
        
                           Marie von Ebner-Eschenbach
                                   Unsühnbar
                                        1
Die Vorstellung des »Fidelio« war zu Ende; das Publikum strömte aus dem
Opernhause und zerstreute sich rasch nach allen Richtungen. Seit vierundzwanzig
Stunden fiel Schnee, emsig, unablässig, in grossen Flocken; er lag schwer auf den
Dächern, verschleierte die Lichter in den Lampen, machte die Mühe der Wege
ausschaufelnden Arbeiter fast vergeblich. Geräuschlos rollten die Equipagen vor;
in Pelze gehüllte Männer und Frauen stiegen in weich gepolsterte Wagen. Ein paar
Ladendiener hoben ihre sommerlich gekleideten Schönen in einen Komfortable mit
zerbrochenen Fenstern. Wie der Wind sauste ein Fiaker nach dem anderen davon.
Den Hut auf dem Ohr, den Schnurrbart gewichst, sassen die Eigentümer des »feschen
Zeugels« etwas vorgebeugt auf ihrem Bock, in jeder Hand einen Zügel; und die
Pferde griffen aus und gaben her an Lebenskraft, was sie geben konnten, um grüne
Majoratsherrchen, hochgeborene Reiteroffiziere und Sportsleute so geschwind als
möglich zum Spiel in den Jockeiklub zu bringen. An den Rand der Strasse gedrängt,
rumpelten dichtbesetzte Gesellschaftswagen, von abgejagten Mähren geschleppt,
von schlaftrunkenen Kutschern regiert, den Vororten zu. Solide Bürgersfamilien
gingen wohlverwahrt, mit geschärftem Appetit - man wird so hungrig im Teater -
nach Hause, wo ein kräftiges Abendessen sie erwartete, oder begaben sich in eine
Restauration.
    Gemächlich, trotz des bösen Wetters, schlenderten einige Infanterieoffiziere
dem nächsten Kaffeehause zu. Ein kleines Fähnlein, aber tatendurstig und
eroberungssicher. Sie sprachen von den eleganten Damen in den Logen und von den
Tänzerinnen und den Pferden anderer. Ein »Einjahrig-Freiwilliger«, der Sohn
eines geadelten Bankiers, der sich ihnen angeschlossen hatte, sagte mit
Vorliebe: »Wir Kavaliere« und »wir vom Turf«. Dass sein Sessel im väterlichen
Kontor das einzige Rösslein war, auf dessen Rücken er es je zu einem Gefühl der
Sicherheit gebracht, verschwieg er.
    Die Herren wurden von einer jungen Lehrerin überholt, die eiligen Schrittes
die Wanderung nach ihrer Wohnung angetreten hatte. Ihr Mantel war fadenscheinig,
aber sie fror nicht; ihr Weg war weit und einsam, doch ihr bangte nicht. Sie
schwelgte im Nachgenuss der Wonne, die ihrem kunstverständigen Sinn eben geboten
worden. Es gab doch auch in ihrem schweren, harten Dasein Stunden der
herrlichsten Erhebung. Die Kraft, die sie aus ihnen geschöpft, sollte lange
vorhalten. Wer das Manna für die Seele auf Kosten des täglichen Brotes erwerben
muss, kann sich dieser holden Labung nicht oft erfreuen.
    In der Opernstrasse war eine Arbeiterabteilung mit dem Aufrichten einer
Schneepyramide beschäftigt, als ein Brougham, mit Rassepferden bespannt, im
feierlichen Trabe vorbeikam. Die Flammen eines Gaskandelabers erleuchteten einen
Augenblick das Innere des Wagens. Zwei Damen sassen darin, die eine alt und von
kränklichem Aussehen, in dunklem Capuchon und Überwurfe, die andere sehr jung,
sehr schön, barhäuptig, mit klassischem Profil, ihre Gefährtin um Kopfeshöhe
überragend.
    »Ho!« rief der dicke Pferdelenker in lässig warnendem Tone den
Strassenkehrern zu, und alle zogen sich zurück - nur einer nicht. Der sprang vor,
sah mit spöttischer Vertraulichkeit zu dem Kutscher hinauf und zwang ihn
auszuweichen, was dieser tat, ohne den Kopf zu wenden, während der Diener neben
ihm murmelte: »Wieder zurück aus Amerika und - Gassenkehrer? Gibt's denn dort
keine solche Anstellung?«
    »Gibt's gewiss«, lautete die Antwort, »damit is ihm aber nit gedient. Will
uns hier aufpassen und Skandal machen, der Lump.« - Diese Bezeichnung galt einem
schlank- und hochgewachsenen Burschen mit blassem Gesicht, eingefallenen Wangen
und grossen dunkelbraunen Augen. Er trug zerlumpte Kleider; ein kleiner,
durchlöcherter Hut, den er ins Genick zurückgeschoben hatte, liess die Stirn und
die trotz der Verkommenheit, die sie ausdrückten, noch hübschen Züge frei. Mit
frechem Behagen pflanzte er sich im Lampenscheine auf, und die junge Dame, die
den Kopf ans Wagenfenster neigte, unverschämt anstarrend, präsentierte er vor
ihr den Besen wie ein Gewehr.
    Die Equipage fuhr davon, die Arbeiter lachten: »Schaut's den Wolfi an!« und
Wolfi, den Zornigen spielend, rief: »Dumme Bagage, was lacht's? - Was hab ich
getan?... Militärische Ehren erwiesen. Wem? - der Gräfin Maria Wolfsberg, meiner
- meiner lieben Verwandten.«
    Die so Bezeichnete hatte bei der Gebärde des Taglöhners keine Miene
verzogen, doch verfärbte sie sich ein wenig und sagte mit beklommener Stimme zu
ihrer Begleiterin: »Tante Dolph, hast du den Menschen gesehen? Im zerrissenen
Sommerrock, mit geplatzten Schuhen bei dieser Kälte ...«
    »Oh, meine Liebe, der hat seinen Schnaps im Leibe, dem ist wärmer als mir«,
erwiderte die Tante fröstelnd.
    »Hast du auch gesehen, was er getan hat?«
    »Ja, ja - ein Spassvogel.«
    »Das ist kein Spassvogel - das ist ein Feind, der uns hasst.«
    Der Gräfin unterbrach sie: »Hör auf. Du bist nervös. Dazu hat man in deinem
Alter noch kein Recht. Ein Betrunkener erlaubt sich einen Scherz - was weiter?
Man sieht es, wenn es einen unterhält, sieht es nicht, wenn es einen verdriesst -
darüber nachdenken ist krankhaft.«
    Maria schwieg. Sie liess sich nicht gern in einen Streit mit ihrer Tante ein,
weil sie regelmässig den kürzeren zog. Die Tante war klug und schlagfertig; ihr
Bruder, Graf Wolfsberg, nannte sie sogar weise und verehrte in der um viele
Jahre älteren Schwester seine Vertraute, Ratgeberin und Freundin. Sie hingegen
liebte auf Erden nichts als ihn. Kränklich von Jugend auf und sehr unabhängigen
Sinnes, hatte sie niemals einen Beruf zur Ehe in sich verspürt und die
zahlreichen Bewerber um ihre unscheinbare Persönlichkeit und um ihr glänzendes
Vermögen einen nach dem anderen ohne Seelenkampf abgewiesen. Gräfin Adolphine
oder Dolph, wie sie in der Familie genannt wurde, lebte seit langem auf ihrem
Gute der Pflege ihrer Rheumatismen und ihres Vermögens, das sie, bedeutend
vermehrt, ihrem Bruder zu hinterlassen gedachte. Als dieser Witwer wurde,
brachte sie ihm, seiner Bitte nachgebend, ein grosses Opfer. Sie verzichtete auf
ihre Selbständigkeit im eigenen Haushalte und machte sich zur Leiterin des
seinen. Da die Zeit kam, Maria in die Welt zu führen, tat sie noch mehr: sie
entsagte der ihr notwendigen Bequemlichkeit und Ruhe und durchwachte manche
Nacht auf dem Balle, den schmerzenden Kopf mit Diamanten bedeckt und so
unvorteilhaft aussehend im grossen Staat, dass nicht einmal ihre Kammerfrau es
wagte, sie zu bewundern. dabei langweilte sie sich grausam, langweilte sich
sogar, wenn sie die anderen durch ihren scharfen und sprudelnden Witz
vortrefflich unterhielt. »Glücklicher Bertrand de Born«, sagte sie, »dem doch
die Hälfte seines Geistes nötig war. Ich wäre froh, wenn ich nur für ein Zehntel
des meinen Abnehmer fände!«
    Zu Hause angelangt, zog sich die Gräfin in ihre Gemächer zurück, während
Maria in den Salon ihrer Wohnung trat. Jeden Abend erwartete sie hier einen
verehrten Gast - ihren Vater. Es geschah fast nie umsonst. So wenig Zeit das
hohe Staatsamt, das er bekleidete, und die Genusssucht, der nachzugeben er
selbstverständlich fand, ihm übrigliessen: die Stunde, mit der Maria ihren Tag
beschloss, wusste er für sie freizuhalten.
    Sie liess sich jetzt den Teatermantel von ihrer Kammerzofe abnehmen und
begann sogleich den Tee zu bereiten, zu dem alle Anstalten auf einem Tischchen
neben dem Etablissement getroffen waren.
    Maria widmete ihrer Beschäftigung die grösste Sorgfalt. Mit dem Vorsetzen
einer Tasse Tees hatte sie alle kindlichen Pflichten, die ihr Vater ihr
auferlegte, erfüllt. Es wäre ihr heisser Wunsch gewesen, etwas für ihn tun, ihm
etwas sein zu können; aber sie fühlte wohl, dass die Ahnung eines solchen
Ehrgeizes im Herzen seiner Tochter ihn lachen gemacht hätte. Er wollte sie
heiter und glücklich sehen, und wenn sie seine Fragen: »Hast du dich
unterhalten? - Freut dich dies? - Freut dich jenes?« mit Ja beantwortet hatte,
dann wich der strenge Ernst, der gewöhnlich auf seinem Antlitz lag. Dank seiner
Grossmut hatte sie ihre Wohnung in ein kleines Museum verwandeln können; fiel es
ihr aber ein, bei der Betrachtung eines Bildes, einer Bronze etwas von ihren
neuerworbenen Kenntnissen in der Kunstgeschichte durchblicken zu lassen, dann
wurde seine Miene so spöttisch, dass Maria verwirrt schwieg und sich beschämend
albern vorkam. Und der kostbare Blütner, mit dem er sie jüngst überrascht und
der dort in der Ecke stand, eingehüllt in weiche, indische Gewebe, noch hatte
sie seinem Spender nichts anderes darauf vorspielen dürfen als Operettenarien
und Tanzmusik. Sie war nicht leicht abzuschrecken gewesen, hatte immer einen
Übergang gefunden aus dem Trivialen ins Schöne, aus dem Zerstreuenden ins
Erhebende - aber nach den ersten Takten schon wurde das gefürchtete »Gute Nacht,
Maria« gesprochen, und der Graf war aus dem Zimmer verschwunden. In solchen
Fällen pflegte sie sich nicht zu unterbrechen; es hätte ihn, der sich in seinem
Hause gegen Rücksichtnahme wehrte wie ein anderer gegen Rücksichtslosigkeit,
sehr verdrossen. Nun blieb Maria in seiner Gegenwart bei dem Vortrage von
Arietten und Walzern. Die Musik, die ihrem Geschmack entsprach, übte sie aus vor
dem Bilde ihrer Mutter, das lebensgross an der Wand über dem Piano hing. Du
hättest deine Freude an mir gehabt, sprach sie in Gedanken zu ihr. Du hättest
gewusst, dass ich nur zu wollen brauche, um eine Künstlerin zu werden. Aber ich
werde nicht wollen, ich darf nicht. Unsereins darf so etwas nicht. Hättest du
das auch gefunden, Mutter?
    Ihr Blick haftete voll inniger Begeisterung auf dem edlen Angesicht, dem das
ihre so ähnlich sah. Es war dasselbe reine Oval, dieselbe von kleinen Locken der
reichen, aschblonden Haare beschatteten Stirn. Sie bildete zwei kaum sichtbare
Hügel über den feinen Brauen, den etwas tiefliegenden blaugrauen Augen. Es war
derselbe Schnitt der schlanken Nase, der leicht geschwellten Lippen und dieselbe
wahrhaft königliche Gestalt. Aber ein anderer Geist offenbarte sich in jedem der
beiden schönen Wesen. Marias ganze Erscheinung bekundete Entschlossenheit,
Seelenstärke, Klarheit. Die Verstorbene hingegen hatte einen Ausdruck von
eigentümlicher Schwermut und hilfloser Schüchternheit. Das Bild, aus dem sie
unvergänglich jung und lieblich herabsah, war in ihrem achtzehnten Jahre, dem
ersten Jahre ihrer Ehe, gemalt worden. Es stellte sie dar in einem weissen
Spitzenkleide, mit blossem Halse, mit nachlässig herabhängenden Armen, eine
weisse, kaum aufgeblühte Rose in der Hand. Den Kopf leicht vorgeneigt, schien sie
traumverloren zu lauschen. Maria besann sich noch, sie so gesehen zu haben im
Konzert, in der Oper, und auch wenn der Vater oder sie zu ihr sprachen.
    Aber diese freudigen Erinnerungen an die Mutter lagen fern, und die, die
sich an eine spätere Zeit knüpften, waren unsäglich traurig. Die Gräfin, von
einer Gemütskrankheit ergriffen, war langsam hingesiecht. Immer teilnahmsloser,
immer schattenhafter wandelte sie stundenlang im Sommer durch den Garten, im
Winter durch die Zimmer und durch die Gänge, blieb manchmal horchend an einer
Tür stehen, machte eine Gebärde des Entsetzens und trat ihre Wanderungen stumm
und rastlos wieder an.
    Die ersten Symptome des Leidens sollten durch einen heftigen Schrecken
hervorgerufen worden sein, dessen Veranlassung niemand in Marias Umgebung kennen
wollte. Sie zweifelte nicht, dass ein Geheimnis da verborgen liege, und liess
nicht nach in ihrem leidenschaftlichen Eifer, es zu entdecken. Ganz besonders
wurde ihre ehemalige Kinderfrau, die mit unbegrenzter und sklavischer Liebe an
ihr hing, mit Fragen von ihr bestürmt.
    »Sag es mir, Lisette, geh, sag es mir«, hatte sie einst gefleht und, so
geizig sie mit ihren Zärtlichkeiten war, ihren Arm um den Hals der Getreuen
geschlungen. »Wenn du mich liebhast, sagst du's gleich, in dieser Minute ...
Wenn du es nicht sagst, dann weiss ich, dass dir nichts an mir liegt.«
    Lisette sank in sich zusammen. Ratlos und verzweifelt starrten ihre grauen
Augen ins Leere, ihre Wangen wurden fahl, und ihre Lippen bebten. »Wär ich doch
tot«, jammerte sie, »dass mich das Kind nicht mehr fragen könnt.«
    - Tot? - Maria trat weg von ihr und senkte den Kopf.
    Lisette hatte sich den Tod gewünscht. Sie, die nicht von ihm reden hören
konnte, die in jedem, der ihn nur nannte, ihren Feind sah, die das Leben als das
höchste aller Güter schätzte, noch soviel von ihm erwartete, die tanzen wollte
auf der Hochzeit Marias und Kinder des Kindes heranziehen, alle - und wenn ihrer
zwölfe wären!... Lisette hatte sich den Tod gewünscht!
    Das junge Mädchen war tief ergriffen und musste Tränen niederkämpfen, um laut
und vernehmlich sagen zu können: »Ich werde dich nie wieder fragen.«
    Maria hatte Wort gehalten. - Seitdem waren sechs Jahre vergangen.
 
                                       2
Der Vorhang des Nebenzimmers war mit leiser Hand zurückgeschoben worden, Lisette
erschien am Eingang und ihre sanfte, unterwürfige Stimme sprach: »Maria, Kind,
darf ich herein?«
    »Du bist noch auf?« lautete die vorwurfsvolle Erwiderung, und Lisette
entschuldigte sich: »Hatte schon Nacht gemacht, schon längst. Aber du weisst, dass
ich nicht einschlafen kann, bevor ich deinen Wagen ins Haus rollen höre.«
    »Wie lächerrlich«, versetzte Maria, wandte sich ab und nahm Platz in einem
Fauteuil.
    Lisette stützte, nähertretend, den Arm auf dessen Lehne: »Kann früher nicht
einschlafen. Und dann muss die Klara kommen und mir berichten - weh ihr, wenn sie
das einmal versäumen würde! -, sie ist da und lustig und guter Dinge. Heut
jedoch hör ich: Sie hat traurig ausgesehen ...«
    »Spionage!« fiel ihr Maria ins Wort.
    »Nenn's wie du willst, das ist mir gleich; nur glaube nicht, dass du daran
etwas ändern kannst. - Also traurig ist das Kind? Ja, ja, ich seh's.« Ihr Ton
wurde tief schmerzlich, in ihrem kleinen, spitznasigen Gesichte malte sich eine
peinvolle Bangigkeit. »Was ist denn geschehen?«
    »Ach, Lisette, ich bitte dich, mach keine Geschichten. Was soll mir
geschehen sein? - Ich bin verstimmt, ja, aber aus einem Grunde, der dir keine
Sorgen machen wird.«
    »Wollen erst sehen. - Sprich, mein Vogerl, sprich, damit ich beruhigt zu
Bett gehen kann.«
    Maria erhob den Kopf und sah der Dienerin, die sich zu ihr herabneigte, fest
und streng in die Augen: »Die Menschen, die eine eiskalte Nacht wie diese im
Freien zubringen und hungernd und frierend die Strassen fegen werden - die tun
mir leid.«
    Lisette bäumte sich lachend zurück. »Nein, das Kind! - Nein, das ist zu arg.
Die Leute, die Gott danken für den Schnee, den er vom Himmel fallen lässt, damit
sie Arbeit kriegen, die sich nichts anderes wünschen als Arbeit, von klein auf
nichts anderes gewohnt sind als Arbeit, die bedauerst du!« Sie wurde in dem
Lobgesang, den sie nun auf Marias »goldenes Engelsherz« zu erheben begann,
unterbrochen.
    Im Hofe, nach dem die Fenster der Komtessenwohnung gingen, war es laut
geworden. Pferdegetrappel liess sich hören, die Portiersglocke gab das
Herrenzeichen.
    Lisette verabschiedete sich, und Maria ging ihrem Vater bis an die Schwelle
entgegen; sie begrüssten einander mit einem Händedruck.
    »Guten Morgen und guten Abend«, sprach Maria. »Ich wollte nachmittags einen
Augenblick zu dir, aber Walter sagte, du habest Besuch.«
    »Dornach war bei mir und blieb so lange, dass ich kaum Zeit gehabt habe,
Toilette zu machen zum Diner.«
    »Bei?«
    »Bei Fürstin Alma.«
    »War's schön?«
    »Kannst dir's denken. Dreissig Personen, dreissig Grade und dreissig Gänge.«
    »Du übertreibst, wie immer, wenn es sich um ein Fest bei Alma handelt. Sie
kann tun oder lassen, was sie will, du tadelst alles. Und ich weiss, wie peinlich
ihr das ist und wie grossen Wert sie auf dein Urteil legt.«
    Mit diesen Worten stellte Maria eine Tasse Tee vor den Grafen hin, der sich
in einen Lehnstuhl neben dem Tische niedergelassen hatte. Er warf einen
seltsamen, fast drohenden Blick auf sie, senkte ihn aber rasch, als er in den
Zügen seiner Tochter der völligsten Unbefangenheit begegnete.
    Wolfsberg galt noch jetzt, da er sich in der zweiten Hälfte der Vierzig
befand, für einen den Frauen gefährlichen Mann. Er war mittelgross, von schlanker
und geschmeidiger Gestalt, ein berühmter Reiter und Jäger. Einer gewissen kühlen
und würdevollen Zurückhaltung in seinem Wesen verdankte er den Ruf grosser
Verlässlichkeit, der ihm zahlreiche Freunde erwarb. Seine Erziehung hatte er,
früh verwaist, in Deutschland, bei Verwandten seiner verstorbenen Mutter, im
Sinne des Wortes - genossen. Mit einer ausserordentlichen Bildungsfähigkeit
begabt, war er mühelos ein guter Student gewesen, und es blieb auch später sein
Ehrgeiz, jeden seiner Erfolge für einen spielend errungenen gelten zu lassen.
»Ich nehme das Leben nicht ernst«, sagte er oft und machte dazu eine beinahe
finstere Miene.
    Eines aber gab es in diesem Leben, das er dennoch ernst nahm, und das war
seine Tochter und das Glück, das er ihr bereiten wollte in Gegenwart und
Zukunft.
    »Maria«, begann er, »es hat sich heute jemand um die Erlaubnis bei mir
beworben, unser Haus besuchen zu dürfen. Du wirst wohl erraten wer?«
    Sie lächelte ihn freudig an: »Felix Tessin.«
    »Tessin? - du scherzest.«
    »Es war nicht meine Absicht«, erwiderte Maria und senkte bestürzt die Augen.
    »Wie? Du könntest glauben, dass ich Tessin angehört hätte, wenn er mir mit
einer solchen Zumutung gekommen wäre?«
    »Warum nicht?« fragte sie zögernd, und ihr Vater antwortete mit der
offenbaren Absicht, sich nicht in Erörterungen einzulassen: »Du solltest wissen,
was ich von ihm halte.«
    »Nun, recht viel. - Ein so geistvoller, begabter Mensch, dem du selbst eine
schöne Zukunft voraussagst.«
    »Das heisst, ich glaube, dass er so ziemlich alles erreichen dürfte, was er
anstrebt. Er ist ehrgeizig und klug, jagt hohen, aber nicht unerreichbaren
Zielen nach und kann um so leichter ankommen, da er sich wenig Skrupel macht in
der Wahl seiner Mittel.«
    »Vater!«
    »Nun?«
    »Das wäre ja schrecklich.«
    Er zuckte die Achseln. »Tessin hält sich gewiss, wie heutzutage so mancher,
für einen, der jenseits von Gut und Böse steht. Ein so ungewöhnlicher Mensch, so
bezaubernd in seiner dunkeln Manfred-Schönheit, so verwöhnt von den Frauen.« Der
Graf sprach gelassen und spöttisch, ohne dass es im geringsten schien, als ob er
seine Tochter beobachte, und las doch in ihren bewegten Zügen, was ihn peinlich
überraschte - dass er ein wenig spät kam mit seiner Warnung. Es galt mehr, als
einen flüchtigen Eindruck verwischen, es galt eine Empfindung entwurzeln, weh
tun. Den Ellbogen auf den Tisch und die Hand an Stirne und Wange lehnend, fuhr
er ernstaft fort: »Wenn Tessin nicht ein Verwandter -« der Freundin deiner
Mutter, wollte er sagen, brachte es aber nicht über die Lippen, »der Fürstin
Alma wäre, hätte ich verhütet, dass er dir vorgestellt werde. Indessen hat sie es
mir schwer genug gemacht, ihn, ausser bei offiziellen Empfängen, von denen ich
einen Botschaftsrat nicht ausschliessen kann, von meinem Hause fernzuhalten. Die
gute Fürstin wird eine Schwäche für ihn nicht los; sie vergisst nie, dass sie sein
Jugendtraum gewesen ist, seine erste und letzte ideale Liebe.«
    »Vor ihrer Verheiratung; ich habe davon gehört.«
    »Vorher - nachher. Was hätte er darum gegeben, an der Stelle seines älteren
Vetters, des Fürsten Tessin, zu sein, der die Braut heimführte. - Es dauerte
eine Weile, bis er das zwecklose Schmachten satt bekam und eine praktische
Richtung im Leben und in der Liebe einschlug. Und heute können seine Huldigungen
ein junges Mädchen nicht mehr stolz machen. Sie teilt sich darein mit
Persönlichkeiten, mit denen sie gewiss nichts gemein haben möchte.«
    »Zum Beispiel?« fragte Maria erstickten Tones, und ihr Vater spöttelte:
»Nein wirklich, ich bekomme Respekt vor den Komtessensoireen. Man klatscht ja
dort nicht mehr, kümmert sich nicht mehr um das Tun und Lassen der jungen
Herren. Schade um ihre schönsten dummen Streiche, sie machen keinen Effekt. Was
wissen denn die Komtessen, wenn sie nichts wissen von Mademoiselle Nicolette,
dem Stern der ersten Quadrille?«
    Maria war sehr blass gewesen, jetzt färbten sich ihre Wangen: »Doch - sie
wissen viel und schwatzen noch mehr von ihr und vom Grafen ... Ich höre aber
nicht zu, wenn jemandem übel nachgeredet wird ... du hast mich das gelehrt.« Sie
versuchte einen scherzenden Ton anzunehmen, es gelang ihr nicht, es war zu
schwer. Sie hätte weinen und schluchzen mögen.
    Der Graf sah es, und es tat ihm leid, von einer schwächlichen Regung jedoch
hielt er sich frei. Es musste sein, mit dieser Neigung musste sie fertigwerden.
Auch ohne den entscheidenden Grund, der ihr unbekannt bleiben musste, würde
Wolfsberg eine Heirat zwischen Maria und dem leichtfertigen Tessin nie gestattet
haben. Und so versetzte er: »Die üble Nachrede trifft auch manchmal das
Richtige.«
    Ein schwerer Seufzer stieg aus der Brust Marias. »Du tust ihm vielleicht
Unrecht«, wagte sie einzuwenden.
    »Er ist unwahr und gewissenlos - unterbrich mich nicht - ich spreche von
jener Gewissenlosigkeit, die sich von der des Falschspielers oder des Diebes
unterscheidet wie das Ungreifbare vom Greifbaren ... Genug.« Er wandte sich ihr
plötzlich zu und sah sie an: »Du hast schlecht geraten. Der mich bat, ihm
Gelegenheit zu geben, von dir gekannt zu werden - denn dich zu kennen, behauptet
er -, ist Hermann Dornach.«
    Sie biss sich auf die Lippen. »Welche Ehre! Und was hast du ihm geantwortet?«
    »Dass ich mit dir reden und ihm dann Bescheid geben will. Er wird bejahend
lauten, wenn du Rücksicht nimmst auf das, was ich wünsche. Du verbindest dich
damit zu nichts. Ich verlange nur: beobachte ihn, prüfe dich. Er wird deine
Achtung gewinnen, aber die Sympatie allein gibt den Ausschlag, und - da stehen
wir an der Grenze unseres freien Willens. Der Verstand sagt, der klare Blick
sieht, hier ist ein Mensch, so vortrefflich, dass eine brave Frau mit ihm
glücklich werden muss. Es ist kaum anders möglich, als dass ihre Freundschaft und
Hochschätzung für ihn sich allmählich zur Liebe und Begeisterung steigert. Und
dort ist ein anderer, an dessen Seite sie Enttäuschung auf Enttäuschung zu
erwarten hat. Sie wird gewarnt, ahnt wohl selbst etwas davon - was hilft's? -
Ein dunkler Instinkt bleibt der Herr. Das Echte lässt sie gleichgültig, und
unwiderstehlich fühlt sie sich zum Falschen hingezogen.«
    »Unwiderstehlich?« Trotz und Zorn funkelten aus Marias Blicken. »Wenn du das
auf mich anwendest, kennst du mich nicht.«
    »Hoho!« sprach er, sehr zufrieden mit dem hervorgebrachten Eindruck. »Da
bleibt mir nichts übrig, als mich zu entschuldigen. Aber das möchte ich wissen -
ob du nie ausgelacht worden bist, wenn du die Verteidigung Mademoiselle
Nicolettes und ihres Gönners übernahmst?« - Er ersparte ihr die Antwort, die sie
mühsam vorzubringen suchte. »Und dann, warum hast du gesagt: Welche Ehre! als
ich dir die Botschaft Dornachs bestellte?«
    »Weil alle Welt es dafür ansehen würde. Es ist ja unglaublich, wie sie es
mit ihm treiben. Die Papas und Mamas machen dem jungen Manne den Hof ... Oh,
wenn sie ihm die Töchter buchstäblich an den Kopf werfen könnten - da sähe man
Komtessen fliegen!... Und die überbieten noch die Taktlosigkeit der Eltern, ihm
und seinem zweiten Ich, seiner Mutter gegenüber ... Ich schäme mich für die
anderen ... Das alles ist so empörend und für Dornach so demütigend, weil es so
unpersönlich ist und nur seinem Rang und seinem Reichtum gilt.«
    Sie ereiferte sich und sprach mit einer Heftigkeit, die ausser Verhältnis zu
deren scheinbarem Grunde stand.
    Peinlich berührt, lenkte der Graf das Gespräch ab und brachte es erst später
auf den Freier zurück, der, wie es bei ihm feststand, sein Schwiegersohn werden
sollte.
    Als er sie verlassen hatte, ging Maria zu Bette und konnte zum ersten Male
in ihrem Leben nicht sogleich einschlafen. Jedes Wort über Tessin, das ihr Vater
gesprochen hatte, klang schmerzhaft in ihrer Seele nach. Die Erinnerung an alles
wurde lebendig, das Maria ein tolles Geschwätz genannt und dem sie ihr Ohr
verschlossen hatte. Nun aber wusste sie, die Menschen, die von ihr der
Verleumdung angeklagt worden, die hatten recht, und ihr Vater hatte recht und
sie allein unrecht mit ihrer törichten Glaubensseligkeit, mit ihrer übel
angebrachten Bewunderung Tessins, mit ihrem Stolz auf sein ritterliches Werben
... Guter Gott, das war so unpersönlich wie die dem Grafen Dornach dargebrachten
Huldigungen. Ein ehrgeiziger Diplomat, ein praktischer Mann hatte gewünscht, der
Schwiegersohn des Grafen Wolfsberg zu werden, und die dazu unerlässlichen
Schritte mit liebenswürdiger Formgewandteit unternommen ... Das Herz war bei
dem Geschäfte nicht im Spiele - wäre auch nicht zu vergeben gewesen, es befand
sich bereits in anderweitigem Besitz.
    Ein Schwall von neuen Empfindungen brach über Maria herein. Sie war die
Beute von etwas Fremdartigem und Unschönem, dem sie sich entreissen wollte, und
wollen konnte sie noch, das sollte ihr Vater sehen - ihr Vater und noch ein
anderer ...
    Ihre Lider wurden schwer und schlossen sich. Ein Augenblick der Betäubung,
dann fuhr sie auf ... Ob sie jetzt wusste, was es heisst: hassen?... Nein, nein
... sie fühlte nur ein tiefes Bedauern, wie wenn ihr ein Herrliches und Schönes,
an dem ihr das Herz gehangen hatte, verunstaltet worden wäre. Er, den sie hoch
über alle Menschen gestellt, unwahr und gewissenlos!
    Sie hörte noch vom Turme der nächsten Kirche zwei Uhr schlagen, dann schlief
sie ein und träumte, Tessin trete als Schneeschaufler verkleidet an ihr Bett,
präsentiere mit dem Besen und engagiere sie zum Kotillon. Sie folgte ihm durch
den Ballsaal und schämte sich ihrer Nachttoilette und ihrer nackten Füsse. Auch
ihres Tänzers schämte sie sich, der in einem fort grinste und der wirkliche
Schneeschaufler war. Und wie sie ihn jetzt so recht ins Auge fasste, entdeckte
sie etwas Merkwürdiges. Der zerlumpte Mensch erinnerte an ihren Vater, er hatte
wie jener die breite Stirn, die dichten, zusammengewachsenen Brauen. Maria
neigte sich zu ihm und sprach: »Beim ersten Blick ist mir etwas an Ihnen
aufgefallen - ich wusste nur nicht gleich, was es war ...« Sie erwachte, lächelnd
über diesen Traum und mit unglaublich leichtem Herzen für ein junges Mädchen,
dem eben eine erste Illusion zerstört worden. Es ist aus, dachte sie, ich hätte
nicht geglaubt, dass man so schnell mit einem Gefühl fertigwerden kann, das doch
wie Neigung ausgesehen hat ... Nein, nicht nur ausgesehen!... Die anderen wollen
belogen sein - warum aber mich selbst belügen?... Ich habe ihn geliebt, innig
und heiss.
    Und aufschluchzend drückte sie ihr tränenüberströmtes Gesicht in das Kissen.
 
                                       3
Am nächsten Tage machte Hermann Dornach seinen ersten Besuch, wurde für morgen
zu Tische geladen und brachte einige Abende im Familienkreise zu. Gräfin Dolph
fand ihn charmant und unglaublich gescheit für einen Majoratsherrn. Sie rechnete
es ihm hoch an, dass er mit ihr, der bösen Zunge, die den meisten Scheu
einflösste, so rasch vertraut wurde. »Einfach die Folge seines guten Gewissens«,
erklärte sie. »Eine Anklage gegen ihn wäre ein Schuss ins Blaue; der sieht ruhig
zu, wie ich meine Pfeile spitze; er gehört nicht zu den Leuten, denen vor mir
graut.«
    Und wirklich schwand in ihrer Gegenwart die leise Befangenheit, die bei
einem Manne, den zu verwöhnen alle Welt wetteiferte, für den Laien so
befremdlich und dem Herzenskundigen eine Bürgschaft echten Seelenadels war.
    Man sagte, diese Befangenheit sei die Folge der übertriebenen Strenge, mit
welcher er unter der Leitung seiner Mutter erzogen worden war. Die Gräfin hatte
ein Gegengift anwenden wollen gegen die Kriecherei der Parasiten, des
Beamtenheeres, der Dienerschaft und gegen die grenzenlose Nachsicht eines
schwachen und kränklichen Vaters für sein einziges Kind. Aber die Dosis war zu
stark gewesen und hatte nicht nur keine Selbstüberhebung aufkommen lassen,
sondern auch kein rechtes Selbstvertrauen. Die Gräfin sah den begangenen Fehler
ein und suchte ihn noch beizeiten gutzumachen. Sie hatte nach dem Tode des
Grafen die Vormundschaft über Hermann, die sie tatsächlich immer geführt, auch
formell angetreten und schenkte nun dem achtzehnjährigen Jüngling
uneingeschränkte Freiheit. Ein kleiner Missbrauch derselben wäre leicht verziehen
gewesen, kam aber nicht vor. Hermann besuchte landwirtschaftliche Schulen in
Deutschland und England, jagte Löwen in Nubien und Elefanten in Indien, diente
einige Jahre in einem eleganten Kavallerieregimente und widmete sich später der
Verwaltung seiner Güter. Er war dreiunddreissig Jahre alt geworden, ohne in die
Lage gekommen zu sein, andere Schulden als die seiner Freunde bezahlen zu
müssen, ohne ein Mädchen verführt, ohne den Ruf einer Frau gefährdet zu haben.
Und doch kochte das Blut in seinen Adern so heiss wie in denen irgendeines seiner
Alters- und Standesgenossen, und doch hatte er in seinen wenigen
Liebesverhältnissen mehr echte und wahrhafte Empfindungen ausgegeben als sie
alle zusammengenommen in ihren zahllosen Zirkus- und Halbweltsabenteuern.
Übrigens erschienen ihm von dem Augenblick an, in dem er Maria kennenlernte,
seine ernstaftesten Schwärmereien und Leidenschaften wie Kinderspiel.
    Es geschah auf einem Balle, den er aus Gehorsam gegen seine Mutter besucht
hatte. Er kam ja überhaupt nur aus Gehorsam zu ihr nach Wien, um dort in die
grosse Welt zu gehen, wo er kein Vergnügen fand und wo die Bemühungen um seine
Gunst ihn anekelten.
    Tante Dolph war Zeuge seiner ersten Begegnung mit Maria und dann selbst der
Gegenstand seiner eifrigsten und ehrfurchtsvollsten Aufmerksamkeiten gewesen.
Sie erinnerte sich plötzlich ihrer Jugendfreundschaft mit Gräfin Agate Dornach
und machte ihr einen Besuch, der bald erwidert wurde. Die alten Damen sagten
zueinander: »Liebes Kind«, und jede hatte das Gefühl ihrer Überlegenheit über
die gute Bekannte von einst, mit der sie später auseinandergekommen war wegen
völlig verschiedener Anschauungen und gleich schroffer Unduldsamkeit. Agate
berühmte sich, eine ortodoxe Katolikin zu sein; Dolph, ganz ungläubig, liess
nicht gelten, dass ein vernünftiger Mensch fromm sein könne, es wäre denn ein
Dienstbote, ein Bauer oder ein Prinz. Agate fürchtete für Dolphs ewiges Heil,
diese fürchtete Agatens Bekehrungsversuche, die stets in der Behauptung
gipfelten, die Skepsis entstehe aus der Halbbildung, und weiter als bis zu einer
solchen brächten Frauen es nicht. Ob sich diese Gegensätze zwischen den beiden
Damen im Laufe der Jahre gemildert oder verschärft hatten, danach wurde jetzt
nicht gefragt und das Berühren heikler Punkte sorgfältig vermieden. Der Graf,
ein Konversationskünstler ohnegleichen, half spielend über ein paar Abendstunden
hinweg; das Gespräch, das er beherrschte, wurde lebhafter geführt als das
zwischen den jungen Leuten am Teetisch nebenan. Maria war schweigsam, Hermann
nicht beredt. Er sagte aber dennoch viel, denn jeder seiner Blicke entielt eine
glühende Erklärung der innigsten Liebe.
    Eines Tages nun geschah es, dass Gräfin Dornach sich bei Maria anmelden liess
und mit einer Miene eintrat, als ob sie die Schlüssel des Himmels zu überreichen
hätte. In würdevoll gelassener Weise brachte sie im Auftrage Hermanns die
Anfrage vor, ob er um Marias Hand werben dürfe.
    »Dein Jawort würde ihn beseligen«, schloss sie, »und du kannst es ihm getrost
geben. Ich schmeichle niemandem, am wenigsten mir selbst in meinem Sohne. Mein
Urteil über ihn ist das eines jeden Unparteiischen und lautet: Es gibt keinen
vernünftigeren Menschen, keinen besseren, keinen edleren.« Sie hielt inne, sie
wartete auf eine Erwiderung; da keine erfolgte, fuhr sie fort: »Wenn deine
Mutter lebte, würde ich mich zuerst an sie gewendet haben, und sie wäre es, die
jetzt zu dir spräche. Nimm an, dass es durch meinen Mund geschieht.«
    Maria senkte die Augen, ihre Lippen zitterten, aber sie schwieg.
    »Ein sicheres Glück bietet sich uns im Leben selten. Dem, der es einmal
abgewiesen hat, wird es schwerlich wiederkehren«, fuhr die Gräfin nach einer
Pause noch kälter und förmlicher als früher fort. »Indessen hast du recht zu
erwägen. Dein Zögern gefällt mir; es beweist, dass du den Ernst des Schrittes
kennst, den andere junge Mädchen oft so leichtsinnig unternehmen. Ich habe
Vertrauen zu dir. Wenn ich deine Einwilligung, deine einfache Einwilligung mit
nach Hause nehme, so entält sie für mich alle heiligsten Schwüre, die ein
ehrliches Mädchen ihrem zukünftigen Gatten nur irgend leisten kann.«
    »Jawohl, das entielte sie auch ... Ich bitte Sie -«
    »Wieder: Sie! Bleibe ich dir denn fremd?« - »Ich bitte dich, sage dem Grafen
Hermann - -« eine unaussprechliche Bangigkeit bemächtigte sich ihrer; sie
blickte in das marmorblasse Gesicht der Gräfin: - So lieblos wie die Tante,
dachte sie.
    »Nun, was sag ich ihm?«
    »Dass ich heute abends - Ihr kommt ja doch? - selbst mit ihm sprechen werde.«
    Sie küsste der Gräfin, die sich ziemlich enttäuscht erhob, die Hand und
begleitete sie bis zur Treppe.
    In ihr Zimmer zurückgekehrt, schritt sie lange in hoher Erregung auf und ab
und quälte sich mit der Frage: Warum will ich's tun? - Ist mein Grund nicht ein
verwerflicher?... Und dann setzte sie sich ans Klavier und spielte und wurde
allmählich ruhiger. Und dann kam Tante Dolph und las ein Telegramm von Wilhelm
Dornach vor, einem Bekannten aus uralter Zeit, dessen Existenz sie längst
vergessen hatte. Auf ein Gerücht hin, das in seine ländliche Einsamkeit
gedrungen war, schickte der gute, dumme Mensch ihr seine Glückwünsche zur
Verlobung ihrer Nichte mit seinem Vetter.
    Die Gräfin lachte über die Eile des armen Teufels, seine geheuchelte Freude
an den Tag zu legen. Als nächster Anwärter auf das Majorat konnte der ganz
unbegüterte und mit einer zahlreichen Familie gestrafte Mann doch nichts anderes
gewünscht haben, als dass sein Vetter ledig bleibe. Ein insdiskreter Wunsch, ja,
aber der natürlichste von der Welt. Sie nahm Platz auf der Chaiselongue mit dem
Rücken gegen das Bild ihrer verstorbenen Schwägerin, das anzusehen sie überhaupt
vermied, klagte über Kopfschmerzen und rieb die eingefallenen Schläfen mit
Kölner Wasser. Sie war leidend und in gereizter Stimmung. Sogar als sie ihr
jetziges Lieblingstema anschlug, das Lob Hermanns, geschah es mit einer
Beimischung von Spott.
    »Heil der Frau, die er heimführt!« rief sie aus, »ihre Ehe wird freilich
sein wie jede, in der nur ein Wille herrscht.«
    Sie beantwortete den erstaunten Blick Marias mit der Frage, ob denn Hermann
nicht von seiner Kindheit an gelernt habe, sich einer Weiberregierung zu
fügen?... Wie albern müsste doch die Frau sein, die es nicht verstände, einen so
vortrefflichen Elementarunterricht als Grundlage zu weiterer Ausbildung zu
benützen! Gute Lehren, wie das anzufangen sei, kamen nun in Fülle. Ernst
gemeinte wie spasshafte und alles mit Beispielen erläutert. Man sehe das Ehepaar
Heinburg. Im Anfang war er ein Spieler und brachte die Nächte im Klub zu,
während sie daheim sass und weinte. Das hat sich nach und nach geändert - durch
ihr Verdienst! Jetzt spielt sie, und er weint. »Und deine Freundin Emmy, die
sich zum Altar schleppen liess wie ein Lamm zur Schlachtbank und in ihrer Ehe
einen so guten sicheren Hafen gefunden hat, von dem aus sie allerlei
abenteuerliche Fahrten unternehmen kann in die stürmische See!«
    Ein Klopfen an der Tür liess sich hören, und Fräulein Nullinger, die
Gesellschafterin Gräfin Dolphs, schlüpfte herein. Sie wurde von der Gebieterin
»Nulle« genannt, was sie empörte, und litt infolge ihres aufregenden Dienstes an
Nervosität. Obwohl sie jetzt nur die harmlose Meldung zu machen hatte, dass die
Schneiderin gekommen sei und gesagt habe, sie könne nicht lange warten, zuckte
es dabei krampfhaft um ihren Mund.
    »Schon gut, setzen Sie sich«, erwiderte Dolph und fuhr fort, Freund und
Feind durch die Hechel zu ziehen. Sie nannte viele Namen ganz flüchtig und
obenhin; an dem, der ihn trug jedoch, blieb ein Makel hangen, oder er wurde mit
einer Lächerlichkeit behaftet.
    Maria hörte ihr heute aufmerksamer zu als sonst und dachte: Sie hat wohl
recht. Was soll auch an den übrigen Menschen sein, wenn Tessin nichts taugt? Und
Gräfin Dolph, wie ein echter Schauspieler, den schon die Teilnahme eines
einzigen Zuhörers begeistert, übertraf sich selbst in ihrer fragwürdigen Kunst
und geriet in den kleinen Witz- und Bosheitsrausch, der ihr so gesund war. Ihr
Gesicht, das, wie sie selbst sagte, eine Karikatur der schönen Züge ihres
Bruders war, belebte sich, und ihre Kopfschmerzen verschwanden.
    Fräulein Nullinger verlor endlich die Geduld und erhob sich, noch um eine
Schattierung höher gefärbt als gewöhnlich. »Ich werde der Schneiderin sagen«,
sprach sie, »dass Frau Gräfin jetzt lästern müssen und keine Zeit für sie haben.«
    Dolph lachte. »Ach was, mein Lästern: ein gerader Kerl, der gleich Farbe
bekennt. Aber das Ihre!... Wenn Sie anfangen: Ich hab den oder die recht gern,
das ist, wie wenn ein Reiter sein Pferd zusammennimmt, bevor er ihm eins
hinaufgibt.«
    Sie ging in munterster Laune, war auch später bei Tische heiter und
anscheinend ganz wohl. Am Abend jedoch stellten sich plötzlich ihre
Kopfschmerzen wieder ein und zwangen die Leidende, ihr Zimmer aufzusuchen, kurz
bevor Hermann und seine Mutter gemeldet wurden. Ausnahmsweise hatte Wolfsberg zu
Hause gespeist und nachmittags im Salon den Damen Gesellschaft geleistet. Er
empfing die Gräfin mit tausend Entschuldigungen seiner Schwester, die sehr zur
Unzeit unwohl geworden; Agate äusserte ihre Teilnahme mit ganz besonderer Wärme
und ersuchte den Grafen, sie zu ihrer Freundin zu geleiten, was alsbald geschah.
- Die jungen Leute blieben allein.
    Beiden stieg die Röte in die Wangen. Ihm schien die Gelegenheit zu einer
entscheidenden Unterredung plump und ungeschickt geboten; ihrer bemächtigte sich
ein peinliches Gefühl, halb Empörung, halb Bangigkeit. Regungslos stand sie da,
hatte die Brauen zusammengezogen und blickte ins Feuer des Kamins. Nach einer
Pause, die, je länger sie dauerte, desto schwerer zu unterbrechen war, begann
Hermann bewegt und zagend: »Meine Mutter hat mit Ihnen gesprochen, Gräfin ...
Sie kennen die kühne Frage, die ich so vermessen bin, an Sie zu stellen. Die
leiseste Hoffnung auf eine bejahende Antwort würde mich beglücken ... Darf ich
sie fassen?«
    Maria schwieg, aber sie wandte sich ein wenig und blickte ihn von der Seite
so fremd an, als ob sie ihn heute zum ersten Male sähe. Sein Äusseres war
ungemein gewinnend, sie musste es gestehen. Verstand, Güte, Geradheit sprachen
aus seinem hübschen Gesicht, leuchteten aus seinen treuherzigen Augen. Er trug
einen kleinen Schnurr- und Backenbart, die reichen braunen Haare waren kurz
geschnitten und liessen die edel geformte Stirn und die Schläfen frei. Seine
Gestalt hatte etwas Festes, Kräftiges, und doch fehlte es ihr nicht an
männlicher Anmut.
    »Antworten Sie mir«, sagte er.
    Und sie, »der Held« im Kreise ihrer jungen Freundinnen, die Unerschrockene,
die ja mit sich selbst im reinen und fest entschlossen war, ihre Hand in die des
ungeliebten Freiers zu legen, flüsterte nun bestürzt: »Ich weiss nicht ... ich
weiss nicht -«
    Ihre Verzagteit ergriff und rührte ihn; er machte sich Vorwürfe, er hatte
zu früh gefragt, er hätte dem Drängen seiner Mutter nicht nachgeben, sich von
dem Entgegenkommen des Grafen nicht verleiten lassen sollen. Nun bemühte er
sich, seine Übereilung gutzumachen: »Sie sind noch unentschieden«, nahm er
wieder das Wort, »ich sehe es und finde es begreiflich. - Überlegen Sie, prüfen
Sie mich streng und lang. Ich mache es Ihnen nicht schwer - in meiner Seele gibt
es keine Abgründe ...«
    »Mein Gott, nein«, sprach Maria, »das ist nicht ... nein, nein -« und zwei
Worte, Anfang und Ende ihrer jungen Weisheit, kamen fast unhörbar über ihre
Lippen ... Worte ihres Vaters, die er seiner gelehrigen Schülerin eingeprägt
hatte: »Nur ruhig!« - Dereinst, als sie sich in Verzweiflung über die Leiche
ihrer Mutter geworfen ... und viel später, auf der Jagd, als ihr scheuendes
Pferd dem Mühlstrom zugerast ... und dann auf ihrem ersten Ball, als sie, von
übermütiger Fröhlichkeit ergriffen, so laut gelacht, so toll getanzt, immer
hatte sein eindringliches: »Nur ruhig!« sie zur Besinnung gebracht.
    Auch in diesem Augenblick erinnerte sie sich der väterlichen Mahnung nicht
umsonst und vermochte ihren abgebrochenen Reden mit einem Scheine von
Gelassenheit hinzuzufügen: »Sie irren - ich bin entschlossen.«
    »Wozu?... Nein?«
    »Ja.«
    »Heil mir!« rief er mit tiefinnerstem Jubel und ergriff ihre Hand, die sie,
wieder erfasst von ihrer früheren Bangigkeit, aus der seinen zu lösen suchte. Er
aber hielt sie fest.
    »Sie ist mein, mein kostbarstes Eigentum - und Ihr freies Geschenk, nicht
wahr, Maria? - Niemand hat Sie beeinflusst, Sie hätten sich nicht beeinflussen
lassen; Sie sind zu stolz, zu selbständig.«
    »Doch«, versetzte sie und erhob nun endlich ihr gesenktes Haupt. Nie in
ihrem Leben hatte sie einen Menschen so bewegt gesehen, und - merkwürdig - was
ihr als der Ausbund des Lächerlichen galt: ein Verliebter, dessen Empfindung
nicht völlig erwidert wird, kam ihr jetzt höchst ernstaft vor und traurig
sogar, traurig für sie. Er, mit seinem grossen, wahrhaftigen Gefühl, er war der
Reiche und sie arm neben ihm. »Doch«, wiederholte sie leise, »der Wunsch meines
Vaters hat Einfluss auf mich gewonnen - im Anfang.«
    »Und später, was bestimmte Sie später, was bestimmt Sie jetzt? Seien Sie
aufrichtig gegen mich, Gräfin, wie ich es immer gegen Sie sein werde. Was
bestimmt Sie ... ich ... ich weiss, dass es nicht Neigung ist.« Mühsam hatte er
dieses Geständnis vorgebracht, denn er täuschte sich nicht über die Gefahr, die
es in sich schloss.
    Aber Maria lächelte, freudig fast: »Dass Sie es trotzdem mit mir wagen
wollen, das eben bestimmt mich ... Und das Vertrauen, das Sie mir beweisen - und
das Vertrauen, das Sie mir einflössen.«
    »Dank!« sprach er, und aus seinen ehrlichen blauen Augen leuchtete eine
wonnige Zuversicht. »Das ist ein schöner Bund: Ihr Vertrauen und meine
ehrfurchtsvolle Liebe! Eine solche Liebe reicht aus für zwei gute Herzen, sie
hat eine mitteilende Kraft. Wissen Sie warum? Weil sie sich nie aufdrängt, sich
niemals ein Recht anmasst. Ihr gegenüber gibt es keine Pflicht, nur Gnade und
Wohltat. Und welche edle Frauenseele würde nicht endlich gerührt von ...
Genug!...« unterbrach er sich, »sonst verrate ich noch, dass diese
Uneigennützigkeit nichts ist als der grösste Egoismus - der Egoismus, Sie
glücklich zu sehen.«
    Mit beiden Händen zog er ihre Hand an seine Lippen, an seine Brust. Maria
fühlte das ungestüme Pochen seines Herzens, auf seinem Angesicht jedoch, das
sich über das ihre neigte, lag Frieden, und es erschien ihr wie verklärt von
tiefster Seligkeit.
    Der schweigsame Mann wurde beredt; er fand für seine Empfindung den
Ausdruck, der gewinnt, für seine Gedanken das überzeugende Wort. Maria hörte ihm
zu und sagte sich: Er ist wahr und warm. - Und vielleicht war es das, wonach sie
sich sehnte von Kindheit an: Wahrheit und Wärme. Wohl hatte man sie vergöttert
und verwöhnt; aber wieviel Falschheit war bei dieser Vergötterung, die servile
Leute ihr erwiesen, wieviel - wenigstens äussere - Kälte bei der Verwöhnung, die
sie von ihrem Vater und nun erst von Tante Dolph erfuhr.
    »Der Ernst auf Ihrer Stirn«, sprach Hermann, »der hat mich bezaubert; er
ist, was ich zuerst an Ihnen geliebt habe, und jetzt wird es mein heisses
Bestreben sein, ihn allmählich zu zerstreuen. Sie sollen gefeit durchs Leben
wandeln, eingehüllt in meine Liebe ... Ich bin zu glücklich«, brach er aus -
»ich verdien es nicht - was müsste der sein, der Sie verdiente, Maria! Maria!«
    Sie trat einen Schritt zurück, sie vermied den Blick voll leidenschaftlicher
Andacht, der den ihren suchte, und sprach: »Nein, nicht so - Sie sind ja besser
als ich ... haben Sie Geduld mit mir.«
 
                                       4
Sie wurden ein stilles und feierliches Brautpaar. Maria blieb kühl und gemessen.
Dornach bekämpfte immer siegreich jede Regung seines überströmenden Gefühls. In
der Gesellschaft erhoben sich Streitigkeiten, weil die einen behaupteten, er sei
ihr, und die anderen wissen wollten, sie sei ihm gleichgültiger. Dennoch erging
sich alle Welt in so überzeugten und gerührten Glückwünschen, als ob Romeo und
Julia aus ihren Gräbern auferstanden und im Begriffe gewesen wären, sich
häuslich einzurichten.
    Unter den vielen Oberflächlichen, deren hohles Geschwätz geduldet und für
deren als Teilnahme verkleidete Neugier gedankt werden musste, gab es aber doch
auch einige wohlwollende, treue Menschen, gab es vor allem Fürstin Alma Tessin.
Maria liebte sie, verehrte ihre grenzenlose Herzensgüte und war voll Mitleid mit
ihrer Befangenheit, die von Jahr zu Jahr zunahm. Die Fürstin fragte Maria um
Rat, küsste ihre Hände, hatte in ihrer Gegenwart etwas Demütiges und Beschämtes,
das dem jungen Mädchen ein Übergewicht über die Frau, die beinahe ihre Mutter
hätte sein können, förmlich aufzwang.
    Eines Vormittags kam Fürstin Tessin zu Tante Dolph und fand dort das
Brautpaar. Maria schritt ihr entgegen, Hermann erhob sich. Alma sah ihn zum
ersten Male seit seiner Verlobung, und es geschah unerwartet. Auf ihrem zarten
Angesichte wechselten die Farben.
    »Graf Dornach«, sprach sie, »ich habe noch nicht Gelegenheit gehabt, Ihnen
meinen innigen, meinen freudigen ...« sie hielt inne, von unüberwindlicher
Verwirrung ergriffen, und blickte beschwörend zu ihm empor: Erbarme dich, schien
sie zu sagen, sieh, was ich leide, und erbarme dich. Ihre stumme Bitte blieb
unerfüllt. Er verbeugte sich, murmelte ein paar höfliche Redensarten und nahm
ihre Hand nicht, die sie ihm zitternd hatte reichen wollen und nun mit einer
Gebärde der Trostlosigkeit niedergleiten liess.
    Hermann nahm Abschied und ging.
    Das Herz Marias schwoll vor Unzufriedenheit mit ihm. Was berechtigte ihn zu
diesem ablehnenden Benehmen gegen ein Wesen, das ihr teuer war? - Almas
Verwandtschaft mit Tessin, flog es ihr durch den Kopf. Aber nein! Weder Dornach
noch irgend jemand konnte eine Ahnung von dem flüchtigen Interesse haben, das
jener Mensch ihr eingeflösst. Tessin war scheinbar nicht mehr um sie bemüht
gewesen als zwanzig andere. Dass sie ihm den Vorzug gegeben, blieb ihr sogar
gegen ihn selbst streng bewahrtes Geheimnis. Aber die Eifersucht sieht scharf -
der arglose Hermann verdankt ihr vielleicht einen Seherblick.
    Als er am Abend wiederkam und den wunderschönen Blumenstrauss brachte, der
täglich aus den Gewächshäusern von Dornach für die künftige Herrin anlangte,
wies Maria die Gabe zurück: »Vorher will ich wissen, was haben Sie gegen Alma?«
    Er zögerte mit der Antwort: »Sie ist mir ... Aufrichtigkeit über alles,
nicht wahr? - Nun denn - sie ist mir unangenehm.«
    »Unangenehm? Verzeihen Sie, das begreife ich nicht - ausgenommen, Sie hätten
die Kunst entdeckt, die Schönheit zu hassen und die Güte«, rief sie herb, und er
erwiderte mit seiner gewohnten bescheidenen Gelassenheit: »Ich habe nicht von
Hass gegen Fürstin Tessin gesprochen, ich bewundere ihre Schönheit ...«
    »Sie sieht eben aus, wie sie ist«, fiel Maria lebhaft ein; »so blond, so
weiss, so duftig, von so überirdischer Anmut umflossen habe ich mir in meiner
Kindheit die Engel vorgestellt.«
    Seltsam war der Eindruck, den diese Worte auf ihn hervorbrachten; ein
Schatten von Verlegenheit flog über sein Gesicht, und zugleich malte sich darin
die tiefste und liebevollste Rührung.
    »Ich will Sie heilen von Ihrer Abneigung«, fuhr Maria fort. »Das Mittel dazu
ist einfach: Sie müssen Alma besser kennenlernen, dann wird meine beste Freundin
auch die Ihre werden und bei uns ihr zweites Zuhause finden - wenn es Ihnen
recht ist.«
    Es fiel ihm schwer, den Jubel, den dieses »bei uns« in ihm erweckt hatte, zu
unterdrücken; doch bezwang er sich und versetzte: »Sie werden in Ihrem Hause
empfangen, wen Sie wollen, und tun und lassen, was Sie wollen; mir wird es recht
sein. Nehmen Sie jetzt die Blumen?«
    »Gern, und ich danke Ihnen«, antwortete sie und dachte: Er ist ein
vortrefflicher Mensch, und ich werde ihn liebhaben wie einen Bruder.
    Dornach hörte nicht auf, seine Huldigungen mit der grössten
Anspruchslosigkeit darzubringen. Seine erfinderischen Aufmerksamkeiten für seine
Braut waren in seinen Augen das Selbstverständliche; ein Zeichen der Zustimmung
von ihr, einen freundlichen Blick empfing er wie Himmelsgaben. Gräfin Dolph
neckte und versicherte ihn, er beschäme die ganze Tafelrunde: solch ein
altmodisch ritterlicher Bräutigam wie er bereite dem Ehemann einen schweren
Stand.
    Hermann lachte und behauptete, dass er nicht mehr sei und nicht mehr sein
wolle als korrekt. Maria habe ihm ihren Wahlspruch: »Nur ruhig!« anvertraut, er
halte sich an den seinen: »Nur korrekt.«
    Und so waren denn seine fürstlichen Geschenke, so war der unerhört
grossmütige Heiratsbrief, den er ausstellte, so war jeder Beweis seiner
unbegrenzten Sorgfalt für das Wohl und Behagen der Gegenwart und Zukunft seiner
Braut »nur korrekt«.
    Gräfin Dornach benahm sich gegen die Verlobte ihres Sohnes ganz und gar in
seinem Sinne, der ihr plötzlich massgebend geworden. Für die von ortodoxem
Familiengeist beseelte Frau war der unmündige Junggeselle Hermann in den
respektswürdigen zukünftigen Stammhalter seines edlen Geschlechts verwandelt,
und der alten Generation kam nichts mehr zu, als - Platz machen. Agate trat mit
grossartigem Gleichmut vor der zurück, die nun an ihrer Stelle die erste im Hause
Dornach sein sollte. Sie legte zu deren Gunsten den Majoratsschmuck so
gleichgültig ab, als ob es sich um ein Paar getragener Handschuhe gehandelt
hätte. Sie traf ihre Anordnungen zur Übersiedlung aus dem Palais nach einem
Mietause in der Stadt, wo sie einige Wintermonate, und nach dem Witwensitze
Dornachtal, wo sie den grössten Teil des Jahres zubringen wollte. Es war dies ein
trauriger Aufentalt in rauher Gegend, zu Füssen der Branecker Berge, und Hermann
versuchte in jeder Weise, seine Mutter abzuhalten, ihn zu beziehen. Sie sollte
in Dornach bleiben, in dem Flügel des Schlosses, den sie von jeher den drei
anderen vorgezogen. Dort hatte sie ihr kurzes Eheglück genossen, dort ein
Menschenalter hindurch als Gebieterin gehaust, dort sollte sie auch ferner
hausen in der Nähe ihrer Kinder, von ihnen geehrt, geliebt, aber unbehelligt.
Sie liess sich nicht erbitten, ihr Entschluss war unerschütterlich. Sie dankte
Gott, sagte sie, für die endlich erlangte Gnade, ihr Leben in Ruhe und im Gebet
für sich und die Ihren still zu Ende spinnen zu dürfen.
    So tadellos auch alles war, was die Gräfin tat und sagte, Maria vermochte
dennoch kein Herz zu ihr zu fassen; diese Tadellosigkeit wurde zu frostig
ausgeübt. Das zurückhaltende Wesen ihres Vaters flösste Maria Bewunderung ein,
weil sie voraussetze, dass sich ein grosser Reichtum hinter demselben verberge.
Die Zurückhaltung der Gräfin aber schien ihr einen Mangel verdecken zu sollen.
Wenn sie nach einem Besuche bei der Mutter ihres Verlobten Abschied nahm,
erhielt sie einen Kuss auf die Stirn, dessen eisige Kälte sie vom Wirbel bis zur
Sohle durchschauerte.
    Einmal, da Gräfin Dornach einen neuen Beweis ihrer ungeheuren
Selbstentäusserung geben wollte, wagte Maria abzuwehren. Agate lächelte, gab dem
olympischen Haupte einen kleinen Ruck ins Genick und sprach: »Nimm es nicht zu
hoch, liebes Kind, es geschieht vielleicht nur für die Gräfin von Dornach.«
    Am Abend vor der Hochzeit liess Graf Wolfsberg seine Tochter zu sich
bescheiden. Er erwartete sie, am Schreibtisch sitzend, in seinem grossen
Fauteuil, den Kopf zurückgelehnt, die Beine gekreuzt, und überdachte, was er ihr
sagen wollte. Es war gar viel. - Dass sie ihm ein braves und gehorsames Kind
gewesen, ihm auch nicht eine Stunde getrübt, dass ihm der Abschied schwerfalle,
dass er aber einen Trost finde in der festen Hoffnung, sie werde glücklich sein.
Und nun das Lob Hermanns und einige gute Ratschläge für die Zukunft. Dem Grafen
war es eine ausgemachte, durch hundert Erfahrungen bestätigte Tatsache, dass jede
junge, unschuldige Frau sich in den Mann verliebt, der sie zuerst das Leben
kennenlehrt. - Maria wird keine Ausnahme machen, und er wollte ihr auf die Seele
binden, in ihrer Leidenschaft nicht selbstsüchtig zu werden und stets ihre Würde
zu wahren. Die Treue, meinte er, die der Mann seiner Frau am Altare geschworen,
ist eine andere als diejenige, deren Schwur er von ihr empfing. Eine scheinbare
Vernachlässigung, eine flüchtige Zerstreuung des Gatten wird von dem Weibe, das
sich selbst achtet, übersehen. Was ist ein kurzer Sinnenrausch, dem gewöhnlich
klägliche Ernüchterung folgt, im Vergleiche zu der unerschütterlichen, dankbaren
Anhänglichkeit an die verehrte Lebensgefährtin, die niemals Nachsicht braucht,
aber immer Nachsicht übt ... üben soll - und weh ihr, wenn sie es nicht tut -
wenn sie, wie jene arme, einst von ihm angebetete Frau ...
    Der Graf seufzte tief, seine Stirn verfinsterte sich. Die schmerzlichste
Erinnerung seines Lebens war in ihm erwacht, und er suchte nicht wie sonst ihr
zu entfliehen ... Eine holdselige Gestalt stieg vor ihm auf: die Liebe seiner
Jugend, seine schwer errungene Frau ... Für eine der Töchter des Hauses, welchem
sie entstammte, war Graf Wolfsberg kein ebenbürtiger Freier; sie gingen
fürstliche Verbindungen ein oder blieben unvermählt. Und dennoch hatte er sie
heimgeführt, dem Vorurteil zum Trotze, weil er ihr heisses Herz zu gewinnen
verstanden, weil sie, zur Entsagung gezwungen, gestorben wäre und weil ihre
Eltern, die schwachen, törichten, sie nicht sterben lassen wollten ... Hätten
sie es doch getan - welch einen süssen und schönen Tod hätte sie damals gehabt!
Sie hätte aus dem Dasein scheiden können, unenttäuscht, im frommen Glauben an
den Geliebten. Aber das wurde ihr nicht vergönnt. Sie sollte das Ärgste
kennenlernen, bevor sie scheiden durfte, den Zweifel an ihm, an seiner
Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit und Treue, an allem, was den Wert des Mannes
begründet. Eine grässliche Empfindung, die sie für Verachtung hielt und die
Eifersucht war, bemächtigte sich ihrer. Sie heuchelte nun selbst, spielte die
Ahnungslose und forschte und beobachtete ihn und ihren Gast, seine Mitschuldige
und sein Opfer, die kleine Schlange Alma, die eben erst aus der Kinderstube in
ihre - freilich trostlose -Ehe getreten war, forschte und beobachtete und hatte
nur noch einen Wunsch, einen Gedanken, ein Ziel, die Schuldigen zu entlarven,
ihnen die Worte ins Gesicht zu schleudern: Feiglinge und Verräter! Da
erniedrigte sie sich zur Lauscherin an den Türen, da horchte, da erhorchte sie,
was ihr den Verstand raubte - -
    Ihre rast- und trostlosen Wanderungen begannen, ihre leichten Schritte
glitten durch das stille Haus und weckten mit ihrem kaum hörbaren Schall einen
nagenden, nie ruhenden Vorwurf. Er kam nach Jahren und Jahren dem Sinnenden noch
zum Bewusstsein, und wenn auch nicht eben Reue, so erweckte er doch nicht mehr
die Empörung von einst.
    Im Zimmer nebenan liessen Stimmen sich vernehmen. Maria wechselte einige
Worte mit dem Kammerdiener, der sich's nicht hatte versagen können, heute mit
ganz besonderer Dienstbeflissenheit die Türen vor ihr aufzureissen. Sie trat ein
und ging langsam auf ihren Vater zu: »Du hast mich rufen lassen, es war
überflüssig, ich wäre ohnehin gekommen, ich habe dir noch viel zu sagen.«
    Er lächelte: »Ganz mein Fall dir gegenüber. - Setz dich.«
    Maria rückte einen Sessel in die Nähe des Schreibtisches und nahm Platz.
    Der Graf streifte sie mit einem Blicke; dann sah er hartnäckig an ihr vorbei
ins Leere. - Das Ebenbild ihrer Mutter, dachte er, aber ihr Schicksal wird ein
anderes sein. In dieser schönen Hülle wohnt eine stärkere Seele, ein kräftigerer
Geist. Sie ist mein Kind ... mein liebes Kind, das ich jetzt hingebe ... Eine
plötzliche Wehmut erfasste ihn, eine Art Mitleid mit sich selbst, das er
verspottete. Begann er vielleicht schon alt zu werden und sentimental?... Er
nahm sich zusammen, er richtete sich gerade auf: »Morgen also -«
    »Morgen also, Vater« - ein Beben lief durch ihre ganze Gestalt, sie beugte
sich, und seines abwehrenden Winkes nicht achtend, fiel sie vor ihm auf die Knie
nieder und schlang die Arme um seinen Hals. »Einmal lass mich dir danken«, sprach
sie mit erstickter Stimme, »einmal nur dir sagen: Ich danke dir für alles.«
    Ein trockenes Schluchzen entrang sich seiner Brust. Er presste sie an sich,
dass ihr der Atem verging, er drückte seine Lippen auf ihre Haare, auf ihre Stirn
und zog sie immer und immer wieder an sein Herz.
    Endlich erhoben sich beide und gingen lange nebeneinander in ernstem
Gespräche auf und ab.
    Mitternacht war vorbei, als der Graf seine Tochter mit einem kurzen: »Gute
Nacht, Maria«, fortschickte. Sie stand schon auf der Schwelle, da rief er sie
zurück. Es drängte ihn, ihr ein letztes Geschenk, eine Erinnerung an diese
Stunde mitzugeben. Suchend sah er im Zimmer umher; sein Blick blieb auf einer
kostbaren, goldtauschierten Kassette haften, die auf einem Schranke stand: »Nimm
das, es ist längst dein Eigentum, es gehörte deiner armen Mutter.«
 
                                       5
Bei der Vermählung am nächsten Tage war alles mustergültig, das Arrangement des
Ganzen, die Haltung des Brautpaares, die Toilette der Braut, die Auffahrt vor
der Kirche, die Trauung, das Diner und die Equipage Dornachs, in der die jungen
Eheleute am Abend nach dem Nordbahnhofe fuhren. Sie hatten einen langsamen Zug
gewählt, um nicht allzu früh am Morgen im Schloss einzutreffen, wo ein
feierlicher Empfang ihrer wartete.
    Maria drückte sich in eine Ecke des Waggons. Ein Schauer der Angst hatte sie
durchrieselt, als die Tür zugeschlagen worden. Da war sie nun allein mit dem
Manne, der sie liebte und Herrenrechte auf sie besass. Gestern noch fühlte sie
sich stärker als er; wie hatte sich das so plötzlich geändert - nun zitterte sie
vor ihm.
    Er bemerkte es wohl, und sein Herz schwoll vor Stolz und Glück. - Fürchte
dich nicht, hätte er ihr zurufen mögen, du bist mir so heilig, wie du mir teuer
bist ... Nicht dein Vater, nicht der Priester konnten dich mir schenken, das
kannst nur du allein, und um dieses höchste Gut will ich ringen und werben. Aber
er dachte: Nein, nicht Worte machen, beweisen! Und dann sprach er allerlei, und
zwar nichts Geistreiches. Vom Wetter, das morgen hoffentlich ebenso wunderschön
sein werde, wie es - unglaubliche Beständigkeit für den April! - die ganze Woche
hindurch gewesen. Wie ihn das freute, weil Dornach sich zum ersten Male vor
seiner Gebieterin im Sonnenglanze zeigen werde, dessen es sehr bedürfe, um nicht
einen gar zu düsteren Eindruck hervorzubringen. Er legte Kissen und Plaids
zurecht und bat Maria, sich's bequem zu machen und einige Stunden zu ruhen; sie
müsse müde sein, und morgen gebe es wieder einen angestrengten Tag. Maria kam
seiner Aufforderung gern nach, sie wollte wenigstens tun, als ob sie schliefe,
wenn auch an Schlaf nicht zu denken war bei dem unheimlichen Gefühl, das sie
erfüllte in der Nähe dieses Mannes - ihres Mannes. Von Zeit zu Zeit öffnete sie
die Augen ein wenig und sah zu ihm hinüber, und immer begegnete sie seinem
unendlich liebevoll auf sie gerichteten Blick. Es war ein Ausdruck darin, der
sie allmählich sicher machte: ihre Bangigkeit verschwand, ihre Lider wurden
schwer und schlossen sich. Was sie für unmöglich gehalten hatte, geschah: sie
fiel in tiefen, festen Schlaf.
    Die Sonne war seit einer Stunde aufgegangen, als Maria erwachte und auffuhr.
Hermann stand am Fenster und begrüsste sie mit einem fröhlichen: »Guten Morgen«,
den sie ungemein verlegen erwiderte. Ihre Augen glänzten wie die eines
erwachenden Kindes, ihre Wangen waren gerötet - wie gut vertrugen sich das junge
Tageslicht und ihre junge Schönheit!
    Hermann nahm sie bei der Hand und führte sie ans Fenster. »Siehst du die
blaue Bergkette dort?« sprach er; »ihre Umrisse verschwimmen mit den blendenden
Farben des Horizonts. Vor ihnen, recht in ihrem Schutze, liegt eine Hügelreihe.
Siehst du sie?«
    »Ja, ja, und der Gegensatz ist hübsch zwischen dem dunkeln Berghintergrund
und den freundlichen Hügeln.«
    »Auf einem von ihnen erhebt sich ein graues Gemäuer, das ist Schloss Dornach
... Es hat mir sonst ausbündig gefallen, aber neulich, bei meinem letzten
Besuche, da ich es mir als deine zukünftige Behausung dachte, fand ich's deiner
ganz unwert, das alte Eulennest.«
    Maria protestierte nicht nur aus Höflichkeit; der Anblick des Schlosses, den
eine Krümmung des Weges ihr jetzt wieder entzog, war ihr herrlich erschienen.
    Sie rollten zwischen Wiesengeländen am Ufer eines wasserreichen Flüsschens
der Station entgegen, auf welcher die Eisenbahn verlassen wurde. Zu Wagen ging
es weiter bis zum ersten Forstause auf Dornachschem Gebiet, wo Maria ungestört
Rast halten und nur von ihren vorausgesandten Dienerinnen erwartet werden
sollte. Lisette hatte sich an deren Spitze gesetzt und durch ihre
menschenfresserische Laune bereits alle an den Rand der Verzweiflung gebracht.
Seit einigen Wochen befand sie sich im Schloss, um der Einrichtung von Marias
Gemächern vorzustehen. Und nun war sie hierhergekommen, denn sie musste doch die
erste sein, die das arme, ihrer Obhut entrissene Kind begrüsste. Sie tat es wie
nach jahrelanger Trennung unter Tränenströmen und Ausbrüchen des Bedauerns;
Hermann gegenüber jedoch hüllte sie sich in gehässiges Schweigen. Er verbiss ein
Lachen, bot seiner Frau den Arm und führte sie, die sich sanft von ihrer
Anbeterin und Tyrannin losmachte, in das Haus.
    Lisette stürzte nach und erlebte eine neue Enttäuschung. Die Herrin sprach
beim Umkleiden nicht ein Wort der Klage noch der Anklage. Und darauf hatte
Lisette gerechnet, um dem seit gestern in ihr gestauten Groll gegen die Roheit
und Unverschämteit der frisch gebackenen Ehemänner die Schleusen zu öffnen. Sie
nahm es recht übel, dass ihr keine Gelegenheit zu dieser Erleichterung geboten
wurde. Maria war heiter und blieb es während der ganzen Fahrt, die auf ihren
Wunsch bald fortgesetzt wurde. Der vierspännigen Herrschaftsequipage zunächst
folgten Lisette und die Kammerfrau. Die erstere erhob sich oft in ihrem Wagen,
setzte die Brille auf und studierte, soviel es nur möglich war, die Miene ihres
Abgottes. Ihr schien der ungeratene förmlich begeistert dreinzuschauen, als man
an der Grenze der Ortschaft Dornach anlangte und die Bevölkerung der neuen
Mitbürgerin einen feierlichen Empfang bereitete. Dem Programme nach kein anderer
denn alle feierlichen Empfänge im guten Lande Mähren: Triumphbogen, Ansprachen,
Geschenke an Brot und Salz, Eiern, Hühnern, Enten, Gänsen und einem riesigen
Säugling aus Lebkuchen in farbigen Wickeln und garnierter Haube, Böllerschüsse
und Vivatrufe. Ungewöhnlich war nur die echte Herzlichkeit, welche diese
Kundgebungen beseelte, das Unbeholfene veredelte und dem Herkömmlichen das
Gepräge des Neuen und Ausserordentlichen gab.
    »Du wirst von diesen Leuten sehr geliebt«, sagte Maria zu Hermann.
    »Weil ich sie liebe«, erwiderte er vergnügt. »Wenn uns auf Erden etwas mit
Zins und Zinseszins zurückgezahlt wird, so ist es unsere Menschenliebe.
Ungeliebt durchs Leben gehen ist mehr als Missgeschick, es ist Schuld.«
    Auf dem Platze umlagerte eine dichte Menschenmasse den Eingang zur Kirche.
Unter dem Portal stand der alte Dechant mit seinen Kaplänen und den
Weihrauchfässer schwingenden Chorknaben. Als der Graf und die Gräfin den Wagen
verliessen, um in das Gotteshaus einzutreten, verstummte das Jubelgeschrei der
Menge; die ehernen Stimmen der Glocken sprachen jetzt allein und begleiteten mit
ihrem Schalle den Segen, den der greise Priester auf die Häupter der jungen
Eheleute vom Himmel herabrief.
    Sie traten aus der Kirche, sie stiegen die breite Treppe langsam hinab. Alle
Blicke waren auf Maria gerichtet, mit plumper Neugier, mit Schüchternheit, mit
staunender Bewunderung - in manchem Jünglingsauge glühte offenbare Verzückung
... Ob jung, ob alt indessen, ob weiblich oder männlich, auf all diesen
Gesichtern, die sich ihr zuwandten, las Maria den Ausdruck eines
geheimnisvollen, eines ererbten Leids. Und in ihr erwachte der Gedanke: Was dich
da anruft mit stummer und unbewusster Klage, das ist die nach Erlösung ringende
ewige Dienstbarkeit. Wir die Herren, sie die Knechte. Darbend an Leib und Seele,
verdienen sie - unser Brot, mühen sich, zur Erde gebeugt, jahrein, jahraus,
damit unser Geist frei und unbehindert auffliegen könne bis an die Grenzen des
Erkennens. Ohne ihre harte Arbeit keine Ruhe für uns, kein Genuss, nicht Kunst,
nicht Wissenschaft ...
    Am Fusse der Treppe angelangt, hemmte sie plötzlich den Schritt und griff,
wie unwillkürlich schutzsuchend, nach dem Arme Hermanns. Er umschlang und hob
sie in den Wagen, voll Besorgnis nach dem Grund ihres plötzlichen Schreckens
fragend. »Es ist nichts«, versicherte sie, »gar nichts.«
    Und es war ja nichts - eine Sinnestäuschung, ein seltsamer Streich, den ihr
Gedächtnis ihr gespielt. Sie hatte gemeint, mitten in dem Gewühl einen höhnisch
Lachenden zu sehen, der sie anstarrte, frech wie damals in jener Winternacht.
Züge, deshalb so widerlich, weil sie die eines verehrten Antlitzes entstellt
widerspiegelten. - Unsinn, sagte sie zu sich selbst. Wie käme der Mensch
hierher?
    Der peinliche Eindruck war entschwunden, verdrängt durch manchen schönen und
lieblichen und durch eine kräftige Lebensfreudigkeit, die ihr ganzes Wesen
durchströmte, als sie dahinflog im raschen Trabe der feurigen, schäumenden
Pferde, auf sammetweicher, bergansteigender Strasse zwischen majestätischen
Buchen. Jedem Blick in die Gegend, den zu tun die tief niederhängenden Äste
gestatteten, bot sich ein anmutiges Bild. Die Landschaft mit ihren im ersten
Frühlingsgrün prangenden Wiesen und Baumgruppen, mit ihren Weihern und fleissig
rauschenden Bächlein glich einem wohlgehaltenen Parke.
    Und nun sah man zwischen hohen Wipfeln ein spitzes Dach, reich verzierte
Schornsteine und Giebel emporragen. Endlich war auch die Avenue erreicht, und da
stand Schloss Dornach, altersgrau und prächtig. Es war um die Zeit Pierre Nepveus
- die Sage wollte wissen, von ihm selbst - im Mischstile von Gotik und
Renaissance erbaut; ein stolzes Denkmal einst begründeter und durch die
Jahrhunderte behaupteter Macht.
    Mit Kennerblicken betrachtete Maria den malerischen Bau; ihr künstlerischer
Schönheitssinn schwelgte in höchster Befriedigung. So umgeben sein ist ein
Glück, ein Glück von jeder Stunde ... Wie oft hatte sie als junges Mädchen die
Ruine im Walde zu Wolfsberg, die ihr Vater verfallen liess, in Gedanken
wiederaufgerichtet und geschmückt mit Türmen und Bildwerken und zierlichen
Erkern, dass die Schöpfung ihrer Phantasie beinahe so herrlich wurde wie die
Wirklichkeit, die ihr jetzt vor Augen stand.
    »Mein Traum«, rief sie aus, »mein in Erfüllung gegangener, noch überbotener
Traum!«
    Auf dem breiten Kieswege vor dem Hause wimmelte es von Willkommrufenden.
    »Der letzte Anprall«, sprach Hermann, »die Beamten und das Forstpersonal.«
    »Schon recht«, erwiderte sie. »Sage nur, wem gebührt der erste Händedruck?
Dem Hünen mit der lichtblonden Mähne an der Spitze des Heeres - nicht wahr?« Sie
deutete auf einen grossen, breitschulterigen Mann mit rotbraunem Gesicht und
hellen Haaren in zu engem Frack und zu weiter Krawatte. Zu seiner Rechten hielt
sich eine stattliche schwarzäugige Dame, zu seiner Linken waren lebendige
Orgelpfeifen aufgestellt, acht Knaben, von denen der älteste ihm etwas über den
Ellbogen, der jüngste bis zum Stiefelschaft reichte und die alle so weisse Köpfe
hatten wie er.
    Hermann winkte ihm von weitem zu: »Dem gebührt der erste Händedruck, jawohl,
dem, meinem vortrefflichen Vetter Wilhelm.«
    Der Vetter nickte und verbeugte sich und befahl seinen Buben auf das
bärbeissigste, dasselbe zu tun, und seine Gattin tat es ungeheissen.
    Glückstrahlend, Hand in Hand mit Maria, trat jetzt Hermann vor die Gruppe.
»Da ist sie«, rief er, »da bringe ich sie ...« und zu der übrigen Versammlung
gewendet: »Da ist sie, eure Gebieterin und die meine.«
    Gott im Himmel, was hatte der Herr Graf angerichtet mit dieser überstürzten
Vorstellung! Nicht mehr und nicht minder als die unheilbarste Konfusion
hineingebracht in die so wohl vorbereitete, so beharrlich einstudierte
Begrüssungsfeierlichkeit. Einzelne Hochrufe ertönten, in die viel zu wenig
Stimmen einfielen.
    »Sie hätten losgehen sollen«, fuhr der Kommandant der Feuerwehr den
Kommandanten der Veteranen an.
    »Wie denn ich? Wenn der Wagen steht, hat's geheissen. Ist er gestanden? Die
Herrschaften sind ja noch beim Fahren herausgesprungen. Aber alles eins: Feuer!
Feuer! sag ich - Sapperlot!«
    Eine Salve wurde abgegeben, Fahnen wurden geschwenkt.
    
    »An Euer gräflichen Gnaden«, flüsterte der Herr Direktor dem Grafen Wilhelm
zu.
    »An Sie«, sprach der Herr Verwalter.
    »An Ihnen«, verbesserte der Herr Kanzleirat. - Aber Vetter Wilhelm,
erschüttert in tiefster Mannesseele, wusste kein Wort mehr von der schwungvollen
Anrede, die der Herr Schullehrer für ihn verfasst und ihm eingeprägt hatte, so
gut, so fest, dass er eben noch voll Stolz gesagt: »Du, Helmi, Sie, Herr Lehrer,
das sitzt da drinnen, das sitzt wie Eisen.«
    Und jetzt war auf einmal alles herausgefallen.
    Umsonst die höllische Arbeit des Auswendiglernens, umsonst der Aufwand an
Todesängsten und berauschenden Hoffnungen, den der arme Autor gemacht, zerstört
die Freude der guten Gräfin, in bescheidentlicher Teilnahme einem Rednertriumphe
ihres Eheherrn beizuwohnen, wie er ihn erst neulich gefeiert, daheim auf der
Schiessstätte. - In diesem allerwichtigsten Moment jedoch zuckte es nur unter
seinem dichten Schnurrbart und über seine runden, glattrasierten Wangen, und
seine Augen, die eher klein als gross waren und dennoch ein Meer umfassten, ein
dunkelblaues Meer von Liebe, wanderten von Hermann zu Maria und von Maria zu
Hermann. Auf einmal rief er aus: »Hermann, alter Mensch!... Gnädigste Gräfin,
hochverehrte Base - herzlichst willkommen. - Tusch!« fuhr er den Lehrer an, der
sich genähert hatte, um ihm einzusagen, und die Dorfkapelle fiel ein,
trompetend, geigend und paukend.
    Hermann schloss den Vetter in die Arme, küsste die Hand Gräfin Helmis und gab
den Buben einen Wink, die Blumensträusse zu überreichen, die sie in Bereitschaft
hielten für die neue Tante. Alle stürzten auf sie los und hatten alle, vom Vier-
bis zum Vierzehnjährigen, dasselbe Gesicht und waren einer so unbefangen und
zutraulich wie der andere. Warum denn nicht? Konnten sie sich nicht sehen
lassen, waren sie nicht schön in ihren neuen, von der Mutter genähten
Leinwandblusen und ihren von der Mutter frisch gewaschenen Gesichtern und heute
mit Zahnpulver geputzten Zähnen?
    Maria war gegen die ganze Familie so freundlich, wie eine vollkommen
elegante junge Dame es dem ausgesprochensten Landjunkertum gegenüber nur irgend
sein kann. Sie entzückte das Ehepaar, sie entzückte jeden, der ihr vorgestellt
wurde und mit dem sie einige Worte wechselte. Ihre einfache und taktvolle
Leutseligkeit gewann ihr in der ersten Stunde die allgemeine Sympatie und
besiegte die Vorurteile der greisen Honoratiorenhäupter, die dem zu erwartenden
neuen Regimente ziemlich bedenklich entgegengesehen hatten.
    Die »alten Spitzen«, wie die höheren Beamten von der lustigen Frau Adjunktin
genannt wurden, kehrten spät abends nach dem Souper im Schloss in durch und
durch angenehmer Stimmung heim. Herren und Damen waren darüber einig, dass die
junge Gräfin unbeschreiblich liebenswürdig und halt - eine Dame sei.
    »Jeder Zoll eine Dame!« rief der gebildete Kanzleirat. »Und - eine Würde,
eine Höhe ... Sie verstehen mich, Frau Verwalterin.«
    Beim Abschied von seinen Verwandten fragte Hermann: »Wann kommt ihr wieder?
- morgen?«
    Wie wenn ihm ein schnödes Unrecht zugemutet worden wäre, fuhr Wilhelm
zurück: »Was fällt dir ein ... in acht Tagen frühestens. Nicht wahr, Helmi?«
    »Um keinen Preis früher«, versetzte diese, »es ist ohnehin indiskret genug.«
    »Heut in acht Tagen also, es bleibt dabei.«
    »Bleibt dabei, wir kommen, natürlich ohne die Rangen ... Wirst du
schweigen?« wetterte er seinen Erstgeborenen an, der sich erlaubt hatte, gegen
diesen väterlichen Beschluss zu murren. »Die Rangen bleiben zu Haus, die Rangen
müssen lernen, müssen alles das lernen, was ich nicht gelernt habe, und das ist
viel.«
    Er nahm Hansel, den Kleinsten, der längst auf einem Kanapee eingeschlafen
war, auf den Arm und schritt so seiner Frau, die der Hausherr zum Wagen führte,
und seinen anderen voranmarschierenden Söhnen nach.
    An der Tür, bis zu welcher Maria ihn begleitet hatte, blieb er stehen, sah
ihr in die Augen, und seine Wange an den Kopf des Kindes lehnend, sprach er:
»Der achte! 's ist eine Nummer - ich genier mich manchmal - ich genier mich
eigentlich immer nachträglich und im voraus, denn - wer weiss - und wer kann
wissen, was noch nachkommt? - Aber«, und jetzt ging ihm, zum wievielten Male an
diesem Abend hat er nicht gezählt, das Herz über, »wenn auch doppelt so viele
nachkämen, als schon da sind, in jedem von ihnen wird ein braver Mensch
heranwachsen und ein treuer Freund Ihrer, das heisst deiner zukünftigen Söhne,
Frau Base, deren erstes Exemplar du uns ehebaldigst bescheren mögest.«
 
                                       6
»Du hast mich einem edlen und guten Menschen zur Frau gegeben«, schrieb Maria an
ihren Vater in ihrem ersten Briefe aus Dornach. Das Wort »Glück« kam nicht ein
einzigesmal vor, aber aus jeder Zeile sprach Zufriedenheit. Maria hatte sehr
bald begriffen, dass sie als die Frau Hermanns eine Aufgabe zu lösen haben werde,
die ihrem ernsten Sinn entsprach. Anders als in Wolfsberg gestalteten sich in
Dornach die Beziehungen zwischen dem Grossgrundbesitzer und seinen kleinen
Nachbaren. - Dort herrscht eine Art bewaffneten Friedens, offene gegenseitige
Feindschaft; eingewurzelte Unredlichkeit und Arglist von seiten der Schwachen,
Starrsinn und unerbittliche Strenge von Seite des Starken.
    »Ich will nur mein Recht«, sagte der Graf und ging schonungslos vor in der
Erreichung dieses Rechtes.
    »Das Recht?« sagte Hermann. »Mit welchem Rechte verlangt man einen Begriff
des Rechtes von Leuten, die sich immer nur der Gewalt beugen mussten?«
    Maria stimmte ihm bei. Sie war wie er ein Kind der neuen Zeit, das Gefühl
der Unerträglichkeit fremden Leids, fremder Not und ein heisser Drang zu helfen
hatte auch sie oft ergriffen. Nun lag die Macht, ihm Genüge zu tun, in ihrer
Hand. Sie empfand eine innige Dankbarkeit für den, der sie ihr gegeben, unter
dessen Leitung sie dieselbe ausübte.
    »Heute Dienstag und Familiendiner«, sprach Hermann eines Morgens, in das
Frühstückszimmer tretend. »Hast du nicht vergessen?«
    Sie gestand es ein: »Jawohl, völlig vergessen. - So wäre seit unserer
Ankunft eine Woche vergangen?«
    »Eine volle Woche. Mir ist sie entschwunden wie ein glücklicher Augenblick
... Und dir, Maria? Nicht allzu langsam?«
    »Nein, nein«, sagte sie leise.
    Er umfasste sie mit beiden Armen. »Wenn es so fortgeht, werden wir plötzlich
ein Paar alte Leute sein. Unvermutet wird uns einst das Alter überraschen; aber
ich fürchte es nicht und auch nicht den Tod. Es ist schön zu sterben nach einem
schön erfüllten Leben, in dem man nie irre geworden ist an seinem teuersten und
höchsten Menschen, wie ich es an dir nie werden kann.«
    »Was verstehst du darunter? Was ist der Inbegriff von allem, was du von mir
verlangst?« fragte sie.
    Hermann sah ihr mit einem langen, verständnissuchenden Blick in die Augen.
»Du weisst es ja, vorläufig nur - einen Tausch. Für meine grenzenlose Liebe -
dein grenzenloses Vertrauen. Espérant mieux, wie das Motto Antoine Latours
gelautet.«
    Maria senkte den Kopf. »Du bist so gut, du hast die Geduld mit mir, um die
ich dich gebeten habe«, flüsterte sie nach kurzem Schweigen und verbarg
plötzlich ihr Gesicht an seiner Schulter.
»Die Pferde! Deine Pferde aus Wolfsberg«, liess jetzt die laute Stimme Lisettens
sich im Nebenzimmer vernehmen, und sie selbst schlich herein, lächelnd und
bissig, untertänig und grollerfüllt wie immer in Hermanns Gegenwart, welcher in
ihren Augen nichts war als der mit einem Privilegium versehene Räuber »des
Kindes«. Sie hatte jede trübe Stunde vergessen, die sie in Marias Geburtsort
verlebt, und gab Wolfsberg hier im Hause für das Gelobte Land aus. Jeder Brief,
jede Sendung, die von dort kam, wurde von ihr empfangen wie ein Gruss aus dem
Aufentalt der Seligen.
    »Und der Georg hat sie gebracht, deine lieben Pferde, der alte Georg, der's
nicht erwarten kann, dir die Hand zu küssen, Frau Gräfin, mein Kind«, setzte sie
in schmelzendem Tone hinzu. - Dieselben Pferde, die sie ingrimmig gehasst als
immerwährende Gefahrbringer für das Leben und die geraden Glieder Marias,
derselbe Georg, den sie verabscheut, weil er diese Pferde gesattelt hatte,
standen jetzt in Lisettens höchster Gunst.
    Sie sah aus dem Fenster »dem Kinde« nach, das voll Freude über das
bevorstehende Wiedersehen seiner vierbeinigen Lieblinge an der Seite Hermanns
über den Hof eilte. »Ohne Hut, ohne Handschuhe, freilich, freilich«, brummte
Lisette und überliess sich ihrer Gewohnheit, halblaut mit sich selbst zu
sprechen, sobald sie allein war: »Wer schaut hier auf dich, du Vogel du, der
verliebte Graf gewiss nicht, der denkt an nichts, sieht nichts, ist dumm und
blind vor lauter Verliebteit.«
    Sie begab sich in das Schreibzimmer, schellte und befahl dem Stubenmädchen,
der Frau Gräfin das Vergessene nachzutragen. Dann fuhr sie in ihrer eine Weile
hindurch unterbrochenen Beschäftigung fort. Diese bestand in dem Ausräumen eines
Rokokoschreibtisches aus Rosenholz mit Bronzeverzierungen und eingelegten
Vieux-saxe-Platten. Lisette wickelte unzählige, sehr wertvolle Sachen und
Sächelchen, Bonbonnieren, Dosen, Elfenbeinschnitzereien, Siegel, Flakons aus
ihren Papier- und Wattehüllen und legte alles auf einem Tisch in der Nähe des
zierlichen Glasschränkchens zurecht, das an der Wand hing und bestimmt war, die
kleinen Kostbarkeiten aufzunehmen. Fast jeder dieser Gegenstände weckte in der
Alten eine wehmütige Erinnerung an dessen frühere Besitzerin, an Marias Mutter.
Es waren sämtlich Geschenke des Grafen. Er hatte sie dereinst aus Paris, wo er
kurze Zeit in besonderer diplomatischer Mission in Verwendung gestanden, nach
Hause geschickt als Zeichen treuen täglichen Gedenkens. Und wie beglückten und
beseligten sie! Mit welchem Eifer suchte die junge Frau vor allem nach dem
flüchtig bekritzelten Zettelchen, das diese Sendungen meist begleitete. Meist -
nicht immer ... und dann, war das sehnlichst Erwartete ausgeblieben, dann fehlte
dem Schönen der Reiz, und die Gräfin beugte sich traurig über ihr Kindlein: »Er
hat uns heute nicht geschrieben, Maria ...«
    Sie hat ihn zu liebgehabt. Freilich, freilich. - Lisette sann nach, ihre
Lippen verzogen sich zu einem tückischen Lächeln: »Das wirst du ihr nicht
nachmachen, mein Vogerl«, murmelte sie, »du hast eine andere Natur. Wenn in
deiner Eh eins von euch vor lauter Lieb den Kopf verliert, wird's der andere
sein, nicht du.«
    »Worüber lachst du?« fragte Maria eintretend.
    »Ach was, nur so - - über den spassigen Heiligen da.« »Was ist das für ein
Heiliger?« Sie reichte der Gebieterin eine Dose, die mit einem Emailbildchen von
Petitot, einen jungen, weinlaubumkränzten Faun darstellend, geschmückt war.
    Maria betrachtete es zum erstenmal aufmerksam; sie war keine Freundin der
Kunst im Kleinen und hatte diesen Bibelots nie ein besonderes Interesse
geschenkt. Nun aber bewunderte sie eingehend die feine Arbeit des französischen
Meisters, und wie sie dabei das Kästchen hin und her wandte, sprang bei einem
Druck ihres Fingers der Deckel auf. Die Dose barg einen goldenen, in
Seidenläppchen gewickelten Schlüssel; Marien schien, die Zeichnung der Arabesken
seines durchbrochenen Griffes habe Ähnlichkeit mit der Tauschierung der
Kassette, die sie am Abend vor ihrer Vermählung von ihrem Vater erhalten und an
welcher der Schlüssel fehlte. - Doch hatte sie nicht Zeit, sich der
Zusammengehörigkeit der beiden gleich zu versichern, denn die Ankunft ihrer
Gäste, die um ein Uhr, eine Stunde vor dem Mittagessen, eintreffen sollten,
stand bevor.
    Sie kamen auch richtig angefahren, auf die Minute, zwei Seelen und vier
Seelchen. Im letzten Augenblicke hatte Wilhelm sich erweichen lassen durch die
traurigen Gesichter, mit denen die jüngeren Rangen den Vorbereitungen zur
Abfahrt der Eltern zusahn, und sie mitgebracht. Sie waren ja noch so dumm und
versäumten nicht gar viel Lernerei. Vater und Mutter baten dringend, sich nicht
im geringsten um sie zu kümmern, sie nur im Garten herumlaufen zu lassen. Das
Vertrauen konnte man ihnen schenken, dass sie sich in acht nehmen und nicht in
den Teich fallen würden. Auf irgendwelche Berücksichtigung bei der Mahlzeit
hatten sie keinen Anspruch; sie waren zu Hause abgefüttert worden, und überdies
hatte jeder sein Stück Brot im Sacke und konnte damit bequem aushalten bis zur
Heimkehr.
    Eine so ungastliche Behandlung sollten sie jedoch nicht erfahren, vielmehr
durften sie ihre Brotration den Pferden bringen; ihre Mutter und je zwei von
ihnen wurden von Maria in der Ponyequipage im Parke herumkutschiert, während die
zwei anderen dem Wagen nachrannten, um die Wette mit den Hunden. Bei Tische
erhielten sie ihre Plätze nebeneinander, sassen kerzengerade und benahmen sich
musterhaft. Trefflich regiert von den kurzen Kommandoworten des Vaters und den
abmahnenden oder zustimmenden Blicken der Mutter, entfalteten sie bei aller
Dressur einen kleiner Rotäute würdigen Appetit.
    Maria hatte sich auf die Freuden des heutigen Familienfestes mit
uneingestandenem Grauen gefasst gemacht, und jetzt erfüllte sie mit Vergnügen
ihre Hausfrauenpflichten und unterhielt sich beinahe. Nicht nur mit den Kindern.
Der biedere Mann, der, wie sie wusste, den Unterhalt seiner zahlreichen
Nachkommenschaft schwer bestritt und ihrer etwaigen Vermehrung dennoch mit
naiver Ergebung entgegensah, die Frau mit dem Typus ihres hochadeligen Stammes
in den feinen Zügen, die sich ihrer abgearbeiteten Hände so gar nicht schämte
und die Haube mit den gefärbten Bändern und das verschossene Foulardkleid so
tapfer trug, flössten der neuen Verwandten die herzliche Wertschätzung ein, die
bei ihr eine sichere Vorbotin künftiger Freundschaft war.
    Bald nach Tische trennte man sich. Hermann und Wilhelm ritten nach einem
entlegenen Hof zur Besichtigung eines Baues, der dort aufgeführt wurde. Gräfin
Wilhelmine und ihre Kinder kollerten heim in ihrem kürzlich neu lackierten, mit
Bauernpferden bespannten grünen Wägelchen.
    Maria blieb allein und wollte ihre Einsamkeit zu einer Wanderung durch den
Park benützen und einen schönen Aussichtspunkt am Ende desselben erreichen, von
dem Hermann ihr gesprochen hatte. Sie nahm seine beiden Jagdhunde als Begleiter
mit; semmelfarbige, kurzhaarige, sehr kluge Tiere, die am Tage des Einzugs
Marias begriffen hatten: in Abwesenheit des Herrn gibt es jetzt eine Herrin. Auf
den Fersen folgten sie ihr, die Nasen gesenkt, mit tief herabhängenden Ohren,
und wenn sich's regte auf der Wiese, im Gebüsch, im dunklen Schatten der Bäume,
fuhren sie zusammen, hoben die Nasen in die Höhe, schnupperten, alle ihre Sehnen
spannten sich zum Sprunge. - Ein Anruf aber: »Zurück! Lord, Fly, zurück!« und
sogleich senkten sie die Köpfe und schritten dahin, gehorsam den Befehlen der
Menschen, widerstrebend den Gesetzen ihrer eigenen Natur.
    Es war ein kühler Nachmittag; Maria ging rasch vorwärts, von einem wohligen
Gefühl der Freiheit beseelt. Daheim wäre ihr verwehrt gewesen, einen weiten
Spaziergang allein zu unternehmen, und sie empfand einen grossen Genuss in der
Ausübung ihrer kaum erlangten Selbständigkeit. Alles trug dazu bei, ihre
Wanderlust zu erhöhen, der wolkenlose Himmel, der über ihr blaute, die kräftige
Luft, die, gewürzt mit Harzdüften, vom Tanne hergestrichen kam, die
Frühlingslieder der Vögel in den Zweigen, die Schönheit der Stätte selbst, die
Maria durchschritt. - Sie kam sich vor wie in einem Zaubergarten, den
menschenfreundliche Geister pflegten. Sie hatten die Wege besandet, die Wiesen
geschoren, die Hecken beschnitten, die Brücklein über den Bach gebaut. Sie
hatten die bewimpelten Kähne am Ufer des Weihers befestigt, die Scheiben des
Fischerhauses blankgescheuert, dass sie im Abendrot glänzten wie Gold, und waren
nach vollbrachtem Werke verschwunden ohne Spur.
    Wie wohltuend, wie entzückend schön ist es hier, sagte sich Maria, und
zugleich durchbljetzt' es sie: Wenn Tessin jetzt dastände und mich sähe in diesem
kleinen irdischen Himmelreich ...
    Sie hatte ihn verbannen wollen aus ihren Gedanken, es nicht vermocht und -
Frieden mit ihm geschlossen.
    Was war denn sein Verbrechen gewesen? - Hatte er sie zu täuschen gesucht, je
ein Wort von Liebe zu ihr gesprochen?... Und doch war sie beneidet worden um
seine Aufmerksamkeit und hatte sich beneidenswert gefühlt und sich nicht
Rechenschaft gegeben, worin seine Macht über sie bestand.
    Die unbestimmte, unerklärliche Angst, von der sie manchmal ergriffen worden
in seiner Nähe, im Banne seiner Augen, durchrieselte sie; eine Ahnung kommenden
Leids beklemmte ihr die Brust.
    Sie war sich der Zeit nicht bewusst, die verflossen, seit ihre Wanderung
begonnen hatte, und staunte, als sie, aus einem Fichtenhain tretend, die Sonne
schon tief zum Untergang geneigt sah. Mit verdoppelter Geschwindigkeit eilte sie
ihrem Ziele, einer Zirbelkiefer, zu, an deren gewaltigem Stamm eine leichte,
geschnitzte Wendeltreppe zu einer runden Altane emporführte, über die der
mächtige Baum sein grünes Schirmdach breitete.
    Die junge Frau lief die Stufen hinan, um von der hohen Warte aus noch einen
letzten Blick des scheidenden Tagesgestirns zu erhaschen. Die Hunde folgten. -
Plötzlich schien ihr, als schwanke die Treppe ... sie blieb stehen, wartete, an
das Geländer gelehnt - das Schwanken dauerte fort. Es war nicht durch sie
hervorgebracht. Dort oben musste jemand auf und ab gehen, langsam und wuchtig.
Einen Augenblick dachte sie an Flucht, es war doch gar zu einsam hier. Sogleich
jedoch verlachte sie die feige Regung, die sich ihrer hatte bemeistern wollen.
Wer konnte es sein? Ein Jäger, im schlimmsten Fall ein Wildschütz. Aber wenn
auch, was hatte sie zu fürchten?
    Die Hunde knurrten. Die Schritte hielten an, die ihren waren gehört worden.
    Wenige Sekunden später betrat sie die Plattform unter dem wütenden Gebell
Lords und Flys, die ihr vorangesprungen waren.
    »Hoho, die Hunde! Rufen Sie die Hunde!« kreischte eine erregte Stimme ihr
entgegen. - Der Mensch, der diesen Hilfeschrei ausgestossen hatte, presste den
Rücken an den Stamm des Baumes und führte mit dem Stock einen Schlag gegen seine
Angreifer, traf sie aber nicht.
    Maria hatte ihn auf den ersten Blick erkannt trotz der Veränderung, die mit
ihm vorgegangen war. Nicht in Lumpen wie in jener Winternacht, sondern gut
gekleidet, in einem lichten Sommeranzug, mit wohlgepflegtem Haar und Bart, wäre
seine Erscheinung die eines auffallend hübschen Menschen gewesen ohne den
Ausdruck der Verwilderung und der Krankheit in seinem eingefallenen Gesicht.
    Auch Maria war bleich geworden: »Hierher!« befahl sie den Hunden, die sich
widerwillig fügten, und sprach in hartem Tone den Fremden an: »Der Eintritt in
den Park ist nur den Hausleuten erlaubt. Was wollen Sie hier?«
    Er hatte seine Sicherheit wiedergewonnen und beeilte sich, es zu beweisen.
Den Hut spöttisch lüftend, erwiderte er: »Ich will dasselbe, was Sie wollen -
die Aussicht bewundern, die wirklich ganz reizend ist. Erfüllen wir den Zweck
unseres Spaziergangs.«
    »Frechheit«, murmelte Maria, und die Rechte gebieterisch ausgestreckt,
setzte sie laut hinzu: »Fort!«
    »Entschuldigen Sie«, versetzte er, »ich bleibe. Ich habe mit Ihnen zu reden
und hätte Sie um eine Zusammenkunft ersuchen lassen, wenn nicht der Zufall -
oder war es vielleicht ein geheimer Zug des Herzens? - Sie hierhergeführt hätte,
Frau Schwester.«
    Maria stiess einen dumpfen Schrei aus und wich zurück. Wie dieser Mensch sich
jetzt leicht verneigt hatte, war es in einer Art geschehen, mit einer Bewegung
des Hauptes, ihr so wohlbekannt, so lieb und sympatisch an einem andern ...
    »Es beleidigt Sie, dass ich mir erlaube, Ihnen diesen Namen zu geben, aber -
er gebührt Ihnen und nicht durch meine Schuld ... Bleiben Sie doch«, bat er, als
Maria, entsetzt und gequält, sich plötzlich zum Gehen wandte. »Einmal müssen wir
uns aussprechen, warum nicht lieber heute als morgen. Was ich Ihnen zu sagen
habe, ist bald gesagt. - Unser Vater hat meine Mutter betrogen - wie die Ihre,
nebenbei bemerkt«, brach er höhnisch aus.
    »Lüge!« sprach Maria; er aber fuhr fort, ohne sich unterbrechen zu lassen.
    »Ich mache ihm keinen Vorwurf, ich klage ihn überhaupt nicht an. Unser Vater
hat viel Geld auf mich verwendet - schade darum! -, mich erziehen, mir
Grundsätze beibringen lassen wollen. Ganz vergeblich, denn - ich habe sein Blut
in meinen Adern. Dass sein Sohn ihm gar zu gut nachgeraten, empörte den
vortrefflichen Mann. Endlich zog er seine Hand von mir ab ... Der Grund ist
eigentümlich - was?« Er brach in ein Lachen aus, das allmählich in ein heftiges
Husten überging. Auf dem Taschentuche, das er an die Lippen drückte, zeigten
sich dunkelrote Flecken. »Da«, sagte er, »ich bin fertig. Zuviel Verschiedenes
kennengelernt im Leben, zuviel Vergnügen und zuviel Elend. Jetzt bin ich fertig,
fertig, hörst du? Der schlechte Spass mit der Schneeschaufelei hat mir das letzte
Almosen vom Grafen eingebracht, das allerletzte! Lass mich nicht auf dem Stroh
sterben, gib mir ein Obdach, Frau Schwester.«
    Sie starrte ihn an wie verloren. »Lügen, Lügen! - ich glaube nicht - ich
glaube Ihnen nicht ...«
    »Wäre freilich das Bequemste, wird aber nicht durchzuführen sein. Fragen Sie
nur den Grafen, meinen Schwager, der weiss von mir, Wolfi Förster, nennen Sie
mich ihm nur. Ich will ihn sprechen, das heisst euch, in der Fischerhütte am
Weiher, morgen vormittag zehn Uhr. Kommt gewiss, ich könnte euch sonst
Unannehmlichkeiten bereiten. - Jetzt jagt der verfluchte Krankheitsteufel mich
heim nach dem Bauernhotel, in dem ich mich vorläufig einlogiert habe.« Er
knöpfte seinen Rock zu, Fieberfröste schüttelten ihn. »Auf Wiedersehen.«
    Damit reichte er Maria die Hand, sie zog die ihre mit Abscheu zurück. »O
Frau Schwester«, rief er, »du bist noch hochmütiger als unser edler Herr Vater!«
 
                                       7
Hermann hatte die Erzählung von Marias Abenteuer im Parke schweigend angehört
und sich am nächsten Morgen zur Zusammenkunft mit Wolfi im Fischerhause
eingefunden.
    »Ein Schwerkranker, vielleicht ein Sterbender«, sagte er bei seiner
Rückkehr. »Mag er nun sein, wer er will, wir können ihm die Aufnahme, um die er
bittet, vorläufig wenigstens nicht verweigern.«
    »Wir können - du meinst, wir dürfen nicht«, fragte Maria. »So hat denn
dieser Mensch einen Anspruch ...«
    »Genausoviel Anspruch«, unterbrach er sie, »als wir Erbarmen mit ihm haben.«
    »Mir flösst er keines ein, er ist zu keck«, gab sie zur Antwort. Sie
erkundigte sich kaum nach dem, was für ihn geschah, obwohl Lisette dem
hergelaufenen Gast eine ganz merkwürdige Teilnahme bezeigte. Es war ihm eine
kleine Wohnung im Hause einer Hegerswitwe angewiesen worden, das am Saume des
Waldes und doch nahe genug am Dorfe lag, um den täglichen Besuch des Arztes zu
ermöglichen. Diesen, einen sehr gutmütigen und sehr neugierigen ältlichen Herrn,
beehrte Lisette mit ihrem Vertrauen. Sie sassen nebeneinander am Bette des
Kranken, der in den ersten Tagen aus stumpfer Bewusstlosigkeit nur auffuhr, um in
Fieberphantasien zu verfallen, in denen er lachte und schwatzte und alle
Geheimnisse seiner armen, verkommenen Seele ausplauderte.
    Der Doktor trank förmlich jedes seiner Worte. »Fräulein Lisette«, sagte er
einmal, »da werden verborgene Familienverhältnisse vor uns entüllt.«
    Sie lächelte: »Bin eingeweiht, Herr Doktor, und brauche mir darauf nichts
einzubilden. Wer das Haus kennt, kennt diesen wilden Sprössling, der in Wolfsberg
zur Welt gekommen ist. Wäre auch schwer zu verleugnen gewesen bei der
Ähnlichkeit und bei dem impertinenten Spektakel, den seine Mutter vor der
Hochzeit des Herrn Grafen gemacht hat - als ob nicht viele andere dieselben
Ansprüche ... Na, darüber ist nichts zu sagen ...« brach sie plötzlich ab.
    »Sagen Sie doch, Fräulein, genieren Sie sich nicht und sagen Sie doch!«
    Lisette erwiderte mit einem kleinen Achselzucken voll Koketterie: »Können
sich selber denken. So ein Herr wie unser Graf, so eine Schönheit, kann der was
dafür, dass ihm die Weiber nachlaufen? - 's ist ihre Sach und ihre Schuld. So ein
Herr wird sich nicht auf den heiligen Aloisius hinausspielen.«
    Doktor Weise stimmte bei. Er hätte gern einen recht nichtsnutzigen Witz
gemacht, um auf das alte Fräulein den blendenden Eindruck eines Don Juan
hervorzubringen. Weil er aber von Natur ein keuscher Mann war, wollte ihm nichts
Frivoles einfallen.
    Lisette erneuerte den feuchten Umschlag auf Wolfis Stirn. »Ein so hübscher
Bursche und soll schon sterben«, seufzte sie. »Recht traurig, aber im Grunde
doch das Beste für ihn und auch für die anderen.«
    Der Doktor sah seinen Patienten, der jetzt ruhig atmete und sanft zu
schlafen schien, prüfend an: »Gut gebaut, kräftig, kann sich noch eine Zeitlang
wehren.«
    »Wie lange zum Beispiel?«
    »Schwer zu erraten - möchte mich nicht vor Fräulein blamieren« - er
verbeugte sich galant -, »ich glaube nur, bei vortrefflicher Pflege - in dieser
gesunden Luft - vielleicht noch zwei Jahre.«
    Der Kranke schlug die Augen auf und blickte ihn zornig an: »Esel«, sagte er,
so laut er konnte, »merken Sie nicht, dass ich wach bin?«
    »Ich merke, dass Sie Ihre Besinnung wieder haben, und gratuliere«, sprach der
Arzt, nicht im geringsten beleidigt.
    »Zwei Jahre - wieviel Tage sind das?... rechnen ...« Wolfi begann langsam zu
zählen, seine Stimme wurde immer schwächer, er schlief wieder ein.
    »Schon bei Besinnung«, flüsterte Lisette, »das hätte ich nicht geglaubt. Das
ist eine schöne Kur von Ihnen, Sie reissen ihn am Ende gar noch heraus. Aber dann
ist das erste« - diese Worte wurden von einer bezeichnenden Gebärde begleitet -,
»abreisen.«
    »Wird schwerlich dazu kommen, Fräulein«, erwiderte der Doktor und verbeugte
sich noch galanter als vorhin.
    Lisette aber warf einen Blick in den kleinen Spiegel, der an der Wand über
dem Schranke hing, und sagte zu sich: Ich weiss eigentlich nicht, warum ich so
altmodische Hauben trage.
    Zur selben Stunde war Maria im Schloss an ihren Schreibtisch getreten mit der
Absicht, den letzten Brief Wolfsbergs zu beantworten. Ein Brief, reich an
ernsten und eigentümlichen Gedanken, voll tiefer Empfindung und Zärtlichkeit,
den sie mit Stolz und innerster Herzensbefriedigung gelesen und wieder gelesen.
Nie hatte ihr Vater so liebreich zu ihr gesprochen, wie er an sie schrieb; jetzt
fürchtete er nicht mehr, sie zu verwöhnen.
    Am Tische Platz nehmend, bemerkte sie, dass die Kassette aus dem Nachlasse
ihrer Mutter neben die Mappe gestellt worden war.
    Eine alte Bekannte! Wie oft hatte Maria sie stehen gesehen, immer auf
demselben Platz im Zimmer ihres Vaters, und ihre feinen Ornamente betrachtet.
Jetzt holte sie den kleinen Schlüssel, dessen Griff ihr in ähnlicher Weise
durchbrochen und verziert geschienen hatte, aus der Emaildose und steckte ihn in
das Schloss. Er passte, wollte sich aber nicht drehen lassen. Viel Geduld und
Geschicklichkeit musste angewendet werden, bevor es gelang, der Deckel aufsprang
und der Inhalt zum Vorschein kam. Der bestand aus einem zerrissenen Heft, dessen
vergilbte Blätter mit einer zarten, feinen Schrift dicht bedeckt waren, und aus
alten, mit einer verblassten Schleife zusammengebundenen Briefen. Maria zog einen
derselben hervor. Ihr Vater hatte ihn als Bräutigam an ihre Mutter gerichtet,
und die glühendste Leidenschaft sprach sich darin mit hinreissender Beredsamkeit
aus. Wie mussten die Beteuerungen, diese Schwüre überzeugt und beseligt haben!
Wie reich war das Leben, das durch die Liebe eines solchen Mannes geschmückt
worden! Und wenn auch früh erloschen, es hatte den köstlichsten, den seltensten
Inhalt gehabt - ein volles Glück.
    Maria griff nach einem der Blätter, auf denen sie die Schrift ihrer Mutter
erkannt hatte. Es hing mittelst eines Seidenfadens lose mit den anderen zusammen
und war, wie alle, ein Bruchstück. Das Ganze machte den Rest eines Heftes aus,
das einst ziemlich stark gewesen sein mochte. Verbogen und zerknittert fand sich
noch der Umschlag vor. Maria glättete ihn, so gut es ging. Er trug die mit
grösstem Fleiss kalligraphisch ausgeführte Aufschrift: »Im Himmel« und das Datum
1850. Aber die schönen Lettern waren durch Kreuz- und Querstriche verunstaltet,
recht wie mit kindischer Zerstörungslust, und eine unsichere Hand hatte sich
bemüht, als Vignette einen Teufel hinzuzeichnen; die kaum zu entziffernden
Worte: »Der König des Himmels« und das Datum 1858 standen darunter.
    Maria las hier und dort einen Satz, eine Zeile; ihr Gesicht verfinsterte
sich; wie versteinert blickte sie nieder auf die verstümmelten Blätter. Die
stummen, toten Zeichen aber wurden lebendig und sprachen und gaben Zeugnis von
einem längst eingesargten Schmerz. Der überwundene, der vergessene, da war er
aus dem Grabe auferstanden und stöhnte erschütternd seine Klagen aus.
    Sie fanden einen qualvollen Widerhall in der Seele Marias. Nun war ihr
einmal wieder etwas zerstört worden: ein beglückender Glaube ... Glaube? Nein,
ein Glaube, der auf einem Irrtum beruht, ist ein Wahn. Maria wäre sehr gestimmt
gewesen, dem ihren nachzuweinen: das Künstlerische in ihrer Natur sträubte sich
gegen die Zerstörung des Ideals, das ihr Vater ihr bisher gewesen war. Da fiel
ein Wort ihr auf, das am Rande eines der misshandeltsten Bogen des seltsamen
Tagebuches stand: WAHRHEIT, gross geschrieben, von einer leichten Arabeske
umschlungen.
    Maria blickte nicht mehr auf, bevor sie den Sinn der letzten ihr noch
halbwegs verständlichen Zeile in sich aufgenommen hatte. - Dann küsste sie die
Blätter innig und lange, trug sie zum Kamin, verbrannte sie und erwartete auf
den Knien das Verlöschen der Flammen. Das Geheimnis der Toten blieb aufbewahrt
im Herzen ihres Kindes.
    Einige der aus dem Zusammenhang gerissenen Stellen, die sich dem
Gedächtnisse Marias fast vollständig eingeprägt, lauteten:
»Die Wahrheit verlange ich von dir. Du sollst nicht lügen. Treu sein,
festalten, was dein Herz einmal ergriffen hat, kannst du nicht. Du bist schwach
und hilflos deinen Leidenschaften gegenüber. Sei wenigstens wahr. Dem Schwachen
Bedauern, dem Lügner Verachtung.
Eifersüchtig ist nicht das rechte Worte. Würde ich sonst deinen Wolfi lieben?
Würde ich sonst das Andenken seiner Mutter ehren? - Und ich hätte Grund, auf sie
eifersüchtig zu sein, denn sie hat dich mehr geliebt, als ich dich liebe; ich
hätte dir nicht geopfert, was sie dir geopfert hat: ihre Eltern, ihre Heimat,
Ehre und Pflicht.
    Wenn meine Tochter erwachsen sein wird, werde ich ihr sagen: heirate nicht
aus Liebe. Man glaubt, vereint sein mit dem Geliebten, das ist der Himmel auf
Erden. Es ist nicht wahr. Was macht den Himmel zum Himmel? Dass ein Gott darin
regiert und - - -
Wenn Gott nur so gut wäre, wie wir sind gegen unsere braven Diener, dann hätte
er mich erhört. Habe ich nicht alle meine Pflichten getreu erfüllt?... war ich
nicht gläubig und fromm? Wenn Gott gut und gerecht wäre, hätte er mich gehört.
Aber es ist überhaupt kein Gott im Himmel, nur ein Teufel, und der straft mich.
Geliebter, wenn die Jugend hinter uns liegen wird, wenn du zu mir zurückgekehrt
sein wirst und ich dir alles verziehen haben werde, dann lesen wir zusammen, was
ich jetzt schreibe, und reichen uns die Hände und lachen - und weinen auch ein
wenig.
... dass du Alma verleitest - sie hat ein Gewissen. Es schläft jetzt nur, du hast
es eingeschläfert, du weisst, wie man das macht ... aber es wird erwachen, und
dann - - -
    Ich glaube es nicht, ich will es wissen, mich überzeugen, euch auflauern.
Ich bin jetzt ein Jäger, ihr seid das scheue Wild ...
Manchmal fürchte ich und manchmal hoffe ich den Verstand zu verlieren. Wir
werden mein Tagebuch nicht zusammen lesen, Geliebtester. Ich glaube, dass ich es
zerreissen muss. Die schöne Schilderung der glücklichen Tage - schon fort. In
kleine, kleine Stücke gerissen und fliegen lassen von hoher Altane am Turm...
Wie sie stoben im Winde ... Woran habe ich gedacht? woran nur? An mein Glück
oder was? Ich weiss nicht mehr ...«
Bei dem nächsten Besuch, den Hermann im Hegerhause machte, begleitete ihn Maria.
Der Kranke erholte sich sehr langsam von dem letzten heftigen Anfall seines
Leidens. Er lag in tiefer Erschöpfung dahin, halb wachend, halb schlafend, nahm
nur widerstrebend die Nahrung, die man ihm reichte, und zählte ohne Unterlass an
seinen Fingern, wieviel Monate, Wochen, Tage er noch zu leben habe. Die Rechnung
war ihm aber zu schwer und wollte nicht stimmen. Gegen alle, die ihm nahten,
Hermann nicht ausgenommen, legte er feindseliges Misstrauen, ein mürrisches und
schroffes Wesen an den Tag, das sogar die Geduld seines langmütigen Arztes sehr
oft erschöpfte.
    Nur wenn Maria an sein Bett trat, glättete sich seine Stirn, er lächelte;
unter seinem kleinen schwarzen Schnurrbart schimmerten seine Zähne hervor, jung
und gesund wie die eines Kindes. In der Tiefe seiner dunklen Augen entzündete
sich ein unheimlicher Glanz: »Frau - - -« sprach er und machte eine lange Pause.
Fürchtest du dich, fürchtest du das Wort, das ich jetzt sagen könnte? fragte
sein boshafter und drohender Blick. Aber der ihre hielt ihn im Bann. Stolz und
kalt ruhte er auf ihm, und er murmelte verwirrt: »Frau Gräfin.«
    Sie kam regelmässig, aber nicht an bestimmten Tagen, wöchentlich zweimal, auf
der Rückkehr von ihren Gängen durch das Dorf. Dort hatte sie die Armen und
Kranken besucht, war wohl auch in die Schule getreten und hatte einer
Unterrichtsstunde beigewohnt. Sie hatte getadelt, gelobt, mit vollen Händen
gegeben und mit alledem nur eine Einführung ihrer Schwiegermutter
aufrechterhalten - nicht ganz in deren Sinn jedoch.
    Gräfin Agate hatte von den Leuten, denen sie Hilfe angedeihen liess, eine
Gegenleistung gefordert: »Du bekommst das unter der Bedingung, fortan das
Wirtshaus zu meiden. - Du bekommst jenes unter der Bedingung, dass du von heut ab
deine religiösen Verpflichtungen pünktlich erfüllst.«
    Maria hingegen stellte nicht nur keine Bedingungen, sie lehnte sogar den
Dank ab, dessen meist überschwengliche Äusserungen ihr widerstrebten. So
verstimmte sie die Geistlichen und die Lehrer, die gewohnt gewesen waren, ihren
Teil von der gräflichen Wohltätigkeit mittelbar einzuheimsen, und entwertete
ihre Geschenke bei den Empfängern. - Wie hoch soll denn angeschlagen werden, was
umsonst zu haben ist?
    »Mit einer Hand geben und die andere zum Nehmen ausstrecken«, sagte Maria zu
Hermann, »ekelt mich an.«
    »Das versteh ich nicht«, entgegnete er. »Was diesen Menschen vor allem
anderen fehlt, was ihnen vor allem anderen beigebracht werden muss, ist das
Pflichtgefühl. Mit Wohltaten wirst du es nicht wecken.«
    »Wecke ich es, wenn ich ihnen einen Handel vorschlage, einen Tausch?«
    »Viel eher. Wenn du einem anderen Gutes tust und zum Preis dafür verlangst,
dass auch er etwas Gutes tue, kannst du damit einen Begriff von Billigkeit in ihm
erwecken, eine Ahnung dessen, was Pflicht ist. Und wenn du das getan, hast du
ihm unendlich mehr genützt als durch momentane Linderung seines Elends.«
    Sie musste das gelten lassen und tat es gern. Es freute sie, von ihm
überwiesen zu werden, sich seiner grösseren Erfahrung zu beugen, seine schlichte
Lebensweisheit anzuerkennen. Ein schönes Leben liess sich an seiner Seite führen,
ein tätiges und hilfreiches Leben. Für alles fand sich Zeit darin, auch für die
Pflege ihrer geliebten Kunst.
    Im Spätsommer sollte Graf Wolfsberg zu längerem Aufentalt bei seinen
Kindern eintreffen. Kurz vor dem Tage jedoch, an dem sie ihn erwarteten, kam
seine Absage. Er hatte die vorläufige Vertretung eines hohen Herrn an einem
fremden Hofe übernehmen und den Besuch in Dornach auf ein Vierteljahr
hinausschieben müssen.
    Der Gleichmut, mit dem Maria diese Nachricht empfing, setzte Hermann in
Erstaunen, wie schon längst das Schweigen, das sie seit ihrer Verheiratung über
Alma Tessin beobachtete. Ein Brief von ihrer einst besten Freundin, den er
selbst ihr gebracht hatte, war unbeantwortet geblieben. Hermann fragte nicht
warum. Er wollte seiner Frau eine peinliche Erörterung ersparen; es lag ja klar
am Tage: der Zufall, den die Blinden blind nennen, hatte hier gewaltet und Maria
in Kenntnis von Dingen gesetzt, die ihr bisher sorgfältig verborgen worden.
    Der Herbst kam, die Weihnachtszeit rückte heran. Schnee und Eis bedeckten
die Wiesen und die Weiher, die Natur war tot - scheintot. Unter dem Herzen
Marias aber regte sich ein neues Leben und strebte frisch und kräftig dem
Tageslicht entgegen.
 
                                       8
Ein banger Tag in Dornach.
    Die stattliche Frau, die seit einer Woche im Schloss wohnte, der die
Mahlzeiten auf ihrem Zimmer serviert wurden und die zum Verdruss des
Kellermeisters mittags und abends eine Flasche Bordeaux vertilgte, weilte seit
zwei Uhr nachts am Bette der Gräfin. Auf dem Bahnhofe wartete eine Equipage die
Ankunft des Schnellzugs aus Wien ab, mit dem der Herr Professor ankommen sollte.
Der Herr Doktor hatte sich in Lisettens jungfräulichem Gemache etabliert, und
wenn sich ein Geräusch auf dem Gange vernehmen liess, trat er hinaus und sprach
zu dem etwa Vorbeikommenden: »Ich bin hier - dass Sie's wissen - für den Fall,
dass ein Arzt nötig wäre, dass Sie wissen, wo er zu finden ist.«
    Niemand hörte auf ihn, er war ganz uninteressant. Die gespannte
Aufmerksamkeit richtete sich ausschliesslich auf die Frauen, denen Gelegenheit zu
irgendeiner Handreichung in der Nähe der Wochenstube gegeben war.
    Am Nachmittage musste Hermann sich's gefallen lassen, vom Schmerzenslager
seiner Frau, an dessen Ende er mit verstörtem Gesichte stand, durch Base
Wilhelmine entfernt zu werden.
    Jetzt waren sie in seinem Schreibzimmer, sein Vetter und er. Wilhelm hatte
mitten auf dem Diwan Platz genommen, sich vorgebeugt und beschäftigte sich
damit, seine dicken roten Finger knacken zu machen. Hermann ging rastlos neben
dem Bücherschrank, der die Längenwand einnahm, auf und ab und pfiff entsetzlich
falsch oder versank in ein düsteres Schweigen oder pflanzte sich vor Wilhelm hin
und starrte ihn an.
    Die Dämmerung war eingebrochen, der Kammerdiener erschien.
    »Was willst du?« fragte sein Herr.
    »Die Lampe anzünden.«
    »Wir brauchen keine Lampe«, brachte Hermann mühselig hervor, und Wilhelm
dachte: Dem armen Kerl ist das Weinen nah.
    »Heute«, sagte er nach einer Pause, »haben wir drei Marder in der Falle
gefangen«, worauf sein Vetter erwiderte: »Wieviel Uhr ist es?«
    »Fünf hat's just geschlagen.«
    »Dann muss ja um Gottes willen der Professor schon hier sein.« Er schellte,
und es dauerte unglaublich lang, bis endlich ein Lakai eintrat und meldete, der
Herr Professor sei angelangt, und Lisette habe ihn zur Frau Gräfin geführt.
    Eine Stunde verfloss, in der die Zeit bleierne Wellen rollte und Wilhelm die
nutzlosen Versuche, Hermanns Gedanken abzulenken, aufgab. Plötzlich blieb dieser
stehen und lauschte. Er hatte die hastenden Schritte, die sich nahten, erkannt,
es waren die Wilhelminens. Sie riss die Tür auf. Das Nebenzimmer war hell
erleuchtet, und wie von strahlendem Goldgrund hob ihre Gestalt auf der Schwelle
sich ab. »Hermann?« rief sie fragend in das Dunkel hinein. »Komm, Hermann, komm
- du hast einen Sohn!«
    »Und Maria ...«
    »Wohl, Gott sei Dank.«
    Er stürzte auf sie zu und hob die schwere Frau in seinen Armen in die Höhe
und jauchzte laut.
    »Was heisst denn das?« sagte sie. »Nimm dich zusammen. Sie ist noch matt.
Wenn du dich nicht zusammennimmst, darfst du nicht zu ihr.«
    »Oh - ich nehme mich ...« er machte einen ungeheuren Aufwand an
Selbstüberwindung, warf sich in die Brust, umschlang seine Base und zog sie mit
sich fort. »Wilhelm, telegraphiere du an meine Mutter, an meinen
Schwiegervater«, rief er noch atemlos zurück und durchmass den ganzen Weg auf den
Fussspitzen, betrat Marias verhängtes Zimmer unhörbar wie ein Sylphe und hätte am
liebsten Wolkenform angenommen, um ihr zu nahen.
    Sie lag ganz still, war blass - blass bis an die Lippen und sah unendlich müde
aus. Aber sie lächelte ihn an, glücklich, sanft und milde. Das Herz wollte ihm
übergehen vor Rührung - doch sie hasste es, bedauert zu werden; er durfte nichts
sagen, er küsste nur leise ihre Hände und blickte dabei mit einer gewissen
Verlegenheit nach einem weissen Bündel aus Stoffen, Spitzen, Stickereien,
Bändern, das neben sie hingelegt wurde.
    »Ich gratuliere Ihnen zu einem Prachtbuben«, sprach der Professor, aus dem
Nebenzimmer tretend.
    »Wo?« stotterte Hermann, und Wilhelmine brach aus: »Jesus Maria, da doch!«
    Da - ganz richtig. Unter den Stickereien und Spitzen guckte etwas hervor.
Ein kleines braunrotes Gesicht, mit faltenbedeckter Stirn, mit lichtscheuen,
fest zugedrückten Äuglein, einer Nase, die mit unzähligen kleinen gelben
Pünktchen bedeckt war, und einem winzigen Mund. Es waren auch Pfötchen zu sehen,
die unverhältnismässig lange Finger hatten und die zartesten schmalsten Nägel.
Das also war der »Prachtbub«, das war der »Sohn«.
    Hermann wunderte sich und küsste auch ihm die Hände.
    Maria erholte sich langsam, und Doktor Weise, der nach der Abreise des
Professors Ordinarius geworden, wurde nicht müde, die grösste Schonung zu
empfehlen. »Besonders der Nerven. Nur keine Aufregung, Herr Graf, Fräulein
Lisette, Fräulein Klara, nur keine Aufregung!« - Er freute sich, dass die Taufe
nicht vor dem vierzehnten Tage stattfinden konnte, weil es dem Grafen Wolfsberg,
der durchaus selbst als Pate seines Enkels fungieren wollte, unmöglich war,
früher einzutreffen.
    Der Graf schrieb oder telegraphierte täglich, und es schien Hermann, als ob
diese Botschaften ihres Vaters Maria peinlich berührten. Zuletzt wagte er nicht
mehr, sie ihr mitzuteilen. Nun aber fragte sie allabendlich: »Kommt der Vater?«
und als endlich die Antwort lautete: »Morgen«, da flammte eine fiebernde Röte
auf ihren Wangen auf. Sie schloss die Augen, in kurzen, raschen Schlägen klopfte
ihr Herz, eine unnennbare Bangigkeit überkam sie.
    »Was ist dir?« fragte Hermann. »Maria, was bekümmert dich? Es ist etwas, das
dich bekümmert und das du mir verschweigst.«
    Sie seufzte tief auf. »Lass es« - bat sie, »wir wollen nie davon sprechen.
Geh jetzt, es ist spät. Ich muss Ruhe haben und Kräfte sammeln für morgen.«
    »Natürlich«, erwiderte er und befand sich schon auf den Fussspitzen und
schlug sein beliebtes Sylphentempo an.
    Maria winkte ihn zurück: »Eines möchte ich dich bitten - bringe es dem Vater
vor. Das Kind soll Hermann heissen, Hermann Wolfgang ... Verstehst du mich? Und
dir, Lieber, möge es nachgeraten.«
    Er ging beseligt, er machte sich selbst zum Hüter der Ruhe, nach der sie
verlangte. Mehr als Stille ringsumher vermochte er jedoch nicht herzustellen.
Eine so tiefe Stille, dass Maria das Atemholen des Kindleins hören konnte, dessen
Wiege dicht an ihrem Bette stand. - Es war unerhört brav, schrie gerade soviel,
als sich's für einen zwei Wochen alten Jüngling gehört, sog seine Nahrung aus
der mütterlichen Brust und schlief und lächelte oft im Schlafe.
    Und der Anblick seines Friedens war die einzig wirksame Labung, die Marias
Seele empfangen konnte in dieser letzten Nacht vor dem Wiedersehen mit ihrem
Vater. Ein Wiedersehen und keines - es sollte ja ein anderer Mensch vor sie
treten, nicht der, den sie geliebt und angebetet, einer, der gelogen, betrogen
und getötet - einer, den sie gerichtet hatte.
    Am nächsten Morgen war er da, völlig unermüdet, trotz der langen Reise. Den
Wagen, der ihn auf der Station erwartete, hatte er seinem Kammerdiener
überlassen und kam zu Fuss an. Ein tüchtiger Marsch in der tauigen Frühe war ihm
Bedürfnis gewesen nach zweien im Waggon verbrachten Nächten.
    Sein Schwiegersohn lief ihm entgegen, die beiden Männer schüttelten einander
die Hände. Wolfsberg fragte zuerst nach Maria und dann unverzüglich nach
Waschwasser und liess sich in die für ihn bereiteten Zimmer führen.
    Eine halbe Stunde später stand er vor seiner Tochter, mit unnachahmlich
kunstvoller Nachlässigkeit gekleidet, duftend von Reinlichkeit und Eau de
Toilette, einen freudig gerührten Ausdruck in seinem energischen Gesichte. Er
klopfte Maria auf die Wange und sagte, halb zu Hermann, halb zu ihr: »Mager ist
sie geworden.«
    Sie hätte aufschreien mögen: Ich weiss, was du getan hast, und werde es dir
nie verzeihen! - aber sein Anblick, seine Stimme, sein flüchtiger Kuss auf ihre
Stirn übten ihre alte Macht. Sie beugte sich ihr fast ohne Widerstreben. - Er
ist ja doch mein Vater, dachte sie.
    Der Graf schenkte seinem Enkel die gebührende Aufmerksamkeit, setzte sich an
das Bett Marias und begann mit ihr zu sprechen, mehr von sich als von ihr,
offenherzig, vertrauensvoll, recht wie zu einem ebenbürtigen Geiste, dessen
Verkehr er lange und schwer entbehrt. Ihre Kälte und Beklommenheit waren ihm
sofort aufgefallen. Er schrieb sie ohne weiteres der richtigen Ursache zu: Maria
hatte etwas, das ihn in ihren Augen herabsetzte, erfahren. Durch wen? - Um gegen
Hermann auch nur den Schatten eines Verdachtes zu hegen, war Wolfsberg zu sehr
Menschenkenner. Was liegt auch daran, dachte er, durch wen deine Illusionen über
mich zerstört wurden, du armes Kind, sie sind fort. Du musst lernen, mich zu
nehmen, wie ich bin, und einsehen, dass du dennoch stolz auf deinen Vater bleiben
kannst. - Da entfaltete er seine ganze zielbewusste Liebenswürdigkeit, stellte
sich in das hellste Licht - indem er einen Irrtum, irgendein begangenes Unrecht
eingestand. Mit der Miene eines Emporblickenden liess er sich zu ihr herab, die
er weit übersah. Galt es doch, einen erschütterten Einfluss wiederzugewinnen,
eine schwankende Neigung wieder zu befestigen: zu erobern, mit einem Wort ...
    Wie ihm die Aufgabe gelang! - Wie seine Tochter, als er nach kurzem
Aufentalte Schloss Dornach verliess, ihn liebte, mehr als je! Der Starke war
hilflos seinen Leidenschaften gegenüber, gab das nicht Grund, ihn zu
bemitleiden? Und wer hatte seine Kämpfe gesehen? Mit so feinem Sinn für alles
Edle begabt, was musste er leiden unter dem Bewusstsein seiner Fehlbarkeit! Er
gehört ja nicht zu denen, die sich feig über ihre Mängel hinwegtäuschen. Dieser
Selbsterkenntnis, sagte sie sich, war wohl auch seine harte Zurückweisung
Tessins entsprungen. Vielleicht fand er - in einer Hinsicht wenigstens -
zwischen dem und sich Ähnlichkeit ... Er wollte seine Tochter vor den
schmerzvollen Enttäuschungen bewahren, die er ihrer Mutter bereitet hatte.
    Nach wie vor weihte Maria der Toten die frömmste und getreueste Erinnerung,
doch war sie in ihren Augen nicht mehr das Opfer eines Verbrechens, sondern die
Märtyrerin eines unabwendbaren Schicksals, eine leidverklärte Heilige, vor deren
Bild sie in Andacht versank.
    Allmählich kehrte ihre Heiterkeit zurück und wuchs mit dem Gefühle
zunehmender Kraft und wiedererlangter Gesundheit. Sie hatte es durchgesetzt, sie
nährte ihr Kind selbst, obwohl das jetzt »niemand« mehr tut und selbst die Ärzte
ihr davon abgeraten. Aber sie wusste wohl, was sie sich zutrauen durfte.
    Ihr Vetter Wilhelm trug eine Bewunderung für sie zur Schau, die sich in den
ausbündigsten Aufmerksamkeiten äusserte. Den ganzen Winter hindurch kam er
allabendlich, bei jedem Wetter, herübergeritten, machte halt im Schlosshofe,
fragte: »Wie geht's?« und kehrte nach erhaltener Antwort heim auf seiner
kugelrunden Falbin. - Sobald die Wege wieder fahrbar geworden, kamen die
Familiendiners am Dienstag von neuem in Aufnahme.
    Nach dem ersten hatte Wilhelm seinen Vetter in eine Fensterecke gedrückt und
ihm geheimnisvoll zugeflüstert: »Deine Frau war bisher immer wunderbar -
gemütlich aber ist sie erst jetzt geworden. Das macht das Kind, ja, mein Lieber
... Man sagt: des Herzens Schrein - ganz falsch, es sind Schreine. Da und dort
steht einer offen von Jugend auf. Die anderen öffnen sich nach und nach - ich
spreche nur von guten Menschen natürlich - und den Schlüssel zum wichtigsten
bringt manchmal ein Kindlein mit, in seiner kleinen Hand.«
    In der Tat schien Maria ein ungetrübtes Glück in ihrer Ehe gefunden zu
haben. Und war sie nicht auch beneidenswert vor Tausenden? Vergöttert und
angebetet von einem Manne, den sie innig wertschätzte, Mutter eines blühenden
Kindes, schön, ohne eitel, und hochbegabt, ohne ehrgeizig zu sein, reich genug
mit Glücksgütern gesegnet, um dem regsten Wohltätigkeitssinne Genüge tun zu
können, gehörte sie zu den Auserwählten des Schicksals. Sie selbst empfand es
als eine Pflicht, sich zu ihnen zu zählen.
    Früher, als Hermann es gestatten wollte, hatte sie sich wieder in den Hütten
der Armen eingefunden, aber mahnen und drängen musste er, bevor sie den Entschluss
fasste, die Schwelle Wolfis nach langer Zeit von neuem zu überschreiten.
    Er war, kaum erholt von einem abermaligen heftigen Anfall seines Leidens,
dennoch aufgestanden, um sie zu empfangen, und kam ihr einige Schritte entgegen.
Ein greisenhafter Zug bildete sich um seinen Mund, als er sie anlächelte.
»Endlich, Frau Gräfin«, sprach er mit schwacher und heiserer Stimme, »endlich -
Sie sehen, es geht besser. Ihr grosser Arzt gibt mir nur noch beiläufig
fünfhundert Tage zu leben, aber ich beabsichtige, Ihnen länger zur Last zu
fallen, als der Gelehrte sich's träumen lässt, ich ...«
    Hermann unterbrach ihn mit der Aufforderung, jetzt das Bekenntnis zu tun,
das er auf dem Herzen habe.
    »Aber verderben Sie mir die Freude nicht, Frau Gräfin«, sprach Wolfi.
    »Welche Freude?«
    »Die, zuzuhören, wenn Sie Klavier spielen ... Staunen Sie nur! Der elende
Kerl, der Wolfi, hat Sinn für Musik - besonders für diejenige, die Sie treiben.«
Er klopfte mit der flachen Hand auf seine Brust. »Balsam, Frau Gräfin. - Ich
habe mich auf allerlei Umwegen in die Nähe des Schlosses geschleppt, bis zum
Gartenhaus hinter den Fliederbüschen, und gelauscht ... Ja, das war Musik! dabei
läuft es einem kalt über den Buckel, und das ist das Rechte. Ich hatte Ihnen
soviel Leidenschaft gar nicht zugetraut. - Sie haben es da«, er griff ans Herz,
»und in den Fingern, und ich hätt es auch gehabt, wäre gewiss ein Künstler worden
... Aber hat's denn sein dürfen?... Was, Künstler - Lump! Eine Satzung des
grossen Grafen: Aus dem Künstler wird nichts, wenn nicht der Lump in ihm die
Begeisterung dazu gibt ... Also ich bitte um freien Eintritt in das Gartenhaus,
bitte auch, den Hunden und den Leuten aufzutragen, mich dort unbehelligt zu
lassen, wenn ich komme, was nicht gar zu oft geschehen wird. Aber ich darf? -
ich darf?« wiederholte er ungeduldig.
    Maria zögerte: »Ein versteckt lauschendes Publikum ist nicht angenehm.«
    »Flausen! was wissen Sie, wenn Sie spielen, von einem Publikum.«
    Hermann legte seine Fürsprache ein, und der Wunsch Wolfis wurde gewährt.
    Von diesem Tag an verlängerte Maria ihre Besuche bei dem Kranken. »Ein
Mensch, der sich noch Empfänglichkeit für das Schöne erhalten hat, kann nicht
ganz schlecht sein«, meinte sie und betrachtete es als ihre Aufgabe, diese
Seele, die schon so bald vor den ewigen Richter gerufen werden sollte, zu
retten. Sie hielt den Zynismus, mit dem er ihre Vorstellungen aufnahm, für eine
scheussliche Maske, und die Einwendungen, die er ihr machte, für erbärmliche
Prahlereien.
    Eines Nachmittags fand sie ihn in grosser Aufregung. Er war mit dem Lesen
eines Briefes beschäftigt und empfing sie mit den Worten: »Habe ich noble
Korrespondenten, he? Sehen Sie doch die Unterschrift.«
    Sie las mit peinlicher Verwunderung »Felix Tessin«.
    Wolfi steckte den Brief ein. »Ja«, sprach er nachlässig, »der antwortet
einem doch, erinnert sich doch der einstigen Jugendfreundschaft. - Sie lächeln
ungläubig? Sie können den Gassenkehrer nicht vergessen, der hat Ihnen einen
unauslöschlichen Eindruck gemacht. Aber dieser Episode meines bewegten Lebens
gingen andere voran ... Ei, ei - nun, was ist denn los?« Er stockte.
    Maria hatte eine Art, den Kopf zu heben und Leute, die etwas taten oder
sagten, das ihr missfiel, dabei anzusehen, die den Kecksten in Verwirrung
brachte.
    Wolfi erfuhr es jetzt. »Ohne Sorge! Wozu diesen Aufwand an Würde?« spöttelte
er, »ich denke nicht daran, mich in Details einzulassen, ich sage nur: Wir waren
befreundet. Felix und ich studierten in Heidelberg zusammen - fragt mich nur
nicht was -, wurden zusammen relegiert. Tessin kümmerte sich nicht um die Anzahl
der Ahnen, die einer hatte, sondern um die der Frauenherzen, die er bezwang, und
um die Klinge, die er führte. Die meine hat er schätzen gelernt bei jenem
Überfall, den ein beleidigter Ehemann gegen ihn in Szene gesetzt hat ... Ja, wir
waren Freunde!«
    »Und einer des anderen wert«, sprach Maria und wandte sich, um ihr Erröten
zu verbergen. Wie hatte sie diese Worte sprechen können? War ihre Erbitterung
gegen Tessin nicht längst überwunden?
    Sie stand auf und verliess das Zimmer.
    Lisette, von der sie sich hatte begleiten lassen, überhäufte Wolfi mit
Vorwürfen, ehe sie der Gebieterin folgte.
    Er aber blickte aus dem Fenster der hohen Gestalt nach, die langsam hinter
den Bäumen des Parkes entschwand, und murmelte zwischen den Zähnen: »O Majestät,
meinen letzten Lebensfunken für einen Flecken auf deinem Hermelin!«
 
                                       9
Noch ein Herbst auf dem Lande, noch einmal die Weihnachtszeit in Dornach, die
Gräfin Agate bei ihren Kindern zubrachte, im Anblick ihres Enkels schwelgend.
Nach dem Neuen Jahre trennte man sich. Hermann und Maria fuhren zum
Winteraufentalte nach Wien, Gräfin Agate kehrte in ihre Einöde zurück, nicht
ohne die jungen Leute gemahnt zu haben, dass es auch gegen die Gesellschaft
Pflichten zu erfüllen gibt. Während des langen Witwenstandes der Gräfin war kein
Fest gefeiert worden im alten Dornachischen Palast, den ein prachtliebender
Ahnherr der Gastfreiheit seiner Nachkommen erbaut. Allabendlich nur hatte sich
das schwere Tor vor der soliden Equipage einer Familienmutter oder der
ehrwürdigen Stiftskarosse geöffnet und Glock zehn hinter ihr wieder geschlossen
unter den tiefen Bücklingen des gähnenden Portiers, der nach und nach zu der
Überzeugung gelangt war, der Zweck des Lebens sei auszuruhen.
    Das sollte nun anders werden, viel gründlicher anders, als die Gebieter des
Hauses beabsichtigt hatten. Ihr Vorsatz, sich frei zu erhalten von dem Zwange,
alles mitzumachen, erwies sich als unausführbar; in kurzer Zeit waren sie von
dem Wirbel erfasst. Die Welt sprach zu ihnen wie zu allen ihren Kindern: Gib dich
mir ganz, eine Halbheit kann ich nicht brauchen. Und Maria wenigstens tat der
Welt den Willen, und diese bereitete ihr dafür Triumphe von berauschender und
von denen, die sie als junges Mädchen gefeiert hatte, ganz verschiedener Art.
    Wenn sie früher die Summe dessen zog, was sie sollte, was von ihr verlangt
wurde, so lautete das Resultat: gefallen. Jetzt hingegen schienen alle Menschen
nur einen Wunsch, nur einen Ehrgeiz zu haben, den: ihr zu gefallen. Ein Lächeln,
ein freundliches Wort von ihr beglückte, die geringste Bevorzugung des einen
machte hundert Neider.
    Der erste Ball bei Dornach hatte ungeteiltes Lob geerntet, ein zweiter
Entusiasmus erregt. Nun sollte ein dritter am vorletzten Faschingstag
stattfinden.
    Zu dem eine Einladung zu erhalten, bemühte sich jemand, der bisher die Nähe
Marias sorgfältig gemieden hatte: Felix Tessin. Sie war ihm anfangs dankbar
gewesen für seine Zurückhaltung; doch sagte sie sich endlich, dass in dieser
etwas viel Auffälligeres liege als in den banalen Huldigungen, die ihr von jung
und alt dargebracht wurden.
    Mit welchem Rechte machte er eine Ausnahme? War zwischen ihnen das geringste
vorgefallen, das ihm erlaubte, sich anders als alle anderen gegen sie zu
benehmen?
    Fast freute sie sich, als sie eines Tages seine Karte fand und ihm eine
Einladung zum Ball senden konnte. Es war Zeit, dass er seine Sonderstellung
aufgab. Erst unlängst hatte Hermann gesagt: »Tessin hat seine Niederlage noch
nicht verschmerzt, er grollt«, und als Maria ihn staunend und bestürzt
angeblickt, ganz ruhig hinzugefügt: »Vor einem braven Manne, den du mir
vorgezogen hättest, wäre ich zurückgetreten, vor Tessin nicht. Ich hätte ihn
eher niedergeschossen als zugegeben, dass er dich heimführt.«
    Maria zwang sich mühsam eine gleichgültige Miene ab: »Wie - du hast etwas
entdeckt von dem misslungenen Versuch des Grafen Tessin, sich auf die einfachste
Weise den Einfluss meines Vaters zu sichern? - Allen Respekt! Ausser dir ist
dieser kleine diplomatische Fehlgriff niemandem aufgefallen.«
    »So war auch ich einmal scharfsichtig«, hatte Hermanns Antwort gelautet.
»Die Liebe tut Wunder.«
    An dieses Gespräch erinnerte sich Maria oft, als die Stunde immer näher kam,
in der sie Tessin als Gast in ihrem Hause sehen sollte. Und welche Vorsätze
fasste sie nicht! Mit welcher Unbefangenheit wollte sie ihm entgegentreten und
sogleich den kühl freundlichen Ton anstimmen, der von nun an zwischen ihnen
herrschen sollte.
    Der Faschingmontag kam heran. Es war neun Uhr; Maria hatte ihre Toilette
beendet und sich noch in das Kinderzimmer begeben, um dem Kleinen gute Nacht zu
sagen. Er erwachte, als sie sich über ihn beugte, stiess ein freudiges Lachen aus
und griff mit beiden Händen nach dem glitzernden Diadem auf ihrem Haupte. Sie
wehrte ihm, küsste ihn, schläferte ihn wieder ein und flüsterte ihm zu: »Du bist
doch mein Höchstes und Liebstes.«
    Dann begab sie sich hinüber nach den taghell erleuchteten,
blumendurchdufteten Festräumen ... Alles noch leer und still. Nur im
Wintergarten, in dem soupiert werden sollte, der Obergärtner aus Dornach und
seine Leute mit dem Ordnen einer Palmengruppe beschäftigt. Und in der Galerie
der Haushofmeister, der mit so feierlichem Ernste, als ob er einem Ministerrate
präsidierte, den schwarzbefrackten Kammerdienern und den goldbetressten,
perückengeschmückten Lakaien seine Befehle erteilte.
    Im kühlen Ballsaale ging Hermann mit dem Direktor der Kapelle, einem
berühmten und liebenswürdigen Künstler, in lebhaftem Gespräch auf und ab. Als
Maria sich näherte, blieben beide stehen, und der Musiker rief unwillkürlich
aus: »Wie schön Sie sind, Frau Gräfin!«
    »Nicht wahr?« erwiderte sie, seine Bewunderung ebenso unbefangen hinnehmend,
wie er sie geäussert hatte: »Diese Spitzen - eine geklöppelte Symphonie; das
Diadem, ein Meisterstück unseres Köchert, prächtig und doch leicht, ich spüre es
kaum - lauter Geschenke meines Mannes ...« Und seine geringsten, dachte sie.
Hatte er sich ihr nicht selbst völlig zu eigen gegeben? Sein erster und letzter
Gedanke gehörte ihr, und was ihr Leben schmückte und schön und reich machte, vom
Grössten bis zum Kleinsten, war das Werk dieses Mannes, der im Besitz ihres
Selbst noch sehnsüchtig nach ihrer Liebe rang.
    Von unendlicher Dankbarkeit ergriffen, freute sie sich, so schön zu sein,
freute sich, dass ihn heute viele glücklich preisen würden. Strahlenden Auges
blickte sie in den Spiegel ... Sie konnte zufrieden sein mit sich. Nie hatte ein
Kleid ihr besser gestanden als dieses farbig-farblose, eine Mischung von Grau
und Lila, für die die Sprache keine Bezeichnung hat. Das kostbare, goldgestickte
Spitzengewebe, das eben von ihr gerühmt worden, umgab die herrlich geformte
Büste, bildete eine schmale Spange zwischen der Schulter und dem Oberarm und
wallte, kunstvoll gerafft, vom Gürtel nieder bis zu der langen, mit schwerem
Goldbrokat gefütterten Schleppe. Die edle, in zarter Fülle prangende Gestalt war
wie von einer goldenen Wolke umschimmert, und eine Wonne für das Auge die
gelassene und stolze Anmut ihrer Bewegungen.
    Allmählich füllten sich die Säle. Übermütig oder abgespannt, mit vergnügten,
erwartungsvollen oder mit gelangweilten Mienen wogten die Ankommenden herein.
Die paar hundert Menschen, welche die sogenannte grosse Welt ausmachen, trafen
einmal wieder an einem und demselben Orte zusammen - Blüte des Adels, Häupter
und Angehörige uralter Geschlechter, die ihr Blut rein erhalten hatten von jeder
Vermischung mit dem nicht Ebenbürtiger.
    Da stehen sie, eine grosse Gruppe bildend, die in ihrer Art einzigen, die
berühmten Wiener Komtessen. Die Reden einiger sind so frei und so derb, dass es
nicht leicht ist, die Harmlosigkeit zu ermessen, mit welcher sie geführt werden.
»Slang« und nichts weiter, das fliegt sie so an. Die spricht's ihrem Vater und
jene ihrem Bruder und eine der anderen nach. In Wahrheit aber sind sie
sorgfältig betreut worden, von ihrem ersten Atemzuge an behütet vor dem Anblick
des Hässlichen und Schlechten, aufgewachsen in Unkenntnis des Elends und der
Schuld. Und jetzt führt man sie ein in das Leben, zu welchem das vergangene nur
eine Vorbereitung war; sie nähern sich seiner Schwelle, als wäre sie diejenige
der Himmelspforte, und klopfen herzhaft an.
    Und die jungen Herren - sämtlich studierte Leute, wenn auch nicht immer viel
mehr, als nötig ist, um die Offiziersprüfung zu machen. So mancher von ihnen hat
auf der Schulbank neben dem Sohn des Schneiders oder des Branntweinbrenners
gesessen und manche sauer erworbene gute Klasse dem Ehrgeiz zu verdanken gehabt,
sich nicht regelmässig von einem Plebejer überflügeln zu lassen. Ob sie jedoch
gedenken, das Erlernte baldmöglichst wieder zu vergessen und nur noch ihrem
Vergnügen zu leben, oder ob sie sich fühlen als angehende Marschälle,
Botschafter, Minister: dieselbe Zuversicht, dass es die Welt nur gut mit ihnen
meinen könne, beseelt alle, und sie treten hinein wie junge Könige in ihr Reich.
    »Schau, wie sie grüssen«, sagte Hermann zu seinem Schwiegervater. »Da hat
sich eben ein blühender Schwarm frischgebackener Leutnants und Attachés durch
die Menge gedrängt, um der Hausfrau seine Reverenz zu machen. Sie stehen
unbeweglich, nur die Arme werden noch etwas mehr geründet, die Schultern noch
ein wenig höher emporgehoben als gewöhnlich. Ein leichter Ruck, der Kopf neigt
sich - beileibe nicht zu tief! - eine Viertelsekunde lang - der Gruss ist
abgefertigt.«
    »Modern«, sprach Wolfsberg. »Die Bursche sind alle nach demselben Rezept
eingetunkt und steif glaciert in Eleganz.«
    »Und soviel Gutes, das sich hinter den Faxen verbirgt, soviel Bravheit,
Tüchtigkeit, Mut und - wie oft - Talent!«
    »Wenn sie nur damit etwas anzufangen wüssten ... Guten Abend, Fürstin«,
unterbrach er sich, das freundliche Kopfnicken einer wohlerhaltenen stattlichen
Dame mit tiefer Verbeugung erwidernd.
    »Ich suche einen Platz auf der Estrade zwischen ein paar Nachbarinnen, die
nicht gar zu arg besessen sind vom mütterlichen Ballwahnsinn. Einen
Mauerfliegenplatz, mein lieber Graf«, sagte sie lachend und in bester Laune,
obwohl sie wusste: Beim ersten Geigenstrich wird es sie erfassen mit fast
unbezwinglicher Lust, sich noch einmal - ein allerletztes Mal - im Reigen zu
schwingen ... Ach! wenn sie sich nicht schämte vor ihrer siebzehnjährigen
Tochter ...
    Die Ankunft des Hofes wurde gemeldet; Hermann eilte den hohen Gästen auf die
Treppe entgegen, und bald darauf eröffnete Maria den Ball am Arme eines jungen
Erzherzogs.
    Während der ersten Tänze, umringt und umdrängt, in Anspruch genommen von
ihren Hausfrauenpflichten, hatte sie ihn noch nicht gesehen, an den sie seit dem
Beginn des Festes fortwährend dachte. Plötzlich meinte sie seine Anwesenheit zu
fühlen. - Er ist da, sagte sie sich und erblickte ihn. Eine entsetzliche
Verwirrung bemächtigte sich ihrer. Seine dämonische Schönheit fiel ihr wie etwas
Neues auf.
    Er stand neben dem Fauteuil Gräfin Dolphs, in eifrigem Gespräch mit ihr.
Eifrig ihrerseits, sie war lebhaft angeregt, ein leichtes Rot färbte ihre welken
Wangen, ein heiter satirisches Lächeln umspielte ihre Lippen, ihre scharfen Züge
waren von dem Ausdruck der Zufriedenheit erhellt, die sie nur im Verkehr mit
wirklich gescheiten Männern empfand. Tessin sprach wenig, aber jeder der kurzen
Sätze, die er vorbrachte, schien eine Welt von Gedanken in dem verständnisvollen
Geiste der Gräfin zu wecken.
    Er brach das Gespräch ab, als sein suchender Blick dem Marias begegnete, und
kam auf sie zugeschritten. Sie wechselten einige Redensarten, er bat um die
nächste Polka.
    »Ich gebe Ihnen die dritte - mit meiner Kusine Wolfsberg; sie hat, wie mir
eben anvertraut wurde, keinen Tänzer«, antwortete Maria.
    Tessin verneigte sich und ging, um die Komtesse zu engagieren, eine der
Unbegabtesten ihres Geschlechts, für die jeder Ball eine Übung im Sitzen war.
    Der Kotillon, den Tessin mitmachte, bot ihm endlich die ersehnte, glücklich
wahrgenommene Gelegenheit zu einer Entschädigung. Scheinbar zufällig führte ihn
eine Wahltour mit Maria zusammen. Mit leidenschaftlicher Hast umschlang er sie.
»Einmal wieder!« sagte er so laut, dass sie erschrak, und schon flogen sie dahin,
und ihr Atem mischte sich mit dem seinen, und sein Mund streifte ihre Haare, und
er drückte sie an sich und sprach: »Ich habe Sie gemieden, Gräfin - aus Sorge
für meine Seelenruhe«, und sie erwiderte mit einer Stimme, die ihr selbst fremd
klang und herb und unsicher war ... Nein, nein, so hatte sie ihm nicht begegnen
wollen: »Und was sichert sie Ihnen jetzt?«
    »Nichts, aber ich will sie zu gewinnen - das heisst zu befestigen suchen -
fern von Ihnen.«
    Sie lachte: »An welchem Ende der Welt?«
    Statt zu antworten, flüsterte er ihr zu, rasch und überstürzt: »Es wäre
schön gewesen, auch jetzt noch zu schweigen, wie ich geschwiegen habe, als man
mich bei Ihnen verleumdete - leugnen Sie doch nicht«, kam er dem Einwande zuvor,
den sie erheben wollte -, »verleumdete und Sie die Frau eines anderen wurden ...
Es wäre heldenhaft gewesen, ich weiss, schweigend in die Verbannung zu gehen -
aber zu so hoher Tugend vermag ich mich nicht aufzuschwingen, und Sie sollen
wissen ...«
    »Also wirklich in die Verbannung«, unterbrach sie ihn; »da bedaure ich ja
sehr die kleine Nicolette.«
    Das hätte sie nicht sagen dürfen! Oh, wie sie das wusste, als es zu spät, als
es schon gesagt war und spöttischer Triumph aus den Augen des Herzenskundigen
leuchtete, der in ganz verändertem und leichtfertigem Tone fragte: »Die Kleine -
Sie erinnern sich ihrer? War sie nicht nett?«
    Sie sprach ihn nicht mehr an diesem Abend, den er ihr, den sie selbst sich
vergällt hatte, den sich ins Gedächtnis zurückzurufen ihr peinlich wurde. Sie
hörte, dass er einen »exotischen« Posten angenommen hatte und Österreich und
Europa für Jahre verlassen sollte, sehr bald wahrscheinlich, vielleicht schon in
einigen Wochen; der Zeitpunkt war noch nicht genau bestimmt.
    Fast täglich führte die ruhelose Geselligkeit, in der sie lebten, sie
zusammen. Sie trafen einander auf dem Eise, im Prater, bei Diners, in Soireen.
Und er, mit grosser Geschicklichkeit, mit steter Beherrschung seiner selbst,
wusste immer da zu sein, wo sie war, und sich dann mit allen ausser mit ihr zu
beschäftigen. Er machte auf das eifrigste der und jener koketten Frau in Marias
Gegenwart den Hof, er verschwendete die Schätze seines Geistes und seines Witzes
an irgendeine hübsche Dutzend-Komtesse.
    Das war so seltsam, so unerwartet nach seinem kühnen Versuch einer Erklärung
auf dem Balle. Sie belächelte es, fand es kindisch, ihrer und seiner unwürdig
und nahm den Kampf dennoch auf, den er ihr bot. Allerdings beschäftigte sie sich
dabei mehr als billig mit ihm, dachte an ihn - immer und immer! Anfangs rang sie
gegen diese törichte Besessenheit, dann erinnerte sie sich des grossen Wortes:
»Wir befreien uns von unseren Leidenschaften, wenn wir sie denken.« - Von
unseren Leidenschaften - um wieviel eher denn von einer Marotte. Überdies stand
Tessin am Morgen seiner Abreise; er einmal fort, und der kleine Krieg, den sie
miteinander geführt, und die Laune, die ihn heraufbeschworen hatte, waren
vergessen.
    Gräfin Dolph, zu deren, wie sie selbst sagte, senilen Eitelkeiten es
gehörte, mit der Marquise du Deffand verglichen zu werden, nannte Tessin, der
sich regelmässig in ihrem auswattierten, vor jedem Zuglüftchen sorgfältigst
verwahrten Salon einfand, ihren Horace Walpole. Sie sang sein Lob in allen
Tonarten, und ein Massenchor von schönen Damen stimmte ein. Tessin war nie so
ausschliessend und siegreich in der Mode gewesen wie jetzt, da sein Nimbus
dadurch noch erhöht wurde, dass er einen Scheidenden umgab.
    Die aus Überzeugung Unwissenden, die geschworenen Feindinnen der Geographie
begannen diese verachtete Wissenschaft zu pflegen. Landkarten von Asien fanden
nie dagewesenen Absatz in aristokratischen Häusern, die Wege, die Tessin nehmen
sollte oder konnte, wurden mit farbigen Stiften auf denselben eingezeichnet.
Eine unerhörte Wanderlust regte sich plötzlich in hundert jungen weiblichen
Herzen.
    Es versteht sich von selbst, dass die Abende bei der Gräfin Dolph, die sonst
wenig Anziehungskraft besassen, bis zum Ende der Fastenzeit besucht wurden wie
ein Gnadenort. Die gastlich geöffnete Zimmerreihe der grossen Wohnung, welche die
Gräfin im Hause ihres Bruders beibehalten hatte, stand fast leer, während das
Gelass, in dem die Hausfrau ihren Günstling empfing, immer überfüllt war.
    Der Graf mied diese Gesellschaften, weil Tessin ihr Mittelpunkt war, und
Maria fand sich so selten ein, als unauffälligerweise geschehen konnte. Einmal
aber kam sie nach der Oper, begleitet von Hermann, und bald nach ihnen erschien
Wolfsberg. Er befand sich in schlechter Stimmung; um seinen Mund lagerte der
böse Zug, den Maria einst gefürchtet hatte und der ihr jetzt noch unangenehm
war, weil er eine Härte verriet, zu welcher ein Überlegener wie er sich gegen
Geringere nicht hinreissen lassen durfte. Er schritt durch das Gedränge bis in
die Nähe der Gräfin Dolph, die in ihrem kissenreichen Lehnstuhl am Ende des
Zimmers ruhte und mit dem auf einem Taburett neben ihr sitzenden Tessin
scherzte. Ein kleiner Hofstaat von besonders eifrigen Anhängern umgab sie und
mischte sich gelegentlich in ihr Gespräch.
    »Begum Somru und Dyce«, sagte Wolfsberg im Vorübergehen zu seiner Tochter,
und sie versetzte: »Nein, Stuwer & Nachfolger - sie sprechen ein Feuerwerk.«
    Der Graf reichte seiner Schwester die Hand, würdigte einige der Damen seiner
freundlichen Beachtung und bemerkte erst nach einer Weile, dass Tessin
aufgestanden war und der Erwiderung seines Grusses harrte.
    Nun sah er ihn. Die Blicke beider Männer kreuzten sich wie blanke Schwerter.
Der jüngere senkte seine Augen nicht, und Wolfsberg sprach: »Sind Sie
reisefertig?« »Seit vier Wochen, Exzellenz.«
    »Um so besser, denn Sie werden wohl kaum noch ebenso viele Tage hier
zubringen. Was meinen Sie?«
    »Immer das, was Euer Exzellenz meinen.« »In all und jedem«, fiel die kleine
Gräfin Felicitas Soltan, genannt Fee, ein, die zu den ausgesprochenen Lieblingen
Wolfsbergs gehörte. Er lauschte gern dem reichen Quell des Unsinns, der aus
ihrem hübschen Mund sprudelte, und fand, ihr Plaudern sei ein höchst anmutiges
Geräusch, bei dem er ausruhe. - Fee war reich und elternlos zu sechzehn Jahren
durch ihre Verwandten an einen viel älteren Mann verheiratet worden, der sie
zwei Jahre später zur Witwe machte. Jetzt genoss sie ihr junges Dasein und das
sich selbst erteilte Privilegium, alles zu sagen, was ihr durch den Kopf fuhr.
Es hatte viel Staub aufgewirbelt in diesem Fasching, dass sie sieben
Heiratsanträge ausgeschlagen, weil sie, ihrer eigenen Behauptung nach, seit
ihrer Kindheit in Tessin verliebt war »bis über die Ohren«. Jüngst hatte er sich
einige Tage lang auffallend mit ihr beschäftigt und vernachlässigte sie jetzt
wieder ebenso auffallend.
    Maria durchschaute sein Spiel. Sie wusste wohl, wessen Befremden es erregen
sollte, und dass es ohne weiteres eingestellt worden, als es seinen geheimen
Zweck verfehlt hatte.
    Jetzt rief die kleine Fee sie an und zwang sie, neben ihr Platz zu nehmen.
»Hörst du«, fragte sie, »wie bald Tessin uns verlassen soll?... Ihr könnts euch
um ihn kränken, wenn's euch freut. Ich kränk mich nicht - ich reis ihm nach.«
    Alle lachten, und Tessin sprach achselzuckend: »Sie wären in grösster
Verlegenheit, Gräfin. Sie haben ja keine Ahnung von dem Wege, den Sie nehmen
müssten.«
    Fee zog ihr feines Kindergesicht in ernste Falten: »Ich werd halt fragen,
ich werd auf die Bahnhöf fahren, ich werd an jeden Stationschef schreiben in die
vier Weltteil.«
    »Immer schlimmer«, versetzte Tessin, und seine Augen ruhten mit
unbarmherzigem Spotte auf ihr, »denn nur im fünften leben Gelehrte, die Ihre
Schrift lesen können.«
    Sie suchte nach einer Antwort und fand keine. »Schau, wie er mit mir is«,
flüsterte sie ihrer Nachbarin zu. Ihr Mund verzog sich zum Weinen; sie sprang
auf und sprach mit einem Schluchzen in der Stimme: »Das is hier eine Hitz, nicht
zum Aushalten!«
    Maria folgte ihr. Sie traten beide ans Fenster; Fee presste ihre glühende
Stirn an die Scheibe. Tränen flossen über ihre Wangen.
    Eine halbe Stunde später verliess das Ehepaar Dornach die Gesellschaft und
wurde auf der Treppe von Tessin eingeholt.
    »Ich begreife nicht«, sagte Hermann zu ihm, »wie du Freude daran finden
kannst, eine Frau, die dich liebt, lächerrlich zu machen.«
    »Mich liebt?« erwiderte Tessin mit einer weder durch diese Worte noch durch
den Ton, in dem sie gesprochen waren, gerechtfertigten Gereizteit. »Ein
Wetterfähnchen, das liebt?«
    »Der Tausend! - Du wirst doch niemandem aus seiner Unbeständigkeit einen
Vorwurf machen?«
    »Jedem den schwersten«, sprach Tessin mit grossem Nachdruck.
    Am folgenden Morgen erhielt Hermann ein Telegramm von dem Gewissensrat
seiner Mutter, Pater Schirmer. Er berichtete auf eigene Faust, dass die Gräfin -
wenn auch unbedenklich - erkrankt sei.
    Der Entschluss, am selben Abend zu reisen, war sogleich gefasst. Die
Anordnungen dazu wurden getroffen, das Kind mit seiner Kamarilla unter der Obhut
Lisettens nach Dornach gesandt.
    Maria geleitete den Kleinen zur Bahn, nahm Abschied von Tante Dolph und
schickte ihrem Vater eine Zeile der Nachricht ins Ministerium. Nach Hause
zurückgekehrt, betrat sie das leere Kinderzimmer und verliess es schnell wieder -
es machte ihr einen peinlichen Eindruck. Sie ging zu Hermann hinüber; er war zu
seinem Geschäftsmanne gefahren und hatte gesagt, man solle ihn nicht vor der
Essenszeit, sieben Uhr, erwarten.
    
    Nun lehnte Maria etwas müde in ihrem Fauteuil am Schreibtisch. In dieser
ganzen letzten Vergangenheit hatte sie sich geklammert an die Liebe zu ihrem
Kinde, hatte jede Stunde, die ihr angestrengtes Weltleben ihr übrigliess, mit
Hermann zugebracht. Bald sollte sie nur für diese beiden leben, durch nichts
zerstreut, durch nichts in Anspruch genommen sein als durch die berechtigten,
die heiligen Empfindungen, die in ihr Dasein getreten waren wie zum Ersatz
zweier anderer, völlig verwandelter: der anbetenden Liebe zu ihrem Vater, der
innigen Zuneigung zu der einzigen Freundin, die sie jemals zu haben geglaubt.
    Ich bin reich genug, sagte sie sich und hatte das Gefühl, dass noch einige
Stunden vergehen müssten, ehe sie zu dem vollen Genuss dieses Reichtums kommen
könne. Dann würde die unerklärliche Sehnsucht, die ihr jetzt immer und immer die
Seele beklemmte, verschwunden, und sie würde frei sein - frei - -
    Die Tür des Salons, der an ihr Schreibzimmer grenzte, wurde geöffnet, ein
Kammerdiener trat ein und fast zugleich mit ihm derjenige, den er anmeldete:
Graf Tessin.
 
                                       10
»Entschuldigen Sie, Gräfin«, sagte er, am Eingang erscheinend und
stehenbleibend, »dass ich Ihnen nicht Zeit lasse, mich fortzuschicken. Ich hörte
aber, dass Sie heute reisen, und habe noch dringend mit Ihnen zu sprechen.«
    Es war unmöglich, ihn abzuweisen in Gegenwart des Dieners. Maria ging dem
Besucher in den Salon entgegen und nahm Platz an einem Tischchen, auf dem ihre
Arbeit lag. Sie bot alle ihre Kräfte auf, um eine unbefangene Haltung zu
bewahren, und wies Tessin einen Sessel ihrem Kanapee gegenüber an.
    Gott im Himmel, wie fassungslos fühlte sie sich, wie seltsam war ihr zumute!
Die Zunge klebte ihr am Gaumen, eine eiserne Faust schnürte ihr die Kehle zu,
ihr Herz klopfte, ihre Pulse flogen - und diesen tollen Aufruhr ihres ganzen
Wesens brachte - Schmach und Verbrechen! - seine Nähe hervor.
    Er hatte das Wort genommen, und sie, nur mit sich selbst beschäftigt, hörte,
ohne zu verstehen, ohne sich Rechenschaft von dem zu geben, was er sagte. Er bat
für jemanden um Nachsicht und Schonung, er tat es in seiner eindringlichen,
bestrickenden Weise. So warm, so sanft, so bescheiden hatte ihn wohl noch
niemand bitten gehört. Nichts Einschmeichelnderes auf Erden als der Klang seiner
Stimme. Der Name, der immer wieder auf seine Lippen kam, war der Almas.
    Plötzlich raffte Maria sich auf aus ihrem schweren Kampfe. »Was wollen Sie
eigentlich?« fragte sie rauh. »Was soll ich für Alma tun?«
    »Was ich für sie erflehe.«
    »Und das ist?«
    »Oh - Sie schenken mir nicht einmal soviel Aufmerksamkeit als dem ersten
besten Bettler, der Sie auf der Strasse anspräche«, rief Tessin vorwurfsvoll.
»Woran denken Sie? Immer nur an den Glückseligen, der durch Sie der Erste unter
den Menschen geworden ist. Ja, ja, ja! der ist der Erste, der sich rühmen darf,
das höchste Erdengut zu besitzen, eine Frau wie Sie.«
    »Er rühmt sich nicht«, wandte sie ein.
    Tessin lachte: »Es wäre menschlich - und er hat die Verpflichtung, eine
Vollkommenheit zu sein, und wird ihr gerecht. Aber auch ein anderer, ein
Geringerer, dem sein Glück zugefallen wäre, hätte verstanden, sich dessen ebenso
würdig zu machen ... Gräfin, Gräfin! - Mir selbst traue ich zu, dass ich an Ihrer
Seite nicht nur gut, dass ich sogar ein Vorkämpfer des Guten hätte werden
können.«
    Maria neigte sich über ihre Arbeit und sprach: »Man tut das Gute um des
Guten willen. Aus einem anderen Grunde getan ist es wertlos.«
    »Sie leugnen die Bekehrungen durch Heilige, durch Propheten«, entgegnete
Tessin, »die hinreissende Macht des Beispiels? - Ich gehöre nicht zu den
Auserwählten, die am Urquell schöpfen. Ich bedarf einer Freundeshand, grossmütig
genug, es für mich zu tun und mir dann etwas mitzuteilen von der herrlichen Labe
... Der Wohltäter des Menschen ist immer nur der Mensch. Ich gäbe jeden
göttlichen Schutz und das sogenannte Walten und Vorsehen einer unendlichen
Weisheit um die Treue eines Herzens, das mich liebt, und beneidenswert wäre ich,
wenn es mir freistände den Tausch einzugehen ... Gräfin«, begann er nach kurzem
Schweigen wieder, »so unwichtig ich Ihnen auch bin, haben Sie vielleicht doch
bemerkt, dass eine grosse Veränderung mit mir vorgegangen ist in der kurzen
schönen Zeit, in der ich gewagt habe, die Augen zu Ihnen zu erheben ... So voll
Ehrfurcht, so demütig und - so töricht kühn ... Oh, wenn ich noch erröten
könnte, bei dem Geständnisse müsste ich's« - und eine dunkle Blutwelle stieg ihm
ins Gesicht -, »denn ich hoffte, Sie zu erringen ... Kindisches Wagnis, nach
solchem Ziele zu streben. - Ein Verwandter Alma Tessins darf nicht der
Schwiegersohn des Grafen Wolfsberg werden. Ich hätte es wissen und auf das
gefasst sein sollen, was geschah.«
    »Was geschah?«
    »Ich wurde gestrichen aus den Reihen Ihrer Bewerber ...« »Meiner
Bewerber?... Sie hätten um mich geworben?«
    
    »Sie wissen es nicht? Ihr Vater hat es Ihnen verschwiegen!« rief Tessin
bitter und ironisch aus. »Das ist Wolfsbergische Politik! Weder offenherzig noch
gerecht, aber klug. Warum Sie vor eine Wahl stellen, da man doch entschlossen
ist, Ihnen keine Wahl zu lassen? - Über Sie war verfügt; Sie waren, ehe Sie es
ahnten, dem Grafen Dornach versprochen.« »Versprochen?« rief Maria mit
Entrüstung aus.
    »Sagen wir denn: bestimmt. Über mich schritt Ihr Vater einfach hinweg,
nachdem ich entwurzelt worden in Ihrer guten Meinung ... durch ihn - ich bitte,
leugnen Sie nicht -, durch ihn. Auf welche Weise, frage ich nicht. Das Leben
eines Weltmannes, der jede Mode berufsmässig mitmacht, bietet Blössen genug. Und
ich trage keinen Harnisch. Jeder gegen mich abgesandte Pfeil trifft meine
unbeschützte Brust ... Sie aber, Gräfin, - so weise, so gerecht, so hochherzig,
Sie hatten für mich nicht eine Entschuldigung, nicht einen milden Gedanken. Sie
wandten sich von mir ab, stumm und verächtlich - ich werde die Art nie
verschmerzen, in der Sie sich von mir abgewandt haben!«
    Sie war erschüttert von seiner Anklage, sah ihn an und sprach, alle
Geistesgegenwart verlierend: »Auch Sie blieben stumm - hätten Sie damals
gesprochen. Jetzt ist es zu spät.«
    »Zu Ihnen gesprochen?« fragte er rasch, ihre letzten Worte überhörend, »zu
Ihnen, in deren Herzen nichts für mich sprach? Nichts, sonst würden Sie mich
nicht so leicht aufgegeben haben. Auch ist ein Verschmähter nicht immer
aufgelegt, sich zu rechtfertigen. Ein Verschmähter ist leicht gekränkt, ist
reizbar. Nein, ich wollte warten, bis ich Ihnen zugleich sagen konnte: Leben Sie
wohl, und Ihnen wenigstens meine Uneigennützigkeit beweisen. Unglaublich albern,
nicht wahr? Es ist zum Lachen. Das nennt man doch Torheit um Torheit begehen ...
Wahrhaftig, ich hätte es anders angefangen, wenn ich nicht das Unglück haben
würde - Sie zu lieben.«
    Was sollte sie erwidern? Sie gab ihm recht im stillen. Ihr gegenüber hatte
er seine Verführungskünste nicht ausgeübt. Der Mann, von dem es hiess, dass er
sich nie vergeblich um Frauengunst bemüht habe, nie von denen, die er verliess,
vergessen worden sei, ihr war er nie anders als bescheiden genaht. Sie konnte
ihm nicht widersprechen, als er von neuem begann:
    »Sagen Sie mir, ob ein Gymnasiast sich gegen die stumm und heiss Vergötterte
ungeschickter, blöder hätte benehmen können, als ich mich gegen Sie benahm?...
Vorbei! Mein freudenreiches Leben bleibt leer, ist nichts. Nun will ich's mit
dem Ehrgeiz versuchen«, fuhr er mit einem tiefen Seufzer fort, »dem
Auskunftsmittel so manches Gescheiterten. Wenn Sie einmal hören, dass ich irgend
etwas geworden bin, das zu sein der Mühe wert scheint, dann erinnern Sie sich
dieser Stunde und wägen die Bedeutung ab, die äusserer Glanz des Daseins für mich
haben kann.«
    Er hielt inne, er wartete, Maria schwieg. Schüchtern beinahe kam Tessin nach
einer Weile auf seine erste Bitte zurück, sprach wieder von Alma: »Haben Sie
Mitleid mit einer Unglücklichen, ein wenig Mitleid, Gräfin. Sie selbst wagt es
nicht, Sie anzuflehen. Sie glaubt nicht einmal, an einem Orte mit Ihnen wohnen
zu dürfen; sie vergräbt und verzehrt sich auf dem Lande in Einsamkeit und Reue
...«
    »Sie tut recht«, unterbrach ihn Maria kalt und leise. »Mit welcher Stirn
vermochte sie es früher, mit mir zu verkehren und - es ist unfassbar - mit
hundert Menschen, die alle in Kenntnis waren von ihrer unsühnbaren Schuld.«
    »Unsühnbar? Ich meine, sie sühnt.«
    »Möge sie es versuchen.« Damit erhob sie sich, und er sprang auf: »Sie
entlassen mich?«
    »Leben Sie wohl.«
    »Ihre Hand!... Reichen Sie mir zum Abschied die Hand. Ein paar Duellanten
reichen sich die Hand, wenn einer den anderen entwaffnet hat. Gräfin Maria, ich
habe die grausamste Niederlage erfahren, ich habe alles verloren, Hoffnung, Mut,
Kraft. Sie haben sogar den elenden Stolz gebrochen, der mich noch aufrecht hielt
- aus Erbarmen, geben Sie mir die Hand!« Seine Zähne knirschten, sein edles
stolzes Gesicht war leichenblass.
    Maria machte eine verneinende Bewegung mit dem Haupte. Nach einem letzten
fragenden, beschwörenden Blick verneigte er sich und trat aus dem Zimmer.
    Maria blickte ihm nach. Da war ja ein vollständiger Sieg über sich selbst
von ihr errungen worden; denn wahrlich, das Erbarmen, um das er gebeten hatte,
füllte ihre Brust zum Zerspringen, und süss und wonnig wäre es ihr gewesen, die
Hand zu erfassen, die er beim Abschied nach ihr ausstreckte, und ihm zu sagen:
Sie leiden nicht allein. Nehmen Sie diesen Trost mit sich.
    Aber sie hatte ihm die Hand nicht reichen dürfen. Er würde gefühlt haben,
dass sie zitterte und eisig war, weil alles Blut zu dem aufrührerischen Herzen
strömte, das ihm so toll entgegenschlug.
Knapp vor der Abfahrt des Zuges trafen Hermann und Maria auf dem Bahnhofe ein,
und wenige Minuten später dampfte die Lokomotive durch die Halle.
    »Ist das nicht Tessin?« fragte Hermann, auf eine dunkle Gestalt deutend, die
im Schatten eines Pfeilers stand und den fortrollenden Wagen nachblickte.
    Maria hatte ihn längst gesehen: »Ja, es ist Tessin.«
    »Mit dem Gesicht eines Selbstmörders«, versetzte Hermann. »Er ist mir
unheimlich seit einiger Zeit.«
    Es war wieder eine laue, schöne Frühlingsnacht wie vor zwei Jahren, als sie
ihre Hochzeitsreise nach Dornach angetreten hatten. Maria drückte sich in eine
Ecke und schloss die Augen, und wieder, wenn sie sich öffneten, begegneten sie
dem treuen, liebevollen Blick des Mannes, der über ihr wachte.
    Ihre Verstimmung war ihm sogleich aufgefallen. Er schrieb sie der
überstürzten Abreise zu, die allen eben jetzt besonders reichlich gebotenen
Vergnügungen der Stadt ein plötzliches Ende machte, fand sie sehr begreiflich
und bedauerte, Marias Opfer egoistisch angenommen und zugegeben zu haben, dass
sie ihn nach Dornachtal begleitete.
    »Wenn wir meine Mutter getrost verlassen können«, sagte er, »fahren wir im
Mai nach Wien zurück zu den Rennen.«
    Maria widersprach: »Das wollen wir nicht tun, du hast kein Interesse daran,
und ich, glaube mir, ich sehne mich nach der Ruhe in Dornach. Dortin wollen
wir, sobald die Mutter unserer nicht mehr bedarf. Nach Dornach, Lieber - dort
wird alles gut werden.« Unwillkürlich, mehr zu sich selbst als zu ihm, waren die
letzten Worte gesprochen, und nicht mit Zuversicht - mit peinvollem Zweifel.
    Hermann ergriff ihre Hände: »Was soll erst gut werden? was ist nicht gut?...
Sprich, sag es mir, du mein alles, mein Kind und meine Gotteit. Beglückerin!
was fehlt dir zum Glücke?«
    Sie entzog ihm ihre Hände, um sie auf seine Schultern zu legen, und sah tief
in seine friedlichen Augen hinein: »Mein Freund ... Mein Freund«, wiederholte
sie und dachte daran, ihm alles zu gestehen, ihm zu sagen: Hilf - befreie mich -
ich ringe in entsetzlichen Banden. Es frisst mir am Herzen, es ist ein sündiges
Mitleid, eine verbrecherische Sehnsucht. Hilf, hilf, rette mich vor dem Wirrsal,
in das ich geraten bin!
    Sollte sie so zu ihm sprechen?
    Eines Augenblicks Dauer, und sie staunte, wie der Einfall ihr hatte kommen
können. War denn nicht jede Gefahr vorbei? Was galt es noch zu bekämpfen? -
Einen Sturm von Empfindungen, dessen sie allein Herr werden wollte.
    »Mir fehlt nichts«, sagte sie, »es sind Launen, Bester, die jeder Sterbliche
hat, du allein ausgenommen. Ich kann nur wiederholen, was ich dir schon als
Braut sagte: Habe Geduld mit mir.«
Gräfin Agate empfing ihre Kinder, als sie am nächsten Tage kurz vor dem
Mittagessen bei ihr eintrafen, mit sehr absichtlich betonter Überraschung. Sie
befand sich zwar noch zu Bette, aber nur aus Rücksicht für die viel zu weit
getriebene Ängstlichkeit ihres Hausarztes. Es sei ihr höchst unangenehm,
versicherte sie, den Kleinen allein in Dornach zu wissen - noch dazu ihretwegen.
Eine Einwendung liess sie nicht gelten und blieb dabei: »Ohne seine Mutter ist
ein so junges Kind immer allein. Nur um mich keine Sorgen! Was der Herr
beschliesst, haben wir in Demut hinzunehmen. Aber ich hoffe von seiner Gnade, dass
er mein Gebet erhören und mich noch hier lassen wird, um meinen dritten Enkel zu
segnen. Drei müssen es sein. Einer für Dornach, einer für Gott, einer für den
Kaiser.«
    »Majoratsherr, Priester, Soldat«, murmelte Pater Schirmer, nickte dreimal
dazu, kreuzte seine kleinen Hände über dem Magen und guckte aus winzigen Augen
über die runden Polster der Wangen mit einer wahren Fülle von Wohlwollen und
Freundlichkeit vor sich hin.
    Die Gräfin beruhigte sich erst, als Maria ein Telegramm nach Dornach
abgesandt hatte, in dem sie ihr Eintreffen für den drittnächsten Tag ankündigte.
Hermann wurde gebeten, länger zu bleiben. Es geschah auf Veranlassung Pater
Schirmers, der, mit dem Amte eines Sekretärs betraut, infolge seines Bestrebens,
»jede Störung der Harmonie zwischen Gutsbesitzer und Gutsverwaltung
hintanzuhalten«, einen verderblichen Schlendergang in der Leitung der Geschäfte
geduldet hatte. Mit Schrecken war er sich des Unheils bewusst worden, das seine
Ohnmacht angerichtet. Das Eingreifen der festen Hand Hermanns war notwendig.
    So kam denn Maria allein in Dornach an.
    Auf der Station wartete Wilhelm und empfing seine Base bewegt wie ein
Liebhaber. Er bestellte ein Willkomm-Lallen von seinem »Prachtneffen«, die
wärmsten Grüsse Helmis und Handküsse der Rangen. Er konnte die schriftlichen
Nachrichten über das Befinden Wolf Forsters, die Doktor Weise im Laufe des
Winters nach Wien geschickt hatte, bestätigen. Der Patient war wohl genug, um
Dornach verlassen und die Fahrt nach einem Jagdschlösschen Hermanns, das ihm zum
bleibenden Aufentalt angewiesen wurde, unternehmen zu können. Er selbst freue
sich sehr darauf und spreche nur noch von seiner lang gehegten und mühsam
gebändigten »Passion« für das lustige Waidwerk.
    »Lauter Gutes, lieber Wilhelm, du bringst lauter gute Botschaft«, sprach
Maria, und Tränen traten ihr in die Augen.
    »Das Beste bringen Sie«, rief er aus, »Sie bringen sich.«
    »Wie sagst du? Sie!?«
    »Entschuldige! das macht der Respekt ... Nach so langer Trennung kommt es
mir ordentlich keck vor ...« Er wurde verlegen und schwieg.
    Sie rollten im raschen Trabe der Pferde dahin.
    Durchsichtig blau und wolkenlos wölbte sich über ihnen der Himmel. Im
Westen, in einer Einsattelung der Bergkämme, bildete die untergehende Sonne
einen blendenden Feuerherd und sandte ihre Strahlengrüsse über die keimende,
knospende, blühende Welt, die sie zu neuem Leben erweckt hatte.
    Ewig gelöstes, ewig unlösbares Rätsel, Frühlingswunder! - Still liess Maria
es auf sich einwirken und betete die eine und einzige Kraft an, die webt und
treibt im Hälmchen auf der Wiese, widerhallt aus der tönenden Brust der
Nachtigall, unwiderstehlich lockt und ringt im Menschenherzen.
    Man war vor dem Schloss angelangt, Wilhelm bestieg seinen Gaul und ritt
heim, nachdem er versprochen hatte, sich morgen als Pater familias in Dornach
einzufinden.
    Maria hielt ihr Kind in ihren Armen; sie küsste und liebkoste es und
wiederholte ihr Sprüchlein: »Alles gut - lauter Gutes - -«
    Ach, wenn der bittere Vorwurf nicht wäre! der nagende, peinvolle Vorwurf
gegen einen Menschen, der nicht in ihrer, nein, in dessen Schuld sie stand,
unerbittlich grausam gewesen zu sein. Sie hätte sich überwinden, ihm die Hand
reichen und sagen sollen - was hielt sie ab, welche Pflicht verbot es ihr? - :
Ich habe Sie geliebt. Dereinst, als ich noch frei war. Die Verhältnisse haben
uns getrennt. Nun wollen wir unsere Schuldigkeit als brave Menschen tun und beim
Wiedersehen nach Jahren, wenn die Empfindung, die uns jetzt noch bedrückt und
verwirrt, erloschen sein wird, einander als alte Freunde entgegentreten.
    Hätte sie doch so gesprochen, so sprechen können! Schwäche, Schwäche, dass
sie es nicht gekonnt. Jetzt bleibt der Stachel in ihrer Brust, der Tropfen Gift
in ihrem Blute. Sie sollte den Blick nie vergessen, den er ihr beim Scheiden
zugeworfen.
    Als sich Maria in ihr Schlafgemach begeben hatte, erschien Lisette, um gute
Nacht zu wünschen und eine Botschaft von Forster zu überbringen. »Er geht also
fort«, sagte sie, »und lässt dich bitten, inständig, dass du morgen Klavier
spielst und dann hinkommst in den Pavillon. Er möcht sich gar so gern bei dir
empfehlen und dir auch den weiten Weg ersparen bis zur Hegerin. Wirst du
kommen?«
    »Ja.«
    »Noch etwas, denk dir. Heut hat er Besuch gehabt, der Wolfi. Ein Freund von
ihm, der eine weite Reise macht, hat sich hier aufgehalten von einem Zug zum
andern.«
    Maria rückte den Schirm, der auf dem Tische stand, vor die Lampe. »Wer?«
fragte sie.
    »Den Namen weiss ich nicht. So ein hübscher grosser; das Gesicht wie von einem
Italiener. Hat einen Backenbart, rabenschwarze, etwas gelockte Haare, die Nase
gebogen, das Kinn ausrasiert. Vielleicht kennst du ihn. Ich hab ihn zwar nie bei
uns gesehen.«
    Nachdem die Alte sich entfernt hatte, durchwandelte Maria noch lange das
Zimmer und dachte dessen, den jede Minute, jede Sekunde weiter hinwegtrug von
ihr und der wohl auch wachte und litt wie sie und ihr grollte und zürnte ...
    Er war da gewesen, er hatte die Erinnerung an die Stätte, an der sie lebte,
mitnehmen wollen in seine freiwillige Verbannung. - Einen Tag nur - nur einen,
und sie hätten einander noch gesehen und den Abschied nehmen können, den sie
sich in immer holderen, reineren Farben ausmalte.
    Der Morgen kam. - Das Kindlein wankte ebenso tollkühn wie unsicher an der
Hand der Wärterin in das Schlafgemach herein, dem Bette seiner Mutter zu und
jauchzte ihr entgegen ...
    Maria erhob sich nach wenigen Stunden eines unerquicklichen, durch wüste
Träume gestörten Schlafes. Sie wollte ihr Tagewerk beginnen, aber sie hatte Blei
in den Gliedern, einen eisernen Reifen um den Kopf. Alles wurde ihr schwer,
alles versagte, sogar die getreue Kunst. Sie schloss das Klavier, nachdem sie
einige Akkorde angeschlagen hatte, eilte hinab ins Freie, umschritt das Haus und
wanderte durch einen Fliedergang dem Pavillon zu. Forster wartete ihrer dort;
sie wollte ihn treffen und durch den letzten, der den Scheidenden noch in der
Heimat gesprochen, eine Kunde von ihm haben.
    Sie war angelangt und überschritt die Stufen, die zum Pförtchen des kleinen
Baues hinaufführten, einer zierlichen und luxuriösen Spielerei aus dem 18.
Jahrhundert. Er entielt zwei durch Rundbogen getrennte Zimmer. Die Wände und
die Möbel waren mit gelbem chinesischem Seidenstoff überzogen, die Fenster mit
demselben kostbaren Gewebe verhangen.
    Als Maria aus dem grellen Tageslicht in die goldige Dämmerung trat, schwamm
es ihr vor den Augen, und sie vermochte nicht, einen scharfen Umriss zu
unterscheiden. Aus dem Nebenzimmer nahte jemand langsam und zögernd, wie ihr
schien. »Forster«, rief sie.
    Keine Antwort. Nach einer Weile erst ihr leise geflüsterter Name.
    Maria erkannte die Stimme sogleich und schrie auf: »Sie!« Tessin stürzte ihr
entgegen mit inbrünstig gefalteten Händen ... sie streckte die ihren abwehrend
aus: »Fort!... wie können Sie es wagen?... das ist Verrat. Gehen Sie!«
    Er schüttelte den Kopf: »So nicht. Ich hab's versucht - es ist unmöglich.«
Entschlossenheit in jeder Bewegung, die Brauen drohend zusammengezogen, trat er
näher.
    Sie wich schweigend zurück und schritt dem Ausgang zu. Da warf er sich
zwischen sie und die Tür, und als Maria ans nächste Fenster rannte und es zu
öffnen versuchte mit bebenden Fingern, die den Gehorsam versagten, glitt ein
finsteres Lächeln über seine Züge.
    »Sie wollen Leute herbeirufen, tun Sie es doch. Der Gewalt muss ich weichen.
- Aber nicht lebendig ... das sage ich Ihnen - und Sie«, er hob beteuernd die
Rechte, »Sie glauben mir das.«
    »Wahnsinn«, stammelte Maria, von Furcht und Schrecken durchbebt.
    »Nein, Verzweiflung!... Was hab ich Ihnen getan? warum verachten Sie mich? -
Ich habe Sie unaussprechlich geliebt.« »Und was haben Sie mir getan? Sie haben
mich verschmäht, misshandelt, wie ich nicht dulde, dass man mich misshandle. Sie
haben die reinste Empfindung meines Lebens verkannt, mir gemeine Beweggründe
zugeschrieben, mich verletzt, kalt und berechnend, an der empfindlichsten Stelle
meines Herzens -geben Sie mir Genugtuung!« Er sah sie an, verstört, in rasender
Erregung ... Aber plötzlich, wie durch Zaubergewalt beschwichtigt, sank er auf
das Knie.
    Was war denn geschehen?
    Eine von Angst gefolterte Frau, die mit ihren Tränen kämpfte, stand vor ihm.
Ihr Stolz war gebrochen; mit ersterbender Stimme sprach sie: »Sie müssen fort.«
    »Ja, ja?« er fasste ihre widerstrebende Hand. »Unter einer Bedingung ...
Geben Sie mir das Zeichen des Erbarmens, um das ich schon gefleht habe. Ich will
als Gnade empfangen, was mein Recht wäre, was Sie mir schuldig sind für alles
... auch für den Mord des besseren Menschen, der in mir schlummerte, der
erwachen wollte unter Ihrem Einfluss und den Sie getötet haben, als Sie mich
aufgaben.«
    Immer heisser bestürmte er sie, immer überzeugender strömte die Rede von
seinen Lippen, ein berauschender Hauch der Leidenschaft ging von ihm aus: »Was
verlange ich denn? Ein Wort des Trostes mit auf den Weg, einen gütigen Blick,
einen Händedruck ...«
    Das durfte sie gewähren, das war es ja, wonach sie sich gesehnt hatte all
die Tage lang - vor dem Scheiden auf ewig ein Lebewohl in Frieden und
Versöhnung.
    Seine Augen flammten zu ihr empor, sie neigte sich, ihr Blick ruhte in dem
seinen, und sie flüsterte: »Weil es unsere letzte Begegnung ist, Tessin, so
wissen Sie ... ich habe nicht leicht verzichtet. Sie sind mir nicht gleichgültig
gewesen ...«
    Da brach er in jubelndes Entzücken aus: »Endlich! Endlich!« - Weich und
zärtlich, in wonniger Dankbarkeit presste er seine Stirn, seine Lippen auf ihre
Hand, und Maria, im schwersten Kampfe ringend, flüsterte ihm leise zu: »Nun
fort.«
    Ganz verwandelt, ausser sich, sprang er auf: »Nein, und nein! - Du hast mich
geliebt, du liebst mich noch!« Er zog sie in seine Arme und erstickte mit seinen
Küssen den Schrei, den sie ausstiess.
    Sie wollte sich ihm entziehen - sie wollte sich retten - und lag an seiner
Brust, unwiderstehlich hingerissen wie von einer Naturgewalt.
    Zwei trunkene Menschen hatten kein Bewusstsein mehr von Ehre, Pflicht und
Treue, ihnen versank die Welt und jegliches Erinnern.
Die Sonne stand im Scheitel, Maria war allein.
    Seit langem, langem - seit einer Ewigkeit ... Oder nicht? - war sie eben
erst verlassen worden beim Aufschrecken aus einem grässlichen, seligen,
unmöglichen Traum?...
    Sie sass da, die Hände auf den Tisch gelegt, das Gesicht in die Hände
vergraben, als die Tür geöffnet und ein keuchender, pfeifender Atem hörbar
wurde.
    Wolfi schleppte sich herein, auf einen Stock gestützt, und fiel schwer auf
den Diwan neben Maria hin. Er streckte die Beine aus, lehnte sich zurück und
stöhnte: »Da hab ich's. - Das war ein teurer Spass.«
    Maria starrte ihn an, entsetzt über sein Aussehen. Es war das eines
Sterbenden. »Sie sind erschöpft, der Weg hierher war Ihnen zu weit«, sagte sie.
    »Der Weg hierher?« Er wollte lachen, doch kam nur eine Art Schluchzen aus
seiner Kehle. »Das nicht, aber dass ich Ihren Liebhaber durch den Wald hab führen
müssen - damit er sich nicht verirrt. Und dann sein Dank ... Mich
niederzustechen hat er gedroht, weil ich nicht schwören wollte, mein Maul zu
halten. Ihm schwören, dem Menschen ohne Treu und Glauben.«
    Maria war versteinert. So war sie in eine Falle gelockt worden. Tessin hatte
einen Vertrauten gehabt. Haben müssen. Natürlich - zu Gelegenheiten braucht man
Leute, die sie machen, Helfer, Hehler. Einen wie den Niederträchtigen da ... Ihr
Herz stand still, als diese Gedanken sie so klar, so kalt durchbljetzten. Kommt
der Tod? - Ach, käme er doch von selbst, dass ich ihn nicht suchen müsste - denn,
wie könnte sie jetzt noch leben?
    »Müd, müd bin ich«, stöhnte Wolfi, »ich liege schlecht - hilf ein wenig.«
    Von Abscheu und Ekel ergriffen, rang Maria mit sich selbst, doch beugte sie
sich, er umklammerte ihren Nacken, sie fasste ihn an den Schultern, legte ihn -
er kam ihr leicht vor wie ein Kind - der Länge nach auf das Ruhebett und schob
Kissen unter seinen Kopf: »Bleiben Sie so. Ich schicke den Arzt.«
    »Brauche ihn nicht - nicht ihn - dich allein - mir ist schon besser ...
Deine Sorgfalt tut mir wohl. - Wärst du immer gütig gegen mich gewesen - ich
hätte dir vielleicht erspart - vielleicht ... Gewiss weiss man's nicht - ein
Mensch wie ich« - er stockte, schwerer noch rang sich der Atem aus seiner Brust,
die roten Flecken auf seinen Wangen färbten sich dunkler. Nun ging eine seltsame
Veränderung in seinen Zügen vor; sie nahmen plötzlich einen milden, fast edlen
Ausdruck an.
    »Du bist nicht mehr stolz«, sprach er kaum vernehmbar, »verachtest niemanden
mehr?«
    Sie, mit herzzerreissender Klage, antwortete: »Nur mich!«
    »Wirst du jetzt Bruder zu mir sagen?«
    »Bruder.«
    »Triumph ...!« Seine letzte Kraft erschöpfte sich in der Anstrengung, mit
welcher er dieses Wort hervorbrachte. Aus seinem Munde quoll ein Blutstrom, sein
Kopf, den er ein wenig erhoben hatte, sank in die Kissen.
    Maria stiess einen Schrei aus: »Zu Hilfe! Zu Hilfe! er stirbt!«
 
                                       11
Die Hilferufe, die aus dem Gartenhause drangen, wurden zuerst von dem Kind eines
Arbeiters gehört; es wagte sich nicht näher, holte aber Leute herbei. Diener
rannten nach dem Arzt. Als er kam, fand er die Gräfin mit blutbesprjetztem Kleide
halb ohnmächtig zusammengesunken an der Leiche Wolfis. Sie war nicht zu bewegen,
von der Stelle zu weichen, bevor jeder denkbare Wiederbelebungsversuch
unternommen worden.
    Wie Doktor Weise vorausgesagt hatte, blieb alles vergeblich. Er durfte sich
auf seinen Fräulein Lisette gegenüber oft getanen Ausspruch berufen: eine
heftige Erhitzung und dergleichen oder einer der Zornanfälle, denen Herr Forster
unterworfen war und bei denen er zu schreien pflegte wie besessen, könne einen
Blutsturz herbeiführen, während er vielleicht ein alter Mann geworden wäre, wenn
er sich nur entschlossen haben würde, jetzt schon den »Duktus« eines solchen
anzunehmen. Das Gelächter, mit dem der Patient diese Verheissung zu beantworten
pflegte, hatte den Doktor immer gekränkt.
    »Und kränkt mich noch«, sagte er zu den Herrschaften Wilhelm, denen er am
Nachmittag in seinem Einspänner ein Stück Weges entgegengefahren war, um ihnen
pflichtgemäss zuerst von dem traurigen Ereignis in Dornach und den Umständen,
unter welchen es stattgefunden, Mitteilung zu machen. Auch legte er ihnen die
Frage zur Entscheidung vor, ob nicht an die telegraphische Berufung des Herrn
Grafen gedacht werden solle, und zwar aus Rücksicht für die Frau Gräfin, die
sich infolge des ausgestandenen Schreckens in einem Zustande hochgradiger
Aufregung befände.
    »Sehr irritiert, wenn auch bemüht, Selbstbeherrschung zu üben. Ich habe
unvermerkt den Puls gegriffen - kaum zu zählen. Es wäre nicht unmöglich, dass
sich da etwas entwickelte«, sprach er mit dem traditionellen ärztlichen
Kopfschütteln.
    »Dass sich was entwickelte?« fragte Wilhelm, in höchster Bestürzung aus dem
Wagen springend, ergriff den Arm des Doktors und blickte angstvoll zu ihm empor.
    »Je nun«, versetzte dieser mit wichtiger Miene, »ein leichter Typhus oder
etwa Entzündung - cordis basis - cordis conus ...«
    »Ist das gefährlich? - - Hol der Kuckuck diese Namen, die niemand versteht
und die einem nur bang machen«, wandte er sich an seine Frau. Sie war
gleichfalls ausgestiegen, an seine Seite getreten und suchte ihn zu trösten.
    »Fasse dich, es wird nicht so schlimm sein. Aber die Buben« meinte sie,
»müssen wir nach Hause schicken.«
    »Freilich«, und Wilhelm überblickte die Häupter seiner Lieben, die aus dem
weitläufigen Jagdwagen hervorguckten wie aus einem Pferche. »Wenn ihrer zwei
waren oder drei, es ginge noch. Acht Stück in einem solchen Moment - unmöglich.
Fahr sie heim«, sprach er zu dem alten Kutscher, der sein ganzes Vertrauen
besass, weil er selbst zehn Kinder hatte.
    Eine Revolution, die im Wagen ausbrechen wollte, wurde durch wenige
Machtworte des Vaters und die sanften Vorstellungen der Mutter unterdrückt.
Willi, der Älteste, erhielt die Erlaubnis, sich auf den Bock zu setzen und zu
kutschieren, die andern überliess man ihrer Enttäuschung.
    Wilhelmine nahm den Platz nicht an, den ihr der Doktor neben sich in seiner
auf Räder gesetzten Muschel anbot. Sie schritt, ein immer treuer Kamerad, an der
Seite ihres tief bekümmerten Gatten dem Schloss zu. In der Halle trafen sie
Lisette. Sie fahndete auf den Doktor, sie begriff ihn heute zum erstenmal nicht
ganz. Wie konnte er das Haus verlassen während eines sorgenerregenden
Unwohlseins Marias und eine so schöne Gelegenheit versäumen, sich unentbehrlich
zu machen. - Und wo blieb er denn jetzt?
    »Ins Dorf ist er gefahren«, antwortete Wilhelm und eilte die Treppe hinauf.
    Seine Frau folgte ihm und hatte Mühe, ihn zu bewegen, im Salon zu warten,
bis sie ihm Nachricht bringen würde, ob die Kusine ihn sehen könne.
    Maria war in ihrem Schlafzimmer, das sie seit Stunden rastlos, mit raschen,
regelmässigen Schritten durchmass. Beim leisen Pochen Wilhelminens blieb sie
stehen und rief, als diese sich genannt hatte: »Komm, komm! nach dir habe ich
mich gesehnt, deine Nähe ist mir ein Trost.«
    »Wär es so, vermöcht ich dich zu trösten, armes, armes Kind!« Sie fasste ihre
Hand, drückte sie liebreich und kämpfte mit dem Bedauern und dem Schmerz, die
sie beim Anblick der Vernichtung und Trostlosigkeit im Gesichte Marias
überwältigen wollten.
    Ihrer mütterlichen Zärtlichkeit und Überredungskunst gelang es endlich, die
Erschöpfte zu bewegen, sich in einem Fauteuil niederzulassen und sogar etwas
Nahrung zu nehmen.
    »Der heute gestorben ist, war mein Bruder«, sprach Maria plötzlich. »Weisst
du es?«
    Wilhelmine antwortete einfach: »Jawohl, es ist ja kein Geheimnis daraus
gemacht worden.«
    »Und ich bin hart und stolz gegen ihn gewesen, begreifst du? - ich!« Sie
brach in Tränen aus, sie schluchzte, die furchtbare Spannung ihrer Seele hatte
sich gelöst.
    Allmählich wurde sie wieder Herrin ihrer selbst, verlangte Wilhelm zu sehen
und geriet nur vorübergehend in heftige Aufregung, als er den Vorschlag machte,
an Hermann zu telegraphieren.
    »Unter keiner Bedingung! - er würde kommen.«
    »Und soll er nicht?«
    »Nein, die Mutter bedarf seiner. Ich schreibe ihm«, setzte sie hastig hinzu,
»verlasst euch auf mich. - Niemand sonst schreibt ihm. Gebt mir euer Wort
darauf.«
    »Welche Frau!« sagte Wilhelmine im Nachhausefahren zu ihrem Manne. »Sie
beweist mir von neuem, dass der ganz edle und gute Mensch sich nie genugtut. Ist
nicht das Ausserordentliche für den unglücklichen Forster geschehen? Nun, Maria
macht sich noch Vorwürfe. Dergleichen gibt einen Massstab für den Wert einer
Seele. Welche Frau! Ich habe sie wie ein neuntes Kind in mein Herz geschlossen.«
    Der Brief Marias an Hermann musste mit Ruhe und Überlegung geschrieben worden
sein, denn in dem ausführlichen Telegramme, das Wilhelm am folgenden Abend von
seinem Vetter erhielt, sprach dieser nicht die leiseste Besorgnis um seine Frau
aus. Er bat Wilhelm, Anordnungen zur würdigen Bestattung Wolfis zu treffen, und
hoffte, zu Ende der nächsten Woche in Dornach sein zu können.
    Die Leiche Forsters war kaum der Erde übergeben, und schon tauchten allerlei
Gerüchte über die unmittelbare Ursache seines Todes auf. Ein Jäger behauptete,
ihn kurz zuvor gesehen zu haben, nahe an der Waldgrenze auf einem Fusssteig, der
nach der Nordbahnstation führte. Er befand sich im Streite mit einem langen
Schwarzen, den der Jäger aus der Entfernung für den Adjunkten gehalten. Der
Adjunkt wurde zur Rede gestellt, konnte aber leicht nachweisen, dass er sich am
selben Tage, zur selben Stunde im benachbarten Städtchen befunden, wohin der
Herr Oberförster ihn geschickt hatte, Grassamen einzukaufen. Offenbar irrte der
Jäger in der Person des Individuums, mit dem Wolfi jüngst in einer für ihn
verhängnisvollen Weise verkehrt. Dass es einen solchen Menschen gab, das
bezweifelte niemand.
    »Es könnte«, meinte der Doktor, wie immer vorbehaltlich, »wohl ein Pascher
gewesen sein, durch welchen sich mein Patient hinter meinem Rücken vielleicht
Zigarren verschaffen wollte. Oder vielleicht ein Gläubiger, der einen Versuch
machte, sein Geld einzutreiben.«
    Lisette hingegen erklärte, bei ihr stände es fest, dass es derselbe
Schwindler gewesen, der - sie merkte ihm gleich etwas Verdächtiges an - »den
armen, guten Jungen« am Tage vorher ganz offenkundig besucht hatte und dann,
Gott weiss warum, im geheimen wiedergekehrt sein dürfte. Damit war aber noch
immer nicht Klarheit in die Sache gebracht. Und trotz aller Nachforschungen
blieb das Rätsel, wer der Fremde gewesen, in welchen Beziehungen er zu Forster
gestanden, ungelöst.
    Maria hatte sich in eine an Stumpfheit grenzende Ergebung eingesponnen.
Möchten sie doch auf die Wahrheit kommen! - sie würde nicht leugnen, sie würde
sterben. In vermessener Zuversicht baute sie auf die Gnade des Allbarmherzigen.
Er wird sie zugrunde gehen lassen an dem Gefühl ihrer Schuld, sie büssen, sühnen
lassen durch den Tod. Es war ihr ein Trost, sich das zu wiederholen. Mit einem
Gefühl der Schmach wie dasjenige, das sie in ihrer Brust trägt, kann man ja
nicht leben ... Ihr steht etwas bevor, unfassbar, das nicht auszudenken ist - das
Wiedersehen mit ihrem Manne. Sie wird seinen Blick nicht ertragen können, sie
wird ihn empfangen mit dem Geständnis: Ich habe dich betrogen, einmal in einer
fluchenswerten Stunde, in schnödem Taumel. Aber dich wieder betrügen, mit
Bewusstsein und Berechnung; meinen entweihten Mund deinem Kusse bieten - das
werde ich nie.
    Er kam und war unsagbar glücklich, wieder da zu sein, und sie stand
regungslos vor ihm - und schwieg.
    Wie die anderen schrieb er ihr übles Aussehen, ihre düstere Stimmung dem
fürchterlichen Eindruck zu, den der Tod Wolfis auf sie hervorgebracht hatte. Der
Doktor beglückwünschte ihn zu der Richtigkeit dieser Ansicht und gebrauchte
dabei viele Fremdwörter, wie es sich geziemt für einen Landarzt, der eine
vornehme Patientin behandelt.
    Fräulein Lisette nahm zu jener Zeit etwas Gehaltenes und Siegreiches in
ihrem Gang und ihren Gebärden an. Ihr Herz, das nie eine heissere Neigung gekannt
hatte als die zu dem »Kinde«, machte im Späterbste Frühlingsrechte geltend. Sie
liebte, sie schmeichelte sich, geliebt zu werden; scharenweise umflogen ihre
Gedanken den teuren Gegenstand, und nur hier und da stellten sich einzelne von
ihnen bei der einst ausschliesslich Verehrten und Verhimmelten ein. Lisette fand
es überflüssig, ihre Leidenschaft zu verhehlen, und sprach unbefangen von dem,
der sie ihr einflösste.
    »Er schwebt halt immer auf meinen Lippen«, sagte sie einmal schalkhaften
Tones zu der Gebieterin mitten in einem Bericht über die Ankunft einer Sendung
Tischzeugs, in den sie den Doktor ungemein kunstvoll eingeflochten hatte.
    »Wer?« fragte Maria.
    Und nun legte die alte Jungfrau ihr längst angekündigtes Geständnis ab, und
die geringe Aufmerksamkeit, die ihr anfangs geschenkt wurde, steigerte sich
allmählich, und plötzlich geschah das Ausserordentliche - Maria lachte.
    Hermann, der eben eintrat, hörte es, und seine Freude kannte keine Grenzen.
»Wer hat dich lachen gemacht? - Sie, Lisette? Goldene Lisette! - was soll ich
für Sie tun?... Ich gründe ein Kammerdamenstift, und Sie werden Oberregentin.«
Er stürzte auf sie zu und küsste sie auf jede Wange, dass es schallte. »Was hat
sie dir vorgebracht?« wandte er sich an seine Frau, rückte einen Sessel neben
das Kanapee, auf dem sie sass, und nahm Platz. »Ich will es wissen, ich will
Unterricht bei ihr nehmen.«
    Maria fragte: »Darf ich antworten, Lisette?« und diese, ein klein wenig
verschämt, erwiderte: »Ich bitt.«
    »Mit deiner Erlaubnis also. - Sie möchte den Doktor heiraten.«
    Die Betroffenheit Hermanns, die Anstrengung, die er machte, sie zu
verbergen, die fröhliche, unendliche Güte, die aus seinen Augen sprach und aus
dem unbezwinglichen und harmlosen Lächeln, das seinen Mund umspielte, erregten
von neuem Marias Heiterkeit.
    - So war es möglich, noch - ja, schon so bald konnte sie sich vorübergehend
zerstreuen lassen aus ihrer lastenden, berechtigten, ihrer gebotenen Seelenpein?
    Einmal lag sie des Nachts, wie so oft, wachend auf ihrem Lager, lauschte den
ruhigen Atemzügen ihres Mannes und sann und sann.
    Und jetzt drang durch die Stille aus dem Zimmer nebenan, in dem das Kind
schlief, ein heiserer Ton, ein lautes, rauhes Husten aus kleiner Brust an ihr
Ohr. Sie erhob sich sachte, warf ihr Morgenkleid um, glitt mit nackten Füssen,
die Pantoffel in der Hand, über den Teppich, trat bei dem Kleinen ein und schob
den Vorhang seines Bettchens zurück. Der Schein der Nachtlampe flackerte auf dem
glühenden Gesicht des Knäbleins, es röchelte schwer im Fieberschlafe. Maria
weckte ihn und die Wärterin und leistete die erste Hilfe, während jene auf ihren
Befehl das Kindermädchen aufrüttelte und nach einem Diener läutete, der den
Doktor herbeiholte. Dieser kam, sprach kein Wort, sondern handelte still und
energisch; er war in dieser Nacht ein Held an Mut und Besonnenheit.
Vorübergehend nur brachte ihn die Wärterin in Zorn, weil sie fassungslos
herumstürzte und durchaus den Grafen rufen wollte.
    »Alberne Person«, rief Weise, sich der Höflichkeit begebend, die ihn sonst
auszeichnete. »Der Doktor verbietet es, der Doktor braucht keine Leute, die
Angst haben, im Krankenzimmer ... Da - so eine Ruhe! Das ist das Richtige, da
nehmen Sie sich ein Beispiel.« Er deutete auf Maria, die das Knäblein auf dem
Schoss hielt.
    Weiss in ihren schneeweissen Gewändern, unverwandten Blickes jede Veränderung
beobachtend und anzeigend, welche bei dem Kleinen vorging, führte sie des
Doktors Anordnungen selbst aus und hielt ein stummes Gespräch mit ihrem Kinde.
-Willst du voran - mich drüben zu erwarten? Ich folge dir bald nach. - Aber dein
armer Vater, soll ihm beides zugleich genommen werden - ein echtes Gut: du! und
ein wertloses, falsches, das er in seinem lauteren Glauben betrauern wird, als
wäre es wirklich ein köstlicher Besitz gewesen?... Bleibe bei ihm, mein
Liebling, biete ihm überreichen Ersatz. - Sie drückte ihn an ihre Brust, und er
richtete seine grossen Augen auf sie und murmelte: »Liebe Mutter.«
    »Es geht besser, Doktor, nicht wahr?« fragte Maria.
    »Wenn nicht alle Zeichen trügen«, gab er zur Antwort.
    Sie verstand ihn. Er gebrauchte wieder eine bedingte Redeweise; die ernste
Sorge, die ihn seiner kleinlichen Vorsicht untreu gemacht hatte, war
geschwunden.
    Am Morgen erst erfuhr Hermann, dass sein Söhnchen in Lebensgefahr gewesen sei
und dass es gerettet war.
    Dir gerettet, dachte Maria, zu deinem Troste, wenn ich nicht mehr bei dir
sein werde. Sie war im reinen mit sich. Gott erhörte sie nicht, überantwortete
sie der Verzweiflung, so fasste sie denn einen Entschluss der Verzweiflung.
    Ein schöner Spaziergang im Walde führte bequem zu einer Burgruine hinan,
welche die Felsenspitze eines bis weit über die Mitte mit Schmuck-Edeltannen
bewachsenen Berges krönte. Man konnte jedoch von der entgegengesetzten Seite auf
einem viel kürzeren Wege zu der Ruine gelangen. Dieser ging über einen schmalen,
geländerlosen Steg und mündete am Fusse des beinahe senkrecht abfallenden
Felsens, unweit von halbzerbröckelten, in den Stein gehauenen Stufen. Ein kühner
und geschickter Kletterer durfte sie immerhin noch benützen, um zur Kuppe zu
gelangen; wenn er nämlich schwindelfrei war. Sonst konnte ihm ein Blick zurück
in die Tiefe gefährlich werden. Dasselbe Flüsschen, das einige hundert Schritte
weiter zwischen Wiesen dahinglitt als friedliches, mit Kähnen befahrbares
Gewässer, wurde in der Enge zum Wildbach. Kochend und brausend stob der Gischt,
bildete Wirbel, drehte und drehte sich kreisförmig, trichterförmig, stieg auf in
Säulen aus Schaum, warf sich wieder wie toll in sein steiniges Bett und lockte
herab zur Teilnahme an seiner sprudelnden, unerschöpflichen Lebenslust.
    In ihrem ersten Ehejahre hatte Maria die Ruine besucht. Angewandelt von
einer Regung der unbezähmbaren Freude an der Gefahr, von der sie in früher
Jugendzeit gar oft ergriffen worden, war sie die Felsentreppe herabgestiegen und
hatte den Steg festen und sicheren Ganges überschritten.
    Hermann, dem sie ihr Wagnis eingestanden, war erst durch ihr förmliches
Versprechen, es nie zu wiederholen, zu beruhigen gewesen. - Nun musste das
gegebene Wort gebrochen werden.
    Mit peinlich erfinderischer Genauigkeit malte Maria sich alles aus, sah sich
den Fuss setzen auf den Steg und wandern und langsam mit Bedacht ausgleiten an
der rechten Stelle ... wanken, sinken, zerschellt werden an den ewig blanken,
ewig feucht glänzenden Klippen, die aus dem Wasser herausragten. Vorahnend gab
sie sich Rechenschaft von dem Schmerze Hermanns, er würde nicht frei sein von
Groll - und das war recht. Ein reines Andenken zu hinterlassen, hatte die
Schuldige nicht verdient.
    Sie bereitete sich vor auf die entsetzliche Trennung von ihrem kleinen
Kinde, das der Mutter noch so sehr bedurfte, nahm Abschied von ihm Tag um Tag.
Morgen geschieht's, sagte sie sich, bis der Morgen kam, an dem sie begriff, dass
sie nicht sterben könne, ohne einen zweifachen Mord zu begehen.
    Und davor schauderte sie zurück. Wohl lohte es in ihr auf: Begrabe die
Frucht des Frevels mit dir!... Aber töten, um zu sühnen? - Noch war sie fromm
und gläubig und fragte in ihrer Seelenqual: Wie würdest du die Kindesmörderin
empfangen, ewiger Richter, Herr, mein Gott?
    Der mächtigste Instinkt im Weibe erhob seine gewaltige Stimme ... Vielleicht
auch rang der nun verzweifachte Lebenstrieb - ihr unbewusst - gegen die
Vernichtung.
    Sie kam wieder auf den Ausweg zurück, der ihr zuerst als der
selbstverständliche, der einzige erschienen war: Hermann alles zu gestehen, ihm
zu sagen: So bin ich, behandle mich, wie ich es verdiene. Ich ertrage deine Güte
nicht mehr, ich lechze nach Strafe, nach Busse. Die strengste wird die beste
sein, gönne sie mir, gönne mir das Labsal, zu büssen. Sei unbarmherzig, nur
verehre mich nicht mehr.
    Und während sie in Gedanken also zu ihm sprach, rief ihr Verstand ihr zu:
Phrasen, hohle Worte! Du weisst es wohl, dass er dich nicht verstossen, dich nicht
der Geringschätzung preisgeben wird; er wird, auch wenn sein Glück den
Todesstreich durch dich empfangen, den Fuss nicht auf deinen Nacken setzen,
Gesunkene. Er wird unerschütterlich bleiben in seiner Langmut. Von dir getrennt,
dir im Innersten entfremdet, wird er von anderen noch Achtung für dich
verlangen. Dann hast du eine neue Last der Dankbarkeit auf dich geladen und
vergeblich das Beste zerstört, woran sein Herz sich erquickt und seine Seele
sich erbaut. Du hast nichts zu verlieren, er alles. Du hättest ihn umsonst
unselig gemacht ... Du darfst es nicht! - So tat sie das, wogegen alles Frühere
nicht zählte. Sie vollzog den Betrug, der die Schande zu bemänteln hatte.
Hermann musste getäuscht werden. Das war so leicht und darum gar so schlecht ...
Und geschah, und Maria duldete die Erniedrigung, die sie für unausdenkbar
gehalten hatte, die ganze! Nichts ward ihr geschenkt - nicht der
Freudenausbruch, mit dem der hintergangene Mann die in tiefdunkler Nacht
gestammelte Kunde aufnahm, nicht seine erhöhte Zärtlichkeit, nicht Wilhelms
gutmütige Scherze, nicht Helmis treue Teilnahme, nicht Gräfin Agatens
feierliche Segenswünsche.
    Maria spielte eine jammervolle Komödie, heuchelte Interesse an
gleichgültigen Dingen, Freude an den harmlosen Vergnügungen, den Landpartien und
Waldfesten, die Hermann und Wilhelm veranstalteten, um sie zu zerstreuen. Nicht
immer, aber doch meistens liess Hermann sich täuschen. All sein Glück ging von
dem Bilde aus, das er sich von ihrem Glücke machte.
    Sie aber lebte in der Liebe zu ihrem Kinde, pflegte eifrig ihre Kunst, die
sie nie schöner und hinreissender als jetzt ausgeübt hatte, und grübelte sich
allmählich in eine eigentümliche Sophistik hinein. Die Sühne, nach der sie rief,
lag gewiss in der Einsicht, dass es ihr verwehrt sei zu sühnen. Der verdammende
Schicksalsschluss, der über sie gefällt war, lautete: Du liebst die Wahrheit,
wandle in der Lüge.
 
                                       12
Im Sommer kamen Graf Wolfsberg und seine Schwester mit ihrer Gesellschaftsdame,
Fräulein Annette Nullinger, nach Dornach. Beinahe auf dem Fusse folgte ihnen,
ohne eingeladen zu sein, ohne sich angesagt zu haben, die kleine Gräfin
Felicitas Soltan. Sie kam, um zu fragen, ob Tessin, wie er vor seiner Abreise
versprochen, an Gräfin Dolph geschrieben habe, wie es ihm gehe, und besonders -
ob er sie grüssen lasse.
    Aber noch war kein Brief von ihm eingetroffen, und nur durch
Zeitungstelegramme wusste man, dass er auf seinem Posten angelangt und festlich
empfangen worden war.
    An einem schwülen Sonntagnachmittag hatten sich die Schlossbewohner in einem
breiten offenen Zelte am Ufer des Teiches versammelt. Dichtes Buschwerk umgab
ihn ringsum, und hinter diesem ragten das hellgrüne malerische Gezweig einzelner
Tulpenbäume und aus weiterer Entfernung die dunkeln Gipfel eines
Balsamtannenhaines in das gleichförmige, ruhig leuchtende Himmelsblau empor.
    Alle im Zelte Anwesenden, Fräulein Nullinger und Hermann junior ausgenommen,
rauchten. Annette hatte nach und nach ihren Sessel bis zum Eingang vorgerückt;
dennoch schwebte tückischer Tabaksqualm ihr nach und machte sie hüsteln, was
Gräfin Dolph unabweislich rügte. Sie sass in der Tiefe des Zeltes in einem
ausgefütterten Strandsessel und hatte eine Haube auf, die ungemein an die
häusliche Kopfbedeckung der französischen Könige im 15. Jahrhundert erinnerte.
    »Nulle«, sprach sie - »Ich heisse Nullinger«, berichtigte das Fräulein, ohne
sich umzuwenden.
    »Nun denn, Nullinger, zwingen Sie sich doch nicht zu husten - aus purer
Affektation.«
    Annette zuckte die Achseln und presste die Flächen ihrer feuchten Hände
aneinander; ihre roten aufgeworfenen Lippen hatten das ihnen eigentümlich
nervöse Beben.
    Fee nickte ihr bedauernd zu und seufzte: »Ach, welche Hitze! Ist es immer so
heiss bei Ihnen, Graf Dornach?« Sie wiegte sich in ihrem Schaukelstuhle, hatte
die Augen halb geschlossen und liess wie todmüde die Arme an beiden Seiten ihres
schlanken und zierlichen Körpers herabhängen.
    Graf Wolfsberg, den zu amüsieren sie sich vorgenommen, war heute ein
undankbares Publikum. Er hatte nicht einmal bemerkt, dass sie sein Lieblingskleid
angezogen, das weisse, gestickte, mit der rosafarbigen Bébéschleife. Bei Tische,
als sie, nur um ihm Spass zu machen, die heiligsten Geheimnisse ihres Herzens
auskramte, von ihren unbezahlten Rechnungen gesprochen, von ihrem Glauben an die
Zukunft des Spiritismus als Staatsreligion, von allerlei Skrupeln, die sie sich
machte - intim, ganz intim! -, hatte er kaum zugehört. Und nun sass er seit einer
Stunde ernst und schweigsam neben ihr, und sie verzweifelte endlich daran, ihn
seiner üblen Laune zu entreissen.
    Hermann und Maria kannten den Grund seiner Verstimmung. Er war, indes die
anderen sich in der Kirche befanden, auf den Friedhof gegangen und hatte Wolfis
Grab besucht.
    »Wozu? warum tut er solche Sachen, die ihn viel zu sehr angreifen?« hatte
Dolph ihrer Nichte geklagt. Auch sie trachtete ihn zu zerstreuen und suchte
dabei die wirksamste Unterstützung, die des kleinen Hermann; sie war aber in
diesem Augenblick nicht zu haben. Das Knäblein mühte sich gar eifrig, Steinchen,
die es gesammelt und auf den Schoss seiner Mutter gelegt hatte, mit ihrer Hilfe
ins Wasser zu werfen. Seine Antwort auf die Einladung der Grosstante, zu ihr zu
kommen, lautete entschieden verneinend, und die aufrichtigste Abneigung sprach
aus dem raschen Blicke, den er der alten Frau von unten herauf zuwarf.
    Gräfin Dolph machte ihrem Unmut über die Vergeblichkeit der Liebesmüh, die
sie seit langem an dieses schöne und entzückende Kind verschwendete, dadurch
Luft, dass sie plötzlich von den Unannehmlichkeiten zu sprechen begann, die das
Landleben für sie mit sich brächte.
    »Etwas Schreckliches zum Beispiel«, sagte sie, »ist die Kontrolle, unter der
man mit seinen Kirchenbesuchen steht. Man kann sich keinen einzigen schenken,
und ich sag euch, noch ein Hochamt wie das heutige, und ihr könnt mich gleich
dabehalten in eurer Familiengruft. Und Sie, Nulle, das bitte ich mir aus,
placieren Sie sich am nächsten Sonntag nicht wieder in das Oratorium uns
gegenüber. Sie stören mich, Sie rauben mir das bisschen Andacht, das ich noch
habe, mit Ihren Ekstasen, vermischt mit Übelkeiten.«
    Dieser Ausfall wurde von Fräulein Annette mit ungewohnter Kaltblütigkeit
zurückgeschlagen. Wenn eine Andacht durchaus unter der anderen leiden müsse,
sagte sie, möge es nur immerhin die minderwertige - die der Gräfin sein.
    Fee klatschte ihr Beifall zu und gab ihr die Versicherung, sie sei die
gescheiteste Nullinger, die jemals hienieden gewandelt; dann stieg die kleine
Frau, von Hermann, der herbeitrat, unterstützt, in den am Ufer befestigten Kahn.
Losgemacht durfte er nicht werden. Sie wollte da bleiben, sich schaukeln auf der
kühlen Flut und hören, wie sich die Konversation des Grafen Wolfsberg - von
weitem macht.
    Er liess sich endlich herbei, ihr einen Scherz zuzurufen, den sie ebenso
schlagfertig wie unpassend erwiderte. Der von ihrer Seite munter geführte Kampf,
der sich nun zwischen ihnen entspann, wurde durch das Eintreffen des Postpakets
unterbrochen.
    Maria verteilte die Zeitungen und die Briefe.
    »Ist etwas für mich da?« - »Für mich?« fragten Fee und Gräfin Dolph.
    »Ja.« Maria schob der letzteren ein grosses Schreiben zu.
    »Von Tessin«, sprach die Gräfin. »Von Tessin«, wiederholte sie lauter und
schwenkte den Brief in der Luft. »Fee, sieh her.«
    »Für Fee«, sagte Maria, und Hermann übernahm aus ihrer Hand eine ganze
Ladung Modejournale und Zeitschriften, die er in den Kahn reichte.
    »Das sind Ihre unbezahlten Rechnungen«, rief Wolfsberg. »Geben Sie acht,
Gräfin, Ihr Dampfer versinkt unter der Last.«
    Felicitas war beim Nennen des Namens Tessin so rasch aufgesprungen, dass ihr
kleines Fahrzeug in bedenkliches Schwanken geriet. Sie sank zurück, schrie und
warf sich so ungestüm von einer Seite zur andern, als ob sie es darauf abgesehen
hätte, den Kahn umkippen zu machen.
    Hermann zog ihn mit der breiten Seite dicht ans Land und sagte, halb
lachend, halb verdriesslich: »Ihr Leben ist gerettet, steigen Sie aus.«
    Die Übermütige sträubte sich: »Noch nicht! noch nicht! - ich will, dass man
Tessin schreibt, ich sei fast ertrunken vor Freud, wie es geheissen hat, dass ein
Brief von ihm gekommen ist. Sie sind Zeuge, Fräulein Nullinger, schwören Sie
darauf, ich bitte um einen ordentlichen Eid - ich bitte!«
    »Ei, ei, Frau Gräfin, einen Spass mit so heiligen Dingen verstehe ich nicht«,
rügte das Fräulein.
    »Nicht? - o weh! dann schwören also Sie, Graf Wolfsberg.«
    Mechanisch antwortete der Graf: »Ja, ja.« Seine ganze Aufmerksamkeit war von
Maria in Anspruch genommen.
    Sie hatte einen Brief vor sich hingelegt, einen zweiten Brief von Tessin,
noch grösser und gewichtiger als der an Gräfin Dolph gerichtete, und war in der
Betrachtung der kräftigen, leicht geformten Züge der Aufschrift versunken. In
ihrem Gesichte malte sich starres Entsetzen. Wenn diese wenigen Zeilen Tod und
Verderben verkündet hätten, sie würde nicht anders auf sie niedergeblickt haben.
    Nun schien sie zu fühlen, dass die Augen ihres Vaters auf ihr ruhten, erhob
die ihren, sah ihn an - und senkte langsam das Haupt.
    Dieses kurze stumme Gespräch zwischen Vater und Tochter wurde von niemandem
beobachtet. Gräfin Dolph schwelgte im Genusse der geistvollen Epistel ihres
Horace Walpole; Fräulein Nullinger verfolgte teilnehmend das Schauspiel der
»Rettung« Fees durch Hermann. Trotz aller Possen, die dessen Heldin trieb, kam
es glücklich zum Abschluss.
    Hermann trat ins Zelt, blieb hinter dem Sessel Marias stehen, und über ihre
Schulter blickend, las er von seinem Platze aus die Adresse des zweiten Briefes
Tessins: »Herrn Wolfgang Forster«.
    Es entspann sich eine Verhandlung darüber, was mit dem Briefe zu geschehen
habe.
    »Er ist so dick«, meinte Fee, »es stecken gewiss noch ein paar andere drin,
die der Herr Forster hat übergeben sollen. Man muss ihn aufmachen.«
    Gräfin Dolph bestätigte: »Man muss ihn aufmachen, natürlich.«
    Hermann jedoch erklärte, so gar natürlich käme ihm das nicht vor. »Was sagst
du, Maria?« fragte er und strich mit der Hand über ihren Scheitel.
    Sie wandte sich, ergriff diese Hand und drückte sie an ihre Lippen. Das war
genug, um die heftigste Eifersucht des kleinen Hermann auf den grossen zu wecken.
Das Kind schrie und strebte zu ihr empor, und sie hob es auf ihre Knie und
drückte ihr Gesicht an das seine.
    Noch hatte sie ihn, noch hatte sie eine Liebe, deren ganzen Wert sie zu
erkennen begann, nachdem sie sich ihrer unwert gemacht - die Liebe des besten
Mannes. Noch hatte sie die Achtung aller guten Menschen ... Eine kleine Weile,
ein Riss durch die dünne papierne Hülle da auf dem Tische - und alles ist vorbei,
und vor ihr öffnet sich die Hölle der Schande.
    Ihr Knäblein schlingt die Arme um ihren Hals und sie die ihren um ihn. Doch
diese heiligste Umarmung schützt sie nicht. Sie hört nicht das zärtliche
Geflüster der süssen Kinderstimme - sie hört eine andre, entsetzliche, die ihr
zuruft: Was schauderst du? - doch nicht vor dem, was im Gefolge der Wahrheit
kommt, nach der du geschmachtet hast und gelechzt? Da ist sie - begrüsse sie.
Tu's, Armselige ... Oder war es doch nicht der Betrug, wovor du am bängsten
gezittert hast?... Wo ist jetzt dein Abscheu vor ihm?... Noch empfind ich ihn,
dachte Maria, küsste das Kind und stellte es auf den Boden.
    »Ich bin dafür«, vernahm sie nun - Gräfin Dolph sprach -, »den Brief
aufzubrechen, um nachzusehen, ob er nicht wirklich andere entält, wie Felicitas
glaubt. Wenn ja, verteilt man sie, wenn nein, schicken wir dem Freunde morgen
seine zwölf Seiten, eng und zierlich, ein kleines Manuskript, ungelesen, weil
wir schon so hyperdiskret sind, zurück. Einverstanden, Hermann?«
    »Nein«, lautete die Antwort, »ich öffne keinen Brief, der nicht an mich
gerichtet ist.« Er nahm ihn, reichte ihn dem Grafen Wolfsberg und sagte leise zu
ihm: »Nimm ihn zu dir, mache mit ihm, was du willst, nur sei nicht mehr die Rede
davon. Alles, was Maria an Wolfi erinnert, greift sie furchtbar an. - Es ist
drückend heiss hier im Zelt«, setzte er, an seine Frau gewendet, hinzu. »Komm ins
Freie, Maria.«
    Er nahm ihren Arm, den sie ihm willenlos überliess, und geleitete sie hinweg.
    Nach dem Abendessen las Gräfin Dolph der Gesellschaft das Schreiben Tessins
ganz meisterhaft vor. Etwas von allem war darin entalten, Ernst und Scherz,
anschauliche Schilderungen von Land und Leuten, ein kräftiger und rührender
Ausdruck des Heimwehs, das ihn peinigte.
    Fee zog sich, sobald die Lektüre beendet war, in ihre Gemächer zurück. Kurz
darauf begab sich auch Gräfin Dolph, von Hermann und Fräulein Nullinger
geleitet, zur Ruhe.
    Graf Wolfsberg blieb mit seiner Tochter allein.
    »Hermann hat immer recht«, sprach er nach einer langen Pause. »Auch mir hat
es widerstrebt, den Brief an den unglücklichen Forster zu öffnen. Ich habe ihn
Tessin zurückgeschickt.«
    »Ich danke dir, Vater«, erwiderte Maria mühsam und stockend. »Ich hätte aber
gewünscht, dass Graf Tessin gebeten würde, es bei diesem Versuch, mir Nachricht
von sich zu geben, bewenden zu lassen.«
    »Das soll geschehen.«
    Sie hatten vermieden, einander anzusehen; nun plötzlich begegneten sich ihre
Blicke. Eine grosse Zärtlichkeit, ein grosses Mitleid sprach aus dem seinen. Er
streckte ihr die Hand entgegen, er wollte reden.
    Marias Mund verzog sich schmerzlich, und sie machte eine flehend abwehrende
Gebärde.
    Sehr lange hielt es Graf Wolfsberg in Dornach nie aus. Die werktätige
Barmherzigkeit, auf die seine Tochter sich ganz verlegte, widerstrebte ihm. Es
war ihm zu unangenehm, sagte er, an die Enttäuschungen zu denken, die sie
erfahren werde, nicht jetzt, nicht in den nächsten Jahren, doch in fünf, in
zehn; und nicht durch den Undank, der unausbleiblich sei - Dank erwarte sie ja
nicht -, sondern durch die Erkenntnis, dass ihr Bestreben, das materielle und
sittliche Elend der Leute zu verringern, nutzlos und in manchen Fällen schädlich
gewesen sei. Jedes Bestreben aber, dessen Resultat negativ bleibt, ist ein
unvernünftiges und demoralisierendes.
    »Diese Leute« - wenn er die Worte sprach, biss er die Zähne zusammen, und Hass
und Grausamkeit blitzten aus seinen Augen - »sind faul, heimtückisch,
unverbesserlich. Es ist noch jeder gescheitert, der glaubte, im Guten auf sie
einwirken zu können. Ich habe ja nicht von Anfang an die Hände in die Taschen
gesteckt und zugesehen, wie einer der Dummköpfe nach dem andern zugrunde geht
... Sie haben mich von meiner christlichen Barmherzigkeit kuriert, sie selbst!«
    »Weisst du, Vater, warum ihnen das gelang? - Darf ich's sagen?« fragte Maria.
    »Nur zu!«
    »Weil du sie nicht liebst und sie das fühlen.«
    »Wohl mir und ihnen. So bin ich sicher vor einem Girondistenlose und sie vor
einer neuen Gelegenheit, zu zeigen, wie sie Liebe vergelten. Lass es gut sein!«
kam er dem Einwand zuvor, den sie erheben wollte, »wir zwei werden einander in
dieser Sache nicht überzeugen.«
    Der Sommer war vorbei; auch Gräfin Dolph und Felicitas hatten Dornach
verlassen. Die Zeit verging still und ereignislos. Maria, oft unwohl, erlaubte
nicht, dass Rücksicht darauf genommen werde. Sie wusste, dass ihr nur eines
frommte: sich selbst vergessen, ihre Leidenskraft stählen, indem sie die Leiden
der anderen milderte. »Meine Wohltäter«, nannte sie die Hilfeheischenden. Das
Laster, das Unrecht, die Torheit fanden in ihr eine hartnäckige Bekämpferin.
Ihrer unerschöpflichen Langmut fehlte es nie an Gelegenheiten, sich zu üben. Und
nicht immer war es die Bürde schweren Ungemachs, die mitzutragen sie eingeladen
wurde; es befand sich auch sehr leichtes Gepäck darunter und lächerliche,
willkürlich aufgehalste Last.
    An einer solchen schleppte Lisette und machte unangemessene Ansprüche an die
Teilnahme »des Kindes«. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, was Doktor Weise
hindere, um sie anzuhalten, sei die Angst vor einem Korbe.
    »Er ist ein so zurückgezogener Mann und kommt zu nichts«, vertraute sie
ihrer Gebieterin. »Niemand schaut auf ihn. Seine Manschetten sind immer
zerdrückt, und den Hemdkragen hat er neulich gar umgekehrt eingeknöpfelt
gehabt.«
    Ausser dem Wunsche, das Recht zu erwerben, für die Manschetten und Hemdkragen
Weises zu sorgen, hatte sie noch den sehr grossen, »Frau Doktorin« genannt zu
werden. Das ewige »Fräulein Lisette«, Fräulein hin und Fräulein her, war ihr
schon so zuwider, sie konnte es nicht mehr hören. »Geh, sprich du mit ihm, leg's
ihm nah, dass ich ihn nehmen möcht«, mit dieser Bitte schloss sie regelmässig ihre
Herzensergiessungen und erhielt jedesmal den Bescheid, dass ihr Wunsch unerfüllbar
sei.
    So blieb Lisetten am Ende nichts übrig, als eigenmächtig einzugreifen in ihr
und des Doktors Geschick. Sie ersuchte ihn eines Morgens, sie mitzunehmen in
seinem Wagen, in dem er jetzt täglich zu einem Patienten nach dem nahen
Städtchen fuhr; sie habe dort einige Weihnachtseinkäufe zu besorgen.
    Weise war dazu bereit: »Es ist mir schmeichelhaft«, sagte er, als Lisette im
Pelzmantel und Capuchon neben ihm Platz nahm. »Wo darf ich Sie absetzen?« dabei
lächelte er, aber nicht aus Wohlgefallen an ihrer äusseren Erscheinung, sondern
über den Einfall, dass ihm noch nie eine Person vorgekommen sei mit einem so
ausgesprochenen Jahrmarktspuppengesicht.
    Auch Lisette lächelte. »Denken Sie jetzt schon ans Absetzen? Das ist ja gar
nicht schön von Ihnen.« Ihre Oberlippe zog sich in die Höhe, und es kamen kleine
Mauszähne zum Vorschein, die sehr gut gepflegt, aber ziemlich abgenützt waren.
Sie wurde nach und nach ganz deutlich in ihren Anspielungen und der Zaunpfahl,
mit dem sie winkte, keulenartig.
    Dem Doktor stiegen, wie er sich selbst gestand, gewisse Apprehensionen auf,
und er rückte so weit als möglich von ihr fort.
    Sie sah darin eine Aufforderung seiner Gastfreundschaft, sich's recht bequem
bei ihm zu machen, lehnte sich zurück und betrachtete sein Profil. Der Rand
seines weit hinausragenden Mützenschirms und die Spitze seiner Nase standen in
senkrechter Linie. Mund und Kinn hingegen wichen, wie aus Respekt vor dem
bedeutenden Gesichtsvorsprung, jäh zurück. Da fand die verwünschte
Zaghaftigkeit, mit der Lisette heute einmal fertigwerden wollte, ihren Ausdruck.
    Nach einigen einleitenden Reden meinte sie den Streich führen zu dürfen. Sie
tat es - der Doktor stellte ihr dieses Zeugnis aus, als er sich von dem
erlittenen Angriff erholt hatte - mit hochgradiger Dezenz, indem sie ihn fragte,
ob er nie daran gedacht habe, sich zu verändern.
    »Doch, doch, vor Jahren einmal«, seufzte er und zog, ohne es zu wollen, die
Zügel des lammfrommen Schecken an, der sogleich stehenblieb, sich aber auf den
Zuruf: »Allons, Allons!« wieder in Bewegung setzte.
    »Und seitdem nicht mehr?... Das ist schad, und dann ist es auch traurig.«
    Sie blinzelte schalkhaft zu ihm hinüber, was ihn empörte und beängstigte. Er
kam sich so hilflos und ihr preisgegeben vor in unendlicher Einsamkeit. Soweit
das Auge reichte, war nichts zu sehen als Schnee und Schnee und nichts
Lebendiges wahrzunehmen als der Scheck, einige Krähen und das Frauenzimmer, das
ihm »Avancen« machte.
    Sie sprach viel, und alles, was sie sagte, war entweder schmeichelhaft für
ihn oder für sie, und ihm blieb nichts übrig als entweder: »Das Fräulein sind zu
gütig«, zu murmeln oder: »Das Fräulein haben recht.«
    »Ein solcher Mann«, sprach sie nun milde, »und hat keinen Herd.«
    »Entschuldigen, habe, habe, o einen vorzüglichen, neuester Konstruktion.«
    »Einen häuslichen, mein ich. Ein solcher Mann - und hat keine Frau.«
    »Oh, bitte, bitte - die habe ich auch.«
    Fräulein Lisette neigte sich so rasch zur Seite, dass man es ein
Sich-zur-Seite-Werfen hätte nennen können. »Sie - Sie haben - eine Frau?«
    »Ja freilich, eine wunderhübsche.«
    »Wo?«
    »Bei ihren Eltern habe ich sie. Ich habe sie ihren Eltern aufzuheben
gegeben.«
    »Das heisst«, berichtigte Lisette, der plötzlich alles Zartgefühl abhanden
gekommen war, »Sie haben sie fortgejagt?«
    »Bitte, bitte!... Eine so undelikate Massregel ergreift man nicht gegen eine
Dame, die man ohnehin unglücklich gemacht hat, indem man ihr etwas höchst
Fatales eingeflösst.«
    Seine Zuhörerin erschrak tödlich, sie dachte an Gift.
    Er aber flüsterte: »Antipateia.«
    »Jesus! was ist denn das?« rief Lisette.
    »Ein inkurables und darum so perniziöses Leiden, weil es den Menschen um
seine schönste Illusion bringt, um die des freien Willens. - Denken Sie sich
eine von den besten Absichten für ihren Eheherrn beseelte Frau, die im
Augenblick, in welchem sie dieselben betätigen soll, von der heftigsten
Versuchung ergriffen wird, ihm etwas an den Kopf zu werfen ... und derselben nur
selten zu widerstehen vermag. - dabei süsser Empfindungen durchaus nicht unfähig
- o nein! wenn es auch dem Betreffenden nicht beschieden war, sie zu wecken,
ausser - auf Distanz. In je weiterer Entfernung er sich von ihr befand, eine
desto hingebendere Gattin wurde sie ihm. So sprach er denn eines Tages zu ihr,
indem er sich an einen Dichter lehnte: Wie gut wäre es, Carissima, wenn du, um
mich mehr zu lieben, dich für immer von mir entferntest! - Sie tat es, und
seitdem führen wir die musterhafteste Ehe. Haben vor kurzem brieflich unsere
silberne Hochzeit gefeiert.«
    Das Fräulein wollte ein etwas spöttisches Bedauern über »diese Gattung von
Verhältnis« äussern - der Doktor aber meinte: »Ein Gutes ist jedenfalls dabei:
dem Manne, der schon im Besitz einer Frau ist, kann niemand mehr zumuten, eine
zu nehmen.«
    Lisette machte unerhört alberne Augen und sprach nicht ein Wörtchen mehr.
Sie war so vernichtet, dass sie ihre sämtlichen Einkäufe in der Stadt besorgte,
ohne zu handeln. Drei Wochen mussten vergehen, ehe sie sich von ihrer
Enttäuschung erholen konnte. Dann wurde »das Kind« wieder der Mittelpunkt ihrer
Interessen und das angebetete Opfer ihrer engherzigen Liebestyrannei.
    Wie am vorigen Jahresschlusse fand sich auch an diesem Gräfin Agate in
Dornach ein. Sie half die Christbäume schmücken für jung und alt, für arm und
reich, in der Halle und im Saal.
    Dem Entzünden der Lichtlein stand aber sie allein vor.
    Maria konnte nicht Zeuge der Freude sein, die vorzubereiten seit Wochen und
Wochen ihr hauptsächliches Bemühen gewesen war. In der heiligen Weihnacht gab
sie einem zweiten Sohne das Leben. Er war so schmächtig und klein, wie der erste
gross und stark gewesen. Mit banger, unausgesprochener Besorgnis sah Hermann
seine Mutter an, als er mit ihr an die Wiege des Neugeborenen trat.
    »Nein«, sagte sie, »er ist nicht schwach, nur zart. Er wird leben - zu
meiner Freude. Das wird der meine sein unter deinen Kindern.« Weich, wie man sie
nie gesehen, versenkte sie sich in den Anblick des Knäbleins und hielt die Hand
segnend über ihn ausgestreckt. »Er hat schwarze Augen, Hermann, die Augen deines
Vaters, und soll Erich heissen wie dein Vater.«
    Maria kränkelte lange, sie konnte dieses Kind nicht nähren; sie hatte für
dasselbe nicht soviel Liebe wie für das ältere. Sie verlangte nicht nach ihm,
widersetzte sich nicht, wenn man es forttrug aus ihrem Zimmer, und es
beunruhigte doch niemanden und stellte unerhört geringe Anforderungen an seine
Umgebung. Es lag oft lange ganz still mit weit geöffneten Augen.
    »Fremde Augen hat's und das Gesicht der Mutter«, entschied die Wärterin,
wenn jemand herauszubringen suchte, wem es ähnlich sehe. - Eine Spur von der
Seelenpein, die sein Werden begleitet hatte, spiegelte sich wider auf seinem
kleinen Angesicht, und traurig staunend schien es zu fragen: So also sieht es
aus in eurer Welt?
    An Liebe litt es nicht Mangel. Hermann zerfloss vor ihm in überquellendem
Erbarmen; alle Frauen im Hause schwärmten für das Kind, das etwas »ganz eigenes«
hatte; sein Bruder verteidigte es wie ein kleiner Löwe vor den Ausbrüchen ihrer
Zärtlichkeit und brachte es gleich darauf in Gefahr, von dem Ungestüm der seinen
erdrückt zu werden.
    Der Winter verfloss; Maria blieb müde und erschöpft. Alle herbeigerufenen
Ärzte rieten, wie Doktor Weise es längst getan, zu einem Aufentalt von mehreren
Monaten in Italien.
    Die Kranke sträubte sich gegen eine Entfernung von daheim, aber zum ersten
Male setzte Hermann dem Willen seiner Frau entschiedenen Widerstand entgegen,
und sie musste sich fügen.
    Gräfin Agate kam nach Dornach, um die Kinder in Abwesenheit der Eltern zu
betreuen; Hermann und Maria reisten. - Sie hatte schon vor Jahren mit ihrem
Vater das Land der Sehnsucht jedes künstlerisch Fühlenden besucht und fand nun
im Genusse der Wunder einer märchenhaft reichen Natur und einer Welt, in der
»Sterbliche Unsterbliches geschaffen haben«, die Empfindungen ihrer Mädchenzeit
wieder. Wie oft atmete sie auf, frei und leicht, und sah ihr eigenes Bild so
rein, wie die Seele ihres Mannes es widerspiegelte. Ihre wankende Gesundheit
befestigte, ihr erschütterter Mut stählte sich.
    Es war krankhaft, dachte sie, zu glauben, die Verirrung eines Augenblicks
könne nicht gesühnt werden durch ein ganzes Leben der Rechtschaffenheit und
Pflichterfüllung. Fort mit den Gespenstern einer abgeschworenen Vergangenheit.
Sie sind die Feinde eines Glückes, das ungetrübt zu erhalten ihre wichtigste
Aufgabe war, vor der alles andere zurücktrat, des Glückes Hermanns. Mit hoher
Freude erfüllte sie der Anblick der seinen. Ihm aber durchsonnte ihre Heiterkeit
die Seele, er lebte von ihrem Leben.
    »Wir sind auf unserer Hochzeitsreise«, sagte er.
    Die Frau, die Mutter seiner Kinder kam ihm jetzt oft vor wie eine Braut,
doch nicht wie die kühle, stolze, die sie einst war - wie eine liebende Braut.
    Und da kniete er vor ihr nieder und betete sie an. Einmal rief er aus: »Ich
bin zu glücklich, ich verdien es nicht. Ich habe eine Schuld abzutragen, aber
statt sie einzufordern, überhäuft mich das Schicksal mit immer neuen
Gnadengeschenken.«
    »Du hättest eine Schuld abzutragen?« fragte Maria. »Die schwerste - einen
Frevel an dir. Ich habe um dich geworben, dein Ja erbettelt, obwohl ich wusste,
freudig gibst du es mir nicht. Den ersten Kuss, Geliebteste, hat ein Ungeliebter
auf deine Lippen gedrückt. Es war ein Verbrechen an dir - ein unsühnbares.«
    Sie schrak zusammen bei diesem Wort. Er nahm ihre Hände zwischen die seinen:
»Maria, wann werde ich, wie werde ich dafür bestraft werden?«
    »Nie, gar nicht«, stammelte sie verwirrt und drückte ihren Kopf an seine
Brust.
Sie kehrten zurück. Es war Abend, als sie ankamen. Die Kinder schliefen. Hermann
blies die Wangen auf und hatte die Fäustchen fest geballt. Er war gross und stark
geworden, ein Knäblein wie ein junger, kräftiger Baum. - Das kleine unechte
Reis, auf den reinen Stamm Dornach gepfropft, Erich, lag in leichtem Schlummer,
zuckte und öffnete die Augen, als seine Mutter ihm nahte. Sie war betroffen und
befangen von dem geheimnisvollen Reiz, der dieses Kind umwob, wandte sich rasch
und trat an das geöffnete Fenster.
    Würzige Düfte erfüllten die Luft, melodisch rauschte es in den Bäumen,
durchsichtige Schleier breiteten sich über die Wiesen, leichter Rauch lag auf
den Höhen.
    Weit herüber von der Strasse, die zum Dorfe führte, vernahm man den Gesang
heimkehrender Feldarbeiterinnen. Nah und näher kamen die Klänge einer
schwermütigen slawischen Volksweise. Schon konnte man die letzten Worte des
Liedes unterscheiden:
Schönheit, dein Prangen,
Liebe, dein Glück,
Alles vergangen,
Kehrt nicht zurück.
Ewig treu,
Immer neu
Bleibt die Reu,
Bleibt die eisgraue Reu. -
                                       13
In der Nähe von Dornach, auf dem seit langem unbewohnten Gute Rakonic, hatten
sich zwei junge Ehepaare angesiedelt. Die Männer waren Brüder, die Frauen
Schwestern. Sie gehörten den vornehmsten Gesellschaftskreisen an und betrieben
den Sport als Beruf, mit angeborenem und energisch ausgebildetem Talent.
Überdies gab es in etwas verwickelten Ehrensachen keinen höheren Richter als die
Grafen Clemens und Gustav und im Punkte echter Eleganz keine
nachahmungswürdigeren Vorbilder als die Gräfinnen Carla und Betty Wonsheim. Es
gab auch in der weiten Welt nicht wieder vier Menschen von so vollkommener
Übereinstimmung in ihren Lebensanschauungen, ihren Verhältnissen, ihrer
Bravheit, ihrer kindlichen Unwissenheit. Den Brüdern sah man ihre nahe
Verwandtschaft sofort an. Beide waren mittelgross und breitschultrig, ihre
Scheitel schon etwas gelichtet; sie hatten ein äusserst gelassenes Wesen,
sprachen langsam und in derselben bedächtigen Art. Im Äusseren der Schwestern
hingegen herrschte die grösste Verschiedenheit. Carla, die ältere, schlank und
blond, glich der Schwindischen Melusine. Betty, braun, klein, neigte zur Fülle
und unterzog sich infolgedessen einem ziemlich strengen Training. Sie rühmte
sich, nie anders als mit dem Springgurt geritten zu sein. »Was hat man denn für
einen Rapport mit dem Pferd«, fragte sie, »wenn man auf so einer Maschin von
einem Sattel oben sitzt?« Ihre Lebhaftigkeit bildete einen angenehmen Gegensatz
zu dem gemessenen Benehmen ihrer Angehörigen. Sie war sehr verliebt in ihren
Clemens, und er liess sich ihre Zärtlichkeit gefallen und hatte, obwohl seit
einem ganzen Jahre verheiratet, noch nicht eine Untreue an seiner kleinen Frau
begangen. Gustav und Carla hingegen verkehrten miteinander mehr wie zwei gute
Gesellen denn als ein junges Ehepaar. Jedes brave eheliche Verhältnis endet mit
Freundschaft; sie ersparten sich den Umweg und fingen gleich bei der
Freundschaft an.
    Sobald die Fahnen auf den Türmen des Schlosses Dornach die Anwesenheit des
Herrn und der Frau vom Hause verkündeten, fanden Wonsheims sich dort ein und
wurden oft und gern gesehene Gäste. Sie verlangten aber auch Erwiderung ihrer
Besuche, Teilnahme an ihren Interessen. Es verdross alle, wenn eine ihrer
Einladungen von Maria ausgeschlagen wurde, weil sie »zu tun« hatte. - Und was? -
Krippen errichten, ein Versorgungshaus bauen, ein Spital, »und immer machen, als
ob sie dabeistehen müsst - wenn das nicht Affektationen sind«, meinten sie, »dann
kennen wir uns überhaupt in solchen Sachen nicht mehr aus«.
    Sie waren einmal von einem betrunkenen Taugenichts angebettelt worden, der
ihnen auf die Frage, woher er sei, geantwortet hatte: »Aus Dornach.«
    »Wie - daher? Gibt's denn noch arme Leut in Dornach? Dort is ja der Himmel
für die Armen.«
    Der Taugenichts zwinkerte schlau und sprach in kläglichem Tone: »Für den
armen Herrn Spitalsverwalter und Aufseher, und wie die liebe Bagage sich
titulieren lässt ... für die wird's wohl der Himmel auf Erden sein, die liegen
auf der faulen Haut und fressen sich an. Ein wirklich Armes hat's in Dornach
grad so schlecht wie überall.«
    Das war Wasser auf die Mühle der Wonsheim, und sie fragten nicht, ob es aus
trüber Quelle floss.
    Eines Tages, als wieder eine verneinende Antwort aus Dornach eintraf,
schnellte Betty den Brief, der die Absage entielt, durch das offene Fenster,
dass er weitin flog, die Luft mit der Kante durchschneidend. »Der vierte Korb,
den die langweilige Person uns gibt!« rief sie, und Clemens versetzte: »Ihr
seids aber auch wie die Wanzen. Lasst sie in Ruh!«
    »Just nicht! Sie darf nicht fort im Spital sitzen und sich mopsen. Man muss
sie ein bissel aufmischen.«
    Bettys Meinung drang durch.
    »Mischen wirs auf«, erwiderten Gustav und Carla, und schon am nächsten
Morgen, in aller Gottesfrüh, kam die Familie in Dornach angesprengt, um Hermann
und Maria zu einem Spazierritt aufzufordern.
    Es war ein hübscher Anblick, als sie im Schlosshof hielten, die stattlichen
Herren und die anmutigen Frauen auf ihren schönen Rossen, an denen jede Sehne
Kraft und jeder Blutstropfen Adel war. In ihrer Begleitung befanden sich Flick
und Flock, ihre Doggen, die ernsten, klugen, die den Pferden wie angebunden im
jeweiligen Tempo dicht an den Hufen folgten. Sie sahen nicht rechts noch links,
sie kümmerten sich weder um einen aufschwirrenden Vogel noch um einen
aufgescheuchten Hasen; aber einen Blick, einen freundlichen Zuruf ihrer Herren
beantworteten sie mit Wonnegeheul und Freudensprüngen. Jetzt waren sie
verdriesslich über die Unterbrechung ihres Morgenrennens.
    Verdammte Dahockerei! Wie lang soll's noch dauern? sagte Flick zu Flock.
    Riech nur, riech! erwiderte der, da kommen ja schon die Hunde mit ihren
Menschen. Den Boxl, den möcht ich durchbeuteln, dass er nicht mehr wüsst, wo sein
grauslicher Kopf ihm steht. Er knurrte, seine Haare sträubten sich.
    Boxl lief auf ihn zu, klein und frech, der ganze Hund eine impertinente
Frage: Was habt ihr bei uns zu suchen?
    Die Spuren meiner Zähne in deinem Fell, du Ratte, und Flock wollte auf ihn
losfahren. Aber sein Herr befahl: »Kuschen!« So drückte er denn die Augen halb
zu, leckte die Schnauze und wandte dem Händelsucher, der nicht aufhörte, ihm die
grössten Unannehmlichkeiten zuzukläffen, den Rücken.
    Flick setzte sich dicht an seine Seite, und die beiden streckten die Hälse,
wedelten mit den Schwänzen, öffneten die gewaltigen Rachen und gähnten laut und
herausfordernd.
    Inzwischen war die Einladung der Wonsheim angenommen worden. Maria ging,
sich umkleiden zu lassen, die Pferde wurden vorgeführt: Hermanns brauner Wallach
und Marias in letzter Zeit arg vernachlässigter Liebling Hadassa.
    Fünfjährig, mit feinem Kopf, schlankem Bug, breiter Brust, breitem Kreuz, -
tanzte sie einher auf elastischen, makellosen Füssen. Sie war wie grauer,
wolkiger Marmor und rabenschwarz ihre spärliche Mähne und ihr an der Wurzel
spitz zulaufender Schwanz. Als sie die fremden Pferde erblickte, warf sie den
Kopf empor; ihre dunkelbraunen, aus dem mageren Gesicht vorquellenden Augen
sprühten; sie blies die Nüstern auf, wieherte drohend und stieg plötzlich auf
den Hinterbeinen in die Höhe, dass der kleine Groom, der sie fest an den Zügeln
hielt, in der Luft baumelte wie ein Taschentuch.
    Alle lachten. Maria trat heran und streichelte den Hals der Stute. Hadassa
jedoch, ihr Gebiss kauend, im Sande scharrend, wich verdrossen vor der Gebieterin
zurück.
    »Nervos?« fragte die und schwang sich mit Hermanns Hilfe in den Sattel.
    Sie hatte nicht daran gedacht, den Tag mit einer Unterhaltung zu beginnen,
sich heute besonders viel vorgesetzt, war im ersten Augenblick unzufrieden
gewesen mit der eingetretenen Störung. Bald jedoch schien sie ihr eine Wohltat.
Erfrischend, belebend wirkte auf sie die rasche Bewegung in der tauigen Kühle
des Morgens. Die Nebel sanken, die Sonne stieg hinter den Laubwäldern empor, die
der Herbst schon bunt gefärbt hatte, und überglänzte ihr geschminktes Sterben.
    Die Reiter nahmen ihren Weg durch den Park. Sie kamen an dem Aussichtspunkte
vorbei, wo Marias erste Unterredung mit ihrem Bruder stattgefunden, wo sie die
ersten Worte mit ihm getauscht, der dem Verbrechen den Pfad zu ihr gebahnt
hatte.
    Vorbei - vorbei ... Trag mich hinweg, Hadassa! und sie führte unüberlegt
einen Streich mit der Gerte über die Schulter des aufgeregten Tieres. Hadassas
Empörung war grenzenlos. Sie bockte, schlug und gab ein Beispiel trotziger
Unbotmässigkeit, das bei den anderen Pferden Nachahmung zu finden begann.
    »Nichts mit ihr zu machen. Ich muss sie allein haben«, sagte Maria. »Wir
treffen uns beim Jägerhause.« Und sich jede Begleitung, auch die Hermanns,
verbittend, lenkte sie vom Wege ab auf das nahe Sturzfeld, in dessen weichem,
tiefem Boden Hadassa sich müde rennen sollte. Ein grüner Wiesengrund begrenzte
das Feld und bildete das Ufer des klaren, wasserreichen Flüsschens. Es war
dasselbe, das droben in den Bergen zu Füssen der Burgruine so prächtig übermütig
durch die Felsenriffe tobte.
    Von weitem schon sah Maria seine glatte Oberfläche blinken. Dort, auf
sanfter Bahn, im seichten Bette, hatte es ausgestürmt.
    Siehst du, Hadassa, für noch ganz andere Wildheit als die deine gibt's nach
dem Auf- und Abwogen der Hochflut die ruhige Ebbe des Gleichgewichts. Du glaubst
nicht an deine Zähmung, du Tolle? Warte nur, du musst erst müde werden.
Vorgeneigt bis auf den Hals der Stute, liess sie ihr die Zügel. Ein rasender, ein
wonniger Ritt, ein Flug über Gräben und Hecken. - Hadassa spürt nicht mehr den
Boden unter ihren Hufen. Hadassa ist ein Adler, ist der Sturm; von ihr getragen
zu werden und soviel Leben, Kraft, Feuer deiner Laune unterworfen fühlen, dem
Drucke deiner Hand - das ist Seligkeit. - Leugne sie, wer sie nicht kennt ...
Marias Herz öffnete sich ihr mit Entzücken. Sie atmete erquickt und frei; sie
war einmal wieder glücklich und ruhig, und in ihrem Innern war Frieden ... ...
    Wo hatte sie den gesucht? - in der Pflichterfüllung, im Wohltun, in ihrer
mit Begeisterung ausgeübten Kunst. Alles vergeblich. Der Frieden der Seele ist
zu finden auf dem Rücken Hadassas, im wilden Genuss eines sinnlosen Rennens und
Jagens. Das schäumende Ross, die glühende Reiterin sind von demselben Rausche
erfasst. Hadassa ist nicht zu ermüden, nur zu erhitzen, Maria ihrer Herrschaft
über sie nicht mehr so sicher wie früher. Um so schöner - es lebe die Gefahr!
Aug in Aug mit ihr wird das Vergessen am tiefsten ...
    Da war es gedacht und der Zauber gebrochen. Des Vergessens gedenken heisst ja
sich erinnern. Der Brust Marias entstieg ein Schrei und gellte unheimlich durch
die Stille. - Aber horch, es kam Antwort. Ein dumpfes, einförmiges Geräusch, das
aus der Ferne herüberdrang, gab sie. Dort am Ausgange der Waldschlucht stand
eine Mühle, und rastlos drehte sich ihr riesiges Rad, getrieben vom stürzenden
Bach ... Vorwärts! auf sie zu ... Hadassa biegt nicht aus. Ein herbes Lächeln
verzog Marias Lippen. - Armselig sogar an Erfindung ist das Leben. Alles
wiederholt sich. Das ist ja wie vor Jahren, als sie, fast noch ein Kind,
demselben Tod, dem sie jetzt entgegenjagt, entgegengetragen wurde. Einem
hässlichen Tod zwischen schwarzen, triefenden Speichen, und damals graute ihr vor
ihm - heute graut ihr nur noch vor dem hässlichen Dasein ...
    Bleich, die Augen weit geöffnet, näherte sie sich mit entsetzlicher
Geschwindigkeit ihrem Ziele.
    Da erfuhr sie etwas Seltsames. Ist das immer so vor dem Ende? - In alle
Seelentiefen fällt unendliches Licht; die Wurzeln des Fühlens und Tuns sind
entüllt. Seines täuschenden Schimmers entäussert, erscheint das Blendwerk der
Sinne und der Phantasie als ein hässliches Zerrbild. Aber die reine, von ihm
zurückgedrängte Empfindung prangt in herrlichem Glanze.
    - Nun wandeln zwei mutterlose Kinder die wohlbekannten Wege entlang, nun ist
das Herz des besten Mannes verwaist ... Warum? warum? Es hätte nicht sein
müssen. - Schade um das vernichtete Glück!
    »Maria!« übertönte eine Stimme das Rauschen der Fluten, »Maria!« und sie,
plötzlich zurückgerufen in das Bewusstsein der Wirklichkeit, fuhr zusammen und
riss die Zügel an.
    Hadassa bäumte sich, dann stand sie gestreckt mit rauchenden Nüstern, mit
zurückgelegten Ohren. Wo war sie hingeraten in ihrem närrischen Lauf? Was für
ein wasserspeiendes Ungeheuer war das, dem sie im Begriff gewesen in den Rachen
zu springen?...
    Sie erschrak, und zugleich freute sie sich, denn aus dem Winkel, wo das
brausende Scheusal sein Wesen trieb, kam ihr guter Kamerad und Stallnachbar, der
braune Bob, einher-getrabt.
    Auch er war aufgeregt, sein Reiter aber ganz ruhig, und der rief: »Was
gibt's, ist sie durchgegangen?«
    Maria stammelte ein undeutliches »nein«. Ihr war zumute wie einem auf der
Flucht ereilten Verbrecher. Mitten in fast übermenschlichem Ringen nach
Selbstbeherrschung erzitterte sie, von Schauern durchfröstelt. Die Augen
desjenigen, dem ihre letzten Gedanken gegolten, ruhten auf ihrem Angesicht.
Spiegelte es die Kämpfe wider, die sie eben durchgemacht?...
    Hermann hatte sein Pferd gewendet und ritt nun neben ihr an der Mühle
vorbei. Er neigte sich zu Maria, legte seine Hand auf die ihre und sagte: »Du
bist ganz blass.«
    »Wirklich?« Sie zog ihr Taschentuch und presste es an ihre Stirn.
    »Mir war bang, Hadassa - sie hat heute einen bösen Tag - könnte an der Mühle
nicht allein vorüber wollen. So bracht ich einen Begleiter.«
    »Aber wie kommst du hierher?«
    »Quer übers Feld. Du machtest einen Bogen, ich habe dir den Weg
abgeschnitten.«
    »Und noch Zeit behalten, mir in erhabener Bedächtigkeit entgegenzutraben?
Auch eine Leistung. Bravo, Bob!« Sie klopfte den Hals des schweiss- und
schaumbedeckten Pferdes: »Ich liebe dich.«
    Hermann lachte sie an: »Der Glückliche, sein Herr beneidet ihn.«
    »Hat keinen Grund dazu«, sagte sie ernst und warm.
    Er drückte ihre Hand, die er noch immer in der seinen hielt: »Das sagst du
ja, als ob es dir leid täte«, versetzte er im früheren Tone. Aus seinem Blicke
sprach lautere Seligkeit und weckte einen Widerschein in der Seele Marias.
    Was ihr vorhin gedämmert hatte, es durchdrang sie jetzt mit dem Lichte und
mit der Kraft sonnenklarer Überzeugung. Das Beste und Höchste an ihr, das, worin
alle edlen Eigenschaften ihres Wesens gipfelten, war die langsam gereifte Liebe
zu diesem Manne.
 
                                       14
Von nun an liess sich Maria nicht mehr lange bitten dabeizusein, wenn »etwas los«
war bei Wonsheim. Aus der Rolle einer Zuseherin ging sie bald zu der einer
Mitwirkenden und endlich einer Anführerin über. Schwungvoll wie eine Kunst,
nicht mit der Nüchternheit eines Handwerkes wollte sie den edlen Sport betrieben
sehen. Den der Jagd zum Beispiel, an dem Carla und Betty leidenschaftlich Anteil
nahmen. Was man so vortrefflich auszuüben versteht, soll auch schön ausgeübt
werden.
    »Machen wir ihnen eine Freude«, sagte sie zu Hermann, »lassen wir für ein
paar Tage das Goldene Zeitalter der Jagd wieder aufleben, zaubern wir uns an den
Hof Augusts des Starken oder nach dem Jagdschloss Blankenburg. Veranstalten wir
ein Fest, bei dem einmal gezeigt wird, was das Haus Dornach vermag; denke nur,
dass ich selbst es noch nie in seinem Glanze gesehen habe.«
    »Ein schweres Versäumnis«, erwiderte er, »aber wir wollen es gutmachen.«
    Die öden, immer verhangenen Prunksäle wurden dem Licht und der Luft
geöffnet, und es zog wie ein Erwachen durch die Räume. Ein leises Knistern erhob
sich in dem alten Schnitzwerk und Getäfel der Wände, ein plätscherndes Geräusch
in den meergrünen, goldbefransten, vom Winde, der durch die Fenster drang,
geblähten Vorhängen und Draperien. Die Prismen der kristallenen Kronleuchter
schlugen lustig aneinander mit feinem, hellem Klang. Und erst auf dem Orchester
im Tanzsaale, wie ging es da zu! Da wurde gestimmt und geübt und Straussische
Musik einstudiert. Eine stürmische Auferstehung für die Streich-und
Blasinstrumente, die geruht hatten in ihren Särgen, seitdem sie der längst
vergessenen Weise eines Menuets à la reine ihre Stimmen geliehen. Der greise,
immer mürrische Schlosswärter, der sich als der eigentliche Schlossherr
betrachtete, griff ungern genug auf Hermanns Befehl nach seinem Schlüsselbund.
Und die eisenbeschlagenen Eichenschränke in der Silberkammer lieferten die
Schätze aus, die ihr Hüter sorgsam pflegte und geizig verbarg vor der Neugier
der Laien. Da kamen sie hervor und schmückten die Tafel im grossen Speisesaal,
die phantastischen Aufsätze und Trinkschiffe, die Nautilusschalen, die
romanischen Pokale und die gotischen mit ihren kleinen durchbrochenen Türmen,
Spitzbogen und Fialen. Kannen, Becher, Schüsseln in bewunderungswürdig
getriebener Arbeit, mit Figurenreliefs, eingeschmolzener Emaillierung,
eingesetzten Edelsteinen, Triumphe der Goldschmiedekunst, die Hand Jannitzers,
Eisenhoidts, Dinglingers verratend, dieser bescheidenen Meister einer
Kleinkunst, aus deren Werkstätten so viele grosse Künstler hervorgegangen sind.
    Die Einladungen zu dem Feste waren im Stile des 18. Jahrhunderts verfasst.
Die »Cavaliere und Dames« wurden gebeten, nach dem Kesseltreiben, das an der
Stelle des historischen Fuchsprellens abgehalten werden sollte, »in
grünsammetener, mit Silber verschamerierter Kleidung« beim Mahle zu erscheinen.
Zur Jagd selbst kamen die Gäste natürlich in beliebigem Kostüm: »Je schäbiger,
je schickiger!«
    Carla und Betty Wonsheim, die das Wort erfunden hatten, brachten es zu
Ehren, sahen jedoch nicht vorteilhaft aus in ihren zerdrückten Hüten, ihren
alten Paletots, kurzen Röcken und abgetragenen Schnürstiefeln.
    Wenn aber die Herren mit ihren ledernen Jagdhosen die Zimmer putzen lassen,
um ihnen jeden Schein von Neuheit zu benehmen, dürfen die Damen nicht
zurückbleiben, und auch ihre Ausstaffierung muss die Spur von hundert blutigen
Schlachten gegen Haar-und Federwild tragen.
    Als die Gäste versammelt waren, fand, frei nach Döbel, der Aufzug statt, den
Willy, Wilhelms Erstgeborener, mit dem blossen Hirschfänger in der Rechten
anführte. Ein ergötzliches Schauspiel, bei dem weder die Schar der Leute im
»wilden Mannshabit« noch der Künstler, der den »pohlnischen Bock« pfeifen
konnte, noch der Waidmann fehlte, der das Parforcehorn musikalisch zu blasen
verstand.
    Die Gesellschaft spendete reichlichen Applaus und bestieg in bester Stimmung
die Wagen, die sie nach dem Revier brachten, wo der erste Trieb stattfand. Der
letzte sollte die Jäger am Nachmittag in die Nähe des Schlosses zurückführen,
und diesen versprach Maria, den Bitten aller nachgebend, mitzumachen.
    Zur bestimmten Stunde verliess sie das Haus. Es war kalt, ein scharfer Nord
hatte sich erhoben, fegte den dünnen, harten Schnee in die Gräben und Mulden und
blies von Zeit zu Zeit einen Schauer feiner Eisnadeln über die Felder.
    Still und schweigend kamen die Jäger heran, die flügelführenden an der
Spitze. Der Ordner befahl Halt, und nun teilte sich der Zug. In gleicher
Entfernung von dem anderen ging je ein Schütze zwischen zwei Treibern seinem
Stande zu.
    Seit ihrer Kindheit hatte Maria nicht mehr an einem Kesseltreiben
teilgenommen und nur einen verworrenen Eindruck davon behalten. Nun schritt sie
neben Clemens, dem sie schon am Morgen ihre Begleitung zugesagt hatte und der
ihr ganz merkwürdig vorkam. Eine heftige Aufregung spiegelte sich in seinem
sonst so phlegmatischen Gesicht; aber er blieb stumm.
    Der Kreis war geschlossen, die Jäger begannen vorzurücken.
    Alles noch regungslos da drin in dem seichten, leicht beschneiten
Ackergrunde, der sich gleichmässig senkt und dann wieder erhebt bis zur Einhegung
des Parkes.
    »Die Hasen waren klug«, sagte Maria. »Sind alle fort, im Walde.«
    »Sind da, ducken sich nur«, antwortete Clemens.
    Die Treiber begannen ihre Klappern zu rühren. Ein zerlumpter Junge in
durchlöcherten Socken sprang vor Maria her, offenbar in der Absicht, von ihr
bemerkt zu werden. Er jagte auch wirklich einen Hasen auf. Dann rückten drei
andere nach, vier, sechs ... Der erste Schuss knallte, ein grosser, fetter Hase
stürzte und blieb auf der Stelle.
    »Das war die Betty«, murmelte Clemens, und ein Ausdruck leidenschaftlichen
Neides umzuckte seinen Mund. Seine Hände zitterten, er schoss und fehlte, schoss
wieder und traf, aber schlecht. Auf drei Läufen sprang sein Opfer dem nächsten
Nachbarn in den Schuss. Nun nahm er sich zusammen, nun war er wieder er selbst.
Wohl dem Meister Lampe, der ihm kam, er hatte nicht lange zu leiden.
    Der Kreis wurde immer enger, es wimmelte von Wild. - Aus der Erde schien es
zu wachsen, erhob sich aus jeder Furche, sprang hinter jeder Scholle hervor,
wandte alle seine Finten vergeblich an, stürzte herum im Wahnsinn der Angst,
schrie, dass es einen Stein erbarmt hätte - und Jägern Vergnügen machte. Und erst
dem Volke! Welchen Feiertag begeht heute das Volk!
    Das feigste Tier, das völlig wehrlose zusammentreiben auf einen Fleck, damit
es dort lustig niedergeknallt werde, nachhelfen mit dem Stock, wenn das Gewehr
sein Werk nur halb getan, totmachen, so recht nach Herzenslust und noch Geld
dafür kriegen, das ist ein Gaudium für den armen Mann und für sein Kind eine
Schule, in der es etwas lernen kann.
    Der letzte Trieb, der schönste Trieb. Wer hätte das erwartet! Die meisten
Herren und alle Damen wurden von einem Rausch ergriffen. Angesichts solcher
Massen Wildbrets wird der kaltblütigste Jäger hitzig. Das Abc der Wissenschaft
geht ihm verloren; er zielt kaum mehr, kümmert sich nicht darum, ob »das
Material« zuschanden geschossen wird.
    Die Strecke bedeckt sich mit totem, verendendem, verstümmeltem Getier. Es
düngt den Boden mit seinem Schweisse; es wird geknickt, erwürgt; die Treiber
binden ihm die Hinterläufe zusammen und beladen ihre Stöcke mit der noch
zuckenden Beute.
    Maria hatte weggeblickt. Widerwillen, Ekel, ein grosses Staunen erfüllte sie:
die sich da ergötzen an den Qualen eines armseligen Geschöpfs, das sind lauter
gute Menschen.
    »Gräfin, schauen S' her«, rief Clemens mit seinem heitersten Lachen.
    Auf zehn Schritte von ihm hatte ein alter blinder Hase sich hingepflanzt und
machte ein Männchen. Beide Löffel waren ihm abgeschossen, und die Farbe lief
über seine erloschenen Lichter. Er wischte sie mit den Vorderläufen langsam ab,
schüt-telte sich, loste nach rechts und nach links, senkte traurig seinen
kugelrunden Kopf und sah unglaublich dumm aus.
    »Den Gnadenstoss, ich bitte um den Gnadenstoss für ihn«, sprach Maria.
    Clemens gab Feuer. Der Hase lag und - unweit von ihm der kleine Treiber, der
aus vollem Halse schrie und ein Bein in die Höhe streckte.
    »Patzer!« rief Betty herüber.
    Im selben Augenblick gab der Hornist das Zeichen zum Schluss.
    Maria war auf den Verwundeten zugeeilt, Clemens folgte ihr langsam nach.
Doktor Weise kam mit Riesenschritten heran. Er trug eine Mütze mit Ohrklappen,
stak in einem Pelze, der ihm die Form eines Schilderhauses verlieh, und war mit
doppelt soviel Jagdrequisiten behangen, als er hätte verwenden können. Mühsam
kniete er neben dem Jungen nieder, untersuchte ihn genau und sprach: »Ich
konstatiere, dass dieser adolescentulus an der sura des linken Beines von einem
Schrot gestreift worden ist.«
    »Das ist alles, wirklich alles?«
    Weise nickte: »Alles.«
    Nun erhob der Bursche ein Geschrei, gegen das sein früheres nur ein Säuseln
genannt werden konnte. Er tobte und kreischte: »Ich hab eins, der Herr Doktor
vergunnt mir's nit, der Herr Doktor lugt. Ich hab eins, ich hab ein Schrot und
krieg fünf Gulden!«
    »Immer die alte Komödie«, sagte Clemens.
    Der Doktor aber sprach, nachdem er dem Patienten eine Maulschelle
verabreicht und sich mit Hilfe zweier Jäger aufgerichtet hatte: »Verzeihen, das
ist Ihre Schuld, Herr Graf. Wenn man jedem angeschossenen Treiber fünf Gulden
fürs Schrotkorn bezahlt, darf man dann nicht staunen, dass sich die Leute auf so
leichte Art etwas verdienen wollen.«
In drei Sälen des Schlosses wurden die Gäste »magnifique traktieret«. Hermann
erhob sich und leerte sein Glas »auf aller braven Jäger Gesundheit«. Die
Hiftörner bliesen, und zum Finale liessen die Jägerburschen das Waldgeschrei
ertönen.
    Es war das stilvollste Fest, das man denken konnte, und mit weit mehr
historischer Treue ausgerichtet, als der grösste Teil der Gesellschaft zu
würdigen verstand. Doch freute sich jeder an der entfalteten Pracht, am Reichtum
und Geschmack der Kostüme.
    Besondere Bewunderung erregte Carla Wonsheim, die entzückend aussah in ihrem
grünen, mit weissem Atlas ausgeschlagenen Sammetgewand und dem dunkeln
Federbarett auf ihrem hübschen Kopfe. Sie schien in einem Diamantenregen
gestanden zu haben, denn sie war vom Scheitel bis zu den Füssen mit einzelnen
dieser funkelnden Edelsteine wie übersprüht.
    »Wen stellen Sie vor?« fragte eine junge, schlanke Landedel-frau mit
auffallend schönen Augen, Baronin Wlasta Wynohrad. Die Damen Wonsheim waren ihr
wie Sterne aufgegangen an ihrem beschränkten Horizont, und sie kannte keinen
höheren Ehrgeiz, als in der Nähe ihrer Idole geduldet zu werden.
    »Wen ich vorstelle? - das weiss die Frau vom Haus«, gab Carla zur Antwort,
»die hat unsere Kostüme vorgeschrieben.«
    »Das meine nicht! Ich lasse mir nichts vorschreiben. Ich bin die Pfeife,
nach der bei mir alles tanzt. 18. Jahrhundert, Jagdkostüm - va bene. Das weitere
ist meine Sache.«
    Carla liess einen »unvertrauten« Blick über die Toilette der Baronin gleiten
und dachte: Nicht recht präsentabel, die brave Frau.
    Diese zog ihre mageren Schultern in die Höhe, streckte den langen Hals und
liess die Freudenbotschaft von ihren Lippen schweben, dass sie den nächsten Winter
in Wien zubringen werde.
    »So?« sprach Carla.
    »Ja, ja, und ich werd schon oft zu Ihnen kommen und Sie bitten, dass Sie sich
meiner annehmen. Die Wiener Société ist sehr unfreundlich gegen neue
Erscheinungen.«
    »Nur, wenn sie un-comme-il-faut sind.«
    »Na, das ist natürlich - gegen die bin ich geradeso ... Aber je, da schauen
Sie her! die Wilhelmischen fangen schon an zu tanzen. Komm ... Oh weh!«
unterbrach sie sich, »jetzt hab ich mich wieder versprochen, ich bitt um
Verzeihung!«
    Ihre Entschuldigung wurde mit einem Kopfnicken quittiert. Sie liess sich
dennoch nicht abschrecken. »Gehen wir in den anderen Saal«, sprach sie und schob
zutunlich ihren Arm unter den der Gräfin.
    »Der Tausend«, lachte die, »wir sind ja sehr intim, wir zwei! Davon hab ich
noch gar nichts gewusst.«
    Wlasta errötete bis an die Ohren, und Carla fuhr unbarmherzig fort: »Warum
denn nicht? als Nachbarn auf dem Lande;das hat keine Konsequenzen - in der
Stadt, mein ich. Man ist dort schrecklich in Anspruch genommen. Ich könnt Ihnen,
sehen Sie, liebe Baronin, nicht einmal eine Stunde geben, zu der ich zu treffen
bin.«
    Die Baronin war nahe daran, von einem Herzkrampf ergriffen zu werden. Sie
rang nach Atem und brachte mit niedergeschlagenen Augen und gebrochener Stimme
die Worte hervor: »Ich bin eine geborene Zastrisl.«
    »Nein, was Sie sagen!« erwiderte Carla mit heiterem Erstaunen über diese
blendende Entüllung. Dann ging sie, gefolgt von ihrem sehr düster gewordenen
Schatten, auf Maria zu, die, umringt von einigen äusserst beflissenen Herren, auf
einem Sofa, der offenen Tür des Tanzsaales gegenüber, sass.
    »Die Baronin«, sprach sie, »möchte wissen, wen ich vorstelle.«
    »Du bist«, lautete die Antwort, »die lebendige Nachbildung eines Porträts
der Gemahlin des Herzogs Rudolf von Braunschweig-Lüneburg.«
    »Lüneburg? Hab mein Lebtag nichts von dem Neste gehört.«
    »Ich auch nicht, aber jetzt merk ich mir's«, sprach Betty, die gleichfalls
herangetreten war und die Hand auf Marias Schulter legte. »Man wird so gelehrt
in Dornach. Es geschieht alles mögliche für die Bildung der Gäste. Das heutige
Fest, zum Beispiel, hast du, wett ich, nur arrangiert, um uns hinterrücks etwas
aus der Geschichte beizubringen und aus der Geographie.«
    »Solche Lektionen kann man sich schon gefallen lassen«, fiel Carla ein, und
Betty rief: »Oh, wie hab ich mich unterhalten! Es war furchtbar lustig.«
    »Und was denn am lustigsten?« fragte Maria.
    »Die Jagd natürlich. Ich hab einunddreissig Hasen geschossen und einen
Fuchsen, den mir übrigens mein schussneidiger Mann abdisputieren will. Und du
hast dich doch auch unterhalten?«
    »Auf der Jagd nicht.«
    Die kleine Frau war ausserordentlich erstaunt: »Wie kann das sein?«
    »Es ist mir eingefallen, dass wir uns an Qualen ergötzen. Der Anblick der
jämmerlich zugerichteten Tiere hat mich verstimmt.«
    »Entschuldigen Sie, Gräfin, das ist Empfindelei«, sprach ein jugendlicher,
etwas affektierter Diplomat.
    »Behauptet die Gedankenlosigkeit«, versetzte Maria halblaut, wie zu sich
selbst redend.
    In ihm aber brodelte es vor Unwillen; fast wäre er aufgefahren. Gestern erst
hatten einige seiner hier anwesenden Freunde von Marias Unnahbarkeit gesprochen,
und er hatte sich in die Brust geworfen und mit offenkundiger Absicht gesagt:
»Ja, ja, ihr zu gefallen ist nicht leicht. Man muss eben geistreich sein.«
    Und jetzt, und noch dazu in Gegenwart der Zeugen seiner Prahlerei:
Gedankenlosigkeit! Er wollte eine schlagende Antwort geben, da ihm aber nichts
besonders Passendes einfiel, entschloss er sich zu schweigen. Die kleine
Beschämung, die er erlitten hatte, war verschmerzt, als Carla sich mit den
Worten zu ihm wandte: »Ich bin Ihnen noch einen Walzer schuldig vom Fasching
her. Soll ich bezahlen?«
    Sehr geschmeichelt erhob er sich und wirbelte mit ihr davon.
    Vetter Wilhelm aber, der bei Wonsheim in hohen Gnaden stand, musste mit Betty
tanzen, um zu büssen für den schmachvollen Verdacht, den er geäussert hatte, dass
sie müde sei.
    »Was? müd - ich?... Ich bestell mir ein Pferd her um sechs Uhr früh und mach
noch einen Ritt von ein paar Stunden.«
    Wilhelm lachte: »Ganz wie ich, damals, als ich noch Leutnant war bei Kaiser
Nikolaus-Husaren.«
    Maria blickte sinnend, mit immer unbeweglicher werdenden Augen, in das
Gewühl fröhlicher, geputzter Menschen, und was sie sah, war seltsam. - Das
glänzende Bild goldbetresster Herren, von Juwelen strotzender Damen, des
altertümlichen Prunkgemachs, worin sie sich bewegten, wurde durchscheinend und
verschwand schemenhaft von einem tief dunklen Hintergrunde. In dem war ein
Brausen und Grollen, wie es dräut im sturmgepeitschten Meer. Die Wellen türmten
sich bis zum Himmel, stürzten in unermessliche Tiefen, stiegen wieder empor, um
wieder zu sinken, ein ewiges Auf und Nieder.
    Und ein Wehgeheul entrang sich diesem grausen Getümmel gejagter, jagender,
verschlingender, verschlungener Wellen: denn sie bestanden aus Tier- und
Menschenleibern; sie waren das gequälte Geschlecht der Lebendigen, und der
Ozean, der diese Fluten rollte, war ein Ozean des Leidens ...
    Manchmal erglänzte hoch am Horizont ein blinkender Stern, und Millionen von
Menschenherzen erhoben sich, sehnsüchtige Augen tranken lechzend sein zitterndes
Licht. Aber nicht lange, und sie wussten: Der ihnen dort erglommen, der
verheissende Schein, war nur ein Widerschein des Trostverlangens, der Hoffnung -
in ihrer eigenen Brust.
    Und weiter rollt der Ozean des Leidens seine stöhnenden Fluten.
    Aber sieh! - was kommt auf ihnen dahergeschwommen?... In bewimpeltem
Schifflein eine lustige Schar übermütiger Männer und Frauen. Sie scherzen, sie
spielen, sie liebeln und fahren sorgenlos hin - demselben Ende zu, das der
Gepeinigten wartet ...
    »Woran denkst du?« fragte plötzlich eine sanfte Stimme. Maria schrak auf wie
aus einem Traume. Helmi stand neben ihr.
    Und andere kamen, und der Diplomat machte ihr auf Tod und Leben den Hof, und
Clemens Wonsheim fühlte mit Missbehagen, dass er einmal wieder im Begriff sei,
sich in die Frau eines seiner Bekannten zu verlieben, und sagte sich selbst:
Unsinn, dabei schaut wirklich nix heraus.
    Einmal im Laufe dieser Nacht trat Maria an die Glaswand des Altans und schob
den Vorhang zurück. Da lag vor ihr die weite, beschneite Landschaft,
weissschimmernd, heller als der Himmel. Oh, diese anbetungswürdig schöne und doch
peinerfüllte Erdenwelt ... Dein Werk, du unbegreiflicher, unbekannter Gott ...
Sie besann sich eines Spruchs, den sie in einem alten Buch gelesen, und der
lautete:
Als Vorsehung magst du ihn hassen,
Den Künstler musst du gelten lassen.
Einst hatten diese Worte ihr religiöses Gefühl verletzt ... Einst!
 
                                       15
Das Fest in Dornach rief eine Reihe mehr oder minder glücklicher Nachahmungen
hervor. Es gab Bälle auf allen Schlössern der Umgebung, sogar bei Wilhelms wurde
getanzt, zum ersten Male, seitdem sie Haus hielten. Später kam der Eissport in
Aufschwung, und man huldigte ihm auf das eifrigste. Da zeigte sich Gustav
Wonsheim in seinem Glanze.
    »Wenn's friert«, sagte Carla, »dann kommt mein Mann in Feuer.«
    Er fuhr wie ein Norweger auf dem Schneeschuh bergab und bergan; er verstand
die Eispike zu gebrauchen wie ein Holländer; auf dem Eislaufplatz beschämte er
den Amerikaner Haynes. Seine Unermüdlichkeit im Veranstalten immer neuer
Wintervergnügungen im Freien war erstaunlich.
    Im Dezember dieses Jahres gewann er, ohne Notiz davon zu nehmen, die Herzen
von sechzehn benachbarten Damen;doch wandten sie sich im Februar fast alle von
ihm ab, als ihn Hermann bei einem tollkühnen Schlittenrennen glorreich besiegte.
    Die Zeit verrann. Von Woche zu Woche wurde in Dornach und in Rakonic die
Abreise nach Wien verschoben und endlich ganz aufgegeben. Die Balzjagden hatten
begonnen, die Herrschaften fuhren fort, sich auf dem Lande prächtig zu
unterhalten.
    Maria führte ein eigentümliches Doppelleben. Heute eine zweite Elisabet von
Türingen, morgen eine Vollblut-Sportslady, die das starke Geschlecht oft
übertraf an Kühnheit und »Schneid«.
    »Ein Mordsweib, die Dornach«, sagte Clemens seufzend zu seinem Bruder. Und
Gustav erwiderte zwischen zwei Zügen seiner Zigarette: »Das weiss der Teufel!«
    Clemens liess sich in seinem Fauteuil hinabgleiten, streckte die Beine weit
aus und legte den Kopf zurück. »Wie sie gestern so scharf hereingfahren is!«
sprach er. »Auf einmal ruft die Betty sie an. Ein Ruck - und die Braun' stehn
wie die Mauern.«
    »Ich sag's ja, als four-in-hand-Kutscher kommt ihr keiner nach.«
    »Das Aug, die Hand und - die Ruh.«
    »Der Kerl, der Hermann, der hat ein Mordsglück mit der Frau.«
    Dem Beneideten indessen schien das, was die hohe Zustimmung der Nachbarn
erweckte, ein unheimliches Wunder. Er suchte sich die leidenschaftliche
Zerstreuungssucht Marias als einen Rückschlag gegen ihre frühere Melancholie zu
erklären. Pendelschwingungen der Seele, von dem Äussersten zu jenem, die nichts
sind als Vorbereitungen zur Rückkehr in ihre schöne, wohltuende Gleichmässigkeit.
    Eines Morgens kam Maria heim nach wildem Ritte durch die kaum wegsam
gewordenen Wälder. Aus ihren schweren Flechten, die sich nicht völlig unter den
Hut hatten zwängen lassen, standen die Spitzen der Haare hervor, glänzend wie
Seide; unbändige Löckchen kräuselten sich über den aufgeregt funkelnden Augen,
die schlanken Nasenflügel zitterten, zwischen den leicht geöffneten Lippen
blinkten die weissen Zähne hervor. Hastig berichtete sie von einer neuen
Verabredung mit Wonsheims für den Abend.
    Eine Regung der Eifersucht durchzuckte das Herz ihres Mannes; doch machte er
sich sogleich einen Vorwurf daraus. »Du hast dich unterhalten?« fragte er.
    »Oh, königlich!« gab sie zur Antwort, und er strich leise über ihre
geröteten Wangen: »Den nächsten Winter verleben wir in der Stadt, wenn es dir
recht ist. Auf dem Lande haben wir zu wenig Ruhe, was meinst du?«
    »Was du meinst«, gab sie zur Antwort, und seine unausgesprochene Rüge
verfehlte nicht ihre Wirkung.
    Maria besann sich auf sich selbst. Ein Wort Hermanns hatte sie aus dem
Rausche geweckt, in dem sie eine Art von Frieden gefunden.
    Nun wollte sie mehr als seinen Schein, sie wollte ihn selbst wiedergewinnen,
den echten Frieden, ohne den das Leben nutzlos und töricht ist.
    Sie begann ihn zu suchen im Buch der Bücher, in den Worten der Schrift, die
sich nicht an die kalte Tugend wenden, die für den reuigen Sünder gesprochen
sind. Ihm gelten diese Verheissungen, dem armen Zöllner, der büssenden Magdalena
öffnen sich Vaterarme.
    Maria erflehte und erhielt Entsühnung durch den Mund eines ehrwürdigen
Priesters und blieb vor sich selbst - unentsühnt.
    »Was hilft Ihre Verzeihung, mein Vater, wenn ich mir nicht verzeihen kann?«
fragte sie, und der alte Seelenhirt erwiderte:
    »Hat meine Tochter vergessen, dass es die Verzeihung des Allbarmherzigen ist
und nicht die meine, die sie in der heiligen Beichte empfängt?«
    »Wenn es die Verzeihung Gottes ist, warum fühle ich ihre Segnungen nicht?
Warum trete ich von dem Tische des Herrn mit so schwerem Herzen hinweg, als ich
ihm nahte?«
    Ihr Gewissensrat holte vergeblich Trostgründe ohne Ende aus dem
unerschöpflichen Born des Glaubens hervor, dessen treuer Bekenner er war.
    Sie lag vor ihm auf den Knien im Beichtstuhl der Schlosskapelle, das
Angesicht mit den Händen bedeckt, und schluchzte.
    Der Priester liess einen Blick voll Wehmut über die Ringende gleiten und
sagte nach langem Besinnen: »Die Wege des Herrn sind unerforschlich. Es ist
schon vorgekommen, dass ein reiner Mensch mit Zulassung Gottes in der Versuchung
unterlegen ist. Das geschieht, damit dieser Mensch sich nicht überhebe in seiner
Tugend. Er fiel, ja, aber - dem Allgütigen zu Füssen, dessen er im Frevelmute
vergessen und zu dem die Reue ihn zurückgeführt. Dort liegt er fortan in Demut
und Zerknirschung, einer von denen, die dem Herzen des Ewigen näherstehen als
hundert Gerechte.«
    Er gab ihr seinen Segen. Sie erhob sich stumm, und nie wieder klagte sie ihm
ihr Leid.
    Der alte Geistliche aber beugte seinen kahlen Scheitel in frommer Einfalt
vor dem Bilde des Gekreuzigten bis zur Erde und sprach ein heisses Dankgebet: Sei
gepriesen, dass du auf die Lippen deines unwürdigen Dieners die Worte legtest,
die eine Seele vor der Verzweiflung gerettet haben.
    Maria ging von nun an ihren Weg allein und suchte nicht mehr nach Betäubung
oder Stütze. Äusseren Gleichmut hatte sie endlich errungen, der half ihr die
schwere Seelenpein verbergen, ja, er wuchs mit ihrem Streben nach
Vervollkommnung. Sie war nachsichtslos gegen sich selbst, wenn es die Erfüllung
auch der geringsten Pflicht galt - und hatte gegen ihre erste und höchste
gesündigt. Sie trug das verfeinertste Rechtsgefühl in der Brust, und - neben ihr
wuchs die Frucht des Unrechts auf; ein Eindringling, ein kleiner Dieb, der
genoss, was ihm nicht zukam. Über ein schmerzliches Mitleid ging die Empfindung
Marias für das Kind nicht hinaus.
    Aber Hermann, Vater und Sohn, schienen ihm die Zärtlichkeit ersetzen zu
wollen, die seine Mutter ihm versagte. Der vierjährige Majoratserbe, ein grosser,
stämmiger Junge, der so kühn und stolz einherging, als ob die Erde ihm gehörte,
zerschmolz vor dem »Kleinen« in Liebe und Ergebenheit. Seiner Natur nach
kriegerisch und immer aufgelegt, zum Schlage auszuholen mit seinen Fäustchen,
entfaltete er jeder Laune seines Nachgeborenen gegenüber eine erstaunliche
Geduld. Er parierte seine hölzernen Pinzgauer im sausendsten Galopp, wenn Erich
mit Tränen in der Stimme rief: »Genug, die Pferde sind schon müd.«
    Überlegen lächelnd sah Hermann zu, wie sein Bruder die Gäule unter einer
Gartenbank vor ihm versteckte, sie fütterte und sie zudeckte mit dem
Taschentuch.
    Der Grosse beschützte den Kleinen bei hundert Gelegenheiten; dieser
beschützte die Hunde vor Hermanns derben Zärtlichkeiten. In solchen Fällen gab
es Püffe; doch immer war's der Schwache, der sie versetzte.
    Ein festes Band zwischen den Geschwistern war die Freude am Erzählen des
einen, die Freude am Zuhören des andern. Es glänzte etwas wie Verehrung in
Erichs Augen, wenn er den Geschichten seines Bruders lauschte. Diese hatten eine
merkwürdige Ähnlichkeit untereinander und handelten immer wieder von der Wüste,
vom Sturm und von den Löwen. Manchmal, wenn sich die Wüste so unermesslich
dehnte, dass sie grösser wurde als die Wiese drüben hinter dem Bach, und wenn der
Sturm es zu wild trieb und die Löwen zu blutdürstig wurden, da überlief's den
Kleinen; sein Gesichtchen zog sich in die Länge, er verschränkte seine Finger
krampfhaft über den Knien und liess den Kopf auf die Brust sinken.
    Glücklich über den Erfolg seiner Erzählungskunst, warf Hermann den Kopf in
die Höhe und rief: »Und ich werd hingehen und die Löwen totschiessen!«
    Das war der Höhepunkt seines Triumphes, und er genoss ihn ungestört, bis
eines Tages der Kleine aufsprang, die Arme ausbreitete und völlig begeistert
sprach: »Und Erich wird zuerst hingehen und wird den Löwen zu essen geben.«
    Von Stund an begann er, den Gedanken an die Reise zu den Löwen mit einer
weit über seine Jahre gehenden Beharrlichkeit nachzuhängen. Der Richtung
zugewandt, die Hermann als diejenige bezeichnet hatte, in der die Löwen wohnen,
konnte er ganz in Gedanken versinken und still und freudig lächeln, als ob die
schönsten Bilder vor ihm auftauchten.
    Seine Mutter bekämpfte den Hang zur Träumerei in dem Knäblein. Sie lehrte
ihn spielen; sie zürnte, wenn sie ihn müssig fand. Doch selbst ihr Zürnen war ihm
Glück und Gnade, sie beschäftigte sich ja mit ihm. Er hörte ihr zu, stand wie
ein Bildsäulchen und blickte mit seinen strahlenden Augen andächtig zu ihr
empor.
    Maria hielt den liebewerbenden Blick des Kindes nicht lange aus.
    Sie trat fort von ihm, sie fragte sich schaudernd: Sieht denn niemand ausser
mir diese entsetzliche Ähnlichkeit? - Niemand, antwortete ihr die Unbefangenheit
der Ihren, der Fremden, eines jeden, der dem Kinde nahte und in Bewunderung des
reizumwobenen Geschöpfchens ausbrach.
    Sein besonderer Verehrer war der Doktor, obwohl er sonst gesunden Kindern
keine Beachtung schenkte. »Der Herr Graf Erich soll, wie ich höre, geistlich
werden«, sagte er zu Lisette, die lange mit ihm geschmollt, es aber zuletzt
aufgegeben hatte, weil er so gar nichts davon bemerkte. »Da prophezeie ich
Ihnen, aus dem macht man keinen Domherrn. Der bleibt nicht im Lande - der wird
ein heiliger Reisender, ein Missionär. Schon jetzt ein Menschen- und Tierfreund
und dazu einen unwiderstehlichen Zug hinaus ins Universum.«
    Die gute Helmi und Wilhelm sagten oft, dass sie sich einen Neunten gefallen
liessen, wenn er ein Seitenstück zu Erich wäre: »So poetisch schöne Kinder sind
gewöhnlich kränklich, dieser aber sieht aus und befindet sich wie ein Cherub.«
    Den Vergleich hatte zuerst Gräfin Agate angewendet. Sie entriss sich des
bevorzugten Enkels wegen früher als sonst ihrer klösterlichen Einsamkeit. Den
scherzenden Vorwurf Hermanns, er hätte nie geahnt, dass sie so schwach und
nachsichtig sein könne, wie sie es gegen seinen zweiten Sohn war, liess sie sich
gern gefallen. - Er erinnerte eben an seinen Grossvater.
    Die Gräfin hatte das festgestellt, und es blieb für die Mitglieder der
beiden Häuser Dornach ein Familiendogma, was soviel heisst als ein Satz, an dem
der gesunde Menschenverstand und die tiefste Einsicht zuschanden werden.
    Als der Fasching heranrückte, mahnte die Mutter Hermanns ihn und Maria von
neuem an ihre Pflichten gegen die Gesellschaft. Graf Wolfsberg, mit Geschäften
überhäuft und dadurch an Wien gebunden, sehnte sich nach seiner Tochter. Gräfin
Dolph schrieb:
»Ihr seid noch zu jung, um ganz zu verlandeln. Kommt, obwohl hier nicht viel los
ist. Die Menschen werden immer dümmer und ihre Manieren immer schlechter. Früher
wusste ich genau, ob ich mit einem Fiaker rede oder mit einer Komtess, jetzt irre
ich mich alle Augenblick. Ob es noch junge Herren gibt, werdet wohl Ihr
erfahren; eine alte Frau, bei der man etwas Geist, den Erbfeind dieser Rasse,
vermutet, kann sie für ausgerottet halten. - Ich gehe mit dem Gedanken um,
literarische Abende zu veranstalten, aber - die Literaten sind sämtlich
Ateisten - meine Nulle ist dagegen. Um diese Seele sind wir im Streite, der
liebe Gott und ich. Ich glaube, ich werde sie ihm überlassen.
    Euere Wonsheim haben mich besucht. Beide Männer sind in Dich verliebt,
Maria, zwei Waschbären, die den Morgenstern anschmachten. Sobald von Dir
gesprochen wird, schnappen ihre Gesichter in die Falten der Demut ein.
    Die besseren Hälften Wonsheim fangen an sich zurückzuziehen. Aus Gründen,
die man - wahrscheinlich um über ihre bitterliche Prosa hinwegzutäuschen -
interessante nennt.
    Liebes Kind, mein Horace Walpole beschämt sein Urbild;er schreibt mir nicht
nur bewunderungswürdige und ergötzliche, sondern auch liebevolle Briefe.
Freilich wagt er nicht viel dabei, auf diese Entfernung. Das ist mein Schicksal.
Der einzige gescheite Junggeselle auf Erden und - Meere zwischen uns. Immer die
alte Geschichte, alles Wiederholung auf dieser Erde, die ja selbst keine
Originalschöpfung des lieben Herrgotts, sondern nach einem vom Teufel
verfertigten Modell ausgeführt ist. Ich hab's aus sicherer Quelle.
    Und nun sage ich Euch nochmals: kommt! reisst Euch los von Eueren Iffländern,
Wilhelm und Helmi, die ich grüsse, und von Euerem Euer Geld, Euere warmen Suppen
und Jacken liebenden Volke.
    Zuletzt die Tagesneuigkeit: Alma ist in Wien. Wir hörten, dass sie
einschrumpfe vor Langeweile auf ihrer Burg im Wald. Da schrieb ihr Dein Vater
die Barmherzigkeitslüge: Ihre Freunde vermissen Sie, warum halten Sie sich fern?
Sie antwortete: Ich werde mich ewig fernhalten, und - war da.«
»Wirst du sie sehen?« fragte Hermann.
    Maria errötete bis an die Stirnhaare: »Ja.«
    »So kannst du ihr verzeihen?«
    »Ich?... Wie käme es mir zu ... Und irgendwem?« verbesserte sie sich, in
Verlegenheit gebracht durch sein Befremden über diese Worte. »Wer ist so rein,
wer steht so hoch, dass er sich anmassen dürfte zu sagen: Ich verzeihe fremde
Schuld.«
    Wenige Wochen später begegnete sie Alma auf einem Balle, begrüsste sie
zuerst, empfing am folgenden Tage ihren Besuch und erwiderte ihn.
    Fürstin Tessin dankte mit Tränen in ihren noch immer schönen Augen.
    Die Freundschaft Marias war der stolze Besitz gewesen, auf den sie sich
berufen konnte in ihrem Kampfe zwischen ihrer Furcht vor der Meinung der Welt
und ihrer Liebe zu Wolfsberg. Zwei starke Empfindungen in einem schwachen
Herzen, das nicht vermochte, der einen zu trotzen oder die andere aufzugeben. So
hatte sie sich durchs Leben gewunden, überaus höflich, überaus gütig, in jedem,
der ihr nahte, einen Richter sehend, den sie zu bestechen suchte. Als Maria
begonnen hatte sie zu meiden, da war ihr, als ob die letzte Hülle gerissen
worden wäre von ihrem durchsichtigen Geheimnisse. Jetzt aber hatte ihre
Beschützerin sich wieder eingefunden, und sie fühlte sich nach Möglichkeit neu
hergestellt in den Augen der Menschen, deren Urteil bei ihr die Stelle des
Gewissens vertrat.
    Graf Wolfsberg äusserte sich über die Wiederanknüpfung des Verkehrs zwischen
seiner Tochter und Alma weder zustimmend noch missbilligend. Man geriet langsam
in die alten Geleise zurück. Wolfsberg spöttelte zeitweilig ein bisschen über
»die gute Fürstin«; Maria verteidigte sie, wenn auch nicht so warm wie einst.
    Die Wahrnehmung Tante Dolphs erwies sich als richtig;beide Wonsheim liebten,
gänzlich hoffnungslos, die Frau Nachbarin vom Lande. Diese hatte seit einiger
Zeit bedeutend »ausgespannt«, aber trotzdem war und blieb sie - in der Stadt, wo
sich unzählige Gelegenheiten zu Vergleichen boten, sah man das erst recht -
schön, elegant und sympatisch wie niemand.
    Die Brüder gingen einzig und allein ihretwegen in die Welt. Betty und Carla,
kürzlich Mütter geworden, hüteten das Haus. Glückwünsche zu ihrer jungen
Vaterschaft wiesen die Wonsheim zurück: »Ich bitt Sie, es sind ja nur Mädeln.«
    Der gute Kerl, der Hermann, bekam einen Sohn nach dem anderen, und sie
bekamen - Mädeln. Sie suchten Trost für dieses klägliche Resultat in allerlei
Zerstreuungen.
    Zu denen gehörte »der Spass«, den der Umgang mit Fee ihnen machte. Sie waren
ihre Vertrauten, sie erzählte ihnen alles und das übrige. Zum Beispiel, dass sie
eine überseeische Korrespondenz führe und das Leben jetzt sehr ernst nehme, ja
sogar, wie ein gewisser Jemand, der ihr massgebend war - von der
Schokoladenseite. Dass sie mit dem Gelde umgehen lerne und ihre Rechnungen nicht
selten mit eigener - natürlich behandschuhter - Hand bezahle. Den Kurszettel
lese sie Tag für Tag. Es könne auf einmal dazu kommen, dass man gezwungen sei,
Obligationen zu verkaufen, um die Kosten einer weiten Reise, die vielleicht gar
eine Hochzeitsreise sein werde, zu decken.
    Gräfin Dolph, bei der Fee den grössten Teil ihrer Zeit zubrachte und die
ebenso tief in ihre Geheimnisse eingeweiht war wie die Brüder Wonsheim, machte
ihr keinen Vorwurf aus ihrer Plauderhaftigkeit.
    »In der Welt, die nur eine erweiterte Familie ist, weiss ohnehin jeder alles
von jedem«, sagte sie eines Abends zu Fee in Marias Gegenwart.
    »Glaubst du das wirklich?« fragte diese. »Ich meine, die Welt und die
Familie wissen so gut wie nichts von ihren Mitgliedern. Ich wenigstens«, brach
sie plötzlich aus, »habe eine Vorliebe für ihre Zurückgesetzten und eine heilige
Scheu vor ihren Vergötterten.«
    »Dann misstraue dir selbst«, erwiderte Dolph.
    »Vielleicht tu ich's«, sprach Maria.
    Die Tante zuckte die Achseln, scheinbar gleichgültig, in ihrem Innersten
jedoch regte sich ein stiller, immer wieder auftauchender unbequemer Zweifel:
Sollte Tessins Liebe nicht unbelohnt geblieben sein?... Pah! wer dem
Unwiderstehlichen nicht widersteht, ist entschuldigt, setzte sie in Gedanken
hinzu und sprach: »Das sind, verzeih, krankhafte Übertreibungen.«
    Selten nur liess sich Maria zu dergleichen Äusserungen hinreissen. Sie wurden
ihr von der Angst ihres Herzens erpresst, von der verzweifelten Versuchung: Komm
der Entdeckung zuvor - jede Stunde kann sie herbeiführen - der Zufall, der
geheimnisvolle Weltbeherrscher, den keine Macht der Erde abzuwenden vermag.
    Das waren schwere Augenblicke, aber Maria hatte doch auch Zeiten des inneren
Friedens - diejenigen, in denen es ihr gelang zu vergessen. Mit weisem Bedacht,
mit unendlicher Mühe übte sie sich im Erlernen dieser grossen, für so manchen
seelenbefreienden Kunst.
    Sie lebte in der Gegenwart, der Linderung des Leids, das ihr nahte, der
schüchternen Liebe zu ihrem Manne, der mit Wonne und Qual ausgeübten Sorgfalt
für ihre Kinder. Oft wiederholte sie sich das Trostwort: Ein ganzes Dasein der
Rechtschaffenheit muss eine Stunde der Verwirrung aufwiegen können ... Können? -
erhob der peinigende Zweifel in ihrer Brust seine Stimme -, vielleicht, wenn
dieses Dasein nicht so süss wäre, wenn die Folgen der Verirrung nicht verkörpert
atmeten.
 
                                       16
Im Laufe des Winters hatte Gräfin Agate öfters den Wunsch ausgesprochen, ihre
Kinder und Enkel unmittelbar nach ihrem Aufentalt in der Stadt bei sich zu
sehen. Sie kamen, und die Gräfin verlangte immer von neuem eine Verzögerung der
Abreise ihrer Gäste. Erichs wegen - das Kind hatte es ihr angetan. Oft blickte
Hermann ihr nach, wenn sie, viel älter aussehend, als sie war, steif und
feierlich dahinschritt, den Kleinen an der Hand, den sie ins Herz geschlossen
hatte und dem gegenüber sie es so bitter empfand, dass ihr die Gabe, mit Kindern
umzugehen, versagt geblieben.
    Dem Kinde war unheimlich zumute bei dieser stummen Liebe. Was sollten die
Spaziergänge, die nirgends hinführten und während welcher nicht einmal eine
Geschichte erzählt wurde? Erich machte schwache Versuche, seine Hand aus der der
Grossmutter zu lösen, aber dann sagte sie: »Bist du nicht gern bei mir, Erich?«
    Er unterdrückte aus Angst das Nein, das ihm auf den Lippen schwebte, und
fragte nach einer Weile ganz verlegen: »Und was werden wir jetzt spielen?«
worauf die alte Dame, nach einigen misslungenen Versuchen, sein Interesse auf
einen vorbeischwirrenden Vogel oder auf eine Blume am Wege zu lenken, ihn zur
Kinderfrau zurückführte.
    Es war schon Sommer, als die Familie endlich in Dornach eintraf. Auf den
Wiesen trocknete die erste Mahd. Betäubend fast dufteten die blühenden Linden;
die Saaten standen hoch, die Vögel flogen zu Neste.
    Aus dem Wagen, in dem die letzte Strecke zurückgelegt wurde, riefen die
Kinder jedem Vorübergehenden jubelnd zu: »Wir sind da, wir sind wieder da!«
    Ein eggendes Bäuerlein riss sein Gespann zusammen, dass die Kummete den
Pferden bis an die Köpfe rutschten, und schwenkte freudig den Hut. Weiber, die
Gras sichelten am Raine, richteten sich auf und grüssten unbeholfen: »Kommt ihr
einmal nach Haus? - Wir haben schon geglaubt, wir sehen euch nimmer«, sprach
eine kleine, schiefe mit langen Armen. Und eine bildhübsche, schlanke zog das
Kopftuch über die Augen, stemmte die Fäuste in die Seiten und wand sich vor
Lachen - aus lauter Vergnügen. Die Schule spie eben ihren ganzen Inhalt an
männlichen und weiblichen Besuchern aus. Ein ohrenzerreissendes Geschrei erhob
sich, Mützen flogen in die Luft, am Ausgange des Vorgärtchens entstand ein
grosses Gedränge. Der Herr Katechet fuhr aus der Haustür wie aus der Mündung
einer Bombe mitten hinein in die lärmende Schar. Mit geübter Hand teilte er
rechts und links Klapse aus und grüsste dazwischen auf das ehrerbietigste zu den
Herrschaften hinüber.
    Hermann befahl anzuhalten, man wechselte einige Worte, die ganze Schule
wurde für den nächsten Sonntag zu einem Kinderfest im Parke geladen, und die
Equipage fuhr davon. In ihrer Begleitung ritt seit der Ankunft auf der
Bahnstation ein Einjährig-Freiwilliger vom zwölften Dragonerregimente. Ein
schöner, grosser Mensch, hellblond, blauäugig, mit gutmütigem Kindergesicht. Es
war Willi, Wilhelms Ältester, auf einem mächtigen Braunen, einem Geschenk
Hermanns.
    Der junge Mann hatte im Vorjahre ein glänzendes Zeugnis der Reife erworben,
stationierte jetzt in der Nachbarschaft und sollte im Herbst unter der strengen
väterlichen Zucht von der Pike auf anfangen in der Wirtschaft zu dienen. Ihm kam
es zu, einzuspringen für seinen Vater, im Falle dem heute oder morgen die Kraft
versagen sollte, den Unterhalt zu schaffen für die Seinen. Und mehr als den
Unterhalt, nach Wilhelms Begriffen sogar den Wohlstand. Immer waren seine Kinder
satt vom Tische aufgestanden, immer ward jedem der acht Rangen Gelegenheit
geboten zu lernen, von früh an schon in die Bahn einzulenken, auf die seine
Neigung und sein Talent ihn trieben. Und die Urheberin der Möglichkeit, ihnen
soviel zu bieten, das war die gute heimatliche Erde, die alles hergab, was ein
getreuer Sohn und Pfleger von ihr verlangen durfte.
    In schweren Zeiten, die dem Landwirt nicht erspart bleiben, hatte sich
Wilhelm manchmal dazu bequemen müssen, die mit erfinderischer Delikatesse
dargebotene Hilfe seines Vetters anzunehmen. Aber es geschah so widerstrebend,
dass Hermann immer die Geduld verlor: »Was soll das? Du beleidigst mich ... Meine
brüderliche Liebe nimmt er an, ja; meine armseligen Groschen - ah, Gott
bewahr's, nein, die nicht! da wird protestiert. Warum, möcht ich doch wissen,
warum?«
    »Weil ich den nicht mag, dem ich etwas schuldig bin«, antwortete Wilhelm und
bekam einen blauroten Kopf. »Nicht mag, hol ihn der Kuckuck, ich sag's, wie's
ist! Wenn mir einer unter die Arme greift, komm ich mir vor wie ein Bub. So bin
ich. Mach mich anders, wenn du kannst.«
    Das allerdings konnte Hermann nicht, und ganz gut und herzlich wurde Wilhelm
erst wieder, nachdem er die bei seinem nächsten Verwandten und besten Freund
eingegangene Schuld abgetragen hatte. Ja, er war unverbesserlich und Hermann der
letzte, der zum Prediger in der Wüste, zum Prediger überhaupt taugte. Wenn etwas
seinen Spott reizte, war's der Hang zur Hofmeisterei, von dem die meisten Leute
erfüllt sind, den sie aber ins Gewand einer Tugend kleiden und für Teilnahme
ausgeben. Hermann vermochte nicht einmal einen Fehler, unter dem er litt, an
Menschen, die er wert hielt, zu rügen.
    So schwieg er auch lange dazu, dass Maria ihr liebliches zweites Söhnchen
auffallend gegen den älteren, den selbständigen, von Kraft strotzenden Knaben
zurücksetzte, und verbarg ihr sein schmerzliches Befremden bei jedem Zeichen der
Ungleichheit in ihrer Empfindung für ihre Kinder.
    Sie ahnte vielleicht nichts davon. Die Veränderung in ihrer ganzen Art und
Weise, wenn sie sich von dem Kinde zu jenem wandte, ging vor - ihr selbst
unbewusst. Wenn aber unbewusst, warum geschah es dann, dass Maria eine manchmal dem
Kleinen gespendete Zärtlichkeit wie einen an ihrem Erstgeborenen begangenen Raub
anzusehen schien, den sie hundertfach zu vergüten suchte?
    Danach fragte er sie endlich doch, und ihre Antwort war ein so peinlich
verwirrter Blick, dass Hermann dachte: Sie gibt sich Rechenschaft von ihrer
Ungerechtigkeit, bekämpft gewiss das Gefühl, das sie dazu treibt, und wird es
auch besiegen.
    Um diese Zeit übersiedelte Fee, die sich kürzlich im Gefolge Tante Dolphs in
Dornach eingenistet, zu ihren Freunden Wonsheim.
    »Prächtige Leut, die da drüben«, sagte sie, »es is aber vor Langerweil bei
ihnen nicht auszuhalten. Immer nur die Familie Wilhelm, immer nur Eintracht,
immer nur Liebe - und noch dazu eine, bei der man nicht beteiligt is ... Nein,
ich dank!«
    Die Brüder gaben zu überlegen, ob es nicht recht praktisch wäre, abermals
aufzumischen. Ein Versuch, der gemacht wurde, fand jedoch wenig Anklang. Es
stellte sich bald heraus, dass die amüsanteste Person im Hause Dornach in diesem
Augenblicke »die alte Dolph« war. Sie hatte wenigstens eine gehörige
Leidenschaft für das Lawn-Tennis, den einzigen Sport, den die »fad« gewordenen
Nachbarn nicht aufgehört hatten zu pflegen. Ihre Kopfschmerzen quälten sie auf
dem Lande weit mehr als in der Stadt; unter allen Dingen, die sie anfeindete,
nahm die Zugluft einen hervorragenden Platz ein, trotzdem aber konnte sie beim
Tennis stundenlang ausdauern in ihrer Rolle als Schiedsrichter, als drakonisch
strenger Umpire.
    Weil sie dabei Gelegenheit findet zu seckieren, dachte Fräulein Nullinger.
    Wenn die Gesellschaft Wonsheim in ihrer Stage-coach zum Spiel nach Dornach
fuhr, musste sie sich's nicht selten gefallen lassen, der unwissenden Bevölkerung
zum Gegenstand einer nicht schmeichelhaften Aufmerksamkeit zu dienen. Die Herren
in ihren hohen weissen Filzhüten, weissen Jongleuranzügen, weissen
Zwirnhandschuhen, die Damen schürzenumgürtet wie die kleinen Schmiede von
Demavend, den Brustlatz geschmückt mit grellfarbigen heraldischen Emblemen,
wurden oft für eine Truppe Seiltänzer gehalten.
    Natürlich waren sie samt und sonders im Tennis von einer Stärke, die sie
berechtigt hätte, die englische Partie mitzuspielen. Hermann und Maria gaben
ihnen wenig nach, und da kamen denn Serien vor, die kein Ende nahmen. Sogar die
Gegner mussten einander bewundern, nur der Umpire war nie ganz
zufriedenzustellen.
    Trotzdem mit unvergleichlicher Grazie haarscharf über das Netz serviert, mit
fast nie fehlender Sicherheit aufgenommen wurde, ein Ball oft dreissigmal hin und
her flog, bevor er zu Boden fiel, liess sich Tante Dolph dennoch nur zu einem
bedingten Lobe herbei.
    »Recht gut, meine Kinder; für eine einheimische Leistung gar nicht übel. Im
Auslande würdet ihr abblitzen ... Schreit nur, ich kann euch nicht helfen. Ganz
kürzlich hatte ich den Besuch eines Fräuleins van Nieuwenhuis-Kabeljau, die
erste Tennisspielerin der Welt. Die trägt einen Handschuh Nr. 61/2 an der
linken, einen Handschuh Nr. 8 an der rechten Hand und ist, sage ich euch, so
schief wie eine im Umkippen begriffene Treck-Schuite vor lauter
Raketenschwingen. Das nenn ich Übung, und nur so erlangt man die Meisterschaft.«
    »Und einen Buckel«, erwiderte Fee; »der möcht mich doch genieren.«
    »Dilettantin! diese Jufvrouw ist stolzer auf ihn als ein Held auf seine
Narben.«
    »Hat auch alle Ursach«, erklärte Betti Wonsheim, betrachtete ihre rechte
Hand und schmeichelte sich im stillen: Etwas grösser als die linke ist sie, Gott
sei Dank, doch schon.
    Vor der Abfahrt der Gäste wurde noch Verabredung für den morgigen Nachmittag
genommen, an dem ein Waldfest stattfinden sollte. Gräfin Dolph gab es am
Marienfeiertag im August.
    Sie fand nötig, sich dankbar zu erweisen für die vielen Freundlichkeiten,
die sie bereits in der Gegend genossen hatte. »Meine Einladung zu einem
Pläsierchen, wie man vorzeiten in Wien sagte, ist nichts anderes als eine
Retourchaise, meine Herrschaften Wilhelm und Wonsheim; sie soll euch einen
kleinen Teil des Vergnügens wieder hereinbringen, das mir eure Liebenswürdigkeit
schon bereitet hat.«
    Gross und klein versprachen sich Wunder. Das Waldfest - Fee hatte der guten
Nullinger das Geheimnis herausgelockt - bildete nur einen Vorwand, um Hermann
und Maria für eine Weile vom Schloss zu entfernen. Bei der Rückkehr wartete
ihrer eine grossartige Überraschung, zauberhafte Beleuchtung des Schlosses und
des Gartens, Feuerwerk, von Stuwer in Person angeordnet.
    Ort und Stunde des Stelldicheins wurden bestimmt. Man beschloss, um vier Uhr
nachmittags beim ehemaligen Vogelherd zusammenzutreffen. Die meisten wollten
einen Umweg durch den Wald nehmen und zuerst die Burgruine ersteigen. Tante
Dolph und Helmi zogen es vor, bei den Kindern zu bleiben, die mit ihrer
Begleitung direkt zum »Uhuhaus« geschickt werden sollten.
    Es war ihr Lieblingsplatz im Walde und zu Wagen in einer halben Stunde
leicht erreichbar. Die verlassene, von Schlingpflanzen überwucherte Vogelhütte
erweckte das grosse Interesse Hermanns und Erichs. Sie rüttelten an der
verschlossenen Tür, sie guckten mit heisser Neugier und leisem, köstlichem
Gruseln durch die winzigen, hinter Drahtgittern halb erblindeten
Fensterscheiben. Wer recht lange und recht aufmerksam schaute, wer den
Augenblick erwischte, in dem der Wind das Gezweige der Bäume bewegte und ein
Sonnenstrahl durch das geborstene Dach in den dunklen Raum dringen konnte - der
sah etwas: die Trümmer eines Ofens und eines Lerchenspiegels, Netze, von Mäusen
zernagt; sah ein Wiesel, das von einem Loch in der Wand zum anderen huschte, und
auf einer morschen Stange einen Uhu. Und der böse Raubvogel hatte nur noch einen
Flügel und ein Glasauge, und das war fürchterlich und sandte gelbe Blitze aus,
sooft ein Streiflicht darüber hinglitt ... Oh, die Hütte unter den Erlen barg
Erstaunliches! - nur zum Glück keine Gefahr mehr für Finken und Meisen und
Rotkehlchen, und wie sie alle heissen, die kleinen Sänger. Getrost durften sie
sich jetzt niederlassen auf die Zweiglein, die auf und ab schaukelten unter der
leichten Last. Singt, trillert, jubelt und schwingt euch wieder auf,
durchschneidet die Lüfte und kehrt heim zu euren Jungen. Ihr habt nicht mehr den
Tod oder die Gefangenschaft zu fürchten.
    Die Hütte lag wunderschön, von Waldungen umringt und nur gegen Morgen frei.
Da breitete sich ein grüner Wiesengrund, da sah man den klaren, breiten Bach
erschimmern und durch die Felsschlucht als Wildbach toben; da stiegen rechts von
der Schlucht die bemoosten Steinriesen empor, deren einer die alte Burg trug.
Heute noch, in ihrem Verfall, erhob sie sich stolz und herrschend.
    Die Wonsheim waren bereits fortgefahren, als Fräulein Nullinger müd und
abgehetzt erschien. Sie war zweimal zur Post gelaufen, hatte im Auftrage ihrer
Gräfin neun Telegramme gewechselt mit Sacher & Demel und eben erst die
Versicherung erhalten, dass alles Bestellte aufgegeben sei und morgen pünktlich
eintreffen müsse. Als sie erfuhr, dass eine Partie nach der Burg stattfinden
werde, erklärte sie, dabeisein zu wollen.
    »Ich habe mich längst gesehnt, das Schloss zu besuchen«, sprach sie zu ihrer
Gebieterin, »Sie kennen meine Vorliebe für das Mittelalter.«
    »Sagen Sie doch: Schwärmerei. Sie stellen sich das so poetisch vor, wie die
edlen Ritter mit wehenden Helmbüschen über reisende Kaufleute herfielen, sie
erschlugen und beraubten. Wie sie sengend und brennend das Land durchzogen, dem
Bauer die Pferde vom Pfluge wegstahlen und ihm, wenn er sich wehrte, die Haut
über den Kopf zogen. Wie sie das Haus des schwächeren Nachbarn zerstörten, sein
Weib an den Türpfosten hingen, seine Töchter entführten, wenn sie schön waren
natürlich, und in ihr verruchtes ... hm, hm«, sie räusperte sich, »schleppten. -
Sie wären vielleicht auch entführt und geschleppt worden. Nulle.«
    »Frau Gräfin«, fiel ihr diese ins Wort, »ich muss mir verbitten ...«
    »Nichts da! Sie hätten sich nichts verbeten. Sie hätten Schärpen gestickt
für Ihren schwarzgelockten Ritter und hätten an seiner Seite, der Minne
pflegend, gesessen vor dem Burgverlies, aus dem das Gewinsel der auf faulem
Stroh verfaulenden Gefangenen zu Ihnen gedrungen wäre.«
    Das Fräulein erhob sich: »Es ist genug, Frau Gräfin, ich sage sogar, es ist
zuviel.«
    »Da haben wir's, jetzt ist sie beleidigt«, seufzte Dolph; »ja, meine Liebe,
Sie dürfen nicht schwärmen für die Ritterzeit. Dazu ist die Haut Ihres Herzens
zu fein geraten.«
    Bei Einbruch dieser Nacht wurde in Dornach und dessen Umgebung gar heiss
gebetet.
    Lieber Gott, flehte Fee, auf den Knien liegend vor ihrem Bette, lieber Gott,
du weisst alles, du weisst auch, dass Tante Dolph heute einen Brief von Tessin
bekommen hat. Gib, lieber Gott, dass in dem Briefe steht: Ich hab immer eine
Schwäche für die Kleine gehabt und will sie heiraten.
    Lieber Gott, murmelte Fräulein Nullinger, knüpfte ihre Nachtaube fest und
zog die Decke über die Ohren, lieber Gott, Heilige Jungfrau, alle heiligen
Märtyrer, gebt mir Geduld mit meiner Gräfin. Sie ging noch weiter und verlangte,
sogar etwas Liebe für ihre Peinigerin empfinden zu können. Aber diese Bitte
wurde selbst im Himmel indiskret gefunden und blieb unberücksichtigt.
    Inbrünstig gestaltete sich das Abendgebet der Jüngsten im Hause Wilhelm. Der
sechsjährige Rudi sprach es vor: Du bist so gut für die Kinder, lieber Gott,
gib, lieber Gott, weil du so gut bist, dass morgen ein schöner Tag ist.
    Bis in die Nacht hatte drückende Hitze geherrscht; jetzt erhob sich, erst
sanft, dann immer kräftiger, eine kühle nördliche Strömung. In den Wipfeln der
Bäume begann es zu rauschen, allerlei Stimmen sprachen durcheinander; es stöhnte
wonnig und lachte im Geäst und stiess laute Schreie aus. Labung, Labung!
flüsterten die wehenden Zweige. Massige Wolken, die sich bequem hingelagert
hatten rings am Horizont, stoben plötzlich aus ihrer Ruhe auf. Aus dicken
Knäueln in lange Strähne verwandelt, jagten sie zuletzt ganz dünn und
durchsichtig davon.
    In unbestrittener Herrlichkeit stand der Mond am Himmel, als Willi sich
einige Stunden nach Mitternacht der elterlichen Behausung näherte. Er ritt im
Schritt über den gepflasterten Hof. In den niederen, mit Schindeln gedeckten
Stallungen an beiden Seiten schliefen noch Menschen und Tiere. Ein Hund, der auf
einer Schwelle ganz zusammengerollt lag, knurrte im Traume; dann schwieg wieder
alles; sogar das Brünnlein vor dem sogenannten Schloss hatte sein Rauschen
eingestellt. Das tat dem jungen Soldaten weh. Hatte er doch die Zulage, die sein
Onkel Hermann ihm gab, auf die Anschaffung einer neuen, schönen steinernen
Muschel für das Brünnlein verwendet. Und jetzt war's versiegt. - Die
Wasserleitung einmal wieder schadhaft geworden, sagte er zu sich selbst, und
kein Geld da, um sie herstellen zu lassen.
    Armes Brünnlein, armes, geliebtes Vaterhaus! Selbst im alles verklärenden
Mondlicht wollte sich's nicht hübsch machen mit seinen kahlen Mauern, dürftigen
Bogenfenstern und dem steilen, Wellenlinien bildenden Dach. Als einziger Schmuck
diente ein hölzerner Balkon, dessen schiefe Säulen und wackeliges Geländer sich
unter üppig wucherndem wildem Wein verbargen.
    Leise pochte Willi ans Tor, um niemanden ausser den auch Portiersdienste
versehenden Gärtner zu wecken, übergab ihm das Pferd und trat ein.
    Am nächsten Morgen begrüssten seine jubelnden Brüder einen Tag von unerhörter
Pracht und wussten wohl, wem zuliebe er so geworden war.
    In Dornach lief der kleine Hermann vom Vater zur Mutter und von der Mutter
zum Vater. Er hatte nirgends Ruhe und war entzückend in seinem Eifer und seiner
Ungeduld. »Weisst du, Erich«, sprach er, ihn stürmisch umarmend, »wir gehen heut
so spät schlafen wie die grossen Menschen. Wir gehen zum Uhu.« »Und was wirst du
dort tun?« fragte Tante Dolph.
    »Ich werd halt schauen.«
    »Und dann?«
    »Dann werd ich laufen, laufen auf der Wiese, so geschwind, dass man mich gar
nicht sieht ... so geschwind -« er machte grosse Augen, hob die Arme über den
Kopf und strengte sich an, einen drastischen Vergleich zu finden, »so geschwind
-«
    »Wie der Teufel«, kam die Tante ihm zu Hilfe, er aber machte eine
geringschätzige Gebärde und sagte: »Oh, viel schneller!«
    Sie klopfte ihm lachend die Wange; sie, die Kinder nicht leiden konnte, weil
sie Lärm machen und die Türen offen lassen, hatte eine Schwäche für diesen
Grossneffen. »Das echte Aristokratenkind«, erklärte sie. »Aus reiner, gesunder
Rasse, vom ersten Atemzuge an gut genährt, gut bewohnt, gut gewaschen, weiss
nicht, was Furcht ist, und nicht, was Geiz ist, schlägt drein, wenn's gilt, und
gibt, wenn's gilt, das Hemd vom Leibe. Mut, Wohlwollen, Güte - er hat alle
Tugenden, die mir fehlen - darum lieb ich ihn.«
    Fräulein Nullinger blickte sie ganz verdutzt an und dachte: Merkwürdig, sie
hat doch bisher kein Herz gehabt, sollte ihr eines gewachsen sein?
 
                                       17
Am Saume des Kiefernwaldes, durch den ein breiter Weg zur Ruine führte, trafen
Hermann und Maria, begleitet von Fräulein Nullinger, die Wonsheim mit Fee und
Wilhelm mit Willi und den zwei nächsten Anwärtern. Den letzteren hatten ein paar
tüchtige Ackergäule den Gefallen erwiesen, sie hierherzutragen in einem Galopp,
der ringsum den Boden lockerte.
    Die Damen waren bereits aus dem Wagen gehüpft, Wilhelm und seine Söhne
abgestiegen, nur Gustav und Clemens sassen noch zu Pferde und parlamentierten mit
ihren Frauen, die es nötig gefunden, als Touristinnen zu erscheinen. Sie trugen
leichte Hüte mit blauen Schleiern, fussfreie Kleider aus Sommerloden,
Schnürstiefel aus Juchten, dicke Strümpfe aus Ziegenhaaren und über den
Schultern Gummimäntel aus lichtgelbem Oriental-India-Clot.
    »Schaun's her, Gräfin«, sagte Clemens zu Maria, nicht ohne geheimen Stolz,
»wie die sich anglegt haben. Und was ihnen nicht wieder einfallt. Jetzt wollens
auf dem schlechten Fusssteig zur Burg hinaufkraxeln.«
    »Weil man von dort so eine schöne Aussicht hat«, sagte Carla.
    »Und weil's gefährlich ist«, fiel Betty ein.
    »Und so poetisch, nicht wahr, Fräulein Nullinger? Das ist etwas für Sie«,
sprach Fee mit gutmütigem Scherze. »Ich biet Ihnen meinen Arm, ich bring Sie
hinauf, ich schwör's!«
    Fräulein Nullinger machte einen Bückling, so tief, als ob sie sich
niedersetzen wollte, und nahm, in nervöser Dankbarkeit zerfliessend, den gütigen
Vorschlag an.
    Der Kutscher mit dem Wagen, die Reitknechte mit den Pferden wurden nach dem
Versammlungsplatz geschickt. Wilhelm erteilte seine Befehle in ungewohnt
mürrischer Art und brummte dazwischen vor sich hin: »Unsinn! was das für ein
verfluchter Unsinn ist ... sich einen solchen Weg auszusuchen, das ist keinem
anderen eingefallen als dem Willi ...«
    »Voraus, Einjähriger! Sie führen an«, sprachen die Damen, winkten den
Zurückbleibenden einen Gruss zu und traten ihre Wanderung an.
    Wilhelm zögerte einen Augenblick, dann folgte er ihnen, um seinen Willi zu
überwachen. - Der verdammte Bursch hüpft herum wie auf Springfedern; schneidet,
scheint mir, schon die Cour ... Und gleich dreien auf einmal. Wart, Kerl, dir
geh ich nicht von der Seite.
    »Und was machen denn Sie, Gräfin?« fragte Gustav.
    »Ich gehe auch zu Fuss, aber auf dem guten Wege«, antwortete Maria heiteren
Tons und nahm den Arm ihres Mannes.
    »Da werden wir halt langsam vorausreiten.« Und sie setzten sich in Bewegung
auf ihren zwei berühmten Vollblutrappen.
    »Alle auf und davon. Gibt's etwas Unhöflicheres als unsere Gäste?« scherzte
Hermann.
    »Wir sind's; wir lassen sie gar so ungehindert ziehen.«
    »Und bleiben allein, was das Schönste ist auf der Welt«, begann er nach
einer kleinen Weile wieder. »Wenn ich denke, dass es Leute gibt, die sagen: die
Liebe vergeht - und glauben sie zu kennen, die Narren! Die meine ist heute, was
sie in der Stunde war, in der ich dir zum ersten Male begegnete und von dir
nichts wusste als deinen Namen.«
    Er umschlang sie fest; Seite an Seite schritten sie dahin. Die Reiter waren
ihren Blicken entschwunden; eine grossartige Einsamkeit herrschte, eine
zauberhaft belebte Stille. Über den Häuptern der Bäume webte glühender
Sonnenschein, kühle Schatten wallten zu ihren Füssen. Unabsehbar schien der Wald
sich zu breiten, ein heiliger, ein geweihter Raum, der, von Liebenden betreten,
sie frei macht von dem störenden Gedanken an die Aussenwelt, von dem Bewusstsein
der verrinnenden Zeit.
    Maria hatte sich sanft losgemacht; sie trat vor Hermann hin und blickte ihm
ernstaft in die Augen. »Ich aber«, begann sie plötzlich, »liebe dich alle Tage
mehr. Und meine Liebe - sieht.« »Im Gegensatz zu der meinen, die wohl blind
ist?«
    »Unleugbar«, versetzte sie und zog ihn wieder an sich.
    Da rief er aus: »Es lebe meine blinde Liebe! Die Nacht, mit der sie mich
umgibt, ist nicht wie eine andere; 's ist eine hellschimmernde Nacht. Sie zeigt
mir den guten Geist meines Hauses, die Trösterin des Betrübten ...«
    »Und so weiter!« unterbrach sie ihn mit erzwungenem Lachen. »Lassen wir das,
ich bitte dich, Hermann -«
    »Nun denn, nein; kein Wort zu deinem Preise. Wie fang ich's aber an, zu
verschweigen, wovon mein Herz voll ist? Du forderst von mir Verstellung, du
immer und unverbrüchlich Wahrhaftige!« Er ergriff ihre beiden Hände, sie
zitterten in den seinen: »Was bewegt dich so? - sag es deinem besten Freunde ...
Sieh, manchmal - ich will dir's gestehen, manchmal ist mir - wenn du wie jetzt
meinen Blick vermeidest, bei meiner Berührung erbebst, als ob deine Seele ein
Geheimnis berge, ein rätselhaftes Gefühl, eine schmerzliche Erinnerung - was
weiss ich?... Ist das Täuschung, Maria, Torheit, Frevel an dir? - - Gib Antwort.«
    Sie stand wie versteinert. Aufrecht die königliche Gestalt, den Kopf
erhoben, als biete sie ihn dem niederzuckenden Blitzstrahle dar, kaum atmend,
die Lider gesenkt, ein unausgesprochenes Wort auf den leise zuckenden Lippen.
    Und sie war schön in dieser feierlichen Regungslosigkeit, mit diesem demütig
stolzen Ausdruck einer gefolterten Heiligen.
    Der Mann, der sie vergötterte, starrte sie beschämt und reuig an. War das
nicht ein Zweifel an ihr, den er mit seiner lange unterdrückten und nun
unbedacht hingeworfenen Frage ausgesprochen hatte?
    »Und wenn du recht hättest?« sagte Maria in einem Tone, so herb gewürgt, als
ob er ihr die Kehle zerschnitte.
    »Worin? - Du hast mich missverstanden ...«
    »Nimm an, dass ich schuldig wäre gegen dich«, fuhr sie fort, mühsam und
unterdrückt wie früher. »Nimm es an.«
    »Was soll ich annehmen - das Unmögliche?... Erst doch verrückt werden ...«
Er schlug sich mit der Faust vor die Stirn. »Ich begreife dich nicht ... Warum
diese unnötige Grausamkeit?... Auf welche entsetzliche Probe stellst du mich?«
    »Probe?« wiederholte sie. »Würde deine Liebe sie bestehen, die schwerste,
schrecklichste ... Und wenn geschehen wäre - wovon ich sprach - was tätest du?«
    Sie blickte unverwandt zur Erde nieder; sie fühlte nur, dass er seine Hand
mit festem Drucke auf ihren Arm legte. - Und nun sprach er, und seine Stimme
hatte wieder ihren tiefen, sanften Klang, und seine Worte kamen aus dem
unerschöpflichen Borne seiner Güte: »Wenn geschehen wäre, was du nicht einmal zu
nennen vermagst, dann wäre mir genommen, was meinem Dasein den Wert gibt; aber
lieben würde ich dich doch, und zu dieser unüberwindlichen Liebe käme noch ein
grenzenloses Bedauern. Ich kenne dich und weiss, dass du zugrunde gehen müsstest am
Bewusstsein einer Schuld.«
    O dieser Glauben, so stark und treu wie das Herz, das ihn hegte und das sie
brechen gewollt, um das ihre zu erleichtern! - Du darfst nicht! schrie es in ihr
auf. Du hast betrogen - lüge! Dein Recht auf Wahrheit ist verwirkt.
    »Komm«, sagte Hermann, indem er sich auf einen moosüber- wachsenen, im
weichen Waldboden halb versunkenen Stein niederliess. »Du musst erst ausruhen und
wieder heiter werden, ehe wir den anderen folgen. Da ist eigens für uns ein
wunderbares, sammetnes Kissen ausgebreitet. Komm zu mir!«
    »Da bin ich«, sagte sie, liess sich vor ihn hingleiten, legte die gefalteten
Hände auf seine Knie und warf sich an seine Brust. »Lass mich, es tut mir wohl,
in Demut zu dir aufzublicken.«
    »Wir haben einander recht gequält, und ich bin schuld an allem mit meinen
törichten Grübeleien«, sagte er. »Verzeih!«
    »Ich - dir? Mein Freund, mein guter Engel, dass du mir einmal einen Grund
dazu geben könntest! Tu es doch. Lehre mich die Wonne kennen, dir etwas
verzeihen zu dürfen.«
    »Ich danke dir für die vortreffliche Absicht«, rief er mit komischer
Bestürzung; »ich will ihr Gelegenheit geben, sich zu betätigen ... will
wenigstens einen Versuch machen.«
    »Er wird misslingen.« Sie umfing ihn mit ihren Armen und verschränkte ihre
Finger um seinen Nacken. »Sieh mich an, deine Augen sind wie deine Seele. Sieh
mich an mit diesem segnenden Blick. Wie fromm bin ich! der Wald wird zum Tempel,
und ich bin ein armes Menschenkind, und du bist der Priester, der es zum Heile
führt an seiner starken Hand.«
 
                                       18
Auf der Burg herrschte schon ein sehr reges Treiben, als Hermann und Maria
herannahten. Fräulein Nullinger, die röter aussah denn je und vor Erhitzung
förmlich geschwollen, war die erste, die sie erblickte.
    »Da sind sie, da ist das reizende Paar«, rief sie. »Bitte, den Herrn Grafen
zu betrachten. Es ist hold zu sehn, wie die Sonnen seines Herzens ihm im Auge
untergehn. Und wie er heute wieder dem Bilde, das wir uns von Held Siegfried
machen, ähnlich sieht!«
    »Ja, ja, Sie haben nicht unrecht, seine Frau ist aber nicht die Kriemhild,
sondern die Isolde«, sagte Fee und lief den Ankommenden entgegen, die sich bald
darauf in Gesellschaft ihrer lustigen Gäste befanden und mit ihnen die Grosstaten
anstaunen konnten, zu denen Willi durch die Gegenwart dreier junger und schöner
Damen begeistert wurde.
    Er spazierte eben von der Zinne eines Turmes zur anderen auf einem zu deren
Stütze angebrachten Sparren. Seine Brüder, angeeifert durch sein Beispiel,
kletterten wie Katzen an den alten Mauern empor.
    Wilhelm stand unten und ballte die Fäuste. »Alle meine Buben haben den
Teufel im Leib, wenn es heisst, sich produzieren vor einem weiblichen Publikum«,
sprach er zu Hermann. »Gar nicht gut so was. Aus solchem Holz schnjetzt man
Schürzenknechte.«
    Hermann klopfte ihm auf die Schulter: »Das glaubst du ja selbst nicht,
Alter«, und die Wonsheim lächelten und sahen den tollkühnen Unternehmungen der
Burschen mit Beschützermienen zu. Betty jammerte, dass sie kein Mann geworden,
was doch einzig und allein das richtige sei; Fräulein Nullinger schwelgte in
Entzücken, machte sich nichts daraus, dass ihr buntes Musselinkleid bei der
»Aszension« sehr gelitten hatte, und baute in Gedanken die ganze Burg wieder
auf. Die zerstörten Zingel stiegen aus dem Boden und umfassten wie einst die
Tore, den Zwingolf, die Zugbrücke, den Burhurdierplatz, auf dem geharnischte
Ritter Lanzen brachen. Sie stellte die Pforte wieder her und die zum herrlichen
Palas hinaufführenden Greden.
    Carla und Gustav, denen sie versicherte, die »dames châte-laines« hätten
alle ausgesehen wie die blonde Gräfin Wonsheim, hörten ihr aufmerksam zu. Gustav
staunte über soviel »Gelehrteit« und wusste nicht, ob er sie lächerrlich finden
oder bewundern sollte. Obwohl von der Richtigkeit aller Aussagen Annettens
überzeugt, widerstrebte es ihm, das merken zu lassen, und so sprach er zwischen
jeder Pause, die sie machte: »Gehen S' weg!«
    »Ach, und diese Luft! dieses Ozon!« schwärmte das Fräulein. »Dass ich mich
hier etablieren könnte!«
    »Etablieren Sie sich, soviel Sie wollen«, erwiderte Fee, die hinzugetreten
war. »Aber rechnen Sie nicht auf mich beim Aufstieg. Sie sind siebenzehnmal
ausgerutscht - ich hab's gezählt. Mein rechter Arm, an den Sie sich angekrampelt
haben wie eine Ertrinkende, ist kaputt. - Sie werden fett, mit Respekt zu
sagen.«
    Fräulein Nullinger zog den Atem ein und streckte sich, um schlanker
auszusehen: »Wenn ich Fett ansetze, kann es nur vor Kummer sein. Das geschieht,
jawohl - ich bin der lebende Beweis«, sagte sie nicht ohne Bitterkeit.
    Fee entschuldigte sich: »Nun, nun, nehmen Sie mir's nicht übel.«
    Die Gesellschaftsdame schwor, dass sie eher sterben als der Frau Gräfin etwas
übelnehmen würde, worauf Fee sie umarmte und sprach: »Sie sind halt nicht
verwöhnt, Sie gute Haut, Sie liebes, altes Nullerl.«
    Clemens war inzwischen auf einen Felsvorsprung getreten und rief, auf die
Wiese jenseits des Baches deutend: »Daher kommt's, da hat man eine schöne
Aussicht, auf die Tante Dolph, auf deine Buben, Wilhelm, die dort herumwimmeln,
und auf die Jausen.«
    »Und auf einen wackeligen Steg«, fiel Hermann ein. »Wie oft habe ich den
schon abreissen lassen, immer wird er wieder aufgerichtet, sogar jetzt bei
Hochwasser.«
    »Das änderst du nicht, solange der Holzschlag dauert oben im Gebirg«, sprach
Wilhelm. »Den Umweg von zweihundert Schritten über die Brücke macht dir ein
Holzknecht nie.«
    »Ich würde ihn auch nicht machen«, rief Fee, »besonders wenn jemand, der mir
lieb ist, am anderen Ufer stehen möcht. Aber schauts nur, schauts, die Aussicht
ist wirklich der Müh wert. Lassen wir uns unterdessen die Aussicht schmecken.«
    Alle umringten sie. Auf der Wiese trafen einige Diener unter der Leitung
Helmis Vorbereitungen zu einem ungemein reichlichen five o'clock tea. Die
Gefrässigen unter den jungen Herren verfolgten diese Tätigkeit sehr aufmerksam,
während die anderen die Seltsamkeiten zu erspähen suchten, welche der Vogelherd
barg.
    Gräfin Dolph war am schattigen Waldesrand im Wagen sitzengeblieben. Sie
freute sich, ihren Liebling Hermann die Läuferkünste ausführen zu sehen, die er
ihr bereits angekündigt hatte. Er rannte bis zu den Weiden am Ende der Wiese und
wieder zurück, die Kreuz und die Quer, recht wie ein Füllen, das seine junge
Kraft austoben will.
    Auf einmal blieb er stehen, hob den Kopf, sah zur Burg empor, und als er
dort oben auf dem Berge seine Eltern erblickte, streckte er ihnen die Arme
entgegen und warf ihnen Küsse zu:
    »Ich seh euch, Vater, Mutter, ihr seid kleinwinzig«, er mass an seinem
Finger, »so klein!«
    Seine Stimme drang nicht bis hinauf; man sah nur die herzigen Gebärden,
unter denen er sich dem Ufer näherte, rühmte den »Prachtbuben«, winkte ihm Grüsse
zu. Clemens machte ein Sprachrohr aus seinen Händen und rief: »Komm her, wenn's
d' Courage hast.«
    Plötzlich stiess Maria einen Ruf des Schreckens aus, und Hermann, über den
Abgrund gebeugt, schrie aus allen seinen Kräften: »Fort vom Wasser ... Geh
zurück!«
    Das Kind schien einen raschen Entschluss gefasst zu haben, es lief dem Stege
zu. Die alte Wärterin, die sich in seiner Nähe gehalten hatte, hinter ihm her,
stolpernd, keuchend.
    Die übrigen Kinder waren aufmerksam geworden. Ein und derselbe Impuls
durchzuckte alle. - Dem Hermann nach zum Steg ... Und fort stoben sie, Wilhelms
siebenjähriger Hansel an ihrer Spitze.
    Es dauerte einige Zeit, bevor Helmi mit Hilfe der Bonne und der Diener die
Flüchtlinge wieder eingefangen. Eben auch hatte die Wärterin sich Hermanns zu
bemächtigen gewusst; der Widerstand, den er ihr entgegensetzte, schien bereits
überwunden, als es ihm gelang, sich mit einem heftigen Ruck loszureissen und zu
entrinnen.
    »Ich hab Courage! Vater, Mutter, ich komm zu euch!« Er lief und lief, und
alle, die ihm von der Wiese her nachgeeilt kamen, blieben weit hinter ihm
zurück.
    Nun schimmerte sein weisses Kleidchen durch die Zweige der Weiden, und nun
erschien er auf dem Steg.
    Im selben Augenblick stürmte Hermann der Felsentreppe zu und die jähe Steile
ihrer verwitterten Stufen hinab.
    Lautlos folgte ihm Maria, und rasch wie ein Pfeil war Willi an ihrer Seite.
    Aber auch von den übrigen besann sich keiner, den schwindelnden Pfad zu
betreten. Keiner dachte an das, was er wagte. Ein Gefühl nur durchzitterte alle,
dieselbe Angst, derselbe Wunsch ... Sie glitten, sie wankten, fanden das
Gleichgewicht wieder und rannten weiter. Eines Pulsschlags Dauer hielten sie
inne in ihrem kühnen Beginnen.
    Sorglos schreitend war das Kind bis zur Mitte des Steges gelangt,
triumphierte laut und forderte seine Verfolger heraus:
    »Jetzt fangt mich, jetzt!« sah sich um, beschleunigte seinen Lauf,
strauchelte, stürzte - Alle anderen überholend, erreichte Hermann das Ufer. Den
Blick unverwandt auf das Kind gerichtet, das, ohne unterzusinken, von der
Strömung fortgerissen wurde, warf er den Rock ab, stürzte sich in die Flut und
hatte im nächsten Augenblick den Kleinen erfasst.
    Hermann auf dem Fusse waren Wilhelm und Clemens gefolgt. Der erste voll
Geistesgegenwart, wissend, was er wollte, der zweite halb wahnsinnig vor
Bestürzung über die Folgen seines verhängnisvollen Scherzes.
    Wilhelm lief mit Blitzesschnelle der Brücke zu. Neben dieser war ein Kahn
ans Land gezogen, junge Baumstämme lagen da aufgeschichtet, zur Herstellung der
Vogelhütte bestimmt. Nach einem von denen griff Wilhelm, liess ihn aber fallen,
als Clemens einen Flosshaken entdeckte und an sich nahm, der im Kahn geborgen
oder vergessen worden. Rascher, als Worte schildern, eilten beide zurück und
langten glücklich an der Stelle an, wo sich Hermann mit übermenschlicher Kraft
gegen die andringenden Fluten behauptete.
    »Näher! um Gottes willen, näher!« schrien Wilhelm und Clemens ihm zu, und
jeder hielt die Stange fest mit beiden Händen, und sie reichten sie ihm hin,
soweit sie konnten. Er griff nach ihr - verfehlte sie ...
    Da sprang Clemens ins Wasser, kämpfte sich vor bis ans äusserste Ende der von
Wilhelm allein nur mühsam im Gleichgewicht erhaltenen Stange und wagte einen
verzweifelten, einen vergeblichen Rettungsversuch. Schon hatte die
Riesenschraube des Wirbels Vater und Sohn umklammert und riss sie hinunter und
warf sie mit wildem Toben wieder empor, keuchend, schaumbedeckt ... Ein letztes,
ein grausiges Ringen. - - Erschöpft, überwunden, erbarmungslos an die Riffe
geschleudert, suchte Hermann noch sein Kind mit seinem Leibe zu decken.
    An beiden Ufern drängten Leute zur Unglücksstätte heran;diesseits alle, die
Hermann nachgeeilt waren, jenseits seine Diener, Kutscher, Lakaien, zufällig
vorüberkommende Arbeiter. Nicht einer unter ihnen, der nicht helfen möchte, der
es nicht versucht mit leidenschaftlichem Eifer.
    Nur Maria, Hermanns Namen auf ihren Lippen, ihm nachstrebend mit rasender
Sehnsucht in die Todesgefahr, blieb regungslos. Ihre ganze Seele war in ihren
unnatürlich weit geöffneten Augen, in dem Blick, mit dem sie ihm nachstarrte ...
Auf einmal war ihr, als sei es Nacht geworden - ihre Pulse stockten, sie wankte
und lag in zwei fest um sie geschlungenen Armen. - Carla Wonsheim hielt sie
aufrecht, Betty lag schluchzend zu ihren Füssen und umklammerte ihre Knie. -
Jemand betete laut - aus der Feme drang verworrenes Geräusch von Stimmen.
    Dortin - aus halber Bewusstlosigkeit erwachend - eilte Maria. Menschen,
immer mehr Menschen liefen zusammen. Einige trugen eine schwere Last und legten
sie hin - - o wie sanft und vorsichtig ...
    Nun ist's, als ginge eine freudige Bewegung durch die Menge: »Der Doktor!«
schreit ein atemlos daherrennender Diener, »der Heger bringt ihn, er war bei
dessen krankem Kinde.«
    Beim Nahen Marias tritt lautlose Stille ein. Alle Leute treten stumm vor ihr
zurück ... Ein einziger, halb entkleidet, triefend, kommt an sie heran, windet
sich winselnd und stöhnend. Er fasst den Saum ihres Kleides: »Treten Sie auf
mich! Ich hab's getan, ich hab ihn gerufen, ich Verdammter, dumm wie ein Tier
... Zertreten Sie den hohlen Schädel, zertreten Sie mich!« heulte er und grub
sein Gesicht in das Gras zu ihren Füssen.
    Maria wich ihm aus. Sie hatte die Leblosen erblickt, die klaffende Wunde auf
Hermanns Stirn, das fahle Angesicht ihres Knaben. Da bäumte sie sich zurück, hob
die gerungenen Hände gen Himmel und sank nieder mit einem entsetzlichen
Wehelaut:
    »Tot?... Beide tot?«
    Niemand gab Antwort, und sie raffte sich zusammen, und über Hermann gebeugt,
bedeckte sie seine Brust mit ihren Küssen und rief: »Er lebt, Doktor - sein Herz
schlägt, ich hab es gefühlt ...«
    Der Arzt, der, wenn auch völlig hoffnungslos, noch nicht aufgehört hatte,
Wiederbelebungsversuche an dem Kinde vorzunehmen, antwortete mit einer
verneinenden Gebärde.
    Sie aber drückte ihren Mund auf den des Entseelten und hauchte ihm ihren
Atem ein, bis er versagte, ohne die leiseste Regung des seinen zu wecken. Und
nun begriff sie, dass sie ihn verloren hatte. Wieder stürzte sie sich über ihn
... aber plötzlich, gestemmt auf seine Schulter, hob sie den Kopf empor und
schoss einen Blick voll bebender Scheu nach ihrem Sohne ... »Der auch?« stöhnte
sie mit einer Stimme, in der alles zusammengepresst schien, was die Menschenseele
an Schmerz zu fassen vermag: »Mein Kind auch!«
    Dem Wahnsinn nahe, betete sie, bettelte um ein Wunder.
    Als sie heimkehrten, die vor wenigen Stunden froh und glücklich das Haus
verlassen hatten, funkelten ihnen Hundert-tausende farbige Lämpchen entgegen. In
einem Meer von Licht prangend, empfing Schloss Dornach seinen toten Herrn.
 
                                       19
Maria hielt allein die erste Nachtwache bei ihren Toten. Man hatte die Hand des
Kindes aus der seines Vaters nicht zu lösen vermocht, und so ruhten sie
nebeneinander auf einem Lager und sollten auch in einem Sarge ruhen. Ihre
bleichen Gesichter trugen keine Spur des letzten schweren Kampfes. Maria hielt
die beiden umfangen. Sie lag an sie geschmiegt, bleich und stumm wie sie, aber
ohne ihren Frieden. Einen Trost nur hatte sie in ihrer Vernichtung und empfand
ihn, während sie ihr Haupt an das stille Herz drückte, an dessen lebensfreudigem
Schlag all ihr Glück gehangen.
    Wohl ihr, dass ihm das Bitterste erspart, dass sein Glaube an sie
unerschüttert geblieben war bis ans Ende. Dank der geheimnisvollen Kraft, die
das Wort, das ihn elend gemacht hätte, sooft sie es aussprechen wollte,
zurückgedrängt in ihre Brust. Nun war er eingegangen zur ewigen Ruhe,
unerschüttert in seiner seligen Zuversicht.
    Im anstossenden Zimmer befand sich Lisette und unterdrückte ihr Schluchzen,
um von der Herrin nicht gehört und fortgewiesen zu werden. Einmal wagte sie sich
leise bis zur Tür heran und spähte durch das Schlüsselloch.
    Maria sass neben dem Bette, unbeweglich in den Anblick der Ihren versunken,
mit einem Ausdruck von so herzzerreissender Trauer, dass Lisette zurückfuhr. -
Nein, das ertrug sie nicht, das konnte sie nicht sehen ...
    Am Morgen endlich pochte sie und trat, als nach einer Weile keine Antwort
kam, ungeheissen bei ihrer Gebieterin ein, rief sie an und sagte: »Es ist Tag!«
    Maria schreckte auf: »Schon Tag?«
    »Ja, mein armes Kind; und du musst fort. Die Herren sind da ... Du weisst -
und der Graf Wilhelm.«
    Der hatte mit Helmi an der Tür gestanden. Seine Augen waren rot und
geschwollen, seine Lippen zuckten. Er konnte nicht sprechen und lehnte sich
hilflos an seine Frau. Der Doktor und Willi kamen, und hinter ihnen trat
schüchtern Erich ein, der mit beiden Händen einen grossen Strauss weisser Rosen
festielt.
    »Der Gärtner hat mir gesagt, ich soll das dem Hermann bringen«, sprach er zu
seiner Mutter. »Hermann, da hast du.«
    Er legte die Blumen auf das Bett, und auf dessen Rand gestützt, hob er sich,
so hoch er konnte, und streckte den Hals und spitzte die Lippen, um seinen
Bruder zu küssen. Doch erreichte er ihn nicht und fragte: »Warum hast du heute
nicht bei mir geschlafen?« - Jetzt erblickte er den Vater, der sich auch nicht
rührte, dessen Augen auch geschlossen waren ...
    Ganz bestürzt trat er zurück. »Warum schlafen sie so lange?« rief er
plötzlich aus. »Sie sollen aufwachen, Mutter, sag ihnen, dass sie aufwachen
sollen!«
    Maria beugte sich zu ihm nieder und schloss ihn in ihre Arme. Die ersten
Tränen, die sie seit gestern geweint hatte, fielen auf das Haupt ihres
Söhnchens.
Wilhelm nahm es auf sich, Gräfin Agate die Kunde des furchtbaren Verlustes, den
sie erlitten hatte, selbst mitzuteilen. Helmis Bitten brachten ihn dazu. Sie
wollte ihn fort haben von der Unglücksstätte, ihn zwingen, in der Ausübung einer
schweren Pflicht Herr seines Schmerzes zu werden.
    Früher, als man gedacht hatte, kehrte er zurück. Er war Tag und Nacht
gefahren, teils Lokalbahnen benutzend, teils mit Bauernpferden, und meldete die
Ankunft der Gräfin für den nächsten, den Morgen der Beisetzung an.
    »Wie hast du sie gefunden?« fragte Maria abgewandten Blickes.
    »Rätselhaft - eine Heilige oder ein Stein«, erwiderte Wilhelm und erzählte,
dass die Gräfin noch in der Kirche war, als er um neun Uhr früh in Dornachtal
ankam. Der neue Beichtvater, ein junger, hochgewachsener, streng aussehender
Herr, empfing ihn und nahm seine Unheilsbotschaft mit kaltem Erstaunen auf. Er
hatte den Herrn Grafen nicht gekannt, nur von ihm gehört. In dem Moment hasste
ihn Wilhelm; im nächsten hätte er ihm um den Hals fallen mögen, weil er sich
anbot, die alte Dame auf die Nachricht des Unglücks, das sie getroffen hatte,
vorzubereiten. Wilhelm wartete im Zimmer des Geistlichen, der ihn rufen lassen
sollte, sobald es Zeit war ... Das geschah nach einer halben Stunde ... Grosser,
guter Gott! - Sie sass ruhig in einem hochlehnigen Fauteuil, der Geistliche auf
einem Sessel neben ihr, die Augen gesenkt, ein triumphierendes Lächeln auf
seinen kargen Lippen. Die Gräfin, weiss wie ein Linnen, hielt einen Rosenkranz
zwischen ihren Fingern, die völlig leblos aussahen.
    »Dank«, sprach sie, »dass du dich selbst hierherbemüht hast«, liess Maria
bitten, sie zu erwarten, und ersuchte ihn, sich nicht aufzuhalten, sie wisse,
wie notwendig er in Dornach sei. Ihr Wagen, der ihn nach dem Frühstück zur Bahn
bringen solle, sei bereit.
    Kein Wort von ihrem Sohne, von ihrem Enkel. Erst als Wilhelm Abschied nahm,
fragte sie nach Erich und flüsterte mit einem dankbaren Aufschlagen der Augen
zum Himmel: »Den hat mir Gott gelassen!«
    Bei diesen Worten zuckte Maria zusammen und schlug die Hände vor das
Gesicht.
    Bald nach Wilhelm war Graf Wolfsberg eingetroffen, gebeugt, gealtert. Wenige
Menschen durften sich rühmen, seine Liebe zu besitzen; die beiden, die morgen
begraben werden sollten, hatte er geliebt. Aber auch die Veränderung, die mit
seiner Tochter vorgegangen war, ergriff und erschütterte ihn. Er hörte nicht auf
sie angstvoll zu betrachten, erwies sich hilfreich, stand ihr bei in ihrem
traurigen Totendienst. Einmal zog er sie plötzlich an sein Herz, so zärtlich wie
am Tage vor ihrem Scheiden aus dem Vaterhaus: »Lebe«, sprach er, »du hast auf
Erden noch etwas zu tun.«
    Sie erhob den Blick zu ihm und erwiderte entschlossen: »Ja, Vater, ja!«
Gräfin Agate wurde von Wolfsberg und Maria unter dem Portal erwartet. Sie stieg
aus dem Wagen und nach stummer Begrüssung, jede Unterstützung abwehrend, die
Treppe hinauf. Oben wandte sie sich geradenwegs dem Kapellenzimmer zu, in dem
seit Jahrhunderten die Grafen von Dornach ihre letzte Rast hielten.
    Der schwarz ausgeschlagene Raum war dicht gefüllt mit weinenden,
schluchzenden Menschen. Als die alte Dame eintrat, war's, als ob ein Eishauch
die Luft durchwehe; alle Tränen stockten, nicht eine Klage mehr wurde laut.
    Aufrechten Ganges, hoheitsvolle Ergebung in den strengen Zügen, wohnte die
Gräfin den Trauerfeierlichkeiten bei. Erstarrt in ihrem Gram, klagte sie nicht,
verlangte nicht nach einer Schilderung des Ereignisses, das ihr den Sohn und den
Enkel geraubt hatte. »Der Herr hat sie gegeben, der Herr hat sie genommen, der
Name des Herrn sei gelobt«, war alles, was sie sich und ihrer Schwiegertochter
zum Troste sagte. Aber sie setzte hinzu: »Der gleiche Schmerz verbindet.« Sie
liess Maria fühlen, dass die geliebte Gattin ihres Sohnes ihr auch nach dessen
Tode wert geblieben war.
    Tante Dolph hatte sich in den jüngstverflossenen Tagen unsichtbar gemacht.
Doktor Weise musste ihr absolute Ruhe und Luftveränderung verordnen.
    In ihr ging etwas Ungewöhnliches vor - sie wurde bei der Erinnerung an den
kleinen Hermann von Wehmut erfasst, nicht heftig allerdings, aber doch
beängstigend für die alte Egoistin, wie ein Unwohlsein für einen Menschen, der
immer gesund war. Sie gestand es ihrem Bruder und verhehlte ihm auch nicht ihren
leisen Groll gegen Maria, deren Unglück das Mitleid herausforderte - ein der
Gräfin unbequemes Gefühl.
    »Mich mitzufreuen, nicht mitzuleiden bin ich da. Warum soll die Traurigkeit
sich ausbreiten?... Ich weiche ihr aus. Wenn das abscheulich gefunden wird, muss
ich mich darein fügen. Kann ich für meine Natur? Die Rebe weint, die Distel
nicht«, sagte sie und reiste ab.
    In dem schwer heimgesuchten Hause, dem sie den Rücken gekehrt, gab es aber
doch einen Glücklichen. Das war Erich; selig ging er umher wie ein aus der
Verbannung in das ersehnte Heimatparadies Zurückgekehrter. Seine Mutter liebte
ihn jetzt, wie sie den armen Hermann liebte, der noch immer schlafen musste. Sie
hob ihn auf ihren Schoss und überhäufte ihn mit Zärtlichkeiten.
    Und das Kind, in wonniger Überraschung, ein wenig verlegen, liess in stillem
Entzücken all diesen Liebessegen über sich ergehen.
    Einmal nahm sie ihn mit in die Gruft, und vor der mit Kränzen behangenen
Nische, die den Sarg ihres Mannes und ihres Erstgeborenen barg, kniete sie
nieder.
    »Erich«, sprach sie, seine beiden Händchen in ihre Hände fassend, »Erich, du
wirst gross werden und gut und gescheit. Dann sollst du an deine Mutter denken
und an das, was sie dir heute sagt.«
    Der Kleine lehnte seine Stirn an ihre Wange: »Was sagt sie?«
    »Sieh dich um. Wo sind wir?«
    »In der Gruft.«
    »Und wer schläft in der Gruft?«
    »Mein Vater und mein Bruder.«
    »Und noch viele, viele ihnen verwandte, gute Menschen. Merke dir, Erich,
vergiss es nicht, erinnere dich, wenn du gross sein wirst, wo und wann deine
Mutter dir gesagt hat: Verzeih mir, mein Kind ... verzeihe mir! - Wirst du dir
das merken, Kind?«
    Erich schlang seine Arme um ihren Hals und antwortete fest und
zuversichtlich: »Er merkt sich's.«
    Als sie ins Schloss zurückkehrten, kam Wolfsberg ihnen entgegen.
    »Es ist Zeit«, sagte er zu Maria. »Deine Schwiegermutter und Wilhelm
erwarten dich. Wenn du aber nicht stark genug bist ...«
    Sie unterbrach ihn: »Ich habe mir Stärke geholt«, übergab den Knaben der
seiner harrenden Wärterin und ging mit ihrem Vater nach den Zimmern der Gräfin.
    Das Testament des Verstorbenen war vor der Beerdigung in Gegenwart Wilhelms
und Wolfsbergs mit den üblichen Förmlichkeiten eröffnet worden. Sein Hauptinhalt
war eine Huldigung für Maria, und Wolfsberg hatte gezögert, ihr den ergreifenden
Wortlaut dieser letzten Botschaft mitzuteilen. Heute, am dritten Tage nachdem
Hermann zur ewigen Ruhe bestattet worden, sollte es geschehen. Seine Mutter
hatte den Wunsch ausgesprochen, Zeugin zu sein.
    Die Gräfin empfing Maria und Wolfsberg im Salon ihrer Witwenwohnung im
Schloss. Ein hohes Gemach mit gelblichen Stuckwänden, grossen Marmorkaminen, bis
zur Decke reichenden Spiegeln in kannelierten Goldrahmen und steifer
Empireeinrichtung. Die Fenster, die einen weiten Ausblick über den Park
gewährten, standen offen, und hereindrang das Licht der untergehenden Sonne und
die würzige Luft, die vom Walde hergestrichen kam.
    Einen düsteren Gegensatz zu diesem freundlichen Raume bildete die alte Dame
mit ihren schwarzen schleppenden Gewändern, mit dem aschfahlen Angesicht, dem
die Leiden und Seelenkämpfe der letzten Tage tiefe Spuren eingeprägt hatten.
    Sie erhob sich ein wenig aus ihrer Sofaecke, als Maria auf sie zukam, und
streifte dabei ein kleines Bauer mit einem ausgestopften Vögelchen auf den Boden
hinab. Ehe jemand ihr zuvorkommen konnte, hatte sie sich danach gebückt und das
Spielzeug wieder auf seinen früheren Platz gestellt.
    »Erich hat es herübergebracht«, sprach sie, »und vergessen, als du ihn rufen
liessest.«
    Maria ergriff die Hand, die sie ihr reichte, beugte sich tief, küsste sie
innig und heiss und zog sie immer wieder an ihre Lippen, als ob es ein schweres
Scheiden gelte.
    »Nun, mein Kind, nun«, ermahnte die Gräfin, »Fassung, ich bitte dich. Wir
wollen die Worte des teuren Vorangegangenen hören, standhaft wie Glaubende und
Hoffende.«
    Wilhelm hatte die Zeit über stumm dagesessen, in das Schriftstück vertieft,
das er vorlesen sollte.
    »Beginne«, sagte die Gräfin.
    Er rückte seinen Sessel näher zu ihr. Ihm gegenüber hatte sich Maria
niedergelassen. Ihr Vater nahm Platz an ihrer Seite.
    Wilhelm las mit bewegter, leiser Stimme, und der greisen Zuhörerin neben ihm
bemächtigte sich allmählich ein lange nicht mehr gekanntes Gefühl, eine sanfte
und wehmütige Rührung.
    Vor vielen Jahren hatte ein Unvergessener in seinem Letzten Willen so von
ihr gesprochen, wie Hermann von dem Weibe seines Herzens sprach. Mit dem
gleichen Vertrauen hatte er sie geehrt, indem er ihr so viele Rechte über den
Sohn, soviel Freiheit in der Verwaltung des Vermögens gewahrt, als das Gesetz
nur irgend zuliess. Fast mit den Worten seines Vaters schrieb Hermann:
»Weil ich das wahre Wohl meiner Kinder im Auge habe, unterwerfe ich sie in allem
und jedem den Bestimmungen ihrer Mutter. Sie sind damit einer Vorsehung
anbefohlen, die weise ist, gerecht und treu.«
Ein qualvolles Wimmern rang sich aus Marias Brust.
    Wilhelm hielt inne.
    »Weiter«, sagte die Gräfin nach einer kleinen Pause.
    Mit erstickter Stimme fuhr er im Lesen fort und warf von Zeit zu Zeit einen
verstohlenen Blick nach Maria. Sie rang die Hände auf ihren Knien, aus ihren
marmorblassen Zügen sprach rettungslose Verzweiflung.
    Wilhelm war zu Ende gekommen. Am Schlusse hiess es:
»Je besser und tüchtiger meine Kinder werden, mit je hellerem Blick sie die Welt
und die Menschen beurteilen lernen, desto festere Wurzeln wird in ihnen die
Überzeugung schlagen: Es gibt auf Erden eine höchste Einsicht und Güte - in
unserer Mutter hat sie sich verkörpert.
    Ich lebe gern und hoffe noch lange zu leben und zu meinen Söhnen noch
manches Wort sprechen zu können. Dir aber, Maria, ob ich jung, ob alt sterbe,
dir werde ich immer nur eines zu sagen haben: Ich danke dir!«
Die Augen Gräfin Agatens hatten sich leicht gerötet; teilnehmend wandte sie
sich Maria zu.
    Die Frau, die eine solche Liebe besessen und verloren hatte, stand ihr nahe
und sollte ihr immer nahestehen. »Meine Tochter«, sagte sie zu ihr, »ich teile
den Glauben meines Hermann. Sein teuerstes Vermächtnis, sein liebes Kind, ist
geborgen in deiner Hut. Gott stärke dich und segne unsern kleinen
Majoratsherrn.« Sie streckte die Rechte aus, um sie auf den Scheitel Marias zu
legen.
    Diese sprang auf. »Was tust du? Ich verdien es nicht ... Behandelt mich, wie
ich es verdiene«, rief sie leidenschaftlich aus, stockte einen Augenblick und
setzte dann herben Klanges hinzu: »Erich ist nicht erbfähig.«
    »Maria!« - stiessen die anderen hervor. Derselbe Gedanke war allen zugleich
gekommen ...
    »Nein, nein, ich bin nicht wahnsinnig, ich weiss, was ich rede. Ich kann die
Lüge nicht mehr ertragen. Der ist tot, dem zuliebe ich es getan habe.«
    Ausser sich fasste Wolfsberg ihre Schulter mit eisernem Griff: »Was getan?«
    »Geheuchelt - mich halten lassen für das, was ich nicht war:für treu.«
    Er stiess sie von sich und sprang auf; auch die Gräfin stand da,
emporgerichtet in ihrer ganzen Höhe.
    »Nicht treu? eine Dornach nicht treu?... Nein, keine Dornach. Du bist nicht
aus unserem Blut - Ehebrecherin!« schleuderte sie Maria zu und führte
unwillkürlich das Taschentuch an ihre Lippen, die sie beschmutzt fühlte, nachdem
sie das Wort ausgesprochen hatten ... »Erich nicht der Sohn meines Sohnes ...
und ich - und ich!...« Mit einem grellen, kurzen Lachen sank sie in die Kissen
zurück, halb ohnmächtig, stumm und starr.
    »Du lügst, Maria!« rief Wilhelm. Bebend vor Wut trat Wolfsberg vor seine
Tochter hin: »Deine Entschuldigung?« fuhr er sie an.
    Sie sah ihm ruhig in die zornig flammenden Augen, und aus den ihren sprach
eher ein Vorwurf als eine Abbitte. Ich hatte mich gerettet aus eigener Kraft,
hätte sie ihm antworten können. Da riss mich die Hand deines Sohnes ins
Verderben.
    »Deine Entschuldigung?« rief er von neuem, dieses Mal leiser, dringender,
sehr betroffen über ihre wunderbare Gelassenheit. »Du hast eine Entschuldigung.«
    »Keine«, erwiderte sie.
    »Unmöglich«, fiel Wilhelm ein. »Wenn du gefehlt hast, hätte ein Engel
gefehlt und ...« plötzlich hielt er inne.
    Die Tür neben dem Sofa war geöffnet worden. Aus dem Zimmer Gräfin Agatens
kam Erich heraus und auf sie zugelaufen. »Grossmutter, wo ist der kleine Vogel?«
fragte er und legte seine gekreuzten nackten Ärmchen auf ihren Schoss.
    In ihrem Herzen erglomm ein letzter Funken der Liebe zu diesem holdseligen
Kinde, sie sah ihn mitleidsvoll an; dann wies sie ihn hinweg.
    Er aber forderte ungestüm: »Den kleinen Vogel! Grossmutter, gib! gib!« und
klammerte sich an sie.
    Da schüttelte sie ihn ab, wie wenn etwas Unreines sie berührt hätte. »Geh!«
befahl sie hart. Ihr Gesicht war verzerrt, ihre Hände ballten sich krampfhaft:
»Geh!«
    Erich, erstaunt, bestürzt, wurde über und über rot; seine Mundwinkel zogen
sich herab; er sah noch von der Seite nach dem Vogelbauer und rang mit dem
Weinen, in das man ihn ausbrechen hörte, sobald er das Zimmer verlassen hatte.
    Maria blieb regungslos. Ihr Vetter Wilhelm beobachtete sie in unsäglicher
Spannung und wartete sehnlich, dass sie sprechen und die Verleumdung zurücknehmen
werde, die sie gegen sich selbst ausgestossen hatte ... Aus welchem Grunde? was
bezweckte sie damit?... Die Gedanken wirbelten durcheinander in seinem
brennenden Kopf, es hämmerte in seinen heissen Schläfen. Nach Kühlung ringend,
trat er ans Fenster.
    Lau strömte die Luft ihm entgegen und weckte ein flüsterndes Geräusch in den
Wipfeln der Bäume. Schwalben umkreisten das Haus. Weisse Tauben schwangen sich
von einem Pilasterkapitäl schwirrenden Fluges auf und verschwammen im Blau wie
Flöckchen.
    »Wilhelm!«
    Er sah sich um, die Gräfin hatte seinen Namen gerufen.
    »Der alte Stamm Dornach ist erloschen«, sprach sie feierlich und erbleichte
unter dem Eindruck, den ihre eigenen Worte in ihr hervorriefen. »Gott schütze
den jüngeren Stamm und vor allem dich, dessen Haupt.«
    Er taumelte zurück: »Ich!... Ich?...«
    »Du hast den nächsten Anspruch. Ist dir das neu?« fragte Wolfsberg voll
Bitterkeit.
    »Ich werde ihn nicht geltend machen, nie!«
    »Als ob du die Wahl hättest.«
    »Du wirst tun, was deine Pflicht ist und was du tun musst«, sagte die Gräfin.
    »Muss?« erwiderte er heftig, »und was wir jetzt gesprochen haben, muss
weltbekannt werden - und zu der Erklärung, die hier abgegeben worden ist, muss
das Gesetz seinen Segen geben -« Er hielt inne, ein erlösender Gedanke war in
seinem Geiste aufgestiegen: »Das Gesetz gibt ihn nicht!... Vor dem Gesetz ist
das in der Ehe geborene Kind rechtmässig und sein Erbe unantastbar.«
    Gräfin Agate fuhr auf: »Sein Erbe?... das Gesetz?... Es gibt ein Gesetz,
welches das Kind der Sünde beschirmt, wenn es die Hand ausstreckt nach fremdem
Gut?«
    »Ohne Sorge!« fiel Wolfsberg ein. Er war blass geworden, Schweisstropfen
perlten auf seiner Stirn. »Das Kind wird Dor-nachisches Eigentum nie berühren,
es wird erzogen werden, wie es ihm zukommt, und einst, mündig geworden, seine
Verzichtleistung unterschreiben mit dem Bewusstsein, es vollziehe eine leere
Förmlichkeit. Dafür steh ich.«
    »Und ich«, sprach Maria, und Wilhelm rief ganz ausser sich:»Und du!... So
gibst du deinen Namen der Lästerung preis. Hast du das auch bedacht?«
    Sie hatte ein trostloses Lächeln: »Guter Wilhelm, du wirst doch mich nicht
schonen wollen - eine Schuldige, die mehr als überwiesen, die geständig ist ...
Ich habe jahrelang Liebe und Ehrfurcht erduldet mit dem Bewusstsein meines
Unwerts - - das war schwerer ...«
    »Worte, leere Worte«, versetzte starr, unerbittlich die Gräfin. »Wenn es dem
Ewigen gefallen hätte, meinen Sohn zu erhalten, würdest du weitergelebt haben in
Lüge und Trug.«
    »Nicht mehr lange«, sprach Maria mit sanftem, eindringlichem Beteuern,
»glaube mir. Der kleinste dem - - dem unrechtmässigen Kinde gewährte Anspruch
hätte mir die Zunge gelöst, und dann wäre ich vor Hermann gestanden, wie ich
jetzt vor seiner Mutter stehe, und hätte gefragt -« ihre Stimme wurde fast
unhörbar: »Darf ich dir Lebewohl sagen?«
    Eine ablehnende Gebärde war die Antwort der Gräfin, Wilhelm aber ging auf
Maria zu und sagte vorwurfsvoll: »Lebewohl? Du willst uns verlassen; was fällt
dir ein? - Wir lieben dich - meiner Helmi bist du wie eine Tochter - bleibe bei
uns, zieh zu uns in unser schlichtes Haus - bleibe bei uns!« Er klopfte auf
seine Brust. »Du hast einen Freund, der dich verehrt und noch mit seinem letzten
Hauche wiederholen wird: Wo die gesündigt hat, da wäre ein Engel gefallen.«
    Maria drückte dankbar seine Hand. »Wir sehen uns wieder«, brachte sie mühsam
hervor, »in Wolfsberg, wo mein Vater mich und das Kind aufnehmen wird. Nicht
wahr, Vater?«
    »Ich komme nicht mehr nach Wolfsberg«, erwiderte er rauh. In dieser Stunde
verleugnete sich seine Liebe zu ihr.
    »Maria!« rief Wilhelm, »wir werden jeden Tag segnen, den du uns schenkst.
Bleibe bei uns!«
    »Es kann nicht sein - du wirst das einsehen«, sagte sie. Ihre Wangen hatten
sich langsam gefärbt und glühten nun fieberhaft.
    Zum zweiten Male wandte sie sich an ihren Vater: »Nimm uns dennoch auf!«
    Er zuckte mit den Achseln und antwortete: »Was bleibt mir anderes übrig?«
 
                                       20
Das Stammschloss Wolfsberg war ein schwerfälliges steinernes Bauwerk mit düsteren
Bogenhallen, feuchten Gängen, klafterdicken Mauern. Der Graf hatte es einst mit
grossem Aufwand bewohnbar machen und einen Teil davon in altertümlichem Stile
einrichten lassen, während der andere allen Anforderungen entsprechen sollte,
die heutzutage an den Landaufentalt reicher und gastfreier Leute gestellt
werden. Später, nach dem Tode seiner Frau, bereute er die romantische Laune, die
ihn verleitet hatte, seinen Wohnsitz in einer unwirtlichen Gegend zu nehmen, in
der Nachbarschaft einer Dorfbevölkerung, der alle Laster der Armut anhafteten.
Er liess Dolph und Maria monatelang allein; seine Besuche wurden immer kürzer,
und nach der Verheiratung seiner Tochter kam er überhaupt nicht mehr nach
Wolfsberg.
    Das Schloss erhob sich auf einem stumpfen Hügel, der noch zu Anfang des
Jahrhunderts dicht bewaldet gewesen war. Ein geldbedürftiger Vorfahr hatte die
Bäume fällen und den Grund nicht mehr aufforsten lassen. Wasserrisse bildeten
sich, die fruchtbare Erde wurde von Regengüssen fortgeschwemmt und der tonige
Sandstein, der nun zutage kam, allmählich von einer kümmerlichen Vegetation
bedeckt. Hie und da ragte der schiefe und narbige Stamm einer Föhre mit
graugrünen Nadelbüscheln an den dürren Zweigen aus dem Gestein hervor, und wo
ein Quellchen rieselte, gab es üppig wuchernde Moose. Wurzeltriebe der uralten
Steineichen, die oben vor dem Pförtnerhause standen, schmückten sich mit
Blättern. Kampanellen und Eriken wuchsen aus dem Schutt.
    Dass die Wasseräderchen nicht ganz versiegten, dankte man dem Baumreichtum
des Schlossgartens. Hinter seiner weitläufigen, vieleckigen Einfassungsmauer, die
sich stellenweise bis zur halben Höhe des Hügels zog, breiteten sich herrliche
Wiesen, und sogar von Blumen und von Gewächshäusern, in denen sie überwinterten,
erzählte man im Dorfe. Ein Verkehr zwischen diesem und dem Schloss bestand
nicht. Unfrieden herrschte zwischen beiden, seitdem die Gemeinde die ersten
Wohltaten, die der Graf ihr erwiesen, mit Undank gelohnt hatte. Was sich an
Nörgeleien erdenken lässt, das tat man einander an.
    Dem Grafen, in dessen Sinne die Gutsverwaltung sich dem Volke gegenüber
benahm, weihte es seinen vollsten Hass, während das Andenken der verstorbenen
Herrin in Ehren gehalten wurde. Ein Gemisch von Wahrheit und von böswilliger
Erfindung hatte sich als Tradition in der Gegend erhalten. Niemand bezweifelte,
dass die Gräfin den Misshandlungen erlegen war, die sie von ihrem Gatten erdulden
musste, und jetzt wandelte sie als Gespenst durch die Gänge, schlich an seine Tür
und lauschte. Eines Nachts hatte er ihr geisterhaftes Auge gesehen, wie es
durchs Schlüsselloch spähte. Nun verfolgte ihn dieses Auge und starrte ihm
entgegen aus jedem Winkel des Hauses. Kein Wunder, dass er es nicht aushielt in
Wolfsberg; kein Wunder, dass seine frechen Diener sich nach und nach gebärdeten
als Herren im fremden Eigentum.
    Das Telegramm des Grafen, welches das Eintreffen Marias zu längerem
Aufentalte ankündigte, enttronte mit einem Schlage ein halbes Dutzend
Usurpatoren und entfesselte einen Sturm von unwilligen Fragen: »Was hat sie hier
zu suchen? Warum bleibt sie nicht dort, wohin sie gehört?«
    Keinem willkommen, kehrte Maria mit Erich und ihrem kleinen Gefolge in die
Heimat zurück.
    Die windbrüchige Akazienallee, die zum Schloss führte; das
Muttergottes-Kapellchen daneben am Fusse der Anhöhe, von vier Winterlinden
umgeben; den weiten Ausblick, den man im Steigen über die Felder und Hutweiden
gewann, bis zu dem Steinbruche, und tief im Hintergrunde den dunkeln Nadelwald -
das alles hatte sie geliebt. - Und wie kahl, welch ein Ausbund von Traurigkeit
erschien es ihr jetzt!
    »Wo sind denn die Wiesen, wo sind denn die Berge?« rief Erich, als er am
Morgen nach der Ankunft aus dem Fenster blickte. Er ging mit Lisette in das Dorf
und kehrte ganz entrüstet zurück.
    »Sie sind hier sehr unartig«, erzählte er, »sie geben keine Antwort, wenn
man sagt: Guten Morgen, und ein Bub hat mir«, er senkte die Stimme und flüsterte
seiner Mutter ins Ohr: »die Zunge herausgestreckt.«
    »Sie kennen dich noch nicht«, erwiderte sie ihm; »warte nur, bald werden sie
so freundlich mit dir sein wie die Kinder in Dornach.«
    Aber diese Prophezeiung erfüllte sich nicht. Im Gegenteil; als der Grund der
Entfernung Marias aus Dornach bekannt wurde, liessen es auch die Erwachsenen,
besonders die Weiber, an Gehässigkeiten gegen das Kind nicht fehlen. Ein
Schimpfwort wurde ihm zugerufen, sooft er sich zeigte, nach dessen Bedeutung er
zu Hause vergeblich fragte, und als er mit seiner Mutter davon sprach, traten
Tränen in ihre Augen. Sie hatte gemeint, nach dem Scheiden von Dornach könne ihr
nichts mehr weh tun, und nun gab es doch noch Stacheln, die vermochten, ihr ins
Herz zu dringen.
    Als sie nach Geringschätzung gedürstet, hatte sie nicht bedacht, dass ihr
schuldloses Kind sich mit ihr darein werde teilen müssen.
    Sie begann zu werben um die Gunst der Elenden und Mitleidlosen. Sie brachte
Hilfe und liess sich nicht abschrecken durch das Misstrauen und durch den kaum
verhehlten Hohn, mit dem ihre Gaben aufgenommen wurden. Wenn Erich über die
Bauernkinder klagte, wies sie ihn ab: »Sie können nicht dafür, bedauere sie;
niemand sagt ihnen: seid gut.«
    »Wär auch schad drum, mit denen müsst man eine andere Sprache reden!« fiel
Lisette zornschnaubend ein. - Sie hätte so gern jede Beleidigung, die Maria oder
das Kind erfuhren, mit Feuer und Schwert gerächt. - Ihres Respekts vor dem
Grafen Wolfsberg entledigte sie sich nach und nach vollständig und äusserte
ungescheut, wie es sie empöre, dass er nicht kommt, sich seiner Tochter
anzunehmen und »dem schlechten Beamten- und übrigen Volk den Standpunkt
klarzumachen - mit der Hundspeitsche!« schrie sie und schlug auf den Tisch.
    Es war ihr unfassbar, dass die flehentlichen Bitten Wilhelms und seiner Frau,
Maria besuchen zu dürfen, von ihr unerhört blieben, und sie wurde nicht müde,
ihren Unwillen darüber kundzutun.
    »Glaube mir«, erhielt sie endlich zur Antwort, »es würde mich verwöhnen,
mich weich machen.« Maria presste die flachen Hände an ihr Gesicht, dann hob sie
den Kopf in ihrer alten stolzen Weise. »Ich aber muss standhaft bleiben.«
    Sie bewahrte einen unerschütterlichen Gleichmut; sie schien blind und taub,
wenn sie herausfordernden Mienen begegnete, wenn sich bei ihrem Anblick ein
beleidigendes Zischeln erhob.
    Eines Tages im Späterbste führte ihr Weg sie zu einer einzeln stehenden
Hütte, deren uralte Bewohnerin von aller Not befreit war seit der Anwesenheit
der Gräfin in Wolfsberg. Gekrümmt wie ein Bogen sass sie auf der Bank an ihrer
Tür und lud Maria ein, neben ihr Platz zu nehmen. Sie begann damit, sich zu
beklagen, dass die Kleidungsstücke, die sie aus dem Schloss erhalten hatte, nicht
ganz nach ihrem Geschmack ausgefallen waren, sagte aber zuletzt doch einige
Worte des Dankes.
    Auf ihren Stock gestützt, blickte sie zu Maria hinauf, die, von Abscheu
ergriffen vor der affenartigen Hässlichkeit der Alten, unwillkürlich die Augen
schloss.
    »Ja, was Sie jetzt anders geworden sind, dass Sie sich um uns kümmern«,
sprach die Greisin; »wie Sie noch zu Haus waren, ist Ihnen so was nicht
eingfallen ...« Sie lächelte schadenfroh. »Na, wir werden Ihnen schon losbeten,
meine Tochter und ich; den anderen können Sie schenken, soviel Sie wollen, die
beten doch nicht für Sie ... die schimpfen nur ... Was die aber selber tun, das
sollen Sie von mir hören, hochgräfliche Gnaden, damit, wenn sich einer getraut,
Ihnen etwas ins Gesicht zu sagen, Sie ihm's tüchtig zurückgeben können.«
    Sie erzählte. Sie lieferte die Geheimnisse der Bewohner ihres Dorfes aus. Es
war eine haarsträubende Sittengeschichte, und die alte Sibylle erfand nicht.
Ihre Entüllungen trugen das Gepräge der Wahrheit, einer Wahrheit freilich, die
Schritt hielt mit den dunkelsten und ausschweifendsten Phantasiegebilden.
    Maria unterbrach das Weib im schönsten Fluss ihrer Rede und erhob sich. -
Welche Greuel, dachte sie; nein, so hättet ihr nicht werden müssen, ihr
Bejammernswerten! Ihr hättet nicht in diesen Sumpf zu geraten brauchen, in dem
ihr jetzt versinkt. Nur wenige Einsichtige und Barmherzige unter denen, die
durch Jahrhunderte unumschränkt über euch geherrscht, und sie würden euch zur
Erkenntnis des Guten geführt haben. Sie besassen die Macht, warum nicht auch die
Gerechtigkeit, die Uneigennützigkeit, das liebreiche Herz?
    Als ein Kind ihres Stammes fühlte Maria sich mitschuldig an dem
himmelschreienden Versäumnis und war doch die letzte, die Ersatz dafür zu
leisten vermochte. Sie konnte schenken - raten, belehren, bessernd einwirken
konnte sie, die Bemakelte, nicht. Um die Menschen zu ihrem wahren Heile zu
führen, bedarf es einer reinen Hand.
    Sie eilte hinweg wie gejagt und durchwachte die Nacht ruhelos und fiebernd.
In dem grossen, kapellenartig gewölbten Schlafgemach, das sie mit Erich bewohnte,
hingen zwei Meisterwerke Benczurs, die Bilder Hermanns und seines Sohnes. Gräfin
Agate hatte sie für ihre Schwiegertochter malen lassen, und sie waren das erste
gewesen, das Wilhelm seiner verehrten Base nachzuschicken befahl aus Dornach.
Die geliebten Gestalten schienen lebendig aus ihren Rahmen zu treten; ihre
treuen, freundlichen Augen die Augen Marias zu suchen und ihr zu folgen, wohin
sie sich wandte. Sie sank an ihrem Bette zusammen; ihre ganze Seele flammte auf
in der verzehrenden, ewig empfundenen, ewig vergeblichen Sehnsucht all der
Unglücklichen, die ihr Liebstes überleben: Einmal nur noch deine Stimme hören,
einen Kuss auf deine Lippen drücken, nur einmal noch.
    Oh, dieses immer geforderte, nie erlangte, nie verschmerzte eine letzte Mal!
    Alles still im Haus und auch draussen alles still. Ausnahmsweise hatte der
Sturm seine Flügel gefaltet und sein wildes Lied verstummen lassen. An dem
Geiste Marias zogen die stillen Tage ihres ersten, noch unbewussten Glückes
vorbei. Sie versenkte sich in die Erinnerung an jede im Verkehr mit ihrem
Gatten, ihrem Freunde, verlebte Stunde.
    Er hatte sein bei der Verlobung gegebenes Wort treulich gehalten, was sie
für ihn tat, immer als Gnade angesehen, was er für sie tun durfte, als sein
bestes Glück. Und seine Art und Weise gegen sie war nur der höchste Grad dessen,
was er allen Menschen zuteil werden liess. Sie erhob ihre Augen und ihre Hände zu
seinem Bilde und tat einen stummen Schwur: Die Welt soll dich nicht ganz
verloren haben, deine Güte, deine Langmut sollen fortleben; ich will dienen um
das Recht, sie auszuüben in deinem Sinn; ich will mir das Vertrauen der
Leidenden und Irrenden verdienen.
    In diesem Jahre kam der Winter besonders früh und streng mit seinen kurzen
Tagen, seinem dämmerigen Lichte, mit Eis und Schnee. Wochenlang von dem Verkehr
mit der Aussenwelt abgeschnitten, suchte Maria, wenn ein Postpaket endlich ins
Schloss befördert werden konnte, immer zuerst nach Briefen von ihrem Vater - und
nicht selten umsonst. Fürstin Alma, Carla und Betty schrieben voll Zärtlichkeit;
Wilhelms wiederolten immer inniger ihre stehende Bitte, sprachen immer wärmer
ihre Sehnsucht nach einem Wiedersehen aus. Tante Dolph sandte unpassend
schneidige Berichte über das Treiben in der Gesellschaft, während Wolfsbergs
Briefe so unpersönlich als möglich nur Fernliegendes berührten.
    Am Abend, wenn Sturm und Frost Maria im Hause ge-fangenhielten, setzte sie
sich ans Klavier und spielte, und sehr oft kam Erich, rückte einen Sessel
herbei, stieg hinauf und hörte unendlich aufmerksam zu. Das Kind schien eine
Ahnung zu haben von der Schönheit der Phantasien, die unter den Fingern seiner
Mutter hervorquollen. Sein dunkler, leuchtender Blick ruhte mit ehrfurchtsvollem
Staunen auf ihr und senkte sich fast scheu, wenn sie zu ihm hinsah.
    Einmal plötzlich hielt sie inne, nahm ihn auf ihren Schoss und drückte ihn an
sich. Er streichelte und küsste ihre Wangen, wollte sprechen, würgte aber die
Frage, die ihm schon auf den Lippen schwebte, wieder hinunter.
    »Was hast du? Was willst du?« sprach Maria.
    »Ich möcht so gern ... so gern möcht ich ...« er stockte wieder und fuhr
nach einer Weile zögernd fort: »Ich weiss, Mutter, wie man nach Dornach geht. Vom
Schlafzimmer sieht man den Weg, Lisette hat mir ihn gezeigt ... Sie hat gesagt,
das arme Dornach ist ganz verlassen und wird noch lang verlassen bleiben. Ist es
weit nach Dornach, liebe Mutter?«
    Sie nickte schweigend: »Ja.«
    »Ich möcht aber doch nach Dornach«, begann er wieder, entschlossener
werdend. »Hermann wird mir von den Löwen erzählen. Dornach ist nicht so weit wie
die Löwen.«
    »Doch!« rief sie mit schneidendem Schmerzensklang. »Dornach ist weiter als
alles, ist unerreichbar!«
    Am folgenden Morgen, da Lisette beim Eintreten in das Zimmer der Gebieterin
ausrief: »Wie blass du bist, wie übel du aussiehst!« musste Maria eingestehen, dass
sie sich müde und unwohl fühlte.
    Lisette bemerkte nur: »Es muss arg sein, wenn du's selber sagst«, aber sie
setzte etwas ins Werk, was sie schon seit längerer Zeit geplant hatte, und
vertraute im Laufe des Tages dem Stubenmädchen, dass sie heute »einen Coup«
ausgeführt, einen ausgezeichneten »Coup«.
    Die Kränkung Marias über das Wegbleiben des Grafen, die wenigstens sollte
ein Ende nehmen. Lisette wusste recht gut, was sie zu tun hatte, um ihn ins
Bockshorn zu jagen.
In der Stunde, in der Maria ihr schweres Geständnis abgelegt, hatte ihrem Vater
ein schreckliches Bild von dessen möglichen Folgen vorgeschwebt. Der Name seiner
Tochter der Schmach preisgegeben, nie wieder genannt, ohne die Erinnerung an
einen Skandal zu wecken ... Und er mit hineingerissen in die Schande, seine
glänzende Stellung vernichtet.
    Aber siehe! als er sich anschickte, die grosse Welt als ein Ausgestossener zu
fliehen, kam sie ihm entgegen, huldvoller denn je. Seltsamerweise hatte Maria
die öffentliche Meinung gewonnen durch die heroische Geringschätzung, die sie
ihr bewies. Die grosse Welt verzieh, statt zu verdammen, sie tat ein übriges -
sie bewunderte. Tonangebende Damen erklärten, Gräfin Dornach werde stets in
ihrem Hause willkommen sein.
    »Was der Teufel, willkommen!« rief Betty Wonsheim aus, »kniend würde ich sie
auf meiner Schwelle empfangen.«
    Und wie stimmte Carla ihr bei! und welches unaussprechliche Mitleid erfüllte
die Seele Fürstin Almas und wagte nicht, sich laut zu äussern, aus Furcht vor dem
Schein einer begreiflichen Sympatie mit der Schuldigen und mit der Schuld. Fee,
die sich einen famosen Reisewagen hatte bauen lassen - Gott weiss, wo, Gott weiss,
wann man ihn brauchen wird! -, konnte es nicht erwarten, ihn zu probieren. Eine
Fahrt über Land, mit eigenen Pferden, mit vielmaligem Einkehren und wunderbarem
Schlusseffekt: plötzlichem Sturz in die Arme ihrer überraschten, ihrer liebsten,
ihrer angebetenen Freundin - das wäre etwas gewesen, recht nach dem Herzen der
kleinen Fee.
    Die strengsten Richter fand Maria in ihrer Familie.
    »Bei mir hat sie abgewirtschaftet«, sagte Gräfin Dolph geradeheraus zu
Fräulein Nullinger.
    Die Gesellschafterin erwiderte nicht ohne geistlichen Hochmut: »Darüber wird
sie sich trösten - im Himmel, der die grosse Büsserin erwartet.«
    »Was Sie sagen - der Himmel?... Kann sein übrigens. Es gibt ja einen für die
Einfältigen. Sie hat eine Dummheit gemacht, um einen Fehler zu reparieren; das
mag dort Anerkennung finden.«
    Das Fräulein spielte alle Farben von Dunkelrot bis zu Violett: »Mein ganzes
Innere ist empört ...«
    »Gegen mich?« fragte Gräfin Dolph mit souveränem Lächeln. »Oh, wie grausam!
- nein, ich bitte Sie, kein Wort mehr, haben Sie Erbarmen, ich weiss ja, dass
meine Empfindungen nur Hunde sind gegen die Ihrigen.«
    So scharf ihr eigenes Urteil über Maria war, die Härte ihres Bruders suchte
sie zu mildern, weil er darunter litt. »Was nimmst du ihr im Grunde übel?« sagte
sie einmal - »dass dein Blut und das Blut ihrer Mutter in ihren Adern rinnt. Nun,
Verehrtester, ich kann den Gebrauch, den sie davon gemacht, nicht unbescheiden
finden. Sie hat geheiratet, überlege nur, mit der Neigung zu Tessin im Herzen,
sie hat - ich kenne sie - jeden Gedanken an ihn von sich gewiesen. Aber die
abgewiesenen Erinnerungen und Gefühle, das ist bei Leuten eueres Schlages wie
zurückgeschobener Sand oder Schnee; es häuft, es häuft sich, es wird ein Berg
und stürzt euch bei der ersten Gelegenheit über dem Kopf zusammen.«
    »Diese Frau«, murmelte Wolfsberg, »und - dieser Mann!«
    Gräfin Dolph verzog den Mund mit unbeschreiblichem Spotte:
    »Soll ich alte Jungfer dir sagen, dass die Krone der Liebe nicht wie die von
Mazedonien dem Würdigsten bestimmt ist? - Das wäre eine langweilige Welt, in der
nur Tugendhelden Eroberungen machen würden. Ich bitte dich, hör auf dich zu
quälen. Ewig zürnen kannst du nicht, und einen Groll, den man endlich doch
fahren lassen muss, soll man je eher je lieber aufgeben.«
    Die Zeit verfloss, die ersten Frühlingstage kamen, der Verkehr zwischen Vater
und Tochter beschränkte sich immer noch auf einen spärlichen Briefwechsel.
    Da erschien eines Vormittags Gräfin Dolph im Arbeitszimmer ihres Bruders.
Ihr linkes Auge war zusammengezogen und zwinkerte trüb und matt. Sie hatte ihre
März-Rheumatismen, die ganz besonders bösen, in der Stadt herumkutschiert und
kam von einem Abschiedsbesuch bei Wonsheims. Es ging nicht gut in dem Hause. Auf
den dringenden Rat ihrer Ärzte verreisten die zwei Ehepaare für längere Zeit.
Clemens brauchte Zerstreuung um jeden Preis. Der Arme war seit dem entsetzlichen
Unglück, das er verschuldet, als er sinn- und gedankenlos den Ehrgeiz eines
Kindes zum unseligsten Wagnis aufgestachelt, in ernster Gefahr, gemütskrank zu
werden.
    »Er denkt natürlich nicht daran, Maria vor Augen zu treten, die beiden
Frauen aber möchten unbeschreiblich gern Abschied von ihr nehmen. Geht das, was
meinst du?« fragte die Gräfin.
    »Ich weiss nicht«, gab er zur Antwort.
    »Sie ist etwas unwohl.«
    »Wer?«
    »Nun, Maria.«
    »Hat sie geschrieben?«
    »Nicht sie. Lisette, der alte Angstwurm, hat hinter ihrem Rücken einen Brief
an Doktor Hofer ergehen lassen, und der ist sofort nach Wolfsberg abgereist.«
    Der Graf sass an seinem Schreibtisch, hielt eine Feder in der Hand und tippte
heftig mit der Spitze auf ein bereits ausgefertigtes Schriftstück: »Was das für
Übertreibungen sind!«
    »Er hat sich nicht lange aufgehalten, war heute schon bei mir und voll
Ingrimm über die schlechten Verkehrsmittel bei uns zulande.« Sie rückte näher an
den Kamin, in dem ein Holzfeuer brannte. »Drei Patienten haben mit dem Sterben
auf ihn gewartet; sobald sie expediert sind, kommt er zu dir.«
    »Er hätte gleich kommen sollen«, versetzte Wolfsberg ungeduldig. »Warum bin
ich der letzte, der von alledem etwas erfährt?«
    »Damit du dir nicht unnötige Sorge machst ... ganz unnötige! Es ist nichts
von Bedeutung.« Die Hälfte von dem, was der Arzt ihr gesagt, hatte sie
vergessen, vergessen wollen, und von der anderen Hälfte verschwieg sie ihrem
Bruder das meiste. Ihre Schmerzen waren fast unleidlich geworden. »Leb jetzt
wohl«, sprach sie, »ich muss anticipando ausruhen, habe Gesellschaft heute abend,
die ganze Menagerie, wie Madame de - de, wie hiess sie nur? sage, nun, die im 18.
Jahrhundert, als Paris noch an der Spitze der Kultur stand und das Kaffeehaus
Europas war - die ... ich hab vergessen, wie sie hiess, mein Gedächtnis geht
flöten. Auch eines der vielen Anzeichen des hereinbrechenden Greisentums. - Ja,
mein Lieber, halte dich an die Nachkommen, die Zeitgenossen sterben einem weg.
Du kannst über Nacht ein Bruder ohne Schwester sein.«
    Sie fand für gut, das zu sagen, wäre jedoch sehr erstaunt gewesen, wenn man
ihr geglaubt hätte.
    Als sie fort war, fuhr Wolfsberg ins Ministerium, präsidierte einer Sitzung,
empfing Besuche - alles wie immer. Und dabei hatte er unaufhörlich die
Empfindung eines Zusammenpressens der Kehle. Gegen Abend kam er heim, begann
rastlos auf und ab zu wandern in seinem Zimmer und horchte jedem Glockenzeichen.
Eine schwere, alt machende Stunde verschlich. Da endlich wurde die Tür vor dem
Herrn Professor aufgerissen.
    Er war ein Mann in den Fünfzigen, kräftig und untersetzt, mit ansehnlicher
Glatze, aber noch dunklen Haaren. Der treuherzige Ausdruck seines schönen,
glattrasierten Gesichtes, sein gerades Wesen gewannen ihm auf den ersten Blick
ein Vertrauen, das er durchs Leben hindurch zu rechtfertigen wusste.
    Der Graf ging ihm entgegen und reichte ihm beide Hände: »Lieber Herr
Professor, Sie Getreuer - Sie waren dort - ich danke Ihnen.«
    »Nix z'danken«, erwiderte Hofer trocken - er bediente sich manchmal durchaus
ernstaft des Wiener Dialekts - und seine kleinen braunen Augen fest auf
Wolfsberg richtend, fuhr er fort: »War meine verdammte Schuldigkeit, mich nach
ihr umzusehen, wäre - mit Verlaub - auch die Ihre, Herr Graf. Sie und ich, wir
kennen sie gleich lang, und wir könnten es wissen, dass die Frau einige
Aufmerksamkeit verdient.«
    Wolfsberg wischte sich die Stirn. »Es hat sich viel verändert, Freund. - Zur
Sache! Wie geht es ihr?« Er lehnte mit dem Rücken am Fenster, der Arzt stand vor
ihm.
    »Merkwürdige Frage«, sagte er. »Nein, dass auch für Sie die alte Regel passt:
Willst du Genaues erfahren über deine Allernächsten, so frage nur bei fremden
Leuten an. Hm, hm! - Hat zuviel ausgestanden, die Frau. Wissen Sie was, Herr
Graf? Hören Sie jetzt auf zu schmollen, es könnte Sie sonst reuen«, er klopfte
ihm auf den Arm.
    »Doktor, Herr Professor ... mich reuen ... Sie sehen zu schwarz ... Ihr
einziger Fehler.«
    »Ich sehe, was Sie sehen werden. Reisen Sie morgen, machen S' a bisserl an
Ordnung auf Ihrem Rittergschloss, bleiben Sie aber nicht lang und kommen Sie dann
nicht zu bald wieder hin. Auch Ihre Besuche würden die Kranke ...«
    »Die Kranke?«
    »... aufregen, und jede, selbst die geringste Gemütsbewegung kann von den
schlimmsten Folgen für sie sein. Es ist ja ganz gut, sie so hinduseln zu lassen
und zu beschränken auf den Umgang mit ihrem Kind. Wenn sie recht haushält mit
ihren Kräften, wird es vielleicht möglich werden, sie im Herbst nach dem Süden
zu bringen. Aber«, er erhob drohend den Zeigefinger, »das Bewusstsein muss sie
haben, dass ihr niemand etwas nachträgt. Ihr gebührt Bewunderung. Wer die Frau
kränkt, begeht eine Todsünde. Das sage ich Ihnen.«
    Eine halbe Stunde später kündigte der Graf seiner Schwester an, dass er mit
dem Nachtzuge nach Wolfsberg abreise, und liess packen. Das Essen, das ihm in
seinem Zimmer serviert wurde, blieb unberührt. Er schickte einige Zeilen an
seine Behörde und warf die Antwort ungelesen auf den Tisch. In seinem Sessel
zurückgelehnt, starrte er vor sich hin. Da, auf dieser Stelle hatte sie gekniet,
den Kopf an seinem Herzen ... Plötzlich, unwillkürlich falteten sich seine
Hände. Der Mann, dem der Glaube nur als ein Kappzaum galt für die Menge und als
unentbehrlicher Trost für die Enterbten dieser Erde, betete zu dem Gott der
Liebe und des Erbarmens, dessen er in Jahren nicht gedacht. Erhalte sie mir,
schrie er zu ihm empor. Das war alles, was er zu sagen wusste in seiner Pein -
Anfang und Ende seiner Beredsamkeit: Allmächtiger, erhalte sie mir!
    Am nächsten Tage traf er in Wolfsberg vor dem Telegramm ein, das ihn
ankündigen sollte. Die Überraschung der Dienerschaft, das Geschrei Lisettens,
die eben in den Hof trat, als er hereinfuhr, belehrten ihn darüber.
    »Der Herr Graf! das ist aber etwas!« rief die Alte, tat aufs äusserste
verwundert und beantwortete seine Frage nach Maria mit den hastig gesprochenen
Worten: »Bei den Pinien ... im Garten ... ich muss nur bitten ... ich will sie
vorbereiten ...«
    Er hörte sie nicht an. Während im Schloss und im Beamtenhaus alles
durcheinanderrannte und die feindlichsten Elemente sympatisch zusammentrafen in
dem Verdruss über seine Ankunft, schritt er eilig der grossen Baumgruppe am
südlichen Ende des Gartens zu. - Wie war alles verwildert! Die Wege
grasüberwuchert, die Wiesen von Unkraut zerfressen, die Gebüsche unbeschnitten;
ihre kahlen, schwachen Stämmchen in die Höhe gewachsen, lauter Lichtungen statt
der ehemaligen schattigen Gänge. Von weitem schon erblickte er seine Tochter.
Sie sass auf einer Moosbank unter den mächtigen Stämmen - durchsichtig blass,
schmal in ihrem schwarzen, eng anliegenden Kleide - und sah dem Kinde zu, das
sich eifrig mit dem Bau einer kleinen Grotte beschäftigte. Ihr Vater war schon
nahe bei ihr, als sie seine Schritte knistern hörte auf dem mit dichten
Schichten abgefallener Nadeln bedeckten Grunde und den Kopf erhob.
    »Maria!« rief er aus, und Tränen traten ihm in die Augen.
    Sie stand auf, wollte sprechen, auf ihn zueilen, sank aber stumm zurück mit
einem unendlich dankbaren Lächeln.
    Er neigte sich zu ihr herab und drückte einen langen Kuss auf ihre Stirn. Sie
flüsterte etwas Unverständliches, ihre Nasenflügel bebten, ihre Lippen waren
halb geöffnet, sie zogen die Luft hörbar atmend ein.
    Wolfsberg setzte sich zu ihr. »Hätte ich doch gewusst ...« sagte er, »warum
nicht ein Wort schreiben ... Wie unrecht.« Von Rührung übermannt, zog er ihre
Hände an seinen Mund und küsste sie und sprach leise: »Niemand liebt dich, wie
ich dich liebe, und niemand hat dir so weh getan.«
    Alles war ihm Vorwurf, ihr abgehärmtes Aussehen, ihr verwahrloster Wohnort,
das Fremdtun Erichs, der sein Spiel unterbrochen hatte und ihn ernst und fragend
ansah, ohne ihn zu begrüssen.
    Auf einmal blitzte es freudig auf in den Augen des Knäbleins. Er trat an
seine Mutter heran. »Schau dortin«, sagte er, legte sein Händchen flach an ihre
Wange und zwang sie, den Kopf zu wenden. Die Sonne ging unter; ihre letzten
waagerechten Strahlen schimmerten durch die Stämme der Bäume, das Angesicht des
Kindes flammte in ihrem Widerschein; goldene Lichter spielten auf seinen
dunkeln, leicht gelockten Haaren.
    Wolfsberg betrachtete ihn mit schmerzlicher Bewunderung. »Nun, was ist mit
dir?« begann er. »Du siehst mich ja gar nicht an. Kennst du mich nicht mehr?«
    »O ja - o ja!« gab Erich zur Antwort, senkte den Kopf und wandte seine ganze
Aufmerksamkeit einem Käfer zu, der an einem Grashalm emporzuklimmen suchte.
    Auch Maria wagte nicht aufzublicken. Die Erinnerung an den Abscheu, mit dem
Gräfin Agate das Kind von sich gestossen hatte, durchzitterte sie, und sie
murmelte: »Verzeih ihm, er ist so scheu geworden in der Einsamkeit.«
    »Wir wollen ihn schon zutraulich machen«, sagte ihr Vater und streckte dem
Knäblein die Rechte entgegen. »Schlag ein, kleiner Wolfsberg, schlag ein, mein
Enkel. Auf gute Freundschaft!«
    Der Graf blieb einige Zeit daheim, und alle, die in seinem Dienste standen,
erfuhren, wie begründet ihr Schrecken über seine Ankunft gewesen war. Er ging
streng ins Gericht; seinen unverschämtesten Ausbeutern, seinen aufgeblasensten
Würdenträgern brach der Angstschweiss aus, als er, ohne die Stimme zu erheben,
mit geschlossenen Zähnen zu ihnen sprach: »Weh euch, wenn ich bei meiner
Wiederkehr nicht jedes Versäumnis eingebracht finde, hundertfach.«
    Seine Abreise verschob er von Tag zu Tag. Er hatte Erich liebgewonnen; er
beschäftigte sich mehr mit ihm, als er mit Maria getan, da sie noch in so zartem
Alter stand. Halbheit war seine Sache nicht. Er wollte den Enkel, den er
anerkannt, von aller Welt anerkannt sehen und ihn für eine glänzende Zukunft
erziehen. Als er jedoch seine ehrgeizigen Pläne vor Maria entwickelte, traf er
auf Widerstand. Sie strebte für Erich das Gegenteil von allem an, was ihrem
Vater wünschenswert erschien; ja, sie forderte von ihm das feierliche
Versprechen, dass ihr die entscheidende Verfügung über ihr Kind bewahrt bleibe im
Leben und im Tode.
    Zweifelnd und erschrocken sah er sie an, aber eine andere Antwort als »ja«
hatte er auf einen von ihr geäusserten Wunsch nicht mehr.
    Ihre unerschütterliche Gelassenheit bewegte ihn in allen Seelentiefen. Es
schien ihm die Gelassenheit einer halb Abgeschiedenen, die nicht mehr wünscht
noch hofft. Ihre Mutter, in ihrem letzten Lebensjahre, hatte in ruhigen Stunden
denselben Ausdruck stiller Trostlosigkeit gehabt. Maria war jetzt das
vollkommene Ebenbild der unglücklichen Frau, und Wolfsberg schauerte manchmal
zusammen, wenn sie ihm unerwartet entgegentrat.
    Am Abend vor seiner Abreise waren sie aus dem Salon, in dem der Tee genommen
worden, in den anstossenden Erker getreten. Aus seinen hohen schmalen Fenstern
sah man über die Bäume des Gartens, über das Dorf hinweg auf eine von Trümmern,
die aus dem Steinbruch herabgerollt, teilweise bedeckte Hutweide. Die Dämmerung
war eingebrochen, und in ihrem täuschenden Scheine meinte man einen ungeheuren
Friedhof vor sich zu sehen. Wolfsberg blickte lange gedankenvoll hinaus. Ein
letztesmal suchte er Maria zu überreden, ihren düstern Aufentalt mit dem auf
einem seiner Güter in Tirol oder in Österreich zu vertauschen: »Wo du mir
leichter erreichbar wärest und auch Tante Dolph, der die Reise hierher zu
beschwerlich ist, dich besuchen könnte. Und die anderen, die vielen, die dich
lieben. Was mir nur die kleine Fee alles aufgetragen hat! Sie droht, wenn du ihr
durchaus nicht erlaubst zu kommen, es ohne deine Erlaubnis zu tun.«
    »Gib es nicht zu!« rief Maria flehend aus. Eine tiefe Röte spielte auf ihren
Wangen. »Ich kann niemanden sehen, lieber Vater. Lass mich hier vergraben, tot
für alle sein, nur so ertrage ich das Leben.«
    Zur Abfahrt Wolfsbergs versammelten sich seine Angestellten mit ihren nicht
immer »besseren« Hälften im Schlosshofe. Auch der Vorsteher der Gemeinde war da.
Der Graf hatte derselben einen Teil ihrer Schulden abgenommen, gegen seine
Überzeugung, aber auf Marias Fürbitte. - Er kam mit ihr und mit Erich die Treppe
herab, beantwortete die devoten Kratzfüsse und Knickse der seiner Harrenden mit
einer ablehnenden Gebärde, umarmte seine Tochter, küsste und segnete seinen Enkel
und sprang in den Wagen.
    Maria blieb regungslos stehen und sah ihm nach. Plötzlich bemerkte sie, dass
auch die übrigen sich nicht vom Flecke gerührt, sondern in untertäniger Haltung
erwarteten, von ihr entlassen zu werden. - Die freche Feindseligkeit hatte sich
in eine kriechende verwandelt.
Ein Jahr nach dem Tode Hermanns schrieb Tessin an Maria. Seine Versetzung auf
einen höheren, wieder überseeischen Posten sollte noch im Laufe des Jahres
erfolgen; er kam, bevor er ihn antrat, für einige Zeit in die Heimat zurück. In
bewegten, tiefe, unwandelbare Liebe atmenden Zeilen bat er um die Gunst eines
Wiedersehens und knüpfte daran eine Hoffnung, die vielleicht zu kühn war, um in
Erfüllung zu gehen. Doch lebe er von ihr, und auf sie verzichten müssen wäre
sein Untergang.
    Maria las mit Schrecken und Grauen. So war die Vergangenheit nicht begraben?
So streckte sich die Hand des Urhebers ihrer unsühnbaren Schuld noch immer nach
ihr aus? Die Stunde der Erniedrigung stieg wieder auf vor ihrem geistigen Auge -
unfassbar, ein höllisches Rätsel ... Ihr Herz stand still, ihre Zähne schlugen
zusammen ... Mit dem Aufgebot aller ihrer Kraft trat sie zum Schreibtisch und
richtete hastig einige Zeilen an ihren Vater:
»Antworte für mich - du weisst alles ... Hilf, rette mich vor diesem Menschen,
schütze mich vor der Gefahr, jemals wieder von ihm zu hören.«
Sie schloss den Brief Tessins in den ihren und schickte damit einen Reitenden,
dem sie selbst die grösste Eile auftrug, nach der Post.
    In Gedanken begleitete sie ihren Boten. Jetzt konnte er beim Steinbruch sein
und jetzt an der Brücke, und wenn er tüchtig jagte, kam er noch zurecht zur
Abfahrt des Postkarrens. - Und der brauchte dann vier Stunden, bis er zur
Eisenbahnstation gelangte. Vier volle Stunden ... Wenn nur die vorüber wären,
sie würde leichter atmen.
    Jetzt also, dachte sie, ist der Brief auf der Bahn, als die Schlossuhr zehn
schlug.
    Sie hatte die Leute zur Ruhe geschickt und ging nun rastlos in ihrem
Schlafzimmer auf und ab, bis sie endlich todmüde auf ihr Lager sank, neben dem
das kleine Bett Erichs stand. Er schlief fest und sah gescheit und lieblich aus.
Seine Mutter schöpfte Mut und Kraft aus seinem Anblick, ihre Besorgnisse
schienen ihr mit einem Male töricht. Was lag daran, ob die Antwort auf den
Brief, der ihr zugeflogen war wie ein Pfeil aus dem Busche, einen Tag früher
oder später kam? - - Was lag daran? - Sie sprach sich Vernunft zu; sie schalt
die Schwäche des Willens, der nichts vermochte über das Treiben aufgeregter
Nerven, über das tolle Pochen des Herzens. Gegen Morgen fiel sie in leisen,
durch wirre Träume gestörten Schlaf und erwachte, in kalten Schweiss gebadet. Sie
stand mühsam auf und schickte Erich mit seiner Wärterin in den Garten. Zu Mittag
kam er wie gewöhnlich zur Unterrichtsstunde in das Erkerzimmer, wo Maria ihn
erwartete.
    »Mutter«, rief er, »es ist jemand angekommen, ein Herr, mit den Schimmeln
vom Postmeister, und der eine hinkt.«
    Sie war aufgefahren, hatte einen raschen Blick nach der Tür geworfen, als ob
sie entfliehen wollte, und war dann auf ihren Platz zurückgesunken. »Jemand
angekommen«, wiederholte sie. »Weisst du wer?«
    Nein, er wusste es nicht.
    Aber sie wusste es ... Tessin hatte ihre Antwort nicht abgewartet - er war
gekommen.
    Die Tür, die vom Gang in das Nebenzimmer führte, wurde aufgerissen. Man
vernahm Lisettens kreischenden Ausruf: »Jesus! Herr Jesus!« - »Ich darf
niemanden vorlassen«, sprach ein Diener laut.
    »Mutter«, rief Erich, »warum schreien sie so da draussen?« Er breitete seine
Arme aus und stellte sich schützend vor sie hin:
    »Fürchte dich nicht!«
    Und jetzt polterte sehr aufgeregt Lisette herein: »Nein, denk dir nur ...
Graf Tessin nennt er sich, und ich schwöre darauf, es ist derselbe ... Aber was
ist dir denn?...«
    Maria war aufgestanden; ihr Gesicht hatte einen fremden Ausdruck angenommen.
Finster und kalt sah sie den eintretenden Tessin an, der bei ihrem Anblick
totenblass wurde.
    Erich stürzte ihm entgegen: »Fort, du, fort, wir wollen dich nicht ...« und
drohend erhob er die Faust.
    Die Lippen Tessins verzogen sich; er lächelte das Kind an mit einem Gemisch
von Verlegenheit und Spott; er wünschte sich weit weg von hier, er verfluchte
seine Ungeduld.
    In liebevoll gehegter Erinnerung hatte er Maria immer nur so vor sich
gesehen, wie sie war in der süssesten und siegreichsten Stunde seines Lebens. Er
hatte die schönste Frau in Gedanken tausend- und tausendmal in seinen Armen
gehalten. Das wahnsinnige Verlangen nach ihr, das ihn oft in der Fremde
ergriffen, wuchs von Minute zu Minute, seitdem er den Boden der Heimat betreten
hatte. Er zweifelte nicht - sie liebte ihn noch; sie hatte immer nur ihn
geliebt; sie wartete seiner mit ebender Sehnsucht, mit der er ihr
entgegengestrebt - -
    Und nun war's erreicht; er stand am Ziel, und was es ihm bot, war eine
grausame Enttäuschung, die zu verbergen ihm die Fassung fehlte. Langsam trat er
näher und verbeugte sich stumm.
    Maria winkte Lisetten, den Knaben fortzuführen. Er sträubte sich, musste aber
gehorchen. Am Ausgange noch wandte er sich um und warf einen Blick voll Trotz
und Misstrauen auf Tessin.
 
                                       21
Maria sah dem Kinde nach. Funken flimmerten vor ihren Augen; ihr war, als ob die
Wand, an der sie lehnte, schwankte; als ob die kleinen runden Scheiben der
Erkerfenster wie Kreisel wirbelten, platzten wie Seifenblasen ... Sie biss sich
in die Lippen, sie wollte standhaft bleiben, sie wollte die Herrschaft behaupten
über ihre schwindenden Sinne. - Einmal wieder rief ihr die Erinnerung das alte
Zauberwort zurück: Nur ruhig!
    »Wie dürfen Sie es wagen?« stiess sie plötzlich hervor. »Was wollen Sie?...
Warum haben Sie meine Antwort nicht abgewartet?«
    »Welche Frage ...« erwiderte er, betroffen über diesen unerwarteten Empfang.
»Aus Ungeduld, aus Sehnsucht.«
    »Nach dem, was Sie hier erwartet?... Oh!«
    »Was mich hier erwartet? Sie meinen den Schmerz, Sie leidend zu finden« -
und furchtbar verändert, setzte er in Gedanken hinzu.
    Die widersprechendsten Gefühle kämpften in ihm, Mitleid, Groll, Trotz und
Wehmut. Ihm schien jede Gunst erreichbar und jedes Glück - sollte er das seine
nun suchen im Besitz einer verwelkten Frau?... Aber - es war doch sie! sie, die
ihm die heftigste Leidenschaft seines Lebens eingeflösst hatte ... Er fühlte von
neuem ihren bestrickenden Einfluss und überliess sich ihm. Das Bewusstsein eines
begangenen Frevels an diesem armen Weibe erwachte und zugleich - nur Lügner
behaupten, dass er grossmütiger Regungen unfähig sei - der Vorsatz, seine Schuld
wiedergutzumachen.
    Noch immer hatte er dagestanden, den Hut in der Hand, und nahm jetzt
unaufgefordert Platz, Maria gegenüber. Allmählich fand er die Züge, die ihm so
teuer gewesen, in diesem bleichen Gesichte wieder. Es trug die Spuren von
schweren Seelenqualen, die um ihn erduldet worden ... ein nicht geringes Genüge
für seine Eitelkeit. - Tessin sprach einige Worte der Rührung und des Bedauerns;
sich selbst jedoch sagte er: Sie ist jung, sie wird genesen, sie wird wieder
aufblühen in meinen Armen; ich will der Gott sein, unter dessen Hauch ihre
Wangen sich von neuem färben, ihre Lippen lächeln werden, der sie auferweckt und
zurückführt zu allen Daseinswonnen.
    Er begann ihr seine unveränderte Liebe zu beteuern; er erzählte von der
Kunst, die er angewendet hatte, um sich immer in Kenntnis von allem zu erhalten,
was sie betraf. So wusste er denn auch von ihrer »hochherzigen Verzichtleistung«
und schwur, dass er den Anspruch, der ihm daraus erwuchs, geltend machen werde.
    Mit einer Art stumpfer Ergebung ertrug Maria seine Nähe, seinen unverwandt
auf sie gerichteten Blick. Der ihre blieb so abwesend, so leer, dass sich Tessin
eines Zweifels an der leichten Ausführbarkeit seiner göttlichen Sendung nicht
erwehren konnte. In gereiztem, unwillkürlich herausforderndem Tone schloss er:
»Sie haben Ihrem Sohne den Namen genommen, der ihm vor dem Gesetz zukam; das
kann nur in der Absicht geschehen sein, ihm dafür den Namen zu geben, der ihm in
Wahrheit gehört - den meinen.«
    Jetzt machte sie eine heftig abwehrende Bewegung: »Ihm Ihren Namen geben und
Ihnen dadurch ein Recht auf das Kind - Ihnen?« Sie beugte sich vor. In ihren
Augen hatte sich eine Flamme der Verachtung entzündet, die ihn traf wie ein
glühender Pfeil.
    Er zuckte zusammen, er rang nach Fassung und rief dennoch fassungslos aus:
»Gräfin ... Maria, Sie haben mich geliebt!«
    Sie neigte den Kopf, eine brennende Röte flog über ihre Wangen: »Ich habe
geglaubt, Sie zu lieben, und Sie - sind schlau gewesen, Sie haben es verstanden,
einen Brand des Schuldbewusstseins gegen Sie in meine Seele zu werfen ... Dann
haben Sie sich einen Spiessgesellen geworben, und mit seiner verräterischen Hilfe
sind Sie gekommen und haben mich überrascht, gemeiner, ehrloser als ein Dieb,
und ich habe mich an Sie weggeworfen ... Und nachdem das Unwiderrufliche
geschehen, nachdem die Schuld begangen war ... eine Schuld, die von den Tränen
der Reue so wenig weggespült werden kann wie der Fels von der Welle, die zu
seinen Füssen brandet ... dann ist mir der Mann, neben dem ich bisher hingegangen
war wie eine Blinde, teurer geworden von Tag zu Tag ... Er hat mich die Liebe
kennengelehrt, die ewig ist; er, in dessen Seele die reinste Güte und Treue
vereinigt waren ... Und diese Empfindung in einem Herzen, das seiner unwürdig
geworden ... Das seltenste, köstlichste Glück vergeudet - um welchen Preis!« Ein
Schauer des Ekels durchrieselte ihre Glieder.
    Im Innersten entrüstet, äusserlich jedoch starr und unbeweglich, hatte Tessin
ihr zugehört. Wie er sie jetzt hasste, die Törin, die sich - um ein geringes zu
spät - in ihren Mann verliebt hatte; wie er sie lächerrlich fand mit ihrer
Sentimentalität und ihrer krankhaften Reue! Eine kleine Abkühlung tat not, und
so murmelte er denn höhnisch: »Wie müssen Sie mir geflucht haben.«
    »Nur mir ... Sie sind ohne Rechtsgefühl; ich hatte es und täuschte dennoch
das edelste Vertrauen, betrog - - um Sie!«
    Ihr Blick glitt über ihn hin, und er spürte ihn wie etwas Körperliches, das
von ihm herunterwischte: allen Wert, alles Selbstbewusstsein, alle eingebildete
Herrlichkeit ... Er knirschte, er meinte Notwehr üben zu müssen, und dazu war
ihm jedes Mittel gut.
    »Sie regen sich auf«, sprach er frostig. »Wollen Sie sich töten?«
    »Nein, ich will leben, um mein Kind zu erziehen ... Ich will es lehren,
rechtschaffen sein und wahr und stark; ein Feind alles dessen, was glänzt und
scheint und lügt ... Er soll ...« ihr keuchender Atem stockte.
    »Sagen Sie es doch kurz heraus«, rief Tessin mit bitterem Lächeln. »Er soll
das Gegenteil von dem werden, wofür Sie mich halten ... Glück auf, Gräfin - möge
die Erziehung gelingen. Nur rate ich Ihnen: seien Sie nicht zu rüde - manche
Lektion schlägt deshalb nicht an, weil sie in gar zu schonungsloser Weise
gegeben wurde.«
    Maria hatte ihr Haupt gesenkt, sah vor sich hin und nickte nur zerstreut zu
seinen Worten. - »Er soll auch -« begann sie, »nie erfahren, dass Sie sein, sein
-« es war ihr unmöglich, es auszusprechen. »Sie bleiben immer für ihn ein
Fremder!... Das fordere ich, darüber werde ich wachen, dabei muss es bleiben,
wenn ich nicht mehr da bin, ihn zu beschützen vor Ihrem Einfluss, Ihrem Beispiel
... Ein Fremder. Schwören Sie mir - - oder nein - versprechen Sie mir ... Aber
nicht, wie euresgleichen einer Frau etwas verspricht, einer Frau, der gegenüber
Ehrlosigkeit nicht entehrt ... Warum? warum? - Vielleicht weil sie euch nicht
zur Rechenschaft ziehen kann.« Sie zitterte und bebte, und es schien, dass er
eine gewisse Befriedigung empfand über ihre masslose Aufregung. Er war die
gelassene, kaltblütige Überlegenheit selbst, er war kräftig und gesund, seine
Nerven waren von Stahl.
    »Gräfin«, sagte er in ermahnendem Tone, »Sie wollen etwas von mir und hören
nicht auf, mich zu beleidigen. Ist das klug?«
    Maria griff mit beiden Händen an ihre Stirn. »Unklug!« jammerte sie, »ganz
töricht und unklug ... Verzeihen Sie mir ...« Es klang schrill, wie ein der
innersten Natur, dem widerstrebenden Willen mit übermächtiger Gewalt
abgerungener Schrei: »Verzeihen Sie mir und erfüllen Sie meine Bitte.«
    Er tat, als wenn er sich besänne, und sagte nach einer Weile:
    »Es soll geschehen.«
    Maria fiel rasch ein: »Bei allem, was Ihnen - - aber was ist Ihnen heilig?«
setzte sie entmutigt hinzu.
    Jetzt wurde seine Miene ernst und überzeugt: »Die Erinnerung an die Stunde,
die Sie aus Ihrem Leben tilgen möchten und die ich nicht tauschen würde gegen
alle Erdengüter. Bei dieser Erinnerung verspreche ich's.« Er stand langsam auf.
Ein wilder Wunsch, sie an sich zu reissen, sie noch einmal an seine Brust zu
pressen, ergriff ihn.
    Da erhob sich auch Maria, und sie standen Aug in Auge.
    Später, als er alles, was er je angestrebt, errang, das Glück sich an seine
Fersen heftete, Unternehmen und Gelingen für ihn eins geworden schien, gedachte
er manchmal jenes seltsamen, stummen, kurzen Kampfes zwischen ihm und einer
zarten, sterbenden Frau - in dem er unterlegen war.
    Sie hatte nach der Tür gewiesen, und er hatte sich bezähmt und Gehorsam
geleistet.
    Maria blieb aufrecht ... sie musste aufrecht bleiben. - Wenn sie sich jetzt
verriete, sie sich selbst, welche Torheit wäre das ... Nein, sie tut es nicht,
sie will nicht, sie ist stark.
    Die Tür öffnet sich wieder, Erich kommt hereingelaufen. »Mutter!« ruft er,
»der Herr ist schon fortgefahren.«
    »Ja - jawohl - -«
    Und jetzt spricht Lisette, die dem Kind gefolgt ist: »Merkwürdig, nein, wie
merkwürdig!... Felix Tessin - den Namen kenn ich nicht, aber den Menschen ...
Was hat der nur gewollt? Ich möcht darauf schwören, dass es derselbe ist, der
zuletzt beim armen Wolfi war.«
    »Es wird so sein -« stammelte Maria unverständlich -, »Bruder und Schwester
durch ihn gemordet -« und sie stürzte leblos zusammen.
    Lange Zeit verging, bevor ihr Bewusstsein wiederkehrte. Im jähen Schrecken
hatte Lisette an den Professor, an Wolfsberg, an Wilhelm telegraphieren lassen:
»Gräfin erkrankt, gleich kommen.« Halb sinnlos raufte sie sich die Haare und
hörte nicht auf zu schreien: »Sie ist tot, mein Kind ist tot!« Bei dem ersten
Zucken jedoch, das durch den Körper der Ohnmächtigen lief, bei dem ersten
Aufschlagen ihrer Augen machte Lisettens Verzweiflung der unerschütterlichsten
Zuversicht und Hoffnungsfreudigkeit Platz.
    Mit Mühe sprach Maria einige Worte: »Lass Wilhelm und Helmi kommen, gleich,
hörst du? - gleich!« Eine erdrückende Angst schien auf ihr zu lasten: sie
verlangte nach dem Kinde, und als man es ihr brachte, erkannte sie es nicht und
hielt es für den kleinen Hermann. »Da bist du«, murmelte sie, »das war ein
tiefer Schlaf ... Oh, wie habe ich mich nach meinem Erstgeborenen gesehnt!«
    Es wurde Nacht; die Kranke lag regungslos Ein Eiskübel war an ihr Bett
gestellt worden; Lisette und Klara erneuerten abwechselnd die Umschläge auf
ihrer Stirn.
    »Sie sieht uns nicht, seien Sie sicher, Fräulein«, flüsterte das
Kammermädchen. »O Gott, und ihre Augen! - wie blaue Flammen mit Schleiern
davor.«
    Auf dem Tische stand eine verdeckte Lampe; der schwache Lichtkreis, den sie
an die Decke warf, fesselte den Blick Marias. In dem bleichen Schimmer bildeten
sich flutende Wellen, und ein weisser Schwan zog über sie hin, und in den Lüften
erklang eine liebliche Musik. Die verstummte plötzlich; ein Stern war vom Himmel
gefallen, und der Stern war ein Weib, und entsetzliche Ungeheuer zerfleischten
es ... Hunderte von Fratzen, Köpfe ohne Leiber schwebten heran, Augen ohne
Köpfe, die vielen Augen, die sich in die ihren bohrten. Sie fürchtete sich
nicht, sie fand das alles natürlich. Natürlich auch, dass sie auf ihrem Bette lag
und zugleich dort oben stand in dem webenden Schein an der Seite Hermanns. Er
deutete auf sie und sagte: Ich seh dein Herz, es blutet, und es hat einen
schwarzen Fleck, einen kleinen, kleinen Fleck, der verfinstert die Welt.
    Draussen heulte der Sturm, umpfiff das Haus, schleuderte Regengüsse gegen die
Scheiben der Fenster, rüttelte an den Angeln, warf sich gegen das Tor, das
stöhnend Widerstand leistete.
    Lisette sprach: »Das verwünschte Wetter! Es hält dich wach, mein armes
Kind!«
    »In Dornach ist es still«, versetzte Maria - und nach einer Pause: »Glaubst
du? - glaubst du es, liebe Alte?«
    »Was soll ich glauben? was wünschest du, das ich glauben soll?«
    »Dass sie mich dort dulden werden in der Gruft?«
    »Wie du nur sprichst!«
    »Staub bei Staub, aber - wie wunderbar ...« Sie machte einen Versuch, sich
zu wenden: »Der eine ist gekommen -«
    »Wer denn? ich verstehe dich nicht.«
    »Du hast ihn doch selbst gebracht«, erwiderte sie leise mit einem Schatten
von Ungeduld, »sein Vater schickt ihn, er soll mich nach Dornach führen ...
meinem lieben Dornach -« sie lächelte glückselig, als sie den Namen nannte -,
»zu meinem Hermann ... dahin, wo er jetzt ist ... Wir werden liegen, Hand in
Hand, hinter den Steinen. Nicht ein Laut wird zu uns dringen, nicht eine Stimme
... nicht einmal die Stimme des Gewissens ...«
    »Sie phantasiert, und ich sage Ihnen, man muss um den Geistlichen schicken«,
flüsterte Klara Lisetten zu. Von der wurde sie rauh angelassen.
    »Ja, just phantasieren wird sie! das fällt ihr ein. - Sie spricht aus dem
Schlaf, hat's von klein auf getan.«
    Maria versank in einen dumpfen Halbschlummer, aus dem sie von Zeit zu Zeit
auffuhr, um nach Wilhelm und Helmi zu rufen. Gegen Morgen wurde sie ruhiger, und
so fand sie der herbeigeholte Bezirksarzt. Als er hörte, dass Professor Hofer
stündlich erwartet werde, äusserte er den Wunsch, mit dem berühmten Arzt
zusammenzutreffen, und nahm sich vor, später wiederzukommen. Seine Meinung über
den Zustand der Kranken behielt er für sich; etwas zu verordnen, fand er
überflüssig.
    Lisette triumphierte. Gab dieses Benehmen des Doktors ihr recht oder nicht?
Wäre er so fortgegangen, ohne sich auszusprechen, ohne nur ein Rezept
aufzuschreiben, wenn er die geringste Besorgnis hätte?
    Sehr gelegen kam ihr in dieser Stunde ein Antworttelegramm aus dem Hause des
Professors, welches meldete, er sei für drei Tage verreist. So hatte sie noch
Zeit, ihre Aufforderung zu widerrufen, und brauchte sich nicht wieder von ihm
»die alte Furchtputzen« schelten zu lassen.
    Der Optimismus Lisettens besass eine mitteilende Kraft. Im ganzen Schloss
herrschte Fröhlichkeit. Der Kastellan setzte die unterbrochenen Singlektionen
seines Zeisigs wieder fort und werkelte ihm unermüdlich das Liedchen vor: »Wenn
ich am Morgen früh aufsteh ...« Die Männer traten wieder fest auf, die Frauen
schlugen lärmend die Türen zu; alles kehrte ins alte Geleise zurück.
    Maria hatte sich auf das Ruhebett tragen und dieses an das Fenster rücken
lassen. Sie war erschöpft und halb betäubt und glaubte immer den Wagen, der
Wilhelm und Helmi brachte, hereinrollen zu hören.
    »Nimm doch Vernunft an«, ermahnte Lisette, »sie können noch nicht da sein,
trotz der Relais, die der Verwalter geschickt hat; ausser es wäre ein Wunder
geschehen, oder - sie hätten einen Extrazug genommen.«
    Eine dieser Möglichkeiten musste eingetreten sein, denn gegen Abend waren die
Ersehnten da, begleitet von Doktor Weise. Mit heiteren Mienen liefen ihnen die
Diener entgegen und verkündeten, es gehe besser, es gehe gut.
    Lisette kam die Treppe herabgestürzt; sie warf sich beinahe auf die Knie vor
dem Ehepaar und umarmte beinahe den Doktor. »Das vergelte der liebe Gott den
Herrschaften, dass Sie sich so beeilt haben ... Jetzt wird sie glücklich sein.«
Unablässig zum Vorwärtsschreiten anspornend, machte sie den Wegweiser über die
Treppen und Gänge.
    »Sie gehen zuerst«, sprach Wilhelm zum Doktor, »und bestimmen, ob die Gräfin
uns sehen darf.«
    Er liess die Einwendungen Lisettens nicht gelten; sie musste sich bequemen,
Weise anzumelden, der auch sofort vorgelassen wurde, während Wilhelm und Helmi
im Nebenzimmer warteten. Er völlig verstört, sie sorgenvoll, gebeugt, mit
blassen Wangen. Die tröstlichen Versicherungen, mit denen sie empfangen worden,
flössten ihnen wenig Vertrauen ein. Sie erbebten, als Lisette endlich erschien.
    »Nur kommen, nur kommen! Sie fragt nach den beiden Herrschaften und nach
niemandem sonst«, rief sie und entfernte sich diskret.
    »Nun denn in Gottes Namen«, sagte Wilhelm, und Helmi legte sachte die Hand
auf die Klinke. Da trat ihnen Weise aus der Tür entgegen.
    »Nichts zu machen«, flüsterte er tief betrübt, »eine Herzruptur, worunter
man sich freilich nicht vorstellen darf - nun, mit einem Wort: es ist aus.«
    Wilhelm taumelte, wie wenn ihn jemand vor die Brust gestossen hätte.
    »Aber - sie lebt noch ...«
    »Noch, ja, noch«, und Weise schob den Türflügel zurück.
    Maria lag gerade ausgestreckt. Das letzte Tageslicht warf seinen bleichen
Glanz über ihre von der erhabenen Majestät des Todes schon verklärten Züge.
Umflossen von der goldigen Pracht ihrer Haare ruhte ihr Haupt in den Kissen, und
sie machte eine vergebliche Anstrengung, es zu heben, als Wilhelm und Helmi
eintraten. Diese strich mit zitternden Fingern über die Hand der Kranken.
    »Dank, dass ihr kommt ... Dank und eine Bitte -« sprach Maria. »Ihr seht, ich
darf nicht leben für das Kind ... ich darf auch nichts abtragen von meiner
Schuld ...«
    »Du hast sie gesühnt, o Gott im Himmel, wie gesühnt!« rief Helmi.
    »Gebüsst, nicht gesühnt - das hätt ich nie gekonnt ... Schwer ist mit solchem
Bewusstsein das Leben ... und schwer der Tod ...«
    Wilhelm begann leise, dann brach es wie ein Schrei aus seiner Brust: »Nein,
nein, du wirst nicht sterben!«
    »Doch - und ihr, gute Eltern, ihr habt um einen Sohn mehr - den meinen ...
Ja?« Beide schluchzten: »Ja.«
    Helmi bettete den Kopf der Kranken etwas höher, und Marias Blick ruhte auf
ihr mit einem Ausdruck wie aus einer andern Welt.
    Und nun liess sich durch die tiefe Stille das Herannahen eines Wagens
vernehmen. Hufschlag und Peitschenknall erschallten vor dem Tor; es wurde
zurückgeschoben in seinen eisernen Schienen, und dröhnend rollte ein wuchtiges
Gefährt herein.
    Maria hatte aufgehorcht. »Der Vater ... mein armer Vater«, sagte sie. Angst
und Sorge malten sich in ihrem sterbenden Gesichte, ein banges Flehen war in
ihrer Stimme: »Wilhelm, Helmi - in meinem Schreibtisch - ein Brief an euch -
entält mein Testament ... das Kind bewahren vor jedem anderen Einfluss - vor
jedem ... Schwört mir -«
    »Sei ruhig«, sprach Wilhelm, und jetzt klang sein Ton sicher und fest, »wir
übernehmen, wir allein, die Verantwortung für diese Seele.«
    »Mein armer Vater!« wiederholte Maria. »Das Glück ist nicht, wo er es sucht.
Gut sein ist Glück, einfach, selbstlos und gut, wie Hermann, wie ihr ... Erich
soll dereinst in Wolfsberg das Werk fortsetzen, das ich hier im Geiste meines
Hermann begonnen habe ... in dem ich unterbrochen ward ... er soll ... Wo ist
Erich?« fragte sie laut.
    Da erscholl ein helles Lachen. »Er kommt, und wer noch?« sprach jemand, die
Schwelle überschreitend - und ins Zimmer flatterte Fee, Erich an der Hand: »Da
ist sie, da ist deine kleine Fee; jetzt wirf sie hinaus, wenn du's übers Herz
bringst.« Sie war an das Ruhebett herangetreten, prallte plötzlich zurück und
stöhnte: »Oh! - Oh!«
    Maria sah sie an, ein mattes Lächeln irrte um ihren Mund und begrüsste diese
Abgesandte des Lebens, die da hereingedrungen war, so lieblich, so frisch und
rosig mit ihrem Lachen wie Lerchenschlag.
    Von einer feigen Regung ergriffen, wollte Fee entfliehen, aber sie
bemeisterte sich, sie blieb, hob Erich zu seiner Mutter empor, nahm sanft und
zärtlich ihren Arm, legte ihn um den Hals des Kindes und stammelte: »Du hast ihn
gerufen.«
    »Kleine Fee«, sagte Maria, »leb wohl, liebe kleine Fee.«
    Nun war es vorbei mit der Fassung der jungen Frau. Sie warf sich ungestüm an
Marias Brust und brach in einen Sturm von Klagen und Tränen aus. Wilhelm machte
die Sterbende frei von ihr, er wollte Fee hinwegführen; sie riss sich los, sank
auf ein Kissen am Ende des Zimmers, wo sie sich wand in krampfhaften Bemühungen,
ihr Schluchzen zu unterdrücken.
    Lisette kam, Erich zu holen, und empfing den Dank ihrer Herrin »für lange
Treu. - Auch du bist diesen edlen Menschen empfohlen ... sie werden dich nicht
trennen von dem Kinde ... Hab es nicht zu lieb ... wie du dein grosses Kind
gehabt hast, arme Alte.«
    »Niemanden mehr so lieb«, und sie küsste die teure Hand ihrer einen und
einzigen mit heissen, bebenden Lippen. Jeder Nerv an ihr zuckte; sie hielt es
nicht aus, nahm Erich, der, stumm und bestürzt, kaum zu atmen wagte, und trug
ihn fort.
    Helmi war niedergekniet: »Maria, Vielgeliebte«, flehte sie leise, »geh nicht
unversöhnt aus dem Leben, erfülle deine Christenpflicht ... Bereite dich vor, an
das Herz des Allgütigen zu sinken.«
    »Des - Allgütigen?«
    »An den du glaubst - -«
    »An den ich glaube?...« sehnsüchtig hauchte sie es nach. - »Alles verloren,
Helmi - den Glauben an die Vorsehung ... den Glauben selbst an meinen freien
Willen ... Und doch nur einen Wunsch ...« Ihre letzte Kraft erschöpfte sich in
den Worten: »Oh, hätte ich nie ein Unrecht getan!«
Das an Wolfsberg abgesandte Telegramm wurde ihm nach dem Gute Gräfin Dolphs, wo
er sich zu kurzem Besuche eingefunden hatte, nachgeschickt. Dort traf es ihn am
späten Abend. Er reiste sofort ab. Ein Schnellzug brachte ihn auf die erste
Station der Lokalbahn, die ihn weiterbefördern sollte. Da begann die Qual des
Wartens von einem Bettelzug zum andern, des Einherhumpelns hinter einer
kriechenden Lokomotive. - Wolfsberg kam in Versuchung, hinauszuspringen und
nebenherzulaufen, um wenigstens das Gefühl zu haben: Es geht vorwärts!... Dann
wieder griff es ihm wie mit eisernen Klammern in die Brust: Warum so eilig?
Wonach hastest du? - Er hatte die Gewissheit, dass ihn ein Leid erwartete, dem er
nicht gewachsen war. Gefoltert von Angst und Ungeduld, kam er mittelst einer
elenden Fahrgelegenheit auf der letzten Post vor Wolfsberg an. Dort konnte ihm
nur noch ein abgejagter Reitgaul zur Verfügung gestellt werden. Auf den schwang
er sich, trieb ihn wütend an und liess an dem unglücklichen Tier seine zornige
Verzweiflung aus.
    Es dunkelte, als er im Dorf ankam. Das einförmige Gebimmel des
Totenglöckleins schallte ihm entgegen. Leute standen in Gruppen beisammen, ein
ganzer Zug wandelte über den Feldweg dem Schloss zu ... Noch ein Stockhieb auf
die Flanke des erschöpften, keuchenden Pferdes; es griff aus, fiel, sprang auf
und brach im nächsten Augenblick völlig nieder. Der Reiter machte sich los aus
den Bügeln. Ein stechender Schmerz am Fusse hemmte seine Schritte, er schleppte
sich dem Zuge nach. Vier Lichter schwankten an dessen Spitze, und weissliche
Rauch-wölkchen umqualmten sie. Wolfsberg verbiss seinen Schmerz, strebte weiter
mit grimmigem Bemühen und rief: »Halt! halt! Komm einer und helfe mir!«
    Seine Stimme blieb ungehört von den ihre Kirchengebete murmelnden Wallern.
Am Gartentor waren die Lampen entzündet worden. Der Geistliche im Ornat,
Kirchendiener und Chorknaben mit Laternen und Weihrauchfässern schritten vorüber
in den Hof.
    »Wartet! Helft mir!« röchelte Wolfsberg todesbang.
    Dieses Mal wurde er gehört. Der Zug hielt, die Leute sahen sich um; sie
konnten lange nichts unterscheiden in der Dunkelheit, bis plötzlich ein Bursche
sprach: »Es is der Graf, dort beim Feldstein steht er, dem is was gschehn.«
    Einer flüsterte es dem andern zu - doch mehr tat keiner. Endlich erbarmte
sich ein alter, krüppelhafter Mensch, ging hin und stützte und führte ihn.
    Beinahe zugleich mit dem Priester trat Wolfsberg in das Sterbezimmer. Die
Zimmer waren weit geöffnet. Am Himmel schwebte eine finstere Wolke; sie glich
einem riesigen Vogel mit weit ausgespreizten Flügeln. Der von ihr verhüllte Mond
warf eine Fülle silbernen Lichtes über eine Stelle am Horizont. Auf dieser
ruhten Marias schon gebrochene Augen. Dort, wo es hell war, wo der verklärende
Schimmer sich breitete - lag Dornach.
 
    