
        
                                 Herman Conradi
                                  Adam Mensch
                »Sünde ist das Vergehen wider das Gesetz der Zukunft.«
                                                                 Oskar Hänichen.
 Lass fahren, was dich traurig macht,
 Und was die Enge dir geboren -:
 In dieser grossen Freudennacht
 Bleibt dir dein Genius unverloren
 Wir leben, mein geliebtes Weib -
 Und unser Leben atmet Fülle -:
 Der Dinge unverstand'ne Fülle
 Fiel ab vom nackten Gottesleib.
 
                           Oskar Hänichen zugeeignet.
Von einem Grabe komm' ich her. - Du weisst,
Mein lieber Freund -: von welchem Grabe -
Du weisst -: wie viele Träume, wie viel Glück -
Wie viele Vergangenheit ich da begraben habe ...
Von des vergessens Flut unüberspült
Mahnt dieser Hügel noch im fernen Süden -
Da wir so gross gelebt, so stark gefühlt,
So heiss gekämpft um uns'res Willens Frieden.
Ob wir ihn fanden -? Nun, mein lieber Freund -
Wir lächeln schmerzlich - doch wir lächeln eben -
Wir sind allein - wir haben nur noch uns -
So bleiben wir Zusammen für das Leben ...
Der Regen klatscht an meine Fensterscheiben -
In's Nordland wieder wurden wir verbannt -
Getrost mein Freund! wir werden südwärts treiben
In uns'rer Sehnsucht - uns'res Sieges Land!
Ein Grab zu hüten gilt's. Mit weissen Kerzen
Hat's unterweil der junge Lenz geschmückt -
Für das Unsterbliche verglüh'n die Kerzen -
Mit rotem Blut getauft der tiefsten Schmerzen
Ward uns der Geist, der Zukunftsfrüchte pflückt. -
                                       I.
Es gab gerade die Zeit um die vierte und fünfte Nachmittagsstunde an einem
Märztage. Der Wirt vom Café Caesar stand hinter dem Buffet und zählte Geld. Das
Klimpern und Klirren der Metallstücke klang deutlich zu dem Tische herüber, an
dem Herr Dr. Adam Mensch und Herr Referendar Clemens von Bodenburg sassen.
Bodenburg zog sich jetzt hinter den Figaro zurück. Nur ein Paar Gäste noch
lebten da und dort im Lokal herum. Der Verkehr war im Ganzen geringfügig um
diese Stunde.
    Adam Mensch trank den letzten Schluck seines cognacgemischten Kaffees aus
und rückte seiner Börse auf den Leib.
    »Kellner!«
    »Herr Doctor!«
    »Bitte zahlen!«
    »Jawohl!«
    Der Kellner kam herangelaufen.
    »Ein Kaffee - schwarz - und einen Cognac -«
    »Vierzig Pfennige!«
    Adam gab einen Fünfziger hin: »Bitte!«
    »Danke sehr!«
    Der Kellner raffte die Zeitungen zusammen, die auf dem Tische und den
nächsten Stühlen herumlagen, bückte sich nach einem Journal, das ihm entglitten
war, und schleppte die papierne Bürde von dannen. Adam Mensch stand auf, fuhr
sich mit der linken, etwas fieberfrostroten Hand über Stirn und Haar und griff
mit einer Bewegung, die nicht ganz frei von Pose war, nach seinem Ueberzieher.
    Der Kellner, der sich seiner Zeitungen entledigt hatte und eben um das
Buffet bog, stürzte wieder auf Adam zu, um ihm beim Anlegen behülflich zu sein.
    »Danke!«
    »Bitte!«
    Da tat sich die Tür des Café's auf und eine Dame trat herein, machte ein
paar Schritte, blieb sodann stehen, wurde etwas verlegen, etwas rot, sah sich
fragend um, ging noch einen Schritt weiter - und blieb wiederum stehen.
    Das Buffet war jetzt leer, der Wirt zufällig abwesend.
    Nun tauchte vom hinteren Raume des Café's der Zeitungskellner, ein kleiner,
beweglicher Gesell mit einem angenehm verkniffenen Gesicht, auf. Er trug eine
Zeitung in der Hand, die er der Dame übergab. Diese drehte sich, ohne ein Wort
zu sagen, um und verliess mit nicht ganz sicherem Schritt das Lokal. Adam
bemerkte, wie sie von den Blicken der meisten Gäste zuvorkommend hinausbegleitet
wurde. Auch Herr von Bodenburg hatte seinen breitblättrigen Figaro sinken
lassen. »Ganz niedliches Kind!« urteilte er schmunzelnd.
    »Wer ist die Dame eigentlich -?« fragte Adam den Kellner, der noch immer in
seiner Nähe stand und natürlich an der allgemeinen Aeugelei teilgenommen hatte.
»Ich habe sie schon mehrere Male um diese Zeit hier gesehen«, fuhr der Herr
Doctor fort.
    »Ich glaube, Fräulein Irmer heisst sie - sie holt immer die Volkszeitung für
ihren Vater - der hat nachabonnirt«, berichtete der Kellner.
    »So! Danke schön! Adieu, Herr von Bodenburg!«
    »Adieu, Herr Doctor!«
    Adam Mensch ging langsam hinaus, Herr von Bodenburg sah ihm nach und
schüttelte den Kopf. »Sonderbarer Kerl!« murmelte er. »Kellner, nehmen Sie das
Schachbrett weg und bringen Sie mir noch - ach ja! ich wollte ja einmal Ihren
Absynt probiren - also bitte! ...« rief der wackere Herr Referendar sodann
laut.
    »Ja wohl -!« -
    Adam hatte vor dem Café nach rechts und links ausgeschaut, um die Spur von
Fräulein Irmer - »ja ja! so hiess sie doch -? hatte der Kellner nicht diesen
Namen genannt?« - wiederzufinden. Richtig! Da drüben ging sie. Nud jetzt bog sie
um die Ecke. Sollte er ihr folgen? Aber warum? Hatte er einen Grund dazu -? Liess
er sich, indem er diesem spontanen Bedürfnisse nachgab und dasselbe in einen
bewussten Willensakt umsetzte, nur von einer zufälligen Stimmung, einer ersten
besten Laune leiten? Wollte er sich zerstreuen, auf andere Gedanken kommen, sich
den stechenden Schmerz in den Schläfen vergessen machen? Oder reizte ihn irgend
Etwas an diesem Weibe, das er schon öfter im Café Caesar gesehen ... dessen
aufgereckte Gestalt mit ihrer reservirten Halbfülle seinem Auge wohlgetan? War
ihm dieses bleiche Gesicht mit der sonderbaren Kreuzung im Ausdruck, wenn seine
ursprüngliche Herbheit und abweisende Strenge sich mit der momentanen
Verlegenheit, Scheu und Unsicherheit paarten - war es ihm »anziehend«? Adam war
noch nicht zu einem transparenten Ergebnisse gelangt, als er sich schon über den
Fahrdamm schreiten und die Richtung nach jener einmündenden Strasse nehmen sah,
um deren Ecke Fräulein Irmer soeben verschwunden war.
    Einige Minuten später hatte der grübelnde Herr Doctor die Dame dicht vor
sich.
    Fräulein Irmer ging langsam, einförmig, beinahe schwerfällig. Sie wandte
sich nicht nach rechts noch nach links, gerade aufgerichtet trug sie den Kopf
und musste, wie Adam aus ihrer Haltung schloss, stets in der Richtung ihres Weges
vor sich hinstarren - und doch über all' die Menschen, die vor ihr hergingen
oder ihr begegneten, hinwegsehen, unberührt von den lärmenden, zuckenden
Schatten, mit denen das unstäte Leben sie umgab. Adam Mensch imponirte diese
Teilnahmlosigkeit immerhin ein Wenig. Und sie imponirte ihm vor allem darum,
weil seine eigene, sehr nervöse und unruhige Natur sich von Jedwedem in Anspruch
nehmen liess, was auf sie eindrängte, auf Alles eingehen musste, was um sie herum
atmete, lebte und sprach.
    Nun fiel es ihm gerade ein, sich der Dame einmal bemerklich zu machen. Er
ging hart an ihr vorüber, sah sie scharf von der Seite an und schritt ihr dann
voraus. Jetzt blieb er vor dem Schaufenster eines grossen Delicatessengeschäftes
stehen und wandte sich auffällig um, als er annehmen konnte, dass Fräulein Irmer
in seiner Nähe war. Er fixirte sie scharf und suchte ihr Auge festzuhalten. Die
Dame streifte ihn mit einem kurzen Blicke und sah dann über ihn hinweg. Das
ärgerte den Herrn Doctor ein Wenig. Er hielt sich jetzt in ihrer intimen Nähe
und folgte ihr dicht auf den Sohlen. Fräulein Irmer wurde augenscheinlich
unruhig. Der Kopf senkte sich und drehte sich in kurzen, harten Bewegungen, bald
nach links, bald nach rechts. Sie hatte begonnen, von ihrem Begleiter Notiz zu
nehmen.
    Die Dämmerung wuchs. Die Schatten der auseinanderquellenden Nacht fielen
dichter und dunkler. Jetzt flammten die ersten Laternen auf.
    Eine Buchhandlung lag am Wege. Fräulein Irmer trat in den Laden, Adam Mensch
folgte ihr nach einigen Secunden. Er hörte, wie sich die Dame mit etwas
belegt-ansgefranster Stimme Eugen Dühring's »Wert des Lebens« ausbat. Ihr
Gesicht trug wieder denselben Doppelausdruck, den es im Café Caesar anzunehmen
pflegte.
    Adam bestellte flugs ein Exemplar desselben Werkes. Das musste doch
auffallen. Und es schien auch Fräulein Irmer aufzufallen. Sie wandte sich zu
ihrem Nachbar um, schlug die braunen ernsten Augen gross auf ... und fragte mit
ihnen eine stumme, tiefe Frage, auf die Adam nur eine gleiche, stumme Antwort
wusste, die für ihn plötzlich nicht minder tiefen Inhalts war.
    Das Werk fand sich natürlich nicht auf Lager. Der Gehilfe erbat sich die
Adressen und versprach die Exemplare in spätestens acht Tagen besorgt zu haben.
    »Hedwig Irmer - oder senden sie das Buch bitte direct an meinen Vater: Dr.
Leonhard Irmer, Herderstrasse 7 III ...«
    »Danke verbindlichst, mein gnädiges Fräulein - soll geschehen! Und Sie, mein
Herr -?«
    »Dr. Adam Mensch, Gartenstrasse 14 II ...«
    Der Herr Doctor erhielt jetzt zwei verwunderte Blicke. Dem Gehilfen schien
ein Mensch, der Adam Mensch heissen könnte, bisher unmöglich gewesen zu sein.
    Auch Fräulein Irmer war betroffen. Adam gab ihren Blick mit einem
diskret-ironischen Lächeln zurück. Die Dame wurde vorwiegend verlegen.
    Nun wandten sich die beiden zum Gehen. Adam öffnete die Tür und liess das
gnädige Fräulein zuerst hinaustreten. Dann folgte er schnell.
    Er konstatirte, dass seine Nervenschmerzen nachgelassen hatten. »Man muss nur
einmal in einer fremden Atmosphäre herumvagabundiren und dem ehrenwerten Corpus
ein wenig Abwechslung gönnen: dann machts sich schon -« monologisirte er still
vor sich hin. Instinctiv hatte er Fräulein Irmers Spur, wieder aufgenommen. Aber
er war doch zweifelhaft. Sollte er noch weiter hinter der Dame hertrollen, wie
ein zitternder Gymnasiast hinter seiner in sich hineinkichernden Poussade,
hinter seiner »Flamme« - oder sollte er ihr seine »Begleitung anbieten« - oder
sollte er wieder umkehren und ruhig nach Hause stapfen -? Was hatte dieses
närrische Nachlaufen für Sinn! Uebrigens - die Adresse wusste er ja, wenn er also
- - »Herderstrasse 7 III.« - - ja! ja! - ach was! - »wenn er« - Unsinn! -
    Aber Adam ging noch immer dicht hinter der Dame. Man war allmählich in einen
stilleren Stadtteil gekommen.
    Plötzlich fand sich Adam an der Seite Fräulein Irmers vor! Er stutzte einen
Moment, verstand sich nicht und ... fragte schliesslich, indem er etwas linkisch
und ratlos den Hut zog: »Erlauben Sie, mein gnädiges Fräulein, dass ich Sie -«
    Keine Antwort.
    »Verzeihen Sie, mein Fräulein - aber Sie werden unschwer - -«
    »Ich verstehe Sie nicht, mein Herr! Was wollen Sie? - Verlassen Sie mich! -«
    »Mein Fräulein -!«
    »Noch einmal - verlassen Sie mich - ich ersuche Sie dringend - oder ...«
    Adam war plötzlich sehr selbstbewusst und trotzig geworden. Er betippte
nachlässig seinen Hut, wandte sich ab, ging einige Schritte zurück, stampfte
einmal recht erbittert aufs Pflaster und lachte sehr indignirt. Was nun? Er
drehte sich noch einmal um. Und es dünkte ihn, als ob Fräulein Irmer recht
langsam ginge - zudem - zudem noch gar nicht so besonders weit entfernt von ihm
wäre - sollte sie doch - sollte er - - aber nein! - nichts da! - Unsinn! - - -
Adam schob sich entschlossen wieder um und wanderte nach Hause. Nach einer
halben Stunde stieg er die Treppen zu seiner Wohnung empor. Die Glieder waren
ihm schwer und die Schläfen schmerzten wieder heftiger. Und es fiel ihm ein, dass
man doch im Grunde kaum Herr seiner Handlungen ist. Plötzlich, im wahren Sinne
»unvorbereitet,« hatte er vor einer kleinen Weile vor Fräulein Irmer gestanden.
Wie war er an ihre Seite gekommen? Urteil - Vorstellung - Willensimpuls -
Coordinationscentren - Muskelcontraction - - - Alles Blech! Adam wusste nur, dass
man einmal ebenso »unvorbereitet« eine ... Waffe in der Hand haben könnte - -
und dass man unter Umständen schon nicht mehr sein könnte, ehe man es überhaupt
bewusst gewollt hatte. Aber ... aber aus dem Leben gehen, ohne ... Hedwig Irmer -
hm! - ohne! - ja! was denn: »ohne?« - ohne - ohne! ... Diese beleidigte Schöne!
Sie einmal küssen -? »Küssen«? Pah! Zu geschmacklos! Aber ah! eigentlich stand
er doch noch sehr fest im Leben, noch so mitten darin! Und wie sicher er mit
beiden Füssen noch auftrat! Wie ihm aus der engen Zone seiner
Augenblicksphantasieen heraus das Leben doch noch so ... so ... lebenswert
erschien! Herr Gott! Und nur, weil er heute dieses Weib - dummes Zeug! Er hatte
wahrhaftig Ernsteres zu tun, als immer wieder auf derartige
U.-S.-W.-Weiblichkeiten 'reinzufallen. -
    Grauschwarze Dämmerungsflocken lagen im Zimmer. Es pochte. Die Wirtin
erschien, die flammende Lampe in der Hand. Nach einer kleinen Frist: - »Sie
sehen recht blass aus, Herr Doctor -«
    »Hm!« -
 
                                      II.
Wie einer seiner Vorfahren eigentlich dazu gekommen war, sich schlechtweg
»Mensch« zu nennen oder zu einem derartigen Besonderheitsmenschen sich ernennen
zu lassen, hatte Adam wirklich nicht ergraben und ergründen können. Ja! Er hatte
sich alle Mühe gegeben, sotanes Geheimnis zu entlarven, und manche Stunde war
darüber vergrübelt worden. Uebrigens gefiel ihm sein Familienname, dieser Name,
der das Moment des Typischen und des Individuellen so intim vereinigte, der
ebenso originell und tiefsinnig, wie gewöhnlich, oberflächlich und trivial war,
gar nicht übel. Und nicht übel passte objectiv und behagte seinem Besitzer auch
subjectiv der Vorname Adam - »Adam Mensch«: eine originelle Idee seines Vaters
war es doch gewesen, die Familienüberlieferung, nach welcher jeder Erstgeborene
den Vornamen Gottfried erhalten sollte, zu durchbrechen und seinen Erstling
»Adam« zu taufen! Manchmal war der Name seinem Träger allerdings mehr eine Last,
denn eine Lust gewesen: zu den Zeiten, da er die Volksschule seiner kleinen
Vaterstadt besucht und mit Kameraden auf einer Bank hatte sitzen müssen, die an
sich wohl auch so etwas Aehnliches, wie ... wie Menschen eben gewesen waren,
sonst aber nur Richter, Schneider, Gernegross, Potschappel - und zuweilen selbst
Müller und Schulze geheissen hatten. Da hatte denn sein Name den Fisch abgegeben,
nach dem die wühlende Bubensippschaft die Angeln ihres tölpelnden Nörgelns
ausgeworfen. Das hakt sich fest in der Seele dessen, der früh von der grossen,
breiten Durchschnittsstrasse abzubiegen beginnt ... oder, wenn in jungen Jahren
auch noch nicht wirklich abbiegt, so sich doch schon mehr und mehr an die Ränder
der Strasse schlängelt, auf dass er dem Nebendickicht näher sei und besser und
deutlicher einen schmalen Einzelpfad durch die wuchernde Wildnis für sich
erspähe.
    Adam war in engen, drückenden, rohen Verhältnissen aufgewachsen. Sein Vater,
Gottfried Mensch, hatte einen Bäckermeister vorgestellt. Ein Mann, verschwommen
an Leib und Geist, eigenwillig, aufbrausend, unstät in Stimmungs- und
Willensgegensätzen lebend, von schnurrigen Einfällen behaftet, nicht ohne eine
gewisse Eigenart und Kraft, aber ohne die Sicherheit, ohne die Lebensgarantie
der Beschränkteit. Er hatte sich in seiner Natur ausgelebt - das heisst: er
hatte nach Welt und Menschen nicht viel gefragt und nur dem bunten Bündel seiner
Neigungsströme gefröhnt. dabei war das Geschäft natürlich heruntergekommen - und
unbewusst, naturgemässig-notwendig, im Besitze des Mutes, Alles gehen zu lassen,
wie es geht, und dem ökonomischen Verderbensmoloch ruhig seine Giftzähne zu
lassen, hatte sich Meister Gottfried Mensch immermehr an den Alkohol
angeschlossen, welcher ihm allerdings weniger Tröster war, als ein guter
Kamerad, der Feuer in die Seele goss und wirbelnde Phantasie'n gebar. Und eines
Tages war dann das Delirium gekommen. Die Krämpfe und Wutausbrüche wuchsen an
Ofteit und Stärke, aber es trat auch nicht allzuspät der Gehirnschlag ein, der
den Rasenden eines Abends ausblies. Adams Mutter hatte sich die
Kehlkopfschwindsucht anschaffen müssen. Vier Kinder waren da: zwei Knaben und
zwei Mädchen. Die Brut war nicht gesund. Adam musste sich in späteren Jahren noch
öfter sattsam wundern, dass er alle die Plackereien und Quälereien, die er hatte
auf sich nehmen müssen, ausgehalten, wenigstens einigermassen ausgehalten. Nun ja
doch! Brüchig und in sich mannigfach auseinandergekeilt war er schon längst. Das
Leben hatte ihm kein Stück gesunder Krafterde hingeschoben, auf dass er fest in
sie hineinwurzele und aus ihr heraus drangvoll und säftereich treibe. Das war
sein ganzes Leben lang nur ein loses Wurzelhängen gewesen. Von seinem achten,
neunten, zehnten Jahre bis zu dem neunundzwanzigsten, in dem er nun stand ...
und das vielleicht noch nicht das letzte war, dessen Ring er sich eingrub.
    Nach dem Tode des Vaters hatte der Bäckergeselle Karl Salge den Kopf
ordentlich in die Höhe gereckt und sich an's Meisterspielen gemacht. Das
Geschäft versuchte wieder einen kleinen Lebensaufschwung. Dafür war denn die
Meisterin dankbar gewesen ... und hatte in einer Stunde der Freude, Hoffnung und
Seelenschwäche dem drängenden Gesellen ihre Hand zugesagt. Die Hochzeit war auch
eines Tages still, glanzlos, verschämt gefeiert - und Herr Salge somit Meister
und Besitzer einer Bäckerei geworden, die ihm, dem bisher armen Burschen, doch
immerhin eine gewisse Würde gab und ein bewussteres Auftreten gestattete.
Ueberdies war ja die Meisterin todtkrank ... ihr Lichtlein brenzelte, zuckte und
knarrte schon leise ... lange konnte es nicht mehr brennen ... Eines Tages
erlosch es denn auch, und Herr Salge, der wacker gearbeitet hatte und dem es
auch gelungen war, seine Waare wieder mehr zu Ehre und Ansehen zu bringen,
heiratete seine Dienstmagd, mit der er sich schon vorher eingelassen hatte, und
die sich eine nicht ganz kümmrige Summe aus ihren früheren Dienstschaften
zusammengespart. Die Stiefkinder kamen natürlich früh aus dem Hause. Die Mädchen
mussten sich nach ihrer Einsegnung bald nach auswärts verdingen, Gustav wurde zum
Nachbar Schlächter in die Lehre getan: er konnte ja vielleicht dasselbe Glück
haben, wie sein Stiefvater. Adams nahm sich, als die Zeit dazu gekommen war,
einer seiner Lehrer an und verschafte ihm einen Platz im Gymnasial-Alumnat der
nächsten grösseren Provinzialstadt: in dem Jungen schien etwas Mehr zu stecken,
als in seinen Geschwistern ... und des Experiments, das notwendig war, um seine
etwaigen Fähigkeiten an's helle Licht der Sonne zu befördern, war er ja immerhin
wert! Hiess er doch nicht nur Mensch, noch dazu Adam Mensch - war er doch
schliesslich auch ein Mensch und bot als solcher fürtreffliche Gelegenheit,
christliche Nächstenliebe getreu nach dem Evangelium zu üben.
    Und nun kam die lange, drückende, ausmergelnde Leidenszeit Adams. Wie engten
ihn die Schulwände ein! Wie gaben sie ihm so blutwenig Luft und Licht und
Freiheit und Wind! Wie langsam schleppten sich die Jahre hin - und wie viel
Fleisch von todten, crepirten Fischen wurde ihm als Geistesspeise zum
Hinunterschlingen vorgesetzt! Wie oft musste er sich verleugnen, sich demütigen,
zu Kreuze kriechen, um die Brosamen nicht zu verlieren, die man ihm bewilligt
hatte - und die man ihm Jahre lang so gern und so freudig gab!
    Aber die Stunde, da dieses Zusammenleben mit dem Buchstabendogma der
Kirchenlehrer, dieses Erkaltenmüssen in den todten Schnee- und Eis- und
Gletscherregionen der galvanisirten Antike Ciceros und Vergils aufhörte, sie kam
doch. Und nun sprang das Tor auf - und der Mulus lief wie wahnsinnig vor Freude
im ostwindverkühlten Sonnenschein der jungen Märztage herum ... und dachte nicht
daran, dass er doch eigentlich verdammt wenig Aussicht besässe, ein
rechtschaffenes Burschenleben auf der Universität führen zu dürfen. Der
Glückliche, der mit Patent entlassene Sträfling, dachte nicht daran, dass in
naher Zukunft ein neuer Wermutskelch wieder einmal - nicht an ihm vorübergehen
würde - dass er noch Jahre ... noch drei, vier Jahre lang ärmlich und erbärmlich
wie die bewusste Kirchenmaus würde leben müssen - und die ganze Fülle der Kräfte,
die in ihm rang und stritt und nach Ausbruch und Betätigung lechzte, würde
entweder verleugnen, eindämmen, einsargen, »kaltstellen«, ersticken oder - in
ein Strombett lenken müssen, das seinen Lauf nach dem an materieller Ausbeute
gewiss reicheren Meere des »praktischen« Lebens nimmt ...
    Und die Stunden, Wochen, Monate und Jahre kamen und gingen - und Adam Mensch
durchlebte sie: ein Sclave seiner Armut und ein Freier zugleich. Die grosse
Flut des Lebens umbrandete ihn. Aber er hatte kaum einen Platz an der Tafel
dieses Lebens. Durch Erteilen von Privatunterricht verdiente er sich
notdürftig die paar Kreuzer, die dazu gehörten, um ihn überhaupt über Wasser zu
erhalten. Manchmal, wenn es ihm gar zu heiss in der Brust wurde, sprang er mitten
ins Leben hinein und spielte trotzig va banque. Dann staunte er wohl auch dieses
so bunte, so verwickelte Leben an, und es dünkte ihn bisweilen gar nicht so
schwer, Fuss in ihm zu fassen und auf all das tausendfältig Kleine und Besondere,
das sich nun plötzlich vor ihm aufrollte, liebevoll einzugehen. In Stunden des
Taumels riss er ein verlorenes Weib an seine Menschenbrust und lachte und
schwelgte und weinte mit der Armut und mit der Schmach. Sein philologisches
Brotstudium betrieb er mit bedeutendem Eifer: war es doch, beim Styx! der
einzige Weg, der ihn hinaufführen konnte in die Bergsiedeleien der geistig und
leiblich »Vornehmen«, der »Bildungsidealisten«! Mitunter machte er Schulden, und
die Docentenhonorare liess er sich mit liebenswürdiger Bereitwilligkeit stunden.
Er versuchte wohl auch die buntscheckige Sammlung seiner Talente: er schrieb
Leitartikel für Zeitungen, machte Gelegenheitsgedichte, die ihm manchmal einige
Mark eintrugen, verbrach Recensionen philosophischer Werke für akademische
»Organe« und hielt in studentischen Vereinen Vorträge über culturgeschichtliche
Temata, dann und wann mit einem vagen Saumstreifen moderner politischer
Verhältnisse ... Einmal war es ihm auch geglückt, ein Teaterreferat über eine
Sommerteaterbühne für eine untergeordnete Zeitung zu erlangen: da liess er sich
denn die Gelegenheit zu allerlei Coulissenstudien nicht entgehen ... und ob es
wohl nicht vorgekommen war, dass er sich mit dem ... Kusse einer Soubrette
bestechen oder belohnen liess ...? Auch im Strudel der studentischen
Kameradschaften trieb und wirbelte er eine Zeit lang herum - und so floss dieses
Stück Leben hin voll Wirrwarr, Zerrissenheit und Zerstückteit ... Eines Tages
stand Adam vor dem Staatsexamen. Er genügte gerade noch den Prüfungen - und
kroch eine kleine Frist später in das Joch einer Hauslehrerstellung bei einer
adligen Gutsbesitzersfamilie. Seine beiden Zöglinge erfreuten sich zwar einer
ganz braven Leibesgesundheit - mit der Kraft und Gesundheit ihres Geistes jedoch
war es ein Bissel schwächer bestellt - und so redliche Mühe sich Adam zuweilen
auch gab, dem edlen Blaublut die Geheimnisse des »Accusativi cum infinitivo« zu
erschliessen: im Grunde erreichte er nur verdammt Wenig mit seiner Abquälerei.
Nach zwei Jahren hing er den Präceptorrock an den Nagel und zog von dannen. Er
hatte sich wenigstens einige hundert Mark erspart und war somit in der Lage,
sich den Doctorhut, welchen zu tragen doch nun einmal unter Anderem »auch« in
das corpulente Pflichtenregister eines »akademisch gebildeten« Menschen gehört,
zu kaufen. Fortan durfte er sich also mit Fug und Recht die sehr gewöhnliche
Anrede »Herr Mensch« verbitten und die jedenfalls wohllautendere »Herr Doctor«
verlangen. -
    An dem Progymnasium einer kleineren Provinzialstadt absolvirte er sein
Probejahr. Hier wurde das Mass voll. Adam konnte durchaus nicht begreifen, warum
er seinen Schülern ausser den interessanten Anfangsgründen der lateinischen
Syntax auch noch die Schönheiten alttestamentlicher Myten, Märchen und
mindestens sonderbarer Opfergeschichten zu Gemüte führen sollte. Zudem ekelten
ihn die kleinen und engen Verhältnisse dieser lobesamen Spiesserwelt
unbeschreiblich an. Und so schnitt er das Tafeltuch zwischen sich und einer
soliden, gesicherten Zukunft entzwei - einer Zukunft, welche so gern eine der
reizenden Honoratiorentöchter des Städtels, allwo er ihren Brüdern ein in
mancherlei Hinsicht doch etwas merkwürdiger Lehrer gewesen war, mit ihm geteilt
hätte - sotanes Tafeltuch schnitt er also mitten durch - und liess sich auf den
curiosen Einfall kommen, ein ... »moderner« Mensch zu werden. -
    Hm! So war er denn wirklich ein »moderner« Mensch geworden. Und so sass er zu
dieser Stunde dort auf dem Sopha, zog seine Virginia-Cigarette mechanisch durch
die Lippen, gab den Qualm mechanisch von sich, presste ab und zu Zeige- und
Mittelfinger der linken Hand gegen die linke Seite seiner Schläfen und dachte
manchmal an Hedwig Irmer. Wie dumm ihm jetzt die Geschichte vorkam, die er vor
kaum einer Stunde mit dieser Dame in Scene gesetzt! Nein! Er wusste es: er besass
kein ... wenigstens noch kein tieferes Interesse für dieses Weib ... Ob er wohl
jemals in den Besitz dieses »tieferen Interesses« für Fräulein Irmer gelangen
würde? Kaum ... Er konnte sich allerdings nicht trauen. Zuweilen überraschte ihn
sein sonderbar complicirtes Ich mit Tatsachen, die ihn in Erstaunen setzten. Er
hätte eigentlich immer en vedette sich gegenüber sein müssen. Doch
vorausbestimmen konnte er absolut Nichts. So musste er sich denn eben überraschen
lassen. Besass er Ellenbogen? O ja! Aber er gebrauchte sie nicht, sich Platz auf
der Welt zu verschaffen. Wollte er sie nicht dazu gebrauchen? Hm! War er
blasirt? Gâté? Nein! Nein! Er kannte ja das Leben noch kaum. Es war ja
eigentlich noch gar nicht so lange her, dass er aus dem Ei gekrochen. Ein paar
Eierschaalenrestchen hafteten ihm sicher noch an. Was verschlugs! Das Eine stand
jedenfalls fest: frei, ganz frei, keiner Machtsphäre untertan, keinem
Urteilstribunal unterworfen musste er sein, wenn er wenigstens die Absicht
gebären sollte, sich - irgend einem Joche zu fügen. Er spielte wohl zuweilen,
mit dem Gedanken, aus diesem allmählichen Zerfallen, Verwittern und Vermorschen
seiner »Persönlichkeit« an Kraft und Talent und Mut noch zu retten, was zu
retten wäre, und mit den Resten und Stümpfen, die trotz ihrer
relativ-subjektiven Kärglichkeit vielleicht noch zehntausend Mal bedeutender und
wertvoller waren, denn die zur Einheit gesammelt gebliebenen Fähigkeiten
manches unzersplitterten Durchschnittlers - mit ihnen also in eine normale und
genau abgesteckte Laufbahn einzubiegen. Ach! Adam wusste so manches Mal sehr
genau, dass er mit diesem Gedanken nur spielte. Konnte er sich zu dieser Tat der
Umkehr wirklich noch aufraffen? Hm! Hielt er die Umkehr denn überhaupt noch der
Mühe für wert? Sein psychologisches Feingefühl sagte ihm doch wahrhaftig genau,
dass man schliesslich Alles gehen lassen muss, wie es geht. O ja! Man fasst
Entschlüsse. Aber man kehrt doch bald wieder in die Bahn zurück, der man eben
verfallen ist. Adam gehörte zur Sippe jener »unglücklichen« Naturen, bei denen
Willenskraft, Phantasie und nüchterner Verstand gleiche Stärke- oder gleiche
Schwächegrade besitzen. Wohl löst zeitweilig, gleichsam das eine
Persönlichkeitsmoment das andere in der Herrschaft ab. Jedoch sind diese
Menschen sehr oft nachdrücklichster Hochgefühle fähig, dabei alle Kräfte sich zu
einheitlicher Stärke zusammenschliessen - und darum müssen sie so oft auch die
Gegenwirkung auf diesen Aufschwung: eine allgemeine Gleichgültigkeit, eine
schwere, blutleere Herabgestimmteit, über sich ergehen lassen. Ist das nicht
eigentlich ihr - was man so nennt: ihr »Normalzustand«? Adam Mensch war sich
soweit klar über sich, dass er diese Wesenheit seiner Natur erkannt hatte und sie
zuweilen berücksichtigte, das heisst: sich mit ihr tröstete. Die klare Einsicht
in eine Tatsache hat ja immer etwas Tröstendes - nicht wahr? Aber bestätigte er
mit diesem Troste nicht sein Leben - seine Neigung zum Leben? War da nicht sein
»Wille zum Leben« tätig? Wohl doch. Und dann: hatte er das Leben eigentlich
schon »genossen«? Oefter packte ihn - oh! er erinnerte sich dessen! - ein wahrer
Heisshunger auf das gewissenhafte, feierliche Geniessen der buntesten, tollsten,
seltensten, süssesten Lebensreize. Allein dieser Heisshunger war im Grunde doch
sehr gegenstandslos. Wissenschaftlichen Ehrgeiz besass Adam nicht. Zur Liebe
hatte er nicht Geduld, nicht Ausdauer mehr. Erkenntnissresultate befriedigten ihn
nicht, da er wusste, dass es ihm doch nicht gegeben war, dem
mystisch-metaphysischen Drange seiner Seele ganz zu genügen. Ja! Unberechenbar
in seinen Stimmungen, in seinen Neigungen und Launen; zersplittert in seinen
Kräften; unbeständig, flackernd in »erotischen Fragen,« in der »Leidenschaft«
satt und unbefriedigt zugleich; müde, todtmüde - und begeisterungsfähig wie ein
Jüngling, der soeben mannbar geworden ist; angefressen von dem Skepticismus
seiner Zeit; unklar und wechselnd in seinen Bestrebungen; radical in seinen
Anschauungen; und wieder über Alles bornirt, einseitig, engherzig, intolerant,
besonders hinsichtlich mancher gesellschaftlichen Formen und Gewohnheiten; - der
Volksseele mitunter in Allem so nahe und dem dargestellten Volke selber zumeist
in Allem so fern, so fremd; auf sich neugierig, über sich erstaunt und seiner
selbst überdrüssig; nicht wissend: Warum das Alles? Wozu? Wohin mit dem Allen?
Wo hinaus? Oder wo hinein? - Oft deklamatorisch, patetisch, agitatorisch; oft
ironisch, cynisch, gezwungen geistreich, selten »normal,« selten schlicht,
einfach, gewöhnlich, mittelmässig, mittelhoch oder mitteltief -: also war es im
Allgemeinen bestellt um Adam Mensch - um diesen »Menschensohn,« der noch immer
in seiner Sophaecke sitzt, das letzte Stümpfchen seiner Cigarette an die Lippen
geklebt hält - und an sich ... und manchmal auch an Hedwig Irmer denkt, an diese
Dame, die ihm vorhin eigentlich einen rechtschaffenen Korb gegeben hat, - die
ihm auch skandalös gleichgültig ist - und in die er sich doch eigentlich so
etwas wie ... wie »verlieben« möchte, bloss um Gelegenheit ... bloss um einen
inneren Grund zu besitzen, ihr dann und wann noch ein Wenig zu schaffen zu
machen. -
 
                                      III.
Hedwig Irmer war die drei Treppen zu ihrer Wohnung langsam emporgestiegen. Sie
hatte beim Hinaufgehen öfter inne halten, öfter stehen bleiben und Atem
schöpfen müssen. Was war ihr nur? Es lag ein Druck auf ihr, den sie sich nicht
erklären konnte. Schreckte sie auf einmal zurück vor der Enge, Einförmigkeit und
Kärglichkeit der Existenz, die sie mit ihrem halb gelähmten, halb blinden,
schwerhörigen Vater führte? Nun schon seit Jahr und Tag führte? Sie kam wieder
einmal draussen aus der Welt. Wohl war sie im Grunde sehr gleichgültig durch
diese sie umflirrende Welt gegangen. Sie besass nicht das Talent, sich in die
Herzen der Menschen hineinzudenken. Sie hatte nicht das Bedürfnis, hinter jeder
Gesichtsmaske ein Schicksal zu suchen. Sie dachte an die Menschen eigentlich
kaum, sie dachte kaum an sich, sie lebte nur auf, bestätigte sich nur, wenn sie
mit ihrem Vater in intim-wissenschaftlichen, zumeist philosophischen Verkehr
trat. Eine tiefere Tendenz ihrer Natur stellte dieses ernste Studium allerdings
auch nicht dar. Sie musste sich oft zwingen, zu den Büchern zu greifen, wenn
nicht eine unmittelbare Anregung dazu von ihrem Vater vorausgegangen war. Alle
diese Weisheiten der modernen Philosophie waren ihr ja so gleichgültig. Die
Stürme ihrer Seele waren vorüber. Ihr Blut war todt. Grenzenlos nüchtern und
kahl lag das Leben vor ihr ... eine grosse, öde, handflache Ebene ... lag es vor
ihr ... würde es vor ihr liegen, weiter und weiter - wenn sie es nicht eines
Tages freiwillig ausblies ... lag es vor ihr mit seinem kleinlichen Kampf ums
Dasein, seinen erbärmlichen Mühen und Sorgen, seinem reizlosen, einförmigen, so
unendlich überflüssigen Wellenschlage ... Immer dieselbe Mechanik, immer
dasselbe einschläfernde Surren der Spindel ... Hatte ihr die Philosophie ihres
Vaters diese Ruhe und Kälte und Teilnahmlosigkeit gebracht? Damals, als sich
die Wasser der Katastrophe verlaufen, hatte er sie eingeführt in seine
Gedankenwelt, in seine philosophischen Glaubenssätze ... hatte er ihr Stille und
Trost durch die Erkenntnis bringen wollen. Nun - und? Darüber waren fast fünf
Jahre hingegangen. Die Stürme ihrer Seele waren vorüber, ihr Blut war todt, ihre
Natur eingefroren. Manchmal wohl ... manchmal raschelte plötzlich ein heisser,
schwüler Sehnsuchtshauch durch die dürren Blätter der Resignationsphilosophie,
in der ihr Vater lebte und deren Resultate auch ihr einleuchten mussten. Aber sie
konstatirte eigentlich diese Resultate nur vernunftsmässig, sie besass nicht Grund
und Bedürfnis, sich dieselben verinnerlicht zuzueignen.
    Hedwig hatte auf dem schmalen, engen, von einer blakenden Küchenlampe mit
angebrochenem Cylinder notdürftig erhellten Corridor Hut und Mantel abgelegt,
war eine Sekunde vor einem kleinen, schmucklosen, halb erblindeten Wandspiegel
stehen geblieben, hatte flüchtig an ihrem Haar geordnet ... und war sodann durch
die nächste Tür in ein Zimmer eingetreten, welches sich als Wohnzimmer zugleich
und Arbeitsgemach ihres Vaters benahm. Der Raum, mittelgross, einigermassen
behaglich eingerichtet, augenblicklich von einer milden Wärme durchfüllt. Rechts
hinten in der Ecke, neben dem jetzt rouleaux- und teppichverhangenen Fenster,
stand der Schreibtisch ihres Vaters, ein ansehnliches, massiveichenes Gestell,
nach Einrichtung und Ausstattung mit dem ganzen Wirrwarr behaftet, den eine
starke geistige Tätigkeit, welche für die kleinliche Krämerordnung der Dinge
keine Zeit hat, herausfordert und bestehen lässt. Rechts vom Schreibtisch drückte
sich ein hohes Bücherregal an die Wand, in dessen Fächern es auch recht bunt
aussah. Fräulein Hedwig besass entschieden wenig Sinn für häusliche Ordnung.
    In seinem Sessel vor dem Schreibtisch sitzt Doctor Leonhard Irmer. Er hat
sich zurückgelehnt, der Kopf hängt ein Wenig der Brust zu, die Arme liegen auf
den Lehnen des Sessels. Die Augen zumeist halb geschlossen, blinzelnd, öfter
ganz überlidert. Das gedämpfte Licht der mit einem grünen Schirm bedeckten Lampe
fällt auf sein Gesicht. Dieses Gesicht hat einen grossen, fesselnden Zug, einen
aussergewöhnlichen Stil. Leidend, sehr leidend erscheint es mit seiner mehr
krankhaft weissen, denn verschossen angerötelten Farbe. Stirn gefurcht, um Nase
und Mund pointirte Schmerzensfalten. Hinter dieser hohen Stirn ist viel gedacht
worden, diese Unterpartie des Gesichts hat sich wohl oft genug für ein bitteres,
ironisches Lächeln hergeben müssen. Ein gestutzter, weissgrauer Bart liegt um
Kinn und Wangen. Das spärliche Kopfhaar verteilt sich in einigen dünnen,
sprödfasrigen Strähnen über die Platte.
    »Guten Abend, lieber Papa!« Hedwig begrüsst ihren Vater mit angenommener
Munterkeit.
    »Guten Abend, mein Kind! Du bist recht lange heute ...« Herr Doctor Irmer
spricht langsam, schleppend, halblaut, undeutlich. Mehr mit den Lippen, denn mit
dem inneren Munde.
    »Findest Du, Papa? Ich bin etwas langsam gegangen - mag sein! Hier ist die
Volkszeitung. Soll ich Dir jetzt vorlesen oder nach Tisch? Das Buch von Dühring
war nicht vorrätig. Ich habe es bestellt. In acht Tagen werden wir's haben.
Brauchst Du's zu irgend einer Arbeit? ...«
    Der Vater schüttelt den Kopf.
    »Na! dann schadet's ja nichts! Dann können wir ja warten. Emma holt wohl ein
zum Abendbrot? Schmerzt der Kopf noch so, Papa? Wenn Du Dich nur entschliessen
könntest, wieder einmal eine Strasse zu gehen - die ewige Stubenluft tut Dir
nicht gut -«
    »Morgen vielleicht ... morgen, Hedwig ... Ich möchte Dir eigentlich noch vor
Tisch ... vor Tisch einige Zeilen dictieren - willst Du ... ja? ... Du weisst: zu
dem Aufsatze Poesie und Philosophie in ihrem gegenseitigen Verhältnis - aber
nachher - nachher stört uns doch das Essen wieder - - was steht denn heute in
der Volkszeitung ...?«
    Hedwig rückt sich einen Stuhl neben den Sessel ihres Vaters, faltet die
Zeitung auseinander und liest zuerst die Telegramme.
    Vater und Tochter haben mit der Zeit ein eigentümliches Verhältnis zu
einander gefunden.
    Irmer ist ein hoher Fünfziger, Hedwig dreiundzwanzig Jahre alt. Sie hat
sich, allerdings mit einer gewissen Aeusserlichkeit, in die Anschauungen ihres
Vaters eingelebt, sie hat es gelernt, sich seinen Gewohnheiten zu fügen. Sie ist
seine Gehilfin, seine Schülerin, seine einzige, zuverlässige Lebensstütze
geworden. Die Stürme ihrer Seele sind vorüber, ihr Blut ist todt, sie braucht
sich nicht mehr zu bezwingen, sie kann alles mechanisch, alles hübsch
automatenhaft bewältigen. Ihr Vater fragt nicht viel darnach, ob sie sich zur
gläubigen, wirklich überzeugten Anhängerin entwickelt. Er besitzt den Egoismus
des Kranken, des Leidenden, des Hülflosen. Er lebt ganz in der Welt seiner
Gedanken. Die andere Welt, der Mutterboden der geistigen, dünkt ihn so ziemlich
verschollen. Die Sphäre der Idee hat für ihn fast etwas Körperliches, formell
Reales angenommen. Er sinnt über die Rätsel der Dinge nach. Er sieht, denkt,
träumt, visionirt, combinirt, gewinnt. Nichts ist ihm das Individuum mehr. Nicht
reizt es ihn mehr, individuelle Entdeckungen zu machen. Damit hat er
abgeschlossen. Ob er auch schon über die Tendenz der Selbsterkenntnis
hinausgekommen? Kaum. Er wird auch noch nicht wissen, wer er ist.
    Hedwig hat keine Neigung, sich über ihren Vater zu wundern. Sie hat eben
überhaupt keine Neigungen mehr. Liebt sie ihren Vater? Er erhält sie, sie darf
bei ihm wohnen, zusammenwohnen mit ihm in den wenigen, engen Räumen, für die er
den Mietszins notdürftig zusammenarbeitet. Ein paar Heller sind ihnen noch aus
früheren, volleren, runderen Zeiten geblieben. Die beiden Leute kommen
einigermassen aus. Hedwig kann sich sogar noch ein »Dienstmädchen« halten.
    Es ist ein farbloses, eintöniges Leben, das sie lebt. Wird es ihr öfter
nicht doch zu Sinn, als müsste sie aufspringen, einmal laut ... laut aufschreien
- aufschreien, wie Jesus, ehe er am Kreuze verreckte - und dann hinausstürzen
aus dieser lähmenden Enge - irgendwohin - - irgend Etwas, von dem sie sich
beängstigend-unklar bezwungen fühlt, befriedigen -? In dieser dämonischen
Oscillation sich ausleben? ... Wird es ihr also nicht öfter doch zu Sinn? Nein!
Sie kann sich nicht erinnern, von solchen elementaren Erschütterungen
heimgesucht zu sein. Vielleicht dann und wann einmal ein jähes Aufzucken - mehr
war's nicht - nein! mehr nicht. Manchmal sagt sie sich ganz klar und
vernunftsmässig: dies und das im Leben müsste doch eigentlich auch für mich noch
einen Reiz besitzen, da es doch Millionen Andere auch reizt - in irgend einem
Stärkegrade reizt -? Hm! Das Teater! Die Musik! Geht nicht durch die Träume
ihrer Nächte manchmal ein Schatten, der ihr in die Seele prickelt? Ist die Luft
nur voll von Stecknadeln? Da sitzt ein Stück comprimirten Lebens vor ihr - ihr
Vater. Ein Menschenalter liegt hinter ihm. Von allen Seiten ist das Leben zu ihm
herangekommen. Der nun Einsame besass einmal tausend Beziehungen. So viel
verrauscht, so viel vergilbt, vergessen, verschleppt und verloren! Freut sie
sich nicht doch darüber, wenn ihr manchmal unter ihres Vaters Anleitung und
Führung ein Gedanke tiefer Eigentum wird, eine Erkenntnis ihr in schärferen
Linien aufgeht? So sonderbar ist ihr dann und wann. Etwas in klarer
Grenzbestimmung erfassen, macht ihr zeitweilig doch eine Art Spass, so etwas wie
Vergnügen. Sie weiss: darüber vergisst man sich am Besten und Leichtesten. Aber
sie weiss auch: Stimmungen sind Blasen, die aufsteigen, sich eine Sekunde lang
irisfarben brüsten und zerplatzen. Unhemmbar rollt der Grundstrom weiter. Zu der
und der Grundcombination haben sich die Moleküle ihres Wesens
zusammengeschlossen. Sie bleibt, diese Combination; sie bestimmt ihr Leben. Von
ihr wird sie in Gedanken, Wort und Tat geleitet. Eine »Bekehrung«, eine
entscheidende Beeinflussung ist nicht mehr möglich. Das Schicksal vollzieht
sich. Hedwig weiss, dass ihr einmal eine überschäumende Leidenschaft aus der Brust
gebrochen. Vor Jahren. Sind neue Ausbrüche möglich? Aber Nichts stört ja ihre
Kreise. Sie war einmal ein sehr sinnliches Weib. Wie nüchtern sie bleibt, wenn
sie jetzt an ihre »Schmach« denkt, wenn sie sich ihres Kindes erinnert! Wie kalt
sie bleibt, wenn es ihr einfällt, dass dieses Kind ihr entrissen worden ist! Sie
hat es nicht geliebt. Nein! Sie hat es nicht geliebt. Sie hasst auch den Vater
des Kindes nicht. Es ist ihr wirklich Alles gleichgültig, sehr gleichgültig. Die
Stürme ihrer Seele sind vorüber und ihr Blut ist todt.
    Hedwig ist bei dem Verzehren ihrer Sardellenleberwurst und bei dem
Hinunternippen ihres Glases Dresdener Tafelbiers sehr schweigsam gewesen. Sie
hat ihrem Vater die Bissen zurechtgeschnitten und selbst sehr mechanisch die
Speisen zu sich genommen. Nun streicht sie sich mit der Serviette über den
kleinen, feinlippigen Mund und schellt. Emma tritt ein und deckt ab. Herrn
Doctor Irmer ist es nicht aufgefallen, dass seine Tochter während des Essens so
verschlossen gewesen. Ihm ist es sehr gleichgültig, was für Selbstbetrachtungen
sie anstellt. Er ist, ohne dass er es eigentlich weiss, so verbissen in seine Art,
geistig abgelöst, hinweggesondert, zu existiren, dass er kaum mehr im Stande, die
leichteste Spur eines subjektiven Zwiespalts zu vermuten. Wenn es ihm gerade
einfällt, bestätigt er sich, dass er durch seine Philosophie seiner Tochter das
innere Gleichgewicht, das sie einmal verloren hatte, wiedergegeben. Und er fügt
wohl unwillkürlich noch als Ergebniss hinzu, dass Hedwig schon in ihrer Jugend
durch ein gewaltiges Wetter gehen musste, um früh zu Erkenntnissen kommen zu
können, die er sich erst in späteren Jahren zueignen durfte. So lässt sich denn
aus All' und Jedem etwas Zweckmässiges und individuell Verwendbares herausdenken.
    In den nächsten Stunden liest Hedwig ihrem Vater einige Kapitel aus
Hartmanns »Phaenomenologie des sittlichen Bewusstseins« vor. -
 
                                      IV.
Gestern um die Mittagsstunde, als Adam eben zum Speisen gehen wollte, war er
mitten auf dem Marktplatze Herrn Traugott Quöck in die Arme gelaufen. Sapristi!
hatte sich dieser Mensch doch gefreut! Adam hätte es gar nicht für möglich
gehalten. Er war beinahe ganz entsetzt gewesen über diese Freudensprünge und
Hühnerhundscapriolen. Hatte er dem Manne denn jemals Gelegenheit gegeben, ihn
für einen approbirten »Freund« von sich, wenigstens für einen »Freund seines
Hauses,« zu halten -? Ih bewahre! Keine Spur! Es gibt Leute, die aus ehrbarer
menschlicher Lebenslangeweile immer guter Dinge, immer in der besten,
weltfreundlichsten Laune sind. Traugott Quöck gehörte nicht ganz zu diesen
Stoikern des Optimismus, aber doch sehr teilweise. Er war halb und halb mit der
Couponscheere auf die Welt gekommen. Das gibt gewiss ein ganz nettes und
bequemes Rundreisebillet durch's »menschliche Leben« ab. Traugott Quöck sen. war
in einer sächsischen Provinzialstadt Tuchmacher gewesen, hatte es aber in den
letzten Jahren seines gesegneten Erdenwallens fertig gekriegt, sich zum
»Fabrikanten« umzuzüchten und in die Höhe zu schwingen. Man muss mit seiner Zeit
»fortschreiten.« Also hat man eines Tages die Pflicht, »Fabrikant« zu werden.
Das ist einfach.
    Traugott Quöck sen. besass einen Sohn, an den er »viel drangewandt« hatte,
das heisst: Viel Geld, viel Mühe, Geduld, Lebensspesen, Nachsicht - und
schliesslich war es ihm auch nicht darauf angekommen, ein kleines Bündel
unerfüllt gebliebener Hoffnungen an seinen eingeborenen Filius noch extra
»dranzuwenden«. -
    Nach dem Tode seines Vaters hatte es Traugott Quöck jun. für nützlich
befunden, sich schon in jüngeren Läuften seines angenehm gesicherten Lebens zum
jovialen Menschen heranszufexen. Er hatte die »Fabrik« seines Vaters, deren
Mitinhaber er ein paar Jahre hindurch formell gewesen, nach dem Tode ihres
Begründers schleunigst verkauft, war in die nächste grössere Stadt versiedelt -
und »verwaltete« nun sein Vermögen, »spekulirte« ein Wenig zum Zeitvertreib, war
Mitglied einer bierbräulichen Aktiengesellschaft - er sass sogar in ihrem
»Verwaltungsrate«! - und genoss im Uebrigen sein Leben harmlos, einfach,
bescheiden, gemütlich, höchstens mit einem nur ganz kleinen, nur ganz spröden
Stich in's Raffinirte, befriedigte zeitweilig, wie es gerade kam, auch seine
»geistigen Bedürfnisse«, ging 'mal in's Teater, 'mal in's Concert, unterstützte
mit Vorliebe einen Verein, der es sich angelegen sein liess, für Vermehrung der
öffentlichen Aborte und Retiraden Sorge zu tragen, trug einen grossen,
monströs-breitspurigen Siegelring mit schmutzig grünem Stein auf dem Zeigefinger
der rechten Hand - und führte gelegentlich 'mal ein paar mehr oder weniger
»geistreiche« Leute, zu deren Bekanntschaft er zumeist gekommen war, wie die
bewusste Magd zu ihrem Kinde, in sein Haus ein, »schmiss« diesen Auserwählten ein
kleines Frühstück oder ein delikates Souper, setzte ihnen, aus der
menschenfreundlichsten Stimmung von der Welt heraus, einen trinkbaren Wein und
ein rauchbares Kraut vor ... und arrangirte schliesslich eine Scatpartie ... in
höheren, weiteren Abendstunden ... eine Scatpartie, bei der man gewöhnlich »ganz
zwanglos,« »ganz unter sich« war ... und für welche sich Adam Mensch mit der
Zeit beinahe so etwas wie ein kleines »Fäbel« angezüchtet hatte. Es waren
wirklich immer sehr nette, sehr amüsante Abende gewesen ... diese späteren
Scatnächte bei Mister Traugott Quöck ...
    Allerdings! in den letzten sechs Wochen war Adam Mensch nicht dazu gekommen,
in die gastfreundliche Burg seines »jovialen Freundes« einzukehren, dieses
Mannes, der schon seit erklecklicher Zeit gerade in seinen »besten Jahren« stand
und vermutlich noch in Zukunft eine beträchtliche Weile also weiterstehen
würde.
    Hatte Adam irgend ein ernsteres Etwas von dieser »Einkehr« zurückgehalten?
Nein. Er erinnerte sich nicht. Aber das Leben reisst so hin und her, verzettelt,
verkrümelt und zerkrümelt so, ist so bei der Hand mit dem Entwegen, Verschieben,
Aufschieben, mit dem Ueberschatten und Vergrauen. Oder - ja doch! richtig! - so
war's -: irgendwo, irgendwann hatte er 'mal gehört, im Café oder in der Kneipe
oder sonstwo, dass Frau Möbius, die alte Verwandte Herrn Quöck's, welche dieser
als weibliche Repräsentationsfigur in sein Haus aufgenommen hatte, seit längerer
Zeit leidend sei - na! und da war es ja sowieso ausgeschlossen, dass - hm! - aber
ein Beileidsbesuch, ein Erkundigungsbesuch wäre dann wohl erst recht geboten
gewesen ... Nun! Der Herr Doctor war denn auch gestern nett 'reingeplumpst - das
heisst: nur vor sich selber. - Herr Quöck schien die Geschichte nämlich gar nicht
ernstaft capirt zu haben - war hübsch 'reingefallen also, als er sich nach dem
Befinden der Frau Möbius - es ginge ihr doch hoffentlich wieder besser? -
erkundigt und damit verraten hatte, dass er ziemlich sauber orientirt war -:
»Ach Gott! die alte Schachtel! Die hat auch immer 'was! heute das, morgen das!
Na! sie hat wenigstens Zeit, ihre Krankheiten poussiren zu können. So hängt
Jedem sein kleines Privatvergnügen an. Momentan ist sie übrigens wieder auf dem
Damm ...« Somit könnte denn morgen Abend, das war also heute Samstag, endlich
'mal wieder ein kleines Souper vor sich gehen, hatte Herr Quöck nunmehr gemeint.
Lydia käme natürlich auch. Lydia -? »Wer ist denn das -?« - »Ach so! Sie kennen
meine - sie will nämlich eine Cousine von mir sein, wenigstens hat's meine Tante
Wort - na! tun wir ihr den Gefallen! - mir kann's ja egal sein - Cousine hin,
Cousine her - aber ich sage Ihnen, Doctor -: so 'n Weib haben Sie überhaupt noch
nicht gesehen - -« - »Na! na! Herr Quöck - Sie! - -« »- Ruhig! ruhig, mein
Lieber! Feudal, capital, pikant, Sie wissen ja, kennen ja die Litanei -
ei-genartig, emanci-pirt, capri-ciös - was Sie wollen! Mit einem Wort -: 'n janz
jöttliches Frauenzimmer! - Wird Ihnen gefallen. Spielt nämlich ooch so 'n
Bischen mit der Feder - verstehen schon! ... hätte 's ja gar nich nötig, nicht
im Geringsten - ist ihr ooch nicht Ernst damit - bewahre! - bloss - na!
Federwisch und Flederwisch und so weiter - junge Wittwe - lebt erst seit Kurzem
hier - hat wenig Umgang noch - will sich 'n Bissel zerstreuen - 's Leben
geniessen - ganz hübsch vermögend - lass ich mir gefallen - Alles solid bei ihr,
Doctor: - Geld, Fleisch, Lebensanschauung - und so weiter .... Warum also nicht
-? 'n Narr, der's menschliche Leben nicht so nimmt, wie's ist. - Habe übrigens
schon mit ihr von Ihnen gesprochen - sie sagt: sie interessirte sich - -«
    »Um Gottes Willen -«
    »Was erschrecken Sie denn so -? Werden mir noch dankbar sein. Das heisst,
lieber Doctor -: Sie sind in gewissen Dingen 'n kleener Schwerenöter, ich weiss
wohl - aber hier - -«
    »Sie haben die Vorhand, Herr Quöck - versteht sich! - versteht sich! - wir
mogeln grundsätzlich nicht -« hatte Adam laut lachend eingeräumt, zugestanden,
ganz und gar ohne inneren Rückhalt - und doch ein klein Wenig gnädig, einen
Fingerhut voll Souveränität in der Seele, eine Idee »von oben 'runter« ... Aber
er kannte ja diese Dame, dieses »janz jöttliche Frauenzimmer« überhaupt nach gar
nicht. Also! War er etwa neugierig -? Quatsch. Seitdem er sich selber so oft als
pointenloser, interessant dekadirter Schlingel vorkam, hatte Adam ein wahres und
auch ganz aufrichtiges, ehrliches Entsetzen vor allem Neuen, Aussergewöhnlichen,
allem »Ei-genartigen.« Manchmal wenigstens pilzte sich das Abwehrgefühl prall
auf und energisch entgegen -: »Alles! - nur das nicht!« Dieser verfluchte
Exotismus! Das »gewöhnliche« Leben ist ernst, schwer, traurig, elend, verworren,
monströs, angenehm, lieblich, beseligend, berauschend genug. Ha! das
»gewöhnliche,« das gewöhnlichste Leben. Aber Adam hatte die Einladung Herrn
Quöcks doch angenommen. »Selbst-verständlich!« Sich so Etwas auch entgehen
lassen sollen! Ein patenter Abend: Wein, Cigarren, Scat, Souper, Weiber - da
bleibe der Teufel zu Hause! Lydia -? Nein! Sie reizte ihn nicht. Dieser dämliche
Köder. Vielleicht eine ganz angenehme Zugabe ... eine pikante Würze - warum denn
nicht -? Also abwarten. Nur nichts erwarten. Hinterher ist man auch nicht
enttäuscht. Enttäuschungen verstimmen so. Und wenn man die Karten nachher doch
wieder in die Hand nimmt, in die Hand nehmen muss, sind sie mit einem Male so
klebrig, so schmutzig, so ... so ... so - abgespielt eben - man weiss gar nicht -
man gewöhne sich bitte! daran, allentalben als das Selbstverständlichste von
der Welt nur Dreck, Moder, Schweiss, Staub, Kot, Schleim und andere Parfums ...
zu erwarten. Handschuhe. Hm! Handschuhe? Handschuhe sind doch eigentlich sehr
merkwürdige Dinger.
    Adam erinnerte sich wirklich nicht mehr, bei welcher Gelegenheit er Herrn
Quöcks Bekanntschaft gemacht hatte. Ein ganz nettes Zeitweilchen war's immerhin
doch schon her. Aber das war ja jetzt sehr schnuppe. Der »Zufall« ist ein so
gediegener, ein so zuverlässiger Improvisator. -
 
                                       V.
Es war also heute Samstag Abend um die achte Stunde. Adam Mensch hatte sich
natürlich ein Paar neuer Glacés erstanden, die er mit grossem Behagen, mit grosser
Selbstgefälligkeit über seine weissen Hände zog, als er die Treppe
hinunterschritt, um gen Quöck-Heim zu wallfahrten. Der Herr Doctor trug
leidenschaftlich gern Glacéhandschuhe. -
    Es gab viel Unrast und Bewegung in den Lüften. Die Zeit lief wieder einmal
dem Kalenderfrühling in die Arme - und dabei war einiger Windrumor,
verschiedentliches Stürmen und Blasen und Pfeifen unumgänglich notwendig. Aber
die Temperatur war noch kaum angelenzt. Der Wind kalt, schneidend, stechend, als
wirbelte er kleine, spitze Eiskristalle durch die Luft. Es hatte am Nachmittage
geregnet, und grosse Pfützen standen auf den Strassen. Das Pflaster hatte ein sehr
schmieriges, breiiges, klebriges Gesicht aufgesteckt. Die Gasflammen zuckten
nervös in ihren Glaskäfigen hin und her und spiegelten sich unruhig in den
Pfützen wieder. Am Himmel war schläfrigdämmernde Mondhelle. Die Wolken zogen in
grossen, unförmigen Schwämmen und Schwärmen hin. Ab und zu liess sich die eine
oder andere herbei, den Mond gleichsam zu verschlingen. Und gleichsam von ihrem
Magen her floss ein weissgelbes Feuer in alle ihre Glieder und durchleuchtete sie
blendend von innen heraus.
    Adam sagte sich, dass dieser Aufruhr in der Natur ein köstliches
Frühlingssymbol sei. Und doch dünkte ihn dieser stechende Stecknadelwind
impertinent. Er klappte den Kragen in die Höhe und schob die frierenden Hände
resignirt in die Rocktaschen. Ja! Es gehörte ein sehr biegsamer und an's Pariren
gewöhnter »Wille« dazu, um an dieses Frühlingssymbol glauben zu können.
    Adam schlug den Rockkragen wieder nieder und drückte auf den Knopf der
elektrischen Klingel. Das Gaslicht lag dick auf dem gelben, funkelnden
Metallschild, das den Namen »Traugott Quöck« eingravirt trug.
    Ein Diener öffnete. Er complimentirte den Ankömmling in den Vorsaal hinein
und war ihm beim Ablegen des Ueberziehers behülflich. Dann stiess er die Tür zum
Salon auf.
    Adam trat ein. Herr Quöck schnellte von einem Fauteuil auf und eilte seinem
Gaste entgegen.
    »Willkommen, Herr Doctor -«
    »Guten Abend, Herr Quöck -«
    »Darf ich Ihnen meine - ich sagte ja Ihnen gestern schon - Sie werden sich
erinnern - also meine Cousine - Frau Lydia Lange - vorstellen -?«
    Herr Quöck deutete auf eine Dame, die im Hintergrunde des Zimmers an einem
kleinen Ecktische stand und sich soeben umwandte. Ein aufgeschlagenes Album
wurde jetzt sichtbar.
    »Herr Doctor Mensch -«
    Adam verneigte sich sehr ceremoniell. Die Dame nickte kurz.
    »Wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr Doctor? -«
    »Wenn Sie gestatten -«
    Adam warf sich in einen Fauteuil. Er knöpfte seine Glacé's auf und sah zu
der Frau hinüber, die näher getreten war und jetzt am Sophatisch stand.
    Hm! Frau Lange besass allerdings Etwas, das - gewiss! das »eigentümlich« war,
das interessiren, das unter Umständen sogar - hm! - sogar -
    »Na! nur nicht gleich so hitzig!« bremste Adam seine schmunzelnde
Zufriedenheit fest ... und gestand sich nun eine volle, die durchschnittliche
Mittelgrösse ein Wenig überragende Gestalt; einen, wie die Dame so dastand, durch
kleine, runde, gelenke Bewegungen mit den Armen, mit dem Kopfe, Elasticität und
Geschmeidigkeit verratenden Körperbau; eine prachtvoll durch das Corset zu
eleganter Wölbung herausgecurvte Brust; volle, warme Arme, die durch das glatt
und eng anliegende Kleid entzückend bestimmt hervortraten - einen breit und
gebärtüchtig sich ausladenden Unterkörper - »allerdings! derartige Frauen sind
sehr oft unfruchtbar« - - und schliesslich ein, wenn auch nicht gerade
»durchgeistigtes,« so doch sehr regelmässiges Gesicht: feine, zierliche Nase,
kleiner, üppiger Mund, niedrige, weisse, von einigen zwanglos herabfallenden
Ringeln des rotblonden Haars coquett überschattete Stirn - und ein Paar grauer,
merkwürdig unruhiger, verzettelt sich ausgebender Augen, die einen Moment gross
aufgeschlagen sind, um im nächsten wiederum halb überlidert zu werden.
    »Das ist also unser berühmter Proletarier des Geistes - sagtest Du nicht,
liebe Lydia, dass Du Dich für den Ul-k - - pardon, Herr Doktor! - interessirtest?
Ich erzählte Dir doch neulich davon ... nicht wahr - der Herr Doctor sieht gar
nicht so proletarierhaft aus, gar nicht so ...? -«
    Frau Lydia Lange und Adam Mensch sahen sich scharf in die Augen. Dann
rümpfte die Dame ein Wenig das feine Näschen und meinte leichtin:
    »Es kommt so oft vor, dass man in Wirklichkeit doch das ist, was man sich -
einbildet -«
    »Aber Lydia -« wehrte Herr Quöck mit poussirlicher Erschrockenheit ab.
    Adam war einen kleinen Augenblick verblüfft. Auf eine derartige ... hm!
immerhin paradoxe Conversation war er kaum gefasst gewesen. Dann verzog er den
Mund zu einem nachsichtig-ironischen Lächeln und parirte ab:
    »Sie haben so Unrecht nicht, gnädige Frau. Aber ich möchte mir eine Lanze,
sogar eine warme Lanze, wie man zu sagen pflegt, für die andere Seite Ihrer
Behauptungsmedaille - wie geschmacklos! dachte er bei sich, als ihm diese nette
Metapher entfahren war - zu brechen erlauben. - Es gibt nämlich in der Tat
auch Fälle, wo ... wo ... nun sagen wir: wo man sich das nicht einbildet, was
man im Grunde - auch ... nicht ist -«
    Herr Quöck tat sehr verwundert über diese Art von Unterhaltung. Die Beiden
schienen ja sogleich beim ersten Sichbegegnen sehr energisch Notiz von einander
nehmen zu wollen. Er blickte erst zu Adam hinüber, dann wandte er sich, eine
stumme Frage in den Augen, zu seiner Cousine hin.
    Diese musste auch ein wenig erstaunt sein. Wagte ... wollte ... dieser - nun
ja! der Herr hiess ja curios genug tatsächlich »Mensch« - - also wagte ...
wollte' dieser - Mensch ihr eine ... Impertinenz sagen? Das wäre doch unerhört
gewesen -
    »Sie meinen damit, Herr Doctor -?« kam es darum sehr indignirt von ihren
Lippen.
    »Nun ... ich meine damit, gnädige Frau, um mich Ihrer Urteilsart
an-zu-schliessen - - noch einmal, wenn Sie gütigst gestatten, anzuschliessen - -
ich meine damit, dass es Individuen gibt, die zu viel ... und zumeist zu viel
innerlich erlebt haben, als dass sie nicht so weit ... also so weit unklar über
sich sein sollten, um das zu behaupten, wofür sie keine direkten Beweise
besitzen ...« redete sich Herr Doctor Adam Mensch sehr dunkel aus und zwar,
indem er sehr langsam, sehr gedehnt sprach ...
    Frau Lydia Lange war wie verwandelt. Sie lachte hell auf, zupfte unruhig an
ihrer Uhrkette und rief lustig: »Das ist mir zu hoch oder zu tief Herr Doctor!
Das verstehe ich nicht -«
    »Ich eigentlich auch nicht, gnädige Frau -« versicherte Adam treuherzig. Er
musste nicht minder lachen.
    Traugott Quöck sah ziemlich verdutzt aus. Da öffnete sich die Türe zum
Nebenzimmer und Frau Möbius trat über die Schwelle. Adam begrüsste die Dame und
erkundigte sich sehr teilnehmend nach ihrem Befinden. Die »alte Schachtel« war
enorm gerührt.
    »Es ist Alles so weit fertig, Traugott -« bemerkte sie nun zu ihrem Neffen -
»wir könnten anfangen -«
    »Schön, liebe Tante! Aber Du vergisst ganz - wir haben ja noch Fräulein Irmer
und Herrn Referendar Oettinger geladen - - so müssen wir denn wohl noch einen
Augenblick warten - ich denke: die Beiden kommen noch. Oder haben sie in letzter
Stunde absagen lassen -?«
    »Nein! - aber es ist schon so spät - und der Braten -«
    »Die Geschichte wird ja immer famöser,« plauderte sich Adam zu und wollte
sich einreden, dass er nicht im Mindesten verwundert wäre. Also kannte Herr Quöck
auch Hedwig - das heisst -: jedenfalls ihren Vater -? Aber seit wann denn
eigentlich -? Na! dös war nun halt 'mal so! da liess sich Nix gegen machen - also
'mal zu, Kutscher, bis zur Pechhütte!
    Die Klingel schlug an. Die Tür ging auf und ein ... Herr trat in den Salon.
Herr Referendar Oettinger wurde den Anwesenden, soweit er ihnen unbekannt war,
vorgestellt.
    Adam musterte den Ankömmling mit scharfen Blicken. Er bemerkte, wie dessen
Augen sich sehr intim mit dem Erfassen von Frau Lydias menschlicher
Ausgedrückteit beschäftigten. Die streifte ihn mit einem kurzen Blicke, wandte
sich sodann wieder Adam zu und kehrte nochmals zum Gesicht Herrn Oettingers
zurück. Adam konnte sich eines verkappten Lächelns nicht entalten. Aha! Sie
vergleicht! constatirte er stillvergnügt. Wie doch die Weiber sofort an das
Äussere, an die zufällige Erscheinung anknüpfen! Plötzlich verspürte er den
Blick Lydias anhaltend auf sich. Er reagirte naiv-brüsk auf diese
augenscheinliche Zurechtweisung. Die Beiden verstanden sich. Und Adam musste sich
mit einer heiteren Befriedigung einräumen, dass Frau Lange seine Gedanken
durchschaut hatte.
    Herr Referendar Oettinger besass im Ganzen sehr nichtssagende, sehr
nichtstuende Züge. Ein mattrotes, ziemlich volles, prahlerisch gesundes
Gesicht. Das Haar mit zudringlicher, beleidigender Sauberkeit in der Mitte
gescheitelt. Ein süssliches Gesellschaftslächeln um den unschönen, langweilig
breiten Mund. In Kleidung und Haltung natürlich tadellos, natürlich »patent.«
Ein discreter Moschusduft quoll von ihm aus durch den Raum.
    »Fräulein Irmer bleibt aber wirklich etwas lange -« urteilte Herr Quöck,
der ziemlich hungrig sein mochte.
    »Warten wir doch noch 'ne Sekunde! Wir werden doch nicht 'gleich verhungern
-« schlug Frau Lydia sorglos vor. Sie erhielt einen etwas missbilligenden Blick
von ihrem Herrn Vetter.
    »Sie kommen eben aus Italien, Herr Referendar -?« fragte Herr Quöck seinen
Gast, weniger aus Teilnahme oder objectivem Interesse, als aus dem Bedürfnis
heraus, sich über die peinliche Zwischenaktsfrist nach Kräften hinwegzutäuschen.
Er hatte wirklich redlichen Hunger.
    »Ja -! Das heisst - ich bin schon vier Wochen wieder in Deutschland ... Es
war ja ganz nett jenseits der Alpen - natürlich! Aber es gab doch 'n Bissel zu
viel - Schmutz ... Die Damen verzeihen, allein die Wahrheit über Alles -«
    »Bravo, Herr Referendar!« rief Adam ungenirt. Ihm kam das Geständnis und
zumal die Entschuldigungsphrase Herrn Oettingers überaus drollig vor.
    Der platzte dem Bravorufer mit einem ungnädigen Blicke entgegen, in welchem
Blicke allerdings zugleich ein verhaltenes Erschrockensein lag. Frau Lydia trug
ein moquantes Lächeln um die Mundwinkel. Sie sah Adam an, der erwiderte ihren
Blick. Und Herr Oettinger, welcher dieses Herüber und Hinüber der Augen bemerkt,
schaute wirklich einen Moment lang rechtschaffen unzufrieden aus.
    Der Märzwind schnob die Strasse entlang. Das war ein wütiges Brausen, als
stünde das Herz des körperlosen Atemgottes in hellen Zornesflammen, als suchte
er etwas Verlorenes, das ihm entwischt wäre ... und das er durchaus nicht wieder
finden könnte ... durchaus nicht ...
    Das Gespräch war plötzlich verstummt. Es schien, als hätten die Menschen da
drinnen im Salon das Gefühl, den Unhold unbehelligt vorüberrasen lassen zu
müssen.
    »Das ist aber windig -« unterbrach Frau Möbius die Stille. Die alte Dame
besass entschieden das Talent, zur rechten Zeit sehr richtige Bemerkungen zu
machen.
    »Frühlingssymbol, gnädige Frau -!« erläuterte Adam scherzend.
    Frau Lange verzog den Mund zu einem gegenstandslosen Lächeln.
    »Es symbolt sich 'was, Herr Doktor -!« urteilte Herr Quöck mit gezwungenem
Gesichtsausdruck. Sein Hunger schien entschieden wieder ein tüchtiges Stück
gewachsen zu sein.
    »In Palermo hatten wir einmal - -« begann Herr Oettinger - da klang ein
spitzes, scharfes Läuten auf.
    »Das wird doch endlich Fräulein Irmer sein -« hoffte der Wirt des Hauses
brummig.
    Die Dame war es denn auch.
    »Ich bitte um Entschuldigung, dass ich so spät komme - mein Vater - -« begann
Hedwig, als sie in den Salon getreten war und die Anwesenden kurz begrüsst hatte.
Ihre Stimme gab einen hastigen Stoss, im Ausdruck tief, monoton, etwas
verschleiert, etwas heiser. Frau Möbius stellte ihr die beiden Herren vor, die
zum Souper mitgeladen waren. Fräulein Irmer wurde ein Wenig verlegen, als sie
sich unvermutet Adam gegenübersah. Der hatte sich erhoben und verneigte sich
unendlich passiv. Er freute sich im Stillen 'n Bein aus, dass er sich vollkommen
beherrscht hatte.
    »Nun darfst Du Deinen Willen haben, liebe Tante -« wandte sich Herr Quöck
grossmütig zu Frau Möbius, die sich auch sofort nach dem Speisezimmer kehrte.
    »Darf ich bitten -?« lud der Wirt seine Gäste ein.
    Adam sass zur Rechten Herrn Quöcks, diesem zur Linken Herr Referendar
Oettinger. Neben letzterem Frau Lydia, also Adam schräg gegenüber. Seine rechte
Nachbarin war Fräulein Irmer. Frau Möbius, die kleine, purzlige Frau mit dem
harmlosen Gesicht - der goldene Kneifer, den sie bald aufsetzte, bald wieder von
dem Rücken der scharfgefalteten Nase herunterholte, nahm diesem Gesicht nichts
von seiner blasigen Teigheit - Frau Möbius rundete die kleine Gesellschaft
liebenswürdig ab.
    Adam war vollständig ein Opfer der Situation geworden. Die Atmosphäre
berührte ihn ausserordentlich sympatisch, stimmte ihn überaus einheitlich. Die
Gegenwart Fräulein Irmers dünkte ihn ausnehmend pikant, kam ihm wie das Vorspiel
eines interessanten Abenteuers vor - eines Abenteuers, das ihm ein tüchtiges Mass
bunter Reize zuwerfen musste. Da stand etwas bevor, das ihn mit einer köstlichen
Unruhe erfüllte. Und Frau Lydia? Sie coquettirte doch ein klein Wenig mit ihm.
Auch das schmeichelte ihm. Seine Beziehungen zu ihr mussten nicht minder Form und
Farbe, bestimmte Contouren annehmen: das ahnte, wusste, hoffte er. Seine
Phantasie tändelte gern. Sie war augenscheinlich heute Abend in der besten
Laune. Zudem diese reichbesetzte Tafel, diese Fülle von Eleganz, dieses
geschmackvoll zusammengeordnete Leben, diese behagliche Zwanglosigkeit - die
verhalten-gesummte Musik der Lüstreflammen: das Alles prickelte sich ihm
berauschend in die Seele, schob und hob ihn ohne jede Absichtlichkeit über sich
hinaus, liess ihn vergessen, was hinter ihm lag, was vor ihm lag, was er sich
selbst eigentlich war - nahm ihn ganz hin - zehrte ihn ganz auf ....
    Herr Quöck ass sehr tapfer drauf los. Der saftige Rehbraten mundete ihm
vortrefflich. Die Ouvertüre: delicate grüne Erbsen mit Beilage, hatte er
ziemlich unbehelligt vorübergehen lassen. Er schien sich an das Körperlichere
halten zu wollen.
    »Nehmen Sie Rum oder Rotwein zum Tee, Herr Doctor -?« fragte Frau Möbius
Adam.
    »Danke sehr, gnädige Frau! Ich habe mich schon mit Rum bedient -«
    »Ich giesse mir immer Rotwein hinzu -« gestand Quöck.
    »Und Sie, Herr Referendar -?«
    »Auch ich, gnädige Frau, habe mir schon erlaubt, Rum vorzuziehen -«
    »Wie geht es Ihrem Herrn Vater, Fräulein Irmer -?« fragte der Wirt des
Hauses und schob ein ansehnliches Stück Rehrücken zwischen die Zähne.
    Fräulein Irmer, die soeben nach ihrem Teeglase gegriffen, setzte es wieder
nieder und antwortete: »- Papa war gerade in den letzten Tagen recht leidend -
hatte viel nervösen Kopfschmerz ... Er lässt sich Ihnen übrigens bestens
empfehlen, Herr Quöck -«
    »Danke, liebes Fräulein, danke -! Ich glaube, Ihr Herr Papa arbeitet zu viel
... er sollte sich mehr Ruhe gönnen ... das viele Denken strengt so an -«
    »Mag sein, Herr Quöck - aber das ist nun einmal sein Leben - und ich glaube,
man kann die Gesetze, nach denen sich ein individuelles Leben regelt, nicht
ungestraft verletzen -«
    Herr Quöck kaute gerade an einem etwas heissen Stück Bratkartoffel herum und
konnte darum nicht sogleich zu Wort kommen. Adam wandte sich zu seiner Nachbarin
hin -:
    »- Wenn ich mich nicht irre, mein gnädiges Fräulein, hörte ich neulich - ich
erinnere mich freilich nicht gleich, wo? -, dass Ihr Herr Vater auch - hm! auch
Bücher zu schreiben pflegt -? - Ich huldige zeitweilig leider auch dieser
tristen Praxis - es wäre mir darum ganz interessant und zudem eine hohe Ehre,
Ihren Herrn Vater gelegentlich persönlich kennen lernen zu dürfen -
Collegialität ist zwar sonst nicht gerade -«
    »Papa ist, wie gesagt, sehr leidend ... wir leben sehr zurückgezogen ...
empfangen selten Besuche ... Papa ist so ungesellschaftlich geworden ... das ist
ja natürlich ... Aber wenn Ihnen daran liegt, Herr Doctor - - ich werde Papa
vorbereiten - -«
    Hedwig hatte sehr kalt, sehr zurückhaltend, beinahe abweisend, gesprochen.
Es schien ihr persönlich gar nichts daran zu liegen, eine Beziehung zwischen
ihrem Vater und Herrn Doctor Mensch herzustellen oder hergestellt zu sehen.
    »Sehr liebenswürdig, mein Fräulein!« dankte Adam reservirt und wollte sodann
fortfahren: »Der Wert des Lebens -«
    Da fiel Frau Lange ein: »Pardon, Herr Doctor, wenn ich Sie unterbreche - ich
- ich -«
    Frau Lange wusste entschieden nicht recht, was sie eigentlich von Adam wollte
in diesem Augenblick. Es schien ihr nur unbequem zu sein, ihn und Fräulein Irmer
in ein ernstafteres, längeres Gespräch kommen zu sehen.
    Als Adam die Worte »- Wert des Lebens -« über die Lippen gebracht, war
Hedwig zusammengefahren. Er wird doch nicht - - -
    »Ja!« fuhr Frau Lydia fort, »Sie haben, Herr Doctor -«
    »Darf ich Ihnen noch einmal Tee eingiessen, Herr Referendar -?« fragte Frau
Möbius an ...
    »Wenn ich bitten darf, gnädige Frau - -.«
    »Mir auch noch 'n Schluck, liebe Tante, ja -?« bat Herr Quöck.
    »Recht gern, Traugott -«
    »Ich mache Ihnen mein Compliment, gnädige Frau,« hub Herr Oettinger an, »-
Ihre Küche ist vorzüglich! Ich habe selten ein so delikates Stück Fleisch - -«
    »Ach, bitte, bitte! ...« wehrte Frau Möbius bescheiden ab.
    »Uebrigens,« wandte sich Lydia an Adam - »sagen Sie, Herr Doctor: - sind Sie
denn immer so ... so steif ... so ceremoniell -? Ich hörte zufällig vorhin, als
Sie zu Fräulein Irmer - Sie geben ja in der Tat keinen einzigen ... wie soll
ich sagen -? keinen ... keinen einzigen Naturlaut von sich -.«
    Adam war ein Wenig verblüfft. Er reichte gerade die Schüssel mit
Bratkartoffeln seiner Nachbarin hin.
    »Immer so -?« wiederholte er befangen-mechanisch. Er wusste nicht sogleich,
was er antworten sollte.
    Lydia lachte hell auf: »- Aber, Herr Doctor-«
    »Aber, Lydia -!« monirte verlegen-unwillig ihr Vetter.
    Herr Oettinger schmunzelte. Um diese süsse Freude über Adams kleine Abfuhr
ein Wenig zu verhüllen, griff er schnell nach seiner compote mêlée ...
    Adam hatte sich gefasst. Er schlug die Augen gross auf und sah scharf zu Lydia
hinüber. Dann kniff er den Blick etwas zusammen - und während ihm ein
wegwerfendes Lächeln Mund und Nase umkräuselte, fragte er seine schöne Gegnerin:
»Wollen Sie es dem Schornsteinfeger verdenken, gnädige Frau, dass er sich
zuweilen ... wäscht -?«
    Fräulein Irmer blickte ihren Nachbar erstaunt-erwartungsvoll von der Seite
an. Was meinte er damit -?
    Auch Frau Lange wusste nicht recht, was sie von dieser Antwort denken sollte.
    Der Herr Referendar hielt das Gesicht gebeugt und stocherte mit dem kleinen
Löffel in seinem steifschleimigen Fruchtbrei herum. Seine rosigen,
wohlgepflegten Fingernägel glänzten.
    Adam legte Messer und Gabel über seinen Teller und lehnte sich zurück. Er
sah Frau Lydia herausfordernd an.
    Herr Quöck blickte bei seinen Tischgästen fragend herum und machte sich dann
an das Geschäft, seinen goldgelben Rüdesheimer zu verschenken.
    »Pytius -!« warf Lydia provokant hin.
    »Pytius -?« - Adam lachte. »Nein! gnädige Frau scherzen ... Ich weiss ganz
genau, was ich will ... was ich gesagt habe ... Uebrigens gestehe ich recht gern
zu, dass Ihnen meine Worte weniger dunkel -«
    »Heraklitisch dunkel -« warf Herr Oettinger ein.
    »Ganz Recht, Herr Referendar! ... also heraklitisch dunkel und rätselhaft
erscheinen würden, wenn ich die Ehre genösse, von Ihnen näher gekannt zu werden
-«
    »Na! Dazu kann ja eventuell noch Rat werden -« äusserte Lydia offen und sah
Adam gross und coquett- an. -
    Hedwig machte ein ziemlich müdes und gelangweiltes Gesicht. Was wollten
eigentlich diese Leute von ihr -? Was gingen sie diese Menschen an -? Was hatte
sie in dieser leichtsinnig phosphorescirenden Welt zu suchen -? Nichts! Rein gar
Nichts! Vertrug sich überhaupt dieser Aufentalt in einer Sphäre, die ihr im
Grunde absolut gleichgültig ... ja! ja! ... ganz bestimmt! ... ganz bestimmt
absolut gleichgültig war - vertrug er sich überhaupt mit ihrer Weltanschauung -?
Nein! Sie tat es nur ihrem Vater zu Gefallen, wenn sie zeitweilig in diesen
Kreisen verkehrte. Ihr Vater zwang sie allerdings nicht dazu, diesen lächerrlich
leeren Formencultus mitzumachen. Aber er sah es im Grunde doch ganz gern. -
gewiss! ideell, teoretisch verwarf er den Humbug ... aber so »lebensklug« war er
immerhin doch noch - schien er immerhin doch noch zu sein, dass er sich und
seiner Resignation Nichts zu vergeben glaubte, wenn er seine Tochter den
Firlefanz bisweilen mitmachen liess. Hedwig sagte sich sehr klar, dass ihr Vater
sich nur als Denker betätigen konnte, wenn er lebte - wollte er aber leben,
musste er mit gewissen Verhältnissen klug und praktisch rechnen - sonst konnte er
eben einpacken. Oder - oder war sie heute Abend bloss so übellaunig, so
verstimmt, wenigstens so gleichgültig, weil ihr Lydia unsympatisch? Weil ihr
Nachbar sie störte, dieser suffisante Doctor Mensch, der sich ihr neulich so
impertinent frech aufgedrängt hatte -? Aber nein! Diese Welt war nicht ihre Welt
- und sie durfte sich mit dem Bewusstsein trösten, dass sie dieselbe nur zuweilen
besuchte, um ihre eigene Welt - selbstverständlicher zu finden.
    »Prosit, meine Herrschaften -!« lud Herr Quöck ein und erhob sein Glas zum
Anstossen.
    Die Gläser klangen zusammen.
    Frau Lydia hatte ihren Kelch zuerst an den Adams klingen lassen. Der
lächelte ironisch. Dann wandte er sich auffallend seiner Nachbarin zu. Er
begegnete ihrem müden, teilnahmslosen Blicke. Und er bemühte sich, diesen Blick
festzuhalten und ihm damit ein eigenes Feuer, einen besonderen, selbständigen
Wert zu geben. Plötzlich stieg ein leises, diskretwolkiges Rot in Hedwigs
Gesicht.
    Lydia, welche diese kleine, überflüssige Scene beobachtet hatte, war etwas
pikirt und kehrte sich mit nervöser Plötzlichkeit zu ihrem Nachbar: »- Wie lange
waren Sie in Italien, Herr Referendar -?«
    Herr Oettinger, der soeben von seinem Weine getrunken, schluckte den
köstlichen Tropfen hinunter, jedenfalls zu hastig für sein Gefühl, und
antwortete: »Fünf Monate, gnädige Frau! Gerade genug, um die Schönheiten und,
wie gesagt, auch - den Schmutz dieser Dorados der guten Nordländer kennen lernen
zu können -«
    »Fünf Monate -« wiederholte Lydia mechanisch und sah zu Adam hinüber, der
zerstreut-gedankenvoll an seiner Serviette herumspielte.
    »Wollen Sie nicht einmal von diesem Apfelsinencompot kosten -?« wandte sich
Frau Möbius an Hedwig. Diese nahm dankend an, schöpfte ein paar Löffel des
Nachtisches auf ihr Tellerchen und gab die kleine Terrine weiter an Adam.
    Herr Quöck hatte wieder einmal an seinem Glase genippt und schnalzte
befriedigt mit der Zunge.
    »Wissen Sie übrigens schon, lieber Doctor -« hub er jetzt zu Adam Mensch zu
sprechen an, »- dass meine verehrliche Frau Base auch - auch - schriftstellert -
das heisst -«
    »Bester Traugott -«
    »Ich bin erstaunt, gnädige Frau -,« heuchelte Adam -: er wunderte sich doch
ein Wenig, dass Herr Quöck manchmal so merkwürdig taktfest im gesellschaftlichen
Lügenspiel sein konnte.
    »Na! So schlimm ist das nicht -« gab Lydia lachend zu - »schwache Versuche,
die -«
    »Nette schwache Versuche, wenn man gleich 'ne moderne Bibel schreiben will
-« flüsterte Herr Quöck mit drolligem Geheimnissvolltun über den Tisch -
    »Das ist ja ausserordentlich interessant -« versicherte der Herr Referendar
-: »eine moderne Bibel -«
    »Ja -? finden Sie?« fragte Lydia neckisch-boshaft.
    »Auf Ehre, gnädige Frau -!«
    »Ich habe einen Gedanken, liebe Cousine -« nahm Herr Quöck wiederum das Wort
-
    »Und das wäre -? Du hast, wenigstens so weit ich es vorläufig beurteilen
kann, so selten Gedanken, bester Herr Vetter - dass ich wirklich gespannt bin -«
    »Sei doch nicht so ... so eigentümlich liebenswürdig, Lydia - höre mich
doch erst an - vielleicht genüge ich Deinen hohen Ansprüchen ausnahmsweise doch
einmal -« liess Herr Quöck beleidigt-zurechtweisend verlauten ...
    »Na! - nur nicht böse sein, Vetter! Ich widerrufe ja gern, wenn - -«
    »Also ... Ja! ... Wie wäre es, wenn Du im Verein mit ... Herrn Doctor Mensch
Deine ebenso schöne wie tiefe Idee ausführtest -? Der Herr Doctor ist wohl,
wenigstens soweit ich urteilen darf - ich habe ja die Ehre, ihn schon seit
mehreren Jahren zu kennen - also der Herr Doctor möchte Dir ein ganz famoser -
verzeihen Sie gütigst, Herr Doctor, dieses etwas burschikose Beiwort - aber mein
Jugendfreund Saldern gebrauchte das Wort öfter - und da habe ich es mir denn
auch un poco - -«
    »Ah! un poco! Süsser Laut der schönen Fremde -« -« fiel Herr Oettinger
affektirt-patetisch ein. Der Wein schien ihm die Zunge etwas schwippig gemacht
zu haben.
    »Also auch etwas angewöhnt - - ja! ... um den Satz endlich fertig zu bringen
-« fuhr Herr Quöck fort - »ein ganz prächtiger Mitarbeiter sein ... Ich glaube
nämlich ehrlich, dass das Buch Aufsehen machen - unter Umständen sogar einen
sensationellen Erfolg haben würde, wenn es nur erst ... erst fertig wäre -«
    Frau Lange sah zu Adam hinüber. Der war immerhin etwas betreten. Diese
Wendung des Gesprächs kam ihm zu unerwartet. Sollte das den Weg bedeuten, auf
welchem sich seine Beziehungen zu diesem schönen Weibe, das ihn ausnehmend
reizte, anknüpften ... enger zusammenfädelten -? Und ... und Hedwig? ... Er sah
sich zu ihr um. Fräulein Irmer machte ein etwas maliciöses Gesicht. Die
Schmerzensfalten um die Nase waren schärfer hervorgetreten. Und doch lag in
diesem Gesicht zugleich ein Zug des Gespanntseins, der Neugier, der Teilnahme.
    »Hm! ... hm! -« begann Lydia. Sie wunderte sich ein Wenig, dass Adam nicht
sogleich freudig und hingerissen auf den Vorschlag einging. Das ärgerte sie.
    »Ja! Ja! Der Gedanke ist ... ausnahmsweise wirklich nicht so übel ... Ich
danke Dir, lieber Vetter ... nur fragt es sich, ob ... ob der Herr Doctor - ich
- ich - gewiss! - mir behagt die Idee sehr ... sehr ... ich finde sie ganz
ausgezeichnet, aber eben -«
    »Na! Mir gefällt sie natürlich auch -« versicherte Adam brüsk.
    Lydia stutzte. Der Ton, in welchem diese Worte gesprochen waren, musste ihr
auffallen. Sie wollte eben eine spitze Bemerkung loslassen - sie hatte
allerdings vorläufig bloss das Gefühl, das tun zu müssen, ohne im Augenblick
schon zu wissen, wie sie die Unart dieses ... unverschämten Menschen rügen
sollte - als dieser, ein Wenig moquant-lächelnd, seine Worte wieder mit den
alten Farben der steif-gespreizt-ironischen Höflichkeit zu bemalen begann -:
»Vorausgesetzt natürlich, gnädige Frau, dass Sie es der Mühe für wert halten,
mich intimer in Stoff und Motiv einzuführen -«
    Lydia war wieder versöhnt. - »Also Sie spielen mit -?« fuhr sie lebhaft auf,
»- das enchantirt mich aufrichtig, Herr Doctor! Sie sollen sehen -: wir kriegen
ein ganz prächtiges Gesch - - also - nicht wahr -? auf gute Kameradschaft!
Wahrhaftig der Stoff fängt wieder an, mich stärker zu interessiren -«
    Sie reichte ihre kleine, fleischige, ringblitzende Hand über den Tisch zu
Adam hinüber. Der brachte seine Finger mit der Sammtaut Lydias in eine
vornehm-zurückhaltende Berührung. Frau Lange's Augen strahlten. Adam fragte
scherzend -: »Teilen wir nun, gnädige Frau, die Arbeit systematisch-? Dann
möchte ich mir das moderne neue Testament zur Bewältigung ausbitten -«
    »Wie wir's anstellen - nun! das werden wir ja noch finden, Herr Doctor! Sie
trinken vielleicht in den nächsten Tagen, wenn Sie über sich verfügen können,
eine Tasse Tee bei mir -? Dann können wir ja das Problem in aller Ruhe einmal
näher anschauen. Aber warum erbaten Sie sich vorhin das neue Testament zur
Bearbeitung -? Ist Ihnen das alte -«
    »Das alte - hm! - das alte Testament, gnädige Frau, ist mir, wenn ich offen
sein soll, ist mir ein Wenig zu ... zu semitisch ... Gewiss! es hat gewaltige,
von der bewussten elementaren Poesie strotzende Capitel - aber -«
    »Ah! das freut mich, Herr Doctor! Sie scheinen auch Antisemit zu sein?« -
fragte Herr Oettinger lebhaft - »das einzig Vernünftige heute - versteht sich
...«
    »Ob ich gerade regelrechter Antisemit bin - Antisemit mit allen Chikanen - -
das - das weiss ich eigentlich nicht recht, Herr Referendar ... Aber ich glaube
kaum ... Die Frage, die gewiss eine moderne und zudem gewiss auch eine sehr
brennende ist, bedeutet bei mir weniger eine neutrale Angelegenheit des
Intellekts mit dem Stempel der Selbstverständlichkeit - selbstverständlich aus
wirtschaftlichen, politischen, socialen, philosophischen und tausend anderen
Vernunfts-Gründen - als vielmehr eine Art von Herzensbedürfniss ... Meine
Weltanschauung ist, den Haupttendenzen, der Polarität meiner Natur gemäss, eine
vorwiegend ästetische ... Sogenannte Principien habe ich nicht, höchstens nur
in sehr schwachen Ansätzen - sie liegen meiner Natur nicht ... und ich halte sie
darum für geschmacklos und langweilig ... u.s.w. - aber verzeihen Sie! - ich bin
ganz abgeschweift - -«
    »Abgeschwiffen - Pflegte Otto von Saldern immer zu sagen« - warf Herr Quöck
lachend ein.
    »Also! . ja! . - sehen Sie« - nahm Adam das Gespräch wieder auf, halb zu
Lydia, halb zu Oettinger hingewendet - »der grosse Marx z.B. war auch ein Jude -
dann Lassalle- und nehmen wir Heine, Börne - -«
    »Marx? - Marx? - Ist das nicht - nicht der ... der -«
    »Ganz recht, Herr Referendar, der ... der - der grosse Wertanalytiker
nämlich - Sie werden gewiss seine Werke kennen, wenigstens seine Sätze, seine
Resultate, seine Definitionen -«
    »Nein! - Gott sei Dank! nicht -«
    »Aber - Pardon! - Sie sind doch Jurist-«
    »Allerdings! Und ich muss zu meinem allergrössten Bedauern bemerken, dass ich
sehr - sehr viel jüdische Collegen habe ... Diese Herren mögen die Tesen ihres
Heros besser kennen, als ich - ich bin streng - ich bin à tout prix monarchisch,
Herr Doctor - stockconservativ, wenn Sie wollen - mein Kaiser braucht bloss zu
winken, so lege ich mit tausend Freuden mein Haupt auf den Block für ihn - dulce
et decorum, pro imperatore mori, Herr Doctor! Heilig - heilig ist mir die
Regierung - unantastbar - -«
    »Unfehlbar -« warf Lydia ein, die sich zurückgelehnt hatte und amüsirt, ein
verhaltenes, halb spöttisches, halb gutmütiges Lächeln im Gesicht, den
Versicherungen ihres Nachbars zuhörte.
    »Jawohl, gnädige Frau! In gewissem Sinne sogar unfehlbar ist mir die
Regierung! Und ich wäre glücklich, sollte es mir vergönnt sein, dereinst einmal
ein guter Hüter und Wahrer und Pfleger des Gesetzes zu werden - des Gesetzes,
das für mich vorläufig nur einen Fehler hat - nämlich den, dass es in mancher
Beziehung zu mild, zu tolerant ist. So sollte z.B. Jeder - ich wähle das
Beispiel, weil mir gerade kein anderes einfällt - so sollte also Jeder, der im
öffentlichen Besitze einer Waffe gefunden wird, quasi als Mörder behandelt
werden, denn er hat, respective hatte es ja jeden Augenblick in der Hand, einen
seiner Mitmenschen das Leben, dieses höchste, kostbarste Gut, wie Sie mir
zugestehen werden, zu nehmen -«
    »Das kann doch nicht Ihr Ernst sein, Herr Referendar -?« -?« fragte Adam
belustigt.
    »Wollen Sie nicht auch einmal den Käse kosten, Herr Doctor?« bot Frau
Möbius, die aufmerksame Wirtin, an. Sie benutzte den Moment, wo das Gespräch
sich wieder gabeln zu wollen schien.
    Auch Hedwigs Gesicht hatte einige Ausdrucksgrade seines Ernstes verloren.
Auch ihr mussten die Geständnisse Herrn Oettingers etwas drollig und
schattentöterig-bizarr vorkommen.
    »Zweifeln Sie daran, Herr Doctor? - Ich bitte doch sehr ... Allerdings - Sie
scheinen mir in dieser Beziehung etwas laxere Ansichten zu haben -« entgegnete
der Herr Referendar ein Wenig indignirt. Er führte sein Weinglas an die Lippen
und sah furchtbar moralisch entrüstet aus.
    »Laxere ... hm! - ich weiss nicht, Herr Referendar, ob gerade laxere - -
jedenfalls ... hm! nun! jedenfalls modernere ...« warf Adam mit einem kleinen
Anflug von Spott hin.
    »Was verstehen Sie eigentlich unter modern, Herr Doctor? - Man hört das Wort
heute so oft. Man kann sich gar nicht mehr retten vor ihm -« fragte Lydia
dazwischen. Sie schien momentan ganz vergessen zu haben, dass sie ja selbst eine
- moderne Bibel schreiben wollte.
    »Ja! das ist schwer zu sagen mit einem Worte, gnädige Frau ...« begann Adam.
Auch ihm fiel der Umstand, dass gerade Lydia ihn um eine Art von
Begriffsbestimmung gebeten, weiter nicht auf. »Modern sein heisst, heisst, gnädige
Frau - ja! also sagen wir - heisst: sich auf Etwas vorbereiten, was Einen im
Grunde gar nichts angeht - - ich meine: auf Etwas, dessen Eintreten in die Welt
man sicher nicht erleben wird, das sich vielleicht erst in einer sehr fernen
Zukunft erfüllt - modern sein heisst aber zugleich: - bei dem Vorbereiten auf
dieses problematische Etwas ganz gefälligst ... zu Grunde gehen -« fuhr Adam
sodann mit einem spröden Stich ins Paradoxe und Bittere fort.
    Hedwig sah ihren Nachbar erstaunt-teilnehmend an. Herr Oettinger machte ein
verblüfft-ungläubiges Gesicht. Von Lydia erhielt Adam einen sehr eigentümlichen
Blick. Und nun erkundigte sie sich etwas leichtin -: »Gehört das
Zu-Grunde-Gehen, wie Sie sich ausdrückten, Herr Doctor, absolut dazu -?«
    »Allerdings, gnädige Frau,« erwiderte Adam ernst, »das gehört dazu, wenn man
treu sein will ... und sich, wenigstens in der Hauptsache, in den Grundzügen, in
den Kernlinien seiner Natur, erkannt hat - das heisst: wenn man weiss, dass man
nicht treu sein kann ... Der incarnirte Widerspruch ist immer Subtrahent -«
    »Herr Gott! Wieder einmal Pytius! Wenn Sie im Altertum, zu Zeiten Frau
oder Fräulein Pytia's gelebt hätten, Herr Doctor, - ich bin fest überzeugt: aus
Ihnen und jener ehrenwerten Dame wäre ein Paar geworden ...« scherzte Lydia
lachend.
    »Meinen Sie, gnädige Frau? - Ob aber die Concordanz immer addirt -?«
    »Himmlischer Vater! Nun fehlt bloss noch das Multipliciren und Dividiren ...
Die armen vier Spezies! -«
    Hedwig konnte sich nicht mehr verbergen, dass Adam sie jetzt interessirte.
Und sie musste sich gestehen, dass sie in ihrem Denken und Fühlen diesem
merkwürdigen Causeur unter den Anwesenden jedenfalls am Nächsten stände. Das
machte sie immerhin eine Idee stolz und befriedigte sie. Tiefer in Anspruch
genommen wurde sie allerdings auch kaum, es war ihr nur lieb, dass in das
Gespräch einmal ein paar kühnere, neuere Töne hineinklangen.
    »Sie scheinen nicht gerade religiös zu sein, Herr Doctor-?« interpellirte
jetzt Oettinger Adam.
    »Religiös? Sie etwa, Herr Referendar-?« fragte Adam barsch entgegen.
    »Ich - ich schmeichle mir allerdings, mein Herr, in gewissem Sinne religiös
zu sein - ja! Gott sei Dank! noch religiös zu sein -« gab Oettinger etwas von
oben herab zur Antwort.
    »Na! das ist kennzeichnend -: in gewissem Sinne - hm!« -
    Herr Quöck wurde unruhig: »Prosit, meine Herrschaften!« Die Gläser klangen
wieder einmal zusammen. Und wieder liess Lydia das ihrige zuerst an das Adams
tönen.
    Dieser hatte plötzlich die ganze Situation, zumal sein Verhältnis zu Frau
Lange, klar erfasst und wandte sich jetzt mit einer auffälligen Wendung zu Hedwig
hin ... und zwar so beklemmend nahe, als wollte er dieser Dame Etwas ins Ohr
flüstern. Hedwig sah verwundert auf. Ihre Brauen zogen sich zusammen. Verstand
sie das Manöver -?
    »Ich muh doch bitten, Herr Doctor -« nahm Oettinger das Gespräch wieder auf.
    »Um was -?« flegelte Adam.
    »Ja! . Aber ... Gewiss bin ich religiös ... wenn auch - - wie ich mir schon
einmal zu bemerken erlaubte -: in erster Linie bin ich conservativ - und dieser
Standpunkt schliesst ja ein mehr oder weniger intimes Verhältnis zu den Satzungen
der Landeskirche ganz von selber ein - - ich klebe durchaus nicht am Dogma -
gehe sogar so weit, in gewissem Sinne - verzeihen Sie! - nun! wie soll ich
sagen? - ja! - frei - vielleicht modern zu sein - es ist wahr: ich besuche
selten die Kirche - vertrete aber als Jurist, als Gesetzeshüter, ganz
entschieden die Ansicht, dass die Masse der Religion bedarf - und sollte das -
Sie sehen, ich bin ganz aufrichtig - und sollte das auch nur notwendig sein,
damit sie, die Plebs, der Mob, kurz: das Volk - damit dieses also stets in der
Gewalt, in den Händen der oberen Zehntausend bleibt ... Ich bitte, in meinen
freimütigen Worten weiter keinen Cynismus zu suchen -«
    Adam lächelte sehr ironisch.
    Er spielte mit den Fingern der rechten Hand an dem Griffe seines Weinglases
herum und warf nun mit gutmütig-boshaftem Gesichtsausdruck die Frage über den
Tisch zu seinem Gegner hinüber: »Dann gehören Sie also, Herr Referendar, so
ungefähr zu den Leuten, die im Grunde als erste Autorität über sich ihren -
Cylinder anerkennen -?«
    Frau Möbius sah recht erschrocken aus. Lydia lächelte wie zustimmend, lenkte
dann aber mit feinem Takte ab: »Und die Cigaretten, Herr Vetter -?«
    Traugott Quöck verstand. Er erhob sich, warf dabei Adam einen nicht gerade
»gnädigen,« kaum freundlichen und aufmunternden Blick zu und wünschte seinen
Gästen »Gesegnete Mahlzeit!« -
    »Sie rauchen doch, Herr Referendar -?«
    Oettinger starrte noch immer auf Adam hin. Es schien ihm unbegreiflich zu
sein, dass dieser Mensch gerade ihm mit seinen Impertinenzen zu kommen wagte.
Sollte er die Beleidigung auf sich sitzen lassen -? Sollte er einen Skandal
provociren -? Er war unschlüssig. Adam machte ein unschuldig-heiteres Gesicht.
Er wandte sich jetzt zu Fräulein Irmer, die hinter ihrem Stuhle stand und
teilnahmslos vor sich hinsah, mit der Frage: »Rauchen Sie auch, mein gnädiges
Fräulein?«
    »Nein!« kam es kurz und schroff von Hedwigs Lippen.
    »Wollen die Herren in mein Zimmer treten -?« forderte Herr Quöck auf.
    Man verbeugte sich ziemlich steif gegen einander.
    Lydia sah nach ihrer kleinen, goldnen Uhr. »Schon Zehn durch! Um Elf kommt
mein Wagen -«
    »Um Elf schon -?« fragte Frau Möbius, wohl nur, um überhaupt Etwas zu sagen.
    »Wenn es Ihnen recht ist, Fräulein Irmer, fahren Sie mit mir -? Wir wohnen
ja nicht weit auseinander. Ich werde Friedrich sagen, dass er durch Ihre Strasse
den Weg nimmt -«
    »Sehr liebenswürdig, Frau Lange, ich nehme mit Dank an -«
    »Aber was fangen wir nun an --?« überlegte Lydia. »Die Herren spielen
natürlich den unvermeidlichen Scat ... Ach! Wir armen Frauen -!«
    »Traugott spielt eigentlich selten Scat -« bemerkte Frau Möbius schüchtern.
    »Ich werde mir wahrhaftig noch die Geheimnisse dieses verteufelten
Scatspiels beibringen lassen - man ist ja sonst rein verloren heute ... Ob der
Doctor Mensch auch spielt -? Er sieht gar nicht so aus ... Was meinen Sie,
Hedwig -?«
    »Warum sollte er nicht -?« antwortete die Gefragte kurz, etwas
geringschätzig. Die beiden Frauen sahen sich an. Eine jede wusste, was die andere
im Stillen dachte, was sie wissen wollte, zu hören verlangte, und was doch keine
von ihnen aussprach .... keine aussprechen mochte.
    »Bitte, Cousine -!« Herr Quöck war aus dem Nebenzimmer getreten und hatte
eine Schachtel amerikanischer Cigaretten auf den Tisch gestellt.
    »Versuchen Sie es doch auch einmal, Fräulein Irmer -!« forderte er halb im
Scherz, halb im Ernste auf. »Die Damen rauchen heute alle ... Es ist so
fashionable ...«
    »Ich danke, Herr Quöck -«
    Lydia sass im Fauteuil und spie ganz respectable, weissgelbe Rauchwolken durch
die Lippen. Sie hüstelte ein Wenig.
    »Wir spielen natürlich Scat, Lydia. Der Doctor ist nämlich auch ein
leidenschaftlicher Scatverehrer, wie er neulich versichert hat -«
    »So -?«
    Lydias und Hedwigs Augen fanden sich wieder einmal.
    Aus dem Nebenzimmer klang gedämpftes Sprechen. So leise die Unterhaltung
geführt wurde - man hörte doch immer den gereizt-markirten Ton heraus.
    Hedwig hatte in einem Album geblättert. Jetzt sah sie auf und horchte
gespannt hinüber.
    Lydia erschien sehr gleichgültig. Sie blies eine dicke, weissgelbe Dampfwolke
nach der anderen vor sich hin. Im Zimmer machte sich schon das Cigaretten-Parfüm
deutlich riechbar. Es war Frau Lange entschieden sehr behaglich zu Mute.
    Herr Quöck war nach dem Salon hinübergegangen. Er arrangirte den Scattisch.
Frau Möbius hatte sich nach der Küche begeben. Oettinger und Adam waren
natürlich gegen einander geraten. Der Herr Referendar hatte den Herrn Doctor
bezüglich dessen Bemerkung bei Tisch noch einmal interpellirt. Das hätte kaum
unterbleiben dürfen. »Ich habe weiter nichts getan, als gleichsam die
Quadratwurzel aus Ihren Äusserungen gezogen, Herr Referendar. Ihr conservativer
Standpunkt mag ehrliche Ueberzeugung sein - das gebe ich sehr gern zu. Warum
auch nicht -? In Puncto der Religion gestanden Sie selbst ein, dass Ihnen
dieselbe nur noch als ein Mittel in den Händen der oberen Zehntausend erschiene,
das den Zweck hat, die Plebs geduckt und unterwürfig zu erhalten - Herrenmoral
und Sclavenmoral - Punktum -«
    »Aber bitte - das ist doch heute die Anschauung jedes gebildeten Menschen -«
    »Das weiss ich recht gut. Der Standpunkt ist auch ein dieser gebildeten
Menschheit vollkommen würdiger. Ich erlaube mir nämlich die Ansicht zu haben,
Herr Referendar, dass diese famose Bildung und der bodenlose Indifferentismus in
religiösen, philosophischen, künstlerischen Dingen heutzutage so ziemlich
identisch sind mit einander -«
    »Hm! . Mag sein! ... Aber bitte, Herr Doktor - wir kommen ganz von dem
Punkte ab, dessen Erörterung mir momentan zumeist am Herzen liegt - Sie
gebrauchten bei Tisch ein Bild - einen Vergleich - ein - ei-n-e - nun! - es
bleibt Ihnen ja unbenommen, auch mich unter diese Indifferenten zu rechnen - -«
    »Pardon, Herr Referendar! Wenn mir das unbenommen bleibt, nun! so ist doch
die einfache Folge davon die, dass ich Ihnen einen grossen Respect vor dem -
Cylinder als dem Symbole der auf das Aeusserliche gestellten Bildung vindiciren
darf - die einfache Consequenz, nichts weiter -«
    »Ich glaube aber kaum, Herr Doctor, dass es erlaubt ist, derartige etwas -
verzeihen Sie! - immerhin - immerhin etwas boshaft-gesuchte Consequenzen
öffentlich auszusprechen ... Ich kann - ja! ich muss das geradezu als eine
persönliche Beleidigung auffassen - und ich sähe mich genötigt, wenn Sie nicht
revociren - -«
    Adam lachte: »Beleidigung! - - revociren - - Sie scherzen, Herr Referendar!
Sie scherzen jetzt, wie ich vorhin - gescherzt habe - wir sind also quitt -
nicht -?«
    »Das ist eine sonderbare Auffassung, Herr Doctor -«
    Herr Quöck trat wieder ein.
    »Wie schmeckt Ihnen das Kraut, Doctor -?«
    »Vorzüglich, Herr Quöck ... etwas schwer zwar-«
    »Ach! Nee! schwer -? Finden Sie auch, Herr Referendar -? Aber bitte, meine
Herren - - es ist Alles bereit - kommet und geht ein in den Freudenhimmel,
allwo duftende Blumen in Fülle wachsen - wo es Könige gibt und Fürsten - -«
    »Auf Kartenblättern - famos, Herr Quöck! Die Herren dieser Welt sind doch
eigentlich furchtbar witzige Kerle, dass sie ihre Bilder auf Münze und Karte
malen lassen ... immer noch malen lassen ... Wollen sie damit etwa sagen, -
symbolisch andeuten, dass - dass - - na! manchmal wirft man eben das Geld weg -«
scherzte Adam.
    »Still, Doctor, - das klingt ja ganz gefährlich - Sie sind des Teufels -«
wehrte Herr Quöck erschrocken ab.
    »Pflegen Sie das ... Geld auch so ... wegwerfend zu behandeln, Herr Doctor
-?« fragte Oettinger.
    Man trat gerade in den Salon ein. Lydia hatte ihren Fauteuil im Speisezimmer
verlassen und stand jetzt am Spieltisch. Sie hielt die rändervergoldete
Scatkarte zwischen Daumen und Mittelfinger ihrer kleinen, weissen, rechten Hand,
ungefähr in Schrittöhe über dem Tisch, und liess nachlässig, träumerisch,
gedankenabseits ein Blatt nach dem anderen auf die Fläche niedertaumeln.
    »Leider!« erwiderte Adam, einen komisch-drolligen Ton des Bedauerns in der
Stimme.
    Lydia wandte sich um. Sie sah die Herren fragend an.
    »Wo steckt denn Tante Möbius-?« ärgerte sich Herr Quöck laut. Er schien
irgend ein Anliegen zu haben.
    »Die wird wohl noch in der Küche sein -« vermutete Lydia.
    »Es ist doch genug Wein da -? ... Nein! Wo die alte - ich hätte beinah' was
gesagt - nur steckt -?«
    Hedwig erschien im Rahmen der Tür. Sie sah sehr verschlossen und
gelangweilt aus.
    »Die Damen werden entschuldigen - aber der Scat - dieses jöttlichste aller
Spiele - - bitte, placiren Sie sich, meine Herren! Sie führen Buch, Doctor,
nicht -? ... Also um die Ganzen - nicht wahr -? Sie geben, Herr Referendar -
bitte! Jüngstes Semester - ich denke wenigstens - jenötigt wird nicht -
übrigens so ein Scätchen - Teufel -! es geht doch Nichts drüber! Ich bitte
nochmals die Damen um Entschuldigung -!« Herr Quöck war ganz Feuer und Flamme.
»Und ein guter Tropfen dabei« - fuhr er befriedigt fort ...
    »Und schöne Frauen!« complimentirte Oettinger, indem er den Scat auslöste -
    Lydia brannte sich eben eine neue Cigarette an. Hedwig hatte sich wieder ins
Nebenzimmer zurückgezogen. Das knisternde Umschlagen von grossen Buchseiten drang
ab und zu herüber.
    »Sie reizen, Herr Doctor -«
    »Ich passe -«
    »Tournée -?«
    »Carreau! Carreau-Solo aus der la main! ...«
    Die Karten flogen auf den Tisch. Man spielte sehr flott. Herr Quöck
beschrieb beim Ausspielen immer erst einen Halbkreis mit seinem Blatte. Adam
warf seine Karten mit einem gewissen patetischen Bogenschwung von oben
herunter, Oettinger liess sie nachlässig-graziös fallen.
    »Einundsechzig! ... Teufel! ... Das Spiel war überhaupt gewagt. Ohne Renonce
in Pique -« begann Herr Oettinger frohlockend ...
    »Das fängt ja jut an -« brummte Herr Quöck, ein klein Wenig erbost. - Adam
schrieb an, dann mischte er die Karten. »Sie langweilen sich gewiss recht,
gnädige Frau-« fragte er zu Lydia hinüber. Frau Lange hatte sich einen Fauteuil
in die Nähe des Ofens gerückt.
    »Langweilen - warum, Herr Doctor -? Eine Cigarette ist eine vorzügliche
Gesellschafterin. Uebrigens - - Scat musst Du mir doch noch beibringen, lieber
Cousin! Wenn Ihr Männer so versessen darauf sein könnt, muss das Spiel doch etwas
... Anziehendes, etwas Pikantes haben ...«
    »Gewiss hat es das!« versicherte Herr Oettinger eilfertig. »Vielleicht dürfen
wir Sie, gnädige Frau, schon heute Abend in unsere köstlichen Geheimnisse
einweihen -?«
    »Na! na!« wehrte Herr Quöck erschreckt ab. Der Herr Referendar war doch
etwas zu galant! Sie hatten kaum angefangen zu spielen - und nun womöglich erst
wieder das umständliche Dociren - die langwierige Erklärung - und nachher dann
noch die ersten stümperhaften Spielversuche Lydias mitaushalten müssen - nein!
nein! - ganz undenkbar -!
    Aber Lydia war schon aufgesprungen. »In der Tat - eine ganz prächtige Idee,
Herr Referendar - ich danke Ihnen! Ich muss Ihnen nämlich gestehen, Herr Doctor,
dass Sie nicht so ganz Unrecht hatten mit Ihrer Vermutung, dass ich mich ...
langweilte ... Wir Frauen sind ja alle so ... so gedankenarm ...«
    Adam erhielt einen herausfordernden Blick. Lydia war zu ihm hingetreten.
    »Auch die Verfasserin der modernen Bibel - wenigstens die bessere Hälfte der
Firma -?« fragte die schlechtere Hälfte boshaft-galant.
    »Man braucht doch nicht immer Gedanken zu haben!« schmollte Lydia neckisch.
    »Aber, liebe Cousine -« versuchte Herr Quöck das drohende Scatverderben noch
einmal zu beschwören, einen zärtlich abratenden Ton in der Stimme -
    »Die Grundgesetze des Seats, gnädige Frau -« hub Oettinger an.
    Adam klappte mit patetischer Resignation sein zierliches,
goldschnittgeziertes Rechnungsbüchlein zu.
    Frau Möbius trat über die Schwelle. »Wo steckst Du nur in aller Welt, Tante
-?« musste sie sich von ihrem Herrn Neffen etwas barsch anfahren lassen.
    »In der Küche, lieber Traugott - Du weisst ja: auf Marien ist kein Verlass ...
Und die Herren wollten ja auch spielen - -«
    Herr Quöck leerte sein Glas. »Ist denn noch genug Wein oben -?« fragte er
ärgerlich.
    »Ich denke -« antwortete Frau Möbius mit sanfter Gelassenheit.
    Man sprach nun viel und trank im Ganzen recht tapfer. Herr Quöck hatte sich
einigermassen gefügt. Er wanderte im Zimmer auf und ab, die Hände auf dem Rücken,
stellte sich gelegentlich an den Ofen, blies dicke, blauschwarze Rauchwolken aus
Nase und Mund. Ab und zu warf er eine humoristischkaustische Bemerkung in den
Spielunterricht, welchen Frau Lydia zu erteilen, der Herr Referendar Oettinger
auf sich genommen. Frau Möbius lachte mit ängstlicher Aufrichtigkeit zu den
Bemerkungen ihres Neffen. Oettinger führte seine Schülerin sehr geschickt in die
schwierigen Scatprobleme ein. Und Lydia war eine gelehrige Schülerin. Es ärgerte
sie nur ein Wenig, dass Adam jetzt im Ganzen so zurückhaltend gegen sie war.
Wollte er demonstrativ merken lassen, dass dieser erste beste Herr Referendar
gerade gut genug war für die Rolle des Scatpräceptors -? Plötzlich hatte sich
Adam erhoben und war in das Nebenzimmer verschwunden. Man plauderte im Salon
gerade sehr eifrig durcheinander. Herrn Quöck schien der genossene Wein schon
recht tüchtig angefranst zu haben. Auch Oettinger sprach schärfer und lauter als
gewöhnlich, betonte unregelmässig und falsch. Lydia war nicht minder unruhig.
Ihre Gedanken waren zerstückt, ihr Blut kochte auf. Alkohol und Nicotin hatten
sie aus den Geleisen der normalen Selbstbeherrschung geschleudert.
    Adam war zu Hedwig getreten.
    Diese hatte ihren rechten Oberarm weit, nachlässig, unkritisch, über den
aufgeschlagenen Band, in dem sie geblättert, gelegt und den Kopf in die
Handhöhlung gestützt. Der linke Arm hing schlaff herunter. Der Blick
gedankengebannt oder phantasieverloren. Da fiel der Schatten einer fremden
Gestalt in ihren Kreis. Sie schrak zusammen.
    Adam trat ganz dicht an sie heran. Er atmete schwerer. Hedwig zog den
zurückgeglittenen Aermel bis zum Gelenk herunter und sah zu Adam empor,
erschreckt und doch zugleich fragend, erwartend - abweisend und doch zugleich
normal verwundert, unwillkürlich aufreizend.
    Aus dem Salon klang buntes, sich gegenseitig verhakendes Stimmengewirr. Aber
wie ferne, dumpfe, monotone Brandung dünkte es Adam. Die Situation nahm ihn ganz
hin. Jetzt allerdings schnellte die Stimme Oettingers scharf, zackig, hart in
die Höhe. Dann sprach Lydia auch lauter, auch artikulirter.
    Adam hatte nach der rechten Hand Hedwigs gehascht, sie hatte sie ihm mit
zufahrender Heftigkeit entzogen. Und doch neigte sie jetzt den Kopf ein Wenig.
Ein schmales Stück des weissen, glänzenden Halses wurde sichtbar.
    Da packte es Adam. Es rüttelte und schüttelte an ihm, schlug ihm die Zähne
in die Nerven. Er wusste nicht, wie es so jäh, so bezwingend über ihn kam. Der
Wein hatte sein Blut aufgejagt, hatte zuckende, von unten herauf bohrende
Flammen hineingeschmissen. Er war seiner nicht mehr mächtig. Es flimmerte ihm
rot vor den Augen. Er beugte sich nieder, sog sich eine Sekunde lang fest an
diesem weissen, glänzenden Halse und lallte Fräulein Irmer im nächsten
Augenblicke ein heisses, leidenschaftliches »- Hedwig!« in's Ohr.
    Jetzt fuhr die Dame auf. Ihr Gesicht war weiss, die Augen starr, gross
aufgerissen, ohne Pol.
    Durch den Salon kugelte sich gerade ein lautes Lachen. Herr Quöck schien so
etwas wie eine Anekdote, wie einen guten Witz erzählt zu haben.
    »Hedwig -!« wiederholte Adam dringend, bebend vor Erregung. »Weib! ich liebe
Dich ja -!« fuhr er wie im Taumel fort.
    Hedwig schoss mit einem jähen Rucke in die Höhe.
    »Ich muss Dich sprechen, Hedwig - lass mich Dich nach Hause be-gleiten -« bat
Adam mit mühsam geduckter Leidenschaft. Seine Stimme rasselte heiser, die Finger
zuckten.
    »Ich danke, Herr Doctor -« erwiderte Hedwig auffallend laut - »ich fahre mit
Frau Lange -« Und zugleich ging sie an ihm vorüber, der Tür nach dem Salon zu.
    »Verflucht! -« knurrte Adam wütend vor sich hin, zugleich bedeutend
ernüchtert. Dann begann er mit gemachter Hast in dem grossen Bande zu blättern,
über welchen Hedwig vorhin ihre Träumereien ... oder die Nachtfalter ihrer
schwarzen Schwermut hatte hinflirren lassen.
    In dem Augenblicke, da Hedwig über die Schwelle in den Salon trat, war dort
das Gespräch jäh verstummt. Unwillkürlich, wie auf Verabredung, richteten sich
aller Augen auf sie. Was wollten diese Augen nur von ihr -? Was zwang die Leute
da, so plötzlich ihre vorher doch recht laute, auffallend laute Unterhaltung
abzubrechen -? Hatte man Hedwigs letzte, mit unwillkürlich gesteigerter Stimme
gesprochenen Worte verstanden - diese Worte, die sie allerdings halb bewusst,
halb unbewusst, in der Absicht, dass sie gehört würden, so laut hinausgestossen -?
Lydia machte ein fast spöttisches, beinahe beleidigendes Gesicht. Hedwig fühlte,
wie sie verwirrt, immer verwirrter wurde, wie ein unzurückdrängbar in die Höhe
siedendes Rot ihr über Stirn und Wangen schoss. Hülflos, haltlos irrten ihre
Blicke von Einem zum Anderen.
    Herr Quöck, der sich schon vorhin bei Tische im Besitze des glücklichen
Talentes gezeigt hatte, einem Gespräche, das eine unwillkommene Wendung
genommen, ungezwungen eine andere zu geben, verstand es auch jetzt vorzüglich,
durch eine an sich recht banale Bemerkung über die peinliche Situation
hinwegzuhelfen.
    »Aber! Fräulein Hedwig - wir haben Sie ja ganz vergessen - ich glaube
entschieden, Sie sind zu kurz gekommen in Puncto des Weins - Sie müssen
nachholen - - und nun wollen wir wieder einmal anstossen, meine Herrschaften - wo
steckt denn nur wieder der Doctor -? - - Doctor! - Kommen Sie! - Prost! - Prost!
- Auf dass meine innig verehrte Frau Base den auch in weiteren Kreisen mit Recht
so beliebten Scat, wie mein Busenfreund Saldern immer zu sagen pflegte, recht
bald capirt habe - auf dass sie eine würdige Partnerin werde, die ihrem würdigen
Scatmentor Ehre mache - die - die - aber Prost! - Prost - meine Herren und Damen
- wollte sagen: meine Damen und Herren - und trinken Sie aus, Fräulein Hedwig -
denn der Wein erfreut des Menschen Herz, sagt schon der alte Homer - oder irgend
ein anderer Zechkumpan hat also geweissagt - bravo, Doctor! - das war ein
Männerschluck - kommen Sie her: - Sie sollen 'gleich neue Füllung haben -«
    Adam hatte sein Glas auf einen Zug geleert. Er sah düster, geärgert aus.
Lydia coquettirte mit dem Referendar. Sie blickte ihn schwärmerisch, dankbar,
beinahe herausfordernd an. Adam's und Hedwig's Augen waren noch einmal kurz
aneinander vorbeigegangen. Beide wussten, dass es nun ein Etwas für sie gab, das
einer dem ander'n nicht restlos vergessen konnte.
    Da tönte das eckige Rasseln eines mit fast beleidigender Exakteit
angefahren kommenden Coupés von der stillen Strasse her in's Gemach.
    »Mein Wagen!« fuhr Lydia auf.
    »Nanu! Schon so spät?« fragte Herr Quöck verwundert. Er zog seine grosse,
schwere, goldene Uhr.
    »Gnädige Frau -!« bat Oettinger geschmeidig-vorwurfsvoll. Er war ganz selig.
Er glaubte an seine Zukunft. Er war überzeugt von seiner Unwiderstehlichkeit.
    Lydia blickte zu Adam hinüber, der mit forcirter Ruhe seine Cigarre wieder
in Brand setzte. Adam sah nicht auf, obwohl er den Blick Lydia's deutlich auf
sich fühlte. Es war ihm, als ob ihm die Netzhaut plötzlich brennend heiss würde.
    »Wenn Sie nun noch mit mir fahren wollen, liebes Fräulein -?« fragte Frau
Lange Hedwig, mit scharfer Betonung des »noch« -
    »Wenn Sie gestatten -«
    Die Damen verabschiedeten sich. Oettinger küsste hingerissen Lydias Hand.
Dann wandte sich Frau Lange zu Adam ... und ohne ihm die Hand zu reichen, meinte
sie leichtin, gleichgültig: »- Also, vergessen Sie unsere Verabredung nicht,
Herr Doctor -! Kommen Sie in den nächsten Tagen einmal zu einer Tasse Tee - -
wie wäre es, wenn Sie mir schon etwas ... Fertiges mitbrächten - - vielleicht -
vielleicht eine Art von - - von ...nun! - vielleicht ein modernes ... hohes Lied
oder etwas Aehnliches - ja? - - Aber, pardon! - ich vergass ganz - Sie baten sich
ja das neue Testament aus - nun! - ich überlasse Ihnen die Auswahl - es wäre zu
nett, könnten wir 'gleich mit einem kleinen fait accompli an die Arbeit gehen -«
    Lydia hatte die Worte langsam, zögernd herausgestossen, als fiele es ihr
schwer, sie zu sprechen - und doch zugleich in einem Tone, mit einem Accente,
der deutlich verriet, dass sie ärgern, spotten, sich rächen, aber auch
stimulieren wollte.
    Adam verneigte sich stumm. Er behielt Hedwig im Auge, er verfolgte jede
ihrer Bewegungen. Diese verabschiedete sich mit einem oberflächlichen Grusse von
ihm. Sie hatte den Kopf zurückgeworfen und sah sehr hochmütig aus.
    Frau Möbius zog sich bald zurück.
    Die Herren waren wieder allein. Der Scat konnte fortgesetzt werden. Und man
fühlte sich bald ganz unter sich. Die Unterhaltung wurde freier, die Worte
wurden nicht mehr abgewogen, nicht mehr peinlich bedacht, gewählt, gesetzt. Adam
verhielt sich allerdings im Ganzen ziemlich schweigsam. Herr Quöck sprudelte
verschiedene pikant gewürzte Anekdoten heraus und musste oft so herzlich über
seinen eigenen Ulk lachen, dass ihm die Brille überschweisst wurde. Dann kramte er
sein grosses, gelbseidenes Taschentuch heraus und putzte mit zwinkernden
Weinaugen über die Gläser hinweg. Die Hände waren rot, etwas aufgeschwollen,
und ganz sicher gehorchten sie auch nicht mehr.
    Herr Oettinger erzählte allerhand italienische Reiseabenteuer. Die
Ueberzeugung von seiner Unwiderstehlichkeit, die er heute Abend aus dem Benehmen
Lydias ihm gegenüber folgern zu müssen geglaubt, verleitete ihn, seine an sich
recht harmlosen Geschichten mit kühneren erotischen Pointen auszuschmücken. Der
Herr Referendar bekundete in seiner Weinlaune eine ganz respectable Phantasie.
    Man spielte sehr unregelmässig ... und man erlaubte sich schon allerlei
kleine Freiheiten. Man guckte sich gegenseitig in die Karten und ignorirte kühn
die Unantastbarkeit des Scats. dabei wurde dem Weine wacker zugesprochen. Und
die Stunden schienen etwas Besonderes darin zu suchen, sich überschnell aus dem
Staube zu machen.
    Mit der Zeit wurde Adam matt, abgespannt. Er unterdrückte nur mühsam das
Gähnen, und Wein und Cigarren verloren immermehr ihre Reize für ihn. Er trank
öfter, nippte aber immer nur kleine Schlucke und kaute mechanisch den
Nicotinsaft aus seiner Cigarre heraus. Ab und zu warf er ein gleichgültiges Wort
in das Gespräch, welches Oettinger jetzt fast allein führte. Denn auch Herr
Quöck kämpfte mit der überhandnehmenden Müdigkeit.
    Nach drei Uhr trennte man sich. Der Herr Referendar wankte und schwankte ein
Wenig. Adam nahm sich des armen Kerls an und schob seinen Arm unter den
Oettingers.
    Die Strassen lagen in tiefer Stille. Ab und zu begegnete den einsamen
Nachtwandrern ein langsam heranspazierender Wächter. Manch' einer dieser edlen
Herren blieb breitspurig auf dem Trottoir stehen und beäugelte kritisch die
vorüberstapfenden Spätlinge. Der Herr Referendar konnte einige herzhafte
Redensarten über diese »zu-dringliche, ganz ver-fluchte O-cu-cular-Inspection«
nicht unterdrücken. Er sprach überhaupt etwas laut, der ehrenwerte
Cylinderentusiast. Die »Angströhre« sass ihm allerdings schief und verräterisch
nach hinten geschoben auf dem jugendlichen Haupte, das der erste, zarte Flaum
einer discreten ... Platte zierte, wie Adam heute Abend mit dem banalen
Genugtuungsgefühl eines berechtigten Sarkasmus wahrgenommen.
    »Feudales Weib, diese Lydia, nicht, Doctor -?« phantasirte Herr Oettinger,
»Göttergestalt - fescher Corpus - und dieser Busen - möchte wohl 'mal - nur 'mal
küssen diese L...l...ippen - - Ah! ... ah! .... ent-zückend! ... Uebrigens,
Doctor - - sind doch 'n famoser Kerl - - gehen so ein-ein-trächtig Arm in Arm -
wollen uns nur wieder ver-vertragen - ha ...ha ... Wollen nächstens 'mal Sect
kneipen zusammen - ja -? gloriose Idee - - bringen kleine Hedwig mit - na? ...
na? ... Verhältnis anbändeln - - auch nicht übel - - auf Ehre! werde das
reizende Scheusal gelegentlich 'mal pou-pou-ssiren - - -«
    Adam liess die Rede Oettingers Monolog bleiben. Er begnügte sich, die kargen
Ueberreste seiner geistigen Wachbarkeitskräfte vor Allem zur Steuer ihrer nicht
mehr ganz seetüchtigen Leibesfahrzeuge zu verwenden. Er hatte seine liebe Not,
den Herrn Referendar von allzu intimen Berührungen mit verschiedenen
Häuserwänden zurückzuhalten.
    Plötzlich fühlte Adam das brennende Bedürfnis, allein zu sein. Ein Gedanke
war in ihm aufgezischt, ein Wunsch war in ihm emporgesprungen, dessen Erfüllung
der merkwürdigen, halb träumerisch-müden, halb bewegt-reizsuchenden Stimmung,
die ihn gekapert hatte, entsprach. Er wollte noch einmal durch die Strasse gehen,
in welcher Hedwig wohnte, wollte noch einmal vor ihrem Hause stehen, noch einmal
zu ihrem Fenster hinaufschauen. Vielleicht ... vielleicht gab es hinter den
Gardinen, hinter den Vorhängen noch ein spätes, heimliches Leben, das ihm zarte
Zeichen, eine geheimnisvolle, süsse Kunde brächte. Doch er musste allein sein. Und
ganz Egoist, suchte er dem schwer atmenden, prustenden, oft ausspuckenden
Oettinger begreiflich zu machen, dass es das Beste wäre, wenn er nun allein nach
Hause wanderte. Der Herr Referendar war schon viel zu acut über sich
hinausgekommen, um eines kräftigeren Widerstandes noch fähig zu sein. An der
nächsten Ecke machte sich Adam von ihm los und überliess ihn seinem Schicksal.
Man verabschiedete sich sehr kurz und abgerissen.
    Adam trottete eine Weile hin, ganz im Zwange seiner hüpfenden
Gedankenschemen. Da merkte er, dass er sich in der Richtung geirrt. Er musste
umkehren. Und am Besten wäre es, wenn er die Strasse, in die vor einer kleinen
Weile Oettinger hineingeschwankt, kreuzte. Wahrhaftig! Da drüben auf der andern
Seite - da stapfte sein wackerer Zechgesell immer noch redlich fürbass. Adam
konnte sich nicht entalten, mit verstellter, dumpf gurgelnder Stimme ein
diabolisch-mysteriöses »Oettinger!« über den Strassendamm hinüberzuknurren. Der
geheimnisvoll Angerufene wandte sich jäh um und blieb stehen. Adam setzte seinen
Weg mit grossen Schritten fort und kicherte leise in sich hinein.
    So! ... Nun war der Herr Referendar in den Schatten der Nacht hinter ihm
verschwunden. Adam schluckte mit Behagen den kühlen Wind ein und setzte seine
Füsse emphatisch auf die Asphaltflächen. Grell, in scharf abgekantetem Rhytmus,
hallte sein Gang wider. Einförmig und unförmlich lagen die Häusermassen da.
Selten klebte sich in der Gegend der oberen Stockwerke ein magerer Lichtschein
an die Riesentafeln. Die Gasflammen hüpften nervös in ihren Glaskäfigen hin und
her. Es hatte geregnet. Ueber das Pflaster hin lagen hier und dort dunkelgelbe
Reflexe gestreut. Oefter leuchtete verschwommen-schmutzig ein Stück einer
angebrochen-verkümmerten Iris auf.
    Adam traf auf eine Brücke. Er lehnte sich eine kleine Frist hindurch über
das Geländer und sah auf das träge, gleichgültig hinschleichende Wasser hinab.
Ein nörgelnder, zupfender Wind pustete jetzt über die Flut hinweg. Und es nahm
sich aus, als wäre der Spiegel mit einer Legion von kleinen, braungrünen
Schildkrötenrücken gepolstert.
    Nun stand Adam vor dem Hause, da Hedwig mit ihrem Vater wohnte. Aber oben
war Alles dunkel. Allentalben tiefe, nur von den verhaltenen Atemzügen des
feuchten Nachtwindes monoton durchsummte, zaghaft durchmunkelte Stille.
    Und der einsame Wandrer setzte sein Wandern fort, das ihn endlich nach
seiner Klause führen sollte. Verworrener Gedanken, einer dunklen Sehnsucht war
seine Seele voll. -
 
                                      VI.
»Ah, lieber Doktor! Das ist ja famos von Ihnen, dass Sie sich wieder 'mal sehen
lassen! Nun - wie gehts Ihnen? Viel gearbeitet? Aber Sie schauen immer noch sehr
angegriffen aus. Wie wäre es heute mit der Revanchepartie? Hätte Lust - Sie auch
- ja ...?«
    Herr von Bodenburg hatte den »Figaro« aus der Hand gelegt und stocherte mit
dem Löffel auf ein Stück Zucker los, das er soeben in seinen Kaffee geworfen. Er
sah erwartungsvoll zu Adam Mensch auf.
    »Verdammt windig heute. Bei einem Haar wäre mir mein Hut in irgend 'n
Weltmeer oder in 'ne Pfütze geflogen ... Macht der Krakehler von Frühlingswind
Aufhebens! ... Impertinenter Stachelbursche! ...«
    Herr von Bodenburg lächelte.
    Adam warf sein Cigarrenetui auf den Tisch und rückte sich einen Stuhl
zurecht.
    »Viel Zeit habe ich gerade nicht - wollte auch ein paar Zeitungen
durchfliegen - bringt der Figaro etwas Interessantes? Ach! die leidige
Gewohnheit! Man büsst wahrhaftig nichts ein, wenn man das Zeug 'mal 'n paar
Wochen nicht ansieht. Alles Einbildung und Gewohnheit! So schleppt man eben die
Tage hin. Man lässt sich immer wieder von seinen tristen Bedürfnissen
überrumpeln. Es ist geradezu tragisch, dass der Mensch so im Zwange des
Trägheitsgesetzes steht. Ja! Wenn dieses retardirende Moment nicht wäre - die
Menschheit - Sie wissen, wen ich meine - müsste entschieden ein kleines Stück
weiter sein. Dass es zum Beispiel noch sogenannte Fürsten gibt! Unsereiner fasst
sich an die Stirn - müssen denn einzelne Individuen so unheimlich weit voraus
sein? Diese Differenz! Oder nehmen Sie die Pyramide von Cheops. Sie kennen doch
die Saga von Cheops' Töchterlein? Nicht? Werde sie Ihnen gelegentlich 'mal
erzählen. Pikant! sage ich Ihnen. Also dieser krystallisirte Despotismus - - so
und so viel Tausende von Jahren alt - und heute? Denken Sie an Russland. Ja! ja!
der Hunger und die Peitsche. Man möchte sich vor tragikomischem Weltvergnügen
manchmal in einen Böcklin'schen Meergreis verwandeln -«
    »Die Gallensteinablösung war nicht übel, Herr Doctor - aber ich möchte doch
vorschlagen, dass wir - pardon! - nun - wenn auch gerade nichts Vernünftigeres,
so doch ... na! so doch etwas Amu-santeres vornähmen - also wie wäre es mit der
Revanche? Wollen Sie? Kommen Sie! Ja?«
    »Meinetwegen denn, Herr Referendar, warum auch nicht? Wenn Sie durchaus
wollen! ... Aber - - jetzt ist es dreizehn Minuten nach Drei - ich möchte so
gegen Vier wieder auf meiner Bude sein! Möglich, dass ich Besuch kriege - wenn
nicht - ich muss mal wieder ein paar Stunden concentrirt arbeiten ... In den
letzten Tagen viel freiwillig und unfreiwillig gebummelt ...«
    »Kellner! Das Schachbrett ...«
    »Jawohl!«
    »Was trinken Sie, Herr Doctor?«
    »Was? Ja - - ach! Kaffee? - Nee! Bringen Sie mir 'n Absynt!«
    »Sehr wohl!«
    Die beiden Herren vertieften sich in ihr Spiel. Es wurde nicht viel
gesprochen. Adam spielte auch heute mit sehr geteilter Stimmung. Er wusste die
Schwächen des Gegners nicht zu gebrauchen, er übersah seine eigenen Vorteile.
Mit grossem Behagen dagegen schlürfte er seinen kupfergrünen Absynt.
    »Kennen sie einen Referendar Oettinger, Herr von Bodenburg?«
    »Oettinger? Oettinger? Ja wohl! Sehr patentes Individuum - nicht? Elegant -
Cavalier - Lieutenantsscheitel - langweilige Visage - ja! ja! - bin ihm
gelegentlich 'mal vorgestellt - scheint mir nicht besonders viel los zu sein mit
dem Herrn. Kann mich allerdings auch irren. Was ist mit ihm? Haben Sie 'n
Rencontre mit ihm gehabt? Kartell schleifen? Ich stehe Ihnen zur Verfügung, Herr
Doctor!«
    »Sehr liebenswürdig, Herr Referendar!« Adam lächelte discret. dabei goss er
seinem Absynt einen neuen Wurf Wasser zu. Das Getränk schaute jetzt asbestgrün
aus. »Bis zur Forderung direct kam es nicht. Ah pah! Komödianterei! Wäre noch
besser! Wir begegneten uns nur neulich in einer Abendgesellschaft - waren beide
zum Souper geladen. Ich war wieder einmal nolens volens etwas bissig - Gott! die
Affäre verlief sehr drollig. Auf dem Nachhausewege erklärte mich der Biedermann
für einen famosen Menschen - sprach den Wunsch aus, demnächst 'mal Sekt mit mir
zu kneipen - der Knabe war allerdings schon stark angebohrt. Er schwankte sehr
hingebend und gab eine merkwürdige Vorliebe für Häuserwände und Laternenpfähle
zum Besten ...«
    »So! ...«
    »Ich dachte, Sie kennten den Herrn zufällig näher. Es wäre ja möglich
gewesen. Der gute Mann entwickelte bei Tisch seltsam praehistorische Ideen ...
ich war zuerst ganz verblüfft. Und sein Standpunkt zur Religion - - es ist eine
Schmach, dass dieses Gesindel, das geistig noch auf der primitivsten
Entwicklungsstufe steht - dass diese ordinäre Sippschaft - diese Larven und
Marionetten, diese Hohlhänse überhaupt Gelegenheit haben, öffentlich Proben
ihrer approbirten Bornirteit abzugeben! Und eines Tages gehört dieser
Lumpenbagage womöglich noch höchst persönlich den sogenannten leitenden Kreisen
an! Ich verstehe den schreienden Unsinn - diese sociale Barbarei nicht!«
    »Ereifern Sie sich nicht so furchtbar, Doctor! Lassen Sie doch die guten
Leute! Lieber Himmel! Ich habe auch noch 'n ganzes Rudel derartiger vieilleries
auf Lager ... Das spart man sich so zusammen mit den Jahren ... Und wenn Sie
ehrlich gegen sich sein wollen -: Sie haben nicht minder Ihre Zöpfe und
Vorurteile! ... Uebrigens gardez!«
    »Gott sei's geklagt - ja! ich weiss - ja doch! - meinetwegen! - also gardez!
haben Sie mir - aber was zu stark ist, ist zu stark! Man darf schlechterdings
nicht zu sehr in Schimmel und Grünspan verliebt sein ...«
    Da öffnete sich die Tür, und Fräulein Irmer trat in's Café. Der
Zeitungskellner lief nach dem Schränkchen in der hinteren Ecke des Lokals, in
welchem die ausgespannten Nummern vom Tage vorher aufbewahrt wurden. Nun
überreichte er der Dame das Blatt.
    Adam hatte Hedwig scharf fixirt. Als sie sich umwandte, hinauszugehen,
nachdem sie diesmal mit einem kurzen, leise hingeworfenen Dankeswort die Zeitung
in Empfang genommen, streifte sie Adam mit einem jähen, vorüberschiessenden
Blicke. Sie schrak ein Wenig zurück. Adam lächelte befriedigt. Hedwig hatte die
Tür zugeschlagen.
    Der Herr Doctor sprang auf, zog hastig seine Börse und warf das Geld für den
Absynt auf den Tisch.
    »Nanu!?«
    »Verzeihen Sie, Herr Referendar! Dispensiren Sie mich, bitte, heute - ja?
Diese Dame - Kellner! - ich traf sie neulich Abend dito bei dem bewussten Souper
- wo bleibt nur der Mensch? - Kellner! - sie spielt in die Geschichte hinein,
die ich Ihnen vorhin - - -«
    »Danke sehr, Herr Doctor!« Fritz strich das Geld ein und schickte sich an,
beim Anlegen des Ueberziehers behülflich zu sein.
    »- Die ich Ihnen vorhin von Herrn Oettinger erzählte - muss sehen, dass ich
das Weib abfange - lauter kleine Historien - ich bitte noch einmal um Verzeihung
- vielleicht morgen, wenn Sie - um dieselbe Zeit - ja? - aber ich muss mich
beeilen - auf Wiedersehen, Herr Referendar -«
    Adam stürmte hinaus.
    »Das ist verdächtig, Herr Doctor -« rief Bodenburg indignirt-belustigt dem
Flüchtling nach.
    »Na! bringen Sie mir auch noch 'ne Karaffe Absynt -« wandte er sich sodann
an den Kellner, der noch immer in der Nähe des Tisches stand und sich jedenfalls
alle Mühe gab, die Situation zu begreifen. Er hatte ein blödsinnig-schläuliches
Gesicht aufgesteckt.
    »Noch ein Absynt -? Sehr wohl!« - -
    Adam hatte sich in die unmittelbare Nähe Fräulein Irmers zu machen gewusst.
Er war erregt, sein Gang nicht ganz sicher, mechanisch sprach er immer wieder
allerlei Phrasen in sich hinein, mit denen er Hedwig, auf den Leib rücken
wollte. Als er bemerkte, dass die Dame durch verschiedene, an sich kaum
auffällige, aber doch unwillkürlich für Adam deutlich wahrnehmbare Zeichen der
Unruhe auf seine Gegenwart reagirte, wurde er ruhiger, ärgerte er sich über die
kindische Unsicherheit, erinnerte er sich der Stunden, wo er sich in seiner
Gleichgültigkeit so stark, so ruhig und unverwirrbar gefühlt hatte ... und
freute sich über den Strom von psychischer Elektricität, der zu dieser Frist von
ihm zu Hedwig ... und von ihr zu ihm zurück flutete.
    Nun bog Fräulein Irmer in eine Nebenstrasse ein, die viel Vornehmes, Stilles,
Reservirtes, Selbstgenügsames besass. In den kleinen Gärten vor den Häusern, die
zumeist Villenanstrich hatten, sah es peinlich sauber, regelmässig, sehr leer
aus. Man hatte das Gefühl, als müssten es die Bewohner dieser Strasse unter ihrer
Würde halten, der Aussenwelt die geringste Aufmerksamkeit zu schenken. Man war
einander fremd und nahm mit sich allein fürlieb. Es mochte in Wirklichkeit kaum
so sein. Aber diese menschenlosen Fenster mit den eleganten, kalten Vorhängen;
diese grossen, schweren, massiven, mit stolzer Selbstverständlichkeit
geschlossenen Türen; diese aufdringlichen und doch zugleich unsäglich discreten
Namenschilder; die natürliche Leblosigkeit der Vor- und Zwischengärten: das
Alles gab der Situation den Ausdruck innerer Leere und Teilnahmslosigkeit.
    Adam war an die linke Seite Hedwigs getreten. Fräulein Irmer vollzog
unwillkürlich einen kleinen Schritt nach rechts und sah ihren Verfolger finster,
zurückweisend an. Die über der Nasenwurzel zusammengewachsenen Brauen waren
dicht an die Augenlider herangezogen.
    »Verzeihung, mein gnädiges Fräulein, dass ich so kühn bin, mich zum zweiten
Male auf offener Strasse Ihnen zu nähern. Nehmen Sie, bitte, heute meine
Begleitung an. Ich möchte Sie - ich fühle das Bedürfnis - Sie erinnern sich der
kleinen ... der kleinen Scene, die sich neulich Abend zwischen uns abspielte - -
vergeben Sie mir meine eigentlich unverzeihliche Dreistigkeit - ja? ...«
    Die ersten Worte dieser Ansprache an das Opfer seiner neulich bei Herrn
Traugott Quöck improvisirten Liebeserklärung waren Adam sehr glatt und sicher
abgeflossen. Dann hatte sich die Stimme doch ein Wenig eingeklemmt, war ein
Wenig leiser, stockender geworden, war gleichsam gestolpert und hatte erst am
Schluss wieder mühelose Beweglichkeit und die intime Färbung der Aufrichtigkeit
gewonnen.
    Hedwig schwieg. Die beiden gingen eine kleine Weile schweigend neben
einander. Oefter sah Adam Hedwig von der Seite an, fragend, bittend, doch
zugleich auch merkwürdig amüsirt - und dadurch ganz tüchtig ironisch gestimmt.
    »Fräulein Hedwig - haben Sie kein Wort für mich -?«
    »Mein Herr -!«
    »Hedwig -!«
    Das klang bestimmt, dringend, entrüstet, aber auch flehend, ein ehrliches
Betrübtsein verratend.
    »Ich verstehe Sie nicht -«
    Adam fuhr auf. Er stampfte mit dem rechten Fusse indignirt auf den Boden und
gab sich sehr ungesammelt. Mit nervöser Hast knöpfte er an seinen Handschuhen
herum.
    »Sie wollen mich nicht verstehen, mein Fräulein! Heiliger Nepomuk! Giebt es
denn heute auf Gottes Erdboden keinen Menschen mehr, dem man zwanglos, dem man
unmittelbar begegnen darf - dem man so gegenübertreten kann, wie es Einem gerade
ums Herz ist - wie man gerade Stimmung hat? - Ist denn heute das kleinste
Bisschen Unmittelbarkeit verpönt? Soll man Nichts - gar Nichts improvisiren
dürfen? - Soll man immer wieder erst die chinesische Mauer der dummen, urdummen
conventionellen Redensarten zwischen sich und seinen Nächsten schieben - soll
man auf Niemanden mehr stracks losgehen? Fräulein Hedwig -«
    »Mein Name ist Irmer -«
    Adam lachte aufgeräumt. »Bon! Irmer! Sehr liebenswürdig, mein gnädiges ...
Fräulein ... Irmer ...«
    »Mein Herr!«
    »Lassen Sie doch endlich einmal einen anderen Ton zwischen uns aufkommen!«
bat Adam, einen neckisch-vorwurfsvollen Accent in der Stimme. »Aufrichtig, ich
ertrage das nicht länger! Sie kennen mich noch nicht. Sie wissen noch nicht, dass
ich ein sonderbares Gemisch von ... von Naivetät und ... und Raffinement bin.
Vielleicht coquettire ich auch schon zu sehr mit dem Bewusstsein, dass ich
coquettire - vielleicht bin ich in natura ... meerschendeehls - pardon! - also
sehr oft viel ehrlicher und wahrer, als ich mir einbilde. Ich interessire mich
nun einmal für Sie. Sehr sogar! Sehr! Vielleicht bin ich auch schon ehrlich
verliebt in Sie - weiss der Teufel! - liebe Sie womöglich schon hagebüchen
leidenschaftlich - - aber, Hedwig - ein Geständnis - verzeihen Sie! - aber ich
kann nicht anders - ich muss es Ihnen doch zum Besten geben - also: ich bin so
grenzenlos egoistisch, dass ich vollständig zufrieden bin, wenn ich durch ein
tieferes Interesse, durch eine heftigere Neigung für ein weibliches Wesen,
vielleicht sogar durch eine stürmische Leidenschaft, an mir selbst eine
Steigerung meines Ichs erfahre - auf Erwiderung meiner Gefühle rechne ich
eigentlich gar nicht - ich bedarf ihrer gar nicht - - ich will nur Gelegenheit
und Möglichkeit haben, mich auch nach dieser Richtung hin auszuströmen, so wie
ich mich auch in jeder anderen Beziehung, als fanatisch auf Unabhängigkeit und
Selbständigkeit Versessener, vollkommen zwanglos, ungehemmt, rücksichtslos
ausleben will ... Verstehen Sie mich, Fräulein Hedwig -?«
    »Ich denke! Aber was soll das mir -? Warum sagen Sie das mir -? Darin
verstehe ich Sie allerdings nicht -«
    »Warum ich Ihnen das sage, Hedwig? Nun, ich denke: das ist doch einfach
genug. Ich gestand Ihnen schon: Sie interessiren mich. Aber Sie sprechen nicht
allein zu meinem Blute ... nicht allein - offen heraus: zu meiner ... meiner
Sinnlichkeit. Ich bin, wie gesagt, ganz offen, Fräulein Irmer. Ich weiss absolut
nicht, warum man das nicht sein dürfte. Wenn zwei Menschen, die sich bis dato
fremd waren, zusammentreffen, so sollten sie immer sogleich Wesensfragen
stellen. Und um so eher, wenn sie merken, dass sie nicht ganz alltägliche Waare
sind. Ich liebe die Ueberraschungen über Alles. Und da ich Sie leider nicht
damit überraschen kann, dass ich Ihnen irgend ein aussergewöhnliches Geschenk
machte, Ihnen z.B. einen ausgestopften Hummer verehrte, oder etwas Aehnliches,
so lassen Sie mich Sie doch damit überraschen, dass ich Ihnen allerlei curiose
Geständnisse mache, welche das Fundament meiner Persönlichkeit angehen ... dass
ich Ihnen allerlei Intimes aus meinem Seelenleben erzähle ... Ich muss allerdings
bemerken, dass ich jenem Motive der Wesensfragen gegenüber zumeist leider auch
nur Teoretiker bin - in Wirklichkeit bin ich schon viel zu gleichgültig und zu
verschlossen und zu selbstgenügsam, um sotane Wesensfragen noch zu stellen ...
Manchmal fahre ich wohl den Ersten Besten unverhofft damit an und verblüffe ihn.
Mein Gott! Warum soll man zuweilen seinem Nächsten nicht ein Fläschchen
Salmiakgeist unter die Nase halten? Aber Ihnen gegenüber, Fräulein Hedwig, hatte
und habe ich jetzt noch das Gefühl, dass ich Ihnen mit Fug und Recht sogleich in
der ersten Zeit unserer - Sie gestatten mir den Ausdruck! - also unserer
Bekanntschaft Dies und Das erzählen darf, was Wesenhaftes meiner Natur ausmacht.
Ich sagte Ihnen schon: ich bin ein monströser Egoist. Aber ich glaube beinahe,
dass ich doch so intensiv für Sie aufflammen könnte - vielleicht schon
aufgeflammt bin - dass ich mich selber vergässe und mir in Folge dessen mit Grazie
und Würde einbildete, dass ich mich ganz von Ihnen hätte auffress - pardon! das
fährt Einem immer so 'raus! - Na ja! Und so weiter - Sie wissen schon .... dabei
- hm! also dabei würde es mir, vermute ich wenigstens, schliesse ich wenigstens
aus erlebten, praktisch erfahr'nen Analogie'n, immer noch sehr gleichgültig
sein, ob Sie mein Feuer, meine Leidenschaft erwiderten, oder nicht. Ich glaube
in Ihnen einen in manchen Punkten wesensverwandten Menschen gefunden zu haben.
Lassen Sie uns ein Stück unseres Weges zusammengehen! Behalten wir uns
wenigstens im Auge! Lassen Sie uns natürlich mit einander verkehren - sprechen
und denken und fühlen wir nach Kräften unmittelbar! Mein Gott! Ich weiss gar
nicht, was uns daran hindern sollte, wenn wir erkannt haben, dass diese köstliche
Zwanglosigkeit und Natürlichkeit allein unserer würdig ist, weil sie uns
congenial ... weil sie uns in jeder Beziehung entspricht ...«
    Hedwig schwieg zu dieser prachtvollen Auseinandersetzung. Sie verstand sie,
wenigstens im Grossen und Ganzen, und musste Manchem darin zustimmen. Sie
constatirte auch mit einer gewissen inneren Befriedigung eine starke
Geistesverwandtschaft zwischen diesem kühnen Herrn Doctor und sich. Und doch
sträubte sie sich, laut zu äussern, wie sympatisch sie sich ganz unten auf dem
Boden ihres Ichs berührt fühlte. Vielleicht war sie durch die Einsamkeit, in der
sie mit ihrem Vater jahrelang gelebt, innerlich auch schon zu versteift und
verhärtet, um für Dialektik noch die gehörige Geschmeidigkeit des Geistes zu
besitzen.
    So fügte Adam nach einer Weile, während welcher sie schweigend neben
einander hergeschritten waren, hinzu: »- Darauf kommt es ja auch gar nicht an,
was man ist, sondern darauf: wie man das ist, was man ist ...«
    »Wollten Sie nicht einmal meinen Vater besuchen, Herr Doctor?«
    Die Frage klang liebenswürdig, einladend. Unwillkürlich münzte sie Adam zur
zustimmenden, Verständnis und verwandte Anschauung verratenden Antwort auf
seine Auseinandersetzung um. Er freute sich darüber, aber, merkwürdig und
erklärlich zugleich, veranlagte ihn diese Frage zu einer gespreizt-höflichen
Erwiderung: »Gewiss, mein gnädiges Fräulein! Ich werde mir mit Ihrer Erlaubnis
demnächst die Ehre geben -«
    Hedwig sah ihren Begleiter wegwerfend von der Seite an.
    Adam fing den Blick auf und erklärte ihn sich. Er lächelte.
    »Hedwig!«
    »Herr Doctor -?«
    »Geben Sie mir den Arm - ja -?«
    »Ich danke! Ich gehe so freier -«
    »Gefühl ... Verständnis für Freiheit - das Bedürfnis derselben sind gewiss
grosse, schöne, bedeutende Dinge ... Aber man darf eine Passion nicht in
äusserliche, kleinliche Pedanterie'n und Willkürlichkeiten zersplittern -«
    »Ich bin übrigens sogleich zu Hause -«
    »Hedwig! Wollen wir uns denn immer so fremd bleiben? . Ich habe Geduld,
unter Umständen viel Geduld - aber ich bemerkte Ihnen schon-: ich muss zeitweilig
sehr despotisch sein -«
    »Ich bitte, Herr Doctor -«
    »Sind Sie mir noch böse von neulich? - Ich handle immer nur aus dem Rahmen
meiner Stimmung heraus -«
    »Darüber brauche ich wohl nicht zu reden. - Aber hier sind wir ... Adieu!«
    »Sie malträtiren mich geradezu, mein Fräulein! Aber wie Sie ... wie Sie
wollen ... Also adieu! Empfehlen Sie mich, bitte, Ihrem Herrn Vater! . Ich habe
die Ehre ...« Adam lüftete den Hut und verneigte sich sehr ceremoniell. Dann
blieb er noch einen Augenblick vor der geöffneten Tür stehen. Auch Hedwig war
stehen geblieben. Beide sahen sich fest in die Augen. Um Adams Lippen kräuselte
es sich wie ein verhaltenes Lächeln der Befriedigung.
    Als Hedwig Irmer die Treppen zu ihrer Wohnung hinaufschritt, war es ihr
plötzlich zu Sinn, als verstünde sie diesen Adam Mensch besser, als er sich
selbst verstünde. Und doch war ihre Welt eine so ganz andere, denn seine Welt. -
    Adam ging langsam nach Hause. Es war zwischen fünf und sechs Uhr. Die eben
aufkeimende Abenddämmerung des jungen Frühlingstages liess ihre ersten, leisen,
so wundervoll discreten, so entzückend verschämten Schatten spielen. -
 
                                      VII.
Adam Mensch waren einige Tage in ziemlich blödem Einerlei hingegangen. Er hatte
die physiologischen Nachwirkungen jener durchgenossenen Wein- und Spielnacht
über sich ergehen lassen müssen. Eine unleidliche Gemütsdepression war jetzt
über ihn gekommen. Eine peinliche Schwere hatte sich seiner bemächtigt, die wie
ein unaufrührbarer Bodensatz auf dem Grunde seiner Seele lag. Eine Fülle von
Gedanken und Gefühlen stieg in ihm empor, aber jede Einheitlichkeit fehlte und
jede Neigung, die Anläufe und Fragmente zu packen, zu vertiefen, zu erschöpfen,
zu vollenden. Unheimlich scharf schaute er zeitweilig in Welt und Leben hinein,
und die Nachtseiten des Daseins erschlossen sich ihm in zermalmender Klarheit.
Er fühlte, wie ungeheuer weit er davon entfernt war, ein Kind der Stunde sein zu
können, ein von der mechanisch-regelmässigen Erfüllung einfacher Pflichten
befriedigter Mensch. Er sehnte sich nach einer neuen Umgebung, nach neuen
Verhältnissen, die ihn ganz herausforderten, die im Stande wären, ihn ganz
hinzureissen. Er sehnte sich nach einem grossen Schicksal, nach vollen, starken,
runden Gefühlen, nach einer gewaltigen Freude, einem erschütternden,
entscheidenden Schmerze. Alles in ihm war weit und verworren, Nichts eng, klar
umrissen. Und doch bebte er instinctiv vor einem grossen Erlebnis zurück. Er
wusste nicht, in welcher Gestalt er es sich vorstellen, erwarten sollte. Aber er
wusste auch zugleich, dass er bei dieser nervösen Ueberreizung, bei dieser
patologischen Abhängigkeit von seinem Organismus einem bedeutenden Schicksale
kaum gewachsen sein würde. Ratlos stand er vor sich, hülflos tastete er an sich
herum, und schneidend äusserte sich ihm die marternde Hoffnungslosigkeit seiner
Generation. Seiner Generation -? Adam sagte sich sehr klar, dass es unter seinen
Altersgenossen verhältnissmässig nur Wenige gab, die seiner Art verwandt waren.
Aber diese Wenigen bedeuteten die ursprünglich geistig Bevorzugten. Ihre Kräfte
fanden nur keine Sphäre, in der sie sich zwanglos betätigen konnten. Das
Sichabfinden, Sichanpassen, Sichhineinpressen oder Sichhinaufschrauben ekelte
ihn an, weil es ihn unnatürlich dünkte. Ja! Er fühlte unheimlich deutlich, dass
er krank, unglücklich war ... wie so Mancher, mit dem ihn das Leben in seinen
Studienjahren zusammengeführt hatte. Verschiedene Mitglieder des Kreises, in
welchem er damals eine Zeit lang verkehrte, hatten sich abgewandt, wie er
nachher gehört, waren ein Stück zurückgegangen, waren zu Kreuze gekrochen,
arbeiteten in enger Umgrenzung, mit müden Herzen. Die Schlechtesten waren sie
gewiss nicht, aber den Zwang, ihren Naturen bis ins Kleinste hinein treu sein zu
müssen, hatten sie in einem geringerem Grade besitzen dürfen. Immerhin nach so
viel Drang, so viel Betätigungsbegehren lebte in ihnen, dass sie sich wenigstens
einigermassen mit dem begnügen konnten, was ihnen zu eigen geworden, wenn es
ihnen nur gestattet war, ein klein Wenig ihrem Geiste und Wesen gemäss zu bilden
und zu formen. In stillen Stunden der Sammlung ... in Augenblicken, wo Stimmung
und Neigung vorhanden waren: zurückzuschauen, der gewesenen grossen geistigen
Tapferkeit, der stolzen Kampfgewärtigkeit und bewussten Wehrhaftigkeit zu
gedenken, befiel wohl auch sie das Bewusstsein, wie vergeblich, wie formlos ihr
jetziges Tun, wie schmachvoll ihre Capitulation sei ... Nun! Sie nutzten ihre
Kraft ab ... und das war genug. Die Masse regiert, sagte sich Adam, und die
grosse Schlacht wird geschlagen werden. Wir sind auf neuen Wegen zu neuen Zielen.
Und doch! Wird Etwas bleiben, wenn das ... also das »Volk« losbricht? Die
herrschende Generation der Zukunft entwächst dem vierten Stande. Das werden
Alles sehr bornirte Leute sein, aber sie werden dafür oder darum sehr gesund,
sie werden sehr nüchtern sein. Ueberreizung, unnatürliche Ueberheizung werden
ihnen im Ganzen fremd sein. Blut von unserem Blut -? Geist von unserem Geist -?
Dieses Blut ist faul und schwer und dick, und dieser Geist ist morsch und krank
und brüchig. Verzichten wir! Leben wir uns aus! Auch so wirken wir, wenn es denn
einmal »gewirkt« sein muss - wirken nach natürlichen Gesetzen ... und wenn wir
bloss unsere Kleider abtragen und unsere Sohlen ablaufen ... Der Schlag bedingt
den Gegenschlag. Aber das soll uns kein Trost sein, soll unser etwa mahnendes
»Gewissen« nicht beruhigen. Vielleicht müssen wir uns für das grosse
Zukunftsereigniss aufsparen, unter dem die Erde in Krämpfen erbeben, in
fanatischen Zuckungen sich schütteln wird. Wir sind so gut wie ausgehöhlt. Durch
Leidenschaften gebrochen, denen wir uns ergeben haben, weil wir nicht wussten,
wie wir besser unsere Zeit todtschlagen sollten. Wir waren ratlos geworden,
weil wir erkannt, dass unsere Ideale Illusionen gewesen. Eine jede Brust hatte
den Kampf gegen die Convenienz, gegen die Tradition gekämpft ... wir hatten
nicht gesiegt, aber haben auch nicht verloren. Nun unterliegen wir, weil wir uns
haben zu alt werden lassen, um den physiologischen Einflüssen des Alten noch
entrinnen zu können. Wir prunken wohl auch ein Wenig mit unseren Schmerzen und
noch mehr mit unserer Kraft: brechen, stürzen zu können, energisch sein zu
können. Auch jetzt spielen wir noch Komödie. Aber wir wissen doch jetzt zugleich
sehr gut, dass wir darauf verzichten mussten, unsere besten Kräfte intakt erhalten
zu können, unsere intensivsten Ausstrahlungen wirken zu lassen. Wir trugen den
Himmel, das ganze All in der Brust, aber wir bedürfen einer Generation, der sich
die Sterne verhüllen, damit sie auf Erden nicht stolpere. Wir werden von der
abkühlenden Zeit früher oder später gezwungen, unseren Frieden mit der Welt zu
schliessen. Aber wir sind doch unterlegen. Wir haben wirken müssen, und Pflichten
haben wir erfüllt, obwohl es einmal eine Zeit gegeben hat, wo wir keine Pflicht
anerkennen zu dürfen geglaubt. Wir haben scheinbar gehandelt und doch immer nur
gelitten. Wir waren Genies im Denken, Fühlen, Entwerfen, Träumen, Dulden. Nun
werden die Talente der Tat kommen, weil sie kommen müssen. Eigentlich bedauern
wir sie. Denn wir verstehen sie auch, sie, die für uns kein Verständnis mehr
besitzen werden. Vielleicht beneiden wir sie doch ein Wenig. Denn sie atmen in
einer reineren Luft, und ein gesünderes Blut rollt durch ihren Leib.
    Diese Gedanken und Betrachtungen, diese mehr oder weniger gültigen und
richtigen Bruchstücksresultate waren zu dieser Frist auf- und niedergestiegen in
Adam. Ungeläufig konnten sie ihm allerdings kaum sein. Er hatte sie, zumeist
schon in seiner kleinen Schrift »Das Proletariat des Geistes,« an der er ab und
zu einige Seiten schrieb, ausgesprochen.
    Merkwürdig, wie wenig er sich eigentlich mit Lydia und Hedwig beschäftigte.
Er warf sich diese Gleichgültigkeit, diese Kälte selbst vor. Aber es gelang ihm
doch nicht, über sie hinauszukommen. Oefter fiel ihm wohl dieses oder jenes
Moment ein, das sich neulich bei dem Souper zwischen Lydia und ihm abgespielt,
das sich bei seinem letzten Zusammentreffen mit Hedwig ereignet - aber er musste
im Grunde mehr souverän darüber lächeln, als dass ihm diese Erinnerung ein
gewisses Behagen bereitete. Unmittelbar mit den Weibern in Berührung gebracht;
durch eine zugespitzt, überdies vielleicht noch etwas aussergewöhnliche
Situation angeregt, konnte er leicht aufflammen, leicht aus sich herausgehen,
seine Natur in ihrer eigenwilligen Art sich äussern lassen. Aber für sich haften,
für sich garantiren konnte er nicht. Sobald er aus dem Zwange der besonderen
Stunde wieder herausgetretreten, und sobald die nächsten Nachwirkungen vorüber,
kehrte er unwillkürlich wieder sehr intim zu sich zurück, lebte er sich sehr
nachdrücklich wieder in seine eigene Welt hinein. Er dachte und sprach ja schon
in einem Jargon, der ganz schliesslich nur ihm selber verständlich war, er
gebrauchte Ausdrücke, Bilder, Gedankenverbindungen, operirte mit Anschauungen,
die an innerer Bedeutung und selbständigem Curswert entschieden verlieren
mussten, wenn sie zu der glatten, abgetragenen, abgeschabten Sprache der
Aussenwelt in Beziehung gebracht würden.
    Eines Abends hatte sich Adam von einer stilleren, flüssigeren Stimmung in
Beschlag nehmen lassen. Stunden eines klaren, kräftigen Denkens waren
vorhergegangen. Eine gewisse, nicht gerade ganz triviale Zukunftshoffnung war in
seiner Seele emporgewachsen. Und wenn es wahr ist, hatte sich Adam schliesslich
gesagt, dass es ein Wesensmoment des »Modernen« ist, sich zuerst in gewaltigen,
äusseren Fortschritten, in Errungenschaften mehr technischer Natur, darzustellen,
so wird zweifellos dieser Zeit wieder einmal eine Zeit der Verinnerlichung
folgen. Das Patologische und Psychopatische unserer Tage wird sich in der
Zukunft zum normal Psychischen umwachsen. Man wird eine grosse Fülle von
Vorurteilen und veralteten Anschauungen zusammenschlagen, wenn die Erkenntnisse
der Psychophysik erst Gemeingut grösserer Massen geworden sind. Die »Mystik« ist
eines Tages vielleicht eine ganz gerechtfertigte Wissenschaft. Denken und Tun,
Urteil und Handlung werden im Geiste einer humaneren Auffassung der Dinge,
einer toleranteren Anschauung der Welt und ihrer Verhältnisse ausgeübt werden.
Nüchterner vielleicht wird diese Menschheit der Zukunft sein, aber wohl auch
massvoller, aber wohl auch - »gerechter«. Der blutige »Kampf ums Dasein«, dieses
Ringen um Leben und Tod unserer Tage, wird gemildert und gesänftigt werden.
Erkennen, Ergründen psychischer Gesetze: das ist die Hauptaufgabe der modernen
Forschung. Das Neue ist dabei, sich seine Formen zu schaffen, sich sein Nest zu
bauen. Wütende, satanische Stürme werden an diesem Neste noch herumzausen. Aber
alle Stürme wird es überdauern. Und einmal wird die Zeit gekommen sein, wo sich
das Neue heimisch fühlt in seiner Umgebung. Nicht mehr nach »Wahrheit,« nur noch
nach Wahrheiten wird die Menschheit ihre Columbusfahrten unternehmen.
    Adam kannte sich viel zu gut, als dass er nicht hätte wissen sollen, dass
diese Stimmung sehr bald wieder abgeflossen sein wurde. Er spintisirte da vom
Allgemeinen aus ins Allgemeine hinein und dachte kaum daran, sich der Teilnahme
an jener wissenschaftlichen Pionirarbeit noch fähig zu erachten. Aber es war
seine Art, derartige leichtere, lebhaftere Stimmungen zu irgend einer kleinen,
spontanen »Tat« zu benutzen. Und so kam ihm jetzt der Gedanke, durch einen
gleichsam improvisirten, kühn hingeworfenen Brief einmal unmittelbar an Lydia
heranzutreten. Wollte er damit das Gedeihen seiner ... Zukunftsernte fördern?
War es ihm Bedürfnis, irgendwelche Hoffnungen und Erwartungen auf seine
Beziehungen zu Lydia zu setzen? Wollte er bewusst diese Beziehungen pflegen, um
eines Tages Vorteile, die sie brächten ... etwa brächten, einheimsen zu können?
Diese psychologische Selbstinquisition belästigte ihn schon wieder ein Wenig und
fädelte seinen verknoteten Drang auseinander. Und doch fand er sich plötzlich
vor seinem Schreibtische sitzen und sich einen mit discretem Moschusparfum
getränkten Briefbogen zurechtlegen. Und Adam faselte in seiner, in
kühn-coupirtem Stil sich ausgerenkt vergliedernden Epistel so viel zerfahrenes
Zeug zusammen, dass es ihn nachher, als er es noch einmal überflog, viel zu
geschmacklos dünkte, als dass noch ein Witz dabei herauskäme, wenn es nicht an
seine Adresse abgeschickt würde. -
 
                                     VIII.
Adam wartete zwei Tage. Von Lydia kam keine Antwort. Hatte ihr die spontane
Auslassung missfallen? Jedenfalls doch! Aber was tat das? Das war im Grunde so
nebensächlich, so belanglos. Ein Wenig allerdings war Adams Eitelkeit verletzt.
Und der Herr Doctor bedauerte wirklich aufrichtig, seinen bunten Augenblickskram
abgeschickt zu haben. Zudem war er heute wieder in einer ganz anderen Stimmung.
Seine normale Apatie hatte von Neuem Gewalt über ihn genommen. Die Welt
rempelte ihn zu wenig an. Er musste Waffen klirren hören. Dann konnte er noch
aufflammen.
    Mittags beim Speisen fiel Adam ein, heute bei Doctor Irmer den
beabsichtigten Besuch zu machen. Mit Hedwig zusammenzutreffen - es hatte
immerhin Etwas für sich. Und doch reizte es ihn auch eigentlich nicht. So
beschloss er denn zu der Stunde, wo Hedwig in Café Caesar die Zeitung abzuholen
pflegte, also von Hause abwesend war, ihren Vater heimzusuchen. -
    »Ist Herr Doctor Irmer zu sprechen -?«
    »Ich weiss nicht ... der Herr Doctor - wen darf ich melden?«
    Adam suchte seine Karte hervor und hielt sie dem Mädchen hin. dabei warf er
einen kurzen, scharfen Blick auf das Dirndl. Das wurde ein Bissel verlegen und
errötete. Das Ding war nicht übel. Eine kleine, untersetzte, volle Gestalt.
Allerdings etwas lotterig und unsauber, von Spuren grober häuslicher Arbeit
übersäet. Das Mägdlein wischte sich die roten, unfeinen, unappetitlichen Hände
an der dreckigen Schürze ab, ehe sie Adam die elegante, elfenbeingelbe
Visitenkarte zaghaft-täppisch abnahm.
    »Der Herr Doctor lässt bitten ...«
    Das Mädchen ging auf dem schmalen, schattendurchdunkelten Corridor vor Adam
her. Der konnte sich nicht entalten, einen Augenblick die Finger seiner
glacégantirten Rechten um den vollen, linken Oberarm der kleinen ancilla
amandissima zu spannen.
    Ein leises, Entrüstung, Ueberraschung und heimliches, verhaltenes Vergnügen
zugleich verratendes »Na!« liess sich hören. Der Arm entschlüpfte.
    Adam ging auf Herrn Doctor Irmer zu, der im Sessel vor seinem Schreibtische
sass und den Kopf halb zu dem Eintretenden hingewandt hielt.
    »Verzeihen Sie, Herr Doctor, dass ich mir die Freiheit nehme, Sie
aufzusuchen. Aber - nun - offen gesagt: Sie interessiren mich. Ich hatte neulich
die Ehre, Ihr Fräulein Tochter gelegentlich eines Soupers bei Herrn Quöck kennen
zu lernen. Und da erfuhr ich -« (Adam improvisirte eben wieder einmal) - »dass
wir so etwas wie ... wie - verzeihen Sie! - das Wort ist eigentlich hässlich,
aber man hat es nun einmal so an der Hand - da erfuhr ich also, dass wir Collegen
wären. Sie haben auch schon verschiedene philosophische Schriften veröffentlicht
- ich allerdings ... noch nicht - aber die Philosophie ist doch das Einzige
geblieben, was mir noch ein gewisses Interesse einflösst. Im Uebrigen ... mein
Gott! Man wird alt und müde, nicht wahr? - blasirt ... nicht wahr? - gâté ...
râté ...«
    »So ... so! ... Aber bitte ... nehmen Sie doch Platz, Herr Doctor ... Ich
habe leider keine Gewalt mehr über mich ... kann mich nur wenig bewegen ... Sie
müssen mir schon erlauben, hier sitzen zu bleiben ...«
    Die Worte waren leise, mühsam, fast ohne jede Tonfärbung gesprochen. Auf dem
bleichen Gesicht Herrn Irmers lag ein Ausdruck, der halb Hülflosigkeit, halb
Verlegenheit verriet. Irmer war nicht gewöhnt, Besuche zu empfangen. Zudem
befremdete ihn wohl auch die etwas burschikose Art, die abgebrochene
Geständnisshaftigkeit Adams.
    Adam schob seinen grossen Schlapphut nachlässig ungenirt in ein Fach des
Bücherrücks und warf sich in die Sophaecke.
    Eine Pause entstand. Doctor Irmer blickte fragend, erwartend, verlegen zu
seinem Gaste hinüber.
    »Sie schriftstellern also auch?« fragte er endlich.
    »Schriftstellern? Mein Gott! Nun ja, wenn man's so nennen will ... Aber weit
ist's damit Gott sei Dank! nicht her - ich bin durchaus kein sogenannter
Schriftsteller von Beruf - um Himmelswillen - nein! ... nein! ... Ich habe Dies
und Das gemacht - einige Artikel philosophisch-kritischen, nationalökonomischen,
literarhistorischen Charakters für Zeitungen zusammengestoppelt - ein paar
längere Aufsätze über psychophysische Materien für wissenschaftliche Fachblätter
geliefert - na! das ist aber auch Alles ... Allerdings ... nicht zu vergessen
die ulkigen Brochüren, die mich momentan beschäftigen ....«
    Das war leichtin, nachlässig gesprochen, ohne weitere innere Teilnahme,
mit dem Accente halb ehrlicher, halb affectirter Selbstironie.
    Herr Doctor Irmer nickte mit dem Kopfe. Wiederum trat eine Pause ein. Was
wollten die beiden Menschen nur von einander?
    Adam musterte seine Umgebung. Zur Not konnte man diese Einrichtung ja
behaglich nennen! Und doch atmete das Zimmer einen Geruch der Aermlichkeit aus,
der kaum verschleierten, kaum zu verkennenden Nüchternheit, der Adam etwas
beklemmte. Er liebte den mit feinem, ästetisch durchgebildetem Geschmacke
angewandten Luxus. Er bewohnte selbst zwei sehr comfortabel ausgestattete
Zimmer, die ihn eigentlich mehr kosteten, als er nach seinen Verhältnissen an
Mietszins dafür hätte ausgeben dürfen. Aber es war ihm Bedürfnis, in einer
vornehmen, eleganten, weichen, mit künstlerischem Verständnis arrangirten
Umgebung, die soviel als möglich alle trivialen, hyperboreischen Reibungen
überflüssig machte, zu leben. In dieser Hinsicht besass Adam also auch sehr
epicureische Gelüste.
    »Was entalten denn die Brochüren, die Sie jetzt geschrieben haben, Herr
Doctor?« fragte Irmer endlich.
    »Ach Gott! das sind mehr feuilletonistische Stilübungen. Ich lege weiter
keinen Wert auf sie. Moderne, zeitgemässe Temata übrigens. Hoffentlich bringen
sie mir ein paar Dreier ein. In dem einen Hefte habe ich allerlei Pikanterie'n
über das specifische Wesen des deutschen Gymnasiallehrers ausgekramt - - ich
hatte nämlich selbst einmal die Ehre, einem Präceptorencollegium anzugehören,
Herr Doctor - na! und da lernt man ja diese famose, menschliche pêle-mêle-Speise
kennen - in dem ander'n Hefte, das aber noch nicht ganz fertig ist, plaudere ich
über - - oder sagen wir meinetwegen: liefere ich eine psychologische Analyse des
geistigen Proletariats von heute - modern, wie gesagt, zeitgemäss sind die Motive
jedenfalls ...«
    »Ja! ... Ja! ... versicherte Doctor Irmer zustimmend. Er sah vor sich hin.
Sein Gesicht nahm sich sehr nachdenklich aus. Zugleich etwas schmerzhaft
verzogen. Adam konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass sein Gegenüber
bedauerte, auf den Gedanken, derartige brennende Fragen zu behandeln, nicht
selbst gekommen zu sein.«
    »Und wie denken Sie sich Ihre Zukunft, Herr Doctor -?« fragte Irmer
drauflostolpatschend.
    »Ich interessire mich aufrichtig für die Dame,« gestand Adam lachend. »Sie
kennen die orientalische Metode, Herr Doctor, zwei Wesen zu copuliren, die sich
nie gesehen haben: so kommt es mir immer vor, wenn ich an mich und meine Zukunft
denke ... Schliesslich ergeht es ja jedem Individuum also ... aber Unsereiner -
hm! nun! ich wiederhole: ich interessire mich sehr ... sehr ... für meine ...
Zukünftige ...«
    »Ihr Fräulein Tochter ist nicht zu Hause -?« fragte Adam nach einer Weile.
Er hatte vergeblich einer Erwiderung Irmers auf seinen spassigen Vergleich
geharrt.
    »Nein! . die macht sich um diese Zeit immer etwas Bewegung. Das arme Mädchen
kommt ja sonst nicht viel heraus. Hedwig ist mein Ein und Alles, ohne sie wäre
ich vollständig hülflos, sie liest mir vor - ich dictire ihr - ich habe sie ganz
in meine philosophische Weltanschauung eingeführt. Ich glaube, sie hat
überwunden und die grosse Lebensillusion erkannt ...«
    »Prost!« wäre es Adam beinahe über die Lippen gefahren. Im letzten
Augenblicke hakte er das fatale Wörtchen noch zurück. »Sie sind
Schopenhauerianer, Herr Doctor?« vermochte er nun zu fragen.
    »Nicht eigentlich ... Ich bin überhaupt kein Anhänger eines bestimmten
Systems - eben aus Philosophie ... Sie erinnern sich des Schiller'schen
Distichons ... Ich denke und forsche. Nur die Erkenntnis ist real ...«
    »Gewiss! Aber um erkennen zu können, bedarf man, abgesehen von der
psychischen Grunddisposition, einer gewissen inneren, durchgesiebten Fülle, die
indentisch mit Stille und feiner, leise vibrirender, seelischer Gespannteit ist
... Und der Besitz dieser Gespannteit hängt doch vielfach von den äusseren
Verhältnissen ab - von Verhältnissen, die man in der Erkenntnis als wertlose
Illusionen verwerfen muss ... und die trotzdem die Bedingungen sind, sine quibus
intelligi non possit, nicht wahr? Das Reale ist vom Abstrakten abhängig, nicht
das Abstrakte vom Realen ...«
    »Hm ... hm ...« Irmer fuhr sich mit den weissen, schmalen, knochigen Fingern
seiner rechten Hand über die hohe, durchfurchte, krankhaft ausgebleichte Stirn.
»Und schliesslich wissen wir doch Nichts -« fügte er mit leiser, müder, umflorter
Stimme hinzu.
    »Haben Sie's fertig gebracht, ganz zu verzichten, Herr Doctor?« fragte Adam,
weniger, um das Gespräch zu vertiefen, als um es weiterzuspinnen. Es war ihm
plötzlich eine bezwingende Sehnsucht nach Hedwig in die Seele getreten. Er hätte
heute zu gern noch einmal ihr trotzig-gleichgültiges Gesicht vor sich gehabt, zu
gern noch einmal den Blick ihres schweren, dunklen Auges herausgefordert. Also
durfte er die Unterhaltung um keinen Preis an der galoppirenden Schwindsucht
crepiren lassen.
    »Ganz zu verzichten - das ist wohl aus psychologischen Gründen unmöglich ...
Einige Nabelschnüre dürfen wohl nicht reissen ...«
    »Aber warum denn überhaupt verzichten, Herr Doctor? Ich finde zeitweilig das
Leben dämonisch schön ... dämonisch berauschend ... ich glaube fast: sogar auch
in diesem Augenblicke ... Ja! Gewiss! Es kann Einem jede Sekunde eine Dachziegel
auf den Kopf fallen ... und man läuft immer Gefahr, irgend einen Fuss oder irgend
ein Genick zu brechen ... Aber warum soll man den der menschlichen Natur
immanenten Leichtsinn - und nur er exportirt ja das Oel, welches die
schaurig-groben Reibungen des Lebens verringert - tragisch nennen, wie so viele
alte und junge Unglückstanten tun? Leben wir doch drauf los! Mag's doch kommen,
wie 's will! Eine geradezu fanatische Lebenssehnsucht krampft sich manchmal in
meinem Herzen zusammen. Es gibt ja namenlos viel Unglück und Elend auf der Welt
... ja! ... ja! . ich weiss es recht gut ... Was die Armut leidet, die nackte
und die versteckte, - es ist unsagbar ... Der Mensch liebt das
Vergleichungsverfahren. Das ist sein Grundelend. Ich wohnte einmal bei einer
Familie, wo die Frau Tag ein, Tag aus, vom frühen Morgen bis zum späten Abend,
weiter Nichts zu tun hatte, als Magd und Mutter zu spielen ... Unsereiner kann
die Enge, die Monotonie, die Schmucklosigkeit, das grenzenlos
Mechanisch-Marionettenhafte einer solchen Existenz gar nicht fassen. Und dabei
diese Bedürfnisslosigkeit! . Es ist unglaublich, wie beschränkt der
Anschauungskreis ist, in dem eine solche Kleinbürgerfamilie lebt! Immer
dieselben Pflichten, dieselben Arbeiten, dieselbe Beurteilung des Lebens,
dieselben Sorgen, dieselben Gedanken, dieselben Worte, dieselben Eindrücke,
dieselben Gedanken- und Vorstellungsverbindungen! ... Und täglich die gleichen
Lebensbedingungen! ... Ich machte mir öfter das, meinetwegen: das etwas
wohlfeile Vergnügen, ganz meiner Natur gemäss, in meiner Art, in meinem Jargon
mit der Frau zu verkehren: sie verstand mich einfach nicht. Die Kluft, welche
individuelle Civilisation, eigene Geistescultur hier geschaffen, ist
unüberbrückbar. Und doch kann ich nicht umhin, selbst von meinem Standpunkte
aus, der vielleicht ein Kirchturmstandpunkt ist gegenüber dem - halten Sie mir,
bitte! den Vergleich zu Gute, - also gegenüber dem Düngerhaufenstandpunkte jener
Kleinweltsleute - vielleicht aber auch nicht! gibt es denn etwa einen einzigen,
wirklich competenten Massstab? - selbst also bei diesem Sehverhältniss muss ich
etwas Heroisches in dem stillen Aufsichnehmen, in dem beinahe kritiklosen
Ertragen aller jener erbärmlichen Lebensumstände sehen. Eine solche Frau aus dem
Volke bleibt mit ihren kleinen und ihr doch so wichtigen Sorgen um Wirtschaft
und Kinder fast immer hinter den Coulissen, kommt äusserst selten auf die Bühne
des Lebens. Sie sorgt sich und quält sich den ganzen lieben Tag ab und opfert
schliesslich auch den grössten Teil der Nacht ihren Kindern ... jammert wohl auch
öfter 'mal und stöhnt auf - und arbeitet, trägt, erträgt morgen doch wieder so
geduldig, wie sie gestern gearbeitet, getragen und ertragen hat ... Aber ich bin
ganz von dem abgekommen, was ich eigentlich sagen wollte. Jenes
Vergleichungsverfahren, das ich vorhin das Grundunglück der Menschheit nannte,
begibt sich übrigens auch bei den Märtyrern der Beschränkteit nicht ganz
seines Einflusses ... Aber hier, wo Alles noch einigermassen niet- und nagelfest,
wenn auch ungeheuer eng und klein ist; wo die Reifen nicht vom Fasse springen,
höchstens einmal aufknarren - hier ist zum Gebrauch der Comparation
verhältnissmässig wenig Zeit übrig ... und wo sie unwillkürlich geübt wird - und
das geschieht allerdings ziemlich oft - macht sie bei der Lage der Dinge
höchstens eine böse Stunde, kaum einen bösen Tag ... Die entfesselte Not, die
grollende, aussichtslose Armut bietet der Phantasie einen viel fruchtbareren,
viel günstiger präparirten Mutterboden. Doch ich bin immer noch nicht bei dem
angelangt, auf das anfangs hinauswollte. Also ... ja! ... warum durchaus - warum
partout, wie man im Deutschen sagt, verzichten, Herr Doctor? Ich möchte das
Leben noch einmal entfesseln ... noch einmal inbrünstig, leidenschaftlich an die
Brust reissen ... wie ein weiches, saftiges, halb durchgebratenes Stück
Filetfleisch zwischen die Zähne schieben und tüchtig draufloskauen ... Das muss
doch ganz köstlich sein! . Reisen ... abenteuern, sich neuen Eindrücken
überlassen ... von neuen Erlebnissen ganz hingenommen, ganz eingepökelt werden
... in eine neue Umgebung ... in neue Verhältnisse kommen ... gegen den Strom
jedweder Gewohnheit schwimmen ... natürlich schwimmen ... der Nüchternheit durch
feinstes, epicureisches Lebensraffinement den Kopf zertreten ... Talent und
Glück besitzen, um grosse, tiefe, volle Stimmungen provociren, geniessen,
festalten zu können -: ich denke mir, wenn man das so könnte, wie man das so
wollte, es müsste diesem sogenannten Dasein doch Reiz, Gestalt, Wert verleihen
... Ich glaube: so blasirt - oder wenn nicht im Weltmannssinne des Wortes
blasirt, so doch: so gleichgültig ich gegen das Alles auch bin, was ich jetzt
besitzen, geniessen ... oder mit forcirter Resignation verschmähen darf - ich
glaube: käme ich in eine Sphäre hinein, wo ich allen meinen Launen und
Bedürfnissen fröhnen, wo ich mir Natur- und Kunstgenüsse ... wo ich mir Frauen,
Wein, Spiel Sport, Luxus, kurz ein im grossen Stile gehaltenes, im grossen Stile
ausgegebenes, ästetisch feingeistig bestimmtes, reich nuancirtes Leben
gestatten dürfte - ich würde mit beiden Händen zugreifen und mit liebenswürdiger
Bereitwilligkeit vergessen, dass ich einmal in Schopenhauer'schem
Panillusionismus gemacht habe - das Märchen von den Trauben, die man sauer
findet, weil sie zu hoch hängen, Herr Doctor - nicht? Und mir scheint zudem
auch: die individuelle Seelendisposition lässt sich in jungen Jahren noch ganz
gehörig von den Verhältnissen, also auch von eventuell neuen Einflüssen, die
wirkend werden, durchcorrigiren ... Man verbeisst sich nun so oft in sich, weil -
nun, weil es Einem unbequem - ja! eben unbequem ist, mit der grössten Freundin
der Menschheit, mit der dreimal heiligen, dreimal gebenedeiten Gewohnheit zu
rechnen, die Alles ebnet, Alles siebt, Alles schlichtet, Alles glättet und
versöhnt .... Das ist gewisslich wahr! .«
    Irmer lächelte, halb gutmütig-belustigt, halb ironisch. »Ich habe das
Gefühl, Herr Doctor,« begann er sodann, nachdem er eine kleine Pause nach der
buntscheckigen Rede Adams hatte verstreichen lassen, - »dass das Alles gar nicht
Ihr Ernst ist ... Ich höre nicht gut ... und Sie sprechen auch nicht sehr laut,
aber mir kommt es vor, als ob Ihre Stimme etwas spöttisch geklungen hätte
vorhin. Nun ... ich habe eine andere Art ... wenn ich damit auch nicht gesagt
haben will, dass ich nicht auch einmal so wie Sie gedacht, gewollt und gewünscht
hätte ... das ist aber schon ein Weilchen her ... so ein paar Jahrzehnte. Gehen
Sie hinaus in die Welt, lieber Doctor! Sie sind noch jung ... Und wenn Sie älter
... alt - älter ist manchmal weniger, als alt - geworden sind, auf ganz
gewöhnliche, hergebrachte Weise alt ... physiologisch kühler und enger ... dann
kommen Sie wieder ... und Sie sind wieder Pessimist, wie es Kant, Schopenhauer,
Goete, Humboldt und die ganze Gesellschaft von Kerlen, die Etwas bedeutet
haben, gewesen sind ... On revient toujours ... Sie verstehen - das ist auch in
der philosophischen Weltanschauung nicht anders. Der Pessimismus des Alters
unterscheidet sich von dem der Jugend nur dadurch ... oder wenigstens in der
Hauptsache nur dadurch, dass ihm auch starke etische Elemente legirt sind ...«
    »Hm! Ich muss allerdings gestehen, dass es mit meinen etischen Principien
ziemlich schlecht bestellt ist ... Aber ... verzeihen Sie, Herr Doctor ... da
kommt mir eine Frage - ich will im Himmelswillen nicht indiscret sein - nun -
also: finden Sie es mit Ihren etischen Normen vereinbar, dass Sie Ihr Fräulein
Tochter, die jung ist, wie ich, und gewiss Stimmungen, Bedürfnisse, Wünsche hat,
wie ich - ich schliesse einzig und allein per Analogie - dass Sie Ihr Fräulein
Tochter also ganz in die Hände Ihrer Entsagungsphilosophie liefern? - Halten Sie
diese Praxis für absolut richtig -?«
    Adam sah bei diesen, nicht ganz sicher und unbefangen gesprochenen Worten
auf die Fingernägel seiner rechten, nach innen gekrümmten, in Schrittweite dem
Gesicht genäherten Hand - er hatte die Glacés, die ihm nicht besonders zu der
schlichten Umgebung zu passen schienen, schon vorher abgezogen - er sah auf die
Fingernägel seiner rechten Hand, als wollte er sich in den kleinen, glänzenden
Flächen spiegeln.
    »Ah ... Hedwig! ... Nun ... Nun ... ich ... ich - meine Tochter hat schon
viel durchgemacht, Herr Doctor ... sehr viel. Ich glaube, es ist Zeit, dass sie
zum Frieden kommt. Und dann ... warum soll ich's nicht gestehen? ... etwas
Egoismus ist meinerseits dabei wohl auch im Spiele. Ich bin, wie schon bemerkt,
gänzlich abhängig von meiner Tochter ... Wir arbeiten zusammen, sie liest mir
vor ... ich dictire ihr ... wenn sie mich verliesse - ich könnte nicht
weiterleben ... Wenn sie der Welt noch einmal zum Opfer fiele - sie müsste erst
mich ... erst meinen Sarg bei Seite schieben ... er würde ihr den Weg versperren
...« Das war noch leiser, noch unverständlicher, undeutlicher gesprochen, als
gewöhnlich. Irmer hatte das Haupt schwer, tiefgebeugt auf die Brust fallen
lassen ... als würde es von den Henkersknechten des Schicksals niedergedrückt.
Der Mann schaute starr vor sich hin.
    Adam erhob sich und griff nach seinem Hute.
    »Ich danke Ihnen, Herr Doctor, für die Anregung, die Sie mir gegeben ... Und
hoffentlich ... hoffentlich ist es nicht das letzte Mal, das wir
zusammengeplaudert. Die Welt ist gemein ... ganz Recht! ... und die Menschen
sind Bestien ... sie schwatzen und klatschen und kritisiren und ... keifen und
... zucken die Achseln und treten einander todt ...
Hülfreich ist der Mensch,
Edel und gut -
Doch zuweilen, wenn er gerade Durscht hat,
Säuft er seines Nächsten Blut ...
    Eh bien! ... Das ist eine bekannte Geschichte ... Doch das ist der
Pessimismus der Jugend, der zwanziger Jahre ... Man findet Alles gemein, weil
man Alles noch zu allgemein findet ... finden muss ... Qu 'importe? Wenn ich
nicht zu sehr Ihre Kreise störe, Herr Doctor - -«
    »Bitte! ...«
    »Also auf Wiedersehen! ... Wollen Sie mich gütigst Ihrem Fräulein Tochter
empfehlen ... Ich habe die Ehre! ...«
    »Adieu! ...«
    Adam verliess das Zimmer. Auf dem Corridor atmete er einmal tief auf und
schaute unwillkürlich nach der feschen Dienstmaid aus. Er hätte zu gern eine
kleine Abwechslung gehabt. Aber das Mädel blieb unsichtbar.
    Als Adam die letzten Treppenstufen hinunter schritt, betrat Hedwig den
Hausflur. Der Herr Doctor ging langsam an ihr vorüber und grüsste sehr förmlich.
Die Dame nickte kurz.
    An der Tür wandte sich Adam noch einmal um. Fräulein Irmer stieg ruhig die
Treppe hinauf.
    Adam gab einen kurzen, grellen, scharfen Pfiff von sich. Dann schlug er die
grosse, schwere, ungefüge Tür hinter sich zu. -
    Endlich war Nachricht von Lydia gekommen. Frau Lange schrieb mit kleiner,
schräger, nicht besonders geübter, kaum charakteristischer Schrift:
        »Werter Herr Doctor! Wollen Sie morgen Abend die bewusste Tasse Tee bei
        mir trinken -? Gegen acht Uhr - ja? Bitte, bringen Sie doch die Stimmung
        wieder mit, in der Sie den Brief geschrieben! Er hat mir viel Vergnügen
        gemacht, trotzdem ich ihn wohl noch nicht ganz verstanden habe. Wir
        wollen ihn noch einmal gemeinschaftlich durchstudiren. Haben Sie Ihr
        Bibelcapitel fertig? Ich habe leider wieder sehr viel Abhaltung gehabt.
        Mit bestem Grusse
                                                                   Lydia Lange.«
    »Oy sxedon ti« meinte Adam schmunzelnd, befriedigt. Und er las das Billet
ein zweites Mal. -
 
                                      IX.
Am nächsten Tage schwankte Adam unaufhörlich in seinen Stimmungen hin und her.
Er wusste wieder einmal nicht ein noch aus. Es war ihm wieder einmal das Talent
ganz abhanden gekommen, sich von der Widerspenstigkeit der Objecte anziehen,
belustigen zu lassen. Das kann doch zuweilen wirklich sehr amüsant sein.
Zweifelte er an sich, an seinen Kräften und Fähigkeiten? Er besass ein sehr
schlechtes Gedächtnis für sich. Eine erneute Stimmung nahm ihn immer so ganz
hin. Und war das gerade eine Stimmung marternder Geisteszerrissenheit, so musste
er ganz vergessen, dass ihm einmal klarer, einfacher, unmittelbarer, praktischer
zu Sinn gewesen. Es lastete ein unerklärlicher Druck auf ihm, eine
gerechtfertigt-ungerechtfertigte Trauer ... eine peinigende, gegenstandslose
Betrübnis ... kein schneidender Getsemaneschmerz ... eine lähmende,
zusammenzwingende Schwere. Er hatte keine Freude daran, die kleinen Arbeiten des
Lebens auf sich zu nehmen. Nichts Grosses erschütterte ihn, das kleine Gewürm
halber, angedeuteter Gefühle verleidete ihm das Leben, welches ihm doch manchmal
mit seinem bunten Wirrwarr, seinem unermüdlichen Farben- und Formenspiel so
unendliche Reize bieten konnte. Warum sollte er heute Abend zu Lydia gehen? Es
war doch eigentlich nicht der geringste Grund dazu vorhanden. Gewiss! Er wollte
ihr im letzten Augenblick noch abschreiben - das war das Gescheiteste. Er konnte
nicht für sich gutsagen. Er hatte die Empfindung, als müsste er heute Frau Lange
gegenüber zu bizarr in seinem Betragen, zu willkürlich sein. Oder würde ihn die
fremde, gewiss vornehme, in eigener Ordnung ausgebaute Umgebung doch einengen?
Würde seine zwar nicht besonders grosse, aber noch immerhin genügende Fähigkeit:
Cavalier, Gesellschafter zu sein, hervortreten, sobald er Lydia gegenüber stand?
Er hatte ja schon, wie er sich äusserlich erinnerte, eine ganze Reihe derartiger
Jongleurkunststücke fertig gebracht. Aber Hedwig? Hedwig? Wie stand er zu ihr?
Liebte er sie? Er hatte sich allerdings sehr oft eingebildet, ein Weib zu lieben
- und er hatte sich für dasselbe schliesslich nur interessirt, ganz beiläufig
»interessirt«. Er hatte Gefallen an ihm gefunden, irgend Etwas hatte ihn
gereizt: schönes Haar; schöne Augen; graciöse Beweglichkeit des Oberkörpers;
Halbfülle der Gestalt; ein kurzer, entschiedener Tritt; oder Naivetät des
Herzens; das Parfum geistiger Selbständigkeit; Unbeholfenheit oder
Schlagfertigkeit ... Vorurteilslosigkeit ... Coquetterie ... ehrliche oder
gemachte Verschämteit ... oder so etwas Aehnliches ... Und Hedwig? Ja! Ja! Es
wurde ihm mit bezwingender Deutlichkeit klar: er liebte sie - liebte sie mit
all' der Glut und Leidenschaft, deren er noch fähig war ... die er noch für sie
aus allen seinen früheren, engeren oder loseren Beziehungen und »Verhältnissen«
hatte retten müssen. Der Gedanke an sie hatte doch unwillkürlich - jetzt wurde
er sich dessen bewusst - in den letzten zwei Tagen die stete Unterströmung seines
Seelenlebens gebildet. Immer wieder war ihr Bild vor ihm aufgetaucht, manchmal
schärfer, deutlicher, manchmal unklarer, schwächer, linienmatter. Er hatte der
einzelnen Gelegenheiten gedenken müssen, die ihn mit ihr zusammengeführt. Er
hatte sich die Worte ... das Herüber und Hinüber ... das bewegte Widerspiel der
Gefühle und Gedanken wiederholen müssen, die ihn in ihrer Gegenwart besessen,
die sie ihm zu verstehen gegeben, die sie ihn hatte ahnen lassen, oder die er
ihr anvermutet. Er hatte viel an sie gedacht, viel über sie nachgedacht ...
hatte sich gefragt: wo sie wohl in dieser Stunde wäre ... was sie täte ... wie
sie jetzt ihr Verhältnis zu ihrem Vater auffasste ... ertrüge ... ob er selbst
vielleicht schon eine kleine Rolle in ihrer Welt spielte? ... Aber was zog ihn
nur zu ihr hin? Reizte sie seine Sinnlichkeit? Eigentlich nicht. Seit jenem
Abend bei Herrn Quöck, wo der Wein sein Blut aufgejagt, wo ihm Lydia's
Raffinement und Coquetterie brennendes Begehren in die Brust getropft ... mit
berechnender Grausamkeit langsam getropft hatte; wo er sich wohl nur aus Trotz
gegen das schöne, verführerische Weib - wenigstens wie er sich heute einbildete
- Hedwig genähert - seit jenem Abend hatte deren Gegenwart oder die Erinnerung
an sie eine immer nur mit geringen Sinnlichkeitsaffecten verbundene Sympatie in
ihm ausgelöst. Nun denn! - so musste es eben ihr Schicksal sein, was ihn reizte.
Oder etwa ihre Sprödigkeit? Ihre Art, kalt und bestimmt abzuweisen ... ihre wie
selbstverständlich dargestellte ... Selbständigkeit? Es war doch merkwürdig! Und
da! ... da schäumte es auch in ihm auf ... da begehrte er plötzlich, diese
Ungeberdigkeit zu zähmen, diesen Trotz zu brechen, diese Kälte zu bezwingen ...
Da wusste er, wie süss und berauschend es sein müsste ... es wahr und wahrhaftig
sein würde, diese herben Lippen zu küssen ... diesen verschlossenen Mund zu
köstlichen Geständnissen zu bewegen ... Ein fanatischer Sehnsuchtsrausch war jäh
über ihn gekommen. Ein starkes Leben durchpulste ihn ... ein einziges Wollen
erfüllte ihn ganz. Seine Phantasie umhing die Geliebte mit Reizen, die sie kaum
besass. Aus allen Poren strömte Adam der Drang ... quoll ihm das glühende
Begehren der entfesselten Leidenschaft heraus ... Aber da verflüchtigte sich
auch die heisse Sehnsucht des Blutes schon wieder. Eben war Adam noch der Gedanke
gekommen, dass es doch eigentlich ganz praktisch sei, in dieser
sinnlich-empfänglichen Stimmung zu Lydia zu gehen. Hedwig ... oh! Die Erinnerung
an sie konnte seine Phantasie wohl mit tausend verführerisch-reizvollen Bildern
speisen. Aber die Wirklichkeit? Die Dame war doch eigentlich schon zu
eingefroren, zu steif, zu erkaltet. Und Adam liebte das Spontane, das
Tumultuarische am Weibe ... das plötzlich Hervorbrechende, elementar
Hinreissende. Und doch reizte ihn im Grunde ein Weib ... jedes Weib nur so lange,
als es sich ihm entzog, als es seine Selbstständigkeit mit starkem Nachdruck
aufrechterhielt. Die geringste Nachgiebigkeit kühlte ihn ab ... kühlte ihn
besonders dann sofort ab, wenn sie mit einer gewissen Apatie und gleichgültigen
Nachlässigkeit in Scene gesetzt wurde. Adam liebte es, Quellen aus Felsen zu
schlagen. Die erste stürmische Glut, mit der das junge Wasser an's Licht trat,
reizte ihn. Nachher ... nachher wurde ihm das Wasser in der Regel bald ... bald
sehr, sehr langweilig. Er beobachtete es höchstens noch mit dem Interesse des
objectiven Wissenschaftlers. Nein! nein! Das war Unsinn - er liebte Hedwig nicht
... nicht im Mindesten. Wie war er nur in aller Welt darauf gekommen, sich das
einzubilden, sich das vorzudeclamiren! Es dünkte ihn nur pikant ... weiter
nichts als pikant, auf sie zu wirken, sie zu beeinflussen, sie zu beunruhigen
... in den zähen, träge geronnenen Lauf ihres verstockten und verkümmerten
Lebens allerlei neues, eckiges, strudelerweckendes Zeug hineinzuwerfen. Er
wusste, dass er das Weib eines Tages einmal küssen würde. Vielleicht war er auch
im Stande, im Aufruhr der Stunde noch intimere Leidenschaftsbeweise zu
erzwingen. Und dann? Dann musste er die angebissene Frucht nach den Gesetzen
seines Organismus eben wegwerfen. Eine grausame Unzuverlässigkeit gehörte ihm an
Oh! Er wusste: einmal hatte er mit dieser grenzenlosen Gleichgültigkeit nur
gespielt. Es war ihm pikant gewesen, sich ihren Besitz anzudichten, vorzulügen.
Und nun? Nun besass er sie wirklich - und die Brutalität dazu, sie halb bewusst,
halb unbewusst vor sich und Anderen verleugnen zu können ... oder er prunkte mit
ihr. Und da gefiel es ihm öfter, sie für harmlose Coquetterie auszugeben, wo sie
doch wohl nur traurige Tatsache war. Nein! Fräulein Irmer war Adam in diesem
Augenblicke nichts ... absolut nichts. Warum sollte er heute Abend also nicht zu
Lydia gehen? In seinem Spiegelschränkchen trieb sich eine Anzahl verbrauchter
Glacéhandschuhe ... eine sehr niedliche Sammlung abgetragener Shlipse und
Schleifen herum. Die Sippschaft fiel Adam in die Augen, als er nach seiner Eau
de Cologne-Flasche suchte. Er nahm einen Handschuh zwischen die Finger und
betrachtete ihn sehr gedankenvoll. Das Leder war mürb, brüchig, rauh, hier
schlaffer, dort härter, steifer geworden .... wie gedörrt, runzelig
zusammengetrocknet. Die Farbe unreinlich, verschossen, stark verschmutzt.
Allentalben geplatzte Nähte ... ein Knopf war abgesprungen, ein anderer liess
seinen schmutzig-gelben Messingscheitel todestraurig herabhängen. Warum schmeisst
man das Gesindel nicht in die Lumpen? philosophirte Adam sehr tiefsinnig. Und er
dachte an sein Individuum. Ob ... hm! ... ob man seine »Seele« nicht einmal ...
nicht einmal - rasiren lassen könnte? - -
 
                                       X.
In tadellosem, schwarzem Gesellschaftanzuge; mit einem Gesicht, das halb müde
Gleichgültigkeit, halb obligate, gegenstandslose Neugier und Gespannteit
ausdrückte, trat Adam Mensch einige Stunden später in das Cabinet Lydias.
    »Sie haben mich gerufen, gnädige Frau - ich bin gekommen ...«
    »Ich danke Ihnen, Herr Doctor!«
    Lydia hatte bei dem Eintreten Adams vor ihrem zartgliedrigen
Luxusschreibtische, der so gar nicht für ehrliche, schwere Arbeit auf der Welt
zu sein schien, gesessen und war nun aufgestanden. Ein leiser Moschusduft lag im
Gemach. Auf dem Schreibtische brannte inmitten einer Fülle eleganter Nippes,
inmitten einer zwanglos und doch geschmackvoll arrangirten Kleinwelt von
Statuetten, Photogrammen, Portraits, Goldschnittbändchen, lose
durcheinandergezetteltem Pergamentpapier, Muscheln und Steinen, eine
grünverhangene Broncelampe. Das mittelgrosse Zimmer war von den Schatten
anheimelnder Dämmerung durchdunkelt. Die Umrisse der Möbel verschwammen, die
Farben und Muster der Teppiche und Decken hatten einen ernsten, schwarzbraunen
Ton angenommen.
    Lydia hatte die Lampe auf den kleinen, runden Tisch gestellt, der, umgeben
von einer Fauteuils-Corona, vor dem Sopha an der gegenüberliegenden Breitseite
des Zimmers stand.
    »Ich muss doch wohl für etwas mehr Licht sorgen -«
    »Wenn ich bitten darf, gnädige Frau ... diese Lichtstimmung ... es ist so
poetisch, dieses Zusammenfliessen von Hell und Dunkel -«
    »Ja? Nun ... dann ... ich habe diese Beleuchtung auch sehr gern ... gerade
dieses clair-obscur ... Aber modern ... modern ist es doch eigentlich kaum, Herr
Doctor ... So mittelalterlich ... so romantisch ... Nun suchen Sie sich bitte
einen Fauteuil aus ... und dann will ich den Tee bestellen ... oder ... oder -
Emma wird ihn allerdings schon bereitet haben ... aber das tut ja nichts ...
sie mag ihn 'mal selbst probiren - ich schlage vor, Herr Doctor, dass wir unsere
erste Sitzung mit einem Glase Steinberger Cabinet einweihen - ja ...?«
    »Gnädige Frau - ich ... meinetwegen -«
    »Jetzt ist er schon so weit, dass er meinetwegen sagt!« fiel Frau Lange
neckisch ein. »Diese Gnade, lieber Doctor! ... Ich danke Ihnen! ...«
    »Ich bitte ... Sie haben mich missverstanden, gnädige Frau ...«
    Lydia schellte. Ein Diener trat ein.
    »Also einige Flaschen Steinberger, August, und sagen Sie Emma, sie möchte
auftragen.«
    »Denken Sie, Doctor, dieser junge Mann, dieser Weinapostel, heisst August -
schrecklicher Name ... nicht? Aber er lässt ihn sich nicht abgewöhnen ... diese
Leute haben auch ihren Stolz ... Was will ich machen? So sehr ich mich empöre -
ich muss mich schliesslich fügen. Es bleibt mir nichts Anderes übrig. Und der
Mensch ist doch sonst ganz tüchtig und zuverlässig ...«
    Adam antwortete nicht. Eine spitze, bittere Bemerkung lag ihm auf der Zunge.
Aber er unterdrückte sie. Da klagte ihm eine schöne, vornehme Dame ihr Leid ...
ein Leid, das im Grunde wirklich ausserordentlich schwer und herb war. Und sie
fand es der Mühe wert, an ein Nichts eine ganze Reihe von Worten zu
verschwenden. Wusste sie wirklich nicht, dass man sich manchmal noch in ganz ...
andere Dinge fügen muss?
    »So schweigsam, Herr Doctor? Warum? Nein! ... heute Abend ... heute Abend
lieber nicht! ... Melancholisch? Nun ... vielleicht löst Ihnen der Wein die
Zunge ... Lassen Sie doch die alten, odiosen Gespenster! Bei meinem Vetter ...
neulich ... fiel es mir schon auf, dass ... doch .... hören Sie! Draussen tobt der
April! Wir wollen uns recht gemütlich fühlen ... die letzte, karge
Wintergemütlichkeit ... es wird leider so bald auch ausserhalb des Kalenders
Frühling ... und dann ...«
    »Und dann werden wir auf Ihrem Balkon sitzen, gnädige Frau, und ... und -
und werden - -«
    »Und werden? Was Sie sich einbilden, Doctor! Doch ... pardon! ... Ja ... ich
hoffe auch - Mai ... Juni - nun! Wir wollen uns vornehmen, einen recht intimen
Frühling zu verleben ... einverstanden? ...«
    »Lydia! ...« Adam war der Vorname Frau Lange's entfahren - er wusste nicht,
wie ...
    »Dummheit, Herr Doctor! Was fällt Ihnen ein! Wir sind doch zwei ganz
vernünftige Menschen! Nicht wahr? ... Was macht übrigens Ihr Bibel-Capitel? ...
Nein! Wie mich Ihr hübscher Brief amusirt hat! - Aber was hat die Emma nur?«
    Frau Lange schellte zum zweiten Male. In demselben Augenblicke trat das
Mädchen ins Zimmer, eine ziemlich umfangreiche Tablette nur mit Mühe vor sich
her balancirend.
    »Was soll das nur heissen, Emma! Du hast Dir wohl den Tee erst 'mal näher
besehen? ... Dazu war doch nachher auch noch Zeit! Und auch der ... der August
bleibt mit dem Weine - ich glaube gar, Ihr ... Emma! ... ich will nicht hoffen -
- Ihr fliegt alle Beide an die Luft - das kann ich Euch sagen ...«
    Emma war rot geworden. »Gnädige Frau ...« stotterte sie -
    Adams Auge weilte wohlgefällig auf der vollen, ebenmässig abgerundeten
Gestalt des Mädchens. Das war nicht zu viel und nicht zu wenig. Diese Arme unter
dem straffen, enganliegenden Kleide ... diese Brust unter dem wie geschient
geschnürten Corset ... dieses frische, volle, nur etwas zu gleichmässige, zu
runde Gesicht ... die Gelenkigkeit der Bewegungen ... der nicht unangenehme
Geruch frischgewaschenen, frischgestärkten Leinens, der von ihrer Kleidung
ausging -: mit dem Allen war Adam sehr einverstanden. Lydia bemerkte, wie
aufmerksam und augenscheinlich wie befriedigt der Herr Doctor das Mädchen
musterte.
    »Sie sind ein Epicureer, Herr Doctor!« sagte Frau Lange spöttisch.
    »Wieso, gnädige Frau? Weil ich für Ihre reiche Tafel kein Auge ... kein
Verständnis zu haben scheine? Verzeihen Sie! ...«
    »Sie gestehen also? ...«
    Emma schickte sich an, das Zimmer zu verlassen. An der Tür wusste sie sich
noch einmal so zu drehen, dass sie einen vollen Blick auf Adam werfen konnte.
    »Emma!« rief Lydia laut nach. Das Mädchen trat in den Türrahmen zurück.
    »August mag sich ein Wenig beeilen - und dann bring' die grosse Lampe aus dem
blauen Salon herüber ... Sie sollen Ihre Augen nicht zu sehr anstrengen, Herr
Doctor!« fügte Frau Lange, zu Adam gewendet, ironisch hinzu.
    Adam und Lydia sahen sich fest an. Sie verstanden sich. -
    »Aber ... Sie sind doch noch nicht fertig, Herr Doctor? Ich bitte Sie!
Wollen Sie nicht noch 'n Stück Fleisch nehmen? Bitte ... ja! Es ist delicat, wie
ich, ohne meine Küche rühmen zu wollen, sagen darf ... Ein Scheibchen Pökelrippe
- ja? Oder ein Wenig Dessert? Lassen Sie sich nicht nötigen! Schlimm genug, dass
man selbst Ihnen gegenüber die alten, abgestandenen Redensarten gebrauchen muss!
Aber Sie sind gar nicht originell! Sie bilden sich gar nichts auf sich ein! Und
- was das Schlimmste ist - Sie vergessen ganz, dass Sie mich beleidigen, wenn Sie
mich zwingen, Sie nach der Art des ersten besten Durchschnittsmenschen zu
behandeln ...«
    »Ich bitte, gnädige Frau! ... Ich habe gar kein Recht, etwas Besonderes
scheinen zu wollen, sintemalen ich gar nichts Besonderes bin ... Wenigstens
momentan ... In den letzten Wochen, wenn nicht Monaten, bin ich meinem ganzen
Denken und Fühlen nach ein verzweifelt alltäglicher Mensch gewesen ... Ich finde
nichts Neues mehr ... ich erkenne Nichts mehr ... ich habe keine Interessen mehr
... ich bin gegen Alles grenzenlos gleichgültig ... Alles ist todt, verschüttet,
ausgestorben in mir. Ein Druck liegt auf mir - ich sage Ihnen: furchtbar! Ganz
furchtbar! Und Nichts ... Nichts reisst mich aus dieser Verstumpfung heraus ...
Ich glaube ... ich fürchte: meine beste Zeit ... die Zeit, wo ich geistig aktiv
sein durfte ... wo ich für tausend Reize empfänglich war ... wo ich nach allen
Seiten hin Anregung gab und Anregung empfing, ist vorüber ... Und ... und
gewöhnlich vermisse ich absolut Nichts. ... das ist das Entsetzlichste. Nur
manchmal, wie eben jetzt, werde ich mir dieser hagebüchenen Leere und
Nüchternheit bewusst - und dann krampft's sich in mir zusammen - ach! ... Varus!
Varus! Gieb mir meine Legionen wieder! ...«
    Lydia sah den ihr gegenübersitzenden Adam gespannt an. Sie hielt sein
Gesicht auch mit dem Auge fest, als August eintrat und den Wein brachte. Frau
Lange verstand den Herrn Doctor im Grunde wohl kaum. Aber mit dem feinen
Instinkt des Weibes fühlte sie, dass ihr Gast da etwas aus seinem Seelenleben
preisgab, was für ihn schmerzliche Wahrheit und Gültigkeit besass.
    »Nun ... nun, Herr Doctor ... in diesem Sinne - - ich wollte durchaus keine
Beichte herausfordern ... verzeihen Sie, wenn ich Ihnen Gelegenheit zu einem
Missverständnis gab ... Bei meinem Vetter übrigens ... neulich Abends
...erschienen Sie mir durchaus nicht so pessimistisch ... haben Sie inzwischen -
doch pardon! ... Und ... und damals empfing ich auch den Eindruck von Ihnen, dass
man Sie durchaus nicht mit dem ersten besten Strohmann - bewundern Sie nur meine
Scatkenntnisse! - mir schien es also, als ob man Sie durchaus nicht für einen
Strohmann des Lebens halten dürfte ... Und darum meinte ich vorhin - - ach! ...
Wissen Sie übrigens, Herr Doctor, dass ich Ihnen eigentlich ... eigentlich ein
Wenig böse sein sollte? Sie -«
    Lydia hatte sich erhoben und füllte die Gläser. dabei sah sie, am Tische
diskret eingewinkelt nach vornüber gebeugt stehend, ihren Gast mit einem
reizenden Lächeln von der Seite an.
    »Böse? Sie erschrecken mich, gnädige Frau! Warum böse, wenn ich fragen
darf?«
    »Verstellen Sie sich nur nicht! Sie wissen ganz genau, was ich ... was ich
... meine - oder sollten Sie ... sollten Sie? Das wäre doch zu naiv! . Nicht
wahr -?«
    »Ich bin immer noch ratlos -«
    »Vergessen wir den Wein nicht! ... Und nun lassen Sie Ihre Reserve ein Wenig
fahren, Herr Doctor - ja? Sie geben sich in der Unterhaltung so ohne Patos ...
so - ich weiss gar nicht ... ich liebe die Force, das Spontane ... das
Unberechenbare ... und Sie scheinen doch sonst das Zeug zu haben, ein eigenes
Gesicht zu machen ... einen eigenen Menschen vorzustellen - heute sind Sie so
conventionell - wie ich schon vorhin sagte ... so ... so ... nun! ... man
erwartet gar Nichts von Ihnen ... kurz: heute sind Sie ganz schrecklich, Herr
Doktor! ... Was fehlt Ihnen nur -?«
    »Mir? ... Nichts ... gar Nichts, gnädige Frau! ... Im Gegenteil: ich fühle
mich sehr wohl ... sehr behaglich ...«
    »Nun! dann wollen wir 'mal anstossen - bitte!«
    Die Gläser trafen sich, aber auch die Augen. Schlumernde Flammen wurden da
geweckt, brachen heraus und züngelten heftig in einander.
    »Also ... Sie wissen noch nicht -?«
    »Nein! Noch nicht, gnädige Frau -!«
    Lydia wandte sich ab. Sie nestelte an ihrer Uhrkette und sah nach dem
Schreibtische hinüber.
    »Wie geht es eigentlich Fräulein Irmer, Herr Doctor«? fragte sie nach einer
kleinen Pause leichtin, ohne Adam anzusehen.
    Jetzt hatte der Herr Doctor allerdings verstanden. In seinem Gesicht zuckte
es. Und da wandte sich ihm Frau Lange auch wieder voll zu. Sie bemerkte den
ironischen Zug um Adams Mund und Nase, bemerkte die etwas zusammengekniffenen
Augen. Ein sehr verzweigter, im Ganzen aber doch mehr angedeuteter, als
erschöpfend ausgeführter Gefühlscomplex: momentane Wut ... Hass ... Zorn ...
Neid ... drängte sich ihr auf. Dieser Mensch konnte doch zu impertinent, zu
moquant sein. -
    »Nun?« fragte Frau Lange indignirt.
    »Hedwig Irmer, gnädige Frau ...« - Adam setzte absichtlich, mit einer
kleinen, unscheinbaren und doch, wie er wusste, nicht wirkungslosen Betonung den
Rufnamen voran - »Hedwig Irmer - ja! ... habe ich die Dame denn seitdem - -
seitdem? - richtig! ich machte ihrem Vater neulich einen Besuch - und da -«
    »Gefällt Ihnen Hedwig, Herr Doctor -?« Frau Lange hatte sich zurückgelehnt
und streckte die Hand nach ihrem Weinglase aus. Die wundervolle Plastik des
Armes trat berückend hervor. Der Aermel straffte sich zurück, und das volle,
runde Handgelenk schimmerte verführerisch auf in seiner frischen, gelbweissen
Waizenfarbe. Nun hatte Lydia das Glas zum Munde geführt und blinzelte Adam über
den Rand hin an.
    »Warum sollte mir Fräulein Irmer nicht gefallen -?« erwiderte Adam
spöttisch-nachlässig. »Die Dame hat entschieden etwas sehr Eigentümliches. Sie
scheint auch intellektuell nicht unbedeutend zu sein. - Allerdings! ein Bissel
zu viel triste, dürre Abstractions-Philosophie hat sie unter der Anleitung ihres
Herrn Vaters wohl doch schon geschluckt. Unmittelbares ... Ursprüngliches geht
ihr vollkommen ab. Ich glaube, man muss sich ... man müsste sich erst durch einen
dicken Wall von Vorurteilen und Voreingenommenheiten hindurcharbeiten - ganz
abgesehen von der seelischen Schwerfälligkeit, die gar nicht zu brechen sein
wird -«
    »Hm! ...«
    Adam sah Frau Lange an. Sie verstanden sich wieder einmal.
    » ... Die gar nicht zu überwinden sein wird ... sein würde - - wenn ... wenn
also ein seelisch einigermassen intimer Verkehr ermöglicht werden sollte.
Interessant ist die Dame aber zweifellos. Nun ... es wird nachgerade Zeit, auf
Urwüchsigkeit überhaupt zu verzichten. Man hat sie ja selbst längst ... längst
eingebüsst - es ist rabbiater Unsinn, sie immer wieder mit Patos zu fordern und
zu erwarten. Wenn man bedenkt, wie bescheiden man eigentlich schon geworden ist!
Es ist mitunter rein zum Todtlachen! Das heisst: man wird ... man ist unkritisch
geworden. Von welchen kargen, geradezu dämonisch kargen Reizen lässt man sich nur
immer wieder ködern und bewältigen! Man studirt und liest und schreibt und
plaudert und verkehrt mit Menschen ... man besucht Gesellschaften, treibt sich
in Localen herum ... wie gesagt: fast ohne jede Kritik mehr ... ohne sich noch
darüber klar zu werden, dass man sich mit dem Allen doch eigentlich furchtbar vor
sich selber compromittirt! Gott sei Dank, dass ich kein sogenannter Dichter bin!
Diesen Leuten sollen ja alle Kreaturen auf Gottes Erdboden ... ob sie nun
vierbeinig oder zweibeinig oder x-beinig, wie der liebe Hummer, herumlaufen,
interessant sein ... Das schwatzt nämlich immer einer von diesen Herren Dichtern
dem ander'n vor: Du! Höre' mal! Du musst für Alles Sympatie haben! Du musst
hinter Allem das rein Menschliche suchen, wie hinter dem Spiegel das
Quecksilber. Stöbere nur - du wirst's schon finden, lieber Freund! Als ob der
sogenannte Dichter nicht auch geistige Selektionstendenzen besässe! Nein! Es ist
oft zum Verzweifeln, wenn man sieht, was für Phrasen heutzutage colportirt
werden auf der Welt! - - Schätzen Sie sich glücklich, gnädige Frau, dass Sie von
all' dem elenden Wirrwarr, von der colossalen Begriffsverwirrung, die sich
allentalben breit macht, hier in Ihrem schönen buen retiro so wenig, so
blutwenig hören! ...«
    »Aber Sie wollten ja von Fräulein Irmer sprechen, Herr Doctor ... Sie
begannen doch wenigstens in der Tonart - und nun sind Sie wieder einmal ...
wieder einmal bei mir angelangt - das ist doch -«
    »Wundern Sie sich darüber, Lydia -?« Das hatte Adam halb absichtlich,
zweckbewusst, halb unabsichtlich, von seiner Stimmung, seiner momentan
auffahrenden Leidenschaft hingerissen, mit leiser, vibrirender Stimme
gesprochen.
    Die Beiden sahen sich an. Und Adam versuchte, Frau Lange's linke Hand -
Lydia sass rechts von ihm auf dem Sopha - zu erhaschen. Es gelang ihm. Lydia
hatte sich abgewandt. Sie atmete erregter. Einen Augenblick fühlte Adam die
kleine, warme, weiche Hand der schönen Frau zwischen seinen bebenden Fingern.
Ein heftiges Begehren durchschüttelte ihn. Er bezwang sich. Und elegant zog er
Lydias Hand an seine Lippen. Frau Lange seufzte leise auf und erhob sich.
    »Da haben Sie's, Herr Doctor: das Mädchen lässt sich nicht wieder blicken. Es
ist unerhört. Nun, ihre längste Zeit ist sie hier gewesen, die Dame. Ich muss
doch 'mal selber nachschauen, wo sie eigentlich steckt. Verzeihen Sie - ich bin
sogleich zurück -«
    »Bitte sehr, gnädige Frau ...«
    Lydia verliess das Zimmer. Im nächsten Augenblick öffnete sie noch einmal die
Tür von aussen und rief ins Cabinet zurück: »Ich hatte ganz vergessen ... die
Cigaretten ... wollen Sie sich bedienen, Herr Doctor! - auf meinem Schreibtisch
- rechts ... neben dem Couverts-Carton ... steht die Schachtel ... fangen ...
fangen Sie nur Feuer -!«
    Lydia lächelte berückend zu Adam hinüber. Nur ein kleiner Raum lag zwischen
den beiden. Die Beleuchtung war allerdings zu schwach, um die Formen der schönen
Frau scharf und deutlich hervortreten zu lassen. Und doch floss ein
verführerischer Atem von dieser in der Türöffnung etwas nach vorn gebeugt
stehenden Gestalt zu Adam hin.
    »Sehr liebenswürdig, gnädige Frau ...«
    Lydia verschwand wieder. Der Herr Doctor hatte sich erhoben. Er fühlte sich
sehr behaglich. Er stand einen Augenblick mitten im Zimmer still und dehnte und
reckte sich. Ein kleiner Drang zum Gähnen befiel ihn. Aber er unterdrückte ihn
tapfer. Das dünkte ihn denn doch zu undankbar. Mit grosser Genugtuung sog er die
Atmosphäre des elegant-gemütlichen Cabinets ein. Diese von der matten
Beleuchtung mehr durchdunkelte als erhellte Umgebung entsprach sehr intim seinen
Bedürfnissen und Neigungen, gebar ihm eine eigentümlich reizvolle Stimmung. Und
das Begehren ward in ihm lebendig, dauernd unter solchen, in sich gesicherten
Bedingungen zu leben. Und Lydia? Adam sagte sich, dass er ihrer pikanten, vollen,
reifen Frauenschönheit heute Abend zum Opfer gefallen war. Starken Eindrücken
war er ja so zugänglich ... wenigstens konnte er sich für eine kurze Zeitspanne
ganz von ihnen aufzehren lassen. Nun! Er wollte den Genuss der Stunde auskosten.
Wer weiss, was ihm noch bevorstand! Oder sollte er selbst versuchen, mit starker
Hand in die Speichen seines kleinen Privatschicksalsrades zu fallen? Sollte er
versuchen, mit schnellem, kühnem Griff das an sich zu reissen, was ihm da aus dem
Dämmerungsschoosse einer, wie es schien, nicht ungnädigen Zukunft blendend
entgegengaukelte? Adam war unschlüssig. Er konnte auch nicht anders, als
unschlüssig sein. Noch zu amorph, noch zu unklar und verschwommen lag Alles vor
ihm. Und gerade die Ungewissheit war es ja, die ihn reizte, die ihm eine pikante
Berechtigung gab, Alles zu erwarten, Alles zu erhoffen. Nachher ... nachher,
wenn er seinen Sieg oder seine Niederlage erlebt hatte, war er ja wieder in die
kalte, schneidende Winterluft seiner radicalen Resignation, seiner brutalen
Gleichgültigkeit zurückgestossen. Doch auf die Dauer war ihm das Klima dieser
Eiszone unerträglich. So hatte sich mit der Zeit bei Adam das Bedürfnis
herausgebildet, sich allerlei Möglichkeiten zu verschaffen, die seinen
Hoffnungen, seinen Erwartungen einen möglichst grossen Spielraum gewährten, ...
die bei einer günstigen Combination zu Tatsachen werden konnten, welche für
sein Leben entscheidend waren ... entscheidend nach der zukunftsichernden,
emporführenden, Alles versprechenden Seite hin. Vor der unmittelbaren Prüfung
jener Möglichkeiten schrak Adam zurück. Er war nicht kleinlich, nicht feige.
Aber nach dem süssen Morphiumgift eines gewissen, nicht besonders merkwürdigen,
aber auch nicht gerade alltäglichen, im Uebrigen eigentlich sehr unschädlichen
Epicureismus hatte auch schon sein Blut - und war das auffallend? - heisses
Verlangen tragen gelernt.
    Adam trank sein Glas leer und ging zu Lydias Schreibtisch hinüber. Er
betrachtete einige Augenblicke sinnend das kleine, feine, entschieden
distinguirte, jetzt nur zu undeutlich beleuchtete Möbel. Nein! Das war Alles
viel zu zierlich, das war Alles viel zu geschmackvoll arrangirt, zu feingeistig
zusammengeordnet, um mehr, denn eine schöne Dekoration zu sein. Diese engen,
flachen Schubkästen waren nur dazu bestimmt, schmale, dünne, discret parfümirte
Briefchen, die wohl eine rot- oder blauseidene Schlinge einschnürt,
aufzunehmen. Diese kleine, dünne, feuchtbraun glänzende Platte ertrug höchstens
den reservirten Druck eines zärtlich-vorsichtigen Frauenarms, duldete wohl
gerade nur die Gegenwart eines Briefblattes, auf welches eine schöne,
ringblitzende Damenhand allerlei Koseworte, ein schillerndes Wortgetändel,
krause Gedankenarabesken niedertropfen lässt ... oder die Gegenwart eines
graciösen Goldschnittbändchens, in dem man blättert, um hier einen elegant
geformten Satz, dort einen geschmeidigen Reim aufzupicken, oder eine perlende,
schillernde Strophe, die leise eine Saite der Erinnerung anschlägt ... eine
Saite, die nun verhalten aufklingt ... und in zarten Schwingungen Bilder um
Bilder empordämmern lässt ...
    An diesem Tische muss eine schöne Frau wunderbar träumen und sinnen und
plaudern können ... Plaudern mit den Gestalten ihrer Träume, ihrer Phantasie'n
...
    Adam verspürte wirklich Appetit auf eine gute Cigarette. Er bemächtigte sich
der Schachtel, die er leicht fand, und ging zum Sophatisch zurück. In demselben
Augenblick, wo er den braungelben, krausgeflockten Tabak über der Lampe
anzündete, trat Lydia wieder ins Zimmer.
    »Mit Ihrer Erlaubnis, gnädige Frau, habe ich also soeben ... soeben Feuer
gefangen ...«
    »Bravo, Herr Doctor!« Lydia lächelte, aber etwas gezwungen. Unmut und
Aerger lagen auf ihrem Gesicht.
    »Wie glücklich sind doch diese Menschen!« liess Frau Lange jetzt verlauten -
»Sitzen die beiden, August und Emma, seelenvergnügt in der Küche zusammen und
schwatzen sich tausend Dummheiten vor ... Alles Andere wird ganz gemütlich
vergessen - die Leutchen scheinen rechtschaffen verliebt ineinander zu sein ...
Geschmacklos - finden Sie nicht auch, Herr Doctor? Diese dumme Plebejerliebe!
...«
    »Geschmacklos - warum, gnädige Frau? Warum nennen Sie das Natürliche
geschmacklos? Und Sie finden doch auch, dass die Menschen glücklich sind! Ja! Ich
glaube es beinahe auch: glücklicher sind sie, als Unsereiner ... Sie dürfen so
viel ungenirter, so viel zwangloser, unmittelbarer, derber, ehrlicher sein!
Allerdings ... für uns ist unter Umständen ja gerade das Unnatürliche ...
glücklicherweise das Natürliche ... das Pikante, das Reizende, Anreizende,
Schaffende. Ich wenigstens liebe offene Türen nicht besonders ... Es ist so
langweilig, eins zwei drei sein Ziel zu erreichen ...«
    Lydia hatte sich Adam gegenüber auf einen Fauteuil niedergelassen und
zündete sich jetzt eine Cigarette an.
    Es klopfte.
    »Herein!«
    Emma brachte zwei Flaschen Wein und schickte sich an, das Geschirr
abzuräumen. Das Mädchen sah sehr kleinmütig aus. Adam erhielt einige scheue,
unbeholfene Blicke. Lydia schien ganz von ihrer Cigarette engagirt zu sein. Eine
peinliche Stille lag im Zimmer. Emma hantirte unsicher, ihre Hände zitterten.
Einige Male liess sie sehr unsanft das Geschirr zusammenklappern.
    »Nun schmollt die Dame auch noch -« begann Frau Lange, als das Mädchen das
Zimmer wieder verlassen hatte.
    »Wie haben Sie eigentlich das Rauchen gelernt, gnädige Frau?« fragte Adam in
der Absicht, dem Gespräche eine andere Wendung zu geben.
    »Wie? Komische Frage, Doctor! So viel ich mich erinnere, habe ich mich
diesem abscheulichen Laster schon sehr früh ergeben. Das heisst -: geboren bin
ich mit einer Cigarette im Munde gerade nicht ... aber später ... einige Jahre
darauf ... in der schönen, schönen Backfischzeit - da rauchten wir
Selektanerinnen eben alle ... Ueberhaupt, Doctor, Sie können sich keinen Begriff
davon machen, wie ... gescheit so eine höhere Tochter schon ist! ... Sie weiss
... sie weiss so Manches, das ... nun! das ... ich will nicht sagen: das sie
eigentlich noch nicht wissen sollte - - mein Gott! warum so heucheln, so prüde
tun, so vorurteilsvoll sein! ... aber ... sie weiss doch offengestanden so
Manches, was man durchaus nicht erwarten sollte von einer solchen wohlerzogenen
jungen Dame ... Wir hatten damals einen kleinen, interessanten Amazonenclub
gestiftet - sous main! lieber Doctor! ... aber bitte! - schenken Sie meinem Wein
ein klein Wenig mehr Ihre Gunst - er ist doch nicht gerade schlecht - Prosit!
...«
    Die beiden taten einen tüchtigen Zug. Unerwartet war durch den offenen,
burschikosen Ton, den Lydia angeschlagen, eine frischere, intimere Bewegung in
die Unterhaltung geflossen.
    »Also Ihr Amazonenclub, gnädige Frau -?«
    »Nein! ... Von dem will ich doch lieber stille sein ... Wir haben tolle
Geschichten gemacht - weiss Gott! - aber bedienen wir uns nur wieder einmal des
bekannten Schleiers der christlichen Liebe -«
    »Gnädige Frau! ...« bat Adam sehr eindringlich. Das Tema interessirte ihn
aufrichtig. Er hätte zu gern noch einige harmlose Einzelheiten aus sotanem
Capitel erfahren.
    »Ih! Wie werd' ich denn, Herr Doctor! Und warum Ihre Neugier? Wir sind
allzumal Sünder! Also ... später - später verheiratete ich mich. Mein seliger
Mann rauchte leidenschaftlich. Er konnte es nicht lassen, obwohl es ihm seiner
defekten Lunge wegen der Arzt streng untersagt hatte. Mein Mann sah es gern,
wenn Damen rauchten. Er hatte eine grosse, freie, starke Seele, die anders
fühlte, als der Tross der beschränkten Krämer- und Lakaienseelen. Er sah nichts
Beleidigendes, nichts Compromittirendes darin, wenn eine Dame ein Wenig
selbständig im Denken und Handeln war ... ein wenig emancipirt, wie man zu sagen
pflegt. Schade, dass er so früh gehen musste ... Nun kommt er nie wieder zurück
....«
    Lydia hatte die letzten Worte mit leiser, stockender, zitternder Stimme
gesprochen. Sie war sehr nachdenklich geworden, beinahe weich, vielleicht so
etwas wie sentimental. Auf ihrem Gesicht stand ein Ausdruck ehrlicher Trauer,
eines beinahe zärtlichen Schmerzes. Adam stutzte. Nun wurde er doch verwirrt.
Das hatte er nicht erwartet. Er hatte sich so ganz daran gewöhnt, Frau Lange als
... nun! ... eben gleichsam als jungfräuliche Wittwe zu betrachten ... losgelöst
von allen Beziehungen, die ihm etwa peinlich, unbequem hätten sein, die ihm
hemmend hätten werden können. Und jetzt bewies diese schöne, verführerische Frau
plötzlich die innigste Teilnahme für ihren verstorbenen Gatten. War ihre Trauer
echt, ihr Schmerz wahr? Oder coquettirte sie nur? Wollte sie ihn durch diesen
schluchzenden Schmerz nur reizen? Oder hatte sie ihren Mann wirklich ...
geliebt?
    Adam sog noch einmal an seiner Cigarette und legte den mürben, runzligen
Rest dann weg.
    Lydia fuhr auf. Sie strich sich mit den kleinen, schmalen Fingern der linken
Hand über Stirn und Augen, presste die Hand einen Augenblick gegen die Brust und
griff nach ihrem Glase.
    »Prost, Doctor! Nun wollen wir wieder vernünftig sein! Was kann das
schlechte Leben helfen! Es ist so dumm, ewig mit der Vergangenheit zu ... zu ...
nun ... Ihnen kann ich's ja sagen - Sie werden es wohl auch selbst gemerkt haben
-: ich habe nur coquettirt! Wahrhaftig! ich habe nur coquettirt! Verlassen sie
sich d'rauf! Ich wollte Sie 'n Bissel - was? - Sie glauben mir nicht? Sie
unschuldsvoller Engel Sie! Jawohl! Glauben Sie's nur! Ich bin eine ganz herzlose
Coquette! Ich bin ein sehr schlaues, listiges, berechnendes Weib! ... Nun tun
Sie mir aber den Gefallen - und sehen Sie nicht so - ich hätte beinahe gesagt:
nicht so - dumm aus! Pardon! So Etwas ist Ihnen noch nicht vorgekommen? Ja! Ihr
Männer! Ihr glaubt immer, Ihr hättet die Originalität allein gepachtet! So'n
armes, dummes Weib kann auch 'mal genial sein - warum denn nicht? Ihr seid durch
die Bank eben so eitel, wie wir! Es ist ja alles ganz gleich: der eine ist 'n
Trefle-Bube, der andere 'ne Carreau-Sieben - zu Kartenkunststücken müssen wir
alle herhalten ... Lassen wir die Todten ihre Todten begraben! Da haben sie
wenigstens Etwas zu tun! O über dieses tiefsinnige Leben! Leben! Leben! Ich
lebe! Ich will leben! Ich vergehe vor Appetit auf das Leben! Mein lieber, guter
Männe! Nicht wahr - Du bist Deinem kleinen Weibchen nicht böse, wenn es sich
noch 'n Bissel amusiren will auf dieser schönen Welt? Nein! nicht wahr? - Du
schläfst ruhig weiter und lässt Dich gar nicht stören? Recht so, mein liebes
Kerlchen! Wir haben uns ja immer so gut vertragen! Doctor! Wollen wir morgen
früh beide nach Italien reisen? Ich halte es unter diesen Philistern hier nicht
mehr aus. Aber ... mein Gott! Was sehen Sie mich denn so erschrocken an? Ja, ja!
mein Herr! So ... so aufgeräumt ... so offen und burschikos kann Fräulein Irmer
nicht sein - wie? oder doch? Das gute, kleine Fräulein! Nächstens muss ich es
doch wieder 'mal einladen! Die Dame macht sich nur immer so rar - kommt
eigentlich nie ... aber wenn Sie auch hier sind - -«
    »Gnädige Frau! ...«
    »Na ja, Doctor! ... Was - der Wein ist gut? Ja, ja! Mein Mann hatte eine
feine Zunge. Mir ist ganz merkwürdig zu Mute. Ich sehe plötzlich Alles so
unheimlich scharf - das Bedeutende löst sich kräftig heraus - ich komme so
unheimlich nahe an die Dinge heran ... weiss gar nicht ... gar nicht - - - haben
Sie, Doctor ... wollen wir nicht in dieser Stimmung - - - ganz sonderbar! -
haben Sie Nichts - Nichts - kein Gedicht oder so Etwas bei sich? ... Irgend
einen Dityrambus der Freude - ich bin ja jetzt alles Kleine und Enge los - doch
richtig! Sie sind ja kein Dichter! Vorlesen? Nein! Nein! Das ist zu
abgeschmackt! Musik! Musik! Sie spielen auch nicht? Sie Barbar! Jetzt Beetoven
- oder noch besser Wagner - das Vorspiel zum dritten Akt vom Siegfried - die
Welt ist ja gewöhnlich so eng und schwarz und schwer ... so karg und kümmerlich
- aber Doctor -!«
    Auch über Adam war es plötzlich mit berauschender Gewalt gekommen. Die
tolle, ekstatische Stimmung Lydias hatte ihn angesteckt, entzündet, hatte ihn
mitfortgerissen, träge, unbeholfen zuerst, nachdem sie ihn anfangs beinahe
angewidert, zurückgeschreckt hatte, nachdem sie ihn sehr ironisch und
spottlustig gestimmt - nachher aber unwiderstehlich ... Nun jagte er hin, und
der Taumel war in ihm. Der Wein ebnete den Weg, minderte die Reibung, glättete
die Geleise.
    Da hatte sich Adam von einem elementaren Zwange packen lassen müssen. Es
stiess ihn wie mit einer übergewaltigen Faust von seinem Fauteuil herunter und
warf ihn vor die Füsse Lydias. In diesem Augenblicke liebte er das Weib
fanatisch. Sein Denken war ausgelöscht, sein ganzes Ich ein einziges grosses,
dämonisches Gefühl ... ein einziges aufdampfendes Begehren. Adam hatte den Kopf
in Lydias Schoss gelegt und schluchzte, seine Arme hingen schlaff herab.
    »Aber Doctor -!« hatte Lydia mit unnatürlich leiser, halberstickter Stimme
hervorgestossen und mit jähem Rucke aufspringen wollen.
    Adam richtete seinen Kopf empor ... langsam, fast feierlich, beschwörend. In
seinen vertränten Augen lag die heisse Bitte, ihn nicht hinwegzustossen. Lydia
löste jetzt sanft ihren rechten Arm frei und strich leicht, lind, mit
liebkosenden Fingern über Adams Haar. Der aber erbebte mächtig unter dieser
weichen, zärtlichen Berührung.
    Im Zimmer war es still. Nur das Licht der Lampe surrte leise ... und
ungleich, heftig hastete der Atem der beiden Menschen, die, ganz hingenommen,
ganz berauscht von ihren verworrenen Gefühlen, eine kleine Weile in eng
zusammengeschmiegter Gemeinschaft beieinander waren. Zu dieser Zeit waren beide
gut, besser, denn sie je gewesen. Alles, was das Leben in ihnen verzerrt hatte,
war ausgeglichen. Fülle und Kraft lebte in ihnen, Hoffnung, Sehnsucht, Erwartung
und eine mächtige Gespannteit aller Sinne und Gefühle.
    Nun richtete Lydia das Gesicht Adams mit discretem Nachdruck zu sich empor.
    »Steh auf, Adam! Wir waren einen Augenblick zwei dumme, törichte Kinder -
jetzt wollen wir wieder vernünftig sein - ja? Komm! -«
    »Lydia! ...«
    »Na, was denn, Herr Doctor? Ich weiss gar nicht - - lassen Sie mich! Bitte -
na? ...« Die Worte waren mit zweideutiger Betonung gesprochen. Es schien Frau
Lange halb und halb mit ihrem Abwehren ernst zu sein ... und doch war ihr
vielleicht eine drängende, stürmische, beharrliche Zärtlichkeit Adams noch mehr
willkommen.
    »Lydia!« bat Adam noch einmal, dringend, inständig ... vielleicht besass
seine Stimme auch einen Stich ins Drohende. Und doch hatte der Gefühlstumult in
seiner Brust schon bedeutend an Stärke und Energie eingebüsst. Die gemacht
naiven, zudem, wie es ihn dünkte, nicht spottlosen Worte der schönen Frau hatten
Adam etwas ernüchtert. Zugleich aber war ihm, wenn auch kaum in scharfen
Bewusstseinslinien, der kluge Gedanke gekommen, die Situation, die sich ja nun
einmal in Scene gesetzt hatte, nach Kräften auszunützen ... natürlich soweit er
das unbeschadet seiner Mannesehre tun durfte.
    »Stoss' mich nicht von Dir, Lydia! Ich gehöre ja ganz Dir - nur Dir allein!
Ich habe keinen Vater und keine Mutter mehr und habe keine Heimat mehr ...
Lydia! Ich liebe Dich grenzenlos -«
    Unwillkürlich war Adam doch wieder wärmer, ehrlicher, natürlicher geworden.
Da lag er in einem eleganten Cabinet zu den Füssen einer schönen Frau ... und er
durfte die Kleider dieser schönen Frau berühren ... ihre Hände, ihre Arme ... er
fühlte ihren wärmeren Atem, er fühlte ihre heftig auf und nieder gehende Brust
- ja! ja! er liebte dieses Weib ... er begehrte es ... er lechzte nach seinen
Küssen - es riss ihn unaufhaltsam in die Arme dieser Frau - dieser - dieser - -
    »Lydia!« schrie er noch einmal auf - -
    Frau Lange schien nachgeben zu wollen. Sie lehnte sich einen Augenblick wie
gebändigt, wie besiegt, gegen die Rücklehne des Fauteuils - Adam sprang auf - -
nun schnellte auch Lydia empor - - die beiden standen sich hart, eng gegenüber.
    »Herr Doctor -!«
    Aber noch gab Adam die Partie nicht verloren. Diese Frau trotzte ihm. Seine
ganze, widerspenstige, zu despotischem Imperium geneigte Natur brach nun durch.
Und doch liess er sich nicht völlig von seinem Zorne, seiner Wut hinreissen. Ein
unklares Gefühl sagte ihm, dass eine gewisse sentimental-nachgiebige
Zurückhaltung sehr wirksam sein müsste.
    »Glaubst Du mir nicht, Lydia? - Habe ich das verdient -?«
    Frau Lange schwieg, sie war einige Schritte nach rechts, mehr nach dem
Innern des Zimmers zu, getreten.
    »Sie sind ein grosser Phantast, Herr Doctor!« nahm sie nun das Wort. »Sie
bilden sich ein, dass Sie mich ... mich ... lieben, wie Sie sagen - weiter Nichts
als Einbildung, mein Herr! Wir haben beide unser'n Stimmungen nachgegeben - wir
haben uns überrumpeln lassen - wir haben einen Augenblick geträumt - vielleicht
auch ... ganz schön geträumt - nun lassen Sie uns aber wieder wach sein - wir
wollen ein fettes Punctum hinter diese Scene machen - und wir wollen sie alle
beide so schnell als möglich vergessen -«
    Adam wandte sich ab. »Herzlos!« knurrte er in ehrlicher Entrüstung, im
Zwange eines ernsten, redlichen Schmerzes, durch die Zähne.
    »Adam!« fuhr Lydia auf. Der schnellte jählings um. Sollte doch noch Hoffnung
sein? ... Sollte er heute Abend doch noch zu einem ... hm! ... zu jenem - Ziele
kommen ... zu jenem unklaren Ziele, das er zu erreichen ersehnte ... das ihn
lockte ... und vor dem er doch zurückschrak? - Leidenschaft und Berechnung
stritten in seiner Brust. Aber er beherrschte sich. Er nahm eine nachlässige,
ironische Haltung an. Die Hände lehnte er hinter dem Rücken gegen die
Tischplatte und kreuzte die Beine.
    »Gnädige Frau -?«
    »Es ist genug -«
    Lydia ging zu ihrem Schreibtisch hinüber. Dort stand sie, Adam abgekehrt,
eine Weile starr, bewegungslos, wie in einen tiefen Strudel tumultuarisch
ringender Gedanken und Gefühle hinabgezogen.
    »Sie erlauben mir noch eine Ihrer köstlichen Cigaretten, gnädige Frau -?«
    Lydia wandte sich langsam wieder um. Sie war sehr bleich. Von der Nase zum
Munde herunter zog sich eine scharfgeschnittene Falte, wie ein Signal bodenloser
Verachtung.
    »Bitte sehr, Herr Doctor!« Die Stimme klang müde und höhnisch zugleich.
    »Sie sehen, gnädige Frau ... das Feuerfangen ist gefährlich ... und ... und
... undankbar ...« stichelte Adam - »aber es wird Zeit, dass ich mich aufmache
...« fuhr er fort und zog seine Uhr - »Sie sind müde von den ... den
Anstrengungen des Abends - und es geht stark auf Mitternacht ... Gestatten Sie
darum, dass ich mich empfehle. Und verzeihen Sie in Gnaden dem reumütigen
Sünder! Ich danke Ihnen für die schönste Stunde meines Lebens, verehrte Frau -
sie wird mir unvergesslich bleiben. Ich habe nicht umsonst gelebt, da ich einmal
- doch pardon! Und nun geben Sie mir Ihre kleine, süsse Hand zum Abschied - ja?
Ich bitte -«
    Lydia stand einen Augenblick unbeweglich. Dann streckte sie Adam langsam
ihre rechte Hand entgegen. Der zog diese entzückende, nur jetzt etwas
schweissfeuchte Hand galant an seine Lippen und küsste sie.
    »Und nun gute Nacht, liebe, gnädige Frau ... doch ... ach ja! was wird ...
was wird nun aus unserer modernen Bibel -? Soll sie für immer - ungeschrieben
bleiben ... oder ...?«
    »Nun ... wir haben ja heute Abend ... wir haben ja ein Capitel aus ihr -
erlebt ... renken Sie's ein, Herr Doctor, und ... und bringen Sie's mir
gelegentlich ... ich bitte darum ... für die Zukunft dürfte es sich allerdings
kaum empfehlen - -«
    Lydia versuchte ihre Worte in einem leichten, harmlos-liebenswürdigen Tone
vorzubringen. Aber es wollte ihr nicht so recht gelingen. Ihre Stimme klang
unsicher, hart, etwas heiser, verwalzt.
    »- dürfte es sich kaum empfehlen, dass wir wieder so ... so plastisch
verfahren, wie es ... leider heute der Fall gewesen,« ergänzte Adam - »seien Sie
unbesorgt, gnädige Frau! . Aber ... wenn Sie die Gelegenheit dazu ganz aus der
Welt geschafft wissen wollen - so überlassen Sie doch bitte das Motiv mir allein
- ich werde mir wahrhaftig alle Mühe geben, ein wahnsinnig schönes Buch zu
Stande zu bringen - und dieses wahnsinnig schöne Buch, gnädige Frau - nicht
wahr? - ich darf es Ihnen nachher widmen -?«
    »Sie tragen immer Siebenmeilenstiefel, Herr Doctor ... ... gewöhnlich geht
doch Alles viel langsamer auf der Welt - warum denn nur immer so stürmisch -?«
    Frau Lange hatte das »immer« auffällig betont. Adam stutzte.
    Ah! Nun verstand er! »Ja! ...« erwiderte er mit süffisant-melancholischem
Tonfall, »der Eine klappert schwerfällig mit Pantoffeln durch's Leben ... der
Andere durchsaust das reizende Dasein auf einem Bicycle. Da hat nun ein Jeder so
seine Art, so seine kleine Metode ... Verzeihen Sie noch einmal mein ... mein
... nun! mein Bedürfnis, zuweilen sehr offen ... sehr wahr zu sein, Lydia ...
unpraktisch offen ... unangenehm wahr. Aber vielleicht haben Sie auch darin
Recht: dieses Bedürfnis ist wohl auch weiter nichts, als - Einbildung. Und nun -
gute Nacht -!«
    »Gute Nacht -!«
    Adam verliess schnell das Zimmer. Als er den Corridor betrat, kam August, der
schon gewartet zu haben schien, langsam auf ihn zugestapft. Ein Zug des
Unwillens, des Verdrusses, stand auf seinem Gesicht. Mit Mühe unterdrückte er
das Gähnen. Der Herr Doctor fühlte sich von der plumpen Geschmacklosigkeit
dieser rüden Lakaienpflanze sehr peinlich berührt.
    Der Diener geleitete ihn durch das Vorhaus zur Tür. Adam fröstelte es. Er
schlug den Rockkragen in die Höhe.
    »Gute Nacht, Herr Doctor!«
    »Gute Nacht!« Eine Sekunde vorher noch das obligate Verdrücken eines
Silberlings. Nun donnerte dumpf krachend die schwere Tür hinter ihm zu. -
    »Hallali! Jetzt seid Ihr wieder einmal aus einem Paradiese vertrieben,
Monsieur!« - sprach zu sich selber der einsame Mensch, der da durch die kühle,
windige Frühlingsnacht hinschritt. -
 
                                      XI.
Und wie der einsame Mensch durch die kühle, windige Frühlingsnacht
weiterschritt, fand er Zeit, Gelegenheit und allmählich auch immermehr wachsende
Stimmung, noch Näheres wie Ferneres mit sich und zu sich zu sprechen. Zunächst
ging der Herr Doctor allerdings eine kleine Weile sehr gedankenlos fürbass. Er
beschäftigte sich, unter dem Drucke einer einförmigen Müdigkeit leidend,
unwillkürlich mit allerhand sehr äusserlichen Dingen. Er betrachtete ohne
Teilnahme den leicht überwölkten Himmel; sein Auge, nahm gleichgültig von den
paar Sternen Notiz, die da und dort schläfrig, mattblinzelnd auf die Erde
herunterguckten; der Menschen, die ab und zu, bald schneller, bald langsamer, an
ihm vorüberstapften, achtete er nur mechanisch, er sann ihnen nichts nach, spann
ihnen nichts zu, vermutete und verglich, verknüpfte nicht, wie es wohl sonst
seine Gewohnheit war; die unklare, verworrene Welt der nächtigen Schatten, die
sich durch spärliches Gaslicht compromittiren lassen mussten, reizte ihn nicht -
es war zunächst eine grosse Leere, Stumpfheit und Gleichgültigkeit in ihm. Dann
fiel ihm Dieses und Jenes ein, was er vorhin ... was er vor einer ... vor zwei
Stunden mit Lydia erlebt hatte: einer Gesprächswendung erinnerte er sich ...
einer Frage ihrerseits, einer Antwort seinerseits - plötzlich sah er sich wieder
zu den Füssen der schönen Frau liegen - er spürte den weichen Druck ihrer Hand,
er liess sich noch einmal von ihrer zarten Liebkosung durchbeben - er atmete das
Parfüm ihrer Kleider ein - er sah wieder die erregt auf- und niedergehende Brust
vor sich - - dann stand er Lydia noch einmal gegenüber,
nachlässig-herausfordernd an den Tisch gelehnt - hm! der Schlusstrumpf mit seinen
kleinen, niedlichen Anhängseln: der Bibeldedication, dem eleganten Handkuss - er
war wirklich nicht übel! Aber was sollte er nun mit der Dame seines Herzens
anfangen? Wie verhielten sie sich zu einander? Hatte er noch Etwas zu erwarten -
oder war Alles vorbei - sollte er das Spiel verloren geben? Welches Spiel? Aber
- beim Zeus! - war ihm das Weib denn jetzt schon wieder gleichgültig? War seine
Liebe, seine Leidenschaft wirklich weiter nichts, denn schemenhafte
Augenblicksphantasie ... überflüssige Einbildung gewesen? Waren seine Stimmungen
in derbster Tatsächlichkeit weiter nichts - als eben die kosbarsten Stimmungen
von der Welt? Durfte er sich gar nicht mehr auf sich verlassen? Haftete Nichts
mehr in ihm? hatte der Impuls seiner Kräfte so bedeutend eingebüsst - war er in
jeder Hinsicht so entscheidend herabgedrückt worden? Und Adam dachte eine
Sekunde daran, sich einmal den Prozess zu zergliedern, unter dem die Menschen ...
andere Menschen, einfachere Individuen, die Durchschnittsmasse ... zu handeln
pflegen. Der Motiv entfiel ihm wieder, entwischte ihm. Es war wohl auch zu
complicirt und bedurfte einer ruhigen, objectiven, kritischen Secirstimmnng,
welche Adam jetzt kaum vorrätig bei sich fand. Das Bewusstsein seiner
Unzuverlässigkeit in erotischen Angelegenheiten zerrte doch gewaltig an ihm. Es
machte ihn zuerst unruhig, es empörte ihn gegen sich, dann legte es sich als ein
schwerer, massiver Druck, lähmend und zusammenschnürend, auf ihn. Adam atmete
einige Male heftiger, er schüttelte an sich herum - er wollte um jeden Preis das
Blei dieser trostlosen Starrheit aus seiner Seele los sein. Andere Gedanken
kamen nun. Ja! Ja! Und nochmals Ja! -: er musste sich andere, neue Verhältnisse
schaffen, unter denen er in Zukunft leben durfte. Ah! da erwartete er also doch
noch eine Erneuerung seiner »Persönlichkeit« - er hielt sie für möglich - er
rechnete sogar schon mit ihr -? Oder tat er das Letztere etwa nicht? Gewiss tat
er's! Er hatte noch längst nicht à la Doctor Irmer auf das Leben »verzichtet«.
Nein, keine Spur davon! Er wollte leben: reich, unabhängig ... in einer Lage
leben, wo er nicht jeden Groschen dreimal umdrehen und besehen musste, ehe er ihn
ausgab - was er allerdings sonst auch nie tat, was er aber eigentlich den
ökonomischen Privatgesetzen, unter denen er jetzt existierte, schuldig gewesen
wäre - in einer Lage, wo er seinen Neigungen, seinen Passionen, seinen
Stimmungen zwanglos nachgeben durfte ... Eine reiche Heirat -: es war
schliesslich das Einzige, was ihn aus dem Dreck der Enge, in welcher er stak,
herausretten konnte. Und ... und lag es nun nicht bloss noch an ihm, in den Hafen
seiner sehr praktischen Wünsche einzulaufen? Lydia schien doch ein tieferes
Interesse für ihn zu haben - das war aus ihrem ganzen Benehmen heute Abend zu
erkennen gewesen. Wirkten auch eine Portion Coquetterie ... und ein gut Teil
jener suffisant-gutmütigen Launenhaftigkeit, die sich eine junge, schöne,
reiche, unabhängige Frau immer gestattet, mit - vielleicht liess sich die
Geschichte ... hm! ... die Geschichte ... liess sich dieses dumme
Interesse'-Gefühl doch vertiefen - vielleicht vertiefte es sich durch einen
starken Appell, den es erführe, unwillkürlich! Adam sagte sich, dass es vom
praktischen Standpunkte aus wahrhaftig unverzeihlich töricht wäre, die Fäden
wieder aus der Hand zu geben ... vom dürren Sande des Lebens wieder verschleppen
zu lassen. Das war ja Unsinn, wenn er sich einbildete, Lydia zu lieben. Oh! Er
würde gewiss noch im Stande sein: angeregte, reizvolle, intime, vielleicht auch
leidenschaftliche, den ganzen Menschen erfüllende und aufwühlende, wahnsinnig
schöne Stunden mit ihr zu erleben ... ein Sclave ihrer Reize, ein dämonisch
Begehrender - - ein - ein - ein - nun was denn -? pah! nur eine einzige, grosse,
dürstende Sinnlichkeit - hm! ... wenn ... wenn er eben in der entsprechenden
Stimmung war ... wenn ihn eine übermächtige Kraft in den Strudel, in die
kreissende Gefühlsfülle hineingeworfen ... Gewiss! Er war noch fähig, sich das
gefallen zu lassen. Aber dauernd mit einem Weibe zusammenzuleben? Da lag der
Hase im Pfeffer. Nein! das konnte er von seiner Natur nicht verlangen. Warum
sollte er treu sein wollen, wo er wusste, dass er nicht treu sein konnte? Seine
Natur war schon viel zu differenzirt, schon viel zu sehr auf die verworrene,
verwirrende Masse der Lebensreize gestimmt. Er hatte es schon seit Jahren nicht
mehr der Mühe für wert gehalten, kleinen Versuchungen gegenüber unzugänglich zu
sein. In grosse Versuchungen war er leider im Grunde noch gar nicht geführt
worden. Aber hat man überhaupt ein Recht, zwischen kleinen und grossen
Versuchungen zu unterscheiden? Adam sagte sich, dass sein Verhältnis zu der Ehe
... seine persönliche Auffassung der Ehe im landläufigen Sinne, im Mund- und
Buchstabensinne, eine bodenlos »unmoralische« sei. Aber was tat das? Er wollte
- hm! nun ja! - er wollte also Privatdocent werden - irgendwo ... in Van
Diemensland, Tokio oder Angra Pequena, das war egal ... Dazu bedurfte er reicher
Mittel. Broschüren weiterschmieren ... Leitartikel für conservative Zeitungen
zusammenlügen, das hatte nicht viel Wert. Das brachte nicht viel ein - und
konnte ihn zudem noch in Verhältnisse stossen, die Opfer von ihm forderten ...
Opfer, die er bei seiner ziemlich anspruchsvollen Natur kaum auf sich nehmen
konnte. Den Märtyrer spielen - nein! Vielleicht hatte er es einmal vermocht. Vor
Jahren, vor vielen Jahren - heute vermochte er es sicher nicht mehr. Und sich
sonst zum Träger einer Rolle aufwerfen -? Es hatte nicht viel Zweck. Mag es den
Friseuren überlassen bleiben, auf vorüberflatternde lange Haare lüstern zu sein.
In sich sein - bei sich sein, in sich hineinleben, aus sich herausleben - darauf
kam es an. Ein paar kleine Zugeständnisse mussten gemacht werden. Darauf kam es
ja aber auch nicht an. Doch ... sich ausleben ... in der Fülle und Kraft, wie er
es sich einmal erträumt, vor Jahren für spätere Zeiten der Freiheit erträumt
hatte - davon konnte wohl kaum mehr die Rede sein. Er fühlte oft eine so
furchtbare Leere in der Brust ... wie Einer, der an heftigem Schleimhusten
leidet, meint, seine Brust sei leer, ganz leer, ganz hohl. Und doch! Er musste
sich dieses Weib zu eigen machen, tausend Gründe zwangen ihn dazu. Er liebte
eigentlich die Menschen ... aber mit gewissen Vertretern sotaner Menschheit kam
er zeitweilig sehr ungern in Berührung. Und dann um Gotteswillen keine Enge,
keine Beschränkung, keine Not! Die Not stimmt Alles so herab ... entnervt ...
entseelt Alles ... höhlt aus ... zerfrisst ... Nur nicht mechanisch vegetiren, wo
man das natürliche Recht besitzt, organisch zu leben. Was hätte er davon, fragte
sich Adam, dass er wusste, wie Peter seine Wurst isst und Paul seinen Furz lässt?
Totalement Nix! Das ist ja Alles so gleichgültig. Aber das Volk - hm! das Volk -
das Volk! ... Man könnte mit seiner Hülfe unter Umständen eine vorzügliche
Carrière machen! Socialdemokratischer Reichstagsabgeordneter! Donnerwetter! das
wäre 'was? Nicht? Hm! Nur die Glacéhandschuhe müsste man sich abgewöhnen ... und
... und sich nicht mehr darüber wundern, dass es die Menschen für eminent
überflüssig halten, ihren geliebten Mitmenschen eine Lüge nachzurechnen und
demonstrativ vorzuwerfen! ... Doch ... die Zukunftsidee des Proletariats - sie
wird und wächst - und sie siegt auch zweifellos einmal - aber ich - declamirte
sich Adam mit sonorem Patos vor - ich ruhe mich doch von den Strapazen,
Dummheiten und Narrenspossen des Lebens wahrhaftig viel lieber à la Hamlet
zwischen den Beinen eines Weibes aus, als innerhalb der vier Wände einer
monströsen Gefängnisszelle ... Und so kommt man denn allmählich dahinter, dass man
zu Allem und noch Verschiedenem ausserdem verflucht untauglich ist! ...
    Aber - hielt sich Adam plötzlich selber auf - wie oft schon habe ich dieses
dumme, triste, oberfaule Zeug durchgewürgt! Es ist ja leider Alles so scandalös
richtig, doch sollte man sich das Blech nicht zu oft vorkauen. Lassen wir wieder
einmal die Zukunft eben - Zukunft und die Gegenwart eben - Gegenwart sein! Das
Andere findet sich schon von janz alleene ... Trinken wir lieber noch 'n Glas
Absynt! Den ersten Schluck auf Lydias Wohl! Es lebe der Leichtsinn und seine
ehrenwerte Amme -: die Allerweltsgleichgültigkeit! ...
    Adam sah nach der Uhr. Es war kurz nach Eins. So hatte er sich doch fast
eine Stunde in der Stadt herumgetrieben. Und was hatte er von der endlosen
Konversation mit seinem höchsteigenen Ich profitirt? Er hatte sich eine Reihe
tödtlich langweiliger Tatsachen vorerzählt und war schliesslich zu keinem
Resultate gekommen. Nun! das war ihm schon öfter passirt. Darüber brauchte er
sich nicht mehr zu ärgern. Schliesslich würde er ja schon handeln, wir er musste -
wie er gezwungen sein würde. Und das liess sich abwarten ... bequem abwarten.
    Adam orientirte sich. Er bemerkte, dass er aus der stillen, vornehmen Gegend,
in der Frau Lange wohnte, unwillkürlich in die Mitte der Stadt seinen Weg
genommen. Da konnte es ja bis zum Wiener Café nicht mehr weit sein. Nach einigen
Minuten hatte Adam sein Ziel erreicht. Er trat ein. Es war sehr schwül, dunstig
in dem grossen, hellerleuchteten, vollbesetzten Raume. Die Gerüche von Kuchen,
Kaffee, Cigaretten, Billardkreide, Menschenschweiss schwammen in der dicken,
schweren, von schwarzblauen Rauchschwaden und Dunstpolstern durchlagerten Luft.
Dazu ein wirres, gesetzloses, unregelmässiges Gesumme und Gebrause von
Menschenstimmen ... die Musik aneinandergeschlagener Tassen ... das schrille
Klappern der Löffel ... das kalkige Rollen der Billardbälle ... Adam suchte nach
einem unbesetzten Tische. Er suchte vergebens. Da kam der Zahlkellner auf ihn
zugelaufen, nahm ihm Hut und Ueberzieher ab und machte ihn in seiner
souverän-zudringlichen, gleichgültig-interessirten Art auf einige leere Stühle
aufmerksam. Schliesslich liess sich Adam an einem kleinen, runden, so ziemlich in
der Mitte des Cafés stehenden Tische nieder, an dem schon ein Herr und eine Dame
sassen. Die Dame hatte Adam nun links neben sich, den Herrn sich gegenüber. Er
betrachtete seine Nachbarn.
    Aber jetzt tauchte vorerst ein Kellner auf.
    »Was darf ich bringen? ...«
    »Einen Absynt und 'n paar Cigaretten -«
    So gut wie Deine Sorte, geliebte Lydia, monologisirte Adam leise, werden sie
wohl nicht sein ... aber Feuer zu fangen ... hm! ... dazu wird man sie wohl auch
noch bewegen können -
    Das kleine Weib hat ein verdammt hübsches Profil, constatirte der Herr
Doctor jetzt mit grosser Befriedigung. Und Er dagegen! Stutzerhaft elegant, sehr
patent, sehr rasirt und tadellos frisirt. Aber wie dumm, wie ausgefahren war
dieses Gesicht! Der liebe Gott musste schlechterdings gerade am Astma gelitten
haben, als er diesem Menschen da, seinen Odem in die Nase blies. Aber was so'n
Fatzke für Glück hat! Das Mädel war wirklich sehr appetitlich. Die zollschmale,
im Gaslicht discret mattrot aufschimmernde, entzückend abgerundete
Fleischspanne am rechten Unterarm zwischen dem Aermel und dem bräunlich gelben
Glacéhandschuh - Donnerwetter! war sie nicht zum Küssen -? Das schwarze, wellige
Haar, am Hinterkopfe zu einem vollen, schweren Knoten zusammengeflochten, unter
dem Hute noch deutlich sichtbar, mit selbständiger Plastik hingestellt, ergänzte
prachtvoll die scharfen und doch feinen Züge des Profils.
    Die beiden schienen sich nicht viel zu sagen zu haben. Das kleine Weib sog
öfter durch die zarten, sauberen Strohröhrchen an seinem Eiskaffee und schaute
sich sonst fleissig im Saale um. Adam bemerkte, wie der Dame von einigen Herren,
die hinten in der einen Ecke des Zimmers sassen, zugenickt wurde. Die Cumpane
grinsten geärgert-amüsirt. Nun ja doch! Was wunderte er sich denn? Immer wieder
das alte Erstaunen und der alte Unmut ... das alte Bedauern? Nun erhielt auch
Adam einmal das volle Gesicht seiner Nachbarin und einen kurzen, scharfen Blick
dazu. Jetzt wurde er von dem Herrn, dem Ritter und Liebhaber der reizenden
Donna, nachdrücklich fixirt. Der Her Doctor liess sich nicht aus der »Contenance«
bringen. Er bereitete sich sehr ruhig seinen Absynt, der unterweilen vor ihm
hingeschoben war, tat einen vollen Zug und brannte sich
nachlässig-herausfordernd eine Cigarette an. Die erste Ladung Rauch blies er
seinem Gegenüber etwas unhöflich in's Gesicht. Der hustete ein Wenig, wurde
etwas rot, liess es auch an einem ziemlich wütigen Blicke nicht fehlen,
begnügte sich sodann aber sehr praktisch damit, nach seinem Bierglase zu greifen
und ebenfalls einen derben Schluck zu tun, welcher Aktus sich fast so ausnahm,
als käme der fremde, zurückhaltende Herr Adam ein vorgekommenes Stück
pflichtschuldigst nach. Adam musste lächeln. Ich werde dir schon in anderer Weise
ein Stück vor- oder nachkommen, mein Lieber - warte nur noch ein Weilchen - bald
ist meine Kammer voll Sonne! ... Wahrhaftig! ich möchte dem göttlichen Paul
Heise eigentlich eine Bierkarte schreiben! Adam musste sich ja doch vorläufig
noch mit seiner eigenen Wenigkeit unterhalten.
    Und wie er so behaglich dasass, jetzt einen Schluck Absynt zu sich nahm,
jetzt an seiner Cigarette zog, an seiner reizenden Nachbarin in aller Ehrbarkeit
herumschnüffelte und ihren Liebhaber mit mitleidig-impertinenten Blicken
spickte, fiel es ihm plötzlich ein, dass ihm vorhin bei seinem Selbstgespräche zu
mitternächtigster Stunde Hedwig gar nicht in den Sinn gekommen war. Das
frappirte ihn und doch wunderte es ihn eigentlich nicht. Was war ihm Hedwig,
wenn er vor Lydia auf den Knieen lag? Und was war ihm Lydia, wenn er Hoffnung
hatte, mit seiner schönen Nachbarin hier eine süsse, köstliche Nacht ... eine
Nacht berauschenden Minnespiels, geniessen zu dürfen? Und was würde ihm dieses
Weib sein, wenn er morgen ein anderes fände, das ihm noch grössere, feinere,
heftiger lockende Reize entgegenbrächte -? Er suchte ja langst nicht mehr im
Weibe ein Weib ... ein besonderes, individuelles, ihm congeniales Weib - er
suchte nur noch das Weib, welches sich von jenem einem Weibe gerade soviel
geborgt hatte, dass es ihm für eine mehr oder weniger grosse Spanne Zeit genügen
konnte. Und doch ... jenes eine Weib - waren die Tage schon vorüber, da er
geträumt hatte, dass er es finden würde? Waren sie wirklich schon vorüber oder
... oder träumte er jetzt noch zuweilen denselben dummen, einfältigen Traum? Das
wäre doch zu geschmacklos. Die Jugend mit dem geschmeidigen Gehirn im Schädel
und dem frischen, unausgefahrenen Pumpwerk des Herzens - ja! die besitzt wohl
das Recht und die Kraft, zu abstrahiren ... Idealschemen zusammenzukneten: fehlt
ihr doch noch die ganze massive Fülle des Lebens, der Erfahrung an den Objekten.
- Aber wie im spätgewordenen Menschen noch so Mancherlei rudimentär bleibt ...
liebliche Erinnerungen aus den Kindheitstagen animalischen Erdenlebens - so
nimmt der ältergewordene Einzelmensch nicht minder ... ganz unwillkürlich ...
noch dieses und jenes Moment aus seiner Kindheit in die späteren Tage mit
hinüber: ein Ideal, eine harmlose Abstraktion ... einen Traum, der einmal so
frisch und so voll und so saftig gewesen ... und der sich nun - o! alle Farben
und Formen des Lebens allmählich hat abstehlen lassen müssen ...
    Adam beugte sich vor und legte den Rest seiner Cigarette auf den
Aschenteller. Der Herr ihm gegenüber erhob sich jetzt plötzlich mit einem
halblaut zu seiner Dame geknurrten »Verzeih!« und ging nachlässig-langsamen
Schrittes hinaus. Adam musste die Situation benutzen.
    »Sie haben einen ganz vorzüglichen Geschmack, mein gnädiges Fräulein -«
begann er mit unwillkürlich ein Wenig stockender, undeutlich verschleierter
Stimme.
    Die Dame schien Adams Anrede vollständig überhört zu haben. Sie klopfte mit
dem Löffel sehr energisch an ihr Kaffeeglas und bestellte bei dem Kellner, der
herangestürzt kam, noch einen Eiskaffee. »Mein Kind! Ich bitte Dich! Tu' doch
nicht so! Du hast Dich eben 'mal versehen! ... Dieser Fatzke! Dieses anlackirte
Rhinoceros - - kannst Du Dich denn nicht losmachen? Komm! Es ist viel
gescheiter, wenn wir beide heute zusammenschlafen -« Adam hatte schon etwas
lauter und zudringlicher gesprochen. Die Apatie der Dame ärgerte ihn. Aber das
kleine Weib rührte und regte sich nicht. Es sass sehr steif, sehr abgewandt, sehr
unnahbar da.
    Jetzt kam das Getränk. »Noch ein Eiskaffee!« Die schöne Sünderin beugte sich
graziös über die beiden zarten, sauberen Strohröhrchen und zog sie zwischen die
schmalen, dünnen, blassroten Lippenlinien. Gerade dabei erhielt Adam einen
kurzen, äusserst liebenswürdigen und aufmunternden Seitenblick.
    Der Herr Doctor hatte die Belagerung schon abbrechen wollen. Aber seine
Sache schien doch gar nicht so ungünstig zu stehen. Wenn nur der Mensch ... der
unbequeme Bursche noch ein paar Sekunden bleiben wollte, wo er war.
    »Ihr Weiber scheint doch manchmal recht dumme Kerls zu sein! Auf den Ersten
Besten fallt Ihr 'rein! ... Also! ... Du gehst mit mir - nicht wahr -?«
    »Wie soll ich ihn denn los werden -? Heute muss ich schon ... morgen - wir
können uns ja irgendwo treffen -«
    »Ach was morgen! Heute! Es ist übrigens schon längst heute, mein Kind - und
wir tun sehr gut, wenn wir dieses ominöse heute recht früh anfangen ... mir
wäre es recht, wenn wir es auch - -«
    Adam hielt plötzlich inne. Er hatte zufällig nach dem nächsten Billard
hinübergesehen und bemerkt, dass dort der Ritter der Dame stand, anscheinend dem
Spiele zusah, in Wahrheit aber seine Auserwählte und ihren neuen Galan scharf
beobachtete.
    »Der Würfel ist gefallen, Kind - Dein Herr und König hat schon Lunte
gerochen - die Sache wird sich sofort entscheiden -«
    »Um Gottes Willen -!«
    Jetzt kam der gute Mann affektirt-nachlässig, die Hände in den Hosentaschen,
im Gesicht einen Ausdruck furchtsamer Verbissenheit, nach seinem Stuhle
zurückgeschlendert. Er setzte sich langsam, nachdrücklich nieder, griff nach
seinem Glase und würdigte die Dame seines Herzens keines Blickes.
    Adam aber Hub an, also zu ihm zu sprechen: »Gestatten Sie, mein Herr, dass
ich mich vorstelle! Mein Name ist Doctor Mensch. Ich sehe, dass Sie geradeso ein
Anhänger der sogenannten freien Liebe sind - wie ich. Das heisst: wohl ebenfalls
nur in der ... Praxis - denn teoretisch werden Sie aus gewichtigen, socialen
Gründen die freie Liebe ebenso sehr verwerfen - wie ich es tue. Nun ist aber
einer der Hauptparagraphen dieser praktisch angewandten freien Liebe, dass das
Weib den Mann verlassen darf, sobald es seiner überdrüssig geworden ist. Nun ist
aber die hier momentan zwischen uns sitzende junge Dame Ihrer so ziemlich
überdrüssig geworden, wie sie mir soeben gestanden hat, und hätte Lust, mir ihre
Gunst zuzuwenden. Ergo werden Sie nur consequent sein, mein Herr, wenn Sie die
Dame sofort freigeben und - mir überlassen. - Nicht wahr? - Sie begreifen -?«
    Auf diesen feierlichen Appell schien der Herr allerdings nicht besonders
vorbereitet gewesen zu sein. Er machte ein mehr verblüfftes, denn verwundertes
Gesicht und fuhr mit den Augen ratlos zwischen Adam und seinem ungetreuen
kleinen Weibe hin und her. Endlich knirschte er ein gepresstes »Mein Herr -!«
heraus, dem gleich darauf ein ebenso heiseres »Emmy -!« folgte.
    Die Dame liess ihre beiden Kämpen sich balgen. Sie sass wieder sehr steif,
sehr reservirt, sehr unnahbar da. An den Nachbartischen war es auffallend
ruhiger geworden.
    »Unverschämte Frechheit -!«
    »Aber ... mein Gott! Wünschen Sie denn noch etwas?« wandte sich Adam mit
gemachtem Erstaunen an sein Gegenüber. »Die Sache muss Ihnen doch klar sein.
Uebrigens ... wenn Sie wirklich noch Wünsche haben sollten - hier ist meine
Karte -«
    Adam warf eine Visitenkarte auf den Tisch, die sein Gegner sehr schnell zu
sich steckte und dafür die seine hinschleuderte.
    »Ah ... mein Herr ... nun! ... wie ich sehe, sind Sie ... mein Gott! Sie
sind ja wirklich Kaufmann ... Vertreter der Firma ... Firma Dietz & Sperling
... Seidenmanufactur ... Freiberg ... hm! ... Alle Hochachtung - doch ... nun -
das wird sich ja finden - also ... vorläufig - ich wäre für Sie ausnahmsweise zu
Hause ... doch - pardon! - noch eine Frage - sind Sie ... vielleicht sind Sie
Reserve-Officier? Es könnte ja doch sein, obwohl auf Ihrer Karte -«
    »Nein!«
    »Ich danke!«
    »Kellner! Zahlen!«
    »Sehr wohl!«
    »Ein Bier ...«
    »Fünfundzwanzig Pfennige - und zwei Eiskaffees -«
    »Die bezahle ich natürlich!« erklärte Adam mit vorspringendem Patos.
    »Ah! Sehr wohl! Danke sehr!« begriff der Kellner.
    »Also - wir sprechen uns noch -«
    »Wird mir natürlich eine Ehre sein -«
    Der geschlagene Held - »ein patenter Jammerkerl!« urteilte ihm Adam
halblaut nach - verliess die Wahlstatt.
    »Siehst Du, Kind - nun sind wir auf einmal entre nous! ... Die Geschichte
war doch sehr schnell arrangirt - nicht? Uebrigens - jeht fehlte nur noch, dass
ein Dritter anspaziert käme und Dich wiederum mir abspenstig machte! Das heisst:
so leicht sollte es ihm nicht werden - beileibe nicht! ... Aber ...lass uns bald
aufbrechen - ja? Wir sind den Göttern eine Hekatombe schuldig ... Ich habe
Sehnsucht nach ... Dir, Kind! Mache! ... Komm! ... Trink Deinen Kaffee aus,
bitte! - wir gehen zu mir - da wird's gut sein ... und da werden wir Hütten
bauen ...«
    Eine kleine Frist darauf verliess Adam mit seiner köstlichen Kriegsbeute das
Lokal. Die beiden schritten Arm in Arm, eng aneinandergeschmiegt, durch die
stillen Strassen dahin und plauderten miteinander und neckten sich und kosten,
als stellten sie vor ein bräutlich liebend Paar. Und der Nachtwind strich um sie
herum und zauste zaghaft an ihnen und blies sie sanft an und lauschte auf die
Ouvertüre der Liebesnacht, welche zwei Menschenkinder feiern wollten, die sich
vorher noch nie begegnet waren ... die der Gott der Stunde heute zusammengetan
... Es war zwischen zwei und drei Uhr. Der Himmel liess soeben sein starres,
gebundenes Schwarz in die erste hellere, mehr dunkelblaue Farbenwellung
hinüberschlüpfen. Der Schlummer des Lichts begann unmerklich leiser und leiser
zu werden. Bald musste es aufwachen und den ganzen Horizont überflammen.
    Adam aber vergass in den weissen Armen seiner Emmy Frau Lydia Lange, vergass
die Beteuerungen und Schwüre, die er ihr - waren denn unterweilen erst vier,
fünf Stunden vergangen? - schluchzend zugestammelt. Und er vergass Fräulein
Hedwig Irmer, dieses blasse, ernste Weib mit den schweren, dunklen Augen und dem
herben, langweiligen Schicksal. Der Stern einer unheimlich ungenirten Liebe
stand leuchtend zu Häupten seines Lagers ... seines Lagers, auf dem er so oft
allein, so oft verwaist geruht - stand, bis die rote, ehrliche Morgensonne kam
und Emmys schwarzes Haar bläulich aufschimmern liess. Die Schläfer aber
erwachten, blinzelten in den goldenen Glanz hinein, küssten sich und kosten
miteinander in seltsamer Kurzweil. Das Licht wuchs und wuchs. -
 
                                      XII.
In immerhin ziemlich prägnantem Einsiedlerstyle durchlebte Adam die nächsten
Tage und Wochen. Der zeitweilige Verkehr mit Emmy, die ihn öfter besuchte, und
mit welcher er ab und zu kleinere Spaziergänge machte, hatte für ihn kaum etwas
Anschraubendes, Bestimmendes, Ablenkendes, Hinauszwingendes. Emmy war doch ganz
feinfühlig und zurückhaltend.
    Wohl gestand sich der Herr Doctor mit leisem Bedauern ein, dass ihm in dieser
Zeit der Stille und Ebbe alles geistig Grössere, Bedeutendere, Imposantere fern
und versagt blieb. Aber dieses Bedauern war doch schliesslich nur ein sehr
nüchternes und oberflächliches. Adam verspürte zuweilen einen Mangel, den er
sich halb unwillkürlich, halb künstlich, aus Erinnerungen und zufälligen
Vergleichen zwischen früheren, bewegteren Tagen und dem gleichmässigeren Jetzt
zusammenbuk. Das war aber mehr eine correkte, etwas wehmütig angesprenkelte
Abstraktion, denn ein redlicher Vollschmerz.
    Adam hatte sich zwar vorgenommen, die Beziehungsfäden zu Lydia nicht
leichtsinnig zu verschleppen ... aber wie er so von Tag zu Tag in seinem
Gefühls- und Gedankenleben vereinsamte ... selbstinniger und intimer wurde; wie
er die Kreise immer enger zog; wie sich ihm die äussere Welt mehr und mehr zum
Accidenz vereinfachte, das verhältnissmässig nur selten von Emmy wieder zum
gleich- oder mehrwertigen, unmittelbaren Object zurückgemünzt und ausgeglichen
wurde; wie er sich stets eingehender und reicheren Gewinn schöpfend in das Motiv
der bewussten »modernen Bibel« versenkte: da trat unwillkürlich das persönliche
Gefühl, das Verständnis, das Interesse für die Frau bedeutend zurück, verlor an
Kraft und verblasste - für die Frau, die ihm jenes Motiv in einer loseren Stunde
überantwortet - wie eine für sie reizlose Frucht in den Schoss geworfen hatte.
Ideen, nicht zu alltägliche, nicht zu wohlfeile, dämmerten ihm auf, gewannen
Ausdruck und Umriss ... und in dem specifisch modernen Momente des
wiedergefundenen Germanentums glaubte er sich des bewegenden und entscheidenden
Gegensatzes der neuen Bibel zu dem semitischen Grundelemente der alten
bemächtigt zu haben. Eine bedeutende Reihe neuer, interessanter Perspektiven
ergab sich nun ... eine überreiche Fülle von Gedankenkeimen schoss auf - eine
Ernte von originellen, neuen Anschauungen, Auffassungen, zeitweilig recht
merkwürdigen Ahnungen, welche aber Adam mehr mit der diskreten Zurückhaltung
eines raffinirten Gourmand behandelte - eines Gourmand, der im unklaren
Bewusstsein seines Reichtums schwelgt - und die er deshalb nur lässig, fast
gegen seinen Willen, weiterentwickelte und fortbildete ... Zugleich verstand er
es aber auch, eben als vorzüglich geschulter Gourmand, jene Scheu vor dem klaren
Wissen um seinen Besitz als ein neues, pikantes Reizmoment in den Kreis seiner
geistigen Lust zu ziehen. -
    Eines Tages war Adam wieder einmal von Emmy um die Mittagsstunde abgeholt
worden. Sie pflegten dann zusammen zu speisen ... aus Pietät und Anhänglichkeit
in jenem Café, in dem sie sich kennen gelernt, eine Tasse Melange zu trinken ...
und nachher eine Weile zu promeniren. Sie tändelten und plauderten mit einander
... sie erzählten sich Dies und Das ... sie langweilten sich fast ... und waren
doch eigentümlich angeregt, wenn auch sanft nur und verhalten. Ab und zu liess
Adam, mehr zufällig denn absichtlich, ein ernsteres Wort fallen, das Emmy mit
drolliger Gewichtigkeit aufnahm und manchmal zum selbständigen Gesprächsmotiv zu
machen versuchte. Adam verstand das kleine Weib und musste lächeln. O! Emmy wusste
die Ehre zu schätzen ... die Ehre, mit Herrn Doctor Mensch verkehren zu dürfen.
Sie war nicht unbeanlagt und gewiss geistig nicht ganz bedürfnisslos. Oefter schon
hatte sie Adam, halb im Ernste, halb im willkommenen Spasse, den Vorwurf gemacht,
dass er sie zu geringschätzig behandelte ... zu sehr die Geliebte ... zu wenig
den Menschen in ihr sähe. Aber war sie denn im Stande, den Untergrund seines
Gedankenlebens aufzuwühlen? Wenn sie zu ihm komme, sehe er immer so ernst aus
und sei so wortkarg, hatte sie sich beklagt, und studire immer in so vielen
Büchern oder kritzele auf einem grossen Blatte Papier herum - mit ihr aber
plaudere er stets nur loses, leichtes Zeug - warum lese er ihr denn nicht einmal
aus einem seiner Bücher vor -? Emmy war wirklich zeitweilig ein zu spassiges
Ding. Einmal hatte Adam sie auf jenen Vorwurf hin in die Sophaecke gedrückt ...
hatte sehr sonderbar gelächelt ... ihre dünnen, schmalen Lippenbänkchen
unzweideutig versessen geküsst ... und dann begonnen, an den Brustknöpfen ihres
Jaquets zu nesteln -: das war seine ganze Antwort gewesen. O! Emmy hatte
verstanden - - ja! ja! Sie wusste wohl, dass sie ihm gefiel ... und das freute sie
auch tüchtig, denn ihr gefiel dieser Herr Doctor nicht minder - aber ein klein
Wenig hatte sie es doch geärgert, dass er öfter so gar nicht auf sie eingehen
wollte ... Nun! es war immerhin schon viel, dass er sie mit feinstem Zartgefühl
behandelte ... nicht ... gar nicht, als wäre sie auch ... auch »so Eine« - »so
Eine«, wie sie es ... im Grunde ja doch war.
    Nun ja! Kellnerin war sie gewesen - und jetzt »privatisirte« sie. Aber jeden
Augenblick konnte sie wieder irgendwo Stellung nehmen - schliesslich wieder in
ein Geschäft als Verkäuferin eintreten ... oder als Putzmacherin,
Maschinennähterin, »kalte Mamsell« oder so etwas Aehnliches »gehen« - jedoch ...
war dazu nicht immer noch Zeit? Warum denn nicht? Jetzt lebte sie »so«
entschieden freier ... und Not litt sie nicht. Sie hatte sich als Kellnerin
einige Batzen erspart - und ganz verdienstlos war das »Privatisiren« schliesslich
doch auch nicht. Adam allerdings ... Adam war nicht besonders freigebig gegen
sie. Er bezahlte ja sehr oft für sie ... er machte ihr kleine Geschenke - aber
der arme Kerl schien selbst nicht Allzuviel in die Milch brocken zu können. Und
dann hatte er selbst starke Bedürfnisse, brauchte einen ganz netten Haufen ...
und ... und verstand es überdies keine Idee, ein Bischen haushälterisch zu sein.
Wie? wenn - sie - ihm die - hm! - also die ... die Kasse - führte? Dann müssten
sie aber zusammenwohnen - und das - ob das Adam wollte -? O! Emmy hatte schon
öfter daran gedacht. Ihr wäre es gewiss recht gewesen. Sie hatte den Punkt auch
schon einige Male zur Sprache bringen wollen - und es war ihr doch schliesslich
immer wieder nicht über die Lippen gegangen. Warum nur nicht? Und er, Adam,
schien mit keinem Gedanken daran zu denken. Er machte sich wohl überhaupt nicht
besonders viel aus ihr - sonst hätte er doch darauf wahrhaftig schon kommen
müssen! Er konnte sich doch an fünf Fingern abzählen, dass er nicht der Einzige
war, mit dem sie verkehrte ... Aber das schien ihm Alles furchtbar gleichgültig
zu sein. Emmy tat es sehr weh, dass sie für Adam keine grössere Bedeutung besass.
Und unwillkürlich hing sie sich in ihrem Innern um so fester an ihn,
beschäftigte sich um so intimer mit ihm - rupfte zeitweilig mit grosser, naiver
Gewissenlosigkeit andere Männer um so nachdrücklicher, da ihr der, welcher ihr
der liebste war, nichts Entscheidendes, nichts Entschiedenes »bieten« kannte. O!
Eine starke, zärtliche Neigung für Adam war allmählich in der Brust Emmys
emporgewachsen.
    Und nun promenirten sie heute in dem kleinen Stadtpark. Nach dem Walde waren
sie lieber nicht hinausgegangen. Es sah aus, als ob es jeden Augenblick regnen
wollte. Die Luft ging kühl ... ganz gewiss zu kühl für die letzten Maitage. Die
Natur machte ein halb bekümmertes, halb gleichgültiges Gesicht. Adam erschien
sie wie verwittwet, wie verwaist. Da hatten alle Quellen eines ehelichen
Sonnenlebens zu sprudeln aufgehört - ernst und zurückhaltend, wie in windstillen
Oktobertagen, stand Baum und Strauch da ... nur die prahlerischen
Farbensymphonie'n des Herbstes fehlten - aber Adam war es zu Sinn, als ob dieses
schwere, stumpfe, glanzlose Grün nicht echt - als ob es von den Cypressen der
ganzen Welt zusammengeborgt wäre ....
    Der Herr Doctor war heute wieder einmal sehr schweigsam. Die Sprödigkeit und
Neutralität der Natur zwangen ihn noch mehr in sich zurück. Es lastete kaum ein
besonderer Druck auf ihm. Und doch konnte er es nicht über sich gewinnen, sich
in ein längeres, zusammenhängendes Gespräch mit Emmy einzulassen. Ab und zu fiel
ein Wort, welches aber mehr aus dem Bedürfnis heraus, das Peinliche und
Drückende dieser Stille zu vermindern, gesprochen wurde, als weil es an sich
bedeutend und berechtigt gewesen wäre. Nicht im Banne irgend eines tieferen
Gedanken-oder Gefühlsmotivs befand sich Adam Allerlei krauses Zeug, an dem er
herumspann, war ihm nahe ... er kaute geistig an diesem und jenem Einfall ...
eine heisse Sehnsucht packte ihn jetzt nach einer grossen, gesammelten Stimmung
... nach einem intimen seelischen Erlebnis ... Erinnerungen keimten auf ... er
konnte nicht begreifen, wie er plötzlich hierher käme ... er wusste nicht, was er
mit diesem Weibe an seiner Seite eigentlich zu schaffen hätte ... er hatte doch
ganz andere Pflichten zu erfüllen ... eine ganz andere Mission war ihm doch
geworden - ha! aber welcher Art waren denn diese »Pflichten« -? Und welcher Art
war denn diese merkwürdige »Mission« -?
    »Adam! Du bist heute unausstehlich! ...« Emmy hatte nicht länger an sich
halten können.
    »Hm! . Unausstehlich ... warum, Kind? Ich träumte nur wieder einmal allerlei
dummes Zeug zusammen ... Du kennst ja meine Schwäche ... Aber wir wollen bald
umkehren - ja? Ich möchte, solange es Tag ist ... so ... -lange es ... Tag ist -
hm! ... Emmy, weisst Du: die Sonne ist eigentlich ein furchtbar überflüssiges
Möbel - -«
    »Aber Adam! ...«
    »Was denn? . Sieh mal, wenn - also wenn - - denke Dir zunächst 'mal einen
Laubfrosch - -«
    »Einen Laubfrosch? ... Das wird ja immer hübscher -« Emmy lachte sehr
aufgeräumt.
    »Und dann denke Dir eine Perrücke - -«
    »Eine Perrücke? Adam! Ich glaube, Du bist - -«
    »Und denke Dir drittens eine Schale Spargelsalat - -«
    »Aber nein! - sei still! ... das ist ja zum Verrücktwerden! ...«
    »Ja! - also - aber Du hast mich ganz aus dem Konzept gebracht - nun hör' zu:
wir setzen den jrasjrünen Laubfrosch in den Spargelsalat und decken die Perrücke
darüber - jetzt rate 'mal, was das ist? .«
    »Ich halte mir die Ohren zu ... sei still ... sei still! ...« Emmy drückte
die Finger gegen ihre allerliebsten Ohrmuscheln und trippelte mit komischer Eile
einige Schritte voraus. Nun mündete der schmale Spazierpfad, auf dem die beiden
bis jetzt hingeschritten waren, in den breiten Hauptweg des Parkes aus.
    Quer über den Alleedamm kam ein Herr auf das Paar zu.
    »Ah! Herr Doctor! . Habe ich endlich einmal wieder das Vergnügen - ich
dachte, Sie wären längst nach unseren Kolonie'n als kaiserlich deutscher
Dolmetscher oder mit sonst 'nem Ulke chargiert ausgewandert ... Und nun ... hier
... auf altem Boden noch - dazu in reizender Damenbegleitung -«
    Herr von Bodenburg hatte den Hut gezogen, mit eleganter Verbeugung seine
rechte Hand Adam entgegengestreckt und zugleich, ein Lächeln des Erstaunens und
der Genugtuung im Gesicht, einen kurzen, prüfenden Blick auf Emmy geworfen.
    »Ich begrüsse Sie, Herr von Bodenburg - meine kleine, reizende Frau - Herr
Referendar von Bodenburg -« stellte Adam jetzt mit drolliger Ernstaftigkeit
vor.
    »Helfen Sie mir, Herr Referendar - ich suchte meine Frau soeben über die
inneren Beziehungen, in welchen ein Laubfrosch zu einer Schüssel Perrückensalat
steht, aufzuklären - aber sie will mich durchaus nicht verstehen -«
    »Hm! hm! ...« lächelte Herr von Bodenburg wohlwollend, herablassend, als
hätte er recht gut verstanden, »dass es sich um einen barocken Spass handelte -
Perrückensalat - nicht übel, Herr Doctor -!«
    »Nicht wahr - Sie wissen, was ich meine? ... Natürlich wissen Sie's - dann
können Sie's mir vielleicht sagen, Herr Referendar? Ja? Ich bin mir nämlich in
diesem Augenblick selbst ein riesiges Rätsel ... Ich weiss absolut nicht, was
ich mir unter Perrückensalat vorstellen soll - Goete sagt zwar, die Welt sei
ein Sardellensalat, aber - aha! Lassen Sie uns nachdenken, meine Freunde! . Wir
finden sie - ich sage Ihnen: wir finden sie, die Lösung nämlich dieses Rätsels
... wir finden sie - ich wette um einen Korb Röderer, Herr Referendar, dass wir
sie finden, die verdammte Hexe -!«
    Adam lachte aus vollem Halse, unangenehm energisch, dröhnend. Er schüttelte
sich und lachte, dass ihm die Tränen über die Backen liefen. Ein nervöser
Lustigkeitskrampf war jäh über ihn gekommen. Emmy blickte erschrocken zu ihm
hinüber. Herr von Bodenburg machte ein ehrlich verblüfftes Gesicht, in welches
zugleich ein paar Unmuts- und Aergerslinien hineingerjetzt waren. »Eine
merkwürdige Unterhaltung -« murmelte er.
    »Also, meine Freunde - es wird Zeit, dass die Götterdämmerung endlich
losgeht! - Ich ersticke an diesem tristen Zuschauerjargon, den man immer
radebrechen muss ... Emmy! Sehen Sie, Herr Referendar - das ist nun auch so Eine
... ich habe das kleine, entzückende Weib neulich Abend einem überflüssigen
Laffen abgejagt - aber glauben Sie wohl, dass es bisher zum geringsten tragischen
Konflikte zwischen uns gekommen wäre? . Keene Spur, Verehrtester! Es ist so
blutig langweilig auf der Welt - die Leidenschaft ist todt - und die grossen
Gefühle sind pensionirt ... Lassen wir wir uns dito pensioniren, lieber
Mitmensch - -«
    »Sie sind heute in einer eigenartigen Stimmung, Herr Doctor!«
    »Was hast Du nur, Adam -?«
    »Ich? Nichts, Kind! Gar Nichts! Aber wollen wir nicht heimwärts ziehen, wie
die ... nun! ... Wie die bewussten Schwalben im Herbst? ... Meine Stunde
wenigstens ist gekommen ... Sie begleiten uns vielleicht, Herr Referendar -?«
    »Wenn Sie gütigst gestatten -«
    »Bitte sehr -«
    Die drei kehrten um. Da kam ihnen ein offener, zweispänniger Wagen in
ziemlich scharfem Trabe entgegengefahren. Adam schnäuzte sich gerade mit
ostentativer Umständlichkeit. Er wischte sich eben zum letzten Male unter der
Nase weg, als der Wagen an ihm vorüberfuhr. Unwillkürlich blickte er zu ihm hin.
Ah! Teufel! Das war ja Lydia!
    Mit verlegener Hast grüsste Adam. Er hatte im Augenblicke keine Zeit, über
die Frage nachzugrübeln: Warum er denn jetzt nicht dort neben dieser schönen
Frau sässe ... neben dieser schönen Frau, die - die - hm! ... na ja! - und so
weiter ...
    Er fühlte das Auge Emmys auf sich liegen, nun lasten. Doch da setzte das
Pferdegetrappel plötzlich aus. Adam sah sich um, ungewollt und halb unbewusst
erfreut, dass er eine Gelegenheit erhielt, die unvermeidliche Frage Emmys noch
hinauszuschieben. Aber er war ihr doch eigentlich gar keine Rechenschaft
schuldig. Der Wagen hielt in einiger Entfernung ... und der Herr Doctor
bemerkte, wie sich Frau Lange über den Schlag lehnte und ihn zu sich
heranwinkte. Er war unschlüssig. Er wurde aufs Neue verlegen. Er warf scheue
Blicke auf Emmy und Herrn von Bodenburg, die ihn fragend, erstaunt ansahen.
    »Erlaube, Emmy! .« stiess er endlich heraus - »Pardon, Herr Referendar - ich
- ich ... bin sogleich zurück -«
    »Sind Sie frei, Herr Doctor? ...« redete ihn Frau Lange an und streckte ihm
ihre kleine, volle, schwarzbehandschuhte Rechte entgegen. »Dann steigen Sie
bitte ein - ich muss Ihnen einen Capitalspass erzählen -« Lydia machte ein sehr
vergnügtes Gesicht, ihre Augen blitzten, ihr ganzes Wesen atmete Füllung,
Angeregteit, den Drang: sich ausströmen, sich mitteilen zu dürfen.
    Adam war in peinlichster Verlegenheit. Er konnte doch Emmy unmöglich stehen
lassen. Aber - nein! - das ging auch nicht! - zugeben durfte er doch auch nicht,
dass er ... er der Ritter ... der Liebhaber dieser Dame wäre - - er zögerte, er
wurde immer befangener - »gnädige Frau -« stammelte er - -
    »Ach so, Herr Doctor - nun ... wenn Sie engagirt sind - natürlich - dann
verzichte ich - - Ihre Dame - -«
    »Pardon! . Davon kann wohl keine Rede sein - ich begegnete vorhin dem Herrn
in Begleitung der Dame - ein Bekannter von mir, Referendar von Bodenburg - aber
ich ... ich ... ich müsste mich doch erst entschuldigen und verabschieden, ehe
ich Ihrer liebenswürdigen Aufforderung folgen dürfte - gestatten Sie also,
gnädige Frau -«
    »Bitte! ...« Das klang sehr gleichmütig ... es war eben nur mit den Achseln
gezuckt, kaum mit dem Munde gesprochen. Lydias frische, volle Stimmung schien
einen herzhaften Sprung erhalten zu haben.
    Als Adam vom Wagen Frau Langes zu Emmy und Herrn von Bodenburg, die,
vielleicht absichtlich mit feiner Diskretion, vielleicht unabsichtlich, in
entgegengesetzter Richtung weitergegangen waren, zurückschritt, freute er sich
im Stillen gar sehr, dass er Lydia gegenüber immerhin doch so schnell seine
Verlegenheit überwunden hatte ... und dass es ihm allem Anschein nach vorzüglich
geglückt war, sich durch eine kräftige Lüge aus der Klemme zu ziehen. Ein zart
nuancirtes Lächeln umkräuselte seinen Mund. Hm! Wenn das Emmy wüsste! Nun! am
Ende verstand sie ihn vielleicht ... begriff sie vielleicht sehr gut, dass man
eine ... eine »Freundin« ... »une bonne camerade« unter Umständen einmal
verleugnen muss ... verleugnen muss einer Dame »von Welt« ... einer Dame »aus der
feineren Gesellschaft« ... einer Dame »aus den höheren Ständen« gegenüber ....
Adam hatte Lust, vor Emmy jetzt sogleich die Karten aufzudecken. Der dumme,
kleinliche Gedanke verursachte ihm ein köstliches Behagen. Aber nun fürchtete er
doch hemmende Weitläufigkeiten - und so entschuldigte er sich sehr kurz: er
müsste leider aus Höflichkeit einer Einladung der Dame, - die er übrigens sehr
gut kenne - einer Einladung, in ihren Wagen zu steigen, Folge leisten - nun! ...
Herr von Bodenburg würde wohl die Güte haben, Emmy nach der Stadt
zurückzubegleiten -
    Emmy sah mit einem halb ironischen, halb traurigen Blicke Adam an.
Natürlich! Sie hatte ihn verstanden. Der Herr Referendar war entzückt. Ihm
gefiel das kleine Weib ausnehmend. Ha! . »So Eine« - Schwerebret! - »so Eine«
war schliesslich auch einmal für ihn zu Hause. -
    »Haben Sie dem armen Mädchen den Laufpassgegeben? Sie Grausamer! ...« Lydia
lächelte wirklich beleidigend spöttisch und sah ihrem Nachbar fest ins Gesicht.
    »Gnädige Frau! -«
    »Lügen Sie mir doch nichts vor, Herr Doctor! . Ich erkannte Sie längst,
bevor Sie mich sahen ... Sie gingen auf der linken Seite der Dame - das sagt
doch genug - nicht wahr?«
    »Wenn Sie eine Zufälligkeit - eine pure Zufälligkeit - nun ja doch! ... so
besonders schwer ist es ja nicht, einen Menschen zu verdächtigen -« Adam hielt
es für praktisch, den Beleidigten zu spielen. Mit verschränkten Armen so
dastehen ... sich nicht verteidigen, obwohl man alles Recht auf seiner Seite
hat ... sich ruhig abschlachten lassen im süssen Vollgefühl, dass der Gegner ein
schreiendes Unrecht begeht, indem er sotanes Abschlachten eben vollbringt: oh! .
auch das kann Wollust ... beissende, betäubende Wollust sein ...
    »Herr Doctor - ich bitte Sie! ... Aber lassen wir das! . Was ... was gehen
mich Ihre Neigungen - Ihre ... Ihre Gewohnheiten - Ihre sonstigen ...
Beziehungen an! ... Ich wollte Ihnen einen famosen Spass erzählen, den ich heute
früh erlebt habe - nun ... um es gerade heraus zu sagen: ich - ich habe mich -
heute früh verlobt ... Was? das ist doch göttlich - nicht? Und Sie sehen, wie
glücklich ich bin! ... Ich sage Ihnen: wie neugeboren! da weiss man doch
wenigstens wieder, wozu man auf der Welt ist! Da hat man doch wieder einen
vollen Lebenszweck - und nun gratuliren Sie mir, lieber Freund -«
    Adam war doch zusammengefahren. Das hatte er nicht erwartet. Einen
Augenblick dachte und fühlte er nichts. Wie gelähmt war er. - Dann zischte das
Leben wieder gewaltig in ihm auf. Eine scharfe Blässe bedeckte sein Gesicht, an
welchem jetzt alles Ungleichmässige, was es besass, in greller Klarheit
hervortrat. Nun wurde er glühend rot, er zitterte an allen Gliedern, die
Sprache versagte ihm, er atmete gepresst, der Blick seines Auges wurde unsicher
... es war ihm, als ob in seiner Brust eine Faust in die Höhe wachse und sich
mit aller Wucht in den Kehlkopfpresse - und doch sagte er sich, dass er sich
beherrschen ... gewaltsam zur Ruhe zwingen müsste, wenn er sich nicht vor Lydia
unsterblich blamiren wollte - er ärgerte sich wütend über sich ... er
verachtete sich ... er bemerkte entsetzt, dass sich all' seine Willenskraft
plötzlich vollkommen machtlos erwies - endlich knirschte er ein heiseres, kaum
verständliches »Lydia -!« hervor.
    Frau Lange hatte den Eindruck, den ihr Geständnis auf den Herrn Doctor
gemacht, sehr genau beobachtet. Sie freute sich zunächst ausserordentlich über
diese erschütternde Wirkung. Dann wurde sie sehr ernst. Wenn Adam von der
Nachricht, dass sie sich verlobt habe, so furchtbar angefasst wurde dann - - nun
dann musste sie für ihn ... musste sie in seinem Leben doch eine grössere Bedeutung
besitzen, als sie bisher geglaubt hatte. Diese Folgerung erfüllte sie mit einem
gewissen Stolze. Sie wuchs vor sich ... und zugleich wuchs, vertiefte und
veredelte sich ihre Teilnahme für Adam. Sie dachte an jene bewegte Stunde
zurück, da er vor ihr auf den Knieen gelegen und um ihre Liebe geworben ... Sie
konnte jetzt nicht begreifen, dass sie ihn damals so spöttisch abgewiesen ... so
souverän-mütterlich behandelt ... dass sie selbst in jener Scene so oberflächlich
und äusserlich gefühlt hatte. Sie hätte ihn jetzt am Liebsten an die Brust
gezogen und geküsst. Da war kein Zweifel mehr: er liebte sie - und sie? - Nun!
sie liebte ihn auch, diesen wunderlichen Menschen - sie liebte ihn, trotzdem er
ein ziemlich loser und unzuverlässiger Gesell zu sein schien. Plötzlich war es
ihr klar geworden ... und von dem ungestümen Drange ihrer Gefühle liessen sich
alle Zweifel und Bedenken bequem in eitel Dunst zerblasen. Die ganze
Lebhaftigkeit ihrer Natur machte sich geltend und war im Begriff, entscheidend
zu wirken. Allein! sie war doch zu feinfühlend ... und zu rücksichtsvoll gegen
die »gute Sitte« ... war zu sehr Weltdame, um sich hier auf offener Landstrasse,
in Gegenwart ihres Kutschers, zwanglos gehen lassen zu können. Der Druck der
Situation engagirte sie und löste beinahe wieder eine ironische Stimmung in ihr
aus. Sie wusste nicht, dass Adam zumeist deshalb von ihrem Geständnis so betroffen
war, weil ihm damit im selben Augenblick eine ganze Zukunftswelt verkrachte. Er
hatte sich mit jäher Ueberstürzung daran erinnern müssen, dass er unendlich Viel
einbüsste, wenn ihm Lydia verloren ging. Nun ja doch! Er hatte durchaus nicht mit
zäher Energie sein Ziel verfolgt. Er hatte, gewiss seiner Natur gemäss, mehr mit
dem Gedanken gespielt, dass Lydia eines Tages sein Weib werden könnte. Sie hatte
ihm ein heimliches, volles Behagen verursacht, diese unklare,
lienienverschwommene Zukunftsreserve ... Er war viel zu gleichgültig gegen seine
Zukunft, als dass er unmittelbar für sie einzutreten, für sie zu arbeiten
vermocht hätte. Sein Gedanken- und Gemütsleben war viel zu differenzirt, als
dass er nicht eng an die Gegenwart hätte anknüpfen müssen. Und doch war es ihm
jetzt zu Sinn, als hätte er Etwas verloren, was schon ganz sein eigen gewesen
...
    »- Herr Doctor -!« Lydia wusste nicht recht ... sie war erschrocken,
verlegen, fast bekümmert - aber Alles nicht ganz rein, es zweifelte etwas
Unklares in ihr -
    Adam hatte sich gefasst. Seine Stimme klang noch gepresst und stockend, aber
äusserlich nahm er sich doch bedeutend kühler und ruhiger aus.
    »Sie haben Recht, gnädige Frau - da bleibt mir wirklich nichts weiter übrig,
als Ihnen meine herzlichsten Glückwünsche auszusprechen -«
    »Ich danke Ihnen verbindlichst, Herr Doctor! .« Lydia lächelte
schelmisch-ironisch.
    Dann schwiegen beide eine kleine Weile. Nun begann Lydia wieder, einen
schmollend-vorwurfsvollen Ausdruck in der Stimme: »Aber Sie fragen ja gar nicht,
wer mein Auserwählter ist?! Nehmen Sie in der Tat so wenig Anteil an mir? ...«
    »Ich bitte Sie, gnädige Frau! Einem armen Burschen, der todeswund am Boden
liegt, ist es so ziemlich gleichgültig, wer ihm die Kugel in die Brust gejagt
hat - er weiss nur, dass man ihm das Aufstehen verleidet hat -« antwortete Adam
mit affektirter Trauer und Resignation.
    »Na - nehmen Sie's nur nicht zu tragisch, Herr Doctor! . Sie tun ja gerade
so, als ob ... nun! - jedenfalls sind Sie wieder einmal auf dem besten Wege,
Ihnen und mir Etwas vorzulügen -«
    »Sie sind doch eine unverbesserliche Zweiflerin, Lydia! .« Das hatte Adam in
ehrlichstem Ernste, wirklich bekümmert, gesprochen.
    »Ich will Ihnen reinen Wein einschenken, lieber Freund! Die Geschichte von
der Verlobung war natürlich nur ein Scherz ... Ich habe heute früh allerdings
einen Heiratsantrag erhalten - von - aber das ist Ihnen ja gleichgültig ... Ein
Major ausser Dienst - nebenbei Weinhändler und Agent einer
Lebensversicherungsgesellschaft - natürlich von Adel - übrigens 'n ganz
passabler Mensch - nur 'n Bissel zu alt ... 'n Bissel zu unbedeutend und ... und
'n Bissel zu verschuldet - hat mich schon seit Jahr und Tag mit seinen
Aufmerksamkeiten verfolgt - ist mir nachgereist - u.s.w. - u.s.w. - aber -
pardon! - das interessirt Sie ja nicht - also ... nun! - ich habe für die Ehre
gedankt, Frau von ... von X oder Y zu werden ... Mein Name gefällt mir zu gut
... und meine Freiheit gefällt mir noch besser ... Sie werden mich verstehen,
Herr Doctor -«
    »So? - Glauben Sie, gnädige Frau? -«
    Adam hatte sehr kalt und gleichmütig geantwortet. Er vermied es, Lydia
anzusehen. Er wandte sich ab und schien die ihm gegenüber liegende Front des
Parkes mit ausserordentlicher Aufmerksamkeit zu betrachten. Seine Finger
trommelten mit nervös schwirrendem Nachdruck auf dem Wagenschlage herum.
    Der Wagen hatte das ganze Gehölz durchfahren und näherte sich jetzt - auf
einer anderen Seite - der Stadt. Die ersten Tropfen eines leichten Regens
rieselten nieder.
    Lydia war empört. Eine verworrene Fülle von Gedanken und Gefühlen
durchgährte sie. Sie wusste nicht, wie sie ihrem Aerger, ihrer Erbitterung auf
eine besonders maliziöse Weise Luft machen sollte.
    Man kam der Stadt immer näher.
    »Gestatten Sie, dass ich hier aussteige, gnädige Frau -« begann Adam jetzt
und sah Lydia von der Seite an ...
    »Ah! - Fräulein Irmer ... gewiss mit ihrem Vater! . Der Mann sieht sehr
leidend aus - er scheint doch recht hinfällig zu sein -«
    Adam wandte sich schnell um ... und bemerkte, wie Herr Doctor Irmer, von
Hedwig geführt, langsam ... sehr langsam, zusammengebückt, mit dem Stocke in der
linken Hand unsicher vor sich hintastend, herankam. Adam grüsste mit zufahrend
patetischer Höflichkeit ... und wurde dabei doch wieder ein wenig verlegen.
Aber zugleich machte ihm der harmlos-einfältige Gedanke wollüstiges Vergnügen,
dass für Hedwig die Tatsache, ihn in einem offenen Wagen an der Seite Frau
Lange's gesehen zu haben, zu einem neuen Grunde, sich mit ihm zu beschäftigen,
werden musste - und dass andrerseits sein auffallend höflicher Gruss gegen Irmers
nicht ohne Eindruck auf Lydia bleiben konnte.
    »Gestatten Sie, dass ich hier aussteige, gnädige Frau! ...« wiederholte Adam,
als der Wagen kaum noch hundert Schritt von dem Ausgang des Parkes entfernt war
- »und« - fügte er leiser hinzu - »wann werden Sie einmal für mich zu Hause
sein, Lydia? Das geht so nicht weiter - das ertrage ich nicht länger - die Sache
muss zur Entscheidung kommen - - oder - ja! - das ist besser - ich schreibe Ihnen
-«
    »Wie Sie wollen, Herr Doctor. Ich weiss übrigens nicht, was Sie mir - doch -
nebenbei bemerkt - ich verreise demnächst auf einige Wochen -«
    Frau Lange liess halten. Adam stieg aus und zog den Hut.
    »Adieu! ...« Das klang entsetzlich kurz und schroff.
    Der Wagen rollte davon. Es regnete stärker.
    Adam schlug die Richtung nach seiner Wohnung ein. Das leise Prickeln und
verhaltene Stechen der Regentropfen tat ihm fast wohl. Bei einer solchen
Naturstimmung fliegen keine grossen Gedanken auf. Da kann man, in sich
zusammengezogen, still vor sich hindenken, behaglich vor sich hinbrummeln. Und
Adam bemühte sich, eine reine, köstliche Heiterkeit im Gemüt, über das soziale
Verhältnis nachzugrübeln, in dem ein Laubfrosch zu einer Perrücke und einer
Schale Spargelsalat steht. Ein Schwarm drolliger und putziger Gedankenbilder
umgaukelte ihn. Der Schlapphut hatte zwar eine tüchtige Portion Nässe geschluckt
... nichtsdestoweniger kam der Herr Doctor sehr angeregt und aufgeräumt nach
Hause. Lydia war ihm schauderhaft gleichgültig. -
    Er fand einen Brief von seinem Bruder vor, welcher schrieb, dass er sich
verlobt hätte. Adam las die nichtssagende, umständlich-unbeholfene Epistel
flüchtig durch und warf sie in den Papierkorb. Was ... wer war ihm sein Bruder?
Er hatte ihn seit Jahren nicht gesehen. Adam besass so gar kein Talent,
verwandtschaftliche Instinkte bei sich zu pflegen.
    Aber noch ein Brief war angekommen: eine sehr liebenswürdige Einladung von
Irmers für übermorgen Abend: »Zu einer Tasse Tee«. »Ah! So kommst Du also
wieder einmal an die Reihe, geliebte Hedwig -« versetzte halblaut vor sich hin
dieser Mensch, um den sich ... andere Menschen zu »reissen« schienen, »sieh da!
das ist hübsch von Dir! ...« Ihr wechselt Euch fürwahr sehr nett ab, Kinder!
»Lydia - Hedwig - Emmy - Emmy - Hedwig - Lydia - Hedwig - Lydia - Emmy -: ganz
annehmbar! Uebrigens - Emmy! Hm! Ich traue diesem Herrn von Bodenburg doch nicht
recht - er wird doch ... wird doch keinen ... Unsinn machen mit meiner kleinen
reizenden Frau -? Zu dumm, dass Emmy ein so emancipatives Wesen ist - zu dumm!«
Zum ersten Male war Adam so etwas wie eifersüchtig ... wie eifersüchtig auf die
unvermeidlichen, anderen Liebhaber seiner »kleinen, reizenden Frau« ...
    In der folgenden Nacht schlief er sehr unruhig. Er wachte öfter auf - und so
oft er aufwachte, musste er daran denken, dass dieser dumme Kerl von Referendar
und seine Emmy jetzt wohl in süssem Minnespiel beieinander wären. Es war zum
Rasendwerden.
    »Wahrhaftig! Nächstens werde ich mich auch noch in die Hure verliebt haben
...« knurrte er einmal erbost vor sich hin. -
 
                                     XIII.
Und nun war die Stunde gekommen, da Adam sich aufmachen durfte, der Irmer'schen
Einladung Folge zu leisten.
    Um die Zeit, da der Nachmittag Miene zu machen begann, sich zum Abend
auszuwölben, war der Herr Doctor natürlich mit sich einig gewesen, nicht zu
Irmers zu gehen, sich noch entschuldigen zu lassen.
    Er war soeben erst nach Hause gekommen.
    Am Vormittage hatte er sich, von einer unerträglich zerfaserten und
zerkrümelten Stimmung gequält, fast aus seiner Wohnung geflüchtet ... hatte er
sich geflüchtet vor sich selber ... vor einem Gespenst ... vor der furchtbaren
Entdeckung, dass er in dieser Stimmung Welt und Leben gegenüber vollständig
waffenlos wäre. Die stille, köstliche Heiterkeit des Herzens, mit welcher er
gestern heimgekehrt war, hatte sich ihm bis auf den letzten, mageren Nachglanz
entzogen ... er verstand sie nicht mehr ... er konnte nicht begreifen, dass er
sie besessen ... er verachtete sich, weil er das nicht begreifen, weil er keinen
Zusammenhang finden konnte ... und verachtete sich zugleich, weil er nach einem
Zusammenhange suchte ... weil er jener Stille des Gemüts instinctiv Wert und
Bedeutung beilegte ... und er verachtete sich zum Dritten, weil er gestern im
Stande gewesen war, die unermessliche Schwere des Lebens zu vergessen ... und sie
heute fast mit dem Gefühle eines Menschen trug, der nach neuen Mitteln und Wegen
suchte, sich über sie hinwegzutäuschen ... eines Menschen, der am Liebsten vor
ihr geflohen wäre ...
    Und so war er denn auch vor seiner Stimmung geflohen ... hatte sich mit
eintöniger Nachdrücklichkeit eingeredet, dass er einige Besorgungen, die er schon
längst hatte machen wollen, nicht länger aufschieben könnte ... war, von den
Eindrücken der Aussenwelt bestürmt, überhäuft, zerstreut, endlich auch etwas
ruhiger geworden ... hatte dann mit auffälligem Appetit zu Mittag gespeist ...
und schliesslich den grössten Teil des Nachmittags im Café Caesar
verstumpftsinnt. Einmal war hier Herr von Bodenburg vor ihm aufgetaucht, hatte
sich aber mit merkwürdiger Eile sehr bald wieder empfohlen. Adam hatte lächeln
müssen: der Herr Referendar schien wahrhaftig ein böses Gewissen zu haben! Er
sollte die Emmy, die eben doch weiter nichts als auch »so Eine« war, nur ruhig
zu seinem Privatgebrauche engagiren - er, Adam Mensch, würde nicht das Geringste
dagegen einzuwenden haben! Was war ihm denn diese schöne Sünderin mit dem
verzettelten Herzensleben und dem beschränkten Intellekt? Dummheit, wenn Herr
von Bodenburg sich genirte - capitale Dummheit! Solch' ein kleines Weib ist doch
gleichsam nur eine lebendige Münze ... es geht von einer Hand in die andere -
was weiter? - Und doch war er zusammengezuckt, als er sich Emmys Untreue, die er
selbst erst herausgefordert hatte, vorgestellt. Adam hatte sich an Emmys
Leidenschaftlichkeit ... an ihre Liebkosungen, an ihre Küsse erinnert ... an
ihre Umarmungen, die ihn fast erstickt ... Und wie süss war es gewesen, als sie
ihm in jener Nacht im ersten Paarungstumult rührend einfach zugestammelt: »Ich
habe Dich gern, Adam!« Und da war es wirklich heiss in ihm emporgestiegen ...
eine unheimliche Exstase hatte ihn bis in seine kleinsten Organe hinein
durchspült ... eine dampfende, lähmende Sehnsucht, nach Emmys schönem Leibe ...
nach ihren Küssen ... ihrem weichen, molligen Liebesgeplauder ... ihrer
köstlichen Routinirteit im aufsaugenden Minnespiel, war jäh zu ihm gekommen -
verflucht! Er hatte seine köstliche Lagergenossin verloren, weil er einem Weibe
nachgelaufen war, das ihm eine dumme Komödie vorgespielt! Er hatte sich auf die
Seite der Konvenienz, der Lüge ... allerdings auch der »Tugend« geschlagen - und
hatte darüber die Freiheit und die Ungebundenheit der vorurteilslosen »Sünde«
eingebüsst ... Er war doch ein Schaafskopf ersten Ranges gewesen ...
    Aber der Groll gegen sich selbst ... der Aerger über seinen taktischen
Schnitzer hatte doch nicht entscheidend bei Adam nachgewirkt. Nun er zu Hause
war und sich mechanisch auf den Besuch bei Irmers vorbereitete, obwohl er
eigentlich entschlossen war, diesen Kelch an sich vorübergehen zu lassen, hatte
sich seiner das Gefühl einer entkräftenden inneren Leere und Nüchternheit
bemächtigt. Alles widerte ihn an. Was sollte er in aller Welt heute Abend bei
Irmers! Wieder zu Hedwig die Fäden hinüberspinnen? Zur Abwechslung sich wieder
einmal von dieser Dame anregen oder aufregen lassen? Es war so überflüssig ...
so unsäglich überflüssig.
    Apatisch lag Adam auf dem Sopha. Es dünkte ihn erschütternd komisch, dass er
sich soeben einen frischen Kragen umgeknöpft. Aber im nächsten Augenblicke
ertappte er sich schon dabei, wie er nach einem besonders drastischen und
impertinenten Motive suchte, mit dem er heute Abend Fräulein Irmer traktiren
wollte. Adam wurde sich klar darüber, dass er das unnatürliche Verhältnis, in
welchem heute das männliche und weibliche Geschlecht zu einander stehen, einmal
mit rücksichtsloser und, wenn notwendig, mit cynischer Offenheit einer Dame
gegenüber zur Sprache bringen musste. Und diese Dame abzugeben ... nun! - dazu
schien Fräulein Irmer, dieses blasse, spröde, in einem engen Leben hinkümmernde
Weib, vorzüglich geeignet zu sein. Es war jedenfalls so etwas wie eine »Tat«,
einmal mit der Brandfackel zu hantiren ... ein verlöschendes Dasein noch einmal
den Traum von einem vollen, glühenden, ungehemmt vorwärtsstürmenden Leben
träumen zu lassen ...
    Aber auch dieser Vorsatz erschien dem Herrn Doctor sehr bald geschmacklos.
Wozu in aller Welt dieses doktrinäre Geschwafele! Er erhob sich langsam,
nachlässig ... zog die Augenbrauen dicht über der Nasenwurzel zusammen ...
machte ein sehr verächtliches Gesicht ... und suchte nach dem Messerchen, mit
welchem er seine Fingernägel pflegte.
    Wenn er gehen wollte, musste er übrigens bald aufbrechen. Aber warum sollte
er denn gehen? Und doch ... mein Gott! - warum sollte er denn nicht gehen? Warum
nicht? Man tut so Vieles in dieser Welt, weil man absolut nicht weiss, warum man
es nicht tun sollte ... Und zudem: es war ja auch schon zu spät, sich noch
entschuldigen zu lassen. Getröstet von dem Gedanken, dass er ohne Verletzung des
»gesellschaftlichen Anstandes« jetzt nicht mehr ausbleiben konnte, machte sich
Adam auf den Weg zu Irmers. Er pfiff das unsterblich schöne »Komm herab, o
Madonna Teresa -« leise vor sich hin, löste es einige Male mit Motiven aus
Wagners »Fliegendem Holländer« und »Siegfried« ab ... und schluckte mit
verhaltener Wollust die schweren, schwülen Lüfte des zusammendämmernden, letzten
Maiabends ein. Adam dachte nicht mehr an sich und vergass, dass er nicht wusste,
wer er war ... was er von der Welt ... und was diese Welt von ihm wollte. -
 
                                      XIV.
Ja! Es war doch recht heiss bei Irmers ... in dem doch recht engen und niedrigen
Wohnzimmer, in welchem die Drei, Vater, Tochter und Adam Mensch, um den runden
Sophatisch beisammensassen und einen »Imbiss« zu sich nahmen ... also einen
kleinen Imbiss, den Adam wirklich etwas »frugal« finden musste. Der Herr Doctor
dachte unwillkürlich an den vornehmen Stil, an die Eleganz von Lydia's
Wohnräumen zurück ... an die anheimelnde Lichtstimmung ... die behagliche,
geschmackvolle Fülle, die sich im Arbeitscabinet Frau Lange's so wohltuend dem
empfänglichen Geiste mitteilte ... an das diskrete Werben des taktvoll
arrangirten Reichtums um verständnissvolle Anerkennung - und ihn fror ein Wenig
in dieser Umgebung, die nur von dem wehmütigen Parfüm der notdürftig
verhangenen, mühsam verschleierten Armut durchzittert wurde ...
    Die Unterhaltung wollte nicht recht in Gang kommen. Hedwig schien verstimmt
zu sein. Ihr Gesicht war fast noch blässer und ernster, ihr Blut fast noch
schwerer, als sonst. Bläulich schwarze Halbringe unter den Augen deuteten auf
schlaflos verbrachte Nächte hin. Die Pflichten der Wirtin erfüllte sie mit
nervöser Aufmerksamkeit. Adam fühlte sich sehr peinlich berührt. Er sagte sich,
dass Hedwig unter der reizlosen, kargen Unfruchtbarkeit, unter dem Druck und der
Enge ihrer Lage litt. Sie gab sich alle Mühe, es nicht merken zu lassen ...
besass aber eine viel zu spröde und ungeschmeidige Natur, um sich zwanglos hinter
das Pseudonym einer geraden, reinen, zugänglichen Stimmung verstecken zu können.
    Herr Doctor Irmer hustete viel ... einen kurzen, trockenen, heiseren
Stosshusten. Er sah sehr zusammengedrückt und entwaffnet aus ... sehr mutlos und
ängstlich. Oefter presste er die langen, mageren, wachsgelben Finger der rechten
Hand gespreizt gegen die Brust ... und atmete fast stöhnend.
    »Papa hat sich vorgestern erkältet ...« erklärte Hedwig mit einem kurzen,
nicht ganz beziehungslosen Seitenblick auf Adam. Der Herr Doctor verstand. Das
gnädige Fräulein hielt es also für überflüssig, auf Grund und Gelegenheit dieser
Erkältung näher einzugehen. Hm! . Sie waren sich ja begegnet. Adam musste sich
das Uebrige selbst sagen können. Das tat er denn auch. Zugleich ärgerte er sich
aber, dass es Hedwig augenscheinlich vermeiden wollte, jene Begegnung selbst zu
berühren. Sie war so harmlos. Und doch war Adam nicht im Stande, das gewiss nicht
heikle, höchstens etwas pikante und widerhakige Motiv zur Sprache zu bringen.
Vielleicht hinderte ihn die Rücksicht auf seinen leidenden Wirt daran. Oder
wollte er Hedwig nicht wehe tun? Schliesslich entschuldigte er seine Feigheit
mit dem lähmenden Einflusse, den diese dunstige Krankheitsatmosphäre auf ihn
ausübte. Gewiss! Er hätte viel gescheiter getan, wenn er seiner Apatie
nachgegeben und sich in letzter Stunde noch entschuldigt hätte. Das wäre wohl
auch den beiden Menschen lieber gewesen, die da neben ihm sassen und sich redlich
bemühten, das Unglück ihres Lebens zu verhüllen ... und doch nicht Komödianten
genug waren, um das scheinen zu können, was sie nicht sein konnten ...
    Die Fenster standen offen. Auf der Strasse war es still. Nur ab und zu
stolperte ein Wagen über das Pflaster. Nun strich ein Luftzug herein, raschelte
in den Papieren auf dem Schreibtische, zupfte an der grünen Gardine vor dem
Bücherregal und gab der Lampenflamme ein kurzes, stechendes Zusammenzucken. Adam
fühlte sich mit einem Male sehr angeheimelt von dieser einfachen, mit verhalten
geschwätzigem Schweigen erfüllten Umgebung. Eine gewisse Stimmung ... ein zartes
Fluidum rührender Poesie liess sich schliesslich auch aus dieser Gruppirung der
Atome herausfühlen ... Der Herr Doctor wurde wärmer ... er erinnerte sich
einiger Träumereien seiner Jugend ... einiger Träumereien, die ihm als Ideal ein
schlichtes, bücherüberfülltes Arbeitszimmer vorgegaukelt ... und er sass unter
seinen Schätzen, weltentrückt, weltentfremdet, unversuchbar ... aber viel Drang
zu suchen und forschen war in ihm ... und viel tiefe Herzensstille - und Adam
beneidete einen Augenblick seinen Wirt um die Enge und Weltabgekehrteit seiner
Klause ... und um eine Natur, die sich in ihren besten Stunden durch ernste,
neutrale Betrachtung alles Seins und Werdens und gesammeltes Versenktsein in die
Rätsel des Kosmos erlösen durfte vom Staube und der beklemmenden Enge des
Daseins ... Oh! Er genoss dieser grossen Stunden manche nicht minder. Aber immer
wieder liess er sich in das Leben ... in dieses fade, ermüdende, abflachende und
wurzelausrodende Werkeltagsleben hinausverführen ... Und darum denn so oft
dieser Ekel ... und darum so oft diese namenlose, zermarternde Angst vor einem
Verhängnisse, das über ihm schwebte - und dem zu trotzen er doch keine Waffen
besass ... keine Waffen mehr besass ... Nein! Er hatte nicht mehr die Kraft, mit
souveräner Ironie auf das Leben zu verzichten - auf seine kargen Reize und
Freuden, welche er aufsuchte, um sie einfach hinzunehmen ... kaum, um sie mit
vollem, starkem, innerem Dabeisein zu geniessen - und die er trotzdem so oft auch
mit wahnsinniger Wut und Gier aufsuchte, um sich zu vergessen - um sich zu
betäuben ... um seine harte Seelennot ... das bohrende Grübeln über die
Fruchtlosigkeit seines Arbeitens ... die Unzuverlässigkeit seines Temperaments
... die sociale Lüge und Aussichtslosigkeit seiner Lage durch physische
Ausschweifungen abzustumpfen ...
    »Wollen Sie nicht etwas Caviar nehmen, Herr Doctor -?«
    »Ich danke recht sehr -«
    Eigentlich ass Adam Caviar sehr gern. Aber der ihm von Fräulein Hedwig
angebotene sah nicht besonders appetitlich aus ... schien doch schon ein Wenig
alt, trocken, zähe, salzig geworden zu sein.
    »Aber etwas Wurst oder Käse oder etwas Beef nehmen Sie doch noch - ja? .
Bitte! .«
    »Wenn Sie gütigst gestatten -« Adam bediente sich.
    »Papa, Du vergisst Dein Bier ganz ... willst du nicht 'mal trinken? . Es ist
zwar etwas warm ... unser Keller taugt nicht viel -«
    »Mir ist gar nicht recht, Kind ... Du weisst ja ... und Bier - ich glaube, es
ist besser, wenn ich's stehen lasse - es könnte mich noch mehr reizen - gieb mir
bitte lieber noch einen Schluck Tee - obwohl Tee meinen Nerven - aber
verzeihen Sie nur, Herr Doctor! Wir haben's diesmal schlecht getroffen ... Sie
hätten uns übrigens schon längst wieder einmal aufsuchen sollen ... Hedwig
sprach öfter von Ihnen - ich bin heute leider sehr unpässlich - vorgestern fühlte
ich mich so wohl und frisch, wie lange nicht - und nun -«
    Ein neuer Hustenanfall unterbrach die mühsam, schleppend, unter stossendem
Atmen hingelispelten Worte Irmers.
    Adam sah zu Hedwig hinüber. Sie hatte sich zu ihrem Vater gekehrt und
wischte diesem mit einem frischen, leinenen Tuche den Schweiss von der in
krankhafter Blässe glänzenden, dick überperlten Stirn. Jetzt fühlte sie den
unangenehm scharfen Blick Adams. Sie wurde unruhig ... in ihr Gesicht trat ein
seltsamer Ausdruck, der zugleich Scheu, Aengstlichkeit, Verlegenheit ... einen
leisen Aerger über die Ungeschicklichkeit ihres Vaters ... und doch auch eine
gewisse Freude - aber worüber? - verriet.
    »Was arbeiten Sie jetzt, Herr Doctor?« fragte Irmer nach einer kleinen Weile
und sah mit müdem, erloschenem Blick zu seinem Nachbar hin.
    »Ach Gott! Dies und Das! Es ist nicht der Mühe wert. Ich mache jetzt
antropologische Studien - die sind wertvoller und ... notwendiger -« bemerkte
Adam kurz.
    Hedwig sah mit unsäglich wehmütigem Blicke zu ihrem Vater hin.
    Eine längere Pause entstand. Adam betrachtete mit sehr gemischten
Empfindungen die beiden Menschen, die da vor ihm sassen. Er fühlte sich nicht
wohl bei ihnen - nein! Ihre Hülflosigkeit machte ihn nervös ... peinigte,
beklemmte ihn. Und doch appellirten sie, gewiss ganz, ohne dass sie es wollten, an
sein Mitleid. Sie erwählten ihn unwillkürlich zum Vertrauten ihrer Schmerzen ...
und sie wandten sich, gewiss nicht minder unbewusst, an ihn um Hülfe ... um
Linderung ... Rettung ... Nun fiel es Adam schwer aufs Herz ... nun tat es ihm
sehr weh, dass er nicht helfen konnte ... Das »Schicksal« musste wieder einmal
seinen üblichen Lauf nehmen. Eines Tages würde Irmer sterben und seine Tochter
mittellos ... aussichtlos ... zukunftslos zurücklassen. Und doch war es
vielleicht das Beste, wenn der Vater bald starb ... und Hedwig bald in neue
Verhältnisse, in eine neue Umgebung eintreten musste. Hier verwelkte und
verkümmerte sie ganz ... an der Seite eines Sterbenden ... unter dem steten
Einflusse seiner Krankheit und seiner weltabgewandten Schattenphilosophie. Aber,
wie würde es dieser spröden, schweren Natur draussen in der Welt ergehen ...
unter den Menschen, denen sie dienen sollte? Die Leute, die sichs gestatten
können, »dienstbare Geister« zu halten, verlangen offene, empfängliche
Charaktere ... Temperamente, die gleichsam mit grossen, blanken Fensterscheiben
ausgestattet sind, durch welche das volle Licht der Sonne in breiten Massen
hereinfallen kann ... Adam sagte sich, dass Hedwig sehr wenig Glück und Erfolg
unter den Menschen finden würde. Sollte er aber darum sein Schicksal mit dem
dieses armen, hülflosen,verlassenen Weibes verknüpfen? Er, der selbst schwer
genug an seinem eigenen Leben trug? Daran war doch nicht zu denken. Gesetzt
selbst, dass er seinen ästetischen und metaphysischen Widerwillen überwand - dass
er es für eine »etische« Forderung erkannte, der Verlassenen Stütze und
Zuflucht zu werden: schon aus materiellen Gründen war es ihm unmöglich, diese
Forderung zu erfüllen. Und dann -: schliesslich das Opfer eines moralischen -
Hirngespinnstes werden? Da wurde ja alle Natürlichkeit über den Haufen geworfen.
Dass er Hedwig liebte - davon konnte ja nicht die Rede sein - ebensowenig, wie
davon, dass er sich intimer an Lydia oder an Emmy gefesselt fühlte. Je nachdem
die Stunde die Stimmung brachte, dünkte er sich zu der einen oder anderen der
Damen hingezogen. Die Stimmung lief ab - und über die Teilnahme triumphirte
wieder die alte, müde, einfältige, unfruchtbare und doch so praktische
Gleichgültigkeit ... Woher das nur kam? Das hatte wohl seinen Grund zumeist
darin, dass seine feine, ästetische Natur zu hohe Anforderungen stellte ... dass
sie zusammenzuckte, zurückführ, sich unbefriedigt ... oft verwundet und
beleidigt fühlte, wenn einem, ob auch an sich noch so geringfügigen Bedürfnisse
nicht genügt wurde ... Oh! Er hatte es ja so oft in älteren und jüngeren Tagen
mit Freunden und Bekannten durchgekaut, das ehrenwerte Motiv von dem »hehren«
Frauen-Ideale, das sich ein Jeder zusammenträumt und zusammendichtet in der
grossen Zeit seines geistigen und sinnlichen Aufwachens und Umsichgreifens ... in
der grossen Zeit seiner ersten gewaltigen Jugendschauer! Und das beschworene
Bildnis lässt nicht von dir. Es folgt dir zur Seite überallhin ... es zwingt dir
Mass und Urteil auf ... es beeinflusst alle deine »Beziehungen« und
»Verhältnisse« zu den wirklichen, fleischgewordenen Töchtern der Erde -: das
dein Glück dereinst gewesen, ist dir zum Fluche geworden. Es rächt seine
Schattenexistenz, seine vage Unkörperlichkeit an dir ... es flösst dir eine
brennende, namenlose Sehnsucht nach seiner Verkörperlichung in die Seele - die
reifsten, saftigsten Früchte giebst du aus der Hand, weil dein Auge auf der
Schaale einen leisen, winzigen Makel entdeckt, der dich beleidigt ... Aber warum
bauest du dir überhaupt, weltseliger, menschengläubiger Jüngling, ein solches
despotisches »hehres Frauen-Ideal« auf -? Ja! Warum -?
    Doch nein! Das ging zu weit. Das war überflüssig. Was sollten diese
tragikomischen Betrachtungen hier? Adam sagte sich nicht mehr klar, fühlte aber
instinktiv, dass er auf diesem Wege wieder einmal zu jenem Gebiete gelangen
würde, mit dem er sich so oft in lautem Wort und leisem Gedanken beschäftigt:
eben zu dem leidigen Verhältnisse, in das die beiden Geschlechter zu einander
von Jugend auf durch Herkommen und Erziehung gestellt werden. Ach ja! Er hatte
dieses Tema heute Abend Fräulein Irmer gegenüber auf's Tapet bringen wollen!
Nun! Vielleicht kam die Gelegenheit dazu noch ...
    Adam fühlte Hedwigs fragenden Blick auf sich. Das hülflose, verlassene Weib
hatte plötzlich alle Konvenienz bei Seite geschoben. Nichts mehr lag zwischen
ihm und dem Manne, der ihm in ernstem, bewusstem Schweigen gegenübersass. Nichts
mehr sollte nach diesem Blicke, der zugleich unendlich trostlos und unendlich
begehrend, zwischen ihnen liegen. Adam fühlte sich gewaltig ergriffen. Es wäre
ein Frevel gewesen, ein Verbrechen an dem »heiligen Geiste der Menschheit« - an
den Adam allerdings in seinen besseren und grösseren Stunden doch noch glaubte -
liess er tatlos untergehen, was dem Untergange - trotz alledem unabänderlich
verfallen war ... Ja! Er wollte ... was wollte er? ... er wollte wenigstens sein
»Gewissen« salviren. Er wollte sich sagen können, dass er Alles getan hätte, was
er zu tun vermocht habe. Er wollte der Selbstvorwürfe überhoben sein. Oder ...
wenn er jetzt beschloss, in das Schicksal Hedwigs einzugreifen - bestimmte ihn
dazu sein Egoismus ... seine geschmeichelte Eitelkeit ... die heisse Bitte, die
in Hedwigs Blick gelegen ... das Versprechen, welches ihm dieser
brüsterschütternde Blick nicht minder gegeben? Es stieg glühend auf in Adam ...
er hätte das Weib, das ihm bisher immer so spröde, so zurückhaltend begegnet war
... und das sich jetzt in seiner Not und Verzweiflung ihm ergeben wollte ...
gewiss! sich ihn zu eigen geben wollte - er hätte es an sich reissen mögen - und
mit ihm zu Füssen des armen Mannes stürzen: dem Sterbenden zu schwören, dass sein
Kind nicht verlassen wäre, dass er über sein Kind liebend wachen werde in allen
kommenden Tagen ...
    Die Kuckucksuhr über dem Sopha vermeldete glucksenden, mürrisch-verrosteten
Tones die neunte Stunde.
    Hedwig erhob sich leise seufzend und wünschte mit müder, klangloser Stimme
»Gesegnete Mahlzeit!«
    Adam war unschlüssig. Sollte er noch bleiben oder sollte er lieber gehen?
Diesem Gefängnis ... diesem Lazaret entfliehen? Sich draussen rein- und
freiatmen von den hier eingeschluckten Miasmen? Es war sicher das Gescheiteste.
Und doch gewann er es nicht über sich, so hart abzubrechen ... so auffällig, so
indiscret zu zeigen, dass sich ihm der Eindruck von Hedwigs stummer Augenbitte
schon wieder stark verwischt hatte.
    Adam verspürte einen bezwingenden Appetit nach einer guten Cigarre. Doch ...
hier im Krankenzimmer wurde nicht geraucht. Er musste sich den Appetit schon
verkneifen. Das ärgerte ihn ein Wenig. Und nun knurrte er sich im Geiste schon
wieder an, dass ihn eine solche Bagatelle überhaupt ärgern konnte. Allein er kam
nicht über das peinigende Gefühl des Mangels hinweg. Was kümmerte ihn jetzt das
Schicksal Hedwigs? Und der Anblick dieses leidenden, zusammengedrückten Mannes
war ihm jetzt über Alles lästig.
    Um die unbequeme Stimmungsscene zu wechseln, wandte sich Adam eine Andeutung
nach rechts und streifte mit müder, zögernder Hand die grüne Gardine vom
Bücherregal zurück. Langsam drehte ihm Doctor Irmer sein bleiches, weisses
Gesicht zu.
    Jäh liess Adam die Gardine fahren. Er musste seinem Impulse folgen. Er konnte
nicht widerstehen. Er fühlte sich plötzlich auf's Tiefste durch die Geduld
beleidigt, mit der Irmer sein elendes Leben trug, weitertrug, weiterschleppte.
Nichts von Mitleid mehr und Verständnis war in ihm. Ein kochender Groll über
dieses reizlose, wertlose Ertragen und Aushalten siedete plötzlich in seiner
Seele empor. Er konnte nicht an sich halten.
    Hedwig hatte mit dem Mädchen, welches die zusammengestellten Teller
abgeholt, das Zimmer verlassen. Sie trat in dem Augenblick wieder ein, als Adam
ihren Vater, ohne jede äussere Vermittlung, barsch anfuhr: »- Aber ich bitte Sie,
Herr Doctor - warum haben Sie diesem Hundeleben nicht schon längst ein Ende
gemacht -?«
    Hedwig blickte halb erschreckt, halb erstaunt zu Adam hinüber, der, von
seiner Offenheit selbst ein Wenig betroffen, wieder an der grünen Gardine
zupfte. Ein leichtes Verlegenheitsrot stand doch auf seinem Gesicht.
    Irmer schien den psychologischen Prozess, der sich in Adams Brust abspielte,
zu begreifen, zu durchschauen. Ein verhaltenes, nur markirtes, aber doch
unverkennbar souveränes Lächeln legte sich auf eine kleine Weile über seine
scharfen Dulderzüge.
    »Sie täuschen sich, Herr Doctor«, antwortete er nun mit seiner müden,
schleppenden, heiseren Stimme, »- wenn Sie glauben, dass Ihr Leben etwa weniger
elend sei, als das meine ... Ich leide nur sichtbarer, als Sie ... erkennbarer
für jedes Laienauge - Sie - -«
    »Pardon! Ich fühle mich sehr wohl auf der Welt ... Aber verzeihen Sie mir
meine brutale Geradheit - es fuhr mir so heraus -«
    »- Als Sie mich wie ein Häufchen Unglück vor sich sitzen sahen - ich
begreife, Herr Doctor -«
    »Oh!« stotterte Adam.
    »Was ist's denn, dass Sie noch an diesem Hundeleben festält, wie Sie sagen
-? Was denn -?«
    »Eigentlich nichts ... uneigentlich sehr viel -« erwiderte Adam
gleichmütig. Er hatte seine volle Selbstbeherrschung wiedergewonnen.
    »Mit dem uneigentlich - das ist so 'ne Sache! Nun - Sie werden sich wohl
ebenso täuschen, wie ich mich getäuscht habe, als ich in Ihren Jahren war ...
Damals waren mir einzelne pessimistische Ahnungen und Stimmungen gleichsam
Surrogate, wenn's mit dem Leben selber einmal nicht recht klappen wollte ... So
wird's bei Ihnen auch sein. Aber Sie werden so sicher wie ich zu der Erkenntnis
kommen, dass Sie sich belogen - allerdings Ihrer psychischen Combination gemäss
belügen mussten ... Das ist ja eben das sogenannte Glück der Jugend, dass sie sich
an jedem Daseinsmomente zu sättigen vermag ... nach der Kette der Entwicklung
aber, dem logischen Zwange der Fortbildung, nichts fragt. Es gibt natürlich
noch Millionen andere Spielarten von Seelenanlage. Aber ich ging jetzt von der
meinen aus und von der Ihrigen, die, wenn ich mich nicht sehr täusche, der
meinen doch immerhin ziemlich verwandt ist ... Und darum werden Sie, Herr
Doctor, mit der Zeit, früher oder später, zu denselben Resultaten kommen, zu
denen ich gelangt bin. Ihr Selbstbetrug besteht nur darin, dass Sie Ihre
Weiterentwickelung jetzt noch nicht voraussehen können. Jawohl: können! Sie sind
für Ihre Verblendung nicht verantwortlich - sie liegt in der Natur der Sache -«
    Adam dünkte diese Ausführung Doctor Irmers gar seicht und oberflächlich. Was
sollte er darauf erwidern? Hatte denn Irmer gar nicht herausgefühlt, dass er jene
barsch herausgeschleuderte Vorwurfsfrage in tiefstem Grunde nur an sich selber
gerichtet? Oh! Er war trotz seinen jungen Jahren in der »Erkenntnis« schon
weiter vorgeschritten, als dieser arme, eingekapselte Entsagungsfanatiker und
Kartoffelsuppenmeergreis glaubte. Ihre Seelenanlagen waren doch wohl unter sich
ausnehmend verschieden. Allein - es tickte ihn, den Unmündigen und Kurzsichtigen
zu spielen - sich so zu geberden, als coquettire er eigentlich nur mit seiner
Blasierheit ... als sei er noch voll von flammendem Jugendfeuer ... als halte er
es wirklich noch der Mühe für wert, für ein Dutzend »bedeutender Ideale«
einzutreten.
    Hedwig hatte sich einen Stuhl an den Tisch gerückt und eine Häkelarbeit
vorgenommen. Sie hielt den Kopf über die Arbeit gebeugt ... sah nur zuweilen zu
ihrem Vater auf ... und in ihrem Blick lag dann die ganze Sorge um den
Leidenden, zugleich aber auch, wie es Adam schien, ein Wenig Ungeduld, ein Wenig
Zorn. Selten schielte sie einmal zu Adam hinüber. Blendend hob sich das weisse
Garn von der kirschbraunen Tischdecke ab. Mit diesem dunklen Untergrunde, den
weissen Fingern, dem blassgelben Teint und dem schwarzen Haar Hedwigs bildete es
eine Farbengruppe voll einfach-bizarrer Plastik.
    Adam aber begann also zu sprechen - allerdings nicht ohne vorher noch einmal
im Stillen bedauert zu haben, dass ihm keine gute Cigarre die Rede begleiten und
würzen sollte -:
    »Sie beurteilen mich vielleicht doch etwas zu sehr nach sich, Herr Doctor -
verzeihen Sie, dass ich sogleich mit einer deductio ad personam beginne. Es
klingt ein Wenig paradox, entält jedoch sehr viel Richtiges, wenn ich behaupte,
dass wir, das heisst: ich und verschiedene Andere meiner Generation - wir sind
übrigens so frech, uns immerhin zu den Besten des jungen Nachwuchses zu zählen!
- also dass wir mit dem Momente - ich möchte beinahe sagen: angefangen haben, mit
dem Sie und mit Ihnen gewiss Unzählige Ihrer Generation aufhören. Ihre
Entwicklung hat sich den individuellen Verhältnissen gemäss, von denen Sie
ausgingen, ganz organisch, ganz normal vollzogen. Aber die unsere nicht minder.
Zu Ihren Resultaten sind wir in unserem Gedanken- und Gefühlsleben schon vor
Jahr und Tag gelangt. In einem Punkte mögen Sie allerdings Recht haben: die
Jugend, das heisst: unsere allerdings vielfach lädirte, durchbrochene,
beeinträchtigte Kräftegruppe, lässt sich nicht verleugnen - sie muss sich nach den
natürlichen Gesetzen alles Geschehenen auslösen und in Handlungen umsetzen. So
arbeiten wir trotz all' unserer Müdigkeit ... und Blasierheit - arbeiten ...
einmal zielbewusst ... zumeist aber nur im Zwange jenes sogenannten
metaphysischen Stadiums, wo das Individuum über sich hinausgeht ... wo sein
Wille waltet und wirkt, ohne jedoch eine klare Tendenz zu besitzen. So sind wir
denn vorwiegend auch in der Arbeit Aestetiker - den etischen Effekt bedingen
ja so wie so die Gesetze, nach denen der sociale Zellenverband funktionirt! .
Aber wir arbeiten eben ... wenn auch stets der Gefahr ausgesetzt, das uns eine
schwere, dunkle Stunde der Verzweiflung ... des erneuten Durchschauens ... der
gespanntesten Sammlung und klarsten Umsicht in alle Horizonte - dass uns eine
solche Stunde, sage ich, die Waffe zur letzten, realsten und ... reellsten
Abfuhrtat in die Hand presst ... die Waffe, die wir als Sclaven kleinlicher
Umstände und Verhältnisse so oft schon bei Seite werfen mussten ... Es ist eben
nicht nur sehr gut möglich - es ist sogar beinahe selbstverständlich, dass eine
Erkenntnis einmal so intensiv und überzeugend wirkt, dass unter ihrem heissen
Atem auch die letzte Rücksicht und Beanstandung dahinschmilzt ... Dann ist's
eben aus - dann heisst es nur noch: tirez le rideau! La farce est jouée! - wir
empfehlen uns auf gut Rabelais'sch ... Aber vor der Hand ist ja dieser letzte
Knalleffekt noch unvollbracht. Und wir müssen mit den Tatsachen rechnen ... so,
wie sie liegen. Wir sättigen uns durchaus nicht an jedem Daseinsmomente in dem
Sinne, wie Sie es vorhin meinten, Herr Doctor. Wir können uns eigentlich gar
nicht mehr begeistern. Wohl sind wir noch grosser, starker Gefühle fähig ... eben
weil wir noch eine Fülle gesammelter, grosser, unverbrauchter Kräfte besitzen.
Aber wir stellen diese Gefühle zumeist in den Dienst des Intellekts, wenn ich
mich so ausdrücken darf. Wir haben die historische Entwicklung der Philosophie
vom Dogmatismus über den Skeptizismus zum Kritizismus in unserem individuellen
Sonderleben in schneidender Schärfe und Betonung durchgemacht. So sind wir - und
mag das noch so widerspruchsvoll klingen - hagebüchene Individualisten -
geblieben ... und doch zugleich auch Positivsten und Phaenomenalisten geworden.
Sie haben sich gerade umgekehrt entwickelt, Herr Doctor. Und ... offen
herausgesagt: von der social-etischen Bedeutung Ihres Resignationsstandpunktes
verspreche ich mir nicht viel - mögen Sie Ihre Anschauungen nun im Sinne
Schopenhauers, Hartmanns oder Mainländers krönen ... Kann sein, dass das
sogenannte Volk für die Etik eines Hartmanns eines Tages reif geworden ist -
ich wüsste nicht, ob ich mich darüber freuen, oder ob ich es bedauern sollte ...
Sie sind Aristokrat, Herr Doctor - wir sind auch Aristokraten. Aber wir sind
Aristokraten der Zukunft ... vielleicht der nächsten - Sie dürfen, höchstens
erst am jüngsten Tage in die Urne greifen und das grosse Loos der geistigen
Welterrschaft ziehen ... Nun ja! Sie können uns bemitleiden ... Sie können über
unsere Bescheidenheit ... über unseren praktischen, realistischen Sinn mit
souveräner Erhabenheit lächeln ... Wir verstehen Sie verhältnissmässig sehr gut,
Herr Doctor. Denn wir haben einmal mutatis mutandis Ihnen sehr ähnlich gedacht
und gefühlt. Mein Gott! Die Entwicklung eines modernen Menschen, der
einigermassen aussergewöhnlich ... einigermassen über den Durchschnitt hinausragt,
vollzieht sich ja verhältnissmässig sehr einfach. Das mit reichen Kräften
ausgestattete Individium entfaltet sich gewöhnlich in der ersten Zeit unter
relativ guten Bedingungen. Dadurch wird ein ebenso hochgradiger, wie einseitiger
Idealismus provocirt - ein Idealismus, der sich über Alles gern in Taten setzen
möchte ... dem aber Gott sei Dank! vorläufig noch alle Taten allergnädigst
geschenkt bleiben. Allmählich kommt das arme-reiche Individuum mit der Welt in
Berührung ... mehr und mehr. Natürlich stösst es an allen Ecken und Enden an ...
findet allorts Widerspruch ... und zieht sich, in der Regel noch dazu sehr zart,
sehr fein, sehr sensitiv von Natur, wieder scheu zurück ... Aber der heissen
Schwüre, die es sich und Seinesgleichen in den grossen Schwärmertagen seiner
Jugend gegeben hat, kann es nicht vergessen. So stürzt es sich in die Welt
zurück ... und tritt jetzt gewöhnlich sehr kühn und selbstbewusst auf - was dann
natürlich die Sippschaft der guten Freunde, getreuen Nachbarn und ähnlicher
Consorten, die sich auch Menschen tituliren, brutal, anmassend und weiss der
Teufel! wie noch nennen. So ein armes, wirklich ganz messianisch veranlagtes;
mit dem wütendsten Drange zu helfen, zu erhöhen, zu versöhnen, ausgerüstetes -
von allen Welträtseln gequältes ... von tausend Ahnungen, Stimmungen,
Erwartungen, Hoffnungen, Entsagungen ... von tausend Tendenzen ... von einer
Unzahl von Gefühlen, Gedanken und Problemen hin- und hergeschütteltes Individuum
wird dann gewöhnlich nebenbei auch noch für verrückt, unzurechnungsfähig,
unnormal, überspannt, patologisch u.s.w. erklärt. Doch schiert es das im Ganzen
wenig - es hat eben genug mit sich selber und seinem Skeptizismus zu tun.
Manchmal wohl ... manchmal fährt es auf in seinem Grimme und zertritt einer zu
unverschämt gewordenen Natter den Kopf. Natürlich wird es dabei stets
höchsteigenkörperlich in die bewusste Ferse gestochen. Das Gift ist nicht gerade
tödtlich ... aber es macht doch müde, blasirt, welk ... blasirt vor der Zeit ...
es entkräftet, zehrt auf vor der Zeit ... Indessen - das arme, gemisshandelte,
unverstandene Individuum wird dadurch zugleich auch so etwas wie weltklug ... Es
fällt in allerlei Schrullen und Grillen seiner Jugend zurück, kramt seinen
alten, verstaubten Idealismus wieder aus ... stutzt ihn ein Wenig modern auf:
vertieft, erweitert ihn hier ... verflacht ihn dort ... schlägt für vorkommende
Fälle eine Brücke nach Walhall - und passt sich doch im Grossen und Ganzen in
einer stattlichen Reihe von Punkten der positiven Welt an ... versucht
mannigfache realpolitische Experimente, Kunststücke und Sperrenzchen -: jetzt
ist es glücklich in sein phaenomenalistisch-kritisches Zeitalter eingelaufen -
dass heisst: die Welt ist ihm furchtbar gleichgültig, aber es rechnet doch mit ihr
... es analysirt sie ... es findet sie sehr oft sehr abscheulich ... mitunter
aber auch wiederum zu den schönsten Hoffnungen berechtigend - es glaubt dabei
immer noch, dass sich einige seiner neuaufgefärbten Ideale einmal erfüllen werden
... es lebt sehr ästetisch-epicureisch - zugleich in gewisser Hinsicht sehr
moralisch ... interessirt sich stark für alle möglichen nationalen und ...
internationalen Fragen, die jedenfalls immer sehr brennende sein müssen - -
kurz: das Individuum lebt ... erlebt ... trägt ... erträgt ... leidet - arbeitet
...«
    Adam unterbrach sich. Er wischte sich mit dem Taschentuche über die
schweissfeucht überlaufene Stirn und nippte an dem Bierglase, das Hedwig vorhin
wieder frisch gefüllt hatte. Im Allgemeinen war er mit sich ganz zufrieden. Er
fühlte zwar sehr gut heraus, dass er hier und da den Nagel durchaus nicht auf den
sogenannten Kopf getroffen hatte ... dass mancher Wurf fehl gegangen ... dass
mancher Hieb abgerutscht war ... Vieles hatte er, ein Opfer seiner
augenblicklichen, durchaus nicht so unbequemen, immerhin ganz »gemütlichen«
Situation, nur logisch aus der Erinnerung nachkonstruirt - Schwere, Tiefe und
Ernst seines Motivs keineswegs erschöpft. Halb bewusst, halb unbewusst hatte er
hier ein Zuviel, dort ein Zuwenig gegeben ... manchen Accent falsch aufgesetzt
... Lichter und Farben öfter etwas willkürlich verteilt ... Aber das ist ja
schliesslich unvermeidlich, tröstete sich Adam. Im Monolog wie im Dialog ist die
Anknüpfung und Fortführung der Gedankenreihe eine mehr oder weniger zufällige
... von der Associationsgewohnheit des Individuums abhängige ... Nicht die
innere Geschlossenheit und logische Unantastbarkeit des Gefüges - vielmehr nur
die auftretende Masse und Fülle wirkt ... das Patos bedingt den Eindruck. Und
wusste Adam auch, dass er im Ganzen ohne Glanz und Schwung gesprochen - so ohne
all' und jeden Eindruck auf die beiden Menschen, die, eine besondere, fremde,
ihm mehr unsympatische, als sympatische Welt darstellend, ihm da
gegenübersassen, - ohne all' und jeden Eindruck auf sie glaubte er wohl doch
nicht geblieben zu sein.
    Aber welchen Eindruck hatte er denn eigentlich erzielen ... was hatte er
bekämpfen ... wofür hatte er eintreten wollen? Adam musste lächeln. Er kam sich
einen Augenblick fast wie ein Beamter einer hochwohllöblichen
Missionsgesellschaft vor. Doch ... zu Ruinen von der Zukunft predigen? Aber das
war ja eben das Komische. Und nun stieg es also wieder wie Mittleid in ihm auf
... wie Mitleid vor Allem mit Hedwig, die verwelkte und verkümmerte ... und es
so gar nicht verdiente. Und eine Art von sentimental-cynischem Erlöserdrang kam
über ihn ... und er beschloss, um dieses Leben, dieses arme, verblühende Leben,
für eine kleine Weile einen breiten, goldenen Sonnengürtel zu legen ... einen
Sonnengürtel erheuchelter Liebe ... Dann konnte die Kerze ja langsam
ausflackern, langsam verknisternd erlöschen ....
    »- Der Unterschied zwischen Ihnen und mir,« begann jetzt Irmer, nachdem er
sich ein Wenig emporgerichtet und einmal tief aufgeatmet hatte, »ist nur der,
dass mein Resignationsstandpunkt mehr ein intellektualer ist, der Ihrige dagegen
nur einer des Herzens, des Gefühls, des Willens -«
    »- Das ist doch aber natürlich genug«, bemerkte Adam entgegen - »Sie
scheinen ganz zu vergessen ... Herr Doctor, dass die Entwicklung des Individuums
doch eine ausgemacht psychophysiologische ist! Das Alter ist eben etwas total
Anderes, als die Jugend - sein specifisches Organ ist der Intellekt - Alter und
Jugend, deren specifisches Organ meinetwegen das Herz ist, um mich der
herkömmlichen Terminologie zu bedienen, verstehen sich im Grunde überhaupt nicht
... kommen sich nur durch gewisse logische Schlüsse in Diesem und Jenem näher -
ebensowenig wie zum Beispiel der Kulturmensch unserer Tage seinen Urururahn, ich
meine die Sippschaft der sogenannten ersten Menschen, versteht ... der ersten
Menschen, bei denen das Gefühl jedenfalls auch das Primäre gewesen ist - das
Gefühl, welches, in den ersten sprachlichen Tastversuchen objectivirt, zur
Ausbildung des Denkververmögens als eines Organes, wenn ich so sagen darf,
führte - was dann wiederum zurückwirkte und in seinem Reagens zur Differenzirung
der Sprache Anlass gab ... Wenn es möglich wäre - aus gesellschaftlichen und
socialen Gründen ist es eben unmöglich -: dann sollten Alter und Jugend
höchstens eine Partie Scat miteinander spielen, sich aber um Gotteswillen nicht
auf irgendwelche tieferen Gespräche, auf wesentliche Debatten, kurz! auf einen
intimeren Verkehr miteinander einlassen - das ist ganz unfruchtbar und macht
zumeist nur böses Blut ... wenn ich auch nicht verkenne, dass sich Alles nur per
Reibung entwickelt - und somit das Alter ein ganz brauchbares - Feuerzeug für
die Jugend abgibt ... Aber mit dem Kultus des Alters ... mit dem Respect, der
Ehrfurcht vor ihm ... mit der Rücksicht auf dasselbe - damit sollte doch im
Namen einer vernünftigen, keimkräftigen Zukunftsetik einmal gründlich
aufgeräumt werden. Ruinen studirt man nur - betet sie aber nicht an - -«
    »Nun begreife ich allerdings Ihre erste Frage, Herr Doctor, erst vollständig
- die Seite, die Sie eben berührten, hatte ich bisher ganz ausser Acht gelassen
-«
    Adam fühlte sich von diesem Vorwurfe seines Wirtes - denn als etwas Anderes
konnten die Worte kaum aufgefasst werden - sehr unangenehm berührt. Nun blickten
ihn auch die ernsten, schweren Augen Hedwigs fragend und zugleich bittend an.
War er zu weit gegangen -? Eine Reihe vererbter, sogenannter »Anstandsgefühle«
nahm von ihm Beschlag. Aber er war einmal im Zuge. Und er spürte, wie er
lebendiger, wärmer, leidenschaftlicher geworden. Uebrigens - was wissen Herbst
und Winter eigentlich vom Frühling? Aber er - verkörperte er in seiner Natur
nicht alle vier Jahreszeiten zugleich? Und doch! Gab dieses Moment, wenn es
tatsächlich existirte, nicht einen Widerspruch zu der von ihm Doctor Irmer
gegenüber ausgesprochenen Anschauung ab? Es nahm sich fast so aus. Nein! Nein!
Die Jugend war noch voll in ihm - und was bedeutete denn seine
phänomenalistische Betrachtungsweise, wenn sie hier nicht Stich hielt?
    In einem Zuge trank Adam sein Bier aus. Gedankenverloren spielte er mit den
Fingern noch an dem Henkel des Glaskruges herum. Hedwig erhob sich, eine neue
Füllung zu besorgen. Zufällig ... wie zufällig berührten sich beider Hände. Sie
sahen sich an. Grüsste die Jugend die Jugend? Sie wollten wenigstens beide jung
sein. Das lag in diesem tiefen, sich einbohrenden Blick, mit dem sie umeinander
warben. Ein diskreter Luftzug strich zu den offenen Fenstern herein. Die Lampe
flackerte ein Wenig. Irmer lag wieder ganz zusammengesunken im Lehnstuhl und
hatte die Augen geschlossen. Adam fühlte sich von einem Schwarme heftiger,
unklarer Gefühle bestürmt. Es ging auf zehn Uhr.
    Langsam schlug Irmer seine Augen wieder auf und blickte ausdruckslos vor
sich hin.
    »Willst Du Dich nicht lieber zurückziehen, Papa -? Du bist schläfrig -«
fragte Hedwig.
    Adam erhob sich und bekundete damit, dass er sich empfehlen wollte.
    »Na! der Wink mit dem Zaunpfahl war eigentlich überflüssig,« knurrte er in
sich hinein, natürlich verstimmt von der Taktlosigkeit Hedwigs.
    »Aber bitte, Herr Doctor-« begann jetzt diese ... und brach dann jäh ab. Sie
konnte Adam doch unmöglich zum Bleiben auffordern. Der wusste nicht recht, was er
machen sollte -
    »Ja! bitte, Herr Doctor - leisten Sie meiner Tochter noch etwas
Gesellschaft! Wenn Sie gestatten - ich möchte allerdings doch lieber zu Bett
gehen - das ist so meine gewohnte Stunde - ich kann ja nicht viel schlafen - der
Husten - die Gedanken und manches ... manches Fremde haben Sie meinem alten
Kopfe heute doch aufgegeben, Herr Doctor ... Es ist mir Vieles aus meiner Jugend
wieder eingefallen ... ich hätte Ihnen auch Dies und Das erwidern können - es
ist zu spät ... zu spät für heute Abend ... und wohl auch zu spät - für immer
... Ich muss der Jugend die Arbeit überlassen ... zu früh vom Leben gebrochen.
Auch Sie werden sich müde arbeiten ... müde ... müde ... Sie sind es ja jetzt
schon, wie Sie sagen. Aber arbeiten Sie sich Ihre Jugend erst tüchtig herunter
von Seele und Leib ... und Sie kommen schliesslich zu mir zurück - vielleicht von
einem anderen Punkte aus - vielleicht auf einem anderen Wege - aber gewiss zu
demselben Ziele, zu dem die Weisen aller Zeiten noch zurückgekommen sind. Und
nun leben Sie für heute wohl, Herr Doctor, und schenken Sie mir recht bald
wieder einmal die Freude Ihres Besuches. Ich denke, wir haben noch Mancherlei
miteinander auszumachen ...«
    Hedwig führte ihren Vater, der mit Mühe einen Hustenausbruch unterdrückte,
hinaus. Adam war allein. Er trat an's Fenster und legte sich weit über die
Brüstung. Die Nacht war schwül. Am Himmel ein einförmiges Wolkengewirr ...
schwere, blauschwarze Massen. Es schlug zehn Uhr. Mechanisch zählte Adam die
sonor widerhallenden Schläge. Und er wusste, dass er die Entscheidung über ein
Frauenschicksal in der Hand hielt. Das schmeichelte ihm ... das machte ihn ein
Wenig eitel ... ein Wenig stolz - und doch zugleich merkwürdig ängstlich und
beklommen. Er brütete eine Weile vor sich hin, in die schwarze, schweigende
Nacht hinein. Da fühlte er einen leisen Luftzug seinen Hals bestreichen. Hedwig
war wieder eingetreten. Er wandte sich um. - Mochten die Würfel denn fallen. -
    »Ich habe Ihrem Herrn Vater doch nicht weh getan vorhin, mein gnädiges
Fräulein? Ich war einige Male allerdings ziemlich offen und geradezu - -«
    »Ach bitte, Herr Doctor! Uebrigens ... sagten Sie nicht selbst, dass es keine
Brücke zwischen dem Alter und der Jugend gebe - da mussten Sie doch offen und
geradezu sein - nicht ...?«
    »Sie zürnen mir doch, mein Fräulein ... Ich höre es aus Ihren Worten heraus
- ich bedauere sehr - aber Geschichten, die Einem am Herzen liegen ... und die
Einem so sonnenklar sind - und die doch - - aber - - und dann nimmt man ja immer
nur ein winziges Moment aus der ungeheuren Fülle der Gegensatzmotive heraus -
gerade das Moment, auf welches man durch eine, allerdings nur scheinbar
zufällige Ideenassociation trifft - so macht sich dem überall eine gewisse
Willkür breit - eine Willkür, die aber andrerseits auch wiederum das Leben in
allen seinen Äusserungen bunter und reizvoller stimmt. Leider gibt es Naturen,
welche das Bewusstsein, dass Alles in der Welt nur successiv und Nichts simultan
geschieht, einfach wahnsinnig machen kann. Vielleicht gehöre ich zu diesen
Naturen. Man hat sich für ein Moment entscheiden müssen - man nimmt es heraus -
tausend andere drängen nach - die nächsten hat man schon in's Auge gefasst - das
erste ist bewältigt - man will zum zweiten, das Einem schon entgegenbljetzt,
greifen - und trifft auf ein ganz fremdes -: die Kombination ist unterweilen
eben eine völlig andere geworden. Das ist Tragik. Es lässt sich nichts in der
Welt ganz erfassen - nichts erschöpfen ...«
    Eine kleine Pause entstand. Hedwig lehnte am Tische und nestelte
gedankenversponnen an ihrem Garnknäuel herum. Auch Adam war an den Tisch
getreten. Er sah dem Spiel ihrer weissen Finger zu. Bunte Gedanken flogen durch
seine Brust.
    Und ein bezwingendes Träumen kam über ihn ... ein bezwingendes Träumen, das
doch zugleich ein helles und klares Wachen war. Und es ergriff ihn, zu diesem
Weibe zwanglos von dem zu reden, was ihn erfüllte ... zwanglos, so wie es in ihm
aufstieg und von ihm sich löste. Närrisch dünkten ihn die Schranken, die sich
die Menschen zwischen einander aufbauen. Mit einem leisen Fingerdruck stiess er
sie nieder. Und er sprach zu dem Weibe, das neben ihm stand -:
    »Nicht, Hedwig, so sind wir zwei Kinder derselben Generation. Und wir müssten
uns doch eigentlich recht gut verstehen. Eine Fülle gleichartiger Zeitkeime hat
Dich und mich befruchtet. Und doch sind wir so sehr entfernt von einander. Ich
stehe ja viel mehr im fliessenden Leben, als Du. Deine Heimat ist enger - ich
habe im Grunde keine Heimat mehr. So sollte ich keine Schranken spüren ... und
spüre und finde allentalben doch nur - Schranken. Das ist ein Widerspruch, an
dem ich noch zu Grunde gehe. Das Leben ist so wahnsinnig komplicirt. Und doch
hat Jeder, der sich nur ein Bissel in's allgemeine Daseinsgetriebe hineindenkt,
das Gefühl, als müsste Alles ungeheuer einfach sein. Und - ja! - ja! - es wäre in
Wirklichkeit auch Alles ungeheuer einfach - wenn es nur Menschen auf der Welt
gäbe ... und nicht Zweibeinler, die ihr Menschentum in die Zwangsjacke
einschnürender Formen und Vorurteile versteckten ... Du bist am Morgen vom
langen Schlafe aufgewacht und sinnst nach, welche Träume Dir in der Nacht
erschienen waren. Die Erinnerung ist schroff und widerspenstig - und Du findest
keine Anknüpfung. Der Tag nimmt von Dir Beschlag ... und er zwingt Dich ganz in
seinen engen und doch so weiten Kreis hinein. Da plötzlich löst ein zufälliges
Bild, das sich Dir vor's Auge schiebt im hellen Spiele der Tagesdinge, die
Erinnerung an eine Traumscene aus ... und sie fliegt an Dir vorüber ... langsam
und doch zu schnell. Bald ist sie wieder aufgeschluckt von dem fliessenden
Wirrwarrwandel der Tagesdinge. Auch die Seele hat einmal von der Einfachheit und
der Freiheit des Lebens geträumt. Aber dann kam das Leben selbst und löschte mit
seinem bunten Zuviel alle diese vagen Träume aus. Nur manchmal flattert noch ein
verlorener Traumfetzen durch Deine Welt der wirklichen Dinge und mahnt Dich an
einstige Sehnsuchten, Hoffnungen, Erwartungen, an einstige Gewissheiten.
Merkwürdig verstören diese Erinnerungen und stärken doch zugleich. Schmerzlich
gebären sie Ideale. ... oder erneuern, vervollkommnen verblichene wieder und
verkümmerte. Wie ein metaphysisches Erzittern feinsten, sublimsten Nervenlebens
ist es in Dir ... wie ein Erzittern, das aber immer weitere Kreise schlägt und
immermehr hinein in den Flutspiegel der realen Welt. So wird man wieder zum
bewussten Kämpfer, wo man vorher nur unfreiwilliger Arbeiter gewesen war. Der,
den sich die Welt unterworfen hatte, hat nun die Welt sich unterworfen. Und die
Zeit ist wahrhaftig dazu angetan, dass man ein Kämpfer in ihr ist! Wie oft habe
ich sie schon packen wollen in ihrem innersten Nerv - diese merkwürdige Zeit -
unsere Zeit! Es gelingt mir nicht. Indizienkrumen sammeln ... Brocken ...
Steinchen ... Steinchen auf Steinchen kleben - das kann ich nicht. Von ihren
grossen Strömungen lasse ich mich gar gern ergreifen. Vieles ... zu Vieles darf
... muss hier an uns rühren. Es gilt Mancherlei gutzumachen und noch Mehr
auszugleichen. Die moderne Wissenschaft ist für einen ästetisch ... für einen
künstlerisch veranlagten Geist ein Ungeheuer. Sie fordert stille, dauernde
Arbeit ... ein stetes Bemühtsein ... ein Wachbleiben durch viele einsame Nächte
hindurch und immer erfrischte Geduld. Wo sollen wir da hin mit unserem bis in's
Feinste nüancirten Stimmungsleben ... mit unseren stürmischen Affekten ... mit
den grossen und kleinen - mit den ganzen und halben Wünschen unseres Blutes? Und
unser Auge liebt noch viel zu sehr das Sehen nach innen ... und ist noch so
ungeschickt im scharfen Erfassen der Aussendinge, die doch jetzt so sehr alle
Welt beschäftigen und so diktatorisch Respekt verlangen. Wir müssen die klare
Linienwelt der Antike und die verschwommene Flächenwelt der Romantik mit ihren
kosmischen Verallgemeinerungen und ihren radicalen Principien schon hinter uns
lassen ... und müssen uns schon bemühen, mit der nüchternen Korrekteit des
Psychologen den Objecten auf den Leib zu rücken. Das wird uns vorwiegend
ästetisch angelegten Naturen recht ... recht schwer werden - aber das einzige
Heil für uns wird es doch wohl sein. In diesem Sinne müssen wir uns unsere Zeit
analytisch zu unterwerfen suchen. In diesem Sinne müssen wir an ihre grossen
Probleme herantreten. Gewaltiges bereitet sich vor ... eine neue Zeit liegt in
den Geburtswehen. Wo sind die unglücklichen Opfer, die jede Uebergangsepoche
fordert? Wir sind es, hier sind sie. All' unser Wünschen und Wollen gehört der
Zukunft - wenigstens in unseren besten und grössten Stunden - aber unserem Können
gibt Richtung und Ziel so oft nur die ererbte Vergangenheit. In diesem
Zwiespalt werden wir an uns irre, zweifeln ... verzweifeln wir hundert und
tausend Mal ... und kommen schliesslich dazu, einen schrankenlosen
Individualismus zu kultiviren, einen Individualismus, der im Grunde doch nur ein
verunglückter, versetzter Sozialismus ist ... der aber zugleich die dumme
Angewohnheit hat, dass er uns zerfleischt, aushöhlt, entnervt ... Aber wir fühlen
so tief und sehen so scharf gerade in den Stunden, wo wir spüren, dass Alles in
uns auseinanderreisst und aufbricht - und alle Irrtümer, Widersprüche und
Vorurteile der Welt erkennen wir nie klarer und bedauern wir nie aufrichtiger,
als gerade in diesen Stunden, wo die innere Zerklüftung am heftigsten brennt. Da
sind wir zugleich Besiegte und Kämpfer - Kämpfer mit Siegeshoffnungen und
Anwartschaften auf Zukunftstriumphe. Nun ja! Wir werden unter unsäglichen
Schmerzen zwischen dem Alten und dem Neuen hin- und hergezerrt ... aber wir
denken in diesen schweren Stunden doch darüber nach, wie wir das Kommende am
Schärfsten erfassen ... wie wir das Moderne erschöpfend definiren - und wir
erstaunen freudig über die Fülle der uns zuströmenden Begriffe, die im
Wörterbuche der Zukunft einen anderen Wert, einen anderen Inhalt, eine andere
Erklärung besitzen werden. Und sind uns auch nur Mosesblicke vorbehalten - wir
glauben an das Germanentum, das seine höchste Mission: die Ueberwindung und
Knechtung des semitischen Geistes, erfüllen wird - mag dann nachher der Konflikt
zwischen germanischem Nationalismus und europäischem Internationalismus gelöst
werden ... Allerdings! ein Bedenken dürfen wir nicht verschweigen: vielleicht
kann der semitische Geist in seinen Wurzeln nur durch die gewaltsamen
Expropriationsakte der Zukunftsdemokratie ausgerodet und ausgerottet werden.
Ohne jene Gewaltakte wird es aber überhaupt nicht abgehen, wenn einmal der
Versuch gemacht wird, einige allzu hagebüchene Unterschiede auszugleichen,
einige allzu freche Ungerechtigkeiten zu sühnen. Und dieser Versuch wird allem
Anschein nach gemacht werden müssen. Am Ende dieses Jahrhunderts - wie wird es
da in Europa aussehen? Eins ist jedenfalls gewiss: eine ganz ansehnliche, gar
nicht so minorenne Menge irriger Anschauungen und eingewurzelter Vorurteile
wird dann beseitigt sein. Z.B. die von gewissen Zöpfen und Perrücken heute noch
mit sperrangelweit aufklaffenden Mäulern beanstandeten materialistischen
Auffassungen in puncto der Beurteilung von sogenannten Verbrechern - überhaupt
von allen Gesetzesübertretern - sie werden natürliches Gemeingut Aller geworden
sein. Die Aera der seelischen Vertiefung und Erkenntnis - des psychologischen
Verständnisses wird gekommen sein. Die Märchen vom freien Willen, von
persönlicher Schuld, von persönlicher Verantwortung - sie hat ein freier und
klarer und gegenständlicher denkendes Geschlecht in die Rumpelkammer der
Vergangenheit geworfen. Oh! Es könnte immerhin eine Lust sein, in dieser neuen
Epoche zu leben! ... in dieser Zeit, wo auch die Schranken zwischen den beiden
Geschlechtern gefallen sein werden - diese dummen, einfältigen, nichtswürdigen
Schranken, die jeden natürlichen, naiven Verkehr zwischen Mann und Weib
unmöglich machen ... Das wiedergeborene germanische Grundgefühl wird das
barbarisch unappetitliche, über Alles ekelhafte Verhüllen und Verschweigen, das
in der christlich-semitischen Auffassung der Sinnlichkeit die Hauptrolle spielt,
als brutal unsittlich erkannt und zurückgewiesen haben. Es wird - verzeihen Sie,
liebe Hedwig, meine Offenheit ... und lächeln Sie zugleich - - nein! wenden Sie
sich nicht ab und erröten Sie nicht! - beschämen Sie mich vielmehr und lächeln
Sie darüber, dass ich Sie um Entschuldigung bitte ... als hätte ich das Gefühl
... das Bewusstsein - was ich leider, offen gesagt, auch habe - dass ich hier ein
unanständiges, heikles Tema berühre, wo ich doch nur von den natürlichsten
Dingen der Welt spreche! - also - aber was wollte ich sagen -? Ja -!, es wird -
es wird - nein! es wird dann keine verbotenen Genüsse - keine heimlich
grossgezogene, versteckte Lüsternheit - keine - also ... ich darf ganz offen sein
-? keine künstlich gezüchtete Selbstbefriedigung mehr geben ... Unendlich Viele
Ihres Geschlechts werden von den scheusslichsten, unerträglichsten Qualen befreit
sein - und unendlich Vielen meines Geschlechts wird der Gang durch die ... die
... also durch die Bordelle erspart bleiben - durch diese zweifelhaften
Rosenhage, welche bis dato Generation auf Generation absolviren musste. Von dem
furchtbaren Drucke, den uns die so grausam unnatürlichen Verhältnisse unserer
Zeit auf die Brust gewälzt, haben diese Menschen der Zukunft aufatmen dürfen.
In dem klaren Erkennen der Natur, welche die Geschlechter zueinander zwingt,
werden sie die Gesetze ihres Lebens natürlich einrichten und gestalten ...«
    Adam brach ab. Hedwig hatte ihren Platz am Tische, den sie bis dahin
unverändert innebehalten, bei der letzten Wendung, die Adam's buntförmige Rede
genommen, verlassen und war an das offene Fenster getreten. Sie stützte die
rechte Hand auf den Schreibtisch ihres Vaters.
    Adam fühlte sich doch ein Bissel beklemmt. Er bereute fast seine Offenheit
... er konnte jetzt seine Kühnheit kaum begreifen ... er ärgerte sich über sich
und zugleich über Hedwigs Prüderie. Sie verstand ihn also doch nicht. Aber er -
verstand er sich denn noch in diesem Augenblick? Und doch hätte er noch so
Manches auf dem Herzen gehabt und sehr gern noch eine kleine Weile weiterdozirt,
wie er sein breitspuriges, allerdings sehr doktrinäres Schwatzen und Salbadern
im Stillen titulirte. Und nun wurde es ihm wieder zu Sinn, als wäre Hedwig
weniger prüde gewesen, als wäre sie vielmehr von einem halb ehrlichen, halb
sentimentalen Mitleid mit sich selber ergriffen worden. Das stimmte ihn weich,
zärtlich, hingebend und verlangend - und er trat zu dem Weibe, dem er einen
Augenblick früher wiederum fast fremd gegenübergestanden hatte, ans Fenster -
ein dunkles Wollen und Müssen in der Brust. Adam trat dicht an Hedwig heran und
flüsterte ihr leise zu, den Nachdruck der Innigkeit und Ergriffenheit in der
Stimme: »Habe ich Dir wehgetan, Hedwig? Sei mir nicht böse -«
    Hedwig hatte die linke Hand über die Augen gelegt. Den Kopf hielt sie
gebeugt. Ein leises, verhaltenes Schluchzen ging jetzt von ihr aus. Adam atmete
schwer auf.
    Draussen lag die Nacht ... die letzte Mainacht ... ruhig, schwarz. Nur ein
nervöses Erzittern der Schwüle prickelte zuweilen durch die Luft.
    Adam Mensch verspürte sich wieder einmal ganz im Zwange seiner Stimmung. Wie
ein unendliches Mitleid mit sich selber ergriff es auch ihn. Unklare,
halbfertige Sinnlichkeitsaffekte lösten sich in ihm aus. Diese nächtige Schwüle
bedrückte ihn. Dieses schluchzende Weib quälte ihn ... und beglückte ihn doch
zugleich unsäglich. Eine schicksals-mächtige, fanatische Notwendigkeit bändigte
ihn jetzt zu Hedwig hin. Aber nein! Er durfte sich nicht überwältigen lassen. Er
dachte an Lydia, er dachte an Emmy. Ach! es ekelte ihn vor sich. Das war ein
wüstes, wahnwitziges Hin- und Herirren von Einer zur Anderen ... ein
verzehrendes Suchen ohne eigentliche Absicht zu finden - zu finden, um dann
fest- ... festzuhalten. Und doch: hatte er nicht schon tausend Mal die Sünden
bereut, die er nicht getan? Er hatte Gewalt über dieses Weib. Es war in seiner
Hand. Und er lechzte nach - wonach? Nach den sogenannten »Freuden«, den
»Amusements« der Liebe? Das nun weniger. Jedoch! Er unterlag. Er musste
nachgeben. Er musste das an sich reissen, was ihm den Weg kreuzte und sich ihm
zuwandte. Er konnte ja auch gar nichts Gescheiteres tun. Und er nahm dem
weinenden Weibe die Hand von den Augen und raunte ihm zu: »Ich habe Dich sehr
lieb, Hedwig ... weine nicht! ... Wir gehören doch zusammen! Komm!«
    »Adam!« sträubte sich Hedwig.
    »Hast Du mich denn nicht ein Wenig lieb -?« Die Worte waren leise, langsam,
stehend gesprochen, eine grosse Traurigkeit und Bekümmernis verratend ... und
wie eine schwere Enttäuschung zugleich.
    Hedwig stand da, den Kopf gesenkt, ihre Hände lagen auf dem Fensterbrett.
    Und Adam nahm diese kleinen, mageren, blassgelben Hände und zog an ihnen das
Weib, das er liebte, an seine Brust. Und er berauschte es mit glühenden,
stechenden Küssen. Die Lippen wollten nicht von einander lassen, und es war, als
wollten sich die Beiden gegenseitig das Leben aussaugen und auftrinken.
    Adam war es sehr mild und weich zu Sinn. Er hatte eine gute Tat vollbracht.
Er hatte diesem armen, eintönigen, farblosen Dasein ein grosses Erlebnis, eine
grosse seelische Erschütterung gegeben.
    Hedwigs Arme umschlangen seinen Hals. Eine unendliche Hingebung und
Zärtlichkeit sprach und bat aus ihren vertränten Augen.
    »Nun haben wir uns doch gefunden -« flüsterte sie und legte den Kopf an
Adams Brust, als schämte sie sich ihrer Worte ... als wollte sie sich vor sich
selber verstecken.
    »Jawohl!« antwortete Adam sehr laut und lächelte eine Stecknadel lang
spöttisch. Das kleine Weib war doch eigentlich etwas zu sentimental.
    Langsam lockerten sich Hedwigs Arme. Der Herr Doctor verstand. Hm! So leicht
zu verletzen? Aber da packte ihn auch wieder die Leidenschaft - und von Neuem
riss er das Liebste, was er zu dieser Frist auf der Welt besass, an sich und
erstickte es fast mit seinen Küssen und Umarmungen.
    »Mein Weib! Mein süsses, einziges Weib!« stiess er gepresst hervor und zwang
Hedwig mit Ueberkraft zu sich heran ... bis ihnen der Atem abriss und sie
langsam von einander lassen mussten.
    Nun standen sie neben einander und sahen in die Nacht hinaus, die ruhig,
schwarz, schwül zwischen Himmel und Erde hing.
    »Was soll mit uns werden, Adam -?« kam es nach einer kleinen Weile leise von
Hedwigs Lippen.
    Adam antwortete nicht sogleich. Wusste er denn etwa selbst, was mit ihnen
werden sollte?
    »Du antwortest nicht -« begann Hedwig wieder. Mühsam unterdrücktes
Aufschluchzen gab ihrer Stimme etwas Hartes, Rauhes, Gezacktes.
    »Was mit uns werden soll, mein Lieb? Aber wir wissen doch, dass wir zu
einander gehören! Ist das vorläufig nicht genug? Wollen wir uns die Schönheit
und Grösse dieser Stunde durch kleinliche, philiströse und trivial-prosaische
Erwägungen stören lassen? Zwei Lebensläufte sind nun zusammengeflossen und haben
eine Richtung erhalten ... und ein Ziel ... Und ... nun ja! - aber wirklich,
meine Liebe - lass das jetzt - ja? Wir sehen und sprechen ... und ... küssen uns
ja nun alle Tage ... und da werden wir wohl gelegentlich schon 'mal eine Stunde
finden, wo wir so einfältig und nüchtern und ... und so kalt und trocken sind,
dass wir auch einige unvermeidliche praktische Fragen erledigen können. Komm,
mein Lieb - gieb mir jetzt lieber noch einen recht herzigen Kuss -!«
    Hedwig trat einen Schritt zurück und wehrte sanft ab. »Das ist es nicht,
Adam, was ich meine - das nicht. Wir müssen tiefer gehen. Ich weiss: Du fühlst
den Zwiespalt ebenso gut, wie ich ... und willst ihn Dir wohl jetzt nur nicht
eingestehen. Du weisst ebenso gut, wie ich, was uns trennt ... was uns immer
trennen wird. Deine jähe Leidenschaftlichkeit hat mich besiegt - ich habe Dir
nachgegeben. Es war ja auch nicht so schwer, mich zu besiegen. Denn ich habe
Dich nicht minder liebgewonnen, Adam. Zuerst - ja! - da hast Du mich abgestossen
... Du hast doch öfter mein Feingefühl sehr beleidigt. Trotzdem habe ich mich
seit jenem Abend bei Quöck stärker und tiefer für Dich interessiren müssen. Ich
ahnte zuerst ... und nachher wurde es mir immer klarer, dass wir manches
Gemeinsame besässen. Eine unglückliche Natur bist Du ... wie ich es bin. Ich kann
Dir in Vielem sehr gut und sehr fein nachfühlen, Adam. Ich verstehe Dich
vielleicht besser, als Du Dich selbst verstehst - jedenfalls ebenso gut. Nur
hätte ich tapferer Dir gegenüber sein sollen. Ich hätte Dich um jeden Preis
abweisen müssen, Dein Werben und Beteuern nur für das nehmen sollen, was es in
Wirklichkeit allein ist: ein Produkt Deiner Stimmung, die morgen wieder eine
ganz andere sein kann - ja! - sicher eine ganz andere ist, als sie es heute
gewesen. Nein! Bitte, lieber Adam! unterbrich mich jetzt nicht - lass mich einmal
ausreden. Aber ich habe doch nicht widerstehen können. Das Jahrelang
verleugnete. Weib in mir konnte sich nicht länger verleugnen. Ich fühlte noch zu
heftige Jugendbedürfnisse in mir ... und fühle sie noch. Du kannst jetzt mit mir
machen, was Du willst, Adam. Ich sage Dir das ganz offen. Und nicht etwa, um
Dich um Schonung zu bitten. Mein Schicksal liegt in Deiner Hand. Ach! Das
unnatürlich Niedergezwungene sprengt ja mit einem Rucke seine Ketten, wenn man
sie ihm nur ein Wenig lockert. Alle philosophischen Erziehungsversuche meines
Vaters sind vergeblich gewesen. Das Blut meiner Mutter - das sagt Alles. Ich bin
nicht zu dem Frieden gekommen, den mir mein Vater gegeben zu haben glaubt. Ich
verbarg und versteckte die letzten Funken meiner Jugend vor ihm - die letzten
Funken, die Du angefacht hast, Adam. Es war ja nicht schwer, sie vor dem alten
Manne zu verheimlichen. Er lebt ja nur in seiner Welt - und unsere engen,
kargen, farblosen Verhältnisse brachten es mit sich, dass ich äusserlich ruhig und
ernst und zufrieden erscheinen konnte. Und doch - und doch - Adam - trotz
alledem habe ich das Gefühl, dass ich zu welk und zu alt bin für Dich. Lass die
letzten Flammen erstorben sein - und ich falle ganz zusammen. Das traurige,
eintönige Leben, das ich seit Jahren habe führen müssen und das ... wenigstens
anfangs ... dem innersten Grundzuge meiner Natur ganz entgegengesetzt war - mit
der Zeit passt man sich eben mehr und mehr an - dieses Leben konnte nicht ohne
abtödtende Einflüsse auf mich bleiben. Ich bin nur ein Schatten noch von dem,
was ich einst war. Ich gehe durch die Welt ... durch die reale Welt der Sinne
wie im Traume ... Wie eine Nachtwandlerin ... ich habe kaum Fühlung mit dem, was
die Zeit bewegt. Nur ein dunkles Ahnen ... ein gewisser Instinkt sagt mir noch
Manches. Ich bin vielleicht keine verlorene Seele, aber sicher eine verlegene
... eine verwelkende und verkümmernde. Das ist Alles, Alles so traurig - so
unsäglich traurig. Nun ich mich an Dir messen kann, fühle ich meine
Kraftlosigkeit doppelt. Aber auch Du, Adam - auch Du bist nicht gesund - ich
meine: bist nicht so, wie die Anderen - wie die Mehrzahl - die Masse. Robustes
und Dickhäutiges - nein! das hast Du gar nicht. Du bist viel zu sein und zart
organisirt, um Dich in dieser rauhen Zeit so behaupten zu können, wie Du es wohl
verdientest. Wenn Du wirken ... noch wirken willst - wenn Du noch mit Deinen
Kräften für jene Ideale eintreten willst, die Du vorhin erwähntest, muss Dir die
Sonne scheinen ... musst Du in die volle, warme Mittagssonne gehen. Bei mir
findest Du nur Schatten. Wir beide zusammen - wir empfänden die Schwere und
Reizbarkeit unserer Naturen nur doppelt scharf - wir wären nur doppelt
unglücklich. An einer endlosen Kette unerträglichen Elends würden wir zu
schleppen haben. Mit mir kannst Du Deine Kräfte nicht flüssig machen. Ich stehe
dem Leben zu skeptisch gegenüber, obwohl ich es fast gar nicht kenne. Meine
Zweifel würden auf Dich fallen ... würden Dich hemmen, wenn Du einmal Deine
eigenen glücklich vergessen hättest. Um für Deine Ideale eintreten zu können,
musst Du mit neuen Illusionen rechnen dürfen. Das ist mir sehr klar. Und um Dir
diese Illusionen zu schaffen, bedarfst Du der Fülle, des Glanzes, des
Reichtums, der Dich aller kleinlichen Alltagssorgen überhebt und Dir die
gröbsten Reibungen des Lebens beseitigt. Wenn Du nicht in den Besitz von Gold,
von Mitteln kommst, gehst Du unter. Ohne diese stärkste Waffe im Leben
verblutest Du vor der Zeit. Nun sieh: wir beide - Du und ich - und ich
mittellos, wie Du - wir beide mit unseren müden Herzen und müden Sinnen ... mit
unseren feineren, aristokratischen, differenzirten Naturen - wir sollten uns nun
ordinär wie zwei gewöhnliche Arbeiter ums tägliche Brot abplagen, damit wir
überhaupt nur leben könnten? Es ist zu viel Schatten um mich, Adam - zu viel.
Gar keine Sonne - gar keine. Der Kampf würde uns aufreiben ... würde uns mit
seinen Faustschlägen und Nadelstichen zu Tode martern. Und dann: ich kann meinen
armen, hülflosen Vater auch nicht verlassen. Ich bin gebunden. Verkehren - ja!
vielleicht können wir in Zukunft öfter ... und intimer mit einander verkehren -
und es ergibt sich vielleicht auch manches Gute aus diesem zeitweiligen
Verkehr. Und das Letzte, Adam - der letzte und schwerste und triftigste -
wenigstens vor der Welt triftigste Grund, warum ich Dir nicht angehören kann:
ich bin nicht die mehr, für die Du mich wohl bisher gehalten hast - ich habe - o
Gott! - ich habe auch schon eine - Vergangenheit ...«
    Adam hatte die Auseinandersetzung Hedwigs schweigend angehört. Er hatte sie
einige Male unterbrechen wollen, auf ihre Bitten aber immer wieder an sich
gehalten. Ja! Gewiss! Sie hatte in Vielem ... wohl schliesslich in Allem Recht -
er musste ihr beistimmen, wenn er ehrlich gegen sie und gegen sich selber sein
wollte. Nur - nur mit der Erwähnung ihrer »Vergangenheit« - was hatte sie denn
damit sagen wollen? Ihre Schlussworte hatten ihn doch frappirt. Eh bien - eine
»Vergangenheit« - eine »Vergangenheit« hat schliesslich Jeder ... und es ist
immerhin besser, eine hinter sich, als eine vor sich zu haben ... Aber ... aber
es ist doch ... doch immerhin misslich für einen Mann, wenn eine Frau, mit
welcher er verkehrt - und die er ... die er also liebt - wenn eine solche Frau
eine »Vergangenheit« hat. Das kann unter Umständen sehr weh tun. Aber es ist
eigentlich zu dumm ... zu dumm ... Sitzen denn diese verfluchten Vorurteile so
fest - sind sie so eingewurzelt - so die ganze Natur durchtränkend und
überklettend vererbt? Entsetzlich ist dieser Zwang des Gewesenen - und
lächerrlich - über alle Begriffe lächerrlich dazu! Und doch - - und doch - - ach!
Wer hat schon gegen das »ewig Gestrige,« das allem Geborenen eingeimpft wird,
mit Erfolg gekämpft -?
    Adam atmete schwer. Er wollte einen leichten, lustigen, burschikosen Ton
anschlagen, aber es gelang ihm nicht.
    »Eine Vergangenheit -?« fragte er ebenso leise, wie Hedwig ihre letzten
Worte geflüstert hatte.
    »Ja! -«
    »Aber zum Teufel -« nun brach der Grimm über seine altehrwürdige Auffassung
bei Adam doch durch - »aber zum Teufel, mein Lieb, - was geht mich denn Deine
sogenannte Vergangenheit an? Oder glaubst Du etwa, ich hätte keine
Vergangenheit? Da irrtest Du Dich doch gewaltig-«
    »Du bist auch ein Mann, Adam - aber ich -«
    »Ach so? Na! das ist wieder einmal die bewusste alte, aber Gott sei's
geklagt! ewig neue Geschichte! Dir ist verwehrt, was mir erlaubt ist? - Hm! das
kann vielleicht eine Formel aus dem Guten Tone - oder ein lobesamer Passus in
dem Moralexercitium eines philosophasternden Teologen sein - aber vernünftig
ist dieser ekelhafte Gemeinplatz - diese abgedroschene Trivialität beileibe
nicht - und zwei Menschen wie Du und ich sollten sich am Allerwenigsten von
dieser capitalen Dummheit irre machen lassen. Habe ich nicht Recht -?«
    »Vielleicht, Adam - aber - -«
    »Aber? Ihr Weiber seid doch Alle über einen Leisten! Und meine Hedwig ist um
kein Haar klüger ... denkt um kein Haar freier, als die ganze andere
Gesellschaft! Nur so weiter, mein Lieb! Da wirst Du schon ganz vernünftig werden
mit der Zeit - pass 'mal auf -«
    »Adam! -«
    »Nun ja! . Oder hätte ich Unrecht? Ich wüsste nicht ... Wenn das am grünen
Holz geschieht - -«
    »Adam! ...«
    »Pardon! Grünes Holz - - ich werde unangenehm - ich werde boshaft - verzeih,
mein Lieb! Aber im Unrecht bist Du doch. Ich hätte ... wahrhaftig! ich hätte
Lust, Dir 'mal einige pikante Geständnisse zu machen - weisst Du: pikant
hinsichtlich - - -«
    »Nein! - Nein, Adam! -«
    »Nicht? Aber warum denn nicht? Nun erst recht! ... Ich sehe: man muss auch
Dich noch erziehen, Hedwig - Dein Vater - -«
    »Ich ertrage es nicht, Adam - sei still! . bitte! ... Ja? ...«
    »Nun - wenn Du absolut willst - - aber sage mir nur - -«
    »Ich habe Dich so unendlich lieb, Adam - und - und - -«
    »Nun - und? Und, Hedwig -?«
    »Wenn - wenn - - ach, Adam - lass mich doch! ... lass mich! -«
    »Ich verstehe Dich nicht -«
    »Nun denn: Wenn Deine Vergangenheit in die - Gegenwart eingriffe - - Adam! -
ich ertrüge es nicht! . Nein! ich ertrüge es nicht. Ich bin nur ein Weib - nur
ein Weib, was Dich - -«
    »Aha! . Daher weht der Wind? Verzeih', dass ich brutal bin, mein Kind! . Da
scheint doch eine Radicalcur sehr notwendig zu sein - also -«
    »Adam! -«
    »Nun? .«
    »Du liebst mich nicht! -«
    »Sei ohne Sorge, Hedwig! Ich habe immer schöne Formen ... und ... und
eigenartige Charaktere ... und ... und seltsame Schicksale geliebt - immer,
Hedwig! -«
    »Du bist furchtbar, Adam! -«
    »Furchtbar? Warum? -«
    »Du bist jetzt so ganz anders, als vorher -«
    »Oder Du ... aber -«
    Adam unterbrach sich und wandte sich ab. Er legte sich weit über die
Fensterbrüstung, sah auf die stille Strasse hinab - nur ein welliges
Wipfelrauschen summte von den Linden, die da unten standen, herauf - und blickte
empor zum Himmel. Im Nordosten hatten sich die Wolken zu schwarzen, gewaltigen
Polstern zusammengeknäuelt. Die Luft war fast noch heisser und schwüler geworden.
Adam atmete tief auf. Ein Reichtum verhalten brennender Gefühle stand in
seiner Seele. Er hätte so gern, an harmloseren Fäden seiner Vergangenheit
angeknüpft. Die Gegenwart zerschnürte ihn fast mit ihren Unklarheiten, mit ihren
verschwommen, zerrissen aufgurgelnden Geräuschen. Nein! Nein! Das drängte sich
Alles zu dicht an ihn heran! Er sah sich um. Er sah diesen engen, frugalen Raum,
der eng und frugal blieb, ob ihn auch das gedämpfte Licht der Lampe anheimelnder
stimmte - - er sah dieses Weib an seiner Seite - dieses schluchzende Weib, das
ihn mit seiner törichten Liebe quälte - - es war unerträglich! Ein Gedanke
befiel ihn.
    »Hedwig! -«
    Und nun noch einmal, aber in leiserem, ernsterem, bittendem Tone:
    »Hedwig! -«
    Die Angerufene richtete langsam den Kopf in die Höhe.
    »Ich will Dir einen Vorschlag machen. Es ist so heiss und so eng hier. Komm!
Lass uns noch ein Wenig hinausgehen! Draussen ... draussen wird uns freier werden -
ich ersticke hier fast ... und wir haben wohl noch so Manches miteinander zu
reden, mein Lieb! ... Komm! Ja -?«
    »Aber, Adam -!« Hedwig wischte sich mit ihrem Taschentuche die Tränen aus
den Augen und trocknete sich die Stirn. Nun nestelte sie mit den Händen an ihrem
Haar herum und sah Adam erschrocken an.
    »Nun ja! ... Erscheint Dir mein Vorschlag so ungeheuerlich? Mein Gott! Es
ist doch weiter nichts dabei! Wir gehen nachher noch in 'n Café - ich muss noch
andere Menschen sehen ... muss auf andere Gedanken kommen - 'n bissel fremdes
Leben um mich spüren - 'n Glas Absynt trinken - 'ne gute Cigarre rauchen - -
und ich dächte: auch Dir täte eine Abwechslung wohl ... Also komm! Ja -?«
    »Um diese Stunde, Adam -!«
    »Es ist eben erst Zwölf. Und dann - - ich weiss nicht - Du bist doch in
meiner Gesellschaft! Da kann Dir doch weiter Nichts passiren ... In ein
Nachtcafé zu gehen - nun ja! es mag für eine Dame, wie für Dich, liebe Hedwig,
vielleicht nicht gerade, wie man sagt: anständig sein - aber ich sollte doch
meinen: diese dummen Philisterflausen hätten für Dich weiter keine Geltung! Ich
würde es wenigstens sehr bedauern, wenn Du noch in All' und Jedem mit den
verbohrten Anschauungen der alten Generation rechnetest. Also bitte -!«
    »Ich kann doch meinen Vater nicht allein lassen - -«
    »Der wird jedenfalls schlafen - und wenn er irgend welcher Hülfe bedarf - er
kann ja das Mädchen rufen -«
    »Aber was würde Papa sagen -«
    »Immer neue Bedenken! Ihr Weiber habt das Talent, am allererbärmlichsten
Sandkorn festzurennen, wenn es Euch gerade 'mal in den Kram passt! Bist Du denn
um gar nichts anders, als die Andern, Hedwig -?«
    »Nein, Adam -«
    »Nicht? Das ist allerdings sehr schlimm -!«
    »Ich meine - Du missverstehst mich -«
    »Na! Wohl kaum -«
    »Und wie lange - wie lange würden wir bleiben -?«
    »Gott! Das lässt sich doch wahrhaftig auf die Secunde nicht bestimmen vorher
-«
    Hedwig war unschlüssig. Adams Vorschlag reizte sie immerhin. Diese schwüle
Atmosphäre lag auch auf ihr schwer und drückend genug. Die starke seelische
Aufregung ... der brennende, stechende Sinnlichkeitsaffekt, welcher sie vorhin
durchkrampft, hatte sie müde, abgespannt gemacht, wie zerschlagen, zerfasert,
zerrupft. Zu Bett gehen konnte sie in dieser fiebernden Stimmung kaum. Sie
atmete langgezogen auf. Aber ihr Vater - und weiter: wenn es zufällig Jemand
von den Hausgenossen bemerkte, dass sie so spät noch wegginge - mit einem fremden
Herrn - und dann womöglich erst mitten in der Nacht nach Hause käme - nein!
nein! - es war doch nicht möglich -
    »Nun? Also -?«
    »Adam! Bitte - lass mich hier! Tue es mir zur Liebe - ja? Ich wollte ja gern
- aber es geht wirklich nicht! Ich riskire zu viel -«
    »So? Du riskirst zu viel? Hm! Und das sagt ein Weib, das eine ... das eine -
Ver - na! ich hätte beinah' was gesagt - verzeih' meine Derbheit, Hedwig! Aber
mir liegt eben viel daran - sehr viel sogar, dass ich noch eine kleine Weile mit
Dir zusammen sein darf, mein Lieb! Wir haben uns eben erst gefunden - und sollen
nun schon wieder auseinandergehen! Das ist doch hart - nicht wahr -? sehr hart!
Lass Dich doch endlich erweichen, Kind! Soll ich Dich fussfällig bitten? Mein
Stolz verböte es mir eigentlich - doch - wenn Du es durchaus willst - -«
    »Lass die Komödie, Adam! ... Aber sage mir noch Eins: wenn ich nicht mitginge
- was tätest Du dann -?«
    »Aha! ... die Frage ist nicht übel ... Schon der conditionale Conjunctiv
Imperfecti! ... Wenn ich nicht mitginge - Na! das ist ja quasi gewonnen Spiel!
... Uebrigens - wenn Du nicht mitgingst, Kind - ja! ... dann müsste ich wohl
allein gehen. Eins plus Null bleibt Eins, nach Adam Riese. Aber Du könntest Dich
doch wirklich 'mal dazu bequemen, Hedwig, mehr als eine - Null zu sein ...
Willst Du -?«
    Hedwig lächelte doch ein Wenig. »Du bist drollig, Adam -« antwortete sie.
    »Das ist eine ganz neue Eigenschaft bei mir, mein Lieb! Du scheinst Talent
dafür zu haben, Entdeckungen zu machen. Vielleicht tüftelst Du auch noch alles
mögliche Andere bei mir aus. Vielleicht manches ganz Löbliche und Brauchbare.
Das wäre ja sehr nett. Ich bliebe sonst auch ein verzweifelt einseitiger
Bursche! Wahrhaftig! ich wäre Dir sehr dankbar, wenn ich mich unter Deinem ...
Regimente noch ein Bissel vervollkommnete. Das könnte mir gar nichts schaden.
Kleine, weisse Frauenhände besitzen eine entzückende Fertigkeit darin, selbst aus
den reservirtesten, versteinertsten Felsenwänden noch neue Quellen zu schlagen
...«
    »Spotte doch nicht so, Adam -«
    »Ich spotte gar nicht -«
    »Also ... Du würdest auch ohne mich noch in ein Café gehen - nach dem
heutigen Abend noch Abwechslung ... Unterhaltung suchen -?«
    »Was bliebe mir denn weiter übrig, Kind? Abwechslung - meinetwegen! ...
Unterhaltung - hm! - warum wählst Du nicht lieber gleich das wunderschöne Wort
Vergnügen? Ich liebe dieses Wort nämlich leidenschaftlich ... Man hört es nur so
selten heute ... die Leute nehmen es so ungern in den Mund ... Also - Du kommst
mit -?«
    »Adam -!«
    »Dann leb' wohl, mein Lieb! Und nun gehören wir zusammen, Hedwig - nicht
wahr? Und die Dame meines Herzens ist in Zukunft nicht mehr so spröde, wie sie
es einmal gewesen! ... Aber - in Diesem und Jenem - in Diesem und Jenem -
exempla sind wieder einmal odiosa -: da lernst Du noch ein Wenig freier und
selbstständiger denken - gelt, Kind? Du tust mir den Gefallen - ja? Grüss Deinen
Vater herzlich von mir! Und lass mich nur machen! Ich werde schon einen
einigermassen annehmbaren modus vivendi für uns finden. Es geht Alles, wenn man
nur ernstlich will. Sind wir erst einmal ... einmal ver - -«
    »Ach! belüge Dich doch nicht so absichtlich, Adam - das kann ja nicht sein
-«
    »Belügen - der Ausdruck ist etwas ... etwas stark, Hedwig -«
    »Verzeih', Adam! Aber ich habe Dich ja so unsäglich lieb! Du bist ja in all'
diesem Elend - in all' dieser entsetzlichen Not mein einziger Halt - meine
einzige Hoffnung! Ich ertrage es nicht, Dich zu verlieren - ich ertrage es
nicht! Wenn Du mich verliessest, Adam - mich verliessest - - ich - ich - - o Gott!
- und doch ganz klar voraussehen müssen, dass Du es tun wirst - - dass Du es tun
wirst, Adam - dass es doch so kommen wird - das ist zu viel - das geht über meine
Kraft! Adam! Adam! oh! wie das in mir wühlt und zerrt und sticht! - - Ich - ich
ersticke - Adam! - Und wenn es mein Unglück ist - -: ich kann dieses Leben nicht
mehr ertragen - ich will dieses Leben nicht mehr ertragen - ich - ich - - hier
hast Du mich - ich kann Dich jetzt noch nicht lassen - noch nicht - Alles empört
sich in mir gegen diesen Zwang - die Jahre der Entsagung, der Erstarrung -: eine
einzige Viertelstunde des Glücke soll sie vergessen machen - eine einzige,
winz'ge Viertelstunde - - ich bin von Sinnen, Adam - - komm! - komm! - oder - -
nein! - nein! - das nicht - das doch nicht - doch nicht - - aber - aber - warte!
ich gehe mit Dir - ich komme mit - ich muss - ich muss - mag werden was will - -«
    Adam war von diesem elementaren Leidenschaftsausbruche der »Dame seines
Herzens« ... von diesem Ausbruche, in dem sich eine tolle Hingebungswut,
trunkenes Entzücken und eine fanatische Verzweiflung zugleich durchrangen ...
mehr betroffen, als erfreut. Er hatte sich mit dem Gedanken, allein zu gehen,
schon halb und halb vertraut gemacht. Ja! Er hatte sich seiner Freiheit
eigentlich schon gefreut ... und allerhand Erwartungen daran geknüpft. Gewiss!
Der Abend war ja noch ganz interessant geworden. Aber die letzten Scenen, die er
soeben durchlebt, legten Adam doch allerlei Verpflichtungen für die Zukunft auf
- Verpflichtungen, die anzuerkennen, er sich im Grunde schon sträubte - und die
erfüllen zu wollen, es ihn doch merkwürdig reizte.
    Hedwig war nach dem Flurraume gestürzt. Nun stand sie im Rahmen der offenen
Tür, knöpfte ihr Jaquet zu und setzte ihren Hut auf.
    Adam trat auf seine Braut zu. »So gefällst Du mir, Kind! Das ist doch
Leidenschaft, Verve, Temperament! Das ist doch Mut -!«
    »Wo habe ich nur meine Handschuh' -?«
    »Ach was - Handschuhe! Heute Abend, Hedwig - ich bitte Dich!«
    »Willst Du die Lampe ausdrehen -?«
    »Wenn Du fertig bist -«
    »Und recht leise, Adam - ja -? Tritt recht leise auf, damit Papa Nichts
hört! Es wäre entsetzlich, wenn er - -« Hedwigs Stimme ging doch wieder etwas
heiser und stockend, stolpernd, sie fieberte gleichsam.
    Adam liess einen halbfertigen Seufzer fahren. Es war ihm gar nicht behaglich
zu Sinn. Seine arme, unvorsichtig hingeopferte Freiheit! Das kleine Wesen tat
ihm sehr leid. -
    Die Treppenstufen knarrten und knackten recht impertinent. Adam tappte und
tastete sich unbeholfen vorwärts. Er wurde ärgerlich. Nun blieb er stehen,
suchte nach seinem Feuerzeuge und liess ein Streichholz aufflammen.
    »Um Gotteswillen! - lösch aus - schnell!« fiel Hedwig ... wie zum Tode
erschrocken ... ein.
    »Na aber - das ist doch -« knurrte der gemassregelte Herr Doctor. Und neues
Dunkel war um die Beiden zusammengeronnen. Sie standen auf einem Treppenabsatze.
    »Nimm Dich in Acht, Adam - falle nicht! - es ist hier etwas steil -«
    Der siegreiche Entführer hatte indessen ganz andere Gedanken. Er suchte
recht intime Fühlung mit seiner Herzallerliebsten zu gewinnen. Er legte seinen
Arm um ihre schlanke, vielleicht ein Wenig zu schlanke Taille und presste das
Weiblein in wütender Glut an sich.
    »Lass mich -! nicht hier-« sträubte sich Hedwig. »Adam -!«
    Endlich standen sie auf der Strasse. Es war so still. Der Hausschlüssel ging
schwer und kreischte mit belegter Stimme. Schlaftrunken blätterte der Nachtwind
im schwarzgrünen Laube der Linden. -
    »Gieb mir den Arm, mein Lieb!«
    »Wo gehen wir hin, Adam -?«
    »Nun - ich denke: wir atmen uns erst 'mal recht tüchtig aus - die Luft ist
zwar schauderhaft dick und heiss, aber doch nicht ganz so drückend, wie bei Euch
oben. Und nachher - nachher können wir ja in ein Café spazieren - vielleicht ist
auch noch 'ne Weinstube auf - -«
    »Du bist überall bekannt -?«
    »Hier und da -«
    »Du verkehrst wohl viel in den Cafés -?«
    »Das macht sich so ... mein Gott! Dann und wann ... Man geht 'mal mit
Ander'n hin, 'mal allein - es ist ja überall nicht viel zu holen ... Man
langweilt sich ... spielt eine Partie Billard - liest 'ne Zeitung - am
Angenehmsten ist es noch, wenn man eine oder ... oder auch ... mehrere Damen bei
sich hat - die gehören nun einmal zum Besuchsinventar derartiger Lokäler ...«
    Nach einer kleinen Pause liess sich Hedwig leise vernehmen, und ihre Stimme
hatte den Tonfall des Vorwurfes, der Anklage: »Und da willst Du jetzt mich
hinführen, Adam, wo Du wohl schon öfter mit - mancher anderen Dame gewesen bist
-?«
    »Aber Hedwig! Du bekommst Rückfälle! Die Sache ist doch einfach die - wir
geben doch weiss Gott! kein ganz gewöhnliches, kein ganz communes Verhältnis
zusammen ab! Du weisst ja: ich habe die ehrlichsten Absichten von der Welt Dir
gegenüber! Ob da nun aber so 'n paar Menschen angetanzt kommen und uns mit
demselben niedrigen Mass messen, das sie bei sich selber anzulegen gewohnt sind -
mein Gott, das kann uns doch furchtbar gleichgültig sein! Dass Du an innerem
Wert verlörest, wenn Du Dich an einen Tisch mit Menschen setz'st, welche so
etwas wie - meinetwegen! wie: stigmatisirt, gebrandmarkt, die ausgestossen sind
von der Gesellschaft - das glaubst Du doch selber nicht, Hedwig! Ich hätte
übrigens nicht gedacht, dass in der Praxis das Nachwirken von Anschauungen, die
Du intellektuell, teoretisch, längst zum alten Eisen geworfen hast - nicht wahr
das hast Du doch getan? - dass dieses Nachwirken noch so intensiv bei Dir wäre!
Es geht ja mir zum Teil auch noch so - gewiss! Aber darum gerade ärgert mich
diese Inconsequenz, ärgert mich dieser Zwiespalt doppelt - bei mir - und leider
auch bei Anderen ...«
    »Leider? -«
    »Nun ja! Man hätte genug mit sich selber zu tun, wenn man's ernst und
gewissenhaft nähme! Aber da bindet man sich auch noch Peter und Paul, Hinz und
Kunz vor - drechselt sie hübsch unter's Mikroskop -«
    »Du ging'st doch jetzt von mir aus - und ich - -«
    »Verzeih! Hedwig! Was über meine engste persönliche Sphäre hinausgeht, wird
mir immer 'gleich zum prinzipiellen Motiv -«
    »Das verstehe ich nicht recht -«
    »Das verstehst Du nicht? Du - meine kleine Philosophin -? Und es ist doch so
dämonisch einfach! Allein jetzt - nein! - die Geschichte würde zu gelehrt.
Lassen wir den Unsinn! Wir wollen lieber ein Wenig plaudern ... une petite
causerie anspinnen ... uns ein Wenig amüsiren - wir wollen uns lieber recht von
Herzen freuen, dass wir beisammen sind, Hedwig ... so recht ungestört beisammen
sind - in Liebe und Eintracht ... eng aneinandergeschmiegt ... einherwandeln
dürfen - dass wir zärtlich sein dürfen ... sehr zärtlich sogar, mein Lieb - und
kein neidisches Männlein und kein neidisches Weiblein gelbgeärgert uns zuschauen
kann - wir wollen lieber - - übrigens, Hedwig - hast Du denn noch gar keine
Gewissensbisse - hm?«
    »Gewissensbisse -?«
    »Nun ja! Wenn Dein armer Papa nun doch etwas merkte! - nun doch Lunte röche,
dass sein braves Töchterlein bei Nacht und Nebel auf und davon gegangen ist - -«
    »Aber Adam! -«
    »Verzeih', mein Lieb! Teuflisch, dass ich Dir damit komme - ich, der - - aber
ach! es ist mein Verhängnis, das zu martern und zu quälen, was ich liebe! Und je
mehr ich so ein menschliches Wesen liebe, desto mehr muss ich es peinigen.
Schrecklich, aber wahr? Diese schöne Eigenschaft haben mir alle Weiber -«
    »Weiber! Adam! - Weiber! -«
    »Nun ja! Weiber! Oder beleidigt Dich das Wort -?«
    »Es klingt so hässlich -«
    »Hässlich? Finde ich nicht im Geringsten! Mir klingt es sehr voll, dick,
rund, massiv - zudem recht deutsch -«
    »Was wolltest Du vorhin sagen -?«
    »Nun ja! . also: meinen Hang, mich zeitweilig ein Wenig à la monsieur diable
aufzuspielen, haben wir bis jetzt alle ... meinetwegen also ... wie Du willst:
alle Damen, mit denen ich in den Läuften der Zeit enger ... intimer verkehrt
habe, zum Vorwurf gemacht - und doch hat sich die ganze Gesellschaft mit der
grössten Bereitwilligkeit von mir ärgern lassen - ich sage Dir: Stunden- - Tage-
- Wochenlang ärgern lassen -«
    »Du hast wohl schon viel Damenverkehr gehabt?«
    »Aha! Köstlich, Hedwig, dass Du Dir die Frage doch nicht verkneifen kannst!
Ich habe sie längst erwartet. Viel Damenverkehr? Na! Es geht immer noch. Soll
ich ausführlicher sein? Wenn es Dir daran liegt - von Herzen gern! Die Sache
macht mir selber Spass! Riesigen Spass sogar -«
    Die beiden Nachtwandrer waren in den engeren Lichtkreis einer Laterne
getreten. Adam prüfte den Gesichtsausdruck seiner Dame. Aber er konnte beim
besten Willen die Wirkung seiner Worte auf Hedwigs Zügen nicht deutlich
erkennen. Sie hielt den Kopf gebückt und einen knappen Winkel nach rechts
gewandt. Diese Abkehrung musste Adam für eine stumme Abweisung halten. So ärgerte
ihn die Abweisung. Und der Aerger löste wiederum eine grössere Fülle des Dranges
in ihm aus - des teuflichen Dranges, vor seiner Herzallerliebsten einmal alle
... oder wenn nicht alle, so doch immerhin eine schwere Menge interessanter ...
pikanter Trümpfe auszuspielen. Sein fahriges Vagantenleben ... diese
überflüssige, gottlose Irrfahrt des Leibes und der Seele, hatte ihm sotane
Trümpfe ja in verschwenderischem Reichtum zugeloost.
    »So still, Hedwig? Woran knabbert denn wieder 'mal Dein kleiner Querkopf -?«
    »Ach lass mich! -«
    »Ueber diese Töne verfügst Du also auch, Kind? Ich hätte sie bei Dir kaum
gesucht. Wenn meine schöne Freundin, Frau Lydia Lange - diese Dame von Welt ...
diese vornehme Frau ... dieses edle Weib - oder wenn ... wenn meine kleine Emmy
also schmollt - dann - -«
    »Deine Emmy? - Was? - -«
    »Nun ja! . Das ist nämlich ein wunderhübsches und dazu ein äusserst
vorurteilsloses Kind - ein Weltkind - ein Kind der Sünde - wie Du willst,
Hedwig, - aber entzückend, sage ich Dir, entzückend - leider von Natur ebenso
zur Untreue und Unbeständigkeit angelegt, wie ich - ich habe wirklich sehr
pikante Stunden mit dem emancipirten Fräulein verlebt, kann ich Dir sagen -«
    »Aber Adam! Nein! Ich gehe keinen Schritt weiter mit Dir! - Das sagst Du
mir?! Waren denn alle Deine Worte vorhin Lügen -?«
    »Lügen? Warum Lügen? Ich habe Dir doch soeben nur ein harmloses historisches
Faktum mitgeteilt - dass auch ich so etwas wie eine Vergangenheit besitze - nun!
- ich habe mir schon erlaubt, Dir vorhin davon Andeutungen zu machen, dächte
ich. Oder hast Du's überhört? Das wäre schlimm -«
    »Die Vergangenheit scheint aber noch stark genug Gegenwart bei Dir zu sein
...« erwiderte Hedwig, sehr entrüstet und sehr erbittert, wie es schien.
    »Vergangenheit und Gegenwart lassen sich bekannntlich nicht haarscharf
trennen von einander - ja! im Grunde überhaupt nicht trennen - seien wir nicht
so hagebüchen unlogisch, mein Lieb! Alles Gewesene wirkt nach. Wie sollten wir
sonst Rassenfeindschaften, Krebsgeschwüre, Knochenverkalkungen und allerlei
seelische Blutvergiftungen erklären? Wir schleppen die Bagnokugel unserer
speziellen Vergangenheit Alle mit herum. Das Ding wächst sogar noch ... wächst
mit jeder Stunde, jeder Minute ... Was ist denn Gegenwart schliesslich Anderes,
als aufgesummte Vergangenheit -?«
    »Dann ist es ein Verbrechen, Adam, das ein Jeder von uns an sich und dem
Andern begeht, wenn wir noch länger mit einander verkehren -«
    »Nimm doch die Sache nicht so tragisch, Hedwig! Du kommst aus Deiner Sphäre
- ich aus meiner. Die Lauflinien unseres Lebens haben sich gekreuzt ... haben
sich für uns durch einen Zufall gekreuzt. An sich war es ja durch die
Voraussetzungen - und die Vergangenheit ist auch in der Welt der neutralen
Objekte immer Voraussetzung der Gegenwart - an sich war es also bedingt, dass wir
uns begegneten. Gewisse Neigungen und Tendenzen zogen den Einen zum Andern hin.
Es ist ja Alles nur notdürftigste Anpassung in der Welt! Und weil das so ist -
nun, darum mussten wohl jene Neigungen und Tendenzen schon einmal vorher durch
andere Erscheinungen, die ihnen einigermassen Wurzelbedingungen boten, provocirt
und ausgelöst werden. Ich nun für meine Person - - aber ich habe Dir ja schon
gesagt, Hedwig, dass ich immer schöne Formen, merkwürdige Schicksale und
eigenartige Charactere geliebt habe ... Ich konnte nicht anders - und ich werde
nie anders können. Und wirklich - Du darfst es glauben, Hedwig -: meine kleine
Emmy hat einen wundervollen Leib ... ist auch sonst nicht übel - nur eben viel
geistiges, tieferes, verinnerlichtes Verständnis darf man nicht von ihr erwarten
- das - -«
    »O Gott! machst Du mich unglücklich, Adam! Das kann Dir überhaupt nie
verziehen werden. Wenn ich mich nicht so an Dich klammern müsste - - habe doch
nur ein wenig Mitleid mit mir -!«
    Hedwig schluchzte laut auf. Adam schüttelte ärgerlich den Kopf. Das Weib ist
überreizt, sagte er sich. Es muss 'mal ordentlich befriedigt werden. Und doch
schmeichelte es seiner Eitelkeit, dass er so leidenschaftlich geliebt ... so
brennend begehrt wurde. Jene Doppelstimmung des abweisenden Aergers und des
unwiderstehlichen Dranges, entgegenkommend, liebevoll, zärtlich zu sein, befiel
ihn.
    »Wir wollen einen Strich durch unser Vergangenheitsconto machen, Hedwig -
wenigstens für heute Abend respektive heute Nacht ... Ich werde mir alle Mühe
geben, in Zunkunft nicht mehr an die schöne Frau Lydia zu denken ... und meine
reizende Emmy soll auch den Laufpass bekommen. Das kleine Ding hängt zwar sehr an
mir. Aber ich hoffe, sie wird sich schon mit dem Prachtkerl von Bodenburg,
meinem eminenten Freunde, trösten. Die beiden scheinen sich übrigens bereits
gefunden zu haben. Verteufelt! Wenn ich mir denke, dass dieser Bursche - dieser
... dieser - ich finde gar keine Worte vor Wut ... ach! sie konnte so lieb, so
zärtlich sein - so ... na! Schwamm drüber! ... Hin ist hin - und nobel muss die
Welt zu Grunde gehen! Ich habe Dich ja jetzt, Hedwig - lassen wir also die
schöne Sünderin schwimmen und halten wir's mit der Tugend! ... Und weiter noch
in die Vergangenheit zurück: die Soubrette ... die Chansonettensängerin ... die
Choristin ... die zweite Liebhaberin - die kleine Katze war nur etwas zu
eifersüchtig - Ida, die Kellnerin - Pauline, die Conservatoristin -
Donnerwetter! das Kind konnte verblüffend offen und geradezu sein! - Auguste,
die Kindergärtnerin - Helene, die Confektioneuse - die schwarzzöpfige Maxel, die
so etwas wie eine Collegin von Emmy war - Ottilie, die pralle Jüdin mit den
polirten Sammetaugen und dem Teint, der wie gekochtes Hühnerfleisch aussah -
Toni, das fürwitzige, verliebte Töchterlein des Herrn Polizeicommissars - - mein
Gott! die Proskriptionsliste will gar kein Ende nehmen ... Wie viel vergeudete
und verschwendete Zeit! Wie viel verzettelte, verpuffte Kraft! Wie viel
zerquirlte Stimmung! Wie viel überflüssig verlottertes Geld! Und doch -: man hat
wenigstens Etwas erlebt! Etwas erlebt, von dem tausend andere Pomadenheilige
keenen blauen Dunst haben! War's auch im Grunde immer wieder dasselbe -: man hat
seinen psychologischen Blick doch bedeutend geschärft - man hat die Weiber -
verzeih', mein Lieb! - einigermassen kennen gelernt - man ist hinter unendlich
viele Schliche und Coulissengeheimnisse des Lebens gekommen - summa summarum:
ich bereue mein fahriges Zigeunerleben keineswegs. Ich habe manche unvergessliche
Stunde durchlebt .... manches volle, grosse, ganze Gefühl genossen - ich habe
manchen brennenden Schmerz durchkosten müssen ... ich habe manche wahre Träne
fliessen sehen ... und manche wohl auch selbst geweint - meine Erinnerungen
werden einmal ... in späteren Tagen ... sie werden dann kaum nüchtern, kaum
glanzlos und kalt sein - der Einkaufspreis, um den ich sie erstanden, tut mir
nicht leid. Es trocknet übrigens nichts schneller auf der Welt, als so eine
kleine, heisse, salzige Träne. Und doch tut jede Trennung weh - man begegnet
sich so selten noch einmal im Leben, wenn man's mit dem Auseinandergehen
wirklich ernst genommen hat ... Und das ist auch sehr gut. Aber jede Trennung
reisst doch zugleich ein Partikelchen Herz mit fort. Nun! wir Mischlinge der
Romantik und des modernen Realismus haben ja Vorrat in dieser Beziehung - wir
leiden ja Alle an einem gewissen trop de coeur ... Oder würden wir uns sonst so
furchtbar interessant vorkommen, wie es tatsächlich der Fall ist? Würden wir
sonst so eifrig an uns herumspintisiren und herumtüfteln, herumschnüffeln und
uns von hinten und von vorn begucken und behorchen? Wären wir sonst solche
capitalen Narren und machten durch eine ewige Analysirungswut aller Worte, die
wir sprechen, aller Handlungen, die wir in Scene setzen - machten wir dadurch
unsere Beziehungen zu einander ... unter einander ... zu den denkbar
unerquicklichsten von der Welt -? Ach! Was sind wir doch für unsagbar dumme
Kerls! Indessen! welche Wollust, so ein interessanter Narr sein zu dürfen!
Uebrigens, Hedwig - damit ich nicht allzu sehr in Deiner Achtung sinke -: ich
habe nämlich auch mit sogenannten edlen Frauen verkehrt! Diese edlen Frauen -
nein! das sind wirklich zu putzige Wesen! Das Märchen von ihnen hat mich immer
sehr amüsirt. Doch das ist 'n Capitel, das sich auch zu einem ganzen Buche ...
einem corpulenten Foliobande erweitern liesse. Und der ganze Band würde
schliesslich nichts weiter entalten, als einen einzigen ... allerdings sehr
respektablen Beitrag zur Dummheit und psychischen Kurzsichtigkeit des Menschen.
Merkwürdig! Ich habe immer mehr Kraft, mehr Natur, mehr echte Wahrheitssucht und
aufrichtige Lebensbezeugung - mehr naives, ungebrochenes Aussichherausleben in
jenen Frauenkreisen gezwungen, die durch allerlei Verhältnisse ... persönliche
Sonderbedingungen, äussere Einflüsse u.s.w., dahin geführt waren, sich zu
freieren Anschauungen, zu freieren Sitten und Gewohnheiten bekennen zu müssen.
Das ist aber doch auch ganz natürlich. Je grösser die Bewegungssphäre, desto
grösser damit der Spielraum der Kräfte. Nichts herrlicher, als eine Kraft, die
sich tüchtig nach allen Seiten hin ausleben darf. Da liegt doch Musike drin, wie
die braven Leute vom dritten, vierten und ... fünften Stande zu sagen pflegen.
Aber da kommen andere Leute ... eine nicht minder üble Sippschaft ... brechen
die Kraft ... und sind nun heidenfroh, dass sie sich einbilden können, sie hätten
diese arme, schimpfirte Kraft in den Dienst der Anständigkeit und wie die
Larifaritugenden dieser Hundeseelen sonst alle noch heissen mögen, gezwungen -
und sie haben sie doch nur gemissbraucht und verstümmelt ... Unbeschnitten kommt
ja Keiner durch's Leben. Aber man sollte uns doch nicht zu enge Zellen ... nicht
zu enge Käfige anweisen. Indessen - schliessen wir diesen Speech, mein Lieb!
Riechst Du nicht die Klaue des Weltverbesserers? Du darfst stolz sein auf Deinen
Herzallerliebsten, Kind! Wenn ich erst 'mal den bewussten Punkt gefunden habe,
hebe ich den ganzen Krimskrams von Kosmos ... ... das ganze Mehltöpschen ... die
ganze Würmerschüssel von Weltall aus den Angeln. Verlass Dich drauf! Vorläufig
allerdings wird nur mein Appetit auf eine gute Cigarre immer barbarischer. Wenn
Du ein Nachtcafé absolut nicht goutiren kannst, gehen wir meinetwegen in eine
Weinkneipe! Lass 'mal sehen! Es ist jetzt zehn Minuten nach Eins. Bis Zwei sind
ja die meisten Lokale dieses Genres auf. Das nächste - ja -! komm -! Gehen wir
zu Engler! Man trinkt dort eine wenigstens einigermassen annehmbare Marke
Liebfrauenmilch. Damenbedienung musst Du allerdings mit in den Kauf nehmen. Es
scheint doch noch loszugehen heute Nacht. Eben blitzte es - hast Du gesehen?
Aha! Der obligate Wind! Nur nicht so eilig, ihr Herren und Damen da oben! Bitte
- rechts! Und nun sei mir nicht böse, Hedwig! Sei mein kleines, herziges,
lustiges Weib! Kommt Zeit, kommt Rat! Vielleicht auch Heirat, wie der Kalauer
tröstet. Und gieb mir noch einen Kuss, Kind - bitte -!«
    Adam küsste sein Weib und drückte es fest an sich. Die edelsten, redlichsten
Vorsätze, Absichten, Gewissheiten und Hoffnungen erfüllten zu dieser Frist seine
Brust. -
    Es blitzte wieder. Nach einer kleinen Weile rollte ein schwacher Donner
nach. Heftiger kam der Wind angeblasen. Die ersten Tropfen fielen. Die beiden
Wandrer beschleunigten ihre Wanderung.
    »Und wenn der Wirt nun schon zu hat -?« fragte Hedwig ängstlich.
    »Das wäre eine feudale Frechheit von dem Menschen -« diktirte Adam ärgerlich
- »aber ich glaube nicht - - wir sind übrigens gleich da. Triumph! Es ist noch
Licht - dort! kurz vor der nächsten Ecke die grosse, weisse Lichttraube - siehst
Du: die Welt ist noch gar nicht so heruntergekommen, wie es oft den Anschein
hat! Auch mit den Objekten lässt sich noch reden! Es wäre wahrhaftig fatal
gewesen, nach einem Café zurückrennen zu müssen - denn von einem Droschkengaul
ist natürlich wieder 'mal kein Ohrzipfel zu vernehmen. -«
    »Ach Gott! Wenn das Wetter nur nicht zu arg würde - Papa wird schon längst
aufgewacht sein und nach mir rufen. Adam - bitte, lieber Adam, bring' mich
wieder nach Hause! Wenn Papa - ich habe ihn schon einmal - ich kann ihm nie
wieder vor die Augen kommen - - o Gott! es ist zu entsetzlich! Mein armer, alter
Vater -!«
    »Ich verstehe Dich, Hedwig -« erwiderte Adam ernst - »aber - zur Umkehr ist
es jetzt wirklich zu spät! Du musst Dich schon zu fassen suchen. Und weine doch
nicht so - Du hast ja mich! Vertraue mir doch ein Wenig, mein Lieb! Man darf
wirklich nicht zu sentimental sein im Leben! Wir können das Neue so oft - so
unendlich oft nur durch Aufopferung des Alten erkaufen - es ist nun einmal so -
Du musst Dich an den Gedanken gewöhnen, so herb und hart er auch sein mag -«
    Der Regen ging eben in den hergebrachten Gewitterrhytmus über, als die
beiden das Lokal erreicht hatten.
    »Guten Abend, Herr Doctor -« begrüsste der Wirt, Herr Engler, sich höflich
verneigend die Eintretenden - »das war aber die allerhöchste Zeit! Noch ein paar
Minuten später - und - - nicht wahr? man sollte es gar nicht glauben: wir haben
doch eigentlich noch gar keine besonders heissen Tage gehabt - und nun knallerts
schon los - es scheint 'n ganz hübsches Gewitterchen werden zu wollen -«
    In hartem, scharfem Blauweiss prallte jetzt der Wiederschein eines Blitzes
gegen die schwarzen Fensterscheiben. Aber im Innern des Raumes konnte er bei der
runden Lichtfülle, die sich hier ausgab, nicht recht zur Geltung kommen. Ein
dröhnender Donner rollte unmittelbar hinterher.
    »Mein Gott -!« schrak die Kellnerin zusammen, die mit der Weinkarte zu Adam
hingetreten war.
    »Das Hat eingeschlagen!« versicherte Herr Engler sehr bestimmt. Er schien
sich auf derartige Prophezeihungen zu verstehen.
    Adam wischte mit dem Taschentuche die Sternchenzeichnungen von seinen
Kneifergläsern, die der Regen dort aufgemalt hatte.
    »Wo wollen Sie Platz nehmen, Herr Doctor -? Vielleicht hier auf dem Sopha,
mein Fräulein -?«
    »Ja! Bitte, Hedwig! Uebrigens mein Lieblingsplatz - nicht wahr, Herr Engler?
Haben so manches Glas hier geschluckt ... in angenehmster Gesellschaft ... tempi
passati! Nun müssen wir halt vernünftig werden. - Aber schöne Stunden waren's
doch -!«
    Der Wirt schmunzelte. Er warf einen kurzen, scharfen Blick auf Hedwig. Und
er sah sehr nachdenklich aus - als zählte er im Geiste alle die Damen zusammen,
mit denen sein lieber Stammgast, der Herr Doctor Mensch, schon bei ihm
eingekehrt war und hier in dieser traulichen Ecke gesessen ... getrunken ...
geplaudert ... gekost ... und wohl auch einmal geküsst hatte. Aber diese Dame da
- die sah doch gar nicht danach aus, dass sie - hm! ... Nee! so'n blasses,
ernstes, mageres Frauenzimmer - ohne Feuer und Leben - Herr Engler konnte sich
keinen Vers darauf machen ... Der Herr Doctor halte doch sonst einen besseren
Geschmack bewiesen! Was ihm nur heute eingefallen war? Ja! Als er noch mit der
Dame da drüben ... mit der Dame, die heute Abend am ander'n Ende des Zimmers an
dem runden Marmortischchen mit dem eleganten Herrn zusammensass - - ja! als der
Herr Doctor Mensch noch mit diesem amusanten Dämchen verkehrte - die beiden
schienen ja jetzt nichts mehr von einander wissen zu wollen - wie das nur
gekommen war? - - da - ja da - - aber Herr Engler hütete sich gar sehr, auch nur
den kleinsten und harmlosesten seiner Ketzergedanken auszusprechen
    »Also eine Liebfrauenmilch -!« bestellte Adam und sah sich im Lokale um.
    »Eine Liebfrauenmilch!« bestellte die Kellnerin weiter an den Wirt, der
darauf in ein Nebenzimmer verschwand.
    Adam drückte die Gläser seines Kneifers dicht an die Augen heran. Irrte er
sich denn - oder? Aber das war ja nicht möglich! Das konnte ja nicht sein! Der
Herr da drüben - und die ... die Dame an seiner Seile - das waren doch nicht -
waren doch nicht - - und jetzt sah der Herr zu ihm herüber - und nickte er ihm
nicht zu? Teufel! Wahrhaftig! Nein! Aber doch! Gütiger Heiland von
Plundersweilen! Das war wirklich Herr von Bodenburg - und die Dame an seiner
Seite war - die Dame war wirklich Emmy! Na! Eine köstliche Bescheerung!
Vorzüglich! Ganz vorzüglich! ...
    Adam schnitt sein ernstestes Gesicht und grüsste wieder. Er fühlte, dass er
Emmy seine sie ironisirende Verachtung zeigen müsste und sich zugleich vor Hedwig
nicht verraten dürfte.
    Hm! das war aber so'ne Sache mit dem sich nicht verraten dürfen! Warum denn
nicht? Und da kam auch schon sein Dämon angekrochen und kitzelte ihn. Er hatte
seine kleine Braut heute Abend ja schon sattsam geärgert. Und mehr als geärgert:
er hatte sie gepeinigt, gemartert, gequält - er hatte sie eigentlich scandalös
behandelt. Das tat ihm leid - gewiss! Aber was sollte er jetzt mit ihr reden?
Sie hatten sich heute ja schon gegenseitig die längsten und tiefsten und
ernstaftesten Vorträge von der Welt gehalten! Ein pikanter Nachtisch war kaum
zu verachten. Und jetzt tuschelten die Beiden drüben so impertinent auffällig.
Es ging gewiss über Hedwig her - man kritisirte gewiss die »neue Dame seines
Herzens« ... diese Dame, die mit ihrem herben, verschlossenen Wesen, ihrer
spröden Zurückhaltung, so gar nicht in diese Umgebung passte ... in diese
Umgebung, die nur gewohnt war, ein Helles, lustiges Lachen zu hören ... und
blitzende Augen zu sehen ... und die köstliche Melancholie des verschwiegenen
Minnespiels zu studiren, welches in immer wieder neuer Gestalt zu erfinden und
zu betätigen, das geheime Einverständnis zweier Liebenden so unermüdlich ist
und so unübertrefflich ...
    Die Kellnerin brachte den Wein und schenkte ein. Ein paar gelbweisse Tropfen
fielen auf die weisse Tischdecke. Das kleine Fräulein war ein Bissel unaufmerksam
gewesen. Sie hatte nicht auf den Wein geachtet, sie hatte Hedwig inspizirt. Sie
schien sich ein Urteil bilden ... sich über Etwas klar werden zu wollen. Adam
verspürte den Zusammenhang. Er musste lächeln. Wie die Hunde, dachte er. Aber
cosi fan tutte. Sie müssen sich erst beschnüffeln, beschnuppern - obgleich sie
ganz genau wissen, welch' Geistes Kinder sie sind ...
    Adam war unschlüssig. Sollte er einmal zu den beiden hinüber schlendern ...
das Pikante der Situation noch um einige Grade steigern ... und dann mit grösstem
Gleichmut das verführerische Gebräu hinabschlürfen? ...
    »Wie heissen Sie, mein Fräulein?« fragte er vorerst die Kellnerin. So tut
man so oft etwas Ueberflüssiges, so lange man nicht weiss, ob man das weniger
Ueberflüssige nicht für das noch mehr Ueberflüssige halten soll.
    »Melitta!« antwortete die Dame.
    »Donnerwetter! Melitta! Die Kellnerinnen werden immer vornehmer, Sie
gefallen mir übrigens, Melitta - wollen Sie nicht 'n Glas mittrinken? -«
    Das Mädchen blickte fragend auf Hedwig, die sich zurückgelehnt hatte und
finster, beinah drohend zu Adam hinübersah. Der fühlte sich sehr unbehaglich.
Konnte denn die Dame nicht einmal aus sich herausgehen, nicht einmal in einen
lustigeren, leichteren Ton miteinstimmen? Das Leben etwas zwangloser, etwas
kritikloser nehmen? Immer dasselbe gleichsam festgefrorene Abweisungs- und
Entsagungspatos - es wird etwas langweilig auf die Dauer. Jawohl! Es kann sogar
sehr langweilig werden. Wie? Wenn er jetzt neben Emmy sässe ... und sein leckeres
Weiblein an diesem köstlichen Goldwein nippte und ihm dabei über den Rand des
Glases hin zublinzelte mit seinen lustigen, lockenden Augen ... so
verführerisch-verheissungsvoll zublinzelte - wie? wäre dass nicht ein süsser,
berauschender Genuss ... eine beseligende Traumstimmung ... ein solider
Augenblick des Glücks, der Illusion ... zwischen Gliedern an der Lebenskette,
die entwaffnet haben und entwaffnen werden, weil sie in nüchterner,
durchschauender Erkenntnis beschlossen sind? In Gesellschaft von Naturen à la
Hedwig warf selbst der goldenste, göttlichste Wein keine bunten, sammtenen
Lichter über das dumme, rohe, rauhbeinige Leben.
    Der Regen prasselte mit derselben trockenen Dreistigkeit immer noch nieder
... und mit den rotgelben Lüstreflammen des Saales coquettirten noch immer die
weissblauen Blitze. Aber der Donner nahm sich schon mehr Zeit ... schien schon
vorwiegend müde geworden zu sein. Er humpelte langsamer hinter den schiessenden
Flammen her ... und sein Poltern klang bedeutend gemütlicher.
    »Na! das scheint ja noch 'mal gnädig ablaufen zu wollen -« meinte Herr
Engler und trat an den Tisch heran, hinter dem Adam und Hedwig sassen. Melitta
entfernte sich, ernstlich gekränkt, wie es schien, einen bösen Blick auf Hedwig
werfend.
    »Ja! .« erwiederte Adam zerstreut ... und schwang sich dann zu der Frage
auf: »Wie lange haben Sie noch auf, Herr Wirt?«
    »Bis halb Drei ... Drei - so genau lässt sich das nicht nehmen. Je nachdem
das Local besetzt ist. Wie Viele kommen nicht erst kurz vor Toresschluss -!«
    »Gewiss! Na! da dürfen wir ja noch 'ne Weile sitzen! Wie spät haben wir's
denn jetzt?«
    »Es geht auf Zwei! Nehmen Sie sich nur Zeit, Herr Doctor! Noch 'n Stündchen
- dann müssen wir aber Schicht machen -«
    »Bitte, Hedwig, trink doch! Ich glaube, Du bist noch beim ersten Glase! Nimm
Dir an mir ein Beispiel! Nicht wahr, Herr Wirt - bei einer Flasche
Liebfrauenmilch habe ich es noch nie bewenden lassen -?«
    »Ja! Ja! Es sind wohl meistenteils ... mehrere ... Flaschen geworden ...
Aber da waren Sie auch - wie soll ich sagen? - da gings flotter - lustiger her -
da -«
    »Pst!« drohte Adam, halb im Ernste, halb im Spasse. »Nix ausplaudern, mein
Lieber -!«
    »Du brauchst Dir gar keinen Zwang aufzulegen, Adam! Du weisst doch - wir
haben uns ja über diesen Punkt ausgesprochen -« warf Hedwig ein, Aerger und
Verbitterung in der Stimme.
    »Sie sehen, Herr Engler: so ein Pantoffelheld ist man nun glücklich
geworden! Ja! Die Liebe! Die Liebe! Die kriegt Alles fertig und krümmt selbst
den trotzigsten Nacken -« scherzte Adam gezwungen ... »- aber ganz hast Du mich
noch nicht gebändigt, liebe Hedwig - ganz noch nicht -«
    »Bitte, lass das! -«
    Herr Engler entfernte sich. Er konnte den Doctor nicht begreifen. Wollte
der's denn wirklich nur noch mit den Philistern halten? Und der würdige
Weinwirt glaubte Grund genug zu der Befürchtung zu besitzen, über kurz oder
lang einen seiner besten Stammgäste zu verlieren - und das würde doch sehr fatal
sein.
    Adam fühlte sich immer ungemütlicher. Hedwig war so wortkarg ... starrte in
Einem fort vor sich hin - und schien mehr an ihren verlassenen Vater zu denken,
als an den Geliebten, der ihr zur Seite sass - eine lebendige, begehrende und
gabenbereite Gegenwart ... der mit köstlichem Weine den Bund ihrer Herzen feiern
wollte heute Nacht ... der die Stimmung für orgiastisches Draufgehn wachsen und
wachsen spürte in sich ... wachsen mit dem genossenen Weine und der
vorentaltenen Genugtuung des Leibes, die immer heisser und brünstiger um ihr
Recht warb ... Adam verbiss sich rein in seinen Aerger über Hedwigs Sprödigkeit.
Er trank immer hastiger, wurde immer nervöser, suchte die Müdigkeit, die
manchmal mit eingeriemter Schlinge an seinen Gelenken zerrte, durch krampfhafte
seelische Sprünge und Erschütterungen zu verscheuchen. Nun schnappte ein
leichter, discreter Rausch nach ihm: verhangene Fernsichten schlossen sich auf
... und tagsüber verschüttet gebliebene Gedanken, Stimmungen, Erinnerungen kamen
zu ihm, flink, geschwind, behend wie Eidechsen, aus Rissen und Spaltungen, darin
sie geschlummert hatten ...
    Adam fühlte den Blick Emmys anhaltend auf sich. Er konnte nicht widerstehen.
Das Ungewöhnliche der Situation reizte ihn zu sehr. »Verzeih, Hedwig! Ich muss
erst 'mal zu meiner Emmy hinüber -« entschuldigte er sich leise, verlegenhastig,
und erhob sich.
    Zu seiner Emmy? Hedwig fuhr zusammen und schaute Adam nach, wie er, ein
klein Wenig unsicher, durch das Zimmer schritt und an den Tisch trat, an
welchem, ihnen gegenüber, allerdings in beträchtlicher Entfernung, ein Herr und
eine Dame sassen. Sie hatte die beiden Menschen dort bisher kaum beachtet. Und
nun entpuppte sich die Dame als »seine Emmy«! Nein! das war zu viel! Am Liebsten
wäre sie aufgesprungen und zum Lokale hinausgeflohen. Unwillkürlich horchte sie
darauf, ob der Regen nachgelassen. Es schien so. Aber die Dachrinnen
plätscherten das Wasser immer noch mit heftigem Affekt auf das Pflaster ... es
tropfte und quirlte noch allentalben. Und jetzt blitzte es auch noch, wenn auch
schwächer, wie müde und gelangweilt. Das Gewitter gähnte schon. Das grauweisse
Morgenlicht machte sich immer breiter und spielte immer zudringlicher durch die
Vorhänge ins Zimmer, welches dadurch einen Stich ins sündhaft Uebernächtigte,
ins klebrig Unreinliche erhielt.
    Hedwig versuchte es, die Scene, die sich jetzt am Tische da drüben
abspielte, weiter nicht zu beobachten. Sie verspürte auf einmal das brennende
Bedürfnis, sich zu betäuben. Vielleicht wusch ihr der Wein das Bewusstsein der
Schmach, die ihr widerfahren war, aus der Seele. Und sie spülte hastig einige
Gläser furchtsam gelber Liebfrauenmilch hinab. -
    Adam streckte die Hand Herrn von Bodenburg entgegen. »Guten Abend, Herr
Referendar! Guten Abend, Emmy! Ich freue mich, dass ich Sie einmal wiedersehe.
Und noch dazu unter diesen pikanten Verhältnissen ... in diesem süssen
Nebeneinander ... Darf ich einen Augenblick Platz nehmen -?«
    »Bitte!«
    Adam fühlte sich plötzlich sehr souverän und spottlustig aufgelegt. Ihn
dünkte, er hätte die beiden Menschen da vollständig in der Hand - und ein klein
Wenig mit ihnen zu spielen, müsste ein Kapitalvergnügen sein, das er sich nach
den Zeiten der Dürre, die er soeben mit Hedwig durchlebt, wohl leisten dürfte.
Der genossene Wein, der ihm schon eine vage Andeutung von Rausch angeheftet,
machte nicht minder seinen stachelnden Einfluss gelten.
    »Nun, mein gnädiges Fräulein, wie gefällt Ihnen eigentlich mein neuer
Nachfolger im Amte - oder darf ich ihn nur für meinen Stellvertreter halten -?«
    Adam sog nachlässig an seiner Virginia. Sie war wieder einmal ausgegangen.
»Die Dinger sind wie die Weiber: man muss sie in Einemfort poussiren ... sonst
gehen sie aus ... das heisst: sie gehen in ein anderes Lager über. Ich will
übrigens damit beileibe nicht gesagt haben, Herr Referendar, dass bei Ihnen
Nordpoltemperatur herrschte -« witzelte Adam und hielt sich ein brennendes
Streichholz vor die Cigarre.
    »Ich verstehe Sie nicht, Herr Doctor -« erklärte Herr von Bodenburg pikirt.
    »Prost, Clemens!« versuchte Emmy sehr diplomatisch zu trösten und
abzulenken, dabei warf sie einen Blick auf Adam, als wollte sie sagen: »Siehst
Du, so intim sind wir schon! Etsch!«
    »Prost, Emmy!« kam Herr von Bodenburg nach und fuhr, als er das Glas wieder
niedergesetzt, fort: »Ich muss Sie wirklich bitten, Herr Doctor -«
    »Mein Gott, Herr Referendar - Sie werden mir doch gestatten, Sie ein wenig
zu bewundern! Und das tu' ich mit dem redlichsten Gemüte von der Welt!
Vorgestern - es war doch vorgestern? - ja! - vorgestern also - na! da noch durch
die Brust geschossen - ich meine: ohne weiter'n weiblichen Anhang - und heute
schon auf stolzen Rossen - ich gratulire herzlichst -«
    Emmy wurde unruhig und sah Adam an, wie drohend und zugleich gütlich
abratend, in diesem Stile fortzufahren.
    Der Herr Doctor lächelte.
    »Verzeihen Sie, mein Herr - so viel ich sehe, befinden Sie sich doch selbst
in Damengesellschaft - wenn ich nicht irre, ist Ihre Begleiterin die Dame, die
wir öfter im Café Caesar -«
    »Sie haben ganz richtig gesehen, Herr Referendar, aber das hindert doch
nicht - ich meine: wenn ich auch momentan versehen bin - Sie werden doch nicht
glauben, dass ich so verzweifelt einseitig sei, um - nun! - nun! - ich versichere
Sie, mein Herr: ich halte es für meine Pflicht, mich auch noch für ... wie soll
ich sagen? - für verflossene Liebschaften ein Wenig zu interessiren ... Die
armen Mädels! Wenn ihnen eine kleine, harmlose Enttäuschung in der Brust
herumrumort, laufen sie dem Ersten Besten in die Arme ... wie der verzweifelte
Skorpion ins Feuer ...«
    »Dem Ersten Besten - mein Herr -!«
    »Clemens -! Ich bitte Dich! Prost!«
    »Lass mich! - Dem Ersten Besten - was soll das heissen -?«
    »Nun wird der auch noch katolisch! Adam! ... pardon! ... Herr Doctor -!«
    »Sie wünschen, mein gnädiges Fräulein -?«
    »Das gnädige Fräulein wünscht gar nichts, aber ich wünsche -«
    »Was denn?« fragte Adam jovial, mit grösster Seelenruhe.
    »Dass Sie sich menagiren - sonst -«
    »Sonst -?«
    »Ich sähe mich gezwungen -«
    Herr Engler war hinzugetreten. »Ich bitte Sie, meine Herren - Sie werden
doch nicht - - es ist übrigens Feierabend, meine Herren!«
    »Darf ich bitten? - ich möchte Kasse machen -« bemerkte Melitta. dabei sah
sie Emmy an und schielte dann zu Hedwig hinüber. Das arme, verlassene Weib
schien ihr jetzt sehr leid zu tun.
    »So eilig, Herr Wirt?« fragte Adam und erhob sich.
    »Es ist halb Drei durch - sehen Sie doch: es ist schon ganz hell draussen -«
    »So? Gute Nacht, Emmy! Und im Uebrigen, Herr Referendar - tun Sie, was Sie
nicht lassen können! Ich stehe Ihnen zur Verfügung -«
    »Nun! Das Weitere wird sich morgen finden -«
    »Adieu -«
    Emmy konnte sich doch nicht entalten, ein zaghaft geflüstertes »Adieu!« zu
antworten.
    »Mein Herr! Pardon! -« Herr von Bodenburg eilte Adam nach. Der wandte sich
um.
    »Darf ich Sie um Angabe Ihrer Wohnung bitten? - ich weiss nicht mehr genau -«
    »Hier ist meine Karte - meine Wohnung steht dabei - bitte! .«
    »Danke verbindlichst -!«
    Die Herren verneigten sich und gingen auseinander.
    »Verzeih, mein Lieb - eine kleine, humoristische Scene! Hat natürlich weiter
nichts auf sich ...«
    Hedwig war durch die Spannung, mit welcher sie trotz alledem unwillkürlich
den Vorgang beobachtet, der sich soeben zwischen Adam und dem fremden Herrn
abgespielt - und durch den mit nervöser Hastigkeit genossenen Wein bedeutend
aufgelockert. Das Paradoxe, Bizarre ihrer Lage war ihr erst eigentlich jetzt zum
Bewusstsein gekommen. Und fast reizte sie schon das Abenteuerliche daran und
dünkte sie ausnehmend pikant. Sie gewann dem, was so neu, so ausserordentlich
war, schon Geschmack ab. Es fiel zu sehr aus dem Zusammenhange ihres bisherigen
Lebens heraus. Und zugleich wuchs in ihr das Bewusstsein der inneren Fülle ...
der Fülle von Erlebnissen, die ihr in wenigen, zusammengedrängten Stunden
zugeflossen waren. Ihr Leben stand an einem Wendepunkte ... ... war vielleicht
nur durch die frivole Laune eines Vabanque-Spielers dahingeführt worden - aber
sie liebte nun einmal diesen Vabanque-Spieler, sie hatte sich ihm ergeben und
sie musste ihm weiterfolgen. Gleichgültig, wohin. Grosse Stunden schieben enge
Sphären auseinander und verrücken die Massstäbe. Ein schnaubendes Wühlen und
Bohren in der Enge ists und zugleich eine weltenzusammenraffende Gipfelschau.
Fast war Hedwig auf ihre Zukunft neugierig, naiv neugierig. Das Bild ihres
verlassenen Vaters trat zurück und verblasste jählings in die Vergangenheit
hinein. Sie freute sich darüber und gedachte seiner wie eines Todten, dessen man
sich nicht mehr deutlich zu erinnern vermag ... und auch nicht mehr deutlich zu
erinnern die Pflicht hat ...
    »Ihr werdet Euch doch nicht -? - -«
    »Gott! wir kitzeln uns vielleicht 'n Bissel! Solche kleinen Scherze, wie
mein verflossener Busenfreund, Herr Kakatus Maximilian Ritter von
Stämpellstrunk, zu sagen flegte, das Stereotypen-Männchen, wie wir den Knaben
seiner festgefror'nen Redensarten wegen immer nannten - solche kleinen Scherze
also erhalten die Gesundheit und befördern die Verdauung. Es ist übrigens
ziemlich tiefsinnig, sich wegen einer ... einer femme pour tous eine Rippe zu
zerbrechen respektive sich eine zerbrechen zu lassen ...«
    »Also der Dame ... Deiner ... Deiner Emmy wegen, Adam -?«
    »Die Damen, mein Lieb, für die oder deren wegen sich Helden, wie wir,
schlagen - diese Damen - - nun! glaubst Du etwa, Hedwig, dass ich für Dich
eintreten würde - das heisst - ich meine - -«
    »Wenn mich nun Jemand beleidigte -?«
    »Ich würde den Kerl niederschlagn - aber wahrhaftig nicht auf den Unsinn des
patentirten Mords 'reinfallen! Bei Damen dagegen à la Emmy, die Alles darauf
ankommen lassen, lässt man eben auch Alles darauf ankommen - genau so zweideutig,
wie der Charakter dieser Frauenzimmer ist das Duell - genau so! - ein Capitel
aus den Demimondiana des Lebens, mein Lieb - weiter nichts! Dort Alternativen -
hier auch! Aber nun lass uns gehen! Die teure Donna Melitta wartet schon. Trink'
aus, bitte! Sieh, wie hell es schon geworden ist! Wir gehen der Frühe entgegen,
dem Morgen - der Sonne! Wenn sich nur der Staub der Nacht nicht so in meine
Poren eingefressen hätte! Komm! Und nun wollen wir allen Unrat aus der Seele
spülen ... und weiter nichts sein, als zwei harmlose Wesen, die sich zu Tode
wundern möchten, dass sie hier auf dem dummen, hökrigen Erdrücken Stehauf! und
Duckdichnieder! spielen müssen ... die bass erstaunt sind, dass sie nicht
gelegentlich herunterrutschen von dem Kugelwürmchen - und die manchmal, wie zum
Beispiel jetzt, mit dem ganzen Hokuspokus doch von Herzen einverstanden sind!
Nicht wahr? mein Lieb - das Leben ist doch schön! doch! doch! doch! -
Allerdings! dieses doch! ist sehr verdächtig -!«
    Adam hatte an Fräulein Melitta den Wein bezahlt und war nun Hedwig beim
Anziehen des Jaquets behülflich.
    Herr von Bodenburg und Emmy gingen in diesem Augenblicke vorüber.
    Emmy warf einen kurzen, vorwurfsvollen Seitenblick auf Adam, der, hinter
Hedwig stehend, nickte ihr zärtlich-ironisch zu. Er wusste ja: Herr von Bodenburg
war nur ein »Interims-Verhältnis«.
    Die Luft hatte sich kaum abgekühlt. Der Morgen war dick und schwer, der
Himmel mit aufgebauscht massigen, gelbgrauen Wolkenlagern überzogen. Der Tag
schien recht mürrisch und einsilbig werden zu wollen. Es war kaum Stimmung in
diesem Wetter. Das junge, wachsende Licht drückte sich nur in breiten,
verschwommenen Massen auseinander. Oefter kam ein warmer Wind angeblasen und
furchte die Pfützen, die auf den Fahrdämmen standen. Er klopfte sanft auf die
Büsche und Bäume und schüttelte einen kleinen, kitzelnden Regen hängen- und
sitzengebliebener Tropfen herunter.
    Adam fühlte sich doch etwas übernächtigt. Eine grosse Spannung wohnte kaum
noch in seiner Seele. Er musste öfter gähnen, so Vieles war ihm sehr
gleichgültig, er sehnte sich nach einigen Stunden tiefen Schlafes. Er wäre jetzt
so gern allein gewesen. Wenn sich noch die Sonne gemeldet hätte! Oft schon war
er in seinem Leben heimgegangen, wenn sie in der Frühe gekommen war. Dann waren
ihm ihre ersten Scheinversuche immer so lieb gewesen, so anheimelnd. Junges,
erstes Licht hat so etwas putzig Stolperndes, naiv Drauflosgehendes, es ist noch
so viel Reinheit und Schmelz und Kritiklosigkeit in ihm. Und wenn sich das
junge, erste Licht mit seinen blitzenden Silbergliedern gegen die Scheiben
oberer Häuserfronten legte, hatte Adam oft über dieses Kecke, Backfischige dabei
redlichen Ernstes lächeln müssen. Heute war Alles trüb und zusammengeronnen,
wenn auch unendlich hingebend und weich ... muntere, begehrende Menschen zum
Lager lockend und ladend, zum gemeinsamen Lager. Aber Adam fühlte sich eben
ermattet, wie steif verholzt und zusammengedrückt, klebrig verfilzt, hier und da
in seinen Gelenken überflüssig unterbunden, und dazu aufgelegt, so viel als
möglich kraftverwaisten Herzens zu vernachlässigen. Auch das Weib an seiner
Seite zu vernachlässigen, das er aber doch nicht gut um diese frühe Stunde
allein nach Hause gehen lassen konnte. Eine Auseinandersetzung mit Hedwigs Vater
war unvermeidlich. Auch er muhte dabei sein. Ja! diese Auseinandersetzung wohl
eigentlich selbst einleiten. Das fiel ihm jetzt erst ein. Fatal und unbequem
war's doch. Nun! - da er das auf sich nehmen musste, konnte er die paar Schritte,
die ihm noch bis zu einem gewissen, an sich selbstverständlichen Ziele zu gehen
blieben - dann konnte er sie nur getrost gehen. Hedwig würde wohl nicht minder
im Sinne haben, die letzte Hand an ihr gemeinsames Werk mitanzulegen. Dann
stimmte dieses Capitel wenigstens einigermassen und erlebte eine Art Ende und
Abschluss. Also vorwärts!
    »Ich bin doch etwas müde!« begann Adam stockend und gähnte dazu ein Gähnen,
das nicht recht aus sich herauskommen wollte.
    »Bring mich nach Hause, Adam!« bat Hedwig leise. Sie wusste selbst nicht
recht Bescheid in sich in diesem Augenblicke. Auch sie war abgespannt, und nach
dem Hochschwung des kleinen Weinrausches, den ihr die goldene Liebfrauenmilch
und die miterlebte Plänkelei zwischen den beiden Herren eingeflösst, litt sie
jetzt nur um so mehr unter der wiederkehrenden Müdigkeit. Aber zu ihrem Vater
zurück? Um diese Stunde? Doch wohin sonst? Etwa mit Adam herumspazieren, bis der
Tag sich ganz breit gemacht hatte und die Menschen glaubten, es mit ihm wagen zu
können? Oh! sie gingen beide schon so langsam und sehnten sich beide nach Ruhe
und Rast!
    Adam lachte mit forzirter Heftigkeit. »Hedwig! Ich soll Dich nach Hause
bringen -? Das ist mehr als naiv, mein Kind! Hörst Du die Nachtigallen schlagen?
Nun! die schlagen uns etwas Anderes und Vernünftigeres vor. Wir promeniren erst
noch ein Weilchen - siehst Du: hier sind wir ja gleich am Parke - die Wege
werden allerdings verdammt matschig und breiig sein - na! wir wollens nur 'mal
versuchen - also wir schlucken noch ein Wenig die Morgenluft ein - machen uns 'n
bissel frischer und dehniger, sehniger, beweglicher - nicht wahr, Kind? -
plaudern noch über Dies und Das - und nachher - nachher kommst Du mit zu mir,
mein Lieb - und schläfst Dich bei mir tüchtig aus - und morgen respective heute
früh gehe ich zu Deinem Papa und sage ihm ganz vergnügt, dass uns übermütigen
Menschenkindern der kleine Extra-Streich urfamos bekommen wäre! Dein Papa wird
doch auch in praxi Philosoph genug sein, um unsere Tat, in der sich die Natur
einmal so recht ausgelebt hat, nicht mit der Krämerelle zu messen. Meinst Du
nicht auch -?«
    »Mit zu Dir gehen - nein, Adam, das tue ich auf keinen Fall!« erklärte
Hedwig sehr bestimmt und umschritt, zu Boden blickend, eine braungraue
Wegpfütze, die sich in der Mitte des schmalen, glitschrigen Parksteges über
Gebühr breit hingegossen hatte.
    »Das tust Du nicht -? Nun! was denken das gnädige Fräulein dann zu tun -?«
fragte Adam, höhnisch-verdriesslich. Er war doch im Grunde nur berechtigt, seiner
Sache gewiss zu sein. Warum also überflüssige Weitläufigkeiten? Unglaublich! Aber
die Weiber!
    »Du hast doch gehört - ich will nach Hause gehen -«
    »Um diese Stunde? Früh genug ist es allerdings. Aber wir sind schon von
heute, mein Fräulein, und nicht mehr von gestern. Es ist 'n viertel Vier.
Sonderbar! Plötzlich genirst Du Dich nicht mehr! Und gester Abend -«
    »Aber Du musst doch begreifen, Adam, dass ich nicht mitgehen kann! Und selbst
- wenn auch - nein! nein! - -«
    »Ah! Wenn auch! Was denn nun noch, Hedwig -?«
    »Nein! nein - -!«
    Hedwig hatte sich von Adam losgemacht und war stehen geblieben. Sie liess den
Kopf auf die Brust herabhängen und streckte mit zusammengeschobenen Fingern die
Hände vor sich hin.
    »Ich kann nicht -!« stiess sie gepresst hervor.
    »Gieb mir nur einen einzigen, vernünftigen Grund an -«
    »Adam! Von Einem zum Ander'n reisst Du mich -«
    »Ist Dir das Tempo zu schnell? Mit Schnecken um die Wette zu laufen - das
ist allerdings reizlos für mich ... Ueberdies musste es so kommen! Warum sollen
wir die Reise nicht an einem Tage machen? Das Leben ist so kurz. Man darf sich
nicht zu viel Zeit nehmen. Nicht auf jeder Zwischenstation aussteigen. Nun komm!
Hake Dich wieder ein! Bitte! Und sei meine kleine, vernünftige Hedwig! Ja -?«
    »Lieber Adam -!«
    »Aber, Kind - warum sträubst Du Dich denn immer noch? Unerklärlich! Du
kannst doch beim besten Willen jetzt nicht nach Hause gehen - siehst Du denn das
gar nicht ein? Was sollen wir noch ewig debattiren darüber! Lass Dich doch
überzeugen! Du verdirbst mir den letzten Rest von Stimmung! Mir war etwas viel
Schöneres eingefallen. Na! Nicht gerade eingefallen. Ueber Manches hätten wir
wohl noch zu sprechen, Hedwig - über manches Wichtige, Tiefe, Intime. Und wenn
wir uns jetzt recht zusammennähmen - und uns so recht jung und rein, kräftig und
ungebrochen zu fühlen versuchten - und so recht allein und auf uns nur
angewiesen - mir schwebt noch Dies und Das vor ... dämmert zu mir herüber - ich
möchte Dir aus meinem Leben erzählen ... Erinnerungen auffärben - Erinnerungen
anderer Art, als vorhin, wo ich Dir von Deinen ... Deinen - Vorläuferinnen -
pardon! - also - - aber bitte! - Komm zunächst! Hedwig! Komm! Komm! Komm! Komm!
Mach' doch! Und tu' mir den Gefallen und weine nicht wieder! Ein furchtbar
schwerer Güterzug bist Du! Donnerwetter! Die Locomotive muss eine Puste haben -«
    Adam versuchte zu scherzen und machte ein gezwungen heiteres Gesicht. Warm
blies ihn der feuchte Frühlingswind an. Adam nahm den Hut ab und lockerte das
zusammengedrückte Haar auf. Nun gähnte er laut. Zögernd, verdrossen führte er
die Hand zum Munde. Er blinzelte müden, verschwommenen Blickes zu Hedwig
hinüber, die ein paar Schritte vorwärtsgegangen und dann wieder wie ratlos,
zweifelnd, suchend, unentschlossen und doch zugleich auch direkt abweisend
stehen geblieben war. Der Tag war schon tüchtig gewachsen. Das Licht
differenzirte Bäume, Büsche, Sträucher schon um Vieles zwanglos-nachdrücklicher.
Das Einzelne gewann mehr und mehr seine Grenzen, liess seine Farben spielen,
schuf sich seine Umgebung. So objektivirt das Licht. Nacht, Schatten, Dämmerung
sind immer subjektiv. Am Meisten aber die Dämmerung. -
    Nein! Der Druck in den Augenwinkeln war unerträglich. Und die Glieder wurden
dem Herrn Doctor immer steifer, zäher, widerspenstiger. Es war schon viel
Selbstverständliches in ihm. Er hatte gründlich abgewirtschaftet. Sollte er das
Weib lieber doch nach Hause bringen ... zu seinem verlassenen Vater ... und
seinem Schicksale überantworten? Es war ja schliesslich Alles so egal. Aber -
besonders ehrenhaft und mutig wäre es doch wohl nicht gewesen. Allerdings - wie
überreden, überzeugen, dass -? Ach! die Geschichte war verdammt langweilig und
hausbacken geworden. Selbst wenn er das kleine Weib wirklich noch mit nach Hause
schleppte und diese lobesam-labsälige Tragikomödie in einer gewissen Mausefalle
ihren süssen Abschluss fand - besonderen Reiz hatte der Gedanke kaum noch für ihn,
seine Sinnlichkeit liess den Kopf hängen und welkte - er war nicht mehr im
Stande, Etwas zu finden, das er tief durchfühlen konnte. Nur ungeduldig konnte
er noch sein. Er hatte ein starkes, fein ausgebildetes Verständnis- und
Bedürfnissorgan für alles Weibliche - aber schliesslich wird jedes sotane
Weibliche doch blutig langweilig ...
    »Na - wie denken das gnädige Fräulein -?«
    »Adam -!«
    »Wir wollen nicht wieder in krampfhafte Dialoge verfallen, Hedwig! Das ist
auch so'n weltläufiger Irrtum, als ob man mit Gesprächen und Verhandlungen
irgend Etwas ausrichtete! Wir monologisiren ja Alle nur - reflektiren über
unsere höchst eigenhirnigen Triebe, Neigungen, Kräfte, Tendenzen - und so
weiter. Das versteht sich Alles ganz von selber. Oder auch nicht. Das ist aber
ganz Dasselbe. Widersprüche gibts nämlich gar nicht. Im Grunde durchaus nicht.
Bloss auf der Oberfläche. Die Oberflächen drängen, stossen, reiben, balgen sich.
Das nennen wir denn begriffenes Leben. Das wesentliche Leben ist natürlich das
Unbegreiflich-Unbegriffene. Das sind nämlich die verdammten Dinger an sich.
Daraus folgt, mein Lieb, dass es nämlich ganz schnuppe ist, ab Du hier stehen
bleibst, oder ob Du mitgehst - ob Du nach Hause fürbass wandelst oder bei mir
campirst, meine reizende Kameradin - ob Du - - na! ich will nur ruhig sein - ich
hätte nämlich beinahe wieder 'mal 'was Knalliges losgelassen ... Gott verdamm
mich! - bin ich zusammengehauen von den Strapazen des Abends und dieser
glorreichen Nacht! Ja! Ja! -:
So'n klenet bisken Liebe -
Ach! det macht viel Pläsir -
Een Leben ohne Liebe -
Det wäre nischt for mir ... -
was ich mir allerdings untertänigst zu bezweifeln erlaube. Een Leben ohne Liebe
dürfte viel empfehlenswerter ... jedenfalls viel gesünder sein. Aber was soll
die ganze Schwatzerei! Wir gehen direkt zu meiner Wohnung - nicht, Hedwig? Das
ist am Gescheitesten -«
    Seit einigen Minuten waren die beiden wieder neben einander
vorwärtsgeschritten. Hedwig sah Adam von der Seite an.
    »Adam -!«
    »Nun -?«
    »Ach! es ist schrecklich!«
    »Immer noch? Du bist poussirlich, Kind!«
    »Du weisst nicht -«
    »Ich weiss nicht -? Was denn -?«
    »Nicht wahr: Du lässt mich aber allein bei Dir - ich meine: allein - ja - ich
- ich ruhe mich nur ein Wenig aus auf deinem Sopha - dann -«
    »Selbstverständlich - wenn Du es durchaus wünsch'st - ich dachte allerdings,
dass wir -«
    »Oh mein Gott -!«
    »Was ist denn nur so furchtbar -?«
    »Meine - Ver - - ich bin ja schon - Adam! ich habe ja nichts mehr ... zu -
ver ... l - -« Das war leise ... wie mit unsäglicher Ueberwindung
herausgestöhnt.
    Adam war doch zusammengezuckt. Hm! Er hätte ein derartiges Geständnis nach
Allem, was vorausgegangen war, allerdings erwarten müssen. Und nun berührte es
ihn - ja! wie denn eigentlich? peinlich? schmerzlich? Fühlte er sich genirt -
oder machte ihn die an sich kaum bedeutsame Tatsache nur schulbubenhaft
verlegen? Schliesslich schwang er sich zu folgender hervorragender Antwort auf:
    »Das kann Dir nur zur Ehre gereichen, Hedwig! - Und Dein ... hast Du - Dein
... Kind? -«
    »Starb kurz nach der Geburt -«
    »Nun ... da hats Dir der liebe Gott doch bequem genug gemacht -«
    »Adam!«
    »Verzeih! Aber ich - sieh 'mal: ist nicht jedes Wesen beneidenswert, das
bald nach seinem Kommen wieder weggeht ... weggehen darf? . Es ist so süss,
mitten in der Nacht ... nach stundenlangem Schlafen ... einmal aufzuwachen ...
Man horcht gespannt in die surrende, atmende Finsternis hinein - fühlt sich
unsäglich angenehm müde - und dämmert langsam wieder ein ... Es verlohnt sich
schon, die Augen einmal aufzuschlagen, wenn man so entzückend schnell und süss
wieder einschlafen darf ... Aber nun hoffe ich, ist der letzte Weigerungsgrund
hinfällig geworden, Hedwig - ich weiss sehr wohl, was Du mir hast andeuten wollen
- komm! gieb mir den Arm endlich wieder - wir wollen uns etwas beeilen -«
    Hedwig sah Adam an ... und fügte sich langsam zögernd. Vielleicht doch nicht
zu ungern. - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    »Endlich!« rief Adam, tief aufatmend, aus und warf die Schlüssel auf den
Tisch. »Nun mach' Dir's bequem, mein Lieb! Deine Kleider wirst Du schon irgendwo
unterbringen. Aber zunächst wollen wir erst 'mal die Fenster hübsch zumachen ...
und der neugierigen Welt ein Schnippchen schlagen ...«
    Die Vorhänge waren zusammengezogen. Das Morgenlicht, das schon recht
deutlich und grenzen-reissend im Zimmer gestanden, war wieder zu anheimelnder,
welliger Dämmerung graugeronnen. Adam warf einen Blick in den Spiegel. Seine
Augen waren glanzlos, sein Gesicht verquollen und unnatürlich gerötet.
    »Ja! Ja! das kommt von so 'was! .« spöttelte er halblaut vor sich hin. Nun
schloss er sein Cyklinder-Bureau auf und warf dabei einen Blick seitwärts auf
Hedwig.
    »Aber, Kind! Willst Du denn da an der Tür stehen bleiben? Gefällts Dir so
wenig bei mir? Es ist doch gar nicht so übel hier! Leg Deinen Hut ab, bitte - Du
hast nun einmal A und B gesagt - jetzt musst Du das ABC auch ganz hersagen -
davon hilft Dir weder Gott noch Teufel los! Sieh' mich 'mal an, Hedwig! Na?
Willst nicht? Immer noch so ernst und traurig? - Mein Lieb!«
    Das hatte Adam in fast innigem Tone gesprochen. Er war zu Hedwig hingetreten
und begann jetzt sehr discret, bescheiden und nicht ungewandt, der Dame seines
Herzens allerlei kleine Zofendienste zu leisten. Er nahm ihr den Hut ab, knöpfte
ihr Jaquet auf, zog es ihr aus und zupfte und nestelte an den engansitzenden
Handschuhen herum, bis er zuerst den einen, dann den ander'n entfernt hatte.
Hedwig liess Alles ruhig mit sich geschehen. Sie war sehr blass, die Lippen hatte
sie fest zusammengepresst, die Augen waren über die Hälfte von den Lidern belegt.
Adam hing ihr Jaquet an seinem Kleiderhalter auf. Diese Apatie verdross ihn. Er
hatte nun sein kleines Weib im Fangeisen - aber die Geschichte kam so gar nicht
in Fluss ... schien im Gegenteil pyramidal langweilig und langwierig werden zu
wollen.
    Hedwig kauerte sich auf ein Streifchen Sopharand hin. Adam zwang sich zu
einem helleren, anregendem Tone.
    »Bitte, Hedwig, sei nicht so stumm und zurückhaltend! Nicht so furchtbar
starr und bewegungslos! Du bist doch die Herrin hier! Siehe! Dein Ritter und
Knecht wird es sich auf dieser schreiend roten Damastcauseuse bequem machen!
Aber Dir, seiner Königin, hat er ein fürstliches Lager aufgeschlagen! Komm und
staune! .«
    Adam teilte die Portière auseinander und erwartete, dass Hedwig zu ihm hin
und mit ihm in sein Schlafcabinet treten würde. Aber die Dame rührte sich noch
immer nicht. Unwillig liess Adam die Vorhangfalten fahren. Er setzte sich neben
Hedwig auf das Sopha, zog sie ein Wenig tiefer auf den Sitz zurück, legte seinen
linken Arm um ihre Hüfte und bog sanften Nachdrucks mit der rechten Hand ihr
Gesicht zu sich heran.
    »Hedwig -!«
    Sie suchte sich langsam von ihm loszumachen. »Lass mich, Adam -!«
    »Fällt mir gar nicht ein! Und folgst Du nicht willig, so brauch' ich Gewalt
- -«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Nun Adam auf dem Sopha lag und sich nach Belieben recken und dehnen konnte;
nun die Eindrücke der Aussenwelt auf eine geringe Anzahl, die sich wohl noch
bewältigen liess, zusammengeschmolzen waren ... nun er das Weib, welches er
liebte, in so enger, intimer Nähe bei sich fühlte; nun er es mit seinen Armen
umschlingen und küssen durfte, siedete das Blut, dessen Leidenschaft schon
erstorben war, noch einmal zischend in die Höhe - und alle geschlechtlichen
Instinkte des Mannes lechzten danach, durch das Weibe erfüllt und befriedigt zu
werden. - -
    Endlich legten sich ihre Arme wie ein zerschnürender Ring um seinen Hals.
    »Adam -! -«
    »Hedwig -! -«
    Die »Natur« lässt ihrer nicht spotten. -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Das Licht wuchs und wuchs. Die Beiden aber lagen beieinander und genossen
die Süssigkeit verdienten Schlafes. Wohl war ihr Schlaf nur flach und dünn, wie
eine Linnendecke, die jeder Windhauch aufscheucht und bläht ... dünn wie ein
Lindenblatt, das der junge, übermütige Morgenwind ansäuselt ... Sie begegneten
sich so oft in den Bewegungen ihrer Glieder und erweckten sich zu neuem
Liebesleben. Dann wieder ein mähliges Ablassen von einander ... ein neues
Müdewerden und Eindämmern ... und ein Neuerwachen. Sie sahen sich in die Augen,
trugen keimende Küsse auf die Lippen und pflückten die süssen, berauschenden
Früchte. »Aber nun wollen wir schlafen, Geliebter - -« »Ja, Hedwig! Aber erst -
- -« »Nein! Lass, Bester! Mich friert so! ... -« »Mir ist erstickend heiss! ich
dampfe -« und Adam küsste diskret die Brust seiner Geliebten ... diese Brust, die
so weiss und so elastisch war, wie ein weichgekochtes, nervös vibrirendes Ei ...
    Unerschöpflich ist die Phantasie geniessender Liebe ... unermüdlich weiss sie
neue Reize aufzuspüren und auszukosten.
    So schliefen sie in den wachsenden Tag hinein. Es wurde lebendig auf dem
Vorsaal, man lief hin und her und sprach jetzt lauter, jetzt leiser. Die bunte
Welt der Geräusche durchstach so oft die zarte Schaale ihres Schlafes. Manches
nahmen sie wohl mit hinüber in die gaukelnden Traumfetzen, die sie gebären
mussten. Auch von der Strasse herauf sprach das Leben, das die vernünftigen
Menschen wieder in Angriff genommen hatten, so oft in ihre zusannnenknospende
Rast hinein. Fliegen surrten um sie herum und schreckten sie auf. Und immer
heisser wurde es auf dem gemeinsamen Lager.
    Hedwig schlummerte. Leise und langsam gingen ihre Atemzüge. Adam stützte
den Kopf auf seine rechte Hand und betrachtete die Schlafende. Ihre Haut war
nicht rein ... und jetzt merkwürdig durchfaltet und angerunzelt. Das Haar hatte
sich verschoben und sich zu hässlicher Unordnung zusammengeknäult. Unangenehm
scharf traten die Backenknochen hervor, die Wangeneinfaltungen leicht
überschattend. Auf der Oberlippe erglänzten im klaren Lichte der wahren Sonne
einige bläulich schwarze, indiskrete Härchen. Doch schön war der Leib dieser
widerspenstigen Sünderin, etwas mager wohl, aber sehnig und zusammensaugender
Kräfte reich. Und dabei gedachte Adam der Huldinnen, die alle schon hier neben
ihm gelegen ... das Haupt in dieses ... in dieses selbe Kissen geschmiegt ...
und er verglich ihre Reize, so gut er sich ihrer erinnerte, und durchkostete
noch einmal in nachlässigem Aufstöbern und Zusammenschüren alle die Freuden und
Entzückungen, die er hier schon genossen, so oft schon genossen ... Dieselben
Verführungsfaktoren ... dieselbe dampfende Entzündung ... derselbe Genuss ...
dasselbe Resultat ... derselbe Ekel ... ach! ein so dummes, so wahnsinnig dummes
und einfältiges Genarrtwerden! Die Natur macht nicht viele Worte, ihre Sprache
ist so blutarm. Sie wiederholt sich immer und plagiirt sich selber mit denselben
Wendungen. Und immer wieder muss man auf den armselig geistlosen Köder
'reinfallen. Aber es ist, als ob sie, die domina natura, stets den Intellekt so
lange knebelte und vergewaltigte, bis sie mit der Brandung des entzündeten
Blutes ihr erhabenes Ziel erreicht hat. Und dann? Dann lässt sie stillvergnügt
die genasführte Kreatur räsoniren. Das letzte Wort behält sie doch ... behält
sie immer und überall. -
    Adam schlich sich leise von Hedwigs Seite, fuhr in die Hosen und schlürfte
in sein Arbeitszimmer hinüber. Er trank ein paar Schlucke abstossend lauwarm
gewordenen Wassers, riss die Fenster auf und schaute ... bei seiner sehr
primitiven Morgentoilette mit affektirter Ungenirteit ... auf die Strasse hinab,
zum Junihimmel hinauf, der in sattem Stahlblau flimmerte. Es war um die neunte
Stunde ... drunten hatte sich das Leben schon ganz hübsch eingerichtet.
Schwerfällige Lastwagen schoben sich langsam mit widerlichem Geknarr vorüber. Da
lief sein Barbier vorbei - wenn es dem Kerl nur nicht etwa einfiel, jetzt schon
anzutanzen! Viel Staub und Dunst gab's ... und Menschen, die ihre Hüte in der
Hand trugen und sich mit grossen, massigen Taschentüchern die Stirnen wischten.
Ach! Adam fühlte sich sehr miserabel. Er schauderte vor dem zurück, was ihm der
Tag noch bringen würde, bringen musste. Da im Nebenzimmer schlief das Weib, das
er ... nun! das er liebte, und das er genossen hatte. Süsse, selige Stunden waren
es doch gewesen. Einsame Stunden, da sie sich wie herausgelöst dünken durften
aus dem Zusammenhange der Menschen und der Dinge. Nun forderte die geistlose
soziale Seite des Lebens wieder ihr Recht. Sich einzurenken, sich wieder auf
seinen bestimmten Platz in Reih und Glied zu stellen, das galt es nun wieder.
Nach rechts und links vertreten und verantworten, was man in kühner Absonderung
gewagt und getan hat. Ach! Die Scene mit Hedwigs Vater, die dem Herrn Doctor
bevorstand! Das war allerdings sehr peinlich. Und wenn er sich noch wohler und
freier gefühlt hätte! Aber holprig und langsam war sein Denken, mühsam
vorwärtskriechend und nur ganz obenhin die Dinge des Lebens betastend. Immer
beschäftigte ihn nur das Nächste. Alle seine Bewegungen waren schwerfällig,
träge, vollzogen sich widerwillig. Eine filzige Zähigkeit und zugleich eine
nervöse, unregelmässige Bewegungssucht, eine zitternde Unruhe spukten in seinen
Gliedern, die wie dicker Brei gern in ihren Lagen verharren wollten und diese
doch stetig zu wechseln strebten. Seine Hände waren schwammig und aufgequollen,
seine Gesichtslinien an einzelnen Stellen, um Augen und Nase herum, schärfer
markirt und zugleich widerlich verwischt. Die Lippen trocken, spröde, auf der
Zunge stand ein fader, dürrer, kiesig prickelnder Sandgeschmack, die Stirn
brannte von einem pressenden Drucke. Oefter musste Adam gähnen, aber seine Kiefer
schienen alle Biegsamkeit und Spannung verloren zu haben. Die Kopfhaut
schmerzte, als wäre sie von einem Heere engzusammenstehender Stecknadeln
durchlöchert. Zu jeder Handlung musste sich Adam besonders zwingen. Alle
Reibungen des geistigen und des tatsächlichen, praktischen Kleinlebens reizten
ihn mit gesteigerter Intensität. dabei besass Nichts ein tieferes Interesse mehr
für ihn ... und Alles, was ihn sonst zum Denken, Bedenken, Betrachten
herausforderte, hatte Wert, Inhalt, Form und Farbe verloren.
    Adam wusch sich Gesicht und Hände und schellte.
    Im Nebenzimmer raschelte es. Ein langer Seufzer zitterte herüber.
    Dann rief eine müde, heisere Stimme, wie gebrochen, »Adam -!«
    »Gleich, mein Lieb! Einen Augenblick!«
    Es klopfte. »Herein!« Das Mädchen kam und brachte den Kaffee.
    »Morgen, Herr Doctor!«
    »Morgen! Und bringen Sie bitte noch 'ne Tasse, Ida!«
    »Noch 'ne Tasse?«
    »Ja! Ist das so merkwürdig? Ich habe Besuch -«
    Das Mädchen sah sehr verblüfft aus. Es starrte Adam einen Augenblick an.
    »Aber ist denn das noch nicht vorgekommen, so lange Sie hier sind -?« fragte
Adam unwirsch-ungeduldig.
    »Nee! In den acht Tagen, wo ich -«
    »Na, also bitte -!«
    Jetzt schien dem kleinen, frisch vom Lande importirten »Besen« doch ein
Licht auszugehen. Er verzog den Mund und grinste tolpatschig-schnippisch.
    »Rindvieh!« knurrte ihm Adam nach und trat in's Nebenzimmer.
    Hedwig sass im Bett, hatte die Arme gegen die unter der Decke herausgezogenen
Kniee gestemmt und die Hände vor das Gesicht gedrückt.
    Adam rückte sich einen Stuhl an das Bett heran und streichelte seinem Weibe
liebkosend Haar und Hals.
    »Nun - wie fühlt sich die gnädige Frau? Mir ist nicht so besonders - ich
weiss nicht, aber -«
    Hedwig nahm die Hände von den Augen. Langsam wandte sie ihr Gesicht mit den
bleichen, übernächtigten Zügen und dem schweren, vertränten Blick Adam zu. Das
arme Weib schien ganz mutlos, ganz »hin« zu sein. Sich im Bette eines fremden
Mannes zu finden - ihm musste doch auch die Scham in der Seele brennen -
    »Mein Lieb-!«
    »Das überlebe ich nicht, Adam! Mein armer - armer Vater -!«
    »Nur Mut, Hedwig! Es wird schon schief gehen - pardon! wollte sagen: es
wird sich Alles schon machen. Schlimmsten Fall's - also - Du hast ja immer -
hast ja immer an mir Halt und Stütze! Wir werden's schon überstehen. Es wird
noch Alles gut werden - lass nur jetzt den Kopf nicht zu tief hängen, Kind! . Und
komm! steh' auf! Du kannst hier ganz ungenirt Toilette machen. Alles Nötige
wirst Du finden. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass eine Da - - - man ist für
solche Fälle eben vorbereitet, wie es sich geziemt ...« Der angefügte Nachsatz
sollte wie ein harmloser Scherz klingen und war doch eine unwillkürlich
beabsichtigte Bosheit. Der Herr Doctor musste sich in dieser Richtung leider nur
zu oft gehen lassen. Es war beinahe, als ob nur die vasamotorischen Nerven
diesen Reflex auslösten, und der Wille nicht einmal die Freiheit mehr besass,
unfrei zu sei.
    »Soll ich Dir den Kaffee herüberbringen, mein Lieb?«
    Hedwig antwortete nicht. Adam benutzte ihr Schweigen und ging auf kleinen,
wohlberechneten Umwegen in sein Arbeitszimmer zurück. Es war ihm zwar zu Sinn,
als ob er sich so etwas wie »gedrückt« hätte. Aber da drinnen bei dem
unglücklichen Weibe hatte er sich doch zu unbehaglich gefühlt. Und er war schon
so nervös heute.
    Er goss sich eine Tasse Kaffee ein und trank das Gebräu, das nur noch lauwarm
war, in hastigen Zügen hinter. Ein merkwürdiger Durst quälte den Herrn Doctor
schon zu dieser frühen Morgenstunde. Und Adam vergegenwärtigte sich mit stiller
Resignation, in der er doch aber immerhin ein Wenig zungenschnalzend schwelgte,
welche Last er auf sich genommen ... und er erinnerte sich, wie so ganz anders
er mit Emmy diese morgendliche Nachfeier genossen hatte - wie dieses schöne
»Kind der Sünde« an den letzten verklingenden Melodien einer dityrambisschen
Liebesnacht zu schlecken verstanden. Köstliche, unvergessliche Stunden! Und heute
-?
    Adam lag in der Sophaecke und kaute an einer Virginia-Cigarette, die gar
nicht schmecken wollte. Im Schlafzimmer ging man auf und ab. Schritte
schlürften, Kleider raschelten, das Waschwasser plätscherte. Aber Alles so
langsam und eintönig, so störrisch-verglast, so leblos-mechanisch. Adam besass
ein sehr feines Gehör. Das war die Nuance der Trauer, der mutlosen
Gleichgültigkeit. Ach! Und das wirkt so ansteckend ...
    Es wurde an die Stubentür geklopft.
    »Herein!«
    »Herr Doctor, 'ne Dame ist draussen, die Sie sprechen will -«
    »'Ne Dame -?«
    »Ja!«
    »Hat sie denn ihren Namen nicht genannt -?«
    »Nee! Sie sagte man bloss, sie müsste Sie sofort sprechen -«
    »Nun - ich lasse bitten -«
    Emmy stand auf der Schwelle.
    »Emmy -!«
    »Verzeih', Adam, dass ich so früh - ich komme - Ihr wollt Euch - -«
    Sie war sehr verwirrt und verlegen, die schöne Sünderin - eine Erscheinung,
die Adam noch gar nicht bei ihr beobachtet hatte.
    Sie stand noch immer an der Tür und irrte unsicheren Blickes im Zimmer
herum, schlug nun die Augen nieder und vermied es, Adam anzusehen. Jetzt
entdeckte sie zufällig Hedwigs Hut, der auf einem Stuhl neben dem Sopha lag.
    Adam entging es nicht, wie sie erschreckend zusammenfuhr. Er lächelte.
    »Du hast, Adam -«
    »Was denn, Emmy? Aber bitte - willst Du Dich nicht setzen? Und willst Du mir
nicht den Grund Deines Kommens nennen? Es muss doch ... muss doch etwas Besonderes
vorliegen - nicht? - oder sollte ich mich irren -?«
    »Du hast Besuch -?«
    »Besuch? Das ist der Hut meiner Frau, Emmy -«
    »Deiner Frau -?«
    »Nun ja natürlich! Was weiter? Soll ich sie Dir vorstellen? Warte eine
Secunde - sie macht noch Toilette ... Wir sind etwas spät nach Hause gekommen
und ... und haben etwas lange geschlafen ... Uebrigens! wie geht es denn dem
Herrn von und zu Bodenburg? Du kommst doch gewiss von ihm -?«
    »Adam -!«
    Emmy war dicht an Adam herangetreten und sah ihn mit grossen, blitzenden
Augen fest an. Zorn und Entrüstung brannten in diesem Blick. So spricht die
Leidenschaft, die eine erlittene Schmach rächen oder die etwas Verlorenes
wiedergewinnen will.
    Adam konnte sich dem berauschenden Parfüm dieser Leidenschaft nicht
entziehen. Da quoll ihm Blut und Leben in ungestümem Rhytmus entgegen. Da
atmete ein Weib vor ihm, dessen Leib seine Reize und Schönheiten wunderbar
diskret und bestimmt zugleich durch das knappansitzende Kleid zu verraten
wusste.
    Er trat einen Schritt zurück. Und nun musste er doch wieder lächeln. Fade!
Wollte ihn die Dame etwa überrumpeln -?
    »Nun? -« fragte er ungeduldig-pikirt.
    »Du hast mich in die Arme dieses Menschen getrieben - -«
    »Ich? - Aber Kind, da muss ich doch -«
    »Oder etwa nicht -?«
    »Liebe Emmy! Das ist doch - ich - ich denke, es ist Dein Metier, heute mit
dem und morgen mit dem zu ... zu - verkehren - -?«
    »Und das sagst Du mir -?«
    Emmy hatte sich abgewandt. Sie war glühend rot geworden. Vielleicht aus
Scham und Entrüstung zugleich. Nun empfand Adam doch wieder so Etwas wie Mitleid
mit ihr. Aber er wusste auch nicht sofort, was er antworten sollte
    »Darf ich Ihnen eine Cigarette anbieten, mein Fräulein -?«
    Emmy richtete langsam den Kopf in die Höhe. Ein sehr trauriger,
vorwurfsvoller Blick stand in ihren schönen Augen.
    »Sie haben ganz Recht, Herr Doctor - es ist allerdings mein Metier - -«
    »Aber bitte! lassen wir doch das! Ich möchte heute früh ... so am ersten
Morgen quasi nach meiner ... nach meiner Hochzeit also ... ich möchte mich da
nicht gleich wieder auf alle möglichen Scenen einlassen - Sie verstehen, mein
Fräulein -«
    »Auf alle möglichen Scenen - so? Scenen - ganz recht! ... Nun, Herr Doctor
-«
    »Ja -?«
    »Sie wollen sich mit Herrn von Bodenburg - schlagen? ...«
    »Schlagen? Hui! Mir wird janz jruselig. Uebrigens - 'mal sehen ... kann wohl
sein! Warum schliesslich auch nicht? Ich erwarte vorläufig erst seinen Zeugen -
und dann - -«
    »Sie werden das Duell ablehnen, Herr Doctor -!«
    »Ablehnen? Wie kommst Du mir denn vor, Emmy? Diese Sprache - ich - ich
verstehe Sie nicht, mein Fräulein -«
    »Adam -!« Das war sehr innig, sehr rührend, sehr stehend herausgestossen.
    Im Nebenzimmer wurde heftig ein Stuhl gerückt. So hat sich eine Hand
krampfhaft auf eine Lehne gelegt. Die Finger krallen sich fest, pressen sich
immer fester. Jetzt schleudern sie den Stuhl im Affekte, der seinen Siedepunkt
erreicht hat, von sich Die nervöse Spannung lässt nach ...
    Die Beiden sahen sich an.
    »Denken Sie an ... an Ihre - Frau -« bat Emmy leise, mit zitternder,
stockender Stimme -
    »Hm!«
    »Das hatte ich Ihnen sagen wollen -«
    »Ich danke Ihnen, mein Fräulein -«
    »Adieu -!«
    »Adieu -!«
    Emmy wandte sich nach der Tür um, in deren Nähe sich die ganze Scene
abgespielt hatte. Einen letzten Augenblick noch zögerte sie jetzt. Und nun
kehrte sie Adam noch einmal ihr volles Gesicht zu. Tränen standen in ihren
Augen, um den Mund zuckte es schmerzlich.
    Und da kam es über Adam. Es gebar sich ihm plötzlich das Gefühl, als verlöre
er Unersetzliches, wenn er Emmy jetzt gehen liesse. Und doch - er durfte sie
nicht zurückhalten. Er war ja gebunden. Er hatte ja eine bestimmte Pflicht zu
erfüllen. Dieses Verhältnis musste also endgültig abgebrochen werden. Es liegt
eine so grosse Wollust in diesem Abbrechen und Entsagen ... eine so berauschende
Wollust, eine so nahrhafte Trauer, eine so merkwürdig fruchtbare Wehmut ...
Aber noch einen Kuss! Einen letzten Kuss! Und dann Abschied nehmen - Abschied
nehmen für immer von diesen schönen, schönen Reizen! Nun mag die Erinnerung
kommen - und genossene Wonnen in stillen Stunden ausschmückend noch einmal
durchkosten ... all' das Liebesgeplauder wiederholen und all' die tändelnden,
losen, neckischen ... halb ernsten, halb spassigen Gespräche, die zwei Menschen
zu einander gesprochen, die sich einen Augenblick liebgehabt ....
    Adam küsste Emmy auf die Stirn.
    »Verlass mich nicht, Adam!« - hörte er sich mit bebender, gleichsam in
höchster Angst sich anklammernder Stimme zuflüstern.
    Es raschelte in den Falten der Portière. Adam trat zurück. Emmy verliess
schnell das Zimmer. -
    Der Herr Doctor stand vor seinem Sophatische, auf dem es trostlos verworren
aussah, und suchte Etwas, irgend Etwas, er wusste wirklich nicht, was. Seine
Finger tappten zwischen den Büchern, Manuskripten, Zeitungen hin und her,
griffen nach einem losen Blatt, nach einem Schlüssel, einer Cigarrenspitze,
einem Bleistifte ... jetzt nach der kleinen Morphiumflasche, die sich in intimer
Nachbarschaft bei Meinerts Lehrbuch der Psychiatrie niedergelassen ... und
stellten Alles wieder hübsch gewissenhaft an seinen Platz zurück. Nun fiel Adam
die Cigarettenschachtel in's Auge. Er nahm sich eine frische Virginia heraus und
pendelte sie gedankenbeklommen zwischen den Fingern hin und her. Jetzt mochte
Emmy unten sein. Ob er ihr noch einmal nachblicken sollte? Ein letztes Zunicken?
Ein letzter Gruss? ... Sie würde jedenfalls zu seinen Fenstern heraufsehen -
vielleicht, dass er - - nein! nein! Nicht coquettiren mit der Vergangenheit, die
ein für alle Mal abgetan sein sollte! Es musste ja sein. Da nebenan ... die Dame
da in seinem Schlafzimmer - zum Teufel! Es war gegen alle Vernunft und Ordnung,
aber es war einzig und allein »anständig«, wenn er ihr treu blieb ... Auch das
musste eben sein. Es ist höchst empfehlenswert, im Prinzip keine »Pflichten«
anzuerkennen ... und in der Praxis möglichst viele zu erfüllen ...
    »Hedwig! Bist Du fertig? Dann komm bitte! Der Kaffee wird in der Tat ganz
kalt -«
    Keine Antwort. Adam gab der Cigarette Feuer und trat in's Nachbargemach.
»Himmeldonnerwetter - da soll denn doch - -«
    Die Luft war heiss und dunstig hier. Eine wüste Unordnung, von dem brutalen
Sonnenlicht bis in's Kleinste hinein entwirrt und umrissen, machte sich
allentalben breit. Hedwig sass an dem einen Fenster, hatte den linken Arm auf
das Brett gestützt und das Kinn in die Handhöhlung gelegt. Sie starrte, wie von
einem einzigen dumpfen, massiven Schmerze zusammengezwungen, ausdruckslos durch
die Scheiben. Das schwarze, schmucklose Kleid gab der ganzen Gestalt etwas
unendlich Trauriges, unsäglich Herbes und Abgewelktes.
    »Willst Du nicht?« bat Adam leise, innig. Er war hinter den Stuhl Hedwigs
getreten und hatte ihr Gesicht sanft zu sich emporgezogen. »Komm, meine kleine
Frau!«
    Hedwig seufzte laut auf.
    »Und verzeih' diese dumme Störung vorhin! Das war recht geschmacklos. Siehst
Du: da hattest Du gleich so'n Stückchen rabbiater Vergangenheit! Aber es ist
vorbei. Ich habe es definitiv ad acta gelegt. Du kannst wirklich ganz ruhig sein
-«
    »Was wird mein Vater sagen?« kam es darauf langsam und unheimlich
abgewickelt deutlich von ihren Lippen.
    Adam fuhr auf. Er hatte im Stillen wohl auf einen neuen, pikant-harmlosen
Disput gerechnet ... der gewiss nicht ohne reizvolle Pointen geblieben wäre! Und
nun wieder die alte Geschichte mit ihrem Vater, an die er am Liebsten gar nicht
erinnert sein wollte. »Nimm mir's nicht übel, Hedwig - aber immer und ewig nur
Dein Vater! Ich hab's Dir ja schon gesagt: ich gehe nachher zu ihm hin und setze
ihm die ganze Sachlage ruhig und denkbar correkt auseinander. Dann werden wir ja
sehen ... Vor Elf kann ich allerdings nicht. Bis dahin muss ich schon warten ...
muss eben erst sehen, ob sich Herr von Bodenburg mit seiner kindischen Geschichte
meldet. Ist das glatt, wird sich das Andere auch finden. Dein Papa ist doch kein
Unmensch. Ich begreife nicht, warum Du Dich darum so furchtbar absorgst und
abgrämst ... Die Situation ist ein Wenig aussergewöhnlich - ich gestehe es zu -
das ist aber auch Alles. Sie mag nicht alle Tage vorkommen - nun ja! Aber ich
danke auch dafür, alle Tage Sauerkohl und Bratwürstel essen zu müssen. Es sind
schon ganz andere Geschichten aus dieser Welt passirt - sei doch nicht zu klein,
Hedwig! Wir wollen nicht jeden Kram mit dem Patos der geschichtlichen
Mundvöllerei-Tragödie ausstaffiren - immer und immer wieder dieselben Phrasen,
dasselbe nauséabonde, urtriste Gequatsche! Seien wir klar und nüchtern, wie es
unsere Zeit verlangt - ich hasse diese banausische Sentimentalität, diese
schleimige Gefühlsduselei ... Komm! Ich kann Dir zwar momentan nicht Beef und
weiche Eier vorsetzen, wohl aber miserablen Kaffee und ein Brödchen mit
Sardellenbutter. Das ist auch Poesie, Kind! Nun - das wird hoffentlich Alles
anders und besser werden, wenn Du erst 'mal meine kleine Hausfrau bist - nicht
wahr -?«
    Hedwig war aufgestanden. Sie legte ihre Hände auf Adams Schultern, barg das
Gesicht an seiner Brust und weinte leise in sich hinein.
    »Ich habe ja nur Dich noch auf der ganzen weiten Welt, Adam - habe Mitleid
mit mir!« bat sie mit tränenerstickter Stimme.
    Adam drückte sein Weib zärtlich an sich.
    Und nun sassen sie wieder beisammen auf der schreiend roten Damast-Causeuse.
    Adam nippte an seiner Cigarette, Hedwig trank ab und zu einen Schluck kalten
Kaffees und führte ein butterbestrichenes Semmeleckchen zum Munde. Sie sprachen
wenig zu einander. Das war keine besonders behagliche Frühstücksstimmung. Ob
Hedwig wohl viel Talent dafür besass, die sehende, sorgende Hausfrau zu spielen?
Sie schien nur immer noch über das Eine, das Schicksal ihres Vaters,
nachzugrübeln. Dass Adam vor einer etwaigen Pistolenmensur stand, durch welche,
wenn sie vor sich ging, ihr Verhältnis zu ihm eine andere, unter Umständen ihr
keineswegs günstige Wendung erhalten konnte, - das hatte sie augenscheinlich
ganz vergessen. Oder erachtete sie es unter ihrer Würde, auch in dieser
Beziehung eine Bitte für sich bei Adam einzulegen, nachdem schon ... Emmy für
sie gebeten hatte? ...
    Es lag ein überaus discreter, nur scheu angedeuteter Moschusduft im Zimmer
... eine liebe Hinterlassenschaft Emmys. Dazu das brenzlichte Parfüm der
Cigarette. Adam hatte allerlei kleine, dumme, träge, saugrüsslige ...
überflüssige Gedanken ...
    Es war schon über elf Uhr.
    »Nun könnte sich der edle Trovatore eigentlich melden!« bemerkte Adam
verdriesslich. Er hatte sich eben das Gespräch, das er mit Herrn Doctor Irmer zu
führen gedachte, in den Hauptpunkten zurechtgelegt ... und hätte es am Liebsten
sofort vom Stapel gelassen. Das Memoriren und Rekapituliren war so beunruhigend
und peinlich. Nur neue Bedenken und Möglichkeiten gebar es, welche das Motiv
immer wieder beeinflussten und verschoben.
    Da schlug die elektrische Klingel an.
    »Ist Herr Doctor Mensch zu sprechen -?« hörte Adam eine rauche,
belegt-fettige, wie verbogene Stimme fragen.
    Das Mädchen gab Bescheid. Es klopfte an die Stubentür.
    
    Hedwig zuckte zusammen. Vielleicht eine Nachricht von ihrem Vater -? ...
eine Anfrage von ihm bei Adam, ob - -? ...
    »Herein -!«
    Ein Herr trat in's Zimmer. »Herr Doctor Mensch -?«
    »Ja! Und darf ich fragen - -« Adam hatte sich erhoben.
    »Mein Name ist von Schnauzl. Habe die Ehre, von Herrn von Bodenburg - -«
Herr von Schnauzl stockte. Er warf einen fragenden Blick auf Hedwig, die ihn mit
ängstlicher Spannung, zugleich äusserst verlegen und genirt, ansah.
    Adam fand den Zusammenhang.
    »Sei so gut, mein Lieb, und lass uns einen Augenblick allein -«
    Hedwig entfernte sich.
    »Nun -?« fragte Adam, einen Ton beleidigender Abweisung und Ungeduld in der
Stimme.
    »Herr von Bodenburg -«
    »Wollen Sie sich nicht setzen, Herr von ... von -«
    »Von Schnauzl! Danke verbindlichst!«
    Herr von Schnauzl geruhte, mit steifer Nachlässigkeit ein Fleckchen Causeuse
für seine dreidimensionale Leiblichkeit in Anspruch zu nehmen.
    »Also fühlt sich Herr von Bodenburg wirklich beleidigt? Aber mein Gott! -
wodurch denn nur -?«
    »Herr von Bodenburg, mein verehrter, langjähriger Freund - wir waren
Kompennäler und später zusammen aktiv in Göttingen -«
    »So -?«
    »Ja!« versicherte Herr von Schnauzl mit unwillkürlicher Treuherzigkeit ...
und fuhr dann fort: »Herr von Bodenburg war also vorhin bei mir und ersuchte
mich, Ihnen eine Pistolenforderung ... für den Fall, dass Sie nicht revociren und
depreciren - natürlich in Gegenwart der bei der betreffenden Scene beteiligt
gewesenen Personen - also vor Allem in Gegenwart der Dame, mit welcher mein
Freund -«
    »Ah! In Gegenwart meiner Emmy -?«
    Adam war doch unverbesserlich. War das nun Absicht gewesen - oder hatte er
wirklich ganz vergessen, dass sich Hedwig im Nebenzimmer befand und sicher auf
jedes Wort, das hier gesprochen wurde, aufmerksam hörte? Aber ... schlimmsten
Falls ... wenn es sich - vor ihr - nicht anders drehen und wenden liess:
schlimmsten Falls konnte er den faux pas als eine kleine, harmlose Rache
hinstellen - ganz bewusst beabsichtigt - das war doch noch etwas pikant - warum
hatte sie sich denn heute so ganz und gar nur von der Sorge um ihren Vater
erfüllen lassen? - und ihn so gut wie gar nicht berücksichtigt? .
    »Verzeihung! Ihrer Emmy, sagen Sie ... hm! -« fragte Herr von Schnauzl
verblüfft und pikirt zugleich.
    »Ja! Natürlich! Die Mätresse des Herrn Referendars war vorher - meine
Mätresse - ist es quasi eigentlich noch! Die Dame war vor einer Stunde bei mir
... Aber darf ich bitten, fortzufahren -«
    Herr von Schnauzl war ein paar Finger breit aus dem Geleise gekommen. Da
warfen sich ihm einige Momente mir nichts dir nichts zwischen die Beine, auf die
er schlechterdings nicht im Geringsten gerechnet hatte, als er sich zur
Erfüllung der ehrenvollen Mission, die ihm von Seiten seines verehrten Freundes
aufgeschultert war, vorbereitet. Aber schliesslich - das war ja seine Sache
nicht. Mochte die Dame doch - - er hatte nur die Forderung zu überbringen ...
respektive den Sühneversuch einzuleiten.
    »Doch ... das hat mit dem, was mir hier zunächst obliegt, direkt nichts zu
tun. Ich bin nur beauftragt, Ihnen, Herr Doctor -«
    »Von Revociren und Depreciren kann natürlich keine Rede sein -« fiel Adam
barsch ein. Die ganze Geschichte langweilte ihn schon ganz gehörig. Was wollten
denn nur in aller Welt diese Idioten von ihm -?
    »Ja - dann -«
    »Verzeihen Sie, Herr ... Herr von Schnäuzl - pardon! - Schnauzl - durch
welches Wort - hm! - welchen Ausdruck, welche Gesprächswendung fühlt sich denn
eigentlich Ihr Herr Mandant beleidigt -?«
    »Sie haben, wie mir Herr von Bodenburg mitteilte -«
    »Darf ich Ihnen eine Cigarette anbieten -?«
    »Danke verbindlichst! Aber verzeihen Sie - ich muss doch bemerken, Herr
Doctor -«
    »Ja -?«
    »Dass Sie den Ernst der Stunde ein Wenig zu unterschätzen scheinen -«
    »Meinen Sie? - Ach nee! Doch - offengesagt -: - ich finde die ganze
Geschichte dämonisch kleinlich, albern, überflüssig, trivial ... und vor Allem
empörend langweilig ... Gestatten Sie übrigens, dass ich mir ein Exemplar meiner
Virginia zu Gemüte ziehe. Hoffentlich finden Sie nicht, dass unser ehrenwerter,
blutroter Pistolenspeech durch ein paar blaue Rauchwolken entweiht wird - ich
meine im Gegenteil: derartige Akte dürfen des Weihrauchs nicht entbehren - sie
möchten sonst zu nüchtern und zu schamlos nackt sein -«
    Herr von Schnauzl war etwas unruhig geworden. Er wusste nicht recht, wie er
diesen Herrn Doctor nehmen sollte ... Sollte er sich durch diese Art der
Gesprächsführung auch beleidigt fühlen und ... und die ganze Verhandlung
abbrechen? Grund genug dazu hatte er schliesslich erhalten durch die
höhnisch-moquante Art, mit welcher der Gegner seines Freundes sich aufspielte.
Aber er hatte ja noch nicht einmal die Forderung selbst normirt - und darum - -
    Adam hatte sich in den Sessel geworfen, der vor seinem Cylinder-Bureau
stand, und betrachtete sein schräges Gegenüber.
    Herr von Schnauzl machte ihm durchaus keinen sympatischen Eindruck. Das
ganze Wesen dieses würdigen Jünglings atmete eine gewisse Freude darüber, das
er auf der Welt war ... und dass diese Welt nun gezwungen wurde, ihn ernst zu
nehmen ... Von der Wichtigkeit seiner momentanen Mission schien der mittelgrosse,
wie durch eine unnatürliche Gliederverkürzung corpulent gewordene Herr ganz
ausserordentlich durchdrungen zu sein. Sein volles, möhrenrotes Gesicht hatte
etwas Verschobenes, Zusammengedrücktes, gleichsam versetzt Astmatisches,
zugleich etwas unbeholfen Böckisches, schnaufend Einhackendes, das eminent
komisch wirkte. Auf beiden Seiten der prachtvoll gewölbten Nasenkuppel zogen
sich abwärts zu dem gewöhnlich breiten Munde zwei markante Falten, wie
Pfützenrinnsale in Miniatur-Ausgabe. Das Kinn war ungefüg und schwulstig, die
Stirn schmal und niedrig, hökrig, mit Hitzblüten betupft, die Ohren auffallend
klein, das kurze, rötlich blonde Haar so elegant und peinlich correkt frisirt,
wie es bei seiner verschüchterten Spärlichkeit nur irgend möglich war. Hm!
Idealisirter Bierhuhn-Stil. -
    »Herr von Bodenburg fühlt sich durch eine Äusserung Ihrerseits, die Sie zwar
nicht direkt an ihn gerichtet haben, die er aber dem ganzen Zusammenhange nach
auf sich beziehen musste - also dadurch, dass Sie von dem Ersten Besten, sprachen,
in dessen Arme - ich glaube, so drückten Sie sich aus - -«
    »Ach ja! Ich erinnere mich ... Nun, - ich weiss schon - also wie gesagt -:
auf eine weitere, revocirende Erklärung lasse ich mich nicht ein. Des Kuriosums
halber: Herrn von Bodenburgs Forderung -?«
    Adam war ungeduldig geworden und aufgesprungen. Er hatte die Komödie mit
diesem dummen Jungen satt. Lächerlich! Im Nebenzimmer hörte er Hedwig hastig,
aufgeregt hin- und hergehen. Die Erwartung der Entscheidung ihres Schicksals
schien sie mit immer wachsender nervöser Unruhe zu erfüllen, je länger sich
diese Entscheidung hinausschob. In der nächsten halben Stunde stand er vor ihrem
Vater und hatte mit diesem eine ungleich ernstere und wichtigere
Auseinandersetzung zu bestehen. Was gingen ihn da diese Krautjunker an, die
nichts Anderes zu tun zu haben schienen, als sich in das erbärmlichste Zeug von
der Welt, in den conventionellsten Phrasenschnickschnack festzubeissen? Eine
Unverschämteit, ihr lächerliches Nichts hier vor ihm zu einer Haupt-und
Staatsaktion aufzublähen!
    »Die Forderung Herrn von Bodenburgs: also auf Pistolen - fünfzehn Schritt
Distance - zweimaliger Kugelwechsel - mit Zielen -«
    »So? Danke sehr! Im Uebrigen also teilen Sie Herrn von Bodenburg nur
gefälligst mit, dass ich seine Forderung nicht annehme -«
    »Nicht -?«
    »Nein -!«
    »Und darf ich fragen, aus welchem Grunde -?«
    »Aus welchem Grunde? Hören Sie 'mal, lieber Herr -: ich wäre wohl kaum
verpflichtet, Ihnen meine Gründe auseinanderzusetzen. Es würde uns auch zu lange
aufhalten, bin pressirt. Ich sage Ihnen nur, dass ich durchaus kein prinzipieller
Gegner des Duells, speciell der Pistolenmensur, bin - durchaus nicht! Aber ich
halte zunächst Herrn von Bodenburg in keiner Weise für den Menschen, der würdig
wäre, dass ich ihm mit der Waffe in der Hand gegenüberträte -«
    »Ich muss doch bitten Herr Doctor! Ich bin hier sein Vertreter ... gleichsam
in dieser Angelegenheit mit ihm identisch - und ich würde nun doch endlich
gezwungen sein mich selber als beleidigt zu betrachten, wenn - -«
    »Das sollte mir leid tun, Herr von ... Schnauzl - ich würde es aber nicht
ändern können. Uebrigens wenn Sie mit Ihrem Mandanten identisch sind - warum
kommt er denn da nicht selber zu mir? Wäre er vorhin anstatt zu Ihnen zu mir
gegangen, hätte er - na! da hätte er eben unsere liebe Emmy, den kleinen,
reizenden Zankapfel, bei mir antreffen können. Wir hätten dann jedenfalls sehr
bald Frieden geschlossen. Frauen entzweien zwar leicht und wohl in gewissen
Fällen auch nicht gerade ungern - haben aber doch auch wieder einen riesigen
Versöhnungstic ... Die Emmy war ganz ausser sich vor Aufregung ... Nun - und dann
-«
    »Ja! Ihre weiteren Gründe -?«
    »Ich lasse mich nur mit - verzeihen Sie! - nur mit Meinesgleichen ein -
Herrn von Bodenburg aber für Einen Meinesgleichen zu halten - ja! - es sträubt
sich Etwas in mir dagegen - ich glaube übrigens wirklich - ich kann's mir
wenigstens nicht anders erklären - Sie werden wohl besser orientirt sein -
kennen ihn ja näher - nicht? Ihr Herr Mandant kränkelt auch 'n Bissel am
modernen Grössenwahn -? Sich mit mir - na! - hören wir damit auf - nix für ungut,
Herr von Schnauzl - ja! - also - und dann ... dann schlage ich mich noch, wenn
ich die Ueberzeugung habe, dass ich für etwas Prinzipielles eintrete ...
eintreten muss. Kindische Lappalien indessen -«
    »Sie lehnen die Forderung also definitiv ab -?«
    »Ja! - Ausserdem gibt es noch einen Fall -«
    »So wollen Sie mir wenigstens bestätigen, dass ich Ihnen die Forderung Herrn
von Bodenburgs überbracht habe -«
    »Mit Vergnügen! Wünschen Sie eine schriftliche Erklärung -?«
    »Nein! Ich danke. Die mündliche Décharge genügt mir ... Ich empfehle mich!
Adieu!«
    »Ich habe die Ehre! Adieu! -«
    Adam trat zu Hedwig in's Schlafzimmer.
    »Und nun will ich mich fertig machen und zu Deinem Vater gehen, mein Lieb.
Verzeih die Verzögerung - die dumme Geschichte liess sich aber nicht fixer
abwickeln. Mein Gott! Was habe ich seit gestern Abend bis heute Mittag nicht
schon für Scenen erlebt! Das geht auf keine Bärenhaut. Und eine immer schöner
als die andere! Na! Nächstens werde ich meine Memoiren schreiben. 'S wird Zeit.
Aber der Hauptcoup kommt noch. Hm! Doch auch dieser Kelch wird sich wohl noch
austrinken lassen. Himmel, hast du keine Flinte! Mir ist doch immer noch nicht
wohler. Diese dummen, stechenden Hitzeschauer! Die Luders springen an Einem auf
und ab, als wäre man 'ne Kletterstange. Wie gefiel Dir übrigens der Herr von
Schnauzl? Eine unglaubliche Leineweberseele! Nee! So'n Trauerweiderich! Eh bien!
Unser'm Herrgott darf als Generallandwirt auch der zweibeinige Viehbestand
nicht fehlen ... Es wird Einem manchmal wirklich zu schwer gemacht, nach
Buddha's Recept Mitleid mit allem Erschaffenen zu haben -«
    »Und habe Nachsicht mit meinem armen, alten Vater, Adam! Er wird sehr
unglücklich sein ... Ach! Das hätte ich ihm doch nicht antun sollen ... Wenn Du
ihn nur noch - wenn er nur noch - o Gott! der Gedanke könnte mich wahnsinnig
machen, dass - - und diese Angst - diese furchtbare Angst -! Und bitte für mich
bei ihm, Adam -!«
    »Für Dich? Für uns, Hedwig! Am Meisten aber für mich. Denn ich habe ihm sein
Kind genommen. Und nun leb' wohl, mein Lieb! Wo hab' ich nur meine Handschuhe?
Du kannst unterdessen ganz ruhig hier bleiben - Du bist ganz ungenirt. Nimm Dir
'n Buch vor und liess 'n Bissel! Da Daudets Tartarin! Der drollige Kerl wird Dich
aufheitern. Ich komme sofort zu Dir zurück. Es wird sich schon Alles ordnen
lassen. Adieu -!«
    »Adieu, Adam! - Und - und - -«
    Die Beiden küssten sich. Hedwig wandte sich laut aufschluchzend ab. -
    Adam ging langsam die Treppen hinunter. Das Gehen wurde ihm schwer. Er
fühlte sich doch noch recht unbehaglich, so unruhig, schwül, wie
charpiezerzupft. Wie ein Träumender ging er langsam durch das Leben der Strasse.
Er konnte sich nicht in das Treiben der Dinge um ihn herum hineinfühlen. Alles
gurgelte hohl und dumpf an ihm vorüber, huschte und flirrte wie Schatten an ihm
vorbei. Eine dicke, unerklärliche, nur matt transparente Schicht trennte ihn von
Allem, was ihn umgab ... eine Schicht, die er fast physiologisch als eine
schwankende, gallertartige, milchweisse Substanz wahrnahm. Er war ganz auf sich
angewiesen, auf sich zurückgedrängt, in sich hineingeschoben. Das Alles, was da
vor ihm, neben ihm, hinter ihm geschah, hatte keine Beziehungen zu ihm, ging ihn
nichts an, das Alles verstand er nicht. Und nach einer halben Stunde ging er
wiederum sehr langsam die Treppe zu Irmers Wohnung hinauf. In seinen Schläfen
stach und zerrte es heftig. Nun stand er schwer atmend oben und hatte das
blanke, messinggelbe Namensschild vor sich und daneben den kleinen, weissen,
flachaus gehöhlten Porzellanknopf der elektrischen Klingel. Pfui! Wie der Kerl
mit seiner eingedrückten Glatze grinste! Adam stand vor der Entscheidung. Er
horchte einen Augenblick gespannt, ob er hinter dieser Tür verdächtige,
auffällige Geräuschzeichen wahrnähme. Es war Alles todtenstill. Das stimmte ihn
noch ernster, schwerer, machte ihn noch mutloser, erfüllte ihn mit bangen
Ahnungen, Erwartungen, quälenden Vermutungen, steigerte seine Unruhe und
Aufregung. Endlich raffte er sich auf und drückte mit forzirter Heftigkeit auf
diesen ekelhaften, kleinen, weissen, flach ausgehöhlten Porzellanknopf. Scharf
und schneidend, wie unerbittlich, schlug die Glocke an. Adam zuckte zusammen.
Dort die Treppenstufen, welche er noch, indem er sich die peinliche
Rechtfertigung ersparte, vor einer halben Minute hätte unbehelligt zurückgehen
dürfen - diese dummen, lächerrlich selbstverständlichen und neutralen
Treppenstufen waren ihm jetzt ein verbotenes Reich, das verboten blieb, so heiss
er es auch ersehnte ... Er dachte daran, wie er sich heute Nacht an der Seite
Hedwigs an diesem Geländer hinuntergetastet. Da waren sie dem Leben, der
Freiheit, dem Genuss entgegengegangen. Und nun stand er hier und stellte sich zur
Abrechnung mit dem Vater, dem er sein Kind genommen. Aber jetzt wurde eine Tür
zugeschlagen - Schritte schlürften heran - die innere Türklinke ging nieder -
 
                                      XV.
- Und die Tür tat sich auf. -
    »Herr Doctor Irmer zu sprechen?« fragte Adam das Mädchen mit halblauter,
stolpernder Stimme.
    Das Gefühl beherrschte ihn ganz, dass er im nächsten Augenblicke vor seinem
Richter stehen würde. Es war so altfränkisch, dieses anklagende, beängstigende
Gefühl, Adam empörte sich auch ganz gewaltig gegen das Rudiment aus seinen
Kindertagen, wie er es affektirt geringschätzig nannte, aber es war doch da, war
doch in ihm, es liess sich weder durch einen brutalen Gewaltakt des Willens noch
durch ein logisches Raisonnement hinwegdisputiren. Adam hatte alles
Selbstbewusstsein, alle Ueberlegenheit verloren. Er abstrahirte allerdings aus
der Erinnerung, dass er seine ganze Sicherheit wiedergewinnen würde, sobald er
erst mitten im Feuer stände und es zu starken Individualitätsreibungen gekommen
wäre - er hatte diese seelische Erscheinung so oft schon an sich erlebt. Nur das
Unklare, Ungewisse erregte ihn, wühlte ihn so auf, machte ihn so ängstlich und
furchtsam. Seine Phantasie trieb Alles auf, zog sogleich die letzten
Schlussfolgerungen, zeigte Alles von der unerträglichsten Seite, malte Schwarz in
Schwarz. Adam hatte auf dem Boden seiner Natur sehr bedeutende Neigungen für ein
beschauliches Künstlerleben. Ader früh war er in allerlei Missverhältnisse
geraten, die seinen anfangs ziemlich schwachen, nachher immermehr gewachsenen
Widerspruch herausgefordert. Wenn es irgend anging, lebte er mit der Welt am
Liebsten in Frieden, das heisst: hielt er sich diese feudale Welt zehn Schritt
vom Leibe -: um damit den erforderlichen, günstigen Beobachtungsstandpunkt zu
gewinnen, wie er sich mit liebenswürdiger Schalkhaftigkeit vorlog. Aber zugleich
war doch in seine Natur ein heftiger, fahriger, unruhiger,
widerspruchssüchtiger, bekehrungswütiger Zug gekommen, der ihn immer wieder
mitten in die Dinge hineinriss ... und mit der Zeit seiner ganzen Persönlichkeit
immermehr etwas Herausforderndes, abweisend Kritisches, Aetzendes gegeben hatte.
Ein gewisser Leichtsinn, dessen Keim Adam jedenfalls von seinem Vater ererbt;
eine behende Sorglosigkeit ermöglichten es ihm dann öfter, eine Weile
seelenvergnügt in Verhältnissen auszuhalten, die sehr unerquicklich und peinlich
werden mussten, wenn sie sich zuspjetzten. Adam war sich dieses unangenehmen Endes
auch klar bewusst. Seine Phantasie war ja sehr werklustig und
übertreibungskundig, sehr ausmalungsbeflissen. Aber er hielt es nicht der Mühe
für wert, Versuche zu machen, um jenes unangenehme Ende abzuwenden oder, war
das nicht möglich, wenigstens abzuschwächen. Er war nicht einmal im Stande, sich
auf widerwärtige fünfte Akte vorzubereiten, wenn sie durchaus unvermeidlich
waren. Er liess sie, öfter beinahe etwas wie Neugier und Gespannteit in der
Seele, getrost an sich herankommen. Dann fiel er ihnen zunächst zum Opfer, indem
er, unmittelbar vor ihnen stehend, heftig zurückschrak. Schliesslich wurde er
mitten in einen solchen fünften Akt hineingeschoben ... und machte sich's mit
der Zeit ganz bequem darin. Alle Widerstandskräfte wurden in ihm ausgelöst, er
hatte sich allentalben zu verantworten, zu verteidigen, er musste erklären und
aufklären - und tat das im vollen Bewusstsein seiner geistigen Fülle, Kraft und
Ueberlegenheit. Er sah ja immer tiefer und schärfer, fühlte stärker und klarer,
als alle die Kreaturen, die es für ihre Pflicht hielten, sich mit breitspuriger
Wichtigtuerei an ihm abzuwursteln. Er lachte auf die Zwerge herab, musste sich
aber ihren läppischen Resultaten fügen ... so oft fügen ... wenn er eben auch
die äussere Möglichkeit behalten wollte, ab und zu den Riesen zu spielen.
    Nun stand Adam wieder einmal, in gewisser Hinsicht ein »unsicherer
Kantonist«, vor einer Entscheidung. Sie war ihm überaus lästig und unbequem. Er
bebte vor ihr zurück. Wer konnte wissen, welche Folgen diese Auseinandersetzung
mit Hedwigs Vater für ihn haben würde! Wenn Alles sehr misslich für ihn ablief -
zu verwundern war's nicht. Gar nicht. Wenn er nur vorher wüsste, ob Irmer ihm
recht aufgebracht entgegentreten würde! Geschähe das - nun! dann würde er schon
zu antworten wissen. Explosionen liebte Adam. Sie erleichtern so ... und bleiben
in der Regel so hübsch in der ungefährlicheren Peripherie ... machen so oft den
Kern einer Sache - einer »Schuld«, die gesühnt; einer »Sünde«, die gerächt
werden soll - ganz vergessen. Explosionen sind sehr praktisch. -
    »Ich weiss nicht, ob der Herr Doctor -« begann das Mädchen zögernd,
beklommen. - Adam bemerkte unwillkürlich, dass sein Gegenüber recht bekümmert,
wie starkverweint um die Augen herum, aussah. Es hatte so gar keine deutlicheren
Farben im Gesicht.
    »Ist er sehr leidend -? Dann könnte ich ja - wenn auch - - es wäre mir doch
wichtig - -«
    »Ja! Der Herr Doctor ist sehr leidend - er liegt zu Bett - er hat sich
wieder hinlegen müssen - aber Sie kommen gewiss von wegen unseres Freileins - -«
    »Ja! Ja! Nun machen Sie doch! Führen Sie mich an sein Bett - oder - Hedwig
wartet - -«
    »Hed ... Mein Gott! Dann kommen Sie nur! Aber ich wills doch lieber dem
Herrn Doctor erst sagen - bitte treten Sie so lange ein -«
    Und nun stand Adam wieder in dem Zimmer, in welchem er gestern Abend so
Vieles erlebt hatte, was für ihn bedeutsam und entscheidend geworden war.
    Dort an dem Fenster - nein! es war doch eigentlich zu närrisch! - dort hatte
er sich seine ... seine Braut erobert. Es hatte ihn Mühe genug gekostet. Nun! Er
hatte ja seinen Lohn dahin. Er hatte erreicht, was er halb bewusst, halb unbewusst
gewollt hatte.
    Aber nein! Das konnte sich ja unmöglich Alles so ereignet haben, wie er da
glaubte - das wäre ja der pure, blanke Wahnsinn gewesen -!
    Quatsch! Seine Phantasie war wieder einmal mit ihm durchgegangen. Sie hatte
doch sonderbare Passionen, diese merkwürdige Phantasie! Manchmal wurde sie ganz
unheimlich. Diese Vexierspiele streiften schon an .... an - natürlich an
Verrückteit ...
    Adam strich sich mit der Hand über Augen und Stirn. Und doch - aber nein!
nein! Und noch zehntausendmal nein! Er wartete ja auf das gnädige Fräulein, dem
er einen conventionellen Besuch ... eine ganz formelle, gleichgültige Visite
machen wollte - na! die Prinzessin liess ein Wenig lange auf sich - auf sich ...
»warten« - nun könnte sie doch eigentlich ... nun könnte sie doch eigentlich
kommen! Was dachte sie sich denn? Er stahl doch wahrhaftig seine Zeit nicht -
    Adam fühlte sich arg beleidigt. Er wollte es ihr schon zu verstehen geben,
dieser - -
    Da öffnete sich die Tür und Doctor Irmer trat ins Zimmer, langsam, ganz
langsam. Es machte ihm sichtbar Mühe, die Tür hinter sich nachzuziehen.
    Adam starrte den Eintretenden wie eine rätselhafte, ganz unerklärliche
Erscheinung an. Was war denn das? Nun sollte er sich auf einmal zwischen Traum
und Leben entscheiden. Was sollte er denn für Leben, was für Traum halten?
    Unwillkürlich passte Adam Auge, und Intellekt mehr und mehr dem Phänomen, das
er da vor sich sah, an. Ob es nun Täuschung, ob es Wahrheit war - er kam
schliesslich doch so weit, dass er so ziemlich unverworren mit der Tatsache, die
sich ihm grell aufdrängte, die er sich aber doch noch nicht ganz zu eigen machen
konnte, rechnete
    Irmer hielt sich den um ihn herumschlotternden Schlafrock in der Bauchgegend
mit der linken Hand zusammen. Die ganze Gestalt war geknickt, gebrochen, überaus
hülflos. Der Kopf hing auf die Brust herab, wie von der Klammer eines
unwiderstehlichen Zwanges heruntergepresst. Das Gesicht war bleich und welk,
seine Furchen und Falten traten erschreckend scharf hervor. Das spärliche, mehr
wasserfarbene als graublonde Haar stand in ungeordneten Büscheln auf dem
Scheitel herum. Dazu müde, todte Augen und rotentzündete Lider.
    »Herr Doctor« - - begann Adam leise, stockend, ganz ratlos ... und trat
einen Schritt zur Seite.
    Irmer nickte nur schwer mit dem Kopfe, ein Nicken wie das eines
Blödsinnigen, der nicht wusste, was man von ihm wollte. Der schwerleidende Mann
schlich quer durch das Zimmer nach der Ecke hin, wo sein Schreibtisch stand.
Langsam liess er sich in seinen breiten, wackeligen Sessel fallen.
    »Sie kommen -« knüpfte er mit seiner müden, amorphen, hökrig-verschleierten
Windstimme an, nachdem er einige Male schwer, pfeifend geatmet hatte -
    »Ich komme, Herr Doctor, um Ihnen Nachricht von Ihrer Tochter zu bringen -
Hedwig ist bei mir - -«
    »Ist - bei - Ihnen - so! So -!«
    »Ja! Und nun verzeihen Sie uns, Herr Doctor - mir und meiner Braut -«
    »Ihrer - Braut! Hm! Ja! - Ja! - Mein armes Kind -«
    »Herr Doctor -!«
    Adam atmete wie von einem schweren Drucke befreit auf. Gott sei Dank! Nun
schien es doch zum offenen Kampfe kommen zu wollen. Da erhielt er ja unter
Umständen Gelegenheit, seine ganze Dialektik zu entfalten. Nur sich nicht so
wehrlos von halb verschwiegenen, halb angedeuteten Vorwürfen, von Anklagen, die
tropfenweise durchsickern, martern lassen müssen - -
    »Mein armes Kind! Sie haben es mir genommen - -«
    »Ja! Ich weiss es. Und ich nehme auch alle Schuld auf mich. Ich werde zu
sühnen versuchen, was ich verbrochen habe - wenn das, was ich getan, wirklich
ein Verbrechen war -«
    Adam war trotzig geworden. Das schleppte sich so langsam hin. Die Flamme
frass sich so widerstrebenden Zahnes, wie störrisch-gelangweilt, unter der
Oberfläche fort. Das war alles so neblig, so schleimig. Er musste seinen Gegner
durch eine Kühnheit, ja! durch eine - Unverschämteit herausfordern, wenn
Schwung und Stil in diese vage Abrechnung kommen sollte.
    Irmer hob seine linke Hand, die schielend und unbestimmt auf dem
Schreibtische gelegen, schwerfällig in die Höhe und liess sie schnell wieder
niederfallen, als besässe er keine Macht mehr über Muskel und Gelenk. Dazu
schüttelte er ein Wenig den Kopf, sagte aber weiter Nichts.
    »- 's scheint Ihnen nichts daran zu liegen, Herr Doctor, dass wir uns näher
aussprechen -« nahm Adam wieder das Wort, einen hochfahrenden Ton in der Stimme.
»Ich hatte allerdings erwartet, dass - nun! vielleicht ist es besser, wenn wir
einfach mit der vorliegenden Tatsache rechnen. Ich bin auch damit zufrieden.
Die Frage ist jetzt also die, ob Sie gestatten, dass Hedwig so lange zu Ihnen
zurückkehrt, bis ich in der Lage bin, sie als mein eheliches Weib ... - also ...
meinetwegen -: heimzuführen ... Das kann noch eine Weile dauern - darüber können
noch einige Monate hingehen - ich muss mir erst eine Situation schaffen, die mir
erlaubt - -«
    »Mein Kind! Mein Kind! Meine einzige Hoffnung - meinen einzigen Halt nehmen
Sie mir, Herr Doctor ... haben Sie mir genommen ... was soll ich nun noch hier?
Es ist ja Alles für mich vorbei - Alles wertlos geworden. Blut und Jugend sind
stärker gewesen, als alle meine Einflüsse ... als alle Erfahrungen und
Erkenntnisse, die ich Hedwig einzuflössen gesucht, durch die ich sie mit der Zeit
immermehr gefeit glaubte. Ich habe ja doppelt ... Doppeltes verloren. Ich mache
Ihnen keinen Vorwurf. In dieser langen, schlaflosen Leidensnacht, die ich hinter
mir habe - möge Ihnen das Schicksal solche Nächte ersparen, Herr Doctor! - in
dieser Nacht ist mir auch wieder so Manches eingefallen, was Sie gestern Abend
in unserem Gespräche geäussert ... da ist mir erst klar geworden, wie Sie
Verschiedenes eigentlich gemeint haben. Vieles wird so verständlicher. Was
zwischen Ihnen und meinem armen Kinde sonst noch vorgefallen ist - das mögen Sie
vor sich selber verantworten ... beide ... gegenseitig. Ich will wenigstens
versuchen, Herr Doctor, Ihnen zu vertrauen. Man urteilt ja immer nur aus der
Enge bestimmter, vorliegender Verhältnisse heraus. Wenn Hedwig von mir gehen
will - und sie hats ja bewiesen, dass sie 's kann - - ich muss mein Kind ziehen
lassen - ich habe nicht das Recht zu verlangen, dass es bei einer Ruine, die man
nur studiren, aber nicht anbeten soll, wie Sie gestern Abend sagten, Herr Doctor
- dass es da noch mehr verkümmern soll, als es vielleicht schon ist. Ich bin
heute Nacht, als ich ... beim Ausbruch des Gewitters ... nach meiner Tochter
rief - und sie nicht kam - und ich dann entdecken musste, dass sie mich verlassen
hatte - - - nachher dann - da habe ich - da kamen dann Stunden, wo ich um Vieles
wieder menschlicher geworden bin, wenn ich so sagen darf ... Auch mein Trost in
der Philosophie - meine Gewissheit, durch philosophisches Denken und Anschauen
erlöst zu sein, die Phänomene des Lebens überwunden zu haben, war wohl ein
schwerer Irrtum, eine furchtbare Illusion, eine grausame Selbsttäuschung ... Es
ist ja Alles nur Nervenanlage. Bion - Seneka - Spinoza - sie forderten - nichts
Unnatürliches von ihrem Organismus, wenn sie entsagen wollten ... sie waren
darauf gestimmt. Wir Modernen sind Stümper, Materialisten, Epikureer ... und wir
bleiben es, mögen wir uns nun drehen und wenden, wie wir wollen. Wenn wir in
späterem Alter auf Dieses und Jenes verzichten, so sind wir eben zu stumpf
geworden, um es noch begehren zu können. Das hat Alles seine natürlichen,
psychophysiologischen Gründe. Nun ich mein Kind verloren habe, bin ich ganz
wehrlos geworden für's Leben. Und wenn Hedwig auch wieder zu mir zurückkehrte -
- ich habe doch das Gefühl eines ungeheueren Risses, der durch unser Verhältnis
gegangen ist und der nicht zu heilen wäre. Um gegen Sie aufstehen zu können,
Herr Doctor ... um Ihnen leidenschaftlich zürnen - mit Ihnen um mein verlorenes
Kind kämpfen zu können - dazu bin ich zu müde und schwach geworden. Es ist
nichts mehr mit mir. Ich habe keine Kraft mehr in Leib und Seele - - höchstens
noch so viel, um diesem Jammer ein schnelles Ende machen zu können. Und so weit
bin ich heruntergekommen, dass ich es nicht einmal mehr aus Liebe zum Tode,
sondern nur aus Furcht vor dem Leben tun würde. Das schmerzt auch. Noch ein
anderer Grund kommt hinzu. Da ein Brief - ich soll - - aber das verliert ja dann
auch seine Berechtigung, wenn - - es ist ganz gut, Herr Doctor, dass Sie sich
Hedwigs annehmen ... Sie mögen sehen, wie Sie beide zusammen mit dem Leben
fertig werden ...«
    Irmer brach ab. Er hatte die letzten Sätze mit fast ganz unverständlich
gewordener Stimme gesprochen, nur noch mühsam aus sich heraussickern lassen.
Adam hatte mit aller Macht aufmerken müssen, um seinen ... Schwiegervater auch
nur einigermassen zu verstehen. Er war nun doch so etwas wie erschüttert und
ergriffen. Zugleich aber auch skandalös verstimmt. Hm! Hatte er denn nicht,
allerdings nur ganz im Stillen gehofft, dass es zu einem regelrechten Kampfe um
Hedwig zwischen diesem Manne da und ihm kommen würde? - Und hatte er nicht die
... die teuflische Absicht gehabt, in diesem Kampfe - freiwillig zu unterliegen?
Ja! Gewiss! Diese Absicht wäre teuflisch gewesen und ruchlos - warum auch nicht?
- wenn er sie verwirklicht hätte. Aber er hätte sich in seiner sehr gefährlichen
Situation kaum anders helfen können. »Liebte« er denn Hedwig? War ihr Besitz
denn eine »Lebensfrage« für ihn? Scheibenschiessen! Und nun war von einer
ehrlichen Auseinandersetzung keine Rede. Der Herr da verzichtete, er begnügte
sich mit einer Reihe sentimentaler Lamentationen und wehmütiger Betrachtungen -
und Adam sah sich durch die Zusammenknotung der Verhältnisse mit einem Male
gezwungen, das Leben von einer Seite ernst zu nehmen, mit der seine sublim
vibrende Natur bis dahin nur gespielt; über die sie nur gespöttelt; die sie nur
sehr aus der Entfernung herausgefordert hatte. Das war recht fatal. Aber
andrerseits war es doch unmöglich, dass er jetzt plötzlich zurückhalte, andere
Saiten aufzog und seinem liebenswürdigen, willfährigen Schwiegerpapa in
ausführlicher Rede zu Gemüte führte, dass es für beide Parteien wahrlich am
Besten wäre, wenn er auf die Ehre, eben sein Schwiegerpapa zu werden,
verzichtete - nicht? das war doch ganz unmöglich! Adam wurde dem alten,
hülflosen, gebrochenen Manne ernstlich gram. Er schalt ihn den ärgsten Egoisten
von der Welt. Denn wenn er nicht immer nur an sich und seine eigenen Schmerzen
dachte, musste er doch einsehen, dass eine Ehe ... und selbst nur eine auf längere
Dauer gemünzte »wilde Ehe« ... zwischen seiner Tochter und diesem
unzuverlässigen Weltkinde nach Allem, was dieses Weltkind mit naiver Offenheit
über sich ausgeplaudert und verraten hatte - wenn nicht eine direkte
Unmöglichkeit, so doch mindestens eine Verrückteit erster Güte sein würde ...
ein Stückchen unglaublich geschickt inscenirter Unnatur! Aber das begriff der
Mann nicht ... und Adam besass nicht den Mut, es ihm klarzumachen. So blieb ihm
vorläufig nichts weiter übrig, als in den sauern Hering zu beissen, der ja eine
ganz vortreffliche Katerspeise abgeben soll. Aber vielleicht wollte und wusste
das »Schicksal« doch noch eine andere Lösung dieses pikanten Problems. Es galt
sich in Geduld zu fassen ... und zunächst in der Maske des beschränkten
Biedermanns weiterzutragiren. Aber zugleich verspürte Adam trotzdem ein gewisses
Mitleid mit diesem Manne, dem er sein Kind genommen hatte ... ein Mitleid, das
ihm allerdings sehr unbequem war. Denn ob es ihm auch nur mit leichtem, losem
Geschnür die Gelenke umhing - es hemmte ihn doch, es destillirte ihm eine
peinliche Unsicherheit ab, es nötigte ihm eine tolpatschige Arroganz auf und
machte sein Auftreten halb frei und hochfahrend-zwanglos, halb eckig, verlegen
und beklommen.
    »So gestatten Sie denn, Herr Doctor, dass Hedwig - -«
    »Ja! Ja! Ich will mein Kind doch noch einmal wiedersehen, ehe - -«
    »Es wird noch Alles gut werden -« versuchte Adam lauen Herzens zu trösten
... und fuhr dann lauter, bestimmter fort: »Und nun geben Sie mir die Hand - und
lassen Sie mich die Ueberzeugung mitnehmen, dass Sie uns verziehen haben, Herr
Doctor ... Und nehmen Sie in diesem Sinne Ihr Kind, meine Braut ... unsere
Hedwig auf - Sie werden sehen: wenn ich erst der Dritte in Ihrem Bunde bin - das
wird ein neues, sonniges Leben geben! . Und wenn Sie dann noch durchaus
weitermachen wollen in Ihrer Entsagungsphilosophie - nun! dann helfe ich Ihnen
dabei nach bestem Wissen und Gewissen, Herr Doctor -«
    Adam lächelte. Er war zu Irmer hingetreten und streckte ihm, von heiss
aufquellender Sympatie übermannt, seine beiden Hände zum Abschiedsgrusse
entgegen. Langsam kam dieser mit den mageren, knochigen Fingern seiner rechten
Hand herbei: einen Augenblick lagen die Hände ineinander. Ein zahmer,
fleischloser Druck. Ueber Irmers dürre, furchige, rechte Backe lief flink wie
ein Mäuslein eine kleine kugelrunde Träne. - -
    Adam sagte sich, dass er sich nach diesem unerquicklichen Speech wohl einen
kleinen »Abschwiff« zur Aufbesserung seiner Stimmung gönnen dürfte. Hedwig
erwartete ihn zwar. Aber was verschlug's! Ob ihr eine Viertelstunde früher oder
später das bittersaure Chinin des Resultats eingelöffelt wurde - das war
schliesslich egal. Nein! Jetzt gleich die ganze Geschichte noch einmal von vorn
bis hinten durchzukauen - das konnte kein Mensch von ihm verlangen ... das war
entschieden grausamer, als neben einem Lastwagen hergehen müssen, der mit
schmunzelnder Behaglichkeit über holpriges Pflaster durch eine stille Strasse
knarrt ...
    Adam suchte absichtlich die prallbrütende Mittagssonne auf. Ach! Diese Glut
war so wohltuend! So ganz, so massiv, so angenehm prickelnd und discret
durchbratend dabei! Der Herr Doctor hatte sein nervöses Frösteln immer noch
nicht ganz überwunden.
    Schliesslich lief er in Café Cäsar ein. Er liess sich eine Flasche Sodawasser
und einen kleinen Cognac bringen und vertiefte sich in das leckere
Literaturgetändel des Gil Blas. -
    Und nun sass Adam wiederum auf der schreiend roten Damastcauseuse neben
seiner Hedwig und spielte mit den schlanken, weissen Fingern ihrer linken Hand.
    »Aber lange, Adam!« - hatte ihm Hedwig stockend und mit
ängstlich-vorwurfsvollem Blicke entgegengerufen, als er endlich zur Tür
hereingetreten war.
    »Lange? - Ach nee! Ich komme direkt von Papa -«
    »Und -?« Ein gepresstes Atmen. Sodann, leise, beklommen: »Und verzeiht er
mir, Adam -?«
    Der warf seinen Hut auf den nächsten Stuhl und setzte sich zu seiner Braut.
    »Natürlich, Kind! Und warum sollte er auch nicht? Papa ist vernünftig. Ich
habe ihm erklärt, wie Alles gekommen ist. Gott! Mir erscheint die ganze
Geschichte heute immens harmlos. Was haben wir denn weiter verbrochen! Ein paar
kleine ... nun! meinetwegen ein paar pikante Fakta, die man sonst erst nach der
Hochzeit zu erledigen pflegt - die haben wir schon in die Ouvertüre verlegt. -
c'est tout! Dein Papa ist Sprachphilosoph genug, um das Wesen einer Prolepsis zu
verstehen -«
    »Ja! . Aber - -« meinte Hedwig ängstlich -
    »Komm!« forderte Adam aus. »Ich will Dich hinbegleiten, Kind - Du bleibst
noch eine kleine Weile bei Papa - wir haben schon Alles geordnet - nachher
gründen wir uns ein eigenes Nest - nicht wahr? Ich werde schon einen tüchtigen
Baumeister abgeben - pass auf -!«
    Hedwig senkte den Kopf. Adam starrte gedankenabseits vor sich hin. Nun hob
das Weib das Gesicht zu seinem Geliebten auf ... und viel Hingebung, Sanftmut,
natürliche Unterordnung, guter Wille und viel zärtliches Flehen lag jetzt in den
Zügen dieses bleichen, schmalen Gesichts.
    Adam küsste sein Weib. -
    Und er geleitete Hedwig zu ihrer Wohnung. Sie standen vor der Haustür.
Hedwig zögerte. Sie fürchtete sich jetzt am hellen, leuchtenden Tage vor den
Räumen, die sie zum letzten Male in später, nächtiger Stunde betreten hätte. Und
nachher oben ihr Vater - das erste Sich-Gegenüberstehen - die ersten Worte - -
    Adam wurde ungeduldig. Er wusste ganz genau, was in Hedwig vorging. Aber
Alles drängte in ihm danach, endlich einmal frei aufzuatmen. Immer und ewig
Schleim und Leim und Angst, Kopfhängerei, Unsicherheit - zum Kuckuck - er hatte
genug! So wurde er mitleidslos, fast brutal.
    »Also adieu, mein Lieb! Und nun sei recht sanft zu Papa! Ich komme, wie
gesagt, heute Abend ... spätestens morgen früh. Wir wollen uns jetzt recht oft
sehen - nicht wahr -?«
    »Ja! .« Hedwig seufzte tief auf. Die beiden trennten sich endlich. -
    Als Adam die Strasse hinunterschritt, warf er, unbekümmert um die
verwunderten Gesichter der vorüberwandelnden Mittagsmenschen, seine Arme von
sich und prüfte seine Muskeln. Er reckte und dehnte sich nach allen Seiten,
knirschte sich gleichsam mit starkem körperlichem Wohlbehagen um seine eigene
Axe herum. Hei! das war eine Lust! Und dieses Freiherausschnaufendürfen aus
voller, tiefer Brust! Hei! das tat wohl! Noch einmal so nachdrücklich setzte
Adam seine Füsse auf das Pflaster. Unwillkürlich horchte er an sich hernieder.
Nein! Nein! Es klirrten da unten noch keine Ketten um seine Knöchel. Noch war er
frei. Und er wollte frei bleiben. -
    Er stand über Allen, die da an ihm vorübergingen. Er war nicht verpflichtet,
ein Opfer ihrer lächerlichen Subalternmoral zu werden ... Nein! Bei Gott nicht!
Er stand über Allen. Und darum, glaubte er, hätte er ein Recht zu seiner
Freiheit. -
 
                                      XVI.
Den Nachmittag über hielt sich Adam zu Hause. Es war ihm zu Sinn, als müsste er
einmal wieder recht tüchtig bei sich einkehren, auf sich zurückgehen, in sich
hineingehen, Vieles lichten und sichten, was in der Hochflut der letzten Tage
sich verdunkelt, verschoben und verwirrt hatte. Er klopfte nach Diesem und Jenem
bei sich an. Schmerzlich ergriff es ihn und erfüllte ihn zugleich mit einem
stillen Zorn, der sich gleichsam lautlos nach innen verblutete, als er so oft
keine Antwort erhielt. Da war er wieder, der ästetisch-metaphysische Schmerz
seines Lebens. Und doch geschah ihm eigentlich nur, was er verdiente. Alle
einfachen, grossen, stillen Trost- und Beruhigungsnadeln waren ihm abhanden
gekommen. Es war ihm unverständlich, wie es noch Kräfte geben sollte, welche
über die Alltagsmisère mit ihren kleinen, aber raffinirten Stacheln
hinwegtrösten konnten. Und er war ihr mit Haut und Haaren, mit Leib und Seele
verfallen, dieser dummen, tristen Alltagsmisère. Kleinlich und eng war sein
Denken und Tun geworden, von der Stunde bestimmt, für die Stunde gemünzt. Er
beschäftigte sich allerdings zuweilen mit Motiven, die ihrem inneren Werte und
Wesen nach hinausgingen über die einfältigen Grenzen des Augenblicks. Aber er
tat das eigentlich nur noch ganz mechanisch und ohne sich der weiteren
Geisteszonen bewusst zu werden, in welchen er dann ja atmete. Er zog eben die
Karre fort, die ihm einmal die Kombination der Verhältnisse und die Tendenzen
seiner Natur anvertraut oder aufgehalst hatten. Es war so viel rauchig graue
Abenddämmerung, so viel wasserfarbene Verstummheit in ihm.
    Sein Erlebnis mit Hedwig Irmer dünkte ihn ein abgeschmackter, insipider
Traum. Es zerrann ihm Alles so unter den Fingern. Das konnte ja nicht sein, das
war ja pure Einbildung. Und doch war er sich zugleich klar darüber, dass die
Komödie noch nicht ihr Ende erreicht hatte. Und er erwartete dieses Ende mit
einem gewissen kaltblütigen Trotz, während er jetzt mit einem merkwürdigen
Epikureismus in der Zwischenaktspause schwelgte. Das war auch so ein Zug seiner
Natur, der sich mit der Zeit herausgebildet. Unangenehme Lebenspillen
verschluckte Adam gern in Unterbrechungen. Schon die Tatsache einer solchen
Unterbrechung, schon die Möglichkeit, sie zu constatiren, hatte für ihn einen
gewissen Reiz.
    Er kramte Dies und Das aus sich heraus. Aber das lag Alles so todt vor ihm.
Da gab es nur noch mit dickem, gelbem Rost bedeckte, unfahrbar gewordene Geleise
zwischen den einzelnen Resultaten des inneren Lebens. In seiner Beziehung zur
Aussenwelt kam sich Adam ganz sonderbar verrenkt und verbogen vor. Unmögliche
Formenspiele, auffallende Farbenmischungen, bizarre Phantasie'n glühten langsam
in seinem Gehirne auf. dabei fühlte er zugleich eine träge, zähe innere Leere
und eine tiefverstimmende Unfruchtbarkeit Eine leise, prickelnde Unruhe zittere
durch seine Brust, eine nervöse Ungeduld, eine Unzufriedenheit, die zugleich
aufgehoben und vermehrt, genährt, gepflegt sein wollte. An Hedwig dachte Adam
mit immer wachsendem Widerwillen. Er stellte sich die Enge eines kleinen
Haushalts vor. Er schauderte zurück. Schliesslich, wenn es nicht anders ging,
wollte er doch lieber an ihrer Vergangenheit Anstoss nehmen. Es blieb ihm wohl
kein anderes Mittel übrig, sich dieser verhassten Kette zu entledigen.
Schmachvoll war's, aber er musste sich eben der Waffen bedienen, die er in Händen
hatte.
    Seine Beziehung zu Lydia war ihm eine exakte Tatsache, die er nüchtern und
kalt, höchstens mit einem kleinen Aufwand von Selbstironie, kritisirte. Ganz
gewiss! Er würde es unter Umständen fertig kriegen, Lydia frischweg zu heiraten.
Das würde überhaupt wohl das Ende ... und das gewiss sehr vernünftige und
wünschenswerte Ende von dem ganzen Liede sein. dabei brauchte er ja Emmy nicht
zu verlieren. Hm! Auf längere, intimere Gedanken an Emmy ertappte sich Adam
öfter. Da musste doch eine tiefe, nachhaltige Sympatie vorhanden sein, eine
geheimnisvolle Strömung elektrischen Seelenfluidums. Ihre Anhänglichkeit rührte
ihn und schmeichelte ihm. Er hätte sich übrigens ihretwegen schon einmal mit dem
ehrenwerten Ritter von Bodenburg schiessen können. Warum nicht? Na! Die Chose
war abgetan. Die grössere Bewegungsfähigkeit, die im Umgange mit Emmy gewahrt
blieb, sie war es wohl, die ihn vor Allem zu ihr hinzog. Und dann hatte sie sich
in der auszehrenden Luft, in der sie lebte ... in dieser Luft, die ihre Opfer
und Kreaturen mit der Zeit doch so grenzenlos berechnend stimmt, da hatte sie
sich im Grossen und Ganzen eine gewisse immerhin delikate Unabgegriffenheit,
Unmittelbarkeit, Schmelz und natürliche Gefühlsrhytmen zu erhalten gewusst.
Ueberdies war sie ein prächtig gebautes Weib, die köstliche Mitte zwischen Lydia
und Hedwig - und das war doch wahrhaftig nicht ihr geringster Vorzug. -
    Adam blätterte in einem Bündel von Papieren und Manuscripten, die er
mechanisch einem Schubfache seines Schreibtisches entnommen hatte. Er zerrte
einige lose Blätter heraus und begann, ohne besondere Absicht, gleichsam nur ein
Opfer seiner Augen, die zufällig keine andere Blickfläche fanden, zu lesen:
    »Ich bin bewegt, in tiefster Seele bewegt. Noch am späten Abend, da ich
schon frohlockt, dass sich das Auge dieses Tages schliessen will - dieses Tages,
der so inhaltslos, so todt, fahl und verkommen vor mir liegt; an dem ich fast
nur gewesen bin - am Ende dieser verlorenen Stunden erbebt und erzittert noch
einmal der Flutspiegel meiner Seele ... Und sie nimmt willig die Bilder auf,
meine Seele, und gestaltet sie aus, die sich über ihren Spiegel gebeugt ...
    Ich war in der lärmenden Welt draussen und habe gelebt, wie die Anderen ....
Ich war so gleichgültig, wie sie - oder auch so hingenommen, so beschäftigt,
ging so auf, wie sie, in den kleinen Tagesinteressen ... Ich habe wohl
allentalben über das Geschaute mancherlei Eigenes und unbestochen Identisches
mir zusammengedacht - aber ich irrte doch planlos und haltlos durch das
Labyrint der Zeitlichkeit, und wenig Spannung und Berührung fühlte ich mit den
Wesenskräften, mit dem Grundgranite des Daseins ... Ich hatte mich nicht gehen
lassen wollen - ich war nur noch unfest, schwankend gewesen, und die Stosskraft
der Versuchung hatte leichten Kauf mit mir gehabt. Ich war hineingewirbelt
worden ins Treiben. Ich war nicht mehr sehend und selbständig geblieben. Der
psychologische Vorgang ist ja durchsichtig genug. Aus physischen Bedingungen war
ich nachlässig oder unfähig - und so erfolgte auf die vereinheitlichende
Anspannung die Reaktion mit ihrer zerfasernden Zerstreuung. Das ist's eben, was
mich oft so namenlos traurig stimmt: gegen eingewurzelte Gewohnheiten und
Eigenheiten sind wir im Ganzen machtlos - wir stehen so gut wie waffenlos dem
Hochdrucke ihres Einflusses gegenüber. Und der Wechsel von Hoch und Nieder, von
Auf und Ab, ist so naturbedingt! Auch hier triumphirt das Fragment. -
    Aelter werden und mit den Jahren an Kraft und Ruhe und Mass wachsen, heisst
weiter nichts, als verzichten, sich beschränken, halb bewusst - halb
gewohnheitsmässig, physiologisch-bedingt unbewusst. Prahle Keiner mit seiner Ruhe
und Sicherheit. Ob nicht in den Tagen einer ungestümen Gährung der Blick doch
weiter trägt? Im Spiegel der Ewigkeit schrumpfen die Bilder der Zeitlichkeit
bedenklich zusammen. Das Genie der Jugend bedeutet ein längeres Senkblei, denn
das Talent des Alters.
    In dem psycho-physiologischen Gesetze von Wirkung und Gegenwirkung und in
dem fortdauernden Einflüsse unausrottbarer Wesenswurzeln, von denen Jeder ein
Rudel besitzt, liegen die Grenzen und Hemmnisse, vor denen alles Grössere und
Bedeutendere des Lebens zerbröckelt. Zu den unausrottbaren Wesenswurzeln aber
zähle ich den Zug zum Leichtsinn, von dem sich auch in das schwerste Gemüt eine
Unze hineingemischt hat. -
    Es ist nicht allzuschwer, alle Äusserungen des Lebens auf bestimmte einfache
Formeln zurückzuführen. Aber es gehört ein leichter, glücklicher Sinn dazu, sich
von der Fülle der Erscheinungen nicht immer wieder verblüffen, nicht immer
wieder entmutigen und entwaffnen zu lassen.
    Ich besiege ein Objekt, indem ich es fein säuberlich durchschaue, erkenne.
Erkennen ist nur Anerkennen - und umgekehrt. Es besiegt mich, dieses Objekt,
indem es auch auf mich weiter wirkt, nachdem ich es mir geistig unterworfen
habe. So bin ich Herr und Sklave zugleich. Das darf mich wurmen und freuen, denn
ich habe doch immer gesiegt, wenn auch gleichsam nur negativ. Aber vielleicht
sind darum die Schmerzen darüber, dass ich den Einfluss nicht nach meinem Ermessen
tilgen kann, nur um so heftigere ...
    Organismus ... System..: Alles gesetzmässig Entwickelte,
Zusammengeschlossene, Abgerundete hat grössere Lebenskräfte in sich, als das
Verzettelte, Aphoristische. Aber systematische Ordnung und innere Harmonie,
Schönheit organischen Zwanges und natürlicher Einheit sind nicht immer dasselbe.
Lücken werden stets aus dem Wesen aller Dinge heraus notwendige, gleichsam
wiederum negative Verknüpfungsglieder sein. Und ist nicht das erste Wesensmoment
der Harmonie auch gegeben in dem Zusammenströmen aller Tendenzen nach einem
Mittelpunkte? -
    Und wieder einmal bin ich tief bewegt. Heisse, jähe Schmerzen schiessen durch
meine Seele, und die Stacheln einer zähen Reue drücken sich tief, tief ein. Soll
ich das Leben anklagen? Soll ich mich schwankendes Rohr anklagen? Am Kleinen,
Kleinlichen und Gemeinen hafteten meine Augen, und ich liess in stiller
Ergebenheit unaufhörlich Tage um Tage jenen dünnen, seinen, grauen Staub auf
mich niederrieseln, den das blöde, monotone, im Banne des Augenblicks befangene
Alltagsleben aufscheucht, in gewaltigen Wogen durch die Lüfte bläst und schiebt
und über Alles sich ausstreuen lässt ... Wenige wehren sich dieses
einschläfernden Staubregens. Ganz lässt er sich überhaupt nicht fernhalten. Aber
in manchen Naturen lebt doch der Drang, einmal mit imposanter Zusammenraffung
aller Leidenschaften und Kräfte die Kruste von sich zu schütteln, um wieder eine
Weile in einer Sphäre verjüngter Seelenfreiheit, verjüngten Menschentums atmen
zu können. Wieder wird dieser Staub fallen ... da gibts kein Entrinnen - und
unangetastet bleibt Keiner der Sterblichen. Wieder wird er fallen, leise wird er
sich über die üppig wuchernde, strotzend blühende, mit satter Kraft
empordrängende Willens- und Sehnsuchtslandschaft deiner zürnenden, rebellirenden
Brust breiten - leise wird er sich dichten und häufen und ganz gemach wirst du
wieder eingereiht, lieber Spiessgesell und unfreiwilliger Spassgesell, in die
Riesenlegion der Alltagskinder, die da sich bücken und schicken und der Sterne
vergessen und aller gewaltigen Wunder im Himmel und auf Erden, deren inbrünstige
Beachtung und zärtliche Betrachtung sie emporrisse aus der Kleinheit und Enge
und inneren Gelähmteit ihrer Existenz .... Aber auch ich - auch ich lag im
harten Banne des Staubes, und matt schlug mein Herz, langsam kroch mein Blut - -
- - -«
    »- -langsam kroch mein Blut« sprach Adam leise nach und legte die Blätter
apatisch aus der Hand. »Das scheint doch öfter vorzukommen«, fuhr er fort -
»auch heute kriecht sotanes Blut wieder verflucht langsam. Es liegt so viel
Staub und Moder in allen Ecken und Winkeln herum ... und zugleich ist mir doch,
als wäre meine Bude 'mal ordentlich reine gemacht ... und keine Spur einer
stimmungsvollen Unordnung zurückgeblieben ... Teufel! Warum ist man auch ein so
unleidlicher Individualitätsfex geworden! Ich weiss ganz genau: ich leide an
versetztem Tatendrang. Ich finde die Sphäre nicht, in der allein ich wirken
könnte. Das ist mein tragisches Schicksal. Nun ja! - warum auch nicht? Meine
Augen sind zu sehr auf das Lesen nach innen gestimmt. Sie sind zu wenig zur
Entwickelung der Fähigkeit gekommen, sich der vorüberfliessenden Erscheinungswelt
in allen Lagen und Graden anzupassen. Mein kleines irdisches Unglück ist, dass
ich mich nicht in Beziehung zum Nicht-Ich, zur Aussenwelt fasse, sondern dieses
ominöse Nicht-Ich immer in Beziehung zu mir. Im Uebrigen bin ich 'n Mensch, der
zwar im Grossen und Ganzen weiss, was er will, aber es sehr oft sehr langweilig
findet, das zu wollen, was er weiss. Zu viel nebelhafte Zükünftelei rumort in
meiner Brust herum. Das macht mich der Gegenwart gegenüber müde, apatisch,
blasirt. Uebrigens ... wer bürgt mir denn dafür, dass die Atmosphäre, die ich mir
geschaffen, und in der ich mit einer gewissen souverän-aristokratischen Wollust
atme, nicht in letzter Hinsicht einer tiefeingewurzelten, durch Naturanlage
bedingten Scheu vor dem Leben ihr Dasein verdankt? Woher sonst die öfter
ausbrechende, krampfhafte Sucht, sich auf das Leben zu stürzen, es vampyrwütig
auszusaugen, auszukosten, zu brutalisiren? Und im Genuss, der allerdings
merkwürdig genug zuweilen ein sehr behaglicher, zu vollständigem Selbstvergessen
einlullender sein kann - im Genuss doch wiederum so oft auch dieser Ekel und
Abscheu ... oder diese bittere, tiefschmerzliche Freude, dass man eben auch zu
geniessen versteht, verstehen gelernt hat, wo alle Selbsterfüllung nur in
neutraler Entsagung bestehen sollte! Ach! Ewig karambolirt die
individual-ästetische Seite meiner Natur mit der sozial-etischen. Oder wäre es
nicht sozial-etisch im weitesten, tiefsten Zukunftssinne: ein Bekenner der
absoluten Philosophie, der Philosophie der Erlösung zu sein -? Und als solcher,
ein Glied in der socialen Verbandskette, nach rechts und links ein lobesames
Beispiel zu geben? Anderer Willenspotenzen zu glorreicher Nacheiferung zu
entzünden? Und doch! Gerade die Äusserungen meiner ästetischen Natur sind im
Grunde nicht minder sozial. Ich hatte einmal einen Reformatorentic in mir. Der
ist todt. Wenigstens meerschendheels todt. Nun möchte ich mich gern auf den
naiven Künstler hinausspielen. Ich wäre ganz vergnügt, wenn das so ginge.
Allerdings ... den Dichter in mir habe ich gründlich erwürgt. Donnerwetter! Da
fällt mir ein: habe ich nicht 'mal über dieses ulkige Motiv Etwas
zusammengeschmiert? Ich erinnere mich: damals war's mir bitter ernst um die
Sache. Heute - ich möchte das Geschreibsel doch 'mal wieder lesen - hm! -
Stimmung - Stimmung is zwar nich - aber eben:
Ich träufle gern des Wein's goldgelbe Tropfen
In rote Rosen, die auf Gräbern blüh'n -
    Holla! Ja! den Wein wird später Frau Lydia nachliefern - - wo stecken nur
die ominösen confessions d'un pauvre enfant ... enfant ... enfant ... d'un
pauvre enfant de la future -?«
    Endlich hatte Adam sie gefunden, diese »confessions« - und er las -:
                            Selbsttod des Dichters.
    »- Diese Stunde, da ich ausatmen will; da ich Alles von mir werfen will,
was mich an eine unzulängliche Welt bindet, an eine Welt voller Gemeinheit und
engster Bedingung - diese grosse Stunde schwillt an und wächst und dehnt sich zu
einer Ewigkeit. Noch einmal steigt Alles vor mir auf, was ich getan und was ich
nicht getan. Was ich nicht getan! das ist's! das ist's! Warum habe ich so
Vieles, so unzählbar Vieles nicht getan? Warum hatte ich es tun wollen? Es
drängt mich, einen Punkt zu finden, von dem aus ich hellstes, unverfälschtes
Licht empfange - der die verworrenen Zickzackwege, die ich im Suchen und
Schaffen gegangen bin, überstammt und harmonisch in sich gliedert. Oh! könnte
ich doch Alles in ein Wort zusammenfassen! Aber dieses eine Wort erinnerte mich,
selbst wenn ich es gefunden hätte, nur an eine unendliche Anzahl anderer Worte -
und so würde es mir als bedingtes Glied in der Kette keinen einzigen, letzten,
grossen, absoluten Trost geben. Die Harpyen der nackten Wirklichkeit, der
lebendigen Lebensverlockung, sitzen mir immer noch auf den Fersen. Ja! Und hier
finde ich den Mut und vor Allem, denke ich, das Wort, das mich erklärt und mich
erlöst!. Zu Vieles und zu Grosses - zu Gewaltiges und schrankenlos
Ueberirdisches, Uebermenschliches hab' ich gewollt und in tausend glorreichen
Visionen und Stimmungen geahnt und gedacht ... Aber dass mir die gemeine Welt
mein Fühlen und Nachfühlen und feinstes Hineinfühlen in das Getriebe der Ideen
plump verleiden musste, indem sie mich zu dem Drange des Handwerkers erzog: das
Übermenschliche, Unsagbare mit den kargen Elementen, mit den lächerrlich
notdürftigen Werkzeugen, die wir besitzen, festalten und bannen zu wollen! Oh!
Wie noch in dieser meiner letzten, meiner heiligsten Stunde der Stachel der
Weltreize in meine zusammenschauernde Seele sticht! Fassen das Unfassbare! Oh!
Ich hatte eine Furcht vor der Uebermittelung meiner reinsten Seelenkräfte an die
Strömungen freier, urgeborener Ideen! Ich hatte eine Furcht - denn die
Sclavenkette umschlotterte meine Füsse, wenn ich in die Bezirke trat, wo die
Freiheit atmete und mit kosmischen Reizen um mich warb. Durchschaut - so bis
auf Kern und Axe hatte ich alles Irdische, alles irdisch Lockende und Blendende,
Betäubende und Werbende durchschaut - und doch warf mich immer und immer wieder
der Drang - die Selbsttäuschung in die Arme einer brutalen Selbstentfremdung.
Wie habe ich - nun, da ich am Ende stehe, sehe ich Alles doppelt scharf und
doppelt deutlich! - wie habe ich von der ersten Stunde an, da ich die Flügel
meines Geistes zu lüften versuchte, mich einengen und umdrängen lassen müssen
von dem gemeinen, landläufigen, kalten, nüchternen Regelwerke der Welt! Nun da
ich frei wurde, schiebt die Vergangenheit ihre langen, tastenden Finger nach in
die Gegenwart - in die Zukunft, die ich mir darum vorentalten will. Ja! Ich
sterbe an der Fülle der Sünden, zu denen mich die Vergangenheit gezwungen hat. -
Und diese Sünden verdunkeln und verqualmen mir die Gegenwart, und ihr schwarzes
Nachtgewölk zieht mir nach in die Bezirke meiner Zukunft - zöge mir nach - ich
verspüre es an der Schwere meines Atems! - wollte ich mich eben sclavisch an
eine neue Zukunft verkaufen. Aber ich habe es satt, gründlich satt, dieses
Sichhinschleppen an dürren, nackten, morschen Spalieren. Ich habe es satt, immer
weiter den Hymnus mitzugröhlen, der das Fragment der bedingten Zeitlichkeit
apoteosirt! Den grossen, allmächtigen Ring schliessen! Schliessen! Soll meine
Seele weiter Nichts sein, denn ein Heerd, darauf die Flammen der durchschauten
Unzulänglichkeit tanzen? Soll das der höchste Triumph des bohrenden
Menschengeistes sein, dass er in letzter Instanz seine Unzurechnungsfähigkeit,
seine Unzusammenfassungsfähigkeit constatirt? Soll ich immer und immer wieder
auf dem dürren, ausgedienten Droschkengaule einer nüchternen, verrosteten Logik
an das Rätselwesen der letzten Dinge heranstolpern? Aber erkenne ich denn mehr,
wenn mich das schneeweisse Araberross der Intuition an die Schranken heranträgt?
Ist Intuition mehr, als der gleichsam entymematische Carrièreritt einer
überwundenen und darum zwanglos-reflectorisch sich betätigenden, also in
gewissem Sinne einer wiedergeborenen Logik -? Oh! Müde bin ich der steten
Selbstverblendung und Selbstentfremdung! Ein Tropfen reiner Aetererkenntniss -
und ein Ozean gemeiner, bedingter und bedingender Werkeltagsträumereien! Ich
erkenne, dass dieses Verhältnis ein unwürdiges ist. Und nicht duftet dieser
Wahrheitstropfen fein und süss, wie köstliches Rosenöl und befeuchtet die Zunge
meines Geistes wie Honigbalsam -: bitter vielmehr mundet er wie Chinin: denn
selbst zu den Gipfeln hinauf tönt das verworrene Geräusch des Marktgetriebes in
den Tälern ... Ich bin ein Wesen, das im Werden tiefste, bitterste Qual - das
nur im Sein Stille und Andacht und Sabbatsgenugtuung findet. Denkend betasten
darf ich wohl die Bundeslade des Seins. Aber nimmer soll ich sie schauen mit den
Augen meiner befriedigten, in sich wahrheitsgesättigten Seele ... Ich habe nicht
Lust, länger den irdischen Processhansl abzugeben. Das Spiel der Kräfte ist wohl
ein fürtreffliches Ding - aber manch' Einer findet es abgeschmackt, langweilig,
dieweil es nur seine Arme und seine Beine wünscht, die Himmelsflügel aber seines
Geistes zusammenschrumpfen und sich tatlos entfedern lässt. Kleinsein mit dem
Gewürm - und sich behagen am Farbenspiel des Regenbogens mit einem kleinen
Aufblick einer verschüchterten, verkümmerten Menschen seele: das ist der Lauf
der Welt. Ich aber habe den Drang und die stolze Sehnsucht, auf den
Brückenstufen dieses Regenbogens zu dem Reiche des ewiglich Unbedingten
emporzuklimmen. Dahin stürmen die Wünsche meiner Seele. Und ich ging auf den
Markt, und auf meine Freiheit war ich bedacht, indem ich mit dämonischer
Zärtlichkeit das Bewusstsein meines Gegensatzes grosssäugte. Oh! Ich
Culturbursche! Ich pflückte die Orangen der Sünde, wie die Anderen; ich spann
die feinen und groben Fäden der Lüge wie die Anderen; - und heimisch wurde ich
im Alphabet der Hinterlist und Gemeinheit, wie kein Zweiter. Und es ekelte mich
vor mir und ich ging in die Einsamkeit. Aber nachwirken spürte ich den Giftatem
der Welt - ich war gemünzt - und ich besudelte die keusche Majestät der
Einsamkeit. Ich ward ein tragischer Zwerg. Ich wollte mich über mich erheben,
indem ich mich vor mir erniedrigte. Aber der Markt der verbogenen, verlogenen
und befangenen Zeitlichkeit hatte schon das Brandmal in meine Schächerseele
gedrückt, das Brandmal, das da verriet: auch ich habe schon in seinem Solde
gesündigt. Und ein Zweites offenbarte mir die Einsamkeit mit zermalmender
Deutlichkeit: die grenzenlose Unzulänglichkeit meiner Kunst! Sprechen wollte ich
mit feurigen Zungen - und ich stammelte wie ein unmündiges Kind. Erheben wollte
ich mich auf den Flügeln der Morgenröte - und ich watschelte dahin, wie eine
fluglahme Ente. Selige Ahnungen, Offenbarungsträume schossen durch mein Hirn -
ein taumelnder Drang flutete empor - und ich krümmte mich ohnmächtig unter der
Befangenheit meiner Aeusserungskräfte. Zu gross für den Markt und zu klein für die
Einsamkeit - und doch auch wieder zu gross selbst für die Einsamkeit, deren
letzte Resultate ich intuitiv vorwegnehme - sie könnte mir schliesslich nur eine
Schaale kleinerer Mittelerkenntnisse zusammenhäufen! - dort verachtend, hier
verzweifelnd - dort sehend, hier blind - und doch zugleich auch sehend -
nüchtern und trunken in Einem: so schliesse ich ab, da sich in mir Alles
vollendet und beschlossen hat, was innerhalb dieser engen Bedingnisse sich
vollenden und beschliessen kann. Mit übermenschlichen Ahnungen ausgerüstet - im
letzten Lebensmomente noch einmal durchschüttelt von den Cyclonen einer Himmel
und Erde durchstürmenden Leidenschaft - - nun stiller schon und klarer - - nun
ganz geläutert - gehe ich dahin, wo ich sein werde, wenn ich nicht mehr bin ...
Noch einmal locken mich die Reize der Natur - aber ich erinnere mich, dass ich
schon verlernt habe, mich von ihrer nackten Keuschheit naiv rühren zu lassen -
ich dachte schon zu viel. Noch einmal locken mich Liebe und Schönheit.. Aber ich
erinnere mich, dass ich alle Liebeswonne gekostet habe und sie doch - vergessen
konnte - und Weibesschönheit dünkt mich nun so unwert, so niedrig, so reizlos.
Noch einmal lockt mich des Lebens ganzer Wirrwarr - aber ich erinnere mich, dass
mir das Auf und Nieder als solches niemals genügt hat - dass ich je und je nach
dem Endsinn gesucht - und da ich ihn nimmer gefunden, fortsuchen würde - ein
armer rätselgepeinigter Frager und Rufer und Taster. Nein! Nein! Das Schwimmen
hat keinen Sinn, wenn Einer sein Ziel, seine Landungsschwelle nicht weiss, nicht
kennt. Ich überlasse es lieber den Klüglingen, dieses Schwimmen - den
Klüglingen, die das Denken verlernt, und den Dümmlingen, die keines Zieles
bedürfen in ihrer geistigen Armut. Und nun reden sie noch vom Stolze und dem
Freimut und der Heiterkeit der Weisen, die Alles erkannt und durchschaut haben
und dennoch leben, weiterleben und weiterschreiten, der Stunde heiter
entgegenharrend, die sie von hinnen ruft. Ich frage Euch, ihr Weisen, was wartet
ihr auf diese Stunde? Wollt ihr dem grossen Enteignungsprocesse der Natur nicht
zuvorkommen? Ihr Kleingeister! Wer hat denn die Wahrheit dieses
Enteignungsprocesses gefunden? Eure Erkenntnis, welche die Natur überwunden hat.
Und Ihr habt den Zusammenhang erkannt - und wollt Euch dennoch dem klaren
Resultate entziehen? Soll ich das Feigheit nennen oder Selbstverblendung? Oh!
Ihr habt nichts Grosses erkannt, wenn Ihr behauptet: Nur im Werden erhelle sich
das Sein. Ich habe eine satte Angst und Bangniss um Euch: wenn das Stündlein
ruft, werdet Ihr noch nicht zu Ende sein mit Eurer kleinen Leidenschaft für das
Werden und Wachsen mit der Natur - sie wird Euch mit der Keule der anagkh aufs
Haupt schlagen, diese letzte, notwendige Stunde - Ihr aber werdet verdutzt und
verblüfft, Ihr werdet unfertig sein - und das Evangelium von der
Naturüberwindung durch das Naturbegreifen wird Euch nicht ganz erfüllen. Geht!
Ihr seid nicht vom Geschlechte der Starken und Freien - vom Geschlechte der Gott
- und Weltverächter! Ihr seid Schwächlinge, Ihr seid Memmen und Lügner. -
    Ich aber bin stark und frei, weil ich erkannt habe, dass ein Jeglicher sein
eigener Richter sein soll - und dass ein Jeglicher die grosse Pflicht hat, sich
das Todesurteil zu sprechen, wenn er die Erkenntnis empfangen hat! Ich habe
überwunden. Nicht schmerzlos. Aber ich ward wunschlos. -«
                                       *
                                      * *
    Adam lehnte sich zurück. Er fühlte sich doch merkwürdig ergriffen. Er
atmete tief auf. Mit herber, schneidender Wucht warf sich der Gegensatz
zwischen dem Einst und dem Jetzt auf ihn. Und nun schoss es durch seine Brust wie
ein brennender Strom von Wut und Scham vor sich. Ja! das waren
Lebensquintessenzen, an sich erfahrene, unwiderlegliche, in tiefstem Grunde alle
Werdenskräfte berücksichtigende Wahrheiten. Und es war ihm einmal so ernst
gewesen um diese Wahrheiten. Sie hatten ihn so ganz erfüllt. So ganz. In einer
grossen Stunde hatte er sie herausgeschüttelt und aufs Papier gefetzt mit dem
glühenden Entusiasmus des Triumphators, der überwunden hat, der wunschlos
geworden ist. Wunschlos! Wunschlos? Oh nein! Nicht wunschlos. Denn er hatte ja
weitergelebt. Er hatte es ja nach dieser gewaltigen Vereinheitlichung der
Erkenntnis doch vermocht, weiterzuleben. Und was heisst »weiterleben« anderes,
als Zeit, Lust, Gelegenheit finden, tausend neue Wünsche zu gebären und nach
ihrer Erfüllung zu trachten? Das hatte er getan. Und es war ihm auch gar nicht
so schwer geworden, das zu tun. Als die Begeisterung der Stunde vorüber, als
das Seherauge sich geschlossen, hatte ihn die klammernde Nesselwelt der kleinen
Alltagspflichten wieder eng und compromisslüstern gestimmt. Das »Verrat« an sich
zu nennen - nun! ein Schwärmer konnte sich diesen tauben, unfruchtbaren Luxus
wohl gestatten. War er aber ein Schwärmer? War er's geblieben? Kaum. Er war doch
in Vielem recht praktisch, recht positiv geworden. Er hatte doch wieder Gefallen
daran gefunden, tiefinnerste Genugtuung, von roten Frauenlippen reife Küsse zu
pflücken, Frauenreize mit vollendeter Virtuosität, mit feinster ästetischer
Differenzirteit zu geniessen. Nein! die Psalmen und Dityramben, die der grosse
Lyriker, der Frühling, zu singen wusste, sie tönten nicht wirkungslos an ihm
vorüber. Er verstand die einfach-üppige, massive Epik des Sommers ... und
schwelgte in den Elegie'n des Herbstes, deren transparente Faschingsbunteit ihn
entzückte. Mit der Sonne, der vollen, goldenen Sonne, war er nach und nach in
ein ganz leidliches Verhältnis gekommen. Er liebte ein gutes Glas Wein, eine
gute, mittelschwere Felix-Brasil-Cigarre, eine gute Virginia-Cigarette. Und ob
auch die brutale Welt der Objecte seiner Epidermis und dem, was dahinterstak,
manchmal recht impertinent mitspielte und zusetzte - Adam hatte sich fast so
Etwas wie Humor und kaustisches Behagen angeschafft. Er studirte sich mit
coquetter Selbstironie und kümmerte sich doch um das Elend der »Masse«, das sein
weiches Herz zeitweilig mächtig ergriff. Er klügelte pädagogische
Weltbeglückungssysteme aus, träumte von einem europäischen Staatenbunde,
studirte tapfer Sociologie, und hielt es der Mühe für wert, Broschüren über den
deutschen Gymnasiallehrer, dem er herzlich gram war ... er hatte den Kerl eben
gar sehr in der Nähe kennen gelernt ... und über das Proletariat des Geistes zu
schreiben. Er hielt es der Mühe für wert, sich immer leidenschaftlicher als
Germanen zu fühlen, die Poesie und historische Gewaltigkeit des deutschen
Kaisertums zu begreifen ... und den Juden glühender, immer glühender, wilder,
fanatischer zu hassen ... mit unschönem fressendem, persönlichem Hasse. Das
war's: Adam hatte sich eben weiterentwickelt, er war ein natürliches Opfer
seiner Fortentwicklung geworden. Einmal hatte er sich auf den Sternenpolstern
und in den Hängematten des Kosmos herumgeräkelt und ausgeflegelt. Einmal war
sein Seelenleben ein breiter, ungeteilter Strom gewesen, in dem sich das ganze
Universum gespiegelt. Da hatte er es leicht gehabt, zu erkennen und zu
durchschauen. Nun hatte sich nach dem natürlichen Gesetze der geistigen
Organspaltung sein Seelenleben differenzirt, und der grosse, breite, ungeteilte
Strom seines Inneren hatte sich in unzählige Flüsse und Flüsslein, Bäche und
Rinnsale zersplittert und aufgelöst, darin sich nur noch zerbrochene Teile und
Teilchen des Universums spiegeln und wiederfinden konnten. Wo einmal ein
einziges, grosses, gesammeltes Interesse geherrscht, das den Tod bedingen musste,
wenn es im rechten Augenblicke verstanden, ausgelöst und in die Tat umgesetzt
wurde, da herrschten jetzt tausend kleinere Sonderinteressen, die das Leben in
sich schlössen. Ja! Er musste leben. Er hatte den Tod versäumt. Er war zum Leben
verurteilt.
    Adam erhob sich. Das Bewusstsein, dass er nun leben musste, erfüllte ihn mit
schneidender Bitterkeit. Oder -? Aber nein! Jetzt war der Selbstmord, der
»Selbsttod«, kein Resultat mehr, kein entscheidender Gewinn - nur noch ein
Zufall, vielleicht gelegentlich die Folge einer zufälligen Nervenüberreizung.
Das war recht hausbacken und hatte so gar nichts Imposantes.
    Adam trat ans Fenster, öffnete weit die Flügel und lehnte sich über die
Brüstung. Weich und geschmeidig, einschmeichelnd strich die Frühlingsluft. Leise
begann es zu dämmern. Da unten auf der Strasse warf das Leben ... dieses Leben,
das es so unübertrefflich versteht, sich bei den Kreaturen der Erde als
intimster Hausfreund einzuquartiren ... noch grosse, breite, prunkende Blasen.
    Und Adam beschloss, sich von diesem Leben da unten auf der Strasse, zu welchem
er »verurteilt« war ... ja nun einmal unwiderruflich »verurteilt« war, auf
andere, gescheitere Gedanken bringen zu lassen.
    »Lost paradise« knurrte er vor sich hin, als er die Treppen hinunterschritt.
Er wollte auch Abendbrot essen. Und nachher natürlich - nicht zu Hedwig gehen. -
 
                                     XVII.
Am anderen Morgen erhielt Adam einen Brief von Hedwig. Irmers Mädchen hatte ihn
schon sehr früh in seiner Wohnung abgegeben. Hedwig schrieb:
    »Lieber Adam! Warum bist Du heute Abend nicht gekommen, wie Du versprochen
hattest? Ich habe Dich so sehnsüchtig erwartet. Bis gegen Zehn. Nun ist es fast
Elf. Ich bin ganz allein, Papa ist schon zu Bett - ich kann nicht anders: ich
muss Dir noch schreiben. Es ist mir so schwer, so schwer ums Herz. Bitte komme
morgen früh bestimmt. Ach Adam! Ich habe ja nur Dich noch - und wenn Du mich
verlässt, wäre es mein Tod. Aber nein! - nicht wahr? - Du bleibst Deiner Hedwig
gut? Papa ist sehr unglücklich. Das hätten wir doch nicht tun sollen. Er hat
mich freundlich aufgenommen, er weinte, als ich kam, und hat mir gar keine
Vorwürfe gemacht. Er hat aber den ganzen Nachmittag fast kein Wort weiter
gesprochen. Nur einen Brief hat er mir gezeigt, der heute früh angekommen war.
Es ist zu schrecklich. Mir will das Herz brechen, wenn ich daran denke, was für
Schreckliches uns bevorsteht. Ich bin immer noch zu aufgeregt, um Dir Alles in
klarem Zusammenhange mitteilen zu können. Vor Papa habe ich alle meine innere
Angst verbergen müssen, um ihn nicht noch trauriger zu machen. Papa hat nämlich
einmal - es ist schon mehrere Jahre her - für einen guten Bekannten, einen
Ingenieur, der kränklich war und auf den Rat seines Arztes ein Bad besuchen
sollte, aber keine eigenen Mittel dazu besass, für den hat Papa eine Bürgschaft
von 1000 Mark geleistet, die sich Ferdinand, so hiess der Ingenieur, von einem
ihm bekannten Bankier geliehen hatte. Papa war damals noch Universitätslehrer in
der Schweiz und uns ging es ganz gut. Ferdinand - ach! Adam - es wird mir so
schwer, Dir das zu schreiben, aber Du musst es doch einmal erfahren, war mein
Verlobter und ist der Vater meines Kindes, das bald nach seiner Geburt starb.
Verdamme mich nicht, Geliebter. Ich habe gefehlt, aber ich habe hart büssen
müssen dafür. Ich kann Dir jetzt nicht die ganze Tragödie schreiben. Ich bin zu
aufgeregt dazu. Ferdinand war damals im Bade. Dann kam der Bruch, der
unvermeidlich war. Ich will Dir das Alles mündlich noch mitteilen, wenn Du es
wissen willst. Später, bald nach meiner Niederkunft, sind wir hierher
übergesiedelt. Die Verhältnisse zwangen uns dazu. Papa war nicht beliebt bei
seinen Collegen, hatte keine Protektion und wurde nicht befördert. Und dann kam
mein Fehltritt hinzu. Nun erhielt Papa heute Morgen einen Brief von jenem
Bankier, der schrieb, dass Herr Pfeiffer, eben mein damaliger Bräutigam, nach
langem Siechtum kürzlich am Lungenschlage gestorben wäre, aber ohne dass er in
den vier Jahren, die seitdem verflossen wären, seine Schuld zurückgezahlt hätte.
Er hätte immer Geduld und Nachsicht mit dem Kranken gehabt, nun müsste er sich
aber an den Bürgen halten, was ihm wohl Keiner verdenken könnte. Aber wo soll
Papa das Geld hernehmen? Wir leben hauptsächlich nur von dem, was er und ich
verdienen. Unsere Verhältnisse sind, wie Du weisst, sehr beschränkt. Ich musste
Dir das mitteilen, damit Du weisst, woran Du bist. Es bleibt uns nichts weiter
übrig, wenn der Herr auf sein Recht besteht, als unsere paar Sachen zu
verkaufen. Es ist zu schrecklich. Was soll dann aus uns werden? Auch Du kannst
uns wohl nicht helfen, lieber Adam. Ich bin zu unglücklich und weiss nicht, wie
das drohende neue Unglück abgewendet werden soll. Aber nun gute Nacht,
Geliebter. Behalte lieb Deine arme Hedwig.
    Nachschrift. Papa ist auch sehr unglücklich, ganz gebrochen, er spricht fast
gar nicht und brütet nur immer vor sich hin. Wenn er sich nur kein Leid antut.
Das ertrüge ich nicht. Bitte komm morgen bestimmt, lieber Adam.«
    Adam faltete den Brief, der ihn kaum aufgeregt hatte, zusammen, steckte ihn
ruhig wieder in sein Couvert zurück und warf ihn in einen halboffenstehenden
Kasten seines Schreibschrankes Dann ging er nachdenklich in seinem Zimmer auf
und ab.
    Das war ja klar: Das Geld musste geschafft werden. Diese lumpigen tausend
Mark! So'n dummer, windiger Fetzen! Was? Wie mancher blaublütige Jüngling mochte
wohl seiner Mätresse ein monatliches - - Unsinn! - »monatliches« - ein
halbmonatliches, womöglich wöchentliches »Nadelgeld« von tausend Mark leisten!
Und an dieser pauvren Summe, an dieser tristen Bagatelle sollte die Existenz
einer Familie zerschellen - eben daran, dass sie nicht aufzubringen war? Nee! So
'was Lächerliches lebte nicht noch 'nmal! Uebrigens - das war also die ... die
sogenannte »Vergangenheit« dieser Dame? Wie harmlos! Sie hatte sich mit einem
Ingenieur eingelassen - und die Sache hatte sich auf dem seit Adam, dem
Paradiesler, nicht mehr ungewöhnlichen Wege zu der üblichen Fortsetzung
verstiegen - det war Allens. Irossartig!
    Wo lag da nur die Pointe? Das war so grenzenlos alltäglich, eine
langweilige, hebeammenhafte Spukgeschichte ohne weiteren Spiritus. Um
Gotteswillen! Einzelheiten - um keinen Preis der Welt! damit sollte sie ihn nur
verschonen! Nachher hatte sie sich dann ihm hingegeben - und er war auf sie auch
regelrecht »reingefallen« - d.h. hatte sich regelrecht mit ihr »verlobt« - hatte
ihr regelrecht die sogenannte »Ehe« versprochen - und - und - - - aber war denn
diese kleine, unscheinbare Hedwig wirklich etwas Anderes, als die fürtreffliche
Emmy, die aus der Sache allerdings so etwas wie ein »Geschäft« machte, aber doch
immerhin Liebe und Lust zu ihrem »Berufe« besass? Doch - das war ja vorläufig
alles Nebensache. Es kam zunächst nur darauf an, die paar Groschen in die Bude
zu schaffen. Aber wie? An wen sollte er sich wenden? fragte sich Adam. Bekannte,
die eines solchen »Opfers« fähig gewesen wären, besass er nicht. Zu seinen
Verwandten engerer und weiterer Kategorie hatte er auch so gut wie gar keine
Beziehungen mehr. Ha! Etwa Lydia? Nun! dieser Dame war es ja schliesslich ein
Leichtes, war es ja ein Kinderspiel, das Geld aufzubringen. Aber -: sich bei
Frau Lange darum bemühen - sie schriftlich oder womöglich gar mündlich darum zu
bitten - ging das an? Er hätte doch die ganze Situation correct
auseinandersetzen müssen und konnte unmöglich seine Beziehungen zu Hedwig
verschweigen dabei - diese Beziehungen eben, die er ja um jeden Preis abbrechen
wollte. Das war des Pudels Kern. Eine merkwürdige Wandlung ging zugleich in Adam
vor. Er bekam plötzlich einen ganz gehörigen Respect vor dem Gelde und seiner
Macht. Und als Gemahl Lydias - ei! da hatte er ja Wünschelrute und Waffe
zugleich in der Hand. Hm! In seinem sentimentalen, idealistischen Dusel hätte er
es schliesslich gar noch fertig gebracht, sich mit Hedwig auf einen gemeinsamen
Guerrillakrieg um die Brocken und Brosamen des klebrigen Kleinlebens
einzulassen. Es war ganz gut - und in gewissem Sinne zugleich auch sehr
tiefsinnig und symbolisch - dass durch sie selbst ein Moment in die Affäre
eingeführt wurde, das ihn stutzig machte, das im Stande war, ihn auf seine
wahren Vorteile hinzuweisen. Die lagen aber wahrhaftig nicht in einer Ehe mit
... eben mit einer Dame »von Vergangenheit«. Für diesen Adel musste er sich
bedanken, wenn er sein Glück im Auge haben und seine Zukunft bedenken wollte.
Uebrigens - die Idee war gar nicht so übel, war im Gegenteile ganz famos: er
verschafte Irmers das Geld und - kaufte sich damit los. Natürlich! So liess sich
die Geschichte dengeln - und Jeder machte seinen Profit dabei. Zudem waren ja
auch noch tiefere psychische Gründe vorhanden, aus welchen eine Ehe mit Hedwig
ein Experiment sehr problematischen Charakters war. Ergo! Warum sollten denn
diese »tieferen psychischen Gründe« nicht auch mitzusprechen haben? Man hatte
sie einmal ein Bissel ignorirt - eh bien! einmal darf man sich das schon
erlauben. Aber um so deutlicher nur fühlt und begreift man hinterher, dass jene
Gründe berechtigt sind und berücksichtigt werden müssen, wenn man keine
unfreiwilligen Karrikaturen in die Welt setzen will.
    Also er - Adam - besorgte die Loskaufungssilberlinge. So viel stand fest. Es
war nur die Frage: wie? Ja! Wie -?
    Aber eigentlich war es ja doch am Bequemsten, sich an Frau Lange zu wenden.
Am Bequemsten? Das allerdings gerade nicht. Allein was blieb ihm denn weiter
übrig, als dieses Experiment zu machen, wenn er von der Leimrute, auf der er
vorläufig wirklich verflucht festsass, überhaupt herunterwollte -? Doch nein! Das
war doch Unsinn. Hatte er Frau Lange gegenüber denn nur ein Fünkchen von Recht
zu dieser Bitte? Und dann -: wollte er seine Beziehungen zu Hedwig nicht
aufdecken, musste er es sich gefallen lassen, dass Lydia annahm, selbst wenn er
äusserlich noch so glaubwürdige Ausflüchte versuchte -: er selber sei der
eigentlich Bedürftige - und in diesem Lichte durfte er unter keiner Bedingung
vor ihr stehen, am Allerwenigsten, wenn er an seinen Hoffnungen, sie noch einmal
als seine - nun! eben als seine »Gattin« zu sehen, festielt - was ja in seiner
Absicht lag. Wie also aus der schweinemässig impertinenten Zwickmühle
herauskommen? Es war wieder 'nmal rein zum Verzweifeln. Donner und Doria! Jetzt
ging Adam ein Talglicht auf. Er wollte doch - jawohl! und jetzt stand's
unwiderruflich fest - er wollte doch die gnädige Frau um die Lumperei anrempeln.
Er wollte ein Märchen von einer Arbeiterfamilie, die am »Abgrunde ihres socialen
Verderbens stände« - die »ein Opfer unglücklichster Verhältnisse geworden wäre«
- und zweifellos »zu Grunde ginge«, wenn sich im letzten Augenblicke nicht noch
ein »Menschenfreund« ihrer annähme - also ein derartiges pikantes Märchen wollte
er erfinden - er konnte von seinem Talente zum Komödianten die exakte
Durchführung der Rolle ruhig erwarten - und vor Lydia als freiwilliger Advokat
der Armut auftreten -: erstens würde, calculirte der Herr Doctor, die Tatsache
der Not als solche ihr weiches Herz rühren und sie zum Herausrücken der Summe
bewegen - und tausend Mark waren wirklich nicht zu viel: es galt ja die Existenz
einer ganzen Familie neu zu begründen! - und dann musste er doch, wenn er sich so
als Anwalt des socialen Elends vor ihr gerirte, damit entschieden Eindruck auf
sie machen - das war klar. Ergo - los denn! 'rin ins Verjniegen! -
    Einen Augenblick dachte Adam noch an Herrn Quöck. Aber nein! Dieser Mensch,
der also mit der Couponscheere auf die Welt gekommen war, besass kein Verständnis
für das Unglück Anderer. Wohl möglich, dass Herr Quöck ihm, Adam, aus
persönlicher Gewogenheit die Summe lieh - aber der brave Mann blieb trotzdem der
Herr Vetter von der Frau Lydia - und wer weiss! - - es ist jedenfalls immer
besser, immer praktischer und in der Regel auch bequemer, mit dem Egoismus und
den ordinärsten Lebensinstinkten seiner »Nächsten« lieber etwas zu viel, als zu
wenig zu rechnen. Ohne Andeutungen Frau Lange gegenüber würde es bei Herrn Quöck
doch nicht abgehen. Andeutungen jedoch - na! was da unter Umständen für ein
edler Brei herauskommen kann, wenn man sotane »Andeutungen« sich selber überlässt
-: Adam hatte das etzliche Male auf sehr kitzliche Art erfahren müssen in seinem
Leben und an seiner höchsteigenen Person dazu. Also Vorsicht! Eines Tages,
darauf musste er sich gefasst machen, fand er sonst seinen Weg zu Lydia in einen
rechtschaffenen Nesselacker verwandelt - und für die Posaunenengel seiner
Hoffnungen und Erwartungen konnte er dann nur getrost ein halbes Dutzend
tüchtiger, dauerhafter Särge bestellen, die auf den Läute-Apparat für den Fall
eines Scheintodes aus bestem Wissen und Gewissen verzichten durften ... Das
Märchen vom kaltgewordenen Ofen, vom zerbrochenen Uhrweiser, von den
abgespielten Skatkarten ... Die Pointe blieb halt überall dieselbe.
    Nun - dann also auf zum Tournier mit Lydia! Noch einmal schrak Adam auf das
Heftigste zurück. Er glaubte sein zähes Festalten an dem Gedanken, dass gerade
er das Geld für Irmers zu beschaffen hätte, schon als idée fixe ansehen zu
müssen. Eigentlich ging ihn das Alles ja gar Nichts an. Was mischte er sich da
in fremder Leute Angelegenheiten -? Warum war er nur so erpicht darauf, sich die
Finger zu verbrennen -? Und doch! Es rumorte wirklich schon zu toll in ihm herum
- es wucherte in ihm und wuchtete sich auf ihn, es frass sich immer fester bei
ihm ein -: er musste vor Lydia - und eben gerade vor Lydia - ein so delikates
Motiv wie das vorliegende es war, - Geldgeschichten sind ja immer »delikat«! -
endlich einmal aufs Tapet bringen -: das ging ohnedem gar nicht mehr ab, das war
nun schon zur innersten Notwendigkeit geworden. Im erotischen und im pekuniären
Problem -: in beiden hanget ja das ganze Gesetz, und die p.p. ehrenwerten
Herren Propheten »hangen« dazu in diesem erhabenen Dualismus ... Und
schliesslich: kam bei seinem Dukatenspeech mit Donna Lydia etwas »Positives«
wirklich nicht heraus -: zu einer psychologischen Studie pikantester Natur würde
die Scene am Ende doch auswachsen ... und an »psychologischen Studien« kann ein
junger Mann, der's Leben erst noch kennen lernen will, gar nicht genug machen.
»Psychologische Studien« sind bekanntlich furchtbar lehrreich. Und so'n feudaler
Kerl, wie Adam Mensch also einer war - na! in dieser Beziehung gab es auch für
ihn noch Manches zu probieren. Adam Mensch war in der Wurzel seines Wesens sehr
bescheiden. Er hielt ziemlich Wenig von sich, zuckte oft in ehrbarster
Geringschätzung die Achseln über sich. Aber darum dachte er zeitweilig eben nur
um so geringer von den Anderen. Hatte er etwa kein Recht dazu? -
 
                                     XVIII.
Kurz nach drei Uhr, also nicht zu der üblichen Besuchsstunde, liess sich Adam bei
Frau Lange melden. -
    Es war ihm während des Essens und besonders während einer kurzen Promenade
durch den Stadtpark, den er von seinen Spaziergängen mit Emmy her sehr lieb
gewonnen hatte, unerträglich klar geworden, dass das Verlobungsproject mit Lydia
eine wahnsinnig groteske Ungeheuerlichkeit bedeutete - eine Ungeheuerlichkeit,
die sich vielleicht heraufbeschwören, vielleicht sogar unmittelbar in Scene
setzen liess, die aber herauszufordern er heute nicht die mindeste Stimmung und
nicht den mindesten Mut besass. Dagegen fühlte er den Mut in sich, wenigstens
momentan, dagegen reizte es ihn wirklich immer mehr, Frau Lange direkt zu
bitten, ihm die lumpigen tausend Mark zu leihen. Das war doch in der Tat - Adam
sagte es sich immer wieder - so etwas wie eine social-psychologische Studie, so
etwas wie ein social-etisches Experiment. Er trat eben als »Anwalt der Armut«
auf und klopfte an die Pforten des Reichtums mit der Bitte um Hülfe - mit
dieser Bitte, zu welchen die bedrängte Armut eine heilige Berechtigung, eine
heilige Verpflichtung besitzt. Auf eine mehr oder weniger interessante,
jedenfalls nicht ganz alltägliche und nicht ganz pointenlose Scene durfte sich
Adam überdies gefasst machen. Ah! Lydia würde zuerst verblüfft sein. Und dann?
Das war eben die Frage. Doch diese Frage musste ja sofort ihre Beantwortung
finden.
    Adam wurde in das Cabinet Frau Lange's geführt. Er möchte einen Augenblick
verzeihen, die gnädige Frau käme sogleich, bedeutete ihm das Mädchen und
verschwand wieder.
    Adam sah sich um. Da stand er also wieder einmal auf der Wahlstatt, auf der
er neulich so bedeutungsvolle Stunden durchlebt hatte. Aber heute - wie war
heute Alles so glanzlos und nüchtern! dabei überall ein Ton der Unordnung, ein
Accent der Verkramteit. Jene einschmeichelnde, anheimelnde Demi-jour-Stimmung,
die ihn neulich so unwiderstehlich bestrickt hatte, und die er noch so klar in
der Erinnerung bewahrte, war nicht mehr mit dem dünnsten Haarstrichlein
angedeutet. Und doch stiegen ihm wie leichte Schaumbläschen allerlei
Erinnerungen auf. Er dachte daran, dass damals in dem Fauteuil dort Lydia
gesessen ... dass er, ganz im Joche seiner emporgeschäumten Stimmung, vor ihr
gekniet, ihr schluchzend seine Liebe zugestammelt - dass er - - aber das war ja
Alles glücklich vorüber, die Augenblicksextase dünkte ihn jetzt unbegreiflich
und über alle Begriffe abgeschmackt - die gnädige Frau wollte ja auch abreisen -
er würde also vorläufig keine Gelegenheit wieder bekommen, diese Räume zu
betreten ... und allen sentimentalen Erinnerungsanwandlungen wurde damit Gott
sei Dank! jedwede neue Nahrung entzogen.
    Endlich trat Lydia ein. Sie sah ein ganz klein Wenig derangirt aus, ihr
Gesicht war ungleich gerötet, wie das eines Menschen, der sich öfter und
andauernd gebückt hat. Ihre freundlichen Züge schienen Adam etwas gemacht und
gezwungen.
    »Verzeihen Sie, Herr Doctor, dass ich Sie so lange warten liess - aber ich bin
eben dabei zu packen - morgen früh will ich endlich auffliegen - meine Abreise
hat sich schon um einige Tage verzögert - aber bitte, nehmen Sie wieder Platz -
ich freue mich doch, Sie noch einmal bei mir zu sehen ... Wie geht es Ihnen -?«
    »Ich bitte um Verzeihung, gnädige Frau, dass ich zu so ungelegener Stunde -
aber ich wusste auch nicht, dass - - ich will mich auch nicht lange aufhalten -
nur - -«
    »Bitte, bitte, Herr Doctor! . Sie wissen ja, Sie sind mir immer willkommen
... Uebrigens, wenn Sie das tröstet: ich - ich erwartete eigentlich Ihren Besuch
- ich nahm ihn als selbstverständlich an, nachdem Sie mir das letzte Mal, wo wir
uns sahen - -«
    »Ja! Ich versprach Ihnen zu kommen, gnädige Frau - Sie sehen: ich habe mein
Wort gehalten, wenn auch - -«
    »Wenn auch -?«
    Adam schwieg eine kleine Weile und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Er
war da in ein zweideutiges Fahrwasser geraten. So ging das Spiel nicht weiter.
Er trieb einem Ziele zu, das ihn jetzt nicht im Geringsten reizte. Oder doch?
Dünkte ihn diese Frau noch immer begehrenswert? Sie schien auf etwas
anzuspielen, das zwischen ihnen einmal mehr oder weniger deutlich zur Sprache
gekommen war. Vielleicht legte sie der ganzen Geschichte doch mehr Wert und
Bedeutung bei. Vielleicht war sie doch tiefer engagirt. Nun! das konnte ihm ja
nur schmeichelhaft sein. Und augenblicklich war es ihm gewiss auch nur günstig,
wenn diese Dame, die ihm einen Dienst leisten sollte, stärkere Sympatien für
ihn hegte.
    Adam wurde ganz ruhig und sicher. Mit klarer Stimme begann er: »Ich bin
gekommen, gnädige Frau, Sie um eine Gefälligkeit zu bitten -«
    »Und die wäre -?« fragte Lydia, neugierig und erstaunt zugleich. So redet
doch kein Mann, der um eine Frau ... um eine Frau, die er ... die er - liebt - -
-
    Nun wollten die Worte dem Herrn Doctor doch nicht so glatt über die Lippen
schlüpfen. Er zauderte, er hustete verlegen, er atmete kurz, gepresst, eine
Reihe von Wendungen und Fassungen schwirrte ihm durch den Kopf, er prüfte sie
mechanisch, indem er sie sich leise objectivirte, er konnte sich nicht
entscheiden, er war nicht im Stande, die prägnanteste Fassung herauszufinden.
Schliesslich stotterte er halblaut, nur einige Silben durch eine unnatürliche
Betonung scharf heraushebend: »Es ist mir doch peinlich, gnädige Frau - ich weiss
nicht, wie Sie meine Bitte auffassen werden - -«
    »Schiessen Sie doch nur los, Herr Doctor - wir werden ja sehen - wenn ich
irgend im Stande bin - -«
    Adam erinnerte sich plötzlich, dass er im Namen der Armut um die Hülfe des
Reichtums werben sollte, dass er dazu eine heilige Berechtigung besässe - er
wusste, dass nur das tiefeingewurzelte Bewusstsein von dem Egoismus, der
Engherzigkeit und Kleinlichkeit der Menschen, mit denen er allentalben, sein
ganzes Leben hindurch, hatte rechnen müssen, ihn auch hier mutlos und verlegen
gemacht - aber es kam ja schliesslich nur auf den Versuch an, es handelte sich ja
schliesslich nur um ein »social-etisches Experiment«, um eine »psychologische
Studie«, um Nichts, um gar Nichts weiter - und er gewann bei nahe den kühlen
Ernst, die souveräne Sicherheit des Forschers wieder.
    »Sie ermutigen mich, gnädige Frau - also denn ohne Umschweife herausgesagt
-: ich brauche tausend Mark - können Sie - können Sie mir die Kleinigkeit leihen
-?«
    Auf diese sehr materielle Wendung des Gesprächs war Lydia allerdings nicht
gefasst gewesen. Feinere Naturen fühlen sich durch eine brutale, noch dazu
unvorbereitete Berührung von Geldfragen immer compromittirt. Dass aus einer
etwaigen Verbindung zwischen ihr und Adam, der, wie sie wusste, so etwas wie ein
»armer Teufel« war, letzterem allerlei sehr reale, sehr realistische Vorteile
erwachsen würden: daran hatte sie natürlich schon gedacht - und der Gedanke
hatte sie auch nicht weiter genirt, er hatte ihr im Gegenteil eine gewisse
Befriedigung und einen gewissen Stolz eingeflösst. Im Uebrigen war sie zu eitel,
um nicht zu glauben, dass sie selbst ihres Besitzes und ihrer Stellung in der
Gesellschaft entkleidet, Wert und starke Anziehungskraft genug für Adam besässe.
Das waren Prämissen, über welche man getrost schweigen, die man getrost
unerörtert lassen konnte, denn sie waren eben allzu selbstverständlich.
    Und nun rückte Adam plötzlich unvermutet mit einem Motive heraus, das an
greller Betonung des Materiellen nichts zu wünschen übrig liess.
    Lydia war sehr betroffen. Was sollte sie erwidern? Mechanisch schloss sie,
dass Adam sich jedenfalls in einer sehr prekären Situation befand. Er hatte gewiss
Schulden contrahirt, die bezahlt sein wollten, er hatte Verpflichtungen
übernommen, die er einlösen musste. Und er wandte sich an sie, weil er
anderweitig - - ja! - mein Gott! - standen ihm denn keine anderen Wege offen,
besass er keine anderen Mittel - oder waren alle Quellen schon erschöpft -? War
sie seine letzte Hoffnung -?
    Mitleid, starkes, verstehendes Mitleid quoll in ihr auf. Und doch hatte sie
zugleich das Gefühl, als wäre sie von etwas unangenehm Klebrigem, Schmutzigem
berührt worden. Die Lage des Herrn Doctor war sicher überaus prosaisch. Und
Lydia verspürte einen kleinen Hang zur Romantik in sich. Das passte so gar nicht
zusammen, ihr Hang und nackte Bedürfnisshaftigkeit Adams.
    »Sie setzen mich in Erstaunen, Herr Doctor -« sagte sie endlich, unsicher
und stockend - »ich hatte nicht erwartet, dass - -«
    »Das war allerdings vorauszusetzen, gnädige Frau - verzeihen Sie, bitte noch
einmal, meine Kühnheit, doch die Not - -«
    »Geht es Ihnen so schlecht -?« unterbrach Lydia, jetzt von ehrlichster,
schnell ausbrechender, aufs Helfen gestimmter Teilnahme ergriffen.
    »Mir -? Mir -? Ah so! . Hm! Verstehe schon« bemerkte Adam mit feinem,
ironischem Lächeln - »Sie haben mich nicht ausreden lassen, gnädige Frau - Ihr
gutes Herz ging mit Ihnen durch - also ich wollte ... wollte nicht von meiner
Not, sondern von der Notwendigkeit sprechen, die mich zwingt - -«
    »Ist das nicht dasselbe?« fragte Lydia, ein Wenig pikirt ...
    »Pardon! Ich glaube kaum ... die Sache ist nämlich ausserdem noch die, dass
ich das Geld nicht für mich brauche, sondern - -«
    »Ah! ... Aber für wen dann, wenn ich fragen darf -?«
    »Lassen Sie das, bitte, mein Geheimnis bleiben, gnädige Frau -«
    »Wie Sie wollen, Herr Doctor ... doch muss ich Ihnen nun bemerken, dass damit
die Sache auch aufgehört hat, mich zu interessiren. Ihnen - Ihnen persönlich
hätte ich vielleicht - ja! sicher geholfen, denn Sie sind - sind mir - - doch
das - das gehört nicht hierher - - für Menschen dagegen, die mir vollkommen
fremd und unbekannt sind, habe ich kein so starkes Interesse, dass ich für sie
Opfer bringen könnte ... Meine ehrliche Meinung, Herr Doctor -!«
    Lydia hatte sich von dem Stuhle, auf dem sie seit dem Beginn des Gesprächs
gesessen, erhoben und war an ihren Schreibtisch getreten. Sie stand da, den Kopf
ein Wenig geneigt, die volle, elegante Büste prachtvoll zum Ausdruck gebracht.
Sie hatte ein kleines, gläsernes Lineal ergriffen, mit welchem sie auf einem
Briefbeschwerer herumtrommelte.
    »So -!« sagte Adam kalt und herb und erhob sich ebenfalls. »Gnädige Frau
scheinen allerdings sehr merkwürdige moralische Prinzipien zu haben -«
    »Wieso -?« Lydia schnellte herum und hielt Adam mit grossen, funkelnden Augen
fest.
    »Wieso -? Na! mein Gott, das ist doch einleuchtend! Wenn Sie so subjektiv,
so willkürlich sind in der Ausübung Ihrer Menschenpflicht, so möchte ich beinahe
glauben - verzeihen Sie gütigst meine Keckheit! - dass Sie überhaupt gar nicht
wissen, was eigentlich - -«
    »Herr Doctor -!«
    »Gnädige Frau -?«
    »Sie scheinen gewisse ... unartige Gewohnheiten nicht loswerden zu können
... Schon damals - Sie werden sich erinnern - -«
    In Adam schoss es in die Höhe. Es kreisste und gährte und quoll in ihm, er
wusste, dass sie heranzog, dass sie kam, vor der er sich nicht retten, der er nicht
entrinnen konnte, wenn sie die Arme nach ihm ausstreckte, sie zerrte immer
heftiger an ihm, die heisse, erstickende Wut, sie zog das Blut aus seinem
Gesicht, er wurde bleich, seine Glieder flogen, er zitterte am ganzen Leibe, er
musste sich an den Tisch klammern, um sich aufrecht zu erhalten, er klammerte
sich immer fester, er wusste: - wenn er losliess - wenn er losliess, würde ihn der
Katarakt seiner Wut auf dieses Weib peitschen, würde er sich auf dieses Weib,
das ihn beleidigt, das ihn mit seiner vagen, erbärmlichen Andeutung, seinem
kleinlichen Vorwurf zu Tode gekränkt hatte - er würde sich auf diese Kreatur -
was war sie denn ihm gegenüber? was denn? - stürzen müssen, um sie zu - ja! zu
erwürgen - und davor - o Gott! davor bebte er instinktiv doch zurück - nein!
nein! nicht nachgeben! nicht nachgeben - nicht das letzte Restchen halbklarer
Besinnung fahren lassen - -
    Lydia hatte die Veränderung, die mit Adam vorgegangen war, unter heftigem
Erschrecken wahrgenommen. Sie war zusammengezuckt, war vom Schreibtisch näher
ans Fenster getreten, sie fürchtete sich, sie überlegte, ob sie nicht schellen,
ob sie nicht Hülfe herbeirufen sollte - hatte sie denn noch einen
Zurechnungsfähigen vor sich -? Einen Menschen, der bei Besinnung war -? War das
nicht das Delirium der Wut, des Jähzorns, der sein Opfer packt und zerfleischt
-? Und sie war eine wehrlose Frau - - aber der Scandal - -
    »- Sind Sie unwohl geworden, Herr Doctor -?« sickerte es jetzt mühsam über
ihre Lippen -
    Adam fasste sich. Er liess sich langsam vom Tisch los, dämpfte seinen
keuchenden Atem, trat näher an Lydia heran, die unwillkürlich immer weiter nach
dem Fenster zu zurückwich, legte die wie festgeschraubte Schienen
aneinandergekrampften Arme über die Brust - -
    »- Unwohl wäre ich, glaubst Du, Weib?« stiess er heiser heraus - »ei! Und wie
unwohl! Aber ich sage Dir: - das ist eine ganz verdammte Lüge, die nur ein
Schurke zusammenkneten kann! Mir ist so wohl, so dämonisch sauwohl, sage ich
Dir, Weib, wie mir in meinem ganzen Leben noch nicht gewesen ist! Aber Du - Du -
Du sollst zittern! Warte nur! Ha! Es ist zum Andiedeckespringen! Zum Todtlachen!
Zum - zum - - Du wagst es, mich zu beleidigen - Du spielst Deine kleine,
egoistische Seele gegen mich aus - Du wagst es, mir mit Deinen abgestandenen
Phrasen von Anstand und Gutem Ton zu kommen, wo ich Dich um Erfüllung Deiner
allerordinärsten Menschenpflicht angehe - wo ich als Anwalt der Armut vor Dir
stehe, der Du mit Deinem verfluchten Mammon helfen sollst - ha! da kehrst Du die
feine Dame 'raus - und verbittest Dir ein Benehmen - ein Benehmen - - zum
Teufel! Warte nur! Es werden schon eines Tages Andere kommen, die anders mit Dir
reden, die eine andere Sprache im Munde führen - warte nur, Weib! Und sie werden
Dich nicht so sanft anfassen, mein Täubchen - Du wirst Deine zarten Ohren schon
an die dröhnende Musik gewöhnen müssen, die ihre ungeschlachten Stimmen und ihre
zerschmetternden, groben Fäuste machen! Warte nur! Sie werden sich schon mit
Deinem Prunk ihre Blössen decken, sie werden Deinen Plunder schon zerschlagen,
ihre Frostgeschwüre und ihren Hungertyphus damit auszucuriren - warten Sie nur,
meine Gnädige! Das wird ein netter Hexensabbat werden, sage ich Ihnen - ein
Hexensabbat, dass es eine Art hat! - und alle Ihre egoistische Willkür - Ihre
ästetischen Geschmacksfexereien werden zum Teufel gehen - - und ich werde bei
dem Rummel mit beisein, ich, gnädige Frau, ich - verlassen Sie sich drauf! - ich
werde die Lumpen und Vagabunden - die ganze losgelassene Volksfurie in Ihren
Lügentempel hetzen - warten Sie nur -! es wird sich Alles schon machen - das
soll ein Gaudium werden - na! wir werden Euch Eure brutale Selbstsucht schon aus
den Gedärmen 'rausklopfen - Ihr sollt Anderes zu denken bekommen, Ihr
verwahrlostes Champagnergesindel! Eure ruchlosen Lebensspielereien werden wir
Euch gründlich abgewöhnen - aber ganz gründlich! - Und ich danke Ihnen, gnädige
Frau, für diese Stunde - ich danke Ihnen - ich weiss jetzt ganz genau, sage ich
Ihnen - jetzt endlich ganz genau, wo meine Pflicht liegt und wo mein Platz ist!
Leben Sie wohl! Wir haben uns noch nicht das letzte Mal gesehen - -«
    Immer näher war Adam an Lydia herangerückt, bis sich die beiden dicht
gegenüberstanden. Nun kehrte er sich mit einem harten Rucke ab und ging nach der
Tiefe des Zimmers zu, der Türe entgegen.
    Lydia fuhr auf, fuhr auf wie aus einem schweren, schwülen Traum gestossen.
Sie strich sich mit der linken Hand über Augen und Stirn - ja! hatte sie denn
wirklich geträumt? War das ein Spuk gewesen, oder doch nackte, klare
Wirklichkeit? War denn das ihr Zimmer? Doch wohl. Aber - nein! das konnte ja
nicht sein. Das Alles war nur eine wüste Phantasie - dieser Mensch sollte es
gewagt haben - -?
    Widerstandslos hatte sie die Flut der Drohungen und Anklagen, die aus dem
Munde des zürnenden Mannes da vor ihr herausschoss, über sich hingehen lassen.
Wie gelähmt, gebändigt war sie gewesen, fest in sich verhakt und
zusammengezwungen. Er hatte sie überwältigt. Jetzt fühlte sie eine schneidende
Zwiespältigkeit in sich, es zerrte krampfhaft an ihr herum. Aber wer war denn
dieser Mensch? Derselbe, der sich vor ihr immer nur als interessanter, blasirter
Schwächling aufgespielt? Und nun diese jäh ausgebrochene Leidenschaft! Oder war
das um Verzweiflung - blutende Verzweiflung an sich, an der Welt gewesen? Sie
wusste nicht ein noch aus Sie empörte sich gegen die Vergewaltigung, die ihr
widerfahren war, - und doch schauerte sie wie in brennender Wollust zusammen,
denn sie hatte den, den sie liebte, zum ersten Male hoch über sich gefühlt, sie
sah nun zu ihm auf - nein -! sie konnte ihn nicht gehen lassen - und doch! Ach!
Es war eine zu grosse Zwiespältigkeit in ihr. Und jetzt - - jetzt -
    Adam hatte die Tür ausgerissen -
    »Herr Doctor -!« schrie ihm Lydia nach, einige Schritte vortretend -
    Der Angerufene blieb doch unwillkürlich stehen und drehte sich langsam in
halber Wendung um.
    »Gestatten Sie, bitte, noch einen Augenblick - nur ein Wort noch -« begann
Lydia tief aufatmend. Sie reckte sich in die Höhe, die ganze Figur straffte
sich, wohl war sie ein Wenig bleich, sie wollte jetzt erst recht bewusste
Weltdame sein.
    »Was soll's?« polterte Adam erbost. »Ich dächte, ich wäre fertig mit Ihnen
-«
    »Aber ich noch nicht mit Ihnen, Herr Doctor! Ich habe Ihre - nun! Ihre -
Declamation hingenommen, ohne ein Wort der Erwiderung -«
    »Declamation -? ohne Erwiderung? - ich sage Ihnen, gnädige Frau: das war
auch das Gescheiteste, was Sie tun konnten -« unterbrach Adam mit grobem,
ungeschlachtem Sarkasmus -
    »Nun - darüber liesse sich am Ende noch streiten-«
    »Wäre verdammt überflüssig! Aber ich mag nicht mehr -«
    »Bitte! Nur noch einen Augenblick! Und werden Sie nicht von Neuem
beleidigend, mein Herr! Sie werden zugeben, dass ich im Rechte gewesen wäre, wenn
ich Ihnen schon nach Ihren ersten Worten vorhin die Türe gewiesen hätte -«
    »Warum haben Sie's nicht getan -? Dann hätte ich mir meine Lungenstrapaze
eben erspart -«
    »Es ist gut, dass Sie die Geschichte jetzt auch etwas weniger patetisch -
schon etwas nüchterner auffassen - Lungengymnastik - -«
    »Gnädige Frau -!«
    »Na ja! Tatsache ist jedenfalls, dass ich mit riesiger Geduld - -«
    »Wenn Sie mir nichts Wichtigeres zu sagen haben - um das Zeug anzuhören - -«
    »Herr Doctor -! Nun dann gleich meine Frage! Sie wollen mich doch nicht
glauben machen, dass - - Sie werden doch selbst so viel Psychologe sein, um sich
sagen zu können: ich müsste ja ein Geschöpf von einer Beschränkteit ohne
Gleichen sein, wenn -«
    »Aber nun kommen Sie doch endlich mit der Pointe - ich weiss absolut nicht,
worauf das Alles hinauslaufen soll - ich habe keine Zeit, um - -«
    »Sie sind« - Lydia war sehr ruhig und kühl geworden - »hier als Armenanwalt
vor mir aufgetreten - bitte, sagen Sie mir: welche direkten Gründe haben Sie
dazu veranlasst - -?«
    »Welche direkten Gründe? Nun, ich denke, ich hätte Ihnen das sattsam
vorgerechnet -: meine moralischen Anschauungen - meine etischen Principien - -«
    »Hm! . Und Sie täuschen sich wirklich nicht selbst, Herr Doctor -? Was hat
Sie auf einmal so in den Harnisch gebracht, wo Sie doch, so viel ich mich
wenigstens erinnern kann, früher - -«
    »Jawohl! Früher! - Kommen Sie nur so! Das sieht Ihnen ähnlich! 'N Weib! Nun
ja! Aber ich bin eben Gott sei Dank! ein And'rer geworden - ich - ich bin - -«
Adam war doch etwas unsicher, kleinlaut, betreten geworden. Lydia merkte diese
zarte Nuance sehr fein heraus. Sie wurde kühner. Und jetzt zuckte eine
Vermutung in ihr auf, kurz, jäh, schiessend und so unmittelbar, dass sie fast
unverknüpft, selbständig erschien, aber darum nur um so nachdrücklicher zwang,
um so mehr und um so schneller überzeugte.
    »Ich werde Ihnen sagen, Herr Doctor, wem Sie mit dem Gelde helfen wollen -
und damit sind dann auch die bewussten direkten Gründe blossgelegt - -«
    »Nun -?« fragte Adam, halb ehrlich-neugierig, halb verlegen, jedenfalls sehr
peinlich berührt, so etwas wie geheimes Schuldbewusstsein in der Brust.
    »Sie wollen das Geld für - für - Irmers haben -?«
    »Nun -? Und wenn das der Fall wäre - -« antwortete Adam überlaut, mit
affektirtem Trotz -
    »Sie - Sie lieben Hedwig Irmer -?« Lydia hatte doch sehr leise gesprochen.
    »Aha! Jetzt spielen Sie das Gespräch auf ein Gebiet hinüber, gnädige Frau,
das Ihnen allerdings angenehmer sein möchte, als die Distel- und Nesselfelder,
die ich Ihnen - na! - - ich sage ja - nee! zu köstlich! zu köstlich -! Uebrigens
'n bekannter Weiberkniff - -«
    »Bitte! Beantworten Sie meine Frage -«
    »Liegt Ihnen wirklich so viel daran, gnädige Frau -? Nun denn: Wenn das auch
der Fall wäre - wenn ich Hedwig Irmer - liebte - was wäre dann? Was hat das
damit zu tun, dass - -«
    »Was dann wäre, Herr Doctor -? Hm -! Dann wären Sie nicht nur mit mir
fertig, wie Sie sich vorhin auszudrücken beliebten - dann wäre ich allerdings
auch mit Ihnen fertig - -«
    Lydia stand hinter der Lehne eines Fauteuils, an welcher sie sich jetzt mit
ihren kleinen, vollen Händen fest anhielt. Die ganze Gestalt war in sich
zusammengesunken, wie von einem tiefen, seelischen Schmerze überwältigt.
    »Sie auch mit mir -« sprach Adam leise nach und fuhr sich mit der linken
Hand über die Stirn.
    Und eine jähe, gewaltige Wandlung erfasste ihn. Wie ein Riss klaffte es durch
die Dünste und Nebel, in die er sich hineinphantasirt hatte. Dieses Weib da
liebte ihn - und er - er liebte in diesem Augenblicke auch das Weib, er liebte
es heiss, leidenschaftlich, bis zum Wahnsinn, bis zur Verzweiflung. Das Andere,
was er da vorhin zu ihr gesprochen hatte - das war ja Alles nur Einbildung,
Humbug, elender Mumpitz gewesen, tristes Phrasengequatsche, fadenscheiniges
Blendwerk. Er ein socialer Vergeltungsfanatiker? Es war zum Lachen, zum
Todtlachen. Er liebte die Schönheit und den Glanz, die heitere Vornehmheit und
die geschmackvolle Pracht, den verständnissvoll arrangirten Luxus, die
bestechende Form und den zwanglos, elegant gesammelten Inhalt. Und jetzt bot
sich ihm zum letzten Male dieses Glück an, dieses Glück, das seinem Wesen und
seiner Gestalt nach ihm einzig congenial war. Er sollte die Hand, die sich ihm
lockend entgegenstreckte, zurückweisen, weil es eine Armut gab, die darbte, ein
Elend, das litt, eine Not, die nach Rache schrie? Was ging ihn diese Armut an?
Was dieses Elend? Was diese Not, die nach Rache schrie? Was diese
problematische Rache? Nichts, Nichts, Nichts. Hier ein Weib, das ihn liebte,
hier Schönheit und Fülle, Unabhängigkeit und Sorglosigkeit, hier alle
Instrumente zur Erzeugung feiner Stimmungen, alle Waffen für Erwerbung grosser
Genüsse und Erlebnisse - dort ein Haufen Lumpen, Schmutz, Unrat in brutaler,
nackter Nüchternheit, stinkende Fäulnis, Dunst, Moder, Schweiss, Staub, Dreck - -
und er zweifelte noch, was er wählen sollte? Er zauderte noch? Und alle Wunden,
die ihm das kleine, enge, allentalben hemmende Leben, dem er sich je und je
hatte unterwerfen müssen, geschlagen und die nur ein galgenhumoristischer
Leichtsinn notdürftig hatte vernarben lassen ... sie brachen wieder auf und
bluteten in erneuter Frische. Aller Demütigungen, Zugeständnisse und
Kapitulationen, die er hatte auf sich nehmen müssen, und die er weiter und
weiter würde auf sich nehmen müssen, wenn er die äussere Niedrigkeit seines
Lebens nicht abschüttelte und von sich warf, gedachte er, und es ergriff ihn ein
ungestümes Grauen vor ihnen und ein zehrendes, bohrendes Mitleid mit sich
selber. Die »Bataillone der Zukunft« - mochten sie ruhig weitermarschiren, näher
und näher heran - noch war ihre Stunde nicht gekommen, noch standen sie nicht
auf dem Kampfplatze, bereit zu vergelten, zu stürzen und neu zu gründen - und
unterweilen liess sich noch eine Spanne Zeit gewinnen, da man glücklich sein
durfte im Schoss der Schönheit und Leidenschaft - und einen Traum träumen
durfte in irdischer Trunkenheit, wohl einen flüchtigen und vergänglichen, aber
auch hinreissend schönen und unvergesslichen Traum. Nachher das Erwachen - was
ging ihn das jetzt an? Jetzt? Nichts, nichts, nichts - -
    Adam schritt langsam auf Lydia zu ... und als er dicht hinter ihr stand,
sprach er mit leiser, gepresster, heiser vibrierender Stimme: »Verzeih' mir,
Lydia - ich - ich war von Sinnen vorhin - ich wusste nicht - - ach! Du weisst
nicht, wie unglücklich ich bin - -«
    Und Lydia sah zu ihm auf, feucht schimmerte es in ihren Augen - »Ja! Du musst
sehr unglücklich sein, Adam -« sagte sie ebenso leise ... Dann wischte sie sich
mit ihrem zarten, weissen Battisttaschentuch die Tränen aus den Augen, legte
ihre kleinen, vollen Hände auf Adams Schultern und sah ihm fest, klar ins
Gesicht und sprach: »Ich will Dich gesund und glücklich machen, Adam. Du sollst
nicht mehr suchen, Du sollst gefunden haben. Ich weiss, Du liebst Hedwig Irmer
nicht. Das hast Du vorhin nur so gesagt, um - - ich aber liebe Dich, Adam -
bleibe bei mir. Willst Du - ja? - willst Du -?«
    »Lydia -!«
    Sie küsste ihn auf den Mund, sehr scheu, verschämt und hastig. »Aber jetzt
geh' -« sprach sie nun - »ich reise morgen früh gegen Elf ab - komm nach dem
Bahnhof, wenn Du kannst - ja? Wir sehen uns bald wieder -«
    Adam wandte sich langsam ab. Seine Glieder waren ihm sehr schwer, er wollte
gehen.
    »Ach ja! Das Geld!« rief ihn Lydia noch einmal zurück. Er hatte die delikate
Angelegenheit allerdings ganz vergessen müssen. »Es steht Dir natürlich zur
Verfügung - sofort, wenn Du willst. Geh bitte zu meinem Banquier, Behrendt &
Comp., Adalbertstr. 12 - warte! ich schreibe ihm gleich 'n paar Worte -«
    Wie gebrochen schwankte Adam eine kleine Frist später zum Zimmer hinaus. -
Hatte er das bessere Teil erwählet? - - -
    Endlich bog er in die Strasse ein, wo das Comptoir von Behrendt & Comp.
lag. Langsam war er aus seinem Taumel, seiner einschnürenden Hingenommenheit und
Befangenheit wieder zu sich zurückgekommen, war er wieder nüchterner und
einfacher, klarer geworden. Die Kritik erwachte und die kritische
Entscheidungsfähigkeit, aber nur erst in eckigen, unbeholfenen Sprüngen, in
vagen, unsicheren Andeutungen. Adam stapfte mit verbogenen Schritten vorwärts,
er nickte öfter vor sich hin, warf den Kopf mit nervösem Accent nach rechts,
nach links, und malte mit den Händen allerlei geheimnisvoll-unverständliche
Figuren in die Luft. Er wusste: es hatte sich ihm da etwas Unerwartetes ereignet,
sein Leben war scharfen Ruckes um eine Ecke geschossen und in eine andere, ganz
andere Richtung eingelaufen. Aber er trug Scheu, sich in das Neue, das ihm
zugefallen war, zu vertiefen, er constatirte es nur, halb widerwillig, halb
erfreut darüber und auf seine Fortsetzung gespannt. Zumeist trieb es ihn, den
nächsten, zunächstliegenden Vorteil aus dem ihm widerfahrenen Glücke zu ziehen.
Er hatte ja Irmers helfen wollen. Dieser Gedanke hatte die tiefste Furche in
seinem Gehirn gegraben. Es zog und zerrte an ihm, wie aus einer unergründlichen
Tiefe seiner Seele zu ihm sprechend und ihn lenkend. Also erst 'mal bei dem Esel
von Banquier auschwirren und das Geld erheben. Das ging sehr glatt, beinahe zu
glatt für Adams Gefühl. Dem Herrn Doctor wäre eine kleine, reelle Abwechslung
sehr willkommen gewesen.
    Adam rannte sporenstreichs nach dem nächsten Postamte, schrieb vier
Anweisungen und zahlte die tausend Mark an die Adresse Hedwig Irmers ein. Er
konnte das Geld gar nicht schnell genug loswerden. Nun atmete er auf. Das war
der Kaufpreis. Da lag er. Der Postbeamte strich die dreissig Silberlinge
gleichgültig ein. Er war frei. Tausend Mark - das war auch immerhin eine ganz
anständige Summe als Abschlagszahlung auf - nun! eben auf gewisse etwaige
Alimente ....
    Adam stand wieder auf der Strasse. Er wusste nicht, was er mit sich anfangen
sollte. Nach Hause gehen mochte er nicht. Ein heftiger Ekel vor seiner Wohnung
ergriff ihn. In dieser hin- und hervibrirenden, zerklüfteten Stimmung konnte er
ja doch nicht arbeiten. Er war nicht fähig, sich zu sammeln. Er wusste, wenn er
zu Hause sässe, in der Einsamkeit seines Zimmers, würde seine Unrast noch wachsen
und wachsen. Die Enge, die Stille würden ihn erdrücken. Immer nur würde an ihm
zerren, würde in ihm wühlen, was er tagüber erlebt ... zerren, wühlen in
schneidender Eintönigkeit, mit symmetrischem, unerträglichem, schauderhaft
correctem Despotismus. Aber wie sollte er seine Unrast auslösen? Eine leise
Sehnsucht nach etwas Neuem, Unerlebtem, Abenteuerlichem durchzitterte seine
Brust. Er hätte sich so gern vergessen machen lassen, er suchte Betäubung, und
war's auch gemeine, geschmacklose Betäubung.
    Es war zwischen sieben und acht Uhr. In den Strassen lag dunstige Wärme,
beklemmende Stickluft, heisse, brasige Stimmung. Der Himmel war unrein,
unreinlich, abstossend zerquirlt und verzettelt, hier ein Ballen schmutziggrauer
Wolken mit matter oder dunkler gefärbten Rändern, die von tödtlicher Langweile
zu triefen schienen, dort eine Spanne Wolkenlosigkeit von der blaugrünen
Bleifarbe des Nelkenkrautes. Allentalben breite, auf- und niederflutende
Menschenströme, behagliches Schlendern und gleichsam geöltes Hinschiessen.
Hunderte von entlassenen Arbeitssclaven, die aus ihren Sälen und Höhlen kamen
und eine karge Stunde der Freiheit geniessen wollten. Aus dem Innern steinerner
Torwege und Hansfluren, aus geöffneten Kellerfenstern quoll feuchte, kalte
Luft.
    Adam liess sich von der Masse mit forttreiben. Es war ihm gleichgültig wohin.
Es war ihm schon recht so. Er hatte kein Ziel: das Schwimmen mit dem Strome kam
ihm heute ausserordentlich gelegen. Es dünkte ihn auch so passend zu der
gesammten Verfassung seiner Verhältnisse, der schnurrigen Beschaffenheit seiner
Lebenssituation, so, wie sie heute von einer schönen Frau eingerenkt und
bestimmt war. Es galt, sich bei Zeiten daran zu gewöhnen, dass man einen festen
Punkt gewonnen hatte, von dem aus man sich dem realen, lebendigen Leben einfügen
und einordnen sollte.
    Jetzt verspürte Adam einen zaghaft zupfenden Hunger in sich. Und auch die
Neigung zu einem guten, schweren Glase Bier streckte verstohlen ihre kleinen,
warmen, mahnenden, bittenden Fingerchen aus. Aber wohin sollte er gehen? Die
Lokale, die er gewöhnlich besuchte, waren ihm momentan über Alles verhasst. Er
konnte es nicht über sich gewinnen, eins oder das andere aufzusuchen. Jetzt nur
keine bekannten Räume, die, gegenständliche Erinnerungskeime, von irgend welchen
Erlebnissen zu erzählen wussten! Und jetzt nur keine bekannten Gesichter! Es aber
mit einer Bierwirtschaft aufzunehmen, die ihm noch fremd war, davon hielt ihn
eine starke, unerklärliche Scheu zurück, vielleicht ein Misstrauen gegen neue
Objecte, denen er sich bei seiner nervösen Zerfahrenheit und geistigen
Ungleichmässigkeit zur Zeit nicht gewachsen fühlte. Er musste über sich lächeln,
konnte sich aber nicht zwingen, aus seiner lächerlichen Unentschlossenheit
herauszugehen. So trollte er weiter. Und jetzt bog er plötzlich in eine Tür
ein, die zu einem Lokale führte, in dem er früher öfter verkehrt hatte. Er wusste
nicht, wie er so jäh und unvermittelt dazu kam, hier einzutreten. Er schüttelte
den Kopf und öffnete mechanisch die Tür. Nun stand er im Zimmer und suchte nach
einem Platze.
    Es war ein Restaurant ziemlich untergeordneten Ranges. Im Winter gab es
Tingeltangel hier, und Adam war einige Male mit Bekannten hier 'reingefallen, um
sich den geschmacklosen, stumpfsinnigen Ulk anzusehen.
    Im vorderen Teile des Raumes lag noch Abendhelle, spinnendes, merkwürdig
keusches Zwielicht. Hinten in der Nähe des Buffets brannte schon eine trübe,
gelangweilte Gasflamme. Sie schien sich ziemlich anachronistisch vorzukommen.
    An den rohen, mit beleidigender Bestimmteit aneinandergestellten Tischen
sassen ein paar Gäste. Gesprochen wurde nicht viel. Ab und zu klapperte ein
Bierseidel. Die Atmosphäre war warm, schweissdunstig, dazu der impertinent
scharfe Gestank von schlechten Cigarren.
    Adam setzte sich an den ersten besten Tisch in der Mitte des Zimmers. Aus
dem Hintergrunde, aus der Nachbarschaft des Buffets, kam eine Kellnerin auf ihn
zu.
    »Sie wünschen -?« fragte sie mürrisch, abstossend.
    »Ein Bairisch und 'was zu essen -«
    »Ein belegtes Brötchen, Frankfurter Würstchen, Aal in Gelèe oder -? -«
    »Bringen Sie mir 'n belegtes Brötchen -«
    »Mit Wurst, Schinken, Käse -?«
    »Ach Gott, das ist gleichgültig ... also meinetwegen mit Käse, Schweizerkäse
- es ist ja ganz egal - - nur 'n Bissel hurtig, mein Fräulein - -«
    Die Kellnerin begnügte sich, eine verächtliche Kopfbewegung zu machen und
ging ab. Jetzt stellte sie das Bier vor Adam hin und zündete eine zweite
Gasflamme an.
    Adam schräg gegenüber, am Nebentische, sass ein junger Kerl, der darauf zu
brennen schien, sich mit dem neuen Ankömmling in ein Gespräch einzulassen. Er
war augenscheinlich nicht mehr ganz nüchtern. Seine Hände zitterten, wenn er
nach dem Glase griff, er fuhr unruhig auf seinem Stuhle hin und her und
tolpatschte unbeholfen an seinem Cigarrenstummel herum, den er schon ganz
zerkaut und zerdrückt hatte.
    »Ick bin Sie man nämlich heute nur in absentia hier ...« lallte er jetzt zu
Adam hinüber - »eigentlich bin ick sozusagen von Hause aus, wissen Se, gelernter
Klempner, aber Sie müssen doch zugeben, wenn Unsereener mit Bismarcken oben ...
na! wie heesst nur das Nest ... ja! in Stralsund Teolojie studirt hat - -«
    »Greifswald wollen Sie wohl sagen -« bemerkte Adam lächelnd und nahm sein
Käsebrötchen in Empfang, das ihm eben die Kellnerin mit brutaler Nachlässigkeit
hinschob.
    »Ein klein Wenig höflicher dürftest Du auch sein, mein Kind - das könnte
wahrhaftig nichts schaden - -«
    Das zur Ordnung gerufene Fräulein warf ihrem Kritiker nur einen finsteren,
drohenden Blick zu und setzte sich an den Nebentisch. Sie sagte kein Wort.
    »Wat meenen Se? . Greifs ... Greifswald? Mir solls Recht sin ... hähähä ...
ick bin ja heute, müssen Se wissen, nur in absentia hier - und wenn Eener mit
Bismarcken Teolojie studirt hat, kann er ooch wohl cen kleenet Wörtchen
mitreden in de Weltgeschichte, verstehen Se mich! ... Habe ich etwa nicht Recht
-? ...«
    »Na! und wie haben Sie Recht, mein Bester! Ich bin nämlich auch bloss in
absentia hier - wir sind ja Alle nur in absentia auf der Welt - -«
    »Na! Ick habe doch also Recht! . Sage ick denn det nich -? .«
    »Meinetwegen! Aber jetzt lassen Sie mich gefälligst mit Ihrem Quatsch
zufrieden, lieber Mitmensch - ja -?«
    Der brave Klempnergeselle war sehr verschüchtert. Er sah Adam gross,
erschrocken an, setzte dann ein blödes Verlegenheitslächeln, das ironisch und
pfiffig sein sollte, auf seine hässlichen, scharfen Züge, die gelblichgrau und
runzlig waren wie rauhe Elephantenhaut, und tastete unsicher nach seinem Glase.
    »Und ick bin man doch bloss in absentia hier ... det sage ick und dabei
bleibe ick -« murmelte er in seinem Kauderwälsch von reinem Schriftdeutsch und
Berliner Dialect vor sich hin ...
    »Bringen Sie mir noch 'n Glas!« commandirte Adam nach einer Weile, während
der er sein frugales Brötchen und den ersten Krug des ziemlich warmen und
abgestandenen Bieres bewältigt hatte.
    Jetzt setzte sich die Kellnerin mit an seinen Tisch. Sie sah ihn mit ihren
kalten, dunklen Augen fest an.
    »Was habe ich Ihnen nur getan, mein Fräulein -?« fragte Adam, dem diese
energische Musterung unangenehm, unbequem war.
    Das Mädchen schüttelte ein ganz klein Wenig den Kopf und fixirte Adam ruhig
weiter.
    »Wollen Sie die Blume trinken -?«
    »Ich danke -«
    Jetzt spielte Adam den Beleidigten. Er sah das kleine, knurrige Weib
herausfordernd an. dabei bemerkte er, dass die Donna kein uninteressantes Gesicht
hatte. Die Züge waren nur etwas scharf, herb, zu nuancirt gefaltet, die Haut
zerrissen und porös, als ob sie früher stark geschminkt worden wäre.
    Neue Gäste kamen. Handwerker mit den breitspurigen Gerüchen ihrer
Werkstätten, Arbeiter: gebückt, gekrümmt, nachlässig, schleppend und
schwerfällig im Gang, unreinlich, abgeschunden, zerrissen, russig, allentalben
mit Fabriksspuren und Arbeitsnarben besät, in den Gesichtern Gleichgültigkeit,
Stumpfsinn, oft auch zehrenden Gram, der sich in den Physiognomie'n seinen
bestimmten Ausdruck geschaffen, hier und da Spuren einstiger Intelligenz, aber
stark verwischt und verkümmert. Ab und zu erschien wohl auch Einer, der nach
Kleidung und Benehmen einer »besseren« Gesellschaftsklasse angehörte. Das
Sprechen wurde lauter, schriller, die Stimmen vermischten und verwirrten sich.
Jetzt brannten alle Gasflammen, das letzte Streifchen, das letzte Pünktchen
müden, graublauen Abendlichts war aufgezehrt. Man hatte in den Eingeweiden der
Häuser keine Zeit, auf das völlige Hinsterben des Tages zu warten. Der konnte
sich draussen auf der Strasse, wo die breiten, schwarzen Schatten lagen, auf dem
Felde, im Walde mit der siegenden Finsternis abfinden. Hier lechzte das Leben
nach neuen Krystallen. Verblutende lässt man allein. Auch das Licht, das
verblutet. Und so bleibt es keusch und makellos. -
    Hinter dem Busset war der Wirt erschienen. Die Kellnerin lief auf und ab.
Sie behandelte die Gäste schroff, herb. Das gefiel Adam. Er liess sie nicht aus
den Augen. Sie musste das fühlen. Oefter, mit jähem, unvermitteltem Rucke, sah
sie sich nach ihm um. Er fing ihren Blick lächelnd, ironisch, wie in halber,
kopfnickender Genugtuung lächelnd, auf. Sie zuckte zurück ... und sah doch
wieder zu ihm hinüber. Wohl streng und finster ... und doch dünkte es Adam
zuweilen, als läge ein heisses, namenlos heisses und brünstiges Flehen in diesem
Blick - eine erschütternde Bitte um Hülfe ... Rettung ... Erlösung .... So blieb
er sitzen ... und trank - ihr zu Gefallen. Sie interessirte ihn jetzt. Wieder
Eine ... wieder Eine ... wieder Eine ... Aber es war nun einmal so. Und er
konnte sich des geheimnisvoll zwingenden, immer wachsenden Eindruckes nicht
erwehren. Und er trank weiter - ihr zu Gefallen. Sie sah ihn so eigentümlich
an, wenn sie ein frisches Glas Bier vor ihm hinstellte. Und jetzt waren gerade
alle Gäste versorgt, und sie hatte einen freien Augenblick. Sie wandte sich
langsam nach Adam um. Der winkte ihr mit den Augen. Sie trat zu ihm hin und
beugte sich zu ihm nieder. Gesicht lag neben Gesicht, Adam hörte ihr heftiges,
hastiges Atmen. »Wie heisst Du -?« raunte er ihr leise zu.
    »Leni. Bleib' noch 'n Bisschen hier - ich muss Dir nachher 'was sagen - -«
    Und er blieb und blieb und trank und trank weiter - ihr zu Gefallen. Er
fühlte, wie das schaale, abgestandene Zeug Gewalt über ihn gewann, wie seine
Gedanken kürzer, eckiger, springender wurden, seine Bewegungen schwerer,
ungelenker ... er starrte öfter vor sich hin, secunden-, minutenlang, das
Sprechen und Schreien und Klappern um ihn herum rann zusammen zu einem schweren,
dumpfen, summenden Geräusch, jetzt war es ihm plötzlich einmal, als ob er sich
einen Augenblick vorher ganz vergessen hatte, er hatte eine Secunde lang nicht
existirt, er hatte stumpf vor sich hingebrütet und war doch zugleich ganz
ausgelöscht gewesen, nun rollte er sich wieder auf und gliederte sich, straffte
sich ... und da züngelte Leni's Blick wieder zu ihm herüber ... und bat ihn ...
und fragte ihn ... und flehte ihn an ... und sie kam zu ihm, berührte leise sein
Haar, liebkoste ihn ... und bog seinen Kopf zu sich in die Höhe und schaute in
seine Augen mit ihren kalten, dunklen, menschenanklagenden Augen. Und er blieb
und blieb und trank und trank weiter: dieses warme, abgestandene, zähschleimige
Gesöff weiter - ihr zu Gefallen, ihr zu Liebe -
    Nun lief das Lokal mit all' dem zechenden, schreienden Menschengesindel, was
sich da zufällig in ihm zusammengefunden hatte, um Adam im Kreise herum. Das war
fatal. Er hatte die bewusste »Contenance« verloren. Nur eine Prise frischer Luft
konnte hier mildern.
    Der Angezechte hatte eine gewisse Furcht vor dem Aufstehen. Immer wieder
sank er in sich zusammen und blieb sitzen. Endlich, ohne dass er es noch einmal
bewusst gewollt hatte, schnellte er mit einem verbogenen Rucke in die Höhe und
tastete schwerfällig-ungelenk nach seinem Hute. Die Kellnerin kam auf ihn
zugelaufen.
    »Was habe ich -?« fragte Adam mit schwerer, unsicherer Zunge.
    »Du willst schon gehen -? Warum denn -?«
    »Mir ist nicht wohl ... Das ist auch 'n Dunst - 'ne Luft - 'n Gestank - hier
- nicht zum Aushalten! . Also wie viel Bier? . Und ... und ... das ... das Bröt
- chen -?«
    Leni rechnete mürrisch zusammen. Sie hatte wieder ihr erstes, abweisendes,
verächtlich achselzuckendes Benehmen angenommen. Adam warf das Geld auf den
Tisch. Das Weib war ihm jetzt verflucht gleichgültig. Nur 'raus aus dieser
entsetzlichen Bude! Er hatte keine Zeit, den Beichtvater zu spielen ... oder
verpflichtende Zärtlichkeiten sich abschmeicheln zu lassen.
    »Adieu! Ich komm morgen wieder -«
    »Ach Du! Geh' nur! Du bist ooch nicht anders -«
    »Du wirst ja sehen, dass ich Wort halte - -«
    »Meinetwegen brauchst Du nich zu kommen -«
    »Nu denn nich, meine Teure! Adieu!«
    An der Tür sah sich Adam noch einmal um. Das war ein graues, widerlich
verqualmtes, schwerfällig hin- und herschaukelndes Bild, was er da vor sich
hatte. Leni war verschwunden, wie hinweggenommen, verschluckt. Nein! doch nicht.
Da hinten am Buffet flirrte ihre rote Taille in falbem, verhangenem Scheine.
Und jetzt kam das matte Flämmchen wieder näher und wurde grösser, körperlicher.
Adam stiess die Tür auf.
    Die Luft auf der Gasse war nicht viel frischer. Oefter lief ein kleiner,
kühlerer, sanft atmender Wind vorüber, der Adam wohl tat. Er wurde bald
ruhiger, sicherer, klarer. In den Lüften schwamm noch die letzte, die
allerletzte, fast farblose Erinnerung an das weisse Licht des Tages. Bald kam der
Mond herauf. Mit einer leisen, discreten Helle überhäufte er zaghaft den Himmel.
Einige Tropfen fielen, bald hörte der Regen wieder auf. Adam stapfte weiter und
liess sich alle Stimmungserscheinungen der anbrechenden, schwülen Sommernacht
gefallen.
    Die Strassen waren leerer geworden, das Leben stiller, heimlicher,
verhaltener. Adam ward es ganz sonderbar zu Sinn. Er kam sich so grenzenlos
allein, vereinsamt vor, wie ausgesetzt, wie ausgestossen. Er empfand Mitleid mit
sich in dieser grossen Einsamkeit. Sein Weg ging durch kleine, enge Strassen und
Gassen. Selten begegnete ihm ein Mensch, ein unbekannter, aus den Schatten des
Abends auftauchender Mensch, ein Einzelner, vielleicht auch ein Vereinzelter,
oder Zwei oder Drei. Vor einer Tür, unter einem Fenster, stand wohl auch hier
und da ein Pärchen und flüsterte. Adam zog vorüber. Manchmal wunderte er sich im
Stillen über das, an dem er vorüberzog, wunderte sich über die warme,
geschmeidige Sommernacht, über dies und das aus der Welt und dem Menschenleben,
was ihm gerade als schärferer Gedanke, in schärferem Bilde zufiel und aufging,
wunderte sich langsam über die bunten Erlebnisse seiner letzten Tage. Er
wunderte sich mit der intimen und tolpatschigen Naivetät des Kindes. Er lächelte
verstohlen vor sich hin und tat sehr geheimnisvoll. Er war sehr glücklich.
    Nun trieb er durch eine breitere, hellere, belebtere Strasse. Und wieder kam
das Gefühl grenzenloser Vereinsamteit über ihn, jetzt noch stärker,
bezwingender, noch mehr niederwuchtend und einschnürend. Oefter war es ihm, als
müsste er einen Schrei ausstossen, einen kurzen, harten Schrei ... einen dunklen,
verlorenen Ruf durch die Nacht, einen Ruf der Sehnsucht ... einen Schrei
brennender Herzensverzweiflung. Unter den Menschen, die da ihm entgegenkamen,
die da an ihm vorübergingen, musste doch so Mancher sein, der ihn verstehen
würde, wenn er ihm seine Brust öffnete, der sich zu ihm gesellen, der mit ihm
weitergehen würde, wenn er seine Sehnsucht und sein heimliches Weh erfahren. Oh!
Wenn er riefe - gewiss! sie würden kommen, froh, dass sie Einen und Andere
gefunden, die ihresgleichen wären. Aber er ging weiter, in sich versunken, der
Ruf erstickte und erstarb in seinem Munde, er schrie nicht, er hatte nicht den
Mut dazu.
    Der Mond war durchgebrochen. Mit seiner goldgelben, massiven, durch ihre
scharfe Plastik und Umrissenheit geradezu aufdringlichen Fülle stand er in einem
See flimmernden, stahlblauen Aeters. Ihm zu Häupten und zu Füssen, an seinen
Flanken hatten sich vielgestaltige, ungefüge Wolkengruppen hingelagert, mächtige
Wülste und Kämme, Schichten, mit sich emporsträubendem oder herabfaserndem,
braungelb beleuchtetem Gestreif. Stetig wechselte das Bild, die Formen
verschwammen in einander und schoben sich zusammen, gewaltige Tierleiber
wuchsen heraus, Drachengestalten und Krokodile mit klaffenden Rachen, Wälle mit
Burgen quaderten sich empor ... und in gigantischen Umrissen quollen nicht zu
verschwollene Profile von ungeheueren Menschengesichtern auf ...
    Aber solange Adam mit den Augen der grossen Himmelsscene entgegenging, stand
der Mond unangetastet, wie in selbstverständlicher Souveränetät, inmitten seines
flimmernden, stahlblauen Aetersees. Und um ihn herum, von seinem gelbweissem
Lichte übergossen, das imposante Spiel der Phaenomene, die wurden, waren,
gewesen waren und wiederum wurden. -
    Adam sah nach der Uhr. Es ging auf die elfte Stunde. Nun dachte er daran,
sich heimwärts zu schlagen. Er war eigentlich recht abgespannt, er hatte gar
nicht mehr Alles beisammen, worüber er sonst verfügte. Und doch fasste ihn ein
unklares Gefühl an und hielt ihn zurück. Mechanisch trollte er sich weiter. Es
war ihm, als ob er vor sich selber immer mehr erlösche, als ob sich alles
Geistige in ihm verstofflichte und zur Epidermis hinaustriebe, hinauseiterte. Er
musste über diese Wahrnehmung lachen, der Vorgang dünkte ihn zu dumm.
    Nun war er mit einem Male in die Nähe des bewussten Parkes gekommen. Es zog
ihn hinein, da drinnen mochte es noch mehr Leben geben, als hier auf den
schmalen Gassen der Vorstadt. Und plötzlich sehnte er sich nach dem Leben, wie
es sich im zärtlichen Widerspiel zweier Menschen, die auf einander gestimmt
worden, erfüllt. Das war wohl ein kleinliches, schwächliches Gefühl. Er warf es
von sich und suchte nach neuer Speise des Geistes. Er dachte an Lydia, die ja
seine Braut sein sollte. Er blieb mitten auf dem Wege stehen, blinzelte zum
Monde hinauf, der eben die Finsternis einer breitleibigen Wolke überwunden hatte
und wieder in seinen flimmernden, stahlblauen Aetersee schoss. Adam gab sich
alle Mühe, Lydias Gesicht im Geiste deutlich vor sich zu schauen. Es gelang ihm
nicht, manchmal blitzte es vor ihm auf, jetzt glaubte er sie deutlich zu fassen,
wie sie zu ihm sagte: »Ja! Du musst sehr unglücklich sein, Adam -«, aber nur eine
Sekunde war's, Alles verschwamm wieder, die Linien der Züge wollten sich in der
Erinnerung nicht zurückgewinnen lassen, und auch der Ton ihrer Stimme, auf den
Adam horchte, ganz still, mit verhaltenem Atem horchte, flirrte nur in
undeutlichen: Surren an ihm vorüber. Wie weit war sie ihm, wie wenig intim und
unverlierbar gehörte sie ihm, wie nachlässig hatte er im Geiste ihren Besitz
gehütet!
    Hier und da, von den Bänken her in den Waldnischen, an den Wegen, an den
breiten und schmalen Pfaden, gab es leise flüsternde Stimmen. Menschen zu Zweien
und Mehreren, schritten still an Adam vorüber, manchmal war's dem, als träumte
er, als wäre er emporgehoben und schwebte dahin, so leicht erschien ihm auf
kurze Spannen das Gehen im dünnen, feinen Staubmehle des Weges. Es war doch
Alles sehr merkwürdig auf der Welt, man konnte darüber still vergnügt lächeln,
alles Vielfältige, Zerrissene und Verteilte stand jenseits dieses verschollenen
Reiches, in dem man so ganz vergessen durfte, dass es sehr rauhe Reibungen gab
und so viele Ecken, Kanten und Spitzen, an denen man sich verwunden sollte.
    Nun setzte sich Adam auf eine Bank, die gerade leer war. Er dehnte behaglich
die Beine weit vor sich hin, steckte die Hände in die Hosentaschen und brütete,
nur die leisesten Wirbel in der Seele, vor sich hin, das kleine Stück Ringsum
mehr von unten herauf anblinzelnd. Vor ihm lag eine grosse Wiese, hoch, dicht,
üppig standen die Gräser und Kräuter, darüber plänkelte ein dünner,
zartwolkiger, grauweisser Nebel, dazu das blasse, verschämt tastende Aschenlicht
des Mondes. Von jenseits der Wiese, aus einem Garten wohl hinter der dortigen
Waldwand, kam verhaltene Musik, der Wind schob verzettelte Töne vernehmbarer dem
Lauschenden heran, der Ruf eines Nachtvogels stieg aus den Luftöhen nieder. Nun
schwieg die Musik. Ein zusammengeschmiegtes Pärchen, das sich in brünstiger
Hingegebenheit mehr trug als führte, schleifte sich, laut atmend und erregt
tuschelnd, vorbei, es verschwand im Walde. Durch die Gräser und Kräuter der
Wiese strich ein murmelnd aufblätternder und raschelnd niedersegnender
Nachtwind. Adam war ganz allein, überantwortet den sanften Gewalten der schwülen
Sommernacht. Er wurde müde, sprach in bunter Willkür Allerlei vor sich hin, fuhr
wieder empor, betastete mit halblauten Worten seine verworrenen Gedanken,
schüttelte den Kopf und liess sich vom Schlafe wiederum übermannen ...
Unterweilen wuchs die Sommernacht, Adam Mensch schlief, im Walde, auf einer Bank
am Wege, als hätte er, wie Unzählige seiner Brüder und Schwestern, keine andere
Stätte, da er sein Haupt niederlegen könne. Und er war doch heute erst im
Schoss der Schönheit und des Reichtums eingekehrt. -
    Eine Stunde wohl sass so Adam in sich zusammengekrümmt da und schlief. Nun
mochte ein kühlerer Atemzug des Nachtwindes an ihm gezupft und ihn geweckt
haben. Er schlug die Augen langsam auf, starrte verblüfft seine Umgebung an und
richtete sich aus seiner halbliegenden Stellung immermehr in die Höhe.
Allmählich kam ihm das Bewusstsein seiner Situation. Er lächelte ein klein Wenig,
war aber doch sehr mürrisch und suchte nach einer beissenden Glosse auf sich. Er
fand keine kräftige, pointirte Wendung, die geistige Münzkraft schien, sich ihm
ganz entzogen zu haben. Seine Glieder waren schwer und steif, ein prickelndes
Frösteln durchzitterte ihn, seine Augen brannten, seine Stirn war heiss, dicht
über den Augen lag ein harter Druck mit trockenem, mechanischem Schmerze. Nun
zog er den Hut, der sich arg verschoben hatte, in seine gewöhnliche Lage zurück,
knöpfte seinen Rock zu und stand auf. Das Gehen wurde ihm schwer, er konnte den
Kopf nicht bewegen, wie er wollte, der Hals war ganz gesteift. Adam sah nach der
Uhr, es war nach Mitternacht. Er suchte nach einer Cigarre, gleichsam um ausser
sich etwas Fremdes, etwas Anderes zu haben, Etwas, das ihn begleitete, das diese
Einsamkeit, diese grenzenlose Einsamkeit, die ihn zu erdrücken drohte,
zerstreute, unterbrach, verscheuchte, wenigstens mit ihm teilte. Er hatte
keinen Genuss an der Cigarre, aber das rote, runde Auge ihrer Brandstätte
tröstete ihn. Mit grossen, eiligen Schritten suchte er aus dem Bereiche des
Waldes zu entkommen. Die grosse, monotone, aber ergreifende Poesie der
Sommernacht bewegte ihn nicht mehr. Die leidende Kreatur konnte nicht über sich
hinausgehen.
    Nun war er wieder in der Stadt, er hatte das Pflaster wieder unter den
Füssen, die flankirenden Häuser schienen, wie ein geheimnisvoller Schutz, eine
innige Beruhigung auszuatmen. Die lähmende Dumpfheit, die auf ihm gelegen
hatte, wich zurück, das Nervenleben erhöhte sich wieder, die Sinne wachten auf,
das Leben pulste von Neuem, wenn auch immer matt noch und stockend. Das heftige
Laufen hatte ihn angestrengt, eine schwüle, schweissige Schwere lag in seinen
Gliedern. Jetzt wollte Adam endlich nach Hause gehen. Es war Zeit dazu.
Allerdings, ob er würde schlafen können, bezweifelte er. Er fieberte immer noch
stark, stechende Hitzeschauer liefen an seinem Leibe auf und nieder. Wie
mechanisch aufgezogen stapfte er vorwärts. Die Cigarre war ausgegangen, er
konnte sich nicht dazu bequemen, sie wieder in Brand zu setzen, er bedurfte
ihrer schliesslich auch nicht mehr. Jetzt ging er eine breite Strasse hinunter,
die am Tage, besonders in den späteren Nachmittagsstunden, die belebteste der
Stadt war. Am Himmel gab es immer noch sanfte, discrete Mondhelle, die Laternen
brannten eine um die andere, still, kleinlaut, verträumt standen die gelbroten
Flammen in ihren weissen Glasbauern. Da und dort tauchte noch ein Mensch auf, ein
später Zecher, eine satte oder suchende Vagantin, zuweilen auch ein kleiner
Schwarm behaglich plaudernder Nachtwandler. Allerlei leises, verworrenes
Geräusch summte um Adam herum, ein kleiner Bursche mit einem Korbe verwelkter
Blumen, verwelkter Veilchen und Rosen, lief ihm in den Weg, beinahe wäre er über
das Kind gestolpert, das ihn mit seinen grossen, blöden Augen im blassen,
hässlichen, früh entwickelten und zerfalteten Gesicht erschrocken ansah. Adam
musste einem jähen Einfalle folgen, er kaufte sich ein verwelktes, nur noch ein
schmutziges Parfüm ausatmendes Veilchensträusschen und warf ein Markstück in den
Korb. Die blauschwarzen Blumen zog er mit unendlicher Genugtuung ins Knopfloch
und lief weiter. Eine grosse, bohrende Leere war in ihm, nur manchmal schoss ein
Ballen verworrener Vorstellungen und Gedanken empor, dann dünkte ihn das Leben
unerträglich schaal und überflüssig, es erschien ihm als ein Dämon, als ein
Ungeheuer, und der Ekel vor ihm stellte sich in einem zusammenschnürenden,
inneren Krämpfe dar. Wieder überfiel ihn das Gefühl seiner Einsamkeit, Alles
hatte sich von ihm losgesagt, er war allein, ganz allein. Er wusste, dass er vor
einem grossen Unglück stände, er biss sich fest hinein in die Furcht vor diesem
geheimnisvollen Unglück, er glaubte an dieses Unglück, er schauderte zurück, der
Dämon wurde immer gewaltiger in ihm. Alles war ihm reizlos, er verzweifelte. Die
Leidenschaften seiner Seele verachtete er, die Lüge seiner Existenz ging ihm in
schneidender Schärfe auf, vor seiner Verlobungskomödie mit Lydia spuckte er aus,
er fühlte sich herabgewürdigt, er hatte ein dumpfes, unklares Gefühl, als wäre
er bis auf den Tod beleidigt, als könnte er nach der Schmach, die ihn getroffen,
die er sich hatte gefallen lassen, nicht mehr leben. So kam er auf den Tod. Er
dachte an den Tod, er haschte nach klaren, scharfen Eindrücken vom Tode, er
wollte sein Bild zwischen die Zähne des Geistes ziehen und knirschend zermalmen.
Sie sollte ihm nichts mehr anhaben, die fahle, zerlöcherte Larve. Aber er konnte
das stachlige Gefühl wurmender Todesfurcht nicht los werden, all' sein
Anstemmen, sein Empören war vergeblich, schliesslich summte er mit verhalten
gellender Wut vor sich hin: »O Tanatos, o Tanatos, wie schwarz sind deine
Blätter -« Er fürchtete den Tod, er liebte das Leben, die Bewegung, das
beflügelte Blut. Plötzlich erschien ihm das Leben sehr wertvoll, er fand mit
auffallender Geschicklichkeit tausende seiner Reize, seiner feineren,
geistvolleren Freuden. Er beschloss, sich das Leben um jeden Preis zu wahren,
selbst wenn er ein Lump, ein Ehrloser, ein Verbrecher darüber werden sollte.
Zuweilen hatte er wohl in trister Entsagungsphilosophie gemacht. Er musste jetzt
über diese Bubenstreiche lachen. Er lachte laut, unheimlich laut. Wünsche,
Begierden, Hoffnungen, kühne, bedeutende Hoffnungen sprossten auf in seiner
Brust. Er wollte leben, wollte leben um jeden Preis. Was? Entsagen, ohne
genossen zu haben? Da wäre der Tod ein schlechter Witz ohne Pointe. Ah! das
verachtete Leben rächt sich. Adam war damit einverstanden. Er wollte sich an
sich selber rächen. Und doch durchschaute er den ganzen, brutalen Egoismus des
Weltapparats: die Reize und Freuden des Lebens schoben sich wieder zurück vor
ihm, weit, weit in einen dämmerungsverschwommenen Hintergrund zurück. Vor sich
sah er jetzt nur steinichte Wege, ziellose Bahnen. Das Andere lag ja Alles nur
in der bestechenden Nähe, war Augenblicksgenuss aus geschwollener Börse, mit
vollen, kauenden Backen. So dumm! Und doch gabs grosse, unabhängige, gebundene
Kräfte hier und da in besonderen Menschenherzen, die nach kosmischer
Ungebundenheit lechzten. dabei lebten sie sich aus und entfalteten seltene
Schauspiele. War's nicht der Mühe wert, da Zuschauer zu sein? Auch nicht,
schliesslich auch nicht. Auch nicht der Mühe wert. Und dem Adam eben noch in
instinctivem Daseinsgefühl zugejauchzt, das ihn wertvoll gedünkt und
begehrenswert, verwarf er jetzt und verachtete er. Eine grosse, trübe Leere war
in ihm ... und sein Interesse am Weibe, das immer so gross und so stark gewesen,
und sein Interesse an der Kunst und an der Natur mit ihren magischen Trostreizen
zerstäubte, zerfiel und erstarb in dieser Stimmung, wo er nur noch lebte, weil
zufällig über seinen Organismus noch keine andere, fremde, äussere Macht Herr
geworden.
    Adam ging an einem Nachtcafé vorüber. Sollte er eintreten? Er hatte oft dort
gesessen, hatte manchen Scat mit Kameraden und Kumpanen dort gedroschen, manchen
faulen Witz gerissen und eine schwere Menge Unflätereien angehört. Sollte er
eintreten? Es hatte keinen Zweck. Diese Talmireize des Lebens sind wirklich zu
blöde und zu geschmacklos. Er ging weiter. Eine hellerleuchtete Bahnhofsuhr kam
in Sicht. Es war Eins durch. Adam blieb stehen. Eine gewaltige Sehnsucht packte
ihn, eine fanatische Sehnsucht in die Ferne hinein. Wenn er sich jetzt in den
ersten besten Zug warf und hinausfuhr, war er all' den dummen, rüden Krempel
los, hatte er alle diese abgeschmackten Lügen hinter sich, verschwamm Alles,
schlug Alles zusammen hinter ihm. Da war die Tür. Eine Pforte zu auch einer
Zukunft. Er schüttelte wehmütig den Kopf. Ach! Er stak zu tief, zu tief im
Schlamme dieses verworrenen Lebens. Nun wollte er nach Hause gehen, endlich nach
Hause, auf dem kürzesten Wege. Er bog in eine schmale Gasse ein, die an ihrem
Ende breiter wurde. Da links war eine Lücke, wenigstens eine Art von Lücke, eine
auffällige Unterbrechung. Ein Haus wurde abgerissen. Einen wüsten Schuttaufen
gab's, grauschwarz nahm sich's in der falben Monddämmerung aus, Balkenköpfe
ragten aus dem massiven Wirrwar mit den stumpfen Grenzen ihrer plumpen Formen
heraus, verschiedene wie geschundene Mauerreste standen herum, herabfaserndes
Rohrwerk lugte aus einer verwinkelten Hausecke. Und da war auch noch eine Tapete
sichtbar, eine grünschwarze Tapete. Adam war über die Barrière, in deren Mitte
eine trübe, verschlafene Oelfunzel blinzelte, geklettert und versuchte, sich so
weit als möglich der Wand zu nähern. Es war ihm ein ungestümes Zucken, ein
nervöses Prickeln in den Fingern, es trieb und zwang ihn unwiderstehlich, die
Tapete zu betasten. Aber der Schutt war zu hoch und zu rissig, zu klüftig, er
musste umkehren. Und da kam ihm der Gedanke: wie sieht die Tapete in deinem
Arbeitszimmer aus -? Er besann sich, besann sich, er konnte sich der Farbe nicht
erinnern. Der Gedanke, die dumme, einfältige Frage hatte ihn gepackt und liess
ihn nicht wieder los. Sie keilte sich fest in seinem Gehirne. Er dachte nichts
anderes mehr, er fragte sich nur immer und immer wieder nach der Tapete in
seinem Arbeitszimmer ... wie sie aussähe ... wie sie aussähe ... wie sie aussähe
- diese Tapete ... diese Tapete ... diese Tapete ...?
    So lief er weiter, seiner Wohnung zu, je näher er ihr kam, um so mehr eilte
er, die Schwere seiner Glieder war noch gewachsen, sie war fast unerträglich
geworden, seinen Kopf fühlte Adam wie eine schwere, amorph verquollene Masse, er
glaubte, ein dumpfes, knurrendes Kreisen in seinem Schädel zu verspüren, Alles
war in ihm erstorben, todt, wie aufgesogen von dem Einen, das er wie eine
materielle Last in seinem Gehirn empfand ... wie aufgesogen von der Frage, die
immer wiederkam und ihn ganz ausfüllte - von der Frage nach der Farbe seiner
Tapete ... Und er lief weiter in die Nacht hinein und keuchte halblaut vor sich
hin: Tapete ... Tapete ... Tapete ...
    Nun stand er vor dem Hause, in dem er wohnte. Er sah unwillkürlich zu seinen
Fenstern hinauf. Oben war Licht.
    Adam schrak zusammen. Wer war da oben? Wer war in seinem Zimmer? Wer
erwartete ihn da? Wer? Wer? Wer? Wer lauerte auf ihn? Ah! Das Unglück! Jawohl,
das Unglück, das er schon den ganzen Abend über geahnt hatte! Oder der Tod? Oder
der Wahnsinn? Wer sass da hinter diesen blasserleuchteten Scheiben ... auf einem
Fauteuil ... auf dem Sopha ... irgendwo in seinem Zimmer -? Wer kauerte unter
dem Tische, auf dem Teppich? Wer? Wer? Wer -?
    Aber es konnte ja nicht sein. Es war eine Täuschung. Er schlich sich über
den Fahrdamm, leise, ganz leise, als ob ihn Keiner hören sollte ... auch jener
Unbekannte nicht, der da oben hinter den blasserleuchteten Scheiben sass, auch
jener unbekannte Gast nicht ... und schaute noch einmal empor. Aber der matte
falbe Lichtschein blieb, er blieb, in derselben discreten Stärke, in derselben
monotonen Gleichmässigkeit, er blieb und blieb ... und blieb ... und kein
Schatten lief dort oben hinter den Scheiben vorbei ...
    Adam atmete tief auf. Er fürchtete sich wohl noch? War er denn ein Mann
oder ein schlottriger Bube? Mochte ihn doch dort oben erwarten, wer wollte, wer
Lust dazu hatte - ha! er fürchtete sich nicht, gewiss nicht ... er würde jetzt
hinaufgehen und sich mit eigenen Augen überzeugen ... und dem Eindringling
entgegentreten ... und sich ihm zum Kampfe stellen, wenn's sein musste - ja! -
wenn's sein musste -
    Adams Hände zitterten doch stark, als er das Schlüsselloch suchte. Nun ging
er die Treppen in die Höhe, langsam, schwer atmend, immer langsamer, er
schleppte sich hinauf, es lag eine dumpfe, schwere, unabwälzbare Furcht auf ihm.
Die Heimchen zirpten, auf den Stufen winselten blauschwarze, schwindsüchtige
Mondscheinschatten.
    Nun stand er auf dem Corridor, dicht vor seiner Tür. Er horchte. Es war
Alles still, Alles todtenstill hinter dieser Tür. Nichts regte sich, bewegte
sich. Adam atmete schwer. Ein eingekrallter Druck würgte an seiner Kehle. Ha!
Fürchtete er sich denn immer noch? Nein! Nein! Er brauchte ja bloss diese Tür
aufzureissen ... und er wusste, wer ihn erwartete ... er sah Den, der die Hände
nach ihm ausstreckte ... Es war zum Todtlachen! Er fürchtete sich! Und jetzt
plötzlich kam ihm der Gedanke an die Tapete wieder, an die Farbe seiner Tapete.
Ha! Was ging ihn der an, der da hinter dieser Tür sass und ihn erwartete?
Nichts! Nichts! Er wollte ja nur wissen, wie die Tapete in seinem Zimmer aussähe
- es war das Einzige, was ihn noch auf der weiten, weiten Welt interessirte -
Alles andere war ihm so gleichgültig, so furchtbar gleichgültig - - und wenn der
Tod ... und wenn der Wahnsinn ... und wenn irgend ein Unglück mit fletschenden
Zähnen hinter dieser Tür sass und auf ihn lauerte - was verschlug's? Ha! War
denn das nicht schon der Wahnsinn, diese Wut, die in ihm brannte und biss und
frass, diese Wut, die Farbe seiner Tapete, auf die er sich nun einmal nicht
besinnen konnte, zu erfassen? War denn das nicht schon der pure, blanke
Wahnsinn? Also denn los! Bebend legte Adam die Hand auf die Klinke und riss die
Tür auf.
    Das Zimmer lag in stillem Frieden. Auf dem Tische brannte ruhig die Lampe.
Auf dem Sopha sass Emmy. Sie war gegen die Lehne zurückgesunken und schlief.
Langsam und ruhig, tief, sicher, gesund ging ihr Atem. Auf dem Tische lag ein
aufgeschlagenes Buch.
    Adam zog die Tür mechanisch hinter sich zu und blieb dicht an der Schwelle
stehen. Mit grossen, starren Augen schaute er auf die friedliche Idylle hin, die
in klaren Linien, in scharfer Plastik vor ihm lag. Ein Fenster war offen, ein
warmer Nachtauch säuselte flüsternd herein, leise knisterte das Licht der
Lampe.
    Adam atmete tief auf. Er nahm den Hut ab und fuhr sich mit der linken Hand
über Augen und Stirn. Es war ihm, als glitte Etwas von ihm nieder, fiele von ihm
ab, er glaubte, eine wirkliche, gegenständliche Erleichterung zu verspüren, er
war physisch entlastet, er fühlte sich plötzlich freier und beweglicher, seine
Glieder waren flüssiger geworden. Der Spuk, vor dem er sich wie ein unmündiger
Knabe gefürchtet, vor dem er gezittert, war zerronnen, er war gerettet. Ein
unendlich wohltuendes Gefühl der Geborgenheit kam über den Gefolterten und
Abgehetzten.
    Adam stand immer noch dicht an der Schwelle. Unwillkürlich scheute er sich,
durch das Zimmer zu gehen, er wollte Emmy, die tief und fest zu schlafen schien,
nicht aufwecken, er sog sich fest an dem Bilde, das sein Auge schaute, sog sich
fest mit der heissen, intimen, ungestümen Dankesinbrunst des Geretteten. Er
fürchtete, durch einen lauten, zu lauten Schritt die holde Phantasie zu
verscheuchen - und dann, das wusste er, war er ja wieder ihr verfallen, der
zerschnürenden Furcht - und ihm, dem zerwühlenden Wahnsinn. Nun wurde Emmy
unruhig. Das in ihre Umgebung neu eingetretene Moment lockerte wohl die Decke
ihres Schlafes. Ihr Kopf rutschte einige Male, wie suchend, wie in der Absicht,
sich zu entwirren und sich einem anderen, dem wirklichen Leben wieder
anzupassen, hin und her, der Mund, der vorher ein klein Wenig geöffnet gewesen,
schloss sich, nun schlug sie die Augen auf, noch einmal fielen die Lider nieder,
jetzt wurden sie abermals mit jähem Rucke emporgezogen, die weit geöffneten
Augen starrten Adam wie eine fremde, unheimliche Erscheinung an. Das Weib
schnellte empor, sank wieder zurück -: »Adam! - Mein Gott! Ich habe wohl
geschlafen -? Aber Du bist lange geblieben -! - Wo bin ich denn nur -? -«
    »Bei mir, Emmy - und ich danke Dir, dass Du hier bist -« Das hatte Adam in
fast feierlichem Tone gesprochen. Er war mit steifen, correcten Schritten durch
das Zimmer geschritten, als wäre er zum Automaten eingedrillt. Emmys Blicke
waren erstaunt seiner Curve gefolgt. Es lag ein stummer Schrecken, der sich nur
noch nicht ordentlich hervorwagte, in ihren Augen.
    »Ich habe lange auf Dich gewartet -« begann sie leise, zaghaft - »sei mir
nicht böse, Adam - nachher bin ich wohl eingeschlafen - ich hatte erst gelesen -
aber ich hatte keine Ruhe mehr - Du hättest doch 'mal zu mir kommen können, Du
Böser -«
    Adam stiess ein rauhes, gezacktes, blechernes Lachen aus: »Ah! zur Mätresse
dieses - dieses - na! wie heisst denn der Bengel -? - also na ja! - Was? hä! das
wäre famos gewesen! ... Da musst Du Dir aber andere Liebhaber aussuchen,
Zerlinchen! ... Ich bin zu gut für so 'ne verfluchte Hurenbagage, wie Ihr alle
zusammen - -«
    »Adam! Mein Gott! was ist Dir denn-? Ist Dir was passirt -? Und was starrst
Du denn die Tapete so an? Mein Gott! Das ist ja furchtbar - Du bist ja - - Adam
-!«
    Emmy war aufgesprungen und stand jetzt zwischen der einen Sophalehne und dem
Tische. Sie war blass geworden, zitterte und musste sich rechts und links mit den
Händen festalten.
    Aus der Tiefe des Zimmers schlich Adam auf den Zehen der Wand zu. Der Leib
war vornübergebeugt, der Kopf zwischen die Schultern gezogen, die ganze Gestalt
trug die krampfhafte Gespannteit eines Irrsinnigen. Zufällig war sein Blick
vorhin auf die Tapete über dem Sopha gefallen, war einen Moment dort haften
geblieben. Und da war die Erinnerung aufgezuckt und hatte ihm den Gedanken
zurückgebracht, der ihn auf seiner Irrfahrt so müde gehetzt. Ha! das war's ja!
Das hatte er ja wissen wollen - alles Andere - die Furcht vor dem dunklen Etwas,
das da oben auf ihn lauerte, war ja nichts gewesen - nichts - nichts - gar
nichts - gegenüber dieser fürchterlichen Neugier auf die Farbe seiner Tapete ...
Und nun hatte er die Tapete vor sich. Ha! Die Bestie konnte ihm nun nicht mehr
entschlüpfen, er würde sie schon kriegen - ha! jetzt musste sie Farbe bekennen -
jetzt war sie geliefert! - Nichts half ihr mehr - nichts -! -
    Emmy wollte sich Adam entgegen werfen. Er schleuderte sie auf die Seite und
stürzte sich auf die Wand. Mit geballten Fäusten trommelte er wie ein Verrückter
auf der Tapete herum, dass es verschlucktdumpf von der Steinmauer widertönte, er
krallte die Fingernägel ein und kratzte gerippte Fetzen herunter. Seine Hände
schmerzten ihm nicht, seine Augen waren weit aufgerissen und brannten in
unstäter Flamme. »Ha! Also diese dummen, lehmgelben Fratzen hast du, Bestie -
und drunter ein so blödes, schauderhaftes Grau - ha! wie diese schönen gelben
Blätter und Ranken - und - und die kleinen niedlichen Figürchen - - na ja! - na
ja! - - hahaha - ach! - diese Mätzchen - hähähä - diese Mätzchen - und - und ...
d- d- d- da - b ... b ... bildet sich - bildet sich ... hähähä ... es ist zum
Todtschreien - Todtschreien - Todtschreien - Todtschreien - zum Todtschreien! -
na ja! na ja! - denke du - du Weib! - Weib! - Weib! nun denke 'mal: da bilden -
bilden sich diese bezechten Ara - arab ... b ... b ... b ... besten noch was
druf in - zu dumm! - zu dumm! - und das ist also das Ganze - ach! ach - mir ist
grenzenlos elend ums Herz - das ... das Denken hat sie mir verbrannt - die
verfluchte Bestie - und nun ist's wieder 'mal nischt - nischt - gar nischt - - -
ab - so - lut nischt! Ach! Ist das langweilig - -«
    Adam sickerte sich aus, verstummte nun, schob stöhnend die Arme über
einander, presste sie taumelnd gegen die Wand und legte den Kopf darauf, als wäre
er müde, todtmüde, als wollte er von all dem elenden, verwirrenden Lebenskram
nichts mehr hören und sehen -
    Emmy hatte sich gefasst. Zuerst war sie von einer lähmenden Furcht befallen
worden. Die Worte waren ihr im Munde stecken geblieben, sie hatte diese Scene
eines unzweifelhaften Irrsinns nicht unterbrechen können. Nun raffte sie sich
auf - wie gut war es doch, dass sie hier war, dass sie ihrem Drange, Adam zu sehen
und zu sprechen, ob er sie gestern auch impertinent genug behandelt hatte, doch
noch nachgegeben! Sie zuckte zusammen bei dem Gedanken, wie furchtbar es gewesen
wäre, würde Adam heute allein, sich selbst überlassen geblieben sein. Leise trat
sie zu ihm hin: »- Komm, Adam! Sei wieder gut! Du bist krank - Du hast Fieber -
was geht Dich die dumme Tapete an! Komm! Setz' Dich hierher aufs Sopha - komm! -
neben mich ... Du bist so heiss - soll ich Dir kalte Umschläge machen -? Du wirst
sehen: es wird bald besser werden, wenn Du Dich nur ruhig hältst ... Und siehst
Du: ich bleibe bei Dir - ja -? Willst Du -?«
    Sie hatte den Kranken sanft bei den Armen gefasst und aufs Sopha gezogen.
Müde, ganz entkräftet und haltlos lehnte Adam das Haupt zurück. Er schloss die
Augen. Er fühlte sich unsäglich elend, er hätte weinen mögen, nun schluchzte er
leise auf. Und doch war es ihm ein liebes, stilles Trostgefühl, dass Emmy in
seiner Nähe war.
    Die hatte das Fenster geschlossen und die Vorhänge zusammengezogen. Nun ging
sie nach dem Schlafzimmer hinüber und suchte nach Leinen für die kalten
Umschläge. Sie kam mit dem Waschbecken zurück, rückte einen Stuhl neben das
Sopha und begann ihr Liebeswerk. Die »Sünderin« war zur Samariterin geworden.
    Allmählich wurde Adam ruhiger, das unendlich wohltuende Gefühl der
Geborgenheit kam wieder über ihn. Er träumte leise vor sich hin, schlief wohl
öfter auch einmal eine kleine Weile, dann sickerte er wieder zum Leben, zum
annähernden Begreifen seiner momentanen Lage zurück. Einmal flüsterte er »Leni«
vor sich hin. Emmy hatte sich neben ihn gesetzt, sie sah ihn mit ihren grossen,
dunklen Augen traurig an, manchmal strich sie leise, liebkosend mit ihrer
kleinen, glatten, kühlen Hand über seine Stirn oder liess diese kleine, feste,
kühle Hand seiner Hand, die immer wieder nach ihr suchte ... Die liebe Trösterin
hatte das Buch wieder vorgenommen und las ab und zu ein paar Zeilen. Oefter
blinzelte sie Adam von seiner verdämmerten Sophaecke aus an und genoss mit leisem
Behagen die hellen, klaren Linien ihres schönen Profils. Da sie ihn alle
verlassen hatten, war ihm die »Sünderin« treu geblieben. Nun tickte es ihn aber
doch nieder, verhalten war ihm der arge Gedanke gekommen, er konnte ihn nicht
unterdrücken, nicht hinunterschlucken, mit einem matten, ironischen Lächeln
begann er: »Du bist wohl eigentlich gekommen, Emmy - - Du hast wohl gedacht - -
ja! siehst Du - dazu bin ich heute nun doch zu schwach - haha - ich - ich - na!
warte nur - wir holen's nach, mein Liebchen -«
    »Aber Adam -! Was fällt Dir ein -!«
    »Nu ja! Gestern habe ich Dich doch so quasi 'rausgeschmissen - und heute
kommst Du - aber es ist doch brav von Dir, Du armes, verratenes Kind - brav -
na warte! - morgen - morgen - -«
    »Sei still, Adam! Tu' mir den Gefallen! Wir reden morgen davon ... Aber
willst Du nicht lieber zu Bett gehen -? Hier kannst Du doch nicht bleiben ...
Ja? - Komm! Ich führe Dich hinüber ... Nachher rücke ich mir 'n Sessel neben
Dein Bett und wache bei Dir ... Das ist das Beste - komm!«
    Adam gab nach. Es war ihm auch so gleichgültig, was mit ihm geschah. Emmy
brachte ihn zu Bett. Sie war um ihn herum, wie eine Mutter, die ihr krankes Kind
wartet und pflegt und besorgt in sichere Hut birgt. Mit feiner Discretion, mit
tactvollster Gewandteit brachte sie den Erschöpften auf sein Lager zur Ruhe.
Dann zog sie einen Fauteuil neben sein Bett und setzte sich zu ihm. Leise küsste
sie ihn auf die Stirn und gab seinen heissen, schweissigen, teigigen Fingern ihre
kleine, glatte, kühle, feste Hand zurück. »Nun schlaf' süss, Geliebter, und
träume von mir -« flüsterte sie ihm leise zu und fühlte, wie sie errötete. Wie
gut war es, dass er sie nicht sah und nicht dieses Erröten bemerkte! Adam
lächelte matt. Schon zogen die letzten verworrenen Tagesgedanken von ihm. Bald
war er eingeschlafen. Leise entzog sie ihm ihre Hand und lehnte sich zurück.
Allerlei buntes Zeug schwirrte und flog noch durch ihren Kopf, sie starrte noch
eine Weile vor sich hin in die dämmrige Nacht. Dann fielen auch ihr die Augen
zu. -
    Draussen huschten die ersten, scheuen Frühlichter über den Horizont. -
 
                                      XIX.
Als Adam erwachte, lag die Sonne in breiten Licht-und Wärmemassen im Zimmer. Die
Luft war schwül, schweissdurchdünstet. Adam hob den Kopf aus den Kissen und sah
sich um. Allmählich kehrte ihm die Erinnerung zurück, er entsann sich, wie es
gekommen war, dass Emmy da im Sessel, kaum einen Schritt von ihm entfernt, sass
und schlief. Ach ja! Das war gestern ein böser Tag gewesen und ein wüster Abend.
Aber nun war der Spuk verflogen, das kleine Weib da hatte seine letzten
schwarzen Schatten zu verscheuchen gewusst. Adam fühlte sich heute wohler, im
Ganzen gestärkt und gekräftigt, wenn er auch noch eine träge Schwere und
Mattigkeit in den Gliedern verspürte und einen heftigen Schmerz im Hinterkopf.
Auch das Genick war steif geworden, jede Bewegung zuckte stechend in den
Schläfen nach. Adam beschloss, leise aufzustehen. Die Zeit lief auf Neun, es war
also schon spät genug. Aber Emmy konnte noch ruhig weiter schlafen. Ihr Atem
ging tief und langsam. Der Kopf ruhte in halber Wendung nach links zwanglos an
der Lehne, auf der Stirn standen ein paar kleine Schweisstropfen. Die Decke war
ihr von den Knieen auf den Teppich hinabgeglitten, die obersten Knöpfe des
Kleides waren ihren Oeffnungen entschlüpft, discret schimmerte das Weiss vom
Spitzenbesatze des Hemdes durch den schmalen Spalt.
    Adam erhob sich, kleidete sich notdürftig an und schlich nach seinem
Arbeitszimmer hinüber. Er öffnete das Fenster, unten auf der Strasse trieb rüstig
das Leben. Da drüben auf der anderen Seite hatte er gestern Abend ... hatte er
heute Nacht gestanden, und nach hier hinaufgestarrt. Und jetzt lag der helle Tag
da unten, und allerlei buntes Menschenvolk zog an der Stätte vorüber, da er noch
vor ein paar Stunden - denn länger war's doch nicht her - gestanden,
mutterseelenallein gestanden, mutterseelenallein in der schweigenden Nacht. Und
doch dünkte es ihn, es wäre das schon lange, lange her, viele, viele Jahre. Er
war heute ein so ganz Anderer, wohl war kaum das Bewusstsein intimer Fülle in
ihm, aber doch durchzitterte es ihn wie eine Ahnung, dass es in ein anderes
Geleise eingelenkt. Dies und das kam noch zu ihm in seiner stillen Morgenschau
an losen Erinnerungen, die Erlebnisse der jüngsten Tage mitbrachten. Hui! Er war
ja auch Bräutigam, glücklicher Bräutigam ... und das war jedenfalls das
Curioseste von Allem, worauf er sich in dieser Stunde besinnen musste.
    Nun bestellte er sich seinen Kaffee und machte Toilette. So viel Zeit war
gar nicht mehr übrig. Um elf Uhr fuhr der Zug, mit dem Lydia abreisen wollte -
und - nein! ... es ging wohl doch nicht an, dass er die Abschiedsscene versäumte.
Er musste sich schon bei Zeiten an den obligaten Biss in den bewussten saueren
Apfel gewöhnen.
    Da schlug die Glocke der elektrischen Klingel heftig an. Adam horchte
erstaunt auf. Das musste etwas Besonderes zu bedeuten haben. Im nächsten
Augenblick wurde auch schon die Tür seines Zimmers aufgerissen und Hedwig
stürzte herein.
    Adam war nicht im Stande, ein Wort hervorzubringen. Er starrte das Weib an,
das todtenblass, keuchend, mit fliegenden Gliedern, verstörten Mienen, unstet
umherirrenden Augen vor ihm stand. Er sprang nicht hinzu, als Hedwig jetzt
schwankte, zusammenbrechen zu müssen schien und sich nur noch im letzten
Augenblick am nächsten Türpfosten festklammerte.
    »Adam -!« stiess sie aufstöhnend heraus - »mein Gott -! ich kann nicht mehr -
dass ist zu viel - mein Vater - o Gott! - mein armer Vater ist - ist - todt ...
oh - -«
    Das Aufkreischen der Stimme bei dem Worte »todt« riss Adam aus seiner
Erstarrung. Zuerst wusste er nicht, was dieser kurze, schneidende Laut ihm sagen
sollte, jetzt wurde ihm sein Inhalt plötzlich klar - nein! das war ja nicht
möglich - nicht möglich -
    »Hedwig -! Besinne Dich -! O Gott! Das kann ja nicht sein - kann ja nicht
sein -«
    »Todt -!« wiederholte das Weib nur, leise, dumpf, der Kopf war haltlos auf
die Brust herabgesunken, die gross aufgerissenen Augen stierten vor sich hin -
    Adam war zu Hedwig hingetreten - »komm -!« sagte er leise - »besinne Dich,
Hedwig -! Das ist ja nicht möglich - komm zu Dir - hier setz' Dich nieder - soll
ich Dir 'n Schluck Wasser bringen - es ist nur so warm - oder etwas Rum - ich
habe auch Portwein - warte -«
    »Nein -! nein -! Lass doch, Adam, lass doch -!« wehrte Hedwig mit merkwürdig
hastiger, eindringlicher, im Ton ganz veränderter Stimme ab -
    Adam rollte den Sessel in ihre Nähe. dabei bemerkte er, dass Emmy's Hut auf
dem Plüschsitze lag. Das war doch recht fatal. Aber schon hatte er den Hut, ohne
dass er es eigentlich gewollt hätte, ergriffen und auf den Tisch gelegt. Hedwig
war mechanisch seinen Bewegungen gefolgt.
    »Was hast Du da -?« fragte sie mit rauher, zerrissener Stimme.
    In diesem Augenblick schlug Emmy die Portière auseinander und trat ein. Adam
sah sich halb unwillig, halb erfreut nach ihr um.
    »Ah! Auch das noch -?« schrie Hedwig auf und schlug die Hände vor die Augen.
Sie schwankte. Adam und Emmy stürzten hinzu, hielten sie auf und legten sie
langsam, behutsam in den Sessel.
    Das arme Weib schluchzte einmal tief auf, dann sank es zusammen.
    »Schnell Eau de Cologne her -!« rief Emmy und rieb der Ohnmächtigen Schläfen
und Stirn ein, als Adam das Wasser gebracht hatte.
    Nach einer Weile kam Hedwig wieder zu sich und schlug die Augen auf. Mit
jähem Schrecken erkannte sie ihre Umgebung, erkannte sie Emmy neben sich - sie
wollte sich emporraffen, sie hastete mit den Händen an den Lehnen hin und her -
»gehen Sie -! lassen Sie mich -!« stöhnte sie - »rühren Sie mich nicht an -«
    »Na! hab' Dich nur nicht so -!« fuhr es Adam barsch heraus, dem die ganze
Scene schon sehr unbequem geworden war. Er drehte sich ein Wenig ab und setzte
das Glas Portwein, das er in der Hand gehalten, unwillig auf den Tisch.
    Emmy war unwillkürlich einen Schritt zurückgetreten. Sie sah Adam
traurig-fragend an, sie wusste nicht, ob sie bleiben oder gehen, ob sie die
beiden allein lassen sollte, oder - oder -? - sie war ganz ratlos. Das arme,
gefolterte Weib da vor ihr im Sessel tat ihr sehr leid, sie erkannte es aus der
Engler'schen Weinkneipe wieder, sie fühlte sich zu ihm hingezogen, sie sagte
sich, dass Adam Beziehungen, jedenfalls sehr intime Beziehungen zu ihm hätte -
und wie ein Gefühl von Hass ... von Hass - wie ein heisses, wütendes Erpichtsein
auf Rache und Vergeltung an dem Herzlosen schoss es ihr brennend auf in der
Brust.
    Wieder versuchte Hedwig aufzustehen, sie stützte sich krampfhaft auf die
niedrigen Seitenwände des Fauteuils, aber sie war zu schwach, sie sank wieder
zurück.
    »Beruhigen Sie sich doch, liebes Fräulein -« bat Emmy leise, zaghaft - »mein
armer Vater -« stöhnte Hedwig -
    Adam stand daneben, es war ihm sehr unbehaglich zu Mute, er musste es wohl
doch glauben, dass Irmer nicht mehr lebte, aber er konnte das hülflose Wesen da
doch jetzt unmöglich ersuchen, ihm nähere Auskunft zu geben - und er schrak auch
davor zurück, jetzt Einzelheiten zu erfahren, er fühlte, dass sie ihn quälen,
aufregen würden ... und er hatte nicht den Mut, er war zu feige, um sich die
Kraft zuzutrauen, die engeren Umstände von Irmers Tode einigermassen ruhig
hinzunehmen. Aber Etwas musste doch geschehen, die Situation stockte peinlich, er
musste doch auch ein Wort zu finden wissen, auszusprechen wissen, er musste doch
Hedwig zeigen, dass er mit ihr litte, dass ihr Schmerz auch der seine wäre, dass
sie auf sein vollstes Verständnis zu rechnen hätte ... Und da erinnerte er sich,
dass er ihr gestern die tausend Mark geschickt, sie hatte sie wohl noch nicht
erhalten, aber es musste doch beruhigend auf sie wirken, wenn sie die Tatsache
erführe, damit war doch wenigstens eine Sorge ihr von der Seele genommen. Und
doch zögerte er, es nahm sich so auffällig aus, jetzt mit dem Gelde zu kommen,
aber die Frage glitt ihm schon wider Willen über die Lippen: »Hast Du das Geld
bekommen, Hedwig -?«
    Die Gefragte schlug langsam die Augen zu ihm auf, starrte ihn erst eine
Weile verständnisslos an, dann fragte sie mechanisch, mit dumpfer, verschleierter
Stimme, als wüsste sie nicht, was sie sich unter seiner Frage denken sollte: »-
Geld -? - was für Geld -?«
    »Nun, die tausend Mark, von denen Du mir schriebst - ich habe sie gestern an
Dich abgehen lassen -« erwiderte Adam, einen gewissen Ton des Stolzes und der
Befriedigung in der Stimme. Auch Emmy musste er damit imponiren.
    Hedwig starrte immer noch zu ihm in die Höhe, sie wusste nicht, was er
meinte, sie verstand ihn nicht - »tausend Mark -?« wiederholte sie ebenso
mechanisch, sie schüttelte ein Wenig den Kopf - was wollte er nur von ihr -?
    »Na ja!« fuhr Adam ärgerlich auf - »Du hast mir doch des Langen und Breiten
davon geschrieben - erinnerst Du Dich denn nur gar nicht -?«
    »Tausend Mark -?« Hedwig schüttelte wieder den Kopf. Plötzlich fragte sie,
aber eigentlich nur ganz gleichgültig: »- wo hast Du denn das Geld her -?« Sie
schien durchaus keine Antwort darauf zu erwarten.
    Adam zuckte zusammen. Zuerst verblüffte ihn diese Frage. Er war nicht gefasst
gewesen auf sie. Nun schoss ihm ein teuflischer Gedanke durch den Kopf. Wär's
nicht am Besten, jetzt sofort - und auch vor Emmy sogleich! - zwei Fliegen mit
der bewussten einen Klappe zu schlagen? Mit der Wahrheit herauszurücken? Den
Zusammenhang aufzudecken? Diesem Weibe, das da hülflos und gebrochen, entstellt,
baar aller Reize der Jugend und der Kraft, vor ihm im Sessel lag - diesem Weibe,
das er nicht liebte, mit dem er kaum Mitleid empfand, das er jetzt fast so etwas
- so etwas wie - verabscheute - war's nicht am Besten, diesem Weibe ruhig zu
gestehen, wie ... woher er die tausend Mark sich verschafft -? Wer sie ihm
gegeben hatte -? Ah! Oder war es doch eine Grausamkeit, eine brutale
Grausamkeit, der Wahrheit jetzt, unter diesen Verhältnissen, in dieser Stunde,
die Ehre zu geben -? Nein! Er brachte es doch nicht über's Herz. Nein! doch
nicht! Aber - einmal musste es ja doch sein Einmal ja doch! Und wenn nicht heute,
so morgen! Dieses verfluchte Aufschieben! Immer und ewig diese überflüssige
Rücksicht! Die brutale Rücksichtslosigkeit gegen Andere und gegen das eigene
feige, zimperliche und noch dazu erzegoistische Schonungsgefühl ist das einzige
Fortschritts- und Entwicklungsprincip im Leben. So? Wirklich? Also - also
drückte Adam alle zarteren Gedanken die ihm aufstiegen, gewaltsam nieder und
fragte noch einmal mit affektirter Ruhe, im Grunde aber nur, um innerlich mit
dem letzten Reste seiner Rücksicht und Scheu, auf welche seine Natur
ursprünglich allein gestimmt war, fertig zu werden -:
    »Woher ich das Geld habe -? Hm!« - jetzt erfolgte eine letzte, kurze Pause,
dann stiess er tonlos, stockend, doch zugleich mit sehr forcirter Bestimmteit
heraus: »Nun! von meiner - Braut -«
    Aber wie um eine unmittelbare Antwort Hedwigs zu verhindern oder doch in
irgend einer Weise abzuschwächen, erläuterte er hastig: »- das heisst - das heisst
- vorher - ehe - das kam natürlich so - -«
    »Von wem -?« fragte Emmy unwillkürlich und sah Adam erschrocken an. Der war
froh, dass er durch Emmys Zwischenfrage wenigstens äusserlich einen anderen
Partner, zu dem er sprechen konnte, bekommen hatte - war froh, dass die
Auseinandersetzung nicht unmittelbar zwischen ihm und Hedwig stattzufinden
brauchte. Eine gewisse Rücksicht, zu der er sich Hedwig gegenüber immerhin
unwillkürlich hätte bequemen müssen, durfte er nun fallen lassen. Und das war
ihm sehr lieb. Denn der barsche, ungeschlachte, rauhbeinig-rücksichtslose Ton,
den er anschlagen wollte, verdeckte viel besser sein inneres Widerstreben, seine
innere Zaghaftigkeit, die er trotz aller Anstrengung nicht loszuwerden
vermochte.
    »Von meiner Braut, wenn Sie nichts dagegen haben, mein Fräulein -!«
wiederholte also Adam laut, trotzig. Er sah dabei Emmy herausfordernd an und
stellte sich, als bemerkte und fühlte er den Blick trostlosen Entsetzens nicht,
mit dem Hedwig ihn anstarrte.
    Ein schwüles, beklemmendes Schweigen war eingetreten. Adam wollte schon die
Gelegenheit benutzen, sich von dem unmittelbaren Kriegsschauplatze unauffällig
ein Wenig in den Hintergrund ... vielleicht in's Nebenzimmer ... zu schwindeln -
als Hedwig plötzlich mit einem jähen, krampfhaften Sprunge in die Höhe fuhr, auf
Adam losstürzte und aufkreischte: »- was hast Du da gesagt -? Sag's noch 'nmal!
Mein Gott! Bin ich denn verrückt -? Bin ich denn wahnsinnig -?« Und dann ein
heiserer, erschütternder Notschrei, der bewies, dass sie den Zusammenhang so
ziemlich erriet -: »Adam -!«
    Der wich einen Schritt zurück, »Hedwig -!« stotterte er, Emmy sprang hinzu,
fasste die Taumelnde und versuchte, sie wieder auf den Sessel hinabzuziehen.
    Aber es war, als ob plötzlich eine fremde Kraft über das arme, unglückliche,
in seinem tiefsten Elende aufschreiende Weib gekommen wäre: es schleuderte Emmy
bei Seite, klammerte sich mit seinen dünnen, mageren Fingern am linken Arme
Adams fest und kreischte ihm entgegen: »Ah! Ich weiss - ich weiss - Canaille! Ich
verstehe Dich, Du Schuft! Loskaufen hast Du Dich wollen - hast mir mein
Sündengeld hinschmeissen wollen, weil Dir eine andere besser gefällt - weil Du
mich satt hattest - weil - weil - - o Gott! - Und Alles habe ich Dir gegeben -
habe Dir geglaubt - und nun behandelst Du mich wie - wie - - nun giebst Du mir
'n Fusstritt - was hab' ich Dir getan, dass Du mich so wegwirfst - so zertrittst
-? - Meinen Vater hast Du ermordet, meinen armen, alten, unglücklichen Vater -
nichts war Dir heilig - nichts - nichts - Alles hast Du mit Füssen getreten -
meine - meine Ehre - meine - ach! Aber ich war ja schon so Eine, nicht wahr -?
schon so Eine, wie die da, wie die Dirne da, die man mit Geld abfindet, wenn man
sie los sein will - allmächtiger Gott! nur 'n Wahnsinniger kann Deine
Verruchteit begreifen - und ich schleppe mich her zu Dir - von der Leiche
meines Vaters weg - an Allem verzweifelte ich - ich hatte Dich nur noch - nur
noch Dich - ja -! - und - und nun verleugnest Du mich - und jagst mich hinaus -
nun sagst Du Dich von mir los - Alles verlässt mich - Alles - Alles - - Canaille!
- Auch mich hast Du auf'm Gewissen - hier! das letzte Wort meines todten Vaters
an Dich - todt ist er - ja! - todt - todt - todt - todt - hörst Du - - ich
möchte mich zerreissen, um das Furchtbare nur zu begreifen - und ich - o Gott! -
ich kann's nicht fassen - kann's nicht - kann's nicht - ach! ich muss wohl schon
wahnsinnig sein, dass ich nicht ersticke an meiner Verzweiflung - -«
    Adam hatte einen Augenblick geglaubt, unter der Anklage des verzweifelten
und verratenen Weibes zusammenbrechen zu müssen. Er wusste, dass er die schweren
Vorwürfe, die ihm da entgegengeschleudert wurden, verdiente. Sie waren alle so
gerecht. Ja! er hatte das Weib überredet, ihm zu Willen zu sein. Er hatte wohl
auch allerlei Verpflichtungen übernommen, hatte verschiedene Versprechungen
gemacht - aber das Alles doch eigentlich nur, ohne sich desselben besonders
bewusst zu werden, beinahe nur aus einer communen Laune, aus einer durch
besondere Umstände geschaffenen Stimmung heraus, vielleicht in frivolem
Leichtsinn, aber doch ganz den Gesetzen und Metoden seiner Natur gemäss, die
derartige Weibergeschichten mit einer ihr organischen Oberflächlichkeit,
Nebensächlichkeit, Gleichgültigkeit behandelte; die sich »moralisch« dadurch
nicht im Geringsten tiefer verpflichtet fühlte; die das Alles nur als
unvermeidliches Lebensaccidenz auffasste. Er konnte nicht anders, es war ihm ganz
selbstverständlich, dass er hier die Treue brach, um dort von Neuem Treue zu
versprechen, er besass im Grunde gar kein Talent zur hausbackenen Treue, das
spielte sich alles viel zu weit draussen auf der Peripherie seiner Persönlichkeit
ab, als dass er es vermocht hätte, sich für irgend eine begangene Untreue
besonders verantwortlich zu fühlen. Er gab sich eben so, wie es gerade seiner
Stimmung entsprach. Reagirte ein Anderer darauf, so mochte der das hübsch selber
verantworten. Er war viel zu wenig bornirt, um sich in eine Leidenschaft
festbeissen zu können. Hedwig war also gar nicht berechtigt zu ihrer Anklage. Und
dieses Bewusstsein löste ein starkes Gefühl des Aergers und der Entrüstung in
Adam aus, er riss mit einem brutalen Rucke ihre eingekrallten Finger von seinem
Arme los, schleuderte den Arm von sich, packte ein zerknittertes Papier, das
Hedwig ihm immer noch mit der anderen Hand starr entgegenhielt, und warf es auf
den Tisch, trat einige Schritte zurück und machte ein sehr wütendes Gesicht.
Was wollte denn das Weib von ihm -? Lächerlich, sich auch nur einen Augenblick
von seinen blödsinnigen Vorwürfen verblüffen zu lassen! Glaubte es etwa, ihn auf
diese Weise wieder zu gewinnen? Da konnte sich die Dame doch gewaltig schneiden!
Oh! Sie hatte ja längst alle Reize für ihn verloren.
    Und doch konnte sich Adam nicht ganz dem Eindrucke ihrer in furchtbarster
Seelenangst herausgeschrieenen Anklagen entziehen. Er hatte ihr nun einmal sein
Wort gebrochen, so gut wie sein Wort gebrochen, sie zieh ihn mit Recht der
Absicht, sich mit dem Golde von ihr loszukaufen, sie hatte ihn, darin
durchschaut, obwohl er doch eigentlich schon vorher entschlossen gewesen war,
Irmers die tausend Mark auf irgend eine Weise zu verschaffen, ehe ihm, zumeist
wohl nur in dem Bestreben, einen Namen für die Sache zu finden, der Gedanke
gekommen war, sein Tun im Sinne eines Rückkaufes seiner Freiheit aufzufassen.
Es war schliesslich im tiefsten Grunde blutige Selbstironie gewesen - und dafür
sollte er sich jetzt abkanzeln lassen, als wäre er ein Hallunke ersten Ranges?
Und dennoch kam er von einem unklaren Schuldgefühl nicht los. Die Wut, die er
in sich aufkochen spürte, brach nicht aus, seine Entrüstung zersplitterte sich,
sein Aerger verzettelte sich, schliesslich knirschte er nur ein paar banale
Redensarten, wie »verrückte Faselei -« »- tut mir leid, aber es ist nun einmal
so -« - »wer kann wider seine Natur?« - heraus, zuckte die Achseln, lächelte
spöttisch, steckte mit forcirter Gleichgültigkeit den zerknitterten Brief Irmers
in seine Rocktasche und wandte sich ab - - - -
    Hedwig war wieder in den Sessel zurückgetaumelt, ihre Finger waren
ineinandergekrampft, sie schluchzte leise. Emmy stand neben ihr, sie hielt den
Kopf ein Wenig gebeugt, ihr Gesicht war ungleich gerötet, sie sah aus, als wäre
sie in tiefe, starre Gedanken versunken, ihre Augen lagen in Tränen.
    Adam sah sich noch einmal nach den Beiden um, es schien, als wollte er Etwas
zu ihnen sagen, aber er zuckte wieder nur in willkommener Resignation die
Achseln, knurrte verächtlich »- hysterische Weiber -« vor sich hin und ging
auffallend langsam ins Nebenzimmer.
    Pötzlich fuhr Hedwig wieder auf. »- ich muss fort - ich ersticke hier - fort
zu meinem Vater - der wartet auf mich - der will mich mitnehmen - -« heiserte
sie zischelnd vor sich hin, jetzt stand sie, sie schwankte haltlos hin und her,
Emmy wollte sie umfassen. »Bleiben Sie noch, liebes Fräulein -« bat sie leise,
da fuhr Hedwig herum, sie starrte Emmy mit grossen, verglasten Augen an, nun
lachte sie gellend auf, warf ihre mageren Arme mit krampfiger Wut um Emmys
Hals, riss die an sich heran, stürzte rücklings mit ihr in den Sessel und lallte
ihr mit erstickter, gebrochen gellender Stimme zu: »- Du -! Du -! Weisst Du: ich
bin nämlich auch so Eine, wie Du - auch so Eine, weisst Du - Dein Liebster hat's
mir gezeigt - ei! - ei! - hat's mir gezeigt, wie man's macht - siehst Du: nun
musst Du mich mitnehmen - ja? willst Du -? Nun bringst Du mir schöne Herren - ja!
- ja! - ei! - ich kann's auch - Dein Liebster hat mirs gezeigt - ja! - das war
schön - - und ich soll Dir auch 'n Gruss bestellen von meinem todten Väterchen -
der hat gesagt: ich sollt's nur so machen, wie Du - da käm' ich anständig durch
die Welt, weisst Du - ja! ja! ja! ja! - und hätte alle Tage gut zu essen, weisst
Du, hat mein todtes Väterchen gesagt - und das wäre 'n Wonne, hat er gesagt -
wenn der Mond scheint - und die weissen Gardinen werden rot, blutrot - und die
Katzen schreien - und die Musik spielt - spielt - und wir tanzen dazu, mein
Liebster und ich - wir tanzen - tanzen - tanzen - immer toller und toller und
toller - bis - bis - und dann geht die Sonne auf - und der Tag - und der Tag -
-«
    Emmy war es endlich gelungen, sich aus der Haft der Arme, die sie
einschnürend umklammert hatten, loszumachen. Sie war brandrot im Gesicht, sie
atmete gepresst, sie wollte Adam rufen, denn sie hatte ja eine Wahnsinnige vor
sich, aber kein Laut löste sich aus der Kehle, es war alles wie zugequollen in
ihr, wie verschüttet, Hedwig kicherte leise vor sich hin, nun trällerte sie:
»tam - tam - taramtam - tam - tam - taramtam - -« plötzlich sprang sie auf, ihre
Augen brannten, die ganze Gestalt war krampfhaft gespreizt -: »ich bin
wahnsinnig -« schrie sie - »ich muss fort -« sie packte ihren Hut, den ihr Emmy
vorhin abgenommen hatte, und stürzte zur Tür hinaus - -
    Adam hatte gehört, wie die Tür zugeschlagen wurde. Er war aus seinem
herumtastenden Brüten aufgefahren und erschien jetzt unter der
auseinandergeteilten Portière.
    »Sie ist fort -?« fragte er »- allein -?«
    Emmy antwortete nicht. Sie stand, noch immer aufs Tiefste erschüttert, neben
dem Fauteuil und starrte vor sich nieder. Sie hatte die Hände übereinander auf
die Fauteuillehne gelegt und nickte wie in tiefem Traume vor sich hin. »Warum
bist Du nicht mitgegangen -?« fragte Adam von Neuem, unwillkürlich besorgt um
Hedwig, zugleich unwillig über Emmys überflüssiges Versteinertsein.
    Die drehte ihm langsam ihr Gesicht zu. Sie sah ihn fragend, verwundert an,
als müsste sie sich erst auf die Bedeutung seiner Worte besinnen. Nun hatte sie
wohl begriffen - »ich gehe 'gleich - Du wirst mich 'gleich los sein - -« sagte
sie leise und sah sich im Zimmer um, als suchte sie etwas, ihr Jaquet oder ihren
Hut.
    »So hab' ichs nicht gemeint - das weisst Du -« erwiderte Adam ärgerlich -
»aber es könnte ihr 'was passiren - und da wäre es besser, sie hätte Jemanden in
ihrer Nähe, der - -«
    »Ihr ist schon genug passirt -« sagte Emmy laut, bestimmt und sah Adam mit
grossen, herausfordernden Augen an -
    »Meinst Du -?« fragte der sarkastisch - »Du musst's ja wissen - ja! Ihr
Weiber! - Eine wie die Andere -« Nun fing die auch noch an - sogar die - na! da
hörte denn doch Verschiedenes auf -
    Jetzt stand Emmy vor Adam. Sie machte ein sehr feierliches Gesicht, es sah
aus, als wollte sie Abschied für immer von ihm nehmen, ihm ein letztes Lebewohl
sagen.
    Adam wurde es unbehaglich. »Hab' Dich nur nicht so -!« wehrte er eifrig ab -
»bitte, Emmy, keine neuen Sentimentalitäten - keine neuen Scenen -! Ich habe
schon an der einen genug - verschone mich - ja? Uebrigens - wie spät haben wir's
denn? Zehn durch. Ich habe meiner Braut versprochen, gegen Elf am Bahnhofe zu
sein - sie verreist - und da kann ich doch nicht gut - also - wenn Du noch einen
Augenblick warten willst, komm' ich 'gleich mit -«
    »Wie heisst denn Deine Braut -?« fragte Emmy leise, befangen, sie konnte die
Frage doch nicht unterdrücken.
    »Lydia natürlich -! Wie sonst -? Lydia Lange! Jene Dame - Du wirst Dich
erinnern - der wir 'mal begegneten, weisst Du - es ist ja noch gar nicht so lange
her - im Park, an dem Tage, wo Du - jetzt wirst Du Dich sicher daran erinnern -
wo Du die Bekanntschaft des Herrn von Bodenburg machtest, die so wichtig für
Dich werden sollte - also die Dame ist's - nun weisst Du's - was macht denn
übrigens der kleine Pistolenschäker -? Gehts ihm gut? Natürlich! Diesem Gesindel
gehts immer gut. Hast Du Deinen Trovatore gestern nicht gesehen? Warst nicht mit
ihm zusammen -?« fragte Adam mit bissigem Lachen.
    Emmy wandte sich ab und erwiderte kein Wort. Sie hatte erst einen Augenblick
Lust, sich nach dem Verlaufe der Duellgeschichte zu erkundigen. Aber sie
unterdrückte die Frage. Sie hätte nach tieferer Teilnahme ausgesehen, und
obwohl sie diese Teilnahme immer noch für Adam empfand, jetzt vielleicht
unwillkürlich stärker als je - denn ein mit ihr rivalisirendes Moment war ja aus
seinem Leben gestrichen - sie wollte sie doch nicht zeigen, in diesem Augenblick
erst recht nicht, um keinen Preis der Welt. Uebrigens ging ja auch schon daraus,
dass Adam kein Wort von dem Duell wieder erwähnt hatte, hervor, dass die
Geschichte in irgend einer Weise erledigt sein musste. Und es erbitterte sie, dass
sie in den letzten Tagen so oft so überflüssig um Einen gebangt hatte, der es
nicht verdiente - um einen Blasirten, einen Unzuverlässigen, einen Herzlosen - -
    Nun gingen die Beiden unten auf der Strasse neben einander her. Eine längere
Weile schwiegen sie. Hatten sie sich nichts mehr zu sagen? Oder scheuten sie
sich, auf ein Tema zurückzukommen, das ebenso unerquicklich war, wie undankbar?
Und doch lastete nicht minder peinlich auf Jedem der Druck, den das Schweigen
des Anderen ihm auferlegte. Vielleicht aus diesem Grunde, vielleicht auch, weil
es ihn doch drängte, Emmy noch dies und das zu sagen, begann Adam endlich,
leise, langsam, sprungweise, zugleich absichtlich einen Accent der Bitte und
Abbitte in der Stimme, als redete er, wie von einem tiefen Traume besessen, nur
zu sich -: »Sei mir nicht böse, Emmy! Siehst Du: das musste ja Alles so kommen.
Das hat ja Alles seine tiefen, tiefen Gründe. Kennst Du mich? Weisst Du, wer ich
bin -? Nein! Ich kenne mich zwar selber ebenso wenig. Oft bin ich ganz erstaunt
über mich. Ich weisst nicht, wer ich bin. Ich ahne mich nur. Ja! Aber ich ahne
mich eben wenigstens doch. Nicht immer, doch manchmal mit brennender Schärfe und
Annäherung. Dann ist Alles so voll in mir, so weit, so gross, so gewaltig, dann
bin ich nicht mehr, dann hat mich etwas Unerklärliches, Geheimnisvolles in sich
aufgenommen, mein Leben strömt in stolzem Drange, ein sanftes, unendlich
wohltuendes Fieber durchprickelt mir Leib und Seele, Alles in mir ist Dank,
Inbrunst, Hingenommenheit, Fülle, Begeisterung, Grösse ... Aber diesem unendlich
Süssen, dem ich dann gehöre, das mich dann ganz aufgezehrt hat -: ihm einen Namen
geben - diesem verklärten Sein, da Sehnsucht und Erfüllung zugleich in mir ist,
eine Formel, ein Schema, eine Rubrik für den Tagescurs auf den Leib schreiben -
nein! das kann ich nicht. Wenn ich mit Euch, Ihr anderen Menschen, Ihr
Aussenmenschen, mit einem sogenannten Bekannten, einem Kameraden, mit irgend
einem Weibe zusammen bin - mein Gott! dann bin ich Gesellschaftstier, meinem
tieferen Ich entfremdet, dann rede und denke und scherze und lache und ärgere
ich mich und raisonnire, schimpfe, schwadronire, debattire, diskutire, spreche
ich ganz wie Ihr, nach dem berühmten Muster socialer Individuen, im Jargon des
Alltags, der Strasse, der Kneipe, des Gesellschaftszimmers ... Was wollt Ihr!
Mich kennt Ihr nicht. Das heisst: jenes Wesen eben, in welchem ich zuweilen sein
darf. Aber nun sieh: gerade das Bewusstsein, dass ich zuweilen ein Anderer sein
darf, das gibt meinem ganzen Leben doch eine grosse Zwiespältigkeit, eine ewige
Unruhe, das macht mich so oft mürrisch, melancholisch, unzuverlässig,
unberechenbar, ungeduldig, ungeniessbar, das wirft mich aus einer Stimmung in die
andere. Ich stürze mich in Genüsse, die für mich keine Genüsse sind, aber ich
muss sie immer wieder aufsuchen, weil ich mich loswerden will, weil ich mich
betäuben will - ich suche sie auf, diese faden Genüsse, obwohl ich mich vor
ihnen ekele, obwohl ich sie verachte ... Ich habe eben überhaupt kein Organ für
alle diese gerühmten plebejischen Freuden. Aber ich mache mit ... und ich bin
zuweilen nicht der schlechteste und zurückhaltendste Cumpan - das wirst Du aus
Erfahrung wissen ... Mein Pech ist nur, dass Ihr Alle mit mir wie mit einer
gewöhnlichen Werkeltagsmünze rechnet - und ich bin, Gott sei's geklagt! oft zu
feige oder oft auch zu gleichgültig, um gegen diese Unverschämheit, zu der ich
Euch übrigens ein gewisses Recht gar nicht abspreche, zu protestiren. Ich lache
Euch oft im Stillen aus, verachte Euch bodenlos, mache aber doch ganz gemütlich
mit, gehe auf Euch und Euere abgestandenen Lebensspässe und Interimsmätzchen ein
- um nachher mich selber desto mehr auszulachen ... Ja! Ja! Diese einsamen
Stunden der Sammlung, der Rückschau, der Reue, des Beisichseins! Da erlebt man
'was! Manchmal allerdings auch Nichts. Und dann geht man wieder hinaus, die
Menschen kommen zu Einem oder man sucht sie auf, man plaudert mit ihnen, man
langweilt sich mit ihnen, man rempelt sie an, man klappert mit ihnen zusammen,
die Zungen balgen sich, zuweilen wohl auch die gesammten ehrenwerten
Leiblichkeiten - und so gehts fort, einen Tag wie alle Tage ... Man wird älter,
enger, die Ausschweifungen, die doch nur die Folgen von grossen, elementaren
Jugendleidenschaften der Seele waren, rächen sich, die Nerven rebelliren, man
merkt: es geht mit dem ganzen Kerl bergab ... Na! Und man lässt's halt gehen ...
Was bleibt Einem auch übrig! Nur manchmal, erst seltener, dann häufiger, tauchen
so allerhand verflucht faule, weil arg philiströse Gefühle und Wünsche auf, die
grossen Stunden werden immer seltener, man schmilzt sich unwillkürlich immer
natürlicher und zwangloser der Masse ein, in so vielen Punkten geht das
Sonderbewusstsein ganz flöten, man sehnt sich nach einem engeren Kreise, einer
festeren Scholle, einer gesicherteren Stätte, allwo man in Frieden leben,
vielleicht auch noch 'n Bissel schaffen und wirken und nachher in Frieden
sterben darf, nachdem man noch Dies und Das von der Welt und ihren Reizen
genossen hat und einigermassen soweit zufrieden, ist, um nicht allzuviel von
einem problematischen anderen Leben noch erwarten zu müssen ... Das ist so ein
Resultat, zu dem man kommt, eine der schönen und holden Erfahrungen, die man an
sich macht. Eine andere Erfahrung, die bei solchen verwickelten und zerdröselten
Persönlichkeiten, wie Unsereiner nun einmal eine ist, auftritt - und noch dazu
mit jener ersten oft in intimster, örtlicher und zeitlicher Nachbarschaft, ist
die, dass man die individuelle Differenz mit der Gesellschaft, der Menge, der
Masse festält, ja erweitert, steigert ... Man sagt sich von einer Anschauung
nach der anderen, an welcher die Gesellschaft ihrer lumpichten Fortexistenz
halber festalten zu müssen glaubt, los - kritisirt Alles und man verwirft
Alles, Formen, Ideen, Einrichtungen, Anschauungen, Gewohnheiten ... Ist man sich
in Diesem und Jenem noch nicht klar darüber, ob man Ja! oder Nein! dazu sagen
soll - weiss der Teufel! - man hat doch eine instinktive Abneigung dagegen ...
Oft begnügt man sich mit dieser instinktiven Abneigung, man verwirft, weil man
einmal im Zuge ist, zu verwerfen - und kommt so zu einer Paralyse des
Seelenlebens, die entsetzlich ist und auf die Dauer unerträglich. Mit der Zeit
wird man aber auch hierin stumpfer und gleichgültiger. Man wird überhaupt müde
und letargisch. - Das ist schon kein Pessimismus mehr, das ist regelrechte
Décadence und Auflösung des ganzen Menschen. Vielleicht befinde ich mich schon
in diesem verheissungsvollen Stadium des inneren Lebens. Und so bin ich denn,
eben in Folge dieser köstlichen Reife meiner Natur, im Stande, vernünftig zu
werden - ich komme auf einem zweiten Wege zu demselbem Resultate - das heisst:
ich versuche mir die Mittel zu schaffen, jenes vernünftige Leben führen zu
können - in meinem Falle: ich verheirate mich reich. Das ist der bequemste
Modus. Nicht wahr -? Das wirst Du zugeben müssen, Emmy. Und dann könnte ja auch
die Möglichkeit eintreten, dass sich jene bewussten, teoretischen Erkenntnisse
und radikalen Anschauungen bei mir so festsetzten, dass sie unwillkürlich zur
reflektorischen Auslösung von ihnen entsprechenden Handlungen führten - und zu
solchen abnormen Handlungen, die Einen sofort in den allerdirektesten Bruch mit
der Gesellschaft bringen würden, kann sich nur der versteigen, der es aus
äusseren, also aus materiellen Gründen nicht nötig hat, nach der Sanktionirung
seiner Handlungen von Seiten der Gesellschaft zu fragen. Sonst - müsste er auf
diese Sanktionirung sehen, müsste er mit diesem Moment rechnen - du lieber
Himmel! - wenn er seinem Jammer nicht selbst ein redliches Ende setze - er würde
in der Tat sehr bald zerrieben und zermalmt, zerrissen, zerquetscht werden ...
Also heirate ich meine Lydia - nicht wahr? - nun begreifst Du ... Ob ich das
Weib liebe - ich weiss es nicht. Vielleicht, vielleichter auch nicht. Es ist ja
Alles Stimmung bei mir, Emmy, Alles ... Und Hedwig -? Ja wohl! Sie dauert mich,
sie tut mir leid, sogar sehr leid - aber was will ich machen -? Im Grunde ist
sie selbst schuld an ihrem Unglück. Ich habe ihren Vater und sie sattsam über
meine Anschauungen, Gewohnheiten, über die Art meines Handelns aufgeklärt. Es
ist ja wahr, dass ich sie sozusagen in Versuchung geführt habe. Warum hat sie mir
aber nicht widerstanden? Sie konnte nicht, sie musste aus Gründen, die bei ihr
gültig waren und sie zwangen, unterliegen. Sie ist eben auch nicht
verantwortlich zu machen, nur muss sie eben als Object, in dem und an dem sich
Etwas ereignete, auch die Folgen dieser Ereignisse tragen. Das müssen wir eben
Alle. Was kann ein Getreideacker dafür, dass ein Gewitter über ihn niedergeht? Er
muss die Folgen hinnehmen, muss sich zerstampfen lassen, muss seine Aehren opfern
... So springt die Natur mit uns Allen um - und uns bleibt bloss die statistische
Recapitulation, die sauersüsse Resignation - nichts weiter. - C'est tout. Das ist
Alles, aber auch andrerseits - gerade genug. Siehst Du, Emmy, Du bist doch
vielleicht das einzige Weib von allen Weibern, mit denen ich in der letzten Zeit
verkehrt habe, dem ich tiefer zugetan gewesen. An Dir hänge ich vielleicht
sogar jetzt noch am Meisten. Ich habe neulich eine schlaflose Nacht Deinetwegen
gehabt. So 'was ist immer verdächtig. Und wenn ich nun also hingehe und mich mit
einer anderen ... einer anderen Dame verbinde, die - verzeih'! - die keine so
Eine ist - wenn ich ins andere Lager desertire - - nun, so tue ich das eben und
eigne mir damit eine ganze Reihe von Vorteilen zu - aber warum ich es tue,
siehst Du - das weiss ich eigentlich trotz aller kritischen Analysen im Grunde
doch nicht ... ich bin mir ja schon viel zu gleichgültig. Das Leben reizt mich
nicht mehr. Es ist mir ganz klar: schliesslich bin ich dasselbe, was Du bist, nur
ins Männliche übersetzt, seelisch ganz dasselbe ... Ich bin psychisch ebenso
vielseitig und ebenso ... einseitig, wie Du, eben so wenig bornirt, wie Du - nur
bin ich verhältnissmässig freier, als Du, uneingeschränkter in meinen Gedanken und
Handlungen. Mich respectirt die Gesellschaft, mich erkennt sie an - Dich nicht.
Ich darf mir Alles oder doch sehr Vieles gestatten, Du nicht. Mir erlaubt sie,
eines Tages ihr selber gegenüber womöglich eine Herrscherrolle zu spielen ...
Aber - und das ist die sehr ernste und traurige Kehrseite der Medaille - aber
ich bin, eben weil ich so wenig Schranken zu respectiren hatte, tausend Mal
ärger zerfetzt und zerfasert als Du ... Du bist noch wärmerer, beständigerer
Gefühle fähig - ich kaum ... Bei mir flackerts, flammts wohl noch jäh,
leidenschaftlich, auf - aber es verfliegt auch wieder - und es verfliegt halt
ebenso schnell, wie es gekommen war. Ich weiss, dass Du mich liebgehabt hast, Emmy
- vielleicht hast Du mich auch noch 'n Bissel lieb, trotzdem mir Hedwig so
schwere und harte Anklagen in's Gesicht geschleudert hat ... Du hast für die
Arme unwillkürlich Partei genommen - ich begreife das Alles sehr gut. Und doch -
ich weiss es - ich ersehe es aus Deinem ganzen Betragen mir gegenüber - Du wirst
mir wohl den psychologischen Blick dafür zutrauen - und doch, sage ich, schmerzt
es Dich auch Deinetwegen - und vielleicht am Meisten Deinetwegen - dass ich Lydia
heiraten will. Aber zwischen uns liegt die Sache doch anders und einfacher,
dächt' ich. Wir können ja unser Verhältnis nach wie vor aufrecht erhalten. Ich
weiss zwar nicht, ob wir hierbleiben werden nach unserer Verheiratung, Lydia und
ich. Aber wäre das der Fall -: was hindert uns beide, Emmy, unseren Verkehr
ruhig fortzusetzen -? Nichts. Du bist doch nun einmal so Eine - verzeih'! ich
wollte Dich nicht kränken - aber die äussere Tatsache bleibt doch bestehen. Und
ich bin froh genug, dass ich Dich damals dem Freiberger Seidenfritzen, der sich
übrigens nie wieder gemeldet hat, abgejagt habe. Also bitte - wenn Du mich nur
ein Wenig gern hast, wirst Du schon einwilligen. Und dann, wenn die Tage
gekommen sind - na! Du weisst schon: dann erinnerst Du mich an die Zeit, da ich
jung und frei war ... da ich Dich liebte ... und mich manchmal in meinem Elend
unsäglich reich und stolz gefühlt habe ... Aber nun muss ich wirklich machen, dass
ich zum Bahnhof komme ... Sonst provocire ich 'gleich den ersten Sturm - und
dazu - ist's später auch noch Zeit ... Also Adieu, Emmy! Ich schreibe Dir -«
    Adam stürmte hinweg, Emmy blieb unwillkürlich stehen, verblüfft über die
jähe Verabschiedung. Dann ging sie mechanisch weiter. Ihm ist's ja doch nicht
Ernst, meinte sie im Stillen und wurde sehr traurig. Sie dachte noch an dies und
das, was sie von Adams langer Erklärung behalten hatte. Manches glaubte sie zu
verstehen, aber auch so Vieles nicht. Er war ein merkwürdiger Mensch, so ganz
anders, als die Anderen, mit denen sie sonst verkehren musste. Er behandelte sie
eigentlich recht wegwerfend, man konnte nie klug aus ihm werden, er war heute so
und morgen so. Manchmal musste sie ihn bewundern, wenn sie ihn auch nicht
verstand, sie fühlte, dass etwas Neues und Grosses aus ihm spräche, sie fühlte,
wie er innerlich hoch über ihr stand. Oefter stiess sie das gerade wieder von ihm
ab, sie sehnte sich nach Ihresgleichen, sie war dann froh, auch einmal mit einem
einfacheren, oberflächlicheren Menschen verkehren zu dürfen - und doch trieb es
sie immer wieder zu ihm hin, seine Rätselhaftigkeit, seine Unberechenbarkeit,
seine Blasierheit reizten sie, sie fühlte sich oft nicht wohl in seiner Nähe -
und doch war sie leidenschaftlich gern mit ihm zusammen, er hatte eine
merkwürdige Macht über sie, eine Gewalt, der sie sich manchmal zu entziehen
suchte und wohl auch mit schwerer Mühe einmal entzog - und der sie doch immer
wieder verfiel. Emmy sah sehr beklommen der Zukunft entgegen. -
    Adam hatte seine Uhr befragt, es war wirklich höchste Zeit. Er trabte nach
dem nächsten Droschkenhalteplatz, warf sich in das erste beste klapprige
Ungetüm und rasselte davon. -
    Am Portal der Vorhalle stand ein Weib, das Rosen feil hielt. Adam riss eine
gelbe Rose aus seinem Korbe, warf der runzligen, abschreckend hässlichen Hexe
einen Fünfziger in die dreckige, verkrümmte, wie von einem Erdhufe überwachsene
Hand und stürzte nach dem Perron.
    Es hatte schon zum zweiten Male geläutet. Die Wagentüren waren schon
zugeschlagen, hie und da den Zug entlang gab es hastig-laut plaudernde, unter
lebhaftem Gestenspiel sich ausgebende - oder leicht stockend, beklommen
sprechende Gruppen, auf- und niederrennende Schaffner, in der Ferne, gerade
unter der grossen Uhr, die rote Mütze des diensttuenden Beamten, an den
Wagenfenstern da und dort ein Gesicht, gleichgültig oder ernst, weil es
vielleicht einen Abschied, einen schmerzlichen Abschied, gilt ... Adam spähte
herum, jetzt entdeckte er seine Braut, die sich aus dem Fenster eines Wagens
zweiter Klasse lehnte und ihm zuwinkte. Der Wagen stand ziemlich weit vorn, nahe
an der Lokomotive.
    Ein helles Freudenlächeln huschte über Lydias Gesicht, als sie Adam im
letzten Augenblick doch noch vor sich sah. Sie hatte schon alle Hoffnung
aufgegeben. Sie war ganz traurig geworden, sein Wegbleiben hatte sie verstimmt,
am liebsten wäre sie wieder ausgestiegen. Nun war er doch noch gekommen. Das war
so gut von ihm. Sie sah ihn zärtlich an, als er vor ihr stand, vor Aufregung
kein Wort über die Lippen bringen konnte und ihr nur stumm die Rose reichte.
    »Du siehst recht blass aus, Adam -« bemerkte Lydia besorgt und führte die
Rose mit den kleinen, glattbehandschuhten Fingern der rechten Hand an ihre
zarte, weisse Nase. Sie sah fragend auf ihren Verlobten nieder.
    »So -? Mir war heute früh auch nicht ganz wohl -« antwortete Adam hastig -
»und wie geht es Dir, Lydia -?« fuhr er dann fort, nachdem er einmal tief Atem
geholt -
    »Ich danke -«
    »Und wie lange willst Du mich allein lassen -?«
    »Ich komme bald zurück - vielleicht eher, als es Dir lieb ist - -«
    »Lydia -!«
    »Meine Adresse schreibe ich Dir - also Friedrichroda - ich muss erst sehen,
ob ich Privatlogis nehme, oder -«
    »Und schreib' mir, bitte, recht bald und recht viel - ja? Zu schade, dass Du
jetzt gerade - - bleib' nicht zu lange, Lydia -?« bat Adam leise -
    Es war ihm plötzlich sehr weich ums Herz geworden. Nun seine Braut in der
Fülle und Reife ihrer Kraft und Schönheit vor ihm stand, loderte die
Leidenschaft zu dieser Frau wieder in ihm auf. Ja! Er liebte sie doch - und sie
allein. -
    Es läutete zum dritten Male. Die Lokomotive pfiff, langsam setzte sich der
Zug in Bewegung.
    Die Hände der beiden hatten zum letzten Male in einander gelegen, fest,
zärtlich. dabei hatten sie sich voll in die Augen gesehen. Sie gehörten nun
zusammen und sie mussten sich schon treu sein. - -
    Das weisse Taschentuch Lydias statterte immer noch, Adam schwenkte den Hut.
Der weisse, hin- und herzitternde Punkt verschwamm nun und verblasste mehr und
mehr, jetzt war er ganz und gar von der Entfernung aufgeschluckt. Der Perron war
leer geworden. Adam blieb noch einen Augenblick stehen, blickte vor sich hin,
freute sich, dass Lydia diskret die Geldgeschichte auch nicht mit der kleinsten
Andeutung wieder berührt hatte, dann wandte er sich um, ging langsam durch die
Vorhalle dem Ausgang zu und stieg langsam die Steintreppe hinunter, die vom
Bahnhofsportal auf die Strasse führte. Er befand sich in einem seelisch sehr
merkwürdigen Zustande. Lydias Abreise stimmte ihn beinahe sentimental, tat ihm
beinahe weh. Er wunderte sich darüber und schüttelte den Kopf. -
 
                                      XX.
Nun kamen stillere Tage für Adam. Er ging nicht viel aus, er sass oft stundenlang
auf seinem Zimmer, er spann seine losen, verzettelten Gedanken in der Sophaecke,
er las dies und das ohne inneren Zwang, ohne besondere geistige Genugtuung. Der
Juni war sehr heiss, trotzdem überlief Adam oft ein leises, stachliges Frösteln,
besonders gegen Abend stellte sich gewöhnlich ein heftigeres Fieber ein, sein
Schlaf war dünn, unruhig, von schwülen, bizarren Träumen erfüllt. Früh fühlte er
sich oft matter und hinfälliger, als er den Abend vorher gewesen war. Endlich
nahm er Chinin ein, da wurde es besser, das Fieber trat weniger akut auf,
schliesslich blieb es ganz weg.
    Lydia hatte Adam bald nach ihrer Ankunft in Friedrichroda geschrieben. Er
hatte den lieben, zärtlichen Brief mit seiner zartstrichigen Schrift, seinen
pikanten stilistischen Inkorrekteiten, seinen versteckten Liebkosungen oft
genug gelesen, wieder und wieder. Lydias Hingebung schmeichelte seiner
Eitelkeit, er vergass, welchen Umständen er schliesslich ihren Besitz verdankte,
es kam so weit, dass er sich unwillkürlich einredete, er hätte sie sich errungen,
und er war stolz auf diesen Erfolg. Aber dennoch verschob er es von Tag zu Tag,
Lydia zu antworten. Dieses Hinausschieben machte ihm ein pikantes Vergnügen,
gewährte ihm einen angenehm prickelnden Reiz. Hatte er erst geschrieben, so war
damit auch die momentane Situation erschöpft - und der Genuss, der in dem
Bewusstsein lag, dass sich Lydia um so mehr und um so intimer mit ihm beschäftigen
würde, je länger seine von ihr ersehnte Erwiderung ausblieb, hörte dann auf.
Vielleicht wirkte bei seinem Zögern auch mit, dass ihm das Bild seiner Braut
schon ein Wenig verblasst, dass er schon etwas in den Hintergrund getreten war,
dass der Einfluss ihrer reifen Frauenschönheit unter der Trennung doch schon
gelitten hatte. Er musste sich das eingestehen und ärgerte sich darüber. Aber er
konnte nichts dagegen machen. Er gab sich oft alle Mühe, Lydias Bild in Klarheit
und Frische vor sein geistiges Auge zu rufen, aber es wollte ihm nicht gelingen,
nur Schemen kamen und vage Andeutungen. Dann konnte er nicht begreifen, dass nun
in Zukunft er ihr und sie ihm angehören sollte, dass sie Beide hingehen sollten,
um sich ihren lieben Mitmenschen als ein zusammengehöriges Paar vorzustellen.
Das war Alles so drollig, so wunderbar, das konnte nicht sein, das widersprach
doch so ganz den Gesetzen, unter denen zu leben er sich gewöhnt hatte. Er
ertappte sich auf dem Gedanken, auf dem leisen, geheimen Wunsch, dass seine Braut
so lange als möglich in Türingen bleiben möchte. Er wollte sich jetzt nicht von
ihr stören lassen, er gewann seine Einsamkeit täglich lieber, und doch hatte er
in diesen Tagen eigentlich gar Nichts vor sich, er vegetirte mehr mechanisch
dahin, als dass er bewusst lebte, als dass er jetzt eine Individualität sein
durfte, die sich in ihrer reichen Subjektivität selbst genug ist.
    Manchmal beunruhigte ihn das Schicksal Hedwigs doch sehr. Zuerst zuckte er
bei jedem Anschlagen der Glocke zusammen, er fürchtete, der Postbote würde in
sein Zimmer treten und ihm die tausend Mark zurückbringen, deren Annahme die
Adressatin verweigert hätte. Aber der sonst so Willkommene blieb aus, blieb aus
einen Tag nach dem anderen - und Adam war das in diesem Falle ganz recht, er
beruhigte sich wieder. Hedwig hatte das Geld also angenommen, ihre Lage hatte
sie wohl dazu gezwungen, aber warum sollte er Bedenken tragen, sein Tun als
eine Art von Sühne aufzufassen? Es ist ja nun einmal so auf der Welt, dass
seelische Verletzungen durch materielle Bussacte wieder ausgeglichen werden
können. Und doch kam ihm der Gedanke an den Tod Irmers immer wieder, er vermied
es mit ängstlicher Scheu, eine Zeitung zur Hand zu nehmen, in der er etwa eine
Notiz darüber finden konnte. Irmers Brief, den er in einer besonders nervösen
Stunde aufgebrochen und in zitternder Hast flüchtig überflogen hatte, nachdem er
ihn schon unzählige Male in Händen gehabt, aber stets wieder bei Seite gelegt,
hatte er sofort verbrannt. Er hatte ihn los sein wollen ... und triumphirend
hatte er vor dem Häuschen Asche gestanden, die von ihm noch übrig geblieben war.
In einer stillen Sommernachtsstunde hatte er sich weit zum Fenster hinausgelehnt
... und die Asche in alle Winde verstreut ... Und doch blieb eine Stelle des
letzten Vermächtnisses Irmers hasten in seinem Gedächtnis, sie tauchte immer
wieder auf, mochte er sie auch mit aller Gewalt niederdrücken und zurückdrängen,
sie kamen wieder, immer wieder, jene ernsten, schweren, beschwörenden Worte: »-
Ich lasse mein Kind in Ihren Händen zurück, Herr Doctor - und ich weiss, Sie
werden niemals vergessen, was sie ihm schuldig sind. Ich vertraue Ihnen und
sterbe ruhig - -« Adam sagte sich ganz klar, dass er Hedwig gegenüber eine
Schurkerei begangen, wenigstens eine Schurkerei im Sinne der gültigen Moral der
Masse, er fand schliesslich auch »höhere« etische Gesichtspunkte, die ihn
trösteten und freisprachen, aber es fruchtete wenig, das Neue war noch zu dunkel
in ihm, noch zu teoretisch, zu vergeistigt, die alten törichten
Katechismusgefühle waren doch noch zu stark. Und sie klagten ihn Tag für Tag
aufs Neue an. Nein! wenn Hedwig noch einmal in sein Leben träte, wollte er nicht
zurückweichen vor ihr. Sie aber aufzusuchen - dazu hatte er nicht die Kraft und
nicht den Mut. Und dann auch: sie verachtete ihn gewiss schon so sehr, dass sie
seine Nähe gar nicht ertragen würde. Was sollte er also sie und sich quälen-? Es
war überflüssig. -
    Einmal dachte Adam auch an den Selbstmord. Das war zu komisch. Hatte er denn
ganz vergessen, dass er zum Leben »verurteilt« war? Hatte er das nur einen
Augenblick vergessen können -? Ja! Es war doch möglich gewesen. Merkwürdig!
Merkwürdig! Oh! Und er besass ja nicht einmal mehr die Grösse und die Gewalt der
Seele, die schmerzlich süssen Wollustschauer eines Galaselbstmords geniessen zu
können. Das kritische Delirium hatte Alles zermalmt, Alles, Alles. Ja! Ja! das
war das curiose Märchen von der Analyse und von der Syntese, die sich so gut zu
vertragen wissen ... Adam lächelte. Das Leben hatte ihn wieder. -
    Eines Morgens fühlte er sich besonders behaglich. Er hatte gut, besser
wenigstens, denn gewöhnlich, geschlafen, schleimige Träume hatten ihn verschont,
er fühlte sich stärker, freier, flüssiger, auf das Spiel der Menschen und Dinge
... und auf das Mitspielen gestimmter. Er trank seinen Kaffee und rauchte mit
grossem Genuss seine Morgencigarette. Er lehnte sich zurück und dachte an Lydia.
Er nahm sich vor, ihr heute zu schreiben, ganz bestimmt zu schreiben, sie könnte
sonst leicht auf allerlei Gedanken kommen - und das hatte sicher seine
Schattenseiten und Nachteile für ihn. Er verdankte ihr doch eigentlich recht
Viel, es wäre barbarisch dumm gewesen, leichtsinnig wieder fahren zu lassen, was
sie ihm aus Liebe entgegengebracht. Ja! Nun er sich zum ersten Male wieder
werktätiger aufgelegt fühlte, fand er seine Bräutigamsschast äusserst famos und
praktisch. Es ist gut, wenn der Mensch eine »reiche Partie« macht. Adam wurde
mit der Partie, die er gemacht hatte, immer einverstandener. Er nahm sich vor,
unter der Hand bei einem kaufmännischen Auskunftsbureau einmal genauer nach den
Vermögensverhältnissen Lydias zu recherchiren - das war doch sehr von Belang für
ihn. In den letzten Tagen war ihm überdies öfter ein Gedanke zurückgekehrt, mit
dem er schon vor Jahren gespielt, der sich aber wieder verflüchtigt hatte, weil
damals zu seiner Verwirklichung blutwenig Aussicht, weil blutwenig Material
vorhanden gewesen war. Nun stand die Sache scholl anders. Jetzt durfte er schon
mit grösserem Rechte an sein geliebtes »Paedagogium der Zukunft« denken. Und Adam
beschloss, sich, demnächst einmal ernstlich daran zu machen, die Grundprincipien
dieses seines »Paedagogiums der Zukunft« zu entwerfen. -
    Auf die Tage der äusseren und inneren Stürme und Katastrophen sollten die
Tage ernster, gesammelter, »sühnender« Arbeit folgen. Ja! Er wollte arbeiten,
besass er doch noch Ideale! Vielleicht noch zwei, vielleicht sogar noch drei,
vielleicht auch nur noch eins. Er vermied es, sich zu fragen, wie dieses eine,
dieses letzte »Ideal« hiesse, wie es beschaffen wäre, in welcher Richtung es läge
-? Er wusste, dass er diese Frage vermied, und das beunruhigte ihn. Und doch
freute es ihn zugleich, dass er sich überhaupt noch entschliessen konnte, im
Dienste eines »Ideals« zu arbeiten. Ja! Er wolle arbeiten. Und war das im
tiefsten Grunde auch nur eine Resignation - schliesslich bedeutete dieser
Entschluss doch auch eine Hoffnung auf die Zukunft und eine Bürgschaft für die
Zukunft. Adam zweifelte daran wenigstens nur dann und wann.
    Im Uebrigen wurde er von Tag zu Tag mehr und mehr guter Dinge. Er kostete
die kargen, letzten Zeitläufte seiner »Freiheit« in sanfter Behaglichkeit aus.
Der Sommer war so schön, die Rosen blühten, bald musste es auch Levkojen und
Reseda geben. Und sonst - »na! Ick bin ja man ooch bloss in absentia uff der
Welt« - tröstete sich Adam - der brave Klempnergeselle behielt doch Recht.
    »Auf welcher Welt werden wir einmal nicht in absentia dasein -?«
    Adam hatte gut fragen. Die Antwort war ihm ja doch furchtbar schnuppe. -
                                     Ende.
 
    