
        
                                   Ida Boy-Ed
                                 Fanny Förster
                              Meiner lieben Freundin
                                        
                          Alexandra von der Gabelentz
                        geb. Freiin von Rotkirch-Trach
                                        
                       zur Erinnerung an manche fröhliche
                           und manche ernste Stunde.
                                                                        I. B.-E.
                                 Erstes Kapitel
»Sie wird nicht weinen, nein, sie wird nicht weinen,« sagte Arnold von
Herebrecht vor sich hin und legte die Faust schwer auf das vor ihm ausgebreitete
Schriftstück. Dies trug ein kaiserliches Siegel und die Unterschrift des
Marineministers. Der Inhalt des Schreibens kam übrigens dem Empfänger nicht
unerwartet; längst wusste man, dass die Korvette »Maria« im Herbst eine
zweijährige Reise anzutreten habe, um die neuen Kolonien zu besuchen, und dort
vielleicht so Schutz wie Besitzvermehrung bewirken solle. Auch dass ihn, den
Kapitän zur See von Herebrecht, diesmal der Ruf treffen würde, unter den das
Schiff begleitenden Offizieren zu sein, hatte er wohl vermutet, aber kein Wort
von dieser Voraussicht war ihm seinem Weibe gegenüber von den Lippen gegangen.
Jetzt jedoch musste er ihr die Berufung, der schon nach acht Tagen die Trennung
zu folgen hatte, jetzt musste er sie ihr mitteilen. Er stand langsam auf, das
Papier knitterte unter seiner Faust, die er wie zur Stütze beim Erheben auf
Schriftstück und Tischplatte belassen. Er besann sich, wie er es ihr sagen solle
und was sie antworten würde.
    »Sie mag es lesen,« entschied er sich endlich. Er fühlte es wohl, dass ihr
dann Zeit bleibe, eine höfliche, ja vielleicht eine gütige Antwort zu finden,
während dem gesprochenen, raschen Wort »Ich gehe« ebenso rasch ein froher Ruf
folgen konnte.
    Die Tür, welche von dem Arbeitszimmer des Kapitäns in das Wohngemach seiner
Frau führte, ging langsam auf, Adrienne, die am Fenster sass und nähte, hob nicht
einmal die tief auf die Arbeit geneigte Stirn. Herebrecht stand, am Türpfosten
gelehnt, eine Weile still und überschaute das Bild, das ihm sein Weib, sein Kind
und sein Heim so boten.
    Die Stube hatte zwei Fenster, welche auf eine der engen und überaus
geräuschvollen Strassen Kiels sahen; Sonnenschein fand hier keinen Eingang, denn
wenn das Zimmer auch nicht nach Norden gelegen hätte, würde die
gegenüberliegende nahe Flucht der hohen Häuser doch jeden Sonnenstrahl abgewehrt
haben. Die Möbel, welche durch Form und Ueberzug verrieten, dass sie höchstens
zwei Jahre alt sein mochten, waren ebenso weit von Eleganz wie von Dürftigkeit
entfernt und zeigten in ihrer ganzen Anordnung jenen erschrecklichen
Allerweltsgeschmack, der es verbietet, aus dem Gepräge eines Wohngemachs auf die
Liebhabereien der Bewohner zu schliessen. An der Hauptwand befand sich ein Sofa,
davor auf mässig grossem Teppich ein Tisch mit Decke und epheuumkränzter
Alabasterschale, über dem Sofa ein Bild der Königin Luise von Richter; rechts
und links vom Tisch standen zwei nie benützte Lehnstühle; dann an der einen Wand
ein verschlossenes Piano und an der andern ein Damenschreibtisch, dessen Platte
jedoch von peinlich symmetrisch geordneten Nippes besetzt war. Die Zwischenräume
an den Wänden waren von Stühlen ausgefüllt, die so von allen vier Seiten ihre
Sitze und Vorderbeine steif von der Mauer dem Stubeninnern zukehrten wie in
einem Wartesaal, weniger zum Sitzen einladend, als ihr vorschriftsmässiges Dasein
zeigend. Auf den beiden Fensterbrettern standen einige blütenlose Topfgewächse;
vor dem einen Fenster, zwischen den weissen Gardinen, sass die junge Frau an einem
Nähtischchen und nähte, die Hand wie eine bezahlte Nähterin mit unermüdlicher
Gleichmässigkeit hebend und senkend.
    Dieses Bild, in immer derselben Färbung des sonnenlosen Lichts auf den
graubraunen Möbeln, dem dunklen Frauengewand und dem rötlichen Weiberkopf, sah
Arnold von Herebrecht so schon seit zwei Jahren, er mochte eintreten, zu welcher
Tageszeit er wollte. Nur einmal hatte es sich verändert: da fehlte die nähende
Frau vier Wochen an ihrem Fensterplatz, und als sie ihn wieder einnahm, stand
neben ihr eine Wiege mit dem schlummernden Söhnchen. Das war jetzt ein
Vierteljahr her.
    Nun, da ihm dies einförmige Gemälde eines regelmässigen Frauendaseins
vielleicht zum letztenmal vor Augen trat, da vor seinem geistigen Auge schon das
farbenspielende Meer und die glühende Tropenwelt aufstiegen, sagte er sich
plötzlich: »Es ist wahr, ihre Tage waren unendlich gleichtönig.«
    »Adrienne,« sprach er, »Du hast so oft eine Veränderung unseres Lebens
ersehnt, hier die Kunde einer sehr bedeutungsvollen.«
    Er trat zu ihr und reichte ihr den Einberufungsbefehl. Sie nahm und las. In
ihr feines weisses Gesicht stieg ein Erröten. Es war das einzige Zeichen einer
innern Bewegung, denn mit einem ruhigen Aufblick ihrer dunklen Augen reichte sie
ihm das Papier zurück. Sie schwieg. Sein männliches Gesicht, das durch einen
grossen Bart und peinlich straff aus der Stirn gebürstetes Haar ohnehin einen
Eindruck von Strenge machte, wurde noch herber, seine kurzsichtigen, scharfen
Augen kniffen sich zusammen, wie es seine Art war, wenn er jemand durchdringend
ansehen wollte.
    »Du hast kein Wort?«
    »Was soll ich dazu sagen?« fragte sie entgegen. »Dein Kaiser ruft, es ist
Deine Pflicht und Dein Beruf, zu gehorchen.«
    »Freust Du Dich, dass ich gehe?« sagte er wider Willen halblaut und mit einem
gewissen Drängen in der Stimme. Sie sah ihn traurig an.
    »Nein,« antwortete sie, »ich freue mich nicht. Wie sollte ich auch? Während
Du hier warst, konnte ich doch hoffen, dass irgend ein Zufall, irgend eine
dienstliche oder andere Veränderung in Deinem Dasein auch das meine mit
freundlicher gestalten könne. Nun Du gehst, wird meine Abgeschiedenheit vollends
zur Klausur werden.«
    »Liebes Kind,« sagte er mit Milde, »ich will Dir nicht wiederholen, was wir
schon bis zum Überdruss besprochen haben, dass es nämlich durchaus unnötig, ja,
dass es geradezu eigensinnig von Dir war, auf all die kleinen Freuden des Lebens
verbittert zu verzichten, die doch auch andere Menschen in gleich unseren
bescheidenen oder noch bescheideneren Verhältnissen finden. Eine Aenderung von
aussen erhoffen, hiesse ein Wunder vom Himmel erwarten.«
    »Ja,« rief sie, während allmälich zwei rote Fleckchen auf ihren Wangen
entbrannten, »ja, es war ein Wahnsinn, dergleichen zu hoffen. Unabänderlich -
unabänderlich! Das ist das krächzende Wort, das mir jeder Tag zuschreit. Du
wirst in Deiner Berufslaufbahn den Schneckengang, den üblichen, vorwärts gehen,
trotz allem Ernst, trotz aller Fähigkeit. Während wir noch jung sind, während
wir geniessen könnten, heisst es, mit der kleinen Gage reichen und noch davon zu
erübrigen, um Deinem Bruder Zuschüsse zu gewähren. Du bist arm, ich bin arm, und
von keiner Seite haben wir Erbschaften zu erwarten. Nein, Arnold, ich wollte die
kleinen, kargen, lügnerischen, mühselig ersparten Vergnügungen nicht, mit denen
andere in solcher Lage das Dunkel ihres Daseins erleuchten wie mit Talglichtern.
Ich will ein ganzes, ein helles, grosses Glück.«
    Sie brach in Tränen aus und legte die Stirn auf die Fensterbank. Arnold
trat zu ihr und streichelte ihr mitleidig das Haar.
    »Armes Kind,« sagte er mit seiner tiefen Stimme, »armes, irrendes Kind! Du
liebst mich nicht, deshalb kann Dich auch meine Liebe nicht reich machen.«
    »Du liebst mich?« rief Adrienne mit bitterem Auflachen. »Seltsame Art, mir
das zu zeigen. Fürwahr, ein strenger, nie befriedigter Erzieher warst Du mir;
von Liebe, von jener heissen, nie ermüdenden Liebe, die ich geträumt habe und in
deren Glanz ich auch mit trockenem Brot hätte zufrieden sein wollen, von jener
Liebe, die im andern den Gegenstand höchster Anbetung sieht, habe ich nie etwas
bemerkt.«
    »Weshalb hätte ich Dich denn aber zur Gattin gewählt?« fragte er mit mehr
Sanftmut, als ihm sonst bei solchen Scenen eigen war.
    »Weil Du ein grossmütiger Mensch bist und das arme junge Ding Dich dauerte,
welches bei Deinem Vorgesetzten die unartigen Kinder beaufsichtigen musste und
sich ihr karges Brot selbst zu verdienen hatte, was ihr auch nicht an der Wiege
gesungen worden war. Und diese Deine Grossmut blendete mich, ich sah in Dir einen
Helden und Gott ... bis ... ja, bis ich in der schnell geschlossenen Ehe
erkannte, dass Du ein Pedant bist ... was sag' ich, ein Pedant? eine Statue ohne
Wärme, schön und mannhaft anzuschauen, aber kalt!« sprach die junge Frau.
    »Die Liebe eines Mannes, ich habe es Dir oft gesagt, kann sich nicht in
steten Versicherungen und Schwüren, nicht in immer neuen Huldigungen und
Umwerbungen äussern. Sieh, in unserer eisernen Zeit, in der Ueberfülle von
Existenzen, wo immer eine die andere verdrängen möchte, weil ihrer zu viele sind
für die Aufgaben der Menschheit, in unserer Zeit der Arbeit ist nur wenigen
Männern die Musse vergönnt, die Ritterlichkeit, die auch in ihrer Liebe wohnt,
dem Weibe so unermüdlich zu zeigen, wie ihr Geschlecht mit natürlichem Wunsch zu
begehren gewohnt ist. Der Mann von heute muss von dem Weib von heute mehr
Vertrauen fordern, als unsere Vorfahren zu beanspruchen brauchten. Ihr müsst uns
auch ohne immerwährende Beweise glauben, und wir können von euch leichter
verraten werden. Bedenke die Einrichtungen des modernen Lebens und gib mir
Recht. Ich hatte in meinem angestrengten Dienst und meinen ausserdienstlichen
wissenschaftlichen Arbeiten keine Zeit, mit Dir zu tändeln, ich musste auf Dein
Vertrauen zu meiner Liebe rechnen. Du aber musst hinwieder auf mein Vertrauen zu
Deiner Liebe zählen, nun, da ich fern bin und Du mir weder Liebe noch Treue
augenfällig beweisen kannst. So, Hand in Hand, Vertrauen fest an Vertrauen
gefügt, so ist die Liebe der Menschen von heute, so sollte sie sein, und im
Getümmel des Daseinskampfes genügt ihr ein treuer Blick als Verständigung.«
    Auf seinem Gesicht lag ein feierlicher Ernst. Sein Weib neigte das Haupt.
Was sollte sie ihm antworten? Dass er in der Zeit, wo er ihr diese und ähnliche
lange, ohne Zweifel kluge und wahre Reden gehalten hatte, sie lieber hätte
herzlich küssen und mit ihr scherzen sollen? Scherzen? Arnold? Undenkbare
Vorstellung! Kaum dass sein Ernst je einmal durch ein Lächeln unterbrochen wurde.
    »Und dass ich Dich häufig tadelte,« fuhr er liebevoll fort, »das, mein Kind,
wirst Du mir danken, wenn dieser da, der sein Leben vorderhand noch verschläft,
ein erziehungsbedürftiger Mensch wird. Du hattest keine Mutter gehabt seit
Deinem zehnten Jahr, Du wuchsest in einer Pension auf, die Dein älterer, reicher
Stiefbruder aus Gnade bezahlte, denn auch Dein Vater war verarmt, noch ehe er
starb, und das grosse Vermögen seiner ersten Frau ging auf deren einzigen Sohn
über. Das verbitterte schon Deine Kinderseele. Und als dann auch Dein
Stiefbruder starb, wolltest Du von seiner Witwe, die ihn beerbte, keinen Heller
mehr nehmen. Du, selbst noch unerzogen, gingst schon in die Welt, andere zu
erziehen. So fehlten Deinem Wesen überall die letzten weiblichen Abrundungen. Es
war meine Pflicht, Dich darauf aufmerksam zu machen.«
    »Ja,« sagte Adrienne mit jener plötzlichen Selbsterniedrigung, die zuweilen
weiblichem Trotz folgt und niemals wahrhaftig gemeint ist, »ja, ich bin viel zu
dumm und zu jung für Dich, und undankbar obenein.«
    Er schüttelte wie in Ungeduld verzagend den Kopf.
    »Vielleicht wird Dir in der langen Trennung begreiflich,« sprach er, »dass
wir doch besser für einander passen und glücklicher mit einander sein können,
als es jetzt scheinen will.«
    Beide Gatten schwiegen einige Minuten, dann fragte Adrienne mit ermüdeter
und gleichgiltiger Stimme, bis wann Arnold sein Gepäck an Bord haben müsse und
ob Joachim vorher noch kommen solle.
    »Nein,« entschied der Kapitän nach kurzem Bedenken, »abgesehen davon, dass
wir in diesem Augenblick unnütze Ausgaben vermeiden müssen, weil ich für Dich
und das Kind Umsiedlungspläne habe, zu denen Du Geld brauchst, abgesehen also
davon, würde dem guten Jungen nur das Herz schwer werden, wenn er ...«
    Es wollte nicht heraus, dies: »Wenn er sähe, wie frostig mein Weib mich eine
Reise um die Erde antreten lässt.«
    Adrienne verstand aber die unausgesprochenen Gedanken ihres Gatten. Sie
wusste, dass Arnold an seinem jüngeren Bruder mit grosser Liebe hing, die dieser
mit abgöttischer Verehrung erwiderte. Demütig sagte sie:
    »Du solltest ihn doch kommen lassen. Wenn Du fort bist, kann ich mich leicht
noch mehr einschränken und so das Geld, was die Reise kosten wird, schnell
wieder sparen.«
    »Nein,« meinte der Kapitän bedrückt, »lassen wir das! Es ist mein Wunsch,
dass Du während meiner Abwesenheit etwas mehr vom Leben siehst, als es bisher
geschehen konnte. Du wirst meine Gage wie jetzt regelmässig empfangen, die
Kommandozulagen, welche wir auf Reisen beziehen, werden für meine Bedürfnisse
genügen, Dir bleibt also, nach dem üblichen Abzug für Joachim, mein ganzer
Gehalt, was sonst für mich, Dich und Baby reichen musste, für euch allein, Du
kannst Dich einigermassen rühren.«
    »O Arnold,« sagte sie traurig, »dann wollen wir doch lieber das, was jetzt
weniger gebraucht wird, für Baby zurücklegen.«
    »Wie Du willst,« sprach er gütig, »aber erinnere Dich, wenn Dir Wünsche
erwachen, meiner Einwilligung.«
    Adrienne brach zum zweitenmal in Tränen aus. »Mir sind ja doch keine
Freuden bestimmt,« sagte diese heftige Tränenflut.
    Arnold glaubte alles gesagt zu haben, was in dieser neuen Wendung ihres
Lebens ihren Sinn zufrieden und gerecht machen konnte, und mit einem Seufzer
verliess er das Zimmer. Er nahm wieder seinen vorherigen Platz an seinem
Schreibtisch ein, legte sich Briefpapier zurecht und begann mit der
Unverzüglichkeit, welche vielschreibenden Leuten eigen ist, einen Brief an
seinen Bruder; kaum dass er die Unterschrift darunter gesetzt, schob er den Bogen
zurück und setzte die sichere, rasche Feder auf ein zweites Blatt, zu der Anrede
»Hochverehrte Frau!« Der Brief an seinen Bruder lautete:
                              »Mein guter Joachim!
Was wir seit einiger Zeit erwarteten, wird Tatsache werden: in acht Tagen gehe
ich mit der Maria nach den neuen Kolonien, wahrscheinlich auf zwei Jahre. Ich
lade Dich nicht ein, vorher um Urlaub zu bitten, so sehr ich auch wünschte,
persönlich von Dir Abschied nehmen zu können. Du verstehst meine Gründe ohne
weiteres, wenn ich Dir sage, es ist mein Wunsch, dass Adrienne eine Reise mache.
Leider Gottes, mein Junge, haben wir von Jugend auf gelernt, lernen müssen, uns
in alles zu finden, was unsere Armut uns verbot. Freilich weigert Adrienne sich
vorderhand und zeigt Neigung, in ihrer einem gewissen Trotz gegen die
Verhältnisse entsprungenen Apatie zu verharren. Aber dennoch hoffe ich, dass
sie, wenn nicht früher, im kommenden Sommer Fanny Förster aufsuchen wird. Du
weisst, ich habe die Stiefschwägerin meiner Frau nur ein einzigesmal,
gelegentlich meiner Hochzeit, gesehen, allein einen so bleibenden und
bedeutenden Eindruck von ihr empfangen, dass ich von dem Verkehr mit dieser Frau
eine tiefgehende Wirkung auf Adrienne erhoffe. Um Dir die Wahrheit zu sagen, ist
meine Frau nach der Geburt unseres Jungen etwas trübselig geblieben; Blutarmut
und Nervosität haben die ohnehin an ihrem Gemüt hängenden Schwergewichte noch
herabziehender gemacht, und ich bin sicherlich zu ernst und zu beschäftigt, um
einer so jungen, gedrückten Frauenseele die Munterkeit zurück zu geben. Ich
lasse sie so allein zurück, dass mir bangt. Was kannst Du ihr schliesslich sein?
Ich bitte Dich wenigstens, schreibe ihr jede Woche und wirke auf sie ein, dass
sie zu Fanny Förster geht, der ich noch heute in dieser Angelegenheit schreibe.
Ohne allen Zweifel würde, wenn Adrienne nach Mittelbach geht, Fanny Förster Dich
einladen, Deinen sonst bei uns zugebrachten Urlaub bei ihr zu verleben. Nimm das
ohne Zögern an, Du kannst es, denn auf Mittelbach wird eine so grosse
Gastfreundschaft geübt, dass ein Besuch mehr oder weniger im Jahr nicht ins
Gewicht fällt. Adrienne hat in ihrem Herzen jene unpersönliche und doch so
persönlich wirkende Verstimmung gegen Fanny Förster, wie arme Verwandte es so
oft gegen die nächste Familie hegen, wenn diese reich ist. Kämpfe damit, besiege
das, steh ihr im Geiste bei gegen sie selbst.
    Adrienne wird Dir Deinen Monatszuschuss, wie gewohnt, an jedem ersten
schicken. Sollte ihr oder unserem Kind etwas ankommen, nimmst Du Urlaub und
eilst zu ihr. Zu diesem Zweck lege ich hier eine längst dafür ersparte Summe
bei.
    Leb wohl, mein Junge! Ob wir uns wiedersehen, weiss Gott allein. Aber denke
nur an mich in Liebe und Freudigkeit, Joachim, denn das kannst Du. Hier zum
Abschied will ich's Dir sagen, dass ich es voll anerkenne und achte, wie Du Dich
durch Dein junges Leben wacker geschlagen hast und tapfer an den Versuchungen
rechts und links vorbeigingst. Das ist nicht leicht, ich weiss es, denn ich habe
es auch durchbeissen müssen. Oft habe ich es bereut, dass ich Dich Landwirt werden
liess, denn bei unserer Vermögenslosigkeit ist keine Aussicht, dass Du zu Eigenem
kommst, ausser durch eine reiche Heirat, und diese, wenn sie nicht durch tiefste
Herzensneigung bestimmt ist, widerrate ich Dir ernstlich. Bleibe, was Du warst:
ein Herebrecht, das heisst ein Mann von Ehre. Und wenn ich nicht mehr heimkomme,
mache meinen kleinen Joachim auch dazu. Hab mein Weib, Deine Schwester, immer
lieb, wenn nicht aus eigener Wahl, so doch um meinetwillen. Im Leben und im Tod
Dein Arnold.«
Und an Fanny Förster hatte er dann folgendes geschrieben:
                              »Hochverehrte Frau!
Obschon unser ganzer Verkehr sich auf den Austausch von Glückwünschen beim
Jahreswechsel und Geburtstagen beschränkte, ein lockerer Verkehr, der nur etwas
lebhafter wurde durch die herzliche Teilnahme, welche Sie meiner Frau nach der
Geburt des kleinen Joachim bezeigten, richte ich doch eine Bitte an Sie. Nicht
weil Sie die einzige Verwandte meiner Frau sind, sondern weil ich erkannt zu
haben glaube, dass Sie mehr Verständnis für Situationen und Charaktere haben, als
andere Frauen aufzubringen vermögen, bitte ich Sie, nehmen Sie Adrienne für die
Zeit meiner Abwesenheit in Ihren Lebenskreis auf. Ich gehe mit der Maria nach
den Kolonien, es kann zwei Jahre dauern. Sie wissen, dass Adrienne sich innerlich
dagegen auflehnte, Ihren verstorbenen Gatten oder Sie zu lieben. Sie wollte
nicht dankbar sein. Aber nun, da Adrienne, wenn auch nur die Gattin eines armen
Kapitäns, doch immerhin selbständig ist, nun mögen sich leichter freundliche
Beziehungen zwischen Ihnen anbahnen. Keineswegs möchte ich Ihnen das Wagnis
zumuten, Adrienne in Ihr Haus aufzunehmen; meine Frau würde eine so lang
dauernde Gastlichkeit doch wieder als Almosen empfinden. Aber ich denke, in der
Nähe Ihres Gutes mag es irgendwo ein Häuschen oder in einem Pfarrhause ein paar
Zimmer geben, wo mein Weib sich mit Kind und Dienerin einmieten kann. So ist sie
doch in Ihrem Kreise und wird Ihrem Wesen nahe kommen. Vielleicht auch ergründen
Sie, hochverehrte Frau, was es ist, an dem Adriennens Gemüt krankt. Ihnen will
ich nicht verhehlen, dass sie von einer Unzufriedenheit niedergedrückt ist, die
unmöglich allein aus dem Umstand kommt, dass wir in höchster Sparsamkeit leben
müssen. Ich übergebe Ihnen mein Weib in dieser ernsten Stunde. Wenn irgend
einmal in unvorherzusehenden Angelegenheiten Adriennens ein männlicher Rat und
Beistand nötig sein sollte, so ist es mein Bruder Joachim, der für sie eintritt.
    In acht Tagen reise ich; ich weiss, es wird mit der Erleichterung sein, dass
ich vorher Ihre Zusage erhielt. Oder wenn Umstände, die ich respektiren würde,
auch ohne dass Sie mir dieselben erklären, Ihnen Adriennens Aufentalt in
Mittelbach nicht ratsam scheinen lassen, so werden Sie mir doch einen bessern
Rat, als ich mir selbst wüsste, in Bezug auf Adrienne zu geben wissen. Ich grüsse
Sie in tiefer Verehrung als Ihr ergebener
                                                         Arnold von Herebrecht.«
Der Kapitän fühlte eine gewisse Erleichterung, nachdem er die beiden Briefe zur
Post getragen hatte. Seine Gedanken, die beinahe nur verstohlen bei der Reise
selbst zu verweilen gewagt hatten und sich bisher ausschliesslich mit den
Zurückbleibenden beschäftigten, eilten froh vorwärts. Herebrecht war seinem
Beruf mit einer ernsten Leidenschaft ergeben; er empfand diesen Reisebefehl als
freudige Auszeichnung und gehörte überhaupt zu den Menschen, die von einem Unmut
gegen sich und die Welt befallen werden, so lange sie einen Teil ihrer Kräfte
nicht bis zur höchsten Leistungsfähigkeit anspannen dürfen. Jede neue Aufgabe
bringt solchen Naturen eine ihnen sonst nicht eigene Art der Jugendfreudigkeit;
Adrienne, die im sinkenden Februarabend noch an ihrem Fensterplatz sass, über
trostlosen Gedanken brütend, war nicht wenig erstaunt, den Gatten bei seiner
Rückkehr ein bekanntes Seemannslied vor sich hinpfeifen zu hören. Es war das
erstemal, dass sich eine innere Fröhlichkeit bei ihm laut äusserte.
    Adrienne wollte eine bittere Bemerkung machen, aber ihr Herz schlug in
schmerzlicher Aufwallung so heftig, dass ihr die Worte versagten.
    »So, mein liebes Kind,« sagte er, sich in eine Sofaecke setzend, »an Joachim
und Fanny Förster habe ich geschrieben.«
    »Warum denn an Fanny?«
    »Komm hierher. Wir werden nicht lange mehr beisammen sitzen, lass uns ein
Wort vernünftig sprechen,« bat der Kapitän mit einem gemütlichen Tonfall der
Rede, der ihr auch neu war; aber die Wendung, »ein Wort vernünftig sprechen«,
kannte sie bis zum Überdruss, es hiess für sie »eine Strafpredigt«.
    »Wenn man seine Frau auf zwei Jahre verlässt,« dachte Adrienne, ihre Augen
dem Stückchen bleigrauen Himmels zuwendend das oben über den Nachbarhäusern zu
sehen war, »wenn man geht, vielleicht auf Nimmerwiederkehr, spricht man von
Jammer, von Verzweiflung, aber gewiss nicht ein vernünftiges Wort.«
    »Du antwortest nicht? Du kommst nicht?« fragte er sanft.
    »Lass nur,« murmelte sie, »ich höre ja auch hier.«
    »Seltsames Weib!« dachte er; »eine andere würde sich jammernd an ihren
Gatten schmiegen. Sie bleibt steif und stumm am Fenster sitzen.«
    »Warum nimmt er mich nicht in seine Arme und zieht mich so mit Gewalt an
seine Seite?« dachte sie; »ach, ihm liegt nichts daran.«
    Nach der Pause von Minuten, während welcher der schnell hereinbrechende
Abend alles im Zimmer schwarzgrau umdüsterte, fragte Adrienne:
    »Nun - Du wolltest ja ein vernünftiges Wort mit mir sprechen?«
    »Ja, ich wollte Dir die Vorteile für Dich auseinandersetzen, die Dir eine
Uebersiedlung nach Mittelbach, in Fannys Nähe brächte.«
    Das Mädchen trat mit der Lampe ein, stellte sie auf den Tisch und sagte,
während sie die Alabasterschale zum Piano trug:
    »Der Kleine schreit, soll ich ihm noch einmal die Flasche geben?«
    »Lass nur,« antwortete die junge Frau, »ich tu' es selbst.«
    Sie erhob sich. Ihre mittelgrosse, überschlanke Gestalt bewegte sich in
schlechter Haltung, wie die jemandes, der sehr ermüdet und ganz
widerstandsunfähig ist. In der Tür wandte sie sich halb um und sagte über die
Schulter weg:
    »Mache Dir keine Mühe; ich gehe nicht zu Fanny.«
    Das war nicht der Ton, in dem eine Frau widerspricht, die sich streiten
will. Es war der Ton, den nur innere Unmöglichkeit findet. Herebrecht seufzte.
    »Die Apatie ist die Willensform der Schwachen,« murmelte er vor sich hin,
»sie ist schwerer zu brechen als alle Heftigkeit des Denkens und Handelns.«
    Er beschloss, lieber nicht mehr auf diesen Punkt zurückzukommen, sondern der
Einsamkeit und den Briefen Joachims und Fannys überredende Kraft zuzutrauen.
    Nach drei Tagen kam von Fanny Förster eine Antwort, sie musste unverzüglich
abgefasst sein, denn das Gut Mittelbach lag in der Mark Brandenburg, zwei Stunden
von der nächsten Eisenbahnstation entfernt; die Postbeförderung geschah nur
einmal täglich, so brauchte jeder Brief, wie Arnold aus Erfahrung wusste,
andertalb Tage. Die Schnelligkeit der Antwort erfreute ihn, die Kürze
derselben, als er dann das Couvert öffnete, befremdete ihn aber.
    »Lieber Herebrecht, ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen. Schicken Sie mir nur
Adrienne, wann und so lange sie will.
                                                            Ihre Fanny Förster.«
    Das war alles. Herebrecht ging an seinen Schreibtisch, in dem auch seine
Frau die wenigen Briefe verwahrte, die sie in ihrem Leben überhaupt bekommen
hatte oder noch bekam. Da waren die Briefe Försters, des verstorbenen
Stiefbruders, so wenige an der Zahl, dass man wohl sah, Förster hatte nur an die
kleine Stiefschwester geschrieben, wenn vierteljährlich das Pensionsgeld
eingezahlt werden musste. Da waren auch Fannys Briefe - ein ganzes Paket.
Herebrecht löste das umschliessende Band und nahm Brief um Brief in die Hand.
    Die ersten, sehr langen Briefe, von der damals achtzehnjährigen Braut
Försters an dessen elfjährige Schwester gerichtet, waren inhaltlich viel zu
hochgespannt, verworren und phantastisch für das empfangende Kind gewesen,
strömten aber von dem leidenschaftlichen Wunsch über, die Kleine in Liebe zu
gewinnen. Jahr um Jahr ging die Korrespondenz fort, Brief um Brief ward klarer,
gefasster, kürzer. Diese Briefe brachten Arnold, der durchaus nicht die Neigung
zu bildlichen Vergleichen hatte, dennoch auf eine seltsame Vorstellung: ihm
war's, als sähe er eine ganze Schar verschiedener Gestalten auf einer
schnurgeraden Allee dahinwandern und sich in der wachsenden, perspektivischen
Entfernung mälich zu einer einzigen verschmelzen. Und obschon Fanny Förster in
diesen Briefen niemals ein Wort von ihrem Innenleben verlor, soweit wenigstens
es von Freuden oder Schmerzen etwa berührt gewesen sein mochte, so liess sich
doch aus all den schriftlichen Äusserungen ein Schluss auf eine selten gesunde,
kraftvolle und zielsichere Charakterabrundung machen. Und so erschien, da seit
Jahren Fanny niemals ein Wort mehr als das Wesentlichste geschrieben, auch
dieses letzte kurze Briefchen nicht mehr befremdend.
    »Die Frau sieht auch nicht aus, als ob sie viel weine oder viel grüble; sie
sieht nach Taten aus,« dachte der Kapitän und blätterte sich in einem Album das
Bild Fannys auf, um es lange zu betrachten.
    Beim Mittagessen dieses Tages legte er seiner Frau schweigend das Briefchen
hin. Diese las es, ohne eine neuerliche widerstrebende Bemerkung zu machen; dass
Fanny nicht viel bat und überredete, war ihr eine beruhigende Empfindung.
    Und so kam der Tag der Abreise heran. Das Leben im Hause zwischen den Gatten
war bis zur letzten Stunde das gewohnte, schweigsam bedrückte gewesen. Der
Kapitän war obenein in erhöhter Weise beschäftigt, teils dienstlich auf der sich
zur Afrikareise rüstenden Korvette, teils mit der Ordnung seiner Papiere und
seinen literarischen Beziehungen. Er suchte und fand ein grosses Blatt, dem er
Reisebriefe senden konnte. Diese Nebenbeschäftigung des rastlos tätigen Mannes
galt der Sorge für sein Kind, für dessen Erziehung er schon jetzt alles
zusammenzusparen begann, was seine Feder ihm einbrachte. Adrienne bemerkte auch,
dass ihr Gatte jetzt öfter sinnend an der Wiege des kleinen Weltbürgers stand,
schweren Ernst im Gesicht. Sie zwang sich, keine Notiz davon zu nehmen. Aber
einmal, es war am vorletzten Tag, als der Kapitän lange stand und in die
dunklen, schönen und gleichwohl des lichtesbewussten Ausdrucks noch entbehrenden
Kinderaugen sah, schaute Adrienne doch zu ihm hinüber.
    Arnold hatte seine Hand sorgfältig auf das haarlose Köpfchen gelegt. Er
seufzte tief. In seinen Augen war ein feuchter Schimmer. Es war das erstemal,
dass Adrienne in diesen ernsten Augen Rührung sah. Ihr Blick verdunkelte sich,
ihr Herz klopfte.
    »Mein Sohn!« sagte Arnold leise. Und dann wie zu sich selbst lauter: »Kinder
brauchen viel Herzenswärme.«
    Dann ging er schnell hinaus. Sein Weib verstand, was die Betonung auf
»Kinder« sagen sollte - es hiess: sie können sich nicht wie ein Mann ohne
Herzenswärme behelfen. Ein Vorwurf, wieder ein Vorwurf, immer Vorwürfe und nie
die Erkenntnis, dass er kein Echo verlangen könne, wo er keinen Ruf ergehen liess.
Sie weinte - es waren die selbstbetrügerischen Tränen einer sich verkannt und
nicht geliebt glaubenden Frau.
    »Nun, so lebe denn wohl,« sagte der Kapitän am nächsten Morgen, »die Stunde
ist da, ich gehe. Gott beschütze euch mir, dass ich Dich und unser Kind
wiederfinde, wenn ich heimkehre.«
    Er war sehr bleich und drückte die Hand seiner Frau mit schmerzhafter
Festigkeit. Adrienne war keines Wortes mächtig.
    »Und wenn er sprechen lernt ... lehr ihn auch Papa sagen,« flüsterte er.
    Sie nickte heftig. Er umfasste sie lange, innig. Auf ihre Stirn rann die
Träne eines Mannes. Sie erschauderte. Eine unendliche, fassungslose Bewegung
ergriff sie, ihre Lippen lallten. Aber erst. als er schon, sich hastig dieser
Qual entreissend, an der Tür stand, kam der Ruf »Arnold!« aus ihrem Munde. Es
war ein Ruf höchster Angst. Er eilte zu ihr zurück, er umfasste sie noch einmal,
und sein Gesicht an ihr Haar drückend, flüsterte er:
    »Versuche, dass Du mich doch noch lieben kannst.« Dann riss er sich wieder
los. Eine Tür fiel ins Schloss, ein Schritt verklang im Korridor, und alles war
stumm. Adrienne stand erstarrt. Tränen rannen ihr unbewusst aus ihren weit
geöffneten Augen, dabei hatte sie das Gefühl, als könne sie nicht weinen.
    »Ich will an die Landungsbrücke gehen,« murmelte sie vor sich hin.
    Langsam kleidete sie sich für den Ausgang an. Durch den kühlen Februarmorgen
schritt sie dem Quai zu; je näher sie dem Hafen kam, um so mehr fand sie sich im
Gedränge von Menschen, die dem gleichen Ziele zustrebten. An der Landungsbrücke
zeigte es sich, dass diese gesperrt war, da von ihr aus noch durch eine kleine
Dampfbarkasse ein letzter Verkehr mit der Korvette stattfand. Adrienne dachte
nicht daran, sich als Offiziersgattin bei den wachtabenden Leuten zu melden, um
auf der Brücke, wo schon einige andere Damen standen, gleichfalls einen Platz zu
finden. Sie blieb im Gedränge eingekeilt stehen; ein dicker alter Mann hinter
ihr, der um jeden Preis vorn am Quairand stehen wollte, weil er einen Sohn dabei
habe, wie er jedermann erzählte, drängte und drängte und stiess Adrienne
dergestalt mit sich fort, dass sie sich endlich neben dem pustenden und
schimpfenden Alten hart am Eisengitter des Quais befand.
    Zu ihren Füssen schob sich glitzernd Welle um Welle vorbei. Die weite Fläche
der Meeresbucht, die sich am Ende der Stadt zum Hafen abrundet, war von
zahllosen Fahrzeugen belebt; kleine Dampfer schossen vom Kieler Ufer nach den
Schiffswerften von Gaarden und nach dem Fischerdorf Ellerbeck hinüber. Schwarze
Kähne mit geblähten rostbraunen Segeln kreuzten meerwärts; zwischen den Kolossen
der Kriegsschiffe verkehrten Boote und Barkassen, mit Matrosen bemannt; weit aus
der Stirn trugen diese die dunkelblauen Mützen mit dem breiten Randreifen,
darauf zu lesen stand: »Kaiserliche Marine«; von ihrem tief entblössten braunen
Halse fiel der blaue, weiss umsäumte Kragen. Und mitten in dem eiligen Leben auf
der stahlblau schimmernden Fläche lag die Korvette. Von ihrem Hauptmast wehte
das Heimatwimpel, aus ihren Schloten wölkte sich schwarzbrauner Rauch auf, den
ein Windstoss zuweilen mit widrigem Kohlendunst landwärts über den
menschenbesäten Quai niedersenkte. Hüben und drüben lagen die hügelartig
ansteigenden Ufer im kühlen Lichtglanz der Sonne, und dort links hinunter sah
das Auge eine blaue, uferlose Ferne sich in einem blauen, leicht umdunsteten
Horizont verlieren.
    Nun scholl von Schiff zu Schiff ein Kommandosignal, Dampfpfeifen kreischten
auf. In den Raaen der stationirten Kriegsschiffe ward es lebendig wie in einem
Spinnennest. Unzählige schwarze Gestalten kletterten darin umher, bis plötzlich
auf ein neues Kommando Mann an Mann dort auf den Tauen in strammer Linie stand,
als wäre der feste Boden unter ihren Füssen. So, im lebendigen Ehrenschmuck der
Matrosenreihen in ihrem Tauwerk, erwarteten die Schiffe die Abfahrt der Maria.
Wieder zerriss ein hohler, langgedehnter Pfiff die Luft - ein Ton, der die Menge
am Ufer verstummen machte und für tausend Herzen wie ein Weheruf erklang.
    Die Korvette schien sich zu bewegen. Atemlose Spannung erfasste die Menschen,
die zuschauend standen. Da sank, langsam wie in wehmutsvollem Hinscheiden, das
Heimatwimpel von seiner stolzen Höhe herab; noch einmal wellte sich der lange
Stoffstreifen in der Luft aus, dann glitt er, im Fall sich ballend, am Seil
hernieder. Und zugleich sauste stolz, frei die deutsche Flagge empor, und nach
scharfem Blitz vom Nachbarschiff donnerten die Salutschüsse über die Bucht, von
Ufer zu Ufer widerhallend. Das hohle Krachen verschlang die Abschiedspfiffe der
Maria. Langsam und gross fuhr das Schiff davon. Die Matrosen in den
zurückbleibenden Schiffen, das Volk am Ufer - alles schwenkte Hüte, Mützen,
Tücher. Aus tränengepressten Kehlen schrieen Tausende Hurra und vermischten das
Geschrei mit den Klängen der Nationalhymne, die eine Militärkapelle am Ufer
spielte. Ein unermesslicher Lärm erfüllte eine Minute lang die Lüfte, das Leid,
die Freude, den Stolz, die Angst des Einzelnen verschlingend und sich doch
vermählend zu einem Ruf, der ins Weltmeer und über alle Lande hinausdonnerte,
den die deutsche Flagge da auf dem Ozean predigen wollte: »Mit Gott für König
und Vaterland!«
 
                                Zweites Kapitel
Adrienne war zum erstenmal in ihrem Leben einsam. Ihre frühe Jugend war in einer
geräuschvollen Pension verflossen; inmitten der lärmenden Gefährtinnen hatte sie
sich allein gefühlt. Ihre jungen Mädchenjahre verlebte sie in vornehmen Häusern
als Gesellschafterin oder Erzieherin; auch da umgab sie sich mit einer
unsichtbaren Mauer und glaubte sich allein, wie sie denn auch fortfuhr, ihr
Wesen abzuschliessen, sogar noch in der Ehe. Diese Art selbstgeschaffener
Einsamkeit, die sie aus Trotz künstlich sich aufrecht erhielt, war ganz
verschieden von dem ungestörten Alleinsein, zu dem sie sich jetzt gezwungen sah.
Sie konnte ihre Bitterkeit nicht damit sättigen, dass sich der nebenan arbeitende
Gatte nicht um sie bekümmerte. Sie konnte niemand auf eine etwaige freundliche
Bitte antworten: »Ich danke, ich mag nicht unter so viele Menschen gehen;« es
forderte sie eben niemand zu einem Spaziergang, einem Teaterbesuch, einer
Ausfahrt auf. Sie brauchte ihr innerliches Alleinsein von keiner Umgebung mehr
abzutrotzen.
    Die Magd, eine gutmütige, beschränkte Person, waltete ihres Amtes als Köchin
und Kindswärterin zugleich in tadelloser Gewissenhaftigkeit. Das Kind lebte sein
junges Pflanzendasein in gesunder Regelmässigkeit weiter, das heisst, es schlief
mehr als den halben Tag und liess sich in seinen wachen Stunden umhertragen,
wobei es sich die Welt mit ganz verständnislosen Augen ansah. Neben dieser
geringen Arbeit war die sehr vereinfachte Küche bald besorgt. Auch schien es den
beiden Frauen nicht der Mühe wert, für sich, in Abwesenheit des Herrn, viel zu
kochen. Adrienne fing an sehr schlecht zu leben und der Magd die ganzen
Küchenbestimmungen zu überlassen, welche diese nach ihren dörflichen
Heimatgewohnheiten traf.
    Adrienne versuchte es, sich mit dem Kinde zu beschäftigen. Es war ein
Vierteljahr alt und begann eben erst zu lächeln, ein Lächeln, welches natürlich
bloss physischem Behagen entsprang. Adrienne hatte es sich anders gedacht, »ein
Kind zu haben«. Die schönen Redensarten, welche sie in Büchern gelesen und von
Frauen gehört, die mit der Mutterliebe kokettirten, von dem ausfüllenden,
entzückenden Glück, welches der Besitz eines Kindes gibt, schienen ihr erlogen.
Dieses kleine Menschenwesen bedurfte nur einer rein körperlichen Pflege, das
Kind hatte seine Mutter, die Mutter hatte das Kind noch nicht in geistigen
Besitz genommen, und dieser allein ist es, der Seelenfreuden und Seelensorgen
gibt. Wohl ergriff auch ihr Herz bange Furcht, wenn das Kind je zuweilen unruhig
oder fieberhaft war, das aber sind die mütterlichen Instinkte, die auch dem Tier
nicht fehlen. Manchmal träumte sie sich voraus, in die Zeiten, wo aus dem
schlummernden Bündelchen ein denkender Mensch, ein Mann geworden sein würde.
Dann ward ihr Herz ergriffen von den bangen und seligen Ahnungen der
Mutterlasten. Sie erschauerte unter dem Bewusstsein der tödlich ernsten
Pflichten, die ihr denkendes Kind ihr auferlegen würde; sie sah ihren Sohn im
voraus als guten, bedeutenden Menschen oder als missratene Frucht am Baum des
Lebens. Sie schlief nächtelang nicht aus Sorge um ihres Kindes Zukunft; sie
kämpfte mit ihrem Sohn, sie lobte ihn, sie weinte um ihn, fühlte allen Stolz
einer glücklichen, alle Schmach einer unglücklichen Mutter.
    Und dann hielt ihr die Gegenwart nichts entgegen als ein kleines, dummes,
unerwachtes Lebewesen, das sich in den Armen der sorglichen, mit Kindern
vielgewandten Magd behaglicher fühlte als in den zarten, unsicheren Händen der
Mutter.
    »Nein,« sagte sie sich dann, »das Schönfärben hilft hier nichts: ein so
kleines Kind ist nur eine Versprechung auf die Zukunft, und mit Versprechungen
füllt man ein einsames Herz nicht aus.«
    Adrienne war an eine rastlose Tätigkeit gewöhnt. Sie hatte immer fleissig
sein müssen, in der Pension, bei fremden Leuten, in ihrer Ehe, denn Arnold
sprach viel von dem sittlichen Wert aller Arbeit, auch der Frauenarbeit, was
Adrienne als Mahnung zur Unermüdlichkeit aufzufassen sich verpflichtet glaubte.
Weil nun so ihre Tätigkeit immer einem gewissen Zwang entsprossen war, hatte
sie sich schon von Kindheit an gewöhnt, alle Erholung heimlich zu suchen. In der
Pension hatte sie gleich den anderen Mitschülerinnen heimlich gelesen; in ihrer
dienenden Stellung verbarg sie ebenfalls die Neigung; als Frau hatte sie
verstohlen in ein Buch geguckt, wenn Arnold und die Magd ausgegangen waren. Nun
hörte mit dem Zwang allmälich auch die Tätigkeit auf. Die immer fleissige Nadel
wurde seltener und seltener eingefädelt, aber da niemand ein Verbot oder nur
eine Frage über das Lesen an Adrienne richtete, nahm sie auch kein Buch mehr zur
Hand.
    Die Inhaltlosigkeit der Tage und die geringe Nahrung steigerten die
Nervenerschlaffung der jungen Frau bis zur brütenden Schwermut.
    »Ich möchte sterben,« sagte sie eines Abends laut vor sich hin.
    Der einzige Tag, der neues Leben brachte, war der Sonntag. An diesem traf,
seit Arnolds Abreise, regelmässig ein Brief von Joachim und einer von Fanny
Förster ein. Joachim war kein Federheld; seine Briefe erzählten in einem
ungeschminkten, etwas bummeligen Ton allerlei kleine Erlebnisse aus seinem
gesellig bewegten Landleben, von denen er immer die Befürchtung aussprach, dass
sie Adrienne langweilen möchten. In der Tat hatte sie auch keinerlei Teilnahme
für seine Berichte als die des Neides, der die reicheren Lebenserscheinungen in
einem andern Dasein gegen die Armut derselben im eigenen hält.
    Für diejenigen, welche der Welt absterben, ist Neid der letzte Faden des
Zusammenhaltens, der erste, um wieder anzuknüpfen.
    Fanny Förster schrieb nur immer kurz: »Wann kommst Du? - Was macht Dein
Kind? - Schreibt Dein Mann, und was?« Auf diese immer verschieden, aber immer
knapp eingekleideten Fragen antwortete Adrienne zuerst: »Vielleicht - im Sommer
- oder zum nächsten Winter,« und endlich - es waren inzwischen acht Wochen seit
Arnolds Abreise vergangen - »ich komme nicht, ich tauge nicht unter Menschen.«
    Darauf schrieb Fanny Förster nicht mehr. Aber das bemerkte Adrienne nur am
ersten Sonntag. In ihre Verlassenheitsekstase war eine neue Wendung getreten.
Ein Brief von Arnold, der erste, lange Brief, war die unmittelbare Veranlassung
dazu geworden. Der Kapitän beschrieb die Reise des Schiffes, welches zur Zeit,
da er den Brief verfasste, in Alexandrien vor der Rhede lag. Er erzählte so klar,
gefällig und doch gründlich, als sei der Bericht für eine Zeitung bestimmt. Als
er von sich und seiner Reise alles Bemerkenswerte mitgeteilt, ging er zu
Adrienne und ihrer Einsamkeit über. Er war zu nüchtern und einsichtsvoll, um die
Tage seines Weibes durch das Mutterglück ausgefüllt zu denken; alles, was in
dieser Richtung jetzt in Adrienne unter schweren Grübeleien vorging, war für
ihn, den Mann, eine einfache und selbstverständliche Tatsache. Er berührte
diesen Punkt, ohne zu ahnen, dass er ihr schon zu denken gegeben; er berührte
ihn, um sie auf ihre Pflicht zu verweisen, sich schon jetzt für die Zukunft
vorzubereiten.
    »Man muss seinen Kindern so viel geben, als man im Vermögen hat. Wir können
unserem Sohn sehr viel mehr geben, als tausend andere, an Gütern Reichere im
stande sind. Wir besitzen eine Bildung des Geistes, die uns gestattet, auch
unserem lernenden und erkennenden Sohn noch überlegen zu bleiben. Die
fortschreitende Zeit wird freilich auch uns nicht den traurigen Augenblick
ersparen, wo wir unser Kind reifer, gebildeter und vielleicht anspruchsvoller
sehen, als wir es selbst sind; aber diesen Augenblick weit, weit hinaus zu
schieben und ihn dann von der pietätvollen Erinnerung unseres Sohnes, dass er uns
auch geistig alle Fundamente danke, übergoldet zu sehen, das sei unser
Bestreben. Werde Du seine erste Lehrerin; ich rüste mich, sein Mentor zu werden,
wenn er Deinem Anschauungskreise entwächst. Zu dem Zweck bitte ich Dich, alle
Disziplinen, welche Du in Deinem Lehrerinnenberuf üben musstest, fortzubilden,
Dir das Neue anzueignen, wo es gut ist, Dich auch insbesondere mit den modernen
Sprachen zu beschäftigen. Dieses wird zugleich Deine einsamen Tage nützlich und
sittlich ausfüllen und Dir innere Zufriedenheit geben.«
    Adrienne lächelte herbe. Anstatt von Sehnsucht nach Weib und Kind zu
sprechen, sandte er ihr vom Bord des Schiffes aus noch Ermahnungen. Das war so
seine Art. Aber der stumpfe Gehorsam war Adrienne zur Gewohnheit geworden. Und
in der Wollust, aus dem Beschäftigungsrat ihres Gatten eine Quälerei für sich zu
gestalten, suchte sie sich zur Uebung dasjenige aus, was ihr in der Schule und
als Lehrerin die grössten Mühen und Aergernisse gemacht, nämlich das
Französische. Sie hatte kein Sprachtalent, und obwohl sie mit einem sich oft bis
zur Verzweiflung steigernden Fleiss vollkommen die grammatische Seite der Sprache
beherrschen gelernt hatte und fliessend las, war ihr das Sprechen und Lehren doch
immer eine unendliche Schwierigkeit gewesen.
    Sie beschloss, sich einige französische Bücher laut zu lesen und zu
übersetzen. In Arnolds Bibliotek fanden sich keine vor. Sie schickte die Magd
mit einem Zettel zur nächsten Buchhandlung.
    Als die Magd mit dem Baby auf dem Arm im Laden den Zettel abgab, in welchem
Frau Kapitän von Herebrecht einige neue französische Bücher forderte, sagte sich
der Commis, dass eine junge Offiziersdame mit dem »neu« ohne Zweifel »pikant«
gemeint habe, und packte einige Bücher von Belot, Gyp und Guy de Maupasant ein,
nicht ohne auf der begleitenden Nota den Vermerk zu setzen, dass die neue
wohlfeile Ausgabe von Zola, oeuvres complètes, durch sie zu beziehen sei.
    So kam Adrienne zu Büchern, zu einer Lektüre, von deren Dasein sie bisher
keine Ahnung gehabt. So schlugen zum erstenmal die Laute aus einer verruchten,
zerfallenden Kultur an ihre streng verschlossen gewesenen Ohren. Kein Warner war
zugegen, der ihr das erste Staunen, das erste Erröten hätte deuten und ihr sagen
können: »Das ist die durch Neugier gemilderte Entrüstung - erkenne dies Gefühl
und lass von diesen Büchern ab.«
    Die peinliche, schamhafte Neugier wandelte sich schnell in ein Gefühl
brennender, fast schmerzlicher Spannung. Die Begier, immer weiter sich die
Schleier heben zu sehen von Seiten des Lebens, bis zu denen sich nicht einmal
ihre Phantasie verirrt gehabt hatte, ergriff ihre ganze Seele. Sie las und las.
Bis zum Morgen brannte das Licht vor ihrem Bette. Das Geschrei des Kindes, die
Fragen der Magd wurden zu Störungen.
    Die Dezenz des Lasters erscheint den Lasterhaften als der Ersatz für
wohlanständige Formen, für die verlorene Sittlichkeit - die Phantasien eines
Unschuldigen und bisher auch Unwissenden gehen in das Riesengrosse, Unfassliche
und suchen hinter dem, was ihm bekannt wird, noch immer Schrecklicheres.
    Adrienne zitterte, als seien die Sünden der Welt auf sie gefallen. Sie
krankte an der Furcht, dass dies alles Wahrheit sei, und an der Gier, zu
erfahren, ob hinter der Wahrheit noch eine andere, noch unmenschlichere sich
verberge.
    Von den durchlesenen Nächten, von steter Spannung aller Nerven wurden ihre
Wangen noch schmäler, ihre Augen leuchtender. Kaum nahm sie sich Zeit, sich
sorgsam anzukleiden, ja, sie scheute vor dem Spiegel zurück, denn einmal, als
sie, ihr schönes Haar kämmend, den zarten weissen Arm erhob, dachte sie: »Wer
freut sich daran?« und bebte vor Scham wegen dieses Gedankens.
    Einmal an einem der ersten Tage des Mai, der sich mit einer üppigen
Schönheit über den deutschen Norden ausbreitete, wie man ihn in dieser Zone
selten geniesst, einmal versuchte Adrienne, den Folterqualen zu entrinnen, unter
denen ihr Wesen bebte. Sie warf das Buch von sich und eilte in die Natur, um in
ihre erhitzte Brust reine, frische, weite Atemzüge zu ziehen. Ihr Auge war
scheu, ihr Fuss unsicher, sie kam sich vor wie aus einer Haft entlassen und doch
noch nicht genug gestraft.
    Am Ufer der Kieler Bucht standen jetzt die Buchen des Gehölzes von
Düsternbrook im jungen Laube. Der Sonnenschein rann durch das noch gelbliche und
undichte Blattwerk, so dass die Wege von Licht- und Schattenflecken unruhig
gemustert schienen. Rechts vom Wege, vor der steil abfallenden Uferböschung und
zum Teil sich an dieser terrassenförmig niedersenkend, befanden sich Gärten und
vorn an der Strasse in diesen weisse Landhäuser. Das Wasser blitzte in der Tiefe
auf. Es war eine Wonne und eine Pracht in dem Bild und in der von Syringenduft
durchsättigten Luft, dass Adrienne sich von den Wundern des Frühlings wie betäubt
fühlte. Wie selig mussten heute die Menschen sein, die liebten und mit einem
frohen Genossen den Durst ihrer Herzen ganz stillen konnten. - Ein Bataillon kam
mit klingendem Spiel die Wald-und Villenstrasse herabgezogen. Vorauf zahllose
Jungen, zu seiten mitmarschirende, lachende Menschen. Adrienne stand auf dem
Bürgerstiege still.
    Die Trompeten schmetterten, die Trommel dröhnte, vom Glockenspiel, das, mit
rot-weissem Pferdehaarbusch geschmückt, hinter dem Tambourmajor getragen wurde,
fielen einzelne Silbertöne wie Schmuckperlen in die Flut der Töne. Die
Militärmusik spielte einen bekannten, sehr flotten, sehr übermütigen Marsch. Die
geheimnisvolle Macht, die eine schmetternde, frohe Weise über ein wundes Herz
hat, zeigte sich auch hier wieder. Da werden plötzlich tausend unbestimmte
Wünsche wach, da fliesst jede ungestillte Sehnsucht der Seele in einer
unendlichen Wehmut zusammen, da durchwallt das müde Blut ein Bedürfnis nach
ungewohnten, berauschenden Freuden. Zu viel, zu viel! Adrienne fühlte ihr Herz
zerreissen. Sie stand und horchte gierig den verhallenden Klängen nach und floh
dann durch die Strassen heim.
    Das Leben war ihr verschlossen - so wollte sie wenigstens ihr Gehirn mit den
Erzählungen aus demselben betäuben. Zurück zu den Büchern!
    Zu Hause lag ein Brief von Joachim auf dem Tisch. Sie schob ihn fort - er
machte ihr Unbehagen. Sie dachte daran, dass auch Joachim ein Mann sei, und
schauderte in krankhafter Abneigung.
    Es war Mittagszeit. Adrienne setzte sich und löffelte mit der Rechten ihre
schlechte Wassersuppe aus, während ihre Linke einen französischen Roman hielt,
auf dessen Seiten sie eben die frivole Beschreibung eines Champagnerdiners las.
Ihre Wangen glühten. In ihrer Seele regte sich, tief, dunkel, wie in gesunde
Menschenseelen sich die Sünde schleicht, eine fürchterliche Empfindung: die des
Neides auf jene Weiber, von denen sie las. Und dabei dehnte eine unermessliche
Angst ihre Brust. Alle ihre Nerven waren angespannt wie zu einer Katastrophe.
    In diesem schwülen Augenblick trat die Magd ein. Adrienne erschrak so, dass
sie krampfhaft aufschrie.
    »Draussen ist eine Dame,« sagte die Magd.
    Adrienne starrte sie mit offenem Mund an. Da erhob sich im Korridor eine
sonore, frohe Stimme und rief:
    »Ich bin es!«
    Adrienne kannte die wohltönende Altstimme nicht, aber sie schrie zum
zweitenmal auf, als die Dame nun in der Tür erschien.
    Es war Fanny Förster. Und es war, als hätte jemand in einer dunklen Stube
plötzlich Licht gemacht.
    Fanny breitete die Arme aus, und die unglückliche Frau rettete sich hinein
wie in einen Hafen, schmiegte sich an Fanny, als stände hinter ihr jemand, der
sie wieder in einen hässlichen Sumpf zurückreissen wolle.
    »Armes Kind!« sagte Fanny; »ich dachte mir so was.«
    dabei ging ihr Auge über die Wassersuppe und das sonnenlose Zimmer hin.
    Adrienne bebte so heftig, dass Fanny sie liebevoll zum Sofa führte, wo sie
sich in eine Ecke warf, das Gesicht an den Polstern verbergend. Fanny hob
unterdes den herabgefallenen französischen Roman auf, sah hinein, blickte
kopfschüttelnd auf Adrienne und klappte das Buch zu. Dann trat Fanny vor den
Pfeilerspiegel und nahm ihren schleierumwundenen Reisefilzhut ab.
    Sie strich mit ihren weissen, wohlgeformten Händen den welligen Scheitel
hinunter, doch erwies sich die Bemühung, das glanzlose, lockere Blondhaar zu
glätten, als nutzlos; es war immer ein wenig rauh bis in den dicken Knoten, der
in klassischer Weise über dem schlanken Nacken sass. Fanny Förster hatte ein
Gesicht mit grossen Zügen: eine gebogene Nase, eine breite Stirn, einen grossen
Mund mit herrlich gezeichneten Lippen und wundervollen Zähnen und ein
hellbraunes Auge unter dunklen Brauen, mit einem raschen, klaren Blick. Diesen
grossen, regelmässigen Zügen wurde eben durch diesen Blick und ein besonderes
Lächeln jede Härte genommen, und wer Fanny Förster zum erstenmal sah, empfing
stets den Eindruck, einer sehr schönen und ohne Zweifel bedeutenden Frau
gegenüber zu stehen. Ihre Kleidung war von jener ausgesuchten Einfachheit, die
bei englischen Herrenschneidern sehr teuer erkauft wird. Trotzdem Fanny
geradenwegs von der Bahn und von einer weiten Reise kam, waren ihre Farben
frisch, ihr Lächeln munter, ihre Kleider sauber.
    Sie trat zurück an den Tisch.
    »Höre, Kind,« sagte sie mit dem unbefangensten Ton von der Welt, »ich habe
Hunger, aber trotzdem keinen Appetit auf Wassersuppe. Sei gastlich, lade mich
ein, mit Dir irgendwo zu speisen, wo die Sonne uns in die Weingläser funkeln
kann.«
    Adrienne hob ihren Kopf. Hatte Fanny denn kein Auge oder kein Gefühl für
ihre sichtliche Verstörteit? Desto besser, desto bequemer!
    »Wo könnten wir ... wir beiden Frauen ...« stotterte sie.
    »Wo wir beiden Frauen ohne männlichen Schutz in ein Wirtshaus gehen
könnten?« lachte Fanny. »Ueberall dahin, wo wir uns ladylike benehmen. Setze Dir
einen Hut auf, wir nehmen einen Wagen und fahren nach Bellevue. Aber schliesse
zuvor das Buch da weg. Wie kommst Du auf die Lektüre?«
    »Durch Zufall ... ich wollte Französisch üben ...« sagte die junge Frau, am
ganzen Leibe zitternd.
    »Pfui Teufel!« sprach Fanny mit kräftiger Betonung; »sich seine Phantasie
beschmutzen, ist eine grössere Unreinlichkeit, als im Feuer der Leidenschaft
einen Sündenfleck auf seine Seele machen.«
    Adrienne verbarg das unglückliche Buch und schlich hinaus, sich ihren Hut zu
holen. Unterdes besah Fanny sich alles im Zimmer auf das genaueste. Hiebei
entging ihr nicht der verschlossene Brief auf dem Tisch; sie hielt ihn prüfend
zwischen den Fingern, als Adrienne wieder eintrat.
    »Ist das Deines Schwagers Joachim Handschrift? Ich sehe das Herebrechtwappen
auf dem Couvert. Eine angenehme, schön fliessende Schrift. Du scheinst nicht sehr
neugierig auf den Inhalt.«
    »Wir wollen den Brief mitnehmen. In der Tat interessirt es mich nicht
übermässig, was Joachim mir von seinem Leben erzählt. Wenn es Dich interessirt,
kannst Du auch Arnolds letzten Brief lesen,« sagte Adrienne.
    »Mich interessirt alles,« antwortete Fanny.
    »Wie kann das nur?« fragte Adrienne erstaunt; »mich lässt das Wohl und Wehe
fremder Menschen kalt, und trotz unserer Verwandtschaft sind doch wir Dir
fremd.«
    Fanny sah sinnend vor sich hin; es war ein Blick, wie ihn Menschen zuweilen
in ihre reichbewegte Vergangenheit zurücktun. Alles, was gewesen ist, erscheint
wie ein Gemälde, nicht in uns, sondern ausser uns, und wir, die wir durch die
Zeit die richtige Standferne eingenommen haben, betrachten das Gemälde kritisch.
    »Welche Oede würde mein Leben sein,« sprach sie endlich langsam, »wenn ich
mir nicht einen Kreis, einen weiten Kreis von Pflichten zurecht gemacht hätte!
Gott sei Dank, in mir liegen keine Kräfte brach, ich lebe ein gesundes,
arbeitsames Leben.« Und heiterer setzte sie rasch hinzu: »Aber dass Du nicht
denkst, ich bin eine sentimentale Närrin, voll Welt-, respektive
Nächstenbeglückungsduselei. Weisst Du, für Heidenkinder in Afrika stricke ich
keine Socken, und wenn irgendwo in Spanien oder Italien ein Unglück passirt,
bleibt mein Herz zwar nicht kalt, aber meine Börse zu. Dafür aber gibt's in
meinem Dorfe keine Not und kein Leid ausser dem, was der Tod schafft. Ich meine
immer, man solle mit seinen Händen nicht weiter greifen wollen, als die Länge
der Arme erlaubt.«
    In Adrienne ging etwas Seltsames vor. Sie umarmte Fanny heftig und rief:
    »Ich beneide Dich!«
    »Um Gottes willen,« sagte Fanny erschreckt, »mich! Und weshalb? Mich, die
sich erst künstlich schaffen muss, was Du vom Schicksal schon empfingst: liebe
Pflichten!? Du hast ein Kind, einen Gatten und obenein einen klugen, guten.«
    »Aber Du brauchst Dich nicht bevormunden zu lassen, Du kennst das Leben, die
Welt, Du bist frei,« rief die junge Frau voll Leidenschaft.
    »Nun,« antwortete die andere, »Du wirst mein Leben kennen lernen und mir
erst später sagen, ob Du es mir neidest. Denn Dich zu holen, ist der einzige
Zweck meiner Reise. Jetzt komm ins Freie. Nur zuvor einen Blick in die
Kinderstube.«
    In der Kinderstube besah Fanny sich den kleinen Joachim und meinte, ob man
von ihr erwarte, dass sie ihn hübsch fände, andernfalls würde sie sich die
Freiheit nehmen, zu sagen, er sähe ebenso aus wie alle Babies von sechzehn
Wochen.
    Dann fuhren sie zusammen denselben Weg, den Adrienne vor einigen Stunden in
düsterer Stimmung gemacht. Wie anders war ihr jetzt zu Mute: an der Seite einer
Frau, die eine sorglose Heiterkeit entweder wirklich besass oder doch mit
unendlicher Anmut zur Schau trug, in einem bequemen Wagen an den Fussgängern
vorbei, mit denen sie vorhin selbst im Staube gewandert, in der Gewissheit, ein
feines Diner mit interessanten Gesprächen zu geniessen. Selbstverständlich beging
Adrienne den Irrtum, diesen ganzen Wechsel dem Umstand zuzuschreiben, dass Fanny
als reiche Frau sich jede Stunde angenehm machen könne. Aber wenigstens
verführte diese Betrachtung sie heute nicht zum Neid.
    Oben auf der Höhe von Düsternbrook liegt die Seebadeanstalt Bellevue; der
Blick beherrscht von hier aus die Bucht, die Fortifikationen und weit draussen
das Meer. Hier sassen die Frauen, und wie Fanny es gewünscht hatte, stahl sich
durch die Krone der Linde, unter welcher sie speisten, ein Sonnenstrahl in ihr
bernsteinfarbiges Glas, darin Moselwein perlte.
    Fanny hatte in den Pausen zwischen den Schüsseln Arnolds Brief gelesen und
reichte ihn jetzt der jungen Frau zurück.
    »Das ist ein Mann,« sagte sie aufatmend, »ja, Du kannst glücklich sein.«
    Voll Widerspruchsgeist bemerkte Adrienne mit einem herben Zug im Gesicht:
    »Von Liebe steht nicht viel darin.«
    Fanny liess die Gabel sinken, die sie eben zum Munde führen wollte, und sah
ihr Gegenüber ebenso erstaunt als traurig an.
    »O,« sagte sie schmerzlich, »das verstehst Du nicht herauszulesen? Du fühlst
nicht, wie Du und die Sorge um Dich ihn ganz beschäftigen? Armer Arnold!«
    Bei diesem Bedauern regte sich in Adriennens Brust ein Gefühl von heftigem
Zorn gegen ihren Gatten. Und Fanny, die das auf dem zarten Gesicht kommen und
gehen sah wie Wolkenschatten über ein sonniges Blachfeld, Fanny bereute ihre
Äusserung. Sie war zu klug, um nicht zu wissen, dass sie nicht offen auf Arnolds
Seite stehen dürfe, wenn sie das ungesunde Gemüt dieser Frau sich erschliessen
und heilen wollte.
    »Nun wollen wir aber sehen, was Dein Schwager schreibt!« sagte sie
ablenkend; »Du siehst, ich bin neugierig wie ein Kind. Darf ich auch lesen?«
    »Nur zu!« sprach Adrienne gleichgiltig; »Du wirst die Beschreibung einiger
Festlichkeiten finden, die auf jenem Gut in ununterbrochener Reihenfolge vor
sich zu gehen scheinen, und dann wird Dir der Name Elly zehnmal begegnen - so
heisst die Tochter des Hauses - und schliesslich wird eine Ermahnung darin stehen,
heiter zu sein und Arnold oft zu schreiben.«
    »Was soll so ein junger Mensch denn auch anderes schreiben,« lachte Fanny
gutmütig; »die soziale Frage kann er nicht mit Dir lösen. Also da ist eine Elly,
deren Namen wir auf jeder Seite finden? Schau, schau!«
    »Er ist immer verliebt,« bemerkte Adrienne, eine Mandel zerbrechend.
    »Liebe Schwägerin,« las Fanny halblaut, »seit meinem letzten Brief -
unglaublich eigentlich, dass es erst acht Tage sind - hat sich sehr viel
ereignet. Das Wichtigste sei gleich gesagt: Fräulein Elly hat sich verlobt mit
einem unausstehlichen Krautjunker, welcher Ellys Papa das Gut abkauft. Natürlich
hört damit meine Stellung als Volontär auf, die mir auch ohne den Gutsverkauf
sehr verleidet ist. Fräulein Elly sieht nicht sehr glücklich aus. Arme Kleine!
Joachim Herebrecht ist aber ein armer Schlucker, er konnte dir nicht helfen.
Nun, liebe Adrienne, gilt es, eine neue Stellung suchen, und zwar endlich eine,
wo ich verdiene. Getrost könnte ich auf Grund meiner Kenntnisse die
Bewirtschaftung eines grossen Gutes selbständig übernehmen; es fragt sich nur, ob
ich einen unserer Standesherren bereit finde, mir eine solche Stellung
anzuvertrauen. Mache Dir aber keine Sorgen, schreibe auch Arnold nichts. Ich
kann hier bleiben, bis ich etwas anderes habe. Du hast mir lange nicht
geschrieben; lass mich wissen, wie es Dir und dem Kleinen geht und ob Du kürzlich
Nachrichten von Arnold hattest. Mit den innigsten Grüssen, Dein Joachim. Frage
doch 'mal bei Fanny Förster an, vielleicht weiss die eine Vakanz, wo ich
einrücken könnte.«
    Fanny lachte.
    »Weshalb lachst Du?« fragte Adrienne; »ich finde es nicht sehr heiter, dass
Joachim ohne Stelle ist. Arnold hätte ihn nicht Landwirt werden lassen dürfen;
es ist so aussichtslos.«
    »Ich lache,« sagte Fanny belustigt, »weil ich mir aus diesem herzlich
unbedeutenden Brief doch den ganzen guten, liebenswürdigen und vielleicht ein
bisserl leichtsinnigen Jungen zusammenkonstruire. Dieser Zwischenruf arme
Kleine! ist köstlich. Und dann lache ich, weil ihm im Postskriptum Fanny Förster
einfällt und weil diese eminent praktische Frau natürlich Rat weiss.«
    »Wie, Du wüsstest eine Stelle?«
    »Ich schaffe ihm eine. Meine beiden Güter Mittelbach und Driesa habe ich
bislang von Mittelbach aus selbst verwaltet, mit Hilfe meines alten Freundes,
des Baron Lanzenau. Mancherlei Umstände, von denen Du schon in Mittelbach
Kenntnis erhalten wirst, machen es wünschenswert, dass Lanzenau nach Driesa
übersiedelt und sich so wenig wie möglich um Mittelbach kümmert. Weshalb soll
ich mir nicht die Bequemlichkeit gönnen, einen Verwalter zu nehmen? Ich werde an
Joachim schreiben. Er kennt mich zwar nicht, aber da Arnold eine gute Meinung
von mir hat, hoffe ich, Kredit bei Joachim zu besitzen. Zugleich hast Du ihn,
Deinen nächsten Verwandten, dann um Dich,« setzte Fanny voll Eifer auseinander.
    »Jedes Geschäftsverhältnis zwischen Familienmitgliedern trägt den Keim von
Unfrieden in sich,« sagte Adrienne zweifelnd.
    »O,« sprach Fanny, den Kopf schüttelnd, »ich bin ganz rücksichtslos, immer
und überall, denn das ist am bequemsten für andere und mich.«
    »Dass Du für Joachim erst eine Stellung schaffst, gibt der Sache den Stempel
einer Wohltat,« grollte Adrienne.
    »Keineswegs,« versicherte Fanny, der alsbald nach dem schnellen Entschluss
schon hunderterlei Vorteile der neuen Ordnung einfielen. »Meine Wirtschafterin
geht ohnedies, ich nehme keine neue, und anstatt wie bisher immer in den Feldern
umherzureiten, finde ich im Hause neue Aufgaben. Ich glaube auch, es wird
sparsamer für mein Budget sein.«
    Fanny verstummte plötzlich, und man sah es ihr unschwer an, dass ihr
geschäftiger Geist mit Plänen, Zahlen, Einteilungen eifrig arbeitete.
    »Wie kann eine Frau,« dachte Adrienne voll Staunen, »die vermöge ihres
Reichtums und ihrer Schönheit in der Welt glänzen könnte, sich in einem Leben
gefallen, das nicht mehr und nicht weniger ist, als ein Krautjunkertum ins
Weibliche übersetzt.« Und sie stand nicht an, mit dem lehrhaften
Unfehlbarkeitsgeist, der noch von ihren Erzieherinjahren in ihr lebte, etwas
hochmütig auf Fanny herabzublicken. Doch Fanny fuhr mit einer schnellen Frage
aus ihren Grübeleien auf, mitten hinein in die überhebenden Gedanken der
Schwägerin.
    »Treibt Joachim irgend eine Kunst?«
    »Ich weiss nicht. Ich glaube, er singt, aber weit her wird es wohl nicht
sein. Warum?«
    »Nun, ich liebe Menschen, die ihre Mussestunden schön auszufüllen verstehen.
Ich mag, wenn das Reitkleid und die Wirtschaftsschürze ausgezogen sind, nichts
mehr von Rübsaatpreisen und Wollkonjekturen hören. Lanzenau ist musikalisch, ich
male etwas, der Pastor und seine Frau haben literarische Interessen, jeder sucht
teil an den Freuden des andern zu nehmen.«
    »So werde ich mich nicht bei Dir langweilen,« sagte Adrienne, eine kleine
Beschämung niederkämpfend.
    »Ich hoffe, nein. Doch das liegt durchaus in und an Dir selbst. Die
Fähigkeit zur Langeweile ist Naturanlage: mit Menschen, wie immer sie auch sein
mögen, langweile ich mich sehr selten, in der Natur nie; nur wenn ich im Zimmer
lange auf mich ganz allein angewiesen bin; und das ist auch, glaube ich, mehr
Ungeduld zur Betätigung meines Seins, als gerade Langeweile. Du findest nur
Durchschnittsmenschen, aber diese in leidlich harmonischem Seelenleben.«
    »Wann reisen wir?« fragte Adrienne glücklich. All ihr inneres Widerstreben
war schon in der Sekunde erstorben, als Fannys stolze Gestalt heiter über ihre
Schwelle trat.
    »Morgen,« sagte Fanny, »mit dem ersten Zug, dann sind wir mit Einbruch der
Nacht in Mittelbach.«
    Die beiden Frauen stiessen fröhlich zusammen an. Und am späten Abend sass
Fanny, deren Nerven offenbar keine Ermüdung kannten, noch im Gastofzimmer am
Tisch, um einen ihrer bündigen Briefe zu schreiben.
    »Mein lieber Kapitän,« schrieb sie, »ich bin in Kiel, um Ihre Frau nach
Mittelbach zu holen. An was Adrienne krankt, ist nicht schwer zu sagen. Sie hat
in ihrem Leben nur die Arbeit, den Ernst, die Tugend kennen gelernt und sie ist
neugierig auf die Kehrseite der Medaille; sie will den Genuss, den Jugendübermut,
die Sünde kennen. Allmutter Eva wird in ihr wach, aber das wird sie in jeder
Frau einmal. Ihr Weib ist bei mir, Sie können ruhig sein. Geht solche Krisis
gesund aus, kann der Mann nur dabei gewinnen.
    
                                                            Ihre Fanny Förster.«
    Der Inhalt dieser kurzen Zeilen erschien dieser Frau vollkommen genügend, um
sie über das Weltmeer zu senden. Jede andere Frau hätte hier acht und mehr
Seiten voll geschrieben. Aber Fanny ging mit dem beruhigten Gefühl zu Bett, sich
vollständig ausgesprochen zu haben.
 
                                Drittes Kapitel
Auf der Strecke, die der Jagdzug von Hamburg nach Berlin alltäglich mehrmals
durchrast, jagt er in stolzer Eile an kleinen Stationen vorbei. Diese, wie
Lazarus am Tisch des Reichen, fangen nur die Brosamen vom Weltverkehr auf, und
nur die Lokal- und Bummelzüge schleppen Menschen und Güter den Knotenpunkten zu,
wo sich die Linien der eisernen Erdstrassen kunstvoll verknüpfen. Hier schüttet
ein Zug seinen Inhalt in den andern aus; hier zerstiebt in alle Windrichtungen,
was meilenlang von einem pustenden Dampfross gemeinsam vorwärts gezogen wurde;
hier rennen Menschen wie Flüchtlinge auseinander, die eben stundenlang eifrig
und angenehm zusammen plauderten, sich die Fahrt verkürzend; hier schlingen
ausgehungerte und verdurstete Männer und Frauen heisse, fettig riechende
Bahnhofskost, brühheissen Kaffee, schäumendes, überlaufendes Bier hinein; hier
ist ein Rufen, Läuten, Schreien sondergleichen, das Geld klappert auf dem
blechernen Wechselbrett der Buffetière; Qualmgewölk ballt sich unter dem
Schutzdach des Perrons. Und wenn endlich der schrille Abschiedspfiff des
fertigen Zugs durch die Luft klagt, setzt alles sich erschöpft und befriedigt in
seine Coupéecken fest, der Inspektor sieht der dunklen Schlange nach, die mit
ihren Gliedern auf dem Geleise dahingleitet, bis sie sich draussen, fern vom
Bahnhof, in schwindelnde Eile setzt - dann ist eine Weile Ruhe, bis von der
andern Seite der feuerspeiende Kopf einer andern Zugschlange sich in den Perron
schiebt. So lärmt und jagt die Menschheit auf ihrem jetzigen Gefährt durch die
Lande.
    Aber die kleinen Stationen stehen an den grossen Bahnen wie verschüchtert
neugierige Kinder. Von ihnen aus schauen noch sehnsüchtige oder bange Augen auf
die Fenster der vorüberfliegenden Eilzugwaggons. Da ist jeder Ankommende oder
Abreisende noch ein Ereignis, das in Ursache und Wirkung besprochen wird, und
der Wartesaal mit seinem bescheidenen Bierausschank und dem Buffet, wo einige
Käsebrote unter einer Glasglocke trocknen, ersetzt den Bewohnern des nahen
Städtchens, Fleckens oder Dorfes das Café und die Börse der Grossstädter. Die
Ankunft eines Zuges zu erwarten, ist Ziel für manchen Erholungsspaziergang.
    Auf dem Perron einer solchen kleinen Station, die auf sonniger Fläche
inmitten märkischen Sandes lag, wanderte ein junges Mädchen hin und her. Die
Mittagssonne verkleinerte durch ihren hohen Stand den Schatten, den sonst das
rote Backsteingebäude warf, bis zu einem schmalen Strich. In diesem
Schattenstrich an der Mauer sass der Bahnhofsinspektor auf der Bank und trocknete
eben den innern Rand seiner roten Mütze aus. Die Glastür, die in den Wartesaal
führte, war innen mit einer Filetgardine geschmückt; zwischen ihr und dem Glas
surrten grosse Brummer auf und ab. Rechts und links vom Gebäude befanden sich in
jungen Gebüschanpflanzungen die zum Bahnhof gehörenden Nebenräumlichkeiten;
zwischen diesem Gebüsch und der Mauer des Hauptauses führten die Wege nach
hinten, wo die Landstrasse zu vermuten war. Wenn das auf und ab wandelnde Mädchen
vorbeikam, sah sie immer da hinaus, wo wie im Ausschnitt das Bruchstück einer
Equipage zu sehen war. Die Vorderleiber der Pferde verbarg das Haus, die
Hinterräder des Wagens das Gebüsch; man sah den auf seinem Bock schlummernden
Kutscher und die Pferdeschweife, die zuweilen aufschlugen, um Fliegen zu
verjagen, und hinter dem allem eine endlose Fläche und einen zitternden Dunst
unter grell blauem Himmel.
    Endlich drang durch die Stille des Mittags ein zweitöniges Glockensignal.
Der Inspektor sprang auf; um die Hausecke kam, krummbuckelig, mit müden Knieen,
der Perrondiener; die Wartesaaltür öffnete sich, und die Restaurationsfrau
erschien in derselben, auf dem Arm ihr Kind, dem sie gerade das Näschen
schneuzte.
    »Ob die gnädige Frau heute wohl kommt?« fragte der Inspektor, auf das junge
Mädchen zutretend. »Sie sind nun schon zum drittenmal hier, Fräulein, und ich
fürchte, wieder vergebens, denn eine Depesche haben wir bislang nicht befördert,
und Sie wissen doch, wenn Frau Förster von Reisen heimkehrt, telegraphirt sie
stets vorher an den Baron Lanzenau.«
    Der Bahnhofsinspektor hatte zugleich das Amt des Telegraphisten inne und war
somit genau über den Depeschenverkehr der Umgegend unterrichtet.
    Das Mädchen sagte darauf etwas unfreundlich im Ton:
    »Nun, das Unglück, die Fahrt einigemale vergebens zu machen, ist ja nicht so
gross.«
    Damit wandte sie sich um und setzte ihr Wandern fort, deutlichst zeigend,
dass ihr keinerlei Unterhaltung erwünscht sei. Der Inspektor wechselte darauf
einen Blick mit der Frau in der Tür, einen Blick, mit dem sie sich darüber
verständigten, dass man ein so unhöfliches Benehmen von Fräulein Severina eben
gewöhnt sei.
    Diese ging an das äusserste Ende des Perrons und starrte vor sich hin. Sie
sah auf die im Sonnenschein gleissenden Schienen, auf den gelben, grobkörnigen
Kies, der zwischen den Schienen die Holzschwellen kaum deckte, und dachte, mit
welchen Worten sie Fanny Förster am leichtesten sagen könne, was doch gesagt
werden musste.
    Severina war ein Mädchen, das niemals durch ihre Schönheit, aber immer durch
ihre Gestalt auffallen konnte, die, von mittlerer Grösse, Linien von vollendetem
Ebenmass aufwies. Ein reizender Fuss zeigte sich unter dem kurzen Kleid, eine
schöne Hand hielt herabhängend ein Paar Handschuhe. Das Gesicht zeigte die
Negerlippen eines breiten Mundes. Darüber stand ein aufgestülptes Näschen. Unter
der niedrigen weissen Stirn leuchtete ein dunkles, grosses Augenpaar;
dunkelbraunes Haar war mit wenig Sorgfalt lose um den kleinen Kopf geordnet; die
starken Backenknochen, die breiten Kiefer gaben dem Gesicht beinahe etwas
Tierisches. Die unruhigen Augen sahen nun dem Zug entgegen, der jetzt endlich in
grosser Kurve sich dem Perron näherte.
    Richtig, da beugte sich ein Kopf aus einem Coupé, und gleich darauf streckte
sich eine Hand heraus und winkte mit dem weissen Taschentuch.
    Severina lief neben dem Coupé her, bis der Zug endlich stand, gerade am
andern Ende des Perrons. dabei wurde sie seltsam blass.
    »So warte doch, so warte doch,« rief Fanny Förster aus dem Fenster.
    Der Inspektor eilte auch herbei und riss die Tür auf, der Fanny nun rasch
entstieg.
    »Wir haben die gnädige Frau schon gestern abend erwartet,« bemerkte der
Inspektor.
    »Ja,« lachte Fanny, »meine Schwägerin hat nicht meine Nerven. Wir mussten in
Hamburg Aufentalt nehmen. - Gib mir erst das Kind heraus, Adrienne. - Guten
Tag, Very. Nun, wo kommst Du denn her? Ist der Baron gestern abend hier gewesen?
Wie sieht's in Mittelbach aus, Mädchen? Deine Eltern wohl?«
    dabei ergriff sie mit der Rechten das Bündel von Tüchern und Schleiern, in
welchem der kleine Joachim stak, presste es gegen sich und reichte die Linke
Adrienne hinauf. Diese, überaus blass und von Hitze ermattet, kletterte herab,
die Magd mit sehr vielem Handgepäck folgte, und mit dumpfem Krach flog die
Coupétür wieder zu.
    Da stand die kleine Gesellschaft nun im Sonnenschein, Adrienne verzagt über
die flache, schattenlose Gegend, Fanny ungeduldig, neue Nachrichten von ihrem
Heim zu hören, das sie seit fünf Tagen verlassen.
    »Hier ist Severina, die Pflegetochter unserer Pastorsleute. - Meine
Schwägerin, Frau von Herebrecht. Aber nun sage, Very, wie kommt es, dass Du mich
abholst?«
    »Meine Eltern haben Ihre Rückkunft mit grosser Sehnsucht erwartet,« sagte
Severina, mit ihren dunklen Augen einen so flehenden, bedeutungsvollen Blick auf
Fanny richtend, dass diese augenblicklich fühlte, es sei etwas geschehen, wobei
man ihrer bedürfe. Sie drückte Severina stark die Hand.
    »Gestern abend,« fuhr Severina fort, »fuhr ich mit Ihrem Wagen her; Sie
kamen nicht. Auch der Baron war vergebens hier. Er beschloss, eine Depesche
abzuwarten, aber ich bin, Ihre Verzeihung voraussetzend, heute wieder mit Ihrem
Wagen gekommen.«
    »Und das ist ein Glück,« meinte Fanny freundlich, »da wir nun gleich
heimfahren können und keinen Wagen aus Mühlen brauchen. Die arme Adrienne hätte
auch vielleicht geglaubt, ihre letzte Stunde sei gekommen, wenn sie auf einem
Mühlener Bauernwagen durchschüttelt worden wäre.«
    Mühlen war ein zu Fannys Gütern gehöriges Dörfchen, welches in unmittelbarer
Nähe der Station lag.
    »Komm,« sprach Fanny, den Arm des jungen Mädchens ergreifend, »meine kleine
Kalenderheilige muss erst beichten. - Wir nennen Very manchmal so, weil sie einen
so furchtbar nach Weihrauch duftenden Namen hat,« erklärte sie Adrienne.
»Besteige Du einstweilen den Wagen und installire Dich mit Baby. - Guten Tag,
Christian,« grüsste sie den Kutscher.
    Da Severina schwieg und neben Fanny mit sichtlichem Zögern einherschritt, so
fragte Fanny mit einigem Nachdruck:
    »Nun? Was ist geschehen?«
    »Magnus ...«
    »Hat Dummheiten gemacht!« setzte Fanny bestimmt dem von der andern zögernd
ausgesprochenen Namen hinzu.
    »Leider gleich zwei auf einmal,« sagte Severina finster, »und Mama und Papa
geben nun einander schuld; Jedes behauptet, der andere habe ihn falsch erzogen.«
    »Nun,« meinte Fanny, »in dieser Behauptung ist das Recht auf Seite des
Vaters. Aber was hat denn unser Doktor Magnus Hesselbart angestiftet?«
    »Er hat - gespielt und dann, es mag in der Leidenschaft des Verlierens oder
des Weinrausches gewesen sein, dann hat er ein Duell provozirt und ausgefochten,
welches seinem Gegner eine Stirnwunde und ihm einen Schuss im linken Arm
einbrachte. Nun ist er heimgekommen wie ein Flüchtling. Die Wunde will die
Pflege der Mutter schon ausheilen, aber die Spielschuld kann die Cassa des
Vaters nicht decken,« berichtete das Mädchen.
    »O weh,« rief Fanny, »das mag stürmische Zeit bei euch gegeben haben!«
    »Ich bin ja da, alles auszubaden,« sagte Severina mit grosser Bitterkeit.
    »Pfui, Very!« schalt Fanny, über deren Gesicht sich die Schatten
sorgenvoller Gedanken gebreitet hatten, »in solchen Tagen sucht der Sorgende
sich eben gern einen Blitzableiter für die üble Laune. Das ist menschlich, das
solltest Du verzeihen.«
    »So?« fragte das Mädchen. »Diese Menschlichkeit passirt doch nicht allen
Menschen. Als im vorigen Frühling die Elbe austrat und Ihnen die mühsam
kultivirten Fichtenschonungen verschlammte und versandete, Ihnen die Mühe und
Kosten von Jahren zerstörend, da hat kein Mensch ein ungeduldiges Wort von Ihnen
gehört. Aber freilich, meine Pflegemutter ist auch eine fromme Christin, sie muss
in jedem Unglück das Strafgericht Gottes oder die Versuchung Satans beklagen.«
    »Was die Natur uns zufügt, zwingt uns unsere Ohnmacht, mit Geduld zu tragen.
Geduld mit Menschen haben, ist tausendmal schwerer,« sprach Fanny milde. »Aber
nun komm, mein Kind, lass meine Schwägerin nichts von irgendwelcher Verstimmung
merken. Sie bedarf der Heiterkeit und soll nicht gleich herausfinden, dass wir in
Mittelbach so wenig gegen Sorge und Leid versichert sind wie die Menschen
anderswo.«
    Sie schritten beide auf den Wagen zu, in dessen einer Ecke Adrienne schon
lag, den aufgespannten Sonnenschirm über sich, die müden Augen auf den fernen
Horizont gerichtet, zu dessen blauender Waldlinie eine endlose, pappeleingefasste
Chaussee lief.
    »Müssen wir bis dahin fahren?« fragte sie.
    »Gewiss, meine Welt liegt, wie die Königreiche im Märchen, hinterm Wald.
Diese Roggen- und Hafergefilde, welche Dir ohne Zweifel sehr eintönig vorkommen,
sind Driesaer Grund und Boden, die Gruppe von Häusern und Baumkronen da rechts
am Ende der Sehweite ist Dorf und Schloss Driesa. Mein Mittelbach fängt hinter
dem Wald an und geht bis an die Elbeufer. Mein Reich ist nicht klein. Joachim
wird zu tun bekommen.«
    Der Wagen setzte sich in Bewegung; Adrienne war zu erschöpft, Severina nicht
gewohnt zu sprechen; die Magd surrte ein Schlummerlied mit geschlossenen Lippen
und wiegte dabei das Kind im Arm. Lautlos gingen die Räder im Sande; Lerchen
stiegen mit zwitscherndem Gesang in die Höhe.
    Fanny, die lange still nachdachte, fuhr plötzlich wie erwachend empor, sah
Severina an, nickte ihr heiter zu und begann mit dem Kutscher ein Gespräch,
welches sich zum Entsetzen Adriennens um das Befinden einer zum Kalben stehenden
Kuh und eines krank gewesenen Pferdes drehte.
    Eine Fahrt von zwei Stunden, davon die letzte halbe Stunde sie durch einen
schönen Eichenwald führte, brachte sie nach Mittelbach. Adrienne war noch nie
auf dem Lande gewesen, sonst würde ihr die Sauberkeit und Behäbigkeit
aufgefallen sein, welche selbst die kleinsten Anwesen hier umgaben.
    Das Dorf gruppirte sich um eine Kirche, die aus einem von blühendem
Hollunder und breitkronigen Linden überschatteten Kirchhof aufragte. Nahe dem
Kirchhof befand sich im bunt blühenden Garten das Pastorenhaus. Nur ein weisser
Spitz stand hinter der hölzernen Gitterpforte und bellte durch die Trallen den
vorüberfahrenden Wagen an. Sonst schien das Haus von Bewohnern verlassen.
    Neben dem Pastorengarten bog eine tiefschattige Ulmenallee von der
Dorfstrasse ab und führte geradewegs in fünf Minuten auf das Schloss zu. Das
Schloss verdiente im Grunde diesen stolze Baulichkeiten versprechenden Namen
keineswegs. Es war ein grosses, breites Haus, das über dem Parterre ein Stockwerk
und einen zweifensterigen Erker trug. Vor der grün angestrichenen Haustür
befanden sich ein Beischlag, dessen Bänke je von einer Linde überschattet waren,
die wie zwei Schildwachen rechts und links vor der grau getünchten Hausmauer
standen.
    »Schön ist er nicht, der alte Kasten,« sagte Fanny mit einem Seufzer, »und
ich liebe so die Schönheit. Aber um das Idealschlösschen herzubauen, von welchem
ich träume, fehlt mir immer das Geld.«
    Adrienne lächelte; sie glaubte nicht anders, als dass dieser Seufzer ein
gewisses Kokettiren mit Sparsamkeit sei, denn dass eine reiche Frau wie Fanny
ihren Wünschen Grenzen ziehen müsse, schien ihr undenkbar.
    »Da ist die ganze Gesellschaft,« sprach Severina.
    Auf den Bänken im Beischlag sassen drei Männer und eine Frau. Sie sprangen
auf, als der Wagen hielt, und wollten alle zugleich den Schlag öffnen. Der
grossen, übermässig mageren Frau gelang es, die erste zu sein. Sie ergriff mit
ihren starkknochigen Händen Fannys Rechte und sagte:
    »Nein, so konnte Gott uns auch nicht strafen, er durfte Sie nicht länger
fernhalten!«
    »Liebe Frau Pastorin,« sprach Fanny, ihr die mageren Wangen streichelnd, die
aus einer unter dem Kinn geschlossenen schwarzen Tüllhaube hervorsahn, »liebe
Frau Pastorin, ich bin zum Glück ja noch zur rechten Zeit gekommen, Ihnen Ihre
Sorgen abzunehmen. - Grüss Gott, Herr Pastor. Ah, da ist ja auch unser junger
Doktor Magnus. - Und Sie, Lanzenau, Sie sagen gar nichts?«
    »Kann ich denn dazu kommen, die liebe Hand zu küssen?« fragte der Baron
Lanzenau lächelnd.
    Adrienne sass unterdessen ruhig im Wagen und beobachtete diese Menschen, mit
denen sie nun leben sollte. Vor allem fiel ihr der Baron Lanzenau ins Auge, ein
Mann, der seine Hünengestalt in ein enges Tricotjaquet und ganz enge Beinkleider
gesteckt hatte. Um seinen auffallend hohen und blendend weissen Halskragen
schlang sich eine blauweiss getupfte Krawatte, die in breiten Flatterenden über
dem dunklen Jaquet herabhing. Sein Diplomatengesicht trug die Zier eines spitz
gedrehten Schnurrbartes, sein dunkles Haar war äusserst glatt und auf jene
altmodische Art frisirt, welche in die Schläfen gesichtwärts je eine Haarlocke
vorschiebt.
    »Das ist also der Mann, welcher seit meines Bruders Tod Fannys rechte Hand
war? Merkwürdig, er scheint doch noch in den Jahren, wo eine Heirat mit Fanny
ihm natürlich sein musste!« dachte Adrienne.
    Die hagere Pastorin mit den Leichenbittermienen und dem tragischen Blick,
der rundliche, weisshaarige Pastor mit dem rosigen Gesicht, schienen Adrienne
nicht sehr bemerkenswert, wohl aber blieb ihr Auge auf dem jungen Doktor Magnus
Hesselbart, dem Pastorensohn, haften. Dieser hielt sich sehr im Hintergrund und
schaute sich seinerseits Adrienne neugierig an. Er hatte die Figur und Züge
seiner mageren dunklen Mutter; was jedoch bei ihr grob erschien, wurde bei ihm
zur männlichen Schönheit. Vor seinen dunklen Augen sass ein Kneifer ohne Band,
sein schwarzes Haar war kurz geschoren und stand wie eine Bürste über der Stirn
auf, in welche es in einer Schneppe hineinwuchs.
    Erst als Fanny alle begrüsst hatte, machte sie Adrienne mit ihren Freunden
bekannt. Jeder sagte ihr ein Wort des Willkommens.
    »Ich freue mich, dass Fanny endlich einmal die Nähe eines Familienmitgliedes
geniesst, und hoffe, Sie werden sich lieb haben,« sagte Lanzenau.
    »Der Herr war mit Ihnen, als Sie den Entschluss fassten, den Versuchungen der
Welt zu entfliehen und hieher zu kommen. Denn einer geht umher wie ein
brüllender Löwe und suchet, wen er verschlinge,« sprach die Pastorin mit einem
Seitenblick auf ihren Sohn.
    Dieser Sohn begnügte sich, Adrienne die Hand zu küssen, sich zu verneigen
und zu versichern:
    »Sehr erfreut, gnädige Frau!«
    Der alte Pastor aber drückte ihr fest die Hand und sprach:
    »Willkommen, herzlich willkommen!«
    »Ach,« rief Fanny, »wie ist das Heimkehren schön, und dabei habe ich nicht
einmal Mann noch Kind! Was muss Arnold empfinden, wenn er von der Stunde seiner
Heimkehr träumt?«
    Adrienne fühlte sich immer unangenehm berührt, wenn ihr Gatte von Fanny
erwähnt wurde. Sie sah stets eine Mahnung, einen Vorwurf darin. Und der Ausdruck
von Verstimmung, der deswegen über ihre Züge kam, entging in diesem Augenblick
dem jungen Doktor nicht, der die bleiche Frau fest im Auge behalten hatte.
    »Deine Zimmer sind bereit, ich werde Dich hinbringen; aber ehe ich dann die
meinigen aufsuche, möchte ich mit Ihnen, Pastor, und Ihrer Frau sprechen,« sagte
Fanny, erst zu ihrer Schwägerin und dann zu dem Ehepaar gewandt.
    »Alle Verhandlungen werden bis nach Tisch verschoben,« bestimmte Lanzenau;
»wir wünschen vorerst die Festtafel gewürdigt zu sehen, die wir vorbereiteten.
Wenn die Damen Toilette machen wollen, finden Sie uns nachher im Speisesaal.«
    »Fügen wir uns,« sagte Fanny heiter und nahm die junge Frau bei der Hand, um
sie in ihr Haus zu führen.
    »Die Freude, Dich wieder zu haben, leuchtet selbst von den Gesichtern Deiner
Dienstboten,« bemerkte Adrienne, als sie an Fannys Arm die Treppe hinauf und den
langen Korridor entlang schritt; »wie hast Du es angefangen, so geliebt zu
werden, und wie glücklich musst Du in dieser Liebe sein!«
    »Stille!« gebot Fanny hastig; »wie ich es anfing und ob ich glücklich darin
bin, das ist die Geschichte meines Daseins, und das bespricht sich nicht
zwischen Tür und Angel. Hier ist Dein Reich. Lebe zufrieden darin, das ist mein
einziger Wunsch.«
    Die Frauen umarmten einander voll Herzlichkeit. Eine scheinbar grundlose
Rührung übermannte beide.
    »Und Du, kleiner Schelm,« sagte Fanny, dem Kinde, das die Magd ihnen
nachgetragen, in die Backen kneifend, »Du schreie mir die Wände aus keiner
andern Veranlassung an, als um Lungengymnastik zu treiben.«
    »Wie schön es hier ist!« rief Adrienne, die drei Zimmer durchschreitend,
welche Fannys Güte ihr auf das wohnlichste geschmückt. Das Wohnzimmer war
offenbar ganz neu eingerichtet; es zeigte dunkelblaue Farben und in allen
Möbelstücken strenge, geradlinige Formen; eine Unzahl von kleinen, bunten Nippes
und Luxusgegenständen übergoldete den ernsten Charakter des Gemaches mit dem
Zauber der Behaglichkeit. Eine breite Glastür führte auf einen Balkon, der, an
der Rückseite des Hauses gelegen, einen weiten Ausblick über Park und Gegend
gewährte.
    »Ich dachte mir so, dass zu der blassen, rotaarigen Frau ein Zimmer im
Renaissancegeschmack gehöre,« scherzte Fanny und eilte hinaus, sich dem Dank zu
entziehen.
    Adrienne trat auf den Balkon.
    Zu ihm hinauf ragten weitästige Lindenkronen, von rechts und links hemmte
dunkles Baumgewipfel den Blick, geradeaus schweifte das Auge über weite
Rasenflächen, die von einem Weiher unterbrochen wurden. Und jenseits des Parkes,
der im englischen Geschmack angelegt war, blinkte ein breites, stahlglitzerndes
Band auf, das sich hinauf und hinab in sanften Windungen durch goldgelbe
Saatbreiten zog, so weit das Auge reichte. Es war die Elbe, die da ihre mächtige
Strasse, vom Riesengebirge kommend, meerwärts zog. Die friedvolle und reiche
Landschaft, überzittert von der Mittagsglut eines verfrühten Sommertages,
verführte zum Träumen, und Adrienne stand so lange gedankenlos dort, bis die
dumpfen Schläge des Tam-Tam sie weckten. Es war das Signal zum Mittagessen.
    Aber der unmusikalische, lang nachdröhnende Ton dieses asiatischen
Signalinstrumentes erinnerte sie plötzlich auch an Arnold: er hatte Fanny
Förster das von früheren Reisen mitgebrachte Ding geschenkt. Immer er, auf allen
Wegen er, kein Gedanke ohne ihn - setzte sich die Abhängigkeit von ihrem Herrn
und Erzieher denn ewig fort?
    Mit finsterem Gesicht ging sie hinab, wo in dem grossen Saal, der gerade
unter ihren Zimmern lag und sich auf eine Terrasse parkwärts öffnete, schon die
ganze Gesellschaft versammelt war. Fanny sah mit missbilligendem Erstaunen, dass
ihre junge Schwägerin nicht die mindeste Bemühung gemacht hatte, ihr schlecht
sitzendes, zerdrücktes Reisekleid zu wechseln oder ein wenig aufzuputzen.
    »Sie ist ganz apatisch,« sagte sie leise zu Lanzenau, »wir müssen ihre
Jugend aufwecken.«
    Das Mahl verlief so heiter, als befänden sich hier nicht Menschen, deren
Existenz auf dem Spiel stand. Die Pastorsleute fühlten sich ihrer Sorgen ganz
ledig: Fanny war da und hatte Hilfe versprochen. Doktor Hesselbart fühlte sich
nicht im mindesten vor Fanny genirt: sie kannte die Welt und verzieh wohl eine
schwache Stunde. Selbst Severina, die im Wagen schweigsam und verbittert
erschienen war, antwortete auf die jeweiligen Neckereien des Barons mit jäh
aufsprühendem, schlagfertigem Witz, versank aber freilich ebenso rasch wieder in
ihre Stummheit, wenn ein Blick aus den grossen Augen der Pastorin sie traf.
    Lanzenau hielt sogar eine Rede, eine wohlgesetzte, etwas umständliche Rede,
die Fannys Wiederkehr und die neue Hausgenossin feierte. Man trank das Wohl der
beiden Damen in Sekt, Fanny rief über das Gläserklingen hinweg:
    »Aber dass wir auch des fernen Gatten nicht vergessen: Der Kapitän lebe
hoch!«
    Der Doktor, sich an Adriennens missbehagliches Gesicht erinnernd, welches sie
vorhin bei der Erwähnung Arnolds gemacht, streifte mit schnellem Blick die junge
Frau, und unangenehmerweise bemerkte sie es. Ein helles Rot stieg ihr rasch ins
Gesicht.
    Das reichliche Mahl von vielen Schüsseln, der starke Wein, die Aufwartung
durch die beiden weissbehandschuhten Bedienten, dies alles drückte Adrienne
nieder, und sie dachte an die Wassersuppe, bei welcher Fanny sie getroffen.
Schliesslich bemerkte sie auch, dass sie noch einfacher angezogen war als selbst
Severina, deren dunkelblaues Perkalkleid wenigstens durch den tadellosen Sitz
und die äusserste Sauberkeit schmuck aussah. Auch hatte das Mädchen in den
Gürtel, der ihre wundervolle Taille eng umspannte, einen frischen Rosenstrauss
gesteckt.
    Adrienne hätte weinen mögen. »Fanny wird sich meiner schämen,« dachte sie
verzweifelt. Sie beschloss, sich nach Tisch zurückzuziehen und aus sich noch zu
machen, was ihr Kleidervorrat irgend gestattete. Dieser Entschluss, sich
zurückziehen zu wollen, passte in die Hausordnung, die Fanny alsbald verkündete.
    »Nach Tische,« sagte sie, »bin ich in meinem Arbeitszimmer; wenn jemand mich
zu sprechen wünscht, findet er mich dort. Im übrigen: allgemeine Siesta.«
    Lanzenau wusste, dass dies für die Pastorenfamilie gesagt war, und begab sich
alsbald auf die Terrasse, wo er in einem Schaukelstuhl zwischen einer Epheuwand
und einer Palmengruppe sein Schläfchen zu halten pflegte. Severina kehrte in das
Pfarrhaus zurück, nicht ohne dass Fanny ihr nachgerufen hätte, sie werde zum
Abend wieder hier erwartet, und so sah die Hausherrin sich mit der Familie
Hesselbart allein, die ihr in der komischen Gefolgschaft des Gänsemarsches,
eines hinter dem andern, ins Arbeitszimmer folgte.
    Dieses Zimmer, nach vorn hinaus gelegen, war von den an der Hausfront
stehenden Linden so tief verschattet, dass allezeit ein grünes Dämmerlicht
herrschte. An den vier Wänden, die einen grossen, ganz quadratischen Raum
umschlossen, standen Bücherregale und Schränke. Nahe dem einen Fenster befand
sich der Schreibtisch, ein vierbeiniger, schmuckloser Tisch, mit einem
Riesentintenfass, einer Schreibmappe und einem Haufen Haushaltungsbücher
belastet. Vor dem andern Fenster auch ein Tisch, auf dem allerlei Säckchen und
Schälchen mit Getreide- und Hülsenfruchtproben standen. Ausserdem gab es noch ein
halbes Dutzend Rohrstühle in der Stube, darin der weisse Fussboden mit Sand
bestreut war.
    Fanny nahm auf ihrem Stuhl vor dem Schreibtisch Platz, die drei Hesselbarts
setzten sich im Halbkreis ihr zur Seite. Der Pastor faltete seine Hände über dem
Bäuchlein; ach, nach einem so guten Essen und nach einem so ausgezeichneten
Bordeaux war es wahrlich schwer, sich die ganze Sündenfälligkeit des
leichtsinnigen Sohnes ins Gedächtnis zu rufen.
    Die Pastorin hatte auf den gelben Wangen rote Flecke. Ihre Gedanken jagten
wie ein Wirbelwind in ihrem Kopf umher, sie zürnte dem Sohn, dem sie diese
schwere Stunde verdankte. Sie wollte Fanny beweisen, dass der Sohn eigentlich
bloss das Opferlamm eines Mächtigeren sei, sie wollte dem Gatten nochmals zu
Gewissen bringen, dass seine Erziehung an allem schuld sei. Aber aus ihrem von
Gedanken kreisenden Kopf gebar sich kein gesammeltes Wort; der Sohn hob statt
ihrer an, Fanny geradeaus ansehend:
    »Severina wird Ihnen das Geschehene angedeutet haben, Frau Förster. Ich
sitze nicht hier, um mich zu entschuldigen, und die Hilfe, die wir von Ihnen
erbitten wollen, denke ich nicht dadurch zu erschleichen, dass ich mich als Opfer
unglücklicher Verkettungen darstelle. Ich habe gefehlt; jugendlich, verzeihlich
vielleicht, würde man sagen, wenn ich einen reichen Vater hätte, der die
paartausend Mark Spielverlust ohne Empfindlichkeit zahlen könnte. Aber da ich
wusste und immer dessen hätte eingedenk bleiben sollen, dass mein Vater nicht im
stande ist, mir dergleichen Schulden zu bezahlen, so wäre mein Vergehen
unverzeihlich, wenn ich nicht den Willen und die Fähigkeit hätte, den pekuniären
Schaden und den, welchen ich in Ihrer Achtung erlitt, gut zu machen.«
    Der Pastor seufzte zustimmend. Die Pastorin, die ihre Hände im Schoss
gefaltet hielt, sagte schnell:
    »Gewiss, Magnus, Du hast gefehlt wider besseres Erkennen und Wollen. Der
Versucher kam über Dich, und Du musstest ihm gehorchen. Das ist der Fluch, der
seit dem ersten Sündenfall auf uns allen ruht. Wir sind allzumal Sünder und
mangeln des Ruhms, den ...«
    »Liebe Pastorin,« sagte Fanny mit feinem Lächeln, »Sie hörten, Magnus lehnt
es von vornherein ab, unter dem Druck jener mysteriösen force majeur gehandelt
zu haben, die Sie seit seinen Knabenjahren immer als Entschuldigung für alle
seine Torheiten citirten. Wir haben schon an den alltäglichen kleinen
menschlichen Unvollkommenheiten unserer Charaktere genug Stoff, um Adam und Eva
verantwortlich zu machen; suchen wir mit den Hauptnummern unseres
Sündenregisters niemand zu belasten als unsere eigene Willensschwäche.«
    Magnus lächelte Fanny an. Der Pastor seufzte zum zweitenmal zustimmend.
    »Es war am Abend meines Doktorschmauses,« begann Magnus; »wir hatten stark
getrunken, erst so stark, wie es solche Gelegenheit in studentischen Kreisen mit
sich bringt, und dann noch stärker, als mitten in unsere Fröhlichkeit hinein mir
ein Brief der grossen X.schen Verlagsbuchhandlung kam, die mit mir fest
kontrahirt über eine von mir zu liefernde Uebersetzung und Bearbeitung mehrerer
griechischen Autoren zum Zweck einer Volksausgabe. Dies Ereignis ...«
    »Magnus,« rief die Pastorin fieberhaft, »und davon hast Du bislang
geschwiegen?! Diesen Trost, diese Entschuldigung uns vorentalten! Was hab' ich
immer gesagt; wer hat nun recht?«
    »Dieser Umstand hätte Dich vielleicht dahin geführt, liebe Mutter, mein
Vergehen als Verdienst aufzufassen, und das ging doch angesichts des Umstandes
nicht an, dass Frau Förster uns helfen muss, soll kein Unglück, kein Skandal
geschehen,« sprach Magnus mit jener liebevollen Lehrhaftigkeit, die erwachsene
Männer den Schwächen der Mutter gegenüber annehmen.
    Die roten Flecken auf den Wangen der Pastorin wurden dunkler. Ihr Herz
schlug heftig. Der Ton - der Ton von ihrem Magnus! Und von und mit Fanny sprach
er so voll Ehrfurcht! O, wenn sie doch unermesslich reich wäre, um alle Sorgen
selbst dem Sohn aus dem Weg zu schaffen, ihm alle Freuden der Welt zu
ermöglichen! Diese Wonne Fanny überlassen zu müssen!«
    »Und weiter?« fragte Fanny.
    »Meine Fröhlichkeit wurde Übermut; ich sah mich schon berühmt als
unerreichten Uebersetzer, ich sah mich schon im Besitz der als Honorar für die
in zwei Jahren zu liefernde Arbeit bedungenen fünftausend Mark. Als die Freunde
Bank auflegten, verschmähte ich zum erstenmal nicht, daran teilzunehmen. Mein
Verlust wuchs, meine Besinnung schwand. Endlich gab es Streit. Am andern Mittag
hatte ich die Wunde im Arm und fünftausend Mark Spielschulden.«
    »Ach,« sagte die Pastorin und sah ihren Sohn bewundernd an, »was mögen das
für Aufregungen gewesen sein!«
    »Wenn Sie uns, teure Frau, die Summe vorstrecken wollen und sie mir
allmälich am Gehalt abziehen ...«, begann der Pastor, der mit einer
unüberwindlichen Sehnsucht nach seinem Lehnstuhl kämpfte.
    »Halt,« rief Fanny, »Magnus soll sich allein aus der Klemme ziehen, in die
er sich hineingebracht. Er erhält die fragliche Summe von mir und verschreibt
mir dafür sein Honorar. Und damit er nicht durch abermalige schwache Stunden in
noch Aergeres gerät, schlage ich vor, dass er seine Arbeit im Elternhause
vornimmt; da wird er billiger und ruhiger leben als in Berlin.«
    »Bravo!« rief der Pastor erleichtert, weil die Sorge und die Unterredung
bald ein Ende hatten.
    Magnus ergriff die Hand Fannys und drückte sie mit wortloser Dankbarkeit. Im
Herzen der Mutter wallte neben der Freude, den Sohn bei sich zu behalten,
schnell der eifersüchtige Gedanke auf, dass Fanny am Ende ein besonderes
Interesse für Magnus habe. Dass die Dinge etwa anders werden konnten, als wie
Fanny sie ordnete, fiel überhaupt niemand ein. Was sie sagte, geschah immer.
    Hier trat ein Diener ein und meldete, dass Wenzel und Riggers bäten,
vorgelassen zu werden.
    »Ah,« sagte Fanny, »da soll ich wohl den Schiedsrichter spielen wegen der
strittigen Wiese?«
    »Die Bauern bitten darum,« antwortete der Diener; »und hier, diese Depesche
ist eingelaufen.«
    Fanny nahm die Depesche vom Tablet, erbrach und las sie, lächelte, wandte
sich zum Diener und sagte:
    »Die Bauern können gleich vor. Ich rufe.«
    »Schnell, Magnus,« mahnte sie dann, »ich schreibe Ihnen einen Check für mein
Berliner Bankhaus, morgen fahren Sie hin, ordnen Ihre Sachen und kehren
übermorgen zurück. Ist vom Duell etwas ruchbar geworden?«
    »Nein.«
    »Um so besser. Hier unterschreiben Sie den Schein.«
    Magnus unterschrieb ein Papier, auf welchem Fanny Förster sich das Honorar
zueignete, das er von der Firma Soundso erhalten solle. Dagegen empfing er einen
Check, lautend auf fünftausend Mark.
    Unmittelbar nachdem die Familie Fannys Zimmer verliess, drängten sich die
zwei Bauern hinein, und auf dem Flur warteten noch weitere Leute.
    »Ja, ja, die Frau ist ein Segen,« murmelte der Pastor.
    »Leider fehlt es ihr an der rechten Frömmigkeit,« sagte die Pastorin
klagend. Als sie sah, dass Magnus vom Zeugständer auf dem Flur seinen Hut nahm,
fragte sie hastig: »Wo willst Du hin? Wir sind eingeladen, den Tag hier zu
bleiben.«
    »Nur dies zu Hause in meine Kommode schliessen und mir ein Buch holen.«
    »Lass nur. Ich gehe eben,« rief die Pastorin, der einfiel, dass Magnus gestern
geäussert habe, Severina besitze jene eigentümliche, temperamentvolle
Hässlichkeit, die gefährlicher sei als manche Schönheit. Und Severina war allein
in der Pfarre.
    So ging sie denn, und Vater und Sohn gesellten sich dem Baron auf der
Terrasse zu.
 
                                Viertes Kapitel
Es war am Abend dieses Tages. Adrienne sass mit einem Buch in der Hand auf der
Terrasse, wo Fanny mit dem Pastorenehepaar und Lanzenau schon seit sieben Uhr
Whist spielte. Die junge Frau begriff Fannys Geduld nicht; sie ihrerseits fühlte
sich schon nach einer Stunde so nervös vom Zusehen, dass ihr das Aufstossen der
Karten auf die Tischplatte, wenn die Spieler ihre Stiche zusammennahmen,
jedesmal einen leichten Schreck verursachte. Und diese im Text sich ewig
gleichenden Bemerkungen der Spieler über Bilder, Renoncen, Tricks und Rubber!
    Adrienne schielte zuweilen über ihr Buch hinweg zum jungen Doktor
Hesselbart hinüber, der am andern Ende der Terrasse lesend sass. Doch schien
diesen das einförmige Geräusch nicht zu stören. Er las mit einer Vertiefung, als
befände er sich etwa allein in seinem Studirzimmer.
    Jedermann schien überhaupt in diesem Hause die unbegrenztesten Freiheiten zu
geniessen, mit Ausnahme von Fanny, die offenbar ihre Aufgabe darin fand, sich von
den anderen ausnützen zu lassen. Nun, die Gründe für diese unbegreifliche
Lebensgestaltung würden sich ihr schon allmälich entüllen, dachte Adrienne und
erhob sich endlich, als sie fühlte, dass ihre Ungeduld über die Ausdauer der
Spieler sich bis zum Aerger darüber steigerte, dass niemand sich um sie
bekümmerte. Wenn doch wenigstens Severina dagewesen wäre, allein diese war von
der Pastorin mit dem Bedeuten weggeschickt, sie müsse zu Hause einhüten, weil
die Magd einen Abendurlaub erbeten.
    Als Adrienne am Kartentisch vorbei ins Haus ging, nickte Fanny ihr zu und
fragte ausspielend:
    »Willst Du nach Baby sehen? Küss es zur Nacht von mir.«
    In der Tat hatte Adrienne ihr Kind aufsuchen und zusehen wollen, ob es
schlafe. Eine dunkle Sehnsucht war in ihr Herz gekommen, das Wesen zu liebkosen,
das einzige, welches ihr zu eigen gehörte. In Fannys Frage fand sie aber den
Vorwurf, dass sie sich den ganzen Tag nicht um den Kleinen bekümmert habe, und
ging nun trotzig nicht hinauf, sondern durch den Saal über den Flur, vorn hinaus
und setzte sich da in den Beischlag. Aber sie fand es bald langweilig, auf den
nun am Abend ganz unbelebten Hof zu sehen oder die dunkle Ulmenallee entlang zu
gucken, wo sich doch nichts Lebendes zeigte. Die Bauern lieben nach der sauren
Tagesarbeit im Freien, sich in Stube und Tenne auszuruhen. Spazierengehen in
würziger Abendluft gehört für sie zu den unbegriffenen Luxusbedürfnissen des
Städters.
    Adrienne ging um das Haus und durch schmale Seitenwege parkeinwärts. Der
Abend fing an, sich grau unter Stämmen und Buschwerk auszubreiten; als Adrienne,
schon fern vom Hause, einen das Rasenparterre durchschneidenden Pfad verfolgte,
sah sie auf der Terrasse Windlichter aufblitzen: offenbar setzten die
Kartenspieler ihre öde Tätigkeit nun bei Beleuchtung fort.
    Die junge Frau hatte von der Ausdehnung des Parks und der Verschlungenheit
seiner Wege keine rechte Vorstellung. Sie glaubte, dass alle Wege sie wieder dem
Hause zuführen müssten, und ging langsam weiter und weiter. Plötzlich sah sie
nahe vor sich das Gebüsch breit auseinander weichen, der Weg trat in ein
Halbrund ein, und dieses war abgeschnitten durch ein breites Wasser. Nahe am
Ufer, das von jungem Röhricht eingefasst war, stand ein Holztisch und davor zwei
Bänke; Tisch und Bänke von jener einfachsten Art, die auf vier dünne
Baumstämmchen ein paar dürftig behobelte Bretter nagelt. Adrienne ging durch das
feuchte Gras und setzte sich auf eine Bank, die Ellenbogen auf den Tisch, das
Kinn auf die gefalteten Hände stützend.
    Die flache, weite Gegend war nun ganz verschattet, rings um den Horizont
stand es wie eine Dunstmauer. Die Elbe schob Welle um Welle in sanfter Bewegung
vorwärts, im Schilfrohr am Ufer raschelte es zuweilen, ein Frosch sprang auf und
plumpste ins Wasser, sonst waren alle Töne des Lebens nah und fern erstorben.
Adrienne war von namenloser Furcht ergriffen. Hinter ihr der Park stand zwischen
ihr und der Welt wie eine schwarze Mauer, die zu durchbrechen sie sich um keinen
Preis getraut hätte. Vor ihr hemmte der breite Strom die Flucht. Das
gegenüberliegende Ufer, am Tag ein harmloses Rapsfeld, erschien jetzt wie ein
düsteres Land, aus dem jede Minute unbekannte Schrecknisse hervorbrechen
konnten.
    Nun erschien dort rechts hinauf über dem Horizont, dessen Grenze übrigens
schon längst mit dem Lande in einer schwarzen, untrennbaren Finsternis sich
vermengt hatte, ein breiter roter Schein; - kein Schein eigentlich, denn die
kupferglänzende, schräg abgeflachte Scheibe, die da gespenstisch schnell
emporrückte, warf keine Strahlen. Wie ein umqualmter Feuerbrand ging der Mond am
schwarzen Himmel empor. Er erschien der geängsteten Frau wie ein grosses,
strafendes Auge, ausschliesslich auf sie gerichtet. Sie fürchtete sich wie ein
kleines Kind allein im Dunkeln und schrie gell auf, als plötzlich ein fester,
rascher Schritt ihr nahe schon ertönte.
    »Hallo - ist da jemand?« fragte eine Stimme, welche Adrienne, erlöst
aufatmend, für die von Magnus erkannte.
    »Ich bin es,« sagte sie schüchtern.
    Aber auch der Doktor hatte, näher kommend, an dem hellen Gewand und den
schmalen Umrissen Fannys Gast erkannt.
    »Bewundern Sie auch den Mondaufgang, gnädige Frau?« fragte er.
    »Ach nein,« sprach sie weinerlich, »ich habe mich nur hieher verirrt. Bitte,
bringen Sie mich zurück.«
    »Ich rate Ihnen, noch eine Viertelstunde auszuhalten. Wie der strahlenlose
Feuerball sich allmälich in lauter Silberglanz wandelt, das ist ein
überherrliches Schauspiel.«
    Er setzte sich Adrienne gegenüber; es war klar, er war hergekommen, dies
Schauspiel zu geniessen, und ängstlich blieb die junge Frau sitzen. Sie war nicht
gewohnt, die Natur zu beobachten und zu geniessen, und jene hundertfältigen
Schönheiten blieben ihr verborgen, die geschulte, schauensfreudige Augen sehen,
die gesammelte Sinne empfinden. Sie merkte jetzt nur, dass es feucht aus dem
Rasen aufstieg und dass es kühl wurde.
    Er aber sah auf dem dunkeltönigen Bilde, das mälich von weisslichen Lichtern
überhellt wurde, ein junges, schönes Weib, welches in seiner überzarten
Erscheinung wie die passendste Staffage in die Mondnacht gesetzt war. Der
Mondschein spielte um ein weisses Gesicht, aus dem ein Paar grosser Augen
unsäglich trostlos himmelwärts schauten. Ueber dem Flussbett schwebten weissliche
Nebel, die dampfend von der Wasserfläche aufstiegen. Auf dem feuchten Rasen, auf
dem Laub der nächsten Büsche lag jener kalte Glanz, den das Nachtgestirn um sich
verbreitet, und in Schatten flog es zuweilen wie ein Demantschimmer schnell
vorüber: Johanniswürmchen begannen da ihre Nachtlust.
    »Nicht wahr,« sagte Magnus, »es ist schön?«
    Sie nickte nur.
    »Die Schönheiten unserer Gegend sind wie die Schönheiten eines tiefsinnigen
Werkes: man erfasst sie erst durch Studium,« sagte er.
    »Ja,« antwortete sie.
    »O weh,« dachte Magnus, »das schöne Bild deckt eine Oede zu! Ich habe den
ganzen Tag kein Wort gehört, das auch nur auf die notdürftigste
Gedankenvegetation schliessen liesse. Hinter der weissen Stirn und dem rötlichen
Haar scheint steriler Boden.«
    dabei sah er unwillkürlich sein Gegenüber ungenirt forschend an. Dieser
Blick war Adrienne unbehaglich, sie sagte mit einer gewissen Schärfe:
    »Ich bin kein tiefsinniges Werk.«
    So schnippisch kann nur eine unreife und unerfahrene Frau sein, deshalb
freute er sich der Antwort, denn ihm wohnte, wie den meisten jungen Gelehrten,
den Frauen gegenüber ein Gefühl der Ueberlegenheit, um nicht zu sagen
Ueberhebung, inne.
    »Verzeihen Sie,« sprach er lächelnd, »aber ich bin kurzsichtig, und da
erscheint mein Blick gleich unbescheiden, wenn ich jemand nahe ansehe.«
    »Haben Sie jetzt den Mond genug bewundert?«
    Er sprang auf.
    »Sie wünschen heimzukehren? Ich stehe zu Befehl!«
    Adrienne ging hastig voran, aber kaum traten von rechts und links die
dichten Baumschläge an den engen Weg, als sie sich in so offenbarer Furcht nach
Magnus umwandte, dass dieser ihr den Arm anbot.
    »Ob wir Fanny noch bei dem schrecklichen Whist finden?« sagte Adrienne.
    »Pünktlich um halb zehn hört er auf. Fanny verliert immer ihr Geld, nie ihre
Geduld dabei; man spielt um ein Geringes, aber Lanzenau und meine Mutter sind
verstimmt, wenn sie verlieren. Ihnen ist dies Spielchen Erholung, Vergnügen,
mein Vater und Fanny bringen ein Opfer.«
    »Ums Himmels willen, Fanny scheint aller Welt Opfer zu bringen!« rief
Adrienne. Dann zuckte sie zusammen: im Gebüsch hatte es geraschelt. Magnus zog
ihren Arm zur Beruhigung fest an sich.
    »Fanny? Ich weiss nicht, ob man Taten, die einem seelischen Bedürfnis
entspringen, noch Opfer nennen kann. Freilich, das Kartenspiel ist ein kleines -
aber sie bringt es Lanzenau,« sagte Magnus.
    »Lanzenau? Das sagen Sie mit einer Betonung, als wäre er für Fanny der
Gegenstand höchster Güte,« bemerkte Adrienne; »man sieht es nicht im
freundlichen Verkehr zwischen beiden. Aber dennoch frage ich mich, weshalb
heiraten sie einander nicht, und ist es möglich, dass Fanny, so in ihren besten
Jahren, niemals den Wunsch haben sollte ... ich meine ... ich wollte sagen ...
warum sie wohl Witwe bleibt?«
    »Da fragen Sie mich zu viel. Seit ich ein Junge von zwölf Jahren bin, war
ich von der Schule, dann von der Universität immer nur zum Besuch hier. Herrn
Försters erinnere ich mich kaum, doch Sie wissen, man gewinnt mit der Zeit so
was wie ein retrospektives Verständnis, und so verstehe ich auch jetzt, dass mit
den Jahren die Lebensbilder, die ich hier im Ausschnitt sah, immer heiterer und
friedlicher wurden. Lanzenau war schon immer eine stehende Figur darin, auch zu
Försters Zeiten. Damals gehörte ihm Driesa.«
    »Ah,« sagte Adrienne mit dem Ausdruck unaussprechlichen Verlangens in Stimme
und Antlitz, »wenn ich Fanny wäre, lebte ich anders.«
    »Wie denn?« fragte Magnus, der von diesem Ausdruck gepackt wurde.
    »Ich weiss nicht, wie,« flüsterte sie, »nur müsste jeder Tag eine neue Wonne,
ein anderer Genuss sein.«
    Magnus schwieg mit einigem Herzklopfen. Das also, das stand hinter der
weissen Stirn! Die schönen Lippen waren nur so schweigsam, weil der Durst sie
zusammenpresste!
    Es fiel Adrienne nicht auf, dass er ganz verstummte. Sie hatte so viel zu
denken, dass sie seiner Unterhaltung nicht bedurfte. So kamen sie vor der
Terrasse an.
    Dort räumte gerade ein Diener den Kartentisch ab, aus dem Gartensaal brach
ein Lichtstrom, man sah mitten in demselben Fanny und Lanzenau stehen, Lanzenau
schien aus einem Zeitungsblatt eine Notiz zu lesen. Magnus' Eltern waren nicht
mehr da.
    »Ich habe mich schon vorhin von Fanny verabschiedet und gehe nicht mehr
hinein. Gute Nacht!«
    »Gute Nacht!« sagte Adrienne und legte ihre kalte Hand in seine warme.
    Sie standen am Fusse der wenigen Stufen, die zur Terrasse emporführten; im
Schein des Lichts, das vom Hause kam, sah Adrienne die braunen Augen Magnus' mit
jenem zudringlichen feurigen Blick auf sich gerichtet, den Männer schnell für
eine schöne Frau haben, die ein Bedürfnis oder den Wunsch nach »Trost« gezeigt
hat, - dem Blick, den Wegelagerer auf eine scheinbar wenig verteidigte Beute
richten.
    Adrienne erzitterte - so hatte sie noch kein Mensch angesehen, und ihr blieb
auch alles Unbescheidene in dem Blick verborgen, sie bemerkte nur das Feuer, und
das genügte, sie fliehen zu lassen.
    Mit eilenden Füssen lief sie über Treppe und Terrasse in den Gartensaal.
    »Gute Nacht, Fanny!« sagte sie und wollte ihr im Vorübergehen die Hand
reichen. Fanny hielt sie fest, zog eine Depesche aus der Tasche, gab sie
Adrienne und machte:
    »Pst! Lesen, aber nichts sagen.«
    Adrienne las, was da der Blaustift des Bahnhofinspektors auf das
Depeschenformular hingeschrieben:
    »Ich komme an dem gewünschten Tag.
    
                                                        Joachim von Herebrecht.«
    »Ein Geheimnis vor mir?« fragte Lanzenau, scherzhaft drohend.
    »Ja,« sagte Fanny, »das Geheimnis einer Verschwörung. Aber nun geh schlafen,
armes Kind, Du siehst ganz bleich und übernächtig aus. Ich bin auch müde, aber
ich habe noch einiges mit Lanzenau zu besprechen, wozu der Tag uns keine Musse
gab.«
    Adrienne murmelte etwas davon, dass sie in der Tat sehr abgespannt sei, und
war froh, sich von beiden verabschieden zu können.
    »Kommen Sie,« sprach Fanny; »was wir uns zu sagen haben, können wir uns
draussen sagen. Die Nacht ist so wohlig kühl.«
    Sie ging auf die Terrasse hinaus und setzte sich in einen leichten
Schaukelstuhl; sie stemmte die Arme auf seine Seitenlehnen und die gekreuzten
Füsse auf einen Schemel. Den Kopf weit zurücklegend gegen die Holzeinfassung der
rohrgeflochtenen Lehne, schaute sie zu dem neben ihr stehenden Lanzenau empor
und fragte:
    »Nun?«
    Lanzenau, der die Rechte sehr nahe an Fannys Kopf auf die Stuhllehne gelegt
hatte, strich mit der Linken seine Haarlocke gesichtwärts glatt. Fanny wusste
ganz genau, dass das bei ihm nervöse Aufregung bedeutete.
    »Wollen Sie nicht rauchen?« fragte sie.
    »Also ich werde eines Beruhigungsmittels bedürfen?« fragte er mit einem
schwachen Lächeln entgegen. »Nein, Fanny, ich will keines, sondern ich will
meinem Henker - wenn er wirklich als solcher vor mir sitzt - fest in die Augen
sehen; in diese grausamen, schönen Augen, die immer klar bleiben wie ein Himmel,
über den nie ein Gewitter zieht.«
    Er schob das Windlicht auf dem Tisch neben Fannys Stuhl etwas weiter fort,
nahm sich einen Sessel und setzte sich Fanny so nahe gegenüber, als es ihre
jeweiligen schaukelnden Bewegungen nur irgend erlaubten. Mit vorgebeugtem
Oberkörper faltete er seine Hände zwischen seinen Knieen, sah Fanny eindringlich
an und sagte:
    »Dreimal, liebe Fanny, haben Sie seit dem Tode Ihres Gatten meine Werbung um
Ihre Hand abschlägig beschieden, aber jedesmal hat die Art der Abweisung, hat
Ihre liebevolle Güte nachher neue Hoffnung in mir genährt. Die Jahre sind
darüber hingegangen, ich habe keine mehr zu verlieren in dem Kampf um Glück;
jetzt muss es mein werden oder ich muss für immer verzichten.«
    »Ja,« seufzte Fanny, »wir sind darüber alt geworden.«
    »Nicht Sie, nicht Sie! Sie sehen aus, als zählten Sie fünfundzwanzig Jahre.«
    »Sie wissen doch, Lanzenau, wenn man einer Frau von dreissig und darüber
sagt, sie sähe aus wie fünfundzwanzig, so involvirt das Kompliment das
Geständnis, dass ihre dreissig Jahre ein Verbrechen sind.«
    »Fanny,« sagte er ungeduldig, »Sie wissen, diese Spitzfindigkeit ist mir
gegenüber nicht am Platz.«
    »Sie sagen mir im Tone des Vorwurfs,« knüpfte sie mit plötzlichem Ernst an
seine Eingangsworte an, »dass mein Wesen Ihnen immer neue Hoffnung gegeben. Wie,
sollte es immer die bittere Folge eines abgewiesenen Antrags sein, dass man einen
lieben, unentbehrlichen Freund aus seinem Leben verliert? Könnten Sie mich je,
könnte ich je Sie entbehren, so wie unser Dasein sich nun einmal gestaltet hat?
Lieber Lanzenau, als Sie das erstemal um mich warben, war Ihre Aussicht die
grösste; ich schwankte. Und heute ist sie die geringste, denn heute wird mein
Nein! ein ganz bestimmtes sein. Ich hätte es Ihnen schon vor meiner Abreise
geben können, aber Sie selbst baten um Antwort erst nach der Rückkehr. Glaubten
Sie wirklich, ich hätte der fünftägigen Ueberlegung bedurft?«
    »Darf ich Sie bitten, mir klar zu machen, wie unsere gegenseitige
Unentbehrlichkeit mit Ihrer Abneigung, mich zu heiraten, in Einklang zu bringen
ist?« fragte der Baron mit einer traurigen, mutlosen Stimme.
    »Da es doch eine Zeit gab, wo keinerlei Abneigung bestand?« setzte Fanny
leise hinzu. »Ja, so hätten Sie vollenden dürfen; dass Sie den Gedanken, die
peinliche Mahnung verschwiegen, ritterlich und grossmütig wie immer, das legt mir
die Pflicht auf, selbst daran zu rühren.«
    Er machte eine abwehrende Handbewegung.
    »Nein,« sagte sie hastig, »einmal, einmal muss alles vom Herzen herunter.«
    Ihre Augen bohrten sich in das nächtige Dunkel des Parkes, und sie sprach,
in Unbeweglichkeit verharrend, langsam und leise in die Nacht hinein, als sässe
kein Zuhörer ihr nahe gegenüber, der mit scharfen, klugen Augen ihr jedes Wort
von den Lippen las.
    »Ich weiss es noch wie heute, als Sie zuerst dies Haus betraten. Es war nach
dem Tode Ihres Vaters, der Ihnen Driesa in höchster Unordnung hinterlassen. Sie
waren aus einem glänzenden, arbeitslosen Kavalierleben hieher geeilt, um Ihr
Erbe zu ordnen. Es fand sich, dass der einzige Weg dazu der Verkauf des
Familiengutes war. Mein Mann wollte es erwerben, aber Ihr Wunsch, das geringe
Vermögen, welches Ihnen blieb, als Hypotek auf Driesa sicher zu stellen,
scheiterte an dem Eigensinn meines Mannes, der in diesem Ihrem Wunsch die
geheime Hoffnung Ihrerseits fand, eines Tages wieder Besitzer werden zu können.
Ich verstand, dass Sie sich bloss fürchteten, Ihr Restchen Eigentum in wenig
Jahren zu vergeuden und dass Sie den eigenen Grandseigneurangewohnheiten einen
gewaltsamen Zügel anlegen wollten; denn eine unkündbare Hypotek sicherte Ihnen
zeitlebens einen kleinen Zins, genügend für ein bescheidenes Junggesellenleben,
aber sie verbot Ihnen jede Verschwendung.«
    »Und dies Ihr Verstehen führte uns zuerst zusammen. Ich sehe die junge
Priesterin der Vernunft noch vor mir, wie sie mir mit leuchtenden Augen und
beredten Lippen meinen Vorsatz lobte, wie sie mir versprach, bei dem Gatten für
mich zu wirken,« setzte Lanzenau warm hinzu.
    »Ja, ich ereiferte mich für Sie und Ihre Sache. In meinen inhaltslosen Tagen
war es der erste Gegenstand, für den ich wirken konnte. Sie gaben mir zu tun,
und Sie, aus dem rauschenden Leben in diese unerträgliche Stille versetzt, Sie
fühlten es als Ihr Herrenrecht, der jungen, ungestümen Frau - die Cour zu
machen. Wir kokettirten mit einander, ohne das allergeringste für einander zu
fühlen, - nur so faute de mieux.«
    »O Fanny, wie hart!«
    »Ja,« sagte sie herbe, »wir wollen ganz wahr sein. Gott sei Dank, dass wir es
können, und dass, wenn wir uns die Masken vom Gesicht nehmen, nur menschliche
Irrtümer, menschliche Flecken zu sehen sind, keine teuflischen Hässlichkeiten.
Wir redeten uns ein, in einander verliebt zu sein, und das kam so: Ich war ein
Kind, als ich Förster heiratete, ein unfertiges Kind, das Herz voll überspannter
Gefühle, den Kopf voll übertriebener Ideen. Ich wollte lieben und geliebt sein
wie eine Julia, ich wollte arbeiten und schaffen als die gleichberechtigte
Genossin meines Mannes. Für den ernsten, älteren, vielbeschäftigten Förster
sollte ich aber nur das liebenswürdige Aufheiterungsmittel der Erholungsstunden
sein. Das war mir zu wenig. Ich war überzeugt, eine Frau werde entmündigt, wenn
man sie nicht als Wirkerin und Richterin in den grossen Fragen der Zeit
heranzöge. Den Wust von ungeordneten Gedanken, der hinter meiner
achtzehnjährigen Stirn umherwühlte, nahm ich für das Zeugnis bedeutender
Anlagen, die zu erkennen Förster nicht im stande sei. Manch wirklich
vernünftiger Wunsch erschien ihm töricht, weil die Form, in welcher ich ihn
vortrug, zu anspruchsvoll war. Vielleicht dass ihm in der Tat die Fähigkeit oder
die Geduld abging, mich zu erziehen, zu verstehen - kurz, ich war bald ein
Musterexemplar von jener Gattung, die man unverstandene Frauen nennt, also ein
unnützliches, unausstehliches Geschöpf. Für solche Frauen sollte im
Strafgesetzbuch ein besonderer Paragraph stehen. Denn sehen Sie, bin ich, die
ich hier sitze - eine ziemlich vernünftige Frau, die in mannigfachen Pflichten
heiter ist und das Unvollkommene, das jegliches Dasein schliesslich hat,
gleichmütig erträgt - bin ich nicht dieselbe Fanny, die auch damals hätte schon
Freude am Leben haben können und auch anderen hätte zu machen vermögen? Das
bisschen Vernunft, das heute zu Wort gekommen ist, sass doch schon immer in mir,
weshalb hatte ich es damals nicht ausgegraben?«
    »Liebste Fanny,« sprach Lanzenau, »der Wahn, nicht verstanden zu sein, ist
bei den jungen Frauen ein Durchgangsstadium, wie bei den Kindern das Ausfallen
der Milchzähne. Zum Durchbeissen der härteren Lebenskost wächst dann ein neues
Gebiss.«
    »Mag sein. Nur hat der arme Förster gewiss viel zu leiden gehabt.
Missverstehen Sie mich nicht, ich verliere mich nicht in falsche Reue, denn mit
ehrlichem Herzen habe ich auch damals ihn glücklich machen wollen; dass ich in
den Wegen dazu irrte, ist Jugendschuld gewesen. Mangel an Erkenntnis entlastet
vor jedem Richter. Aber dann kamen Sie. Die unverstandene Frau bekam ihr
naturnotwendiges Attribut: den Tröster. Es mag eine Komödie zum Lachen gewesen
sein mit uns beiden, Lanzenau. Sie langweilten sich in Driesa zum Sterben; der
kleinen, temperamentvollen Nachbarin einen Roman zu schaffen, erschien eine
standesgemässe Abwechslung. Ich bespiegelte mein Selbst wohlgefällig in den
kleinen, tugendhaft bestandenen Versuchungen und redete mir in schlaflosen
Nächten ein, dass Sie der Mann seien, der mich verstehe. Förster, der kluge,
wachsame, mag, wie ich jetzt zurückdenkend die Situation sehe, uns ausgelacht
haben in seiner schönen Sicherheit, dass er immer der Herr bleibe. Genug -
Förster starb plötzlich, als unsere - Flirtation einem Gipfelpunkt zutrieb. Ich
erwachte und begriff, was ich verloren. In ernster Einsamkeit begann ich an mir
zu arbeiten. Ach, warum warten so viele Frauen und Männer erst auf Katastrophen,
um ihre Selbsterziehung zu beginnen! Es gäbe mehr glückliche Ehen, wenn das
anders wäre, und auch Förster und ich hätten glücklicher sein können. Ein Jahr
nach Försters Tod boten Sie mir Ihre Hand. Sie waren in meiner Nähe geblieben,
aber die Erschütterung, welche auch Sie über Försters Tod empfanden, hatte Sie
den Ton der Ehrfurcht und Bescheidenheit mir gegenüber gelehrt. Ich lehnte Ihren
Antrag voll innerer Zweifel ab. Warum?«
    »Nun - warum?« fragte Lanzenau gespannt.
    »Weil ich mir damals nicht klar war, ob mein Spiel mit Ihnen zu Försters
Lebzeiten mich von Ihnen trennte oder mich zu Ihnen zwang. Deshalb sagte ich
damals: Noch nicht! Heute aber weiss ich längst, dass mich das weder an Sie bindet
noch von Ihnen trennt. Solche Gefühle für Wechsel anzusehen, die man in der
Zukunft einlösen muss, hiesse mit Bewusstsein den Irrtum als Lebensbestimmer
anerkennen und die reife Einsicht unter die Jugendtorheit stellen.«
    »Und weshalb wurde mein zweiter, mein dritter Antrag abgelehnt?« fragte er.
    Fanny stand auf. Sie ging im spielenden Licht der Kerze hin und her, die
Bewegung ihrer Gestalt versetzte die Flamme hinter dem Glascylinder ins
Schwanken. Auch Lanzenau stand auf. Plötzlich blieb Fanny vor ihm stehen, fasste
mit ihren beiden Händen an seine herabhängenden Arme und sah ihn an, dass er über
den veränderten, leidenschaftlichen Ausdruck in ihrem Gesicht fast erschrak.
    »Wie wir so neben einander herlebten, uns unwillkürlich, fast unmerklich,
zusammen zurechtfindend in den tausend Lasten und Pflichten, die Försters Tod
auf mich warf und an denen Sie teilnahmen, als gehöre sich das so, da fand es
sich nach und nach, dass wir an einander Eigenschaften entdeckten, die wir mit
ruhigem Herzen achten konnten. Lanzenau, wie waren wir reich: anstatt ein Spiel
des Leichtsinns mit einem Fall in die Tiefe und dem nachfolgenden Ekel zu
beenden, blieb uns das schönere Los, uns als Menschen zu erkennen, die gemeinsam
das Höchste zu leisten vermögen, was Menschenwille überall leisten kann. Wir
arbeiteten zusammen in langen, segens- und mühevollen Jahren und sahen um uns in
dem Kreise, so weit unsere Pflichten und unsere Kräfte reichen, Wohlstand,
Frieden und Glück erblühen. Und, Gott sei Dank, Anforderung und
Leistungsvermögen standen immer im Einklang. Wenn wir abberufen werden, dürfen
wir uns zufrieden zur ewigen Ruhe begeben: jung waren wir Toren, aber als wir
zu Verstand gekommen waren, suchten wir die höchste Sittlichkeit in der Arbeit.«
    In ihren Augen standen Tränen. Sie liess ihn los.
    »Aber, Fanny,« rief er erschüttert, »teure Fanny, dies alles darf ein Grund
mehr sein, mir Ihre liebe Hand zu geben. Aus der Achtung ist die Liebe
erwachsen, sie hat das schönste Fundament. Und in den gemeinsamen Aufgaben ruht
die Garantie zukünftigen Glücks.«
    »Nein,« rief sie leidenschaftlich, »nein, mein Freund! Nichts in mir zwingt
mich, diese schöne Genossenschaft der Arbeit in eine andere Genossenschaft
umzuwandeln. In all diesen Jahren hat mich nie ein leidenschaftlicher Wunsch zu
Ihnen gezogen. Sie werden mir sagen: was die Vernunft anbietet, kann die
Vernunft ruhig annehmen, von Leidenschaft soll ja überhaupt keine Rede sein.
Aber das ist es: in dem gesunden, schönen Leben, das wir uns gestaltet, ist
meine Seele immer freier und jünger, immer glücksfähiger und glücksdurstiger
geworden, und nicht immer, mein Freund, habe ich mir unaufhörlich neue Pflichten
gesucht, um mein Arbeitspfund zu verwalten ... nein, ich habe mich auch oft -
betäuben wollen. Sehen Sie,« setzte sie mit schmerzlichem Lächeln hinzu, »die
Unvollkommenheit, die Ungestillteit ist noch in mir wie damals; aber ich weiss,
dass das gemeinmenschliches Los ist, ich erkenne, dass man sich keine Zeit geben
darf, darüber zu klagen, und nur in Stunden wie diese zwischen uns darf man
daran rühren.«
    Sie stand am Geländer der Terrasse und presste die geballten Hände an ihre
Augen. Lanzenau trat zu ihr, nahm ihr sanft die Hände vom Gesicht und legte den
Arm um ihre Schulter.
    »Und ich,« sagte er, sich zärtlich zu ihr beugend, »ich kann durch meine
Liebe nicht das nützliche, zufriedene Leben zu einem glückseligen verschönern?
Ich, Fanny, habe mehr und mehr mit leidenschaftlichen Wünschen an Sie gedacht,
es ist nicht die Vernunft, die um Sie wirbt, sondern die Liebe.«
    Sie sah mit nassen Augen zu ihm empor. Ein unbeschreiblicher Ausdruck von
Schelmerei, Rührung und Zärtlichkeit vergoldete ihr Gesicht.
    »Es ist eine Lächerlichkeit, Lanzenau,« sagte sie errötend, »aber ich ...
ich ... meine zuweilen ... Sie wären zu alt für mich. Ich sehe das Alter bei
Ihnen, Sie sehen es vielleicht auch bei mir. Das tut die Liebe nicht. Sehen Sie
... Ihre Schläfenlocken geniren mich. Eine andere Generation, eine, die vor mir
war, redet daraus. Ich bin eine Närrin.«
    Sie mussten beide aus der Rührung lachen. Und dabei wallte in seinem Herzen
die Hoffnung nur stärker auf. Sie wies ihn ab - ja, aber aus ihren Geständnissen
nahm er ihr unbegrenztes Vertrauen und zugleich die Gewissheit, dass keine andere
Liebe ihr Herz beherrschte.
    »Die Schläfenlocken können fallen,« sagte er heiter.
    »O nein!« rief sie wie erschreckt. Und dann ernst: »Ich glaube, Sie
verwechseln Ihre Gewohnheit mit Ihrer Neigung. Jeder Tag sieht uns vom Morgen
bis zum Abend zusammen, wir sind eine Familie. Sie haben vergessen, ob und wie
man ohne mich noch lebt und leben kann. Vielleicht haben Ihre Wünsche sich auf
mich gerichtet, weil meine stete Gegenwart Sie hinderte, andere Frauen zu
bemerken.«
    »So senden Sie mich fort, und ich will vom Ende der Welt zurückkommen mit
dem Bekenntnis: Fanny, ich liebe Dich!«
    »Nicht so weit sollen Sie, sondern bloss nach Driesa,« sagte Fanny, ihr altes
Gleichgewicht wiederfindend.
    Schnell von seiner Bereitwilligkeit, die Welt zu umschiffen, ernüchtert,
fragte Lanzenau finster:
    »Es ist Ihr Ernst? Und was soll in Mittelbach geschehen?«
    »Erstens sind Sie eingeladen, jeden Tag zum Speisen hieher zu kommen, was ja
für Sie kaum einen Unterschied macht, da Sie jetzt jeden Vormittag nach Driesa
reiten; zweitens nehme ich einen Administrator für Mittelbach,« erklärte Fanny
und zog wieder die Depesche aus der Tasche. »Da,« sagte sie, »so heisst er.«
    »Joachim von Herebrecht,« fragte er, »der junge Schwager Adriennens? Und das
war so eilig, dass es per Draht abgemacht werden musste?«
    Sie hörte wohl die Bitterkeit in seiner Stimme, antwortete aber ruhig:
    »Es galt, dem jungen Mann, der stellenlos und auf eigenen Erwerb angewiesen
ist, einen Wirkungskreis zu schaffen, der ihm, wenn er von hier weiter strebt,
als Empfehlung dienen kann. Seiner Jugend wird man, so lange seine Fähigkeiten
kein Versuchsfeld hatten, kaum einen verantwortlichen Posten anvertrauen. Hat er
sich auf Mittelbach bewährt, wird leicht ein weiterer Weg gefunden. So habe ich
erwogen, und wenn ich finde, dass das, was ich will, gut ist, scheint mir immer
die rascheste Entscheidung die beste.«
    Lanzenau küsste Fanny die Hand.
    »Daran erkenne ich wieder meine Fanny. Mit raschem, klarem Handeln greift
sie wieder in eine Existenz und öffnet dieser sichere Bahnen. Nun denn, wenn
auch diesmal ich darunter zu leiden habe, kann ich Ihre Bestimmungen nur
billigen und werde morgen früh meine Schlafstätte aus dem Mittelbacher
Pastorenhause nach dem Driesaer Schloss verlegen. Ich tue das in der Hoffnung,
dass unser kargeres Beisammensein auch Ihnen, Fanny, den Gedanken wecken und
festigen soll, dass eine Trennung zwischen uns eine Unmöglichkeit ist, dass eine
Heirat zwischen uns nur eine logische Entwicklung der Tatsachen bedeutet.«
    Fanny schüttelte lächelnd den Kopf, wie man bei der Torheit eines Kindes
tut, die man missbilligt, aber doch nicht strafbar findet.
    »Sie begannen das Gespräch, indem Sie mir sozusagen ein Ultimatum stellten:
heute oder nie mehr! Und Sie endigen es mit dem Bekenntnis neuer Hoffnung.«
    »Ich kann nicht anders,« sprach Lanzenau, »ich fühle, dass die Hoffnung
aufgeben, einfach das Leben oder doch die bisherige Daseinsform aufgeben heisst,
und das bedeutet für Menschen in einem gewissen Alter einen tödlichen Schlag.
Eine Erschütterung des Gemüts kann einen Zwanzigjährigen reifer und kraftvoller
machen - uns würde sie in Greise wandeln. Gute Nacht, Fanny, ich gehe heiter,
denn mein Glaube, dass Sie mein sind, steht fest wie die Sonne am Himmel!«
    Fanny schüttelte ihm die Hand. Er nahm seinen Hut, der auf dem Tische neben
dem Windlicht lag, und ging die Stufen hinab in den Park, wo er nach wenigen
Schritten in der Dunkelheit verschwand; dennoch blieb Fanny stehen, als sähe sie
ihm nach. Vor ihrem geistigen Auge schritt er dahin in seinem engen Wams, mit
seinem spitzen Schnurrbart, dem Monocle im linken Auge und dem hohen Hut auf dem
Kopfe. Sie sah seinen vorsichtigen, etwas steifbeinigen Gang, die zierliche Art,
wie er zwei Finger der Linken zwischen die Knöpfe und die ganze Rechte ausser dem
Daumen in die Seitentasche des Jaquets steckte, - eine Gestalt, die auf dem
Boulevard einer Weltstadt charakteristisch gewesen wäre, die aber in der
Ländlichkeit von Mittelbach allezeit ein klein wenig an den alternden Bonvivant
der Bühne erinnerte. dabei verhütete ein gewisses aristokratisches Etwas jeden
Eindruck von Lächerlichkeit.
    Fanny sah das alles ganz lebhaft vor sich und dachte zugleich mit
dankerfülltem Herzen daran, wie hundertfach sie diesem Mann verpflichtet war,
wie sie ihn verehrte, liebte - ja liebte, etwa wie einen Vater oder älteren
Bruder. Aber das war ja wieder lächerrlich von ihr. Sie nahm das Licht, ging
hinein, schloss hinter sich zu und schritt geradewegs auf den Spiegel los, der an
der einen Schmalwand des Saales zwischen zwei Sofas stand.
    Hier sah sie sich fest ins Gesicht.
    »Fanny, du bist selbst eine alte Frau!« sagte sie laut.
    Dann ging sie, ein lustig Lied auf den Lippen, dessen Töne sie zum Summen
dämpfte, mit heiterer Stirn in ihr Schlafgemach, um wie immer traumlos und fest
zu schlafen.
 
                                Fünftes Kapitel
»Was, der Zug hält nicht an der Station?« fragte Joachim von Herebrecht am
Billetschalter eines Berliner Bahnhofes.
    »Nein, nur die Lokalzüge.«
    »Und wann geht der nächste?«
    »Morgen früh um sechs Uhr,« sagte der Beamte und wandte sich von dem
erledigten Fall seinen anderen Obliegenheiten zu.
    Joachim stand eine Weile unbeweglich und störend im Menschengewühl des
Bahnhoftumultes, wie jemand, der für den Augenblick ganz verdummt ist.
    »Den Teufel auch,« dachte er verdutzt, »da trete ich mit einer
Unpünktlichkeit in den neuen Wirkungskreis. So was macht immer einen schlechten
Eindruck. Aber die Frauenzimmer hätten doch auch in den Briefen, die der
Depesche folgten, ein Wort davon einfliessen lassen können, dass man nur mit dem
edlen Beförderungsmittel der Bummelzüge in die Försterschen Gefilde gelangen
kann. Na, wo Frauen regieren, kann man am Ende solche Vergesslichkeit nicht
befremdlich finden und kann auch wohl darauf rechnen, dass Unpünktlichkeit nicht
als Untugend angesehen wird.«
    Damit beruhigte er sich, suchte ein Hotel in unmittelbarer Bahnhofsnähe auf
und liess sein Gepäck gleich an der Eisenbahn. Der andere Morgen sah ihn sehr
übellaunig im Coupé des ersten Zuges, der mit viel Geräusch und wenig Eile durch
den märkischen Sand fuhr. Joachim, von Berufswegen zum steten Frühaufstehen
gezwungen, hasste dasselbe doch gründlich und liebte an den Tagen, wo der Zwang
wegfiel, ein verlängertes Verweilen im Bett, bis zur Mittagsstunde womöglich.
Und natürlich würde nun kein Wagen an der Station sein und er konnte das
Vergnügen geniessen, ein paar Stunden durch den sonnigen Morgen zu Fuss zu laufen.
    Diese Befürchtung bestätigte sich, denn der Inspektor teilte an der Station
dem jungen Herrn mit, dass gestern zum letzten Zug - zum letzten Bummelzug,
schaltete Joachim ein - der Wagen hier gewesen sei und dass die fremde Dame, die
neuerdings auf Mittelbach wohne und Frau Försters Schwägerin sein solle, darin
gesessen habe.
    »Frau von Herebrecht?« fragte Joachim unglücklich. »Auch das noch!«
    »Ich weiss nicht, wie die Dame heisst; sie ist jung, sehr schlank und trug ein
weisses Kleid und einen grossen weissen Hut.«
    »Natürlich - Adrienne!«
    Joachim sagte, dass man sein Gepäck holen werde, und machte sich auf den Weg.
    Es mochte gegen zehn Uhr sein, und der Junimorgen lag mit blendendem
Sonnenschein über den Feldern. Die lang aufgeschossenen Pappeln warfen
weitläufige Gitterschatten über die Chaussee, deren Fahrdamm wie von
silbergrauem Staubpulver überschüttet war. Von rechts und links drängte sich das
wogende Getreide an die Strasse, ein erfrischender Wind fuhr über die bläulich
aufschimmernden Aehren des Sommerkorns. Joachim nahm den Hut ab, dass der Wind
ihm die Stirn kühle, und spannte einen blauleinenen Sonnenschirm, den er bisher
als Stock benützte, über sich auf. Das Wandern durch die reichtragenden Felder
ward ihm schnell zum Vergnügen, er pfiff den Fledermauswalzer vor sich hin und
dachte nach, in einem abwechslungsreichen Durcheinander bald über die Verlobung
der »kleinen Elly«, bald über die Qualitäten des Mittelbacher Bodens, bald über
die Operette, die er vorgestern in Berlin gesehen hatte, und über die Menschen,
die er in Mittelbach finden würde. Viel Sorgen machte er sich um das alles
nicht.
    Sein aschblondes Haar, leicht über der Stirn gelockt und ziemlich kurz
gehalten, krönte ein junges, offenes, frohes Männergesicht. Die blauen Augen
schauten hell um sich, die fein gebogene Nase - die Herebrechtsche Familiennase
- stand über frischen, feinen Lippen, die ein blondes Schnurrbärtchen zierte.
Die Linie des Wangenprofils, die Form des festen Kinns, die Art, wie der Kopf
getragen wurde, gaben dem jungen Antlitz den Ausdruck von Stolz und Adel. Dazu
die sehr geschmeidige, mittelgrosse Figur - man musste gestehen, Joachim konnte
mit dem Gepräge zufrieden sein, das die Natur ihm gegeben.
    Er näherte sich, rüstig ausschreitend, dem Wald, an dessen Saum ein Landweg
zwischen Knicken sich hinzog. Joachim sah da etwas, das seine Aufmerksamkeit
fesselte, und der Walzer auf seinen Lippen - er hatte inzwischen eine
Repertoireveränderung vorgenommen und war eben bei dem unsterblichen
Coakeswalzer - endete mit einem charakteristischen Pfiff. Der Pfiff hiess in die
Sprache übersetzt: »Pass auf, mein Junge!«
    Nach dieser Selbstmahnung bestieg er den Meilenstein neben der nächsten
Pappel und sah dann auch genauer, dass es eine reitende Frau sein musste, die
zwischen den Knicken entlang kam. Die sich hebende und senkende Bewegung eines
Kopfes mit schleierumwundenem Cylinderhut, konnte nur davon kommen, dass die dazu
gehörige Person auf einem Pferde sass und Trab ritt. Und jetzt ein helles
Aufwiehern des Rosses.
    Joachim, der auf alles Weibliche eine ungemeine Neugier besass, eilte
vorwärts, um womöglich da, wo Chaussee und Landweg sich schnitten, mit der
Reiterin zusammenzutreffen. Das wäre nun selbst seinem schnellsten Gang nicht
möglich gewesen, aber die Reiterin sah, als sie die Chaussee überschreiten
wollte, den Herrn mit dem Sonnenschirm daherkommen. Sie hielt ihr Pferd an und
schaute dem Kommenden entgegen; eine so kultivirte Männererscheinung in
elegantem grauem Strassenanzug, mit einem Schirm über der Schulter, mochte wohl
zu auffällig um diese Zeit, auf dieser Strasse, und vor allen Dingen als
Fusswanderer, sein.
    »Aha,« dachte Joachim, »das ist natürlich Fanny Förster. Donnerwetter! Ich
dachte sie mir überhaupt älter.«
    »Herr von Herebrecht?« rief Fanny ihm schon fragend entgegen. Sie hätte sein
Gesicht überall wiedererkannt, nach dem Bilde, das Adrienne von ihm hatte.
    »Zu dienen, meine Gnädigste. Und dass ich gleich mit einer Bitte um
Entschuldigung beginnen muss, ist nicht sehr angenehm. Indes hatte ich keine
Ahnung von der Eisenbahnverbindung,« sagte Joachim.
    »Das dachten wir uns, es ist unsere Schuld. Dass Sie aber nun zu Fuss daher
marschiren, ist wieder Ihre Schuld, denn eine Depesche hätte den Wagen an die
Station gerufen,« sprach Fanny, ihn mit herzlicher Freundlichkeit so unverhohlen
betrachtend, als wäre ihr ein lieber Verwandter nach langer Trennung
wiedergekehrt.
    »Gegen die Depeschenbeförderung über Land habe ich ein in üblen Erfahrungen
wurzelndes Misstrauen,« antwortete er.
    Sie standen im kühlen Schatten des Waldsaumes, und die Sonnenstrahlen hatten
hier noch nicht den Tau aus der Rasennarbe weglecken können. Es rauschte durch
die Kronen wie Meeresbrandung; der wohlige Gegensatz zur langen, heissen
Wanderung war so gross, dass Joachim tief befriedigt aufseufzte.
    »Geht es immer durch den Wald?«
    »Bis beinahe zum Dorfe. Sie können nicht fehl gehen, die Chaussee schneidet
schnurgerade durch den Wald, und dann sehen Sie Mittelbach. Adrienne werden Sie
im Park mit ihrem Kleinen finden, vor einer Stunde habe ich sie da verlassen.
Ich würde Sie begleiten, allein erstens ist es ein ungemütliches Zusammengehen -
einer zu Fuss, der andere zu Pferd; sodann muss ich zu den Wiesen hin; die Leute
fangen heute beim Heuen an. Die Wiesen liegen da hinaus« - sie zeigte mit der
Reitgerte rechts am Wald entlang - »und bilden eine Art Scheide zwischen Driesa
und Mittelbach; das Flüsschen in der Mitte, das zur Elbe geht, bildet die Grenze.
Das zeige ich Ihnen alles morgen. Für heute widmen Sie sich nur ganz Ihrer
Schwägerin. Adrienne kann Ihnen inzwischen Ihre Zimmer anweisen. Also - auf
Wiedersehen!«
    Sie neigte sich und reichte ihm die mit einem Stulphandschuh bekleidete
Rechte, mit der Linken so lange Zügel und Gerte zusammenfassend. Joachim empfing
den freundschaftlichen Händedruck, klopfte noch dem Pferd den Hals, sagte: »Ein
schönes Tier!« und verneigte sich, Abschied nehmend. Fanny nickte noch einmal.
    Er sah ihr eine Weile nach.
    »Wie elastisch und stolz zugleich sie sich hält. Famos! Sehr formell und
schwierig scheint sie nicht. Merkwürdig, mir ist es, als kenne ich sie schon
lange. Und wie schön ihr Auge und ihr Lächeln ist!«
    So dachte Joachim mit einer Art von objektiver Bewunderung, als stände er
etwa einem schönen Bilde gegenüber, das er anstaunte, aber das ihn weiter nichts
anging.
    Noch froher schritt er fürbass. Fannys Emanzipation war wenigstens nicht in
unweibliche Manieren gekleidet. Joachim hatte merkwürdigerweise die vorgefasste
Meinung, dass Fanny eine selbsterrliche, emanzipationseifrige Person sei. Mochte
das, was er so beiläufig dann und wann von ihrem selbständigen Wirken, von ihrem
zielsichern Wesen gehört, ihm unmerklich diese Ansicht beigebracht haben -
genug, er hatte das Vorurteil und war mit dem Vorsatz gekommen, sich nicht in
den Bereich ihrer Weltverbesserungsideen ziehen zu lassen und überall ihr
gegenüber seine Selbständigkeit zu bewahren. Es schien aber doch so, dem
Gesamteindruck des ersten Augenblicks nach, dass sich werde mit ihr leben lassen.
    Da war das Dorf, die Kirche, die Pfarre. Er brauchte niemand um den Weg zu
fragen, die Ulmenallee wies diesen von selbst. Doch besann er sich, dass seines
Bruders Frau mit seinem kleinen Neffen und Patchen im Park sein sollte. Kecklich
bog er gleich seitwärts um das Haus, mochte der Hofhund, der vorn an der Kette
lag, gleich in wütendem Gebell die Frechheit des Fremden bekläffen.
    Ah, hinten sah das vornehmer aus als vorn, wo der altmodische Beischlag, die
düsteren Linden, das hohe Ziegeldach des Hauses und rechts und links am Hofe die
langgestreckten Scheunen dem Ganzen einen ernsten, unschönen Charakter gaben.
Hinten aber öffnete sich der prächtige Park, lud die mit gärtnerischem Schmuck
umzierte Terrasse ein. Joachim folgte aufs Geratewohl einem Wege, der sich durch
Gebüsch zur Parktiefe wand. Nicht lange, und ein weisses Gewand schimmerte durch
das Grün. Nun hob er den Fuss mit Vorsicht. Er wollte mit dem Übermut seiner
fünfundzwanzig Jahre die Schwägerin erschrecken. War er doch der einzige, mit
dem Adrienne je lachte, denn seiner unverwüstlichen Frohnatur widerstand ihre
Teilnahmlosigkeit nicht.
    Der Weg öffnete sich zu einer kleinen Rundung, in deren Mitte eine
Riesenfichte himmelan strebte. Eine Bank stand unter dem Baum, doch an der
andern Seite, so dass die darauf Sitzende Joachim den Rücken oder vielmehr in
einer halben Wendung den Seitenumriss ihrer Gestalt zeigte. Das Gesicht und Haar,
die man bei dieser Stellung auch in den Profilinien hätte sehen müssen, waren
unter einem jener mächtigen Gartenhüte aus weissem Musselin verborgen, die man
Helgoländer nennt und die mit ihrem niederfallenden Stoffteil selbst noch den
Nacken decken. Die Dame hatte ihre Ellenbogen auf den Rand des vor ihr stehenden
Kinderwagens gestemmt und drehte in den zusammen emporgehaltenen Händen
mechanisch eine Rose. Es war ein hübsches Bild; durch die Baumverzweigungen
fielen einzelne Lichtflecke auf das im Schatten stehende weisse Gewand.
    Joachim stand einige Sekunden und freute sich daran. Seine Gedanken flogen
nach dem fernen Weltteil zum geliebten Bruder. Was der für eine Freude hätte,
wenn er jetzt hier so lauschen könnte! Und wie voll und rund Adrienne geworden
war bei aller Schlankheit! Dass sie eine so wunderbare Figur, so entzückende
Händchen habe, war Joachim nie aufgefallen.
    Er schlich näher, und über die Schultern der vor ihm Sitzenden hinweg
plötzlich ihre Hände fassend, küsste er sie mit kühner Wendung über das
Hutungeheuer hinweg auf den Mund. In der Sekunde oder vielmehr in dem Bruchteil
der Sekunde, welcher verstrich von da an, dass Joachims Augen das Gesicht unter
der weissen Umrahmung erfassten, bis er auch schon seine Lippen auf den Frauenmund
presste, war es blitzgleich ihm gewesen, als sei's ein fremdes Gesicht. Aber
Geberde und Lust zum Kusse waren in der winzigen Zeitspanne eines Herzschlags
nicht mehr aufzuhalten. Auch war Joachim nicht der Mann, seine Lippen zu
schliessen, wenn ein Frauenmund nicht weiter von ihnen war als kaum eines Fingers
Breite. So, halb im Irrtum, es sei Adrienne, halb im jähen Schreck, sie sei es
nicht, küsste Joachim einen heissen, blühenden Mund und starrte dann in zwei
dunkle, entsetzte Augen.
    In der Stummheit einer halben Minute, die zwischen den beiden sich verdutzt
Anschauenden brütete, war Joachim von dem angenehmen Bewusstsein erfüllt, dass er
für die Verwechslung nicht verantwortlich und gar nicht strafbar sei. Ja, er
schaute mit begreiflichem Interesse auf das Gesicht, das - er musste es sich
zugeben - nicht schön, aber unglaublich interessant war.
    »Meine Gnädigste,« begann er endlich mit aller Mühe, sehr ernst auszusehen,
»ich bitte um Vergebung. Aber Frau Förster sagte mir, Adrienne sei mit meinem
Neffen im Park, und da ich Gründe hatte, mir Adrienne in Weiss gekleidet
vorzustellen, so war die Ueberrumpelung gewiss verzeihlich.«
    »Also Herr von Herebrecht?« fragte sie, ihn immer noch gross ansehend.
    »Allerdings! Und soll ich auf die Gegenwart der Hausherrin warten, um in
feierlicher Vorstellung auch Ihren Namen, meine Gnädigste, zu erfahren?« fragte
Joachim in seinem flottesten Ton entgegen.
    »Ich heisse Severina,« sagte sie und errötete tief.
    »Merkwürdig - hat sie keinen weitern Namen? Ums Himmels willen, sollte es am
Ende eine Bonne oder so was sein? Dann könnte ich gleich noch einmal ... aber
nein, dazu ist sie zu ... ja ... wie denn? - zu apart,« dachte Joachim.
    »Ich gehöre ins Pfarrhaus und habe Frau von Herebrecht Gesellschaft
geleistet, die eben gegangen ist, sich zum Essen anzukleiden,« fuhr Severina
fort.
    »Also das Pastorentöchterlein!« rief Joachim lachend; »da muss ich mit
erhöhter Eindringlichkeit um meines Ueberfalls willen Vergebung erflehen; denn
meine Begrüssung als fromme Gewohnheit werkeifriger Nächstenliebe aufzufassen,
dürfte ...«
    »Dürfte selbst einem Landpastor die Herzenseinfalt fehlen,« fiel Severina
ihm in die Rede, ebenfalls lachend, aber wie ihn däuchte, in etwas erregtem
Tonfall.
    Er sah ihr in die sprühenden Augen und hielt ihr die Hand hin.
    »Schlagen Sie ein, darauf, dass dieser kleine Vorfall unter uns bleibe und
unserem Verkehr - auf den wir doch wohl angewiesen sind - nichts von seiner
Harmlosigkeit nimmt.«
    Sie legte ihre Hand in die seine.
    Er sah auf die kühlen Finger nieder und unterdrückte mühsam die Bemerkung,
dass es die schönste Hand sei, die er je gesehen. Severina sah aber den Blick der
Bewunderung, erglühend zog sie ihre Hand zurück.
    In diesem Augenblick schrie das Kind im Wagen kurz auf.
    »O, ich Rabenonkel!« rief Joachim; »ich vergesse über schönen Augen und
heissen Lippen unsern Herebrechtschen Stammhalter.«
    Das entfuhr ihm so, er schien überhaupt Severina ganz vergessen zu haben,
stand über dem Wägelchen gebückt und plauderte dem Kleinen das unglaublichste
dumme Zeug vor. Das Kind sah mit grossen, wundernden Augen zu dem fremden Mann
empor. Die liebevolle, wohllautende Stimme war ihm ein unterhaltendes Geräusch,
es blieb ganz stumm.
    Severina sah dem drolligen Bild zu. Joachim war entzückt, mehr als das, er
war stolz, in dem Kleinen ein so klugäugiges, rundbackiges Wesen zu finden, und
erging sich in Ausdrücken der unbegrenzten Bewunderung. Schliesslich war es ja
natürlich - Arnolds Sohn konnte kein Alltagskind sein. Und wie der Bengel Arnold
ähnlich sah! Die ganze unendliche Liebe zum Bruder brach in leuchtender Wärme
aus dem fast kindischen Gebahren.
    »Wie muss er ihn lieben!« dachte Severina. »Wer auch einen Bruder hätte -
auch so geliebt würde!« fügte sie bitter für sich hinzu. Ihre Augen hafteten
dabei mit einem seltsamen Gemisch von Teilnahme und Neid auf Joachim, der die
kleinen Fingerchen seines Neffen einzeln küsste. Und plötzlich begegnete er
diesem Blick.
    Er schnellte in die Höhe.
    »Was ist hier denn für ein Lärm ... Joachim ... Joachim!« rief Adrienne. Es
war das erstemal, dass Severina die Stimme dieser Frau lebhaft erschallen hörte.
Mit einem Freudenruf sprang Joachim auf sie zu und fiel ihr um den Hals.
    »Nun haben wir beide uns doch, da ist's leichter zu tragen, dass Arnold weg
ist,« sprach er.
    »Du guter Junge! Und wie Du wohl aussiehst!«
    Adrienne küsste ihn. dabei sah Joachim an ihrem Haupt vorbei auf Severina, so
übermütig, als wollte er sagen: »Das haben wir schon abgemacht.«
    »Hat Arnold kürzlich geschrieben?«
    »Nein.«
    »Kann der Junge schon Onkel sagen?«
    »Wo denkst Du hin! Noch nichts. Er ist ja noch kein halbes Jahr.«
    »Ich verstehe nichts von Babies.«
    So ging das schnelle Reden hin und her. Severina fühlte sich namenlos
überflüssig und ging schnell davon. Es sah wie eine Flucht aus, und ihr Herz
klopfte dabei.
    »Er sieht aus wie das Glück und die Freude selbst,« dachte sie, und ein
Zittern lief durch ihre Glieder.
    »Warum geht sie?« fragte Joachim.
    »Sie denkt zu stören.«
    »Für eine Pastorentochter sieht sie recht wenig zahm aus,« sagte Joachim,
der Gestalt mit dem graziösen Gang eifrig nachsehend.
    »Sie ist ein Pflegekind. Eine Verwandte der Frau Pastorin hatte das Unglück,
bei der Geburt einer Tochter zu sterben, ohne kundgetan zu haben, wer der Vater
sei. Severina, das Mädchen mit dem ernsten Kalendernamen, ist nun von der
Pastorin auferzogen und ausersehen, als Büsserin durchs Leben zu wandern. Aber
was von Natur einmal darin steckt: die Energie, die Liebe zum Schönen und
Anmutigen, der selbständige Geist, das bringt kein fortwährendes Predigen
heraus,« erzählte Adrienne.
    »Armes Mädchen!« rief Joachim, von starker Teilnahme ergriffen.
    »Dank Fannys Eingreifen, dem die Pastorsleute nicht widerstreben können, ist
Severinas Bestimmung, eine asketische Betschwester zu werden, immer noch ihrer
Erfüllung sehr fern. Fanny zieht das Mädchen viel in ihre Nähe, kleidet sie ganz
und gar, wenn auch einfach, so doch, wie Du siehst, sehr anmutig, und wenn sie
ausfährt, ja sogar auf Reisen nimmt sie Severina mit. Dafür betet diese
natürlich Fanny an, als sei sie kein Weib, sondern ihr Gott.«
    »Das begreift sich.«
    »Aber nun komm ins Haus, in Deine Stuben.«
    Joachim liess es sich nicht nehmen, den Kinderwagen zu schieben, Adrienne
ging neben ihm her.
    »Langweilen werde ich mich hier nicht,« dachte er zufrieden, »so viel nette
Frauen! Erstens meine Schwägerin, sodann die Hausfrau, die offenbar ebenso gütig
als verständig ist, und endlich das Mädchen mit dem Gesicht, das aussieht, als
könne aus Augen und Mund ein Flammenstrom sich ergiessen ... du bist ein
Glückspilz.«
    An der Terrasse kam ihnen die Magd entgegen, die den Kinderwagen an sich
zog. Joachim und Adrienne schritten durch den Saal, über den Flur in die Zimmer,
welche für den neuen Hausgenossen fertiggestellt waren. Sie lagen vorn, nach dem
Gutshof hinaus.
    »Hier aus Deiner Wohnstube führt die Tür links in Dein Schlafkabinet,
rechts in die sogenannte Amtsstube, welche Fannys Audienz- und Arbeitszimmer
ist. Ihre Privatzimmer liegen gerade über den Deinen,« erklärte Adrienne.
    »So ist es recht,« scherzte er, »das Auge der Regentin und ihres ersten
Ministers muss das Arbeitsreich jederzeit im Auge haben.«
    Behaglich sah er sich in den einfachen, wohnlichen Räumen um. Als er dann
über dem Sofa ein kleines, hübsch eingerahmtes Bild seines Bruders fand, drückte
er der Schwägerin gerührt die Hand.
    »An so etwas denkt nur eine Frau. Wie liebevoll ersonnen! Und ein
Epheukränzchen ist darum.«
    »Ich tat das nicht,« sagte Adrienne verlegen; »Fanny weiss, dass Du Arnold so
lieb hast.«
    Joachim wollte alle Briefe lesen, die bislang von Arnold eingetroffen seien,
Adrienne holte sie herbei, man las und plauderte zusammen, dann wollte Joachim
auch ihre Wohnung sehen.
    »Donnerwetter,« sagte er oben, »Fanny muss ebensoviel Geld als Gutmütigkeit
haben.«
    Der gewisse Respekt, den wohlangewendeter Reichtum immer einflösst, erfüllte
schon Joachims Seele.
    So wurde es Mittag, und erst kurz vor der Essensstunde, die auf Mittelbach
um vier Uhr anberaumt war, konnte Joachim Fanny begrüssen. Sie hiess ihn nochmals
mit gütigen Worten willkommen und stellte ihn dem eben von Driesa
herübergekommenen Lanzenau vor, der seinerseits dem jungen Mann mit väterlichem
Wohlwollen die Hand schüttelte.
    »Wo ist denn das interessante Fräulein, das ich heute morgen im Park sah?«
fragte Joachim.
    Lanzenau und Fanny lächelten über die unbefangene Art, sogleich nach dem
einzigen jungen Mädchen des Ortes sich zu erkundigen.
    »Severina ist nach Hause gegangen, kommt aber mit der ganzen Familie heute
nachmittag her. Zur Feier Ihrer Ankunft muss unser kleiner Kreis sich doch
vereinen,« sagte Fanny.
    Adrienne wurde rot. Der Gedanke, dass Joachim mit dem jungen Doktor Magnus
Hesselbart bekannt werden würde, sich vielleicht gar mit ihm befreunden könne,
war ihr seltsam unbehaglich.
    Während des Speisens musste Joachim von dem Gut und der Familie erzählen, wo
er bisher als Oekonomievolontär gelebt. Er tat es mit heiterem Freimut. Fanny
neckte ihn sogar ein wenig mit der »kleinen Elly«, die in seinem Brief eine so
grosse Rolle gespielt habe, und Lanzenau schenkte ihm allemal sein Glas voll,
wenn er es leergetrunken. Es war eine Art zärtlicher Protektion, mit der ihn
alle hier behandelten. Joachim empfand es angenehm, aber nicht auffallend; er
war es eben gewöhnt, dass alle Welt herzlich und fröhlich mit ihm verkehrte. Gott
mochte wissen, woher das kam; er war innerlichst davon überzeugt, soweit ein
ganz ehrenhafter, braver Junge zu sein, aber was Bedeutendes hatte er nie
geleistet noch an sich gehabt, noch würde er je dergleichen vollbringen. So
war's denn seine Pflicht, allen Menschen für das gütige Entgegenkommen durch ein
möglichst lustiges und bescheidenes Wesen zu danken.
    »Ein zu lieber, netter junger Mensch,« sagte Fanny nach Tisch vergnügt zu
Lanzenau.
    »Ja, er ist das, was man einen liebenswürdigen Jungen nennt. Eins von den
Sonntagskindern, die einem das Herz erfreuen schon durch ihr blosses Dasein,«
meinte Lanzenau.
    Als Fanny dann in ihrem Arbeitszimmer mit den Dorfbewohnern - davon täglich
der eine oder die andere erschien - deren Weh und Ach überlegte und verbesserte,
war es ihr eine angenehme Empfindung, nebenan jemand rumoren und pfeifen zu
hören. Joachim packte seine eben angekommenen Sachen aus. Als er damit fertig
war, klopfte er an und trat von seiner Wohnstube aus ein.
    »Wir haben, meine gnädigste Frau,« begann er, »mein Hieherkommen durch einen
Depeschenwechsel abgemacht. Vielleicht haben Sie selbst schon daran gedacht, dass
es doch noch einige Punkte zu erledigen gibt, deren wichtigster wohl der ist,
den Umfang meiner Tätigkeit zu bestimmen.«
    Fanny, die eben den letzten Bittsteller entlassen, drehte sich auf ihrem
Stuhl Joachim zu, steckte die Feder hinter das Ohr, trommelte mit den Fingern
der Rechten auf den Tisch, während sie die Linke in ihrem Schoss ruhen liess, und
sagte eifrig:
    »Natürlich, natürlich. Auch Ihr Gehalt ...«
    »Bitte, das ist vorerst nebensächlich. Das sag' ich aber nicht, weil ich in
lächerrlichem Hochmut es peinlich empfände, vom Geld als dem Lohn meiner Arbeit
zu sprechen, sondern weil die Arbeit selbst mir meiner Lage nach zunächst das
Wichtigste ist. Was mir nottut, um meine Laufbahn gut zu beginnen, ist ein
grosses und verantwortliches Tätigkeitsfeld. Wenn Sie mir dies nicht anweisen
können, Frau Förster, so wäre mein Hiersein herzlich überflüssig. Ich bin
gekommen, gleich und freudig, weil ich mir dachte, wenn Sie mir nicht schaffen
können, was ich fordern muss, so werden Sie Adriennens Schwager gewiss ein paar
Wochen als Gast behalten, bis er eine Stellung gefunden. Mich bei Ihnen,
verehrte Frau, in einer Zwitterstellung als Gast und Verwandter einerseits und
Gutsinspektor andererseits auf die faule Seite zu legen, wäre eine - eine - ja,
eine Unanständigkeit, die ich weder vor Arnold noch vor mir selbst verantworten
könnte.«
    Fanny sah mit ihren grossen, klugen Augen in sein Gesicht, das in diesem
Augenblick von männlichem Stolz durchleuchtet war.
    »Ich habe vor wenig Tagen meinen Verwalter von Driesa entlassen müssen, weil
jener sich ein Gütchen im Mecklenburgischen gepachtet. Anstatt wieder für Driesa
jemand zu suchen, ist Lanzenau hinübergesiedelt, ich reite jeden Morgen dahin.
Sie, mein lieber Joachim, sollen alleiniger Administrator von Mittelbach sein,«
sagte Fanny herzlich. »Sie werden eine Ueberfülle von Obliegenheiten finden. Dass
Sie, wenn dieselben erledigt sind, als Familienmitglied sich in meinem Heim zu
Hause fühlen mögen, ist natürlich mein Wunsch.«
    »Weshalb haben Sie mir nicht Driesa zugewiesen?« fragte Joachim. »Es wäre
bequemer für Sie gewesen.«
    »Gewiss - ja,« sagte Fanny etwas befangen. »Aber da Lanzenau früher
Eigentümer von Driesa war und noch sein Vermögen darin stehen hat, so werden Sie
begreifen - dass ein besonderes Interesse Lanzenaus ...«
    Sie stockte. Das Lügen ging ihr nicht von der Zunge.
    Joachim war zufrieden. Als alleiniger Verwalter des grossen Gutes fühlte er
sich vollkommen beruhigt wegen seiner Stellung. Fanny nannte ihm die Summe, die
sie sich als seinen Gehalt gedacht. Diese war durchaus in den Grenzen der für
solche Stellung natürlichen Besoldung. Als Joachim in der ersten Sekunde über
die Höhe derselben erschrecken wollte, erinnerte er sich in der zweiten, dass
sein Freund Soundso, der das Gut des Grafen Soundso verwaltete, einen ähnlichen
Gehalt bekomme. Die bei einer Frau so seltene Unbefangenheit, mit der Fanny auch
diesen Punkt erläuterte, berührte ihn sehr angenehm. Wahrlich, es schien, als
stehe sie allezeit über den Dingen.
    »Es fährt ein Wagen in den Hof,« bemerkte Joachim, zum Fenster hinsehend.
    »Der Jagdwagen des Grafen Taiss!« rief Fanny und sprang auf. Geschwind schloss
sie Bücher und Geldnapf in die Schublade ihres Schreibtisches, aber noch ehe sie
damit zu Ende war, öffnete der Diener schon die Tür vom Flur her und meldete:
    »Der Herr Graf!«
    Taiss folgte augenblicklich, Fanny streckte dem hohen, bärtigen Mann beide
Hände entgegen.
    »Haben Sie einen Platz für mich an Ihrem Abendtisch, teure Frau, und eine
Stätte für mein Haupt zur Nacht?«
    »Beides. Fritz,« rief sie dem Diener nach, »das Zimmer für den Herrn
Grafen!«
    Der Graf, eine stolze Erscheinung, gut gewachsen und tadellos gekleidet, mit
jener Eleganz, die der letzten Mode zu folgen weiss und doch das Geckenhafte
vermeidet, hatte ein sonnenverbranntes Gesicht, dessen untere Hälfte sich in
einem kurz gehaltenen dunklen Vollbart verbarg, über den die flatternden Enden
des viel hellern Schnurrbarts hingen. Aus den nicht schönen, aber angenehmen
Zügen traten eine wohlproportionirte Nase und ein helles, adlerscharfes
Augenpaar hervor.
    Dies streifte jetzt Joachim, den Fanny alsbald vorstellte.
    »Ich bin auf einer Rundtour. Weshalb? - später. Für jetzt bin ich nur froh,
dass Sie daheim sind und nicht alle Fremdenstuben voll haben!« rief Graf Taiss.
    »Sie wissen, ich lebe immer still für mich weg. Nur im September ist es
lebendig hier.«
    »Meine Frau und meine Schwester senden tausend Grüsse - sie werden sich wie
alljährlich im September einfinden,« sagte der Graf. »Leonore hatte die grösste
Lust, mich heute zu begleiten, aber das mochte ich nicht wagen, Sie gleich mit
der Gattin zu überfallen.«
    »Sie hätten es nur tun sollen. Frau von Herebrecht ist auch hier. Bitte,
lieber Joachim, benachrichtigen Sie Adrienne. Herr Graf wird sich in seinem
Zimmer vom Staub der Landstrasse befreien wollen - Pastors werden auch inzwischen
kommen - also: Rendezvous auf der Terrasse!«
    Taiss küsste Fanny die Hand und ging hinaus. Joachim sah dem eleganten Mann
mit dem langen rehfarbigen Paletot nach.
    »Ist das der bekannte Konservative?« fragte Joachim.
    »Ja. Aber, bitte, sagen Sie Adrienne Bescheid.«
    Zwei Stunden später sass die ganze Gesellschaft um den Teetisch auf der
Terrasse. Der Samowar stand vor Severina, die den Tee einschenkte. Joachim sass
neben ihr und sah es als sein Recht und seine Pflicht an, ihr zu helfen, wie er
sich denn überhaupt immer unwillkürlich zu ihr gesellte, kraft der
Zusammengehörigkeit der Jugend. Die Pastorin strickte mit rasender
Geschwindigkeit. Adrienne lag in den Schaukelstuhl zurückgelehnt und hatte die
zarten Hände im Schoss gefaltet. Fanny nähte an einem Flanelljäckchen. Die Herren
rauchten Cigarretten, mit Ausnahme des Pastors, der nur Erlaubnis tagsüber zu
zwei Pfeifen hatte. Magnus sah von Zeit zu Zeit flüchtig über Adrienne hin,
schien aber sonst ganz beschäftigt, respektvoll dem Gespräch zuzuhören, das Graf
Taiss und Lanzenau leiteten.
    Es hatte sich sehr lange und lebhaft mit den neuen Kolonien beschäftigt,
wozu Arnolds Reise die natürlichste Veranlassung gegeben. Adrienne konnte den
Binnenlandsbewohnern manche kleinen Dinge aus dem Leben der Marineoffiziere
erzählen, die neu und interessant waren. Aber seit Graf Taiss erzählt hatte und
durch eine Notiz aus der Kreuzzeitung zu belegen wusste, dass das Kommando der
Offiziere und Besatzung der »Maria« schon klimatischer Verhältnisse wegen nach
einem Jahr abgelöst werden würde, seitdem war sie in Schweigen versunken, ein
Schweigen, das sowohl Fanny als Magnus auffiel.
    »Sie scheint nicht glücklich darüber,« dachten beide. Und Magnus sah sie
darauf öfters an.
    Die Pastorin warf, je angeregter Taiss im Gespräch wurde, um so häufiger
einen Seitenblick auf den Whisttisch, der am andern Ende der Terrasse
aufgerichtet war.
    »Wissen Sie,« sagte Taiss, »dass unser bisheriger Vertreter im Reichstag, der
alte von Behren, sein Mandat wegen Altersschwächlichkeit niederlegt und dass wir
an eine Neuwahl denken müssen?«
    Fanny sah ihn sehr misstrauisch an.
    »Sind Sie deshalb gekommen?« Taiss nickte. »O weh,« sagte sie, »mir wird
bange!«
    »Vor der Politik - das kennen wir,« meinte Lanzenau, »aber vielleicht ist
Taiss nur gekommen, uns zu sagen, dass er selbst das seit fünfzehn Jahren von
Behren innegehabte Mandat übernimmt.«
    »Keineswegs,« erklärte Taiss; »ich werde meinem bisherigen Wählerkreis nicht
untreu. Schmettow will für uns kandidiren, aber es ist ein sozialdemokratischer
Gegenkandidat zu fürchten, der bekannte Schneider Mülding.«
    »Wie schade!« seufzte Fanny; »ehedem erbte es sich von Periode zu Periode
als Selbstverständlichkeit fort, dass Behren gewählt wurde. Nun gibt es
Wühlereien, die Leute bekommen mir Raupen im Kopf, der Wirt verdient. Unser
Idyll ist zerstört. So kann der Frömmste nicht im Frieden leben, wenn es dem
bösen Nachbar nicht gefällt.«
    »Alle dem können Sie für Driesa, Mittelbach und Ihre Vorwerke vorbeugen,
teure Frau, wenn Sie meinem Plan zustimmen. Versammeln Sie morgen Ihre Bauern,
halten Sie ihnen eine Rede und sagen Sie den Leuten, dass sie unsern Kandidaten
wählen sollen. Bei der blinden Verehrung, welche man Ihnen zollt, werden uns die
hundertunddrei Stimmen Ihres Reiches bedingungslos zufallen.«
    »Ich,« rief Fanny mit blitzenden Augen, »ich sollte mich mit Politik
befassen? Niemals! Die Rede, welche ich den Leuten halten würde, möchte ein
Unikum sein und Ihnen für immer Stoff zum Lachen geben.«
    »Aber eine Frau muss doch Stellung nehmen zu den grossen Fragen der Zeit!«
rief Taiss entgegen.
    »Die grossen Fragen der Zeit, das sind für jede Partei nur ihre
Prinzipienreitereien.«
    »So wollen Sie uns patriotische Ziele und ehrliche Bemühungen absprechen?«
    »Keineswegs; aber ihr alle, von welcher Farbe ihr auch sein mögt, ihr kommt
mir oft vor wie Menschen, die einer Kugel nachschieben, die ohnehin schon rollt.
Viel unnützer Aufwand ist dabei,« sagte Fanny.
    »So haben Sie gar keine politische Ueberzeugung? So ist Ihnen die innere und
äussere Entwicklung des Vaterlandes gleichgiltig? So wollen Sie, eine Frau von
hervorragender Intelligenz, teilnahmslos zusehen? Was soll man dann von den
minder Begabten, den minder Selbständigen erwarten? Und überall sieht man doch
die Frauen aus den bisherigen Grenzen hinausstreben,« sprach Graf Taiss lebhaft.
    »Das sind viele Fragen auf einmal,« sagte Fanny ruhig, »aber ich will sie
Ihnen kurz beantworten. Ob die Kürze auch Bündigkeit ist, bleibe dahingestellt.
Ich halte mich gern an den Ursprung der Dinge, um sie recht zu verstehen. Da die
Natur nun einmal von Anfang an die grosse Teilung der Daseinsaufgaben vorgenommen
und Mann und Weib je eine besondere Hälfte zugewiesen, so beuge ich mich kritik-
und willenlos vor der grossen Meisterin. Gewiss ist, dass im Laufe der
Kulturentwicklung die Grenzen erweitert worden sind, die Wirkungs- und
Ideenkreis der Frau einschlossen - er ist gewachsen mit dem des Mannes, der
seinerseits, als die Frau sich mit Linnenweben und Kindertränken begnügte, auch
bloss der Jagd und den primitivsten Staatsgeschäften, dem brutalsten
Verteidigungskrieg oblag. Heute nimmt er an den grandiosen Formen des
Weltverkehrs, des politischen Lebens, der wunderbarsten Erfindungen, der
tausendfältigen Erwerbstätigkeit als Mitwirkender oder Nutzniesser oder
wenigstens als kritischer Zuschauer teil. Soll das Weib ihm wie einst Gefährtin
sein, so muss auch sie die Vorgänge der Zeit verstehen, wie sie ohne Zweifel
damals verstehend zuhörte, wenn der Gatte vom Bärenfang, von wilder Schlacht
erzählte. Die Mehranforderung verführt nun viele, die natürlichen Grenzen zu
vergessen, und die Pflicht, zu begreifen, mit der Pflicht, zuzugreifen, zu
verwechseln. Das heisst aber gegen ewige Gesetze sündigen.«
    Lanzenau nickte, er kannte Fannys Glaubensbekenntnis wohl. Die Pastorin
nickte auch, dachte aber, dass Fanny nur einfach hätte sagen sollen, es stehe
schon in der Bibel, und alles andere sei Teufelsversuchung.
    »So ordnen Sie das Weib dem Manne unter?« fragte Magnus, in der Hoffnung,
ein Ja zu hören.
    »Keineswegs,« sprach Fanny, ungestört an ihrem Jäckchen weiternähend; »das
ist, wenn es geschieht, eine ebenso grosse Lächerlichkeit, als wollte man
beispielsweise sagen: Der Kaufmann ist wichtiger als der Landwirt, die
Bildhauerei höher als die Musik, die Luft nötiger als Wasser. Die
Verschiedenheit der Dinge gibt noch keine verschiedene Rangordnung. Jeder steht
vollfähig und unentbehrlich an seinem Platz. Aber dass nur nicht die Plätze
verwechselt werden! Daraus entsteht Unheil.«
    Joachim, der mit wachsendem Staunen den Äusserungen der Frau zuhörte, die er
für emanzipirt gehalten, rief hier: »Aber Sie, verehrte Frau, Sie beweisen doch
durch Ihr eigenes Leben, dass eine Frau ganz den Platz eines Mannes ausfüllen
kann!«
    Fanny, die gerade mit dem Fingerhut eine Naht auf dem Tisch glatt strich,
sah auf und über den Tisch zu ihm hin.
    »Beweisen? Ich?« sagte sie. »Gott bewahre, ich will nichts beweisen. Ich
lebe so, wie meine Individualität es heischt, ich erfülle meine Pflichten,
zwischen denen freilich manche sind, die sonst der Hausherr trägt; aber meine
Kräfte reichen.«
    »Aber wenn Förster lebte, was hätten Sie dann bei minderer Beschäftigung mit
dem Überschuss Ihrer Fähigkeiten angefangen?« fragte Graf Taiss, der im Grunde
von Fannys Ansichten entzückt war und nur für seine augenblicklichen Zwecke gern
ein teilweises Zugeständnis vernommen hätte.
    »Ich weiss nicht. Hoffentlich wäre ich so gescheit gewesen, mir in der
Armenpflege und in der Ausübung meines bisschen Maltalentes Beschäftigung zu
machen. Sicherlich ist das Leben von Frauen, die mehr Leistungsfähigkeit haben,
als ihre Stellung in ihrem besondern Dasein von ihnen fordert, immer ein
gefahrvolles. Wenn sie durch Selbsterziehung oder durch einen liebevollen Gatten
dahin geleitet werden, ihren Pflichtenkreis gesund zu erweitern, sind sie
gerettet, andernfalls liefern sie einen starken Bruchteil zu den unverstandenen
und somit auf abschüssigen Pfaden wandelnden Frauen. Gehen die Fähigkeiten aber
sehr weit ins Männliche hinüber - die Natur liebte zu allen Zeiten solche
Spielarten - so muss die Frau eben ihren Ausnahmeweg gehen. Aber glauben Sie mir,
die George Elliot, die Angelika Kauffmann, George Sand, Maria Teresia, und wie
die grossen Frauen auf den verschiedenen Gebieten heissen, entbehrten das stille,
reine Glück des Weibes. Sie hatten auch das Glück, aber es trug das Antlitz
einer Sphinx, es hatte glühende, drohende Augen und ein bitteres Lächeln um den
Mund.«
    Fanny war erregt geworden, und eine leichte Blässe lag über ihrem Gesicht.
    »Das rechte Glück kommt nur durch Glauben und Demut,« murmelte die Pastorin,
auf Severina blickend, die mit grossen Augen und gespannten Mienen zuhörte.
    »Auch wird jede Frau,« fuhr Fanny, zum Ausgangspunkt des Gesprächs
zurückkehrend, fort, »wenn sie durch Verhältnisse gezwungen und durch Anlage
befähigt ist, aus der Stille des Hauses herauszutreten, immer zuletzt irgendwo
scheitern, und zwar nicht an Mangel von Verstand, sondern an Überschuss von
Gefühl. Es kommt immer einmal eine Stunde, wo das Herz sie blind und ungerecht
macht.«
    »Das ist bei Ihnen nicht zu fürchten,« bemerkte Lanzenau etwas bitter. Fanny
sah ihn vorwurfsvoll an, lächelte aber sogleich wieder und scherzte:
    »Wer weiss! Niemand soll die Ruhe seines Herzens vor seinem Lebensabend
loben.«
    »Und das Ende vom Lied ist,« sagte Graf Taiss seufzend, »dass Sie ablehnen, in
die Wahlagitation für unsern Kandidaten Ihr unentbehrliches Gewicht zu werfen.«
    »Allerdings,« sprach Fanny lachend, »mein Patriotismus ist der eines
Frauenzimmers. Ich liebe meinen Kaiser und sein Haus; hätte ich Söhne, würde ich
sie stolz im Rock unseres Heeres sehen; meine Kasse ist allezeit offen für
Zwecke, die der allgemeinen Wohlfahrt dienen. Und wenn Deutschland kleiner
würde, möchte ich nicht mehr leben; aber die Regierungsgeschäfte von irgend
einem Standpunkt rechts oder links zu bekritteln und zu verbessern, fühle ich
mich nicht berufen.«
    »So gestatten Sie mir, in einiger Zeit mit einigen Mitgliedern des
Wahlkomites wieder zu kommen, damit wir eine Versammlung abhalten können.«
    »Meinetwegen, lieber Taiss!«
    »Unsere gute Pastorin sieht den Kartentisch mit einer gewissen Schwermut
an!« rief Lanzenau. »Was meinen Sie, Herr Pastor, wollen wir anfangen? Sie sind
von der Partie, Graf?«
    »Mit Vergnügen!«
    »Ich trete aus,« sagte der Pastor mit nicht allzu schwerem Herzen, denn er
kannte Taiss als scharfen Spieler; auch stiess die Gegenwart von Gästen immer ihre
billige Spieltaxe um.
    »Bitte, nicht, Papachen,« bat Fanny schmeichelnd, »das Jäckchen muss noch
fertig werden; Sie wissen, die Klassen ist noch zu schwach, selbst zu nähen, und
das Kind hat nichts anzuziehen - ich kann nicht spielen.«
    Ihr eine Bitte abzuschlagen, war der Pastor nie im stande. Er setzte sich
mit dem Märtyrerbewusstsein, dass die Geschichte ihn einen halben Taler oder mehr
kosten könne.
    Adrienne und Magnus gingen langsam in den Park hinaus. Die Pastorin sah
ihnen unruhig nach.
    »Nun geht er wieder mit Frau von Herebrecht,« flüsterte sie ihrem Manne zu.
    »So lasse ihn doch. Er kann doch nicht wie ein kleiner Junge immer an Deiner
Schürze hängen,« sagte der Pastor.
    »Was haben Sie morgen für ein Tema?« fragte Taiss. »Ich denke in die Kirche
zu kommen.«
    »Sehr freundlich!« sprach die Pastorin beglückt. Sie sah es immer als
persönliche Höflichkeit an, wenn man zu ihrem Gatten in die Kirche kam.
    »Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte der Liebe
nicht, so wäre ich wie ein tönendes Erz und eine klingende Schelle,« sagte der
Pastor.
    »Das schönste Tema! Lanzenau, wollen Sie eigentlich noch geben?« fragte
Taiss.
    Severina stand hinter Lanzenaus Stuhl, Joachim hinter dem des Pastors, ihr
gegenüber.
    »Ja, ein schönes Tema,« sagte auch Joachim und sah das Mädchen an. Ihre
Augen schlossen sich halb, ihre Hände umgriffen klammernd die Stuhllehne.
    »Wollen wir nicht Adrienne und Ihrem Bruder folgen?« fragte Joachim.
    »Ach ja,« sagte die Pastorin, den ersten Stich einnehmend, »tut das.«
    Sie gingen in den Park und dachten nicht daran, die beiden anderen
einzuholen. Joachim wollte Severina einmal ein bisschen »auf den Zahn fühlen«,
das heisst, sie zu Mitteilungen über sich und ihr Leben veranlassen. Dass sie in
seinem Interesse mehr als eben nur ein solches durch das nahe Beieinander der
hiesigen Existenzen genugsam erklärtes sehen könne, fiel ihm nicht ein, und dass
er ihr zuweilen in die Augen sah und überhaupt ihr ein wenig die Cour machte,
war nach seiner Meinung das naturgemässe und selbstverständliche Verkehren
zwischen zwei lebensfrohen jungen Menschen.
    »Sie haben es wohl nicht allzu leicht im Pfarrhause?« fragte er.
    »Alle meinen es gut mit mir; aber Sie wissen, auch die Hexenverbrenner
meinten es gut,« sagte sie mit ihrem herben Lächeln. »Mama wittert in mir die
schrecklichste Sündhaftigkeit und sieht bei allem meinem Tun Fallstricke des
Teufels. Das Ermahnen hört nie auf. Papa hat Mitleid, er ist sehr gut. Das kommt
eben, Mama glaubt an Beelzebub und Papa an den lieben, gütigen Gott.«
    »Da würde Frau Pastorin es auch als Beelzebubs Werk ansehen, dass ich Sie
küsste!« rief er lachend.
    »O, sprechen Sie nicht davon!« flehte Severina erglühend.
    »Warum nicht? War es so schrecklich?« fragte er leichtsinnig. Sie trat an
einen Busch, der von wilden Rosen wie übersät war, und riss einige Blüten ab. Er
sah, wie ihre Hände dabei zitterten.
    »Wenn Fanny nicht wäre,« fuhr Severina dann mit etwas heiserer Stimme fort,
»lebte ich vielleicht nicht mehr; ich wäre verdurstet vor Sehnsucht nach
Sonnenschein. Aber sie - sie versteht, was meine Seele füllt und dass ich bis an
das Ende der Welt fliegen möchte, um ...«
    »Um was?« fragte Joachim, sich zu ihr beugend.
    Nein, wie konnte sie das sagen, wie nur schon so viel mit dem Manne
sprechen, den sie so wenig kannte; ihre Lippen schwiegen. Ja, bis an das Ende
der Welt möchte sie fliegen, um das lachende, ganze, sättigende Glück zu finden,
um zu erfahren, was das Glück denn eigentlich sei. Wie sie am Herzen zehrte,
diese gegenstandslose, unermessene Sehnsucht. Ihre Lippen schwiegen - aber ihr
Auge, das dunkle Feuerauge schlug sie voll zu Joachim auf.
    Der Blick rann ihm wie Flammenzüngeln durch alle Adern.
    Er schwieg ein Weilchen, dann begann er von alltäglichen Dingen zu reden,
dachte aber dabei mit einem schaurigen Behagen: »Das ist ja der reine Dynamit.«
    Unterdes wanderten Adrienne und Magnus mit langsamen Schritten unter
allerlei konventionellen Gesprächen weiter. Ganz im Gegensatz zu den beiden
jungen Menschen, die, sich selbst zu bewachen nicht gewohnt, schon nach den
ersten paar Worten Persönliches und Vertrauliches zu verhandeln das Bedürfnis
hatten, unterhielt Adrienne sich mit dem jungen Doktor über seine Arbeiten und
den Gang seiner Studien. Er sprach viel Gelehrtes, das sie nur halb verstand,
und sie machte Zwischenbemerkungen, deren Mangel an Logik ihm nicht weiter
auffiel. Dennoch waren beiden Unterhaltung und Spaziergang von hohem Interesse.
Schliesslich kamen sie auf die moderne Literatur zu sprechen, und Magnus fragte
nach diesem und jenem. Es fand sich, dass Adrienne diejenige Kenntnis der
modernen deutschen Literatur hatte, welche ihr als Gouvernante nötig gewesen;
eine Kenntnis also, die sich in ziemlich einseitiger Richtung bewegte.
    Magnus bat um die Erlaubnis, den Damen zuweilen etwas vorlesen zu dürfen.
    »Wenn Fanny dabei ist,« meinte Adrienne.
    »Wir wollen sie nachher fragen.«
    Das geschah beim Abendtisch, und Fanny fand den Vorschlag köstlich.
    »Ohnehin fing ich an, mich zu vernachlässigen. Wir wollen zwei Nachmittage
in der Woche festsetzen und diese ordentlich ausnützen, so zwar, dass ich,
während Magnus liest, meine Staffelei nehme und nach einander für Arnold seine
Lieben porträtire: erst Adrienne, dann Joachim, zuletzt, wenn ich dergestalt in
Uebung bin, auch Baby.«
    »Eine Zeitausnützung, die Fanny ähnlich sieht,« sagte Lanzenau.
    Fanny setzte gleich, da morgen, als am Sonntag, nicht daran zu denken sei,
Montag für diese Stunden fest.
    Als sie am Abend dieses Tages, nachdem Graf Taiss sich zurückgezogen und auch
Lanzenau fortgeritten war, sich in ihr Zimmer begab, trat sie noch an das
Fenster. Durch die Lindenwipfel raunte der Nachtwind, sternenlos drohte die
wolkenschwere Finsternis. Sie dachte an das Heu auf ihren Wiesen und sah mit dem
Licht nach dem Barometer, das innerhalb des Fensters an der Holzverschalung der
Mauer angebracht war.
    »Gefallen!« murmelte sie.
    Plötzlich klang eine weiche und doch männliche Tenorstimme in die Nacht
hinaus.
    Fanny bückte sich vor. Unter ihr aus dem offenen Fenster brach ein
Lichtstrom und lag auf Lindenstamm und Hof als trauliches Zeugnis, dass da unten
jetzt jemand hause. Dem Licht, das aus Menschenwohnungen in die Nacht fällt,
haftet immer ein eigener Zauber an. Es war Fanny unendlich behaglich,
hineinzusehen.
    Und wie Joachim sang - richtig - Adrienne hatte ja davon gesprochen. Er aber
dachte offenbar nicht daran, dass vorn hinaus noch jemand schlafe und er also
vielleicht mit seinem Gesang störe.
    Nein, er störte auch nicht. Es war Fanny ein sehr wohliges Gefühl, zu Bett
zu gehen und dabei der schönen jungen Stimme zu lauschen, die, getragen und von
offenbarer Lust an der eigenen Klangschönheit erfüllt, in die Nacht hinein das
Scheffel-Hentschelsche Lied sang:
»Nun liegt die Welt umfangen
Von starrer Winternacht,
Was frommt's, dass am Kamin ich
Entschwund'ner Lieb' gedacht?
Das Feuer will erlöschen,
Das letzte Scheit verglüht,
Die Flammen werden Asche,
Das ist das End' vom Lied.
Das End' vom alten Liede,
Mir fällt kein neues ein,
Als Schweigen und Vergessen -
Und wann vergäss' ich dein?«
Fanny lauschte, lächelte und entschlummerte friedlich.
 
                                Sechstes Kapitel
Einige Wochen waren vergangen, die Natur stand in den satten Farbentönen des
Hochsommers. Auch auf Busch und Baum im Park hatten die langstieligen Schösslinge
des Johannistriebes ihre gelbliche Farbe schon in so tiefes Grün verwandelt, dass
man den neuen Zuwachs kaum noch vom ersten Laub unterschied. Auf den Beeten
blühten Georginen und Astern, korallenrot leuchtete hier und da aus dem Gezweig
die reife Vogelbeere. Erntewagen, hoch mit gelbem, schimmerndem Roggen beladen,
fuhren vorn in den Hof; das Leben des Tages fing mit dem Sonnenaufgang an und
endete mit dem Eintritt der Dunkelheit. Von Joachim bekamen die Damen wenig zu
sehen, er zeigte sich bei dem Mittagsmahl und abends noch ein Stündchen. Schon
morgens um vier Uhr hörte Fanny ihn pfeifend über den Hof gehen, mit den Leuten
reden, zum Tore hinausreiten. Sie wachte regelmässig davon auf, wenn er seine
Fensterläden aufstiess, und horchte dann mit jenem Behagen, das man empfindet,
wenn man, selbst in wohliger Ruhe verweilend, den Lebensäusserungen lieber
Menschen lauscht.
    Das Zusammenarbeiten mit Joachim war ihr geradezu ein Vergnügen. Was
Lanzenau und sie sich mühsam mit der Zeit als Autodidakten in dem Beruf
angeeignet hatten, war Joachim das einfachste Abc seiner landwirtschaftlichen
Kenntnisse. Mit einer grossen Schnelligkeit und Sicherheit seiner Entschlüsse
verband er eine Art von Sorglosigkeit, die nur dem Bewusstsein entspringen
konnte, dass er seinen Aufgaben gewachsen sei. dabei hatte er ein merkwürdiges
Talent, überall zu sein; auch die anfängliche Missstimmung der Leute, die nur
ungern Fannys persönliche Aufsicht entbehrten und sich stolz gefühlt hatten, dass
ihre praktischen Ratschläge von der Herrin begehrt und gehört worden seien, auch
die Missstimmung hatte er spielend überwunden. Nicht dass er durch besondern
Vorsatz leutseligen Wesens das erreicht hätte, bewahre, er hatte diese
Missstimmung überhaupt nicht bemerkt und sie ahnungslos durch sein immer gleich
heiteres Wesen, durch seinen gutmütigen Verkehrston entwaffnet. Morgens war er
der erste, abends der letzte, und Fanny bewunderte seine Elastizität, die ihm
dann abends noch gestattete, die Damen auf allerlei harmlose Art, durch
Anekdoten, Neckereien, zum Lachen zu bringen oder gar zu singen.
    Lanzenau bemerkte zwar einigemale, dass jetzt mehr Musik auf Mittelbach
gemacht würde als früher, wo Fanny nur gelegentlich sein in der Tat nicht
gewöhnliches Klavierspiel begehrte; aber schliesslich sah er selbst ein, dass die
Menschenstimme, wenn sie so schön, so wohlgebildet und zu Herzen gehend wie die
Joachims sei, doch die beste Seelenerquickung bleibe, und begleitete mit Freuden
die Vorträge des auch von ihm wohlgelittenen jungen Mannes. Lanzenau war durch
seinen neuen Wohnsitz nicht sehr gegen früher um Fannys Gesellschaft betrogen;
seine Ankunft war täglich für ihn eine Freude, ward täglich freudig bewillkommt,
und da er Fanny von einer wahrhaft strahlenden, ja, beinahe übermütigen
Heiterkeit sah, fühlte er sich innerlichst hoffnungsfreudig und glücklich.
    Adrienne hatte frischere Farben und eine leise Rundung der Wangen bekommen,
zur Heiterkeit schien sie aber ein für allemal keine Anlage zu besitzen, ihre
anfängliche Apatie war einer grössern Beweglichkeit gewichen, doch hatte diese
den Charakter einer nervösen Unrast. Tagelang sah sie den kleinen Joachim,
welcher der Abgott seines Onkels und Fannys war, kaum an; dann kamen Tage, wo
sie zu dem Kind eine fieberische Neigung zeigte. Von Arnold war beängstigend
lange keine Nachricht mehr gekommen; aber nur Fanny oder Joachim stürzten auf
den Postboten mit der Frage zu, ob er einen Brief aus Afrika habe.
    Die Lesestunden mit Magnus fanden regelmässig statt und waren wenigstens für
drei der Beteiligten von so grossem Reiz, dass es ihnen nicht auffiel, wie
teilnahmslos Severina dabei sass. Fanny malte mit einem wahren Feuereifer; ihr
technisches Können war aber keineswegs sicher genug, um ihr immer das Gelingen
zu verbürgen. Sie war bereits bei dem dritten Bild Adriennens, und dieses
endlich schien der Meinung aller nach zu gelingen. Adrienne sass ihr unbeweglich
gegenüber, die Arme auf den Stuhllehnen, die Füsse auf dem Schemel vorgestreckt,
das Auge ins Blaue gerichtet, den rötlichen Kopf leicht an das Rückenpolster des
Sessels gelegt. Magnus sass in einer Linie mit Fanny und las vor; Novellen von
Storm oder Heise, zuweilen auch Gedichte oder eine jener monumentalen Novellen
von Konrad Ferdinand Meyer. Er hatte eine sonore Stimme und einen Vortrag, der
ebenso fern von falschem Patos als von Einförmigkeit war; auch verstand er die
schwierige Kunst, jedem Werk eine vom Inhalt geforderte besondere Färbung zu
geben durch ernstern oder leichtern Tonfall seines männlichen Organs.
    Adrienne hörte weltvergessen zu. Manchmal huschte jäh durch ihr Gedächtnis
die Erinnerung an die unseligen Stunden, wo sie allein unlauterer Lektüre
fieberheiss oblag; dann ging ihr Auge scheu über Magnus hin; ihr war's, als müsse
er auf ihrer Stirne lesen, und schnelles Erröten flog da wohl über ihre feinen
Züge. Das sah Magnus und deutete es sich auf seine Weise; er richtete seinen
Vortrag ausschliesslich an sie, und sie fühlte es wohl; auch war die Auswahl der
Lektüre, die man ihm überliess, immer so, dass Erzählung oder Lied von einsamen
Frauenherzen und ihrem Erlöser sang. Aber das mochte Zufall sein, denn die
Geschichte von der verbotenen Frucht ist die erste von aller Menschenkunde, sie
wird die letzte sein, sie ist das urewige Tema der Poesie.
    Zuweilen erschien es dem jungen Weibe dann traumhaft; da sass sie
unbeweglich, dem Bild als Modell zu dienen, das den Gatten erfreuen sollte, und
zugleich klang eines andern Mannes Stimme wie Tropfenfall, der einen Stein
höhlt, in ihr Ohr und kündete von Liebe und berauschendem Glück; dann zitterten
ihre Hände, und sie schloss sekundenlang die Augen.
    Zuweilen ging Joachim an der Terrasse vorbei. Niemand als er selbst sah, dass
Severina, die an dem Geländer nähend sass, dann erblasste und unfähig war, seinen
Gruss zu erwidern. Fanny nickte ihm herzlich zu und dachte wohl kurz daran, dass
sie sich auf die Zeit freue, wo sie, nach der Ernte, sein hübsches Gesicht
nachzubilden versuchen konnte.
    Joachim sträubte sich zwar, wenn davon die Rede war. Er meinte, ihm fehle
die Geduld, so lange zu sitzen; auch sei es ihm kein Vergnügen, bei Vorlesungen
zuzuhören, gegen die er eine unüberwindliche Abneigung habe. Er begreife
überhaupt nicht, dass eine so vortreffliche Frau wie Fanny ihre Nebenmenschen mit
ihrer Kunst quälen könne. Diese liebenswürdig vorgebrachten Ungezogenheiten
wurden von Fanny und Lanzenau herzlich belacht, und Lanzenau meinte, helfen
würde es ihm nichts; in dem Punkt sei Fanny unerbittlich, wie sein im Salon
hängendes Porträt beweise.
    »O, auf dem Porträt ist das Monocle sehr ähnlich,« sagte Joachim, weshalb
Fanny ihn mit dem Rosenstrauss, den sie in der Hand hielt, scherzend schlug.
Joachim war der erste und einzige Mensch, den der Respekt nicht hinderte, Fanny
zu necken; das erschien ihr so neu als reizend. Von seinen Vorurteilen war er
mit jugendlicher Hitze in das Gegenteil, in die begeistertste Verehrung
gefallen. Fanny erschien ihm als der Inbegriff aller weiblichen Vollkommenheit,
Schönheit, Güte, aller Klugheit, aller Liebenswürdigkeit, und er schaute zu ihr
auf wie zu einem höhern Wesen, natürlich auch aus der entsprechenden innern
Entfernung; er fühlte sich auch in seiner Tätigkeit und im Hause sehr
glücklich, um so mehr, als sein junges, leichtflammendes Herz sich angenehm
durch Severina beschäftigt fühlte.
    Das Leben der Schlossbewohner und der Pastorenfamilie war durch lange Jahre
ein so gemeinsames geworden, dass kein Tag hinging, an dem man sich nicht sah.
Insbesondere Severina hatte sogar im Schloss einige bestimmte Obliegenheiten im
Hausstand, die freilich von Fanny nur deshalb erfunden waren, damit das
gedrückte Mädchen aus der Nähe ihrer predigenden Erzieherin komme. Joachim
begegnete ihr im Hause, auf dem Hofe, bei Fanny; aber er begegnete ihr auch im
Wald und auf Feldwegen, wenn sie im Auftrage Fannys oder des Pastors Kranke
besuchte oder nach eigener Neigung allein spazierte oder den kleinen Joachim im
Wägelchen ausfuhr, was sie als Gunst von Adrienne neuerdings oft erbat.
    Seltsamerweise, je häufiger sie sich trafen, je mehr hörte Joachim auf, ihr
in Gegenwart der anderen, wie er anfangs eifrig getan, den Hof zu machen; das
fiel niemand auf, oder wenn doch, so dachte man höchstens, Joachim sei eben mit
der Werkeltagstätigkeit und dem täglichen Zusammenleben in den gewöhnlichen
Familienverkehrston zurückgekehrt. Nicht dass bei diesen Begegnungen irgend etwas
Besonderes gesprochen worden wäre, im Gegenteil wussten beide wenig zu sagen und
schritten meist bloss eine Weile stumm neben einander, sich dann mit zögerndem
Händedruck trennend. Es war eine stumme Spannung zwischen ihnen. Joachim dachte,
dass diese Begegnung kein Zufall sei und ob das Mädchen ihn wohl wirklich liebe.
Severina bebte innerlich vor Scham, dass sie sich nicht überwinden gekonnt und
ihm in den Weg gegangen, und vor Angst, dass er irgend etwas sagen könne, was ihr
diese schweigende Qual glücklich oder unglücklich enden würde.
    Um die Wonne des Lebens, die er jeden Tag neu empfand, voll zu fühlen,
gehörte für Joachim ein Liebesroman dazu; dieser entspann sich ihm so anmutig,
so reizvoll; weshalb hätte er eilen sollen, den Zauber zu brechen, der in süssen
Zweifeln, ahnungsvollen Blicken liegt? Er drückte Severinas Hand und suchte ihre
Nähe und sagte nichts.
    Aber eine Stunde kam, da schlugen die Flammen aus ihren Augen ganz über ihm
zusammen.
    Severina war mit dem Kind in den Wald gefahren, sie schob den leichten Wagen
vor sich her, mit eintönig rüttelndem Geräusch drehten sich die Räder auf dem
festen Boden der Wege, manchmal raschelten sie durch das vorjährige Buchenlaub.
Da wurde das goldbraune Blättergehäuf auseinander gewühlt und zeigte die schwere
Nässe vom Tau der Nacht, die unter der schon trockenen Oberfläche faulte. Nah
und fern trillerten die Vögel im Walde; der Friede und die Kühle webten zwischen
den grauweissen Stämmen.
    Das Kind im Wagen schlief, ein bläulicher Schleier schützte das Gesichtchen
gegen Fliegen. Severina schob gedankenlos weiter und weiter, bis sie an die
Waldesgrenze kam, aus deren mit Schlehen-, Hasel-und Hollunderbüschen
bewachsenem niederem Erdwall ausser der durchschneidenden Chaussee noch vielfach
schmale Wege ins freie Feld führten. In einer dieser kleinen Wegesöffnungen
stand Severina und schaute auf das vor ihr sich ausbreitende Weizenfeld hin.
Rechts und links ging die grosse Koppel mit dem wogenden Gold am Waldsaum
entlang, hob sich geradeaus in sanfter Welle und schränkte so rings den Blick
ein.
    Severina setzte sich an den Rain, die Füsse im schmalen, zur Zeit ganz
ausgetrockneten Graben, der den Erdwall vom Fusspfad, vom Getreidefeld trennte.
Sie sass im hohen Grase, fast schlug es über ihren Knieen zusammen. Vom
Schlehengebüsch hinter ihr spielten im leisen Wind blühende Ranken des wilden
Hopfens herab, der hier das Buschwerk üppig durchspann. Severina verschränkte
die Arme auf den Knieen und starrte mit vorgeneigtem Leibe finster in die
Aehrenfülle. Aus dem gelben Saum nickte da und dort eine glühende Mohnblüte
heraus. Manchmal scholl der zweitönige Ruf der Wachtel aus dem Korn, oder ein
Vogel flatterte mit kurzem, unsicherem Flug zwischen den Aehren auf und schoss
wieder hinein.
    Ach, so hatte Severina schon Jahr um Jahr an derselben Stelle dasselbe Bild
der Welt, des Fleckchens Erde, das für sie die Welt bedeutete, gesehen; es war
immer dasselbe gewesen, immer das Leben, das sich in gleichförmiger Tätigkeit
abspann, immer zu Hause der gutmütige Vater, der Trost und milde Worte für
alles, aber Hilfe für nichts hatte, immer die rasche, viel scheltende, besorgte
und eifersüchtige Mutter, die alle Jugendfröhlichkeit als sündhaft verbot, die
es verhinderte, dass Severina wenigstens an Magnus einen Freund, einen
mitfühlenden Bruder gewann. Magnus durfte neben seiner Mutter niemand lieben,
darüber wachte sie rastlos. Nun, das wird Magnus sich gefallen lassen, bis
einmal eines andern Weibes Liebe ihm süsser ist als die seiner Mutter. Um
Severinas willen hat er keinen Grund, die Tyrannei zu durchbrechen; er ist ihr
immer freundlich, aber innerlichst gleichgiltig begegnet.
    Wann wird sich dies Leben einmal ändern, wie kann es sich ändern? Severina
ist jetzt zwanzig Jahre alt, und Fannys Güte ist das einzige gewesen, das
freundliche Abwechslung in die Tage brachte, die sich sonst hätten eintönig in
den Grenzmarken eines Dorfes abgespielt - die Güte einer Fremden! Jeder Zufall
konnte ihr diese rauben oder wenigstens Fanny die Neigung nehmen, die Güte so
vielfach zu betätigen. Früher hatte Severina oft gewünscht, die Pflegeeltern
möchten ihr erlauben, draussen selbst ihr Brot zu verdienen, aber das gab die
Pastorin nie zu; ihre Ueberzeugung war, dass das Mädchen im Strudel der Welt
untergehen werde und dass nur in einem Pfarrhause die für sie zuträgliche Luft
sei. Heiraten? Der junge Pastor vom nächsten Gut, drüben über der Elbe, hatte
ihr wohl zu verstehen gegeben, dass er bald in sein Haus ein christliches Weib
führen müsse, und die Mutter hatte schon oft stundenlang über das Glück
gesprochen, welches für die Tochter einer Verlorenen eigentlich ein unfassliches
Gnadengeschenk sei, wenn jener junge Geistliche wirklich als Werber käme.
Severina, die den herzensguten und liebenswürdigen Mann achtete, wenn gleich sie
den Gedanken, die Seine zu werden, unerträglich fand, hatte sich innerlich schon
in dumpfer Verzweiflung dazu gerüstet.
    Aber nun schrie alles in ihr nein! tausendmal nein! Unauslöschlich brannte
auf ihrem Munde die Glut, welche die Lippen Joachims dort entzündet. Sein
Gesicht, sein Lächeln, seine Stimme waren vor ihr Tag und Nacht. Alle Schönheit
der Natur erblasste, alle Offenbarung der Kunst ward Gestammel, die Weihe des
Gottesdienstes ward inhaltlos gegen den brünstigen Gedanken an ihn, an ihn. Die
Welt war ihr untergegangen in seinem Dasein. Nur mit ihm konnte sie die Freude
daran, das Bewusstsein davon zurückerlangen.
    Das war Wahnsinn, denn er ging eines Tages wieder aus ihrem Leben, in das er
so plötzlich, mit so viel Übermut getreten, und dann?
    Severinas Augen wurden finster. O - wie lagen die kommenden Zeiten vor ihr!
Wie ein Marsch durch eine schatten- und quellenlose Steppe.
    Vielleicht, wenn nächstes Jahr der Weizen sich wieder goldete, befahl eines
andern Stimme, die Sensen zu schleifen; dann konnte Severina über die Stoppeln
gehen und an den denken, der die Saat beschafft.
    Nein, das war nicht auszudenken. Das war der Tod!
    Sie erbleichte und schlug beide Hände vor ihr Gesicht. Da schrie das Kind im
Wagen. Severina sprang auf, riss es heraus und nahm es auf ihren Schoss. Das war
wie ein Teil von ihm. Er liebte es. Die Liebe, die sie dem Kind erwies, freute
ihn. Sie küsste das Kind, das ihr entgegenlachte, und presste es an sich. Ihr Herz
war zum Zerspringen voll von stummen, heissen Geständnissen. Dies kleine
Menschenwesen, sein Liebling, umfing sie mit unermüdlichen Zärtlichkeiten.
    »Madonna mit dem Kinde,« sagte Joachim. Er war am Waldsaum, der nah bei
Severinas Sitz eine Biegung machte, daher gekommen, den Reifestand der
Weizenkoppel zu prüfen.
    Severina schrak zusammen und sah zu ihm empor. Das war kein Madonnenblick.
Ihn durchrann es. Aber die schnelle Regung durch einen ebenso schnellen
Vernunftgedanken bezwingend, setzte er sich mit fröhlichem Wort neben Severina
in das hohe Gras. Das Kind, welches nun schon seine ganze Umgebung kannte,
jauchzte ihm entgegen und strebte mit Händen und Füssen aus ihren Armen in die
seinen.
    »Wenn der Junge Sie sieht oder nur Ihre Stimme hört, ist er nicht mehr zu
halten. Das kommt daher: Sie tollen am übermütigsten mit ihm herum und werden
noch einen schönen Wildfang aus ihm machen,« sagte Severina lächelnd.
    »Von Vater und Mutter her, fürchte ich, steckt ihm zu viel Ernst und
Trübsinn im Blut; als mein Neffe aber muss er auch nach mir arten - lustig muss er
sein, das bring' ich ihm beizeiten bei,« antwortete Joachim und hob das Kind mit
einer schwenkenden Bewegung hoch über sich in die Luft. Der Kleine schrie vor
Vergnügen auf.
    »Ja, Adrienne hat kein Talent, sich am Leben zu freuen,« bemerkte Severina.
    »Sie aber auch nicht. Wenn Fanny nicht noch ein bisschen Spass verstände, wäre
es ja vor Ernstaftigkeit nicht mehr auszuhalten. Au - Junge - au - das ist mein
neuer Strohhut und das ist meine Frisur! Willst Du loslassen!«
    Der Kleine hatte Joachims Hut erfasst und einfach weggeworfen, dann fuhr er
mit seinen kleinen, rundlichen Fingerchen in Joachims blondes Haargelock und riss
und wühlte und lachte vor Freude hell auf; dabei war der ganze kleine Körper so
lebendig, dass Joachim ihn mit beiden Händen vor einem Fall bewahren musste.
    »Erretten Sie mich doch, können Sie so grausam zusehen, wenn der Junge mich
zum Kahlkopf macht?«
    Severina lachte. Sie erhob sich halb, kniete auf ihrem bisherigen Sitz, und
da ihre Ellenbogen auf diese Weise in einer Höhe mit Joachims Kopf waren, machte
sie sich mit ihren beiden Händen daran, die runden Fingerchen, die sich so fest
in die Locken gekrallt hatten, auseinanderzubiegen.
    Joachim hielt ganz still, und die kleinen Finger, die sich eben, der Gewalt
gehorchend, öffnen mussten, schlossen sich immer wieder. Es war für das Kind ein
Spiel. Severina war geduldig, ihre Hände aber zitterten ein wenig, und Joachim
sass so ruhig, so atemlos, als belausche er mit allen seinen Sinnen die
Empfindung, welche ihm das Wühlen der schönen Frauenhand in seinen Locken
verursachte. Plötzlich liess der Kleine los, ein grosser Schmetterling schwebte
lautlos nahe vorüber, nach ihm streckten sich die Händchen. Severinas Hände
sanken bleischwer herab. Joachim setzte das Kind vorsichtig neben sich ins Gras,
und alles blieb stumm und atemlos.
    Dann sah er Severina an, sie schloss die Augen und verharrte in ihrer
knieenden Stellung.
    Er nahm die beiden Hände, die schlaff an ihrem Gewand niederhingen, und
küsste jede wiederholt, zwischen jedem Kuss zu Severina aufblickend. Plötzlich
drückte er sein Gesicht gegen ihr Kleid und schlang erschauernd seine Arme um
ihre Hüften. So verharrte er wohl eine Minute lang, dann sprang er empor, fiel
ihr um den Hals und küsste die zitternden Lippen, die sich ihm entgegen öffneten.
    »Hast Du mich wirklich so lieb?« flüsterte er dazwischen. Und dann rief er
übermütig: »Damals, der erste Kuss hat Dich verführt!«
    Sie konnte nicht scherzen und nichts sagen; ihr Gesicht war sehr bleich, aus
ihren dunklen Augen brach ein Glanz von unermesslichem Glück, jeder Kuss schien
ihr zu lau, jedes Wort zu armselig, um ihm zu sagen, wie sie ihn liebe. Die
Wonne dieses Augenblicks überstieg die Fassungskraft eines Menschenherzens. Ein
blödes Lächeln, von einem unartikulirten Laut begleitet, war Severinas einzige
Äusserung.
    Das Kind, welches in den Graben hinabrollte, weckte wenigstens Joachim aus
seinem Rausch. Er setzte sich wieder mit dem Kindchen auf dem Schoss und zog
Severina neben sich.
    »Das ist eine schöne Geschichte,« sagte er lustig, »wenn das Frau Pastorin
wüsste. Du grosse Verführerin, Du hast Schuld!«
    Severina lächelte traumbefangen.
    »Im Grunde,« fuhr er ernstafter fort, »sollte ich Dich sehr um Verzeihung
bitten; ich bin ein armer und zurzeit noch aussichtsloser Teufel. Auf solche
Küsse, wie wir eben gewechselt, sollte eine Verlobung folgen; ich müsste meinen
Frack anziehen und zum Pastor gehen, Deine Hand zu erbitten, und das kann ich
noch nicht.«
    »O,« rief Severina mit heissem Ausdruck, »sprich nicht davon, denke nicht an
die Welt und was in ihr Sitte ist; ich liebe Dich, ich glaube an Dich, ich
warte! Wenn Du mich nur liebst, füllt das heimliche Glück mir die ganze Welt mit
Sonnenschein!«
    »Schwärmerin,« sagte er gerührt, »so viel Liebe verdiene ich gar nicht.«
    Sie sassen und plauderten und lachten, wie nur Verliebte können; Joachim
bewunderte alle Reize, die Severina vor anderen voraus hatte, und selbst ihr
Gesicht mit den tatarischen Zügen erschien ihm von einer wilden und trunkenen
Schönheit. Endlich aber stieg die Sonne über die Weizenkoppel und glühte zu der
kleinen Gruppe am Waldsaum hinüber.
    »Ich muss weiter,« rief Joachim, »das hat eine schöne Zeitversäumnis
gegeben!«
    Sie nahmen Abschied, als gälte es eine Trennung auf Wochen; dann ging er mit
seinen hastigsten Schritten an der Koppel entlang, den Weg fortsetzend, den er
dahergekommen, aber er schaute sich noch mehreremale um, der Lieben einen Gruss
zu winken.
    Und dann schob Severina ihren Kinderwagen in den Wald zurück; sie ging wie
im Traum und erschrak, als sie sich zuletzt im Dorfe befand. Das Bewusstsein, dass
Sammlung nötig sei, überkam sie peinlich; sie sah sich fremd um, ihr war wie
einer Verirrten zu Mut.
    Aber da stand schon der Pastor in der Gitterpforte vor seinem Hause und
schaute nach ihr aus; man hatte auf sie gewartet. Er rauchte zwar seine lange
Pfeife, aber er hatte seinen schwarzen Gehrock an und ein reines weisses Halstuch
um, das bedeutete Aussergewöhnliches. Severina atmete auf. Jedes Ereignis war
willkommen - nur heute nicht der alltägliche Trott des Tagewerkes.
    »Mein Kind,« sagte der Pfarrer, »Graf Taiss ist mit drei anderen Herren
gekommen, es gibt ein Diner auf dem Schloss, Fanny hat nach Dir geschickt; aber
erst sollst Du der Mutter noch etwas helfen und Dich gleich auch umkleiden.«
    Der ängstliche Tonfall in seiner Stimme verriet Severina, dass die Pastorin
schon in Ungeduld vergehe; da gab es Schelte, viel Schelte, und das als erstes
nach der seligen Stunde?
    In Severina wallte es warm auf. Segen und Teilnahme konnte sie von niemand
erbitten, aber ein gutes, ein liebevolles Wort musste sie hören; sie legte ihr
Haupt an ihres Pflegevaters Schulter und ihren Arm um seinen Nacken.
    »Papachen,« sagte sie schmeichelnd, »nicht wahr, Du hast mich ein wenig lieb
und möchtest, dass ich noch 'mal im Leben glücklich würde?«
    »Natürlich, natürlich; aber wie kommst Du auf die Frage, mein Kind? Und was
hast Du für rote Backen? Aengstigst Dich wohl schon vor Mama? Na, Du weisst, sie
meint es nicht so, und mit mir schilt sie auch 'mal,« sagte der alte Herr
gutmütig. »Siehst Du, schliesslich haben wir's ja bei der Schelte besser als
Magnus bei der Güte.«
    Severina lächelte glücklich. Ja, der alte Mann hatte sie väterlich lieb. Er
würde sich freuen - dann, dann, wenn alle Welt erst wissen durfte ...
    »Severina!« rief eine heftige Stimme.
    »Komme schon,« rief sie zurück, »ich will erst den Kleinen ins Schloss
bringen!«
    Die Magd, die in der Pfarrküche gewartet hatte, kam aber schon um die
Hausecke und nahm den Kinderwagen.
    Severina ging hinein. In der Vorderstube sass die Pastorin, mit einer Brille
bewaffnet, und nähte mit der ihr eigenen rasenden Eile an einem schwarzen Kleid.
    »Wo bleibst Du? Natürlich, unter dem Vorwand, das Kind spazieren zu fahren,
wird gefaulenzt. Faulheit ist der Beginn aller Laster, das haben wir bei Deiner
Mutter gesehen. Hier, der neue Stoss muss noch in das Kleid vor Mittag, ich ging
ja schon zum Skandal damit.«
    Severina nahm ihr Nähgeschirr und nähte darauf los; der Kleidersaum, an dem
sie nun beide arbeiteten, schwebte in ellipsenförmiger Rundung zwischen ihnen,
das dazu gehörige Gewand bauschte sich erdwärts zwischen ihren Füssen zusammen.
Aber da hatte die Pastorin ein Handtuch hingebreitet, damit es nicht Schaden
nähme.
    »Was ziehst Du an?« fragte die Pastorin.
    »Weiss.«
    »Immer den besten Staat. Eitelkeit ist der Anfang aller Laster, das haben
wir bei Deiner Mutter gesehen, und Du hast keinerlei Ursachen zur Eitelkeit,
Gott sei Dank; er hat darüber gewacht, dass der Versucher Dir keine Schönheit als
Teufelsangebinde gab.«
    »Geliebte, Du hast die herrlichste Gestalt, die schönsten Hände, die
reizendsten Füsschen,« hörte Severina nachklingend in ihrem Ohr seine Stimme
sagen, und sie lächelte zu den bitteren Worten.
    »Fanny liebt es, wenn ich in den Kleidern komme, die sie mir gab.«
    Die Pastorin seufzte.
    Und Joachim sah am Mittag wohl, dass Severina seinetwegen so festlich
angetan war mit einem Kleid von schaumig weicher weisser Wolle, und dass sie
seinetwegen eine Marschall-Nielrose an der Brust trug. Er liebte diese schweren,
duftenden Rosen sehr, die ihr Haupt melancholisch neigen.
    Sie hatten auch das Glück, neben einander zu sitzen, obgleich Joachim sich
wohl gehütet hatte, ihr den Arm zu geben; das tat einer der Begleiter des
Grafen, und wenn sie auch nicht viel zusammen sprachen, so fand Joachim doch
unter dem Tisch das zierliche Füsschen. Graf Taiss nahm seine äusserliche
Aufmerksamkeit in Anspruch, er wollte von Lanzenau und Joachim wissen, wie man
am besten für heute abend eine Versammlung berufe. Die Bauern seien ja mit ihrer
Ernte fertig, und dass die Arbeit auf den Feldern Fannys etwas früher aufhöre,
mussten beide Herren gestatten. Selbstverständlich wurde das zugestanden; der
Pastor und Lanzenau wussten eine Menge Geschichten davon zu erzählen, wie stark
der sozialdemokratische Kandidat inzwischen für sich gewühlt habe.
    Joachim kürzte infolge dessen seine Mittagsstunde ab und war schon wieder
verschwunden, als man auf der Terrasse den Kaffee nahm. Fanny entbehrte ihn und
fragte, wo er sei.
    »Herr von Herebrecht wünschte die Stunde zu gewinnen, die heute abend
verloren geht,« antwortete Severina, die Fanny gerade ein Mokkatässchen
hinreichte.
    Fanny nahm sich Zucker.
    »Er ist übereifrig,« sagte sie verstimmt, »die Leute wären die Stunde lang
auch ohne ihn fleissig gewesen.«
    »O Frau Förster, Sie haben schon vier Stücke Zucker - - die Tasse läuft
über,« bemerkte das junge Mädchen.
    Fanny lachte über ihre Gedankenlosigkeit.
    »Der glückliche Herebrecht,« sprach Taiss, »er wird entbehrt.«
    »Er ist das enfant gaté unserer Damen,« sagte Magnus scherzend, »und er gibt
sich weniger Mühe ihretwegen, als unsereiner. Wenn ich zwei Stunden vorlese,
bekomme ich nicht so viel Dank, als wenn Herebrecht ein Lied singt.«
    Lanzenau hatte Fanny erstaunt und aufmerksam angesehen, als sie nach Joachim
fragte.
    Am Abend fand im Dorfkrug eine Versammlung statt. Graf Taiss steckte sich
einige mit Kölnischem Wasser getränkte Tücher in die Tasche, bat Fanny, eine
Flasche Cognac in den Krug zu senden, damit sie im Bedarfsfalle nicht vom Fusel
des Wirtes angegiftet würden, und wanderte dann mit seinem Stab in das Lokal.
Der im Wirtshaus eine Treppe hoch belegene Tanzsaal war ausersehen, mit seinen
vier weissen Kalkwänden die Scene zu umschranken. Von dem geweissten Plafond
hingen zwei doppelarmige Petroleumlampen herab, über ihren schwitzenden und mit
Insekten beklebten Glasbehältern schwebten die blechernen Schirme, aus denen
oben die kurzen Gläser mit der blackenden Flamme darin aufragten. Zum fettigen
Petroleumdunst gesellte sich der Duft von Transtiefeln und jenes undefinirbare,
von Stoffwechsel und muffigen Kleidern erzeugte Ctwas, das man »Leutegeruch«
nennt. Die Estrade, wo sonst die Musik spielte, war für die Herren als
Rednerbühne und Vorstandsbureau aufbewahrt. Wenn der hohe Graf Taiss da an der
grüngestrichenen Balustrade stand, ragte sein Scheitel genau bis zur Decke, und
Kalkteilchen fielen zuweilen in sein sorgfältig geordnetes Haar. Lanzenau sass
mit oben und betrachtete sich die enggedrängte Bauernschar, zuweilen sah er sich
auch mit eingeklemmtem Monocle Taiss an; es belustigte ihn ungemein, diesen
eingefleischten Aristokraten vor diesem Zuhörerkreis zu sehen, und er bedauerte,
dass Fanny sich das Schauspiel versagt hatte. Joachim und der Pastor befanden
sich zwischen den Zuhörern.
    Graf Taiss fing seine Rede mit einem Hoch auf den Kaiser an, dann setzte er
Lanzenau durch einige glückliche, volkstümliche Wendungen, welche den Beifall,
ja, das wohlgefällige Gelächter der Leute erregten, in Erstaunen. Kaum aber ging
er zu den Einzelheiten des Wahlprogramms über, kaum berührte er die
Monopolfragen, das Armenbudget, die Kolonialpolitik, so erhitzte er sich an
seinem eigenen Vortrag, vergass seiner Zuhörer Bildungsstufe und hielt eine Rede,
die im Parlament ohne Zweifel Aufsehen gemacht hätte wegen ihrer flüssigen Form
und ihrer geistreichen Hiebe gegen die anderen Parteien. In den kurzen
Kunstpausen nach den »Schlagern« sog Taiss jedesmal aus dem gegen Mund und Nase
gepressten Tuch den erquickenden Duft des Kölnischen Wassers ein und nahm einen
Schluck Cognac und Wasser.
    Der Schullehrer und der Dorfschulze, obschon sie auch nicht alles
verstanden, nickten sich, ihres Ansehens als kluge Männer halber, mehrfach
beifällig und verständnisvoll zu. Das Ende war, dass man - teils aus Respekt vor
dem Grafen, der als leutseliger Herr und Frau Försters Freund bekannt war, teils
infolge der unbewussten Reflexbewegung, die eine feurige Äusserung, auch wenn sie
unbegriffen bleibt, immer hervorruft - dass man in laute Hochs ausbrach. Taiss
glaubte mit Erfolg gesprochen zu haben und setzte sich, sehr erhitzt, aber auch
sehr zufrieden nieder.
    Einer der Herren aus seiner Begleitung erhob sich und sagte zu den Leuten,
wer etwas zu sagen oder zu fragen habe, möge getrost sich melden. Eine unruhige
Bewegung entstand, man wechselte Flüsterreden.
    »Nun?« fragte der Komiteherr aufmunternd.
    Da sagte eine Stimme aus der Menge:
    »Wat de Schneider Mühling uns segt hätt', wär ok nich von Papp'!«
    Nämlich als vor vierzehn Tagen der Sozialdemokrat hier geredet hatte - es
war dasselbe Bild gewesen, bis auf die Gestalt des Redners - jubelten die guten
Mittelbacher diesem ebenso zu wie heute der Rede des Grafen. Die
Wahlagitationsreden hatten für sie zunächst den Wert einer Unterhaltung, einer
ausserordentlichen Unterbrechung des Werktagseinerlei.
    »Aber eure Urteilskraft, meine Freunde, wird unterscheiden können zwischen
den Phrasen seiner und den tatsächlichen Daten meiner Rede!« rief Taiss.
    Wieder murmelten die Leute unter einander, und endlich erhob sich das
geflüsterte Bedenken, die heimliche Sorge zum lauten Wort. Der Name Fannys wurde
gehört. Was sie von der Sache dächte, wollte man wissen. Graf Taiss geriet in
keine geringe Verlegenheit, er kannte Fannys unbegrenzten Einfluss, er wusste, dass
sie ein Ansehen genoss, wie kein Gutsherr weit und breit bei seinen Leuten.
    Er antwortete, dass Frau Förster es abgelehnt habe, sich in dieser Sache zu
äussern, weil ihr als Frau das nicht zustehe, er verwünschte innerlich die
Gegenwart von Fannys Hausgenossen, ohne welche er wohl gewagt haben würde,
Fannys Namen geschickt zu verwerten. Ob der Baron nicht sagen könne, wie die
Herrin denke. Nein, auch Lanzenau wusste nichts zu sagen. Joachim, der plötzlich
von dem Wunsch angestachelt war, zu sehen, wie Fanny sich aus der Affaire ziehen
würde, flüsterte seinem Nebenmann zu, man solle doch hingehen und sie fragen.
    Nach einer Minute war dies das laute Geschrei, niemand wusste, wer es zuerst
gesagt, der Gedanke schien in allen entstanden. Joachim drängte sich durch die
Menge und sprang, so schnell ihn seine Füsse trugen, zum Schloss hinüber. Hier
fiel er wie eine Bombe in die Gesellschaft der Frauen, die mit Magnus um den
Tisch sassen. Magnus als Weltverbesserer und Philosoph, warm von der Universität,
träumte von einem freien Zukunftsstaat, wie solcher allezeit nur in jungen
Köpfen existirt, und hielt es demzufolge für unter seiner Würde, der
»Volksverdummungs- und Verknechtungsrede« des Grafen zu lauschen; aber davon
sagte Magnus wohlweislich nichts.
    »Was ist?« rief Fanny erschreckt.
    »Sie kommen, sie kommen!« sagte Joachim.
    »Wer?«
    »Die Leute! Sie sollen sagen, wer zu wählen sei, Graf Schmettow oder
Schneider Mühling.«
    Adrienne und Severina lachten, ebenso Magnus, die Pastorin faltete entsetzt
die Hände.
    Fanny erhob sich, den Ausdruck allergrössten Missbehagens im Gesicht.
    »Das ist stark. Gegen meinen bestimmten Willen!« sagte sie.
    »Vox populi,« meinte Joachim lächelnd.
    »Gnädige Frau,« rief der Diener, auf die Terrasse eilend, »gnädige Frau, der
Hof ist voll von Leuten, man will Sie sprechen!«
    »Ich bin nicht zu sprechen!« rief Fanny in höchstem Zorn.
    »Aber, teure Frau, jeder Widerstand ist nutzlos, das ganze Dorf ist eben zu
sehr gewöhnt, nichts ohne Ihr letztes Wort zu tun, Sie sind jahraus jahrein
immer auf ihre Interessen eingegangen, aus der Gewohnheit ist ein Recht
geworden, nun fordert man, was Sie ursprünglich nur schenkten - Ihr reiferes
Urteil,« sprach Joachim zuredend.
    »Aber in diesen Dingen will ich keins haben,« sagte Fanny verzweifelt,
»wenigstens keins, das über den Kreis meiner Lebensgenossen hinausdringt.«
    »Kommen Sie, Ihre Klugheit wird das rechte Wort finden.« Joachim nahm ihren
Arm und legte ihn in den seinen. Er führte Fanny durch Saal und Flur nach vorn.
Auf dem Beischlag ergab sich ein natürlicher Standpunkt für die unfreiwillige
Heldin dieses seltsamen Vorganges. Vor dem Beischlag stand Taiss mit seinen
Begleitern und lächelte Fanny zu - wie sie ihm später vorwarf - diabolisch
schadenfroh. Hinter Fanny drängten sich Adrienne, die Pastorin, Magnus, Severina
und Joachim.
    Letzterer konnte heimlich die Hand des jungen Mädchens fassen. Warm fühlte
er das Klopfen ihrer Pulse in seinen Fingern, und fester und fester umschlossen
diese die kleine, heisse Hand, während sein Auge an Fannys Gestalt und Antlitz
hing, welch letzteres ihm nie so stolz und bedeutend erschienen war als in
diesem Augenblick.
    Adrienne lehnte an der niedern Mauer des Beischlags. Musste Magnus sich so zu
ihr drängen, wenn er etwas sehen wollte? Sie zitterte und verharrte still. Der
Pastorin jedoch entging es nicht, dass Magnus der blassen Frau zu nahe kam, sie
zupfte ihn mahnend am Rock, worauf er einen verzweifelten Seufzer ausstiess.
    Auf dem Hofe war es so dunkel, wie es an solchem Spätsommerabend nur irgend
sein kann, aber vorn auf die Mauern des Beischlags stellte der Diener ungeheissen
die schnell entzündeten zehnkerzigen Tafelleuchter, aus den Scheunen und Ställen
rechts und links am Hofe trugen die Knechte schleunigst Stalllaternen herbei,
die, hoch auf Heugabeln getragen, hin und her baumelten. So entstand eine
phantastische Halbbeleuchtung, welche die versammelten paar Dutzend Menschen als
eine unabsehbare Schar erscheinen liess, nur Fanny stand im grellen Licht.
    Ihr Gesicht war bleich, sie sah kühl über die Menge hin und fragte:
    »Was wollt ihr? Was soll der Aufzug?«
    Ihre Altstimme hallte über den nächtlichen Raum und wurde in den fernsten
Ecken gehört.
    »Wir wollen wissen, ob wir konservativ oder sozialdemokratisch wählen
sollen!« schrieen einige.
    Es wurde Fanny wahrhaftig schwer, nicht knappweg »konservativ« zu antworten.
Die unglückliche Gegenüberstellung »sozialdemokratisch« verursachte die
Aufwallung. Für ihr Frauengefühl lag in dem Wort die Verdammung und Umstürzung
von allem, was sittlich und ästetisch ist, aber sie bezwang sich und sprach:
    »Seit wann sind Reichstagswahlen ein Weibergeschäft? Ihr seid Männer und
müsst wissen, was ihr wollt. Mein Amt als Gutsherrin und Kirchenpatronin habe ich
allezeit erfüllt ...«
    »Hoch, Frau Förster!« schrie die Menge.
    »Aber was darüber hinausgeht,« fuhr Fanny fort, nachdem sie die
Unterbrechung, ohne eine Miene zu verziehen, angehört, »aber was darüber
hinausgeht, ist vom Uebel.«
    »Sehr verständig, eine seltene Frau!« sagte der Schulmeister zum
Dorfschulzen.
    »Aber Sie können doch sagen, ob wir dem Grafen Schmettow-Brunshagen oder dem
Schneider Mühling mehr vertrauen sollen!« rief wieder eine Stimme.
    »Wenn ihr mich fragt, was die bessere Sache sei, kann ich nicht antworten,
aber wenn ihr wissen wollt, wer der bessere Mann ist, dann will ich euch dies
sagen: der Schneider Mühling lebt von den Sammlungen, die seine
Gesinnungsgenossen unter sich veranstalten, also von der Arbeit anderer; er
zieht im Land umher, hält Reden, isst und trinkt gut, sein Weib und seine Kinder
leben in höchster Not in Berlin. Der Graf von Schmettow tut, wie ihr alle wohl
vom Hörensagen lange wisst und ich euch bestätigen kann, für seine Brunshagener
unendlich viel Gutes, er hält auf seine Kosten eine Schule und ein Krankenhaus,
er ist ein milder und gerechter Herr gegen seine Leute. Nun urteilt selbst, wer
der bessere Mann ist.«
    »Hoch, Graf Schmettow! Hoch, Frau Förster!« riefen die befriedigten Leute
und schoben, sich wendend, dem Hoftor zu.
    Graf Taiss trat zu Fanny und küsste ihr die Hand.
    »Ich dankte im stillen dem Zufall, der es fügt, dass nicht unser Kandidat ein
flotter Lebemann und der Schneider ein katonischer Mustermensch ist, sonst
hätten wir riskirt, den Schneider gelobt zu hören,« sagte er lachend.
    Auch Fanny lachte, sie war mit sich zufrieden.
    Die Gesellschaft kehrte auf die Terrasse zurück, ein merkwürdiger Übermut
ward in allen wach. Fanny beorderte Sekt und sagte, dass man ihr Debüt als
Rednerin feiern müsse. Joachim bedauerte, dass so wenig Damen zugegen seien,
sonst müsse man einen Ball improvisiren. Aber die drei Anwesenden genügten,
meinte Magnus. Fanny liess die Lichter der Krone im Saal anzünden.
    Aber Lanzenau, der hätte spielen sollen, schien verstimmt und bestand
darauf, mit Pastors und den Gästen zwei Whisttische zu arrangiren. Fanny war
durchaus nicht aufgelegt. So setzten sich Lanzenau, Taiss und einer der Fremden
zum Spiel mit dem Strohmann nieder, während das Ehepaar mit den anderen beiden
Fremden den zweiten Tisch nahm.
    Joachim aber bat und schmeichelte wie ein verzogener Knabe, dass Fanny nur
einen, einen Walzer für sie spielen möge. Adrienne hatte rote Backen und war
sehr vergnügt; als auch sie bat und hinzusetzte, dass sie fast noch nie getanzt,
gab Fanny gutmütig nach, doch nicht ohne zu sagen, dass hier ja im September
genug Gelegenheit sei.
    So sass denn Fanny am Flügel, der an der einen Schmalwand des langen Saales
stand, und spielte den Fledermauswalzer. Sie sass im Profil dem Saal zugewendet,
und obschon ihre Blicke auf den Tasten lagen, bemerkte sie doch die beiden
vorbeidrehenden Paare.
    Was das für ein Zauber in so einem Straussschen Walzer ist, er weckt
bacchantische Lust in denen, die seinem Rhytmus tanzend folgen, er umspinnt die
Seelen derer, die ihn spielen und hören, zuweilen mit tiefster Melancholie.
    Fanny wurde seltsam zu Mut, ganz traurig und verlassen, sie, die eben als
Mittelpunkt, als Herrin der ganzen Gegend auf eine Weise gefeiert worden war,
wie in der Form wenigstens noch nie eine Frau, sie sass als gute alte Tante hier
am Klavier, um den anderen ein Vergnügen zu vermitteln. Fanny war gekränkt, sie
hätte weinen können, und noch seltsamer, ihr Verstand kontrollirte dieses
unlogische Gefühl und schalt es dumm, unverständig; niemand wollte sie kränken,
am wenigsten die vier harmlos lustigen jungen Menschen und am allerwenigsten
Joachim, das wusste sie; vielleicht dachte er in seiner grossen Verehrung
überhaupt nicht daran, dass man auch mit Fanny tanzen könne, und sie - sie bekam
eine unbändige, unüberwindliche Lust, nur einmal mit Joachim herumzuwalzen.
Weshalb er überhaupt nicht sein Bedauern darüber ausdrückte, dass es unmöglich
sei? Und dabei spielte sie unaufhörlich die süssen, wiegenden Melodien, und dabei
tanzte Joachim rastlos mit Severina.
    Schliesslich waren beide Teile ermattet, die Spielerin und die Tänzer. Da
ergriff Joachim ein gefülltes Spitzglas mit Champagner und rief, es erhebend:
    »Die gütigste und beste der Frauen, Fanny, die Einzige, soll leben!«
    Er stiess in der Runde an, die Spieler gesellten sich lachend zur Gruppe.
Fanny klang ihr Glas gegen das Joachims und sah ihm glücklich lächelnd in das
offene, jetzt von Ausgelassenheit strahlende Gesicht, dann fand Joachim sich zu
Severina, stiess mit ihr an, unbemerkt vertauschten sie die Gläser, und mit einem
heissen Wechselblick trank jeder an der Stelle, die des andern Mund berührt.
 
                               Siebentes Kapitel
Der Monat September war auf Mittelbach unweigerlich dem Vergnügen gewidmet. Die
Ernte auf allen grossen Gütern der Gegend war eingeheimst, der gesellige Verkehr,
der im Sommer fast schlummerte, begann mit dem Besuch in Mittelbach. Graf Taiss
mit seiner Gemahlin und deren Schwester wohnten dann einige Wochen bei Fanny,
die eine entfernte Verwandte der beiden Damen war; ferner erschien als
regelmässiger Gast ein Herr von Dören mit seiner Gattin. Beide Familien wohnten
zu entfernt, um nach etwaigen Festlichkeiten, wie die Gutsnachbarn pflegten,
abends wieder heimfahren zu können.
    Fanny erwies ihren Bekannten dann Gastfreundschaft im grössten Stil. Bei
aller Freiheit, welche die Hausordnung jedem einzelnen liess, gestaltete sich das
Zusammenleben bei ihr doch unwillkürlich etwas anders als zum Beispiel beim
Grafen Taiss, wo man sich im November versammelte. Da ein Hausherr fehlte, nahm
man erhöhte Rücksichten auf die Hausfrau und die Damen überhaupt. Anstatt
ausgedehnter Billardpartien, langer Sitzungen im Rauchzimmer und dergleichen gab
es für die Herren mehr Unterhaltung mit den Damen zusammen. Zwar gingen sie
zuweilen früh morgens unter Joachims Führung auf die Jagd - Lanzenau musste sich
oft davon fern halten, weil ein feuchter Morgen ihm unfehlbar einen leisen
Ischiasanfall brachte, doch war dies sein Geheimnis, und er gab vor, kein
Vergnügen mehr an der Jagd zu finden - allein der übrige Tag sah sie mit den
Damen bei Spazierfahrten, beim Lawntennies, am Schiessstand, auf Kahnpartien. Zum
Diner, das in dieser Zeit um sechs Uhr stattfand, machten die Damen besondere
Toilette, wobei ein gewisser wetteifernder Luxus nicht fern blieb. Abends setzte
sich zuweilen jemand an den Flügel, zum Tanz aufzuspielen, oder es gab ein
Dilettantenkonzert, dessen Kosten Lanzenau, Joachim und die Schwester der Gräfin
Taiss, das Fräulein von Grävenitz, trugen.
    In diesen rauschenden Tagen erwachte Adrienne zu neuem Leben; das war eine
Art zu sein, wie sie es geträumt hatte. Alles, was Sorge, Entbehrung,
Unfreundlichkeit, Langeweile hiess, schien nicht zu existiren, man hatte keine
Zeit, über seelische Zustände zu grübeln, hier war nicht von Pflichten, von
Selbsterziehung, von Beschränkung die Rede, all die verschiedenen Charaktere
lebten in heiterster Harmonie neben und mit einander, niemand schien irgend
einen lieben Eigenwillen zu opfern, und doch hatte jeder neben dem andern Platz.
    Seltsam, und sie und Arnold hatten nicht einmal in ihrer Einsamkeit zusammen
Platz gehabt, das musste unleugbar an Arnold gelegen haben, denn da sie hier
gegen niemand anstiess, ja, im Gegenteil sich dem Kreis einfügte, als habe sie
immer in demselben gelebt, so war damit erwiesen, dass ihm alle Schuld an ihrem
kalten Verhältnis zuzuschreiben sei. Adrienne äusserte das einmal gegen Fanny,
als diese ihre Freude aussprach, die Schwägerin so aufblühen zu sehen.
    »Aber, mein Kind,« sagte Fanny ernst, »die Gemeinsamkeit in einem Vergnügen
ist doch ein ander Ding als die Gemeinsamkeit in einer Ehe. Die Anforderungen
für die erste sind die leichtesten, die an Menschen gestellt werden können, man
braucht sich bloss von seiner vorteilhaftesten Seite zu zeigen, was jeder schon
aus Eitelkeit tut. Die Anforderungen für die zweite sind die schwersten, die an
uns ergehen können, da sollen wir just die unvorteilhafte Seite des andern mit
Demut und Liebe ertragen, was natürlich nur nöglich ist, wenn wir uns
vorstellen, dass der andere ja ebenso auch unsere Unerträglichkeiten geduldig
trägt. Zum Glück ist in rechten Ehen diese Erkenntnis dann die Meisterin, sie
bröckelt hier und dort Schroffen ab, bis beide Charaktere glatt zusammenpassen.«
    Adrienne bereute sogleich, von Fanny eine solche Belehrung herausgefordert
zu haben.
    Sie besass jetzt in Fräulein von Grävenitz eine bessere und
verständnisvollere Freundin. Das Fräulein, noch jung genug, um von der Zukunft
irgend etwas Besonderes zu erwarten, und doch zu alt, um sich zu Severina oder
gar zu der lustigen kleinen Frau von Dören zu gesellen, hatte alsbald in
Adrienne die geeignete Zuhörerin für ihre Erinnerungen und Phantasien erkannt,
die sie laut vorzutragen liebte. Sie war in jungen Jahren verlobt gewesen, der
Bräutigam wurde indes vom Grafen Taiss auf Wegen betroffen, die eine Verbindung
mit Lucy von Grävenitz unmöglich machten. Lucy wollte selbst den Beweisen nicht
glauben, dass ihr angebeteter Artur nur mit ihrem Vermögen den Aufwand zu
bestreiten dachte, den eine berüchtigte Tänzerin in der Residenz trieb. Mit
einer Zähigkeit, die bis zur Unwürdigkeit ging, hielt sie an ihm fest.
Glücklicher- oder unglücklicherweise fallirte damals der Bankier der alten Frau
von Grävenitz und brachte sie um den grössten Teil ihres Vermögens.
Augenblicklich löste Artur seine gegen den Willen der Familie noch heimlich
unterhaltenen Beziehungen zu Lucy.
    Diese, obschon anfangs wahrhaft trostlos, suchte später in der Literatur
Trost; das gebrochene Herz blieb ihre Spezialität, sie schrieb Romane, in
welchen viel von der Knechtung der Frau, der Notwendigkeit ihrer Befreiung und
der Gleichberechtigung der Geschlechter die Rede war; jeder Held sah übrigens
aus wie ihr bleicher Artur mit dem schwarzen Vollbart; ihre Romane hatten zur
Verzweiflung des Grafen Taiss, dank einer gewissen Ueberschwenglichkeit,
Schönfärberei, lebendigen Phantasie und versteckten Sinnlichkeit, viel Erfolg.
    Das Fräulein von Grävenitz also, die sich, nebenbei gesagt, auch zu Taiss'
Verzweiflung nicht der Mode gemäss, sondern »individuell« kleidete, das heisst in
rot- oder gelbseidenen Blusen und mit einer Goldspange im schwarzen Lockenhaar
einherging, während ihren Unterkörper ein weisser oder schwarzer, faltiger
Seidenrock umwallte - das Fräulein hatte sich an Adrienne geschlossen, ihr ihre
Märtyrergeschichte der Vergangenheit und Gegenwart erzählt und Adrienne auf den
Kopf zugesagt, dass sie mit einem Manne nicht glücklich sein könne, der die
Barbarei habe, sein junges Weib zu verlassen. Die Zwangspflichten, die für einen
tüchtigen Mann aus seinem Beruf entstammen können, erkannte das Fräulein nicht
an, über so gemeine Fragen wie Broterwerb und die Nötigung, deshalb einen Beruf
zu haben, dachte sie nicht nach; natürlich gab ihr Adrienne zu, dass ihrem Leben
allerdings die rechte Wärme fehle, aber ein volles Geständnis ging ihr doch
nicht über die Lippen.
    Alle anwesenden Männer fand Lucy grässlich, mit der einzigen Ausnahme von
Magnus.
    »Es sind alle Barbaren! Dieser alte Geck von Lanzenau mit seinem
steifbeinigen Gang - ah, wie schritt mein Artur stolz dahin! Dieser Herr von
Dören - sieht er nicht mit seiner geraden, abgestumpften Nase, seinen
Schlitzaugen und seinem auseinander gesträubten Schnurrbart aus wie ein Kater?
Ach, Sie hätten Arturs wundervollen Bart sehen sollen! Und dann Ihr Schwager!
Pardon - aber diese blonden Jünglinge mit dem plebejischen Vergnügen am Dasein
sind mir entsetzlich, wenn ich an die interessante Schwermut meines Arturs
denke! Haben Sie meinen Roman Erfrorene Herzen gelesen? Darin habe ich ihm ein
Denkmal gesetzt. Von Taiss spreche ich nicht erst, dieser Tyrann meiner Tage wäre
meines Hasses würdig, wenn meine arme Schwester sich nicht einbildete, von ihm
glücklich gemacht zu werden. Lassen wir ihr die Illusion, sie kennt nichts
Besseres! Aber dieser junge Doktor Hesselbart - ach, Adrienne, er hat so einen
gewissen Augenaufblitz hinter seinem Lorgnon. Adrienne, er gilt Ihnen, dieser
Aufblitz - Sie sind Magnus nicht gleichgiltig. Arme Freundin, dieser Mann wäre
Ihrer würdig, er verstände Sie! Erwidern Sie sein Gefühl? O - Sie können mir
vertrauen, ganz vertrauen, ich will Sie und ihn schützen gegen eine Welt von
Philistern!«
    »Aber wohin denken Sie,« stotterte Adrienne bestürzt, »ich bin verheiratet
und - und - und liebe meinen Mann.«
    Lucy schloss die Freundin in die Arme, in stummer Rührung über den Heldenmut
des Herzens, das zu stolz war, Leiden zu gestehen.
    Magnus hatte seinerseits das ihm von Lucy geschenkte Wohlwollen bald
herausgefühlt und halb belustigt, halb, um diesen Typ eines Blaustrumpfs zu
studiren, fand er sich immer in ihrer Nähe ein, wo natürlich auch Adrienne meist
weilte.
    Die kleine Frau von Dören spottete darüber und nannte sie »die drei
Gebildeten«. Fanny sah indes diese Intimität mit heimlichem Unbehagen, ihr ein
Ziel zu setzen, daran war nicht zu denken; die einzige Hoffnung blieb, dass der
skeptische und vernünftige Magnus allezeit das Gegengewicht zu den überspannten
Lebensanschauungen des Fräuleins hergeben werde.
    Fanny war in dieser Zeit sehr glücklich.
    »Ich weiss nicht,« sagte sie einmal zu Lanzenau, »wie das so kommen mag -
seit vielen Jahren habe ich immer im September diese oder andere lieben Gäste
gehabt, aber es hat mich nie so gefreut wie diesmal. Wie schön ist doch das
Leben, wenn man es mit guten Menschen teilen darf!«
    Lanzenau blickte ihr beunruhigt in die strahlenden Augen, das
verhängnisvolle Fragewort: »Ist auch einer unter uns, von dem der neue
Sonnenschein ausgeht?« kam ihm zum Glück nicht von den Lippen, er bezwang sich.
    »Ja, es ist schön, liebe Fanny, und es ist am allerschönsten, dass Ihr
Glücksgefühl der innern Zufriedenheit ihrer Seele und der äussern Klarheit Ihres
Lebens entspringt; möge das so bleiben, und möge ich allezeit meinen alten Platz
an Ihrer Seite behalten!«
    »O gewiss, mein Freund, Sie sind mir der Nächste meinem Herzen. Sie wissen es
... bitte, bitte, Achim - ein Wort ...«
    Joachim ging unfern mit Dören vorüber, er lief auf Fanny, Fanny auf ihn zu.
    »Nur ein Wort ... sind die Schiessstände in Ordnung?«
    Dören, Joachim und sie besprachen die Einzelheiten des für den Nachmittag
geplanten Wettschiessens. Lanzenau stand vergessen von fern.
    Lanzenau schloss die Augen, er war blass geworden, langsam ging er tiefer in
den Park hinein, seine Füsse trugen ihn nicht weit, er stand an einer Buche
still, legte die Handflächen gegen den Stamm und die Stirn gegen die Hände.
    »Unmöglich,« dachte er, »unmöglich! Es kann nicht, es soll nicht sein!
Vielleicht wird sie nicht erkennen, was jetzt in ihr keimt, es verdorrt im
Beginn, gewiss, ganz gewiss, denn er ist ein unbefangener Jüngling, er wagte es
nicht einmal, davon zu träumen, das sieht man wohl. Sie muss blind bleiben, sie
muss!«
    Er stöhnte schwer.
    Nein, das nicht, nur das nicht! Sein Lebenlang neben Fanny hergehen, ohne
sie zu besitzen - ja, aber sie einem andern überlassen - nie! Sechzehn Jahre in
Treue einem Weibe gehören und dies Weib dann einem hübschen jungen Menschen
geben müssen? - Lieber diesen niederschiessen wie ein Stück Wild.
    Aber wie - wenn der sie wieder liebte, wenn ein Tag käme, wo er ihre Neigung
merkte und dann - schon aus Vorteilsgründen - sich erklärte? Aber nein, einer
Berechnung war Joachim nicht fähig. Doch welcher junge Mann würde kalt und
unempfindlich bleiben, wenn eine Fanny ihn liebte?
    Lanzenau dachte an seine Jugend zurück, er lächelte schmerzlich. Joachim
müsste kein Mensch von Fleisch und Blut, er müsste eine Puppe von Zeug und
Hobelspänen sein, wenn er kalt bleiben sollte bei der Liebe einer schönen Frau.
    Und gab all seine Treue ihm denn ein Recht, von Fanny etwas zu fordern?
Seine Hand hatte sie mehrfach ausgeschlagen; durfte er erwarten, dass sie
seinetwegen ihr Leben als Nonne beendigen würde?
    »Sie muss blind bleiben,« dachte er, mit Gewalt sich zu vernünftiger Fassung
zwingend, »aber ich muss hell sehen!«
    An diesem Tage erschienen Gäste aus der Nachbarschaft zu dem Wettschiessen,
das Fanny anberaumt hatte. Die Schiessstände lagen neben der Parkgrenze am Ufer
der Elbe, man wanderte gemeinsam durch den Park dahin; es war bald nach dem
zweiten Frühstück und die Damen noch alle in ihren Morgenkleidern.
    »Du bist reizend,« flüsterte Joachim Severina zu, die er jetzt zu ihrer
beider Qual immer nur in Gegenwart aller sehen konnte, höchstens gestattete
ihnen abends der Tanz oder eine Promenade im Park einmal die Gelegenheit zu
einem innigen Händedruck, der der einzige Dolmetscher ihrer Sehnsucht bleiben
musste.
    »Still!« entgegnete Severina ebenso; »was wagst Du?«
    Herr von Dören ging an ihrer andern Seite, plauderte aber lebhaft mit der
Gräfin Taiss, die er führte und bei der er seit Jahren eine neckische
Courmacherei anzubringen suchte, die sie mit Humor und Grazie ermunterte, um sie
immer wieder zurückschlagen zu können. Joachim war deshalb unbesorgt.
    »Ich vergehe,« flüsterte er weiter; »kann ich Dich denn nie einmal in Musse
sehen?«
    Severinas Kniee bebten. Wenn jemand ihr Geflüster bemerkte!
    »Bitte?« fuhr er fort.
    Ach, wie leidenschaftlich, wie unsäglich gern hätte auch sie ihm einmal
wieder voll und heiss ins Auge geschaut.
    »Wann soll - wann kann ich?«
    »Heut abend, wenn im Pastorenhause alles schläft.«
    »Nein, mein Zimmer liegt neben dem der Mutter, sie wacht bei jedem Laut.«
    »Heut nach Tisch - im dunklen Park - an der Stelle, wo ich Dich zuerst
gesehen. Schleiche Dich weg, es sind so viele Menschen da, man vermisst uns
nicht.«
    Severina nickte stumm, ein schneller Blick fuhr wie ein sengender Blitz
zwischen ihnen hin und her.
    Das Gespräch ward dann unter den vier Zusammenwandernden durch eine Frage
Dörens ein allgemeines. Sie kamen zuletzt am Schiessstand an.
    »Natürlich,« sagte Frau von Dören lachend, »mein Mann war zu sehr mit den
schönen Augen der Gräfin beschäftigt. Lieber Taiss, ich glaube, wir raffen uns
doch noch zur Eifersucht auf.«
    »Lasst das nur,« sprach Dören, sein Weibchen um die Taille fassend, »die
Niederlagen bei der gnädigsten Gräfin sind mir als Gegengewicht Deiner zu grossen
Liebe sehr gesund, Du siehst, ich tue selbst das Möglichste, um mich vor
Eitelkeit zu bewahren.«
    »Auch eine Form der Selbsterziehung,« meinte Taiss heiter.
    »An die Gewehre, meine Herrschaften, an die Gewehre!« mahnte Lanzenau.
    Die Schiessstände, es waren ihrer zwei, zeigten sich dem Bedürfnis der
lustigen Gesellschaft angepasst, an dem einen boten sich den Damen Ziele dar, wie
man sie in Schiessbuden auf Jahrmärkten sieht, an dem andern konnten die Herren
ihre Zielsicherheit an einer Scheibe bewähren. Fanny hatte zwei Preise
gestiftet, für die schussfertigste Dame lag ein kostbares Jagdgewehr, für den
besten Schützen ein sehr wertvoller Spitzenfächer bereit.
    »Man sieht,« sagte Fanny, »mich hat die ruchlose Absicht geleitet, die
Sieger in peinlichste Verlegenheit zu bringen, denn sie sollen ihren Preis einer
Dame respektive einem Herrn der Gesellschaft hier an Ort und Stelle verehren.«
    »Paris' Verlegenheit war ein kleiner Embarras gegen die Wahlschwierigkeit
des Fächergewinners,« sagte Herr von Dören; »zum Glück bin ich ein schlechter
Schütze und komme somit gar nicht in Gefahr, mir durch eine Huldigung viele
Feindinnen zu machen.«
    »Und was mich anbetrifft,« rief Frau von Dören, »erkläre ich mich bei dem
Fächer hors de concurrence, hoffe hingegen, über das Jagdgewehr verfügen zu
dürfen!«
    Auf dem Platz unter den alten Baumriesen, die zum Park gehörten, waren
Stühle, Tische und ein kleines Buffet errichtet. Adrienne und Fräulein von
Grävenitz setzten sich zusammen; die erstere hatte nicht allzu viel Interesse an
dem Sport, die letztere fand Schiessen eine kavaliermässige Kunst, aber für Damen
dünkte es sie selbst im Scherz abscheulich; jedesmal, wenn die Reihe, deren
Folge man ausgelost hatte, an sie kam, drückte sie zitternd, erst nach langem
Zureden und mit einem Schrei die harmlos geladene Flinte ab, natürlich mit
geschlossenen Augen ins Blinde hinein.
    Fanny und die Gräfin Taiss hatten keine ruhige Hand, Adrienne war überhaupt
kurzsichtig. So stritten Severina und Frau von Dören um den Sieg. Die Herren
sahen eifrigst interessirt zu, man lachte und wettete sogar.
    Triumphirend behielt die kleine Frau den Sieg, den sie sich prophezeit.
    »Das Gewehr - das Gewehr!«
    »Erst sollen die Herren auch so weit sein,« bestimmte Fanny.
    Es waren unter den Gästen aus der Nachbarschaft einige bekannte Schützen.
Das Spiel, welches bisher nur Amusement gewesen, nahm sofort den Charakter eines
leidenschaftlichen Sports an. Magnus und Herr von Dören traten alsbald
freiwillig aus der Reihe. Mit Spannung, ja, mit einem fieberhaften Eifer wurden
die Schüsse erwartet, beobachtet, notirt.
    Und Joachim traf mit spielender Leichtigkeit, ohne langes Wägen, jedesmal
den Kernpunkt.
    Es war am Ende nicht etwas so Erstaunliches, in einer Kunst, die
hauptsächlich Uebung, sichere Hand und scharfes Auge erfordert, zu glänzen,
zumal für einen Mann von Joachims Erziehung und Beschäftigung; aber Fanny war
sehr stolz auf seine Fertigkeit und konnte sich nicht genug tun, sie zu
bewundern. Gewandteit in solchen Künsten ist dem Mann in den Augen jeder Frau
vorteilhaft.
    Joachim sagte zuletzt, als die ganze Gesellschaft sich schon bewundernd um
ihn und einen der heutigen Nachmittagsgäste drängte, während die anderen Herren
sich für besiegt erklärten, dass man so nie zur Entscheidung kommen werde und ob
sie nicht ein anderes Ziel nehmen wollten.
    Taiss schlug vor, eine Visitenkarte auf einen hohen Stecken zu befestigen und
diesen im Felde weit hinter der Scheibe aufzupflanzen. Als man noch, aufgeregt
wie über eine wichtige Sache, darüber debattirte, flog eine Krähe aus den
Gipfeln der Parkbäume in hohem Fluge schräg über den Fluss.
    »Aufgepasst!« sagte Joachim, zielte - alles hielt den Atem an - und drückte
ab.
    Schwer schoss das Tier durch die Luft herab in den breiten Strom.
    »Ich ergebe mich,« sprach Joachims Konkurrent, »das wäre ich nicht im
stande.«
    »Es ist nicht viel dabei,« meinte Joachim.
    »Das hab' ich mir gedacht,« sagte Fanny triumphirend; »Sie sind allen
überlegen.«
    Lanzenau, der das hörte, lächelte bitter.
    »Aber nun die Preise!« rief Frau von Dören. Sie erhielt das Gewehr und
sprach zu ihrem Gatten: »Du meinst natürlich, meine Schwäche für Dich gehe so
weit, dass ich Dir und keinem andern dies Geschenk mache, aber die Stunde ist
gekommen, mich zu rächen; Graf Taiss, empfangen Sie dies als Zeichen meiner
besondern Gunst.«
    »Meine Gnädigste, ich werde mich bestreben, sie zu verdienen, und nehme dies
pränumerando als Lohn,« sagte der Graf mit einer übertrieben tiefen Verneigung.
    Während dieses kleinen Vorgangs konnte Joachim sich entscheiden, welcher
Dame er den Fächer geben wolle, den Adrienne gerade in der Hand hielt und
verlangend besah, aber seiner Schwägerin konnte er doch unmöglich das Geschenk
überreichen; es hätte sich wohl geschickt, ihn Fanny, seiner gütigen Herrin, als
Huldigung zu Füssen zu legen, aber er fand, dass es im Grund ein Unsinn wäre,
Fanny den Fächer zurückzugeben, den sie selbst angeschafft, obenein, da sie, wie
er zufällig wusste, einen reichhaltigen Vorrat von Fächern in allen Formen und
Stoffen besass, und in Severinas Seele brannte das Verlangen, von seiner Hand vor
allen Anwesenden ausgezeichnet zu werden, das wusste er, obschon er sie mit
keinem Blick ansah.
    Man bemerkte die Zweifel auf seinem Gesicht und lachte ihn aus.
    Darauf trat er an Fanny heran und fragte leise:
    »Fände unsere gnädige Königin es nicht am taktvollsten, wenn ich den Fächer
der einzigen Dame im Kreise schenke, die nicht im stande ist, sich einen solchen
zu kaufen?«
    »Das ist ein hübscher Gedanke,« sagte Fanny, von seinem Zartgefühl entzückt,
»sie wird ebenso überrascht als beglückt sein.«
    Und Joachim überreichte der erglühenden Severina den Fächer mit einer so
förmlichen Verbeugung, als sei sie ihm wildfremd. Das wäre nun niemand
aufgefallen und jeder hätte die Förmlichkeit für die komisch-feierliche Betonung
des Vorgangs genommen, wenn nicht Lanzenau allein, seit einiger Zeit Joachim
gegenüber immer auf dem Beobachterposten, das fremd-höfliche Gesicht des jungen
Mannes um so sonderbarer gefunden hätte, je mehr ihm vorher ein rascher Blick
aufgefallen war, mit dem Joachim und Severina sich begegneten.
    Er beschloss, fortan auch das Mädchen im Auge zu behalten, eine unbestimmte,
freudige Hoffnung beschlich ihn. Wenn diese beiden im Begriff wären, sich zu
finden oder wohl gar schon sich gefunden hätten ... dann zog die Gefahr an ihm
vorüber und über Fannys Haupt dahin wie eine Wetterwolke, die mit fernem
Blitzgeleuchte droht, aber ihre Flammen nicht über uns entladet.
    Der Zufall war ihm günstig. Noch am selben Abend, als die Gesellschaft sich
im Saal, auf der Terrasse und im Spielzimmer zwanglos verteilt hatte und
Lanzenau suchend von einem Raum in den andern ging, sagte man ihm im Saal,
Fräulein Severina sei auf der Terrasse, und auf der Terrasse, sie sei im Saal.
Nach Joachim, der auch fehlte, fragte er nicht, er ging ohne weiteres in den
Park.
    Es war stockdunkel, der Mond sollte erst später aufgehen, Lanzenau verirrte
sich mit seinen sorgsam vorwärts tastenden Füssen mehrmals auf einen Rasensaum
oder ein Blumenbeet, einmal geriet er auch in einen grossen, wilden Rosenbusch,
die stacheligen Zweige, die wider seine Brust schlugen, verwickelten sich in die
Schnur seines Monocles. Ingrimmig versuchte er loszukommen, er riss und riss und
hatte nur den Erfolg, dass die Schnur entzwei ging und am Busche mitsamt dem
Augenglas hängen blieb.
    Plötzlich hörte er in unmittelbarer Nähe Stimmen. Er erinnerte sich, dass das
Gebüsch von wilden Rosen dicht bei der grossen Tanne mit der Rundbank sich
befand; aber die, denen die Stimmen gehörten, mussten eben erst von der andern
Seite ankommen, sonst hätten sie das Geräusch in den Zweigen gehört, das seine
greifenden Hände gemacht.
    Worte konnte Lanzenau nicht verstehen, Gestalten nicht einmal in den
Umrissen erkennen, nur das ward ihm alsbald aus den Lauten, die sein Ohr
vernahm, sehr deutlich, dass ein Liebespaar dort sass. Aber wer sagte ihm, dass es
nicht jemand aus dem Dorf oder jemand von den Dienstboten sei? Er zog sich
zurück und näherte sich auf dem direkten Weg dem Hause. Hier, wo das Licht den
Platz unter den Linden matt erhellte, lehnte er sich an einen Stamm und rauchte
geduldig eine Cigarrette. Wenn die, welche sich dort küssten, ins Haus gehörten,
mussten sie den Lichtkreis durchschreiten oder doch an seiner Grenze hinhuschen.
Und richtig - da floh ein weibliches Wesen in weissem Kleid vorbei und um das
Haus herum, wahrscheinlich, um vorn einzutreten. Severina allein trug heute
weiss; und da kam auch Joachim, ganz gemächlich, eine Cigarrette im Munde,
schritt er mitten durch den hellsten Lichtschein gerade auf die Terrasse zu.
    Lanzenau atmete tief auf, ein Alp fiel von seiner Brust. Dass die jungen
Leutchen ihre Liebe noch geheim hielten, war ja bei Joachims Vermögenslage ganz
natürlich, und dass Fanny von dieser Liebe ganz allmälich Kenntnis bekam, so
vorsichtig, dass ihre Gedanken sich daran gewöhnten, ehe ihre Seele voll für
Joachim aufflammte, das sollte seine, Lanzenaus, Sorge sein, auch nahm er sich
vor, all seine Verbindungen bis zur äussersten auszunützen, um für Joachim eine
Administratorenstellung zu suchen, die diesen in den Stand setzte, Severina zu
heiraten. Vielleicht fand Fannys sichtliche Schwäche für Joachim voll
Befriedigung und Freude, wenn sie mütterlich für ihn und seine Braut sorgen
durfte. Bei Fanny war kein Ding unmöglich, wenn ihre Gefühle für Joachim
vielleicht nur jenes Gemisch von Mütterlichkeit und weiblicher Zärtlichkeit
waren, dessen Grundton wunschlose Resignation ist, dann wollte Lanzenau ihr
beistehen, dies Gefühl ganz zu sättigen, und ihr helfen, ihn sehr glücklich zu
machen.
    Mit freudigem Herzen kehrte er in die Gesellschaft zurück.
    Alsbald, da er dort seine Meinung über eine neue Photographie der Gräfin
Taiss abgeben sollte, vermisste er sein Monocle. Jedermann half suchen, bis
Lanzenau sagte, es sei unnütz, er habe es im Freien verloren.
    Am andern Morgen entdeckte Severina es am Rosenbusch, ein unnennbarer
Schreck überwältigte sie einen Augenblick, gegen Mittag fand sie Gelegenheit,
Joachim davon zu sagen, auch diesem war der Gedanke nicht sehr rosig, dass
Lanzenau sie belauscht haben könne.
    »Wenn er es Fanny sagt,« meinte Severina zitternd.
    »O, Fanny - das macht nichts, die hält viel von mir, das merke ich wohl, sie
geht reizend mit mir um - wenn sie mich so Achim nennt, denke ich immer, meine
Mutter könnte es nicht gütiger gesagt haben,« sprach Joachim mit nachdenklichem
Gesicht; »aber es ist mir um Dich - wegen des Gezeters, das die Pastorin dann
ohne Zweifel anfängt, und es ist wegen Arnold, dem Adrienne es schriebe, er hat
schon so viel Opfer und Sorgen für mich gehabt im Leben und ich bin ihm deshalb
Gehorsam schuldig, er aber hat mir oft aus Herz gelegt, mich nie zu binden, ehe
ich nicht eine Frau ernähren kann, damit stürzte ich nur zwei Familien in Sorgen
und trübte meine und eines Mädchens Jugendfreude.«
    »Du bist nicht gebunden,« rief sie heftig, »ich will Dir und niemand eine
Last sein, habe mich nur eine Weile lieb, nachher sei frei - geh und lass mich
sterben!«
    »Aber, Närrchen,« flüsterte er, neu von ihrer Leidenschaftlichkeit entzückt,
»wer spricht von solchen Dingen! Uebrigens ist es ja noch gar nicht ausgemacht,
dass Lanzenau gerade am Rosenbusch stand, wie wir unter der Tanne sassen. Gib mir
das Augenglas, wenn ich es ihm überreiche, soll die Situation zwischen ihm und
mir wenigstens klar werden.«
    »Herr Baron,« sagte Joachim, als man bei einander stand, des Dieners
Meldung, dass servirt sei, erwartend, »Sie haben Ihr Glas gestern abend am
Rosenbusch verloren, hier ist es.«
    dabei sah er ihn herausfordernd an. Lanzenau zwinkerte mit den Augen sehr
lustig und sehr wohlwollend.
    »Hat Severina suchen helfen?« fragte er, und klopfte Joachim auf die
Schulter.
    »Wenn sie es getan hätte,« sagte Joachim halblaut, mit einem herzlichen
Bittton in der Stimme, »dann würden Sie gewiss nicht die Indiskretion haben, es
irgend jemand zu erzählen.«
    »Gewiss nicht, gewiss nicht, mein Lieber, ausgenommen, es wäre zu eurem Glück.
Junge Leute in eurer Lebenslage können oft einen deus ex machina brauchen.«
    »Wenn Sie den Beruf in sich fühlen, diesen für uns zu spielen,« erwiderte
Joachim heiter, »werde ich der letzte sein, es Ihnen zu verbieten; aber selbst
in diesem Falle muss ich ernstlich bitten, immer nur mir die Mitteilung einer
Tatsache zu überlassen, die mein Bruder durchaus von mir und durchaus an einem
geeigneten Zeitpunkt erfahren muss, soll sie ihn nicht verstimmen.«
    Was blieb Lanzenau übrig, als sein Wort zu geben; aber diese Fessel liess ihm
immer noch die Freiheit, dem jungen Paar der fördernde Schutzgeist zu sein und
auch Fanny unauffällig und indirekt zur Erkenntnis zu leiten.
                                 Achtes Kapitel
Die Zeit der Unruhe im Schloss war auch für die Pastorenfamilie eine
Unterbrechung der gewohnten stillen Tätigkeit. Die Tagesordnung ward verschoben
und begann noch früher als sonst, denn jeder musste die Nachmittagsstunden, die
an der Geselligkeit verloren gingen, einholen. Der Pastor arbeitete in der
Morgenfrühe an seinen Predigten, die er das ganze Jahr nicht mit so viel Eifer
und Fürsorge verfasste als jetzt, wo des Sonntags einige arge Weltkinder unter
seinen Zuhörern sassen, in deren Herzen das Licht religiöser Humanität zu
entzünden sein heiliges Bemühen war. In der Tat hatte er wenigstens den Erfolg,
dass Herr und Frau von Dören, die behaupteten, die Kirchenluft sonst nicht
vertragen zu können, ihm gestanden, dass seine gütige Art, die etischen Lehren
der Bibel zu erklären, sie wirklich fessele, ja ergreife. Der kleine, stille
Mann lächelte dazu, im Leben durfte er sonst nicht viel sagen, hatte auch keine
Neigung dafür; aber auf der Kanzel konnte seine Frau nicht dreinreden - da
konnte sie seine Milde nicht mit apokalyptischen Dunkelheiten aufmischen.
    Die Pastorin verdoppelte in dieser Zeit ihre ohnehin zähe Arbeitskraft, da
Severina überhaupt nur morgens und abends noch in der Pfarre gesehen wurde,
sonst aber auf Fannys Befehl im Schloss blieb; sie arbeitete der Magd alles noch
einmal nach, was diese schon mit besten Kräften getan, sie nähte und strickte
und flickte Kleider und Sachen, die alle hätten bis zum Herbst liegen können, da
niemand ihrer benötigte; aber es war ihr Bedürfnis, ja, ihre Wollust, mittags
abgearbeitet, ausser Atem, über die Lasten ihres Daseins klagen zu können; doch
in der tiefsten Arbeitsraserei fand sie immer noch eine Minute,
hinaufzuschleichen und bei Magnus einzutreten.
    Dieser fuhr dann unwillig und in seiner besten Arbeitsstimmung gestört, mit
dem Kopf in die Höhe und fragte barsch, was es gäbe. Sie wolle nur nachsehen, ob
er auch ein Gläschen Wein oder ein Brötchen wolle, ob er auch nicht zu viel
arbeite, ob er die Rouleaux herabgelassen, damit ihm die Sonne nicht auf das
Papier scheine, was seinen kurzsichtigen Augen nicht zuträglich. Magnus seufzte
tief, zwang sich zur Geduld mit dieser quälenden Mutterliebe und dankte mit den
liebevollsten Worten, die er finden konnte, für ihre Bemühung.
    Aber auch am Nachmittag, in Fannys Kreis, verfolgte ihn die Aufsicht der
Mutter, eine Aufsicht, die ebenso sehr Eifersucht wie Sorge war.
    An kühlen Abenden machte es Magnus wütend, die Mahnung zu hören - vor so
viel jungen Damen - er solle den Rockkragen hoch schlagen. An heissen
Nachmittagen rief die Mutter ihn aus dem Sonnenschein hinweg, in dem er auf dem
Rasen mit den Damen Crocket oder dergleichen spielte; bei Tisch liess sie ihn,
der immer möglichst weit von ihr weg sass, durch den Diener bitten, keinen
Gurkensalat zu essen.
    Ging er mit einer der Damen allein, konnte er sicher sein, dass seine Mutter
ihm nachkam, zumal, wenn diese Dame etwa die lustige Frau von Dören oder
Adrienne war; der erstern traute sie zu, dass sie ihr Magnus verführen möchte,
die zweite war ihr ganz und gar unsympatisch. Eine Frau, die in der Abwesenheit
ihres Mannes tanzt, anstatt in Werken des Kirchendienstes den Panzer zu suchen
gegen die Anfechtungen der Welt - entsetzlich! Aber das sah Fanny ähnlich,
dergleichen zu dulden. Nie, selbst gegen ihren Gatten nicht, wagte die Pastorin
ein Wort über Fanny, aber in ihrem Herzen, ganz heimlich gestand sie sich, dass
Fanny keineswegs so vollkommen sei, als jedermann sie pries; es war unleugbar
ihre, der Pastorin, Pflicht als Mutter, Magnus gegen diese weltlichen Einflüsse
zu schützen.
    Wenn Fanny diese kleinen Scenen beobachtete, in denen die ungemässigte
Mutterliebe den jungen Gelehrten quälte, wechselte sie wohl mit dem seufzenden
Magnus einen Blick.
    »Ja,« sagte Magnus einmal, »leicht ist die Busse nicht, die ich für meinen
Leichtsinn trage.«
    »Sie wird auch nicht ewig dauern,« tröstete Fanny, »das sehe ich wohl ein,
blieben Sie lange beisammen, verlören Sie die kindliche Geduld mit den Schwächen
Ihrer Mutter.«
    »Es ist ein bisschen zu viel Liebe, die sie mir schenkt,« klagte Magnus.
    »Euch Männern ist der Grad einer Frauenliebe nie recht, er ist euch immer zu
niedrig oder zu hoch,« scherzte Fanny.
    Fräulein von Grävenitz kam zu diesem Gespräch, das Tema, welches Fanny mit
ihrer Äusserung anschlug, war zu interessant für das Fräulein, als dass sie es
nicht hätte noch mit Magnus fortspinnen sollen, nachdem Fanny von der eben im
Saal erscheinenden Gräfin angerufen worden war.
    Fräulein von Grävenitz, die heute eine gelbe Bluse und einen weissen Rock
trug, lehnte in malerischer Pose am Flügel, faltete ihre weissen Hände auf der
glänzenden Ebenholzplatte desselben und neigte ihr Haupt mit der Goldspange.
    »Ach,« sagte sie, »wie klingt es absonderlich in Fannys Mund, das hohe, das
eine Wort; in ihrem Herzen, dem vielbegehrten, haben die Männer gewiss immer nur
den geringsten Grad von Liebe gefunden, sie ist nicht geschaffen, einem Glück zu
geben, sie geht in der Allgemeinheit auf - vor lauter Humanität kann sie keinen
Mann lieben, wenn ich dagegen das tiefinnerliche Duldergemüt meiner Adrienne
ansehe! Welch ein Schatz von Empfindungen! Wie viel Feuer verbirgt diese sanfte
Melancholie!«
    »Warum mir das?« dachte Magnus, etwas beunruhigt, denn er war sich wohl
bewusst, Adrienne ein wenig »sondirt« zu haben, das heisst, in allerlei Gesprächen
über philosophische Sentenzen und poetische Konflikte erforscht zu haben, ob sie
in ihrer Ehe unglücklich und auf der Suche nach jemand sei, der sie dafür
entschädigen solle.
    »Und zu denken,« fuhr das Fräulein schwärmerisch fort, »dass diese zarte
Frauenblume am Rande eines Gletschers vegetiren muss!«
    Die Pastorin zeigte sich in der Tür.
    »Still,« flüsterte Lucy sich selbst zu, denn nur sie hatte gesprochen, »Ihre
Mutter! Aber in Ihren Augen lese ich, dass Sie noch gern mehr gehört hätten,
suchen Sie heute nachmittag die Gelegenheit, es drängt mich, offen gegen Sie zu
sein.«
    Magnus hatte ein wenig Herzklopfen, das Fräulein wollte ihn so heimlich und
wichtig sprechen? Sie war Adriennens Freundin? Was wollten die Frauen von ihm?
Er dachte nach, ob er sich irgendwie in Blick und Ton zu weit vorgewagt und ob
er nun eine Strafpredigt empfangen solle. Nein, zu einer Zurückweisung hatte er
keine Veranlassung gegeben, er wusste bei alledem, was er Frau von Herebrecht
schuldig war.
    Eine begreifliche Neugier quälte ihn und veranlasste ihn, an diesem Tage mehr
als sonst Adriennens Nähe zu suchen.
    Man hatte eine Ruderpartie beschlossen, die im Abendschein beginnen und beim
Mondesleuchten endigen sollte. Der selten schöne Frühherbst lud ein, noch alle
Reize zu geniessen, die er in diesem Jahr verschwenderisch bot.
    Paarweise ging man durch den Park zum Stromufer hinab. Magnus hatte Adrienne
den Arm geboten; seit einer Viertelstunde suchte seine Mutter, die mit Taiss ganz
zuletzt ging, ihn einmal anzurufen. Der Graf, der wie alle ihre Schwäche kannte
und in den Äusserungen derselben sie zu stören ein Vergnügen fand, liess sie
nicht dazu kommen, bis sie endlich ausrief, sie müsse Magnus etwas von höchster
Wichtigkeit mitteilen.
    »Magnus - Magnus!«
    Unwillig schaute er zurück, trat aus der Reihe und überliess Taiss, der
herzueilte, den Arm seiner Dame.
    »Was willst Du, Mutter?«
    »Ich bitte Dich, Magnus - was hast Du nur den ganzen Tag mit der
langweiligen Frau?«
    »Also das war die Wichtigkeit, die Du mir mitzuteilen hattest?« rief er mit
kaum unterdrückter Heftigkeit; »Du erniedrigst mich vor der ganzen Gesellschaft
zum Schulbuben, Mutter, das erträgt kein Mann! Du siehst, dass auch andere Männer
sich den Damen gesellen - soll mir denn verwehrt sein, was der einfachste Brauch
ist? Soll ich etwa wie ein Junge von drei Jahren immer nur Deinen Kleiderzipfel
fassen?«
    »Ich kann die Frau nicht leiden!« sagte die Pastorin ebenso heftig.
    »Natürlich - anstatt vernünftiger Gründe eine persönliche Abneigung als
Motiv des Verbotes - das ist rechte Weiberart,« sprach er bitter. »Welcher von
den Damen zu huldigen erlaubst Du mir denn?«
    Seinen Hohn bemerkte sie gar nicht, sondern antwortete eifrig:
    »Von den anwesenden keiner, sie sind allzumal Sünderinnen und mangeln des
Ruhms, den ...«
    »Nun ist's genug,« fiel Magnus ihr in die Rede; »die Frau existirt überhaupt
nicht, der Du meine Aufmerksamkeit gönntest! Du reizest mich so lange, bis ich
Dir einmal aus purem Trotz eine Schwiegertochter zuführe, vor der Du Dich
bekreuzigst.«
    »Magnus, Magnus!« flehte sie angstvoll hinter ihm her, aber er ging sehr
rasch, um die Gesellschaft wieder einzuholen, die Pastorin gab es auf und
schlich betrübt hinterdrein.
    In der allerhöchsten und trotzigsten Erregung, in welcher Magnus sich
befand, schlug er nun erst recht einen Ton feuriger Huldigung Adrienne gegenüber
an. Wahrhaftig, er bedauerte aufrichtig, dass sie verheiratet sei, sonst hätte er
sie, ohne darüber nachzudenken, ob er sie liebe oder nicht, sofort um ihre Hand
gebeten, nur um seiner Mutter zu beweisen, dass ein Weib einen Mann in gewissen
Dingen nicht bevormunden darf, und sei's gleich die eigene, sonst wahrhaft
verehrte Mutter.
    Adrienne war im stärksten Grade dadurch beunruhigt, sie sah mehreremale ihre
Freundin hilfesuchend an, Lucy Grävenitz drückte ihr dann verständnisinnig die
Hand, die drei waren natürlich in dasselbe Boot geraten, in welchem ausser ihnen
noch Graf Taiss, Frau von Dören und Severina sassen, auch Joachim wollte mit
einsteigen, allein Fanny berief ihn zu sich in das andere Boot. Magnus' Eltern
blieben zurück, sie hatten die Herrschaften nur bis an das Ufer begleitet.
    Fräulein von Grävenitz brannte auf den Augenblick, wo sie Magnus werde
unbeachtet sprechen können; sie, die sonst den Mondaufgang laut angeseufzt haben
würde, hatte heute keine Augen für die Zauber der Beleuchtung, die schnell vom
violetten Dämmerschein zur schwarzen Nacht überging; ja, als dann der rote
Vollmond aufging, als zöge eine unsichtbare Hand eine glühende Kupferscheibe in
die Höhe, auch da bemerkte die Dame nur tiefsinnig:
    »Was sind alle Wunder der Natur gegen die Rätsel einer Menschenbrust?«
    Als man endlich wieder landete und Adrienne erleichtert aufatmete, dass sie
von dem nahen Beieinander mit Magnus erlöst sei, hielt es Lucy nicht mehr, sie
ergriff Magnus' Arm, zog ihn förmlich mit sich fort und schlug einen andern Weg
mit ihm ein, als den die übrigen wählten.
    »Mein Freund,« begann sie mit bewegter Stimme, »Sie sind erregt, darf ich
ahnen, weshalb?«
    Magnus fühlte eine innere Wut in sich aufsteigen; wenn die Frauenzimmer doch
die Indiskretion lassen wollten, sich mit seinen Gefühlen zu beschäftigen! Erst
seine Mutter - nun dieses altjungferliche Fräulein mit dem keuschen
Augenniederschlag - zum Henker auch - es schien, als sei Adrienne von Drachen
bewacht, seinetwegen von einem ganzen Dutzend; wenn das bisschen Courmacherei ihm
zu einem Kardinalverbrechen angerechnet werden sollte, mochte Frau von
Herebrecht ihrem Gatten nur gleich nachreisen, dahin, wo der Pfeffer wächst, so
sehr ihn die arme, kleine, tyrannisirte Frau auch dauerte.
    Da Magnus auf die innige Frage nur etwas Unverständliches murmelte, fuhr das
Fräulein fort:
    »Teurer Magnus - Sie gestatten in dieser vertrauten Stunde die Anrede -
teurer Freund, mässigen Sie Ihre Verzweiflung, Sie sind geliebt, ich weiss es! Und
schon aus schwierigeren Verhältnissen ist die Blume eines wahren Glücks
erblüht.«
    »Ich - ich - bin geliebt?« stotterte Magnus, von einer unheimlichen Furcht
befallen, dass am Ende Lucy selbst ...
    »Ja - von ihr - der zarten, holden Adrienne.«
    Fräulein Lucy stand im Mondenschein still, hob die dunklen Schwärmeraugen
zum Himmel und reichte beide Hände dem fassungslosen Magnus.
    Dem war, als sei er verrückt geworden, er war geliebt - von Adrienne - und
sie liess es ihm sagen? Natürlich - von selbst, aus eigenem Sinn hätte er das nie
zu fassen gewagt. Wie - so war sie doch eine schöne, trostbedürftige Sünderin?
Er verlor den Kopf, welcher junge Mensch an seiner Stelle hätte das nicht
getan?
    »Geben Sie ihr das Glück, das sie in ihrer Ehe nicht finden kann - nie
finden wird,« sagte Lucy, seine Hände drückend, »in allem Kampf werde ich mit
flammendem Schwert euch zur Seite stehen!«
    Was wusste Magnus davon, dass es für Fräulein Lucy ein Bedürfnis war, wenn sie
nicht selbst etwas erleben konnte - was ja unter den Augen ihres Schwagers ein
für allemal ausgeschlossen - wenigstens einen Roman für andere einzufädeln und,
als Zuschauer teilnehmend, Kämpfe, Leid, Tränen, Wonne mit zu geniessen; er
hatte Lucy und Adrienne im vertraulichsten Verkehr gesehen und durfte es
glauben, wenn die eine ihm sagte, dass die andere ihn liebe.
    »O - ich - mir schwindelt!« stotterte Magnus.
    »Fassung, mein Freund, Fassung!« mahnte Lucy milde.
    Stumm schritten sie weiter unter der Leitung des Fräuleins, die ihm nur dann
und wann die Hand drückte und übrigens wieder dem Hauptweg zustrebte.
    Dort fanden sie aber nicht mehr die Gesellschaft, die, durch keinerlei
romantische Zwiegespräche aufgehalten, dem Schloss zugeeilt war, wo jeder in
seinem Zimmer noch Gewand und Hände von den etwaigen Spuren der Kahnfahrt
befreite. Wenigstens waren Terrasse und Saal vollkommen menschenleer.
    Lucy trennte sich von Magnus, dieser ging, noch vollkommen betäubt, unter
den Linden einigemale auf und ab, sein Auge suchte Adriennens Fenster, die Tür
aus ihrem Wohngemach nach dem Balkon stand auf, es war oben Licht.
    Ein toller Gedanke fasste ihn. Wie, wenn sie wüsste, dass Lucy ihm heute abend
von ihrer Liebe gesprochen - wenn sie nun wartete auf die Antwort, die er darauf
zu geben habe? Der Rausch in ihm stieg.
    Zum Unglück hörte er irgendwo aus dem Dunkel die Stimme seiner Mutter
»Magnus, Magnus!« rufen, wie auf der Flucht rannte er ins Haus, die Treppe
hinauf und klopfte an Adriennens Tür. Niemand war ihm begegnet. Adrienne, die
glaubte, dass Lucy komme, rief herein.
    Magnus kam über die Schwelle und zog die Tür hinter sich zu.
    Adrienne sass in einem der tiefen, hochlehnigen dunkelblauen Stühle, der
Schein der Lampe fiel voll auf ihr Gesicht, durch die offene Balkontür und aus
der gleichfalls geöffneten Tür des Schlafzimmers gähnte Dunkelheit.
    Sekundenlang starrten sich beide fassungslos an, dann kam der Mann näher,
nicht wie ein jubelnder Sieger, sondern wie ein Besinnungsloser.
    Er stand vor Adrienne, die wie gelähmt seinem unbegreiflichen Erscheinen und
Beginnen zusah; er nahm ihre Hand und murmelte:
    »Ist es wahr, ist es wahr?« Dann setzte er sich auf die Lehne des Stuhles,
neigte sein Gesicht auf ihr Haar und flüsterte: »Wie verdien' ich das?«
    Adrienne schauderte, bog sich zur Seite und fragte mühsam:
    »Was - was - beginnen Sie - wie kommen Sie hieher?«
    »Ich - ich weiss nicht ... ich wollte ...« und dann kniete er plötzlich neben
ihr und sah ihr trunken in die Augen, der Kneifer war ihm entfallen und sein
braunes Auge, ohne den Schutz des Glases, hatte einen zudringlichen Blick, der
verwirrte wie der Anblick von etwas Nacktem - »Liebe heischen und Liebe geben.«
    Sie sprang empor, ein Schrei blieb ihr in der Kehle stecken, sie streckte
beide Arme abwehrend aus, ihre Augen wurden unnatürlich gross, sie sahen in das
Medusenantlitz der Sünde.
    Ein Chaos von Gedanken wirbelte in ihrem Kopf auf; alles, was sie damals in
der unglücklichen Zeit ihrer Einsamkeit in fieberdunstigen Büchern von der
Süssigkeit der Sünde gelesen, ward in ihr wach, alles, was sie von dem Fluch der
Sünde ihr früheres Leben lang gehört und gedacht, erhob sich drohend vor ihr.
    Zugleich fühlte sie dieselbe Spannung des Herzens, dieselbe aus Furcht und
Stolz gemischte Unruhe, die sie damals empfunden, als Arnold ihr sagte, dass er
sie liebe.
    Der grösste Reichtum aller Lebensempfindungen überwältigt die Frau, wenn sie
hört, dass sie geliebt wird, dieser Augenblick erhebt sie zur Königin der
Schöpfung und reicht ihr immer wieder die Krone der Jungfräulichkeit zurück.
    Adrienne zitterte, aber sie stiess den Mann zurück, der, nicht wissend, was
er tat, aufs neue in sie eindrang.
    Er sprach zu ihr. Was? Sie wussten es beide später nicht mehr.
    Sie hatte ihr Angesicht mit den Händen bedeckt und hörte nicht und dachte
nicht, aber sie fühlte - fühlte die teuflische Neugier, zu wissen, wie die Sünde
schmecke.
    Und ob das Leben, das graue, nüchterne, nachher wohl reichern Inhalt habe.
    Bleischwer legte es sich auf ihre Seele, dass die Erkenntnis, einmal
gewonnen, nicht mit dem Preis des ganzen Daseins wieder rückgängig gemacht
werden könne. Und dann kam wieder das schreckliche Gelüst ... sie war ihr so
bequem nahe, die reizende Zauberin, die Tausenden und Abertausenden das Leben
zum bunten, schimmernden Fest machte, sie brauchte bloss die Hand auszustrecken
und die Schleier zu heben.
    O, die Neugier, die brennende, dämonische Neugier.
    »Adrienne!« beschwor Magnus' Stimme; »Lucy hat es mir ja verraten - sonst
hätte ich nie den Mut gefunden.«
    Adrienne stand entgeistert, sie fühlte ihr Schicksal auf ihren Lippen, ein
Wort, und es würde entschieden sein; ihr war's, als habe sich ihre Seele von
ihrem Körper getrennt, ihre Seele floh den Versucher und wusste, dass sie sprechen
wollte und sprechen musste: »Hinweg!« Aber daneben ging in seltsamem
Doppelbewusstsein die Gewissheit, dass ihre Lippen, wenn die stummen sich
erschlössen, dem flehenden Mann Gewähr sprechen würden.
    »Adrienne!« flüsterte er, sich an ihrer äussern Marmorruhe immer toller
erhitzend.
    Da bewegten sich ihre Lippen, da wollte das Flüsterwort des Verderbens laut
werden, und da regte sich's nebenan. Ein lallender Ton - wie ihn Kinder im
Schlaf ausstossen ...
    Adrienne schrie auf.
    »Mein Kind - Arnold!«
    Und mit der Plötzlichkeit, die dem Sprung einer Tigerin glich, stürzte sie
auf das Kinderbett zu.
    Sie zerrte es heraus, das kleine, schlaftrunkene Wesen, sie trug es zum
Licht, legte es in den Stuhl, wo sie selbst vorhin gesessen, kniete vor ihm
nieder und las mit gierigen Augen in dem kleinen Gesicht.
    Sie sah nicht, dass Magnus erst wie betäubt stand, dann erwachend,
vernichtet, reuevoll sich neben sie drängte und ihres Kindes kleine, warme Hand
küsste, dass er dann fast taumelnd hinausfloh.
    Sie tastete an dem Körper ihres Kindes, ob es auch wirklich sei, sie fuhr
mit ihren Fingern über die rundlichen Wangen. Was sie nie gesehen, offenbarte
sich ihr plötzlich, Arnolds Züge wiederholten sich in jedem Zug dieses kleinen
Gesichtes. Und zum erstenmal seit seinem Abschied stieg, einer jähen Flamme
gleich, riesengross der Wunsch in ihr auf, ihn hier zu haben, jetzt, in diesem
Augenblick, seine Verzeihung zu erlangen und von ihm zu hören, dass er sie liebe.
    O, welche unbeschreibliche Wohltat müsste das sein, und ihm dann auch sagen
zu dürfen: »Arnold, ich liebe Dich!«
    Ihre Lippen sprachen nach, was ihre Brust fast zersprengte. Das nie gesagte,
das von Arnold vergebens ersehnte, hörten jetzt die stillen Wände:
    »Arnold, ich liebe Dich!«
    Und sie erschrak über sich, als hätte sie Irrsinniges getan, sah bang das
Kind an, und mit einemmale löste sich die brennende Unruhe in einem
unermesslichen Tränenstrom. Sie legte ihr Haupt neben dem Kind auf das Polster
und weinte und weinte eine ungemessene Zeit.
    Und diese Tränen flossen als unüberbrückbarer Strom zwischen ihrem frühern
und ihrem neuen Sein.
    »Adrienne!« rief eine Stimme - eine tiefe, wohllautende Stimme.
    Adrienne sprang auf und warf sich an Fannys Brust, wieder kam ihr Fanny als
Erlöserin.
    »Was hast Du?« fragte Fanny tief besorgt; sie hatte die junge Frau unten
vermisst und kam, sie zu suchen.
    »O, wäre Arnold hier!« klagte Adrienne weinend.
    »Dieser Wunsch macht mich glücklich, ich höre ihn zum erstenmal!« sprach
Fanny.
    Die Weinende drückte sich fester an sie.
    »Ist irgend etwas vorgegangen, das Dich zur Erkenntnis führte, er sei Dein
Stab und Deine Stütze?« fragte Fanny weiter.
    Stärkeres Weinen war die Antwort.
    Plötzlich erinnerte sich Fanny, dass unten Magnus aller Welt durch seine
Leichenblässe aufgefallen war, aber Fragen nach seinem Befinden mit erzwungener
Heiterkeit abwehrte. Und hatten nicht die Grävenitz, Magnus und Adrienne immer
zusammengesteckt?
    Kaum entstand der Verdacht, dass die Erregung Adriennens von dieser Seite
angefacht sei, so hatte Fanny schon einen Entschluss gefasst, der armen jungen
Frau in der Krisis beizustehen, ohne sie durch zudringliche Fragen zu beschämen.
    »Nun, Herzchen,« sagte sie im leichtesten Ton, »beruhige Dich; das beste
Mittel gegen Heimweh ist dies: schreibe Deinem Mann einen langen, langen Brief
und schütte ihm Dein Herz aus, er liebt Dich so sehr - freilich, er sagt es
nicht - aber Du weisst es ja doch; schreibe ihm und bleibe heute abend oben.«
    Fanny wusste doch immer das rechte Wort zu sagen. Dankbar, in Liebe zu ihr
aufwallend, umarmte Adrienne die Schwägerin.
    Fanny ging sehr ernst und langsam hinunter, trat dann aber völlig wie sonst
in den Saal ein und sagte, dass Frau von Herebrecht nicht wohl sei; später nahm
sie Magnus beiseite.
    »Apropos, Magnus, Sie erinnern sich doch, dass Sie sich mir sozusagen mit
Leib und Seele verkauft haben?«
    Magnus wusste nicht, was er von diesem Scherz denken sollte, denn er zitterte
seit dem Augenblick, wo Fanny zu Adrienne gegangen war.
    »Allerdings,« sagte er, mühsam ebenfalls einen scherzenden Ton findend, »ich
bin Ihr Schuldgefangener; der Turm, in den Sie mich sperrten, ist weit genug,
aber heimliche Ketten sind doch darin. Wäre nur erst der Augenblick da, wo ich
meine Arbeit vollendet und das Honorar habe, um den Schein aus Ihrer Hand zu
lösen.«
    »Was denken Sie,« sprach Fanny, ihn lustig ansehend, »wenn ich so wenig Wert
auf Ihre Gegenwart in Mittelbach lege, dass ich Ihnen jetzt den Schein schenke
unter der Bedingung, dass Sie morgen reisen? Unhöflich - was? Aber ich meine,
hier haben Sie zu viel Abhaltung von der Arbeit.«
    »Hat Frau von Herebrecht meine Entfernung gewünscht?« fuhr es Magnus heraus,
der Angstschweiss stand ihm auf der Stirn.
    »Also richtig!« dachte Fanny. »Adrienne? Nein,« sagte sie unbefangen,
verwundert; »was hätte sie, die an allen meinen Freunden leider nur zu
teilnahmlos vorübergeht, an Ihrem Bleiben oder Reisen für ein Interesse? Nun,
was denken Sie? Sie sind beleidigt, dass ich Sie hier entbehrlich finde?«
    »Ich denke,« sprach Magnus, aufatmend und Fanny voll in das kluge Gesicht
sehend, »dass Sie mit Menschen umherschieben wie ein Teaterdiener mit
Dekorationsstücken, aber Sie verstehen die Kunst, und es scheint, Sie haben
immer recht und wissen immer alles, wenn Sie es gleich nicht gestehen. Ich gehe,
wohin ich soll, ich nehme meinen Schuldschein zurück, wenn Sie es so wollen, das
sind, ich weiss es, für Sie kleinliche Nebensachen; machen Sie meinen Eltern
meine Reise und die Notwendigkeit dazu klar. Und ich habe ein Neidwort für Sie -
es möchte ein weniger Aufrichtiger in einen Segenswunsch zum Abschied kleiden:
Sie sind so klug und klar für andere, beneidenswerte Frau, und haben für sich
selbst kein Klugsein nötig, bleibe Ihnen das!«
    Fanny fühlte sich durch seine letzten Worte sehr bewegt und konnte sich das
nicht erklären.
    Adrienne aber sass und schrieb bis tief in die Nacht hinein einen Brief an
ihren Gatten, und dabei erging es ihr seltsam. Arnold, der ernste Mann, der sie
allezeit mit seinen »vernünftigen Worten« geplagt, verschwand vor ihr wie ein
Schatten, die plötzlich geborene Sehnsucht hatte ihr in unbestimmten Umrissen
einen Mann vorgezaubert, der so gütig war, alles zu verstehen, und so stark,
alles zu verzeihen, und so liebevoll, ihr ganzes, begehrliches, ungesättigtes
Herz zu füllen. Das Bedürfnis ihrer Seele, in dieser Stunde der Gefahr ganz in
einer andern, vollkommenen Seele aufzugehen, um sich blind zu machen gegen
Neugier und Versuchung, dies Bedürfnis war der Schöpfer ihrer jäh erwachten
Liebe zum fernen Gatten.
    Ein Gefühl, so trügerisch und haltlos wie ein Irrlicht und dennoch ein Licht
in der Nacht.
    So war alles, was sie schrieb und was aus ihrem Innern sich unwiderstehlich
herausdrängte, eigentlich nicht an Arnold gerichtet, es war ein Selbstgespräch
oder eine Phantasie an ein Trugbild.
    Und doch, wenn die Fieberspannung dieser Stunden gewichen sein wird und die
Blätter mit den heissen Geständnissen hinfliegen über den Ozean, dann wird als
Erinnerung das Bewusstsein bleiben, wie die Aussprache zu ihm alle Not beendigte,
und das Flackerfeuer der plötzlichen Liebessehnsucht wird doch tief im Herzen
Funken zurücklassen, und mälich, mälich wird sich daran die wahre,
unauslöschliche Flamme echter Liebe entzünden.
    Denn der jungen Frau ist es ergangen wie dem Ungläubigen, der in der Stunde
der Todesnot zu Gott betet: seitdem weiss er, dass bei ihm und in ihm aller Trost
ist, und er sucht ihn nachher von freien Stücken.
 
                                Neuntes Kapitel
So glücklich Fanny durch die Gegenwart ihrer Gäste gewesen, fühlte sie zu ihrer
eigenen Verwunderung dennoch eine erhöhte Freude, als in den ersten Oktobertagen
ihr Haus wieder leer war.
    Auch die Einladung der Gräfin Taiss, wie immer den Monat November auf der
Taissburg zu verleben, lehnte Fanny ab. Erst als der Graf ihr vorstellte, dass es
doch seit manchem Jahr bei ihnen Sitte gewesen sei, Fannys und ihrer Cousine,
der Gräfin, Geburtstage, die auf dasselbe Datum, den 20. November, fielen,
zusammen zu feiern, erst da versprach sie, für drei Tage zu kommen. Natürlich
hörte Lanzenau dies mit dem grössten Unbehagen, denn für ihn, der ebenfalls seit
Jahren der regelmässige Novembergast des Grafen war, blieb ein Ablehnen
unmöglich, wollte er sich nicht lächerrlich machen, oder Fanny nicht
kompromittiren. Und zu seiner noch grösseren Verstimmung erhielt Joachim von
Herebrecht nur eine Einladung für dieselben drei Tage, an denen auch Fanny nach
der Taissburg kommen wollte.
    Er sann und sann, wie er seinen Aufentalt dort abkürzen könne, ohne
auffällig zu werden, und fand endlich, dass Fanny alle ihre Bekannten zu einer
grossen Jagd einladen müsse, da der Wildstand überhandnehme und den Rübenfeldern
Schaden bringe. Fanny liess sich arglos bereden, und ehe die gräfliche Familie
abreiste, war bestimmt worden, dass alsbald nach dem doppelten Geburtstagsfest
alle Gäste aus der Taissburg für zwei Tage nach Mittelbach übersiedeln sollten,
um eine Treibjagd abzuhalten. Fannys Haus würde zwar nicht ausreichen, um alle
zu beherbergen, allein eine Anzahl von Kavalieren konnte ganz gut im nahen
Dreisa bei Lanzenau wohnen. Nach dieser Jagd war es selbstverständlich, dass der
Baron dann nicht erst wieder nach Taissburg zurückkehrte.
    Also das Haus war für jetzt von Gästen leer. Man konnte sich für den Winter
rüsten. Der grosse Saal ward zugeschlossen, die Terrasse sah kahl aus, die Kübel
mit den Lorbeer- und Orangenbäumen standen im Warmhause, das sich hinter den
Scheunen im Nutzgarten befand. Der Flügel war in das eine von den drei Zimmern
geschoben, die jetzt bewohnt wurden und davon das eine neben dem Saal parkwärts,
das andere an der Seitenwand des Hauses, das dritte vorn, dem Hofe zu, belegen
war. Die Räume gingen ineinander, das vordere Gemach diente zum Speisen, das
mittlere der Musik, und in dem Zimmer, von wo das Auge über den sturmdurchtosten
Park schweifen konnte, versammelte Fanny am liebsten ihre Freunde um sich.
    Die Lese- und Malstunden hatten ihr zu sehr gefallen, um sie jetzt
aufzugeben, wo die Winterruhe in Feld und Haus ihr viel mehr freie Zeit liess.
Magnus, der treffliche Recitator, war nach der Residenz übersiedelt, zum grossen
Jammer der Pastorin, die steif und fest glaubte, er habe sich ihrer Bevormundung
entziehen wollen und sich deshalb hinter Fanny gesteckt. Fanny liess sie bei
diesem heilsamen Glauben, in der Hoffnung, sie werde sich künftig
zusammennehmen; denn alles, was Magnus je an Leichtfertigkeit beging, hatte
stets seine tiefsten Wurzelfasern im Trotz gegen das ewige Bewachen, Ermahnen
und Befehlen.
    Es galt, einen Ersatz für Magnus zu finden. Lanzenau als Vorleser zu denken,
war lächerrlich, auch pflegte dieser der Mittagsruhe, wenn man lesen hören
wollte, und just diese Stunde musste es sein, weil Fanny das Licht zum Malen
brauchte. Joachim sagte, wenn er vorlesen solle, würde er vorziehen,
auszuwandern. So musste Severina denn lesen, und es ging sehr gut.
    Jeden Mittag sah das grosse, helle Zimmer das gleiche Bild zwischen seinen
Wänden. Fanny sass, mit einer enormen Schürze und Malärmeln umkleidet, eifrig vor
ihrer Staffelei, die an dem einen Fenster stand. Am andern sass ihr »Opfer«, wie
er sich nannte, Joachim, und hielt nie still.
    Adrienne und Severina sassen in Joachims Nähe an einem Tischchen, erstere
machte Handarbeit. Und wie früher Magnus für Adrienne gelesen, so las jetzt
Severina für Joachim.
    Diese Gelegenheit, ihm die glühendsten Geständnisse zu machen, ward ihre
Lehrmeisterin; sie las oft mit solchem Schwunge, mit so tiefinnerster Erregung,
dass Fanny den Pinsel ruhen liess und fortgerissen zuhörte. Die melodische Stimme
tönte durch den Raum, in dem auch alles bereitet schien, einer weihevollen, der
Poesie gewidmeten Stunde den rechten Rahmen zu geben. Reichtum und Verständnis
hatten ihn mit einer gewissen, zurückhaltenden Pracht geschmückt. Die
reichgefüllten Blumentische, in denen Frühlingsblumen unter Fächerpalmen
blühten, fügten der Pracht die Anmut hinzu.
    Lanzenau meinte einmal im Scherz, Fanny sei da unvorsichtig und zettle etwas
an, wofür sie dann die Verantwortung trage. Das Hineinlesen in die Herzen sei
seit Francesca und Paolo da Rimini eine bekannte Form des Verliebens, und wenn
Severina und Joachim sich verliebten, müsse Fanny als die Veranstalterin auch
für das weitere sorgen. dabei hatte er Fanny scharf angesehen. Aber sie sagte
mit der grössten Ruhe:
    »Ach - Unsinn! Joachim muss eine reiche Frau und Severina einen reichen Mann
haben. Joachim ist ja viel zu vernünftig und sie auch - dergleichen fällt ihnen
nicht ein.«
    Es fiel nämlich Fanny nicht ein, an solche Möglichkeit zu denken. Die
Äusserung glitt an ihrer Ahnungslosigkeit so ab, dass sie nicht einmal bei der
nächsten Vorlesung mehr daran dachte.
    Joachim fühlte sich ungeheuer wohl bei der Sache. So dazusitzen und
ungefährdet, durch das Medium irgend eines Poeten, sich von Severina in allen
Tonarten sagen zu lassen, dass er unendlich geliebt sei, und das in Gegenwart der
beiden anderen Frauen hatte jedenfalls einen pikanten Reiz. Und das konnte noch
eine gute Weile so fortgehen, denn Fanny traf immer und immer nicht die Züge, in
denen sie mit der grössten Vertiefung las. Wenn Joachim nicht zugegen war, schien
es ihr, als wisse sie sein Gesicht auswendig, und wenn er dann so vor ihr sass,
entdeckte sie jeden Tag etwas Neues in seinen Zügen, und jeder Zug erschien ihr
von vollkommener Schönheit.
    Das erste Porträt ward von allen für so unendlich geschmeichelt und deshalb
nicht ganz ähnlich erklärt, dass sie ein zweites sogleich begann.
    So endete der Oktober und Lanzenau rüstete sich mit schwerem Herzen zur
Fahrt nach der Taissburg. Freilich, verändert hatte sich hier nichts, Fanny war
noch ebenso unbefangen, fast naiv in den Äusserungen ihres Wohlgefallens für
Joachim, und diesen hatte er mehr wie einmal bei Zeichen heimlichen
Einverständnisses mit Severina ertappt. Auch verhiessen seine Bemühungen, für
Joachim eine auskömmliche Stellung zu finden, Erfolg. Er hatte durch den Grafen
Taiss erfahren, dass die gräflich Itzelburgischen Güter wahrscheinlich in
Administration kommen würden, weil der Graf - ein einstiger Regimentskamerad
Lanzenaus bei den Gardes du Corps, wo beide bis zum Premier dienten - plötzlich
verstorben sei, die Erben aber erst in zehn Jahren majorenn würden. Lanzenau
knüpfte sofort die längst erkalteten oder eingeschlafenen Beziehungen zu der
Familie des Verstorbenen wieder an und war gewillt, im Notfall selbst nach
Pommern zu reisen, um an Ort und Stelle für seinen Schützling zu wirken. Wenn
Joachim die Administration bekam, konnte er alsbald heiraten und sah sich bei
vernünftiger Wirtschaft nach zehn Jahren im Besitz eines Kapitals, welches ihm
gestattete, dann eine Pachtung anzufassen.
    Trotz all dieser Gründe zur Ruhe war Lanzenau dennoch von dumpfen Ahnungen
erfüllt und reiste mit einem so sichtlichen Schmerz ab, dass Fanny fast peinlich
davon berührt wurde.
    Sie stand noch eine Weile in dem Beischlag vor ihrem Hause und schaute
seinem davonrollenden Wagen nach, dann ging sie lange im Park spazieren, eng in
das grosse weisse Wolltuch gewickelt, das sie um die Schultern geschlagen, als sie
Lanzenau an den Wagen begleitete. Ihre Fussspitzen stiessen raschelnd die feuchten
gelben Blätter empor, sie ging, wie Kinder wohl im welken Laube gehen - das
Aufwühlen des melancholischen Herbstniederschlages gab ihr eine Beschäftigung,
bei der sich gut nachdenken liess.
    Nachdenken? Worüber? Ueber den neuen Umstand, dass ihr Lanzenaus Abreise fast
eine Erleichterung schien? Welch ein Unrecht gegen den Treuen und wie
unbegründet auch! Denn sein Benehmen gegen sie wa doch dasselbe gewesen, wie in
all den vielen, vielen Jahren, wo ihr seine unermüdliche Freundschaft Wärme und
Inhalt in das einsame Leben getragen. Was hatte sich denn verändert? Fanny
fühlte ganz, dass auch in ihrem Herzen die dankbare Anhänglichkeit für den Freund
ihrer Jugend, den Genossen ihrer Irrtümer und ihrer als recht erkannten
Lebensaufgaben, unvermindert fortlebte, ja, um einen Ton wärmer geworden war
durch eine Art Mitleidsgefühl - und doch eine Veränderung?
    Durch die kahlen Baumwipfel sauste der Novemberwind. Sonnenstrahlen, gelb
und blank wie Messingglanz und so ohne Wärme, lagen auf dem braunfeuchten
Blattgehäuf zu Fannys Füssen und liessen darin bläuliche Tinten aufschimmern. Auf
dem grünen, von welkem Laub überfleckten Rasen standen da und dort kleine
Holzkästen - sie bargen die empfindlichen Coniferen gegen den Winterfrost. Wie
unlustig das aussah, und in der Pappel dort sass es schwarz voll und hob sich
jetzt wie ein auseinander flatterndes, vom Winde getragenes Laken in die Luft:
ein Schwarm Krähen, der gegen den hellblauen Himmel flog.
    Fanny fror; sie kehrte eilig zurück. Nahe dem Hause überflog ein helles
Freudenrot ihr Gesicht. Am Fenster stand Joachim mit seinem kleinen Neffen, den
er sich auf die linke Schulter gesetzt. Der Kleine schlug mit den Patschhändchen
gegen die Scheiben, dass es bumste, Joachim lachte und nickte.
    Wie schnell war Fanny drinnen!
    »Aber nun muss er fort,« sagte Joachim, denn gleich nach Fannys Eintritt
meldete der Diener, dass das zweite Frühstück servirt sei.
    »Unser Kind« - Fanny und Joachim nannten den Kleinen immer »unser Kind« -
»kann hier bleiben,« bestimmte Fanny.
    »Er ist zu lebhaft, und wenn er schreit ...« sagte Adrienne bedenklich.
    »Was schadet's - Lanzenau ist ja fort, wir sind unter uns,« sprach Fanny
heiter.
    Sie dachte nicht daran, dass dieses »unter uns« Lanzenau, mit dem sie viele
Jahre gelebt, als Fremden von einer Gemeinsamkeit ausschloss, in der sie sich
erst seit wenig Monaten mit Adrienne und Joachim befand. Wäre ihr selbst oder
den beiden das aufgefallen, würde sie sich wahrscheinlich mit der Erklärung
geholfen haben, dass ja Adrienne und Joachim ihre Verwandten seien.
    Für jetzt freuten sie sich harmlos, dass sie einmal den Kleinen selbst
füttern durften. Natürlich zerschlug er eine Tasse und sein Kleidchen wurde mit
Eigelb betröpfelt. Aber sie hatten noch nie so vergnügt gefrühstückt wie heute.
Lanzenau freilich, der konnte den Kinderlärm nicht ertragen.
    Nach dem Frühstück kam Severina zum Vorlesen. Magnus hatte neue Bücher
geschickt, neue für diese Gesellschaft, die, wie so viele Leser, das Neueste
kannten, aber die Perlen unbeachtet liessen, die schon vor einem halben oder gar
ganzen Menschenalter von Berufenen dem Volk geschenkt waren.
    Severina begann heute »Ginevra und Lanzelot« von Hertz vorzulesen.
    Das hohe Lied der Leidenschaft hätte von keinen heisseren Lippen vorgetragen
werden können. Severina vergass sich und die Welt, sie las nicht mehr für den
einen Geliebten. Die Naturgewalt der Liebe erstand vor ihr als etwas so
Uebermächtiges, dass sie sich und ihre friedliche, stillglühende Neigung vergass
und vor der Gotteit erbebte. So vergessen wir ob gewaltiger Naturereignisse die
Erschütterungen eigenen Seins, so erscheint unser Leben nichts gegen die
Ewigkeit. Das eine Kleine geht im Grossen auf.
    Sie sassen alle und lauschten atemlos. Fannys Augen hingen gross und leuchtend
an Severinas Lippen; Adrienne hatte die Hand über ihre Augen gelegt; selbst
Joachim fühlte sich von dem Gedicht ergriffen. Die ritterlich kühne und doch so
sündige Leidenschaft Lanzelots für Ginevra, das Weib seines Königs, entflammte
ihn zum Mitgefühl; er sah Ginevra, das glühende, schöne, an den alten Artus
vermählte Weib, vor sich - sie musste ausgesehen haben wie Fanny. So hoch, so
frauenhaft, so milde und das blonde Haupt so frei und königlich. Severina las
von Mordreds Warnung, von des Königs scheinbarer Jagdfahrt, von der
Zusammenkunft, die Ginevra und Lanzelot für diesen Fall verabreden und zu dem
eine rote Rose das glückverheissende Zeichen sein soll. Sie las von dieser wilden
Nacht.
    Und dann heischte die Stunde für heute ein Ende. Sie bedauerten es alle und
fanden lange noch nicht den heiteren Ton wieder. Fieberheiss hatte sich ihnen das
Nachempfinden in die Adern gegossen.
    Freilich riefen die kleinen Obliegenheiten des Tages den einen an diese, den
andern an jene Beschäftigung und das nahm allmälich der Erregung das persönlich
Ergreifende. Aber als Severina gegen Abend schied, ward sie ermahnt, ja andern
Tags recht zeitig zu kommen.
    Joachim brachte sie nach Haus. Das hatte sich so als Brauch eingeschlichen,
seit die Abende früh das Land deckten. Sie gingen immer auf einem Umweg.
Seltsamerweise war ihnen das Glück dabei so günstig, dass noch niemand sie dabei
ertappte. Joachim drückte Severinas Arm zärtlich an sich und sagte:
    »Wie Du heute schön gelesen hast! - Wenn mir das jemand prophezeit hätte,
dass ich noch einmal ganz spiessbürgerlich und gebildet beim Vorlesen zuhören
würde wie ein Pensionsmädchen in der Literaturstunde! In meinen anderen
Stellungen bin ich in den Mussestunden in die benachbarten Garnisonen geritten
oder habe mit dem Gutsherrn Billard gespielt, gejagt oder dergleichen.«
    »Ist es nicht hübscher so?« fragte Severina.
    »Freilich - weil Du dabei bist. Und wenn man so von all den verrückten
Menschen hört, die die Liebe so tragisch nehmen und sich und anderen das Leben
damit sauer machen, freut man sich der eigenen, modernen Vernünftigkeit,« sagte
Joachim behaglich.
    »Die ganze Vernünftigkeit, die Du manchmal in diesem Punkt an Dir rühmst,«
bemerkte Severina mit einem zärtlichen Lächeln, »ist weiter nichts als Dein
ruhiges Glücksgefühl. Wenn Du früher zu lieben glaubtest, fandest Du fast immer
Entgegenkommen; stellte es sich dann heraus, dass es bloss eine beiderseitige
Täuschung gewesen war, tröstetest Du Dich aus dieser Erkenntnis sehr schnell.«
»Die Liebe liebt das Wandern,
Gott hat sie so gemacht,
Von einer zu der andern,
Fein's Liebchen, gute Nacht!«
sang Joachim halblaut.
    »Und jetzt,« fuhr Severina eifrig fort, »wo Du zum erstenmal wirklich
liebst, mich, findest Du grenzenlose Gegenliebe. Du hast also gar keine
Gelegenheit zur Unvernunft! Aber das ist gewiss, dass auch ein stilles Glück, ein
vernünftiges Glück durch einen Querstrich ins übermenschlich Traurige umschlagen
kann. Wenn ich Dir untreu würde, Du ertrügst es nicht. Und ich - ich stürbe,
wenn Du mich verrietest.«
    Sie hing leidenschaftlich an ihm.
    »Aber, Kindchen,« sagte er missmutig, »Du weisst, ich kann die überspannten
Redensarten nicht leiden. Ob ich Dir treu bleibe - Du mir - wer kann's
beschwören? Aber wir wollen es hoffen. Wenn wir erst verheiratet sind, macht
sich das von selbst.«
    Severina zitterte. O, über seinen leichten Ton! Aber gewiss, es war nur der
Ton.
    »Lanzenau sagt mir,« erzählte Joachim, »dass er Aussichten für mich hat. In
drei Wochen kann es sich entscheiden. Dann soll Fanny aber die erste sein, die
es erfährt, vor ihr schäme ich mich der Heimlichkeit am meisten. Wie sie sich
wohl freut, sie ist so teilnehmend. Weisst Du, bei der Geschichte musste ich immer
denken, dass Ginevra gewiss ebenso ausgesehen hat wie Fanny - es ist so das
heldenhafte Genre.«
    »Nein, bei all ihrer Schönheit finde ich dafür Fanny nicht ideal genug. Sie
ist viel zu klug und energisch, als dass man sie sich als Type für eine Ginevra
denken könnte.«
    Sie sprachen noch einige Augenblicke von Fanny voll Anhänglichkeit und
Verehrung, wie sie immer taten, und dann schieden sie. Joachim ging in der
angenehmsten Stimmung denselben Weg zurück. Dieser führte ihn durch den
Nutzgarten, im Warmhause sah er Licht. Der Gärtner war dort, der die Oefen
zuschraubte und die Türen verschloss. Joachim trat ein. Der Schein der
Stalllaterne, die der Mann an den Ast eines Orangenbaumes gehängt hatte, lag
ungewiss auf dem glänzenden Dunkelgrün der Lorbeeren und Orangen. Auf den Borden
an der schräg aufsteigenden, von Eisenstäben durchkreuzten Glaswand stand Topf
an Topf Rosen, Kamelien und der keimende Frühlingsflor der Hyazinten und
Maiblumen. Von dort her leuchteten zwei helle Rosenblüten, der Stolz des
Gärtners, der seiner Herrin gestern noch die so künstlich gezeitigten Knospen
gezeigt. Ohne Bedenken ging Joachim darauf zu und schnitt sie mit seinem
Taschenmesser ab. Er lachte den entsetzten Gärtner aus und versicherte, dass es
der Rosen würdiger sei, im Zimmer der Herrin zu welken, als hier still zu
blühen.
    »Ich wollte ihr morgen den Topf in den Blumentisch stellen,« klagte der
Mann.
    »Es sind noch fünf Knospen daran, gute Nacht!« Pfeifend ging Joachim dem
Hause zu und trat in das Speisezimmer. Die Frauen waren nicht anwesend. Er legte
auf ihre Servietten je eine Rose und wartete.
    Fanny und Adrienne, als sie erschienen, freuten sich des Blumengrusses sehr.
Dass er nur durch einen Raub in Fannys Gewächshaus ermöglicht war, nahm ihm
nichts von seinem Reiz. Man setzte sich heiter zusammen, Fanny befestigte die La
france-Rose in ihrem Knopfloch. Die Lampe brannte auf dem Tisch, rings war die
totenhafte Stille eines ländlichen Winterabends.
    Das Glücksgefühl, welches Fanny den ganzen Tag darüber gehabt, dass sie unter
sich seien, steigerte sich beinahe bis zum jubelnden Übermut. Die Dienerschaft
auf Mittelbach hatte noch nie ein so vergnügtes Lachen aus den Zimmern der
Herrschaft gehört. Joachim spielte sich gewaltig als alleinigen Beschützer und
Hausherrn auf, und das stand ihm reizend. Endlich setzte er sich an den Flügel
und sang und sang, als wollte er sein ganzes Herz ausschütten: all die
ungemessene Jugendlust, alle Liebesfreude, alles Ahnen tieferen Empfindens, das
er in Gedanken gern von sich wies, alles strömte er in Liedern aus. Bunt ging es
durch einander, Lustiges und Trauriges.
    Aber die Musik ist eine eigene Zauberin. Mit Schmeichelei fängt sie die
Seelen und fasst sie dann mit ihrem Patos. Der Übermut entschlüpfte unversehens
so dem Sänger wie den Hörern, und Joachim reihte Lied an Lied von Schumann,
Brahms und Jensen.
    Und als er, sich selbst berauschend am Text und der Melodie, das Lied von
Jensen gesungen:
»Lehn deine Wang' an meine Wang',
Dann fliessen die Tränen zusammen!
Und an mein Herz drück fest dein Herz,
Dann schlagen zusammen die Flammen.
Und wenn in die grosse Flamme fliesst,
Der Strom von unsern Tränen,
Und wenn dich mein Arm gewaltig umschliesst -
Sterb' ich vor Liebessehnen!«
Da erschauerte Fanny. Die ganze Menschenohnmacht, die mit den heissesten Wünschen
vergebens strebt, ein vollkommen gesättigtes Glück zu geniessen oder
auszudrücken, spricht sich in diesem Liede aus. Es ist der Notschrei des
Titanen, der Göttlichstes empfindet und verlangt und nie ganz auskosten kann.
    Als der letzte Ton verhallte, sagte sie mit bleichen Wangen:
    »Heute nichts mehr!«
    Joachim fühlte, dass er so gut gesungen habe wie noch nie und dass er mit
seinem Gesang Fanny erschütterte. Es freute ihn sehr, dass er, der sich ihr
gegenüber stets als unbedeutender junger Mensch fühlte, doch etwas könne, das
ihr eine Stunde ausfülle.
    Auch Adrienne war tief ergriffen und verliess das Zimmer sogleich. Die
anderen sollten sie nicht weinen sehen - sie würden erraten haben, dass Adrienne
von einem unbestimmten Heimweh erfasst sei. Von Heimweh? - nach ihrer sonnenlosen
grauen Stube in Kiel, oder nach dem Klang einer ruhigen, ernsten Stimme, in
welcher doch ein Ton mitbebte, der Joachims Sang so ähnlich war?
    Fanny und Joachim blieben aber nicht mehr beisammen, während er den Flügel
schloss und die Noten ordnete, sagte sie ihm gute Nacht. Aber er lief in heiterer
Galanterie voraus, um ihr die Tür zu öffnen. Während sie an ihm vorbei schritt,
entfiel ihr die Rose. Er nahm sie auf und deklamirte in einer unwillkürlichen
Gedankenverbindung:
»Ginevra, im Vorüberwallen,
Liess eine rote Rose fallen.«
Fanny lachte, liess ihm die Rose und ging in ihr Zimmer. Die Erregungen des Tages
bebten in ihr nach und liessen sie lange nicht schlafen.
    Lanzenaus Abreise, das schöne Gedicht von Ginevra und Lanzelot, Joachims
Gesang - alles kam zurück und forderte seinen Teil abschliessender Betrachtung.
Und zuletzt hafteten ihre Gedanken auch bei Joachims Citat, als ihr die Rose
entfiel.
»Ginevra, im Vorüberwallen,
Liess eine rote Rose fallen.«
Ja, das tat Ginevra - als Zeichen, dass der Geliebte in der Nacht kommen dürfe.
Wie unbedacht, wie leichtsinnig, ja wie unpassend war es von Joachim gewesen,
das zu citiren. Aber natürlich, das waren in jenem Augenblick nur Worte ohne
Sinn gewesen, und er hatte gar nicht daran gedacht, welche Bedeutung sie im
Gedicht haben. Sie lächelte in ihre Kissen hinein.
    Wie reich doch jetzt die Tage waren! Neben der Arbeit und Aufsichtsführung
in Haus und Feld und Scheunen blieben genug Stunden, dem frohen Beisammensein
gewidmet. Was war doch früher in diesen Stunden geschehen? Fanny erinnerte sich
nicht. Es schien, als habe es früher gar keine Erholungsstunden gegeben.
    Das Licht flackerte auf und schreckte Fanny von den Grenzen des
Halbschlummers zurück. Sie erhob sich halb und löschte es, fiel zurück und
schlief ein.
    Ganz gegen ihre Gewohnheit träumte sie - buntes, sinnloses Zeug. Aber
endlich siegten die beiden Eindrücke, die heute am mächtigsten gewesen: Fanny
träumte, sie sei Ginevra und Lanzelot sässe zu ihren Füssen und sänge: »Lehn deine
Wang' an meine Wang'«. Ein unendliches Glücksgefühl überwältigte sie. Das Lied
aus seinem Mund, der flehende Liebesblick aus seinem Auge bezwang sie ohne
Widerstreben. Sie sank in die Arme, die sich ihr entgegen öffneten und vermählte
sich dem geliebten Mann. Vom Uebermasse der Wonne erschrak ihr Herz und in diesem
Schrecken erwachte sie.
    Lanzelot war im Traum eins mit Joachim gewesen. Sie begriff mit wachem
Geiste, dass sie im Traum sich Joachim ergeben.
    Fanny erkannte, dass ihr Leib und Seele in Liebe zu Joachim entbrannt seien.
    Sie barg ihr Angesicht im Kissen ihres Lagers und weinte. Sie fühlte, dass in
dieser Stunde all ihr dunkles Glückssehnen, von dem sie einmal zum Freunde
gesprochen, zielbewusst geworden. Sie fühlte, dass ihr Leben in diesem Augenblick
einen neuen, einen einzigen Inhalt bekommen habe: Joachim!
    Und mit freudigem Stolz gestand sie sich, dass alles, was sie zu geben habe,
des besten Mannes nicht unwert sei. Alles, was ihre unermüdliche Kraft sich in
den vergangenen Jahren geschaffen, das arbeitsreiche, gesunde Leben, die
eigentümliche und so viel verehrte Herrscherstellung, die sie in der Gegend
einnahm, die treue Anhänglichkeit ihrer nächsten Untergebenen, der Reichtum, den
das Schicksal ihr in den Schoss geschüttet und den sie weise und wohltätig
zugleich verwaltet, alles, alles hatte nun dadurch erst rechten Wert und
Bestimmung erhalten, dass sie es dem geliebten Mann zu Füssen legen konnte.
    Ein frommes Gebet entstieg ihrer Brust. Sie dankte Gott, dass sie sich dieser
Stunde reinen Herzens freuen könne, dass sie ihr Glück ohne Bangen empfangen
dürfe, denn es treffe ihre Seele nicht im Übermut, es habe sie gefunden nach
langen Jahren ehrlicher Selbstbezwingung.
    Und dann streckte sie sich wieder und lag ganz still. Nicht um zu schlafen -
nein, um in glücklichem Wachen an alles zu denken, was nun kommen könne, kommen
müsse.
    Auch nicht von fern streifte ihre Seele die Furcht, dass Joachim nicht ganz
dasselbe fühle wie sie. Mit der Erkenntnis, dass sie ihn liebe, war wie ein
Himmelswunder die zweifelsfreieste Gewissheit in ihr Herz gekommen, dass er schon
lange harre, das Glück aus ihrer Hand zu empfangen. O, und es sollte ihm werden,
reich und königlich, wie nur sie es ihm geben konnte.
                                Zehntes Kapitel
Was sind die kühnsten und seligsten Entschlüsse der Nacht gegen die nüchternen
Wirklichkeiten des Tages!
    Als Fanny am nächsten Morgen Joachim sah, zitterten ihr die Kniee, die
Stimme schien ihr versiegt, Flammenglut deckte ihr Antlitz. Aber er war
unbefangen heiter wie immer.
    Und unter der Dienerschaft des Hauses war grosses Erstaunen: Frau Förster gab
verkehrte Befehle! Frau Förster vergass oft, was sie vor einer Viertelstunde
angeordnet! Wenn man sie anredete, fuhr sie erschreckt auf! Und sie ritt allein
bei regnerischem Windwetter aus! Und die Pastorsleute waren neulich abgewiesen
worden - zum ersten, unerhört Aufsehen erregenden mal - weil Frau Förster
Kopfweh habe! Was bedeutete das?
    »Was bedeutet das?« fragte sich auch Severina, als Fanny beim Vorlesen nicht
mehr malen konnte, überhaupt nicht mehr stillsitzen zu können schien. Was
bedeutete das, dass Fanny sie nicht immer aufforderte: »Komm morgen wieder!« War
das Gedankenlosigkeit? Und warum dann diese Gedankenlosigkeit? Was beschäftigte
sie so ganz? Oder wollte sie Severina nicht mehr so oft mit Joachim
zusammenkommen lassen? Hatte sie das heimliche Verlöbnis entdeckt und billigte
es nicht? Aber dann entsprach es Fannys Art, dies offen zu sagen und Severina
sowie Joachim eine Vernunftrede zu halten. Was bedeutete das also?
    Mit dem Instinkt des liebenden Weibes, das im tiefsten Herzen weiss, der
Geliebte sei kein Fels, sondern ein unergründliches Meer mit veränderlichem
Wogenschlag, mit dem Instinkt, der sich an der Sorge schärft, fühlte Severina
plötzlich, dass es bedeuten könne, Fanny liebe Joachim.
    Sie hatte nicht die Klugheit Lanzenaus, der sich gesagt, »daran rühren,
heisst Flammen schüren«; sie hatte die eifersüchtige Todesangst ihrer Jugend und
ihres Temperaments.
    »Joachim,« sagte sie eines Tages, als sie sich in Adriennens Wohnzimmer
befanden, während die junge Frau nebenan das schreiende Kind besänftigte,
»Joachim, merkst Du nicht, dass Fanny ganz verändert ist?«
    »Wieso verändert?«
    »Nun, sie wird immer dunkelrot, wenn Du eintrittst.«
    In diesem Augenblick kam Adrienne herein, holte aus einem Schrank ein
frisches Kleidchen und sprach dabei von den Schmerzen, die der arme Schelm von
den Zähnen habe.
    Währenddessen standen die beiden mit pochendem Herzen am Fenster.
    Severina fühlte ihres bis zum Halse hinauf schlagen. Was wird Joachim
antworten? Hat er es auch schon bemerkt? Hat es Eindruck gemacht?
    Die Eifersucht, die immer ihre Schläge zurückführt gegen diejenigen, welche
sie auszuteilen meinen, hatte Severina zu einer fürchterlichen Unvorsichtigkeit
fortgerissen, von deren Tragweite freilich in diesem Augenblick nichts zu spüren
war.
    Kaum hatte Adrienne das Zimmer wieder verlassen, so wiederholte Severina
ihre Frage:
    »Nun - hast Du nichts bemerkt?«
    Joachim schwieg noch einen Herzschlag lang.
    »Ach - Unsinn!« sagte er dann mit einem fast ärgerlichen Gesicht.
    Wenn man einen Funken vor sich niederfallen sieht, erschrickt man immer.
    Von dieser Stunde an bemerkte auch Joachim, dass Fanny sich ganz verändert
habe. Die natürlichste Rückwirkung dieser Veränderung war, dass Joachim etwas
Unfreies bekam. Wie sollte ihn die Frage nicht beschäftigen, weshalb Fanny
zuweilen bei seinem Eintritt erglühte, und wie sollte das Grübeln darüber ihn
nicht verhindern, mit Severina den alten Ton einer Zärtlichkeit anzuschlagen,
die alle Gedanken ausschliesslich auf die Eine, Geliebte gerichtet gehalten.
    Mit steigender Unruhe bemerkte Severina eine ganz neue Zerstreuteit an ihm,
sah auch, dass er beflissener um Fanny war als vordem. Anstatt die Neugier in
seiner jungen und ungefesteten Seele unberührt zu lassen, - denn eine
natürliche, von Eitelkeit und von Verehrung für Fanny gesteigerte Neugier war
es, die Joachim zunächst erfasst hatte - anstatt also die unberührt zu lassen,
beging sie die Torheit, Joachim durch Vorwürfe und Fragen zu beunruhigen, ja,
ihn geradezu zu verstimmen. Es gab kleine Scenen zwischen den heimlich
Verlobten, die Joachim anfangs dadurch zu beendigen suchte, dass er heftig
erklärte, wenn Fanny ihm denn ein wärmeres Interesse schenke, habe er nur
dankbar dafür zu sein und es durch erhöhte Verehrung zu vergelten. Später aber
ging er von der Heftigkeit, mit der er das Recht der Neigung und
ehrfurchtsvollen Gegenneigung zu beweisen suchte, zu der schroffen Behauptung
über, alles bestände nur in Severinas Einbildung, Fanny sei gar nicht verändert.
Und eben in dem Masse, wie diese Veränderung offenbarer wurde, bestritt er sie
mehr und mehr. Und Joachim, ohne sich dessen bewusst zu sein, halb aus Trotz
gegen Severina, halb aus noch unerkanntem Verlangen, Fannys aufleuchtendes Auge
zu sehen, fing an, alle seine Zeit Fanny zu widmen, und das war im November so
ziemlich der ganze Tag.
    Fannys Wesen war in dieser Zeit von dem Sonnenschein eines unaussprechlichen
Glückes durchglüht. Die Gewissheit, dass sie geliebt werde, ward ihr nie
erschüttert. Sie war zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um Severinas bleiche
Wangen und unruhige Augen zu bemerken.
    So kam der Tag heran, an dem Fanny und Joachim nach der Taissburg fahren
sollten. Ein Tag, an den Severina mit allen Qualen eines eifersüchtigen Herzens
dachte, denn dann würden Joachim und Fanny allein viele Stunden im Wagen
zusammensitzen, und Adrienne wollte durchaus nicht mit.
    »Mir ist nicht nach Festen ums Herz. Wenn ich erst einen Brief von Arnold
habe, finde ich vielleicht die innere Freiheit, heiter zu sein. Lasst mich still
bei meinem Kinde,« bat sie, und dagegen etwas zu sagen, wäre Fanny die letzte
gewesen.
    Severina musste für die wenigen Nächte im Herrenhause schlafen; der Pastor
und seine Frau sollten am Tage bei den einsamen Frauen sein. So glaubte Fanny
alles auf das beste bestellt zu haben.
    Zwei Tage vor ihrer Abfahrt hüllte sich die Welt in einen frühen
Winterschnee, der so andauernd und so dicht auf die leicht gefrorene Erde fiel,
dass es offenbar ward, aus der Wagenreise würde eine lustige Schlittenfahrt
werden. Das machte Fanny Spass.
    »Es gibt eine lustige Fuhre,« sagte sie, »voran Achim und ich im Schlitten
mit den Juckern, hinterher der Kartoffelschlitten mit den Braunen als
Gepäckdroschke.«
    
    Joachim staunte über den Riesenkoffer, den Fanny in den Flur schaffen liess.
    »Soll alles, was da drin ist, in drei Tagen angezogen werden?« fragte er.
    »Natürlich,« sagte Fanny, »ich gehe darauf aus, mit einigen Gersonschen
Kleiderwundern Erfolg zu haben.«
    Sie, die Einfache, nie Geputzte, hatte sich in die Mühe des Nachdenkens
gestürzt, was ihr am schönsten stände. Severinas Hände zitterten, als sie Fanny
beim Einpacken half, und ihr Herz klopfte, als sie jetzt Joachim darüber
scherzen hörte. O, es war nur seinetwegen, nur um ihm zu gefallen.
    Und sie war wieder so verblendet, ihm das zu sagen, ihm daraus einen Vorwurf
zu machen - einen blinden, ungerechten Vorwurf. Die letzte, hastige Minute, die
ihnen ein Zufall zum unbeachteten Abschied gönnte, ward ihr und ihm dadurch
verbittert. Er fühlte Severinas Liebe gleich einer Tyrannei auf sich lasten, und
sie litt unter seiner Unfreundlichkeit in einem unbeschreiblichen Grade.
    Die ganze Hausbewohnerschaft, die Pastorsleute, Adrienne und Severina
standen im Flur und auf dem Beischlag, als die »lustige Fuhre« abging.
    Die Jucker, die Joachim selbst lenkte, trugen stolze schwarzweisse
Rosshaarbüschel auf den nickenden Köpfen und eine schwarzweiss gestreifte Decke,
die sich an den Schlitten schloss, in der Fahrt sich wie ein Segel blähte und die
Schlitteninsassen vor umherspritzender Erde oder aufgestiebtem Schnee
beschützte.
    Joachim hatte eine Pelzmütze auf dem Blondhaar und einen mächtigen Pelz an.
Seine Hände staken in pelzgefütterten Fahrhandschuhen. Fannys Gesicht guckte
gleichfalls aus dem hochgeschlagenen Kragen ihres Wagenpelzes; auf ihrem Kopf
sass ein Sealskinbaret. Sie sahen, als sie nun auch das Panterfell über ihre
Kniee gedeckt hatten, gerade aus, als wollten sie direkt nach Sibirien fahren.
    Trotzdem gab die Pastorin noch tausend Ratschläge und trotzdem lief Adrienne
noch nach einem Cognacfläschchen. Severina hörte den lachenden Abschied mit
stummer Verzweiflung an. Wie diese unnützen Reden vom glücklichen Hinkommen,
vielmals Grüssen, nicht Erkälten, keinen Wind schlucken, wie sie ihre Ungeduld
erregten! Wie gleichgiltig, wie alltäglich, wie fade war das alles!
Unerträglich! Die eine Warnung, die einzige, rief ihnen niemand zu!
    Und alles andere war so verächtlich daneben. Da fuhren sie hin. Sie winkten
lachend zurück. Die Glöckchen an den Rosshaarbüschen klingelten silbern. Die
Decke blähte sich. Da fuhren sie und hinterher glitt das hässliche Lastgespann.
Es war, als ob zwei auf Nimmerwiederkehr auszögen und gleich ihren Hausrat
mitnähmen. Fort - da - und da - noch ein letztes Winken. Und Severinas Glück
fuhr auf gleitendem Schlitten, auf glatter Bahn in die Welt hinein. Kam es ihr
wieder? Sie ging mit stummen Lippen und in schweigender Qual, in der Einsamkeit
den Mut zur Hoffnung zu suchen.
    Wer kennt nicht die Schönheit der Welt, wenn sie in üppiger Sommerschwüle
farbenprächtig ihre Reize entüllt? Wer kennt nicht die zarten Zauber der Natur,
wenn sie in der Frühlingsjugend ihre ersten grünen Schleier über die Fluren
hinbreitet? Ueberall ist die Schönheit zu Hause: sie tront unter den Palmen
Siziliens und schaut aus glühenden Augen über das blaue südliche Meer; sie sitzt
auf den grauen Felsenschroffen der Alpen und sieht mit ehernem Antlitz zum nahen
Gewölk empor; sie wandelt mit stillen, freundlichen Blicken unter den
Buchenwäldern des Nordens, am schilfbesäumten Ufer langsam fliessender Flüsse
entlang. Aber nie ist sie so unbegreiflich, so geisterhaft schweigsam, als wenn
sie über den unermesslichen Schneegefilden der norddeutschen Ebene schwebt. Da
ist ihr Wesen Majestät, aber es ist nicht die stolze Majestät des Lebens, es ist
die erhabene der Ruhe.
    Weit und breit kein Farbenton als der silberweisse. Selbst dort am Horizont
der Waldsaum, der sonst bläulich schimmert, ist von frischen Schneelasten weiss
beschüttet. Die Knicke, welche die Landstrasse einfassen, gleichen niedrigen
weissen Mauern.
    Lautlos schlagen die raschen Pferdehufe auf die schneegepolsterte Strasse,
lautlos gleiten die Schlitten in der Spur. Das lustige Klingkling der Glöckchen
ist der einzige Ton, der laut wird. Der andere Schlitten, auf dem die Jungfer
bei den Koffern sitzt und mit dem Kutscher schwatzt, ist längst zurückgeblieben.
    Jetzt nähern sie sich einem Dorf. Der Rauch wölkt sich weisslich gegen den
blauen Himmel; die Schornsteine, denen er entsteigt, haben da, wo sie im Dache
wurzeln, einen kleinen dunklen Kreis um sich, den die Wärme in den Schnee
getaut. Der Schnee liegt locker, dick und weiss auf den schräg abfallenden
Dächern; die der Strasse zugewandten Häuserseiten gucken mit ihren Fenstern aus
dem Schneerahmen wie alte Frauengesichter aus weissen Tüllmützen. Aus den Pappeln
fliegen Raben auf. Ein Bauernwagen mit dampfenden Pferden zieht langsam vorbei.
Das eintönige Geräusch des Dreschflegels klingt aus einer Scheune und aus dem
Schulhause der plärrende Gesang der Kinder. Der Schulmeister, der zum Fenster
hinaussieht, grüsst - er hat die »Mittelbacher« erkannt.
    Vorüber! Und wieder das weite, stumme, geisterhafte Land.
    Und Fanny und Joachim haben noch kein Wort zusammen gesprochen, kein
einziges. Ihr ist es lange nicht aufgefallen, und er hat geschwiegen in
Verlegenheit, was er sagen soll, wie er am besten den unbefangen lustigen Ton
trifft, der sonst zwischen ihnen üblich ist. Dann ist ihr das Schweigen wie eine
süsse Beängstigung auf die Seele gefallen, und zuweilen hat sie mit schnellem
Auge das liebe Angesicht gestreift. Er hat den Blick gefühlt - jedesmal. Und das
Schweigen ist auch ihm immer beklemmender geworden. Er weiss, er fühlt es, dass
das Weib an seiner Seite ihn liebt. Dies Bewusstsein klopft in seinen Pulsen,
schnürt ihm die Kehle zu - er weiss, wenn er jetzt spricht, das Alltäglichste,
das Einfachste, wird der Ton, sein Ton, über den er keine Herrschaft mehr hat,
auch ihr seine Erregung verraten. Und von Minute zu Minute wird es schwerer, das
Schweigen zu brechen.
    In der hellen Einöde ringsum sind sie so allein. Das Schweigen wird zur
Qual. Er weiss, dass er mit einem Blick, mit einem Wort ein Geständnis hervorrufen
kann, und er hat nicht mehr die Kraft, dies zu wollen oder nicht zu wollen.
Alles ist aus seinen Gedanken wie gelöscht, ausser der Spannung, die ihn ganz
beherrscht: was wird geschehen, was wird das erste Wort sein, das Fanny spricht?
    Wer will ihn verdammen? Die Spannung wird unerträglich. Irgend etwas soll
und muss geschehen. Wenn er so noch drei Stunden neben der schönen Frau sitzen
soll, so nahe, dass ihr Gewand seine Füsse deckt, dass ihr Ellenbogen zuweilen den
seinen streift, dass ihr Parfüm ihn umduftet, und immer dazu dies gewitterschwüle
Schweigen, dann, so ist ihm, dann könnte er wahnsinnig werden.
    Er will ein Ende machen und lustig schwatzen, damit sie sieht, dass er kein
solcher Narr ist, zu denken, eine Fanny könne ihm, dem Unbedeutenden, ihr Herz
geben. Sie soll meinen, dass ihm so etwas im Traum nicht einfällt. Auch
durchzuckt es ihn flüchtig, dass er Severina das schuldig sei.
    Er wendet sich zu ihr. Sekundenlang bleibt ihm noch jeder Laut in der Kehle
stecken. Dann kommt eine leere Frage heraus, aber in zitterndem Ton.
    »Sind Sie auch kalt, Fanny?«
    Sie erhebt die Augen zu ihm und sieht ihn an. Seine Worte hat sie gar nicht
verstanden, aber der langsame, zärtlich eindringliche Tonfall seiner Stimme
macht, dass ihr der Atem stockt. Sie lächelt mit feuchten Augen.
    Er schlingt die Zügel um den linken Arm, fährt aus seinen riesigen
Handschuhen, sucht unter dem Panterfell ihre Hand, streift auch dieser den
Handschuh ab und sagt, ihre kalten Finger zwischen seine warmen nehmend, mit
derselben bedeckten, unbeherrschten Stimme:
    »Sie haben so kalte Hände, Fanny.«
    Ihre Finger zittern in den seinen. Ihr Auge sucht hilflos seinen Blick.
    »Fanny ...«
    Er stockt. Es wird dunkel vor seinen Augen; ihm ist, als ob alles Blut ihm
in die Pupillen träte.
    »Fanny, was ist Ihnen?« murmelt er.
    Sie schüttelt den Kopf lächelnd, mit nassen Blicken und fasst seine Hände
fester.
    »Haben Sie mich lieb, Fanny?«
    Sie antwortet nichts. Aber sie neigt ihren Kopf gegen seine Schulter und
legt ihre Arme um seinen Hals.
    dabei hat es an den Zügeln einen heftigen Ruck gegeben und die Pferde
stehen.
    »Fanny!« ruft er, die Welt vergessend.
    Er küsst ihren Mund.
    Und da springt die Flamme aus ihrem Herzen hervor und sie sagt es ihm mit
tausend beredten Worten, wie sie ihn liebt, wie sie bereit ist, ihm alles zu
geben, ihre Gegenwart und ihre Zukunft.
    Das Gebäude eines unfasslichen Glücks steigt vor Joachim auf. Sein rasches
Blut wallt in heissen Wünschen Fanny entgegen. Dankbarkeit, überwältigte
Eitelkeit vielleicht und seine überschäumende Jugendkraft rauben ihm alle
Besinnung. Kein flüchtigster Gedanke führt ihn jetzt zu Severina zurück. Er
glaubt, dass alles, was er je empfand, ein Irrtum war und dass der Inhalt dieser
Stunde die Wahrheit ist. -
    Unterdes kam der andere Schlitten der Herrschaft nach; das Läuten der
Glöckchen, deren auch die beiden Braunen trugen, schreckte die Glücklichen auf.
    Joachim ergriff die Zügel, Fanny schmiegte sich an ihn und weiter ging die
sausende Fahrt. Aber nicht mehr so schweigsam wie zuvor.
    Welche Torheiten sind töricht genug, um von den Lippen verschmäht zu
werden, die sich eben im Küssen geübt; welche Worte sind zu gross, um nicht von
Herzen gewählt zu werden, die sich eben dem Glück erschlossen?! Fanny und
Joachim plauderten und lachten in dem Vollrausch ihrer neuen
Zusammengehörigkeit.
    Als sie endlich die Taissburg erblickten, sagte Fanny:
    »Eins, Geliebter, verzeihe mir: dass ich Dich nicht schon heute der ganzen
Gesellschaft als meinen künftigen Gatten vorstelle. Freilich, es wird mir
unmöglich sein, mein Glück zu verbergen; mögen sie denken, was sie wollen. Aber
die Rücksicht auf Lanzenau verbietet mir, eine Verlobung zu verkündigen, die
einen herben Schmerz für ihn bedeutet.«
    In Joachims Gesicht ergoss sich jäh dunkle Röte. Lanzenau, der von seiner
Beziehung zu Severina wusste - Severina - o Gott, wenn Fanny das erfuhr! Und wenn
Severina erfuhr - eine grosse Angst beklemmte sein Herz.
    »Was ist Dir?« fragte Fanny angstvoll. Und einen ganz verkehrten Schluss auf
den Grund seiner sichtlichen Bestürzung machend, fuhr sie im Ton einer heiligen
Versicherung fort:
    »Sei gewiss, dass Lanzenau niemals von mir die mindeste Hoffnung empfing, mich
je die Seine zu nennen. Wenn dies auch nur im entferntesten der Fall wäre,
kannst Du sicher sein, mein Achim, dass ich lieber auf alles Glück verzichtet
hätte, ehe ich ihn durch einen Wortbruch gekränkt haben würde.«
    Diese Worte vermehrten Joachims Verwirrung. Gewaltsam fasste er sich und
sagte:
    »Ich war von anderen Gedanken bestürzt. Später will ich sie Dir vielleicht
gestehen. Aber wird Dir niemand Deine Wahl verargen? Fanny Förster und der
junge, unbedeutende, arme Schlucker, der Dir nichts bringt als seinen schönen
alten Namen! Und auch auf diesen legst Du kaum Wert, denn ich weiss, Du schätzest
den Adel gering; man bot ihn Dir schon an und Du schlugst ihn ab.«
    »Ah,« dachte Fanny, wieder in neuen Irrtum fallend, »das war's, seine Armut
fiel ihm ein und dass vielleicht gar Krämerseelen denken könnten ...«
    Deshalb ging sie liebevoll auf seine Schlussbemerkung ein, die er nur
gemacht, um irgend eine Ablenkung zu finden.
    »Du irrst, mein Herz,« sagte sie; »ich schätze einen schönen alten Namen
sehr. Allein den modernen Adel finde ich abgeschmackt. Wenn sich heute jemand
auszeichnet durch wissenschaftliche oder künstlerische Taten oder durch
Leistungen auf staatlichem, wirtschaftlichem oder humanem Gebiet, dann adelt ihn
diese Leistung mehr und hebt ihn stolzer aus der Masse des Volkes hervor, wie
jedes von oder jede Baronisirung könnte. Die Aristokratie der Taten ist in der
Geschichte der Kulturvölker immer die allererste. Aber ich verachte deshalb den
alten Geburtsadel nicht; im Gegenteil finde ich es sehr schön, wenn einem von
Geburt her schon das Bewusstsein überkommt: Mein Geschlecht war seit
Jahrhunderten gut erzogen, gut ernährt.«
    »Die reine Darwinistin!« warf Joachim scherzend dazwischen.
    »Aber dasselbe Bewusstsein kann sich in vornehmen Bürgerfamilien entwickeln,
zumal wenn einzelne Glieder derselben sich in der vorhin erwähnten Weise
auszeichneten. In der Försterschen Familie war es seit Generationen heimisch;
ich bin eine von Grävenitz, weisst Du, allein ich habe immer das Gefühl gehabt,
dass Fanny Förster ein Name sei, der ebenso - ja, ehrlich gesagt - imponirender
klänge als Fanny von Grävenitz.«
    »Du hast ihm den höchsten Glanz gegeben,« sagte Joachim, ihre Hand drückend.
    »Siehst Du, Dein Arnold denkt wie ich. Er begnügt sich nicht mit dem
ererbten Namen Herebrecht, er will diesem neuen Glanz hinzufügen,« sprach Fanny
weiter.
    »Nur ich als Krautjunker von Profession,« scherzte Joachim, »muss so ruhig im
Dunkeln weiter wurzeln.«
    »O,« rief Fanny erglühend, »Du sollst sehen, was wir noch alles zusammen
Segensreiches wirken werden. Graf Taiss ist in unserem ganzen Bezirk der
angesehenste, mächtigste und tätigste, auch erfolgreichste Landwirt und Patron;
er pflegte bisher zu scherzen, dass ich allein seine Rivalin sei. Du und ich
zusammen müssen dasselbe, müssen mehr leisten als er. Sie sollen alle einmal
begreifen, dass ich meinen zweiten Lebensgefährten klug wählte. Ja, auch das
törichte Herz kann klug wählen.« Und dabei sah sie ihn stolz und voll Liebe an.
    »Mag kommen, was will,« dachte Joachim mit dem blinden Mute jemandes, der
sich in ein brennendes Haus gestürzt hat, »so vieler Liebe gegenüber bleibe ein
Felsen hart!«
    Das letzte Gespräch hatte ihnen beiden wenigstens die äussere Ruhe
zurückgegeben, als sie in den Hof der Taissburg einfuhren, sahen sie scheinbar
mit ihren gewöhnlichen heiteren Gesichtern in die Welt.
 
                                 Elftes Kapitel
Die Taissburg war ein massiver alter Bau, der mit seinen beiden niedrigen, runden
Türmen, die den breiten Mittelbau flankirten, gewaltig aus dem flachen Lande
aufstieg. Er war in einer Zeit gebaut, da die brutale Kraft herrschte, moderne
Nachkommen des alten Geschlechtes hatten ihm mit grossem Aufwand seinen
barbarischen Charakter erhalten. Doch blinkten jetzt aus der riesigen
Mittelfront, anstatt der einstigen Schiessscharten und Luftklappen, zahlreiche
Fenster aus romanischer Bogenwölbung. Von den zackigen Zinnen der beiden
Zwingertürme wehten Fahnen; eine in den Landesfarben, die anderen mit dem
Taisswappen.
    Das Portal, an dem eine Anfahrt vorbeiführte, befand sich im Mittelbau. Man
musste um einen Weiher herumfahren, der sich vor dem Schloss ausbreitete. Jetzt
deckte ihn eine dünne Eisschicht und die Gruppe der Trauerweiden, die an seiner
einen Seite stand, senkte ihre kahlen Zweige so tief herab, dass einige davon im
Eise mit fest gefroren waren. Rechts und links schränkten den Blick hohe Tannen
ein, die wie eine Mauer standen und ihre breiten, schneebeladenen Zweige bis zum
Boden niederlegten.
    Ein düsteres, majestätisches Bild in den Farben des Winters und des Todes.
    Schon als Fannys Schlitten den Halbkreis um den Weiher machte, erschienen im
Portal Gestalten. Ein Durcheinander von Stimmen empfing sie, ein Dutzend Hände
streckten sich Fanny entgegen. Joachim fühlte sich jäh aus der Zweiseligkeit
herausgerissen - nun stand er wieder daneben, als untergeordnete, jüngere und
keinerlei ungewöhnliche Aufmerksamkeit erfordernde Persönlichkeit.
    Der Gedanke durchfuhr ihn, wenn Fanny ihn jetzt als ihren künftigen Gatten
nannte - der herzliche, aber immerhin flüchtige Händedruck des Grafen würde sich
schnell in die grösste Beachtung verwandeln. Ein heimlicher Stolz schwellte sein
Herz. Fanny liebte ihn - hatte in Demut - in der natürlichen Demut des liebenden
Weibes vor dem Geliebten - zu ihm aufgesehen. Er durfte sich allen überlegen
fühlen.
    Lanzenau war mit einer an ihm ganz seltenen Beweglichkeit um Fanny bemüht -
er war glücklich, sie unverändert, mit freiem Blick, mit liebevollem Lächeln zu
sehen. Ihm war's, als müsste sie ganz verändert sein, wenn inzwischen sich etwas
ereignet hätte - er verfiel in der Wiedersehensfreude in die törichte Logik,
dass, weil sie ihr selbes Lächeln habe, sie auch noch ihr unbefangenes Herz haben
müsse.
    Graf Taiss führte Fanny auf ihr Zimmer, wo die Gräfin und Lucy von Grävenitz
ihrer warteten; Joachim sah sich von einem jungen Vetter des Grafen in Beschlag
gelegt. Die ganze Halle wimmelte von Menschen, es mochten gegen zwanzig Gäste in
der Taissburg sein. Und die Halle, in deren Tiefe in einem Riesenkamin den ganzen
Tag Holzklötze flammten, diente allen wie den Gästen eines Hotels zum Rendezvous
und Geschäftsplatz. Hier war der Briefkasten, hier traf man den Hausmeister,
wenn man von ihm etwas wollte, hier gingen die Herren rauchend auf und ab, wenn
das Wetter eine Promenade im Freien verbot, hier schäkerten die jungen Damen
miteinander, wenn sie ihren Übermut in Gegenwart der zarten Gräfin oder der
alten Mutter des Grafen nicht genug auslassen konnten.
    Joachim übersah sogleich, dass bei dem Hinundher von Menschen in diesem Hause
Fanny ihm so gut wie verloren sei. Nur mit einem einzigen Blick konnten sie sich
darüber verständigen - er sah, dass auch Fanny unter dem Gedanken litt.
    In dem Turme rechts waren die Fremdenzimmer für die Damen, in demjenigen
links für die Herren. In den wenigen, aber geräumigen Gastzimmern, die im
Mittelbau noch neben den Schlafräumen der gräflichen Familie übrig waren, hatte
man die Ehepaare untergebracht. Diese, auf der Taissburg schon lange übliche
Einteilung rief alljährlich einige wohlfeile Witze über diese Scheidung und die
bekannte beim jüngsten Gericht hervor, die auch Joachim hören und belachen
musste, als der Vetter ihn nach dem Zimmer brachte, wo er wohnen sollte.
    Dann unterhielt ihn der »Vetter Heini«, wie alle Welt diesen nannte, noch
von den jungen Damen, sagte ihm, dass die beiden Comtessen Sieburg »kalberig«
seien, insbesondere Lulu mit den Sommersprossen und den wässerigen Augen,
während Fifi noch manchmal ein vernünftiges Wort rede; dass Fräulein von Meerheim
eine verteufelte Hexe sei, ein pikanter, kleiner, schwarzhaariger Mops, und dass
... Joachim hörte noch allerlei Namen und noch allerlei Unterweisungen, dankte
aber seinem Schöpfer, als Vetter Heini ging. Vetter Heini ging in seinen grossen
englischen Schuhen - er trat natürlich mit den Hacken zuerst auf - und seinem
nachlässig eleganten Gang, die Hand in der Hosentasche, zu den jungen Damen
hinab, um ihnen zu sagen, dass Herr von Herebrecht ein liebenswürdiger Mensch
scheine. Vetter Heini hatte einen steifen Halskragen von ungewöhnlicher Höhe um,
trug einen weissseidenen Plastron, kurz geschorenes Haar und zwei
»Landwehrstrippen« - jene schreckliche Bartform, welche für einen Gommeux
unerlässlich ist. In dieser Zustutzung, die er für seine magere weissblonde
Erscheinung unwiderstehlich vorteilhaft glaubte, spielte er immer inmitten der
Damen den Unentbehrlichen, Vielgeliebten, aber philosophisch Abgehärteten. Er
hatte es für seine Pflicht gehalten, Joachim das fühlen zu lassen.
    Joachim aber hatte nur die Störung empfunden. Eine rasende Ungeduld
bemächtigte sich seiner, als er allein war. Alles in ihm drängte zu Fanny hin.
Welch erbärmliches Dasein, dieses Leben in der Konvention der Gesellschaft! Ob
Fanny sich nicht auch nach ihm sehnte? Wenn sie doch hätten weiter durch die
stillen Lande fahren können - so wie vorhin. Immer weiter und die Welt und alle
Erinnerungen vergessen und die süsse Gegenwart ganz, ganz auskosten. Nicht voraus
denken - nicht fragen: »Was kommt morgen?« Heute nur, heute die schönsten Augen
liebevoll auf sich ruhen fühlen, heute nur an dem gewährenden Munde hängen.
    Wenn sie, anstatt nach der Taissburg zu den vielen Menschen, lieber nach
Berlin gefahren wären, dort im Gewühl unterzutauchen, und, einsam mitten im
Lärm, selige Tage verlebt hätten? Warum war ihm der Gedanke nicht im Schlitten
gekommen? Fanny hätte eingewilligt - sie hatte ja niemand von ihrem Kommen und
Gehen Rechenschaft zu geben.
    Diese Vorstellung ergriff ihn wie ein Fieber. Gewiss, in dem ungestörten
Beisammensein hätte er auch die Stunde und den Mut gefunden, ihr von Severina zu
beichten, und alles wäre klar gewesen, ehe sie nach Mittelbach zurückkehrten.
Fanny hätte entscheiden können, welcher von beiden er gehören solle. Nun däuchte
er sich ein Opfer der Verhältnisse. Hier konnte er Fanny nichts beichten; hier
musste er froh sein, wenn sich überhaupt nur eine heimliche Stunde für sie beide
fand.
    Plötzlich hörte er nebenan laut sprechen; es war Lanzenaus Stimme. Die Wände
waren dünn, man hatte sie in dem grossen Raum aufgeführt, um kleine Gemächer aus
dem gewaltigen Turmrund zu schaffen.
    »Fragen Sie, ob die gnädige Frau mich empfangen will,« hörte er Lanzenau
sagen.
    Joachim horchte gespannt. Nach einer ganzen Weile, die genügt haben mochte,
dass ein Diener vom linken zum rechten Turm hin und her ging, trat jemand bei
Lanzenau ein und eine höfliche Domestikenstimme sagte:
    »Die gnädige Frau bedauert. Sie wünschen bis zum Déjeuner zu ruhen.«
    Ohne Zweifel, die Frage war an Fanny ergangen, die Antwort kam von ihr.
    Armer Lanzenau! Meinetwegen wirst Du nicht empfangen, dachte Joachim mit
unsäglichem Triumphgefühl.
    »War Frau Förster allein?« fragte Lanzenau wieder.
    »Nein, die Jungfer kramte im Schlafzimmer der Gnädigen den Koffer aus und
Fräulein von Grävenitz war bei Frau Förster im Salon.«
    »Es ist gut, Sie können gehen.«
    »Ah,« dachte Joachim glücklich, »man hat Fanny ein besseres Logis gegeben« -
er sah sich in seinem einfachen Zimmer um - »sie hat einen Salon, sie erteilt
dort Audienzen, man kann zu ihr gehen.«
    dabei fiel ihm ein, dass er ihr Etui mit ihrem Brillantencollier in der
Brusttasche seines Pelzes hergebracht habe, weil Fanny es nie in ihrem Koffer zu
transportiren pflegte.
    »Das werde ich ihr bringen,« dachte er, »es wird sich schon eine Zeit dazu
finden heute.«
    Und in der Tat, sie fand sich.
    Vorerst aber wechselte Joachim seine Kleider und ging in die Halle hinab, wo
Vetter Heini ihn mit den jungen Damen bekannt machte. Vetter Heini war bisher
der »Einzige« gewesen; zu den Tanzfesten kamen von dem Nachbarstädtchen die
Offiziere des dort garnisonirenden Regiments, in den anderen Zeiten musste er
allein die jungen Mädchen unterhalten. Kein Wunder, dass der Zuwachs an
Herrengesellschaft sehr willkommen war und Joachim von den ihm günstigen
Umständen Vorteil hatte. Als die Glocke in der Halle zum Frühstück läutete, war
er schon bon camarad mit allen, insbesondere aber mit der kleinen Meerheim, die
bloss auf Joachim gewartet hatte, um den - heimlich von ihr zum Gatten
ausersehenen Heini - eifersüchtig zu machen. Als Fanny die Treppe herab kam, sah
sie mit Vergnügen, dass Joachim mit der Jugend schon auf bestem Fuss stand.
    Die Hausordnung in der Taissburg forderte, dass alle Gäste sich um halb zwei
zum gemeinsamen Frühstück versammelten. Nachher stand es in jedermanns Belieben,
seine Zeit bis zum Mittagessen um sechs Uhr zu verbringen, wie er wollte. Es war
heute von einer Schlittenfahrt die Rede, aber es schien, als sollten die jungen
Damen nur Herrn und Frau von Dören, sowie den Hausherrn dazu bereit finden.
Fanny und Joachim hatten ja von früh um acht Uhr bis um zwölf des Mittags im
Schlitten gesessen. Die Gräfin und ihre Schwester mussten für den morgigen
Doppelgeburtstag viel vorbereiten. Die Herren zeigten keine Lust.
    Joachim bemerkte, dass Lanzenau an Fanny die Bitte richtete, ihr dann vor
Tisch ein Stündchen zu schenken, aber Fanny sagte, dass sie ganz schläferig von
der langen Schlittenfahrt sei. Lanzenau war davon sichtlich verstimmt, als er
nach dem Frühstück mit Joachim den Korridor entlang ging. Auch Joachim sagte,
dass er schlafen wolle.
    Der Baron warf sich in seinem Zimmer auf die Chaiselongue, dass es krachte.
Er deckte sich die Schlafdecke über die Beine, wickelte dasjenige, in welchem
ihn die Ischias zuweilen plagte, besonders ein und nahm ein Buch. Aber die
»hypochondrischen Plaudereien« von Amyntor, an denen er sich sonst mit einer Art
grimmigem Behagen sättigte, konnten ihn heute nicht fassen. Von unten her klang
Pferdewiehern, Glöckchenklang, Stimmenruf, dann läutete die kleine Reihe der
Schlitten davon. Die Gesellschaft hatte in der Tat ihren Plan ausgeführt.
    Bald nachher ging nebenan die Tür. Lanzenau horchte: war jemand zu Joachim
gekommen, oder war dieser gegangen? Alles still! Wo konnte er hingegangen sein?
- Er hatte doch von Müdigkeit gesprochen.
    Lanzenau schrak zusammen. Zu Fanny? Ach, Unsinn! Zu Fanny, mit der er heute
viele Stunden im Schlitten gesessen, die er auf Mittelbach jeden Tag so oft und
so lange er gewollt sprechen konnte? Wohin denn? Schliesslich - was ging es ihn
an?
    Lanzenau zündete sich eine Cigarrette an und las weiter. Es ging nicht, die
unbegreifliche Unruhe verzehrte ihn. Dann fiel ihm etwas ein. Natürlich - so war
es: der Rittmeister von Meerheim, der martialische Vater des »pikanten,
schwarzhaarigen Mopses« war ein fanatischer Skatspieler - der hatte sich ohne
Zweifel Heini und Joachim gepresst und sie sassen zu dritt in Heinis oder in des
Rittmeisters Zimmer.
    Eine Weile hielt Lanzenau das aus. Es dunkelte - alle Geister der Ungeduld
erhoben sich von neuem. Da kamen auch die Schlitten zurück; also mehr wie eine
Stunde war vergangen. Es wurde laut in den Korridoren, alle Welt ging, um
auszuruhen, oder sich zu Tisch anzukleiden.
    Durch die Türspalte fiel Licht; ein leiser Schritt ging draussen vorbei: der
Diener hatte die Lampen in den Korridoren entzündet. In Lanzenaus Gemach war
jene tiefe Dämmerung, die vom Schnee draussen einen letzten trügerischen grauen
Schein borgt, ehe sie zur schwarzen Nacht versinkt. Wenn in Fannys Zimmer auch
diese Dunkelheit herrschte - wenn dort im Schatten zwei flüsterten - zwei
Augenpaare sich nahe, ganz nahe anbljetzten? ... Lanzenau fühlte, dass ein kalter
Ohnmachtsschweiss an seinem Körper hinab ging.
    Er ertrug es nicht mehr, er sprang auf. Die Glieder gehorchten der
jugendlichen Hitze des Kopfes nicht so leicht; ein Schmerzgefühl riss durch sein
Bein.
    Er ging nach Heinis Stube. Niemand rief: »Herein!« alles war still. Der
Rittmeister wohnte ein Stockwerk höher.
    Ah - schon auf der Treppe hörte Lanzenau die rauhe Stimme lachen und eine
andere dazu. Er klopfte an, trat ein; da sass der Rittmeister mit Heini beim
dampfenden Grog, den er wunderbarerweise zu allen Tageszeiten und zwischen allen
Getränken vertrug. Der Rittmeister auf einem Ledersofa, die Ellenbogen auf dem
Tisch, die eine Hand an der riesigen pfeifenkopfartigen Cigarrenspitze, die
andere am grauen Schnauzbart. Heini ihm gegenüber rittlings auf einem Rohrstuhl,
auf dessen Lehne er die Arme verschränkte.
    Der Rittmeister hielt in seinem Bericht eines unglaublichen
Kriegserlebnisses inne und rief Lanzenau entgegen:
    »Ein dritter Mann! Vous êtes le bienvenu, monsieur le baron! Heini, die
Karten! Wollen Sie einen Grog, Lanzenau?«
    Lanzenau war recht nach Grogtrinken und Skatspielen zu Mute. Aber wenn er's
auch abwies, musste er doch erst niedersitzen und wenigstens die Geschichte
hören, die der Rittmeister wieder von vorn anfing und die Vetter Heini heute zum
zehntenmal mit schallendem Gelächter belohnte, bloss dem »Mops« zu liebe. Der
Rittmeister fühlte sich dadurch so angeregt, dass er Lanzenau, als dieser dann
gehen wollte, noch am Rockknopf festielt, damit der sich erst erzählen lasse,
wie es mit der Reiterattake da und da gewesen.
    Wäre nicht endlich Herr von Dören erschienen, um zu sehen, ob er sich hier
bei einem gemütlichen Skat von der Unterhaltung mit den Comtessen Sieburg
erholen könne, die im Schlitten zu führen sein Los gewesen, so hätte die
Erlösung für Lanzenau nie geschlagen. Er ging wieder in den ersten Stock hinab,
durchschritt den endlosen Korridor und stand mit Herzklopfen vor Fannys Tür.
    »Nur herein!« rief Fanny, und als er schon auf der Schwelle stand: »Alle
Welt gibt sich in meinem Zimmer Rendezvous.«
    Fannys Zimmer war von einer grossen Lampe sehr hell beleuchtet; die Herrin
sass auf dem Sofa, neben ihr Frau von Dören; die Gräfin, Lucy und Joachim standen
am Tisch und betrachteten Adriennens Bild, welches Fanny der Gräfin mitgebracht.
Also doch Joachim! Aber nicht allein, in der zahlreichsten Gesellschaft, ganz
wie es hier üblich war, wo die Gäste um diese Zeit sich wohl in dem Zimmer der
einen oder des andern einfanden. Lanzenau atmete auf.
    »Ich bin ein Narr,« sagte er sich, während seine Pulse sich rasch ebneten.
    Den Blick voll schwärmerischen Mitleids sah er nicht, den Lucy auf ihn
richtete, und wenn er ihn gesehen, hätte er ihn sich kaum zu deuten gewusst. Und
die Deutung war doch diese: als Lucy vor einer Viertelstunde das Zimmer
betreten, nach ihrer zerstreuten Art ohne anzuklopfen, musste es ihr klar werden,
dass sie störend und überraschend kam. Fanny war ihr stürmisch um den Hals
gefallen und hatte sie gebeten, zu schweigen, hatte ihr gesagt, dass aus
»bekannten Rücksichten« sie noch der Gesellschaft ihre Verlobung mit Joachim
nicht mitteilen könne.
    Lucy war entzückt, ein romantisches Geheimnis zu wissen, bedang sich aus,
nachher erzählen zu dürfen, dass sie die Vertraute gewesen, und fand es besonders
interessant bei dieser Liebe, dass Fanny älter sei als Joachim.
    So hatte Joachim denn auch für seine Liebe zu Fanny einen Mitwisser, wie
Lanzenau die zu Severina kannte. Das hämmerte ihm in den Schläfen und machte ihn
ganz ratlos.
    Gleich nach Lucy traten dann die Gräfin und Frau von Dören ein und halfen
unbewusst, ein harmloses Bild zu stellen, das für heute wieder Lanzenaus tiefe
Sorge übertäubte.
    Bei Tische wurde viel geflüstert und gekichert. Die Jugend sollte am Abend
rasch ein Festspiel einstudiren, das Lucy zu Ehren ihrer Schwester und Fannys
gedichtet. Dies Festspiel passte zwar nicht mehr auf die Situation, denn es
stellte Fanny als selbsterrliches, freies, die Liebe und Mannesknechtschaft
verschmähendes Weib in Gegensatz mit der zarten, liebenden Gräfin, die als
Gattin und Mutter ihren Wirkungskreis begrenze; hiebei fiel auf Fanny alle
Glorie und auf die Gräfin nur einiges notgedrungene Lob. Aber einstudirt musste
es werden und die Veränderung war - so tröstete sich Lucy - ja niemand weiter
bekannt. Joachim musste mitwirken.
    So kam es, dass die älteren Glieder der Gesellschaft sich diesen Abend von
der Jugend absonderten und in ruhigen Gesprächen um den Teetisch sassen. Fanny
zeigte sich seltsam zerstreut, und wie Lanzenau ihr so gegenüber sie prüfend
betrachtete, fiel es ihm auf, dass sie doch - doch verändert sei. War es
inzwischen geschehen, oder war's ihm heute früh entgangen?
    Das Licht eines grossen, geheimnisvollen Glücks strahlte aus ihren
träumerischen Augen, diesen Augen, die sonst durch ihren raschen, gesammelten
Blick gebietend wirkten. Und um ihren Mund lag ein Zug - ein nie gesehener,
unerklärlicher.
    Die Tür vom Salon der Gräfin nach dem grossen Saal stand auf. Die junge Welt
erschien dort, begnügte sich aber, herein zu nicken und etablirte sich um den
grossen runden Tisch unter dem Kronleuchter zu irgend einem Spiel.
    Fanny fühlte es wie einen Schmerz, dass Joachim zwischen den jungen Mädchen
blieb. Aber natürlich - wie konnte er anders, er musste tun, was Vetter Heini
tat. Und wie lustig er mit der kleinen Meerheim war und schon so vertraut.
    Auch die anderen richteten ihre Beobachtungen auf das Bild, welches sich im
Rahmen der Tür anmutig genug bot.
    »Der junge Herebrecht ist ein selten liebenswürdiger Mensch,« sagte Graf
Taiss, »insbesondere die Herzen der jungen Damen scheinen ihm nur so zuzufliegen.
Ina Meerheim ist ja ganz aus dem Häuschen.«
    »Natürlich,« sprach Lanzenau, während er sein Augenglas einklemmte, um auch
seinerseits hinzusehen, »natürlich, dieser ausserordentliche junge Mann reitet
wie der Teufel, schiesst wie ein Freischütz und tanzt wie ein Lieutenant -
erhabene Eigenschaften genug, um alle Weiber verrückt zu machen.«
    Der bittere, ja, fast gehässige Spott in diesen Worten war so auffallend,
dass alle sekundenlang schwiegen. Graf Taiss klopfte Lanzenau lächelnd auf die
Schulter.
    »Und nebstbei, mein Lieber, ist er fünfundzwanzig Jahre alt, während wir die
Ziffer in wenig Jahren umgekehrt haben. Das muss uns nicht neidisch machen.«
    Diese gutmütige Zwischenbemerkung ward von Lanzenau nicht vernommen. Er sah
in Fannys Gesicht; das war ganz bleich und ihm mit starren Augen zugewandt. Und
jetzt sagte sie, scharf, herbe, mit dem Ausdruck jäh erwachter Feindseligkeit
gegen Lanzenau:
    »Sie vergessen, hinzuzufügen, dass Herr von Herebrecht der pflichtgetreueste
und tätigste Arbeiter in seinem Beruf, dass er der zärtlichste und dankbarste
Bruder ist und dass er es bis heute verstanden hat, sich von allen
Verschwendungen fern zu halten, zu denen junge Leute unseres Standes sonst
tausendfach verführt werden.«
    Ihre Blicke wurzelten ineinander, drohend, fest. Lanzenau begriff, dass Fanny
ihrer Liebe zu Joachim sich bewusst geworden und dass auch Joachim darum wisse,
dass sie ihn verteidigte, weil sie zu ihm gehörte.
    Er erhob sich. Dunkle Röte stieg langsam in sein Gesicht. Ihm schwindelte -
er musste sich wieder setzen, aber nur einige Sekunden; dann stand er auf und
ging hinaus.
    »Was war das?« fragte die Gräfin betroffen.
    »Ich weiss es nicht,« antwortete Fanny mit blassen Lippen, »jedenfalls eine
Torheit.«
    Die Gesellschaft, obgleich oder vielleicht weil sie ohne Ausnahme die Sache
durchschaute, ging rasch zu einem andern Gespräch über. Beim Abendtisch, zu dem
Lanzenau sich entschuldigen liess, setzte die Gräfin Joachim neben Fanny.
    Als Joachim nach Lanzenau fragte, sagte Fanny leise, dass sie sich
seinetwegen mit dem Baron scharf gestreift. Eine erneute Angst überfiel Joachim.
Gott - wenn Lanzenau ihn verriete! Fanny müsste ihn verachten, und doch ... er
konnte nicht anders, ihm war's, als habe er einer Macht gehorcht, die stärker
war als sein Gegenwille.
    Die tiefe Sorge, die ihn befallen, kam in tausendfach verstärkter Gewalt
wieder, als er zur Nacht allein in seinem Zimmer war. Und er, der in seinem
ganzen Leben nur Briefe geschrieben, wenn eine Zwangslage ihn nötigte, er setzte
sich hin und schrieb an Severina.
    Alles war still im weiten Schloss. Die Lampe brannte vor Joachim auf dem
Tisch, die behagliche Wärme, die aus den heissen Luftröhren durch das Kamingitter
strömte, hielt jedes Nachtfrösteln fern. Von nebenan klang ein tiefer, sägender
Ton - Vetter Heini schlief da den Schlaf des Gerechten, an der andern Seite war
Totenstille. Dort wachte vielleicht Lanzenau auf ruhelosem Lager.
    Dieser Gedanke übermannte Joachim plötzlich; er legte sein Gesicht in seine
Hände und seufzte tief. Seinetwegen hatte Fanny mit dem treuesten aller Freunde
scharfe Worte gewechselt. Seinetwegen ... o, es war nicht auszudenken. Das
Gefühl seiner Unwürdigkeit durchschütterte ihn; und doch fand er keinen Ausweg.
    Endlich fasste er sich und schrieb:
    »Schreiben Sie an Adrienne oder an Severina, dass wir nicht, wie es seit
Wochen geplant war, am Tage nach meinem Geburtstag nach Mittelbach zurückkehren.
Der starke Schnee verhindert die beabsichtigte Jagd; da aber heute abend alle
Anzeichen von Tauwetter vorhanden sind, schlägt Taiss vor, dass wir dasselbe
abwarten. Somit bitte ich, dass alle Vorbereitungen zur Aufnahme der Gäste wie
zum Jagddiner um einige Tage hinausgeschoben werden. - Das war die Bestellung,
welche Fanny mir beim Abendtisch gab nach den gemeinsam gepflogenen Beratungen.
Ich richte sie Dir aus, Severina, weil ich noch mehreres hinzuzufügen habe.«
    Joachim hielt inne und lächelte in bitterer Selbstverspottung über den
Ausdruck: »weil ich noch mehreres hinzuzufügen habe.« Als wenn es sich etwa um
das Menü handelte, welches es beim Jagdessen geben sollte.
    »Wenn Du diese Zeilen zu Ende gelesen haben wirst, bist Du vielleicht nicht
mehr im stande, mich zu lieben. Aber mein Herz ist so beunruhigt, dass ich
wenigstens versuchen will, es Dir gegenüber zu erleichtern. Liebe Severina, ich
sagte Dir immer, dass ich Deine heftige Neigung nicht verdiene. Ich kann nicht
treu sein, so gern ich möchte. Ich liebe Dich, bei Gott, es ist keine Lüge; aber
sage mir, kann man zwei Frauen zugleich lieben? Gewiss, wirst Du sagen, aber auf
verschiedene Art. Aber das ist es eben, ich kann keinen Unterschied entdecken.
Wenn ich an Dich denke, zerreisst es mein Herz wie Vorwurf und Sehnsucht, und
wenn ich an sie denke ... ach, ich wage kaum auszudenken. Severina, hilf mir;
was soll ich tun? Ich werde noch an diesem Dualismus zu Grunde gehen. Wie
konnte das nur alles so kommen, und wie konnte ich, der ich bisher allezeit dem
strengen Auge meines Arnold frei zu begegnen vermochte, wie konnte ich etwas
tun, das er heftig verdammen würde? Und doch, es mag Dir wie Verblendung
klingen, doch ist es nur namenloser Zweifel, der mich erfüllt, aber kein
Schuldbewusstsein.
    Schreibe mir umgehend wieder. Vielleicht kannst Du mir den Schlüssel zu alle
dem geben.
                                                  Dein unselig-seliger Joachim.«
    Etwas erleichtert legte er sich schlafen.
    Wer kann in die letzten Falten einer Menschenseele blicken. Regte sich da
bei Joachim vielleicht die Hoffnung, dass Severina ihn frei gäbe?
    Seine Gedanken suchten nach Beispielen, die ihn entlasten und seine
Herzensgeteilteit als nicht so etwas Unerhörtes darstellen sollten. Ihm fiel
Schiller ein, der ebenfalls in Doppelliebe für zwei Schwestern entbrannte.
Während er sich zu vergegenwärtigen suchte, was er darüber schon alles gelesen
und dass Schiller die unbedeutendere Schwester geheiratet, beruhigte er sich
vollends.
    Und die Gegenwärtigen haben immer recht. Fanny erstand vor ihm und die
Stunde, die er heute mit ihr verlebt, bis Lucy kam. Fanny hatte jetzt Rechte -
alle Rechte an ihn; das Schicksal und Fanny hatten entschieden.
    Selig erschauernd stammelte er ihren Namen.
 
                                Zwölftes Kapitel
Das war ein Leben am andern Tag! Fanny und die Gräfin standen im Mittelpunkt
desselben. Liebe und Verehrung kam von allen Seiten, in hundertfältigen Beweisen
auf beide eingestürmt. Es war natürlich, dass die Gräfin als Gutsherrin und
Schlossfrau auch mannigfachen Pflichten zu genügen hatte, Deputationen aus dem
Dorfe, die Schulkinder, die Dienstboten und dergleichen zu empfangen
verpflichtet war, während Fanny auch einige stillere Stunden hatte, wo sie sich
in ihrem Zimmer der eingehenden Betrachtung ihrer Geschenke widmen konnte.
    Ihr Gemach glich einem Blumengarten. Die Gäste des Schlosses hatten zum Teil
aus Berlin ungeheure Blumengebäude kommen lassen. Von Mittelbach war ein
Schlitten angelangt, der dort schon in der Nacht weggefahren sein musste; er
brachte Briefe, Grüsse und Blumen von daheim. Lucy von Grävenitz hatte Fanny ein
Gedicht gemacht; die Gräfin gab Fanny jedes Jahr eine grössere Geldsumme zu dem
»Feierabendhaus«, das Fanny auf Mittelbach für alte Tagelöhner bauen wollte;
Fanny erwiderte dies Geschenk stets mit einem Gemälde irgend eines modernen
Meisters für die Galerie des gräflichen Schlosses. Lanzenau brachte Fanny immer
ein förmliches Magazin von kleinen Luxusgegenständen für ihre Person und ihre
Zimmer dar. Auch diesmal war er vorher in Berlin gewesen, dergleichen zu
besorgen.
    Er reichte Fanny zum Glückwunsch still bewegt die Hand, und sie, ergriffen
von seinem gealterten Gesicht, sagte mit tränenden Augen:
    »Unter allen Umständen - in allen Lebenslagen - ich bin und bleibe Ihre
schwesterliche Freundin!«
    Lanzenau schwieg. Aber sein heftiger Händedruck war Antwort genug.
    Nein, heute nicht - heute nicht ihr den Dolch in das freudige,
glückvertrauende Herz stossen. Er konnte es nicht, obgleich er sich in der
langen, bangen Nacht vorgenommen, ihr zu sagen, dass der, den sie liebe, nicht
mehr frei sei.
    Vielleicht gab es sogar noch einen Weg, ihr jeden heftigen Stoss zu ersparen.
Wenn er mit Joachim spräche, wenn es noch gar nicht zu Erklärungen gekommen
wäre? Würde sie den Verlust eines Mannes nicht leichter ertragen, den sie nur
erst in ihren Hoffnungen, nicht in Wirklichkeit besessen? Gewiss - Lanzenau
wollte mit Joachim reden.
    Da begegnete er ihm im Korridor, er wollte ohne Zweifel auch Fanny
gratuliren gehen, denselben Weg, den Lanzenau eben gemacht.
    »Auf ein Wort, Herebrecht!«
    »Ich bitte,« sagte Joachim, »nachher. Erst will ich Fanny zum Geburtstag
Glück wünschen.«
    Joachim hatte eben dem Mittelbacher Schlitten den Brief an Severina zur
Besorgung gegeben und war ganz froh.
    Er sagte »Fanny«; das fiel Lanzenau schmerzlich auf. Aber dann besann er
sich; das war schon lange geschehen; sie waren ja sozusagen verwandt durch
Adrienne.
    »Gut,« antwortete Lanzenau, »ich bin in der Bibliotek und erwarte Sie.«
    So legte er Joachim den Zwang auf, nicht zu lange bei Fanny zu bleiben. Das
fühlte dieser wohl und von neuem wollte Unruhe durch seine Adern schleichen.
    Aber die entfloh wie Nebel vor dem Sturm, als er Fanny sah, wie sie dastand,
umgeben von der Blumenpracht, und ihm entgegenlächelte, befangen fast wie ein
Mädchen und doch mit dem Glutblitz des Weibes in den Augen.
    »Fanny,« sagte er tief bewegt, »ich bringe Dir nichts als meinen heissen
Wunsch, dass ...«
    Er stockte. Er ihr Glück wünschen, er, um den sie weinen und leiden würde,
wenn sie wüsste ...
    Fanny ergriff seine Hände.
    »Du hast Dich mir gegeben, Deinen ganzen Menschen,« sprach sie feierlich,
ihn mit leuchtenden Augen ansehend, »das ist das Gnadengeschenk, welches das
Schicksal mir noch schuldete.«
    »Geliebte!« sagte er mit zitternder Stimme und küsste ihren Scheitel.
    »Ja,« fuhr sie mit dem Patos höchster Leidenschaft fort, »ja, es war mir
das schuldig. Die Welt glaubte, ich sei glücklich, weil alle meine Kräfte froh
und mit Segen sich betätigen konnten. Die Welt glaubte, nur mein Verstand,
nicht mein Herz brauche Beschäftigung. Aber ich fühlte tief innen immer, dass mir
die Krone des Weibes fehlte. Ich hatte noch niemals geliebt. In meiner Ehe mit
Förster hat die erschöpfende, die alles duldende Liebe gefehlt, was sonst wie
ein Traum an Sehnsucht durch mein Herz zog und sich äusserte, war Selbstbetrug.
Du bist meine Wahrheit, mein Leben, mein Glück.«
    »Fanny,« sagte Joachim - seine Augen waren nass und er drückte ihre Hand
dagegen - »Fanny, und doch war Deine Wahl eine Verirrung.«
    »Nein,« rief sie flammend, »tausendmal nein! Ich habe nicht gewählt, Du bist
mir gegeben. Es gibt keine Wahl, wo ein gewaltiges Naturereignis alles in uns
und um uns erschüttert. Ich musste Dich lieben! Da gibt es keine Fragen nach
Alter, nach Stand, nach Gaben, nach Vermögen - selbst nicht nach Güte, nach
Herz. Man liebt - und wenn es sein muss, erhebt die Liebe den Geliebten aus dem
Staub und lehrt ihn, würdig und gross zu sein. Dafür ist sie die Gotteit, welche
die Welt beherrscht.«
    Joachim war ausser sich. Er sank vor ihr nieder und barg sein Gesicht in den
Falten ihres Kleides, während seine Arme ihre Hüften umschlangen.
    Heisse Dankbarkeit hatte ihn überwältigt, und die Erkenntnis, dass dieses
grosse Herz ihn auch geliebt haben würde, wenn es alles gewusst hätte, ihn noch
lieben würde, wenn es die Wahrheit erführe.
    »Ich aber,« fuhr Fanny fort, während ihre triumphirende Sprache sich zu
liebevollem Flüstern senkte, »ich aber brauche Dich nicht zu mir zu erheben. Du
bist jung und rein und gut.«
    Sie legte ihre Hände zärtlich auf sein blondes Haar. So blieben sie lange,
und so klang die hohe Erregung in sanften Schwingungen aus.
    Ein frommes, schönes Gefühl im Herzen, ging Joachim dann in die Bibliotek
hinab. Was auch immer der Baron ihm sagen wollte, nach dieser Stunde hatte er
den Mut, alles zu verteidigen, was er getan.
    Lanzenau sass in einem der tiefen grünen Polsterstühle am Zeitungstisch und
schien in der »Revue des deux mondes« zu lesen. Sonst war niemand in dem
viereckigen, ganz von Bücherregalen umschrankten Raum anwesend. Durch das
einzige gardinenlose Fenster sahen die kahlen Aeste der Parkbäume herein.
    Lanzenau deutete schweigend auf den Stuhl ihm gegenüber. Joachim setzte sich
und faltete die Hände auf den Zeitungen vor ihm.
    Lanzenau suchte erst mit einiger Umständlichkeit aus seiner Brusttasche ein
Papier heraus. Als er es hatte, legte er es sorgsam vor sich auf die Revue,
klemmte sein Augenglas wieder ein, das ihm bei Joachims Eintritt entfallen, und
begann hüstelnd:
    »Sie werden sich erinnern, lieber Herebrecht, dass ich Ihnen versprach, für
Sie nach einer auskömmlichen Stellung Umschau zu halten, damit Sie Ihr kleines
Bräutchen baldigst vor der Welt als solches verkündigen und heimführen könnten.«
    »Allerdings,« sagte Joachim sehr ruhig und mit sehr festem Blick, »allein
ich weiss nicht, ob Fräulein Severina zur Stunde noch gestatten würde, dass Sie
sie meine Braut nennen.«
    Lanzenau wusste nicht recht, was er aus der Antwort machen sollte.
    »Hm,« sprach er mit erkünstelter Scherzhaftigkeit, »kleine Zwistigkeiten
zwischen Liebenden, das kommt vor. Das gleicht sich aus. Jedenfalls wollte ich
Ihnen sagen, dass meine Bemühungen nicht erfolglos waren; ich bekam heute die
Nachricht, dass Ihnen hier,« dabei überreichte er Joachim das Papier, »hier die
Administration der Itzelburgischen Güter angetragen wird. Sie ersehen aus der
Zuschrift, dass die pekuniären Vorteile für Sie ausserordentlich sind und die
Tätigkeit Ihren Ehrgeiz befriedigen muss. Man erwartet in vierzehn Tagen Ihren
Entschluss und dann so bald als möglich Ihren Antritt. Ich gehe wohl nicht fehl,
wenn ich annehme, dass es für Sie hier kein Besinnen gibt und dass Sie nicht
zögern werden, der Gesellschaft, sowie insbesondere Frau Förster Ihre neue
Stellung und Ihre Verlobung zu verkündigen.«
    Da war Fannys Name heraus und der Zweck der langen Rede verraten.
    Joachim verneigte sich artig gegen Lanzenau.
    »Nehmen Sie meinen Dank, Herr Baron. Dieses Resultat Ihrer Bemühungen für
mich ist wahrhaft überraschend. Aber in einem Punkt irren Sie sich. Ich bin
keineswegs in der Lage, sogleich meine Entscheidung zu treffen, und also auch
nicht im stande, mich schon der Gesellschaft als Administrator des
Itzelburgischen Güterkomplexes vorzustellen.«
    Lanzenau tupfte sich mit seinem weissseidenen Taschentuch die Stirn.
    »Nun denn, wenn auch nicht der Gesellschaft, so doch Frau Förster,« sagte er
mit beginnender Ungeduld.
    »Gerade Frau Förster braucht am wenigsten von einer Sache zu erfahren, die
ihr Veränderungen in der eigenen Oekonomie in Aussicht stellen. Hier soll sie
ihre Gedanken von Wirtschaftssorgen frei halten,« sprach Joachim mit einer
Unbefangenheit, über die er sich selbst wunderte.
    »Nun denn,« sagte Lanzenau und erhob sich steif, »wenn Sie mich durchaus
nicht verstehen wollen, sei es gerade herausgesagt: Ich finde, dass es Ihre
Pflicht ist, Frau Förster von Severina zu sprechen.«
    Auch Joachim stand auf. Eine Minute lang sah er nachdenklich vor sich
nieder. Es ging ihm durch den Kopf, dass der Mann da Fanny liebte und ein Recht
zu haben glaubte, über ihr Glück zu wachen, dass er ihr viele Jahre mehr wie ein
Vater oder ein Bruder gewesen. Und wieder dachte er, dass es für sie alle
vielleicht am besten sein würde, wenn er jetzt sein Herz vor Lanzenau
ausschütte. Zur Selbstlosigkeit des alternden Mannes hatte der junge Sieger
alles Vertrauen. Aber diese Erwägungen, die aus seinem kindlich-ehrlichen Herzen
kamen, wichen einem verderblich aufwallenden Trotz. Er tat das Verkehrteste und
sagte mit erhobenem Haupt:
    »Bei allem Dank, welchen ich Ihnen schulde, Herr Baron, kann ich nicht
umhin, zu finden, dass Ihre Teilnahme an meinem Geschick den Charakter der
Zudringlichkeit annimmt.«
    Lanzenau schrak zurück, als habe er eine Ohrfeige bekommen.
    Das ihm! Das seinem Herzen voll banger Sorge! Während er nach einem Worte
rang, das Joachim treffen sollte, ohne dies Gespräch in einen peinlichen Streit
ausarten zu lassen - denn Lanzenau verlor auch in diesem Augenblick seine
Besonnenheit nicht - fuhr Joachim fort:
    »Sie haben mir damals Ihr Wort gegeben, Herr Baron, nicht eher über die
Sache zu sprechen, als bis ich selbst es Ihnen gestatte. Ich erwarte, dass Sie
Ihr Wort halten, das Wort eines Edelmannes.«
    »Sie scheinen dem Prinzip zu huldigen, dass das Wortalten immer für andere
bindend ist und nicht für Sie selbst. Denn Sie, so scheint es mir, sind auf dem
Weg oder des Willens, Fräulein Severina Ihr Wort zu brechen,« sprach Lanzenau
mit bitterem Lächeln.
    Einer unglücklichen Eingebung folgend, die ihre Rettung in einer
erbärmlichen Wortklauberei vorspiegelte, sagte Joachim schnell:
    »Sie irren, Severina hat mein Wort nicht; ich habe ihr im Gegenteil einmal
ausdrücklich gesagt, dass ich noch nicht um sie werben könne.«
    Lanzenau sah ihn stumm, geradezu entsetzt an.
    »Ah,« begann er dann, tief aufatmend, »ich sehe, Herr von Herebrecht, Sie
sind aus einer andern Generation wie ich. Zu meinen Zeiten bedurfte es in
solchen Dingen nicht solcher Hintertüren. Nicht allein das Wort, auch das Tun
und Lassen band uns. Wenn Sie nur einen feierlichen Ringwechsel und ein
Eheversprechen vor Zeugen als bindend für Ihre Ehre und Ihr Herz betrachten,
dann allerdings haben Sie einen so weiten Spielraum für Ihre Tändeleien, dass ich
darauf verzichten muss, mich für den Verlauf derselben zu interessiren. Eins
aber, eins hören Sie: Wenn Sie es sich sollten beikommen lassen, eine Frau in
das Bereich dieser Ihrer Tändeleien zu ziehen, eine Frau, welche ich verehre -
nicht wie eine Heilige, nein höher, wie den Inbegriff von aller menschlichen
Frauengüte und Frauengrösse, dann, mein Herr, würde ich Sie aus dem Weg dieser
Frau zu entfernen wissen, und sollte ich Sie niederschiessen wie ein fremdes
Wild, das meinen Garten verwüstet.«
    Mit einer Würde, die fern von jeder äusserlichen Leidenschaft war, aber
dennoch in ihrer eisernen Festigkeit verriet, dass der Mann im stande sei, zu
vollführen, was er drohte, kamen diese Worte von Lanzenaus Lippen. Und als er
sie gesprochen, ging er hinaus, langsam, etwas steifbeinig, wie er immer ging.
    Wie vom Donner gerührt blieb Joachim zurück. Sekundenlang stand er starr.
Dann warf er sich in einen Lehnsessel und legte den Kopf auf seine Arme vor sich
auf den Tisch.
    Welcher Dämon hatte ihm denn all die abweisenden und frivolen Worte auf die
Zunge gebracht? Was musste Lanzenau von ihm denken, für welchen Schurken ihn
halten?
    Tausend Pläne durchjagten sein Gehirn. Wenn er Lanzenau forderte? Welch ein
teatralischer Zug! Nein, vor seine unfehlbare Pistole durfte er Fannys Freund
nicht stellen. Wenn er Lanzenau nacheilte und ihn zum Vertrauten machte? Jetzt,
nach dieser Scene konnte der nur solches Vertrauen kalt zurückweisen und würde
denken, die Angst habe es Joachim abgerungen.
    O Fanny, Fanny! Seine Liebe stieg in all dieser Not!
    Wenn Lanzenau doch trotz des gegebenen Wortes mit ihr spräche? Dann blieb
Joachim nur eins übrig: eine Kugel in die Schläfen.
    Schauer durchrannen ihn. Sein Arnold stand vor ihm. Der würde um ihn weinen.
O, das schöne, das junge Leben lassen? Warum? Weil sein Herz, sein
unverständliches, geteiltes Herz Fannys Liebe erwidern musste wie vorher
Severinas?
    Welche Rätsel ein Menschenleben! Wenn einem Mann sein Weib wegstarb und er
wählte sich die zweite Frau, die er vielleicht schon gesehen oder gekannt, da
die erste noch lebte, dann war das ganz in der Ordnung. Und auch der hatte doch
beide geliebt, wenn er ehrlich war, ein Gatte nach dem Gesetz und der Moral.
    Entschuldigte, ja billigte denn bloss der zeitliche Zwischenraum die
zwiefache Liebe? War das nicht im Grunde doch dasselbe?
    Sein junger Kopf und sein gärendes Gemüt konnten nichts begreifen, nichts
beurteilen. Dumpf fühlte er nur, dass aus den für ihn hergebrachten Ehrbegriffen
heraus ihm nichts blieb als freiwilliger Tod. Er stöhnte laut und vergrub sein
Gesicht tiefer.
    Eine leichte Hand berührte seine Schulter. Er erschrak wie ein nervöses
Frauenzimmer und wandte sein bleiches, hohläugiges Gesicht. Die kleine Meerheim
stand hinter ihm, das magere, graziöse Figürchen vorgebeugt, wie jemand, der
heimlich und wichtig etwas mitteilen will. Aber auch sie erschrak vor seinem
Aussehen.
    »Um Gottes willen, wie sehen Sie aus! Na, ich kann mir schon denken -
gestern abend noch auf Heinis Stube spät getrunken - heute morgen grässlichen
Drehwurm. Ja, Heini muss heiraten. Ich werde mich noch aus reiner Nächstenliebe
bequemen müssen.«
    Joachim bemühte sich, zu lächeln, und fragte, was sie hergeführt.
    »Lächeln Sie nicht,« sagte das zartgewachsene, aber sehr starksinnige
Soldatenkind, »ein Lächeln auf einem so seekranken Gesicht erweckt in mir eine
furchtbare Ideenverbindung mit der Milchpflaumensuppe in meiner Pension. Also,
ich habe Sie gesucht, um Ihnen zu sagen, dass ich mich heute morgen mit Heini
gestritten habe, was Sie wohl schon wissen.«
    Nein, er wusste nichts.
    »Das ganze Schloss spricht ja davon; ich bin mit Papa und ihm ausgeritten und
allein wiedergekommen, weil Papa ihm beistand. Sie müssen mir heute furchtbar
die Cour machen - ja, wollen Sie? Heini fordert Sie dann vielleicht, aber das
schadet nichts, das ist sehr interessant, und ihr könnt an einander
vorbeischiessen.«
    Nun musste Joachim doch lachen. Aber es hatte einen eigenen, spöttischen
Klang.
    Was für eine Narrheit! Also der kleinen, schwarzhaarigen Person sollte er
zum Schein die Cour machen, während in seinem Herzen Tod und Leben rangen? Und
diese und ein Dutzend anderer törichter Anforderungen konnten die nächsten Tage
noch an ihn stellen. Mit Heini trinken, mit dem Rittmeister Skat spielen, der
Tochter hofiren, der Gräfin höflich ergeben sein, Lucys vertrauliche Andeutungen
ertragen, mit dem Grafen über Obstkulturen sprechen und bei alledem Lanzenaus
Augen auf sich fühlen - zu viel, zu viel! Unmenschlich!
    Fort von hier - in die Welt hinaus!
    Er versprach mit heissem Gesicht dem übermütigen Fräulein, ihr so zu
huldigen, dass Heini ihn noch vor Mitternacht mit allen möglichen Todesarten
bedrohe. Dann lief er davon und pochte an Fannys Tür. Er wollte ihr gleich
sagen, dass er fort müsse.
    Die Jungfer kam und bedauerte, ihre Gnädige mache eben zum Diner Toilette.
    Dadurch ward Joachim erst wieder daran erinnert, dass ja heute Fannys
Geburtstag und ein grosses Fest im Schloss sei. Heute konnte er nicht fort, das
war gewiss.
    Nun galt es, sich sammeln und fassen. Vielleicht konnte er Fanny im Gewühl
des Balles doch ein Wort sagen, dass er gern einige Tage nach Berlin wolle.
    Das Schloss füllte sich mit Gästen. Wagen von den Nachbargütern und aus der
nächsten Garnison kamen angefahren. Beim Diner, wo die Bestimmung der Gräfin ihm
eine Comtesse Sieburg gesellt, sah er eine der glänzendsten und vornehmsten
Gesellschaften, in die er je getreten war. Und, o Erstaunen, auch die »kleine
Elly«, die Tochter seines vormaligen Chefs, war mit ihrem neuvermählten Gatten,
dem »Krautjunker«, zugegen. Das Ehepaar war, wie er später erfuhr, auf einem
Nachbargut bei Verwandten zum Besuch. Das hatte gerade noch gefehlt! Damals, als
er bei ihrem Vater als Volontär lebte, hatten sie sehr für einander geschwärmt.
Das konnte er vor sich nicht ableugnen.
    Heute, als sie ihn von weitem erkannte, erglühte ihr Gesicht, aber er
streifte sie mit kühlem Blick und bemerkte zum erstenmal, dass sie recht
unbedeutend gewachsen sei. Wie anspruchslos, wie jung musste er doch damals
gewesen sein!
    Oben am Tisch sass seine - seine Fanny! Die erste in dieser glänzenden
Versammlung! Die am meisten Gefeierte! Ein Freund des Grafen hielt eine Rede auf
die Gräfin; es war das landläufige Mass von Lob darin und mit dem landläufigen
Mass von Begeisterung ward sie aufgenommen. Und dann hielt ein anderer eine Rede
auf Fanny Förster, voll Enttusiasmus und voll Heiterkeit. Es ward von ihrem
humanen Wirken gesprochen, von all den Gaben, die die Natur über sie
ausgeschüttet, und von der weisen Klugheit, mit der sie selbst sich ihre Grenzen
ziehe. Die »Wahlrede«, die sie damals gehalten, ward in ihrem offenen
Eingeständnis von Frauenbescheidenheit als Muster für manchen klugredenden
Parlamentarier aufgestellt. Frohes Lachen ging dazu um den Tisch, und nun
stimmte alles jubelnd in Fannys Wohl ein.
    Joachims Herz schwoll an. Und sie liebte ihn allein!
    Nachher beim Tanze gelang es ihm, sie an seinen Arm zu bekommen. Er liess sie
nicht los, als der Tanz zu Ende war - ein Walzer, den sie weltvergessen getanzt.
Er ging mit ihr durch den Saal und durchwandelte alle Räume. Einmal gab ein
grosser Spiegel ihnen ihre Gestalten zurück. Joachim sah die schöne Frauengestalt
im Glase, wie sie, von silberschimmernder weisser Seide umflossen, das Haupt
schmucklos, aber um den herrlichen Nacken eine Schnur funkelnder Steine, sich
leicht an seinen Arm schmiegte.
    »Wie Du schön bist!« flüsterte er; »und das alles ist ganz und schrankenlos
mein.«
    »Ich habe mich beinahe geschämt,« sagte sie, ihm in die Augen sehend, »all
dies Gewoge von Spitzen und Atlas, zugestutzt nach den neuesten Modekünsten, um
mich zu hängen. Aber ich war so kindisch - ich wollte sehr schön sein. Das ist
nun die Frau, die sie vorhin so grossartig anredeten.«
    Es gibt Schwächen, welche einem Weibe besser stehen als starre Tugend. Von
der eben eingestandenen fühlte Joachim sich fast zu Tränen gerührt.
    »Fanny,« sagte er, »o Fanny, wie hab' ich Dich lieb!«
    Es war der Laut eines unaussprechlichen, wahren Gefühls. Fanny sah ihn an;
sie schwiegen.
    In diesem Augenblick ging Lanzenau mit dem Rittmeister an ihnen vorüber und
sah sie an. Joachim lief ein Frösteln über den Rücken.
    »Liebe,« sagte er, Fanny weiter führend, »ich muss fort von hier. Lass mich,
ich bitte Dich.«
    »Fort? Wohin? Weshalb?«
    Auf die hastig hervorgestossenen Fragen erwiderte er:
    »Ich ertrage es nicht, jetzt, wo mir das Herz von dem unaussprechlichsten
Glück erfüllt ist, mit so vielen gleichgiltigen Menschen zusammen zu sein, vor
ihnen meine Liebe zu verbergen.«
    »So wollen wir sie verkünden.«
    »O nein,« sagte er erschrocken, »nur das nicht! Lass uns in der Stille Deines
Hauses sehen, wie wir Lanzenau vorbereiten. Und dort auch, Geliebte, habe ich
Dir eine Beichte abzulegen, die vielleicht meinen Wert in Deinen Augen sehr
herabmindert.«
    Sie sah forschend, doch keineswegs beunruhigt in sein Gesicht, auf dem sich
deutlich eine grosse, innere Unruhe widerspiegelte. Es war der kluge, überlegene
und im voraus verzeihende Blick, mit dem eine Mutter das Schuldbekenntnis ihres
Sohnes erwartet.
    »Du Kind,« sprach sie, »als ob ich mir nicht denken könnte, welcher Art
Deine Beichte sein wird. Ein junger Mann wird selten fünfundzwanzig Jahre alt,
ohne einige Herzenstäuschungen durchgemacht zu haben. Wenn Du willst, so
beichte, aber meinetwegen kannst Du auch schweigen. Ich habe erst Rechte an Dein
Leben, seit Du mich geküsst. Aber sprich, wo willst Du denn hin?«
    Sie waren bei ihrem Rundgang durch die Zimmer gekommen, wo die Kartenspieler
sassen, und betraten nun wieder den Saal. Hier setzte Fanny sich auf einen Diwan
zwischen zwei Türen, um, wenn auch nicht ungesehen, so doch ungehört ihr
Gespräch mit Joachim fortzuführen. Joachim blieb vor ihr stehen.
    »Also, wohin?«
    »Lanzenau hat mir die Administration der Itzelburgischen Güter verschaffen
wollen. Er gab mir heute einen bezüglichen Antrag der Vormundschaft. Zum Schein
ging ich auf die Offerte ein, da vierzehntägige Frist zum Entscheid vorbehalten
ist. Ich könnte hinreisen, an Ort und Stelle alles einzusehen. Es wäre unter
anderen Umständen ja wie der Gewinn des grossen Loses gewesen, eine glänzende
Existenzsicherung auf zehn Jahre.«
    »Lanzenau war ja sehr besorgt, Dich von mir zu entfernen,« sagte Fanny
traurig. »Reise - das wird ihm zunächst als Dank für seine Bemühungen wohltun.
Und dann kehre nach Mittelbach zurück, wenn auch wir dort eintreffen, also in
fünf oder sechs Tagen. Aber ich werde zu jedermann davon sprechen; Du bist ja im
Besitz dieser Stellung eine grossartige Partie für die jungen Damen.«
    Sie lachte. Aber er hatte das Gefühl, dass es ihr unbewusst doch lieb sei, ihn
dergestalt als einen Mann hinstellen zu können, der auch ohne ihren Reichtum
einer Frau wie Fanny eine würdige und auskömmliche Lebensstellung zu schaffen
vermöge. Ein feines Rot stieg langsam in sein Gesicht.
    »Wie Du meinst!« sprach er leise.
    »Morgen früh kannst Du reisen. Heute bist Du noch mein,« flüsterte sie und
sah ihn mit tief verheissendem Blick an.
    »Fanny!«
    Hier erscholl die Musik zu einem neuen Tanz, und von allen Seiten kehrten
die Herren und Damen in den fast leer gewesenen Saal zurück.
    Mit ihrem Alleinsein inmitten der Menge war es aus.
    Noch bevor man auseinander ging, wurde Lanzenau von mehreren Seiten darauf
angeredet, dass dem jungen Herebrecht die vielumworbene Administratorenstellung
angeboten sei. Er hörte auch Fanny darüber sprechen, ruhig und voll freundlicher
Anteilnahme an den Aussichten des jungen Mannes.
    So hatte seine Mahnung doch genützt? Hatte Joachim doch gesprochen? Und
Fanny war so ruhig? War denn alles, was Lanzenau beobachtet zu haben glaubte,
eine Täuschung gewesen?
    Jedenfalls konnte er wieder Hoffnung fassen und sah sich durch nichts
gezwungen, sein Wort gegen Joachim zu brechen.
    Joachim reiste ab, um die Gesellschaft erst in Mittelbach wieder zu treffen;
Fanny war auch in seiner Abwesenheit ungemein heiter, doch konnte Lanzenau nicht
verkennen, dass sie jedem längeren Gespräch mit ihm auswich. Auch beobachtete er,
dass sie mit besonderer Ungeduld den täglichen Postboten erwartete, und sich aus
der Halle mit einer leisen Enttäuschung, die sie jedoch zu verhehlen bestrebt
war, aus dem Kreise der anderen Briefempfänger zurückzog; für sie war kein Brief
gekommen. Joachim schrieb nicht.
    Aber das war natürlich: Fanny getröstete sich dessen, indem sie sich sagte,
dass sie keine Korrespondenz verabredet hatten.
    Endlich - am letzten Tag! Ihre zitternden Finger erbrachen den Brief.
Lanzenau beobachtete sie, es war ihr alles einerlei. Sie lehnte an einer der
Karyatiden, welche den Sims des riesigen Kamins in der Halle trugen.
    Was war das - schrieb so Joachim? In ihren Ohren brauste es. Kein Wort von
Liebe, von Sehnsucht? Fremd alles, wie der erste Brief, den sie empfing, ehe sie
ihn kannte?
    »Was schreibt Herebrecht?« fragte Lanzenau etwas heiser neben ihr.
    Sie reichte ihm den Brief. Lanzenau las zu seiner tiefinnersten
Befriedigung:
    »Hochzuverehrende, gnädige Frau! Das Reisen, allein, durch eine
tauschmutzige norddeutsche Gegend, ist nicht inspirirend genug, um einen zur
Berichterstattung anzufeuern. Meine Stimmung war melancholisch genug, als ich
so, zwischen wildfremde, nach Pelz und Feuchtigkeit riechende Menschen
eingepfercht, im Eisenbahnwagen sass. Die Lendemain-Stimmung nach dem
unvergesslichen Ball, werden Sie sagen. Mag sein, der Kontrast war gar gross.
Ueber das, was ich in Itzelburg vorgefunden, berichte ich Ihnen und dem Herrn
Baron von Lanzenau besser mündlich. Alles stellt sich sehr verlockend dar. Ich
wollte nur heute pflichtschuldigst melden, dass ich am bestimmten Tag zurückkehre
und es höchst wahrscheinlich so einrichten werde, Sie und die ganze
Gesellschaft, die mit Ihnen fährt, unterwegs zu treffen. Auf Wiedersehen! Ihr
treuergebener J. von Herebrecht.«
    Während Lanzenau las, fand Fanny ihr Lächeln und ihre Glücksstimmung wieder.
    »Er hat die Nachfrage Lanzenaus vorausgesehen,« dachte sie, »und deshalb so
fremd geschrieben. Das war sehr klug.«
    Ihre gläubige Seele ahnte nicht, dass Joachim hundertmal versucht hatte,
»geliebte Fanny« zu schreiben, dass aber die Buchstaben ihn wie Gespenster, wie
Lügen, wie etwas, das nicht von ihm kam, anstarrten und dass er endlich, trotzdem
vom rasenden Wunsch erfüllt, zu ihr zu sprechen, in der kühlen Form der
Verehrung einige banale Redensarten aufs Papier geworfen.
    Und weiter irrte ihr Herz sich, wenn es freudig über seine Verheissung
schlug, sie unterwegs zu treffen. »Er will zugleich mit mir wieder in mein Haus
einziehen,« dachte sie.
    Joachim aber bebte davor zurück, Severina allein wiederzusehen. Deshalb
wollte er mit allen anderen ankommen.
 
                              Dreizehntes Kapitel
Die beiden Frauen auf Mittelbach verlebten unterdes keine freudigen Tage. Beide
verschlossen, beide wenig gesprächsbedürftig, wie sie waren, befanden sie sich
in einer gewissen Verlegenheit einander gegenüber. Ihr Verkehr war bisher der
freundlichste und friedfertigste gewesen, aber ihm hatte die Gelegenheit so zur
Vertraulichkeit wie zur Reibung gefehlt. Severina hatte immer einen
bescheidenen, entgegenkommenden Ton gegenüber Adrienne, denn diese war ihr
beinahe als Arnolds, des älteren Bruders Joachims Frau, eine Respektsperson.
Adrienne war dem jungen Mädchen dankbar für all die Mühe und Liebe, die sie an
das Kind verwandte; im übrigen fiel es ihr nicht entfernt ein, in Severina mehr
zu sehen als einen Schützling von Fannys, nach so vielen Seiten hin wirkender
Grossmut.
    Das fühlte Severina wohl heraus und ihre herbe Seele verschmähte es, sich in
dieser Zeit des Alleinseins Adriennen ins Herz zu schmeicheln, gerade weil sie
ihr künftig verwandtschaftlich nahe zu treten hoffte.
    So gingen sie denn still neben einander her. Höchstens beschäftigte Adrienne
sich einmal so weit mit dem Mädchen, dass sie sie gegen die Pastorin in Schutz
nahm. Diese benützte Fannys Abwesenheit, um Severina wieder mehr zur Lektüre
frommer Bücher anzuhalten, sie mit tausend kleinen Quälereien in ruhelose
Bewegung zu bringen.
    Und Severina, durch jahrelanges Geduldüben längst gewohnt, mit stoischer
Ruhe zuzuhören, Severina ertrug jetzt das Wesen ihrer Pflegemutter nicht.
    Ihr Herz zitterte, ihre Nächte waren schlaflos vor Sorge um ihn. Daneben war
ihr all der Kleinkram des Lebens unerträglich. Wenn die Pastorin so bei ihnen
sass und endlose Beispiele erzählte von üblen Folgen, die Mangel an Demut, die
Eitelkeit und Vergnügungssucht bei irgend welcher Trine oder Lise aus dem
Pfarrsprengel gehabt, dann quoll in Severinas Herzen eine Ungeduld auf, ein
Zorn, eine Raserei beinahe, dass sie sich hätte mit einem Schrei auf die monoton
redende Frau werfen können, um ihr den Mund zuzuhalten.
    Wenn sie, die Verwaiste, die Einsame doch ein Herz gehabt hätte, sich wild
daran auszuweinen.
    Und die Eine, die Gute, die ihrer darbenden Seele bisher das Brot der Güte
und Teilnahme gereicht, die Eine war vielleicht gerade im Begriff, ihr, der
Armen, das einzige Gut zu stehlen. Unbewusst zu stehlen - ganz gewiss, unbewusst.
    Wenn Fanny hier wäre! Ohne Besinnen hätte Severina zu ihren Füssen gefleht,
ihr den Geliebten nicht zu rauben. Und Fanny war nicht die Frau einem armen
Mädchen weh zu tun. Was konnte ihr denn Joachim mehr sein als der Gegenstand
flüchtigen Wohlwollens!
    Und dann kam Joachims Brief.
    Severina erhielt ihn vom Kutscher des Schlittens zugesteckt. Er solle ihn
heimlich abliefern, sagte der Mann, der auch von Fanny den mündlichen Bescheid
der veränderten Dispositionen mitbrachte. Sie trug ihn zwei Stunden in ihrer
Kleidertasche umher, ehe sie die Einsamkeit fand, ihn zu lesen, die Einsamkeit
ihrer Schlafstube.
    Sie las. Sie verstand nicht. Ihr ganzes Wesen war wie gelähmt.
    So lag sie eine lange, furchtbare Nacht unbeweglich, mit starren Augen ins
Dunkle schauend, nicht im stande, etwas zu denken. Sie wusste nur, dass sie nicht
ohne ihn leben könne.
    Als sie am andern Morgen zum Vorschein kam, erschrak das ganze Haus.
Severina hatte verzerrte Züge.
    »Ich habe Kopfweh,« sagte sie. »Ich will spazieren gehen.«
    Sie lief einige Stunden im Freien umher. Ihr Weg führte sie an der Hütte
einer alten Taglöhnerfrau vorbei, die seit Jahren gelähmt war und von Fanny und
der Pfarre aus unterhalten wurde. Sie hatte die Frau oft besucht und mit ihrem
Leiden Mitleid gefühlt. Nun überkam sie eine seltsame Neugier, wie sich ihre
eigene Not mit dem Elend der Alten messen lasse.
    Die lag in ihrem sauberen Bett, im sauberen Stübchen, las in der Bibel und
trank daneben einen kräftigen Haferschleim, den man ihr schon heute aus der
Herrenküche geschickt. Die äusserste Zufriedenheit leuchtete von dem guten
Gesicht der Alten.
    »Wie geht es, Mutter Holten?«
    »Gut, Frölein; immer so gut, wie unser Herrgott es irgend einrichten kann.
Wie lieg' ich hier, bei dem tauigen Wetter, so warm und trocken und satt, und
manch einer läuft mit blossen Füssen auf der Landstrasse umher.«
    »Habt Ihr denn keine Schmerzen?« fragte das Mädchen.
    »O ja. Aber das Reissen am Leibe hält man geduldig aus, wenn das Herz man
seinen stillen Frieden hat,« sagte die Alte mit beschaulicher Ruhe im
Faltengesicht.
    Wenn nur das Herz seinen stillen Frieden hat! Am Bett der Alten
niederknieend, legte Severina ihr Gesicht in das rotweiss gewürfelte Federbett.
Eine seltsame Neidempfindung zog durch ihr Herz. Sie hätte lieber auch da liegen
mögen, gelähmt, alt, arm, aber hinausgehoben über jeden heissen Wunsch.
    Hinter ihr öffnete sich die Tür - der Pastor kam, um der Alten seinen
täglichen Besuch zu machen. Befremdet sah er seine Pflegetochter hier in einer
Stellung, die auf den ersten Blick eine vollkommene Fassungslosigkeit verriet.
    »Severina,« rief er mit sanfter Missbilligung. Sie sprang empor und warf sich
an seine Brust. Da war doch noch eine treue, stille, liebevolle Seele, die
allezeit Mitleid mit ihr gehabt. An dieser Brust war sie nicht bloss geduldet,
hielt sie kein heisser Irrtum fest, da war ihr die Heimat.
    Aufschluchzend klammerte sie sich dort an.
    »Was ist Dir, mein Kind? Mutter Holten, was ist vorgefallen?« fragte der
Pastor erschreckt.
    »Ich weiss nicht,« sprach die Alte, nicht minder erstaunt, das Fräulein so
fassungslos zu sehen, in deren Gesicht sie sonst nur eine gleichsam widerwillige
Freundlichkeit oder mürrische Verschlossenheit gekannt.
    »Nun, Severina - welchem Vorkommnis gelten Deine Tränen? Hat etwa die
Mutter ...«
    Severina richtete sich auf und strich die Haare aus dem heissen roten
Gesicht.
    »Nein,« sagte sie hastig, mit scheu abschweifendem Blick, »nein. Es ist
nichts. Zuweilen überkommt es mich, dass ich nirgendwo in der Welt ein Recht zum
Dasein habe und dass ich eines Tages auch die Heimat verlieren kann, die eure
Güte mir gewährt. Und in solchen Stimmungen denke ich, dass Mutter Holten es
besser hat als ich. Das Dach über ihrem Haupte ist ihr eigen, und ihr
körperliches Elend klopft so laut an die Herzen der Mitmenschen, dass diese ihr
nie Trost und Linderung vorentalten werden. Das sind die heilbaren Schmerzen,
die jeder sieht!«
    Der Pastor sah ihr tief in die Augen, indem er mit seiner Hand unter ihr
Kinn griff.
    »Alle Schmerzen sind heilbar, meine Tochter, ausser denen, welche den
Nachwirkungen begangener Sünden entspringen, und davor bewahre Dich Gott!« sagte
er ernst. »Grundlosen Trauerstimmungen sich hinzugeben, ist eine Schwäche, in
die nur ein nicht gesundes Herz verfällt. Woran krankt das Deine?«
    Severina fasste sich mit Gewalt.
    »An Undankbarkeit,« sprach sie mit einem Versuch zu lächeln, »denn ich
konnte vergessen, dass Deine Liebe mein armes Dasein immer gütig ertragen hat.«
    Der Pastor drückte ihr die Hand. Er fasste diese Äusserung als eine
Hindeutung auf, dass Severinas »armes Dasein« von der Pastorin bekanntlich nie
»gütig ertragen« werde und es war ihm zweifellos, dass seine Frau die
Pflegetochter wieder durch irgend eine Bemerkung schwer gedemütigt habe.
Natürlich war dann die Sache zu heikel, um dem Grund von Severinas Erregung
näher nachzuforschen. Er begnügte sich mit einigen allgemeinen
Beruhigungsworten.
    Severina fühlte sein Missverständnis heraus. Damit ward es ihrem Bewusstsein
wieder lebendig, dass es eine Schranke zwischen ihr und dem guten alten Mann gab,
die sie verhinderte, ihr gequältes Herz durch Vertrauen zu erleichtern. Sie
konnte ihn nicht zum Mitwisser einer Sorge machen, von der die Pastorin keine
Ahnung haben durfte.
    Alle ihre Erregung erstarrte in plötzlichem Trotz gegen Gott und die
Menschheit. Sie warf den Kopf zurück und ging hinaus, ohne selbst der Alten noch
einmal zuzunicken.
    Der Pastor seufzte. Ja, dieser jungen Seele war nicht zu helfen. Die Saat
der Milde und Geduld, die er immer darin auszustreuen bemüht gewesen, konnte
nicht aufgehen, wie ein scharfkantiger Pflug ackerte die Zunge der Pastorin das
neubesäte Feld immer wieder um.
    Severina aber ging ins Schloss zurück, von einem mechanischen Gedanken
beherrscht, dessen selbstverachtende Bitterkeit ihre Lippen fast wie im Spotte
hob und allen ihren Zügen einen in diesem Gedanken erstarrten Ausdruck gab.
    »Was liegt an mir? Ich bin zum Elend geboren,« dachte sie.
    Dass es vielleicht in ihrer Macht sei, durch liebevolle Worte, durch einen
beredten Brief, in den sie ihre ganze Gefühlsgewalt hineinlegen könne, mahnend
vor Joachim hinzutreten, fiel ihr gar nicht ein. Ihre Betäubung war so gross, dass
sie sich nicht einmal wehrte. Ihr einziger Wunsch war, dass man sie ungestört
lassen möge.
    Aber das schien ihr wenigstens heute nicht beschieden. Kaum betrat sie die
Schwelle, als Adrienne aus der nächsten Zimmertür ihr entgegenstürzte.
    »O, wie habe ich auf Sie gewartet! Bitte - der Kleine ist krank - es scheint
so - ich bin ausser mir. Aber vielleicht täuscht es mich. Sie kennen das.«
    Severina fühlte zwei heisse, weiche Hände ihre eisige Rechte umklammern.
Sekundenlang ging ihr ein befriedigendes Gefühl lösend durch das Herz. Das Kind
krank? Joachims Abgott? Da war es ja, das grosse Unglück, das diesen dumpfen
Zustand der Angst zerriss wie ein Blitzstrahl die Nacht. Willkommen, Krankheit
und Tod! - Dann durchzuckte sie jähe Angst um das Kind. Die auflodernde
Grausamkeit erlosch vor dem Schreckgedanken einer Gefahr für seinen Liebling.
    »Wir wollen sehen,« sagte sie heiser.
    Unten im Wohnzimmer sass die Kindsmagd und hatte den Kleinen auf dem Schoss.
Schon kniete die vorauf geeilte junge Mutter wieder vor ihm und sah ihm bang in
die Augen.
    Diese waren gross und glasig, während die Bäckchen purpurn glühten. Das Kind
lag ganz teilnahmslos und atmete kurz.
    Während Severina über ihm gebeugt stand und es mit scharfen Augen
betrachtete, fing es an, den Kopf hin und her zu drehen, die Hände zu ballen,
die Beinchen kurz zusammenzuziehen.
    »Das Kind hat Krämpfe,« sagte Severina kurz. Adrienne schrie auf.
    »Zahnkrämpfe,« setzte die alte Magd hinzu, »da hilft nichts gegen als
Sympatie. Vielleicht ist im Dorf jemand, der besprechen kann.«
    »Unsinn,« sprach Severina finster, »Zahnkrämpfe gibt es nicht. Dies ist eine
Kinderkrankheit wie andere auch. Wir wollen das Kind nach oben tragen. Holen Sie
Schnee herein; es muss kalte Umschläge auf den Kopf bekommen.«
    »Sollen wir die Pastorin nicht holen?« fragte Adrienne bang.
    »Nein, nur die nicht,« sagte Severina hart. »Sie wird Ihnen vorrechnen, dass
Sie kürzlich irgendwelche Sünde begangen haben müssten und dass dies die Strafe
dafür sei. Sie wird auch die kalten Kompressen für ein unerlaubtes Eingreifen in
das Strafgericht Gottes halten.«
    Adrienne folgte zitternd, mit gesenktem Haupte dem Mädchen, welches auf
starken Armen vorsichtig das zuckende Kind trug.
    Und nach dem hastigen Hinundher der ersten Hilfsmassnahmen, nachdem ein
Knecht mit dem Jagdwagen zum Arzt gefahren war und ein Kübel mit Eisstücken und
Schneewasser neben dem Kinderbett stand, sassen die beiden Frauen in totenhaftem
Schweigen neben dem kleinen Kranken.
    Severina brütete darüber, wie das Wiedersehen mit Joachim sein werde, wenn
das Kind da in seiner stummen Qual vorher stirbt, und ob sein Herz dann lernen
werde, wie schmerzlich es sei, zu verlieren, was man liebt.
    Adrienne aber sah unverwandt auf ihr Kind. Der Anfall war vorüber, die sonst
so weichen Züge des Kleinen trugen in scharfen Linien die Spuren der
Erschütterung und machten es ganz alt. So hatte es eine merkwürdige Aehnlichkeit
mit seinem Vater, und diese Aehnlichkeit steigerte die Angstgefühle im Herzen
des jungen Weibes.
    Wenn nur jemand da wäre, der aus tiefster Seele mit ihr sorgte, mit ihr
bangte! Ach - so ganz, so mit allen Fibern konnte das nur einer, der Eine, der
fern, weltfern war. Aber doch musste es eine Wohltat sein, Fannys kluges Auge
mit an dem Bette wachen zu sehen, in Joachims Gesicht die grosse Sorge um den von
ihm so geliebten Knaben zu lesen. Das Mädchen da an der andern Seite des Lagers
sass wie ein Bild von Stein; auf ihren erstarrten Zügen war nichts zu lesen,
weder Sorge noch Mitleid.
    Eingeschüchtert, Adrienne wusste selbst nicht wodurch, wagte sie lange nicht,
die Bitte an Severina zu richten: »Schreibe an Fanny.« Als sie es endlich doch
getan, erhob das Mädchen sich augenblicklich und ging in das Wohnzimmer
nebenan.
    Hier sass sie lange über einem Briefbogen brütend, die Feder verkehrt in der
Hand.
    Fanny rufen, das hiess Joachim rufen, die tödlichste Entscheidung
herbeirufen.
    Sie stand wieder auf, ging lange hin und her und sagte zuletzt, mit dem Auge
scheu Adrienne vermeidend:
    »Der Kleine wird gewiss morgen besser sein. Was sollen wir Fanny die Ferien
stören, die sie sich so selten gönnt?«
    Die junge Frau atmete auf. Ja, wenn Severina glaubte, dass er morgen besser
sei ... sie konnte es beurteilen, sie war seit früher Jugend mit der
Krankenpflege vertraut.
    In der Tat kehrten die Anfälle nicht wieder. Der Arzt kam und zeigte sich
ganz unbesorgt und mit den von Severina getroffenen Massregeln einverstanden. Den
ganzen folgenden und die nächsten beiden Tage schien es, als sei jede Angst
törichte Uebertreibung. Dass der Kleine nicht ass und so schnell abmagerte, wie
nur so kleine Kinder pflegen, war wohl die natürlichste Folge der überstandenen
Leiden.
    Zuweilen ward Adrienne von jäher Unruhe ergriffen. »Wir wollen es doch Fanny
schreiben,« meinte sie dann. Aber Severina wusste es ihr immer auszureden und
endlich konnte man schon Tag und Stunde von Fannys Wiederkehr ausrechnen, da, so
meinte selbst der Pastor, da wäre es ja doppelt alarmirend für Fanny gewesen,
wenn man sie kurz vor ihrer ohnehin erfolgenden Heimkehr beriefe.
    Während man sich im Hause rüstete für die zahlreichen Gäste, die nun
folgenden Tags mit der Herrin einziehen sollten, wachte Adrienne, blass und
hohläugig, am Bett ihres Knaben, der an diesem Nachmittag einen schwachen
erneuten Krampfanfall bestanden hatte. Alle mit Gewalt zurückgedrängte Angst
kehrte, bis zu wahnsinniger Unruhe gesteigert, in ihr Herz zurück. Und niemand
war bei ihr, diese Not zu teilen. Selbst Severina ging im Hause unermüdlich
treppauf, treppab, mechanisch ihr Teil Pflichten an den Festvorbereitungen
erledigend. Welch eine Vorstellung - morgen sollten alle Räume dieses Hauses von
frohem Lärm widerhallen und hier rang ihr Kind zwischen Leben und Tod? Nein, das
konnte Fannys Wille nicht sein. Und plötzlich erschien es Adrienne, als seien
Severinas Weigerungen, zu schreiben, geflissentlich und von geheimen Gründen
bestimmt gewesen. Eine ungeheure Aufregung bemächtigte sich ihrer, und in
derselben wurde sie plötzlich wie hellsehend - von jener Art Hellseherei, welche
wohl die Wahrheit, aber diese in falscher Beleuchtung sieht. Severina liebte
Joachim, und sie wollte nicht, dass er kommen solle, um seinen Liebling sterben
zu sehen, um an seinem Lager mit zu leiden - für Männer ist ein jäher Schlag
immer erträglicher als langsames Hinquälen. So war es.
    Wie eine Irre entfloh das junge Weib dem Zimmer und liess das Kind allein.
Sie lief zum Hause hinaus und über den abenddunklen Hof in die Ställe. Dort
beschwor sie den Kutscher, noch heute, jetzt in dieser Minute einen Reitknecht
nach der Taissburg zu schicken. - Das ginge nicht, der würde erst um zehn Uhr
ankommen. - Nun, so möge er dort nächtigen. Nein, es ginge durchaus nicht, denn
morgen früh um fünf müssten die Wagen hinüber, um die Frau und ihr Gepäck zu
holen.
    »So schicken Sie die Schlitten jetzt fort. Dann kann Frau Förster am frühen
Morgen hier sein, sonst wird es Nachmittag. Und sagen Sie, dass mein Sohn so
krank sei - so krank, dass er sterben könne.«
    Der Kutscher versprach, dass er tun wolle, was möglich sei, bloss um die
junge Frau zu beruhigen, denn für ihn war es oder schien es doch unmöglich, die
Pferde noch anzuspannen, die heute schon Stroh nach der nächsten Garnisonstadt
gefahren hatten.
    Adrienne kehrte etwas gefasster in ihre Zimmer zurück. Wann auch immer Fanny
kam, Gäste würde sie nun keine mitbringen. Als sie wieder an das Bett trat, lag
der Kleine in heftigen Zuckungen. Ihr Schreckensschrei gellte durch das Haus.
Severina und die Dienstboten kamen herzugelaufen.
    Alles umstand in schweigender Sorge das Bett, vor dem die Mutter auf den
Knieen lag. Adrienne winkte heftig - sie wollte allein bleiben.
    Sie wusste, dass ihres Kindes letzte Lebensstunden begonnen hatten. Man liess
ihr den Willen und entfernte sich, der Diener lief von selbst zum Pastor,
Severina blieb im Wohnzimmer sitzen.
    Eine bange Viertelstunde verstrich. Der Pastor und seine Frau traten ein.
Der alte Mann streichelte mit seiner weichen Hand Adriennens Haar und sagte
nichts; sie legte ihr Haupt an ihn, als sei sie müde, und verharrte knieend. Die
Pastorin setzte sich an das Bett, nahm ihre Brille hervor und schlug das
Gesangbuch auf, das sie aus der Tasche zog.
    Mit ihrer harten, lauten Stimme begann sie zu lesen:
»So komm, geliebte Todesstund',
Komm, Ausgang meiner Leiden!
Ich seufze recht von Herzensgrund
Nach jenen Himmelsfreuden.
So komm, o Tod, nur bald heran,
Ich warte mit Verlangen,
Im weissen Kleide angetan,
Vor Gottes Tron zu prangen.«
Adrienne stand langsam auf. Ihre starren Augen waren mit einem Blick des Grauens
auf die gleichmütig lesende Frau gerichtet. Sie hob die Hand gegen die Tür mit
deutender Geberde.
    »Ich - ich will das - nicht hören,« lallte sie.
    Die Pastorin sah mit fassungslosem Entsetzen auf die junge Frau. Nach einer
Weile sagte sie bestimmt:
    »Wenn Sie sich der tröstlichen Spendung des Wortes unseres Herrn - Herrn
entziehen wollen, ist es meine Pflicht, sie Ihnen aufzudrängen.« Und ohne
weiteres fuhr sie fort:
»Herr Jesu, deine Liebe macht ...«
»Hinaus!« schrie Adrienne auf, »ich will allein mit der sterbenden Seele meines
Kindes sein!«
    »Herr, mein Gott,« betete die Pastorin mit gefaltet erhobenen Händen, »höre
nicht auf dieses irrenden Schäfleins Wahngeschrei!«
    Da geschah etwas ganz Unerwartetes. Der Pastor nahm seine Frau beim Arm und
sagte halblaut:
    »Du siehst, es ist nicht allen Herzen willkommen, Dich als Dolmetsch bei dem
Höchsten zu haben. Mitfühlen ist hier mehr als vorbeten.«
    Sie sah ihn an - beinahe wild, jedenfalls so empört, dass es ihr an Fassung
gebrach, ihren Platz zu behaupten.
    »Herr,« murmelte sie endlich, »mache nicht mich verantwortlich für seine
Fahrlässigkeit im Glauben.«
    »Geh heim,« sagte der Pastor, »und wenn Du willst, bete dort.«
    Zorn im Herzen, Zorn in den erregten Mienen und überhastigen Geberden ging
sie, aus der Not eine Tugend machend und sich sagend, dass ihre eigene Seele
Gefahr laufe, wenn sie hier weile. Severina, die am Türpfosten stand, liess sie
mit bitterem Lächeln vorbei.
    »Soll ich auch gehen?« fragte der Pastor sanft.
    Adrienne schüttelte den Kopf und ergriff seine Hand, um sie, gleichsam
liebkosend, gegen ihre Wange zu drücken. Er nickte väterlich liebevoll, dann
setzte er sich auf den Platz, den seine Frau innegehabt.
    An wie vielen Totenbetten hatte er nicht schon so gesessen? Säuglinge,
Kinder, Jünglinge, Frauen, Greise hatte er sterben sehen. Hundertmal hatte er
dem Tode in das geheimnisvolle Gesicht geschaut. Seine Geheimnisse hatte auch er
nicht enträtselt, aber seine Schrecken hatte ihre Macht verloren. Es war immer
dasselbe Bild, immer taten sich im Leben der Zurückbleibenden Lücken auf, die
ewig unausfüllbar schienen, und immer schloss die Zeit diese Lücken lind und
fest. Er hatte noch keine unheilbaren Schmerzen gesehen, darum waren ihm die
Schmerzen keine Strafen von Gott, sondern Prüfungen, und darum griff er weder
mit dräuendem, noch lehrendem, noch tröstendem Wort ein. Aber er weinte mit den
Leidenden, denn er begriff immer, dass sie die Grösse ihres Jammers überschätzen
mussten, weil die Kenntnis des Trostes ihnen noch vorentalten war. So sass der
greise Mann auch hier und teilte mit ehrlichem Herzen den Jammer der jungen
Frau. Er grübelte weder darüber, warum dies Leid gekommen, noch wozu es gut sei;
er dachte nur daran, es ihr tragen zu helfen. Und Adrienne fühlte dieses fromme,
menschliche Mitleid und empfand seine Nähe als Wohltat.
    Die Nacht ging weiter, das Kind röchelte schwer. Wider ihren Willen hatte es
Severina herangezogen, sie stand am Fussende des Bettes und horchte auf den
rasselnden, heiseren Atem.
    Adrienne sah stumm und tränenlos auf das sterbende Kind.
    Ihr ganzes Leben und das ihres Gatten zogen an ihr vorüber. Eine ähnliche
Existenz, wie die ihre gewesen, wäre auch diesem Kinde geworden. War da denn so
viel Grund zu jammern? Tag um Tag und Jahr um Jahr den Eigenwillen bezwingen,
die angeborenen Wünsche und Daseinsbedürfnisse kasteien, jede Freude sich karg
bemessen, jeden Herzschlag bang belauschen, ob er nicht über die Grenze des
Erlaubten geht und bei all den tausendfachen, kleinen und durch ihre Unsumme ins
zentnerschwere wachsenden Opfern, doch nichts erreichen als ein mittelmässiges
Dasein - mittelmässig an äusseren Gütern, mittelmässig an Stellung in den
Ehrenabstufungen der menschlichen Gesellschaft, mittelmässig an Befriedigung der
Herzenssehnsucht, mittelmässig sogar in dem landläufigen Mass verzeihbarer Sünden
- war das alles wert, ein Leben zu wünschen? Und wenn wirklich dieses Kindes
Laufbahn glanz- und freudevoller geworden wäre, als die seiner Eltern, selbst
dann, was verlor es? Vielleicht nur wenige sorglose Jugendjahre, denn mit dem
ersten unerfüllten Wunsch kommt der erste Stachel in die Menschenseele. Was
verlor er sonst? Die Liebe? O, ihm blieb die Erfahrung erspart, dass es in der
Liebe keine glückssonnigen Ewigkeiten gibt, dass sie in der Freiheit unter den
Erschütterungen nie ganz gesättigter Leidenschaft qualvoll leidet, dass sie in
den Fesseln der Ehe ihre Zauber verliert durch das Zwanggebot gedankenloser
Treue. Die Ehre? Ihm blieb die Erfahrung erspart, dass man mit reinen Händen und
Füssen zu langsam auf der schlüpfrigen Leiter des Erfolgs emporklimmt, und dass es
das Gemüt verbittert, andere schneller oben zu sehen, die auf dem Wege ihre
Seelen nicht mit dem Schwergewicht des Anstandes und der Gewissenhaftigkeit
behängt hatten.
    Und wenn eine gütige Laune des Geschicks ihm gleich von allen Reizen des
Lebens die bestrickendsten immer dargeboten - eins, ein Schreckliches hätte ihm
kein Gott nehmen können: das Altwerden, das Sterben im Leben. Die Grausamkeit
wäre ihm nicht erspart worden, mit einem jungen, genusssüchtigen und genussfähigen
Herzen, mit zitternden Gliedern und weissem Haar zuzusehen, wie andere, mit
vielleicht ärmerem Herzen aber braunen Locken das Spiel des Lebens neu begannen,
das für ihn vorbei war ...
    Was verlor er?
    Nur einige Morgenröten weniger sendeten ihre Strahlen auf sein Bett und
diese, die sich eben fahlrot durch die Spalten der Fenstervorhänge schlich -
diese war seine letzte.
    Das Nachtlicht war erloschen. Winterkälte, verschärft durch das Frösteln,
das durch unausgeruhte Glieder schleicht, durchrüttelte die junge Frau.
    »Licht!« murmelte sie.
    Severina ging zu den Fenstern und liess das Licht des tagenden Wintermorgens
herein.
    Da sah das junge Weib wieder deutlich das Gesicht des sterbenden Kindes. Es
sah noch wie sein Vater aus.
    Adrienne stöhnte laut.
    Sie hatte viele Stunden nicht an ihn gedacht. Wo war er? Fern, ahnungslos
hatte er in schwüler Tropennacht vielleicht traumlos und tief geschlafen, und
hier verging derweil in Staub sein einziges Glück. Ein Entsetzen ohnegleichen
ergriff die Seele des Weibes. Wenn er heimkehrte und sein Kind von ihr
verlangte! Ihr war's, als sei sie seine Mörderin. Und die Stunde fiel ihr ein,
wo die Versuchung an sie trat, die Ehre des fernen Gatten zu verraten. Dies war
die Strafe. Um ihrer Sünde willen musste es sterben. Wenn Arnold heimkam und
Gericht hielt!
    Das Kind - sein Kind - seine Liebe - sein Lebenszweck tot? Was gab es dann
noch in seinem harten Dasein, ihn zu erquicken, ihn zu trösten? Nichts -
liebeleer, armselig, sonnenlos waren alle seine Stunden.
    »Barmherziger Gott, lass meinem Kind das Leben!«
    Ja, das Dasein lohnt sich, es ist reich, es ist ein Segen, jede Entsagung
verkehrt sich zur Wonne, jede Arbeit zur Lust - wenn man für ein Kind, für ein
Kind leben darf.
    »Barmherziger Gott, lass meinem Kind das Leben!«
    Wie schwer Arnold sich damals von ihm riss, wie sein männliches, ernstes
Gesicht von Tränen nass war! Entsetzlich - wie würde er weinen, wenn er anstatt
seines Kindes nur ein Grab fand? Und wo war die Liebe, die starke, mutige,
selbstlose Liebe, die allein ihm Trost bringen konnte?
    Adrienne warf sich in die Kniee. Sie betete, ihre Lippen aber lallten statt
der Gebete: »Arnold - Arnold -« Und so immer fort wie eine Irre, und dabei
hingen ihre Augen gierig am röchelnden Kindermund. Ein letzter Atem pfiff aus
der kleinen Brust, die Glieder streckten sich lang und das Köpfchen sank mit
offenem Mund und offenen Augen schwer zurück.
    Da schrie das junge Weib noch einmal auf:
    »Arnold - Arnold - ich - liebe - Dich.«
    Und in schwerem, dumpfem Fall fiel sie bewusstlos zu Boden.
 
                              Vierzehntes Kapitel
Auf der Landstrasse fuhren in scharfem Trabe zwei Wagen hinter einander her. Der
erste war Fannys Landauer, in dem zweiten sass ihre Jungfer neben den Koffern und
sah mit dem traurigsten Gesicht in die Landschaft hinein. Sie hatte ihr Herz bei
einem der Diener in der Taissburg zurückgelassen und vergegenwärtigte sich noch
einmal, wie vornehm und gebildet der Geliebte erscheine, und hielt das Zeugnis
seiner Bildung - Schillers Werke in einem Band, die er ihr als Andenken
geschenkt - zwischen den gefalteten Händen wie ein Gesangbuch. Sie erinnerte
sich auch, dass er ihr anempfohlen habe, in traurigen Stunden darin zu lesen, und
schlug sich Don Carlos auf. Doch gleich die ersten Worte:
»Die schönen Tage von Aranjuez sind nun vorüber
Und Sie, mein Prinz, verlassen es nicht heiterer als zuvor,«
ergriffen sie so, dass sie sich in die Ecke setzte, um zu schluchzen.
    Im Landauer sassen Fanny und Graf Taiss, ihnen gegenüber auf dem Rücksitz
Lanzenau und Joachim. Taiss hatte darauf bestanden, seine Freunde nach Mittelbach
zu begleiten, um sich gleich die genauesten Nachrichten über das Befinden des
Kindes zu holen. Joachim war in demselben Augenblick in der Taissburg angelangt,
als Fannys Wagen eintrafen und mit ihnen die Donnerkunde von der tödlichen
Erkrankung des Kleinen. Eine Stunde später fuhr man ab, von der ganzen, teils
enttäuschten, teils mitfühlenden Gesellschaft an den Wagen geleitet.
    Die vier Gefährten sprachen wenig zusammen. Fanny sass, in ihren Pelzmantel
gewickelt, in eine Ecke gedrückt und verfolgte mit den Augen die vorbeiziehenden
Bäume oder Telegraphenstangen am Wege. Ihr Herz war so voll Sonnenschein und
Glück, dass sie sich Mühe geben musste, an die Kunde von Krankheit oder Tod zu
glauben.
    Joachim sah schlecht aus, überwacht und bleich, wie jemand, der viele Nächte
durchtollt oder durchsorgt hat. Sein Gemüt war wie betäubt, eine Welt von Sorgen
hatte sich auf seine Brust gewälzt: Fanny - Severina - das sterbende Kind - ihm
war, als müssten die nächsten Stunden den Tod auch für ihn bringen.
    Graf Taiss glaubte, dass es seine Pflicht sei, die von Angst gelähmten Geister
seiner Freunde zu ermuntern; er fragte Joachim nach den Resultaten seiner Reise
auf die Itzelburgischen Güter und ob er sich bei seinem zweimaligen
Durchpassiren der Residenz in Berlin amüsirt habe. Darauf erzählte Joachim, dass
er eine kleine Frist zur Entscheidung über die Annahme der Stellung sich
vorbehalten, um nicht den Schein zu erwecken, er sei in der Lage, mit beiden
Händen zugreifen zu müssen. In Berlin habe er sich vortrefflich amüsirt.
    So floss mühsam ein Gespräch bald mit Joachim, bald mit Lanzenau hin wie eine
Quelle, die sich nur schwer durch Gestrüpp ihren Weg bahnt. Und der Tag draussen,
den sie durch die Wagenfenster sahen, war auch nicht darnach angetan,
verstimmte Seelen zu erhellen.
    Ueber der schneefreien, leichtgefrorenen Erde stand ein gleichmässig
hellgrauer Himmel, vollkommen sonnenlos und doch von jener blendenden Schärfe
des Lichts, wie ihn nur der Norden kennt. An den dürren Knicken sass das braune
Laub der Hainbuchen, der Wind rasselte darin; an den dünnästigen Kronen der
Ebereschen sassen zum Teil noch die roten Beeren am blätterlosen Gezweig. Ueber
die endlosen Stoppelbreiten rechts und links von den Wegen ging hie und da ein
Pflug; dazwischen schoben sich Felder, welche die keimende Wintersaat schon mit
leisem Grün überschleiert hatte.
    »Ein vorzügliches Jagdwetter,« bemerkte Taiss, »schade um den zerstörten
Plan.«
    »O,« sagte Fanny und sah Joachim trostreich an, »ich hoffe, dass die Kunde,
die uns ward, erst von der Angst Adriennens und dann vom Kutscher noch
übertrieben ward und dass der Kleine schon bald so wohl ist, dass wir nach
Herzenslust jagen können.«
    »Gewiss,« meinte auch Lanzenau, »wenn der liebe Junge ernstlich krank wäre
und in der Tat, wie der Kutscher erzählte, seit beinahe acht Tagen zu
Besorgnissen Veranlassung gab, hätte doch Severina oder der Pastor geschrieben.
Oder hatten Sie inzwischen irgendwelche Nachrichten von Fräulein Severina?«
    »Ich - nein. Wie sollte ich?« sagte Joachim verwirrt.
    »Wie sonderbar!« dachte Fanny befremdet und sah Lanzenau fragend an; »wie
sollte Severina dazu kommen, an Joachim ... wie kann Lanzenau das voraussetzen?«
    Und zu ihrer noch grösseren Befremdung sah sie Joachims Gesicht in Glut
aufflammen. Was bedeutete dies Erröten?
    Eine Unruhe, ein Gefühl kam über sie, das noch kein Gedanke, keine Vermutung
war, sondern nur eine dunkle, lähmende Empfindung.
    Da fuhren sie auch schon in den Hof des Herrenhauses ein, da hielt der Wagen
schon vor der Tür. Sekundenlang war ihnen allen, als seien ihnen die Füsse zu
schwer, um auszusteigen. Ein gewisses Etwas im Gesicht jenes Knechtes dort, der
stillstand, um der Herrschaft zuzusehen; das Gesicht des Dieners, der das
Haustor öffnete; die verhängten Fenster, die man trotz der erwarteten Rückkunft
der Hausbewohner zu lüften vergessen - dies alles gab ihnen jäh die schaurige
Empfindung, die jeden befällt, der ein Haus des Todes betritt.
    Fanny war die erste, die herauskam.
    »Nun?« rief sie.
    Der Diener trat zurück, um sie vorbei zu lassen, und senkte schweigend den
Kopf.
    »Das Kind - das Kind?« fragte sie mit stockendem Herzschlag. Sie hatte
begriffen und fragte doch. Schon stand auch Joachim neben ihr, und da ihnen
wieder keine Antwort wurde, wussten sie alles.
    In der nächsten Minute riss Fanny oben die Tür auf und hielt die arme junge
Mutter in ihren Armen. Joachim stürzte mit einem Jammerruf neben der kleinen
Leiche nieder, die schon feierlich zugerichtet, mit allen Blumen, die das
Treibhaus nur gegeben, umkränzt, mitten im Zimmer aufgebahrt stand.
    Adrienne weinte leidenschaftlich, ihr Schmerz hatte Tränen und Worte, und
sie klagte in Fannys Armen von den Stunden der Angst, die sie erlitten, von der
namenlosen Sehnsucht, die ihr Herz nach dem Gatten, dem Ahnungslosen, Geliebten
ergriffen habe. Ja, sie wandte sich, neu erschüttert, dem jungen Mann zu, der,
das Gesicht in beiden Händen verborgen, heftig schluchzte.
    Sich an ihn lehnend, ihn mit beiden Armen umschlingend, flüsterte sie unter
Tränen:
    »Was wird unser Arnold sagen!? Er wird noch heute, noch morgen und viele
Wochen von seinem Liebling träumen und nicht wissen, dass wir ihn verloren
haben.«
    »Warum hast Du mich nicht gerufen, damit ich bei Dir und ihm sein konnte?
Nun kann ich Arnold nichts von der letzten Stunde seines Kindes sagen. Ich war
fern - o Gott - vielleicht gerade in einem leichtsinnigen Vergnügen verstrickt!«
klagte Joachim.
    »Kommt,« sagte Fanny weinend, »quält euch nicht so. Wir wollen nicht an das
Unabänderliche, Gewesene denken, sondern voraus, an unsern armen Arnold.«
    Sie hatte gefühlt, dass endlich in dem Herzen der jungen Frau die rechte
Gattenliebe erwacht war, und wusste, dass die Sehnsucht nach ihrem Manne der
gesundeste Begleiter des natürlichen Kummers sein werde. - Adrienne antwortete
auf Joachims Frage:
    »Severina verhinderte mich, euch zu rufen.«
    Joachim erschrak so, dass er zitterte; er hielt sich an dem Rand des kleinen
Sarges fest und sah starr auf das stumme Kind hernieder.
    So hatte er seine Pflicht erfüllt, seines Bruders Weib und Kind mannhaft
beizustehen, dafern Leid und Not sie treffen sollte. In der schrecklichsten,
bangsten Stunde ihres Lebens waren sie ohne den Halt und Trost seiner Liebe
gewesen. In den letzten, erstickenden Minuten der Todesnot hatte er nicht als
Wächter am Bette des Kindes gesessen, und warum nicht?
    Severina hatte nicht den Mut gehabt, ihn zu sehen. Wegen seiner
wankelmütigen Liebeständeleien hatte er dem geliebten und gefürchteten Bruder
gegenüber sich diese Schuld, diese nie verzeihbare Unterlassungssünde
aufgeladen.
    Er blieb wie versteinert.
    Fanny, nachdem sie noch lange liebevoll mit Adrienne gesprochen, zog sich
zurück, nicht ohne mit leiser Hand Joachims Rechte geliebkost zu haben. Doch er
schien diese ihre Berührung nicht zu bemerken.
    Lanzenau hatte unterdes seine Anordnungen getroffen, nicht nach Driesa
weiterzufahren, sondern mit Taiss hierzubleiben. Beiden schien es klüger, in der
steten Nähe der Trauernden zu sein und diese durch ihre Gegenwart vor allzu
heftiger Hingabe an den Kummer zu bewahren, denn sie wussten beide, dass Fanny
alles mitfühlen würde, als sei ihr selbst ein Kind gestorben.
    Lanzenau sprach auch mit Severina einige liebevolle Worte, er sagte ihr, dass
Joachim in wenig Tagen der Inhaber einer vielbeneideten Stellung sein würde und
dass man dann, wenn nur erst der frische Gram Adriennens ein bisschen verwunden
sei, an Verlobung und Hochzeit denken könne. Er wunderte sich, dass Severina dies
mit dem Gesicht einer Sphinx anhörte, steinern und rätselhaft im Ausdruck.
    Dann zog er sich mit Taiss in ihre Zimmer zurück, wo beide Herren allein ihr
Mahl nahmen und sich die Zeit mit Schachspiel kürzten.
    Nachdem Fanny sich ein wenig besonnen und erfrischt hatte, kehrte sie zu
Adrienne zurück, schickte Joachim fort, damit er mit dem Pastor das Nötige wegen
der Beerdigung verabrede, die sie auf den nächsten Abend bestimmte, und
versuchte ihr möglichstes, die junge Frau zu überreden, dass sie sich ein wenig
zu Bett lege.
    »Komm in mein Zimmer, das Mädchen kann so lange den Kleinen bewachen. Du
musst jetzt Deine Gesundheit doppelt schonen, denn wenn Arnold heimkehrt, soll zu
dem Kummer über sein Kind nicht die Sorge für sein Weib kommen.«
    Endlich halfen diese in allen Formen wiederholten und veränderten
Vorstellungen, und Adrienne, die in der Tat vom Wachen und Weinen ganz
entkräftet war, liess sich in Fannys Bett legen, worauf Fanny dann ging, um
endlich, endlich ein Wort mit »Achim« reden zu können.
    Dieser war, nach schnell beendetem Geschäft beim Pastor, ins Haus
zurückgekehrt und sass in jenem Wohnzimmer, wo Fanny ihn porträtirte und wo
Severina ihnen das wilde Lied von Ginevra und Lanzelot gelesen. Er starrte zum
Fenster hinaus in den winterlichen Park, in dessen Wegen kleine Wirbel welker
Blätter entlang tanzten, und dachte, ob es nicht ein Traum gewesen, dass vor
wenig Tagen noch Fanny, schön, vielgefeiert und geehrt, sich ihm zu eigen
gegeben.
    So fand ihn Severina, die ihn seit seiner Ankunft noch nicht gesehen.
Langsam kam sie auf ihn zu, ihre Augen wurzelten ineinander. Sie konnten beide
nicht sprechen, den beiden schlug das Herz bis zum Halse hinauf, und die heisse
Erregung der Angst schnürte ihnen die Kehle zu. Jeder fürchtete, vom andern sein
Todesurteil zu hören, Joachim, dass sie sagen würde: »Ich verachte Dich,« und
sein ganzes Wesen wallte doch auf im Wunsche, sie zu küssen, Severina, dass er
sagen könne: »Ich liebe Fanny allein,« und doch hätte sie ihr Leben dafür
gegeben, noch einmal an seinen Lippen zu hängen.
    »Severina,« murmelte er endlich, »kannst Du mir verzeihen? Bei Gott, es ist
keine Lüge, ich liebe Dich!«
    Severina atmete tief; es klang wie ein Seufzer. Eine seltsame Härte breitete
sich plötzlich über ihre Züge.
    »Du wirst Fanny die Wahrheit sagen,« sprach sie hart, »die Wahrheit, dass Du
mein bist.«
    »Wie kann ich das?« sagte er verzweifelt; »Fanny einen Schmerz zufügen -
Fanny, der ich so vielen Dank schulde?«
    »Das hättest Du Dir ins Gedächtnis rufen sollen, ehe Du ihr Herz betrogst.«
    »Es ist kein Betrug.«
    Severina zuckte die Achseln.
    »Was soll denn werden?« fragte sie.
    »Habe nur Geduld, ich muss ja einen Ausweg finden.«
    Hier trat Fanny ein. Dasselbe unbestimmte Gefühl von Angst, das sie im Wagen
schon empfunden, kehrte zurück, als sie die beiden allein mit Spuren tiefer
Erregung im Gesicht fand. Es stieg, als Severina rasch, ohne ein Wort oder Blick
an sie zu richten, hinausging.
    »Was hat Severina?« fragte sie.
    »Nichts. Was sollte sie haben?« fragte er befangen entgegen.
    Fanny trat zu ihm, legte ihm beide Hände auf die Schultern und sah ihn tief
an.
    »Ich hatte Severina gefragt, wie alles gekommen und verlaufen sei mit der
Krankheit des Kleinen,« antwortete er, errötend auf diesen Blick.
    »Nein,« dachte Fanny, »das wäre zu schlecht - lügen - mir Aug' in Auge. Das
kann er nicht.«
    Aber sie sprach doch noch - all ihre Liebe lag in den schmeichelnden Lauten
ihrer Stimme - sie sprach doch noch:
    »Nicht wahr, Du hast Vertrauen zu mir, Du weisst, dass meine Liebe so gross
ist, Dir alles zu verzeihen, nur das Verbrechen der Unwahrheit nicht?«
    Ihn wandelte das Gelüst an, ein befreiendes Geständnis abzulegen, er fühlte
beinahe gewiss, dass sie vergeben werde und doch sein guter Engel bleiben würde.
Aber seine Liebe - nein, die würde sie dann nicht mehr annehmen. Und wie ein
Blitzstrahl fiel die Erinnerung an die erlebten göttlichen Stunden entzückend in
sein Blut.
    »Fanny,« flüsterte er aufwallend, »ich liebe Dich.«
    Das war ihr Antwort und Gelübde genug. Die Wahrheit sprach aus seinen
aufblitzenden Augen.
    Sie senkte den Blick, der sich von Glückstränen trübte, und legte ihren
Kopf gegen seine Schulter. Sie bedachten nicht, dass sie am Fenster standen und
dass, wer draussen ging, sie so sehen konnte.
    Draussen aber gingen Taiss und Lanzenau, die noch vor der nahen Dämmerung
einen Spaziergang machen wollten, da der Baron von der langen Wagenfahrt am
Morgen ganz steif zu sein behauptete. Sie sprachen gerade von der Möglichkeit,
unter den ostelbisschen Grundbesitzern ein gemeinsames Vorgehen bezüglich der
notwendigen Flusskorrektion anzuregen, und Taiss hielt in dem ihm eigenen
wohlgerundeten Periodenbau einen Vortrag über die Frage, als habe er den ganzen
Kreistag vor sich, als Lanzenau einen eigentümlichen Ausruf tat.
    Ein gurgelnder, halberstickter Laut kam von seinen Lippen. Taiss sah ihn
entsetzt an und dachte, der Baron bekäme einen Schlag. Sein farbloses Gesicht
war bläulich geworden, sein Mund stand auf, die Augen waren starr.
    »Was ist Ihnen, Lanzenau? Hören Sie doch!« Taiss legte den Arm um ihn.
    Lanzenau atmete schwer, wollte weiter gehen, doch knickten ihm die Kniee
ein.
    »Das ist ja ein Unglückstag. Lanzenau - was ist Ihnen?«
    »Nichts,« lallte er.
    »O - da sehe ich zum Glück Fanny und Herebrecht am Fenster - sie sind auf
uns aufmerksam geworden,« sagte Taiss erleichtert.
    Alsbald kam Joachim durch den Saal über die Terrasse herbeigelaufen. Doch
als er Lanzenau mit stützen wollte, fand dieser in übermenschlicher Bezwingung
seine Kräfte wieder und wehrte dem jungen Mann mit einem solchen Blick des
Hasses, dass selbst Taiss davor erschrak.
    »Der arme Lanzenau,« dachte der Graf, während, auf seinen Arm gestützt,
dieser mit ihm dem Haus zuschritt und Joachim, blass und scheu, folgte, »der arme
Kerl - leidet an Ischias, an schlagartigen Blutstockungen und an allen möglichen
anderen mementi mori und plagt sich noch obenein mit Eifersucht.«
    Fanny eilte dem Freunde schon besorgt entgegen und geleitete ihn in das
Wohnzimmer, wo er sich auf die Ottomane legen musste und von ihr mit starken
Weinen, kalten Kompressen und dergleichen gepflegt wurde.
    Der Anfall ging schnell vorüber, aber Lanzenau gönnte sich die schmerzliche
Wollust, von ihr so sorgfältig bewacht zu werden. Er lag still und lang
ausgestreckt; seine Gestalt war bis zur Brustöhe mit Fannys türkischem Shawl
bedeckt, sein Monocle hing an der schwarzen Schnur seitwärts herab, in dem
kleinen runden Glas, das an dem bunten Stoff lag, blinkte der Lampenschein vom
Tisch her wider. Lanzenau sah mit halbgeschlossenen Augen hinüber, wo Fanny mit
Taiss still Zeitungen las. Das zeitweilige knitternde Umschlagen der grossen
Papierfläche der »Kölnischen« war der einzige Ton, der durch das ruhige Zimmer
ging. Sehr oft hob Fanny das Auge und sah aufmerksam zu dem Leidenden hinüber.
Der beobachtete jeden dieser liebevollen Blicke und erregte sich immer
schmerzlicher davon.
    So gut, so selbstvergessen war sie in der Freundschaft, welche unermessliche
Schrankenlosigkeit musste ihr Gefühl in der Liebe haben! Und das alles hatte sie
weggeworfen an diesen flatterhaften Jüngling.
    Lanzenau glaubte sich wieder ganz wohl, ganz kühl und klar; und doch irrten
seine Gedanken fiebernd umher. Bald dachte er grollend an Joachim, der oben bei
seiner Schwägerin sass und an den fernen Bruder schrieb, bald stellte er sich
vor, was Fanny sagen würde, wenn sie von dem Verrat erfuhr. Es würde sie töten -
gewiss, das würde es. Nichts würde sie so schwer treffen, nicht einmal, wenn
Joachim plötzlich stürbe, als sich belogen zu sehen. Immer fieberischer dachte
Lanzenau darüber nach, auf welche Weise man Joachim von Fanny trennen könne,
ohne dass sie erführe, warum.
    Joachim musste sterben, das stand zuletzt für Lanzenau fest. Aber wie? Ihn
zum Duell fordern? Der junge Mann war der bessere Schütze, und da es um Leben
und Tod ging, würde er den Gegner einfach niederschiessen. Aber sterben musste er
- sterben. Um seinen Tod durfte Fanny weinen, nicht um seinen Verrat.
    Er stöhnte. Sofort erhob Fanny sich und erneute den kalten Umschlag auf
seiner Stirn.
    »Lieber Lanzenau,« sagte sie mit ihrer zärtlichsten Betonung, »Ihre Stirn
brennt, Sie sollten lieber ins Bett gehen.«
    »Ja - ja,« stotterte er und versuchte mühsam, sich zu erheben.
    Taiss sprang herzu und stützte ihn.
    »Morgen wird es besser sein,« sagte Lanzenau heiser.
    In der Tat schien er am nächsten Tag für den oberflächlichen Blick ganz wie
sonst. Er war bei all den traurigen Vorgängen gegenwärtig, die ein Begräbnis mit
sich bringt, ja, gab noch selbst Anordnungen, um die Feierlichkeit desselben zu
erhöhen.
    An diesem Tage traf auch, der erste seit vielen, vielen Wochen, ein Brief
von Arnold ein. Es erschien allen wie eine barmherzige Fügung des Zufalls, und
Adrienne begrüsste es ekstatisch wie ein Zeichen von Gott; sie vergass, dass sie
sich allesamt schon lange ausgerechnet hatten, es müsse um den ersten Dezember
herum ein Brief kommen.
    Die junge Frau las die teure Botschaft in Fannys Gegenwart, und diese
beobachtete schweigend die dunkle Glut höchster Erregung, die in Adriennens
Gesicht beim Lesen stieg.
    »Mein geliebtes Weib,« schrieb der Kapitän, »Du wirst bis jetzt drei Briefe
von mir empfangen haben. Ich schrieb sie alle voll von Liebe und Sehnsucht nach
Dir und unserem süssen Knaben. Aber sieh, seit kurzem fasst mich oft ein seltsames
Bangen. Habe ich für diese Liebe denn auch so deutliche Worte gefunden, dass sie
Dir offenbar ward? Habe ich nicht damals, als wir noch zusammen sein konnten,
auch gefehlt, indem ich zu sehr in mich verschloss, was doch mein ganzes Wesen
füllte? Ich forderte von Dir, Du solltest meine Art vertrauend verstehen, aber
um das zu fordern, hätte ich erst in Deiner Sprache mit Dir reden sollen,
begreifen müssen, dass das Herz eines jungen Weibes reichlicher und ausführlicher
der Neigung des Gatten versichert sein will.
    Wie mir diese Erkenntnis so kam? Du erwartest vielleicht, dass ich Dir irgend
ein romantisches oder gefahrvolles Erlebnis berichte, das an meiner Seele also
rüttelte. Nichts dergleichen! Du weisst, es liegt nicht in meiner Natur, äussere
Vorgänge auf mich einwirken zu lassen, es muss sich alles von innen heraus mir
entwickeln und sich mir aus meiner Erkenntnis als Wahrheit aufdrängen. So wuchs
mir auch aus dem Kern des unbefriedigten Wunsches, nur einmal Dein rötliches
Haar und Dein liebes blasses Gesicht zu sehen, mit tausend Zweigen die
fortrankende Sehnsucht hervor. Und dann kam der Gedanke, ob Dir eine
schmerzlich-liebe Ahnung wohl von meinem Sehnen etwas sage. Unser Abschied fiel
mir ein. Jede herbe, sonnenlose Stunde ward wach, die wir schon erlebt. Nein -
ich fühlte, meine Sehnsucht konntest Du nicht erraten, denn Du glaubtest nicht
an meine Liebe.
    So wuchs es weiter. Einmal sagte ich mir: Der Prediger auf der Kanzel wird
nicht müde, den Glauben zu verkünden; der Lehrer in der Schule hat die
nimmerlästige Geduld, Unwissende zu belehren; tausendfältig müssen wir in
unserem Beruf oder in unseren Verpflichtungen als Mitglieder der menschlichen
Gesellschaft gleichgiltige Dinge wieder und wieder sagen, und ich war zu stolz,
Dir das Wichtigste, das Heiligste so lange zu wiederholen, bis Du es glaubtest?!
    Mein Weib - ich liebe Dich; und wenn ich erst bei Dir bin, werden auch meine
Lippen die rechten Worte finden, es Dir zu verkünden. Früher, als wir scheidend
dachten, kehre ich heim. Im Frühling wird die Besatzung abgelöst. In den
beifolgenden Tagebuchblättern findest Du alles Wissenswerte über unsern hiesigen
Aufentalt; sie sind zum Mitteilen für Fanny Förster und meinen Joachim
bestimmt, den ich mit Freuden bei euch weiss. Mein kleiner Joachim kann noch
nichts von mir empfangen, weder Mitteilung noch Gruss; aber Du, mein Weib, Du
drücke ihn an Dein Herz und liebe ihn doppelt.
    Meine Adrienne - wirst Du mir glauben, mich verstehen? Noch einmal sage ich
Dir: Ich liebe Dich.«
    Dieses Blatt kam aus Sansibar und trug das Datum des 27. September. Es war
an demselben Tag geschrieben, an welchem damals Adrienne ihren
leidenschaftlichen Brief mit dem Ruf der Liebe und Reue an ihn gerichtet hatte,
und dieser Brief mochte auch gerade in diesen Tagen in seine Hände gekommen
sein.
    Weinend wiederholte Adrienne die Weisung ihres Gatten, das Kind an ihr Herz
zu drücken, und Fanny hatte alle Mühe, sie zu beruhigen.
    Der Kummer und die Tränen der jungen Frau ängstigten Fanny aber nicht, es
war eine gesunde und natürliche Art, den Gram zu äussern. Und unter den Tränen
sah Fanny schon die Morgenröte eines künftigen, wirklichen und dauernden Glücks
für Adrienne und Arnold von Herebrecht.
 
                              Fünfzehntes Kapitel
»Wenn Sie mich noch haben wollen,« sagte Graf Taiss am Tage nach dem Begräbnis
des Kindes, »so bleibe ich noch. Um die Wahrheit zu sagen: Lanzenau macht mir
den Eindruck eines Menschen, der nicht alle seine fünf Sinne richtig beisammen
hat. Ich kann kein Gespräch vernünftig mehr mit ihm zu Ende führen, er ist wie
ein Berauschter, der keinen logischen Gedankengang hat, sondern irgend einer
törichten Idee nachbrütet.«
    »Wir wollen nach dem Arzt schicken,« sprach Fanny erschreckt, »wenn Lanzenau
nur keinen Schlaganfall oder dergleichen bekommt.«
    »Bewegung im Freien möchte ihm besser sein als alle Medizin. Wie wäre es,
wenn wir einen kleinen Streifzug unternähmen, um für unsern Tisch einen
Rehrücken zu erjagen?« schlug der Graf vor, der aus der eigenen Lust an der Jagd
die Meinung fasste, es müsse für jedermann die beste Erholung sein.
    »Wir können Lanzenau ja fragen, doch bezweifle ich bei seiner Anlage zur
Ischias, dass er zustimmt,« meinte sie bedenklich.
    »Ich bitte Sie - bei dem herrlichen Jagdwetter!«
    Das herrliche Jagdwetter war ein nebelgrauer Tag, an dem weder Wind noch
Sonne die dichten Dunstschleier zwischen den Bäumen zerstreute, die am frühen
Morgen im Rauhreif standen und ihren Schmuck zusehends verstärkten.
    Zu Fannys Erstaunen ergriff Lanzenau den Vorschlag mit Hast. Es war
selbstverständlich, dass Joachim bei der Partie sein musste, und zu Taiss'
unendlicher Befriedigung zogen die drei im winterlichen Jägerschmuck eine Stunde
später waldwärts.
    Fanny sah ihnen lächelnd nach und dachte, dass weniger die Sorge um Lanzenau
den Grafen zum Bleiben bewogen als die Unmöglichkeit, eine so gute Jagd ungejagt
zu lassen. Auch beruhigte sie der Umstand sehr, dass Lanzenau, der dies Vergnügen
so gar nicht liebte, sich auschloss. Trotzdem schickte sie einen reitenden Boten
zum Arzt.
    Die drei Jäger fanden den Wald wie eine ungeheure, auf die Erde gelagerte
weissgraue Wolke mit schwarzen, senkrechten Streifen durchschossen. Das
weissbereifte Gewipfel hob sich kaum von dem Nebeldunst ab. Das welke Laub am
Boden war an der Oberfläche von leichtem Frost gekraust, wenn der schreitende
Fuss in diesen Winterteppich hineinstiess, zeigte sich das braune Blattwerk von
Nässe schwer. Der Atem dampfte vor den Lippen der Männer und bereifte ihre
Bärte.
    Lanzenau hatte die Hände in seinem Jagdmuff eng zusammengefaltet und ging
steifbeiniger denn je; ihn fror entsetzlich, auch konnte er dem raschen Schritt
des Grafen kaum folgen. Ihn ärgerte die lustige Jagdgeschichte, die Taiss
erzählte; alles in der Welt erschien ihm unbedeutend und nebensächlich. Er
dachte nur an eines, an das Schwert, das an einem Haar über Fannys Haupt hing.
Joachim hörte wenigstens mit der Miene leidlichen Interesses zu, aber er sah
düster und gedrückt drein.
    Endlich kamen sie an die Stelle, wo der Rehbock, auf den sie fahndeten, zu
wechseln pflegte, und Joachim wies den beiden anderen ihre Stände an.
    Lanzenau stand an dem Stamm einer riesigen Buche. Rings umgab ihn das dichte
Unterholz, aus dem er mit halbem Leibe ragte. Die feierliche Stille und das
weisse Licht im bereiften Wald legten sich wie eine Beklemmung um seine Brust,
auch blendete ihn die stechende, helle Luft, die hell ohne Klarheit war. In sein
Gehirn kam jene seltsame Gedankenlosigkeit, die einen befallen kann, wenn lange
Zeit eine schreckliche Idee über Verstand und Gemüt herrschte und beide bis zur
Unfähigkeit der Empfindung betäubte. Mitten hinein in diese Minuten des bloss
mechanischen Daseins fiel ihm eine Erinnerung - ein Wort nur - er wusste nicht,
woher es ihm kam.
    »Ein Stoss, und er verstummt.«
    Es gehörte auch Musik zu den Worten - er hörte sie deutlich singen. Frost
lief ihm über den Rücken hinunter. »Ha, welch ein Augenblick!« Richtig, das sang
Pizarro in »Fidelio«. Er erinnerte sich, dass ihm jedesmal, wenn er diese Arie im
Teater gehört hatte oder am Klavier vernahm, derselbe Frost den Rücken hinunter
gelaufen war. Was für ein Unsinn, dass ihm hier und jetzt die dämonische Musik
einfiel.
    Es knackte in den Zweigen. Er schrak zusammen und lauschte wieder auf das
Wild.
    dabei summte es in ihm: »Ein Stoss, und er verstummt!« Unerträglich!
    Wieder ein leises Krachen, wie vom leichten Tritt des grazilen Tieres auf
dürrem Astwerk. Und da - das Graubraune dort - wie der Rücken eines lagernden
Rehes. Er legte an und schoss. Der Rauch wölkte auf und verzog sich. Lanzenau
ging, sich mühsam bahnbrechend durch verschränktes Gezweig auf die Stelle zu. Da
lag, anstatt eines erlegten Wildes ein grosser Feldstein. Lanzenau stieg das Blut
ins Gesicht: was war das denn mit seinen Augen?! Und nun, vom Aerger, begann das
Flimmern in der Luft vor ihm erst recht arg zu werden.
    Aber da - da wurde es laut. Es brach durchs Unterholz, nun sah er's gewiss
und konnte den jammervollen, unglaublichen Schuss von eben auswetzen. Die Büchse
an der Wange - die zitternde Hand am Hahn - es blitzt - das bläuliche Wölkchen
flockt sich empor. Aber zugleich ein Schrei - kein Schrei aus dem Rachen eines
verendenden Tieres, nicht dieser unsäglich wehvolle Laut, der sich dem sonst
stummen Geschöpf als letzter Schrei der Lebensnot entringt - nein, ein Schrei
wie aus einer Männerkehle.
    Lanzenau steht entgeistert - wankt - packt mit der Faust in das nächste
Buschwerk. Er will hingehen, seine Füsse heben sich nicht. Er will rufen, seine
Lippen lallen.
    Da kommt es von der andern Seite. Taiss wird sichtbar, die hohe Gestalt
nähert sich rasch unter den weissen Baumkronen.
    Lanzenau bebt, dass seine Zähne auf einander schlagen. »Er wird mir sagen,
dass ich ihn erschoss!« denkt er und sieht dem Grafen mit entsetzten Augen
entgegen. Doch der hemmt plötzlich den eiligen Fuss, er bückt sich, er kniet
nieder und ruft etwas Erschrecktes.
    Da bezwingt Lanzenau sich und schreitet hin mit eingeknickten Knieen, den
Fuss bei jedem Tritt hoch aufhebend.
    Und nun steht er Taiss gegenüber, zwischen ihnen liegt Joachim am Boden.
    Taiss hebt den Blick und sieht Lanzenau an. Ihre Augen wurzeln fest und lange
in einander. Wie einer Macht gehorchend, die ihn zwingt, murmelt Lanzenau:
    »Was Sie denken, ist nicht wahr; der Schuss war ein unglücklicher Zufall.«
Und dabei hört er es laut singen: »Ein Stoss, und er verstummt!«
    Taiss wendet noch immer nicht den Blick.
    »Bei Ihrer Ehre?«
    »Bei Gott und meiner Ehre - ja!«
    An Joachims Schulter färbt sich die graue Joppe dunkel, man sieht, eine
Flüssigkeit saugt sich im rauhen Wollstoff weiter und weiter.
    »Schnelle Hilfe tut not,« sagt Taiss, »ich eile ins Dorf, ein paar Leute zu
holen. In zwanzig Minuten kann ich zurück sein.«
    So blieb Lanzenau allein mit dem Verwundeten. Er nahm seinen Jagdmuff, den
er an einer Schnur um den Hals trug, und schob ihn vorsichtig unter den blonden
Kopf. Dann stützte er sich auf seine Büchse und blickte stehend auf sein Opfer
nieder.
    Dieselbe Gedankenlosigkeit von vorhin kam wieder mit ihrer totenhaften Leere
über ihn, und immer hörte er dabei die entsetzlichen Worte mit der düstern
Melodie.
    Plötzlich erschrak er, dass seine Pulse stockten. Joachim schlug die Augen
auf. Sie sahen sich stumm an. Die Lider sanken ihm nieder. Mühsam hob er sie zum
zweitenmal.
    »Taiss oder Sie?« murmelte Joachim.
    »Ich!« sagte Lanzenau.
    Joachim schloss die Augen und blieb unbeweglich. Es schien, als wollte ihn
zum zweitenmal Bewusstlosigkeit übermannen. Lanzenau beugte sich zu ihm und
sagte:
    »Es wird sofort Hilfe kommen. Wie ist Ihnen?«
    »Die Schulter,« murmelte er, »es brennt.«
    Nach einigen weiteren stummen Minuten kam der Graf, atemlos vom Laufen. Er
hatte vier Tagelöhner aus dem Dorf mit, die eine breite Heuleiter trugen, auf
der ein blauweiss gewürfeltes Stück Bettzeug lag. Man hob Joachim auf diese
seltsame Tragbahre, und im Schritt ging es zurück.
    Taiss berichtete, dass er einen Jungen, der ihm gerade in den Wurf gekommen,
beauftragt habe, Fanny zu benachrichtigen, da selbst ins Herrenhaus Kunde zu
bringen und von da die Hilfe zu holen eine Verzögerung bedeutet hätte.
    Wohl hatte der Junge den Auftrag ausgeführt, aber er konnte den erschreckten
Frauen nicht sagen, wen ein Unfall betroffen habe und welcher Art dieser
gewesen. Fanny und Severina fragten hin und her; sie begriffen, dass es Taiss
gewesen sein musste, der den Jungen geschickt, denn die abgefragte
Personalbeschreibung passte nur auf diesen. Also war Lanzenau im Wald erkrankt.
    O, das war auch wohl zu denken gewesen; wie konnte er überhaupt nach seinem
vorgestrigen Befinden solches Unternehmen wagen?!
    »Warum habe ich ihm nicht abgeraten!« klagte Fanny.
    Aber sie war nicht die Frau, sich in tatenlosen Jammerreden zu ergehen; sie
trieb die Dienerschaft zu Vorbereitungen an und eilte selbst, mit Severina im
Wohnzimmer Platz zu schaffen für ein Bett, da es ihr nicht geraten schien, den
Kranken die Treppe hinauf tragen zu lassen.
    »Wir müssen uns sehr eilen, sie können in einer halben Stunde hier sein,«
sagte sie, die Zeit nach der Ankunft des Boten ungefähr berechnend. Aber was sie
nicht mit berechnen konnte, waren die zehn Minuten, die der Junge gebraucht
hatte, um die von Taiss zur Anspornung des Eifers erhaltenen Groschen beim Krämer
in Bonbons umzusetzen und einige davon zu verzehren.
    So geschah es, dass der traurige Zug über den Hof daher kam, ohne dass schon
jemand ausschaute, und das Haus betrat, ohne dass die im hinteren Wohnzimmer
eifrig hantirenden Frauen aufmerksam wurden. Die Dienerschaft, die herzulief,
war nicht wenig erstaunt, dass der Herr Baron, den man vom Schlage gerührt
wähnte, aufrecht neben der Bahre schritt, auf welcher - o, wie betrübend! - der
»junge Herr« lag. Was würde Frau Förster für einen Schreck bekommen! Man wies
die Träger nach dem Wohnzimmer, wohin sie durch den Gartensaal gelangten, und
alles drängte sich mit jenem Instinkt nach, der aus Mitleid und Neugierde
zusammengesetzt ist.
    Lanzenau hatte bis hieher die Kraft gehabt, sicher einherzugehen; nun er vor
Fannys Angesicht erscheinen sollte, schwindelte ihm; er lehnte sich neben der
Tür an die Wand und barg das Gesicht in der Hand. Die Tür tat sich auf, Fanny
und Severina standen sekundenlang in der Regungslosigkeit, mit welcher man auf
eine schmerzliche, schon halb geahnte Wahrheit wartet. Wenn Lanzenau tot wäre
... Graf Taiss sah so ernst, so bleich aus - Fanny zitterte.
    Die Träger liessen ihre Bahre vorsichtig nieder. Da wurden vier Augen starr
und weit - unter dem Tuch, welches das Gesicht und die Gestalt des Liegenden
verbarg, stahl sich ein blonder Haarschopf hervor - Fanny bewegte sich vorwärts,
auf die Bahre zu - blass wie der Tod - langsam - langsam.
    Und da gellte ein Schrei durch das Zimmer. Severina hatte ihn ausgestossen.
Sie stürzte neben der Bahre nieder, sie riss das Tuch von seinem Angesicht, sie
warf sich über ihn.
    »Joachim - Joachim!«
    Sie schüttelt ihn. Er stöhnt leise.
    »Stirb mir nicht!«
    Er schlägt die Augen auf - ihr Angesicht ist über dem seinen.
    »Sei ruhig, mein Herz - es - ist - nicht schlimm!« Und von der ungeheuren
Anstrengung dieser Worte fällt er wieder in die Müdigkeit zurück, die bis an die
Grenze der Bewusstlosigkeit geht.
    Eine fürchterliche Stummheit legt sich über all die vielen Menschen.
    Taiss denkt, dass es seine Pflicht ist, zu Fanny zu treten und seinen Arm
schützend um sie zu legen. Aber er wagt es nicht, sein Herz erschrickt vor ihrem
Angesicht.
    Die Dienerschaft starrt bang die geliebte Herrin an; sie hat es von der
Jungfer vernommen, die mit in der Taissburg war, dass der »junge Herr« wohl bald
überhaupt »der Herr« sein werde, und sie hat sich seitdem heftig unter einander
gestritten, denn einige von ihnen haben den jungen Herrn mit dem Fräulein
gesehen! Die Jungfer weint und möchte hinlaufen, um ihrer gütigen Frau die Hand
zu küssen. Sie wagt es nicht, denn die steht da wie ein Bild von Stein.
    Wie lange die Stummheit dauert, niemand kann es sagen.
    Da bewegt Fanny Förster sich. Sie schreitet vorwärts, alles weicht vor ihr
zurück, sie aber sieht niemand. Und niemand wagt ein Wort an sie, nicht einmal
Taiss. Die Majestät des Unglücks hat sie auf unerreichbare Gletscherhöhen
gehoben. Ihr Gesicht ist wie der Tod und das Licht in ihren Augen erloschen.
    So schreitet sie auch an Lanzenau vorüber, er aber sieht ihr nach mit
gramvollen Blicken; er weiss, dass jetzt das Schwert in ihrem Herzen sitzt.
Fanny ging in ihr Zimmer; ihre Füsse trugen sie aus Gewohnheit die Treppe hinauf.
Sie setzte sich auf das Sofa und faltete ihre Hände auf den Knieen. In sich
zusammengesunken sass sie so und sah vor sich hin. Keine Träne kam aus ihren
Augen. Stunden verrannen. Kein Laut drang aus den anderen Räumen hieher, die
Ruhe des Todes herrschte. Wer draussen auf dem Korridor vorüber musste, schlich
wie an einem Schlafenden behutsam vorbei.
    Die Dämmerung kam, das Tageslicht wich zurück, das Geäst der Lindenkronen
vor dem Fenster verfrühte im Gemache noch die Dunkelheit.
    Leise öffnete sich die Tür, Fanny merkte es nicht. Erst als Lanzenau vor
ihr stand und halblaut sagte: »Fanny!«, erst da hob sie ihr Gesicht zu ihm, ein
weisses, ausdrucksloses Gesicht.
    »Fanny, ich möchte mit Ihnen sprechen,« sagte er bittend.
    »Wer hat mir noch etwas zu sagen?« fragte sie.
    Waren diese tonlosen, rauhen Laute Fannys Stimme? Er setzte sich neben
Fanny; er dachte ihre Hand in die seine zu nehmen, aber ihre Hände lagen
unbeweglich, gefaltet auf ihren Knieen.
    Er suchte nach Worten. Was zuerst und wie am zartesten sollte er zu ihr
sprechen? Da fragte sie:
    »Ist er tot?«
    Es überlief ihn wie ein Schauder. Sie hatte gefragt, als wenn sie etwa
sagte: »Regnet es?«
    »Ist er tot?« Noch einmal so.
    »Nein,« sagte Lanzenau langsam; »der Arzt, der für mich berufen worden war,
kam und fand den unerwarteten Patienten nur vom Blutverlust sehr geschwächt; die
Kugel liess sich leicht aus dem Fleische des Oberarms entfernen, die Wunde wird
sich schnell schliessen, ein Knochen ist nicht verletzt. Taiss und Adrienne teilen
sich in die Pflege; es sind keine Veranstaltungen nötig gewesen, als ein
antiseptischer Verband und Eis auf den Kopf. Adrienne wollte zu Ihnen, ich habe
es verhindert.«
    Er konnte aus keiner Bewegung entnehmen, ob Fanny ihm zuhörte.
    »Sie fragen nicht, teure Fanny, wie das Unglück geschah!«
    Fanny schwieg.
    »Ihnen das zu sagen bin ich gekommen,« fuhr er fort; »ich wartete die
Dämmerung ab, weil ich nicht den Mut hatte, im Tageslicht Ihr Gesicht zu sehen.
- Ich, Fanny, ich habe auf ihn geschossen.«
    Nach einer kurzen Pause sagte sie mit derselben fremden, unnatürlichen
Stimme:
    »Sie haben recht daran getan!«
    Er erschrak so sehr, dass ihm eine Weile die Stimme versagte.
    »Fanny,« begann er, sich bezwingend, »ich muss Ihnen etwas Schreckliches
gestehen: ich hasste diesen Mann, seit ich wusste, dass Sie ihn mit Ihrer Liebe
beglückten. Ich sah Sie und ihn vorgestern am Fenster, und er küsste Sie. Er
aber, ich wusste es lange, hatte auch mit dem Mädchen von Liebe gesprochen. Da
kam es über mich - es war nicht so klar wie ein bestimmter Plan, nicht einmal
ein Gedanke - es kam wie ein dunkler Wunsch in meine Seele, dass er sterben möge,
damit Sie lieber seinen Tod als seinen Verrat beweinen möchten. Ich weiss gewiss,
dass ich in diesem dunklen Wunsch den Vorschlag zur Jagd annahm. Alle
Unglücksfälle, die bei solchen Gelegenheiten vorgekommen, fielen mir ein: wenn
Taiss sich irrte - wenn Joachims Büchse ihm in der Hand platzte - lauter
sonderbare, unwahrscheinliche Sachen. Ich dachte auch nach über alles, was nach
solchem Unglücksfall geschehen konnte. Und als ich allein im Walde stand, da
kam's mir plötzlich: wie, wenn meine Hand ihn niederstreckte unter der Maske des
Zufalls? Es war ein fiebernder Gedanke, kein Entschluss - bei Gott, noch kein
Entschluss! Und als mein getrübtes Auge, meine zitternde Hand erst einen Stein,
dann Joachims graubraunen Jagdrock für das Tier, das wir jagten, genommen, da -
da begriff ich, dass ich in Gedanken ein Mörder gewesen, dass die Gedankensünde
mir als Tat angerechnet werden müsse, weil ein Zufall sie wahr gemacht. Nicht
vor anderen Menschen - nicht vor Taiss, der mich darum befragte - nein, aber vor
Ihnen, Fanny, vor Ihnen bin ich schuldig, denn ich wollte Ihnen das Liebste
töten, das die Erde für Sie trägt, und ich bedachte nicht, dass auch an seiner
Leiche der Verrat noch offenbar werden würde, wie er an seiner Wunde offenbar
geworden. Verzeihen Sie mir?«
    Sein Ton war matt geworden, die lange Erzählung hatte ihn sehr gemartert.
    »Nein,« sagte Fanny vor sich hin, »nein, ich verzeihe Ihnen nicht, dass Sie
ihn nicht in sein Herz geschossen haben.«
    »Fanny, teure Fanny, seine unbedachte Jugend verdient nicht die Wucht Ihres
Hasses,« rief Lanzenau entsetzt. »Sie werden diesen Schmerz überwinden. Was
konnte Ihnen der junge, unbedeutende Mann sein? Eine ästetische Aufwallung! Sie
werden ihn vergessen.«
    Sie schwieg.
    »Fanny,« sagte er leise, »o Fanny, wie habe ich Dich lieb!«
    Es war der Trost, den sein Herz ihr zu bieten hatte, ihr das zu sagen. Sie
aber löste ihre Glieder aus der erstarrten Ruhe, sie fuhr zusammen. Wie
widerwärtig ihr das klang - und einst dasselbe, ganz dasselbe Wort aus Joachims
Mund so süss.
    Wie leer sind Liebesworte! Nur in dem Mund, aus dem sie gehen, wohnt der
Zauber.
    Fanny warf sich zu Boden und legte ihr Gesicht auf die Kissen des Sofas.
    »Haben Sie ihn so sehr geliebt, Fanny?« fragte Lanzenau erschüttert. »Was
fanden Sie an ihm?«
    Sie erhob ihr Gesicht; es war so dunkel, dass man es nur weiss schimmern sah,
ohne ihre Züge zu erkennen.
    »Was er mir war? Wie ich ihn erkor?« fragte sie leise, als richte sie an
keinen Menschen, sondern an ein unsichtbares Wesen das Wort, »warum gerade ihn -
vor so vielen, vielen, die der höchsten Liebe, der höchsten Bewunderung wert
waren? Ich weiss es nicht. Wunder kann man nicht erklären. Ich musste. In ihm
fühlte ich mich vollkommen als Weib, ihm glückselig untertan. Die Vergangenheit
mit ihrem ganzen Inhalt an Arbeit und Freude, die Zukunft mit ihrem ganzen
Inhalt an Gram ist nichts. Ich habe nicht gelebt ausser in den Stunden, wo ich
mit ihm war. Sein Wert? Dagegen der meine? Handelt die Liebe mit Werten?«
    »Fanny,« flüsterte er, »so können, so werden Sie ihm verzeihen. Severina muss
entsagen.«
    All sein Hass, seine wahnsinnige Eifersucht erstarb in der wachsenden Angst,
sie zu Grunde gehen zu sehen.
    »Nein,« sagte Fanny mit eisernem Ausdruck, »ich hasse ihn!«
    Er schwieg. Was konnte er noch sagen? Er fühlte, ihr Herz glich erstarrter
Lava. Worte konnten sie nicht wieder schmelzen.
    Lange sass er stumm, während sie neben ihm kniete. Endlich erhob sie sich und
schritt an das Fenster.
    Er wollte sich unhörbar entfernen; Einsamkeit, dachte er, sei ihr das
willkommenste. Aber sie vernahm ihn doch und fragte, als er schon die Türklinke
fasste, ohne sich zu wenden:
    »Weiss sie es?«
    Er verstand - ob Severina von dem Doppelspiel wisse?
    »Noch nicht - so viel ich weiss.«
    »Lasst ihr den Glauben,« sagte Fanny mit erstickter Stimme. Aber es war doch
der alte, milde, erbarmende Ton darin, der verkündete, dass die Fanny von ehedem
nicht ganz gestorben sei. Lanzenau fühlte, dass seine Augen nass wurden.
    Er ging. Fanny blieb am Fenster stehen. Nach einer Weile klopfte es, und
gleich darauf trat die Jungfer herein, stellte eine Lampe und Tee auf den Tisch
mitten im Zimmer. Lanzenau hatte sie geschickt und ihr befohlen, kein Wort zu
sprechen, sowie sich sofort und schweigend zu entfernen. Das treue Mädchen
folgte dem Befehl, nicht ohne auf die regungslose Gestalt der Herrin einen Blick
tiefer Sorge zu werfen.
    Als sie hinaus war, wandte Fanny sich um und ging an den Tisch.
    Ihr Gaumen brannte, ihre Lippen waren trocken; sie schenkte sich eine Tasse
Tee ein und führte dieselbe, sie wie ein henkelloses Gefäss mit den Fingern
umspannend, zum Munde. Sie fühlte nicht, dass die heisse Brühe durch das dünne
Sèvresporzellan brannte.
    Plötzlich ward die Tür aufgerissen, Severina kam herein.
    Fannys Finger krampften sich zusammen, die feine Tasse zerdrückend, und mit
den Scherben goss sich der glühende Trank an Fannys Gewand herab.
    »Er schläft endlich,« sagte Severina, dicht an Fanny herantretend; »nun liess
es mich nicht länger. Ich muss Sie fragen, ob Sie ihn mir wirklich nehmen
wollen?«
    Die glanzlosen, müden Augen Fannys hafteten auf dem Gesicht des Mädchens.
    Das also war sie, die er vor ihr geliebt. Fannys Seele hatte alle Energie
verloren, sie wunderte sich nicht einmal.
    »Er schrieb es mir,« fuhr Severina fort, mit funkelnden Blicken Fanny
messend, »er klagte mir, ob es denn möglich sei, dass ein Herz zugleich zwei
Frauen umfassen könne, er legte in meine Hände die Entscheidung. Er rechnete
vielleicht auf meinen Edelmut, ich sollte ihn freigeben, damit er der Gatte der
reichsten und angesehensten Frau werden könne.«
    Da regte sich etwas in Fannys Herzen; durch die Erstarrung ging es wie ein
Riss. Sie fühlte ganz deutlich, dass dieses Mädchen ihn nicht so tief, so
grenzenlos blind liebte, wie sie selbst es getan. Es war niedrig von ihr,
Joachim der Berechnung zu verdächtigen, und - das fühlte Fanny auch - solche Art
Unlauterkeit hatte nie in Joachims adeligem Sinn Platz gehabt.
    »Severina,« sagte Fanny leise, »ist denn an mir nur Geld und Stellung
liebenswert?«
    Das Mädchen erschrak und verfiel von der auftrotzenden Zornesstimmung
unvermittelt in den grössten Jammer. Fannys Ton hatte sie tief erschüttert. Sie
fiel ihr aufweinend um den Hals. Fanny stand wie eine Statue.
    »Lassen Sie ihn mir. Er ist so schwach. Er wird tun, was Sie befehlen. Sie
haben so viel in der Welt. Ich habe nichts als ihn.«
    Dieses Mädchens ganze Jugend, von ihren frühen Kinderjahren her, wäre
freudlos und liebearm gewesen, wenn Fannys Güte ihr nicht alles, alles ersetzt
hätte, was sonst ein geduldiges Mutterherz einem Mädchen geben kann. Hundertmal
war das Gelöbnis ewiger Dankbarkeit von ihren Lippen gegangen, die Versicherung
der anhänglichsten Liebe, der Wunsch, dass einmal eine Gelegenheit kommen möge,
diese Liebe zu betätigen.
    Um Fannys Lippen schlich ein Lächeln. Nun kam auch nicht einmal in leisester
Aufwallung der Gedanke in Severinas Herz, um Fannys willen zu entsagen, nicht
einmal ein Gedanke des Mitleids kam, dass doch auch Fanny leide.
    »Lass mich allein,« sagte sie, das Mädchen von sich wehrend, »morgen ist auch
ein Tag und morgen ...«
    »Morgen?« drängte Severina fragend, als Fanny stockte.
    »Morgen will ich mit ihm sprechen,« flüsterte sie, und dabei ging ein
sonderbares Licht in ihren Augen auf.
 
                              Sechzehntes Kapitel
Joachim lag auf dem für Lanzenau im Wohnzimmer hergerichtet gewesenen Lager. Er
fühlte sich, abgesehen von einer natürlichen Mattigkeit infolge des
Blutverlustes, ganz wohl. Irgend jemand leistete ihm immer Gesellschaft.
Lanzenau erschien am frühen Morgen und setzte sich zu ihm. Der ältere Mann hatte
dem jüngeren dasselbe unumwundene Geständnis abgelegt wie Fanny. Joachim
versteckte dabei sein Gesicht in den Kissen und murmelte nachher, des Barons
Hände drückend:
    »Ich allein - ich bin an allem schuld.«
    Während dann Lanzenau an dem Bette sass und es überdachte, was seit Monaten
um ihn geschehen, in ihm vorgegangen, vollzog sich die Wandlung vollends, die
gestern in seinem Herzen begonnen, als er in Fannys schrecklich verwandeltes
Gesicht gesehen. All seine eifersüchtige Liebe verklärte sich zu dem
selbstlosen, einzigen Wunsch, Fanny glücklich zu sehen. Wenn er sein Alter dann
auch nur an ihrer Freundschaft wärmen durfte, das war ihm genug.
    »Lieber Herebrecht,« sagte er einmal, »könnte sich nicht alles so lösen, dass
aus Ihnen und Fanny ein Paar würde? Severina mit ihren zweiundzwanzig Jahren
wird überwinden. Aber sie - aber sie?! O, ich kenne sie, die späte Leidenschaft
wird sie töten.«
    »Sie haben mir beide ihr Herz entzogen,« sprach Joachim schwach, »ich fühle
es. Severina ging gestern stumm und drohend um mein Lager - und sie ist noch gar
nicht hier gewesen.«
    Er wagte nicht einmal Fannys Namen zu nennen.
    »Sie wird nachher kommen. Sie hat es Severina gestern abend gesagt.«
    Adrienne und Graf Taiss kamen, um nach dem Patienten zu sehen. Die junge Frau
hatte nun auch alles erfahren, und ihr Blick war ernst, fast kühl. Joachim
fühlte es mit Scham. Taiss, dessen lebhafte Natur sich nicht in die allgemeine
gedrückte Stimmung finden konnte, scherzte mit dem Verwundeten. Severina kam mit
ihrem Pflegevater dazu; die lebhafte Teilnahme, die der Pastor zeigte, gab
Severina die Gelegenheit, sich in die fernste Zimmerecke zurückzuziehen, ohne
Joachim zu begrüssen.
    Aber ihre Augen hingen unausgesetzt an ihm, der bei ihrem Eintritt stark
errötete.
    In das menschengefüllte Zimmer trat nun Fanny. Wie mit einem Schlag erstarb
jedes Gespräch. War es möglich - konnte eine Nacht voll Gram eine Frau, die in
der Vollblüte ihrer Schönheit geprangt, so altern? Die Züge scharf, die Farben
gelbgrau, die Augen hohl machen?
    Joachim schloss die Augen.
    »Ich bitte,« sagte Fanny laut und ganz sicher, »dass der Leidende nicht von
so vielen Personen auf einmal besucht wird. Lieber Herr Pastor, warten Sie vorn,
es ist möglich, dass Herr von Herebrecht Ihnen nachher etwas zu sagen hat.
Lanzenau, Sie bleiben wohl.«
    Das hiess doch ohne Zweifel, dass alle bis auf den Baron das Zimmer verlassen
sollten. Taiss hatte Erbarmen mit Severina und führte sie.
    Joachim lag da mit wachsbleichem Gesicht; er wagte nicht die Augen zu
öffnen, denn er fühlte, dass sie neben seinem Lager stand und ihn betrachtete.
Ja, mit den brennenden Augen, die noch keine Träne geweint, stand sie und sah
ihn an.
    »Joachim!«
    Er erschrak vor dem Anruf und schlug den Blick zu ihr auf.
    »Fanny,« stammelte er, »Fanny, vergib mir! Ich war Deiner Liebe nicht wert,
das habe ich Dir immer gesagt. Ich bin schlecht und undankbar. Aber ich weiss
nicht - ich konnte nicht anders - ich liebte Dich auch -«
    »Und Severina auch,« schloss sie mit bitterem Lächeln. »Sage, wie es kam, dass
Du ihr von Liebe sprachst.«
    »Ich - ich sah,« stotterte er, »ich sah, dass sie mich liebte ...«
    »Und da war ich nicht im stande, ihr Gegenliebe zu versagen! Und Du sahest,
dass ich Dich liebte ... und so hast Du es schon früher bei einem Dutzend gesehen
und wirst es noch bei einem Dutzend sehen und immer wieder lieben. So ist Dein
Herz kein Herz, es ist nur ein Echo!« rief sie, endlich der stummen Qual
Befreiung in harten Worten gebend.
    »Fanny!« mahnte Lanzenau.
    »Gut,« sagte sie, schon wieder zusammensinkend, »ich habe nichts zu fragen
als dies: die Stunde der Entscheidung ist gekommen; welche von uns beiden wird
Dein Weib sein?«
    »Fanny!« rief Lanzenau entsetzt.
    Joachim sah Fanny an. Ihre Blicke brannten ineinander. Man hörte keinen
Atemzug. Lanzenau, der dicht neben Fanny stand, beobachtete diese ineinander
wurzelnden Blicke. Er las etwas darin - etwas, vor dem er zitterte. Es war, als
ob in diesem bangen Schweigen der uralte Kampf Mann gegen Weib ausgefochten
würde. Es war, als flammte die Verachtung des Weibes aus ihren Blicken, das
alles hingegeben und für ihren höchsten Besitz nichts eingetauscht als die
Kenntnis, wie Strohfeuer brennt und erlischt. Es war, als trotzte aus seinen
Augen das Mannesrecht.
    »Vielleicht,« sprach sie endlich mit grausamer Härte, »ist für Dein
schwankendes Herz die Entscheidung heute noch ein zu bitterer Kelch, den Du
lieber nicht tränkest. Aber ich will ihn Dir doch reichen.«
    Sie richtete sich höher auf und legte ihren Arm in den Lanzenaus, als solle
der sie in der nächsten Minute fortführen.
    »Lieber Freund,« sagte sie, »Sie haben die Güte, nachher an die
Vormundschaft der jungen Grafen Itzelburg zu schreiben, dass Herr von Herebrecht
die ihm angebotene Administratorstelle annimmt und daselbst eintreffen wird,
sobald nur irgend der Zustand einer kleinen Verwundung, die er bei der Jagd
erhalten, ihm zu reisen gestatte. Auch bitte ich Sie, unsern Herrn Pastor darauf
vorzubereiten, dass Herr von Herebrecht noch heute um die Hand seiner
Pflegetochter anhalten wird. Der Pastorin mag man sagen, dass ich mein früher
gegebenes Versprechen, Severina auszusteuern, selbstverständlich so glänzend
erfüllen werde, als es mir nur irgend möglich ist; habe ich doch das Vergnügen,
sie in den Kreis meiner Verwandten treten zu sehen.«
    Sie sprach, als sei Joachim nicht zugegen; sie ging, als höre sie nicht
seinen jähen Verzweiflungsruf:
    »Fanny - Fanny!«
    Er blieb allein in der masslosesten Erregung, unfähig, aus Bett gefesselt.
Und ihm war es in diesem schrecklichen Augenblick, als habe er nur Fanny allein
geliebt, als könne er ohne sie nicht leben. Sie aber war gegangen, Verachtung im
Herzen, und nie - das fühlte er, nie würde sie ihn wieder vor ihr Angesicht
lassen. Er wollte sich erheben - ihr nach - ihr nach. Allein die von der
Aufregung gesteigerte Schwäche warf ihn ohnmächtig zurück.
    Lanzenau führte die teure Freundin seines Lebens schweigend in ihr Zimmer
zurück. O, wie sie ihm dies Schweigen dankte! Von Schritt zu Schritt fühlte er
ihre Hand sich schwerer auf ihn stützen. Oben endlich fiel sie bleich und
kraftlos in ihre Sofaecke.
    Er stand vor ihr und sah sie mit tiefstem Mitleid an.
    »Musste es sein?« fragte er. »Wird Severina ihn so glücklich machen, als Sie
es getan hätten?«
    »Nein,« sagte sie, »nein; das ist die Rache, die mich sättigt. Ganz
glücklich wird er niemals sein. Immer und überall wird der Gedanke an mich
zwischen ihm und seinem Weibe stehen.«
    »Ist das unsere edelsinnige Fanny?« rief er.
    »Ich bin ein Weib, nur ein Weib,« sprach sie vor sich hin; »wäre ich es
noch, wenn ich mich in dieser Stunde mit grossrednerischem Patos über mein Leid
erheben könnte? Ist es eine grenzenlose Schwäche oder eine schreckliche Kraft -
die Kraft, mit jeder Faser echt zu empfinden - genug, ich fühle, dass dieser
Schlag die Wurzel meines Lebens getroffen hat.«
    Sie sagte das alles so eintönig, als spräche sie nur, um ihn nicht durch
Schweigen so sehr zu ängstigen.
    »Nein, Fanny,« sagte er, einen Entschluss fassend, »das darf nicht sein. Sie
beurteilen das ganze Geschehnis hart, so hart, wie Frauen immer über Männer
urteilen, weil sie nicht verstehen, die ausgleichende Versöhnung zwischen den
natürlichen Rechten beider Geschlechter zu finden. Charakter, Ehre, Herz, alles
hat Joachim in Ihren Augen verloren, weil sein noch junges Blut, seine noch
nicht ausgetobten Jahre nicht die Kraft hatten, die Liebe zu verschmähen, die
ihm von zwei Seiten zugleich entgegengebracht wurde.«
    »Sie nehmen ihn in Schutz - Sie, sein voriger Feind? Bloss vielleicht, weil
Sie meinen, es gilt hier, Ihr ganzes Geschlecht zu verteidigen für das, was ja
alle Tage vorkommt?« bemerkte Fanny herbe.
    »Ja, alle Tage! Sollte das nicht ein wenig für die Entschuldbarkeit
sprechen? Lassen Sie sich sagen, dass es tausend und abertausend Männer gibt wie
Joachim, liebenswürdig, berufstüchtig, und die sehr erstaunt wären, wenn man
ihnen sagte: Sie haben ehrlos gehandelt, weil Sie nicht aufrichtig waren. Diese
hegen den selbstverständlichen Begriff von der Liebe, dass sie sich ihrer überall
freuen dürfen, so lange sie ihre Jahre des Austobens haben. Sie werden niemals
eine Lüge aussprechen, niemals mit einem Herzen spielen, das heisst also, niemals
Gefühle heucheln. Aber ihre Liebesversicherungen sind nur die momentanen
Wahrheiten der auflodernden Sinne. Der natürliche Egoismus verhindert es, dass
sie sich einen rechten Begriff davon machen können, wie die bei ihnen erloschene
Flamme noch schmerzlich im Herzen des Weibes fortbrennen könne. Die Treue ist
ihnen ein Zukunftsbegriff, in dem sie aber einmal leben werden, denn er bedeutet
ihnen das Gesetz, wenn Du erst einmal verheiratet bist, hört dies Getändel auf.
Sie werden die besten, liebevollsten Ehemänner und tragen ihre Frauen auf
Händen, schon des blossen Umstandes wegen, weil sie ihnen nur durch die Heirat
erreichbar waren. Deshalb dürfen Sie Joachim verzeihen, dass er Severina vor
Ihnen liebte, dass ihr Bild noch nicht ganz aus seinem Herzen entwich, als das
Ihre hineintrat. Denn Sie sind die Unerreichbare, Sie wird er treu anbeten, wenn
Sie vermählt sind. Darum, teure Fanny, rauben Sie sich nicht trotzig das Glück,
auf das Sie so lange warteten.«
    Fanny erhob sich langsam. Sie legte ihre Hände auf seine Schultern und sah
ihn gramvoll an.
    »Treuer, grossmütiger Mann,« sagte sie, »nun versteh' ich Deine Beredsamkeit;
Du sprichst für ihn, nur damit ich glücklich werde.« Sie schloss die Augen. Einen
Herzschlag lang setzten ihre Pulse aus, dann sprach sie, es ging nur wie ein
Hauch an des Freundes Ohr vorüber: »Es ist hoffnungslos. Es ist Severina, die
ihm noch alles zu geben hat - nicht - ich - ich nicht.«
    Unwillkürlich, als müsse er sie retten und schützen, fasste er sie in seine
Arme. Sie barg ihr Gesicht an seiner Schulter, und Tränen, die ersten Tränen
stürzten aus ihren Augen.
    »Fanny,« sagte er mit zitternder Stimme, »teure Fanny, bedenke Dein ganzes
Leben, all Dein nützliches Wirken und wie Deine Augen über so viele sonnenlose
Existenzen Licht verbreiten. Lass uns nicht allein - lebe für uns. Wir wollen
Dich alle doppelt lieben.«
    Sie weinte heftiger.
    »Ich weiss nicht, ob ich das Leben noch tragen kann.«
 
                             Siebenzehntes Kapitel
Der Winter war vergangen, langsam, als sei er nicht vier Monate, als sei er vier
Jahre lang gewesen.
    Joachim hatte sich längst in seiner neuen Heimat eingelebt und rüstete sich
nun, zu seiner Hochzeit nach Mittelbach zurückzukehren, nach demselben
Mittelbach, das er anfangs Dezember, kaum genesen, verlassen und seitdem nicht
wiedergesehen. Aber Severinas Briefe unterrichteten ihn mit der peinlichsten
Genauigkeit von allen Vorgängen dort. Er wusste, dass die Pastorin von der Stunde
an, dass Severina die Braut eines Edelmannes war und für ihr künftiges Leben die
Aussicht auf auskömmliche Verhältnisse hatte, ihre Pflegetochter mit anderen
Augen ansah, ihre demütigenden Sittenpredigten nicht mehr hielt und diese
glückliche Geschickswendung als eine Belohnung ansah, die der liebe Gott ihr,
der opferfreudigen Pflegemutter, geschickt. Er erfuhr auch, dass Magnus durch
einige wissenschaftliche Aufsätze viel Erfolg gehabt habe, Weihnacht zu Hause
gewesen sei und von Adrienne mit einer besonderen, ernsten Auszeichnung
behandelt worden wäre, was Magnus durch die höchste Ehrfurcht im Benehmen
erwidert habe. Lanzenau sei sehr kränklich, man spreche von Teplitz und für
nächsten Winter vom Süden.
    Wie ihm das alles gleichgiltig war! Seine Augen suchten in Severinas Zeilen
immer nur nach einem Namen! Und wenn dieser genannt war, ärgerte er sich über
alles, was in Verknüpfung damit berichtet wurde. Er fehlte nie, dieser eine
Name.
    Fanny habe mit verschwenderischer Hand eine Aussteuer beschafft, die für ein
gräfliches Haus genügen würde, aber Fanny habe nichts selbst ausgesucht, nichts
geprüft. Entgegen ihren sonstigen vernünftigen und geschickt wachsamen
Gewohnheiten beim Einkaufen habe sie alles unbesehen beordert und nachher auch
kaum einen gleichgiltigen Blick dafür gehabt. Fanny fahre nicht mehr aus; wenn
die Familie Taiss käme, was ungewöhnlich oft geschehe, bleibe sie freudlos und
gleichgiltig. Weder lese, noch musizire, noch male man mehr im Schloss. Die
Tage gingen so öde hin, Fanny habe nur unendliche Fürsorge für Lanzenau, andere
Menschen schienen für sie nicht vorhanden. Fanny sei sehr gealtert, Fanny sei
sehr elend - und so immer Fanny und Fanny.
    Eine dämonische Verwandlung ging in der Brust des jungen Mannes vor. Mit
bedrücktem Gewissen war er abgereist, lange peinigte ihn der unerfüllt
gebliebene Wunsch, Fanny noch einmal zu sehen, einen vergebenden Blick von ihr
zu erhalten. Dann fing ein leiser Groll über ihre Unerbittlichkeit an, sich in
ihm zu regen. Weiter wurde schon ein Vorwurf daraus, dass Fanny eine solche Sache
so tragisch nehme und sich das Leben damit vergifte. Beinahe fand er es
geschmacklos von einer Frau mit Fannys Verstand. Dann glaubte er, dass sie sich
so gebrochen zeige, sei wie ein steter Hinweis auf seinen Leichtsinn, und fand
ihre Haltung nicht im Verhältnis zu dem Geschehenen. Wenn alle Frauen und alle
Männer einen vorübergehenden Glücksrausch nachher mit einer solchen
Lebensjeremiade bezahlen wollten oder sollten, müsste die Erde ja einem
Trauerhause gleichen. Und endlich war es ihm, als ob er sie hasse; und mit immer
grösserer Gier suchte er in Severinas Briefen ihren Namen und eine Bemerkung, die
ihm immer wieder das Recht gab, ihr zu zürnen, sich über sie zu ärgern.
    Der Gedanke an sie wurde ihm ganz zuwider. Eine fürchterliche Grausamkeit
gegen sie erfüllte sein ganzes Herz.
    Wenn er daran dachte, dass er sie bei der Hochzeit sehen werde, peinigte ihn
brennende Neugier, wie sie sich dabei benehmen werde.
    In manchen Stunden ergriff ihn eine Art sentimentales Bedauern; wenn Fanny
mit der Welterkenntnis einer grossen Dame, mit dem weiten Blick einer
klugerfahrenen Frau ihren gewiss natürlichen Schmerz niedergedrückt und versucht
hätte, zu verzeihen, wie gut Freund hätte man da bleiben können - gewiss, gut
Freund fürs Leben. Das war so schade und lediglich Fannys Schuld, dass man nun
getrennt war wie durch einen heissfliessenden Lavastrom.
    Aber immer verstummten alle diese angewiderten oder bedauernden Empfindungen
sehr schnell. Sie wurden eben nur gelegentlich der Briefe hervorgerufen; im
übrigen war Joachim guter Dinge. Alle seine Wünsche und Pläne waren nur auf das
Weib gerichtet, das er im Frühling sein nennen würde.
    Und Fanny?
    Was Severina von ihr schrieb, waren die Resultate dessen, was Fannys
Umgebung an ihr beobachtet. In Fannys Herz konnte niemand sehen; dass sie in den
langen Winternächten eine alte Frau geworden war, schien ihr selbst nicht bewusst
zu sein. Sie äusserte sich nie über ihr verändertes Aussehen und gab nie durch
Klagen über ihr Befinden zu der Vermutung Anlass, als sei etwa ein körperliches
Leiden die Last, an der sie schleppe. Adrienne und Severina hatten ihr alle
Pflichten der über Haus und Hof wachenden Herrin abgenommen, ohne dass Fanny es
bemerkt zu haben schien. Ihren Bauern erteilte sie keine Audienzen mehr,
Vorgänge in den Familien der Dorfbewohner, selbst die leidvollsten, erweckten
ihr keine Teilnahme. Wie und womit sie eigentlich ihre Zeit ausfüllte, wusste
niemand zu sagen, Fanny selbst am wenigsten.
    Lanzenau, der in der Tat ernstlich kränkelte, trug sich mit schweren
Sorgen. Wie sollte das enden? Und was sollte eines Tages aus Fanny werden, wenn
er davonginge? Er erwartete irgend eine Katastrophe vom Tage der Hochzeit, und
so sehr er sie anfangs gefürchtet, so sehr riet er endlich dazu, die Rückkehr
des Kapitäns von Herebrecht nicht abzuwarten. Er wusste Adriennens Widerstreben
zu beschwichtigen, denn diese hatte Joachim das Versprechen abgenommen, mit der
Heirat zu warten, bis Arnold heimkäme, was Ende Mai geschehen sollte. Sie selbst
sah ein, dass jede Entscheidung wohltätiger für Fanny sein werde, als dies
stumme Erstarren in undurchdringlicher Gedankenverlorenheit. So wurde das Fest
denn auf die Mitte des April festgesetzt.
    Man sprach in Fannys Gegenwart erst zaghaft und dann, als sie kein
Anteilszeichen gab, lebhafter davon, in welcher Art die Hochzeit stattzufinden
habe. Zuletzt hatte Lanzenau den Mut, Fanny geradeaus zu fragen, ob sie wünsche,
dass Adrienne, die Pastorsleute und vielleicht er selbst mit der Braut nach
Joachims Wohnsitz reisen, um daselbst die Trauung vorzunehmen.
    »Nein,« sagte Fanny mit ihrer so müde gewordenen Stimme, aber mit unbewegtem
Gesicht, »nein. Ich will, dass die Trauung hier in der Kirche sei und dass dann
ein Mahl im Pastorenhause stattabe.«
    Von da an schien wieder etwas Leben in Fannys Brust zu kommen. Sie wies
Severinas schüchterne, dankbare Liebkosungen nicht mehr herbe zurück, sondern
sah ihr manchmal mit einem sonderbaren Ausdruck des Mitleids ins Gesicht. Sie
zeigte auch dem alten Freunde eine erhöhte Teilnahme, die mit einer
schmerzlichen Zärtlichkeit gemischt war, wie man vor einem nahen Abschied sie
noch zeigt.
    So kam der Tag heran, an dem Fanny und Joachim sich wiedersehen mussten.
Joachim traf erst am Abend zuvor ein, nahm das ihm bereitete Quartier im
Pfarrhause und zeigte eine fröhliche, vollkommen unbefangene Bräutigamsmiene.
Jedermann war zu taktvoll, ihm von Fanny zu reden, und weil er nicht nach ihr
fragte, so schien es, als existire sie gar nicht für diesen Kreis von Menschen,
die ihr ohne Ausnahme so viel verdankten.
    Severina hatte wohl den Mut gehabt, in Briefen an der Sache zu rühren,
darüber zu sprechen, hier in Fannys Nähe fehlte ihr die Unbefangenheit, denn ihr
Herz war von einer verzehrenden Unruhe erfüllt, dass Fannys Anblick genüge,
Joachims Herz abermals in Zwiespalt zu bringen. »Wenn er erst mein Gatte ist,«
gelobte sie sich mit der finsteren Entschlossenheit ihrer eifersüchtigen Natur,
»werde ich über ihn wachen.«
    Wie eine Erlösung kam ihr denn auch die Botschaft von Fanny, dass diese
»wegen eines Unwohlseins« nicht an der Vorfeier im Pfarrhause teilnehmen könne,
auch aus dem gleichen Grund auf das morgige Festmahl verzichten müsse und nur
bei der Trauung zugegen sein könne. Bei der Trauung - dann war Joachim schon ihr
Gatte, dann hatte schon der Schullehrer von Mittelbach in seiner Eigenschaft als
Standesbeamter sie zusammengegeben.
    Während im Pfarrhause alles von fröhlicher Unruhe war, sass Fanny allein in
ihrem Zimmer am Fenster. Ihre Jungfer hatte gefragt, was für ein Kleid sie
bereiten solle. Dasselbe, antwortete ihr Fanny, was sie in der Taissburg an ihrem
Geburtstag getragen. Das Mädchen wagte keine Einwendungen, wenngleich es ihr
unbegreiflich war, wie die Herrin bei der einfachen Trauung in der Dorfkirche
eine so prächtige Ballkleidung tragen mochte. Fanny lächelte, als das Mädchen
gegangen war.
    Sie fühlte ganz klar, dass es kindisch und kleinlich war, ihn durch ihr
Gewand an jenen Tag erinnern zu wollen, da er ihr gesagt: Fanny, wie habe ich
Dich lieb.
    Sie fühlte sich aber so erniedrigt, dass ihr Geist mit krankhaftem Bemühen
hundert verschiedene Pläne ausbrütete, wie sie ihm für alle Zeiten sein Leben
vergällen könne. Und in diesem monatelangen Grübeln war endlich immer wieder die
Vorstellung in ihr erstanden, dass ihr Tod, in den sie seinetwegen gegangen, ihm
als Vorwurf auf der Seele lasten werde, so lange er atme. Endlich war in ihrem
kranken Gemüt diese Vorstellung zur fixen Idee geworden. Ihre Gedanken waren
davon gesättigt und beruhigt. Sie wartete auf seinen Hochzeitstag wie auf den
Tag der Befreiung.
    Nun sass sie hier und harrte der Stunde. Adrienne und Lanzenau waren auf
ihren Wunsch im Pfarrhause. Sie wollte allein in die Kirche gehen. Die
Morgenstunden schlichen entsetzlich langsam.
    Fanny dachte plötzlich an jenen ersten Abend, an welchem Joachim unter ihr
in die Nacht hinaussang und sie oben lauschte.
»Die Flammen werden Asche,
Das ist das End' vom Lied,
Das End vom alten Liede,
Mir fällt kein neues ein,
Als Schweigen und Vergessen -
Und wann vergäss' ich dein?«
Mit peinvoller Deutlichkeit erinnerte Fanny sich an seine Stimme, deren Klang
sie lange in ihrem Gedächtnis vergebens gesucht. Jetzt, mit den Worten des
Liedes, das er damals gesungen, ward der Nachhall in ihrem Ohr lebendig, so
lebendig, als stände Joachim vor ihr und spräche zu ihr mit seiner lieben,
lustigen Stimme. Vor Schrecken stockten ihre Pulse; ein Schauder durchrann sie.
    So neu, als wäre alles erst in dieser Stunde geschehen, stand das Rätsel,
das unfassbare, dieser Art Mannesliebe wieder vor ihr.
    Das Mädchen kam mit dem Festkleid. Fanny liess sich schmücken, ohne weiter
auf das acht zu geben, was die leisen Hände der Jungfer mit ihr machten. Diese
treue Person aber ging von dem Wunsche aus, dass ihre Herrin durch die Pracht
ihrer Erscheinung dem »jungen Herrn« beweisen solle, was er verscherzt. Sie
behängte Fanny mit so viel Diamanten, als diese nur irgend besass, und ordnete
ihr Haar mit grosser Künstlichkeit.
    Dann musste sie Fanny in die Kirche begleiten. Der sonnige Apriltag beschien
die festlichen Vorrichtungen, Tannenreiser hatte man auf den Weg vom
Pastorenhause bis zum Kirchenportal gestreut, welches von Guirlanden umkränzt
war.
    Fanny trat gerade und aufrecht über die Schwelle. Ihre Schleppe fegte die
Tannenreiser mit sich. Sie ging bis an den Altar und stellte sich dort neben den
Sesseln auf, die für das Brautpaar bestimmt schienen. Sie sah weiss und kalt aus
wie ein Steinbild.
    Die Kirche war von den Dorfbewohnern gefüllt; von der Hochzeitsgesellschaft
war noch niemand zugegen. Allmälich erschienen diese: benachbarte
Pfarrerfamilien, einige Verwandte der Frau Pastorin, Lanzenau und Adrienne. Alle
kannten Fanny, hatten von ihrem »Unwohlsein« gehört und wollten mit
Flüsterfragen nach ihrem Befinden an sie herantreten. Aber sie stand und sah so
unbeweglich gerade vor sich hin, dass man glaubte, sie wünsche hier an diesem
geheiligten Ort keine profane Unterhaltung.
    Die Orgel erbrauste. Fanny wandte ihr Gesicht langsam dem Eingange zu; sie
wollte den Schreck auf seinem Gesicht lesen, wenn er sie erblickte.
    Joachim und Severina traten Arm in Arm ein. Sie hatte ihr Haupt unter dem
Schleier geneigt, ihr Gesicht war von vergossenen Tränen gerötet. Joachim trug
den Kopf frei erhoben; er war etwas blass, aber sein Auge blickte ruhig und fast
gleichgiltig auf Fanny. Seine heftige Abneigung gegen sie war in diesem
Augenblick nicht rege, denn alle seine Gedanken waren bei dem Weibe, das er
besitzen sollte, nicht bei derjenigen, die schon sein gewesen.
    Nur als er vor dem Altar stand und sich Fanny nahe gegenüber sah, dachte er
mit einer Art Wohlwollen, dass es doch vernünftig von ihr sei, anstatt Scenen zu
machen, ruhig als unbefangene Zeugin zu erscheinen. Dass sie das Gewand von
»damals« trug, bemerkte er nicht, dass sie elend und gealtert aussah, erregte in
seiner Brust eine flüchtige Empfindung, die man vielleicht hätte eine eitle
nennen können.
    Fanny stand erstarrt und sah auf ihn. Sein Anblick war ihr wie eine
Offenbarung, sein junges, hübsches Gesicht, seine geschmeidige Figur, sein
offener Blick - er selbst noch ganz er selbst, so wie sie ihn geliebt! Ihr
wahnwitziger Hass war jäh erstorben; die künstlich grossgezogene Unwahrheit
entfloh vor seiner Gegenwart. Sie begriff, dass sie ihn noch liebte!
    Fanny erzitterte. Wird er nicht noch einmal ihrem Blick begegnen? Der Pastor
begann die Predigt. Joachim schien zuzuhören. Ausser der milden Greisenstimme
regte sich kein Laut in der Kirche. Durch die Bogenfenster hinter dem Altar
brach der volle Sonnenschein. Die Tannenreiser dufteten harzig. Ein Hauch wie
der eines unendlichen Friedens lag über dem Gotteshause und der Versammlung
darin.
    Fanny fühlte es, und es umschlich sie wie Wehmut; sie seufzte laut, ohne
sich dessen bewusst zu sein. Darüber erhob Joachim erschreckt das Auge zu ihr,
und ihre Blicke trafen sich. Der Seufzer hatte ihn geärgert, und sein Blick war
feindselig.
    Sie erkannte es - sie wankte, fasste sich und stand wie vorher.
    Die liebevolle Stimme scholl predigend weiter. Fanny hatte ihre Hände
gefaltet; sie sah langsam über die ganze Gemeinde hin; es fehlte niemand aus dem
Dorfe. Fanny kannte jedes Gesicht. Alle Augen hatten schon dankbar und
verehrungsvoll auf sie geschaut, und alle Augen würden weinen, wenn ... Ihr
Blick ging über Adrienne. Die sass still gefasst, ihr Schmerz um das Kind erstarb
mehr und mehr in der Hoffnung auf den nahenden Gatten. Eine neue, blühende
Kinderschar wird die beiden in wenig Jahren umspielen, froh und glücklich werden
sie sein. Fannys Reichtum könnte ihnen das Leben erleichtern ... aber Fanny hat
kein Testament gemacht, und ihr Geld geht an fremde, ferne Leute über, wenn sie
heute ... Und da ist Lanzenau. Armer, treuer Freund, für alle Entsagung
verdiente er wenigstens, dass seine letzten Lebensjahre von zärtlicher Fürsorge
durchwärmt würden, und wie allein ist er in der Welt, wenn Fanny aus ihr geht. -
    Sie hob den Kopf stolzer und stolzer. Ja, vielen war sie nützlich gewesen im
Leben; sie hatte ihre Kräfte nicht vergraben, sondern ihr Pfund redlich
verwaltet. Ihr Geschick hatte sie auf hervorragenden Platz gestellt, und sie
hatte bewiesen, dass auch eine Frau die Aufgaben erfüllen kann, die sonst das
Leben an Männer stellt.
    Und nun fiel sie doch dem gemeinen Frauenlos zum Opfer. Es war einmal so in
der Welt und blieb unabänderlich: bis an die Zähne bewaffnet kämpft Geschlecht
gegen Geschlecht, und es ist die geheimnisvolle Laune der Natur, dass sie in
diesem Kampf den Mann Sieger bleiben lässt. Einerlei, ob das Weib klüger, besser,
nützlicher, wichtiger auf ihrem Platz ist als der Alltagsmann, dem sie
unterliegt, sie unterliegt, bloss weil sie Weib ist, er siegt, bloss weil er Mann
ist.
    Eine Vision erstand vor Fannys Auge. Es war ihr, als stehe ein Cherub vor
ihr, der in einer Wagschale ihr Dasein gegen das Joachims abwog. In ihre Schale
fielen alle Dankestränen, die man über ihrer arbeitsamen, segenspendenden Hand
geweint, all ihr nützliches Wirken im Umkreis ihrer Pflichten, alle die
selbstlosen Freundestaten, die sie an den Ihrigen getan, und all das deckte
ganz die eine Schwäche ihres rasch und urteilslos entflammt gewesenen Herzens
zu, und ihre Schale neigte sich schwergewichtig, die andere Schale aber flog
leicht in die Höhe - nein, sie beide konnten nicht zusammen gewogen werden.
    Tränen verdunkelten Fannys Augen. »Muss es denn sein?« fragte sie sich in
stummer Qual, »muss ich denn unterliegen, bloss weil ich ein Weib bin?« Es regte
sich etwas in ihr - etwas, das nach Befreiung, nach Erhebung schrie; etwas, das
sich wild dagegen empörte, dem Mann den Sieg zu lassen; etwas, das ihr zuraunte,
sie kämpfe für ihr Geschlecht, wenn sie für sich kämpfe.
    Ihr Herz klopfte. Unvermittelt, wie ein Blitzstrahl, fiel ein Licht in
Fannys Seele. Ein unnennbarer Stolz dehnte ihr ganzes Bewusstsein. Eine neue
Kraft kam über sie - die Kraft, würdig zu leiden.
    Sie fühlte, dass Joachim sich innerlich ganz von ihr gelöst hatte und dass sie
nicht aufhören könne, ihn zu lieben, aber die Würde haben müsse, ihr Leben nicht
unter das seine zu stellen.
    Ihr Auge haftete wieder auf dem Geliebten, ruhig, gross, erhaben.
    Die Predigt war zu Ende, Joachim und sein Weib knieten auf der Schwelle des
Altars nieder, um den Segen zu empfangen.
    Dann erklang die Orgel, und die hellen Knabenstimmen sangen vom Chor
hernieder.
    Ueber Fannys Angesicht lag ein Schein von unirdischer Grösse. Sie sah dem
Sonnenstrahl zu, der auf Joachims blondem Haupte lag; und als Joachim sich
wieder erhob und ergriffen, doch in diesem Augenblick tief ergriffen, sich Fanny
nahte, vielleicht um ein Wort der Vergebung zu stammeln, vielleicht um einen
grossmütigen Segenswunsch zu hören, da nahm sie seine Hand.
    Ihre Lippen wollten sprechen, aber die Stimme fand nicht die Kraft zu lautem
Ton. So sah sie ihn an, lange und tief, und dann liess sie seine Hand fallen.
    Sie trat von ihm hinweg, erfasste die kalten Hände ihres alten Freundes und
sagte, ihm gross ins Auge sehend:
    »Ich will leben!«
 
    