liegen. Überhaupt, an solche Grauendinge soll man
nicht denken. Es liegt eine Art Frevel, eine Enteiligung des Krieges darin,
wenn man statt der Grösse des Ganzen die elenden Einzelheiten ins Auge fasst ...
an die denkt man nicht.«
    »Ja, ja, nicht daran denken,« antwortete ich, »das ist von jeher
Menschenbrauch allem Menschenelend gegenüber ... Nicht denken: darauf ist
ohnehin alle Barbarei gestützt.«
    Unser Hausarzt, Doktor Bresser, war diesmal nicht in Grumitz; er hatte sich
freiwillig dem Sanitätskorps zur Verfügung gestellt und war nach dem
Kriegsschauplatz abgegangen. Auch mir war der Gedanke gekommen: sollte ich nicht
als Krankenpflegerin mitziehen? ... Ja, wenn ich gewusst hätte, dass ich in die
Nähe Friedrichs käme, dass ich bei der Hand wäre, falls er verwundet würde, da
hätte ich nicht gezögert; aber für Andere? Nein, da gebrach es mir an Kraft, da
fehlte der Opfermut. Sterben sehen, röcheln hören - hundert Hilfeflehenden
helfen wollen und nicht helfen können, - den Schmerz, den Ekel, den Jammer auf
mich laden, ohne dabei Friedrich beizustehen - im Gegenteil, dadurch die
Chancen, dass wir uns wiederfinden, vermindern, denn die Pflegenden begeben sich
auch in vielfache Todesgefahr ... nein, ich tat es nicht. Zudem belehrte mich
mein Vater, dass eine Privatperson, wie ich, zur Krankenpflege in den
Feldhospitälern gar nicht zugelassen würde - dass dieses Amt nur von
Sanitätssoldaten oder höchstens von barmherzigen Schwestern ausgeübt werden
dürfe.
    »Charpie zupfen,« sagte er, »und Verbandzeug für die patriotischen
Hilfsvereine herrichten, das ist das einzige, was ihr für die Verwundeten
leisten könnt, und das sollen denn meine Töchter auch fleissig tun - dazu geb'
ich meinen Segen.«
    Und diese Beschäftigung war es nun auch, welcher meine Schwestern und ich
viele Stunden des Tages widmeten. Rosa und Lilli verrichteten ihre Arbeit mit
sanft gerührten und dabei fast freudigen Mienen. Wenn die feinen Fädchen sich
unter unseren Fingern zu weichen Massen häuften, wenn wir die Leinwandstreifen
schön ordentlich übereinander gefaltet, so brachte dies den beiden Mädchen etwas
von den Empfindungen des barmherzigen Pflegeamtes: es war ihnen, als linderten
sie brennende Schmerzen und verhüteten sie das Verbluten der Wunden; als hörten
sie die erleichterten Seufzer und sähen die dankbaren Blicke der Gewarteten. Es
war beinah ein freundliches Bild, welches ihnen da von dem Zustand des
»Verwundetseins« vorschwebte. Die beneidenswerten Soldaten, welche, den Gefahren
des tobenden Kampfes entronnen, jetzt auf weichen, reinen Betten hingestreckt,
da gepflegt und gehätschelt werden, bis zu ihrer Heilung, grösstenteils in halb
bewusstlosen, köstlich-müden Halbschlummer gelullt, zeitweise wieder zu dem
angenehmen Bewusstsein erwachend, dass ihr Leben gerettet, dass sie zu den Ihren
heimkehren und noch in fernen Zeiten erzählen können, wie sie in der Schlacht
von X ehrenvoll blessiert worden seien.
    In dieser naiven Auffassung bestärkte sie denn auch unser Vater:
    »Brav, brav, Mädels - heute seid ihr wieder fleissig ... da habt ihr wieder
vielen unsrer tapferen Verteidiger eine Freude gemacht! Wie das wohl tut, so
ein Päckchen Charpie auf der blutenden Wunde - ich weiss was davon zu erzählen:
... Damals, als ich bei Palestro den Schuss ins Bein bekam - u.s.w., u.s.w.
    Ich aber seufzte und sagte nichts. Ich hatte andere Geschichten von
Verwundungen vernommen, als die, wie sie mein Vater zu erzählen beliebte; -
Geschichten, welche sich zu den gebräuchlichen Veteranenanekdoten verhalten,
ungefähr wie die Wirklichkeit elenden Hirtenlebens zu den Schäferbildchen von
Watteau.
    Das rote Kreuz ... ich wusste, durch welches auf das schmerzlichste
erschütterte Völkermitleid diese Institution ins Leben gerufen ward. Seiner Zeit
hatte ich den darüber in Genf geführten Verhandlungen gefolgt und die Schrift
Dunants, welche den Anstoss zu dem Ganzen gegeben, hatte ich gelesen. Ein
herzzerreissender Jammerruf, diese Schrift! Der edle Genfer Patrizier war auf das
Schlachtfeld von Solferino geeilt, um zu helfen, was er konnte; und das, was er
dort gefunden, hat er der Welt erzählt. Zahllose Verwundete, welche fünf, sechs
Tage liegen geblieben - ohne Hilfe ... Alle hätte er retten mögen, doch was
konnte er, der Einzelne, was konnten die Anderen Wenigen diesem Massenelend
gegenüber tun? Er sah solche, welchen durch einen Tropfen Wasser, durch einen
Bissen Brod das Leben hätte erhalten werden können; er sah solche, die noch
atmend, in fürchterlicher Eile begraben wurden ... Dann sprach er aus, was schon
oft erkannt worden, was aber jetzt erst Nachhall fand: dass die Verpflegs- und
Rettungsmittel der Heeresverwaltung den Anforderungen einer Schlacht nicht mehr
gewachsen seien. Und das »rote Kreuz« ward geschaffen.
    Österreich hatte sich der Genfer Convention damals noch nicht angeschlossen.
Warum? ... Warum wird allem Neuen, wenn es noch so segensreich und einfach ist,
Widerstand entgegengesetzt? - Das Gesetz der Trägheit - die Gewalt des heiligen
Schlendrians ... »Die Idee ist recht schön, aber unausführbar,« hiess es da -
auch meinen Vater hörte ich öfters jene, während der Konferenz von 1863 von
verschiedenen Delegierten vorgebrachten Zweifelargumente wiederholen, -
»unausführbar, und selbst, wenn ausführbar, so doch in mancher Hinsicht sehr
unzukömmlich. Die Militärbehörden könnten Privatmitwirkung auf dem Schlachtfelde
nicht angemessen finden. Im Kriege müssen die taktischen Zwecke der
Menschenfreundlichkeit vorangehen - und wie könnte diese Privatmitwirkung mit
genügenden Bürgschaften gegen das Spionenwesen umgeben werden? Und die Auslagen!
Kostet der Krieg nicht ohnehin schon genug! Die freiwilligen Krankenwärter
würden durch ihre eigenen stofflichen Bedürfnisse dem Proviantamt lästig fallen;
oder, wenn sie sich in dem besetzten Lande auch selber verproviantieren,
entsteht da nicht eine bedauerliche Konkurrenz für die Heeresverwaltung durch
den Ankauf von für die Verwaltung notwendigen Gegenständen und die unmittelbare
Erhöhung ihres Preises?«
    O diese Behördenweisheit! - So trocken, so gelehrt, so sachlich, so
klugheitstriefend und so - bodenlos dumm.
Der erste Zusammenstoss unserer in Böhmen befindlichen Truppen mit dem Feinde
fand am 25. Juni in Liebenau statt. Diese Nachricht brachte uns mein Vater mit
seiner gewohnten triumphierenden Miene:
    »Das ist ein prächtiger Anfang!« sagte er. »Man sieht es: der Himmel ist mit
uns. Es hat was zu bedeuten, dass die ersten, mit welchen diese Windbeutel zu
tun bekommen, die Leute unserer berühmten eisernen Brigade waren ... ihr wisst
doch: die Brigade Poschacher, welche den Königsberg in Schlesien so tapfer
verteidigt hat. Die wird's ihnen gehörig geben! (Die nächsten Nachrichten vom
Kriegsschauplatze aber ergaben, dass nach fünfstündigem Gefecht diese in der
Avantgarde Clam-Gallas' befindliche Brigade sich nach Podol zurückzog. Dass
Friedrich dabei war - ich wusste es nicht, und dass in derselben Nacht das
verbarrikadierte Podol vom General Horn angegriffen und dort bei hellem
Mondschein der Kampf fortgeführt ward - das hab' ich auch erst später erfahren.)
»Aber herrlicher noch als im Norden,« fuhr mein Vater fort, »gestaltet sich der
Anfang im Süden. Bei Custozza ist ein Steg errungen worden, Kinder - so glänzend
wie nur einer ... Ich habe es immer gesagt: die Lombardei muss unser werden! ...
Freut ihr euch denn nicht? Ich betrachte den Krieg als schon entschieden; denn
wenn man mit den Italienern fertig geworden, welche doch ein regelmässiges und
geschultes Heer uns gegenüberstellen, da wird es uns mit den Schneidergesellen
weiter nicht schwer fallen. Diese Landwehr - es ist eine wahre Frechheit - und
es gehört nur die ganze preussische Selbstüberhebung dazu, um damit gegen
richtige Armeen ausziehen zu wollen. Da werden die Leute von der Werkstatt, vom
Schreibtisch hinweggerufen - sind an keinerlei Strapazen gewöhnt, können also
unmöglich als blut- und eisenfeste Soldaten im Felde stehen. Da seht einmal her,
was die wiener Zeitung in einer Originalkorrespondenz unterm 24. Juni schreibt.
Das sind doch gute Nachrichten:
    »In preussisch Schlesien ist die Rinderpest ausgebrochen und wie man vernimmt
    in äusserst bedrohlicher Art -«
»Rinderpest« - »bedrohliche Art« - »erfreuliche Nachrichten,« sagte ich mit
leisem Kopfschütteln. »Hübsche Dinge, über welche man zu Kriegszeiten Vergnügen
haben soll ... Es ist nur gut, dass schwarzgelbe Schlagbäume an der Grenze stehen
- da kann die Pest nicht herüber« ...
    Aber mein Vater hörte nicht und las das erfreuliche weiter:
    »Unter den preussischen Truppen aus Neisse herrscht das Fieber. Das ungesunde
    Sumpfland, die schlechte Verpflegung und die miserable Unterkunft der in den
    umliegenden Ortschaften aufgehäuften Truppen mussten solche Erscheinungen zur
    Folge haben. Von der Verpflegung der preussischen Soldaten macht sich der
    Österreicher keinen Begriff. Die Junker glauben dem Volk eben Alles bieten
    zu können. Sechs Lot Schweinefleisch für den Mann, der an die forcierten
    Märsche und sonstigen Strapazen nicht gewöhnt worden, der Alles, nur kein
    abgehärteter Soldat ist.«
»Die Blätter sind überhaupt voll prächtiger Nachrichten. - Vor Allem die
Berichte vom glorreichen Custozza-Tage - Du solltest Dir diese Zeitungen
aufheben, Marta.«
    Und ich habe sie aufgehoben. Das sollte man immer tun; und wenn ein neuer
Völkerzwist heranzieht, dann lese man nicht die neuesten Zeitungen, sondern die,
welche von vorigem Kriege datieren, und man wird sehen, was all den
Prophezeiungen und Prahlereien und auch den Berichten und Nachrichten für
Wahrheitswert beizumessen ist. Das ist lehrreich.
    
                        Vom nördlichen Kriegsschauplatz.
Aus dem Hauptquartier der Nord-Armee wird unterm 25. Juni über den Feldzugsplan
(!) der Preussen geschrieben: »Nach den neuesten Nachrichten hat die preussische
Armee ihr Hauptquartier nach dem östlichen Schlesien verlegt. (Folgt in dem
gewöhnlichen taktischen Stile eine längere Aufzählung der von dem Feinde
projektierten Bewegungen und Stellungnahmen, von welchen der Herr
Berichterstatter gewiss ein klareres Bild vor Augen hatte, als Moltke und Roon).
Es scheint demnach in der Absicht der Preussen zu liegen, hierdurch den Vormarsch
unserer Armee gegen Berlin durch den eigenen zuvorzukommen, was ihnen jedoch bei
den getroffenen Vorkehrungen (welche unser Spezial- Korrespondent ebenfalls
genauer kennt, als Benedek) schwerlich gelingen dürfte. Mit vollstem Vertrauen
kann man günstigen Berichten von der Nord-Armee entgegen sehen, die, wenn sie
auch nicht so schnell, als die Sehnsucht des Volkes sie erwartet, einlaufen,
dafür aber um so bedeutender und inhaltsreicher sein werden.
        ... Einen hübschen Zwischenfall bei dem Durchmarsch österreicher Truppen
        italienischer Nationalität durch München, erzählt die Neue Frankfurter
        Zeitung wie folgt: Unter den durch München gekommenen Truppen befinden
        sich Linienbataillone, sie wurden, wie die übrigen durch die bayerische
        Hauptstadt gekommenen Truppen, in einem dem Bahnhof nahegelegenen
        Wirtschaftsgarten bewirtet. Jedermann konnte sich überzeugen, dass diese
        Venezianer unter Jubel ihre Kampflust gegen die Feinde Österreichs
        kundgaben. (Vielleicht hätte auch Jedermann denken können, dass
        betrunkene Soldaten sich willig für das begeistern, was ihnen zur
        Begeisterung angeboten wird.) In Würzburg war der Bahnhof angefüllt mit
        der Mannschaft eines österreichischen Linien-Infanterieregiments. So
        viel wahrnehmbar, bestand die ganze Mannschaft aus Venezianern.
        Gleichfalls freundlich aufgenommen (das heisst gleichfalls besäuft),
        konnten die Leute nicht Ausdruck finden, ihre Freude und ihre Absicht,
        gegen die Friedensbrecher (von zwei kriegführenden Parteien ist die
        friedensbrechende stets die andere) zu kämpfen, aufs lebhafteste kund zu
        geben. Die Evivas nahmen kein Ende.« (Sollte der auf den Bahnhöfen sich
        herumtreibende, von Soldatengeschrei so erbaute »Herr von Jedermann«
        nicht wissen, dass es nichts Ansteckenderes gibt, als Vivat-Rufen; - dass
        tausend miteinander brüllende Stimmen nicht den Ausdruck von tausend
        einmütigen Gesinnungen, sondern einfach die Betätigung des natürlichen
        Nachahmungstriebes bedeuten?)
In Böhmisch-Trübau hat der Feldzeugmeister Ritter von Benedek die drei Bulletins
über den Sieg der Süd-Armee der Nord-Amee bekannt gegeben und daran
nachstehenden Tagesbefehl geknüpft:
    »Im Namen der Nord-Armee habe ich folgendes Telegramm an das Kommando der
    Süd-Armee abgesendet: Feldzeugmeister Benedek und die gesamte Nord-Armee dem
    glorreichen durchlauchtigsten Kommandanten der tapferen Süd-Armee mit
    freudiger Bewunderung herzlichste Glückwünsche zum neuen ruhmvollen Tage von
    Custozza. Mit einem neuen glorreichen Siege unserer Waffen ist der Feldzug
    im Süden eröffnet. Das glorreiche Custozza prangt auf dem Ehrenschild des
    kaiserlichen Heeres. Soldaten der Nord-Armee! Mit Jubel werdet ihr die
    Nachricht begrüssen, mit erhöhter Begeisterung in den Kampf ziehen, dass auch
    wir sehr bald ruhmvolle Schlachtennamen auf jenes Schild verzeichnen und dem
    Kaiser auch aus dem Norden einen Sieg melden, nachdem eure Kampfbegierde
    brennt, den eure Tapferkeit und Hingebung erringen wird, mit dem Rufe: Es
    lebe der Kaiser!
                                                                       Benedek.«
Auf obiges Telegramm ist folgende Antwort aus Verona telegraphisch in
Böhmisch-Trübau angelangt:
    »Der Süd-Armee und ihres Kommandanten gerührten Dank ihrem geliebten frühern
    Feldherrn und seiner braven Armee. Überzeugt, dass auch wir bald zu solchen
    Siegen werden Glück wünschen können.«
Überzeugt - überzeugt ......
    »Lacht euch nicht das Herz im Leibe, Kinder, wenn ihr derlei Sachen leset?«
rief mein Vater entzückt. »Könnt ihr euch nicht zu genügendem patriotischen
Hochgefühle aufschwingen, um angesichts solcher Triumphe eure eigenen
Angelegenheiten in den Hintergrund zu drängen - um zu vergessen, Du, Marta, dass
Dein Friedrich, Du, Lilli, dass Dein Konrad einigen Gefahren ausgesetzt sind?
Gefahren, welchen sie wahrscheinlich heil entkommen und denen selbst zu
unterliegen - ein Los, das sie mit den besten Söhnen des Vaterlandes teilen -
ihnen nur zu Ruhm und Ehre gereicht. Es gibt keinen Soldaten, der mit dem Rufe
Für das Vaterland! nicht gern stürbe.«
    »Wenn einer nach verlorener Schlacht mit zerschmetterten Gliedern auf dem
Felde liegen bleibt« - entgegnete ich - »und da ungefunden durch vier oder fünf
Tage und Nächte an Durst, Hunger, unter unsäglichen Schmerzen, lebendig
verfaulend, zu Grunde geht - dabei wissend, dass durch seinen Tod dem besagten
Vaterlande nichts geholfen, seinen Lieben aber Verzweiflung gebracht worden -
ich möchte wissen, ob der die ganze Zeit über mit jenem Rufe gern stirbt.«
    »Du frevelst ... Du sprichst zudem in so grellen Worten - für eine Frau ganz
unanständig.«
    »Ja, ja, das wahre Wort - die aufgedeckte Wirklichkeit ist frevelhaft, ist
schamlos ... Nur die Phrase, die durch tausendfältige Wiederholung sanktionierte
Phrase, ist anständig. Ich aber versichere Dich, Vater - dieses naturwidrige
Gern-sterben, welches da allen Männern zugemutet wird, so heldenhaft es dem
Aussprechenden auch dünken mag - mir klingt es wie gesprochener Totschlag.«
Unter Friedrichs Papieren - viele Tage später - habe ich einen Brief gefunden,
den ich ihm in jenen Tagen nach dem Kriegsschauplatz schickte. Dieser Brief
zeigt am deutlichsten, von welchen Gefühlen ich damals erfüllt war.
    
                                                         Grumitz, 28. Juni 1866.
Teurer! Ich lebe nicht ... Stelle Dir vor, dass in einem Nebenzimmer die Leute
beraten, ob ich in den nächsten Tagen gehenkt werden soll, oder nicht, während
ich draussen auf diese Entscheidung warten muss. In dieser Wartezeit atme ich wohl
- aber kann ich das leben nennen? Das Nebenzimmer, in welchem die Frage
entschieden werden soll, heisst Böhmen ... Doch nicht, Geliebter, das Bild ist
noch nicht ganz zutreffend. Denn wenn es sich nur um mein Leben oder Sterben
handelte, so wäre das Bangen nicht so gross. Denn mein Bangen gilt einem viel
teureren Leben, als dem eigenen ... Und sogar noch ärgerem als Deinem Tode gilt
meine Angst - sie gilt Deiner möglichen Todesqual .... O, wäre es doch nur schon
vorüber, vorüber! Kämen doch unsere Siege in rascher Folge - nicht der Siege,
sondern des Endes halber!
        Ob Dich diese Zeilen erreichen? Und wo und wie? Ob nach einem heissen
        Schlachttage, ob im Lager, ob vielleicht im Lazaret ... auf jeden Fall
        tut es Dir wohl, Kunde von Deiner Marta zu erhalten. Wenn ich auch nur
        Trauriges schreiben kann - was anders als Trauriges kann in einer Zeit
        empfunden werden, wo die Sonne durch das grosse schwarze Sargdeckeltuch
        verfinstert wird, welches »für das Vaterland« aufgehisst worden, damit es
        auf die Kinder des Landes herabfalle - dennoch bringen Dir meine Zeilen
        Labung ... denn Du hast mich lieb, Friedrich - ich weiss es, wie lieb,
        und mein geschriebenes Wort freut und bewegt Dich, wie ein sanftes
        Streicheln meiner Hand. - - Ich bin bei Dir, Friedrich, wisse das: mit
        jedem Gedanken, mit jedem Atemzug, bei Tag und Nacht ... Hier in meinem
        Kreise bewege ich mich und handle und spreche mechanisch; mein eigenstes
        Ich - das ja Dir gehört - das verlässt Dich keinen Augenblick ... Nur
        mein Bub' erinnert mich, dass die Welt mir doch noch etwas entält, was
        nicht »Du« heisst ... Der gute Kleine - wenn Du wüsstest, wie er nach Dir
        fragt und sorgt! Wir zwei sprechen miteinander eigentlich von gar nichts
        Anderem, als von »Papa«. Er weiss es wohl, der feinfühlige Knabe, dass
        dies der Gegenstand ist, von dem mein Herz voll ist, und so klein er ist
        - Du weisst es ja - ist er schon eine Art Freund seiner Mutter. Ich fange
        auch schon an, mit ihm zu reden, wie mit einem Vernünftigen, und dafür
        ist er mir dankbar. Ich meinerseits bin ihm dankbar für die Liebe, die
        er Dir weiht. Es ist so selten, dass Kinder ihre Stiefeltern gut leiden
        mögen, freilich ist an Dir auch nichts Stiefväterliches - Du könntest
        mit einem eigenen Jungen nicht zärtlicher, nicht gütiger sein, Du mein
        Zärtlicher, Gütiger! Ja die Güte - die grosse, weiche, milde - die ist
        Deines Wesens Grundlage und - wie sagt der Dichter? - so wie der Himmel
        aus einem einzigen grossen Saphir sich wölbt, so formt sich eines edlen
        Menschen Charaktergrösse nur aus einer Tugend - der Güte. Mit anderen
        Worten: ich lieb' Dich, Friedrich! Das ist ja doch immer der Refrain
        Alles dessen, was ich von Dir und Deinen Eigenschaften denke. So
        vertrauensvoll, so zuversichtlich lieb' ich Dich - ich ruhe in Dir,
        Friedrich, warm und sanft ... Wenn ich Dich habe - versteht sich. Jetzt,
        da Du mir wieder entrissen bist, ist's mit meiner Ruhe natürlich aus.
        Ach, wäre der Sturm nur schon vorbei, vorbei - wäret ihr doch in Berlin,
        um dem König Wilhelm die Friedensbedingungen zu diktieren! Mein Vater
        ist nämlich fest überzeugt, dass dies des Feldzugs Ende sein wird, und
        nach Allem, was man hört und liest, muss ich es wohl auch glauben.
        »Sobald, mit Gottes Hilfe, der Feind geschlagen ist« - so lautete ja
        Benedeks Aufruf - »werden wir ihn auf dem Fusse verfolgen und ihr werdet
        in Feindesland euch ausrasten und diejenigen Erholungen« und so weiter.
        Was sind denn das für Erholungen? Heutzutage darf kein Anführer mehr
        laut und unumwunden sagen: »Ihr dürft plündern, brennen, morden,
        schänden,« wie dies im Mittelalter Brauch war, um die Horden anzufeuern;
        - jetzt könnte man ihnen als Lohn höchstens eine freigebige Verteilung
        von Erbswurst in Aussicht stellen; das wäre aber etwas matt, also heisst
        es verblümt: »diejenigen Erholungen« und so weiter. dabei kann sich
        Jeder denken, was er will. Das Prinzip des in »Feindesland« zu findenden
        Kriegslohnes lebt im Soldatenstil noch fort ... Und wie wird Dir in
        »Feindesland« zu Mute sein, welches ja eigentlich Dein Stammland ist, wo
        Deine Freunde und Deine Vettern leben? Wirst Du Dich dadurch »erholen«,
        dass Du Tante Korneliens hübsche Villa dem Erdboden gleich machst?
        »Feindesland« - das ist eigentlich auch so ein fossiler Begriff aus
        jenen Zeiten, wo der Krieg noch unverhohlen das war, was seine raison
        d'être vorstellt; ein Raubzug; - und wo das Feindesland dem Streiter als
        lohnverheissendes Beuteland winkte ... Ich spreche da mit Dir, wie in den
        schönen Stunden, da Du an meiner Seite warst und wir, nach beendeter
        Lektüre irgend eines fortschrittlichen Buches, miteinander über die
        Widersprüche unserer Zeitzustände philosophierten, so einig, so einander
        verstehend und ergänzend. In meiner Umgebung ist Niemand, Niemand, mit
        dem ich über derlei Dinge reden könnte. Doktor Bresser war noch der
        Einzige, mit welchem sich kriegsverdammende Ideen austauschen liessen,
        und der ist jetzt auch fort - selber in den verurteilten Krieg gezogen -
        aber um Wunden zu heilen, nicht um sie zu schlagen. Eigentlich auch ein
        Widersinn, die »Humanität« im Kriege - ein innerer Widerspruch. Das ist
        ungefähr so, wie die »Aufklärung« im Glauben. Entweder, oder - aber
        Menschenliebe und Krieg, Vernunft und Dogma: das geht nicht. Der
        aufrichtige, lodernde Feindeshass, gepaart mit gänzlicher Verachtung des
        menschlichen Lebens - das ist des Krieges Lebensnerv, gerade so wie die
        fraglose Unterdrückung der Vernunft des Glaubens Grundbedingung ist.
        Aber wir leben in einer Zeit der Vermittlung. Die alten Institutionen
        und die neuen Ideen wirken gleich mächtig. Da versuchen denn die Leute,
        welche mit dem Alten nicht ganz brechen wollen, welche das Neue nicht
        ganz erfassen können, Beides miteinander zu verschmelzen und daraus
        entsteht dieses verlogene, unkonsequente, widerspruchskämpfende,
        halbhafte Getriebe, unter welchem die wahrheits-, gradheits- und
        ganzheitsdurstenden Seelen so stöhnen und leiden ... Ach, was ich da
        Alles zusammenschreibe! Du wirst jetzt kaum - wie in unseren friedlichen
        Plauderstunden - zu solch allgemeinen Betrachtungen aufgelegt sein: Du
        bist von einer grausigen Wirklichkeit umtost, mit der es sich abfinden
        heisst. Wie viel besser wäre es da, wenn Du sie hinnehmen könntest mit
        der naiven Auffassung alter Zeiten, da dem Soldaten das Kriegsleben
        eitel Lust und Wonne war. Und besser wäre es, ich könnte Dir schreiben,
        wie andere Frauen auch, Briefe von Segenswünschen und zuversichtlichen
        Siegesverheissungen und Mutanspornungen ... Die Mädchen werden ja
        gleichfalls zum Patriotismus erzogen, damit sie zu rechter Stunde den
        Männern zurufen: »Gehet hin und sterbet für euer Vaterland - das ist der
        schönste Tod.« Oder: »Kehret siegend heim, dann wollen wir euch mit
        unserer Liebe lohnen. Inzwischen werden wir für euch beten. Der Gott der
        Schlachten, der unsere Heere beschützt, der wird unsere Gebete erhören.
        Tag und Nacht steigt unser Flehen zum Himmel auf und - gewiss - wir
        erstürmen uns seine Huld: Ihr kommt wieder - ruhmgekrönt! Wir zittern
        nicht einmal, denn wir sind eurer Tapferkeit würdige Genossinnen ...
        Nein, nein! - die Mütter eurer Söhne dürfen nicht feige sein, wenn sie
        ein neues Geschlecht von Helden heranziehen wollen; und müssen wir auch
        unser Teuerstes hingeben: für Fürst und Vaterland ist kein Opfer zu
        gross!« Das wäre so der richtige Soldatenfrauen-Brief, nicht wahr? Aber
        nicht ein Brief, wie Du ihn von Deiner Frau zu lesen wünschtest - von
        der Genossin Deines Denkens, von derjenigen, die den Groll gegen alten,
        blinden Menschenwahn mit Dir teilt ... O, ein Groll, so bitter, so
        schmerzlich - ich kann Dir's gar nicht sagen! Wenn ich sie mir
        vorstelle, diese beiden Heere, - zusammengesetzt aus einzelnen
        vernünftigen und zumeist guten und sanften Menschen, - wie sie auf
        einander losstürmen, um sich gegenseitig zu vernichten, dabei das
        unglückliche Land verheerend, wo sie als Spielkarten ihrer Mordpartie
        die »genommenen« Dörfer hinschleudern ... wenn ich mir das vorstelle, da
        wollte ich aufschreien: So besinnt euch doch! ... so haltet doch ein!!
        Und von hunderttausend würden auch neunzigtausend Einzelne sicher gerne
        einhalten; aber die Masse, die muss weiter wüten. Doch genug. Du wirst es
        vorziehen, Nachrichten und Neuigkeiten von Hause zu hören. Nun denn -
        gesund sind wir Alle. Der Vater ist unausgesetzt in höchster Aufregung
        über die gegenwärtigen Ereignisse. Der Sieg von Custozza erfüllt ihn mit
        strahlendem Stolz. Es ist, als ob er denselben errungen hätte.
        Jedenfalls betrachtet er den Glanz dieses Tages als so hell, dass der auf
        ihn - als Österreicher und als General - fallende Abglanz ihn ganz
        glücklich macht. Auch Lori, deren Mann, wie Du weisst, bei der Süd-Armee
        ist, schrieb mir einen Triumphbrief über dasselbe Custozza. - Friedrich,
        erinnerst Du Dich, wie eifersüchtig ich während einer Viertelstunde auf
        die gute Lori war? Und wie ich aus diesem Anfall mit verstärkter Liebe
        und verstärktem Vertrauen hervorging? ... O hättest Du mich nur damals
        betrogen - hättest Du mich doch mitunter ein wenig misshandelt ... da
        könnte ich Deine jetzige Abwesenheit wohl leichter ertragen - aber einen
        solchen Gatten im Kugelregen zu wissen! ... Nun weiter mit den
        Nachrichten: Lori hat mir in Aussicht gestellt, dass sie mit ihrer
        kleinen Beatrix den Rest ihrer Strohwitwenschaft in Grumitz zubringen
        werde. Ich konnte nicht nein sagen - doch aufrichtig: mir ist
        gegenwärtig jede Gesellschaft lästig. Allein, allein will ich sein, mit
        meiner Sehnsucht nach Dir, deren Umfang ja doch Niemand Anderer ermessen
        kann ... Nächste Woche soll Otto seine Ferien antreten. Er jammert in
        jedem Briefe, dass der Krieg noch vor und nicht erst nach seiner
        Offiziersernennung begonnen hat. Er hofft zu Gott, dass der Friede nicht
        noch vor seinem Austritt aus der Akademie - ausbreche. Das Wort
        »ausbrechen« wird er vielleicht nicht gebraucht haben, aber jedenfalls
        entspricht es seiner Auffassung, denn der Frieden erscheint ihm jetzt
        als eine drohende Kalamität. Nun freilich: so werden sie ja gross
        gezogen. So lange es Kriege gibt, muss man kriegliebende Soldaten
        heranziehen; und so lange es kriegliebende Soldaten gibt, muss es auch
        Kriege geben ... Ist das ein ewiger, ausgangsloser Cirkel? Nein, Gott
        sei Dank! Denn jene Liebe, trotz aller Schuldrillung, nimmt beständig
        ab. Wir haben in Henry Tomas Buckle den Nachweis dieser Abnahme
        gefunden, erinnerst Du Dich? Aber ich brauche keine gedruckten Nachweise
        - ein Blick in Dein Herz, Dein edelmenschliches Herz, Friedrich, genügt
        mir zu dieser Beweisführung ... Weiter mit den Nachrichten: Von unseren
        in Böhmen begüterten Verwandten und Bekannten erhalten wir allseitig
        Jammerepisteln. Der Durchmarsch der Truppen - auch wenn sie zum Siege
        gehen - verwüstet schon das Land und saugt es aus; wie wenn erst noch
        der Feind vordringen sollte, wenn sich der Kampf in ihrer Gegend, dort,
        wo sie ihre Schlösser, ihre Felder besitzen, abspielen sollte? Alles ist
        fluchtbereit - die Habseligkeiten gepackt, die Schätze vergraben. Adieu
        den fröhlichen Reisen in die böhmischen Bäder; adieu dem friedlichen
        Aufentalt auf den Landsitzen; adieu den glänzenden Herbstjagden und
        jedenfalls adieu den gewohnten Einkünften von Pachtung und Industrien.
        Die Ernten werden zertreten, die Fabriken, wenn nicht in Brand
        geschossen, so doch der Arbeiter beraubt. »Es ist doch ein wahres
        Unglück,« schreiben sie, »dass wir just im Grenzland leben - und ein
        zweites Unglück, dass Benedek nicht schon früher und heftiger die
        Offensive übernahm, um den Krieg in Preussen auszukämpfen.« Vielleicht
        könnte man es auch ein Unglück nennen, dass die ganze politische Zänkerei
        nicht von einem Schiedsgericht geschlichtet worden sei, sondern dem
        Mordgewühle auf böhmischem oder schlesischem Boden (in Schlesien soll
        es, glaubwürdigen Reiseberichten zufolge, nämlich auch Menschen und
        Felder und Fechsungen geben) anheimgestellt wird. Aber das fällt
        Niemandem ein! Mein kleiner Rudolf sitzt zu meinen Füssen, während ich
        Dir schreibe. Er lässt Dich umarmen und unsern lieben Puxl grüssen. Das
        geht uns Beiden recht sehr ab, das gute lustige Pintschel - aber
        andererseits, es hätte seinen Herrn so schwer vermisst und Dir wird es
        eine Zerstreuung, eine Gesellschaft sein. Grüsse ihn von uns Beiden, den
        Puxel - ich schüttle seine ehrliche Pfote und Rudi küsst seine gute
        schwarze Schnauze. Und jetzt, für heute leb' wohl, Du mein Alles!
»Es ist unerhört! ... Niederlage auf Niederlage! Zuerst das von Clam-Gallas
verbarrikadierte Dorf Podol erstürmt - bei Nacht, bei Mond- und Flammenschein
genommen - dann Gitschin erobert ... Das Zündnadelgewehr - das verdammte
Zündnadelgewehr mähte die unseren reihenweise nieder. Die beiden grossen
feindlichen Armeekorps - das vom Kronprinzen und das vom Prinzen Friedrich Karl
befehligte - haben sich vereinigt und dringen gegen Münchengrätz vor« ...
    So klangen die Schreckensnachrichten, welche mein Vater ebenso heftig
jammernd vortrug, wie er jubelnd die Siegesnachrichten von Custozza berichtet
hatte. Aber noch schwankte seine Zuversicht nicht:
    »Sie sollen nur kommen, Alle - Alle in unser Böhmen und dort vernichtet
werden, bis auf den letzten Mann ... Einen Ausweg, einen Rückzug gibt es dann
nicht mehr für sie, wir schliessen sie ein, wir umzingeln sie .. Und das
entrüstete Landvolk selber wird ihnen den Garaus machen ... Es ist nicht gar so
vorteilhaft, als man glauben mag, in Feindesland zu operieren, denn da hat man
nicht nur das Heer, sondern die ganze Bevölkerung gegen sich ... Aus den Häusern
von Trautenau gossen die Leute aus den Fenstern siedendes Wasser und Öl auf die
Menschen -«
    Ich stiess einen dumpfen Laut des Ekels aus.
    »Was willst Du?« sagte mein Vater achselzuckend, »es ist freilich grauenhaft
- aber das ist der Krieg.«
    »Dann behaupte wenigstens nie, dass der Krieg die Menschen veredle! -
Gestehe, dass er sie entmenscht, vertigert, verteufelt: ... Siedendes Öl! ...
Ach!« ...
    »Gebotene Selbstverteidigung und gerechte Rache, liebe Marta. Glaubst Du
etwa, ihre Zündnadelgeschosse tun den unseren wohl? ... Wie das wehrlose
Schlachtvieh müssen unsere Tapferen dieser mörderischen Waffe unterliegen. Aber
wir sind zu zahlreich, zu diszipliniert, zu kampftüchtig, um nicht doch noch
über die Schneidergesellen zu siegen. Zu Anfang sind gleich ein paar Fehler
begangen worden. Das gebe ich zu. Benedek hätte gleich die preussische Grenze
überschreiten sollen ... Es steigen mir Zweifel auf, ob diese Feldherrnwahl eine
ganz glückliche war ... Hätte man lieber den Erzherzog Albrecht hinauf geschickt
und dem Benedek die Süd-Armee übergeben ... Aber ich will nicht zu früh verzagen
- bis jetzt haben ja eigentlich doch nur vorbereitende Gefechte stattgefunden,
welche von den Preussen zu grossen Siegen aufgebauscht werden - die
Entscheidungsschlachten kommen erst. Jetzt konzentrieren wir uns bei Königgrätz;
dort - über hunderttausend Mann stark - erwarten wir den Feind ... dort wird
unser nördliches Custozza geschlagen!«
    Dort würde auch Friedrich mitkämpfen. Sein letztes, am selben Morgen
angelangtes Briefchen trug die Nachricht: »Wir begeben uns nach Königgrätz.«
    Ich hatte bisher regelmässig Kunde erhalten. Obwohl er in seinem ersten
Briefe mich darauf vorbereitet hatte, dass er nur wenig werde schreiben können,
so hat Friedrich doch jede Gelegenheit benützt, ein paar Worte an mich zu
richten. Mit Bleistift, zu Pferd, im Zelt - in flüchtiger, nur mir leserlicher
Schrift, so schrieb er die aus seinem Notizbüchelchen herausgerissenen, für mich
bestimmten Blätter voll. Manche hatte er Gelegenheit abzuschicken, manche
gelangten erst später, erst nach dem Feldzug in meine Hände.
    Bis zur Stunde habe ich diese Andenken aufbewahrt. Das sind keine sorgfältig
stilisierten Kriegsberichte, wie sie Zeitungskorrespondenten ihren Redaktionen,
oder Kriegsschriftsteller ihren Verlegern bieten, keine mit Aufwand
strategischer Fachkenntnisse entworfene Gefechtsskizzen, und keine mit
rhetorischem Schwung ausgeführte Schlachtgemälde, in welchen der Erzähler immer
bedacht ist, seine eigene Unerschrockenheit, Heldenhaftigkeit und patriotische
Begeisterung durchleuchten zu lassen. Alles dies sind Friedrichs Aufzeichnungen
nicht, das weiss ich; was sie aber sind, das vermag ich nicht zu bestimmen. Hier
folgen einige:
    - - - - - - - - - - - - - -
                                                                     Im Bivouak.
    »Ohne Zelte ... Es ist ja eine so laue, herrliche Sommernacht - der Himmel,
    der grosse gleichgültige, voll flimmernder Sterne ... Die Leute liegen auf
    dem Boden, erschöpft von den langen, ermüdenden Märschen. Nur für uns
    Stabsoffiziere wurden ein paar Zelte aufgeschlagen. In dem meinen stehen
    drei Feldbetten. Die beiden Kameraden schlafen. Ich sitze an dem Tisch,
    worauf die geleerten Groggläser und eine brennende Kerze stehen. Beim
    schwachen flackernden Schein der letzteren (es weht von dem offenen Eingang
    ein Luftzug herein) schreibe ich Dir, mein geliebtes Weib. Auf mein Lager
    habe ich den Puxl hingelegt ... war der müd', der arme Kerl! Ich bereue
    fast, ihn mitgenommen zu haben; der ist auch, was die unseren immer von der
    preussischen Landwehr behaupten: »an die Strapazen und Entbehrungen eines
    Feldzugs nicht gewöhnt«. Jetzt schnauft er wohlig und süss - ich glaube er
    träumt, wahrscheinlich von seinem Freund und Gönner Rudolf Grafen Dotzky.
    Und ich träum' von Dir, Marta ... Zwar bin ich wach; aber täuschend, wie
    ein Traumbild, sehe ich Deine liebe Gestalt in jener halbdunklen Zeltecke,
    auf einem Feldstuhl sitzen ... Welche Sehnsucht ergreift mich, dort
    hinzugehen und mein Haupt in Deinen Schoss zu legen. Ich tu' es aber nicht,
    weil ich weiss, dass dann das Bild zerflattern würde ...
        Ich trat einen Augenblick hinaus. Die Sterne flimmern gleichgültiger als
        je. Auf dem Boden huschen verschiedene Schatten: es sind Nachzügler.
        Viele, Viele, blieben unterwegs zurück; jetzt haben sie sich, vom
        Wachtfeuer angezogen, hierher geschleppt. Aber nicht Alle - Manche
        liegen noch in einem entfernten Graben oder Kornfeld. Das war aber auch
        eine Hitze, während dieses forcierten Marsches! Die Sonne brannte, als
        wollte sie uns das Hirn zum Sieden bringen; dazu der schwere Tornister,
        das schwerere Gewehr auf den wundgewetzten Schultern ... und doch, es
        hat Keiner gemurrt. Aber hingefallen sind ein paar, und konnten nicht
        wieder aufstehen. Zwei oder drei erlagen dem Sonnenstich und blieben
        gleich tot. Ihre Leichen wurden auf einen Ambulanzkarren geladen. Die
        Juninacht, so mond- und sterndurchleuchtet, so warm sie auch ist, ist
        doch entzaubert. Man hört keine Nachtigallen und keine zirpenden
        Grillen; man atmet keine Rosen- und Jasmingerüche. Die süssen Laute
        werden durch die scharrenden und wiehernden Pferde, durch die Stimmen
        der Leute und das Geräusch der Patrouillenschritte unterdrückt; die
        süssen Gerüche durch Juchten-Sattelzeug- und sonstige
        Kasernenausdünstungen überduftet. Aber das ist noch Alles nichts: noch
        hört man nicht festende Raben krächzen, noch riecht man nicht Pulver,
        Blut und Verwesung. Das Alles kommt erst - ad majorem patriae gloriam.
        Merkwürdig, wie blind die Menschen sind! Anlässlich der einst »zur
        grösseren Ehre Gottes« entflammten Scheiterhaufen brechen sie in
        Verwünschungen über blinden und grausamen, sinnlosen Fanatismus aus, und
        für die leichenbesäeten Schlachtfelder der Gegenwart sind sie voll
        Bewunderung. Die Folterkammern des finsteren Mittelalters flössen ihnen
        Abscheu ein - auf ihre Arsenale aber sind sie stolz ... Das Licht brennt
        herab, die Gestalt in jener Ecke hat sich verflüchtigt - ich will mich
        auch zur Ruhe legen, neben unseren guten Puxl.« - - - - - - - - - - - -
        - - - Auf einem Hügel oben, in einer Gruppe von Generälen und hohen
        Offizieren, mit einem Feldstecher am Auge: das ist die an ästetischen
        Eindrücken ergiebigste Situation in einem Kriege. Das wissen auch die
        Herren Schlachtenmaler und Zeitungsillustratoren: bewaffneten Auges
        rundschauende Feldherren auf einer Anhöhe werden immer wieder gezeichnet
        - ebenso oft, wie die an der Spitze ihrer Truppen auf einem möglichst
        weissen, hochtrabenden Pferde voranstürmenden Führer, welche, den Arm
        nach einem rauchenden Punkt des Hintergrundes ausgestreckt, den Kopf zu
        den Nachsprengenden umgewendet, offenbar rufen: »Mir nach, Kinder!« Von
        der Hügelstation herab sieht man wahrlich ein Stück Kriegspoesie. Das
        Bild ist grossartig und genügend entfernt, um wie ein richtiges Gemälde
        zu wirken, ohne die Schrecken- und Ekelhaftigkeiten der Wirklichkeit:
        kein fliessendes Blut, kein Sterberöcheln - nichts als erhaben prächtige
        Linien- und Farbeneffekte. Diese auf der langgestreckten Strasse sich
        fortschlängelnde Heersäule, dieser unabsehbare Zug von
        Fussvolkregimentern, von Kavallerieabteilungen und Batterien; dann der
        Munitionstrain, requirierte Bauernwagen, Packpferde und hinterher noch
        der Tross. Noch gewaltiger gestaltet sich das Bild, wenn auf der unter
        dem Hügel ausgebreiteten Landschaft nicht nur die Fortbewegung eines,
        sondern der Zusammenstoss zweier Heere zu sehen ist. Wie da die
        blitzenden Klingen, die flatternden Fahnen, die Uniformen aller Art, die
        sich bäumenden Rosse gleich wildempörten Fluten durcheinander wogen;
        darüber Dampfwolken, die an manchen Stellen zu dichten, das Bild
        verhüllenden Schleiern sich ballen, und wenn sie reissen, kämpfende
        Gruppen entüllen ... Dazu als Begleitung der durch die Berge rollende
        Lärm der Geschütze, von welchem jeder Schlag das Wort Tod - Tod - Tod -
        durch die Lüfte donnert ... Ja, so etwas mag zu Kriegsliedern
        begeistern! Auch zu der Verfassung jener zeitistorischen Berichte,
        welche nach dem Feldzug veröffentlicht werden müssen, bietet die
        Hügelposition günstige Gelegenheit. Da lässt sich allenfalls mit einiger
        Richtigkeit erzählen: die Division X stösst bei N. auf den Feind; -
        drängt ihn zurück; - erreicht das Gros der Armee; - starke feindliche
        Abteilungen zeigen sich an der linken Flanke des Korps u.s.w. u.s.w.
        Aber wer nicht auf dem Hügel durch den Feldstecher schaut, wer selber an
        der »Aktion« teilnimmt, der kann nie - nie etwas Glaubwürdiges über den
        Fortgang einer Schlacht erzählen. Er sieht, denkt und fühlt nur das
        Nächste; was er nachher berichtet, ist Konjektur zu deren
        Veranschaulichung er sich der alten Clichés bedient. »He, Tilling,«
        sagte mir heute einer der Generäle, neben denen ich auf dem Hügel stand
        - »Ist das nicht imposant? Ein Prachteer, wie? Woran denken Sie eben?«
        Woran ich dachte? Das konnte ich dem Vorgesetzten nicht gut sagen; ich
        antwortete also allergehorsamst etwas Unwahres. Allergehorsamlichkeit
        und Wahrheit haben ohnedies nichts miteinander zu schaffen. Letztere ist
        ein gar stolzes Wesen: von allem Knechtischen wendet sie sich
        verächtlich ab. - - - - - - - - - - - - - - - »Das Dorf ist unser -
        nein, es ist des Feindes - und wieder unser - und abermals des Feindes,
        aber ein Dorf ist's nicht mehr, sondern ein rauchender Trümmerhaufen.
        Die Bewohner (war es nicht eigentlich ihr Dorf?) hatten es schon früher
        verlassen und waren geflohen. Zum Glück - denn der Kampf in einem
        bewohnten Orte ist gar etwas Fürchterliches, denn da fallen die Kugeln
        von Feind und Freund mitten in die Stuben hinein und töten Weiber und
        Kinder. - Eine Familie war dennoch in dem Orte zurückgeblieben, den wir
        gestern genommen, verloren, wieder genommen und wieder verloren haben,
        nämlich ein altes Ehepaar und dessen Tochter - diese im Kindbett. Der
        Gatte dient in unserem Regiment. Er sagte mir's, als wir uns dem Dorf
        näherten: »Dort, Herr Oberstlieutenant in dem Hause mit dem roten Dach,
        lebt mein Weib mit ihren alten Eltern ... Sie haben nicht fliehen
        können, die Armen ... mein Weib muss jede Stunde niederkommen und die
        Alten sind halb gelähmt - um Gotteswillen, Herr Oberstlieutenant,
        kommandieren Sie mich dortin.« - Der arme Teufel! er kam gerade
        zurecht, um die Wöchnerin und das Kind sterben zu sehen; eine Bombe war
        neben dem Bette geplatzt ... Was mit den Alten geschehen - ich weiss es
        nicht. Vermutlich unter den Trümmern begraben; das Haus war eins der
        ersten, welches in Brand geschossen wurde. Der Kampf auf offenem Felde
        ist schaurig genug, aber der Kampf inzwischen menschlicher Wohnstätten
        ist noch zehnmal grausiger. Stürzendes Gebälk, aufschlagende Flammen,
        erstickender Rauch - vor Angst tollgewordenes Vieh - jede Mauer Festung
        oder Barrikade, jedes Fenster Schiessscharte ... Eine Brustwehr habe ich
        da gesehen, die war aus Leichen gebildet. Da hatten die Verteidiger alle
        in der Nähe liegenden Gefallenen aufeinandergeschichtet, um, so
        geschützt, darüber auf den Angreifer hinwegzuschiessen. Diese Mauer
        vergesse ich wohl im Leben nicht: ... Einer, der als Ziegel diente -
        zwischen den anderen Leichenziegeln eingepfercht - der lebte noch,
        bewegte die Arme. - - - »Lebte noch: das ist ein Zustand - im Krieg in
        tausend Varianten vorkommend - der die masslosesten Leiden in sich birgt.
        Gäb' es irgend einen Engel der Barmherzigkeit, der über den
        Schlachtfeldern schwebte, er hätte vollauf zu tun, den armen Wichten -
        Mensch und Tier - die noch lebten den Gnadenstoss zu geben.« - - - - - -
        - - - - - - - - - »Heute hatten wir ein kleines Kavalleriegefecht auf
        offenem Felde. Da kam ein preussisches Dragonerregiment im Trab einher,
        deployierte in Linie und, die Pferde fest im Zügel, den Säbel über dem
        Kopf, ritten sie in kurzem Galopp gerade auf uns zu. Wir warteten den
        Angriff nicht ab, sondern sprengten dem Feind entgegen. Kein Schuss wurde
        gewechselt. Wenige Schritte von einander brachen beide Reihen in ein
        donnerndes Hurra aus (Schreien berauscht: das wissen die Indianer und
        Zulus noch besser als wir), und so stürzten wir aufeinander, Pferd an
        Pferd und Knie an Knie; die Säbel sausten in die Höhe und kamen auf die
        Köpfe nieder. Bald waren Alle zu dicht ineinander geraten, um die Waffen
        zu gebrauchen; da wurde Brust an Brust gerungen, wobei die scheu und
        wild gewordenen Pferde schnaufend stürzten, sich bäumten und um sich
        schlugen. Ich war auch einmal zu Boden und sah - das ist kein angenehmer
        Anblick - schlagende Pferdehufe eine Linie weit von meiner Schläfe
        entfernt.« - - - - - - - - - - - - - - - »Wieder ein Marschtag mit ein
        oder zwei Gefechten. Ich habe einen grossen Kummer erlebt. Es verfolgt
        mich ein so trauriges Bild ... Unter den vielen Trauerbildern, die mich
        rings umgeben, sollte dies nicht auffallen, sollte mir nicht so weh
        tun. Aber ich kann nichts dafür: es geht mir nahe und ich kann es nicht
        loswerden ... Puxl - unser armes, lebensfrohes, gutes Pintschel - ach,
        hätte ich ihn doch zu Hause gelassen, bei seinem kleinen Herrn, Rudolf!
        Er lief uns nach, wie gewöhnlich. Plötzlich stösst er ein jammervolles
        Geschrei aus ... ein Granatsplitter hat ihm die Vorderbeinchen
        abgerissen ... Er kann nicht nach - verlassen bleibt er zurück und »lebt
        noch«; vierundzwanzig und achtundvierzig Stunden vergehen und er lebt
        noch. - Mein Herrl - mein gutes Herrl, ruft er mir klagend nach, lass den
        armen Puxl nicht da! und sein kleines Herz bricht ... Was besonders an
        mir nagt, ist der Gedanke, dass das sterbende treue Geschöpf mich
        verkennen muss. Er hat es gesehen, dass ich mich umgewendet - dass ich
        seinen Hilferuf vernommen haben musste, und doch so kalt und hart ihn
        liegen liess. Er weiss es ja nicht, der arme Puxl, dass einem zur Attacke
        vorstürmenden Regiment, aus dessen Reihen die Kameraden fallen und am
        Wege bleiben, nicht eines gefallenen Hündchens wegen »Halt« kommandiert
        werden kann. Von einer höheren Pflicht, der ich gehorchte, hat er keinen
        Begriff, und das arme, so treue Hundeherz klagt mich der
        Unbarmherzigkeit an ... Dass man inmitten der »grossen Ereignisse« und der
        Riesenunglücksfälle, welche die Gegenwart erfüllen, über solche
        Kleinigkeiten sich betrüben kann! würden Viele - nicht Du, Marta -
        achselzuckend sagen. Nicht Du - ich weiss, Dir tritt jetzt auch eine
        Träne ins Auge um unseren armen Puxl« - - - - - - - - - - - - - - -
        »Was geschieht da? Das Exekutions-Peloton wird aufgestellt Ward ein
        Spion gefangen? Einer? ... Diesmal siebzehn. Dort kommen sie schon. In
        vier Reihen, je zu vier Mann, von einem Carré Soldaten umgeben,
        schreiten die Verurteilten, gesenkten Kopfes, daher. Dahinter ein Wagen,
        worin eine Leiche liegt und darauf sitzend, an die Leiche gebunden, der
        Sohn des Toten, ein zwölfjähriger Knabe - auch verurteilt ... Ich mag
        die Hinrichtung nicht sehen und entferne mich. Aber die Schüsse habe ich
        vernommen ... Hinter der Mauer steigt eine Rauchwolke auf - alle hin,
        auch der Knabe.« - - - - - - - - - - - - - - - - - - »Endlich ein
        bequemes Nachtquartier in einem kleinen Städtchen! Das arme Nest! ...
        Vorräte, die den Leuten auf Monate hinaus genügen würden, haben wir
        ihnen durch eine Requisition fortgenommen. Requisition ... es ist nur
        gut, wenn man für ein Ding einen hübschen, sanktionierten Namen hat. Ich
        war aber doch froh, das gute Nachtlager und das gute Nachtessen gefunden
        zu haben. Und - lass Dir erzählen: Schon wollte ich mich zu Bett legen,
        als mir meine Ordonnanz meldet: ein Mann von unserem Regiment sei da und
        verlange dringend, eingelassen zu werden, er bringe mir etwas. So soll
        er kommen. Der Mann trat ein. - Und als er wieder ging, da hatte ich ihn
        reich beschenkt und ihm beide Hände geschüttelt und ihm versprochen, für
        sein Weib und Kind zu sorgen, falls ihm etwas geschähe. Denn was er mir
        gebracht hat, der Brave - das hat mir eine grosse Freude gemacht und mich
        von einer Pein befreit, unter der ich seit sechsunddreissig Stunden litt
        - was er mir gebracht hat: das war mein Puxl. Verwundet zwar - ehrenvoll
        blessiert - aber noch lebend und so selig, wieder bei seinem Herrn zu
        sein, an dessen Benehmen er wohl erkannt haben musste, dass er ihm mit dem
        Vorwurf der Lieblosigkeit unrecht getan ... Ja, war das eine
        Wiedersehensscene! Vor Allem ein Trunk Wasser. Wie das schmeckte ... das
        heisst, zehnmal unterbrach er das gierige Trinken, um mir seine Freude
        vorzubellen. Hierauf habe ich ihm seine Beinstummel verbunden, ihm ein
        schmackhaftes Souper von Fleisch und Käse vorgesetzt und ihn auf mein
        Lager gebettet. Wir haben Beide gut geschlafen. Des Morgens, als ich
        erwachte, leckte er mir nochmals dankend die Hand - dann streckte er
        seine Gliederchen, schnaufte tief auf und - hatte aufgehört zu sein.
        Armer Puxl - es ist besser so!« - - - - - - - - - - - - - - - »Was habe
        ich heute Alles gesehen? Wenn ich die Augen schliesse, tritt mir das
        Geschaute mit furchtbarer Klarheit vor das Gedächtnis. Nichts als
        Schmerz und Schreckbilder! wirst Du sagen. Warum bringen denn Andere vom
        Kriege so frische, fröhliche Eindrücke mit? Je nun, diese Anderen
        verschliessen sich gegen den Schmerz und den Schreck - verschweigen sie.
        Wenn sie schreiben, wenn sie erzählen, so geben sie sich überhaupt keine
        Mühe, die Erlebnisse nach der Natur zu schildern, sondern sie
        befleissigen sich, einst gelesene Schilderungen schablonenhaft
        nachzubilden und diejenigen Empfindungen hervorzukehren, welche als
        heldenhaft gelten. Wenn sie mitunter auch von Vernichtungsscenen
        berichten, welche den ärgsten Schmerz und den ärgsten Schreck in sich
        bergen, in ihrem Tone darf von Beiden nichts entalten sein. Im
        Gegenteil: je schauerlicher, desto gleichgültiger - je abscheulicher,
        desto unbefangener. Missbilligung, Entrüstung, Empörung? Davon schon gar
        nichts - da noch eher ein leiser Anhauch sentimentalen Mitleids, ein
        paar gerührte Seufzer. - Aber schnell wieder den Kopf in die Höhe, das
        Herz zu Gott und die Faust auf den Feind. Hurrah und Trara!« »Da siehst
        Du nun zwei Bilder, die sich mir eingeprägt: Steile, felsige Anhöhen -
        katzenbehend hinaufkletternde Jäger; es gilt, die Anhöhe zu »nehmen«; -
        von oben schiesst der Feind herab. Was ich sehe, sind die Gestalten der
        emporstrebenden Angreifer und Einige darunter, die, von feindlichen
        Geschossen getroffen, plötzlich beide Arme ausstrecken, das Gewehr
        fallen lassen und, mit dem Kopf nach rückwärts sich überschlagend, die
        Anhöhe hinabstürzen - stufenweise - von Felsvorsprung zu Felsvorsprung -
        sich die Glieder zerschmetternd. - - - - - - Ich sehe einen Reiter in
        einiger Entfernung schief hinter mir, neben welchem eine Granate platzt.
        Sein Pferd wirft sich zur Seite und drängt sich an das Hinterteil des
        meinen - dann schiesst es an mir vorbei. Der Mann sitzt noch im Sattel,
        aber ein Granatsplitter hat ihm den Unterleib auf- und alle Eingeweide
        herausgerissen. Sein Oberkörper hält mit dem Unterkörper nur noch durch
        das Rückgrat zusammen - von den Rippen zu den Schenkeln ein einziges
        grosses, blutiges Loch ... Eine kleine Strecke weiter fällt er herab,
        bleibt mit dem Fuss im Bügel hängen und das fortrasende Pferd schleift
        ihn auf dem steinigen Boden nach.« - - - - - - - - - - - - - - - - - -
        »Auf einem regendurchschwemmten und steilen Stück Weg staut sich eine
        Abteilung Artillerie. Bis über die Räder versinken die Geschütze in den
        Schlamm. Nur mit äusserster Anstrengung, schweisstriefend und von den
        erbarmungslosesten Schlägen angefeuert, kommen die Pferde von der
        Stelle. Aber eins, schon todmüde, kann nicht mehr. Das Hauen hilft
        nichts: es wollte ja - es kann nicht, es kann nicht. Sieht denn das der
        Mann nicht ein, dessen Hiebe auf den Kopf des armen Tieres hageln? Wäre
        der rohe Wicht der Fuhrmann eines zu irgendwelchem Bau dienenden
        Steinwagens gewesen, jeder Polizist - ich selber - hätte ihn arretiert.
        Dieser Kanonier jedoch, der das todbeladene Fuhrwerk vorwärts bringen
        sollte, der waltete nur seines Amtes. Das konnte aber das Pferd nicht
        wissen; das geplagte, gutmütige, edle Geschöpf, das sich bis zu seiner
        äussersten Lebenskraft angestrengt - wie musste das über solche Härte und
        über solchen Unverstand in seinem Inneren denken? Denken, so wie Tiere
        denken, nämlich nicht mit Worten und Begriffen, sondern mit
        Empfindungen, desto heftigere Empfindungen, als sie äusserungsunfähig
        sind. Nur eine Äusserung gibt es dafür: den Schmerzensschrei. Und es hat
        geschrien, jenes arme Ross, als es endlich zusammensank - einen Schrei,
        so langgedehnt und klagend, dass er mir noch im Ohre gellt - dass er mich
        die folgende Nacht im Traume verfolgt hat. Ein abscheulicher Traum
        übrigens ... Mir war, als sei ich - - wie soll ich das nur erzählen? -
        Träume sind so sinnlos, dass die dem Sinn angepasste Sprache sich schwer
        zu ihrer Wiedergabe eignet - als sei ich das Kummerbewusstsein eines
        solchen Artilleriepferdes - nein! nicht eines, sondern von 100,000 -
        denn rasch hatte ich im Traum die Summe der in einem Feldzug zu grunde
        gehenden Pferde berechnet - und da steigerte sich dieser Kummer sofort
        ins hunderttausendfache ... Die Menschen, die wissen doch, warum ihr
        Leben der Gefahr ausgesetzt ist, sie kennen das Wohin? das Wozu? - und
        wir Unglücklichen wissen nichts, um uns ist alles Nacht und Grauen. Die
        Menschen gehen doch mit Freunden gegen einen Feind, wir aber sind rings
        von Feinden umgeben ... unsere eigenen Herren, die wir so treu lieben
        wollten, denen zu dienen wir unsere letzte Kraft aufbieten, die hauen
        auf uns nieder - die lassen uns hilflos liegen ... Und was wir nebstbei
        leiden müssen: Furcht, dass uns der Angstschweiss vom ganzen Körper rinnt;
        - Durst - denn auch wir haben Fieber - o dieser Durst, dieser Durst von
        uns armen, blutenden, misshandelten hunderttausend Pferden! ... Hier
        erwachte ich und griff nach der Wasserflasche: - ich hatte selber
        brennenden Fieberdurst.« - - - - - - - - - - - - - - - »Wieder einen
        Strassenkampf - in dem Städtchen Saar. Zu dem Lärm des Kampfgeschreies
        und der Geschütze gesellt sich das Krachen der Balken, das Stürzen der
        Mauern. Es schlägt eine Granate in ein Haus und der durch das Platzen
        derselben verursachte Luftdruck ist so gewaltig, dass mehrere Soldaten
        von den in die Luft geschleuderten Trümmern des Hauses verwundet werden.
        Über meinen Kopf weg fliegt ein Fenster - noch mit dem Fensterflügel
        dran. Die Schornsteine stürzen herunter, Gypsbewurf löst sich in Staub
        und füllt die Luft mit einer erstickenden, augenätzenden Wolke. Aus
        einer Gasse in die andere (wie die Hufe auf dem spitzen Pflaster
        klappern!) wälzt sich der Kampf und langt auf dem Marktplatz an. In der
        Mitte des Platzes steht eine hohe, steinerne Mariensäule. Die Mutter
        Gottes hält ihr Kind in einem Arm, den anderen streckt sie segnend aus.
        Hier wird weiter gerungen. Mann an Mann. Sie hauen auf mich drein - ich
        haue um mich herum ... Ob ich Einen oder Mehrere getroffen, ich weiss es
        nicht: in solchen Augenblicken bleibt einem nicht viel Besinnung.
        Dennoch haben sich mir wieder zwei Fälle in die Seele photographiert,
        und ich fürchte, der Marktplatz von Saar wird mir ewig unvergesslich
        bleiben: Ein preussischer Dragoner, stark wie Goliat, reisst einen
        unserer Offiziere (einen schmucken, schmächtigen Lieutenant - wie viel
        Mädchen schwärmten wohl für ihn?) aus dem Sattel und zerschmettert ihm
        den Schädel am Fusse der Madonnensäule. Die milde Heilige schaut
        unbeweglich zu. Ein Anderer von den feindlichen Dragonern, ebenso
        goliatstark, knapp vor mir, fasst meinen Nebenmann an und biegt ihn so
        kräftig im Sattel nach rückwärts, dass ihm - ich habe es krachen gehört -
        das Rückgrat bricht ... Auch dazu gab die Madonna ihren steinernen
        Segen.«
    »Von einer Anhöhe aus bot sich den bewaffneten Augen der Stabsoffiziere
    heute wieder manch abwechselungsreiches Schauspiel. Da war zum Beispiel der
    Einsturz einer Brücke, während über dieselbe ein Train von Wagen sich
    bewegte. Waren in den letzteren Verwundete? - ich weiss es nicht - das konnte
    ich nicht erkennen. - Ich sah nur, dass Alles - Wagen, Pferde und Menschen -
    in die an jener Stelle tiefen und reissenden Fluten sank und dort verschwand.
    Das Ereignis war ein günstiges - sintemalen der Wagentrain den »Schwarzen«
    gehörte. Ich denke mir nämlich in der eben gespielten Partie »uns« als die
    weissen Figuren. Die Brücke war nicht zufällig eingestürzt; die Weissen
    hatten, wissend, dass der Gegner darüber kommen sollte, die Pfeiler abgesägt
    - ein feiner Zug also.
        Ein zweiter Anblick hingegen, den man von derselben Anhöhe aus
        beobachten konnte, bedeutete einen Schnitzer der Weissen: Unser Regiment
        Khevenhüller wird in einen Sumpf dirigiert, wo es nicht herauskann und
        bis auf Wenige niedergeschossen wird. Die Getroffenen fallen hin in den
        Sumpf ... Hier versinken, ersticken müssen - in Mund und Nase und Augen
        Schlamm - nicht einmal schreien können! ... Nun ja, zugestanden: es war
        ein Fehler desjenigen, der die Leute dortin kommandiert hatte; aber -
        »irren ist menschlich« und der Verlust ist kein grosser - stellt ungefähr
        einen geschlagenen Bauer vor; ein nächster genialer Zug mit Turm oder
        Königin, und Alles ist wieder gut gemacht. Der Schlamm bleibt zwar in
        Mund und Augen der Gefallenen, aber das ist ja nebensächlich - das
        Tadelnswerte dabei ist der taktische Fehler; der muss durch eine spätere
        glückliche Kombination ausgemerzt werden, und dem betreffenden Führer
        können dann immerhin noch schöne Orden und Beförderungen blühen. Dass
        neulich unser 18. Jägerbataillon während eines Nachtkampfes durch
        mehrere Stunden auf unser Regiment König von Preussen schoss, und man erst
        bei Tagesanbruch den Irrtum bemerkte; dass ein Teil des Regiments Gyulai
        in einen Teich geführt wurde: das sind auch so kleine Versehen, wie sie
        eben in der Hitze der Partei auch dem besten Spieler passieren können.«
        - - - - - - - - - - - - - - - »Es ist beschlossen; wenn ich aus diesem
        Feldzug zurückkehre, so verlasse ich den Dienst. Alles Andere
        hintangesetzt - wenn man einmal eine Sache mit einem solchen Abscheu zu
        erfassen gelernt hat, wie der Krieg mir nunmehr einflösst, so wäre es
        unausgesetzte Lüge, im Dienst dieser Sache zu verharren. Ehedem bin ich,
        wie Du weisst, auch schon mit Widerwillen und mit verdammendem Urteil in
        die Schlacht gezogen, aber erst jetzt hat sich dieser Widerwille so
        gesteigert, diese Verurteilung so verschärft, dass alle Gründe, welche
        mich früher bestimmten bei meinem Berufe auszuharren, aufgehört haben,
        zu wirken. Die Gesinnungen, welche aus dem Jugendunterricht, vielleicht
        auch teilweise angeerbt - in meinem Innern noch zu Gunsten des
        Soldatentums sprachen, sind mir jetzt, während der zuletzt erlebten
        Greuel ganz verloren gegangen. Ich weiss nicht, sind es die mit Dir
        gemeinschaftlich gemachten Lektüren, aus welchen hervorging, dass meine
        Kriegsverachtung nicht vereinzelt ist, sondern von den besten Geistern
        der Zeit geteilt wird; sind es die mit Dir geführten Gespräche, in
        welchen ich mich durch Aussprache meiner Ansichten und durch Deine
        Zustimmung in denselben gestärkt habe; - kurz. mein früheres dumpfes,
        halbunterdrücktes Gefühl hat sich in eine klare Überzeugung verwandelt -
        eine Überzeugung, die es mir fortan unmöglich macht, dem Kriegsgott zu
        fröhnen. Das ist so eine Wandlung, wie sie bei vielen Leuten in
        Glaubenssachen eintritt. Zuerst sind sie etwas zweiflerisch und
        gleichgültig, sie können aber noch mit einer gewissen Ehrfurcht den
        Tempelhandlungen beiwohnen. Wenn aber einmal aller Mystizismus
        abgestreift ist, wenn sie zu der Einsicht gelangen, dass die Ceremonie,
        der sie da beiwohnen, auf Torheit - auch mitunter grausame Torheit,
        wie bei den religiösen Opferschlachtungen - beruht, dann wollen sie
        nicht mehr neben den anderen Betörten knieen, nicht mehr sich und die
        Welt betrügen, indem sie den nunmehr entgötterten Tempel betreten. So
        ist es mir mit dem grausamen Marsdienst ergangen. Das geheimnisvolle,
        überirdische, Andachtsschauer-erweckende, welches das Erscheinen dieser
        Gotteit auf die Menschen hervorzubringen pflegt, welches auch in
        früherer Zeit noch meinen Sinn umdunkelte, das ist mir jetzt vollständig
        abhanden gekommen. Die Armeebefehl-Liturgie und die rituellen
        Heldenphrasen erscheinen mir nicht mehr als inspirierter Urtext; der
        gewaltige Orgelton der Kanonen, der Weihrauchdampf des Pulvers vermag
        nicht mehr mich zu verzücken: ganz glaubens- und ehrfurchtslos wohne ich
        der fürchterlichen Kultushandlung bei und kann dabei nichts Anderes mehr
        sehen, als die Qualen des Opfers, nichts hören, als dessen jammervollen
        Todesschrei. Und daher kommt es, dass diese Blätter, die ich mit meinen
        Kriegseindrücken fülle, nichts Anderes entalten, als schmerzlich
        geschauten Schmerz.«
Die Schlacht von Königgrätz war geschlagen. Wieder eine Niederlage! Diesmal, wie
es scheint, eine entscheidende ... Mein Vater berichtete uns diese Nachricht in
einem Tone, als hätte er den Weltuntergang verkündet.
    Und kein Brief, keine Depesche von Friedrich! War er verwundet - tot? -
Konrad gab seiner Braut Nachricht: er war unversehrt. Die Verlustlisten waren
noch nicht angekommen; es hiess nur, bei Königgrätz gab es vierzigtausend Tote
und Verwundete. Und die letzte Nachricht, die ich erhalten hatte, lautete: »Wir
begeben uns heute nach Königgrätz.«
    Am dritten Tage noch immer kein Zeichen. Ich weine und weine stundenlang.
Eben weil mein Kummer noch nicht ganz hoffnungslos ist, kann ich weinen; wenn
ich wüsste, dass Alles vorbei ist, so gäbe es für die Wucht meines Schmerzes keine
Tränen mehr. Auch mein Vater ist tiefgedrückt. Und Otto, mein Bruder, tobt vor
Rachsucht. Es heisst, dass jetzt in Wien Freiwilligen-Korps errichtet werden -
diesen will er sich anschliessen. Ferner heisst es, Benedek solle seiner Stelle
entsetzt und statt seiner der siegreiche Erzherzog Albrecht nach dem Norden
berufen werden, dann gäbe es vielleicht doch noch ein Aufraffen, ein
Zurückschlagen des übermütigen Feindes, der jetzt uns ganz vernichten wolle, der
im Vormarsch auf Wien begriffen sei ... Angst, Wut, Schmerz erfüllt alle
Gemüter; der Name »die Preussen« drückt Alles aus, was es Hassenswertes gibt.
Mein einziger Gedanke ist Friedrich - und keine, keine Nachricht!
    Nach einigen Tagen langte ein Brief Doktor Bressers an. Er war in der
Umgebung des Schlachtfeldes tätig, um zu helfen, was er helfen konnte. Die Not
sei grenzenlos, schrieb er, jeder Einbildungskraft spottend. Er hatte sich einem
sächsischen Arzte, Doktor Brauer, angeschlossen, der von seiner Regierung
ausgesandt worden war, um nach dem Augenschein über die Lage zu berichten. In
zwei Tagen sollte auch eine sächsische Dame ankommen - Frau Simon, eine neue Miss
Nightingale - welche seit Ausbruch des Krieges in Dresdener Hospitälern tätig
gewesen, und welche sich erboten hatte, die Reise nach den böhmischen
Schlachtfeldern anzutreten, um in den umliegenden Hospitälern ihre Hilfe zu
leisten. Doktor Brauer und mit ihm Doktor Bresser wollten sich an dem bestimmten
Datum, sieben Uhr abends, nach Königinhof, der letzten Station vor Königgrätz,
bis wohin die Eisenbahn noch verkehrte, begeben und die mutige Frau daselbst
erwarten. Bresser bat uns, womöglich eine Sendung von Verbandzeug und
dergleichen nach jener Station zu schicken, damit er sie dort in Empfang nehmen
könne.
    Kaum hatte ich diesen Brief gelesen, war mein Entschluss gefasst: - die Kiste
mit Verbandzeug würde ich selber bringen. In einem jener Spitäler, welche Frau
Simon besuchen wollte, lag möglicherweise Friedrich ... Ich würde mich ihr
anschliessen und den teuren Kranken finden, pflegen retten ... Die Idee erfasste
mich mit zwingender Gewalt, so zwingend, dass ich sie für eine magnetische
Fernwirkung des sehnenden Wunsches auffasste, mit dem der Geliebte nach mir rief.
    Ohne Jemandem aus meiner Familie meinen Vorsatz mitzuteilen - denn ich wäre
nur auf allseitigen Widerspruch gestossen - machte ich mich ein paar Stunden nach
Erhalt des Bresserschen Briefes auf den Weg. Ich hatte vorgegeben, dass ich die
von dem Doktor verlangten Dinge in Wien selber besorgen und expedieren wolle,
und so konnte ich ohne Schwierigkeit von Grumitz fortkommen. Von Wien aus würde
ich dann meinem Vater schreiben: »Bin nach dem Kriegsschauplatze abgereist.«
Wohl stiegen mir Zweifel auf: meine Unfähigkeit und Unerfahrenheit, mein Abscheu
vor Wunden, Blut und Tod; aber diese Zweifel verjagte ich: was ich tat, ich
musste es tun. Des Gatten Blick, flehend und gebietend, war auf mich gerichtet;
von seinem Schmerzenslager streckte er die Arme nach mir aus und: »Ich komme,
ich komme,« war das Einzige, was ich zu denken vermochte.
    Ich fand die Stadt Wien in unsäglicher Aufregung und Bestürzung. Verstörte
Gesichter ringsumher. Mein Wagen kreuzte sich mit mehreren Wagen, welche mit
Verwundeten gefüllt waren. Immer spähete ich, ob nicht etwa Friedrich darunter
sei ... Aber nein: sein Sehnsuchtsruf, der an meinen Fibern zerrte, drang von
weiter her - von Böhmen. Hätte man ihn zurücktransportiert, so wäre die
Nachricht davon gleichzeitig zu uns gelangt.
    Ich liess mich in einen Gastof führen. Von dort aus besorgte ich meine
Einkäufe, expedierte den für Grumitz bestimmten Brief, warf mich in einen
möglichst einfachen, strapazenfähigen Reiseanzug und fuhr nach dem Nordbahnhof.
Ich wollte den nächstabgehenden Zug benutzen, um rechtzeitig an meine Bestimmung
zu gelangen. Es war wie eine fixe Idee, unter deren Herrschaft ich meine
Handlungen ausführte.
    Auf dem Bahnhof herrschte reges - Leben - oder soll ich »reges Sterben«
sagen? Die Halle, die Säle, der Perron; Alles voll Verwundeter, Viele davon in
den letzten Zügen. Und ein massenhaftes Menschengewirre: Krankenpfleger,
Sanitätssoldaten, barmherzige Schwestern, Ärzte; Männer und Frauen aus allen
Gesellschaftsklassen, die da kamen, um nachzusehen, ob der letzte Transport
nicht einen von den Ihren gebracht; oder auch, um unter die Verwundeten
Geschenke, Wein, Cigarren u.s.w. zu verteilen. Das Beamten- und das
Dienstpersonal überall bemüht, das vordringende Publikum zurückzudrängen. Auch
mich wollte man wieder fortschicken:
    »Was wollen Sie? ... Platz da! ... Das Überreichen von Ess- und Trinkwaren
ist verboten .. wenden Sie sich an das Komitee ... dort werden die Geschenke in
Empfang genommen« ...
    »Nein, nein,« sagte ich, »ich will abreisen. Wann fährt der nächste Zug?«
    Auf diese Frage konnte ich lange keine Auskunft erhalten. Die meisten
Abfahrtszüge seien eingestellt, erfuhr ich endlich, dass die Linie für ankommende
Züge, die eine Ladung Verwundeter nach der anderen brachte, offen bleiben musste.
Passagierzüge gingen heute überhaupt keine mehr ab. Nur einer mit
nachgeschickten Reservetruppen, und ein anderer zur ausschliesslichen Benutzung
des patriotischen Hilfsvereins, der mehrere Ärzte und barmherzige Schwestern und
eine Ladung nötigen Materials nach der Umgebung von Königgrätz abführen sollte.
    »Und da könnte ich nicht mitfahren?«
    »Unmöglich!«
    Immer deutlicher und flehender vernahm ich Friedrichs Hilferuf - und nicht
kommen können: es war zum verzweifeln!
    Da erblickte ich am Eingang der Halle Baron S., den Vize-Vorsteher des
patriotischen Hilfsvereins, denselben, den ich schon vom Kriegsjahre 59 her
kannte. Ich eilte auf ihn zu:
    »Um Gotteswillen, Baron S., helfen Sie mir! Sie erkennen mich doch?«
    »Baronin Tilling, Tochter des General Grafen Altaus - gewiss habe ich die
Ehre ... Womit kann ich Ihnen dienen?«
    »Sie expedieren einen Zug nach Böhmen ... lassen Sie mich mitfahren! Mein
sterbender Mann verlangt nach mir ... Wenn Sie ein Herz haben - und Sie beweisen
ja durch Ihre Tätigkeit, wie schön und edel Ihr Herz ist - so schlagen Sie mir
meine Bitte nicht ab!«
    Es gab noch allerlei Zweifel und Bedenken, aber schliesslich wurde meinem
Wunsche willfahrt. Baron S. rief einen der vom Hilfsverein entsendeten Arzte
herbei und empfahl mich, als Mitreisende, seinem Schutz.
    Bis zur Abfahrt war noch eine Stunde. Ich wollte den Wartesaal aufsuchen,
aber jeder verfügbare Raum war in ein Hospital verwandelt. Wo man hinblickte,
überall kauernde, liegende, verbundene, bleiche Gestalten. Ich mochte nicht
hinschauen. Das bisschen Energie, das ich besass, das musste ich mir auf meine
Fahrt und auf deren Ziel aufsparen. Von aller Kraft, allem Mitgefühl, aller
Hilfeleistungsfähigkeit, die mir zu Gebote stand, durfte ich hier nichts
ausgeben; das gehörte nur ihm - ihm, der mich rief.
    Es war indes kein Winkel zu finden, wo mir der Jammeranblick erspart
geblieben wäre. Ich hatte mich auf den Perron geflüchtet und dort musste ich
gerade das Ärgste mit ansehen: die Ankunft eines langen Zuges, dessen sämtliche
Waggons mit Verwundeten gefüllt waren, und die Abladung der Letzteren. Die
leichter Blessierten stiegen selber aus und schleppten sich vorwärts, die
Meisten mussten aber unterstützt, oder gar getragen werden. Die verfügbaren
Tragbahren waren gleich besetzt und die überzähligen Patienten mussten bis zur
Rückkunft der Träger einstweilen auf den Boden gelagert werden. Vor meine Füsse,
auf dem Platze, wo ich auf einer Kiste sass, legten sie Einen hin, der
unausgesetzt ein gurgelndes Röcheln ausstiess. Ich beugte mich herab, um ihm ein
teilnehmendes Wort zu sagen, aber entsetzt fuhr ich wieder zurück und verbarg
mein Gesicht in beide Hände - der Eindruck war zu fürchterlich gewesen. Das war
kein menschliches Angesicht mehr - der Unterkiefer weggeschossen, ein Auge
herausquellend ... dazu ein erstickender Qualm von Blut- und Unratgeruch ... Ich
hätte aufspringen und fliehen mögen, doch ward mir totenübel und mein Kopf fiel
an die hinter mir liegende Mauer zurück. »O ich feiges, kraftloses Geschöpf!« -
schalt ich mich - »was suche ich hier in diesen Jammerstätten, wo ich nichts -
nichts helfen kann ... wo ich solchem Ekel unterliege« ... Nur der Gedanke an
Friedrich raffte mich wieder empor. Ja, für ihn, auch wenn er in solchem
Zustande wäre, wie der Elende zu meinen Füssen, könnte ich Alles ertragen - ich
würde ihn noch umfangen und küssen, und aller Ekel, alles Grauen versänke in das
eine allbesiegende Gefühl - in Liebe - »Friedrich - mein Friedrich, ich komme!«
wiederholte ich halblaut diesen einen fixen Gedanken, der mich seit der Ankunft
des Bresserschen Briefes erfasst und nicht mehr losgelassen hatte.
    Eine furchtbare Idee durchflog mein Hirn: Wie, wenn dieser - Friedrich wäre?
Ich sammelte meine Kräfte und blickte noch einmal hin: Nein, er war es nicht.
Die bange Wartestunde war doch auch vorübergegangen. Den Röchelnden hatten sie
fortgetragen. »Legt ihn dort auf die Bank,« hörte ich den Regimentsarzt
befehlen, »den da kann man nicht mehr ins Spital bringen - er ist schon
dreiviertel tot.« Und doch - diese Worte musste er noch verstanden haben, der
Dreiviertel-Tote, denn mit einer verzweiflungsvollen Gebärde hob er beide Arme
zum Himmel.
    Jetzt sass ich im Waggon mit den beiden Ärzten und vier barmherzigen
Schwestern. Es war erstickend heiss und der Raum war mit einem Duft von Hospital
und Sakristei - Karbol und Weihrauch - erfüllt. Mir war unsäglich übel. Ich
lehnte mich in meine Ecke zurück und schloss die Augen.
    Der Zug setzte sich in Bewegung. Das ist so der Augenblick, wo jeder
Reisende sich das Ziel vergegenwärtigt, dem er entgegengetragen wird. Öfters
schon war ich auf dieser Strecke gefahren und da winkte mir die Ankunft in einem
gästegefüllten Schloss, in einem fröhlichen Badeorte - auch meine
Hochzeitsreise - seliges Andenken - hatte ich auf diesem Weg gemacht, einem
glänzenden und liebevollen Empfang in der Hauptstadt »Preussens« (wie hatte
letzteres Wort doch seiter einen anderen Klang bekommen!) entgegen. - - Und
heute? Was war heute unser Ziel? Ein Schlachtfeld und umliegende Lazarete - die
Stätten des Todes und der Leiden. Mir schauderte.
    »Gnädige Frau,« sagte einer der Arzte - »ich glaube, Sie sind selber krank
... Sie sehen so bleich und leidend aus.«
    Ich blickte auf. Der Sprecher war eine sympatische, jugendliche
Erscheinung. Vermutlich war dies die erste praktische Tätigkeit des kaum
promovierten Mediziners. Schön von ihm, dass er seine ersten Dienste diesem
gefahr- und beschwerdevollen Amte widmete! Ich fühlte mich diesen Menschen, die
da neben mir im Waggon sassen, dankbar für die Linderung, welche sie den
Leidenden zu bringen im Begriffe standen. Auch den opfermutigen, wirklich
»barmherzigen« Schwestern zollte ich im Herzen Bewunderung und Dank. Doch was
brachte jeder dieser guten Menschen mit? Ein Lot Hilfe für tausend Centner Not.
Die tapferen Nonnen mussten wohl für alle Menschen jene überwindungskräftige
Liebe im Herzen tragen, wie sie mich für meinen Mann erfüllte; so wie ich vorhin
empfunden, dass, wenn der furchtbar entstellte und ekelerregende Soldat, der vor
meinen Füssen röchelte, mein Gatte gewesen, aller Widerwille entschwunden wäre -
so empfanden Jene wohl jedem Menschenbruder gegenüber, und zwar durch die Kraft
einer höheren Liebe - diejenige zu ihrem erwählten Bräutigam Christus. Aber ach
- auch davon brachten die Edlen nur ein Lot! Ein Lot Liebe dortin, wo tausend
Centner Hass gewütet ...
    »Nein, Herr Doktor,« antwortete ich auf die teilnehmende Anfrage des jungen
Arztes, »ich bin nicht krank, nur ein wenig angegriffen.«
    »Ihr Herr Gemahl, so sagte mir Baron S., sei bei Königgrätz verwundet worden
und Sie reisen dahin, ihn zu pflegen,« mischte sich jetzt der Stabsarzt in das
Gespräch; »wissen Sie, in welcher der umgebenden Ortschaften er liegt?«
    Das wusste ich nicht. »Mein Ziel ist Königinhof,« antwortete ich; »dort
erwartet mich ein befreundeter Arzt, Doktor Bresser -«
    »Den kenne ich ... er war an meiner Seite, als wir vor drei Tagen das
Schlachtfeld absuchten.«
    »Das Schlachtfeld absuchten« ... wiederholte ich schaudernd - »erzählen Sie
-«
    »Ja, ja, Herr Doktor, erzählen Sie!« bat eine der Nonnen, »unser Dienst kann
uns auch in die Lage bringen, bei solchem Suchen mitzuhelfen.«
    Und der Regimentsarzt erzählte. Den Wortlaut seiner Schilderungen kann ich
natürlich nicht mehr wiedergeben; auch sprach er nicht in einem Flusse, sondern
mit häufigen Unterbrechungen, und gleichsam widerstrebend, nur durch die
hartnäckigen Fragen, mit welchen die wissbegierigen Nonnen und ich ihn
bestürmten, zum Sprechen gezwungen. Die abgerissenen Erzählungen riefen jedoch
eine geschlossene Reihe von Bildern vor mein inneres Auge, die sich dem
Gedächtnis so lebhaft eingeprägt haben, dass ich dieselben noch heute an mir
vorüberziehen lassen kann. Unter anderen Umständen hätte ich des Doktors
Schilderungen nicht so deutlich erfasst und behalten - man vergisst ja Gehörtes
und Gelesenes so leicht - aber das Erzählte machte mir damals fast den Eindruck
von Miterlebtem. Ich war in einem Zustand hochgradiger Nervenanspannung und
Erregteit; der fixe Gedanke an Friedrich, der sich meiner bemächtigt hatte,
bewirkte, dass ich bei jeder der geschilderten Scenen mir Friedrich als
beteiligte Person vorstellte, und so sind sie mir wie selber durchgemachte
schmerzliche Erfahrungen im Geiste haften geblieben. In der Folge habe ich die
von dem Regimentsarzt mitgeteilten Ereignisse in die roten Hefte eingetragen -
so, als hätten sie sich vor meinen eigenen Augen abgespielt:
    - - - - - - - - - - - - - - -
    Die Ambulance ist hinter einem schützenden Hügelrücken aufgerichtet worden.
Drüben tobt die Schlacht. Der Boden zittert und es zittert die glühende Luft;
Dampfwolken steigen auf, die Geschütze brüllen ... Jetzt heisst es, Patrouillen
ausschicken, welche sich auf die Kampfplätze begeben, um die Schwerverwundeten
aufzulesen und hierherzubringen. Gibt es etwas heldenhafteres, als solchen Gang
mitten in den summenden Kugelregen hinein, an allen Schrecken des Kampfes
vorüber, allen Gefahren des Kampfes ausgesetzt - ohne selber dessen wildem
Rausche sich hingeben zu dürfen? Rühmlich ist dieses Amt - nach Kriegsbegriffen
- nicht. »Bei der Sanität« - da dient doch kein fescher, strammer, schneidiger
Junge - da verdreht doch Keiner die Köpfe der Mädchen. Und »Feldscheer« - wenn
der auch heute nicht mehr so - sondern »Regimentsarzt heisst, der kann sich doch
mit keinem Kavallerielieutenant messen?« ...
    Der Sanitätskorporal kommandiert seine Leute nach einer Niederung, gegen
welche eine Batterie ihr Feuer eröffnet hat. Sie gehen durch den grauen Schleier
des Pulverdampfes, und Staub und Erde, da, wo eine Kugel zu ihren Füssen
einschlägt, wirbelt vor ihnen auf. Sie sind nur wenige Schritte gegangen, so
begegnen sie schon Verwundeten - leichter Verwundeten, die sich entweder einzeln
oder paarweise, einander gegenseitig unterstützend, zur Ambulance schleppen.
Einer fällt zusammen. Es ist aber nicht seine Wunde, die ihm die Kraft gebrochen
- es ist Erschöpfung. »Wir haben zwei Tage nichts gegessen - machten einen
forcierten Marsch von zwölf Stunden ... kamen ins Bivouak ... zwei Stunden
darauf Alarm und die Schlacht« ...
    Die Patrouille geht weiter. Diese Leute finden selber ihren Weg und können
den zusammengebrochenen Kameraden mitnehmen. Die Hilfe muss Anderen, noch
Hilfsbedürftigeren aufgespart werden.
    Auf dem Steingerölle eines Hügelabhanges liegt ein blutiger Knäuel. Es sind
ein Dutzend Soldaten. Der Sanitätsunteroffizier bleibt stehen und legt ein paar
Verbände an. Aber mitgenommen werden diese Verwundeten nicht; erst müssen die
geholt werden, die mitten auf dem Gefechtsfelde fielen - vielleicht kann man
diese hier beim Rückgang auflesen ...
    Und wieder geht die Patrouille weiter, dem Kampfplatz näher. In immer
dichteren Scharen wanken Verwundete heran, sich selber oder einander mühsam
fortschleppend. Das sind solche, die doch noch gehen können. Unter sie wird der
Inhalt der Feldflaschen verteilt, man legt ihnen eine Binde auf quellende Wunden
und weist ihnen den Weg nach der Ambulance. Und wieder geht es weiter. An Toten
vorüber - an Hügeln von Leichen ... Vieler dieser Toten zeigen die Spuren
entsetzlichster Agonie. Unnatürlich weit aufgerissene Augen - die Hände in die
Erde gebohrt - die Haare des Bartes aufgerichtet - zusammengepresste Zähne unter
krampfhaft geöffneten Lippen - die Beine starr ausgestreckt, so liegen sie da.
    Jetzt durch einen Hohlweg. Hier liegen sie aufgeschichtet. Tote und
Verwundete untereinander. Letztere begrüssen die Sanitätspatrouille wie rettende
Engel und flehen und schreien um Hilfe. Mit gebrochenen Stimmen, weinend,
wimmernd, rufen sie nach Rettung, nach einem Schluck Wasser ... Aber ach - die
Vorräte sind fast erschöpft, und was können die wenigen Menschen tun? Ein Jeder
müsste hundert Arme haben, um da retten zu können ... doch Jeder tut, was er
kann. Da erschallt der langgezogene Ton des Sanitätsrufes. Die Leute stutzen und
halten in ihren Handreichungen inne. »Verlasst uns nicht, verlasst uns nicht!«
flehen die Unglücklichen; doch wieder und wieder ruft das Hornsignal, welches,
von allem andern Getöse unterscheidbar, deutlich in die Weite dringt. Da kommt
auch noch ein Adjutant herangesprengt: »Mannschaft von der Sanität?« »Zu
Befehl!« erwidert der Korporal. »Mir nach.«
    Offenbar ein verwundeter General ... Da heisst es gehorchen und die Anderen
verlassen ... »Mut und Geduld, Kameraden, wir kommen wieder.« Die es sagen und
die es hören, sie wissen, dass das nicht wahr ist.
    Und wieder geht es weiter. Dem Adjutanten - der, voransprengend, die
Richtung weist - im Eilschritt nach. Da gibt es unterwegs kein Aufhalten, ob
auch von rechts und links die Weh- und Hilferufe ertönen, ob auch auf die
Eilenden selber manche Kugel fällt und Einen oder den Anderen hinstreckt - nur
weiter, nur vorüber. Vorüber an unter dem Schmerz ihrer Wunden sich krümmenden
Menschen, welche von über sie hinjagenden Rossen zertreten, oder von über ihre
Glieder fahrenden Geschützen zermalmt wurden und welche, die Rettungsmannschaft
erblickend, in ihrer Verstümmelung sich ein letztesmal emporbäumen: vorüber,
vorüber!
Das geht in den roten Heften noch seitenlang so fort. Was der Regimentsarzt von
dem Gang einer Sanitätspatrouille über das Schlachtfeld erzählte, das entält
noch viele ähnliche und ärgere Dinge. So die Schilderung jener Augenblicke, da
mitten in die Pflegearbeit Kugeln und Granaten fallen, neue Wunden reissend; oder
wenn die Zufälligkeiten der Schlacht den Kampf und die Verbandplätze selber,
knapp an die Ambulancen bringen und das ganze Sanitätspersonal, samt den Ärzten
und samt den Kranken, mitten in das Gewühl der ringenden oder fliehenden oder
verfolgenden Truppen gerät; wenn scheue, ledige Rosse des Weges gerast kommen
und die Tragbahre umstürzen, auf welche man eben einen Schwerverwundeten
gebettet, der jetzt zerschmettert zu Boden geschleudert wird ... Oder dieses -
das grauenhafteste Bild von allen -: Ein Gehöft, in welchem man hundert
Verwundete untergebracht, verbunden und gelabt hat. - Die armen Teufel froh und
dankbar, dass ihnen Rettung geworden - und eine Granate, die das Ganze in Brand
schiesst ... Eine Minute und das Lazaret steht in Flammen - das Schreien,
vielmehr das Geheul, welches aus dieser Stätte der Verzweiflung gellt und
welches in seinem wilden Weh alles übrige Getöse übertönt, das wird wohl Jenen,
die es hörten, ewig unvergesslich bleiben ... Weh mir! Auch mir, obgleich ich es
nicht gehört, bleibt es unvergesslich - denn während der Regimentsarzt erzählte,
war mir wieder, als wäre mein Friedrich dabei, als hörte ich seinen Schrei aus
dem brennenden Marterorte heraus ...
    »Ihnen wird übel, gnädige Frau,« unterbrach sich der Erzähler - »ich habe da
Ihren Nerven wirklich zu viel zugemutet.« -
    Aber ich hatte noch nicht genug. Ich versicherte, dass meine vorübergehende
Schwäche nur die Folge der Hitze und einer schlechten Nacht sei und wurde nicht
müde, den Andern auszuforschen. Es war mir immer noch, als hätte ich nicht genug
gehört, als wären von diesen geschilderten Höllenkreisen die letzten und
höllischsten noch nicht geschildert worden. Und wenn einmal der Durst nach
Grässlichem erregt ist, so ruht man nicht, bis er nicht mit dem Grässlichsten
gelöscht worden. Und richtig: es gibt noch Schauerlicheres, als ein Schlachtfeld
während - das ist ein solches nach der Schlacht.
    Kein Geschützdonner, kein Fanfarengeschmetter, keine Trommelwirbel mehr, nur
leises schmerzliches Stöhnen und Sterberöcheln. Im zertretenen Erdboden rötlich
schimmernde Pfützen, Blutlachen; - alle Feldfrucht zerstört, nur hier und da ein
unberührt gebliebenes, halmenbedecktes Ackerstück; die sonst lachenden Dörfer in
Trümmer und Schutt verwandelt. Die Bäume der Wälder verkohlt und geknickt; die
Hecken von Kartätschen zerrissen ... Und auf dieser Wahlstatt Tausende und
Tausende von Toten und Sterbenden - hilflos Sterbenden! Keine Blüten noch Blumen
sind auf den Wegen und Wiesen zu sehen, sondern Säbel, Bajonette, Tornister,
Mäntel, umgestürzte Munitionswagen, in die Luft geflogene Pulverkarren,
Geschütze mit gebrochenen Laffetten ... Neben den Kanonen, deren Schlünde von
Rauch geschwärzt sind, ist der Boden am blutigsten; dort liegen die meisten und
verstümmeltsten Toten und Halbtoten - von Kugeln buchstäblich zerrissen. Und die
toten und halbtoten Pferde - solche, die auf den Füssen, welche ihnen geblieben
sind, sich aufrichten, um wieder hinzusinken, wieder sich aufstellen und wieder
hinfallen, bis sie die Köpfe heben, um ihren schmerzbeladenen Sterberuf
hinauszuschreien ... Ein Hohlweg ist mit in den Kot der Strasse getretenen
Körpern ganz angefüllt. Die Unglücklichen hatten sich wohl hierher geflüchtet,
um geborgen zu sein - aber eine Batterie ist über sie hinweggefahren - von
Pferdehufen und Rädern sind sie zermalmt ... Viele darunter leben noch - eine
breiige, blutige Masse, aber »leben noch«.
    Und noch gibt es Höllischeres als Alles dies: es ist das Erscheinen des
niederträchtigsten Abschaums der kriegführenden Menschheit - der
Schlachtfeld-Hyäne. »Das schleicht herbei, das die Leichenbeute witternde
Ungetüm, beugt sich über Tote und noch Lebende herab und reisst ihnen die Kleider
vom Leibe. Erbarmungslos. Die Stiefeln werden vom blutenden Bein, die Ringe von
der verwundeten Hand gezogen - oder um den Ring zu haben, wird der Finger
einfach abgeschnitten; und wenn sich das Opfer wehren will, dann wird es von der
Hyäne gemordet oder - um nicht einst wieder erkannt zu werden - sticht sie ihm
die Augen aus ...«
    Ich schrie laut auf. Bei des Doktors letzten Worten hatte ich die ganze
Scene wieder mitangesehen, und die Augen, in welche die Hyäne ihr Messer
gebohrt, das waren Friedrichs blaue, sanfte, geliebte Augen ...
    »Verzeihen Sie mir, gnädige Frau, aber Sie haben es gewollt ...«
    »Ja , ja - ich will Alles hören. Was Sie da beschrieben haben, war die
Nacht, welche auf die Schlacht folgt - diese Scenen haben sich bei Sternenschein
abgespielt -«
    »Und bei Fackelschein. Die vom Sieger zum Durchsuchen des Schlachtfeldes
ausgeschickten Patrouillen tragen Fackeln und Laternen. Und rote Laternen ragen
an Signalstangen empor, um die Orte zu bezeichnen, an welchen fliegende
Hospitäler errichtet worden sind.«
    »Und der nächste Morgen - wie zeigt der die Wahlstatt?«
    »Beinah noch fürchterlicher. Der Gegensatz von dem helllächelnden
Tagesgestirn zu der grausigen Menschenarbeit, die es beleuchtet, wirkt doppelt
schmerzlich. Des Nachts hatte das ganze Schreckbild etwas
gespensterhaft-phantastisches, bei Tag ist es einfach - trostlos. Jetzt erst
sieht man die Massenhaftigkeit der umherliegenden Leichen: auf den Strassen,
zwischen den Feldern, in den Gräben, hinter Mauertrümmern; überall, überall
Tote. Geplündert, mitunter nackt. Eben so die Verwundeten. Diese, welche trotz
der nächtlichen Arbeit der Sanitätsmannschaften noch immer in grosser Zahl
umherliegen, sehen fahl und verstört aus, grün und gelb, mit stierem,
stumpfsinnigem Blick; oder aber unter wütenden Schmerzen sich krümmend, flehen
sie Jeden an, der in die Nähe kommt, dass er sie töte. Schwärme von Aaskrähen
lassen sich auf die Wipfel der Bäume nieder und verkünden mit lautem Gekrächz
das lockende Festmahl ... Hungrige Hunde aus den Dörfern kommen herbeigerannt
und lecken das. Blut der Wunden. Noch sieht man einige Hyänen, welche noch immer
hastig weiter arbeiten ... Und jetzt kommt das grosse Begraben -«
    »Wer tut das? - Die Sanität?«
    »Wie könnte die zu solcher Massenarbeit ausreichen? Die hat bei den
Verwundeten vollauf zu tun.«
    »Also kommandierte Truppen?«
    »Nein: herbeigeschaftes oder auch freiwillig heranlaufendes Gesindel:
Landstreicher, Leute vom Tross, welche sich bei den Marketenderbuden, bei den
Bagagewagen aufhielten, und welche jetzt neben den Bewohnern der Armenhäuser und
der Hütten von den Militärgewalten herbeigetrieben werden, um Gräber zu graben -
recht grosse, das heisst - weite Gräber, denn tief werden sie nicht gemacht. Dazu
wäre keine Zeit. Dahinein wirft man die toten Körper - kopfüber, kopfunter, wie
es gerade kommt. Oder man macht es so: über einen aus Leichen gebildeten Haufen
wirft man ein bis zwei Fuss hoch Erde hinauf; das sieht dann auch aus wie ein
Tumulus. Ein paar Tage darauf kommt ein Regen und spült die Hülle von den
verwesenden Leichnamen weg - aber was liegt daran? Die flinken und lustigen
Totengräber denken nicht so weit. Lustige und flotte Arbeiter sind sie, das muss
man ihnen lassen. Es werden da Lieder gepfiffen und allerlei zweideutige Witze
gemacht - ja mitunter tanzt eine Hyänenrunde um das offene Grab. Ob in manchen
Körpern, die da hinabgeschleudert oder mit Erde verschüttet werden, noch Leben
sich regt - darum kümmern sie sich auch nicht. Der Fall ist unvermeidlich, denn
Starrkrampf tritt bei Verwundungen häufig auf. Manch zufällig Errettete haben
von der Gefahr des Lebendig-begraben-werdens, der sie entronnen, erzählt. Aber
wie Viele gibt es derer, die nichts erzählen konnten? Wenn man einmal ein paar
Fuss Erde über dem Mund liegen hat, so muss man den Mund wohl halten.« ...
    O mein Friedrich, mein Friedrich! stöhnte es in meiner Seele.
    »Das ist das Bild des nächsten Morgens,« schloss der Regimentsarzt. »Soll ich
noch weiter erzählen, was den nächsten Abend geschieht? Da wird -«
    »Das will ich Ihnen sagen, Herr Doktor,« unterbrach ich. »In eine von den
beiden Hauptstädten der beteiligten Reiche ist die telegraphische Nachricht des
glorreichen Sieges angelangt. Da wurde vormittags - während des Hyänentanzes um
die Gruben - in den Kirchen »Nun danket Alle Gott« gesungen und abends - da
stellt die Mutter, oder das Weib eines lebendig Begrabenen ein paar brennende
Kerzen auf den Fenstersims, denn die Stadt wird beleuchtet.«
    »Ja, gnädige Frau, diese Komödie wird zu Hause aufgeführt. Indessen, auf dem
Schlachtfeld selber ist mit dem zweiten Sonnenuntergang die Tragödie noch lange
nicht abgespielt. Ausser Denjenigen, welche in die Lazarete und in die Gräber
untergebracht worden, gibt es noch die Ungefundenen. Hinter dichtem Gebüsch, in
hohen Ährenfeldern, oder zwischen Bautrümmern verborgen, sind sie den Blicken
der Krankenträger und Totengräber entgangen. Für jene Unglücklichen beginnt nun
das Martyrium einer mehrere Tage und mehrere Nächte langen Agonie: in der
sengenden Hitze des Mittags, in den schwarzen Schauern der Mitternacht, gebettet
auf Steinen und Disteln, im scharfen Verwesungsgeruch der naheliegenden Leichen
und der eigenen faulenden Wunden, den festenden Geiern zur noch zuckenden Beute
...«
Das war eine Reise! - Der Regimentsarzt hatte schon lange aufgehört zu sprechen,
aber die Auftritte, welche er geschildert, fuhren unausgesetzt fort, vor meinem
inneren Auge sich abzuspielen. Um diesem mich verfolgenden Gedankenreigen zu
entgehen, schaute ich zum Wagenfenster hinaus und versuchte, im Anblick der
Landschaft Zerstreuung zu finden. Aber auch hier boten sich dem Blicke Bilder
des Kriegsjammers. Zwar hatte in dieser Gegend keine gewaltsame Verwüstung
stattgefunden: es rauchte da kein zerschossenes Dorf, hier hatte »der Feind«
noch nicht gehaust; aber was hier nun wütete, ist vielleicht noch schlimmer:
nämlich die Furcht vor dem Feinde. »Die Preussen kommen! die Preussen kommen!« war
die Schreckenslosung auf der ganzen Strecke; und wenn auch im Vorbeifahren diese
Worte nicht zu hören waren, ihre Wirkung konnte man vom Wagenfenster aus
deutlich erschauen. Überall auf allen Strassen und Wegen fliehende, mit Sack und
Pack ihr Heim verlassende Menschen. Ganze Wagenzüge bewegten sich landeinwärts -
gefüllt mit Bettzeug, Hausgerät und Vorräten. Alles sichtlich in grösster Eile
aufgeladen. Auf demselben Karren kleine Schweine, das jüngste Kind und ein paar
Kartoffelsäcke, nebenher, zu Fuss, Mann und Weib und die grösseren Kinder: - so
sah ich eine auswandernde Familie auf einer nahen Strasse sich fortbewegen. Wohin
gingen die Armen? Das wussten sie wohl selber kaum - nur fort, fort von den
»Preussen«. So flieht man das prasselnde Feuer oder die steigende Flut.
    Öfters brauste auf den Nebengeleisen ein Zug an uns vorüber: - Verwundete,
immer wieder Verwundete; immer wieder die aschfahlen Gesichter, die verbundenen
Köpfe, die in der Binde getragenen Arme. Auf den Haltestellen besonders konnte
man an diesem Anblick in allen Varianten sich sattsam erlaben. Sämtliche grosse
und kleine Perrons, auf welchen man sonst das wartende Völklein der Reisenden
fröhlich umherstehen und -gehen sieht, waren jetzt mit liegenden und kauernden
Gestalten gefüllt. Das sind die aus den umgebenden Feld- und Privatlazareten
herbeigeschaften kranken Soldaten, welche den nächsten Eisenbahnzug abwarten,
der einen neuen Verwundetentransport befördern kann. So müssen sie stundenlang
liegen - und wer weiss, wie viel Transportierungen sie schon hinter sich haben?
Vom Kampffeld zum Verbandplatz, von da zur Ambulance, von dieser in ein
fliegendes Feldhospital, dann in die Ortschaft - jetzt zur Eisenbahn; und von
hier steht ihnen noch die Fahrt nach Wien bevor; dort vom Bahnhof zum Spital und
von da, nach so langen Leiden, vielleicht zum Regiment zurück, vielleicht zum
Friedhof ... Mir ward so leid, so leid, so schrecklich leid um die armen Teufel!
- ich hätte zu jedem Einzelnen hinknien wollen und ihm Worte des Mitgefühls
zuflüstern. Aber der Doktor liess mich nicht. Wenn wir an einer Station
ausstiegen, nahm er mich am Arm und führte mich in das Büreau des Stationschefs.
Hierher brachte er mir Wein oder sonst eine Erfrischung.
    Die Schwestern walteten auch schon hier ihres barmherzigen Amtes. Sie
reichten den Verwundeten an Trank und Speise, was nur aufzutreiben war: aber
öfters gab es nichts, die Vorräte in den Restaurationen waren zumeist erschöpft.
Dieses Getriebe auf den Bahnhöfen, namentlich auf den grösseren, machte mir einen
sinnverwirrenden Eindruck; es schien mir wie »ein böser Traum«. Dieses Hin- und
Herrennen, dieses wüste Durcheinander - abmarschbereite Truppen - Flüchtlinge -
Krankenträger - Haufen blutender und wimmernder Soldaten - schluchzende,
händeringende Frauen -; Geschrei, barsche Kommandorufe - überall Gedränge,
nirgends ein freier Durchgang - aufgeschichtetes Gepäck, Kriegsmaterial,
Kanonen, abseits Pferde und brüllendes Hornvieh - dazwischen das unausgesetzte
Geläute des Telegraphen - durchfahrende Züge, welche mit aus Wien anlangender
Reserve vollgefüllt - vielmehr vollgepfropft - sind ... Nicht anders waren diese
Soldaten in den Wagen dritter und vierter Klasse - ja in Last- und Viehwaggons -
untergebracht, nicht anders wie Schlachtvieh. Und, im Grunde genommen, ich
konnte den Gedanken nicht unterdrücken; was waren sie denn anderes? Wurden sie
nicht auch zur »Schlacht« - wurden sie nicht auf den grossen politischen Markt
geschleppt, wo mit Kanonenfutter - chair à canon - geschachert wird? Da rollten
sie vorbei. Tolles Gebrüll - war es ein Kriegslied? - schallte heraus und
übertönte das rasselnde Gepolter der Räder; eine Minute - und der Zug war
verschwunden. Mit Windeseile trug er einen Teil seiner Fracht dem sicheren Tode
entgegen. Ja - sicherem Tode ... Wenn auch kein Einzelner von sich sagen kann,
dass er sicher fällt, ein gewisser Prozentsatz von der Gesamteit muss und wird
fallen. Zu Felde ziehende Heere, die sich auf der Heerstrasse zu Fuss oder zu Ross
fortbewegen: das mag noch eine gewisse antike Poesie an sich haben; aber der
moderne Schienenweg, das Symbol der nationenverbindenden Kultur, als
Beförderungsmittel der losgelassenen Barbarei: - das ist gar zu widersinnig und
abscheulich. Wie falsch klingt da auch das Telegraphengeklingel ... dieses
herrliche Siegeszeichen des menschlichen Intellekts, der es fertig gebracht hat,
den Gedanken mit Blitzesschnelle von einem Land zum andern zu leiten; alle diese
neuzeitlichen Erfindungen, welche bestimmt sind, den Verkehr der Völker zu
fördern, das Leben zu erleichtern, zu verschönern, zu bereichern: die werden
jetzt von jenem altweltlichen Prinzip missbraucht, welches die Völker entzweien
und das Leben vernichten will. »Seht unsere Eisenbahnen, seht unsere Telegraphen
- wir sind civilisierte Nationen«, prahlen wir den Wilden gegenüber und benutzen
diese Dinge zur verhundertfachten Entfaltung unserer Wildheit ...
    Dass mich lauter solche Gedanken quälen mussten, während ich an den Stationen
auf das Weiterfahren unseres Zuges wartete - das vertiefte und verbitterte noch
mein Leid. Ich beneidete fast Jene, die da nur in naivem Schmerze die Hände
rangen und weinten, die sich nicht im Zorn aufbäumten gegen die ganze
Schauerkomödie - die Niemanden anklagten, nicht einmal jenen »Herrn der
Heerschaaren«, von dem sie doch glaubten, dass er es sei, der das
hereingebrochene Unglück über sie verhängt ...
Es war spät abends, als ich in Königinhof anlangte. Meine Reisegefährten hatten
an einer früheren Station bleiben müssen. Ich war allein - in Furcht und Bangen.
Wie, wenn Doktor Bresser verhindert worden wäre, zu kommen? Was sollte ich dann
hier beginnen? Zudem war ich von der Fahrt wie gerädert, von den durchgemachten
Trauer- und Schauerempfindungen ganz entnervt. Wäre nicht die Sehnsucht nach
Friedrich gewesen, so hätte ich mir nur noch den Tod gewünscht. Sich hinlegen
können und einschlafen und nie wieder erwachen in einer Welt, in der es so
grausam und wahnsinnig zugeht! ... Nur eins nicht: am Leben bleiben und
Friedrich unter den Vermissten wissen!
    Der Zug hielt. Mühsam und zitternd stieg ich aus und nahm mir mein
Handgepäck herab. Ich führte ein Handkofferchen bei mir, mit etwas Wäsche für
mich und Charpie und Verbandzeug für den Verwundeten; ausserdem eine
Reise-Toilettentasche. Die hatte ich so gewohnheitsmässig mitgenommen, in dem
anerzogenen Glauben, dass man gar nicht sein könne, ohne die silbernen Büchsen
und Kapseln, die Seifen und Wasser, die Bürsten und Kämme. Reinlichkeit - diese
Tugend des Körpers, dasselbe, was Ehrlichkeit für die Seele - diese zweite Natur
des Kulturmenschen: wie musste ich jetzt erst erfahren, dass darauf in solchen
Zeiten ganz verzichtet werden muss. Nun ja - es ist ja nur folgerichtig: der
Krieg ist die Verneinung der Kultur, also müssen durch ihn alle Errungenschaften
der Kultur wegfallen; ein Rückschlag in die Wildheit ist er, also muss er alles
Wilde im Gefolge haben - darunter auch jenes, dem Edelmenschen so furchtbar
verhasste Ding: den Schmutz.
    Die Kiste mit Material für die Spitäler, die ich in Wien für Doktor Bresser
besorgt hatte, war mit den anderen Kisten des Hilfskomitees aufgegeben worden -
wer weiss wann und wo dieselbe abgeliefert würde? Ich hatte nichts bei mir, als
meine zwei Stück Handgepäck und ein umgehängtes Geldtäschchen, welches mit
einigen Hundertgulden-Noten gefüllt war. Schwankenden Schrittes ging ich über
die Schienen nach dem Perron. Dort herrschte, trotz der späten Stunde, dasselbe
Gewühle, wie auf den anderen Stationen, und immer dasselbe Bild: Verwundete -
Verwundete. Nein, nicht dasselbe Bild: ärger noch. Königinhof war ein Ort, der
mit diesen Unglücklichen überfüllt war; es gab im ganzen Ort keinen unbelegten
Raum, und nun hatte man die Kranken scharenweise zur Eisenbahn gebracht, wo sie,
ganz notdürftig verbunden, überall umherlagen, auf der Erde, auf den Steinen ...
    Es war eine finstere, mondlose Nacht; der Schauplatz war nur durch drei oder
vier an Pfählen befindliche Laternen beleuchtet. Erschöpft und schlaf-, beinahe
todesschlafbedürftig, sank ich auf die freie Ecke einer Bank und legte mein
Gepäck vor mir auf den Boden.
    Ich hatte vorerst nicht den Mut, mich umzusehen, ob unter den vielen
Menschen, die hier geschäftig hin und her schossen, auch Doktor Bresser sei.
Fast war ich überzeugt, dass ich ihn nicht finden würde. Es gab ja zehn Chancen
gegen eine, dass er verhindert worden zu kommen, oder dass er zu einer anderen als
zur bezeichneten Stunde hier einträfe; einen regelmässigen Verkehr gab es ja
überhaupt nicht mehr: mein Zug war gewiss viel später eingetroffen, als in der
Fahrordnung verzeichnet stand. Ordnung: auch ein Kulturbegriff - mit dem war ja
ringsum gleichfalls gebrochen ...
    Mein Unternehmen erschien mir jetzt als ein wahnwitziges. Dieses
vermeintliche Rufen Friedrichs - glaubte ich denn sonst an derlei mystische
Dinge? - es entbehrte sicher aller Begründung. Wer weiss - vielleicht war
Friedrich auf dem Weg nach Hause - vielleicht auch tot - warum suchte ich ihn
hier? Eine andere Stimme begann jetzt nach mir zu rufen, andere Arme breiteten
sich mir entgegen: Rudolf, mein Sohn - wie würde der nach der »Mama« gefragt
haben und nicht haben einschlafen können, ohne den mütterlichen Gutenachtkuss ...
Wohin würde ich mich hier wenden, wenn ich Bresser nicht fände? Und die
Hoffnung, ihn zu finden, war mir plötzlich so gering geworden, wie unter
hunderttausenden von Losen die Hoffnung auf einen Haupttreffer. Zum Glück hatte
ich mein Täschchen mit dem Gelde - der Besitz von Banknoten bietet immer
Auskunftsmittel. Unwillkürlich griff ich an die Stelle, wo das Täschchen hängen
sollte ... Grosser Gott! Der Riemen, an welchem es befestigt gewesen, abgerissen
- das Täschchen fort - verloren! ... Welcher Schlag! Und doch, ich brachte es zu
keiner Anklage gegen das Schicksal; ich vermochte nicht, zu jammern: »Zufall,
wie hart triffst du mich,« denn in einer Zeit, wo rings das Unglück hagelte,
über das eigene Unglückchen klagen, da hätte man vor sich selber sich seiner
Selbstsucht schämen müssen. Und zudem: für mich gab es nur eine schreckliche
Möglichkeit: Friedrichs Tod - alles Andere war nichts.
    Ich musterte alle Anwesenden: kein Doktor Bresser.
    Was nun beginnen? An wen mich wenden? Ich hielt einen Vorübergehenden an:
    »Wo kann ich den Stationschef finden?«
    »Sie meinen den Dirigenten der hiesigen Krankenstation, Stabsarzt S.? Dort
steht er.«
    Den hatte ich zwar nicht gemeint, aber vielleicht konnte er mir Auskunft
über Doktor Bresser geben. Ich näherte mich der bezeichneten Stelle. Der
Stabsarzt sprach eben mit einem vor ihm stehenden Herrn:
    »Es ist ein Elend,« hörte ich ihn sagen. »Man hat hier und in Turnau Depots
für alle Hospitäler des Kriegsschauplatzes errichtet; die Gaben strömen
massenhaft zu - Wäsche, Lebensmittel, Verbandzeug so viel man will - aber was
damit beginnen? Wie abladen - wie sortieren - wie weitersenden? Es fehlt uns an
Händen - wir würden hundert rührige Beamte brauchen -«
    Schon wollte ich den Stabsarzt ansprechen, als ich einen Mann auf ihn
zueilen sah, in dem ich - o Freude - Doktor Bresser erkannte. In meiner Erregung
fiel ich dem alten Hausfreund um den Hals.
    »Sie? Sie, Baronin Tilling? Was machen Sie denn hier?«
    »Ich bin gekommen, zu helfen, zu helfen ... Ist Friedrich nicht in einem
Ihrer Spitäler?«
    »Ich habe ihn nicht gesehen.«
    War mir diese Nachricht Enttäuschung oder Erleichterung? - Ich weiss es
nicht. Er war nicht da ... also entweder tot oder unversehrt ... übrigens,
Bresser konnte unmöglich alle Verwundeten der Umgebung erkannt haben - ich musste
selber alle Lazarete absuchen.
    »Und Frau Simon?« fragte ich weiter.
    »Die ist schon seit mehreren Stunden hier ... eine herrliche Frau! Rasch
entschlossen, umsichtig ... Jetzt ist sie eben beschäftigt, die hier liegenden
Verwundeten in leerstehende Eisenbahnwaggons unterzubringen. Sie hat erfahren,
dass in einem nahen Orte - in Horonewos - die Not am grössten sei. Dort will sie
hinfahren und ich begleite sie.«
    »Ich auch, Doktor Bresser! Lassen Sie mich mitkommen.« ...
    »Wo denken Sie hin, Baronin Marta? Sie, so zart und verwöhnt - derlei
harte, bitterharte Arbeit - -«
    »Was soll ich sonst hier tun?« unterbrach ich. »Wenn Sie mein Freund sind,
Doktor, helfen Sie mir mein Vorhaben ausführen ... ich will ja Alles tun, jeden
Dienst verrichten ... Stellen Sie mich der Frau Simon als freiwillige
Krankenpflegerin vor und nehmen Sie mich mit - aus Barmherzigkeit, nehmen Sie
mich mit!«
    »Wohlan, Ihr Wille geschehe. Da ist die tapfere Frau - kommen Sie« ...
Als mich Doktor Bresser zu Frau Simon geführt und mich derselben als
Krankenpflegerin vorstellte, nickte sie mit dem Kopfe, wandte sich aber sogleich
wieder ab, um einen Befehl zu erteilen. Ihre Züge konnte ich in dem
zweifelhaften Lichte nicht erkennen.
    Fünf Minuten später waren wir auf der Fahrt nach Horonewos. Ein Leiterwagen,
der eben von dort Verwundete gebracht, diente uns als Fahrgelegenheit. Wir sassen
auf dem Stroh, das vielleicht noch blutig war von der vorigen Fracht. Der
Soldat, welcher neben dem Kutscher sass, hielt eine Laterne, welche unstäten
Schein auf unsere Strasse warf. »Böser Traum - böser Traum«: immer mehr und mehr
hatte ich den Eindruck, einen solchen durchzumachen. Das Einzige, was mich an
die Wirklichkeit meiner Lage mahnte und was mir zugleich eine Beruhigung war,
war Doktor Bressers Nähe. Ich hatte meine Hand in die seine gelegt und sein
anderer Arm unterstützte mich:
    »Lehnen Sie sich an mich, Baronin Marta - armes Kind«, sagte er sanft.
    Ich lehnte mich an, so gut ich konnte, aber doch: welche Folterlage! Wenn
man sein ganzes Leben lang gewohnt war, auf schwellenden Sitzen, sprungfederigen
Wagen und weichen Betten zu ruhen, wie schwer fällt es da - zumal nach einer
ermüdenden Tagereise, in einem schüttelnden Leiterwagen zu sitzen, dessen harter
Brettergrund nur mit einer Lage blutfeuchten Strohs gepolstert ist. Und ich war
doch unverletzt - wie muss erst denen zu Mute sein, die mit zerschmetterten
Gliedern, mit hervorstehenden Knochensplittern auf solchem Fuhrwerk über Stock
und Stein gejagt werden?
    Bleischwer fielen mir die Lider zu. Ein wehtuendes Schläfrigkeitsgefühl
peinigte mich. Bei der Unbequemlichkeit meiner Lage - alle Glieder schmerzten
mich - bei der Erregteit meiner Nerven, war ja Schlaf unmöglich; desto
grausamer wirkte das nicht zu bannende Schlafbedürfnis. Gedanken und Bilder, so
verworren wie Fieberträume, wirbelten in meinem Hirn. Alle die Schauerscenen,
welche der Regimentsarzt erzählt hatte, wiederholten sich vor meinem Geist,
teils mit den Worten des Erzählers selbst, teils als die Gesichts- und die
Gehörsvorstellungen, welche diese Worte hervorgerufen hatten: ich sah die
schaufelnden Totengräber, sah die Hyänen einherschleichen, hörte die
verzweifelten Opfer des in Brand geschossenen Lazarets schreien; und dazwischen
fielen, als würden sie laut und in des Regimentsarztes Stimme gesprochen, Worte
wie: Aaskrähen, Marketenderbude, Sanitätspatrouille. Das hinderte mich aber
nicht, daneben auch noch das Gespräch zu vernehmen, welches meine Wagengefährten
halblaut miteinander führten:... »Ein Teil der geschlagenen Armee flüchtete nach
Königgrätz«, erzählte Doktor Bresser. »Die Festung aber war verschlossen und von
den Wällen wurde auf die Flüchtigen geschossen - namentlich auf die Sachsen, die
man in der Dämmerung für Preussen hielt. Hunderte stürzten sich in die Wallgräben
und ertranken ... An der Elbe stockte die Flucht und die Verwirrung erreichte
den höchsten Grad. Die Brücken waren von Pferden und Kanonen so vollgestopft,
dass das Fussvolk keinen Platz mehr fand ... Tausende stürzten sich in die Elbe -
auch Verwundete« ...
    »Es soll entsetzlich sein in Horonewos«, sagte Frau Simon. »Alles von seinen
Bewohnern verlassen - Dorf und Schloss. Sämtliche innere Räume zerstört und doch
mit hilflosen Verwundeten angefüllt ... Wie wohl wird den Unglücklichen die
Labung tun, die wir ihnen bringen! Aber es wird zu wenig - zu wenig sein!«
    »Und zu wenig auch unsere ärztliche Hilfe«, versetzte Doktor Bresser. »Wir
müssten unserer Hundert sein, um das Erforderliche tun zu können. Es fehlt an
Instrumenten und Medikamenten - und hälfen uns auch diese? Die Überfüllung
dieser Ortschaften ist derart, dass der Ausbruch gefährlicher Epidemien droht.
Die erste Sorge ist stets die, so viel Verwundete als möglich wegzubefördern,
aber ihr Zustand ist zumeist ein so jammervoller, dass kein Gewissen den
Transport auf sich nehmen kann ... sie fortschaffen heisst, sie töten; sie
dortlassen, heisst den Hospitalbrand herbeiführen - eine schwere Alternative! Was
ich in diesen Tagen - seit der Schlacht von Königgrätz, Schauriges und Trauriges
gesehen, das übersteigt alle Begriffe. Sie müssen sich auf das Schlimmste gefasst
machen, Frau Simon.«
    »Ich habe langjährige Erfahrung und Mut. Je grösser das Elend, desto mehr
steigt meine Willenskraft.«
    »Ich weiss. Dieser Ruf ist Ihnen vorausgegangen. Ich hingegen, wenn ich so
viel Elend sehe, fühle allen Mut sinken und es stockt mir das Herz. Hunderte -
ja tausende von Hilfsbedürftigen um Hilfe flehen hören und nicht helfen können -
es ist grässlich! In all diesen um das Schlachtfeld eiligst errichteten
Ambulancen fehlte es an Erquickungsmitteln; vor allem: kein Wasser. Die meisten
vorhandenen Brunnen sind von den Bewohnern unbrauchbar gemacht worden ... weit
und breit kein Stück Brot aufzutreiben ... Alle Räume, die ein Dach tragen:
Kirchen, Meierhöfe, Schlösser, Hütten, sind mit Kranken gefüllt - alles, was
einem Wagen gleicht, wird mit einer Ladung Verwundeter weggeführt ... Die
Strassen bedecken sich nach allen Richtungen mit solchen Höllenkarren - denn
wahrlich, was da an Leiden auf Rädern rollt, das ist höllisch. Da liegen sie -
Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten - von Blut, Staub und Schmutz bis zur
Unkenntlichkeit entstellt, mit Wunden, für die es keine menschenmögliche Hilfe
gibt, Klagetöne, Schreie ausstossend, die nichts Menschliches haben - und doch:
die noch schreien können, sind die Beklagenswertesten nicht ...«
    »Da sterben wohl Viele unterwegs?«
    »Gewiss. Oder wenn sie abgeladen worden - in irgend einem überfüllten Raum -
enden sie still und unbemerkt auf dem ersten besten Bündel Stroh, auf welches
sie sich fallen liessen. Manche still - manche aber auch in verzweifeltem
Todeskampfe tobend und rasend, die haarsträubendsten Flüche ausstossend ...
Solche Flüche musste wohl jener Herr Twinnig aus London gehört haben, welcher bei
der Genfer Konferenz folgenden Vorschlag machte: »Wenn der Zustand eines
Verwundeten nicht die geringste Hoffnung der Heilung übrig lässt, wäre es in
diesem Fall nicht angemessen, dass man ihm erst den Trost der Religion spende,
ihm, so weit es die Umstände gestatten, einen Augenblick der Sammlung lasse und
dann seiner Agonie auf die wenigst schmerzliche Weise ein Ende mache? Man
verhinderte dadurch, dass er wenige Augenblicke später stirbt, das Fieber im
Gehirn und vielleicht die Gotteslästerung auf der Zunge.«
    »Wie unchristlich!« rief Frau Simon.
    »Was? Das Gnadenstossgeben?«
    »Nein - die Ansicht, dass eine inmitten der unerträglichsten Martern
ausgestossene Lästerung der Seele des Gemarterten gefährlich werden könne ... So
ungerecht ist der Gott der Christen nicht und sicher nimmt er jeden gefallenen
Krieger in Gnaden auf« ...
    »Mohammeds Paradies wird auch jedem Türken zugesichert, der einen Christen
erschlagen hat,« entgegnete Bresser. »Glauben Sie mir, geehrte Frau Simon, jene
Gotteiten alle, welche als kriegslenkend dargestellt werden und deren Beistand
und Segen die Priester und Befehlshaber den Kämpfern als Mordlohn versprechen,
die sind alle für Lästerungen gleich taub wie für Bitten. Sehen Sie dort hinauf:
jener Stern erster Grösse, mit rötlichem Lichte - man sieht ihn nur alle zwei
Jahre über unseren Häuptern flimmern - oder vielmehr leuchten, er flimmert nicht
- das ist der Planet Mars - das dem Kriegsgott gewidmete Gestirn; jenem Gott,
der in der alten Zeit so gefürchtet und geehrt wurde, dass er weit mehr Tempel
besass, als die Göttin der Liebe. Schon in der Schlacht bei Maraton, schon in
dem engen Pass der Termopylen hat jener Stern dem Kampf der Menschen blutfarbig
vorgeleuchtet und zu ihm stiegen die Flüche der Gefallenen auf; ihn
beschuldigten sie ihres Unglücks, während er ahnungslos und friedlich - damals
wie heute - die Sonne umkreiste. Feindliche Gestirne? ... die gibt es nicht. Der
Mensch hat keinen anderen Feind als den Menschen - der aber ist grimmig genug. -
Und auch keinen anderen Freund«, setzte Bresser nach einer kleinen Pause hinzu.
»Davon geben Sie selber ein Beispiel, hochherzige Frau, Sie sind -«
    »O Doktor!« unterbrach Frau Simon. »Schauen Sie - dort, der Flammenschein,
am Horizont ... sicherlich ein brennendes Dorf!«
    Ich öffnete die Augen und sah den roten Schein.
    »Nein«, sagte Doktor Bresser - »es ist der aufgehende Mond.
    Ich versuchte, eine bequemere Stellung anzunehmen und setzte mich ein wenig
auf. Fortan wollte ich vermeiden die Augen zu schliessen: dieser Zustand des
Halbschlafes mit dem Bewusstsein des Nichtschlafens, worin die entsetzlichen
Phantasiebilder ihren wilden Reigen aufführten - das war gar so qualvoll ...
lieber an dem Gespräche der beiden teilnehmen und mich von den eigenen Gedanken
losreissen.
    Aber der Mann und die Frau waren verstummt. Sie blickten nach der Stelle, wo
nun wirklich das Nachtgestirn emporstieg. Und nach einer Weile fielen meine
Augen doch wieder zu. Diesmal war es der Schlaf. In der einen Sekunde, in der
ich fühlte, dass ich einschlief, dass die Welt um mich aufhörte zu bestehen,
empfand ich solche Wonne des Nichtseins, dass mir selbst der Bruder meines
Beglückers - der Tod - ganz willkommen gewesen wäre.
    Ich weiss nicht, wie lange Zeit ich in dieser negativ-seligen
Existenzentrückung zubrachte - aber plötzlich und gewaltsam wurde ich
herausgerissen. Kein Lärm, keine Erschütterung war es, was mich geweckt hatte,
sondern ein Qualm unerträglich verpesteter Luft.
    »Was ist das?!«
    Gleichzeitig mit mir riefen auch die anderen diese Frage aus.
    Unser Wagen bog um eine Ecke und am Wegrand ward uns die Antwort. Vom Monde
hell beleuchtet, ragte da eine weisse Mauer empor, vermutlich eine Kirchhofmauer.
Jedenfalls hatte sie als Schutzwehr gedient - am Fusse derselben, aufgeschichtet,
lagen zahlreiche Leichen ... Der Verwesungsgeruch, der von diesen toten Körpern
aufstieg, war es, der mich aus dem Schlaf gerissen hatte. Als wir vorbeifuhren,
hob sich ein dichter Schwarm von Raben und Krähen kreischend von dem
Leichenhaufen empor, flatterte eine Zeit lang - wie schwarzes Gewölk gegen den
hellen Himmelhintergrund und liess sich dann wieder zum Schmause nieder ...
    »Friedrich, mein Friedrich!!«
    »Beruhigen Sie sich, Baronin Marta«, tröstete mich Bresser; »Ihr Mann
konnte nicht dabei gewesen sein.«
    Der kutschierende Soldat hatte sein Gespann angetrieben, um schneller aus
dem Bereiche des mephitischen Dunstes hinwegzukommen; das Fuhrwerk rasselte und
stolperte dahin, als wären wir auf wilder Flucht. Ich glaubte, die Pferde gingen
durch ... zitternde Angst erfasste mich. Mit beiden Händen klammerte ich mich an
Bressers Arm; aber den Kopf musste ich zurück wenden, um dortin, nach jener
Mauer zu schauen und - war es das täuschende Licht des Mondes, waren es die
Bewegungen der auf ihre Beute zurückgekehrten Vögel? - mir war es, als regte
sich diese ganze Schar von Toten, als streckten uns diese Leichname die Arme
nach, als rüsteten sie sich, uns zu verfolgen ...
    Ich wollte schreien, aber die furchtgepresste Kehle versagte mir den Dienst.
Wieder bog der Wagen um eine Strassenecke.
    »Hier sind wir, das ist Horonewos«, hörte ich den Doktor sagen, und er
befahl dem Kutscher, zu halten.
    »Was beginnen wir mit der Frau?« klagte Frau Simon - »die wird uns eher ein
Hindernis sein - statt einer Hilfe.«
    Ich raffte mich auf:
    »Nein, nein«, sagte ich - »es ist mir jetzt besser ... Ich will Ihnen
helfen, so gut ich kann.«
    Wir befanden uns inmitten des Ortes, vor dem Tore eines Schlosses.
    »Hier wollen wir zuerst sehen, was sich tun lässt«, sagte der Doktor. »Das
Schloss, von seinen Besitzern verlassen, soll vom Keller bis zum Dache mit
Verwundeten angefüllt sein.«
    Wir stiegen ab. Ich konnte mich kaum auf den Füssen halten, strengte aber
meine äusserste Kraft an, um dies nicht merken zu lassen.
    »Vorwärts!« sagte Frau Simon. »Haben wir alle unsere Gepäcksachen? Was ich
mitführe, wird den Leuten Labung bringen.«
    »Auch in meinem Kofferchen befinden sich Stärkungsmittel und Verbandzeug«,
sagte ich.
    »Und meine Handtasche entält Instrumente und Arzneien«, fügte Bresser
hinzu, dann gab er den uns begleitenden Soldaten die nötigen Befehle: zwei
sollten bei den Pferden bleiben, die übrigen mit uns kommen.
    Wir traten unter das Schlosstor. Dumpfe Klagelaute von verschiedenen Seiten
... Alles finster - -
    »Licht! Da macht doch vor allem Licht!« schrie Frau Simon.
    O weh, alles mögliche hatten wir mitgebracht: Chokolade und Fleischextrakt,
Cigarren und Leinwandstreifen - aber an eine Kerze hatte niemand gedacht. Keine
Möglichkeit, das Dunkel, das uns und die Unglücklichen umgab, aufzuhellen. Nur
eine Schachtel Zündhölzel, welche der Doktor in der Tasche trug, half uns für
einige Sekunden die schrecklichen Bilder zu sehen, welche diese Stätte des
Elends füllten. Der Fuss glitt auf dem von Blut schlüpfrigen Boden aus, wenn man
sich weiter bewegen wollte. Was nun? Zu den hundert Verzweifelten, welche hier
stöhnten und seufzten, waren nur noch ein paar Verzweifelnde und Seufzende mehr
hinzugekommen: »Was nun, was nun?«
    »Ich will das Haus des Pfarrers aufsuchen,« sagte Frau Simon, »oder sonst im
Dorfe Beistand holen. Kommen Sie, Doktor, geleiten Sie mich mit Ihren
Streichhölzern zum Ausgang zurück; und Sie, Frau Marta, bleiben indessen hier
-«
    Hier, allein - im Finstern, inmitten dieser wimmernden Leute, in dem
erstickenden Geruch? Das war eine Lage! Mir schauderte bis in das Knochenmark.
Aber ich widersprach nicht.
    »Ja,« sagte ich - »ich bleibe an dieser Stelle und warte, bis Sie mit Licht
zurückkommen.«
    »Nein,« rief Bresser, indem er meinen Arm in den seinen schob, »kommen Sie
mit - Sie dürfen in diesem Fegefeuer nicht zurückbleiben - unter den vielleicht
fiebertollen Menschen.«
    Ich war dem Freunde für dieses Vorgehen dankbar und klammerte mich fest an
seinen Arm - das Zurückbleiben in diesen Räumen hätte mich vielleicht wahnsinnig
gemacht vor Angst ... Ach, ich war doch ein feiges, hilfloses Geschöpf, dem
Unglück und den Schrecken nicht gewachsen, in welche ich mich da begeben hatte
... Warum war ich nicht zu Hause geblieben? Dennoch, wenn ich Friedrich
wiederfände? Wer weiss, ob er nicht in diesen dunklen Räumen lag, die wir eben
verliessen? Ich rief - während des Hinausgehens - öfter seinen Namen, aber das
gehoffte und gefürchtete »Hier bin ich, Marta!« ward mir nicht zurückgerufen.
    Wir traten wieder ins Freie. Der Wagen stand noch auf derselben Stelle.
Doktor Bresser entschied, dass ich wieder aufsteigen solle.
    »Frau Simon und ich gehen indessen im Dorfe Hilfe suchen,« sagte er, »und
Sie bleiben hier.«
    Ich fügte mich gern, denn meine Füsse konnten mich kaum tragen. Der Doktor
half mir aufsteigen und richtete mir mit dem umliegenden Stroh einen Sitz
zurecht. Zwei Soldaten blieben bei dem Wagen zurück. Die übrigen wurden von Frau
Simon und dem Doktor mitgenommen.
    Nach einer halben Stunde ungefähr kam die ganze Expedition zurück.
Erfolglos. Der Pfarrhof zerstört, wie alles Andere, und leer; sämtliche Häuser
Ruinen; nirgends ein Licht aufzutreiben gewesen: - es blieb jetzt nichts Anderes
übrig, als den Anbruch des Tages abzuwarten. Wie viele von den Unglücklichen,
denen unser Kommen schon Hoffnung erweckt hatte und welche unsere Hilfe jetzt
noch hätte retten können, würden in dieser Nacht wohl sterben?
    War das eine lange, bange Nacht! Obwohl tatsächlich nur noch drei bis vier
Stunden bis zu Sonnenaufgang vergingen, wie endlos mussten uns diese Stunden
scheinen, deren Verlauf - statt durch die Pendelschläge einer Uhr - durch die
ohnmächtigen Hilferufe leidender Mitmenschen markiert war.
    Endlich dämmerte der Morgen. Jetzt konnte gehandelt werden. Frau Simon und
Doktor Bresser machten sich neuerdings auf den Weg, um vielleicht doch noch
einige der versteckten Dorfbewohner aufzustöbern. Es gelang. Aus den Trümmern
krochen hier und da ein paar Bauern hervor - zuerst störrisch und misstrauisch;
als jedoch Doktor Bresser sie in ihrer Muttersprache anredete und Frau Simon mit
ihrer sanften Stimme ihnen zusetzte, liessen sie sich herbei, ihre Dienste zu
leihen. Es hiess vor Allem, noch sämtliche anderen versteckten Einwohner
auftreiben, damit sie bei der Arbeit behilflich seien: die umherliegenden Toten
begraben, die Brunnen in Stand setzen, um für die Lebenden Wasser zu schöpfen;
die auf den Wegen zerstreuten Feldkessel zusammensuchen, um Geschirre zu
schaffen; die Tornister der Gestorbenen und Gefallenen ausleeren und die darin
befindliche Wäsche für die Verwundeten verwenden. Jetzt kam auch ein preussischer
Stabsarzt mit Leuten und Hilfsmitteln an - und so konnte endlich mit einigem
Erfolg daran gegangen werden, den Unglücklichen Hilfe zu bringen. Nun war auch
für mich der Augenblick gekommen, da ich vielleicht Denjenigen finden würde, auf
dessen vermeintlichen Ruf ich die unselige Fahrt unternommen; dieser Gedanke
peitschte meine gebrochenen Kräfte wieder einigermassen auf.
    Frau Simon begab sich in Begleitung des preussischen Stabsarztes vorerst in
das Schloss, wo die meisten Verwundeten lagen. Doktor Bresser wollte die übrigen
Räume des Dorfes durchsuchen. Ich zog es vor, mich dem Freunde anzuschliessen und
ging mit diesem. Dass Friedrich in dem Schloss nicht lag, hatte der Doktor
bereits auf einem früheren Rundgang konstatiert.
    Wir hatten kaum hundert Schritte gemacht, als laute Klagerufe an unser Ohr
schlugen. Dieselben drangen aus dem offenen Tor der kleinen Dorfkirche. Wir
traten ein. Über hundert Menschen lagen auf dem harten Steinboden -
schwerverwundet, verstümmelt. Fiebernden und irrenden Blickes schrien und
jammerten sie nach Wasser. Schon an der Schwelle war mir zum Umsinken - ich
schritt aber dennoch die Reihen durch: ich suchte ja Friedrich ... Er war nicht
da.
    Bresser mit seinen Leuten machten sich bei den Armen zu schaffen; ich
stützte mich an ein Seitenaltar und blickte mit unnennbarem Schaudern auf das
Jammerbild.
    Und das war der Tempel des Gottes der ewigen Liebe - das waren die
wundertätigen Heiligen, welche da in den Nischen und an den Wänden fromm die
Hände falteten und ihre Köpfe unter dem goldstrahlenden Glorienschein
emporhoben? ...
    »O Mutter Gottes, heilige Mutter Gottes ... einen Tropfen Wasser ... erbarme
dich!« hörte ich einen armen Soldaten flehen. Das hatte er zu dem buntbemalten,
tauben Bilde wohl schon tagelang vergebens gebetet. - O, ihr armen Menschen, ehe
ihr nicht dem Gebot der Liebe gehorcht, das ein Gott in eure Herzen gelegt hat,
werdet ihr immer vergebens die Liebe Gottes anrufen - so lange unter euch die
Grausamkeit nicht überwunden ist, habt ihr von himmlischem Mitleid nichts zu
hoffen ...
                                     * * *
Was ich an diesem selben Tage noch Alles sehen und erfahren musste!
    Nicht wieder erzählen, das wäre freilich das Einfachste und Verlockendste.
Man schliesst die Augen und wendet den Kopf ab, wenn gar zu Grauenhaftes sich
ereignet - auch das Gedächtnis hat die Fähigkeit zu solchem Augenschliessen. Wenn
doch nichts mehr zu helfen ist - was lässt sich an der starren Vergangenheit
ändern? - wozu sich und die Anderen mit dem Wühlen in dem Entsetzlichen quälen?
    Wozu? Das werde ich später sagen. So viel nur jetzt: ich muss.
    Mehr noch. Nicht nur mein eigenes Gedächtnis will ich anstrengen - meine
Auffassungskraft reichte an die Wucht der Geschehnisse gar nicht heran -; ich
werde noch hinzufügen, was andere Zeugen jener Scenen - was Frau Simon, Doktor
Brauer und der sächsische Feldhospital-Kommandant, Doktor Naundorff, (man
vergleiche des letztgenannten erschütterndes Buch »Unter dem roten Kreuz«)
berichtet haben.
    Wie in Horonewos, so hatte die Hölle noch in vielen anderen der umliegenden
Ortschaften ihre Filialen. So war es in Sweti, in Hradeck, in Problus. So in
Pardubitz, wo, als es die ersten Preussen besetzten, ... über tausend
Schwerverwundete, Operierte und Amputierte umherlagen, teils sterbend, teils
schon gestorben, Leichen zwischen Verscheidenden und solchen, welche ihr Ende
ersehnten. Viele nur in blutigen Hemden, dass man nicht einmal wissen konnte,
welches Landes Kinder sie waren. Alle die, welche noch Spuren des Lebens in sich
trugen, schreiend nach Wasser und Brot, sich krümmend unter den Schmerzen ihrer
Wunden, und um den Tod gleichwie um eine Wohltat flehend.«
    »Rossnitz,« so schreibt Doktor Brauer in seinen Briefen, »Rossnitz, dieser
Ort, dessen Bild bis in meine Sterbestunde vor meinem Gedächtnisse stehen wird,
Rossnitz, wohin ich am 6. Tage nach der mörderischen Schlacht von den Johannitern
geschickt wurde und wo das grösste Elend, welches sich menschliche
Einbildungskraft vorzustellen vermag, noch an diesem Tage herrschte. Ich fand
daselbst unsern R. mit 650 Verwundeten, welche in elenden Scheunen und Ställen,
ohne Verpflegung, mitten unter Toten und Halbtoten, teilweise seit Tagen in
ihrem eigenen Kote lagen. Hier war es, wo ich nach Errichtung des Grabhügels des
gefallenen Oberstlieutenants v. F. so von Schmerz überwältigt wurde, dass ich
eine Stunde lang die heissesten Tränen vergoss und mich trotz des Aufwandes
meiner ganzen moralischen Kraft kaum zu fassen vermochte. Obgleich ich als Arzt
gewohnt bin, menschliches Elend in allerlei Gestalt zu erblicken und in der
Ausübung meines Berufes es lernte, den Jammer der gequälten menschlichen Natur
zu ertragen, so entquollen doch in der Tat hier meinen Augen unaufhaltsame
Tränen. Hier in Rossnitz war es, wo ich am zweiten Tage, als ich erkannte, dass
unsere Kräfte solchem Elend nicht gewachsen seien, den Mut verlor und zu
verbinden aufhörte.« - - -
    »... In welchem Zustand waren diese 600 Männer (diesmal spricht Doktor
Naundorff). Es ist unmöglich, dies mit Wahrheit zu schildern. An den noch immer
offenen Wunden saugten Mücken, mit denen sie bedeckt waren; im Fieber funkelnde
Blicke irrten forschend umher und suchten nach irgend einer Hilfe - nach Labung,
nach Wasser, nach Brot! Mantel, Hemd, Fleisch und Blut bildeten bei den Meisten
eine widerliche Mischung. Würmer begannen sich darin zu erzeugen und
einzufressen. Ein abscheulicher Geruch erfüllte jeglichen Raum. Alle diese
Soldaten lagen auf der nackten Erde, nur Wenige fanden etwas Stroh, auf welches
sie ihre elenden, verstümmelten Körper betten konnten. Einige, welche nur
lehmigen, durchgeweichten Boden unter sich hatten, sind in dem Schlamme
desselben halb versunken; sie vermögen nicht, sich aus ihm emporzuarbeiten;
Andere liegen in einer Pfütze gräulichen Schmutzes, den zu beschreiben jede
Feder sich sträuben muss.«
    »... In Masloved« - so erzählte Frau Simon - »ein Ort von ungefähr fünfzig
Nummern, lagen - acht Tage nach der Schlacht - 700 Verwundete. Nicht sowohl ihr
Jammergeschrei als ihre trostlose Verlassenheit drang zum Himmel empor. In einer
einzigen Scheune waren allein 60 dieser Unglücklichen aufgeschichtet. Eine jede
ihrer Wunden war an sich schon schwer, durch den hilflosen Zustand, den Mangel
an Pflege und Nahrung waren dieselben hoffnungslos geworden; fast Alle waren
brandig. Zerschossene Glieder bildeten nur noch faulende Fleischstücke,
Gesichter nur noch eine mit Schmutz bedeckte, zerronnene Blutmasse, in welcher
eine unförmliche schwarze Öffnung den Mund vorstellte, welchem grässliche Töne
entquollen. Die fortschreitende Verwesung trennte ganze abgestorbene Teile von
diesen elenden Körpern. Lebendige liegen neben Toten gebettet, die in Fäulnis
überzugehen beginnen und für welche die Würmer sich rüsten.
    Diese sechzig Menschen, so wie der grösste Teil der Übrigen, lagen seit einer
Woche auf derselben Stelle. Ihre Wunden waren entweder gar nicht, oder nur in
unzureichender Weise verbunden worden; seit dem Tage der Schlacht lagen sie,
unfähig sich von der Stelle zu bewegen, nur mangelhaft genährt, ohne
hinreichendes Wasser. Unter sich ein durch Blut und Unrat verfaulendes Lager, so
verbrachten sie acht Tage! Lebendige Leichname, durch deren zuckende Glieder
eine vergiftete Blutwelle nur noch träge ihren Umlauf vollendet. Sie hatten noch
nicht sterben können, und doch - wie durften sie erwarten, je wieder lebendig zu
werden? Was ist dabei des Staunens werter« - beschloss Frau Simon diesen Bericht
- »die unendliche Lebenskraft der menschlichen Natur, welche das erduldet und
noch zu atmen vermag, oder der Mangel an zureichender Hilfe?«
    Das Staunenswerteste ist - will mich bedünken - dass Menschen einander in
solche Lage bringen, - dass Menschen, die so etwas gesehen, nicht kniend
hinsinken und den leidenschaftlichen Eid schwören, gegen den Krieg zu kriegen:
dass sie nicht - wenn sie Fürsten sind - das Schwert von sich schleudern oder -
wenn sie keine Macht besitzen - nicht fortan ihr ganzes Wirken, in Wort und
Schrift, in denken, Lehren und Handeln dem einen Ziele widmen: Die Waffen
nieder!
    - - - - - - - - - - - - - - -
    Frau Simon - sie nannten sie »die Lazaret-Mutter« - war eine Heldin.
Wochenlang hatte sie in jenen Gegenden geweilt und alle Drangsale und Gefahren
ertragen. Hunderte sind durch sie gerettet worden. Tag und Nacht arbeitete,
schaffte, befehligte sie. Bald verrichtete sie die demütigsten Dienste an den
Krankenlagern, bald kommandierte sie Transporte oder requirierte Lebensmittel.
Wenn sie an einem Orte Hilfe geschafft, so eilte sie ohne Rast an einen andern;
sie liess aus Dresden eine reiche Sendung kommen und führte dieselbe, trotz allen
entgegenstehenden Schwierigkeiten, nach den Punkten, welche der Hilfe bedurften;
sie übernahm die Vertretung der patriotischen Vereine auf böhmischem Boden und
errang sich da eine Stellung gleich derjenigen, welche Florence Nightingale in
der Krim eingenommen.
    Und ich? Gebrochen, trostlos, von Schmerz und Ekel überwältigt - nichts habe
ich zu helfen vermocht. Schon in der Kirche - unsere erste Etappe - fiel ich auf
den Stufen jenes Marienaltars erschöpft zusammen und Doktor Bresser hatte alle
Mühe, mich wieder aufzurichten. Von dort schleppte ich mich an seiner Seite eine
Strecke weiter und wir kamen in eine solche Scheune, welche ein Bild bot, wie es
Frau Simon beschrieben. In der Kirche wenigstens war ein weiter Raum, wo die
Unglücklichen neben einander lagen, hier aber waren sie auf- und ineinander
geschichtet - haufen- und knäuelweise; in die Kirche waren doch Pflegende -
vielleicht ein durchmarschierendes Sanitätskorps - gekommen, welche zwar
mangelhafte, aber doch einige Hilfe geboten hatten; hier aber waren lauter ganz
ungefunden Gebliebene - eine krabbelnde, wimmernde Masse halbverfaulter
Menschenreste ... Erstickender Ekel packte mich an der Kehle, bitterster Jammer
am Herzen - mir war als fühlte ich Letzteres entzwei brechen - und ich stiess
einen gellenden Schrei aus. Dieser Schrei ist das letzte, was mir von jener
Scene in Erinnerung geblieben.
Als ich wieder zur Besinnung kam, befand ich mich in einem fahrenden
Eisenbahnwagen. Mir gegenüber sass Doktor Bresser. Als er gewahrte, dass ich die
Augen geöffnet und erstaunt und forschend um mich schaute, ergriff er meine
Hand:
    »Ja, ja, Frau Marta,« sagte er, »dies ist ein Koupee zweiter Klasse - Sie
träumen nicht. Sie sind hier in Gesellschaft einiger leichtverwundeter Offiziere
und Ihres Freundes Bresser, und wir fahren nach Wien.«
    So war es. Der Doktor hatte einen Transport Verwundeter von Horonewos nach
Königinhof gebracht, und von dort war ihm ein anderer Transport zur Beförderung
nach Wien anvertraut worden. Mich Ohnmächtige - in der doppelten Bedeutung des
Wortes ohnmächtig - hatte er mitgenommen und brachte mich nach Hause. Ich hatte
mich auf jenen Stätten des Elends als völlig unnütz und unfähig erwiesen, als
ein Hindernis und eine Bürde; Frau Simon war sehr froh, als Doktor Bresser mich
fortschafte. Und ich musste zugeben, dass es so am besten war. Aber Friedrich? -
Ich hatte ihn nicht gefunden. Gott sei Dank - dass ich ihn nicht gefunden: so war
noch nicht alle Hoffnung tot: und hätte ich gar den geliebten Mann unter jenen
Jammergestalten erkennen müssen - ich wäre wahnsinnig geworden! Vielleicht würde
ich zu Hause einen Brief meines Friedrich vorfinden ... Diese Hoffnung - nein,
Hoffnung ist zu viel gesagt: der Gedanke an diese blosse Möglichkeit - goss mir
einen Balsam in die wunde Seele. Ja wund - wund fühlte ich mein Inneres ... Das
Riesenweh, welches ich gesehen, hatte mir so tief ins eigene Herz geschnitten,
dass mir war, als sollte es nie mehr ganz geheilt werden können. - Auch wenn ich
meinen Friedrich wiederfände, auch wenn mir eine lange Zukunft von Glanz und
Liebe bescheert würde, könnte ich denn jemals vergessen, dass so viele andere
meiner armen Menschenbrüder- und -Schwestern so unsägliches Unglück tragen
müssen? So lange tragen müssen, als sie nicht zur Einsicht kommen, dass dieses
Unglück nicht Verhängnis, sondern Verbrechen ist. - -
    Ich schlief beinahe während der ganzen Fahrt. Doktor Bresser hatte mir ein
leichtes Narkotikum eingegeben, damit ein langer und fester Schlaf meine durch
die Erlebnisse von Horonewos so erschütterten Nerven wieder einigermassen
beruhige.
    Als wir auf dem wiener Bahnhof ankamen, stand schon mein Vater da, mich
abzuholen. Doktor Bresser, der an Alles dachte, hatte nach Grumitz
telegraphiert. Ihm selbst wäre es nicht möglich gewesen, mich dahin zu
begleiten, da er seine Verwundeten in das Hospital zu bringen hatte und dann
unverzüglich wieder nach Böhmen zurückkehren wollte.
    Mein Vater umarmte mich schweigend und auch ich fand kein Wort zu sagen.
Dann wandte er sich an Doktor Bresser.
    »Wie soll ich Ihnen danken? Hätten Sie nicht diese kleine Verrückte in
Schutz genommen - -«
    Aber der Doktor drückte uns eilig die Hände.
    »Ich muss weg,« sagt er, »ich habe Dienst. Kommen Sie glücklich nach Hause.
Die junge Frau braucht Schonung, Excellenz ... ist stark erschüttert worden ...
keine Vorwürfe, kein Ausfragen ... schnell ins Bett: ... Orangenblütenwasser ...
Ruhe, Adieu!« Und fort war er.
    Mein Vater legte meinen Arm in den seinen und führte mich durch das Gedränge
dem Ausgang zu. Da stand wieder eine lange Reihe von Ambulanzwagen. Wir mussten
eine Strecke zu Fuss gehen, um zu der Stelle zu gelangen, wo unser Wagen wartete.
    Die Frage: »Ist mittlerweile Nachricht von Friedrich gekommen?« stieg mir
wiederholt zu den Lippen empor, ich fand aber nicht den Mut, sie auszusprechen.
Endlich - wir waren schon ein Stück gefahren und mein Vater war noch immer stumm
- brachte ich dieselbe hervor:
    »Bis gestern Abend nicht,« lautete die Antwort. »Möglich, dass wir heute
Nachricht finden. Ich bin nämlich schon gestern, gleich nach Empfang des
Telegramms, zur Stadt gefahren. Ach, hast Du uns Angst gemacht, Du närrisches
Ding! Auf die Schlachtfelder fahren, dem grimmigen Feind entgegen - diese Leute
sind ja wie die Wilden ... Durch ihre Spitzkugelsiege sind sie ganz berauscht
... und überhaupt: disziplinierte Soldaten sind sie ja nicht, diese
Landwehrleute - von solchen kann man sich auf die ärgsten Untaten gefasst
machen, und Du - eine Frau - läufst da mitten hinein; Du - nun der Doktor hat
mir verordnet, Dir keine Vorwürfe zu machen -«
    »Wie geht es meinem Sohne Rudolf?«
    »Der schreit und heult nach Dir, sucht Dich im ganzen Haus, will nicht
glauben, dass Du weggereist seist, ohne ihm einen Abschiedskuss zu geben. Und
nach den Anderen frägst Du nicht? nach Lilli, Rosa, Otto, Tante Marie? Du kommst
mir überhaupt so teilnahmslos vor -«
    »Wie geht es Allen? Hat Konrad geschrieben?«
    »Gut geht es Allen. Von Konrad kam gestern ein Brief - es ist ihm nichts
geschehen. Lilli ist selig. Du wirst sehen, von Tilling wird nächstens auch gute
Nachricht eintreffen. Leider ist in politischer Hinsicht nichts Gutes zu
erwarten. Du hast doch von dem grossen Unglück gehört?«
    »Welches? ... Ich habe in der Zeit gar nichts Anderes gesehen, als grosses
Unglück.«
    »Ich meine Venetien - unser schönes Venetien fortgeschleudert - dem
Intriganten Louis Napoleon auf dem Präsentierteller gereicht! Und das nach
solchen glänzenden Siegen, wie wir sie bei Custozza errungen haben ... Statt
unsere Lombardei zurückzunehmen, auch noch unser Venedig hingeben! Freilich,
dadurch sind wir die Feinde im Süden los, haben auch den Louis Napoleon für uns
und können jetzt mit aller Wucht für Sadowa Rache nehmen, den Preussen aus dem
Lande hinauswerfen, ihn verfolgen und uns Schlesien holen. Benedek hat grosse
Fehler begangen, jetzt aber wird der Oberbefehl in die Hände des glorreichen
Feldherrn der Südarmee gelegt ... Du antwortest nicht? Nun denn, so will ich
Dir, immer nach Bressers Verordnung - Ruhe lassen.«
    Nach zweistündiger Fahrt kamen wir in Grumitz an.
    Als unser Wagen im Schlosshof einfuhr, stürzten uns die Schwestern entgegen.
    »Marta, Marta« - riefen Beide schon von weitem: »Er ist da!«
    Und nochmals - am Wagenschlag
    »Er ist da, Marta!«
    »Wer?«
    »Friedrich, Dein Mann.«
Ja - so war es. Erst gestern, spät am Abend, war Friedrich mit einem
Verwundetentransporte von Böhmen nach Wien und von dort hierher gebracht worden.
Er hatte eine Kugel in das Bein bekommen, eine Wunde, die ihn augenblicklich
dienstunfähig und pflegebedürftig machte, die jedoch gänzlich ungefährlich war.
    Aber auch die Freude ist schwer zu ertragen. Die mir von meinen Schwestern
so unvorbereitet zugerufene Nachricht: »Friedrich ist da« wirkte ebenso, wie die
Schrecknisse der vergangenen Tage: sie raubte mir die Besinnung.
    Man musste mich aus dem Wagen in das Schloss tragen und zu Bett bringen. Hier
verbrachte ich - war es die Nachwirkung des Narkotikums, war es die Heftigkeit
des Freudenschlages? - mehrere Stunden in bald schlafender, bald delirierender
Bewusstlosigkeit. Als ich zu mir kam und mich in meinem Bette sah, da glaubte
ich, dass ich aus einem schweren Traum erwachte und dass ich von Grumitz gar nicht
fortgekommen war. Der Brief Bressers, mein Entschluss nach Böhmen abzureisen,
meine Erlebnisse dortselbst - die Rückfahrt, die angekündigte Heimkehr
Friedrichs: Alles nur geträumt ...
    Ich blickte auf. Am Fusse des Bettes stand meine Kammerjungfer.
    »Ist mein Bad bereit?« fragte ich, »ich will aufstehen.«
    Jetzt stürzte aus einer Ecke des Zimmers Tante Marie hervor:
    »Ach Marta, armer Schatz, bist Du endlich wach und bei Sinnen - Gott sei
Dank! Ja, ja, steh auf - und ja, ja, nimm Dein Bad, das wird wohl tun ... wenn
man so von Strassen- und Eisenbahnstaub bedeckt ist, wie Du -«
    »Eisenbahnstaub - was meinst Du denn?«
    »Schnell, steh' auf - Netti, richten Sie Alles vor. Friedrich vergeht schon
vor Ungeduld, Dich zu sehen.«
    »Friedrich, mein Friedrich!!!«
    Wie oft hatte ich in den letzten Tagen diesen Namen so schmerzlich
ausgerufen - aber jetzt war es ein Jubelruf - denn nunmehr hatte ich verstanden;
es war kein Traum; ich war fortgewesen und heimgekehrt und sollte den Gatten
wiedersehen!
    Eine Viertelstunde später trat ich bei ihm ein. Allein. - Ich hatte mir
ausgebeten, dass Niemand mit mir komme. Bei unserem Wiederfinden sollte kein
Dritter anwesend sein.
    »Friedrich!« - »Marta!« Ich war auf das Ruhebett hingestürzt, auf dem er
lag und schluchzte an seiner Brust.
    - - - - - - - - - - - - - - -
    Es war dies das zweite Mal im Leben, dass mir der geliebte Gatte aus den
Gefahren des Krieges zurückgegeben ward.
    »O, die Seligkeit, ihn wieder zu haben! Wie kam ich, gerade ich dazu, mitten
aus der Schmerzensflut, in der so Viele untergegangen, an ein sicheres,
glückliches Ufer gelangt zu sein? Wohl Denen, die in solcher Lage freudig den
Blick zum Himmel heben und dem Lenker oben warmen Dank emporsenden; durch diesen
Dank, den sie, weil er demütig gesprochen wird, auch für demütig halten, von dem
sie gar nicht ahnen, wie anmassend und selbstüberhebend er im Grunde ist, fühlen
sie sich entlastet; damit haben sie für den ihnen verliehenen Vorzug, den sie
Huld und Gnade nennen, nach ihrer Meinung genügend quittiert. Ich war das nicht
im stande. Wenn ich an die Elenden dachte, die ich an jenen Jammerstätten
gesehen, und an die beklagenswerten Mütter und Frauen dachte, deren Lieben von
demselben Schicksal, das mich begünstigt hatte, in Qual und Tod gestürzt worden
- da konnte ich unmöglich so unbescheiden sein, diese Begünstigung als eine
göttlich beabsichtigte anzunehmen, für die ich berechtigt wäre, zu danken. Mir
fiel ein, wie neulich einmal Frau Walter, unsere Haushälterin, mit einem Besen
über einen Schrank fuhr, worauf eine Schar zuckerwitternder Ameisen wimmelte -
so fegte das Schicksal über die böhmischen Schlachtfelder weg; - die armen
schwarzen Arbeiterinnen waren zumeist zerdrückt, getötet, verstreut, nur Einige
blieben unversehrt. Wäre es wohl von Diesen vernünftig und angemessen gewesen,
wenn sie der Frau Walter dafür innigen Dank emporgesendet hätten? ... Nein, ich
konnte durch die Freude des Wiedersehens, so gross diese auch war, das Weh aus
meinem Herzen nicht vollständig bannen - ich konnte nicht und wollte nicht. Zu
helfen war ich nicht im stande gewesen; verbinden, pflegen, warten - wie jene
barmherzigen Schwestern, wie die tapfere Frau Simon es getan - dazu hatten
meine Kräfte nicht gereicht. Aber die Barmherzigkeit, die aus Mitgefühl besteht,
die habe ich den armen Mitgeschöpfen doch angedeihen lassen und die durfte ich
nicht, in egoistischem Vollvergnügen, ihnen wieder entziehen - ich durfte nicht
vergessen.
    Aber wenn auch nicht frohlocken und danken - lieben, den Wiedergefundenen
hundertfach zärtlich in mein Herz schliessen: das durfte ich wohl ...
    »O Friedrich, Friedrich!« wiederholte ich unter Tränen und Liebkosungen,
»habe ich Dich wieder!«
    »Und Du wolltest mich suchen und pflegen? Wie heldenhaft und wie töricht,
Marta!«
    »Töricht, ja - das sehe ich ein. Die rufende Stimme, die mich fortzog, war
Einbildung, war Aberglaube, denn Du riefst mich nicht. Aber heldenhaft? Nein.
Wenn Du wüsstest, wie feig ich mich dem Elend gegenüber erwies! Nur Dich - nur
wenn Du dort gelegen - hätte ich pflegen können. Ich habe Entsetzliches gesehen,
Friedrich, was ich nie vergessen werde. O unsere schöne Welt, wie kann man sie
nur so verderben, Friedrich? Eine Welt, in der zwei Wesen einander so lieben
können, wie ich und Du - in der solches Feuerglück lodern kann, wie unser
Einssein - wie mag die nur so töricht sein, die Flammen des tod-und
jammerbringenden Hasses zu schüren?
    »Ich habe auch etwas Entsetzliches gesehen, Marta - etwas, das ich nie
vergessen kann. Denke Dir - auf mich losstürzend, mit gehobener Klinge, - es war
während eines Kavalleriegefechts bei Sadowa - auf mich losstürzend - Gottfried
von Tessow.«
    »Tante Korneliens Sohn?«
    »Derselbe. Er hat mich zur rechten Zeit erkannt und senkte die bereits
hiebbereite Waffe -«
    »Da hat er eigentlich gegen seine Pflicht gehandelt, wie? Einen Feind seines
Königs und Vaterlandes verschont - unter dem nichtigen Vorwand, dass derselbe ein
lieber Freund und Vetter sei ...«
    »Das arme Bürschchen! Kaum hatte er den Arm sinken lassen, so sauste ein
Säbel über seinem Kopf ... Es war mein Nebenmann, ein junger Offizier, der
seinen Oberstlieutenant schützen wollte und -«
    Friedrich hielt inne und bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen.
    »Getötet?« fragte ich schaudernd.
    Er nickte.
    »Mama, Mama!« kam es vom Nebenzimmer her und die Tür wurde aufgerissen. Es
war meine Schwester Lilli, den kleinen Rudolf an der Hand.
    »Verzeih', dass ich euer Wiedersehen-tête-à-tête störe, aber Dieser da
verlangt gar zu stürmisch nach seiner Mama.«
    Ich eilte dem Kind entgegen und presste es leidenschaftlich an mein Herz. -
Ach die arme, arme Tante Kornelie!
Noch am selben Tag kam der aus Wien telegraphisch gerufene Chirurg im Schloss
an und nahm Friedrichs Wunde in Behandlung. Sechs Wochen äusserste Ruhe - und die
Heilung würde eine vollständige sein.
    Dass mein Mann den Dienst quittieren würde, das stand nun bei uns Beiden
fest. Natürlich konnte dies erst nach Beendigung des Krieges ausgeführt werden.
Übrigens konnte man den Krieg füglich als beendet betrachten. Nach dem Verzicht
auf Venedig war der Konflikt mit Italien beseitigt, Napoleons Freundschaft war
gewonnen und man würde im stande sein, mit dem nordischen Sieger einen
glimpflichen Frieden abzuschliessen. Unser Kaiser selbst wünschte sehnlichst, dem
unglücklichen Feldzug ein Ende zu machen und wollte nicht noch seine Hauptstadt
einer Belagerung aussetzen. Die preussischen Siege im übrigen Deutschland, so der
am 16. Juli stattgefundene Einzug der Preussen in Frankfurt a/M., verliehen dem
Gegner einen gewissen Nimbus, der - wie alle Erfolge - auch bei uns zu Lande
Bewunderung erzwang und eine Art Glauben weckte, dass es eine geschichtliche
Mission sei, welche da von den Preussen mittelst gewonnener Schlachten ausgeführt
wurde. Das Wort »Waffenstillstand« - »Frieden« war nun einmal gefallen, und da
konnte auf dessen Verwirklichung ebenso sicher gerechnet werden, wie man in
Zeiten, wo die Drohung des Krieges einmal ausgesprochen, über kurz oder lang auf
den Ausbruch des Krieges rechnen muss. Selbst mein Vater gab jetzt zu, dass unter
den obwaltenden Umständen ein Aufheben der Feindseligkeiten angemessen wäre; die
Armee war geschwächt, die Uberlegenheit des Zündnadelgewehres musste anerkannt
werden und ein Vormarsch der feindlichen Truppen nach der Hauptstadt, die
Beschiessung Wiens und nebstbei auch die Zerstörung von Grumitz: das waren
Eventualitäten, welche auch meinem kampflustigen Herrn Papa nicht sonderlich
zulächelten. Sein Vertrauen in die Unbesiegbarkeit der österreichischen Truppen
war durch die Tatsachen denn doch erschüttert worden; und es ist überhaupt eine
Neigung des menschlichen Geistes, von den laufenden Ereignissen anzunehmen, dass
sie serienweise auftreten: dass auf Erfolg wieder Erfolg, auf Unglück wieder
Unglück folgen müsse. Besser also, in der Unglücksserie innehalten - die Zeit
der Genugtuung und der Rache würde schon kommen ...
    Rache und immer wieder Rache? Jeder Krieg muss einen Besiegten aufweisen und
wenn dieser nur in einem nächsten Krieg Genugtuung finden kann, einem nächsten,
der natürlich wieder einen genugtuungheischenden Besiegten schaffen wird - wann
nimmt das ein Ende? Wie kann Gerechtigkeit erlangt, wann altes Unrecht gesühnt
werden, wenn als Sühnemittel immer wieder neues Unrecht angewendet wird? Keinem
vernünftigen Menschen wird es einfallen, Tintenflecken mit Tinte, Ölflecken mit
Öl wegputzen zu wollen - nur Blut, das soll immer wieder mit Blut ausgewaschen
werden!
    Die in Grumitz obwaltende Stimmung war allgemein eine düstere. In der
Ortschaft herrschte Panik: »die Preussen kommen, die Preussen kommen« war auch
hier - trotz den von mancher Seite gehegten Friedenshoffnungen - immer noch die
ausgegebene Angstparole, und die Leute verpackten und vergruben ihre
Kostbarkeiten; auch bei uns im Schloss hatten Tante Marie und Frau Walter dafür
gesorgt, dass das Familiensilber in ein geheimes Versteck gebracht werde. Lilli
war in steter Sorge um Konrad, von welchem jetzt seit einigen Tagen die
Nachrichten ausgeblieben waren; mein Vater fühlte sich in seiner patriotischen
Ehre gekränkt und wir beide, Friedrich und ich, trotz des still in unseren
Herzen ruhenden Glückes über unsere Wiedervereinigung, waren von dem
miterlebten, so heftig mitempfundenen Unglück der Zeit auf das schmerzlichste
erschüttert. Und von allen Seiten floss diesem Schmerze immer wieder neue Nahrung
zu. In sämtlichen Zeitungsberichten, in allen Briefen aus Verwandten- und
Bekanntenkreisen nichts als Klage und Trauer. Da war ein Brief von Tante
Kornelie, welche ihr Unglück noch nicht kannte, worin sie in so rührenden Worten
von der Furcht sprach, ihr einziges Kind etwa verlieren zu müssen - ein Brief,
über den wir Zwei bittere Tränen vergossen. Und wenn wir abends im Kreise
beisammen sassen, da gab es nicht heiteres, scherzgewürztes Geplauder, Musik,
Kartenspiel und anregende Lektüre, sondern immer nur - gesprochen oder gelesen -
Geschichten von Jammer und Tod. Wir lasen nichts anderes als Zeitungen und diese
waren mit »Krieg« und nichts als »Krieg« gefüllt, und was wir sprachen, bezog
sich meist auf die Erfahrungen, welche Friedrich und ich von den böhmischen
Schlachtfeldern zurückgebracht hatten. Meine Abreise dahin wurde mir zwar von
Allen sehr übel genommen, dennoch lauschten sie gespannt, wenn ich von den
dortigen, teils selbsterlebten, teils mitgeteilten Ereignissen erzählte. Rosa
schwärmte für Frau Simon und schwor, falls der Krieg andauern sollte, sich der
sächsischen Samariterin anzuschliessen Dagegen protestierte natürlich unser
Vater: »Mit Ausnahme der barmherzigen Schwestern und der Marketenderinnen, hat
kein Frauenzimmer im Krieg 'was zu suchen ... ihr seht ja, wie untauglich unsere
Marta sich erwiesen hat. Das war ein unverzeihlicher Streich von Dir, Du tolles
Kind - Dein Mann sollte Dich noch nachträglich dafür züchtigen.« Friedrich
streichelte meine Hand: »Ja, eine Torheit war's - aber eine schöne.« - Wenn ich
von den Schrecknissen, die ich selber gesehen, oder die mir meine Reisegefährten
mitgeteilt, in gar zu unverhüllter Weise sprach, wurde ich oft von Tante Marie
oder von meinem Vater rügend unterbrochen: »Wie kann man so abscheuliche Dinge
wiederholen?« Oder: »Schämst Du Dich nicht, als Frau, als zarte Dame, so
hässliche Worte in den Mund zu nehmen?« Als ich gar eines Abends von den
Verstümmelten sprach und das Los derer beklagte, die im Namen des Mannesmuts,
der Manneszucht und der Mannesehre in den Krieg getrieben, von dort zurückkehren
müssen, ihrer Mannheit auf ewig beraubt - - »Marta! Vor den Mädchen!!!« stöhnte
Tante Marie, im Tone der höchsten sittlichen Entrüstung.
    Da riss mir die Geduld:
    »O über eure Prüderie - und o über eure zimperliche Wohlanständigkeit!
Geschehen dürfen alle Greuel, aber nennen darf man sie nicht. Von Blut und Unrat
sollen die zarten Frauen nichts erfahren und nichts erwähnen, wohl aber die
Fahnenbänder sticken, welche das Blutbad überflattern werden; davon dürfen
Mädchen nichts wissen, dass ihre Verlobten unfähig gemacht werden können, den
Lohn ihrer Liebe zu empfangen, aber diesen Lohn sollen sie ihnen zur
Kampfesanfeuerung versprechen. Tod und Tötung hat nichts unsittliches für euch,
ihr wohlerzogenen Dämchen - aber bei der blossen Erwähnung der Dinge, welche die
Quellen des fortgepflanzten Lebens sind, müsst ihr errötend wegschauen. Das ist
eine grausame Moral, wisst ihr das? Grausam und feig! Dieses Wegschauen - - mit
dem leiblichen und mit dem geistigen Auge - das ist an dem Beharren so vielen
Elends und Unrechts schuld! Wer nur erst den Mut hätte, hinzuschauen, wo
Mitgeschöpfe in Leid und Elend schmachten und den Mut hätte, über das Geschaute
nachzudenken -«
    »Ereifere Dich nicht«, unterbrach Tante Marie, »wir können doch nicht, so
viel wir auch zuschauen und nachdenken wollten, das Übel von der Erde
wegschaffen - dieselbe ist nun einmal ein Jammertal und wird es immer bleiben.«
    »Das wird sie nicht«, entgegnete ich und behielt so doch das letzte Wort.
»Die Gefahr, dass Frieden geschlossen wird, rückt immer näher«, klagte eines
Tages mein Bruder Otto.
    Wir sassen eben wieder um den Familientisch - Friedrich auf seinem Ruhebett
daneben - und es hatte jemand aus der Zeitung die Nachricht vorgelesen, dass
Benedetti in Böhmen angekommen sei - offenbar mit der Sendung betraut,
Friedensvorschläge zu unterbreiten.
    Nichts fürchtete mein kleiner - er war zwar schon gross, doch hatte ich die
Gewohnheit ihn so zu nennen - mein kleiner Bruder so sehr, als dass der Krieg ein
frühzeitiges Ende nehme und dass es ihm nicht beschieden wäre, den Feind aus dem
Land zu jagen. Es war nämlich aus Wiener-Neustadt die Nachricht erfolgt, dass,
falls die Feindseligkeiten wieder aufgenommen würden, dann bei der nächsten, am
18. August folgenden Ausmusterung nicht nur die Zöglinge des letzten, sondern
auch mehrere des vorletzten Jahrganges sogleich in aktiven Dienst treten
dürften. Diese Aussicht versetzte den jungen Helden in Entzücken. Gleich aus der
Akademie in den Krieg - welche Wonne! Ähnlich freut sich eine
Pensionatsschülerin hinaus in die Welt - auf den ersten Ball. Sie hat tanzen
gelernt - der Neustadter Schüler lernte schiessen und fechten -; sie sehnt sich,
unter einem angezündeten Kronleuchter, in festlicher Toilette, bei
Orchesterklang, ihre Kunst zu entfalten, und er sehnt sich nicht minder nach der
schmucken Uniform und nach dem grossen Kanonenkotillon.
    Der Vater war über dieses soldatische Feuer seines Lieblings natürlich hoch
erfreut:
    »Sei ruhig, mein tapferer Junge«, erwiderte er auf Ottos Seufzer über den
drohenden Frieden, und klopfte ihm beifällig auf die Schulter; »Du hast ein
langes Leben vor Dir. Wenn auch jetzt der Feldzug zu Ende wäre, in den nächsten
Jahren muss es doch wieder losgehen.«
    Ich sagte nichts. Seit meinem letzten Ausfall gegen Tante Marie hatte ich,
auf Friedrichs Weisung, den Vorsatz gefasst und ausgeführt, die leidigen
Streitereien über das Tema Krieg möglichst zu vermeiden. Es konnte ja zu nichts
führen, als zu Bitterkeiten; und seitdem ich die Spuren der grausigen Geissel mit
eigenen Augen gesehen, hatte sich mein Hass und meine Verachtung des Krieges so
vertieft, dass mir jede Verteidigung desselben wie eine persönliche Beleidigung
in die Seele schnitt. Mit Friedrich waren wir ja einig: er würde austreten; und
darüber war ich auch im klaren: mein Sohn Rudolf würde in keine militärische
Anstalt getan, wo die ganze Erziehung darauf eingerichtet ist - und
folgerichtig eingerichtet sein muss - in den Jünglingen die Sehnsucht nach
kriegerischen Taten zu wecken. Ich forschte meinen Bruder einmal aus, was denn
so die Ansichten seien, welche den Schülern in Bezug auf den Krieg beigebracht
werden. Aus seinen Antworten ging ungefähr folgendes hervor: Der Krieg wird als
ein notwendiges Übel hingestellt (also doch Übel - ein Zugeständnis dem Geiste
der Zeit), zugleich aber als der vorzüglichste Erwecker der schönsten
menschlichen Tugenden, die da sind: Mut, Entsagungskraft und Opferwilligkeit,
als der Spender des grössten Ruhmesglanzes, und schliesslich als der wichtigste
Faktor der Kulturentwickelung. Die gewaltigen Eroberer und Gründer der
sogenannten Weltreiche - die Alexander, Cäsar, Napoleon - werden als die
erhabensten Beispiele menschlicher Grösse angeführt und der Bewunderung
empfohlen; die Erfolge und Vorteile des Krieges werden auf das lebhafteste
herausgestrichen, während man die in seinem Gefolge unabweisbar eintretenden
Nachteile - Verrohung, Verarmung, moralische und physische Entartung - gänzlich
mit Stillschweigen übergeht. - Nun ja; nach demselben System ward ja auch in
meinem - im Mädchenunterricht vorgegangen; dadurch war in meinem kindlichen
Gemüt die Bewunderung für die Kriegslorbeeren entstanden, die mich einst
beseelte. War ich doch selber von Bedauern erfüllt gewesen, dass mir nicht, wie
den Knaben, die Möglichkeit winkt, solche Lorbeeren zu pflücken, - konnte ich es
nun einem Knaben verargen, dass ihn diese Möglichkeit mit Freude und mit Ungeduld
erfüllte?
    Und so antwortete ich denn nichts auf Ottos Klageruf, sondern setzte ruhig
meine Lektüre fort. Ich las, wie gewöhnlich, eine Zeitung und diese war - auch
wie gewöhnlich - mit Berichten vom Kriegsschauplatz gefüllt.
    »Da ist eine interessante Korrespondenz eines Arztes, der den Rückzug
unserer Truppen mitgemacht hat ... soll ich laut lesen?« fragte ich.
    »Den Rückzug?« rief Otto. »Das möchte ich lieber nicht hören. Ja, wenn es
die Geschichte vom Rückzug des verfolgten Feindes wäre -«
    »Es nimmt mich überhaupt Wunder«, bemerkte Friedrich, »dass jemand etwas von
einer mitgemachten Flucht erzählt; das ist eine Kriegsepisode, über welche die
Beteiligten zu schweigen pflegen.«
    »Ein geordneter Rückzug ist noch keine Flucht«, fiel mein Vater ein. »Da
hatten wir einmal im Jahre 49 - es war unter Radetzky -«
    Ich kannte die Geschichte und verhinderte deren Abrollung, indem ich
unterbrach:
    »Dieser Bericht war an eine medizinische Wochenschrift eingesendet, daher
nicht für militärische Kreise bestimmt. Hört zu.«
    Und ohne weiter um Erlaubnis zu fragen, las ich die Stelle vor:
    »- - Um vier Uhr fingen unsere Truppen zu retirieren an. Wir Ärzte waren
noch vollauf beschäftigt mit dem Verbinden der Verwundeten - deren Zahl einige
Hundert - welche noch der Abfertigung harrten. Plötzlich sprengte Kavallerie auf
uns heran und stürmte neben und hinter uns über Hügel und Felder - gleichzeitig
Artillerie- und Fuhrwesenwagen - gegen Königgrätz zu. Viele Kavalleristen
stürzten und wurden von den nachstürmenden Pferden völlig zerstampft. Wagen
fielen um und zerdrückten die sich dazwischen drängenden Fussgänger. Wir wurden
vom Verbandplatze, der plötzlich verschwand, auseinandergeworfen. Man rief uns
zu Rettet euch. Inmitten dieses Geschreies hörte man noch den Donner der Kanonen
und Granatsplitter fielen in unsere Massen. So wurden wir von der Menge
fortgedrückt, ohne zu wissen, wohin. Ich hatte mit dem Leben abgeschlossen.
Meine alte Mutter ... meine heissgeliebte Braut, lebt wohl! ... - Plötzlich
hatten wir Wasser vor uns; rechts einen Eisenbahndamm, links einen Hohlweg,
vollgestopft mit schwerfälligen Requisitions- und Verwundetenwagen, und hinter
uns noch eine unabsehbare Reihe von Reitern. Wir wateten durch das Wasser. Jetzt
kam Befehl, die Stränge der Pferde abzuschneiden, die Pferde zu retten und die
Wagen zurückzulassen. Auch die Wagen mit den Verwundeten? Ja - auch die. Wir
Fussgänger waren der Verzweiflung nahe; wir wateten wiederholt bis über die Knie
im Wasser, in der Angst, jeden Augenblick niedergestossen zu werden und zu
ertrinken. Endlich gelangten wir in einen Bahnhof, der wieder ganz verrammelt
war. Viele durchbrachen die Verrammlung, die anderen sprangen darüber hinweg -
ich lief mit Tausenden Infanteristen hinterher. Jetzt kamen wir zu einem Fluss -
durchwateten ihn; dann sprangen wir über Palissaden, gingen abermals bis an den
Hals über einen zweiten Fluss, kletterten über Anhöhen hinauf, sprangen über
gefällte Bäume und langten um 1 Uhr nachts in einem Wäldchen an, wo wir vor
Erschöpfung und Fieber niedersanken. Um 3 Uhr marschierten wir - das heisst ein
Teil von uns, ein anderer Teil von uns musste zurückbleiben, da zu sterben -
marschierten wir, noch triefend vor Nässe und Kälte, weiter. Die Dörfer alle
leer - keine Menschen, keine Lebensmittel, nicht einmal Trinkwasser - die Luft
verpestet. Tote auf den zerstampften Getreidefeldern, kohlschwarze Körper, die
Augen aus den Höhlen - - -«
    »Genug, genug!« schrieen die Mädchen.
    »Solche Sachen sollte die Censur gar nicht erlauben«, bemerkte mein Vater.
»Es könnte einem die Freude an dem Soldatenstand verleiden -«
    »Und besonders die Freude an dem Krieg, das wäre wirklich schade«, schaltete
ich halblaut ein.
    »Überhaupt«, fuhr er fort, »die Fluchtepisoden sollten diejenigen, welche
dabei waren, anständigerweise verschweigen, denn es ist wahrlich keine Ehre, ein
allgemeines sauve qui peut mitgemacht zu haben. Der Wicht, der mit dem Rufe
Rettet euch das erste Signal zum Reissaus gibt, sollte sofort niedergeschossen
werden. Ein Feiger ruft es und tausend Tapfere werden dadurch demoralisiert und
müssen mitlaufen.«
    »Gerade so«, entgegnete Friedrich, »wie wenn ein Tapferer Vorwärts! ruft,
tausend Feige voranstürmen müssen - und dabei auch wirklich von momentaner
Tapferkeit durchglüht werden. Es lassen sich die Menschen überhaupt nicht so
scharf in mutige und mutlose trennen; sondern ein jeder hat seine mehr oder
minder kouragierten, sowie mehr oder minder feigen Augenblicke. Und besonders,
wo es sich um Scharen handelt, hängt jeder einzelne von dem Zustand seiner
Gefährten ab. Wir sind Herdengeschöpfe und werden von Herdengefühlen beherrscht.
Wo ein Schaf hinüberspringt, springen die anderen nach; wo einer Hurrah
schreiend voransprengt, schreien die anderen nachsprengend mit; und wo einer die
Flinte ins Korn wirft, um zu laufen, laufen die anderen auch. In dem einen Fall
wird die tapfere Truppe laut gepriesen, im zweiten wird über ihr Vorgehen -
geschwiegen, und es sind doch dieselben Leute. Ja, dieselben Menschen sind es,
die je nach der Masseneinwirkung mutig oder mutlos sich gebärden und fühlen.
Nicht als anhaftende Eigenschaften sind Tapferkeit und Furcht zu betrachten,
vielmehr als Gemütszustände, gerade so wie Fröhlichkeit und Trauer. Ich bin
während meines ersten Feldzuges einmal in den Wirbel einer solchen wilden Flucht
geraten. In den offiziellen Aufzeichnungen des Generalstabs wurde das Ding zwar
als wohlgeordneter Rückzug mit einigen Worten abgetan - es war aber eine
richtige Deroute. Das tobte und kollerte und raste fort, in namenloser
Verwirrung: die Waffen, die Tornister, die Tschakos und die Mäntel wurden
weggeschleudert - kein Kammondowort mehr zu hören - keuchend, schreiend,
verzweiflungsgepeitscht, stoben die aufgelösten Bataillone dahin, der
nachsprengende und nachfeuernde Feind hinterher ... Das ist unter den vielen
grausamen Phasen des Krieges die grausamste: wenn die beiden Gegner nicht als
Kämpfer, sondern als Jäger und Wild fungieren. Hier kommt für den Jäger die
roheste Mordlust, für das Wild die bitterste Todesfurcht zum Vorschein. Gehetzt
und furchtgespornt, geraten die Verfolgten in eine Art Delirium; all die
anerzogenen Gefühle und Gesinnungen, welche den in den Kampf sich Stürzenden
beleben - Vaterlandsliebe, Ehrgeiz, Tatendurst - die gingen dem Fliehenden
verloren. Ihn erfüllt nur noch ein zu ganzer Gewalt entfesselter Trieb und zwar
der heftigste, der ein lebendes Wesen beherrschen kann: der
Selbsterhaltungstrieb. Dieser steigert sich - je näher die Gefahr - bis zum
höchsten Paroxysmus der Qual. Auch wer solches niemals durchgemacht, kann - wenn
anders er die Extasen der Liebeswonnen kennt - sich einen Begriff von jener
Schmerzenswut machen. Was für den auf das äusserste aufgestachelten Gattungstrieb
der Augenblick der Wollust ist, das ist für den Erhaltungstrieb - gleichgradig,
nur auf dem anderen Ende der Skala - der Augenblick, da das erschöpfte Wild
unter den Fängen der Meute zusammenbricht.«
    »Aber Tilling!« kam es nun wieder in vorwurfsvollem Tone von Tante Marie -
»Vor den Mädchen! Worte wie Wol-«
    »Und vor einem Jüngling«, fügte mein Vater ebenso vorwurfsvoll hinzu, »vor
einem angehenden Soldaten, Worte wie Todesfurcht -«
    Friedrich zuckte die Achseln:
    »Ich würde raten«, entgegnete er, »aus dem Lexikon vor allem das Wort Natur
zu streichen.«
Friedrichs Genesung machte sichere Fortschritte. Auch die fiebernde Welt draussen
schien ihrer Gesundung näher zu kommen: immer öfter und immer lauter ward das
Wort Friede gesprochen. Der Vormarsch der Preussen, welche auf ihrem Wege keinen
Widerstand mehr fanden und welche über Brünn - dessen Schlüssel der
Bürgermeister dem König Wilhelm überreicht hatte - ruhig gegen Wien zogen,
dieser Vormarsch glich eher einem militärischen Spaziergang, als einem Kriegszug
- und am 26 Juli wurde denn auch richtig zu Nikolsburg ein Waffenstillstand mit
Friedenspräliminarien abgeschlossen.
    Eine grosse Freude erlebte mein Vater an der eingelaufenen Nachricht von
Admiral Tegetoffs Sieg bei Lissa. Italienische Schiffe in die Luft gesprengt -
der »Affundatore« zerstört: welche Genugtuung! Ich konnte mich an dem Entzücken
nicht so recht beteiligen. Überhaupt konnte ich nicht recht verstehen, warum -
da Venetien doch schon abgetreten war - warum diese Seeschlachten überhaupt noch
geliefert wurden. Aber so viel ist gewiss, über das Ereignis brach - nicht nur
bei meinem Vater - sondern in allen Wiener Blättern, der hellste Jubel aus. Der
Ruhm eines kriegerischen Sieges ist etwas durch Jahrtausende lange Tradition zu
solcher Grösse Aufgebauschtes, dass auf die Kunde eines solchen für das ganze Volk
ein Stolzanteil entfällt. Wenn irgendwo ein vaterländischer General einen
fremden General geschlagen hat, so wird jedem einzelnen Angehörigen des
betreffenden Staates gratuliert, und da jeder hört, dass sich alle anderen freuen
- was allerdings erfreulich ist - so freut sich schliesslich in der Tat ein
jeder. »Heerdengefühle« würde das Friedrich genannt haben.
    Ein anderes politisches Ereignis jener Tage war, dass sich Österreich nunmehr
dem Genfer Vertrage anschloss:
    »Nun - bist Du jetzt zufrieden?« fragte mein Vater, als er diese Nachricht
gelesen; - »siehst Du ein, dass der Krieg, den Du immer eine Barbarei nennst, mit
der fortschreitenden Civilisation immer humaner wird? Ich bin ja auch für das
menschliche Kriegführen: den Verwundeten gebührt die sorgfältigste Pflege und
alle mögliche Erleichterung ... Schon aus strategischen Gründen, welche
schliesslich in Kriegssachen doch das Wichtigste sind; durch eine gehörige
Behandlung der Kranken können sehr viele in kurzer Zeit wieder kampffähig und in
die Reihen zurück versetzt werden.«
    »Du hast recht, Papa: wieder brauchbares Material - das ist die Hauptsache
... Aber nach den Dingen, die ich gesehen, kann kein rotes Kreuz ausreichen -
und hätte es zehnmal mehr Leute und Mittel, - um das Elend abzuwehren, welches
eine Schlacht im Gefolge hat -«
    »Abwehren freilich nicht, aber mildern. Was sich nicht verhüten lässt, muss
man eben zu mildern trachten.«
    »Die Erfahrung lehrt, dass eine ausreichende Milderung nicht möglich ist. Ich
wollte daher, der Satz würde umgekehrt: Was sich nicht mildern lässt, soll man
verhüten!«
    Es fing bei mir an, eine fixe Idee zu werden: Die Kriege müssen aufhören.
Und jeder Mensch muss beitragen, was er nur immer kann, auf dass die Menschheit
diesem Ziele - sei's auch nur 1/1000 Linie - näher rücke. Die Bilder wurde ich
nicht mehr los, die ich da oben in Böhmen geschaut. Besonders des Nachts, wenn
ich aus festem Schlafe auffuhr, fühlte ich jenes wunde Weh im Herzen, und
zugleich im Gewissen eine Pflichtmahnung - als erteilte mir jemand den Befehl:
»Verhindere, verhüte, duld' es nicht!« Erst wenn ich vollends wach geworden und
mich besann, was ich war, kam mir die Einsicht meiner Ohnmacht: Was soll denn
ich verhindern und verhüten können? Da könnte mir einer ebensogut angesichts des
flut- und sturmdrohenden Meeres befehlen: Duld' es nicht! Schöpfe es aus! - Und
mein nächster Gedanke war - besonders wenn ich seine Atemzüge hörte - war ein
tiefglückliches: »Friedrich hab' ich wieder«, und ich versenkte mich in diese
Vorstellung, so lebhaft als nur möglich; da legte ich den Arm um den neben mir
Liegenden, auch auf die Gefahr, ihn aufzuwecken, und küsste ihn auf den Mund.
    Mein Sohn Rudolf hatte eigentlich recht, auf seinen Stiefvater eifersüchtig
zu sein - dieses Gefühl war nämlich seit letzter Zeit im Herzen des Kleinen
erwacht. Dass ich von Grumitz abgereist war, ohne ihm adieu zu sagen, dass ich bei
meiner Rückkunft nicht zuerst ihn zu umarmen verlangt; - dass ich überhaupt fast
den ganzen Tag nicht von des Gatten Seite wich - das alles zusammengenommen
hatte das arme Bürschchen veranlasst, mir eines schönen Morgens weinend an den
Hals zu sinken und zu schluchzen:
    »Mama, Mama, Du hast mich gar nicht mehr lieb!«
    »Was sprichst Du für Unsinn, Kind?«
    »Ja ... nur ... nur Pa-pa ... Ich ... ich will gar nicht ... gross werden,
wenn Du mich ... nicht mehr magst ...«
    »Nicht mehr mögen? Dich, mein Kleinod!« - Ich küsste und herzte das weinende
Kind. - »Dich, mein einziger Sohn, mein Stolz, meine Zukunftsfreude! Ich habe
Dich ja so, ich habe Dich ja über - nein, nicht über alles, aber so unendlich
lieb.«
    Nach diesem kleinen Auftritt war mir die Liebe zu meinem Buben wieder
lebhafter zum Bewusstsein gekommen. In der letzten Zeit war ich in der Tat von
der Angst um Friedrich so sehr eingenommen gewesen, dass der arme Rudolf ein
wenig in den Hintergrund gedrängt worden.
    Die Pläne, welche wir miteinander, Friedrich und ich, für die Zukunft
schmiedeten, waren folgende: nach Beendigung des Krieges Austritt aus dem
Militärdienst und Zurückziehung nach einem kleinen, billigen Ort, wo Friedrichs
Obersten-Pension und meine Zulage genügen konnten, unseren kleinen Haushalt zu
bestreiten. Wir freuten uns auf dieses einsame, selbstständige Beisammensein,
wie ein Paar junge Verliebte. Durch die zuletzt durchgemachten Ereignisse hatten
wir wieder so recht gelernt, dass wir uns gegenseitig die Welt bedeuteten. Der
kleine Rudolf war übrigens aus dieser Gemeinschaft nicht ausgeschlossen. Seine
Erziehung sollte als eine Hauptaufgabe unsere geplante Existenz ausfüllen. Nicht
müssig und zwecklos wollten wir die Tage dahinleben; da hatten wir unter Anderem
eine ganze Liste von Studien aufgestellt, die wir gemeinschaftlich pflegen
wollten. Unter den Wissenschaften war es namentlich ein Zweig der
Rechtswissenschaft, nämlich das Völkerrecht, dem sich Friedrich ganz besonders
zu widmen vornahm. Er beabsichtigte, fern von allen utopistischen und sentimalen
Teorien, die praktische, die reale Seite des Völkerfriedens zu untersuchen.
Durch die Lektüre Buckles - zu welcher ich ihm den Anstoss gegeben - durch die
Bekanntmachung mit den neuesten naturwissenschaftlichen Errungenschaften, welche
ihm durch die Bücher Darwins, Büchners und Anderer geoffenbart worden, hatte
sich ihm die Überzeugung erschlossen, dass die Welt einer neuen Erkenntnisphase
entgegen geht; und diese Erkenntnis in möglichster Fülle sich anzueignen, das
schien, ihm nunmehr - neben den Freuden der Häuslichkeit - Lebensinhalt genug.
    Mein Vater, der von unseren Absichten vorläufig nichts wusste, machte ganz
andere Zukunftspläne für uns:
    »Du wirst jetzt ein junger Oberst sein, Tilling, und in zehn Jahren bist Du
sicher General. Bis dahin wird schon wieder ein Krieg ausbrechen und Du kannst
das Kommando eines ganzen Armeekorps - oder, wer weiss? die Würde eines
Generalissimus erlangen, und es wird Dir vielleicht das grosse Glück beschieden,
Österreichs Waffen wieder zu ihrem vollen - momentan verdunkelten - Glanz zu
verhelfen. Wenn wir einmal das Zündnadelgewehr, oder vielleicht noch ein
wirksameres System eingeführt haben, dann werden wir die Herren Preussen schon
drunter kriegen.«
    »Wer weiss,« meinte ich, »vielleicht wird die Feindschaft mit Preussen
aufhören, vielleicht schliessen wir einst mit ihnen ein Bündnis -«
    Mein Vater zuckte die Achseln:
    »Wenn nur Frauen nicht über Politik reden wollten!« sagte er verächtlich.
»Nach dem Vorgefallenen müssen wir die Übermütigen züchtigen, wir müssen den
anektierten (so nennen sie's - ich sage »geraubten«) Staaten wieder zu ihrem
zertretenen Recht verhelfen, das erfordert unsere Ehre und das Interesse unserer
europäischen Machtstellung. Freundschaft - Allianz mit diesen Frevlern?
Nimmermehr. Ausser sie kämen demütig gekrochen.«
    »In diesem Fall,« bemerkte Friedrich, »würde man wohl den Fuss auf ihren
Nacken setzen; Bündnisse sucht und schliesst man nur mit Jenen, die einem
imponieren, oder die gegen einen gemeinschaftlichen Feind Schutz leisten können.
In der Staatskunst ist Egoismus das oberste Prinzip.«
    »Nun ja,« gab mein Vater zurück, »wenn das ego Vaterland heisst, so ist
solchem Egoismus doch alles Andere unterzuordnen, so ist doch Alles erlaubt und
geboten, was dem Interesse dieses Ichs dienlich erscheint.«
    »Es ist nur zu wünschen,« entgegnete Friedrich, »dass im Verkehr der
Gemeinwesen dieselbe erhöhte Gesittung erlangt werde, welche im Verkehr der
Einzelnen den rohen, faustrechtlichen Ich-Kultus verdrängt hat, und die Einsicht
immer mehr Platz greife, dass die eigenen Interessen auch ohne Schädigung der
fremden, vielmehr im Verein mit diesen, am wirksamsten zu fördern sind.«
    »Was?« fragte mein Vater, die Hand ans Ohr legend.
    Natürlich mochte Friedrich seinen langen Satz nicht wiederholen und
erläutern - und die Diskussion war zu Ende.
»Ich komme morgen 1 Uhr nach Grumitz, Konrad.«
    Den Jubel kann man sich vorstellen, den diese Depesche bei Lilli hervorrief.
So entzückt und freudig wird wohl kein anderer Ankömmling empfangen, wie einer,
der aus dem Kriege heimkehrt. Freilich war es in diesem Falle nicht auch, wie es
in den betreffenden Balladen und Kupferstichen am liebsten dargestellt wird:
»die Heimkehr des Siegers«; aber die menschlichen Gefühle der liebenden Braut
liessen sich von den patriotischen nicht beeinträchtigen, und hätte Vetter Konrad
die Stadt Berlin »genommen« - ich glaube, es hätte dies die Herzlichkeit von
Lillis Empfang nicht zu steigern vermocht.
    Ihm natürlich wäre es lieber gewesen, wenn er mit siegenden Truppen
heimgekehrt wäre; wenn er dazu beigetragen hätte, seinem Kaiser die Provinz
Schlesien zu erobern. Indessen: überhaupt sich geschlagen zu haben ist ja für
den Soldaten schon eine Ehre, auch wenn er der Geschlagene - ja sogar der
Gefallene ist; Letzteres ist ganz besonders rühmlich. So erzählte Otto, dass in
der Wien-Neustädter Akademie auf einer Ehrentafel die Namen aller jener Zöglinge
eingetragen sind, welchen der Vorzug zu teil wurde, vor dem Feinde zu bleiben.
»Tué à l'ennemi«, sagt man in Frankreich, und es ist dies dort zu Lande - wie
überall - eine, besonders bei den Ahnen, sehr geschätzte Eigenschaft. Je mehr
man in seiner Familie Vorfahren aufweisen kann, die in Schlachten - gleichviel
ob gewonnenen oder verlorenen - ihr Leben gelassen haben, desto stolzer ist der
Enkel darauf, desto mehr Wert kann er auf seinen Namen, desto weniger Wert darf
er auf sein Leben legen. Um sich getöteter Ahnen würdig zu zeigen, muss man an
der Töterei - an der aktiven und passiven - seine helle Freude haben.
    Nun, desto besser, dass, so lange es Kriege gibt, doch auch Leute vorkommen,
welche darin Erhebung, Begeisterung, ja sogar Genuss finden. Die Zahl solcher
Leute wird jedoch täglich geringer, während die Zahl der Soldaten täglich grösser
wird ... wohin muss das endlich führen?
    Zur Unerträglichkeit.
    Und wohin führt diese?
    So weit dachte Konrad nicht. Seine Auffassung stimmte noch vortrefflich zu
der bekannten Lieutenantsarie aus der weissen Dame: »Ha, welche Lust, Soldat zu
sein, ha, welche Lust ...« Wenn man ihn reden hörte, konnte man ihn förmlich um
die Expedition beneiden, welche er eben mitgemacht. Mein Bruder Otto war auch
von solchem Neide ganz erfüllt. Dieser aus der Blut- und Feuertaufe
zurückgekehrte Krieger, der in seiner Husarenuniform von jeher schon so
ritterlich ausgesehen und jetzt auch noch mit einer ehrenvollen Schramme über
das Kinn geziert war, der mitten im Kugelregen dringewesen, der vielleicht so
manchem Feind den Garaus gegeben - der erschien ihm jetzt von einem heldenhaften
Nimbus umstrahlt.
    »Es war keine glückliche Campagne, das muss ich zugeben,« sprach Konrad,
»dennoch habe ich ein paar herrliche Erinnerungen davon mitgebracht.«
    »Erzähle, erzähle,« drängten Lilli und Otto.
    »Ich kann da nicht viel Einzelheiten erzählen - das Ganze liegt hinter mir
wie ein Taumel ... das Pulver steigt einem ganz sonderbar zu Kopfe. Eigentlich
beginnt der Rausch oder das Fieber - das kriegerische Feuer mit einem Wort -
schon beim Abmarsch. Zwar ist der Abschied vom Liebchen schwer gefallen - es war
das eine Stunde, welche das Herz mit weichem Weh erfüllte - aber wenn man einmal
draussen ist, mit den Kameraden, dann heisst es: jetzt wird an die höchste Aufgabe
gegangen, welche das Leben an den Mann stellen kann, nämlich das geliebte
Vaterland verteidigen ... Als dann die Spielleute den Radetzky-Marsch
intonierten und die seidenen Falten der Fahnen im Winde flatterten: ich muss
gestehen, in diesem Augenblick hätt' ich nicht umkehren mögen - auch in den Arm
der Liebe nicht ... Da fühlte ich, dass ich dieser Liebe nur dann würdig wäre,
wenn ich da draussen an der Seite der Brüder meine Pflicht getan ... Dass wir zum
Siege marschierten, bezweifelten wir nicht. Was wussten wir von den abscheulichen
Spitzkugeln? Die allein waren an den Niederlagen schuld - ich sag' euch, die
schlugen in unsere Reihen ein wie Hagel ... Und auch schlechte Führung hatten
wir - der Benedek, ihr werdet sehen, wird noch vor ein Kriegsgericht gestellt
... Attakieren hätten wir sollen ... Wenn ich jemals Feldherr würde - meine
Taktik wäre: angreifen, immer angreifen, »das Präveniere spielen«, ins
feindliche Land einfallen ... Das ist ja auch nur eine Art, und zwar die
schwerere, der Verteidigung:
Muss es sein - komm zuvor, komm zuvor,
Im rücksichtslosen Angriff liegt der Sieg.«
    sagt der Dichter. - Doch das gehört nicht hierher: mir hatte der Kaiser den
Oberbefehl nicht übergeben, also bin ich auch an den taktischen Misserfolgen
unschuldig - - die Generäle sollen sehen, wie sie sich mit ihrem obersten
Kriegsherrn und wie mit ihrem eigenen Gewissen abfinden - wir Offiziere und
Truppen haben unsere Pflicht getan; es hiess sich schlagen, und wir haben uns
geschlagen. Und das ist ein eigenes Hochgefühl ... Schon die Erwartung, schon
diese Spannung, wenn man auf den Feind stösst und wenn es heisst: jetzt geht es
los ... Dieses Bewusstsein, dass in dem Augenblicke ein Stück Weltgeschichte sich
abspielt - und dann der Stolz, die Freude am eigenen Mut - rechts und links der
Tod, der grosse, geheimnisvolle, dem man männlich trotzt -«
    »Ganz wie der arme Gottfried Tessow«, murmelte Friedrich für sich ... »nun
ja - es ist ja dieselbe Schule -«
    Konrad fuhr mit Eifer fort:
    »Das Herz schlägt höher, die Pulse fliegen, es erwacht - und das ist die
eigentliche Verzückung - es erwacht die Kampflust, es lodert die Wut - der
Feindeshass - zugleich die brennendste Liebe für das bedrohte Vaterland, und das
Voranstürmen, das Dreinhauen wird zur Wonne. Man fühlt sich in eine andere Welt
versetzt, als die, in der man aufgewachsen, eine Welt, in der alle die gewohnten
Gefühle und Anschauungen in ihr Gegenteil verwandelt worden sind: das Leben wird
zum Plunder, Töten wird zur Pflicht. Die Ehre, das Heldentum, die grossartigste
Selbstaufopferung sind allein noch übrig, alle anderen Begriffe sind in dem
Gewirre untergegangen. Dazu der Pulverdampf, das Kampfgeschrei ... ich sage
euch, es ist ein Zustand, der sich mit nichts Anderem vergleichen lässt.
Höchstens kann einem dieses selbe Feuer auf der Tiger- oder Löwenjagd
durchlodern, wenn man der wildgewordenen Bestie gegenübersteht und -«
    »Ja«, unterbrach Friedrich, »der Kampf mit dem toddräuenden Feind, der
heisse, sehnende und stolze Wunsch, ihn zu überwinden, erfüllt mit einer eigenen
Wollust - pardon, Tante Marie - wie ja alles, was das Leben erhält oder
weitergibt, von der Natur durch Freudenlohn gesichert wird. So lange der Mensch
von wilden - vier- und zweibeinigen - Angreifern bedroht war und sich nur durch
Erlegung derselben das Leben fristen konnte, ward ihm der Kampf zur Wonne. Wenn
uns Kulturmenschen im Kriege mitunter noch dieselbe Lust durchrieselt, so ist
dies eine angeerbte Reminiscenz. Und damit jetzt, wo es in Europa weder Wilde
noch Raubtiere gibt, uns jene Wonne nicht ganz entgehe, haben wir uns künstliche
Angreifer geschaffen. Da heisst es: Passt auf: ihr habt blaue Röcke und die dort
drüben haben rote Röcke; sobald dreimal in die Hände geklatscht wird, verwandeln
sich für euch die Rotröcke in Tiger, während für jene ihr Blauröcke zu wilden
Bestien werdet. Also Achtung: Eins, zwei, drei - Sturm geblasen - Attake
getrommelt - - jetzt kann's losgehen - fresst euch auf! - Und haben sich
zehntausend, oder je nach dem gesteigerten Heeresstand, hunderttausend
Kunsttiger unter gegenseitigem Kampfeswonne-Geheul bei Xdorf aufgefressen, so
gibt das die »historisch« zu werden bestimmte Xdorfer Schlacht; die
Händeklatscher versammeln sich alsdann um einen grünen Kongresstisch in Xstadt,
regeln auf der Karte verschobene Grenzmarken, feilschen über
Kontributionsbeträge, unterschreiben ein Papier, welches in die
Geschichtsjahrbücher als der Xstädter Frieden eingetragen wird; klatschen
abermals dreimal in die Hände und sagen den übriggebliebenen Rot- und
Blaujacken: Umarmt euch, Menschenbrüder!
In der Umgebung waren überall Preussen einquartiert, und jetzt sollte auch
Grumitz an die Reihe kommen.
    Obgleich der Waffenstillstand schon in Kraft und der Friede beinahe
gesichert war, so hegte die Bevölkerung noch allgemein Angst und Misstrauen. Die
Idee, dass die Pickelhauben-Tiger sie zerreissen würden, wenn sie könnten, war den
Leuten nicht so leicht wegzunehmen; die drei Handschläge von Nikolsburg hatten
die Wirkung der drei Handschläge der Kriegserklärung noch nicht aufzuheben
vermocht, und nicht ausgereicht, um dem Landvolk in den »Preussen« wieder
Menschenbrüder sehen zu machen. Der blosse Namen des gegnerischen Volkes bekommt
zu Kriegszeiten eine ganze Schar von hassenswerten Nebenbedeutungen - es ist
nicht mehr der Gattungsnamen einer augenblicklich bekriegten Nation, es wird
synonym mit »Feind« und fasst allen Abscheu in sich, den dieses Wort ausdrückt.
    So geschah es, dass die Leute in der Gegend zitterten, wie vor einbrechenden
Wölfen, wenn ein preussischer Quartiermeister daher kam, um Unterkunft für einen
Truppenteil zu schaffen. Bei Manchen äusserte sich neben der Furcht auch der Hass,
und diese wähnten, eine patriotische Pflicht zu erfüllen, wenn sie einem Preussen
'was zu leide taten - wenn sie aus einem Versteck heraus dem »Feind« eine
Flintenkugel sandten. Es war dies öfters vorgekommen, und wenn man den
Schuldigen fasste, wurde er ohne viel Umstände hingerichtet. Diese Beispiele
bewirkten, dass die Leute ihren Hass verbissen und die einquartierten Soldaten
ohne Widerstand aufnahmen. Dann gewahrten sie zu ihrem nicht geringen Erstaunen,
dass der »Feind« eigentlich aus lauter gutmütigen, freundlichen und ehrlich
zahlenden Mitmenschen bestand.
    Eines Morgens - es war in den ersten Tagen des August - sass ich im Erker des
Bibliotekzimmers und schaute durch die offenen Fenster hinaus. Von hier hatte
man einen weiten Fernblick über die Gegend. Mir war's, als sähe ich von weitem
einen Reitertrupp, der sich auf der Landstrasse nach unserer Richtung bewegte.
    »Preussische Einquartierung«, war mein erster Gedanke. Ich setzte ein im
Erker stehendes Fernrohr zurecht und schaute nach dem betreffenden Punkt.
Richtig: eine Gruppe von ungefähr zehn Reitern mit wehenden schwarz-weissen
Fähnlein an den Lanzenspitzen. Darunter ein Fussgeher - im Jagdanzug. Warum ging
der so zwischen den Pferden? ... Ein Gefangener? ... Das Glas war nicht scharf
genug - ich konnte nicht erkennen, ob der vermeintliche Gefangene nicht etwa
einer unserer Forstbeamten war.
    Doch es hiess, die Schlossbewohner von dem kommenden Verhängnis in Kenntnis
setzen. Ich verliess eilig das Bibliotekzimmer, um meinen Vater und Tante Marie
aufzusuchen. Ich fand sie beide im Salon:
    »Die Preussen kommen, die Preussen kommen!« meldete ich atemlos. Man ist immer
froh, eine wichtige Nachricht als Erster mitteilen zu können.
    »Hol' sie der Teufel,« war meines Vaters wenig gastliche Äusserung, während
Tante Marie das Richtige traf, indem sie sagte:
    »Ich will sogleich der Frau Walter Befehle zu den nötigen Vorbereitungen
geben.«
    »Und wo ist Otto?« fragte ich. »Den muss man benachrichtigen und ihn warnen,
dass er nicht etwa seinen Preussenhass leuchten lasse ... dass er mit den Gästen
nicht unhöflich sei.«
    »Otto ist nicht zu Hause,« antwortete mein Vater, »er ist heute früh auf
Rebhühner ausgegangen. Du hättest ihn sehen sollen, wie schmuck ihm der
Jagdanzug steht ... das wird ein prächtiger Bursch' - an dem hab' ich meine
Freude.«
    Indessen wurde es im Hause laut; man hörte hastige Schritte und aufgeregte
Stimmen.
    »Sie kommen schon, die Windbeutel!« seufzte mein Vater.
    Die Tür wurde aufgerissen und Franz, der Kammerdiener, stürzte herein:
    »Die Preussen, die Preussen!« rief er in dem Tone, wie man »Feuer, Feuer!«
ruft.
    »Die werden uns nicht fressen,« bemerkte mein Vater mürrisch.
    »Aber sie bringen einen mit,« fuhr der Mann mit zitternder Stimme fort,
»einen Grumitzer - ich weiss nicht wer - der auf sie geschossen hat - und wer
soll auf solches Pack nicht gern schiessen? ... aber der ist verloren.« -
    Jetzt vernahm man den Laut von Pferdegetrampel mit Stimmengewirr vermengt.
Wir traten auf den Flur und schauten durch die nach dem Hof gehenden Fenster.
Soeben kamen die Ulanen hereingeritten und in ihrer Mitte - mit trotzigem,
bleichem Gesicht - Otto, mein Bruder.
    Der Vater stiess einen Schrei aus und eilte die Treppe hinab. Mir stand das
Herz still. Was da bevorstand, war entsetzlich. Wenn Otto wirklich auf die
preussischen Soldaten geschossen hatte - und das sah ihm sehr ähnlich - ... ich
vermochte den Fall gar nicht auszudenken ...
    Dem Vater nachzugehen, fehlte mir der Mut. Trost und Beistand in allen
Kümmernissen suchte ich stets nur bei Friedrich. Also raffte ich mich auf, um
mich in Friedrichs Zimmer zu begeben. Ehe ich jedoch dahin gelangte, kam mein
Vater wieder zurück, und Otto hinter ihm. An ihren Mienen sah ich, dass die
Gefahr vorüber war.
    Das Verhör hatte folgendes ergeben: der Schuss war zufällig losgegangen. Als
die Ulanen herangeritten kamen, wollte Otto sie von der Nähe sehen; er lief
querfeldein, stolperte, fiel am Strassengraben nieder und dabei entlud sich sein
Gewehr. Im ersten Augenblick war die Aussage des jungen Jägers von den Leuten
bezweifelt worden; sie nahmen ihn in ihre Mitte und brachten ihn als ihren
Gefangenen in das Schloss. Als sich aber herausstellte, dass der Jüngling der Sohn
des General Altaus und selber ein Militärzögling sei, liessen sie seine
Rechtfertigung gelten. »Der Sohn eines Soldaten und selber angehender Soldat,
wird auf gegnerische Soldaten wohl im ehrlichen Kampfe, nicht aber zur Zeit der
Waffenruhe und nicht meuchlings schiessen.« Auf diese Worte meines Vaters hin,
hatte der preussische Unteroffizier den jungen Menschen frei gegeben.
    »Und bist Du wirklich unschuldig?« fragte ich Otto, »bei Deinem Preussenhass
würde es mich nicht wundern, wenn -«
    Er schüttelte den Kopf:
    »Ich werde hoffentlich im Leben noch genug Gelegenheit haben,« antwortete
er, »ein paar solchen draufzuschiessen - aber nicht aus dem Hinterhalte - nicht,
ohne auch meine Brust ihren Kugeln auszusetzen.«
    »Brav, mein Junge!« rief mein Vater, von diesen Worten entzückt.
    Ich konnte das Entzücken nicht teilen. Alle diese Phrasen, in welchen mit
dem Leben - dem der anderen und dem eigenen - so geringschätzig und prahlerisch
herumgeworfen wird, haben mir einen widerlichen Klang. Doch war ich von Herzen
froh, dass die Sache so abgelaufen. Wie entsetzlich wäre es doch für meinen armen
Vater gewesen, wenn diese Leute den vermeintlichen Missetäter ohne weitere
Umstände gleich abgestraft hätten. Da würde der unselige Krieg, von dem unser
Haus bisher verschont geblieben, es doch noch ins Unglück gestürzt haben ...
    Die betreffende Abteilung war richtig gekommen, Quartier zu machen. Schloss
Grumitz war ausersehen, zwei Oberste und sechs Offiziere des preussischen Heeres
zu beherbergen. Im Dorfe sollte die Mannschaft untergebracht werden. Zwei Mann
wurden im Schlosshof als Wache aufgestellt.
    Ein paar Stunden nach den Quartiermachern zogen die unfreiwilligen und
ungeladenen Gäste schon bei uns ein. Wir waren seit mehreren Tagen auf den Fall
vorbereitet gewesen und Frau Walter hatte dafür gesorgt, dass alle Gastzimmer und
-Betten bereit standen. Auch der Koch hatte genügende Vorräte herbeigeschaft
und der Keller barg eine erkleckliche Anzahl voller Fässer und alten Flaschen:
den Herren Preussen sollte es bei uns an nichts fehlen.
Als sich an diesem Tage die Schlossgesellschaft auf das Zeichen der Tischglocke
im Salon versammelte, bot dieser ein glänzendes und lebensfrohes Bild. Die
Herren - bis auf Minister »Allerdings«, welcher augenblicklich unser Gast war -
sämtlich in Uniform; die Damen in Putz. Seit langer Zeit hatten wir uns zum
erstenmal wieder »aufgedonnert«; Lori namentlich - die kokette Lori - welche am
selben Tag von Wien gekommen war, hatte auf die Nachricht hin, dass fremde
Offiziere anwesend seien, ihre schönste Toilette ausgepackt und sich mit
frischen Rosen geschmückt. Gewiss war es darauf abgesehen, dem einen oder dem
anderen Vertreter des feindlichen Heeres den Kopf zu verdrehen. Nun meinetalben
mochte sie sämtliche preussische Bataillone erobern - aber Friedrich unbehelligt
lassen ... Lilli, die glückliche Braut, trug ein lichtblaues Kleid; Rosa -
wahrscheinlich auch sehr froh, wieder einmal jungen Kavalieren sich zeigen zu
können - war in rosa Mousseline gehüllt; nur ich in der Ansicht, dass Kriegszeit,
auch wenn man niemanden zu betrauern hat, immer Trauerzeit sei, hatte eine
schwarze Toilette angelegt.
    Ich erinnere mich noch an den eigentümlichen Eindruck, den es mir machte,
als ich an jenem Tag den Salon, in welchem die übrigen schon versammelt waren,
betrat. Glanz, Heiterkeit, vornehmer Luxus - die geputzten Frauen, die schmucken
Uniformen: welcher Kontrast zu den noch vor so kurzer Zeit gesehenen Bildern von
Jammer, Schmutz und Schrecken. Und die Glänzenden, Heiteren, Vornehmen selber
sind es ja, welche freiwillig den Jammer in Scene setzen, welche nichts tun
wollen, ihn abzuschaffen, welche, im Gegenteil, ihn glorifizieren und mit ihren
Goldborten und Sternen den Stolz bekunden, den sie darein setzen, die Träger und
Stützen des Jammersystems zu sein! ...
    Mein Eintritt unterbrach die in den verschiedenen Gruppen geführte
Unterhaltung, da mir nun unsere preussischen Gäste sämtlich vorgestellt werden
mussten; - - zumeist vornehm klingende Namen auf - »ow« und auf »witz«; viele
»von« und sogar ein Prinz - ein Heinrich, ich weiss nicht der wievielte, aus dem
Hause Reuss.
    Das also waren unsere Feinde! Vollendete Gentlemen mit den geschliffensten
Gesellschaftsformen. Nun freilich: das weiss man ja, wenn heutzutage mit einer
benachbarten Nation Krieg geführt wird, so hat man es nicht mit Hunnen und
Vandalen zu tun; aber doch: es wäre viel natürlicher, sich den Feind als eine
wilde Horde vorzustellen, und es gehört eine gewisse Anstrengung dazu, ihn als
ebenbürtigen Kulturbürger aufzufassen. »Gott, der du die Widersacher derer, die
dir vertrauen, durch die Kraft deiner Verteidigung zurückwirfst, höre uns, die
wir um deine Erbarmnisse flehen, gnädig an, damit wir nach der unterdrückten Wut
des Feindes dir in Ewigkeit danken können.« So hatte allsonntäglich der
Grumitzer Pfarrer gebetet. Wie musste da die Gemeinde sich den »wütenden Feind«
vorstellen? Gewiss nicht so, wie diese höflichen Edelleute, die jetzt den
anwesenden Damen den Arm boten, um sie zu Tische zu führen ... Überdies hatte
Gott diesmal das Gebet der Anderen erhört und unsere Wut unterdrückt - der
schäumende, mordgierige Feind, der durch die Kraft der göttlichen Verteidigung
(wir nannten es zwar Zündnadelgewehr) zurückgeworfen worden, das waren ja wir -
O du heiliger Widersinn! ... Das waren so ungefähr meine Gedanken, während wir
an der mit Blumen und Fruchtschalen reich geschmückten Tafel uns in bunter Reihe
niederliessen. Auch das Silber war auf des Hausherrn Befehl aus dem Versteck
wieder hervor geholt. Ich sass zwischen einem stattlichen Obersten auf - ow und
einem schlanken Lieutenant auf - itz. Lilli selbstverständlich an der Seite
ihres Bräutigams; Rosa war von dem prinzlichen Heinrich zu Tisch geführt worden,
und der bösen Lori war es doch wieder gelungen, meinen Friedrich zum Nachbar zu
haben. Nur zu! Eifersüchtig würde ich doch nicht werden: - er war ja »mein«
Friedrich, am meinsten ...
    Es wurde sehr viel und sehr heiter gesprochen. Die »Preussen« fühlten sich
offenbar höchst vergnügt, nach den durchgemachten Strapazen und Entbehrungen
wieder einmal an wohlbesetzter Tafel und in guter Gesellschaft zu festen; und
das Bewusstsein, dass der überstandene Feldzug ein siegreicher gewesen, trug
jedenfalls dazu bei, ihre Stimmung zu heben. Aber auch wir, die Besiegten,
liessen von Groll und Beschämung nichts merken und bemühten uns, die möglichst
liebenswürdigen Hauswirte zu spielen. Meinem Vater musste dies zwar - wie ich
seine Gesinnungen kannte - einige Überwindung kosten, aber er führte seine Rolle
mit musterhafter Courtoisie durch. Der niedergeschlagenste war Otto. Seinem in
der letzten Zeit genährten Preussenhass, seiner Sehnsucht, den Feind aus dem Land
zu jagen, ging es sichtlich gegen den Strich, diesem selben Feind nun höflichst
Pfeffer und Salz hinüberreichen zu müssen, statt ihn mit dem Bajonett
durchbohren zu dürfen. Dem Tema Krieg wurde im Gespräch sorgfältig ausgewichen;
die Fremden wurden von uns behandelt, als wären sie unsere Gegend zufällig
besuchende Vergnügungsreisende, und sie selber vermieden es noch ängstlicher,
auf die Sachlage - dass sie nämlich als unsere Überwinder hier hausten -
anzuspielen. Mein junger Lieutenant versuchte sogar recht angelegentlich, mir
den Hof zu machen. Er schwor auf Ehre und auf Taille, dass es nirgends so
gemütlich sei, wie in Österreich, und dass daselbst (mit seitwärts abgeschossenem
Zündnadelblick) die reizendsten Frauen der Welt zu finden seien. Ich leugne
nicht, dass ich mit dem schmucken Marssohne auch ein wenig kokettierte; es
geschah, um der Lori Griesbach und ihrem Nachbar zu zeigen, dass ich gegebenen
Falles mich einigermassen rächen könnte ... aber der da drüben blieb ebenso ruhig
- wie ich es im Grunde meines Herzens eigentlich auch war. Vernünftiger und
zweckmässiger wäre es jedenfalls gewesen, wenn mein »schneidiger« Lieutenant
seine mörderischen Augengeschosse auf die schöne Lori gezielt hätte. Konrad und
Lilli, in ihrer Eigenschaft als Verlobte (solche Leute sollte man eigentlich
immer hinter Gitter setzen), wechselten ganz auffällig verliebte Blicke und
flüsterten und stiessen heimlich miteinander ihre Gläser an und was dergleichen
Salonturteltauben-Manöver mehr sind. Und, wie mir schien, noch eine dritte
Flirtation begann da sich zu entspinnen. Der deutsche Prinz nämlich - Heinrich
der so und so vielte - unterhielt sich auf das Angelegentlichste mit meiner
Schwester Rosa und dabei malte sich in seinen Zügen unverhohlene Bewunderung.
    Nach aufgehobener Tafel begab man sich in den Salon zurück, in welchem jetzt
der angesteckte Kronleuchter ein festliches Licht verbreitete.
    Die Terrassentür stand offen. Draussen war die laue Sommernacht von mildem
Mondlicht durchflutet. Ich trat hinaus. Das Nachtgestirn warf seine Strahlen auf
die heuduftenden Rasenflächen des Parkes und spiegelte sich silberfunkelnd auf
dem im Hintergrunde ausgedehnten Teich ... War das wirklich derselbe Mond,
welcher mir vor kurzer Zeit den an eine Kirchhofsmauer gelehnten, vom
kreischendem Raubgevögel umkreisten Leichenhaufen gezeigt hatte? Und waren das
dieselben Leute drinnen - eben öffnete ein preussischer Offizier den Flügel, um
ein Mendelssohnsches Lied ohne Worte vorzutragen - waren das dieselben, die vor
kurzem noch mit dem Säbel um sich schlugen, um Menschenschädel zu spalten? ...
    Nach einer Weile kamen auch Prinz Heinrich und Rosa heraus. Sie sahen mich
nicht in meiner dunklen Ecke und gingen an mir vorüber. Jetzt standen sie, an
das Geländer gelehnt, nah, sehr nah nebeneinander. Ich glaube sogar, der junge
Preusse - der Feind - hielt die Hand meiner Schwester in der seinen. Sie sprachen
leise, dennoch drang einiges von des Prinzen Rede zu mir herüber: »Holdseliges
Mädchen ... plötzliche, sieghafte Leidenschaft ... Sehnsucht nach häuslichem
Glück ... Würfel gefallen ... aus Barmherzigkeit nicht nein! ... Flösse ich Ihnen
denn Abscheu ein?« Rosa schüttelt verneinend den Kopf. Da führt er ihre Hand an
seine Lippen und versuchte, den Arm um ihre Mitte zu schlingen. Sie, die
Wohlerzogene, entwindet sich rasch.
    Ach, mir wäre es beinah lieber gewesen, wenn mir der sanfte Mondstrahl da
einen Liebeskuss beleuchtet hätte ... Nach all den Bildern des Hasses und des
bitteren Jammers, die ich vor kurzem hatte schauen müssen, wäre mir jetzt ein
Bild von Liebe und süsser Lust wie etwas Vergütung erschienen. -
    »Ach - Du bist es, Marta!«
    Jetzt war Rosa meiner gewahr geworden - zuerst sehr erschrocken, dass Jemand
diese Scene belauscht, dann aber beruhigt, dass nur ich es war.
    Im höchsten Grade verlegen und bestürzt war jedoch der Prinz. Er trat an
mich heran:
    »Ich habe Ihrer Schwester soeben meine Hand angeboten, gnädige Frau. Legen
Sie gütigst ein Wort für mich ein! Meine Handlungsweise wird Ihnen Beiden etwas
rasch und kühn erscheinen. Zu einer anderen Zeit würde ich wohl auch überlegter
und bescheidener vorgegangen sein - aber in den letzten Wochen habe ich es mir
angewöhnt, schnell und keck voranzusprengen - da war kein Zögern noch Zagen
erlaubt ... und was ich im Kriege geübt, das habe ich jetzt unwillkürlich in der
Liebe wieder ausgeführt ... Verzeihen Sie - und seien Sie mir gnädig. Sie
schweigen, Komtesse? Verweigern Sie mir Ihre Hand?«
    »Meine Schwester kann doch nicht auch so rasch über ihr Schicksal
entscheiden,« kam ich Rosa, welche tiefbewegt und abgewandten Hauptes dastand,
zu Hilfe. »Ob unser Vater seine Einwilligung zur Heirat mit einem Feinde geben,
ob Rosa die so plötzlich eingeflösste Neigung auch erwidern wird - wer kann das
heute wissen?«
    »Ich weiss es,« antwortete sie und reichte dem jungen Manne beide Hände hin.
Er aber riss sie stürmisch an sein Herz.
    »O, ihr närrischen Kinder!« sagte ich und zog mich leise einige Schritte
zurück, bis zur Saaltür, um zu wachen, dass - wenigstens in diesem Augenblick -
Niemand herauskomme.
Am folgenden Tag ward die Verlobung gefeiert.
    Mein Vater leistete keinen Widerstand. Ich hätte geglaubt, dass sein
Preussenhass es ihm unmöglich machen würde, einen der feindlichen Krieger und
Sieger in seine Familie aufzunehmen; aber sei es, dass er die individuelle von
der nationalen Frage gänzlich trennte - (ein gebräuchliches Vorgehen: »Ich hasse
Jene als Nation, nicht als Individuen« hört man häufig beteuern, obschon es
keinen Sinn hat, ebensowenig Sinn, als wollte Einer sagen: »Ich hasse den Wein
als Getränk, aber jeden Tropfen verschlucke ich gern« - doch vernünftig braucht
ja eine landläufige Phrase nicht zu sein - im Gegenteil) sei es, dass der Ehrgeiz
die Oberhand gewann und eine Verbindung mit dem fürstlichen Hause Reuss ihm
schmeichelte; sei es endlich, dass die so romantisch geäusserte, plötzliche Liebe
der jungen Leute ihn rührte: kurz, er sprach ein ziemlich bereitwilliges Ja.
Weniger einverstanden war Tante Marie. »Unmöglich!« war ihr erster Ausruf. »Der
Prinz ist ja luterischer Konfession.« Aber schliesslich tröstete sie sich mit
der Aussicht, dass Rosa ihren Gatten wahrscheinlich bekehren werde. Im Herzen
Ottos grollte es am tiefsten. »Wie, wollt ihr,« sprach er, »wenn wieder Krieg
ausbricht, dass ich meinen Schwager aus dem Land verjage?« Aber auch ihm wurde
die famose Teorie von dem Unterschied zwischen Nation und Individuum erläutert
und - zu meinem Staunen, denn ich habe sie nie begriffen - er begriff sie.
    Wie schnell und leicht man doch unter freudigen Umständen das durchgemachte
Elend vergisst! Zwei Liebespaare - oder, ich kann es kühnlich sagen, drei, denn
Friedrich und ich, die Vermählten, schwärmten nicht viel weniger füreinander,
als die Verlobten - also so viele Liebespaare in der kleinen Gesellschaft, das
ergab doch eine glücksgehobene Stimmung. Schloss Grumitz war in den folgenden
paar Tagen eine Stätte der Heiterkeit und Lebenslust. Allmählich fühlte auch ich
die Schreckensbilder der vergangenen Wochen aus meinem Gedächtnis entweichen.
Nicht ohne Gewissensbiss wurde ich gewahr, wie mein vor kurzer Zeit noch so
brennender Mitschmerz in manchen Augenblicken ganz entschwand. - Von der
Aussenwelt klang wohl noch immer Trauriges herüber: die Klagen der Leute, die in
dem Kriege Hab und Gut oder teuere Häupter verloren; Nachrichten von drohenden
Finanzkatastrophen, von ausbrechenden Seuchen: die Cholera, hiess es, habe sich
unter den preussischen Mannschaften gezeigt - sogar in unserem Dorfe wurde ein
Fall signalisiert - freilich ein zweifelhafter: »Es wird die Ruhr sein - die
tritt ja jeden Sommer auf«, tröstete man sich. Nur immer verjagen - die trüben
Gedanken und die bösen Befürchtungen: »Es ist nichts« - »es ist vorbei« - »es
wird nichts kommen« - das ist so leicht gedacht. Man braucht nur eine heftig
schüttelnde Kopfbewegung zu machen und die unliebsamen Vorstellungen sind
verscheucht ...
    »Hörst Du, Marta,« sagte mir eines Tages die glückliche Braut, »dieser
Krieg war freilich etwas Schauderhaftes, aber ich muss ihn doch noch segnen. Wäre
ich ohne ihn so masslos glücklich geworden, wie ich es jetzt bin? Hätte ich
Heinrich jemals kennen gelernt? Und er - hätte er jemals eine so liebende Braut
gefunden?«
    »Nun gut, liebe Rosa, ich will gern diese Auffassung mit Dir teilen: - es
mögen eure zwei beglückten Herzen gegen die vielen tausende gebrochenen in die
Wagschale fallen ...«
    »Nicht nur um Einzelschicksale handelt es sich, Marta. Auch im Grossen und
Ganzen bringt der Krieg - für Jene, die siegen - einen grossen Gewinn, also einem
ganzen Volke. Man muss Heinrich darüber reden hören. Er sagt, Preussen stehe jetzt
gross da - in dem Heere herrsche allgemeiner Jubel und begeisterte Dankbarkeit
und Liebe zu den Feldherren, die es zum Siege geführt ... dadurch ward der
deutschen Gesittung, dem Handel, oder sagte er dem deutschen Wohlstand - ich
weiss nicht mehr genau ... die historische Mission ... kurz, man muss ihn reden
hören.«
    »Warum spricht Dein Bräutigam nicht lieber von eurer Liebe, statt von
politischen und militärischen Dingen?«
    »O wir sprechen von Allem - und Alles, was er sagt, klingt mir wie Musik ...
Ich fühle es ihm so gut nach, dass er stolz und selig ist, diesen Krieg für König
und Vaterland mitgefochten -«
    »Und sich dabei als Beute ein so verliebtes Bräutchen geholt zu haben,«
ergänzte ich.
    Dem Vater gefiel sein künftiger Schwiegersohn sehr gut - und wem hätte der
prächtige junge Mensch nicht gefallen sollen? Er erteilte ihm jedoch seine
Sympatie und seinen Segen unter allerlei Verwahrungen und Vorbehalt:
    »Sie sind mir als Mensch und Soldat und als Prinz in jeder Hinsicht
schätzenswert, lieber Reuss« so sagte er zu wiederholten Malen und in
verschiedenen Redewendungen, »aber als preussischer Offizier kann ich Sie
natürlich nicht leiden und ich behalte mir - trotz aller Familienverbindung -
das Recht vor, nichts so sehr zu wünschen, als einen kommenden Krieg, in welchem
Österreich die jetzige Überrumpelung tüchtig heimzahlt. Die politische Frage ist
von der persönlichen ganz zu trennen. Mein Sohn wird einst - Gott walte - dass
ich's erlebe - gegen das Land Preussen zu Felde ziehen; ich selbst, wenn ich
nicht zu alt wäre und wenn mein Kaiser mich dazu beriefe, übernähme gleich ein
Kommando, um Wilhelm I. und besonders, um Ihren arroganten Bismarck zu
bekriegen. Dies verschlägt nicht, dass ich die militärischen Tugenden der
preussischen Armee und die strategische Kunst ihrer Führer anerkenne und dass ich
es ganz natürlich finden würde, wenn Sie im nächsten Feldzug, an der Spitze
eines Bataillons, unsere Hauptstadt erstürmen wollten und das Haus anzünden
liessen, in welchem Ihr Schwiegervater wohnt - kurz -«
    »Kurz, die Konfusion der Gefühle ist eine heillose,« unterbrach ich einmal
eine solche Rhapsodie - »die Widersprüche und Gegensätze verschlingen einander
darin wie die Infusorien in einem faulenden Wassertropfen ... So geht es immer,
wenn widerstreitende Begriffe zusammengepfercht werden. Ein Ganzes hassen und
seine Teile lieben; - als Mensch so und als Landesangehöriger so denken wollen -
das geht nicht: entweder - oder. Da lobe ich mir den Botokudenhäuptling: der
empfindet für die Anhänger eines anderen Stammes - von denen er nicht einmal
weiss, dass sie »Individuen« sind - weiter nichts, als den Wunsch, sie zu
skalpieren.«
    »Aber Marta, mein Kind, solche wilde Gefühle passen doch nicht zu dem
gesitteten und humaner gewordenen Stand unserer Kultur.«
    »Sage lieber, der Staub unserer Kultur passt nicht zu der aus alten Zeiten
uns überkommenen Wildheit. So lange diese - das heisst so lange der Kriegsgeist
nicht abgeschüttelt ist, lässt sich unsere vielgepriesene »Humanität« nicht
vernünftig vertreten. Denn Du wirst doch Deine eben gehaltene Rede, in welcher
Du dem Prinzen Heinrich versicherst, dass Du ihn als Schwiegersohn lieben und als
Preussen hassen willst, als Menschen hochschätzen und als Oberlieutenant
verabscheuen, dass Du ihm gern Deinen väterlichen Segen gibst und zugleich ihm
das Recht einräumst, gelegentlich auf Dich zu schiessen - verzeih', lieber Vater,
aber diese Rede wirst Du doch nicht für vernünftig ausgeben?«
    »Was sagst Du? Ich versteh' kein Wort ...«
    Die beliebte Schwerhörigkeit hatte sich wieder rechtzeitig eingestellt.
Nach wenigen Tagen wurde es wieder still auf Grumitz. Unsere Einquartierung
musste abziehen und auch Konrad wurde zu seinem Regiment befohlen. Lori Griesbach
und der Minister waren schon früher abgereist.
    Die Hochzeit meiner beiden Schwestern ward auf den Oktober verlegt. Beide
sollten am selben Tage in Grumitz getraut werden. Prinz Heinrich wollte den
Dienst verlassen; jetzt nach diesem glorreichen Feldzuge, in welchem er sich
Beförderung geholt, konnte er dies leicht tun, um sich auf seinen Lorbeeren und
seinen Besitzungen auszuruhen.
    Der Abschied der zwei Liebespaare war ein schmerzlicher und glücklicher
zugleich. Man versprach, sich täglich zu schreiben, und die sichere Aussicht auf
das nahe Glück liess das Scheideweh nicht recht aufkommen.
    Sichere Aussicht auf Glück? ... Die gibt es eigentlich nie - doch zu
Kriegszeiten am allerwenigsten. Da schwebt das Unglück so dicht wie
Heuschreckenschwärme in der Luft; und die Chancen, auf einem Fleckchen zu
stehen, welches von der niedergehenden Geissel verschont bleibt, sind gar
geringe.
    Freilich - der Krieg war aus. Das heisst, man hatte erklärt, dass der Frieden
geschlossen sei. Ein Wort genügt, die Schrecknisse zu entfesseln, und da meint
man wohl auch, ein Wort könne genügen, dieselben sogleich wieder aufzuheben -
doch dies vermag kein Machtspruch. Die Feindseligkeiten werden eingestellt, aber
die Feindseligkeit dauert fort. Der Samen für künftige Kriege ist gestreut und
die Frucht des eben beendigten Krieges entfaltet sich weiter: Elend,
Verwilderung, Seuchen. Ja, da half kein Leugnen und Nicht-dran-denken mehr: -
die Cholera wütete im Lande.
    Es war am Morgen des 8. August. Wir sassen Alle um den Frühstückstisch unter
der Veranda und lasen unsere eben eingelaufenen Postsachen. Die zwei Bräute
fielen auf die an sie gerichteten Liebesbriefe her - ich blätterte in den
Zeitungen. Aus Wien die Nachricht:
    »Die Cholera-Sterbefälle mehren sich bedenklich; nicht nur in den Militär-
    auch in den Civilspitälern sind schon viele Erkrankungen signalisiert, die
    als echte cholera asiatica bezeichnet werden müssen, und die energischsten
    Massregeln werden allentalben ergriffen, um der Verbreitung der Epidemie zu
    steuern.«
Ich wollte die Stelle laut vorlesen, als Tante Marie, welche den Brief einer
Freundin aus einem Nachbarschlosse in Händen hielt, erschreckt aufschrie:
    »Entsetzlich! Betti schreibt mir, dass in ihrem Hause zwei Personen an der
Cholera gestorben sind und jetzt auch ihr Mann erkrankt sei.«
    »Excellenz, der Lehrer wünscht zu sprechen.«
    Hinter dem Diener trat auch schon der Gemeldete heran. Er sah bleich und
verstört aus:
    »Herr Graf, ich zeige ergebenst an, dass ich die Schule schliessen muss.
Gestern sind zwei Kinder erkrankt und heute - gestorben.
    »Die Cholera?« riefen wir.
    »Ich denke wohl ... wir müssen's beim Namen nennen. Die sogenannte Ruhr,
welche unter den Soldaten, die hier einquartiert wurden, ausbrach und der schon
zwanzig Mann erlegen sind - es war die Cholera. Im Dorf herrscht grosser
Schrecken, denn der Doktor, der aus der Stadt hierher gekommen, hat unverhohlen
gesagt, dass die schreckliche Krankheit nunmehr zweifellos die hiesige
Bevölkerung ergriffen hat.«
    »Was ist das?« fragte ich aufhorchend - »man hört läuten.«
    »Das ist das Sterbeglöcklein, Frau Baronin,« antwortete der Schulmeister.
»Es wird wohl wieder Jemand in den letzten Zügen liegen ... Der Doktor hat
erzählt, dass in der Stadt die Sterbeglocke gar nicht mehr aufhört zu erklingen
-«
    Wir blickten einander Alle in der Runde an - stumm und bleich. Hier war er
also wieder - der Tod - und Jeder von uns sah dessen knöcherne Hand nach dem
Haupte eines Teuern ausgestreckt.
    »Fliehen wir!« schlug Tante Marie vor.
    »Fliehen, wohin?« entgegnete der Lehrer. »Ringsum ist ja das Übel schon
verbreitet.«
    »Weit, weit weg - über die Grenze -«
    »Da wird wohl ein Cordon errichtet werden, über den man nicht hinauskann -«
    »Das wäre ja entsetzlich! Man wird doch die Leute nicht hindern, ein
verseuchtes Land zu verlassen?«
    »Gewiss - die gesunden Gegenden werden sich gegen Einschleppung verwahren.«
    »Was tun, was tun?!« Und Tante Marie rang die Hände.
    »Den Willen Gottes abwarten,« antwortete mein Vater mit einem tiefen
Seufzer. »Du bist doch sonst so bestimmungsgläubig, Marie - ich verstehe Deine
Fluchtsehnsucht nicht. Eines jeden Menschen Schicksal erreicht ihn, wo er immer
sei ... Aber immerhin - mir wäre es auch lieber, wenn ihr Kinder abreisen würdet
- und Du, Otto, dass Du mir kein Obst mehr anrührst.«
    »Ich werde sogleich an Bresser telegraphieren,« sagte Friedrich, »dass er uns
Desinfektionsmittel sende« ...
    Was dann später folgte, ich kann es nicht mehr in seinen Einzelheiten
erzählen, denn die Frühstückstisch-Episode war die letzte, die ich zu jener Zeit
in die roten Hefte eingetragen. Nur aus dem Gedächtnis kann ich die Ereignisse
der nächsten Tage berichten. Furcht und Bangen erfüllte uns Alle, Alle. Wer
könnte zur Zeit der Epidemie nicht zittern, wenn man unter teuren Wesen lebt?
Über dem lieben Haupte eines Jeden schwebt ja das Damoklesschwert - und auch
selber sterben, so furchtbar und so unnütz sterben - wem sollte der Gedanke
nicht Grauen einflössen? Der Mut besteht höchstens darin, nicht daran zu denken.
    Fliehen? Diese Idee war mir auch gekommen - besonders, meinen kleinen Rudolf
in Sicherheit zu bringen ...
    Mein Vater, trotz allem Fatalismus, bestand auf der Flucht der Anderen. Am
kommenden Tage sollte die ganze Familie fort. Nur er wollte bleiben, um seine
Hausleute und die Einwohnerschaft des Dorfes in der Gefahr nicht zu verlassen.
Friedrich erklärte auf das Bestimmteste, auch bleiben zu wollen, und da war mein
Entschluss gleichfalls gefasst: von des Gatten Seite würde ich freiwillig nimmer
weichen.
    Tante Marie mit den beiden Mädchen und mit Otto und Rudolf sollten
schleunigst abreisen. Wohin? - das war noch nicht bestimmt - vorläufig nach
Ungarn, so weit wie möglich. Die Bräute widersetzten sich durchaus nicht,
sondern halfen emsig packen ... Sterben - wenn in naher Zukunft die Erfüllung
heisser Liebessehnsucht, das heisst verzehnfachte Lebenswonne winkt, das hiesse ja
zehnfach sterben.
    Die Koffer wurden in den Speisesaal gebracht, damit, unter der Beihilfe
Aller, die Arbeit schneller von statten gehe. Ich brachte einen Pack von Rudolfs
Kleidern auf dem Arm herbei.
    »Warum tut das nicht Deine Jungfer?« fragte der Vater.
    »Ich weiss nicht, wo die Netti steckt ... ich klingelte ihr schon mehrere
Male und sie kommt nicht ... So bediene ich mich lieber selber -«
    »Du verdirbst Deine Leute,« sagte mein Vater aufgebracht und er gab einem
anwesenden Diener Befehl, das Mädchen überall zu suchen und augenblicklich
hierher zu führen.
    Nach einer Weile kam der Ausgesandte zurück - mit verstörter Miene.
    »Die Netti liegt in ihrem Zimmer ... sie ist ... sie hat ... sie ist ...«
    »Kannst Du nicht sprechen?« donnerte ihn mein Vater an. »Was ist sie -?«
    »- Schon - ganz schwarz.«
    Ein Schrei kam aus unser Aller Munder: Und so war es denn da - das grause
Gespenst - in unserem Hause selber ...
    »Was nun tun? Konnte man das unglückliche Mädchen hilflos sterben lassen?
Aber, wer sich ihr nahte, holte sich fast sicher den Tod - und nicht nur sich -
er gab ihn dann wieder den Anderen weiter. - Ach, so ein Haus, in welches die
Seuche eingezogen, das ist, als wäre es von Räubern umzingelt, oder als stände
es in Flammen - überall, an allen Ecken und Enden - auf jedem Schritt und Tritt
- grinst der Tod. - -
    »Hole augenblicklich den Arzt,« befahl mein Vater zunächst. »Und ihr,
Kinder, beschleunigt eure Abfahrt« ...
    »Der Herr Doktor ist seit einer Stunde nach der Stadt zurückgefahren,«
antwortete der Diener auf meines Vaters Weisung.
    »Weh ... mir wird übel!« kam es jetzt von Lilli, welche bis in die Lippen
erbleichte und sich an eine Sessellehne anklammerte.
    Wir sprangen ihr bei:
    »Was hast Du? ... Sei nicht töricht ... das ist die Angst ...«
    Aber es war nicht die Angst, es war - kein Zweifel: wir mussten die
Unglückliche auf ihr Zimmer bringen, wo sie sogleich von heftigen Erbrechungen
und den übrigen Symptomen ergriffen wurde - es war an diesem Tage der zweite
Cholera-Fall im Schloss.
    Entsetzlich war es anzuseher, was die arme Schwester litt. Und kein Doktor
da! Friedrich war der Einzige, der, so gut es ging, das Amt eines Solchen
versah. Er ordnete das Nötige an: warme Umschläge, Senfteig auf den Magen und an
die Beine - Eisstückchen - Champagner. Nichts half. Diese für leichte
Choleraanfälle ausreichenden Mittel, hier konnten sie nicht retten. Wenigstens
gaben sie der Kranken und den Umstehenden den Trost, dass etwas geschah. Nachdem
die Anfälle nachgelassen, kamen die Krämpfe an die Reihe - ein Zucken und Zerren
der ganzen Gestalt, dass die Knochen krachten. Die Unselige wollte jammern: sie
konnte nicht, - denn die Stimme versagte ... die Haut wurde bläulich und kalt -
der Atem stockte - -
    Mein Vater rannte händeringend auf und nieder. Einmal stellte ich mich ihm
in den Weg:
    »Das ist der Krieg, Vater!« sagte ich. »Willst Du den Krieg nicht
verfluchen?«
    Er schüttelte mich ab und gab keine Antwort.
    Nach zehn Stunden war Lilli tot. - Netti, das Stubenmädchen war schon früher
gestorben - allein auf ihrem Zimmer; wir Alle waren um Lilli beschäftigt gewesen
und von der Dienerschaft hatte sich Niemand in die Nähe der »schon ganz
Schwarzen« gewagt ...
    - - - - - - - - - - - - - - -
    Mittlerweile war Doktor Bresser angekommen. Die telegraphisch verlangten
Medikamente brachte er selber. Ich hätte ihm die Hand küssen mögen, als er
unerwartet in unsere Mitte trat, um den alten Freunden seine aufopfernden
Dienste zu weihen. Er übernahm sofort den Oberbefehl des Hauses. Die zwei
Leichen liess er in eine entfernte Kammer schaffen, sperrte die Zimmer ab, in
welchen die Armen gestorben und unterzog uns Alle einer kräftigen
desinfizierenden Prozedur. Ein intensiver Karbolgeruch erfüllte nunmehr alle
Räume, und heute noch, wenn mir dieser Geruch entgegenweht, steigen jene
Cholera-Schreckenstage vor meinem Geiste auf.
    Die geplante Flucht musste ein zweites Mal unterbleiben. Schon stand am Tage
nach Lillis Tode der Wagen bereit, welcher Tante Marie, Rosa, Otto und meinen
Kleinen fortführen sollte, als der Kutscher - von dem unsichtbaren Würger
erfasst, wieder vom Kutschbock absteigen musste.
    »Also will ich euch fahren,« sagte mein Vater, als ihm diese Nachricht
gebracht wurde. »Schnell - ist Alles bereit?« ...
    Rosa trat vor:
    »Fahret,« sagte sie - »ich muss bleiben ... ich ... folge der Lilli - -«
    Und sie sprach wahr. Bei Tagesanbruch wurde auch diese zweite junge Braut in
die - Leichenkammer gebracht.
    Natürlich war in dem Schrecken dieses neuen Unglücksfalles die Abreise der
Anderen nicht ausgeführt worden.
    Mitten in meinem Schmerze meiner tobenden Angst, ergriff mich auch wieder
der tiefste Zorn gegen jene Riesentorheit, welche solches Übel freiwillig
heraufbeschwört. Mein Vater war, als sie Rosas Leichnam hinausgetragen, in die
Knie gefallen, den Kopf an die Mauer ...
    Ich trat hin und packte ihn beim Arme:
    »Vater,« sagte ich - »das ist der Krieg.«
    Keine Antwort.
    »Hörst Du, Vater? - Jetzt oder nie: willst Du jetzt den Krieg verfluchen?«
    Er aber raffte sich auf:
    »Du erinnerst mich daran ... dieses Unglück will mit Soldatenmut getragen
werden ... Nicht ich allein! das ganze Vaterland hat Blut- und Tränenopfer
bringen müssen -«
    »Was hat denn dem Vaterland Dein und Deiner Brüder Leid gefrommt? Was
frommen ihm die verlorenen Schlachten, was diese beiden geknickten Mädchenleben?
- Vater - o tue mir die Liebe: fluche dem Krieg! Sieh her,« ich zog ihn zum
Fenster hin - eben wurde auf einem Karren ein schwarzer Sarg in den Hof gerollt:
»sieh her - das ist für unsere Lilli - und morgen ein gleicher für unsere Rosa
... und übermorgen vielleicht ein dritter - und warum, warum?!«
    »Weil Gott es so gewollt, mein Kind -«
    »Gott - immer Gott! ... Dass sich doch alle Torheit, alle Wildheit, alle
Gewalttätigkeit der Menschen stets hinter diesem Schilde birgt: Gottes Wille.«
    »Lästere nicht, Marta, jetzt läst're nicht, da Gottes strafende Hand so
sichtbar -«
    Ein Diener kam hereingerannt:
    »Ex'lenz - der Tischler will den Sarg nicht in die Kammer tragen, wo die
Komtessen liegen - und Niemand traut sich hinein -«
    »Auch Du nicht, Feigling?«
    »Ich kann nicht allein -«
    »So werde ich Dir helfen - ich will meine Tochter selber ...« Und er schritt
zur Tür. »Zurück!« schrie er mich an, da ich ihm folgen wollte. »Du darfst
nicht mit - Du darfst mir nicht auch noch sterben ... und denke an Dein Kind!«
    Was tun? Ich schwankte ... Das ist das quälendste in solchen Lagen; nicht
einmal zu wissen, wo die Pflicht liegt. Leistet man den Kranken und den Toten
die Liebesdienste, zu welchen das Herz drängt, so schleppt man den Keim des
Übels wieder weiter und bringt den anderen, den noch verschonten, die Gefahr.
Man wollte sich opfern, weiss aber, dass man mit diesem Wagnis auch andere
hinzuopfern wagt.
    Über solches Dilemma kann nur eines hinaushelfen: mit dem Leben abschliessen
- nicht nur mit dem eigenen, sondern auch mit demjenigen seiner Teuren; -
annehmen, dass alle zu Grunde gehen - und eins dem anderen, so lange es geht, in
den Leidensstunden beistehen. Rücksicht, Vorsicht - das alles muss aufhören:
Zusammen! - an Bord eines untergehenden Schiffes - Rettung gibt es keine -
»halten wir uns umfangen, eng, recht eng aneinander - bis zum letzten Augenblick
- und: schöne Welt, ade!«
    Diese Resignation war über uns alle gekommen; die Fluchtpläne hatte man
aufgegeben; jeder ging an jedes Kranken und an jedes Toten Lager; sogar Bresser
versuchte nicht mehr, uns dieses Verhalten - das einzig menschliche - zu wehren.
Seine Nähe, sein energisches, rastloses Schalten gab uns das einzige
Sicherheitsgefühl: wenigstens war unser sinkendes Schiff nicht ohne Kapitän.
    Ach, diese Cholerawoche in Grumitz! ... Über zwanzig Jahre sind seiter
vergangen, aber noch schaudert es mir durch Mark und Bein, wenn ich daran
zurückdenke. Tränen, Wimmern, herzzerreissende Sterbescenen - der Karbolgeruch,
das Knochenknarren der Krampfbefallenen, die ekelhaften Symptome, das
unaufhörliche Geklingel des Totenglöckleins, die Begräbnisse - nein:
Verscharrungen - denn in solchen Fällen gibt es keinerlei Trauerpomp; - die
ganze Lebensordnung aufgegeben: keine Mahlzeiten - die Köchin war gestorben -
kein Schlafengehen des Nachts - hier und da ein stehend eingenommener Bissen,
und in den Morgenstunden ein sitzendes Einnicken. Draussen, wie eine Ironie der
gleichgültigen Natur, das herrlichste Sommerwetter, fröhlicher Amselschlag,
üppiges Farbenglühen der Blumenbeete ... Im Dorfe ununterbrochenes Sterben - die
zurückgebliebenen Preussen alle tot. »Ich bin heute dem Totengräber begegnet,«
erzählte Franz der Kammerdiener, »wie er mit einem leeren Wagen vom Friedhof
zurückfuhr. Wieder ein paar hinausgeschaft? habe ich ihn gefragt. Ja, wieder
sechs oder sieben ... alle Tag' so ein halb' Dutzend, manchmal auch mehr ... es
kommt auch vor, dass einer oder der andere im Wagen drin noch a bissl muckst -
aber tut nix - nur 'nein in die Gruben mit die Preussen!«
    Am folgenden Tage starb der Unmensch selber und ein anderer musste sein Amt -
zur Zeit das angestrengteste im Ort - übernehmen. Die Post brachte nur trübes;
von überall her Nachrichten über das Wüten der Seuche und Liebesbriefe - ewig
unbeantwortet zu bleibende Liebesbriefe - von dem nichts ahnenden Prinzen
Heinrich. An Konrad hatte ich, um ihn auf das fürchterliche vorzubereiten, eine
Zeile geschickt: »Lilli sehr krank.« Er konnte nicht augenblicklich kommen - der
Dienst hielt ihn zurück. Erst am vierten Tage kam der Unselige ins Haus
gestürzt:
    »Lilli?« rief er - »ist es wahr?« Unterwegs hatte er das Unglück erfahren.
    Wir bejahten.
    Er blieb unheimlich still und tränenlos. »Ich habe sie viele Jahre
geliebt,« sprach er nur leise vor sich hin. Dann laut:
    »Wo liegt sie? - Auf dem Friedhofe? ... Ich will sie besuchen ... lebt wohl
... sie erwartet mich ...«
    »Soll ich mitkommen?« trug ihm jemand an.
    »Nein, ich gehe lieber allein.«
    Er ging - und wir sahen ihn nicht wieder. Am Grabe der Braut hat er sich
eine Kugel durch den Kopf gejagt.
    So endete Konrad Graf Altaus, Oberstlieutenant im 4. Husarenregiment, im
siebenundzwanzigsten Lebensjahre.
    Zu einer anderen Zeit hätte die Tragik dieses Vorfalls viel erschütternder
gewirkt, aber jetzt: wie viele junge Offiziere hatte der Krieg unmittelbar
weggerafft - diesen mittelbar. Und in dem Augenblick, als wir von der Tat
erfuhren, war in unserer Mitte ein neues Unglück ausgebrochen, das unsere ganze
Herzensangst in Anspruch nahm: Otto - meines armen Vaters angebeteter, einziger
Sohn - war von dem Würgeengel gepackt.
    Die ganze Nacht und den folgenden Tag dauerte sein Leiden - unter
wechselndem Hoffen und Verzagen - um sieben Uhr abends war alles vorbei.
    Mein Vater warf sich auf die Leiche mit einem so markerschütternden Schrei,
dass es das ganze Haus durchdröhnte. Wir hatten Mühe, ihn von dem Toten
fortzureissen. Ach, und dieser Schmerzensjammer, der jetzt folgte: heulende,
brüllende, röchelnde Laute der Verzweiflung waren es, die der alte Mann
stunden-und stundenlang ausstiess ... Sein Sohn, sein Stolz, sein Otto, sein
alles!
    Auf diese Ausbrüche folgte plötzlich starre, stumme Apatie. Dem Begräbnis
seines Lieblings hatte er nicht beiwohnen können. Er lag auf einem Sopha
regungslos und - beinahe schien es - bewusstlos. Bresser ordnete an, dass er
entkleidet und zu Bett gebracht werde.
    Nach einer Stunde schien er sich zu beleben. Tante Marie, Friedrich und ich
waren an seiner Seite. Er schaute eine Zeit lang mit fragendem Blick herum, dann
setzte er sich auf und versuchte zu sprechen. Doch brachte er kein Wort hervor
und rang mit schmerzverzerrtem Gesicht nach Atem. Da begann es hin zu schütteln
und zu werfen, als wäre er von jenen schauerlichen Krämpfen befallen, welche die
letzten Symptome der Cholera sind, und doch hatten sich vorher keine der anderen
Erscheinungen bei ihm gezeigt. Endlich brachte er ein Wort hervor: »Marta«.
    Ich fiel kniend an der Bettseite nieder:
    »Vater, mein teurer, armer Vater! ...«
    Er erhob seine Hand über meinem Scheitel:
    »Dein Wunsch« ... sprach er mühsam - »sei erfüllt ... ich flu- ich verflu-«
    Er konnte nicht weiter reden und sank in die Kissen zurück.
    Mittlerweile war Bresser herbeigekommen und gab auf unser ängstliches Fragen
Bescheid:
    Ein Herzkrampf hatte meinen Vater getötet.
    »Das Fürchterlichste ist,« sagte Tante Marie, nachdem wir ihn begraben, »dass
er mit einem Fluch auf den Lippen verschied.«
    »Lass das gut sein, Tante,« beruhigte ich sie. »Wenn dieser Fluch erst von
Aller - Aller Lippen fiele, so wäre das der Menschheit grösster Segen.
Das war die Cholerawoche von Grumitz! In einem Zeitraum von sieben Tagen zehn
Bewohner des Schlosses dahingerafft: Mein Vater, Lilli, Rosa, Otto, meine
Jungfer Netti, die Köchin, der Kutscher und zwei Stalljungen. Im Dorfe starben
in derselben Zeit über achtzig Personen.
    Wenn man das so trocken hersagt, klingt es wie eine beachtenswerte
statistische Notiz; wenn es in einem erzählenden Buche steht - wie ein
übertreibendes Phantasiespiel des Autors. Aber es ist weder so trocken wie das
Eine, noch so schauerromantisch, wie das Andere, es ist kalte, greifbare,
trauerreiche Wirklichkeit.
    Nicht Grumitz allein war in unserer Gegend so hart mitgenommen worden. Wer
in den Annalen der nachbarlichen Ortschaften und Schlösser, nachblättern will,
könnte daselbst viele ähnliche Fälle von Massenunglück finden. Da ist zum
Beispiele - in der Nähe des Städchens Horn - das Schloss Stockern. Von der
Familie, die es bewohnte, sind in der Zeit vom 9. bis 13. August 1866,
gleichfalls nach Abmarsch der preussischen Einq artierung, vier Mitglieder - der
zwanzigjährige Rudolf, dessen Schwestern Emilie und Berta, Onkel Candid - und
ausserdem fünf Personen Dienerschaft - der Seuche erlegen. Die jüngste Tochter,
Pauline von Engelshofen, blieb verschont. Dieselbe hat sich in der Folge mit
einem Baron Suttner vermählt - auch sie erzählt heute noch mit Schaudern von der
Cholerawoche in Stockern.
    Es war damals eine solche Trauer- und Sterberesignation über mich gekommen,
dass ich stündlich erwartete, der Tod - in dessen Zeichen das Land seit zwei
Monaten stand - werde nun mich selber und meine anderen Lieben dahinraffen. Mein
Friedrich - mein Rudolf: ich beweinte sie schon im voraus. - Doch, bei alledem,
mitten in meinem Harme, hatte ich doch süsse Augenblicke. Das war, wenn ich an
meines Gatten Brust gelehnt, von ihm liebend umschlungen, mein Leid an seinem
treuen Herzen ausweinen durfte. Wie sanft er da - nicht Trost-, aber Worte des
Mitschmerzes und der Liebe zu mir sprach, es wurde mir dabei so warm und weit
ums eigene Herz ... Nein, die Welt ist nicht so schlecht - musste ich
unwillkürlich denken - die Welt ist nicht ganz Jammer und Grausamkeit: es lebt
in ihr das Mitleid und die Liebe ... freilich erst in einzelnen Seelen, nicht
als allgültiges Gesetz und als obwaltender Normalzustand - aber doch vorhanden;
und so wie diese Regungen uns zwei durchglühen, mit ihrer milden Rührung selbst
diese Schmerzenszeit versüssend - so wie sie noch in vielen anderen, ja in den
meisten Seelen wohnen, so werden sie einst zum Durchbruch gelangen und das
allgemeine Verhalten der Menschenfamilie beherrschen: die Zukunft gehört der
Güte.
    - - - - - - - - - - - - - - -
    Wir verbrachten den Rest des Sommers in der Nähe von Genf. Es war Doktor
Bressers Überredungskunst doch gelungen, uns zur Flucht aus der verseuchten
Gegend zu bewegen. Anfangs sträubte ich mich dagegen, die Gräber der Meinen so
rasch zu verlassen und war überhaupt, wie gesagt, von solcher Todesergebung
erfüllt, dass ich ganz apatisch geworden und jeden Fluchtversuch für unnütz
hielt; - aber schliesslich musste Bresser dennoch siegen, als er mir vorhielt, dass
es meine Mutterpflicht sei, den kleinen Rudolf so gut wie möglich der Gefahr zu
entreissen.
    Dass wir als Zufluchtsort die Schweiz gewählt, geschah auf Friedrichs Wunsch.
Er wollte sich mit den Männern bekannt machen, welche das »Rote Kreuz« ins Leben
gerufen und an Ort und Stelle über den Verlauf der stattgehabten Konferenzen, so
wie über die weiteren Ziele der Konvention sich unterrichten.
    Seinen Abschied vom Militärdienst hatte Friedrich eingereicht, und
vorläufig, bis zur Erledigung des Gesuches, einen halbjährigen Urlaub erhalten.
Ich war nun reich geworden, sehr reich. Der Tod meines Vaters und meiner drei
Geschwister hatte mich in den Besitz von Grumitz und des sämtlichen
Familienvermögens gesetzt.
    »Sieh her,« sagte ich zu Friedrich, als mir vom Notar die Besitzdokumente
übermittelt wurden. »Was würdest Du dazu sagen, wenn ich den stattgehabten Krieg
nun preisen wollte, wegen dieses durch seine Folgen mir zugefallenen Vorteils?«
    »Dann wärst Du meine Marta nicht! Doch - ich verstehe, was Du sagen willst.
Der herzlose Egoismus, der sich über materiellen Gewinn zu freuen vermag,
welcher aus dem Verderben Anderer sprosst - diese Regung, die der Einzelne, wenn
er wirklich niedrig genug ist, sie zu fühlen, doch sorgfältig zu verbergen
trachtet - zu der bekennen sich stolz und offen Nationen und Dynastien: Tausende
sind unter unsäglichem Leid zu Grunde gegangen - aber wir haben dadurch an
Territorium, an Macht gewonnen: dem Himmel sei Preis und Dank für den
glücklichen Krieg.«
    Wir lebten sehr still und zurückgezogen in einer kleinen, am Ufer des Sees
gelegenen Villa. Ich war von den durchgemachten Ereignissen so gedrückt, dass ich
durchaus mit keinem fremden Menschen Umgang haben wollte Friedrich respektierte
meine Trauer und versuchte gar nicht, das banale Mittel »Zerstreuung« dagegen
vorzuschlagen. Ich war es den Grumitzer Gräbern schuldig - das sah mein
zartfühlender Gatte wohl ein - ihnen eine Zeit lang in aller Stille
nachzuweinen. Die der schönen Welt so rasch und grausam Entrissenen sollten
nicht auch noch der Erinnerungsstätte, die sie in meinem trauernden Herzen
hatten, ebenso rasch und kalt beraubt werden.
    Friedrich selber ging oft in die Stadt, um dort den Zweck seines hiesigen
Aufentaltes, das Studium der Rote-Kreuz-Frage zu betreiben. Von den Ergebnissen
dieses Studiums habe ich keine klare Erinnerung mehr; ich führte damals kein
Tagebuch, und so ist mir meist wieder entfallen, was mir Friedrich von seinen
betreffenden Erfahrungen mitteilte. Nur eines Eindruckes erinnere ich mich
deutlich, den mir die ganze Umgebung machte: die Ruhe, die Unbefangenheit, die
heitere Geschäftigkeit aller Leute, die ich zufällig sah - als lebte man mitten
in friedlichster, gemütlichster Zeit. Fast nirgends ein Echo von dem
stattgehabten Krieg, höchstens in anekdotischem Tone, wie wenn derselbe ein
interessantes Ereignis mehr abgegeben hätte - weiter nichts - das neben dem
übrigen Europaklatsch vorteilhaft Gesprächsstoff lieferte; - als hätte das
grausige Kanonendonnern auf den böhmischen Schlachtfeldern nichts Tragischeres
an sich, als eine neue Wagnersche Oper. Das Ding gehörte nunmehr der Geschichte
an, hatte einige Landkarten-Umänderungen zur Folge - aber dessen Schauerlichkeit
war aus dem Bewusstsein geschwunden - in das der Unbeteiligte vielleicht niemals
gedrungen ... vergessen, verschmerzt, verwischt. Ebenso die Zeitungen - ich las
zumeist französische Blätter: - alles Interesse auf die für 1867 sich
vorbereitende pariser Weltausstellung, auf die Hoffeste in Compiègne, auf
litterarische Persönlichkeiten (es tauchten ein paar neue vielbestrittene
Talente auf: Flaubert, Zola), auf Teaterereignisse: eine neue Oper von Gounod -
eine von Offenbach der Hortense Schneider zugedachte Glanzrolle u. dgl.
gerichtet. Das kleine pikante Duell, welches die Preussen und Österreicher là-bas
en Bohème ausgefochten, das war schon eine etwas verjährte Angelegenheit ... O,
was drei Monate zurückliegt oder dreissig Meilen entfernt ist, was nicht im
Bereich des Jetzt und des Hier sich abspielt, dort reichen die kurzen
Fühlhörnchen des menschlichen Herzens und des menschlichen Gedächtnisses nicht
hin.
    Gegen Mitte Oktober verliessen wir die Schweiz. Wir begaben uns nach Wien
zurück, wo die Abwickelung der Verlassenschaftsangelegenheiten meine Anwesenheit
erheischte. Nach Erledigung dieser Geschäfte beabsichtigten wir, uns auf längere
Zeit in Paris niederzulassen. Friedrich führte im Sinn, der Idee der
Friedensliga nach Kräften die Wege zu ebnen, und er war der Ansicht, dass die
bevorstehende Weltausstellung die beste Gelegenheit biete, einen Kongress der
Friedensfreunde zu veranstalten; auch hielt er Paris für den geeignetsten Ort,
eine internationale Sache wirksam zu vertreten.
    »Das Kriegshandwerk habe ich niedergelegt,« sagte er, »und zwar habe ich das
aus einer im Kriege selber gewonnenen Überzeugung getan. Für diese Überzeugung
nun will ich wirken. Ich trete in den Dienst der Friedensarmee. Freilich noch
ein ganz kleines Heer, dessen Streiter keine andere Wehr und Waffen haben, als
den Rechtsgedanken und die Menschenliebe. Doch Alles, was in der Folge gross
geworden, hat klein und unscheinbar begonnen.
    »Ach,« seufzte ich dagegen, »es ist ein hoffnungsloses Beginnen. Was willst
Du - Einzelner - erreichen, gegen jenes mächtige, jahrtausendalte, von Millionen
Menschen verteidigte Bollwerk?«
    »Erreichen? Ich? ... Wahrlich, so unvernünftig bin ich nicht, zu hoffen, dass
ich persönlich eine Umgestaltung herbeiführen werde. Ich sagte ja nur, dass ich
in die Reihen der Friedensarmee eintreten wolle. Habe ich etwa, als ich beim
Kriegsheer stand, gehofft, dass ich das Vaterland retten, dass ich eine Provinz
erobern würde? Nein, der Einzelne kann nur dienen, Mehr noch: er muss dienen. Wer
von einer Sache durchglüht ist, der kann nicht anders, als für sie wirken, als
für sie sein Leben einsetzen - wenn er auch weiss, wie wenig dieses Leben an und
für sich zum Siege beitragen kann. Er dient, weil er muss: nicht nur der Staat -
auch die eigene Überzeugung, wenn sie begeistert ist, legt eine Wehrpflicht
auf.«
    »Du hast recht. Und wenn endlich Millionen Begeisterter dieser Wehrpflicht
genügen, dann muss jenes von seinen Verteidigern verlassene, jahrtausendalte
Bollwerk auch zusammenfallen.«
    Von Wien aus machte ich eine Pilgerfahrt nach Grumitz - dessen Herrin ich
nun geworden. Doch ich betrat gar nicht das Schloss. Nur auf dem Friedhof legte
ich vier Kränze nieder und fuhr wieder zurück.
    Nachdem meine wichtigsten Geschäfte geordnet waren, schlug Friedrich eine
kleine Reise nach Berlin vor, um der beklagenswerten Tante Kornelie einen Besuch
zu machen. Ich willigte ein. Für die Dauer unserer Abwesenheit übergab ich
meinen kleinen Sohn der Aufsicht Tante Mariens. Letztere war durch die
Ereignisse der Grumitzer Cholerawoche unbeschreiblich niedergedrückt. Ihre ganze
Liebe, ihr ganzes Lebensinteresse übertrug sie jetzt auf meinen kleinen Rudolf.
Ich hoffte auch, dass es sie ein wenig zerstreuen und aufrichten werde, das Kind
eine Zeit lang bei sich zu haben.
    Am 1. November verliessen wir Wien. In Prag unterbrachen wir unsere Reise, um
zu übernachten. Tags darauf, statt die Reise nach Berlin fortzusetzen, machten
wir eine neue Pilgerfahrt.
    »Allerseelentag!« sagte ich, als mein Blick auf das Datum eines mit dem
Frühstück in unser Hotelzimmer gebrachten Zeitungsblattes fiel.
    »Allerseelen« - wiederholte Friedrich. »Wieviel arme Tote hier auf den nahen
Schlachtfeldern, denen nicht einmal dieser Gräber-Ehrentag zu gute kommt - weil
sie keine Gräber haben ... Wer wird sie besuchen?«
    Ich sah ihn eine Weile schweigend an. Dann halblaut:
    »Willst Du?« ...
    Er nickte. Wir hatten uns verstanden, und eine Stunde später waren wir auf
dem Weg nach Chlum und Königgrätz.
Welch ein Anblick!
    Eine Elegie Tiedges kam mir in den Sinn:
»Welch ein Anblick! Hierher, Volksregierer!
Hier bei dem verwitternden Gebein
Schwöre, deinem Volk ein sanfter Führer,
Deiner Welt ein Friedensgott zu sein.
Hier schau' her, wenn dich nach Ruhme dürstet,
Zähle diese Schädel, Völkerhirt,
Vor dem Ernste, der dein Haupt, entfürstet,
In die Stille niederlegen wird.
Lass im Traum das Leben dich umwimmern,
Das hier unterging in starres Grauen;
Ist es denn so lockend, sich mit Trümmern
In die Weltgeschichte einzubauen?«
Leider ja, es ist verlockend, so lang die Weltgeschichte - das heisst Diejenigen,
welche sie schreiben - die Heldenstandbilder aus Kriegstrümmern aufbauen, so
lang sie den Titanen des Völkermordes Kränze reichen. Auf den Lorbeerkranz
verzichten, dem Ruhme entsagen, wäre edel - meint der Dichter? Erst werde das
Ding, auf das zu verzichten so wohltätig erschiene, seines Nimbus entkleidet
und kein Ehrgeiziger wird mehr darnach greifen.
    Es dämmerte schon, als wir in Chlum ankamen und von da, Arm in Arm, in
schweigendem Schauer, dem nahen Schlachtfelde zuschritten. Es fiel ein mit ganz
kleinen Schneeflocken gemischter Nebel und die kahlen Aste der Bäume bogen sich
unter dem schrill klagenden Pfeifen eines kalten Novemberwindes. Massen von
Gräbern und Massengräber rings umher. Aber ein Friedhof? Nein. Da hatte man
keine müden Lebenspilger zur Ruhe friedlich hingebettet, da wurden mitten in
ihrem jugendlichen Lebensfeuer, in ihrer vollsten Manneskraft strotzende
Zukunftsanwärter gewaltsam niedergeworfen und mit Grabeserde überschaufelt.
Verschüttet, erstickt, auf ewig stumm gemacht - alle die brechenden Herzen, die
blutig zerfetzten Glieder, die bitterlich weinenden Augen - die wilden
Verzweiflungsschreie, die vergeblichen Gebete ...
    Einsam war es auf diesem Kriegsacker nicht. Viele, Viele hatte der
Allerseelentag hierhergebracht - aus Freundes- und aus Feindesland - welche
gekommen waren, auf der Stätte niederzuknieen, wo ihr Liebstes gefallen. Schon
der Zug, mit dem wir gekommen, war mit anderen Trauernden gefüllt gewesen - und
so hatte ich schon mehrere Stunden lang um mich jammern und klagen gehört. »Drei
Söhne - drei Söhne ... einer schöner und besser und lieber als der andere - habe
ich bei Sadowa verloren!« erzählte uns ein ganz gebrochen aussehender alter
Mann. Noch mehrere andere der Wagengenossen mischten ihre Klagen dazu: um den
Bruder, den Gatten, den Vater. - Aber von allen diesen hat mir keiner solchen
Eindruck gemacht, wie das tränenlose, dumpfe »Drei Söhne, drei Söhne!« des
armen Alten.
    Auf dem Felde selbst sah man von allen Seiten, auf allen Wegen schwarze
Gestalten gehen, oder knien - oder mühsam weiter schwanken, mitunter laut
aufschluchzend zusammenbrechen. Es waren nur wenig Einzelgräber da, nur wenig
inschrifttragende Kreuze oder Steine. Wir bückten uns und entzifferten, so gut
das Dämmerlicht es noch gestattete, einige Namen.
    Major von Reuss vom 2. preussischen Garderegiment.
    »Vielleicht ein Verwandter vom Bräutigam unserer armen Rosa,« bemerkte ich.
    Graf Grünne - Verwundet 3. Juli - gestorben 5. Juli ...
    Was mag er in den zwei Tagen gelitten haben! ... Ob das wohl ein Sohn des
Grafen Grünne war, der vor dem Krieg den bekannten Satz geäussert: »Mit nassen
Fetzen werden wir die Preussen verjagen?« Ach wie wahnwitzig und frevlerisch, wie
schrill misstönig klingt doch jedes vor dem Kriege gesprochene Aufreizungswort,
wenn man sich's an solcher Stelle wiederholt! Worte: - weiter nichts -
Prahlworte, Hohnworte, Drohworte - gesprochen, geschrieben und gedruckt - die
nur haben dieses Feld bestellt ...
    Wir gehen weiter. Überall mehr oder minder hohe, mehr oder minder breite
Erdhügel ... auch da, wo der Boden nicht erhaben ist, auch unter unseren Füssen
modern vielleicht Soldatenleichen - - -
    Immer dichter rieselt der Nebel:
    »Friedrich - setze doch Deinen Hut auf: Du wirst Dich erkälten.«
    Friedrich aber blieb unbedeckt - und ich wiederholte meine Mahnung kein
zweites Mal.
    Unter den Leidtragenden, die hier umher wandelten, befanden sich auch viele
Offiziere und Soldaten; wahrscheinlich solche, die den heissen Tag von Königgrätz
selber mitgemacht und jetzt an die Stelle gepilgert waren, wo ihre gefallenen
Kameraden ruhten.
    Jetzt waren wir an den Platz gelangt, wo die meisten Krieger - Freund und
Feind nebeneinander - begraben lagen. Der Platz war - wie ein Kirchhof -
umfriedigt. Hierher strömte die grösste Anzahl der Trauernden, denn auf dieser
Stelle war es am wahrscheinlichsten, dass die von ihnen Beweinten da begraben
seien. An dieser Umfriedigung knieten und schluchzten die Beraubten, hier hingen
sie ihre Kränze und ihre Grablaternen auf.
    Ein grosser, schlanker Mann, von vornehmer jugendlicher Gestalt, in einen
Generalsmantel gehüllt, kam auf den Tumulus zu. Die Anderen wichen von der
Stelle ehrerbietig zurück und ich hörte einige Stimmen flüstern:
    »Der Kaiser ...«
    Ja, es war Franz Joseph. Der Landesherr, der oberste Kriegsherr war es, der
da am Allerseelentag gekommen war, für seine toten Landeskinder, für seine
gefallenen Krieger ein stilles Gebet zu verrichten. Auch er stand unbedeckten,
gebeugten Hauptes da, in schmerzerfüllter Ehrerbietung vor der Majestät des
Todes.
    Lange, lange blieb er unbeweglich. - Ich konnte mein Auge nicht von ihm
wenden. Was mochten für Gedanken durch seine Seele ziehen - was für Gefühle
durch sein Herz, welches doch - das wusste ich - ein gutes und ein weiches Herz
war? Es überkam mich, als könnte ich ihm nachfühlen, als könnte ich gleichzeitig
mit ihm die Gedanken denken, die seinen gesenkten Kopf durchkreuzten:
    ... Ihr, meine armen Tapferen ... gestorben ... und wofür? ... Wir haben ja
nicht gesiegt ... mein Venedig! Verloren ... so Vieles, so Vieles verloren ...
auch euer junges Leben ... Und ihr habt es so opfermutig hergegeben ... für mich
... O könnte ich es euch zurückgeben! Ich, für mich, habe ja das Opfer nicht
begehrt - für euch, für euer Land, ihr meine Landeskinder, seid ihr in diesen
Krieg geführt worden ... Und nicht durch mich ... wenn es auch auf meinen Befehl
geschehen - hab' ich denn nicht befehlen müssen? Nicht meinetwillen sind die
Untertanen da - nein, ihretwillen bin ich auf den Tron berufen ... und jede
Stunde wäre ich bereit, für meines Volkes Wohl zu sterben ... O, hätte ich
meinem Herzensdrang gefolgt und nimmer »ja« gesagt, wenn sie Alle um mich herum
riefen: »Krieg, Krieg!« ... Doch - konnte ich mich widersetzen? Gott ist mein
Zeuge, ich konnte nicht ... Was mich drängte, was mich zwang - ich weiss es
selbst nicht mehr genau - nur so viel weiss ich - es war ein unwiderstehlicher
Druck von aussen - von euch selber, ihr toten Soldaten ... O wie traurig,
traurig, traurig - was habt ihr nicht Alles gelitten und jetzt liegt ihr hier
und auf anderen Wahlstätten - von Kartätschen und Säbelhieben, von Cholera und
Typhus hingerafft ... O hätte ich »nein« sagen können ... du hast mich darum
gebeten, Elisabet ... O hätte ich's gesagt! Der Gedanke ist unerträglich, dass
... ach, es ist eine elende, unvollkommene Welt ... zu viel, zu viel des
Jammers! ...
    Immer noch, während ich so für ihn dachte, haftete mein Auge an seinen
Zügen, und jetzt - ja es war »zu viel, zu viel des Jammers« - jetzt bedeckte er
sein Gesicht mit beiden Händen und brach in heftiges Weinen aus.
    So geschehen am Allerseelentag 1866 auf dem Totenfelde von Sadowa.
 
                                  Fünftes Buch
                                  Friedenszeit
Die Stadt Berlin fanden wir in hellem Jubel. Jeder Ladenschwengel und jeder
Eckensteher trug ein gewisses Siegesbewusstsein zur Schau. »Wir haben die Andern
drunter gekriegt«: das scheint doch eine sehr erhebende und unter der ganzen
Bevölkerung verteilbare Empfindung zu sein. Dennoch, in den Familien, die wir
aufsuchten, fanden wir so manche tiefniedergeschlagene Leute, solche nämlich,
welche einen unvergesslichen Toten auf den deutschen oder böhmischen
Schlachtfeldern liegen hatten. Am meisten fürchtete ich mich, Tante Kornelie
wiederzusehen. Ich wusste, dass ihr herrlicher Sohn Gottfried ihr Abgott, ihr
Alles gewesen, und ich konnte den Schmerz ermessen, der die arme beraubte Mutter
jetzt erdrücken musste - ich brauchte mir nur vorzustellen, dass mein Rudolf, wenn
ich ihn grossgezogen hätte ... nein, den Gedanken wollte ich gar nicht ausdenken.
    Unser Besuch war angesagt. Mit Herzklopfen betrat ich Frau von Tessows
Wohnung. Schon im Vorzimmer bekundete sich die im Hause herrschende Trauer. Der
Diener, der uns einliess, trug schwarze Livree; im grossen Empfangszimmer, dessen
Sitzmöbel mit Überzügen bedeckt waren, war kein Feuer angezündet und die Spiegel
und Bilder an den Wänden waren sämtlich mit Flor verhängt. Von hier wurde uns
die Türe nach Tante Korneliens Schlafzimmer geöffnet, wo sie uns erwartete.
Dasselbe, ein sehr grosser, durch einen Vorhang - hinter welchem das Bett stand -
geteilter Raum, diente Tante Kornelie jetzt als beständiger Aufentalt; sie
verliess nie mehr das Haus, ausser um allsonntäglich in den Dom zu gehen - und nur
selten das Zimmer, nur täglich eine Stunde, welche sie in Gottfrieds gewesenem
Studierkabinett verbrachte. In diesem war Alles auf derselben Stelle stehen und
liegen geblieben, wie er es am Tage seiner Abreise verlassen. Sie führte uns im
Laufe unseres Besuches hinein und liess uns einen Brief lesen, den er auf seine
Mappe gelegt:
    »Meine einzige, liebe Mutter! Ich weiss ja, meine Herzliebste Du, dass Du nach
    meiner Abfahrt hierherkommen wirst - und da sollst Du dieses Blatt finden.
    Der persönliche Abschied ist vorbei. Desto mehr wird es Dich freuen und
    überraschen, noch ein Zeichen zu entdecken, noch ein letztes Wort von mir zu
    hören, und zwar ein frohes, hoffnungsvolles. Sei guten Muts: ich komme
    wieder. Zwei so aneinander hängende Herzen, wie die unseren, wird das
    Schicksal nicht auseinander reissen. Meine Bestimmung ist es, jetzt einen
    glücklichen Feldzug zu überstehen, Sterne und Kreuze zu erringen - und dann:
    Dich zur sechsfachen Grossmutter machen. Ich küsse Deine Hand, ich küsse
    Deine liebe sanfte Stirn - o Du aller Mütterchen angebetetstes.
                                                                Dein Gottfried.«
Als wir bei Tante Kornelie eintraten, war dieselbe nicht allein. Ein Herr in
langem, schwarzem Rocke, auf den ersten Blick als Pastor erkenntlich, sass ihr
gegenüber.
    Die Tante erhob sich und kam uns entgegen; der Pastor stand gleichfalls von
seinem Sitze auf, blieb aber im Hintergrunde stehen.
    Was ich erwartet, geschah: als ich die alte Frau umarmte, brachen wir beide,
sie und ich, in lautes Schluchzen aus. Auch Friedrich blieb nicht trockenen
Auges, indem er die Trauernde an sein Herz drückte. Gesprochen wurde in dieser
ersten Minute gar nichts. Was man sich in solchen Augenblicken - beim ersten
Wiedersehen nach einem schweren Unglücksfall - zu sagen hat, das drücken Tränen
vollständig aus ...
    Sie führte uns an ihren Sitzplatz zurück und wies uns nebenstehende Sessel
an. Dann, nachdem sie die Augen getrocknet:
    »Mein Neffe, Oberst Baron Tilling, - Herr Militäroberpfarrer und
Konsistorialrat Mölser,« stellte sie vor.
    Stumme Verneigungen wurden gewechselt.
    »Mein Freund und geistlicher Berater,« ergänzte sie, »der es sich angelegen
sein lässt, mich in meinem Schmerze aufzurichten -«
    »Dem es aber leider noch nicht gelungen ist, Ihnen die richtige Ergebung,
die richtige Freudigkeit des Kreuztragens beizubringen, geschätzte Freundin,«
sagte Jener. »Warum musste ich eben einen neuerlichen, so matterzigen
Tränenerguss sehen?«
    »Ach, verzeihen Sie mir! Als ich meinen Neffen und seine liebe junge Frau
zum letzten Male sah, da war mein Gottfried -« Sie konnte nicht weiter reden.
    »Da war Ihr Sohn noch auf dieser sündigen Welt, allen Versuchungen und
Gefahren ausgesetzt, während er jetzt in den Schoss des Vaters eingegangen ist,
nachdem er den rühmlichsten, seligsten Tod für König und Vaterland gefunden hat.
Sie, Herr Oberst, wandte er sich nun an meinen Mann, der Sie mir eben auch als
Soldat vorgestellt wurden, können mir helfen, dieser gebeugten Mutter den Trost
zu geben, dass das Schicksal ihres Sohnes ein neidenswertes ist. Sie müssen es
wissen, welche Todesfreudigkeit den tapfern Krieger beseelt - der Entschluss,
sein Leben auf dem Altar des Vaterlandes zum Opfer zu bringen, verklärt ihm
alles Scheideweh, und wenn er im Sturm der Schlacht, beim Donner der Geschütze
sinkt, so erwartet er, zu der grossen Armee versetzt zu werden und dabei zu sein,
wenn der Herr der Heerschaaren droben Heerschau hält. Sie, Herr Oberst, sind
unter Jenen zurückgekehrt, welchen die göttliche Vorsehung den gerechten Sieg
verliehen -«
    »Verzeihen Sie, Herr Konsistorialrat - ich habe in österreichischen Diensten
gestanden -«
    »O ich dachte ... Ah so ...« entgegnete der Andere ganz verwirrt ... »Auch
eine prächtige, tapfere Armee, die österreichische.« - Er stand auf. »Doch ich
will nicht länger stören ... die Herrschaften wollen gewiss von
Familienangelegenheiten sprechen ... Leben Sie wohl, gnädige Frau - in einigen
Tagen will ich wieder kommen ... Bis dahin erheben Sie Ihre Gedanken zu dem
Allerbarmer, ohne dessen Wille kein Haar von unserm Haupte fällt und welcher
Jenen, die ihn lieben, alle Dinge zum Besten dienen lässt, auch Trübsal und Leid,
auch Not und Tod. Ich empfehle mich ergebenst.«
    Meine Tante schüttelte ihm die Hand:
    »Hoffentlich sehe ich Sie bald? Recht bald, ich bitte -«
    Er verneigte sich gegen uns Alle und wollte der Türe zuschreiten.
    Friedrich aber hielt ihn auf:
    »Herr Konsistorialrat - dürfte ich eine Bitte an Sie richten?«
    »Sprechen Sie, Herr Oberst.«
    »Ich entnehme Ihren Reden, dass Sie ebensosehr von religiösem, wie von
militärischem Geist durchdrungen sind. Da könnten Sie mir einen grossen Gefallen
erweisen -«
    Ich horchte gespannt auf. Wo wollte Friedrich nur hinaus?
    »Meine kleine Frau hier,« fuhr er fort, »ist nämlich mit allerlei Skrupel
und Zweifel erfüllt ... sie meint, dass vom christlichen Standpunkte aus der
Krieg nicht recht zulässig sei. Ich weiss zwar das Gegenteil - denn nichts hält
mehr zusammen als der Priester- und der Soldatenstand - aber mir fehlt die
Beredsamkeit, dies meiner Frau klar zu machen. Würden Sie sich nun herbeilassen,
Herr Konsistorialrat, uns morgen oder übermorgen eine Stunde der Unterredung zu
schenken, um -«
    »O sehr gern,« unterbrach der Geistliche. »Wollen Sie mir Ihre Adresse? ...«
Friedrich gab ihm seine Karte und es wurde sogleich Tag und Stunde des erbetenen
Besuches festgesetzt.
    Hierauf blieben wir mit der Tante allein.
    »Gewährt Dir der Zuspruch dieses Freundes wirklich Trost?« fragte sie
Friedrich.
    »Trost? Den gibt es für mich hienieden nicht mehr. Aber er spricht so viel
und so schön von den Dingen, von welchen ich jetzt am liebsten höre - von Tod
und Trauer, von Kreuz und Opfer und Entsagung ... er schildert die Welt, die
mein armer Gottfried verlassen musste, und von welcher auch ich mich wegsehne,
als ein solches Tal des Jammers, der Verderbnis, der Sünde, des zunehmenden
Verfalles ... Und da erscheint es mir denn weniger traurig, dass mein Kind
abberufen worden. - Er ist ja im Himmel und hier auf dieser Erde -«
    »Walten oft Höllengewalten, das ist wahr - das habe ich jetzt wieder in der
Nähe gesehen,« erwiderte Friedrich nachdenklich.
    Hierauf wurde er von der armen Frau über die beiden Feldzüge ausgefragt,
wovon er den einen mit - den andern gegen - Gottfried mitgemacht. Er musste
hundert Einzelheiten anführen und konnte dabei der beraubten Mutter denselben
Trost geben, den er einst mir aus dem italienischen Kriege gebracht: nämlich,
dass der Betrauerte eines raschen und schmerzlosen Todes gestorben sei. Es war
ein langer, trauriger Besuch. Auch die ganzen Einzelheiten der schaurigen
Cholerawoche habe ich da wiedererzählt und meine Erlebnisse auf den böhmischen
Schlachtfeldern. Eh' wir sie verliessen, führte uns Tante Kornelie noch in
Gottfrieds Zimmer, wo ich beim Durchlesen des oben angeführten Briefes - von dem
ich mir später eine Abschrift erbat - von neuem bittere Tränen vergiessen musste.
»Jetzt erkläre mir,« sagte ich zu Friedrich, als wir unseren vor Frau von
Tessow's Villa wartenden Wagen bestiegen, »warum Du den Konsistorialrat -«
    »Zu einer Konferenz mit Dir gebeten? Verstehst Du nicht? ... Das soll mir
als Studienmaterial dienen. Ich will wieder einmal hören - und diesmal notieren
- mit welchen Argumenten die Priester den Völkermord verteidigen. Als Führerin
des Streites habe ich Dich vorgeschoben. Einer jungen Frau geziemt es besser,
vom christlichen Standpunkte aus Zweifel über die Berechtigung des Krieges zu
hegen, als einem Herrn Oberst -«
    »Du weisst aber, dass wir solche Zweifel nicht vom religiösen, sondern vom
humanen Standpunkt -«
    »Diesen müssen wir dem Herrn Konsistorialrat gegenüber gar nicht
hervorkehren, sonst würde die Streitfrage auf ein anderes Feld verlegt. Die
Friedensbestrebungen der Freidenkenden leiden an keinem inneren Widerspruch, und
gerade der Widerspruch, welcher zwischen den Satzungen der Christenliebe und den
Geboten der Kriegsführung besteht, wollte ich von einem militärischen
Oberpfarrer - d.h. also von einem Vertreter christlichen Soldatentums -
erläutern hören.
    Der Geistliche stellte sich pünktlich ein. Offenbar war ihm die Aussicht
verlockend, eine belehrende und bekehrende Predigt vorbringen zu können. Ich
hingegen blickte der Unterredung mit etwas peinlichen Gefühlen entgegen, denn es
fiel mir darin eine unaufrichtige Rolle zu. - Aber zum Wohle der Sache, welcher
Friedrich fortan seine Dienste geweiht, konnte ich mir schon einige Überwindung
auferlegen und mich mit dem Satze trösten: Der Zweck heiligt die Mittel.
    Nach den ersten Begrüssungen - wir sassen alle Drei auf niederen Lehnstühlen
in der Nähe des Ofens - begann der Konsistorialrat also:
    »Lassen Sie mich auf den Zweck meines Besuches eingehen, gnädige Frau. Es
handelt sich darum, aus Ihrer Seele einige Skrupel zu bannen, welche nicht ohne
scheinbare Berechtigung sind, welche aber leicht als Sophismen dargelegt werden
können. Sie finden z.B., dass das Gebot Christi, man solle seine Feinde lieben
und ferner der Satz: Wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen in
Widerspruch zu den Pflichten des Soldaten stehen, der ja doch bemächtigt ist,
den Feind an Leib und Leben zu schädigen -«
    »Allerdings, Herr Konsistorialrat, dieser Widerspruch scheint mir unlöslich.
Es kommt auch noch das ausdrückliche Gebot des Dekalogs hinzu: Du sollst nicht
töten.«
    »Nun ja - auf der Oberfläche beurteilt, liegt hierin eine Schwierigkeit;
aber wenn man in die Tiefe dringt, so schwinden die Zweifel. Was das fünfte
Gebot anbelangt, so würde es richtiger heissen (und ist auch in der englischen
Bibelausgabe so übertragen) »Du sollst nicht morden.« Die Tötung zur Notwehr ist
aber kein Mord. Und der Krieg ist ja doch nur die Notwehr im Grossen. Wir können
und müssen, der sanften Mahnung unseres Erlösers gemäss, die Feinde lieben; aber
das soll nicht heissen, dass wir offenbares Unrecht und Gewalttätigkeit nicht
sollten abwehren dürfen.«
    »Dann kommt es also immer darauf hinaus, dass nur Verteidigungskriege gerecht
seien, und ein Schwertstreich erst dann geführt werden darf, wenn der Feind ins
Land fällt? Die gegnerische Nation aber geht von demselben Grundsatz aus - wie
kann da überhaupt der Kampf beginnen? In dem letzten Krieg war es Ihre Armee,
Herr Konsistorialrat, welche zuerst die Grenze überschritt und -«
    »Wenn man den Feind abwehren will, meine Gnädige - wozu man das heiligste
Recht hat, so ist es durchaus nicht nötig, die günstige Zeit zu versäumen und
erst zu warten, bis er uns ins Land gefallen, sondern es muss unter Umständen dem
Landesherrn frei stehen, dem Gewaltsamen, Ungerechten zuvorzukommen. dabei
befolgt er eben das geschriebene Wort: Wer das Schwert nimmt, soll durch das
Schwert umkommen. Er stellt sich als Gottes Diener und Rächer über den Feind,
indem er trachtet, Denjenigen, der gegen ihn das Schwert nimmt, durch das
Schwert umkommen zu lassen -«
    »Da muss irgendwo ein Trugschluss stecken, sagte ich kopfschüttelnd, diese
Gründe können doch unmöglich für beide Parteien gleich rechtfertigend sein -«
    »Was ferner den Skrupel betrifft,« fuhr der Geistliche fort, ohne meine
Einrede zu beachten, »dass der Krieg an und für sich Gott missfällig sei, so fällt
dieser bei jedem bibelfesten Christen weg, denn die heilige Schrift zeigt zur
Genüge, dass der Herr dem Volke Israel selber befohlen hat, Kriege zu führen, um
das gelobte Land zu erobern, und er verlieh seinem Volke Sieg und Segen dazu. 4.
Mose 21, 14 ist die Rede von einem eigenen Buche der Kriege Jehovas. Und wie oft
wird in den Psalmen die Hilfe gerühmt, die Gott seinem Volke im Kriege
angedeihen liess. Kennen Sie nicht Salomos Spruch (22, 31):
Das Ross steht gerüstet für den Tag der Schlacht,
Aber von dem Herrn kommt der Sieg.
    Im 144. Psalm dankt und lobt David den Herrn, seinen Hort, der »seine Hände
lehrt streiten und seine Fäuste kriegen.«
    »So herrscht denn der Widerspruch zwischen dem alten und dem neuen
Testament: der Gott der alten Hebräer war ein kriegerischer, aber der sanfte
Jesus verkündete die Botschaft des Friedens und lehrte Nächsten- und
Feindesliebe.«
    »Auch im neuen Testament spricht Jesus im Gleichnis Lukas 14, 31 ohne
jeglichen Tadel von einem König, der sich mit einem anderen König in den Krieg
begeben will. Wie oft gebraucht auch der Apostel Paulus Bilder aus dem
Kriegsleben. Er sagt (Römer 13, 4), dass die Obrigkeit das Schwert nicht umsonst
trägt, sondern Gottes Diener und ein Rächer ist, über den, der Böses tut.«
    »Nun also - dann liegt in der heiligen Schrift selber der Widerspruch, den
ich meine. Indem Sie mir zeigen, dass derselbe in der Bibel auch zu finden ist,
räumen Sie ihn nicht weg.«
    »Da sieht man die oberflächliche und zugleich anmassende Urteilsweise, welche
die eigene, schwache Vernunft über Gottes Wort erheben will. Widerspruch ist
etwas Unvollkommenes, Ungöttliches; indem ich also nachweise, dass ein Ding in
der Bibel vorkommt, ist der Beweis erbracht, dass es in sich - mag es der
menschlichen Einsicht noch so unverständlich sein - keinen Widerspruch entalten
kann.«
    »Wenn nicht vielmehr durch das Vorhandensein des Widerspruchs der Nachweis
geführt wäre, dass die betreffenden Stellen unmöglich göttlichen Ursprungs sind.«
Diese Antwort schwebte mir auf den Lippen, doch habe ich sie unterdrückt, um das
Streitobjekt nicht gänzlich zu verrücken.
    »Sehen Sie, Herr Konsistorialrat,« mischte sich jetzt Friedrich in das
Gespräch; »noch viel kräftiger als Sie, hat ein Oberststückhauptmann im 17.
Jahrhundert die Zulässigkeit der Kriegsgreuel durch Berufung auf die Bibel
dargetan. Ich habe mir das Schriftstück aufgehoben und auch meiner Frau schon
vorgelesen, sie wollte sich aber mit dem darin ausgesprochenen Geiste nicht
befreunden. Ich gestehe, mir kommt das Ding auch etwas - stark vor ... und ich
möchte gern Ihre Ansicht darüber hören. Wenn Sie erlauben, so bringe ich das
Dokument.« Er holte aus einem Schubfach ein Papier hervor, entfaltete es und
las:
    »Der Krieg ist von Gott selbst inventieret und den Menschen gelehret worden.
    Den ersten Soldaten setzte Gott ein mit einem zweischneidigen Schwert vor
    das Paradies, um dem ersten Rebellen, Adam, solches zu verbieten. Im
    Deuteronomium ist zu lesen, wie Gott sein Volk durch Moses zum Sieg
    encouragieren lässt und ihnen sogar seine Priester als Avantgarde gibt. Das
    erste Stratagema ward der Stadt Hai beigebracht. In diesem Judenkrieg musste
    die Sonne zwei ganze Tage aneinander am Firmament stehend leuchten, damit
    der Krieg und die Victori konnte persequieret und viele Tausende erschlagen
    und die Könige aufgehenkt werden. Alle Kriegsgreuel sind vor Gott gebilligt,
    denn die ganze heilige Schrift ist voll davon und beweiset genugsam, dass der
    rechtmässige Krieg von Gott selber inventieret ist, dass also ein jeder Mensch
    von gutem Gewissen in demselben dienen, leben und sterben kann. Seine Feinde
    mag er verbrennen oder versengen, schinden, niederstossen oder in Stücke
    zerhauen - es ist Alles recht, mögen Andere daran judizieren was sie wollen;
    Gott hat in diesen Stücken nichts verboten, sondern die grausamsten
    Manieren, Menschen umzubringen, gebilliget.
        Die Prophetin Deborah nagelte dem Kriegsobersten Sissara den Kopf am
        Erdboden an. Gideon, der von Gott verordnete Führer des Volks, rächte
        sich an den Obersten zu Senhot, die ihm etwas Proviant verweigert
        hatten, soldatisch: Galgen und Rad, Schwert und Feuer waren zu schlecht;
        sie wurden mit Dornen gedroschen und zerrissen - gleichwohl war es recht
        vor den göttlichen Augen. Der königliche Prophet David, ein Mann nach
        dem Herzen Gottes, inventierte die grausamsten Martern über die schon
        überwundenen Kinder Ammon zu Rabbot: er liess sie mit Säbeln
        zerschneiden, mit eisernen Wagen über sie fahren, zerschnitt sie mit
        Messern, zog sie herdurch wie man Ziegelsteine formieret, und also tat
        er in allen Städten der Kinder Ammon. Ferner hat -«
»Das ist greulich, das ist abscheulich!« unterbrach der Oberpfarrer. »Nur einem
rohen Söldling aus der verwilderten Zeit des 30 jährigen Krieges sieht es
gleich, solche Beispiele aus der Bibel heranzuziehen, um darauf die Berechtigung
der Grausamkeit gegen den Feind zu stützen. Wir verkünden jetzt ganz andere
Lehren: im Kriege darf weiter nichts erstrebt werden, als die Unschädlichmachung
des Gegners - bis zum Tode - ohne böswillige Absicht gegen das Leben eines
Einzelnen. Tritt solche Absicht, oder gar Mordlust und Grausamkeit gegen
Wehrlose ein, dann ist das Töten im Kriege gerade so unmoralisch und unzulässig
wie im Frieden. Ja, in vergangenen Jahrhunderten, wo Landknechtsführer und
fahrendes Volk den Krieg als Handwerk betrieben, da konnte der
Oberststückhauptmann solches schreiben; aber heutzutage wird nicht für Sold und
Beute und nicht ohne zu wissen, gegen wen und warum, zu Felde gezogen, sondern
für die höchsten idealen Güter der Menschheit - für Freiheit, Selbständigkeit,
Nationalität - für Recht, Glaube, Ehre, Zucht und Sitte ...«
    »Sie, Herr Konsistorialrat,« warf ich ein, »sind jedenfalls sanfter und
menschlicher als der Stückhauptmann; Sie haben daher aus der Bibel keine Belege
für die Stattaftigkeit der Greuel - an welchen unsere mittelalterlichen
Vorfahren und vermutlich noch mehr die alten Hebräer - ihre Lust hatten -
beizubringen; aber es ist doch dasselbe Buch und derselbe Jehova, der nicht
sanfter geworden sein kann, von dem aber Jeder nur so viel Bestätigung sich
holt, als zu seiner Anschauung passt.«
    Auf dieses hin erhielt ich eine kleine Strafpredigt über meinen Mangel an
Ehrerbietung dem Worte Gottes gegenüber und über meinen Mangel an Urteil bei
dessen Auslegung.
    Es gelang mir jedoch, das Gespräch wieder auf unser eigentliches Tema
zurückzuleiten und jetzt erging sich der Konsistorialrat in lange, diesmal
ununterbrochen bleibende Ausführungen über den Zusammenhang zwischen
soldatischem und christlichem Geiste; er sprach von der religiösen Weihe, »die
dem Fahneneid innewohnt, wenn die Standarten mit Musikbegleitung feierlich in
die Kirche getragen werden unter der Ehrenbedeckung zweier Offiziere mit
gezogenem Degen; da tritt der Rekrut zum erstenmale öffentlich mit Helm und
Seitengewehr auf und zum erstenmale folgt er der Fahne seines Truppenteils, die
jetzt entfaltet ist vor dem Altare des Herrn, zerfetzt wie sie ist und
geschmückt mit dem Ehrenzeichen der Schlachten, in der sie getragen worden« ...
Er sprach von der allsonntäglichen kirchlichen Fürbitte: »Beschütze das
königliche Kriegsheer und alle treuen Diener des Königs und des Vaterlands.
Lehre sie, wie Christen ihres Endes gedenken und lass dann ihre Dienste gesegnet
sein zu Deiner Ehre und des Vaterlandes Besten. »Gott mit uns,« führte er weiter
aus, »ist ja auch die Inschrift auf der Gürtelschnalle, mit der der Infanterist
sein Seitengewehr sich umgürtet, und diese Losung soll ihm Zuversicht geben. Ist
Gott mit uns - wer mag wider uns sein? Da sind auch die allgemeinen Landes-,
Buss- und Bettage, die beim Beginn eines Krieges ausgeschrieben werden, damit das
Volk im Gebete des Herrn Hilfe erflehe, zugleich in der getrosten Hoffnung auf
seinen Beistand und im Vertrauen auf den durch diesen Beistand zu erlangenden
glücklichen Ausgang. Welche Weihe liegt für den ausziehenden Krieger darin - wie
mächtig hebt dies seine Kampfes- und seine Todesfreudigkeit! Er kann getrost,
wenn ihn sein König ruft, in die Reihen der Kämpfer treten und auf Sieg und
Segen für die gerechte Sache rechnen: Gott der Herr wird dieselben unserem Volke
ebensowenig entziehen, wie einst seinem Volke Israel, wenn wir nur zu ihm betend
die Arbeit des Kampfes tun Der innige Zusammenhang zwischen Gebet und Sieg
zwischen Frömmigkeit und Tapferkeit ergibt sich leicht - denn was kann mehr
Freudigkeit im Angesicht des Todes gewähren, als die Zuversicht, wenn im
Schlachtgewühl die letzte Stunde schlägt, vor dem himmlischen Richter Gnade zu
finden? Treue und Glauben in Verbindung mit Mannhaftigkeit und Kriegstüchtigkeit
gehören zu den ältesten Traditionen unseres Volkes.
    In diesem Ton ging es noch lange fort: bald in öliger Milde, gesenkten
Hauptes, mit sanftem Tonfall von Liebe, Himmel, Demut, »Kindlein«, Heil und
»köstlichen Dingen«; - bald mit militärischer Kommandostimme, bei stolz in die
Brust geworfener Haltung, von strenger Sitte und strammer Zucht - scharf und
schneidig - Schwert und Wehr. Das Wort »Freude« wurde nicht anders als in den
Zusammensetzungen Todes-, Kampfes- und Sterbensfreudigkeit gebraucht. Vom
feldprobstlichen Standpunkt scheinen eben Töten und Getötetwerden als die
vornehmsten Lebensfreuden zu gelten. Alles Übrige ist erschlaffende, sündhafte
Lust. Auch Verse wurden deklamiert. Zuerst das Körnersche:
Vater, du führe mich!
Führ' mich zum Siege, führ' mich zum Tode!
Herr, ich erkenne deine Gebote.
Herr, wie du willst, so führe mich,
Gott ich erkenne dich!
Dann das alte Volkslied aus dem 30 jährigen Kriege:
Kein sel'grer Tod ist in der Welt,
Als wie vom Feind erschlagen,
Auf grüner Au', im freien Feld,
Darf nicht hören gross Wehklagen.
Im engen Bett, da einer allein
Muss an den Todesreih'n,
Hier aber find't er Gesellschaft fein -
Fallen wie Kraut im Maien.
Ferner das Lenausche Lied vom kriegslustigen Waffenschmied:
Friede hat das Menschenleben
Still verwahrlost, sanft verwüstet,
Wie er seiner Tat sich brüstet,
Alles hängt voll Spinneweben ...
Ha! nun fährt der Krieg dazwischen,
Klafft und gähnt auch manche Wunde,
Gähnt man selt'ner mit dem Munde.
Kampf und Tod die Welt erfrischen.
Und schliesslich noch das Wort Luters:
    »Sehe ich den Krieg an als ein Ding, das Weib, Kind, Haus, Hof, Gut und Ehre
    schützt und Frieden damit erhält und bewahrt, so ist er eine gar köstliche
    Sache.«
»Nun ja - sehe ich den Panter als eine Taube an, so ist der Panter ein gar
sanftes Tierchen,« bemerkte ich ungehört.
    Gern hätte ich auch auf seine poetischen Ergüsse die Verse Bodenstedts
entgegnet:
Ihr mögt von Kriegs- und Heldenruhm
So viel und wie ihr wollt verkünden,
Nur schweigt von eurem Christentum,
Gepredigt aus Kanonenschlünden.
Bedürft ihr Proben eures Muts,
So schlagt euch wie die Heiden weiland,
Vergiesst so viel ihr müsst des Bluts,
Nur redet nicht dabei vom Heiland.
Noch gläubig schlägt das Türkenheer
Die Schlacht zum Ruhme seines Allah,
Wir haben keinen Odin mehr,
Tot sind die Götter der Walhalla.
Seid was ihr wollt, doch ganz und frei,
Auf dieser Seite wie auf jener,
Verhasst ist mir die Heuchelei
Der kriegerischen Nazarener.
Aber unser »kriegerischer Nazarener« sah nicht, was in meinem Geiste vorging; er
liess sich in seinem Redefluss nicht irre machen und als er sich empfahl, da hatte
er das Bewusstsein, mich zweier Dinge überführt zu haben; dass der Krieg vom
christlichen Standpunkte aus ein gerechtfertigter - und an und für sich eine
köstliche Sache sei. Durch diesen rhetorischen Sieg seiner Berufspflicht
nachgekommen zu sein und damit dem fremden Herrn Obersten einen beträchtlichen
Dienst erwiesen zu haben, war ihm sichtlich sehr befriedigend, denn als er sich
zum Gehen erhob und wir ihm unseren Dank für die bereitwillige Bemühung
aussprachen, erwiderte er abwehrend:
    »Es ist an mir, Ihnen zu danken, mir die Gelegenheit geboten zu haben, durch
mein schwaches Wort, dessen ganze Wirksamkeit dem vielfach herangezogenen Worte
Gottes zuzuschreiben ist, solche Zweifel zu verscheuchen, welche sowohl der
Christin, als der Soldatenfrau nur quälend sein mussten. Der Friede sei mit
Ihnen!«
    »Ach!« stöhnte ich, nachdem er sich entfernt hatte, »das war eine Qual!«
    »Ja, das war es,« bestätigte Friedrich. »Besonders unsere Unaufrichtigkeit
war mir nicht behaglich - die falsche Voraussetzung nämlich, unter welcher wir
ihn zur Entfaltung seiner Beredsamkeit bewogen haben. Einen Augenblick drängte
es mich, ihm zu sagen: Halten Sie ein, hochwürdiger Herr, ich selber hege die
gleichen Ansichten gegen den Krieg, wie meine Frau, und was Sie sprechen, soll
mir nur dazu dienen, die Schwäche Ihrer Argumente näher zu untersuchen. Aber ich
schwieg. Wozu eines redlichen Mannes Überzeugung - eine Überzeugung, die noch
dazu die Grundlage seines Lebensberufes ist - verletzen?«
    »Überzeugung? - bist Du dessen sicher? Glaubt er wirklich die Wahrheit zu
sprechen, oder betört er seine Soldatengemeinde absichtlich, wenn er ihr den
sicheren Sieg verspricht, durch den Beistand eines Gottes, von dem er doch
wissen muss, dass er von dem Feinde gerade so angerufen wird? Diese Berufungen auf
»unser Volk«, auf »unsere«, als die einzig gerechte Sache, die zugleich Gottes
Sache ist, die waren doch nur möglich zu einer Zeit, da ein Volk von allen
übrigen Völkern abgeschlossen, sich für das einzig Daseinsberechtigte, das
einzig Gottgeliebte hielt. Und dann diese Vertröstungen auf den Himmel, um desto
leichter die Hingebung des irdischen Lebens zu erlangen, alle diese Ceremonien -
Weihen, Eide, Gesänge - welche in der Brust des in den Krieg Befohlenen die so
beliebte »Todesfreudigkeit« (mir graut vor dem Worte) erwecken sollen, ist das
nicht -«
    »Alles hat zwei Seiten, Marta,« unterbrach Friedrich. »Weil wir den Krieg
verwünschen, erscheint uns Alles, was ihn stützt und verschönt, was seine
Schrecken verschleiert, hassenswert.«
    »Ja, natürlich, denn dadurch wird das Gehasste erhalten.«
    »Nicht dadurch allein ... Alte Einrichtungen stehen mit tausend Fasern
festgewurzelt, und so lang sie da waren, war's doch auch gut, dass diejenigen
Gefühle und Gedanken bestanden, durch die sie verschönt - durch die sie nicht
nur erträglich, sondern sogar beliebt gemacht wurden. Wie viel armen Teufeln
half jene anerzogene »Todesfreudigkeit« über das Sterbensweh hinweg; wie viel
fromme Seelen bauten vertrauensvoll auf die ihnen vom Prediger zugesicherte
Gotteshilfe; wie viel unschuldige Eitelkeit und stolzes Ehrgefühl ward nicht
durch jene Ceremonien geweckt und befriedigt, wie viel Herzen schlugen nicht
höher bei den Klängen jener Gesänge? Von allem Leid, das der Krieg über die
Menschen gebracht hat, ist doch wenigstens jenes Leid abzurechnen, welches
wegzusingen und wegzulügen den Kriegsbarden und den Feldgeistlichen gelungen
ist.«
Wir wurden von Berlin sehr plötzlich wieder abberufen. Eine Depesche meldete
mir, dass Tante Marie schwer erkrankt sei und uns zu sehen wünsche.
    Ich fand die alte Frau von den Arzten aufgegeben.
    »Jetzt ist die Reihe an mir,« sagte sie. »Eigentlich gehe ich recht gern ...
Seit mein armer Bruder und seine drei Kinder hingerafft wurden, hat es mich
ohnehin auf dieser Welt nicht mehr gefreut - von diesem Schlag konnte ich mich
nie mehr erholen ... Drüben werde ich die Andern wiederfinden ... Konrad und
Lilli sind dort auch vereint ... es war ihnen nicht bestimmt, auf Erden vereint
zu werden ...
    »Wäre zu rechter Zeit abgerüstet worden -« wollte ich zu widersprechen
beginnen, aber ich hielt mich zurück: mit dieser Sterbenden konnte ich doch
keinen Streit anheben und doch nicht an ihrer Lieblingsteorie »Bestimmung« zu
rütteln versuchen.
    »Ein Trost ist mir,« fuhr sie fort, »dass wenigstens Du glücklich
zurückbleibst, liebe Marta ... Dein Mann ist aus zwei Feldzügen zurückgekehrt -
die Cholera hat euch verschont - es hat sich deutlich erwiesen, dass ihr bestimmt
seid, miteinander alt zu werden ... Trachte nur, aus dem kleinen Rudolf einen
guten Christen und einen guten Soldaten heranzuziehen, damit sein Grossvater noch
da oben seine Freude an ihm haben möge« ...
    Auch darüber schwieg ich lieber, dass ich fest entschlossen war, aus meinem
Sohne keinen Soldaten zu machen.
    »Ich werde unaufhörlich für euch beten ... damit ihr lange und zufrieden
lebt. -«
    Natürlich hob ich den Widerspruch nicht auf, dass eine »unverrückbare
Bestimmung« durch den Einfluss unaufhörlichen Betens zum Guten gelenkt werden
solle, doch unterbrach ich die Arme, indem ich sie bat, sich mit Sprechen nicht
anzustrengen, und erzählte ihr, um sie zu zerstreuen, von unseren schweizer und
berliner Erlebnissen. Ich berichtete, dass wir auch mit Prinz Heinrich
zusammengekommen und dass derselbe in seinem Schlosspark dem Andenken der ebenso
schnell gewonnenen als wiederverlorenen Braut ein Marmordenkmal aufrichten
lasse.
    Nach drei Tagen, ergeben und gefasst, mit den selbstverlangten - andächtig
empfangenen Sterbesakramenten versehen, entschlief meine arme Tante Marie; - und
so waren denn alle die Meinen, Alle, in deren Mitte ich aufgewachsen, von der
Erde geschieden ...
    In ihrem Testament war als Universalerbe ihres kleinen Vermögens mein Sohn
Rudolf eingesetzt und zum Vormund - Minister »Allerdings« bestellt.
    Dieser Umstand brachte mich nun in häufige Berührung mit diesem einstigen
Freunde meines Vaters. Er war auch ziemlich der Einzige, der unser Haus
besuchte. Die tiefe Trauer, in welche mich die Grumitzer Unglückswoche versetzt
hatte, brachte es selbstverständlich mit sich, dass ich ganz zurückgezogen lebte.
Unser Plan, nach Paris zu übersiedeln, konnte erst ausgeführt werden, wenn alle
meine Geschäfte in Ordnung gebracht waren, was jedenfalls noch einige Monate in
Anspruch nehmen musste.
    Unser Freund, der Minister, welcher wie gesagt, beinahe unseren einzigen
Umgang bildete, hatte in der letzten Zeit seinen Abschied genommen oder
bekommen, - das habe ich nie ergründen können - kurz, er hatte sich ins
Privatleben zurückgezogen, liebte es aber noch immer, sich mit Politik zu
beschäftigen. Er wusste stets das Gespräch auf dieses sein Lieblingstema zu
lenken und wir gaben ihm auch willig die Replik. Da sich Friedrich jetzt so
eifrig mit dem Studium des Völkerrechts befasste, so war ihm jede Diskussion
willkommen, welche dieses Gebiet streifte. Nach dem Speisen (Herr von Allerdings
- wir bezeichneten ihn unter uns immer mit diesem Spitznamen - war zweimal
wöchentlich bei uns zu Tisch geladen) pflegten die beiden Herren sich in ein
langes politisches Gespräch zu vertiefen, wobei mein Mann es jedoch vermied,
dieses Gespräch in die ihm so verhasste Kannegiesserei ausarten zu lassen, sondern
bemüht war, dasselbe auf verallgemeinernde Standpunkte zu lenken. Hierin konnte
ihm »Allerdings« allerdings nicht immer folgen, denn in seiner Eigenschaft als
eingewurzelter Diplomat und Büreaukrat hatte er sich angewöhnt, die sogenannte
»praktische Politik« oder »Realpolitik« zu betreiben - ein Ding, welches ja nur
auf die nächstliegenden Sonderinteressen gerichtet ist und von den teoretischen
Fragen der Gesellschaftskunde nichts weiss.
    Ich sass daneben, mit einer Handarbeit beschäftigt und mischte mich nicht in
das Gespräch, was dem Herrn Minister ganz natürlich schien, denn bekanntlich ist
für Frauen die Politik ja »viel zu hoch«; er war überzeugt, dass ich dabei an
andere Dinge dachte, während ich - im Gegenteil - sehr aufmerksam zuhörte, da es
meines Amtes war, mir so gut als möglich den Wortlaut dieser Dialoge in das
Gedächtnis zu prägen, um dieselben hernach in die roten Hefte einzutragen.
Friedrich machte von seinen Gesinnungen kein Hehl, obwohl er wusste, welche
undankbare Rolle es ist, gegen das allgemein Geltende sich aufzulehnen und Ideen
zu vertreten, so lange dieselben noch in jenem Stadium sind, wo sie - wenn nicht
als umstürzlerisch verdammt - so doch als phantastisch verlacht werden.
    »Ich kann Ihnen heute eine interessante Nachricht mitteilen, lieber
Tilling,« sagte der Minister eines nachmittags mit wichtiger Miene. »Man geht in
Regierungskreisen, das heisst im Kriegsministerum, mit der Idee um, auch bei uns
die allgemeine Wehrpflicht einzuführen.«
    »Wie? Dasselbe System, welches vor dem Krieg bei uns so allgemein geschmäht
und verspottet wurde? Bewaffnete Schneidergesellen und so weiter?« ...
    »Allerdings hatten wir vor kurzer Zeit ein Vorurteil dagegen - aber es hat
sich bei den Preussen doch bewährt, das müssen Sie zugestehen. Und eigentlich -
vom moralischen Standpunkt - selbst vom demokratischen und liberalen Standpunkt,
für welchen Sie ja mitunter zu schwärmen scheinen - ist es doch eine gerechte
und erhebende Sache, wenn jeder Sohn des Vaterlandes, ohne Rücksicht auf Stand
und Bildungsstufe, die gleichen Pflichten zu erfüllen hat. Und vom strategischen
Standpunkt: hätte das kleine Preussen jemals siegen können, wenn es die Landwehr
nicht gehabt hätte - und wäre diese bei uns schon eingeführt gewesen, wären wir
jemals besiegt worden?«
    »Das heisst also, wenn wir ein grösseres Material gehabt hätten, so hätte dem
Feinde das seine nichts genützt. Ergo - wenn überall die Landwehr eingeführt
wird, ist sie für Niemand mehr zum Vorteil. Das Kriegsschachspiel wird mit mehr
Figuren gespielt, die Partie hängt aber doch wieder von dem Glück und der
Geschicklichkeit der Spieler ab. Ich setze den Fall, alle europäischen Mächte
führen die allgemeine Wehrpflicht ein, so bliebe das Machtverhältnis genau
dasselbe - der Unterschied wäre nur der, dass, um zur Entscheidung zu gelangen,
statt Hunderttausende, Millionen hingeschlachtet werden müssten.«
    »Finden Sie es aber gerecht und billig, dass nur ein Teil der Bevölkerung
sich opfere, um die höchsten Güter der Andern zu verteidigen, und diese Anderen,
zumal wenn sie reich sind, ruhig zu Hause bleiben dürfen? Nein, nein - mit dem
neuen Gesetz wird das aufhören. Da gibt es kein Loskaufen mehr - da muss Jeder
mittun. Und gerade die Gebildeten, die Studenten, solche, die etwas gelernt
haben, die geben intelligente und daher auch sieghafte Elemente ab.«
    »Bei dem Gegner sind dieselben Elemente vorhanden - also heben sich die
durch gebildete Unteroffiziere zu gewinnenden Vorteile. Dagegen bleibt -
gleichfalls auf beiden Seiten - der Verlust an unschätzbarem geistigen Material,
welches dem Lande dadurch entzogen wird, dass die Gebildetsten - diejenigen,
welche durch Erfindungen, Kunstwerke oder wissenschaftliche Forschungen die
Kultur gefördert hätten - in Reih' und Glied als Zielscheiben feindlicher
Geschütze aufgestellt werden.«
    »Ach was - zu dem Erfindungmachen und Kunstwerkproduzieren und
Schädelknochen-Untersuchungen - Alles Dinge, welche die Machtstellung des
Staates um kein Quentchen vergrössern -«
    »Hm!«
    »Wie?«
    »Nichts, bitte, fahren Sie fort.«
    »- dazu bleibt den Leuten noch immer Zeit. Sie brauchen ja nicht ihr ganzes
Leben lang zu dienen - aber ein paar Jahre strammer Zucht, die tun sicherlich
Allen gut und machen sie zur Ausübung ihrer übrigen Bürgerpflichten nur desto
befähigter. Blutsteuer müssen wir nun einmal zahlen - also soll sie unter Allen
gleich verteilt werden.«
    »Wenn durch diese Verteilung auf den Einzelnen weniger käme, so hätte das
etwas für sich. Das wäre aber nicht der Fall - die Blutsteuer würde da nicht
verteilt, sondern vermehrt. Ich hoffe, das Projekt dringt nicht durch. Es ist
unabsehbar, wohin das führte. Eine Macht wollte dann die andere an Heeresstärke
überbieten und endlich gäbe es keine Armeen mehr, sondern nur bewaffnete Völker.
Immer mehr Leute würden zum Dienst herangezogen, immer länger würde die Dauer
der Dienstzeit, immer grösser die Kriegssteuerkosten, die Bewaffnungskosten ...
Ohne miteinander zu fechten, würden sich die Nationen durch Kriegsbereitschaft
alle selber zu grunde richten.«
    »Aber lieber Tilling, Sie denken zu weit!«
    »Man kann niemals zu weit denken. Alles was man unternimmt, muss man bis zu
seinen letzten Konsequenzen - wenigstens soweit, als der Geist reicht,
auszudenken wagen. Wir verglichen vorhin den Krieg mit dem Schachspiel - auch
die Politik ist ein solches, Excellenz, und das sind gar schwache Spieler,
welche nicht weiter denken als einen Zug, und sich schon freuen, wenn sie sich
so gestellt haben, dass sie einen Bauer bedrohen. Ich will den Gedanken, der sich
unablässig steigernden Wehrmacht und der Verallgemeinerung der Dienstpflicht
sogar noch weiter ausspinnen, bis zu der äussersten Grenze - bis zu jener
nämlich, wo das Mass übergeht. Wie dann, wenn, nachdem die grössten Massen und die
äussersten Altersgrenzen erreicht sind, es einer Nation einfiele, auch Regimenter
von Frauen aufzustellen? Die Anderen müssten es nachahmen. Oder Kinderbataillone?
Die Anderen müssten es nachahmen. Und in der Bewaffnung - in den
Zerstörungsmitteln - wo wäre da die Grenze? O dieses wilde, blinde
In-den-Abgrundrennen!«
    »Beruhigen Sie sich, lieber Tilling ... Sie sind ein rechter Phantast. Sagen
Sie mir ein Mittel, den Krieg abzuschaffen, so wäre es allerdings ganz gut.
Nachdem aber das nicht möglich ist, so muss doch jede Nation trachten, sich
darauf so gut als möglich vorzubereiten, um sich in dem unausweichlichen Kampf
ums Dasein (so heisst das Schlagwort des jetzt so modernen Darwin, nicht wahr?)
die grösste Gewinnchance zu sichern.«
    Wenn ich die Mittel, Kriege aufzuheben, vorschlagen wollte, so würden Sie
mich noch einen ärgeren Phantasten schelten, einen sentimentalen, von
Humanitätsschwindel (so heisst doch das beliebte Schlagwort der Kriegspartei?)
angekränkelten Träumer!« ...
    »Allerdings könnte ich Ihnen nicht verhehlen, dass zur Erreichung eines
solchen Ideals aller praktischer Untergrund fehlt. Man muss mit den vorhandenen
Faktoren rechnen. Dazu gehören die menschlichen Leidenschaften, die Rivalitäten,
die Verschiedenheit der Interessen, die Unmöglichkeit, sich über alle Fragen zu
einigen -«
    »Ist auch nicht nötig: wo die Zwistigkeiten beginnen, hat ein Schiedsgericht
- nicht aber die Gewalt - zu entscheiden.«
    »Einem Tribunal werden sich die souveränen Staaten, werden sich die Völker
niemals fügen wollen.«
    »Die Völker? Die Potentaten und Diplomaten wollen es nicht. Aber das Volk?
Man frage es nur, bei ihm ist der Friedenswunsch glühend und wahr, während die
Friedensbeteuerungen, die von den Regierungen ausgehen, häufig Lüge,
gleissnerische Lüge sind - oder wenigstens von den anderen Regierungen
grundsätzlich als solche aufgefasst werden. Das heisst ja eben Diplomatie. Und
immer mehr und mehr werden die Völker nach Frieden rufen. Sollte die allgemeine
Wehrpflicht sich verbreiten, so würde in demselben Masse die Kriegsabneigung
zunehmen. Eine Klasse von für ihren Beruf begeisterter Soldaten ist noch
denkbar: durch ihre Ausnahmestellung, die als eine Ehrenstellung gilt, die ihr
für die damit verbundenen Opfer Ersatz geboten; aber wenn die Ausnahme aufhört,
hört auch die Auszeichnung auf. Es schwindet die bewundernde Dankbarkeit, welche
die Heimgebliebenen den zu ihrem Schutze Hinausgezogenen weihen - weil es ja
Heimgebliebene überhaupt keine mehr gibt. Die kriegsliebenden Gefühle, die dem
Soldaten immer untergeschoben - und damit auch häufig erweckt werden, die werden
dann seltener angefacht; denn wer sind diejenigen, die am heldenmütigsten tun,
die am heftigsten von kriegerischen Grosstaten und Gefahren schwärmen?
Diejenigen, die davor schön sicher sind - die Professoren, die Politiker, die
Bierhauskannegiesser - der Chor der Greise, wie im Faust. Nach dem Verlust der
Sicherheit wird dieser Chor verstummen. Ferner: wenn nicht nur jene dem
Militärdienst sich widmen, die ihn lieben und loben, sondern auch alle jene
zwangsweise dazu herangezogen werden, die ihn verabscheuen, so muss dieser
Abscheu zur Geltung kommen. Dichter, Denker, Menschenfreunde, sanfte Leute,
furchtsame Leute: alle diese werden von ihrem Standpunkte aus das aufgezwungene
Handwerk verdammen!«
    »Sie werden diese Gesinnung aber wohlweislich verschweigen, um nicht für
feige zu gelten - um sich höheren Orts nicht der Ungnade auszusetzen.«
    »Schweigen? Nicht immer. So wie ich rede - obwohl ich selber lange
geschwiegen habe - so werden die Anderen auch mit der Sprache herausrücken. Wenn
die Gesinnung reift, wird sie zum Wort. Ich einzelner bin vierzig Jahre alt
geworden, bis meine Überzeugung die Kraft gewann, sich im Ausdruck Luft zu
machen. Und so wie ich zwei oder drei Jahrzehnte gebraucht - so werden die
Massen vielleicht zwei oder drei Generationen gebrauchen, aber reden werden sie
endlich doch.«
Neujahr 67!
    Wir feierten Sylvester ganz allein, mein Friedrich und ich. Als es zwölf Uhr
schlug:
    »Erinnerst Du Dich des Trinkspruches,« fragte ich seufzend, »den mein armer
Vater voriges Jahr um diese Stunde ausgebracht? Ich wage es gar nicht, Dir jetzt
Glück zu wünschen - die Zukunft birgt mitunter so unerwartet Fürchterliches in
ihrem Schoss und noch kein Mensch hat solches abzuwenden vermocht ...«
    »So benutzen wir die Jahreswende, Marta, um, statt vorauszudenken,
zurückzuschauen in das eben verflossene Jahr. Was hast Du, meine arme, tapfere
Frau da Alles leiden müssen! So viele Deiner Lieben begraben ... und jene
Schreckenstage auf den böhmischen Schlachtfeldern -«
    »Ich bedauere nicht, die dortigen Greuel gesehen zu haben - wenigstens kann
ich nunmehr mit der ganzen Kraft meiner Seele an Deinen Bestrebungen
teilnehmen.«
    »Wir müssen Deinen - unseren Rudolf dazu erziehen, diese Bestrebungen weiter
durchzuführen; in seiner Zeit wird vielleicht ein sichtbares Ziel am Horizont
aufsteigen - in unserer schwerlich. - Wie die Leute auf den Strassen lärmen - die
bejubeln doch wieder das neue Jahr, trotz der Leiden, welche ihnen das - ebenso
eingejubelte - alte gebracht. O diese vergesslichen Menschen!«
    Schilt sie nicht zu sehr ob dieser Vergesslichkeit, Friedrich. Mir fängt auch
schon an, das vergangene Leid wie traumhaft aus dem Gedächtnis zu entflattern
und was ich gegenwärtig empfinde, ist das Glück der Gegenwart, das Glück, Dich
zu haben, Einziger! Ich glaube auch - wir wollen zwar nicht von der Zukunft
sprechen - aber ich glaube, wir haben eine schöne Zukunft vor uns ... Einig,
liebend, selbständig, reich - wie viel herrliche Genüsse kann uns das Leben noch
bieten: wir werden reisen, die Welt kennen lernen, die so schöne Welt ... Schön,
solange Frieden herrscht, und der kann jetzt viele, viele Jahre ausdauern ...
Sollte doch wieder Krieg ausbrechen, so bist Du nicht mehr daran beteiligt ...
auch Rudolf ist nicht bedroht, da er nicht Soldat werden soll« ...
    »Wenn aber, wie Minister Allerdings berichtet, jeder Mensch wehrpflichtig
sein wird -«
    »Ach, Unsinn. - Was ich also sagen wollte: wir reisen, wir ziehen uns in
Rudolf einen Mustermenschen auf, wir verfolgen unser edles Ziel der
Friedenspropaganda, und wir - wir lieben uns!«
    »O Du mein holdes Weib!« ... Er zog mich an sich und küsste mich auf den
Mund. Es war das erste Mal, nach all der Trennungs-, Schreckens- und Trauerzeit,
dass sich der milden Zärtlichkeit seiner Liebkosungen wieder eine Flamme
beimischte - eine Flamme, die mich mit süsser Glut umloderte. Vergessen war
Krieg, Cholera, Allerseelen in dieser seligen Sylvesternacht und - - unser am 1.
Oktober 1867 geborenes Töchterchen haben wir Sylvia getauft.
    Der Fasching desselben Jahres brachte wieder Bälle und Vergnügungen aller
Art. Natürlich nicht für uns - meine Trauer hielt mich von allen solchen Dingen
fern. Was mich aber wunderte, war, dass nicht die ganze Gesellschaft solchen
rauschenden Treiben entsagte. Es musste doch beinah in jeder Familie ein
Verlustfall vorgekommen sein; aber, wie es scheint, man setzte sich darüber
hinaus. Zwar blieben einige Häuser geschlossen, namentlich in der Aristokratie,
aber an Tanzgelegenheiten fehlte es der Jugend nicht und natürlich waren die
beliebtesten Tänzer Diejenigen, welche von den italienischen oder böhmischen
Schlachtfeldern heimgekehrt; und am meisten gefeiert wurden die Marineoffiziere
- namentlich die Mitkämpfer bei Lissa. In Tegetoff, den jugendlichen Admiral
(wie nach dem Feldzug von Schleswig-Holstein in den schönen General Gablenz) war
die halbe Damenwelt verliebt. »Custozza« und »Lissa«, das waren überhaupt die
beiden Trümpfe, welche in jedem Gespräch über den abgelaufenen Krieg ausgespielt
wurden. Daneben Zündnadelgewehr und Landwehr - zwei Institutionen, welche
schleunigst eingeführt werden sollten und künftige Siege waren uns verbürgt.
Siege - wann und gegen wen? Darüber sprach man sich nicht aus; aber der
Revanchegedanke, der jede verlorene Partie - wenn es auch nur eine Kartenpartie
ist - zu begleiten pflegt, der schwebte über allen Kundgebungen der Politiker.
Wenn wir auch selber nicht wieder gegen Preussen losziehen würden, vielleicht
würden es Andere auf sich nehmen, uns zu rächen. Allem Anschein nach wollte
Frankreich mit unseren Überwindern anbinden und da könnte ihnen so manches
heimgezahlt werden - das Ding hatte in diplomatischen Kreisen sogar schon einen
Namen; »La revanche de Sadowa«. So teilte uns Minister Allerdings befriedigt
mit.
    Es war zu Anfang des Frühjahrs, dass wieder so ein gewisser »schwarzer Punkt«
am Horizont aufstieg - eine sogenannte »Frage«. Auch die Nachrichten von
französischen Rüstungen verschaften den Konjektural-Politikern das so beliebte
»Krieg in Sicht«. Die Frage hiess diesmal die Luxemburger.
    Luxemburg? Was war denn das wieder so weltwichtiges? Da musste ich erst
wieder Studien anstellen, wie einst über Schleswig-Holstein. Mir war der Name
eigentlich nur aus Suppés »Flotte Burschen« geläufig, worin bekanntlich ein
»Graf von Luxemburg sein ganzes Geld verputzt, putzt, putzt ...« Das Ergebnis
meiner Forschungen war folgendes:
    Luxemburg gehörte nach den Verträgen von 1814 und 1816 (ah, da haben wir's:
Verträge - da lässt sich schon ein Völkerprozess daraus ableiten - eine hübsche
Einrichtung, diese Verträge) - gehörte laut Vertrag dem König der Niederlande
und zugleich dem deutschen Bunde. Preussen hatte in der Hauptstadt das
Besatzungsrecht. Nun hatte aber Preussen im Juni 1866 seine Teilnahme am alten
Bund gekündigt, wie sollte es jetzt mit dem Besatzungsrecht gehalten werden? Da
war sie, die Frage. Der prager Frieden hatte ja ein neues System in Deutschland
eingesetzt und mit diesem war die Zusammengehörigkeit mit Luxemburg aufgehoben -
warum behielten dann die Preussen ihr Besatzungsrecht? »Allerdings« - das war
verwickelt und konnte am vorteilhaftesten und gerechtesten durch Abschlachtung
neuer Hunderttausende geschlichtet werden - das muss doch jeder »einsichtige«
Politiker zugeben. Dem holländischen Volke hat niemals etwas an dem Besitz des
Grossherzogtums gelegen; auch dem König Wilhelm III. lag nichts daran, und er
hätte es gern für eine Summe in seine Privatkasse an Frankreich abgegeben. Da
begannen nun geheime Verhandlungen zwischen dem König und dem französischen
Kabinett. Recht so: Geheimnis ist ja der Kern aller Diplomatie. Die Völker
dürfen von den Streitigkeiten nichts wissen - kommen diese erst zum Austrage, so
haben sie das Recht, dafür zu bluten. Warum und wofür sie sich schlagen - das
ist Nebensache.
    Ende März erst macht der König die Nachricht offiziell und am selben Tage,
als er sein Einverständnis nach Frankreich telegraphiert, wird der preussische
Gesandte im Haag davon unterrichtet. Daraufhin beginnen Unterhandlungen mit
Preussen. Dieses beruft sich auf die Garantie der Verträge von 1859, auf
Grundlage deren das Königreich Holland bestand. Die öffentliche Meinung (wer ist
das, die öffentliche Meinung? Wohl die Leitartikelschreiber?) in Preussen ist
entrüstet, dass das alte deutsche Reichsland losgerissen werden soll; im
norddeutschen Reichstag - am 1. April - werden über diesen Gegenstand feuerige
Interpellationen gestellt. Bismarck bleibt zwar über Luxemburg kalt,
veranstaltet jedoch bei dieser Gelegenheit Rüstungen gegen Frankreich, was
natürlich wieder französische Gegenrüstungen zur Folge hat. Ach, wie ich diese
Melodie schon kenne! Damals zitterte ich sehr, dass ein neuer Brand in Europa
ausbreche. An Schürern fehlte es nicht: in Paris Cassagnac und Emile de
Girardin, in Berlin Menzel und Heinrich Leo. Ob denn solche Kriegshetzer nur
eine entfernte Ahnung haben von der Riesenhaftigkeit ihres Verbrechertums? Ich
glaube kaum. Um jene Zeit war es - ich habe das erst viele Jahre später erzählen
gehört - dass Professor Simon dem Kronprinzen Friedrich von Preussen gegenüber
über die schwebende Frage äusserte:
    »Wenn Frankreich und Holland bereits abgeschlossen haben, so bedeutet das
    den Krieg.«
        Worauf der Kronprinz in heftiger Erregung und Bestürzung erwiderte: »Sie
        haben den Krieg nicht gesehen ... hätten Sie ihn gesehen, so würden Sie
        das Wort nicht so ruhig aussprechen ... Ich habe ihn gesehen und ich
        sage Ihnen, es ist die grösste Pflicht, wenn es irgend möglich ist, den
        Krieg zu vermeiden.«
Und diesmal wurde er vermieden. In London trat eine Konferenz zusammen, welche
am 11. Mai zu dem erwünschten friedlichen Resultate führte. Luxemburg ward als
neutral erklärt und Preussen zog seine Truppen fort. Die Friedensfreunde atmeten
auf, aber es gab Leute genug, welche sich über diese Wendung ärgerten. Nicht der
Kaiser der Franzosen - dieser wünschte den Frieden - aber die französische
»Kriegspartei«. Auch in Deutschland erhoben sich Stimmen, welche das Verhalten
Preussens verurteilten: »Aufopferung eines Vollwerks«, »Wie Furcht aussehende
Nachgiebigkeit« und dergleichen mehr. - Auch jede Privatperson, welche auf den
Rechtsspruch des Gerichtes hin auf irgend einen Besitz verzichtet, zeigt solche
Nachgiebigkeit - wäre es besser, sie beugte sich keinem Tribunal und schlüge mit
den Fäusten drein? Was die Londoner Konferenz erreicht, das könnte in solchen
strittigen Fragen immer erreicht werden, und den Staatenlenkern wäre jene
Vermeidung immer möglich, die der nachnachmalige Friedrich III., Friedrich der
Edle, die grösste Pflicht genannt.
Im Mai begaben wir uns nach Paris, um die Ausstellung zu besuchen.
    Ich hatte die Weltstadt noch nicht gesehen und war von der Pracht und dem
Leben derselben ganz geblendet. Namentlich damals - das Kaiserreich stand auf
seinem höchsten Glanzpunkte und sämtliche Kronenträger Europas hatten sich da
zusammengefunden - namentlich damals bot Paris ein Bild fröhlichster und
friedenssicherster Herrlichkeit. Nicht wie die Hauptstadt eines Landes, sondern
wie die Hauptstadt der Internationalität erschien mir damals die - drei Jahre
später von ihrem östlichen Nachbar bombardierte - Stadt. Alle Völker der Erde
hatten sich in dem grossen Champ de Mars-Palaste zu den friedlichen - einzig
nützlichen, weil schaffenden und nicht zerstörenden - Kampf des Wettbewerbs
versammelt; so viel Kunstwerke und Gewerbewunder waren hier zusammengetragen,
dass sich in jedem Beschauer der Stolz regen musste, in so vorgeschrittener, immer
noch weiteren Fortschritt versprechender Zeit zu leben; und neben diesem Stolz
musste natürlich auch der Vorsatz entstehen, den Gang solcher genussspendenden
Kulturentwickelung nicht mehr durch brutales Vernichtungswüten zu hemmen. Diese
hier als Gäste des Kaisers und der Kaiserin versammelten Könige, Fürsten und
Diplomaten konnten doch bei all' den ausgetauschten Höflichkeiten,
Freundlichkeiten, Glückwünschen nicht daran denken, nächstens mit ihren
Gastgebern oder untereinander Todesgeschosse zu tauschen? ... Nein: ich atmete
auf. Dieses ganze blendende Ausstellungsfest schien mir die Bürgschaft, dass
jetzt eine Ära von langen, langen Friedensjahren begonnen. Höchstens gegen einen
Mongolenüberfall oder so etwas dergleichen konnten diese civilisierten Leute
noch das Schwert ziehen, aber gegeneinander? - das erlebten wir wohl nimmermehr.
Was mich in dieser Auffassung bestärkte, war die Mitteilung, die mir über einen
Lieblingsplan des Kaisers gemacht wurde: allgemeine Abrüstung. Ja, das stand bei
Napoleon III. fest - ich habe es aus dem Munde seiner nächsten Verwandten und
Vertrauten -: bei nächster passender Gelegenheit würde er sämtlichen
europäischen Regierungen den Vorschlag unterbreiten, ihren Heeresstand auf ein
Minimum herabzusetzen. Das liess sich hören - das war wohl eine vernünftigere
Idee, als diejenige einer allgemeinen Heeresverstärkung. Damit wäre die bekannte
Forderung Kants erfüllt, welche in Paragraph 3 der »Präliminar-Artikel zum
ewigen Frieden« also formuliert ist:
    »Stehende Heere (miles perpetuus) sollen mit der Zeit ganz aufhören.
    Dieselben bedrohen andere Staaten unaufhörlich mit Krieg durch die
    Bereitschaft, immer dazu gerüstet zu scheinen, reizen diese an, sich
    einander in Menge der Gerüsteten, die keine Grenzen kennt (o prophetischer
    Weisenblick!) zu übertreffen, und indem durch die darauf gewendeten Kosten
    der Friede endlich noch drückender wird, als ein kurzer Krieg, so sind sie
    selbst Ursachen von Angriffskriegen, um diese Last los zu werden.«
Welche Regierung konnte einen Vorschlag, wie der Franzose ihn plante, ablehnen,
ohne sich als eroberungssüchtig zu entlarven? Welches Volk würde gegen solche
Ablehnung nicht revoltieren? Der Plan musste gelingen.
    Friedrich teilte meine Zuversicht nicht:
    »Vor Allem bezweifle ich,« sagte er, »dass Napoleon diesen Vorsatz auch
aufrichtig hegt. Und wenn auch: der Druck der Kriegspartei würde ihn an der
Ausführung hindern. Überhaupt werden die Troninhaber an der Betätigung
solcher, aus der Schablone fallender grosser Willensmeinungen von ihrer Umgebung
immer gehindert. Zweitens lässt sich einem lebenden Wesen nicht so mir nichts,
dir nichts befehlen, dass es aufhöre zu sein. Da setzt es sich zur Wehr.«
    »Von welchem lebenden Wesen sprichst Du?«
    »Von der Armee. Dieselbe ist ein Organismus und als solcher
lebensentfaltungs- und selbsterhaltungskräftig. Gegenwärtig steht dieser
Organismus gerade in seiner Blüte, und wie Du siehst - das allgemeine Wehrsystem
soll ja auch in anderen Ländern eingeführt werden - ist er eben im Begriffe,
sich mächtig auszubreiten.« -
    »Und dennoch willst Du dagegen ankämpfen?«
    »Ja, aber nicht, indem ich hintrete und ihm sage: Stirb, Ungeheuer! denn auf
das hin würde mir besagter Organismus kaum den Gefallen erweisen, sich tot
hinzustrecken. Sondern ich kämpfe dagegen, indem ich für ein anderes, noch ganz
schwach aufkeimendes Lebensgebilde eintrete, welches, indem es an Kraft und
Ausdehnung zunimmt, das andere verdrängen soll. Dass ich in solchen
naturwissenschaftlichen Metaphern spreche - daran bist Du ursprünglich schuld
Marta. Du warst es, welche mich zuerst verleitete, die Werke der modernen
Naturforscher zu studieren. Dadurch ist mir die Einsicht aufgegangen, dass auch
die Erscheinungen des sozialen Lebens nur dann in ihrer Entstehung verstanden
und in ihrem künftigen Verlauf vorausgesehen werden können, wenn man sie als
unter dem Einfluss ewiger Gesetze stehend auffasst. Davon haben die meisten
Politiker und hohen Würdenträger keinen blauen Dunst - das löbliche Militär
schon gar nicht. Vor einigen Jahren wäre es mir auch nicht in den Sinn
gekommen.«
    Wir wohnten im Grand-Hôtel auf dem Boulevard des Capucines. Dasselbe war
zumeist mit Engländern und Amerikanern gefüllt. Landsleute trafen wir nur
wenige: der Österreicher ist nicht reiselustig. Wir suchten übrigens auch keinen
Anschluss: meine Trauer war noch nicht abgelegt und wir hegten keinen Wunsch nach
geselliger Unterhaltung. Meinen Sohn Rudolf hatte ich natürlich bei mir. Er war
jetzt acht Jahre alt und ein wunderbar gescheites Männchen. Wir hatten einen
jungen Engländer aufgenommen, der bei dem Kleinen halb Hofmeister-, halb
Kindermädchenstelle vertrat. Zu unseren langen Stationen im Ausstellungspalast,
sowie auch unseren zahlreichen Ausflügen in die Umgebung, konnten wir den Rudi
doch nicht immer mitnehmen und die Zeit des Lernens war ja auch schon für ihn
gekommen.
    Neu - neu - neu war mir diese ganze hier erschlossene Welt! All' die von den
vier Himmelsgegenden zusammengekommenen Menschen, von überall her die reichsten
und vornehmsten; diese Feste, dieser Aufwand, dieses Gewimmel ... ich war
förmlich betäubt davon. Aber so interessant und genussreich es mir auch war,
diese überraschenden und überwältigenden Eindrücke in mich aufzunehmen, so
sehnte ich mich im Stillen doch wieder aus dem Getöse hinaus, nach irgend einem
abgelegenen, friedlichen Plätzchen, wo ich mit Friedrich und meinem Kinde -
meinen Kindern, ich sah ja wieder Mutterfreuden entgegen - in ruhiger
Zurückgezogenheit hätte leben können. Es ist doch sonderbar - ich finde es in
den roten Heften öfters bestätigt -, wie in der Abgeschlossenheit die Sehnsucht
nach Ereignissen und Taten, nach Erlebnissen und Vergnügungen entsteht und
mitten in diesen wieder die Sehnsucht nach Einsamkeit und Ruhe.
    Von der grossen Welt hielten wir uns fern. Nur bei unserem Gesandten
Metternich hatten wir einen Besuch abgestattet und dabei erwähnt, dass wir
unserer Familientrauer wegen keine Einführung bei Hofe und in die Gesellschaft
wünschten. Dagegen suchten wir die Bekanntschaft einiger hervorragender
politischer und litterarischer Persönlichkeiten; teils aus persönlichem
Interesse und zu geistiger Anregung, teils im Hinblick auf Friedrichs »Dienst«.
Trotz der geringen Hoffnungen, die er auf einen greifbaren Erfolg seiner
Bestrebungen hatte, verlor er diese niemals aus dem Auge, und er setzte sich mit
verschiedenen einflussreichen Personen in Verkehr, von welchen er Förderung
seiner Sache, oder mindestens Auskunft über deren Stand erhalten konnte. Wir
haben uns damals ein eigenes Büchelchen angelegt - wir nannten es
»Friedenspolitik« - in welches sämtliche, auf diesen Gegenstand bezügliche
Urkunden, Notizen, Artikel u.s.w. abschriftlich eingetragen wurden. Auch die
Geschichte der Friedensidee, soweit wir von derselben Kenntnis erlangten, haben
wir da zu Protokoll gebracht. Daneben die Aussprüche verschiedener Philosophen,
Dichter, Juristen und Schriftsteller über »Krieg und Frieden«. Es war bald zu
einem stattlichen Bändchen herangewachsen und im Lauf der Zeit - ich habe diese
Buchführung bis auf den heutigen Tag fvrtgesetzt - sind sogar mehrere Bändchen
daraus geworden. Wenn man das mit den Biblioteken vergleicht, die mit Werken
strategischen Inhalts gefüllt sind, mit den ungezählten tausenden von Bänden,
welche Kriegsgeschichte, Kriegsstudium und Kriegsverherrlichung entalten, mit
den militärwissenschaftlichen und militärtechnischen Lehrbüchern und Leitfäden
über Rekrutenabrichtung und Ballistik, mit den Schlachtenchroniken und
Generalstabsberichten, Soldatenliedern und Kriegsgesängen: ja dann freilich
könnte einen der Vergleich mit den paar Heftchen Friedenslitteratur kleinmütig
machen - vorausgesetzt, dass man die Kraft und den Gehalt - namentlich den
Zukunftsgehalt - eines Dinges nach dessen Ausdehnung bemessen wollte. Wenn man
aber bedenkt, dass eine Samenkapsel in sich die virtuelle Möglichkeit birgt,
einen Wald entstehen zu machen, der ganze, über weite Felder ausgedehnte
Unkrautmassen verdrängen wird; - und ferner bedenkt, dass die Idee im Reiche des
Geistes dasselbe ist, was das Samenkorn im Reiche der Pflanzen - dann braucht
man um die Zukunft einer Idee nicht besorgt zu sein, weil sich bisher die
Geschichte ihrer Entfaltung in einem kleinen Heftchen aufzeichnen lässt.
    Ich will hier einige Stellen anführen, wie sie unser Friedensprotokoll im
Jahre 1867 aufwies. Auf der ersten Seite stand ein gedrängter historischer
Überblick:
    Vierhundert Jahre vor Christus schrieb Aristophanes eine Komödie: »Der
    Frieden«, in welcher eine humanitäre Tendenz vertreten ist.
        Die griechische - später nach Rom verpflanzte - Philosophie vertritt das
        Streben nach »menschlicher Einheit« - von Sokrates an, welcher sich
        »Weltbürger« nennt, bis zu Terenz, dem »nichts Menschliches fremd« und
        zu Cicero, der die »caritas generis humani« als den höchsten Grad der
        Vollkommenheit hinstellt. Im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung
        erscheint Virgil und sein berühmtes 4. Hirtengedicht, welches der Welt
        den ewigen Frieden voraussagt, unter dem mytologischen Gewande des
        wiedererstandenen goldenen Zeitalters. Im Mittelalter versuchten die
        Päpste öfters, sich als Schiedsrichter zwischen den Staaten einzusetzen,
        aber vergebens. Im 15. Jahrhundert kam ein König auf die Idee, eine
        Friedensliga zu bilden. Es war dies Georg Podiebrad von Böhmen, der den
        Kämpfen von Kaiser und Papst ein Ende machen wollte; er wandte sich
        dieserhalb an Ludwig XI. von Frankreich, welcher auf diesen Vorschlag
        jedock nicht einging. Zum Schluss des 16. Jahrhunderts fasste König
        Heinrich IV. von Frankreich den Plan einer europäischen
        Staatenföderation. Nachdem er sein Land von den Schrecken der
        Religionskriege befreit, wollte er für alle Zukunft die Duldung und den
        Frieden gesichert sehen. Er wollte die sechzehn Staaten, welche Europa
        bildeten (Russland und die Türkei zählten noch zu Asien), in einen Bund
        vereint wissen. Jeder dieser sechzehn Staaten hätte zwei Abgeordnete zu
        einem »europäischen Reichstag« zu schicken gehabt; diesem aus 32
        Mitgliedern bestehenden Reichstag wäre die Aufgabe zugefallen, den
        religiösen Frieden zu gewährleisten und alle internationalen Konflikte
        zu schlichten. Wenn nun jeder Staat sich verpflichtete, den Entschlüssen
        des Reichstages sich unterzuordnen, so war damit jedes Element eines
        zukünftigen europäischen Krieges verschwunden. Der König teilte diesen
        Plan seinem Minister Sully mit, der denselben begeistert ausnahm und
        sofort mit den anderen Staaten zu verhandeln begann. Schon war Elisabet
        von England, schon der Papst und Holland und mehrere Andere gewonnen;
        nur das Haus Österreich würde Widerstand geleistet haben, weil ihm
        territoriale Konzessionen abgefordert worden wären, in die es nicht
        gewilligt hätte. Ein Feldzug wäre nötig gewesen, um diesen Widerstand zu
        brechen. Die Hauptarmee hätte Frankreich gestellt, welches von
        vornherein auf jede Gebietserweiterung verzichtete: einziger Zweck des
        Feldzugs und einzige dem Hause Österreich aufzulegende Friedensbedingung
        wäre der Beitritt zum Staatenbund gewesen. Schon waren die
        Vorbereitungen getroffen und Heinrich IV. wollte sich selber an die
        Spitze des Heeres stellen, als er am 13. Mai 1610 - unter der Mordwaffe
        eines wahnsinnigen Mönches fiel. Keiner von seinen Nachfolgern und kein
        sonstiger Souverän hat diesen glorreichen Plan zur Erlangung des
        Völkerglückes wieder aufgenommen. Die Regenten und Politiker blieben dem
        alten Kriegsgeist treu; aber die Denker aller Länder liessen die
        Friedensidee nicht mehr fallen. Im Jahre 1647 wird die Sekte der Quäker
        gebildet, deren Grundlage die Verdammung des Krieges bildet. Im selben
        Jahre veröffentlichte William Penn sein Werk über den zukünftigen
        Frieden Europas, indem er sich auf den Plan Heinrichs IV. stützt. Zu
        Anfang des 18. Jahrhunderts erscheint das berühmte Buch »La paix
        perpétuelle« von dem Abbé de St. Pierre. Gleichzeitig entwickelt
        denselben Plan ein Landgraf von Hessen und Leibnitz schreibt einen
        günstigen Kommentar dazu. Voltaire macht den Ausspruch: »Jeder
        europäische Krieg ist ein Bürgerkrieg.« Mirabeau, in der denkwürdigen
        Sitzung vom 25. August 1790, sagt folgende Worte: »Vielleicht ist der
        Augenblick nicht mehr entfernt, da die Freiheit, als unumschränkte
        Herrscherin über beide Welten, den Wunsch der Philosophen erfüllen wird:
        die Menschheit von dem Verbrechen des Krieges zu befreien und den ewigen
        Frieden zu verkünden. Dann wird das Glück der Völker das einzige Ziel
        des Gesetzgebers sein, der einzige Ruhm der Nationen.« Im Jahre 1795
        schreibt einer der grössten Denker aller Zeit, Immanuel Kant, seine
        Abhandlung »Zum ewigen Frieden«. Der englische Publizist Bentam
        schliesst sich den immer zunehmenden Reihen der Friedensvertreter -
        Fourrier, Saint-Simon u.a. - mit Begeisterung an; Beranger dichtet »Die
        heilige Allianz der Völker«; Lamartine »La Marseillaise de la Paix«. In
        Genf stiftete der Graf Cellon einen Friedensverein, in dessen Namen er
        mit allen europäischen Herrschern in propagandistische Korrespondenz
        tritt. Aus Amerika, Massachusetts, kommt der »gelehrte Grobschmied«,
        Elihu Burritt, daher und streut seine »Oliven-Blätter« und sein »Funken
        vom Amboss« in Millionen Exemplaren in die Welt und führt 1849 den
        Vorsitz in einer Versammlung der englischen Friedensfreunde. In dem
        Pariser Kongress, welcher dem Krimkrieg ein Ende machte, hielt die
        Friedensidee ihren Einzug in die Diplomatie, indem dem Vertrage eine
        Klausel beigesetzt ward, welche bestimmt, dass die Mächte sich
        verpflichten, bei künftigen Konflikten sich vorangehenden Vermittelungen
        zu unterstellen. Diese Klausel entält ein dem Prinzip des
        Schiedsgerichts dargebrachte Anerkennung, - befolgt wurde sie aber
        nicht. Im Jahre 1863 schlug die französische Regierung den Mächten vor,
        einen Kongress zu veranstalten, bei welchem die Grundlage zu allgemeiner
        Abrüstung und zu einverständlicher Verhütung künftiger Kriege gelegt
        werden sollte.
Recht spärlich die Eintragungen, die zu jener Zeit mein Protokoll füllten! Das
ist später anders geworden. Sie beweisen aber, dass die Möglichkeit des
Weltfriedens schon von altersher ins Auge gefasst worden war. Nur vereinzelt, von
grossen Zwischenräumen getrennt, erhoben sich die Stimmen und verhallten - nicht
nur unbeachtet, sondern zumeist auch ungehört. Mit allen Entdeckungen, allem
Fortschritt, allem Wachstum geht's nicht anders:
Naht von ferne sich der Frühling,
Zwitschert's da und dort hervor,
Rückt er weiter in das Land ein,
Schmettert's laut im grossen Chor.
So im weiten Kreis der Zeit
Flüstert's lang schon da und dort,
Kommt der richtige Moment
Stimmen Alle ein sofort.
                                                                       (Märzrot)
Und wieder nahte meine schwere Stunde.
    Aber diesmal wie so anders, als zu jener Zeit, da Friedrich mich verlassen
musste - um des Augustenburgers willen. Diesmal war er an meiner Seite, auf des
Gatten richtigem Posten: durch seine Gegenwart, durch seinen Mitschmerz der
Gattin Leiden mildernd. Das Gefühl, ihn da zu haben, war mir ein so beruhigendes
und glückliches, dass ich darüber das physische Ungemach beinah vergass.
    Ein Mädchen! Das war unseres stillen Wunsches Erfüllung. Die Freuden, die
man an einem Sohne hat, die würde uns ja der kleine Rudolf bieten; jetzt konnten
wir dazu auch noch diejenigen Freuden erleben, welche so ein aufblühendes
Töchterchen seinen Eltern verschafft. Dass sie ein Ausbund von Schönheit, von
Anmut, von Holdseligkeit sein würde, unsere kleine Sylvia, daran zweifelten wir
keinen Augenblick.
    Wie wir beide nun über der Wiege dieses Kindes selber kindisch wurden, was
für süsse Albernheiten wir da sprachen und trieben, das will ich gar nicht
versuchen zu erzählen. Andere als verliebte Eltern verständen es doch nicht, und
alle solche sind wohl selber grad' so toll gewesen.
    Wie das Glück doch selbstisch macht! Es folgte jetzt eine Zeit für uns, in
der wir glücklich alles Andere - was nicht unser häuslicher Himmel war - gar zu
sehr vergassen. Die Schrecken der Cholerawoche nahmen in meinem Gedächtnis immer
mehr die Gestalt eines entschwundenen bösen Traumes an, und auch Friedrichs
Energie in Verfolgung seines Zieles liess einigermassen nach. Es war aber auch
entmutigend: überall, wo man mit jenen Ideen anklopfte - Achselzucken,
mitleidiges Lächeln, wo nicht gar Zurechtweisung. Die Welt will, wie es scheint
- nicht nur betrogen, sondern auch unglücklich gemacht werden. So wie man ihr
Vorschläge unterbreiten will, das Elend und den Jammer fortzuschaffen, so heisst
das »Utopie, kindischer Traum«, und sie will nichts hören.
    Dennoch liess Friedrich sein Ziel nicht gänzlich aus den Augen. Er vertiefte
sich immer mehr in das Studium des Völkerrechts, setzte sich in brieflichen
Verkehr mit Bluntschli und anderen Gelehrten dieses Zweiges. Gleichzeitig - und
zwar mit mir in Gemeinschaft - betrieb er auch fleissig andere, namentlich
naturwissenschaftliche Studien. Er plante, über den Gegenstand »Krieg und
Frieden« ein grösseres Werk zu schreiben. Doch ehe er sich an die Ausführung
machte, wollte er durch lange und eingehende Forschungen sich dazu rüsten und
schulen. »Ich bin zwar ein alter k. k. Oberst,« sagte er, »und die meisten
meiner Alters- und Ranggenossen würden es verschmähen, sich mit Lernen abzugeben
... man hält sich gewöhnlich für unbändig gescheit, wenn man ein ältlicher Mann
in Amt und Würden ist - ich selber, vor einigen Jahren, hatte auch solchen
Respekt vor meiner Person ... Nachdem sich mir aber plötzlich ein neuer
Gesichtskreis aufgetan, nachdem ich einen Einblick in den modernen Geist
gewann, da überkam mich das Bewusstsein meiner Unwissenheit ... Nun ja, von
alledem, was jetzt auf allen Gebieten an neuer Erkenntnis gewonnen worden, davon
hat man ja in meiner Jugend gar nichts - oder vielmehr das Gegenteil gelernt. Da
muss ich jetzt - trotz der Silberfäden an den Schläfen - wieder von vorne
anfangen.«
    Den Winter nach Sylvias Geburt verbrachten wir in aller Stille in Wien. Im
folgenden Frühjahr bereisten wir Italien. Weltkennenlernen gehörte ja auch zu
unserm neuen Lebensprogramm. Frei und reich waren wir, nichts hinderte uns, es
auszuführen. Kleine Kinder sind zwar auf Reisen ein wenig lästig, aber wenn man
genügendes Personal von Bonnen und Wärterinnen mitführen kann, so lässt es sich
schon machen. Ich hatte eine alte Dienerin zu mir genommen, welche einst meine
und meiner Schwester Kindsfrau gewesen, dann einen Wirtschaftsbeamten geheiratet
hatte und jetzt verwitwet war. Diese »Frau Anna« war meines vollsten Vertrauens
würdig und in ihren Händen konnte ich meine kleine Sylvia mit voller Beruhigung
zurücklassen, wenn wir - Friedrich und ich - auf mehrere Tage unser
Hauptquartier verliessen, um Ausflüge zu machen. Ebensogut war Rudolf bei Mr.
Foster, seinem Hofmeister, aufgehoben. Doch geschah es häufig, dass wir den
achtjährigen kleinen Mann mit uns nahmen.
    Schöne, schöne Zeiten! ... Schade, dass ich damals die roten Hefte so stark
vernachlässigte. Gerade da hätte ich so viel des Schönen, Interessanten und
Heitern eintragen können: aber ich habe es unterlassen, und so sind mir die
Einzelheiten jener Jahre meist aus dem Gedächtnis entschwunden: nur in grossen
Zügen kann ich mir noch ein Bild davon zurückrufen.
    In das »Friedensprotokoll« fand ich Gelegenheit, eine erfreuliche Eintragung
zu machen. Es war dies nämlich ein Zeitungsartikel, gezeichnet B. Desmoulins,
worin der französischen Regierung der Vorschlag gemacht wird, sich an die Spitze
der europäischen Staaten zu stellen, indem sie das Beispiel gäbe, abzurüsten.
    »So wird sich Frankreich das Bündnis und die aufrichtige Freundschaft aller
    Staaten sichern, welche dann aufhören würden, sich vor Frankreich zu
    fürchten, dessen Mitilfe sie benötigten. So würde sich die allgemeine
    Entwaffnung von selber einstellen, das Prinzip der Eroberung wäre auf immer
    aufgegeben und die Konföderation der Staaten würde ganz natürlich einen
    obersten Gerichtshof internationaler Gerechtigkeit bilden, welcher im stande
    sein wird, auf dem Wege des Schiedsrichteramtes alle Streitigkeiten zu
    schlichten, welche der Krieg niemals zu entscheiden vermocht. Indem es so
    handelte, würde Frankreich die einzig reelle und einzig dauerhafte Kraft -
    nämlich das Recht - auf seine Seite gebracht, und dem Menschengeschlecht auf
    ruhmreiche Weise eine neue Ära eröffnet haben.« (Opinion Nationale 25. Juli
    1868.)
Beachtung hat dieser Artikel natürlich wieder nicht gefunden.
    Im Winter 1868 bis 1869 kehrten wir nach Paris zurück und diesmal - auch von
dieser Seite wollten wir das Leben kennen lernen - stürzten wir uns in die
»grosse Welt«.
    Es war ein etwas ermüdendes, aber für einige Zeit doch recht genussreiches
Treiben. Wir hatten - um ein Zuhause zu haben - uns ein kleines möbliertes Hotel
im Viertel der Champs Elisées gemietet, wo wir unseren zahlreichen Bekannten,
bei denen wir täglich zu irgend welchen Festen geladen waren, auch manchmal
»revanche« bieten konnten. Von unserem Gesandten beim Tuilerienhofe eingeführt,
waren wir für den ganzen Winter zu den Montagen der Kaiserin vergeben; ausserdem
standen uns die Häuser sämtlicher Botschafter offen, so wie die Salons der
Prinzessin Matilde, der Herzogin von Mouchy, der Königin Isabella von Spanien
und so weiter. Auch viele litterarische Grössen lernten wir kennen - den grössten
freilich nicht, denn dieser, ich meine Viktor Hugo, lebte in der Verbannung;
doch sind wir Renan, Dumas, Vater und Sohn, Octave Feuillet, George Sand, Arsène
Houssaye und einigen Anderen begegnet. Bei dem Letztgenannten haben wir auch
einen Maskenball mitgemacht. Wenn der Verfasser der »Grandes dames« in seinem
prachtvollen kleinen Hotel der Avenue Friedland eines seiner venetianischen
Feste gab, so war es Gewohnheit, dass daselbst die wirklich grossen Damen unter
dem Schutze der Maske sich in der Nähe die »kleinen Damen« - bekannte
Schauspielerinnen u. dgl. - besahen, welche hier ihre Diamanten und ihren Witz
funkeln liessen.
    Wir waren auch sehr fleissige Teaterbesucher. Mindestens dreimal wöchentlich
verbrachten wir die Abende entweder in der italienischen Oper, wo Adelina Patti
- eben mit dem Marquis de Caux verlobt - die Zuhörerschaft entzückte, oder im
Téâtre Francais, oder auch in einem der kleineren Boulevard-Teater, um
Hortense Schneider als Grossherzogin von Gerolstein oder andere Operetten- und
Vaudeville-Berühmteiten zu sehen.
    Es ist doch sonderbar, wie, wenn man in diesen Wirbel des Glanzes und der
Unterhaltungen gestürzt ist, wie einem diese kleine »grosse Welt« plötzlich so
schrecklich wichtig vorkommt und die darin waltenden Gesetze von Eleganz und
»chic« (damals hiess es noch »chic«) eine Art ganz ernstaft genommener Pflichten
auferlegen. Im Teater einen geringeren Platz einnehmen, als eine
Prosceniumsloge; in den Bois mit einem Wagen sich zeigen, dessen Gespann nicht
tadellos wäre; auf den Hofball gehen, ohne eine von Wort »unterschriebene« 2000
Franks-Toillette zu tragen; sich zu Tische setzen (Madame la baronne est servie
...), auch wenn man keine Gäste hat, ohne sich von dem würdevoll amtierenden
maître d'hotel und einigen Lakaien die feinsten Gerichte und edelsten Weine
auftragen zu lassen: - das wären alles arge Verstösse ...
    Wie leicht - wie leicht geschieht es einem, wenn man von dem Räderwerk
solcher Existenz erfasst worden, dass man alle seine Gedanken und Gefühle auf
dieses im Grunde gedanken- und gefühllose Treiben verwendet; dass man darüber
vergisst, Anteil zu nehmen an dem Gang der wirklichen Welt da draussen - ich meine
das Universum - und an dem Bestande der eigenen Welt da drinnen - ich meine das
häusliche Glück. Mir wäre es vielleicht so ergangen - aber davor schützte mich
Friedrich. Er war nicht der Mann dazu, sich von dem Strudel der Pariser »haute
vie« hinreissen und verschlingen zu lassen. Er vergass über der Welt, in der wir
uns bewegten, weder das Universum, noch unseren Herd. Ein paar Vormittagsstunden
blieben uns nach wie vor der Lektüre und der Familie geweiht, und so brachten
wir das grösste Kunststück fertig, neben dem Vergnügen auch das Glück zu pflegen.
    Für uns Österreicher hegte man in Paris viel Sympatie. Oft wurde in
politischen Gesprächen auf eine »Revanche de Sadowa« angespielt, so gewiss als
müsste die uns vor zwei Jahren geschehene Unbill wieder gut gemacht werden. Als
ob sich überhaupt derlei wieder gut machen liesse! Wenn Schläge nicht anders zu
tilgen sind, als wieder durch Schläge - dann kann das Ding ja niemals aufhören.
Gerade meinem Mann und mir, weil dieser beim Militär gewesen und den böhmischen
Feldzug mitgemacht, gerade uns glaubten die Leute nichts Angenehmeres und
Höflicheres sagen zu können, als eine hoffnungsvolle Anspielung auf die
bevorstehende Sadowa-Rache, welche bereits als ein geschichtliches, das
»europäische Gleichgewicht« sicherndes und durch politisch-diplomatische
Vorkehrungen gesichertes Ereignis behandelt wurde. Eine bei nächster Gelegenheit
den »Preussen« zu gebende Schlappe war eine völkerpädagogische Notwendigkeit. Die
Sache würde nicht tragisch ausfallen ... nur so etwas den Übermut gewisser Leute
dämpfen. Vielleicht genügte zu diesem Zwecke auch schon diese an der Wand
hängende Peitsche: sollte der Übermütige etwa kecke Anwandlungen bekommen, so
war er ja gewarnt, dass sie auf ihn heruntersausen werde - die Revanche de
Sadowa.
    Wir lehnten natürlich solche Tröstungen entschieden ab. Altes Unglück wird
durch neues Unglück nicht verwischt, ebensowenig als altes Unrecht durch neues
Unrecht getilgt werden kann. Wir versicherten, dass wir keinen anderen Wunsch
hegten, als den nunmehrigen Frieden nicht mehr gebrochen zu sehen.
    Dasselbe war - so behauptete er wenigstens - auch der Wunsch Napoleons III.
Wir verkehrten so viel mit Personen, welche dem Kaiser ganz nahe standen, dass
wir genügend Gelegenteit hatten, dessen politische Gesinnungen, wie er sie in
vertraulichen Aussprüchen laut werden liess, kennen zu lernen. Nicht nur, dass er
den momentanen Frieden wünschte, er hegte den Plan, den Mächten allgemeine
Abrüstung vorzuschlagen. Aber um dieses auszuführen, fühlte er sich
augenblicklich nicht sicher genug im Innern des Landes. Eine grosse
Unzufriedenheit kochte und gährte unter der Bevölkerung, und in der nächsten
Nähe des Trones gab es eine Partei, welche darzustellen bemüht war, dass dieser
Tron nicht anders zu festigen wäre, als durch einen auswärtigen glücklichen
Krieg: so eine kleine Triumphpromenade am Rhein, und der Glanz und Bestand der
napoleonischen Dynastie wäre gesichert. »ll faut faire grand« meinten diese
Ratgeber. Dass der Krieg, welcher im vorigen Jahre über die Luxemburger Frage in
Aussicht stand, vereitelt worden, war jenen sehr unlieb: die beiderseitigen
Rüstungen waren schon so schön gediehen, und jetzt wäre das Ding überstanden ...
Aber auf die Länge sei ein Kampf zwischen Frankreich und Preussen doch
unvermeidlich ... Unaufhörlich ward in dieser Richtung weitergehetzt. Doch nur
ein schwaches Echo drang von solchen Dingen zu uns. Dergleichen ist ja man
gewöhnt, in den Zeitungen anschlagen zu hören - so regelmässig, wie die Brandung
an der Küste. dabei braucht man noch nicht an den Sturm zu denken; man lauscht
ganz ruhig der Musikkapelle, die am Strande ihre lustigen Weisen spielt - die
Brandung gibt nur einen leisen, unbeachteten Grundbass dazu ab.
Das glänzende, von Vergnügungsmühen überbürdete Treiben erreichte seinen
Höhepunkt in den Frühlingsmonaten. Da kamen noch die langen Bois-Fahrten in
offenem Wagen, die verschiedenen Gemäldeausstellungen, Gartenfeste,
Pferderennen, Picknick-Ausflüge hinzu - und bei alledem nicht weniger Teater,
nicht weniger Visiten, nicht weniger grosse Diners und Soiréen, als mitten im
Winter. Wir begannen schon stark, uns nach Ruhe zu sehnen. Diese Art Leben hat
eigentlich nur dann den wahren Reiz, wenn Koketterie- und Liebschaftsgeschichten
damit verbunden sind. Mädchen, welche eine Partie suchen, Frauen, die sich den
Hof machen lassen und Männer, die Abenteuer wünschen - für solche bietet jedes
neue Fest, bei welchem man dem Gegenstand seiner Träume begegnen kann, ein
lebhaftes Interesse - aber Friedrich und ich? ... Dass ich meinem Gatten
unwandelbar treu war, dass ich mit keinem Blick einem anderen gestattete, sich
mir mit verwegenen Hoffnungen zu nahen - das erzähle ich ohne jeglichen
Tugendstolz. Es ist doch ganz selbstverständlich. Ob ich unter anderen
Verhältnissen auch all den Verlockungen widerstanden hätte, denen in solchem
Vergnügungswirbel hübsche junge Frauen ausgesetzt sind - das kann ich ja nicht
wissen; wenn man aber eine so tiefe und so vollbeglückte Liebe im Herzen trägt,
wie ich sie für meinen Friedrich empfand, da ist man doch gegen alle Gefahr
gepanzert. Und was ihn anbelangt: war er mir treu? Ich kann nur so viel sagen:
ich hab' es nie bezweifelt.
    Als der Sommer ins Land gezogen kam, der »grand-prix« vorüber war und die
verschiedenen Mitglieder der Gesellschaft Paris zu verlassen begannen - die
einen nach Trouville und Dieppe, nach Biarritz und Vichy, die Anderen nach
Baden-Baden, die Dritten auf ihre Schlösser - Prinzessin Matilde nach St.
Gratien, der Hof nach Compiègne - da wurden wir mit Aufforderungen, das gleiche
Reiseziel zu wählen und mit Einladungen nach den Landsitzen bestürmt; aber wir
waren durchaus nicht gesonnen, die eben durchgemachte Luxus- und
Vergnügungscampagne des Winters auch noch ins Sommerliche zu übertragen. Nach
Grumitz wollte ich vor der Hand nicht zurückkehren: ich fürchtete zu sehr das
Wiedererwachen der schmerzlichen Erinnerungen; auch hätten wir dort - der vielen
Verwandten und Nachbarschaften wegen - nicht die gewünschte Einsamkeit gefunden.
So wählten wir denn abermals als Aufentaltsort einen stillen Winkel der
Schweiz. Wir versprachen unseren pariser Freunden im nächsten Winter
wiederzukommen, und traten vergnügt, wie ferienreisende Schüler, unsere
Sommerfahrt an.
    Was nun folgte, war wirklich eine Erholungszeit. Lange Spaziergänge, lange
Lesestunden, lange Spielstunden mit den Kindern und keine Eintragungen in die
roten Hefte - letzteres ein Zeichen von Sorglosigkeit und Seelenruhe.
    Auch Europa schien damals so ziemlich sorgenlos und ruhig zu sein.
Wenigstens sah man nirgends »schwarze Punkte«. Selbst von der berühmten Revanche
de Sadowa hörte man nichts mehr verlauten. Den grössten Verdruss, den ich damals
empfand, der war mir durch die seit einem Jahr bei uns in Österreich eingeführte
allgemeine Wehrpflicht bereitet. Dass mein Rudolf einst werde Soldat sein müssen
- das konnte ich nicht fassen. Und da phantasieren die Leute von Freiheit!
    »Ein Jahr Freiwilliger - tröstete mich Friedrich - das ist nicht viel.«
    Ich schüttelte den Kopf:
    »Und wäre es nur ein Tag! Keinen Menschen sollte man zwingen können, ein
bestimmtes Amt, das er vielleicht hasst, auch nur einen Tag zu bekleiden, denn an
diesem Tag muss er das Gegenteil von dem, was er fühlt zur Schau tragen, muss
beschwören, das mit Freuden zu tun, was er verabscheut - kurz, er muss lügen -
und meinen Sohn wollte ich vor Allem zur Wahrhaftigkeit erziehen.«
    »Dann hätte er um ein paar hundert Jahre später geboren werden müssen,
Liebste!« erwiderte Friedrich. »Ganz wahr kann nur ein ganz freier Mann sein:
und mit diesen Beiden - Wahrheit und Freiheit - ist's noch schlecht bestellt in
unseren Tagen, das wird mir - je mehr ich mich in mein Studium vertiefe - desto
klarer.«
    Jetzt, in unserer Weltabgeschiedenheit, hatte Friedrich zu seinen Arbeiten
doppelte Musse und er oblag denselben mit wahrem Feuereifer. So glücklich und
zufrieden wir in der Einsamkeit lebten, so blieben wir doch bei dem Entschlusse,
den folgenden Winter wieder in Paris zu verbringen. Diesmal aber nicht in der
Absicht, uns zu belustigen, sondern nur für unsere Lebensaufgabe einigermassen
praktisch zu wirken. dabei hegten wir zwar nicht die Zuversicht, etwas zu
erreichen - aber wenn einem auch nur die Möglichkeit des Schattens einer Chance
geboten scheint, für eine Sache, die man als die edelste Sache der Welt erkannt
hat, etwas leisten zu können, so empfindet man es als unabweisliche Pflicht,
diese Chance zu versuchen. Wir hatten nämlich, wenn wir in unseren traulichen
Gesprächen die pariser Erinnerungen rekapitulierten, auch jenes Planes des
Kaisers Napoleon gedacht, der uns durch die Mitteilungen seiner Vertrauten zu
Ohren gekommen - des Planes, den Mächten Abrüstung vorzuschlagen. Daran knüpften
wir unsere Hoffnungen und unsere Projekte. Friedrichs Forschungen hatten ihm die
Memoiren Sullys in die Hände gespielt, in welchen der Friedensplan Heinrichs IV.
mit allen Einzelheiten verzeichnet stand. Davon wollten wir dem Kaiser der
Franzosen eine Abschrift zukommen lassen; zugleich würden wir versuchen, durch
unsere Verbindungen in Österreich und Preussen diese beiden Regierungen auf die
Vorschläge der französischen Regierung vorzubereiten; ich konnte dies durch
Minister Allerdings bewerkstelligen, und Friedrich besass in Berlin einen
Verwandten, der in einflussreicher politischer Stellung und bei Hofe sehr gut
angeschrieben war.
    Im Dezember, als wir nach Paris übersiedeln wollten, wurden wir jedoch daran
gehindert. Unser Schatz - unsere kleine Sylvia erkrankte. Das waren bange
Stunden! ... Natürlich traten da Napolen III. und Heinrich IV. in den
Hintergrund: unser Kind im Sterben!
    Aber es starb nicht. Nach zwei Wochen war alle Gefahr vorbei. Nur untersagte
uns der Arzt, mit der Kleinen während der ärgsten Winterkälte zu reisen. Wir
verschoben demnach unsere Abfahrt auf den Monat März.
    Diese Krankheit und diese Genesung - die Gefahr und die Rettung -, wie
hatten die unsere Herzen erschüttert und dieselben - ich hätte dies nicht mehr
für möglich gehalten - einander wieder näher gebracht! Gemeinschaftliches
Zittern vor einem grässlichen Unglück, welches man besonders wegen der
Verzweiflung des andern fürchtet, und gemeinschaftlich geweinte Freudentränen,
wenn dieses Unglück abgewendet, das vermag gar mächtig zwei Seelen in eine zu
verschmelzen.
 
                                 Sechstes Buch
                                    1870/71
Vorahnungen? Die gibt es nicht. Paris hätte sonst, als wir an einem sonnigen
Nachmittag des März 1870 dort anlangten, mir keinen so heiteren,
lustversprechenden Eindruck machen können. Man weiss es heute, was damals in
kürzester Frist derselben Stadt für Schrecknisse bevorstanden - aber mich
beschlich nicht das mindeste trübe Vorgefühl.
    Wir hatten schon im Voraus - durch den Agenten John Artur - dasselbe kleine
Palais gemietet, welches wir im letzten Jahre bewohnt, und an der Einfahrt
desselben erwartete uns auch unser vorjähriger maître d'hotel. Als wir, um zu
unserer Wohnung zu gelangen, über die elysäischen Felder fuhren - es war eben
die Bois-Stunde - da begegneten wir mehreren unserer alten Bekannten und
tauschten fröhliche Wiedersehensgrüsse. Die vielen kleinen Veilchenkarren, welche
um diese Jahreszeit in den Strassen von Paris herumgerollt werden, füllten die
Luft mit tausend Frühlingsversprechungen; die Sonnenstrahlen funkelten und
spielten regenbogenfarbig in den Springbrunnen des Rundplatzes und hefteten
kleine Fünkchen an die Wagenlaternen und das Pferdegeschirr der zahlreichen
Gefährte. Unter Anderen fuhr auch die schöne Kaiserin in einem à la Daumont
bespannten Wagen an uns vorbei und winkte, mich erkennend, einen Gruss mit der
Hand.
    Es gibt so einzelne Bilder und Scenen, die sich in das Gedächtnis
einphotographieren und -phonographieren, samt den sie begleitenden Empfindungen
und einigen gleichzeitig gesprochenen Worten. »Schön ist doch dieses Paris!«
rief damals Friedrich aus, - und meine Empfindung war ein kindisches
»Sichfreuen« auf den kommenden Aufentalt. Hätte ich gewusst, was mir, was dieser
ganzen, in Glanz und Heiterkeit getauchten Stadt bevorstand - - -
    Diesmal vermieden wir es, uns, wie im verflossenen Jahre, in den Strudel
weltlicher Vergnügungen zu werfen. Wir erklärten, keine Balleinladungen annehmen
zu wollen und hielten uns von den grossen Empfängen fern. Auch das Teater
besuchten wir nicht mehr so häufig - nur wenn irgend ein Stück besonderes
Aufsehen machte - und so kam es, dass wir die meisten Abende allein oder in
Gesellschaft weniger Freunde, in unserem Heim verbrachten.
    Was unsere Pläne in Bezug auf des Kaisers Abrüstungsidee betraf, so kamen
wir eigentlich schlecht damit an. Napoleon III. hatte zwar seine Idee nicht ganz
aufgegeben, aber der jetzige Moment - hiess es - sei zu deren Ausführung durchaus
ungeeignet. In der Umgegend des Trones war man sich bewusst, dass dieser Tron
nicht auf gar festen Füssen stand; eine grosse Unzufriedenheit kochte und gährte
im Volk, und um diese niederzuhalten, wurden alle Polizei- und Censurmassregeln
verschärft - was nur um so grössere Unzufriedenheit zur Folge hatte. Das einzige,
so sagten gewisse Leute, was der Dynastie neuen Glanz und Bestand geben könnte,
wäre ein glücklicher Feldzug ... Dazu lag freilich keine nahe Aussicht vor, aber
von Abrüstung sprechen, wäre ganz und gar gefehlt; dadurch würde ja der ganze
Nimbus der Bonaparte zerstört, welcher ja auf dem Ruhmeserbe des grossen Napoleon
beruhte. Ausserdem war uns auch auf unsere Anfragen aus Preussen und Österreich
kein ermunternder Bescheid geworden. Man war da in die Ära der Vergrösserung der
Wehrmacht (das Wort: »Armee« begann aus der Mode zu kommen) getreten und da
fiele das Wort Abrüstung als grober Misston hinein. Im Gegenteil, um die
Segnungen des Friedens zu erhalten, musste man die »Wehrkraft« nur recht steigern
- den Franzosen war nicht zu trauen ... den Russen auch nicht ... den Italienern
schon gar nicht; die fielen gleich über Triest und Trient her, wenn sich
Gelegenheit dazu böte - kurz, nur schön fleissig das Landwehrsystem pflegen.
    »Die Zeit ist nicht reif,« sagte Friedrich, wenn wir solche Mitteilungen
erhielten. »Und die Hoffnung, dass ich in Person das Reifen der Zeit
beschleunigen könne oder gar die ersehnten Früchte daran spriessen sehe - die muss
ich vernünftiger Weise wohl aufgeben ... Was ich beitragen kann, ist gar winzig.
Aber von der Stunde an, da ich dieses Winzige als meine Pflicht. erkannt, ist es
mir doch zum Grössten geworden - also harre ich aus.
    Wenn auch vorläufig das Entwaffnungsprojekt ins Wasser gefallen war, eine
Beruhigung hatte ich doch: es war kein Krieg in Sicht. Die bei Hofe und auch in
der Bevölkerung vorhandene Kriegspartei, welche da meinte, dass die »Dynastie in
Blut aufgefrischt« werden sollte und dass dem Lande wieder ein Portiönchen Ruhm
erwachsen müsse, die musste auf Angriffspläne und auf den verlockenden »kleinen
Feldzug um die Rheingrenze« verzichten. Denn Frankreich besass keine Verbündeten;
im Lande herrschte grosse Trockenheit, Futtermangel war vorauszusehen, man musste
die Militärpferde verkaufen, nirgends eine schwebende »Frage«, das
Rekrutenkontingent ward vom gesetzgebenden Körper herabgesetzt, kurz - so
erklärte bei dieser Gelegenheit von der Tribüne herab Ollivier: der Friede
Europas ist gesichert.
    Gesichert. Ich freute mich über dieses Wort. In allen Zeitungen ward es
wiederholt und viele Tausende freuten sich mit mir. Was kann es denn für die
meisten Menschen besseres geben, als gesicherten Frieden?
    Wie viel diese Sicherheit aber wert war, die da am 30. Juni 1870 von einem
Staatsmann verkündet worden, das wissen wir heute Alle. Und das hätten wir auch
schon damals wissen können, dass derlei staatsmännische Versicherungen - welchen
das Publikum immer wieder mit gleich naivem Vertrauen lauscht - doch keine, gar
keine Bürgschaft entalten. Die europäische Lage weist keine »schwebende Frage«
auf, darum ist der Friede gesichert: - welche schwache Logik! Die Fragen können
ja jeden Augenblick herangeschwebt kommen; - erst wenn man für diesen Fall ein
anderes Mittel in Bereitschaft hielte, als den Krieg, erst dann wäre man gegen
Krieg gesichert.
Wieder zerstreute sich die pariser Gesellschaft nach allen Windrichtungen. Wir
aber blieben - Geschäfte halber - zurück. Es hatte sich uns nämlich ein
ausserordentlich vorteilhafter Ankauf geboten. Durch die plötzliche Abreise eines
Amerikaners war ein kleines erst halbvollendetes Hotel in der Avenue de
l'Imperatrice feil geworden, und zwar um einen Preis, der nicht viel mehr
betrug, als die zur Ausschmückung und Einrichtung des Objekts bereits verwendete
Summe. Da wir nun einmal die Absicht hatten, auch in Zukunft einige Monate des
Jahres in Paris zu verbringen und da der betreffende Kauf zugleich ein
vortreffliches Geschäft war, so schlossen wir den Handel ab. Die Fertigstellung
wollten wir selber überwachen und zu diesem Behuf blieben wir in Paris. Die
Ausschmückung eines eigenen Nestes ist zudem eine so genussreiche Arbeit, dass wir
dafür die Unannehmlichkeit, den Sommer in der Stadt zu bleiben, gern auf uns
nahmen.
    Übrigens blieb uns auch in geselliger Beziehung noch Ansprache genug. Das
Schloss der Prinzessin Matilde, St. Gratien, ferner Schloss Mouchy, dann Baron
Rotschilds Besitzung, Ferrières, und noch mehrere andere Sommersitze unserer
Bekannten lagen in der Nähe von Paris, und ein- oder zweimal wöchentlich
statteten wir bald da, bald dort einen Besuch ab.
    Es war, ich erinnere mich, im Salon der Prinzessin Matilde, dass ich zum
erstenmale von der »Frage« hörte, die zur »schwebenden« werden sollte.
    Die Gesellschaft sass - nach dem Gabelfrühstück - auf der Terrasse, mit dem
Ausblick nach dem Park. Wer Alles da war? Dessen kann ich mich nicht mehr
entsinnen - nur zwei der anwesenden Persönlichkeiten sind mir im Gedächtnis
geblieben; Taine und Renan. Die geistvolle Herrin von St. Gratien liebte es,
sich mit litterarischen und wissenschaftlichen Grössen zu umgeben.
    Die Unterhaltung war eine sehr rege und ich kann mich erinnern, dass es meist
Renan war, der das Wort führte, geistsprühend und witzig. Wie man unglaublich
hässlich sein kann und dabei doch unglaublichen Zauber ausüben, davon ist der
Verfasser des Leben Jesu ein merkwürdiges Beispiel.
    Jetzt fiel das Gespräch auch auf Politik. Für den spanischen Tron werde ein
Kandidat gesucht ... Ein Prinz von Hohenzollern solle die Krone erhalten ... Ich
hatte kaum hingehorcht, denn was konnte es mir, was konnte es Allen hier
Gleichgültigeres geben, als der spanische Königstron und Derjenige, der darauf
zu sitzen käme? Doch da sagte Jemand:
    »Ein Hohenzoller? Das wird Frankreich nicht dulden.«
    Das Wort schnitt mir in die Seele, denn was heisst dieses »nicht dulden«?
Wenn das im Namen eines Landes gesagt wird, so sieht man im Geiste die dieses
Land personifizierende Riesenjungfrauen-Statue mit trotzig zurückgeworfenem
Kopfe und mit der Hand am Schwertesknauf.
    Doch es wurde bald wieder auf ein anderes Gesprächstema übergegangen. Wie
folgenschwer diese spanische Tronfrage noch werden sollte, das ahnte unter uns
noch Niemand. Ich auch nicht, natürlich. Mir war nur das anmassende »das wird
Frankreich nicht dulden« als ein Misston im Gedächtnis haften geblieben und damit
zugleich die ganze umgebende Scenerie.
    Von nun an sollte die spanische Tronfrage immer lauter und aufdringlicher
werden. Täglich wurde der Raum grösser, den sie in den Zeitungen und in den
Salongesprächen einnahm und ich weiss, dass sie mich in hohem Grade langweilte;
diese Hohenzollern-Kandidatur: man konnte bald gar nichts Anderes hören. Und mit
einer Entrüstung wurde davon gesprochen, als könnte Frankreich nichts
Beleidigenderes widerfahren; die Meisten durchschauten es als eine von Preussen
ausgehende Provokation zum Kriege. Es ist doch klar - hiess es - Frankreich
konnte die Sache nicht dulden; wenn also die Hohenzollern darauf bestehen, so
ist das die reine Herausforderung. Das verstand ich nicht. Übrigens war ich ohne
Sorge. Wir erhielten Briefe aus Berlin, worin uns von wohlunterrichteter Seite
mitgeteilt wurde, dass man bei Hofe nicht den mindesten Wert darauf lege, dass die
spanische Krone einem Hohenzollern zufalle. Wir beschäftigten uns demnach weit
mehr mit unserem Hausbau, als mit der Politik.
    Aber allmählich wurden wir doch aufmerksam. So wie vor dem Sturm ein
gewisses Blätterrascheln durch den Wald geht, so raschelt es vor dem Krieg von
gewissen Stimmen durch das Volk. »Nous aurons la guerre - nous aurons la
guerre!« das tönte durch die pariser Luft. Da erfasste mich unsägliches Bangen.
Nicht um die Meinen - denn wir Österreicher waren ja vorläufig aus dem Spiele;
im Gegenteil: uns sollte ja möglicherweise »Satisfaktion« geboten werden - die
bekannte Sadowa-Rache. Aber wir hatten es verlernt, den Krieg vom nationalen
Standpunkt aus zu betrachten, und was er vom menschlichen, vom edelmenschlichen
ist - das weiss man ja. Das drücken folgende Worte aus, die ich einst aus dem
Munde Guy de Maupassants gehört:
    »Quand je songe seulement à ce mot la guerre - il me vient un effarement,
    comme si l'on me parlait de sorcellerie, d'inquisition, d'une chose
    lointaine, finie, abominable, contre nature.« ...
Als die Nachricht eintraf, dass Prim dem Prinzen Leopold die Krone angetragen,
hielt der Herzog von Grammont im Parlament eine mit grossem Beifall aufgenommene
Rede, ungefähr nachstehenden Inhalts:
    »Wir mischen uns nicht in fremde Angelegenheiten, aber - wir glauben nicht,
    dass die Achtung vor den Rechten eines Nachbarstaates uns verpflichtet, zu
    dulden, dass eine fremde Macht, indem sie einen ihrer Prinzen auf den Tron
    Carls V. setzt, zu unserem Schaden das bestehende Gleichgewicht der Kräfte
    von Europa (O dieses Gleichgewicht - welcher kriegsdurstige Heuchler hat
    diese hohle Phrase erfunden?) störe und die Interessen, die Ehre Frankreichs
    in Gefahr bringe.«
Ich kenne ein Märchen von George Sand, genannt Gribouille. Dieser Gribouille hat
die Eigenheit, wenn Regen droht, sich aus Furcht vor dem Nasswerden in den Fluss
zu stürzen. Wenn ich höre, dass der Krieg angetragen wird, um drohenden Gefahren
vorzubeugen, so muss ich immer an Gribouille denken. Wohl hätte ein ganzer
Hohenzollernstamm sich auf Carls V. und noch auf verschiedene andere Trone
setzen können, ohne Frankreichs Interessen und Frankreichs Ehre nur den
tausendsten Teil von dem Schaden zuzufügen, der ihnen aus dem klugen »Das können
wir nicht dulden erwachsen ist.«
    »Dieser Fall,« fuhr der Redner fort, »wir hegen die feste Zuversicht, wird
    nicht eintreten. Wir rechnen in dieser Beziehung auf die Weisheit des
    deutschen und auf die Freundschaft des spanischen Volkes. Sollte es anders
    kommen - dann, meine Herren, werden wir wissen, stark durch Ihre
    Unterstützung und die der Nation, unsere Pflicht ohne Schwanken und ohne
    Schwäche zu tun. (Stürmisches Bravo.)
Von da ab beginnt die Kriegshetze in der Presse. Besonders ist es Girardin,
welcher seine Landsleute nicht genug anfeuern kann, die unerhörte Kühnheit,
welche in dieser Tronkandidatur liege, gehörig zu züchtigen. Es wäre gegen alle
Würde Frankreichs, wenn es da nicht sein Veto einlegte ... freilich, Preussen
wird nicht nachgeben, denn es ist ihm daran gelegen, dem Wahnsinnigen, den Krieg
heraufzubeschwören. Durch seine Erfolge von 1866 berauscht, glaubt es, jetzt
auch über den Rhein seine Sieges- und Raubeszüge machen zu dürfen - aber da sind
wir da, Gott sei Dank, solche Gelüste den übermütigen Spitzhelmen zu vertreiben
... In diesem Tone geht es fort. Napoleon III. zwar, wie wir durch ihm
nahestehende Personen erfahren, wünscht nach wie vor die Erhaltung des Friedens;
aber in seiner Umgebung finden die Meisten, dass ein Krieg jetzt unvermeidlich
sei, dass - da man im Volke ohnehin mit der Regierung unzufrieden - das Beste,
was man tun könne, um sich den Respekt des ruhmsüchtigen Landes zu sichern, ein
glücklicher Krieg wäre: »il faut faire grand«.
    Nun wird in der Runde bei anderen europäischen Kabinetten über die
Angelegenheit angefragt. Jedes erklärt, dass es den Frieden wünsche. In
Deutschland wird ein aus Volkskreisen stammendes Manifest veröffentlicht,
welches unter Anderen auch von Liebknecht unterzeichnet ist, worin es heisst:
»der blosse Gedanke an einen deutsch-französischen Krieg sei ein Verbrechen.« Bei
dieser Gelegenheit erfahre ich und kann es in mein Friedensprotokoll eintragen:
»dass eine grosse Verbindung mit hunderttausenden von Mitgliedern existiert,
welche die Abschaffung aller Vorurteile des Standes und der Nation zum
Programmpunkt erhoben hat.«
    Benedetti erhält die Mission, den König von Preussen aufzufordern, dass dieser
dem Prinzen Leopold die Annahme der Krone verbiete. König Wilhelm befand sich
augenblicklich zur Kur in Ems - Benedetti begibt sich dahin und erhält am 9.
Juli eine Audienz.
    Wie wird der Ausgang sein? Ich erwarte die Nachricht mit Zittern.
    Die Antwort des Königs lautet einfach: dass er einem volljährigen Prinzen
nichts verbieten könne.
    Diese Antwort versetzte die Kriegspartei in triumphierende Freude: »Also man
will es darauf ankommen lassen? ... Man will uns bis aufs Äusserste reizen? Das
Haupt des Hauses sollte einem Mitglied desselben nichts verbieten und gebieten
können? Lächerlich! Das ist offenbar abgemachtes Komplott: die Hohenzollern
wollen sich in Spanien festsetzen und dann von Osten und Süden unser Land
überfallen. Und das sollten wir abwarten? Die Demütigung sollten wir uns
gefallen lassen, dass man unseren Protest nicht beachtet? Nimmermehr: wir wissen,
was die Ehre, was der Patriotismus uns gebeut« ...
    Immer lauter und lauter, immer unheimlicher rascheln die Sturmesvorboten.
Da, am 12. Juli kommt eine Botschaft, die mich mit Entzücken erfüllt: Don
Salusto Olozaga zeigt offiziell der französischen Regierung an, dass Prinz
Leopold von Hohenzollern, um keinen Vorwand zu einem Krieg zu bieten, auf die
Annahme der angebotenen Krone verzichtet.
    Nun Gottlob: die ganze »Frage« war ja damit einfach weggeräumt. Die
Nachricht wird um 12 Uhr Mittags in der Kammer mitgeteilt und Ollivier erklärt,
dass dies das Ende des Streites sei. Am selben Tag wurden jedoch (offenbar die
Ausführung früherer Befehle) Truppen und Material nach Metz dirigiert und in
derselben Sitzung macht Clement Duvernois folgende Interpellation:
    »Was haben wir für Bürgschaften, dass Preussen nicht wieder ähnliche
Verwickelungen heraufbeschwört, wie diese spanische Kronkandidatur? Dem muss
vorgebeugt werden.«
    Schon wieder regt sich Gribouille: Es könnte - vielleicht - einmal - ein
leiser Regen uns nass zu machen - drohen: also schnell in den Fluss gesprungen! -
Und abermals wird Benedetti nach Ems geschickt, diesmal den König von Preussen
aufzufordern, dass er dem Prinzen Leopold ein- für allemal und für alle Zukunft
verbiete, auf die Kandidatur zurückzukommen. Kann wohl auf solches
Vorschreiben-wollen einer Handlung, zu welcher der Aufgeforderte nicht einmal
befugt ist, etwas Anderes erfolgen als ungeduldiges Achselzucken! Das mussten
Diejenigen doch wissen, welche die Anforderung stellten.
    Am 15. Juli wieder eine denkwürdige Sitzung. Ollivier verlangt einen Kredit
von fünfhundert Millionen für den Krieg. Tiers stimmt dagegen. Ollivier
entgegnet: er nehme die Verantwortung vor der Geschichte auf sich. Der König von
Preussen habe sich geweigert, den französischen Botschafter zu empfangen und dies
durch eine Note der Regierung angezeigt. Die Linke verlangt diese Note zu sehen
Die Majorität verbietet tumultuarisch und durch Abstimmung die Vorzeigung des
(wahrscheinlich gar nicht existierenden) Dokuments. Diese Majorität bewilligt
Alles, was die Regierung für den Krieg fordert. Solche patriotische
Opferwilligkeit, die da ohne Zaudern das Verderben bewilligt, wird natürlich
wieder mit den bereitliegenden Phrasenclichés gehörig bewundert.
    16. Juli. England macht Versuche, den Krieg zu hindern. Vergebens ... Ja,
gäbe es eingesetzte Schiedsgerichte - wie leicht und einfach wäre da ein so
geringfügiger Konflikt gehoben.
    19. Juli. Der französische Geschäftsträger in Berlin überreicht der
preussischen Regierung die Kriegserklärung.
    Kriegserklärung. Die vier Silben sprechen sich ganz gelassen aus. Was ist's
auch weiter? Der Beginn einer äusser-politischen Aktion, und so nebenbei eine
halbe Million Todesurteile.
    Auch dieses Aktenstück habe ich in die roten Hefte eingetragen. Es lautete:
    »Die Regierung Sr. Majestät des Kaisers der Franzosen konnte den Plan, einen
    preussischen Prinzen auf den spanischen Tron zu erheben, nur als ein
    Unternehmen gegen die territoriale Sicherheit Frankreichs betrachten und hat
    sich daher genötigt gesehen, von Sr. Majestät dem Könige von Preussen die
    Versicherung zu verlangen, dass eine ähnliche Kombination mit seiner
    Zustimmung nicht wieder vorkommen werde. Da Se. Majestät diese Zusicherung
    verweigert und im Gegenteil unserem Gesandten erklärt hat, er gedenke sich
    für dieses Vorkommnis die Möglichkeit vorzubehalten, die Umstände zu
    befragen, so hat die kaiserliche Regierung in dieser Erklärung des Königs
    einen Hintergedanken erkennen müssen, welcher für Frankreich und für das
    europäische Gleichgewicht (da haben wir's schon wieder, das berühmte
    Gleichgewicht: Seht dieses Wandbrett mit den kostbaren Schalen darauf - es
    schwankt - die Schalen könnten herunterfallen - also schlagen wir hinein
    ...) bedrohlich ist. Diese Erklärung hat einen noch schwereren Charakter
    erhalten durch die Mitteilung, welche dem Kabinett gemacht wurde, von der
    Weigerung, den Gesandten des Kaisers zu empfangen und mit ihm neue
    Auseinandersetzungen einzuleiten (also durch solche Dinge: mehr oder minder
    freundlichen Verkehr zwischen Regenten und Diplomaten, wird das Schicksal
    der Völker bestimmt ...). Infolgedessen hat die französische Regierung es
    für ihre Pflicht (!) gehalten, ohne Verzug an die Verteidigung (ja, ja,
    Verteidigung - niemals Angriff) ihrer verletzten Würde, ihrer verletzten
    Interessen zu denken, und entschlossen, zu diesem Zwecke alle Massregeln zu
    ergreifen, welche von der ihr geschaffenen Lage geboten werden, betrachtet
    sie sich von jetzt an als im Zustand des Krieges mit Preussen.«
Zustand des Krieges ... Bedenkt Derjenige, der auf dem grünen Tuch seines
Schreibtisches dieses Wort zu Papier bringt, dass er seine Feder in Flammen
getaucht hat, in blutige Tränen, in Seuchengift? ...
    Also wegen eines für einen vakanten Tron gesuchten Königs und infolge einer
zwischen zwei Monarchen gepflogenen Unterhandlung war diesmal der Sturm
entfesselt? Sollte Kant doch recht haben mit seinem ersten Definitivartikel zum
ewigen Frieden:
    
     »Die bürgerliche Verfassung in jedem Staate soll republikanisch sein?«
    Allerdings fielen durch Verwirklichung dieses Artikels manche Kriegsursachen
weg, denn die Geschichte zeigt, wie viele Feldzüge dynastischer Fragen willen
unternommen wurden, und alle Einsetzung monarchischer Gewalt beruht ja nur auf
glücklicher Kriegführerschaft; indessen: auch Republiken sind kriegerisch. Der
Geist ist es, der alte, wilde, der in den Völkern - seien sie nun in dieser oder
jener Form regiert - Hass und Rauflust und Siegesehrgeiz anfacht.
    Ich erinnere mich, welche eine ganz eigentümliche Stimme mich selber in
jener Zeit erfasste, da der deutsch-französische Krieg sich vorbereitete und dann
losbrach. Diese Gewitterschwüle vorher, dieses gewaltige Sturmwehen nach der
Erklärung ... Die ganze Bevölkerung war in Fieber, und wer kann solcher Epidemie
sich entziehen? Natürlich - nach altem Brauch - wurde der Beginn des Feldzuges
schon als Siegeszug betrachtet, das ist ja so patriotische Pflicht. »A Berlin -
á Berlin!« jubelte es durch die Strassen und von den Imperialen der Omnibusse
herab; die Marseillaise an allen Ecken und Enden: Le jour de gloire est arrivé!
In jeder Teatervorstellung musste die erste Schauspielerin oder Sängerin - in
der Oper war es Marie Sass - im Jeanne d'Arc-Kostüm vor die Rampe treten und
fahnenschwingend dieses Kampflied singen, welches vom Publikum stehend angehört
und bisweilen mitgesungen wurde. Auch wir haben das eines Abends mit angesehen,
Friedrich und ich, und auch wir mussten von unseren Sitzen uns erheben. »Mussten«
nicht aus äusserem Zwang, wir hätten uns ja in den Hintergrund der Loge
zurückziehen können - sondern mussten, weil wir elektrisiert waren.
    »Siehst Du, Marta,« erklärte mir Friedrich, »solcher Funke, der da von
Einem zum Anderen springt und diese ganze Menge in einem vereinten und erhöhten
Herzschlag erheben macht - das ist Liebe -«
    »Meinst Du? Es ist doch ein hassendes Lied:
»Dass ihr unreines Blut
Unsere Furchen tränke - -«
»Tut nichts: vereinigter Hass ist auch eine Form von Liebe. Wo sich Zwei oder
Mehrere in einem gemeinsamen Gefühl zusammentun, da lieben sie einander. Lass
nur einmal einen höheren Begriff, als den der Nation, nämlich den der Menschheit
und der Menschlichkeit, als gemeinsames Ideal aufgefasst werden, dann -«
    »Ach wann wird das sein?« seufzte ich.
    »Wann? Das ist sehr relativ. Im Verhältnis zu unserer Existenzdauer - nie;
im Verhältnis zu derjenigen unseres Geschlechtes - morgen.«
Wenn ein Krieg ausgebrochen ist, so spalten sich alle Anhänger der neutralen
Staaten in zwei Lager; die Einen nehmen für diesen, die Anderen für jenen Teil
Partei; es ist da wie eine grosse schwebende Wette, bei der Jeder mitält.
    Wir Beide, Friedrich und ich, mit wem sollten wir sympatisieren, wem den
Sieg wünschen? Als Österreicher waren wir »patriotisch« vollkommen berechtigt,
unsere Überwinder aus dem vorigen Kriege diesmal als Überwundene sehen zu
wollen. Ferner ist es auch naturgemäss, dass man Jenen, in deren Mitte man lebt,
von deren Gefühlen man unwillkürlich aufgesteckt wird, die grössere Sympatie
zuwendet - und wir waren ja von Franzosen umgeben. Dennoch: Friedrich war
preussischer Abkunft, und waren nicht auch mir die Deutschen, deren Sprache ja
die meine ist, stammverwandter als ihre Gegner? Ausserdem war die Kriegserklärung
nicht von den Franzosen aus so nichtigem Grunde - nein, nicht Grunde, Vorwande -
ausgegangen, mussten wir daher nicht einsehen, dass die Sache der Preussen die
gerechte war, dass diese nur als Verteidiger und dem Zwang gehorchend, in den
Kampf zogen? Und war die Einmütigkeit nicht erhebend, mit welcher die vor Kurzem
noch sich befehdenden Deutschen sich jetzt zusammenscharten? Sehr richtig hatte
König Wilhelm in seiner Tronrede vom 19. Juli gesagt:
    »Das deutsche und das französische Volk, beide die Segnungen christlicher
    Gesittung und steigenden Wohlstandes gleichmässig geniessend, waren zu einem
    heilsameren Wettkampfe berufen, als zu dem blutigen der Waffen. Doch die
    Machtaber Frankreichs haben es verstanden, das wohlberechtigte aber
    reizbare Selbstgefühl unseres grossen Nachbarvolkes durch berechnete
    Missleitung für persönliche Interessen und Leidenschaften auszubeuten -«
Kaiser Napoleon erliess seinerseits folgende Proklamation:
    »Angesichts der anmassenden Ansprüche Preussens haben wir Einsprache getan.
    Diese ist verspottet worden. Vorgänge1 folgten, welche Verachtung für uns
    zeigten. Unser Land ist dadurch tief aufgeregt und augenblicklich erschallt
    das Kriegsgeschrei von einem Ende Frankreichs zum andern. Es bleibt uns
    nichts mehr übrig, als unsere Geschicke dem Lose, welches die Waffen werfen,
    zu überlassen Wir bekriegen nicht Deutschland, dessen Unabhängigkeit wir
    achten. Wir haben die besten Wünsche dafür, dass die Völker, welche das grosse
    deutsche Volkstum ausmachen, frei über ihre Geschicke verfügen. Was uns
    betrifft, so verlangen wir die Aufrichtung eines Standes der Dinge, welcher
    unsere Sicherheit verbürge und unsere Zukunft sicher stelle. Wir wollen
    einen dauerhaften Frieden erlangen, begründet auf die wahren Interessen der
    Völker; wir wollen, dass dieser elende Zustand aufhöre, bei dem alle Nationen
    ihre Hilfsquellen aufwenden, um sich gegenseitig zu bewaffnen.«
Welche Lektion, welche gewaltige Lektion spricht aus diesem Schriftstück, wenn
man es mit den folgenden Ereignissen zusammenhält! Also um Sicherheit, um
dauernden Frieden zu erlangen, wurde dieser Feldzug von Frankreich unternommen?
Und was ist daraus entstanden? - »L'année terrible« und dauernde - noch immer
dauernde - Feindschaft. Nein, nein: - mit Kohle lässt sich nicht weiss färben, mit
asa foetida nicht Wohlgeruch verbreiten und mit Krieg nicht Frieden sichern.
Dieser »elende Zustand«, auf den Napoleon anspielte, wie hat der seiter sich
noch verschlimmert! Es war dem Kaiser Ernst, voller Ernst mit dem Plane, eine
europäische Abrüstung anzubahnen, ich habe es durch seine nächsten Verwandten
mit Bestimmteit erfahren; aber die Kriegspartei hat ihn gedrängt, gezwungen -
und er gab nach ... Dennoch konnte er sich nicht entalten, in der
Kriegsproklamation selber seine Lieblingsidee anklingen zu lassen. Es sollte
deren Verwirklichung nur hinausgeschoben sein. »Nach dem Feldzug - nach dem
Siege ...« sagte er sich zum Trost. Es ist anders gekommen.
    Auf welcher Seite also unsere Sympatien standen? Wenn man dazu gelangt, den
Krieg an und für sich zu verabscheuen, wie das bei Friedrich und mir der Fall
war, so kann das echte, naive »Passionieren« für den Ausgang eines Feldzuges
nicht mehr eintreten; die einzige Empfindung ist eben die: Hätte er nur nie
begonnen - dieser Feldzug - und wäre er nur schon aus!
    Ich glaubte nicht, dass der gegenwärtige Krieg lange dauern und bedeutende
Folgen haben werde. Zwei oder drei gewonnene Schlachten hier oder dort und man
würde sicherlich parlamentieren und dem Ding ein Ende machen. Um was schlug man
sich denn eigentlich? Um gar nichts. Das Ganze war mehr eine Art
Waffenpromenade, von den Franzosen aus ritterlicher Abenteuerlust, von den
Deutschen aus tapferer Verteidigungspflicht unternommen; ein paar getauschte
Säbelhiebe und die Gegner würden sich wieder die Hände reichen ... Törin, die
ich war! Als ob die Folgen eines Krieges im Verhältnis zu den Ursachen seines
Entstehens blieben. Der Verlauf ist es, der die Folgen bestimmt.
    Gern hätten wir Paris verlassen, denn der ganze von der Bevölkerung gezeigte
Entusiasmus berührte uns höchst peinlich. Aber der Weg nach Osten war nunmehr
versperrt; auch hielt uns der Bau unseres Hauses zurück - kurz: wir blieben.
Geselligen Umgang hatten wir beinahe keinen mehr. Alles, was nur konnte, hatte
Paris geflohen und unter den obwaltenden Umständen dachte auch unter den
Zurückgebliebenen keiner daran, Einladungen auszuteilen. Nur einige unserer
Bekannten aus litterarischen Kreisen, die noch anwesend waren, suchten wir
öfters auf. Gerade in dieser Phase des beginnenden Krieges war es Friedrich
interessant, die betreffenden Urteile und Ansichten der hervorragenden Geister
kennen zu lernen. Da war ein ganz junger Schriftsteller, der später zu solcher
Berühmteit gelangte Guy de Maupassant, von dessen Äusserungen: die mir aus der
Seele gesprochen waren, ich einige in die roten Hefte eintrug:
    »Der Krieg - wenn ich nur an dieses Wort denke, so überkommt mich ein
    Grauen, als spräche man mir von Hexen, von Inquisition - von einem
    entfernten, überwundenen, abscheulichen, naturwidrigen Dinge. Der Krieg -
    sich schlagen! Erwürgen, niedermetzeln! Und wir besitzen heute - zu unserer
    Zeit, mit unserer Kultur, mit dem so ausgedehnten Wissen, auf so hoher Stufe
    der Entwickelung, auf der wir angelangt zu sein glauben - wir besitzen
    Schulen, wo man lernt zu töten - auf recht grosse Entfernung zu töten, eine
    recht grosse Anzahl auf einmal.
        ... Das Wunderbare ist, dass die Völker sich dagegen nicht erheben, dass
        die ganze Gesellschaft nicht revoltiert bei dem blossen Worte Krieg.
        Jeder, der regiert, ist ebenso verpflichtet, den Krieg zu vermeiden, wie
        ein Schiffskapitän verpflichtet ist, den Schiffbruch zu vermeiden. Wenn
        ein Kapitän sein Schiff verloren hat, wird er vor ein Gericht gestellt
        und verurteilt, falls man erkennt, dass er sich Nachlässigkeit zu
        schulden kommen liess. Warum wird die Regierung nach jedem erklärten
        Kriege nicht gerichtet? Wenn die Völker das verständen, wenn sie sich
        weigerten, ohne Grund sich töten zu lassen - dann wäre es mit dem Kriege
        aus.«
Und Erneste Renan liess sich also vernehmen:
    »Ist es nicht herzzerreissend, zu denken, dass Alles, was wir Männer der
    Wissenschaft in fünfzig Jahren aufzubauen bestrebt waren, mit einem Schlage
    zusammengestürzt ist: die Sympatien zwischen Volk und Volk, das
    gegenseitige Verständnis, das fruchtbare Zusammenarbeiten. Wie tötet ein
    solcher Krieg die Wahrheitsliebe! Welche Lüge, welche Verleumdung des einen
    Volkes wird nun nicht aufs Neue in den nächsten fünfzig Jahren von dem
    anderen mit Begierde geglaubt werden und sie für unabsehbare Zeiten
    voneinander trennen! Welche Verzögerung des europäischen Fortschrittes! In
    hundert Jahren werden wir nicht wieder aufrichten können, was diese Menschen
    an einem Tage heruntergerissen haben.«
Ich hatte auch Gelegenheit einen Brief zu lesen, den Gustave Flaubert in jenen
ersten Julitagen, als eben der Krieg ausgebrochen war, an George Sand
geschrieben hat. Hier ist er:
    »Ich bin verzweifelt über die Dummheit meiner Landsleute. Die
    unverbesserliche Barbarei der Menschheit erfüllt mich mit tiefer Trauer.
    Dieser Entusiasmus, der von keiner Idee beseelt ist, macht, dass ich sterben
    möchte, um ihn nicht mehr zu sehen. Der gute Franzose will sich schlagen: 1)
    weil er sich durch Preussen herausgefordert glaubt; 2) weil der natürliche
    Zustand des Menschen die Wildheit ist; 3) weil der Krieg ein mystisches
    Element in sich hat, das die Menschen fortreisst. Sind wir wieder zu den
    Rassenkämpfen gekommen? Ich fürchte es ... Die schrecklichen Schlachten, die
    sich vorbereiten, haben nicht einmal einen Vorwand für sich. Es ist die
    Lust, sich zu schlagen, um sich zu schlagen. Ich beklage die gesprengten
    Brücken und Tunnels. Alle diese menschliche Arbeit, die verloren geht! Sie
    haben gesehen, dass ein Herr in der Kammer die Plünderung des Grossherzogtums
    Baden vorgeschlagen hat. Ach, dass ich nicht bei den Beduinen sein kann!«
»Ach,« rief ich, als ich diesen Brief zu Ende gelesen, »dass wir nicht
fünfhundert Jahre später geboren sind - das wäre noch besser als die Beduinen.«
    »So lange werden die Menschen nicht mehr brauchen, um vernünftig zu werden,«
entgegnete Friedrich zuversichtlich.
    Das war jetzt das Stadium der Proklamationen und der Armeebefehle.
    Immer wieder die alte Leier und immer wieder das zu Beifall und Begeisterung
hingerissene Publikum. Über die in den Manifesten verbürgten Siege wird
gejubelt, als wären dieselben bereits erfochten.
    Am 28. Juli erliess Napoleon III. vom Hauptquartier in Metz folgende Urkunde.
Auch diese habe ich eingetragen - nicht etwa aus geteilter Bewunderung - sondern
aus Zorn über das ewig gleiche hohle Phrasenwerk.
    »Wir verteidigen Ehre und Boden des Vaterlandes. Wir werden siegen. Nichts
    ist zu viel für die ausharrenden Anstrengungen der Soldaten Afrikas, der
    Krim, Chinas, Italiens und Mexikos. Noch einmal werdet ihr beweisen, was
    eine französische Armee vermag, die von Vaterlandsliebe durchglüht ist.
    Welchen Weg immer wir ausserhalb unserer Grenzen einschlagen, wir finden dort
    die ruhmreichen Spuren unserer Väter. Wir werden uns ihrer würdig zeigen.
    Von unseren Erfolgen hängt das Schicksal der Freiheit und der Civilisation
    ab. Soldaten - tue Jeder seine Pflicht und der Gott der Schlachten wird mit
    uns sein.«
»Le Dieu des armées« durfte natürlich nicht fehlen. Dass die Führer besiegter
Heere schon hundertmal dasselbe gesprochen, das hindert die Anderen nicht, bei
jedem neuen Feldzug wieder dasselbe zu sprechen und damit dasselbe Vertrauen zu
wecken. Gibt es etwas kürzeres und schwächeres als das Gedächtnis der Völker?
    Am 31. Juli verlässt König Wilhelm Berlin und erlässt nachstehendes Manifest:
    »Indem ich heute zur Armee gehe, um mit ihr für die Ehre und für die
    Erhaltung unserer höchsten Güter zu kämpfen, erlasse ich eine Amnestie für
    politische Verbrecher. Mein Volk weiss mit mir, dass Friedensbruch und
    Feindschaft nicht auf unserer Seite waren. Aber herausgefordert, sind wir
    entschlossen, gleich unseren Vätern und in fester Zuversicht auf Gott den
    Kampf zu bestehen zur Errettung des Vaterlandes.«
Notwehr, Notwehr: das ist die einzig stattafte Art des Tötens; daher rufen
beide Gegner: »Ich wehre mich.« Ist das nicht Widersinn? - Nicht so ganz - denn
über Beiden waltet eine dritte Macht, die Macht des überkommenen alten
Kriegsgeistes. - Nur gegen den sich zu wehren, sollten alle sich verbünden ...
    Neben den obigen Manifesten finde ich in meinen roten Heften eine
Eintragung, mit dem sonderbaren Titel überschrieben:
    »Hätte Ollivier die Tochter Meierbeers geheiratet, wäre da der Krieg
    ausgebrochen?«
Die Sache verhielt sich so. Unter unseren pariser Bekannten befand sich auch der
Litterat Alexander Weill, und dieser war es, der obige Frage aufwarf, indem er
uns Nachstehendes erzählte:
    »Meierbeer suchte einen talentvollen Mann für seine zweite Tochter und seine
Wahl fiel auf meinen Freund Emile Ollivier. Ollivier ist Witwer. Er hat in
erster Ehe die Tochter Liszts geheiratet, die der berühmte Pianist von der
Gräfin d'Agoult (Daniel Stern) hatte, mit der er lange Zeit im ehelichen
Verhältnis lebte. Diese Ehe war sehr glücklich und Ollivier hatte den Ruf eines
tugendhaften Ehemannes. Er besass kein Vermögen, aber als Redner und Staatsmann
war er schon berühmt. Meierbeer wollte ihn persönlich kennen lernen und zu
diesem Zwecke gab ich - es war im April des Jahres 1864 - einen grossen Ball, dem
die meisten Celebritäten der Kunst und der Wissenschaft beiwohnten und wo
natürlich Ollivier, der von mir von der Absicht Meierbeers unterrichtet war, die
erste Rolle spielte. Er gefiel Meierbeer. Die Sache war nicht leicht in Gang zu
bringen. Meierbeer kannte die unabhängige Originalität seiner zweiten Tochter,
die nie einen anderen Gatten als den ihrer freien Wahl ehelichen würde. Es wurde
verabredet, dass Ollivier nach Baden komme, um dort dem Mädchen zufällig
vorgestellt zu werden, als Meierbeer plötzlich vierzehn Tage nach diesem Ball
starb. Ollivier war es - erinnern Sie sich? - der ihm im Nordbahnhof eine
Trauer- und Lobrede hielt. Nun behaupte ich, ja, ich bin dessen sicher: hätte
Ollivier die Tochter Meierbeers geheiratet. der Krieg zwischen Frankreich und
Deutschland wäre nicht ausgebrochen! Hier meine plausiblen Beweise. Vorerst
hätte Meierbeer, der das Kaisertum bis zur Verachtung hasste, nie seinem
Tochtermann erlaubt, Minister des Kaisers zu werden. Man weiss, dass, wenn
Ollivier der Kammer gedroht hätte, eher seine Demission zu geben, als den Krieg
zu erklären, dieselbe Kammer nie den Krieg erklärt hätte. Der gegenwärtige Krieg
ist das Werk dreier intimer Stuben- und Geheimminister der Kaiserin, mit Namen:
Jerome David, Paul de Cassagnac und Duc de Grammont. Die Kaiserin, von dem
Papste aufgereizt, dessen religiöse Puppe sie ist, wollte diesen Krieg, an
dessen Sieg sie nicht zweifelte, um die Nachfolge ihres Sohnes zu sichern. Sie
sagte: C'est ma guerre à moi et à mon fils! und die drei obengenannten
päpstlichen Anabaptisten waren ihre geheimen Werkzeuge, um den Kaiser, der
keinen Krieg wollte, und die Kammer durch falsche und verhehlte Depeschen aus
Deutschland zum Krieg zu zwingen!«
    »Das nennt man Diplomatie!« unterbrach ich schaudernd.
    »Hören Sie weiter,« fuhr Alexander Weill fort. »Den 15. Juli sagte mir
Ollivier, den ich auf der place de la concorde antraf: Der Friede ist gesichert
- eher gäbe ich meine Demission. Woher nun kam es, dass derselbe Mann einige Tage
später, statt seine Demission zu geben, den Krieg selbst d'un coeur léger, wie
er in der Kammer sagte, erklärte?«
    »Leichten Herzens!« rief ich mit neuem Schauer.
    »Hier liegt ein Geheimnis, das ich aufklären kann. Der Kaiser, für den das
Geld nie einen anderen Wert hat, als um Liebe und Freundschaft sich zu erkaufen
- er glaubt, wie Jugurta in Rom, ganz Frankreich wäre feil, die Männer wie die
Weiber - hat die Gewohnheit, wenn er einen Minister annimmt, der nicht reich
ist, ihn durch ein Geschenk von einer Million Franken näher an sich zu fesseln.
Daru allein, der mir dieses Geheimnis entdeckte, lehnte dieses Geschenk ab:
timeo Danaos et dona ferentes. Und er allein, nicht gebunden, gab seine
Demission. So lange der Kaiser zauderte, erklärte sich Ollivier, mit der
goldenen Kette an seinen Meister gefesselt, neutral - eher für den Frieden.
Sobald aber der Kaiser von seiner Frau und ihren drei ultramontanen Anabaptisten
überrumpelt ward, erklärte sich auch Ollivier für den Krieg und entseelte sich
lebendig mit leichtem Herzen und - voller Tasche.«2
»O Monsieur, o Madame - welches Glück, welche grosse Nachricht!« Mit diesen Worte
stürzten eines Tages Friedrichs Kammerdiener und hinter ihm der Koch in unser
Zimmer. Es war am Tage von Wört.
    »Was gibt's?«
    »An der Börse ist eine Depesche angeschlagen: wir haben gesiegt. Die Armee
des Königs von Preussen ist so gut wie vernichtet ... Die Stadt schmückt sich mit
dreifarbigen Fahnen - es soll heute Abend illuminiert werden.«
    Im Laufe des Nachmittags stellt sich jedoch heraus, dass die Nachricht eine
falsche - ein Börsenmanöver - war. Ollivier hält von seinem Balkon aus eine
Ansprache an die Menge.
    Nun - desto besser. Wenigstens würde man nicht beleuchten müssen. Diese
Freudenkundgebungen anlässlich »vernichteter Armeen« - d.h. anlässlich zahlloser
zerrissener Leben und gebrochener Herzen - das hätte in mir auch wieder den
Flaubertschen Wunsch erweckt: »Ach wär' ich doch bei den Beduinen!«
    Am 7. August Unglücksbotschaft. Der Kaiser eilt aus St. Cloud nach dem
Kriegsschauplatz. Der Feind ist ins Land gedrungen. Die Blätter können ihrer
Entrüstung über die »Invasion« nicht heftig genug Ausdruck geben. Der Ruf »à
Berlin!« - däuchte mir - bedeutete doch auch beabsichtigten Einfall - doch daran
war nichts entrüstendes; - dass aber die östlichen Barbaren in das schöne,
gottgeliebte Frankreich einzufallen sich unterstanden: das war schier Wildheit,
Frevel - dem musste rasch gesteuert werden.
    Der interimistische Kriegsminister erlässt ein Dekret, dass alle rüstigen
Bürger von dreissig bis vierzig Jahren, welche der Nationalgarde noch nicht
angehören, derselben sofort einverleibt werden müssen. Es bildet sich ein
Ministerium der Landesverteidigung. Die bewilligte Kriegsanleihe von fünfhundert
wird auf tausend Millionen erhöht. Ganz herzerfrischend ist es, wie opferfähig
die Leute über das Geld und das Leben der Anderen stets verfügen. Eine kleine
finanzielle Unannehmlichkeit macht sich dem Publikum zwar sogleich fühlbar: wenn
man Banknoten wechseln will, muss man dem Wechsler zehn Prozent zahlen - es ist
nicht so viel Gold vorhanden, als die Bank von Frankreich Noten ausgeben darf.
    Und jetzt, deutscherseits Sieg auf Sieg ...
    Die Physiognomie der Stadt Paris und ihrer Einwohner verändert sich. Statt
der stolzen, prahlerischen kampfesfrohen Laune tritt Bestürzung und grimmiger
Zorn ein. Immer mehr verbreitet sich das Gefühl, dass eine Vandalenhorde über das
Land niedergegangen - etwas Schreckhaftes, Unerhörtes, wie etwa eine
Heuschreckenwolke oder sonst eine Naturplage. Dass sie mit ihrer Kriegserklärung
diese Plage selber heraufbeschworen, dass sie dieselbe für unerlässlich hielten, -
damit ja nicht etwa ein Hohenzollern in ferner Zukunft auf die Idee kommen
könne, um den spanischen Tron zu werben - das hatten sie vergessen. Über den
Feind kommen entsetzliche Märchen in Umlauf. »Die Ulanen, die Ulanen«: das hat
einen phantastisch-dämonischen Klang, beinahe als hiesse es »das wilde Heer«. In
der Einbildung der Leute nimmt diese Truppengattung ein teuflisches Wesen an. Wo
immer von der deutschen Kavallerie ein kühner Streich ausgeführt wird, wird er
den Ulanen zugeschrieben - eine Art Halbmenschen, ohne Sold, darauf angewiesen,
von Beute zu leben. Neben den Schauergerüchten entstehen aber auch wieder
Triumpfgerüchte. Das Erfolgvorlügen gehört mit zu den Chauvinistenpflichten.
Natürlich: der Mut muss aufrecht erhalten werden. Das Gebot der Wahrhaftigkeit -
wie so viele andere Sittengebote - verliert seine Gültigkeit im Kriege. Aus der
Zeitung Le Volontaire diktierte mir Friedrich folgende Stelle für meine roten
Hefte:
    »Bis zum 16. August haben die Deutschen schon 144 000 Mann verloren, der
    Rest ist dem Verhungern nahe. Aus Deutschland ziehen die letzten Reserven
    herbei, »la landwehr et la landsturm«; alte Männer von 60 Jahren mit
    Feuersteingewehren, an der rechten Seite eine ungeheure Tabaksdose, an der
    linken eine noch grössere Schnapsflasche, im Munde eine lange tönerne
    Pfeife; keuchend unter der Last des Tornisters, auf welchem die Kaffeemühle
    und in welchem der Fliedertee nicht fehlen darf, ziehen sie hustend und
    sich schneuzend vom rechten an das linke Rheinufer, Diejenigen verfluchend,
    welche sie den Umarmungen ihrer Enkel entrissen haben, um sie dem sicheren
    Tode entgegen zu führen.« - »Was die deutscherseits gebrachten
    Siegesnachrichten anbelangt - so sind dies die bekannten preussischen Lügen.«
Am 20. August verkündet Graf Palikao in der Kammer, dass drei gegen Bazaine
vereinte Armeekorps in die Steinbrüche von Jaumont geworfen wurden. (Sehr gut!
Sehr gut!) Zwar weiss niemand, was das für Steinbrüche seien, und wo selbe
gelegen sind; und wie sich die drei Armeekorps darin verhalten, das macht sich
auch niemand klar; aber von Mund zu Mund geht die frohe Botschaft: »Sie wissen
schon? ... In den Steinbrüchen ...« - »Ja, ja, von Jaumont.« Keiner äussert einen
Zweifel oder eine Frage; es ist, als ob Alle aus der Gegend von Jaumont gebürtig
wären und die armeeverschlingenden Steinbrüche so gut kennten, wie ihre Tasche.
Um diese Zeit tauchte auch das Gerücht auf, der König von Preussen sei aus
Verzweiflung über den Zustand seines Heeres verrückt geworden.
    Man hört nur noch Ungeheuerlichkeiten. Die Aufregung, das Fieber der
Bevölkerung nimmt stündlich zu. Der Krieg »là-bas« hat aufgehört, als
Waffenspaziergang betrachtet zu werden; man fühlt, dass die losgelassenen
Gewalten jetzt Furchtbares über die Welt bringen - es ist nur noch von
vernichteten Heeren, von wahnsinnigen Führern, von teuflichen Horden, von Kampf
bis aufs Messer die Rede. Ich höre es donnern und grollen - was sich da erhebt,
ist der Sturm der Wut und der Verzweiflung. Der Kampf um Bazaille bei Metz wird
geschildert, als wären dort von den Bayern die unmenschlichsten Greuel verübt
worden.
    
    »Glaubst Du das,« fragte ich Friedrich, »glaubst Du das von den gutmütigen
Bayern?«
    »Es mag ja sein. Ob Bayer oder Turko, ob Deutscher, Franzose oder Indianer:
der sich seines Lebens wehrende und zum töten ausholende Krieger hat allemal
aufgehört menschlich« zu sein. Was in ihm geweckt und gewaltsam aufgestachelt
worden, ist ja eben die Bestie.
Metz gefallen ... So lautete an jenem Tage die zwar noch verfrühte aber einige
Zeit später doch zur Wahrheit gewordene Nachricht, die in der Stadt wie ein
einziger grosser Schreckensschrei widerhallte.
    Mir ist die Nachricht von der Einnahme einer Festung eher eine Erleichterung
bringende Botschaft; denn ich denke: das gibt doch eine Entscheidung. Und
darnach nur - dass die blutige Partie aus sei - nur darnach geht mein Sehnen.
Aber nein: nichts ist noch entschieden - es sind ja noch mehr Festungen da. Nach
einer Niederlage heisst es nur, sich aufraffen und doppelt kräftig entgegenhauen
- das Glück der Waffen kann ja wechseln Ja wohl, bald dort, bald hier kann der
Vorteil sein; wäre dabei nur nicht auf beiden Seiten der sichere Jammer, der
sichere Tod.
    Trochu fühlt sich veranlasst, den Mut der Bevölkerung durch eine neue
Proklamation zu heben und beruft sich darin auf einen alten Wahlspruch der
Bretagne: »Mit Gottes Hilfe für das Vaterland«. Das klingt mir nicht eben neu -
ich muss ähnlichem schon in anderen Proklamationen begegnet sein. Es verfehlt
eben seine Wirkung nicht: die Leute sind begeistert. Jetzt heisst es, Paris in
eine Festung umwandeln.
    Paris Festung? Ich kann den Gedanken nicht fassen. Die Stadt, welche Victor
Hugo »la villelumière« genannt, welche der Anziehungspunkt der ganzen
civilisierten, reichen, Kunst- und Lebensgenuss suchenden Welt ist, der
Ausgangspunkt des Glanzes, der Mode, des Geistes - diese Stadt will sich nun
»befestigen«, das heisst sich zum Zielpunkt feindlicher Angriffe, zur Scheibe der
Beschiessung machen, sich allem Verkehr abschliessen und sich der Gefahr aussetzen
in Brand geschossen oder ausgehungert zu werden? Und das tun diese Leute »de
gaité de coeur«, mit Opfermut, mit Freudeneifer, als gelte es die Vollbringung
des nützlichsten, edelsten Werkes? Mit fieberhafter Hast wird an die Arbeit
geschritten. Es müssen Wälle für Aufstellung von Mannschaften gebaut werden und
Schiessscharten eingeschnitten; ferner vor den Toren Graben ausgehoben,
Zugbrücken angelegt, Deckwerke neu errichtet, Kanäle überbrückt und mit
Brustwehren angeschüttet, Pulvermagazine gebaut, und auf der Seine eine
Flottille von Kanonenbooten aufgestellt werden. Welches Fieber von Tätigkeit,
welcher Aufwand von Anstrengung und Fleiss; welche riesige Kosten von Arbeit und
Geld! Wie das Alles, für Werke der Gemeinnützigkeit verwendet, erfreulich und
erhebend wäre - aber für den Zweck der Schadenzufügung, der Vernichtung - welche
nicht einmal Selbstzweck, sondern strategischer Schachzug ist - es ist
unfasslich!
    Um einer voraussichtlich langen Belagerung widerstehen zu können,
verproviantiert sich die Stadt. Bis jetzt - allen Erfahrungen gemäss - hat es
noch keine uneinnehmbaren Festungen gegeben; die Kapitulation ist stets nur eine
Frage der Zeit. Und immer wieder werden Festungen errichtet, immer wieder werden
sie mit Vorräten versehen, trotz der matematischen Unmöglichkeit, sich auf die
Dauer vor Aushungerung zu schützen.
    Die getroffenen Massregeln sind grossartig. Es werden Mühlen eingerichtet und
Viehparks angelegt, aber schliesslich muss der Augenblick doch kommen, wo das Korn
ausgeht und das Fleisch verzehrt ist. Aber so weit denkt man nicht; bis dahin
ist der Feind über die Grenze zurückgedrängt oder im Land vernichtet. Der
vaterländischen Armee schliesst sich ja das ganze Volk an. Alles meldet sich zum
Dienst oder wird dazu herangezogen; so werden zur Besatzung von Paris sämtliche
Feuerwehrleute des Landes berufen. In der Provinz mag es unterdessen brennen -
was liegt daran? So kleine Unglücksfälle verschwinden, wo es sich um ein
National-»desastre« handelt. Am 17. August sind schon 60 000 Pompiers in die
Hauptstadt eingerückt. Auch die Matrosen werden einberufen, und täglich bilden
sich neue Truppenkörper unter verschiedenen Namen: volontaires, éclaireurs,
franctireurs ...
In immer beschleunigterer Bewegung folgen einander nun die Ereignisse. Aber nur
noch kriegerische Ereignisse. Alles Andere ist aufgehoben. Rings um uns wird
nichts Anderes mehr gedacht als »mort aux Prussiens«. Ein Sturm des wilden
Hasses sammelt sich an; noch ist er nicht losgebrochen, aber man hört ihn
rauschen. In allen offiziellen Kundgebungen, in allem Gassenlärm, in allen
öffentlichen Vorkehrungen - immer nur das eine Ziel: »mort aux Prussiens«. All'
diese Truppen, regelmässige und unregelmässige, diese Munitionen, diese nach den
Befestigungen drängenden Arbeiter mit ihren Werkzeugen und Karren, diese
Waffentransporte: alles was man sieht und was man hört, das deutet in Formen und
in Tönen, das blitzt und poltert, das funkelt und tost »mort aux Prussiens!« -
Oder mit anderen Worten - dann klingt es freilich wie ein Ruf der Liebe und
durchglüht auch weiche Herzen - »pour la patrie!« - aber es ist dennoch
dasselbe.
    Ich fragte Friedrich:
    »Du bist doch preussischer Abstammung - wie berühren Dich diese von allen
Seiten laut werdenden feindlichen Gesinnungen?«
    »Dieselbe Frage hast Du schon im Jahre 1866 an mich gerichtet - und damals
antwortete ich Dir - wie auch heute - dass ich unter diesen Hassesäusserungen
nicht als Landesangehöriger, sondern als Mensch leide. Fasse ich die Gesinnungen
der Leute hier vom nationalen Standpunkt auf, so kann ich ihnen nur recht geben;
sie nennen es la haine sacrèe de l'ennemi - und diese Regung bildet einen
wichtigen Bestandteil des kriegerischen Patriotismus. In diesem einen Gedanken
gehen sie nun auf: ihr Land von dem feindlichen Einfall wieder zu befreien. Dass
sie die Einfallenden durch ihre Kriegserklärung gerufen - das vergessen sie. Sie
haben es ja auch nicht selber getan, sondern ihre Regierung, welcher sie aufs
Wort geglaubt, dass sie es tun musste, und jetzt verlieren sie keine Zeit mit
Vorwürfen, mit Erwägungen, wer das Unglück heraufbeschworen; es ist nun einmal
da und alle Kraft, alle Begeisterung wird darauf verwendet, es wieder
abzuwenden, oder mit sorglosem Opfermut vereint zu Grunde zu gehen. Glaube mir,
es liegt viel edle Liebesfähigkeit in uns Menschenkindern, schade nur, dass wir
sie in den alten Feindschaftsgeleisen vergeuden ... Und drüben, die Gehassten,
die einfallenden, die rotaarigen, östlichen Barbaren - was tun die? Sie sind
herausgefordert worden und sie dringen in das Land derjenigen ein, welche das
ihre zu überfallen drohten: à Berlin, à Berlin! Erinnerst Du Dich noch, wie
dieser Ruf die ganze Stadt durchschallte, sogar von den Dächern der Omnibusse
herab?«
    »Nun marschieren jene nach Paris! Warum rechnen ihnen das die à Berlin-Rufer
als Verbrechen an?«
    »Weil es keine Logik und keine Gerechtigkeit geben kann in jenem
Nationalgefühl, dessen oberster Grundsatz der ist: Wir sind wir - das heisst die
ersten, die anderen sind Barbaren. Und jener Vormarsch der Deutschen von Sieg zu
Sieg flösst mir Bewunderung ein. Ich bin doch auch Soldat gewesen und weiss, was
an dem Begriffe Sieg für ein Zauber haftet, welcher Stolz, welcher Jubel da
hineingelegt wird. Ist es doch das Ziel, der Lohn für alle gebrachten Opfer, für
den Verzicht auf Ruhe und Glück, für das eingesetzte Leben.«
    »Warum bewundern aber die überwundenen Gegner, die ja doch auch Soldaten
sind und wissen welcher Ruhm den Sieg begleitet, warum bewundern die ihre
Überwinder nicht? Warum heisst es niemals in einem Schlachtbericht der
verlierenden Partei: Der Feind hat einen glorreichen Sieg errungen!?«
    »Weil - ich wiederhole es - der Kriegsgeist und der patriotische Egoismus
die Verneinung aller Gerechtigkeit ist.«
    So kam es - ich sehe es aus allen unseren in den roten Heften eingetragenen
Gesprächen aus jenen Tagen - dass wir an gar nichts anderes dachten, denken
konnten, als an den Verlauf des gegenwärtigen Völkerduells.
    Unser Glück, unser armes Glück - wir hatten es, aber wir durften es nicht
geniessen. Ja, alles besassen wir, was uns einen lieblichen Himmel auf Erden
schaffen konnte: grenzenlose Liebe, Reichtum, Rang, den herrlich sich
entwickelnden Knaben Rudolf, unser Herzenspüppchen Sylvia, Unabhängigkeit, reges
Interesse an der Welt des Geistes ... aber das alles war wie hinter einen
Vorhang gestellt. Wie durften, wie konnten wir an unseren Freuden uns laben,
während um uns alles litt und zitterte, schrie und tobte? Das ist, als wollte
man es sich recht gütlich tun an Bord eines sturmgepeitschten Schiffes.
    »Ein teatralischer Mensch, dieser Trochu,« berichtete mir Friedrich eines
Tages - es war am 25. August - »Was wurde heute für ein Effekt-Coup ausgeführt?
Darauf verfällst Du nimmer.«
    »Die Frauen zum Militärdienst einberufen?« riet ich.
    »Um Frauen handelt es sich wohl, aber sie sind nicht einberufen - im
Gegenteil.«
    »Also die Marketenderinnen abgeschafft - oder die barmherzigen Schwestern?«
    »Noch immer nicht erraten. Abschaffung ist zwar dabei - und
Marketenderinnen, insofern sie den Becher der Lust reichen, und barmherzig - in
gewissem Sinn - sind die Abgeschaften auch; kurz - ohne weitere Charade: die
Demimonde wird ausgewiesen.«
    »Und das hat der Kriegsminister verfügt? Welcher Zusammenhang?« -
    »Ich finde auch keinen, aber die Leute sind über die Massregel entzückt.
Einmal sind sie immer froh, wenn etwas geschieht: von jeder neuen Verordnung
erwarten sie eine Wendung, wie manche Kranke, die jedes angewandte Mittel als
mögliches Heilmittel begrüssen. Wenn das Laster aus der Stadt getrieben ist -
meinen die Frommen - wer weiss, ob dann der offenbar erzürnte Himmel nicht wieder
seine Huld über die Bewohner ergiesst? Und jetzt, da man sich auf die ernste,
entbehrungsvolle Zeit der Belagerung vorbereitet, was sollen da die tollen,
verschwenderischen Hetären? So erscheint den meisten - die Betroffenen
ausgenommen - die Massregel als eine würdevolle, moralische und nebstbei noch
eine patriotische, da eine grosse Anzahl dieser Frauen Fremde sind.
Engländerinnen, Südländerinnen, ja sogar Deutsche - vielleicht Spioninnen
darunter! »Nein, nein, jetzt hat die Stadt nur Platz für ihre eigenen Kinder und
nur für ihre tugendhaften Kinder!«
    Am 28. August kam es noch schlimmer. Wieder eine Ausweisung: binnen drei
Tagen hatten alle Deutsche Paris zu verlassen.
    Das Gift, das tötliche, langwirkende, welches in dieser Massregel lag, davon
hatten die Rezeptschreiber wohl keine Ahnung: damit war der Deutschenhass
geweckt. Wie lange dieses Unglück noch über den Krieg hinaus furchtbare Früchte
tragen sollte - das weiss ich heute. Von da ab waren Frankreich und Deutschland -
diese zwei grossen, blühenden, herrlichen Länder nicht mehr zwei Nationen, deren
Heere einen ritterlichen Zweikampf ausfochten: in das ganze Volk drang der Hass
für das ganze gegnerische Volk. Die Feindschaft ward zu einer Institution
erhoben, die sich nicht auf die Dauer des Krieges beschränkt, sondern als
»Erbfeindschaft« ihren Bestand unter kommenden Geschlechtern sichert.
    Ausgewiesen - binnen drei Tagen die Stadt verlassen müssen -: ich hatte
Gelegenheit zu sehen, wie hart, wie unmenschlich hart dieser Befehl manche
brave, harmlose Familie traf. Unter den Geschäftsleuten, welche uns zu der
Ausstattung unseres Heims Waren lieferten, befanden sich mehrere Deutsche: ein
Wagenfabrikant, ein Tapezierer und ein Kunsttischler. Seit zehn bis zwanzig
Jahren in Paris niedergelassen, wo sie einen häuslichen Herd gegründet, wo sie
sich durch Heirat mit Parisern verschwägert hatten, wo sie alle ihre
geschäftlichen Verbindungen besassen - und jetzt mussten sie fort, binnen drei
Tagen fort, ihr Haus verschliessen; alles verlassen, was ihnen lieb und gewohnt
war; ihr Vermögen, ihre Kundschaft, ihren Erwerb einbüssen - - Bestürzt kamen die
armen Wichte zu uns gerannt und teilten uns das Unglück mit, das sie betroffen;
auch die Arbeit, die sie eben für uns zu liefern im Begriffe waren, musste
eingestellt, die Werkstätte geschlossen werden. Händeringend und mit Tränen in
den Augen klagten sie uns ihr Leid: »Ich habe einen kranken alten Vater,« sagte
der Eine, »und meine Frau sieht täglich ihrer Niederkunft entgegen und in drei
Tagen müssen wir fort? - »Ich habe keinen Sou im Hause,« jammerte der Andere,
»alle meine Kunden, die mir Geld schulden, werden nicht so schnell ihre
Verpflichtungen einhalten, und ich selbst kann nun meine Arbeiter, welche
Franzosen sind, nicht auszahlen - noch acht Tage und ich hätte eine grosse
Bestellung erledigt, die mich zum wohlhabenden Mann gemacht hätte - und jetzt
muss ich alles im Stiche lassen ...«
    Und warum, warum war Alles das über die Armen hereingebrochen? Weil sie
einer Nation angehörten, deren Heer erfolgreich seine Pflicht tat, oder weil -
um in die Ursachenkette weiter zurückzugreifen - weil ein Hohenzollern
vielleicht in Zukunft einen angetragenen spanischen Tron anzunehmen sich
einfallen lassen könnte ... Nein, auch dieses »weil« ist nicht bei der letzten
Ursache angelangt, dasselbe deckt nur den Vorwand, nicht die Ursache zu jenem
Kriege. -
    Sedan! »Kaiser Napoleon hat seinen Degen übergeben.«
    Die Nachricht überwältigte uns. Da war denn richtig eine grosse,
geschichtliche Katastrophe eingetreten. Die französische Armee geschlagen - ihr
Führer schwach und matt, so war die Partie denn aus - von Deutschland glänzend
gewonnen. »Aus, aus!« jubelte ich; »gäbe es schon Leute, die das Recht hätten,
sich Weltbürger zu nennen, die könnten heute ihre Fenster beleuchten; gäbe es
schon Tempel der Humanität, aus diesem Anlass müssten Tedeums gesungen werden -
die Schlächterei ist aus!«
    »Frohlocke nicht zu früh, mein Schatz,« mahnte Friedrich. »Dieser Krieg hat
schon lange nicht mehr den Charakter einer auf dem Brette der Schlachtfelder
gekämpften Partie - die ganze Nation kämpft mit. Für eine vernichtete Armee
werden zehn neue aus dem Boden gestampft.«
    »Wäre denn das gerecht? Es sind doch nur deutsche Soldaten ins Land
gedrungen, nicht das deutsche Volk - also kann man ihnen nur wieder französische
Soldaten gegenüberstellen.«
    »Dass Du immer wieder an Gerechtigkeit und Vernunft appelierst - Du
Unvernünftige - einem Rasenden gegenüber. Frankreich rast vor Schmerz und Zorn,
und vom Standpunkt der Vaterlandsliebe ist sein Schmerz heilig, sein Zorn
gerechtfertigt. Was sie nun auch verzweifeltes tun - persönliche Ichsucht ist
nicht dabei, sondern höchster Opfermut. Wenn nur die Zeit schon da wäre, wo die
Tugendkraft, die dem Menschenverbande innewohnt, von der Vernichtungsarbeit ab-
und der Beglückungsarbeit zugewendet würde! Aber dieser unselige Krieg hat uns
von diesem Ziele wieder ein gutes Stück zurückgeschleudert.«
    »Nein, nein - ich hoffe, der Krieg ist jetzt zu Ende.«
    »Wenn auch (was ich übrigens bezweifle), es sind die Saaten zu künftigen
Kriegen gestreut - und wäre es nur die Hassessaat, welche die Ausweisung der
Deutschen entält. So etwas wirkt weit über das lebende Geschlecht hinaus.«
    Der 4. September. Wieder ein Gewaltakt, ein Leidenschaftsausbruch - und
zugleich wieder ein Heilmittel zur Rettung des Vaterlandes: der Kaiser wird
abgesetzt. Frankreich erklärt sich als Republik. Was Napoleon III. und seine
Armee getan: es gilt nicht. Fehlgriffe, Verrat, Feigheit - das Alles haben
einige Personen - der Kaiser und seine Generäle - verbrochen; das hat nicht
Frankreich getan, dafür ist es nicht verantwortlich. Indem der Tron gestürzt
ward, hat man die Blätter, worauf Metz und Sedan verzeichnet stehen, einfach aus
dem Buche von Frankreichs Geschichte herausgerissen. Jetzt erst wird das Land
selber Krieg führen, wenn anders Deutschland es wagt, die verruchte Invasion
fortzusetzen ...
    »Wie aber, wenn Napoleon gesiegt hätte?« fragte ich, als mir Friedrich obige
Mitteilungen gemacht.
    »Dann hätten sie seinen Sieg und seinen Ruhm als des Landes Sieg und Ruhm
aufgefasst.«
    »Ist das gerecht?«
    »Kannst Du Dir diese Frage denn nicht abgewöhnen?«
    Meine Hoffnung, dass die Katastrophe von Sedan den Feldzug zu seinem Ende
gebracht, musste ich bald schwinden sehen. Alles um uns geberdete sich
kriegerischer als je. Die Luft war mit wildem Groll und heisser Rachgier geladen.
Groll gegen den Feind und beinahe ebenso gegen die gestürzte Dynastie. Die
Schmähreden, die Pamphlete, die jetzt auf Kaiser und Kaiserin und auf die
unglücklichen Feldherrn regneten, die Verdächtigungen und Verleumdungen, der
Schimpf, der Spott -: es war ekelerregend. Damit glaubte die rohe Menge die
ganze Niederlage vom Lande auf ein paar Menschen abzuwälzen; und nun diese
Menschen zu Boden lagen, bewarf man sie mit Kot und Steinen - und jetzt erst
würde das Land es zeigen, dass es unüberwindlich sei.
    Die Vorbereitungen zur Verschanzung von Paris werden eifrig fortgesetzt. Die
Gebäude in dem Gefechtsbereich der Haupt-Enceinte werden geräumt oder gar
eingerissen. Die Umgebung wird zur Einöde. Truppen von Menschen ziehen von
draussen mit ihrem Haushalt in die Stadt. O diese traurigen Züge von Wagen und
Packpferden und beladenen Menschen, die da die Trümmer ihrer aufgestörten Herde
durch die Strassen wälzen! Das hatte ich schon einmal in Böhmen gesehen, wo das
arme Landvolk vor dem siegenden Feinde floh, und nun musste ich in der
fröhlichen, glänzenden Weltstadt das gleiche Jammerbild erschauen - es waren
dieselben ängstlichen, trüben Mienen, dieselbe Mühseligkeit und Hast, dasselbe
Weh.
    Endlich, Gottlob, wieder einmal eine gute Nachricht: Durch englische
Vermittelung angeregt, wird in Ferrières eine Zusammenkunft zwischen Jules Favre
und Bismarck veranstaltet. Da würde man doch zu einer Einigung, zu einem
Friedensschluss gelangen!
    Im Gegenteil! Die Kluft wird jetzt erst recht offenbar. Schon seit einiger
Zeit wird von den deutschen Zeitungen die Besitznahme von Elsass-Lotringen
befürwortet. Man will das ehemals deutsche Land sich wieder einverleiben. Das
historische Argument für den Anspruch auf diese Provinzen zeigt sich nur
teilweise haltbar, daneben wird das strategische Argument vorgebracht: »als
Bollwerk bei voraussichtlichen, zukünftigen Kriegen unentbehrlich.« Und
bekanntlich sind ja die strategischen Gründe die hochwichtigsten, die
unumstösslichsten - daneben darf sich ein etischer Grund erst in zweiter Linie
geltend machen. - Andererseits: die Kriegspartie war von Frankreich verloren
worden; war es nicht billig, dass dem Gewinner ein Preis zufiel? Hätten im Falle
ihres Erfolges die Franzosen nicht die Rheinprovinzen sich aneignen wollen? Wenn
der Ausgang eines Krieges nicht für den einen oder den anderen Teil
Gebietserweiterung zur Folge haben soll, wozu wird dann überhaupt Krieg geführt?
    Unterdessen lässt das siegreiche Heer im Vormarsche sich nicht abhalten: die
Deutschen sind schon vor den Toren von Paris. Die Abtretung Elsass-Lotringens
wird offiziell verlangt. Dagegen erhebt sich der bekannte Ausspruch: »Keinen
Zoll unseres Territoriums - keinen Stein unserer Festungen« - (pas un pouce -
pas une pierre).
    Ja, ja - tausend Leben - nur keinen Zoll Erde. Das ist der Grundgedanke des
patriotischen Geistes. »Man will uns demütigen,« riefen die französischen
Patrioten, »eher wird sich das erbitterte Paris unter seinen Trümmern begraben.«
    Fort, fort! entscheiden wir jetzt. Wozu ohne Notwendigkeit in einer
belagerten fremden Stadt verbleiben, wozu unter Leuten leben, die von keinen
anderen als Hass- und Rachegedanken erfüllt sind, die uns mit scheelen Blicken
und oft mit geballten Fäusten betrachten, wenn sie uns deutsch reden hören?
Freilich, ohne Schwierigkeiten konnten wir jetzt nicht mehr aus Paris, aus
Frankreich hinaus; man hatte überall Gefechtsgebiete zu passieren, der
Eisenbahnverkehr war für Privatreisende häufig verschlossen; unseren Neubau im
Stiche lassen, war auch nicht angenehm, aber gleichviel: unseres Bleibens war
nicht mehr. - Eigentlich waren wir schon viel zu lange dageblieben; die
Erregungen, die ich in letzter Zeit durchgemacht, hatten mich so stark
erschüttert, dass meine Nerven darunter litten. Ich wurde häufig von
Schüttelfrost und ein paarmal auch von Weinkrämpfen befallen.
    Schon waren unsere Koffer verpackt und Alles zur Abfahrt bereit, als ich
wieder einen Anfall bekam, diesmal so heftig, dass ich ins Bett gebracht werden
musste. Der herbeigeholte Arzt erklärte, dass ein Nervenfieber oder gar eine
Gehirnentzündung im Anzug sei und man vorläufig nicht daran denken dürfe, mich
den Strapazen einer Reise auszusetzen. -
    Ich lag lange, lange Wochen darnieder. Nur eine sehr traumhafte Erinnerung
ist mir von dieser ganzen Zeit geblieben. Und sonderbar: eine süsse Erinnerung.
Ich war doch schwer krank und Trauriges und Schauriges trug in dem Orte meines
Aufentaltes - eine belagerte Stadt - unaufhörlich sich zu und dennoch, wenn ich
daran zurückdenke: es war eine eigentümlich freudenvolle Zeit. Freuden, ja, so
recht intensive Freuden, wie Kinder sie zu empfinden pflegen. Die
Gehirnkrankheit, die ich durchgemacht, die fast immerwährende Abwesenheit oder
doch nur halbe Anwesenheit des Bewusstseins machte, dass alles Denken und
Urteilen, alles Erwägen und Überlegen aus meinem Kopf geschwunden war und nur
ein vager Daseinsgenuss zurückblieb, wie solcher - wie gesagt - von Kindern,
namentlich von zärtlich gewarteten Kindern, empfunden wird ... An zärtlicher
Wartung fehlte es mir nicht. Der Gatte, besorgt und liebend, unermüdlich, war
Tag und Nacht um mich. Auch die Kinder brachte er häufig an mein Lager. Was mein
Rudolf mir alles vorerzählte! Ich verstand es meist nicht, aber seine liebe
Stimme erklang mir wie Musik; und das Zwitschern unserer kleinen Sylvia, unserer
Herzenspuppe, wie süss belustigte mich erst das. Da gab es hundert kleine Scherze
und Einverständnisse zwischen Friedrich und mir über das Gebahren unserer
Tochter ... Worin diese Scherze bestanden, das weiss ich auch nicht mehr; aber
ich weiss dass ich lachte und mich freute - ganz unbändig. Jeder der gewohnten
Spässe schien mir der Gipfel der Witzigkeit und je öfter wiederholt, desto
witziger und köstlicher. Und mit welcher Wonne ich die gereichten Tränkchen
schlürfte: da bekam ich täglich zur bestimmten Stunde eine Limonade - so etwas
göttertrunkähnliches habe ich während meines ganzen gesunden Lebens nicht
gekostet - und allabendlich eine opiumhaltige Arznei, deren sanfteinschläfernde,
in bewussten Schlummer wiegende Wirkung mich mit einem Gefühle seliger Ruhe
durchrieselte. dabei wusste ich, dass der geliebte Mann an meiner Seite war, mich
hütend und wahrend als seines Herzens teuerster Schatz. Der Krieg, der draussen
vor den Toren wütete, von dem wusste ich beinahe nichts mehr; und wenn mir doch
zuweilen eine Erinnerung davon aufblitzte, so betrachtete ich das Ding als etwas
so fern liegendes, so mich durchaus nicht berührendes, als spielte es sich in
China oder auf einem anderen Planeten ab. Meine Welt war hier in diesem
Krankenzimmer - in diesem Rekonvalescentenzimmer vielmehr, denn ich fühlte mich
genesen - dem Glück entgegen.
    - - - - - - - - - - - - - - -
    Dem Glücke? Nein. Mit der Genesung kam auch das Verständnis wieder und die
Auffassung des grässlichen, das uns umgab. Wir waren in einer belagerten,
hungernden, frierenden, jammererfüllten Stadt. Der Krieg wütete noch fort.
    Inzwischen war der Winter hereingebrochen, eisigkalt. Jetzt erfuhr ich erst,
was während meiner langen Bewusstlosigkeit alles vorgefallen. Die Hauptstadt des
»Bruderlandes«, Strassburg, die »wunderschöne«, die »echt deutsche«, die
»kerndeutsche Stadt« ist beschossen worden; ihre Bibliotek zerstört, im Ganzen
fielen 193 722 Schüsse - vier oder fünf in der Minute.
    Strassburg ist genommen.
    - Das Land gerät in wilde Verzweiflung - jene Verzweiflung, welche in
Raserei und Wahnsinn ausartet. Man schlägt im Nostradamus nach, um darin
Prophezeiungen der jetzigen Ereignisse zu finden, und neue Seher lassen sich mit
Weissagungen vernehmen. Ärger noch: Besessene treten auf: es ist wie ein
Rückfall in mittelalterliche, höllenfeuer-durchzuckte Geistesnacht ...
    »Könnte ich zu den Beduinen!« rief Gustav Flaubert. »Könnte ich in das
halbbewusste Traumland meiner Krankheit zurück!« so klagte ich. Jetzt war ich
wieder gesund und musste all das erfahren und erfassen, was Grauenvolles um uns
vorging. Da begannen wieder die Eintragungen in die roten Hefte und ich finde
folgende Notizen vor:
1. Dezember. Trochu setzt sich auf den Höhen von Champigny fest.
2. Dezember. Hartnäckiges Gefecht um Brie und Champigny.
5. Dezember. Die Kälte wird immer strenger. Ach, die zitternden, blutenden,
    armen Wichte, die draussen im Schnee gebettet - sterben. Auch hier in der
    Stadt wird furchtbar an Kälte gelitten. Der Verdienst ist auf Null gesunken.
    Kein Feuerungsmaterial zu beschaffen. Was gäbe Mancher drum, wenn er nur ein
    paar Stückchen Holz da hätte - und wäre es der gewisse Tron von Spanien ...
21. Dezember. Ausfall aus Paris.
25. Dezember. Eine kleine Abteilung preussischer Kavallerie wird aus den Häusern
    der Ortschaften Troo und Sougé mit Flintenschüssen begrüsst (das ist
    Patriotenpflicht). General Kraatz befiehlt die Züchtigung dieser Ortschaften
    (das ist Kommandantenpflicht) und lässt brennen. »Anzünden« lautet das
    Kommandowort, und die Leute - vermutlich sanfte, gutmütige Bursche -
    gehorchen (das ist Soldatenpflicht) und legen den Brand an. Die Flammen
    schlagen zum Himmel und die armen Heimstätten stürzen krachend ein über Mann
    und Weib und Kind - über fliehende, weinende, brüllende und brennende
    Menschen und Tiere.
O du fröhliche, o du selige, o du heilige Weihnachtszeit!
Soll Paris nun ausgehungert werden, oder auch beschossen?
    Gegen letztere Annahme sträubt sich das Kulturgewissen. Diese
»ville-lumière«, dieser Anziehungspunkt aller Völker, diese glänzende Stätte der
Künste - mit ihren unersetzlichen Reichtümern und Schätzen bombardieren wie die
erste beste Citadelle? Nicht denkbar; die ganze neutrale Presse (so erfuhr ich
später) protestiert dagegen. Die Presse der Kriegspartei in Berlin hingegen
ermuntert dazu: das sei das einzige Mittel, den Krieg zu Ende zu führen und die
Seinestadt erobern - welcher Ruhm! Die Proteste übrigens sind es gerade, welche
gewisse Kreise in Versailles bestimmen, diese strategische Massregel - weiter ist
ja eine Beschiessung doch nichts - zu ergreifen. Und so geschah es, dass ich
unterm 28. Dezember mit zitternden Zügen niederschrieb:
    »Es ist da ... Wieder ein dumpfer Schlag ... Eine Pause - und wieder -«
    Weiter schrieb ich nicht. Aber ich erinnere mich genau der Empfindungen
jenes Tages. In dem »Es ist da« lag neben dem Schrecken eine gewisse Befreiung,
eine Erleichterung, ein Nachlassen der beinah schon unerträglich gewordenen
Nervenanspannung. Was man so lange teils erwartet und befürchtet, teils für
menschenunmöglich gehalten - es war nun da.
    Wir sassen beim Gabelfrühstück (das heisst wir assen Brot und Käse - die
Lebensmittel waren schon karg), Friedrich, Rudolf, der Hofmeister und ich, als
der erste Schlag erdröhnte. Wir Alle erhoben betroffen die Köpfe und wechselten
Blicke. Sollte dies? ...
    Aber nein - es war vielleicht ein zugefallenes Haustor oder sonst etwas.
Nun war ja Alles still. Wir nahmen das vorhin unterbrochene Gespräch wieder auf,
ohne nur des Gedankens zu erwähnen, welchen jener Ton in uns erweckt hatte. Da -
nach drei bis vier Minuten - kam es wieder. Friedrich sprang auf:
    »Das ist die Beschiessung,« sagte er, und eilte ans Fenster.
    Ich folgte ihm. Von der Strasse drang ein Gemurmel herauf, Gruppen hatten
sich gebildet: die Leute standen und horchten oder wechselten erregte Worte.
    Jetzt kam unser Kammerdiener in das Zimmer gestürzt - zugleich erklang eine
neue Salve.
    »Oh monsieur et madame - c'est le bombardement!«
    Zu der offenen Tür herein drängten nunmehr sämtliche anderen Diener und
Dienerinnen bis herab zum Küchenjungen. Bei solchen Katastrophen - Kriegs-,
Feuer- oder Wassernot - da fallen alle gesellschaftlichen Schranken, da laufen
alle Bedrohten zusammen. Viel mehr als vor dem Gesetze, mehr noch als vor dem
Tode - der in seinen Bestattungsceremonien solche Standesunterschiede kennt -
fühlen sich Alle gleich vor der Gefahr. C'est le bombardement - c'est le
bombardement!« Jeder, der zu uns in das Zimmer herbeigeeilt kam, stiess diesen
selben Ruf aus.
    Es war entsetzlich - und dennoch, ich erinnere mich genau meiner Empfindung:
ein gewisses bewunderndes Erschauern, eine Art Genugtuung, etwas so Gewaltiges
zu erleben, mitten drin zu sein in dieser schicksalsschweren Begebenheit und vor
der eigenen Lebensgefahr dabei nicht zu erbeben. Die Pulse schlugen mir, ich
fühlte etwas wie - wie soll ich's nennen? - Stolz des Mutes.
Das Ding war übrigens weniger schauervoll, als es im ersten Augenblick
geschienen. Keine brennenden Gebäude, keine angstschreienden Menschenhaufen,
keinen unaufhörlich die Luft durchschwirrenden Bombenhagel - sondern immer nur
dieses dumpfe, ferne, von langen und längeren Zwischenräumen getrennte Rollen.
Man fing nach einiger Zeit beinahe an, sich daran zu gewöhnen. Die Pariser
wählten als Spaziergangsziel solche Punkte, von welchen aus man die Kanonenmusik
besser hören konnte. Hier und da fiel ein Geschoss auf die Strasse und platzte,
aber wie selten kam Einer dazu, zufällig in der Nähe zu sein. Zwar fielen manche
tötliche Bomben herab, aber in der Millionenstadt hörte man von diesen Fällen
nur so vereinzelt, wie man auch sonst gewohnt ist, unter den Lokalnachrichten
seiner Zeitung verschiedene Unglücksfälle zu vernehmen, ohne dass es einem
besonders nahe ginge: »Ein Maurer von einem vierstockhohen Gerüst gefallen« oder
»eine anständig gekleidete Frauensperson sich über das Brückengeländer in den
Fluss gestürzt« u. dgl. m. Der eigentliche Kummer, der eigentliche Schrecken der
Bevölkerung, das war nicht das Bombardement: das waren der Hunger, die Kälte,
die Not. Aber eine solche Nachricht von einem unheilbringenden Geschoss hat mich
tief erschüttert. Dieselbe kam in Form einer schwarzumrandeten Traueranzeige ins
Haus:
    »Herr und Frau N. geben Nachricht von dem Tode ihrer zwei Kinder François (8
    Jahre alt) und Amélie (4 Jahre, welche eine durch das Fenster fliegende
    Bombe erschlagen hat. Um stille Teilnahme wird gebeten.«
»Stille« Teilnahme! Ich stiess einen lauten Schrei aus, nachdem ich das Blatt
überflogen. Ein Gedanke, ein mit Blitzesschnelle vor meinem inneren Auge
erscheinendes Bild zeigte mir den ganzen Jammer, der in dieser schlichten
Traueranzeige lag .. ich sah unsere beiden Kinder, Rudolf und Sylvia - nein, es
war nicht auszudenken!
    Die Nachrichten, die man erhält, sind spärlich; alle Postkommunikation
natürlich unterbrochen; nur durch Brieftauben und Luftballons wird mit der
Aussenwelt verkehrt. Die Gerüchte, die allentalben auftauchen, sind der
widersprechendsten Art. Man meldet siegreiche Ausfälle, oder man verbreitet die
Kunde, dass der Feind schon im Begriffe sei, Paris zu erstürmen, um es an allen
Ecken anzuzünden und dem Erdboden gleich zu machen; oder man versichert, dass,
ehe man einen einzigen Deutschen in die Mauern dringen liesse, die Kommandanten
der Forts sich selber und ganz Paris in die Luft sprengen würden. Es wird
erzählt, dass die sämtliche Bevölkerung des Landes, namentlich aus dem Süden (»le
midi se lève«) über die Belagerer im Rücken herfällt, um ihnen den Rückzug
abzuschneiden und sie bis auf den letzten Mann zu vernichten.
    Neben den falschen Nachrichten gelangen auch einige wahre - deren
Richtigkeit sich später bestätigte - bis zu uns. So von einer auf der Strasse von
Grand Luce dicht an Le Mans ausgebrochenen Panik, wobei Greueltaten sich
zutrugen: ausser Rand und Band gekommene Soldaten warfen Verwundete aus den
bereitstehenden Eisenbahnwaggons, um an deren Stelle Platz zu nehmen.
    Von Tag zu Tag wird es schwerer, Lebensmittel zu beschaffen. Die
Fleischvorräte sind erschöpft; es gibt schon längst keine Rinder und Schafe mehr
in den angelegten Viehparks; bald sind auch alle Pferde verzehrt, und es beginnt
die Periode, wo die Hunde und Katzen, die Ratten und Mäuse, schliesslich auch die
Tiere des jardin des plantes, selbst der so beliebte, arme Elephant als Speise
dienen müssen. Brot ist beinah nicht mehr zu erlangen. Stunden- und stundenlang
müssen die Leute vor den Bäckerläden in der Reihe harren, um ihre kleine Ration
zu bekommen, doch die meisten gehen leer aus. Erschöpfung und Krankheiten machen
reiche Todesernte. Während gewöhnlich in der Woche 1100 Menschen starben, weisen
die pariser Sterbelisten jetzt wöchentlich 4-5000 auf. Täglich also ungefähr 400
unnatürliche Todesfälle - das heisst also Morde. Wenn auch der Mörder kein
Einzelner war, sondern ein unpersönliches Ding, nämlich der Krieg, so sind es
darum nicht minder Morde. Wen traf die Verantwortung? Etwa jene
parlamentarischen Grosssprecher, welche in ihren Hetzreden mit stolzem Patos
erklärten - wie dies Girardin in der Sitzung vom 15. Juli getan - dass sie »die
Verantwortung eines Krieges vor der Geschichte auf sich nähmen«? Können denn
eines Menschen Schultern stark genug sein, solche Verbrechenlast zu tragen?
Gewiss nicht. Es fällt auch Niemandem ein, die Prahler nachträglich beim Wort zu
nehmen.
    Eines Tages, es war um den 20. Januar herum, kam Friedrich, von einem Gang
durch die Stadt heimgekehrt, mit erregter Miene in mein Zimmer.
    »Nimm Dein Eintragebuch zur Hand, meine eifrige Geschichtsschreiberin!« rief
er mir zu. »Heute gibt es einen wichtigen Posten.« Und er warf sich in einen
Sessel.
    »Welches meiner Bücher?« fragte ich. »Das Friedensprotokoll?«
    Friedrich schüttelte den Kopf:
    »O, mit dem ist's wohl für lange Zeit vorbei. Der Krieg, der jetzt gefochten
wird, ist zu gewaltiger Natur, um nicht kriegerisch fortzuwirken. Auf der Seite
der Besiegten hat er einen solchen Vorrat von Hass- und Rachesaaten ausgestreut,
dass daraus eine künftige Kampfernte hervorwachsen muss; und andererseits hat er
für den Sieger solche grossartige umwälzende Erfolge zu stande gebracht, dass dort
eine gleich grosse Saat von kriegerischem Stolze aufgehen wird.«
    »Was ist denn so Bedeutendes geschehen?«
    »König Wilhelm wurde in Versailles zum deutschen Kaiser ausgerufen. Es gibt
jetzt ein Deutschland - ein einiges Reich - und ein mächtiges Reich. Das gibt
einen neuen Abschnitt in der sogenannten Weltgeschichte. Und Du kannst Dir
denken, wie aus dem neuen, aus Waffenarbeit hervorgegangenen Reiche diese Arbeit
hoch in Ehren gehalten sein wird. Die beiden vorgeschrittensten Kulturländer des
Festlandes sind es also hinfort, welche den Kriegsgeist pflegen werden - das
eine, um den erhaltenen Schlag zurückzugeben; das andere, um die errungene
Machtstellung zu bewahren; hier aus Hass, dort aus Liebe; hier aus
Vergeltungssucht, dort aus Dankbarkeit - gleichviel: klappe Dein
Friedensprotokoll nur zu - auf lange Zeit hinaus stehen wir unter dem blutigen
und eisernen Zeichen des Mars.«
    »Deutscher Kaiser!« rief ich - »das ist wahrlich grossartig.« Und ich liess
mir die Einzelheiten dieses Ereignisses erzählen.
    »Ich kann doch nicht umhin, Friedrich,« sagte ich, »mich über diese
Nachricht zu freuen. So ist die ganze Schlachtarbeit doch nicht verloren
gewesen, wenn daraus ein neues grosses Reich hervorgegangen.«
    »Vom französischen Standpunkt aber doppelt verloren ... Und wir beide hätten
wohl das Recht, diesen Krieg nicht einseitig - von der deutschen Seite - zu
betrachten. Nicht nur als Menschen, sogar nach engerem, nationalem Begriffe
hätten wir das Recht, die Erfolge unserer Feinde und Unterwerfer von 1866 zu
beklagen. Und dennoch, ich gebe mit Dir zu, dass die erreichte Vereinigung des
zerstückelten Deutschlands eine schöne Sache ist; dass diese Bereitwilligkeit der
übrigen deutschen Fürsten, dem greisen Sieger die Kaiserkrone zu reichen, etwas
Begeisterndes, Bewundernswertes hat. Es ist nur schade, dass eine solche
Vereinigung nicht aus friedlichem, sondern aus kriegerischem Werke
hervorgegangen ist. Wie also, wenn Napoleon III. die Herausforderung des 19.
Juli nicht abgesendet hätte, wäre da in den Deutschen nicht genug
Vaterlandsliebe, nicht genug Volkskraft, nicht genug Einigkeit gelegen, um aus
sich heraus dasjenige zu bilden, worauf sie jetzt ihren Nationalstolz setzen
werden: »Ein einig Volk von Brüdern?« - Jetzt werden sie jubeln - des Dichters
Wunsch ist erfüllt. Dass sie vor kurzen vier Jahren einander in den Haaren
gelegen, dass es für Hannoveraner, Sachsen, Frankfurter, Nassauer und so weiter
keinen ärgeren Hassbegriff gab als »Preussen« - das wird zum Glück vergessen sein.
Dafür aber der Deutschenhass, hier zu Lande, wie wird der nunmehr gedeihen!«
    Mir schauderte.
    »Das blosse Wort Hass -« begann ich -
    »Ist Dir verhasst? Du hast recht. So lange dieses Gefühl nicht recht- und
ehrlos gemacht wird, so lange gibt es keine menschliche Menschheit. Der
Religionshass ist überwunden, aber der Völkerhass bildet noch einen Teil der
bürgerlichen Erziehung. Und doch gibt es nur ein veredelndes, ein beglückendes
Gefühl hienieden - das ist die Liebe. Nicht wahr, Marta, davon wissen wir etwas
zu erzählen?«
    Ich lehnte meinen Kopf an seine Schulter und blickte zu ihm auf, während er
mir zärtlich das Haar aus der Stirne strich.
    »Wir wissen,« fuhr er fort, »wie süss es ist, wenn im Herzen so viel Liebe
wohnt - für einander, für unsere Kleinen, für alle Brüder der grossen
Menschenfamilie, denen man so gern, so gern das drohende Leid ersparen wollte
... Aber sie wollen nicht.«
    »Nein, mein Friedrich - so umfassend ist mein Herz doch nicht. Die Hassenden
alle kann ich nicht lieben.«
    »Aber doch bemitleiden?«
    In dieser Weise plauderten wir lange weiter. Ich weiss es noch heute so
genau, weil ich damals öfters - neben den kriegerischen Ereignissen - auch
Bruchstücke unserer daran geknüpften Gespräche in die roten Hefte eintrug. An
jenem Tage haben wir auch wieder einmal von der Zukunft gesprochen: jetzt würde
Paris kapitulieren müssen, der Krieg hatte ein Ende - und dann konnten wir
wieder mit gutem Gewissen glücklich sein. Da überschauten wir die
Gewährleistungen unseres Glücks. In den acht Jahren unserer Ehe nicht ein
hartes, nicht ein unfreundliches Wort - so viel mit einander durchgelitten und
durchgenossen - so war unsere Liebe, unser Einssein derart befestigt, dass eine
Abnahme nicht mehr zu fürchten war. Im Gegenteile: - nur stets inniger würden
wir uns aneinander schliessen - jedes neue gemeinschaftliche Erlebnis gäbe
zugleich ein neues Band ab. Wenn wir erst ein paar weisshaarige alte Leutchen
geworden - mit welcher Freude konnten wir da auf die ungetrübte Vergangenheit
zurückblicken, welch' goldig-milder Lebensabend lag dann noch vor uns! ...
Dieses Bild von dem glücklichen alten Pärchen, das wir einst abgeben sollten,
hatte ich mir so oft und lebhaft vorgestellt, dass es sich mir ganz deutlich
eingeprägt und sogar im Traum sich wiederholte, wie etwas wirklich Geschehenes.
Mit verschiedenen Einzelheiten: Friedrich mit einem Sammtkäppchen und einer
Gartenscheere ... ich weiss selber nicht warum, denn niemals hatte er Lust zur
Gärtnerei gezeigt, und von einem Hauskäppchen war schon gar nie die Rede
gewesen; - ich mit einem sehr kokett gesteckten schwarzen Spitzentuche auf dem
silberweissen Haar, und als Umgebung eine vor der untergehenden Sommersonne warm
erleuchtete Parkpartie; dazu lächelnd getauschte freundliche Blicke und Worte
wie: »Weisst Du noch? ... Erinnerst Du Dich, damals als -«
Viele der vorangehenden Blätter habe ich mit Schaudern und mit Überwindung
geschrieben. Nicht ohne inneres Entsetzen vermochte ich die Auftritte zu
schildern, die ich auf meiner Fahrt nach Böhmen und während der Cholerawoche in
Grumitz mitgemacht. Ich habe es getan, um einer Pflichtmahnung zu gehorchen.
Ein geliebter Mund hat mir einst den feierlichen Befehl erteilt: »Falls ich
früher sterbe, musst Du meine Aufgabe übernehmen, für das Friedenswerk zu
wirken.« - Wäre mir dieses bindende Geheiss nicht geworden, nimmer hätte ich es
über mich gebracht, die Schmerzenswunden meiner Erinnerungen so schonungslos
aufzureissen.
    Jetzt bin ich aber bei einem Erlebnis angelangt, das ich berichten, nicht
aber schildern will - nicht kann.
    Nein ich kann nicht, kann nicht!
    Ich habe es versucht: zehn halbbeschriebene, zerrissene Blätter liegen auf
dem Boden neben meinem Schreibtisch - ein Herzkrampf befiel mich - die Gedanken
stockten oder kreisten wild in meinem Hirn - - ich musste die Feder wegwerfen und
weinen, bitter, heftig, kläglich weinen, wie ein Kind.
    Jetzt, einige Stunden später, nehme ich meine Aufgabe wieder vor. Aber auf
die Beschreibung der Einzelheiten nachstehenden Geschehnisses, auf Mitteilung
dessen, was ich dabei empfunden - muss ich verzichten.
    Die Tatsache genügt:
    Friedrich - mein Einziger! - ward - infolge eines bei ihm gefundenen
berliner Briefes der Spionage verdächtigt ... von einer fanatischen Rotte
umringt »à mort - à mort le Prussien!« - vor ein Patriotentribunal geschleppt -
- am 1. Februar 1871 - - - - - - - - standrechtlich erschossen.
                                     Epilog
                                      1889
Als ich zum erstenmale wieder zu Bewusstsein gelangte, war der Friede geschlossen
- die Kommune überstanden. Monatelang hatte ich - von meiner treuen Frau Anna
gepflegt - in einer Krankheit dahingelebt, ohne zu wissen, dass ich lebe. Und was
es für eine Krankheit war - ich weiss es heute noch nicht. Meine Umgebung nannte
es zartsinnig: Typhus; ich glaube aber, dass es einfach - Wahnsinn war.
    So ganz dunkel erinnerte ich mich, dass die letzte Zeit mit Vorstellungen von
knatternden Schüssen und lodernden Bränden gefüllt war; vermutlich vermengte
sich da mit meinen Phantasien die in meiner Gegenwart besprochenen Ereignisse
der Wirklichkeit, nämlich die Kämpfe zwischen Versaillern und Kommunarden, die
Brandlegungen der Petroleusen. -
    Dass - als ich meine Vernunft wieder erlangte und mit dieser auch das
Verständnis meines tiefen Unglücks: dass ich da mir kein Leid angetan oder dass
der Schmerz mich nicht tötete, das lag wohl an dem Besitze meiner Kinder. Durch
diese konnte, für diese musste ich leben. Noch vor meiner Krankheit - an dem Tage
selber, an dem das schreckliche über mich hereingebrochen - hat mich Rudolf am
Leben erhalten. Ich war laut jammernd auf die Knie gesunken, indem ich
wiederholte: »Sterben - sterben! ... Ich muss sterben!« Da umfassten mich zwei
Arme und ein bittendes, schmerzhaft-ernstes, wunderliebes Knabengesicht sah mich
an:
    »Mutter!«
    Bis dahin hatte mich mein Kleiner nie anders als »Mama« genannt. Dass er in
diesem Augenblick - zum erstenmale - das Wort »Mutter gebraucht, das sagte mir
in zwei Silben: Du bist nicht allein - du hast einen Sohn, der deinen Schmerz
teilt - der dich über alles liebt und ehrt, der Niemand hat auf dieser Welt, als
dich - verlass dein Kind nicht, Mutter!«
    Ich presste das teure Wesen an mein Herz; - und ihm zu zeigen, dass ich
verstanden hatte, stammelte auch ich:
    »Mein Sohn, mein Sohn!«
    Zugleich erinnerte ich mich meines Mädchens - seines Mädchens, und mein
Entschluss, zu leben, war gefasst.
    Aber der Schmerz war zu unerträglich: ich verfiel in geistige Nacht. Und
nicht nur dieses eine mal. Im Lauf der Jahre - in immer längeren Zwischenräumen
- blieb ich Rückfällen von Tiefsinn unterworfen, von welchen mir dann in
genesenem Zustande gar keine Erinnerung blieb. Jetzt, seit mehreren Jahren, bin
ich schon ganz frei davon. Frei von der bewusstlosen Schwermut heisst das, nicht
aber von bewussten Anfällen bittersten Seelenschmerzes. Achtzehn Jahre sind seit
dem 1. Februar 1871 vergangen, aber der tiefe Groll und die tiefe Trauer, welche
die Tragödie jenes Tages mir eingeflösst - die kann keine Zeit - und lebte ich
hundert Jahre - verwischen. Wenn auch in letzter Zeit die Tage immer häufiger
sich einstellen, da ich, von den Begebenheiten der Gegenwart eingenommen, an das
vergangene Unglück nicht denke, da ich sogar die Freude meiner Kinder so lebhaft
mitempfinde, dass mich selber noch etwas wie Lebensfreude durchwallt, so vergeht
doch keine Nacht - keine - in der mich mein Elend nicht erfasste. Das ist etwas
ganz eigentümliches, das ich schwer beschreiben kann, und das nur solche
verstehen werden, welche ähnliches an sich erfahren haben. Es deutet wie auf ein
Doppelleben der Seele. Wenn auch das eine Bewusstsein, im wachen Zustande, von
den Dingen der Aussenwelt so eingenommen sein kann, dass es zeitweilig vergisst, so
gibt es in der Tiefe meiner Persönlichkeit noch ein zweites Bewusstsein, welches
jene schreckliche Erinnerung immer mit dem gleichen treuen Schmerz bewahrt; und
dieses Ich - wenn das andere eingeschlafen - macht sich dann geltend, rüttelt
das andere gleichsam auf, um ihm sein Leid mitzuteilen. Allnächtlich - es dürfte
immer um dieselbe Stunde sein - erwache ich mit einem unsäglichen Wehgefühl ...
Das Herz krampft sich zusammen und mir ist, als sollte ich bitter weinen,
kläglich schluchzen. Das dauert so einige Sekunden, ohne dass das aufgeweckte Ich
noch weiss, warum jenes andere unglückliche gar so unglücklich ist ... Das
nächste Stadium ist dann ein weltumfassendes Mitleid, ein voll schmerzlichsten
Erbarmens geseufztes: »O ihr armen, armen Menschen!« Da nun sehe ich unter
hageldichten Mordgeschossen aufschreiende Gestalten zusammenbrechen - und jetzt
erst erinnere ich mich, dass auch mein Liebstes so zusammenbrach ...
    Aber im Traume, sonderbar: da weiss ich nie etwas von meinem Verlust. Da
geschieht es häufig, dass ich mit Friedrich spreche und verkehre, als wäre er
noch am Leben. Ganze Auftritte aus der Vergangenheit - aber keine trüben -
spielen sich da ab: das Wiedersehen nach Schleswig-Holstein; die Scherze an
Sylvias Wiege; unsere Fusstouren in den schweizer Bergen; unsere Studienstunden
über geliebten Büchern und hier und da jenes gewisse Bild im Abendsonnenschein,
wo mein weisshaariger Mann mit seiner Gartenscheere die Rosenzweige stutzt - -
»Nicht wahr,« lächelt er mir zu, »wir sind ein glückliches altes Paar?« - - -
    Meine Trauerkleider habe ich niemals abgelegt - selbst am Hochzeitstage
meines Sohnes nicht. Wer einen solchen Mann geliebt, besessen und verloren - so
verloren - dessen Liebe muss auch »stärker sein als der Tod«, dessen Rachegroll
kann nimmer erkalten.
    Aber wen trifft dieser Zorn? An wem sollte ich Rache üben? Die Menschen,
welche die Tat vollbracht, trifft nicht die Schuld. Der allein Schuldige ist
der Geist des Krieges und diesem nur könnte mein - allzuschwaches -
Verfolgungswerk gelten.
    Mein Sohn Rudolf stimmt mit meinen Gesinnungen überein - was ihn aber nicht
hindert, natürlich, alljährlich die Waffenübungen mitzumachen und was ihn nicht
hindern kann, wenn morgen der über unseren Häuptern schwebende europäische
Riesenkrieg ausbricht, an die Grenze zu marschieren. Und dann werde ich es
vielleicht noch einmal sehen müssen, wie mein Teuerstes auf der Welt dem Moloch
hingeopfert - wie ein liebegesegneter Herd, an welchem meinem Alter Ruhe und
Friede winkt, in Trümmer geschlagen wird.
    Werde ich das noch erleben müssen und dann unwiederbringlich dem Wahnsinn
verfallen, oder werde ich den Triumph der Gerechtigkeit und Menschlichkeit noch
sehen, der jetzt, gerade jetzt in weitverzweigten Bündnissen und in allen
Schichten der Völker so sehnsuchtskräftig nach Betätigung ringt?
    Die roten Hefte - mein Tagebuch - weisen keine weiteren Eintragungen auf.
Unter das Datum 1. Februar 1871 habe ich ein grosses Kreuz gemacht, und damit
schloss auch meine Lebensgeschichte ab. Nur das sogenannte Protokoll - ein blaues
Heft - welches Friedrich mit mir angelegt und in das wir die Phasen der
Friedensidee aufgezeichnet haben, ist seiter mit einigen Notizen bereichert
worden.
    In den ersten Jahren, welche dem deutsch-französischen Krieg folgten, hätte
ich - abgesehen von meinem geisteskranken Zustande - kaum Gelegenheit gehabt,
eine Friedenskundgebung zu verzeichnen. Die zwei einflussreichsten Nationen des
Festlandes schwelgten in Kriegsgedanken: die eine im stolzen Rückblick auf die
errungenen Siege, die andere in sehnender Erwartung einer bevorstehenden
Revanche. Allmählich legte sich der Wogengang dieser Gefühle. Diesseits des
Rheins wurden die Standbilder der Germania etwas weniger angejubelt und jenseits
diejenigen der Stadt Strassburg mit weniger Trauerfloren geschmückt. Da, nach
zehn Jahren, konnte die Stimme der Friedensjünger wieder gehört werden.
Bluntschli, der grosse Völkerrechts-Gelehrte - derselbe, mit welchem mein
Verlorener sich in Verbindung gesetzt - war es, der bei verschiedenen
Würdenträgern und Regierungen sich deren Ansicht über den Völkerfrieden
einholte. Damals fiel des schweigsamen »Schlachtendenkers« bekannter Ausspruch:
»Der ewige Frieden ist ein Traum - und nicht einmal ein schöner Traum.«
    »Je nun: wenn Luter den Pabst gefragt hätte, was er von einem Abfall von
Rom hält, die Antwort würde da auch nicht reformationsfreundlich ausgefallen
sein,« schrieb ich damals neben Moltkes Worte in das blaue Heft.
    Heute gibt es fast Niemand mehr, der diesen Traum nicht träumte oder der
dessen Schönheit nicht zugeben wollte. Und auch Wache gibt es - ganz helle
Wache, - welche die Menschheit aus dem langen Schlaf der Barbarei erwecken
wollen und tatkräftig, zielbewusst sich zusammenschaaren, um die weisse Fahne
aufzupflanzen. Ihr Schlachtruf ist: »Krieg dem Kriege«; ihr Losungswort - das
einzige Wort, welches noch im stande wäre, das dem Ruin entgegenrüstende Europa
zu erlösen - heisst: »Die Waffen nieder!« Allerorts - in England und Frankreich,
in Italien, in den nordischen Ländern, in Deutschland, in der Schweiz, in
Amerika - haben sich Vereinigungen gebildet, deren Zweck es ist, durch den Zwang
der öffentlichen Meinung, durch den gebieterischen Druck des Volkswillens die
Regierungen zu bewegen, ihre zukünftigen Streitigkeiten einem - durch sie selber
vertretenen - internationalen Schiedsgericht zu übermitteln und so ein für
allemal an Stelle der rohen Gewalt das Recht einzusetzen. Dass dies kein Traum
keine »Schwärmerei« ist, beweisen die Tatsachen: Alabama, die Karolineninseln
und mehrere andere »Fragen« wurden auf diese Art schon beigelegt. Und nicht nur
Leute ohne Macht und Stellung - wie einst der arme Grobschmied - sind es
nunmehr, welche sich zu diesem Friedenswerk zusammentun, nein:
Parlamentsmitglieder, Bischöfe, Gelehrte, Senatoren, Minister stehen auf den
Listen. Dazu noch jene Partei, deren Anhänger schon nach Millionen zählen, die
Partei der Arbeiter, des Volkes, auf deren Programm unter den wichtigsten
Forderungen der »Völkerfrieden« obenansteht. - Mir ist das alles bekannt (die
Mehrzahl der Leute erfährt es nicht), weil ich mit jenen Persönlichkeiten im
Verkehr geblieben bin, mit welchen Friedrich im Hinblick auf sein edles Ziel
Verbindungen angeknüpft hatte. Was ich durch diese über die Erfolge und Pläne
der Friedensgesellschaften erfahren, das ward getreulich in das »Protokoll«
eingetragen.
    Die letzte dieser Eintragungen ist folgender Brief, den auf eine
diesbezügliche Anfrage der Präsident der in London ihren Hauptsitz habenden Liga
an mich geschrieben hat:
                                             International Arbitration and Peace
                                            Association. London 41, Outer Temple
                                                                      July 1889.
    Madame,
    You have honoured me by inquiring as to the actual position of the great
    question to which you have devoted your life. Here is my answer: At no time,
    perhaps, in the history of the world, has the cause of peace and goodwill
    been more hopeful. It seems tat, at last, the long night of deat and
    destruction will pass away; and we who are on the mountain top of humanity,
    tink tat we see the first streaks of the dawn of the kingdom of Heaven
    upon eart. It may seem strange, tat we should say tis at a moment, when
    the world has never seen so many armed men and such frightful engines of
    destruction ready for teir accursed work: - but when tings are at teir
    worst, tei begin to mend. Indeed, the very ruin which tese armies are
    bringing in teir train, produces universal consternation; and soon the
    oppressed Peoples must rise and wit one voice say to teir rulers: »Save
    us, and save our children from de famine which awaits us, if tese tings
    continue; - Save Civilisation and all the triumphs which the efforts of wise
    and great men have accomplished in its name; save the world from a return to
    barbarism, rapine and terror!«
        »What indications«, do you ask, »are tere of such a dawn of a better
        day?« Well, let me ask in reply, is not the recent meeting at Paris of
        the Representatives of one hundred Societies for the declaration of
        international concord, for the substitution of a state of law and
        justice for tat of force and wrong, an event unparalleled in history?
        Have we not seen men of many nations assembled on tis occasion and
        elaborating wit entusiasm and unanimity, practical schemes for tis
        great end? Have we not seen, for the first time in history, a Congress
        of Representatives of the parliaments of free nations declaring in
        favour of treaties being signed by all civilised States, whereby tei
        shall bind temselves to defer teir differences to the arbitrament of
        equity, pronounced by an autorised tribunal instead of a resort to
        wholesale murder. Moreover, tese representatives have pledged
        temselves to meet every year in some city of Europe, in order to
        considor every case of misunderstanding or conflict, and to exercise
        teir influence upon Governments in the cause oft just and pacific
        settlements. Surely, the most hopeless pessimist must admit tat tese
        are signs of a future, when war shall be regarded as the most foolish
        and most criminal blot upon man's record? Dear Madam accept the
        expression of my profound esteem.
                                                     Yours truly Hodgson Pratt.3
Die interparlamentarische Konferenz, auf welche Hodgson Pratt anspielt - die
erste dermalige Versammlung, welche die Geschichte aufweist - ward von Jules
Simon präsidiert. Hier ein Bruchstück aus seiner Eröffnungsrede:
    Ich bin glücklich, in diesen Räumen die autorisierten Vertreter der
    Friedensfreunde verschiedener Nationen gegenwärtig zu sehen. Eine gewisse
    Anzahl hat sich eingefunden. Ich wollte, es wäre eine Menge, oder ich wollte
    auch, die Zahl wäre kleiner, aber es wäre dies, statt eines freiwilligen -
    ein offizieller diplomatischer Kongress. Aber was wir nicht mit Gesetzeskraft
    verfügen können, dazu können wir doch wirksam beitragen. Als Vertreter der
    verschiedenen Staaten können wir von der grössten Gewalt, die es gibt -
    nämlich die Gewalt, die uns von unsern Wählern übertragen ist - den
    vortrefflichsten Gebrauch machen. Sie sollen es wissen, meine Herren, die
    Majorität unseres Landes ist friedensfreundlich. Lassen Sie mich denn in
    Übereinstimmung mit den Franzosen Sie Alle aus tiefstem Herzensgrunde
    willkommen heissen etc. etc.
Die bei dieser Konferenz anwesenden Mitglieder der dänischen, spanischen und
italienischen Parlamente haben beschlossen, im Verlauf der nächsten Sessionen
ihren betreffenden Regierungen den Antrag auf Einsetzung internationaler
Schiedsgerichte vorzubringen. Die nächste interparlamentarische Konferenz soll
im Juli 1890 in London zusammentreten.
    Auch ein Fürstenmanifest findet sich in dem blauen Heft - datiert März 1888
- ein Manifest, aus welchem endlich - mit altem Herkommen brechend - statt des
kriegerischen, ein friedlicher Geist hervorleuchtete. Aber der Edle, der jene
Worte an sein Volk erlassen, der Sterbende, der mit dem Aufwand seiner letzten
Kraft nach dem Szepter griff, das er handhaben wollte, als wär's einen
Palmenzweig - der blieb machtlos an das Schmerzenslager gefesselt, und nach
kurzer Frist war Alles vorbei ...
    Ob sein Nachfolger - der begeisterungsglühende, der grosses wollende - sich
für das Friedensideal begeistern wird?? Nichts ist's unmöglich.
»Mutter, willst Du übermorgen Deine Trauerkleidung nicht ablegen?«
    Mit diesen Worten trat heute morgens Rudolf in mein Zimmer. Für übermorgen
nämlich - 30. Juli 1889 - ist die Taufe seines erstgebornen Sohnes angesetzt.
    »Nein, mein Kind,« antwortete ich.
    »Aber bedenke, an einem solchen Freudenfeste wirst Du doch nicht traurig
sein - warum also das äussere Zeichen der Trauer beibehalten?«
    »Und Du wirst doch nicht abergläubisch sein und fürchten, das schwarze Kleid
der Grossmutter könne dem Enkel Unglück bringen?«
    »Das wohl nicht - aber es stimmt nicht zu der umgebenden Fröhlichkeit. Hast
Du denn einen Eid geschworen?«
    »Nein - es ist nur ein gefasster Vorsatz. Aber ein Vorsatz, der an ein
solches Andenken sich knüpft - Du weisst, was ich meine - der nimmt die
Unverbrüchlichkeit eines Eides an.«
    Mein Sohn neigte das Haupt und beharrte nicht weiter.
    »Ich habe Dich in Deiner Beschäftigung gestört ... Du schreibst?«
    »Ja - meine Lebensgeschichte. Ich bin gottlob zu Ende. Das war das letzte
Kapitel. -«
    »Wie willst Du den Schluss Deiner Geschichte geben? Du lebst ja noch - und
sollst noch viele Jahre, viele glückliche Jahre unter uns verbringen, Mutter!
Mit der Geburt meines kleinen Friedrich, den ich dazu erziehen werde, die
Grossmama anzubeten, beginnt ja wieder ein neues Kapitel für Dich.«
    »Du bist ein gutes Kind, mein Rudolf. Ich müsste undankbar sein, wenn ich an
Dir nicht Stolz und Freude hätte ... und ebenso stolze Freude macht mir meine -
seine holde Sylvia: ja, ich gehe einem gesegneten Alter entgegen. Ein milder
Abend - aber die Geschichte des Tages ist doch aus, wenn die Sonne
untergegangen, nicht wahr?«
    Er antwortete nur mit einem stummen, mitleidsvollen Blick.
    »Ja, das Wort Ende unter meiner Biographie ist berechtigt. Als ich den
Entschluss fasste, dieselbe zu schreiben, beschloss ich zugleich, beim 1. Februar
1871 abzubrechen. Nur, wenn Du mir auch noch durch den Krieg entrissen worden
wärest, was ja so leicht hätte geschehen können - zum Glück warst Du zur Zeit
des bosnischen Feldzuges noch nicht wehrpflichtigen Alters - nur dann hätte ich
mein Buch noch verlängern müssen. Doch so wie es ist, war es schon schmerzlich
genug zu schreiben.«
    »Und wohl auch - zu lesen ...« bemerkte Rudolf, in der Handschrift
blätternd.
    »Das hoffe ich. Wenn dieser Schmerz nur in einigen Herzen tatkräftigen
Abscheu gegen die Quelle des hier geschilderten Unglücks weckt, so werde ich
nicht vergebens mich gequält haben.«
    »Hast Du aber auch alle Seiten der Frage beleuchtet, alle Argumente
erschöpft, den Wurzelkomplex des Kriegsgeistes analisiert, die
wissenschaftlichen Grundlagen genügend aufgebaut? Hast Du -«
    »Mein Lieber, wo denkst Du hin? Ich habe ja nur sagen können, was sich in
meinem Leben - in meinen beschränkten Erfahrungs- und Empfindungskreisen
abgespielt. Alle Seiten der Frage beleuchtet? Gewiss nicht! Was weiss ich z.B. -
ich, die reiche, hochgestellte - - von den Leiden, die der Krieg über die Massen
des Volkes verhängt? Was kenne ich von den Plagen und bösen Einflüssen des
Kasernenlebens? Und die wissenschaftlichen Grundlagen? Wie komme ich dazu, in
ökonomisch-sozialen Fragen bewandert zu sein, und diese sind es - so viel weiss
ich nur - welche schliesslich alle Umbildungen bestimmen ... Keine Geschichte des
vergangenen und zukünftigen Völkerrechts stellen diese Blätter dar - eine
Lebensgeschichte nur.«
    »Fürchtest Du nicht eins? Man merkt die Absicht und -«
    »Verstimmt wird man doch nur durch eine durchschaute Absicht, die der
Urheber schlau zu verbergen meinte. Die Meinige aber liegt unverhohlen zu Tage -
ist sie doch mit drei Worten schon auf dem Titelblatt verkündet.«
Die Taufe hat nun gestern stattgefunden. Diese Feier gestaltete sich zu einer
doppelt glückverheissenden, denn meine Tochter Sylvia und ihres kleinen Neffen
Taufpate - den wir schon lange heimlich im Herzen trugen -: Graf Anton Delnitzky
- haben sich bei dieser Gelegenheit verlobt.
    So bin ich durch meine Kinder rings von glücklichen Verhältnissen umgeben.
Rudolf, seit sechs Jahren in den Besitz des Dotzkyschen Majorats gelangt und
seit vier Jahren mit der ihm von Kindheit an bestimmt gewesenen Beatrix,
geborenen Griesbach - dem wunderlieblichsten Geschöpft, das man sich vorstellen
kann - verheiratet, sieht nur durch die Geburt eines Erben seinen sehnlichsten
Wunsch erfüllt. Kurz: beneidenswerte, glänzende Lose.
    Ein im Gartensaal eingenommenes Diner versammelte die Taufgäste. Die
Glastüren standen offen und die Luft des herrlichen Sommernachmittags strömte
rosenduftend herein.
    Neben mir, an unserer Tafelrunde, sass Gräfin Lori Griesbach, Beatrixens
Mutter. Dieselbe ist nunmehr Witwe. Ihr Mann fiel in der bosnischen Expedition.
Sie hat sich den Verlust nicht stark zu Herzen genommen. Keinesfalls trägt sie
ewige Trauer. Im Gegenteile: diesmal ist sie mit granatrotem Brocat und
brillantenem Geschmeide angetan. Sie ist gerade so oberflächlich geblieben, wie
sie es in ihrer Jugend war. Toilletenfragen, ein paar französische und englische
Moderomane, Gesellschaftsklatsch: das genügt noch immer, ihren Horizont zu
füllen. Selbst das Kokettieren hat sie nicht ganz gelassen. Auf junge Leute hat
sie es zwar nicht mehr abgesehen, aber ältere, hohen Rang oder hohes Amt
bekleidende Persönlichkeiten sind vor ihren Eroberungsgelüsten nicht sicher.
Gegenwärtig, scheint mir, hat sie Minister Allerdings aufs Korn genommen. Dieser
hat übrigens seinen Namen gewechselt: wir nennen ihn jetzt, eines neu
angenommenen Ausdruckes halber »Minister Andererseits.«
    »Ich muss Dir ein Geständnis machen,« sagte mir Lori, nachdem ich mit ihr auf
des Täuflings Gesundheit angestossen. »Bei dieser feierlichen Gelegenheit, da wir
unseren beiderseitigen Enkel getauft haben, muss ich Dir gegenüber mein Gewissen
entlasten. Ich war ganz ernstlich in Deinen Mann verliebt.«
    »Das hast Du mir schon öfters gestanden, liebe Lori.«
    »Er blieb aber stets ganz gleichgültig.«
    »Auch das ist mir bekannt.«
    »Du hattest doch einen goldtreuen Mann, Marta! Dasselbe kann ich von dem
meinigen nicht behaupten. Aber nichtsdestoweniger: es hat mir sehr leid getan
um Griesbach. Nun - er starb eines glorreichen Todes, das ist mein Trost ...
Freilich ist das eine langweilige Existenz als Witwe. Besonders, wenn man älter
wird ... so lange man Freier und Kourmacher hat, ist die Witwenschaft nicht ohne
... aber jetzt, ich versichere Dich, es wird einem in der Einsamkeit ganz
melachonisch ... Bei Dir ist das etwas Anderes: Du lebst bei Deinem Sohn - aber
ich verlange mir gar nicht, bei der Beatrix zu bleiben ... Sie verlangt es sich
übrigens auch nicht: Schwiegermutter im Haus, das tut nicht gut; denn man will
doch im Hause die Herrin sein ... Zwar ärgert man sich mit den Dienstboten, das
ist schon wahr; aber wenigstens kann man über sie befehlen. Du darfst es mir
glauben: ich wäre gar nicht abgeneigt, noch einmal zu heiraten. Natürlich eine
Vernunfteirat mit irgend einem gesetzten -«
    »Minister oder so etwas -« unterbrach ich lächelnd.
    »O Du Schlau - Du durchblickst mich schon wieder! Du - schau dortin:
bemerkst Du denn nicht, wie der Toni Delnitzky in Deine Sylvia hineinredet? Das
ist ja kompromettant.«
    »Lass gut sein. Die Beiden sind auf dem Wege von der Kirche hierher einig
geworden. Sylvia hat es mir anvertraut - morgen wird der junge Mann bei mir um
ihre Hand anhalten.«
    »Was Du nicht sagst? Nun, dann kann man ja gratulieren! Soll zwar mitunter
ein leichter Vogel gewesen sein, der schöne Toni ... aber das sind sie ja Alle -
das geht schon nicht anders und wenn man bedenkt, welche prächtige Partie er
ist« ...
    »Das hat meine Sylvia nicht bedacht: sie liebt ihn.«
    Nun, desto besser - das ist eine schöne Zugabe in die Ehe.«
    »Zugabe? Es ist das Um und Auf.«
    Einer der Gäste, ein k. u. k. Oberst a. D., klopfte an sein Glas und: »oh
weh - ein Toast!« dachten wohl die meisten, indem sie ihre Sondergespräche
unterbrachen und sich seufzend anschickten, dem Redner zu lauschen. Es war aber
auch zum seufzen; dreimal blieb der Unglückliche stecken und die Wahl seiner
vorgebrachten Wünsche war nicht minder unglücklich. Der Täufling wurde
gepriesen, in einer Zeit geboren worden zu sein, in der das Vaterland bald Söhne
brauchen werde ... »Möge er einst ruhmreich wie sein mütterlicher Urgrossvater,
wie sein väterlicher Grossvater das Schwert führen ... möge er selbst viele Söhne
zeugen, die ihrerseits dem Vater und den Vätern Ehre machen, und wie so viele
der auf den Feldern der Ehre gebliebenen Väter ... Väter - für die Ehre des
Landes ihrer Väter - ihrer Väter und Vatersväter siegen oder - kurz: Friedrich
Dotzky lebe hoch!«
    Die Gläser klirrten, aber die Rede hatte nicht gezündet. Dass dieses kaum ins
Dasein getretene Leben jetzt schon auf die Totenliste kommender Schlachten
gesetzt wurde, machte keinen freundlichen Eindruck.
    Um dieses düstere Bild zu verscheuchen, fühlte sich einer der Anwesenden
veranlasst, die tröstliche Bemerkung vorzubringen, dass die gegenwärtigen
Konjunkturen einen längeren Frieden verbürgten, dass der Dreibund -
    Damit war das allgemeine Gespräch wieder glücklich auf das politische Gebiet
gebracht und Minister Andererseits ergriff das Wort.
    »In der Tat (Lori Griesbach hing an seinem Munde), es liegt zu Tage: die
Wehrtüchtigkeit, welche wir erreicht haben, ist etwas Grossartiges und dürfte
alle Friedensbrecher abschrecken. Das Landsturmgesetz, welches alle tauglichen
Staatsbürger vom 19. bis 42., die einstigen Offiziere sogar bis zum 60 -
Lebensjahre zum Kriegsdienst verpflichtet, erlaubt uns, beim ersten Aufgebot
allein 4 800 000 Soldaten aufzustellen. Andererseits lässt sich nicht leugnen,
dass das wachsende Mehrerfordernis, welches von der Heeresverwaltung in Anspruch
genommen wird, schwer auf der Bevölkerung lastet, und dass die zur ausgiebigen
Schlagfertigkeit des Reiches erforderlichen Massnahmen im umgekehrten Verhältnis
zur Frage der Regelung der Finanzlage stehen; es ist aber andererseits erhebend,
mit welchem opferfreudigen Patriotismus die Volksvertreter stets und allerorts
die von dem Kriegsministerium geforderte Mehrbelastung bewilligen; sie erkennen
die von allen einsichtigen Politikern zugegebene, durch die
Wehrhaftigkeitsentfaltung der Nachbarstaaten und durch die politische Situation
bedingte Notwendigkeit, alle anderen Rücksichten dem eisernen Zwang der
militärischen Kräftigung unterzuordnen.«
    »Der leibhaftige Leitartikel!« bemerkte Jemand halblaut.
    »Andererseits« fuhr aber fort:
    »Umsomehr, als dadurch ja eine Bürgschaft geschaffen wird für die Erhaltung
des Friedens. Denn, indem wir in traditionellem Patriotismus zur Sicherung der
Grenzen es der unausgesetzten Steigerung der Wehrkraft unserer Nachbarstaaten
gleichtun, erfüllen wir eine erhabene Pflicht und hoffen, etwa drohende
Gefahren auch fernerhin zu bannen. So erhebe ich denn dieses Glas auf dasjenige
Prinzip, welches, wie ich weiss, unserer Baronin Marta so sehr am Herzen liegt -
ein Prinzip, das auch die Signatarmächte der mitteleuropäischen Friedensliga
hochhalten, und ich fordere Sie auf, mit mir anzustossen: Es lebe der Frieden!
Möge seine Wohltat uns noch recht lange erhalten bleiben!«
    »Darauf trinke ich nicht,« sagte ich. »Der bewaffnete Friede ist keine
Wohltat ... und nicht lange soll uns der Krieg verhütet bleiben, sondern immer.
Wenn man sich auf die Meerfahrt macht, soll die Zusicherung nicht genügen, dass
recht lange das Schiff an keiner Klippe zerschelle. Dass die ganze Fahrt
glücklich überstanden werden, darnach wird der ehrliche Kapitän trachten.«
    Doktor Bresser, noch immer unser bester Hausfreund, kam mir zu Hilfe:
    »In der Tat, Excellenz, können Sie an den ehrlichen, aufrichtigen
Friedenswillen Jener glauben, die mit Leidenschaft, mit Begeisterung - Soldaten
sind? Die Alles, was den Krieg gefährdet - nämlich Abrüstung, Staatenbund,
Schiedsgericht - nicht nennen hören wollen? Könnte denn die Freude an Arsenalen
und Festungen und Manövern und dergleichen bestehen, wenn diese Dinge wirklich
nur als das betrachtet würden, wofür man sie ausgibt: als Vogelscheuchen? Also,
damit man sie niemals brauche, der ganze Kostenaufwand ihrer Herstellung! Die
Völker müssen ihr ganzes Geld hergeben, um an den Grenzen Befestigungen zu
machen, in der Absicht, sich über die Grenzen hin Kusshändchen zuzuwerfen? Zu
einer blossen Friedens-Aufrechterhaltungs-Gendarmerie lässt sich das Militär nicht
herabdrücken - der oberste Kriegsherr wird doch nicht einem Heer von ewigen
Kriegsvermeidern vorstehen sollen? Hinter dieser Maske - der »si vis
pacem«-Maske - blinzeln die einverständlichen Blicke, und die jedes Kriegsbudget
bewilligenden Abgeordneten blinzeln mit.«
    »Die Volksvertreter?« unterbrach der Minister. »Man kann den Opfermut doch
nur loben, dessen diese in ernsten Zeiten niemals ermangeln und welcher in der
einhelligen Votierung der entsprechenden Gesetze erhebenden Ausdruck findet.«
    »Verzeihen Sie, Excellenz, diesen einhelligen Stimmabgebern wollte ich einem
nach dem andern zurufen: Dein Ja wird jener Mutter ihr einziges Kind rauben; -
deines bohrt jenem armen Wicht die Augen aus; - deines schiesst eine
unersetzliche Bücherei in Brand; - deines zerstampft das Hirn eines Dichters,
der deines Landes Ruhm gewesen wäre ... Aber ihr habt dieses »Ja« votiert, um
nur ja nicht feige zu scheinen - als ob man gerade nur für sich die Assentierung
fürchten müsste. - Seid ihr denn nicht da, um des Volkes Willen zur Geltung zu
bringen? Und das Volk will die produktive Arbeit, will die Entlastung, will den
Frieden ...«
    »Ich hoffe, lieber Doktor,« bemerkte der Oberst bitter, »dass Sie niemals
Abgeordneter werden; das ganze Haus würde Sie auspfeifen.«
    »Mich dem auszusetzen, würde schon beweisen, dass ich nicht feige bin. Gegen
den Strom zu schwimmen erfordert die stählerne Kraft.«
    »Wenn aber der Ernstfall einträte und man stände unvorbereitet da?«
    »Man bereite einen Rechtszustand vor, der den Eintritt des Ernstfalles
unmöglich mache. Denn was dieser Fall sein wird, Herr Oberst, von dem kann
heutzutage kein Mensch einen klaren Begriff fassen. Bei der Furchtbarkeit der
gegenwärtig erreichten und noch immer steigenden Waffentechnik, bei der
Massenhaftigkeit der Streitkräfte wird der nächste Krieg wahrlich kein ernster,
sondern ein - es gibt gar kein Wort dafür - ein Riesenjammer-Fall sein ... Hilfe
und Verpflegung unmöglich ... Die Sanitätsvorkehrungen und Proviantvorkehrungen
werden den Anforderungen gegenüber als die reine Ironie sich erweisen; der
nächste Krieg, von welchem die Leute so geläufig und gleichmütig reden, der wird
nicht Gewinn für die Einen und Verlust für die Anderen bedeuten, sondern
Untergang für Alle. Wer hier unter uns stimmt für diesen Ernstfall?«
    »Ich allerdings nicht,« sagte der Minister; »Sie auch nicht, lieber Doktor -
aber die Menschen im Allgemeinen ... Auch unsere Regierung nicht, dafür kann ich
gutstehen - aber die anderen Staaten.« ...
    »Mit welchem Rechte halten Sie andere Leute für schlechter und
unvernünftiger als sich und mich? Da will ich Ihnen ein kleines Märchen
erzählen:
    Vor der geschlossenen Pforte eines schönen Gartens, gar sehnsüchtig
hineinschauend, stand ein Haufen Menschen, tausendundeiner an der Zahl. Der
Pförtner hatte den Auftrag, die Leute hereinzulassen, falls die Mehrzahl unter
ihnen den Einlass wünschte. - Er rief den Einen herbei: Sag' - aber aufrichtig -
möchtest Du herein? - O ja, ich schon, aber die andern Tausend sicher nicht.
Diese Antwort schrieb der kluge Pförtner in sein Notizbuch. Dann rief er einen
Zweiten. Der sagte dasselbe. Wieder trug der Kluge unter die Rubrik ja die
Ziffer 1, unter die Rubrik nein die Ziffer 1000 ein. Das ging so bis zum letzten
Mann. Dann addierte er die Zahlen. Das Ergebnis war: 1001 ja, über eine Million
nein. So blieb das Tor verschlossen, denn das nein hatte eine erdrückende
Majorität. Und das kam daher, weil Jeder, statt nur für sich, auch für die
Anderen antworten zu müssen glaubte.«
    »Allerdings,« sprach der Minister nachdenklich, und wieder schlug Lori
Griesbach bewundernde Augen zu ihm auf - »es wäre allerdings eine schöne Sache,
wenn die einstimmige Votierung einer Entwaffnungsvorlage stattfinden würde; -
aber andererseits, welche Regierung wird es wagen, den Anfang zu machen?
Allerdings gibt es nichts Wünschenswerteres als Eintracht: aber andererseits:
wie kann man, so lange menschliche Leidenschaften, Sonderinteressen u.s.w.
bestehen, dauernde Eintracht für möglich halten?«
    »Erlauben Sie,« nahm jetzt mein Sohn Rudolf das Wort. »Vierzig Millionen
Einwohner eines Staates bilden ein Ganzes. Warum also nicht mehrere hundert
Millionen? Soll das matematisch und logisch beweisbar sein: so lange
menschliche Leidenschaften, Sonderinteressen u.s.w. bestehen, können wohl 40
Millionen Leute darauf verzichten, sich untereinander zu bekriegen - drei
Staaten sogar, wie gegenwärtig der Dreibund, können sich verbünden und eine
»Friedensliga« bilden - aber fünf Staaten können dies nicht, dürfen dies nicht?
Wahrlich, wahrlich: unsere heutige Welt gibt sich für ungeheuer klug aus und
belächelt die Wilden - und doch: in manchen Dingen können auch wir nicht bis
fünf zählen.«
    Einige Stimmen erhoben sich: »Was? Wild? - Das uns - mit unserer
überfeinerten Kultur? Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts?«
    Rudolf stand auf:
    »Ja, wild - ich nehme das Wort nicht zurück. Und so lange wir uns an die
Vergangenheit klammern, werden wir Wilde bleiben. Aber schon stehen wir an der
Pforte einer neuen Zeit - die Blicke sind nach vorwärts gerichtet, Alles drängt
mächtig zu anderer, zu höherer Gestaltung ... Die Wildheit mit ihren Götzen und
ihren Waffen - schon schleuderten sie Viele von sich. Wenn wir der Barbarei auch
noch näher sind als die Meisten glauben, so sind wir vielleicht auch der
Veredlung näher als Viele hoffen. Schon lebt vielleicht der Fürst oder der
Staatsmann, der die in aller künftigen Geschichte als die ruhmreichste,
leuchtendste der Taten geltende Tat vollbringen wird, der die allgemeine
Abrüstung durchsetzt. Schon stürzt jener Wahn zusammen, kraft dessen der
Staatsegoismus einen so täuschenden Anschein von Berechtigung hat - der Wahn,
dass der Schaden des Einen den Nutzen des Anderen befördere ... Schon dämmert die
Erkenntnis, dass die Gerechtigkeit als Grundlage alles sozialen Lebens dienen
soll ... und aus solcher Erkenntnis wird die Menschlichkeit hervorblühen, die
Edelmenschlichkeit, wie Friedrich Tilling zu sagen pflegte ... Mutter, hier
dieses Glas trinke ich dem Andenken Deines ewig unvergessen Geliebten und
Betrauerten, dem auch ich Alles verdanke, was ich denke und was ich bin. Und aus
diesem Glase« - er warf es an die Wand, wo es zerschellte - »wird kein anderer
Trunk mehr gemacht und heute - zu des Neugeborenen Tauffest wird kein anderer
Toast mehr gesprochen, als dieser: es lebe die Zukunft! Ihre Aufgaben zu
vollbringen, dazu wollen wir uns stählen - nicht: unserer Vatersväter - wie die
alte Phrase lautet - wollen wir trachten, uns würdig zu zeigen - nein: unserer
Enkelssöhne! ... Mutter - was ist Dir?« unterbrach er sich. »Du weinst? ... Was
siehst Du dort?«
    Mein Blick war nach der offenen Glastür gerichtet. Die Strahlen der
untergehenden Sonne umwoben einen Rosenbusch mit zittergoldigem Dunst und davon
sich abhebend - in lebenswahrer Deutlichkeit - mein Traumbild: Ich sehe die
Gartenscheere flimmern - das weisse Hauptaar glänzen ... »Nicht wahr« - lächelt
er zu mir herüber - »wir sind ein glückliches altes Paar?«
    Weh' mir! - - -
 
                                    Fussnoten
1 Diese Vorgänge wurden 18 Jahre später wie folgt beurteilt. In seinem Werk über
den Feldzug von 1870 schreibt General Boulanger: Après avoir obtenu une
satisfaction légitime, nous avons voulu imposer une humiliation au roi de
Prusse; nous en sommes venus à prendre une attitude diplomatique agressive,
presque inconsciente. La renonciation formelle du Prince Leopold de Hohenzollern
nous était acquise, nous avions en outre l'assentiment du roi de Prusse à cette
renonciation. La réparation était suffisante car elle demeurait sur le domaine
respectif des interêts de la France, des droits de le France et des obligations
du chef de la famille Hohenzollern. Nous devions nous en tenir là. Notre
gouvernement poussa plus loin. Il voulut un engagement catégorique du roi
Guillaume pour l'avenir. En portant si haut ses prétentions il deplaçait l'objet
et le terrain du litige. Il en faisait une provocation directe au souverain de
la Prusse.
2 Briefe hervorragender Männer an Alexander Weill. (Zürich, Verlagsmagazin.)
3 Gnädige Frau. Sie haben mich mit einer Anfrage über die gegenwärtige Lage der
grossen Sache beehrt, der Sie Ihr Leben geweiht haben. Hier ist meine Antwort: Zu
keiner Zeit in der Weltgeschichte stand die Sache des Friedens so hoffnungsvoll
wie heute. Es will scheinen, dass nun endlich die lange Nacht des Totschlags und
der Zerstörung aufhören soll, und wir, die wir auf der Bergeshöhe der Menschheit
stehen, glauben, dass wir die ersten Strahlen des Himmelreichs auf Erden sehen.
Es mag sonderbar klingen, dass wir dies zu einer Zeit sagen, da die Welt wie nie
zuvor mit bewaffeten Männern angefüllt ist und mit Schreckensmaschinen, die zu
ihrem fluchwürdigen Werke bereit stehen; - aber wenn die Dinge zum schlimmsten
gelangt sind, beginnen sie, sich zum bessern zu wenden. In der Tat, der Ruin,
den diese Riesenheere nach sich ziehen, bringt allgemeine Konsternation hervor:
und bald müssen die bedrückten Völker sich erheben und mit einer Stimme ihren
Lenkern zurufen: »Rettet uns und rettet unsere Kinder vor der Hungersnot, die
uns droht, wenn die Dinge so fortgehen; - Rettet die Civilisation und alle
Errungenschaften, welche in ihren Namen von grossen und weisen Männern vollbracht
worden sind; rettet die Welt vor einem Rückfall in Barbarei, Raub und Schrecken.
»Welche Anzeichen gibt es, fragen Sie, dass solche bessere Zeiten herankommen?«
Nun denn, frage ich als Erwiderung, ist nicht die eben in Paris stattgehabte
Begegnung der Delegierten von mehr als hundert Gesellschaften behufs Erklärung
internationaler Eintracht und Einsetzung eines Zustandes der Gerechtigkeit und
Gesetzlichkeit an Stelle des Gewaltzustandes ist dies nicht ein in der
Geschichte noch nie dagewesenes Ereignis? Haben wir da nicht Männer aus allen
Nationen versammelt gesehen, die mit Begeisterung und Einstimmigkeit praktische
Vorschläge zu dem grossen Ziele durchgearbeitet haben? Haben wir nicht auch - zum
erstenmale in der Geschichte - einen Kongress von Parlamentsmitgliedern
verschiedener Staaten gesehen, welche sich zu Gunsten von Verträgen erklärten,
denen sich alle zivilisierten Staaten anzuschliessen hätten und durch welche sie
sich verbindlich machten, die Schlichtung ihrer Streitigkeiten dem Schiedsspruch
eines autorisierten Tribunals zu überantworten, statt ihre Zuflucht zu
Massenmord zu nehmen.
Überdies: Diese Parlamentarier haben sich verpflichtet, alljährlich in irgend
einer europäischen Stadt zusammenzutreten, um jeden zu Missverständnissen oder
Konflikten Anlass gebenden Fall zu untersuchen, und ihren Einfluss auf die
Regierungen zu gunsten von gerechten und friedlichen Lösungen geltend zu machen.
Das sind doch - dies muss der ärgste Pessimist auch zugeben - Anzeichen einer
Zukunft, in welcher der Krieg als die verbrecherischeste Torheit betrachtet
werden wird, welche die Menschheitsgeschichte aufzuweisen hat.
Genehmigen Sie, gnädige Frau, die Versicherung meiner tiefsten Verehrung.
                                                                   Ihr ergebener
                                                                  Hodgson Pratt.
 
    