
        
                                 Karl Bleibtreu
                                   Grössenwahn
                              Patologischer Roman
                                   Erster Band.
  Des Menschen Taten und Gedanken, wisst,
 Sind nicht wie Meeres wildbewegte Wellen.
 Die innre Welt, sein Mikrokosmos, ist
 Der tiefe Schacht, aus dem sie ewig quellen.
 Sie sind notwendig wie des Baumes Frucht
 Kein Zufall kann sie gaukelnd Dir verwandeln
 Hab ich des Menschen Kern erst untersucht
 So weiss ich auch sein Wollen und sein Handeln
                                                                    Wallenstein.
 
                               Auch eine Vorrede.
Ich habe diesen Roman »patologisch« genannt, ich hätte ihn auch »symbolisch«
nennen können. Doch verschmähe ich es, mich über den inneren Gehalt desselben zu
verbreiten. Die Ideen des Dichters sind keine blassen Abstrakta des Philosophen,
sie wollen sich selbst erklären wie lebende Wesen. Nur möchte ich vor einer
Fussangel warnen: erst im letzten Schluss (Buch XIII, 3. Band) wird der wahre Sinn
des Ganzen offenbar und man gewahrt vielleicht, dass man bis dahin in einem
begreiflichen Irrtum schwebte. Diese Andeutung zu verstehen bleibt dem klugen
Leser überlassen, nach Beendung der Gesammtlektüre.
    Natürlich tragen sämmtliche Gestalten dieser freierfundenen Dichtung
lediglich ein typisches Gepräge, fern jeder persönlichen Modell-Abschreibung,
die ja heut gewöhnlich bei allen realistischen Romanen von angeblich
Eingeweihten herauspintisirt zu werden pflegt. Aus realistischer
Lebensabspiegelung entsteht eben eine Wahrheit, wahrer als die Handgreiflichkeit
der Aussenwelt.
Von der Umwälzung, welche die gesammte Denkweise der deutschen Geisteswelt
innerlich umformte, ahnen unsere guten Leute und schlechten Musikanten nur
wenig. Unter den zahlreichen Zuschriften, welche mich seit Jahren als Stimmen
des eigentlichen Publikums ermutigen, wähle ich eine Stelle aus einem jüngstin
empfangenen Briefe:
    »Was die Propheten dem alttestamentlichen Verheissungsvolk waren, das müssen
uns unsre wahren Dichter sein. Wie es dort Lügenpropheten gab, gibt es auch bei
uns Lügendichter. Alle Sensationsromanfabrikanten, alle sentimentalen
Liederdrechsler, alle Verherrlicher der Sinnlichkeit d.h. der blossen
Erscheinungswelt, alle Blaustrümpfeleien mit ihrer übertünchten
Alltagssittlichkeit - nenne ich Lügenpropheten. Nur wer im Ewigen webt und
atmet, wem alle Erscheinungsformen nur Symbole sind, wer alles Sinnliche aufs
Ewige bezieht und im Zeitlichen als solchem keinen Frieden findet, - nur dessen
Weltauffassung ist eine dichterische. Eine ernste Kunst ist die Poesie, ernst
und gross wie das Christentum. Lang genug haben wir eine
heidnisch-griechisch-antike Aestetik und Poesie gehabt. Zeit ist's, dass wir
endlich eine christlich-germanisch-moderne Dichtung bekommen. Der Realismus ist
nicht eine Partei, eine Schule - was der wahre Realismus will, ist ewig. Es ist
ein totaler Umschwung in unsern bisherigen Anschauungen, der sich hier
vorbereitet. Die antike Aestetik mit ihrem schön und hässlich ist nichts; auf
den ewigen Gesichtspunkt, von dem aus man alles auffasst, kommt es an.«
    Das Denken allein führt eben so wenig zum Ziel, wie das Dichten allein,
sondern erst die Verschmelzung beider Kräfte. Wer unzusammenhängende
Beobachtungen anhäuft, wird nie zur Stoffbeherschung gelangen. Auch die
Leidenschaften gehorchen gleichmässigen Gesetzen.
 
                             Der Geist der Zukunft.
Ich ahne, dass in meiner Tiefe ruhen
Gedanken, wie die Welt sie nie geträumt.
Ich ahne, dass allmächtig überschäumt
Die Ueberkraft in meiner Seele Truhen.
Doch scheidet sich das Denken weit vom Tuen
Und meiner Pläne Heer die Walstatt räumt
Und Corps an Corps auf seiner Lobau säumt,
Bis es ins Marchfeld rückt auf Eisenschuhen.
Dann, wenn die Erde Nacht und Schweigen decken
Und Blitze zucken und die Donner grollen,
Dann stoss ich vor auf Wagrams Leichenacker.
Die Grüsse meiner Feuerschlünde rollen,
Als wollten sie die Todten auferwecken.
»Wollt ihr denn ewig leben, feige Racker?«
                                  Erstes Buch.
                                       I.
»Ja, heut ist in Calais Probeschiessen mit den neuen Sprenggeschossen und dem
neuen Gewehr!« erläuterte der würdige Hafenoffizial, und indem er ein prüfendes
Auge auf Graf Xaver warf, der seinem Gepäckträger soeben ein überflüssig hohes
Trinkgeld reichte, fügte er dienstbeflissen hinzu: »Die englischen Herren
Offiziere brauchen sich bloss beim Herrn Colonel zu melden, dann können sie die
Revue in der Nähe besehn.«
    »So?« brummte Krastinik, während sein gleichgültiger Blick über das
vorbeidefilierende reitende Artillerieregiment hinglitt. »Ich bin aber keiner.«
Sein zweifelhaftes Englisch bürgte auch dafür. Der Beamte verbeugte sich. Sein
Irrtum mochte für die oberflächliche Beobachtung eines Franzosen verzeihlich
sein. Denn Graf Xaver Krastinik schien mit peinlicher Sorgfalt möglichst
englisch gekleidet, von dem glänzenden breitkrämpigen Cylinder bis zu den
hackenlosen knappanschliessenden Schnürenschuhen. Aber die untersetzte
breitschulterige Gestalt von kaum Mittelgrösse, die sonnenverbrannte Hautfarbe,
die tiefliegenden scharfen Augen unter hervorstehendem Knochenbau der Stirn, der
rötliche Vollbart und das braunrote kurzgeschorene Haar, endlich die markirten
Züge verrieten einen sarmatischen Typus. Auch soldatische Haltung konnte man
unmöglich verkennen.
    Die Sonne blinzelte grell auf die Bohlen der Holzbrücke, welche zur
Landungsstelle, wo der Dampfer via Calais-Dover seine Opfer erwartet, hinlief.
Ohnehin verdriesslich, fühlte sich der Graf peinlich berührt, als ihm der dort
lauernde Beamte, ein stämmiger Kerl mit riesigem Knebelbart, die gewöhnliche
Frage zuschnarrte: »Êtes vous Français?« Da der Ueberraschte nicht sogleich
antwortete, fuhr der Inquisitor eindringlich in einem Atem fort: »Are you
English? Votre nom, monsieur? Your name, sir?«
    Geärgert über dies zudringliche Verhör, brummte der Graf zwischen den
Zähnen: »My name is the devil«, was dem höflichen Franzmann, der natürlich nach
zwanzigjährigem Umgang mit Engländern die insularische Barbarensprache kaum
radebrechte, vollkommen genügend schien. Der Graf jedoch, der noch einen
fragenden Blick wahrzunehmen glaubte, schwang sich sofort zur Höhe der Situation
empor, indem er trocken beifügte: »Et je suis Allemand.«
    Dies böse Wörtchen erwies sich als Zauberformel. Augenblicklich liess man ihn
passiren, indem man wie vor einem schädlichen Reptil auswich. »Allemand?! Ah!
Merci, monsieur!« Der Beamte versetzte ihm einen unnachahmlichen Bückling
höflicher Grobheit, wie nur Franzosen diese widersprechende Mischung zu bereiten
wissen, indem er wütend seinen Schnauzbart und hernach noch unbarmherziger
seinen Henri-Quatre am Kinn zwirbelte, Krastinik lächelte höhnisch.
    Die Ueberfahrt erfolgte mit frischer Brise, die See ging bewegt, ein
Mousselin-Flor von Schaum kräuselte sich über ihren wogenden Busen, die Stösse
kamen ruckweise. Eine Ammensage behauptet, dass selbst englische Admiräle
seekrank würden, sobald sie den Kanal passirten. So wunderte sich denn Graf
Xaver, der weder die weitinschwingenden vollausgetragenen Wogen des Oceans noch
das wilde Rütteln der skandinavischen Nordsee kannte, nicht wenig, dass er als
Landratte gelassen betrachten durfte, wie die schwarzhäutigen und
gallig-gallischen Phystognomieen allmählich nacheinander ins Grünliche
schillerten.
    Ein Chor barmherziger Schwestern sass allda, jede mit einem Napf in fromm
gefalteten Händen, als beteten sie einen Rosenkranz. Alles spuckte und spokte
durcheinander. Man verschwand und ward nicht mehr gesehn. Bass erstaunte der
Osterreicher, als sogar die blondfleischigen oder blondbleichen Gesichter
Albions sich zusehends verzerrten, um dem Neptun Weihrauchopfer zu bringen,
während nur einige deutsche Wollhändler, wie massive Blöcke in der Brandung,
unerschütterlich Stand hielten. Einer derselben belehrte Krastinik scharfsinnig
darüber, dass insulare Lage und jeweilige Seefahrerei nichts gegen die
Seekrankheit fruchte, für welche die englischen Mägen durch heiss verschlungenen
Pudding und anhaltende Brandybegiessung veranlagt seien. Erst als die gleichsam
übereinander stehenden Segel der zahllosen, den Kanal passirenden Schiffe am
Horizont unterduckten und die runden Türme von Dover emportauchten, fühlte
Xaver die erste Beklemmung. Denn angesichts des Shakespeare-Cliffs und der
andern Kreideriffe, die hier als Panzerbrünne die meerbeherrschende Brunhild
Albion umgürten, entwickelten sich vor seinen Augen verschiedene innere Krämpfe
- die Wellen brachen sich plötzlich mit besonderer Heftigkeit. Er erprobte jene
schlimmste Spielart der Seekrankheit, die kurz vorm Landen anhebt und drum auf
dem Lande noch tagelang fortdauert.
    Wie schwach wurde ihm aber erst zu Mut, als ihm an der Landungstreppe die
wie Befehle klingenden Fragen der wachtabenden Matrosen entgegensprudelten:
»Charing Cross, Victoria Station, Ludgate Hille, Cannon Street?«
    Nur mit Mühe begriff er den Sinn dieser Namen der vier
Haupteisenbahnstationen der Metropolis. Die verwirrende Schnelligkeit der
Aussprache glich sehr wenig der gemütlichen Conversation seines englischen
Sprachlehrers in Wien. Mit rasender Hast in einen Waggon des Charingeross-Zuges
gedrängt, fühlte er sich alsbald, während die drei andern, am Strande dicht
aneinander gepressten, Züge zugleich losstarteten, wie mit Riesenhaken über Tal
und Höhen hingerissen. War es doch der »Infernal Train«, der »Höllenzug« der
Chatam-Dover-Bahn!
    Die unerträgliche Hitze, das Ueberhasten mit der »Halben« Bordeaux und dem
halben Huhn in Calais, die Jähe und Fremdartigkeit der wechselnden Bilder, die
Hatz der unablässig weiterrasenden Lokomotive wirkten zusammen. Krastiniks
rötlichbrauner Teint spielte ins Purpurne hinüber. Auf seiner breiten braunen
Stirn, von der die Schweisstropfen perlten, traten die Adern hervor. Er bekam
Nasenbluten. Indem er sich abwechselnd die Nase und die Stirn trocknete,
verschwamm ihm Alles in einer unbestimmten Beleuchtung. Wie durch einen Nebel
hindurch, sah er die feinen Züge und die elegante Haltung der englischen Damen,
die ihm einer ganz andern höheren Race als auf dem Continent anzugehören
schienen, und die nach deutschen Begriffen auffallende schweigende Galanterie
der Männer. Wie durch einen Nebel hindurch, hörte er Englisch und Französisch
wie eine Sprache durcheinanderparliren. Zeigt sich doch die innere unzerstörbare
Entente cordiale der zwei Westmacht-Völker und ihr kaltverächtliches sich
Abschliessen gegen alle andern Nationalitäten nirgends so deutlich, wie auf der
Reiseroute Paris-London.
    Ein Ruck weckte ihn aus seinen bewusstlosen Betrachtungen auf - stop! Charing
Cross!
    Nachdem er noch während des Gepäck-Wartens die unheimliche Spionage eines
zweideutig aussehenden Männchens, offenbar Detectiv, ausgehalten hatte, der in
ihm eine Aehnlichkeit mit irgend einem Industrieritter zu wittern schien, aber
durch seine hülflose Miene inmitten des ungeheuren Wirrwarrs dieser
Centralstation vom Gegenteil überzeugt wurde - gelang es ihm überraschend gut,
mit Zöllnern, Gepäckträgern, Cabmen fertig zu werden. Wider alles Erwarten ging
ihm sein notdürftiges Stuben-Englisch glatt von der Zunge und sein durch die
Aufregung geschärftes Ohr verstand die rapide Sprechweise des Londoner Cocknei's
ganz wohl. Auch als er seine Empfehlungskarte an den Besitzer eines vornehmen
Privatotels in Piccadilly abgab, ging ihm die Rede erträglich von Statten. Zu
seinem Missvergnügen bemerkte er nur, dass der Millionär vor seinem continentalen
Grafentitel wenig Ehrfurcht zu empfinden schien und dass auch dieser Business-Mann
gentlemanlike Formen entwickelte. Wie viele Märchen hatte Graf Xaver, der in der
Jugend nie über die Güter seiner Familie in Ungarn und später als Offizier nie
über die engere österreichische Heimat hinausgekommen war, aus dieser Reise
berichtigen müssen! Schon auf dem Bahnhof in Verviers fielen ihm kolossale
massige Wallonen und lange martialische Franzosen ins Auge. War das die
angeblich schwächer gebaute und zierliche Romanische Race? In Nordfrankreich
sahen die Leute fast germanischer aus und zeigten eine frischere Hautfarbe als
die Briten. Und diese Letzteren, die man ihm als schlenkernde Hopfenstangen ohne
Manieren geschildert hatte, entpuppten sich schon beim ersten Eindruck als
Gentlemen von wahrhaft musterhaftem Benehmen und zuvorkommender Höflichkeit, wie
man sie selten auf dem Continente findet.
    Als er das breite Trottoir von Piccadilly behaglich hinunterschlenderte, um
seinen ersten Abend auszunutzen, machte ein hinter ihm gehender Herr ihn mit
höflichem Ernst darauf aufmerksam, dass seine Cravatte sich verschoben habe,
nickte aber nur freundlich, als Krastinik dankend den Hut zog. Erst stutzte
dieser - gewöhnte sich aber durch Beobachtung bald an den englischen Gruss des
nicht-Hutziehens, statt dessen man den unentbehrlichen Regenschirm, der selbst
bei schönstem Wetter hier nie daheim bleibt, zur Hutkrempe erhebt. - Später auf
dem Oberdeck des ungeheuren blaugelben Omnibus, den er für eine Strecke bestieg,
bot sein Nebenmann ihm freiwillig seine Lucifer-Matches an, als er Krastinik's
Cigarrenbedürfniss merkte. Der biedre Graf verliebte sich auf den ersten Blick in
die englische Nation. Allerdings, am Anfang, als er zu Charing Cross ins Freie
gelangte, war ihm beklommen zu Mut gewesen, als das Brausen des Weltverkehrs
immer höher anschwellend an sein Ohr schlug. Da kreuzten sich mit gellem Pfiff
die Temsedampfer: ihr zischendes Schaufeln stimmte ein in das Poltern der
Omnibusse, mit riesigen Pecheronpferden davor auf Trafalgar Square. Ueber den
Dächern schnaubte das Dampfross; hin mit flatternder Dunstmähne, unter der Erde
donnerten seine ehernen Hufe. Und wie von hohem Riff, starrt Nelson von seiner
Säule in den Menschenstendel hinab, der das schwache Einzelschiff mitleidlos
umherschleudert, wo Parliamentstreet ihren Strom von Wagen und Fussgängern auf
den Trafalgar Square ergiesst.
    Auch hier im vornehmen Westend fehlte es ja nicht an wirbelndem Drang. Wo
Piccadilly mündet, bei Oxford Circus konnte Krastinik bewundern, wie der weise
Policemen nur mit der Beredsamkeit seiner Blicke und Handbewegungen
unauflösliche Wagenknäuel entwirrt. Aber rückwärts schlendernd, empfing den
Neuling die vornehme Ruhe von Pall Mall. An der Terrasse, die zum St.
James'-Park hinabführt, sah er Müssiggänger vom feinsten »Ton« gähnend und
rauchend lehnen, unschlüssig, ob sie die Clubs mit ihrer Gegenwart beglücken
oder im Criterion-Teater schneidige Klatschworte mit gleichgestimmten Seelen
austauschen sollten. Einige junge Fähnriche von der Garde in ihren
enganliegenden Rotjacken, die Mützen aufs Ohr gestülpt wie studentische
Cereviskappen, die Reitgerte unter den Arm gesteckt, Brust heraus, Kopf zurück,
wandeln mit wehenden Schnurrbärten als triumphirende Ladies-Killer gen
Regentstreet.
    Wie die aristokratische Schönheit sich erst beim Kerzenlicht in voller
Toilette zeigt, so strahlt London erst in der Nacht im Diadem seiner Gasflammen.
Das ist die Zeit des Westend, wie der Mittag die Zeit der City. Und je trüber
und rauher die Nacht, um so heller leuchten, um so wohnlicher winken Häuser und
Läden. Die City wimmelt von Clerks und Ladendienern, die soeben ihre metodische
Arbeit mit dem Glockenschlag geschlossen haben.
    Vor den Teatern bummeln Leute, die zum ersten Mal diese Tempel besuchen und
mit höchster Aengstlichkeit sich ein Billet sichern wollen. Die Dining-Parlours
sind zum Brechen voll, lustig knistert das Feuer im Kamin und der göttliche Duft
solider Dinners verbreitet sich durch ganz Regentstreet und Piccadilly, zum
Aerger müder und hungriger Wanderer. Ganz Soho und Seven Dials lehnt an den
Haustüren, unter stillem Genuss sogenannter Havannahs. Die Leute von
Coventgarden vor der Italienischen Oper setzen jedem ein Textbuch auf die Brust.
In den Vorstädten geht man nachbaren, »Biere« und »Kuchen« wandeln durch
Soutwark. Die Policemen rücken in geschlossener Colonne, in ihre Nachtmäntel
und ahnungsvolles Schweigen gehüllt, nach der City ab, um die leeren Shops zu
bewachen. In Little Russel Street wird der erste betrunkene Kutscher aus seiner
Inn hinausgeworfen. Die Kellner im Café Monico wissen nicht, wie sie diese
Menschenmasse bedienen sollen; in den kleineren Cafés sitzt ein Kreis von
Gentlemen comfortabel vorm Feuer und vierten Glase Sherry bei zugezogenen
Fenstervorhängen. Cromwell-, Brompton-, Glosterroad scheinen durch Wagenmassen
abgesperrt, bei Oxford Circus herrscht babylonische Sprachverwirrung und kein
roter Omnibusconducteur versteht die Injurien seines blauen Rivalen. Ein
schwüler Dunst von Parfüm, Cigarren und Champagner verbreitet sich über
Haymarket: die nächtliche Lustbörse, mit bestimmtem Cours und nach
Nationalitäten geordnet, wie die wirkliche Börse in Lombard-Street.
    »Das Licht brennt blau, ist's nicht um Mitternacht?« citirte Krastinik vor
sich hin. Ja, die Stunde der Geister und Gauner brach an, und ohne dem
gedruckten Sirenengesange eines »wandelnden Mannes« zu folgen, der noch so spät
die Annonce auf dem Rücken spazieren trug, dass in Cremorne Gardens zum
unwiderruflich letzten Mal Fandango in türkischen Hosen getanzt werde, suchte
der müde Fremdling sein Lager auf.
    Schon früh am andern Morgen gürtete er seine Lenden, zu wandeln von Dan bis
Bersaba. Piccadilly, das gestern Abend den koketten Putz seiner glänzenden Läden
entfaltet hatte, atmete jetzt Frische und Lebendigkeit, wie eine junge
Landpomeranze in ihrer ersten Season. Auf frisch begossenen Trottoirs zog eine
Karawane von Landmädchen nach Conventgarden-Markt hinauf, Früchte und Blumen und
Gemüse bringend. Der feuchte Duft des Green- und Hyde-Park reinigte die Luft,
die noch nicht vom Strassenverkehr durchseucht. Milchhändler begannen ihr
eintöniges Geschrei, Fleischerkarren rasselten gen Tottenham Court Road,
Fischverkäufer marschirten von der Temseseite her heran. Die unvermeidlichen
Stiefelputzer-Boys in roter Jacke postirten sich bereits an den Strassenecken,
um jeden Vorübergehenden mit der Bürste und flehendem Penny-Blick anzufallen.
Einige Strassenjungen gaben ihre Anerkennung der ausgestellten Esswaaren so
unzweideutig zu erkennen, wo Auster- und Pastetenhändler ein Strassenfrühstück
feilboten, dass man ehrenrührige Strafen an ihnen vollziehen musste. Durch den
Marmorbogen des Hyde-Park, wo als Schildwach der eiserne Herzog Wellington auf
eisernem Ross herniederstarrt, fluteten morgendliche Spaziergänger, Maiglöckchen
im Knopfloch, den gelben Olivenstock als Gruss-Stange benutzend. Knallrote
Handschuhe mit breiten schwarzen Streifen schienen Mode - es fiel dem
Oesterreicher schwer aufs Herz, dass er dieselben an seinem sonst tadellosen
Anzug vermisste.
    Welch endlose Schnur von Ross und Reisigen! Blaue Bänder, gleich Preussens
loyalen Kornblumen, verkünden, dass man zu St. Sport von Epsom, dem
Nationalheiligen, wallfahrte. Heut war Derbytag. Ganz England scheint solches
Rennen nach einem geschäftsmässig, Uhr in der Hand, erledigten Pensum Vergnügen.
    Krastinik bummelte noch eine Zeitlang hin und her, über Knightsbridge nach
Brompton hinein. Die vielen Fisch- und Fleischbuden legten soeben ihre Waaren
aus. Dieselben verbreiteten jedoch einen solchen Blut-und Salzgeruch und die
Verkäufergruppen brüllten mit ihren Stentorkehren den eleganten Spaziergänger so
misstönig an, indem sie mit ihren nervigen nackten Armen und blutigen Schürzen
wenig appetitliche lebende Bilder stellten, - dass Xaver sich hülfeflehend nach
einem Cab umsah, das langsam vorbeitrottete. Kaum hatte das immer wache Auge des
Rosselenkers ihn erspäht, als auch der Peitschenstiel sich senkrecht in die
Lüfte erhob zum Zeichen der Verständigung, worauf mit einem kräftigen, »All
right, Sir!« der hübsche rotgrünbemalte zweiräderige Hansom heranschoss. »Das
geht fixer, wie die faulen Fiaker und Droschken des Kontinents!« dachte der
Oesterreicher; laut wies er den Cabman an, ihn nach »Bolton's Terrace« zu
fahren. Es dauerte jedoch eine Weile, eh ihn der Mann verstand. Endlich rief er:
»Ah, to Bolton's, I see«, indem er »Boltons« wie »Baltons« aussprach. Noch
blieben dem Fremden die Geheimnisse des Cocknei-Slang verschlossen, wonach »
paper« wie »piper« und »James« wie »Jimes« lautet. - Dies war also Bolton's
Terasse. Eine nette freundliche Strasse mit kleinen Vorgärtchen, jedes Haus mit
einer kurzen Treppe und zwei Säulen an der Tür versehen. Alles so glatt,
reinlich, frisch, wie ein Sinnbild des englischen Comfort.
    Als er vor einem der Häuser das Cab entliess und die Treppe hinanstieg,
öffnete sich die Haustür von selbst und ein alter Herr, gross, aber von etwas
gebückter Haltung, trat ihm entgegen. Beide umarmten sich.
    »My dear fellow«, rief Lord Dorrington fröhlich, »das ist gut, dass Du da
bist. Ich sah Dich vom Erdgeschoss aus, wo wir essen, der Kühle wegen. Komm nur
gleich hinunter, Lady Dorrington wird sich sehr freuen.« Er hatte dies alles
Deutsch gesagt, unterbrach sich aber: »But English is better for you!« und
unterzog sich von nun ab der Mühe, das Kauderwelsch des radebrechenden
Fremdlings zu verstehen und zu corrigiren.
    Ein Blick in das edle Auge des altes Mannes genügte. Man erkannte sofort in
ihm einen jener seltenen Menschen, denen stete Rücksichtnahme auf Andere,
philantropische Humanität, zur andern Natur geworden.
    Ein Abglanz dieses Wohlwollens hatte sich sogar den un-englischen Zügen
seiner Gattin eingeprägt, so völlig sie von dem vornehmen Race-Typus des Lords
abstach. Obschon ihr Haar ergraut, schien die stattliche Matrone eine scharfe
Beobachtung der Lebensverhältnisse bewahrt zu haben. Ganz Weltdame.
    Sie begrüsste Xaver mit Wärme. Dieser küsste ihr ehrerbietig die Hand. »Darf
ich mich nach Ihrem Befinden erkundigen, gnädige Tante?«
    »Danke, lieber Cousin,« erwiderte sie mit stark österreichischem Accent.
»Ich lebe ja nun schon so lange in England, dass ich mich völlig acclimatisirte.
Also willkommen hier! Ich sah Sie nicht, seit Sie so gross waren.«
    Sie bezeichnete eine Minimal-Höhe mit der Hand. »Was macht Ihr Bruder, der
Majoratsherr?«
    »Er sendet Lady Dorrington, geborene Gräfin Krastinik, seine verbindlichste
Empfehlung. Uebrigens sehe ich ihn sehr selten. Wir haben verschiedene
Neigungen. Er betreibt auf seinen Gütern in Ungarn den edeln Sport der
Fuchsjagd. Ich schwitze in meiner Garnison als Kavallerieoffizier. Sie wissen,
ich bin kürzlich übergetreten - war früher Ingenieurhauptmann, weil ich mich mit
Leib und Seele für Kriegswissenschaft interessiere. Aber es ging halt nicht
mehr; meine Familie meinte, ein Krastinik gehöre nur in die Kavallerie. Das
allein sei ritterlich, ich dürfe doch nicht als bewaffneter Bücherwurm
hinvegetieren. Auch reizte mich selbst der noble Pferde-Sport (ich bin ein wenig
romantisch, gnädige Tante) - kurz, so wäre ich denn Rittmeister.«
    »Wie lange hast Du Urlaub?« fragte Dorrington.
    »Auf unbestimmte Zeit. Ich muss mich einmal auslüften. Man verbauert ganz.
Und da hab' ich denn London als Ziel meiner Reise gewählt, weil Ihr ja so gütig
waret, mich wiederholt anzufordern.«
    »Sie sind hier zu Haus, lieber Neffe!«
    »Das versteht sich,« rief der alte Lord. »Dein Vater, der General, war der
Intimus meiner Jugend, als ich noch als Attaché bei der britischen Gesandtschaft
in Wien stand. Ich betrachte Dich wie einen Sohn.«
    »Ja und deswegen,« fiel die praktische Lady ein, »wollen wir uns auch mal
ein wenig mit Ihrer Zukunft beschäftigen. Wie geht's Ihnen denn?«
    »Schlecht und recht, wie ein armer jüngerer Sohn es verlangen kann.« Xaver
zuckte mit vielsagendem Lächeln die Achseln.
    »Oho, so! Nun, um Ihre Verhältnisse aufzubessern, wäre ja doch das Bequemste
eine reiche Heirat. Wie, mon cher, sollten Sie nicht daran gedacht haben, als
Sie nach England gingen?«
    Er machte eine abwehrende Bewegung. »O nein. So sehr dies wünschenswert
wäre, verkaufen mag ich mich nicht!«
    Lady Dorrington hob mit komischem Erstaunen beide Hände empor. »Verkaufen!
Welch' ein Wort! Sie sollen eben tun, wie tout le monde! Nur ruhig, Lieber, wir
werden das schon in die Hand nehmen. Ueberlassen Sie das meinem Takt!«
    Xaver küsste ihr verbindlich die Hand. »Wie soll ich Ihnen danken für das
Interesse, gnädige Tante, das Sie mir entgegenbringen! Doch fürs erste..
übrigens wird das wohl auch kaum so leicht sein wie Sie denken.«
    »Das überlasse man mir! Ich denke doch, einem Grafen Krastinik stehen alle
Pforten offen!« Und Lady Dorrington warf stolz das Haupt in den Nacken, als wäre
sie der vereidigte und patentirte Anwalt für alle Generationen Derer von
Krastinik. »Apropos, haben Sie viele introductions nach London mitgebracht?«
    »Nicht eine. All solche Pläne lagen mir ja ohnehin fern. Ich will nur einen
Monat hier zubringen, um mich zu erholen - das ist Alles. Ich gedenke gar nicht,
mich wieder in die Gesellschaft einzupferchen. Und im Sommer obendrein, wo sonst
in ganz Europa die Saison längst endet! Wie drollig verschieden hier alles doch
ist!«
    Lord Dorrington lachte leicht auf, die Lady lächelte. »Nehmen Sie gleich
einen Hinweis und guten Rat, lieber Xaver: Finden Sie nichts drollig, was ihnen
hier auffällt. Das wäre in England der gröbste Verstoss. Bedenken Sie, dass gerade
den Engländern alles drollig, vorkommt, was sie auf dem Continent sehen! Und
jeder Brite nimmt stillschweigend an, dass man seine Sitten als etwas Superiores
ehrt und anerkennt. - Nun, wir werden Sie schon in gute Gesellschaft bringen.«
    »George, my dear,« wandte sie sich an ihren Gatten, »Nächsten Sonnabend ist
eine Garten-Partie bei Egremonts. Sorgen wir dafür, dass unser Freund eine
Einladung erhält, nicht?«
    »Aha!« machte der Lord, indem er verschmitzt ein Auge zudrückte.
    »Well. Das soll geschehn.«
    Der Graf verbeugte sich. Seine vornehme Reservirteit verbot ihm, sich näher
zu erkundigen, wer »Egremonts« seien. »Ich nehme das dankbar an. Heut Nachmittag
will ich noch eine Karte bei unserem Botschafter abgeben; dann ist mein
gesellschaftliches Tagewerk fürs erste getan.«
    Man unterhielt sich eine Weile über allgemeine Gegenstände. Es zeigte sich,
dass der schneidige Kavallerist neben der gebräuchlichen Teilnahme für Pferde
und Wettrennen als begeisterter Amateur der Musik und besonders der schönen
Litteratur seine freien Stunden widmete. Als er jedoch seiner Landsmännin ein
Ungarisches Lied vorsingen wollte und sie eifrig dabei accompagnirte, schienen
ihre beiderseitigen Sprachkenntnisse im Magyarischen nur mangelhaft entwickelt.
Hatten sie doch ihr Lebenlang nur Deutsch gesprochen und auf ihren ungarischen
Gütern selten verkehrt. Dies hinderte aber nicht, dass sie völlig darüber
d'accord waren, die Deutschen seien eine masslos arrogante und rohe Nation,
welche gedemütigt werden müsse.
    »Die armen Franzosen!« seufzte Lady Dorrington wehmütig. »Bismarck wollte
Deutschland einen - und dafür mussten die Franzosen bluten. Und jetzt droht er
schon wieder! Dies Deutschland will nie Frieden halten.«
    »Hm!« Der alte Lord runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. Sein
englisches Gerechtigkeitsgefühl bäumte sich auf. Er vermied jedoch, mit seiner
Frau, deren Bruder bei Königsgrätz als Divisionär gefallen war, über diesen
Punkt zu rechten.
    Lady Dorrington musste sich verabschieden, um eine notwendige Visite zu
machen. Die beiden Männer plauderten bei einer Flasche Portwein und griechischen
Cigaretten im Bibliotekzimmer weiter. Allerlei schnurrige und ernste
Erinnerungen erwachten bei dem alten Herrn, aus der Zeit seines Aufentalts in
Wien, wo er als flotter Lebemann geglänzt hatte. Er erkundigte sich
angelegentlich, ob die österreichischen Damen der grossen Welt noch immer so
naiv-liederlich seien. So gab er eine Anekdote zum besten, wie in einem gewissen
Badeort die Damen am Fenster durch Operngucker zugesehen hätten, wie ihre Herren
im See badeten. dabei hatte die schöne Gräfin Mizi.., die in dem Rufe stand,
systematisch ihre Liebhaber zu wechseln, naiv ausgerufen: »O, dies Jahr nehme
ich Dorrington!« Man mochte wohl glauben, dass er früher ein sehr schöner Mann
gewesen sei - noch die Ruine wies darauf hin. Der gute alte Herr kicherte
behaglich mit wohlwollender Teilname für die menschliche Schwäche. »Die Arme!
Sie ist nun auch schon lange todt!«
    Allein, er wusste auch ernstere Details aus seiner diplomatischen Carrière zu
erzählen. Hatte er sogar Metternich noch gut gekannt, der ihm echten
Johannisberger oftmals vorgesetzt hatte. Auf den liess er nichts kommen.
Beeinflussen die persönlichen Verbindungen doch stets das objektive Urteil auch
bei urteilsfähigen Geistern.
    Und Lord Dorrington war ein Urteilsfähiger. Seine diplomatischen Spielereien
lagen lange hinter ihm. Jetzt hatte er sich der Wissenschaft gewidmet und der
Litteratur. In seinem Bibliotekzimmer hingen eine Reihe interessanter
Zeichnungen und Portraits von berühmten Dichtern aus jener grossen Epoche der
englischen Litteratur zu Anfang des Jahrhunderts, die er in früher Jugend noch
miterleben durfte und aus welcher er viele Autographen bewahrte. Als Xaver mit
augenscheinlichem Eifer diese Sammlungen besichtigte, rief Dorrington, nachdem
er ihn eine Zeitlang aufmerksam betrachtet hatte, plötzlich: »Et tu, Brute? Du
bist ja auch ein Poet?«
    Der k.k. Rittmeister ward dunkelrot. »Ich - ein Poet?« stammelte er. »Wie -
kommen Sie darauf?«
    »O! Ich lasse mich nicht beirren. Beichte mal: Bist Du nicht schon öfters
mit dem Pegasus gestürzt?«
    »Ich kann nicht leugnen..« machte Jener zögernd.
    »Siehst Du wohl!«
    »Aber wie.. erraten Sie das?«
    »O ganz einfach. Ich bin nämlich ein ganz altmodischer alter Kerl und
huldige immer noch fanatisch der Gall'schen Schädelteorie, die jetzt ein
überwundener Standpunkt sein soll. Ja ja, ich bin bekannt und gefürchtet ob
meiner Manie, die Schädel zu untersuchen. Und doch hab' ich mich nie getäuscht.
Habe Disraelis Schädel untersucht und Gladstones, und habe immer gesagt, dass
trotz seiner Charakterfehler Disraeli noch die noblere Natur von den Beiden sei.
Da haben wir ja jetzt seit lange die Bescheerung mit diesem Gladstone! Dieser
eitle quack, dieser Charlatan und Doktrinär!« Er schimpfte noch eine Zeitlang
auf den »Verräter«, dessen Haltung in der Irischen Frage ihn als Briten der
alten Schule entrüstete.
    »Und.. und,« warf Xaver hin, der sehr aufmerksam zuhörte. »Bei mir wollen
Sie erkannt haben ...«
    »Und ob! Hier der Winkel an den Schläfen über den Augen, der Schnitt der
Augenbrauen.. lass mich mal Deinen Kopf untersuchen!«
    Halb lachend, halb interessirt, gab Jener seine Zustimmung. Dorrington
betastete seinen Hinterkopf genau, brummte eine Menge psychologisch -
physiologisch - physiognomischer Lehrsätze durcheinander und constatirte aus
einer Reihe phrenologischer Dokumente: »Zweifellos ein stark receptives, doch
auch productives ästetisches Organ vorhanden.« Er verbreitete sich noch lange
über diesen Punkt. Xaver war auffallend still geworden.
    »Ein Dichter!« sang es in ihm, als er nach Hause schritt. »Ein Dichter!«
schien das Echo seiner Tritte zu wiederholen, als er mit unbewusst leichterem und
stärkerem Schritt wie ein Triumphator dahinwandelte. Hatte er doch stets geahnt,
dass etwas Besonderes in ihm schlummere. Stets war er einsam seinen Pfad fürbass
gewandelt. Auf der Kriegsschule hänselte man ihn als sauertöpfisch; später beim
Regiment galt er als ein Gentleman und als tüchtiger Offizier, streng im Dienst,
aber im Offizier-Casino zählte er durchaus nicht zu den beliebten Mitgliedern.
Die Damen fanden ihn interessant, aber etwas steif. Ein paar Verhältnisse mit
Damen der Aristokratie (dem Teater und Ballet hielt er sich fern, schon seiner
beengten Geldverhältnisse wegen) hatte er gelöst, ohne dabei sein Herz beschwert
zu finden. Immer suchte er etwas, was ihm seine Umgebung nicht bieten konnte
»Ich habe manchmal auch meine idealen Stunden,« entgegnete er einmal bitter
einem Componisten, der ihm vorgestellt wurde und der wie üblich von der
Vereinsamung des Künstlers in der rohen Welt jammerte. - Ein Dichter! So musste
es sein.
    Noch Abends beim Dinner im St. James Restaurant, wo er, das Parisian Dinner
zu 5 Shilling verschmähend, für 3 Shilling ein opulentes Table d' hôte zu den
Klängen einer Musikkapelle einnahm, grübelte er über dies Tema weiter. Es
beschäftigte ihn so, dass er erst am andern Tage dazu kam, beim Botschafter
vorzusprechen.
    Dieser empfing ihn mit der Auszeichnung, die einem Krastinik gebührte
(selbst wenn dieser halt nur ein jüngerer Sohn war) und stellte sich völlig zu
seiner Disposition, wenn er ihm mit etwas dienen könne. »Wünschen Sie vielleicht
bei Hofe vorgestellt zu sein, mein teurer Graf?«
    »Excellenz verzeihen, wenn ich auf die hohe Ehre verzichte. Ich bin
gleichsam auf der Durchreise in London..«
    »Gleichsam incognito. Verstehe.« Excellenz sagten das mit einer so
eingefleischt wichtigen Amtsmiene, als ob hinter diesem »Verstehen« ein
wichtiges diplomatisches Geheimnis stecke. »Aber in die Gesellschaft wünschen
Sie doch wohl eingeführt zu werden?«
    Auch dies lehnte Krastinik ab. Als der verwunderte Gesandte aber in ihn
drang, wenigstens den Rout der herrschenden Saison-Schönheit mitzumachen, der
demnächst stattfinde - er sehe die Herzogin noch heut Abend und verbürge sich
für sofortige Einladung -, sagte er zu.
    Sie plauderten noch einige Zeit über - Nichts, wie nur geborene Aristokraten
dieses vornehme Tätteln in anmutiger Ungezwungenheit verstehn.
    Zum Abschied empfahl ihm der Vertreter der vierten Grossmacht, doch ja das
Kochbuch seines verehrten Kollegen, des deutschen Botschafters Graf Münster, zu
studiren. Krastinik fühlte sich befriedigt, als er die Marmorstufen
hinabschritt, dass er diese lästige Pflicht erfüllt hatte.
    Seufzenden Herzens machte er sich sodann gen Regentsstreet auf und verfügte
sich zu Nicoll's, um einen Frack nach Londoner Schnitt mit Seidenaufschlägen zu
erwerben, die man dort vorrätig findet für jedes erdenkliche Leibesmass.
    Mit dem stolzen Bewusstsein, dass der Prinz von Wales einen ähnlichen Frack
mit seinem allerhöchsten Geschmack zu beehren geruht habe, wie wenigstens der
Atelier-Maitre versicherte, kehrte er heim.
    Düster philosophirte er über die Hässlichkeit dieses Kleidungsstücks, indem
er sich im Spiegel musterte. dabei ertappte er sich bei dem Gedanken, der ihm
blitzschnell durchs Gehirn huschte: »Dichter sollten sich poetischer kleiden!«
 
                                      II.
Egremonts waren Sonnabend »at home«, wie ihn eine Karte belehrte, die fast
zugleich mit der Einladungskarte der Herzogin, bei welcher er anstandsgemäss eine
Karte abgeworfen hatte, bei ihm eintraf.
    Ein Billet seiner Tante und Gönnerin belehrte ihn, wer Egremonts seien. Mr.
Egremont ein vielfacher Millionär, der sich von seinem berühmten Verlagsgeschäft
zurückgezogen und zur Ruhe gesetzt hatte. Die Töchter, Miss Alice und Miss Maud,
seien reizend.
    Xaver lächelte und »verstand« - so diplomatisch, wie der Herr Gesandte.
    Es war eine »Garten-Partie«. Ein Teil der jungen Leute spielte
Lawn-Tennis, der andre sass im Kreise und übte sich im »Flirting«. Man reichte
nur Tee, Eis und Kuchen.
    Miss Alice, welche leicht errötete, als Lady Dorringtons Stimme hinter ihr
mahnte: »Darf ich Ihnen meinen Neffen, den Grafen, vorstellen,« verzog
unmerklich den Mund, als sie desselben ansichtig wurde. Sie hatte ihn sich
grösser und schlanker gedacht, einen gräflichen Husaren aus der Pussta.
    Miss Maud hingegen rief sofort mit der ihr eigenen, nur einer englischen
Jungfrau anstehenden Kordialität: »Hocherfreut. Les amis de mes amis sont mes
amis. Mein Ideal, Lord Dorrington, den ich anbete, ist Ihr Freund - also!« dabei
schüttelte sie ihm kräftig die Hand.
    Sie war sehr gross und schlank. Ihr Teint wachsbleich, ihre schwarzen
Augenbrauen über der Stirn zusammengewachsen. Wenn sie redete, entüllten ihre
Lippen eine Reihe blendender, scharfer, aber zu grosser Zähne. Sie hatte etwas
stark Emancipirtes, obschon eine gewisse redliche Tüchtigkeit sich in ihren
grossgeformten Zügen aussprach, und war hochgebildet mit einem Strich in's
»Blaue«. Wenigstens dachte Krastinik gleich an die etwaige Farbe ihrer Strümpfe.
    Miss Alice war ebenfalls gross und leichtgebaut mit ziemlich platter, wenig
gewölbter Brust. Ihre weiblich zarten Züge stachen merklich von denen ihrer
Schwester ab und ihr rosiger Teint noch mehr, Ihr Kopf war klein und fein
gemeisselt und das hinten à la Greque zusammengeknotete Haar hob die ovale runde
Form des zarten Schädelbaues noch mehr hervor. In ihren ziemlich kleinen Augen,
tiefblau, aber matt und glanzlos, lag ein zugleich kalt-kluger und schmachtender
Ausdruck, der einem Psychologen vielleicht nicht ganz behagt hätte. Etwas
Missgestimmt-Spleeniges und Blasirtes gab sich in ihrer ruhigen überlegten Art
so, als ob es sich um eine edle Schwermut handele. Wenigstens fand dies
Krastinik, der von ihrem ladyliken Wesen ein wenig bezaubert wurde.
    Er schien überhaupt bezaubert. Denn er radebrechte aus Leibeskräften drauf
los und schnitt Complimente, die zwar dem Genius der englischen Sprache Trotz
boten, aber nichtsdestoweniger oder gerade wegen ihres un-englischen Klanges von
den Damen »charming« befunden wurden. Eine Freundin Miss Mauds nannte ihn »nice«,
eine Freundin Miss Alice's »lovely«, nachdem er auf die Frage, was ihm in England
am besten gefalle, die auf der Hand liegende Antwort gegeben: Die Ladies! Und
sobald erst die Ladies Jemanden als »nice« und »lovely« gestempelt, ist er als
»Löwe« anerkannt.
    »Wenn Sie die Engländerinnen so sehr bewundern, sollten Sie eine heiraten,«
fügte Lady Dorrington insinuirend bei. Miss Maud horchte auf und ihr Blick nahm
etwas Lauerndes an.
    Bald darauf erschien auch der Herr, des Hauses, welcher den Fremdling in ein
emsiges Gespräch verwickelte.
    »Ja, Sir, es war der Stolz meines Hauses,« sagte Mr. Egremont, ein kurzer
dicker Herr in weisser Weste, indem er zwei Finger vorn zwischen zwei
Knopf-Oeffnungen besagter Weste steckte, und würdevoll das kahle Haupt wiegte,
»- meines Hauses sage ich, Sir, dass bei mir die litterarischen Erzeugnisse der
britischen Aristokratie veröffentlicht wurden. Man beehrte mich, Sir, mit
allgemeinem Wohlwollen. Bei mir hat Ihre Gnaden die Herzogin Fitz-Doodle ihre
Lyrischen Seufzer ertönen lassen. Auch erschienen bei mir fast alle Keepsakes -
rotseidener Einband mit Goldschnitt, sehr geschmackvoll -, in welchen sich die
poetischen Seelen der britischen Aristokratie ein Rendezvous gaben. Ja, Sir, wir
standen und stehen gleichsam in einer Familien-Verbindung zur ganzen Nobility
und Gentry, wir sind und waren die Hoflieferanten der britischen Aristokratie
für geistige Nahrung, you know. - Wir werden wohl übrigens selbst demnächst..
doch ich darf noch nichts sagen, bis Sache spruchreif.. kurz, ein Baronet-Titel
wird demnächst von Ihrer Majestät der Königin verliehen werden.. hehe, hm! Ja,
Mr. Count de Rasteinik, ich freue mich, Sie in diesem Lande begrüssen zu dürfen.
Das unverletzbare Eiland der Weisen und Freien, wie Sr. Lordschaft, Lord Byron,
sehr treffend singen. Die britische Aristokratie, Sir, dieser Stützpfeiler
unsrer gesegneten Constitution, gleicht jener Eiche der Freiheit..«
    So schwatzte er ununterbrochen fort, bis Krastinik fast die Geduld riss. Auch
suchte er vergeblich, das consequente Englisch-Aussprechen seines Namens zu
corrigiren. »Count de Rasteinik« blieb er für den freien Briten, welcher diese
Titelwörtchen ohne Unterlass im Munde zurechtknetschte, als ob ihm das
Aussprechen eines continentalen Adelsnamens eine geheime Wollust bereite.
    Der hat ja Grössenwahn! dachte der Graf, dessen vornehmes Gefühl dies
aufgeblasene Parvenutum bedenklich beleidigte.
    Mr. Egremont, dessen Eitelkeit übrigens von Lady Dorrington als
anerkennenswertes Streben nach dem Höheren und löbliche Gesinnung patronisirt
wurde, trug sodann in grösserem Kreise mit vieler Pomphaftigkeit die
architektonischen Absichten vor, welche er bei Erbauung eines Stammsitzes für
seine kommende Adelsfamilie durchführen wollte. Dies Ahnenschloss gedachte er im
Tudorstil auszubauen. Natürlich gemäss dem Stil der übrigen alten Mansions der
»britischen Aristokratie«. Er missbrauchte dies Wort, als wolle er durchaus gegen
das zweite Gebot freveln: Du sollst den Namen Deines Götzen nicht unnützlich
führen.
    »Und Sie, mein teurer Xaver?« wandte sich Lady Dorrington mit aufmunterndem
Lächeln an ihren Neffen, »Sie bauen ja wohl an Ihrem Schloss? Der Neubau wird
hoffentlich in grossartigem Stile ausgeführt?«
    »So grossartig es unsre, wie Sie wissen, gnädige Tante, sehr beschränkten
Verhältnisse erlauben,« erwiderte Jener, nicht ohne Verlegenheit.
    »O versteht sich! Ihre Verhältnisse sind so bescheiden!« rief sie lächelnd,
obschon dabei leicht errötend. »Porphyrsäulen am Portiko, wie ich hoffe. - Und
Ihr Marstall verlangt ja eine beträchtliche Renovirung. Der weitere Ausbau -
eine Tasse Tee, liebe Maud? Danke.« Diese, welche selbst als Wirtin ein
Tee-Tablet umherreichte, sah, wie der Graf sich auf die Lippen biss und die
Stirne runzelte. Und der schreckliche Verdacht stieg in ihr auf, der mögliche
Freier möge gar wenig Geld besitzen. Demgemäss eine Art Glücksjäger, der wohl auf
Erbinnen spekulirte. Durch einige schlaue Fragen, die sie tat und die er arglos
beantwortete, schien ihr dieser Verdacht Gewissheit zu werden. Ihr kam er
überhaupt zu unbedeutend vor; sie beschloss daher, sich selbst möglichst aus dem
Spiele zu halten. Mochte Alice tun, was sie wollte.
    Nachher versuchte Xaver das edle Lawn-Tennis zu lernen, wobei die unreifen
jungen Kälber - die Engländer werden erst mit 30 Jahren Männer - ihn gutmütig
unterwiesen, mit grossherzigem Mitleid dem Continentalen seine Unerfahrenheit zu
Gute haltend.
    Die Damen umringten den »distinguished foreigner« und sein Radebrechen
gefiel ihnen so wohl, dass er der Hahn im Korbe schien und einen freundlichen
Eindruck zurückliess.
    Lady Dorrington beglückwünschte ihn ernstaft zu seinem »Success«, wie sie es
nannte, und liess verschiedene Ziffern über die etwaige Mitgift der Egremonts
fallen.
    Xaver schwieg. Der alte Egremont missfiel ihm sehr. Der leidet ja an
Grössenwahn! dachte er.
 
                                      III.
Auch der Ball bei der Herzogin musste überstanden werden. Die Gesellschaftsstunde
nahte. Wappenkronengezierte Karossen, vollgepackt mit Fracks und Ballroben,
rollten heran. Ihre Räder wurden übertönt vom Donnern der Messingklopfer, wenn
die gallonirten gepuderten Footmen vom Hinterbrett absprangen, indem sie ihre
weissen Seidenstrümpfe, sammtenen Kniehosen und Schnallenschuhe vor dem
plebejischen Strassenschmutze sorglich hüteten. Der Portier öffnete unablässig,
und der Fremde erstaunte bass, auf den Teppichtreppen die Gäste lagern zu sehn
nach guter Londoner Sitte, weil die engen Räume von der ungeheuren Zahl der
Geladenen bald überfüllt. Eine hektische Röte schien auf jedem Gesicht zu
fiebern, die Luft scheint fieberhaft erhitzt. London gleicht einer
Schwindsüchtigen, die sich zu Tode tanzt. Die Ball-Menge,
dichtineinandergedrückt verschwamm in der Entfernung zu einer einzigen
schwarzflimmerigen Masse, wie eine dicke Häufung von Steinkohlen.
    Nachdem Krastinik die Herzogin begrüsst, welche am Eingang des Saales
hundertmal gegen jeden Eintretenden den Fächer schwenkte und ein verbindliches
Lächeln austauschte, fühlte er sich in den grossen Drawing Room geschoben, wo
zwei tanzende Paare im denkbar schleppendsten Tempo sich drehten und beide Wände
entlang eine dichte Masse von Herrn und Damen sich staute. Das Ganze machte
einen völlig physiognomielosen Eindruck. Mechanisch schien man Kravatte,
Lorgnon, Kopfputz und Schleppe zurechtzurücken, die Conversation stockte
gänzlich und nur ein halblautes Summen schwirrte durch den Saal.
    Krastinik sah sich verzweifelt in seiner Nähe um. Da ihm das Schweigen
unerträglich wurde, wandte er sich an einen zunächst Stehenden und stellte sich
mit einer Verbeugung vor: »My name is Count Krastinik.« Der Insulaner gefror
förmlich zur Salzsäule. Anfangs schien er schlechterdings nicht zu begreifen,
was dieser Mensch von ihm wolle. Dann suchte er seinen steifsten Bückling aus
dem Lexikon der Anstandsformeln hervor und reckte, ohne weiter ein Wort zu
verschwenden, seinen Giraffenhals nach entgegengesetzter Richtung.
    Krastinik stutzte etwas, fasste sich jedoch und versuchte die gleiche
Selbstvorstellung bei einem nächsten. Dieser starrte ihn feierlich an, räusperte
sich verlegen und murmelte: »Oh indeed! Delighted. to be sure.« Dass er nun
selbst verpflichtet sei, seinen Namen zu nennen, schien ihm ganz unfasslich.
    Mit dem Mut der Verzweiflung, schoss der arglose Fremdling endlich auf einen
Herrn in indischer Uniform, von dessen bronzirtem Teint sein strohgelber
Schnurrbart pikant abstach, los. Der Herr hatte nach Pariser Sitte die Haare
vorn in die Stirn geklebt und unter der Manchette ein silbernes Armband nach
unten baumeln. Das musste ein Mann sein, der viel umhergekommen und continentale
Sitten kannte. So verbeugte sich denn Krastinik zum dritten Mal und schnarrte
verbindlich: »My name is Count Krastinik,« wobei er diesmal hinzufügte: »Captain
in the Austrian service.«
    Der also jählings Ueberfallene schien doch ein wenig verblüfft, doch gewann
er rasch seine Haltung und nickte mit gönnerhaftem Lächeln: »Höchst erfreut.«
Dann deutete er leicht auf sich und nannte sich: »Sir Tomas de Mowbray, vom
Bombay Stabscorps.«
    Das Eis war gebrochen. Ohne daher die stieren, verwunderten, ja
missbilligenden Blicke der Umstehenden zu würdigen, verlautbarte sich der arme
Ausländer nach einer Pause in seinem stammelnden Englisch: »'s ist sehr heiss.« »
Sehr heiss,« bekräftigte Jener trocken, als ob er eine nicht unbedeutende neue
Wahrheit entdecke. Und sämmtliche Umstehende reckten die Hälse und murmelten -
einige bewegten, wie automatisch, lautlos die Lippen: »Sehr heiss.«
    Graf Xaver fand diese geistvolle Bemerkung doch eigentlich nicht
abschliessend. Er versuchte also noch etwas geistreicher zu werden. »Viele
Schönheiten!« warf er hin mit der Miene eines Weltmannes, der sich ganz zu Hause
fühlt.
    »Very! - Well - rater« kam es zögernd aus dem Munde seines neuen Bekannten
und Krastinik merkte, wie ein gradezu misstrauischer Blick ihn streifte. »Was
will der Mensch, wer ist er, wie hat er sich herverirrt?« lag in diesem Blick.
Allein, eine kurze prüfende Musterung schien ihn zu beruhigen, dass der seltsame
Fremde in seiner Art ein Gentleman sei, und so setzte er denn die Unterhaltung
fort.
    Es war lehrreich zu beobachten, mit welcher souverainen Herablassung der
hehre Brite diese exotische Pflanze behandelte. Nicht etwa, als ob er eine
unartige Gleichgültigkeit und Geringschätzung affektirt hätte - im Gegenteil.
Aber grade seine Liebenswürdigkeit, dies verächtliche Wohlwollen, mit welchem er
auf die oberflächliche Conversation des mühsam radebrechenden Grafen einging,
hatte etwas unsäglich Beleidigendes. Manchmal wandte er sich bei einer
auffälligen Bemerkung des Fremden mit einem freundlichen und entschuldigenden
Lächeln zu den neben ihm Stehenden um, als wolle er sagen: Das sind nun die
sogenannten Continentalen. Da haben Sie ein Prachtexemplar des »Foreigners«!
Haben Sie Nachsicht! Was kann man von Barbaren verlangen? - O diese »Ausländer«!
Welche Verletzung der herkömmlichsten Sittlichkeit!
    Endlich riss Krastinik die Geduld. Fortwährend sah er die Blicke der
Umstehenden, Umsitzenden und Umschwitzenden mit ruhiger Würde auf sich gerichtet
und er fühlte, dass sein Benehmen (er war allmählich wienerisch lebhaft geworden)
missliebig auffiel. Als er gar den steifliebenswürdigen Sir Tomas de Mowbray
aufforderte, ihn doch einer Lady vorzustellen, welche diesen mit huldvollem
Neigen des Fächers begrüsst hatte, runzelte dieser leicht die Stirn und erstarrte
in unnahbarer Respektabilität. Das war aber auch zu stark! - Krastinik presste
seinen Chapeau Claque an sich, absolvirte einen flüchtigen Handshake mit Sir
Tomas, wand sich durch die Menge, empfing von der herzoglichen Wirtin am
Ausgang dasselbe krampfhaft stereotype Lächeln (sie erkannte ihn offenbar gar
nicht), warf unten im Parlour einen entsagenden Blick auf das fabelhaft
kostbare, aber nur auf Damen berechnete süsse Buffet und warf mit erleichtertem
Aufatmen seinen Ueberzieher um. Dann schritt er den Portiko hinaus, wobei er
einige auf der Treppe herumlungernde Gentlemen - die zu erstaunen schienen, als
er höflich den Hut zum Abschied zog - hinter sich murmeln hörte: »Ein
Ausländer!«
    Krastiniks cholerisches Temperament geriet in gelinde Wut. Als er in sein
Hotel zu so später Stunde hineinfiel (alle Restaurationen waren ja längst
geschlossen und nach sieben Uhr gibt's nirgends etwas Ordentliches mehr) kaute
er verdriesslich an einem Beefsteak und wasserbegossenen gequollenen Erbsen -
wofür er nachher auf der Bill fünf Shilling berechnet fand.
 
                                      IV.
Als er aber am andern Morgen seinem alten Freunde Dorrington im Oxford- und
Cambridge Club, wo dieser ihn als Gast eingeführt, sein Abenteuer erzählte,
brach dieser in ein herzliches Gelächter aus. »Ja, my boy, haben Sie denn keine
Ahnung, was für einen ungeheuren Frevel wider englisches Decorum Sie begingen?
Hier stellt man sich nie selber vor, sondern der Wirt, nachdem er den Wunsch
beider Personen eingeholt, vermittelt das. Und die Dame grüsst stets zuerst -
auch auf der Strasse, merk' Dir das! -, um zu zeigen, wen sie überhaupt kennen
will. Nun, wirst Dich schon daran gewöhnen. Gutes Ale dies, was?« Er wies auf
das schäumende Gebräu, das der stattliche Clubdiener, dessen ganzes Vokabularium
sich auf Yes, Sir! Please, Sir! zu beschränken schien, mit feierlicher Würde
eingoss. »Wird nur hier gebraut. Ist das Haus-Ale dieses Clubs allein. Sogar der
Wiener Bierkönig Dreher hat sich hier daran delektirt.«
    Als sie nachher, den prachtvollen Bibliotekraum durchschreitend, im
Smoking-Room ihren Mokka schlürften und den Schachspielern zusahn - (die
arbeiteten, ohne eine Silbe zu wechseln, nicht minder eifrig wie die
professionellen Spieler in Simpsons Cigar Divan am Strand, wo Zuckertort,
Steinitz und andere so oft mit Amateurs aus dem Schachclub in Arundelstreet
gespielt) - schlug Dorrington dem Grafen vor, mit ihm einer Mrs. O'Donnogan eine
Visite zu machen. »Irländerin. Schöne junge Wittwe. Reich, gute Partie.«
    »Meinetalben. Das kann nichts schaden,« nickte Jener. Sie machten also den
»call«. Xaver war in der Tat erstaunt über die weltgewandte Liebenswürdigkeit
der reizenden Dame, die eine Meisterin des »Flirting« schien und alle Künste der
Koketterie beherrschte. Sie besass einigen Esprit und offenbar die elegante
Salonbildung, welche die Engländerinnen auszeichnet, deren nervöser
Halbbildungstrieb unersättlich nach allen geistigen Anregungen hascht - bei
ihren unleugbar grösseren intellectuellen Fähigkeiten, im Vergleich zu ihren
continentalen Schwestern, ein ganz natürlicher Vorgang.
    Uebrigens schien die pikante Dame ein wenig »frei«, »französisch«. Es
streifte fast an die Grenze des guten Tons, wie sie immer und immer wieder mit
ihrem Hündchen und ihrer Katze anmutig liebelte. Sie hatte die Tiere
abgerichtet, sie regelrecht zu küssen, was sie mit ihren appetitlichen
Schnäuzchen denn auch so artig bewerkstelligten, dass den männlichen Zuschauern
dabei das Wasser im Munde zusammenlief.
    Uebrigens sprach Mrs. O'Donnogan ziemlich geläufig Deutsch, da sie natürlich
in jedem Punkte à la mode bleiben wollte. Auch betrachtete sie den
Oesterreichischen Hauptmann und Grafen mit aufmerksam neugierigen Augen, als
Lord Dorrington etwas ironisch auf dessen verstohlenes Dichtertum anspielte.
    »Ja, er ist ganz weg!« neckte der freundliche alte Herr, als er am Abend zum
Dinner seiner Gattin ihren Neffen und dessen Abenteuer mitgebracht hatte. »Unsre
Irische Freundin hat ihn captivirt. Sein kugelfestes Herz steht in Flammen.«
    »Ich kann nicht leugnen,« bekannte Krastinik unbefangen lachend, »dass ich
sie reizend finde. Dieses goldige Haar! Charming! O die süsse englische Sprache!
Sie allein drückt aus, -«
    »Was Sie empfinden?« Lady Dorrington erhob sich nach englischer Sitte, um
die Herrn bei der Weinkaraffe allein zu lassen und oben im Drawing Room den Tee
zu bereiten. »Goldiges Haar? Man denke! Ja, bei 3000 Pfund Rente findet sich das
Goldige von selbst. Eh bien, lieber George, sage unserm Freunde doch, was ich
darüber denke. - Wissen Sie was, lieber Xaver? Zeigen Sie doch mal Ihre
poetische Geschicklichkeit! Sie schildern so feurig die Hunde- und
Katzen-Verliebteit der schönen Frau. Machen Sie darüber einen Vers und -«
flüsterte sie ihm halblaut ins Ohr, als er aufspringend ihr chevaleresk die
Türe öffnete, »schicken Sie ihr's.«
    »Aber, gnädige Tante!«
    »Das heisst,« fügte sie schelmisch drohend hinzu »dass Sie ja nie verraten,
ich hätte das empfohlen!«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
                                    »Madam,
    Es ist stets gefährlich, wenn man einem Reimer den leisesten Wunsch
ausspricht, seine Verse sehen zu wollen. So sind wir, nous autres rimeurs!
Reicht man uns den Finger, nehmen wir die ganze Hand. Der arme Herzog Clarence
verlangte ein Gläschen Malvasier und wurde in ein Fass gesteckt.
    Sie sahen sich genötigt, den Wunsch aussprechen zu müssen, dass eine Probe
meiner Stümperei Ihren schönen Augen unterbreitet werde. Me voilà! Da marschiren
schon acht Verszeilen heran, um Ihnen zu huldigen. So bekommen Sie einen bittern
Vorgeschmack der Lieder, die Ihrer vielleicht noch harren. Seien Sie mir nicht
allzuböse, wenn ich Ihre Geduld auf eine so harte Probe stelle. Lady Dorrington
würde mich schön auszanken, wenn sie erführe, wie ich wegelagere. Unsereins
stürzt sich eben auf jeden Leser, der Herzensgüte genug besitzt, um gereimte
Ungereimteit zu ertragen.
    Aber ich sehe, dass meine Weitschweifigkeit sich sogar auf diesen Brief
ausdehnt. So gestatten Sie mir denn die Versicherung, dass mein schlechtes
Gedicht wenigstens den einen Vorzug besitzt, ebenso aufrichtig und wahr zu sein,
als die Verehrung, mit der ich bin
                              Ihr ergebener Diener
                                                          Graf Xaver Krastinik.«
    Das beigelegte Impromptu lautete:
Circe hat ein Tier einst verwandelt
Männer, ihre Liebesglut zu kühlen.
Minder grausam zwar hast du gehandelt,
Lässest Tiere menschlich für Dich fühlen.
Doch wo Tiere selber lieben müssen,
Lass uns, Grausame, ihr Glück nicht schauen.
Dass es Tieren nur erlaubt zu küssen,
Kann kein neidisch? Mannesherz erbauen.
    Es war sogar eine Uebersetzung in denkbar unbeholfenstem Englisch zugefügt:
Circe changed men, who dared speak of love,
To animals once wit her magic staff.
Less cruel indeed your witcheries prove,
When your beauty's enchanting cup we quaff.
                                     u.s.w.
                                »Geehrter Herr,
    Ich bin morgen Mittag at home. Einige Freunde nehmen bei mir ihr Lunch.
Vielleicht werden wir den Vorzug Ihrer Gegenwart haben? Sie sind freundlichst
geladen.
                                 Ihre ergebene
                                                             Ellinor O'Donnogan.
    P.S. Dank für die hübschen Verse.«
    Das Lunch bei der Tochter Grün-Erins gewann einen etwas abenteuerlichen
Anstrich durch die stark gewürzte Mischung der Gesellschafts-Pastete. Da war
eine fettige süddeutsche Sängerin, die sich einen italienischen Namen zugelegt
hatte.
    Da war ein kleiner Franzose mit endlosem Henri-Quatre, der trotz eines
halbjährigen Aufentalts in London nur die Phrase »Fifteen years ago!« gelernt
hatte und, als der Name »Bulwer« fiel, sofort von »Boulevard« zu plappern
anfing.
    Da war ein jugendlicher Plantagenbesitzer aus Cuba, der jedem Unglücklichen,
mit dem er nur drei Worte gewechselt, die echtesten der echten Havannas
meuchlings auf die Brust setzte - eine Magnaten-Grossmut, welche der davon
Betroffene meist verfluchte, sobald er drei Züge des kostbaren Gewächses
gekostet. Doch Don Rosetta's Etui ward niemals leer und füllte sich wie eine
Cisterne aus unbekannten Tiefen.
    Da war ein deutscher Maler, nicht ohne ein gewisses Sedan-Lächeln, das den
Reserveoffizier verriet, welcher nichtsdestoweniger aus seiner tiefen
Verachtung gegen alles Deutsche kein Hehl machte.
    Da war der unvermeidliche junge Musiker jüdisch-slavisch-deutscher Herkunft,
wie er blasswangig und schwarzlockig in den Londoner Drawing-Rooms
schwarmgeistert.
    »Er ist ein Bohemian,« stellte ihn die patronisirende Wirtin mit
zweideutigem Wortspiel dem Grafen vor. (»Bohemian« bedeutet ja englisch sowohl
»Böhme« als »Bohémien« in der Pariser Bedeutung des Wortes.) »Und Sie, Graf, Sie
sind ja auch ein Böhme, nicht? Das sind wir ja drei Böhmen! Denn ich, ich bin
eine richtige Bohemienne, ich liebe die Freiheit, die Bohême!«
    dabei rümpfte sie das aristokratische Adlernäschen und äugelte mit
unbeschreiblichem Dünkel durch ihr Lorgnon, indem sie mit den drei
Gardeoffizieren tändelte, die ausser einem dicken Parlamentsmitglied den Rest der
Gesellschaft bildeten.
    Das Lunch verlief recht lebhaft. Die Schildkrötsuppe mochte selbst einem
indischen Nabob schmecken und das Salmon-Steak einem Lordmajor der guten Stadt
London. Auch für die Wittwe Cliquot schien die lebenslustige Wittwe von
verständnissvoller Sympatie beseelt. Der Champagner schmeckte Krastinik besser,
als im »Hotel Hungaria« beim Pester Wettrennen - - weiter gingen seine
vergleichenden Erinnerungen ja nicht, da ihm Paris noch ein Buch mit sieben
Siegeln.
    Gegen ihn war die schöne Wirtin ziemlich kühl und übte sich nur kräftig in
allgemeinem »Flirting«, in welcher edeln Wissenschaft sie Meisterin vom Stuhl zu
sein schien. Es war, als wolle sie ihm andeuten, dass sie seine etwaigen
Intentionen wohl verstehe, ihm aber keine Avancen machen wolle. Sie hübsch,
vermögend, Wittwe, von guter Familie - er, ein continentaler Graf, aber
vermutlich wenig bemittelt, wenigstens nach englischen Begriffen. So leicht
ging es mit der Brautschau nicht. Man musste sich vorsehn.
    Nicht sonderlich befriedigt, küsste Krastinik zum Abschied die Hand, was auf
sie als nicht-englisch zwar etwas befremdlich, aber nicht unangenehm wirkte -
(diese continentalen Sitten bewahren noch so etwas Romantisches!) - erhielt aber
die Erlaubnis, sie so oft als möglich, während er London mit seinem Aufentalt
beehre, zu besuchen. Dies mit vielsagendem Augenaufschlag.
    Krastinik trieb sich Wochen lang im Londoner Vergnügungsleben umher. Er
speiste viel im Criterion Restaurant, nahm seinen Abendpunsch im Café Monico,
schlenderte in Canterbury Hall und Cremorne Gardens umher, besichtigte Foot-Ball
Races im Windsor Park, bestand kleine Abenteuer im nächtlichen Haymarket, liess
sich im Krystallpalast von deutschem Orchester Händel'sche Oratorien
vorblasen-und singen, schloss auch die vielen Museen und sonstigen
Wissensanstalten und Sammlungen Londons nicht von seiner Aufmerksamkeit aus.
    Zu Mrs. O'Donnogan kam er mittlerweile in ein freundschaftliches Verhältnis
und schnitt ihr gewaltig die Cour. So las er ihr bald ein neues Impromptu vor,
das er auf sie verfasst.
Ach, da ist schon Numero 70!
Ach, vor ihrer Türe bin ich!
Sie, in die mein Herz verliebt sich,
Ist so grausam und so minnig.
Nennt sich selbst Bohemienne.
Sagt, da Musiker und Grafen
Sie als echte »Böhmen« kenne,
Dass drei Böhmen hier sich trafen!
    Bei Vorlesung dieser gutgemeinten Reime unterfing er sich jedoch, in aller
Ehrfurcht ihr die Tatsache zu unterbreiten, dass der Böhmer-Graf in Wahrheit
einem der ältesten Adelsgeschlechter Oesterreichs angehöre, welches manche
feldherrliche Heerestrommel (von der man nur hört, wenn sie geschlagen wird) in
den Geschichtsannalen zu den Seinen zähle. Uebrigens sei er kein Böhme, sondern
ein ritterlicher Magyar.
    Das wirkte denn doch erheblich auf die kleine Frau und dämpfte die
beiläufige Geringschätzung, mit welcher man in England auf continentale Grafen
herabzusehen pflegt.
 
                                       V.
Man hatte eine Landpartie zu Wasser nach Richmond gemacht - Krastinik,
Dorringtons, die O'Donnogan, Alice Egremont. Maud hatte sich entschuldigen
lassen: sie räumte vorsichtig ihrer Schwester das Feld.
    Die Sonne tauchte wie eine schwefelgelbe runde Glocke in die Temse und
schien dann zu versinken, wie ein umgestürzter Goldkelch, der seinen güldenen
Strahlenwein langsam verrinnen lässt. Zwischen den schwarzgrünen Taxushecken von
Richmond Park blitzte noch hier und da eine grellrote Centifolie auf; die
Fenster des Schlosses von Twikenham glänzten wie Rubinen.
    Als man an Pope's Villa vorüber kam, rief Dorrington neckisch: »Nun, spring'
aus Land, Dichter Xaver, wie Wilhelm der Eroberer, und küss' den Uferrasen!«
    »Warum?« gab Xaver etwas errötend zurück.
    »Um die ganze englische Muttererde der Dichtung Dein Eigen zu nennen.«
    Mrs. O'Donnogan und Miss Alice lachten verstohlen. Das Dichtertum des
gräflichen Rittmeisters, welches durch Dorringtons wohlwollende Spässe nun schon
lange bekannt geworden, amüsirte sie.
    Die lebhafte Irin hänselte ihn ein wenig. Bei Miss Alice aber mischte sich
der Neugierde eine gewisse Verachtung. Wie vulgär! Wozu Verse schmieden! Damit
macht man sich nur lächerrlich und verrät eine selbstüber, hebende Einbildung.
In deutschen Büchern (Alice cultivirte letztin das Deutsche besonders eifrig,
was ja auch ohnehin bei der englischen Gesellschaft in Mode kommt) fand sie
dafür die Bezeichnung »Grössenwahn«.
    Kein Zweifel, der gute Graf litt etwas an Grössenwahn.
    Nach dem Ausflug kam man in einer kleinen Villa in Chelsea am
Temse-Embankment zusammen, welche Dorringtons gehörte, die sie aber nur selten
bewohnten, und nahm dort auf dem Balkon den Tee ein. Alice hatte ihren Diener,
die O'Donnogan ihren Wagen dortin bestellt, um sie abzuholen.
    Der Abend, der mit purpurnen Fittichen umherfächelte, übergoss alle Wiesen
und Bäume mit verschwenderischer Pracht.
    »Eine rote Weihrauchkerze auf dem Tabernakel der Schöpfung!« Krastinik
freute sich seiner Gleichnissfindigkeit, eitel wie ein Poet von zwei Semestern.
Der wohlwollende Lordunterliess nicht, die Damen auf den Tiefsinn der
Krastinikschen Phrase aufmerksam zu machen, worauf auch Milady eine gehörige
Erläuterung hinzufügte. Die sogenannte Poesie sollte als Mitgift-Kupplerin
herhalten.
    Eine eigentümlich schwermütige Stimmung bemächtigte sich der kleinen
Gesellschaft. Selbst Mrs. O'Donnogan blickte ernst vor sich nieder.
    »Wenn man bedenkt, dass auf solchen Abend und auf jede Sonne die Nacht
folgt!« sagte sie plötzlich.
    »Ganz was ich eben dachte!« hauchte Miss Alice.
    »Pah, wer weiss, ob die Nacht nicht der gesunde Schatten des Lichtes ist,«
warf Lord Dorrington hin.
    »So wie etwa der Tod den Schatten des Lebens bildet.«
    »Oder auch umgekehrt,« seufzte die Lady halblaut.
    »Sehr richtig, gnädige Tante,« meinte Krastinik.
    »Vielleicht ist das Leben grade der leuchtende Schatten, den der Tod wirft.
Denn der Tod ist ja doch das eigentliche Sein, zu dem Alles zurückkehrt. Unser
Leben - mein Gott, was bedeutet denn das! Eine Art Traumbild zwischen Schlaf und
Schlaf, ein kurzes Nachtwachen.«
    Niemand antwortete. Nach einer Pause hob der alte Lord an, mit leicht
zitternder Stimme: »Ja, das sagst Du wohl so, lieber Xaver. Aber Du bist
eigentlich noch zu jung, um recht zu fühlen, wie wahr das ist, was Du sagst.
Blickt man so auf sein Leben zurück - well, wir säen und werden doch wohl nimmer
ernten. Dies ewige Säen bekommt man satt. Da dreht man sich ewig im
selbstumgrenzten Kreis gemeiner Freuden und gemeiner Leiden. Und diese ganze
Erde, die so strahlend vor uns liegt - nichts als der Spielball einer
unbekannten Gewalt, durch den Abgrund der Ewigkeit hingeschleudert.«
    Wieder antwortete Niemand. Nur Miss Egremont hob nach einer Weile ihre
ernstaften Augen zu dem greisen Sprecher auf und lispelte: »Aber das Jenseits,
Mylord!« Dies Wort rief gleichsam eine automatische Geistesschwingung in der
galanten Irländerin wach und sie schmollte betrübt: »Ach gehn Sie, Sie
Skeptiker! So muss man nicht denken, so soll man nicht denken.«
    Dorrington zuckte ungeduldig die Achseln und starrte in die scheidende
Sonne. Plötzlich sprach seine Gattin:
    »Und das Alles, ist noch nicht das Schlimmste. Aber auch wir Menschen
verstehn ja einander nicht. Mir ist, als ob keine Seele der anderen lehren
könnte, was ihr gelehrt ward, als ob kein Mensch den andern sähe wie er wirklich
ist, als ob kein Herz dem andern Herzen ganz bekannt wäre.«
    Und die beiden alten Leute seufzten, verloren in allerlei Erinnerungen.
    »Ja, man kann sich nie aussprechen,« Miss Alice sah den Grafen mit ihrem
ruhigem Lächeln an. »Der Gedanke ist so viel tiefer als die Sprache.«
    »Und das Gefühl so viel tiefer als der Gedanke,« hauchte die Irin. »Meinen
Sie nicht auch, Graf?«
    Die Abendsonne umspielte die schmalen Aeste und über den Stamm selbst lief
der rötliche Schimmer fort, so dass sein blasses Braun eine fast zimmetähnliche
Färbung erhielt. Das sah gespenstig aus inmitten des goldig durchrispelten
grünen Laubwerks, durch das der Lichtball schläfrig blinzelte. Wie das
Schuppengewand einer Boa, schillerte die Temse in ihren Windungen. Dann hob
sich ein frischer Luftzug im Osten, der die grünen Epheuranken, welche vom
Gärtchen her den Balkon umspannen, spielend blähte.
    »Ja, ich meine das auch,« erwiderte Krastinik ernst auf die bedeutungsvolle
Frage. »Ein schattenhafter Vorhang liegt gleichsam zwischen uns und der übrigen
Welt. Und unser tiefstes Vertrauen kann den Vorhang nicht entfernen.«
    »So und doch streben wir alle nach Sympatie für einander?« warf Alice
schüchtern ein. Krastinik hatte sich erhoben und blickte fest auf die Sprecherin
nieder, ohne eine Antwort zu finden. Ueber das Antlitz des alten Lord glitt ein
sanftes wohlwollendes Lächeln:
    »Nun ja, wir sind wie Säulentrümmer eines zerstörten Tempels, der einst
vereint war. Hoffen wir also, dass wir in unsern späten Nachkommen uns vielleicht
einst wieder zusammenfügen werden. Aber wer weiss wo, wie und wann?«
    Krastinik küsste seiner Tante die Hand und empfahl sich. - »Wir sind heut
alle so fabelhaft geistreich gewesen,« lachte die lustige Irin beim
Abschiednehmen auf.
    »Ich bin ganz melancholisch. - Trifft man Sie nächste Woche auf dem Ball
beim Unterstaatssecretär, Herr Graf?« Sie hatte schon ihr Füsschen auf das
Trittbrett ihres Wagens gestellt, der auf sie wartete. Miss Egremonts Diener
holte sie gleichfalls pünktlich ab.
    »Wohl kaum. Ich habe keine Einladung dazu.«
    »O! Soll ich - ich bin dort gut bekannt -«
    »Zu gütig,« wehrte Jener kühl ab. »Ich dürste gar nicht darnach, mir jeden
Abend die Beine in den Leib zu stehen - pardon! Ihre englischen Routs sind doch
gar zu ungemütlich.«
    Mrs. O'Donnogan grüsste etwas pikirt, und biss mit erzwungenen Lachen in den
sauren Apfel des Refüs. Er hätte doch den Hochgenuss, sie dort zu finden,
würdigen sollen! So sind die Männer.
    Graf Xaver beschloss, den Weg nach Hause zu Fuss zurückzulegen, und schritt
rüstig aus, indem er vor sich hinpfiff: »Ach, ich hab' - sie ja nur - auf die
Schu - lter gekü - sst.«
    Der Mond rollte durch das dunkelblaue Himmelsgewölbe und versilberte den
jungfräulichen Schnee der Wolkengebirge. Die Sterne tauchten in verschiedenen
Gruppen auf und Nebelschlangen stiegen von der Stromseite her wie aus
geheimnisvollen Abgründen empor, als hätten sie sich nur vor dem Auge des Tages
versteckt gehalten.
    Indem er den balsamischen Hauch der Nacht in tiefen Zügen einsog, fühlte
Krastinik den Nerv der Erinnerung zuckend berührt. Er fühlte sich über Meer und
Land fortgerissen in die heimatlichen Karpaten, wo ihn so oft noch reinerer
Nächte Odem erfrischt.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Er dachte an das Panorama der amphiteatralischen Waldberge, mit den
rötlichen Felsblöcken und dem Ahorngebüsch, röter bemalt vom Abendrot; mit
den gelben Rinnen, welche reissende Wasser zurückgelassen, auf den dunkelblauen
schluchtzerrissnen Bergzinnen. Die Silberfäden der Bergbäche verweben sich zu
einem Schleier mit den bläulichen Dunstwölkchen um des Berges Kuppe - gemahnend
an den Schleier um Jehovas Haupt, so er mit Erdgeborenen auf seinem Sinai redet.
O dort an rauhem Abend die Pässe zu durchstreifen, bis der Nachtfrost, von der
Aluta aufqualmend, die Mähne des Rosses erstarren macht!
    Und nun, wie von inneren Ampeln erleuchtet, rötet sich der Berge Dom. Schon
hat der Sonnengott um die goldne Rüstung sein Purpurgewand geschlungen und der
Goldzaum der Sonnenrosse, deren freurige Strahlenmähne den Himmel durchwogte und
deren Nüster die Mittagsglut versendete, ist lässig seiner Hand entfallen.
Jetzt faltet er die Scharlachbanner seines goldfransigen Zeltes ein und die
Lichtpfeile, die er vom Bogen des Horizontes nach allen Richtungen versendet,
kehren von selbst, wie des Indianers Wurfgeschoss, in seine Hand zurück, die den
Köcher der Dämmerung bereit hält. Jetzt errötet die Braut seines Bogens, die
lächende Erde, unter seinem flammenden Abschiedskuss. Sein leuchtender Fuss
gleitet, einen schmalen Lichtstreifen hinfurchend, über den Kamm der Höhen, um
jählings in den Schluchten zu verschwinden, deren strömedurstigen Schlund das
greise Berghaupt wie einen Pokal an den kalten Schneemund setzt. - -
    Welch ein Gemälde!
    Ueberm düstern Buchenberg starrt die schroffe Spitze des Schuller, wie von
Geisterhänden aus gefrorenem Schnee geballt. In hundertgrätiger Zerklüftung
dehnt sich der furchtbare Königsstein. In der Mitte aber baut sich in gewaltiger
Herrlichkeit das Riesengestein des Butschetsch empor, über weiten Geviertraum
seine steinernen Wurzeln breitend und zum ungeheuren Gebirgsstock sich türmend
in breiter Masse. Mit seinen tiefen Schneerinnen im dunkeln Gneis der
Gebirgsschicht und mit der rundgewölbten Firn, scheint er ein Zauberdom mit
silberner Kuppel und silbernen Säulentoren, aus schwarzem Marmorrumpfe gefügt.
In der weiteren Ferne aber zieht sich in erhabenem Umriss die Kette der
Fogarascher Alpen, über denen erst rosig und glühendrot, dann schwefelgelb und
violett die Sonne allmählich verglimmt.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Ja, dort oben in der Stille einsamer Berge fällt alles Kleinliche, Unfreie
von der Seele ab, wie morsche Lumpen. Verjüngt und neugeboren, steht der Mensch
dem All gegenüber. - Was sollte er hier, in dem Parfüm-Brodem des High Life?
Eine reiche Partie ergattern? Seine hochmütig vornehme Natur empfand plötzlich
einen Ekel an diesem ganzen nichtigen Treiben. Ein Dichter wollte er werden.
Nun, das konnte ihm nur gelingen, wenn er sich rein badete von allem Wust und
Schmutz des Alltäglichen - nicht hier, eingeklemmt im Pferch der Heerde. Wo
hatten die grossen englischen Dichter des Jahrhunderts, Scott und Byron, ihre
Poesie gefunden? Droben auf den schottischen Haiden, wo Burns und Ossian
erstanden. Dortin zog es ihn wie mit magischer Gewalt. Ihm war, als ob ein
Stern über seinem Haupte stehe, der ihn zu dem Betlehem der Dichtung geleiten
wolle.
    Als er die Treppe seiner Wohnung hinanstieg, hatte er bereits seinen
Entschluss gefasst. Solche plötzlichen unvorhergesehenen Entschliessungen waren ihm
von Jugend an eigentümlich, fast ein Bedürfnis gewesen.
    Schon am andern Morgen packte er, ging zu dem Tiket Office der Dampferlinie
nach Granton-Leit, erfuhr, dass gerade diesen Abend ein Steamer abfahre, und
löste ein Retourbillet mit vierwöchentlicher Gültigkeit. Dann schrieb er an Lord
Dorrington, um seinen plötzlichen Aufbruch zu entschuldigen, und bat, ihn
besonders den Damen empfehlen zu wollen. Leichten Herzens warf er sich endlich
in ein Cab und gelangte rechtzeitig nach St. Katarine Docks zu seinem Schiff.
    Das weisse Hospital von Greenwich und die grüne Marschfläche von Gravesend,
die in der Ferne fast den Wasserspiegel gleich einer schwimmenden Seekrautinsel
zu berühren scheint, wichen hinter ihm eher zurück, als er sich seines kühnen
Scenenwechsels recht bewusst schien.
 
                                 Zweites Buch.
                                    Berlin!
Das Leben wogte vielgestaltig mit Ebbe und Flut. Aber die Stadtbahn überbrückte
und übertönte die Brandung mit ihren donnernden Flügen.
    Die Rauchwolken, bald senkrecht aufsteigend, bald sich kräuselnd, schienen
vom elektrischen Licht der Plätze durchschimmert. Es war, als ob der Dämon des
elektrotechnischen Dampf-Jahrhunderts mit lüsternem Fauchen die ihm geweihte
Stätte fieberhafter Geld-und Genussgier als Schirmgeist umkreise; als ob die
Schlachtmusik seiner ehernen Lokomotivräder aufmuntere zu rüstigem Fortwürgen im
Daseinskrieg, der in der Reichsweltstadt seine entscheidende Hauptschlacht
schlägt.
    Von den unruhigen Atemzügen der Lokomotiven erschüttert, flackerten die
Lichtreflexe der Gasflammen wie unstete Irrlichter über den schwarzen
Tiefenflächen der Kanäle.
    Ein eigentümlicher silberiger Schein zittert kegelförmig über den Trottoirs
oder über den Sandwegen der »Linden«, wo elektrische Strahlencentren wirken.
    Wo ist das Gewimmel, wo der Lärm am ärgsten? Am Alexanderplatz, wo aus den
Hallen und Bogengängen des Sedanpanorama-Restaurants es huscht und drängt? Am
Potsdamertor, wo die grünen, rotgrünen und gelben Lichter der Tramway-Wagen
sich kreuzen? In der Passage, durch deren gelbe Steinmassen sich das elegante
Bummelleben der Linden dem burschikosen oder geschäftlichen Treiben der
Friedrichstrasse entgegenwälzt?
    Das weissgelb-rötlich schillernde Uhr-Auge des Rathausturms - stier und
allsehend wie immer, als könne vor ihm das Verborgenste nicht in dunkle
Schlupfwinkel sich bergen - blinkt einsam über die mählich entschlummernde
Weltstadt hin. Nur die Wiener Cafés und wenige rötliche Laternen zweifelhafter
Spelunken glitzern noch. Letztere erlöschen bald; alle Vorhänge Berlins werden
geschlossen. Alles so still. Das Museum und das Schloss in majestätischen
Schatten getaucht, von dem schwarzen faltigen Mantel der Nacht umwallt, dessen
sternbestickter Hermelinsaum über den mondscheinhellen Lustgarten hinschleift.
Die ganze breite Front - rechts von der Schlossbrücke, wo der Grosse Kurfürst in
eherner Ruhe als Schutzgenius über Altberlin hinschaut, und links vom Dom über
den Schlossplatz hin - eine schnurgerade Linie von Laternen. Sie laufen direkt am
Palais des greisen Kaisers vorüber auf die Reiterstatue Friedrichs des Grossen
zu, als ob sie Rauch von Schlüter grüssen wollten. Sie pflanzen sich
ununterbrochen fort bis zum Brandenburger Tor, wo die Siegesgöttin droben
Parade abzuhalten scheint über diese Licht-Gardisten, die steif und stramm
zwischen den Menschen- und Wagenknäueln Spalier bilden. Sinnbilder des
Preussentums, so gut wie die Blücher, Scharnhorst und Yorks an der Hauptwache.
 
                                       I.
Eduard Roter befand sich in einer rätselhaften Stimmung, als er von München
abfuhr. Mehrere Monate lang war er dort stillvergnügt durch die Bierkneipen
umhergebummelt, vom Hofbräu ins Löwenbräu, vom Achaz in die Scholastika, vom
Orlando di Lasso in den Ratskeller. Seine Collegen von der edlen Malerzunft
hatten wenig Weltschmerz an ihm bemerken können; nur ab und zu war ein Ausdruck
missvergnügter Unruhe über seine Züge gehuscht. Dann zuckte seine Lippe, seine
Augen zwinkerten und er hob unbewusst die Hand nach der Schläfe, wie um etwas
fortzuscheuchen, das ihn mit grauen Fledermausflügeln umflatterte. Auch wollten
ihm Verschiedene angesehen haben, wenn ein Seufzer es unwillkürlich verriet,
dass er irgend eine unglückliche Liebe oder eine verrückte Leidenschaft mit sich
herumschleppe. Denn Gewissensbisse konnte man doch kaum vermuten.
    Ein grosser Genremaler erinnerte sich noch, dass Roter nervös und verlegen
geworden sei, als man ihn gefragt habe, woher der famose Studienkopf stamme, den
ein Illustrirtes Blatt kürzlich von ihm veröffentlichte; ob dies Prachtexemplar
des weiblichen Kraftadels, »Motiv aus Karl Stielers Hochlandsliedern« einem
lebenden Modell abgelauscht sei.
    Einem andern Collegen, mit welchem er an den Ufern des Starnberger Sees
entlang gepirscht und weiterhin zu einer Sennhütte emporgeklommen war, hatte er
einmal, als sie so hoch über allem Tälerqualm im Angesicht der Felskuppen und
der Abendröte den Wein ihrer Feldflaschen schlürften, in weinerlicher Wehmut
zugerufen: »Sollte man nicht denken, dass hier Alles, Alles unter Einem bergtief
versunken wäre, was an kleinlichen Begierden und dummen Sentimentalitäten uns in
der ungesunden Hitze und Hetze der Grossstädte gequält hat! Aber nein - da! Das
quält mich noch hier!« Damit hielt er seinem erstaunten Freunde eine
Photographie unter die Nase, welche eine weibliche Gestalt in einfachem dunkelm
Gewande darstellte.
    »Sakra! Ist die aber hübsch! Gratulire zu Deinem Geschmack!«
    Da Roter aber in seiner gewöhnlichen süffisanten Manier jeder hübschen
Larve die Cour geschnitten und den Schwerenöter gespielt hatte, so war
Niemandem auch nur der Gedanke gekommen, dass diesen lebenseifrigen burschikosen
Kunstjüngling bei seinen altbairischen Volksstudien zu seinem neuen Bilde »Die
Sendlinger Schlacht« ein innerer Ahasver begleite, der ihn nimmer losliess und
all seine Gedanken nur einem einzigen Drehpunkte zuschob.
    Nur sein intimster Münchener Freund, der geniale Landschaftsmaler Knorrer,
war in einer vertrauten Stunde dem Modellgeheimniss des weiblichen Studienkopfes
nahegerückt. Und so hatte er ihm denn noch beim Abschied auf dem Bahnhof
nachgerufen: »Du! Dass Du mir Deine Berliner Kaltblütigkeit behältst! Manchmal
muss man rücksichtslos gegen Andere sein - sei's diesmal gegen Dich selbst!
Willst? Dass Du mir Dein Motiv nicht wieder aufsuchst! Ich rat's Dir! Such' ein
andres Modell! Schäme Dich! Ein solcher Kerl und dies ewige Selbstgequäle! Lass
fahren dahin! Sie war die erste nicht - und Du bist nicht der erste.« - -
    Berlin! Das mächtige Räderwerk der heimatlichen Weltstadt sanfte und surrte
wieder verwirrend um ihn her. Das unverdauliche Kümmelbrot, mit Schmalz
beschmiert und mit Schinken belegt, das er eilig als Frühstück hinunterschlang,
in der Kutscherkneipe des Anhalter Bahnhofs, die ihm am nächsten lag, weil seine
Droschke dort grade hielt - mutete ihn so heimatlich berlinisch an! Billig und
schlecht und nur märkischen Mägen verdaubar.
    Kaum in seinem Atelier wieder eingebürgert - er bewohnte eine behaglich
eingerichtete Junggesellen-Wohnung am Lützowplatz, wenn auch nur aus Atelier und
Schlafzimmer bestehend, natürlich dritte Etage -, fühlte Roter den dämonischen
Zwang, unverzüglich seiner Schwäche nachzugeben und errötend den Spuren seiner
Liebe zu folgen. Ja, er musste sich vor sich selber schämen, er war sich seiner
Torheit bewusst, und doch!
    Von Erfolgen begünstigt, in äusserlich befriedigenden Verhältnissen, fühlte
er sich rastlos von der rasenden Leidenschaft verzehrt, die in ihm gährte und
gegen die er vergeblich anzukämpfen suchte. Er musste sie wiedersehn. Ja, sie,
das Modell seines neuen Bildes. Oh dies neue Bild! Er musterte es nochmals. In
München auf der Reise war es vollendet. Halb scheu, halb entzückt betrachtete er
jetzt sein Werk, als er die Leinwand aus der Verkappung entülst und auf die
Staffelei gestellt hatte. Es stellte eine Baierische Bäuerin im halben
Naturzustande vor; soeben hat sie ihr Mieder abgeworfen und blickt schweratmend
zum halboffenen Fenster hinaus, als ob sie etwas erwarte. Und sieh', dort ragt
auch schon ein männlicher Kopf über das Fensterbrett empor - gleich wird ihr
Liebster nächtlicherweile in ihre Arme fliegen. Dieser männliche Kopf trug die
Züge Roters selbst. Die Bäuerin aber, ein üppigschönes junges Weib mit
klassischen Zügen - - er verglich jene Photographie mit ihr, die er stets auf
dem Herzen mit sich trug: Ja, sie war erschreckend ähnlich!
    Aus dem bairischen Hochland auf der Reise hatte er an sie geschrieben und
ihr versichert: Wenn die ganze Welt sie verleumde und ihr 'was nachsage, er
glaube fest an sie. Darauf hatte sie ihm sofort in einem reizenden Brief
geantwortet, aus welchen er ihr unverzüglich nochmals geschrieben und ihr seine
Münchener Adresse angegeben.
    Kaum dort angelangt, fand er bereits einen neuen Brief von ihr vor. Sie
hatte also ihren Maler nicht vergessen, der sie zuerst als Modell aufgespürt,
als sie, eben nach Berlin gelangt, einige Wochen als Buffetière eines Wiener
Cafés fungirt hatte. Zuerst hatte sie diesen neuen Beruf mit Eifer erfasst.
Freilich »sass« sie nur zu Kopf und Händen. Gegen alle und jede »Aktstudien«
wehrte sie sich energisch. Und endlich erklärte sie, dass das Modellstehen zwar
einträglich, aber nicht anständig sei, weil sie ewig von den Herrn Malern, ob
jung ob alt, mit zudringlichen Anträgen bestürmt werde. Da ziehe sie es denn
doch vor, wieder als Zahlkellnerin in einem Wiener Café ihr Brot zu verdienen,
wo sie vor derlei sicher sei. Kurz vor Roters Abreise hatte sie diesen Vorsatz
auch ausgeführt und in einem belebten Lokal dieser Art in der Nähe des
Alexanderplatzes ihre neue Stelle angetreten, wo sich auch alsbald ihre
auffallende Schönheit als eine Zugkraft bewies. Roter, ihr platonischer Anbeter
- angeblich besass sie keine andern - war also mit der Wunde im Herzen
abgedampft. Und nun quälte ihn der Gedanke, was sie wohl von seinem
compromittirenden Bilde sagen werde, da sie doch niemals Alt gestanden und ihr
Körper von ihm gleichwohl mit so realistischer Deutlichkeit gezeichnet schien, -
so dass, was bei ihm verliebte Inspiration, als Indiscretion aufgefasst werden
konnte.
    Sie hatte ihn nach München benachrichtigt, dass sie nach Treptow den Sommer
hinausgekommen sei, da ihr Wirt dort eine Filiale für die dortigen
Sommerfrischler übernommen habe, wobei aber nur die Lieferung des Kaffees u.s.w.
ihm oblag, während der dortige Wirt Garten und Lokal als Besitzer weiterführte.
- -
    Es vergingen keine achtundvierzig Stunden, dass nicht Roter plötzlich in dem
alten Café wieder auftauchte. Der Wirt empfing ihn sehr höflich und fragte, ob
»Herr Professor« wisse, dass Kati in Treptow sei. Roter stellte sich unwissend,
merkte aber, dass der Wirt recht wohl wusste, dass Kati mit ihm correspondirt
hatte. Am andern Vormittag ging's also nach Treptow. Er suchte und fand das
Lokal.
    Als er eintrat - es ging durch einen offenen gallerieartigen Vorbau in den
geräumigen Garten hinaus - und sich rasch umblickte, sah er Kati in schwarzem
Kleid mit einem Kellner an einem Tisch sitzen. Er blickte sie blitzschnell an -
und über sie weg und schritt rasch in den Garten hinaus. Sie war feuerrot
geworden und stierte ihn sprachlos an, als sei er eine Geistererscheinung. Es
war auch ein überraschender Ueberfall, wahrhaftig. - Er placirte sich an einem
Tisch und befahl eine Zeitung, ohne nach ihr hinzuschielen. Sie liess sich jedoch
nicht blicken.
    Endlich riss ihm die Geduld und er kritzelte ein paar Worte auf ein Blatt
Papier, sie möge mal herauskommen. Der Kellner, dem er die Besorgung
aufgetragen, sagte ihm, Frl. Kreutzner sei in ihre Stube gegangen. Da dürfe er
nicht hinein, wenn sie sich umziehe. Doch werde er ihr das Schreiben übergeben.
    Roter überlegte etwas, dann empfahl er sich, nachdem er noch rasch
gespeist, mit dem Bemerken, er werde in ein paar Stunden wiederkommen, und
pilgerte lange Zeit im nahen Park umher. Ihm war trotz alledem wohl zu Mut, da
die Aufregung sein Blut schneller rollen liess und er auf das Wiedersehen
gespannt war. Alle Vögel zwitscherten von brünstiger Sehnsucht, der heisse
duftige Sommernachmittag liess alle Fibern seines Innern wollüstig erzittern. - -
    »Ja, die ist soeben nach Berlin gefahren,« meldete der Oberkellner trocken.
    »Was?« Eduard wurde bleich vor Zorn.
    »Nach dem Arzt, wie sie sagte. Sie ist krank. Den Zettel habe ich ihr aber
gegeben.«
    Eduard verkannte nicht, dass sie bei ihrer Kränklichkeit, von der sie ja
stets gemunkelt hatte - auch der Kellner versicherte ernstaft, sie sei schon
lange leidend und erst eben von Bettlägerigkeit aufgestanden - - wohl des Arztes
bedürfen mochte. Gleichwohl schien es doch auffallend, dass sie so gleichsam vor
ihm davon rannte.
    Er verlangte Schreibzeug und schrieb einen langen Brief, welchen er dann
nicht dem Kellner, sondern dem Postkasten anvertraute. Dieser war sehr energisch
und bestimmt gehalten: sie möge ihm sagen, was dies Benehmen zu bedeuten habe.
Sie solle nun erklären, ob sie wirklich Interesse für ihn habe, wie man nach
ihren Briefen vermuten musste. Und dergleichen mehr. Er erwarte von ihr binnen
wenigen Tagen Antwort.
    Eduard wartete. Aber die Antwort kam nicht. So entschloss er sich denn, nach
vier Tagen nochmals dortin zu schreiben. Er werde drei Tage darauf um zwölf Uhr
am Eingang des Parkes auf sie warten. Wenn sie dann nicht komme, seien sie für
immer geschieden.
    In heftiger Aufregung erschien er zur festgesetzten Zeit an jenem Orte. Es
war sengend heiss. In jeder Vorübergehenden glaubte er sie nahen zu sehn. Aber
sie kam nicht. Endlich wähnte er, sie habe einen andern Eingang gewählt, und
rannte im Parke hin und her. Er fand junge Backfische der
Sommerwohnungs-Hautevolée, die sich in einen Leihbibliotekschmöker vertieften
und auf den vorübereilenden eleganten Fremden schmachtende Blicke warfen.
    Aber sie, die er suchte, fand er nicht. Es wurde spät und später. Endlich,
nachdem er nochmals den halben Park von einem Eingang zum andern durchkreist,
gab er es auf und eilte in den nächsten Biergarten. Dort schrieb er einen
Zettel, worin er in barschem Tone anfragte, ob sie verhindert gewesen sei, und
sandte den Kegeljungen damit in das Lokal. Nach einer Weile kam derselbe mit der
Botschaft zurück: Die sei gar nicht mehr da!
    Eduard war zu Mute, als ob die Erde unter ihm einstürze. Nicht mehr da! So
peinlich es ihm war, er musste sich vergewissern, ging also selbst hinüber. Der
Oberkellner, ihn mit zweifelhaften Blicken messend, bekräftigte trocken, dass
»Kati« seit vorigen Dienstag - also seit genau acht Tagen - »ausgerückt« sei
und sich ihre Sachen habe nachschicken lassen.
    Ein gewisses Misstrauen sprach sich in Worten und Blicken aus und Eduard
fühlte, dass man sein damaliges meteorgleiches Auftauchen mit Katis Verschwinden
in Verbindung setzte. Seine Blässe und Bestürzung trotz seiner scheinbaren Ruhe
schien Jenen jedoch auf andre Gedanken zu bringen, und es wurde ihm durch den
herzugeeilten Koch sogar die Wohnung »Fräulein Kreutzners« angegeben: In der
Gerichtsstrasse. Dortin hatte ein Dienstmann die Sachen abgeholt und ihre
Wohnung verraten; dortin war auch ein Brief, der vor acht Tagen angelangt,
befördert.
    
    Eduard biss sich auf die Lippen, als der Mann ihn forschend ansah:
Augenscheinlich war sein Brief gemeint.
    Draussen auf der Pferdebahn erkundigte er sich, wie er am nächsten nach der
Gerichtsstrasse komme. Eine Stadtbahnstation lag in der Nähe und er fuhr denn
dortin.
    Seltsame Gedanken quirlten durch sein Hirn. Was bedeutete das Alles? An
demselben Tage, wo er erschien, verliess sie den Ort? Und zog sich ganz privat
zurück? Was bedeutet das! Ist das Fliehen vor der Liebe? Instinktiv oder
beabsichtigt? - Oder hatte vielleicht ein Andrer hierbei die Hand im Spiele?
    Station Wedding. - Die Gerichtsstrasse, bald erreicht, lag in der grauen
Einförmigkeit ihrer Mietskasernen schläfrig da und dehnte sich ordentlich in
der Mittagsglut.
    Es war erstickend heiss. In Schweiss gebadet, trat er unter den kalten
Hoftorweg eines Hauses mit einer Reihe von Hintergebäuden. Es trug die
angegebene Nummer. Einen Portier gab es nicht. Da er annahm, dass sie allein
wohne, hoffte er ihren Namen an einer Tür zu finden, als er die engen
schmutzigen Treppen hinaufstieg. Doch täuschte er sich. Nur eine Tür, drei
Treppen rechts, trug gar keine Namensaufschrift, und obschon er dreimal
klingelte, öffnete Niemand Er irrte noch lange im Hofe umher, fragte bei drei
verschiedenen Portiers und Vicewirten, endlich bei dem Hauptwirt, der auf die
Frage: ob hier ein Fräulein Kreutzner wohne, eine kalt verneinende Antwort gab.
Offenbar hinterliess er mit seinem eleganten Rock einen sonderbaren Eindruck bei
den schmutzigen Kinderscharen auf Treppen und Höfen, die ihm verwundert
nachgafften.
    Die Hitze drückte auf sein Hirn. Asphalt- und Holzpflaster in der
Friedrichstadt schienen zu schwitzen, selbst die Steine erweicht zu stöhnen. Was
machen! Ah, da blieb nur eins: er fuhr direkt in das Wiener Café. Als er dort
erschien und seinen Schoppen Pilsener bestellt hatte, fragte er den dortigen
Kellner kurz, ohne weiteres Herumgerede: »Seit wann ist denn die Kati nicht
mehr hier?«
    »O schon seit vorigen Dienstag nicht« grölte dieser. »Seit sie der Kerl da
herausgenommen hat.«
    »Wer?« Eduard fühlte sein Blut erstarren.
    »Ach, davon wissen Sie nichts? Nun, der Eberhart.«
    »Wer ist denn das? Was weiss denn ich davon?«
    »Nun, der hier immer um Kati herum war. Ach, Sie kennen ihn ja! So Einer
mit Bart-Cotelettes, verstehn sie. Der war ja immer auch da, wenn Sie da waren.«
    »Jaja, ich erinnere mich,« murmelte Eduard dumpf. »Also der!«
    »Er war auch draussen in Treptow und hat sie da besucht. Na, nun hat sie ja,
was sie wollte.«
    Plötzlich erschien der Wirt des Cafés, Herr Bammer, elegant geschniegelt,
wie gewöhnlich. Derselbe schimpfte mit aller Kraft auf die pflichtvergessene
»raffinirte Person«, die ihn höchst unangenehm hineingelegt. Der ganze Hergang
war folgender gewesen.
    An jenem Dienstag vor acht Tagen war Kati plötzlich erschienen und hatte
erklärt, dass sie nie mehr nach Treptow hinausgehe. Der Alte dort sei immer
hinter ihr her, und wenn sie der zu Frieden lasse, komme der Junge. - Er,
Bammer, habe das für faule Fische erklärt. Nachdem sich dann daraus ein Zank
entwickelt, sei sie still geworden und habe sich für krank ausgegeben. Sie müsse
zu ihrem Arzte gehn. Dann sei sie um fünf Uhr weggegangen und seitdem nicht
wieder gekommen. Eine nähere Nachforschung ergab jedoch, dass sie einen
Dienstmann an Herrn Eberhart gesandt. Dieser Mann war ein reicher Holzhändler,
liess sich aber consequent »Herr Hauptmann« anreden, weil er zufällig in diesem
Range der Reserve angehörte. Ein boshafter Zufall hatte gewollt, dass der
Buchhalter Bammers in der Reichensberger Strasse wohnte, und dieser hatte Kati
in aller Frühe dort aus dem Hause Eberharts kommen sehn.
    In wortlosem bleichem Grimm erhob sich Roter, nachdem er erfolglos versucht
den Gleichgültigen zu spielen, und wanderte heim. Erdrückend schwül lastete sein
Leben auf ihm, öde und leer gähnte ihn ein Vacuum von Langeweile und Ekel an. Er
hatte innerlich seine ganze Leidenschaft und sein ganzes Gefühl auf eine Karte
gesetzt, und diese mit einem einzigen Va-Banque verloren. Wozu dies Leben! Die
Befriedigung der Eitelkeit, die man etwa »Ruhm« nennen könnte, dieser
erbärmliche Erfolg, den der Künstler erstrebt, widerte ihn an. Die Natur, je
mehr er sich in sie versenkte, blieb ihm immer mehr eine steinerne Maske. So
klammerte er sich denn mit letzter Kraft an dies erotische Gefühl. Hier lag die
geheime Truhe seines Innern, wo er all seine Schätze aufgespeichert. Und nun
hatte ein Dieb ihm Alles über Nacht geraubt.
    Nein, nicht ein Dieb. Was war der einzelne Mensch, der einzelne Fall! Was
galt das ihm! Prüfte er seine Gefühle und sondirte seine Motive, so musste er
sich gestehen, dass er weder jenen grossen Unbekannten hasste noch das Weib selber,
sondern dass ihm wiederum wie von je das erstickende Bewusstsein mit neidischer
Wut die Brust beklemmte, wie ohnmächtig der arme Künstler mit seinem Anspruch
auf Genuss der Welt gegenüberstehe.
    Der nichtigste Geselle, der Lieutenant mit der glatten Taille und der
Assessor mit dem Wirbelscheitel - von dem parfümduftenden Ladenschwengel und dem
goldklimpernden Banquier ganz zu schweigen - spielt in der Welt eine bessere
Figur, als der Künstler, der Federheld, der Musikus. Und gar erst beim Weibe!
Beim Weibe? Ja gewiss gibt es weiblicher Wesen genug, die für das Romantische
schwärmen, die sich von der Verehrung eines Musensohnes geblendet und
geschmeichelt fühlen - aber das Praktische siegt im letzten Augenblick ja doch
auch hier. Und wäre es auch nicht so, den Künstler zwingt ja nun einmal sein
Kultus schöner Sinnlichkeit, das sinnlich Schöne zu begehren - selbst wenn es
sich in Gestalt einer Dirne darstellt. Und hier fühlte er sich durch ein
rätselhaft Zwingendes dämonisch an dies Mädchen geleitet, das nicht nur seine
Sinne, sondern auch sein Herz bis zum letzten Blutstropfen erglühen liess.
    Jetzt war diese Rose also verwelkt und gebrochen, der Wurm hatte sich in sie
hineingebohrt. Alles war aus. Eine tiefe Verzweiflung über die Nichtigkeit all
seines Strebens und Lebens verdunkelte ihm die klare Vernunft. Sein Groll musste
sich in schmähenden groben Worten Luft machen. Und so liess er sich denn dazu
fortreissen, in einem Café Feder und Tinte fordernd, folgenden Brief nach der
Gerichtsstrasse zu richten - denn sie wohnte in der Tat dort, wie er erfuhr; er
hatte nur nicht den Namen der Wirtin, Frau Lämmers, gewusst.
                                 »Liebe Kati!
    Mit Vergnügen habe ich erfahren, dass Sie eine ganz gemeine Dirne geworden
sind. Nun kann ich ja machen, was ich will. Ich ersuche Sie aber, mir
unverzüglich meine Briefe zurückzustellen, deren ich mich natürlich schäme;
sonst werde ich mich an Ihren Aushälter halten müssen. Wenn Sie übrigens mal
zwanzig Mark brauchen - die will ich schon für Sie daran wenden.«
    Aber als er nach Hause in sein einsames Atelier zurückgekehrt war, empfand
er tief die Würdelosigkeit dieses Benehmens und sandte einge kurze Zeilen, in
edelem Ton gehalten. Sie schlossen: »Es rächt sich Alles auf Erden.«
    Er war wie wahnsinnig. Indem seine Phantasie sich geil und lüstern ausmalte,
wie das prächtige Weib sich von jenem höheren Stallknecht ihre intimsten
Bedürfnisse besorgen lasse, ergriff ihn selbst eine verzehrende Begier.
    Nachdem er in schlafloser Nacht seine gramvolle Leidenschaft hin- und
hergewälzt, machte er sich am andern Morgen auf. Teils seine Leidenschaft
teils seine Eitelkeit, die einen Eklat fürchtete, trieben ihn an, sie nicht
loszulassen, sondern auf ihrer Spur zu bleiben. Diesmal benutzte er die
Pferdebahn von der Weidendammer Brücke aus. Welch ein endloser Weg, die
Chausseestrasse und die endlose Müllerstrasse entlang! Aber er fand richtig das
Haus, und als er drei Treppen rechts im Vordergebäude klingelte - ihm zitterten
die Kniee vor Erwartung, als er die schmutzig steile Treppe hinanstieg - öffnete
ihm diesmal eine anständig aussehende Frau und bat ihn einzutreten, als er nach
Fräulein Kreutzner fragte. Die Dame sei ausgegangen, um eine Stelle zu suchen.
»Sind Sie nicht der Herr Agent, den sie erwartete?« Roter brummte etwas
Ausweichendes vor sich hin und bat um Schreibzeug. Dann hinterliess er Kati
einen Brief, er werde um fünf Uhr bei ihr vorsprechen. Er beschwöre sie, auf ihn
zu hören. Ihr Schicksal liege in ihrer Hand; dies sei sein letztes Wort.
    Er fuhr direkt in das Café Bammer zurück und schlürfte mit unbefangenster
Miene seinen Eierpunsch, während er aufmerksam horchte. Es erschien nämlich
nunmehr eine Gestalt auf der Bildfläche, die von besonderer Wichtigkeit für den
Fall sein konnte. Herr Wursteler, ein stets elegant gekleideter, schwarzhaariger
und wohlaussehender Dreissiger, wohnte bei seinem Freunde Bammer. Beide waren
Spiessgesellen aus frühen Jugendtagen und hatten von einander Mancherlei zu
verschweigen. Wursteler fröhnte einem kavaliermässigen Müssiggang, obschon er
sich unter dem vieldeutigen Namen »Agent« herumtrieb. Er besass eine Gattin,
welche ziemlich hässlich, aber anständig aussah und, wegen eines kleinen Batzen
Geldes von dem flotten Schwerenöter geehelicht, nun an chronischer Eifersucht
leiden musste. Hinter Kati war er immer anbetend hergeschlichen, wie Bammer
einmal Roter lachend erzählte, und pflegte ihr zärtlich Morgens aufzulauern,
wenn sie aus ihrer Stube ins Lokal hinunterkam, wofür er »a sakrische Watschen«
schon mehrmals geerntet hatte. - Nun ergab sich aber, dass jene neue Wirtin
Katis durch Wurstelers dieser empfohlen war und dass Wurstelers, wie jetzt
herauskam und gestanden wurde, auf Katis Kosten mit dieser die erste Nacht im
Grand Hotel zugebracht hatten, ehe sie zu der Wirtin Frau Lämmers, die ihre
Wohnung in der Gerichtsstrasse eben erst gemietet hatte, einzog. Ueber alles
Weitere fehlte hingegen auch Wurstelers jede Nachricht; sie brach hier ab.
    Auch tauchte jetzt die schwarze Emmy hinterm Buffettisch auf, wo einst Kati
getront, ihre holde Rivalin. Man sagte ihr nach, dass sie Herrn Bammers stille
Schäferstündchen teile und ihr Kammer-Riegel für ihn nicht schliesse. Es war,
wie sie Roter einmal geklagt hatte, die bekannte Verleumdung der Welt. Sie
begrüsste ihn nunmehr mit einem vielsagenden meckernden Kichern - sie lachte
immer gezwungen, wie mit dem Magen -, was Roter jedoch absichtlich nicht
verstand. Er tat natürlich, als ob ihn das sehr lebhafte Gespräch über Katis
Schandtaten nichts angehe. Betreffs des Getroffenwerdens in der
Reichensbergerstrasse hatte sie nämlich behauptet, in einem scharfen Brief an die
Wurstelers, dass sie einfach ihre Wirtin, die ihre Schwester zum Görlitzer
Bahnhof brachte, begleitet habe.
    »Die Sache ist auch noch nicht aufgeklärt,« bemerkte Wursteler mit Emphase,
»dahinter steckt auch noch etwas. Sie hat da irgend ein Verhältnis.«
    »Ja,« fiel Frau Wursteler ein, »er hat ihr letztin mehrmals Briefe
geschrieben. Er ist ja wohl in München.« Roter horchte hochauf und bewegte sich
unruhig hin und her.
    »Ja, jetzt soll er aber wieder hier sein,« machte Wursteler, indem er
möglichst unbefangen aussah; Roter, der ihn beobachtete, vermochte durchaus
keinen lauernden Seitenblick aufzufangen. »Neulich als sie von Treptow
hereinkam, sagte sie so etwas im Allgemeinen: Ich denke, er ist verreist und da
ist er wieder hier!«
    »So?« fragte Roter mit etwas heiserer Stimme; er spürte eine gewisse
Trockenheit im Halse, als ob er sich in sengender Hitze durch Sandwüsten halb
verschmachtet hinschleppe. »Hat sie denn nie gesagt, wer das ist?«
    »Nein,« fiel die schwarze Emmy geschwätzig plappernd ein. »Nur etwas war da,
so'n Anzeichen. Sie hatte da so'ne Broche, mit einer Schlange drauf - die trug
sie immer allein von all ihren Schmucksachen.«
    »Ja richtig.« Frau Wursteler warf ihr einen bedeutungsvollen Blick zu. »Sie
sagte immer: Jajaja, das ist ganz 'was anders. Das trag' ich, weil es mich an
Jemand erinnert.« Roter räusperte sich verlegen; Bammer aber, der sich eine
Zeitlang entfernt hatte und jetzt hinzukommend die letzten Worte hörte, fuhr
dazwischen:
    »Larifari! Das ist Alles nur Verstellung. He, wie, sie leugnet gar nicht,
dass sie sich mit dem Eberhard genossen hat?«
    »Ne,« sagte der Kellner, der damals Roter zuerst aufgeklärt hatte. »Traf
vorgestern den Eberhart an der Weidendammer Brücke, wie er zu ihr hinausfuhr. Er
hielt ein paar Rosen, die sie ihm geschenkt hatte.«
    Roter fühlte, wie eine dunkle Blutwelle ihm rotsiedend zum Hirne drang. Er
biss sich auf die Lippen und schwieg. Die schwarze Emmy beobachtete ihn, die
Andern empfahlen sich aus irgend einem Grunde. Wursteler aber liess im
Vorübergehen an Roter halblaut die Worte fallen: »Glauben Sie nur ja nicht
Alles, was hier gered't wird.« Damit entfernte er sich hastig. Roter versank in
Nachdenken. Langsam glitten alle vergangenen Vorfälle vor ihm vorüber. Die
Tatsache ihres Fliehens vor ihm in Treptow, dann wieder die Mitteilungen der
Wurstelers - hier lag irgend ein Geheimnis vor. Er grübelte und grübelte -
darüber wurde es halbfünf. In zitternder Haft und unbeschreiblicher
Gemütsverwirrung machte er sich auf den Weg.
    »Nun?« fragte er in der Gerichtsstrasse an der schon wohlbekannten Tür. Die
Wirtin schüttelte den Kopf, er sei immer noch nicht gekommen. Und so stieg er
denn schweren Herzens wieder hinab. Er fühlte sich so müde, dass er beim zweiten
Treppenabsatz sich atemschöpfend ans Geländer lehnte.
    Da plötzlich knarrte die Treppe von einem emporklimmenden Schritt: Wie von
einem elektrischen Schlag durchzuckt, fühlte Eduard: Sie war es! Sie, sein
Traumbild in einsamen Nächten!
    Ja, sie war es! Ihre prachtvolle Gestalt knapp von einem schwarzen einfachen
Gewand umschlossen. Als sie ihn erblickte, blieb sie einen Augenblick,
zusammenschreckend, stehn. Dann stieg sie etwas schwerfällig die Stufen bis zu
ihm empor. Er wartete, bis sie neben ihm stand, auffallend bleich, mit einem
finsteren harten Ausdruck der schönen Züge.
    »Haben Sie mir nichts zu sagen?«
    Sie gab keine Antwort und schritt an ihm vorbei, schweigend, mit erhobenem
Haupte. Ihm war buchstäblich, als ob ihn ein schneidendes Schwert durchschnitte.
Mark und Bein erzitterten ihm. Und mit zitternder Stimme fragte er nochmals,
halb stammelnd und doch bemüht, einen sicheren Befehlton festzuhalten:
»Nochmals, haben Sie mir nichts zu sagen? Es ist mein letztes Wort.«
    Aber ohne zu antworten stieg sie höher und höher, und ohne sich umzusehen,
stieg er hinab, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. In seinem Innern gährte und
schäumte Unaussprechliches durcheinander. Er traf am Abend einige jüngere
Künstler, die ihm docirten, die Liebe sei etwas Unreifes, was unter die Füsse
getreten werden müsse. Doch mit finsterem Humor vertrat er dagegen die Ansicht,
nur durch erotische Leidenschaft werde Ausserordentliches zu Tage gefördert. Er
selbst docirte dabei ebenso weise als erfahrener Mann, wie die andern Jünglinge
mit der misogynischen Weisheitswürde. Aber eine Ahnung von der Lächerlichkeit
all dieser reifen Teorieen dämmerte ihm heimlich.
    Und siehe da, am andern Morgen erhielt er einen Brief, dessen
Adresse-Handschrift ihn schon erbleichen machte:
        »Dass ich Ihnen auf der Treppe keine Antwort gegeben, darf Sie wohl nicht
        wundern. Doch weil ich nicht herzlos sein kann, sende ich Ihnen diese
        wenigen Zeilen. Was ich diese Tage gelitten, weiss nur ein guter Gott,
        vor dem allein ich mich zu verantworten habe. Ich wünsche Ihnen nur, dass
        Sie solche Stunden nie kennen lernen, denn dann könnten Sie die einzig
        richtige Bedeutung des Wortes Verzweiflung fühlen. Vergessen werde ich
        die Beleidigungen nie und Gott gebe, dass Ihnen in diesem Falle nicht
        Ihre eigenen Worte zur Wahrheit werden (es rächt sich Alles auf Erden)
        und wenn sich nie in Ihrem Leben Jemand mehr über Sie lustig macht als
        ich es getan, dann sind Sie der unbehelligste Mensch, den es überhaupt
        gibt. Nur bitte, lassen Sie mich aus dem Spiele, es sind dies die
        letzten Zeilen, die Sie von mir je bekommen, ich bin froh, wenn ich
        meine Ruhe habe.«
    Roter war es, als gingen ihm Dolchstiche durch und durch, da er diese
einfachen Zeilen leidenschaftlicher Beredsamkeit durchlas. Ja, dachte er, ob die
Heerde Dich verbannte, Einer blieb Dir, wundes Reh. Ich, ich allein erkannte
dein besseres Ich und wenn Du zu bereuen hast, so wollen wir selbander die Reue
tragen. Aller Schmutz in deiner Seele zerstiebt vor meines Geistes Hauch.. Dies
Geheimnis deiner Seele soll kein Anderer verstehn.
    Da erblühte ihm noch eine seltsame Ueberraschung. Sein Dienstmädchen meldete
ihm Herrn Schneidemühl. Dieser Herr führte eine ebenso merkwürdige als
fragwürdige Existenz. Seines Zeichens Bildhauer, ernährte er sich von
Stukkaturarbeiten, die er fabrikmässig betrieb, nebenbei aber nahm er mit
Vorliebe die Börsen seiner guten Freunde in Anspruch. So ahnte denn Roter
nichts Gutes, als sein Freund Schneidemühl ihn freudig »wieder zurück in Berlin«
bewillkommete. Seine Erwartungen wurden aber übertroffen; denn, nachdem
Schneidemühl seinen Schnurbart verlegen gestrichen, eröffnete er, dass Kati
gestern bei ihm gewesen sei und erschrecklich lamentirt habe. Es ergab sich, dass
der geniale Bayer (er war ein Landsmann Katis) wieder mal umsonst den heiligen
Pumpus von Perusia, seinen Schutzpatron, um freigebige Huld ersucht hatte. Auch
der würdige Caféwirt Bammer, den er täglich frequentirte, litt in dieser
Beziehung an Schwerhörigkeit. Aber Eine war nicht taub geblieben: das war Kati,
die ihm schweren Herzens vierzig Mark geborgt hatte. Nun in ihrer Not - sie
wusste nicht wovon leben - forderte sie die Summe zurück und Schneidemühl fand
keinen anderen Ausweg, als Roter darum zu ersuchen. Dieser, natürlich tief
ergriffen von diesem neuen Beweis für Katis edle Gesinnung und von
Schneidemühls Schilderung, wie sie vor Schluchzen nicht habe reden können,
sandte sofort die Summe per Post an ihre Adresse mit einigen Zeilen voll warmer
Hingebung, worin er sich nochmals verteidigte. - Ein unaufschiebbares Geschäft
zwang ihn, am selben Abend nach Dresden zu reisen, wo er mit einem Kunständler
ein Geschäft zu verhandeln hatte. Aber er wandelte dort wie im Traum umher. Als
er rein zufällig in ein schlechtes Haus geriet, war es ihm unmöglich, auch nur
einen Augenblick dort zu verweilen; er empfahl sich den fidelen Genossen, die
ihn dortin gelockt, unter einem Vorwand. Ununterbrochen schwebte ihr Antlitz
vor seinen Augen, bleich und in Tränen gebadet. Selbst die Venus von Milo hätte
er in diesem Zustand nicht berührt, wenn sich die Göttin selbst ihm zu Füssen
geworfen. Seine Venus sass in einem einsamen Kämmerlein im Wedding und weinte
sich die Augen blind. Seine Reisetasche schnüren, auf die Bahn stürzen und um
Mitternacht zurückdampfen, war ihm das Werk eines willenlosen Instinkts. - -
        »Diesmal muss ich meinem Entschluss untreu werden, indem ich Ihnen wieder
        schreibe und wenn ich Sie nicht kennen würde und nicht wüsste, dass Sie
        wankelmutiger sind als ein Schilfrohr, würde ich Ihnen sicher nicht
        mehr geschrieben haben. Vor allem meinen besten Dank für Ihre
        Freundlichkeit in Betreff des Herrn Schneidemühl. Böse bin ich Ihnen
        trotz Ihrer mir unvergesslichen Beleidigung nicht mehr und verzeihen tue
        ich es Ihnen aus ganzen Herzen, ich müsste nicht menschlich fühlen
        können, wenn mir Ihre Zeilen gleichsinnig waren, aber Jemandes Freund
        oder besser Meiner können Sie nicht sein, denn ich weiss genau, wenn
        heute Jemand zu Ihnen kommen würde und Ihnen sagte, ich hätte Dies oder
        Jenes gemacht, wären Sie zu neuen Beleidigungen fähig. Wenn ich Jemand
        gut bin, man könnte mir über die betreffende Person alles
        Menschenmögliche sagen, mein eigenes Fühlen und Denken steht mir immer
        höher, ich würde mir nie in dieser Beziehung eine Blösse geben, für das
        erste schon deshalb nicht, um Anderen nicht zu zeigen, dass man darunter
        leidet, und zweitens, schlecht gemacht ist bald Jemand, aber gut machen
        das geht ja sehr schwer, manchmal auch gar nicht. Trösten Sie sich über
        mein Schicksal es wird wohl wieder anders werden mit Gottes Hilfe. Herr
        Bammer hat mich zu schwer beleidigt, aber der ist auch kein Mensch.
        Gefühle gibt es bei ihm nicht und wenn, dann nur tierische. Ich war
        bei ihm, was Sie schon wissen, und da hat Er mir selbst gesagt, er hat
        beim Caffee Verluste gehabt, das heisst sie brauchten in Treptow nicht
        mehr soviel als wie ich dort war und Bammer musste ihnen nun die Hälfte
        Bier abnehmen und da sagte Herr Bammer mit diesen Worten ich wollte mich
        rächen. Dies ist allerdings eine sehr edle Rache. Glauben Sie mir wohl
        Herr Roter wenn ich schlecht wäre, dann wäre ich es allerdings so, dass
        Bammer von seiner Person aus mir was sagen könnte. Denn Jemand
        Schlechten schont man nicht und Bammer ist nicht der Mann, der dann
        Rücksicht kennen würde. Aber fragen Sie ihn, ob Er mir was sagen kann,
        weil aber dies nicht der Fall war, musste Er es auf solche Art tun. Doch
        genug davon. Alles rächt sich selbst. Ich wollte erst aus Berlin, nun
        aber tue ich es gerade nicht, weil es B. gerne haben möchte. Zu
        fürchten brauche ich mich nicht, aber wie schwer Er mir es macht in
        Berlin Stelle zu bekommen, musste ich schon manchesmal empfinden. Aber
        ich trotze doch, endlich wird mir das Geschick doch wieder freundlicher
        sein, nach jedem Regen wirds wiederum schön. Also keine Feindschaft mehr
        zwischen uns Beiden! Leben Sie wohl.
                                                                           K.K.«
    So las er am Morgen bei seiner Rückkunft nach Berlin.
    Dieser Brief mit dem Ausdruck echten weiblichen Stolzes, naiver Offenheit
und rührender Einfalt trotz einer gewissen Klugheit, Würde und Originalität, die
ihr auch in dem confusen und ungebildeten Stil mit den rhetorischen angelernten
Wendungen darin noch eigen blieb, brachte Roter zum Entschluss - zu einem
Entschluss, der lange genug in ihm herumrumort hatte.
    Er schrieb ihr in festem ruhigem Ton, dass er nicht wankelmütig sei und ihr
einen äussersten Beweis davon geben wolle. Ein so makelloses Mädchen, wie sie
sich mache, sei sie zwar auch nicht, obschon natürlich die Verleumdungen von ihm
nicht mehr geglaubt würden. Jetzt aber wolle er ihr sagen, was er sagen müsse,
da sonst sein ganzes Benehmen lächerrlich sein würde. Er liebe sie, liebe nicht
ihre Schönheit, sondern ihr ganzes eigentliches Wesen. Auch möge sie nicht
glauben, dass er sich bei ihr ein Ideal zurecht mache. Aber grade so, wie sie
sei, sei sie nun einmal sein Ideal. In ihrer Art müsse er sie ein ganz geniales
Weib nennen; denn des Mannes Genie stecke im Kopf, das des Weibes im Herzen. Nur
sie könne ihn glücklich machen. Die Mängel ihrer Bildung würden sich schon
ausgleichen; und wenn sie ihn liebe, würde ihr das ganz leicht fallen.
Jedenfalls aber könne nur sie ihn verstehen, wie nur er ihr Wesen verstände, wo
so viel Romantisch-Poetisches sich mit so viel praktischer Klugheit mische.
    Kurz denn und rund heraus, er wolle sie heiraten, wenn sie noch etwas
warten wolle. Er glaube fest an seinen Stern und er glaube an sie.
    In drei Tagen wolle er sich ihre Antwort holen. Bis dahin sei er ihr
aufrichtiger und getreuer E.R. -
    Die Tage verstrichen ihm wirr und wüst in steter Erregung. Der Tag kam;
leider hatte er am Abend eine Verabredung, zu welcher er sich einfinden musste.
    Er musste die Stadtbahn benutzen, welche über Moabit im Kreise läuft. Wie öde
und traurig erschien ihm die Natur, trotz ihres Juli-Grüns - die ersten Vorboten
des Herbstes zeigten sich mitten im Sommer, eine tiefmelancholische Stimmung lag
über die Hügel und Haiden der märkischen Sand-Umgegend Berlins ausgegossen.
Mitten im Sonnenschein fröstelte ihn. Ein krankhaftes Gefühl durchzitterte
seinen nervösen Organismus, als sei er ein Stück verrostetes Eisen, das man auf
den Schutt werfen müsse. Jeder andre Gedanke, jedes andre erstrebenswerte Ziel
war völlig aus seinem Hirn wie weggebrannt. An der Schürze eines schönen Weibes
hing ihm das All. Wie ein Traum im Traum, spann es sich um ihn her. Seine Sinne
wirbelten; ihm schwindelte; seinen Magen und seine Eingeweide durchzog eine
seltsame Beklemmung, wie nahende Seekrankheit beim Schwanken eines Schiffes.
Denn so schien das Schiff des Lebens mit ihm zu schwanken.
    Station Wedding!.. Die Station, der lange Bretterzaun, der von ihr entlang
führte, die Gerichtsstrasse mit ihrem holprigen Pflaster - alles das schien ihm,
in der schwülen Beleuchtung des Sommerabends, in seltsame Lichtreflexe getaucht,
wie ein wildfremdes symbolisches Etwas. Jeder Stein schien ihn mit lebendigen
Augen altklug anzustarren, als besässe er den wahren Schlüssel zu dieser
menschlichen Seelenpein; als stände er in geheimnisvoller Beziehung zu dem
Schicksal dieser liebeskranken Menschenpflanze, die dem festen Boden entrissen,
vom Wind entführt, ziellos, zwecklos, kraftlos, hinzusiechen verdammt.
    Ihm war, als ob er umsinken sollte; seine Kniee bebten, als er die
schmutzige steile Treppe hinanstieg. Aber er klingelte gefassten Mutes.
    »Ist Fräulein Kreutzner zu Hause?«
    »Gewiss,« sagte die Wirtin höflich. »Bitte, treten Sie um hier ein. Ich
werde sie rufen; sie ist mal runtergegangen.«
    Er sass am Fenster und starrte hinaus. Nach einiger Zeit öffnete sich lautlos
die Tür und sie trat ein. Sie ging langsam bis in die Mitte des Zimmers, ohne
die Augen aufzuschliessen, beide standen sich einen Augenblick stumm gegenüber.
    »Nun, was haben Sie nur zu antworten?« fragte er ruhig.
    »Ja, Herr Roter,« sagte sie zögernd. »Das geht nicht so schnell.«
    »Ja, bei mir muss aber Alles schnell gehn.«
    »Ja, ich.. aber bitte, bleiben Sie doch sitzen!« Er sass; sie stand. Ihr
Gesicht war gerötet, ihr Ausdruck sehr ernst.
    »Ist denn das wirklich Ihr Ernst? Ich habe nichts.«
    Er sprang unwillig auf. »Wenn Sie mir so kommen! Dass Sie nichts haben, weiss
ich doch selber.«
    »Aber Sie müssen mich doch aushören!« sagte sie mit verlegenem Lächeln.
»Nun, warten wir ein Jahr, und wenn Sie dann nicht anderen Sinns geworden sind -
nun, dann können wir uns heiraten ... Nun, was sagen Sie dazu?«
    »Wozu?« fragte er absichtlich, als hätte er nicht recht hingehört.
    »Zu dem, was ich gesagt habe.«
    »Ich bin's zufrieden.« Beide sahen sich an.
    »Nun.. aber Sie haben ja kein Feuer.« Sie eilte rasch, ihm ein Zündholz für
seine ausgegangene Cigarre zu reichen.
    Beide schwiegen eine Zeitlang. Plötzlich entfuhr es ihr wie unwillkürlich:
    »So hängt das Alles zusammen? Aber so was!« Sie lehnte sich über den Stuhl
und sah nachdenklich vor sich nieder.
    »Nun bitt' ich Sie aber,« sagte er rasch, »was haben Sie Herrn Wursteler,
von mir gesagt?«
    »Ich? Nichts, dass ich wüsste!«
    »Nun, ich würde mir eher die Hand abreissen, eh ich das sonst erzählte. Sie
haben gesagt, ich ... doch nein, sagen Sie, was meinten Sie denn damit, was Sie
sagten, als Sie von draussen hereinkamen?«
    »Was denn? Ich hab nur gefragt: War Roter schon hier?«
    »Sie haben meinen Namen genannt?«
    »Ja wohl.«
    »So so!« machte er enttäuscht. »Dann ist's 'was Anderes. Eigentlich hab ich
nur daraufhin Ihnen das geschrieben, was ich schrieb. Dann freilich fällt das
fort.«
    »Was fällt fort?«
    »Nun, wenn das wahr war,« Roter unterdrückte jede weitere Anspielung, »so
wäre es nicht recht von Ihnen gewesen, mit dem Eberhart zusammen zu kommen. Und
das taten Sie doch?«
    »Ja,« sagte sie verlegen, mit ernstem Ausdruck.
    »So haben Sie für den eine Neigung?«
    »Nicht die Spur!« erwiderte sie halblachend. »Ich hab mir nur gedacht, er
wäre unter all den Andern noch mir der Anständigste. Und darum schrieb ich an
ihn.«
    »Gut, ich kann verstehn, dass Sie ihn einmal sahen. Siehe das zweitemal,
nachdem Sie meinen Brief erhielten, nun, das war gemein.«
    »Ja, ich hatte doch eigentlich keine Verpflichtung.« Er lag vor sich nieder.
    »Gewiss nicht. Aber nach meinem Briefe mussten Sie wissen, wie es mit mir
steht. Und daraufhin.. Zudem, warum sind Sie damals nicht nach Treptow
hinausgekommen?«
    »Ich fürchtete mich. Anfangs wollt ich durchaus gehn; aber dann dacht ich
immer wieder, Sie spielten mit Bammer unter einer Decke zusammen.«
    »Ich! Wie konnten Sie so was denken!«
    »Ja, ich glaubt' es eben.«
    »Na, das war hübsch, wie ich da draussen umhergestiefelt bin,« lachte er. Sie
lachte melodisch mit. Dann sagte sie aber ernst:
    »Wie konnten Sie mir nur solch einen ordinären Brief schreiben!«
    »Nu, war denn der so schlimm?«
    »Ach so abscheulich!« Sie schlug die Hände über dem Kopf zusammen und
schauderte ordentlich.
    »So, wo ist er denn?«
    »O ich habe ihn gleich verbrannt.«
    Eine kurze Pause trat ein.
    »Ueberhaupt,« sagte sie plötzlich, »auch Ihr letzter Brief.. dass Einer so
was von mir denken kann, dass ich nach Männern angle und aufs Geheiratetwerden
spekulire! Ich bin gar nicht heiratslustig, nein durchaus nicht. Noch vor ein
paar Wochen war ein Agent bei mir, der nur das anbot. Ich sollt einen
Kammerdiener heiraten mit 50,000 Taler. Der hatte mein Bild gesehn und so ...
Aber ich hab's gleich abgeschlagen. Was soll ich denn mit so 'nem Alten!«
    Ein eifersüchtiger Groll ergriff Roter schon bei diesem Gedanken. Also gab
es wirklich solche!
    »Wollen Sie mein letztes Bild sehen?« fragte sie und machte ihr Album auf. -
Sie stand da, einen Champagnerkelch in der Hand, einen Herrn neben sich, einen
andern vor ihr am Boden knieend. Sie sah zwar verlockend üppig und pikant aus
mit dem sinnlichen Ausdruck ihrer Züge, aber so gemein, dass Roter erschrak.
    »Puh!« sagte er »das reine bayrische Biermensch! In die hätt ich mich nie
verliebt.« Und in der Tat war zwischen diesem Bild und dem ernsten
melancholischen Mädchen, das vor ihm stand, kaum eine Aehnlichkeit zu entdecken.
    »Ja, das Bild darf nicht gezeigt werden. Die Herrn - es sind ein paar
Lieutenants - haben ihr Wort darauf geben müssen; eher tat ich's nicht. Bammer
zwang mich dazu.«
    »So. Auch die andern Bilder da im Costüm sind nicht ähnlich. Sieh, der
österreichische Offizier da.. wer ist das?«
    Sie schwieg und lächelte verlegen.
    »Aha, ist das der grosse Unbekannte, der erste Amoroso?«
    Nach einer Pause stiess sie hastig, aber mit augenscheinlicher
Gleichgültigkeit hervor:
    »Ja, den hab ich einst sehr gern gehabt.«
    »Herr Gott, dies stupide Gesicht!« brummte er in sich und kopfschüttelnd.
»Halt, wer ist dies Dämchen da gegenüber?« Sie antwortete nicht. »Ein
interessanter Kopf.«
    »Aber das bin ich ja!«
    »Sie?« Er mass sie befremdet - keine Spur von Aehnlichkeit zwischen diesen
leidenden schmachtenden Zügen und dem üppig blühenden Weibe vor ihm. »Da waren
Sie wohl noch sehr jung.«
    »I bewahre, die Photographie ist aufgenommen, grad als ich nach Berlin kam.
Ich sah sehr angegriffen aus.«
    »So, weshalb?« Sie gab keine Antwort. - Er ergriff Hut und Stock. »Ich muss
fort zu einer Verabredung. Also gut, adieu. Wenn der Eberhart Sie besucht ...«
    »Mich? Hier? Niemals. Ich hab es ihm untersagt. Und jetzt schreib' ich ihm,
dass er für mich eintreten soll gegen Bammer - nun, wir werden ja das Weitere
sehn.«
    »Schon gut. Ich sehe, dass ich bei dem Allen nur eine lächerliche Rolle
spiele. Ich hätte Ihnen nicht meinen Antrag gemacht, wenn nicht Wursteler mir
gesagt hätte.. doch, wenn's auch nicht wahr ist: was ich schrieb, bleibt
bestehen. Aber ebenso, was Sie von dem Jahr warten gesagt haben. - Geben Sie mir
Feuer!«
    Er hatte kurz, befehlend gesprochen. Sie eilte unterwürfig heran und brachte
es ihm, wie eine zärtliche Sklavin.
    »Also wann wollen wir uns wieder sprechen?«
    »Ich werde Ihnen schreiben, weil jetzt natürlich in der ersten Zeit ich
möglichst vermeiden muss, mit Jemand zusammenzukommen. Aber mit Ihnen darf ich
natürlich jetzt eine Ausnahme machen.«
    »Mündliche Abmachung ist besser.«
    »Nein, es, macht mir Vergnügen, Ihnen zu schreiben. Sie haben ja so viel
geschrieben; da kann ich doch auch schreiben,« sagte sie freundlich.
    »Schön. Also adieu.«
    Er wandte sich elegant auf den Hacken um, nachdem er sich kalt verbeugt.
    »Aber so geben Sie mir doch die Hand!« klagte sie vorwurfsvoll.
    Er gab ihr nur die Fingerspitzen. Sie gab ihm bis zum Treppenabsatz das
Geleit und sah ihm nach. - -
    Mehrere Tage verstrichen, welche Roter in dem denkbar krankhaftesten
Zustand verbrachte. Er konnte kaum einen klaren Gedanken fassen oder vielmehr,
all seine Gedanken drehten sich unablässig um den Punkt des einen grossen
Dilemmas:
    Wird sie über mein Bild in Wut geraten und mich compromittiren? Würden wir
Beide wirklich es durchsetzen, als Paar der Welt zu trotzen?
    Ich habe ihr gewissermassen falsche Vorspiegelungen gemacht oder besser, die
falschen Vorstellungen, die sie und alle Andern nähren, nicht zerstört. Sie hält
mich für vermögend genug, um ihr ein comfortables Heim zu bieten. Glaubt doch
auch die Welt, dass der Ruhm eines Künstlers seinen Einkünften entspreche,
während grade hier meist das Verdienst und der Verdienst nicht im Einklange
stehen. Roter erbte allerdings einst von einem alten Erbonkel etwas Vermögen,
aber das stand noch in weiter Zukunft.
    Den Rest jenes Abends, als er von ihr zurückkehrte, hatte er in grossem
Collegenkreis verbracht, wobei er am Abend in einem Café verschiedene
langerwartete Zeichnungen von sich in illustrirten Blättern, mit grossen
Lobeserhebungen verbrämt, vorfand. Das wäre ihm früher wichtig und wertvoll
gewesen, jetzt liess es ihn völlig kalt. Die Sachen gewannen für ihn höchstens
Wert, wenn sie ihr Auge darauf warf, sodass er bei ihr an Ansehen wuchs. Wären
sie nur etwas früher erschienen - aber jetzt waren Zeichnungen und Ruhmposaunen
für ihn ohne alle Bedeutung. Als er an jenem Abend heimkehrte, fand er
abschlägigen Bescheid betreffs einer akademischen Lehrstelle, um die er sich
beworben. Das allein hätte ihn aufgeheitert: Er bedurfte eines festen Postens
und Einkommens, um ihretwillen. Seine Kunst mochte darunter leiden, ja zum
Teufel gehn, er selbst diese Bürde als schwere Mühsal auf den freien
Künstlernacken laden - wenn sie nur glücklich, nur gerettet wurde! Er wollte
gern entbehren, wenn er ihr nur seidene Kleider stiften konnte. Ein Kuss von ihr
schien mit hundert Dornenstichen nicht zu hoch bezahlt.
    Nach ein paar Tagen erhielt er folgendes Billett:
        »Herr Roter! Es tut mir leid dass ich Ihrem Wunsche uns irgendwo zu
        sprechen nicht nachkommen kann aus dem Grunde Sie würden sich nur selbst
        compromitiren. Denn Herr Bammer hat eine neue Gemeinheit gegen mich ins
        Werk gesetzt. Diesen Morgen kam ein - - Kriminalbeamter! und fragte nach
        mir. Er zeigte mir einen anonymen Brief worin stand die Polizei möchte
        ein wachsames Auge auf mich haben ich wäre bis 1. Juli in dem Café in
        Stellung gewesen, wäre ohne Grund fort und es sei zweifelhaft wovon ich
        lebe - - - - es sind einige Sachen in den Brief, die nur Bammer allein
        wissen kann, und ich kann schwören, dass es die Schrift seines
        Buchhalters war. Ich hatte per Zufall ein Stückchen Papier mit der
        Schrift des letztgenannten. Wir verglichen die Schrift und der Beamte
        war nun auch meiner Meinung: ich wusste wohl, dass es rachsüchtige Leute
        gibt, aber dass solche existiren, die nicht ruhen bis sie ihr Opfer
        vollends zu Grunde gerichtet haben, das glaubte ich nie und dies kann ja
        wohl noch geschehen. Was liegt mir an meinem Leben. Nahe daran war ich
        schon einmal. Heute bereue ich es dass ich so feig war.
        Nun zur Sache: geweint hatte ich heute nicht, denn ich habe es allzu oft
        in letzter Zeit getan, aber der Beamte mag wohl ohne Tränen mein
        tiefes Leid erkannt haben und hatte Mitleid mit mir. Er tröstete mich
        und meinte die Sache bleibt ganz still, ein Ehrenmann kann frei
        auftreten und braucht keine anonymen Briefe zu schreiben und übrigens
        traut er meinem ehrlichen Gesicht. Ich hatte ihm dann auch noch den
        deutlichsten Beweis wovon ich es gezeigt (es schmerzt mich zu sagen),
        einige Versatzungen. Nun Herr Roter wissen Sie mein neuestes Erlebnis -
        und nun bitte ich Sie dringend überlassen Sie mich gegenwärtig meinem
        Schicksal. Wenn es Gottes Wille ist, werden wir uns wohl wiedersehen,
        vermutlich in besserer Zeit. Kränken Sie sich meinetwegen nicht, ich
        habe viel zu ertragen gelernt. Nun seien sie einstweilen bestens gegrüsst
        von Kati K.«
    Roter schrieb ihr auf diesen rührenden Klageruf unverzüglich, dass dies ja
allen alleinstehenden Mädchen in Berlin passire, da die Polizei in dieser
Beziehung unumschränkte Befugnisse hat. Sprechen müsse er sie in jedem Fall. Sie
möchten sich also zufällig auf der Stadtbahn sprechen, im Coupé selbst, um jede
Möglichkeit des Aufsehens zu vermeiden. In einem Nachsatz teilte er ihr mit,
dass der Zahlkellner wieder allen Gästen erzählt habe, die »Schöne Kati« mache
mit dem reichen Mühlenfabrikanten Eberhart ihre Hochzeitreise. Neulich sei sie
grossspurig in einer Droschke I. Classe vorübergefahren. Was bedeute das? Nun
»besser betrogen werden als betrügen!«
    Sofort erhielt er folgende Epistel:
        »Ihr Schreiben erhalten. Zürnen Sie mir nicht. Ich kann und will in
        meiner jetzigen Lage Niemand sehen. Klatsch ist genug schon. Ich will
        nicht noch mehr haben und übrigens habe ich mich jetzt an den
        betreffenden Herrn gewendet. Der wird mir schon Ruhe verschaffen.
        Möglicherweise wird auch Bammers Mund gestopft. Was das ausfahren
        betrifft, kann am besten meine Wirtin Auskunft geben. Denn ich gehe
        höchst selten ohne sie fort. Betreffs Stellung habe ich mich auch schon
        bemüht genug, jede Stunde ist mir die liebere, wo ich wieder zu tun
        habe, nun bitte ich Sie nochmals, sorgen Sie nicht um mich und vor allen
        Dingen lassen Sie sich nicht wieder in einen Klatsch verwickeln und
        glauben Sie an mir, ich werde Sie nie hintergehen.
        Auch suchen Sie kein Wiedersehen. Ueberlassen wir dies der Zeit.
                             Mit freundlichem Gruss
                                                               Kati Kreutzner.«
    Er beruhigte sich damit. Freilich konnte er sich bei psychologischer
Beobachtung sagen, dass diese Zeilen zwar die entschlossene Festigkeit des
tapferen Mädchens atmeten, aber die innige Gesinnung der früheren Briefe etwas
erkaltet zeigten. Doch nahm er dies Alles gelassen hin und tröstete sich mit der
Zukunft. Nachdem er aufs heftigste gearbeitet fühlte er eines Tages das
Bedürfnis, wieder in dem Café Bammer aufzutauchen. Bammer selbst pflanzte sich
mit übertriebener Liebenswürdigkeit alsbald neben ihn hin, und während der
Künstler, scheinbar nur oberflächlich hinbotend, ein Frühstück hinterschlang,
begann Bammer sich nach allen Dimensionen über die Verlogenheit Katis zu
unterrichten. Sie habe seinem Buchhalter einen so ungemeinen Brief geschrieben,
dass der alte Mann sich schämte, ihm zu zeigen, so schmutzig sei der Inhalt
gewesen.
    »So was Unweibliches!« Bammer schüttelte mit grosser Entrüstung das Haupt.
Dann lenkte er auf das andere Gespräch zurück.
    Sie konnte sich nicht weissbrennen. In der Gegend war kein Bahnhof und was
habe sie in so früher Morgenstunde dort zu suchen gehabt!
    Roter meinte trocken, er glaube nicht daran. Aber der andere begann mit
solcher Emphase weiter zu stochern, als wenn die Gefühle eines auf den Rost
Gelegten rauskämen.
    Wäre es möglich, dass er dennoch betrogen! Wie dieser nagende Zweifel ihn aus
allen Himmeln stürzte!
    Er hatte sich stolz gefühlt, so lieben zu können. Das war der einzige Stolz,
der ihm nicht eitel und nichtig erschien. Und dies Geheimnis seiner Seele sollte
Niemand kennen. Nur sie Beide sollten von sich wissen, eng verbunden bleibend,
heimlich versteckt vor der Welt. Und so hatte er sie dereinst zu sich emporheben
wollen. Was das schwache Herz geschworen, sollte halten der starke Geist. Ihre
Seele, die unverstandene, sollte die seinige verstehen lernen, bis beide Seelen
nur ein einziges gemeinsames Geheimnis der Liebe bargen.
    Und nun, all seine hochherzigen Absichten heroischer Selbstverleugnung
vergeudet - an eine Schuldige, die ein falsches Spiel mit seinem Vertrauen
trieb?
    Er beschloss der Sache sofort auf den Grund zu gehn. Wirklich machte er sich
sofort auf den Weg; traf er auch wahrscheinlich sie selber nicht bei so früher
Tageszeit - es war drei Uhr -, so fand er doch sicher die Wirtin.
    Er grübelte sich immer mehr in heftige Erregung hinein. Mit zorngeröteten
Wangen und hastigen Schritten stürzte er den langen Bretterzaun entlang, der von
der Stadtbahnstation zur Gerichtsstrasse hinführt. Bald hatte er das breite, hohe
Haus gefunden und klomm die steile Treppe hinan, auf welcher einige winselnde
schmutzige Kinder sich balgten. Wird er sie zu Hause finden! Wirklich, der
Zufall schien ihm günstig. Höflich bat ihn die Wirtin einzutreten.
    »Aber ich weiss nicht, ob sie abkommen kann. Sie hilft mir beim Waschen und
ist nicht angezogen.«
    »Sagen Sie ihr, ich hätte ihr etwas Wichtiges zu sagen.«
    »Nun gut, ich werde sie rufen.«
    Er verbeugte sich stumm und nahm am Fenster Platz, nachdem er mit einem
kurzen Blick auf den Spiegel constatirt, wie blass er aussah. Nach einiger Zeit
trat sie ein mit heiterem Ausdruck und fröhlichem Lächeln. Sie hatte sich
offenbar rasch umgezogen, trug ein elegantes Kleid, blau mit Rosablumen
gemustert. »Guten Tag!« sagte sie freundlich, indem sie heftig errötete.
    »Guten Tag,« erwiderte er trocken. Sie schrak auf und sah ihn an. »Ja,« fuhr
er unsicher fort, »es ist mir peinlich genug gewesen, hierherzukommen. Aber es
muss sein. Ich wollte Sie bitten, mir zurückzugeben, was Sie schriftlich von mir
haben.«
    Sie blickte ihn einen Augenblick sprachlos an. Dann sprach sie los: »Ah,
daher bläst der Wind! So war's gesagt. O ja, gut, hier, sofort, nehmen's Alles.«
Sie kniete zu ihrem Koffer hin, riss ihn auf, kramte darin herum und häufte einen
Brief auf den anderen. Ihre Stimme gewann dabei einen eigenartigen Reiz in der
unwollenden Ironie des schmelzenden Tonfalles; der Zorn gab ihr eine
verschönernde Würde des Ausdrucks.
    Roter stutzte und schwankte in einer gewissen Begeisterung. »Mein Gott.«
rief er, »wenn man Sie hört! Was soll ich glauben! Der Buchhalter hat Sie doch
daheim gesternmorgens gesehn.. und am Görlitzer Bahnhof haben doch gar nichts zu
suchen.«
    »Ich habe doch meine Wirtin begleitet.«
    »Ach, wer das glaubt!«
    »So? Natürlich!« Sie riss die Tür auf: »Frau Lämmers!«
    »Nun?« machte diese, die in einer durch den Flur getrennten
gegenüberliegenden Stube bei der Nähmaschine sass.
    »Ach, kommen's doch mal einen Augenblick herein!« Die Wirtin erhob sich und
erschien wirklich. Eine längliche, magere Person mit einem ziemlich unschönen
bebrillten Gesicht, dessen Ausdruck aber sofort Vertrauen einflösste. Ihre
Haltung entbehrte nicht einer gewissen gesetzten Würde. - »Bitte, Frau Lämmers,
sagen's doch dem Herrn, ob ich nicht mit Ihnen an jenem Morgen ausging.« Die
Wirtin nickte ernstaft und bestätigte es mit kurzen klaren Worten. Dass ihre
Aussage ehrlich war, las man auf ihrem Gesicht.
    »Wir danken Ihnen.« Roter verbeugte sich höflich, worauf die Frau sich
sogleich wieder diskret zurückzog. - »Aber aus dem Haus Eberharts hat man Sie
doch so in der Frühe herauskommen sehn?«
    »Aber ich bitte, Sie, das war doch natürlich. Ich komme gerade vorbei an der
Wohnung von dem und habe so viel von seinem Anwesen gehört. Da dacht ich: Ich
will doch mal einen Blick hineinwerfen. Das Hoftor stand offen - - ich bin auch
gleich wieder zurückgekommen.« All das klang allerdings wahrhaft. Sie ging
hastig auf und ab und rief wie verzweifelt: »Nein nein, wie sind die Menschen
doch schlecht! Sie wollen mich partout ins Unglück bringen, ob ich schuldig bin
oder nicht. Sehen Sie nur diese Gemeinheit!« Sie riss eine Cassette auf und
zeigte ihm mehrere anonyme Briefe, worin ihr zu ihrer bevorstehenden Niederkunft
Glück gewünscht würde. Das sei also die berühmte Tugend der Kati!
    »Aber der Schlimmste von Allen waren doch Sie!« fuhr Sie mit echt weiblicher
Taktik fort, indem sie aus der Defensivstellung eiligst in die Offensive
überging. »Herrgott, die Gemeinheit! Und das von Ihnen! O das tat weh! Als ich
Ihren Brief bekam, den abscheulichen; da glaubte ich, ich müsste vor Scham
sterben. Meine Wirtin kann Ihnen sagen, ich habe den ganzen Tag in einem fort
mich in Tränen gewälzt.« (Kati liebte solche rhetorisch schmückenden
Redeblumen.) »Als ich Sie da auf der Treppe sah, war mir, als müsst' ich auf der
Stelle sterben. Meine Füsse trugen mich kaum hinauf und oben fiel ich ohnmächtig
aufs Sopha. O, o!«
    »Wo ist denn der garstige Brief?« fragte Roter verlegen.
    »Das fragen's noch! Sofort verbrannt. - Ach, was ich gelitten habe! Ja, das
vergess ich nie!«
    »Sei'n Sie doch nicht grausam,« flüsterte er mit grobem Vorwurf. »Wie wir
jetzt mit einander stehn und was ich nachher getan habe..«
    »Ja, das war sehr schön von Ihnen,« sagte sie eifrig, schüttelte aber mit
echtweiblicher Halsstarrigkeit den Kopf. »Sehn sie, vergessen kann ich das
nicht.«
    »Nun, das werden Sie doch wohl müssen,« sagte er in halb humoristischem Ton.
»Als meine Frau..« Beide schwiegen. Sie setzte sich ihm gegenüber und pöselte an
einer Standuhr herum.
    »Ja,« schmollte sie halblaut, »gewiss, das war sehr brav und edel und schön,
und ich werd Ihnen das auch nie vergessen. Aber.. aber das fühl ich: Aus der
Sache zwischen uns wird doch nichts.«
    »Warum nicht?«
    »I weiss nicht. Man hat so ein Vorgefühl.«
    »Närrchen!« sagte er freundlich und strich ihr über die Stirnlocken. Sie
lachte wie ein Kind, sprang auf, zupfte ihn am Ohr und tanzte auf einmal in der
Stube mit ihm herum. Dann warf Sie sich wieder auf den Stuhl und kicherte
ausgelassen.
    Als er sich nach dem Stand ihrer Kasse dringend erkundigte, versicherte sie
mit Nachdruck, dass der Erlös aus dem Leihamt völlig für sie genüge und dass sie
unter keinen Umständen Geld annähme. Uebrigens habe sie wahrscheinlich eine
Stellung; ein Herr aus Hamburg sei dagewesen, der sie als Buffetdame in einem
grossartigen Café engagiren wolle.
    »So, also weggehn von hier?« fuhr er auf.
    »Ja,« sagte sie ernst. »So schwer mir's wird, scheint mir das doch ganz
gut.. auch für uns Beide,« setzte sie nach einer Pause hinzu.
    »Wieso?«
    »Nun, durch die Trennung merkt man erst, ob es wirklich.. ob es das Richtige
ist.« Sie sah ihn fest an.
    »Ich verstehe. Du hast recht.« Er ging gedankenvoll ein paar mal auf und ab
und griff dann plötzlich zu Hut und Stock.
    »Schon?« fragte sie, halb neckisch, halb mit aufrichtigem Bedauern.
    »Nun und die Briefe? Die behalt ich, gelt?«
    »Hm.« Er hatte die Briefe schon vorher vor sich abgeteilt und steckte einen
Teil davon ein. »Das kann hierbleiben. Aber da fehlen ja einige, z.B. der
letzte da..«
    »Die letzten hab ich alle verbrannt,« sagte sie rasch.
    »Aber lass mir den einen aus München - mit dem Liedel dabei. Der war zu süss.
Ja, Herr Roter, Ihr Schreiben versteh ich immer besser als Ihre Worte. Da ist
auch nicht einer Ihrer Briefe, den ich nicht mindestens zehnmal gelesen hätte -
ach, das reicht nicht.«
    »Hm,« machte er mit sanftem Lächeln. »Und dann willst Du mir noch ableugnen,
Kati, dass Du für mich ein leidlich tiefes Interesse hast?«
    Sie errötete, verzog schmollend den Mund, blitzte ihn fast zärtlich mit
ihren grossen Augen an und stülpte ihm plötzlich den Hut auf: »Nu aber raus!« -
    In diesem Augenblick steckte die Wirtin den Kopf durch die Tür und rief:
    »Fräulein, wir müssen aber jetzt an die Arbeit!«
    Er empfahl sich den Damen cordial und ging von dannen, froher als er
gekommen. Es war verabredet worden, dass er Beide einmal in der Woche ins Teater
führen solle. Kati sträubte sich zwar bei den obwaltenden Zuständen dagegen,
überhaupt auszugehn - in ein bekanntes Garten-Etablissement am Weddingplatz, wo
sie sich die beiden Male mit Eberhart eine Stunde getroffen, wollte sie
begreiflicherweise nicht mehr gehn und kein andres anständiges Restaurant war in
der Nähe. Doch mit Roter sollte natürlich eine Ausnahme gemacht werden.
    Als der Liebeskranke, der sich, wie ein Verdächtiger zum Ort der Tat, zum
Café Bammer immer wieder hingezogen fühlte, daselbst eines Nachmittags
vorsprach, empfing ihn wieder eine neue Mordsgeschichte. Der Hamburger Wirt war
dort aufgetaucht, hatte sich viel nach Kati erkundigt und wurde in den
lächerlichsten Farben geschildert. Auch schimpften einige frühere Anbeter
Kati's - darunter ein studentischer Jüngling von achtzehn Jahren der eines
»Baron«-Titels genoss - gewaltig auf die verschlagene Jungfrau und malten ihre
Falschheit in gräulichen Farben. Roter sagte kein Wort. Am andern Tage lud er
verabredetermassen die »Damen« zu einer Première am Bellealliance-Teater ein,
erhielt aber die umgehende Antwort:
        »Ihr Schreiben erhalten, doch leider kann ich Ihre freundliche Einladung
        für Freitag nicht annehmen, weil ich mit meinem zukünftigen Prinzipal,
        welcher Sonnabend abreist, noch was zu besprechen habe und behufs dessen
        Obiger Frau Lämmers und mich eingeladen hat zu einem Abschiedsschoppen.
        Es grüsst bestens Kati K.«
    Dagegen war nun nichts zu sagen. Dennoch fühlte sich Roter bewogen, gleich
am Sonnabend Abend das Nähere über den neuaufgetauchten Herrn - »Kohlrausch« war
sein werter Name - zu erfahren.
    »Wer ist da?« fragte eine sanfte melodische Stimme mit süss girrendem Tone, -
als ob sie etwas Liebes erwarte.
    »Ich!« erwiderte er mit tiefer Stimme. - Er hörte einen unverständlichen
Laut, dann öffnete sie und lud ihn ernstaft ein, zu ihr hineinzutreten. Die
Wirtin sei ausgegangen. Sie trug einen geblümten bunten Schlafrock.
    »Ich dachte, Sie wären schon auf und davon?« sagte er kalten Tones.
    »O nein, erst am fünfzehnten nächsten Monats.«
    »Und was treiben sie hier?«
    »Ich lebe in Verzweiflung,« erwiderte sie achselzuckend.
    »Brauchen Sie Geld?«
    »Nein, ich danke.« -
    Sie setzte sich ans Fenster, eine Näharbeit in Händen. Er schritt in der
Stube auf und ab, sich ab und zu neben ihr stellend. Sie plauderten wohl eine
Stunde lang von allen möglichen Dingen, wobei er ihr viel von seinem
Künstlerruhm vorprahlte. Sie hörte aufmerksam und schweigend zu, kluge
Bemerkungen dazwischenflechtend. - Nach einer kurzen Pause der Unterhaltung
bemerkte er, sie beobachtend, dass ihr Ausdruck umwölkt und finster schien. Er
deutete darauf hin.
    »Ach, ich habe mich wieder furchtbar ärgern müssen,« gab sie zur Antwort.
»Da war so'n Kerl - Einer von denen die immer um mich herumgekrochen sind, - der
von meiner Wohnung erfahren von dem Zahlkellner bei Hause. Kommt der Mensch heut
hier herauf und schwindelt meiner Wirtin vor, er sei Agent und wolle mir eine
fette Stelle verschaffen. Kaum ist er bei mir, holt er ein Etui mit einem
goldenen Armband hervor und will mir das umlegen. Quatscht von seiner Liebe und
will mich gleich um die Mitte nehmen. Na, dem hab' ich heimgeleuchtet!« Sie
lachte bitter in der Erinnerung.
    »Was ist denn der?« fragte Roter stirnrunzelnd.
    »Ach natürlich so Einer, der nichts zu tun hat, der von seinem Gelde lebt!
- Ja, ebenso wie der Andre -« Sie brach ab.
    »Welcher Andre?«
    »Ich weiss nicht, ob ich Ihnen das sagen soll. Nun, doch! Da ist so'n
ekelhafter reicher Jude, einer von der Maklerbörse - der verfolgt mich schon
lange mit seinen Anträgen. Sass immer im Café am Buffet. Endlich hat er
herausgebracht, wo ich stecke, und nun bestürmt er mich jeden Tag mit Briefen.
Gestern hat er da geschrieben..« Sie zögerte, holte dann ein parfümduftendes
Billet hervor und verlas eine reizende Schlangenlockung zum Apfel der
Erkenntnis, worin ihr goldene Berge versprochen, wenn sie sich von Herrn Mayer
aushalten lasse. Die eleganteste Wohnung stehe schon bereit zu ihrer Verfügung.
»Ich will jeden Ihrer Wünsche erfüllen, denn ich bin ein reicher Mann!« schloss
das interessante Schriftstück. »Geniren Sie sich nicht, liebes Kind, und kommen
Sie in die Arme Ihres Sie brünstig liebenden Mayer.« Kati schwankte zwischen
Lachen und Wut, indem sie ausdrucksvoll die schwungvolle Werbung vortrug; die
Flügel ihrer klassisch geschnittenen Nase bebten nervös.
    »Nun und was hast Du ihm geantwortet?«
    »O, ich sage Dir.. na, den Brief wird er nicht hinter den Spiegel stecken.«
    Es war so dunkel geworden, dass sie mittlerweile die Lampe anzünden musste.
»Ich hab' Durst,« sagte sie »der Hunger vergeht mir vor Ärger. Ich lass mir von
unten ein Seidel holen - willst auch eins haben? Ja, tu mir den Gefallen,
kannst mal bei mir zu Gast sein.«
    So sassen sie gemütlich noch eine halbe Stunde und stiessen auf treue
Kameradschaft an. Aber während er auf sie einredete, versank sie in tiefe
Gedanken. Grade so kam ihre aussergewöhnliche Schönheit zur besten Geltung. Aber
als er plötzlich sagte: »Wie edel und gut Du jetzt aussiehst!« da lachte sie auf
und es war kein schönes Lachen. - Man verabredete sich am nächsten Freitag zu
treffen. Er wollte absichtlich eine so lange Zeit verstreichen lassen bis zum
nächsten Wiedersehn. Der Contrakt mit dem Hamburger Wirt war wirklich
abgeschlossen; er lief auch bis zum 1. Januar; sie hatte ihm den Contrakt
vorgelesen, ihm auch gleich die Hamburger Adresse aufgeschrieben. Am 1.
September sollte sie die Stelle antreten. Es war ihm ja aus verschiedenen
Gründen nur zu recht. Roter konnte bis dahin die erste Oeffentlichkeit passirt
haben, während sie fern blieb.
    Als er nach Hause wanderte, fiel ihm wieder die Unveränderlichkeit des
ganzen Verhältnisses centnerschwer zu Herz. Nun, sie wollte es ja nicht anders;
bei den Umständen gegen sie war ihre zeitweilige Entfernung auch nötig und für
Roter selbst so angenehm; auch dir Probezeit für die gegenseitige Neigung
schien vernunftgemäss. Und doch! Warum durfte er nicht offen sie an sein Herz
drücken, der ganzen Erde trotzend! Konnte er denn überhaupt sofort heiraten?
Was für verfahrene Verhältnisse, was für unheilschwangere Widersprüche!
    Als er am Freitag dortin fuhr, kaufte er unterwegs ein Rosenbouquet. Es war
ihm doch immer etwas beklemmend, in diese, so ganz der westlichen Cultur
entrückten Stadtteile den Zug nach dem Osten anzutreten. Um so unerfreulicher
wirkte es natürlich, als die Wirtin ihm ein Billet Katis einhändigte:
        »Herr Roter, leider kann ich Sie heute nicht sprechen, weil ich
        Nachricht bekomme, betreffs einer Stelle welche ich während der drei
        Wochen wahrscheinlich noch annehme. Näheres nächstens. Mit Gruss
                                                               Kati Kreutzner.«
    Eduard wunderte sich ein wenig, dachte sich aber nichts Arges dabei, und
liess seinen Rosenstrauss in ihrem Wasserglase stehn. Angenehm war es ihm
natürlich nicht, den weiten Weg aus dem Vorstadtviertel zurückmachen zu müssen.
dabei geriet er halb zufällig in die Nähe des Café Bammer und trank dort seine
Mélange, indem er eine heitere zufriedene Miene zur Schau trug. Ziemlich spät
erschien plötzlich der elegante Wirt und indem er »Herrn Professor« höflich
grüsste, warf er lachend hin:
    »Wollen Sie die Kati sehn? Die sitzt im Sedan-Panorama mit dem Kerl da aus
Hamburg zusammen.«
    »Ach was?« machte Jener gleichmütig, aber er wurde bleich wie der Tod.
Bammer fuhr fort:
    »Ich schlendre da ganz zufällig hinein. Und wen find ich? Meine Kati!
Zärtlich umschlungen sitzt sie in einer Nische mit dem da zusammen. Sie erschrak
mörderlich, als sie mich sah; wollte sich noch ihr Haar in die Stirne streichen,
um sich unkenntlich zu machen. Aber ich lachte laut auf und ging an Beiden
vorbei.«
    »Nu, was wird da sein!« Roter ermannte sich zu vertrauensvoller
Selbstüberwindung. »Das ist ja wohl ihr neuer Prinzipal. Dahinter braucht noch
nichts Schlimmes zu stecken.«
    »Ach natürlich! Herrgott, und wie verwüstet sie aussah!« Der Wirt lachte
laut auf und das Gespräch über, Kati geriet wieder ins gewöhnliche Fahrwasser.
- Ihm war, als ob der Sommerabend eisigen Tod verhauche, als ob öde Finsternisse
langsam herniederwuchteten.
    Der so unerwartet Getäuschte schlief die Nacht nicht. Gerade durch den
Zweifel der Untreue erregt, waren all seine Sinne aufgestachelt und des schönen
Weibes Besitz setzte ihn in brennenden Farben vor. So fasste er nun den
Entschluss, der Sache auf den Grund zu gehen und sofort am andern Morgen sie zu
überführen. Er fuhr dortin. Frau Lämmers war nicht wenig erstaunt, ihn so
unerwartet erscheinen zu sehn. Doch klärte er sie gleich auf. Sie gab zu, dass
Kati spät nach Hause gekommen sei.
    »Aha, sie hat wieder eine furchtbare Dummheit gemacht,« sagte Roter
stirnrunzelnd hin. Sie war noch nicht aufgestanden. Als die Wirtin klopfte und
ihr ankündigte, Roter wolle sie um jeden Preis sprechen, - - verriet ihre
antwortende Stimme Aerger und Furcht. Nach kurzem Parlamentiren wurde
ausgemacht, dass er in einer halben Stunde wiederkommen solle, bis sie sich
angezogen habe.
    Er verbrachte die Zwischenzeit in einem nebenan liegenden Budikerkeller. Die
Leute dort, Arbeiter und kleine Handwerker beim Frühschoppen und Morgenimbiss,
starrten ihn fragend und verwundert an, wie er einen »Bittern« nach dem Andern
hinuntergoss. Er besah sich im Spiegel; wie bleich er war! Er fühlte Beklemmung
im Herzen oder vielmehr in der Magenhöhle - man verwechselt ja so oft die
innigsten Gefühle ... »Was wollen Sie denn so früh?« fragte sie mit einer
Stimme, in der zugleich Zorn und etwas wie Furcht sich mischten. Da er sie nur
fest anschaute - sie hielt die Tür in der Hand -, fuhr sie höchst ungnädig
fort: »Ist dies eine Zeit, Besuche zu machen?« Er zuckte mit den Achseln und
trat ruhig ein, indem er sie stets noch fest fixirte. Sie trug einen losen
Schlafrock und um den blossen Hals hatte sie ein schwarzes Tuch geschlungen. Die
Haut des Halses erschien gelblich und nicht fest genug. Seltsam, dass Roters
Künstlerauge dies in einem solchen Augenblick bemerkte. Sie sah überhaupt sehr
schlecht aus und hatte - »Sieh da, es ist also richtig!« sagte Roter laut,
indem er sie fest betrachtete.
    »Was?« fuhr sie unwirsch auf, »hören Sie nicht auf, mich zu quälen?«
    »Blaue Ränder um die Angen!« fuhr er finster fort, »das stimmt.«
    »So, hab i blaue Ränder?« Es zuckte humoristisch um ihre Lippen. »Jo, dafür
kann i nix. Da müssen's dem lieben Gott bestellen, er soll's anders einrichten.«
    »Wie?« machte er zurückfahrend, »wollen Sie damit sagen -«
    »Nun, was haben's denn eigentlich wieder?«
    »Gestern im Sedan-Panorama, nicht wahr?« herrschte er sie an. Sie stutzte
und sagte ernst:
    »Ja, da war ich. Aber das konnt' ich doch nicht abschlagen. Wissen's, das
war mein Prinzipal. Er traf mich auf der Strasse und drang so in mich - ich musst'
mitkommen.«
    »So und da hast Du zärtlich umarmt mit ihm gesessen?« Sie fuhr entrüstet
auf, mit bebenden Lippen.
    »So, sieh einmal diese Gemeinheit! Am Buffet hab ich mit ihm gesessen, die
Buffetdame kann's Ihnen bezeugen, ganz offen; und nachher kam sein Freund, der
Horeter Buchsing, dazu und dessen Frau. Ach, es ist empörend, diese
Verleumdungen! Als ob alle Welt nur mich zu beobachten hätte.«
    »So ist das wirklich..« stammelte er unschlüssig.
    »I geb Ihn' mein heiliges Ehrenwort!« rief sie, indem sie mit der abwärts
gekehrten Handfläche eine bezaubernde Bewegung machte, die ihr eigentümlich
war. Übrigens, glauben's auch nicht, wenn Sie wollen. I weiss was wahr ist, und
das genügt mir.«
    »Es ist ja möglich, dass Sie wahr reden. Aber ich will mich doch von Ihnen
trennen. Und darum bitt ich Sie, geben Sie mir zurück, was Sie brieflich von mir
haben.«
    »Ich hab nichts mehr,« sagte sie störrig, indem sie sein Auge vermied.
    »Das haben Sie damals auch gesagt. - Ich will es,« betonte er, indem er sie
stirnrunzelnd mass. Ueber ihr Gesicht ging es wie eine convulsivische Zuckung.
Dann öffnete sie ihren Koffer und kramte darin: »Hier! Da! Nehmen Sie Alles!
Weiter nichts mehr da. Hab Alles verbrannt!« Sie, öffnete einen Parfümeriekasten
aus Alfenidesilber.
    Und siehe da, er fand dort einige Zeichnungen, die er vor seiner Abreise ihr
hinterlassen, hingesudelte Kritzeleien, die sie aber doch sorgfältig bewahrt
hatte, und einige Zeilen von seiner Hand aus früherer Zeit. Die Papiere, ganz
von Parfümgeruch durchsättigt - ohne eine Wort zu sagen, nahm er Alles an sich.
Sie stand dabei mit gekreuzten Armen, ohne sich zu rühren, den starren Blick auf
den Kasten geheftet.
    »O mein Gott!« rief er plötzlich aus. »Ahnen Sie denn gar nicht, was ich
leide? Um Sie leide?«
    »Nun, was leiden's denn?« fragte sie schnippisch, indem ein bitteres Lächeln
ihre Lippen schürzte.
    »Was, ja was! Ich habe nie so etwas gefühlt, nie. Das kennen Sie eben nicht,
das ist die Liebe. Weiss Gott, wenn Sie da draussen in Lumpen auf der Strasse
umherirrten oder Ihr Gesicht von Pocken zerrissen würde, ich liebte Sie noch
grade so. Ach ich rede so hin - das lässt sich nur fühlen!«
    Sie sah starr ins Weite und war sehr blass. Ihr Auge brannte wie von
unvergossenen Tränen, mit einem trüben Glanz.
    »Haben Sie denn nun die Stellung?« fragte er nach einer Pause. Sie
bestätigte ihm trocken, dass sie in ein Café an der Jannowitzbrücke bis zum
ersten September eintreten werde, dessen Besitzer sie schon lange bestürmt habe,
zu ihm zu kommen. »Und soll ich Sie dort besuchen?«
    »Wie Sie belieben,« erwiderte sie ernstaft nach einer Pause. »Ich fordere
Sie nicht dazu auf. Es kann ja doch nur Schlimmes..« Sie wandte sich ab. Er
betrachtete sie noch einmal fest und schüttelte den Kopf.
    »Ja ja, die blauen Ränder um die Augen, Woher kommt das?« Sie zuckte
ungeduldig die Achseln.
    »Die Scham verbietet..« Unwillkürlich fiel sein Auge auf die Waschschüssel,
- es lag ja noch Alles unaufgeräumt umher - die er bisher noch nicht bemerkt
hatte. Da war ihm mit einmal Alles klar und mit einem gewissen »Ach so!« nahm er
Abschied. Beide nickten sehr schweigend zu.
    Wie hat die Natur das Weib doch übervorgetrieben. Zu wie falschen Schlüssen
gibt ihr physischer Zustand Veranlassung! Der Mann ist oft aus Unbewussteit
ungerecht. Was ist überhaupt Wahrheit! - Wenn Jemand mit der Reinheit und Treue
eines Weibes spielt, so kann man achselzuckend zweifeln. Und wenn man ein Weib
der Untreue bezüchtigt, ganz ebenso. Nicht nur die Beweise sind immer strikt
überzeugend, seien sie auch handgreiflich.
    So schoss es Roter durch den Kopf, als er heimkehrte. Er fing an, ein
Lebensphilosoph zu werden - wenigstens war er auf dem rechten Weg dazu. Wie alle
wahren Weisen, wenn sie Andern vorwerfen, sie ärgerten sich noch zu viel über
Torheit und Gemeinheit der Welt, bewahrte er natürlich die gleiche Nervosität
nichtsdestoweniger. Ein Windstoss plötzlicher Erregung konnte das Kartenhaus
seiner neuerworbenen Fassung zusammenblasen.
    Er wartete volle acht Tage, während welcher Zeit er mit rasenden Eifer
arbeitete. Endlich liess es ihm keine Ruhe mehr. - Das Erscheinen des Stahlstichs
nach dem Bilde war immer noch von ihm verzögert worden. Dennoch schienen durch
jenes unvorsichtige Versehen einzelne Abzüge in den Handel gekommen. Ihn quälte
die Ungewissheit, ob Kati von einem ihrer zahlreichen Verehrer vielleicht
darüber au fait gesetzt sei. - Am achten Tage liess es ihm keine Ruhe mehr. Er
nahm ein Bad, das in der Zerstreuung ein heisses wurde, trotzdem nur kalte Bäder
seinem gereizten Nervensystem nützen konnten, und setzte sich auf die Stadtbahn
via Jannowitzbrücke. Als er das betreffende Lokal gefunden, zu seiner lebhaften
Verwunderung von Kati keine Spur! Auch die Kellner wussten absolut nichts von
ihr zu melden. Er eilte in umliegende Lokale - nichts, aufs nächste Polizeiamt -
keine Ahnung. Er fuhr wieder zurück nach dem Café Bammer. Auch dort wusste
Niemand von irgend etwas. Nur wurde erzählt, sie sei schon in Hamburg und der
Kohlrausch sei überall mit ihr gesehen worden. »Einige sagen,« bemerkte der
grienende Kellner, »er habe sie gleich als Frau mit 'rüber genommen.«
    »Als Frau? Sie meinen, dass er sie heiraten wolle?«
    Der Kellner fiel vor Erstaunen bald um. »Heiraten? Wer heiratet denn solch
communes Mensch?« Roter biss sich auf die Lippen und erbleichte. Wenigstens ich
jetzt die Wahrheit erfahren, dachte er. Wahrscheinlich ist sie setzt auf und
davon. Jedenfalls muss ich die Wirtin sprechen.
    Er hatte ein Schnitzel heruntergeschlungen. Ein galliger Geschmack stieg ihm
im Munde auf. Der zehrende Stimm erstickte ihn beinah. Es war unerträglich heiss;
sein eleganter Anzug wurde mit Staub berieselt von heftigen Windstössen, die hier
und da über den Boden fegten. Hitze mit schneidendem Wind - ein Bild seiner
eignen Gemütsstimmungen ...
    Zu seinem Erstaunen rief die Wirtin, sobald sie seiner ansichtig wurde, mit
ernstem Gesicht »Ich werde sie rufen. Bitte, treten Sie ein!«
    »Wie, ist sie noch hier?« fragte er unsicher und zögernd.
    »Ja gewiss. Gedulden Sie sich ein wenig, ja?«
    So sass er wieder auf der alten Stelle. Auf dem Tische lagen wieder die
Bücher umher, die sie mit dem Geschmack einer Salondame arrangirt hatte. Der
»Trompeter von Säkkingen«, Karl Stielers Hochlandslieder, die »Lurlei« von
Julius Wolff, daneben ein »Modemagazin« das stark nach Parfüm duftete. Auf der
Kommode stak im Wasserglase ein Rosenstrauss: Als sein Auge darauf fiel, erkannte
er den seinen, den er vor acht Tagen gebracht. Noch immer war sie hier! Was
trieb sie denn!
    Ein fester rascher Schritt näherte sich. Sie trat ein, indem sie einen Korb
Wäsche unter dem Arme trug. Ihre Wangen waren gerötet, ihre Stirn gerunzelt.
Sie sah ihn nicht an und fragte mit einer Stimme, die sicher und barsch klingen
sollte, aber vor Erregung zitterte: »Was steht zu Ihren Diensten?«
    »Ich dachte, Sie hätten uns schon lange verlassen,« sagte er ruhig.
    »Ja, ich geh auch jetzt bald,« erwiderte sie rasch. »Am ersten.«
    »Und warum sind Sie denn nicht in die Stellung gegangen?«
    »Warum? Weil mir's nicht passte. Weil« - Sie sah in die Luft und zuckte
leicht die Achseln.
    »Nun, weil -?«
    »Weil ich, so lange ich hier bin, lieber verhungern will, als in solcher
Stellung noch mal hier auftreten - damit der Skandal wieder von vorne angeht.«
    »Nun gut. Ich bin einfach deswegen gekommen: Es fiel mir auf, dass Sie mir
neulich sonst Alles wiedergaben, aber meine eigentlich compromittirenden Briefe
nicht. Wie kommt das?«
    »Ich hab' sie nicht mehr.«
    »Können Sie mir das schriftlich geben?«
    »Ja, das fehlte noch! Wenn Ihnen mein Wort nicht genügt!«
    Eine kleine Pause trat ein. Sie legte fortwährend ihre Wäsche zurecht, was
auf ihn einen eigenen einheimelnden Reiz ausübte. »Ach, Du bist ja verrückt,«
sagte er plötzlich halb ärgerlich.
    »So?« gab sie resolut zur Antwort. »Wenn ich verrückt bin (kann schon sein),
dann sind Sie wenigstens mit mir verrückt. Das ist ein Trost.«
    »Sie haben selbst gesagt, dass Sie bösartig sind,« hob er wieder an.
»Deswegen will ich mich eben schützen. Ich fürchte mich vor Ihnen.«
    »Sie - vor mir?« - Sie lachte leise auf. »Vor mir haben Sie Ruhe; da mögen's
sicher sein.« Sie trat ans Fenster und sah hinaus. »O ich bin jetzt ganz ruhig.
Wenn Sie nur so glücklich wären wie ich! Bisher war ich gut, nun will ich recht
schlecht werden.«
    »Schämen Sie sich nicht -« fuhr er auf.
    »O wenn Sie mich beschimpfen wollen, da lass' ich Sie allein. Ich geh' gleich
weg.« Aber sie rührte sich nicht vom Fleck.
    »Ich fühle durchaus nicht das Bedürfnis dazu. - Was wird nicht wieder Alles
über Sie zusammengeredet! Sie sind schon nach Hamburg avisirt als Geliebte des
... Der hat das auch überall ausgesprengt.«
    Sie sah ihn gleichgültig an und zuckte wieder ungeduldig die Achseln.
    »Nun, wenn er das selber glaubt, ist's ja gut.«
    »Pah, das ist auch der richtige Hahurei,« brummte er in den Bart.
    »Was ist er?« fragte sie aufmerksam.
    »O ich meine, wenn Sie den heiraten würden, könnten Sie nur gleich mit
einem Andern durchgehn.«
    Er gab ihm hastig Feuer, als er sich eine Cigarette ansteckte. Dann sagte
sie gedankenvoll:
    »Nun, mir soll künftig Keiner zu nahe kommen, das sag ich Ihnen.«
    »Welche Dummheit haben Sie doch gemacht!« rief er aus. »Dort können Sie doch
nicht bleiben. Da ist's ja viel zu langweilig. Und hier - welch ein Renommee
haben Sie nun hier! Ich bin ja doch der Einzige, der an Sie glaubt.«
    Plötzlich wandte sie sich um: »Sagen Sie, war Ihnen denn das wirklich Ernst,
dass Sie mich heiraten wollten?«
    »Ja,« sagte er fest.
    »Und ist es noch?«
    »Ja,« wiederholte er bestimmt.
    »Nun gut denn. Ich gehe jetzt nach Hamburg. So will ich sehn, ob es mir dort
gefällt. Und dann werde ich Ihnen schreiben.«
    »Aber seien Sie aufrichtig.«
    »Ja, ich werde sehr aufrichtig sein.«
    »Nun, und dann?«
    »Ja, dann können wir uns heiraten ... Aber das sag ich Ihnen, wenn Sie mir
kommen und sagen, was man über mich gesagt hat, dann krieg' ich Sie am Cravatl.«
    »Oho! Versuch das doch mal.«
    »Ach Du!« Sie sah ihn schelmisch an. »Du wirst ohnehin der rechte
Pantoffelheld. - Ja, machen's nur noch so grosse Augen! Ich weiss das.«
    »Man sieht, wie wenig Du mich kennst,« sagte er gemessen. »Versuch's doch
mal, mich am Kragen zu fassen, he? Nein, zanken werd ich nicht mit Dir; aber
machst Du mir Geschichten, so schiess ich Dich einfach todt und mich nachher ...
Ueberhaupt - was ich mir hier sagen lassen muss! Hätte mir eine Andre den
hundertsten Teil davon gesagt! Und wenn Du wüsstest, wie verwöhnt ich bin!« Er
fühlte wieder das Bedürfnis, sich vor ihr ein mystisches Air zu geben.
    »Ja, Du musst sehr verwöhnt sein!« lächelte sie, »denn Du hast etwas an Dir,
als ob Du auf den Köpfen der Menschen spazieren gingest.«
    »Ach, Du begreifst ja noch gar nicht, wer ich bin,« blähte er sich auf.
    »Nun, was bist denn?« koste sie. »Sag mir's doch!«
    Unwillkürlich fiel ihm die Sage von Merlin ein, dem die Nixe das eine
bannende Wort ablocken will. »O ich meine nur so im Allgemeinen,« brummte er
halblaut.
    »Nun muss ich aber arbeiten. Du weisst nicht, wieviel ich zu tun hab'«, sagte
sie rasch. »Jetzt lass mich allein.«
    »Gut denn, ich geh schon. Wann sehn wir uns also wieder, bevor Du
fortgehst?«
    »Am nächsten Montag um fünf Uhr. Und nun sag noch meiner Wirtin Adieu.« Er
tat es. »Ach sieh, ich bin grösser wie Du,« lachte sie, indem sie an der
Türschwelle sich auf ihren hohen Stiefel-Hacken erhob, welche alle weiblichen
Wesen der unteren Schichten für das untrüglichste Zeichen ladyliker Eleganz
halten.
    »Noch was, Du mit Deinem Coturn!« Kindisch wie sie (wie er denn
unwillkürlich von diesem wundersamen neuen Umgangskreis in seiner ganzen
Lebensauffassung angesteckt wurde), mass er mit der Hand die Höhenfläche ab,
indem seine Augenbrauenhöhe mit ihrer Stirnhöhe auf gleicher Linie lag.
    »Schad't nichts. Wenn das Alles wahr ist, was für ein grosser Künstlehr« (sie
sprach das Wort mit altberlinischem Accent) »Du bist, so hätt'st Du doch
wenigstens etwas in die Breite wachsen sollen. So kommt mir's vor, als ob ich
gar keinen ordentlichen Mann neben mir habe.«
    »Oho, das glaubst Du doch selber nicht! Jeder Zoll ein Mann!« dabei gab er
ihr einen Kuss und drückte sie an sich.
    »Ja, ich glaub's schon. Bist doch ein schneidiger Kerl,« näselte sie
drollig, »wie ein Dragoner in Civil.«
    »Alter Puselkopp!« Damit klopfte er sie über die Stirn und streichelte ihre
Haare. Dann schüttelten sich Beide herzhaft die Hand und sie rief ihm übers
Geländer nach: »Alter Puselkopp, auf frohes Wiedersehn!«
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    In gehobener Stimmung kehrte er heim und arbeitete mit zäher
Entschlossenheit mehrere Tage lang ununterbrochen an seinem Bilde. Am Freitag
aber hatte er sich mit dem Componisten Henry Francis Anneslei, einem jüngeren
Freunde, verabredet, in einer Weinkneipe zusammenzutreffen.
    Anneslei spielte sich als ein Bewunderer von Roters originaler
Künstlerschaft auf und lauschte daher andächtig, als dieser ihm feierlich
docirte, wie er ein Bild »Jesus und die Ehebrecherin« untermalt habe, wobei er
tiefsinnig über das Wesen des Christentums sich äusserte.
    »Wer sich rein fühlt, der werfe den ersten Stein auf sie,« dieser Spruch des
Heilands, in welchem die letzten Schranken durchbrochen werden, hatte Eduard
natürlich besonders imponirt. Und wie bequem lässt sich der Sinn des leicht
misszuverstehenden Spruches zurechtstutzen: »Ihr sei viel vergeben, denn sie hat
viel geliebt«!!
    Nachdem sie also in erhabenen Gefühlen geschwelgt, endeten sie logisch und
naturgemäss mit dem schönen Triebe, einige Maria Magdalenen zu trösten. Eine
blaue Laterne, als sie ziellos über die Strasse schlenderten und sich in dem
übelriechenden Gehege der weiblichen Asphaltblumen fortschoben, leuchtete ihnen
freundlich zur gastlichen Herberge.
    Das »Café Calcutta« strahlte in seiner ganzen Pracht. An den Decken der
Wein-Stuben tanzten indische Bajaderen in schreiend grellen Farben und
beträchtlicher. »Märchen«-Nackteit. Vorn in der Hauptschenkstube hingen zwo
herrliche Gemälde: »Nena Sahib der grosse Nabob« und »Lord Clive, Eroberer von
Indien«.
    Der Wirt, eine pikante Persönlichkeit mit aufgedunsenem Gesicht, gierigen
Augen, lüsternen Lippen, schnüffelnder Fuchsnase, »aber immer elejant« mit
Kneifer, schwarzem Leibrock und tadelloser Blondin-Frisur - der berühmte
Anekdotenerzähler Herr Strieseke, bot mit freundlichem Grinsen seine
Schnupftabacksdose den Ankömmlingen dar indem er zugleich mit würdevollem
Bückling den Herren die Weinstuben empfahl.
    Die weibliche Bedienung, welche angeblich französisch, englisch, russisch,
magyarisch, chinesisch, ostafrikanisch und - indisch sprach, erschien auf der
Bildfläche in bengalischer Beleuchtung und Bekleidung. Letztere etwas kärglich
zugeschnitten. Doch wenn sie auch unten und oben ausreichender Gewandung
entbehrten, so schien dieses Armutszeichen doch auf ihre sonstige Ernährung
nicht von Einfluss gewesen zu sein. Ihr offenbar ergiebiger Futterkorb hatte sie
meist so dickgemästet, wie eine deutsche Schriftstellerin in ausgeschnittener
Schriftstellertag-Tournüre.
    Spanische Seidenmantillen und Spitzenschleier sowie rote Fez mit blauer
Troddel auf dem Chignon sollten augenscheinlich das indische Lokalkolorit
veranschaulichen.
    Anneslei schnitt eine dämonische Grimasse, strich genialisch einen
Haarbüschel in die Stirn und pflanzte sich in einer malerischen Pose auf, als
wolle er eine Arie singen. Offenbar erwartete er, dass sämmtliche Weiber sofort
bei seinem Anblick auf den Rücken fallen würden, mit dem schmachtenden
Aufschrei: »Dieses blasse Gesicht ist mein Schicksal!« Da jedoch nichts
Aehnliches eintrat und sein pantomimisches Ballet nur mit der zarten
Aufforderung belohnt wurde: »Na, Blondchen, setze Dir man! Ist Dir unwohl?«,
warf er sich missmutig auf ein Kanapee, nachdem er seinen Schlapphut in die Luft
geschleudert und wieder aufgefangen. »Ich werde mir ein Weib erkiesen,« meinte
er grossartig. - »Um Gotteswillen nicht hier! Denken Sie doch, noch neulich der
Heilgehülfe -« »Was geht das Sie an?« Das Zukunftsgenie bäumte sich auf, in
seinen heiligsten Gefühlen gekränkt. »Uebrigens pumpen Sie mir bis übermorgen 10
Mark. Ich habe mein Portemonaie vergessen.«
    Das Lokal duftete nach abgestandener Lüderlichkeit und Eau de mille fleurs,
wie gewöhnlich. Die Schenkheben - verkommen, aber nicht zu sehr - producirten
alsbald die berüchtigten Porterflaschen à 1 Mark, woran der Wirt 90 Pfennige zu
verdienen beliebt.
    »Darf ich mir auch eins holen?« Diese stereotype Frage hatte Eduard als
ausgepichter Mann der Erfahrung mit einem abwehrenden Grunzen beantwortet. Da
fiel sein Blick auf eine Jungfrau am Nebentische, die mit einem Kneifer auf der
Nase, einen keck überlegenen Ausdruck im Gesicht, ihn anstierte.
    »Die da soll herkommen!« - Mit einer graziösen Verengung huschte sie heran,
jedoch an Henry Francis Annesleis Seite, der sie gleichgültig musterte. Nachdem
sie erst Annesleis, dann Eduards Hut aufgestülpt und sich in allerlei niedlichen
Koketterieen geübt hatte, eröffnete der nachlässig hintenüber lehnende Maler in
schläfrigem Ton ein Wortgeplänkel. Anneslei hatte sich mit der ihm eigenen
nervösen Unruhe in das Nebenzimmer geflüchtet, wo er plötzlich dem üblichen
Klavierspieler eine seiner Lieder-Compositionen mit Stentorstimme vortrug.
    Als sie nun zum Aufbruch rüsteten und Eduard in einer Auswallung ungesunder
Generosität eine Mark Trinkgeld spendirte, fühlte sich Fräulein Mary - so nannte
sich die Kneiferbehaftete - innig zu ihm hingezogen und bat ihn mit ihren
holdesten Schmeicheltönen, eine Flasche Wein mit ihr zu trinken. Halb zog sie
ihn, halb sank er hin. Anneslei wünschte gute Verrichtung. Eine Collegin band
Eduardo die Mary dringend auf die Seele, da diese gerade kein »Verhältnis« habe,
und die zärtlichste Schwärmerei à 16 Mark (Zwei Flaschen Gift à 6 Mark 50
Pfennige und drei Portionen Oelsardinen, welche die »gute Freundin« so gerne ass,
à 1 Mark) entwickelte sich. Was tut man nicht, um in diesen distinguirten
Kreisen populär zu werden!
    Als Eduard sein Portemonnaie musterte, fand er leider nur 15 Mark darin und
wollte doch wenigstens 5 Mark für weitere Auslagen behalten. Also deponirte er,
10 Mark zahlend, die Uhr. Fräulein Mary erschien, nachdem er eine Viertelstunde
in gräulichem Zug vor der Haustür gewartet, mit einem wundersamen Strohhut,
dessen Krempe phantastische Blumen garnirten.
    Seltsame Menschennatur! Trotz seiner alles beherrschenden Liebe für Kati
wusste ihn Mary derartig durch ihre stille Glut zu bezaubern, dass er in ihren
Armen sein Liebesweh gerne vergass. Sie erzählte ihm eilig ihr ganzes Leben (die
übliche Wahrheit und Dichtung) und betete ihn augenscheinlich an, wie dies bei
dem ersten Eindruck gegenseitiger Neigung so häufig ein freundlicher
Selbstbetrug gestattet. Als sie ihm eine Rührgeschichte von ihren Augen
erzählte, wie sie am Staar erblindet gewesen und dabei von dem Mitleid eines
Biedermannes unterstützt worden sei, der auch in der Blindheit ihr treuer Freund
blieb - da trug sie das Alles so reizend vor, dass Eduard nicht umhin konnte, sie
auf die süssen verkniffenen Augen zu küssen und sie mitleidig ans Herz zu
drücken. Nachdem er sie aber dann zärtlich »Mein Bräutchen« genannt und sie mit
niedlichem Schmollen »Ach, das sagst Du jetzt schon!« gelispelt hatte, packte er
sie in eine Droschke, statt mit ihr nach Hause zu wandeln, wobei sie ihn noch
aus dem Wagenschlag wie wahnsinnig küsste und ihn beschwor, sie morgen wieder
durch sein Erscheinen zu beglücken.
    Er lachte bitter in sich hinein, als er sich selbst in eine Nachtdroschke
warf und mit starkem Cigarrenqualme die Dünste des vergifteten Weines zu
verwischen suchte.
    Das ist der Mann! Während sie, die Eine, vielleicht ernstaft an ihn dachte,
während die gebüldete Kneifer-Jungfrau mit Eros Pfeil behaftet in ihr Bett
schlüpfte, gähnte er verdrossen und mürrisch in die Nachtnebel hinein. Aber
einen komischen Gewissensbiss spürte dieser schwächliche Halb-Idealist denn doch.
Der Instinkt brachte ihm das dem Menschen eingeborene Gefühl zur Geltung, dass
eine Doppeliebe nebeneinander unmöglich sei. Jede Verletzung monogamischer Treue
wird als ein Abfall vom natürlichen Ideal empfunden.
    Am andern Tage - Witterungswechsel war eingetreten, die ermüdeten Nerven wie
der erhitze Magen hatten in der eisigen Nacht eine ungesunde Abkühlung erfahren
- räkelte er auf seinem Sopha, die Zeichnungen zu Kuglers »Friedrich der Grosse«
von Menzel durchblätternd und versäumte eine Entrüstungs-Conferenz mit Collegen
in Sachen einiger Bildabweisungen durch die Jury der letzten Kunstausstellung.
Wäre er aber rechtzeitig gegangen, so hätte er den Brief nicht mehr erhalten,
der ihn auch den Abend zu bleiben bestimmte. Auf seine Frage, ob sie mit ihm in
Sardon's »Teodora« gehn wolle, hatte sie wieder zögernd erwidert: es ginge
nicht, nachdem sie so lange nirgendwohin ausgegangen. Dennoch wollte er hinaus
fahren und sie bestimmen, mit ihm öffentlich zu erscheinen, obschon Beide sich
wohl über dies Wagestück klar sein mochten. Sie schrieb ihm aber jetzt:
        »Dürfte ich Sie bitten, statt Montag schon morgen Sonntag um vier zu mir
        zu kommen, da ich mit Ihnen noch über eine Angelegenheit reden möchte.
        Mit herzlichem Gruss Ihre K.K.«
    Roter ging nun allein ins Residenzteater, um das byzantinische Ensemble
auf seine Kostüm-Echteit zu prüfen. Sein gewöhnliches Steckenpferd. - Dies Bild
einer Dirne, die sich bis zur Welterrscherin emporringt, an der Seite eines vom
Karrenschieber zum Cäsar aufgestiegenen Justinian, rief ihm so recht die
originelle Urweib-Erscheinung Katis in ihrer unheimlichen Voll-Kraft vor Augen.
Die Scene, wo Andreas seiner Verführerin flucht und Liebe und Hass bei ihm auf-
und abwogen, erschütterte ihn tief.
    Er dachte an seine eigene »Teodora«. Sollte auch er ihr einst fluchen?
Sollte übermächtiger Hass die Liebe besiegen? Nein, nein, sie war gut, sie war
edel. Er hatte es beim letzten Mal so recht erkannt.
    Warum musste ihm durch Vererbung so viel sinnliche Leidenschaft und zugleich
so viel reine aufopfernde Liebessehnsucht ins Herz gepflanzt sein! Was hilft die
geistige Begabung oder Charaktergaben in der Geschlechtsliebe, welche doch die
Spiralfeder aller Handlungen und das wichtigste Element des Lebens bildet?
Absolut nichts - beim Weibe wenigstens.
    Schönheit und Kraft gilt beim Weibe natürlich viel: sie nennt das »gern
haben«, wenn ihre physischen Begierden erregt. Rang und Reichtum gilt noch
höher. Einem Titel wiedersteht man schwer und einem vollen Goldsäckel, der die
Vision des Luxus hervorzaubert, zu widerstehn, scheint kaum möglich. Ruhm -
schon viel weniger verlockend. Was ist Ruhm! Höchstens kann er sich in
gesellschaftliche Stellung umsetzen. Und gar der geistige Wert ohne Ruhm - ein
Nullwert! Güte des Charakters? Taugt hochstens dazu, mit einer Art
herablassendem Mitleid in Fällen der Not ausgenutzt zu werden.
    Der Schönste, Kräftigste, Reichste und Vornehmste - der hat ja doch alleine
Chancen in der Welt wie in der Liebe, der Weise und Beste nie.
    Was ist also Liebe eigentlich? Ein Ding, das für die Weisen und Guten nicht
passt, also ihrer unwürdig. Und doch leiden oft gerade sie am tiefsten unter
dieser Folter.
    Warum muss das Gefühl der Liebe sich grade an ein Geschöpf wie das Weib
knüpfen? Wie viel glücklicher scheint das Weib in dieser Hinsicht, da sie
wirklich das intellectuell und moralisch hoher stehende Element im Manne lieben
kann!
    Aber was helfen die Betrachtungen! Aendern die etwas an der Leidenschaft
selbst? Die bleibt, allen philosophischen Reflexionen zum Trotz. Die Liebe, wenn
zur wirklichen verzehrenden Leidenschaft entflammt, gehorcht immer nur der
Sinnlichkeit.
    Wäre das schöne Weib minder begehrenswert gewesen, so hätte Roter sicher
nicht bis zu solch selbstvernichtender Hingebung sich herabgelassen. Die Liebe
gleicht einer Furie selbstsüchtiger Selbstvernichtung, welche ihre höchste
Wollust im Zerfleischen der Ichsucht findet.
    Er stellte sich vor, ihr Gesicht werde von Runzeln zerfressen, ihr Busen
schrumpfe ein und sie huste schwindsüchtig. Auch dann noch glaubte er ihr
dieselbe, ja vielleicht eine noch tiefere Neigung bewahren zu können.
    Vielleicht keine Selbsttäuschung. Um so schlimmer für ihn, dass er diese
Betrachtung über das Wesen der Liebe wagte. Liebe wird erst dann mörderisch,
wenn sie die Sinnlichkeit überwunden zu haben glaubt: Dann ist sie in alle Adern
wie ein Giftstoff übergegangen. -
    Eduard arbeitete tapfer den ganzen Tag darauf los, seine peinigende Ungeduld
bezwingend bis ihn die Stunde rief.
    Das erste Mal, dass er an einem Sonntag die alte liebe Fährte ging. Die ganze
Friedrichs- und Chausseestrasse hinauf wogte es in buntem Gewühl.
    Die Sonne schien hell; ihm war schwül und beklommen zu Mut, als die
Arbeiterbevölkerung des Weddings in Sonntagsröcken an ihm vorbeiströmte. Als er
wieder das alte rumpelige Haus betrat, schlug es Vier.
    Er kam also just zur Zeit. Gleichwohl bat ihn die Wirtin, sich zu gedulden;
Kati käme gleich.
    Wieder sass er am Fenster und blickte auf die Strasse hinab. Wie ihm das Herz
schlug! Die Erinnerung so mancher unseliger Stunden der Vergangenheit, die trübe
verrauscht oder töricht genossen, stieg, wie dampfender Nebel aus dem Moore,
wie eine bleiche Erynnienschaar, aus der Tiefe auf und huschte über das grell
beleuchtete Trottoir der Strasse da unten hinweg. Sein Herz lauschte düster den
Stimmen aus dem Abgrund und tauschte mit ihnen schwermütige Grüsse.
    Die Wirtin trat einmal ein und holte etwas, indem sie still vor sich
hinlächelte. - Endlich ging die Tür leise auf und sie trat ein. Sie trug den
geblümten Schlafrock, der ihre Gestalt so prächtig hervorhob. Schweigend ging
sie wie gewöhnlich, ohne ihn anzusehn, bis in die Mitte des Zimmers.
    »Danke, dass Sie gekommen sind,« sagte sie sanft mit einem ernsten schönen
Blick.
    »Nun, in welcher Angelegenheit haben Sie mich zu sprechen?«
    »O in gar keiner. Ich wollte Sie nur noch mal wiedersehn. Vielleicht reis'
ich schon morgen. Und da wollt' ich doch den letzten Abend noch mit Ihnen
zusammen sein.«
    »Gut. Da hab ich Ihnen auch noch ein Rosenbouqet mitgebracht.« Er nestelte
es aus dem Ueberzieher heraus und warf es auf die Kommode.
    »Besten Dank!« Sie stellte es in ein Glas Wasser und setzte lächelnd hinzu:
    »Wer weiss, für wen das in Wahrheit gewesen ist! Das war am Ende gar nicht
für mich!«
    »O doch, mein Engel. Und hier ist auch meine Photographie.«
    Sie klatschte vor Vergnügen in die Hände. »Ach, das ist schön! Dafür sag'
ich Ihnen doppelt Dank. - Sehn Sie, auf dem Bilde sind Sie sehr hübsch. Ja, so
sehn Sie gut aus.«
    »Und bekomm ich kein Bild von Dir?«
    »Ja, Sie sollen eins haben,« sagte sie energisch und wühlte in ihrem Album.
»Im Kostüm wollen's keins?«
    »O, um Gottes Willen nicht. Da die eine mit dem Buch!«
    »Ich hab zwar nur die eine und geb' sie sehr ungern. Aber Sie sollen sie
haben.«
    »Und was schreiben Sie darauf?«
    »Aber Sie dürfen nicht zusehn.«
    »Nein doch!« Er ging ans Fenster.
    Sie beugte sich über die Photographie und kritzelte darauf. Wie wunderbar
schön sie war! Ihre Gesichtsfarbe hatte sich rosig gefrischt und ihre
braunblonden Haare leuchteten in einem undefinirbaren sauberen Glanze.
    »Schreibe: Meinem Freunde,« sagte er mit Nachdruck. »Denn das bin ich
gewesen und das werde ich stets sein.« Sie schrieb drauf los. »Ach,« fuhr er
fort »Ich kenne die Welt: In drei Wochen hab ich Dich ganz vergessen. Und ich
habe so viel Abziehungen. Das kennt man ja. Vielleicht werden wir uns nie
wiedersehn.«
    »Aber was hab ich denn da geschrieben!« fuhr es ihr plötzlich heraus, indem
sie mit einem humoristisch erstaunten Blick und reizendem Schmollen von der
Photographie aufschaute und ihn ansah.
    »Nun, was denn?«
    »Nein, das dürfen's nicht sehn!« Wie der Wind war sie zur Tür hinaus und
kam mit einem Messer wieder, mit dem sie alsbald auf der Rückseite radirte.
    »Was mag denn das wohl gewesen sein?«
    »O ich will's Dir sagen. Ich hatte geschrieben: Meinem lieben Quälgeist. Nun
schrieb ich Das.« Sie reichte ihm das Bild auf der Rückseite hin. »Meinem
liebsten Freunde zum Abschied gewidmet.« Sie sagte es so ernst. Ein leichtes
Stirnrunzeln fältete ihre Stirn und schien sich gleichsam in der zarten
Rammsnase fortzusetzen, die sich eigentümlich rümpfte.
    »Das hast Du gut gemacht. Ja, Dein Freund bin ich und werde es bleiben.«
    Eine Pause entstand, wo sich Beide stumm Auge in Auge massen.
    »Sagen's,« sagte sie rasch, »Ist Dein Bild, wovon Du sprachst, schon
ausgestellt?«
    »Ja. Da! Ich hab zufällig ausgeschnitten bei mir, was drüber geschrieben
ist.« Er zog ein Zeitungspapier aus der Brieftasche. Sie las:
    »Eine so meisterhafte Pinselführung ist geeignet, jede Kritik zu entwaffnen.
Der grandiose Realismus des Ganzen verblüfft gradezu. Dies Werk wird einen
Markstein in der Geschichte der Berliner Kunst bilden und weitin Sensation
machen.«
    Sie wiederholte nachdenklich und nachdrücklich den letzten Satz, gleichsam
mit ernstem Stolz, als ob sie an dem Erfolg teilhabe und Mitarbeiterin sei.
Eduard fand das entzückend. »O, es haben's aber auch Andere verrissen!« warf er
hin.
    »Dies tut nix,« urteilte sie rasch. »Was sehr gelobt wird, wird auch sehr
getadelt. Nun, haben's auch mal wieder auf mich Gedichte gemacht, wie? Da steckt
was Weisses,« kicherte sie mit reizender Schalkhaftigkeit, indem sie in sein
Notizbuch griff. Er litt nämlich stark an Dichteritis, die ihn wie eine geistige
Cholerine besonders im Sommer heimzusuchen pflegte. Es sprudelte jedoch etwas
Spontanes in diesen kunstlos ungequälten Ergüssen und sie wären eines echten
Lyrikers, à la Professor Gräf, nicht unwürdig erschienen.
    »Ja. Ich war wütend und ärgerlich. Darum schrieb ich das.« Er las mit
Emphase folgenden Erguss verkniffenen Grössenwahns:
»Ein feiger Narr der Leidenschaft,
Verblendet taumelte ich hin.
Nun hat sich endlich aufgerafft
Mein wundzerriebener Mannessinn.
Du könntest mich vernichten, Weib?
Ich selber war's, der mich zerstört.
Dem Weib im parfümirten Leib
Kaum eine Seele angehört.
Dein seelenloser eitler Schwatz
Hat nie verdunkelt mein Gemüt.
Der Liebe Opferqual mein Schatz,
Hätt' mich auch ohne Dich durchglüht.
An eigner Seelenschönheit siech,
Hinfiebern wir in holdem Wahn,
Bis wir ein Herz in jedem Viech,
In jedem Kote Perlen sahen.
Nun lass den Satan los in Dir,
Weil Einer Dich als Engel nahm!
Nur wisse eins, ich warne hier:
Der Löwe ist nicht immer zahm.
Und wisse jeder weise Wicht,
Den meine Narrheit tief entzückt:
Ein Schaf macht solche Streiche nicht,
Der Löwe nur ist oft verrückt.
Ich lache ob den abgeschmackten Laffen,
Die mich anglotzen mit den Bocksgesichtern.
Ich lache ob den Füchsen, die so nüchtern
Und hämisch mich beschnüffeln und begaffen.«
So, Heinrich Heine, klang Dein gelles Lachen,
Als Dich des Pöbels fader Hohn erniedert,
Als alberner Verderbnis Höllenrachen,
Der Dummheit Heuchelei, Dich angewidert.
Wer edel denkt, wird ewig unterliegen,
Wer Liebe sucht, der Selbstsucht Wollust finden.
Und doch wird nie das Böse ihn besiegen,
Weiss er den Torenschmerz zu überwinden.
Nichts lebt, was würdig ist geliebt zu werden
Mit eines Künstlerherzens heiliger Reinheit.
Betrogen wird, wer je vertraut auf Erden
Dem Wahn, man ändere menschliche Gemeinheit.
Doch nicht das Lachen kann Dir Ruhe bringen.
Es stärke sich Dein Stolz durch Selbstbetrachtung!
Und jede Bosheit wirst Du niederringen
Durch Deines Mitleids göttliche Verachtung.
    Sie hörte aufmerksam zu, indem sie die Hand an den Mund und brachte und
leicht am Zeigefinger knabberte. dabei sah sie ihn mehrmals strahlenden Auges
an. »Durch Deines Mitleids göttliche Verachtung!« wiederholte sie halb für sich.
»Spricht wie ein Heiliger. Sieh mal hier!« sprang sie plötzlich auf und hüpfte
an die Kommode, von der sie eine Schnur mit aneinandergereihten Georgstalern
nahm. »Gefallt Dir das?«
    Er liess sie sinnend durch die Hand gleiten. »St. Georg - glaubst Du an
solche Heilige noch?«
    »Jo,« sagte sie ernstaft.
    »Nein, mein Kind, die Heiligen helfen nichts.«
    »Glaubst Du denn auch nicht an Christus?«
    »O ja, Christus lebt noch immer in jedem seiner Jünger. Jeder, der gut ist
und liebevoll, wird gekreuzigt als ein Stück Christus.«
    »Muss denn Jeder dabei gekreuzigt werden, wenn er liebevoll ist?«
    »Hm, ja. - Er kann aber trotzdem viel glücklicher sein, als die Andern. Denn
Mitleid und Erbarmen machen glücklich. Damit kommt man über Vieles weg, wenn man
statt zu verurteilen sagt: Wer sich rein fühlt, werfe den ersten Stein auf sie.
Und das wirkt auch allein. Die Sünderin hat sicher nicht mehr gesündigt.«
    »So, hm?« machte sie. »Man sagt doch aber, selbst die Gerechten fielen
zehnmal an einem Tag.«
    »Das ist anders zu verstehn. Den strengen Massstab von Christus kann doch
kein Mensch erfüllen. Er predigt: Wer die Ehe bricht, der soll des Todes sterben
sagt das Gesetz. Ich aber sage euch, wer nur ein Weib fleischlich begehrt, der
soll des Todes sterben. Und wenn das Gesetz den Todtschläger tödtet, so soll
schon der des Todes sterben, der seinen Nächsten hasst. Wer sollte da nicht wohl
zehnmal des Tages fallen!«
    »Oder sonst was gut's,« murmelte sie gedankenlos und kante an ihrem Finger,
indem sie ihn verstohlen anschielte.
    »Also heut zum letztenmal!« murmelte er.
»Nun wirst Du ruhn für immer,
Du müdes Herz. Hin ist der Wahn, der letzte,
Den ewig ich geglaubt.
Beruhige Dich! Lass diese
Verzweiflung sein die letzte! Kein Geschenk hat
Für uns das Schicksal als den Tod. Verachte
Die grenzenlose Nichtigkeit des Ganzen.«
    Diese Leopardischen Verse, die er halblaut vor sich hin gesummt, schienen
ihrer Stimmung besonders zuzusagen. Denn sie stürzte eiligst zu ihrem Koffer und
entnahm demselben ein schwarzes Büchlein, worauf Poesie, zu lesen stund. »Ach
bitte, schreib mir das ein!«
    »Was, hier?« Er nahm das Büchlein und entfaltete es. Nur wenige Seiten
beschrieben. Auf der ersten, die er aufschlug, fiel ihm ein kleines Lied
entgegen, das er ihr einst gestiftet. Darunter: »Erinnerung an E.R.«
    »Das hat mir zu gut gefallen,« erklärte sie mit lieblichem Erröten. - Dann
kam da ein Gedicht auf Passau »mit dem grossen heiligen Dom« und dem rauschenden
Inn. »Von wem ist denn das nun?«
    »Von mir,« sagte sie lächelnd.
    »Oho! Und was haben wir denn hier?
Entfaltet gleichsam einer Rose,
Schaust Du aus lustigen Augen in die Welt hinein.
Ich rufe jetzt auf Wiedersehn,
Heut wo wir Zwei am Scheidewege stehn,
Ich schliesse Dich in mein Herzkämmerlein.
    Reimen tut sichs zwar nicht, aber 's ist wahr.
    Donner und Doria, welch ein Poet! Der scheint ja eine fabelhafte
Leidenschaft für Dich zu haben! Wer ist denn das nun wieder?«
    »Herr Kohlrausch,« lispelte sie tieferrötend.
    »So? Nun, da dank ich schön.« Roter stand auf, warf das Buch auf den Tisch
und ging mit raschen Schritten auf und ab. »Also seid ihr schon einig?«
    »Aber nein doch! Ich weiss nicht, wie Sie mir vorkommen!« rief sie ängstlich.
    »Nun, das Zeug ist zu schlecht, als dass er's abgeschrieben hätte. Also hat
er's selbst gemacht. Also ist er sterblich verliebt. Und dass Sie sich das
einschreiben lassen, zeigt noch mehr. Und da bilden Sie sich ein, Eduard Roter
wird sich neben dem Kerl da verewigen? Nein, meine Teure, das ist zu viel
verlangt. Am Ende bin ich doch Eduard Roter.«
    »Aber was Du doch immer gleich denkst!« sagte sie ruhig. »Wenn Dem so wäre
und ich interessirte mich für ihn, so würde ich's Dir doch nicht gezeigt haben.«
    »Das ist wahr,« gab er betroffen zu.
    »Das kam einfach so. Er besuchte mich mal, als ich nicht hier war, und sah
meine Poesie-Sachen hier herumliegen, weil ich immer Ihre Sachen lese. Da hat er
nun gehört, wie viel ich mir daraus mache, und hat mir darum solch ein
Poesiebuch geschenkt, und sich ganz ohne meinen Wunsch darin selbst zuerst
eingeschrieben.«
    
    »So,« sagte er befriedigt. »Meinetalben. Aber ich schreibe mich nicht hier
ein.«
    »Ja, ich muss nur machen, dass ich Ihre Photographie in Sicherheit bringe,«
fuhr sie piquirt auf, »sonst nehmen's mir die auch noch weg. Bei Ihnen, Eduard,
ist Alles möglich.«
    Er klopfte sie auf die Wangen und lachte. Aber ein süsses wonniges Gefühl
einer gewissen häuslichen Zusammengehörigkeit durchschauerte ihn bei diesem
traurigen »Kohlen«.
    Sie trat wieder ans Fenster und sah auf die Strasse hinab. Ihr Busen hob und
senkte sich von schweren Seufzern.
    »Dies Berlin hat mir nur Kummer gebracht und doch ist mir, als ob ich
sterben müsste, nun ich's verlasse. Ich weiss nicht warum..« sie stockte. Er
schwieg. »Ach, was hab' ich Gott nur getan, dass ich so viel leiden muss.«
    »Dass Du ein Weib bist und, noch schlimmer, ein schönes Weib!« warf er
achselzuckend hin. Sie überhörte das.
    »Ach, ich habe stets gehört, dass es bitter ist, fremdes Brot zu essen. Aber,
dass es so bitter ist, habe ich nicht gewusst. Wenig glückliche Tage habe ich in
meinem ganzen Leben genossen. Ach, in meiner Jugend, da hatte ich selber
Dienstboten und quälte die halbtodt mit meinen Launen. Und Eine hat mir auch mal
gesagt: Sie wünsche, dass ich mal dasselbe durchzumachen hätte. Nun, das hab' ich
durchgekostet.« Plötzlich fing sie an zu weinen: Zwei heisse Tränen rollten ihre
schönen Wangen herab. Eduard wandte sich ab, um seine Erregung zu verbergen.
    Es dämmerte sehr stark. Die Uhr schlug draussen: schon halb neun Uhr! Wie die
Zeit rasch verflossen war! Die Wirtin klopfte an die Tür. Sie seufzte schwer
auf.
    »Meine Wirtin wird ungeduldig. Wir sollten zusammen noch einmal spazieren
gehn in der Dunkelheit. Ich war den ganzen Tag nicht draussen.«
    »Also soll ich gehn?«
    »Ach nein, bleiben's noch ein bissel.«
    Eine Pause trat ein. Sie versank in Gedanken, er ging langsam im Zimmer auf
und ab.
    »Nun gut,« sagte er endlich, »Etwas hat Sie ja doch aus Passau weggetrieben
- damals als Sie ins Wasser gehn wollten, wie man mir drunten erzählte.«
    »Ins Wasser? Nein, das ist nicht wahr.« Sie sah mit einer gewissen
gelassenen Gleichgültigkeit in den dunkeln Himmel hinauf.
    »Nun, wo ist denn Ihr Passauer Jüngling da geblieben?«
    »Mein Passauer? Ich weiss nicht, wovon Sie reden.«
    Er drehte sich ungeduldig um. »Nun, ich meine, Ihre grosse Liebe da..«
    »Wer denn? Nein wirklich, ich weiss nicht, was Sie meinen. Ich hab nie einen
Landsmann geliebt.«
    »Ich denke, einmal sollten Sie ja eine gute Partie machen und Ihr Vater
hat's nicht gelitten?«
    »Ach Gott, was man da wieder geschwindelt hat! Nein, als ich nach Haus
zurück musste, da war Einer da, der mich heiraten wollte, ein Nachbar von uns,
ein junger Mann, der ein grosses Fleischergeschäft geerbt hatte. Der hielt um
mich an, er war - kurz« - sie machte ein befriedigtes Gesicht - »er wollte mich
haben. Aber ich mochte nicht.. und ein viertel Jahr drauf hat er eine Andre
geheiratet.«
    »Hm,« sagte er, »dann versteh ich nur das Alles nicht. Wer ist denn nun der
geheimnisvolle grosse Unbekannte, der..«
    Sie schwieg.
    »Sagen Sie's mir! Ich sehe, dass Sie das quält. Nun, ich bin Dein einziger
Freund. Einer Freundin sagt man so was nicht. So sag mir's!«
    Seine ernste Stimme hatte für sie stets etwas dämonisch Zwingendes. Sie
wandte sich und sah ihn an Ihr Gesicht flammte und eine Träne blitzte an ihrer
Wimper.
    »Nun gut, so will ich Ihnen sagen, was noch nie Jemand gehört hat. Aber Sie
werden es Niemanden sagen?«
    »Nie, meine Hand darauf!«
    Sie hob mit stockender Stimme an, aber erzählte ohne Befangenheit mit einer
gewissen gleichgültigen Ruhe: »Ich war 17 Jahr alt, als ich nach Trient
geschickt wurde, um dort in einem Hotel, das einem Verwandten von uns gehörte,
bei der Wirtschaft zu helfen. Und da war ein Offizier vom Genie, dem alle Mädel
nachliefen. Ich glaube, das war's nur, was mich reizte.«
    »Aha! Und woher?«
    »Aus Ungarn.«
    »Ach was Teufel! So, und der waral so Deine grosse Flamme?«
    »Ach, ich weiss selbst nicht recht. Ich glaube gar nicht, dass ich ihm so gut
war. Es war nur.. Eitelkeit.«
    »Weil er Hauptmann von Genie war?« fragte er mit leichter Ironie.
    »Nein, weil die Mädel ihm nachliefen. Ach, als die Geschichte 'rauskam und
mein Vater davon hörte und mich nach Haus befahl, da hat er geweint, viel mehr
wie ich - er, ein Mann und Offizier!« Ein etwas verächtlicher Beigeschmack lag
bemerkbar in diesen Worten. Eduard musste, instinktiv fühlen, dass sie eher mit
Ekel und Geringschätzung an diese Jugendliebe zurückdachte. »Und dann.. aber Sie
dürfen nie je zu Jemand ein Wort davon sagen, nicht wahr? Das wär abscheulich..«
auf seine abwehrende Handbewegung fuhr sie rasch fort. »Als er nun fortversetzt
wurde und ich fortmusste, da glaubte ich meine Schande nicht überleben zu können.
Und nun tat ich was ganz Verrücktes. Ich stand in der Nacht auf, nahm die
Streichholzschachtel, schabte von allen Streichhölzern den Phosphor ab, und
trank das mit Wasser. Aber meine Natur war kräftiger als das Gift. Ich bekam nur
furchtbare Kopfschmerzen - das war Alles.«
    »So und weiter kam nichts?« fragte er mit besonderer Betonung. Sie errötete
leicht und schüttelte ernst den Kopf.
    »Nicht das Geringste.« Wieder trat eine Pause ein. »Ach,« sagte sie
plötzlich, »ich glaube, ich hab ihn doch furchtbar gern gehabt.«
    »Und haben Sie weiter nichts von ihm gehört?«
    »O ja. Er hat gesagt, dass er mich heiraten wolle, wenn er pensionirt ist -
eher kann er's nicht.«
    »So? Wie alt ist er denn?« fragte Eduard mit einer leisen Regung
eifersüchtigen Misstrauens.
    »Dreiundreissig.«
    »Ach Herrje! Da kann er ja noch lange lange nicht daran denken. Es wird ihm
auch ohnehin nie einfallen.« Wieder klopfte draussen die Wirtin. Beide rührten
sich noch immer nicht. Sie standen lautlos nebeneinander und blickten - sie auf
die dunkle Strasse, er auf ihrem schönen gramzuckenden Mund.
    »Ach,« seufzte sie plötzlich, »Ich habe Den auch vergessen. Ich bin
Niemandem gut, Niemandem.«
    »Danke!« lächelte er und fuhr mit dem Finger ihre klassisch geschnittene
Nase entlang.
    »Ach, ich meine nicht so..« flüsterte sie verwirrt, »Nur nicht so wie
damals..«
    »Nun und der Kohlrausch?«
    »Ach, das war nur Spass. Es kann sein, dass ich hassen werde.« Sie nahm die
Lampe, zündete sie langsam und stand, auf den Tisch gelehnt, nachdenklich da.
»Wir müssen uns jetzt trennen. Meine Wirtin wird sonst bös.«
    »Soll ich mitkommen?« fragte er zum Scherz.
    »O ja wohl,« lachte sie freundlich. »In der Zeit können Sie ja was zeichnen,
wie?«
    »Nein, nein. Ich muss fort. Ich muss auch meine Uhr einlösen.«
    »Ihre Uhr?« fragte sie rasch mit einem eigentümlichen Aufblitzen der Augen.
    »Nun ja, ich war Dir vorgestern untreu, mein Schatz,« sagte er lächelnd.
»dabei musst' ich meine Uhr lassen, weil ich zu viel Geld zum Fenster
hinauswarf.« Sie schmollte, aber ohne bös zu werden. »Also gut denn, trennen wir
uns. Morgen Abend geht's fort?«
    »Ja. Ach, ich werde an diese Stube zurückdenken, so lange ich lebe,« seufzte
sie. »Die tränenreichsten Stunden meines Lebens verbracht' ich hier. Und
dennoch.. mir wird der Ort stets teuer sein.« Beide sahen sich ernstaft an.
    »Und unter welchen Umständen geh ich weg - ach Gott!« Sie sah wieder wie
geistesabwesend in die Luft. »Nun,« murmelte sie halb vor sich hin. »Meine
Wirtin geduldet sich ja..«
    »Wie, brauchst Du Geld?« fragte er hastig.
    »Es ist mir nur um die Uhr..« stammelte sie verwirrt.
    »Wie, hast Du die noch nicht einlösen können? Sagen Sie, wieviel Sie dazu
brauchen?«
    »Ach, nur 42 Mark.«
    »Hier sind sie.« Er legte zwei Goldstücke auf den Tisch.
    »O, besten Dank! Von keinem Andern würd ich einen Pfenning annehmen. Der
Eberhart hat auch immer gefragt, ob ich Geld brauchte, und ich hab stets gesagt:
Ich brauch nichts. Nur von Ihnen..«
    »Nun, das versteht sich doch von selber.«
    »Ich werd es auch sobald wie möglich zurücksenden.«
    »Unsinn! Ich weiss, dass Sie das tun werden, obschon es gar nicht nötig ist.
- Da, steck's ein, damit es die Wirtin nicht sieht.« Sein nobler Sinn sträubte
sich dagegen den Begriff des Darlehns zwischen so Nahestehenden überhaupt als
vorhanden zu betrachten. Sie fühlte das instinktiv; ein schöner und sanfter
Ausdruck veredelte ihre Züge, indem sie vor sich nieder auf die Tischecke
blickte und fortwährend mit dem Bleistift an den Rand eines Modejournals
kritzelte, der schon mit ähnlichen Hieroglyphen bedeckt war. - Schon wieder
klopfte die Wirtin. Kati sagte aber diesmal nichts und atmete schwer.
    »Das Kurze und Lange von all unsrer Papelei ist also,« sagte er trocken,
indem er seinen Ueberzieher anzog und sich seinen Stock gestützt
hochaufrichtete, »was ich versprach, bleibt bestehen. Aber natürlich muss ja
Jeder von uns sein Leben selber ordnen.« Er sprach noch so eine Weile, wobei er
sich in Parentesen einliess und das Satz-Ende nicht fand, bis er sich
unterbrach: »Holla, wo ist denn mein Hut?« Er fand ihn und setzte ihn auf, indem
er lachend murmelte »kann ohne ihn nicht weiterreden.« In Wahrheit wollte er
sich im Hute besser ausnehmen, da er sein sonst lockiges Haar kurz vorher hatte
scheeren lassen.
    Sie aber stand noch immer in sinnender lauschender Stellung über den Tisch
gebeugt und lachte nur leicht über sein komisches Hut-Manöver. Er hatte damit
auch die Beobachtung erzielt, dass sie ihn gern ruhig in einem Zuge zu Ende
gehört hätte. So hob er denn wieder an: »Was hinter uns liegt, darunter mach'
ich einen Strich. Die Vergangenheit ist für Beide aus und zu Ende. Aber Deine
Zukunft gehört mir und natürlich, wenn da was vorfällt ... Wäre ich nur den
hundertsten Teil gegen andere Frauenzimmer so gewesen wie gegen Dich, so würde
Jede für mich die grösste Zärtlichkeit bekommen haben.« Sie zuckte leicht auf und
errötete, sich über den Tisch beugend, indem ihr Busen sich hob. »Natürlich,
was nun in Zukunft kommt ... wenn Du wirklich nicht so für mich fühlst, wie ich
für Dich - dann, ja dann kann ich nicht mehr mitspielen. Meine Selbstverleugnung
in materieller Hinsicht ist schon so gross, aber.. das kann ich nicht.«
    »Was steht denn hier?« sagte sie plötzlich, gross und kindlich zu ihm
aufblickend, indem sie wie verwirrt das Modejournal von sich schob. Der ganze
Rand war mit dem Namen »Eduard R.« bekritzelt. Er sollte verstehen.
    »Närrchen!« Er lächelte schwermütig. »Hast Du Dich mal in Gedanken mit mir
beschäftigt?« Sie schnitt ein reizendes Gesicht. Eduard war eine einfache Natur,
aber er fühlte, dass sie ihm in diesem Moment um den Hals fallen wollte. Er aber
übte tapfere Entsagung - teilweise aus Stolz und Berechnung, weil er wohl sah,
dass seine Ruhe auf sie einen doppelt tiefen Eindruck machen musste, teils weil
er sich überhaupt zu solcher Liebesscene nicht gestimmt fühlte, da ihn ein
dringendes Bedürfnis quälte und er doch diesen Hochmoment nicht durch eine
cynische Frage herabziehn durfte. (Kati war mehrmals während der Zeit
hinausgepilgert.) So mischt sich der reinsten Romantik die erbärmlichste
Trivialität der physischen Natur. Platonische Entsagungsgrösse aus hygienischer
Rücksicht.
    »Also endlich denn lebwohl! Wenn es auch zwischen uns nichts werden sollte,
so wollen wir doch stets gute Freunde bleiben. Und darauf wollen wir uns die
Hand gehen - als gute Kameraden.« Sie schüttelten sich die Hand, indem sie
zaghafter, also liebevoller wie er, ihre breite Rechte in seine schmalen
blutlosen Finger legte und vor sich niedersah. Das Weinen schien ihr nahe.
Wieder machte sie ein Gesicht, als ob sie etwas erwarte - -. Aber er tat es
nicht. Mit einem Seufzer nahm sie die Lampe und öffnete ihm die Tür. »Bitte,
nimm auch Abschied von meiner Wirtin!« bat sie. Diese sass im Nebenzimmer und
nähte. Sie sah ärgerlich aus, weil der Abendspaziergang so verzögert wurde. Er
lüftete den Hut und sie dankte etwas trocken. »Also adieu!« zögerte er auf der
Schwelle. »Und Sie schreiben mir also dann gleich?«
    »Nein, Sie wollen doch zuerst schreiben?«
    »Ja wohl, gut. Aber erst nach einiger Zeit.«
    »Ich - ich möcht' Ihnen noch gern ein Andenken mitgeben. Wenn ich nur wüsste,
was!«
    »Das ist hübsch von Dir. Halt.. lass mich noch mal Dein Poesiebuch sehn!« Sie
trug die Lampe, welche ihr kräftiger Arm straff emporgehalten, wieder zurück und
reichte ihm eiligst das Gewünschte. Er blätterte. Da stand noch ein Gedicht.
»Von wem ist das?«
    »Auch von mir,« sagte sie neckisch, mit funkelnden Augen.
    »Pah, Unsinn.«
    »Auf Wort! Willst Du's haben?« fragte sie hastig. »Reiss Dir's raus! Ich
schenk' Dir's.« Er steckte es in sein Notizbuch. Die Wirtin hatte sich schon
angezogen; er durfte nicht länger bleiben.
    »Also nochmals adieu, adieu.« Sie drückten sich zärtlich die Hand. »Auf
Wiedersehn!« Sie sagten es fast zugleich und mit derselben verhaltenen Innigkeit
des Tons.
    Er riss sich los und stürzte die Treppe hinunter.
    Besonderen Seelenschmerz spürte er nicht. Eigentlich war er innerlich froh,
für Monate seiner Leidenschaft entzogen zu sein, und doch schien ihm ein
geheimnisvolles Weh durch alle Poren zu strömen.
    Die Wolken droben wichen nicht, gewitterliches Dunkel brach herein. Und die
Wolken im Herzen ballten sich zusammen in banger Schwere. Er sah nicht Wesen
noch Dinge um sich her, nur einen leeren Raum, in dem seltsame Schatten
huschten. Es durchrieselte ihn frostig, als ob der Mond über ihm auf öde
Ginsterhaide strahle oder auf ein mattfarbiges Meer, wo er verschlagen in leckem
Boot. Im Flüstern der Abendwinde vernahm er einen unsagbaren Ton, der wie ein
ferner Harfenton entfloh - eine seltsame Variation über die Melodie:
»Ich liebe Dich so tief, so tief, so tief!
Das stand im letzten Brief.« - -
    Sein erster Gedanke nach diesem Trennungsschmerz von Scheiden und Meiden
galt der Erledigung seines verhaltenen Bedürfnisses; sein zweiter, sobald er die
Stadtbahn bestiegen, der nochmaligen Lectüre des Gedichtes.
    Es lautete, als wäre es schlecht memorirt:
                                  Erinnerung.
Erinnerung, sie ist die Blume,
Von Jeglichem wohl gern gehegt.
In unsers Herzen Heiligtum
Hat sie ein guter Gott gelegt.
Oh! pfleg sie warm Dein ganzes Leben
Denn nur im Licht und Sonnenglanz
Im Strahl der warmen Freundessonne
Erblüht die Blume voll und ganz.
Erinnerung blinkt am Lebenshimmel
Wohl Allen lieb als lichter Stern,
Sie bleibt bei uns, auch wenn wir einsam
Von Allem was wir lieben fern.
Weit über Ströme über Zeiten
In Leid und Lust in Wort und Lied
Schlägt sie die luftigen lichten Brücken,
Drauf der Gedanke weiterzieht.
    »Sind Sie leidend, Herr Roter?« fragte der würdige Herr Bammer, als Eduard
dort sein spätes Abendbrot verzehrte. »Nicht? Sehn so blass aus. Gestern Abend
war einer von Ihren Freunden hier, der Herr Luckner. Wir haben lange
geplaudert.«
    »Was Sie sagen!« versetzte Roter kühl. Er konnte sich denken, dass auch über
Kati alle Mordsgeschichten ausgepackt waren. Luckner, der talentvolle Maler
griechischer Interieurs à la Alma Tadema, schien der letzte, den er als
Mitwisser dieser Affaire gewünscht hätte. Er empfahl sich bald und begab sich in
das Sumpf-Café, wo seine Freundin Mary ihn mit Begeisterung empfing. Eine Rose,
die sie ihm geschenkt, hatte er aus absichtlicher Koketterie ins Knopfloch
gesteckt. Obwohl sie teure Weingäste hatte, liess die von Eros' Pfeil Getroffene
dieselben sitzen und schmiegte sich an den Verzehrer eines Glases Bier, der
mittlerweile auch seine Uhr wieder eingelöst hatte. Als sie aber immer
zudringlicher wurde, konnte er sich nicht verkneifen, aus einer halb braven halb
frivolen Laune das Bild Katis hervorzuziehn, was natürlich Marys komische,
Eifersucht entflammte. »Meinem lieben Freunde,« las sie die Aufschrift. »Nun,
wenn Du nur ihr Freund warst -!« Er zuckte die Achseln. »Ach Du willst mich ja
nur foltern!« schluchzte sie beinah. Und indem sie ihn mit leidenschaftlicher
Zärtlichkeit umschlang, flüsterte sie die Lieblings-Liebesphrase ihres
Kellnerinnenjargons: »Bit Du meine Nauze?« Er ging mit ihr nach Hause.
    Als er am andern Morgen heimkehrte, warf er noch in grauender Dämmerung eine
Zeichnung Katis aus der Erinnerung aufs Papier - sie aufwärts blickend, während
eine Geniengestalt (mit ihm ähnlichen Zügen) herniederschwebend einen
Lorbeerkranz auf ihre Stirne drückt; hinterher ein Gedicht, um seine wechselnden
Empfindungen abzulagern. Einen Augenblick bedachte er sich, dann packte er
Beides in ein Couvert und schrieb ein paar glühende Liebesworte dazu, die
»Teure Khati« anhoben und »Ich konnte mein Blut für Dich opfern« endeten. Er
sagte darin, dass all seine Kräfte sich verdoppeln würden, wenn sie sein wäre,
dass nur sie ihn von seiner Liederlichkeit durch seine reine Liebe für sie
befreien könne und dass sie allein ihn glücklich machen könne, wie er sie sicher
glücklich machen werde. Der Brief atmete reinste zarteste Liebe und nahm kein
Recht irgendwie voraus. »Nur um eins beschwöre ich Sie: Werfen Sie sich nicht
fort! Sie sind viel zu edel und vornehm angelegt, um sich einem Rausch der
Leidenschaft hinzugeben?«
    Es lag zwar eine gewisse Brutalität darin, ihr so unverhohlen mitzuteilen,
dass er am Abend nach dem innigen Abschied von ihr, seiner wahren Liebe, einem so
gewöhnlich sinnlichen Gelüst nachgegeben - aber doch auch eine rührende naive
Aufrichtigkeit, die dem geliebten Wesen, der Freundin seiner Seele, auch nicht
seine geheimsten Schwächen verbergen wollte.
    Das seltsame Gedicht lautete mit seiner Mischung von sentimentaler Hingebung
und Selbsterrlichkeit, die an Grössenwahn streifte:
»Wie kalt Du heute bist!« sprach sie mit heissem Munde,
Der düftend stets an meinen Lippen hing.
Ja innen blutete geheim die alte Wunde:
Dein Bild durch meine Seele ging.
Dich hab ich nicht geküsst, als ich die Hand Dir drückte
Mein Lebewohl hat stumm Dich angeschaut.
Doch ewig bleibst, wohin das Schicksal Dich entrückte,
Du meiner Seele angetraut.
Ja, eine Liebe gibt's, die einmal nur geboren,
Wie eine Perle nur die Muschel gibt.
Und ob ich hundertmal auch Liebe zugeschworen,
Ich habe einmal nur geliebt.
Ja, jeder neue Kuss, den wild ich mit ihr tauschte,
Verschärfte einzig meiner Sehnsucht Pein.
Bei ihrer Liebesglut, die gestern mich berauschte,
Durchfröstelt's kalt heut mein Gebein.
O Leben, schlechter Spass! O wechselnd Rad der Liebe!
Sie fühlt für mich, was ich für Dich gefühlt.
Was hab ich wachgeküsst der Hoffnung eitle Triebe,
Indes mein Herz von Qual zerwühlt?
»My darling!« seufzt sie leis, die Wimper lustbefeuchtet.
Jaja schon gut, mein interessantes Kind.
Den Dämon kenn ich wohl, der mir im Auge leuchtet
Und der Dein kluges Hirn umspinnt.
Nur Liebenswerte sind's, die je mein Kuss gesegnet,
Kein fades Herz sich mir zu eigen gibt.
Die Liebenswerteste allein, die mir begegnet,
Die Eine hat mich nie geliebt.
Die kluge Törin hat der Liebespfeil getroffen,
Der tiefer sich und immer tiefer bohrt.
Auf meine Küsse mag sie ruhig weiter hoffen,
Mein Herz bleibt ewig ihr umflort.
Was soll man eben tun! Man sucht sich zu betäuben
Und damit holla! Alles ist dahin.
Man muss die Motten frisch sich aus dem Aermel stäuben
Und - aus den Augen, aus dem Sinn!
Doch wo mein Name tönt in ferner Zukunft Tagen,
Umzittert unsichtbar ein stolz Geheimnis dich.
    »Er war mein Freund,« so raunt Dein Herz mit höherem Schlagen.
»Geliebt hat er nur Eine - mich.«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    »Nun, wie war der Abschied?« fragte die Wirtin an jenem Abend, als Kati
sinnend und tief ergriffen in der Stube auf und abging.
    »O sehr, sehr nett,« versetzte diese hastig mit leidenschaftlich bewegter
halb erstickter Stimme. »Er ist solch ein edler Mensch, das muss wahr sein. Und -
und ich hab ihn von Herzen gern.« - -
    Der edle Mensch sass mittlerweile am andern Nachmittag, als Kati und die
Wirtin letzte Einkäufe in der Stadt machten - Kati noch immer in inniger
bewegter Stimmung, - mit der edlen Mary in einem kleinen Wiener Café, wo er sich
früher auch mit Kati Rendevous gegeben hatte. Kneifer-Mary hatte ihre Wirtin
als Schutzgarde mitgebracht, um sich als anständige junge Dame zu präsentiren,
und sah sehr blühend und jugendlich aus. Sie stellte ihr »Verhältnis« vor -
»Herr..«
    »Mein Name ist Hase,« gab er mürrisch zurück. »Manchmal auch Meyer.« Er war
äusserst einsilbig und trocken. Marys Anspielungen, dass sie spazieren fahren
möchte, fielen auf ganz unfruchtbaren Boden. In dem Glauben, dass nur die
Anwesenheit der Wirtin ihn missstimme, wusste sie dieselbe zu entfernen, nachdem
diverse Chokoladen vertilgt waren. Die »Damen« hatten notabene eine halbe Stunde
auf ihn warten müssen und er war auch nur erschienen wie er sagte, weil er es
versprochen hatte. Mary's Andeutungen, dass sie nur für ihn so weit weg von ihrer
Wohnung hierhergekommen sei und obendrein so lange gewartet habe - für keinen
Andern - nahm Eduard ebenfalls mit gähnender Gleichgültigkeit entgegen. »Deine
Gedanken sind weit weg,« seufzte sie.
    »Jawohl,« brummte er finster.
    »O ich weiss wohl wo - bei ihr?!« Er antwortete gar nicht. Stumm und
zerstreut begleitete er sie bis vor ihr Lokal, kaum darauf achtend, dass
verschiedene Vorübergehende auf der Friedrichstrasse ihn erkannten und grüssten.
Vornehm streifte er ihre Hand, lüftete den Hut und bemerkte gar nicht ihren
vorwurfsvollen Blick, als er sich rasch von dannen trollte. Die Profanation
dieser Amour nebenher schien ihm doch zum Bewusstsein gekommen.
    Sie gefiel ihm und sie liebte ihn. Aber er liebte sie halt nicht.
    Und dennoch, von Langeweile und Spleen geplagt kehrte er um neun Uhr Abends
wieder in dem Sumpflokal ein, wo sein Erscheinen als »Verhältnis«, in das die
närrische Mary verliebt war, Sensation erregte. Sie musste viel von ihm erzählt
haben. Aber nachdem er eine Stunde vergeudet, begab er sich, allen Bitten seiner
Verehrerin zum Trotz, nach Hause. - - Um dieselbe Zeit nahm Kati Abschied von
ihrer Wirtin am Lehrter Bahnhof.
    » ... Und ja, so wird es denn auch wohl am Ende kommen: Ich werde ihn
heiraten. O wie schwer es mir wird, zu gehn, das wissen Sie nicht.«
    »Brauchen Sie auch wirklich kein Geld mehr, Kati?« fragte die gute Wirtin.
»Sonst will ich's Ihnen leihen. Sagen Sie mir, ob Sie Geld haben!«
    »O wie können Sie mich so beleidigen!« rief sie aus und wurde feuerrot. Es
blieb charakteristisch für sie, dass sie es als gröbste Injurie empfand, wenn man
sich nach ihren Geldverhältnissen erkundigte. - Kurz vorher hatte sie freilich
ihre Wirtin in Verwunderung gesetzt durch eine höchst sonderbare plötzliche
Forderung. Sie hatte dieser nämlich, da sie ihr doch die Miete schuldig blieb,
einen Pfandschein als Sicherheit übergeben, der eingelöst werden sollte, wenn
sie das nötige Geld aus Hamburg sende. Nun fing sie auf einmal an. »Ach
wissen's, liebe Frau Lämmers, geben's mir lieber den Pfandschein wieder zurück!«
Die tüchtige, ehrenfeste, aber welterfahrene Berlinerin rief natürlich stutzig:
»Wie so, vertrauen Sie ihn mir nicht an?« Und als Kati feuerrot fuhr sie
heraus: »Nein nein, besser ist besser!«
    Sofort begann Kati vor Wut zu weinen. »Also auch Sie! dass auch Sie mir
misstrauen!« so ging die Litanei fort, die aber versöhnlich endete.
    Nun sass sie also endlich im Coupé. Sie war standhaft und ruhig. Erst als der
Zug sich in Bewegung setzte und sie ihr tränenüberströmtes Antlitz zum Fenster
hinauswandte, bemerkte man: sie weinte bitterlich.
    Was schmerzte sie denn so? Sie wurde ja ihre peinliche Existenz der letzten
Zeit los! sie fuhr ja ihrem verführerischen Prinzipal entgegen. Welcher Abschied
schmerzte sie denn so bitter?
    Eine Stimme in ihrem Innern antwortete. - -
 
                                 Drittes Buch.
                                       I.
                             Schottisches Tagebuch.
                           Von Abfahrt des Dampfers.
O penetranter Teergeruch,
O Bürsten und o Wischer!
O Besen, Eimer, Lappentuch!
Das geht ja immer frischer.
Man sieht euch Meerssöhnen an,
Dass ihr die Seife hasset,
Obwohl ihr hier euch Mann für Mann
Mit Putzerei befasset.
Und warum alle diese Not,
Ihr tiefverruchten Seelen?
Dass ich zu rechter Zeit im Boot,
Dafür müsst ihr mich quälen!
Ihr jagt aus jeder Position
Mich bis zum Steuerrade.
Ich lenke auf das Trockne schon
Zum Ufer meine Pfade.
Doch alle Püsse, hier verliehn,
Und Flüche, die es regnet,
Curiren praktisch meinen Spleen -
Meerbären, seid gesegnet!
                            Seefahrt nach Edinburg.
Anstauchen Verwicks zeitenmorsche Türme
Grau ans der grauen Flut. Darüber nickt
Die stolze Rotkreuzflagge Albions.
Zwing-Caledonian und Schlüssel Englands,
Sei mir gegrüsst wie jedem Grenzer einst!..
Die Woge klatscht in immer gleichem Takt
An dieser Felsen Nippen - Seegevögel
Umschwirrt in immer gleichem Flug die Gipfel.
Der Mond tritt aus den Wolken; und ein Licht
Ein geisterhaftes, weiss und strahlend, wirft er
Hier auf Ruinen, ernst wie Nacht und Tod:
Tantallon Castle! Eule nur und Rabe
Sie nisten heut in deiner Mauerkrone,
Unheimlich krächzend langgedehnten Tones,
Wo einst des grauen Löwen Douglas Höhle ...
Am Hafen Dunbars fahren wir vorbei,
Dem alten Sitz des fürstlichen Geschlechtes
Altcaledoniens, der Carls of March.
Wie heut die Buccleuchs, Hamiltons, Argyles,
So standen sich zur Seit' und gegenüber
Die Douglas und die March in grauer Zeit -
Doch gegenüber, wie zwei Pfeiler stehn,
Die Beide doch des Hauses Giebel stützen.
Horch, welcher Sang schwillt feierlich empor
Zu Dunbars Zinnen aus den Feldgezelten?
Der salbungsvolle Psalm der »Eisenseiten«.
Der General kaltblütig mit dem Rohr
Der Feinde Stellung mustert. Plötzlich ruft er:
»Der Herr hat sie in unsre Hand gegeben!
Da kommen sie herab, die Leslei-Männer!«
Von beiden Seiten schallt's begeistert-grimm:
»Der Covenant!« »Jehova Zebaot!«
Da plötzlich flammt die Sonne hochempor
Auf Berg und Meer nach bleichen Nebelmorgen.
»Seht, jetzo er erscheint, der alte Gott,
Und seine Feinde werden nun zerstreut.«
Gewaltig geht das Wort von Mund zu Mund
Und jede Brust erhellt das Gotteszeichen
Und Cromwell ruft:»Seht hin, sie fliehn, sie fliehn!
Wie Stoppeln sind sie nur vor unserm Schwert.
Drauf, Rüstzeug, mit dem Herrn der Heeresscharen!«
..Der grossen Männer Wort ist Gottes Wink:
Und schon beleuchtet diese Siegessonne
Der Schotten feige Flucht durchs Blachgefild -
Von Schwerte nicht, von Cromwells Geist geschlagen.
Heil, Edinburg! Da steigst du aus der Flut
Im Schleier der Romatik - Holyrood
Und Schloss als Zacken in der Manerkron'!
Im Nimbus goldnen Morgensonne schon
Strahlt deiner Dichterfürsten Monument,
Der Dioskurensterne, wie getrennt
Als Schottlands Doppelglorie und Ruhm.
Glorreiche Veste einst der Wissenschaft,
Wo lang geherrscht der Muse heilige Kraft!
Nach deiner Söhne neuem Griechentum
»Modern Aten« gepriesen und benannt,
Dem auch im Anblick man dich ähnlich fand.
    Waverlei Station! Von Burns' Monument schweift der Blick zum Castle hinüber,
hoch oben tronend mit seinen buntröckigen Hochlandsgarden, und von da durch die
schnurgerade breite Prince's Street über die gewaltigen vierstöckigen Häuser
weg, welche die Ober-Stadt mit der Unter-Stadt verbinden, zu dem gotischen
Münsterturm, der Scott's Denkmal umhüllt.
Bei dem wackern Bürgermeister
In Kirkcaldy darf ich sitzen -
Im Balkon im Sessel heisst er
Mich »Inspiration erschwitzen!«
Denn dort habe oft gesessen
Mit dem Toddy und der Pfeife
Carlyle, der hier unvergessen,
Und der oft hierher noch schweife.
Ha! Gleich wie der Pytia
Dreifuss macht mich dieser Sessel
Zum Propheten schon beinah!
In der Nordsee Schaumeskessel
Starre ich bis auf den Grund,
Seh das Weltgeheimniss klaffen
Bis in des Verderbens Schlund,
Wo die Parzen emsig schaffen.
    Kirkcaldy hat eine dünne Bevölkerung, dicke Magistrate, nur drei
Gefangenzellen und etliche »unverbesserliche Trunkenbolde«. Ich genoss die Ehre,
einem der letzteren in einer der besagten Zellen (bei vorübergehender
Besichtigung, um Irrtümer zu vermeiden!) vorgestellt zu werden. Dies nützliche
Mitglied der Gesellschaft verhiess uns mit ausgezeichneter Höflichkeit eine
Empfehlung an den Hausherrn gewisser unterirdischer Regionen, mit dem er
augenscheinlich auf vertrautem Fusse stand, und schnarchte in edler
Unabhängigkeit fort. Der Tierwärter - ich meine der Gefängnissschliesser - konnte
sich hier nicht die gerührte Bemerkung versagen, wie viel comfortabler dieser
Feuerwasseranbeter auf der Pritsche sich den Träumen seines fanatischen Cultus
hingeben könne, statt sich auf dem Strassenpflaster herumzuwälzen.
    Uebrigens zeigte sich ein Herr aus Dundee sehr entrüstet, als ich mich bei
einem Abendspaziergang durch die Gassen starke Betrunkenheit zu bemerken vermass,
sintemalen es »Saturday Evening« und doch nur zwei total »Ertrunkene« (der Narr
in »Was ihr wollt« ist für diesen Ausdruck verantwortlich) durch die Strassen
schwammen. Andre Länder, andre Sitten! Vielleicht eine Eigentümlichkeit
schottischer Religiosität, den »heiligen Tag« durch eine Whisky-Taufe
einzuweihen! So kommen sie denn sicherlich mit roten Nasen in die Kirche und
näseln Psalmen und schauen stolz herab auf die »Heiden« in der Welt da draussen.
Doch ihr dreimal am Tage Beten (nach jedem Mahl kniet jeder schottische Hausherr
mit seiner Familie nieder und beginnt ein halbstündiges »Prayer«!) lässt ihnen
noch Zeit genug für Gastfreiheit und Bildung. Der »ruchloseste« Poet wird nicht
aus der Bibliotek eines solchen Frommen ausgeschlossen; denn dieser bleibt ein
gebildeter Mann, obwohl er mit dem Papst in Rom an Unfehlbarkeit wetteifert.
Auch scheint seine Gastfreiheit schätzenswerter, als die hochmütig
prahlerische Freigebigkeit Englands. Schottland ist arm. Darum darf man nicht
verkennen, dass die Religiosität des Schotten sich zwar auch in Formeln und
Riten, aber nicht minder in echter rechter »kindness« gegen seinen Nächsten
zeigt, die ihm ein Opfer, wie dem Engländer ein blosser Sport. Kein anziehender
Gesellschafter, der Schotte! Sehen wir einen Sprössling der Grampians, so denken
wir unwillkürlich an einen grauen schottischen Regentag. Ein Fremder, den sie
mit Güte überschütten, wird sich im Leben nicht wohl bei ihnen fühlen. Sie
finden es nicht comfortabel, ihre Bildung zum Besten zu geben, und jammern
lieber über das Wetter, natürlich ein unerschöpflicher Unterhaltungsstoff.
    Geiz (Armut!), Trunkenheit (Klima!), Pharisäismus (Kirche!) mag man hier
als häufige Fehler finden, Frömmigkeit und Biedersinn als häufigere Vorzüge,
tiefen Sinn für Natur, Freiheit und Poesie als allgemeines Erbgut. Wie den
Griechen und Italienern der Sinn für äussere menschliche Schönheit angeboren, wie
die deutsche Race mit besonderer Empfänglichkeit für Musik begabt scheint, so
mag man die ganze britische Nation getrost als das Volk der Poesie bezeichnen.
Diese nordischen Stämme brachten mit sich die germanische Empfänglichkeit für
freie Natur, noch verstärkt durch ihr Leben als Jäger und Krieger. Abgeschlossen
von der übrigen Welt durch ihre insulare Stellung, bildete sich eine
beschränkte, aber achtungswerte Vaterlandsliebe in ihnen aus. Die langen Fehden
der Schotten und Angeln begeisterten sie für kriegerischen Ruhm, und die
Normannen brachten ihnen den Cultus der Chevalerie. Heine wundert sich
affecktirt, dass die Engländer den Shakespeare hervorbrachten. Das wirklich
Wunderbare wäre, wenn irgend ein anderes Volk ihn hervorgebracht hätte, oder
wenn die Schotten nicht ihren Scott und Burns besässen. Und wie stolz sind sie
auf diese Zwei! Man wundere sich noch, dass die Briten im Durchschnitt die
grössten Dichter erzeugten! Kunst geht erstens nach Brot und zweitens nach Ruhm
d.h. bei Lebzeiten. Der Nachruhm freilich - wir Deutschen sind sehr freigebig
mit diesem wertvollen Artikel. Aber da ist noch ein Unterschied zwischen der
gähnenden Goete-Pfafferei und der innigen herzlichen Liebe der Schotten für
ihre Dichter. Der echte Scotchman hat drei hauptsächliche Gedanken: Kirche,
Hochland und Sir Walter. Unsere Kirche, unsere Natur, unser Poet sind doch die
besten!
    Es scheint charakteristisch, dass sie zwei Landstriche »Sir Walters Land« und
»Burns' Land« benennen. Trotz allem Traphic und Common Sense blieben die Briten
doch sicher naiver, natürlicher, poetischer und entusiastischer, als die Leute
auf dem Continent.
    Kirkcaldy hat eine geräumige Kirche und will natürlich eine grössere
bauen.»Kirchenbauen« scheint eine Epidemie in Grossbritannien. Der Clergyman gilt
für einen der besten Prediger in Midlotian und ist ein gebildeter Mann, der
lange Zeit in Berlin Teologie studierte und schlechtes Deutsch spricht, was
viel sagen will für einen Briten. Uebrigens steht die gute Stadt in einem
gewissen Zusammenhang mit deutscher Sprache und Literatur, auch durch Seehandel
mit Deutschland, da sie in Verbindung steht mit dem grössten German Scholar,
Tomas Carlyle, der hier als junger Schulmeister lebte. Dieser ausserordentliche
Mann, der vielleicht noch mehr Bewunderer zählte, wenn das Corybautengekreisch
seiner Verehrer nicht die Stimme ihres Gottes übertönte, bewahrte eine Vorliebe
für diesen Aufentalt seiner Jugendtage. Er besuchte, von seiner Seherhöhle in
Chelsea aus, oft seinen ehemaligen Wohnsitz. Hier wandelte auch einst ein
anderer Prophet, Adam Smit, in seinem Garten am Meer, wo er seine »wealt of
nations« schrieb.
    Ja, und da wäre nun Pert! Die »Schöne Stadt« nennt es sich selbst,
alldieweil der Zauberstab des Dichters die »Schöne Maid von Pert«
heraufbeschwor. Da hockt man nun in altertümlicher Klause, in einer alten
lauschigen Inn, eine alte Chronik neben sich, worin Erbauliches von Leben und
Ende des schottischen Nationalheros William Wallace berichtet.
    Die Moncrieff-Ruine immer noch ragt, immer noch glitzert der Tay so klar,
dass man die Kiesel auf seinem Grunde zählt. Auf dem Anger, wo einst die beiden
Claus gefochten, tummeln sich heut Criket-Schläger und die Enkelinnen der
Schönen Maid von Pert - ach, sie lassen uns nur den Verfall alles Schönen
bedauern.
    Aber noch duften die herrlichen Blumenbeete der Stadt, noch duftet der
sagenlispelnde Wald.
Sagen rauscht der alte Park,
Und die alte Lady drinnen
Am Kamin erinnert stark
An die Scott'schen Häuptlinginnen.
Um sie her sitzt all ihr Clan,
Und der ältste Sohn wird treten,
Wenn die Abendstunden nahn,
In die Mitte erst und beten.
Beten nach dem Abendbrod,
Mittag auch und Abendessen.
Ach, ich leide grosse Not,
Der ich Beten längst vergessen.
    Dunkeld! Wohl sieht man hier vor seines Geistes Auge Vernam's Wald anrücken
auf Dunsinan, hier wo Macbet verzweifelt wie ein Bar mit der Meute focht. Doch
mit leiblichen Augen sieht man hinter jedem Meilenstein pinselnde Ladies
aufgepflanzt. Ein Blick über die Schulter der edlen Künstlerinnen - - kehrten
mir lieber Hochlandkühe den interessanten Rücken!
    Blair Atole, schon ein richtiger Hochlandweiler! Die Gefälle des Bruar
würden sich besser ausnehmen, wären sie nicht mit einer Hecke langbeiniger
Touristen garnirt, die mit verzweifelter Ausdauer Operngläser herumgehn lassen,
wie Wassereimer bei einer Feuersbrunst, als stünden sie hier auf schwerer
Pflichterfüllung. Sie brummen »Be-e-auti-ifu-ul!« und kucken die Wolken an, sie
lesen laut von ihrem Guide-Book ab: »Romantische Wasserfälle!«
    Seitwärts liegt der Pass von Killikrankie. Dass die Truppen Wilhelm des
Oraniers hier total geschlagen wurden, scheint begreiflich, wenn man die
Position der Jakobiten bedenkt. Die Steilheit der Felswände, die Schmalheit des
Passes und die Gefährlichkeit des früheren Fusspfades die Felsen entlang machen
es zu einem Platz, wo, wie Cromwell von einer Schlucht in Nord-Berwik sagte, »
ein Mann zum Aufhalten mehr wert ist, als zehn zum Vordringen.« Für gute
Schützen, wie die Hochländer, muss es bei der vortrefflichen Deckung nur ein
Scheibenschiessen gewesen sein.
    Natürlich blieb dieser Jakobitensieg der Weltgeschichte sehr gleichgültig,
die ruhig weiter schreitet und Leute, wie die Stuarts, je ärger sie gegen den
Arm des Schicksals zappeln, um so unerbittlicher über Bord wirft.
    Da haben wir das Tal des Tilt. Dies Flüsschen hat sich einen Namen gemacht
durch seine »untertänige Petition an den Herzog von Atole«. Dieser Nobleman,
der Besitzer von ganz Nord-Pertshire, konnte der Bitte des Genius unmöglich
widerstehen, und so bauten denn die Worte von Robert Burns dem Flusse eine
Brücke.
    Es liegt etwas Anheimelndes in diesen Beziehungen zwischen Land und Dichter.
Keine Literatur scheint so wie die englische, wörtlich verstanden, mit dem Boden
verwachsen. Selbst Lord Byron, der kosmopolitischste der britischen Poeten,
bleibt hiervon nicht ausgeschlossen. Die Berge und die Seeen von Aberdeenshire
und das Schloss seiner Väter Newstead schweben ihm doch vertrauter vor, als die
Inseln seiner Corsaren. Unter den Engländern scheinen die Werke von Dikens ein
förmliches Guide-Boot seiner nur etwas zu gross geratenen Heimatstadt. Aber wer
erreicht gar die beiden Dichterheroen Caledoniens in Besingung des Vaterlandes?
Kleine Länder haben eben den Vorzug, die Heimatsliebe ungewöhnlich zu erhöhen.
Da ist wirklich kein Fluss und Berg in Schottland, der nicht durch das Wort eines
Dichters dem ganzen Volke intim nahegerückt wäre.
    Der Tilt verdient einen Besinger. Denn einen rebellerischeren kleineren Fluss
kann man sich gar nicht denken. Mit lautem Hurrah kollert er die Waldhöhe
herunter, schiesst, als wenn's ihm Spass machte, über alle möglichen Felsen
Purzelbäume und läuft statt wie ein ehrbarer gediegener Fluss gradaus zu
marschiren mit provozirender Geläufigkeit schief und krumm, bald rechts bald
links, bald Ost bald West. Uebrigens scheint das Purzelbaumschiessen ein
Erbfehler dieser ganzen Stromfamilie. Etliche dreissig Bäche und Bächelchen
rennen, sich überstürzend, als wäre ein allgemeiner »Gatering« ausgerufen, oder
rutschen von einer senkrechten Klippe mit Donnergepolter herab, sich unten
sammelnd um ihren Clanhäuptling Tilt. Doch »no more nonsense!« Ernst, düster
ernst wollen wir sein, denn eine Reitpartie durch den Glen Tilt hat wenig
Scherzhaftes. Vor Allem die Führer scheinen davon überzeugt. Nur wenn das Pony
unsers Begleiters die wundersame Neigung entwickelt, nach rechts, wenn er links,
nach rückwärts, wenn er vorwärts will, zu lenken, nebst andern unedlen Spässen
einer edlen Pferdenatur - nur dann zuckt ein zufriedenes Grinsen durch ihre
raubgierigen Geiervisagen - Holla! Da strauchelt mein Pony! Das kommt davon,
wenn Einem verleumderische Gesinnungen gegen die edlen Räuber des Gebirges auf
der Stirn geschrieben stehn. Ich habe wenigstens meinen Führer in Verdacht,
diesen Gertenhieb grade für die Stelle, wo der grosse Stein liegt, berechnet zu
haben. Aber auch diesem Pony ist nichts Gutes zuzutrauen. Das ist der wahre
Repräsentant des Hochlands. Halsstarrig, eigensinnig, faul und voll
humoristischer Tücke. Ein Jammer, dass ihm kein »Mac« über seinem krausen
schwarzen Stirnhaar geschrieben steht, damit man doch gleich weiss, wess Geistes
er sei! O dieser Gebirgssohn! Innerhalb fünf Minuten macht er fünf falsche
Tritte, die, wie er weiss, ihm nichts schaden, aber seinen Reiter bis ins
Innerste erschüttern. O Pony, Humor ist eine schöne Gabe, aber deine nun endlich
abgestandenen (oder besser: abgerittenen) Spässe von Hintenausschlagen, Wiehern,
Stillstehn, vor jeder Felsnase Schenen, jede Ginsterblume als gute Beute ansehn
- solche Scherze sind mir entschieden zuwider. Und noch dazu, wenn man an einem
schiefen Felsgrat, an dem die Natur leider das Geländer vergessen hat, hintrabt
und der Strudel dreissig Fuss unten brodelt. »Das sind mir Humore!« - Unser
Begleiter hat sich schon lang in sein Schicksal gefunden und bewundert die
Schönheiten der Natur eine halbe Meile hinter uns. Sein edles Ross leistet eine
Viertelmeile preussisch in der Stunde, immer noch alles Mögliche, wenn man
bedenkt, dass es sein Frühstück, zweites Frühstück, Lunch und noch mal Lunch
während des Einherschleuderns am Wege findet. Glückliches Wesen! Wann wird uns
ein Lunch erblühen? Jeder Grashalm, den es kaltblütig pflückt, vermehrt die
Leere unsrer Mägen.
Hochlandpony, Hochlandführer,
Tückisch halsstarrige Viecher!
Proviant- und Börsenspürer,
Schnüffelnde Gepäckberiecher!
Heimlich habt ihr aufgefressen
Aus der Tasche mir die Stullen.
Und das Sheltie unterdessen
Tut, als säh es einen Bullen.
Jeden Augenblick ausscharrt es
Und die schwarze Mähne schüttelt
Ins Gesicht mir - o wie hart es
Mich am Abgrund weiterrüttelt!
Warum stampfst du mit den Hufen?
Schont beginnt es rings zu dämmern.
Ach, den Spitz des Schäfers rufen
Hört man dort nach seinen Lämmern.
»König ist der Hirtenknabe.«
Ja, der sitzt recht in der Wolle.
Von des Porridge Abendgabe
Träumt der ernst Gedankenvolle.
    Da steht er gross und breit, in seinen dicken Wollenmantel und das Bewusstsein
seiner Würde gewickelt, der braunstirnige Hochlandschäfer. Die zwei klugen Hunde
liegen zu seinen Füssen, still und wachsam, ungleich dem lärmenden Gesindel der
Städte, in ernster schweigsamen Pflichterfüllung. Ja, der Schäferhund des
Gebirges scheint der wahre Gentleman der Hunderace. Der fette feige
Newfoundländer ist ein fauler Lord und die maulende keifende Dogge ein
pöbelhafter John Bull. Aber der Schäferspitz, unansehnlich an Gestalt, mässig,
beobachtend, freundlich, aber nie schmeichelnd -: der Charakter, der den Wolf
von der Heerde wegbeisst und nach dem verlorenen Lamm durch Dick und Dünn läuft.
    Was die Schäfer anbelangt, so scheinen dieselben durch die Schäferpoesie
unschuldig in Verruf gekommen. Sie bleiben im Grunde ganz anständige Menschen,
gerade so dumm und schmutzig, wie andre solide Bauern. Welche Entrüstung muss das
Herz dieser Biedermänner erfüllen, wenn sie vernehmen, mit welch romantischem
Firlefanz ihren groben Filzhut gerührte Bänkelsänger umwanden! Ueberhaupt diese
Poeten! Jener Schäferjüngling, der so träumerisch vom Felsen in die Wolken
starrt, dürfte eine Sündflut »sangbarer« Lieder und populärer Balladen nach
sich ziehen, auch dürfte er sich zu gefälliger Composition empfehlen. Aber
welche Gefühle durchfluten seine Brust? Legt er sich in Gedanken die Sonne als
goldne Krone zu? Oder fliegen Uhlandsche Königstöchterlein durch seine
schmachtende Seele? Oder ergeht sein zartbesaitetes Gemüt sich in elegischer
Stimmung nach der alten Weise: »Da droben auf jenem Berge?« Verleumdung! Womit
haben diese praktischen Realisten es verdient, als des Idealismus verdächtig
denuncirt zu werden? Ein edler Zukunftstraum von Haferbrei erhebt sich vor
seiner schönen Seele; tief sinnend schüttelt er das gedankenvolle Haupt in
gelindem Zweifel, ob Jenny ihn diesen Abend mit purer Milch bereiten wird oder
aber - die schöne Aussicht auf die Wänste seiner Hämmel begeistert ihn zu diesem
logischen Gedankenschwung - mit fetter Sahne?! Um auf die besagten Hämmel
zurückzukommen, so pflegt dieser vierfüssige Hochlandsclan eine unpassende
Zudringlichkeit. Aus ihrer grasenden Beschaulichkeit aufgestört, starren sie uns
mit dem düstern Blick gekränkter Friedensunschuld an und schleudern uns ein
unheilverkündendes Blöken nach. Herr Schäfer putzt sich die Nase.
    »Ade, du Schäfer mein!«
    Wir sind nun schon lange über Te Queen's Seat hinaus. Hier hat nämlich
Königin Victoria auf einer Fusstour durch dies Tal geruht und der Herzog von
Atole liess hier ein erfrischendes Frühstück und zur besondern Befriedigung eine
reichhaltige Liqueursammlung serviren. Die meisten Wasserfälle auch schon
passirt. Der Tilt wird immer breiter. Dieser Flussjüngling blieb übrigens trotz
seines wässerigen Berufes eine ungewaschener Canadier, indem er sich einerseits
alle Nase lang in die Büsche schlägt, wo wir ihm nachlaufen müssen, andrerseits
sich nicht einmal eine anständige Brücke zugelegt hat, trotz seiner
entschiedenen Neigung für Ueberschwemmung und Austretung und überhaupt alle
Arten von Ausschreitungen. An einer Stelle haben wir also richtig mit Sack und
Pack, Ross und Reisigen, hindurch zu plantschen, wobei die Ponys ein auserlesenes
Vergnügen im Bespritzen ihrer reitenden Opfer, in Folge gänzlich unberechtigten
Strauchelns, zu finden scheinen. Vertiefen wir uns bei kurzer Rast in ein
Butterbrod und die romantische Aussicht! Der Guide, ein erfahrener
Menschenkenner, scheint uns poetischer Gefühle fähig zu halten; er wirft uns
einen misstrauischen Blick zu und schlendert uns, in der Gewissheit seines
Verdachtes, die lauernde Frage ins Antlitz: »Schmeckt Ihr Butterbrod, Sir?« Ja,
der Barbar wagt es obendrein, zarte Andeutungen auf unsre Whiskyflasche
hinzuwerfen und eine grosse Libation zu empfehlen, unter dem medicinisch
interessanten Vorwand, diese wässerige Umgebung erzeuge ihm immer eine
ausfallende Kälte im Magen. Die Kälte wird also curirt und dann eiligst weiter!
- In zarten Andeutungen sind Führer überhaupt gross. An der »Forstütte« erlaubt
sich Guide I die bescheidene Anfrage, ob ich auch an das Lunch gedacht habe? An
der Ben Deary Kaskade wirst Guide II die Vermutung so leicht hin, dass ich zehn
Sandwichs mitgenommen hätte. Nur Acht? Missbilligendes Husten. Vor den Shehallion
und Farragon Bergen erkundigte sich derselbe in teilnehmender Weise, ob besagte
Butterbrode sich einer Ausschmückung mit Schinken oder Käs erfreuten? Mit
Schinken. So! Allgemeine Befriedigung. Guide I fürchtet nur, dass der Senf
vergessen sei, und will sich freundlichst gleich selbst davon überzeugen. Wird
höflich untersagt. Missbilligung. Als sich die riesigen Proportionen von
Ben-y-Gloe entwickeln, entwickelt sich der Hunger der Biedermänner in dito
Proportionen. dabei wird dem Whisky in unziemlicher Weise zugesprochen Bei den
Schiesshütten des Carl of Fife angelangt, erscheint uns allen denn auch das
schwarze Torfmoor in einem eigentümlich rosigen Lichte - unser Begleiter
schwingt sich sogar zu der Behauptung empor, es gäbe hier eigentlich zwei Moore,
eins überm andern. Diese bedenkliche Doppelseherei wirkt entschieden ansteckend,
bis wir an dem Linn of Dee, dem berüchtigten Wasserfall, der den kleinen Byron
beinahe verschluckt hätte, beinahe selbst dies Schicksal erlitten hätten. Das
kommt davon, wenn man zu genau in den Fussstapfen des Genius wandelt. In dieser
Gegend verlebte bekanntlich der originellste Dichter des modernen Zeitalters
seine frühen Knabenjahre.
    Da sind wir schon in Braemar. Furchterweckende Phantome von Dandies und
feingeputzten Damen gleiten im Abendschatten an uns vorüber, aber wir halten es
für Hallucinationen unsrer erregten Sinne. Wir stecken ja mitten in der
Waldeinsamkeit. Grosses Gebäude - sieht so Hotelmässig aus? Vom Pony steigen, in
die Vorhalle treten, mit dem Bauch eines enormen Oberkellners zusammenprallen
wird das Werk einer Minute. Schaudernd werfen wir entsetzte Blicke um uns her.
Ist's wahr, ist's möglich? Zwölf Kellner in Frack und weisser Binde, mit
grauenhaften Scheiteln und distinguirtem Air, zwölf Gemeine und noch Se.
Excellenz besagter Oberkellner, nebst Frack, weisser Weste, Cravatte und Glacés.
Zuviel!
    Man bedenke die Situation! Zwölf Stunden in der Wüste auf den Verkehr mit
Ponys angewiesen, das Absonderungsbewusstsein eines zweiten Manfred im Busen und
hier - zwölf Apostel der Etiquette, von denen der erste zarte Winke über Table
d'hôte, der zweite über Schlafzimmer in erster, zweiter oder beliebiger Etage
fallen lässt. Wir selber aber liessen mit Grandezza unser Gepäck fallen,
schleuderten dem Bauch des glattrasirten Tyrannen einen vernichtenden Blick zu
und stürzten uns mit dem Grimm eines Kannibalen über das Supper. Das war die
Vergeltung! Alle Victualien verschwanden schonungslos vor dem Heisshunger unsrer
Rache. Umsonst sandte der gastliche Leiter des Mahles wehmütige Blicke
gerechten Kummers den erschöpften Schüsseln nach. O er merkte jetzt mit
unheimlicher Ahnung, dass sich Wüstensöhne mit dem dazu gehörenden Magen in seine
wohlgesitteten Hallen gedrängt - einen letzten unaussprechlichen Blick
verwundeten Anstandes warf er auf unsre bestaubten Röcke und Stiefel und ging
und ward nicht mehr gesehn. Ich aber ass für zehn streitbare Männer, mit
unsäglichem Wehgefühl.
Ohne Menschen fünfzehn Stunden!
Endlich hab an dieser Stell hier
Ich ein Manfredstal gefunden!
Ach, am Ziel ragt ein Hotel hier!
Lass mich schaudernd rückwärts taumeln:
Ueber weissen Kellnerwesten
Seh ich Tombak-Ketten baumeln!
Fort mit meines Traumes Resten!
    Auf nach Balmoral! Der Boden scheint eine malerische Sumpflache, die Sonne
hat den Schnupfen - oder, wie man hier zu Lande das interpretirt: Das Wetter
hält sich doch noch!
    Rings strecken sich Felsen spitz in die Luft, wie ein Riesenfinger: andere
Kegel haben das Aussehen von Burgen, von deren spitzen Türmchen die Tannen wie
grüne Fahnen herunterwehen. Der Styl dieser Böklin'schen Naturcomposition
erinnert lebhaft an die Chaussee, von Reichenhall nach Berchtesgaden. An der
einen Seite fliesst der Dee, welchem Lord Byron als Badeprämie die Reklame in
seine Werke einrückte: »Ibreasted the billows of Dee's rushing tide.« Vielleicht
hat auf dieser Bank von Stein der junge Dichter von Zukunft und Ruhm geträumt.
    Hier hat der erwachende Genius Byrons nicht nur seine Liebe zur Bergnatur,
sondern auch das erste Bewusstsein der in ihm schlummernden Poesie eingesogen.
Das erste, Alles beherrschende Gefühl eines dichterischen Geistes, Bewunderung
der Schöpfungsmysterien, war ihm in diesen Bergen aufgegangen. Darum sei mir
gesegnet und freudig begrüsst, wie ein Vetter des Parnass, du weisshaariger Riese
Lochnagar mit dem blauen Auge des wilden Bergsees hoch oben unter deiner
massigen Stirn! Zu deinen Füssen stand die Wiege des Genius oder doch wenigstens
genauer gesprochen, seine Milchflasche. Hier liegt nämlich der nette Pachtof
Ballater, woselbst der junge Musagetes eine Milchkur genoss. Die Milch ist immer
noch für Geld und gute Worte zu erstehen, aber die Milch der Musen - -
    Auf der Bahn nach Inverness. Rechts lärmender Franzose, links hustende
Schwindsüchtige, auf allen Seiten Rauch und Hitze. Tiefmelancholische
Landschaft. Das trübe Mondlicht scheint sich auf dem Rücken der schwarzen
Hochlandkühe zu spiegeln, die aus ihren Hürden stumpfen Blicks dem Zuge
nachbrüllen. Jeder Hügel trieft hier ordentlich von geschichtlichen Blut:
Hochlandmorde und Clangemetzel schienen hier stets an der Tagesordnung. Ankunft
in Inverness, einer düstern, zugigen, höchst verdächtig aussehenden Stadt. In dem
alten Castle soll den gnadenreichen Duncan Macbets Dolch getroffen haben. Es
sieht mir auch ganz danach aus. Bei Culloden wurde hier anno 1746 der Prätendent
Karl Eduard total geschlagen.
    Weltschmerz und Schnupfen schauern mich an, auf diesen Grabkreuzen sinnend.
»Für Gott, für König und Vaterland«
Fiel mancher Narr bei Culloden.
Sein eisernes Kreuz als Denkmal stand
Schon lange hier im Boden.
Das Känzchen klagt Kiwitt, Kiwitt.
Komm mit, komm mit!
Du graues Alräunchen, Du Hochland-Guide,
Du kicherst so verdächtig.
Bist Du ein Uhu im Menschenkleid,
Umgehend mitternächtig?
Das Käuzchen klagt Kiwitt, Kiwitt!
Komm mit, komm mit!
    Bei der Steamerfahrt auf dem Caledonischen Kanal nach Oban bewährt sich uns
die eingewurzelte Eigentümlichkeit dieses Gewässers, sich stets mit Regen
begiessen zu lassen. Soviel man unter der Nebel haube erkennen kann, bildet den
Glanzpunkt der Fahrt das Sichtbarwerden des höchsten schottischen Berges, Ben
Nevis, und des grössten Wasserfalls der britischen Inseln, Falls of Foyers.
Zwischen Ginsterhügeln wälzt, der Foyer seine Flutenmassen, bis er, durch ein
breites Felsenbecken hinabgleitend, plötzlich an einem Abgrund sich überstürzt
und aus einer Höhe von etwa 90 Fuss fast senkrecht niederrollt. Die berstenden
Wogenbälle donnern mit unglaublicher Kraft an die starren braunschwarzen
Felsgiganten und flattern in silberweissem Schaum, wie ein Lenkoteaschleier über
die Ufer. Das furchtbare Zischen der sich bildenden Strudel, wenn die
herabrollenden Wassermassen unten im Strom durcheinanderwirbeln, wirkt
grauenerweckend. Der zerstiebende Schaum steigt in durchsichtigen
Krystall-Säulen wie Nebelqualm aus der Tiefe, welche im Contrast zu dem
schneeweissen Fall rabenschwarz, erscheint. Aus den verschlungenen Schluchten,
aus allen Schlüften und Höhlen dröhnt ein unaufhörliches Echo nach. Ueber dem
eigentlichen Fall stürzt noch ein zweiter kleinerer hernieder und wird mit
seinem stärkeren Sohn - denn er erzeugt durch seine vorbereitende Kraft
hauptsächlich die aufgehäuften, sich dem grössern Absturz zuwälzenden Wogen -
durch eine Aeterbrücke, einen in allen Farben schillernden Regenbogen
verbunden.
Der Schweif des Sturzfalls peitscht die Wand,
Wo seinem Geifer Grün entspriesst.
Wie unterm Huf aufquirlt der Sand,
Schaum aufwärts schiesst.
Wenn im Tunnel der Underground
Der Zug herdonnert blitzesschnell -
Wie hier, es mir im Ohre raunt:
Stürz vor, Gesell!
    Dunstschemen schweben vom Glencoetal herüber, als wären es Geister der
ermordeten Macdonalds und Camerons. Rot sinkt die Sonne hinter den blauen
Kuppen von Mull und wir sind in Oban. Dieser kleine gemütliche Seehafen
erinnert an das liebe Fairport des »Altertümlers«. Das Axiom »Time is monei!«
scheint hier ganz unbekannt. Der Mensch lebt, um Fische zu essen, sich zu
recken. Netze zu flicken, zu schnarchen, mal aus Gnade Fische zu fangen, bis
seine beschauliche Ruhe sich in ein seliges Ende hineinschnarcht. Glückliche
Phäaken! Unvergessliche Morgen, wo ich, Bulwers »Clifford« in der Hand, einsam im
Walde lag, während nur fernes Lachen spielender Kinder zu mir heraufdrang oder
fern auf der Höhe eine lustige Miss abscheulich trällerte! Unvergessliche Mittage,
wo ich die Ruinen von Dunolly-Castle durchkletterte oder im Boote zum Angeln
hinausfuhr! Unvergessliche Abende und Nächte, wo die überfüllte Strandpromonade
mich in ein Boot trieb und ich hinausfuhr, bis die Walzer der deutschen
Musikbande verhallten.
Doch unhörbare Melodie
Ertönt aus Inselschilf und Rohr -
Nur wem Natur ein Herz verlieh,
Der hört sie, nicht das Ohr.
Viel Silberfurchen schnitt der Kahn,
Phosphorisch, lang, durchs Wogental,
Die Inseln auf der Wasserbahn
Verbindend durch den Strahl.
Die liegen rings so schwer und schwarz,
Wie Wallfisch und Leviatan.
Nur würziger Duft von Fichtenharz
Uns meldet, dass wir nahn.
Es flammt das rötliche Fanal,
Manch Schatten durch die Wipfel schwebt.
Sind's Hünen, deren Todtenmal
Sich hier erhebt?
Die Woge schwillt zum Katarakt.
Mit Kamm und Mähne schaumig grün,
Die Midgardschlange tanzt im Takt
Mit schneeigen Geifers Sprühn.
    Ade, Atlantischer Ocean! Schon jagen wir unter hinfegenden Regenschauern den
Loch Etive und Loch Awe entlang, in das Herz von Argyleshire. An allen Flecken
begegnen wir einem Aufruf des Marquis of Lorne (Schwiegersohn der Königin) als
Clauhäuptling zu einem »Gatering«, um die alten Tänze und Uebungen der
Hochländer in Ausübung zu erhalten. Dies ist die Heimat Campbells und die
poetische Domaine Scotts. Wie wir so in Sturm und Wetter einsam dahinbrausten -
nur die schwarzen Hochlandbullen stierten und brüllten uns von den schwarzen
Hochlandhügeln nach -, da ward es um mich lebendig von schauerlichen Bildern. An
der Bridge of Awe sah ich die weinende »Hochlandwittwe«, und drüben im Pass of
Brander ihren erschlagenen Gatten, der da lag mit seinem ganzen Clan Mac Dougald
of Lorn. Majestätisch starrte der steil herniederstürzende Ben Cruachau in den
blutgetränkten See und über die Leichen zog rasselnd die Ritterschaft des
Niederlandskönigs Robert Bruce. In den klatschenden Wellen aber und dem
heulenden Wind, der mir den Hut vom Kopfe reisst, höre ich rauschen und brausen
die melancholische Weise: »We are landless, landless, landless, Grigalich«. Und
die Schatten der Wolken, die über die Landschaft jagen - sind es nicht die
verfehmten verfolgten Mac Gregors? Doch der Weih, der hoch überm See lustig sich
wiegt, scheint trotzig zu krächzen das Campbellsprichwort: »'T is a far cry to
Lochow!« Dort in Glen Fruin vernehme ich im Klirren der Sensen das Wassenklirren
der Mac Gregor und Colquhouns, die hier vernichtet wurden bis auf den letzten
Mann. Ich sehe ein weisses Wölkchen am Ufer des Ben Lomond emporsteigen - oder
ist es der Schleier Diana Bernons? Ein Seeadler stösst rauschend in die Flut -
oder ist es Rob Roy, der den See durchschwimmt?
    In Inversnaid genoss ich die hohe Freude, eine mir besonders werte
Reisegesellschaft wiederzusehen. Es waren dies die sogenannten »Essreisenden«,
eine hochinteressante Species. Auf keinem astmaerzeugenden Aussichtspunkt
wächst diese Pflanzengattung - sie verschmäht vergängliche Genüsse. Aber beim
Breakfast, Lunch, Dinner - da sieht man sie den bleibenden Freuden des Daseins
sich mit uneingeschränkter Hingebung widmen. Die Assimilationskraft, mit der sie
Roastbeef und Mutton in zahlloser Menge ihrem innern Selbst verschmelzen, hat
etwas Ehrfurchtgebietendes. Besonders Missus kann man sich gar nicht anders
vorstellen, als mir Messer und Gabel kriegerisch gerüstet. dabei haben wir sie
im Verdacht der Identität mit jener Cokneidame, die kürzlich, wie die
Touristensage meldet, einem Gentleman, der erwähnte, er habe gestern Ben Lomond
gesehen, die grandiose Antwort erteilte: »Ben - was? Stellen Sie mir Ihren
Freund doch mal vor!!«1
    In Inversnaid stürzt ein prachtvoller Wasserfall sich in den See. Hier hat
Wordswort seine »Hochlandmaid« singen hören. Hier stand ich lange bis tief in
die Nacht und sah Gedichte, für die mir die Worte fehlen. Den Loch Katrine, die
Scenerie der »Jungfrau vom See«, muss man durch das optische Vergrösserungsglas
der Scottschen Muse betrachten. Sonst ein recht gewöhnlicher Teich.
    Hier bewundern wir auch das »Gefängnis« Robins des Roten, einen spitzen
Felsen, auf welchem der Biedermann von oben her seine Opfer herabliess, um in
dieser angenehmen Lage von ihnen unangenehme Bedingungen zu erpressen. Ach, die
Helden der Poesie entpuppen sich oft bei nüchterner Betrachtung als ganz gemeine
Wegelagerer. - Der Dampfer landet. Weiter durch die Trossachs. Dies Stromtal
zeigt im Anfang einige Aehnlichkeit mit dem Sarne-Tal bei Botzen. Der Teit
schäumt aber lange nicht so ungebärdig wie die mutwillige Sarne, und den ganzen
Weg bis Callander hat die Natur als stilles liebliches Idyll gedichtet.
Durch die Trossachs hör' ich schallen
Der Romantik Silberhorn.
Doch verschüttet und verfallen
Ist der alte Sagenborn.
Ach, die Kutschen auf und ab
Rasseln hier in vollem Trab.
Menschen, wer kann euch entfliehen?
Wer sich, Prosa, deinem Staub entziehen?
                                Sterling-Castle.
Am Felsenwall der Fort vorübergleitet.
In blauem Duft die blauen Gipfel mischen
Sich mit der Himmelbläue und dazwischen
Weit vor sich hin die Tannenforste spreitet
Der Benvenue. Dort Grau in Grau sich breitet
Ben Lomond, von dem Waldtalar umdunkelt.
Der blaue See von Menteit, ein Saphir,
Aus weisser Uferfelsen Fassung funkelt.
Dort drüben in dem öden Talrevier
Auf diesem grauen windumtosten Stein
Stand Bruces Banner hoch im Abendschein.
Und »Scots, wha ha'e,« so klingt es mächtig drein
Im Wind von allen Bergen in der Runde:
Das weiht die Stelle erst, das Lied ans Dichtermunde.
                                  Linlitgow.
Nicht mehr aus Scharten der Geschütze Mündung
Entgegenstarrt, kein Wart vom Turme ruft.
Doch stets noch wölbt sich in erhabner Rundung
Der Säulenbogen in der sonnigen Luft.
Noch heute schwer und massig ragt der Wall,
Von Fenstern kaum erhellt, fast nischenlos;
Die dicken Zinnen kamen nicht zu Fall.
Der Brunnen ragt inmitt der Säle all',
Wenn auch das Wasser ihm versiegt im Schoos.
Ein Gartenhof liegt dorten wohlgepflegt,
Von schattigen Akazien eingehegt.
Die hohe Pappel ihren Schatten legt
Ueber den bunten Kies und manche Bank.
Das rosafarbne Marmorbecken trägt
Die Wassersäule, durchsichtig und schlank,
Die oben sprühend auseinanderschlägt
In Silberfunken, die im Widerschein
Schillern wie eine Schnur von Edelstein
In Regenbogenfarben, wenn durchbljetzt
(Wie die Koralle durch Krystalle gljetzt)
Vom Widerschein des Beckens und vom Strahl
Der rosigen Sonne. So der Wind verstreut
Ringsum weiss-rosige Blüten ohne Zahl,
Die einer weissen Dolde Krone beut,
Millionenfach und ohne End' ernent.
Ja, einem Springbrunn gleicht dies Städtchen heut,
Aus dem Erinnerung wie alter Wein
Zum Himmel steigt, erfrischend, glänzend, rein.
                                    Falkirk.
    Durch Falkirks Kirchhof schreit ich hin. Der liegt so tief und still,
    Und der gefallnen Todten hier mit Ernst ich denken will.
    Was sagt dies alte Monument? »Sir Jon de Graeme hier liegt,
    Der Unbesiegte, den zuletzt der Tod nur hat besiegt.«
    John Stuart of Bonkill neben ihm liegt in der dunkeln Gruft,
    Kein Horn die alten Streiter mehr an Wallaces Seite ruft.
    Sie fielen für die Freiheit hier in Falkirks heisser Schlacht
    Und über ihre Leichen hin zog des Erobrers Macht.
    Doch auf der andern Seite ruhn die Brüder Munro dort:
    Sie standen hier und fielen hier als ihres Königs Hort.
    Ja, damals scholl zum andern Mal dumpf über's Falkirk-Moor
    Der englischen und schottischen Geschütze Donnerchor.
    Die Clane drüben warten nur noch auf das Hornsignal -
    Doch holla! wo steckt Hawlei denn, Altenglands General?
    Dort drüben liegt ein schönes Gut, nah dem Antoniuswall,
    Von Rom erbaut, zu dämmen einst der wilden Pieten Schwall.
    Hier in Callander Hause er sitzt und in ihr Auge blickt:
    Ein Herkules in Uniform, von Omphale umstrickt!
    Die schöne Gräfin Kilmarnok ihn witzig unterhält.
    (Ihr eigner Gatte drüben steht beim Prätendent im Feld.)
    Da klirren Stiefel auf dem Flur, die Ordonanz erscheint,
    Ganz feuerrot wie Heisssporn Heinz: »Es regt sich schon der Feind!«
    »Ich aber nicht!« gemütlich brummt und grunzt der Commandant,
    Doch fünf Minuten später klopft ein andrer Adjutant.
    »Der Feind« - »Goddamn your eies! Was Feind! Hier droht mein schöner Feind!«
    Den Schnurrbart zwirbelnd, wunders wie holdselig er sich meint.
    »Hoïroh!« Hagelwetter nicht so jählings stürzt herab,
    Als jetzt das Hochland niederfährt vom Berg in vollem Trab.
    Wie Stücke Speck in Stücke haun sie die Dragoner schnell
    Und Schreck jagt über Albion jung Charley der Rebell!..
    In Larbert Church da nebenbei schläft ein gereister Mann,2
    Der nach Gefahren mancherlei ein kläglich End' gewann.
    Den Wilden und den wilden Leun geschickt entkam er oft,
    Ja selbst dem brennenden Simum entrann er unverhofft.
    Downstairs er eine Lady führt ganz ruhig ohne Arg -
    Er strauchelt, bricht sich das Genick und liegt nun hier im Sarg.
    Nicht weit davon ist Torwood Forst, wo William Wallace lag,
    Um auszuwetzen bald aufs neu die Schmach von Falkirks Tag.
    Hier sag' ich Falkirk Lebewohl, arm an Erinnrung nicht -
    Und schon verlischt mir in der Nacht der Eisenwerke Licht.
                                  Musselburgh.
Die alte Veste Musselburgh ist dies,
Umgeben rings von Wiesen lang gedehnt.
Auf diesem grünen Felde trafen einst
Die Häupter sich der Covenant-Partei
Mit Herzog Hamilton, des Königs Rat.
Auch trabten über diesen Plan dahin
Die »Eisenseiten«, lockend, doch umsonst,
Zum nahen Kampf den Schotten-General ...
Die Türme drei Schlachtfelder überschaun:
Hier Pinkiehouse mit engem dicken Wall
Und rundem Erker und im runden Hof
Der wohlgebauten zierlichen Fontaine.
Hier war es, wo der Schotten Macht zerstob
Vor Englands Kraft und Kunst. - Ich hör' die Schlacht.
Lang wogt der Kampf. Ein wilder Knäuel Alles,
Darin es quirlt gleich einem Felsenstrudel.
Wie Schaum empor aus diesem Wirbel spritzen
Zerhaune Federbüsche oder Fahnen -
Wie Kiesel, die zerstäubt vom Wogenschwall,
Splittern zerbrochne Lanzen, Helme, Schilde.
Die Schotten wanken nicht. »Für Schottland und
Die Königin!« - Wer ist der stolze Ritter,
Der nun vereint zum letzten schärfsten Stoss
Die Söhne Albions? Der Earl von Hertford.
Anprallt der Sturm, wie Giessbach an den Fels,
Anschwillt der Kampf, wie Flut mit Fluten ringt,
Anschwillt wie Kataraktgetos der Lärm,
Und niederschwillt gleich einem Wassersall
Die Reiterei von England. »Drauf und dran!
St. Georg für Altengland und den König!«
Sieg! Sieg! Gebrochen Caledoniens Macht!
Und Schottlands Blüte liegt geknickt im Feld! ...
Doch horch! Welche Droneten hör' ich dort
Von Carnbery hill? 's ist der Rebellen Schaar,
Vereinigt wieder ihre Königin.3
In ihrer Mitte auf dem schwarzen Ross,
Das stolz zu tragen solchen Stolz, Er selbst.
Dess schöne düstre Züge angehaucht
Vom Zeichen frühen Tods und dessen Stirn
Gerunzelt von nur halbbekämpfter Reue -
Er selbst, der Stuart königlicher Spross,
Er selbst, der Douglas ritterlicher Sohn,
Der grosse Bastard, Murray der Regent.
Der Reiter neben ihm, ein schwarzer Pardel,
Schwarz, schwarz an Seele wie an Haar und Auge,
Ist Morton. Dort der Riese, der sich wuchtig
Stützt auf den Flammberg, täppisch wie ein Bär
Ist Niemand anders, als der Lord von Lindsay.
Doch Jener, bleich wie dieser Birke Stamm,
An die er halb sich lehnt; und mit dem Auge,
Kalt-glänzend wie das Eis, das überdeckt
Den tückevollen Loch, mit blasser Lippe,
Die stets gekrümmt von einem Schlangenlächeln -
Wer könnt' es sein, als Rutven, der Verräter?
Er scheint mit flammenrotem Bart und Locken
Dem Aberglauben wohl ein Sohn der Hölle.
Und sicher gleicht er, in dem Gegensatz
Zum Löwen Murray einem glatten Tiger,
Der Beute Blut schon schlürfend mit dem Auge.
Umsonst dort drüben unter Waffen steht
Das Häuflein treu-ergebener Vasallen,
Umsonst der Schurke Botwell prahlt und schwört.
Und schon auf ihrem weissen Zelter naht
Die schönste Maid im Hoch- und Niederland,
Sich zu ergeben hier dem rauhen Arm
Der höhnenden und trotzenden Rebellen.
Und welche Zelte seh ich ragen rings
Auf Prestonpans' Gefilde? Bunt Gewimmel
Hüben, wie drüben! Feinde sicher stehn
Sich gegenüber. Doch warum und wer?
Die Wache dort des einen Lagers zeigt
Des Königs Scharlach. Bajonnette blitzen,
Dragoner trällernd bei den Rossen stehn
Und an dem Rohr der Kanonier sich reckt.
Es ist die Macht von England hier vereint,
Ross, Reisige und Geschütz, zur Gegenwehr
Und Unterdrückung des Rebellenschwarms,
Der selbst des »wahren Königs« Heer sich nennt,
Der Hochlandsclane in des Stuart Sache.
Wie lustig und wie stolz Hannovers Heer!
Wie faul und stolz im Zelte schnarcht Jon Cope!
Der Morgen sehen wird ein andres Bild,
Wenn unter Doppel-Kriegsgeschrei der Schaaren:
»Hier für Hannover und den König George!«
»Hier für die Stuarts und Carl Eduard!«
Der Clane dichtgedrängte Masse stürzt,
Gleich wie ein Felsblock aus dem Katapult,
Zermalmend durch die Linien der Roten,
Bis nur ein Wald von Blitzen, die empor
Im Takte zucken und dann niederrasseln,
Sich über'm Haupt der Streiter hebt und senkt:
Die tausend Claymores, die vernichtenden,
Durchhauend jählings aller Ordnung Ketten.
Der Tartschen Dröhnen und der Beile Krach,
Der scharfen Dolche Reiben an den Panzern,
Der Hochlandbüchsen Knattern, das Geroll
Des Peletonfen'rs und der Donnerrohre,
Der Rosse Schnauben, Spruhn' der Bajonnette!
Und dann nur eine wirre wilde Flucht
Und alle Fahnen Englands sind zerbrochen
Und all sein Scharlach wird beströmt von Blut!
                               Das Tal der Esk.
Roslyn, umschlungen von dem weichen Arm
Der sanften Esk, die lieblich kosend tanzt
Mit leichtem Schritte durch den grünen Rain!
Und ihre Silberstimme, halbgedämpft
Durchs mahnende Geräusch der greisen Fichten,
Den Berg hinan halb melancholisch schwebt,
Gleich Nachhall eines Lieds aus alter Zeit,
Das hier ein Minstrel sang in schönern Tagen.
Nicht besser waren jene Tage, nein,
Doch schöner, als das alte Castle noch
Auf einem Inselberg in Stromes Mitte
Mit schroffen Felsenwänden, starren Wällen,
Gleich einer Wetterwolke überhing
Das Tal, verderbenschwanger. Durch die Buchen
Mein' ich das Erz Geharnischter zu hören.
Hier hat des Schlossherrn rauhes Herz ergötzt
Das Stöhnen der Gefangnen im Verliess,
Aufsteigend aus der Stätte der Verlornen,
Und ein brutales Lachen, wilder Chor
Der trunknen Zecher übertönte gellend
Das Sterberöcheln. Doch am Fensterbogen
Winkt' ihrem Lord der Lady Seiden-Schärpe,
Wenn sein gepanzert schellenklirrend Ross
Den Pass erklomm - mit ihren Silbertränen
Statt Silbers die Gefangnen ihres Herrn
Loskaufend oft, wie Tennyson's Godiva.
Hier lagerten der Knight und seine Mannen,
Auf schwarzen Bärenfellen hingestreckt
Die riesenhaften Glieder, Tannen ähnlich;
Ermüdet von dem Waid- und Waffenwerk,
Die nassen Mäntel am Kamine wärmend.
Hier ist die Brücke. Glorreich war die Stunde,
Glorreich der Tag, als schritten über sie
Gefangen hin die Schergen des Tyrannen,
Des englischen Eroberers, gefesselt,
Ganz überwunden in der Freiheitsschlacht.
Wie war so purpurn da dein schneeweiss Kleid
Von falschem Soutronblut, o muntre Esk!
Doch Blut verwischt sich, wie Erinnerung,
Und silbern, wie vor fünfmal hundert Jahren,
Sind deine Wellen. Ob der Mailandbrünne
Silber auch heut nicht mehr durchs Dickicht blitzt -
Das Schatzhaus der Natur bleibt unerschöpft.
Die Esk sich wiegt in ihrer schmalen Schlucht,
Die ausgepolstert weich mit Farrenkrant
Und Moos und Binsen und verhangen dicht
Mit Weiden wie mit grünen Schlaf-Gardinen,
Gleich einem Kind in einem Himmelbett,
In sich zufrieden, süssen Unsinn trällernd,
Und an die Wände seiner Wiege klopfend
In holder Ungezogenheit. Halb Bach, halb Strom,
Halb Kind, halb Maid. Und blick' ich wieder hin,
Wie furchtsam sie an's Tageslicht sich wagt
Und träumerisch hinschleudert und aufs Neu'
In ihre Wälder flieht, so dünkt sie mir
Schier ein Poet, ein träumender Alastor,
Ganz abgesondert vom Geräusch der Welt,
Verlegen, wenn ein Blick auf ihn gerichtet:
Der unbeholfen drum die Sonne sucht
Und Worte murmelt unverstandnen Sinns;
Der zitternd bald die sanfte Stimme hebt
Und dann erschrickt vor seinem eignen Wohllaut;
Bald wieder sich verbirgt in seinem Hain.
Ja du bist ein lebendiges Gedicht,
Lieblich Gewässer, und die Dichter drum
Zu deinem Bord wallfahrteten schon früh.
                            Abschied von Edinburgh.
»Wo des Castles Türme schon
Mit der Flut zusammenfallen,
Siehst den ewigen Schnee du drohn
Ueber Holyrood, Freund Allen?«
»Whisky-Lallen! Schlechter Witz!
Dieses sind ja Wäscherinnen,
Welche grad auf Arturs Sitz
Bleichen ihre Kinder-Linnen.«
Schnaube, Dampfer! Schnaube nur,
Zeit, du gierig Ungeheuer!
Trag von hinnen ohne Spur
Mich von Allem, was mir teuer!
Lebewohl im Pfarrhaus bot
Ich den wirtlich holden Schwestern.
Lilie und Röslein rot
Dufteten mir, ach, noch gestern.
Mustertypen Beide sind
Jener stolzen Angelsachsen,
Die im Meer- und Alpenwind
An des Hochlands Grenze wachsen.
Wie Ginevra stattlich, bleich,
Hoch und stolz ist Fräulein Jenny.
Ja, mich dünkt, ein Königreich
Achtet sie für einen Penny.
Schwanenlied.. ihr Lied erklingt
Bald nicht mehr - o Qualgedanke!
Nimmer sie als Lerche singt,
Nachtigall, unheilbar Kranke!
Märchenwald, fahr wohl! Ob je
Ich euch Alle wiedersehe,
Klee und Schnee und Blütenschnee,
Mädchenrehang', zahme Rehe?
Ich stieg wohl über den Hirtenwall
Vom düstern Pentlandhügel.
Da war die Melodie verstummt,
Wo Du noch weiltest am Flügel.
So wird auch die Erinnerung
In meiner Seele erklingen
Und mir Dein Bild im Traume nur
Zuweilen wiederbringen.
    Nur ein Lied klingt mir immer noch dumpf im Ohr wie das eintönige Brausen
der Seemuschel, die sich, das seegeborene Kind, zur Mutterwoge zurücksehnt. Das
ist das Echo der Windharfe, die in Fingals Höhle spielt. Ihr lauschte ich im
schwanken Kahn, als der Dampfer mich weit hinaustrug, eine Tagereise weit, zu
den Inseln Staffa und Jona.
Den schwarzen Fels grellgrünes Gras
Umwallt. Es lugen aus dem braunen Ginster,
Von weissem Schaume nass,
Heidnische Leichensteine grau und finster.
Ein schmaler Pass,
Sich windend zwischen See und Klippenrand,
Führt steil entlang den dünenlosen Strand.
Hier wo sich Blöcke spitz und stumpf
Wie Schiefertafeln aufeinanderschichten,
An den basaltenen Rumpf
Geklammert, strauchelnd wir die Schritte richten.
Es orgelt dumpf
Die Brandung, die des Wandrers Fuss bespült,
Bis eine Höhle plötzlich sie sich wühlt.
Umringt uns eine Katedrale?
Die Salzflut spiegelt den geschliffenen Chorgang.
Wie in Weihwasserschale,
Sprjetzt durchs Portal die Woge, im Emporgang
Zum Sturmchorale
Wie Orgelpfeifen hüpfend. Gelb und rot
Der Sonne Inschrift auf den Nischen loht.
Dies Wunderrätsel ward gewebt
Als sein Symbol vom unbekannten Meister.
Ueber den Wassern schwebt
Noch heut der Werdehauch der Schöpfungsgeister.
Doch was da lebt,
Lockt hier der Angler Tod mit gellem Pfiff.
Der Urkraft Schatzhaus ist dies Kirchenschiff.
    Weit draussen im freien Meer musste der Dampfer beilegen. Denn der Ocean sang
sein Schlachtlied, Möven kreischten klagend, die See ging hoch. Wir aber in
vollgepfropftem Boot, lustige kecke Londoner Sportsmen, schaukelten uns ins
Innere der Wasser-Höhle hinein. Den gefährlichen Riff-Kanal passirend, gelangten
wir glücklich zurück zum Dampfer. Doch wenn schon das ins Boot Steigen beim
Abstossen und in See Stechen gefährlich war, so kostete es schwere Mühe, uns alle
wieder an Bord zu bringen. Es gehörten feste Nerven dazu, genau in der Sekunde
aus dem Bootstern auf die eiserne Fallreeptreppe zu steigen, wo die Taue der
Matrosen das Boot herangerissen, das doch im nächsten Moment von einer Woge
zurückgerissen werden konnte. Als ich bei dem Gedränge auf der Treppe seitwärts
über Bord zu klettern suchte, machte das Schiff eine drehende Bewegung und nur
dem starken Arm eines John Bull verdankte ich es, dass ich glücklich an Deck
gelangte. Man muss sich wahrlich wundern, dass nicht unendlich mehr Unfälle auf
See vorkommen. Jeder strengt eben alle Vorsicht und alle Kräfte an. Doch wo wäre
der Tod uns denn nicht nahe?
Der Regen sprüht, das Steuer rollt,
Die Düne steigt, die Brandung hör ich schnauben.
Hier wurde Dienst gezollt,
Zuerst im ganzen Nord dem Christenglauben,
Der sich gewollt
Ein Heim erbauen in dem Münster hier,
St. Columbans auf Eionas Revier.
In Trümmern morscht der greise Bau,
Epheu und Lolch umwuchern schon die Türme.
Die Grille hüpft im Morgentau,
Der Eidechs schlüpft. Heran, ihr Winterstürme
Ihr brachet rauh
Das Segel meines Lebens, und in Weh
Versink' ich, bitter schmeckt der Tang der See.
Ich kniee in der Brandung Gischt
Am Steinkreuz nieder, dessen Rumpf geborsten.
Die Midgardschlange zischt
Zu mir empor, wo meine Adler horsten.
Ein Narr nur fischt
Nach Wahrheitsperlen. Auch des Ruhmes Fels
Versinkt im Schlund des Acherontischen Quells.
Wenn diese Kette springt der irdischen Bedrängnis,
Wenn diese Seele sprengt ihr tönernes Gefängnis,
Was wird ihr Loos?
Sinkt endlich sie hinab ins Nichts, das schmerzenleere,
Versenkt sie sich ins All, dem Tropfen gleich im Meere?
O Meer, tu auf den tiefen Schoos!
Am Rand der grossen Tiefe steh ich hier,
Die alles Seiende verschlingen wird,
Und mich durchzuckt ein lüsternes Entzücken.
Aus dieser Brandung leuchtendem Gesprühe
Zaubere ich Lichtgestalten mir empor.
Mir ist, als schwebte ich im Weltenraum,
Wie ein Jehova, der die Rechte reckend
Die Sonnenscheibe vorlockt überm Nichts.
Und dann durchschauert mich ein andrer Wahn,
Als wäre ich der letzte Erdensohn,
Der einer neuen Sintflut bang entrinnt,
Wenn in der Wogen ungeheurem Schwall
Des Abgrunds Aufruhr immer lauter grollt.
Blick hier umher! Nach schwülem dunstigem Tag
Strahlt blendender der Sonnenuntergang:
Der Tod nach einem Leben trüb und bang
Verklärt als Phönix sich erheben mag.
Des Luft-Talares Purpursaum berührt
Die Erde fast und Traubenbäche triefen
Herab, so scheint es, aus der Wolken Tiefen;
Manch rafaelisch Engelsköpfchen ziert
Mit rosigem Fittich rings das Firmament.
Der Mensch, an Niedrigkeit und Hochmut reich
Steht gegenüber jedem Element,
Als wäre Herrscher er und ist doch Knecht zugleich.
 
                                    Fussnoten
1 Ben schottisch: Berg. Englisch: Abkürzung von »Benjamin«. Bleibtreu,
Grössenwahn.
2 James Bruce, der Abessynische Reisende. Nach einem Leben voller Abenteuer nahm
er in der Tat ein so elendes Ende.
3 Die Rebellen zwangen Maria Stuart 1567, sich ihnen zu ergeben.
 
                                      II.
»Dies Tagebuch ist - wirklich - recht - interessant, lieber Xaver.« Lady
Dorrington gähnte leicht, als die Lectüre beendet.
    »Ja,« meinte Mrs. O'Donnogan. »Nur die vielen Gedichte hätte ich
weggewünscht. Das versteht man oft gar nicht! Das heisst - natürlich - vielleicht
verstehe ich doch nicht Deutsch genug..«
    »O ich bitte.« Krastinik verbeugte sich, etwas pikirt. Perlen vor die Säue!
dachte er respektlos. Er hatte bei seinem Versuch offenbar an Heine's
»Reisebilder« und Sterne's. »Sentimental Journei« gedacht. Etwas Einheitliches
kam dabei nicht heraus. Einiges klang frisch, Andres geziert. Der forcirte Humor
sowie die Trivialität solcher gereimten Prosa wie »Falkirk« und ähnlicher
Chronik-Reimereien stach unschön ab von der wirklichen poetischen Kraft
einzelner Partieen. Aus allem aber atmete die Weltflucht eines müden
byronischen Weltbummlers und zugleich der Dünkel eines Menschen, der plötzlich
einer inneren Sendung bewusst geworden: der Grössenwahn einer noch unklar
gährenden Begabung.
    »Ja, offen gestanden,« fiel Lord Dorrington ein. »Ich hätte gehofft, Du
würdest uns irgend eine Novelle von schönen Hochländerinnen mitbringen oder so.«
    »Ach ja!« Miss Egremont sah ganz sehnsüchtig von ihrer Handarbeit auf.
    »Eine Novelle! Du mein Gott, das schüttelt man doch nicht so aus dem Aermel!
Allerdings habe ich etwas Aehnliches begonnen..«
    »Sieh da, sieh da, Timoteus!« lachte der freundliche alte Herr, indem er
einen, lose am Schluss des elegant gebundenen Tagebuchs anliegenden, Papierbogen
erspähte. »Dort steckt es wohl. Nun, lieber Poet, wie wäre es denn, wenn wir
auch dies Getränke kosteten?«
    »Ich weiss nicht, ob..« Krastinik zögerte.
    »Vortrefflich!« rief Lady Dorrington, indem sie dem eintretenden Diener
zugleich, den Auftrag gab, »Pale Sherry« zu bringen. »Das muss dem Dichter doch
sehr nützlich sein, schon gleich beim Anfang seiner Arbeit ein Urteil zu
hören.«
    »Ja, er mag dann ermessen, ob sie weitere Ausführung verdient,« orakelte die
hübsche Irländerin, indem sie mit zwo zarten Fingern das Teetässchen zu den
zarten Lippen hob und langsam schlürfte, wobei sie zugleich, gleichsam
mechanisch, ein zartes Füsschen vorstreckte.
    Das wirst Du gerade ermessen können, kleiner Salonpapagei! dachte Krastinik.
Aber die Dichtereitelkeit kitzelte ihn doch zu sehr, und als nun gar Miss Alice
Egremont ihre tiefen seelenvollen Augen mit ruhigstummer Bitte zu ihm aufschlug,
verbeugte er sich. »Ich fürchte nur, dass Manches darin den Damen nicht gefallen
wird.«
    »Ei, kommen Sie, zieren Sie sich nicht!« Lady Dorrington tippte befehlend
mit dem Zeigefinger auf seinen Arm. »Diese Damen werden sich gewiss sehr freuen.
Und prüde sind wir auch nicht so, wie die Continentalen uns verschreien. Wie,
liebe O'Donnogan?«
    »Durchaus nicht,« beeilte sich diese zu versichern.
    »Na und übrigens,« raunte Dorrington ihm mit schelmischem Augenzwinkern zu,
»wenn Zweideutiges oder auch Eindeutiges darin vorkommt, so brauchen sie's ja
nicht zu verstehen, weisst Du. Sind mit dem Deutschen noch nicht so intim
bekannt. Mein Frau wird Dich auch nicht gleich fressen.«
    »Meinetalben,« capitulirte Krastinik. »Uebrigens sind's nur wenige Seiten,
sozusagen die Exposition des Ganzen. Also, meine Damen, diese schrecklich
naturalistische Novelle soll heissen: Nachhülfe wird gesucht.«
    »Was für ein sonderbarer Titel!« Lady Dorrington schnitt ein etwas
befremdetes Gesicht, kreuzte aber die Arme, setzte die Füsse auf einen Schemel
und schickte sich an, mit Spannung zuzuhören. Alice liess ihre Arbeit ruhen, die
O'Donnogan warf auf den Grafen einen Brillant-Blitz aus ihren holden Augen, und
dieser Musagetes beichtete den drei Grazien folgende poetische Sünde.
    Da es ihm wie allen Dilettanten an einer ausgeprägten dichterischen
Physiognomie gebrach, so schien er naturgemäss auf die Nachahmung angewiesen.
Mehr nachempfindend als schöpferisch beanlagt, liess er seine Vorbilder mit jedem
Tage wechseln. So suchte denn unser Eklektiker, von der Lectüre Maupassant's
angeregt, diesmal im schlammigsten Fahrwasser des Zolaismus vorwärts zu steuern.
 
                            Nachhülfe wird gesucht.
    Es gibt eine doppelte Gattung unglücklicher Menschen: Solche dies es sind,
und solche, die sich so fühlen. Selten vereint sich Beides und das scheint eine
weise, Fügung der bekannten Vorsehung. Denn die Verbindung dieser Momente würde
den Selbstmord zur allgemeinen Manie erheben.
    So gibt es denn nur nicht nur Tausende, die, von stetem Glück verfolgt,
eine ewige Melancholie mit sich herumschleppen, sondern auch bestimmte.
Lieblinge des Unglücks, die alle möglichen Miseren mit eselhafter Geduld zu
tragen wissen. Besonders die sogenannten Idealisten, eine Menschenrace, die mit
der Zeit in unsrem Jahrhundert aussterben und als Naturwunder secirt werden
wird. - -
    Der Guide des Zuges von Waverly Station, Edinburgh, nach Queensserry
schwenkte eben zum ersten Mal seine rote Signal-Fahne, als ein schäbig-genteel
aussehendes Individuum, mit einem altmodischen Ueberzieher und blauen
Brillengläsern geschmückt, keuchend und stolpernd an den Schalter stürzte.
    »Ein Billet II. Classe nach - nach -« »Herr, wonach denn?« schrie der
ungeduldige Beamte. Ein verlegenes blödes Lächeln verdummte die Züge des
seltsamen Fahrgastes. »Ich - ich glaube - vergessen,« stammelte er schüchtern
und sah sich wie hilfesuchend um.
    »Ist der Mensch verrückt?« schnaubte ein Dragoneroffizier, der ebenfalls
unpünktlich, atemlos nachdrängte. Wahrscheinlich wäre der Vergessliche
hinausgeworfen, hätte nicht eine wohlwollende Stimme hinter ihm ausgeholfen:
»Nach Queensferry, nicht wahr? - Rasch, Schaffner. Hier ist's Geld. - Hier
nehmt's Billet, Mann, und bezahlt mich nachher. Sie verlieren ja doch sonst Ihr
Geld beim Aufzählen. So. All Right. Come along, Mr. Goodenough.« Damit riss der
Retter in der Not den Andern Arm in Arm mit sich fort, schleuderte ihn sans
façon in ein Coupé zweiter Classe und bestieg selbst ein solches mit der Nr. I.
    »Was, Prevost?«1 keuchte ihn der nachstürzende Dragoner beim Einsteigen an.
»Ist das der bekannte Schriftsteller Goodenough? Hätt's mein Lebtage nicht
geglaubt.«
    »Ja wohl, ja wohl, passirt gewöhnlich!« nickte Jener, ein Mann, dessen Züge,
die (sei es durch seine Beschäftigung mit Hammelzüchtung, sei es durch seine
Vorliebe für Hammelbraten) eine eigentümliche Aehnlichkeit mit diesem
britischen Nationaltier zeigten, von einem stereotypen wohlwollenden Lächeln
verklärt waren.
    »Ist ja Ihr Untertan, nicht, Prevost?« fragte ihn ein gegenübersitzender
Herr - ein Landsquire aus Dundee mit dem Äußern eines Metodisten.
    »Ja, seit zwei Jahren!« erwiderte der Grossmächtige mit seiner mehligen
Stimme. »Lebt bei uns - sehr abseits vom Verkehr natürlich. Wisst Ihr, was
Goodenoughs erste Frage an mich war, als wir uns kennen lernten? Wie ich noch
immer Sonntags die Kirche besuchen könne!«
    Der Junker mit dem schäbigen umflorten Cylinder, dem tadellos schwarzen
Anzug und der Leichenbittermiene, schauderte gottesfürchtig.
    »O das ist ja grauenhaft. Der Mensch ist ein Ateist?!«
    »Nicht grade das. Nur bis zur Tiefe des Freireligiösen gesunken. Er ist kein
Christ mehr. dabei ein schauderhafter Republikaner. Shellei ist sein Ideal.«
    »Gott erhalte den König!« summte der Dragoner. »Und ist doch sonst ein
gutmütiger Mensch, der kein Wässerchen trübt, nicht?«
    »O nicht auf dem Papier - da vergisst er Blut. Er ist ja so roter
Socialist, dass er zwei Prozesse wegen politscher Pamphlete zu bestehen hatte -
und das will bei uns etwas sagen. Seine Brochüre über Frauenemanzipation und
freie Liebe wäre ja beinahe unterdrückt, wegen sittlicher Bedenken der Polizei.«
    »Haarsträubend! Freie Liebe?!« kreischte der Leichenbitter auf, der sich
einer beträchtlichen Hässlichkeit befleissigte. »Was versteht er darunter? Umsturz
aller häuslichen Bande, Zerreissung des heimischen Heerdes?«
    »Nun, ich glaube nicht, dass er seine Grundsätze in der Praxis - fühlen
möchte. Denn er ist selbst seit einem Jahr sehr verheiratet.«
    »Aha! Das wird eine hübsche Häuslichkeit sein.«
    »Freilich ist sie das,« nickte der Prevost ernstaft. »Er soll jedem Fremden
von seiner Wally die Ohren vollschwatzen. Er ist im Grunde ein sentimentaler
Patron und hat eben nur von Allem überspannte Begriffe.«
    Als man in Queensferry ausstieg, nahm der dicke Bürgermeister den armen
Sünder unter den Arm, mit dem er auf dem Fusse gutmütiger Herablassung
verkehrte, und Beide, nach Hause wandernd, waren bald in ein Gespräch über
etische Dinge vertieft. Der Prevost klagte über eine gottverlassene schottische
Landstadt, von der er vernommen, dass dort 17 Public-houses der Trunksucht und
keine Kirche der Gottesfurcht Vorschub leisteten.
    »Das wäre Alles noch nicht so schlimm,« meinte Goudenough. »Aber denken Sie
an London! 6000 Personen in 11 Strassen und 2 Höfen (Courts)! In einzelnen
kleinen Häusern 50 - sage fünfzig - Insassen! Wo soll das hinführen! Dies Elend
muss ja zu einer socialen Umwälzung hindrängen!«
    In diesem Moment kamen sie an einem offenen Häuschen vorbei, welches
Metodisten als abendliche Betalle benützten. Deutlich hörte man durch die
halbgeöffneten Fenster die näselnde Stimme des Vortragenden:
    »Behold! I came quickly. Tanks be to God which givet us the victory
trough our Lord Jesus Christ.«
    (»Siehe, ich nahe schnell. Dank Gott, der uns den Sieg verleiht durch unsern
Herrn Jesus Christ.«) Goodenough lachte leise auf. »Siehe ein Omen! Ich nahe
schnell. Wer weiss?«
    Der Prevost betrachtete ihn mit missbilligendem Kopfschütteln. »Jaja, Sie
sind ein Unzufriedener, Sir. Sie locken gar noch Unruhstifter ins Land. Da ist
Ihr französischer Freund, Monsieur Tibaut, der jetzt Ihr drittes Wort bildet,
von dem Sie Jedermann erzählen. Was ist eigentlich so Grosses an ihm! Ein
Kritiker in Literaturgeschichte! Wär's noch ein Dichter!«
    »Wer einen Dichter ganz versteht, ist selbst einer,« versetzte Jener eifrig.
    »So! Und dieser verständnissvolle Wanderprediger einer revolutionären
Aestetik soll uns arme Leute hier durch einen Vortrag begünstigen - auf Ihre
Veranlassung? Wovon soll doch seine Lectüre handeln?«
    »Er wird sprechen über die Tese von Wordswort: Der Ursprung der Poesie ist
Emotion, welche sich in beschaulicher Ruhe an sich selbst erinnert.«
    »Du mein Gott, wie gelehrt! Und das sollen unsre guten Provinzialen
verdauen! Also morgen kommt dieser Phönix mit dem Dampfboot übern Firt of Fort
herüber? - Ach, hier stehen wir vor Ihrer Schwelle. Gutnacht, Sir. Meinen Gruss
an Mrs. Goodenough. - Sagen Sie doch, Liebster, predigen Sie Ihrer Gattin auch
Ihre verderblichen Teorieen von Freier Liebe?«
    Goodenough lächelte überlegen. »Ich verstehe den Stachel Ihrer Frage. Meine
Wally ist jedoch über alle Schwachheiten eines unentwickelten Frauenkopfes
erhaben. Sie ist eine wahre Philosophin. Unsre Ehe fusst auf der Harmonie der
Geister und Seelen. Selbstverständlich bin ich für stete Vereinigung zweier
Liebenden so lange sie sich lieben, und vor allem für Monogamie. Denn wie ein in
Ruhe mit Appetit verzehrtes Brot nährender wirkt, als ein in appetitloser Hast
hinuntergeschlungenes Beefsteak, so ist das stille Glück einer monogamischen Ehe
der Seele nahrhafter, als alle schwärmerischen Leidenschaften.«
    Der Prevost sah den Sprecher während dieses weisen Vortrags mit unmerklichem
Lächeln an, warf einen Blick auf dessen fadenscheinige Gestalt und
spinnwebenartige Beine, wollte etwas sagen, verschluckte es aber und empfahl
sich mit freundlichem Gruss.
    Goodenough wurde indessen, nachdem er den Messingklopfer der Haustür
gerührt, von der Magd mit einem bemutternden Grinsen in Empfang genommen, die
ihm seine Reisetasche abnahm und »Madam!« rief.
    Bald darauf öffnete sich die Tür des Parlours und eine gewaltige Dame
segelte herein. Ihr straffanliegendes schwarzes Sammtkleid liess ihre üppigen.
Formen einladend hervortreten und ihre pralle Fleischentwicklung hatte bereits
Kinn und Wangen mit massigen Fleischpolstern umgeben. Ihr vorstehender grosser
Mund atmete Gutmütigkeit und Sinnlichkeit. Zwischen den vollen Lippen und der
derben graden Nase lag ein schwarzes Blütchen, das sich wohl durch Wohlleben
dort eingenistet hatte. Dies Wärzchen glich einer kunstgerecht aufgelegten
Mouche. Ihre Stirn war niedrig und von etwas schmutziger Farbe, ihr sonstiger
Teint lebhaft, aber nicht frisch. Ihre Hände, einmal hübsch und klein gewesen,
verwandelten sich allmählich in unförmliche Fettklumpen. Jedenfalls schien sie
der Ceres und dann dem Bachus kräftig geopfert zu haben. Die Flammen der Venus
werden hierdurch gar oft erstickt, doch wenn sie so unaufhaltsam durch feiste
Mästung genährt werden, müssen sie endlich mit nachdrücklicher Gewalt einen
Gegenstand verzehren. Langsame Glut glimmt am sichersten. Uebrigens war sie
nach neuester Pariser Mode gekleidet und hatte einen weissen Burnus übergeworfen.
Die Philosophie mochte wohl diese eine kleine Schwäche ihres Geschlechts in der
geistvollen Frau des gelehrten Mannes noch nicht verwischt haben.
    Goodenough, der sehr erschöpft war, erhob sich schwerfällig und klagte,
indem er sie zärtlich umarmte, über Bruststechen. Ein Schatten flog über ihr
Gesicht. Dieser wich jedoch dem Ausdruck lebhafter Neugier, als er von Tibauts
morgiger Ankunft erzählte. Beide sprachen dann noch allerlei über Tibauts
Verdienste als bahnbrechender Kritiker. Goodenough hatte die Werke des Franzosen
übersetzt. Als er in sein Schlafzimmer hinaufstieg, rief er befriedigt: »Ja, mit
Ihm vereint, vorwärts an neue geistige Zeugung!«
    »Ach, mit der geistigen Zeugung!« Sie wusste selbst nicht, wer in ihr diese
Worte kicherte. Auch sie schritt stattlich in ihr keusches Schlafgemach. Dort
zündete sie, sich entkleidend, eine Kerze an. dabei fiel ihr Blick auf eine
danebenliegende, frische, noch von keiner Glut um ihre Jungfräulichkeit
betrogene Kerze. Sie ergriff sie und betrachtete sie mit eigentümlichen
Gefühlen, als wäre sie ein Symbol des menschlichen Lebens. Ihr Busen hob sich in
ungestümer Wallung. Ja, diese geräumige Hülle eines weiten Herzens zu füllen,
diesen gähnenden Spalt, diese klaffende Lücke der Schöpfung - -
    Mit einem leisen Stöhnen bestieg sie ihr schwellendes Pfühl.
 
    »So, weiter kam ich noch nicht!« lächelte der gräfliche Dichter ganz
unbefangen und klappte mit zufriedener Miene sein Buch zu.
    Nach Vorlesung des seltsamen Fragments trat eine verlegene Pause ein. Hätte
er es in einem deutschen Salon verlesen, so dürfte die boshaft cynische
Anspielung am Schluss ihm einen moralischen Hinauswurf eingetragen haben. Die
englischen Damen verstanden jedoch nur den allgemeinen Sinn, und selbst Lady
Dorrington, welcher die Unanständigkeit einzelner Wendungen nicht entging, hielt
das Ende mehr für albern als brutal. Die beiden Frauen sahen sich etwas betreten
an, Miss Egremont sah in ihren Schoss. Der Lord hingegen schneuzte sich heftig und
verriet hinter dem Taschentuch convulsivische Zuckungen. Auf einen verwunderten
Blick seiner Gattin stellte er jedoch die Taschentuch-Experimente ein und
äusserte mit etwas unsicherer Stimme - er war sehr rot im Gesicht und schnitt
eine unnatürlich ernste Grimasse, indem er sich behaglich die Hände rieb: »Hm,
nicht übel als Debut. Vieles schien mir unverständlich. Nein, nein, lieber
Freund, das ist doch nichts für unsre Damen. Wir hatten etwas Poetischeres von
Ihnen erwartet. Und -« hier prustete er plötzlich wieder los und nahm sein
Taschentuch zu Hülfe. Krastinik deutete kurz an, dass er mit der
Philosophen-Gattin und dem Ausländer Tibaut schlimme Dinge vorhabe.
 
                                    Fussnoten
1 Bürgermeister.
 
                                      III.
Bei Egremonts war Diner, an das sich später ein kleiner Rout anschloss. Krastinik
begrüsste unter den Geladenen seinen Bekannten von jenem herzoglichen
Schreckensball, Sir. Tomas de Mowbray. Nach Tisch beim Tee trieb man hohe
Politik.
    »Glauben Sie an den Krieg zwischen Frankreich und Deutschland?« fragte Mr.
Egremont, indem er Krastinik eine Shilling-Havanna huldvoll überreichte.
    »Zweifellos. Die beiden grossen Maschinen heizen sich innerlich so lange, bis
sie plötzlich mit voller Dampfkraft aufeinanderprallen. Die daran zweifeln,
gleichen dem Vogel Strauss, der den Kopf in den Sand steckt, um sich dem Feind zu
verbergen.«
    »Ich hoffe,« Sir Tomas de Mowbray reckte sich, »dass diese Preussen nicht
wieder die armen Franzosen so unvorbereitet überfallen werden. Wodurch haben sie
gesiegt? Nur durch ihre kolossale Uebermacht und ihr überlegenes Gewehr, wie ich
noch kürzlich in der Broschüre eines französischen Artilleriecapitäns las.«
    »Erlauben Sie,« sagte Krastinik ruhig. »Auch ich habe jenes törichte
Machwerk verdaut. Wenn der Verfasser wirklich den grossen Krieg mitgemacht hat,
so mag es um die militärische und sonstige Bildung des französischen
Offiziercorps übel bestellt sein. Wenn er, von seinem eigenen Unsinn betäubt,
bona fide seine lügenhasten Albernheiten ausstreut, so muss die Masse des
französischen Volkes doch derlei Ungeheuerlichkeiten erst recht für baare Münze
nehmen.«
    »Ah, ich wusste nicht, Sir,« wunderte sich der englische Kamerad, »dass Sie
ein Bewunderer der Preussen seien. Sie nennen es lügenhafte Albernheiten, -«
    »Wenn der Herr Artilleriecapitän am Fieberdelirium der Spionenriecherei
leidet, wenn er von überlegenem Gewehr fabelt - obschon doch selbst jeder
Boulevardier wissen müsste, wie sehr grade das Chassepot dem Zündnadelgewehr
überlegen war -, wenn er von der unvollkommenen kriegerischen Natur der
Deutschen redet und erzählt, dass diese jedesmal die Flucht ergriffen, sobald man
sich Mann an Mann mit ihnen kreuzte! Warum? Nun, weil wir tapfrer sind als sie,
wie dieser Bramarbas prahlt. Die Deutschen können nur wünschen, dass man die
Ratschläge solcher Broschüren befolgt: Das Losstürmen auf die kaltklütigen
Nordländer, um sie mit dem Bajonett zu werfen, und besonders die
Massen-Bajonettattacken bei Nacht werden gewiss zu empfehlen sein. So mag man den
Heeren Moltkes nur mit Lachen entgegentreten, wie die unverdrossenen
Chauvinisten lehren! Aber wer zuletzt lacht, lacht am besten. - Meine Auffassung
setzt Sie in Erstaunen?«
    »Allerdings, ein wenig.« erwiderte der Brite kalt.
    »Man überschätzt Deutschlands Macht gewiss,« fiel Miss Maud Egremont ein, die
sich soeben zu den Herren setzte, um an dem Gespräch teilzunehmen. »Ich bin
überzeugt, wenn französische Truppen erst mal den Rhein überschreiten, fällt der
Bundesstaat auseinander.«
    Krastinik schüttelte den Kopf. »Täuschen wir uns nicht! Ein Ausländer hat
meist gar keinen Einblick in die wahren inneren Verhältnisse eines Staates. Weil
man im Deutschen Reichstag sich zankt, glauben die Fremden sozusagen an Keime
zum Bürgerkrieg. Bedenken Sie, dass Napoleon III. allen Ernstes 1870 auf die
Neutralität der Süddeutschen rechnete. - Kurz, ich fürchte, die Chauvinisten der
Patriotenliga, die Boulangers und Deroulédes, machen sich um ihr Vaterland nicht
wohlverdient durch ihr windiges Gerede über ihre Besieger, wodurch sie
eigentlich nur sich selbst herabsetzen, da diese miserablen Soldaten doch
Frankreich Stück für Stück zerbrachen, obschon es den äussersten Widerstand bis
zu gänzlicher Erschöpfung ihnen entgegensetzte. Er entschuldigt höchstens, dass
man in aller Einfalt das unpatriotische Verbrechen begeht, falsche Vorstellungen
und luftige Hoffnungen vorzuspiegeln. Nach solchen Reden und Brochüren muss das
revanchelustige Volk ja glauben, dass man heut mit mehr Recht, denn je, von einer
Militär- A Berlin reden könne. Wir wollen den Maulhelden nicht wünschen, dass sie
die deutschen Bajonette in der Nähe schmecken lernen. Das Lachen würde ihnen
dann wohl vergehn.«
    »Nun, eins können Sie doch nicht leugnen,« wandte Mr. Egremont ein, »dass die
Deutschen stets über eine grosse Uebermacht verfügten.«
    »Hm, ich weiss nicht. Wie steht es mit dieser angeblichen Uebermacht? In der
zweiten Hälfte des Feldzugs war sie durchweg (zweifach, dreifach, manchmal vier-
und fünffach) auf Seiten der Franzosen. Bei Weissenburg, Wört, Spicheren,
Gravelotte wurde die deutsche Ueberlegenheit an Truppen nicht nur aufgewogen
durch unerhört starke Stellungen des Feindes, sondern an allen einzelnen
Entscheidungspunkten war die Uebermacht ganz auf französischer Seite. Bei
Vionville standen die Franzosen an den meisten Punkten mit sechsfacher
Uebermacht entgegen, so dass ein deutsches Regiment gegen zwei Divisionen, eine
Brigade gegen ein und einhalb Armeecorps kämpfte; ja, am Abend, als alle
Verstärkungen eingetroffen, war Bazaine immer noch ums Doppelte überlegen. Und
nun Sedan! Darüber herrschen vielfach falsche Begriffe. Mac Mahons Armee betrug
gegen 130000 Mann, was aus Addition des Schlachtverlustes, der Kapitulirenden
und der über Belgien und Mezières Entkommenen sich leicht ergibt. Von deutschen
Corps kämpften in der Schlacht selbst höchstens 150000 Mann. Da nun die
Franzosen im Innenkreis in dicken Massen standen, so haben sie zweifellos in der
Schlacht selbst überall Uebermacht gehabt gegen die dünnen Linien der Deutschen
auf der Peripherie. So zerrinnt das Märchen von der deutschen Uebermacht ins
leere Nichts.«
    »Also war es die deutsche Führung, Count de Rasteinik.« Egremont gab mit
grosser Wichtigkeit das entscheidende Votum des freien Briten ab: »Moltke ist der
erste Feldherr Europas.«
    »Hm.« Krastinick schüttelte leicht, den Kopf. »Ob die Generale den
Löwenanteil des Sieges beanspruchen dürfen, weiss ich noch nicht einmal. So
vortrefflich die Kaiserlich Napoleonische Armee sich schlug, so war wohl auch
das Material der Deutschen in jeder Einzeltruppe ein besseres. Nicht auf dem
System Moltkes, wovon die Franzosen so viel Unklares träumen, nicht auf der
Führung des Grossen Generalstabes, die ja ebenso gut Schnitzer machte wie die
französische Oberleitung, sondern auf der kriegerischen Natur der Deutschen
beruht der Erfolg Deutschlands.« Er verbreitete sich noch weitläufig über die
Autoritätsmichelei, die immer nur »oben« das Verdienst sucht, und über die
völlige Unfähigkeit der französischen Führung und Intendantur, trotz welcher
aber das kaiserliche Heer, wegen Geschicklichkeit und Bravour der Truppen
selbst, einen furchtbaren Widerstand leisten konnte. Das Alles war den Hörern
ganz neu und erregte ungläubiges Staunen, was im Laufe des folgenden Gesprächs
sich zu einer gewissen Missbilligung steigerte. Wer etwas Neues sagt, gilt stets
für paradox; wer liebgewordene Vorurteile über den Haufen wirst, für arrogant.
    »Well,« sagte Mowbray, »Bazaine nennt sich ja noch in seiner bekannten
Rechtfertigungsschrift den Besieger Preussens in den zwei schwersten Schlachten
des Jahrhunderts.«
    »Ja, er wagt sich damit zu brüsten,« erwiderte der Oesterreicher trocken,
»obschon er damit höchstens das niedrige Niveau seines Begriffsvermögens zeigt.«
    »Hört, hört? Ein französischer Marschall..«
    »Abgesehen von der taktischen Unbestreitbarkeit der deutschen Siege,« fuhr
Jener unverdrossen fort, »wurden Vionville und Gravelotte ja zu schweren
strategischen Niederlagen..«
    »Hört, hört? Sie widersprechen sich da doch, Sir,« fiel ihm Maud spitz ins
Wort und schien sich dieses Hiebes zu freuen. »Sie verkleinern die preussische
Strategie und sagen nun doch selber..«
    »Pardon, Miss. Nicht die geniale Voraussicht des preussischen Hauptquartiers
erzielte diese Erfolge, welches z.B. bei Gravelotte die Entscheidung ganz an
falscher Stelle, statt bei St. Privat auf dem entgegengesetzten Flügel suchte.
Bazaines Auffassung seiner Lage am 16. August war von seinem Standpunkt aus ganz
richtig. Er wollte ja eigentlich gar nicht nach Verdun abmarschiren, wie
deutscherseits immer behauptet, sondern vor allem sich an Metz lehnen. Der
angebliche Plan des deutschen Obercommandos, die 200000 Mann starke Bazainesche
Armee in das für uneinnehmbar gehaltene Metz hineinzudrängen, ist ihm erst
nachträglich als von Anfang an bestehend untergeschoben. Der Plan schien auch so
unerhört kühn, dass er kaum Erfolg versprach. Am 16. August, dem eigentlichen
Entscheidungstag des Feldzugs, ohne den das spätere Sedan unmöglich war,
operirte man beiderseits so planlos wie irgend möglich und der ganze Ruhm
gebührt den unübertrefflichen altpreussischen Truppen.«
    »Und Sedan?« fragte Egremont.
    »Glauben Sie denn etwa, ein Sedan wäre möglich gewesen ohne die zwingende
Gewalt schicksalsschwerer Umstände? Die deutsche Oberleitung, die auf Paris
vorrücken wollte, tappte ganz im Dunkeln und der gewagte Plan Mac Mahons, an der
Nordgrenze durchzuschlüpfen, war beinahe geglückt - als man im letzten
Augenblick die Falle merkte und nun in unerhörten Gewaltmärschen an die Maas
eilte, die man nur deutschen Truppen zumuten durfte. Uebrigens wird auch hier
Moltkes spezielles Verdienst etwas überschätzt. Der Befehl an die dritte Armee
zu der grossen Rechtsschwenkung kam schon zu spät - hätte nicht der
Generalstabschef dieser Armee, der alte Blumental, auf eigene Initiative hin
schon vorher die Rechtsschwenkung ausgeführt. Diese Tatsache, ist freilich nur
sehr Wenigen bekannt. Trotzalledem aber fruchtete das Alles nichts, falls nicht
Mac Mahon so schandbar langsam marschirt wäre. Aber auch dass er an der Maas
ereilt wurde, ehe noch ein Teil seiner Truppen auf das jenseitige Ufer gelangt
war, hätte ausgeglichen werden können, falls nicht Faillys Corps sich bei
Beaumont in so unerhörter Weise überfallen liess. Und selbst dies hätte noch
verwunden werden können, wenn Mac Mahon nicht unbegreiflicherweise unter den
Wällen von Sedan hätte abkochen lassen und sich achtundvierzig Stunden dort zur
Ruhe gesetzt hätte. Ja, und selbst dann noch war, wenn auch nicht eine
schreckliche Niederlage, so doch die Kapitulation vollständig zu vermeiden, wenn
man nur am Morgen oder Vormittag mit aller Macht auf Mezières abrückte. Unter
solchen Umständen zu siegen, ist keine Kunst. In der Schlacht von Sedan selber
aber hat wieder nur die wundervolle Sicherheit und Energie der deutschen Truppen
selbst so glänzende Resultate ermöglicht. - Was geschah aber nach Sedan? Vinoy,
der unrettbar verloren war, entkam mit seinem ganzen Heer und in dem nun völlig
waffenlosen entblössten Frankreich marschirte Moltke so vorsichtig matematisch,
dass man Paris richtig nicht mehr überrumpelte, wie man so leicht konnte. Und am
Tag von Châtillon beim Eintreffen vor Paris, wo man notorisch die Stadt hätte
nehmen können, fehlte es ganz an selbstständiger Initiative. Selbst Blücher
handelte 1815 beim Vormarsch auf Paris nach Waterloo viel genialer und darum
richtiger. Und wie anders würde ein Napoleon handeln! Nein, Mac Mahon und
Bazaine waren nichts wie leidliche Routiniers der Taktik, sogenannte
Bataillegenerale - aber die preussische Führung riecht andrerseits immer wieder
nach der Studirlampe. Statt Napoleons Kriegskunst haben wir heut eine Kriegs
wissenschaft, ein Schachspiel mit höherer Matematik!«
    Eine Pause trat ein. Die Einen schienen das Gehörte verdauen zu wollen, die
Andern schienen, schon ungeduldig. Mowbray gähnte laut.
    »Wie der aber arrogant über Alles aburteilt!« flüsterte eine Freundin Miss
Mauds dieser zu, welche zu der Gruppe getreten war und sich über Mauds Stuhl
lehnte - ungeduldig, dass dieser fesche Ausländer die Herrn durch gelehrte
Gespräche so lange von dem Tee der Damen fernhalte. Gar kein ladies-man!
    »Hört, hört!« verlautbarte sich Egremont gedehnt »Uebrigens, wenn Sie
Bonaparten heranziehn, würden nicht 100000 Mann, von ihm selber geführt, heut
von jedem beliebigen General mit 50000 heutigen Gewehren geschlagen werden?«
    »Ich glaube, Sie irren, Mr. Egremont.« Krastinik befand sich in der
unglücklichen Lage, stets widersprechen zu müssen. »Sie sind nicht Militär und
grade Laien fassen den Krieg zu matematisch-mechanisch auf, würdigen nie das
hauptsächlich entscheidende psychologische Moment der Taktik. Eben weil sie dazu
geneigt sind, überschätzen sie die nur partielle Wirkung des Fernfeuers.«
    »Wie das?« fragte Maud.
    »Nun, erstlich ist die Wirkung des Massen-Schnellfeuers auf weite Entfernung
verhältnissmässig gering. Erfahrungen durch Verlustziffern des siebziger Krieges
lehren, dass von 1000 Geschossen bei Massenfeuer auf Stürmende selbst auf ganz
deckungsloser Fläche mit rasanter Flugbahn erst eins trifft. Das grosse Sicheln
beginnt erst auf 400 Meter Entfernung und steigert sich progressiv. Nun verführt
aber das Fernschiessen, zumal jetzt beim Magazin-Gewehr, dazu, ununterbrochen
draufloszupaffen, so dass beim fünfzigsten Schuss (- bis zu 150 Schuss kann man
hintereinander verknallen -) ein blindes zielloses Knattern eintritt. Das
überhjetzte Gewehr droht zu springen. Indem er fälschlich ein massenhaftes
Treffen seines massenhaften Kugelverbrauchs voraussetzt, macht ein unentwegtes
Vordringen des Feindes den Verteidiger stutzig. Seine Nerven werden von dem
Rollen seines eignen Feuers erschüttert, die Hand am Laufe fliegt, der Arm
zittert, er verliert jede Selbstbeherrschung und verschiesst seine Munition: in
dieser Verfassung trifft ihn ein entschlossener kühner Sturmlauf, der den
umfassenden Bleimantel nicht scheut. Der Angreifer hingegen empfängt durch
seinen Sturmlauf einen nervösen Elan. Er schiesse nun erst, sobald er auf 400 bis
100 Meter herangekommen, im Vorgehen kaltblütig und ruhig. Noch hat er keinen
Schuss getan; seine Nerven sind noch nicht vom augenflimmernden Knall-Wahnsinn
(diesem selbstüberschätzenden Grössenwahn des modernen Hinterlader-Fussvolks!)
ergriffen; er pustet treffsicher und klaren Blicks in runden Salven sein
Nah-Feuer dem Feind ins Gesicht und bringt ihm in einem Zehntel der Zeit
stärkere Verluste bei, als er während des ganzen Sturmlaufs erlitten. - Unter
diesen Umständen bei gesunder taktischer Formation scheint also immer noch eine
gutgeschulte Truppe einer minder tüchtigen überlegen, falls nur die Führung den
Unterschied der Waffe ausgleicht.«
    Nur Wenige waren dieser lichtvollen Auseinandersetzung gespannt gefolgt.
»Der schwatzt, als ob er ein Feldherrngenie wäre!« näselte Mowbray Miss Maud ins
Ohr. »Ja, das lässt sich Alles hören,« brummte Herr Egremont. »Ob aber in der
Praxis..«
    »Nun, Sie müssen's ja am Besten wissen, Sir Tomas,« wandte sich der
Oesterreicher an diesen, nicht ganz ohne boshafte Nebenabsicht. »Wie leicht
sprengten doch im Sudan die Mahdisten, bloss mit Schwert und Schild bewaffnet,
die Magazingewehr-Vierecke der besten englischen Truppen!«
    Ein unruhiges Räuspern liess sich vernehmen. Der Ausländer war doch auch gar
zu taktlos! Vom Sudan-feldzug zu reden - gradezu shoking, Mangel an
respectability!
    »Mein Herr, die britischen Vierecke wurden keineswegsgesprengt,« erwiderte
Mowbray schroff, indem er seinen Giraffenhals majestätisch reckte. »Englische
Vierecke pflegen überhaupt nicht gesprengt zu werden.« Krastinik zuckte
verstohlen die Achseln. Doch ein beifälliges Gemurmel belehrte ihn darüber, dass
man nicht ungestraft dem Grössenwahn nationaler Ueberhebung auf die Zehen tritt.
Mowbray schien einen Augenblick zu zögern, ob er noch etwas hinzufügen solle,
platzte aber, ohne lange an dem Brocken »glory« zu würgen, dann plötzlich los:
»Uebrigens, Herr Graf, was Sie da vom Fernfeuer u.s.w. äusserten, trifft
natürlich auf britische Truppen nicht zu. Nerven-Erschütterung ist bei uns
Insel-Leuten nicht zu befürchten; die haben Nerven von Stahl.«
    Krastinik hatte sich zwar bass gewundert, an allen mit Reklameprospekten
beklebten Mauern, ja sogar in Anstalten für öffentliche Notdurft, Mittel gegen
»nervous debility« empfohlen zu sehen. Doch er biss sich auf die Lippen und
schwieg, bis der alte Egremont mit Würde das unumstössliche Dogma hinwarf: »Well,
Sir, das werden Sie ja nicht bestreiten: Der englische Soldat ist der beste der
Welt. Sogar der deutsche Kronprinz hat auf einer Revne in Aldershot dies
geäussert. Es stand in allen Blättern.«
    »Dann muss es freilich wahr sein,« versetzte Krastinik ernstaft, obschon er
gern etwas von »Compliment aus Höflichkeit« hätte einfliessen lassen. Dagegen
bemerkte er mit ruhiger Ironie: »Ja freilich. Auch Napoleon soll so etwas auf
St. Helena einigen Engländern gesagt haben. Die englische Infanterie sei die
beste in Europa. Nur fügte er hinzu: Gott sei Dank, gibt's nicht viel davon.«
    Auch diese Einschränkung, deren Stachel man wohl fühlte, kam der britischen
»Glory« (dieser widerlichen Bastardschwester der französischen Gloire)
augenscheinlich ungelegen. Denn Mowbray fiel hastig ein: »Doch haben diese
Wenigen ganz Europa geschlagen.«
    Krastinik hätte sich gern erkundigt: wo, und würde in Sachen Waterloo dem
britischen Kameraden die »Waterloo-Lectures« des Colonel Chesnei an der
Woolwicher Kriegsschule empfohlen haben. Doch behielt er wohlweislich sein
Wissen für sich.
    Egremont ritt jetzt wieder sein pomphaftes Steckenpferd. Nachdem die
»Britische Aristokratie« durch das Toryministerium Salisbury wieder die Leitung
der auswärtigen Geschäfte übernommen, werde Grossbritannien aufs Neue die
entscheidende Rolle in Europa und speziell in dem kommenden Weltkrieg spielen.
Krastinik hütete sich wohl anzudeuten, dass man auf dem Continent über die
»Krämerpolitik« ganz anders denke, und meinte auch, dass England in Asien seine
Suprematie behaupten werde. Ueberhaupt überschätze man Russlands Macht bei
weitem, das wegen gänzlicher Verrottung der Verwaltung so spät mobilisiren
könne, dass an einen erfolgreichen Offensivkrieg desselben gar nicht zu denken
sei. Dagegen sei man, wenigstens im grossen Publikum, geneigt, Frankreichs in der
Tat furchtbare Macht jetzt zu unterschätzen. Ebenso sei Oesterreich bei all
seinen unteren Schäden die drittgrösste und -beste Militairmacht geblieben und
könne zur Not allein mit Russland fertig werden. Das Gespräch lenkte sich jetzt
auf den Nihilismus und von da auf ähnliche Erscheinungen: Die Irischen
Dynamitverschwörer, die Deutsche Socialdemokratie, den Anarchismus. Nachdem man
hin- und hergeredet und auch die Millionen umfassende socialistische Liga. »
United Workmen«, welche der englischen Gesellschaft Gefahr drohe, besprochen,
sagte Krastinik plötzlich: »Ja, wir werden wohl Alle noch dranglauben müssen.«
    »Wie meinen Sie das?« Der zur Ruhe gesetzte Bücher-Millionär blies die
Backen auf und steckte unwillkürlich die Hände in die Hosentaschen.
    »Ich meine, dass wir Alle noch ins Gras beissen werden und dass die sociale
Revolution ein unabwendbar drohendes Gewitter ist.«
    Miss Alice, die auch hinzugetreten war, stiess einen allerliebsten kleinen
Schrei aus. Mowbray, der britische Leu, ermutigte sie jedoch mit einem feurigen
Blick: »Fürchten Sie nichts, Miss. Noch wird es nicht an Männern fehlen, welche
die Gesellschaft zu schützen wissen. Gott sei Dank gibt es noch Armeeen und
Offiziere zur Rettung der Staatsgewalt.«
    Krastinik sah nicht den kokett zärtlichen Dankbarkeitsblick der reizenden
jungen Dame, sondern fuhr düster und etwas unwirsch drein: »Bravo! So sprach man
auch vor der Französischen Revolution! Das sicherste Kennzeichen für die
positive Gefahr scheint es mir aber, dass man überall in der Guten Gesellschaft
von der socialen Revolution wie von einer Wahrscheinlichkeit schwatzt - grade so
wie damals die Grandseigneurs taten. Welche schöne Revolution werdet Ihr haben!
Kinder, ich beneide Euch! rief der Patriarch Voltaire als gefeierter Jubelgreis
der liberalen Jeunesse dorée zu, die sich als schwärmende Schöngeister eine
Revolution wie eine galante Oper dachten. Ach, er brauchte sie nicht zu
beneiden! Sie wurden ja Alle geköpft. Je mehr sie von Freiheit und
Brüderlichkeit schwatzten, desto eher. Was half's dem Herzog von Orleans, dass er
sich Bürger Philipp Egalité nannte? Die Egalité verlangte darum doch seinen Kopf
- eben weil er Herzog gewesen war. Das kommt Alles viel schrecklicher wie man
denkt.« Er sah vor sich nieder. Die Gesellschaft fühlte sich in der Verdauung
gestört und ein reicher Brauer legte mit schmerzhafter Miene seine Hand auf die
weisse Weste seiner Magenhöhle.
    »Sie machen Einem Angst und Bange,« sagte Miss Maud mit ihrer scharfen
Stimme. »Aber wie wäre das Alles denn möglich? Wer will denn in Europa
Revolution ausser den unteren Ständen? Man mag ja wohl einige sociale und
sonstige Uebelstände abschaffen; aber darüber hinaus geht Niemandes Wollen.«
    Krastinik lachte leicht auf. »Ja wohl, wer will Revolution! Die paar hundert
Jacobiner sind es gewesen, die ganz Frankreich tyrannisirten und die Besiegung
Europas organisirten. Und mit dem Abschaffen socialer Uebel auf gesetzlichem
Wege geht es, wie mit der Lawine, die aus einem Schneeball sich bildet und ins
Rollen kommt, bis sie im Abgrund verdonnert. Niemand wollte damals die Republik,
Jeder nur die Constitution. Aber es liegt in der Art der Monarchie, dass sie ihr
abgerungene Beschränkungen nie gutwillig trägt, sondern stets dagegen opponirt.
Ich, Aristokrat, Monarchist bis in die Knochen, Royalist, getreu meinem
kaiserlichen Herrn, würde es nicht anders machen; würde den Tron im Kampf gegen
die siegreiche Demokratie unterstützen. Diese aber ist wie der Tiger, der Blut
geleckt hat. Man gebe ihr nur den triftigen Vorwand, indem man ihr trotzt, und
sie springt von Stufe zu Stufe ihren letzten Ziele entgegen. Auch überstürzt
sich ja Alles in solchen Zeiten. In der berühmten Nachtsitzung des französischen
Adels vom 4. August 1789 wollte man auch mit einigen allgemeinen
Gleichheitstiraden beginnen und endete um 2 Uhr Morgens, nachdem man die
gesammten Privilegien und Feudalrechte mit eigener Hand vernichtete! - Uebrigens
doch bei alledem eine merkwürdige Nacht,« fügte er nach einer Pause hinzu, da
Alles schwieg und sich betreten ansah. »War ja verrückt, aber wird dem
französischen Adel doch ewig zur Ehre gereichen. Denn..«
    »Meine Herren,« unterbrach ihn Miss Maud, indem sie sich hastig erhob: »Ich
finde, das Gespräch nimmt eine zu ernste Wendung. Die Damen erwarten Sie
schmerzlich.«..
    Xaver empfahl sich bald. »A queer little fellow!« näselte Mowbray, indem er
ihm durch sein Monocle nach sah. Alice, der er die Cour schnitt, antwortete
nicht.
    »Ein schrecklich geschwätziger altkluger Mensch. Lässt Niemanden zu Worte
kommen,« brummte Egremont, der mehrmals pompöse Phrasen hatte verschlucken
müssen.
    »Und was für baroke Ansichten er hat!« meinte, eine Freundin von Miss Alice.
    »Und so von sich eingenommen!« meinte eine Freundin von Miss Maud.
    »Man begreift gar nicht..« sagte der fette Brauer, der die Hand auf die
weisse Weste seiner Magenhöhle, zu legen liebte. »Ein Graf.. und so vulgär
radikale Ansichten!«
    »Ueberspannt!«
    »Revolutionär!«
    »Hm, you know.. Graf.. das bedeutet nicht viel auf dem Continent.. da ist
immer der Zehnte Graf.«
    »Hm, er ist ja wohl auch ein jüngerer Sohn,« warf Egremont nachdenklich hin.
    »Ah, ein jüngerer Sohn?!« näselte Mowbray.
    »Das erklärt mir Alles!« entschied der fette Herr mit der weissen Weste.
    »Jüngere Söhne - hähä - sind immer radikal.«
    »Kurz, a queer fellow!« setzte Mowbray als letztes Punktum. Miss Alice
ermutigte ihn durch einen schmachtenden Blick.
    Eine entscheidende gesellschaftliche Niederlage. »A queer fellow« - dieser
Spitzname hatte den fremden Eindringling für immer gestempelt. Das kommt davon,
wenn man diese Ausländer, diese Foreigners, in die britische Respektabilität
aufnimmt Sie zweifeln an der Unfehlbarkeit alles Englischen, sie reden von
unbequemen Sachen, welche die Verdauung stören. Sie verletzen die herkömmlichste
Sittlichkeit in ihrem wilden barbarischen Grössenwahn.
 
                                 Viertes Buch.
»Bitu meine Nauze?« flüsterte Mary in ihrem Kellnerinnen-Jargon, indem sie ihre
Arme zum Abschied um Roters Hals schlang. - »Adieu, mein Schatz.«
    Roter warf sich in eine Droschke, nachdem er die ihre bezahlt, um sie
allein nach Hause fahren zu lassen. - Der Droschkengaul trug ihn langsam durch
die lautlose Winternacht. Ein sonderbarer Geruch haftete an seinen Kleidern, wie
auf einer Wange der Biss oder die Nässe eines allzufeurigen Kusses haften bleiben
- ein Geruch, wie ihn ein transpirirender Mädchenkörper ausströmt, dessen
Schweiss durch die Blumen und den Parfüm der Kleider einen durchdringenden
wollüstigen Duft empfängt.
    Roter befand sich in einem Zustand willenlos mechanischer Apatie. Der
Trieb zum Produciren schien ihm ganz verloren gegangen. Er bummelte in den
Spelunken herum, wie ein von mechanischen Fäden, gezogener Automat. Bei Marys
Freundinnen verlieh man ihm den Spottnamen »der Trompeter«, da Scheffels
Säkkinger Aventüre diesen Weibern meist geläufig ist - sie wollten damit das
Künstlerisch-Ideale bezeichnen und griffen daher, als Mary schwärmerisch von
ihrem neuen Freunde meinte, er sei so süss und lieb wie der Trompeter von
Säkkingen, diese Bezeichnung auf.
    Immer neue Flaschen Wem trinken, gilt als Bedingung eines innigen
Verhältnisses in diesen Lokalen, wenn der Wirt sie väterlich sanctioniren und
die Kolleginnen ein Auge zudrücken sollen. Das fängt auf die Dauer an, lästig zu
werden.
    Aber Roter fühlte, wie sehr der Mensch ein Sklave der Gewohnheit wird, aus
der man sich nur gewaltsam herausreissen kann. Auch behielt Mary in ihrer
spanischen Mantille und ihrem Spitzenschleier für ihn etwas »Aristokratisches«
und es besteht nun einmal ein lähmend Zwingendes in verliebter Herzenssympatie.
Die Freundschaft mit einem Weibe wird für den Mann in den Widerwärtigkeiten des
Lebens stets einen unerklärlichen Balsam besitzen, und wäre das Weib selbst eine
Schenkmamsell. In dieser Beziehung zeigt sich die unverwischbare Allgewalt der
Geschlechtssympatie. Mary hatte ihren Amant, wie das so üblich, ihrer
Zimmer-Wirtin (»Comment-Mutter«) vorgestellt, welche ihr mütterliches Urteil
dahin abgab, dass der Herr mit dem hübschen Gesicht, so »blaue treue Augen« habe,
also zu cultiviren sei.
    Marys Wünsche betreffs Einlösung ihrer versetzten Uhr, und dergleichen mehr,
fielen bei Roter auf fruchtbaren Boden; ihre Droschken nach Hause bezahlte er
ihr pflichtschuldigst, aber sie selbst besuchte er selten. Es schien mit der
Zeit mehr ein gewisses Mitleid, was ihn an sie kettete, indem er ihre Neigung
für eine wirklich tiefere hielt. Hierin irrte er auch nicht, wohl aber, wenn er
ihrer Versicherung Glauben schenkte, sie habe sonst kein »ernstaftes
Verhältnis« nebenbei.
    Ja, war denn das wirklich er, Roter, der sich, wie ein Ladenschwengel oder
ein halbwüchsiger Student mit seiner Kneipmamsell oder Confectioneuse, mit einem
törichten Bierbass-Mädel umhertrieb, die zufällig in ihn verliebt war und ihren
Mund unersättlich mit der Mahnung »Kuss« ihm entgegenspjetzte? Und das Alles nur,
um die nagende Sehnsucht und Erinnerung zu betäuben!
    War das denn nicht eine Profanation seiner wirklichen wahren Liebe für jene
Andere, die er sich doch mit Leib und Seele als Braut erkoren? Und dabei
liebelte er nebenbei noch mit der Dienstmagd der Wirtsleute, wo er wohnte! Kein
Zweifel, sein ganzes Wesen war in kindsköpfische Sinnlichkeit aufgelöst, er
schien von einem erotischen Teufel besessen. Diesen Teufel kann man nur
austreiben durch Beelzebub, den obersten der Teufel. Und so keimte denn in
Roter der künstlerische Grössenwahn um so stärker hervor, jemehr seine Farben
auf der Palette trockneten und der Pinsel nervös seiner Hand entglitt.
    Stundenlang auf einem Divan ausgestreckt, eine Virginia nach der andern
schmauchend - manchmal aus Apatie nur an dem Strohhalm derselben kauend, ohne
den »Rattenschwanz« anzuzünden -, fing er an, über seiner verkannten
künstlerischen Bedeutung zu brüten.
    Aber statt diese mit dem Pinsel zu beweisen, griff er zur Feder. Wegen
leidlichen Stils geschätzter Correspondent einer Kunstchronik, verriss er nunmehr
rücksichtslos alle Lebenden. Adolf Menzel sei nur ein Vorläufer des
Naturalismus. Da sehe man dagegen die Warzen der drei alten Weiber in der Kirche
an, mit denen Meister Laibl uns beschenkte - dafür gebe er, Eduard Roter, den
ganzen Rafael!
    Doch auch dies Gezanke um eine Kunst-Revolution vermochte seine innere
Unrast nicht zu stillen.
    Wer irgend eine Handlung beging, die ihn schädigen oder lächerrlich machen
kann, wird ewig von den Dämonen einer ungewissen Furcht umhergesagt. Wie oft
verwirklicht die Furcht sich nicht und wie oft tritt die gefürchtete
Unannehmlichkeit grade an einer Stelle auf, wo man sie nicht erwartet! Wie oft
räumt das Schicksal oder der Zufall eine Reihe von Gefahren, die uns drohten,
aus dem Wege, und wie oft schafft er neue Hemmnisse, an die man nicht denken
konnte!
    Wie sollte es denn Alles enden! Nachdem eine etwas kühlere Ueberlegung seine
blinde Leidenschaft abgeschwächt, legte er sich diese Frage täglich vor. Was für
entsetzliche Schranken türmten sich vor ihm auf. Was für Kämpfe musste er
bestehen, wenn er sie wirklich heiraten wollte! Aber er hatte sein Wort
gegeben, er war ein Gentleman, und - er liebte sie. Mit hartnäckiger Festigkeit
blieb er an dem Verabredeten haften, mit jenem falschen Stolz, den schwache
Naturen für Stärke ausgeben.
    Vier bis fünf Wochen waren verflossen, sie hatte nichts von sich hören
lassen. Nun, das war ja die Verabredung. In der letzten Woche hatte er sich
aufgerafft und wie ein Held mit Anspannung aller Kräfte gearbeitet. Immer nur
einen Gedanken dabei im Auge, Ruhm und Geld zu erlangen - für sie. Es gelang.
Seine Freunde, welche die Composition seines Bildes (Kohlenzeichnung) »General
Hoche stirbt in Folge geschlechtlicher Excesse« betrachten durften, erklärten es
einstimmig für genial. Beim Nachhausegehen wunderten sie sich gegeneinander aus,
wie dieser Kerl sich »herausgemacht« habe. Daher schien auch wohl die Unruhe,
die krankhafte Blässe und Nervenschwäche, die man seit seiner Rückkehr aus
München an ihm bemerkt, zu erklären. Natürlich, sein Bild ging ihm im Kopf
herum.
    So war denn doch etwas bei all dem Jammer herausgekommen. Im Fieber hatte er
gebummelt, im Fieber blitzschnell die Idee dieses Bildes gefasst, im Fieber Tag
und Nacht daran gearbeitet - Liebes- und Arbeitsfieber hatten einander
unterstützt.
    Und in diesem Hochgefühl setzte er sich hin und schrieb an sie einen langen
Brief. So lange hatte er sich bezwungen, sein Herz zum Schweigen gebracht - nun
schüttete er ihr sein Herz aus in glühenden brennenden Worten, wie nur ein
Künstler es vermag. Ja, er musste ihr Alles, Alles sagen, was ihm an den
Eingeweiden frass, in den Schläfen hämmerte. - -
    Wie, noch keine Antwort? Eine Woche verging. Ein plötzlicher Einfall führte
ihn wieder in das Café Bammer zurück, das ihm Zeuge so vieler innerer Qualen
gewesen. Der geschniegelte Wirt zeigte sich hocherfreut, »Herrn Professor«
wiederzusehen. dabei brachte er das Gespräch wiederum auf die berüchtigte Kati.
Ob Roter etwas davon wisse. Keine Spur? - Nun, neulich sei der Eberhart (Herr
Professor würden sich der Geschichte von damals wohl noch erinnern) bei ihm
gewesen. Habe Der auf sie geschimpft. Das sei ein abgefeimtes Mensch. Er hätte
sie ja gern gebraucht und ihr dann einen Tritt vor den holden ... gegeben (wie
sich Bammer geschmackvoll ausdrückte), aber sie habe ihn nur an der Nase
herumgeführt und ihm ein schmähliches Geld gekostet. »Das ist doch wohl kaum
wahr,« stammelte Roter, bleich vor Wut.
    »Mein heiliges Ehrenwort!« (Wirtsleute und Demimonde haben stets ein
»heiliges« Ehrenwort - doppelt hält gut). Bammer redete noch eine Weile so fort
und erzählte, Wursteler sei soeben aus Hamburg zurückgekehrt. Der sei als Agent
in einer Geschäftsreise dort gewesen und habe doch mal Kati besuchen wollen.
Na, der habe schöne Geschichten zu erzählen!
    Roter wollte sie nicht hören und verbat sich weiteren Klatsch. Zu Hause
aber sandte er nochmals einen eingeschriebenen Brief nach Hamburg, der geschickt
entworfen war und mit Ernst Aufklärung und endliche Entscheidung verlangte. - -
    Er starrte wild in seinem Atelier umher. Eine Verachtung all seines Besitzes
ergriff ihn, des materiellen wie des geistigen - denn all sein Begehren und
Sehnen war ja nur in dem einzigen Gegenstand seiner Leidenschaft concentrirt.
Wozu diese schöngeschnjetzten Stühle, diese persischen Teppiche, diese roten
Karawanserei-Vorhänge, diese krystallene Ampel, diese Stukkatur des Getäfels,
diese brokat-purpurgestreiften Papiertapeten, dieser Rokoko-Bücherschrank mit
der umfangreichen Bücherei voll von eleganten Einbänden illustrirter
Prachtwerke? Wozu das Alles? Wozu sein Haben und sein Wissen und sein Können und
sein sauer erworbenes bisschen Ruhm in echter Kunst! Viel besser, er hätte sein
Geld dazu angewandt, sich ein Reitpferd zu kaufen und die neueste Mode zu
cultiviren, um ihr zu gefallen. Was »echte Kunst«! Geschäfte hätte er machen,
sich zum Damenportraitmaler, Unsterblichkeitsverleiher von Spitzen-und
Sammtmantillen ausbilden sollen - dann hätte er gehörig Geld zusammengescharrt
und »Ruhm« bei dem Marktpöbel errungen. Geld für sich selber brauchte er zwar
wenig, - aber er hätte dann für sie mehr übrig gehabt. Wozu all dieser
überflüssige Atelier-Luxus und all diese verdammten Bücher und Bilder! Als ein
Kleid von Lyoner Seide, als ein Armband für sie hätte das vergeudete Kapital
weit besser seinen Zweck erfüllt! Was waren alle Kunsterzeugnisse und alle
Naturschönheiten neben einem Rümpfen ihrer klassischen Nase, einem Zucken ihres
göttlichen Mundes, einem schelmischen Aufzucken ihrer Augensterne!
    Sie, sie - und die ganze übrige Welt wiegt federleicht auf dieser Wagschale.
    So schleuderte ihn der Furor Aphrodisiacus immer tiefer in die Verzweiflung
hinein.
    Eine neue Phase der Selbstquälerei begann. Er durchmusterte seine Mappen mit
Skizzen seiner Bilder und betrachtete die vollendeten Werke, die er sich wegen
Mangels an Käufern an die Wand hängen durfte. Ueberall fand er grobe Fehler;
auch die Verschneidungen der Illustrationen, die an illustrirte Familienjournale
geliefert, und die Mängel der Photographieen nach seinen Bildern entgingen ihm
nicht. Selbst der schlechte Firnis auf einem seiner vollendeten Opera an der
Wand ärgerte ihn.
    Zu flüchtig, zu rasch, zu viel! musste er sich immer sagen. Andrerseits muss
man mit tausend Zufälligkeiten kämpfen. Ein Bild wurde ihm einmal auf der
Treppe, als es zur Kunstausstellung auf den Cantianplatz wandern sollte, vom
Träger fallen gelassen und übel lädirt. Durch einen ausgeführten Carton hatte
der kleine Bube des Portiers, der in seinem Atelier bei einer Reinemacherei in
seiner Abwesenheit spielte, mit einer grossen Latte, wie man sie zum Anlehnen des
Armes beim Malen benutzt, ein brettes Loch gestossen. Ueberall alberne
Widerwärtigkeiten, überall Aerger und Quängelei, selbst wenn man sein Aeusserstes
darangesetzt.
    Hier diese Armverzeichnung, dort jene unrichtige Verkürzung. Hier hätte die
coloristische Stimmung durch eine geringe Aenderung sehr gewinnen können, dort
hat ein zu grell gegriffener »Ton« die ganze Einheitlichkeit des Colorits
verdorben. Und was in der Kunst einmal geschah, ist nicht mehr zu repariren. O
die Kunst, welche Folter! Wie ist sie unerlernbar, und je höher das Ziel
gesteckt, desto schwerer! Und hinterher die naseweisen Redensarten des Publikums
und gar der Recensenten, wo sich Jeder nur an die auffälligen Mängel und Wenige
an die auffallenden Vorzüge klammern!
    Allerdings musste er sich bekennen, nachdem er sich drei Tage lang in diese
Selbstquälerei eingewühlt, dass die Verbesserungen und Umänderungen, die er
vornehmen wollte, im Grunde wenig änderten. Bei Manchem hatte er obendrein die
praktischen Verhältnisse nicht bedacht, als er in seinem Verbesserungs-Delirium
plötzlich an einige Besitzer seiner Werke schrieb, man möge ihn an den alten
Sachen künstlerische Verschönerungen versuchen lassen. Man erwiderte ihm
höflichst, dass dies jetzt zu spät sei, dass man das Werk in dieser Form
liebgewonnen habe, dass eine Umänderung selten eine Verbesserung sei. Es ist ein
Fluch des Künstlers, dass seine Werke stets nur in der Form fortleben sollen, die
er ihnen zuerst verlieh. Keine Verbesserung wird genehmigt. Und ebenso quält die
Betrachtung den Künstler, nachdem er sich über etwaige Fehler und notwendige
Verbesserungen das Gehirn zermartert, dass im Grunde genommen diese Fehler gar
nicht so störend wirkten und vielleicht sogar einen gewissen Reiz besassen,
während das nutzlose Grübeln darüber nur zeitraubend sein konnte.
    Was einmal geschehn, ist nicht mehr zu ändern.
    Es gibt Autoren, die sich ewig über die Druckfehler ärgern, welche sie -
und bekanntlich immer neue - in ihren Büchern entdecken. Ebenso geht es mit den
Fehlern überhaupt. Nach solchem Massstab würde bei jeder Leistung das nonum
prematur in annum nötig sein. Allerdings gibt es Momente, wo dem Künstler die
ungeheure Pein, Entsagung und Arbeitskraft, wie in eine Masse zusammengeballt,
überwältigend naherücken, welche sein Beruf von Jugend an erfordert. Nichts auf
der Welt lebt, was sich den Leistungen des wahren Künstlertums vergleichen
liesse, und nichts wird verhältnissmässig so wenig belohnt. Wenn schon die
erfolgreiche Arbeit so viel Opfer kostet, wie viel mehr erst die erfolglose,
erfolglos in künstlerischem oder in roh materiellem Sinne! Welche namenlose Qual
liegt in dem Gedanken, dass eine Arbeit nur deswegen nicht zur Vollendung reiste,
weil der Künstler sich allzu Schwerem und Hohem zugewandt? Und wie oft sind
künstlerische Fehler, die später unreparirbar erscheinen, aus einfachen brutalen
Notwendigkeiten der realen Verhältnisse hervorgegangen! Nur der Feldherr, der
Alles an Alles zu setzen gewohnt ist und oft an reinen Zufälligkeiten scheitert,
kennt den gleichen Grad unstillbaren Kummers und Aergers.
    Am Tag nach Absendung seines Briefes trieb es ihn, nochmals das
Unglücks-Café aufzusuchen. Bammers Worte gingen ihm im Kopf herum. Vielleicht
konnte ihm Wursteler doch Näheres sagen. Er traf am Buffet die schwarze Emmy.
Bammer war ausgegangen. Sie sah sehr mager und leidend aus. Er unterhielt sich
oberflächlich mit ihr. Ihr Befinden schien so schlecht, ihre Stimmung so
gedrückt, dass sie ihrem Herzen Luft machen musste. So begann sie denn (nach der
Regel, »Qui s'excuse, s'accuse«) ob der Verleumdung der Welt zu klagen. Man
halte sie für die Geliebte Herrn Bammers. Und doch sei dem nicht so u.s.w.
    Plötzlich erschien Herr Wursteler. Früher etwas »kaduk« gegen »Herrn
Professor«, entfaltete er diesmal eine ordentliche Cordialität, setzte sich
vergnügt an dessen Tisch und wurde ganz familiär.
    »Nun, waren Sie schon in Hamburg?« fragte er.
    »Ich? Wie sollte ich dahin kommen?«
    »Nun, Kati sagte es mir.«
    Roter war auf der Hut. Vorsichtig suchte er den Unbefangenen zu spielen.
Wer von Beiden würde den Andern zuerst aufs Glatteis führen?
    Wursteler klatschte mit hundert Pfaffenkraft drauf los.
    Kohlrausch sei ruinirt, miserabler Geschäftsman, Pleite stehe vor der Tür,
und so ging es fort. Roter streute nur ab und zu ein »So?« ein, regte sich auch
nicht, als Wursteler erzählte, ganz Hamburg halte sich auf über das Verhältnis
von Kati zu Kohlrausch. Er wolle sie heiraten. »Na, ich habe Kati gewarnt!
Dass Du Dich nicht mit dem Windikus einlässt, sagt' ich! - Na, Sie wollen sie ja
heiraten.«
    »Wer sagt das?« fuhr Roter auf.
    »Wer denn anders als Kati?« Wursteler tat sehr verwundert. »Ihre erste
Frage, als sie mich sah, war: Was macht Herr Roter? Und dann hat sie mir
gesagt: Der will mich heiraten!«
    Roter lachte gezwungen auf und murmelte etwas von »Frecher Lüge!« Er möge
so was mal im Scherz ... Aber als er ging, sah er in dem frechen Gesicht des
Catilinariers die verächtliche Frage: Glauben Sie, Sie täuschen mich? Solch ein
junger Mann und kräftiger Malermeister, und solch eine Sentimentalität für so
Eine! - (Bammer und Wursteler hegten den wütenden Hass ungesättigter Begier für
das Weib, das ihrer Brunst entronnen war.)
    Roter aber setzte sich hin und schrieb stehenden Fusses einen fulminanten
Brief. So viel sah er ein - hier lag doch etwas vor, er musste Gewissheit haben.
Sein ganzer Stolz bäumte sich auf. Ihm war, als ob er auf tausend Nägel und
Nadeln trete, als ob seine Nervenstränge blutig entzweirissen. Morden oder
selbstmorden, sich umbringen oder einen Andern - - sein Zustand grenzte aus
Hysterische. Ein ekelvoller Dunst und Brodem schien vor seinem Hirn zu
schwimmen, halb ohnmächtig fiel er aufs Sopha zurück - - Otellos wirres Lallen
von den »Verfinsterungen« fiel ihm ein. Aber diese halb unbewusste
Ideen-Association wirkte zugleich als Gegengift. Wie ein Rasender sprang er auf
und reklamirte dumpfknirschend vor sich hin, mit stossweisem Herausströmen des
rhetorischen Flusses, dass Salvini und Rossi an ihm ihre Freude gehabt hätten:
»So soll mein blutiger Sinn in wütigem Gang
Nie rückschaun noch zur sanften Liebe ebben,
Bis eine vollgenügend weite Rache
Dies Weib verschlang.«
    Sein Brief strotzte von Beleidigungen mitleidiger Verachtung. Zugleich aber
beging er in der Raserei den groben Fehler, schwere Injurien gegen Kohlrausch -
er nannte ihn »Louis« - und grössenwahnsinnige Betonungen seiner Würde
einzuflechten. »Die Liebe ist ja ganz nett,« schloss diese verrückte Epistel,
»aber der Ruhm steht mir doch noch höher.«
    Der Ruhm des guten Eduard Roter! -
    Aber sobald der Brief abgesandt, befielen ihn wieder Skrupel. Sollte es
wirklich wahr sein? Konnte sie so rasch vergessen? War ihr Fuss so glitschrig
geworden auf ihrer schlüpflichen Laufbahn, dass sie unaufhaltsam dem Abgrund
entgegentrieb? Dass er sich umsonst dagegenstemmte? Dass sie gleichgültig über ihn
wegtrat?
    Hat sie wirklich vergessen, dass ein Mensch lebt, der sie retten möchte? Ja,
möchte sie denn gerettet sein? Und weshalb will sie nicht? Ist sie denn ganz
verderbt? Nein, das kann ich Niemandem zugestehn. Wenn ich es glaubte, würde ich
wahnsinnig werden. Nein, es ist nicht so. Ich muss das wissen. Denn warum liebe
ich sie sonst so übermächtig, mit so unzähmbarem Instinkt? Warum, ja warum? doch
liebe ich sie, werde sie ewig lieben.
    So wurde diese schwache sinnliche Natur hin- und hergerissen.
    Bald sah er sie in seinen Armen mit lüstern brutalem Ausdruck und malte
sich's herrlich aus, diese rüde Urnatur zu einer »Dame« wenigstens äusserlich zu
entwickeln. Dann sah er sie wieder in ihrer naiven Anmut, ihn neckisch und
liebenswürdig gängelnd.
    Was konnte nun geschehn! Sein Brief musste Alles entscheiden. Er befand sich
in fieberhafter Erregung. Die nächste Post kam - richtig, ein Brief von ihr.
Eine gepresste Resedablüte lag dabei.
        »Ihre beiden Briefe habe ich erhalten, dass Sie so lange keine Antwort
        erhielten darf Sie wohl nicht wundern wenn Sie wie Sie oft sagten mit
        mir fühlen - - - mir geht es bis jetzt hier ganz gut, was die Zukunft
        bringt weiss ich nicht; mein Sinn ist stets veränderlich; bitte tun Sie
        mir den einzigen Gefallen und horchen Sie auf keinen Klatsch! Die
        Wahrheit habe ich Ihnen gesagt und hoffentlich glauben Sie mir mehr als
        bewussten klatschsüchtigen Zungen; Bescheid über meine Gesinnungen kann
        ich Ihnen bis jetzt noch nicht geben. Denn wenn ich auch nicht an die
        Aufrichtigkeit Ihrer Gesinnungen zweifele, kann ich mir bis jetzt doch
        noch nicht recht vorstellen, dass dies - bald zur Wahrheit werden könnte.
        Doch Schicksalsbestimmung erfüllt sich auch ohne menschliche Mühe (daran
        glaube ich) hoffentlich auch Sie. Ich will Ihnen nun nicht mehr länger
        Ihre kostbare Zeit rauben und grüsse Sie auf weiteres bestens.
                                                                       Kati K.«
    Lange starrte er auf den Brief. Er suchte zwischen den Zeilen zu lesen.
Jedenfalls stand ihm eins fest: Die Berichte Wurstelers konnten unmöglich
Wahrheit sein. Denn falls sie dann immerhin zu einem solchen Briefe fähig war,
so hätte in ihr jedes Schamgefühl erstickt sein müssen.
    Sie hatte also seinen letzten Brief noch nicht erhalten. Was nun tun? Was
wird sie nun schreiben? Sollte er bereuen, was er geschrieben? Nein. Das musste
die Entscheidung bringen.
    Ah, da kam sie. Er brauchte nur einige Stunden zu warten, als ein andrer
Brief von ihr eintraf.
        »Vor allem Andern bitte meinen gestrigen Brief als nicht empfangen zu
        betrachten und dann teile ich Ihnen in diesem meinem letzten Schreiben
        mit, dass ich keinen Brief mit Ihrer Handschrift je mehr annehmen werde,
        denn ich wüsste wahrhaftig nicht warum ich stets die Zielscheibe Ihrer
        Grobheiten sein soll, oder glauben Sie etwa durch Ihren ehrenwerten
        Antrag (auf den ich aber schon im Stillen verzichtet hatte, nebenbei
        bemerkt) dieses Recht erworben zu haben? Nein, mein lieber Herr, hier
        haben Sie sich in der Adresse geirrt, ich bin gar nicht heiratslustig,
        namentlich in diesem Falle - - beruhigen Sie sich und denken Sie so
        wenig an mich, wie ich an Sie, dann erlösen Sie eine arme Seele aus
        ihrer Qual. Sie sagten, Sie wollen mich retten - - ängstigen Sie sich
        nicht um mich und verwerten Sie Ihre Menschenfreundlichkeit zu besseren
        Zwecken - wenn ich auch untergehe wie Sie meinen, haben Sie jedenfalls
        die Beruhigung, nicht zu meinem Untergang beigetragen zu haben. Zu guter
        Letzt sage ich Ihnen nur noch:
        Wer niemals hinter der Tür gestanden, sucht keine Anderen dahinter, ich
        nehme bestimmt an, dass Sie Herrn Kohlrausch gar nicht kennen und bringen
        es fertig solche Beleidigungen auszustossen - - wenn Sie Etwas
        zurückhaltender wären, würde man von dem guten Ton, den Sie so sehr
        rühmen, eine bessere Meinung haben; nun gut, Alles rächt sich auf
        Erden.«
    Dieser nicht nur verlogene, sondern geradezu rohe Brief, welcher trotz des
Tones beleidigter Unschuld darin eine tiefe seelische Gemeinheit atmete - mit
der Absicht, groben Treubruch und schlimme Dinge hinter den Coulissen zu
verstecken - hätte gleichwohl Roters hartnäckigen Glauben an sein Ideal nicht
zu erschüttern vermocht, wenn nicht zugleich ein andrer Brief aus Hamburg
eingetroffen wäre. Dieser war von Herrn Kohlrausch, dem ominösen Deux ex machina
in höchsteigner Person.
    Dies originelle Schriftstück zierte einen Quartbogen, mit einer mächtigen
Druckfirma-Ueberschrift nebst Stempel, und verlautbarte sich also:
                »Herrn Roter.
                        Berlin.
        Obwohl ich schon früher erfuhr, in welcher erbärmlichen Weise Sie mich
        grundlos beleidigten, so rechnete ich solche Wutausbrüche auf Conto
        Ihres jähzornigen, von Eifersucht durchtriebenen Hirns z.B. die
        Bezeichnung: Galgenvogelvisage! Heute aber haben Sie mich in einer Weise
        durch Briefe an Frl. K. beleidigt, dass ich Sie ersuche, mir mit
        Postwendung sofort mitzuteilen, warum Sie sich zu solchen scheusslichen
        Injurien vergessen konnten - welche Sie schwer vor Gericht büssen müssen.
        Ehe ich Sie an jene Beleidigungen erinnere, betone ich noch, dass Frl. K.
        vorläufig bei mir ein hochgeachtete und sehr gut behandelte
        Geschäftsstütze ist und also durch deren Hiersein Ihrerseits kein Grund
        zum Groll gegen mich vorhanden, da ja das Fräulein durch ihren Fleiss bei
        mir - einem ersten Geschäfte Hamburgs - ihr wohlverdientes Brot finden
        muss - da dieselbe doch nur auf diese äusserst ehrliche Weise ihr Brot
        verdienen kann. Der Kürze wegen bitte ich mir sofort darauf zu
        antworten, wieso ich solche gemeinen Insulten nur verdiente?
        Selbstredend war es Pflicht des Frl. K. als erste Person im Geschäft,
        mir vorstehende Injurien mitzuteilen, ohne dabei den übrigen Inhalt
        dieses Schmutzbriefes zu verraten. Wie Sie sich zu dieser peinlichen
        Affaire stellen, teilen Sie mir sofort mit.
                                   Ergebenst
                                                                     Kohlrausch.
        P.S. Von Pleite kann keine Rede sein, da ich wegen zu hoher Pacht das
        Geschäft aufgebe und 1. Januar nach Berlin übersiedele.«
    Ausser sich vor Zorn, schleuderte der so schmählich Verratene sofort einen
Brandbrief nach dem teuren Hamburg an der Elbe, worin er mit ätzender Ironie
die Sachlage beleuchtete und zugleich Herrn Kohlrausch ermahnte, als Nachfolger
in Katis zarter Freundschaft gütigst deren schuldige Miete bei Frau Lämmers zu
entrichten. Die Undankbarkeit der verehrten Dame überhebe ihn jeder
Verpflichtung.
    Alles wird gelenkt von dem einen grossen Gesetz der Lüge.
    Alle Gedanken, und hätten sie dein ganzes Ich durchwogt, stürzen endlich in
Vergessenheit hinab. Nur der Tod, der Alles Lügen straft, ist kein Lügner. O ihr
Todten, ihr schlaft so sanft, so selig, weil euch keine Lüge mehr trifft! Was
ihr wisst, ihr und der Wurm, - das allein ist Wahrheit.
    Die Erde lächelte bräutlich am ersten Maientage. Da umarmte sie ein
nachtentsprossener Teufel und sie gebar den Menschen. Nur einen Trost bietet ihm
die Mutter Erde, wenn er verzweifelnd an ihren Busen sinkt: Ihr ewiger
Blütentod, ihres Sommers Sterbequal mahnt ihn, dass auch er ins Nichts verwehen
wird, dass endlich sich zwischen ihn und seinen bösen Vater schieben wird - der
Tod.
    Eduard erwachte aus unruhigem Schlaf mit einem seltsamen Gefühl
unaussprechlichen Bangens. Seltsam, eine einsame Träne brach ihm von der
Wimper. Welches Leid hatte sie geboren, welch ein Glück war ihm genommen? Doch
nicht jene Hoffnung, auf die er so ganz verzichtet? Und ihm ward plötzlich, als
ob er längst gestorben sei. Diese Träne weinte wohl seine Seele, die noch immer
zögernd an ihrem eignen Grabe verweilt.
    Was wollte diese todte Seele noch hier auf Erden? Vergass sie noch etwas zu
sagen? Jenes dämonische törichte süsse Weib - hatten sie Beide nicht vergessen,
eine letzte Frage zu tauschen, eine Frage, was Wahrheit und was Lüge gewesen an
dieser schicksalsvollen Liebe?
    Da klingelte es draussen. Der Postbote brachte einen Brief. Ein Krampf schien
Eduard zu durchzucken, als er die Handschrift sah. Von ihr? Und er las:
        »Jeder guten Tat einen Dank, meinen herzlichsten sage ich Ihnen. Sie
        haben ihn wohl verdient, doch ein guter Gott gebe, dass Ihnen dies Rosen
        bringt, wünschen tue ich es Ihnen allerdings nicht, aber bitte sagen
        Sie mir doch sind Sie jetzt ruhig und getröstet? nun ich wünsche es,
        aber Sie sind es doch nicht ich weiss es; wenn Sie aber glauben durch
        Ihre von edlem Gemüt zeugende Denuncirung mich ruinirt zu haben, dann
        täuschen Sie sich doch ein wenig. Die Welt ist noch so gross und
        vielleicht gibt es auch noch ein Plätzchen, wo mich Ihre - - nicht mehr
        findet; jedenfalls haben Sie hier meine Existenz vernichtet; denn ich
        bin viel zu stolz an einem Orte zu bleiben, wo mein Stolz eine solche
        Niederlage erlitten; ich bitte sagen Sie nur doch, was Sie für einen
        Grund hatten mich so zu vernichten? habe ich Ihnen jemals geschworen?
        Sie haben mir so oft Ihre Hilfe angeboten; ich habe sie nur im äussersten
        Falle in Anspruch genommen, mir ist ganz andere Hilfe geboten worden;
        doch ich glaube der Erste beste Jude wäre nicht so verfahren; ich habe
        keine Seele auf der Welt welche mir hilft, sondern nur solche wo ich
        helfen kann, ich habe es auch getan und mich leider nicht vorgesehen,
        dass ein Fall eintreten könnte, wo ich es selber notwendig brauche; ich
        habe in letzter Zeit in Berlin in Verhältnissen gelebt, die ich meinem
        ärgsten Feind nicht wünsche.
        Doch gut Jemand der fähig ist (noch dazu ein so genialer grosser Geist
        wie Sie) Jemanden so zu ruiniren besitzt keinen Funken Gemüt, ich habe
        heute bitter geweint nicht meinetwegen was liegt an mir, aber dass es
        Jemanden gibt der so niedrig denkt - ich wäre einer solchen
        Handlungsweise niemals fähig - was ich in Zukunft mache weiss ich noch
        nicht, nun könnte es vielleicht werden was Sie so sehr zu befürchten
        scheinen, - meine Ehre, Alles ist mir genommen, kümmern tut sich auch
        Niemand um mich, nun gut, freuen Sie sich Ihrer Ernte. Was meine Schuld
        bei Fr. L. betrifft, wird schon beglichen werden, bis jetzt habe ich
        noch keine Schulden gemacht und das könnte auch Besseren als mir
        passiren.
        Nun behüt Sie Gott, wie es auch ist und kommen mag, mein Herz haben Sie
        doch nicht gebrochen.«
    Roter geriet in Verzweiflung. Jeder Vorwurf brannte in ihm nach. Allein,
war er so schuldig? Was hatte er denn getan? Im Grimm eines schändlich
Verratenen, hatte er sich hinreissen lassen, gefährlicher Drohung gegenüber,
selbst eine nicht allzu reinliche Waffe zu brauchen. Was sollte er denn tun,
diesem Gräuelwust von Gemeinheit gegenüber?
    Ihm fiel ein, dass es vielleicht angezeigt wäre, in das alte Unglückshaus in
der Gerichtsstrasse hinauszupilgern. Vielleicht hatte die alte Zeugin ihres
seltsamen Verhältnisses, Frau Lämmers, etwas Besonderes erfahren. So fuhr er
denn dort hinaus, so peinlich er diesen Weg bisher zu vermeiden wusste, der ihn
wie ein Calvarien-Weg der Erinnerung mit Dornen stach. Ein glücklicher Zufall
wollte, dass er die Frau zu Hause traf. Sie grüsste ihn mit einem freundlichen
Lächeln und lud ihn ein, in die alte »gute« Stube zu treten. Hier, wo einst -!
    Ihr kleines Töchterchen, den Finger im Mund, krabbelte am Rock der Mutter,
während diese zu entschuldigen bat, dass sie an einem Mantel weiternähe. Nein,
sie hatte von Kati nichts gehört, nichts Näheres wenigstens. Diese sandte ihr
gestern überraschenderweise das noch schuldige Geld für die Miete. Vorher hatte
sie ihr einmal eine grosse Photographie geschickt, im »Kostüm«, dabei jedoch
einen Rembrandt-Hut auf dem Kopf.
    »Sehn Sie, da!«
    Roters Herz stand ordentlich still, als er die geliebten Züge wieder so
nahe vor sich sah. Er biss sich auf die Lippen, als er das Bild niederlegte,
indem er unwillkürlich die Augen senkte. Ob er vor sich selber oder vor den
Augen des Bildes (halb sinnlich-frivol halb vornehm-sentimental) sein Auge
niederschlug, wusste er es selber?
    Die Frau benutzte die Gelegenheit, sich auszuklagen. Sie tat es aber in
einer anständigen und massvollen Weise, die den Verdacht gänzlich ausschloss, als
wolle sie etwa ein pekuniäres Mitleid ihres Besuchers in irgend welcher Weise
erpressen.
    »Wissen Sie, Herr Roter,« gestand sie. »Ein so sonderbares Liebespaar, wie
Sie und Kati hab' ich noch nie gesehn. Nachher hat sie immer so furchtbar
geweint, wenn Sie fort waren: immer rote Augen und immer Zank.«
    »Hat sie denn dann auf mich geschimpft?« fragte er trocken.
    »Aber nein doch! Sie liess nie 'was auf Sie kommen. Ach, sie ist ein gutes
Mädchen. Und so fromm! - Freilich -« sie hielt inne, dann nach einigem Zögern
erzählte sie die seltsame Geschichte mit dem Pfandschein beim Abschied. »Ach und
ich selber hab' es so nötig! Ganze Tage haben wir Beide so schlecht gelebt!
Nun, jetzt hat sie ja aber doch die Miete bezahlt!« Roter schwieg. Er dachte:
warum! Nicht so ganz freiwillig. Jeder Mensch, und sei er noch so verschmitzt,
verrät sich irgend einmal. »Offen gestanden, Herr Roter - aber nehmen Sie's
nicht übel!«
    »Bitte, reden Sie nur!«
    »Das hab ich nie recht begriffen, das Sie Kati nicht aus all dem Elend
gleich herausrissen.«
    »Sie wollte ja nicht!« warf Roter verdrossen hin. »Ich hab's ihr oft genug
angeboten.«
    »Ja, ja, das hat sie mir auch gesagt, und nur von Ihnen würde sie vielleicht
'was nehmen, aber lieber auch nicht, bis nicht Alles entschieden sei.« Um sich
nicht zu binden! dachte Roter.
    Als ein echt frauenhafter Zug fiel es ihm auf, dass Frau Lämmers ihm
behaglich erzählte, wie sie mit Kati wegen Bandwurms beim Arzt gewesen sei und
diese sich vorm Arzt und ihr haben ausziehen müssen. Da habe der Arzt auch
bekannt: »So 'ne Riesennatur habe er noch nie bei einem Weib gesehn. Eine wahre
Pracht!« dabei blinzelte sie ihn verständnissinnig an.
    Trotzdem diese lüsterne Erwähnung ihm in die Eingeweide drückte, runzelte
Roters besserer Teil leicht die Stirn. Es schien ihm widerlich, sich solche
Dinge hier wieder vorzugaukeln, wo der schmutzig-fleischliche Teil der Liebe
bei ihm gänzlich durch sentimentale Hingebung weggeschmolzen war.
    Die Frau entwarf dann wieder ein rührendes Bild von ihren eigentümlichen
Verhältnissen. Sie musste einen Mann ernähren, den sie nicht bei sich wohnen
lassen konnte wegen seiner ewigen Betrunkenheit, und ihr Kind dazu; das Alles
mit Nähen und Schneidern! Roter schaute in Abgründe des socialen Lebens hinein,
von denen er in diesem Masse nie eine Ahnung gehabt. Das tüchtige brave Weib!
    Ihn durchzuckte der Gedanke: Wäre es nicht das Beste, wenn ich hier zu
dieser Frau zöge, mit Sack und Pack? Um sie zu unterstützen, weil sie sonst doch
nichts annehmen würde in dem peinlichen Ueber-Stolz solcher verschämten Armen? -
Andrerseits musste er bitter lächeln, wenn er die Naivetät in den Fragen der Frau
bedachte. Auf der einen Seite ahnte die Frau bei ihrem niedrigen socialen
Bildungsgrad natürlich gar nicht die sonstige gesellschaftliche Stellung eines
Mannes wie Roter; auf der andern Seite nahm sie offenbar an, dass Roters
pekuniäre Verhältnisse ihm gestattet hätten - - konnte er sie denn wirklich
einfach unterhalten, ohne irgend welchen Entgelt, aus purem Edelmut? Er hatte
noch anderweitige Verpflichtungen, und ein Künstler -! Mein Gott, heut im
Überfluss, morgen von der Hand in den Mund lebend! Für seine Gattin konnte er
sich wohl opfern, für seine, Geliebte allenfalls auch - aber einfach aus purem
Edelmut, um betrogen zu werden - - wog denn er selbst, wog seine Kunst denn gar
nichts, dass er Alles und Jedes hätte opfern müssen für dies eine Wesen, diese
eine Leidenschaft?
    »Sehen Sie, da lese ich eben die Geschichte von der schönen Näherin!« sagte
Frau Lämmers beim Abschied, indem sie ein Heft in gelbem Umschlag, natürlich
einen Colportageroman, hochhielt. »dabei muss man immer an Kati und Sie denken!«
    Roter lächelte bitter. - -
    Hat ein phantasiereicher und dabei bedeutender Mensch (und Bedeutendheit ist
fast immer mit starker Einbildungskraft und grosser nervöser Erregbarkeit
verbunden) in irgend einer Beziehung »ein schlechtes Gewissen«, d.h. ist er sich
einer Handlung bewusst, deren Bekanntwerden ihn lächerrlich, verächtlich oder gar
strafbar erscheinen liesse, - so ist er im Zustande besonderer nervöser
Ueberreizteit fähig, aus kleinsten unbedeutendsten Anlässen bestimmte
Anspielungen und drohende Uebel herauszulesen. Völlige Niedergeschlagenheit und
zitterige Befürchtung, indem die aus nichts Schreckgespenster bildende Phantasie
ihm Gefahren vormalt, welche im allerschlimmsten Falle drohen könnten, macht
aber dann, sobald er sich energisch zusammenrafft, einer ebenso siegessicheren
Furchtlosigkeit Platz. Dem Schlimmsten stolz ins Auge sehend, schöpft er aus
seinem inneren Machtbewusstsein die entschlossene Festigkeit, allem und jedem die
Spitze zu bieten. Einem weinerlichen Schwanken in schwachen Stunden unterworfen,
wie wenige, wird er nach Durchkämpfung solcher Schwäche, sofern sein Innerstes
nur rein und markig blieb, stärker als zuvor. Das kostbare Gut der Ruhe wird nur
so erworben. Die Wenigsten besitzen es und doch ist das Abwarten, an sich
Herankommenlassen die grösste aller Klugheiten; die höchste Weisheit aber, im
Krieg wie im gewöhnlichen Leben, zu wissen, wann man angreifen und wann sich
angreifen lassen, wann man schweigend dulden und wann man zurückschlagen soll.
    Vielleicht wurde ein Skandal daraus! Was konnte es nicht für Scenen geben!
    Er rannte umher wie ein Rasender. Der Gedanke an die Möglichkeit, dass seine
Briefe in den Händen jenes Menschen gemissbraucht werden könnten, dass man hinter
seinem Rücken, ohne dass er es ahnte, auf diese Weise gegen ihn vorgehen mochte,
- peinigte ihn mit tausend Nadelstichen des Argwohns.
    Wer weiss, ob nicht jede Waffe gegen ihn gewandt wurde, und der Bursche nun
aus Rache kein Mittel scheute!
    Warum hatte er nur die letzten Briefe geschrieben! Alles sprach gegen ihn -
allerdings nur mit Umschreibungen und indirekt! Er konnte ja freilich sagen, er
habe so geschrieben, weil er annahm, Kohlrausch werde die Briefe auffangen.
Konnte er dies Letztere feststellen, so hatte er immer noch die Trumpf-Karte,
jenen wegen Brieferbrechens schwer zu belangen.
    Er schritt vor dem Spiegel auf und ab, und dachte des Augenblicks, wo er ihr
entgegentreten würde. Würde sie ohnmächtig werden? Würde sie still warten oder
den Kohlrausch rufen, so dass eine Zwiesprache unmöglich wäre? Der Wille zum
Leben, der Liebestrieb, tobte wieder übermächtig in ihm. - Er besuchte, Anneslei
und fand einen Kranken im Bette, der ihm gestand, dass er wieder in unerhörter
Weise an einem selbstzerstörenden Laster leide. Der Adonis war sichtlich
abgemagert; sein Auge glanzlos gläsern, gelb seine Wangen. Aus unglücklicher
Liebe habe er sich, wie ein Andrer dem Trunk, dieser Ausschweifung ergeben.
    »Seien Sie glücklich!« sagte Eduard. »Ich im Gegenteil werde immer straffer
und eherner und ersticke beinah an unbefriedigter Sehnsucht nach einem
bestimmten Geschöpf. Links ein Abgrund, rechts ein Abgrund - und ich in der
Mitte!«
    Sie unterhielten sich noch eine Weile über das Weltweh und jammerten sich
etwas vor. Jedoch verabsäumte Anneslei nicht, nebenbei naiv seine Ruhm-Geschäfte
zu besorgen. Er beschäftigte sich nämlich gerade damit, pseudonym (er hatte es
bis auf zwanzig Pseudonyme gebracht, von denen er die Hälfte als Componist, die
andre Hälfte als Selbst-Kritiker in Musikzeitungen verbrauchte) seine neusten »
Lieder ohne Worte von Ralf dem Schönen« nach allen Richtungen der Windrose
auszuposaunen. Es war dies eine Betätigung des Weltekels, wobei er regelmässig
seinen väterlichen Freund Roter zu Rate zog. Dieser, schwach und schwächlich
auch in seiner aufsprudelnden Guterzigkeit, die ihn zu lächerrlichem Uebereifer
für etwaige Genossen und Schützlinge verleitete, lief nämlich seit lange umher
und pries den neuen Mozart. Er schmuggelte sogar die Partituren Annesleischer
Lieder auf Salon-Bechsteins ein und verführte Sängerinnen dazu, das berühmte
Lied »Leise blüht mir im Gemüt Blümlein wunderblau«, wozu der Componist selbst
den Text geliefert (»Gewidmet dem von ihm hochverehrten Voll-Künstler und
einzigen anständigen Gentleman Europas, E.R.«), in Gesellschaften vorzutragen.
    Um Abwechslung in ihr heutiges Jammerduett zu bringen, erzählte ihm Anneslei
grauenhafte Dinge aus seiner frühsten Vergangenheit. Der reine Lord Byron, der
von schrecklichen Geheimnissen fabelt. Manchmal empfand Roter, trotz seines
liebevollen Wohlwollens, den leisen Wunsch, seinen Hut zu ergreifen und sich aus
dem Staube zu machen, - da der Wunderknabe allzu sonderbare Selbstanklagen
auftischte. Doch wirkte das Alles zuguterletzt nur komisch, da man es unmöglich
für wirklich erlebt halten konnte. Um den Unglücklichen aus seiner
Selbstmordstimmung zu reissen, forderte ihn Roter auf, mit ihm einen
Nachtkneipen-Bummel zu machen. Mit genialischen Kraftmensch-Schritten wandelte
alsbald der neue Mozart neben ihm her, wobei er oft eine drollige Anhänglichkeit
an den Tag legte und sich mit begeisterter Handbewegung als »Roters Schatten,
Roters Hündchen« bezeichnete. - - Als Roter sich am anderen Morgen in seinem
Bett schläfrig dehnte, beschlich ihn das Gefühl einer gewissen seelischen
Behaglichkeit. Die Wollust wirkte bei ihm wie eine homöopatische Kur für die
ermattende Liebes-Ausleerung idealer Sehnsucht.
    Sobald er sich also der gemeinen Begierde hingegeben, entwich die ganze Pein
seinem Innern und die äusserste Gleichgültigkeit ergriff ihn. Verschwunden war
der ganze entschlossene wilde Kampftrieb der unglücklichen Liebe, und völlige
Vergessenheit, kaltes Lete, floss über ihn hin. So völlig bleibt der Mensch von
seinen psychischen Nervenzuständen abhängig. Die Abtödtung der Nerven führt die
Abtödtung der Leidenschaft mit sich: Wille und Leidenschaft schwächen sich in
genau entsprechender Weise.
    Wer starken Willen hat, hat auch starke Leidenschaft. So bestimmen sich
Beide gegenseitig und behindern sich teils, teils beflügeln sie einander.
Beide aber sind abhängig vom Nervensystem. Selten wird daher ein Kummer sofort
durch Arbeit überwunden. Es muss eine Schwächung des ganzen Menschen durch
Extravaganz vorhergegangen sein. Gift wird nur durch Gegengift paralysirt.
    Nachdem der Geist durch Aufregung der Nerven die Sesshaftigkeit echter
Arbeitskraft eingebüsst, fühlt er dann plötzlich diesen Trieb zurückströmen. Die
Arbeit geht mit maschinenhafter Leichtigkeit von Statten. Was vorher schwer
schien, wird jetzt federleicht. Das Stossen der aufgeregten Gedanken, das
vielfältige Durcheinander, bei dem es fortwährend heisst: »Was zuerst beginnen!«
hat aufgehört und mit grösster Ruhe wird die Arbeit durchgeführt.
    Er beschloss, ruhig sein Kreuz auf sich zu nehmen, das Kommende abwartend.
    Das Einbohren in bestimmte Schmerzen, krankhaft in Ursache und Wirkung, wird
wesentlich durch die Umstände und die Verhältnisse von Nerven und Magen
hervorgerufen. Nach Tische, nach einem tüchtigen Spaziergang dürfte es einem
gesunden Organismus schwerfallen, sich weltschmerzlichen und galligen
Träumereien hinzugeben. Es sieht sich Alles verschieden an, mit leerem, oder mit
vollem Magen.
    Eduard war fest davon überzeugt, dass ihm aus alledem die furchtbarsten
Folgen erwachsen würden. Er schwebte in einer gewissen unbestimmten Angst vor
irgend etwas Peinlichem oder Verderblichem, das ihn treffen sollte.
    Unaufhörlich stürmte er mit grossen Schritten im Zimmer auf und ab, bis ihm
die Wadenadern schwollen und er sich müde aufs Sopha werfen musste, indem er
düstere Gedanken hin- und herwälzte.
    Er sollte Spiessruten der Lächerlichkeit laufen; sein Name kam an die
Oeffentlichkeit in komischem Sinne; sein wahnsinniger Heiratsantrag wurde
ruchbar: sein naturalistisches Mal-Prinzip wurde dem Spottepreis gegeben, seine
vielen Feinde warteten ja nur darauf. So zermarterte er sein Hirn und schädigte
seine Gesundheit, statt kalt und gelassen dem Kommenden ins Auge zu blicken.
Allerdings kam ihm stets der Schlussgedanke zu statten, mit dem er seine
Befürchtungen besänftigte. Mit unerschütterlichem Stolze wollte er der Welt
Trotz bieten. Und auch ihr, wenn sie ihn verriet. Der ganze Hochmut des
Künstlers brach sich wieder Bahn in ihm. Was konnte ihn treffen, welcher
boshafte oder zürnende Blick ihm seine Ruhe rauben, welche Beschämung ihm das
Blut in die Wangen treiben, - ihm, der als Künstler eine exceptionelle,
Lebensauffassung besass, welche alle kleinlichen Rücksichten der gewöhnlichen
Gesellschaftsmoral und Respektabilität weit unter sich sah! Den Kopf konnte es
ja nicht kosten!
    So wogt es in der Seele auf und ab. Was noch eben furchtbar drohend
erschien, so lange draussen der Wind pfiff und Nervenermattung im Hirne Grillen
erzeugte, erscheint im nächsten gefahrlos und gleichgültig. Ein gewisser
unverzagter Trotz allen Gefahren und Unannehmlichkeiten gegenüber, verbunden mit
vorhergehender doppelter Aufregung durch Phantasie-Vergrösserung des Drohenden,
ist ein Merkmal bedeutender Geister. So sah der General Bonaparte seine Lage oft
verzweifelter an, als seine Unterfeldherrn - aber trat die Gefahr nun wirklich
nahe, so war er der Einzige, der sie abzuwenden wusste.
    Seine Unvorsichtigkeit peinigte ihn scharf genug, indem sein Argwohn sich
überall von Spähern umzingelt wähnte, die seine schwachen Seiten belauerten. Es
scheint ein trauriges Erbteil ungewöhnlicher Menschen, dass sie ohne direkt
eitel zu sein, doch stets wähnen, die Welt interessire sich selbst aus Bosheit
für ihre Person und erspähe daher ihre Schwächen. Aber die Welt kennt ihre
eigenen kleinen Lächerrlichkeiten und fasst den bedeutenden Menschen gar nicht als
so exceptionell auf, wie er sich selber. Sie lacht daher über seine Torheiten,
wie sie über die eines beliebigen Andern lachen würde, so dass der Hauptstachel
fortfällt: Sie misst seine Torheit gar nicht nach dem Massstab seiner geistigen
Bedeutung. Und wie leicht vergisst die Welt das Gute wie das Böse!
    Ein eigentümlicher Spleen ergriff ihn. Alles Wissen, Lernen und Können
schien ihm nutzlos. Er verfluchte jede Minute, die er an ein Buch vergeudet,
jede Arbeit, die nicht aus direkten Erwerb und Erfolg in der Welt hinauslief.
Eine lächerliche Sucht machte sich in ihm geltend, die Gedanken rastlos auf
nächstliegende Ziele zu concentriren und jedes Umherschweifen derselben
abzuweisen. Er vergass nur darüber, dass jede Meditation ein Ausruhen und
Entlasten des Gehirns bedeutet und daher der Gedankentätigkeit nutzt, und dass
überhaupt jede noch so fernliegende Gedankenreihe irgend eine Vorstellung
heraufbeschwört, die sich an ein näherliegendes Ziel wertvoll anknüpfen lässt.
    Jetzt aber, als die alte römische Lampe seines Ateliers ihr freundliches
Licht um ihn her verbreitete und er, die schweren arabischen Vorhänge vor
Fenster und Türen niederlassend, fern allem Lärm in stiller Beschaulichkeit vor
seiner Staffelei sass, durchdrang eine eigentümliche wohlige Wärme sein
Seelenleben. Wie ein instinktiver Blitzstrahl der Erkenntnis, fühlte er die
grosse Wahrheit, dass all die hunderttausend Ueberflüssigkeiten, Nichtigkeiten,
Unannehmlichkeiten, Täuschungen, Kränkungen, Irrwege, Zeitvergeudungen und
Albernheiten des Lebens von Kindesbeinen an, deren Erinnerung auf einen
hamletisch grübelnden Geist von krankhafter Sensitivität als unerträglicher Wust
und Ballast drückt, nötig und in sich nützlich erscheinen, um eben die
spezifische Individualität aufzubauen. Die Individualität aber ist aller Dinge
einzig Wesenhaftes und stellt sich siegreich der überwältigenden Fülle der
sogenannten Wirklichkeit, dieses grossen Scheinlebens, gegenüber.
    Es liess ihm doch keine Ruhe. Etwas musste ja doch geschehn. Schon Weihnachten
vorüber! Vor Neujahr trafen die Hamburger Feinde ja doch sicher ein. Sollte er
zu Frau Lämmers eilen, bei welcher sie jedenfalls Wohnung nahm? - Da riss ihn ein
Brief aus aller Ungewissheit.
        »Nach erfolgter Ankunft in Berlin teile Ihnen mit, dass Fräulein
        Kreutzner während ihres vorübergehenden Aufentaltes in Berlin unter
        meinem persöhnlichen Schutze steht und ich etwaige Anfechtungen
        Ihrerseits mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln bekämpfen werde -
        ebenso auch zudringliche Besuche und Briefe von Ihnen ohne jede
        Rücksicht beseitigt werden. Sobald ich mich in meiner Wohnung
        eingerichtet bin, werde Sie bitten, mir in Gegenwart von Fräulein K.
        persöhnliche Genugtuung für Ihre mir gewidmete Insulte zu zu geben -
        nach diesem werde ich nicht verfelen Ihnen meine Referenzen bekannt zu
        machen, damit Sie wissen, dass ich bin
                                                          Maximilian Kohlrausch,
                                               Inhaber echter Bier-Restaurants.«
    Das erste Gefühl Roters nach Lectüre dieses originellen Opus trieb ihn zu
einer starken Zwerchfellerschütterung. Das ist ja der reine Grössenwahn! O
Maximilian, der letzte Ritter!
    Das zweite Gefühl hingegen trieb ihn instinktiv, seinen starken Stock zu
ergreifen, als wolle er sofort eine körperliche Züchtigung vollstrecken.
    Den dritten Antrieb endlich vollzog er sofort, indem er gelbe Handschuhe
anzog, seinen Cylinder aufstülpte, den Pelzkragen in den Nacken schob und in
voller Gala nach der Gerichtsstrasse hinausfuhr. - Frau Lämmers empfing ihn mit
langem Gesicht. »Ja ... sie ist hier.« Sie habe sich aber in ihrem Zimmer
eingeschlossen. Wiederholtes Ersuchen um eine Unterredung hatte keinen Erfolg.
Sie liess ihm sagen, sie sei ihm nicht böse, aber sprechen könne sie ihn nicht.
    Roter überwand sich und ging. - Er machte die üblichen Neujahrsvisiten er
versuchte auch wieder zu arbeiten. Aber das gelang nicht. Ihm war zu Mut wie
Einem, der zu starke Cigarren geraucht. Stundenlang lag er müssig auf dem Sopha,
und wie Blei lag es in seinen Gliedern. Eine Art seelischer Impotenz entkräftete
ihn. Statt zu arbeiten, brütete er wieder über seinen alten Arbeiten, fand diese
bald ganz elend, bald erwog er, wie wenig seine Bedeutung gewürdigt sei. Dann
kam es wieder über ihn, wie ein Jähzorn des Grössenwahns, dass er alle Papiere und
Zeichnungen um sich her zerriss und wie ein Raubtier im Käfig umhertollte.
Stundenlang um Mitternacht trottete er auf dem nasskalten Trottoir in
schneidendem Strichwinde die Friedrichstrasse entlang und liess die
Nachtwandlerinnen vor sich Revue passieren, als ob der schnöde Sumpfgeruch
dieser Asphaltblumen seine Nerven stärken könne. Das bläulich-weisse Licht der
Laternen, das Grau in Grau der Häusermassen schien ihm ein Abbild seines öden
grauen Innern, in dem es von grellen verlöschenden Strassenlichtern zuckte.
    Mit einem kräftigen Entschluss ermannte er sich nochmals sein Glück zu
versuchen, indem er sie überraschte. Er fuhr hinaus. Die Sonne ging grade unter.
    Durch den eigentümlichen Reflex des Schnees und der schneeatmenden
Winterluft erschienen rote Backsteinmauern wie zu zartem Rosa abgetönt. Wo
hingegen die Sonne darauf funkelte, blitzten braun oder gelb angestrichene
Erkerfronten und Türen in grellstem Gelb, durch den Gegensatz der ringsumher
gehäuften glitzernden Schneemassen.
    Am Himmel hing eine dicke rötliche Wolke wie ein Turm, der vornübergeneigt
herabzustürzen droht. Das Rote löste sich in eine halb zinnoberrote halb
schwefelfarbene Mischung. Es war, als gähre die Wolke gleichsam von innerem
Brand.
    Wie ein Riesengeier strich eine andre Wolke schwarz und breit am Horizonte
hin. Auch sie spreitete ihre Schwingen, als wolle sie senkrecht herniederstürzen
- wie, der Condor der Cordilleren, der als Punkt überm Haupte des Wanderers
schwebt, immer grösser und grösser hinabschiesst.
    So sah er die Dinge in einem seltsam deutungsvollen Licht, ähnlich der
Luftmalerei der Impressionisten oder Turner's englischen Landschaften. Das
nervöse Auge, mit unnatürlich zarter Netzhaut die Naturvorstellungen in sich
auf.
    Ja, da war das alte Haus! Da war die alte Treppe, aus deren moderig
staubigen Winkeln ihm ein Stück Vergangenheit entgegenkreischte. Rieselte nicht
sein Herzblut verstohlen aus jeder Stufenritze?
    Er klingelte. Richtig, nicht die Türe von rechts, wo Frau Lämmers wohnte,
sondern die links nach Katis Zimmer öffnete sich. Ein Frösteln lief ihm
unwillkürlich den Rücken entlang. Ja, das war Schicksal!
    »Wer ist da?« fragte die altvertraute Stimme. Ihm stand das Herz einen
Augenblick still, dann strömte das Blut mit rasender Gewalt zurück.
    »Ich, Roter!« sagte er mit fester Stimme.
    »O!« Es schien, als ob sie mit einem unartikulirten Laut zurückflüchte.
    »Ich will und muss Sie sprechen.« Sie verhielt sich still. Er erhob die
Stimme: »Hören Sie nicht?«
    »Ja doch,« flüsterte sie.
    Er glaubte durch die Wand hindurch zu sehn, wie sie atemlos an der Tür
lehnte.
    »Wissen Sie, was der Kerl da, der Kohlrausch, mir gestern geschrieben hat?«
Keine Antwort. »Ich frage, ob Sie das wissen?«
    »Nein,« sagt sie, »der ist ja in Hamburg.«
    »Nein, der ist hier.«
    »Davon weiss ich nichts.«
    »Gut, also öffnen Sie. Wir wollen ein letztes Wort miteinander reden.«
    »Das können wir ja auch so.«
    »Dummes Zeug! Wollen Sie aufmachen oder nicht?«
    »Machen's nur keinen solchen Lärm! Die Leute werden noch kommen. Was soll
ich überhaupt reden! Ich habe Ihnen ja doch immer gesagt..« ein ironischer Klang
lag in den Worten.
    »Ach Sie! Halten Sie den dummen Mund!« fuhr es ihm heraus.
    »Nun, dann kann ich ja gehn!« rief sie heftig und ging - er hörte die Tür
des Zimmers hinter ihr zuschlagen. Er wartete noch einen Augenblick und pochte.
Dann ging er geräuschvoll die Treppe hinab. Aber als er bis zur nächsten
Strassenecke gelangt war, fiel es ihm schwer aufs Herz, dass er den Weg umsonst
gemacht und ein Gespräch ja doch notwendig sei. Kurz resolvirt kehrte er um.
Wieder klingelte er. Sie kam.
    »Verzeihen Sie meine Grobheit,« sagte er mit gemessenem Ton »Ich will ja
ganz ruhig mit Ihnen reden. Es ist das Beste für uns Beide. Sprechen wir uns
nicht vorher aus, so kann allerlei Unglück kommen. - Hören Sie mich?« fragte er
nach einer schweren Pause, da sie nicht antwortete.
    »Ja. Aber ich kann nicht aufmachen und meine Wirtin ist ausgegangen und hat
mich abgeschlossen.«
    »Larifari, so werde ich nachher wiederkommen. Wann?«
    »In einer Stunde. Aber geben Sie mir Ihr Wort, dass Sie mich nicht
beschimpfen wollen. Ich könnte es nicht ertragen.«
    »Gut, ich gebe es. Adieu.« - -
    Es war ein frostiger windiger Abend. In einer Kneipe der Müllerstrasse trank
er sich Wärme zu und poussirte die Kellnerin, ein Mädchen von besserer Sorte,
die ihn anschmachtete. Er erinnerte sich noch später daran, wie ihm das in einem
solchen Moment möglich blieb. So begegnet sich ewig der bitterste Ernst mit dem
Leichtsinn, wie mit der ritterlichsten Romantik die nackte Prosa. Hatte er doch,
ehe er zu seiner Göttin emporstieg, stets erst dafür gesorgt, dass er sich eines
gewissen menschlichen Bedürfnisses vorher entledigt hatte, damit es ihn bei dem
langen Gespräch da oben nicht störe. Das ist der Mensch mit seiner Doppelnatur,
das ist das menschliche Leben ... Sie öffnete wortlos, er trat wortlos ein. Erst
als er Stock und Cylinder ablegte, seinen Paleot anbehaltend - es war bitterkalt
in der Stube -, brummte er mürrisch: »Guten Abend!«
    »Dito,« murmelte sie finster. Sie trug einen Schlafrock, hatte sich aber
dick mit einem Plaid umwickelt und litt an starkem Schnupfen. Im Uebrigen sah
sie blass aus, mit roten Flecken auf der Backe.
    Die hin- und herwogenden Anklagen und Mitteilungen stellten alsbald die
Affaire Wursteler in einem ganz anderen Lichte dar. Grade dieser hatte vielmehr
auf die Frage Katis, was Roter treibe, geantwortet: »Ach, der ist ja total
verrückt!« und ihn andauernd den »albernen Anstreicher« genannt. Auch war die
Mitteilung Katis »der will mich heiraten« nur im tiefsten Vertrauen erfolgt.
Was nun Kohlrausch anbelangt, so sei das ein sehr anständiger Mensch u.s.w.
    »Hm, das ist ja möglich« meinte Roter. »Er hat aber auf mich einen sehr
ungünstigen Eindruck gemacht.«
    »So? Nun, auf mich grade umgekehrt,« sagte sie mit ruhigem Lächeln und
zeigte ihm, auf dem Tische stehend, seine Photographie.
    Roter schüttelte den Kopf. Diese Physiognomie, ohnehin unangenehm konnte
wahrlich mit ihrem Schwerenöter-Ausdruck kein sonderliches Vertrauen erwecken.
»Ja, Sie sind auch immer so hochfahrend! Und er ist doch ein sehr gebildeter
Mann.«
    »Ach was und schreibt unortographisch! Nun, das mag ja sein wie es will. -
Ich will mit der ganzen Geschichte nichts mehr zu tun haben. Zwischen uns ist
ja natürlich Alles aus.«
    »Das ist es,« sagte sie ernst. »Ich müsste Sie verachten, wenn Sie jetzt noch
...«
    »Ueberhaupt«.. er trat nahe an sie heran und betrachtete sie: jeder Funken
von Leidenschaft schien bei ihm verkohlt. Er fühlte sofort, dass die Entfernung
sie ihm allzusehr verschönert hatte, um nicht beim Wiedersehn Enttäuschung zu
finden, und dass die sinnliche Begierde bei ihm erloschen war. Doch schien in der
Tat eine auffallende Veränderung zum Schlechten mit ihr vorgegangen. Selbst
ihre Stimme bekam einen gewissen butterigen fettklebrigen Ton, den er früher nie
bemerken konnte. »Sie haben sich sehr zu Ihrem Nachteil verändert.«
    Sie lachte etwas bitter. »Aber gar nicht! Das sind so Einbildungen.«
    »Nein doch! Ich begreife absolut nicht, wie ich so weit gehen konnte.. Mir
ist, als wäre ich verrückt gewesen und gesund geworden. Was habe ich denn an
Ihnen gefunden!« In demselben Moment ging ihm der seltsame Contrast durch den
Kopf, wie er früher in seiner Verliebteit sie gewissermassen als Naturwunder von
Schönheit über sich gestellt hatte. Und nun stand er da, elegant und
geschniegelt, mit glänzendem Cylinder und gelben Handschuhen, in vornehmer
sicherer Haltung, und sie in ihrem alten Schlafrock mit ihrem Schnupfen sah
verstaubt, abgebraucht und gewöhnlich aus.
    »Ja, das ist Ihre Sache,« meinte sie trocken »Ich kann nichts dafür. Von
Ihren Phrasen verstehe ich nichts. Ich bin nur ein einfaches Mädchen.«
    »Ach! Früher sprachen Sie anders. - Das liegt so in der Zeit. Das sogenannte
Retten der Gefallenen! Ich habe Sie retten wollen - voilà tout!«
    »Danke schön. Ich bin noch nicht gefallen. Ob das so in der Zeit liegt, weiss
ich nicht. Sie jedenfalls - nun, Sie haben sich doch damit lächerrlich gemacht.«
Und ein hässliches Lächeln krümmte ihre Lippe.
    »Meinen Sie?« sagte er ruhig. »Was denken Sie wohl, wenn nun Alles
herauskäme, wenn ich Ihre Wirtin als Zeugin vorriefe?«
    »O, Frau Lämmers,« sagte sie, indem sie gesenkten Kopfes auf- und abging;
sie hatte bis dahin, hinter der Lehne eines Sessels aufgestützt, gestanden. »Wie
die auf Ihrer Seite ist, das glauben's gar nicht. Was die mir Vorwürfe macht!«
    »Nun also! Die Welt würde, wenn sie von meiner Verrückteit hörte, anfangs
lachen und sagen: So sind mal die Künstler - siehe Prozess Gräf. Aber sobald sie
alle Umstände erführe, dann würde das Urteil ganz anders lauten. Man würde
sagen: Der Mann hat zwar sehr edel gehandelt, aber er war auch ohnehin durch das
Benehmen des Weibes dazu völlig berechtigt; man kann ihm durchaus nicht Torheit
zum Vorwurf machen. Allein Ihre Briefe.. man würde nur sagen: Was für ein
abscheuliches Geschöpf!«
    Sie schwieg und sah vor sich hin. Convulsivische Zuckungen durchfurchten ihr
Gesicht.
    »Ja, was soll denn daraus werden! Wenn Herr Kohlrausch nun kommt..« Sie
betonte den »Herrn Kohlrausch« immer mit einem gewissen feierlichen Ton, in dem
nicht nur zärtliches Interesse, sondern auch eine Art Ehrfurcht vibrirte:
Offenbar war der grosse Windikus in ihren Augen ein bedeutendes Geschäftsgenie -
jedenfalls der Mann ihrer Wünsche.
    »Der steckt ja schon in Berlin. Auch der Poststempel war von hier.«
    »O nein, der ist noch in Hamburg. Kommt erst in acht Tagen. - Wenn Sie
schlau sind, kann Der doch auch schlau sein. Der kann doch auch durch einen
Freund das Billet an Sie gesandt haben.«
    »Sieh einmal! Also ein juristischer Dolus. Und vorhin sagen Sie mir, er habe
Ihnen gewaltsam meinen Brief mit den Injurien weggenommen.- Na, der Mann liegt
mir ja aus Messer geliefert und ich rufe Sie selbst als Zeugin auf.«
    »Oho!« sagte sie trotzig. »Ich sag' doch nichts aus oder widerrufe.«
    »Na,« fiel er schneidig ein, indem er den Cylinder aufsetzte. »So will ich
also beschwören, dass Sie selbst mir dies angekündigt haben, also als Zeugin
meineidig werden wollen. Das gibt auch eine schöne Handhabe.« Er wusste sehr
wohl, dass alles Das nicht so viel bedeutete, wie er draus machte; aber er wollte
ihr heilsame Angst einjagen. Das gelang auch vollständig. Sie brach beinahe in
Tränen aus. Als nun vollends die Wirtin erschien, welche von Wurstelers kam
und erzählte, dass die schwarze Emmy nun wegen ihrer bevorstehenden Niederkunft
durch Bammer dort aus dem Hause geworfen werde, entwickelte sich ein ganz
gemütlicher wechselseitiger Klatsch und Roter drückte Kati zum Abschied die
Hand: »Wenn wir uns wiedersehn, als gute Freunde und Kameraden - und weiter
nichts!« Er ging leichten Herzens von dannen, kneipte den Abend mit etlichen
Collegen, die einen »Verein für naturalistische Malerei. Ehrenpräsident: Max
Liebermann in Paris« gründen wollten, und spürte einen wahren Juchzertrieb, als
er sich leichten Herzens schlafen legte - nach der abspannenden erschöpfenden
Nervenqual der letzten Zeit.
    Er blickte hinaus in die Mondnacht. Marmornes Schweigen lastete über dem
monderhellten Schnee.
    Doch er hatte sich getäuscht. Plötzlich erhielt er von ihr einen langen
Brief, worin sie ihn bat, ihr Bild zurückzusenden.
        »Da es nun doch einmal sein muss,« fing sie an »erlaube ich mir noch
        einige Zeilen zu schreiben, um einigermassen eine Erklärung
        herbeizuführen. Dass ich mich neulich damals nicht sprechen liess dürfen
        Sie nicht so schwer auf die Waagschale legen namentlich wenn Sie an die
        letzten Ereignisse denken. Dass Sie mich schwer und fast unverzeihlich
        beleidigt haben dürften Sie wohl einsehen. Da Sie aber ein bedeutender
        Mann sind und ich Sie als solchen respektire und Sie, gewissermassen
        ehrenhaft gegen mich gewesen sind, will ich Sie nach Möglichkeit Ihrer
        Ungewissheit entreissen. Wie Sie sich wohl erinnern werden, habe ich Ihnen
        stets gesagt stets gesagt wir passen nicht zusammen, weil unser Stand zu
        verschieden ist. Früher oder später hätten Sie Ihren Missgriff eingesehen
        und wer hätte darunter am meisten gelitten natürlich ich und Sie wären
        natürlich auch unglücklich da ich Ihnen nicht diejenige Neigung
        entgegenbringen könnte, welche zum Glück erforderlich ist. Ich suchte
        stets Sie von dieser meiner Meinung zu überzeugen. Nun was blieb mir
        Anders übrig als der Zeit zu vertrauen welche Sie von Ihrem Irrtum
        abbringen sollte, weil meine schon erwähnte Meinung über die Zukunft
        mich keinen Augenblick verliess und ich immer mein und Ihr Unglück vor
        Augen hatte. Wenn Sie glauben, dass nur Sie mich vor meinem Untergang
        retten können, dürften Sie wohl doch ein wenig im Irrtum sein; ich bin
        zweiundzwanzig Jahre alt geworden ohne auf schlechte Wege geraten zu
        sein, das kann ich mir selbst sagen und ich danke Gott für dieses
        Bewusstsein. Was Leute klatschen dagegen kann sich Niemand verwahren und
        deshalb hoffe ich, dass ich auch in Zukunft im Stande, sein werde, weine
        Selbstachtung zu erhalten. Nun komme ich zum eigentlichen Zweck meines
        Schreibens, ich möchte nämlich in Frieden scheiden und deshalb bitte ich
        Sie diese Zeilen, als genügende Erklärung hinzunehmen und gegen mich
        keine Feindseligkeit zu hegen wie auch ich gegen Sie nicht. Doch da in
        Zukunft unsre Wege auseinandergehen bitte ich mir mein Bild
        zurückzusenden. Nun bitte denken Sie über die Geschichte nach, dann
        werden Sie mich nicht verdammen.«
    Trotz der mannigfachen Entstellungen und Uebertreibungen betreffs des
springenden Punktes dieser ganzen Romeo- und Julia-Affaire, stak in dem Briefe
dennoch eine gewisse Würde und Anständigkeit, die ihn erfreute. Denn es
bereitete ihm eine tiefe Genugtuung, dass dies Weib trotz alledem und alledem
seiner Liebe nicht unwürdig schien. Auch wurde in der besonnenen Ruhe dieses
Schreibens der Grössenwahn des Weibes, das seine so viel umworbene Schönheit
begreiflicherweise als Angelpunkt der Schöpfung betrachtet, wohltätig gedämpft.
    Und doch! Was galt hier ihre anständige Gesinnung, da sie doch ganz in
Händen ihres Mephistopheles lag. Und gegen den musste man sich schützen, durch
sie selbst.
    Er sann lange nach. Plötzlich kam ihm eine Idee. Sie kam über ihn wie eine
Offenbarung. Sein Freund, der Genremaler Knorrer, hatte ihm kürzlich aus Tirol
geschrieben, wo er eine Studienreise machte. dabei hatte er bemerkt, dass er von
Anfang Januar ab in Roveredo einige Wochen zubringen werde, um eine dortiges
altes Bild zu copiren. Roveredo! Der Name hatte ihn durchzuckt, er dachte an
Katis eigene Entüllungen. Ja, er musste Gewissheit haben, ob die Sache richtig
sei. Es konnte als Gegenwaffe dienen. Sie selbst konnte ja alles ableugnen, was
sie ihm erzählt. Und wenn er im letzten Notfall dort nachforschte, so würde,
sie schon Mittel finden, Alles todtzuschweigen. Was konnte bis dahin ihm nicht
ohnehin für Schaden erwachsen, falls dieser Kohlrausch in seinem eigenen
Liebeswahnsinn ...
    Kurz entschlossen, sich an diesen Strohhalm zu klammen, telegraphirte er an
Knorrer nach Roveredo. Ein langes Telegramm, worin er Alles andeutete und diesen
bat, ihm Gewissheit zu schaffen, ob in Trient eine Kati Kreutzner mit einem
Hauptmann vom Genie u.s.w. Wo dieser jetzt stehe. - - -
    Er malte nun ruhig an seinem Bilde fort.
    Siehe da, am zweiten Abend nach Absendung seines Telegramms nach Roveredo,
erhielt er einen saugroben Brief des p.p. Kohlrausch, worin ihm dieser
ankündigte, er werde sich jetzt hier mit »Frl. Kreutzner« einrichten und nun
wegen der ihm und ihr zugefügten Beleidigungen Schritte tun.
    Roter antworte nicht. Er wartete auf das Antwort-Telegramm aus Roveredo. Es
kam. - Genaues konnte ihm sein Freund nicht mitteilen. Allein, so viel hatte er
in Erfahrung gebracht: Der betreffende Hauptmann vom Genie, dessen man sich an
Ort und Stelle noch wohl erinnerte, sei später zur Cavallerie übergetreten. Sein
Name sei: Graf Xaver Krastinik. - -
    Ohne Verweilen verschafte sich Roter von einem befreundeten Offizier eine
Rangliste der Oesterreichischen Armee. Richtig! Bald hatte er den Namen
gefunden. Ein ungarisches Husarenregiment, Garnison bei Pest. Ohne Verzug
telegraphirte Roter an das Regimentskommando, Rückantwort bezahlt, ob er den
Herrn dort treffen und sprechen könne.
    Seine fieberhafte Nervenaufregung steigerte sich bis zu Appetit- und
Schlaflosigkeit. Er hatte sich in die Geschichte so hineingeredet und
hineingelebt, dass ihm sein ganzes Leben daran zu hängen schien. Und war es nicht
so? Stand seine Liebe nicht auf dem Spiel? Doch die war ja verloren. Nein, nun
galt es seinen Namen. Die Schande, die Lächerlichkeit! Sein reizbares Ehrgefühl
überwand das nicht; nein, daraus musste noch Schlimmeres erfolgen. Man trieb ihn
zum Äussersten, so wehrte er sich. Ob das Mittel ganz anständig sei, diese Frage
kam hier nicht in Betracht; hatte man nicht ehrlos an ihm gefrevelt? Man wehrt
sich am besten, indem man selbst zuschlägt. Die beste Verteidigung ist der
Angriff. - Ob man ihm antworten würde? Er sollte nicht lange in Zweifel sein.
    Ueberraschend schnell, mit ungarisch ritterlicher Liebenswürdigkeit, ward
ihm Antwort. Graf Krastinik sei auf Urlaub, nach England verreist. Seine Adresse
wisse stets, wie er beim Regiment hinterlassen habe: Lord Dorrington, Boltons
Terrace, London.
    Roter besann sich nicht einen Augenblick. Auch dies Hindernis noch - sei's!
Hatte er die Sache einmal so verzweifelt ernst genommen, so wollte er sie
durchführen. Was hatte er sonst auch noch für Interesse am Leben! Einer Erholung
bedurfte er so wie so; Geld genug hatte er gerade; so ging er am besten allen
Unannehmlichkeiten zu Haus aus dem Wege. Wenn ihm jener Kerl etwa persönlich
eine Droh- und Daumschrauben-Visite macht! (Er sah eben Alles in vergrössertem
Massstab und düsterm Lichte.) Wozu noch zögern!
    Schon der andre Morgen sollte ihn auf der Fahrt nach Hamburg sehn. Die
nächste Route, die über Belgien und Calais, mochte er nicht wählen, wegen der
drohenden Kriegsgerüchte.
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    Den letzten Abend vorher hatte ihn Anneslei besucht, der wie gewöhnlich
seine Hülfe in irgend einer musikalischen Angelegenheit beanspruchte, um dann
wie gewöhnlich emphatisch zu versichern: »Ihr Wohlwollen ist der einzige
Sonnenstrahl in meinem nächtigen Sein. Ich armer Verfaulter und Siecher aus
diesem Hunde Erdball! Sie sind ein vollkommener Gentleman, Sie sind -«
    »Schon gut,« unterbrach ihn sein Gönner, der diese Aufwallungen schon
kannte. »Kommen Sie man 'raus aus der guten Stube und an die frische Luft! Sonst
jammern wir uns Beide wieder 'was vor!«
    Es war noch früh am Tage, gegen 6 Uhr. Auf der Leipzigerstrasse vor dem
blauweissen Schilde des »Weihen-Stephan« (jenem historisch merkwürdigen Lokal, wo
einst der grössenwahnsinnige Oppositionsführer des Reichstags von einigen
angezechten Ulanenoffizieren offiziell hinausgegrault wurde) stiess Roter auf
ein Paar, das in schweigender Grösse lustwandelte.
    »Ah, Servus!« Man grüsste sich. Roter stellte »den hochbegabten Componisten
Henri Francis Anneslei« den beiden Herrn vor: »Herr Karl Schmoller, Herr
Friedrich Leonhart.« Anneslei machte grosse Augen, die zwo Dioskuren der
litterarischen Revolution zu erschauen.
    »Ah, sehr erfreut,« nickte der grosse Schmoller gnädig, indem ein süssliches
Lächeln seinen bärtigen Mund umspielte. »Schon viel gehört von Freund Roter
über Ihre Begabteit.«
    Anneslei kratzfusste stumm und wunderte sich bass. In seiner Knabenphantasie
hatte er sich grosse Schriftsteller immer à la Apollo gedacht. Und nun -!
    Schmoller sah ihm aus, wie der Inspektor einer Gasfabrik. Er trug Ringe an
den Fingern, einen spitzgedrehten schwarzen Schnurrbart, als wäre er bei Graf
Perpoucher in die Lehre gegangen, und einen behäbigen Havelock. Sein stechendes
grünliches Marderauge funkelte unter einer ungeheuren blauen Brille, wegen
mangelnder Kurzsichtigkeit aus Gelehrsamkeitsrücksichten. Seine überhängende
Stirn dachte sich wölbig in Etagen ab und bildete einen spitzen Winkel, aus
welchem die lüstern witternde breitnüstrige Nase vorsprang. Sein dito
vorspringender breitwulstiger Mund (offenbar ein naturalistischer Witz der
Natur, um »das böseste Schandmaul« anzudeuten) atmete einen halb versteckten
halb dreisten Trotz. Eine unheimliche Energie verschönte gleichsam diese bizarre
Voltaire-Physiognomie. dabei schien er überaus satt und wohlgenährt, als ob er
für all den Hunger, den er in seinen socialen Romanen schilderte, ein derbes
Gegengewicht in seiner Person suche. Er rächte gleichsam seine »Enterbten« durch
seinen Dichterappetit. Obschon ein Kölner Kind, vertauschte er gern sein
niederrheinisch Platt für Spreeatener-Dialekt. Diesen hatte er gelernt von
seinem früheren Intimus Fritz Erdmann, dem »deutschen Zola« - jenem
naturalistischen Epiker, dem es im Deutschen Reich zu enge wurde, weswegen er
vor geraumer Zeit nach Amerika durchging. Jetzt erbte Schmoller von ihm den
Titelrang eines »deutschen Zola« als Nummer 2.
    »Und sagen Sie, sind Sie wirklich der ber-ühmte Leonhart?« fragte Anneslei
naiv. »Also so sehen Dichter aus?«
    Leonhart schien auf sein Äußeres wenig Sorgfalt zu verwenden. Seine
rötlichen Haare zottelten sich, als wären sie selten gekämmt, und seine
auffallend aristokratischen Hände starrten trotz ihrer zartweissen Hautfarbe von
Schmutzflecken. Sein mädchenhaft zarter Teint wurde durch diverse Sommersprossen
reizvoll belebt und an sein Kinn schien ein zersaustes Ziegenbärtchen angeklebt,
das so stoppelig, aussah, wie brandige ausgeraufte Aehren. Auch machte seine
unscheinbare dürftige Figur einen wenig imponirenden Eindruck. Sein blaues Auge,
unter feingeschnittenen Brauen an einer starkgewölbten breiten Schläfe, schaute
verschleiert müde drein. Nur ab und zu kam ein belebterer Ausdruck in dies
stille Gesicht, dessen ruhige Miene andeutete, dass sie nicht Alles sehen lasse,
- als ob geheim unter der Oberfläche gähre, was Niemand erspähen soll.
    Sie bogen durch die Behrenstrasse ein. »Hehe, da is ja das Wein-Restaurant
mit den Gobelins und geschnitzten Möbeln, Hochelejant!« rief Schmoller der
Joviale. »Hier schaart sich ab und zu die famöseste Klatschgesellschaft von tout
Berlin zusammen.«
    »Jaja, die Lästerschule!« murrte Leonhart. »Unter dem Vorwand eines
collegialen Schöppchens! Jetzt haben sie's damit, die Modelle meiner Figuren zu
beschnüffeln. Da werden die abenteuerlichsten Märchen aufgetischt, jeder braut
eine besondere Version. Jaja, die guten Freunde! - In den Geld-Taschen und Hosen
der Dichter herumzuriechen, ist des deutschen Schreibmichels Lust! Ihre
ungewaschenen Finger in alles Persönliche stecken, - das nennen diese jungen
Lait' von's Geschäft ihre litterarischen Verbindungen pflegen«.
    »Ob X. wirklich dem Y. so viel gepumpt hat? Ob A. wirklich so hohes Honorar
pro Bogen bekommen hat wie er auf Ehrenwort schwadronirt? Wieviel Gehalt hat B.
bei der »Tagespost«? Ob man ihn wohl da hinausdrängen kann? Sehen Sie, so wälzt
das tiefsinnig anregende Gespräch sich eintönig fort, wie die Ritter-Dramen des
Herrn von Alvers.« Er hielt inne, um Atem zu schöpfen.
    »Na und ob!« fiel Schmoller ein, der vor Ungeduld brannte, sich seines
animus injuriandi zu entladen. »Denk' doch nur an deinen gemeinschaftlichen
Freund Boris von Lappezinsky. Salon-Statist! Wechselt fortwährend seine Wohnung,
weil er die Miete schuldig bleibt! Hat eine anständige junge Dame verführt - (
sie hat mir's selbst erzählt,« fügte er in tugendhafter Entrüstung ein) - »und
sitzen gelassen!«
    (»So etwas kommt bei uns nicht vor!« brummelte Leonhart ironisch.)
    »Dieser Mensch!« Schmoller griff sich an die Haare, dass sein
Bourgeois-Cylinder, den er als grosser Volksmann pflichtschuldigst bevorzugte,
sich in den Nacken verschob. »Jotte doch, Boris von Lappezinsky!« Er schüttelte
sich, als bereite ihm dieser Name, den er langgedehnt herausquälte, einen
Hochgenuss. »Boris, Boris, mein Junge, Mann des Popo-Scheitels und der
Pomade-Kleberei, hausirst Du immer noch mit Deinen blutrünstigen
Colportage-Romanen? Haben Se nix sse dichten?«
    »Ich finde diese amüsanten Skizzen aus der Guten Gesellschaft besser, als
manches modeberühmte Geschmier.«
    »Schuster, bleib bei Deinem Drama-Leisten!« schnarrte Schmoller giftig. »Was
Du wohl von Romanen verstehst!«
    »Indianergeschichten für grosse Kinder erzählen, ist die Aufgabe anderer
Realisten.« Es ist nicht die meine. - »Du vermochtest mich eben nie zu
erfassen,« ertönte feierlich der Bierbass des Menschheits-Regenerators.
    »Hihi,« kicherte sein Mephisto, »Ne, Dich versteht man nur in Chaldäa. Wie
schriebst Du doch neulich so treffend über die conventionellen Phrasen der
Culturmenschheit?« »So überkleistert die Form, dieser dürftige Umschlag-Shawl
der Aestetik, den inhaltlichen Beweis des elementaren Persönlichkeitsgefühls«!!
»Herr, dunkel ist der Rede Sinn. Stürze Dir man nicht in Unkosten!«
    Ueber das asketische Mönchsgesicht des kleinen litterarischen Luter flog
eine hektische Röte und eine heftige Antwort schwebte ihm auf der Zunge. Aber
er zuckte nur vielsagend die Achseln. Grössenwahn platzte hier auf Grössewahn.
    Beide geübten Schimpf-Majore machte es augenscheinlich nicht im geringsten
verlegen, vor den beiden Fremden ihre schmutzige Wäsche triefend auszuringen.
    »Lappezinsky« -, fuhr Schmoller unbeirrt fort, aber diesmal schmollte ihm
Leonhart dazwischen:
    »Ein a - anständiger Mensch!« Es kam ordentlich seufzend mit einem Uf
heraus, wie eine Schwergeburt der Selbstüberwindung. Denn am liebsten brauchte
er den Kosenamen »Schurke«, sobald ihm Jemandes Nase missfiel.
    »Ach was, fauler Mumpitz!« schimpfte Schmoller fort. »Ein Ohrwurm ist er!
Gentlemännische Manieren wissen ja diese Adligen immer herauszubeissen. Er ist
immer höflich und liebenswürdig, aber in seinem hübschen glatten Gesicht lauert
ein Zug von rücksichtsloser Brutalität!«
    »Ach, lass doch das Physiognomieenlesen!« suchte Leonhart abzubrechen. »Das
verstehn ohnehin die Wenigsten.«
    »Oller Optimiste! Wenn Dir man bloss Einer um den Bart geht, ist er bei Dir
ein Ehrenmann.«
    (»Oho!« dachte Jener. »Man kann ein Grobian und doch ein Schurke sein.«)
    »Neulich hat er Dich mir gegenüber schlechtgemacht. Macht sich lustig über
Dich, dieser kleine dumme Hannefatzke. Er möchte gern ein Realist sein hat er
gesagt, und ist doch stets ein Romantiker. dabei hat er von Deiner alten dummen
Weiber-Geschichte geschwatzt - Du weisst schon, von Der da« - er machte eine
imaginäre Handbewegung. »Als ob er 'was davon wüsste!«
    »Ungefähr so viel wie Du,« trumpfte Leonhart ihn trocken ab: »Nämlich gar
nichts. - Uebrigens, wenn er mich für romantisch hält,« ein unbeschreibliches
Lächeln huschte über das bleiche vornehme Gesicht »so ist das auch noch weiter
kein Verbrechen. Lassen wir das!«
    Anneslei und Roter, um welche sich die beiden Dioskuren im Gefühl ihrer
Wichtigkeit gar nicht mehr bekümmert hatten, folgten nicht ohne Missbehagen dem
Gespräch, das sich nunmehr einem Herrn »Peter von Schnapphahnitzkoy« zuwendete,
von welchem Schmoller ehrenrührige Dinge erzählte. Sein Genosse erklärte
achselzuckend, dass er den Herrn nicht kenne.
    »Sagen Sie,« fragte der componistiche Wunderknabe leise. »Klatschen diese
grossen Dichter immer so?«
    Roter zuckte die Achseln und gab keine Antwort.
    Eine Art Menschenauflauf hemmte ihre Schritte.
    Aus der Italienischen Weinkneipe unter den Linden strömte soeben eine ganze
teutonische Horde urdeutscher Studenten heraus. Sie umringten einen dicken
kurzen Herrn in Frack, weisser Binde und hohem Cylinder, der wie ein höherer
Subalternbeamter oder wie ein strammer Unteroffizier aussah - für den
Oberflächlichen, während den Tieferblickenden eine gesunde Männlichkeit in
seinem gutmütigen Gesichte anzog.
    »Adalbert von Alvers!« flüsterte Roter von scheuer Ehrfurcht.
    Es war wirklich dieser grosse Bühnenbeherrscher, dessen Muse immer bereit,
dem Apell jeder Tagesfrage zu gehorchen und in weihevollen Hymnen jede beliebige
Festlichkeit zu feiern - vom neunzigsten Geburtstag des Kaisers bis herunter zum
Jubiläum irgend eines Geisteskoryphäen. Er führte soeben die festgeschlossene
Cohorte seiner Getreuen in die zweite Aufführung seines neuen Dramas, welches
von der Kritik schmählich mitgenommen war. Bei einer solennen Kneiperei in der
alten Stammwiege des Alversschen Ruhmes, der italienischen Weinstube, hatte man
heut Tod und Verderben allen Ungläubigen geschworen, welche gegen den nationalen
Dramatiker aufmucken würden. Bei jedem Todten, der auf der Bühne als Leiche
liegen blieb, sollte sich ein Begeisterungssturm von Gallerie und Parterre aus
entfesseln. Nach dem dritten Akt aber wollte man, laut Verabredung, ein
furchtbares Bardengebrüll »Alvers, Alvers! Alvers 'raus!« stiften, das sich
fortissimo bis zum Füssescharren und Stampfen steigern sollte. Ehe die
Schauspieler für den »leider nicht im Hause anwesenden Dichter« danken könnten,
würde sich dann der Hohe selbst in seiner Loge erheben und gnädig dem
verehrlichen Publiko seine Kneifer-Verbeugung zuschlenkern. So dachte man der
bösen Kritik schon noch beizukommen!
    Wenigstens stellten dies Alles die drolligen Dichterdioskuren so dar, welche
von Jedermann irgendwelche Mordsgeschichte zu erzählen wussten. Im Vorübergehen
hörte man, während die Verschwörer im Sturmmarsch an ihnen vorbeidefilirten, den
grossen Dichter selbst die bedeutenden Worte äussern: » ... Das ist es, meine
Herren, was ich in Ihnen begrüsse: die Wiedergeburt des germanischen Geistes
durch begeisterte Jugend. Sie, die Blüte der Nation, Sie nur verstehen mich zu
würdigen. Ja, was sind sie, all die Andern! Nur das nationale germanische Drama
...« Der rauhe Wind verschlang unbarmherzig den Rest. Die vier Flaneure sahen
sich an.
    »Grössenwahn!« flüsterte Roter.
    »Dieser Mensch!« schrie Schmoller, indem er sich mit teatralischer Geste an
die Stirne fuhr. »Was versteht denn Der! Alberner Bumbum! Dem muss die Muse
stramm stehn, wie ein Rekrut!« Leonhart schwieg. Roter knüpfte noch die
Bemerkung daran, dass in der Malerei Adolf von Werter diesem königlich
preussischen Strebertypus als Pendant entspreche. »Ja, von! Da liegt's!«
Schmoller fuchtelte wütend mit beiden Händen umher. »Das von macht diese Kerle
berühmt. Hehe, neunundneunzig Karossen halten soeben vorm Hofschauspielhaus, wie
ich höre. Das ganze Geheimratsviertel und die ganze Garde sind angetreten, um
einen Dichter von und zu, einen von ihre Leut', zu bespeicheln. Pfui Deibel!
Was, wie, Leonhart, zwei Kerle wie wir, die hunderttausendmal mehr wert sind,
als die ganze Bande zusammen ...« Leonhart schwieg.
    Roter stiess Anneslei mit dem Ellbogen an. »Grössenwahn!« murmelte dieser,
halb träumerisch.
    »Wo speisen wir, meine Herren?« fragte Leonhart.
    »Welche Frage! Siehe Annonce-Spalten der Berliner Tagesstimme! Wo speisen
Sie? Bei Schwanzer. Hier wären wir ja. Steigen wir man immer runter,
Herrschaften!« docirte der gewiegte Lokalspezialist Berlins als Autorität mit
Selbst-Patent.
    Man stieg also in den geräumigen Keller hinab und nahm Platz. »Kellnehr!
Eine Portion Erbsensuppe mit Schweinsohren, aber hübsch zerkaut! Ne, nicht doch,
ich versprach mich man nur. Kellnehr! Ein Eisbein mit Sauerkohl! Ganz frisch,
sagen Sie? Na selbstredend, kennen wir, oller Pappenheimer.«
    Leonhart vermochte nicht, sich diesem culinarischen Realismus anzuschliessen,
und begnügte sich mit einer Portion Seemuscheln: das Pikante zog ihn immer an.
Nachdem Anneslei die ganze Speisekarte durchstudirt, verkündete er plötzlich
grossartig sein dringendes Bedürfnis nach einem Dutzend Austern nebst Champagner.
Obschon Roter keineswegs so cavaliermässig fühlte, wie sein liebes Zukunftsgenie
in spe, so musste, er doch wohl oder übel in seiner gewöhnlichen schwächlichen
Weichherzigkeit nachgeben und mitalten.
    Schmoller geriet sofort über den Sekt und die Austern, auf welche er geile
Blicke warf, in die tiefste sittliche Entrüstung. »Dieser Mensch!« raunte er
seinem Genossen ins Ohr. »Scheint ein verzogenes Muttersöhnchen, das noch nicht
ins Leben hineingespuckt hat. Wollen ihn mal schrauben. - Sie, junger Herr,« hob
er plötzlich an, »warum heissen Sie eigentlich Francis Henry Anneslei? Sie
sprechen doch ganz dialektfrei. Sind Sie Engländer?«
    »Mein Urgrossvater war ein Amerikaner,« klärte ihn der Angeredete feierlich
auf, als belehre er über eine wichtige historische Tatsache.
    »Und seiter ist Ihre Familie nach Deutschland verzogen? Ihre Frau Mutter
war wohl auch eine Deutsche? Ja? Na, dann frage ich man bloss, warum Sie sich
Henry Francis taufen liessen, statt ganz gemütlich Heinrich Franz. Jaja, versteh
schon. Waren vorsichtig in der Wahl Ihrer Namen, wie Ihrer Eltern. So'n bisschen
Englisch klingt doch gar zu schön. Hat so'n vornehmes Lüster, hehe. Nichts für
ungut. - Also Sie sind Lieder-Componiste? Oalle Achtung.«
    »Ein sehr begabter,« ermahnte Roter mit leisem Vorwurf. Er fühlte sich
beleidigt, dass man seinen Schützling an-ulkte.
    »Mindestens. Ein verrücktes Sumpfhuhn sind Sie doch, lieber Herr Roter! Das
heisst, pardon, Sie verstehen, ich bin eine ehrliche Haut, die jedem die Wahrheit
sagt. Fragen Sie meinen Freund Leonhart!« Dieser brummte über seinen Seemuscheln
etwas Unverständliches.
    »Nein, wie Sie doch immer für Andre ins Zeug gehn! Ordentlich rührend. - Ja,
Herr Anneslei, er hat uns schon viel die Ohren vollgeschwärmt - in Ihnen soll ja
riesig viel Musike tronen. Schöner Kerl, der Francis Henry, interessantes
Äussere - was, Leonhart?« Dieser grunzte, wieder etwas Unverständliches; der
ehrliche Biedermann aber hatte mit dieser biedern Äusserung das Herz des
Wunderknaben für immer gewonnen. »Werden, wie ich höre, eine Prachtausgabe Ihrer
Compositionen Lieder unglücklicher Liebe veranstalten - mit Illustrationen von
Paul Tumann, nicht?«
    (»Schlagsahne!« Roter schüttelte bei dem Namen des eleganten Damenzeichners
unwillig den Kopf.)
    Ohne den Spott Schmollers zu merken, folgte Henry Francis Anneslei eifrig
der Lockpfeife: »Allerdings, Herr Schmoller. Ich plane auch eine Prachtausgabe
meiner Symphonie Kinder des Leids, Opus 21.«
    »Muss Ihnen aber ein schweres Geld kosten,« meinte Schmoller teilnehmend,
der rasch berechnete, dass man sich einen so vermögenden Jüngling warmhalten
müsse.
    »Ach ja!« rief der Beklagenswerte. »Ich war stets ein Opfer meines idealen
Strebens. Wer die ganze, hohle jämmerliche Erbärmlichkeit der aus Perfidie,
hirnverbranntem Neid, tollem Grössenwahn, gemeinster Klatschsucht,
polizeiwidriger Cliquenheulmeierei zusammengesetzten Weltverhältnisse kennen
gelernt hat - puh!«
    »Sehr richtig!« sagte Schmoller und machte ein ernstaftes Gesicht.
    »Wo ist neidlose Anerkennung wahren Verdienstes,« der Wunderknabe warf das
Adonishaupt in den Nacken, »wo Ehrfurcht vor allem Grossen, Heiligen und Schönen,
wo Charakter, Manneswürde!«
    »Sehr richtig!«
    Jener aber übte sich rüstig fort in deklamatorischer Rhetorik:
    »Wer vermag in diesem bodenlosen Sumpf des Egoismus festen Fuss zu fassen!
Wer noch einen Funken Moral und Ehre im Leibe hat, wendet entrüstet sich ab von
diesem Bilde schamloser Herzens- und Gemütsverrohung, verzweifelnd an allen
idealen Instinkten. Ja, man müsste die Leier des Gesanges zu allen Teufeln werfen
-«
    »Warum tun Sie es denn nicht?« unterbrach ihn plötzlich im betäubendsten
Wortschwall die boshafte Zwischenfrage. Sie kam aus dem Munde Leonharts, der ihn
seit geraumer Zeit mit festen Blicken mass, als ob er an ihm etwas studiren
wolle. Anneslei verstummte und biss sich auf die Lippe, während ein tückisches
Blinzeln in seinem Auge verriet, dass er Leonharts Meinung sehr wohl verstanden
habe.
    »Meine Lieder,« hob er wieder an, »sind sturmbewegte Trauerflöre, tiefste
Herzensseufzer. Durch die Berührung mit der All Natur entsteht jenes Stimmungs
Fluidum, welches der brünstigen Sehnsucht nach dem Ur Schoss entspringt. Ja,
meine Herren, die Musik - sie ist die höchste der Künste, vergeistigte Materie,
die vom Rohstofflichen bis auf den kleinstmöglichsten Erdenrest sich losgelöst.
Die in der Stunde der Gnade empfangene Melodie der Seele, der individuelle
Stimmungsduft der Empfängnis, die krystallklare Spiegelung der dämonischen
Regungen der Seelenorgane in der ganzen Skala der Affekte vom höchsten Jubel bis
zum tiefsten Leid ...« er wollte noch einige Phrasen hinzufügen, verhaspelte
sich jedoch und verschlang rasch eine Auster.
    »Kannst Du Dir den Bauch halten vor Lachen? Ich platze!« raunte Schmoller
wieder seinem Freunde zu, der mürrisch vor sich hinstarrte. »Sehr, sehr schön
gesagt, mein lieber Herr Francis Henry Anneslei,« sagte er laut mit tiefem
Brustton der Ueberzeugung. »Grade auf Ihre Prachtausgabe bin ich ungemein
gespannt. Haben Sie schon einen Verleger?!«
    Diese ominöse Frage schien bei dem neuen Mozart eine misstönende Seite zu
berühren. Denn er runzelte die Stirn und zog dann aus seiner Brusttasche einen
gedruckten Prospekt, welchen er der andächtig lauschenden Gemeinde mit
hochtrabend näselndem Tone verlas. In demselben wurde versichert: Ralf der
Schöne (in Klammer: Pseudonym für Henry Francis Anneslei) sei nach dem Urteil
aller Autoritäten »absolut genial« zu nennen. Beigefügt waren einige Recensionen
des »berühmten Musikreferenten Eugen Düstergang« und des »bekannten Kunstkenners
Harald Teopol Mokamaute«, wonach die »Panteistischen Lieder unseres Henry
Francis Anneslei zweifellos vom Hauch der Unsterblichkeit umweht« seien. Diese
Musik schwebe gleichsam in der mondblauen Luft zu märchenblasser Sternenpracht
empor.
    »Ikarus, Ikarus, Jammer genug!« warnte Leonhart halblaut.
    »Sagen Sie - Mokamaute?« forschte Schmoller mit unnatürlichem Ernst. »Würde
Mokka-Schaute nicht besser klingen? Wer ist eigentlich dieser Herr? Habe noch
nie davon gehört.«
    »Ich wohl - nämlich von Ihren zwanzig Pseudonymen, Herr Anneslei.« Leonhart
stiess ein kurzes hartes Gelächter aus. »Ach, so lassen wir doch den Quatsch!«
Der Wunderknabe schoss aus ihn einen wütenden Blick, in dem eine unheimliche
Tücke schillerte. »Sprechen wir endlich von interessanten Dingen. Wie denken Sie
über Russland? Ich meine, die neuen Attentatversuche der Nihilisten, meine
Herren.« Aber Schmoller hielt ihm mit komischen Schrecken den Mund zu:
    »Raus! Will der Spitzbube hier gelehrte Gespräche mimen. - Ne, schwatzen wir
man ganz gemütlich weiter!«
    (»Klatschen und schimpfen!« dachte Roter.)
    »Ja, mein lieber Mister Anneslei, ich freue mich lebhaft, in Ihnen einen
Nachfolger der Schumann und Schubert, sozusagen den Letzten Lyriker, kennen zu
lernen. Fahren Sie auf diesem löblichen Wege nur so fort, dann wird Ihnen der
Lorbeer (halblaut zu Leonhart: und Zelle Nr. 1 in Dalldorf) nicht entgehen.« Und
erschüttelte meuchlings dem Letzten Lyriker die schmächtige Hand mit seiner
Bärentatze. »Wie Roter erzählt, verfügen Sie ja auch noch über eine schöne
Gottesgabe die des Menschen Herz erfreut: einen sanften lieblichen Tenor.«
    »Wollen Sie mich mal hören?« Der Wunderknabe liess sich das nicht zweimal
sagen. Zum Entsetzen seines Freundes Roter und sämmtlicher Gäste erhob er
plötzlich seine Stimme und sang »So - la - mi - fa« mit fabelhafter Bravour
herunter.
    »Aber nein, das geht nicht, meine Herrn!« beteuerte der Wirt, der von
seiner üblichen Skat-Partie in der Ecke aufsprang und herbeieilte. »Sie graulen
mir ja alle Gäste fort.«
    Anneslei setzte sich, unmutig seine Mähne schüttelnd. »Lächerlich! So
geht's immer. Nirgends ist Raum für das Ideale.«
    »Und die Eitelkeit,« ergänzte Leonhart.
    Schmoller wand sich in inneren Krämpfen. »Sehr, sehr brav. Ich ehre in Ihnen
den neuen Amphion,« rief er, Lachtränen in der tremulirenden Stimme. »Sie
könnten Steine erweichen. - Dieser Me-nsch!« flüsterte er zu Leonhart hinüber.
»Den bring' ich in meinen neuen Roman. Der Wein-Reisende in Musike! Das ist ja
das reine Pendant zu den Literatur-Studenten der Jüngsten Deutschland.«
    Als ob er auf sein Stichwort gelauert hätte, wandte sich hier der
Wunderknabe, der nach Leonharts boshafte Ergänzung über irgend etwas zu sinnen
schien, an diesen mit der erfreulichen Frage:
    »Haben Sie schon Veilchentals Epigramm auf Sie gelesen in der neuesten
Nummer des Zeitgeist?«
    »Ach Gott!« lächelte dieser. »Was geht es den Mond an, ob ein Köter ihn
anbellt! Der selige Lasalle sagte so richtig in seiner Broschüre gegen Julian
Schmidt: Die kleinsten Köter pflegen mit Vorliebe an Monumenten ihr Wasser
abzuschlagen.«
    »Hihi!« Der Wunderknabe grinste dämonisch. »Mond und Monument ist gut. Hihi,
er redet ja eben darin von Ihrem, widrigen Selbstlob' - hihi, er nennt Sie den
Gernegross, dem Dunst und Dünkel das Hirn verdrehte und der seine Kindertrompete
- hihi - hält für die Posaune des Weltgerichts.«
    »Ach, Sie sind zu freundlich. Ich staune über Ihr Gedächtnis,« parirte der
Dichter kalt. »Vielleicht lernen Sie auch mein neuestes Epigramm auswendig:
                                  Grössenwahn.
Der Esel vertraut es dem Schafe,
Das blökte fromm Mumuh.
Sie schrieen sogar aus dem Schlafe
Gar manche Ziege und Kuh.
Der Fuchs und der Wolf mit Trauern
Das Tier in der Wüste besahen.
Der - Löwe ist zu bedauern:
Er leidet an Grössenwahn!«
    Eine kurze Pause entstand. Auf diese schneidende Tiefquart wusste Anneslei
nur ein dummes »Hihi« zu kichern und wandte sich daher, um abzulenken, mit
heuchlerischer Teilnahme an Roter: »Auch über Ihr neues Bild, lieber Freund,
ist ein abscheuliches Epigramm veröffentlicht. Ich kann es auswendig. Auch die
neulichen abscheulichen Bosheiten des Dr. Drechsler-Caballo im Stuss gegen Sie
habe ich verwahrt. Sie können diese wichtigen Dokumente bei mir nachlesen. Soll
ich das Epigramm -«
    »Nein, unterlassen Sie das!« unterbrach ihn Leonhart stirnrunzelnd. »Sie
scheinen ja ein ordentliches Arsenal aller Injurien gegen Ihren Freund und
Gönner anzulegen.«
    Während Anneslei wieder ein verlegenes »Hihi« herausquälte, belobigte
Schmoller gnädig Leonharts Epigramm. »Sehr schneidig. Könnte nicht machen. Habe
überhaupt noch nie einen Vers gemacht. Wenn ich ein Gedicht sehe, muss ich schon
lachen.« - Ja, meine Herrn, er nahm einen behaglichen Schluck Kulmbacher, »hier
sitzen die zwei bestgehassten Leute in Berlin. Gefürchtet muss man sich machen;
das ist die Hauptsache. - Dieser Veilchental! Dieser Me-nsch!«
    »Na, der hat doch wenigstens ins Leben hineingespuckt,« insinuirte Roter
lächelnd.
    »Haha, sehr gut. Könnte sogar selbst als Spucknapf dienen. Ein Mensch mit
einem solchen Flecken - Sie wissen doch!« Und er wärmte zum tausendsten Mal eine
alte Weibs-Geschichte auf, wobei er einige verfängliche Situationen, die dabei
mitgespielt haben sollten, recht drollig zum Besten gab.
    »Ach was!« Leonhart schlug unmutig mit der Faust auf den Tisch. »Lasst doch
endlich die faule Sache ruhn. Wir sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhms.«
    »Na, der mangelt doch nicht des Ruhms!« lachte Schmoller. »Freilich, was für
ein Ruhm!«
    Aber Roter, der aufmerksam zugehört hatte und sehr still geworden war,
stimmte Leonhart eifrig bei. »Ist denn das ein solches Verbrechen, dass Einer aus
Leidenschaft für ein Weib ...«
    »Das will ich meinen!« rief Leonhart. »Seht Euch doch einen Kerl wie
Napoleon an. War denn dem seine Josephine 'was Bessers? Da hab ich ein paar neue
Bücher gelesen von einem gewissen Imbert de St. Amand über das Leben der
Bürgerin Bonaparte. Du mein Gott! Um solch eine liebenswürdige Kokette, solch
ein sinnliches Durchschnittsweib, hat das grösste Tat-Genie aller Zeiten Blut
geschwitzt! Der ganze berühmte Feldzug in Italien wird an der Hand
unwiderleglicher Dokumente zu einem Delirium des erotischen
Geschlechtsparoxismus. Bonaparte wollte berühmt werden und siegen, bloss damit
ihn dies Weib liebe! Als er unter dem Triumphbogen Mailands einzog, war er der
einzige Traurige in seinem siegreichen Heer. Meine Frau ist krank oder treulos,
sagte er todtenbleich zu Marmont. Ihr Medaillon ist auf meiner Brust zerbrochen.
Als er sie gewaltsam aus Paris schleppen liess, wobei sie sich mit Händen und
Füssen sträubte und weinte, als ging's zum Schafott, - geriet er in eine
erhabene Raserei, als die Oesterreicher ihn bei Befriedigung seines
Liebestaumels störten. Und als seine Frau, die er den Gardasee entlang schickte,
um sie aus dem Schlachtbereich zu schaffen, ihm Jammerbriefe schickte, ihre
Eskorte würde von den Oesterreichern verfolgt und man habe auf sie geschossen, -
schleuderte er in einem Anfall genialen Wahnsinns seine Blitze mit der
unnatürlich verzehnfachten Kraft eines Irren umher, so dass er im Feldzug der
Fünf Tage die ganze österreichische Uebermacht Schlag auf Schlag
auseinanderstäubte. Vor Arkole, als ihn ganz Europa für verloren hielt und die
Armee ihn im Zelt verzweifelt über seiner Rettung brütend glaubte, sass er und
schrieb verrückte Eifersuchtsbriefe an seine Frau: Fürchte den Dolch Otellos!
Briefe, welche die naive Kokette in ihrem Salon vorlas und dazu lachte: Il est
drôle, Bonaparte! Grade in diesem erotischen Delirium kam das Genie über ihn wie
ein Strahl und er beschloss den berühmten Uebergang aufs andre Ufer der Adige,
wodurch seine ganze Lage eine andre Wendung bekam. - Später blieb's geradeso. In
den Laufgräben von St. Jean d'Acre, gigantische Pläne nebenbei im Hirne wälzend,
lamentirte er umher und belästigte seine Adjutanten mit Jeremiaden und
Klatschereien über Josephinens Untreue, über die er sich lang und breit mit
seinem eigenen Stiefsohn Eugen unterhielt. - Kurz, meine Herrn, ungewöhnliche
Menschen sind in dieser Beziehung immer verrückt und die erotische Leidenschaft
ist der beste Stachel der Genialität.« Er hätte noch so fortdocirt und besonders
die Episode mit der polnischen Gräfin zum Besten gegeben, wegen deren die
Schlacht von Eylau verloren ging - aber Schmoller gähnte laut. So zog er es denn
vor, um sich einen anständigen Rückzug zu sichern, zur Retirade zu eilen.
Während er diesem natürlichen Bedürfnis fröhnte urteilte sein Waffengenosse,
Kamerad Schmoller, wohlwollend:
    »Hat etwas gelernt, dieser Leonhart. Aber mit seinem Napoleonschwindel muss
er mir vom Leibe bleiben. Das ist auch bei ihm so ein Stück Grössenwahn. Wissen
Sie nicht, er hält sich selbst so für eine Art kleinen Napoleon, haha! Spricht
pro domo. - Ja, ich sagte eben,« brach er ab, als Leonhart wieder erschien, »Du
bewunderst Deinen Kleinen Korporal zu viel. Was der getan hat, kannst Du auch -
wenn Du so viel Glück hast wie er. Prost!« dabei zwinkerte er mit einem Auge die
Andern an, als wolle er ihnen seine tiefe Ironie andeuten. Gleichwohl klangen
seine Worte ganz sauertöpfisch-bieder.
    »Napoleon war doch ein dämonisches altes Haus!« machte der Wunderknabe
seiner unklaren Gedankengährung Luft.
    »Sehr richtig, lieber Herr von und zu Anneslei,« munterte ihn Schmoller mit
süsslichem Lächeln auf. »Sie sind ja auch eine dämonische Natur.«
    »Ich? Hihi. Glaub's auch. Sehn Sie, darum häng' ich auch jetzt die ganze
Componirerei an den Nagel. Ich entsage für alle Zeiten der schöpferischen
Production. In wilden Rhytmen, fessellos und frei, hat mein Herz gefiebert.
Doch nun fiebert mein Dämon der Bühne zu. Nicht eher finde ich Ruhe, bis das
Parkett des königlichen Opernhauses mir atemlos lauscht. Die ganze
Producirerei, meine Herrn, ist heut nichts. Damit wird weder Ruhm noch Geld
verdient. Die Epoche der Schöpferkraft ist dahin. Heute findet nur der
reproducirende Künstler seinen goldnen Boden. Und ich, meine Herrn, brauche das.
Ich gestehe es offen: Ich brauche Ruhm und Genuss. Sie sehen mich, ich bringe
alle äusseren Mittel mit!« Schmoller trat Leonhart auf den Fuss. »Die Weiber
müssen zu meinen Füssen schmachten, dass ich gleichsam in Makartscher Fülle
schwelgen kann.« dabei grinste sein Gesicht ordentlich von verzehrender
Wollustgier. »Ich bin eben eine dämonische Natur!«
    »Eine neronische, meinen Sie wohl?« ergänzte Leonhart ruhig. »Ich will Ihnen
auf den Kopf sagen, was Sie sind: Ein Dilettanten-Wüterich. O welch ein
Schauspieler stirbt in mir! mögen Sie auf Ihren Grabstein setzen. Wären Sie auf
dem Tron geboren, so würden Sie der Zwillings-Bruder eines Ludwig II. sein. Mit
verzückter Tränenseligkeit und Schmerzenswollust Rom in Brand stecken, und dazu
freie Rhytmen drechseln - oder die Cirkus-Gladiatoren und Bestien sich das Fell
von den Knochen reissen lassen, um in tragische Koturnstimmung zu geraten - das
wäre so Ihr Gusto!« ... Der unheimliche Jüngling lehnte sich mit affektirtem
Staunen zurück und sah ihn erstaunt an: »Nein, sind Sie aber ein Menschenkenner!
Zweifellos leide ich an erblicher Paranoia und nervöser Psychose.« Er teilte
dies mit so sinniger Beschaulichkeit mit, als spreche er von einem Schnupfen.
»Doch freilich, eine so complicirte Natur wie mich vermögen Sie doch wohl noch
nicht voll zu begreifen. Wenn Sie mich näher studirten ...«
    »Dazu sind Sie mir zu unbedeutend, fürchten Sie nichts,« beruhigte ihn Jener
trocken. »Glauben Sie übrigens, das sogenante Dämonische wär' was Besonderes?
Alle Uebergangsepochen sind davon durchseucht. Immer dieselben Symptome
herostatischen Grössenwahns. Die Anarchisten, die Attentäter, die angeblich ihren
inneren Stimmen gehorchen, sind heut bloss die Nachfolger ähnlicher
Schwachmatikusse in der Renaissance, wo man, wenn nicht Cäsar, durchaus
Tyrannenmörder Brutus oder Anarchist Catilina werden wollte. Gegen solche
dämonischen Instinkte ist freilich schwer anzukämpfen.
    Die hundert Spanier in der Riesenstadt Mexiko, welche Kortez zurückliess,
stürzten beim Neumond-Fest auf den Goldschmuck der Mexicaner los, blind für
alles Andere, toll von Gier, und richteten ein Blutbad an. Sie mussten wissen, ja
sie wussten es beim Tuen selbst, dass sie schwer dafür zu büssen hatten. Aber sie
konnten nicht anders: Gold- und Blutgier rissen sie fort. Der Tiger weiss auch
recht gut durch Instinkt, wenn er ein Schiff auf dem Ganges anfällt, dass er
dabei umkommt, dass eine Gewehrkugel ihn dabei treffen muss. Aber er tut es doch!
Jede Leidenschaft ist unzurechnungsfähig, so auch die eines ganzen Zeitalters,
wie die der Renaissance und unsrer Tage - und diese dämonische Leidenschaft
heisst: Grössenwahn, von Sich-reden-machen um jeden Preis!«
    Roter hatte schon bezahlt, weil er fand, das Gespräch nehme eine
ungemütliche Wendung, und Anneslei geriet wirklich in nervöse Unruhe - wie
gewöhnlich, wenn es auf Mitternacht gehe, erklärte Roter. So brach man denn
auf.
    Draussen vor der Tür, als man von der Kellertreppe auftauchte, schritt grade
ein Paar vorüber, - gewaltig ausholend, als solle Alles ihrem schweigenden
»Platz Da!« Luft machen, - bei dessen Anblick die zwei Dichterdioskuren in ein
schallendes Gelächter ausbrachen.
    »Seht ihn euch an, seht ihn euch recht an, Kinder!« schrie Schmoller »Der
Eine von diesen Bourgeois ist der grausse Drechsler-Caballo vom Stuss - der Sie
auch angeulkt hat, Roter, wie Jeden, der Saft und Kraft im Marke hat. In seiner
ungeschorenen langen Simsonmähne steckt sein ganzer Ulk, wie eine Laus. Er
leidet an Reim-Darmverschlingung und Schimpf-Diarrhoe. Ihm soll der weise Merlin
prophezeit haben: Eine Delilah werde ihm mit der grossen Scheere des
Fenilleton-Sitzredacteurs Doctor Gottilf Kleisterpott das Hauptaar stutzen.
Die Gelehrten sind aber noch uneinig, ob die Prophezeiung auf Frau Doctor
Bergmann, Chef-Dame der Tagesstimme, oder auf die Dichterin Ulla Wank hindeutet.
Hehe, altes Erbstück, olles Inventar!« grölte er den majestätisch Enteilenden
nach. »Und der Andre - dies fettige Oelgesicht! Jöttlicher Joete, wer sollte
Dir nicht kennen! Die Familie Schreibold! Fünfzigtausendste Jubiläumsauflage!
Dieser Mensch! hat ins Berliner Leben noch kaum hineingespuckt!«
    Sie waren während dieser Ciceronianischen Invective bis vor den
»Reichsadler« gelangt. Soeben spazirten ein paar Mägdelein, offenbar dort
mimende Tingeltangelleusen, zum Tor heraus und begaben sich auf den Heimweg -
eine kleine Junge und eine dicke Alte. Bei dieser Lichterscheinung zuckte
Anneslei krampfhaft zusammen und fasste Roters Arm, indem er den Göttinnen
nachstierte. »Sie ist's!« flüsterte er teatralisch mit einer Grabesstimme.
    »Herr Gott, beruhigen Sie sich doch, alter Junge!« tröstete ihn Roter
freundlich. Schmoller aber, der die Scene beobachtet hatte, verabschiedete sich
eilig; er habe noch eine Verabredung: »Fahren Sie sowohl als auch! Komm,
Leonhart! - Denk Dir doch nur,« rief er, als sich die beiden Paare nach
verschiedenen Richtungen von einander entfernten, »das ist ja die bewusste
unglückliche Flamme dieses Grössenwahnsinnigen, der den wilden Engländer macht.
Die müssen wir mal ausholen. Das ist Die, - erinnerst Du Dich, wie Roter uns
das Gedicht vorlas, Text und Musik von Fedor Waschlapply (zu Deutsch: F.H.
Anneslei), mit dem Refrain: Jetzt weiss ich es, wir sehen nie uns wieder?
Vorwärts!« Sie blieben den beiden Chansonneusen auf dem Fuss, bis sie dieselben
erreichten.
»Mein schönes Fräulein, darf ich's wagen,
Meinen Arm und Geleit ihr anzutragen -
zum Café National nämlich?« fragte Schmoller graziös. »Wie wär's, Kleine, he?«
    »Ach Sie! Was wollen Sie denn eigentlich!«
    »Mit Dir der Morgenröte entgegenwandeln, o Aurora!« Leonhart umfasste
burschikos die Hüfte der Alten. »Na Sie aber doch! Aurora in Oel!«
    »Lassen Sie meine Tante in Ruhe!« kreischte die Kleine.
    »Nun macht keine Geschichten, Kinder. Ich spendire sogar einen
Sherry-Cobler!« verhiess Leonhart. Dem vermag kein asphaltenes
Strassenpflaster-Herz zu widerstehn - und so sassen sie denn alsbald in der
ungesunden Stickluft der nächtlichen Marktallen für Weiberfleisch.
    »Du, Maus, Du hast ja einen Liebespickel! Bist Du nicht mein kleiner
schneidiger Fritze?« knüpfte die Kleine cordial an, indem sie Leonhart ins Knie
kniff.
    »Sage mal, liebes Kind,« hob Schmoller an, »ich habe nämlich von Dir gehört
- von einem verstorbenen Freund.«
    »Ach Falle! Das kennt man.«
    »Nein, auf Taille! - Von Henry Francis Anneslei.«
    »Ach Jemine, is der todt?« Die Kleine hob einen Augenblick die Lippen von
dem Lutsch-Halm ab, mit dem man den Sherry-Cobler auszuschlürfen pflegt.
    »Ja. Sage mal, Du sollst ja Jungfrau gewesen sein, als er Dich verführte?«
Die beiden Damen liessen einen hysterischen Lachkrampf befürchten. »Na gewiss. Er
hat doch auf Dich ein Lied in Musike gesetzt Die Reue, worin er von den Furien
seines Gewissens und Deiner geknickten Unschuld redet.«
    Die kleine Dame war ausser sich. »Meine Unschuld soll der Stiesel man ja in
Frieden lassen! Für den is das nichts. Der kooft den alten Fritzen doch nich.«
    »Na, aber ich bitte Sie, Ihr intimes Verhältnis ...«
    »Was, intim?! Sie haben wohl einen Vogel. Nich mal mein Freund is er
jewesen. Der alberne Stiesel mit all seine faule Redensarten! Retten hat er mir
wollen - so 'ne Qualmtute! Mit keinem Herrn hab ich mich so gelangweilt! Der sass
ja man bloss immer da und starrte mir an.«
    Schmoller konnte sich nicht mehr halten; er brüllte vor Lachen. Leonhart
schüttelte wehmütig den Kopf:
    »Immer die alte Geschichte. Zu lächerrlich, um tragisch, zu tragisch, um
lächerrlich zu sein.«
    Die beiden Damen nahmen jedoch Schmollers cynisches Gelächter sehr übel, da
sie den Grund nicht verstanden. »Na, Sie scheinen mir ooch ein oller Nassauer!
Lachen Sie man über Ihnen selber - das is jesund!«
    Leonhart kannte seinen erhabenen Freund zu lange, um sich noch zu wundern,
dass Schmoller, statt zu lachen, wütend losdonnerte:
    »Was, Sie wollen hier frech werden und Bilder rausstecken? Wissen Sie, wen
Sie vor sich haben? Für was halten Sie mich?«
    »Für einen Schornsteinfegermeister!« kicherte die Kleine schnippisch.
Schmoller wurde dunkelrot vor Wut.
    »Da! da! Lesen Sie!« Er riess seine Brieftasche heraus und entfaltete einen
Pack Zeitungsblätter, wo Recensionen über sein sociales Sittenbild »Die
Enterbten« rot angestrichen waren, indem er mit der flachen Hand auf die
betreffenden Stellen schlug. »Da! Das bin Ich! Der deutsche Zola! Ja wohl, Sie
freches Mensch! Wissen Sie das wohl?«
    Leonhart empfahl sich in aller Eile, worüber sich Kamerad Schmoller wieder
mörderlich erboste. »Das ist auch Einer, der an seinem Messias zum Judas wird!«
lallte er mit geballter Faust. Leonhart lachte. Offenbar hatte der grosse
Sittenmaler wieder zu viel getrunken; er konnte nicht viel Spirituosen
vertragen, weil er so viel »ins Leben hineingespuckt« hatte, was gewiss sehr
angreifend gewesen war.
    »Wie?« hörte man ihn drohen, als der Aufseher des Cafés erschien und um Ruhe
bat. »Sie wollen, mir den Mund verbieten? Ich bringe Alles in meinem nächsten
Roman ...«
    »Ach, bringe Dich doch mal selbst hinein, alter Junge,« dachte Leonhart, als
er fürbass schritt.
    »Dieser Original-Figur ist Deine Feder selbst allein gewachsen.«
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    Obschon Anneslei durchaus noch in der Bodega oder sonstwo ein anständiges
Glas Wein trinken wollte, um den Abend cavaliermässig zu schliessen, widerstand
Roter, so willig er sich stets vom Egoismus seines Schützlings terrorisiren
liess, diesmal dessen Wünschen. Er müsse für die Reise morgen frisch bleiben.
Anneslei trippelte neben ihm her, ein gut Stück aus seiner Richtung ausbiegend,
um Roter auf dessen Heimweg zu begleiten. Grosse Federflocken schüttelten sich
auf die nächtlichen Strassen herab und breiteten einen weissen Teppich, der den
Schmutz des Tages verwischte. Roter, stets aus Empfindsamkeit und unbewusster
Eitelkeit eine warme Gesinnung Anderer für ihn mutmassend, fühlte sich gerührt,
dass der Wunderknabe ihn so anhänglich durchs schlechte Wetter begleitete.
    »Nun gehn Sie nur nach Hause, lieber Freund. Es ist sehr hübsch von Ihnen,
dass Sie mich am letzten Abend, wo wir beisammen sind, nach Hause bringen. Aber
Sie werden sich erkälten ... scheiden wir hier!«
    »Ja, das wollt' ich eben sagen,« sagte der treue Freund. »Ach beiläufig, ich
suche noch nach etwas ewig Weiblichem - können Sie mir vielleicht noch zwanzig
Mark borgen?« Roter sah ihn an und lächelte bitter. »Nun, das ist doch nichts
für einen Mann wie Sie. Sie wissen ja, Sie kriegen's immer übermorgen wieder.«
    Es war dies Annesleis Manier, trotz seines eigenen vollen Beutels - er
wollte offenbar stets Roters Freundschaft prüfen. Dieser lachte herzlich und
wohlwollend:
    »Darum reiten Sie mit mir durch Nacht und Wind? - Na, da!« Er reichte ihm
das Goldstück. »Also adieu!«
    »Ja und die Prachtausgabe meiner Kinder des Leids widme ich Ihnen. - Glauben
Sie nicht, dass mir das nützen wird?! Bei Ihrem grossen Anhang ...«
    Roter antwortete nicht und hustete. »Sehn Sie, so drücke ich Ihnen meinen
Dank vollauf aus - für so manches Gute, dass Sie an mir getan haben.«
    Roter antwortete nicht. Er dachte an die Feindschaften und Verleumdungen,
die er sich wegen des kleinen Nero zugezogen. An den Bruch mit Collegen, welche
ihm seinen »hochbegabten Schützling« als ohnmächtigen Charlatan schimpfirten. An
all die Stunden, wo er die morsche verrottete Seele aufgerichtet. An seine
väterlich aufmunternden Gespräche mit Annesleis Tante (bei der dieser wohnte)
über alle Leiden, welche der grössenwahnsinnige Wicht derselben verursachte;
einmal hatte er in einem Wutanfall seines Weltwehs auf sie ein tätliches
Würge-Attentat versucht. Er dachte an die seelische Blutvergiftung, welche, ihm
der Umgang mit diesem brünstig nach Weltlust schmachtenden Weltverächter zuzog,
der seinem Persönchen ein ideales Martyrium anlog, um desto brünstiger der
Befriedigung unersättlicher Eitelkeit und Ichsucht zu fröhnen. An die
Selbstschwächungs-Manie, welche der begnadigte Stimmungsfritze um sich
verbreitete, alles Männliche und Reale als »unpoetisch« verpönend - was auf
Roters receptive schwächlich-empfängliche Natur den gefährlichsten Einfluss
gehabt hatte. An seine ganze geistige Vormundschaft diesem naseweisen
undankbaren Knaben gegenüber. Schon hatte ihm Leonhart mitgeteilt, dass Anneslei
mit Roters Todfeind, dem Kunstkritiker Doctor Kratzental, hinter dem Rücken
seines Gönners gegen diesen conspirire. In einer Gesellschaft habe er sich von
dem Maler Adolf von Werter sogar mit Hochgenuss erzählen lassen, Roter schwebe
schon lange am Rande der Lächerlichkeit - ohne dagegen zu opponiren.
    Damals hatte Roter darauf nicht geachtet; es widersprach seiner nobeln
Natur, gleich das Schlimmste zu glauben. Jetzt aber, wie von einem plötzlichen
Blitz erleuchtet, lag der Charakter dieses Pseudo-Weltschmerzlers (Pessimystiker
sind immer die schlausten Geschäftsleute) ihm bis in die innersten klaffenden
Spalten vor Augen.
    »Wissen Sie,« brach Anneslei das Schweigen, während sie an einer zugigen
Ecke zögernd stillhielten, »ich bin immer noch ganz paff über diesen Leonhart.
Das ist ja ein ganz communer Bursche, ohne alle Vornehmheit. Hatte mir den immer
gedacht als ein enfant gâté, als einen Löwen der Berliner Salons - wissen Sie,
so eine Art Lord Byron. Nein, diese Enttäuschung! Ein ganz schmutziger
gewöhnlich aussehender Dutzendlitterat, so ein richtiger Scribeler und
Schmierfink!«
    »Hm, nein!« Roter war, wie alle bildenden Künstler, aufs Beobachten von
Physiognomieen eingeschult. »Er sieht eigentlich doch recht bedeutend aus.«
    »Wie, sind Sie toll? Diese unbedeutende Erscheinung, diese mittelmässige
Figur! - Und was für eine schlotkerige Haltung! Wie er schon dasitzt! Und dabei
dieser Grössenwahn! Sie Lump, prahlen Sie doch nicht so! wollte ich ihm schon
zurufen, hihi.«
    Roter besann sich vergeblich, ob Leonhart geprahlt hätte. Es war
bezeichnend, dass Schmollers offenkundige Ueberhebung wegen ihrer Pöbelhaftigkeit
Niemanden beleidigte, während Leonharts stiller Hochmut jede verkniffene
Eitelkeit verletzte.
    »Denken Sie an meine Worte,« stiess Anneslei hervor, »Der wird noch mal vor
Grössenwahn im Irrenhause enden!« dabei rollte er so dämonisch seine Augen, dass
Roter sofort die bekannte Wahrnehmung einfiel, dass Geisteskranke immer die
Andern ihrer eignen Laster und Fehler bezüchtigen. Indem er im kalten Licht des
Wintermonds einen festen prüfenden Blick auf den unheimlichen Jüngling warf, las
er jetzt, worüber seine Gutmütigkeit sich weggetäuscht, mit psychologischer
Klarheit. Dieser lauernde verschleierte Blick, die studirt sanfte verschleierte
Mollstimme, das unnennbare Weltleid dazu gerechnet, ergaben ihm das Resultat:
    Zu allem fähig.
    »Also ich komme nicht weiter mit. Adieu!« rief der ideale Schmerzenreich.
»Wenn wir uns nicht wiedersehn sollten, wünsch' ich Ihnen ein besseres Loos, als
das meine auf diesem Hundeerdeball. Ich habe keine Empfindung mehr. Verzeihen
Sie also, wenn ich Ihr freundschaftliches Liebeswerben« Roter runzelte die
Stirn, »nicht immer gleich warm erwidern konnte. Ich schleppe mein Martyrium
weiter auf meiner Dornenbahn. Ja, hätte man in andere Lebenskreise meine
strebende Jugend gestellt! In alle Höhen und Tiefen wäre mein bescheidener Geist
gedrungen. Doch - Arma parata fero! Durch Nacht zum Licht! Wir stehen im
sausenden Kampfe der Zeit, eine Welt in Waffen wider uns! O selig, Blutzeuge des
Lichtes zu sein! So mein Urteil über die Welt. Ich habe mich Ihnen heut ganz
erschlossen. Uebrigens dürfte demnächst mein Tagebuch erscheinen: Aufzeichnungen
eines verrückten Musikers, natürlich pseudonym. Darin werden Sie schreckliche
Dinge aus meiner Vergangenheit finden. Ich sage Ihnen ...« er machte dabei eine
Handbewegung, indem er die Stimme dämpfte, als vertraue er einem Geheimbündler
schaurige Staatsgeheimnisse an. »Hier finden Sie den Schlüssel zum Verständnis
meiner Irrsal. Ja, wäre ich als Lord geboren wie der selige Byron! Aber so!
Leben Sie wohl! Falls ich nicht in einer Kaltwasserheilanstalt meine
Gemütskrankheit heilen muss, bitte ich alle Briefe nach Venedig zu adressiren,
wohin ich im Frühjahr reise. Nachher mache ich wohl mit meiner Tante eine
Tournée durch alle Badeorte Deutschlands, um meine Prachtausgabe zu verbreiten
und mich als Sänger probeweise hören zu lassen. Man sagt mir, Niemann werde alt;
ich dürfte wohl an seine Stelle treten.« So phantasirte der eisige Egoist in
seiner brennenden Eigenliebe drauf los; seinen Freund hatte er längst vergessen.
»Doch was für eine Zugluft hier!« Er hielt sich das Taschentuch vor den Mund.
»Meine Stimme, meine Stimme! Ich muss sie schonen. Also glückliche Reise, lieber
Freund!«
    Der unheimliche Jüngling stolzirte mit langen Beinen in die Nacht hinein.
Roter lachte bitter - jenes messerscharfe Lachen, das wie ein Dolch in die
Seele sticht und schärfer brennt als Tränen. Die Menschenwüste dehnte sich vor
ihm hin - öde, öde, öde.
    Am andern Vormittag, als er eben seinen Koffer in die Droschke steckte, die
ihn zum Lehrter Bahnhof trug, erhielt er noch ein parfümirtes Billetdoux von
Henry Francis Anneslei, in eigentümlich gemessenem Stil:
                »Hochgeehrter Herr,
        Bei unserm gestrigen Beisammensein entschlüpften mir allerlei
        Andeutungen betreffs eines Büchleins, das pseudonym in Leipzig soeben
        erschien. Ich erlaubte mir, verzeihen Sie, eine kleine Mystifikation.
        Das Büchlein ist nicht von mir, sondern von einem Studienfreunde aus der
        hiesigen Musikalischen Hochschule (Conservatorium). - Ergebenst grüsst
        Ihro Genie Gnaden der Adonis und Schmerzens-Lazarus
                                                         Henry Francis Anneslei.
        P.S. Vielleicht interessirt es Sie zu vernehmen, dass ich im Laufe
        nächsten Frühjahrs ein Concert im Leipziger Gewandhaus veranstalten
        werde. Sie erwähnen das wohl gelegentlich in Ihren etwaigen
        Privat-Correspondenzen nach Deutschland. Auch darf ich wohl darauf
        rechnen, dass Sie, falls Sie von London über dortige Gallerieen an eine
        Kunstzeitung correspondiren, auch meiner Wenigkeit irgend wie dabei
        gedenken werden. Sie wissen, wie dankbar ich Ihnen bin.
        P.P.S. Anbei eine soeben erschienene Recension über das oben erwähnte
        Büchlein.«
        Dieser Zeitungsausschnitt lautete:
    Tagebuch eines verrückten Musikers von F.H. Hummerscheere. Obschon ein
literarisches Erstlingswerk, atmet es die Reife des Genies. Hier wird die
erbliche Nervenkrankheit oder »Paranoia« mit wunderbar patologischem Realismus
zergliedert. Herrlich sind die Streiflichter, welche auf den grossen
unglücklichen Monarchen Ludwig II. fallen, den Hummerscheere so schön anredet:
»Du warst ein Kind und ein Genie.« Hummerscheere ist auch ein Meister der
Satire; das beweist die drollige Figur des liebeskranken Malers Emil Knote.
                                                       Harold Teopol Mokamaute.
    Roter zerriss das Gewäsch mit einer Miene des Ekels. Das war selbst seiner
Sentimentalität zu viel. - Den Sinn des Unbegreiflichen verstand er freilich
erst später, als ihm das »Tagebuch« vor Augen kam und er in dem Maler Emil
Knote lauter Äusserungen und Züge von sich selbst wieder erkannte, die ihm der
liebe Wunderknabe während ihrer Intimität abgelauscht. Was interessirte ihn
überhaupt jetzt das Alles! Auf nach London!
    Leonhart bummelte langsam fürbass. Der Gedankengang, den er damals in der
Kneipe abgebrochen, setzte sich unabgerissen wieder fort: Er dachte an das Leben
Napoleons. Wie oft verschmilzt sich erotische Leidenschaft mit dem politischen
Schicksal, wie oft bestimmt ein Weib durch den verliebten grossen Mann die
Geschicke der Welt!
    Es wäre ein tragikomischer Spass, die Briefe des eifersüchtigen Siegers von
Italien an die Citoyenne Bonaparte neben die Eifersuchtsbriefe der Kaiserin
Josefine an den Sieger von Austerlitz und Jena, der ihr verbot mit ihm ins Feld
zu reisen, um erotisch frei zu sein - kurz, die Zeugnisse eines durch
physiologisch-psychologische Processe genau umgestülpten Liebesverhältnisses
nebeneinander zu drucken. O Mann, o Weib! Dies Weib, das er für sein Schicksal,
für sein Spieler-Glück hielt - verstiess er, um die Tochter der Habsburger an
seine Seite zu fesseln, mit welcher ihn Schritt für Schritt Fortuna verliess, so
wie die Elende ihn selbst verlassen hat. Was er als Opfer seines persönlichen
Glückes seinem Ehrgeiz zur Sättigung hinwarf, grade das schuf den Sturz seiner
Herrschaft. Er scheuchte sein altes Glück, sein geliebtes Schicksal, von seiner
Seite - das Schicksal rächte sich.
    Ueber dem Schlösschen Malmaison stand sein kaiserlicher Stern zuerst nah dem
Zenit. Dort verlebte er mit Josefine den Honigmond seiner Allmacht als Erster
Consul. Und eben dort erlosch sein Stern, hier hauchte sie ihren letzten Odem
aus - er folgte. Eh er sich England überlieferte, verweilte er die letzten Tage
dort - in der Todtenkammer, die einst sein Ehegemach gewesen. Im nie endenden
Orkan seines Lebens war dies die letzte Oase, die ihn einlullte mit der Fata
Morgana vergangenen Glücks. So verbindet sich Alles in rätselhaftem Kreislauf,
Anfang und Ende. Das Schicksal der Liebe, die Liebe des Schicksals. Erhaben der
Ruhm, erhabener die Liebe.
    Welch ein Traum, dies Leben! welch ein Traum, von dem die Aeonen
weiterträumen werden!
    Dem Sieger von Italien schwenkte man einst eine Siegesfahne entgegen, worauf
die Schlachten der Armee von Italien eingerjetzt. Am Ziel seiner Laufbahn aber
schwebte über seinem Haupte geisterhaft eine schwarze Trauerfahne - darauf
stunden sie eingegraben in blutigen Lettern, die Schlachten der Grossen Armee:
Marengo, Austerlitz, Jena, Friedland, Wagram, Borodino, Dresden - Leipzig, Laon,
Waterloo! Der Mensch ist Nichts, sein Schicksal Alles. Er war das Schicksal
selbst und hatte sich erfüllt.
    Er fiel, aber die Erde wurde sein Monument. Mit einem einzigen Sprunge
schwang er sich hoch auf des Sieges Donnerwagen und sein Triumph durchblitzte
die schwüle Erde.
    Welch ein Mensch! Die Sporen seiner Stiefel bohrte er der trägen Menschheit
in die Weichen, aus ihrem Schlamme peitschte er sie auf als Gottesgeisel, er
fuhr dahin auf seinem fahlen Renner wie der Todesengel der Apokalypse, er riss
die Schollen auf wie eine brennende Pflugschar für den Samen der Zukunft. Ja, er
hat dem Heros den Charlatan, dem Löwenherz den Falstaff, der Wahrheit die Lüge
gepaart; er war ein Gigant mit tönernen Füssen. Aber mit alledem hat er der Welt
gezeigt, was ein einzelner Mann vermag vermöge des höchsten Herrscherrechts, das
von Gott selber begnadet, kraft der Souverainität des Genies.
    Mag sein, er war ein falscher Messias und wurde an sich zum Judas. Aber sein
Schicksal wollte es so. Er folgte einfach dem eingeborenen Dämon seiner
Bestimmung, der ihn unaufhaltsam fortriss. Ein Grösserer denn er war über ihm -
wer sich von ihm gerufen fühlt, kann nicht widerstehen.
    Ja, er war der feurige Wetterstrahl, der die stickig dumpfe Atmosphäre des
morschen Europa von einem Ende zum andern durchzuckte, der durch den
Gewitterhimmel der Revolution leuchtete wie eines Racheengels Flammenschwert.
Der Orkan, mit dem er die Welt durchrüttelte, durchtobte ihn selber und
schleuderte ihn wie eine entfesselte Naturgewalt über zerstampfte Völkerleichen
hin. Millionen fluchten ihm, Millionen wurde sein Name ein Talisman der
Begeisterung. Man kann das Eine nicht loben, das Andere nicht tadeln. Denn er
war wie ein blindes taubes Naturgesetz, wie eine eiserne Notwendigkeit. Das
Splitterrichtern der neidischen Mittelmässigkeit, der zwerghafte Neid verklagt
ihn vor dem Richtstuhl der Geschichte. Aber er hatte der Welt in sich ein Ideal
gegeben, in der übermenschlichen Symbolik seines Schicksals - das gilt mehr wie
alle Ideologie. - - -
    Als ob der Zufall zu den Reflexionen Leonharts einen geheimen Zusammenhang
beanspruche, stiess dieser plötzlich nahe an der Potsdamer Brücke auf ein
seltsames Paar. Ein auffallend kleiner Mann, genau so gross wie Napoleon gewesen,
schritt heftig gesticulirend neben einem Riesen her, der demütig auf seine
Worte wie auf prophetische Weissagungen zu lauschen schien.
    »Sieh da, Doctor Paulus!«
    Der kleine Herr blieb stehn und erwiderte Leonharts cordialen Gruss mit einer
Verbindlichkeit, welche etwas Gezwungenes und Verlegenes nicht verleugnen
konnte. »Ah, entzückt Sie mal wieder zu sehn. Wollen eben in den Café Boulevard.
Kommen Sie mit? - Erlauben Sie, dass ich die Herrn bekannt mache - doch Sie
kennen ja wohl Herrn -«
    »Bertier? Gewiss.« Der Grosse verneigte sich, zustimmend, dass man sich kenne.
    »Bertier?! Hahaha!« lachte Doctor Paulus auf. »Nein, Beutin. Mein
ehrlicher Beutin als Generalstabschef - nicht übel.«
    »Verzeihen Sie, Herr Beutin, ich versprach mich Ideen-Assoziation! Weil Sie
so 'was Napoleonisches haben, lieber Doctor.«
    Doctor Paulus lachte kurz auf und schritt mit einem leichten imperatorischen
»Kommen Sie!« den beiden Anderen voran. Leonhart, der sich anschloss, »um einen
Schlummerpunsch zu geniessen,« beobachtete ihn heimlich. Paulus war sehr elegant
gekleidet, nach englischer Mode, einen breitkrämpigen Cylinder neuesten Londoner
Stils auf dem interessanten Haupt. Obschon weit unter Mittelgrösse von Statur,
schien er nervig und muskulös. In seinen klar und scharf geformten Zügen lag
etwas unverkennbar Füchsisches. Doch erinnerte er noch mehr an einen
scharfspürenden behenden Jagdhund. In seinem Wesen trat eine hastige nervöse
Unruhe hervor, als ob er stetig auf einen Fang laure. Seine breite, aber glatte
niedrige Stirn, sein stechendes Auge, seine scharfe schnarrende Stimme konnten
für den geübten Physigonomiker wenig Vertrauen erwecken. Ein Solcher hätte auf
den ersten Blick in diesem »verdammt schneidigen Kerl« einen ausgezeichnet
praktischen Kopf, jedoch ohne höhere geistige Veranlagung, erkannt. In seinen
kräftig brutalen Kinnladen, seinem massiven Kinn verriet sich eine eiserne
Energie.
    Als Leonhart die Bekanntschaft des Doctor Paulus machte, führte dieser eine
ziemlich dunkle Existenz als eine höhere Art von Abenteurer. Er hatte als Doktor
promovirt mit einer Disputation über die Schelling'sche Philosophie, die zwar
nichts Positives beibrachte, sich aber durch ätzende Kritik und schneidende
Logik hervortat. Seiter trieb er sich in Berlin umher, ohne dass Jemand wusste,
wovon er lebe. Er erzählte stets merkwürdige Geschichten aus seiner Londoner
Vergangenheit, wie er als man of fashion drei Jahre lang sein ererbtes Vermögen
aufgezehrt habe. Englisches Halbblut mütterlicherseits, behauptete er sogar eine
hypotetische Verwandtschaft mit einem bekannten britischen Staatsmann. Von
seiner Londoner Aera wollte er auch die Vorliebe für Brandy mitgebracht haben. »
Let's have a drink!« bedeutete bei ihm, wie sich Leonhart erinnerte, das
Hinunterstürzen etlicher Gläser Cognac. Auch im Biere leistete er Grosses.
Leonhart lernte ihn zuerst kennen, als der rührige Streber eine Zeitung gründen
wollte. Diese Idee schien jedoch mehr als Lockvögelei berechnet und zerann
spurlos im Sande. Im »Feudalen Klub« trat er als ständiger Gast mit stolzer
Sicherheit auf. Einmal klagte er Leonhart gegenüber voll Entrüstung, dass der
Klub-Vorsitzende Graf Bärme, der sogenannte Mephisto mit der schwarzen
Ledermappe (in welcher alle Collekten-Geheimnisse der Konservativen Partei
schlummerten), ihn erst später, nachdem er mit einem fremden Herrn eine
Viertelstunde am Tisch gesessen, näselnd vorgestellt: »Da es nun ja doch nicht
mehr zu umgehen ist: - Sr. Excellenz Minister von X. - Doctor Paulus.« Noch
mancher andren Ueberhebung hatte Graf Bärme (der hochwohllöbliche Ordensjäger
und Kammerherr, der sich vom einfachen »von« zum »Baron« und nachher zum
»Grafen« emporschwang und die unerwartete Millionen-Erbschaft eines Onkels durch
tausenderlei Geldgeschäfte und schmutzigen Geiz noch vermehrte) sich gegen den
kleinen Paulus schuldig gemacht. Das kerbte dieser ihm gründlich an, und sobald
er ein grosser Mann geworden, musste Bärme dafür büssen.
    Ein grosser Mann - ja, das wurde er bald genug.
    Leonhart gehörte zu den Wenigen, die es voraussahn. Sein tiefer
psychologischer Scharfblick sagte ihm, dass aus dieser kleinen Schlange sich ein
geflügelter Drache entpuppen werde. Er erkannte eine moderne
Conquistadoren-Natur und sprach es Anderen gegenüber aus, die ihn darob
belächelten. Doch die Ereignisse sollten ihm überraschend Recht geben. Paulus
warf sich in die Colonialbewegung und klomm hier binnen kürzester Frist zu den
höchsten Höhen des Erfolges empor. Meisterhaft verstand er es, seine Freunde
auszunützen und ihnen dann einen Tritt zu versetzen. Intrigant vom Scheitel bis
zur Sohle, liebte er die Taktik, alle Leute gegen einander zu hetzen und als
beliebige Werte auszuspielen. Vortrefflich berechnet wirkte auch sein Verhalten
gegen seinen früheren herablassenden Gönner Graf Bärme. Er warf nämlich durch
einen Staatsstreich diesen alten Herrn spornstreichs aus dem Vorstand der
»Teutonischen Monopol-Colonial-Actiengesellschaft« hinaus, in den sich Bärme wie
gewöhnlich hineingeschmuggelt hatte: Das kindliche Vergnügen, seinen Namen als
Comité bei allen unpassenden Gelegenheiten gedruckt zu lesen, schien ihm gar zu
süss! Sobald nun Paulus seiner kleinlichen Nachsucht Genüge getan, hob er den
Zerknirschten sammt seiner schwarzen Ledermappe huldvoll wieder auf und bugsirte
ihn aufs neue an hervorragender Stelle in den Vorstand. Der gräfliche Mephisto
fühlte sich überwunden. Feig und demütig dem Stärkeren gegenüber, wie alle
brutalen Naturen, kroch er jetzt den grossen Mann bereitwillig an und wurde sein
ergebenster Sclave. Paulus brauchte einen gräflichen Namen bei seiner
Actien-Unternehmung und Bärme, den er aus diesem Grunde auf allen
Geschäftsreisen als Adjutanten mit sich als Bärenführer herumschleppte, sonnte
sich gern in der Ruhmessonne, die den schneidigen Colonial-Pfadfinder
umstrahlte. Dieser erlaubte ihm sogar, einzelne Catilinarier auf
Gesellschafts-Unkosten in weissen Stoffen, als Colonialreisende auszurüsten,
damit Bärme in allen Strassen das Naturwunder ausschreien konnte (auch Leonhart
genoss von ihm diese wertvolle Mitteilung): Er, Bärme, rüste auf seine Kosten
Reisende aus. - -
    »Ich erlaube mir ...« hob der Gewaltige an, indem er sein Cognac-Gläschen
grüssend gegen Leonhart schwenkte, sobald sie sich auf einem Sammetsopha des Café
Boulevard niedergelassen. »Haben uns ja so lange nicht gesehn.«
    »Sie sind mittlerweile ein grosser Mann geworden. Dachte mir's immer. Aber
eine so glänzende Carriere wie Ihre ist mir doch wirklich in meiner Praxis noch
nicht vorgekommen.«
    Paulus lachte kurz auf, als ob er das Gesagte für überflüssig halte. Schien
ihm seine Carrière jetzt doch ganz selbstverständlich. »Und Sie, lieber Herr
Leonhart? Haben indes viel publizirt, nicht? Ach, wer kommt heut zum Lesen!«
    »Das hat man schon zu Adams Zeiten gesagt, um sich zu entschuldigen!« warf
jener bitter ein.
    »Ja, mag sein. Doch wirklich, das ist heut ein trauriger Beruf. Ich bitt'
Sie, kann man denn davon leben like a gentleman? - Wissen Sie was, Sie sollten
doch mal Ihre schneidige Stahlfeder in den Dienst unsrer patriotischen Sache
stellen. Wollen Sie? Ich lade Sie hiermit feierlich ein, als Gast der
Teutonischen Monopol-Kolonial-Actiengesellschaft«, er sättigte sich mit Behagen
an dem volltönenden Titel, »bei uns in Afrika zu verweilen. Wir stellen Ihnen
grosse Blätter zur Verfügung für Berichte. Allerdings, haha,« er zwinkerte
verständnissvoll mit den Augen, »würde man von Ihrer wohlbekannten
Unparteilichkeit erwarten, dass Sie gerecht, aber wohlwollend über unsere
Verhältnisse urteilen. Natürlich unparteilich, unparteilich! Nun, was sagen
Sie dazu?«
    »Das liesse sich hören,« meinte Leonhart sinnend. Er hätte gern einmal dem
ganzen Europa-Krempel Valet gesagt.
    »Gut. Basta. Herr Beutin!« Der hochgewachsene Generalsekretär der
»Teutonischen Monopol-Colonial-Aktiengesellschaft« fuhr auf den herrischen Wink
des kleinen Mannes zusammen, murmelte wie unbewusst »Zu Befehl« und riss eine
gelbe Brieftasche heraus. »Notiren Sie! Herr Doctor Leonhart wird für uns
wirken. - Ach und wie hochpoetisch!« fuhr er fort. »Diese Gebirgsscenerieen,
diese Meeresufer! Sie werden dort Stoff in Fülle finden. Schreiben Sie uns ein
Colonial-Epos!«
    »Nicht übel!« lachte der Dichter. »Die neuen Conquistadoren, eine Heldenmär
in zwölf Gesängen. Da soll ich wohl mit Ihrer Expedition ins Innere beginnen,
wie?« Der boshafte Klang dieser Frage entging dem Gewaltigen. Leonhart wusste
nämlich, dass er gar nicht an Land gekommen und fieberkrank an Bord geblieben
war, als man an der Küste in seinem Namen drauflosannektirte und »entdeckte«.
Später aber, als er sich wirklich einer Expedition angeschlossen und angeblich
Verträge mit Sultanen beschworen hatte, war er frühzeitig umgekehrt, weil den
Strapazen nicht gewachsen. Seine Gefährten wollten sogar einen Mangel an
persönlichem Mute bei ihm bedauert haben.
    Arglos schwadronirte Paulus jedoch drauf los und schloss sein Jagdlatein
nochmals mit der grossartigen Aufforderung: »Ein für allemal, sind Sie hiermit
eingeladen. Beutin!« Der maschinenhafte Bertier notirte gehorsam. »Tragen Sie
in Ihr Merkbüchlein ein: Herr Friedrich Leonhart ist permanenter Ehrengast der
Teutonischen Monopol-Colonial-Actiengesellschaft. Die Reise dortin kostet nur
1300 Mark; noch neulich sandten wir auf unsere Kosten einen jungen Maler, um
Skizzen zu entwerfen.«
    »Zu Reklame-Zwecken?«
    »Gewiss. Ich bin immer offen, wie Sie wissen. Sobald Sie erst bei uns in
Uhahuba sind, steht Ihnen Alles zur Verfügung, Betrachten Sie sich dort wie zu
Hause, mein teurer Herr Leonhart.« (Das mochte nun freilich seine Schwierigkeit
haben, da überhaupt noch kein Haus in Uhahuba stand, wie Paulus am besten wusste.
Das nächste Blockhaus in der Nähe eines panterreichen Dschungels empfahl sich
auch recht freundlich als Sommeraufentalt.) »Haben Sie die Sache zur genauen
Kenntnis genommen, Herr Beutin?« schnarrte er im Commandotou.
    »Zu Befehl, Herr Doctor,« murmelte sein dienstbeflissener Bertier. Der
Gestrenge, lächelte holdselig und schwenkte ein neues Cognacgläschen: »Ich
erlaube mir ... auf Ihr Spezielles! Sagen Sie, neulich hat ja unser Freund
Doctor Wurmb über Ihr neues Werk eine begeisterte Besprechung losgelassen.
(Studire übrigens grade das Werk; kaufte es natürlich. Das ziemt sich. Nein,
keinen Dank! Die Bücher seiner Freunde kauft man.) Freute mich recht, weil es
sich um Sie handelte. War aber sonst ... hm ... nicht besonders geistreich
geschrieben, wie?« Da Leonhart nicht mit der Sprache herauswollte, fuhr er eilig
fort: »Nun, jedenfalls war es verdienstlich, dass er für einen Mann wie Sie in
die Schranken trat. Ach ja, in all meinen praktischen Beschäftigungen beneide
ich Sie um Ihre ideale Tätigkeit. Sie wissen, ich studirte früher exacte
Philosophie. Noch heute brüte ich in meinen Mussestunden über die Skala der Lust-
und Unlust-Empfindungen.«
    »Welche sich gegenseitig aufheben.«
    »Ach nein, doch wohl nicht!« Paulus stiess einen elegischen Seufzer aus. »Die
Unlust-Empfindungen überwiegen durchaus.«
    »Dass ich nicht wüsste! Die Unlust wird selbst zur Lust, als Betätigung des
Willens zum Leben, worin Lust und Unlust gleichwertig. Man muss nur die Wonne
des Leids in sich ausbilden.«
    »Sie habe ich natürlich bei meinem allgemeinen Urteil nicht im Auge
gehabt,« versetzte der Gestrenge, sich leicht verbeugend. »Schopenhauer sagt,
die Genies seien stets abnorm. Sie als abnorme Natur darf ich nicht in den Kreis
meiner Betrachtung ziehen.«
    Leonhart stutzte zuerst, dann wollte er sich innerlich vor Lachen auf dem
Fussboden rollen. Offenbar ging der praktische Cyniker von dem richtigen
Grundsatz aus, dass jeder Mensch eine unglaubliche Menge Schmeichelei vertragen
könne; ahnte aber bei seiner Menschenverachtung nicht, dass es auch
Menschenkenner geben könne, die ihn selbst durchschauten. Doch seltsam! Während
er ironisch lächelte, fühlte sich der junge Dichter dennoch angenehm von dieser
geschickt applizirten Flatterduse gekitzelt.
    »Bei mir,« versicherte der grosse Colonialpriester mit düsterem Stirnrunzeln
und weltschmerzlichem Stimmfall, »überwiegen die Unlust-Empfindungen stets -
soviel weiss ich. Kellner, einen Eierpunsch!«
    Ei, dachte Leonhart, nachdem er aller Welt durch seine rücksichtslose
Streberei Unlust-Empfindungen bereitet, sitzt er hier dick und fett am Biertisch
und philosophirt über die Unlust! - Paulus schien jedoch wirklich von
sentimentaler Aufwallung übermannt.
    »Ach, mein Freund, schon allein ... Die Weiber!« Und nun fing er an,
englisch - Leonhart, der sehr gut Englisch sprach, begünstigte diese Affektation
- von seinen Liebesgeschichten erzählen. Man musste denken, dass hier
Erstaunliches vorlag, wenn man ihm Glauben schenkte. Verlobte Mädchen aus guter
Familie besuchten ihn in einer Wohnung und verrieten seinetwegen ihre Bräugams,
Aerzte oder Assessoren - zur beliebigen Auswahl.
    »Jaja«, Leonhart wiegte nachdenklich den Kopf. »Der Geist übt eben
dämonische Anziehungskraft auf die Frauen aus.«
    »Hm, ja, aber eben nur der praktische Geist,« schnarrte Paulus rasch, als ob
er einen Eingriff in seine Privatrechte zurückweise. »Die Energie - das
imponirt. Das Weib verachtet den unpraktischen Idealismus. Tata, das Dichten und
Denken! Die Energie - das ist die Hauptsache.«
    »Energie! Glauben Sie etwa, dass nicht die höchste Energie erforderlich ist,
wie Goete ein Leben lang die Idee des Weltwerkes Faust mit sich herumzutragen
und unablässig daran mitzureifen? Offen gestanden, wär' ich ein Genie, wie Sie
sagen - kraft der inneren Unteilbarkeit des Genies, das ja Alles kann, was es
anpackt möcht' ich mich dann wohl verpflichten, unfähigen Gegnern gegenüber die
Campagne Bonapartes von 1796 zu leisten - aber den Faust zu schreiben möchte
wohl über meine Kräfte gehen.«
    »Ah! Na! Darüber lässt sich streiten.« Paulus sprang rasch von dieser Frage
ab, die ja seine Eitelkeit kaum interessiren konnte, und fing statt dessen an,
eine schreckliche Mordsgeschichte zu berichten. Er teilte Leonhart im Vertrauen
mit, dass er heut früh ein Duell gehabt habe. Er sei mit einer Dame, einer
schönen Dame, in einem Café gewesen. Da habe ein Dandy am Nebentisch anzügliche
Bemerkungen über ihn und die Dame verlautbart. Er gleich hin - schneidig
Rechenschaft verlangt - verweigert - Forderung - sofort am andern Morgen im
Grunewald. »Und da hab ich ihm nun heut Morgen eine Kugel ins Bein geschossen!«
schnarrte er, indem er zugleich eine unnachahmliche Miene des Bedauerns und
gekränkter Würde annahm.
    Leonhart starrte ihn sprachlos an. Glaubte der kleine Mann denn wirklich,
dass solche Fabeln, die in sich als unmöglich zerfielen, Anklang finden konnten?
Eigentlich lag doch eine beleidigende Geringschätzung für Den darin, dem er
solche wilde Märe auftischte. Als sein Blick zugleich auf den Chef des
Colonial-Generalstabs fiel, der mit gehorsamem Maschinengesicht die englische
Conversation, von welcher er kein Wort verstand, über sich ergehen liess, -
ergriff den Dichter ein solcher Ekel, dass er sich plötzlich empfahl. Der grosse
Mann biederte ihn beim Abschied verbindlich an, brach aber seinem Seïden
gegenüber los: »Ist das ein widerwärtiger Mensch! Ich machte noch gestern dem
Wurmb Vorstellungen, wie er den Menschen so überschätzen könne. Sein neues Buch
-«
    »Herr Doctor haben es gekauft?«
    »Ich? Gott soll mich bewahren!«
    »Aber Sie äusserten doch vorhin ...«
    »Gewöhnen Sie sich dies doch endlich ab, Beutin,« schnarrte der kleine Mann
in seinem vernichtendsten Nasalton, »Sie missverstehen mich immer. Nicht mit
Augen gesehn hab' ich das dumme Buch. Dies Gedichteln überhaupt! Als ob wir
nicht schon an den ollen Klassikern übergenug hätten! - Uebrigens, denken Sie an
meine Worte, der Mensch wird noch im Irrenhause enden. Will die Campagne von
1796 auch machen - ein Mensch, der nicht mal Militär ist. Haarsträubend! Der
pure Grössenwahn! - Was, wie, sind Sie nicht auch meiner Ansicht, Sie?«
    »Zu Befehl, Herr Doctor,« stammelte der hochgewachsene Chef des Generalstabs
mit der gelben Notiztafel, unter dem Blick seines Empereurs erzitternd in seines
Nichts durchbohrendem Gefühl. Dieser aber fing in kreuzfideler Stimmung zu
trällern an: »Mutter, der Mann mit dem Coaks ist da!«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Was für ein Mensch, dieser kleine Duodez-Napoleon! dachte Leonhart, indem er
sich zu Haus entkleidete. Aber was für ein Beweis, wozu man es bringen kann mit
Glück und strebernder Energie! Waren Napoleons Anfänge denn anders? War er
minder verlogen und grundsatzlos? Ist dies nun Grösse?
    Und da der Dichter also sann, umspann sein Hirn ein wundersamer Traum.
Gewaltig sah er an sich vorüberwallen - wie Banquo's Königsschatten, im Hermelin
vermummt - die Schatten der vergangenen Taten, die man als »Grösse« pries. Doch
was ist Grösse?
    Ihm war, als sehe er ihn vor sich, den Korsen. Bleichfarbig, hager wie dem
Grab entstiegen, von Wuchs weit unter dem gewohnten Mass, von straffem Haar das
Haupt umwallt, aus dem ein schicksalmächtiger Blick, dolchscharf wie blauer
Stahl, dämonisch blitzt. Er ist allein und hungert. Jener Name, der einst die
Himmelswölbung erschüttern wird, blieb im Sturm der Zeit noch ohne Echo. Die
bunte Menge rennt an Ihm vorüber, auf den einst die Aeonen schauen werden, nur
verächtlich musternd die Knechtsgestalt des unbekannten Gottes.
    Und dennoch ist er ja glücklich, in dem Bewusstsein innerer Allmacht gross,
der kleine Bonaparte! Gross war er ja als Knabe schon, da er dem Windeswehn und
Meeresrauschen der Heimatinsel lauschte - er, aller Träumer Grösster,
Shakespeare der Tat, dem all sein Leben zu einer Schicksalsdichtung ward.
    Horch, wie Posaunen schmettert's durch die Lüfte! Der Aar der Weltgeschichte
rauscht herab, empor aus ruhmvoller Verborgenheit reisst es den grossen
Unbekannten, Diogenes aus seiner Bettlertonne, empor zum Sonnenfluge Alexanders.
Die Brücke Lodi's und die Brücke von Arkole zimmert er zusammen zu einer
riesigen Xerxesbrücke auf der er weiter nun und weiter stürmt zum Orient-Ufer
Alexandrias, wo sich sein Ahn, der Welteroberer, ihm ähnlich an Jugend und
Gestalt, ein ewiges Mal gesetzt.
    Marengo! jauchzt die Erde siegestoll, und dann ununterbrochen, allbetäubend,
gellt der Legionen Tuba: Heil dem Cäsar! Austerlitz, Jena, Wagram, Borodino!
    Ja, das ist Grösse - ist dies das Glück?
    Horch, welch neuer grauenvoller Ton! Ein Trauermarsch von Millionen
Trommeln, gerührt von florumwundenen Schlägeln auf eisumstarrter Steppe,
geleitet nun zu Grab den Kaiseraar, den mit zerfetzter Trikolorenschwinge von
seiner Sonnenhöhe dasselbe Schicksal bleiern niederwuchtet, das ihm zum Flug die
Schwingen straffte. Das ist der Trauermarsch, der einst Beetovens Sehergeist
entquoll, als ihm der allbewältigende Anblick des neugebornen corsischen Messias
die »Symphonie Heroika« entpresste. Doch da sich Jener als Judas am Ideale freier
Menschlichkeit entschleierte, auf dem allein die wahre Grösse wurzelt, verbannte
er den Namen Bonaparte aus seiner Götter Tempel. Ob auch die Welt, die schnöd
erbärmliche, die Sclavenheerde, die der Tag regiert, die früher dich mit Füssen
trat, nun feige dir die Füsse leckt und dich als »gross« anstaunt, du eherner
Koloss - hohl bist du innen doch wie tönend Erz, du hast die Liebe nicht, die
Liebe nicht, die Liebe nicht zum ewig Liebenswerten - du bist verworfen von
Schiller und Beetoven! Abtrünniger, du bist nicht gross.
    Er ist nicht gross? Blickt her, ihr grossen Seher, aufs ferne menschenöde
Eiland, wo Prometeus einsam festgeschmiedet am Fels im Meer! Was wogt durch
diese Seele wohl, bis sie gesänftigt, wie nach dem Sturm der wrackbesäte Ocean!
Dies stolze unruhvolle Herz, dies Meer, in das Vulkane sich gebettet, sänftigt
sich nun und dehnt sich weltenweit und ruhig wird's in ihm. Aus dem Giganten,
der den Ossa auf den Pelion getürmt, wird nun ein Gott, ein ruhig stolzer Gott,
der im Bewusstsein seiner Ewigkeit mit unsterblich hehrem Leiden auf das
Vergängliche herniederschaut.
    Jetzt bist du gross! Wie einst der arme Unbekannte gross - jetzt, jeder Macht
entkleidet, allein dem Schöpfer gegenüberstehend, allein in deiner Blösse,
Mensch! Kleiner war der Kaiser, als einst der arme Lieutenant. Da er auf Trone
als Schemel sich stützte, als Molochgötze der Gloire, war er kleiner als jetzt,
wo er einsam an dem Grabstein seiner Grösse lehnte, wieder allein mit den Träumen
seiner Jugend, allein mit seinem Genie. Abgefallen sind Purpurtoga und goldner
Lorbeerkranz und ellenhoher Koturn, die Rolle Cäsars ist ausgespielt. Alles
Andre war nur ein Fiebertraum im Scheintraum dieses Lügenlebens. Marengo,
Austerlitz - das sind nur Namen, gelallt vom Weltgeist im Delirium - Kaisertum,
Weltreich und Gloire, das Gift von Fontainebleau und Elbas Schmach, der Flug gen
Notredame, der Donnerschlag von Waterloo - alles nur Schatten, die der Wahn
erzeugte, Leiden und Freuden eines Fiebertraums.
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    Und auch aus diesem Traum fuhr der junge Dichter empor, dem Traum der
Wahrheit. Verstand er die Wahrheit, die ihm aus dem Abgrund des Unbewussten
mächtig entgegenquoll? Verstand er, dass Alles Irdische nichtig sei, keines
Lächelns wert und keiner Träne? Dass nur Eines wahr und echt bleibt im
kreisenden Wechsel der Dinge: Das grosse Ich, die kleine Welt umfassend?
    O hüte, hüte dich, junger Gott! so hörte er entschlummernd eine unsichtbare
Stimme. Reisse dir nicht das Ewige aus wundem Herzen! Lass den Fittich deiner
Seele nicht hinschleifen im Staube, nicht frech emporkriechen an deines Geistes
Postament das niedere Gewürm! Sei gross! Selbst im Orkan bewahre die kalte Wonne
innerer Ruhe, wie Alpen ihren Schnee! Schüttle den eitlen Grössenwahn ab, der die
wahre Grösse vergiftet! Sei gross!
    Mit einem Lächeln entschlummerte der Träumer. Wie des Mondes goldiges
Strahlenöl die Gewässer sänftigt, so gossen diese Gedanken Frieden in sein
dunkles Sein. Noch im Schlaf trugen seine Züge den Ausdruck stolzer
Unbeugsamkeit. Ein grosser Mann oder ein grosser Narr zu werden - beides war in
seine Hand gelegt.
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    Roter fuhr hinein in den reinen kaltklaren Wintermorgen mit verkümmertem
welken Herzen. Dem Ideale innerlichst geweiht, verdammte ihn ein Dämon, nach
Sinnlichem zu schmachten. Am Abgrund taumelnd, verlor er sich selber und
schleppte, gemein nun mit Gemeinem, die innere Kette seines Wahnsinns mit, wie
der Galeerensclave seine Fessel. Genuss! Drängt nicht nach Genuss jedes Wesen? Und
nur dem Idealisten - ach, nur ihm soll der Schmerz als Genuss genügen. Wer aller
Gabea zum Genusse bar, dem blüht nur noch ein Islandmoos am Kraterrande:
Entsagung.
    War er denn schuldig? Hatte eigene Schuld ihn verstrickt in lächerlichen
Wahn? Nein, das Schicksal einzig hatte es so gefügt, das tief in ihn gepflanzt
den Keim der Leidenschaft, die selbstvernichtend zugleich vernichtet, was sie
wild erstrebt.
    Höre den Winterwind, wie er brausend hinheult über die öden Felder! Aus dem
Schnee heben sich die dunkeln Sträucher, wie Kuchenbrocken aus einer Schicht von
Sahne und Zucker. Fern ist noch die lenzliche Stunde, wo diese kahlen Aeste sich
mit hellgrünen Knospenspitzen besetzen werden, freundlich angelacht von der
warmbestrahlenden Mittagssonne. In diese brachen Flächen, noch des Winters ganze
frostige Starre atmend, werden sich kleine Inseln greller Grasstriche
einsprengen. Ob auch droben in den Wipfeln noch Alles todt und kahl, drunten
schiesst das Gras in üppiger Fülle empor. Immer höher züngeln und klettern die
Keimtriebe des Frühlings hinan, bis sie auf den Kronen der Wälder ihr grünes
Laubpanier ausstecken und siegesfroh schwenken über die junge Welt. Die
Sonnengluten werden goldig glitzern, als wolle die Natur Hochzeitfackeln
entzünden, und alle Vögel werden jubiliren, wenn der grosse Naturmaler die
Palette anlegt und beginnt, die Natur zu untermalen.
    Ja, das Alles wird sein. Aber noch ist er nicht da, der Frühling, noch
herrscht der Winter. Der Wind heult ein Sterbelied der Vergänglichkeit in tollem
Vernichtungsdrang, wo er durch ächzende Wälder psalmirt. Und im Winde vernahm
Roter ein Sterberöcheln, das ihn durchschauerte wie das seiner eigenen Seele,
die Selbstmord an sich beging. Ihm war, als müsste er aufschreien nach oben: O
Geist der Schönheit, verlass mich nicht! Wie flammte einst sein Herz zum Reinen
empor, wie schaute er tief ins Herz des Alls! Und nun - ein Federball
erbärmlicher Triebe. Das Weib, die Quelle der bösen Lust, des Satans
Stellvertreterin, hatte ihn fortgedrängt vom Lichte, der Hölle zu. Wie Herodias
mit des Täufers blutigem Haupt, tanzte der Liebesdämon um ihn her mit seinem
blutenden zuckenden Herzen, dem lebendigen Leibe entrissen.
    Das Weib? War das Weib so schuldig? Hatte er sich nicht selbst entmannt?
Wahnsinniger, Unglückseliger! Dein Grössenwahn ist's, der sich aufbäumt gegen
dein winziges Leid eines versagten Genusses? Wie Otello nährst du deine
Eifersucht mit deinem beleidigten Hochmut und möchtest schäumen wie er: »Mit
meinem Lieutenant!« Was für Tugenden besitzest du denn, eitler Wurm, die dir ein
Recht geben, mit Deinem Schicksal zu hadern? Lass die vergnügten Motten an der
ewigen Lampe des Daseins zirpend verbrennen - du aber lerne begreifen, dass die
Schläge des Schicksals den Symplegaden gleichen, den schwimmenden Felsen, von
denen die Griechen fabeln: Mechanisch, von Zeit zu Zeit, klappen sie zusammen
und zermalmen das Schiff, das zwischen ihnen hindurch will. Einzelvölker und
Einzelleben - zermalmt, je wie es die Umstände des Zufalls wollen! Lass dein
Klagen, lass dein Fragen, was du dem Schicksal getan! Der Weltgeist, der das All
durchflutet und glorreich durch die Pulse jedes Helden strömt, hat Besseres zu
tun, als sich um deine moralische Schwindsucht zu kümmern. Ueberwinde dich,
unterwirf dich, und wenn du dich selber züchtigst durch deinen Grössenwahn, so
verstehe Ihn und danke Ihm!
 
                                 Zweiter Band.
  Eternity! Demand no direr name,
 Descend and follow me down the abyss!
                                                                        Shellei.
 
                                 Fünftes Buch.
                                       I.
Roter hatte sich soeben per Boot an Bord der »Libra«, eines englischen
Steamers, via London, verfügt, der auf der Rhede in St. Pauli lag. Von dem
schmutzigen Werft her scholl wüster Lärm. Tonnen rollten ins Wasser, Kisten
wurden mit eisernem Krahn aufs Verdeck gehoben, Späne flogen umher. Ueber die
Kajütentreppe rieselte Seifenwasser. Besen, Eimer, Bürsten und Wischer und
Pumpen arbeiteten an allen Luken und Bänken umher. Der Steward roch nach
Zwiebeln, die Stewardess nach Spirituosen und die Bootsleute nach Teer.
    Hamburg! Die uralte Kultur, die von seinem Münster herunternickt, verbindet
sich mit der neumodischen Eleganz seiner Bazar-Colonaden zu einem anregenden
Bilde. Die Brücken - Kandelaber vergülden mit ihren Lichtern die Silberfurchen
der rastlosen Schraubendampfer, welche das träge Alster-Bassin und die Elbe
durchsägen. Der unentwirrbare Mastenwald mit den Flaggen aller Zonen am Quai
ersetzt die Militärkasernen der Kaiserstadt: Hamburg, der drittgrösste Handelsort
Europas, repräsentirt die deutsche Seemacht und sein hanseatisches Wappen
erzwang sich Achtung, ehe die rotschwarzweisse Fahne des Deutschen Reichs nach
China und Australien wehte.
    In der Nacht vor Abfahrt, ehe die Anker gelichtet wurden, genoss Roter eine
hübsche Ueberraschung. Man riss ihn aus dem Schlaf und zwei übelaussehende
Individuen brüllten ihn um »Pass und Legitimationspapiere« an. Da Roter bei der
Schnelligkeit seiner Abreise an so etwas nicht hatte denken können, wäre er
beinah dingfest gemacht worden. »Was, kein Militärpass? Keine Heimatspapiere?«
Vergeblich entschuldigte er sich, dass er das vergessen habe und nur eine kurze
Sprjetztour nach dem perfiden Albion machen wolle.
    »Ach, Sie wollen wohl lieber gleich nach Amerika?« Zum Glück fanden sich in
Roters Notizbuch Visitenkarten und Briefe, die seine Identität feststellten,
und sein verduseltes Wesen sowie die Constatirung seines Malerberufes beruhigte
die Geheimpolizisten über seine völlige Ungefährlichkeit. »A toughtless fellow«
lachten sie draussen dem Steward zu.
    Die an Bord befindlichen Engländer betrachteten den Vorgang mit vergnügtem
Blick: Ein freier Insulaner braucht nirgendwohin einen Pass. »Süss ist's, vom
sichern Hafen« singt schon Lukrez. Roter aber fluchte in sich hinein und
dachte: Jahr für Jahr wandern Hunderttausende nach Amerika, um sich der Tyrannei
der dreijährigen Wehrpflicht zu entziehen. Erst wenn man am eigenen Fleisch den
beengenden Druck unseres Polizei- und Militärstaates erfahren, begreift man so
manche »unpatriotische Gesinnung.« Unglückliches Europa!
    Als Roter die Temse hinaufglitt und am Quai (Pier) vorm Greenwich Hospital
die lustwandelnden Invaliden der englischen Marine mit den Mützen grüssen sah,
beschlich ihn der Gedanke, dass er selbst ein Invalide des Lebens sei, kaum ehe
er den Lebenskampf begonnen. Die Manie des Versemachens, an welcher er seit dem
Prozess Gräf, angesteckt durch die schmachtende Lyrik jenes betagten Künstlers,
noch gefährlicher kränkelte, befiel ihn plötzlich und der Anfall ging erst
vorüber, nachdem er folgendes Verslein in sein Notizbuch gekritzelt:
Ich lebe von der Hand zum Mund,
Zum Munde der Pistole -
Ich seufze täglich, ob mich denn
Noch nicht der Teufel hole.
So friste ich mir langsam hin
Ein seelensieches Dasein -
Wird denn die wahre Behaglichkeit,
Der Tod, nicht endlich nah sein?
O träge Temse, wie so träg
Der Mittag auf dir brütet!
Das Schlösschen hier das Hospital
Und dies den Pier behütet.
Behüten muss ja dieser Pier
Die invaliden Matrosen.
Doch wer behütet mich denn hier,
Den Schwachen, Heimatlosen?
    Der neuangekommene Fremdling stand plötzlich, die Stufen zum Tageslicht
emporsteigend, auf der Station der unterirdischen Eisenbahn am Euston Square,
einem Knotenpunkt des Metropolitan Traphic. Wie er so an dem Torpfeiler der
Station lehnte, die Reisetasche schwerfällig herunterhängend und mit blöden
Augen das Gewühl des Marktes anstaunend, machte er in der Tat eine jämmerliche
Figur. Er glich einem Kind, das zum ersten Mal in die Schule gebracht, den
Daumen verlegen im Mund, vor dem Herrn Lehrer steht. Oder einem Hülfsvikar, der,
in eine fashionable Gesellschaft versetzt, mit unbehülflichen Kratzfüssen die
Bäuche der rückwärts Stehenden bedroht. Oder einem Zaghaften der am Schwimmseil
zappelt - kurz, er fühlte sich so wenig gemütlich, dass Vorübereilende ihn
angrinsten. Ein freundlicher feinaussehender Herr fragte ihn zwar sehr höflich
und zutraulich, wohin er wolle, was ihn fehle, ob er ihm, als einem Fremden
behülflich sein solle - aber Roter war doch nicht grün genug, um das deutliche
»Hem, Hem!« und Augenwinken eines zufällig in der Nähe befindlichen Herrn und
das noch deutlichere »Take care, Sir!« eines Zweiten misszuverstehen - so machte
er sich sehr brüsque von dem liebenswürdigen Fremdenführer los und steuerte aufs
Gradewohl in den Strudel hinein.
    Euston Road mit seiner Fortsetzung Marylebone, der Hauptavenue zum Regents
Park, bildet eine Zweigader von Tottenham Court Road, dieser Pulsader des
Krämerverkehrs oder, derber ausgedrückt, diesem Rinnstein des hauptstädtischen
Schmutzes. Die beiden durch ihre üblen Ausdünstungen berüchtigten Stationen
Euston- und Gowerstreet Station verpesten von zwei Seiten her die Atmosphäre,
die Tramways und drei Omnibuslinien kreuzen sich und eine schmutzige aufgeregte
Menschenmasse wälzt sich von hier nach Pentonville und City Road hinauf. Rechts
schleppte ein Fleischerknecht einen über und über mit Blut bespritzen Bengel am
Kragen über die Strasse, den er beim Diebstahl dingfest gemacht (d.h. halb
todtgeschlagen) hatte. Links schrie ein Antiquar nach dem Policeman, weil ein
Bücherfreund mit geschicktem Griff einen »Roderick Random« von den ausgelegten
Büchern entwendete. Leider war der Policeman eben beschäftigt, einen aufgeregten
Japanesen zu beschwichtigen, dem ein frecher »Austernjunge« anzügliche
Bemerkungen über seinen Zopf nachgekichert hatte.
    Roter passirte Gowerstreet und sah eine Menge Neger in weissen Halsbinden
nach University College hinaufeilen und auf der andern Seite mehrere Sieche nach
University Hospital hinaufbefördern. Die respektable Stille der grossen Boarding
House-Strasse beruhigte ihn etwas, bis er, von dem unerträglichen Geruch von
Bloomsbury Street begrüsst, Oxford Street in seiner vollen Glorie vor sich liegen
sah. Er hätte die Strasse passiren müssen - aber das gegenüberliegende Labyrint
der ehemaligen Rookery St. Giles erfüllte ihn mit ahnungsvollem Schauder. So
trieb er denn willenlos mit dem Strom High Holborn hinunter, aus dem Gebiet der
Modeläden in das Revier der grossen »Ausverkäufer«. Auf Holborn Viadukt
angelangt, hatte er schon zwanzig Püffe davongetragen, weil er sich nicht daran
gewöhnen konnte, im Zuge auf der rechten Seite zu marschiren. Das nachdrückliche
»On the right hand, Sir!« war einmal von einem so grimmigen »God damn your eies!
« begleitet, dass Roter nur zu wohl bemerkte, er befinde sich keineswegs in
einer altenglischen Puritanerstadt, wo Schwören als Gipfel der Sünde gilt.
    Schwindelnd lehnte er sich an das Brückengeländer und starrte von oben in
den belebten Farrington Road hinab, der rechts unten in Blakfriars Bridge
mündet. Dort die Temse mit hundert Booten und Dampfern, das Menschengewimmel
auf Brücken und Strassen - und über alle Dächer hin hier oben der ungeheure nie
endende Marsch nach der City! London, bekanntlich ganz auf Hügeln gebaut, senkt
sich hier plötzlich hinab, weswegen das Wunderwerk des Riesenviadukts mitten
über die Strasse weg gelegt wurde, so dass hier in der Tat zwei Städte über
einander stehen.
    So schreitet hier Eins über das Andre fort, so wirbelt Alles durcheinander
mit nie stockender Schnelligkeit, ein Rad der Maschine greift in das andre, und
ein verschrumpelter abgebrauchter verbogener Stift wie ein gewisser
Weltverbesserer Eduard Roter - was nützt er hier? Er wird zur Seite geworfen.
Dort ist die Temse - das ist der Abort für verbrauchtes Material.
    Starre nicht so gründlich nach der Temse hinüber, mein Lieber. Studire auch
nicht die Strassen da unten. Wer zu lange in Wasserfälle starrt, fällt oft
kopfüber hinein. Neulich besah sich ein Bürger vom London Monument aus den
Höllenstrudel unter sich und London Bridge schien ihm so einladend, dass er vor
lauter Verwirrung und Schwindel gemütlich von der Säulenspitze herunterfiel und
in kleinen Atomen unten anlangte - unstreitig die einfachste Manier, um den
Daseinsschwindel los zu werden, ein grossartiges Verständnis und Bekenntnis der
oben erläuterten Stift-Teorie.
    Da drüben ragen durch den Nebel die Mastspitzen über und hinter den
Häuserreihen schwankt das Takelwerk der in den Docks gebetteten
Kauffarteischiffe. Das ist die Welt, die grosse Welt, der Ocean, von dem der
Londoner Menschenocean ein Spiegelbild. Alles regt und rührt sich, der Sturm
braust und die Wellen branden, zerschlagen die Lebensschiffe und ertränken die
Schwimmer - wozu wären sie sonst Wellen? Die wenigen Leuchttürme und Riffe
halten's noch aus - aber die schwachen Kähne kentert der erste Windstoss.
    Roter schauderte. Er eilte die düstere Newgatestreet hinauf; eine Glocke
läutete. Schon in Euston Road hatte ihn eine Glocke gerührt; es war die Glocke
des Magdalenenstifts in Marylebone. Hier aber hatte die Glocke einen düstern
wehvollen Klang: es war die Todtenglocke in St. Sepulchre's Church, denn in
Newgate Prison wurde ein Mörder hingerichtet. Aber gleichgültig, kalt und ruhig
wälzten sich die Massen vorüber, kaum dass Einer horchend das Haupt erhob - wen
interessirt das Schicksal des Einzelmenschen? Weiter, weiter!
    Auch Roter horchte nicht mehr, sondern schritt stumpf und taub vorwärts.
Und, was er erlauscht hatte, war Missklang: Die menschliche Sünde, das
menschliche Weh, und die lieblose Härte der Welt. Hätte er besser zu lauschen
verstanden, so wären ihm diese zwei Glocken wie Engelstimmen erklungen, wie zwei
Genien der Menschenseele, aufsteigend über dem Qualm und Schmutz der
Gesellschaft: Barmherzigkeit und Gerechtigkeit.
    Er war an Peels Standbild angelangt; da ward's ihm zu viel.
    London scheint mit einer so lächerlichen Geschmacklosigkeit und cynischen
Verachtung des Äußern gebaut, dass diese Unförmlichkeit abstossend wirken müsste,
wäre sie nicht so imposant. Die Dinge sind hier durcheinandergewürfelt und
aufeinandergetürmt. Die Stadt gleicht jenen riesenhaften Ruinen der Vorzeit,
Ninive, Babylon, Luxor, bei denen man jetzt eine turmhohe Sphinx, einen Fels in
Portraitform, hängende Gärten und Riesenmauern langweilig und zusammenhangslos
durcheinandergeschüttelt und -gepurzelt sieht.
    Newgatestreet endet in einem Winkelmarkt und plötzlich öffnet sich gradaus
die grossartigste Handelsstrasse der Welt, Cheapside, diese ewige Beresinabrücke.
Und rechter Hand an ein paar elenden kleinen Häusern ist eine Art Durchbruch
gelegt. Dort stehn drei knallgrüne Bäume; über sie und die Dächer weg hängt
schläfrig die Riesenkuppel von St. Pauls - so dass man unwillkürlich fürchtet:
Wenn dieser Dom mal über Cheapside zusammenschlüge! Als wäre die Peterskirche
vor eine halb abgetragene Lehmmauer placirt, an der ein paar Maurer
herumfaullenzen.
    Aber was kümmert das London, ob der Fremde den Dom in guter Aussicht sehen
möchte! Für das Schöne hat man hier keine Zeit.
    Roter spielte nicht mehr mit. Er wagte die schüchterne Frage an einen
Policeman (da man ihm wie gewöhnlich die Lüge eingeprägt hatte, dass jeder auf
eine Anfrage antwortende Londoner ein Spitzbube sei), wo Tavistock Tavern liege.
Lächelnd berichtigte ihn der Mann, da sei er hübsch vom Wege abgekommen,
mietete ihm ein Cab - und fortrasselte der erschöpfte Wandrer.
    Wie geistesabwesend starrte er in das sich stauende Wagengewühl, welches
London Bridge nach dem Westend zurückwarf. Ein eigentümliches Grauen befiel
ihn.
    Er wollte sich gleich mit eins an die englische Küche gewöhnen. So ass er
denn nach der Mok Turtle Suppe zu viel Beef und dann zu viel Fisch und stürzte
zwei Krüge des bittern Ale herunter. Das konnte sein vergrämter Magen nicht
vertragen, und als er die Treppe zu seiner Stube emporstieg, musste er ein
Rührstück von Kotzebue aufführen. Nun war für heute sein Entschluss, Krastinik
aufzusuchen zerstört. Man redet viel von Willenskraft, doch die hängt ab vom
Magensaft.
    Es gibt Augenblicke, wo die widerlichen kleinen Fatalitäten des täglichen
Lebens für den Geist unerträglich werden. Roter erwachte mit einem Gefühl
wahnsinnigen Hasses - gegen wen und warum? Er wusste es kaum. Er empfand ein
Gefühl des Erstickens, als ob sich kalte Hände um seinen Hals krampften, und
zugleich quoll ihm eine irrsinnige Wut bis zum Munde, als wolle er bersten vor
verzweifelter Wut. Könnte man doch das ewig Unsichtbare, den unsichtbaren
Würger, mit beiden Fäusten packen und es schütteln und würgen und ihm ins
grausame Gesicht schreien: Warum würgst Du mich langsam und pressest mir den
Atem aus?
    Er ermannte sich jedoch wirklich und fuhr nach Scotland Yard, der
Central-Polizeistation, wo man ihm nach endlosem Radebrechen und Nachforschen
richtig die Adresse Krastiniks angab. Allein für heute wagte er noch nicht, die
Angelegenheit zu unternehmen.
    Er irrte den Tag über in der Stadt umher, lunchte im Sout Kensington
Museum, wo ein biedrer Schweizer sein gutes Deutsch benutzte, um ihm beim »joint
of beaf« den doppelten Preis unter einer geschmackvollen Ausrede abzufordern,
und nahm in der City sein abendliches Dinner ein. Das Salmon-Steak und die
Cotellets frisch vom Roste her hoben seine Lebensgeister endlich wieder und so
schwamm er denn durch die hellerleuchteten Strassen langsam weiter, indem er sich
behaglich von den Wogen des Menschenmeeres umherschlendern liess. Unkundig des
Weges, verirrte er sich in Gegenden, wo er keinen Policeman traf. Alles öde,
öde. Ein freundlicher Mann brachte ihn auf den Weg, fing aber unterwegs an, von
seiner versetzten Uhr zu reden, die nebenan im Pfandhause liege; er selbst müsse
sofort nach Victoria Station, weil seine Mutter irgendwo auf den Tod läge. Ob
Roter ihm nicht 2 Sovereigns vorschiessen wolle. Dieser war eine einfache Natur,
aber keineswegs töricht. So erwiderte er denn: »My dear, tat's the regular old
trick!« und schritt eilig auf einen an der Strassenecke auftauchenden Policeman
zu, dessen Nähe den Uhr-Verpfänder zu panischem Rückzug bewog.
    Nachdem er am Temse-Durchbruch der Strand-Strasse dem Lyceum Teater
gegenüber auf die Stromseite hinausgelangt, bummelte er wieder nordwärts nach
Holborn hinauf. Es war nasskalt, Bier- und Fischgeruch duftete aus den
abgelegenen Tavernen. Als Roter in einem Austernladen eine ganze Flasche Port
(fast 8 Gläser) hinuntergespült, sah er Alles in Portwein-rosigem Lichte. Durfte
es ihn daher Wunder nehmen, dass er am Morgen beim Aufstehen das Portemounnaie in
seiner Hose vermisste, nebst einem Teil seiner Barschaft! Träumte ihm oder
hatte eine Priesterin der Venus Vulgivaga sich nicht lebhaft nach seinen
»Träumen« erkundigt und unter zärtlichem »Darling! Chérie!« ihn eine halbe
Stunde lang begleitet bis vor seine Haustür?
    Er glaubte die Börse vielleicht in einem Omnibus verloren zu haben und
suchte daher einige Omnibus-Endpunkte auf, um nach dem »ehrlichen Finder« zu
forschen. Die würdigen Kondukteure und Kutscher rauchten jedoch dem Hülflosen
nur seine Cigarren auf, um welche sie ihn zartfühlend anbettelten, weil »die
Gentlemen aus Hamburg so guten Tabak hätten« und lachten ihn hinterher aus. Als
Einer sich sogar zu »practical jokes« verstieg und ihm auf den Rücken klopfte,
dass ihm alle Gebeine schlotterten, empfahl sich Roter unwirsch und hörte hinter
sich das lachende Urteil: »Ganz grün. Kennt nicht die Welt.«
    Doch am nächsten Tage überwand er all seine Schwäche und machte sich nun
wirklich gen Pimlico, Sout Belgravia, auf, wo Krastinik wohnen sollte.
    Ein gelbgrauer braustiger Nebel lastete über den zahllosen roten
Schornsteinen, die wie zackige Drachenkämme aus dem Meere Londons auftauchen.
Roter fragte einen Arbeiter nach dem Weg, der an dem Eisengitter eines Hauses
lehnend seine Tonpfeife schmauchte. »Ah, ein Foreigner?« machte dieser mit
geringschätzigem Schmunzeln und setzte ihm in herablassendem Ton auseinander,
wohin er sich zu richten habe.
    Er fand das Haus, die Nummer.
 
                                      II.
Krastinik hatte sich fast ganz von der Welt zurückgezogen. Zu Weihnachten
verbrachte er ein paar Wochen bei einem Verwandten Dorringtons auf dem Lande, um
den üblichen Plumpuding und Puter in altenglischer Weise zu geniessen. Aber
selbst die Jagd behagte ihm nicht mehr. Alles Weltliche langweilte ihn. Eine
ungeheure Revolution durchtobte alle Fibern seines Innern, gestaltete ihn um,
stellte seine ganze frühere Weltanschauung auf den Kopf. Jener namenlose Ekel
vor allem Aeusserlichen ergriff ihn, der so oft den Idealisten wie eine Art
Mieselsucht befällt. Eine verzehrende Sehnsucht, dem Idealen nachzustreben, im
Reich des Geistes sich heimisch zu machen, durchfieberte sein ganzes Denken.
»Ich bin ein Dichter!« dies Hochgefühl wurde ihm an sich noch keineswegs zum
Hochgenuss, weil er seine bisherige Bedeutungslosigkeit sich ehrlich gestand.
Sollte er auf Pump bei der Unsterblichkeit leben, wie mancher windige Geselle?
Nein, einlösen wollte er den Wechsel, den er auf sich selbst gezogen.
    Nachholen galt es, was er versäumt, da er seine ganze Jugend vergeudet, den
schönsten Teil seines Lebens verprasst und verschwendet, ohne seinen wahren
Lebensberuf auch nur zu ahnen. Nun er denselben erkannte und erkor (konnte die
Phrenologie denn lügen?), wollte er Herz und Nieren nur diesem einem Ziele
weihen.
    Er stand spät gegen Mittag auf, von Schlaflosigkeit und Träumen
dichterischen Schaffens gepeinigt. Morgens im Bette wälzte er tausend Pläne;
selbst das Aufstehen und sich Ankleiden als etwas Physisches störte ihn. Er
schlang sein Frühstück hinunter, und ohne der Wirtin Zeit zu lassen, seine
Stube aufzuräumen, machte er sich an die Arbeit, las und schrieb. Gegen Abend
wanderte er weit hinaus in die City, um sein Dinner irgendwo aufzustöbern, da im
Westend nur wenige Restaurationen liegen. Auch brauchte er einen langen
Spaziergang, um die Säfte der stockenden Maschine zurechtzurütteln.
    Oft langte er zu spät an, da nach 8 Uhr dort nichts Warmes mehr zu bekommen,
und musste sich mit Ueberbleibseln begnügen. Oder er wanderte wieder ins Westend
zurück, um in einer Conditorei (wie man dies nur in England kennt) ein
französisches Ragout oder die üblichen Hammelrippchen zu bestellen. Seine
unnatürliche Lebensweise verschlimmerte sich derartig, obschon er nur selten vom
Teater oder aus Gesellschaften heimkehrte, dass er manchmal erst gegen 11 Uhr
Nachts, ja noch später, sein »Mittagsbrot« einnahm. Er magerte sichtlich ab und
Dorrington, der sich wiederholt bemühte, ihn seinem Einsiedlerleben zu
entreissen, erschrak jedesmal, wenn er ihn wiedersah.
    Jede Nacht genoss der Graf beim Heimkehren das Vergnügen, am Belgrave Road
durch eine Kette von Nachtwandlerinnen, welche die ganze Breite des Weges
sperrten, der Freiheit eine Gasse zu brechen. Auch wusste er einzelne
handgreifliche Verehrerinnen abweisen, die mit ihrer gewöhnlichen Angriffstaktik
den krummen Griff ihres Regenschirms in seiner Achselhöhle festakten. Er aber
schritt, unangefochten von fleischlichen Regungen, in einsamer Majestät durch
all den Schmutz hindurch, halb erhaben halb lächerrlich, ein Ritter von der
traurigen Gestalt.
    Bis um Mitternacht geschlossen wurde, irrte er im Hyde Park oder St. James'
Park hin und her. Der Regen sickerte durch Moos, Farnkräuter und tropische
Gewächse. Das silberne Boot des Mondes durchfurchte die Wolken, die sich
burgähnlich in zackigen Umrissen am trüben Horizonte ballten. Die Giebel von
Bukingham Palace umwob der nächtige Trauerflor. Im melancholischen Wasser
spiegelten sich spukhaft die Sterne. Auf den sammetweichen Wiesen, deren
Smaragdgrün der funkelnde Morgentau des Frühlings wie mit Demanten besät, wo
Hammelheerden behaglich wiederkäuend geweidet, wo ihm oft das
sonnenstaubdurchrieselte Laub der Eichen ein rosiges Antlitz mit goldigem Haar
als englisches Ideal seiner Träume heraufgezaubert hatte - dort lagerten jetzt
über geschmolzenem Schnee schwarz und schwer immer tiefere Schatten.
    Bleierne Müdigkeit lastete auf dem Einsamen. Manchmal fuhren seine Finger
über sein bleiches vornehmes Gesicht in seltsam mechanischem Takt - dann war
ihm, als ob er träume, als ob er sein vergangenes nutzloses Leben nur geträumt.
War er Kavalier, Dandy, Offizier gewesen? War er nicht stets ein einsamer
Grübler wie jetzt, ein verkappter Dichterdenker incognito? Immer verhasster wurde
ihm sein bisheriges Leben - sollte er in dasselbe zurückkehren, wenn sein Urlaub
abgelaufen? Konnte er das noch, selbst wenn er wollte? Aber was dann! Vermögen
hatte er ja nicht, ein jüngerer Sohn. Wovon leben! Er hatte sich von seiner
Appanage soviel zusammengespart, um diese Reise machen zu können. Davon konnte
er vielleicht noch bis Herbst hier leben. Sein Urlaub, den er auf unbestimmte
Zeit »gesundheitshalber« genommen, um dessen Verlängerung er erfolgreich
eingekommen war, gestattete ihm das. Aber was dann!
    Er schien sich der Beklagenswerteste der Menschen. Als ihn einmal eine
Nachtwandlerin, die am Park-Laue entlang pirschte, manierlich und ohne
Zudringlichkeit fragte, was die Uhr sei - vielleicht, um einen Austausch schöner
Seelen anzuknüpfen, vielleicht auch nicht - herrschte er sie, aus seinen
Gedanken aufgestört, an: »Was geht Sie die Uhr an bei Ihrem Handwerk? Geh und
arbeite!« Die Frau wich zaghaft zurück und murmelte: »Bitt' um Verzeihung!« Dann
seufzte sie, kaum hörbar, indem sie sich abwandte: »Arbeite! Gebt mir Arbeit!«
Krastinik, der arme Edelmann, dessen übermässig hohe Trinkgelder allen Kellnern
den »Grafen« verraten sollten, stutzte. Der Kavalier fühlte sich getroffen.
Dann eilte er der »infortunate lady« (wie die Engländer es taktvoll nennen) nach
und drückte ihr, ohne zu sprechen, eine halbe Krone in die Hand. Jaja, wie oft
sprachen ihn nicht Greisinnen, welche Zündholzschachteln in den Bar-Rooms
verkauften, auf sein nobles Gesicht hin an und murmelten dazu mit der
eigentümlichen ruhigen Anständigkeit, welche man in England so oft beim
niedersten Volke bewundert, ihr Business-Sprüchlein: Sie hätten zwei Tage nichts
gegessen. - Doch der vornehme Herr fühlte sich unglücklicher als sie Alle! »Gebt
mir Arbeit!« hallte es in ihm wieder. Arbeit, die keine standesgemässe Sklaverei,
Arbeit für meinen erwachten Geist. »Geh und arbeite!« Sich selbst musste er das
zurufen. Sollte er länger verschmachten in tatlosem Träumen?
    Seine Gespräche mit dem alten Freund und Mentor Lord Dorrington (Lady
Dorrington's weltlicher Sinn passte dem Neffen längst nicht mehr) konnten nicht
dazu dienen, ihn aufzumuntern. Der alte Herr litt an einem Unterleibsleiden, das
er zwar standhaft ertrug, sich aber dafür an seinem widerspenstigen Corpus durch
grämliche Sentenzen rächte.
    »Ach, liebes Kind, wenn erst die Verdauung gestört ist, dann ist Alles zum
Teufel. Das menschliche Leben hat drei Stadien: Erst denkt man nur an die Liebe,
dann nur ans Essen, dann nur an die Verdauung. Da hab' ich mal auf meinen
Streifereien im steirischen Hochland einen Spruch gefunden - er stand an einem
gewissen Ort - der gefiel mir so, dass ich mir ihn notirt hab.« Und der alte Herr
citirte mit schadenfrohem Schmunzeln:
»Die Pfaffen, die sich Götter nennen,
Sie müssen all' in dieses Haus.
Doch wenn sie nicht verdauen können,
Dann ist es mit der Gotteit aus.«
    Krastinik lachte hellauf: »Das ist wirklich druckfähig!«
    Sehr oft kam das Gespräch auf militärische Dinge. Der Lord hatte in jüngeren
Jahren (noch nicht zur Lordschaft avancirt, sondern als »sehr ehrenwerter Mr.
Dorrington«) bei der Garde-Artillerie gedient. Seinen äusserst liberalen radikal
aufgeklärten Gesinnungen schien jedoch das gesammte Soldatenspielen nur ein
notwendiges Uebel. Mit der Ironie eines erfahrenen Skeptikers beobachtete er
die Wettlage auf dem Continent, welcher sich mehr und mehr zu einem einzigen
Heerlager zu verwandeln schien.
    »Ja, lieber Xaver, Militarismus und Socialismus - das sind die beiden grossen
Sachen. Scylla und Charibdis. Alles Andere wird dazwischen zermalmt.«
    Krastinik schwieg eine Weile. »Sie haben den Krim-Krieg mitgemacht. Warum
erzählen Sie so ungern aus Ihrer militärischen Carrière?«
    Dorrington zuckte die Achseln. »Ja, Du hast eben noch keinen Krieg
mitgemacht, mein Lieber.«
    »Waren Sie nie ehrgeizig?«
    »Ach Gott!« Dorrington lachte leicht auf; dann nickte er vor sich hin, wie
in Erinnerungen verloren. »Haha, da war's z.B. in der Schlacht bei Inkerman. Da
fährt die Batterie eines Rivalen vor mir über eine Schlucht an den Feind heran.
Sehn Sie, Herr Major! riefen meine Offiziere. Mir haben hier den ganzen Angriff
abgeschlagen und nun nimmt der uns die Ehre vorweg! Es kochte in mir, aber ich
bezwang mich und gebot dem Stabstrompeter das Signal zu blasen: Halt an, halt
an! Da kommt mein Oberst vorüber und brüllt aus voller Kehle: Um Gotteswillen,
Herr Major, sind Sie toll? Der will grade auffahren und Sie lassen »Halt an«
blasen? Kaum hat er's gesprochen, da kommt auch schon jene Batterie zurück,
gräulich zerschossen; hatte gleich Kehrt machen müssen. Aber bei dem Wahnwitz
war die Hälfte der Bemannung vom Schützenfeuer des Feindes gefallen, ehe sie nur
zum Abprotzen kam. Haha,« Dorrington lächelte bitter, »nachher, als der Befehl
kam: Das Ganze avanciren, ging ich grad bis zu jener Stelle vor. Wir konnten
nicht weiter; so dicht standen die Truppen aneinander und so voll lag's von
Todten und Verwundeten in der Schlucht. Ich liess Halt machen und Kartätschen
einsetzen. Ja, da lagen die Artilleristen von jener Batterie noch umher, die so
nutzlos vom Ehrgeiz ihres Chefs geopfert. Ich kann Dir sagen, lieber Junge, aus
den Augen der Sterbenden leuchtete ein wahrer Hass. - So sieht der militärische
Ehrgeiz aus, so!«
    Krastinik wiegte nachdenklich sein Denkerhaupt. »So! Sie hassten also Ihr
Metier?«
    »Wie man's nimmt. Ein Kamerad toastete mal auf mich bei 'ner Offiziersmesse:
Ein seltsamer Kerl, der Dorrington. In der Schlacht an der Alma hört ich ihn
commandiren: Drittes Geschütz, Feuer! Ach, die armen Menschen! Fünftes Geschütz,
Shrapnell laden! Gott, dies Elend!«
    Krastinik schwieg nachdenklich; allerlei Gedanken wirbelten ihm im Kopf
herum. Der Plan, seinen Abschied zu nehmen, trat ihm nah und näher.
    Zersetzend wirkten auf ihn auch Discussionen über erotische Dinge, die er
mit seinem Mentor pflog, der wie alle früheren Lebemänner nicht gut auf die
»Liebe« zu sprechen war.
    Seine geschwätzige Wirtin hatte dem Grafen eine seltsame Mär erzählt, als
sie ihm seine Flasche Porter zum Lunch um vier Uhr brachte. In der nächsten
Porter-Filiale hatte ein junger Mann eine Banknote wechseln lassen. Der Chef der
Handlung warf zufällig einen näheren Blick darauf und entdeckte zu seiner
Ueberraschung ein Zeichen, das er auf Banknoten, die durch seine Hände liefen,
zu machen pflegte - ein üblicher Usus der Londoner Geschäftsleute bei dem
Umsichgreifen gefälschten Papiergeldes. Die Nummerzahl der Banknote aber
belehrte ihn, dass dieselbe am selben Tag von ihm beim Wechseln einer grösseren
Summe an eine ältere Dame übergeben war, die in derselben Strasse wohnte. Das
erregte seinen Verdacht. Er zog einen Detective ins Vertrauen und liess den
jungen Mann beobachten, da dieser sich wiederholt in der Gegend blicken liess.
Und was ergab sich als Resultat? Dass die Banknote freilich nicht entwendet,
sondern von der Dame (verheiratet und über erotisches Alter längst hinaus)
nebst manchem anderen Sümmchen dem Jüngling gespendet worden war - für gewisse
Dienste.
    Krastinik, eine ursprünglich romantische Natur, fand mehr und mehr Gefallen
an der naturwissenschaftlichcynischen Auffassung seines Freundes. Eine glühende
Schönheitstrunkenheit hatte auch Dorrington's Gemüt in der Jugend beherrscht.
Er verstand die duftige Wonneberauschung, welche Krastinik's Sinne gefangen
hielt, indem er den Liebreiz des Weibes und die Holdseligkeit der Natur wie ein
sich innerlich Bedingendes zugleich empfand. In den Tiefen süssester Geheimnisse
schwelgte einst auch er. Doch mit sanftelegischen Herbstgefühlen ward sich der
Alternde bewusst, dass der rosige Mai und der goldene Sommer für immer ihm
entschwunden seien. Diese blutvolle Erinnerungssehnsucht schied so schwer vom
Genusse und wollte kaum entsagungsstille werden, wenn auch mildere Klänge
ehelichen Friedens in ihm nachtönten, wie abendliche Glocken.
    »Jaja,« belehrte er grämlich seinen jungen Freund. »Um das weibliche ewig
Leibliche dreht sich Alles. Erst musst Du Deine Papierseiten mit erotischem Oel
beschmieren: dann wird sich das Leben schon von selbst darauf abmalen lassen.
Aber nie ohne diese Untermalung mit erotischem Sekkativ.« (Er kannte letzteren
Kunstausdruck als Amateur, der gern in den Studios umherbummelte, um als
gefürchteter »Kenner« bei jeder Ausstellung der Royal Academy of Arts zu
kritteln.) »Beiläufig, die O'Donnogan beklagt sich, Du besuchtest sie gar nicht
mehr. Nun und Egremonts?« Er werde nächstens mal wieder dort vorsprechen, sagte
der Graf. »Ja ja, die holde Alice! Wie ein Lämmlein steht sie da in weissem
Gewande und - scheert Gimpel. Eine Meisterin der vielverheissenden
Herumschmachterei, the little flirt. Na, nichts für ungut,« begütigte er, als
Krastinik, auf dessen Arm er sich lehnte, unwillig aufzuckte. »Wir alten Leute
sind derb!«
    »Wie befindet sich denn Mr. Egremont?«
    »Ach, der ist völlig verrückt vor Pomposität. Jetzt hat er den culinarischen
Grössenwahn. Will aus dem Saft von Kibitzeiern, Spargel, Hummer und Austern eine
Pasteten-Sauce construiren, die seinen Namen verewigen soll. Er will sie
Jubiläumspastete taufen, zu Ehren der Königin Victoria. Gastronomische
Streberei! Dass Gott erbarm!«
    Kraftinik stattete dem zur Ruhe gesetzten Beherrscher des geistigen Lebens
der »Britischen Aristokratie« einige Tage darauf einen Besuch ab und schnitt Miss
Alice, die wieder tiefsinnig gemütvoll in ihre kluge Ruhe gewickelt dasass,
gewaltig die Cour. Man wurde sehr warm.
    »Sie müssen nicht so liebenswürdig sein! Das wird mir gefährlich,« flötete
das sanfte Amphibienweibchen mit ihrer molluskenhaften Anschmiegsamkeit. Die
Heuchelei mancher Frauennaturen grenzt an Genialität. Denn sie scheint
naiv-unbewusst.
    Da wurde Mowbray gemeldet und ein eigentümliches Lächeln flog über Alice's
zarte Züge, indem sie in ihren weichen Fauteuil und ihre Musselinrobe gleichsam
versank. Krastinik empfahl sich sofort. Dieser Geck war ihm unerträglich.
    Er begann, über seine Gefühle ernstlich mit sich zu Rate zu gehen.
    Wenn er Maud und Alice sah, waren sie ihm gleichgültig; so wie sie ihm aus
dem Gesichtskreis entschwanden, ergriff ihn heftige Neigung für sie. Auch der
umgekehrte Fall trat ein, dass er in ihrem Beisein voll Verliebteit strotzte und
später kühl vergass.
    Alles nur Scheinliebe. Der, Modelle und Anregungen, suchende, Egoismus des
Künstlers herrschte bereits so mächtig in ihm, dass er, sobald ihm ein
anziehendes weibliches Wesen in den Weg kam, sich gleichsam Rechnung von deren
Vorzügen und seiner etwaigen Liebesbegierde für sie ablegte.
    Die O'Donnogan war ihm gänzlich zuwider geworden. Lebemänner, die einige
Haare verloren haben, werden selten von koketten Wittwen und älteren Salondamen
gereizt.
    Seine Liebesbedürfnisse wuchsen ins Krankhafte. Zwei Ideale schwebten ihm
vor. Entweder eine durch Erotik bis zur Schwindsucht Verlebte, die sich Frieden
suchend an ihn schmiegte. Oder ein zartes keusches Wesen. Ja, er liebte Alice,
dies reine vornehme Geschöpf - wie er sie sich ausmalte. Jeder unreine Gedanke
musste sich in ihrer Nähe zu edelster Ritterlichkeit läutern. Man mag
Leidenschaft für eine Kokette empfinden, aber wahre Liebe wird stets nur
Ergebniss von Achtung und Vertrauen.
    Er hasste diesen Lassen, den Mowbray. Der war gewiss ein Roué und die sind nie
zu bekehren. Erst mögen ihn Keuschheit und Herzensgüte reizen, später aber wird
er stets das Experiment als höchste Wollust versuchen, die Reinheit mit seiner
eigen Gemeinheit zu beflecken.
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    dabei stieg seine innere Unruhe. Eine nervöse Psychose bemächtigte sich
seiner.
    Krastinik war einer von denen, die in jeder Lage zum Extremen neigen und
schwerfällig auf demselben Punkte beharren. Er konnte stundenlang im Bette
faulenzen, gleich jenem spleenigen Engländer, der sich die Kehle abschnitt, um
sich nicht jeden Morgen ankleiden zu müssen. Und ebenso konnte er unmässig
arbeiten, sobald ihn der Trieb dazu ergriff. Nur dass diese fieberhafte
Ausschweifung des Geistes nie nachhaltig blieb. Denn er dachte nie an wahre
Kunst, sondern nur an Befriedigung seiner Eitelkeit. Er litt noch stark an
Weltlust, ohne es zu wissen, und sprach von seinem Idealismus, wie der Beamte
von staatlicher Ordnung predigt, weil er an seinen Gehalt denkt. Der Kunst aber
muss man sich ganz allein hingeben. Sie will keine andern Götter neben sich. Zu
dieser Höhe gelangt man erst nach strenger Selbstschulung.
    Krastinik fing fortwährend Neues an, statt Eines auszufeilen. Skizzenhaft
Unausgeführtes häufte sich. Er wälzte Plan auf Plan im Kopf und wiederholte sich
die Entwürfe unablässig hintereinander - ohne dass er die Kraft fand, einen zu
beginnen. Damit hing es logisch zusammen, dass er in seiner ausschweifenden
Phantasie wähnte, sich in Besitz aller Genüsse setzen zu können, und hinterher
eine pomphafte Uebersättigung empfand, als habe er schon allen Ruhm, den er
heisshungrig in weiter Ferne ersehnte, vollauf genossen. Er hätte in seinen
Träumen einen Heiratsantrag der Königin Victoria als ganz natürlich
hingenommen. Wie heilsam, dass das Leben diese Voraus-Blasierheit durch sein
langsames Tempo züchtigt. - Die dichterische Zukunftsmusik wälzte sich in seinem
Gehirn hin und her und jedes Motiv hinderte das andere. Alles blieb Fragment, da
Krastinik noch nicht die Fähigkeit gelernt hatte, sich auf etwas Bestimmtes zu
concentriren in Genuss und Arbeit. - Unter seinen Stoffen, die sich
durcheinanderschoben, schien ihm keiner der rechte. Zaudre eine Sekunde, so wird
eine Stunde daraus. Wer zupft und trödelt oder (wie ein Autor von einem
Druckfehler, der ihm drohend entgegengrinst) sich von jeder Kleinigkeit
hypnotisirt fühlt, - der verlasse nur die tätige Laufbahn. Man muss sich auch in
den kleinen Gewohnheiten des Lebens eine forsche Genialität aneignen. Wer ewig
am Ufer zaudert, eh er ins Flussbad springt, holt sich nur einen Schnupfen.
    Sein Spleen wurde immer widerlicher. Er ärgerte sich über jeden Penny, den
er zu viel gab; über jede zerkaute Cigarrenspitze, deren Nikotin er unachtsam
seinem Speichel zugeführt; über jedes zähe oder zu ausgebratene Beafsteak.
Mangelte ihm der Appetit oder war die Verdauung gestört, so forschte er als
echter Krankheitshypochonder nach den Gründen dieses schweren Unglücks. Selbst
in der Vergangenheit stocherte er herum, wie ein Lumpensammler in müffigem
Kehricht. Er erinnerte sich, dass er als Knabe viel in eisigen Kellereien des
Heimatschlosses mit den Söhnen des Kastellans Versteck gespielt, noch heiss vom
gegenseitigen Haschen - das hatte sicher seiner Lunge tuberculose Keime
eingeimpft! Warum hatte er einst dies und das getan, dies und das unterlassen!
Er grollte noch nachträglich Personen, die ihn im Comfort gestört.
    So wurde er ein regelrechter Genuss- und Gesundheitsjäger, wie alle Leute,
die ihre Begierden weder ganz zähmen noch ganz sättigen; halbgesättigt, brechen
diese stets unvermutet neu hervor und schwächen den Willen. Statt mit
unfruchtbarem Genörgel die Zeit zu verschwenden, hätte er aus Prinzip lüderlich
werden sollen. Denn so wie man den physischen Schmerz vergisst, sobald man sich
zwingt, nicht daran zu denken - genau so den moralischen.
    Aber Krastinik hielt Lüderlichkeit für unter seiner Würde; und je mehr er
körperlichen Sport trieb (Boxen, Schwimmen, Marschiren), um sich aufzumuntern,
desto sublimer und ernster wurde er. Ach, für ihn wäre etwas stupide Lebenslust
der gesundeste Sport geworden. Für den Nebel der Sentimentalität gibt's nur ein
probates Mittel: Den Rausch der Ausschweifung. Der Strom der Pein und der Strom
der Lust quellen im Gefühlsleben nebeneinander. Dämmt man den einen, bricht der
andere hervor.
    Am Ende nahm seine widerliche Hypochondrie so bedrohlich zu, dass sie eine
Art Verlustwahn nährte. Er bildete sich manchmal geradezu ein, dass ihm dieser
Omnibus-Conducteur beim Wechseln Sixpence, jener Kellner eine halbe Krone zu
wenig zurückgegeben habe. Dann glaubte er steif und fest, dass er in Inverness
zwei Guineas vergessen habe, die er vorm Schlafengehn unter den Spiegel gelegt
haben wollte.
    Seine Seele verkleinerte sich gleichsam in grämlichem Egoismus. Er verglich
seine physische Natur mit derjenigen eines Laffen wie Mowbray und glaubte, dass
höchste brutale Kraft auch höchstes Glück bedinge. Er beneidete die Engländer
also um ihr Klima und ihre Erziehung, welche ihnen eine so überlegene physische
Elasticität verliehen, und hielt sich selbst in demselben Masse vom physischen
Glück entfernt. Und wie ein solcher unwirscher Neid seine leibliche Maschine
nicht verbessern, sondern nur die Säfte stocken machen konnte - so peinigte er
sich noch mehr, indem der Neid auf die so weit überlegenen Glücksgüter seiner
englischen Umgebung ihn zu verkniffener Geldgier führte. Da er nun diese durch
Erwerb nicht befriedigen konnte, so keimte in ihm »the good old gentlemanly vice
«, der Geiz. Er fing an, innerlich den Mammon anzubeten. Hätte ihm ein
Erie-Prinz ein Douceur angeboten, seinen Namen unter einen faulen
Actienschwindel zu setzen - er hätte sich in gewissen Augenblicken wirklich dem
Teufel verschrieben, er, von Natur so vornehm und ehrenhaft! Etwas der Sache
wegen tun, schien ihm jetzt höchste Torheit. Sein litterarisches Talent, an
das er fest glaubte, sollte ihm einfach dienen, goldne Eier zu legen. Er wollte
Sensationsromane schreiben, wie Gregor Samarow, Lustspiele wie G.v. Moser,
dessen »Krieg und Frieden« er in noch ärgerer Adaptirung auf einer Londoner
Bühne kennen lernte. Jedes höhere Streben schien in ihm erloschen.
    Mit einem gehörigen inneren Ruck machte er sich also wirklich an die Arbeit.
Er arbeitete an jener Novelle »Nachhülfe wird gesucht«, deren seltsame
Exposition er einst dem Damen-Areopag bei Dorrington verlesen hatte. dabei fiel
es ihm jedoch schwer auf die Seele, dass ihm dies kein deutsches Familienjournal
drucken werde; und er beschloss daher, äusserst abzudämpfen - möglichst
salonfrivol und beileibe nicht cynisch zu werden, auf dass die schöne Leserin
schamhaft hinter dem Fächer kichern könne, ohne sich äusserlich verletzt zu
fühlen.
    Die Arbeit schritt rüstig vor. Allein die Gestalt des Idealisten Goodenough
machte ihm bei seinem jetzigen Gemütszustand und materialistischen Prinzip viele
Schwierigkeiten. Er wollte diese Figur ja nicht der Lächerlichkeit, sondern dem
Mitleid empfehlen, und dies wollte nicht recht gelingen. Hätte er nur irgend ein
Modell gefunden!
    Während dieser Arbeit stachelte ihn ein Wahngebilde, das er für Wahrheit
hielt. Die so stark aufmunternden Worte, die Alice bei ihrem letzten
Beisammensein geflötet, schienen ihm die Gewährung süssen Lohnes zu versprechen.
Entielten sie nicht ein halbes Geständnis tieferer Neigung? Der Unerfahrene
ahnte gar nicht, dass in England sogar wirkliche engagements, ehe sie offiziell
geworden, noch nichts Bindendes zu bedeuten haben. So setzte sich denn bei ihm
eine Art Reflex-Liebe fest, indem er sich steif und fest einredete, ihr
Schmachten entspringe einer unbefriedigten Liebessehnsucht. Aber ob für ihn?
Wohl fiel ihm ein, dass vielleicht Mowbray - doch nein, nein, diesen Gedanken
verwarf er. Wie konnte ein so ernstes kluges Wesen an solch einem nichtssagenden
»schönen Mann« Gefallen finden!
    Allein, diese Eifersucht bohrte ihm den Stachel der eingebildeten
Reflexliebe noch stärker ein. Ja, wenn er unwillkürlich argwöhnte, sie habe ihn
am Ende zum Narren, dann erst recht. Hass der Liebe, aus dem Zorn gekränkter
Eitelkeit hervorgegangen, verstärkt gerade darum die Gefühle, weil die
Selbstsucht mit tangirt wird. Haben doch Hass und Liebe, die so nahe beieinander
schlummern, denselben Ursprung.
    Er war also allen Ernstes verliebt. Die Leidenschaften sind ja völlig
unbewusst und stehen nicht in unserem Belieben, sondern bilden sich gleichsam
mechanisch.
    Um seinen Traum nicht zu zerstören und weil er einmal gelesen hatte,
Abwesenheit und scheinbare Kälte vermehre die Liebe (eine jener Regeln, die
lauter Ausnahmen zulässt), mied er Egremonts drei Wochen lang. Auch um seine
Arbeit zu fördern, wie er denn fast gar nicht ausging. Nun trieb es ihn wieder
dortin.
    Aber zu seinem Befremden empfand er alsbald, dass ihm, obschon sehr höflich
aufgenommen, eine auffallende Kälte entgegenwehte. Miss Maud warf ein paar mal
spitze Bemerkungen hin, als er von seiner Schriftstellerei plauderte: Ja, heute
schreibe Jedermann. Alice schien sehr gelangweilt und gleichgültig. Als er
gereizt den Schmollenden spielte, verstand sie ihn gar nicht.
    Er war ausser sich. Dazu, hatte er jetzt seit vielen Tagen sein Herz mit
schönen Gefühlen kasteit, dazu - -
    Nichts ist belehrender und charakter-festigender, nichts aber auch
verwundender für die Eigenliebe, als die seltsame Ueberraschung, sich in einem
befreundeten Hause überflüssig zu finden. Die Abstufungen von plötzlicher Kälte
zu allmählicher Kühle sind weniger verletzend, als die Erkenntnis, dass unsre
Abwesenheit keineswegs bemerkt oder gar schmerzlich empfunden wurde.
    Der Bankerotteur glaubt, Jeder werde ihn zur Türe hinauswerfen - im
Gegenteil! Man ist gespannt, zu erfahren, was ein solcher Herr eigentlich von
uns will. Du hast Deine Frau geprügelt wie stadtkundig? Das glaubst Du in jedem
Antlitz zu lesen? Eingebildeter Narr! Wir haben Alle ganz Anderes zu bedenken.
    Aber wähne doch auch nicht, man habe, weil Du vier Wochen abwesend warest,
sich gefragt: Mein Gott, was fehlt ihm, warum kommt er nicht? - Dein leerer
Platz ist alsbald wieder gefüllt und im nächsten Caféhaus hat man sich einen
neuen Freund geholt.
    Hervorragende Naturen sind nicht eitler, wie mittelmässige. Sie sind meist zu
hochmütig oder im besten Falle zu stolz dazu. Dennoch leiden sie meist, weil
die Einbildungskraft und zugleich die Rücksichtnahme auf das liebe Ich
vorherrscht, an dem Grössenwahn, sich für besonders gehasst oder geliebt zu
halten. Nichts kann daher eine solche Seele stürmischer erregen und einen
tiefern Abgrund in ihr aufreissen, als die entwürdigende Gleichgültigkeit, mit
der man sie auf dasselbe Niveau mit ihrer Umgebung herabzieht. Eine Ahnung von
der Unmöglichkeit der wahren Liebe und von der Schwierigkeit, verständnissvolle
Teilnahme für die volle eigne Bedeutung zu finden, geht ihnen auf.
    Zu Hause fand er die Karte eines Herrn vor, der in einer Stunde wieder
vorsprechen wollte. »Eduard Roter, Maler? Hm, den Namen las ich schon öfter.
Aus Berlin? Was will der von mir? - Meinetalben, ich bin zu Hause.«
 
                                      III.
»Ei, das ist ja eine ganz vertrakte romantische Geschichte!« Krastinik hatte
aufmerksam zugehört, nur hier und da den Erzählenden durch neugierige oder
verwunderte Ausrufe unterbrochen. Er betrachtete forschend Roters etwas
dürftige Figur und krankhaftes Künstlergesicht. Weiss der Teufel! schoss es ihm
durch den Kopf, das ist ja das prächtigste Modell zu meinem Goodenough!
    »Nein, die Kati! Ich hatte sie ja längst vergessen. Wer nimmt so 'was
ernst! Long, long ago! Ich war halt Offizier. In jeder Garnison haben die
Meisten irgendso was. Wer hätte das gedacht! - Ja, mit dem Allen hat es seine
Richtigkeit, lieber Herr. Aber nun sagen Sie mir, was ich eigentlich dazu tun
soll?«
    »Nun, das liegt doch klar auf der Hand,« sagte Roter zuversichtlich. »Ihr
Zeugnis ...«
    »Mein Zeugnis!« Krastinik lachte hellauf. »Aber, mein Gott, sie wird sich
doch wohl nicht für eine keusche Jungfrau ausgeben?«
    »Ja freilich tut sie das.«
    »Hm, hm. Und da soll ich ... Offengestanden, das ist doch eine
abenteuerliche Geschichte. Und Sie setzen sich wirklich aufs Schiff und suchen
mich auf? Donnerwetter, muss Ihnen aber die Affaire am Herzen liegen. Uebrigens,
wissen's, Herr Kamerad, - wir sind ja Kameraden von Katis Gnaden, haha -, an
eine öffentliche Erledigung der Sache glaub' ich nicht. Wer droht, tut nichts -
das weiss man ja.«
    »Man sagt so. Aber da gibt's auch Ausnahmen. Wenn dieser Kohlrausch
wirklich mit Kati in Berlin grossartig auftreten will, so muss er nach dem vielen
vergangenen Skandal irgendetwas Mohrenwäsche verüben, sich mit ihr, der
verleumdeten Jungfrau, in die Brust werfen ... Sie verstehn.«
    »Ja, ich verstehe. Nun begreif ich allerdings. Ganz so
abenteuerlich-verrückt, wie es auf den ersten Blick scheint - verzeihn Sie, Herr
Kamerad - ist Ihre Reise hierher nicht. Auch versteh ich wohl, Sie wollten dem
ersten Radau (so nennt ihr's Berliner, gelt?) aus dem Wege gehn, sich erholen,
Ihren Geist ablenken. So weit wär' das in Ordnung. Aber was ich dazu tun soll
... was Sie wollten, haben's erfahren. Die Sache stimmt.«
    »Nun, so bezeugen Sie mir das. Sie sehen ein, welchen Wert Ihr Zeugnis für
mich hat.«
    »Nein, die Umstände sind doch sonderbar. Ich soll gegen ein Mädel zeugen,
das ich ... verführt habe - das garstige Wort muss heraus. Nein, dös geht uns
goar nix an, singen die Wiener. Lassen's mich aus! Es wär' unritterlich,
uncavaliermässig ...«
    »So? Aber mich als schuldlosen Idealisten in solcher Patsche stecken lassen,
wär' ritterlich?« fuhr Roter auf. »Ueberhaupt, galant und ritterlich - das sind
so zwei Begriffe, auf die das Weib immer mit Glück spekulirt. Ist ein schwacher
Mann nicht schwächer als ein starkes Weib? Verdient ein guter Mann nicht mehr
Schonung als ein schlechtes Weib? Das Weib ist nicht schwach, weder physisch
noch geistig noch moralisch, und kann hundertmal brutaler und gemütsroher sein,
als der Mann. Ritterlich - da lassen's mich aus.« Er stand in der Erregung auf
und schritt hastig in der Stube umher.
    Krastinik betrachtete ihn. Der reine Goodenough, dachte er, der getäuschte
Idealist, der nachher Pessimist wird. Ausserdem machten Roters Worte auf ihn
einen bedeutenden Eindruck. Er fand viel Wahres darin: Welcher Mann oder welche
Frau stimmte nicht bei, wenn einer vom gleichen Geschlecht über das andere
Geschlecht schimpft! Auch dachte Krastinik unwillkürlich an Alice; dunkle
Befürchtungen ergriffen ihn. Er konnte sich in Roters Lage versetzen und sah
dessen nervöse Zerrüttung in einem ganz anderen Lichte. Man belächelt solange
die Torheiten des lieben Nächsten, bis man sich selbst davon getroffen fühlt.
    So bat denn Krastinik seinen neuen Bekannten, für heut die Sache ruhen zu
lassen. Morgen sei auch noch ein Tag und das Weitere werde sich finden. Roter
möge mit ihm speisen; er wolle sein Wegweiser für den Abend sein und ihm London
zeigen. Jener dankte tiefgerührt und der Oesterreicher versicherte, es sei ihm
hochinteressant, einen Berliner kennen zu lernen. Zudem habe er so lange keine
Deutschen mehr gesehen, dass er sich entsinne, wie er einst im Tal von Braemar,
auf einem Felsen zur Seite der Chaussee sitzend, ein vorübergehendes Paar habe
unvermutet Deutsch reden hören und blitzschnell gedacht habe: »Look here, tose
are Germans!« keineswegs: »Ah, deutsche Landsleute!« So völlig habe er verlernt,
deutsch zu denken, trotzdem er für sich so viel Deutsch schreibe. Wie entzückt
sei er also, mit einem deutschen Gentleman zu plaudern!
    Den Trieb der Stammeszusammengehörigkeit empfindet man erst im Auslande ganz
oder lernt ihn, falls man Kosmopolit war. Nur Lumpe und Abenteurer verlernen ihn
dort nach dem Grundsatz: Ubi bene, ibi patria. Vaterland! Undenkbares Geheimnis,
unverständliche Liebe! Ist die Welt umsonst unendlich? Ist jeder Flug ins
Ausland eine Verbannung? Sind wir nur für einen Flecken geboren und jedem andern
Lebensklima fremd?
 
                                      IV.
Krastinik und Roter wurden binnen wenigen Tagen die besten Freunde. Letzterer
hatte bald bemerkt, dass er es mit einem Original zu tun habe, und Ersterer
studirte heimlich seinen neuen Bekannten als Modell seiner Novelle. Die reine
Wahlverwandtschaft. Beiden war, als hätten sie sich lange gekannt: Sie schienen
auf dem besten Weg, »Inseparables« zu werden - wie Krastinik es ausdrückte, der
als Aristokrat immer noch in gräulichen Fremdwörtern sprach und das gute
deutsche Wort »Unzertrennliche« für phrasenhaft und formlos gehalten haben
würde.
    Von der sonderbaren Affaire, die sie zusammengeführt, sprachen sie nur
wenig. Roter meinte freilich, er müsse nun abreisen, und bitte den Grafen, sich
zu entschliessen. Allein dieser wich noch immer aus: Kommt Zeit, kommt Rat.
    Also er solle ein schriftliches Zeugnis in Form eines Privatbriefes an
Roter ablegen, das ihm als Waffe gegen die weibliche Tückeboldin diene?
    Besser wäre also wohl ein mündliches Zeugnis?
    Ja, darauf wagte Roter nicht zu hoffen. - Nun, man könne ja nicht wissen,
was noch geschehe. Warum solle Krastinik nicht selbst einen Abstecher nach
Berlin machen?
    »Eigentlich erinnert mich die ganze Geschichte an den berühmten Prozess Gräf.
Na, jene Berta scheint denn doch ein viel schlimmeres Kaliber als unsre Kati.
Herrgott, hat Die eine Reklame aus ihrem Prozess herausgeschlagen! Nun,
Teuerster, wenn nicht Kati, so will ihr Herr Prinzipal jedenfalls diesem
Beispiel folgen. Freilich, was liegt denn da weiter vor! Gar nichts. Sie sind ja
ein junger lediger Mann - ob Sie a bissel lächerrlich werden, das schad't nix.
Und wenn ich erst für die Wahrheit Ihrer Angaben zeuge - - nein, nein, wie
komisch ist das Alles! Haben Sie auch Gedichte an Ihre Flamme gemacht à la
Gräf?«
    Roter errötete. Er konnte ja nicht leugnen, dass Gräf's lyrisches Tagebuch
über seine ideale Berta auch ihn angesteckt hatte. Es schien ihm gleichsam mit
dazu zu gehören. Als Krastinik, seine Verlegenheit bemerkend, in ihn drang, zog
Roter sein Notizbuch und vertraute ihm drei Lieder an, die sich auf der
Ueberfahrt nach London als Stossseufzer ihm entpresst hatten.
Nie entweicht aus meinem Auge
Deine herrliche Gestalt.
Und auch Du kannst nie entrinnen
Meiner Augen Allgewalt.
Ewig flammt in mir Dein Auge,
Und in ewigem Zauberbann
Folgt durchs Leben Dir mein Auge,
Nur das Grab Dich retten kann.
Weisst Du, was süsser als die Liebe ist,
Und süsser als des Ruhmes eitle Mache?
Es ist der Hass, der sich am Bösen misst:
Gerechte Rache!
Du, die auf mich geschnellt der Tücke Pfeil,
Du bist verdammt und ich, Dein Teufel, lache.
Ich war Dein Engel und Dein Seelenheil.
Gerechte Rache!
Starb der Stolz tiefinnen Dir,
Mag ihn Eitelkeit ersetzen.
Starb die Liebe, Sinnengier
Mag Dir das Gefühl ergetzen.
Immer höher steige ich
Sonnempor auf Aeterschwingen.
Nur das Haupt hier neige ich,
Dir den letzten Gruss zu bringen.
    Krastinik hatte aufmerksam zugehört. »Ei den Kukuk, Sie Hallodri! Sie
scheinen mir ein begnadeter Lyriker. Das ist selbsterlebt, selbsterlebt, aus dem
Innern gequollen!«
    »Ach bitte, nicht so!« wehrte Roter bescheiden ab. »Es ist ja nicht mein
Metier. Ich fühle nur ab und zu das Bedürfnis, auszusprechen, was mich quält.«
    »Hm, hm!« Der Graf blies nachdenklich blaue Ringel aus seiner Trabuco.
»Sagen Sie mir doch ... verkehren Sie viel in Berlin in sogenannten
litterarischen Kreisen?«
    »O ja. Ich kenne Manchen.«
    »Ei, da könnten Sie sich bei mir revanchiren.«
    »Wie das?«
    »Sie würden mir einen grossen Dienst erweisen, falls Sie ...« Der Graf
stockte, setzte mehrmals an, dann ging er entschlossen in media res, indem er
Roter ausführlich seine merkwürdige Lage und seine literarischen Pläne
anvertraute. Dieser staunte.
    Endlich fühlte der gräfliche Autor sogar das dringende Bedürfnis, dem Maler
etwas von seinen Produktionen zu verlesen. Er lege (natürlich) den bekannten
»hohen Wert« auf das Urteil eines so hochgebildeten Mannes. Da habe er sich
z.B. in die mystische Ehescheidungsgeschichte Lord Byrons vertieft und sei zu
seltsamen Schlüssen gelangt. Ob Roter ihn ermuntere, folgenden Anfang eines
projektirten Romans fortzusetzen. Auf Roters Bitte, die wirkliches Interesse
verriet, las er nun folgende Schnitzel ab. Eins seiner gewöhnlichen Fragmente,
die nie ein fertiges Ganze werden wollten.
 
    »Ist Mrs. Leigh zu Haus?« fragte ein langer gentlemanlike dreinschauender
Herr, welcher hastig in den Portiko getreten war, den Haushofmeister mit vor
Aufregung vibrirender Stimme.
    »Ja wohl, Sir. Jedoch weiss ich nicht, ob sie so früh empfängt oder überhaupt
heut' empfangen kann. Die traurige Nachricht, Sie wissen ... Alles geht drunter
und drüber.« In der Tat zeigte der Haushalt deutliche Spuren von Unordnung, wie
irgend ein untoward accident sie zu bewirken pflegt.
    »Natürlich,« nickte der Besucher, indem eine heftige Bewegung seine
männlichen Züge überflog. »Ganz London ist in Allarm. Man hält sich auf der
Strasse an. Freilich, solch ein sensationeller Aktschluss - das liebe Publikum!
Aber wir, die wir so viel tiefer -« Er brach hastig ab und drängte den Portier
bei Seite. »Bitte lassen Sie mich sofort ein. Es ist von höchster Wichtigkeit
für Mrs. Leigh.«
    »Mr. Hobhouse, wenn ich nicht irre?« fragte der zögernde Diener mit einer
respektvollen Verbeugung.
    »Gewiss. Melden Sie, es handle sich um den Verstorbenen - für Mrs. Leigh ist
das wohl genug.«
    Es schien in der Tat so. Atemlos eilte der Mann zurück und öffnete hastig
die Tür des Parlours, wo schon an der Schwelle eine Dame mittleren Alters dem
Besucher entgegenkam. Sie trug Trauerkleidung, ihre Augen schienen von
anhaltendem Weinen trüb. Wortlos drückten sich Beide die Hand. - - - - - - - -
    »Und so erkläre ich auf meine Ehre« Mr. Hobhouse erhob sich feierlich,
sowohl zur Bekräftigung als zum Zeichen seines Aufbruches »dass es närrische
alberne Dokumente sind und dass sie vernichtet worden müssen. Wir haben Beide die
Pflicht - Sie als nächste Verwandte des Verewigten und als das ihm teuerste
Wesen, ich als sein ältester und bester Freund - das Äusserste zu diesem Behuf
zu versuchen. Ich eile unverzüglich zu Mr. Moore, um das Ding herauszulootsen.
Leben Sie wohl!«
    »Und - und diese Autobiographie - mein Bruder hat sie mir niemals erwähnt -«
    »Das glaub ich wohl!« murmelte Hobhouse bitter in Parentese.
    »Was entielt sie denn?! In Betreff der - der Scheidung nämlich? Oder -« Ein
eigentümlicher Ausdruck der Spannung, halb lauernd, halb ängstlich, straffte
hier die müden Züge Mrs. Leigh's.
    »Hm, hm -« Mr. Hobhouse dehnte seine Worte auffallend. »Erinnere mich nicht
so genau. Viel Unsinn. Adieu.«
    Was bedeutete der seltsame Blick, den Beide an der Türe wechselten?
Argwohn? Misstrauten sie einander?
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    In dem Drawing Room Mr. Murray's, des grossen Verlegerfürsten, in
Albemarlestreet, befand sich eine Gesellschaft von sechs Personen in heftigem
Disput. Den Salon schmückte eine Reihe von Bildern, Porträts berühmter
Schriftsteller, deren Werke bei Murray erschienen waren. Standen doch drunten im
Portiko zwei bemerkenswerte Büsten, auf welche weisend der Verleger mit
gerechtem Stolz zu äussern pflegte: »Die Werke dieser beiden grossen Männer sind
hier veröffentlicht.« Der Eine war »the Duke«, der Herzog, der eiserne Herzog
Wellington, dessen Depeschen (dispatches) vom spanischen Krieg bei Murray
erschienen. Der Andere ein weit erlauchterer Geist, dessen Ruhm die Welt
bedeckte und der soeben, die Lyra des Dichters mit dem Schwert des
Freiheitskämpen vertauschend, den Heldentod für eine glorreiche Sache gestorben
war. Aber die Skulptur schien diesem wunderbaren Antlitz nicht gerecht zu
werden. Das merkte man so recht, wenn man das Meisterwerk von Philipps, ein
Porträt im Rembrand'schen Stil, über dem Kamin des Salons auf die Streitenden
herniederschauen sah. Unwillkürlich fuhr Jeder zurück, von einem seltsamen
Schauer ergriffen, wenn er auf die harmonische und übermenschliche Schönheit
jener Formen blickte, die im Leben einen Genius des Jahrhunderts beherbergt und
jetzt von diesen übernatürlichen Kräften verlassen. Wie der Gott des nimmer
fehlenden Bogens, der Gott des Lichtes und der Poesie, die Sonne in
Menschengestalt, Phöbus Apollo, blickt er wie aus überirdischen Fernen nieder.
Als dieses Antlitz im Teater della Scala in Mailand vor dem vornehmkühlsten
Kritiker Frankreichs (Stendhal) an einer Logenbrüstung auftauchte, vergass er,
dem Schwanengesang Desdemonas zu lauschen, und blickte auf dies Wunderbild bis
zuletzt. »Ja,« gesteht er, »ich war einen Augenblick entusiasmirt. Nie hab' ich
Aehnliches geträumt. Stets wenn man das Wort Genie nennt, taucht dieser sublime
Kopf in meiner Erinnerung empor. Es war das göttliche Bewusstsein der Kraft.« Und
dennoch - so lieblich dies Lächeln, das in so joviales Gelächter wie das eines
fröhlichen Schulknaben umschlagen konnte, so offen und frei der stolze Blick -
auf der Majestät dieser hohen Stirn tront unsterbliche Trauer. Man gedenkt an
den Lucifer, den Lichtbringer der Erkenntnis, vor dem Byrons »Kain« erstarrte:
»Wer naht dort? Die Gestalt gleicht der der Engel, doch wehmutsvoller, düsterer
ist der Anblick dieser Erscheinung vergeistigtester Geisteskraft. Was schaudre
ich? Was fürchte ich ihn mehr als andre Geister? Doch scheint er ja viel
mächtiger als sie alle, und schöner, aber doch nicht halb so schön, als er einst
war und als er werden könnte.« ..... Unter den sechs Versammelten standen sich
zwei Parteien gegenüber. Die bemerkenswerteste Persönlichkeit, ein kleiner Mann
von sympatischem Äußern, war kein Geringerer als Tomas Moore, der
Nationaldichter Irlands. An seiner Seite stand Mr. Murray, der Chef des grossen
Verlagsetablissements, und sein Sohn und Tronerbe. Ihnen gegenüber Ion Cam
Hobhouse, Baronet (später Lord Broughton), als Testamentsvollstrecker und
intimster ältester, Freund des Todten. Neben ihm zwei Weltmänner, Colonel Doyle
als Vertreter der separirten Wittwe und Mr. Wilmot Horton als Vertreter der
Schwester. Der Streit nahte seinem Ende. Die Hartnäckigkeit des hochangesehenen
Mannes, welcher einzig und allein die Interessen seines verewigten Freundes
verfocht, unterstützt vom - ihm selbst sehr gleichgültigen - Interesse der
Wittwe, trug den Sieg davon. Folgendes war das Resumé, welches Mr. Hobhouse mit
scharfer Bestimmteit und Klarheit vom Stapel liess: »Die Sache steht demnach so.
Der Verstorbene hat in Venedig an Mr. Moore seine Autobiographie geschenkt und
später aus Italien noch Vervollständigungen gesendet. Dies Dokument wurde, auf
besonderen Wunsch des Dichters, von seinem Verleger Mr. Murray aus Moore's
Händen für 2000 Pfd. Sterl. gekauft, mit dem Recht der Veröffentlichung. In
seinem letzten Lebensjahr vor seiner Abreise nach Missolunghi ward aber mein
Freund von wiederholten Zweifeln heimgesucht, ob die Publikation seinem Rufe
zuträglich sein würde. Ich versichere auf mein Ehrenwort und gestützt auf
vorgelegte Briefe, dass mein Freund die Absicht hatte, die Dokumente
zurückzukaufen. Ich protestire also mit aller Energie als Testamentsvollstrecker
des Verewigten gegen eine Publikation, die seinem Ruhme höchst nachteilig sein
kann. Ich halte das betreffende Manuscript für eine seiner ganz unwürdige
Leistung und Handlung. Die nächste Verwandte, die Schwester meines Freundes, die
ehrenwerte Augusta Leigh, ist festiglich derselben Ansicht. Die Wittwe vertritt
aus guten Gründen denselben Standpunkt. - Zu diesem Zweck hat der nun durch uns
zur Erkenntnis der Sachlage gekommene Mr. Moore die betreffenden 2000 Pfd.
Sterl. hiermit zur Rückzahlung angetragen. Sie aber, Mr. Murray, sind durch Ehre
und Rücksicht auf das Andenken des illüstren Todten, unseres gemeinsamen
verblichenen Freundes, gezwungen, die Dokumente hier in unserer Gegenwart vor
Zeugen zu verbrennen. Daran ist kein Zweifel mehr.« - -
    Eine Viertelstunde später brannte der letzte Papierstreifen zu Asche. Mit
einem Schauer düsterer Befriedigung glaubte der sensitive Moore auf den Zügen
des Porträts ein triumphirendes Lächeln zu bemerken. - -
    Beim Hinabsteigen in den Flur aber flüsterte er leichtin in Hobhouse's Ohr:
»Unleugbar war die Schilderung der Scheidungsgründe in jenen Dokumenten eine
parteiische und voreingenommene. Aber - obwohl augenscheinlich mit bestem
Wissen des Autors geschrieben - glauben Sie, dass diese Dokumente wirklich die
volle Wahrheit entielten?«
    »Das weiss ich nicht,« war die kalte Antwort.
    »Ich meine, halten Sie so gewöhnliche und simple Ursachen wie
Charakterunterschied u.s.w. für die Hauptgründe dieser berühmten Scheidung?«
    Mit gefasster Kälte blickte der lange Britte auf den kleinen Poeten herab,
als er unerschütterlich ruhig antwortete: »Ich weiss nicht - vielleicht.«
    Aber Moore liess noch nicht nach. »Sie wissen, dass ich gegen sie wahrlich
keine freundlichen Gefühle hege und meinem edeln Freund stets die Heirat
abriet. Aber, Mr. Hobhouse, Ihre eigene Animosität gegen diese Frau - ist sie
nicht durch Kenntnis irgend eines Faktums vermindert?«
    Hobhouse zuckte die Achseln und machte eine abwehrende Bewegung: »Ich wüsste
nicht.«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    »Hier schliesst die Einleitung, die zugleich den Epilog bildet,« schaltete
Krastinik ein. »Jetzt beginnt die eigentliche Erzählung der
Ehescheidungsgeschichte, welche nun Schritt für Schritt in Byrons Vergangenheit
zurückleitet.«
            »Meine teure Lady Byron!
        Der Apoteker und Arzt Lord Byron's nahm sich die Freiheit, den
        Instruktionen Ew. Ladyschaft folgend, denselben zu besuchen, mit der
        Intention, ihm Luftwechsel und Landaufentalt anzuraten, jedoch den
        heimlichen Zweck im Auge haltend, den geistigen Gesundheitszustand des
        distinguirten Patienten festzustellen. Dr. Le Mann hat nun wohl selbst
        Ew. Ladyschaft die Mitteilung gemacht, dass er nicht den geringsten
        Anhalt zu der Annahme gestörter Gehirnfunktionen gefunden hat. -
        Nichtsdestoweniger ersuchte mich Lady Noël, in Gemeinschaft mit Dr.
        Baillie, dem berühmten Mediciner, Sr. Lordschaft eine Visite zu
        demselben Zwecke zu widmen. Zu unserer peinlichen Ueberraschung schien
        der edle Lord gar bald mit einer seines Genius würdigen Einsicht und
        Beobachtung die Absicht zu erkennen und, nachdem er uns in gemessener
        Weise kundgegeben, dass unsere Fragen ihm sonderbar frivol und
        zudringlich erschienen, bot er den sichersten Beweis seiner gesunden
        Geistesverfassung: Er befahl nämlich - um es deutlich zu sagen - dem
        Lakaien, diesen ungeladenen Besuchern über die etwas steile Treppe
        hinabzuleuchten. Völlig überzeugt von der Abwesenheit jeder
        Geistesstörung bei dem edlen Lord, erlaube ich mir die Betonung der
        Tatsache damit zu verbinden, dass die durchaus unentschuldbaren
        Rauheiten im Benehmen desselben Ew. Ladyschaft gegenüber doch durchaus
        nicht diejenige Grenze erreichen, wo eine Scheidung notwendig scheint.
        So hoffe ich mich mit Sir Samuel Romilly, dem Sachwalter des edlen
        Lords, in Verbindung setzen zu dürfen, da es sich hier einfach um einen
        Versöhnungs-Fall handelt und wir leicht ein gütliches Uebereinkommen
        treffen werden. - Ew. Ladyschaft direkten Befehlen entgegensehend,
        bleibe ich
                          Ihr ganz ergebenster Diener
                                                                Dr. Lushington.«
    In diesem geheimnisvollen Stil eines Wilkie Collins ging die Sache nun
weiter, bis die Advokatencorrespondenz mit einem mystischen Abendbesuch Lady
Byrons bei ihrem Anwalt Lushington abbrach, worauf derselbe erklärte: nach einer
neuen Mitteilung, die ihm erst jetzt offenbart sei, bestehe er auf sofortiger
Scheidung.
    »Und der Grund?« fragte Roter hastig.
    »Ja, sehen Sie!« Krastinik blinzelte pfiffig, als wäre er schon ein
alterprobter Schlauberger und Sensationswüterich, der zur Abwechselung mal die
Geheimnisse Miss Braddons in zwanzig Bänden sammelt. »Da steckt eben der Haken!«
    Roter, dessen litterarischer Geschmack über den eines »gebüldeten« Lesers
in Deutschland nicht hinausging, fand diesen Anfang unendlich vielversprechend.
»Wie spannend! Nein wie spannend!« rief er einmal über das andere.
    »Ich bin überzeugt, Herr Graf, jeder Redakteur würde Ihnen nach einem so
spannenden Anfang das Werk aufs Geradewohl bestellen.«
    »Meinen Sie?« fragte Krastinik halb geschmeichelt halb zweifelnd.
    »Bestimmt. Unsre Romane werden immer langweiliger, man schläft bald ein.
Eugen Sue mag ja kein Ideal sein, aber man liest so etwas doch hundertmal
lieber, als unsre deutschen Sachen ohne Handlung und Spannung.«
    »Jaja, die Handlung ist dem Verleger die Hauptsache und dem Publikum auch,«
gab Krastinik zu, »das weiss ich wohl. Was kauf' ich mir für die lange
Psychologie, nicht?«
    »Natürlich. Sie sind zum Romancier geboren. Sie Glücklicher! Da können Sie
bald ein reicher berühmter Mann werden. Und dazu Ihr Name, Herr Graf! Wir haben
schon verschiedene Grafen und Gräfinnen, die schreiben. Wenden Sie sich gleich
an die grosse Firma Hallberger in Stuttgart. Ich kann Ihnen vielleicht eine
Empfehlung geben, da ich mit Ueber Land und Meer in geschäftlicher Verbindung
stehe als Illustrator.«
    »Meinen Sie also wirklich?« Der edle Xaver fiel mit Heisshunger über den
ehrlich gemeinten Köder her. »Nun, da wär' es wohl das Beste, wenn ich mal
selbst in Berlin Umschau hielte und mich mit Blättern und Bücherfirmen in
Verbindung setzte?«
    Ja, das kam Roter grade gelegen. Mit glühenden Farben malte er seinem neuen
Freunde die Aussichten, die ihm winkten. Auch entwarf er ein lockendes Gemälde
von Berlin.
    Ganz entscheiden wollte sich Krastinik noch nicht, doch neigte er sich dem
Entschluss der Abreise zu, - um so mehr es ja in seiner Natur begründet lag,
hastige plötzliche Entschlüsse zu treffen.
    Doch bat ihn Roter, als er ihn an jenem Tage verliess, nun definitiv sich zu
entscheiden, da er bestimmt übermorgen nach Berlin zurückreise. - -
    Da half dem Grafen ein Wink des Schicksals aus seinem Dilemma. Denn, eben im
Begriff sich für einen erneuten Besuch bei Egremonts zurechtzuputzen, erhielt
er, auf elegantem Velinpapier mit Goldschrift gedruckt, die freudige Nachricht
von dem geistigen Schutzpatron der »Britischen Aristokratie«, dass seine Tochter
Alice sich mit Sir Tomas de Mowbray verlobt habe.
    Einen Augenblick fühlte sich Krastinik wie niedergeschmettert. Das Blatt
entfiel seiner Hand, er sank auf einen Stuhl und starrte lange vor sich hin.
Dann erhob er sich und stürmte ins Freie.
    Wie lange er so umhergewandert, planlos, irr, durch Parks und Strassen, - er
wusste es nicht. Es war nach Mitternacht, als er, wie aus einem Traum erwachend,
an dem Eingang einer Underground-Station stillhielt. Mechanisch löste er ein
Billet, stieg die Stufen hinab, wo an jeder Seite lange Holztreppen in die
ungeheure Halle hinabführten, und wartete auf seinen Zug.
    In dieser Nacht war er ein Andrer geworden. Der Stahl der Härte verschmolz
sich dem ideellen Silber und dem materiellen Kupfer seiner Seele. Ueber die
Falschheit der Welt kann man nur lachen. Ihr zürnen und sich über sie grämen,
heisst ihr allzuviel Ehre erweisen.
    Der letzte Nachtzug brauste mit rotfunkelndem Laternenauge heran. Die
hölzernen Wände und Treppen der Underground-Station blickten so dürr trübselig
drein. Droben auf der Oberwelt heulte ein eisiger Wind. Matt blinzelten die
Ampeln. Nur wenige Passagiere trotteten vorüber.
    Krastinik dachte an eine Nacht auf dem grossen Bahnhof zu Pert. Nebel über
den fernen Bergen, er ganz allein auf einer Bank. Vor ihm auf und ab spazierend
nur ein amerikanischer Tourist mit Frau und Schwester, über der Schulter den
buntgewürfelten Tartanplaid, der hier als Touristenmode gilt. Er hatte den Mann
recht von Herzen beneidet, den Glücklichen mit zwei weiblichen Wesen an der
Seite - er so ganz allein, fern der Heimat, einsam wie eine Distel auf
Lammermoors Haide, auf die der Hochlandregen niederträuft.
    Und dann kam ihm wieder die Erinnerung an eine Nacht in der ungarischen
Pussta hinter Grosswardein, wo der Eisenbahnzug plötzlich hielt. Man hatte sich
verfrüht oder verspätet und ein entgegenkommender Zug wurde signalisirt. So
hielt man bange zehn Minuten an derselben Stelle. Die Schaffner liefen mit
Laternen draussen auf und ab, unabsehbar dehnte sich zu beiden Seiten die
Wüstenei und aus den Sümpfen kreischten unheimlich Wildgänse und Reiher im
dunkeln Röhricht.
    Am andern Tage teilte Krastinik seinem »Kameraden« mit, dass er sofort
morgen Abend mit ihm nach Berlin abreisen werde und bereits gepackt und die
»Bill« bei seiner Wirtin erledigt habe. Zugleich machte er sich auf, um
Dorringtons diese Mitteilung zu machen. Er liess natürlich den Grund von Roters
Kommen im Dunkeln, tat, als sei dies ein alter Bekannter aus Wien her, und
entwickelte die litterarischen Gründe, die ihn nach Berlin trieben.
    Sogar Lady Dorrington billigte, was sie eine »zeitweilige und geschickte
Entfernung« nannte. Sie äusserte sich sehr erbost über Miss Alice's schmachtende
Falschheit, wie Frauen stets dasselbe Benehmen ihrer Schwestern shoking finden,
das sie selber doch unter Umständen als echte Frauen in gleicher Weise betreiben
würden. Weltklug riet sie ihrem Neffen, erst aus Berlin seinen Glückwunsch
darzubringen: da er schon verreist gewesen sei, ohne zu seinem Bedauern sich
Egremonts empfehlen zu können, von plötzlichen wichtigen Affairen abberufen.
    »Man muss seinen Rückzug decken und seine Niederlage bemänteln, mein armer
Xaver.« Dieser biss sich auf die Lippen.
    ... Krastinik schlug Roter gegenüber jetzt einen forcirt jovialen Ton an.
Er glaube, es werde sich diesem alles zum Guten wenden. Uebrigens möge er nicht
alle Hoffnung auf Kati aufgeben. Der kleine Fleck in der Vergangenheit - was
schade das! Das bliebe ja unter ihnen drei - in der Familie. Sie sei ja sonst
offenbar ein ganz famoses Weib. Roter liebe sie doch nun mal. Also nicht
nachlassen!
    »I was schadet's denn! Ich beneide Sie darum. Enden Sie als Gatte einer
dicken Gastwirtin, einfach lebend mit einem ruhigen Weib, die sich bescheiden
von Ihnen bilden lässt. Solch ein derbes dummpfiffiges Küchenmensch passt grade
für Sie - Sie idealen Schwachmatikus, verzeihn Sie. Damit werden Sie eine gute
Brut erzeugen - Darwinische Zuchtwahl.
    Hören Sie in mir den kundigen Tebaner! Sie meinen, die Leute werden sich
über Sie moquiren? Pah, was geht Sie die Gesellschaft an! Sie Glücklicher, Sie
haben ja keine Rücksichten zu nehmen wie ich. Lägen dann die Neidhammel, die
sich über Sie mokiren, nur in Ihrem Ehebett!
    Ja, nur los, ich gebe Ihnen meinen Segen! Nur hüten Sie sich, dass Sie nicht
wie als Freier auch als Mann den blöden Corydon spielen - solcher
Sentimentalität sind die Weiber und nun gar solche Weiber bald überdrüssig.«
    Aber Roter wollte jetzt von solchen Predigten nichts hören. Stumpf und
begierdelos, schien er in nörgelnde Apatie versunken. Hatte er zu viel von dem
ungewohnten London Fogg, dem dicken Nebel geschluckt?
    »Ich will ewig reisen, und wenn ich auf Reisen bin, ärgere ich mich über die
tausend Plackereien, die damit verbunden,« warf er mürrisch hin.
    »Pah, Sie sind jetzt eben in krankhaft grämlichem Zustand. Glück und Unglück
wechseln, ebenso die Stimmungen der Seele in ewigem Ebben und Fluten. Diese
ewige Unzufriedenheit ...«
    »Nein, nein, es scheint noch etwas Anderes: ich leide an einer
Nervenschwäche, die sich als unbestimmte Angst äussert. Ich fürchte alles
Mögliche: Schmerz, Arbeit, Ueberarbeitung. Ja, ich bin überarbeitet; ich glaube,
ich muss in eine Kaltwasserheilanstalt. Ewig bohre ich mich in unliebsame
Erinnerungen ein, fürchte mich - ich weiss selbst nicht wovor.«
    »Ja, das scheint ernstliche Psychose,« unterbrach ihn Krastinik wohlmeinend.
»Sie müssen 'was für sich tun. Spleen ist schlimmer als alle Ueberarbeitung.
Die fürchtet nicht der wahre Künstler.« Seine Stimme nahm unwillkürlich einen
salbungsvollen Klang an, als ob er sich bereits mit dem »wahren Künstler«
identisicire. »Ja, jede Minute benutzen, das ist das einzig Wahre, und ganz
allein auf sich und den lieben Gott stehn. Lassen Sie doch die Quängeleien!«
    Wer von Beiden war wohl der Dümmere? Der Eine litt an unbefriedigter
Ruhmsucht, der Andre an unbefriedigter Liebe. Krastinik kam sich aber gar
schneidig und bedeutend vor, weil ihm Alice's sogenannte Falschheit nicht das
Herz brach und ihm der Kopf von Ehrgeiz-Plänen brummte. Er erklärte jetzt, das
wahre Glück in der Selbstbefriedigung vollbrachter Pflicht und Arbeit entdeckt
zu haben, und citirte als Wahlspruch ein Impromptu:
Gebt mir Donner, gebt Orkane.
Nur nicht diese Windesstille
Auf dem Lebensoceane.
Denn zu kämpfen liebt der Wille.
    »Jaja, es ist wunderbar wie eine erfüllte Pflicht beglückt. Willenskraft,
Energie - darin liegt Alles,« hob Krastinik wieder an. »Aber wie schwer ist's,
sich zu erheben! Die Indianer in Mexico bleiben in ihrem eigenen Kote liegen,
wie mir ein Reisender jüngst erzählte. Man prüft ja Aehnliches jeden Morgen im
warmen Bett. Und in den alten Adam nicht zurückzufallen, wie unmöglich! Da ist
nun die Gesellschaft mit ihren tausend albernen Kleinlichkeiten! Haben Sie eine
ungeschickte Verbeugung gemacht, so ärgern Sie sich - nicht? Und wenn Sie alle
Weisheit der Vorsehung im Leibe hätten! Statt aber schiefes Betragen zu bessern,
erzielt man bei sich nur unfruchtbaren Aerger. So doktert man an Allem herum und
spintisirt sich sogar vergangene Uebel schlimmer aus, als sie waren.«
    Roters Missmut stieg nur durch diese Vernünftelei. Wenn man Andern seine
Not klagt, beweisen sie sogleich, dies sei nur eigene Schuld gewesen.
    »Eine Hölle auf Erden! Tausend Nadelstiche! Und Willenskraft - als ob's
einen Willen gebe! Wir werden unsre Torheiten nicht los - die sind uns vererbt,
und angeboren. Wie wir einmal hereinfielen, werden wir's stets. Wen einmal ein
Weib dupirte, der wird stets aufs neue dupirt. Ich merke das, ich fühle das.«
    »Wohl wahr. Aber aus allem Missglückten kommt doch irgendwas Geglücktes. Aus
der Jagd nach dem Glück hat sich wohl Mancher schon Philosophie geholt.«
    So schwatzten sie immer weiter fort in die Nacht hinein. Je mehr man
abführt, desto besser die Verdauung, meinen manche Leute. Je mehr man schwatzt,
desto reger die geistige Verdauung. Aber sie führt gar leicht zu geistigem -
Durchfall.
    Die Empfindsamkeit über die Weltmisère übte auf Roter eine vergiftende
Wirkung: Sie bekehrte ihn zum Materialismus. Die elenden Erbärmlichkeiten einer
unidealistischen Weltanschauung wuchteten ihn völlig nieder, wie denn wahrer
Idealismus erst durch innere Ueberwindung des Materialismus errungen werden muss.
Die Verzweiflung des Idealismus führt zum Leben, der materialistische
Pessimismus zum Tod.
    Krastinik ermahnte ihn eindringlich beim Mittagessen, wo Beide wenig Appetit
entwickelten, doch der Welt und ihren dummen Spottgrimassen dreist ins Auge zu
sehn. Ausserdem sei zehn gegen eins zu wetten, dass kein Mensch von Roter's
Kati-Tollheit etwas ahne.
    »Ach, die Welt weiss Alles, selbst unsre Lügen,« seufzte Roter.
    »Meinen Sie? Meinetalben. Jeder muss eben sehn, wie er's treibe. Nie ist ein
Mensch durch Disput mit Gegnern überzeugt, nie durch Andrer Warnung und Geschick
bekehrt. Lebensklugheit suchen ist umsonst - sie ist wie das Glück, wie das
Gefühl des Behagens, einfach da.«
    Beide versanken in ein düstres Sinnen.
    »Wie konnte ich nur -!« fuhr es Roter heraus. »Ich muss mich schämen.
Unerwiderte Leidenschaft für ein üppiges Weib ist doch lächerrlich.«
    »Das finde ich nicht. Ob nun physisch oder psychisch, Hingebung ist immer
schön. Nur egoistische Sinnlichkeit ist sündig. Ja, Du lieber Gott, die Liebe
wird wie jedes Laster eine Krankheit, der man fröhnen muss.«
    »Ja, es ist gleichsam ein Faulheitszustand, aus dem man sich nicht aufraffen
kann. Und die Strafe der Faulheit bleibt ja nie aus, in tausend albernen Formen,
als Abhängigkeit von allen Aussendingen. Nur das Innere, wenn man sich dortin
zurückzieht, ist fehlerlos während die Aussenwelt unaufhörlich Fehler bringt.«
    »Sehr wahr. Ach, Fleiss ist die höchste Weisheit, Arzenei, Rettung, Genuss
zugleich. Ja, wenn man sich einreihen könnte in die Schaar jener Künstler und
Denker, die vor uns gestrebt und gewirkt!«
    »Und statt dessen bohre ich mich ein auf einen Fleck in ewigem Brüten über
Nichtigem! Der gesunde Mensch sollte lieber jeden Tag als eine freie Gabe
betrachten, für die er danken muss. Ja, was sind wir alle für törichte elende
Zeitvergeuder!«
    Wie die Feuerpfeile, welche die Hindoohs durch die Luft schiessen, um den
Pfad ihrer Barken zu lenken, so beleuchtet manchmal eine jäh aufzuckende
Augenblickserkenntnis die Nacht unklarer Empfindung.
    Am Spätnachmittag (sein Zug ging abends, Route über Vliessingen)
verabschiedete sich Xaver von seinem väterlichen Mentor. Dieser begleitete ihn
eine Strecke weit nach Haus zurück.
    »Also Du reisest mit Deinem neuen Freund! Gut, gut, auf Wiedersehen hier im
Herbst.« Dorrington klopfte seinem jungen Freund auf die Schulter und sah ihn
mit jenem herzlichen Wohlwollen an, das den Grundzug seiner edeln Natur bildete.
»Ich verliere Dich ungern lange. In meinem Alter! Wer weiss, ob man sich
wiedersieht! Ich für meinen Teil gehe jetzt bald aufs Land. Ein Buchenwald mit
seinen weissen Stämmen macht einen ruhigen Eindruck. Was soll mir all der
Kultur-Kaleidoskop!«
    »Ich schreibe Ihnen jede Woche zweimal, mein teurer väterlicher Freund. Nie
werde ich Ihre Güte vergessen.«
    »Ach, tutut! Larifari! Ich hab' Dich gern und will Dir wohl und Dich zu
fördern macht mir Vergnügen. Das ist der reine Egoismus!«
    »Sie und Egoismus!« lächelte Krastinik.
    »Pah, Egoismus ist die Triebfeder all unsrer Handlungen. Man schwatzt von
Philantropie - was soll das! Das Wohltun erregt dem Einen ein eben solches
Lustgefühl, wie dem Andern die Befriedigung seiner Bosheit.«
    »Ja, wenn Sie's so nehmen! Aber was bleibt denn da übrig! Wo finge dann die
Tugend an! Verfeinerter Egoismus steckt natürlich in Allem. Der Märtyrer am
Brandpfahl pflegt den verfeinerten Egoismus, sich über die Welt erhaben zu
fühlen. Auch das ist ein Lustgefühl.«
    »Sehr gut.« Dorrington wiegte beistimmend sein ehrwürdiges Haupt. »Du fängst
an, zur Erkenntnis zu gelangen. Fahre so fort!«
    »Aber nein doch! Sie als Prediger der Selbstsucht - das widerspricht ja
Ihren eignen Teorieen. Und überhaupt, mir scheint diese kalte Vernünftelei doch
anfechtbar. Ist der Mensch nicht von Natur gut, selbstvergessend? Sobald man
Jemand ertrinken sieht, heisst uns der Instinkt nachspringen, also etwas
Unselbstisches. Erst die Berechnung und Ueberlegung lässt uns stillestehn. Wie
kommt das? Des normalen Menschen Gewissen ist also von Natur edel und gut.«
    »Gewissen? Was ist das? Die Philosophie hat längst festgestellt, die
Psychologie längst deducirt, dass dies Gewissen uns anerzogen wird.«
    »Das glaub ich nimmermehr. Das Gewissen ist der grosse Unbekannte, der
unbekannte Gott, etwas Transcendentales. Dies etische Prinzip ist jedem
Menschen eingeboren.«
    »Dann ist's also doch nicht transcendental. Was wird dann damit, wenn der
Mensch stirbt?«
    »Das können wir nicht wissen - wenigstens, sobald wir die Unsterblichkeit
leugnen.«
    »Das Gewissen soll also jedem Menschen eigen sein. Dann trüge es ein
individuelles Gepräge. Und doch soll's ein allgemeines Prinzip sein?«
    »Es ist kein individuelles Prinzip. Sondern das Gewissen, das Unbekannte,
Unbewusste, ist das Prinzip der Existenz selbst. Es lebt in jedem Lebewesen als
ein Teil des grossen etischen Gesammtprinzips. So erkläre ich mir das.«
    »Und doch tritt ja das Gewissen bei jedem Lebewesen verschieden auf, je nach
Erziehung und Abstammung. Der Eine hat ein zartes, der Andre ein hartes
Gewissen. Und seine Gebote - ändern sie sich nicht nach Zeit und Ort? Was bei
uns als Verbrechen gilt, mag im Orient oft Sitte gewesen sein.«
    »Möglich. Ich erinnere mich, dass ich als Kind weinend zu meiner Mutter kam,
weil ich mit Steinen werfend unversehens einen Vorübergehenden getroffen hatte.
Es war nicht Furcht vor Strafe, sondern die Reue, einen Menschen verletzt zu
haben.«
    »Gute Race!« erklärte Dorrington kaltblütig. »Die Knaben des Pöbels, welchen
Tierquälerei einen Hochgenuss bereitet, würden in solchem Fall über Deine
Dummheit lachen. Es ist alles Abstammung.
    Freilich, gute Race - hm, hm! Wer weiss, ob unser Idealismus - ich war mein
Lebtag ein eben solches Kind und bedaure in Dir meine eigne Schwäche - nicht
eine physisch schlechte Race andeutet! Unsre Eltern haben an einer Art Psychose
gelitten, an allzu zarter Feinheit des Nervensystems, waren nicht normal gesund
d.h. brutal-egoistisch, als wir gezeugt und geboren wurden. Der Idealismus ist
eine Krankheit; davon lass' ich mich nicht abbringen.«
    »Meinetalben!« Krastinik seufzte tief auf. »Aber was hilft's, das zu
wissen! Damit kommen wir keinen Schritt weiter. Wir müssen ja doch das Leben
ertragen, wie's einmal ist, und unsre idealen Forderungen verkneifen.«
    »Ja, bis der Tod uns kneift.« Der Alte gähnte leicht und schüttelte sich,
wie in einem Gefühl des Unbehagens. »Und um's erträglicher zu machen, hat man
sich die Mär von der Unsterblichkeit erfunden. Das ist auch so eine Art
Grössenwahn des Menschen. Endlich sollte die Naturwissenschaft ihn doch belehrt
haben, was für ein Wurm er ist. Wahrhaftig, man sollte denken, dass Dein
eingeborenes Prinzip beim Menschen nichts andres als der Grössenwahn ist!! Erst
dachte er sich Sonne, Mond und Sterne um seine winzige Erde hertanzen und
schneiderte sich einen Gott zurecht, der nur für ihn und seine Bedürfnisse da
war! Jetzt muss er wohl oder übel einsehn, dass sein Erdklumpen nur einen Punkt im
Universum vorstellt. Darwin hat ihm endlich zu Gemüte geführt, dass er nur ein
höher entwickeltes Tier sei. Und trotz alledem hält sich der veredelte
Menschenaffe immer noch für einen hochwohlgeborenen Grandseigneur, an dem Sonne,
Mond und Sterne ein ganz besonderes ehrfürchtiges Wohlgefallen haben!«
    »Sie übertreiben.« Der Graf lächelte etwas ironisch. »Wäre dem so, so würde
der veredelte Menschenaffe wohl etwas mehr in seiner persönlichen Aufführung
danach streben, vor Sonne, Mond und Sternen mit Ehren Parade zu stehn! Uebrigens
- über diese Descendenzteorie lässt sich noch streiten. Längst hat mich einfache
Logik gelehrt, dass der Uraffe, von dem wir abstammen äusserst verschieden gewesen
sein muss von dem Urahnen des eigentlichen Affengeschlechts. Warum hat nur der
Menschenaffe solche Fortentwickelungsfähigkeit gehabt und warum ist der Affe,
wie wir's am Gorilla und Schimpanse heut sehn, nach Aeonen immer derselbe
geblieben? Der Menschenaffe war eben ein Genie. Denn Genie scheint mir keine
concrete Fähigkeit, sondern eine Art Baccillus, der im Gehirn bei der Geburt
steckt und sich langsam je nach den Umständen fortbildet oder auch nicht. Der
Eine wird ein grosser Mann, der Andre ein Verbrecher. Wie mancher Handlungscommis
könnte ein Clive, wie mancher Midshipman ein Nelson werden, wenn die Umstände
ihn begünstigen! Cäsar Borgia wurde kein Cäsar: er hatte kein Glück. Sulla der
Glückliche! Cäsar und sein Glück! O die Römer waren kluge Leute. Der
Menschenaffe hatte Glück und hatte Genie. Der Ur-Gorilla aber hatte ein
Durchschnittsgehirn und weder Glück noch Initiative. - Nein, nein, unsere
Verwandtschaft mit dem Affengeschlecht scheint mir nur äusserlich und kann nur
dem Oberflächlichen imponiren.«
    »Sieh, sieh!« spottete Dorrington. »Da haben wir den menschlichen Grössenwahn
in optima forma. Uebrigens,« brach er ab, indem er nachdenklich vor sich hin
blickte, »vielleicht verdanken wir unserm Grössenwahn auch unser bisschen Grösse.
Man muss an sich glauben. Goete sagte sogar, dass noch kein rechter Kerl an
seiner Unsterblichkeit gezweifelt habe.
    Ja, mit dem Grössenwahn ist das ein eigen Ding. So müssen z.B. Mohamed,
Christus, Buddah sich für Übermenschen ausgeben, weil die Menschen nur die
Person, nie die Sache sehn und daher ohne dies das Grosse in ihnen nicht siegen
könnte. Solch ein Grössenwahn scheint also notwendig, wird sogar zur Tugend!«
    Krastinik schwieg betroffen. Diese Auffassung kam ihm sehr gelegen und
leuchtete ihm ein. Doch warf er hin:
    »Grössenwahn scheint fast immer gepaart mit hochmütiger Verkleinerung der
Andern.«
    »Nun ja, das ist eben der natürliche Egoismus, aus dem ja auch der
Grössenwahn hervorgeht.«
    »Sei also der Grössenwahn der Grossen berechtigt - wie aber entschuldigt man
die Einbildung der Kleinen?«
    »Ach, denken wir auch hier menschlich! Nur die Lumpe sind bescheiden. Was
wären wir ohne Hoffnung! Ein solcher Grössenwahn ist oft Selbsterhaltungstrieb.
Dagegen ist nichts zu sagen. Ein solcher Glaube tröstet einen armen Teufel im
Kampf ums Dasein; der Glaube an seine innere Bedeutendheit hält ihn aufrecht.«
    Beide blieben an einer Wegebiegung stehn, um sich zu trennen. Sie hatten
sich schon die Hände geschüttelt und hielten sich noch immer bei der Hand.
    »Schon gut, aber man macht sich doch lächerrlich -«
    »Weil die Eitelkeit der Andern sich über unsre Eitelkeit ärgert? Nun ja, man
muss es nicht herauskommen lassen. Das ist ungeschickt. Die Hochmütigsten sind
die, welche ihren Hochmut nicht mit Worten zeigen. - Na, es soll mich wundern,
wie Du in der Hauptstadt des deutschen Geistes mit all den grossen Geistern
auskommen wirst. Meinen Segen hast Du dazu! Lebwohl - mein Junge, lebwohl!«
 
                                 Sechstes Buch.
                                       I.
Bei seiner Rückkehr hatte Roter folgenden Brief gefunden:
                »Geehrter Herr,
    Verzeihen Sie, dass ich es wage, diesse Zeilen an Sie zu schreiben, es ist ja
nur betreffs meines Bildes, um dessen Rückgabe ich Sie einst bat. Ich weiss, dass
Sie mir zürnen. Denn wenn Sie Charakter haben, müssen Sie das tun, denn Ursache
haben Sie vollauf, und eben weil ich das annahm, glaubte ich damals nicht eine
wunde Saite bei Ihnen zu berühren, Erinnerungen bei Ihnen wachzurufen - - wenn
ich Sie um Rückgabe meines Bildes bat, weil ich Selbes für Sie längst wertlos
wähnte und ausserdem sind Sie in ganz Deutschland der einzige Besitzer eines
Bildes in dies Genre, da ich seiner Zeit bloss drei machen liess und die zwei
andern in Händen meiner Familie sind.
    Da ich nun aber aus Ihren Zeilen ersehen dass Ihnen noch ein klein wenig an
dem Bilde liegt behalten Sie es als Erinnerung an eine traurige Zeit für Sie und
mich und wenn es Ihnen manchmal aus versehen in die Hände kommt, urteilen Sie
nicht zu strenge über dass Original, welches auch ein schlagendes Herz in der
Brust hat und auch recht deutlich fühlt was wohl und wehe tut ... Mit dem
Kohlrausch bin ich fertig für ewige Zeiten mein Ohr wird beleidigt wenn ich von
ihm höre. Fragen Sie mich nicht wie es gekommen, sondern ziehen Sie den
Charakter dieses K. in Betracht. Dann können Sie sich selbst Antwort geben. Nun
sende ich Ihnen meinen letzten Gruss und wünsche Ihnen all das gute was man
Jemand wünscht, für den man die grösste Achtung im Herzen hegt«
    Roter stützte sein Haupt in beide Hände. Grosse Tränen quollen aus seinen
Augen und jede Träne brannte.
    Dann stürzte er sich auf sein Schreibzeug und entwarf in einem Zuge
folgenden Brief:
    »Verzeihen Sie, wenn Ihr Brief mich drängt, auf einige Punkte desselben noch
einmal zu antworten.
    Hätte ein Mann diesen Brief mit seiner ruhigen Vornehmheit der Gesinnung, in
ehrlichem Eingestehen eigener Verschuldung und doch Bewahrung der eigenen Würde,
geschrieben, so würde ich nicht anstehen zu urteilen: Diesen Brief hat ein
Gentleman geschrieben.«
    Sie täuschen sich aber in zweierlei Dingen.
    Sie meinen, ich müsse auf Sie »böse sein«, wenn ich Charakter hätte.
»Charakter« zeigt sich aber nicht in kleinlichem Nachtragen, sondern in
grossmütigem Verzeihen und vor allem in Beherzigung des französischen
Sprüchworts: »Alles verstehen heisst alles verzeihen.« - Ich bin eigentlich nie
»böse« gegen Sie gestimmt gewesen, sondern habe nur Mitleid und Bedauern
empfunden. Dass ich wie gewöhnlich auf den ersten Blick den Charakter jenes K.
durchschaute, ist ja natürlich; dass Sie meine Warnung so sehr berechtigt finden
mussten, freut mich wahrlich nicht, sondern betrübt mich tief. Es ist aber ein
altes Porrecht der Frauen, oft den erbärmlichsten Wicht dem Besten vorzuziehen.
»Schwachheit, dein Name ist Weib.«
    Wenn Sie aber wähnen, dass ich jedes Interesse für Sie verloren hätte, so
irren Sie sich leider sehr über die Tiefe der Empfindung, welche Sie mir
eingeflösst haben. Stolze Naturen wie die meine, welche innerlich stets einsam
sind, pflegen Liebe und Hass nicht täglich wie ein Hemd zu wechseln. Die
landläufige Verliebteit ist, bei Männern wenigstens, eine Sache, die mit Essen
und Trinken auf einer Stufe steht. Solche »Liebe« ist Eitelkeit und
Sinnlichkeit, wenn sie nicht Wahnsinn ist. Bei meiner grossen Geringschätzung der
weiblichen Natur habe ich das stets nur als Spiel und Sport betrachtet und
behandelt. Bei Ihnen aber liegt die Sache anders. Ich glaube kaum, dass ich je
wieder fähig bin, ähnlich selbstlose Gefühle für irgend ein weibliches Wesen zu
hegen. Die Liebe hat ein sehr sicheres Warum, sie ist ein Naturtrieb. Ich
zweifle daher nicht, dass Sie eine naturnotwendige Ergänzung meiner Natur
geworden wären.
    Doch das Leben ist rauh und erbarmungslos, und die Verhältnisse meist
unüberwindlich, - wenn sie es auch im äussersten Notfall für Menschen von meiner
Energie niemals sind. Doch - geschehn ist geschehn und vorüber ist vorüber.
    Doch werden Sie begreifen, dass nach solchen Erlebnissen ein völliges
Vergessen unmöglich ist und dass ich, wann und wo ich Sie auch je im späteren
Leben wiedersehen mag, Sie niemals ganz gleichgültig für mich sein werden,
ebenso wie Sie nie meinen Namen lesen werden, ohne dass ein seltsames
Erinnerungsgefühl Sie beschleicht.
    Jedenfalls aber danke ich Ihnen herzlich für Ihren Brief, und danke Ihnen,
dass Sie mir »grösste Achtung im Herzen« bewahrt haben. Ich erwiedere diese
Achtung und bleibe Ihr schweigender Freund, der Ihnen für alle Zukunft
aufrichtige Teilnahme ohne alles Nebeninteresse heimlich bewahrt und Ihnen mehr
Glück und Seelenfrieden wünscht, als Ihr Schicksal es bisher Ihnen bescheert
hat.
    Schon wollte Roter diesen Brief absenden - natürlich an die alte Adresse in
der Gerichtsstrasse -, als sein Blick zufällig auf das Couvert fiel, das er
natürlich nach Erkennung der Handschrift sofort erbrochen hatte, ohne den
Poststempel zu beachten. Jetzt fiel ihm dieser ins Auge: - Hamburg! Was
bedeutete das? Sie hatte sich dieses Kohlrauschs entledigt und ging nun dennoch
nach Hamburg zurück?!
    Ohne zu zögern, eilte er sofort zu Frau Lämmers.
    Diese empfing ihn mit grösster Verlegenheit.
    Sie habe Herrn Roter aufgesucht, um ihm Mitteilung zu machen - obschon sie
ihn ja kaum kenne, sei dies doch ihre Pflicht gewesen. Und nun grade musste sie
erfahren, dass er verreist sei!
    Worum es sich handele? O ganz einfach. Erstlich wollte Kati durchaus nicht
dulden, dass Roter in Ungelegenheiten gebracht werde, und erklärte, dabei werde
sie nie gegen ihn zeugen. Und dann, sobald sie unter den dringenden Umständen
mit Kohlrausch wirklich Ernst machen wollte, habe sich dieser unter allerlei
Vorwänden »glatt wie 'n Aal« zurückgezogen. Endlich sei es klar geworden, dass er
im Grunde auch nur darauf spekulirt hatte, das schöne Mädchen herumzukriegen.
Endlich in einer heftigen Scene, als sie ihm Vorwürfe machte, erklärte er brutal
gradheraus, dass es ihm nicht einfallen werde, ein Mädel ohne einen Pfennig in
der Tasche zu heiraten. In einer Aufwallung wahnsinniger Wut hatte sie ihn
darauf geohrfeigt, ihm die Tür gewiesen und einen heiligen Eid geschworen, sie
wolle ihn niemals wiedersehn. - Stundenlang, erzählte Frau Lämmers, habe sie
sich auf dem Sopha in Weinkrämpfen gewälzt und immer wieder gerufen: »Das ist
die Strafe! O Roter, Roter!«
    Daraufhin sei sie, die Wirtin, heimlich zu Roter gegangen. Als sie dann
Kati mitteilte, was sie getan - worüber diese aufgefahren sei: »Ich sterbe
vor Scham!« - habe diese, sobald sie erfuhr, Roter sei nach England gereist
(also jedenfalls für lange), sich würdig gefasst. Das freue sie. Er sei nun
wenigstens erlöst und gerettet. Nie werde sie ihm mehr unter die Augen treten
können.
    Was aber nun! Wovon leben! Wieder die alte Geschichte, wie im vorigen
Sommer! Einen ihrer alten Verehrer beglücken - ja, dazu war noch immer Zeit.
Aber ehe sie das tat, eher sterben!
    Da führte ihr in einem Café der Zufall einen jungen eleganten Herrn in den
Weg, mit dem sie in ein Gespräch kam. »Ja und was wollen Sie! In den hat sie
sich verliebt! Und nun ist's obendrein ein sehr reicher junger Herr. Kurzum -«
    »Kurzum! - Aha!« Es war Roter, als ob eine andre Stimme so dumpf aus ihm
antworte. »Und da sind sie nun sozusagen auf der Hochzeitsreise?«
    »Ja natürlich! Hier hätt' ich das Verhältnis nie geduldet und Kati selbst
wollte nicht - hier wäre sie ja doch leicht ausgespürt worden. Wohin sie sind,
weiss ich nicht recht. Doch glaube ich -« Sie zögerte.
    »Nur heraus mit der Sprache!«
    »Ich hörte mal, wie er viel von Norwegen erzählte, wo er hin wollte. Das sei
jetzt bei den Herrn Touristen so beliebt. Und sie liess sich viel von ihm
erzählen darüber.«
    »Stimmt. Poststempel Hamburg. Und ... und - wie heisst ihr neuer Amoroso?«
    Frau Lämmers zögerte. »Ja, ich weiss nicht ... Sie müssen mir versprechen,
mich nie zu verraten ...«
    »Mein Ehrenwort.«
    »Also gut. Er heisst Eugen Wolffert.«
    »Eugen Wolffert! Der Sohn des Kommerzienrat Wolffert - des
Waffenfabrikanten, des fortschrittlichen Reichstagsabgeordneten?«
    »Derselbe.«
    Roter stand einen Augenblick regungslos. Es durchschauerte ihn jählings der
Gedanke, dass es wohl gar keinen Zufall gebe, sondern alle Dinge innerlich aus
Notwendigkeit in einem abgezirkelten Kreise zusammenlaufen. Berg und Tal
kommen nicht zusammen, aber wohl die Menschen in Berlin.
    Er fasste sich jedoch rasch und tat möglichst unbefangen. Dass die Sache nun
also endlich aus und zu Ende sei, befriedige ihn. So sei Kati denn besorgt und
aufgehoben. Somit empfehle er sich Frau Lämmers und danke ihr für die vielen
Unannehmlichkeiten, deren sie dieser Geschichte halber sich unterzogen.
    Zu Hause steckte er sich eine Cigarre an und überliess sich Träumereien, die
an seine Vergangenheit anknüpften.
    Eugen Wolffert! Ja, den hatte er gekannt. Er dachte an eine Episode seines
Jugendlebens zurück, an den Tag seiner Abiturientenprüfung.
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    Der würdige Pädagoge hatte gesprochen, ordnete seine weisse Kravatte, schob
seine Brille zurecht und erglänzte von dem milden Lächeln väterlichen
Wohlwollens. Die Mütter, völlig überwältigt von den klassischen Citaten und
Rührung, weinten bitterlich. Die Schwestern starrten - nicht nach dem speziellen
Bruder, sondern seinen speciellen Collegen. Die Väter versuchten ergriffen
auszusehen. Kurz, alles ging so zu, wie es seit grauer Vorzeit bei
Abiturientenentlassung herkömmlich ist. Leider schienen die »nicht ganz
gewöhnlichen Charaktere,« wie Director Sprengler es so schön ausgedrückt hatte,
»der drei Aspiranten des öffentlichen Lebens« am wenigsten sanfteren Gefühlen
zugänglich. Der Eine lehnte mit verschränkten Armen (eine Stellung, die er zur
äussersten Entrüstung des Pedells und der jüngeren Schulamtscandidaten während
der letzten fünf Minuten kaltblütig behauptet hatte) an einem Pfeiler in der
Haltung stolzer Gleichgültigkeit. Der Andere blickte dem Lehrer seiner
unerfahrenen Jugend, die Augen halb geschlossen, in die Reuer der Beredsamkeit
strahlenden Brillen, - mit dem kahlen und mitleidigen Lächeln, das sich bei
näherer Besichtigung wie verächtlicher Hohn ausnahm. Der Autokrat der Aula
schien übrigens an diese verräterischen Anzeichen eines schlechten Gemüts
durch langjährige Erfahrung gewöhnt.
    O, er fühlte es, der absolute Dynast, mit gerechtem Groll: dies war nicht
mehr das Lächeln des Trotzes sondern das triumphirende Lächeln des Befreiten vor
seinem früheren Kerkermeister.
    »Dieser Jüngling nimmt ein schlechtes Ende!« murrte der wohlwollende Seher
einem grauhäuptigen Oberlehrer der Anstalt zu - dem wohlbekannten Dr. Müffich,
welchem jene von der gelehrten Welt mit solchem Beifall aufgenommene Abhandlung
über den Bart des Sokrates gelang. »Recte!« versetzte dieser graue Trojaner.
»Die Jugend wird immer verderbter!«
    »Und welch schlechte Manieren!« wisperte der schöne Dr. Lucä, welcher einen
Essay - beileibe nicht Dissertatio, heute wird die Wissenschaft modern und
elegant, Schlafrock wird unschicklich selbst für Metaphysiker, und die
schlafmützigste Gründlichkeit wirft sich in Frack und Glacee - über die
Superiorität des französischen Geistes verbrochen hat: ein Tema, das ihm bei
einem gerechten deutschen Publikum grosse Sympatien gewann. Lucä war auch mal in
Paris gewesen und litt am Grössenwahn der Gallomanie.
    Der dritte Jüngling entfaltete indessen die Talente eines Satelliten. Erst
versuchte er die stolze Nonchalance von Nr. 1, dann die sardonische Grimasse von
Nr. 2 nachzuäffen. Schwankend zwischen der Verehrung zwei so illüstrer
Vorbilder, gähnte und grinste er in schönem Wechsel, bis er endlich, ermüdet von
seinen erfolglosen Anstrengungen, das Kennzeichen seiner wahren Natur
entwickelte, nämlich den träumerischen Blick phantastischer Duselei.
    Der grossartige Ritus der Entlassung war nun zu beendigen durch den
ehrenvollen Akt des Händeschüttelns mit dem einstigen Despoten. Der
Gleichgültige schüttelte mit jovialer Herablassung, der Träumerische wie ein
verlegenes Kind, und der Höhnische mit einer beleidigenden kalten Höflichkeit.
    Dann wandte sich der wohlerzogene junge Mann mit einem halb natürlichen,
halb affektirten Gähnen zu seinen zwei Freunden, welche mittlerweile ihren
Familien eine zarte Eröffnung über einen zu haltenden »Soff« bereitet hatten,
den die drei Abiturienten für den Abend verabredet hatten. Für ihn selbst schien
keine Familie anwesend. - Sie standen allein in der Vorhalle der Aula. »Eh bien!
« rief der Gleichgültige, offenbar die Hauptperson dieses Kleeblatts, »all
right? Gürten wir denn unsre Lenden und wandeln in das gelobte Land, wo Bairisch
und Kutscher in Strömen fliesset! - So leb' denn wohl, Du altes Haus! Herr
Pedell, unsre Ueberzieher! Und hier, lieber Herr, ein kleines Souvenir für so
viele Mühe!«
    »Danke, danke, Herr Wolffert!« kratzfusste der gerührte Herr Baum, drei
Taler bis ins Herz hinein fühlend, »danke Sie vielmals! War mich immer eine
grosse Ehre, einem so seinen jungen Herrn gefällig zu sein! Ich hatte, därf ich
woll sagen, stets een Auge auf Ihnen! Viele Mühe - hehe! Des dürfen Sie woll
sagen! Schon - alleine -«
    »Die Carcer!« lachte der junge Mann fröhlich. »O muss ich denn auch Dich
verlassen, Wiege meiner Jugend? Wann war's denn das letzte Mal, lieber Herr
Pedell?«
    »Na, wissen Sie, mir däucht, als Sie Herrn Schulamtskandidaten Specht so
frech - däs will sagen, ich meine - so kavaljeremang traktirten! Die Geschichte
mit das Fenster!«
    »Ich kann mich wirklich nicht erinnern!« behauptete der Schwerenöter. Er
wollte es gern noch einmal hören.
    »Nä, däs muss man sagen? Nich erinnern? Vier Stunden Brummen? Däs heisst - ich
erinnere mir, gebrummt haben Sie nicht, aller jejrölt haben Sie janz laut Steh
ich auf finstre Mitternacht und andere jefühlvolle und patriotische Jesänge und
- juter Jott! - jejessen haben Sie! Ich erinnere mir, der Career glich Sie einer
Esswaarenhandlung!«
    »Bravo! Kapitales Gedächtnis! - He, Leonhart!« Der Höhnische hörte auf
diesen Namen. »Willst Du nicht über die Functionen der Erinnerung in den
Gehirnen der Masse philosophiren? Hier Herr Baum hat ein tief entwickeltes
Stullengedächtniss!«
    »Und ein Trinkgeldgedächtniss dazu! Ich habe nie daran gezweifelt: Seine
Freuden der Erinnerung!«
    »Na, was däs anbelangt, Herr Leonhart, so gaben Sie mich mindestens nich
ville Jelegenheit, dies Jedächtniss zu exerciren!«
    Der erboste Pedell war offenbar schon lange von der Insolenz dieses Leonhart
gereizt. Er riskirte lieber sein Trinkgeld zu verlieren; vielleicht wusste er,
dass er doch keins bekam.
    »Unsinn, lieber Herr Baum!« lachte Wolffert. »Er meint's nicht so! Er
insultirt Leute manchmal nur, weil es so seine Gewohnheit ist. Keine böse
Absicht!« Er versuchte augenscheinlich den Protektor zu spielen. »Und nun, um
auf den besagten Hammel zurückzukommen« -
    »Sie meenen den Specht? Nu, sehn Sie, die Sache war Sie die: Die
Klassenfenster stehen offen. Und Monsieur Specht« - nach drei Taler Trinkgeld
darf man schon was riskiren! - »kommt in die Prima, wo er ja nischt zu suchen
hat, und kreischt: Fenster zu! Sie da! Und damit meint er Ihnen, Herr Wolffert,
insofern als Sie zunächst das Fenster standen, sehn Sie -Sie da, sagt er machen
Sie mal die Klappe zu! Däs traf Ihnen. Und Sie sagen, sehen Sie: Herr, den ich
nicht zu kennen die Ehre habe - däs war frech, entschuldigen Sie mir, aber däs
war frech!« (Frech bedeutet: tapfer und brav, im Schuljargon) »Sie sollen Ihre
Lehrer kennen. Sehn Sie! - Also: Ehre habe! sagen Sie machen Sie lieber selbst
Ihre Klappe zu!!«
    »Das war riesig frech!« jubelte der Träumerische und warf einen Blick tiefen
Respekts auf seinen vom Bewusstsein edler »Frechheit« strahlenden Freund.
    »Oder bitten Sie mir erst! sagen Sie. Man bittet in anständige Jesellschaft!
- Na, das Jesicht von Spechten können Sie sich man selber imaschuiren!«
    (Baums klassische Studien bereichern seinen Wortschatz mit Gebilden einer
seltsamen Sprache, welche von Gelehrten der Tertia für Chaldäisch erklärt wird,
mit Anklängen an das Etruskische.) »Rot, wie ein Puter schreit er: Sie
impertinenter Flegel! sagt er Ihren Namen! - Hehe, impertinenter Flegel! sagt er
- entschuldigen Sie mir, aber däs war stark! Impertinent ist stark!«
    »Wurde noch nie einem Primaner geboten!« bemerkte der Höhnische, mit
schmunzelnder Befriedigung, dass man selbst diesem Heros so was bieten konnte!
    »Lachen Sie nicht!« rief Wolffert jedoch mit herrischer Stimme, rot vor
Zorn. »Ich werde diesen vulgären Burschen später zurecht setzten! Bei Philippi
sehen wir uns wieder!«
    »Na gut Impertinenter Flegel! sagt er also -«
    »Sie brauchen es nicht wiederholen!«
    »No, nee! Entschuldigen Sie mir - hm! hm! Imper - das war stark! Ihren
Namen! sagt er. Sagen Sie: Mein Name ist Wolffert! Ich bin sonst ein sehr
höflicher Mensch! Aber, wenn ich mit Grobianen - hehehe! Das war frech. Das wird
sich finden! schreit er. Und es fand sich, dass Sie sich im Career fanden! Na,
frech war es doch!«
    »Danke für diese Erinnerungen einer schönen Seele und besonders Ihre
erläuternden Bemerkungen! Adieu, lieber Herr! Muh i denn, muss i denn zum Städtle
hinaus und Du mein Schatz bleibst hier? Hat mich sehr gefreut, Ihre langjährige
Bekanntschaft gemacht zu haben!«
    »Ileichfalls! Ileichfalls, Herr Wolffert! Erhalten Sie mich Ihr schätzbares
Wohlwollen! - Ihr Diener, meine Herrn!«
    »Empfangen Sie die Segenswünsche eines kindlichen Herzens!« Leonhart klopfte
ihm gravitätisch auf die Schultern, »Lieber Baum, wachsen und blühen Sie und
mögen wir - wer von uns beiden wünscht's am innigsten - uns nimmer wiedersehn!«
Er verschwand ohne Trinkgeld.
    »Impfpudtanz!« (Sollte heissen: Impudenz), murmelte der verletzte Kastellan.
»Redensarten hat er immer, die man nicht braucht, aber nie einen Dreier!« Der
Träumerische gab eine Mark und sagte simpel Adieu. Der Pedell, welcher den Wert
jedes Menschen richtig taxirte, dankte ihm kaum. Nur Unverschämteit flösst den
niederen Ständen Achtung ein.
    Die Drei schritten rasch, um sich warm zu laufen, Arm in Arm vorwärts.
    »Die langweilige Geschichte wäre also endlich vorüber!« hob Leonhart an.
»Nun steht noch der Einjährige wie ein Gespenst vor meinem ahnenden Geist. Der
Schuljunge ist todt, todt, todt!« Das »todt« tirilirte er mit einem Juchzer in
die Luft hinaus.
    »Pah, was sind Unteroffiziere und drei Millionen Donnerwetter, multiplizirt
mit einer Erbswurst,« fiel der gewaltige Wolffert mit seiner üblichen gezierten
Genie-Pupperei ein, »im Vergleich zu den Impertinenzen dieser Schulmeister! -
Juchhe, ich bin so hungrig, als wäre heut nicht der feierlichste Moment meines
Erdenwallens. Erst gezüchtet und auf die Lebensweide geschickt, wie Hämmel mit
Zeugnis Strichen auf dem Rücken! Dann auf die Tierschau geschickt und
hartgeritten beim Militär und wieder mit Zeugnissen aus dem Militärdienst
entlassen! Dann mit Zeugnissen vor den Altar getrieben und dann selig verstorben
und beerdigt - mit Zeugnissen!«
    »Sehr gut.« Leonhart lachte laut und bitter auf. »Wieviel Papiergepäck ein
Mann auf die Reise über'n Styx mit sich bringt! Wieviel Zeugnisse man braucht,
um ehrlich sterben zu können!«
    Roter schwieg und lauschte nur entzückt auf die krankhaft sprühende
Lustigkeit dieser phosphorescirenden Nichtse. Mit der gleichen widerlichen
Affektation, an die er heut nur mit verächtlichem Lächeln zurückdenken konnte,
feierten sie dann ihr Abschieds-Convivium, wobei natürlich Wolffert wieder als
Präses und Matador strahlte. Sie hatten sich dann mit dem Versprechen getrennt,
auch im späteren Leben (jeder von ihnen ging vorerst verschiedene Pfade:
Wolffert als forscher Corpsstudent nach Heidelberg, Roter auf die Malerakademie
nach Düsseldorf, Leonhart nach seiner Heimat in Quedlinburg am Harz)
zusammenzuhalten. Wie es gewöhnlich bei solchen Versprechen geht, hielt es
keiner. Anfangs hatte man noch ab und zu von einander hören lassen. Bald erlosch
jedoch jede Verbindung. - Leonhart und Roter hatten sich erst spät in Berlin
wiedergetroffen, beide mittlerweile bekannte Namen in ihrem Fach geworden.
Wolffert war für sie ganz verschollen.
    Sohn eines sehr reichen Mannes, des Kommerzienrats Wolffert,
(Waffenfabrikant und fortschrittlicher Reichstagsabgeordneter), benutzte der
bezaubernde Eugen natürlich diese natürlichen Vorteile, um vorerst das Leben zu
geniessen. Er lebte in Paris, London, Rom und tobte sich aus, ging dann nach
Amerika. Nachher warf er sich auf naturwissenschaftliche Studien mit demselben
Eifer, wie er früher Rudern, Schwimmen, Fechten, Reiten und ähnlichen Sport
cultivirt hatte, und glaubte in der Chemie den Schlüssel zum Welträtsel entdeckt
zu haben. Allein, er brachte es auch hierin zu nichts und der himmelstürmende
Titane in Glacés, der auf der Schule sich als neuer Mirabeau von den
Commilitonen anstaunen liess, entpuppte sich, wie so viele »Genies« der
Flegeljahre, als ein höchst gewöhnlicher Dilettant und Weltbummler. Wer hätte
damals prophezeit, dass der blasse süffisante Leonhart ein berühmter Dichter und
der träumerisch schüchterne Roter ein sehr bekannter naturalistischer Künstler
werden könne! Aber auf den schneidigen eleganten Wolffert - ja, auf den hätte
Jeder geschworen, dass etwas Ausserordentliches in ihm stecke! Und nun nichts, gar
nichts - ein reicher junger Mann, der den Namen seines Vaters führte - der Sohn
seines Vaters!
    Ach, Roter erinnerte sich mit wehmütiger Ironie an verschiedene
Wunderkinder, in welchen die Herrn Schulmeister neue Säulen der Wissenschaft
geahnt hatten, - besonders einen gewissen neuen Mommsen. Ach, dem jungen
»Doctor« war er kürzlich begegnet. Wie hatte nicht er selbst den früher
bewundert! Und nun mit seinen welt- und leidgeschärften Augen sah er einen
kümmerlichen philiströsen Durchschnittsmenschen in dieser jungen Leuchte der
Wissenschaft - ein Menschlein, grade gut genug, um in alten Pergamenten zu
büffeln und Inschriften mit seiner blöden Brille zu entziffern.
    Eugen Wolffert! Eine unaussprechliche Verachtung ergriff ihn bei diesem
Namen. Dann keimte allmählich ein düsterer Hass in ihm empor. Ein solcher
Halb-Mensch, der nie wahrhaft gelitten, nie wahrhaft gelebt, nie wahrhaft
gestrebt, geschweige denn gewirkt - ein solcher Eunuch geschwätziger
Pseudo-Bildung kreuzte seinen Weg und nahm ihm, was sein durch das Recht der
Liebe und des Leids. Wie er auf der Schule durch seine imponirende
Aeusserlichkeit den unscheinbaren bescheidenen Roter niedergedrückt, so sollte
er auch jetzt den Sieg davontragen?
 
                                      II.
Krastinik hatte sich sofort nach seiner Ankunft in Berlin durch Roter
verschiedenen Litteraten vorstellen lassen. Einigermassen über die Verhältnisse
aufgeklärt, mit Empfehlungen versehen, machte er sich nun sofort daran, seine
Feder-Versuche auszubeuten. Seine Lyrika lagen wohlgeordnet in einer Mappe und
er gedachte sich einen Verleger zu sichern, indem er vorerst einige Proben in
einem Journal placirte. Er ahnte zwar sehr wohl, dass der deutsche Biedermann
grundsätzlich keine Gedichte liest; allein er meinte mit Recht, dass es zum Debut
eines ordentlichen Autors gehöre, ein Bändchen Gedichte, womöglich in Maroquin
mir Goldschnitt, herauszugeben. Roter hatte ihm einen eben etablirten jungen
Mann bezeichnet, der sein väterliches Erbteil auf diesem nicht mehr
ungewöhnlichen Wege zu verputzen dachte und am Laster des Bücherdruckens »mit
geschmackvollen und stilvollen Einbänden« (nebst Inhalt als Beilage) litt. Um
denselben zu kapern, beschloss also der leidlich schlaue Graf, die Redaktion des
»Bunten Allerlei« anzusuchen, deren Chef an der fixen Idee litt, Talente zu
entdecken - falls ihm dies nichts kostete und der Autor sich seine Protektion
gefallen liess.
    Doctor Gottold Ephraim Wurmb empfing den Grafen mit verbindlicher
Höflichkeit, gemässigt durch eine gewisse steife Zurückhaltung. Er war ein
ziemlich behäbig aussehender Herr von untersetzter Statur und duftete stark nach
Moschus. Seine geblähten Nasenflügel zeugten für Aufgeblasenheit und versteckte
Brutalität. Seine breiten lüsternen Lippen umspielte eine überlegene Ironie, die
auf den tieferen Beobachter als recht gezwungen wirkte. Seine blonden Haare
sträubten sich über einer breiten Denkerstirn und sein schmaler blonder
Ziegenbart versteckte nur halb ein wohlgenährtes Pfaffenkinn. Unter seiner
Brille funkelten ein Paar mausgraue Aeuglein listig in die Welt hinein, die
unter Umständen tückisch genug schillern konnten.
    Unendlich durchdrungen von der Wichtigkeit seiner Stellung und dem Gewicht
seiner Autorität, empfand er doch mit der echten Unterwürfigkeit des
Parvenu-Plebejers einen angenehmen Kitzel, einen Grafen von so berühmtem altem
Adel bei sich antichambriren zu sehen.
    Die Gedichte eines Grafen Krastinik zu veröffentlichen, konnte dem »Bunten
Allerlei« in jedem Fall nur als Folie dienen.
    »Ja,« sagte er, »geschätzter Graf, Ihre Verse haben mir wohlgefallen, gewiss.
Ich erkenne in denselben jene wohltätige Mischung von Idealismus und Realismus,
welche ich vertrete. Lesen Sie darüber die trefflichen, vornehm gehaltenden
Artikel eines Heinrich Edelmann und Rafael Haubitz, welche ich öfters bringe.«
Der Graf erinnerte sich, etwas davon gelesen zu haben. Es ward ihm von alledem
so dumm, als ging ihm ein Mühlrad im Kopfe herum. Es kam ihm vor, als ob hier
lauter offene Türen eingerannt und truisms, wie die Engländer
selbstverständliche Trivialitäten nennen, mit hochtrabendem Wortschwall
vorgekäut würden. Doch lag dies ja vielleicht an seiner laienhaften schwachen
Einsicht. Doctor Wurmb fuhr fort: »Die sogenannten Realisten sind meist blosse
Rhetoriker. Hüten Sie sich vor diese, vor allem vor Friedrich Leonhart, den ich
früher zum Schaden des Blattes protegirte! Den kennen Sie nicht? Nun, Sie werden
ihn noch kennen lernen in seiner ganzen Grösse. Der Schrecklichste der Schrecken
ist Leonhart in seinem Grossenwahn, - Apropos, kennen Sie meine Ausgewählten
Gedichte?« Krastinik musste verneinen. »Ah! Nun, ich gehöre nicht zu denen, die
ihre Werke hausiren tragen. In vornehmer Absonderung von dem grossen Haufen der
Journalisten verschmähe ich jegliches persönliches Hervordrängen. Doch, ich darf
es sagen, Herr Graf, meine Gedichte müssen Sie kennen lernen. Hier liegt grade
zufällig ein Prospekt, der in 100000 Exemplaren vom Verleger versandt wird!
Hier, lesen Sie ihn! Sie finden darin Urteile jeder Schattirung ... sogar
Leonhart hat darüber geschrieben.« Er drückte dem Fremdling ein gelbes Plakat in
die Hand. Die horrende Rechnung von achtundert Mark, die der Verleger ihm grade
heute über den Prospekt gesandt, zeigte er freilich nicht.
    »Eigentlich missbillige ich auch diese vornehme Art der Reklame, Todfeind
jedes Humbugs wie ich bin. Doch, mein Gott, wenn der Verleger durchaus will!«
    Krastinik bekräftigte, dass dies gar keine Selbstreklame sei. Im Vergleich
dazu erzählte Wurmb einige Schaudergeschichten von dem dreisten Selbstlob eines
Leonhart und Consorten.
    »Ich sage nochmals, hüten Sie sich vor dem, Herr Graf! Beim dritten Mal, wo
Sie mit ihm zusammen sind, geraten Sie in Zank mit ihm - passen Sie auf! Also
Ihre Gedichte drucke ich alsbald. Es ist zwar eigentlich bei mir Grundsatz, die
Autoren, ehe Sie Aufnahme im Bunten Allerlei finden, etwas zappeln zu lassen,«
das Letzte begleitete er mit humoristisch seinsollendem Lachen, »damit dieselben
energisch dem Ziel entgegenstreben, des Bunten Allerlei und seines erlesenen
Mitarbeiter-Kreises würdig zu werden. Es mag Ihnen arrogant scheinen, bester
Herr Graf, aber ich versichere Sie, die Leute kommen zu mir mit einer
Beharrlichkeit, die mich tief rührt. Keine Ablehnung schreckt sie ab. Man hat
eben Vertrauen zu mir, wie denn zwischen mir und meinen Mitarbeitern und dem
Publikum ein herzliches Verhältnis besteht. Ich hoffe, mein lieber Herr Graf,«
er hatte sich im Verlauf seiner Ansprache ordentlich in einen gnädigen Ton
hineingeredet, »dass ich Ihnen die Spalten des Bunten Allerlei offen halten
werde. Sie sind nun glücklich Mitarbeiter geworden und es wird nur an Ihnen
liegen, ein intimes Verhältnis anzubahnen. Wie gesagt, Ihre Gedichte drucke ich
ausnahmsweise sofort.« Dass er dies ausnahmsweise nur deshalb tat, weil der Name
»Graf Krastinik« ihm imponirte, verschwieg er freilich. Man muss die Leute nicht
übermütig machen. Auch als der Graf sich empfahl, verabschiedeten ihn die
hochtönenden Worte: »Es mag Ihnen arrogant erscheinen, aber in meiner Schule hat
sich schon mancher ungeschliffene Diamant polirt. Unter mir haben sich Kritiker
und Dichter, wie Heinrich Edelmann, Rafael Haubitz und so weiter, entwickelt.
Selbst Leonhart schlug unter mir einen besonnenen Ton an. Eine unparteiliche
Central-Leitung schwebt gleichsam über den Ereignissen der Kunst und Litteratur
in der Redaction des Bunten Allerlei. Dies schien ein dringendes Bedürfnis in
unserer Zeit des Selbstlobs, der Reklame, des eiteln Grössenwahns. Ja, es mag
Ihnen arrogant erscheinen, mein bester Herr Graf, allein ich bin der geborene
Redacteur!! Mit bescheidenem Stolze darf ich mir dies selbst gestehn. Also
Adieu, auf Wiedersehn!«
    Noch auf der Treppe summte es in Krastiniks Kopf von »Buntem Allerlei« und
»geborenem Redacteur« und ähnlichen Chosen. Er hatte es nie in seiner Einfalt
für möglich gehalten, dass man sich der Redacteurschaft in einer Weise rühmen
könne, als sei dies eigentlich etwas viel Höheres als Dichter- und Künstlertum.
Er wusste noch nicht, dass bei dem Worte »Schriftsteller« den deutschen Biedermann
der Menschheit ganzer Jammer anpackt, eine Art horror vacui. Hingegen
»Redacteur« - wie anders wirkt dies Zeichen auf ihn ein! Das erinnert so an
»feste Anstellung« und andere erspriessliche Dinge. Wie sollten die Redacteure
daher in ihres Wertes durchbohrendem Gefühle nicht tief auf die Schreiber
herabschauen, deren Manuscripte sie zum Druck befördern!
    Also eine neue Spezies - der Redacteur-Grössenwahn! dachte Krastinik.
 
                                      III.
Mitten in seiner Ungewissheit, ob er sich bezwingen oder noch weiter sich um
Kati kümmern solle, erhielt Roter einen langen Brief seines Münchener
Freundes, des genialen Genremalers Knorrer. Der Brief lautete:
                »Lieber Kamerad!
    Ich sitze hier in der Nähe von Meran, in Ulten. - Bis zum Gardasee war ich
in den Früh-Frühling Südtirols hineingebummelt. Hei, Früh-Frühling, sanfte
Himmelstochter! Wie überall ein neues Wesen aus Allem weht und flüstert! Die
Stelle am Bache, wo das Vergissmeinnicht deutungsvoll uns mahnen soll, wird erst
geahnt. Froh erstaunt schleicht man hin durchs Brautgeheimniss der Natur.
    Verzeih diesen lyrischen Schwulst! Aber hier wird man, hol mich' der Teufel,
par ordre de Mufti ein poetischer Duselfritze. 's ist doch hier alles wie
sonstwo auch. Das Weibervolk (aha, da kommt's! hör' ich Dich lachen), das
Weibervolk, meine spezielle ägyptische Plage, ist doch hier dasselbe wie
überall.
    Ein grosses Mutterschaf ohne andre Bestimmung, als - -, das dabei von
äterischen Gefühlen blökt! Meine Wirtin geilt mich an. Ihr Mann sei u.s.w. Die
Natur ist eine infame Kupplerin. Man gruselt sich heimlich vor der ganzen
Schmutzerei. O ich fühle es: Keuschheit allein macht stark. Und diese
stumpfsinnige Selbstverständlichkeit, womit diese Cochonnerien sich in Scene
setzen! Meine Aufwärterin hier, ein äusserlich anständiges Mädchen, nahm einen
Zehn-Gulden-Schein verständnissinnig entgegen und besucht mich Nachts. Nachher
gestand sie mir, sie nahe dem Kap der guten Hoffnung, und da komme es auf Einen
mehr oder weniger nicht an. Jaja, das sind so unsre kleinen Ehebrüche!
    Pfui, Pfui darüber! Und neben uns klebrigen Erdwürmern diese leblose Natur
in ihrer vornehmen Ruhe, so keusch, so ernst, so stolz!
    Von Mori fuhr ich nach Riva an den Gardasee - wie wurde mir da!
    Diese grauen Kalkfelsen, die senkrecht in die wunderbare Bläue des
Seespiegels hineinstürzen! Diese Schneefäden, sich von den Bergen, die noch wie
spitze Zuckerhüte herübernicken, in die Rebenterrassen hineinschlängelnd! Rings
das feine Silbergrau der zierlichen Olivenblätter, das helle Grün der
Maulbeerbäume, das frische Weinlaub, der saftig derbe Ton des Citronenbaumes.
Und auch unser heissgeliebtes Feigenblatt hängt überall in seiner fünfzackigen
Helle, wie ein Panier der Unnatur, eine Selbstironie der Natur. Das Alles von
einem durchsichtigen silbrigen Schleier umsponnen, der sich über See, Bergkette,
Maisfelder, Villen und Bastionen schlingt. Riva's kleine Festungswerke bilden
die letzte Grenzmark Oesterreichs, der Dampfer auf dem See bedeutet schon
italienischen Boden.
    Ach, man schwelgt in malerischen Motiven. Mein Skizzenbuch füllte sich, ich
male jetzt hier in Ulten nach meiner dortigen Studie den Ponale-Fall am
Gardasee.
    Weisse Gartenmauern. Feurig glühende Rosen. Moosbewachsene Mühlen.
Dunkeläugige Bübchen und Mädel in entzückend schmutzigen Röckchen, die uns eine
Bastonada auf die Fusssohlen versprechen, falls wir ihnen nicht einen Soldo
verabreichen. Mächtige Stier-Fuhrwerke, Schiffe im Hafen, alte bröckelnde Türme
und Tore. All das hart an die Felsen angeklext, deren grossartige Linien der
Schöpfungsmeister so klassisch componirte. Hier und da in die Landschaft ein
paar spitze Cypressen mit ihren dunkeln pyramidenförmigen Laubkegeln oder ein
Häuschen mit rotem Dach oder ein zerfallenes Gemäuer als ornamentale Sprengsel
hineingesetzt. Wirkt wahrhaftig, als habe die Natur hier mal im grössten Stil der
Renaissance (denk' an den landschaftlichen Hintergrund aus Cadore's Gebirgen in
Tizian's Gemälden!) ein monumentales Landschaftsbild kunstvoll angelegt. Welcher
pastose Farbenvortrag, wie markig auf die Aeter-Leinwand des Horizonts
aufgetragen, und dann wieder wie fein mit dünnem Pinselvortrag abgetönt! Aber so
gar nicht Impressionalistisch, weiss der Teufel! Dicke Massen Bleiweiss mit dem
Spachtel nebeneinander kleben und dann unter einer falsch gewerteten
Perspektive der Lichtreflexe mit Finger und Pinsel dran herumschmieren - das
verschmäht diese italienische Natur. Sie hat doch einen ganz besonderen antiken
Charakter, diese sonnendurchgohrene Italia, einen gewissen altrömischen
Faltenwurf ihrer Toga, den ihr Germania mit ihren Tannenzöpfen nicht nachmacht.
Man merkt hier überall den Michelangelesken Formensinn, die klare Würde
Rafael'scher Composition, die markig satte Farbentiefe der Venetianer.
    Sogar die Weiber - - (ah, da sind sie wieder! lacht mein Freund Eduard,
nicht?) - Da sah ich in Trient, eskortirt von einem schlangenäugigen Abbate (o
wieviel Grandezza und Weltgeschichtlichkeit steckt in jedem italienischen
Pfaffen!) eine fette Wildsau mit lüstern schmatzenden Lippen, aber doch einem
grossen Zug im Profil. Aber die Tochter - ah, diese ungesuchte Vornehmheit einer
alten Race, einer uralten Cultur, im italienischen Typus! Diese versteckte
schläfrige Glut, diese schwärmerische Inbrunst, diese göttliche Faulheit und
glückliche Beschränkteit in den süssen Augen! - -
    Die Tyrolerinnen sind rohe Töpferwaare dagegen. Da hast ein Liedl zum
Fidibus-Anstecken!«
                              Das »goldne Dachl«.
Keusche Margareta Maultasch,
Landesmutter und Regent,
Deines Innern Lücken stopfte
Nur ein ganzes Regiment.
Neidisch schaut Dein goldnes Dachl
Jede Jungfrau in Tyrol -
Liebevolles Gretchen Maultasch,
Warft, vielleicht nur ein Symbol!
    Weisst, man kommt wahrhaftig hier in die Stimmung zur Dichteritis hinein -
hier, wo die alten Minnesänger geweilt, wo immer noch ein Geigenstrich,
stahlscharf wie von Volker's Fiedelbogen, über die Täler hinzutönen scheint;
hier wo Walter von der Vogelweide geboren, dem seine Heimatstadt Bozen endlich
ein Denkmal gesetzt. Ich liebe Bozen. Ich liebe diesen Fruchtmarkt, diesen
dunklen Wein in Krystallflaschen (die öl-verpichten Stroh-Amphoras in Wälschland
sind freilich einem Künstlerauge anheimelnder), diese Mischung von echtem
Risotto und Mehlknödelei - soll heissen: von Italienischem und
Tyrolisch-Bajuvarischem. Ich liebe die bogigen schattenkühlen Arkaden der heissen
Talkessel-Stadt. Ich liebe den spitzen Turm auf dem grossen Platz, der sich in
den Aeter bohrt mit all den Spitzbogen und Schildereien mittelalterlichen
Meissels, wenn der Mond an ihm vorbeischifft mit dem Wolkensegel. Wie reist er so
schnell! Eben stand er noch links, nun steht er rechts vom Turm. Wie, Närrchen?
Nicht der Mond, wir selber reisen ja. Die Erde kreiste und uns alle riss er fort,
der Sturm des tauben Weltgesetzes, während wir sicher zu ruhen wähnen beim
Schöppchen Wein! Holla, Kamerad, es ist doch zum - zum metaphysisch werden. So
spielt er mit uns Kegel, wahrhaftig, der grosse Unbekannte, der Welt-Regisseur,
der die Coulissen verschiebt und die Aktschlüsse arrangirt und die Stichworte
soufflirt!
    Die Stichworte! Ja, da komm' ich nun auf eine tolle Geschichte. Den grossen
Männern gelten solche Rollen-Stichworte zum Auf- und Abtreten doch zumeist. Und
da ist nun hier, wo ich heut grad sitze, in Ulten, ein solches Stichwort
gefallen. 's ist eine seltsame Geschichte und ich will sie Dir erzählen. Weiss
der Henker, die Sache klingt mir so plausibel und der Stoff ist so patent, dass
ich in einer Frühlingslaune mal den Pinsel wegwarf und sie Dir ganz
schriftstehlerig demonstriren werde. Vielleicht bringst den Krempel irgendwo an
in eurem geschäftsmässigen Berlin, wo man goldne Eier legt und gackert und bei
jedem winzigen Ei ein Wesens macht, als müsse ein Phönix herauskriechen. Da hast
meine Stümperei - lies sie halt als Kamerad und College als ein ulkiges G'spass
Deines handfesten Knorrer.
    Man könnte mein Geschreibsel etwa überschreiben:
                      Der Jugendtraum eines grossen Mannes.
    Es war Mai in Ulten, diesem entlegenen Seitentale Merans, wo der tauige
Hauch der grünen Schluchten an die Nordalpen erinnert. Im »Mitterbad« zogen die
Gäste ein, um die Glieder in dem vitriolischen Eisenwasser der berühmten Quelle
zu erfrischen.
    Der Mai und Südtirol - die zwei Dinge gehören zusammen. Die ersten roten
Pfirsichblüten flackern unter den duftwarmen Bogengängen der Gärten auf, die
Wiesen gleissen in blendendem Smaragd, und die Schatzkammern König Laurins, den
die Sage hier sucht, tun sich in den Nebengewölben auf.
    Von allen Höhen donnerten Böllerschüsse, die sich im schläfrigen Echo der
Täler melodisch fortsetzten, aber die Holzhäuser erzittern machten.
Glockenklänge durchschwammen die stille, heissbrütende Morgenluft. Von der Kirche
her mahnten Orgel und Posaunen, das heute das grosse Freudenfest der katolische
Kirche, Frohnleichnam, sei. Rings auf den sanft Bergpfaden wand sich die
Prozession entlang, mit bunten Fahnen und quirlendem Weihrauch.
    An der Hecke des Gartens am Wirtshaus des Badedorfes, wo die Rosen in
dichtem Flore einander grüssten und Glutnelken, Schwertlilien und Windrosen
farbig im leisen Morgenwinde wogten, schritt ein einsamer Wanderer entlang,
abseit dem Festlärm der Prozession.
    Die Wolken standen in glänzenden Lichtballen über den Bergen, wo
spätgefallener Schnee unzerichmolzen glitzerte. Sie glichen einer Lawine, welche
vom türkisblauen Aeter sich auf die winzigen Joch herabsenkt. Der Silberdunst,
welcher wie Weihrauchdampf in Becken und Schalen zwischen den Abhängen sich
gestaut hatte, löste sich. Und über dem bunten Mummenschanz da unten flammte die
Hostie der Schöpfung, flammte die Sonne empor.
    Die ganze Landschaft funkelte in der verschwenderischen Glut des Maimorgens
wie eine Goldmine. Ein ungeheures Netz von goldigem Dunste und zartem
Sonnenstaub, dessen Millionen Maschen millionenfach wie ein Meer von
Leuchtkäfern und Glühwürmchen auf- und niederzitterten, spann sich in
verwirrendem Strahlentanz über die Matten. Es schien ein wundersamer
Feenschleier, den die Natur sich in dieser blumigen Einsamkeit gewoben - als
harre sie, in züchtige Bräutlichkeit vermummt, auf ihren Liebsten, den alles
belebenden Sonnengott.
    Aber von alledem sah der Wanderer nichts. Hastig, wie von innerer Unruhe
gepeinigt, schritt er dahin, weit ausholend mit den mächtigen Gliedern, dass die
Eidechsen, die hier in Rudeln listig äugelnd ihre zierlichen Schuppen sonnten,
nicht rasch genug in die Steinabhänge senkrecht hinuntergleiten und sich im
rankenden Epheu verstecken konnten. Nur eine alte Eidechse trotzte selbst dem
Stöckchen, das der Wanderer mechanisch schwang, so dass der Kies umherstäubte.
Auf einem Felsblock hockend, stierte sie den grossen Menschen mit boshafter
Ironie an. Erriet er den bemitleidenswerten Geisteszustand des grossmächtigen
Tierbruders? Machte sie als erfahrenes, vielgereistes, kühles Schuppenwesen
sich über die törichte Krankheit des menschlichen Säugetiers lustig und
verglich damit die stille Seligkeit amphibienhafter Kälte? Ach ja, Eidechsen
sind nicht verliebt, sie lieben nichts als den Sonnenschein und nahrhafte
Insekten. Eidechsen sind gar glücklich.
    Der junge Mann in städtischer Kleidung gehörte sicher nicht zum Ort, er war
Curgast. Kein Tiroler, wohl nicht einmal ein Süddeutscher. Seine eckigen und
doch strammen Bewegungen liessen auf einen Sprössling unsres Nordens schliessen.
Seine Gestalt erschien hünenhaft. »Der Held war wohlgewachsen, von Schultern
breit und Brüsten, von Beinen war er lang,« gleich dem grimmen Hagen. Und war
auch sein blondes Haar keineswegs »gemischt mit einer greisen Farbe,« so konnte
man die schöne Bezeichnung »und schrecklich von Gesichte« in gewissem Sinne wohl
auf seine Züge deuten. Denn ein seltsam überraschender Ausdruck hartnäckiger
Entschlusskraft und unbeugsamer Energie ballte diesen Mund so ehern, blähte die
Nüstern der kurzen etwas aufgeworfenen Nase, prägte sich in dem massiven Kinn
aus. Aber noch etwas mehr, wie diese Eigenschaften rücksichtsloser Activität,
blitzte in dem hellblauen durchdringenden Auge unter buschigen Wimpern hervor.
Dieser Blick hatte etwas Fascinirendes, wie überhaupt die ganze Erscheinung des
Menschen. Trotz der markigen Festigkeit des Ausdrucks liess sich jedoch
keineswegs ein damit gepaarter träumerisch-weicher Zug verkennen, der auf reich
entwickeltes Gemütsleben und Empfindungsvermögen schliessen liess. Jeder
Einsichtige musste sofort erkennen, dass eine ungewöhnliche Originalnatur in
diesem etwa vierundzwanzigjährigen Jüngling schon durch die Erscheinung sich
anzeige Etwas eminent Männliches sprach aus diesem Auge, das selbst, wenn
ungebundener Humor in den Mundwinkeln zuckte, von einer eigentümlichen
meertiefen Schwermut umdunkelt schien - jener bekannten Melancholie bedeutender
Menschen in früher Jugend.
    Indem er rastlos die Hecke umkreiste, lugte er fortwährend nach einem
Fenster des Wirtshauses hinauf. Umsonst, es blieb verschlossen.
    Der Morgen wandelte höher am Himmel empor. Die Mehrzahl der
Prozessionswaller kehrte heim durch die Dorfgasse, welche die Mädchen des Zuges
mit Blumen bestreut hatten. Ein schwerer Tritt liess sich vor dem Wirtshaus
hören, die Tür ward aufgerissen, zugleich hörte der Horchende einen scharfen
Wortwechsel, nachher ein Geräusch, als ob ein Protestierender unsanft
hinausgeworfen würde. Dann wurde die Tür zugeschlagen. - Aber es blieb nicht
still, sondern eine jammernde Stimme liess sich in einem halblauten
Selbstgespräch vernehmen, indem sie näher und näher zu des Lauschenden
Standpunkt vorüberkam. Wie, was? War das nicht der »Badhiesl« aus St. Paukraz,
der immer als Botenläufer von Obermals (Meran) der eifrige Vermittler der
Liebeskorrespondenz gewesen, welche der junge Norddeutsche mit der schönen
Bewohnerin dieses Ultener Wirtshauses, Josefa Holzner, der Wirtstochter,
unterhielt? Hören wir!
    »'s is a Sünd und a Schand!« jammerte der Hinausgeworfene vor sich hin.
»Solch 'an Staatskerl und solch a fein's Madli! Himmelherrgottsakerment, das
reut euk (euch) noch. - Ach und gar so gut 'zahlt hat er mich!«
    »Badhiesl!« rief der junge Mann hastig. »Was hast?« Dieser aber fuhr
erschrocken auf, starrte seinen Auftraggeber einen Augenblick trostlos an und
stiess dann krampfhaft hervor:
    »Rausg'schmissen hat mi der Alte. Aussi is, aussi!« Und damit macht er als
weichmütiger Naturbursche sich plötzlich auf die Hacken und lief davon.
    Tief aufatmend blieb der Norddeutsche vor der Schwelle des Wirtshauses
stehen. Er hatte so etwas geahnt. Wäre es möglich, dass der alte Holzner die
grenzenlose Ehre, deren man ihn würdigen wollte, verschmähte? Schwiegervater
eines preussischen Junkers zu werden - gibt es eine süssere Aussicht?!
    Wie lange hatte der junge Junker mit sich selbst gerungen, ehe er zu dem
Entschluss kam:
    Josefa Holzner, das schönste Mädchen in Ulten, die Perle von Tirol - sie muss
sein eigen werden, koste es was es wolle. Vor zwei Jahren hierher verschlagen,
hat ihn der goldne Pfeil Amors aus ihren Augen durchbohrt. Und er ist regelmässig
wiedergekommen, Jahr für Jahr - und jetzt weiss er's: Sie oder keine!
    »Sie liebt mich wieder, so sollt ich doch denken. Ja, sie tut es. Und ob
uns stärkere Schranken trennen, als die Mainlinie leider Süd- und Norddeutsche
spaltet - diese Schranken will ich wenigstens brechen, wenn ich auch die
Deutschen nicht eins machen kann. Die Kerls alle, meine Nebenbuhler, diese
schmachtlappigen Zierbengel von Kurgästen, die um sie herumschwenzeln - ich hab
sie alle eingeschüchtert und 'rausjejrault. Holla, ich bin ein Mann! So will ich
denn jetzt das letzte und äusserste tun. Meine Geliebte wird Josefa nicht, denn
ich liebe sie. Meine Frau soll sie werden, und ob all' meine hochadligen Sippen
und Magen sich vor Schreck die Hälse ausrecken! Qu'est que cela, la noblesse?!
Was ist's mit dem Adel. Meine Mutter ist eine Bürgerliche, gar keine Geborene.
Sie nennen mich junkerhaft - weil ich stolz bin, nicht auf meine Junkerei,
sondern auf meine Mannheit. Ja, ich bin preussischer Junker, ich ehre den Adel,
dessen Glied ich bin - aber der wahre Adel, der steckt im Menschen selbst. Im
Volke steckt die wahre Kraft. Bildung - ich pfeife was drauf! Ob Josefa
französisch parliren und das Klavier stümpern kann, das ist mir gleichgültig.
Sie ist schön, sie ist klug, sie ist gut und ich liebe sie. Das ist genug ...
Ja, Kampf wird's kosten. Aber ich will ihn schon durchfechten, ich! Ich hab'
Schneid' genug, mir allein durchs Leben zu helfen. Habt's a Schneid'! sagen wir
hier, wir Tyroler. - Nun so lasst doch seh'n, was der Alte will.«
    Er hatte am vorigen Abend an den Alten per Badhiesl geschrieben, als dieser
ihm gedroht, man werde nun Josefa einsperren und ihr jeden Umgang mit ihm
untersagen, er wolle in allen Ehren um ihre Hand werben. Er bitte hiermit ihm
Josefa zur Frau zu geben, und werde dankbar dafür sein! Nach der
Frohnleichnamprocession werde er sich die Antwort holen.
    Was musste ihn, einen obskuren märkischen Adligen ohne Vermögen und
Konnexionen, aufgewachsen in altererbten nichtigen Vorurteilen des sogenannten
»Standesgefühls« und Kastenunfugs, dieser Entschluss gekostet haben, der
vielleicht seine ganze Zukunft zerriss! War er »sentimental« oder »poetisch«?
Gott bewahre! Eine eminent praktische Natur. Aber er trug jene elementare
Leidenschaft in sich, welche bedeutende Menschen besonders in der »Liebe« zu
Torheiten verleitet, die mittelmässigen Durchschnittsnaturen stets erspart
bleiben. Ob »praktisch« oder »poetisch«, ob Dichterling oder
Staatshämorrhoidarius bleibt sich gleich - auf die Bedeutendheit kommt es an.
»Sentimental«! Das Genie ist nie sentimental, aber es scheint für kleinlich
rechnende Gemüter darum oft etwas Kindlich-Jugendliches und darum Lächerliches
auszustrahlen, weil es den Massstab einer eigenen Wahrheit und Wahrhaftigkeit in
sich beschlossen fühlt und daher die Anschauungen der Welt verachtet. Das Genie
ist nie lächerrlich, denn es ist sein eignes Gesetz. Es stellt einen geistigen
Vollblutmenschen andrer Ordnung dar, der das ewig Menschliche in höherer Form
und energischer zum Ausdruck bringt, als die andern.
    Mit schnellem, entschlossenem Schritt betrat er Schwelle, drückte auf die
Klinke der Gaststubentur und - stand dem alten Holzner gegenüber. Im selben
Augenblick verschwand eine weibliche Gestalt auf ein barsches »Geh' ?naus!«
durch eine Nebenpforte. Nur eine Sekunde lang traf das glühende Auge des jungen
Mannes den in Tränen schwimmenden Blick des Mädchens. Ihre Züge waren klassisch
geschnitten - die zartliniirte gebogene Nase, der kleine Mund, die wunderschön
geformten Schläfen und Augen. Obwohl die Innsbruckerinnen im ganzen als die
schönsten in Tirol gelten, findet man doch die vornehmsten und feinsten Profile
in Südtirol. Es ist die alte gotische Nasse. - Aber dies schöne Bild entschwand
wie eine Vision, und die rauhe Stimme des alten Wirts, einer sechs Schuh langen
Hünengestalt, über gewöhnliches Leibesmass wie er selber, weckte ihn aus dem
minutenlangen süssen Delirium seiner Leidenschaft. Als die beiden sich so
gegenüberstanden und wie Kämpen vor dem Zweikampf massen, schienen sie selbst
zwei auferstandene Goten, Dietrich von Bern und der alte Hildebrand!
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    Abgewiesen! Schmählich; für immer!
    Einen langen Blick warf er nach den verschlossenen Fenstern im Oberstock
empor: dort in der Ecke lag ihr Kämmerlein. Aber nichts regte sich, nichts.
Vielleicht schluchzte sie dort auf den Knieen, vielleicht starrte sie verstohlen
hinaus, um die geliebte Gestalt, bis sie entschwand, zu verfolgen. Aber sie
zeigte sich nicht mehr. War wohl auch besser so. Es konnte ja doch nichts
werden! Bauern sind praktisch und Bäuerinnen erst recht. »Gelten's?« Der Vater
hat es wohl lange gesagt und erst der Herr Pater - nur gleich und gleich gesellt
sich gut ...
    In stummem, kochendem Grimm schritt er fürbass, immer drauf los. Er wollte
zur nächsten Stellwagen-Station; seine Sachen waren gepackt, er konnte sie sich
nachschicken lassen. Nur fort, fort!
    »Einem Ketzer, der vielleicht nicht mal ein Christ sei und an Gott glaube -
leichtfertig genug rede er ja dazu - seine Tochter geben?« Das sollte dem alten
Holzner einfallen! Nein, nein und dreimal nein! Versuche der Ketzer nicht, sich
noch mal Josefa zu nähern - sein feierlicher Fluch solle sie treffen. Er habe
mit dem hochwürdigsten Pater Eusebius gesprochen. Na! der sei ganz ausser sich
gewesen. Eher sterben und verderben solle die Josefa, als in die Krallen des
Satans fallen! Und somit Gott befohlen! - Und sie? Nun, sie fügte sich!
    Verwünschung auf Verwünschung knirschte der abgewiesene Freier zwischen den
fest aufeinander gepressten Zähnen hervor, als er seinen einsamen Weg fortsetzte,
und sein Stöckchen tobte sich an Bäumen, Sträuchern und Blumen in schneidigen
Hieben aus. Wer ihn jetzt beobachtet hätte, den würde das Löwenhaft-Wilde, fast
Brutale seines Wesens frappirt haben.
    Schmetterlinge und schillernde Käfer schwirrten durch die Obstbäume und
Farnkräuter, durchs rot-weiss-gelbe Gewimmel der Wiesen und das unabsehbare
Wirrsal des allüberflutenden Grüns.
    Citronenfalter flatterten über neu entfalteten Knospen. Ueber dem
Vergissmeinnichtblau der Berge zuckten goldige Glorien auf, während jene in
rhytmischen Linien wie eine weihevolle Farben-Symphonie zu verschwimmen
schienen. Das Wasser sickerte melodisch in seinen launenhaften Windungen. Aus
sonnverbranntem Gestrüpp der Halde klingelten die Ziegenglöckchen. Der
betäubende Geruch blühender gelb-blumiger Berberizen quoll durch die grünen
Ackergassen. Dünne Säulen milchigen Rauches, aus der Talmulde aufqualmend,
zeigten an, wo in breitem Bogen Wasserfälle geschmeidig über rote Porphyrhänge
rollen, sich in der Luft überschlagend und mit metallischem Aufdröhnen
millionenfach wie in Elfenbeinspäne zersplitternd. Der endlose schnellende Bühel
hohen Grases schien die unermessliche Maikraft, den Keimmonat, zu
versinnbildlichen. Es war, als ob Wesen und Dinge in stiller Seligkeit
verschmölzen.
    Aber ein nahendes Gewitter tummelte seine kupferroten Wolken um die jähen
Spitzen, welche ihren Kegelschatten tiefer senkten. Ueber den weinbestandenen
Terassen des schrägen Gebirges, über dem Kirchlein, zu dem sich einzeln Hütte an
Hütte hinanzog - an die Bergwand angeklext und vom Wetterschein jetzt
geisterhaft bemalt - türmte sich, starr und blass wie der Tod, die eisbekrustete
zerrissene Dolomitenkette empor. So starrt die Leidenschaft, eine Medusa, in den
Frieden der Gotteswelt hinein.
    Da liess sich der Ruf eines Kuckucks auf dem lautlosen Nadelgehölz vernehmen,
die lautlosen Einsiedler-Monologe der ruhenden Natur unterbrechend und störend.
    »Verfluchter Kuckuck!« rief der finstre Wanderer, indem er seine verschmähte
Freierschaft mit der symbolischen Bedeutung des Vogelrufes unwillkürlich in
Verbindung setzte.
    Aber der Kuckuck liess sich nicht das Wort verbieten; er schlug fort. Da
huschte auf einmal, wie ein plötzlicher Sonnenstrahl, ein schalkhaftes Zucken
frisch erwachenden Humors um den ehernen Mund, und während er sich reckend mit
dem Arm eine Bewegung machte, als streife er etwas Lästiges ab, kam es plötzlich
über seine Lippen: »Hol's der Kuckuck, ich bleibe doch der Otto Bismarck!«
Basta.
    So geschehen anno domini eintausendachtundertneununddreissig. Josefa
heiratete einen biedern, katolischen Schreiber, Alois Schmid, in Salzburg.
Dort liegt sie begraben.
    Na, was sagst dazu? Wär's nicht hübsch, wenn's so gewesen wär'?
    Als ich die Anecdote niederschrieb, stützte ich mich auf völlig genügende
Berechtigung dazu. Denn nicht nur ist die Affaire in dieser Form in ganz Tirol
bekannt, nicht nur wird sie in Meran jedem Fremden erzählt, sondern sie ist in
alle möglichen Bücher über Meran und Tirol übergegangen. Eine Autorität wie Noë
erzählt sie in seinem »Frühling in Meran« als absolut feststehend. Baillie
Grohmann, der zuverlässige Kenner Tirols und Autor von »Tyrol and the Tyrolese«
hat in seinen »Gaddings wit a primitive people« (1879) die Sache mit äusserster
Breite behandelt, sogar in einer Extraanmerkung versichert, er habe alle Details
persönlich untersucht und könne sich dafür verbürgen. Es sei nicht die geringste
romantische Zutat dabei. Ich war also vollauf berechtigt, diese Geschichte,
deren Entdecker ich ja keineswegs bin, in dieser Form niederzuschreiben, und
begehe damit nicht die geringste Indiscretion.
    Nun muss ich aber zur Steuer der Wahrheit erklären, dass von Eingeborenen, die
genau unterrichtet sind, mir seiter feierlich versichert wurde, es sei ein
andrer Herr von Bismarck gewesen. Obwohl mir dies psychologisch nicht plausibel
scheint, indem ich annehme, nur eine geniale Natur sei solcher liebenswürdigen
Jugendtollheit fähig, so will ich also hiermit einfach die Frage offen halten.
    Aber wahrhaftig, es ist doch immer die alte Geschichte: Wo ist die Katz, wo
steckt die Frau! Kennst Du das famose Tagebuch des Nürnberger Scharfrichters aus
dem 14. Jahrhundert? Darin wird erzählt, wie ein Freudenmädchen als ewig
rückfällig durch Erregung öffentlichen Aergernisses endlich zum Tode verurteilt
wurde, sintemal sie sich in unanständiger Stellung auf der Strasse entblösset und
dazu geschrieen habe: Hui, ..., friss den Mann!! Friss den Mann! welche Welt liegt
in diesem erotischen Lakonismus. Ja, hui! Siehst Du sie nicht ordentlich
schleckern, dem Mann das Mark aus den Knochen saugen, he? Ja, an der Schürze
hängt, zur Schürze drängt doch alles, o wir Armen! wie Papa Altmeister so schön
irgendwo singt.
    Na lebwohl! Das ist der längste Brief, den ich jemals schrieb, sacré nom de
dieu! Ich fühle halt das freundschaftliche Bedürfnis, hier aus meiner
olympischen Einsamkeit von den Inseln der Seligen her, als glücklicher
Lotosesser Deiner Berliner Nervensaft-Vergeudung ein Maulvoll frischer Bergluft
zu schicken. A rivederci! Dein
                                                           Knorrer der Keusche.«
    Dies Schreiben wirkte auf Roter giftig aufregend, wie grünlich schäumender
Absynt. Das Grünen und Schäumen einer hoffnungsüppigen Lebenslust schmeckte
darin zugleich nach bitterer pessimistischer Hefe. Man musste den Schreiber des
Briefes kennen, um den Inhalt zu würdigen.
    Knorrer war eine prächtige Repräsentativfigur altbajuvarischen
Kraftadeltums. Seine naturalistisch derben Kneipscenen hatten durch den
virtuosen flotten Strich der Vortragsmanier Schule gemacht. Er hatte in Paris
unter Courbet und Couture studirt und aus deren Ateliers die markige Frische
seiner Palette mitgenommen. Weniger sein eigentliches Kunstvermögen - denn dies
verkümmerte ein wenig neben dem agitatorischen Eifer seiner schulemachenden
Reformbestrebungen -, als die ganze gesunde Verve seiner künstlerischen
Persönlichkeit, gab ihm eine führende Stellung in der naturalistischen Strömung
der neudeutschen Malerei, zu der auch Roter sich zählte. Wie es bei den meisten
Originalmenschen der Fall zu sein pflegt, wohnten zwei Seelen in seiner Brust.
Die eine gehörte einem Denker und Agitator, der mit wahrem sittlichem Eifer dem
echten Ideal der Wahrheit anhing und wider conventionelle Verlogenheit einen
tapferen Kreuzzug führte. Die andre hingegen gehörte einem Genüssling, dem seine
Laune und Leidenschaft stets als oberstes Gesetz gegolten. Hier nun kam ein
Umstand hinzu, der ihn erst recht in Zwiespalt mit seinem besseren Selbst
brachte. Er galt nämlich mit Recht als einer der schönsten Männer Deutschlands.
Und zwar nicht von jener charakterlosen verwaschenen Schönheit des Dandys konnte
die Rede sein, die so wohlfeil wie Brombeeren. Sondern sein mächtiger Kopf mit
den krausen trotzigen Locken, der breitgewölbten Stirn, dem kühnen Knebelbart
zeigte grosse wuchtige Formen. Allerdings entsprach seinem Stiernacken ein
düstrer Stierblick und rücksichtslose Sinnlichkeit lag in seinem kräftigen
Ausdruck. Auch seine Gladiator-Gestalt wie sein Gesicht verloren mit den Jahren
(er stand im besten Mannesalter) durch constante Verfettung an Ebenmass, wenn er
auch immer noch in seiner burschikosen Jovialität eine imponirende Erscheinung
blieb. Diesen Vorzug hatte er stets an sich gekannt und geschätzt.
    Allmählich bildete sich bei ihm der Wahn aus, weil so viele sinnliche Weiber
seinem Mannestum nicht widerstehen konnten, dass überhaupt beim Weibe nichts als
die physische Begier der sogenannten Liebe mitspiele. Seine gänzliche Verachtung
des schönen Geschlechts verriet zwar einerseits den Grössenwahn des »schönen
Mannes« (diese bekannte Spezialität), andrerseits aber seinen verkappten
Idealismus. Stolz auf seinen Geist und seine psychische Genialität, auch gleich
stark zum geistigen Kampf wie zur Sinnlichkeit hingezogen, verachtete er seine
eigene Unwiderstehlichkeit dem Weibe gegenüber, das in ihm nur eine
Wollustmaschine suchte, das seine Schenkel und keineswegs sein Gehirn anbetete.
Seine Eitelkeit wie sein berechtigter Mannesstolz, der dies durchschaute,
fühlten sich tief davon verletzt. In ihm brannte dabei eine seltsame Scham, als
ob auch die Jungfräulichkeit seines Innern durch diese Erotik plump in den Kot
gezerrt sei. So litt er an einem ewigen seelischen Katzenjammer, den er nicht
Wort haben wollte und den Niemand erkannte. Der gefallene Engel, der
idealistische Heldenmensch rumorte in ihm, den der Sinnendienst so lange
unterjocht hatte, bis ihm zum letzten Aufraffen fast keine Zeit mehr blieb. So
erregte er denn ironisches Gelächter, wenn er in trotzigen Kampfreden vor allem
die Keuschheit als Grundbedingung des echten Künstlertums empfahl - ohne dass
man erwog, wie er, der von einer Liebelei in die andern taumelte, ja am besten
den Wert eines vermissten Gutes ermessen konnte.
    Allein, auf der andern Seite wollte er wieder sein tiefes seelisches
Unglück, seinen bitteren Sündenfall d.h. die Abtrünnigkeit von idealeren Zielen,
zu denen er bestimmt schien, nicht Wort haben. Dann strich er geflissentlich die
körperliche Tüchtigkeit heraus, verstieg sich zu Albernheiten, wie: Ihm seien
Macher wie Meissonier und Sardon ein Ekel, schon weil diese persönlich kleine
mickrige schwächliche Menschen sein, während ein Kerl wie Zola ihm schon durch
seine Metzger-Figur imponire. Und dergleichen Dinge mehr, die eine feine
sensitive Natur wie Roter mit staunender Verwunderung anhörte, ohne sich in
seiner schwächlichen Anschmiegsamkeit zur Geringschätzung solcher Unreife
erheben zu können. Auf ihn übte aber alles das einen verderblichen Einfluss aus.
Wenn man einem Menschen unaufhörlich die Sinnlichkeit der Erotik als Höchstes
preist und selbst, indem man darüber schimpft, diese Episode des Manneslebens
als das eigentliche Epos und das einzig Lebenswerte feiert, so muss das endlich
auch dessen eigene Weltanschauung beeinflussen.
    War es daher zu verwundern, dass Roter, nachdem er das saftige
geistfunkelnde Schreiben Knorrers gründlich verdaut hatte, einen Anfall von
Liebessehnsucht erhielt, der einen totalen Rückfall des Reconvalescenten in
seine alte Krankheit bedeutete? Die Erzählung von der angeblichen Bismarck'schen
Liebesaventüre umnebelte vollends seine geblendeten Augen. Ah, also selbst die
grossen Männer der Tat beugten sich der allmächtigen Venus. Um wieviel mehr also
die Künstlernaturen. Roter's Grössenwahn erwachte wieder: Sein besonderes
Liebessiechtum schien ihm gleichsam ein besonderes Zeichen seines Ingeniums.
Die aufreizenden erotischen Phrasen Knorrers fielen so auf fruchtbaren Boden und
bald wucherte das Unkraut empor, dass es Roter über den Kopf stieg. Grade
Kati's anständiger Brief und die Andeutungen, die ihm Frau Lämmers gemacht,
entfachten aufs neue in ihm die alte Liebe. Sollte er das herrliche Geschöpf nun
also wirklich den Klauen eines solchen verlebten Kohlkopfs überlassen? So sollte
das enden? Der alte Irrwahn betäubte ihn aufs neue. Trotz seiner bitteren
Erfahrungen damit, construirte er sich Kati wiederum als eine edle
ungewöhnliche Natur zurecht. War es nicht gradezu seine Ritterpflicht, das arme
unglückliche Wesen zu retten?
    Zudem, war er selbst nicht, mitschuldig an allem? Hätte er damals nicht nach
Hamburg so unzarte Beleidigungsbriefe geschrieben, so wäre gewiss der ganze Krach
und Skandal mit all seinen Consequenzen verhütet worden.
    Als sich Roter bis zu diesem Punkt hineingeredet hatte, hielt es ihn nicht
länger und er suchte unverzüglich nach seinem Koffer. Was hatte er denn
eigentlich auch zu versäumen und was interessirte ihn sonst auf der Welt? Er war
ja als Künstler frei und ungebunden genug, um nicht an die Scholle gefesselt zu
bleiben. Direkten Geldmangel kannte er nicht. Sein angefangenes Bild konnte er
ruhig auf der Staffelei trocknen lassen. Eine Studienreise nach dem Norden
(falls die Vermutung von Frau Lämmers richtig) konnte ihm nur gut tun. So
mochte er das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden. Die Hauptsache war
vorerst, in Hamburg das entflohene Wild aufzuspüren.
    Mit der trotzigen Afterstärke weichlicher Naturen setzte er mit aller Hast
seinen Vorsatz ins Werk. Für Krastinik hatte er getan, was in seinen Kräften
stand. Dieser fand also richtig in dem jungen Verleger, der sein väterliches
Erbteil standesgemäss zu verputzen wünschte, den bekannten Dummen, der ihn
druckte, zumal die Gedichtproben Krastiniks im »Bunten Allerlei« von dem grossen
Wurmb mit feierlicher Leutseligkeit in einer Randglosse angepriesen waren. Wurmb
tat sich nicht wenig darauf zu Gute, »dieses vielversprechende Talent in seiner
Schule heranzuziehn und ihm stets die Spalten des Bunten Allerlei offen zu
halten.«
    Als nun gar Graf Krastinik mit dem jungen Gentleman-Verleger mehrmals Skat
spielte und einmal mit demselben spazieren ritt, auch die sehr kostspielige
Maitresse desselben mit Kennerblicken lobte - verschwor sich der junge Mann,
seinen gräflichen Freund zu »machen«. Demgemäss druckte er dessen sämmtliche
Gedichte und drei Dramen-Fragmente dazu in unmässig opulenter Ausstattung mit
Schwabacher Lettern auf Velinpapier mit gotischen Initialen und liess ganz
besondere Einbanddecken zeichnen. Sodann inserirte er in allen Berliner Blättern
diese herrlichen Einbände, im Reklame-Stil der »Goldnen hundertzehn«. Das
Inserat fing an:
                           »Ein neuer grosser Dichter
                                    erstand
                                   unstreitig
                           in Xaver Graf Krastinik.«
    Man empfahl darin diese Dichtungen dem Busen sämmtlicher deutschen
Jungfrauen. Das zündete. Dreizehn Familienblätter (- zuerst von allen die
»Gartenlaube«, durch den Tod unsrer unvergesslichen Marlitt noch in herbe
Wittwentrauer versunken -) meldeten sich dem »hochgeborenen Herrn Grafen«.
Dieser aber setzte sich hin und begründete in einem langen Schreiben an die
Kommandantur seiner Kavalleriedivision, sowie in einem Brief an den ihm
befreundeten Chef seines Regiments, sein Gesuch: fürs erste auf ein bis zwei
Jahre zur Disposition gestellt zu werden. Er müsse sich seiner angegriffenen
Gesundheit und gewissen litterarischen Arbeiten widmen. Das Gesuch konnte ihm
nicht abgeschlagen werden. Uebrigens empfing er die Erfüllung seines Wunsches
schon mehrere Wochen hernach.
    Roter hatte also jetzt keinerlei Verpflichtung mehr gegen den Freund, den
er auf so seltsame Weise erworben und dem er mit auf die Füsse geholfen. Dieser
war auf dem besten Wege, ein gemachter Mann zu werden, insofern es sich um
Befriedigung seines litterarischen Ehrgeizes handelte. Roter hinterliess daher
nur einen kurzen Brief an Krastinik, worin er um Verzeihung bat, dass eine
Geschäftssache ihn zu plötzlicher Abreise zwinge. Er werde bald wieder
zurückkehren. Da Krastinik nicht das geringste Interesse an Kati's Wohl und
Wehe bekundete, sondern nur Neugierde, wie sich Roter aus der Affaire wickeln
werde, so teilte dieser ihm nur ganz allgemein mit, dass die Sache sich in
Wohlgefallen aufgelöst habe. »Aha, ich wusst' es ja! Wer droht, tut nie 'was!«
Damit hatte sich der gute Freund beruhigt. Auch war Roter viel zu vorsichtig,
ihm etwa nähere Details z.B. die Wohnung der Frau Lämmers mitzuteilen. Derlei
heimliche Liebesaffairen bilden einen Hang zum Versteckenspielen und steten
Argwohn aus.
    - Zum zweiten Mal binnen so kurzer Frist landete Roter's lecker Kahn an der
Elbemündung.
 
                                Siebentes Buch.
Krastinik dichtete nun frisch drauf los. Als höchstes Ideal schwebte ihm die
schöne Form, das virtuose Schönreden, vor. Hier waltete ein psychologisches
Gesetz ob. Denn, obschon durch innere Stürme hin-und hergerüttelt, verleugnete
der Graf natürlich nie den früheren Offizier und die hocharistokratische
Erbschaft des östreichischen Feudalgeistes. Der Aristokrat pflegt wie im Leben,
so auch in der Kunst die Form. Seinen Standesgenossen, den Pseudo-Dichter Graf
Platen bewunderte der edle Lord über Alles. So drechselte er denn an seiner
markigen und bilderreichen Sprache, die wie Alles bei ihm auf den Effekt
berechnet war, meist so lange herum, bis sie schwulstig und gequält wirkte.
    Es gehört zum guten Ton eines Mannes der guten Gesellschaft, dass er
Jedermann möglichst viel Verbindliches sage. Man muss sich beliebt zu machen
wissen. Krastinik bewährte auch hierin den besten Ton. Er machte jedem
Litteraten den Hof und sprach über Jeden gut - aus Klugheit, wobei er natürlich
Jedem verschwieg, dass er hinter seinen Rücken ebenso intim mit dessen Todfeinden
verkehre. Seine angeborenen Gentleman Manieren fielen unter den
Litteratenplebejern wohltätig auf. Er übervornehmte noch die »vornehmsten«
Frack-Geister, den schönen Ernst Kabel und den noch schöneren Emil Buttermann
(den Leib-Romanzier der »Berliner Tagesstimme« als Protegé der Frau Dr.
Bergmann, Chef-Redactrice dieses Weltblattes). So führte Krastinik ordentlich
die bisher dort unbekannte Gattung des Offiziers und Junkers typisch in die
Dichtergilde ein, ohne indes mit systematischem Ernst diese Teil-Aufgabe zu
verfolgen, die ihm vielleicht eine feste Stellung in der Litteratur gesichert
hätte.
    Eine besondere Zuneigung bewies dem hochgeborenen Herrn Grafen kein
Geringerer, als Heinrich Edelmann. Diesen Messias der Poesie, welcher alle drei
Jahre ein lyrisches Gedichtchen als epochemachende Missetat verübte, verehrte
Alldeutschland als Leiter eines umfangreichen Pump-Systems. Auch die
Mildtätigkeit edler Freundinnen hinter den Coulissen wirkte in wohltätigem
Halbdunkel. Seine berühmteste Leistung bildete das
lyrisch-melodramatisch-symphonische Opus »Paris«, worin die Belagerung von Paris
und die Kaiserproklamation mit gegenseitig auftretenden Massen-Chören in
zwölftausend griechischen Tetrametern besungen wurden.
    Sein Äußeres schien unheilverkündend: Er glich einem verhungerten Aasgeier.
Seine Raubvogelnase, seine blutlosen schmalen Lippen, sein mangelndes Kinn, sein
lauernder Blick bildeten für den Physiognomiker ein anmutiges Ensemble, welches
durch seine sauber elegante Kleidung, sowie sein liebenswürdiges und doch
reservirtes Wesen, in welchem er den sinnenden Idealisten herauszubeissen
strebte, nicht verdeckt werden konnte. Seine Lieblingsstellung, in welcher
boshafte Aufpasser wie Schmoller und Leonhart ihn häufig mimisch abkonterfeiten,
entpuppte unbewussten Selbst-Verrat. Er sass dann nämlich fromm und vornehm als
Jesuitenpater am Tisch, nur hier und da ein salbungsvolles Wörtlein mit seiner
stillen sanften Stimme lispelnd, und blickte die Redenden mit verklärtem
Schief-Blick an, während sein Denkerhaupt halb zur Seite hing und seine Hand
unterm Tisch seinen gold-umränderten Kneifer putzte. Man musste bei dieser unterm
Tisch hantirenden Hand unwillkürlich an »Mogeln« beim Kartenspiel denken.
    Eigentlich war er nur ein halber Mann, eine Hälfte, wie ein Siamesischer
Zwilling, der mit einem andern Wesen verwachsen. Seine schönere Hälfte stellte
nämlich ein Herr Rafael Haubitz vor, mit welchem zusammen er eine Serie
kritischer Broschüren plante, unter dem Titel: »Die idealen Waffenbrüder.« Darin
wurde ein süddeutscher Graf, der ausser mehreren Millionen auch ein didaktisches
Talent besass, als Genie gepriesen; andere Leute hingegen, deren Hand zu fest am
Federhalter klebte, um »offen« zu sein, mit gebührender Verachtung bestraft. Man
hätte diese Waffenbrüder sozusagen zu Fechtmeistern promoviren können, wegen
unerschöpflichen Reichtums an allerlei Finten.
    So »fochten« sie denn rüstig weiter als wackre Handwerksburschen der
parnassischen Heerstrasse und erwarben sich den ehrlich verdienten Beinamen: »Die
ungeschundenen Raubritter.«
    Wie gesagt, begrüsste Edelmann einen neuen Priester des Idealismus mit wahrer
Inbrunst und bedurfte nach dem Titel »Graf« keines Beweises mehr für die
Bedeutendheit desselben. Er sah's ihm gleichsam an der Tasche an.
    Da Krastinik den Wunsch aussprach, auch den Musagetes Rafael kennen zu
lernen, so wurde verabredet, dass ihn Edelmann in den berühmten Verein » Drauf«
führen solle, wo als Vorsitzender und Vice-Vorsitzender die beiden idealen
Waffenbrüder fungirten.
    So sah denn der Neophyt der litterarischen Mysterien den Messias der
Zukunftspoesie dort leibhaftig.
    Dieser Gott erkor als sterbliche Hülle die Gestalt eines bleichen Jünglings
mit langwallender schwarzer Mähne, Spitzbärtchen und Kneifer. Er litt an
permanentem Stockschnupfen und stotterte ein wenig; dabei lag im Tonfall seiner
Stimme eine undefinirbare Arroganz. Sein Roman »Die neuen Riesen« in sechs
Bänden befand sich seit beiläufig sechs Jahren unter der Presse und tauchte
regelmässig als mystischer Lockvogel auf, wenn ein neuer bedeutsamer Pump der
beiden Waffenbrüder inscenirt werden sollte. Sie versandten dann neben den
Privatbriefen, welche das Erscheinen dieses Meisterwerks nebst dem Dantesken
Epos »Lied der Völkermuse« (»Mölkerfusel« hiess dies ungeborene Riesenwerk im
Privatjargon der litterarischen Kreise) ankündigten, noch ein Plakat:
    »Demnächst erscheint:
                            Kritische Schneidemühle.
                    Herausgegeben von Heinrich Edelmann und
                                Rafael Haubitz.«
    Zugleich erbaten sie dabei Einsendung sämmtlicher Werke des Autors »behufs
eingehender Würdigung« sowie von Manuscripten aus der »geschätzten Feder« des
erkorenen Opfers. Besonders das Manuscript-Anhäufen gehörte in das System der
Waffenbrüder als eine Art Strebepfeiler des Ganzen. Sie wussten, dass der Autor um
sein Manuscript bangt, wie eine Henne um ihr Küchlein, und gerne ein Darlehn
sendet, um wenigstens sein »verlegtes« Manuscript zurückzukaufen.
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    Rafael empfing den Grafen sehr gnädig und beehrte ihn mit huldvollem
Handdruck, als Heinrich ihm mit verschwimmenden Augen, indem er gerührt seinen
Kneifer putzte, einen neuen edeln Kämpen des Idealismus vorstellte. »Jaja,
bewahren wir uns den I-I-Idealismus!« geruhte er zu stottern »darin liegt Alles.
Die Phi-Philister haben den idealen Sinn schmählich ver-ä-loren. Nicht aber wir,
die deutsche Ju-Jugend. - Sehen Sie, lieber Krastinik - Sie nennen mich doch
einfach Haubitz? ich bitte darum - sehn Sie unsern Verein Drauf! Kommen Sie
häufig her! Aus ihm wird dereinst der grosse Dichter der Zeit hervorgehn. Wir
beginnen damit, unsre Begriffe zu läutern, ehe das Schaffen anhebt.«
    Das sei sehr löblich, bekräftigte Krastinik trocken. Mittlerweile sah er
sich die Garde du Corps an, die, um die beiden Reform-Messiasse gepaart,
daselbst tagte. »Drauf«! Wahrhaftig, das schienen ordentliche Draufgänger, unter
Umständen auch Durchgänger. Manche sahen so pfiffig aus, dass man ihnen den
geriebensten Pump-Idealismus schon zutrauen mochte. Andre wieder bewahrten noch
ein kindliches Wesen und schienen vom Rasirmesser der Erfahrung noch verschont,
obschon sie krampfhaft ihr keimendes Bärtchen zupften. Man hatte da auch einen
gewissen Victor Hugo, oder Carlyle redivivus, einen Sagus des Nordens mit völlig
verwildertem Urwald-Bart und titanischem Haarwuchs. Sein breiter
Turner-Hemdkragen war noch unübertüncht von Europens Höflichkeit und schien bei
der letzten Sintflut zum letzten Mal in der Wäsche gewesen. Übrigens trug er
bei der grössten Kälte einen Turneranzug aus Drillich; darunter freilich
Jägersches Woll-Regime, so dass es ihm nichts schaden konnte. Doch brauchte das
ja Niemand zu wissen: die wunderbare Abhärtung des Sagus bildete einen
Grundpfeiler seines Ansehens bei den Gläubigen »Jungdeutschlands«. Diese
Litteraturstudenten verehrten diesen würdigen Meergreis, Ambrosius Sagusch (man
leitet hieraus einfach »Sagus« ab), wie einen heiligen Vater. Wenn er so mit
Pfingstapostelzungen zu säuren anhob, verehrte man ehrfürchtig eine neue
Apokalypse, eine Offenbarung Johanni in ihm. »Im Anfang war das Wort und das
Wort ward Fleisch« - was Wunder also, dass er während seiner Wortspendung mit
würdevollem Bedacht diverse Fleischgerichte zu sich nehmen musste, deren Wert in
irdischem Mammon nachher auf gemeinschaftliche Kosten seiner Verehrer
festgestellt wurde.
    Kurz, Ambrosius Sagusch blieb eine naive kindliche Seele und schnorrte
grundsätzlich gleich beim ersten Mal. Hierin war er Doctor Heinrich Edelmann
überlegen und wich von dessen Spinnen-System beträchtlich ab, welches langsam,
aber sicher seine Fliegen umgarnte. Obschon daher Jeder von Beiden über den
Andern offiziell urteilt, derselbe sei »ein vornehmer idealer Geist«, herrschte
doch eine verkniffene Animosität zwischen dem Sagus und den verbrüderten
Weihepriestern, welche von kleinlichen Seelen vielleicht als Geschäftsneid
ausgelegt werden konnte. »Ah, lieber Graf, bist Du da?!« rief Sagusch, indem er
den Grafen zärtlich umarmte, der darüber etwas betroffen schien. »Ich habe schon
viel von Dir gehört. Deutschen Gruss und Handschlag! Warum sind wir alle so kalt?
Warum fliegst Du nicht in meine Arme?«
    »Ich danke Ihnen, werter Herr ...« stammelte der Graf erstaunt. Aber da
grollte ein gewisser Unmut in des Sagus Seherstimme, als er, die Jupiterlocken
schüttelnd, losknurrte: »Neune mich doch Du!«
    Krastinik verbeugte sich verlegen, wurde aber eiligst von einigen
Litteraturstudenten über die ihm zu Teil gewordene Ehre belehrt. Der Sagus,
welcher die Wurzeln alles Übels zugleich auszurotten wusste, verpönte nämlich das
neumodische »Sie«. Dafür sagte er zu Frauen »Ihr,« zu jungen Leuten »Er« und zu
auserkorenen Schlachtopfern »Du«. Man fand das riesig originell, wie es einem
Riesengeiste geziemt, dessen Roman-Ungetüm »Die Strohmer« an die schönsten
Dunkelheiten des seligen Mystikers Hamann gemahnte.
    Der löbliche Verein »Drauf« schien vollzählig versammelt und die Versammlung
konnte nun losgehn. »Wer ist denn das da?« fragte Krastinik plötzlich, »Der da
am andern Ende mit dem düstern Blick und der ausgearbeiteten Stirn, der so
lebhaft plaudert?«
    »Ach, das - ist Leonhart!« machte Edelmann gedehnt. »Wie der sich nur heut
herverirrt hat! Er war doch noch niemals hier.«
    »Ja, er hat einen jungen Frischling mitgebracht, der hier eingeführt sein
wollte. Wieder mal Einer von seinen Protegés. Wie lange wird's dauern! Sie
müssen wissen, lieber Freund,« wandte sich Haubitz an den Grafen, »dieser
Leonhart - ein Bramarbas und Aufspieler ohne alle und jede Begabung - hängt in
seiner trostlosen Unreife eben stets von den Anregungen ab, die ihm von Andern
zugetragen werden. Was er heut feierlich in den Himmel hebt, erklärt er morgen
für den ungeheuerlichsten Unsinn. Heut entdeckt er ein Genie, morgen ist's ein
dummer Junge.«
    »Ja, so ist's!« versicherte Edelmann mit einem wohlwollenden Mitleidsseufzer
»Der arme Leonhart! Da hat er jüngst ein Drama geschrieben Nemesis - da hat ihn
aber die Nemesis gehörig ereilt. Ein trauriges Opus à la Grabbe. Er ist ...«
    »Ah, meine teuren Herrn Waffenbrüder!« unterbrach ihn eine tiefe Stimme von
eigentümlich vibrirendem Wohlklang. »Ich erlaube mir hier, Ihnen einen Collegen
vorzustellen, der Ihre Bekanntschaft zu cultiviren wünscht: Herr von
Lämmerschreier.«
    Leonhart war. herangetreten und präsentirte dabei einen jungen Menschen, der
sich das Air eines Offiziers in Civil gab und sehr elegante Verbeugungen
cultivirte. Aus seiner Uhrkette baumelten eine Reihe Medaillons und sein
hellgrauer Anzug wurde durch einen weissen Hut vorteilhaft gekrönt. Ein
glänzender Wirbelscheitel legitimirte ihn als Inhaber eines wandelnden
Bürstenladens. Seine griechische Nase und seine niedrige Stirn liefen ineinander
über, seilt kleiner lüsterner Mund atmete brutale Geilheit, seine
Schlangenäuglein zwinkerten verschmitzt frech, halb von dem breiten Augenlid
bedeckt wie Schweinsaugen. Seine aufgedunsenen Backen und sein stattlicher
Leibesumfang befähigten ihn zum Hamletschmerz, obschon er grade keinen Vater zu
rächen hatte. Doch »fett und kurz von Atem sein« ist ja das erste Erfordernis
zum melancholischen Dänenprinzen - das Uebrige findet sich.
    »Ah, Ihre Oden am Strome der Zeit empfing ich!« Der immer herablassende
Heinrich schüttelte dem neuen Bruder in Apollo innig die Hand. »Werde mich
demnächst mit Kraft und Nachdruck darüber äussern!« Sobald er diese
Lieblingsphrase losliess, wussten Eingeweihte, dass er keine Zeile unter zwanzig
Mark Pump-Gebühren schreiben werde - nie ohne dieses.
    »Jaja, er bezeugt darin sich und seinen näheren Freunden seine und ihre
Erhabenheit, wuchtig aufstampfend in Pindarischen Metren!« lachte Leonhart. »Wie
heisst doch gleich die Eingangs-Widmung?
Lass mich hochauftönend im Odenschwung
Rufen Heil uns Söhnen der Gotteit, Heil!
Nieder mit Pfaffen, Tyrannen und Prosa! Hoch
Verskunst und Tugend!
    Fahren Sie so fort, lieber Odensänger! - Apropos,« wandte er sich an den
biedern Heinrich »ich habe Ihnen noch gar nicht gedankt für Ihren schönen Brief
über mein Drama Nemesis. Sie werden's also wirklich nächstens ausführlich
besprechen? Ach, ich kann Ihnen nicht sagen, wie es mich erfreut, dass grade Sie
sich so günstig darüber aussprachen.«
    Hier räusperte sich Ambrosius Sagusch doch etwas bedenklich, Krastinik sah
betreten aus und über Heinrichs bleiche Wange flog ein flüchtiges Rot. Eine
boshafte Freude blitzte in Leonharts Auge und er fuhr unverdrossen fort:
    »Sehen Sie, das hat mich ergriffen, dieser ungekünstelte collegiale Zuruf:
Ihr Drama hat einen gewaltigen Odem. Es ist in seiner Art, ich möchte sagen,
vollkommen.
    Und Sie, lieber Haubitz, Sie machen ja Ausstellungen, aber Sie schliessen
doch ernst und ehrlich: Jedenfalls besitzen Sie eine elementare Dichterkraft.
Das war mein Urteil stets und ist es noch heute! Dank, Dank! - Aber da klingelt
ja unser Präsident zur Tagesordnung.. auf Wiedersehn!« Nachdem er diesen
partischen Pfeil abgeschossen, setzte sich Leonhart mit seinem eingeführten
Gast behaglich nieder und bestellte eine Flasche gefälschten Rheinweins, da
Edelmann in aller Eile aus seinen Vorsitzenden-Platz geeilt war, um der
unheildrohenden Festnagelung des bösartigen Realisten zu entrinnen. Krastinik
verlor jedoch den seltsamen Menschen nicht aus den Augen, an den ihn alsbald ein
unerklärliches Interesse fesselte. Nach den Warnungen, die ihm zu Teil
geworden, hatte er vermieden, ihn anzureden, was ihm freilich durch den kalten
Gruss des hochmütigen Dichters erleichtert wurde.
    Es wurde nun ein Vortrag des abwesenden Ehrenmitglieds Paulus Hartung,
genannt »der Knüppelreformer«, verlesen. Derselbe war datirt: »Geschrieben am
Jahrestag meines letzten Selbstmordversuches« und brach in der Mitte ab, »da der
Autor plötzlich von einer Gemütskrankheit ergriffen wurde« - eine traurige
Mitteilung, welche jedoch die Anwesenden mit stoischer Ruhe entgegen nahmen, da
ja Jeder von ihnen aus eigener Erfahrung den Rummel kannte.
    Paulus Hartung war augenscheinlich in Spanien reichbegütert und stolz will
man den Spanier. Daher entwickelte er als Baumeister voll Lustschlössern eine
Sicherheit, als sei er zum Oberhofbaurat der hochlöblichen Vorsehung bestallt.
Kommen, hören, sehen und staunen! Das Teater müsse vorerst durch Niederreissung
sämmtlicher Kunstbuden gereinigt werden. Sodann sei Abschaffung der Coulissen
nötig und ein Orchester voll Posaunenbläsern habe als Chor im antiken Sinne mit
nägelbeschlagenen Koturnsocken zu beiden Seiten des Podiums aufzumarschiren.
Ferner verlangte der Knüppelreformer ein neues klassisches Reportoir, dessen
eisernen Bestand die Komödien von Lenz und Klinger sowie »Die Kindsmörderin«
voll Leopold Wagner zu bilden hätten. Nur so, der lästigen Concurrenz fremder
Götzen wie des Engländers Shakespeare entledigt, werde das »Jüngste Deutschland«
seine hohen Ziele einer Teaterreform im Sinne einer wahren Volksbühne erreichen
und vor allem seine eignen Stücke zur Aufführung bringen, wobei er besonders auf
das allbekannte herrliche Blutschande-Trauerspiel unseres Rafael Haubitz »Der
Würgeengel« hinweise.
    Lebhafter Beifall lohnte den gediegenen Vortrag. Nur Leonhart hatte sich
wenig taktvoll benommen und stets mit der Hand schmunzelnd über seinen
Schnurrbart gestrichen, als verberge er mühsam seine Heiterkeit. Auch
Lämmerschreier profitirte nicht viel - seine ganze Dichterseele wandte sich der
homerischen Begierde des Trankes und der Speise zu, während er zwischen dem
Kauen einige Anekdoten von einem »feudalen Weib« zum Besten gab, wie es einem
solchen Verehrer der Tugend und Todfeind aller Tyrannen angemessen.
    »Sie übernehmen den Wein, Herr Leonhart? Ich behalte mir Revanche vor!«
meldete der Jüngling hochtrabend.
    »Oller Renomierstengel!« brummte jener zwischen den Zähnen.
    Eilt gewaltiger Kumpen mit Hummersalat fuhr vor, welchen Lämmerschreier
bestellt hatte. »Welch ein Gebirge! Der reine Kau-Kasus!« wortwitzelte der
Jüngling.
    Leonhart ermunterte ihn ironisch zu kräftigen Einhauen. »So ist's recht,
mein Lieber! Den Dicken gehört die Zukunft.«
    »Dank Ihnen.« Der Jüngling brach sich eine weite Gasse in das Gericht und
begleitete diese ritterliche Handlung mit dem prickelnden Witzwort: »Die Stätte,
die ein guter Mensch betrat, ist eingeweiht - weiss Knäbbchen - für alle Zeiten.«
    Hier wurde er aber unliebsam unterbrochen.
    Ein Studiosus der Philosophie, der starr und steif wie ein steinerner Gast
dagesessen und den Orakeln gelauscht, dafür aber unbändig viel geistige Getränke
genossen hatte, fühlte sich voll dem Kneifer Lämmerschreiers schon wiederholt
beleidigend gestreift. Jetzt brach er plötzlich ganz unmotivirt los: »Mein Herr,
wünschen Sie was von mir? Sie haben mich fixirt.«
    Lämmerschreier liess die Gabel fallen und starrte ihn majestätisch an. Das
empörte jenen Musensohn aufs höchste, er sprang auf und rief: »Sie! Sie fixiren
mich ja immer noch. Wenn Sie Student sind, geben Sie mir Ihre Karte!«
    »Die bekommen Sie nicht!« schnaubte Jener mit ausgeworfener Nase. Er war
jedoch sehr blass geworden.
    »Was? Erst fixiren und dann nicht Karte geben? Das ist eine erbärmliche
Kneiferei!«
    Hier legte sich jedoch Leonhart energisch ins Mittel und nach üblichem Hin-
und Hergerede erklärten sich Beide für Ehrenmänner. Während dieser lebhaften
Vorlage am andern Ende der Tafel, welche hier und da durch die Klingel des
Präsidenten Edelmann beschwichtigt wurden, hielt ein Individuum am
entgegengesetzten Ende der Tafel einen unverdauten und unverdaulichen Vortrag
über den »Begriff der Schönheit«. Es mummelte und murmelte ununterbrochen so
fort, indem es in sein Weinglas stierte, und versicherte unablässig, dass
»Schönheit der Einklang von Form und Inhalt« sei. Als dies Murmeltier schwieg,
sprang Herr Rafael Haubitz auf und bewies in längerer Rede, die er stotternd
hervorsprudelte, dass »die Begeisterung« (»Begeiferung?« fragte Leonhart seinen
Nebenmann) das eigentliche Prinzip der Poesie sei, wobei er auch wieder die alte
Phrase herleierte, bei Chinesen und Negern sei das Schönheitsideal ein ganz
anderes als bei uns.
    Er suchte sodann darzutun, dass man den Begriff des Schönen in
physiologische und associative Eindrücke zerlegen könne. So z.B. wirken, beim
Hinaustreten aus einem Zimmer auf eine tauige Wiese im Morgenlicht, zuerst rein
physiologisch das Licht, die Frische, das Grün: als angenehmer Sinneseindruck.
Später aber trete das associative Gefühl hinzu: Licht und frische Luft sind
gesund für jedes Lebewesen, das Grün aber wirkt schön, weil wir damit in der
Erinnerung den Begriff einer blühenden Natur associiren. Warum würde ein grüner
Mensch auf uns abschreckend wirken? Weil wir einen solchen noch nie gesehen
haben (»Oho! Grüner Junge!« murmelte Leonhart) und das Angenehme geselligen
Verkehrs in unserer Vorstellung nur mit weissen Menschen associirt sei. Daher
auch unsre Abneigung gegen Schwarze, die von diesen erwidert werde.
    Hier bemerkte ein zartes feines Stimmchen, einem mimosenhaften Jüngling
angehörig, dass die Natur doch dann nicht schön wirken könne, wenn man sie durch
eine rote Glasscheibe betrachte. Sie wirke aber dabei nur befremdlich,
keineswegs unschön. Nachdem dann noch ein furchtbar gelehrtes und bemoostes
Haupt von 24 Jahren einen Discurs über die Undulationsschwingungen gehalten und
Helmholtz' Teorieen auf den Begriff des Schönen angewandt hatte, trat jetzt ein
allgemeines Hin- und Hergerede ein, das der Präsident umsonst zu stoppen suchte.
Jeder disputirte auf eigene Faust und verfocht die tiefsinnigsten Teorieen über
die Gesetze der poetischen Production. Da erbat sich Leonhart Gehör, und nachdem
notdürftige Stille hergestellt, begann er also:
    »Wir haben soeben manch geistreiches Wort vernommen, sind über Vieles
belehrt. Erlauben die Herrschaften nun, dass auch ich zu jeder einzelnen Tese
meinen Genf gebe. Wir haben die uralte Prase gehört, Schönheit entstehe, wenn
Form und Inhalt sich decke. Nun, in einem Menzel'schen Bild oder etwa in Laibl's
Drei alten Weibern decken sich Form und Inhalt wunderbar d.h. sind von gleich
origineller Hässlichkeit. Ist also auf diese Weise Schönheit entstanden?
Keineswegs. Aber ist darum diese meisterliche Hässlichkeit nicht kunstwerkmässig
ausgeführt? Ja.«
    Nun gehört aber ohnehin in die Rumpelkammer der alten Ästetik, die von
Aristoteles und Lessing bis auf Vischer und Nordau nur dummes Zeug
zusammengeschwätzt hat, die törichte Voraussetzung, die Kunst habe die
Schönheit zum weck. Macbet als Mörder ist ganz gewiss nicht »schön«. Vielmehr
wird das Gleichgewicht der Schönheit d.h. der sittlichen Naturharmonie, erst
durch die Zoten des betrunkenen Pförtners, also etwas an sich Hässliches, wieder
hergestellt. Wenn wir aber die Wahrheit mit den Realisten als Zweck der Kunst
bezeichnen, so verlockt uns auch dies in Irrwege. Wahrheit soll sein der einzige
Zweck der Wissenschaft, aber soll sein nur ein Mittel der Kunst. Der Fanatismus
der Wahrheit führt uns naturgemäss zur Übertreibung und Karrikatur, also zur
Unwahrheit, gerade wie etwa Ateismus zum Aberglauben führt. Die spitzfindigen
Erzeugnisse von Ibsen sind wahr, aber nicht schön - und darum wirken sie kalt,
blutlos, didaktisch, doctrinär. Nicht schön - fehlt da auch noch etwas Anderes:
sie wirken zerrissen, fragmentarisch, wie ein höhnisches Fragezeichen. Es fehlt
die Abrundung, der vollausgetragene innere Abschluss. Nun, welches Element möchte
denn wohl das letztgenannte Kunsterforderniss hinzuleiten? Denken wir an
Schillers allgemeingehaltene Phrase vom »Wahren, Guten und Schönen.« Das Gute -
das soll bedeuten: den philosophischen Tiefblick in das Getriebe der Welt und
des Herzens, der mit unentwegter Sittlichkeit immerdar die versöhnende innere
Lösung findet, selbst beim zeitlichen Untergang des Guten. Eine gewisse
Erhabenheit der Anschauung gehört unbedingt zu einem wahren Dichterdenker und zu
einem Kunstwerk höherer Gattung.
    Das Wahre und Gute in seiner Vereinigung bildet das Schöne, oder vielmehr
ist bereits das Schöne. So stellt der grausigste aller Romane, »Raskolnikow«,
vollendete Schönheit dar, weil er vollendet Wahres und Gutes in sich birgt. Die
meisten Werke von Zola sind nicht schön und nicht kunstvollendet, weil sie mir
teilweise wahr und gut sind; »Germinal« und »L'Assomoir« aber nähern sich der
idealen Schönheit, weil sie viel Wahres neben einigem Unwahren und manches Gute,
von innerer Ergriffenheit und moralischer Erhebung Zeugende, aufweisen.
    Ein anderes Gesetz der Schönheit, als das eben aufgestellte, gibt es nicht.
Die sonstige »Form« ist etwas Sekundäres.
    Wie aber den Künstlergeist in eine Seelenverfassung versetzen, welche das
Wahre und Gute d.h. das Schöne erfassen und darstellen kann? Meister Haubitz hat
uns allerlei von »Begeisterung« vordeklamirt - ist ihm diese Dame vorgestellt?
Leicht möglich. »L'entousiasme est de tous les sentiments celui-ci qui donne le
plus de bonheur« sagt Frau von Staël.
    Dieses Gefühl, welches »das meiste Glück gibt«, bezeichnet also den Grad
höchster Extase. Glaubt nun ein psychologisch geschulter Kopf, dass dieser
Zustand bei Schöpfung eines Kunstwerkes anhalten könne? Doch höchstens bei
gewissen Hochmomenten.
    Wenn wir nun constatiren, dass durchdringender combinirender Verstand
ebensosehr wie reiche Phantasie für echte Dichtung notwendig erscheinen,
wodurch der Begeisterungs-Humbug schon in sich zusammenbricht, so locken wir mit
all dem keinen Hund vom Ofen für die Frage: Was ist der geheime Grundkeim des
dichterischen Wesens? Nun, meine Herrn, Meister Haubitz hat uns die fable
convenue wieder aufgewärmt, die schon in Wielands »Abderiten« der Demokritos zum
Besten gibt, dass die Schönheitsbegriffe eines Negers andere seien als die
unsern. Allein, was kommt denn für uns bei dieser Prämisse heraus, was gewinnen
wir mit dieser Beobachtung? Nichts, denn sie gehört gar nicht hierher. Die
äusserlichen und sinnlichen Schönheitsbegriffe sind allerdings verschieden; das
können wir, ohne fremde Weltteile zu behelligen, unter uns selbst beobachten.
Der eine schwärmt für dicke Frauen, dem andern sind diese ein Horreur. »Was dem
Einen sin Uhl is, is dem Andern sin Nachtigall.« Aber die Schönheitsbegriffe der
Kunst, von denen doch hier allein die Rede ist, die Begriffe der intellectuellen
und moralischen Schönheit waren zu allen Zeiten und unter allen Völker die
gleichen. Was edel handeln heisst, weiss der Schwarze wie der Weisse, und was
schlecht handeln heisst, ebenso. - Auch mit den physiologischen und associativen
Eindrücken ist's eine eigene Sache. So erweckt eine rote Wange uns
Lustempfindungen, weil wir diese Röte als Gesundheit deuten. Andrerseits aber
kann eine rote Wange das Zeichen der Schwindsucht sein. Sie erweckt uns also
Peinliche Empfindungen. Gleichwohl wirkt eine rote Wange unter allen Umständen
auf uns als angenehm d.h. schön, weil diese lebhaftere Farbe die Eintönigkeit
der Züge belebt. Ausserdem wirkt sogar die veritable Schwindsucht selbst, welche
bekanntlich die Züge verfeinern und gradezu vergeistigen kann, auf uns häufig
als schön - allerdings nur auf den Gebildeten, auf den gröberen Sinnenmenschen
nie. Der Begriff des Schönen ist also im letzten Grunde genommen ebenso abstrakt
wie der des Guten - also voll physiologischen und associativen Einflüssen
unbestimmbar. Aus diesem Grunde würde z.B. auf den Kunstgebildeteten eine
lebendig gewordene Venus von Milo physiologisch als vollendet schön wirken, auch
wenn sie stumm und dumm wäre. Hingegen würde sie unter diesen Umständen bei
einem normalen Menschen niemals Liebe erwecken können, d.h. jene Schönheit
besitzen, die alle Sinne gefangen nimmt. Das heisst also: die rein physiologisch
als schön wirkende Schönheit - ja, wirkte sie auch wie die Venus associativ, all
unsern Kunstanschauungen gemäss - wird nie als vollkommene, als absolute
Schönheit wirken.
    Das Psychische spricht unbedingt das entscheidende Wort - so zwar, dass ein
unschönes, weder physiologisch noch associativ reizendes Äussere sich unendlich
verschönert durch innere Vorzüge und eine anmutig seelenvolle Frau auf die
Dauer die Schönste besiegt, sobald der Wettkampf um die Liebe des Mannes
hervorgerufen wird. Aus diesem Grunde war es ernst gemeint, wenn Alcibiades den
Sokrates als »schönsten der Hellenen« bezeichnete Die Griechen fassten eben den
Begriff der Schönheit in ihrem eigentlichen Sinne auf - eine Schönheit, welche
man selbst durch lebhaftes Mitfühlen gleichsam ergänzt und mitschaft.
    Nun denn, dies ergänzende mitschaffende Gefühl für das Schöne d.h. das Wahre
und Gute halte ich für den eigentlichen Keim einer echten Dichterbegabung. -
»Das Herz ganz voll von einer grossen Empfindung« »Der Dichter darf nur
schildern, was er liebt oder geliebt hat« - diese Worte Goetes seien
Richtschnur. Dies Gefühl, das man philosophisch die Sympatie nennt - meine
Herrn, ich erhebe mein Glas auf dies Eine, was den Dichter macht, die »
weltumfassende Liebe.«
    Als er sein langes Pronunciamento beendet, verbeugte sich Leonhart plötzlich
mit leichtem Auflachen: »Mahlzeit, meine Herrschaften! Lasst's euch gut gehn!«
und verliess die verblüffte Versammlung, während ihm Lämmerschreier nach einer
eleganten Rundum-Verbeugung mit dem Ruf »Herr Doctor, Ihr Überzieher!«
dienstfertig nacheilte.
    »Der kommt wohl nicht wieder!« bemerkte Krastinik trocken zu Edelmann,
welcher mit vielsagendem Schweigen und unheilverkündendem Schielen unterm Tisch
seinen Kneifer putzte.
    »Wie er sein Froschtalent grössenwahnsinnig aufbläht!« platzte Rafael mit
ungewöhnlicher Heftigkeit los. »Er kann nicht ernst genommen werden. Welche
unlöslichen Widersprüche, welche trostlose Unreife und erschreckliche
Unwissenheit!«
    Der Sagus des Nordens schüttelte majestätisch sein bemoostes Haupt und
wirkte vernichtend durch vielsagendes Schweigen. Ein Engel durchschritt lautlos
das Zimmer. Es war, als ob ein Mehltau sich auf die Blüten dieses
litterarischen Reform-Frühlings niedergesenkt hätte. Und doch hatte Leonhart ja
gar nichts Verletzendes gesagt. Aber ein erdrückendes Gefühl von
uneingestandener Ueberlegenheit dieses »Renommisten« beklemmte den freien Odem
der stolzen Stürmer und Dränger. So drängen sich die Schafe ängstlich um den
Leitammel zusammen, wenn der Löwe in die Herde fiel und sich ein Lamm von
dannen trug.
    »Schändlich, schändlich! Sehen Sie, Herr Graf, diese Vermöbelung im
sogenannten Witzblatt Rempler. Das ist Tell's Geschoss, das ist Leonhart's grobe
Klaue!«
    Mit diesem Aufschrei tiefer sittlicher Entrüstung stürmten Haubitz und
Edelmann in Krastiniks Stube.
    »Nun, nun, lassen Sie doch sehn!«
    »Das dürfen Sie nicht auf sich sitzen lassen, hochverehrter Herr Graf,« rief
der Edle-Mann mit dem Brustton der Ueberzeugung, indem er ihm ein Zeitungsblatt
überreichte. »Doch nein, bewahren Sie ein würdiges Schweigen. Das ist vornehmer.
Vornehm sein - darin liegt Alles. Seien wir vornehm!«
    Krastinik las.
                                Kavalier-Poesie.
    Es gibt eine gewisse Presse, die dem nicht mehr ungewöhnlichen Sport sich
hingibt, reiche und vornehme Leute, die in ihren Mussestunden der sogenannten
Muse opfern, in die tätlich werdende Literatur hineinzuzerren.
    Solche bevorzugten Geister - sei es nun, dass sie umfangreiche
Banquiergeschäfte betreiben, oder Villen in Italien oder sonstwo besitzen, sei
es, dass sie sich des Prinzentitels oder doch wenigstens irgend einer andern
hohen Geburt erfreuen - werden dann sorgfältig als »Dichter« präparirt. Sie
bilden den »neuen hoffnungsvollen Nachwuchs«, welchen man den alten
Berühmteiten, vor denen man sonst auch untertänigst katzbuckelt, mit
triumphirendem Reklamegeschrei gegenüberstellt. Es wird daher leicht begreiflich
scheinen, wenn gemeine Sterbliche, welche ohne den Vorzug des Reichtums und
hoher Geburt als »Literaten« auftreten, solchen »neuen Byrons,« »deutschen
Flauberts,« »Berliner Shakespeares« und vor allem jener grässlichen
Wereschagin-Sorte, die »zugleich ein Sänger und ein Held« die Unreife ihrer
Produkte durch prahlerische Ich-Reminiscenzen verbrämt, mit grimmigem Misstrauen
begegnen.
    Nun, jetzt hat man uns den Dichter Xaver Graf von Krastinik entdeckt.
    Schon das Hervorheben seiner »vornehmen Weltabsonderung« - die trotzdem die
betreffenden M.S. in die Hände der Recensenten fallen liess - wirkte bedenklich.
    Wir kennen sie, diese grossen Seelen, diese vornehmen Naturen, welche ihren
Grössenwahn in der Einsamkeit verstecken (warum publiziren sie denn, da sie's ja
»doch nicht nötig haben?«) und nur mitleidig hier und da ein Wörtchen davon
fallen lassen, dass der hochstrebende gedankentiefe Idealismus ihrer heimlichen
Dichtersünden natürlich bei solchen Verlegern, Teaterdirektoren u.s.w. keinen
Anklang finden könne. Diese »Vornehmheit«, wozu sich noch die bekannte
Wereschagin'sche »Bescheidenheit« (diese frechste aller Streberlügen) gesellt,
verfehlt nicht ihren Zweck. Eine stets zu solcher Handlaugerei bereite
Corybautenrotte trägt den neuen Götzen in die Arena und steckt mit frenetischem
Hosianna natürlich die törichte Menge an. Jetzt kommt der gewöhnliche Verlauf
der Farce. Statt des »Schiller'schen Gedankenfluges« erhalten wir elendige
Coulissenrhetorik, mit raffinirtesten Bühnenmätzchen zugestutzt. Statt
»byronischem Weltschmerz« die alten Affen des Titanismus. Aber es hält nicht
lange. Der neue Schiller und weiss Gott was Alles und der dämonisch-byronische
Hinker werden zum alten Eisen geworfen. »Des Kaisers neue Kleider.«
    Denn in Berlin ist alles nur Modesache. Man muss den Moment ausnützen, länger
als zwei Jahre dauert's ja doch nie.
    Solche und ähnliche Befürchtungen konnten durch die Proben nicht zerstreut
werden, die man uns aus Krastiniks Dichtungen bot. Dieselben waren teils
ungeniesshar, teils platt. Mit Recht hob allerdings ein Referent hervor, dass das
Abwischen des Gesäss-Schweisses an seinem Trakehner nach einem Budapester
Wettrennen, wie der Herr Graf dies in originell realistischen Versen schildert,
von reicher Selbsterlebteit zeuge. Nun, wir sind der denkbar grösste Verehrer
der Subjectivität. Aber, offen gestanden, scheint uns eine »Hymne an die
Unsterblichkeit«, in der Dachkammer gedichtet, genau ebenso selbsterlebt und
jedenfalls um 100 Procent gewichtiger.
    Man verstehe uns recht. Gegen dies Abwischen in erträglichen Versen haben
wir gar nichts. Aber dergleichen uns als besondere Genialität vorzuführen -
dagegen haben wir ungemein viel. Denn hieraus resultiert eine Spezies, die man
am besten als »Kavalier-Poesie« bezeichnen möchte. Nicht wahr, für das in
prosaischen Tagesarbeiten hinschlendernde Publikum muss es ja ungeheuer
interessant sein zu hören, wie ein »Graf« hoch zu Ross durchs Leben dahinbraust?
Nein, mein werter Xaver Graf von Krastinik, dass Sie ein schöner Offizier und
eleganter Sportsmann waren und davon, wie auch von etwaigen hochgeborenen und
»gar nicht geborenen« Liebschaften, nicht uneben zu plaudern wissen - das macht
Sie noch lange nicht zum Dichter, »zugleich ein Sänger und Held«. Aber dass Sie
wirkliches und wahres poetisches Empfinden und Darstellungsvermögen besitzen,
das erst adelt Sie zum Dichter.
    Doch ich erlaube mir den ganz ergebensten Vorschlag, den »Grafen« künftig
auf dem Titelblatt wegzulassen. Es erweckt dies immer jenes ungünstige
Vorurteil, unter dem anfangs grössere Dichter wie Sie: »Graf Platen«, »Graf
Strachwitz«, und »Graf A. von Würtemberg« zu leiden hatten.
    Jaja, wenn wir mal 'was produciren sollten, so werden wir auf den Titel das
Pseudonym »Artur Graf Nirgendburg« setzen und unser Schloss verführerisch
ausmalen. Wenn der biedere Recensent liest, wie der gnädige Graf auf Jagd gehn
und leuteselig mit Dero Untertanen verkehren so denkt Itzig: »Teufel noch mal!
Schloss Nirgendburg in der Grafschaft Nirgendheim - am Ende lädt er mich auch mal
zur Jagd ein!« Und der neue Heinrich von Kleist ist fix und fertig.
    Unser Krastinik - wir wollen ihn mal mit Weglassung seines Titels beehren -
lässt sich nur in der freien Dienstzeit herab, mit der Bürgerjungfrau Poesie ein
wenig zu scharmuziren.
    Ja, Herr von Krastinik - Sie gestatten mir den »Grafen« fallen zu lassen -
arbeiten Sie recht fleissig wie andere gemeine Sterbliche und es kann noch was
aus Ihnen werden - trotzdem man Sie als »Graf« entdeckt hat.
    »Nun, was sagen Sie dazu?« Edelmann putzte wie gewöhnlich unterm Tisch
seinen Kneifer, um als Maskirung schielend das Auge darauf zu richten, während
er Krastiniks Gesicht beobachtete.
    »Gar nichts,« erwiderte der Graf kühl, ohne eine Miene zu verziehen. »Ich
lege das Blatt ad acta. Er ist ungerecht, aber auch hier Zeigt sich etwas - wie
soll ich sagen: Die Tatze des Löwen«.
    Und dabei blieb er, trotzdem Haubitz darin »den Zahn der Schlange« erkennen
wollte.
    Aristokraten werden von Jugend an auf Lebensklugheit eingedrillt, gerade
durch das Pflegen der äusseren Lebensformen und die stete dadurch erzeugte
Selbstzucht.
    Halb aus Vornehmheit, halb aus Klugheit, beschloss Krastinik daher, seinen
Groll zu verbeissen. Es reiste doppelt in ihm der Wunsch, diesen seltsamen
Rempeler, der schon die halbe Welt beleidigt hatte, kennen zu lernen.
 
                                      II.
»Gott, da sitzt der alte feudale Dondershausen!« rief Leonhart entsetzt, dessen
krankhafte Adels-Idiosynkrasie die echte Vornehmheit vieler Kreise des deutschen
Militairadels nicht kannte und daher sich auch leider nie curiren konnte, er hat
mich gesehn. Ertragen nur die Prüfung. - »N Abend, Herr Oberst.«
    Der alte Offizier z.D. grüsste schon aus der Ferne von seinem Marmortischchen
im Café Bauer, wo er allabendlich stammgastete, mit der Hand. »Nur immer 'ran
aus Biwak, mein guter Leonhart. - Lämmerschreier? Freut mich sehr. Sind Sie
verwandt mit meinem alten Kameraden, General Lämmerschreier? Nicht? schade.«
    »Ja, aber dafür ist er der Neffe des berühmten Malerheros Adolf v. Werter.«
    »O entzückt, das zu hören, mein guter Leonhart. Ah, Herr von Lämmerschreier,
wie gut müssen Sie da in die Berliner Gesellschaft eingeführt sein! Fühlung mit
allerhöchsten Kreisen ...«
    Der alte Soldat mit den graugesprenkelten Bartcotelettes sah danach aus, als
ob er seinem Burschen die Benutzung des Stiefelknechts als Wurfgeschoss oft genug
erläutert habe und seinen Haushalt nach militairischen Disciplinbegriffen
regele. Gleichwohl trug er liberale Anschauungen zur Schau, seitdem er trotz
seines Wiedereintritts in die Armee nach seiner Verwundung bei Bapaume das
bewusste blaue Briefchen empfangen, - wie das öfters der Fall sein soll. Das
hinderte ihn natürlich nicht, nach oben hin Patriotisch die Augen zu verdrehen.
Seine Spezialität bildeten »Hohenzollernlieder« und »Kornblumenweisen«; da ihn
die bekannte Redseligkeit ausgedienter Militairs bewogen hatte, die Feder zur
Hand zu nehmen.
    Er war eben ein »Idealist« von echtem Schrot und Korn, welcher auf Paul
Heise und Geibel schwor, auf die deutsche Frau minniglich toastete und sich für
Heinrich voll Kleist begeisterte, sintemal derselbe von echtem altem Adel war.
    »Ich komme von den Meiningern,« hob er an, »aus dem Viktoriateater. Diese
Aufführung der Jungfrau von Orleans - pompös! Bin einfach überwältigt. Wie
herrlich hat Schiller die traurige Geschichte umgearbeitet und in ideale
Verklärung gerückt! Ich erinnere mich, wie wir vom I. Corps in Rouen einrückten,
beim Feldzug gegen Faidherbe, meine Herrn. Auf dem Platz, wo die Pucelle
verbrannt wurde, spielten unsre Musikbanden vor ihrer Bildsäule und unsre
siegreichen blauen Jungen defilirten. Ein unvergesslicher Augenblick, meine
Herrn, wo wir Offiziere an das Vaterlandsdrama unseres grossen Dichters
gedachten, dem Frankreich die würdige Apoteose seiner Nationalheldin überliess,
nach der abscheulichen Pucelle von Voltaire.«
    Er schien jedoch nicht auf eine gleichgestimmte Seele zu stossen. Wenigstens
bewies Leonharts Schweigen und Räuspern, dass keine verwandte Saite bei ihm
berührt war. Endlich brach er los: »Na, offengestanden, Herr Oberst, da ist mir
die Pucelle voll Voltaire doch noch lieber!« Dondershausen fuhr ordentlich
zurück. »Sehn Sie, Schiller hat sich überhaupt unfähig gezeigt, diese
Idealgestalt in ihrer strengen Würde zu begreifen. Bei ihm ist Alles falsch und
verzerrt. Die Weiblichkeit der makellosen Jungfrau sucht er in ihrer sinnlichen
Verliebteit. Und dabei lässt er den jungen Montgommery vergebens ihr Erbarmen
anflehen, während in Wahrheit Johanna die Verwundeten pflegte und über die
todten Feinde Tränen vergoss.
    Freilich, der sentimentale Quatsch in Schiller's Melodrama, der auf die
Höhere Tochter bedeutende Rücksicht nahm, bezaubert den Mob. Was wäre Johanna
für unsre Backfische, wenn sie sich nicht in Lionel verliebte und zwar beim
ersten Blick auf Befehl des Herrn Dichters. Die arme Johanna!
    Ach, sie war so weich wie heldenhaft, so bescheiden und so stolz - denn die
Herrn Prinzen und Connetables wusste sie gehörig anzulassen, wenn sie nicht Ordre
parirten.«
    »Hm, ich denke, sie war so faust und anspruchslos ...«
    »Ja wohl, in persönlichen Dingen. Aber daneben betonte sie in ihrer
erhabenen Kindlichkeit doch stets ihr Allmachtsbewusstsein als Trägerin einer
göttlichen Mission. Bei der Krönung zu Rheims, wo das eingeborene heimische
Volkstum im Dauphin gesalbt wurde, stand sie in ihrer Rüstung, die Fahne in der
Hand, allein am Altar neben dem König. Das liess sie sich nicht nehmen, das nahm
sie als ihr Recht von Gottes Gnaden in Anspruch.«
    »Ja,« meinte Dondershausen, um irgend etwas zu sagen; er war so betroffen.
»Da wurde der legitime König direkt von Gottes Gnaden gesalbt.«
    Leonhart brach in ein lautes Gelächter aus. »Mit heiligem Oel, nicht wahr?
Dieser Kotmensch in seiner allerhöchsten Erbärmlichkeit! Und für den musste die
Himmelsgesandtin, vom Gottesgnadentum ihres Genius umstrahlt, sich opfern!«
    »Erlauben Sie, Herr Leonhart,« fiel der Oberst etwas erregt ein. »In
Schillers Darstellung ...«
    »Na natürlich!« Leonhart schlug mit der Faust den Tisch. »Edler König, der
auf der Menschheit Höhen mit dem Sänger geht! Edle Agnes Sorel, Krone der
Frauen! Edler Herzog von Burgund, Stifter des goldenen Vliesses, Blume der
Ritterschaft!«
    »Nun ja, Philipp der Gute hiess er doch?« fragte Jener erstaunt.
    »Versteht sich. Der unritterliche Bube, der die bürgerliche Heldin den
Engländern verschacherte, im selben Augenblick, wo er seinen Hohen Orden vom
Goldenen Vliess zu stiften geruht! An Lüderlichkeit kam er dem guten König Karl
beinahe gleich, und wieviel dies sagen will, mögen die ermessen, die von dem
Hirschpark dieses Vorläufers von Louis XV. wissen!«
    »Wie, und das duldete die edle Agnes Sorel?«
    »Ja, die wackre betitelte Metze, diese Vorläuferin der Pompadour, die ihrem
königlichen Aushälter diesen Hirschpark unterhielt!«
    »Ich bin starr. Konnte Schiller eine so grobe Geschichtsfälschung -«
    »Pah, der arme Schiller! O ihr alle, ihr Lieben, seid charakteristische
Schöpfungen des deutschen Idealismus! Die Wahrheit wäre ja gemein, wäre unschön
und ausserdem - unklug. O nein, die Wahrheit ist halt erhabener und poetischer,
als die Phrasen-Rhetorik schönfärbender Idealisten. Allerdings gehören starke
Nerven dazu, um sie zu ertragen. Ich gestehe, die wahre Geschichte des edeln
Marschall Rais, Marschall von Frankreich, dieses Teufels in Menschengestalt, der
an der Seite der Jungfrau focht, ergötzt mich mehr als der symbolischmystische
Schwarze Ritter. Jaja, wir wissen, dass dem nichtsnutzigen König und seinen
hochadligen Maitressen eine verderbte Satanskirche und ein Stallbubenadel würdig
entsprachen. Sie waren es wie immer, für die das brave Volk sich opferte und
welche die Früchte seines Patriotismus einheimsten. Sie waren es, welche das
Heldenmädchen, die Heilige Frankreichs, in ihrem genialen Wirken hemmten und
endlich der Kreuzigung überlieferten. Es ist die alte Geschichte.«
    »Für mich eine neue Geschichte,« gestand Dondershausen verblüfft. »Sie
rauben mir ja all meine Illusionen, Sie böser Mensch.«
    »So? Das ist gesund. Ja, ich gestehe gern, ich bin ein böser Mensch. Seine
Majestät Karl VII., Seine Hoheit den Herrn Herzog von Burgund und andre
erlauchte Wesen, an die ein niedriggeborener Plebejer wie ich nur mit Ehrfurcht
denken sollte, möchte man noch nachträglich mit der Schärfe des Schwertes in
Stücke hauen. Aber wenn man das Leben Jeanne d'Ares, dieses kleinen
Bauernmädels, vor sich aufsteigen lässt, dann vergisst man die bittersten
Tränen.«
    »Sie können auch Tränen vergiessen?« fragte der Oberst ironisch.
    »Versteht sich. So sentimental sind wir Realisten - wir, denen es einen
Hochgenuss bereitet, dreiste Unfähigkeit, gemästete Dummheit, strebende
Schusterei mit unversöhnlichem Hohn und Grimm zu verfolgen, zu brandmarken, zu
würgen.«
    »Na, na! das wird ja gefährlich!« Der Oberst z.D. rückte ordentlich vom
Tisch ab. Leonhart aber fuhr begeistert fort:
    »Ach, um so leuchtender, verklärt in himmlischer Glorie, hebt sich von
diesem höllendunkeln Hintergrund die Lichtgestalt des Engels ab, den der
Weltgeist wie den Hirtensohn Isais erweckte zur Befreiung des Vaterlandes! Die
ganze Geschichte der Jungfrau liest sich wie das Evangelium Johanni. Sie
erscheint als der weibliche Heiland der Menschheit. Grade das wirkt so
unbeschreiblich rührend und herzbewegend, dass dies überirdische Geschöpf
äusserlich stets das einfache Mädchen aus dem Volke blieb und die Schwäche ihres
Geschlechtes nie verleugnete. Es mag Schopenhauerianer zum Nachdenken anregen,
dass die reinste Heldengestalt der Geschichte ein echtes Weib gewesen ist. Als
sie zum ersten Mal vor Orleans verwundet wird, fängt sie an zu weinen. Aber nur
einen Augenblick, denn sie hat ihre Stimme vernommen. Ihre Stimme! Die seichte
Naseweisheit des naturwissenschaftlichen Materialismus hat sie deswegen eine
hysterische Person genannt. Aber Jeder, wer sich dem Ideale weiht, Held,
Heiliger, schöpferischer Künstler, hört diese unsichtbare Stimme, in mehr oder
minder vergeistigter Form. Die wunderbare Intuition, der durchdringende
Mutterwitz in Beurteilung praktischer Dinge, der stete Blick für die Realität,
den sie stets bewahrte, neben der schwunghaft transcendentalen Begeisterung
zeigt in diesem abnormen Wesen unzweifelhaft das, was wir Genialität nennen.«
    »Sehr schön,« sagte Dondershausen nach einer Pause. »Und doch sagten Sie,
Voltaire, der sie so schnöde beschimpft, sei Ihnen noch lieber als Schiller's
Apoteose?«
    »Ja. Es war ein schönes Wort von Gambetta, sein Herz sei gross genug, um
Voltaire und die Pucelle zugleich zu beherbergen. In der Tat, bei all seinen
Sünden und Mängeln trug Voltaire selbst viel von jener heiligen Flamme in sich,
welche die ritterliche Jungfrau durchzuckte. Das glorreiche, obschon mit
Peinlichem gemischte Andenken dieses grossen Streiters darf durch kleinliche
Benörgelungen nicht getrübt werden. Glauben Sie übrigens nicht, dass ich Schiller
herabsetzen will, den ich hoch verehre. Den Geist dieses Sehers beseelte eine
ähnliche Lauterkeit, wie den seiner und unserer Madame von Orleans.«
»Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen
Und das Erhabene in den Staub zu ziehn!
Doch fürchte nicht! Es gibt noch schöne Herzen,
Die für das Hohe, Herrliche entglühn.«
    Citirte der alte Soldat mit Salbung. »Ich kann mir nicht helfen, mein lieber
Leonhart, so 'was darf doch nicht realistisch, sondern mit idealer Verklärung
behandelt werden.«
    »So, Sie finden Schiller's Geschichtsfälschungen ideal verklärt? Bedaure.
Wir bösen Realisten sind andrer Ansicht. Nicht mit dem Phrasen-Schnickschnack
Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude stirbt eine Bekennerin wie Johanna.
Sie war wollt Schillern nicht rhetorisch genug, die schaurige Wahrheit, wie sie
aus den Flammen noch mit fester Stimme rief: Meine Stimmen waren von Gott, sie
haben mich nicht betrogen.
    Als sie auf dem Scheiterhaufen stand, war ihr letzter Gedanke: O Rouen, ich
habe grosse Angst, dass Du um meinen Tod zu leiden haben wirst! So blieb sie bis
zum letzten Moment ein Wunder selbstloser Aufopferung, getreu dem Beispiel des
Gekreuzigten, mit dessen Namen auf den Lippen sie verschied.
    Ist die Ketzerin aber erst verbrannt, dann besudelt man noch ihre Gebeine,
indem man sie später zur Schutzpatronin des pfäffisch-royalistischen
Obscurantismus zurechtschneidert!«
    »Hm,« machte Dondershausen, »Schani, zahlen!« Es wurde ihm sehr ungemütlich
in der Nähe dieses Revolutionärs. Jener aber docirte unbeirrt fort:
    »Nein, die Weltgeschichte ist kein Chaos von Gräuel und Unsinn, wie
quietistische Pessimisten, die selbst keinen Finger rühren würden für eine
tapfere Tat, gerne behaupten. Sehen wir nur auf die höheren Stände, auf das
Getriebe der sogenannten Politik, den brutalen Kampf ums Dasein auf der
schimmernden Oberfläche der Gesellschaft - denn allerdings scheint das Bild für
den Wissenden ein trübes. Aber fort und fort offenbart sich der heilige Geist
zur Rettung der verschlammten Welt unter den Unscheinbaren und Geringen. Der
Unterdrückten Vorrecht ist das Genie - ihr Vorrecht und ihre Rache.«
    »Empfehle mich. Auf Wiedersehn.« Herr von Dondershausen nahm seinen Hut und
machte sich aus dem Staube. Erich von Lämmerschreier half ihm dienstbeflissen,
wie es seine Art, in den Ueberzieher hinein und complimentirte den Herrn Oberst
ganz gehorsamst mit vielen Bücklingen bis zur Tür. Er missbilligte aufs tiefste
die törichte Weltunklugheit, einer so gewichtigen Person verstockt zu
wiedersprechen. »Haben Sie das Neuste von Hamerling gelesen,« fragte er, um zu
einem neuen Tema abzulenken, »seine Gedichtsammlung Blätter im Winde?
Grossartig, nicht?«
    »Recht hübsch,« sagte Leonhart trocken. »Du lieber Gott? Wie kann etwas in
Versen heut grossartig sein? Grosser Dichter las ich neulich in dem Artikel eines
unreifen Epigonen über den Guten. Wer heut nicht in Prosa schreibt, zeigt schon
an sich, dass er kein grosser Dichter ist.«
    »Das scheint mir doch etwas einseitig.«
    »Durchaus nicht. Wie kann man anders als in Prosa die grossen Fragen der Zeit
realistisch, wahrheitsgemäss behandeln? Und wer das nicht kann und will, ist
überhaupt kein Dichter im höheren Sinn, sondern ein Epigone.«
    »Aber in Hamerling's Epen, wenn sie auch in entlegenen Zeiten spielen,
werden doch alle Fragen der Gegenwart berührt.«
    »Sehn Sie, darin liegt grade der Fehler! Es gibt nichts Neues unter der
Sonne diese Ben Akiba-Phrase ist eine der elendesten, die je verbrochen. Es
gibt jede Minute Neues. Die Natur macht kein winziges Blättchen in ihrer
unerschöpflichen Fülle dem andern ähnlich - und da sollten Menschen und Dinge
sich gleichen? Ewig gleich sind nur die grossen Gesetze der Entwickelung. Wer das
Altertum realistisch zu schildern meint, macht sich für den Geschichtsforscher
lächerrlich. Wir können uns absolut nicht in den Gedankengang antiker Menschen
versetzen. Und wer gar moderne Ideen in antikem Gewande aussprechen will, der
tut der Geschichte wie der Dichtung und endlich sich selber, dem modernen
Dichtermenschen, Gewalt an. Dostojewski im Raskolnikow, Zola im Germinal - das
sind wahre echte Dichter.«
    Die Beiden verliessen das Café Bauer. Es war so schneidend kalt, dass sie
unterwegs im Café Kaiserhof einkehrten, um sich durch einen Grog zum
Weiterwandern, zu stärken. Leonhart geriet dabei in so gereizte Stimmung, als
er am Nebentisch einige »politische« Journalisten ihr unreifes Tagesgewäsch über
die »Wahlen« verzapfen hörte, dass er Lämmerschreier'n laut fragte, warum er
nicht politischer Journalist geworden sei. Wie könne man ein so schlechtes
Metier wie das des Dichters ergreifen, wo man heutzutage ungeheur viel Geist
nötig habe, um überhaupt nur aufzukommen! Zum politischem Journalisten aber
gehöre nur eine gehörige Portion Frechheit neben Dummheit und Unwissenheit, um
Schiedsrichter Europas zu werden. Er solle mal hören, wie der Grössenwahn der
politischen Publicistik aus alles »Belletristische« herabschaue!
    In gleichem Stil schimpfte er auf dem Heimweg weiter. Da sei neulich ein
Vetter zu ihm gekommen, der als Offizier in die Armee getreten sei. »Ein Knabe
von neunzehn Jahren!« Da sagte ich zu mir: »Du Junker, der Du nichts bist und
weisst, stehst jetzt bereits in der Achtung der Gesellschaft zehnmal höher, als
Ich, der ...« er wollte sagen »der grosse Dichter«, verschluckte es aber
anstandshalber, »Jaja, mein Lieber!« Die Beiden hatten sich bierselig
untergefasst und schwankten mutterseelenallein durch die bitterkalte Nacht, die
durch das bläuliche Licht der elektrischen Laternen auf dem Leipzigerplatz
gleichsam noch eisiger angefröstelt wurde. »Darum seien wir uns klar, dass man
nicht vorsichtig genug in der Wahl seiner Eltern, aber noch vorsichtiger in der
Wahl seines Berufes sein muss. Wir haben das allerschlechteste Teil erwählt. Wie
konnten Sie nur so dumm sein, als Dichter geboren zu werden?«
    »Ich kann doch aber nichts dafür,« lallte Jener humoristisch. »Und so sind
wir's doch will mal, daran ist nichts mehr zu ändern. I was, wenn ich nur genug
habe, um grade leben zu können und dabei schaffen kann, bin ich scholl ganz
zufrieden,« spielte er sich als Diogenes auf. »Na, nun wollen wir uns mal - he,
Droschke! - als schäbiger Geistesproletar ein Nachtfuhrwerk leisten! Adios,
Meister!«
    »Ja, wollen Sie etwa gleich vierspännig fahren?« murmelte Leonhart.
 
                                      III.
    »Lieber Federigo, komm doch heut Abend in die Weinstube von Hut. Dieser
kleine Mensch, der Krastinik, möchte mit uns zusammensein. Er bewundert mich
sehr, sagt er. Neulich bei der Ibsenfeier lernt' ich ihn kennen. Hätt'st Du doch
nur diesen Pipsen gesehn mit seinem Hofratsgesicht und seinen Ordensketten! Das
will ein Socialist sein, ein Demokrat, haha! Wenn man mich zum Wirklichen
Geheimen Oberregierungsrat erheben wollte, ich stiesse den Bettel mit dem Fusse
fort. O dieser Pipsen, diese feiste Wildente! Ich sage Dir, wie die Gespenster
sind sie ihm nachgehuscht - K., der Knochenmann, und dann dieser B. mit der
Abrahamsnase und Sch. mit der kalten Bulldoggenschnauze, diese zwei Macher in
Ibsen-Schwindel -, als Er mal 'rausgehen musste. Und dann, als er wiederkam (sie
standen alle, vor der engen Pforte Spalier) - wie roch der Meister!«
                                                                 Dein Schmoller.
    »Unabhängige Gesinnung. Die ist erloschen. Man hat ja die Zunftkritik zu
einem Sinnbild der Unanständigkeit erhoben.« Leonhart schimpfte in nervös
erregten Fisteltönen auf Krastinik ein. »Halten Sie doch eine Reihe von
Recensionen, lobende wie tadelnde, über irgend eilte ungewöhnliche Leistung, die
sich nicht mit den üblichen Cliché-Phrasen abspeisen lässt, nebeneinander! Sie
werden schaudern vor dieser abgründigen Unreife. - Sie, Kellner, eine neue
Flasche Mosel! Säure vertreibt Säure.«
    »Ja wohl,« schrie Schmoller. »Es gibt keine Kritik mehr! Bestochenes Lob,
bestochener Tadel! Wer bei jeder Recension den Grund kennt, mag vor Ekel keine
mehr lesen. Mit der Diogeneslaterne muss man suchen, nur einen Mann von Ehre
unter den Schriftstellern und eine Zeitung von nicht allzugrosser Schmutzigkeit
zu entdecken.«
    »Ganz richtig,« fiel Leonhart ein, »vor Allem fehlt überall der weite
geschulte Blick, der nicht am Aeusserlichen kleben bleibt, sondern ins Innere der
Dinge dringt. Das Kennzeichen jeder alexandrinischen Epoche, der seichte und
nüchterne Formalismus, weht uns allerorts erkältend entgegen - selbst aus den
kritischen Ergiessungen der noch leidlich vornehmen und unbefangenen Geister.«
    »Aber was wollen Sie denn!« warf Krastinik ein. »Ihre neue Richtung hat ja
doch teoretisch auf allen Punkten gesiegt, trotz aller Bajazzosprünge der
Alten! Freilich ein Beweis für die Gewalt der Wahrheit.«
    »Ah pah!« rief Schmoller. »Werden diese Vers-Erbrechen, diese rhytmischen
Diarrhoës nicht immer noch gepriesen und auf der litterarischen Mode-Tafel
servirt? Liebt der biedere Deutsche nicht immer noch, dies schleichende Gift
sentimentaler Lüsternheit den Backfischen, Höheren Töchtern und Salondämchen auf
dem Weihnachtstische zu kredenzen?«
    »Und doch täuscht dies nicht über die litterarische Vernichtung der ganzen
älteren Generation. Schränkt doch eure Polemik ein! Ignorirt sie doch! De
mortius nil nisi bene.«
    »Hübsch gesagt, Herr Graf.« Schmoller lachte auf. »Aber diese siegreiche
Armee der Neuen bildet doch auch nur eine buntscheckige Falstaff-Kompagnie. Was
segelt heut nicht Alles unter der Flagge des Realismus - dass Gott erbarm!
Kraftmeierei, Salonsäuselei, Formdrechselei! In wie Wenigen lodert das
Elementar-Dämonische, der eigentliche Grundtrieb der Poesie - von dem unser
Freund Leonhart immer redet.«
    »Wohl,« sagte dieser ruhig, »aber an glänzender Begabung für alles
Technische, an hochgestimmter Auffassung des Schönen, an blendender
Stilbehandlung scheint doch kein Mangel. Und was für männliche Charakterköpfe,
die sich klar profilirt in kernhaft wuchtigem Vorfechtertum für alles Echte und
Gute abzeichnen! Dafür tausche ich gern das wohlabgetönte abgerundete
Künstlertum der Alten ein!«
    »Ah pah!« warf Schmoller ein. »Mit Deiner warmen Anerkennungs-Manie hast Du
so Viele herangezüchtet, die gar keine Realisten sind. Z.B. Albert Wohlheim,
diesen hermaphroditisch weichlichen Romantiker mit seiner krankhaft zarten
Mimosenhaftigkeit der Charakterskizzirung. Mir ist diese weichliche
Schmerzenswollust, diese schwüle nervöse Sinnlichkeit, diese grelle,
Effektascherei zuwider.«
    »Hm, da steckt doch aber unter aller Koketterie etwas Wahres. Allerdings
mehr bildkünstlerischer Formensinn, als eigentliches Dichtertum. Coloristische
Makartereien. Doch bleibt er trotzdem ein reifes und in sich geschlossenes
Talent.«
    »Aber kein ursprüngliches.«
    »Offen gestanden, wenn ich nur ein Urteil erlauben darf,« meinte Krastinik,
»scheint mir Wohlheim doch in seinen Romanen nur ein Lyriker, freilich oft von
magischem Stimmungsreiz. Und in seiner form-unsaubern eintönigen
Weltschmerz-Lyrik ist er nachahmender Eklektiker. Ueberhaupt ein Epigone. Der
gehört noch ganz zu den Alten.«
    Schmoller begann jetzt furchtbar aus Hans Holbach zu schimpfen, den er einen
»vertuschelnden Schönfärber«, halb sentimental halb nüchtern, nannte.
Demgegenüber betonte Leonhart Dessen gefällig leichtes Erzählertalent,
ungezwungene Stilflüssigkeit, goldklare Durchsichtigkeit der Darstellung,
gesunde Fülle des Wirklichkeitssinns, Weltkenntnis (»ja, sehr praktische
Weltkenntnis« schaltete Schmoller ein), Tatsächlichkeit der Auffassung (»ja,
kaufmännisch-kluge!«), reisen künstlerischen Geschmack, lyrische Ader, die in
feiner Empfindungsmalerei schwelgt.
    »Bezüglich des reisen Geschmacks,« bemerkte Krastinik, »möchte ich wohl
einwenden, dass dieser durch einen organischen Fehler gehemmt wird. Die
übersprudelnde Laune seiner realen Weltbetrachtung verlockt ihn, über den Nahmen
des Kunstwerks wegzuspringen. Ein neckischer Kobold zupft ihm manchmal am Ohr
und der Erzähler überlässt sich seinen Einfällen.«
    »Darauf beruht grade Holbachs Stärke: auf dem Episodisch Anekdotenhaften.
Welche Frische! Und nirgend wirkt seine weltmännische Gewandteit parfümirt. So
bildet er eine Ergänzung zu Schmoller, einen Uebergang zu dem knorrigen
Elementarismus der eigentlichen Realisten: so spielt er eine bedeutsame
Vermittlerrolle.« -
    Als Krastinik gegangen war, fing Schmoller an, diesen kräftig
durchzuhecheln. »Diese Dramen-Versuche!«
    »Doch nicht ohne Glück. Sein sprühend lebhaftes Naturell befähigt ihn,
lebendige wirkungsvolle Scenen aneinanderzureihen. Allerdings versagt bei ihm
grade das, was den wahren Dramatiker macht: Straffe Spannung des Conflikts und
zielgerechter Aufbau. Handlung macht noch kein Drama. Darüber täuscht er uns
nicht weg mit seinen teatralischen Kinkerlitzchen und dem schillernden Kolorit
seiner Jamben.«
    »Und wie vergriff er sich in seinen Stoffen! Nirgends ein schüchterner Griff
ins Realistische! Oeder Jamben-Epigone. Von eigentlicher Gestaltungskraft und
Vertiefung keine Spur. Die psychologische Entwickelung wird stets als etwas
schon Vollzogenes gegeben. Fadenscheinige Dürftigkeit der Fabulirung. Alle
Vorgänge sprunghaft und unvermittelt. Und dann die vielen Musterweiber und
biedern Menschen! Von denen steckt die Welt ja voll - man merkt's nur nicht! Man
kann auch diesen Realisten unbedenklich jeder Salondame empfehlen, um so mehr
der ritterliche Sänger dem deutschen Weibe so feinfühlige Complimente sagt. Na,
er muss es wissen.«
    »Gewiss,« gab Leonhart sein abschliessendes Urteil ab. »Seine ideenlose
Sinnlichkeit schweift nur ins Teatralische und Bildmässige aus. Aber er entbehrt
nicht einer wirklichen Anschaulichkeit, einer gewissen rauhen
Leidenschaftlichkeit. Seine lyrische Formbegabung verleiht auch seiner Prosa
einen zarten Schmelz, wo er überall lyrische Momente verschwenderisch ausstreut
und einstreut -«
    »Ja, um mit solchen Ueberflüssigkeiten die allzu langsam rollenden Räder zu
schmieren und die Lücken zu stopfen. Dieses lose Bündel mühsam
zusammengeschweisster Genrebilder! Und wird mal ein Ansatz zu aufbauender
Komposition sichtbar, so erlahmt er immer wieder.«
    »Mag sein. Doch neben pikanter Junkerlichkeit begegnen wir hier stets einer
unverwüstlichen Natürlichkeit des Ausdrucks. Auch strotzt er voll scharfer
Beobachtung und weltmännischer Erfahrung. Und er schreibt meisterlich.«
    »Ja, darauf legt unsre kümmerliche Zeit ja das Hauptgewicht,« brummte
Schmoller. »Ach, das alles sind nur lodderige liebenswürdige Episoden-Dichter.
Sie plaudern mit anmutig ungezwungenem Weltton - das ist alles.«
    »Ja, aber er kann sehr viel.«
    »Möglich, aber er will Null. Das sind Alles nur Kunstandwerker! Ich sage
Dir, Du sollst nicht ewig Leute als Realisten preisen, die keine sind!«
    »Ach, nicht davon droht uns Gefahr, sondern ganz wo anders her. Unsere
Schulmeister-Aestetik, die ja stets mit dem Strome schwimmt, fängt an, sich des
siegreichen Realismus zu bemächtigen. Nun geht das automatische Einschachteln
los, ob dies echter oder das unechter Realismus sei. Es tauchen schon weise
Grossväter auf, die aus der Weisheit güldner Wolke erhabene Sprüche tönen lassen,
um das trockene Studium der Naturwissenschaften als obligatorisch zu empfehlen.
Als ob man vom Componisten verlangen möchte, er müsse den Vorlesungen voll
Helmholtz über die Schallwellen beiwohnen! Eine neue Abart der
Philister-Pedanterie! Nächstens wird noch ein realistischer Aestetiker die
Höhere Matematik für Berechnung der Zufallsmöglichkeiten den Romanschreibern
empfehlen! Dass der Dichter die Bildung seiner Zeit umfassen solle, bestreite ich
nicht. Doch dürfte Kenntnis der historischen und litterarhistorischen
Entwickelung denn doch dem naturwissenschaftlichen Studium weit vorzuziehen
sein. Wer alle Wunder der Physik und Chemie beherrscht, aber von Weltgeschichte
und Weltlitteratur nur oberflächliche Kunde erhielt, bleibt ewig ein
ungebildeter Mensch - nicht aber umgekehrt.«
    »Sehr wahr,« brummte Schmoller mit vieler Befriedigung. »Weiss ich etwa 'was?
Wie? Gar nichts, he?« Leonhart nickte zustimmend, indem er ein Lächeln
unterdrückte. »Und doch bin ich Karl Schmoller. Das Leben muss man kennen, siehst
de woll!«
    »Natürlich. Die Wissenschaftlichkeit ist der Tod der Poesie und lockt keinen
Hund vom Ofen. Solche zusammenspintisirten greisenhaften Experimentalromane wie
Goete's Wahlverwandtschaften fussen auf wissenschaftlicher Grundlage - und
misslingen doch. Hingegen, als Goete sich die Werter-Krankheit vom Leibe
schrieb, da zeigte er uns den richtigen Weg. Man muss seine Dichtung gleichsam
mit erleben; dankt erst bildet sich etwas Lebenswahres.«
    »Ja wohl,« fiel Schmoller ein. »Darum verweben alle grossen Schriftsteller
ihre Erlebnisse auf oft kaum merkliche Weise in ihre Erfindungen. So z.B. habe
ich ...«
    »Allerdings,« unterbrach ihn Leonhart, »ist der hohe Lohn der absoluten
Lebenswahrheit nur um den Preis einer schonungslos in den eignen Eingeweiden
wühlenden Arbeit zu erringen. Aus diesem Grunde sind all die guten Ratschläge
und Empfehlungen naturwissenschaftlicher Studien und gelehrter
Experimentalmetode in hohem Grade unwissenschaftlich d.h. unwissend über den
psychologischen Prozess der wahren Dichtung, dieses nur dem Dichterdenker
erschlossenen Rätsels. - Das echte Poeten-Ingenium beobachtet, fühlt und denkt
einfach schärfer, tiefer und schneller, als die Durchschnittsmenschen, seien
diese nun wissenschaftlich oder unwissenschaftlich. Es besitzt tausend
unentdeckbare Saugfäden, mit denen es gleichsam naiv-unbewusst und instinktiv
alle Bildungselemente in sich saugt. Daher die vielen Momentphotographieen
naturalistischer Beobachtung in den Werken grosser Dichter, die z.B. den alten
Homer zum echten Naturalisten stempeln.«
    »Jaja, Du docirst heut wieder einen schönen Stiebel zusammen,« gähnte
Schmoller, der von der ganzen Auseinandersetzung, bei seiner verblüffenden
Stumpfheit allem Teoretischen und Abstrakten gegenüber, kein Wort verstanden
hatte. »Kurzum, ein wahrer Dichter ist ein grosser Realist.«
    »Aber nicht jeder grosse Realist ist ein Dichter,« wendete Leonhart ein. »Ein
wahrer Dichter ist auch ein Realist, weil er ein Dichter ist. Aber Realismus
ohne Poesie ist gar keine Poesie. Realismus ist kein Zauberwort, das
feuilletonistisch-schriftstellerische Anlagen zu dichterischer Anschauung
ummodelt. Man ist entweder ein Dichter oder man ist es nicht. Ob man die
Jungfrau von Orleans oder eine Demimondaine schildert, ist dabei gleichgültig.
Beides soll man lebenswahr schildern - nicht wie Schiller's Jungfrau oder Dumas'
Kameliendame. Aber das Realistische kommt doch immer erst in zweiter Linie - die
Hauptsache ist, dass etwas bedeutend sei.« Er machte sich auf den Heimweg.
    Irgend Etwas in diesen Bemerkungen musste wohl auf Schmoller als unbewusst
anzüglich gewirkt haben. Wenigstens äusserte er nachher zu Ambrosius Sagusch, den
er gleich darauf im »Café Keck« traf, (wo dieser Sokrates eine Phryne väterlich
liebkoste und zur Xantippe umwandelte, da er sie hinterher nicht »frei hielt«)
-:
    »Ein ganz begabter kleiner Mensch, dieser Leonhart. Wenigstens als Lyriker
ist er ganz bedeutend. Aber sociale Romane will der schreiben? Lächerlich! Hat
der je ein Berlinisches Lokal-Sittenbild geschrieben, wie ich schon mit zwanzig
Jahren? Und das ist doch das einzig Wahre!« Als der Andere nicht recht mit der
Sprache herauswollte, fuhr er verdrossen fort:
    »Dieser Mensch! War der Stammgast je in einer Droschkenkutscher-Destille wie
das Kind im Hause? Das ist mein grösster Stolz. Noch nicht ins Leben
hineingespuckt hat er! Immer die Taschen voll Geld gehabt! Nein, der vermag
nicht das Leben zu erfassen. Das ist meine ehrliche Meinung, an der ich erst
wankelmütig werden werde« (er meinte, in grammatisches Deutsch übersetzt: »die
erst wankend wird«), »an dem Tage, wo er gehungert haben wird wie ich.«
    »So, hast Du schon mal gehungert?« fragte Sagusch trocken. »Beiläufig leih
mir doch mal fünf Mark bis morgen!« (Unter morgen verstand der zukunftschauende
Prophet des Jüngsten Deutschland natürlich das Jüngste Gericht.)
    »Bedaure, bin selbst nicht bei Kasse!« lachte Schmoller auf und verzog sich
eilig, indem er den Hohngesang anstimmte:
»Nenne mich Du! Nenne mich Du!«
    ... »Ein grossartiger Kerl, der Schmoller,« dachte Leonhart. »Und wenn er
auch ein Schweinehund sein mag, er hat sicher auch gute Seiten. Allerdings
bleibt er ewig in seiner beschränkten Sphäre kleben. Ueber all solchen
Detailarbeiten tront aber die kosmische Individualität in ihrer umfassenden
Bedeutung, in der wie in einem Brennspiegel alle Strahlen des Realismus sich
einen. Hocherhaben über neidisches Gekläff wie über die Blindheit unreifer
Philister, schreitet die grosse Dichtkunst der Zukunft, des idealen Realismus und
realen Idealismus, ihre dornige nebelverhüllte Bahn hinauf zum Gipfel des
Berges. Haltet den Mund und arbeitet! Das möge sich Jeder zurufen der sich
berufen fühlt zum grossen Werk der Erneuerung.«
    Er dachte dies mehr unbewusst. Ader hätte ihn Jemand gefragt, wen er sich
unter der kosmischen Individualität vorstelle, so wäre er entweder die Antwort
schuldig geblieben oder hätte sein Erhabenheitsgefühl zu der unerschrockenen
Offenheit gesteigert: Mich selbst.
    Allein, ein dunkles Gefühl seines Grössenwahns drängte sich ihm dennoch auf
und er erwog mit ruhigem Stolz, ob er an wirklicher Grösse oder an Grössenwahn
kranke, ob er seine unleugbar hohe Bedeutung am Ende nicht doch überschätze.
Konnte er nicht bloss der Marlowe eines Shakespeare sein? Wozu teoretisirte er
noch so viel? Das sollte das Genie doch nicht tun. Vielleicht weilte der wahre
grosse Dichter der Zeit noch unbekannt in unsrer Mitte, und wandelte schweigend
in den Werkstätten umher, auf dass des Dichters Wort erfüllet werde:
    »Der König Karl am Steuer sass, der hat kein Wort gesprochen,
    Er lenkt das Schiff mit festem Mass, bis sich der Sturm gebrochen.«
    Allein in solchen Erwägungen tröstete den jungen Dichter immer wieder sein
Schicksalsglaube, der durch Geschichtsbetrachtung und eigene Lebensschicksale in
ihm eingewurzelt und gereift war. Was sein soll, soll sein; man wird ja sehn.
Wer gross ist, wird nicht klein, ob auch alle Welt ihn klein machen möchte. Wer
klein ist, wird nicht gross, ob er auch aller Welt seine Grösse aufschwätzt. Nicht
der Erfolg, sondern das Urteil der Nachwelt entscheidet. Ausserdem - im Grunde
wird doch Jedem, was ihm gebührt. Ausnahmen bestätigen die Regel. Man denkt
wohl: Wieviel Cromwells als Landbebauer, wieviel Shakespeares als Dorffiedler,
wieviel Moltkes als zur Disposition gestellte Majore, wieviel Rafaels als
Zeichenlehrer enden - aber hat man je dafür einen strikten Beweis erbracht? Wie
liesse sich das beweisen? - Die Wahrscheinlichkeitsberechnung ergibt freilich,
dass meist nur das Mittelmässige und das sehr Gute in der Welt leicht Erfolg haben
kann, das Gute viel schwerer. Jedoch, auch dagegen liesse sich viel einwenden. -
Ist ein sogenanntes »Genie« liederlich und faul und kommt daher nicht zur
Entwickelung, so ist es auch kein wahres Genie. Ein faules Genie ist in sich ein
Unding. Und die äusseren Hindernisse? So manche Erfahrung lehrt (man sah es noch
zuletzt an Bismarck und an Richard Wagner), dass eine höhere Führung, woher auch
immer sie stamme, die Erkorenen aus Drangsal, Not und Niedrigkeit siegreich zu
den Höhen der Macht und des Ruhmes emporführt. Es gibt ein Schicksal. Ihm soll
man sich demütig anvertrauen, es wirds wohl machen. »Betet und schüttet frisch
Pulver auf die Pfanne,« »dem Tapfern hilft das Glück« - diese Sätze sind nicht
nüchtern und skeptisch aufzufassen. Die »Virtus« (nannten die Alten doch
»Tugend« und »Mut« so richtig mit dem gleichen Namen) und die »Fortuna«
bedingen einander innerlich. Gott lässt den Braven nicht sinken. Schlummert unter
den Lumpen eines Bettlers, eines Derwisch, ein geborenes Herrschergenie - so
wird Allah dies zum Padischah machen, auf die ein oder die andere Art. Jeder
erreicht seine volle Bestimmung, ob so oder so. Wozu also der eitle Grössenwahn!
Grösse ist Grösse und bedarf keines anderen Freundes und keiner Ermunterung - denn
das Schicksal steht ihm zur Seite.
    »Ich habe so viel von Ihnen gehört und will mich min an die Lectüre Ihrer
Werke machen, damit ich ein ehrliches unabhängiges Urteil gewinne!« hob
Krastinik plötzlich an.
    Beide kamen an einem Tingeltangel-Keller vorbei. Aus der Tiefe tönte der
Refrain des schönen Blödsinn-Hymnus: »Constantin - Constantin - Constantino -
pel« und das nicht minder herrliche Lied:
»Mach' mir nur keine Wippchen vor, Wippchen vor -!«
    Leonhart lachte leise. Es war ein stossweises hässliches »Hähä!«, in dem man
den ganzen Stachel einer verbitterten Seele spürte, die einst unter den Stacheln
der Welt geblutet. Oft lag in seinen leichten höflichen Worten ein ätzender
Hohn, der gleichsam spielend traf.
    »Mach' mir nur keine Wippchen vor!« summte er halblaut vor sich hin.
    Krastinik verstand. »Sie misstrauischer Mensch Sie! Ich wiederhole Ihnen, ich
will mir doch selbst ein Urteil bilden. Welches Ihrer Werke empfehlen. Sie mir
zur ersten Lectüre?«
    »Alle!« erwiderte Jener lakonisch.
    »Alle? Das ist etwas viel.«
    »Bedaure. Meine Werke bilden in sich ein System, ein zusammenhängendes
Gebäude. Lassen Sie eins aus, haben Sie nicht mehr den ganzen Dichter.«
    Krastinik schwieg einen Augenblick. »Bien, werde Ihren Rat befolgen. - Nun
sagen Sie mir aber mal offen: Was halten Sie von der litterarischen Gesellschaft
Berlins?«
    Leonhart antwortete nicht. »Ah, hier sind wir vor Ihrem Logis, Herr Graf,«
sagte er ausweichend. »Gute Nacht.«
    »Oho, so entkommen Sie mir nicht. Was halten Sie z.B. von Dr. Adolf
Kratzental?«
    »Hm!«
    »Und von Herrn voll Schnapphahnitzkoi und von Doctor Gottold Ephraim
Wurmb?«
    »Sie meinen kurzum, von der ganzen Blüte unsrer Journalistik und
Geschäftsfabrikantenlitteratur?« Leonhart drückte dem Grafen die Hand zum
Abschied und entfernte sich eilig mit grossen Schritten, nachdem er das eine
bedeutungsvolle Wörtchen geflüstert: »Dreck!«
                »Hochverehrter Meister,
    Gestatten Sie, dass ich Sie so anrede! Ich bin noch ganz ausser mir! Gestern
Abend habe ich die Lectüre Ihrer sämmtlichen Werke geschlossen und bin noch weg
und paff davon! Ich wollte Ihnen nicht eher schreiben, bis ich Alles verdaut
hatte. Ja, alles! Sofort, am andern Morgen nach unserm Gespräch, machte ich mich
zum nächsten Sortimenter auf (nicht zur Leihbibliotek) und kaufte (- wird man
mir als dem letzten bücherkaufenden Deutschen nicht eine Bildsäule setzen? -)
Ihre Bücher en bloc. Ueber Schwächen und Mängel im Einzelnen lässt sich ja
rechten. Der Gesammteindruck aber ist der: An Grösse der Anschauung, an
allgemeiner Productionskraft stehn Sie ohne Gleichen unter den Lebenden da.
Sollte ich denn wirklich der Erste sein, der das entdeckt und der das
ausspricht? Sollte es möglich sein, dass alle Welt mit Blindheit geschlagen ist,
das nicht zu sehen, was doch so klar vor Augen liegt? Wahrlich, ich werde irre
an der Welt oder an mir selbst! Helfen Sie mir, dies Dilemma enträtseln! Bis
dahin aber seien Sie versichert der steten Bewunderung Ihres (will's Gott)
getreuen Schildknappen und Wagenlenkers.«
                                                           Xaver Graf Krastinik.
                Mein lieber Graf Krastinik,
    Ihr Schreiben hat mich gerührt und bin ich Ihnen dafür zu Dank verpflichtet.
Allein Ihre schmeichelhafte Verwunderung reizte mich - verzeihen Sie meine
Offenheit - zu stiller Heiterkeit. Nehmen Sie es als etwas Ehrendes, wenn ich
Ihnen zurufe: Ach, sind Sie noch grün!
    Die sogenannten Schriftsteller, sowohl die ungeheure Menge der Mittelmässigen
als auch die wenigen Bedeutenden, zerfallen moralisch in drei Kategorieen
(Ausnahmen bestätigen nur die Regel): die Schurken, die Lumpe und die Dummköpfe.
Die Schurken verfolgen mit allen Mitteln lediglich ihre Privat-Interessen, die
Lumpe haben gar keine Meinung und die Dummköpfe eine Meinung, welche meist noch
schlimmer ist als gar keine. Glauben Sie etwa, dass die Burschen, welche die
»Oeffentliche Meinung« (lucus a non lucendo) vertreten, es auch nur der Mühe
wert finden, die Autoren zu lesen, über die sie ein Verdikt abgeben? Hören Sie
einen solchen Nullmenschen über mich faseln, so fordern Sie ihm sein Ehrenwort
ab, ob er wirklich auch nur eins meiner Hauptwerke gelesen habe! Doch, pah! Das
nützt nichts: Wo keine Ehre ist, wirkt auch kein Ehrenwort. - Lassen Sie's gut
sein! Eines Tages muss die Wahrheit durchdringen; so gross ist ihre innere
Unwiderstehlichkeit.
    Noch eins. Sie werden wahrscheinlich gehört haben, ich hätte die Schwäche,
Collegen zu »entdecken«, grosszupreisen und dann ebenso schnell fallen zu lassen.
Lassen Sie sich nichts vorreden! Tauschender Schein, leerer Schwindel - nichts
weiter! Ganz grundsatzgetreu bleiben bekanntlich nur die Bösewichter und seine
Ansicht corrigiren ist kein Fehler. Aber nicht einmal das kann man mir bei
genauer Prüfung vorwerfen. Ich habe stets dasselbe über Andere gedacht und
geschrieben von anfang bis heute. Zwar muss man abrechnen, dass ich einerseits
gutmütig und besonders dem Mitleid für »Verkannte« zugänglich, andrerseits
nervös und verbittert bin - dass also der schändliche Undank, den ich stets von
»Collegen« zu geniessen das Glück hatte, mich irritirt. Das würde aber jeden
Andern vielleicht noch mehr empören und ganz bestimmt dessen Urteil
beeinflussen, während bei mir die Objectivität stets die gleiche bleibt. Man
wird Ihnen sagen - die nicht gelobten Collegen nämlich, die mein Lob über Andere
ärgert -, dass ich später scharfe Dinge geäussert hätte über Leute, die ich früher
zuerst begrüsste. Spezielle Widersprüche wird man zwar vergebens suchen, da mein
Urteil über das Einzelne stets feststand, einmal für immer.
    Aber der Uebergang von wärmster Empfehlung der Begabung bis zu kühler
Betonung der Grenzen dieser Begabung war immer der gleiche. Kaum hatte ich durch
rücksichtsloses selbstaufopferndes Eintreten für hülflose Anfänger oder
Verkannte denselben Bahn gebrochen, als auch die kritiklose Welt diese an meinen
Rockschössen baumelnden Anhängsel für Gleichberechtigte neben mir selber hielt
und mich mit diesen, von mir über Nacht geschaffenen neuen »Namen« in einen Topf
warf. Ich müsste kein Mensch sein, wenn mich das nicht peinlich berühren sollte!
Allein, das Peinliche liegt hier keineswegs in einem egoistischen Grunde: Wären
diese Neuen, diese »Dichter von Leonhart's Gnaden«, wirklich auch nur entfernt
gleichberechtigt, so würde ich der Erste sein, der dies anerkennte, so wie ich
vor einem Grösseren als ich mich neidlos beugen würde. Daran zu zweifeln, scheint
für jeden Psychologen wohl ausgeschlossen. Die Logik spricht dafür; denn wer
sich selbstlos bemüht, Andere, die ihm in keiner Weise nützen können, zu fördern
und auf seine Stufe zu heben, der würde auch das Höhere mit gleicher
Neidlosigkeit und Wärme anerkennen.
    Aber das oben berührte Peinliche würde allein mein Wohlwollen noch nicht
erschüttern. Da kommt aber ein andrer Umstand hinzu, welcher freilich in der
Niedrigkeit der Menschennatur begründet. Die von mir Aufgepäppelten nämlich
fühlen mit Unwillen die Last der Dankbarkeit. Sie fühlen ferner, dass das
Vermengen ihres »Entdeckern« mit ihnen selbst, wie es der törichten Welt
beliebt, von diesem selbst nicht gebilligt wird. Den notwendigen Abstand von
ihm, in dem er sie, mehr unbewusst als absichtlich, seinerseits zu halten weiss,
empfinden sie wiederum als eine Kränkung. Seiner Superiorität, welche sie
früher, als sie sich schmeichelnd an ihn wandten, schon dem äusseren
litterarischen Verhältnis nach als selbstverständlich anerkennen mussten, hat er
sich durch seine Uneigennützigkeit ja nun selbst entäussert. Und die Welt, die es
natürlich buchstäblich nimmt, wenn der Warmblütige irgend einen beliebigen
Verkannten mit dem schirmenden Schilde »Mein Freund, der hochbegabte X.« deckt,
nennt ja selbst »Leonhart, X., Y., Z. und all die Andern« ruhig in einem Atem -
die Welt muss es ja am besten beurteilen können!
    Von jetztab beschuldigen sie ihn in den Krämpfen ihres heimlichen Neides,
den sie nicht Wort haben möchten, des Grössenwahns, weil er nicht dulden will (so
sehr er sonst auch für sie ins Zeug geht), dass sie ihn (dem sie literarisch
alles verdanken, ja der oft gleichsam ihr litterarischer Erzeuger gewesen ist)
mit frecher Familiarität unter den Arm nehmen. - Nun kommt das Entscheidende!
Ihr »Gönner« hat tausend Feinde. Diese sagen sich, dass es das sicherste Mittel
sei, ihn zu isoliren, wenn sie plötzlich seine früher überall todtgeschwiegenen
oder gar beschimpften Schützlinge zu loben anfangen - auf seine Kosten
natürlich. Und siehe, sie haben sich nicht getäuscht. Unter heuchlerischem Hin-
und Herwenden, knüpfen die werten Genossen und Freunde hinter dem Rücken ihres
Häuptlings mit dessen Todfeinden intime Beziehungen an. Bald naht die Stunde, wo
sie mit manchem Räuspern ihrer verlogenen und undankbaren Gemüter zu verstehen
geben, die Genossenschaft ihres Ruhm-Erzeugers, ohne den doch ihre litterarische
Existenz für die Welt todtgeboren geblieben wäre, compromittire sie. Was sie
voll ihm und seiner Macht geniessen konnten, haben sie genossen - jetzt können
sie ja ihren Meister »dreimal verraten« und mit fliegenden Fahnen zum Feinde
übergehn, wo man sie mit heuchelnder Freundlichkeit empfängt.
    Da erhebt sich denn plötzlich der beleidigte Löwe in seinem Grimm und
ohrfeigt sie mit seiner Tatze, indem er ihnen überall den Flitter abreisst und
ihre wahren Blössen zeigt. Darob grosses Hallo! »Er ist kleinlich, neidisch, kann
nicht vertragen, dass auch Andere gelobt werden; er ahnt eifersüchtig, dass sie
ihm über den Kopf wachsen möchten!« Ihm freilich schreiben sie das nicht! Da
lassen sie vielmehr die Züchtigung demütig über sich ergehen, reden von ihrem
»steten Dank trotzdem« oder gar von ihrer »trotzdem unabänderlichen Verehrung«,
denn in dieser Massregelung selbst haben sie gespürt, dass der Löwe doch noch lebt
und dass er stärker ist, als alle seine Feinde miteinander. »Königsmacher
Warwick« nennt man ihn im Scherz, der, wen er hebt, auch stürzen kann. Doch der
Spitzname trifft nicht. Denn zu »Königen« kann er Niemanden machen, weil er
selbst der König ist. Wohl aber kann er, statt des falschen Geistesadels, eine
echte Aristokratie des Litteratur-Geistes gründen und darum hat er sie zu seinen
Pairs ernannt. Ein König hat aber das Recht, seine Pairs ihrer Stellung zu
entkleiden, wenn sie meutern - ihres wirklichen Adels nicht. Denn wer zum Ritter
vom Geist geschlagen, bleibt ebensogut ein Ritter wie der König selbst, und den
Adel selbst kann ihm Niemand rauben. Darum lässt man ihnen ihre goldenen Sporen,
die ihnen stets gebühren, und sogar den verliehenen Herzogshut, aber nimmt ihnen
die Talmi-Krone, die ihnen nicht zukommt. Gerechtes Wohlwollen und gerechter
Zorn, in beiden dasselbe Gefühl der gütigen oder beleidigten Gerechtigkeit.
    Um im Bilde zu bleiben: - Neben mir lebt noch ein andrer König, ein
Nachbarkönig auf engerem und beschränktem Gebiet, dessen Königtum man nicht
anerkennen will und der eigentlich ein König- ohne -Land, ein Herrscher ohne
Vasallen, ist. Dessen Tron habe ich stets gestützt und werde ihn verteidigen
bis zum letzten Blutstropfen, ob er auch mich verraten würde wie die Andern und
mir nie ein Bundesgenosse - höchstens ins Gesicht mit lugenden Worten - war.
Aber was schiert das mich! Zu ihm, dem Könige, halte ich, fest und ritterlich;
ihn, meinen Feind oder falschen Freund, grüsse ich stets mit dem ihm gebührenden
Titel; denn er ist ein König.
    Aber die Herzöge und Grafen und Barone des Litteraturreichs werde ich nie
als gleichberechtigte »Herr Bruder« grüssen - und gestände ihnen alle Welt den
Zaunkönigs-Titel zu. Das ist mein »Grössenwahn«, mein königlicher Grössenwahn, der
da wurzelt in der Gerechtigkeit. Bernadotte, der in ein Paar Scharmützeln
gesiegt, corrigirte seinen Meister, den Sieger in hundert Schlachten, wie einen
Schulbuben - und die andern Marschälle fanden, Er werde alt und könne nicht mehr
commandiren. Aber Napoleon blieb darum doch Napoleon.
    So. Jetzt können Sie an der Hand dieses Briefes mich ins Irrenhaus stecken
lassen. Wenn das nicht Grössenwahn ist!
    Ich danke Ihnen für Ihren freiwilligen Zuruf, Herr Graf, und werde ihn nie
vergessen. Aber meinen Umgang suchen Sie nicht! Ich bin ein einsamer Mann und
fliehe vor allem die Berührung mit dem Federvieh wie die Pest. Ich muss allein
sein, denn ich weiss: Der Starke ist am mächtigsten allein. Leben Sie wohl! Ihr
                                                             Friedrich Leonhart.
 
                                  Achtes Buch.
                                       I.
Man kappte in der Frühe die Seile. Bald nachdem sie die Anker gelichtet, glitten
St. Paulis Mastenwälder hinter ihnen weg und Leuchttürme tauchten empor.
    Die Elbe warf schon bei Kuxhaven Wellen. Das Wasser trug jene schmutziggelbe
Färbung, die es nach aufwühlender Erregung wie eine Art maritimer Gelbsucht zu
bewahren pflegt. Verdriesslich und mürrisch starrte die Nordsee die Reisenden an,
als sie jenseits der roten Flaggentonnen, einige Stunden hinter Helgoland,
endlich das offene Meer erreichten. Die Feldstühle fielen um, die Maschine
stampfte gefährlich, die salzig bittern Seufzer der Meersirenen dunsteten über
Bord. Doch die Wasserhölle beruhigte sich zusehends, ein heitrer Abend brach
herein.
    Immer vorwärts in der blauen Einsamkeit. Auf Schaum gewiegt, von Träumen
geschaukelt, spinnt die Seele sich ein, wo es märchenstill wird in dem Einerlei
der Meeresruhe.
    Selbst die alte Jungfer aus Stavanger zankt nicht mehr mit ihrem Freund, dem
Herrn Kapitän, und dieser schweigt noch beredter wie gewöhnlich. Der
Handelsagent aus Altona trinkt unmenschlich viel Toddy, nur seinem rührigen
Mundwerk eine Ersatzbeschäftigung zu bieten, denn zu schwatzen wagt er nicht
recht. So majestätisch dröhnt der hörbar lautlose Psalm, der feierlich zum
Himmel emporsteigt. Ein einziges Gebet scheint rings der Hauch des Alles. Der
Weltengeist schwebt über den Wassern. -
    Die bewegte See erschien nach Nord, Süd und Ost in einförmige Bleifarbe
getaucht. Im Westen aber glitt ein silberiger Lichtstreif über die öden Wasser
hin und brandete mit der durchsägten Woge an den Schiffsbord, den er warm
bemalte. Es war, als wolle er das einsame Schiff, dem auch nicht das kleinste
Segel am unermesslichen Horizonte grüssend winkte, gleichsam verbinden mit einer
lichteren Welt - wo aus den smaragdgrünen und azurblauen Durchblicken des
dunstfleckigen Aeters ein sanfter Strahlenregen herabrieselte.
    Einen Teppich goldener Fäden breitete die westliche Sonne vor sich her, die
in einem gelben Fluidum langsam verschwimmend wie ein güldnes Heiligenbild über
dem Wasserspiegel hing - mit einem Nimbus umwoben von unerträglichem Glanz. Die
Strahlen spielten in der flüssigen Tiefe wie Goldfischchen hin und her - bis auf
einmal der Sonnenball zu einer roten Scheibe einschrumpfte und endlich wie ein
flimmernder Glühwurm erlosch.
    Die erste Nacht auf See in beklemmender Wasser wüste ängstigt stets die
ungewohnte Brust. Alles sonnige Grün des Lebens scheint zu versinken, alle
Schatten verschollener Leiden quellen aus dem Hades empor und geben dem Kiel
Geleit als nächtige Schatten. Man fühlt sich sturmverschlagen.
    Der kraftstrotzende überfütterte Holsteiner, der aussah, als sei die Seele
von tausend verspeisten Ochsen und Hämmeln in ihn gefahren, mochte gut
versichern, dass er jährlich zehnmal hin und herfahre auf der berüchtigten
Seeroute Hamburg-Christiania. Schon bei der Mittagstafel hatte er durch seinen
urwüchsigen Appetit nicht mehr zur Nacheiferung anspornen dürfen. Jetzt lag er
wie ein Erschlagener in seiner Koje. Auch der gelehrte Bremenser, der prahlte,
dass er als echter Sohn des Meeres wider alle Neptunische Tücke gefeit sei,
brachte schon lang dem Poseidon beträchtliche Opfergaben.
    Es schaukelte etwas, die See ging hoch. Eugen aber, am Steuerbord auf ein
Pack Taue hingelagert, plauderte gemütlich mit seiner Cigarre von alten
stürmischen Fahrten, wo der Wind rauher pfiff als heut und seine Seele hochging
in dunkeln Wogen, die jetzt gleichgültig ermattet. Die scharfe Kühlung drang
durch sein Plaid, durchsiebte seine Haare und wusch ihm die Augen klar. O welche
Frische, welche stählende Reinheit! Wenn das taktmässige Aufrauschen der
zurückgeschleuderten Wogen, die der Kiel durchschneidet, durch die Nacht ertönt,
dann brauste eine ungeahnte Kraft in seinem Innern empor. -
    Katis musterhafter Magen hatte die erste Anfänger-Beklommenheit, leichtes
Unwohlsein mit Kopfschmerz, überwunden und marschirte stramm an Deck hin und
her.
    Ein Schiff stellt bekanntlich eine Welt im Kleinen dar, jede Schiffahrt
scheint ein Abbild des Lebens. Die Freuden gering und zweifelhaft als da sind:
gute Luft, Essen, Trinken und Nichtstun - die Schmerzen dafür um so
unzweifelhafter, und dem Rest der Glücklichen, die von der Seekrankheit
verschont bleiben, wird als Ersatz eine unersättliche Langeweile zu Teil. Auch
die Glocken erinnern an die Abschnitte des Erdenwallens, an Tauf-, Hochzeits-
und Sterbeglocken - hier Frühstücks-, Mittags- und Vesperglocken genannt.
Dazwischen noch »Schiff in Sicht«, allerlei Commandorufe und die eintönigen
Schläge, welche die Zahl der Schiffsstunden verkünden. Ach, nur der Haifisch
versteht die Qualen eines seefesten hungrigen Magens an Bord zu würdigen. Die
öde gähnende Wasserfläche scheint ein ähnliches Vacuum im menschlichen Innern zu
erzeugen. Der Magen zeigt eine Geräumigkeit sondergleichen - wieviel Ballast man
auch in seine elastische Ausdehnung stopfe, er scheint niemals zufrieden und für
alles dankbar, Verdauliches und Unverdauliches, Gewohntes und Ungewohntes.
    Kati entwickelte eine feurige Hinneigung zu Hummersalat, weil derselbe
durch seinen hartnäckigen Widerstand gegen Verdauung doch wenigstens eine
dauernde Füllung bewirkt. Gekochte Steine wären einem jugendlichen Magen »zur
See« grade recht.
    Der Mond ging auf. Er hatte eine karmoisinrote Färbung, welche sich
allmählich ins Violette, dann ins Safrangelbe, dann ins Olivenfarbige verlor,
bis er auf einmal in gespenstiger Helle weiss und voll auf seilten Wolkentron
emporstieg. Aber eitle breite Schattenwand türmte sich langsam am Horizont
entlang. In der Ferne huschte über die gekräuselten Wogen, dort wo sie genau
unter der Leuchtwirkung des Gestirns zu ruhen schienen, ein spukhafter Glast
dahin und zirkelte einen runden Strahlenkreis, der in rastloser Bewegung sich um
sich selber drehte. Es war, als ob die Meerjungfrauen vor ihrem leuchtenden
Herrscher mit silbernen Füssen in verwirrend hurtigem Neigen tanzten.
    Das Meer holte voll und tief Atem und sang in mächtigen Rhytmen.
    O allgewaltig harmonisches Brausen, o Wiederhall der ewigrollenden Sphären!
Eine frische Brise fährt durch die Seele, und fegt allen Alltagsstaub von
hinnen. Sanft schläft sich's in der engen Koje, wie ein Kind in der Wiege
geschaukelt von der alten greisen Amme mit dem grauen Wellenhaar. Und sanft
erwacht sich's, wie sie einlaufen in die Bai von Christiansand, die sie endlich
empfängt nach so langer Irrfahrt. Das Wappen Norwegens weht in Lüften, sie
betreten den Boden des alten Norge, der Vikingsheimat. Und dann steuern sie
wieder drauf los, erst die Küste entlang, dann ins Skagerak hinein, wo meist
kein Flecken Land zu entdecken und die Flut tückischer stösst, als draussen in
der offnen See.
    Die Schären reihten sich im Mittagsschein aneinander. Ihre glatten nackten
Wände strahlten wie Brennspiegel und die weissen Schwingen der Möven, die dort
nisteten oder auf den Kämmen der Brandung sich schaukelten, blitzen in
stäubenden Funken. Kieferbewachsene Kuppen krönten die Ufer: sie stiegen
terassenförmig auf und nieder, wie eine höhere Fortsetzung der auf- und
abrollenden Meereswogen. Ueber dem Allen schwebte ein seliger Friede mit
säuselndem rosigem Fittich dahin.
    Im Hafen lag Schiff an Schiff. Auch solche, die Havarie gelitten. Aus den
alten runzeligen Häusern lugten hübsche Frauenköpfe. In grünangestrichenen
Booten fuhren junge Mädchen, allein, kräftig mit den Rudern ausholend und ihre
breiten gelben Strohhüte hebend und senkend. In der Ferne sah es aus, als
schwämmen Butterblumen auf dem Wasser.
    Aber bald verloren sie die Küsten aus dem Auge und das breite Skagerak
versetzt sie wieder ins alte Einerlei grenzenloser Einsamkeit zurück. Die
Mannschaft kommt in Bewegung, der Kapitän schneidet ein finstres Gesicht und
beantwortet Eugens Frage, ob er denn wirklich heraufziehe, mit einem kalten
Blick seiner wasserblauen Fischaugen und einem süsslichen Zuspitzen seiner
schwermütigen Lippen: »Ja wohl!« Er - das soll nämlich heissen: der Nebel.
    Alles veränderte sich. Ein plötzlich auftauchender Dunst, der wie die weisse
Kaputze eines Troll über das Skagerak hinflatterte, kroch bäuchlings über die
Flut und verwischte Nähe und Ferne. Das Schiff verlangsamte sein Tempo, wie ein
Ross aus scharfem Galopp sich zum Trab mässigt und endlich sogar in Schritt
verfällt. Lange Minuten hindurch, wo der Nebel sie völlig rings umschlossen
hielt, stoppte der Dampfer gänzlich und tastete sich Schritt vor Schritt,
Kiellänge für Kiellänge, durch den Dunstkreis. Dazu das Schrillen der
Kapitänspfeife, das Läuten der Nebelglocke, die Pfiffe der Dampfmaschine, alles
um etwaige Schiffe aus ihrer Nähe fortzuwarnen. Doch die Gefahr, welche der
Seemann ärger fürchtet als den Orkan, ging vorüber. Der Nebel fiel mehr und
mehr, verzog sich und wich hinter ihnen zurück. So jäh und in so undringlicher
Masse tritt er selten auf, ausser in diesen norwegischen Gewässern.
    Schon legten sie in Arendal an, wo sommerliche Lust die hügeligen Gassen mit
traulichem Schimmer übergoss. Der frische Geruch aufgestapelten Holzes mischte
sich dem feinen Salzarom des Fjords. Eugen drang in eine Conditorei ein, wo die
Ladenjungfer am Klavier sass und eine Sonate spielte - ein rechtes Bild für die
beschäftigungslose Behäbigkeit einer Stadt, die keinen Bettler zählt.
    Au! Als Eugen seinem Entzücken über das virtuose Spiel der Ladenjungfrau,
über sie gebeugt, einen etwas zu innigen Ausdruck verliehen, belehrte man ihn,
dass eine Norwegische Confect-Beflissene nicht mit einer Berliner Confectioneuse
zu verwechseln sei. -
    Ein frostiger Frühmorgen sah sie in Christiania (für den kundigen abgekürzt:
Xania) landen.
 
                                      II.
Roter's Nachforschungen in Hamburg wurden ungemein vom Glück begünstigt. Da es
Wolffert natürlich nicht für nötig befunden, seilten Namen zu wechseln, wurde
das Hotel, wo er gewohnt, bald ausgefunden. »Ja, war hier mit weiblicher
Begleitung. Eine Dame - Cousine wahrscheinlich,« ein verschmjetztes Lächeln
begleitete diese Verwandtschaft-Bestimmung des Hotelportiers. »Sind vor einer
Woche nach Christiana mit Kong Biörn abgesegelt.« - Der Dampfer »König Sigurd«
stach gerade in dieser Nacht in See. Ohne sich zu besinnen, bestellte Roter
einen Kajütenplatz. Bei seiner tiefen Missstimmung (er hatte zudem keine Passkarte
gelöst und einen alten Pass aus alle Gefahr hin mitgenommen, was ihn in Peinliche
Unruhe versetzte, falls ein Beamter in Kuxhaven an Bord käme), geriet er die
ganze Nacht hindurch in aphroditische Spelunken zu einer alten Freundin, die
einen Wein-Salon hielt und alle Jahre lebensmüder, anständiger und dicker wurde.
Sie gab ihm im Morgengrauen das Geleit zum Hafen. Eine heitere Symbolik.
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    Schon stampfte die Maschine gefährlich - das ist die offene See. Eine
scharfe »Kühlung« peitschte die Wogen zu einer schäumenden Wasserhölle auf.
    In Roter erwachte der Berufstrieb. Er blieb an Deck. Grün schwamm es ihm
vor den Augen, doch gefassten Mutes studirte er landschaftlich die Wut der
Elemente, indem er sich krampfhaft an den Mast klammerte. Unten im Zwischendeck
stand schon alles unter Wasser, kein Passagier wagte sich die schnurgrad steile
Eisentreppe an Deck hinaus. Ein regelrechter Sturm brach los. Nur der Kapitän in
einem weiten Regenmantel sass oben vor seiner Karte und suchte nach dem Kurs.
Sogar der Steward deckte plötzlich winselnd die Bank - selbst sein seefester
Magen vermochte dem wundersamen Gast nicht zu widerstehen, der sich erst höflich
meldet und die Visitenkarte abgibt, bis er auf einmal unverschämt poltert und
dem Magen-Wirt alle Habe zum Fenster hinausschmeisst.
    Roter stand so lange oben, wie es anging. Alles Leben schien sonst im
Weltenraum erstorben. Sein Plaid flatterte um ihn her, als wolle es ihn wie der
Mantel des Faustus in die Lüfte entführen. Sein Mund erbleichte, sein Auge
stierte verglast und das Blut erstarrte ihm in den Adern. Doch als Odysseus
lauschte er den Sirenen, die ihn mit salzigen Seufzern besprühten.
    Land endlich, Land! Dröbak's Kanönchen grüssen. Die werden einst Deutschlands
Flotte in Grund und Boden schiessen, falls es den nimmersatten Vettern, sobald
sie Jütland verschluckt, belieben sollte, mal das gute Küstenland Norge's wie
zur Zeit der Hansa in Besitz zu nehmen. Jaja, der »Tysk« geniesst hier ein
schlechtes Renommee als ein Alles-Annektirer und Jeden-Chikanirer.
    Wenn auch am Stadttor Bergen's nicht mehr das hanseatische Wappen prunkt,
so haben die abscheulichen deutschen Räuber doch dort für immer ihr Blut
hinterlassen, wie der Unterschied der lebhaften Bergenser zu den übrigen
Vikingssöhnen ergibt.
    In Christiana darf man aber nicht an die Vikinger, die alten Nordmänner,
denken. Der gleiche Wind weht noch vom Berge, aber der gleiche Himmel sah ein
anderes Volk sich hier im Fyord stärkefroh ergehen, hier wo das Nest der
Drachenschiffe lag - Seekönigsburg statt Deiner, Oskarshall!
    Roter begab sich ins Hotel Victoria, wo Altengland sein touristisches
Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Hier lungern manche Briten Wochen lang und
ihr Reisegeld bleibt hier. Denn im Hochland soll man Hunger leiden und das
missfällt diesen Alpensteigern, denen nur Lawinen von Eierschaum im Alpdruck
erscheinen.
    Es konnte nicht schwer fallen, nach der Passagierliste des »König Biörn« und
den Fremdenbüchern des Hotels das gesuchte Pärchen aufzugabeln. Sie hatten
»Hotel Skandinavie« gewohnt, waren vor einigen Tagen auf der Route über Eidsvold
nordwärts gegangen. Ob sie via Trondjem fahren wollten oder den Mjösensee
entlang durch Gudbrandsdalen nach Romsdal reisen, das blieb ungewiss. Roter
besann sich keinen Augenblick. Er rollte sofort auf den Rädern der Nordbahn gen
Hamar.
    In Norwegen erinnern die Einrichtungen, Verkehrsmittel, offiziellen
Uniformen weit mehr an England-Amerika, als an Deutschland. Auch die Eisenbahn,
mit der er dem Mjösensee ins Innere des Landes entgegenflog. In Hamar endet
dieses Bahngeleise und zweigt sich von da nach Dronteim ab. Während die Anderen
umsteigen, überlegte er, ob er bis morgen auf Ankunft des Dampfers, an den er
Anschluss versäumt hatte, hier warten solle. Einen Tag Zeit verlieren? Nein, er
wird den Mjösensee entlang mit Skyds, den zweirädrigen Carriolen, nach
Lillehammer fahren. Ein freundlicher Norweger, hülfsbereit wie sie alle, führt
ihn zu einem Wagenbesitzer. Dieser rothaarige sommersprossige Bauer mit
echtnordischem hartlistigem Ausdruck verlangt einen ziemlich hohen Preis, aber
es scheint wirklich eine endlose Strecke. Um 5 Uhr Nachmittag starten sie und
erst um 2 Uhr Nachts sollen sie in Lillehammer anlangen. Das Pferd sieht kräftig
aus und hat gut gefuttert. Sie preschen los.
    Hier und da grüsst zu Seiten des Weges eine Hütte, karmoisinrot
angestrichen, wie alle Blockhäuser im nordischen Hochland. Das Gehölz wird
spärlicher. Manchmal reckt sich nur eine hohe Tanne an steiler Felswand aus
wildem Geröll, wie ein grosser Gedanke, alle Trümmer überlebend, sich in
verwüsteter Seele erhebt. Die letzten Strahlen der Sonne spielen durchs hohe
Riedgras und, von goldigen Lichtern überzittert, schaukeln sich die Halme im
leisen Wind.
    Ja, der Fjord begleitet die endlose Fahrt. Unablässig sieht man durchs
struppige Ufergebüsch sein glänzendes Auge. Roter hemmte etwas die allzu
scharfe Gangart des Rosses. Es wird immer stiller, immer dunkler. Nur weisse
Wölkchen darüber und silberne Sterne.
    Um 11 Uhr Nachts hielten sie vor einer Skydsstation, um noch etwas Abendbrot
aufzutreiben. Es gab uralten Schinken, der wie steinharter Bärenschinken, also
wie getrocknete Schuhsohle, schmeckte: Eier von zweifelhafter Frische, für die
man eilten verbogenen Kupferlöffel mit einer Rinde voll vorsündflutlichem
Schmutz erhielt; vorzügliche Milch und ranzigen Käse von rötlicher Farbe und
süsslichem Geschmack, wie man ihn mir im Norwegischen Hochland findet. Der
Skydsvorsteher und der Führer unterhielten sich über die Verrückteit des
Engländers, der mit Skyds das ganze Mjösen-Ufer abrase. Sie wunderten sich bass,
als er in das Stationsbuch seine deutsche Herkunft einschrieb. Aber nur weiter,
weiter! Immer hinein in die ahnungsvoll dämmerige Nacht!
    Tausend Erinnerungen quirlten durch sein Hirn, während sein Auge das
Mähnenflattern des rüstigen Rosses verfolgte.
    Um halb zwei Uhr Nachts - es wurde schudderig kalt - hielt der Wagenlenker
plötzlich die Zügel an und erklärte, dass sie unmöglich bis zum Morgen nach
Lillehammer gelangen könnten; das Pferd sei zu erschöpft. Sie machten also zu
Gjövik vor der nächsten Skydsstation Halt und klopften die Leute aus dem Schlaf.
Er erhielt wirklich ein uraltes Himmelbett und versank in unruhigen Schlaf.
Frühmorgens hockte er wieder auf der Carriole. Diesmal aber führte das Söhnchen
des Wirts als Skydsbub die Zügel und plauderte unverdrossen in den lichten
Morgen hinein, selbst eilt kleiner Morgenelf mit rosigen Bäckchen lind
wasserblauen Augen. Sie führen fröhlich hindann.
    Um Mitttag langten sie wirklich in Lillehammer an, mit einem Hunger erster
Güte. Dort aus der Plattform des Hotels hoch oben die Täler des Mjösenfjords
überschauend, genoss er die letzten Stunden des Tages mit unsäglichem Wohlgefühl.
    Tausend Sonnenpünktchen flimmerten über der spiegelglatten binnen Fläche des
Sees. Doch die Schatten stiegen von den Bergen tiefer und tiefer, bis sie den
Wasserspiegel berührten. Das schäumende Wehr glitzerte wie flüssiges Silber,
Wiesen und Haferfelder in grellem Grün und Gelb. Meilenweit schlangen sich die
Höfe, so schmuck und zierlich, als wären sie buntlackirte Papphäuschen aus einer
Spielzeugschachtel. Und dann überlief den See plötzlich eine tiefgrüne Färbung,
aus der sich nur in lichtem Grunde die abgespiegelten Waldwipfel abhoben. Die
Berge in der Ferne tauchten sich in Violett und Dunkelblau. Ununterbrochen
brauste das Wehr durch die schweigende Waldesnacht. Der spitze grellschwarze
Schieferturm der alten Kirche, der in der Abendröte silbergrau geschillert,
ragte jetzt mit kalter Schärfe in die durchsichtige Dämmerluft, während das
stumpfe Ziegelrot des Kirchenrumpfes sich zu blassem Rosa abtönte.
    Aber indem Roter sich so dem Genuss des Augenblicks hingab, durchzuckte ihn
plötzlich ein eigentümlicher Schrecken. Er empfand einen heftigen tickenden
Schmerz, er griff nach der Brust - was war das?
    Der Schmerz liess sofort nach. Roter sass atemlos mit klopfendem Herzen da -
aha, da kam er wieder. Und weiter, ab und zu, in regelmässigen Zwischenräumen
meldete sich der eigentümliche stechende Tick an der Stelle, wo die
Lungelflügel sich dehnen.
    Roter versuchte mehrere Proben. Er holte tief Atem, er bückte sich - immer
derselbe Schmerz. Dann holte er einen kleinen Handspiegel hervor, den er bei
sich trug, und besah in der Nähe seine Hautfarbe. Kein Zweifel - runde
gezirkelte Rotflecke zeichneten sich auf den Backen ab, unter den Augen wich
das Fleisch wie ausgehölt und zusammengeschrumpft zurück. Kein Zweifel - das war
die Schwindsucht.
    Er untersuchte seine Brust. Sie schien so mager und eng, dass er unterm
Halsknochen mit der ausgesprejetzten Hand umspannen konnte. Schon als Knabe war
er so schmalbrüstig gewesen, dass ein Arzt nach untersuchendem Klopfen bei einem
Katarrh ihn angelegentlich fragte, ob er beim Treppensteigen keine Beschwerden
empfinde. Beim Militär rangirte man ihn zur Ersatzreserve wegen allgemeiner
Schwächlichkeit. Die Anlage lag also schon lange in ihm - die namenlose
Aufregung der letzten Ereignisse hatte den Ausbruch nur beschleunigt. Schon
früher hatte er den Stich gespürt; in der Nacht vorm Schlafengehen nach erregten
Tagen hatte derselbe ihn heimgesucht. Aber er achtete damals nicht darauf. Nun
war das Unglück da.
    Was sollte er tun! Was suchte er eigentlich hier oben! Ein Grab? Besser, er
kehrte gleich zurück, um in Ruhe zu sterben.
    Seine Nachforschungen hatten ergeben, dass ein Pärchen wie das gesuchte hier
nicht vorübergekommen war. Es fiel leicht das festzustellen, weil verschwindend
wenige Touristen um diese Jahreszeit, ehe die Mitternachtssonne beginnt,
Norwegen bereisen. Ob sie gleich nach Trondjem durchgefahren? Eine so
anstrengende grosse Tour im Liebesfrühling einer »wilden« Hochzeitsreise? Kaum.
Wahrscheinlich waren sie westlich, statt wie Roter nordöstlich, ins Hochland
aufgebrochen - mit der vielgerühmten Drammenbahn über Krokleven und Hönevoss zum
Randsfjord gereist.
    Nun, er wollte wenigstens auch dies noch versuchen. Denn wozu war er sonst
planlos, ziellos, in seinem wahnwitzigen erotischen Instinkt, wie der Hund dem
Geruch nachschnüffelt, hinter ihrem Unterrock hergeschnobert? Das Lächerliche,
Tollwütige seiner ganzen Reise ging ihm aus. Was wollte er denn eigentlich!
Diese romantische Pilgerfahrt einer Minnesiechheit musste er selbst ironisch
belächeln. Und doch! Was hatte er denn zu versäumen gehabt! Freilich, er hätte
sich männlich überwinden sollen. Doch - die Vernunft redet und die Leidenschaft
handelt. Machens Andre anders?
    Was er wollte? Sie noch einmal wiedersehen. In das öde nüchterne
Alltagsleben diese tragische Episode einsprengen. Wenn er sie überraschte, welch
ein Moment!
    Er sprang auf. Brustschmerzen oder nicht - auf zum Randsfjord! Skyds nach
Odnäs und von da die Route zurück nach Christiana absuchen!
 
                                      III.
Die Skydsstation lag aus dem Kamm des Gebirges. Diese Lage hat ihre Reize, aber
auch ihre Nachteile. Das merkte man heute so recht, wo der Regen mit dem Föhn
um die Wette über die Wipfel hinpeitschte. Die bläulichen Schieferdächer der
Holzstabkirche drunten im Tal, die noch vor kurzem im Sonnenschein geschillert,
deckte bleifarbiger Flor. Die höchsten Spitzen schienen ersäuft und selbst die
Schneekette, deren eingesenkter Grat sich wie ein doppelreihiges Gebiss hohler
Riesenzähne gen Himmel fletscht - auch sie war im Dunstmeer untergegangen.
Luftgebilde jagten dahin wie adlerbeschwingte Walküren; wie Flamberge zuckte es
droben hin und her.
    Wie Trauerflöre hingen die düstern Tannenzweige nieder, gleich braunen
Segeln in dieser brauenden Brandung. Selbst die breite Stelle, wo der Bergrutsch
wie mit dem Rasirmesser mitten durch Kiefern und Gestrüpp den Abhang glatt
geschürft, verdunkelte sich. Alle Conturen verwischt, verquollen, verschommen.
    Wie ein sturmzerfetzter Regenmantel legte sich ein grauer Nebelschleier um
die schwarzbraunen Felsrippen. Bläuliche Dunstwölkchen verfingen sich in den
Kronen der Riesenfichten, die aus den Abgründen bis über den Chausseerand sich
emporbäumten. Wolken barsten und entluden sich ruckweis mit heftigem Schwall und
verschlossen ihre Brunnen ebenso plötzlich. Donner und Blitz kamen jetzt selten
zum Durchbruch, nur schüchternes Wetterleuchten zuckte auf. Aber jeder mässige
Elv (Talfluss) stieg unaufhörlich und die langsamen Wasserfälle stoben jetzt
jählings in die Tiefe, wie der Geier mit gesträubtem Gefieder senkrecht aus
schwindelnder Höhe niederstösst. Selbst der niedliche Voss (Sturzfall) gegenüber
der Skydsstation, der sonst wie ein dünnes Silberfädchen herunterpendelte,
schien jetzt schon eine stattliche Quecksilbersäule. Dazu grollte es aus den
Klüften, als wimmerten dort gefesselte Trolls; dem schrillen Tenor der Giessbäche
mischte sich der dumpfe Bass des brandenden Fjords, und im Nadelholz pfiff und
klagte es wie Aeolsharfen.
    In dieser heillosen Sündflut, wo jedes lebende Herz verdrossen und mürrisch
dem Tod entgegenschlug; wo selbst die Natur das jüngste Gericht zu ahnen schien,
wenn das All in dem grossen gräulichen Urbrei versinken und nur der Leviatan aus
der chaotischen Wasserwüste den Ararat bezeichnen wird; wo selbst der Berg sich
in Rheumatismus zu schütteln schien, - da winkte die Skydsstation wahrhaftig als
»Arche Noa« und der bleierne Gockelhahn über ihrer First als eine Oelzweigtaube.
    Allmählich zerrieselten die Wasser des Himmels. Wo vordem breite
Regensträhnen von den Bergen herniederhingen, als wären es die wirren Locken der
Jötunriesen, aber deren niedergeschmetterte Häupter der Donnerwagen Tür's
dahinrollt, dessen Speichen die Blitze entstieben; wo der Donnerer in sein
Schlachtorn geschmettert und sein Nornenlied angestimmt hatte, dass ihm vom
Flammenart die brennenden Funken fielen; wo er des Sturmes knirschende Weichen
gespornt und den Miölnir-Hammer durch den ächzenden Himmelsraum geschleudert, -
da spannte er jetzt seinen Regenbogen und entsendete Farbenpfeile durch alle
Lüfte. In Balsam sind die Pfeile getränkt - berauschender Duft stieg überall aus
der köstlichen Frische der neuverjüngten Erde wie ein Dankgebet empor.
    Scholl hallten die goldenen Hufen des Sleipnirrosses auf der Walhallbrücke
Bifröst: Odin kehrte heim vom Sturmritt durch den Aeter.
    Die durchsichtige Luft zeigte das Phänomen der Mondspiegelung - jenen
zweiten Mond, der sich in irisfarbigem Dunstkreis um das Gestirn bildet und es
wie eine Kapsel umschliesst. Allmählich veränderte sich der peinliche blassgelbe
Schimmer, ein unbestimmter roter Reflex flog darüber, und der braunrote Ton
der Ginsterhalde mit den carmoisinrot angestrichenen Holzhütten darin nahm eine
tiefere Färbung an.
    Aus den Schlüften qualmten und quirlten unheimliche Spukgestalten hervor.
Droben jagte der Fenriswolf die zitternde Wolkenheerde vor sich her. Und
jenseits der Bergmauer des Fjorde schmetterte die Midgardschlange ihren
grünlichen Schweif mit zischendem Geiferschaum an die Schären.
    Noch lagerten die Wolken breit und massig auf den wuchtig überhängenden
Kuppen, noch lagerten sie mitten auf der Bergstrasse. Dumpf und undeutlich wie
die Töne des Nebelhorns drang das Hott! und Hü! von drunten herauf. Und erst als
die Carriolen beinah in den Hof der Station gelangt und der tüchtige Wolfshund
mit knurrendem Spektakel ihre Ankunft verkündet hatte, traten die triefenden
Köpft der dampfenden Pferde, die an nasse Nacken anklebenden Mähnen, die
gequetschten Deichseln - oder an ihrer Stelle derbe Baumäste, mit Seilen an die
Speichen und Achsen des gebrechlichen Gefährts befestigt - aus dem Dunstkreis
hervor. Jetzt sprangen auch die allesammt sommersprossigen, rotwangigen,
rothaarigen, rothändigen Skydsbuben vom Hinterbrette ab, schlenkerten die
nasse Peitsche und hauchten in die klamm gewordenen Fäuste.
    Endlich trat auch der Leiter der ersten Carriole, wie eine Dachrinne
triefend, über die Schwelle des Wirtshauses, indem er einen Ballen Plaids
hereinschleppte. Hinten sah man noch eine undeutliche Masse sich schwerfällig
heranbewegen, wobei ein vom Sturm umgeklappter Schirm im Umriss erkennbar wurde.
    Drinnen in der getäfelten Stube mit den ungekalkten Wänden, wo am groben
eichenen Tisch mit Holzschnitzereien, wie das kunstfertige Tällekniv sie in
Valders und Hallingdal liefert, und auf den ungeschlachten Querbänken ein Paar
alte Bauern und Fuhrleute hockten, sass man freilich wohlgeborgen. Der eiserne
Ofen pustete und glühte. Was aber noch an Wärme abging, das ersetzte der Aquavit
aus Drammen und der Dronteimer Branntwein, sowie das starke Oel (Bier) aus der
Carl-Johanns-Gade in Christiania, wie die Etikette besagte. Dazu gab's süssen
roten Käse und armseliges Flachbrot, auf das man Fett herabträufeln liess, indem
man Speckscheiben am Spiess übers Herdfeuer drehte.
    Ja, wenn der Engelske, der da wohl ankam, sich dachte, hier könne er sich
behaglich on the fireside am Caminfeuer wärmen, indes dort über den Gitterstäben
ein Gericht Eggs- and -Bacon, Schinken mit Spiegeleier, und knusprige Toaste
schmoren, - da hatte er die Rechnung ohne den Wirt gemacht, der breitbeinig und
mit langherabwallendem Weisshaar rauchend am Türpfosten lehnte.
    Dieser hielt aus strenge Zucht den hergelaufenen Fremden gegenüber und
verdammte ihre Ueppigkeit. Er gab ihnen daher karge und knappe Fütterung, auch
Viehställe und Heuschober mit rührigen springenden Insassen als Obdach.
    Zur Entschädigung nahm er aber auch dafür eine ungeheure Zeche und
schmetterte jede Aufsätzigkeit mit der naturwüchsigen Logik nieder: »Ihr seid
reich, wir sind arm. Wir haben Euch ja nicht gerufen. Wenn Ihr also kommt und
uns nötig habt, so gebt uns einen Teil Eures Reichtums mit.«
    O, er war eilt freier, unabhängiger Mann, ein Verächter aller
Standesunterschiede, - weswegen er auch den Verkehr mit andern Dorfmagnaten
möglichst vermied. Denn sie waren ihm ja nicht ebenbürtig, der direkt von Harald
Schönhaar abstammte, zu dessen Ehren er auch sein Haar nicht schor.
    Wie viele Binder muss doch jener ausserordentliche König gehabt haben,
sintemal ganz Gudbrandsdalen von beglaubigten Abkömmlingen desselben wimmelt!
Aber Ole Erikson's Frau (die soeben beim Durchwaten der Entenpfütze ihre dicken
Waden sehen liess) bewahrte eine Silberschüssel, die der liebebedürftige Harald
einer steingrauen Urmuhme höchstselbst zum Andenken verliehen hatte. Also! Mit
tiefer Geringschätzung sah der würdige »Republikaner« auf die neugebackene
schwedische Königsfamilie, herab.
    So vermisste man denn auch das Portrait des Dichters Oskar in der
Wirtsstube. Statt dessen gab's da zahlreiche Reclame-Annoncen pennsylvanischer
Firmen, betreffs neuer Säe- oder Mähe-Maschinen. Auch ein Plakat mit einem
einladenden Auswandererschiffe, Linie Stavanger-Boston, war draussen an die Mauer
geklebt; es hatte durch die Feuchtigkeit ordentlich ein Leck bekommen.
    Nichts rührte sich, als die Schiffbrüchigen da draussen landeten. Die Gäste
drinnen stiessen mit den Humpen an und brüllten »Skol!«, als wollten sie die
Windsbraut übertönen.
    Der Wirt jedoch schmauchte ruhig fort, ohne Wort und Gruss, indem er sich
die triefenden Jammergestalten mit jener gemütvollen Freude betrachtete, welche
ein guter Mensch im Hafen beim Anblick der stürmischen See empfindet, wo
vielleicht Viele stranden.
    Auch als Eugen Wolffert ihm direkt mit einem »Good evening!« auf den Leib
rückte, brummte er nur ein kühles »'Evening, sir!« zurück. Der Treffliche,
erteilte nämlich den Gästen häufig zarte Winke, dass man in Norwegen
seltsamerweise Norwegisch rede. Und so standen sie beide in der engen Tür,
dicht vor sich die Alpen, die das Tälchen zusammenklemmten und bis zum Rand der
Chaussee fast senkrecht anstiegen, rings der strömende Regen. Standen und
schwiegen sich an, zwei einsame Menschen verschiedener Zunge in der ernsten
Felsöde. Der Wirt paffte in die Luft, kühl bis aus Herz hinan. Erst als die
undeutliche Masse im Hintergrund sich von einem umwickelnden Plaid losgehülst
hatte und zwischen die Beiden trat mit fröhlichem Lachen der blinkenden Zähne
und kirschrot feingeschwungenen Lippen und mit schelmischem Leuchten der
graugrünlichen Augen, - da klopfte der Bauer bedächtig die Pfeife aus. Das war
doch ein gar zu schmuckes Weib!
    Jetzt verstand er auch gebrochen Englisch und leuchtete den Herrschaften,
die sehr müde waren und unterwegs von Conserven ihr Abendbrot verzehrt hatten,
die altväterliche Fremdenstube hinauf. Sie seien doch - ja, hm - Mann und Frau?
»Ja freilich!« versicherte Wolffert. Kati, die den Sinn der Frage vom Gesicht
ablas, wurde sehr rot und fragte Wolffert halbkichernd, was Jener denn gefragt
habe. Als einzige Antwort gab ihr der Amoroso einen Kuss. - Wann die Herrschaften
nach norwegischer Sitte warme Spritzkuchen und Kaffee aus Bett gebracht haben
wollten? »O!« meinte Wolffert lachend, »er werde schon selbst rufen, sobald
seine ... seine Frau aufgestanden sei.«
    Der Wirt hustete schmunzelnd und verständnissvoll, und zog sich diskret
zurück. Seinen Segen hatten die Beiden. Eugen schob den Riegel vor.
    »Es riecht hier schrecklich nach Farbe.« Kati nestelte an ihrem Mieder.
    »Ja, unerträglich. Da lassen wir einfach das Fenster auf.«
    »Aber ich bitte Dich..« Kati wandte sich halb schmollend ab, indem sie den
klassisch modellirten rechten Arm in die Hüfte stemmte und mit der linken Hand
am Munde herumknabberte.
    »I was! Die Sterne freuen sich nur über uns. Sonst hört uns Keiner.«
    »Horch!« Ein eigentümlich angstvolles Lauschen spannte Katis Züge, ihre
Augen traten weit hervor.
    »Was ist Dir, Liebchen? Der Fjord rauscht draussen. Der hört nicht auf. Der
wiegt uns ein als unser Hochzeitlied.«
    »Jaja,« wiederholte sie gedankenlos, indem sie wie abwesend in die Ferne
starrte. »Mir war, als hört' ich eine Stimme ... von Jemand ... Ah!« Sie schrie
leicht auf - Eugen hatte das Licht gelöscht.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Der Norweger lacht ungern und nirgends schweigt man so unheimlich. Der
Optimist mag hierin die tiefe Innerlichkeit des Nordländers erkennen. Allein die
tiefsinnige Gedankentätigkeit dreht sich hier doch meist darum, wie man aus
einer Krone einen Speziestaler macht - freilich, wo wäre es anders! Ihre
Dichter und Künstler können es nie in ihrer Mitte aushalten, obschon kaum eine
Nation der Welt so künstlerisch beanlagt und nur die Dänische reicher an
ästetischen Bildungsphilistern ist. Die Respektabilität in weisser Halsbinde,
die über jede wohlriechende Fäulnis den Mantel christlicher Liebe breitet,
herrscht in den Städten; im Hochland Haugianische Mystik.
    Die Schrecken der Natur und das Hineinragen ihrer Nachtseiten ins
Menschenleben führen oft zu sittlicher Verwilderung. Laster und Leidenschaften
treten dort mit verdoppelter Stärke auf, wenn auch die frühere Einfuhr von
zahllosen Ankern Branntwein in diese Alpengaue statistisch sehr nachgelassen hat
und jetzt manche Täler als unfreiwillige Temperenzler von Kuhmilch und Milch
der Menschenliebe leben. Im Bergensstift fand der norwegische Grimm, Asbjörnson,
die Märchen zu schmutzig und grobsinnlich, um sie in seine Sammlung aufzunehmen.
Dort war's, wo die Frauen zu jedem gemütlichen Trinkgelage die »Leichenhemde«
ihrer Männer mitnahmen, weil man nicht wissen konnte, was passiren würde. Auch
jetzt spielt dort das Seitenmesser (Tällekniv), das auch die Gebildeten manchmal
aus Affektation an der Hüfte tragen, eine bedeutende Rolle. Man sitzt stets auf
einem Pulverfass. Der Norweger scheint entweder ein verkniffener Choleriker oder
ein sommersprossiger Sanguiniker, der jeden Augenblick in Feuer und Flamme
gerät.
    Dazu kommt der republikanische Grössenwahn , der, ähnlich wie die praktischen
Schweizer auf die »Förschtenknechte Deutschlands«, auf die Händel Europas im
Voll-Bewusstsein eines demokratischen Musterstaats herabsieht.
    Dazu noch der Grössenwahn der Halbbildung. So sprach der Wirt Wolffert's
vier Sprachen, und übte sein Englisch an Shakespeare und Dickens - urteilte
aber, der Letztere sei natürlich viel grösser, weil er verständlicher schreibe!!
Dieser schauderhafte demokratische Grössenwahn des souveränen Pöbels treibt in
sogenannten Bauern-Universitäten Nationalökonomie, kaum der A-B-C-Fibel
entlaufen. Dieser waldursprüngliche Freiheitsdrang hätte gewiss den seligen
Rousseau begeistert. Jeder Düngerhaufen ein ambrosisch duftendes Tropaion des
republikanischen Naturstaates!
    »Willkommen in Nordland's Tälern!« rief der biedre Wirt und Toddy nebst
Pfeifen wurden aufgefahren. Beide politisirten nun radebrechend drauf los und
begossen diese Kannegiesserei mit manch tüchtigem Schluck, wobei der biedere Ole
immer als Leitmotiv ihres Gesprächs gassenhauerte:
»Ja Deutschland ist gross
Und Bismarck famos.
Wir nehmen Alles, was wir können.«
    Währenddessen zeigte die Wirtin der schönen deutschen Dame ihre
Schmucksachen.
    »Sind die Ladies alle so hübsch in Deutschland, wie Ihre Frau Gemahlin?«
fragte Ole indem er sich räuspernd Eugen leicht in die Seite kniff.
    »Hm - wenige,« erwiderte dieser, halb verlegen halb geschmeichelt.
    »Sie haben einen Treffer getan, Sie smart fellow!«
    Ole wurde ordentlich familiär in seiner Herablassung. »Eine solche Frau zu
wählen!«
    »So? Meinen Sie?« maulte Jener. Der Blick, mit dem er Kati streifte,
verriet eine nachdenkliche Betroffenheit.
    »Na! Die Brut, die da gezüchtet wird!« Der etwas angetrunkene Bauer schlug
Eugen jovial auf die Schulter. »Alle Achtung! Ein Kernweib! Vollblut!«
    »Wenn Du wüsstest, was für einen Bewunderer Du hier gewonnen hast!« wandte
sich Eugen an Kati. Diese lächelte vergnügt und nickte nur mit dem Kopf.
    »Komm, Schatz! Lass uns mal spazieren gehn!« Da war Kati gleich dabei. Sie
schlugen sich seitwärts in die Gebüsche. Kati war so zärtlich und Eugen so
stolz auf ihre Schönheit.
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    »Na, good-bye!« Die Wirtin reichte einen Abschiedstrunk hinauf. Das Pärchen
wollte weiter, wieder rückwärts nach Südwesten. Kati vorn auf der ersten
Carriole, Eugen auf der zweiten.
    Der Skydsbub wurde zurückgelassen, weil er sie störe und sie schon selbst
bis zur nächsten Station fahren könnten.
    »Also vorwärts!« Die Hengste lümmelten sich auf den Zügeln. »Glatt
anreiten!« Wie auf einer Rennbahn starteten die leichten Gefährte los, während
der Wirt hutschwenkend ein kräftiges Schnalzen seinen Pferden nachsandte.
 
                                      IV.
Noch mischte die Dunkelheit Berge und Himmel, so dass die Firnen, die sich
langsam röteten, als rosige Wölkchen erschienen. Noch lag das Schneegebirge wie
ein monderhelltes Eiland im Nebelmeer, noch wogten die Wolken wie Banner am
schafft der Riesenföhren hin. Aber nun flirrten Funken nach Funken wie indische
Leuchtkäfer von einer Felszinke zur andern und schienen auf allen Gipfeln der
Alpenkette ein Freudenfeuer zu entzünden. Die Perlenschnur der Bäche,
verwandelte sich im Morgenrot zu funkelnden Rubinen. Die Wipfel schillerten
bunt und bunter, voll safrangelben und violetten Tinten überhaucht. Blutrot
aber reckte sich aus dem ewigen Schnee die höchste Spitze hervor, wie aus weissem
Fasttalar die blutige Rechte des Opferpriesters. Purpurteppiche schien das
Morgenrot vor dem Silbertron des Hochlandkaisers hinzubreiten, dessen
Lehnenknäufe, die Pässe, aus bläulichem Dämmer jetzt wie Karfunkel aufbljetzten.
    Der Saum seines Strahlengewandes fegt über die Abhänge hin, ein Lichtschweif
streift über die Almen, und weiter schreitet Sigurd über den Kamm der Berge Wo
seine Sandale den Boden färbt, da spriessen Alpenrosen. Wo sein flammender Kuss
auf auserwählten Stirnen weilt, da flammt er im Herzen fort und gebiert die
Gedanken, die Gesänge. Er aber, der Geist des Lichts, wandelt in Majestät dahin
über die Scheitel der Irdischen - und währet ewiglich.
    So schreitet er westwärts durchs ganze Land, von Dovrefjeld nach Telemarken,
zur Küste hin bis ins Bergensstift. Und jetzt schmilzt auch die Gletscherbrünne
Brunhildens: der zackige Gürtel von Eisburgen, den Odin um ihren Felsbusen
geschlungen hat. Ein Glutmeer überflutet das Eismeer. Das Zauberschloss, dessen
Turmvogt der Falke: mit Portalen, aus denen sprudelnde Giessbäche in mutwillig
polternden Kaskaden als Springbrunnen ihre zischenden Wassermassen
hervorschleudern; dessen Quadern aus Edelsteinblöcken wie Mosaikplatten, halb
Saphir halb Smaragd, zusammengefügt erscheinen; dessen spitze Zinnen als
Mauerkranz die Wollen tragen, welche in Farbenschmelz verschwimmend, dort oben
wie eine Feeninsel dahingleiten - es strahlt jetzt gespenstisch-grell weitin
übers Land. Das ist der Justedalsbrä, der grösste Gletscher der Welt, der hier
wie ein kolossaler Polyp seine Fangarme ausstreckt - aus schwindelnder Höhe
niederstürzend, wie eilt gefrorener Katarakt in der Luft.
    Und der Golfstrom, metallisch glitzernd, flimmert wie Bernstein auf, als
schlummere in seinem Schoss ein versunkener Hort, wo der mystische Maëlstrom
sein Nornenlied murmelt.
    Ein graues Steinmeer, ein Trümmerchaos, spiegelt sich jetzt in traumhaftem
Halblicht die Gebirgswüste von Jötunheim im schwarzen Hexentigel ihrer Fjorde
... Ein Steinadler schwang sich nahebei mit triumphirendem Schrei empor. Ein Lur
(Alphorn) lud schmetternd die Heerden zur »Säter«. Ein Renntierrudel trabte
drüben die Schlucht hinab, deren Rachen, mit spitzen Zacken wie mit
Raubtierzahnen besetzt, schier wie in höhnischem Grinsen gähnte. Die
Wasserfälle, das sausende Webstuhlrad der Jötuninnen, dran Silberfädchen auf und
nieder schnurren, wälzten sich qualmend dahin wie eine Wolke von Demanten, mit
Perlen untermischt. Aber überall glitt über das steinerne Schwungrad der Abhänge
in unaufhörlicher Drehung, wie ein buntes Seidenband, oder wölbte sich zwischen
den Strebepfeilern des Felskessels - ein Bild der Versöhnung über dein Strudel
der Leidenschaft.
    Stolz reckte sich jeder Halm, den Nachttau von sich schüttelnd. Ist doch
jeder Morgen nach dem Grabe der Nacht eine Auferstehung der Welt! Wie frisch und
leicht und klar grüsste die Luft von den »hohen Fjelden« herüber! Wie ein Schwan
mit sterbefrohem Gesang schwimmt die Seele, mit Vögeln und Winden Grüsse
tauschend, durch der Alpenlüfte Wellen. Und in freudig hinschmelzendem
Schwanenlied verblutet der alte Adam, das Alltagswesen des Menschen, die alte
verbitterte Kälte. Ein Sturzfall voll Urmelodien scheint die Berge zu
durchfluten, der Schöpfung ureigensten Tempel, durchweihraucht vom Tannenarom.
Und die Morgenmesse, die seine himmelhohen Hallen durchbraust - vernimmt ihn
dein Ohr? Die stürzende Tanne, der hüpfende Elv, sie Alle singen nur das eine,
das hohe Lied:
    Kraft und Freiheit!
    Eins und Alles in unablässig rastloser Bewegung verbunden zu einem Ziel!
Ewige Zeugung, ewiges Vorwärtsdrangen! Tod der Ruhe und Leben dem frei
entfesselten Kampf!
    Ja, ihr Jötuns, die im Leid versteinert, Felsriesen, die ihr ewig seid -
stumm seid ihr, kalt und todt. Doch der Geist, der kühn das All umfasst, hebt den
Menschen aus der zwerghaften Not seines körperlichen Daseins empör: er lebt, er
denkt, er handelt, er ist der Gott der Natur. Möge Jötunheim in Trümmer sinken,
des Menschen innere Welt erschafft sich immer neu und die Jakobsleiter der
Hoffnung senkt sich gerade zu dem hernieder, der aus einem Steine schläft.
    Durch dies Felsenchaos schwebt der Odem des Weltgeistes in doppelt
belebender Kraft.
    O Land der Freiheit, wo das Ich der modernen Kultur in ihrer freiesten
Tätigkeit und der Natur in ihrer nacktesten Grösse gegenübertritt - du Braut des
Meeres, des atlantischen, das auch das Winland deiner Wickinger, die Neue Welt
der freien Arbeit gebar - du Panzerst das Herz mit eisigem Stolz. Nicht mehr
schaudert es vor dem Schwungrad menschlichen Treibens, freudig mitbewusst des
unablässigen Weltenwirbels im Kreis der Schöpfung. Und für Liebe, Glaube,
Hoffnung, schenkst du Arbeitslust und Lebensmut.
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    Heidi, schon wieder traben, traben in die junge Sonne hinein! O namenloses
Gefühl ungebundener Freiheit, so hinzutraben talauf talab durch Felder und
Forst, in immer tieferer Einsamkeit!
    Wie das Rösslein wiehernd die Mähne schüttelt und wie Kati jodelt vor eitel
Pläsir am Gefühl des Lebens! Abgewaschen, weggepustet aller Staub und Schmutz
des Weltgetriebes in dieser Urnatur!
    Am Wege schritt ein Mädel im Nationalkostüm vorüber: mit rotem, viereckig
ausgeschnittenen Mieder, weissem Unterkleid, geblümtem Hemd, geflochtenen Zöpfen,
metallenem Brustschmuck und hoher Sammetmütze. In ihren grossen blauen Augen
liegt eine Welt sehnsüchtiger Fragen.
    Eugen blickte sich nach Kati um. Ihrer Lippen Erdbeerblüte schien aus dem
Kranz der Wälder zu duften, ihrer Augen helle Wunder den Glanz eitler Perle zu
bergen. Liebe mag der Fischer heissen, dem dieser holde Fund geglückt, der die
Perle gehoben.
    Ach, wenn man nur Zeit und Geld hätte, hier ewig umherzustreifen! Wie, Zeit
und Geld, bedarf es dessen? Könnte man doch Alles, Alles abtun, was fesselt an
den Pferch der Gesellschaft, und hier als schlichter Tagelöhner sein Brot
verdienen, hinter dem Pfluge herschreiten über die dampfende Wiese! Welch ein
elendes Leben führen die Städter, die Culturfexen, die Schneidergesellen der
Bildung! Wozu das Alles, statt sich auszusingen in die freie Luft, unbekümmert
ob die Welt es höre! Gesund sein und leben, leben und lieben, - das sind die
höchsten Güter, wenn man sie zu geniessen weiss - Gold, Macht und Ruhm schmälern
und verbittern nur das stille Genügen.
    Diese stählende Hochlandluft, die alles Unreine bei Seite fegte, das frische
Erdbeeraroma, das aus allen Moosgründen und Hecken entgegenduftete, wirkte auf
Eugen Wolffert's Nerven so reinigend und männlichend, dass in ihm der Wunsch nach
einer entschlussreichen Tat, etwas Grossem und Befreiendem erwachte. Er reckte
sich gleichsam körperlich und geistig; er straffte die Muskeln seiner Arme und
seines verlotterten Hirns, um etwas Besonderes, ihn Emporreissendes zu versuchen.
Angesichts dieser gigantischen Natur zersprangen alle Schranken des
Conventionellen, als wären sie gemaltes Papier. Denn diese Schranken hat ja
nicht die Natur gesetzt, sondern die Torheit der Menschen. Er sah das kernige
Weib neben sich, die gleichsam aufblühte in dieser Urnatur, als wäre sie hier in
den mütterlichen Keimboden verpflanzt - und je mehr er sie sah, desto klarer
wurde ihm ein Wunsch, ein Entschluss. Ja, das wäre etwas, um zu zeigen, ob noch
Schneid in ihm stecke - das wäre hochherzig und kühn!
    Sie plauderten am Uferrand eines Fjords, sie plauderten über das Leben.
    »O die Feigheit oder Unwissenheit dieser Schriftsteller von Profession! Wie
schildern sie das Leben! Du mein Gott, sie verschweigen Alles! - Ich für mein
Teil, ich habe keinen Knaben und kein Mädchen gewissen Alters gekannt, die
nicht von Grund aus verdorben gewesen wären.«
    »Ja, verdorben, nicht wahr?« Kati geriet ordentlich in triumphirenden
Eifer. »Bei uns auf'm Land liegen schon die Kinder zusammen. Ach, i weiss noch,
wenn ich in den Kuhstall ging, um zu melken, was für gemeine Redensarten unser
Grossknecht da führte. Die Welt ist heut so schlecht!«
    »Ja gewiss. Na, Du musst Dich gut ausgenommen haben, als Du melktest!« Eugen
umfasste sie funkelnden Auges - die Ganglien seiner genialischen Phantasie
schienen irgendwie durch diese Vorstellung erregt. Ihr Gesicht glänzte von
sinnlichem Lächeln, ihre Hüften schienen gleichsam in sanfter Wallung zu beben
und sie warf den Kopf hoch in den Nacken.
    »Ach ja,« hob er wieder an, »die deutsche Keuschheit! Davon liesse sich ein
Liedel singen. Man möchte eine Extrarute vom Himmel erflehen, wenn man von all
den norddeutschen Tugenden deklamiren hört. Und bei uns in Berlin diese
frühreife ekelhafte erkünstelte Treibhausunzucht. Die untern Stände sind ja noch
lüderlicher, denn im Naturmenschen kommt das Tier doch am stärksten 'raus. Aber
wir von der Bourgeosie, den sogenannten gebildeten Ständen - o wir!«
    »Ja, nit wahr?« fragte Kati eifrig. »Die seinen Damen sind auch nichts
besser, als die schlechten Mädchen unter unsereins? Wenn so eine einen dicken
Bauch bekommt, so reist sie ins Bad. Ja, dös is bequem!«
    Eugen schüttelte misslaunig den Kopf. »Nein, nein, das sind so Chimären, die
Ihr Euch vormacht. Solche wirklichen Skandäler kommen höchst selten vor. Das
Uebel liegt viel tiefer.«
    »Na, wo denn?«
    »Sieh einmal, liebes Kind, die jungen Französinnen werden in Klöstern
erzogen und dann gleich nolens volens verheiratet. Man wirst sie ins Bett eines
Unbekannten, der sie entehrt. Da sind unsre Mädchen besser daran. Sie kommen von
der Schule in Pensionate, wo sie sich untereinander den Kopf erhitzen und - und
-« er brach den Satz ab, dachte aber an Belots »Madamoiselle Giraud ma femme.«
    »Ja, kurzum, an Unschuld glaub ich zwar nicht, wohl aber an Unwissenheit,
welche diejenigen bewahren, die fein sauber bürgerlich in der Familie bei
Muttern bleiben. Und die Unwissenheit haben bei uns die Kinder schon mit zwölf
Jahren nicht mehr. Denen braucht man keine Unschuld mehr zu rauben, sie besorgen
sich diese Arbeit schon selber.«
    »Pfu-i!« Kati spie aus mit sittlicher Emphase.
    »Jaja, das Kap Garda fui!« kindischte Eugen wie ein witziger Tertianer. »Da
wird man null gefüttert mit Fleisch und Bier; und dazu das ewige Sitzen auf der
Schulbank, das auf den Unterleib wirkt; und dazu die Lectüre der alten Dichter -
Ovids ars amandi wo möglich - ah, dabei soll ein Mensch voll vierzehn Jahren
nicht erotisch werden! Wahnsinnige Unnatur! Die Mädchen heiraten, wenn
überhaupt, schon viel zu spät; die Männer heutzutage eigentlich immer. Was
treiben sie vom fünfzehnten bis dreissigsten Jahr, um mal eine Grenze anzunehmen,
in solchen Dingen? Ach, jeder, der die Welt kennt, kann sich's ja denken.
Impotenz, Rückenmarksschwindsucht oder die Charité - der kann Gott danken, wer
zwischen Scylla und Charybdis heil durchschlüpft.«
    »Ach ja, die Männer!« Kati nickte missmutig, als fände sie diese Gefahren
noch gar nicht so arg, vielmehr beneidenswerter, als das weibliche Loos. »Die
können machen, was sie wollen.«
    »So, können sie das?« blitzte Eugen sie an; so hatte sie ihn noch nie
gesehn. »Nun, das wollen wir sehn. Ja, wer ein Mann ist, darf den Kampf
aufnehmen gegen eine ganze Welt von Vorurteilen. Ich will endlich einen Zweck
haben, einen Lebensinhalt. Es drängt mich, meinem unnützen vergeudeten
vertrödelten Leben den Fehdehandschuh hinzuwerfen. Ich will kämpfen für das
höchste Gut des Mannes: für die Frau, die er liebt.
    Kati, ich liebe Dich, ich liebe Dich. Was können alle Dämchen der Welt mir
sein neben Dir! Du hast Dich mir hingegeben aus Liebe, ich will Dir's
vergelten.«
    »Womit?« fragte sie. Es klang schüchtern zaghaft, aber ein Zucken der Lippen
und ein schlau gespanntes Aufleuchten der Augen verriet, dass sie ihn wohl
verstand.
    »Ich will - nun, ich will Dich heiraten. Bei allen Göttern und Teufeln! Ich
schwöre es.«
 
                                       V.
Roter langte mit der Eisenbahn vom Randsfjord in Hönevoss an, ohne dass er
irgendwo eine Spur gefunden. Vielleicht waren sie noch westlicher nach
Telemarken eingebogen.
    Unterwegs hatte er einen schäbig aussehenden kleinen Mann getroffen, der ihn
nicht verstand, ihm aber, als sie zu Hönevoss ankamen, einen stattlichen Herrn
vorstellte, der Deutsch und Englisch verstehe.
    Dieser Herr von sehr gentlemanliken Formen entpuppte sich als reicher Agent,
der so ganz beiläufig erzählte, er habe den nächsten Wald da drüben soeben für
50000 Dollars gekauft. Und zwar von dem kleinen schäbigen Mann mit dem
zerzausten Bart, den Roter für einen Schuster hielt und der sich beiläufig als
ein Mann herausstellte, dem das ganze Waldterrain (Hönevoss lebt vom Holz,
wodurch es früher Unsummen verdiente) und Mühlen und Wirtshaus gehörten. Als
Roter den gebildeten Agenten, nachdem man sich umgekleidet, draussen am
Wasserfall suchen ging, kam ein Mädchen aus dem Nebenhaus aus ihn zu und lud ihn
in wohlgesetzter Rede zum Abendessen ein, woselbst jener Herr bei Vatern sei.
Der Millionär lebte wie ein Handwerker - wenig, aber herzlich gegeben:
Buttermilch und Butterbrot. Roter beneidete und bewunderte im Stillen diese
Leute, so einfach und schlicht im Äußern, anspruchslos nur einem edlen Zwecke
geweiht: möglichst viel Geld zu machen, aber ohne alle Ostentation! Hier
wenigstens fehlte aller Grössenwahn.
    Doch er irrte sich. Denn alsbald ging das Jammern los, wie das Holz, durch
dessen Export nach Amerika sich früher das Land bereicherte, immer im Preise
sinke und die Entolzung das Land erst recht ruiniren werde. Jaja, die heutige
schlechte Zeit! Jeder will gleich mit eins reich werden - daher die viele
Schwindelhaftigkeit und der zunehmende Bankerott des Nationalwohlstandes.
    Früher blühte auch die Schiffahrt. Da häuften die Rheder und Grosshändler
manch gewichtigen Batzen. Aber heut - alles Holzschiffe, alles untauglich
geworden für den modernen Verkehr, gegen die Concurrenz der Deutschen verloren.
Und dabei will Jeder hochhinaus leben, viel besser wie in Deutschland. »Wir
Normannen glauben nun mal, weil wir die Freisten in Europa sind, wir müssten auch
die Glücklichsten sein!«
    Also auch hier nationaler Grössenwahn, der sich hinaufschrauben möchte über
die natürlichen Verhältnisse weg!
    Als Roter am andern Tag nach Drammen dampfen wollte (ihm war endlich die
Geschichte langweilig geworden und er verlangte nach Haus), fuhr ihm der Zug vor
der Nase weg; weil er auf ein Signal gewartet hatte, als er Limonade auf dem
Perron trank, während hier alles lautlos, nur mit Wink und Pfiff, zugeht.
    Er langte also wieder in Hönevoss an. Da er erhitzt und müde war, beschloss er
zu baden. Man wies ihm eine Natur-Badeanstalt in freier Luft, wo ein Bergquell
durch eine hölzerne Rinne herabgeleitet wurde. Um Mittag bade dort Niemand. Er
stieg etwa eine Viertelstunde weit auf steilem Pfad dort hinab, fand den Punkt
und entkleidete sich. In der Ferne vor ihm ein reizendes Panorama. Ueber den
Schindeldächern der reinlichen Bauernhöfe wirbelten bläuliche Rauchringel empor.
Rings einförmiges Bewegen, eintönige Stille. Flösse schwammen den Wasserfall
hinab, den man hier als eine Art Dampfwalze benutzt. Wagenfuhren, mit Reisig und
Holzblöcken beschichtet, wälzten sich der nahen Sägemühle zu. Allüberall das
Hämmern der Spechte, der Schlag der Aexte und das Krachen gefällter Bäume. Unten
am Abfluss des Voss flickte ein Fischer in der hier üblichen phrygischen Rotmütze
an einem Netz und sonnte sich wie die Florellen, die zu seinen Füssen über den
Kieseln spielten.
    Aber diese angenehme seelische Siesta wurde unliebsam gestört. Denn grade,
als er auf dem schlüpfrigen Gestein unter den eiskalten Rinnen-Sturz gelangte,
glitt er aus und fiel der Länge nach hin. Rasch von der Betäubung erholt, fand
er, dass der Fall ihn wunderbarerweise sonst nirgends verletzt, ihm aber aus dem
rechten Knöchel ein gross Stück Fleisch herausgeschlagen hatte, ohne den Knochen
zu verletzen. Das Blut floss in breiten Strömen. Dem Ammenglauben, kalt Wasser
stille die Blutung, folgend, hielt er den Fuss ins Wasser und kroch mittlerweile
unter die Rinne um das Bad wenigstens zu vollenden. Dann schlich er aus Ufer
zurück, trocknete sich rasch mit dem Laken und wickelte dies dicht um den Fuss.
Hierauf zog er sich an, und humpelte, den wunden Fuss möglichst hochhaltend und
schonend, den steilen Pfad in glühender Sonnenhitze zurück. Droben im Wirtshaus
lief man zusammen, war entsetzt über die tiefe Wunde, brachte ihn zu Bett und
fing an mit Karbolsäure-Umschlägen zu hautiren. Es kam noch immer Blut. Man
meinte, er werde ohnmächtig werden. Dies trat jedoch nicht ein. Aber wie er mit
der passiven Hartnäckigkeit seines Charakters bei dem unerwarteten Unfall keinen
Augenblick gejammert und mit verbissener Besonnenheit das Nötige ausgeführt
hatte, so lag er jetzt düster mit geballten Fäusten da und murrte wider sein
Schicksal. Das konnte nur ihm passiren, dem ewigen Pechvogel! Sein Leben schien
dazu bestimmt, stets und immer verpfuscht zu werden. Mit dem Fährtensuchen war
es jetzt aus. Er musste wochenlang auf dem Fleck liegen. Seine ganze Reise unnütz
und vereitelt! Und als er in steigendem Trübsinn sein stetes Missgeschick sich
immer deutlicher einredete, fühlte er plötzlich wiederum den Stich in der Brust,
der vom rechten Schulterknochen her durch die Brust-Weiche seitwärts in die
Lunge bohrte.
    Er betastete die Stelle langsam und bedächtig; dann holte er tief Atem und
empfand denselben leichten Schmerz aufs Neue. Nochmals in Natura seine
Brustweite mit der Hand messend, erkannte er sodann, dass er wirklich bedeutend
abgenommen hatte und sein Brustkasten ordentlich verschmälert schien: So
furchtbar hatten ihn die abzehrenden Aufregungen des letzten Jahres mitgenommen.
    Am andern Morgen erschien ein Doctor, den man herbeigeschaft. Derselbe
prüfte die Wunde, schnitt ein bedenkliches Gesicht und urteilte, der Patient
habe »schlechtes Fleisch« in Folge mangelnder innerer Bluternährung. Er nähte
die Wunde mit vier Nadeln zusammen. Da er als Deutschenfeind die süsssaure
Bemerkung machte, der Herr aus Berlin werde gewiss als Preussischer
Allesbesserkönner auch den Schmerz leichter verwinden, so liess Roter lautlos
die Eisenstäbchen durch die Wunde bohren. »Mein Complimang! Der Herr sein ikke
(nicht) furchsam,« gestand der Skandinave zu.
    In dieser dumpfen stoischen Resignation lag Roter bis zum Abend regungslos
da, weil ihm verboten, das Bein zu rühren, nachdem er sich mühsam angekleidet.
Das Bett stand am Fenster, er konnte hinaus blicken und sah den Schaum des
mächtig rauschenden Hönevoss in die Luft sprühen. Stier und teilnahmlos
verfolgten seine Augen das Spiel der Wellen, seine Lippen schienen so starr
zusammengekniffen, als wollten sie wie ein bleiernes Siegel ein Geheimnis hüten.
Das Sprechen fiel ihm schwer. Ein Trapist des Schmerzes, schien er ein
unhörbares »Memento mori« zu murmeln. Alles Andere vergessen. Da plötzlich fuhr
er auf. Was war das? Welche Stimme! Er hob mühsam den Kopf und starrte hinaus
auf den Weg, der am Fall entlang führt. Ihm war, als erhielte er einen
Faustschlag aufs Herz. Ja, da schritten sie Beide engverschlungen am Wasserfall
entlang. Es war keine Spiegelung, sondern nüchterne Wahrheit.
    Sie, die er suchte - so nahe vor ihm - Beide! Er wollte aufschreien, doch
die Zunge klebte ihm am Gaumen. Er konnte nur sehn und hören - ganz Auge und
Ohr, stumm, als habe jäher Schreck ihm die Sprache geraubt.
    Eine Nachtigall flötete in einem Fliederbusch am Hügel, unverschüchtert
durch das rauschende Singen des Wasserfalls.
    Hinter den Beiden da unten wandelte ein Wald-Kater mit buschigem Schweif
dahin - ein Abkömmling jener Race, die von den Warägern aus dem Morgenlande
importirt wurde. Sein sanftes Minnegreinen stimmte zu dem flennenden
Geschlechtsschmerz des Nachtigallmännchens, dem ab und zu das Weibchen mit
lockendem Tiotö antwortete. Doch schielte der würdige Kater mit einem
Schnurrbart wie ein Husarenrittmeister mit falschem Zwinkern und Blinzeln der
grünschillernden Aeuglein nach dem Nest des Meistersingers, das dieser mit der
üblichen Weltklugheit des Idealisten viel zu niedrig und schief am Dornengeheg
gebaut hatte.
    O Natur, weise Lehrerin, die nach festen Gesehen das Sein aller Lebeweisen
ordnet! Die Katze schleicht und lauert, die Nachtigall singt in brünstiger
Seligkeit und wird gefressen. Nur die Liebe besaitet diese Liederkehle - ist das
Pärchen getrennt, so ists aus mit allem Gesang.
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    Unter dem Fenster in der Nähe stand eine Bank. Dort schienen die zwei
Glücklichen sich niederzulassen. Nur abgerissene Sätze des Gesprächs drangen zu
des Lauschenden Ohren. Es ergab sich daraus, dass sie aus Telemarken
zurückgekehrt, soeben hier angekommen, gleich jetzt am Abend nach Süden
weiterfahren wollten. Sie warteten nur auf das Anschirren des Wagens, der sie
zur Station bringen sollte. An welchen Zufällen hängt das Leben! Hätte der
Zugführer neulich Roter aufmerksam gemacht, dass der Zug sofort losdampfe, so
wäre dieser wahrscheinlich nie auf die Gesuchten gestossen, und der unglückliche
Fall mit der Wunde tat das Uebrige dazu.
    »Also, Kati, wir reisen sofort über Jütland durch nach Hamburg und lassen
uns trauen.« Sie sass abseit, halb abgewandt, den Kopf auf den Arm gestützt, ihr
Busen hob sich in schweren Wallungen.
    »Ach, süsser Eugen, aber.. ist denn das möglich?«
    »Wer soll uns hindern! Wir sind majorenn. Civiltrauung gilt heut wie jede
andere.«
    »Ach ich kann's noch kaum ausdenken! Was wird Deine Familie ...«
    »Lass sie schnattern, die Muhmen? Ich will Die als mein Weib an meiner Seite
sehen, die ich zur Mutter meiner künftigen Kinder erkor. Das gibt eine Race -
was, Kati?«
    Man hörte den langen vorschmeckenden Kuss durchs eintönige Rauschen des
Falls.
    »Und ... und ... ich habe Dir nun alles gebeichtet ... die Geschichte mit
dem Roter ... ich würde mich todt schämen ...«
    »Dies überlass Du mir! Der soll Dir nichts anhaben!«
    »Ach, das wird er wohl gar nicht wollen. Dazu ist er zu anständig. Ich kann
nicht herzlos sein, er tut mir leid. Ich fühle für ihn.«
    »So? Oho!«
    »Ja, freundschaftliche Gefühle.«
    »Larifari, werden wir schon unter uns Männern arrangiren. Holla, da hör' das
Pfeifen des Kutschers. Wir sollen kommen. Adios, Hönevoss!«
    Ja, Freundschaft, Freundschaft! Ist das genug zwischen Mann und Weib? Liebe
ist etwas Anderes, ganz Anderes, es ist das Ur-Prinzip der Schöpfungskraft.
Venus Vulgivaga und Venus Urania, wahre und falsche Liebe, Sinnlichkeit und
transcendentaler Idealismus - Alles verflochten in eins.
    Verflucht sei dieser Liebe Raserei, die mich zermalmt! - Nach Deiner
Freundschaft frag' ich nicht.
    Verflucht die Stunde, da ich Dich zuerst gesehn! Ich wusste ja, der Gram sei
meine Braut. - Nach Deiner Freundschaft frag' ich nicht.
    Umsonst der Kampf und der eitle Wahn. Gegen den Strom ringt nur ein Toller.
- Nach Deiner Freundschaft frag ich nicht.
    Auch der Schmerz macht sich noch Illusionen. Ger über die Versagung der
Herzenssehnsucht verzweifelt, versteckt noch einen kindlichen Optimismus. Welche
Ueberschätzung eines Lebensgutes, es der Verzweiflung würdig zu halten! Dies
Leben, diese Episode, ist doch kein tragisches Epos, es ist höchstens eine
Jobsiade.
    
    Und doch - welch ein grauenhaftes Gefühl des Erstickens, mit einem
heimlichen allbeherrschenden Gefühl umherzuwandeln, das doch kein Anderer kennt!
Wahre Liebe ist immer einsam, wie die wahre Grösse. Nur die sinnliche
Leidenschaft zeigt sich offen.
    Seine ganze Vergangenheit zog an ihm vorüber, seine ganze Jugend. Und aus
jedem Winkel derselben schien ihm entgegenzukichern: Narr! Narr! Verfehltes
Leben!
    Er war ein einziger Sohn. Sein Vater, ein Musiker voll bedeutendem Ruf, ein
Idealist. Die schrecklichste aller zehrenden Krankheiten, den Idealismus, erbte
er also schon von Geburt an. Die geistige Atmosphäre, in der seine Kindheit
aufwuchs, Grundzug und Lebensanschauung seiner Familie: ein ästetischer
Idealismus. Gewohnheit und Umgebung bestimmen den Menschen. Der kleine Eduard
fühlte gar bald in sich eine künstlerische Mission. Mit seinen Beinchen in der
Luft zappelnd, arbeitete dieser niedliche Genius im Schweiss seines Angesichts
auf dem Clavier herum und entlockte den Tasten unaussprechliche Töne.
    »Die Lorbeeren seines Vaters lassen ihn nicht schlafen!« schmunzelte ein
ironischer Kritiker, im Genuss dieses erfreulichen Anblicks.
    »Ja, aber andre Lorbeeren!« dachte das Söhnchen. Denn, dass er mässige Ohren,
aber sehr gute Augen hatte, das merkte er nun schon. Die Musik erschien ihm
schaal und nichtig: Man liebt gewöhnlich die Kunst nicht, die einen nicht wieder
liebt, man verschmäht mit edlem Stolz, wo man verschmäht wird. Kurz, es war aus
mit der Musik. Ein verfehlter Beruf mit sieben Jahren! - Dafür schlenderte er in
die Museen und lungerte in Bilderausstellungen herum. Dafür las er Erbauliches
über die alten Meister, wie sie so flott und nobel lebten, selber in Palästen
wohnten und die Fürsten in ihren Palästen sich vor ihnen beugten. Das gefiel ihm
noch mehr.
    Dann stand er auch wohl in den Ecken der Soireen - sein Vater machte ein
Haus -, horchte auf die klugen Reden der Männer und sagte zu sich: »Wärst Du
doch auch so klug oder vielmehr, so berühmt!« Sah er einen werden, so stellte
sich der logische Gedanke ein: »Wenn Du erst solch einen hast!« - Vornehmlich
aber starrte er die Frauen an, diese Wesen einer andern Welt. Das ist so
gewöhnlich bei Knaben, die keine Schwester haben. Die erste Schönheit, die sie
erblicken, betrachten sie wie eine leibhaftige Aphrodite, deren Göttlichkeit
aber fernhält, die einen unheimlichen Engel.
    Dieser ersten erotischen Regungen und der üblichen Kinderkrankheiten
erinnerte er sich noch mit fabelhafter Deutlichkeit.
    Er absolvirte sehr früh die Schule und bezog die Berliner Akademie, um sich
zum professionellen Maler auszubilden. Seine Mittel erlaubten ihm das. Da er
aristokratische Manieren hatte, so wurde er alsbald von dem knotigen
Kunst-Proletariat, das der Staat heranzüchtet, als Muttersöhnchen gehänselt.
    Wie unglücklich er war! Er wurde von allerlei Hirngespinsten betreffs
Bosheit und Verfolgungssucht der Menschen, zugleich aber von Visionen seines
künftigen Ruhmes gequält. Hängen doch Grössen- und Verfolgungswahn innerlich
zusammen. Auf der Akademie schimpfte man ihn »das verrückte Genie«. Wäre, er
einfach »verrückt« oder wirklich ein »Genie« gewesen - wieviel besser für ihn!
Beinah hätte man ihn anfangs als talentlos von der Akademie entlassen, wie dies
so oft den Begabteren und Begabtesten, die sich in den Drill nicht einfügen, zu
passiren pflegt. Das Talent lernt fast nie etwas auf zwangsweisem Schüler-Wege;
selbst die Technik muss es aus sich und an sich selbst studiren. In der
Akt-Klasse galt Eduard Roter als der schlechteste Schüler.
    Allein, seine merkwürdige Produktivität nötigte doch eine gewisse Achtung
ab. Seine Mappen füllten sich mit Compositionen, aus dem Handgelenk
hingeschleudert. Wenn auch sein würdiger Lehrer - einer jener tiefsinnigen
»Grübler« über die Kunst, die in gelehrtklingenden Schöngeist-Brochüren alles
Moderne verdammen und den grossen Stil der »Alten« Preisen, weil sie selbst gar
keinen Stil besitzen und ihre nüchterne akademische Formfexerei niedlich
weiterputzen - erklärte das freilich für verworrenes stilloses Nicht-Können.
Doch die gestaltende Phantasie darin musste wohl oder übel anerkannt werden.
    Bald vollendete Roter sein erstes Bild, eine beträchtliche beklexte
Leinewand: »Nero an der Leiche seiner Mutter«, natürlich. Der »Schinken«, um im
Künstlerjargon zu reden, wurde in der Malklasse ausgestellt. Die Makarterei der
Farbe, deren Effektascherei jenen Meister noch zu über-makarten strebte, und
die unfertige Zeichnung wurden allseitig verdammt. Der Composition konnte man
jedoch nicht eine gewisse Grösse absprechen. Die phrasenhafte Attitüde der todten
Agripina und das Grinsen des Nero-Kopfes mochten wohl affektirt erscheinen, aber
eine gewisse dämonische Kraft der Auffassung schien nicht zu verkennen.
    Als ihm die guten Freunde und Collegen mit augenscheinlichem Hochgenuss die
vernichtenden Urteile der akademischen Herrn Lehrer darüber hinterbrachten,
lauschte Roter stumm und regungslos, nur etwas bleicher wie gewöhnlich. Dann
stand er plötzlich auf, musterte sein Bild mit einem kalten »Darin liegt viel
Wahres!« und wie man es verhindern konnte, hatte er die Leinwand mit dem
Malmesser durchkratzt, zusammengerollt und in den Ofen geworfen. Vielleicht
erwartete er, Jemand werde das Opfer retten. Es rührte sich aber Keiner - er
kannte die Menschen noch nicht, wie jugendliche Pessimisten ja stets zu
optimistisch denken.
    Ohne sich umzusehen, trat er nun ruhig an seine Staffelei und führte einen
Studienkopf aus. »Na, dass Dich nur nicht niederschlagen! Es wird ja schon besser
werden!« tröstete ihn wohlwollend ein sogenannter »talentvoller Schüler« - einer
von jenen, die im späteren Frust-Kampf des Lebens spurlos verschwinden. Roter
drehte sich um und warf ihm einen vernichtenden Blick zu: »Besser zu straucheln
wie ich, als zu marschiren wie Du!«
    Von der Stunde an galt es als unumstössliche Wahrheit, dass er an unheilbarem
Grössenwahn leide.
    Am selben Abend kneipte er mit einigen Verbummelten bis tief in die Nacht
hinein und kam taumelnd nach Hause. Der Mond, der ihn gut kannte, musste sich
über ihn wundern. Sturmnacht, die Eichen des Humboldtains bebten. Er aber
schritt immer fürbass in die Finsternis und wünschte, dass Einer ihn anfiele. Das
wäre ihm gerade recht gewesen.
    Früh am Morgen stand er auf und begann sofort ein neues Bild.
    Da er gehört hatte, es gehöre zur künstlerischen Inspiration, dass man sich
ernstlich verliebe, so suchte er nach einem Objekt. Dies fand er in einem
hochaufgeschossenen Mädchen mit lebhaften sinnlichen Zügen, der Tochter eines
Kommerzienrat Eisenbaum, der im Hause seiner Eltern verkehrte. Sie war eine
sogenannte Jugendfreundin, mit der er sich viel herumgebalgt. Aber die kluge
schnippische Ella, die ihn so herzlich verspottete, als er ihr einmal auf einer
Landpartie eine Wasserblume pflücken wollte und dabei ins Wasser plumpste, musste
er ja jetzt als Dame behandeln mit ihren fünfzehn Jahren, um so mehr sie weit
über ihr Alter entwickelt schien und schon Brüste ansetzte. Er schnitt ihr also
die Cour, nur zu sehr. Denn er besuchte Eisenbaums unter allerlei Vorwänden viel
zu oft, so dass es auffallen musste. Ella absolvirte ihren zweiten Tanz-Cursus,
dieses wichtigste Stadium im Leben der Höheren Töchter. Ihr Interesse lenkte
sich merklich ab. Und einmal, als sie sich leicht zankten, fragte ihn die junge
Schönheit: Er sei wohl fast nie zu Hause? Er tat, als merke er diesen wuchtigen
Hieb mit dem Laternenpfahl nicht; aber er beschloss sie schrecklich zu strafen -
nämlich plötzlich ganz auszubleiben. Seine harmlose Einbildung spiegelte ihm
vor, dass sie das schwer empfinden und durch seine scheinbare Gleichgültigkeit
ihre Liebe geweckt werde müsse. Er glaubte an diese zweifelhafte Teorie, die er
mal in dem spanischen Lustspiel »Donna Diana« (Reklam'sche Universalbibliotek,
andere Bücher über 20 Pfennig las er als echter Deutscher nicht) gefunden hatte.
    Die Eisenbaum'sche Villa, nahe der Eisenbaum'schen Fabrik am Rosentaler
Tor, lag in der Nähe. Auf seinem Weg zur Akademie fensterpromenirte hier der
schmachtende Courmacher stets vorüber. Einmal sah er auf der andern Seite Herrn
Eisenbaum mit seiner Tochter spazieren gehen. Der Atem stockte ihm und das Blut
trat ihm zu Herzen. Doch er richtete den Blick gradaus und ging im Sturmschritt.
Auf der andern Seite der Strasse hörte er leises sichern. Sein Gehör war
ungewöhnlich scharf, wie es bei abnorm nervösen Naturen häufig der Fall. Obwohl
er sonst kein Wort verstand, vernahm er doch genau, wie Herr Eisenbaum seiner
Tochter bemerkte: »Da geht Dein genialer Courmacher!« Ella lachte. - Er tat,
als sähe und hörte er nichts, beschloss aber feierlich, dies Haus nie wieder zu
betreten.
    Diese Selbstbestrafung führte er dann auch hartnäckig durch. Wie gewöhnlich
in dieser Alterszone, unter dem Wendekreis des forschen Penälertums, glaubte er
durch doppelte Ungezogenheit zu imponiren. Spazierte er mit seinem glorreichen
Intimus Eugen Wolffert stolz die Strasse entlang und begegnete zufällig den
Eisenbaums, so grüsste er von oben herab. Traf er Eisenbaums bei seinen Eltern,
so stellte er sich tief beleidigt, dass Seiner Magniferenz nicht mehr Ehre
erwiesen werde.
    Aber was half ihm das Gefühl seiner jugendlichen Erhabenheit! Der Traum der
ersten Liebe liess sich nicht abschütteln. Als Kind und Knabe wird ein
geistreicher Mensch von der unbestimmten Sehnsucht der Pubertät erzeugt. Es gilt
sich selbst erziehn. Oft deklamirte sich der drollige Kunstjüngling damals das
Heine'sche »Madame, ich liebe Sie!« vor, liess dabei das Buch zur Erde fallen und
übte sich auf Kniefälle ein. dabei dachte er natürlich nur an seine stolze Ella,
welcher er einst mit dergleichen Kunststücken seine ewige Liebe deklariren
wollte. Diese Phantasieen knabenhafter Pubertät wurzelten sich immer mehr zur
fixen Idee ein. Zum Glück stirbt man nicht daran.
    Um diese Zeit beschäftigte ihn natürlich die sociale Frage. Er wählte zu
seinen Skizzen und Compositionen wahre Rochefortstoffe, alles in »rote« Sauce
getaucht. Bekanntlich fraternisiren die Litteraturstudenten des Jüngsten
Deutschland plötzlich mit dem vierten Stande, wenn sie der »Dalles« drückt, und
dichten Zorn-Hymnen wider die Bourgeosie, sobald ihnen ein Pump missglückte. Denn
man verliert endlich die Geduld. So musste sich dieser bartlose Jüngling an der
Gesellschaft rächen, weil sie ihn nicht als embryonischen Kolossalkünstler
erkennen wollte. Um diese Zeit reichte er eine Art Denkschrift über Michel
Angelo auf der Akademie ein, in welcher erbaulich entwickelt wurde, dass
eigentlich nur Er diesen Meister verstehe und nicht undeutlich durchschimmern
liess, der Geist dieses Giganten sei auf Ihn übergegangen - woran sich eine Lehre
über Seelenwanderung nur so beiläufig anschloss.
    Shellei's Studentenstreich »Ueber die Notwendigkeit des Ateismus« mochte
bei den Oxforder Perrücken kaum grössere Entrüstung erregen, als dieses
Schriftstück Roters bei dem Lehrer-Collegium der Akademie, dem der Director es
mit allerlei kaustischen Bemerkungen vorlas. Es kam zu heftigen
Auseinandersetzungen, in Folge dessen der fromme Jüngling seinen Meistern zu
verstehen gab, ihre Meisterateliers für gegenseitiges Händewaschen, deren System
er durchschaue, imponirten ihm nicht. Einer etwaigen Relegation zuvorkommend,
empfahl er sich zu geneigtem Andenken und zog sich auf sein eigenes
Privatatelier zurück.
    Eines Tages holte ihn sein alter Schulfreund Eugen Wolffert ab, um das
Sonnabend-Abendconcert im Zoologischen Garten zu besuchen. Sie ergingen sich
dort in Weltschmerz und Raubtierhäusern, bis sie sich in die »Lästerallee«
einschoben. Die mondbeglänzte Zaubernacht, durch bengalische Beleuchtung und
unverzeihlich gute Musik verklärt, schwirrte von dem Klatschgeschwätz der
üblichen guten Gesellschaft, die tausendköpfig durcheinander wirbelte. Roter
fand viele entfernte Bekannte und stolzirte, wie er wähnte, sehr gentlemanlike
einher. An einer Endbiegung Arm in Arm mit Wolffert herumschwenkend, trat an
diesen ein widerlicher Geck heran, den Roter auch von Ansehen kannte, und
verabredete mit demselben eine Reitpartie nach Hundekehle. Eugen der Olympier,
den alle Dandy's als Altmeister verehrten, drohte leicht mit dem Finger und
neckte in seiner herablassenden Schwerenöterart: »Was treiben Sie hier?
Taugenichts!«
    Der geschmeichelte Dandy schmunzelte: »Hehe, erraten! Hurra« Damit
verschwand er geheimnisvoll und stürzte tief in den Menschenstrudel.
    Eduard Roter wusste gleichsam instinktiv im gleichen Augenblick, welche Ella
gemeint sei. Doch er wollte sich Gewissheit verschaffen. Auch nicht eine Bewegung
sollte dem grossen Weltkenner an seiner Seite verraten, dass ihn das im Mindesten
interessire. »Sieh doch da drüben den roten Reflex überm Flammingo-Teich! Wie
gut das wirkt! Du, da geht Deine heimliche Flamme, Klara Meyer vom
Schauspielhaus! Ach sieh doch mal dort Frau Hagar Satzler - so was Geziertes!«
Sie schwammen immer rüstig fort durchs Gedränge. »Ah, da ist ja unser Freund
Marbach wieder!« (Er hatte ihn die ganze Zeit über nicht aus den Augen verloren.
So nachlässig beiläufig:) »Diese Ella ist wohl sein Amour?«
    »Ja, eine romantische Geschichte! Der Vater ist ein Dickkopf. Haha, er hat
uns Beiden mal den Marsch gemacht, als wir seine holde Tochter, die aus der
höheren, Schule kam, etwas schneidig nach Hause begleiteten.«
    »Lächerbar! Wie heisst er denn? - Sieh doch diese Schleppe!«
    »Eisenbaum! - Nun, was ist los?«
    Der geckenhafte Jüngling (Sohn eines Millionärs in Colonialwaaren) war
plötzlich hinter uns aufgetaucht und legte seine Hand auf Wolffert's Schulter,
indem er lispelte: »Drehen Sie sich nachher mal zufällig um!« Er verschwand
wieder.
    Nach kurzer Pause drehten wir uns »zufällig« um. Hinter uns flanirte Ella
mit einer »Freundin« (in Deutschland gleichbedeutend mit »Duenna«), lebhaft
kokettirend und schmachtend, der schöne Lasse nebenher. Eduard sah sich sehr
rasch wieder um, aber sie erkannte ihn doch und wurde rot. Ein unerklärlich
schnippisches Hohnlächeln krümmte ihre Lippe. Er hingegen blieb ganz gemütlich
und lustig, nickte dem Dandy, den er kaum kannte, vertraulich zu und flanirte an
Wolfferts Arm vor Jenen ruhig her, da ein Ausweichen in dieser wandelnden
Menschenmauer unmöglich schien. »Robespierre,« begann er mit lauter Stimme - sie
hatten vorhin tiefsinnigen Unsinn über die Französische Revolution ausgetauscht,
deren Sphinxgeheimnisse man in den Flegeljahren bekanntlich spielend löst. Aber
Wolffert, der sich lange umgedreht und fascinirend geäugelt hatte, brummte
gedankenvoll: »Die ist ja aber doch sehr nett!« Offenbar erwachte in ihm der
Gedanke, ob er, der Allbesieger, nicht seinen edeln Waffenbruder ausstechen
könne. Eduard hätte ihn um die Ohren schlagen mögen, wiederholte aber mit lauter
schnarrender Stimme: »Robespierre« -
    »Jaja! Das war ein kleiner mickriger Kerl!« machte Eugen herablassend. »Mein
Mann ist Danton, der geniale Alkibiades!«
    Hinter ihnen plauderte und liebelte man - und Eduard ging ruhig schwatzend
neben Wolffert her, während er auf jedes Wort hinter ihm gierig lauschte und
seine Hand sich auf- und zukrampfte, als suche er eine Waffe. An der nächsten
Biegung mussten sie sich kreuzen. Roter musste grüssen und tat es. Ella dankte
kaum und sah gradaus. »Wen grüsstest Du denn da?« fragte Wolffert verwundert.
    »Ella,« erwiderte Jener lakonisch.
    »Kennst Du sie denn?«
    »Oberflächlich. - Was Marat betrifft« - - Sie trafen nachher noch einmal den
Lassen, diesmal allein, dessen Gesicht voll Glück strahlte. Im selben Augenblick
kam die »Freundin« und winkte ihm. Er stürzte ihr nach und schlug sich seitwärts
in die Gebüsche. »Aha, die Alten sind weg oder haben das Lamm aus den Augen
verloren!« gähnte Wolffert. »Der Glückliche! Unbeobachtet von tausend
Argusaugen!«
    »Hm,« machte Roter kalt. »Wird wohl Schwindel sein. Der sieht mir doch gar
nicht aus, als ob ein anständiges Mädchen -«
    »Das verstehst Du nicht,« kanzelte ihn der Olympier mit überlegenem Lächeln
ab. »Uebrigens bekannte Geschichte. Ich selber weiss es ja. Habe ihre Briefe an
ihn gelesen. Sie hängt sehr an ihm, sehr!«
    »So, so!« verlautbarte sich Roter gedehnt. »Also, um auf den besagten
Hammel zurückzukommen, Desmoulins« - -
    Er ging langsam nach Hause. Der Lärm der Wagen und das Rauschen der Musik
verhallten hinter ihm, wie ein Rausch von Lust und Leichtsinn. Aus Versehen
schlug er eine falsche Richtung ein und geriet in das Erlenwäldchen, welches
den Kanal entlang nach der heutigen Stadtbahnstation führt. Er war
mutterseelenallein, diese Gegend damals noch völlig unbelebt, nach der Richtung
des heutigen Kurfürstendamm lauter öde Sandflächen und Sümpfe. Hier konnte Einem
der Hals abgeschnitten werden, ehe man einen Laut von sich gab. Er schritt
fürbass mit wildpochendem Herzen. Eine nebelige Mondnacht. Man konnte Erklönig
lind seine Töchter durch die silberborkigen Erlen flattern sehen. Kohlschwarz
lagen im Kanal die Torfschiffe Und Obstkähne, die einen eigentümlich fauligen,
Geruch verbreiteten. In der Finsternis sahen sie wie Krokodile aus. In der Ferne
brausten die Wogen der sogenannten Selbstmörder-Schleuse und ein einsamer Hund
bellte den Mond an. Auch der einsame Wanderer sah zum Monde und fühlte einen
geheimnisvollen Schmerz, als wolle seine eingesargte Seele den Körper sprengen.
Ihm war, als frässe ein Polyp an seinem Herzen, als atme er umsonst nach freier
Luft. Er atmete überhaupt schwer und unregelmässig - schon damals spürte er sein
Brustleiden.
    Wie der Mond sich wunderte über das törichte Menschenkind voll
Jünglingsbrunst und Mannesernst, dessen Seele zu gross für seinen schmächtigen
Körper! Wie er so dastand an der Schleusenbrücke, schien Alles um ihn zu
versinken. Alles verloren. Was eigentlich, er wusste es nicht klar. Aber sein
Lebensglück, sein Leben für immer verloren, verdorben. Diesen Ekel, diese
Verachtung, diese grässliche Selbsttäuschung überwand er nicht. Einen Augenblick
dachte er ernstlich nach, ob er nicht ins Wasser springen solle. Es war damals
Mode in Jung-Berlin, sich wegen Durchfall im Examen oder Schuldenmachen rundweg
ins Jenseits zu befördern - eine wahre Manie, die sich bis auf die überbürdeten
Tertianer der Gymnasien hinab erstreckte.
    Aber seine geistige Natur war denn doch zu nervig auf Selbstgefühl erbaut
und sein Grössenwahn kam ihm zu Hülfe. Er verzweifeln wegen eines solchen
Geschöpfes? Pfui! Lächerlich! - - Er fand sich richtig zur Charlottenburger
Pferdebahn quer durchs Wäldchen nach rechts hinüber, die ihn nach Berlin
zurückbrachte.
    Wie lange war das Alles vergessen! wie lange war diese erste Jugendflamme
des Narrenherzens, nachher eine glänzende Ballkönigin, die eine ihrer würdige
»grosse Partie« machte, seiner Erinnerung entschwanden! Seltsam, dass er heut so
klar an das Alles dachte, als wäre es gestern gewesen. War es nicht symbolisch
gewesen für sein ganzes Leben? Eine mimosenhaft zarte Natur wie die seine konnte
nur bestimmt sein, sich ewig zu täuschen und getäuscht zu werden. Das
Naturgesetz, das in des Menschen Wesen bei seiner Geburt gelegt, entwickelt sich
logisch fort in tausend Varianten.
    So gleiten die Tage spurlos dahin in Lebenshass und Todesfurcht, sie häufen
sich hinter uns wie welke Blätter, wie schemenhafte Nebel. Wir fühlen das
Naturgesetz, dass die Tugend sich selbst belohnt, und fröhnen dennoch dem Laster,
um die entnervende Langeweile abzuschütteln. Wille? Selbstwiderspruch ist das
einzige Unrecht. Warum hat die Natur uns unglückliche Schufte und schuftige
Unglückliche zur Sünde erzeugt, und straft uns hinterher, weil wir dieser
Bestimmung folgen? Warum lauert der Vampyr des Ueberdrusses über dem
Schlangensumpf der Begierden. Arbeite! Was? Warum? Ja, so erbärmlich ist unser
Loos, dass der Fluch Adams unser einziger Segen scheint - eine Art Opium, um den
Dämon des Gedankens zu betäuben, der uns umherjagt wie einen Verbannten, der
sein Exil und sein Urteil in sich selber trägt. - -
    Es gibt Momente, wo das Gefühl des Schmerzes zu massloser Ungerechtigkeit in
Beurteilung der Mitmenschen und überspannter Geringschätzung des gesammten
Aussenlebens, der Sansara, führt. Ein Abgrund scheint sich plötzlich vor dem Auge
des Denkenden zu öffnen: die Nichtigkeit menschlichen Strebens, die Eitelkeit
menschlicher Genüsse grinst dem menschlichen Geist entgegen, der zurückschaudert
wie der Basilisk bei seinem Anblick im Spiegel. Graue Wüsten ohne Palmen der
Schönheit und Quellen der Reinheit dehnen sich endlos umher, die Oase der Liebe
ist vom Samum der Leidenschaft verschüttet und Bülbul Poesie scheint eine
geschwätzige Elster. Das ist der Abgrund des ewigen Weltwehs - der Schemen
Nirvana steigt aus ihm empor, um uns mit Spinnenarmen ins Nichts hinabzureissen.
    Von Hügel zu Hügel schweifen meine Blicke über die unendliche Fläche hin und
eine Stimme dringt vernehmlich an mein Ohr: Nirgends hier erwartet Dich das
Glück. Was hülfe es mir, den Lauf der Sonne zu begleiten - ich begehre nichts,
was sie bescheint. Wie eine sturmverschlagene irrende Seele, schleiche ich durch
die Welt.
    Der Wagen der Nacht durchrollt die Aeterwogen. Die Zweige rispeln. Es ist,
als höre man die Schatten der Todten dahinschweben. Ein Mondstrahl berührt sanft
meine Stirn, als wolle er Licht streuen in meine dunkele Seele und ihr das
Geheimnis der Sphären entüllen, als wolle er die Morgenröte eines
Jenseitstages prophezeien.
    Der Wälder niederhängende Wipfel bedecken mich mit Frieden und Schweigen.
Die Bäche, unter Laubbrücken verborgen, schlängeln sich durch die Täler und
spiegeln sie ab. Sie mischen ihre murmelnde Flut und verlieren sich dann
spurlos. So ist die Quelle meiner Jugend zerronnen, ohne Rückkehr. Doch jene
Flut ist klar und meine Seele so trüb. Wie ein Kind vom Ammenliede gewiegt,
schlummere ich ein zum Gemurmel des Wasserfalls.
    Die Berge stehen sich gegenüber wie feindliche Brüder, die dort in ihrem Hass
versteinert. Schon tausend Jahre stehen sie so mit gefurchtem runzligem Antlitz,
schneeweiss bleichte ihr Haar. Doch Abends, wenn die Sonne sie überglüht, dann
brechen die Wunden auf, dann überrieselt Blut ihre Stirn.
    Ein unbesieglicher unwiderstehlicher Drang nach Selbstvernichtung jauchzte
in dem totmüden Menschenwurm empor. Ihm war das All götterlos, ohne Ordner und
Lenker. Kein Steuer leitete ihn durch den Ocean des Unendlichen und der feste
Strand der Erde widerte ihn an. Aber sein Gedanke kreuzte furchtlos durch den
unendlichen Raum, von der Ahnung des Unvergänglichen getragen. Eine sterbeselige
Todessehnsucht dehnte und weitete seine kranke Brust. Wenn die trivialen Freuden
des Lebens als wertlos versinken, wenn selbst die äussere Schönheit der Natur
nicht mehr befriedigt, wenn der kindliche »liebe Gott«, die formelle Religion,
in Staub zerfiel und der wahre Gott noch nicht an seine Stelle trat - dann
erfasst das Gemüt eine brünstige Leidenschaft für die reinen wandellosen
Elemente, denen der Mensch mit seinem geistigen Hochmut und seiner physischen
Niedrigkeit als Zerrbild gegenübersteht. Eine schmerzliche süsse Begierde
verlangt sich aufzulösen, aufzugehen im Grenzenlosen.
    Ja, er musste sterben. Das war das Beste, das Beste. Wozu die paar Jahre noch
hinschleppen eines elenden kümmerlichen Daseins, den verglimmenden Docht noch
schüren? Aus, kleines Licht!
    Ja, das war das Beste für ihn und für sie. Sie fürchte ihn, hatte sie
gesagt. Und was sollte auch daraus werden? Sollte er daheim die Folter weiter
dulden, die Folter sie als Gattin dieses reichen Laffen zu sehn, unerreichbar
und glücklich, während er verschmachtete? Noch jetzt in seiner Weltabsagung und
Selbstvernichtungsgier bäumte sein Grössenwahn sich auf gegen solche
Herabwürdigung seiner qualvollen Liebe.
    Da war das Beste, er ging. Ging in das Land, von wo kein Wanderer
wiederkehrt. So ging er Allem aus dem Weg.
    Und wieder die Stiche in der Brust! War er nicht ohnehin todgeweiht? Ende es
denn gleich mit einem Schlage!
    Der Tod stand ihm plötzlich so anheimelnd nahe vor Augen, so greifbar wie
ein Freund, der die Hand zum Grusse reicht. Ihm war, als habe er eigentlich nie
gelebt ohne Todeswunsch und fange jetzt erst an, sich der Wahrheit bewusst zu
werden.
    Aber wie es ausführen? Sich mit dem Messer die Pulsadern öffnen? O nein,
unmöglich. Offenbarer Selbstmord - das taugte nichts. Dann würde man nach den
Motiven fragen, Alles ausforschen, sein Geheimnis ihm entlocken. So würde
Kati's Zukunft erst recht verdunkelt werden. Das zu verhindern floh er ja
gerade ins Grab.
    Da fiel sein Auge auf die Flasche mit Karbolsäure, die der Umschläge halber
auf dem Nachttisch vor seinem Bette stand. Wie ein Blitz durchzuckte ihn der
Gedanke, dass man glauben könne, er habe dies Gift mit der danebenstehenden
Wasserkaraffe schlaftrunken verwechselt. Und leerte er die Flasche bei seinem
angegriffenen und kränklichen Zustand, so genügte das wahrlich, um ihn alsbald
zum Styx zu verschiffen.
    Er verschob die Ausführung auf den Abend des folgenden Tages.
    Leise Schauer fluten über die Erde, sie bebt und atmet in beklommener
Wonne. Berauschend duften ihre Seufzer, keusche Gefühle quellen empor als
Blumen. Und sie entschlummert mit sanftem Erröten bei dem Abschiedsblick des
strahlenden Sonnengatten. Er - er lenkt ihre eigenen Pfade nach festen Gesetzen
unwandelbar in rollendem Laufe von oben - aber ewig trennt der kalte feindliche
Aeter die Gatten nach festen Gesetzen. Einst wird kommen der Tag, wo
aufjauchzend in brausendem Sturme in des Geliebten Arm stürzen wird die sehnende
Erde. Aber sein Kuss ist Flamme und sein Odem Vernichtung. Und wie die
Sonnenblume Apollos, wird sie verwehen. Wär' er schon da, der wirbelnde Tag der
Vernichtung! O erschölle die grelle Posaune des Richters, wie ein Schwertstreich
mitten durchs Herz des Weltalls, wenn im bacchantischen Reigen den Aeter
durchrasen mit entfesseltem Flammenhaar die Gestirne, scheiternd, wie
Orlogschiffe mit brennenden Masten, im unermesslichen Raum, dem brandenden Chaos!
O dann voll zu empfinden die Grösse der Schöpfung in ihrem Sturze, wie die
gefällte Palme deutlicher zeigt den Schwung ihres Riesenwuchses! O zerschmettert
zu werden zu einem Atome, das nur das Samenkorn eines künftigen Daseins!
Losgelöst vom Staub in geistigem Wesen durch die versinkende Welt
dahinzufliegen, - zaghaft flatternd zuerst, wie staunend und gaukelnd ein
Sommerfalter schwebt um schwarze Ruinen, - aber höher steigend, wie eine Lerche,
die des Schöpfers Bewusstsein in Lieder aushaucht, - endlich mächtig entfaltend
unendliche Schwingen, wie ein Aar aufsteigend zum Tron der Allmacht! Dann
zerreisst der Schleier vom Bild der Gotteit, und wir stürzen, vom Blitz ihrer
Grösse getroffen, zu ihren Füssen. - Hallelujah, Vernichtung! Wird nicht das Blut
den Adern der bleichen Erde schöner entströmen in unversieglichen Wellen, als es
träge jetzt sickert, mit Fieberröte, Gesundheit heuchelnd, tünchend die welken
Wangen?
    Ach, wenn die Welt-Galeere zerscheitert in tausend Stücke, an die wir Alle
geschmiedet mit unlöslichen Fesseln - mitzusterben den grossen Welttod, süsser
ist's, als mitzuleben das Allsein!
    Weltvernichtung, Selbstvernichtung! Tausendmal grösser als unsre winzige
Erde, strömen Protuberanzen flammenden Dunstes von der Sonne aus, hornförmige
Zacken an der Lichtscheibe, die wir bei klarer Strandluft mit blossem Auge
erkennen. Ist der Weltuntergang nah vor der Tür, bricht sie schon heran, die
grosse Darkness, wo die Sonne alle Weltlichter verzehrend auslöscht? Wo wir mit
der Erde zu Spreu verbrennen oder vergletschern? Und doch - des Menschen Geist
umfasst das All, steht darum über dem All. Die Alpen sind starr und leblos - wir
leben, denken, handeln, wir sind mehr. Geist und Leib mag verderben, aber bleibt
ein Prinzip der Existenz nicht in jedem von uns bestehen, das den Weltensturz
überdauert? Nun, und mag's denn sein, gehen wir unter! Ob wir uns wie ein
Bläschen Schaum der sich ewig neu gebärenden Woge der Materie mischen oder wie
ein wesenloser Windhauch im Sturme der Zeit verwehen oder uns als Perle einfügen
der Weltkette und gereinigt als krystallisirte Geistespotenz fortwähren - -
namenloser Schmerz der Selbstvernichtung, du birgst namenlose Wonne.
    Ach, sterben, sterben! Alles Schwankende sinkt ins Grab, gern gehe auch ich
von hinnen. In jedem Grashalm fühle ich mich ja auferstehen.
    Roter hatte Schreibzeug verlangt. Mit tiefer Ueberlegung und stillem
Bedacht schrieb er zwei Briefe nach Deutschland in ausstudirt jovialem Ton.
Dieselben sollten für später als Beweis dienen, dass er sich keineswegs mit
Selbstmordgedanken getragen habe und einem blossen Unglücksfall erlegen sei. Der
erste Brief lautete:
                        Lieber Knorrer!
    Ich befinde mich (eine vorübergehende leichte Verwundung ausgenommen) hier
kreuzfidel - lebe, liebe, esse trinke und verdaue ausgezeichnet. Du machst Dir
keinen Begriff, wie wohl mir ist, wie ich all meine Schmachtlappigkeiten jetzo
belächele. Den Kameelshaar-Ueberzieher aus Salzburg, den Du stets empfiehlst,
werde ich mir von hier aus bestellen. - Meine Studienmappe ist voll famoser
Motive. Zur Berliner Kunstausstellung werde ich wohl noch 'was fertig kriegen. -
Holla, da entschlüpft mir ein Gedichtlein, um das mich Freund Graef und Henry
Francis Anneslei beneiden möchten!
                                 Eine Walküre.
Minnelieder singt sie laut
An der Wasserhölle Krater.
Liebreich hinter uns miaut
Der Familie treuer Kater.
In den buschigen Schweif ich fasse
Ehrfurchtsvoll, denn hier am Platze
Wächst die ganz besondre Nasse,
Uebergang zur wilden Katze.
Nachtigallen suchen Rosen,
Keine blühen hier am Stocke.
Doch dafür zum Minnekosen
Die lebendige Rose locke!
Ich bin eine Nachtigal hier,
Bin ein Künstler, glaube dieses!
Rose, überleg' den Fall Dir:
Bin ich wert des Paradieses?
    He, wie gefällt Dir das, alter Schwerenöter? Habt's a Schneid? Holdrio!
                                                       Dein Eduard I. der Tolle.
    Gegeben in unserm Hauptquartier zu Hönevoss.
    Der andre Brief war an seinen neuerworbenen gräflichen Intimus gerichtet.
Ach ja, der erste Amant der schönen Verderberin! Der sass jetzt seelenvergnügt
daheim und sonnte sich in seiner neuen Gloriole. Roter lächelte bitter. Welch
ein Fant und Esel, ein neuer Werter wie er, der sich noch obendrein schämen
muss! Und doch!
                        Lieber Graf Krastinik!
    Mir geht es hier nicht übel. Nur eine Verwundung am Fusse, die ich mir zuzog,
zwingt mich, meine Streifereien zu unterbrechen. Hoffentlich bin ich bald wieder
hergestellt. Wie gehts? Rüstig vorwärts streben, lieber Freund, und vor Allem
das Leben recht wichtig nehmen! Denn wenn man es belächelt, wie's es verdient,
dann verliert man allen Arbeitsmut. Als ich durch die Alpenwildniss mich ins
Leere vorwärts schauderte, da dacht' ich wieder: Was sind wir? Wir sind
                                   Ein Punkt.
Den Berggeist ruft ein Echo wach,
Ein Aufschrei und ein dumpfer Krach.
Purzelt dort eine Tanne nieder,
Die aus dem Abgrund die schlanken Glieder
Aufreckend zu Riesenhöhe spriesst
Und über den Rand des Saumpfads schiesst?
Nein, die Naturgewalten vom Boden
Wollen ein edler Gewächs ausroden:
Von dem Bergrutsch fortgeschoben
Wurde ein Holzfäller droben,
Glitt wohl aus im Gneisgerölle,
Taumelt nieder zur Eiseshölle.
Und damit ist der Punkt gestrichen.
Auch Du, der dem I-Punkt stolz geglichen,
I-A! Wirst wie ein andrer Punkt
In die Tinte des Nichts hineingetunkt.
    Aber man muss solche Stimmungen überwinden. Gewiss, wir Menschen leiden ja
alle an Grössenwahn, indem wir uns Ameisen auf diesem planetarischen
Kehrichtaufen für wichtig halten. Aber was kommt dabei heraus, über unsere
Nichtigkeit zu brüten!
                            Ueber die hohen Fjällen.
Die Luft ist so klar und so frisch und so leicht
Auf den Fjelden.
Der alte Adam von hinnen weicht,
Ich fühle mich frei und als Helden.
Hinauf zur Alm! Ihr Morgenpsalm
Ich will ihn euch melden.
Der zitternde Halm, der springende Salm
Singt: Frei, wir sind frei auf den Fjelden.
                        Sonnenaufgang in Gudbrandsdalen.
Was rollen die Wogen des mächtigen Logen
Doppelt so fröhlich daher?
Alphörner klingen, Dammhirsche springen
Durch der Wälder wallendes Meer.
Ihre Lilienstirne, die keusche Firne
Der Bergjungfrauen, sie sprüht
In rosigem Licht. Eisbrünne bricht,
Brunhilds Schneebusen erglüht.
Das ist die Sonne, die so mit Wonne
Die Seele des Weltalls schwellt.
Aus Nacht und Sorgen ist jeder Morgen
Eine Auferstehung der Welt.
                                Am Falkenhorst.
Heil, Freia, falkenäugiger Schwan!
Dich flieht der Selbstsucht Pfau!
Dich flieht der pfäffische Cormoran.
Bitt für uns, unsre liebe Frau!
Du Falk von echter Isländischer Zucht
Aus der Freiheit Heim im Nord,
Du Göttin reiner Liebe, Dich sucht
Meine Sehnsucht fort und fort.
                                                             Mit bestem Gruss Ihr
                                                      Roter der Schwachmatikus.
    Nachdem die Briefe convertirt und zum Absenden dem Wirt übergeben, wobei er
lachte und scherzte, raffte Roter sich zusammen zum letzten Entschluss. - -
    Der Erde schläfert leise und die Seele sucht Ruhe, Ruhe. Der müden Sonne
fallen die Augen zu.
    Was rollt die Erde ohne Ende durch das rollende Aetermeer? Nur den wiegt
feste Ruhe, wer unter der Erde ruht.
    Es pocht, es pocht ans Fenster. Ist es der Regen, der leise niederraschelt
ins Farrenkraut? Wuchtig und langsam schlägt ein schwerer Tropfen aufs
Fensterbrett, eintönig wie eine sich langsam reibende Feile. Was pocht, was
pocht und hämmert da draussen und hier drinnen im Herzen? Wird da ein Sarg
gezimmert, ein Sarg der sterbenden Liebe?
Was pochst Du, Herz so wild und laut,
Du nimmermüde Uhr?
Dein Zeiger weist, Dein Pendel tickt
Dem Tod entgegen nur.
    Einsam, einsam! Sind alle Wege verschneit, schleicht ein frostiges Verderben
umher und mäht die märzlichen Keime? Die Flocken fallen, fallen. Durch die Seele
geht bleicher Tod, ein schneeiges Bahrtuch deckt die jungen Blüten.
    Ihm war, als wolle seine Seele hindämmern ins dunkle Reich der Schatten, wo
träumerischer Friede auf Asphodeloswiesen blüht.
    Der Puls der Zeit steht still, steht still. Ein Heimweh nach dem Nichts
säuselt im Abendwind rätselvoll durch alle Wipfel. Zum Sterben müde stehn die
alten Bäume. Wie Träume spinnen sich Nebel, vom See aufsteigend, um ihr Haupt.
Ueber der Sonne purpurnen Talar gleitet der Hermelin der Nacht. O dürfte so die
Welt mit eins in Nacht versinken und ihn nie mehr leeren, den bittern
Sonnenkelch der Lebewesen!
    Ein tödtliches Gelüsten berauschte ihn mehr und mehr. Der buhlerische
Frühlingsstrahl lockte ihn hinab in die Tiefe, wo kein Winter stirbt und kein
Frühling erwacht.
    In übernächtigem Frost erstarrte der Quell der Tränen und die Hoffnung lässt
sich nicht mehr narren. Vorbei, vorbei!
    Langsam und bedächtig erhob sich Roter auf seinem Lager und langte nach der
Flasche mit Karbolsäure. Er öffnete den Stöpsel und roch daran. Der unangenehme
Geruch flösste ihm Ekel ein. Er schüttelte sich. Dann roch er widerholt, um sich
daran zu gewöhnen, damit nicht der Geruch ihn beim Trinken zum Vomieren
veranlasse. Seiner Willenskraft gelang es. Jetzt setzte er die Flasche an den
Mund - - Wie dem Ertrinkenden, gaukelten ihm tausend Bilder vor Augen.
    Was ihm je geraubt, was in unerbittlichem Morden sein Leben ihm
hingeschlachtet, - es hob sein träumerisches Haupt.
    Er wagte kaum zu atmen, in ahnungsvoller Todeswonne. Ein Geist geht um von
Baum zu Baum und der Nachttau schwebt leis hernieder. Ist's Dein Geist, die
fern von mir?
    Nein, ich kann es nimmermehr vergessen, dass ich Dich geliebt. Ob die
Leichensteine belasten mein müdes Haupt und alle Särge springen und ob das All
zerbirst wie Glas, - dies Eine werde ich nie vergessen, nicht in Leben und Tod.
    Er blickte auf ihr Bild, das er stets auf dem Herzen barg wie ein köstlich
Geheimnis. Was ihn einst durchflammt, es zuckte nicht mehr aus der Asche. Das
Mondlicht taut vom Himmel, die Sterne neigen sich nieder - doch nie strahlt die
versunkene Welt im Flammengrabe des Herzens.
    Hinüber, hinüber! Der Hauch gestorbener Liebe betäubt das traummüde Hirn und
zu einer ewigen Liebe jenseits der Erde dichtet es sich hinüber, hinüber.
    Er trank.
 
                                 Dritter Band.
  Grand parmi les petits, libre chez les serviles,
 Si le génie expire, il a bien mérité.
                                                                      Lamartine.
                »Sie haben mir noch einen Poeten, den X, gebracht. Den habe ich
                weggeworfen.«
                 »Majestät, den werf' ich auch weg!«
                                                            Friedrich der Grosse,
                                                           Gespräch mit Gellert.
                Vor Schelmen, die den Mantel der Gerechtigkeit gebrauchen, vor
                denen kann sich kein Mensch hüten. Die sind ärger als die
                ärgsten Spitzbuben und verdienen doppelte Bestrafung.
                                                            Friedrich der Grosse.
                Die Gründer des Christentums, diese Nachfolger der jüdischen
                Propheten, weisen alle auf das Ende der Welt hin; und sonderbar,
                mit diesem Hinweis reformiren sie die Welt.
                                            Renan, Geschichte des Volkes Israel.
 
                                 Neuntes Buch.
                                       I.
Den Goldfischteich bestreuten dicht die pfirsichfarbenen Blüten der
Kastanienbäume, welche ihr dunkelgrünes Haupt beschaulich in dem schmutzigen
Wasser spiegelten, das mit Laich punktirt aussah, als habe sich ein
Mückenschwarm wie ein Schleier darauf geklebt. Der ganze Tiergarten troff noch
von dem erquickenden Regen, gleichsam durchsaugt von fruchtbarer Feuchtigkeit.
Und jetzt sickerte das Sonnenlicht überall durch, bis der Wald von eitel Licht
getränkt und von glänzendem Goldstaubregen zu riefen schien. Die Dämmerung
wandelte sacht heran und könnte dies goldgrüne Sommergewand der Natur zu
stilleren sanfteren Farben ab. Die zackigen Firste um den Zietenplatz her hoben
sich dunkel in den lichten Horizont, welchen fern nach Nordwesten ein schwüler
brenzeliger Schein umwob. Ein Sternlein blinkte am Himmel wie eine schläfrige
Nachtkerze in lichter Mittsommernacht, die kein eigentliches Dunkel gestattet.
Alles zerfloss in ein liebliches gedämpftes Halblicht. Nur die Feldherrnstatuen
am Zietenplatz postirten sich schwer und massig umher und sogen allen Schatten
in ihre Bronze ein.
    Leonhart und Krastinik schritten langsam, aus dem Tiergarten kommend, durch
die Wilhelmstrasse, dann am Café Kaiserhof vorüber ins Innere der Friedrichstadt.
    »Die Juden können weder noch sollen sie assimilirt werden. Sie nützen so den
Deutschen, weil sie Eigenschaften haben, die uns abgehn. Und gerade durch den
Kampf gegen sie sollen uns die eigentlich germanischen Eigenschaften zum
Bewusstsein kommen. Das Judentum ist eine uralte Weltmacht wie die römische
Kirche und hat sein non possumus. Es wird nie untergehn. Selbst wenn es sich
äusserlich ganz assimilirte (wobei die viel empfohlene Racenmischung übrigens nur
den Deutschen schaden könnte, weil die jüdische Race bekanntlich die stärkere
ist), so würde es dennoch einen Geheimbund weiterbilden.«
    Krastinik, ein eifriger Antisemit, schüttelte zu diesen Worten Leonhart's
ungläubig den Kopf. »Eine Macht wie die römische Kirche?«
    »Ja gewiss! Uebrigens ist der Katolicismus seinem Wesen nach ein semitischer
Cultus.«
    »Was! Wie?«
    »Ja freilich! Meine Freunde, die Antisemiten, halten immer schöne Reden, wir
müssten zum Wodan-Cultus zurückkehren, um echte Germanen zu werden, und mit dem
semitischen Christentum aufräumen. Das ist aber grundfalsch. Das eigentliche
Christentum ist durch und durch arisch. Christus selbst, dessen Abkunft ja
übrigens mytisch bleiben wird, hat ja erwiesenermassen nur an indische Lehren
angeknüpft, vielleicht auch an baktrische, und diese nun auf den Talmud
reinigend aufgeimpft. Und die Apostel sind doch andrerseits ganz hellenistisch,
Neuplatoniker wie Johannes mit seinem: Im Anfang war der Logos. Und der Logos
ward Fleisch und wandelte unter uns. - Das ist wieder ganz braminisch gedacht:
So wandelten Bramah, Wischnu und der Messias Buddah leiblich auf Erden. Der Sieg
des Christentums über die Welt war ein arischer und speciell ein hellenischer
Sieg, gewiss kein jüdischer.«
    »Aber erlauben Sie,« bemerkte Krastinik sehr weislich, »die zelotische
pharisäische Strenge gegen alle Fleischessünden gegenüber der heidnischen
Auffassung ist doch ganz alttestamentlich?«
    »Das wohl. Nur vergessen Sie nicht, dass man das Eifern eines Paulus gegen
alle unnatürlichen Laster doch vor allem historisch betrachten muss. Das
Christentum bildete eine revolutionäre Sekte, welche die Welt reformiren
wollte. Uebrigens ist's mit der Strenge nicht gar so schlimm, wenn man das
spätere Geheuchele damit vergleicht - ganz abgesehen davon, dass die Urquelle
Christus selbst ja die humane Toleranz so weit trieb, Maria Magdalenen mit
seinem Umgang zu begnadigen. Wenn aber Paulus z.B. meint, dass Heiraten immerhin
eine Schädigung der reinen Hingebung aus Ideale sei, so kann man ihm das wohl
weder verübeln noch bestreiten.«
    »Somit verteidigen Sie also das Cölibat der römischen Kirche?« folgerte
Krastinik sinnend.
    »Unbedingt. Der grosse Papst Gregor wusste, was er tat. Gerade dadurch
kräftigte er dies gewaltige System dermassen, dass es noch heut hundert Jahre nach
der französischen Revolution und fast vierhundert nach der Reformation
unerschüttert besteht. O die römische Kirche - Hut ab! Mit der wurde selbst
Napoleon nicht fertig und wurde ausgenutzt, wo er auszunutzen dachte. Und
überhaupt, Rom allein ist eine wahre Weltmacht und das einzig Positive in diesem
allgemeinen Chaos und Krawall von staatlichem und nationalem Grössenwahn.«
    Leonhart redete offenbar aus tiefster Ueberzeugung heraus. Der
österreichische Katolik sah ihn verwundert an. »Das aus Ihrem Munde? Und sind
doch Protestant?«
    »Ich - ich bin gar nichts, höchstens Christ nach der unverfälschten Urlehre.
Aber als geschichtlich denkender Mensch urteile ich anders. Und auch sonst ...
wissen Sie wohl, wenn man dies haltlose moderne Treiben so gründlich satt hat
... ich könnte als Mönch enden!«
    Krastinik fuhr ordentlich zurück. Die Worte gruben sich unauslöschlich in
sein Gedächtnis ein. Leonhart brach jedoch ab und lenkte das Gespräch auf den
Herrschergeist Hegels, diesen philosophischen Tyrannen, der tausendarmig alle
Gebiete an sich zog. Es klang, als fühle er in Jenem einen Wahlverwandten, wie
denn Krastinik in Leonhart längst eine geistige Despotennatur erkannt hatte.
    In der Alten Jacobsstrasse trennten sie sich. Leonhart wollte noch nach der
Dresdener Strasse.
    »Ach, da sollen Sie ja ein Verhältnis haben?« fuhr es dem Grafen heraus.
    »So? Wer hat Ihnen das gesagt?«
    »Ach, ich weiss nicht, - Mehrere. Alle Welt mokirt sich darüber. Sie sollen
schon seit langen Jahren in Ihrem Stammlokal, einer Mädchenkneipe, da eine
Wirtin anschmachten, die auch sonst Verhältnisse hat. Ich sage Ihnen das ganz
offen, damit Sie sich vorsehn gegen das dumme Gerede. Was geht's mich an! Adieu,
lieber Freund.«
    »Und Sie wohin?«
    »In den Verein Drauf. Sie kennen ihn ja.«
    Leonhart lachte herzlich. »Verein der Grössenwahnsinnigen; wer die meisten
Pseudonyme hat, wird Weltpräsident - ja, den kenn ich. Na viel Vergnügen! Ich
trau' mich nicht mehr hin, weil ich über die idealen Waffenbrüder
Edelmann-Haubitz, die dem Jahrhundert den Stempel aufdrücken, einiges Vitriol
ausgoss. Also adieu.«
    In der Tat hatten Ambrosius Sagusch und einige andere Sendboten des Himmels
an Leonhart einen versteckten Drohbrief gesendet: was er mit seinen
Anzüglichkeiten meine. Sie hofften nämlich, dass sie ihm correspondenzlich
unvorsichtige Äusserungen entlocken könnten, was - verbunden mit consequenter
Undankbarkeit - zum System des »Jüngsten Deutschland« gehörte. Da Leonhart's
Combinationsvermögen jedoch die Absicht einer Skandal-Reclame und irgend eine
planvolle Tücke von Seiten jener messianischen Weihepriester witterte, so
antwortete er mit boshafter Ironie: Er empfehle den geschätzten Herrn sein
Benehmen als Tema psychologischer Studien, wie schwach und widerspruchsvoll die
arme Menschennatur. Derselbe, der sich für seine Freunde und auch Feinde
manchmal aufopfere, taste die persönliche Integrität solcher Ehrenmänner an! Man
möge seine Animosität bemitleiden und sich den schönen Glauben bewahren.
    Krastinik wanderte also in den »Drauf« und wurde ehrfurchtsvoll empfangen.
    Der ambrosianische Sagusch hielt grade einen begeisterten Vortrag über
Ibsen. Was dieser Norweger mit einer kritischen Würdigung der deutschen
Gegenwartsliteratur eigentlich zu schaffen hatte, vermochte nur Der zu würdigen,
dem es nicht unbekannt blieb, wie leicht dem deutschen Litteraten die hingebend
selbstlose Anerkennung alles Fremden fällt, von welchem man ja freilich keine
Concurrenz zu fürchten hat. Diese jüngstdeutschen Kritiker mit ihrem »idealen
Streben« unterschieden sich von denen der Tagespresse, gegen deren Corruption
sie donnerten, eigentlich gar wenig. Doch ein bedeutsamer Zusatz musste als
Fortschritt gelten. Denn ob auch erbärmlicher Neid und niedriges Cliquenwesen
sie nicht minder beherrschte als Grundmotiv all ihrer kritischen, Handlungen und
Grundsätze, so trat doch ausserdem noch eine
pedantisch-philologisch-formalistische Nörgelei hinzu, zwar unfähig je durch die
äussere Schale in den Kern der Dinge zu dringen, aber dafür argusäugig für jedes
Stolpern des Federkiels und unfehlbar auf dem Korpus Juris der Vischer'schen
Aestetik tronend.
    Sodann verlas Dichterling Haubitz eine schauderhafte Verreissung über die
»Modernen Realisten«. Obschon er seine olympische Geringschätzung Schmoller's
überall betont und von Leonhart deswegen heftige Grobheiten eingeheimst hatte,
besass er die geniale Frechheit, hier Schmoller mit spärlichem Lob gegenüber
Leonhart auszuspielen, den er einen Nachahmer Schmoller's nannte. Ueberhaupt sei
Leonhart (»der junge Dichter«, wie er ihn krampfhaft ununterbrochen betitelte)
nur ein Eklektiker von trostloser Unreife, welcher jedem Einfluss folge, den ihm
ein Anderer zutrage. Eine gewisse dramatische Begabung wolle er ja nicht
verkennen; doch sei das Ganze immer verfehlt und reich an Dilettantischem. Das
Widersprechendste, das grade an der Mode sei, ahme er nach, weil ihm offenbar
mehr an augenblicklichem als an nachhaltigem Erfolg gelegen sei.
    Krastinik staunte, als rede man chaldäisch. Die unmögliche Frechheit des
obscuren Dichterlings, der aus solchen Winkeln seine vergifteten Pfeile schoss,
verblüffte ihn gradezu. Der handgreifliche Blödsinn dieser kecken Behauptungen
liess doch wirklich bezweifeln, ob der Klugschwätzer jemals Leonharts Werke
gelesen habe.
    Als Folie las Haubitz dann einen Akt seines Dramas »Ein Morast« vor, worin
trotz seines feschen Geschimpfes auf Zola der Schmutz faustdick aufgetragen war.
Die Haupteldin, Timandra Harteran (ihre Zofe trug den in Berlin gewiss recht
häufigen Namen: Medora) liess den Leser im ganzen Stück über ihre
Erwerbsverhältnisse im Unklaren. Nicht minder der genialische Held des
morastigen Dramas, welcher immer von Austern und Champagner redete, obschon er
eine edle Verachtung wider alle Brotarbeiten entwickelte. - So schwebte Rafael
über den seichten Gewässern der Modelitteratur und seinem - Moraste herablassend
als Jehova dahin, ein Wohlgefallen vor Gott und den Menschen.
    Die Versammlung wurde immer zahlreicher. Wer zählt die Völker, zählt die
Lumpen! Einer erzählte, dass von seinem neuen Buch 365 Besprechungen erschienen
seien, für jeden Tag im Jahre eine - worauf sich Sagusch erbot, fürs Schaltjahr
noch eine extra zu liefern. Ein Andrer meldete Jedermann, man habe bei ihm
eingebrochen. »Der Executor nämlich!« dachte Krastinik, dem schlimme
Befürchtungen einer Collekte schwanten. Ein Dritter, der wie eine betrunkene
Eule aussah, hatte dem Edelmann, welchen er auf dessen Redaction (Lokalteil der
»Privilegirten Fortsschrittszeitung«) heimgesucht, als partischen Pfeil ein
philosophisches Lehrgedicht in XII Cantos zurückgelassen. Einen Teil davon
hatte er stehenden Fusses zwei Expedientinnen, die er in der Redactionsstube
traf, meuchlings vorgelesen. Die armen Schlachtopfer konnten nachher nicht genug
über solche Missetat klagen, was jedoch nicht die Versicherung hinderte: »Ja,
Herr College, die Mädchen waren ganz entzückt. Sie sehen, selbst auf ungebildete
Gemüter wirkt Ihre Dichtung.« Der Mann war tief gerührt und pries den Edelsinn
dieses erlauchten Dichters, der mit Recht »Edelmann« heisse, im Gegensatz zu
andern Redactionen. »Ach,« rief der Fremdling, »die Kassirer brennen bloss mit
der Kasse durch, die Redacteure mit der Moral!«
    »Und manchmal nicht bloss mit der Moral!« bemerkte Krastinik trocken. »Nun,
Herr Sagusch, Sie grüssten mich ja unvollkommen - wie geht's Ihnen?«
    »Danke,« erwiderte dieser Denker mürrisch, der die »bloss« 20 Mark Pump,
welche der gräfliche Anfänger bisher erst als Taxe zahlte, noch nicht verziehen
hatte. »Man wird altersschwach vor Litteratur!«
    »Pfui, pfui!« ermahnte aber Edelmann würdig. »Beherzigen wir
Schleiermacher's schönes Wort: Bewahren wir uns ewige Jugend! Nicht wahr, Herr
Graf, wir werden die Litteratur schon retten? Reichen Sie mir doch die Hand!«
    »Verraten wir also mitsammen das Vaterland!« lächelte dieser.
    »Wie machen wir's aber?«
    »O vor allem zusammenhalten als natürliche Verbündete wider den gemeinsamen
Feind!« Edelmann mogelte mit seinem Kneifer unterm Tisch und eine unheimliche
Erregung zitterte in seiner Stimme. »Wir, dem Vertreter des Idealismus, haben
vor allem den Erzderber niederzumachen: diesen Leonhart.« Allgemeine Zustimmung.
Jaja, das sei ein schlauer Strategem rege Wirrwar wie Staubwolken und wühle die
Wogen auf, - um urplötzlich dahinter selbst als Offenbarung emporzutauchen. Sei
ein Diplomat der Grobheit.
    Krastinik schwieg. Ihm schien das Alles, als ob Flöhe einen Löwen stächen.
Der Floh ist freilich mit der Löwentatze kaum zu erreichen, aber er juckt eben
so lange, bis er sich vollgesogen hat, und dann kriecht er aus der Mähne wieder
wo anders hin. Denn des Flohes Beruf ist zu jucken. Man zerdrücke ihn ja nicht:
das stinkt zu sehr. - Faulheit und Unfähigkeit ärgern sich über Fleiss und
Talent, weil letztere einen lebendigen Vorwurf bilden, der überall den Neid
steckbrieflich verfolgt.
    Es wurde so spät, dass Krastinik sich empfahl, um noch die letzte Pferdebahn
zu erreichen.
    Die beiden Waffenbrüder fielen unisono über die günstige Gelegenheit her:
»Ach, es ist schon so spät. Wie werden Sie sich da den langen Weg nach Hause
zurückfinden! Gestatten Sie, dass wir Ihnen bei uns Gastfreundschaft anbieten!«
    »Hehe,« setzte Rafael verlockend hinzu. »Bei uns steht Ihnen alles zu Gebot
- sogar Mienchen, eine kleine Freundin von uns.«
    Dies mystische Mienchen bildete eine geheime Trumpfkarte der auf Tod und
Leben verbrüderten Idealisten. In ihrem Hause in Moabit befanden sich nämlich
einige Zimmer-Mieterinnen sehr eindeutiger Natur, unter ihnen das berühmte
Mienchen, jene ihnen auf Tod und Leben verschwisterte Idealistin. Biss nun einer
auf den Köder an, wie dies früher dem halbverrückten Henry Francis Anneslei
passirte, so musste er unmässig bluten. (Bei Anneslei, welcher trotz aller
Maul-Schwärmerei nicht einer gewissen versteckten Aalglätte entbehrte und nur
bei seiner krankhaften Sinnengier gepackt werden konnte, hatte sogar ein
angebliches Heiratsversprechen herhalten müssen, welches die Waffenbrüder
leider zu ihrem tiefsten Schmerz als Zeugen Mienchens auf ihren Eid nehmen
wollten.) Gewöhnlich musste der Hereingefallene Mienchens »Schulden« bezahlen.
Die Waffenbrüder und die Waffenschwester sammelten nämlich für einen darbenden
Freund, einen idealen Märtyrer.. für ihn hatte Mienchen sich in Opfer gestürzt,
die edle Seele. Wer den Vorzug dieses eidgenössischen Umgangs genoss, lernte auch
bald den idealen Zweck kennen, der sie bei ihrem Pump-System beseelte. Einige
wollten zwar behaupten, der Name des mystischen Freundes sei Spiegelberg und
seine monatliche Taxe 20 Mark - er spiele gleichsam die sogenannten Strohmanns
bei diesem Whist-Kleeblatt. Uebelwollende fügten hinzu, dass dieser Kerl von
Verdauungsfähigkeit sein müsse, neben welchen die Danaidenfässer als reine
Spundlöcher erscheinen.
    Man erkennt hieraus, wie wenig die Welt sich zu dem idealen Schwunge der
verbrüderten Eidgenossen zu erheben vermochte. Sie trösteten sich jedoch mit dem
herrlichen Verse des haubitzigen Rafael:
»Und ist die Welt auch nur ein Lappen,
Der bald in Fetzen morsch zerfällt,
Mein grosses Herz ist Gottes Wappen,
Es tront in Mir der Gott der Welt.«
    - - Mit Mühe und Not machte sich Krastinik von der übertriebenen
Zärtlichkeit der Waffenbrüder los. Am andern Tag aber erhielt er einen Brief von
Edelmann:
    »In einer furchtbaren Lage bitte ich Sie, lieber Herr Graf, mir umgehend per
Rohrpost 200 Mark zu senden. Alle meine Bekannten, die eine solche Summe
erübrigen können, sind momentan verreist und ich habe so viel von Ihrer
Liebenswürdigkeit gehört, noch ehe ich Sie kannte. Wozu sollte ich mich jetzt an
einen Fernerstehenden wenden!«
    Was sollte Krastinik tun! Er hatte zwar wahrlich keine 100 Mark als
Geschenk (denn darauf lief es ja hinaus) übrig. Aber da er standesgemäss d.h.
über seine wirklichen finanziellen Verhältnisse wohnte, geriet er natürlich
doppelt in den Verdacht gräflicher Wohlhabenheit. In einer Anwandlung falscher
Scham packte er die Hälfte der erbetenen Summe ein und sandte sie an die Adresse
Heinrichs des Vogelstellers.
    In dieser Weise war es schon geraume Zeit hergegangen. Sagusch erbat
umgehend 500 Mark, wofür er denn auch 20 Mark per Postanweisung erhielt, was er
mit schweigender Grandezza in die Tasche steckte und über solche Unwürdigkeit
kein Wort des Dankes verlor.
    Jeden Augenblick kamen reisende Schriftsteller, die entweder aus der Charité
entlassen waren oder ihre Frau dort liegen hatten (diese Angaben wechselten ab),
bei ihm angestiegen. Einer, der stark nach Schnaps roch und 3 Mark empfing,
erklärte noch in der Tür, er hätte von einem Grafen etwas Anständigeres
erwartet.
    Ein Mensch in guten Verhältnissen sollte aus Weltklugheit immer vermeiden,
mit Leuten von schlechten Verhältnissen in ein näheres Verhältnis zu kommen.
Denn abgesehen vom »Pumpen«, dem man sich unvermeidlich aussetzt, lauert dort
stets heimlicher Neid. Ideale Unterstützung wird für nichts geachtet, so sehr
man auch vorher darum bettelt und mit dem Mund dafür dankt. Auch jede indirekte
materielle Unterstützung (Verschaffung von Arbeiten und Arbeitgebern) wird
sofort vergessen. Ewig herrscht die fixe Idee, welche von einer Art Irrsinn des
Egoismus zeugt: der Unglückliche, dem man Vermögen andichtet oder der es
wirklich besitzt, sei verpflichtet, »Collegen« direkt aus seiner Tasche zu
unterstützen.
    Im Grunde befinden sich überhaupt nur Wenige in der Lage, Anderen pekuniär
unter die Arme zu greifen. Diese aber werden meist durch Verpflichtungen aller
Art vorweg mit Beschlag belegt. Nur ganz junge und unabhängige Leute können mit
gutem Gewissen solchen Anforderungen genügen.
    Wer aber die Früchte seines Fleisses, statt diese zur Weiterförderung seiner
eigenen Laufbahn zu verwenden, dem Lüderlichen und Faulen in den Rachen wirft,
scheint ein Sünder gegen sich selbst. Jeder gutmütige Mensch sammelt eine
zeitlang Erfahrungen dieser Art. Dann tritt der Rückschlag ein und jeder
Pump-Brief wird als verschleierte Erpressung aufgefasst.
    Und im litterarischen Leben läuft die Sache auch immer darauf hinaus. Eine
»Anleihe« bedeutet Anerbieten der Bestechung. Setzt sich doch das litterarische
Leben hinter den Coulissen nur aus Bestechung und Händewaschung zusammen. Daher
endeten auch die Pump-Circulare der Waffenbrüder Haubitz und Edelmann mit dem
steten Postscriptum: Sie würden sich übrigens revanchiren, indem sie in den
ihnen nahestehenden Blättern eine empfehlende Recension über den geehrten Herrn
Collegen brächten. Um jedoch ganz gerecht zu bleiben, muss zugestanden werden,
dass sie dies schöne Versprechen niemals hielten oder höchstens in Erwartung
eines neuen Darlehns. Hierin zeigte sich eben wieder ihre vornehme Gesinnung,
die unausrottbare. Tribut empfangen darf der Messias, aber andere loben - nun
und nimmermehr. Das wäre doch eine gar zu schnöde Verletzung seiner Integrität.
    Es gibt kaum etwas Trostloseres, als das Loos eines armen Aristokraten. Und
nun gar, wenn man an seine Armut nicht glaubt. Fortwährend spielt er eine
falsche Rolle.
    Auf der einen Seite verstärkt es das Ansehen und dadurch den Erfolg eines
Menschen, wenn man ihn für vermögend hält. Auf der andern Seite setzt er sich
der Gefahr aus, von Jedermann angepumpt zu werden. Entspricht er diesem
Vertrauens-Wechsel auf sein angebliches Vermögen, so begeht er einen
Leichtsinnstreich. Entspricht er ihm nicht, kommt er in den Ruf eines gemeinen
Geizhalses.
    Jetzt wurde es Krastinik innerlich klar, warum Leonhart jeden Versuch
übergrosser Familiarität, wenn ihm z.B. der Graf vertraulich über seine
Verhältnisse Aufklärungen gab, mit kühler Reservirteit ablehnte. Wenn er sonst
wohl einfach »Krastinik« gesagt, wendete er dann plötzlich die steife Redeformel
»Herr Graf« an. Krastinik begriff diesen wahren Stolz, welcher stets die äusseren
gesellschaftlichen Schranken berücksichtigte und den bekannten Anwandlungen von
Liberalismus-Verbrüderung, die grade den hochmütigsten Aristokraten oft
belieben, nur ein ablehnendes Lächeln entgegenbrachte.
 
                                      II.
Die Wirtin des »Café Liedrian« (unechter Wein und echte Mädchenbedienung) in
der Dresdenerstrasse, Helene Meyer, erwachte erst spät am Nachmittag. Sie hatte
erst um 7 Uhr Morgens ihre Champagnergäste, einen ungeschlachten Fabrikbesitzer
mit Millionärs-Allüren und einen freiherrlichen Rittmeister in Civil, gehörig
ausgerupft und nach einem Gratis-Morgencafé entlassen. Nach so schwerer Arbeit
verschlief sie denn auch den ganzen Tag.
    In ihrem Zimmer sah es immer aus, als ob Geburtstag wäre. Auf einem
Marmortisch zu Füssen des Bettes stand ein Aquarium mit Goldfischen, fünf an der
Zahl. Auf einem anderen Tisch ein Schmuckkasten aus Crystall mit allen möglichen
Schmucksachen. Und oben darauf ein fettes Marzipanschweinchen mit schnüffelnder
Schnauze. Ausserdem lagen da umher ein Carton, mit blauem Atlas gefüttert und mit
Brokatstreifen bestickt, und ein Parfümeriekasten.
    Schon lugte der nahende Abend scheu durch die Gardinen. Helene lag in jenem
Dämmerzustand da, den das Halbwachen mit sich führt. Die Goldfische, überfüttert
wie dies bei kinderlosen Familien der Fluch, aller Haustiere zu bleiben pflegt,
hatten zufällig am Morgen keine Atzung erhalten. Man hatte sie über dem vielen
Trubel vergessen. Jetzt regten sie sich, schossen unruhig hin und her. In der
lautlosen Stille hörte man deutlich ihr heisshungriges Schmatzen, so deutlich,
dass Helene aus wirrem Halbschlummer emporzuckte. Als ob dies lüsterne Schmatzen,
in dem zugleich eine Bitte und eine Mahnung lag, einen Geistergruss aus anderen
Welten bedeute. Auf seinem Todtenbette hatte ihr vor einem Jahr verstorbener
Gatte noch Zeit gefunden, sie zu erinnern: »Helen'ken, Du wirst mir doch meine
Goldfische nicht verhungern lassen?«
    Ein Schauder durchschüttelte sie, rieselte durch ihre vollblütigen Glieder.
Sie riss die Augen weit auf, streckte sich gerade aus und starrte zur Decke
empor. Ein Schatten, tiefster Verzweiflung huschte über ihre Züge hin. Dann
raffte sie sich zusammen, ergriff die vor ihrem Bette auf einem Fellteppich
liegenden Pantoffeln und schleuderte sie kräftig gegen die Tür. Das war das
Zeichen für eine ihrer Mamsells, ihr den Café ans Bett zu bringen.
    Bald darauf sass sie in ihrem eleganten Frisirmantel mit langen aufgelösten
Haaren vor dem Spiegel, goss Eau de Cologne in ihre Locken, ehe sie dieselben mit
dem Brenneisen zu kräuseln anfing, und parfümirte mit Eau de Mille Fleurs ihr
Morgenkleid. Dann kam ihr der Gedanke, ein warmes Bad zu nehmen. Andere
Gedanken, als die einer entsprechenden rationellen Körperpflege und Ernährung,
kamen ihr ja überhaupt nie. Den Rest ihrer Zeit verwandte sie auf die Toilette
ihrer schönen Seele, indem sie sämmtliche Romane einer umfangreichen
Leihbibliotek verschlang.
    Während sie noch in ihrem Badezimmer sich bewunderte und vorm Spiegel ihre
Reize in allen möglichen Stellungen besichtigte, klopfte die eine Mamsell, die
sogenannte Kneifer-Mary (Roter'schen Angedenkens), an die Tür und
benachrichtigte sie: »Madame, Ihr Freund ist da!«
    In der Tat sass Leonhart gähnend in einem Winkel und bepustete als
ironischer Blasebalg die Bierheben mit schnoddrigen Redensarten. Auf den
Wahnsinn des Kneipens »hinten« fiel er ohnehin als alter kundiger Tebaner
nirgends herein; hier aber genoss er uralte Stammgastrechte und durfte sich mit
einem bescheidenen Glase Bier begnügen. Unter den Kellnerinnen, so oft sie
wechseln mochten, fand er stets alte Bekannte. Und so vertrauten sie ihm auch
heute allerlei Klatsch. »Wahrhaftig,« dachte er, »früher stand die Kunst unter
dem Sternzeichen der Madonna, heut unter dem der litterarischen Kellnerin.«
Kneifer-Mary erzählte ihm eine grässliche Geschichte, wie sie als Backfisch ihrem
Vormund entlaufen sei, weil dieser sie habe notzüchtigen wollen. »Züchtigen -
was? Die Not hast Du zugesetzt. Man verspricht sich so leicht!« gähnte er. Mit
Hochgenuss hatte er oft bemerkt, wie sonst recht gewjetzte Leute sich fast immer
von den Rührgeschichten dieser Damen betölpeln liessen. Er kannte das Sprüchwort:
»Sie lügt wie eine H ...« Doch mit seltsamer Inconsequenz glaubte er
nichtsdestoweniger an die idealen Aspirationen seiner Freundin Frau Meyer.
    Diese Juno erschien. Ihr semitischer Astarte-Typus wirkte stets blendend
beim ersten Eindruck, zumal ihre weisse Gesichtsfarbe durch kohlschwarzes
glänzendes Haar gehoben und ihre Ueppigkeit mit geschmeidiger Eleganz gepaart
erschien. Die holde Wittwe stürzte freudig auf ihn zu und fiel ihm um den Hals.
    »Ach da bist Du ja, mein Herzblatt! Seh ich heut gut aus? Uns kann Keiner!«
    »An die Wimpern klimpern!« ergänzte Kneifer-Mary naseweis.
    Sofort wurde der Engel zur Furie. »Sie haben hier gar nichts mitzureden!«
schrie Frau Meyer heftig. »Hier rede nur Ich. Sie haben bloss zu schweigen,
verstanden?«
    »Ach, ich meinte man bloss!« Kneifer-Mary fing sofort langsam zu weinen an,
worüber Leonhart in solche Rührung geriet, dass er sich zu ihr setzte und sie
liebkoste.
    Die klassischen Juno-Züge Helenen's verzerrten sich bei diesem Anblick und
sie ging wütend in der Stube auf und ab. Dann commandirte sie mit rauher
Stimme: »Marsch fort, Sie! Bringen Sie eine Flasche Lafitte nach hinten für
meinen Freund! Und zünden Sie die Gasflammen an.«
    »Ich habe noch gar nichts dergleichen befohlen, meine Gnädige,« brummte
Leonhart verdriesslich.
    Sie fiel jedoch gierig über ihn her: »Wie hübsch er heute ist! So wie ich,
liebt Dich keine! Scheusal, wolltest Du mich eifersüchtig machen?«
    Er sah sie lächelnd an.
    Sie zwinkerte lüstern-verlegen mit den Augen. Das Böse in ihrem
Sphinx-Gesicht war es, was auf ihn so bezaubernd wirkte. In den kleinen
Schlänglein um ihren schöngeschwungenen Mund erkannte er kussgierig liebe
Wahlverwandte.
    »Zarewna!« lächelte er. Sie hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit Katarina II.
    »O mein Orloff!«
    Sie hielten sich umschlungen in zärtlichem tête-à-tête.
    »Heut hab ich gebadet,« sagte sie kokett, indem sie ihren Hals entblösste.
    »Ha, wäre ich die Welle, die Deinen Leib umschliesst!« deklamirte er in
ungesunder Brunstaufwallung. »Wahrhaftig, ich würde zur Flamme werden!«
    »Zur Flamme? Ei!« Ihr Auge funkelte. »Wenn, ich nun aber selbst die Welle
würde, die Dich umwogt! Ich würde Dich schon herunterziehen, was?« Und zur
Bekräftigung drückte sie seinen Kopf fest an ihren Busen.
    Er aber phantasirte fort: »O Sphinx! Könnt' ich doch in Dich hinüberfliessen,
mich selbst zernichten in Deiner Lebensfülle -« (»Lebensfülle ist jut!« sie
knöpfte sich sämmtliche Knöpfe ihres Mieders auf) »in wunschlosem
Gestorbensein!«
    »Wunschlosem? Oho! Das will ich nicht hoffen! Prost!« Er lachte leicht auf,
indem er mit ihr anstiess. Aber unwillkürlich durchschauerte es ihn dabei, als ob
ihm der Tod als lieber Gesell zur Seite sässe und ihm grinsend ein blutiges Glas
entgegenstrecke. Ihm wurde so nachtwandlerhaft zu Mute, als habe er all sein
Leben nur geträumt. Wie lange kannte er nun schon dies Weib! Als sie noch
»glücklich« verheiratet war, hatte er schon mit ihr eine eigentümliche
»Freundschaft« gepflegt. Greisenhafte Narretei!
    Wie Betrunkene am Abgrund vorübertaumeln - wann wird er sie beide
verschlingen?
    »Das reine Gretchen in Auerbachs Keller!« murmelte er halb gedankenlos.
    »Nanu!« Sie lehnte sich missmutig zurück. »Das ist manchmal Alles so - so
falsch bei Dir! Man weiss nicht - ich ärgere mich über Dich.«
    »Dass ich noch nicht weiter bei Dir bin, wie?« fuhr es Leonhart heraus.
    Sie sah ihn mit einem langen Blick an.
    »Du sprichst ein grosses Wort gelassen aus.«
    Sie spielte wieder ein wenig auf der weinerlichen Moll-Seite. »Ach, ich habe
doch Alles verloren mit meinem Mann. Wer kümmert sich sonst um mich!« Sie sah
ihn kokett an. »Was, Du doch etwas? Nicht? Dass Du mich liebst, dass weiss ich,
summte sie neckisch.«
    »Auf Deine Liebe.. beiss' ich,« ergänzte er und biss sie leicht in die Backe,
über welchen beissenden Scherz sie in ungebärdige Extase geriet, aber doch
Geschäftsruhe genug behielt, von wegen des eben mit dem Notenblatt eintretenden
und bei dem allzu intimen Anblick des Pärchens diskret entweichenden
Klavierspielers, eilig zu rufen: »Gieb Mozarten 50 Pfennig! - Hier, Herr
Musikdirektor!«
    In ähnlicher Weise wurden die Mamsells, die ihr Tribut-Glas holen kamen,
fortmanövrirt. Von Kneifer-Mary wusste Frau Wirtin übrigens ein famoses
Abenteuer zu erzählen.
    Sie wollte sich ausschütten vor Lachen. »Also, da kam ein Weinhändler her,
Namens Strauss, und wollte Wein bei mir verkaufen. Da wurde die kleine Mary wie
verrückt, als der Mann mit mir eine Flasche Wein trank; es war ein hübscher
Kerl. Und als ich das nun sah, sagte ich ihm, als er ging, um, wie er sagte,
eine Stunde spaziren zu gehen: Nehmen Sie doch die Kleine da mit! Das tat er
denn, weil ihm nichts andres übrig blieb, denn die Person zog gleich ihre
Mantille an. Na und als sie zurückkam, da schwärmte sie nun. Und ihm ist sie ein
Ekel. Also, was tun wir? Sagen ihr, er wäre hier gewesen, als sie fort war, und
hätte ihr ein goldenes Armband mit einem Hufeisen darauf gebracht. Da war sie
ausser sich. Und was tun wir wieder? Kaufen für 50 Pfennig im Passage-Bazar ein
Simili-Armband, finden zum Glück noch eins mit einem Hufeisen. Ich packe das nun
in eins meiner Juwelirkästchen, nehme einen Bogen Rosapapier und schreibe: Meine
süsse Maus! Und so weiter - Du kannst Dir denken. Das wird nun angeblich durch
einen Dienstmann als Paket gebracht. Na, meine Mary also wie rasend! Ist's auch
echtes Gold? sagt sie, weil das Simili natürlich keinen Glanz hatte. Ja,
Mattgold! Am andern Tage kam sie freilich, ihre Wirtin hätte gemeint, es wäre
vergoldetes Silber. Ich aber ganz empört: Nein, Fräulein, Sie sehen doch, es
kommt vom Juwelier. Da gibts nur echtes Gold. Und dann stellen wir einen Strauss
von allerlei Blümchen zusammen und schicken ihr das wieder mit einem
Rosabriefchen, unterschrieben: Dein Sträusschen. Er habe es heut nicht aushalten
können, ohne ihr einen Beweis seiner Liebe zu geben; morgen komme er. Na, die
Extase kannst Du Dir denken. Den ganzen Tag wandelte Sie herum mit verschämtem
Gesicht, wie eine Braut.«
    Die schöne Helena wieherte ordentlich vor Vergnügen und fiel Leonhart
krampfhaft um den Hals.
    »Ach, Du bist doch der beste edelste Mensch! Wenn ich mit Dir ein Stündchen
plaudere, schwebe ich wie im Himmel; bin so weggehoben über all' das dumme
Leben. Wie Du mir neulich erzählt hast, dass es so grosse Welten über uns gibt
und die Erde bloss so klein und wir wie Ameisen - ich weiss gar nicht, wie mir
dabei wurde!«
    »Originelle Zarewna!«
    »Dann bist Du mein Premierminister! Ach, Du bist doch ein abscheulicher
Mensch. Niemand würde es für möglich halten - kenne Dich schon so viele Jahre
und weiss noch immer nicht, wer Du bist. Da sind wohl ein paar mal Leute hier
gewesen, ekelhafte Gesellen, die von Dir quatschten und sich nach Dir
erkundigten - dass Du Friedrich heisst, weiss ich schon -, aber im Namen-Sagen da
waren sie Alle behutsam. Wie ist das nur möglich, dass die Leute dahinter kamen,
dass Du hierhergehst, aber ich Dich nie ausfinden konnte? Du musst schrecklich
weit von der Dresdener Strasse wohnen. Und im Schaufenster hab ich auch nie Dein
Bild gefunden ... und ich weiss bestimmt, dass Du doch ein berühmter Mann sein
musst.«
    »Gott Gerechter!« machte er spöttisch, indem er ihre semitische
Lebhaftigkeit nachäffte. »Wie soll ich sein berühmt! Ich bin einer der
obscursten Sterblichen, heisse weder Veilchental noch Aaron noch Lubliner. Und
was ich geschrieben habe, das ist bloss ein.. Coursbuch.«
    »Ach rede man nich! Bei andern Damen da wirst Du schon anders sein in der
Gesellschaft. Dir stehn ja alle Wege offen.«
    Er zuckte die Achseln.
    »Tröste Dich, mein Kind, unsere Damen haben schönere Idole als mich - mit
rotem Kragen und Epauletts. Uebrigens,« er nahm einen ärgerlichen Ton an, »lass
diese Nachforscherei! Wenn ich mich Dir entdecken will, werde ich es schon
selber tun. Und dass ich's nicht tue, zeigt doch dass ich's nicht will.«
    »Ja, glatt wie 'n Aal!«
    Sie geriet plötzlich in ein mörderliche Rage, die sie sofort an ihren,
Mamsells auszulassen wusste.
    »Hässlich sind sie alle wie die Sünde, und dabei stecken sie Bilder 'raus.
Hier bei meinem Freund besaufen sie sich und dann, wenn Gäste kommen, dann lesen
sie Bücher. Solche Mamsells sind mir noch nicht vorgekommen.«
    In diesem Augenblick aber kam die Mamsell Olga und meldete ihr was.
    »Ach so! Entschuldige mich, mein Kind! Da sind Zwei, die sich für mich
interessiren!«
    »So und da lässt Du mich sitzen? - So lebe wohl, und wenn für immer!«
    »Ach, Du kommst ja doch wieder! Und übrigens, wir haben an jedem Finger
Einen!« Sie zählte viermal ihre fünf Finger ab.
    »Was, so wenig?« - Sie lachte und entfernte sich, trällernd: »Anna, zu Dir
ist mein liebster Gang.«
    Olga, die in England Geborene mit dem merkwürdigen grossgeformten
Fuchsgesicht, die so oft mit Leonhart Sechsundsechzig gespielt, sein sogenanntes
»langsames Ideal,« versicherte ihm jetzt, sie sei ihm eigentlich auch sehr gut.
»Wir kennen uns ja schon so lange!«
    Leonhart dachte innerlich, was die Welt wohl sagen möchte, wenn sie diese
komischen Freundschaften des »grossen Dichters« erführe.
    »Edles Wesen!« sagte er gerührt. »Was macht denn Dein Verhältnis, dies gute
Schaf? Glaubt er immer noch an Dich?«
    »Ach, Sie haben ja nie geliebt. Wenn Sie wüssten wie das ist! Mein Schatz
ahnt natürlich nicht, dass ich Andere eben nehmen muss, wie das Geschäft es
fordert. Ja Mäuschen, sagte er, ich weiss wohl, dass Dir welche mal einen Kuss
nehmen. Aber Du selbst giebst doch Keinem einen? Nie, auf Wort! sage ich dann.
Wenn ich ihm die Wahrheit sagte, wär's ja für immer aus. O, dies Geschäft ist
einem zum Halse heraus!«
    
    Grade wie die Salon-Kokette ihrer Mama wohl zu beichten pflegt: »Es ist doch
jeden Abend ein anderer! Ach, wenn ich nur Einen hätte!«
    Darin sind alle Weiber gleich, dachte Leonhart. - Er sah nach der Uhr und
schauderte.
    Es ist doch eigentlich ein wahrer Skandal. Hier sitzt man nun und sauft
regelmässig für zehn Mark Wein, den die Weiber austrinken! Zehnmal macht schon
hundert Mark auf die Weise. Freilich, was ist billiger in diesem verwünschten
Berlin! Ein Ekel ergriff ihn vor seinem hartnäckigen Versimpeln in dieser
törichten Anhänglichkeit an zeit- und geldverzehrende angebliche
»Studien«-Manieren. Was ihn solche Lokale lehren konnten (tiefere Kenntnis des
weiblichen Charakters in seiner entarteten Entfesselung), hatte er doch längst
gelernt. Elende Schwäche der Gewohnheit. Aber an eben dieser Schwäche gehen
tausende junger Existenzen in Berlin zu Grunde, Studenten, Maler, Musiker. -
Selbst ein gewisser Ort war hier lebensgefährlich wegen seiner Unsauberkeit.
Alles schwamm dort durcheinander, so dass selbst die Stiefeln durchnässt wurden.
Ein scheussliches Symbol für den sonstigen moralischen Schnupfen, den man sich
holt.
    »Nicht wahr, mein Kind, wir Beide gehen ganz allein nachher eine halbe
Stunde spazieren, um uns abzukühlen?«
    
    Er bejahte, wenn sie rasch mache.
    Draussen ging das Gezanke mit den Mamsells wieder los und einige späte
Nachtgäste, die erschienen waren, um Jux zu machen, wurden ersucht sich »etwas
plötzlich« zu entfernen.
    Er hatte es satt, so lange zu warten, während sie draussen geschäftlich
herumschimpfte. Er trat daher hinaus mit Ueberzieher und Stock. Da er sie nicht
sah, wollte er schon hinuntergehn, als sie von oben mit Muff, Hut und Mantille
kam. Sie rief entrüstet: »Na, was ist das?«
    »Ich warte,« erwiderte er. »Aber bitte, sehr rasch!«
    Sie mass ihn misstrauisch und sagte unvermittelt: »Ach, Sie sind mir ein
fauler Jakob! - Nur einen Moment, dass ich Kasse mache!«
    Aber auch das dauerte endlos; ihn ergriff ein unbesieglicher Widerwille.
    »Ich muss wirklich gehn,« sagte er plötzlich.
    »Gut, dann machen Sie, dass Sie fortkommen,« entfuhr es ihr.
    Er verbeugte sich kalt. »Ich danke für die gnädige Entlassung,« drehte sich
auf den Hacken um und ging.
    »Das war neulich von Dir ein gemeiner Zug! Mich da im Pelz stehn lassen.«
    »I, so lange zu warten hatt' ich weder Zeit noch Lust.«
    »Da sieht man, wie Du mich liebst! Aber auch gar nicht!«
    »Oho, ich liebe Dich fürchterlich!«
    »Fürchterlich - das ist schon nichts, das ist Ironie. Du kommst mal alle
acht Tage und denkst: Willst mal zu der Frau 'raufgehn und mit ihr eine Flasche
Wein trinken. Das ist ganz gemütlich. Aber Liebe! Liebe für mich allein!«
    Er sah sie fest an und sagte ruhig:
    »Warum liebst Du mich denn?«
    Sie geriet wieder in Extase und fiel ihm um den Hals: »Wie reizend das
wieder herauskam! - Warum! ich Dich liebe? Erstens, weil ich Dir ganze Nächte
lang zuhören könnte, wenn Du erzählst - zweitens, weil Du so schöne Augen hast -
und drittens, weil Du anständig bist.«
    »Na ja!« Er küsste sie. - »Ich muss Dir ja das Küssen beibringen. Das
verstehst Du nicht.«
    »Aber ich lass mich gern küssen.«
    »Oho, das klingt verdächtig.«
    »Wie, hast Du schon je gesehn, dass ich mich küssen liess?«
    »Nein, ich hab's nicht gesehn, das ist eben das Schlimme,« brummte er
ironisch.
    »O Du!« Sie presste ihn innig an sich. »Riech mal!«
    Damit drückte sie sein Haupt an ihren üppigen Busen, wie sie das mit
wohlberechneter Absicht zu tun liebte.
    »Ach wie berauschend!« gähnte er, den Parfüm einsaugend.
    »Wenn wir erst verheiratet sind, berausche ich Dich noch anders.«
    Sie küsste ihn glühend ab.
    »Na, nur zu! Ich bin bereit, Sphinx.«
    Er lächelte neckisch, weil er wusste, dass ihn das gut kleidete. Richtig
quietschte sie auch: »O die Grübchen!« und stellte sich wie bezaubert, indem sie
jedoch »auf den Schreck« Glas auf Glas hinunterstürzte und ihn ebenfalls
animirte. »Denn wie Du weisst, mein Schatz, Liebe ist Liebe und Geschäft ist
Geschäft.« So verschwanden die Flaschen natürlich eilig genug, da ja die wackern
Mamsells regelmässig ihr Teil erst einschenkten und wegtrugen - als Preis für
das Alleinlassen des Pärchens. Sie wurde ihm heut so langweilig mit ihrem
Erzählen von ihren schweren Träumen und schlaflosen Nächten, und von den vielen
gemeinen Insinuationen, die man an sie richte (das »kräftige junge Weib, das
etwas bedürfe«), und von den Geschenken und Nachstellungen ihrer Anbeter, - dass
er sich gähnend erhob und bald das Weite suchte, von ihr die Treppe halb hinab
verfolgt. Als er nach acht Tagen wieder erschien, war sie nicht sichtbar,
sondern fröhnte im hintern Zimmer dem Champagner mit irgend einem Verehrer. Als
er nach wenigen Minuten ging, rauschte sie heraus, ihm nach, in einem schwarzen
Atlaskleid mit hochgeröteten Wangen. Er kniff das eine Auge zu, zeigte auf die
bewussten Wangen und sagte »O!«
    »Julitz war heut göttlich!« rief sie mit affectirter Absichtlichkeit, indem
sie den Kopf junonisch zurückwarf kund ihn fest anblickte. Hoffte sie etwa, dass
ihm das eifersüchtigen Aerger errege? Er verbeugte sich lächelnd, küsste ihre
Hand und sprach väterlich: »Julitze nur weiter, Kind. Meinen Segen hast Du.«
    »Wir müssen doch auch 'was für die Unsterblichkeit tun!«
    Es war spät und kein Gast mehr anwesend, als er nach etwa zehn Tagen kurz
vor 11 Uhr wieder vorsprach. Sobald sie ihn erblickte, schoss sie mit einem
kleinen Aufschrei auf ihn zu. - -
    »Neulich sah ich Dich auf der Strasse mit einem Andern zusammengehn. Du
bemerktest mich auch und fast mich nicht gegrüsst. Ich dachte, Du würdest hinter
mir herkommen ... aber nichts. Siehst Du, sagte ich zu meiner Schwester, das ist
meine verschmähte Liebe.«
    Er stellte das natürlich in Abrede. »Ach, rede man ich. Wohl hast Du mich
gesehn. Neulich auch glaubte ich Dich vor einem Bilderladen zu sehn ... ich trat
an den Herrn heran, der Dir ähnlich sah ... da sah ich erst, er war lange nicht
so hübsch wie Du. Ach, das ist den bei mir so eine Tollheit im Kopf: Ich sehe
Dich überall, ich glaube Dich überall zu treffen und hinterher als ein Andrer.«
    Sie erzählte dann eine Geschichte von ihrem Edelmut, wie sie Unter den
Linden einem überfahrenen alten Arbeiter die Droschke zum Nachhausefahren
bezahlt. »Ja, die Reichen haben kein Herz, nur die Armen.«
    Sie hatte ihm anfangs - sie blieben vorn, da hinten noch Weingäste sassen -
gegenübergesessen, indem sie ihn ernstforschend betrachtete und die Beine bequem
übereinanderschlug. Da er aber ihren Fuss dabei emporgehoben und geküsst hatte,
sprang sie auf »dafür bekommst Du einen ordentlichen« und gab ihm einen Kuss, dass
man es bis hinten hörte. »Ach was soll ich mich geniren! Mögen sie alle reden
was sie wollen!« Damit setzte sie sich ihm auf den Schoss und liess ihren Gefühlen
freien Lauf.
    »Erzähl mir wieder 'was Interessantes! Du weisst ja alles, alles!« Sie
plauderten lang und breit und sie hörte ihm stets mit gespanntester
Aufmerksamkeit zu.
    Als Olga einmal an den Tisch kam, nahm sie zufällig Leonharts Handschuhe
auf, die auf dem Tisch lagen. dabei blieb ihr Auge plötzlich wie gebannt hängen.
Aergerlich steckte er sie in die Tasche, ohne sich etwas dabei zu denken. - In
ihrem Liebestaumel blieben beide bis zwei Uhr zusammen und sie selber geleitete
ihn hinaus. - Als er nach Hause schritt, kam ihm ein plötzlicher Argwohn. Unter
der nächsten Laterne prüfte er seine Handschuhe. Er wollte seinen Augen nicht
trauen: da stand gross und breit sein Name! Die Waschanstalt hatte ihn beim
Waschen hineingeschrieben und er hatte nichts davon bemerkt! - »Nun gut, wir
wollen sehn« dachte er.
    »Neulich hast Du gesagt,« hob sie an, »wir gehörten alle zum Tierreich.
Dann frage ich mich nur, wozu es dann so viele furchtbar kluge Köpfe gibt - wie
z.B. Dein Köppken da, Du!«
    »Siehst Du, das hast Du wieder gar nicht verstanden, mein Kind. Nämlich,
entwickelt aus dem Tierreich als höhere Gattung werden wir doch ewig bleiben,
selbst wenn wir alle tierischen Functionen, als da sind: Essen, Trinken, Schlaf
und Beischlaf« (sie lachte auf und steckte den Finger in den Mund, indem sie ihn
lüstern anschielte), »völlig abwerfen könnten ...«
    »Glaubst Du denn wirklich, dass das geschehen könnte?« unterbrach sie ihn
hastig. »Ach, das wäre gar nicht schön. - Ja, was hat man denn sonst vom Leben?«
Sie richtete sich straff auf und sah ihn funkelnden begehrlichen Auges an.
    »Oho, da haben wir wieder den ollen knuftigen Weltschmerz!« lachte er auf.
»Na, den vertreibe ich Dir, wenn wir erst verheiratet sind.«
    »Wie er das sagt!« Sie fiel ihm um den Hals. »Ach, das wird ein Leben!
Morgens stehn wir auf, trinken Kakau und« betonte sie mit Wichtigkeit »nichts
dazu. Dann zweites Frühstück: Rührei mit Schnittlauch oder Sardellenbrötchen.
Dann essen wir zu Mittag - ach, ein Spargelgemüse zum Beispiel -«
    Er lachte unbändig. »Nein, diese Essphantasie!«
    »Nun ja,« schmollte sie. »Ich muss Dir doch angeben, wie ich Dich pflegen
will. Denn was soll denn sonst,« flüsterte sie ihm schelmisch ins Ohr, »aus der
Nacht werden? Am Nachmittag liest Du mir wundervolle Bücher vor. Und dann gehn
wir gleich nach dem Essen zu Bett ... schon um zehn.« dabei fiel sie ihm an die
Brust und drückte sich fest an ihn an.
    »Ach!« seufzte er mit ironisch übertriebener Affektation. »Wär's schon so
weit!«
    »Ja, das möchtest Du wohl gleich! ... Aber auf vier Wochen, nicht? O ich
kenne Dich Bösewicht!«
    »O nein,« sagte er, indem er sie glühend umarmte. »Ich liebe Dich wirklich.«
    »Wahr und wirklich?« fragte sie schwimmenden Auges. »Sag' mal, wieviele hast
Du geküsst seit vorigen Montag?«
    Er sann nach. »Ich will mal genau nachdenken ... keine.«
    »Keine? O!« Sie umschloss ihn mit beiden Armen in einem Paroxysmus der
Leidenschaft. »O so komm doch, heirate mich! Worum die Andern mich anbetteln,
darum flehe ich Dich an. Reise mit mir fort, aus der ganzen Welt fort, an den
Genfer See. Dort schaffst Du Deine wunderbaren Werke und ich setze mich zu
Deinen Füssen und höre Dir zu ...«
    »Meine wunderbaren Werke!« Es schmeichelte ihm aber doch. »Ach, die gibt's
gar nicht! Ich schreibe ein Coursbuch.«
    »Du mit Deiner dummen Ironie! Ja wohl schreibst Du sie.« Sie holte einen
Augenblick tief Atem und ein tiefernster Ausdruck glitt über ihre Züge. »Ich
habe alles verloren, alles, Mann, Geliebter und Freund. Alles was ich dachte,
hab' ich mit meinem Mann geteilt. Und wenn man nun Niemanden mehr hat, dem man
sich vertrauen kann und so isolirt lebt wie ich ... Vater, Mutter, Schwester -
das ist alles nichts, die verstehen mich alle nicht. Und Freundschaft - pah! Das
ist alles nur Falschheit, Neid, nichts andres. Man darf Keinem trauen.«
    »Sehr richtig,« sagte Leonhart ruhig, »die einzige wirkliche Freundschaft
ist die zwischen Mann und Weib.«
    »Ja,« rief sie, »Dir, Dir möcht ich mich ganz vertrauen. O Deine treuen
blauen Augen! So süss, so ... Wenn Du kommst, dann bin ich selig. Merkst Du
nicht, wie meine Augen dann leuchten? Mit Dir plaudre ich ganz wie mit ... als
wärst Du mein bester Freund. Und nicht wahr, Du wirst mich nie verraten, Du
wirst immer lieb zu mir sein?«
    Das schöne Weib brach in Tränen aus und schmiegte sich an ihn, als wäre er
ein Rettungsanker in allgemeinem Schiffbruch. Er beruhigte sie durch
Liebkosungen und trocknete ihre Tränen mit seinen Küssen.
    »Heut seh' ich schlecht aus, nicht?« fuhr sie plötzlich auf, und mit
weiblicher Logik abspringend, erzählte er dann, wie sie beim Photographen
gewesen sei und dieser ihr empfohlen habe, eine Partie ihres Halses zu zeigen.
Sie knöpfte dabei ihr Kleid oben auf, schlug den Sammetkragen hoch und zeigte,
wie. »Mir war's ganz ungewohnt. Denn mein seliger Mann erlaubte nie, dass ich
decolletirt ging. - Wenn wir Beide nächsten Winter zum Maskenball gehn, wie Du
mir versprachst (nicht wahr, wir tun es doch?« Er nickte), »dann geh ich
decolletirt. Denn dem Mann gehört Alles.«
    »Ich bin aber noch nicht Dein Mann.«
    »Das tut nichts. Du machst eine Ausnahme. Ach was heiraten! Man schafft
sich einen guten Freund an. Ja, Du natürlich ... ei, sieh mal her!« Sie knöpfte
blitzschnell ihre Taille auf und entblösste die schneeweissen wogenden Hügel. »Wie
gefall ich Dir?«
    ...es war still, kein Gast im Lokal ... Vorn hörte man nur die Mamsells beim
Dominospielen miteinander zanken ... sie waren so ganz allein ...
                            Aus Leonhart's Tagebuch.
    Ich verachte einen Mann, zumal einen jungen Mann, der sich nicht eines
Weibes wegen wie ein Narr oder ein Geistesgestörter benehmen kann. - So
Aehnliches bemerkt Tackeray wiederholt in seinen Romanen, er, der feinste
Menschenkenner der neueren Zeit. Im »Pendennis« findet sich eine schöne Stelle,
wo der stolze knorrige Warrington dem jungen Pendennis seine Bekanntschaft
anträgt. Als der freudig Erstaunte ihn später fragt, wie er zu dieser
Auszeichnung komme, erwidert der ältere lebensgereifte Mann: er habe von der
Jugendtollheit des jungen Herrn vernommen, wie er eine Schauspielerin, eine
abgefeimte Kokette, durchaus heiraten wollte und mit Mühe vor diesem Wahnsinn
bewahrt wurde. Das sei ihm das Merkmal einer tüchtigen Natur gewesen. - Tiefste
Seelenkenntniss liegt in dieser Bemerkung.
    Es scheint ein leicht begreifliches Naturgesetz, dass ideale und zugleich
leidenschaftliche Naturen sich mit Vorliebe in rohe und gemein denkende Weiber
verlieben. Der Fond ihrer idealisirenden Liebeskraft ist so gross, dass
ebenbürtige und würdige Ideale nicht genügenden Stoff für diesen Überfluss von
Gefühl und Hingebung bieten würden. Wie wäre sonst die wahnsinnige Leidenschaft
genialer und grosser Männer für so geringfügige oder verächtliche Liebesobjecte
zu erklären!
    Die erotische Begierde macht zwar manchmal Feige zu Helden, Faulpelze zu
Fleissigen, und so fort. Aber viel häufiger tritt der Fall ein, dass sie, selbst
wenn sie nebenbei zu höchster Anspannung aller Fähigkeiten reizt, den Charakter
von Grund aus vergiftet und verschlechtert. Sie macht Verschwiegene indiscret,
Wahrheitsliebende verlogen, Nobeldenkende brutal und boshaft. Sie verwirrt den
Sinn für Pflicht und Recht, sie raubt jedes Gefühl der Selbstachtung und Würde.
»Aus Klugen macht Toren die mächtige Liebe« heisst es schon in der älteren Edda.
    Nichts ist erbarmungswilliger, als einen edeln und ritterlichen Mann, der
sich danach eine Eva zum Fall verlocken liess, hinterher aus der Taumel zur
Nüchternheit erwachen zu sehn. »Und er erkannte, dass er nackt war.« Die Wut
gegen den früher begehrten oder besessenen Gegenstand gährt dann derartig, dass
sich der Groll sogar in indiscreter Rohheit Luft macht. Man rächt seine eigne
Verblendung und stachelnde Reue an dem früheren Idol, das doch im Grunde stets
denselben Wert oder Unwert besass.
    Nur in uns selbst liegt die Schönheit und das Begehrenswerte der Begierde.
Die Seele will aus sich selbst heraus und fiebert einer Afterschöpfung, einem
schöneren Etwas, entgegen, das in Wahrheit gar nirgends existirt als im Hirn des
Liebenden. - Wo liegt Anfang und Ende einer starken Leidenschaft, wenn sie
plötzlich über Nacht aus äusseren Anlässen erlöschen kann! Man begreift
vollkommen, wie diese oder jene Leidenschaft entstehen, wachsen, sich ausrasen
konnte. Man begreift sogar alle Torheiten und Narrheiten, zu denen sie
veranlasste; man würde vielleicht in ähnlichem Falle ebenso handeln. Wie aber ist
es möglich, dass eine allesverschlingende wahnsinnige Liebe plötzlich, in sich
selbst verzehrt, erlöschen kann - auch ohne dass sie volle Befriedigung gefunden?
Schwache Naturen allerdings mögen in einer Art temporären Irrsinns daran zu
Grunde gehn. Starke hingegen, und wenn sie bis zur äussersten Grenze gegangen,
können plötzlich sich ein Ziel setzen, ohne sonderliche Willensanstrengung. Die
Begierde erlischt einfach, auch ohne Sättigung, auch ohne zwingende Umstände -
falls sie störend in den sonstigen Lebenszweck eingreift. Auch dann, wenn der
Minnekranke fest entschlossen war, sein Ich dem Du zu opfern. »Alles hat seine
Zeit,« sagt der Prediger. Aber die Flut und Ebbe des Gefühls hat, so natürlich
sie scheint, doch etwas Rätselhaftes. Bah, kommt mir nicht mit patetischen
Phrasen - es gibt keine Liebe, sei sie die reinste und selbstaufopferndste, die
ein gewisses Stadium überdauert. Oder sie ist bereits eine ernstliche Affection
des Gehirns.
    Ich habe einen lieben Freund. Ich warnte diesen vor einer gewissen
anrüchigen Dame. Er nahm sehr ernstlich ihre Partei und schimpfte über die
Klatschsucht der Welt. Hinterher erfuhr ich aus unumstösslichen logischen
Tatsachen, dass er - er ist sehr verheiratet - mit dieser gefälligen Dame ein
flüchtiges sinnliches Verhältnis gehabt. Neulich setzte er sich hin und
unterhielt mich wiederum von der Tugend einer anderen Dame, zu welcher die ganze
Welt, weil er's ein wenig öffentlich trieb, ihm nahe Beziehungen unterschob. Er
erzählte mir ganz unmögliche Tugendhaftigkeiten, wie sie in Romanen der
»Gartenlaube« vorkommen könnten, - alles mit dem Bestreben, das gewisse Weib in
meinen Augen zu heben und dadurch die Existenz einer intimen platonischen
Freundschaft mit derselben plausibel zu machen. Wie ein stummes Bild des
Glaubens faltete ich andachtsvoll die Hände. Aber es imponirte mir doch. Das
heisst gehandelt wie ein Kavalier.
 
                                      III.
»Wissen Sie was, schreiben Sie uns einen Messerschneide-Artikel! Etwas gegen
Boulanger, wissen Sie.«
    »Weswegen?«
    »Was für eine Frage! Es liegt im Interesse des Blatts.«
    »Möglich. Aber ob in meinem Interesse?«
    »Herr Doctor, ich bin erstaunt..«
    »Und ich erst! Gott, seien wir doch keine Kinder! Die Hauptsache dabei (ich
will ja den Artikel gern schreiben) ist die: Was - nützt - es mir?«
    »Aber das hätte ich nie von Ihnen gedacht! So wenig Eifer! Natürlich werden
wir Ihnen den Artikel sehr hoch berechnen.«
    »50 Pfennig pro Zeile?« höhnte Kratzental. »Nein, alter Freund. Da fällt
mir ein: Warum schreiben Sie denn den Artikel nicht?«
    »Ach!« Kössel kratzte sich hinter den Ohren. »Das ist eine sehr sehr prekäre
wichtige Affaire. Das kann nur eine ganz gewiegte Feder - wie die Ihre, Herr
Doctor Kratzental.«
    »Ach zu gute« schnaufte dieser durch die Nase. »Sie wiegen mein gewiegte
Feder in sanfte Illusionen«. Mit einem Wort, er sprang plötzlich auf, »Sie
selbst fürchten sich den Artikel zu verbrechen und wollen einen stillen
Compagnon dazu. Ich wittere Unrat. Holla, der Bankier Hollmann!« Kratzental
brach in ein wieherndes Gelächter aus, schlug seinem Chef auf die Schulter und
grinste: »Spekulirt auf Baisse! - All right! 100 Mark pro Zeile - 100 Zeilen
Umfang - macht 10000 Mark - dann schreibe ich ihn, den Messerschneide-Artikel.«
    Nämlich im Sinn all der früheren Messerschneidungen, welche fast jedes Blatt
wie eine Art monatlicher Excremente von sich gibt.
    Solche Schauderaffaire erzählte Schmoller dem staunenden Leonhart, als er
mit diesem das Zeitungszimmer des Café Bauer durchstöberte, ob sie nicht Beide
wieder irgendwo beschimpft worden seien. Er hatte angeblich diese Scene
belauscht, als er die Redaction eines grossen Blattes heimsuchte. Dann erzählte
er noch, wie plötzlich ein schrecklicher Skandal dort losgebrochen sei, da die
Gattin des Chefredacteurs Kössel, eine frühere Köchin, diesem grade wie
gewöhnlich ihren allabendlichen Gardinenpredigt-Besuch auf der Redaction
abgestattet habe. - Dieser professionelle Verfolger der Bosheit sog sich
freilich solche Geschichten oft rein aus den Fingern. So galt es ihm diesmal,
das bekannte Verhältnis von Börse und Presse in ein Spässchen zu bringen. Allein,
es schien nicht so bös gemeint, wie es klang. Aus Klatsch, Nichtigkeit und
Jämmerlichkeit setzt sich ja das unselige Leben des Berufsschriftstellers
zusammen und als einzige Rache bleibt ihm die böse Zunge. Jedermanns Hand ist
wider ihn drum ist seine Hand wider Jedermann. Verzweiflung lachte aus
Schmoller's Verleumdungsmanie. Das Unberechenbare war hier nie das
Unentschuldbare. Grade wie Leonhart fühlte er sich dämonisch zum Geifern
getrieben.
    »Kratzental platzt noch vor Gift, wie die Ratte in ihrem Loch. Kössel sagte
mir mal, man müsse die ewige Wut Kratzentals nur bedauern, da sie von
Hämorrhoiden herrühre.«
    »Das ist keine Entschuldigung. Aber ich kann mir nicht helfen: obschon er
mein Todfeind, halte ich ihn für einen Ehrenmann,« versetzte Leonhart ruhig.
    »Ehrenmann - ach Du bist doch immer der Alte!« knurrte Schmoller. »Wie hat
der Mensch sich immer ruppig gegen Dich benommen!«
    »Das tangirt aber nicht seine sonstige Ehrenhaftigkeit. Denn dass er meine
Recensionsexemplare andauernd todtschweigt und dem Antiquar verkloppt, diese
Naivetät teilt er ja mit allen Pressbengeln. Er ist mutig und unabhängig,
erinnert mich immer an einen Dachshund - bissig und brav.«
    »Ja, die Beine hat er sich krumm gelaufen wie ein Teckel - das stimmt.
Übrigens sind sie alle toute même chose! Jeder Redacteur schiesst Probepfeile
eingebildeter Willkühr, ob nun von liberalem oder conservativem Göttersitz! Da
ist mir doch die Schwefelsäure der Berliner Tagesstimme noch lieber, als dieser
salzlose Ohnmachtgeifer!«
    »Ist er eigentlich ein getaufter Jude?«
    »Und ob! Drei Juden in eins! Darum belfert er ja auch soviel gegen jüdische
Gesinnung, um seine Abkunft vom Mühlendamm zu verdecken.«
    »So 'was ist mir allerdings doppelt widerlich.« Leonhart runzelte die Stirn.
»Ich kenne ungetaufte Ehrenmänner. Für getaufte grüne Judenjungen, die ihre
Stammesgenossen begeifern, sollte man aber eine Extrarute parat halten. - Doch
wie gesagt, ich glaube, wir beurteilen Kratzental ganz falsch. Grade weil er
ein ewiger Krakehler ist, halte ich ihn für einen ehrlichen Kerl. Allerdings
leidet er als neuer Lessing an hochgradigem Grössenwahn.« Wer litte zwar nicht
daran! dachte er heimlich. - Darin freilich kamen Beide überein, dass die
conservative Presse der fortschrittlichen ganz würdig sei, »dass sie alle Beide
stinken.« Unparteilichkeit? wie heisst?!
    »Sieh da, Federigo, Du hier?« tönte eine Stimme neben ihm.
    »Ei, Holbach, und was treibst Du hier?«
    »Komm doch an unsern Tisch - Kasimir Pakosch ist hier!« Holbach lud mit
seiner üblichen gewinnenden Liebenswürdigkeit ein, so dass Schmoller und Leonhart
bald einem bleichen Herrn mit genialisch zerwühltem Haarwuchs gegenübersassen. Er
trug einen schwarzen Sammetrock und einen weissen Hut mit Schleier, sowie Hosen
von weissem Kaschmir. Ausserdem lehnte er sich auf einen schwarzen Stock mit
breitem Silberknopf, dem das Lasalle'sche Motto eingravirt: »J'attendrai mon
temps.« Er bedurfte dieser Stütze seines jungen Greisenalters, da er hinkte.
Ueber dies Hinken verbreitete er zwar, er sei bei Mars la Tour verwundet;
Böswillige schrieben es jedoch ganz andern Ursachen zu.
    Dies war der berühmte Kasimir Pakosch, der Regenerator der deutschen
Zukunftsbühne. Leonhart kannte ihn bis ins Mark seiner Herzensschöne von dem
Tage her, wo er sich ihm gemeldet, um die Hauptrolle seines Festspiels »Sedan«
zu spielen, welches von einem »Dramatischen Verein« aufgeführt wurde. Dieser
unglaubliche Scherz des hinkenden Dichters fand seine Erklärung in dem Umstand,
dass gleich darauf Pakosch's dämonische Weltschmerztragödie »Der Mulatte« in
Berlin aufgeführt wurde und er durch diesen Coup die scharfe Kritikerfeder
Leonharts lahm legen wollte.
    »Ach, mein teurer Herr Leonor!« grüsste huldvoll der grosse Mann. »Und was
macht Ihr Drama Der Wärwolf, von dem Sie mir einst erzählten? Wird es denn
endlich mal aufgeführt?« Diese boshafte Teilnahme erbitterte den Andern
dermassen, dass er anzüglich erwiderte:
    »Ach nein! Da sind überall solche Streber, die ihre Stücke von Hamburg bis
Frankfurt und München zum Schrecken des Publikums anbringen, weil sie mit den
Teaterregisseuren unter einer Decke spielen und den sogenannten Künstlerinnen
Gedichte und Bouquets widmen. Man weiss ja, wie so 'was gemacht wird. Ja, und
weil Sie sich nach meinem Drama so gütig erkundigen -: was macht Ihre Frau
Gemahlin? Das muss ja doch immer unsere erste Frage an Sie, verehrter College,
sein.«
    Pakosch errötete leicht, weil er die Beleidigung wohl empfand. Seine Frau,
eine morphiumsüchtige Lady Macbet, welche er nebst einer Villa von dem früheren
geschiedenen Gatten (ein kleiner gemeiner Ehebruch lag vor) zum Geschenk
genommen hatte, besorgte nämlich all seine litterarischen Geschäfte. War er bloss
dünkelhaft bis zum Exzess, so raste sie einfach vor Grössenwahn, so dass sie
zeitweilig in einer Maison de santé sich beruhigen musste. Sogar der milde
Holbach (der freilich für die kleinsten Gebrechen seiner Nebenmenschen ein
scharfes Auge und hinterm Rücken eine gar böse Zunge hatte, falls einer mal
nicht seinen egoistischen Zwecken dienen wollte) entrüstete sich, als ihm Frau
Pakosch einst einen herablassenden Brief schrieb: »Solche Oberflächlichkeiten
wie Sie, lieber Freund, über das letzte Buch meines grossen Gatten, darf man an
meinen Mann überhaupt nicht schreiben!«..
    Tiefgekränkt und rachedürstend schob Pakosch eine Rose aus seinem Knopfloch
und reichte sie Leonhart: »Danke für die Nachfrage! Da, mein lieber Leonor,
riechen Sie! Da können Sie ja später sagen, dass Sie mit Kasimir Pakosch an einer
Rose gerochen haben!!«
    »O ich Seeliger! Nennen Sie mich nicht immer Leonor, mein Guter! Ich heisse
Leonhart - Leon, der Löwe und hart - leicht zu behalten.« Leonhart empfahl sich,
indem er eine Einladung zur Eröffnung eines neuen stilvollen Bierrestaurants
vorwies. »Was wolltest Du mit dem Dolche, sprich?« rief Schmoller. »Da bin ich
ja auch eingeladen, wie sich's gebührt. Ich wollt' es diesem Bierjungen auch
geraten haben! Ein Lokal eröffnen ohne mich, den Spezialkenner Berlins, hoho!
Nie ohne dieses! Ich sage Dir, vor mir zittern Verleger und Bierverleger.« - -
    In dem fürchterlich altdeutsch eingerichteten Restaurant trug sogar die
Buffetdame ein altdeutsches Mieder mit Puffen und alles roch nach süffiger
Lebenslust, als ob die Herbarien blauer Blümelein von all den Fahrenden Sängern
hier auf dem Altar des Vaterlandes niedergelegt seien. Die beiden Dioskuren
trafen einige jüdische Teaterfabrikanten, deren schwammiges Gesicht an ihre
Rückseite der Medaille erinnerte. Man ass und trank sich satt und schimpfte dabei
als Kenner über den Grössenwahn der modernen Bierpaläste. Dann hob Aaronsohn an,
über die schändlichen Wahlwühlereien der Conservativen zu jammern. »Jotte doch!«
fuhr ihm aber Leonhart in die Parade. »Gewühlt wird auf beiden Seiten! Wir sind
doch keine Kinder!« - Bald darauf schwang sich der grosse Witzbold Lerchenheim zu
der Behauptung empor, Wien sei die sittlichste Stadt im Vergleich zu Berlin. Es
errege im »Sperl« ordentlich Aufsehen, wenn Einer dort Champagner bestelle und
der wachtabende Commissär beauftrage die Weiber dann, ja aufzupassen: Das müsse
ein Verbrecher sein. - Die eigentliche Presse hatte sich in einer Hinterstube
versammelt. Zur Feier des Wahlsieges liess man die ganze fortschrittliche Presse
bei der Einladung aus und nur die Crême der Conservativen zu. Schmoller und
Leonhart hiess man als Urgermanen beim Prüfen des »Stoffes« willkommen.
    »Meine Herren,« hub der Ehrenpräses an, »ich commandire einen Salamander.
Wie uns dies Getränk bayrischen Ursprungs so recht von Herzen schmeckt, sollten
wir gedenken an die Gemeinschaft unserer süd- und norddeutschen Stämme. Und wem
verdanken wir alles das? Sr. Durchlaucht dem Fürsten Reichskanzler, dem Kenner
des deutschen Bieres, sei dieser Krug geweiht! Er lebe hoch!«
    Ein donnerndes Vivat. Einer zog sich bereits den Rock aus, um gemütlicher
bärenhäutern zu können: Tibitz, der antisemitische Witzbold, einer der bravsten
und darum bestverleumdetsten Männer. Er erzählte soeben in seiner jovialen Art
auf plattdeutsch die Mär von »Christofer Clambumbus«, dem Entdecker von Amerika.
Bei solchem Salzwasser-Latein wird man halt durstig. Nachdem man dann noch
darüber debattirt, dass man ein Internationales Weltblatt gründen wolle, trennte
man sich mit einem schneidigen Abschiedsschoppen auf einen »frischen fröhlichen
Krieg«. Der Ehrenpräses, ein ehrwürdiger homo obscurus, Peter v.
Schnapphahnitzkoy (in engerem Freundeskreis als zartsinniger lyrischer
Frauenlob, sonst als malitiöse Schlangenzunge und Anonymus a.D. geschätzt),
musste ledeir per Droschke lallend nach Hause gebracht werden - wie sich's für
einen christlichritterlichen Redacteur gebührt.
    Schmoller und Leonhart wankten endlich noch in einen benachbarten
ur-bajuvarischen Keller. Dort stärkten sie sich mit einem Teller Radi sowie
etlichen »Knickebeinen« und schwuren sich nochmals ewige Waffenbrüderschaft mit
schon klein werdenden Aeugelein und bierseliger Stimme. Im Laufe der Erreignisse
beteuerte Schmoller den nächstliegenden Gästen der Schänke, dass vor seinem
neuen Roman, in welchem er alle seine persönlichen Feinde durchhecheln wolle,
bereits halb Berlin zittere.
    »Ich habe noch nischt jemerkt,« brummte der Wirt.
    Darob ergrimmte Schmoller in seinem Leibe und schrie: »Was, Sie! Sie wollen
mich wohl uhzen? Sie dummer Bierjunge, he? Ich bringe Sie auch in meinen Roman.
Dann werden Sie das Zittern schon lernen.«
    Er kam aber an den Unrechten. Denn der würdige Bierpapst hatte selbst
Mehreres über den Durst getrunken. »Was, Sie fauler Kopp wollen mir das Gruseln
lehren?« brüllte er. »Zittern Se draussen! Wem's hier nicht gefallen tut, der
kann schieben! Sie müssen 'raus, Sie! Des is hier nich! Also, meine Herrn, der
Zimmermann hat ein Loch gelassen.« Leonhart fürchtete für seinen Freund. Dieser,
als Sohn eines Kölnischen Weinküfers mit rheinischer Grossschneuzigkeit behaftet,
verdiente zwar an sich nicht den Geruch bramarbasirender Feigheit, in dem er
stand. Aber seine zerrütteten Nerven schraken leicht zurück.
    »Herr, sehen Sie, wie ich bebe vor Erregung!« grollte Schmoller, indem er
seinen Cylinder aufsetzte. »Schweigen Sie, sag ich Ihnen, oder ich haue.«
    »Was!!!« Der Wirt holte kräftig aus und schwippschwapp sass eine Ohrfeige.
»Bange machen gilt nich. Da haben Sie, was Sie verdienen, und nun schreiben Sie
man darüber ein Kapitel in Ihren ollen Roman.«
    Es entstand natürlich ein allgemeiner »Radau« und die beiden grossen Männer
wurden langsam hinausgedrängelt. Leonhart fasste den Wirt am Kragen und rüttelte
ihn gehörig. Schmoller aber knöpfte sich den dicken Havelok zu, sah käsebleich
aus und meinte sodann mit einem süsslichen Lächeln: »Es traf ja nur den Hut! -
Wenn ich wollte - sehn Sie diese Arme! Ich war Schmied! Komm, Leonhart,
verachten wir die Bande!« Beide schüttelten den Staub von ihren Füssen und wurden
mit einem wohlgemeinten Schubs endgültig hinausgeworfen. Leonhart schritt sehr
schweigsam fürbass, während Schmoller eifrig weiter perorirte.
    »Haha!« lachte er auf, »hast Du gesehn, Leon, wie ich den Kerl an der Brust
fasste und hin- und herrüttelte? Ich sage Dir, er bebte wie Espenlaub! Nun,
lieber Freund, Du kennst mich ja! In mir steckt so ein Stück
Elementar-Naturmensch. Ich musste an mich halten, ich musste! Dank' Dir auch, dass
Du mich gehalten hast, - sonst wäre ein Unglück passirt!!«
    Leonhart konnte keine andere Antwort, als ein verwegenes Räuspern, finden.
Die Phantasie seines edlen Freundes ging wieder zügellos mit diesem durch.
    »Es wird noch eine Marmortafel dort angebracht werden, wo wir Beide gesessen
haben!« rief der grosse Autor in tiefer sittlicher Empörung. »Lebewohl, mein
Freund, und verachte die Welt wie ich. Man muss Philosoph sein! Du ärgerst Dich
noch zu viel.«
    Tiefgekränkt schritt er von dannen, wie er tiefgekränkt jeden Morgen
erwachte.
 
                                 Zehntes Buch.
                                       I.
Der grosse Saal des Architektenhauses füllte sich bis auf den letzten Platz, um
die angekündigte Vorlesung Friedrich Leonhardts »zum Besten des
Unterstützungsfonds der Berliner Presse« zu geniessen. Schon aus Neugierde, wegen
des vorlockenden Titels. Sämmtliche litterarische und persönliche Feinde des
Dichters (sie belegten schon allein die Hälfte der Plätze) erschienen vollzählig
und marschirten gleichsam in Gala auf. Man bemerkte den Doktor Drechsel-Caballo,
der heute seinen Spitznamen »Richard Löwenmähne« (nicht: Löwenherz) durch
wütendes Schütteln seiner olympischen Locken betätigte, und die Nachstotterer
der »Tagesstimme«, wie sie eifrig Contra-Stimmung machten.
    Leonhart trat auf. Er war sehr bleich und der Frack stand ihm schlecht. Er
begann mit etwas belegter Stimme, die sich aber allmählich zu sonorem Dröhnen
steigerte.
              Grössenwahn des Militarismus und der Schulmeisterei.
    Nicht gegen den Offizierstand wende ich mich, sondern nur gegen die
Ueberhebung desselben und vor allem gegen eine Anschauung, welche den Krieg als
naturnotwendiges Ideal der sittlichen Weltordnung und den Kriegerstand daher
gleichsam als eine geweihte Priesterschaft der Weltgeschichtsentwicklung feiert.
Wenn z.B. Herr v.d. Goltz-Pascha in seiner bekannten Schrift den Offizier nur
mit dem »Dichter und Künstler« vergleichen will, so übersteigt diese
Selbstvergötterung eben das zulässige Mass.
    In letzter Zeit sind nun Brochüren erschienen, welche den »Kriegsgedanken
und die Volkserziehung« behandeln. Wir verhehlen nicht, dass wir sie mit einer
gewissen, steigenden Entrüstung gelesen haben. Der Grössenwahn des Militarismus
entpuppt sich hier wieder einmal mit erschreckender Offenheit.
    Es ist ja an sich ganz löblich, wenn man seinen speziellen Beruf am höchsten
stellt. Ludwig Feuerbach sagt in seiner »Philosophie des Christentums« sogar
irgendwo, dass diese Einseitigkeit ein notwendiges Erfordernis des menschlichen
Denkvermögens sei. Am höchsten stehen daher diejenigen Geistesrichtungen, welche
die umfassendsten und wenigst einseitigen ihrem Wesen nach sein müssen: Poesie
und Philosophie. Wenn sich denselben technische Künste, Musik, Malerei u.s.w.
ebenbürtig zur Seite stellen möchten, so bleibt dieser harmlose Grössenwahn ohne
schädliche Folgen und gleichsam in der Familie, obgleich er die in Deutschland
grassirende Ehrfurchtslosigkeit vor der Dichtung natürlich verstärken hilft.
Aehnlich steht es mit der Ueberhebung der exakten Naturwissenschaften. Jedoch
dies sind alles nur teoretische Fragen, die wenig ins praktische Leben
einschneiden. Anders aber liegt der Fall, wenn ein bestimmter Stand mit
dünkelhaftem Kastengeist sich über alle andern erheben will, wie dies ein altes
Vorrecht des Kriegerstandes ist. So lange die Welt im Altertum und Mittelalter
wesentlich auf dem Kriegszustande fusste, mochte dies angehen. Heut aber in der
neuesten Zeit darf dies natürlich auf die Dauer nur dann möglich beiben, wenn es
gelingt, die Soldateska mit einem Schleier des Idealismus zu umweben und sie
auch geistig als führendes Element hinzustellen. Dies ist denn auch der Zweck
der vorliegenden Schrift.
    Der Dichterknabe Chatterton hat das berüchtigte Wort gesprochen, dass er den
Intellekt eines Mannes gering achte, der nicht zugleich von zwei
entgegengesetzten Seiten her ein Tema behandeln könne. So wollen wir denn
wahrlich nicht mit den einseitigen Sophismen ins Gericht gehen, mit denen man
einer an sich möglichst unidealen Tatsache die idealsten Seiten abzugewinnen
sucht.
    Man beginnt dabei mit Ausfällen gegen die Schwärmereien der Friedensliga von
einem »ewigen Frieden«. Es ist stets das sicherste Mittel, das denkfaule
Philistertum für sich einzunehmen, wenn man die Gegner als unpraktische
Idealisten hinstellt. Nun sind aber alle ideal schöpferischen Geister stets
eminent positiv angelegt, wie denn z.B. zu einem grossen Dichter der
durchdringendste, schärfste Verstand und realistische Weltkenntnis gehören.
Vermöge dieser überlegenen Verstandeskräfte sind solche wahren »Idealisten«
daher befähigt, die komische Ideologie der Utilitarier, den Fanatismus der
Materialisten, zu durchschauen. So sagt Goete das treffende Wort über den
grossen Anti-Ideologen Napoleon: »Er, der ganz in der Idee lebte, konnte sie doch
im Bewusstsein nicht erfassen; er leugnet alles Ideelle durchaus und spricht ihm
jede Wirklichkeit ab, indessen er es eifrig zu verwirklichen trachtet.« Und wenn
auch dieser Satz nicht auf unsre Militairpropheten passt, so werden wir doch
daran erinnert, wenn sie umgekehrt die spasshafte Absicht verraten, dem
Roh-Realistischen das Ideelle unterzuschieben.
    Zuvörderst stellen all diese Gesinnungsgenossen die Teorie vom »ewigen
Krieg« auf, die sich angeblich auf Darwins »Kampf ums Dasein« stützen soll. Nun
ist es keine Frage, dass in den Urzeiten der sogenannte »Kampf ums Dasein« mit
dem Kriegszustand identisch war. Gleichwohl wurde derselbe bereits in jenen
barbarischen Epochen als ein schweres Uebel angesehen und die Söhne Kains
spielen neben den friedlichen Nachkommen Sets durchaus keine gefeierte Rolle.
Die gesammte Kulturentwicklung läuft aber einfach darauf hinaus, den Kampf ums
Dasein zu mildern und vor allem aus dem Bereich der rohen Gewalt zu rücken. Die
Geschichte der Civilisation ist einfach die Geschichte der zunehmenden
Waffenabschaffung. Sogar im Kriege selbst ist die roheste Form des Kampfes, das
Handgemenge, wo persönliche Stärke entscheidet, fast auf den Aussterbeetat
gesetzt. Wie wenig man übrigens selbst in der Urzeit das Waffenhandwerk als
etwas allgemein Gültiges betrachtete, geht hervor aus dem Bestehen der
abgeschlossenen Kriegerkasten. Ein Ueberbleibsel derselben scheint es, wenn bis
ins vorige Jahrhundert der Mann aus den besseren Ständen den Degen an der Seite
trug. Seit hundert Jahren ist auch dieser schwache symbolische Ueberrest
verschwunden.
    Wenn nun die Milderung des »Kampfes ums Dasein« Hauptziel aller
Kulturbestrebungen ist und wenn eine solche Milderung in fortschreitender
Progression in der Tat ersichtlich wird, so scheint die Möglichkeit eines
»ewigen Friedens« nicht absolut ausgeschlossen, da die roheste Form des
Daseinkampfes, der Krieg, auch am leichtesten zu beseitigen ist. Ob aber »ewiger
Krieg« oder »ewiger Frieden« der Menschheit bevorsteht, ist ja nicht zu
beweisen, da nur die Erfahrung, es lehren kann. Fürs erste sind beides hohles
Phrasen. Die Wahrscheinlichkeit spricht aber gewiss eher für den »ewigen
Frieden«. Um dessen Unmöglichkeit zu folgern, berufen sich die so hochidealen
Kriegsfanatiker auf die Schlechtigkeit der Menschennatur. Sie vergessen dabei,
dass nicht nur die edeln, sondern ebenso die niederen Regungen gegen den Krieg
stimmen, da dem allmächtigen Egoismus und Eudämonismus die Kriegsmühsal gewiss
nicht als ein Wünschenswertes erscheint. Der Krieg ist nicht identisch mit dem
»Kampf ums Dasein« und der Krieg ist keine Notwendigkeit der sittlichen
Weltordnung, der »ewige Krieg« ein Fabelpopanz und der Krieg in jedem Fall ein
Uebel. Letzteres geben die Militäridealisten mit verschämter Salbung natürlich
allerorten zu. Denn der Avancier-Wunsch des Leutnants scheint doch wirklich kein
ausschlaggebendes Moment für Bejahung der Kriegsnützlichkeit!
    Aber die Kriegsentusiasten schwingen sich nun sofort wieder auf den Koturn
des Ideals, indem sie eine Art persischer Religion proklamiren, den ewigen Kampf
von Ormuz und Ahriman, - um den Kampf an sich als aller Dinge Herrlichstes zu
preisen. Wir befinden uns in der angenehmen Lage, dasselbe philosophische
Lebensprinzip zu hegen und auch öfters schriftlich ausgeführt zu haben. Nun
möchten wir aber fragen, all die angeklebten Tiraden über Stählung des
Kampfmutes, Verweichlichung u.s.w. lächelnd übergehend: was das wohl mit dem
Krieg zu tun habe? »Denn ich bin ein Mensch gewesen und das heisst ein Kämpfer
sein« - so war's gemeint, als Zoroaster seine herrliche Kampflehre schuf. An den
Krieg hat er sicher nicht gedacht, denn das hiesse Kampf von Ahriman gegen
Ahriman, das hiesse den Teufel vertreiben durch Beelzebub. Der wahre ernste
Kampf, der schwerste und mutvollste Kampf, von dem allein die Entwicklung der
Menschheit abhängt, ist der Kampf mit den Dämonen der Welt und der eigenen
Brust. Dagegen ist der Kampf der Waffen ein erbärmlicher Tand, eine
komödiantische Aufregung, des wahren sittlichen Ernstes bar.
    Es ist eigentlich albern, solche Selbstverständlichkeiten noch zu erwähnen.
Der Kampf ums Dasein selbst im bürgerlichen Leben erfordert hundertmal mehr
Energie und sittlichen Mut, als der frivole oder rein physische Schlachtenmut.
Auch die Bestie ist tapfer in diesem Sinn; aber wenn sie mal nichts zu fressen
hat, dann winselt sie. Man müsste es nicht nur als sittliche, sondern erst recht
als intellektuelle Unreife beklagen, wenn die Abneigung gegen Krieg und
Soldatenspielen, gegen welche Verfasser polemisirt, nicht bei einem modernen
Bürger vorhanden wäre. Möge sich der rote Kragen an der Verehrung der Knaben
und Weiber genügen lassen.
    Wenn nun alle idealen Redensarten nichts gegen die schlichte Logik der
Vernunft verfangen und der Krieg, seines idealen Schimmers entkleidet, als ein
trauriges, wenn auch momentan notwendiges Antikultur-Uebel erscheint, so fällt
natürlich eine übertrieben hohe Auffassung des Soldatenstandes in Nichts
zusammen. Es soll keinen Augenblick bestritten werden, dass der Krieg die
edelsten Gefühle der Menschenseele ausbilden kann, natürlich ebenso die
allerniedrigsten. Traurig genug, dass gutmütige und in gerechter Sache kämpfende
Soldaten sich in der Erregung den tollsten Exzessen hingeben können. Das Alles
aber gilt für den Krieg nur wie für jedes andere aussergewöhnliche Ereignis, das
mit Gefahr verbunden ist. Was aber - fragen wir hier wieder - hat der Krieg mit
der Ueberhebung des Offizierstandes zu tun?! Denn nur darum handelt sich's bei
dieser Broschüre und vielen ähnlichen! Der Krieg selbst wird ja auch nur
gleichsam als pièce de résistance im Hintergrunde weihevoll verwertet; der
wahre Zweck ist bloss der, die übertriebenen Achtungsansprüche des Offiziers in
Friedenszeiten zu begründen.
    Heut bei der allgemeinen Wehrpflicht ist ja selbst dieses wunderherrliche
Institut der sittlichen Weltordnung, »Krieg« genannt, den priesterlichen Händen
einer speziellen Kriegerkaste entwunden - wenigstens was die Gefahr, diese so
wundersam sittlichende Gefahr, anbelangt: dies höchste sittliche Gut teilt der
Offizier brüderlich mit jedem waffenfähigen Bürger, um für sich hernach bloss das
minderwertige schnöd materielle Gut etwaiger Dotationen und Auszeichnungen zu
behalten.
    Diese grossartige Selbstverleugnung, diese freigebige Humanität im Teilen
der Sittlichkeitsmomente des Krieges, damit selbst der Geringste derselben
teilhaftig werde, muss man um so höher schätzen, als sich ja der Offizier auch
ohne den »Kriegsgedanken« um die »Volkserziehung« so unendliche Verdienste
erwirbt. Wenigstens ist laut unserm gelehrten Verfasser der Leutnant der wahre
Erzieher des deutschen Volkes, während unsere ganze sonstige Erziehung
ungenügend und schädlich wirkt. Den letzteren Teil seiner Prämissen mag ich
durchaus nicht befehden. Der deutsche Schulmeister leidet eben an dem gleichen
Unfehlbarkeitsdünkel wie der »militärische Erzieher« und es scheint daher nur
ergötzlich, wenn der Letztere durch seine gewichtige Autorität die Feinde des
bestehenden Erziehungssystems verstärkt. Diese Frage interessirt uns ja aber
hier nicht, sondern nur die, welcher moralische Nutzen denn eigentlich durch die
militärische Erziehung, d.h. die allgemeine Wehrpflicht, bewirkt wird. Es ist
mindestens zweifelhaft, ob die dreijährige (in Frankreich noch längere)
Entziehung der besten physischen Kräfte aus dem eigentlichen produktiven Kampf
ums Dasein nationalökonomisch günstig zu nennen sei. Es ist zweifelhaft, ob
wirklich eine Kräftigung der physischen Gesundheit durch das »Dienen« erzeugt
wird, die im Verhältnis zu dem enormen Zeit- und Müheaufwand steht. Vermutlich
würden Arbeiten in frischer Luft oder Reisen oder Sport in einem Viertel der
Zeit hier wohltätiger wirken, da die tausend ungesunden Nebendinge des
Kasernenlebens, sowie die Ueberanstrengung und die fortwährende Unruhe oder gar
Angst sehr störende Beigaben des Soldatenlebens scheinen. Turn-, Fecht- und
Schiessklubs dürfen Gewandteit und Handhabung der Waffen vielleicht leichter
lehren, als die Hudelung des Unteroffiziers es bewerkstelligen kann.
    Doch halt, alle Unannehmlichkeiten des Soldatenleben sollen ja eben den
Charakter stählen. Den Charakter! Kann man von Charakter überhaupt noch reden,
wo die Grundlage jeder Charakterfestigung, nämlich freier Entschluss und eigene
Initiative, von vornherein ausgeschlossen sind? Der »Dienst« soll die grosse
Tugend des Gehorsams einpflanzen. Nun unterschätze ich diese Tugend nicht. Alle
Vereinigungen, heissen sie nun Staat, Heer, Privatverein, können sich nur halten
durch Gehorsam gegen das Höhere, den allgemeinen Zweck. Dieser Gehorsam aber ist
das legitime Kind des freien Willens, der freien Erkenntnis, während der vom
Militär geforderte Gehorsam der des Sklaven ist. Würde dieser Gehorsam wirklich
als unauslöschliche Tugend durch die allgemeine Wehrpflicht eingeimpft, so
könnte dies nur widerliche und traurige Folgen haben. Ein solcher Gehorsam fügt
sich in keiner Hinsicht dem modernen Bürgerleben ein; er wird dort nicht
verlangt und wäre nur vom Uebel. Nur im sogenannten »Staatsdienst« kann er von
Nutzen sein und wirklich blühen ja Streberei und Knechtssinn dort täglich
herrlicher auf. Diese hohe Tugendlehre der militärischen Erziehung mag daher
einem Absolutisten erhaben, einem modernen Menschen aber muss sie als
verächtliche Untugend erscheinen.
    Ich leugne auch, dass diese zweifelhafte »Subordination« (die nur im
Armeewesen Berechtigung hat) irgend Jemandem für sein späteres Civilverhältniss
eingeprägt werde. Die Naturen sind eben verschieden. Der grösste Militär
(Napoleon) hat direkt gesagt: Nach seinen Erfahrungen sei der Satz »Wer
herrschen will, der muss erst dienen lernen,« barer Unsinn. Gerade die, welche
nie und nirgends Unterordnung verstünden, würden sich um so besser auf's
Gebieten verstehen.
    Vergeblich wird man daher freien, selbstständigen und initiativen Naturen
(ich meine hier natürlich keine Herrschernaturen, sondern überhaupt alle
energischen Impulsiven) blinden Gehorsam predigen. Wer den militärischen
Gehorsam aus der Dienstpflicht ins Leben nachschleppt, war einfach so angelegt
und bedurfte einer solchen Erziehung gar nicht. Die Majorität der Menschheit
besteht eben schon aus Lakaienseelen, diensteifrigen Naturen, Stimmvieh.
    Vor geraumer Zeit machte der Fall viel Aufsehen, dass vier Landwehrmänner bei
einem Manöver sich geweigert hatten, in einem Viehwagen transportirt zu werden,
darob an den Kaiser ein Beschwerdetelegramm richteten und dafür zu vielen Jahren
Zuchtaus verurteilt wurden. Die Höhe des Strafmasses mag zu hart gewesen sein;
aber das Mordsgeschrei, das die liberalen Blätter darüber erhoben, war
unberechtigt. Eine so beispiellose Dreistigkeit, wegen einer solchen Lapalie die
Vorgesetzten beim obersten Kriegsherrn per Telegramm zu verklagen, verdiente
exemplarische Züchtigung. Es liegt hier sogar eine Unverschämteit vom rein
menschlichen Standpunkte aus vor. Eine andere Frage ist es freilich, ob der
betreffende Offizier, falls er wirklich etwas Gesetzwidriges - z.B. körperliche
Misshandlung - begangen hätte, ebenfalls wegen Ungehorsams gegen das
Militärgesetz ähnlich hart bestraft worden wäre. Ich fürchte fast, hier hätte
die Antwort gelautet: Ja Bauer, das ist ganz was anders! - Jedenfalls aber zeigt
die blosse Möglichkeit eines solchen naiven Aufbegehrens seitens vier beliebiger
preussischer Landwehrleute, wie wenig der Sinn sklavischer Unterwürfigkeit - als
»Gehorsam« ein notwendiges berechtigtes Militärgebot - im späteren Civilisten
wurzeln bleibt. So sind sie nun mal, die modernen Menschen! Vom
Militär-Standpunkte aus, der die Menschheit als eine Masse zu drillender
Rekruten betrachtet, ist das beklagenswert, aber leider unabänderlich!
    Die weiteren segensreichen Einflüsse des »Dienens« machen sich bemerkbar in
einer allgemeinen Zufahrigkeit und verstärkter Brutalität in den unteren
Schichten, wie denn seit dem Kriege die Verbrechen gegen das Leben, das
Messerstechen, die Roheit der Balgereien sich rapide steigerten. Bei den höheren
Ständen (Einjährig-Freiwilliger, Reserveoffizier, d.h. ein Geschöpf mit den
Pflichten ohne die Rechte des Offiziers) bleibt eine vermehrte Vorliebe für
alles Aeusserliche, Schein, Etikette und alles überreizte falsche Point d'honneur
-Gefühl zurück. Das sind die logischen Folgen - weiter nichts. Durch diesen
Geschmack am Aeusserlichen wird oft für lange Zeit der wahre Ernst zur Arbeit
untergraben. Die aus der Dienstpflicht Zurückkehrenden, seien sie Gelehrte oder
Bauer, müssen sich erst mit Anstrengungen wieder an ihren wahren Beruf gewöhnen,
aus dem sie plötzlich herausgerissen sind. Natürlich sind unsere geschätzten
Militärpädagogen harmlos genug, den Hauptwert der Erziehung auf
Berücksichtigung der individuellen ursprünglichen Eigenschaften zu legen. Kann
man sich das Lachen verbeissen, wenn man, einige Sätze des deutschen
Ausbildungs-Reglements citirend, ernstlich davon redet, dass die Militärerziehung
auf dies wichtigste Moment Rücksicht nehme?! Das ist des Spasses, und der -
Selbsttäuschung genug!
    Ja, sehr richtig heisst es in den Vorschriften der Militärerziehungsmetode:
»Eine äussere, wesentlich nur durch Uebungen im Ganzen erzielte Zusammenfügung
der Truppe wird bei unerwarteten Ereignissen nicht vorhalten und die Disziplin
nur dann ein festes dauerndes Band für das Ganze abgeben, wenn sie auf dem
Bewusstsein basirt, dass im Ernstfall der Erfolg von der Erhaltung des durch den
Führer geleiteten Zusammenwirkens abhängt.« Das sind goldene Worte und Erfahrung
bestätigt sie.
    Die preussische Armee von 1806 besass ein treffliches Offizierkorps in den
subalternen Chargen und eine wohlgedrillte Armee, die mit ihrer veralteten
Lineartaktik so lange wacker schlug, bis die elende Oberleitung jeden Widerstand
gegen den besser geführten Feind unnütz machte. Hätte sie aber jene innere
Einsicht, jenes feste dauernde Band des bewussten Zusammenwirkens besessen, so
wäre von einer so beispiellosen Auflösung des gesammten Heergefüges keine Rede
gewesen.
    Im Befreiungskriege aber leistete nachher die preussische Armee Unerhörtes,
trotzdem sie zum grössten Teil aus Landwehren und das Offizierkorps der Linie
wesentlich aus denselben Elementen bestand, die früher bei Jena so schlecht
bestanden hatten. Die französischen Truppen mit ihren Veteranenoffizieren waren
technisch überlegen. Aber diesmal war die preussische Oberleitung eine glänzende,
und das innige moralische Zusammenwirken der Gemeinen und Offiziere ergab sich
aus dem gleichmässig alle durchlohenden Patriotismus.
    Es ist also immer der moralische Faktor, die Idee, die siegt - falls sie nur
einigermassen praktisch unterstützt wird. Wie aber soll in gewöhnlichen
Zeitläuften durch Militärerziehung dies moralische Element erzielt werden, da
weder Offiziere noch Unteroffiziere darauf ausgehen, sich die Liebe ihrer
Untergebenen zu erringen?
    Nach dieser Teorie würden ja die Chancen des nächsten deutsch-französischen
Krieges ungünstig für uns stehen. Denn wie 1870 die technisch ebenbürtige,
besser bewaffnete Streitmacht Frankreichs zertrümmert wurde, weil man ein
einmütiges Zusammenwirken der Deutschen durch begeisterte Vaterlandsliebe
erreichte - so scheinen die Franzosen diesmal diejenigen, welche ein einmütiges
bestimmtes Ziel haben, während in Deutschland kein Mensch einen ersehnbaren
Wunsch und Zweck dabei im Auge hat. Aus diesem Grunde siegen ja oft schlecht
bewaffnete ungeübte Haufen in Revolutionskriegen über die ältesten Truppen. Denn
wer siegen will und das Leben für nichts achtet, der muss siegen. Diesen Geist
kann aber wahrlich keine Erziehung und am wenigsten die militärische, wie sie
bei uns getrieben wird, erzeugen!
    Wir haben aber oben noch einen andern Punkt berührt, wir sprachen von der
Oberleitung. Und da ergibt sich denn für den Kundigen wiederum die
Lächerlichkeit des Offiziersdünkels an sich. Denn nicht die Tüchtigkeit des
Offizierskorps entscheidet im Kriege, sondern lediglich die geistige
Beschaffenheit des Oberkommandos. Mit schlechten Truppen und Offizieren siegt
ein guter Feldherr über gute Truppen und Offiziere unter einem schlechten
Feldherrn. Das ist beinahe selbstverständlich.
    In Anerkennung dieser Tatsache gehen die heutigen Offiziere sogar so weit,
dass sie schon die blosse Energie ohne Talent im Oberbefehl für genügend achten,
mit schlechten Truppen Gewaltiges zu leisten. Sie verehren Gambetta, dessen
Organisationstalent einfach auf rücksichtslos durchgreifende Brutalität sich
beschränkt. Goltz und York erklären geradezu, Gambetta habe in seiner Art
wenigstens die Hälfte eines grossen Feldherrn repräsentirt - Gambetta, der
prahlende Charlatan, der schwatzhafte Advokat, dem notorisch selbst die
Anfangsgründe militärischen Wissens fehlten, der nicht mal ein Dilettant,
sondern ein einfacher Laie genannt werden muss! So leicht ist es nach Ansicht von
Fachmilitärs, ein genügend grosser Heerführer eines grossen Volkes zu werden,
falls man nur überhaupt über das Durchschnittsmass der Intellekte hinwegragt! Wie
viele Gambettas unter Parlamentarien verborgen schlummern, die nur der Zufall
nicht begünstigt - wer weiss es!
    Wirklich meint ja auch Carlyle, dass im Grunde alles wahre Genie eins und
unteilbar sei, dass Shakespeare der grösste Staatsmann, Burns der grösste Redner
und Reformer u.s.w. geworden wären. Und jedenfalls steht fest, dass die wenigen
grossen Feldherrn, welche uns die Geschichte zeigt - Cäsar, Napoleon, Cromwell,
Friedrich der Grosse, - nicht durch Selbstbestimmung, sondern durch die Gewalt
der Umstände Feldherrn wurden und in allen möglichen andern Gebieten sich
zugleich versuchten, wie denn nach Napoleons und Friedrichs Vorgange auch unser
Moltke stark litterarische Neigungen aufweist. Alle grossen Feldherrn, ohne jede
Ausnahme, wurden grosse Feldherrn, weil sie überhaupt grosse Männer waren, und
jeder bildete sich selbst ohne alle Schule durch eigene Denktätigkeit und
Initiative zum Feldherrn aus. Die »militärische Erziehung« hat also auf das
wichtigste Moment des militärischen Erfolges: die Feldherrnerzeugung, nicht den
geringsten Einfluss. Sie könnte hier höchstens schädlich wirken, da ihr
Grundprinzip, das Nivelliren, die Eigenart niederdrückt und das Prinzip der
geduldigen Unterordnung, des Avancements nach Anciennität, das Aufkommen des
Genies ohnehin hindert. Daher sind Revolutionszeiten (siehe die französische
Revolution, den amerikanischen Befreiungskrieg und später den Secessionskrieg)
die wahren Pflanzstätten militärischer Begabung, während die berühmte
»militärische Erziehung« nur entweder Teoretiker oder Gamaschenhelden erzeugen
kann.
    Wir fragen also nochmals zum Schluss: hat der Grössenwahn des neudeutschen
Militarismus das Recht, sich mit solcher Wichtigtuerei als Hauptfaktor der
Volkserziehung aufzuspielen? Wir antworten mit einem kräftigen: Nein.
    Das Soldatentum ist auf lange Zeit hin ein notwendiges Uebel und wir
nehmen den Offizier mit stiller Resignation als ein unabänderliches Utensil der
sittlichen Weltordnung mit in den Kauf. Doch dem Offizier zu den grossen äussern
Vorrechten seiner Stellung auch noch ein ideales Piedestal zu errichten - diese
Zumutung lehnen wir ruhig, aber entschieden ab.
    Leonhart machte hier eine kurze Pause, trank ruhig ein Glas Wasser, indem er
seinen Blick gleichmütig über die offenbar missgestimmte, sich räuspernde und
unruhige Versammlung hingleiten liess und fuhr fort:
    Wer seine Nation verachtet und das Fremde vergöttert, wie der Deutsche es
früher tat, verdient, dass er gar kein Vaterland habe. Wer hingegen seine Nation
plötzlich als Ausbund aller Tugenden feiert, wie das jetzt nach dem Muster der
Franzosen und Engländer in Deutschland beliebt wird, mag für seine Torheit
selber büssen. Denn nicht Patriotismus ist der Grund solch chauvinistischen
Selbstgefühls, sondern jene uranfängliche Philisterfaulheit, die sich in dem
Unrat ihrer eignen Dummheit ganz behaglich fühlt. Es lebe die Bärenhaut! Alle
Institutionen Deutschlands sind musterhaft. Wer dagegen schwatzt, ist ein
Skandalmacher. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht.
    Ueber die zwei Cardinallaster, die zwei Hauptpuppen des speciell preussischen
Grössenwahns möchte ich hier ein wenig unehrerbietig freveln.
    Es ist schon gut gesagt worden, angesichts der unglaublichen Phrase, die an
Phantastik eines V. Hugo würdig: »Der Schulmeister hat die Schlachten von
Königgrätz und Sedan gewonnen« -: »Larifari, der Unteroffizier hat sie
gewonnen.«
    Ja wohl, das klingt wenigstens nach gesundem Menschenverstand. Und dennoch
ist auch dies eine ganz vague Behauptung, die sich ins Unendliche fortsetzen
liesse. Denn sicher war es weit mehr die gewandte und umsichtige Führung der
Offiziere selbst, sodann die Leitung des Generalstabs, die allgemeine
vortreffliche Ausrüstung der Armee; endlich der Wille der Vorsehung, die das zu
erstrebende Ziel längst vorgesteckt hatte. »Den Zufall gibt die Vorsehung«,
bemerkt Marquis Posa, »zum Zwecke« - muss halt der Mensch dabei sein. Und da
helfen z.B. im Kriege Unteroffiziere und Offiziere durchaus nichts, falls nicht
die angeborene Tüchtigkeit und Energie und Tapferkeit des Soldatenmenschen, des
sogenannten »Kerls«, dahinter sitzt. Jeder, der ein wenig mit militairischen
Dingen vertraut ist, wird wissen, dass die ewig neu erhobene Behauptung jedes
Reservisten: er habe genau die Hälfte seiner drei Jahre rein für Nichts
vertrödeln müssen, ja das Alles in weniger als einem Jahr lernen können, - stets
belächelnswert bleibt, da ja interne Kasernenfragen und Commiss-Gewohnheiten
gerade die drei Jahre vom Mark und Schweiss des Bürgers bedingen. Mit weniger
wird halt die Drehung des regelrechten Zopfes nicht erreicht, der dem ganzen
modernen Heerwesen noch immer im Nacken baumelt. Kann man mit einem Jahr
Ausbildung einen Gemeinen erzielen, der vor dem Feind seinen Mann steht? - O
pah, dazu braucht's nur eines Halbjahrs - wie bei den Einjährig-Freiwilligen,
die ja ihr zweites Gefreiter-Halbjahr auch eigentlich nicht brauchten. Im Grunde
taugen sogar auch die eben erst Eingezogenen dazu, wenn sie nur von gutem Geist
beseelt sind.
    Aber, mein Verehrtester, was gilt das uns? Wir wollen nicht gute
Vaterlandsverteidiger, wir wollen Soldaten mit allem Gamaschen-Zubehör. Wir
spielen halt gern Soldätles und dazu brauchen wir drei Jahre.
    Sehr gut. Wer kann einen so rührenden Geschmack anfechten! Spielt ihr nur
fort - aber wie? Die allgemeine Dienstpflicht ist es, d.h. das Vaterland und
Volk ist es, mit dem ihr zu spielen wagt? »Patriotische Pflichterfüllung« nennt
ihr es, wenn dem Vaterlande der ungeheuerste Verlust in national-ökonomischer
Hinsicht dadurch erwächst, dass man die besten Kräfte in der schönsten Zeit für
Parade-Exercitien vergeudet?
    So kauft euch eine Söldner-Armee. Dies aber erinnert an den hessischen
Menschenverkauf. Denn nur mit dem, den man gekauft hat, darf man wie mit einem
Heloten wirtschaften - freilich tut's im bürgerlichen Leben kein anständiger
Mensch.
    Die fortwährend zunehmenden Unteroffizier-Prozesse, welche die
monstruösesten Details entüllen, die Selbstmord-Epidemie unter den Gemeinen,
weil sie »die ewige Angst und grausame Behandlung nicht mehr ertragen könnten«,
haben denn doch in letzter Zeit nicht nur in gebildeten Kreisen und in der
Presse einen Sturm der Entrüstung entfesselt, sondern sogar in Offizierkreisen
haben sich die ernstesten Bedenken geäussert, ob dieser Eckpfeiler des
Preussentums, der Unteroffizier, noch länger als eine solche Bestie zu dulden
sei. Man hat sogar aus den Garde-Dragonern zwei Wachtmeister, welche es bis 2000
Taler pro Jahr an Bestechungen brachten (dort dienen nur die reichsten
Freiwilligen), endlich ausgestossen. Aber der dreijährige Missetäter an Leib und
Seele des armen Rekruten wird noch lange seinen Unfug treiben und, das leicht
erlernbare Pensum eines halben Jahres endlos durch tausend Mätzchen hindehnend,
den ohnehin beschränkten Bauern das Lernen redlich erschweren. Bei dem
intelligenten Freiwilligen wirkt er freilich nicht direkt verderblich, weil
derselbe das Pensum ohnehin in ein paar Wochen übersieht. »Der Rest« seiner
Dienstzeit »ist Schweigen« - und zwar in wörtlicher Beziehung, nämlich
»Maulhalten« vor'm Vorgesetzten. Ausserdem ganz nutzlose Strapazen erdulden, wohl
auch vier Wochen im Lazaret liegen, und zahllose Brutalitäten hinnehmen. Das
ist die Ueberfracht von elf Monaten, ausser dem einen, der ihn im Kriegsfall als
durchgebildeten Soldaten vor den Feind gebracht hätte.
    Mit einem Worte, der wahre Nutzen der dreijährigen Dienstpflicht besteht in
der Ausbildung der Dulderfähigkeit des Menschen. Wer das überstanden, kann Alles
überstehn. Der Soldat hat gelernt, wie schwer und sauer das menschliche Leben
gemacht werden kann. Das ist schon ein grosser Vorzug vom etischen Standpunkt
aus. Und unsere Moralisten des »kategorischen Imperativs« lobpreisen diesen
erhabenen Zweck hinter'm warmen Ofen mit sinnigem Behagen.
    Aber seltsam! Der heimkehrende Reservist, der drei kostbare Jahre seines
Lebens dem Erlernen dieser spartanischen Moral geopfert hat, zeigt sich in der
nächsten Zeit nach seiner Entlassung nicht pflichteifriger, sondern weit
arbeitsunlustiger wie früher: Er hat für die Gewerbe des bürgerlichen Lebens,
also für seinen Beruf und Unterhalt den Geschmack verloren. Sogar bei den
Einjährigen zeigt sich nach übereinstimmenden Aussagen nach ihrem Zurücktritt
ins Civil zuerst eine unüberwindliche Arbeitsscheu und Hang zum Bummeln. Ganz
auffallend aber ist die durchgängige Verrohung der Sitten, Gewalttätigkeit und
Brutalität in Wort und Tat, bei dem sonst ruhigen Charakter des Deutschen,
welche nach jedem Krieg in der Masse, nach jedem Erfüllen der Dienstpflicht bei
den Reservisten hervortrit. Begreiflich! In welcher moralischen Sphäre hat der
Soldat sich so lange bewegt! Rechtes Arbeiten, d.h. geistiges oder
handwerkliches, hat er total verlernt. Dafür ist er gewöhnt, auf lauter
Aeusserliches zu achten, und empfindliches Ehrgefühl als gar nicht vorhanden
anzusehen, da die pöbelhafte Rohheit in Worten und Taten seine tägliche
Umgangs-Nahrung war. Während der Krieg selbst die männlichsten und hehrsten
Gefühle und zugleich alles Bestialische der Menschennatur erweckt, impft der
Soldatendienst im Frieden der Seele nur die schändlichsten Empfindungen und
Gesinnungen ein: Knechtssinn, mit all seinen Abzweigungen (allerdings eine
würdige Vorbereitung für manche amtliche Abstumpfung des Ehrgefühls),
Gleichgültigkeit gegen das physische und moralische Kränken des Nebenmenschen,
allgemeine Brutalität der Gesinnung. - Verzeihe man diese erneute Betonung des
schon früher Gesagten!
    Der Vertreter dieser herrlichen Schule echtdeutscher Gesinnung ist eben der
Unteroffizier, dieser erlauchte Zuchtmeister und Erzieher von Gottes Gnaden -
dieser rohe, freche, knechtische Charakter der zugleich in unsere reine,
preussische Luft den moskowitischen Wohlgeruch einer staatlich tolerirten, groben
Bestechlichkeit hineinträgt. Wahrlich, ein staunenswertes Denkmal unserer
Triumphe!
    Sollen sich diese von Jedermann privatim vertretenen, aber aus guten Gründen
öffentlich nur in flagranten Fällen von Rohheit besprochenen Ansichten etwa
gegen die allgemeine Dienstpflicht richten? Mit Nichten. Es wäre komisch, so
lange Europa sich in Waffen gegenübersteht, daran rütteln zu wollen. Die stets
mit jeder neuen Session neu auftretenden Forderungen der Liberalen zielen
einfach auf gänzliche Reducirung der Dienstzeit hin, bis dieselbe auf das
gebührende Mass von Bürger-Aufopferung herabgeschraubt werden wird - d.h. auf die
Hälfte der bisherigen. Vor allem aber wird und soll einmal Ernst gemacht werden
gegen den unerhörten Schandfleck der Armee, gegen das in ein unzerbrechliches
System gebrachte Unteroffiziertum. Denn nicht in den Misshandlungen, die solcher
Auswurf sich gegen den Bürger erlaubt und nachher, wenn als Schutzleute in den
Polizeidienst übergegangen, fortsetzt, liegt das eigentlich Gefährliche dieser
Landplage. Nein, sondern die Betrachtung, dass ein auf der untersten Stufe des
Geistes und der Moral stehendes Individuum die staatlich patentirte Berechtigung
haben soll, die bestialischen Neigungen seiner gemeinen Seele jahrelang an der
Blüte des Volkes üben zu können, mit einer Unverletzlichkeit, die sich bei der
späteren Metamorphose in den »Schutzmann« durch die bei uns sprüchwörtlichen
Dienst-Meineide fortsetzen darf, - diese Betrachtung selbst wirkt empörend und
entsittlichend: Es ist eine feierliche Erklärung der Menschen-Nichtrechte, der
brutalen Gewalt. Alle Beispiele von Tyrannei wirken stets demoralisirend auf die
Schwachen und Gedankenlosen.
    »Militarismus!« Hat man denn wohl bedacht, dass von einem solchen überhaupt
erst bei der allgemeinen Wehrpflicht die Rede sein kann? Wer eine Armee von
Mietlingen mit der Peitsche drillt wie die Engländer, hat dazu das völlige
Recht. Wer sich als Vieh verkauft, mag so gehalten werden. Dass allerdings die
Mietlingsarmee Napoleons III. ohne solch entehrende »Disciplin« eine
unvergleichlich bessere wurde, ist auch ein Factum. Aber von einem entehrenden
Militairzwang kann doch überhaupt erst geredet werden, wo Freiwillige, die
höchstgebildeten Elemente des Landes, sich derselben entehrenden Behandlung
unterziehen müssen.
    Aber lassen wir diesen braven Handlanger der Autoritätssclaverei, den
Unteroffizier mit seinen Ohrfeigen und Bestechungen, den Polizisten mit seinen
Ohrfeigen und amtlich patentirten Meineiden! Unsre ganze Aufmerksamkeit wollen
wir jetzt einem viel gefährlicheren Feinde gesunder Entwickelung, einem viel
berühmteren Eckpfeiler des Deutschtums zuwenden. Dieser Charakter ist ein
wesentlich verschiedener. Denn obwohl die eigentümlichen socialen Verhältnisse
es mit sich brachten, dass in diesem hochgeachteten Stande sich das niedrige
Strebertum mit besonderer Ueppigkeit entfalten konnte, so wird man im
Allgemeinen den deutschen Schullehrer wohl für einen höchst pflichttreuen, und
mit Geist und Wissen wohlversehenen Mann ansehen dürfen, der in mancher Hinsicht
eine Zierde der Nation repräsentirt. Nicht er ist es, dessen verderblichen
Einfluss wir hier signaliren möchten, sondern sein System. Wir verschmähen es, in
boshaft satirischer Weise zu zergliedern, wie dies ohnehin verderbliche System
durch pädagogische Unfähigkeit nur zu oft verschlimmert wird. Wir verzichten
ebenso auf Illustrirung des berühmten Schubart'schen Verses: »Als Dionys von
Syrakus aufhören muss Tyrann zu sein, da ward er ein Schulmeisterlein.«
    Wir lassen alle und jede Rancune gegen die oft unlautern Elemente dieses
Standes bei Seite, welchem sich bei uns die Meisten nur darum widmen, weil er
zuerst zu Brod verhilft. Denn während Juristen erst mit dreissig Jahren Besoldung
erzielen können, ist dies als Schullehrer zu Beginn der zwanziger Jahre möglich.
Wir wollen nicht näher auf die Tatsache eingehen, dass dieser Beruf wie kein
andrer dummdreiste Arroganz ausbildet. Noch wollen wir das bekannte Faktum
erörtern, dass bei uns die gräulichsten Streber, sei es als reactionäre
Speichellecker, sei es als fortschrittliche Spekulanten, sich aus diesen Kreisen
recrutiren. - Uns selbst ist der Beruf des Pädagogen der höchste und heiligste,
aber darum auch verantwortlichste. Und gerade darum sei es erlaubt, ein wenig
über die berühmte deutsche Erziehung zu plaudern.
    Erziehung kann, soll und muss zwei Ziele erreichen: Ausbildung des Geistes
durch wohlverdautes Wissen und moralische Ausrüstung für den Kampf des Lebens.
Sehen wir zu, wie die berühmte deutsche Schule diesen Aufgaben gerecht wird.
    Was macht im Leben den gebildeten Mann, der zu höheren Gesichtspunkten
Stellung zu nehmen weiss? Kenntnis der Geschichte und Litteratur. Ebenso
notwendig, wenn auch nicht so bündig verlangt, sind geographische und
Sprachkenntnisse, wovon Englisch und Französisch fast unerlässlich. Die Kenntnis
der eignen Sprache, ein erträglich guter Stil, wird als selbstverständlich
angenommen.
    Wohlan, welche dieser landläufigen Vorstellungen von Bildung erfüllt ein
deutscher Student? Keine.
    Seine Kenntnisse in etnographischer Völkerkunde sind miserabel.
Begreiflich. Wer hat ihm je die für die moderne Weltbildung unerlässliche
Kenntnis der nationalen Eigenarten und Unterschiede beizubringen gewusst? Dies
banausische und profane Wissen zu erlernen, überlässt die Schule halt dem Leben,
das denn allmählich, durch Reisen, durch Lectüre, (oft aber auch gar nicht) den
wüsten Unrat traditioneller Vorurteile aus dem Schädel entfernt. Die Ströme in
Hinterindien hat er freilich auswendig gelernt. Ja, ich schwärme heute noch für
Bramaputra und Irawaddie - von der Etnographie, von der Flora und Zoologie
jener Tropenländer habe ich freilich auf der Schule nie das Geringste erfahren.
Wenn ich nur die Nebenflüsse des Ganges kenne! Um kurz zu sein, der Unterricht
in der Erdkunde nach jeder nützlichen Richtung hin ist gleich Null. Wenn der
Schüler nur nach dem Leitfaden hübsch auswendig lernt und der Lehrer auf dem
Kateder schlafen kann - das bleibt immer die Hauptsache.
    Die geschichtlichen Kenntnisse? Ein grässliches Spinnennetz von Jahreszahlen
und aneinandergereihten unerklärten Begebenheiten umklammert den armen
jugendlichen Kopf und saugt ihm für immer und ewig jedes Interesse an der
Geschichte fort. Jene wenigen schätzbaren Geister nehme ich aus, die wie Faust's
Famulus mit unendlichem Behagen im Pergamentstaub der historischen
Spezialforschung wühlen und oft mit krasser Unwissenheit im Ueberblick der
allgemeinen Weltgeschichte eine wundervolle Wertschätzung ihrer eigenen
Maulwurfsweisheit in »Quellenforschung« vereinen. Für diese Lumpensammler der
Historie mag allerdings gerade der biedere stramme Daten-Unterricht besonders
bahnweisend gewesen sein. Aber aus solch bevorzugten Geistern, welchen etwa eine
Monographie über einen hohlen Zahn des Königs Ramses gelingt, besteht doch nur
ein Millionstel der Unterrichteten. Entschädigt uns die erquickende Anregung
solch künftiger »Quellenforscher« für die ertötende Qual, mit dem das geistlose
öde Repetiren den jugendlichen Geist niederdrückt und ihm für immer
unüberwindliche Abneigung gegen alles Historische einflösst? Ja, nicht einmal in
jenem rohen Ballast von Auswendiglerne-Pensum sind Sinn und Ordnung zu erkennen.
Zwar lernt der Deutsche verhältnissmässig mehr von der Geschichte andrer moderner
Völker, als diese von der unsern, obwohl mir auch dies Mass ein recht geringes
erscheint und der deutsche Durchschnittsgebildete doch wenig Grund hat, sich
über die Ignoranz der Engländer und Franzosen in dieser Hinsicht aufzuhalten.
Aber während seine eigne Geschichte natürlich ganz wüst und ordnungslos, ihm
spärlich und bruchstückweise vorgekaut wird, so dass er wohlweislich von diesem
bösen Jahrhundert nichts zu hören bekommt, - werden ihm die Cantönlifehden der
Griechen und Römer in einer Breite und mit einer Selbstgefälligkeit vorgetragen,
als hinge das Wohl der ganzen Bildung davon ab, wie Cäsar's Legaten, Tribunen,
Centurionen und Primipile geheissen. Ebenso fordern dieselben Erzieher, welche
die deutschen Gesetze und politischen Constitutionen ängstlich zu behandeln
vermeiden, unbedingteste Kenntnis der Gesetze des ehrwürdigen Servius Tullius -
um so ehrwürdiger, da er nie gelebt hat - und die Gesetzveränderungen je nach
Stand der Parteien werden mit allen Klauseln unauslöschlich dem Gedächtnis
eingeprägt.
    Bravo! Deutscher Student, kennst Du die Declaration of human rights? Kennst
Du die Verfassung des Englischen Parlaments? Nein. Kennst Du die Déclaration des
droits de l'homme? sowie die Dekrete des National-Convents? Nein. Kennst Du
endlich die politischen Gesetze, um welche Deutschland seit Napoleon rang? Nur
in notdürftigen Phrasen. - Aber man frage Dich von der lex Acilia de repetundis
bis zur lex Voconia das ganze alphabetische Verzeichnis der leges durch - da
bist Du zu Hause.
    Und das auch nur, falls Du ein strebsamer und erfolgreicher Lernender
gewesen - was ich immer zur Voraussetzung nehme, obschon noch nie ein
origineller selbsttätiger Geist der deutschen Gymnasialbildung das Geringste
verdankt hat, ja verdanken konnte. Denn selbst die Kenntnis der Antike flösse
den Wenigen, die derselben bedürfen, auf dem Wege des Selbststudiums in kürzerer
Zeit viel gründlicher zu. Wer wäre je auf der Schule in den wahren Geist der
antiken Dichter und Geschichtsschreiber eingedrungen, da die Repetition der
»unregelmässigen Verba« daran hindert! Die lateinische und griechische Grammatik,
nicht die Litteratur, derentwillen angeblich die todten Sprachen gepflegt
werden, trägt der deutsche Gymnasiast nach Hause. Und dieser Formelkram, der den
Geist ertötet, setzt sich auf der Universität fort. Die Studenten, die nicht
einzig irgend einem Brodstudium fröhnen, sollen mit ihrer allgemeinen
Unwissenheit von geschichtlichen Vorlesungen profitiren, welche irgend einen
kleinen specialistischen Winkel-Abschnitt der Historie behandeln, den man in
Wahrheit nur durch überschauende Kenntnis der allgemeinen historischen
Verhältnisse begreifen könnte. Wo man aber gar einen »Lehrstuhl der Aestetik«
amtlich besoldet, da wird der angehende Bierphilister durch widerliche
Shakespeareomanie und Goetepfafferei um den letzten Gran gesunden Urteils und
natürlicher Empfindung gebracht. Ein künftiges Jahrhundert wird darüber richten,
ob die einseitige deutsche Gelehrsamkeit die Nation nicht vielfach in Entfaltung
ihrer Kräfte gehemmt habe. Das Buch der Bücher, die Weltgeschichte, lehrt, dass
aller vernunftwidrige Unsinn eines Tages seine Grenze findet.
    Ich verlasse hier den Grössenwahn des deutschen Schulmeisters, der als
würdiger Bruder des Unteroffiziers und geistiger Knote jede freie
Geistesentfaltung zu nivellirender Uniformität herabdrillen möchte. Jetzt wende
ich mich zum Schluss einigen allgemeinen Beobachtungen über den deutschen
Nationalcharakter zu.
    Wir verstehen diesen am besten, sobald wir den französischen und englischen
zum Vergleich heranziehn.
    Der Franzose ist ein Sanguiniker. Mit leicht beweglicher, jedoch rein in die
sinnliche Wahrnehmung gebannter Phantasie verbindet er im Ganzen eine
erstaunliche Kälte des Herzens. Er ist grausam, unbarmherzig im Verfolgen
egoistischer Pläne und Leidenschaften, zu welchen besonders seine phänomenale
Sinnlichkeit zu rechnen ist, brutal im Besitze der Macht und wesentlich nur aus
Eitelkeit zur sogenannten französischen Courtoisie und Ritterlichkeit geneigt.
Nichtsdestoweniger berauscht ihn seine oberflächliche schillernde Phantasie sehr
oft bis zur grössten Noblesse und Empfindsamkeit, sobald man an seine Würde als
Glied der grossen Nation appellirt. Somit ist Eitelkeit und wieder Eitelkeit die
Triebfeder seiner guten wie seiner schlechten Handlungen und Eigenschaften. Sein
Idealismus ist stets aus diesem einen Beweggrund herzuleiten, persönlicher oder
nationaler Eitelkeit. Darum wird er mit Begeisterung Jeden betrachten, der den
äussern Glanz Frankreichs fördert, um so mehr er im Ganzen von erstaunlicher
Unselbständigkeit ist und sich am liebsten von einem zusammenfassenden
energischen Willen leiten lässt. Er ist mit Begeisterung servil, ebenso wie er
mit Begeisterung die Freiheit anbetet - Beides, um seiner Phantasie ein Idol zu
bieten, heisse es nun gloire oder liberté. Seine aufopfernde Hingebung für dies
momentane Idol schlägt natürlich in das Gegenteil um, sobald diese Hingebung
dem Heisshunger seiner phantastischen Eitelkeit nicht mehr genug entsprechende
Sättigung gewährt. Aber der künstlich zur National-Eitelkeit grossgezogenen
Eitelkeit seines Naturells und seinem Leitammelsuchenden Instinkt verdankt er
seine erlauchteste Tugend, den unbestreitbaren stets bewiesenen Patriotismus,
der Alle vereint. Auf Gemeinsamkeit ist der Franzose überhaupt hingewiesen und
veranlagt, in eminentem Sinn ein Zoon politikin. Ihm ist »die Gesellschaft«
Alles, weswegen er eine tödtliche Furcht vor dem Lächerlichen empfindet. Diese
in seinem Charakter liegende Unselbständigkeit bei aller Selbstüberschätzung,
diese Selbstverknechtung unter die eiteln Dogmen äusserer Gesellschaftszustände
erklärt denn das Problem, dass der Franzose - aus Eitelkeit, phantasievoller
Nervenerregteit und angeborner fränkischer Wildheit mit denkbar höchstem
physischen Mut begabt - im Uebrigen als ein moralischer Feigling erscheint.
Folge von dem allen, dass die französische Nation mit Recht eine grosse genannt
werden kann, der Franzose selbst aber im Ganzen ein kleiner und kleinlicher
Charakter ist und bleibt.
    Genau das Umgekehrte gilt vom Engländer, wo der Einzelne im Ganzen
achtungswert erscheint, die Nation aber als Totalität einen peinlichen Eindruck
hervorruft. Der Engländer entwickelt in seiner Art dieselbe Eitelkeit, wie der
Franzose - nur in anderer Form, die zwar weniger kindisch, aber desto
widerwärtiger wirkt.
    Der Britte ist Choleriker mit melancholischem Anhauch. Die lebensfrohe
Eitelkeit, das kindliche Behagen an allem Gleissenden, »Kinderklappern« wie
Napoleon das treffend bezeichnete, fehlt daher dem Inselbewohner. Seine
Selbstvergötterung richtet sich vielmehr nach innen, statt nach aussen. Statt von
der Welt Weihrauch zu fordern, baut er sich selber Altäre als sein eigner
Hohepriester. Eine ungeheure Wertschätzung seines kleinen erbärmlichen Ichs
dehnt sich dann concentrisch auf alles ihm Anhängende, also auch auf seine
Nation aus. Daher der starke Familiensinn, der Clan-Geist auf den britischen
Inseln. Die Begriffe dieser Insulaner von der Bedeutung ihres Landes und also
auch ihrer selbst sind freilich weit verletzender als die der Franzosen.
Frankreich möchte die »Herrin der Welt« heissen, an der »Spitze der Civilisation
marschiren«. Das will England gar nicht. Civilisation? Giebt's ausser England
überhaupt nicht. Die Welt? Die Welt ist England. Alles nicht England Zugehörige
ist wertlos und gleichgültig, geradezu ein Lapsus der Schöpfung. Der Franzose
schwatzt von »des barbares«, der Engländer aber denkt es, ohne dass er es der
Mühe wert fände, es auszusprechen.
    Alle Continentalen, den eitlen Franzosen inbegriffen, sind Barbaren,
unmündige Kinder, bemitleidenswerte Schwächlinge. Es erhellt daraus der gradezu
organisirte Egoismus dieser Nation, welche sogar die selbsttäuschende Phrase des
Franzosen bei seinen brutalen Gelüsten gleichgültig verschmäht und die nackte
eisige Selbstsucht der Nützlichkeitsteorie offen als Richtschnur ihrer
Handlungen angibt. In Folge dessen wird der englische Staat d.h. die den Staat
repräsentierente Adels-Oligarchie stets ein direkter Feind der Menschheit
bleiben, weil dort die persönlichen Eigenschaften des Engländers als Mensch
nicht sichtbar werden, sondern nur der destillirte Genius dieses Volkes:
schrankenloser Egoismus und Hochmut.
    Emerson nennt Jeden dieser Insulaner eine Insel für sich. Schon hieraus
erhellt, dass er in striktem Gegensatz zum Franzosen die Tyrannei der äusserlichen
Gesellschaftsformation an sich verachtet und diese nur in dem Grade respektirt,
als sie seinem Egoismus entgegenkommt. Sein kaltes Nützlichkeitsprinzip lässt
daher mit stillschweigendem Achselzucken die verrottetsten Missbräuche der
Gesellschaft bestehn, indem seine durch und durch pessimistische Weltanschauung
diese Missbrauche und inhumanen Torheiten für notwendig hält, um die materielle
Wohlfahrt, die ihm über Alles geht, aufrecht zu erhalten. Hiermit correspondirt
oder vielmehr hieraus resultirt auch die hässlichste seiner Charaktereigenheiten,
die alle Schichten des englischen Lebens durchdringende Heuchelei. Es ist dies
eine eigentümliche Verlogenheit der Gesinnung, welche stillschweigend alle
Vorurteile und Legenden der Dummheit in dem Masse sanktionirt, dass jede
mündliche und private, geschweige denn gar schriftliche und öffentliche
Äusserung gegen dieselben als ein Beweis mangelnden Anstandes und frecher
Pöbelhaftigkeit betrachtet wird.
    Im Besitz der schärfsten Verstandesfähigkeit, ist der Britte oder vielmehr
macht sich mit instinktiver Absichtlichkeit unfähig, über die selbstgesteckten
Schranken seiner Vorurteile hinauszudringen. Der Franzose fürchtet nur die
Lächerlichkeit, der Engländer nur den Skandal. »A scandal« ist ihm aber in
erster Linie alles Extravagante und Exentrische - was Napoleon als »Ideologie«
bezeichnet hätte. Ein Britte sagt sehr richtig: »Sich gegen die Bornirteit
auflehnen heisst bei uns to loose caste, die Kaste verlieren«. Und der
Kastengeist ist das herrschende Princip Englands, da derselbe auf dem sich
selbst abschliessenden Insulaner-Egoismus und dem Triebe zum brutalen Hochmut in
dieser Race beruht. Bornirte Bigotterie in jeder Beziehung ist der Stützpfeiler
dieses Systems, das um so schwerer zu erschüttern ist, als der Britte genau in
demselben Masse treu, zähfestaltend und schwerfällig, als der Franzose
brüderlich, flüchtig und gewandt. Durch dieses Grundgebrechen wird jedoch der
Charakter des Engländers vergiftet. Denn der Heuchler dient nicht nur dem Geist
der Lüge, sondern selbstgerechter Pharisäismus wird lieblos und inhuman auf den
Zöllner herabblicken. Ursprünglich von aufrichtiger Liebe für die Wahrheit
beseelt, lässt er dieselbe ungehört verhallen, sobald seine pharisäische
Selbstanbetung durch sie verletzt wird.
    Neben dem jugendlichen Grössenwahn des Franzosen und dem verhärteten
greisenhaften Dünkel des Engländers leidet nun der Deutsche vielfach an
hündischer Demut und Fremdtümelei. Dazu hat er wenig Grund.
    Man prahlt so häufig mit dem, was man nicht ist und nicht hat, nicht mit
dem, was man ist und hat. Möge der Deutsche doch endlich aufhören, seine
fragwürdige Tugend herauszustreichen und sich lieber - statt grade hier
bewundernd nach dem Ausland zu schielen - seiner superioren Begabung bewusst
werden, die ihm in Künsten, Wissenschaften und Gewerken, in Krieg und Frieden
stets eine überwältigende Fülle von Talenten verschafte wie keine andere Nation
sie aufzuweisen hat!
    So wird man ihm die zwei grossen Güter für den Kampf ums Dasein, Klugheit und
Fleiss, in hervorragendem Masse nachrühmen müssen. Dass diese Arbeitskraft,
Ausdauer und Ueberlegung, nichtsdestoweniger die, aus lauter solchen
Einzelkräften bestehende, grosse deutsche Nation erst durch bittere Not und
eisernen Zwang zu einer klugen und standhaften Politik bewegen konnten, während
doch diese Eigenschaften sie zu einem politischen Volk in erster Linie stempeln,
- das hat der Deutsche einzig seinem mangelhaften Charakter zuzuschreiben. Neid,
Missgunst, Unfähigkeit zur Begeisterung, Gleichgültigkeit gegen ideale Interessen
(alle deutschen Dichter und Denker von Wolfram von Eschenbach bis auf Richard
Wagner wissen davon ein Lied zu singen), Pedanterie und Philistrosität,
Knechtssinn, verbunden mit missvergnügtem Fortschrittsgezänk - das sind kleine
und kleinliche Laster, für die man gern die phraseologische Verlogenheit und
Leichtfertigkeit der Franzosen und die Brutalität der Briten eintauschen möchte.
Es mangelt dem Deutschen vor allem das wahre männliche Selbstvertrauen und dies
musste erst wieder durch das stramme Preussentum geweckt werden. »Wenn Sie
übrigens bedenken, dass Sie Preussen sind, so habe ich nichts mehr hinzuzufügen« -
diese grossen Worte des grossen Friedrich vor der Schlacht bei Leuten bilden
einen Wendepunkt der deutschen Geschichte.
    Leonhart verbeugte sich und verschwand. Die Versammlung der Zuhörer summte
und brummte beim Aufbruch durcheinander. Ein Offizier schnarrte laut: »Eine
solche Frechheit!« und ein alter Herr, der wie ein Gymnasialprofessor aussah,
schnob majestätisch: »Muss wegen schlechten Betragens an den Ofen gestellt
werden.«
    Der allgemeinen Volksstimme aber, welche bekanntlich Gottes Stimme ist, lieh
Dr. Drechsler-Cannibalis monumentalen Ausdruck, indem er laut mit ausgestreckter
Rechten brüllte: »Ein solcher Grössenwahn ist reif fürs Irrenhaus!«
 
                                      II.
Krastinik und Leonhart gingen in Friedenau spazieren. Sie hatten mitsammen einen
Ausflug gemacht, um einen dort wohnenden Antisemiten zu besuchen, da sich
Krastinik lebhaft für diese Bewegung interessirte. Freilich hinderte ihn das
nicht, mit den jüdischen Redactionen persönlich auf bestem Fusse zu verkehren.
Von einem Grafen lässt man sich ja viel gefallen.
    Darauf spielte Leonhart an, indem er ironisch äusserte: »Ach Gott, der
Antisemitismus des Adels! Da ärgert sich Baron v. Habeiuchts, dass Itzigs Madera
und Maitresse feiner als die seinen, und gnä' Fröl'n Adelheid v. Schwindelheim
kriegt die Gelbsucht, weil Kalle Mosessohn kann fahren mit Gummiräder.«
    »Das sagen Sie, Verehrtester, und gelten doch für einen fanatischen
Antisemiten?«
    »Wieso ich zu dieser Ehre kam, blieb mir schleierhaft. Mag ich gelten, wofür
man will! Man lasse die Leute schwatzen! Ich habe Ihnen schon oft gesagt, dass
ich in dem gang und gäben Sinne kein Antisemit bin, sondern nur so, wie alle
lebenden Deutschen es sind und ein guter Bruchteil der anständigen Juden dazu.
Ich bewundere den dämonischen Selbstsucht-Instinkt dieser Race und schätze sie
als zersetzendes Element für die teutonische schlafmützige Michelei. Nur darf
die semitische Unduldsamkeit nicht jedes freie Wort verpönen. Ich hasse nicht
die Juden, sondern den jüdischen Geist. Und der steckt in manchem getauften
Antisemiten erst recht. Ich habe den Mut meiner Meinung und sage ins Gesicht,
was die Philosemiten hinter'm Rücken ihrer jüdischen Broterrn stänkern. Aber
nicht mal die jüdische Presse, die vielverschrieene, taugt weniger als die
christliche. Stets gerecht, erkenne ich gewisse grossartige Eigenschaften des
Judentums im Gegensatz zu deutscher Kleinlichkeit willig an. Der semitische
Grössenwahn gründet sich auf wirkliches Kraftgefühl und ihr Nützlichkeitsprinzip
verbindet sich sogar mit warmblütigem Gemüt. Eigentlich liebe ich die Juden,
diese willensstarke napoleonische Race, ebenso wie ihre Weiber oft den ältesten
Blutadel der Welt im Gesichtsschnitt aufweisen.«
    »Sie sonderbarer Schwärmer! Und haben's doch so ganz mit den Söhnen Israels
verdorben!«
    »Mit wem hätte ich das nicht?!«
    »Sehr wahr. Wie werden die Schulmeister auf Sie schimpfen nach Ihrer
neulichen Rede!«
    »Pah!« lachte der Umstürzler verächtlich. »Kerls, die ihr Waschbecken für
den Ocean ansehn und den alten Homer, dem bei ihrem Anblick übel geworden wäre,
als ihr Eigentum betrachten! O diese Kleinigkeitskrämer! Wo ist ein Mann, ein
Ganzer, unter all diesen Halbmenschen!«
    In diesem Augenblick kam eine merkwürdige Erscheinung die Friedenauer
Chaussee herab, wie als Antwort auf diese Frage. Ein ungeheurer Hund sprang
bellend vorüber und dann folgte ein Herr (seine Kutsche rollte in einiger
Entfernung nach) in einfachem schwarzem Anzug mit einem grossen Schlapphut, so
wie der alte Wodan ihn getragen haben soll. Und ein durchdringendes forschendes
Wodansauge flammte unter buschigen Brauen auf, als die Beiden ehrerbietig
grüssten und er höflich dankte. In diesen Zügen, welche Europa kennt, lag eine
tiefe unergründliche Trauer.
    Die Hünengestalt schritt wuchtig vorüber. Die Beiden sahen ihm lange
schweigend nach, dann setzten sie ihren Weg fort.
    »Schwer genug,« hob Leonhart nach einer Pause, wo Jeder seinen Gedanken
nachhing, an, »ja, fast unmöglich, schon heute über einen Bismarck abschliessend
zu urteilen! In ununterbrochener Entwickelungskette wälzt sich die Geschichte
fort. Diese Kette führt von den Wickingfahrten der Nordseesachsen zur Hansa, von
den Wendenkämpfen zum deutschen Orden in Preussen, von den Hohenstaufen zu den
Hohenzollern.«
    »Sehr gut,« fiel Krastinik ein. »Das liesse sich noch weiter ausführen. Der
Nibelungendichter, Wolfram und Walter befähigten wohl Goete, Schiller und
Hutten zu sprechen.«
    »Zweifellos. Es ist der Geist Luters, der in Lessing weiterwirkt.«
    »Und vielleicht das Genie Friedrichs des Grossen, dessen Abglanz auf Bismarck
ruht? Aber nein, dieser Vergleich würde hinken. Vielmehr scheint mir gerade
Luter« - er zögerte.
    »Ganz recht,« bekräftigte Leonhart. »Dieser derbe sächsische Bauer gemahnt
am meisten an Bismarck, falls wir nach einer Parallele suchen.« Nach einer Pause
fuhr er fort: »Bezeichnet Bismarck einen Uebergang oder einen Höhepunkt, ein
Bleibendes im kreisenden Werden der Dinge? Wir wissen es nicht. Eins aber wissen
wir: dass auf ihn die Definition passt, die Carlyle, der Prediger der
Heroen-Verehrung, einem Helden gibt: Es ist jederzeit die Eigenart des Helden,
auf die Realitäten zurückzukommen, sich auf die Dinge, statt auf den Schein der
Dinge zu stützen. Auch hat die Prophetenstimme des modernen England sich dahin
erklärt: Bismarck sei eine Art Cromwell, soweit dies in unsrer armseligen Zeit
möglich. Wirklich ähnelt der grimme Feind des deutschen Plapperments dem
parlamentauflösenden Lord-Protektor durch eherne Tatkraft und Zähigkeit sowie
eine gewisse Rücksichtslosigkeit im Zugreifen.«
    »Hm, ja.« Der Graf nickte nachdenklich. »Selbst das Verhältnis Bismarcks zu
Moltke mag Vergleich-Jäger an dasjenige Cromwells zu Blake erinnern. Allein von
der mystischen Gefühlstiefe und düstern schmerzvollen Glut des Puritaners kann
man doch nur mangelhafte Spuren in dem praktischen preussischen Weltmann
entdecken.«
    »Na überhaupt! Das wollen wir denn doch dahingestellt sein lassen, ob man
Bismarck zu den Genies vom ersten Range wie Napoleon und Cromwell rechnen dürfe.
Von jener Universalität der Begabung, wie sie solche Feldherrnherrscher
bekunden, kann hier ja nicht die Rede sein. Freilich, die originale
Fortentwickelungsfähigkeit einer schöpferischen Einbildungskraft, welche mir das
eigentliche Wesen des Genies auszumachen scheint, besitzt ja der Einiger
Deutschlands auch.«
    »Wieso?«
    »Nun, seine patriotische Idee, von der er dämonisch beherrscht blieb, reifte
unablässig in ihm fort. Er trug sie mit sich, er modelte sie stetig um und passte
sie rastlos allen sich bietenden Verhältnissen an.«
    »Schon recht. Aber der ekelhafte Götzendienst seiner knechtischen
Schmeichler muss doch jeden unabhängigen Mann zum Widerspruch reizen,« erwiderte
Krastinik.
    »Hm, er bleibt nun eben doch der grösste Meistervirtuose der diplomatischen
Technik. Wenn man seine Leitung unsrer auswärtigen Geschäfte sorgsam prüft, so
wird man zum Verständnis dieser eigentümlichen Genialität gelangen.«
    »Und über ihn als Charakter ...«
    »Ach, darüber reden wir doch lieber nicht. Eine optimistische Anschauung zu
teilen oder anzufechten, kann keinem Verständigen belieben, da den Zeitgenossen
ein genügendes Material zu Gebote sieht. Es gehört der Tiefblick eines
Dichter-Psychologen dazu,« Leonhart betonte diese Worte mit verstecktem
Selbstbewusstsein, »um die Widersprüche im Charakter dämonischer Individualitäten
zu lösen und zu verknüpfen.«
    »Das soll wohl heissen: Die Feinde des Bismarckschen Charakters wie die
Verehrer desselben haben alle beide recht und alle beide Unrecht?«
    »Just so, exactly,« Leonhart liebte es, solche englische Brocken
einzustreuen - »sobald man einseitig bei Fehlern oder Vorzügen des
Privatmenschen verweilt. Na, und dann gehört es ja zu den unleugbaren Schwächen
dieses grossen Mannes, jede Antastung seiner unfehlbaren Makellosigkeit als eine
Art Gotteslästerung, auch Bismarckbeleidigung genannt, aufzufassen: Das ist eben
sein Grössenwahn. Da behält ein gescheidter Mann seine Ansicht am liebsten für
sich, heut wo das Denunciantentum förmlich herangezüchtet wird. Denn wer die
Macht hat, hat immer Recht. Uebrigens, wem steht heut ein massgebendes oder gar
abschliessendes Urteil zu! Seichte und selbstische Parteimeinung deckt sich
nimmer mit dem unbestechlichen Wahrspruch, den dereinst überlegene Wissende vor
dem Richterstuhl der Geschichte fällen werden.«
    »Jaja, ein Urteil über Männer der Tat ist überhaupt schwer,« bemerkte der
Graf sehr richtig. »Die Gedankenfaulheit urteilt ja da immer nur nach dem
Erfolg. Das mechanische Getriebe der Weltändel unterscheidet sich doch gar sehr
von den ewigen Taten der Kunst und Wissenschaft. Wie kann eine feststehende
Wertung möglich sein, wo so Vieles vom Zufall und den untoward events abhängt!
Und ist nicht Bismarck Opportunist durch und durch?«
    »Das ist kein Vorwurf, sondern ein Lob für den Staatsmann, der nur von den
Schiebungen der Möglichkeiten bestimmt wird und dessen Grösse gerade in dem
klaren Blick für das augenblicklich Notwendige besteht. Und hat etwa der
gewaltige Mann je darüber den einen Zweck vergessen, den er mit eherner
Konsequenz durch sein ganzes tatenreiches Leben verfolgte?«
    »Na, ein selbstloser Idealist kann er doch wenigstens nicht genannt werden.
Stets hat er verstanden, sein eigenes Wohl mit der Wohlfahrt des Vaterlandes zu
vereinen. Und dabei klagt er noch über die sprichwörtliche Undankbarkeit der
deutschen Nation!«
    »Ja,« sagte Leonhart lächelnd, »man denkt unwillkürlich an das boshafte
Pamphlet Swifts über den schweren Undank, mit welchem Marlborough sich belastet
erklärte - in der runden Summe von 54000 Pfund Sterling! Im Gegenteil, es ehrt
die Nation in der Gegenwart und stärkt die Hoffnung auf ihre Zukunft, wie es in
dem herrlichen Briefe des Kaisers vom 1. April 1885 heisst, wenn sie das Grosse
anerkennt. Denn wahrlich, dieser Bismarck ist nach Luter und Friedrich unser
verdientester Mann.«
    »Nun ja, er besitzt ein Willenszentrum von ausserordentlicher Stärke, wie
schon seine Bulldoggennase beweist,« meinte der Oesterreicher achselzuckend.
»Aber das Geheimnis seiner Erfolge liegt doch in der Bornirteit und
Verlotterung der herkömmlichen Diplomatie, mit welcher er zu ringen hatte. An
seiner Stelle mit seiner Macht könnten Viele das Gleiche leisten. Pah, mein
Bester, die betreffenden politischen Schiebungen bestimmen meist die Politik
halb willenlos und als Leiter von 46 Millionen kann man schon gebietend
auftreten. Hat doch sogar Excellenz Windtorst in offenem Reichstag ähnliches
verlauten lassen!«
    Leonhart schüttelte den Kopf und sann einen Augenblick nach. Dann fragte er:
»Langweilt es Sie, wenn ich Ihnen meine Auffassung der Bismarckschen Politik
vortrage?«
    »Im Gegenteil. Ich bitte darum.«
    Jener räusperte sich und begann, indem die Gedanken ihm stromweise
zuflossen:
    »So geniale Züge wir in der Politik Richelieus, Cromwells und Napoleons
bewundern, möchte ich doch beinahe die Behauptung wagen, dass ein solcher
Meistervirtuose der diplomatischen Technik in den auswärtigen Angelegenheiten
kaum jemals erstanden sei, dass Bismarck als diplomatischer Spezialist ungefähr
die Stellung unter seinen Kollegen einnehme, wie sein Lieblingsdichter
Shakespeare in der Litteratur.
    Bei der Abwägung und Wertung staatsmännischer Verdienste muss man in erster
Linie die Umstände selbst in Berechnung ziehen. Es war z.B. ein gut Stück
Arbeit, wenn Gustav Adolf und Oxenstjerna das kleine arme Schweden zu einer
Grossmacht erhoben. Aber die europäische Konstellation lag diesem Beginnen auch
überaus günstig und zuletzt nahm dies ungesunde Hinaufschrauben eines
Kleinstaats zu unmöglicher Stellung ein Ende mit Schrecken. Napoleon und
Cromwell vollführten gewiss Staunenwertes, doch ersterer wurde durch die
Elementarkraft der Revolution so hoch gehoben, letzterer blieb vor direkter
Einmischung des Auslands durch Englands Inseltum geschützt. Bismarck aber fand
Preussen in tiefster Erniedrigung und führte es aus denkbar ungünstigsten
Verhältnissen, im Kampf mit dem Innern wie mit dem Auslande, zu der ihm
gebührenden Weltegemonie empor.
    Dass die Sehnsucht nach der Einheit in ganz Deutschland verbreitet war, dass
Myriaden braver Deutscher vor Bismarck darnach gestrebt hatten, dass ihm, sobald
man erst sein wahres Ziel erkannte, diese ganze grosse Nation einmütig
entgegenjubelte, tut seinem besondern Verdienste keinen Abbruch. Dass er schon
auf dem Frankfurter Bundestag seinen Schwur des Hannibal im Herzen trug, wird
wohl heut kaum einer mehr bezweifeln. Freilich nur in unbestimmten Umrissen. Dass
er wie jeder geniale Mensch mit seinen Zielen wuchs, an seinen Erfolgen sich
fortentwickelte, steht ausser Frage. Erst nach 1870 wurde er ganz Deutscher, bis
dahin vertrat er lediglich das Interesse Preussens. Ehre ihm dafür! Charity
begins at home! sagt das englische Sprichwort.
    Erst wenn ein geschichtlicher Individualmensch dadurch erklärt werden soll,
merkt man so recht das Missliche des Vergleichens. Da hat man in der
Konfliktszeit Bismarck den preussischen Strafford genannt, weil sein zäher
Royalismus an jenen starrköpfigen Minister Karls I. zu gemahnen schien. Und doch
erinnert Bismarcks Wesen und Gebahren gerade umgekehrt an die hochmütigen,
nervenkranken, jähzornigen, portweinliebenden Pitts, mit welchen er auch den bis
zum Fanatismus gesteigerten Nationalstolz teilt. Wenn ich denn von einem Teufel
besessen bin, so sei es ein teutonischer Teufel! diese Worte des einstigen
Gesandten in Petersburg soll die Geschichte auf das Grabmal des Reichskanzlers
schreiben, wie auf das des jüngeren Pitt den Liebesseufzer des Sterbenden: My
country, how do I love my country! -
    Bis 1864 musste die Politik Bismarcks dahin streben, Preussen möglichst
isolirt zu halten, um bei dem augenblicklichen Uebergewicht Oesterreichs im
deutschen Bunde nicht ins Schlepptau genommen zu werden und ein zweites Olmütz
zu erleiden. Die Neutralität 1859, die freundschaftliche Annäherung an Russland
1863 und die trotzige Gleichgültigkeit gegen die Forderungen der Westmächte
waren wichtige Etappen auf dem langen Wege, den er vor sich sah und mit immer
gleicher Umsicht und Festigkeit verfolgte.
    Als sein diplomatisches Meisterstück aber hat er stets das Jahr 1864
bezeichnet, wo es ihm gelang, den Rivalen Oesterreich selbst als Hebel zu
benutzen, indem er zugleich durch das Danaergeschenk Holsteins bereits den
nötigen Zankdrossel für den lange sorgsam vorbereiteten Bruch mit Oesterreich
diesem hinwarf. Von da ab, Oesterreich über das nahende Ungewitter so lange wie
möglich täuschend, galt es freundliche Fühlung mit Napoleon zu gewinnen und
unter dem Schutz dieser Deckung mit Napoleons Klientelstaat Italien sich gegen
den gemeinsamen Feind Oesterreich zu verbinden. Dass Bismarck 1866-68 ein
sogenanntes falsches Spiel mit Napoleon trieb, darf kaum bestritten werden. Die
Entüllungen Benedettis über die zweideutige List, mit welcher Bismarck ihm die
geheimen Wünsche Frankreichs ablockte und selbst in Form eines Vertrags zu
Papier bringen liess - mit der festen Absicht, eben diesen Vertrag später gegen
Frankreich auszuspielen, wie es 1870 wirklich geschah - sind nie positiv
widerlegt worden. Lag doch ein besonderer Kniff der Bismarckschen Politik stets
darin, den Feind ins Unrecht zu setzen und genau zu dem Schritte zu verleiten,
der im richtigen Augenblick den gewünschten Krieg herbeiführen musste. Diese
Taktik wurde denn auch 1870 meisterlich angewandt.«
    »Alles ist erlaubt im Krieg und in der Politik - gegen diesen Grundsatz lässt
sich schlechterdings nichts einwenden. Es gewährt einen besonderen Genuss, in der
Luxemburger Frage 1867 das Schachspiel des im Dupiren stets dupirten
Ränkeschmieds Louis Napoleon mit dem kaltblütig sicheren Mann von Eisen zu
beobachten, der stets vorsichtig, nie übereilt und im gegebenen, Fall
unerschütterlich entschlossen, weder Bitten noch Drohungen zugänglich erschien.
    Nachdem man sich 1870 durch Russland gegen Oesterreich gedeckt, wurde bald
genug klar, dass die Errichtung des deutschen Reiches und die Demütigung
Frankreichs von Russland als eine Störung des europäischen Gleichgewichts
empfunden wurden. Es blieb daher nur ein Ausweg und ihn ergriff Bismarck mit
untrüglichem Scharfblick im geeigneten Moment: Aussöhnung mit Oesterreich und
Bündnis der zwei deutschen Kaisermächte als Bollwerk Mitteleuropas gegen Osten
und Westen. Ausserdem galt es, durch die Kolonialbeziehungen Frankreich und
England wechselseitig gegen einander auszuspielen. Die absolut richtige Haltung
Deutschlands in der Bulgarischen Frage, welche Oesterreichs wahre
Interessenpolitik klarlegte und dessen notwendige Entschlossenheit, in gewissen
Fällen selbst auf eigene Faust seine Stellung zu bewahren, erwies, scheint von
Schwachköpfen ebenso wenig begriffen, wie früher die tiefdurchdachte Führung des
Meisters in anderen Fragen.«
    Leonhart schwieg einen Augenblick, dann lachte er leise, vor sich hin und
fuhr fort:
    »Es hat einen tragikomischen Beigeschmack zu beobachten, wie auch diesem
Manne der Tat keine der üblichen Scherze erspart blieben, die man an jedem
genialen Menschen verübt, bis Erfolg und Macht ihn gefeit haben. Das berühmte
Was, der will mehr sein als ich? Der hat ja mit mir am Biertisch gesessen!
begleitete auch Bismarcks Auftreten und man wunderte sich nicht wenig über
diesen Glückspilz, der Karriere zu machen anfing, ohne regelrechte Staatsexamina
absolvirt zu haben. Von übersprudelndem aufrichtigem Wahrheitsdrange beherrscht,
konnte er öfters den jovialen Herzensergiessungen seiner Zunge nicht Halt
gebieten und vertraute seine grossen Pläne Leuten an, die ihn gar nicht zu
verstehen fähig waren. Il est fou urteilte Napoleon über den Mann von Varzin
und der intriguante Phantast Disraeli nannte Bismarcks vertrauliche Eröffnungen
the moon-shine of a German baron! Endlich fanden von jeher grössenwahnsinnige
Impotenzen, dass dieser erfolgreiche Streber weit überschätzt werde und dass
eigentlich sie die wahren Messiasse seien - so Graf Goltz, so später Graf Harry
Arnim. Ein Glück für die deutsche Nation, dass der eiserne Kanzler keine
weichherzigen Humanitätsflausen zu üben pflegt, sondern all dies Völkchen mit
rücksichtsloser Härte unter seine Sporen tritt.
    Und so steht er nun schon jetzt vor dem Auge der Mitwelt wie eine bronzene
Statue da in seinen Siebenmeilenstiefeln, den wuchtigen Flamberg dem Boden
eingerammt und das Wodanauge unter buschigen Brauen hervorblitzend aus dem
behelmten Haupte. Wenn er sich zur letzten Ruhe streckt - Il est mort! wird man
in Europa aufstöhnen, wie bei der Todesnachricht von St. Helena -, so darf er
sich selbst gestehen, dass ein heroisches Leben hinter ihm liege. Man mag an ihm
mäkeln, so viel man will - er war unser letzter grosser Mann, die mächtigste
Erscheinung Deutschlands in diesem Jahrhundert, welcher sich kein Ebenbürtiger
in der übrigen Welt vergleichen darf. Der würdevolle grossherzige Gentleman, der
als erster deutscher Kaiser und echter Mehrer des Reichs so glorreich seinem
Volke vorleuchtete, und sein treuer Hagen werden ewig in deutschen Landen
fortleben als Ideale heroischer Männlichkeit. Und ein neuer Nibelungendichter
wird dereinst von Otto dem Grossen singen und sagen, wie von dem alten Marschall
der Burgonden:
Da ritt der grimme Hagen den andern all zuvor,
Er hielt den Nibelungen wohl den Mut empor.«
    Am anderen Tage erhielt Krastinik in Leonharts Handschrift das folgende
Gedicht:
                             An den Reichskanzler.
Nie mengte ich mich jener Feigen Zahl,
Der Sklavenherde, die der Tag regiert,
Die, als Erfolg mit Lorber Dich geziert,
Dich angestaunt als ihren Götzen Bai!
Nicht Deine Macht gilt mir Unfehlbarkeit.
Nicht Du allein erschufest, was geschehn.
Auch Du warst nur erfasst vom Sturmeswehn
Der allbeherrschend vorbestimmten Zeit.
Und doch, wie stehst Du hehr und riesenhaft.
Gewaltiger, vor diesem Zwerggeschlecht!
Ein Heiliges glüht unverlöschbar echt
Dir ewig durch den Rauch der Leidenschaft.
Es ist das Letzte, was dem Manne blieb,
Seit Säul' um Säule jeder Tempel fiel:
Der Vaterlandesgrösse stolzes Ziel,
Zum eignen Volk der liebevolle Trieb.
Nicht Liebe war ja Deines Lebens Amt.
Dich hob zu Sternen ein erhabner Groll,
Da Dir das Löwenherz im Busen schwoll
Ob aller deutschen Schande insgesammt.
Nicht mitzulieben wie Antigone,
Nein, mitzuhassen, Grimmer, warst Du da.
Doch aus dem Hasse keimte Liebe ja,
Für uns geblutet hat Dein zorniges Weh.
Dein Volk, Dein Vaterland hast Du geliebt.
Des alten Reiches Schemen aufgenährt
Mit warmem Blut, wie's einst Ulyss gewährt
Dem Schattenheer, das durch den Hades stiebt.
Erz nietete den tönernen Koloss.
Noch jüngst - wie Freudenfeuer kreisend rann
Ein flammend Hochgefühl von Mann zu Mann,
Da Deiner Rede Flammenstrom sich schloss.
In Dir nur lebt der wahre Ahnenstolz
Des deutschen Namens, dessen Machtgebot
Einst sonnenhell die weite Welt durchloht!
Geschnitten Du aus Nibelungenholz!
Den deutschen Hundesinn tritt in den Kot!
Lehr Du den Stolz, ein deutscher Mann zu sein!
Wo solche Eichen wachsen, muss gedeih'n
Der deutsche Stolz in aller Wetternot.
Wo deutsche Zunge spricht, da bleibe stumm
Der Wälsche und der östliche Barbar!
Des Römers Erbe der Germane war -
                               Civis Romanus sum!
 
                                      III.
Schon öfters war Leonhart von Schmoller aufgefordert worden, mit ihm
socialistische Kreise zu besuchen, damit er mal einen wirklichen Einblick in die
soziale Frage gewinne. Schmoller, der bei allem berechnete, wollte erstlich mit
Leonhart's Freundschaft dort paradiren und zweitens wagte er sich lieber zu
Zweit in die Löwenhöhle.
    Die Gestalt Catilinas und seiner Mitverschworenen tauchte unwillkürlich vor
Leonharts Geiste auf. Wie sie sich alle zusammenfanden, die Unglücklichen und
die Verbrecher, die Bedrückten und die Verkommenen, die Rachgierigen und
Genussgierigen, um sich gegen die satte Gemeinheit der Glücklichen zu verbinden!
    So entstand ihm in raschem rohem Entwurf realistischer Urkraft das folgende
düstere Fragment, indem er dem herostratisch zerstörenden Grössenwahn die wahre
schicksalmässige Grösse gegenüberstellte und zugleich den Grössenwahn der
Weiber-Emanzipation in der Gestalt der vornehmen Catilinarierinnen geisselte, die
ihr Kapital in die Verschwörung steckten, um es mit Zins und Zinseszins aus dem
Staatsbankrott wieder herauszuschlagen.
 
  Soirée bei Crassus. - - Vorn links Lentulus und Cetegus beim Würfeln. Vorn
   rechts Antonius junior, Crassus junior, Faustus Sulla junior und Metellus
                                   plaudernd.
METELLUS. Ich begreife nicht, warum ich diesem Zeitalter die Ehre antat, darin
geboren zu werden. Stände nicht unsere liebe Verschwörung hinter der Tür, so
müsste diese Welt an ihrer eigenen Fäulnis verrecken.
CETHEGUS würfelt. Diese adligen Packesel! Damit verschwört sich's gut! Ein
Hochverrat gegen die gesunde Vernunft!
LENTULUS. Ja, ihr »neuen Leute«! Ein Metell! Will was heissen! Zwar kein
Cornelier, wie ich -! Bin bekanntlich ein Nachkomme des grossen Scipio.
CETHEGUS. Ja, Du bist ein - Nachkomme. Ich stamme bekanntlich von einem Schuster
ab. Würfeln.
CRASSUS JUNIOR. Ich erlaube Dir endlich zu schweigen, Freund Metellus! Mit Eurer
Verschwörung! Bei Euch hapert's am Blinkenden - das ist doch wahrhaft
gesetzwidrig! Geld - das ist Alles!
LENTULUS dreht sich nach dem Sprecher um. Ganz recht. Geld - das ist alles! Er
verfällt in eine Strassenpredigt. »Wir aber, wir unglückseliges und unschuldiges
Volk, wir hungern - ach, wir haben kein Geld! - Jene, jene glücklichen und
schuldigen Menschen, sie prassen: sie haben Geld! Wir aber, wir haben derbe
Fäuste und unser Magen knurrt uns wach, Jene faulen auf ihren gepressten Säcken.
Auf denn, Volk, und folgere, was Dir beliebt!«
CETHEGUS. O über die ungekämmte Logik!
ANTONIUS ironisch. Zwar, mein lieber Crassus, für die Millionen Deines Erzeugers
dürftest Du kaum in bangender Ungewissheit schweben: Die lassen sie heilig und
unangetastet!
SULLA. O der alte Crassus! Schlauer Bursche der! »Catilina - anständiges
Unternehmen - gut im Gange - lässt sich machen.«
CRASSUS JUNIOR. Wir vom Hause Crassus brauchen's nicht: Sind Geschäftsmänner -
grösste in der Welt! Kleine Geschäfte verpönt! Alles riesig, grossartig,
millionarisch!
SULLA. So z.B.: »Königtum nebst Ruhm - Crassus der Erste - ungeheure Anlage -
Weltzinsen - mächtiges Geschäft - Rechtschaffenheit wird verbürgt.« He, das war'
so was?
ANTONIUS. Uebrigens, mein lieber Sulla, was Deinen hochseligen Vater betrifft -
und dann macht er hier republikanische Männchen!
SULLA. Erstaunlich schön! Was gehn denn Dich die Väter andrer Leute an? Dein
ehrwürdiger Vater, ein so inniger Verehrer Catilinas - Sprechen bei Seite
weiter.
CETHEGUS. Mein Haus gegen Deins! Würfelt. Da liegt der Bettel! Heilige Tonne des
Diognes! - Ich sag' Dir, Mensch, ich bin eine lebendige Pfandanleihe. Der
nächste Termin bricht mir's Genick! Pah! der grosse Rechnungstag kommt früher, ja
früher. Unterm Galgen ist Alles gleich.
ANTONIUS nach dem Hintergrund blickend. Die Fulvia ist prachtvoll.
SULLA gähnt. Ja, sie ist sehr teuer! Pompeia und Terentia kommen aus dem
Hintergrund. Da haben wir Ciceros männliche Hälfte d.h. seine Frau! Und da
Caesars Wittwe bei lebendigem Leibe. - Alle Mann ans Ruder! Los! - Des beredten
Redners beredte Frau -! Complimentirung.
TERENTIA. Ich danke Eurem Gruss, Quiriten! Was meine bescheidene Beredsamkeit
anbelangt -
POMPEIA boshaft. - Ja, ja, meine Teure! Man weiss von den oratorischen Ergüssen,
welche Du Deinem Gatten -. Die Nachbarschaft -
TERENTIA hochempört. Was wollen die Nachtmützen? Soll ich nicht die sittliche
Würde meines Geschlechtes schirmen, nicht ein rauhes Mahnwort männlicher
Tyrannei in die Ohren donnern? Wie Cornelia die edle Römerin zu sagen pflegte -
Schwatzen weiter.
                  Caesar und Fulvia kommen lachend nach vorn.
CAESAR grüssend. Antonius, Deine Toga ist reizend! Crassus, Deine ist
abscheulich.
FULVIA. Nun, Cajus, die neueste Mode -?
CAESAR. Die, o schöne Frau, Dein Auge gebietet -
FULVIA. Schmeichler! - Rote Tunica, weisser Gürtel, freie Locken, Rosen im Haar
-
CAESAR. Die Moden wechseln. Eine Mode allein besteht ewig und unbestritten:
Deine Schönheit und Dein Lächeln!
                  Sempronia, Crassus maior und Lucull kommen.
CRASSUS. Nu, meine Freunde, die Mahlzeit, was? Schmal, schmal! Aber
hochansehnlich genug. Das ist so unser kleines gemütliches Convivium. Hat
gekostet lumpige 300,000 Drachmen. Nu, kann's ja leisten! Die Austern, hä?
Eigene Waare, Specialhandel, feinste Qualität, 30 Sesterzien das Stück. Mache
überhaupt in Austern und Fischen. Korint, Brundisium, Ostia -
LUCULL mit ernster Würde. Nach den Ergebnissen meiner Forschungen sowie nach dem
treffenden Urteil des Metellus Pius kann ich diese Austern nur für verfehlt
erklären. Beim Zeus, ich scherze nicht: Zu ernst die Sache! Ich muss diese
Prinzipien der Zubereitung - das harte Wort sei gesprochen - verdammen. Wie,
wenn jenem duftenden Kleinod an Amphitrites Gewand jener prickelnde Reiz, jenes
unerklärliche Etwas mangelt -
CRASSUS verzweifelt. Lucull muss die Prinzipien meines Koches verdammen!
LUCULL. Dess ungeachtet waren die Schnepfen gut - der Priapus nicht
unwohlschmeckend - der Ziemer mit Geschmack und Bildung behandelt.
CRASSUS. Ich atme auf. Ja, Bildung - das ist mein Panier! Und Geld, viel Geld!
Armut ist ein Verbrechen.
SEMPRONIA. Den Satz könnte man umkehren.
FULVIA giftig. Sempronia kann doch ihre Freunde von der Gasse nicht schmähen
hören!
SEMPRONIA. Fulvia hingegen liebt die vollen Taschen. Je nun, das ist -
Erwerbssache!
CRASSUS. Silentium! Ironie stört die Verdauung. - Da kommen die sieben Weisen.
Cato und Cicero treten auf. Ah, ehrwürdiger Cato - nehmen wieder stoische
Philosophie ein? Flau, flau! Klares Wasser, aber - Wasser!
CATO. Wie mein erhabener Ahnherr Portius Cato zu sagen pflegte - was ist das? Er
fasst Caesars Mantel.
CAESAR. Götter! Mein Mantel ist zartfühlend.
CATO. Dies gestutzte, gezackte, verbrämte, geschniegelte Ding - dieses begabest
Du mit dem Prädicat: »Mantel«?! O grobe Wolle, als der Römer statt nach den
Wohlgerüchen des feilen Ostens nur nach dem Schweiss seiner Arbeit roch!
CETHEGUS auf Cicero losgehend. Ha, unser Retter des Vaterlandes! Da hat er nun
deklamirt im stillen Kämmerlein - ja, sie sind fertig, die extemporirten
Invectiven, die plötzlichen Begeisterungen, die im Augenblick gebornen Orakel -
das Vaterland ruft: er ist wohlpräparirt! Und nun Alles umsonst!
CICERO. Und warum, o geistreicher Jüngling?
CETHEGUS kalt. Das will ich Dir sagen Die Götter überschütten Dich mit Güte: Sie
bewahren Dich vor Gefahren, die erst kommen sollen. Denn, mein lieber Cicero,
Consul wirst Du nicht.
CICERO. Wir werden sehen.
CETHEGUS. Und wir werden handeln. Wirst Du nicht Consul, - gut für Dich und uns!
Wirst Du's, - auch gut für uns! Aber schlimm für Dich. Warum? Weil man Dich am
ersten Tage Deines Amtsantritts in Deinem Bette finden wird, die Kehle
durchschnitten von einem Ohr zum andern! Dreht ihm den Rücken.
CRASSUS traulich zu Cetegus. Deine Verdauung gedeiht doch? - Na und die
politische Verdauung? Die Verschwörung - hat die auch einen guten Magen?
CETHEGUS. Verschwörung? Ich muss sehr bitten -
CRASSUS. Verbindung, natürlich, Patrioten-Verbindung! Nun, Consulwahl ist 'ne
harte Nuss, wenn Dolche sie aufknacken. Verdaut ihr viel Stimmen, he? Zieht ihn
in den Hintergrund.
CATO zu Lucull. Ich sage, Cicero ist der Mann.
LUCULL. Ein Unmann! Dieser eunuchische Wortekrämer -
CATO. Aus Worten werden Taten. Ich dächte, Du überliessest das mir. Verfügst Du
über meine Belesenheit in den Seelen der Menschen? Der teoretisch geschärfte
Blick des ergrauten Menschenkenners prüft Herz und Nieren.
LUCULL. Nun, was die Ergrauteit anbelangt, junger Mann -
CATO. Nicht Jahre, sondern Taten machen alt! Ich spreche stets figürlich.
LUCULL zieht einen Spiegel hervor. Wie? Dann muss ich ja schrecklich viel graue
Haare haben!?
CATO verächtlich. Von Taten des Gedankens rede ich.
                         Clodius Pulcher (nähert sich).
CAESAR. Was? Ist dies nicht Clodius »der Schöne«?
LUCULL. Der Klopffechter! Der Bandenhäuptling!
CATO. Der Wüstling! Der schändliche Verführer!
CICERO. Und ausserdem mein Feind! Dies darf nicht geduldet werden. - Crassus, ich
finde denn doch, rein herausgesagt, den Ton Deiner Kreise etwas zu gemischt!
CRASSUS. Ohne Mischung kein feines Gericht - frag' nur die Autorität! Deutet auf
Lucull.
CATO. O Zeiten, o Sitten! Anrüchige Individuen -
CRASSUS. Wir sind alle anrüchig! Stellt vor. Hoffnungsvoller Knabe werter
Geschäftsfreund. Arbeitet in Gladiatoren, auch ein schätzenswerter Artikel,
alter Kunde.
CLODIUS grüssend. Fulvia, mein Leben! - Kastor und Pollux! Lieblich wie bezahlte
Schulden, unnahbar wie der Staatsschatz!
FULVIA. Deine Gleichnisse sind wahrhaft zeitgemäss. Leise. Sind meine Befehle
vollzogen?
CLODIUS ebenso. Mit alter Treue!
FULVIA laut. Deine Schmeicheleien sind fade.
CLODIUS bemerkt Sempronia, die sich langsam genährt hat. Ah, mein Leben! Kastor
und Pollux! Lieblich, wie bezahlte Schulden, unnahbar, wie -
SEMPRONIA ruhig. - der Staatsschatz! Leise. Sind meine Befehle vollzogen?
CLODIUS ebenso. Mit alter Treue! -
SEMPRONIA. Heut um Mitternacht! Ich muss Dich sprechen. Laut. Man kennt Deine
lockern Grundsätze - -
CLODIUS. Verbleibe mit Hochachtung! - Ich stehe wahrhaft über den Verhältnissen.
Der Meistbietende soll mich haben. Pompeia und Terentia kommen nach vorn. Amor
steh mir bei! Ich bin unsterblich verliebt. Ich bin fähig, ja, ich bin fähig,
unbezahlt für die Freiheit in den Tod zu gehen für einen Blick ihrer Augen! -
Holde Pompeia - ach! Schneidet ihr die Cour.
ANTONIUS im Hintergrund zu Cäsar. Sieh doch! Clodius der Schöne! Deine Frau -
CAESAR - weiss seine Verdienste zu schätzen.
SULLA. Ist's denn wahr, dass er bei Dir Hausfreund -
ANTONIUS. Nicht? Clodius der Schöne -! Man sagt -
CAESAR. Nichts? Das tut man gewöhnlich.
SULLA wichtig zu Antonius. Wieviel wett'st Du auf den nächsten Scheidungsprocess?
CRASSUS. Da kommt der Nachtisch! Gladiatoren treten auf. Eigene Waare.
Spezialhandel. Meine Fechterschule in Capua, »schwunghaftes Massengeschäft, nur
Solides wird geliefert.«
CICERO. Wieviel werden da wohl so »verbraucht«?
CRASSUS. Hundert bis tausend pro Jahr. Jeden Wahltag geht ein Halbhundert drauf.
Empfehle Dir, Cicero. Augenblicklich grosser Geschäftsstand: »Raufer flau,
Skandalmacher gesucht, Krawallbanden dringend begehrt, Lebensbeendiger grosse
Nachfrage«. Klatscht. Hallo! Und dass ihr Euch das Fell von den Knochen haut!
Streut Rosen, Mädchen, duftet, Wohlgerüche, und, Gemetzel, hebe an! Alle drängen
sich im Hintergrund um die Fechtenden. Crassus und Cäsar kommen rasch nach vorn.
CRASSUS. Wie ich Dir sagte. Antonius maior will mich sprechen.
CÄSAR. Mich auch. Sprechen wir ihn!
ANTON DER AELTERE rasch eintretend. Verehrter und geschätzter Crassus! Verlegen.
Ah, Caesar?
CÄSAR lacht. Ja, ja, Jeden einzeln unter vier Augen, nicht? Ei, wir sind ein
Herz und ein Seele Sprechen wir also unter sechs Augen!
CRASSUS. Freund Antonius, Du machst gern ein Geschäft, ich mache auch gern ein
Geschäft, Caesar auch; folglich -
CÄSAR. Machen wir ein Geschäft!
CRASSUS. Betrachten wir Euer Capital. Sicher angelegt, he? Consulat fest in der
Tasche?
CÄSAR. Römisch: Ihr wollt den Staat ruiniren und wir sollen Euch helfen?
ANTONIUS. Welche Idee! Den Staat? Das heisst -
CÄSAR. Sagen wir, den Adel. Als Vertreter des Volks habe ich nichts dawider -
ich hasse ihn.
ANTONIUS. Und hast 100 Ahnen?
CÄSAR. Ich glaube, Du hast 101! Das ist alles Nebensache Was - nützt - es - uns?
CRASSUS. Ihr bildet da eine Gesellschaft und wir legen unser Capital hinein.
Aber Garantie, guter Mann!
CÄSAR. Mein teurer Freund, ich bin ein Opfer schnöder Verhältnisse, die heilige
Sache der Freiheit hat mir das Herz gebrochen: Wisse, meine Schulden sind
unerschöpfliche Danaidenfässer.
CRASSUS. Erlaube mal, mein Sohn, mein Capital geht vor - Ich verlange ein
Weltmonopol! Geläufig. Für Eisenwaaren, Kleiderstoffe, Tonproducte,
Strassengründung, Strassenbewässerung, Feldberieselung, Tempelbauten - Gehn in den
Hintergrund.
CATILINA allein und vermummt, tritt auf und blickt an eine Säule gelehnt in den
Festsaal.
    Wie hell hier oben! - Goldne Ampeln wiegen
    Duftspendend sich und leuchtend am Getäfel,
    Den klaren Marmor der geschmückten Halle
    Mit einem Strahlenteppich überstreuend.
    Gold, Silber, Erz, Purpur und Elfenbein,
    Sie lösen sich in einem Meer des Glanzes.
    Und unten dunkel alles! - Seht dortin,
    Der einsam matten Fackeln Glimmen seht,
    Rot flackernd durch die sternenlose Nacht!
    Hört ihr das Hämmern? Seht der Esse Glut!
    Dort brütet der Titanen Stamm, gestürzt
    Zur Tiefe durch die himmlischen Despoten,
    Und schmiedet seine Waffen wider sie,
    Aufschauend unter düstrer Brauen Grimm
    Zum blitzestolzen sonnigen Olymp.
    Olymp!
    Vornehmer Laffen, wohlgesitteter
    Schurken und Narren, worteklaubender
    Volkspeiniger Tyrannentrone ihr,
    Zwergengeschlecht der angemassten Götter -
    Wie diese Ampel ich herniederreisse
    Und in den Grund umstosse ihre Flamme,
    Am Estrich sie zerschmetternd - also wird
    Der noch gefesselten Titanen Faust
    Herniederkommen über eure Giebel.
    Auch ich bin ja ein Gott, ja, ein gefallener!
    Ein Prometide, der den Feuerstrahl,
    In niedere Hütten trug. Ich kostete
    Von dem Ambrosia eurer feinen Tücke.
    In eurer Himmel gleissnerischem Licht
    Bin ich geboren! Bin verstossen draus,
    Viel mehr hab' selber mich daraus verbannt,
    Durch die berechnende Vernünftigkeit,
    Die götterhohe Selbstgerechtigkeit,
    Die Makellosigkeit von euresgleichen!
    Schaut mir ins Antlitz! Wie des Meeres Flut
    Durch immer neuer Wogen Schwall den Strand
    Nicht wegspült, sondern härtet seine Fläche -
    Ward hart mein Herz durch Hass, Verrat und Trug,
    Die es bestürmten, und durch Selbstverachtung.
    Wie der Simum, der durch die Wüste fährt,
    Unwiderstehlich jede Flur versengt,
    Nur kahle Oede duldend, - also brennt
    Ein einziger Gedanke mir im Hirn
    Verdorrend jed' Gefühl, das ausser ihm:
    Der Rache, der Vergeltung Qualgedanke!
    Hört ihr den wirren Sang vom Tiber dort?
    Der Freiheit geller Sang ist's! Der Titanen
    Dumpfes Gebrüll, das aus dem Aetna tönt
    Und der Entladung Flammenschreckniss kündet.
    Ketten, zerreisst! Lastende Berge, berstet!
    Des Göttersaales stolze Decke bricht,
    Begrabend mit sich allen Sonnenflitter. -
    Schlaft wohl, ihr Götter! Doch man wird euch wecken.
   Atrium im Hause Cäsars. Cäsar geht sinnend auf und ab. Pompeia liest eine
                                  Briefrolle.
CÄSAR für sich. Pompeius, Crassus, Catilina - Felsblöcke gegen den Strom meiner
Laufbahn. Die Zeit bröckelt an ihnen. Suchen wir sie wider einander zu rollen,
auf dass sie sich selbst zerschmettern. Crassus - gefügiger Lehm, Ton für meine
Gebilde. Pompeius - dürr und zäh wie verkalkter Sand. Nur ein eiserner Spaten
kann ihn lockern. Laut. Pompeia!
POMPEIA. Mein Gemahl?
CÄSAR. Was schreibt Dein Vater?
POMPEIA. Er rüstet zur Heimkehr.
CÄSAR für sich. An der Spitze der siegreichen Legionen aus dem ersiegten Asien
weg - Rom wird sein. Schnappt dieser Strohmann mir die Welt vor der Nase weg?
Laut. Höre, teure Pompeia, Dein hochverehrter Erzeuger wird hoffentlich durch
keinerlei übertriebene Gerüchte aus Deiner Feder über die Lage der Hauptstadt
beunruhigt? Du wirst ihn von der Ruhe und Eintracht aller Parteien unterrichten.
Die catilinarische Verbindung ist ganz unerheblich, trotz ihres etwas freien
Benehmens. Du hast mich verstanden?
POMPEIA. Wie Du befiehlst, mein Gemahl.
CÄSAR für sich. Catilina, der Dritte im Triumvirat der Kräfte - ein Granit, ein
starrer Granit. Soll ich ihn stützen? Laut. Pompeia!
POMPEIA. Mein Gemahl?
CÄSAR. Tullia ist Deine Freundin, Cicero ist ihr Mann, sie hat eine geschwätzige
Zunge. Du hast mich verstanden.
POMPEIA. Wie Du befiehlst.
CÄSAR für sich. Wo sind meine Adler, meine Schwerter? Wo catilinarische Dolche
in meinem Sold? Führer der Demokratie - ein schönes Wort! Mein gemässigter Pöbel
ist nur eine Null ohne Ziffer. Volk!
DIENER meldet. Die erlauchte Fulvia!
FULVIA tritt ein. Ich grüsse Dich, Cäsar.
POMPEIA. Ich entferne mich, mein Gemahl. Der Tochter des Pompeius ziemt es nicht
- - jetzt hast wohl Du mich verstanden. Sie rauscht an Fulvia ohne Gruss vorüber.
FULVIA gelassen. Die arme Frau steht noch nicht auf der Höhe des Zeitalters.
CÄSAR. Sie ist ein überwundener Standpunkt.
FULVIA. Haha, wenigstens scheinst Du sie überwunden zu haben. Nun, mein Cajus,
die neueste Mode - doch was sag ich da! Politik ist ja jetzt das Stichwort. Eine
schutzlose Frau wie ich weiss heute nicht aus noch ein, wie ein irrendes Lamm in
der Wüste, Naiv. Wie denkst denn Du eigentlich über diesen Catilina?
CÄSAR. O ein ungewöhnlicher Mann!
FULVIA. Nicht wahr? Ganz meine Meinung. Ich schwärme beinah für ihn.
CÄSAR kalt. Ich nicht.
FULVIA. Ach, ich dachte doch? Ich finde manche seiner Pläne -
CÄSAR. Nicht zu billigen, ganz recht.
FULVIA. Ei? Ja, ich werde ihm doch wohl meine Stimme geben.
CÄSAR lacht. Deine Stimme?
FULVIA. Spötter! Ich meine natürlich die Stimme meiner Freunde.
CÄSAR. Pass auf, wenn der Sergier siegt, bekommen die Weiber das allgemeine
Stimmrecht.
FULVIA. Ich sag's ja! Catilina ist unser Mann und ich werde nun grade meine
Freunde für ihn stimmen.
CÄSAR. Aber nicht Deinen besten Freund. Küsst sie auf den Arm. Ach, wie traurig!
So stehn wir uns feindlich gegenüber, zum ersten Mal.
FULVIA. Flattergeist! Ich bin ja noch nicht entschieden. Lauernd. Darum wollte
ich mir eben Rats erholen.
CÄSAR kalt. Bei Deinem Freunde Cicero?
FULVIA verwirrt. Wie, Cicero mein Freund? Welch ein Gedanke! Ich - ich nehme ab
und zu bei ihm Stunden in der Rhetorik. Das ist jetzt Mode. Wenn man sich zur
Aspasia bilden will - - Nein, Deinen Rat möchte ich erbitten als Deine beste
Freundin.
CÄSAR kalt. Den behalte ich stets nur für meinen besten Freund: mich selbst.
DIENER meldet. Der hochwohlgeborene Portius Cato und der ehrenwerte Tullius
Cicero wünschen den erlauchten Julius Cäsar zu begrüssen.
FULVIA hastig. Wieder die leidige Politik - ich irrendes Lamm - viel Vergnügen,
Cäsar! Besuch mich bald! Rasch ab.
CÄSAR für sich. Die gute Frau fängt an, mir verdächtig zu werden. Sie wollte
mich ausholen - cui bono? Cicero und Cato treten auf. Welche Ehre!
PORTIUS räuspert sich. Hm!
CICERO räuspert nach. Hm!
CÄSAR ebenso. Hm! - Ist das Vaterland mal wieder in Gefahr?
CICERO. Es ist so. - Die Stunde der Entscheidung naht. Volk, sammle dich zu
deinen Gezelten! Eine Rotte ohne Moral, die das Verderben des Staates auf ihr
blutig Banner schrieb -
CÄSAR. Und so weiter. Du willst Consul werden - recht sachgemäss. Der Sergier
auch - ebenso sachgemäss. Du willst ihm schaden, er Dir - höchst sachgemäss
Verderben des Staates! Je nun, Du weisst mehr als ich!
CICERO. Jener Molch, gedunsen von Blut -
CÄSAR. Hochwerter Mann, ich bin eine schlichte nüchterne Natur und vermag nicht
dem Fluge Deiner Rhetorik zu folgen.
CATO. Wie, Julier? Schweig, Cicero - man wagt es - ich sage, schweig! - Menschen
ohne Gott und Gebot, wie Catilina -
CÄSAR. Dieser harmlose Taugenichts!
CICERO. Harmlos! O ihr Götter!
CATO. Ich sehe, Julier, wo das hinaus will. Einen gewiegten Praktiker wie mich
übertölpeln wir nicht, junger Mann - man ist ein enger Geist. Man suche sich am
Postament erhabener Ahnen emporzuranken.
CICERO. Jetzo banne geläutertes Mannestum der Jugend Frevel in gebührende
Schranken! In der Moral nur - da steckt die Kraft. Du lächelst? Ah, Du vermagst
mich nicht zu begreifen
CATO. Der Umsturz der gesellschaftlichen Ordnung -
CÄSAR. Unordnung vielleicht. Ein Kampf gegen mottenzerfressene Vorurteile.
CICERO bitter. Ach ja, die Vorurteile der Zucht und Sitte hemmen den freien
Geist. Was rede ich noch! Die Wahl steht vor der Tür. Siegt Catilina - dann,
Rom, gute Nacht! Er soll nicht siegen, ich bin da! Heut gilt es, Freund und
Feind zu kennen. Wer nicht für uns ist, ist wider uns. Im Namen der Moral,
bekenne Farbe!
CATO. Man wähle gesinnungstüchtig den erprobten Mann der Regierung! Marcus
Portius Cato gab dem Cicero seine Stimme - Römer, geht hin und tuet
desgleichen!
CÄSAR lauernd. Die Wahl ist euch ja doch so gut wie gesichert?
CATO. Wehe! Die Verderbnis der Zeit trägt ihre Frucht. Dolch und Gold schrecken
und blenden den Sinn der guten Bürger. Geist der Vorzeit, verhülle dein Haupt!
CÄSAR. Hochzuverehrende Mitbürger, was hilft dem grossen Cicero meine eine arme
Stimme!
CICERO wütend. Cäsar, das ist ebenso lächerrlich wie abscheulich. Du kennst
Deine Talente so gut wie wir selbst. Du willst nicht helfen. Antonius Maior
tritt durch eine Seitentür hastig ein und bleibt betroffen aus der Schwelle
stehn. Ihm folgen Sulla minor und Clodius Pulcher. Betretene Pause. Aha, unser
würdiger College in Zukunft, unser würdiges Staatsoberhaupt! Cäsar, es ist
genug. Wir überliefern Dich einer würdigeren Genossenschaft. O Moral, Moral!
CATO. Wehe! O Rom, wie tief bist du gesunken! Beide ab.
CÄSAR gelassen. Willkommen, ihr Lieben! Ah, Sulla, welch östlicher Besatz an
Deinem Mantel! Deine Locken sind gut gebrannt und die Schminke - lass sehn!
Vortrefflich. Ruft. Heda, Marius! Ein Freigelassener kommt. Bring Cäcuber-Wein!
CLODIUS. Marius, wie?
CÄSAR. Sieh da, Clodius Pulcher, welche Freude! Für sich. Was will Der bei mir?
Laut. Ja wohl, ich besitze auch einen Sulla. Ich nenne meine Freigelassenen
immer nach solchen Urahnen. Ich liebe es, mich am Postament erhabener Vorzeit
emporzuranken. Diener bringt Wein.
CLODIUS. Du? Nun, unsre Vorfahren - Dein Wohl, Sprössling des Sulla! - waren
gross, aber langweilig. Waren sozusagen nicht von »gutem Ton«.
CÄSAR ernstaft. Wie wahr! Hat sich was mit ihrer brüllenden Riesenhaftigkeit!
Ihr Tigergrimm und Löwenzorn - drollig! Diese Metzeleien aus Rache und
Ueberzeugung! Wie anders wir Neueren - nicht, kühner Clodius? Wir morden mit
kaltem Blut, wir würgen ohne Leidenschaft - darin sind wir unerreichbar.
CLODIUS. Das ist's, Du verstehst mich ganz. Marius vor Rom, Sonnenuntergang,
gewitterschwangere Augenbrauen, kochende Lavaglut der Heldenseele - bah! Wir
haben kaltes Erz, wir Gladiatoren, für solche Löwenhitze. Wir Männer der Zukunft
- da ist alles kahl, kühl, kalt.
CÄSAR an seine Glatze fahrend. Besonders kahl, geliebter Clodius.
SULLA. Auf Ehre, ganz meine Ansicht. Nur wir stehn auf der Höhe des
Jahrhunderts.
CÄSAR. Stehn wir! - Sprechen wir also von Geschäften!
ANTONIUS MAIOR. Nun, ich darf ja sagen, es macht sich. Stimmen wie Heu!
Majorität unberechenbar! Ja, das Wie ist schon sicher, aber das »Was«!
CÄSAR. Was heisst »Was«?
ANTONIUS MAIOR. Consulat ist ein schön Ding. Wir sind nicht dazu aufgestanden,
um ein paar Schulden zu bezahlen. Es gibt noch andre Rechnungen zu begleichen.
CÄSAR gedehnt. Ach, das heisst »Was«? - Lieben Freunde, ich habe zu tun. Ich
fahre aus.
CLODIUS eifrig. So? Jetzt gleich?
CÄSAR befremdet. Ja wohl. - Dringende Geschäfte.
SULLA. Ich auch. Mein Schneider wartet.
CLODIUS. Ich schlendre durch die Strassen. Schöne Augen - trala!
SULLA. Ich begleite Dich.
CLODIUS. Danke. Ich jage stets allein. - Dein Diener, Julier! Ab.
ANTONIUS MAIOR. Das »Was«!
CÄSAR. Das »Was«! Antonius und Sulla ab.
CÄSAR allein. Bringt man beide durch, Catilina und diesen Lumpen, so ist die
Aristokratie verloren. Mein Schwiegervater, der Säbelmann, soll nur anrücken mit
orientalischen Gelüsten - ehe er den Fuss auf italischen Boden setzt, sind wir
hier fertig. Lass sehn! Ist dieser Catilina ein geistreicher Schwärmer, - gut.
Wagt er's aber mein Doppelgänger zu sein, so eine verpfuschte Copie der Natur
nach meinem Bilde, so heisst es: Er oder ich. Einer muss fort. - Er will mich heut
sprechen, natürlich geheim. Ja, Vorsicht tut not. Darum meldete ich schon
gestern meiner Dienerschaft an, dass ich um diese Stunde ausfahren würde. -
Wohlan, Dictator Catilina, wir werden ja sehn. Er geht ins Innere des Hauses.
CLODIUS tritt nach einer Weile hastig ein und nähert sich vorsichtig. Alles
leer. Der Marder im Taubenschlag! Ich versteckte mich hinter die nächsten Säulen
und liess die Andern an mir vorbei. Der Augenblick ist günstig. Cäsar fährt aus,
wie seine Diener mir schon gestern verrieten. - Macht dieses dürre Ehegespons
mir Schwierigkeiten, so werf ich ihn zum eignen Haus hinaus. Ich bin der
Clodius, der alles wagt. - Wer kommt? Er verbirgt sich hinter Hausgerät.
Terentia kommt aus dem Innern des Hauses, von Pompeia begleitet.
TERENTIA. Ja, meine Teure, Fortschritt, Fortschritt über alles, über alles in
der Welt! Ich marschirte stets mit dem Zeitgeist. Allgemeines Wahlrecht,
vorzüglich Redefreiheit - das ist die Zukunft der weiblichen Jugend. - Vale!
Begleite mich nicht weiter. Mein Wagen wartet, in ihm Papirius als Lenker der
Rosse.
POMPEIA. Dein Liebhaber? So öffentlich? Dein Mann -
TERENTIA. Mein Mann!! Deine Erziehung scheint doch sehr vernachlässigt. Von
Zweien bin ich geschieden, einen brachte ich unter die Erde im Kampf gegen seine
tyrannische Anmassung, und sollte Kikero fürchten?
POMPEIA. Lass Dich mit Catilina trauen - der fürchtet ihn auch nicht.
TERENTIA. Pfui, wie Du redest! Dieser Elende, der den Plebejern und Sclaven den
Zeitgeist predigt - nichts habe ich mit ihm gemein. Fortschritt auf meine Kosten
- dafür bedank' ich mich. Mein Mann soll sich nur unterstehn, bei der Wahl
durchzufallen! Na warte! Ab.
POMPEIA. Sie sind alle so fortgeschritten. Warum schreite ich nicht auch fort?
Träumerisch. Dieser Clodius stellt mir fast unziemlich nach. Doch wie hübsch er
ist!
CLODIUS aus seinem Versteck hervorstürzend, kniet vor ihr. Herrin!
POMPEIA erschrocken. Minerva schütze! Steh auf! Was willst Du? Mein Gatte -
CLODIUS. Was schiert mich eine Welt in Waffen! In diesem Staube lass mich ewig
ruhn, den Dein schneeiger Fuss geweiht! Sieh, meine Seele drängt sich ins
entflammte Auge, das Deines sucht!
POMPEIA. Lass mich!
CLODIUS. O Deine Stimme! Brauste rings die Welt in Flammen auf - ich höre sie
allein. Nicht wie ein Modeherr in wohlgeschützter Laube von Liebe schwatzt in
wohlgesetzten Phrasen - nein, unterm Laubendach sausender Speere, wie's einem
Sohn des Mars gebührt, zujubeln möcht' ich Dir: Ich liebe Dich!
POMPEIA. Schone mich und fliehe! Mein Gatte -
CLODIUS. Der ist fern und Niemand hört mich hier als Venus meine Gönnerin. Und
mag die Erde selbst erbebend öffnen ihren Schlund - von dieser Stelle weiche ich
nicht!
CÄSAR während der letzten Worte eingetreten. Erlaube mir zu zweifeln! Clodius
springt auf. In Dein Gemach, Tochter des Pompeius. Unschuldig bist Du? Möglich.
Doch an des Cäsar Gattin darf auch nicht der leise Schatten eines Zweifels
haften. Pompeia ab. Nun zu uns, mein alter Freund!
CLODIUS trotzig. Straf' mich Mars, Herr! Scheinst ja sehr vertraulich.
CÄSAR kühl. Ich liebe die Herablassung. - Reden wir von Geschäften! Lieber Mann,
Du bist in meiner Hand. Ich werde die Sache dem Senat anheimstellen. Mit
erschütternder Beredsamkeit - Du hast ja wohl viele Freunde im Senat?
CLODIUS verbissen. Keinen.
CÄSAR. Schade! Der Censor hat also dann die Gewogenheit, Dich Deiner
senatorischen Pflichten zu enteben. Sodann markige Rede Cato's über Zeiten und
Sitten - dann schimpfliche Ausstossung - dann gross Geschrei in der Gesellschaft,
höflicher Hinauswurf - die Stadt zeigt mit Fingern auf Dich. Ja, es ist 'was
Schönes um den gesellschaftlichen Ruf, besonders für Die, so davon leben.
CLODIUS. Ich bin in Deiner Hand.
CÄSAR. So denke Dir mal, ich setzte Dir den Dolch an die Kehle.
CLODIUS mit Humor. Ich denke mir.
CÄSAR. Beantworte demnach meine bescheidenen Fragen gewissenhaft wie unter der
Schärfe des Schwertes. - Deine politischen Ansichten interessiren mich. Was bist
Du eigentlich?
CLODIUS. Catilinarier, Vorfechter der Menschheit!
CÄSAR rasch. Das ist nicht wahr.
CLODIUS. Auch die Regierung -
CÄSAR. Das ist nicht wahr.
CLODIUS. Je nun, ich fechte auf eigene Faust.
CÄSAR. Das heisst, Du verkaufst Dich dem Meistbietenden. Das bin aber ich.
CLODIUS. Du?
CÄSAR. Ich. Ich ruinire Dich, wenn Du mir widerstrebst. Was willst Du mehr?
CLODIUS lacht. 's ist aber auch wahr! - Was forderst Du?
CÄSAR. Vor allem verfüge ich über Deine Banden für die bevorstehende Wahl. Du
magst einen leichten Druck auf die freien Wähler verüben, wirst ihnen mit
Knüppel und Messer den rechten Weg weisen. Ein Diener tritt auf und spricht
leise mit Cäsar.
CLODIUS. Den rechten? Welchen? Diener ab.
CÄSAR. Schlau bemerkt. Da meldet sich eben der Wegweiser. Zeigt auf ein
Nebengemach. Dort hinein. Ich werde Dich rufen. Clodius ab. Pause. Dann tritt
Catilina ein, vermummt. Beide grüssen stumm. Catilina schweigt stolz.
CÄSAR. Man sagt. Du hast Dich an Gift gewöhnt. Darum schlägt der Hass aller
Götter auch so gut bei Dir an. Du bist sehr stolz.
CATILINA. Ich bin Catilina - was sollt ich anders sein?
CÄSAR trocken. Ein Hochverräter.
CATILINA. Das weiss ja der Kot auf der Gasse. Bah, so reden wir doch! Du giebst
mir Deine Stimme zu meiner Wahl?
CÄSAR. Nein.
CATILINA. Nein? Damit wären wir im Reinen. Aber das Wichtigste hast Du
vergessen: Dich selbst. Meine Späher nisten in allen Ritzen des Erdballs:
Pompeius ist bald wieder da. Ich weiss es so gut wie Du.
CÄSAR kalt. In der Tat?
CATILINA. Die Tat wird schon kommen, wenn er kommt mit seinen Legionen. Er ist
Dir gram, Dein teurer Schwiegervater. Man weiss, dass Deine Gattin viel über Dich
klagt. Eine Ehe ist leicht gelöst.
CÄSAR. Wirklich? Für sich. Ich komm' ihm zuvor, verstosse Pompeia wegen der
Clodius-Sache. Laut. Was soll das alles?
CATILINA. Nun, ich dächte, einem so geistvollen Haupt wie Dir fällt die
Folgerung nicht schwer. Er kommt an und Du machst Dich aus dem Staube. Denn
Deine Rolle ist ausgespielt. Dein meisterliches Schaukeln zwischen den Parteien
hilft da nichts mehr.
CÄSAR. Meinst Du, edler Sergier?
CATILINA. Ja, ich meine, edler Julier. Ich meine auch: Wer bezahlt Deine
Schulden? Um im Ton des alten Crassus zu reden: »Geschäft ist Geschäft. Wann,
teurer Busenfreund?«
CÄSAR leichtin. Wann! Wenn ich meine Provinz habe.
CATILINA. Deine Provinz? Geduld, junger Hahn! Wer verschafft sie Dir? Pompeius?
Gewiss nicht. Aber der Consul Catilina tilgt Deine Schulden Pause.
CÄSAR. Bestechung? - Der Consul Catilina? Ich sehe Monarchieen in Deinem Blick.
Hebt auf den Schild ihn, den Rebellenkönig!
CATILINA. Ha! - Doch um in Vater Cato's Ton zu reden: Cäsar, Du bist des Todes
schuldig: Hast von Königen geredet! Pah, ich bins. Für leere Titel bin ich viel
zu gross.
CÄSAR für sich. O Wahn der Grösse! Laut. Wenn nicht etwa mit dem Sturz vom
Tarpejischen Felsen, wie willst Du enden?
CATILINA. Vielleicht, wenn der Tag der Freiheit flammend aufgeht über
zerbrochenen Ketten und Lictorbeilen, wenn der Panzer der Adelsnarrheit und das
erschlichene Goldkleid der Plutokratie zum Kehricht der Vergangenheit
verscharrt, aus dem nur noch historische Lumpensammler ihre Säcke füllen, - dann
giess ich Gift in meinen besten Falerner und mit dem letzten Schluck ruf ich zum
letzten Mal: Freiheit! - Vielleicht! vielleicht auch nicht! - Du giebst mir
Deine werte Stimme?
CÄSAR. Vielleicht! vielleicht auch nicht.
CATILINA heftig. Es ist der Worte genug. Ja oder nein?
CÄSAR fest. Lucius Sergius Catilina, Du bist ein grosser Mann. Dein Leib ist von
Granit und Deine Seele glatt wie die Schlange. Lucius Sergius Catilina, Du bist
ein elender Selbstling. Jeder Legionär, der seine verblichene Rüstung putzt, ist
ein Gott neben Dir im Wahn Deiner Grüsse.
CATILINA. Du bist - - zu Hause.
CÄSAR. Ruhig und höre mich an! Du glaubst die Menschen zu kennen, mich auch?
Hoher Menschenkenner, und das ist das Ganze? Wolltest den Cäsar kennen und weisst
nicht einmal, dass er ein Römer ist?
CATILINA. Was soll das?
CÄSAR. Ich spreche römisch. Auch meine Toga hat den historischen Zipfel: Krieg
oder Frieden! Ich diktire ihn - Du nimmst ihn an. Wo nicht - gut. Aber ich,
Julius Cäsar, schwöre bei den Töchtern der Nacht und bei Fortuna, meiner Göttin,
sei's geschworen: Mag Säbelheld Pompeius die Welt in einem einzigen Brand in
Asche stürzen, wegschreitend über alle Pläne, die mir teuer - ich hindr' ihn
nicht. Und risse er sich einen ewigen Ruhm selbst von den Sternen, während müssig
ich hier lungere, und kreuzte er mir völlig meiner Bestimmung Laufbahn - mag
er's tun! Doch wie der Leu, den man im Rücken fasst, sich auf den Hauptfeind
stürzt, der vorn ihm droht, - so stürz ich mich auf Dich, nicht eher rastend,
bis Du niedersinkst.
CATILINA. Und was heischest Du so drohend?
CÄSAR. Wage keinen Schritt, der den inneren Bestand des Römerstaats gefährdet!
Wohl kenn' ich Deine Verbrüderung mit Etruskern und Samniten. Man faselt von
Autonomie der Provinzen, von einer Auflösung in selbstständige Communen, von
einem Republiken-Bündel. Hochverrat an der Majestät der Res Publica, der
Civitas Romana! Die Demokratie mag siegen, aber nimmer die Anarchie. Eher sterb
ich auf den Ruinen des Capitols, ich, Caius Julius Cäsar!
CATILINA für sich. Was werd ich verlieren? Raum. Und gewinnen? Zeit. Laut. Deine
Bedingungen?
CÄSAR. Du setzest mich stets in Kenntnis von allen Beschlüssen Deines Bundes. Du
verbürgst mir schriftlich Deinen Einfluss für das nächste künftige Consulat, das
mir gehört. Und nur ein Catilinarier darf diesmal siegen, Du oder Marc Anton. -
Nicht? Wohlan, am Wahltag sehen wir uns wieder.
CATILINA. Es sei. Ich verbürge Dir's. Ironisch. Wie lange gilt der Vertrag?
CÄSAR trocken. Bis die Umstände Dir erlauben ihn zu brechen.
CATILINA. O mein Cäsar, Du kennst meine schwache Seite. Wenn ich bedenke, dass
dieser teure Pompeius und die Cäsareaner seines Schwiegersohns sich binnen
weniger Monde gegenseitig die Hälse brechen, dann träufeln mir Tränen einer
gewissen Rührung hernieder. Lebwohl! Deine Bekanntschaft war mir angenehm.
CÄSAR. Lebwohl! Besuche mich bald wieder! Catilina ab. Er irrt sich in mir.
Siegt er, wird er vollenden? Er wird nicht. Nicht Zwei ja schufen die
Unsterblichen zum selben Werk. Drum, Catilina, falle!
  Boudoir der Fulvia. - Fulvia am Fenster, hinausspähend. Clodius steht hinter
                                      ihr.
FULVIA. Eine Schwüle vor'm Gewitter! Alles still. Nur vom Marsfeld her dröhnt
das Gewoge der Massen heran, die am Damm der Gesetze rütteln. Die Kugeln, die in
die Wahl-Urne rollen, sind heut die ehernen Würfel des Schicksals. Horch, vom
Ida donnert der siegspendende Zeus! Ach, das sind ja Märchen. Dreht sich brüsque
um. Was bedeutet das, mein Schöner? Du willst nicht?
CLODIUS. Auf Ehre, nein.
FULVIA. Warum nicht? Bist Du schlecht bezahlt?
CLODIUS. Ich verachte schnöde Gewinnsucht. Meine Ehre -
FULVIA. Was hast Du mit der Ehre zu schaffen! Hilf dem Catilina!
CLODIUS. Mein sittliches Gefühl verbietet's Für sich. und Cäsar.
FULVIA. Ei still! Du, der Todfeind Cicero's -
CLODIUS. Nein, nein, Catilina ist das Verderben. Eine Götterstimme sprach zu mir
Für sich. und Cäsar. Laut. Doch auch Cicero - ich verschmähe seine Silberlinge.
Nie vermöchte er mich zu kaufen!
FULVIA. Weil er kein Geld hat! Ich glaube Dir, edler Patriot. - Bist Dir also
selbst eine Partei?
CLODIUS. So ist's. Ich bin mir selbst eine Partei, allein Für sich. mit Cäsar.
Sieht hinaus. Wird eine heisse Arbeit, viel Blut. Auf hundert Mann Todte und
Verwundete muss ich rechnen.
FULVIA. Auf der Verlust-Nechnung für Schmerzensgelder wohl das Doppelte!
CLODIUS. Tief schmerzet mich Dein Misstraun. Ich liefre nur solide Waare. Ruft
hinaus. He, Sulla!
SULLA draussen. He, Pulcher! Erwünscht! Bin im Augenblick oben!
FULVIA. Man erstürmt schon die Häuser, wie es scheint. Sulla tritt auf. Wie,
Cornelius Sulla? Ich empfange nie am Morgen.
SULLA. Nie hätte ich gewagt, Allerschönste - aber dieser Tag bricht alle
Schranken. Man ist ausser sich. Die Gracchen steigen aus ihren Gräbern, die Welt
geht unter und ich bin Wahlbeamter! - Du, Clodius, was ich sagen wollte, der
Julier hat uns, dem Jungen Rom, uns von der guten Gesellschaft, eingeschärft,
gegen den Sergier zu stimmen. Natürlich, wir stimmen alle mit Cäsar. Ich wette
ja immer auf Cäsar's Pferde.
FULVIA. O gesinnungstüchtige Wähler! O Curtiusse, begeistert stürzend in den
Schlund - der Geldsäckel!
CLODIUS. An die Arbeit! Ich werde für das Vaterland aus allen möglichen Wunden
bluten - und's ihm gehörig auf die Rechnung kerben. Haha! Clodius und Sulla ab.
FULVIA schaut hinaus. Was seh ich? Catilina selbst - wie, er betritt mein Haus!
Er kommt hierher? Ich verstehe. Er misstraut mir und will mich nahe im Auge
behalten.
CATILINA mit Sempronia und Cetegus tritt auf, in weisser Toga, aber behelmt.
Verzeih uns, liebe Fulvia, wenn wir die traute Bundesschwester stören. Die Lage
Deines Pallastes, so nah an den Comitieen, zwingt uns, unser Zelt hier
aufzuschlagen. Es trägt ein rotes Banner, dies Zelt, was ja nach alter
Römersitte eine bevorstehende Schlacht verkündet.
FULVIA. Um so mehr Ehre für Deine treue Clientin, grosser Feldherr.
CATILINA. Cetegus, Du bearbeitest also die zehn ersten Conturien der dritten
Klasse. Sprechen leise weiter.
SEMPRONIA. Fulvia, hör mich an!
FULVIA. Was befiehlst Du, o meine Busenfeindin?
SEMPRONIA. Wir hassen uns und haben uns stets gehasst. Deine kalte Gefallsucht,
dies Maskenspiel mit Deiner eignen Seele - ich verachte solche Mummerei. Ich bin
ganz Flamme, ganz Leidenschaft.
FULVIA. Wozu diese zarte Mitteilung?
SEMPRONIA. Du wirst es hören. In dem bittern Hass des gemeinsamen Grimms ist mein
kleiner Hass nur ein Tropfen. Mein kleines Herz - es schlägt in Catilina's grossem
Herzen. Drum sei abgetan Liebe und Hass vergangener Tage. Catilina's Feind und
wär's mein Bruder - zwischen ihm und mir sei die einzige Brücke das Schwert.
Catilina's Freund und wär's meines Vaters Mörder - ihm biet ich die Rechte zu
Schutz und Trutz. Du hast Dich uns heimlich zugesellt in letzter Zeit, bist von
Cicero abgefallen und bemühst Dich in unsrem Sinne - gut. Aber eins wisse: Ich
folge Deinem Schlangenpfad. Hoffe nicht mit gleissender Windung uns zu berücken.
Umzüngelst Du uns mit giftigem Verrat, so mag ich untergehn, aber Du mit mir!
FULVIA. Mach Dich nicht lächerrlich! Metell tritt auf. Ein neuer Mars mit dem
Heldenschweiss!
METELLUS. Schöne Domina, gewähre mir Gastrecht. Bin hierher befohlen. Salutirt
vor Catilina. Melde mich zu Diensten Na, da sind wir ja alle beisammen, wir von
der Verschwörung.
CETHEGUS. Wie steht's draussen, Meteller?
METELL. Können schlafen gehn. Jetzt wählt sich's ganz von selber. Wer will auch
uns 'was anhaben?
CATILINA schwer. Das Fatum.
METELL. Was, dies überwundene Ding will sich unterstehen, mit uns von der
Verschwörung zu spassen? Nichts da!
CATILINA. Hm, die Welt ist ein Klumpen Zufall und der Menschen Pläne eine hohle
Wahrscheinlichkeitsberechnung. Nimmt seinen Helm ab. Aus diesem Kelch des
Kriegs, lüstern nach triefendem Blute, Trankopfer spende ich Dir bald, Fortuna!
Umstülpend diese Opferschale, weihend die ersten roten Tropfen - sei mir fürder
günstig! Aus diesem blutigen Kelch will ich mein Glück auf einen Zug in dieser
Stunde leeren. Du unsichtbare Macht, die mich gesetzt über der Menschen
Scheitel! Du weisst es ja, dass Du mich ausgerüstet und gesandt, um zu vollenden.
Aller Zukunft Sterne sie spiegeln sich in meiner dunkeln Seele. Ja, ich bins,
keiner sonst. Ich bin allein, ich bin der Herr der Welt.
ALLE. Heil dem Erretter!
FULVIA für sich. Hofnarren ihr! Rast dieser Mensch und steckt euch alle an mit
seinem Rasen? Wie der göttliche Sauhirt Eumäos in Mitten seiner Herde, schiebt
er dies Gesindel im Kofen hin und her wie ihm beliebt. Laut. Doch halt, was
fehlt dem grossen Mann?
SEMPRONIA die Andern abwehrend. Ruhe! Kümmert euch nicht darum! Es geht so
schnell vorüber wie es kommt. Er leidet an solchen Anfällen.
CATILINA epileptisch erregt, Schaum vor dem Munde, halblaut vor sich hin.
Allein? Ich bin nicht allein, bin nicht einsam. Nahen dort nicht die Schatten
der Todten? Haha, sie sitzen auf meinem Lager und bohren langsam langsam den
Dolch zurück in mein Herz, den Dolch, der das ihre traf. Hei, sie schleifen mich
hin an den Rädern der Gedanken und peitschen mit der Geissel der Reue. Fieber des
Gewissens, heran! Mir ist so kalt. Einst war ich Stahl, jetzt bin ich Eis. Ich
bin abgestorben, verschneit ist jede Blume. Herauf, ihr alten Schatten! Doch ihr
wollt nicht kommen, ich bin so vernünftig. - Wie, sollen sie lebend den Titanen
schmieden an den Fels ihrer Rache, soll der Geier nach meiner Leber hacken? In
den Abgrund stürz ich hinab und Du, o Nacht, empfange den sinkenden Sohn! Hörner
hinter der Scene. schafft mir die todten Augen weg!
SEMPRONIA. Ha, das Zeichen zur letzten Abstimmung! Auf, Sergier, erwache!
CATILINA. Ich bin erwacht. - Hinfürder keine Götter neben mir! Wie ein
Königstiger will ich jagen durch die ächzende Welt und Generationen erdrücken
mit meiner Tatze. Hätt' doch das All der lernäischen Hydra ewig neu aufkeimendes
Haupt, dass ohne Ende ich führen könnte den Todesstreich! Ich will euch!
SEMPRONIA. Die Sonne umfliesst sein Haupt mit einem Strahlenreif. Schon seh ich
das Diadem um seine Schläfe geschlungen.
CETHEGUS. Hör' die Tuben! Sie laden Dich zum Siege, Imperator.
CATILINA setzt den Helm auf. Die Weltgeschichte steckt in diesen Hörnern. Die
Arena ist bereit, das Teater voll, die Wetten gebucht. Ich - wette auf mich
selber - eine Welt!
 
                                      IV.
»Jaja, so ganz Unrecht hast Du darin nicht. Es gibt Leute, die wähnen, dass sie
den Weihekuss des Realismus erhielten, weil sie ein paar Verhältnisse und
Ehebrüche auf dem Gewissen haben. Nächstens wird man hie Befähigung zum
Realismus nicht nach der Beschaffenheit der Hirnsubstanz, sondern nach der
Befähigung der Genitalien beurteilen, - womit freilich auch vielen Idealisten
gedient wäre.«
    So ging Leonhart auf die heftigen Ausfälle ein, mit welchen Schmoller die
sogenannten Realisten bedachte, da es natürlich nach seiner Schätzung überhaupt
nur einen Realisten gab: nämlich ihn selber.
    »Diese Me-nschen!« polterte er mit tiefer sittlicher Entrüstung. Bei denen
der ganze Realismus im Ausmalen erotischer Situationen besteht! Als ob darin der
Realismus steckte! Es ist zum Todtlachen. Noch nicht ins Leben hineingespuckt
haben sie alle und glauben wunders was Grosses zu vollbringen, wenn sie ihre
kleinen Schäferstündchen lecker beschreiben! Wenn man nicht in Fabriken
aufgewachsen ist, darf man überhaupt keine socialen Romane schreiben.
    »Sociale - hm, in diesem Sinne, ja! Dann hätte aber auch Zola bis auf
Germinal nichts geleistet. Nein, nein, es regt sich doch allerorts ein sehr
gesundes Streben. All diese neuen Unternehmungen und Bestrebungen, systematisch
Stück für Stück das moderne Leben, speziell dasjenige Berlins, zu zergliedern
auf der Grundlage einer wahren Anschauung der Dinge, sind an sich schon
achtungswürdige heilsame Zeichen der Zeit. Mag auch das Dichterische in solchen
Versuchen noch einer beträchtlichen Steigerung bedürfen, mag auch der Realismus
noch etwas romantisch und zufallmässig gefärbt sein, - nur entschlossen weiter
auf dieser Bahn! Dem Mutigen hilft das Glück. Es muss durchaus mit der
Süssholz-Litteratur aufgeräumt werden und der Schmerz des wirklichen Lebens die
Kunst beherrschen. Solche Kunst allein kann sittlich wirken, da nur sie den
Menschen lehren kann, sich über die Wirklichkeit entsagend oder beherrschend zu
erheben. Die akademische Lügenkunst wirkt entsittlichend, indem sie ein
entstelltes, optimistisch gefärbtes Bild des Lebens bietet, durch dessen
Betrachtung der Ekel an der brutalen Wirklichkeit höchstens gesteigert werden
muss. Nicht die Dinge verschönern, sondern sie verstehen ist gesund. Schön ist
allein die Wahrheit. Wahr aber ist nicht nur das relativ Hässliche, sondern auch
das relativ Schöne. Der Realismus unsrer heutigen colorirten Photographieen in
der Malerei ist weit entfernt von dem gesunden elementaren Realismus der
Renaissance-Meister. Und Zola ist noch lange kein Shakespeare. Heutzutage
herrscht eine so trostlose Begriffsverwirrung, dass man kaum mehr weiss, was unter
Idealismus und Realismus eigentlich zu verstehen sei. Wenn Einer geleckte
Sonette drechselt oder hochtönenden Jamben-Bumbum ausspeit, heisst er ein idealer
Dichter. Und wenn ein genialer Neuschöpfer in seine idealen Conceptionen
sachgemässe Cynismen verwebt, heisst er ein schmutziger Zolaist.«
    »Hahaha, so nennen sie uns Beide ja auch!« lachte, Schmoller auf, indem er
innerlich dachte: Na, auf Dich passt's ja auch. Und die Idealisten - hoho, die
muss man mal bei Lichte besehen.
    »Ganz richtig. Idealist sein bedeutet heut: auf die Vorurteile und den
Tagesgeschmack spekuliren. Christus hiesse womöglich: Ein polternder Realist.«
    Beide schritten der Dresdener Strasse zu. Man wollte dort mehrere
socialdemokratische Führer in einer Kneipe treffen, mit denen Schmoller einige
Bekanntschaft pflog. Aus weiser Vorsicht kokettirte er nebenbei auch so lange
mit den Christlich-Socialen, bis er deren Treiben kaustisch durch die Zähne zog.
Denn Abwechselung muss sein. Er mokirte sich zugleich über Beide.
    Als man jedoch an dem Rendezvous-Ort anlangte, ergab sich, dass die Herren
hinterlassen hatten, sie würden ins Café Liedrian steigen.
    »Hoho, famos! Da werden nämlich die Agitationsgelder vom Klempner-Strike mit
den Dirnen durchgebracht!« raunte Schmoller seinem Freunde ins Ohr,
hochbegeistert von dieser Entdeckung einer neuerfundenen Schlechtigkeit. Also
vorwärts, das wird ja famos! Du bist ja da bekannt, he, was, wie? Sein Auge
blinzelte boshaft.
    Leonhart zauderte einen Augenblick. Eine fatale Situation. Doch sich
sperren, schien hier das Ungeschickteste. Sie marschirten also dortin.
    Schmoller befand sich in seiner süffigsten Schimpf-und Verläumdungsstimmung.
Er verbreitete gleichsam eine unreine Atmosphäre um sich her, indem er über
Jeden irgend eine dunkle Geschichte zu erzählen wusste. Seine teoretische
Menschenverachtung verschanzte sich dagegen, edle Gefühle und Gedanken zu
begreifen, weswegen er stets nach unlauteren Motiven forschte.
    »Hihi,« kicherte er, der Eine von den Kerls, der Redacteur Hermann Garibald
Hoppel, - na der richtige Fatzke! Trägt den Spitznamen der Garibaldianer, weil
sein Alter ihn aus Begeisterungs-Schmuss für den Italiano Garibald getauft hat.
Trieb sich in Süd-Amerika herum, weil er als Hauslehrer faule Chosen mit der
Tochter vom Hause trieb. Bildete sich als Goldgräber in Chile zum Bret
Harte'schen Strolch-Goldherz aus - punktum, streu Sand drauf! Immer zugeknöpft
und finster. Hat ganz entschieden einen Mord da drüben auf dem Gewissen. Spielt
den Vornehmen, dabei ein Schmutzian bis über die Ohren. Der Andere - o, auch
köstlich! Ein riesiger Antisemit und heiratet drum immer Jüdinnen. Jetzt hat er
schon die Dritte, aber die brannte ihm durch und macht unter dem Tittel
Schriftstellerin durch ganz Deutschland litterarische Besuchsreisen bei allen
schönen und vermögenden Federschwingern. Verstandez-vous? Pass mal auf, zu Dir
kommt sie auch noch.
    Leonhart lachte. »Du hast wieder. Deinen guten Tag. Die Menschen sind weder
so gut noch so schlecht, wie man denkt oder wie man sie schildert. Das ist,
glaube ich, ein altes Axiom - mir aber drängt es sich auf wie etwas Neues. Denn
jeder Vernünftige wird doch zu gleicher Erkenntnis gelangen.«
    »Ach, habe Dir man nicht! Alles oberfaul, alles.
    Ueberhaupt schon die Jüdinnen! Wenn ich denke, als ich bei dem scheusslichen
Millionenschinder Ruperti (wie die Bande sich immer auf's Italienische
raustauft!) Sekretär war! Die dicke Madam geilte sich immer an mir ab und das
Töchterlein Laura - na, die Kröte! Ruft mich mal heimlich ins Badezimmer, als
sie halb am Ausziehen ist, natürlich in aller Unschuld - na, ich will nichts
gesagt haben!« Schmoller strahlte nicht wenig von dem stillen Bewusstsein, er sei
doch ein verdammt schöner Kerl. »O über diese ganze versumpfte Gute
Gesellschaft! Da begreift man Dostojewski's ollen Raskolnikow, der einfach
hingeht, um solch 'ne alte Geldlaus todtzuschlagen.«
    »Hm,« meinte Leonhart. »Aus Faulheit und Grössenwahn. Dem Raskolnikow spukt
ja fortwährend Napoleon im Gehirn - das hat Dostojewski sein berechnet.«
    »Na ja, so wie Napoleon Dir im Gehirn spukt, Raskolnikowchen,« grölte
Schmoller.
    »Mir? Danke!« brummte Jener. »Ich dürfte denn doch wohl mehr die Rolle des
Rasumichin spielen, bei Deiner eignen hohen Beanlagung zur Raskolnikow-Rolle.«
    »Was meinst Du damit?« fragte Schmoller mir einem stechenden Blick.
»Uebrigens, das verstehst Du gar nicht. Ueber Raskolnikow kann nur Der mitreden
- ja, mein Sohn, das ist die Not, die Not, die Du nicht kennst.«
    »Hm, mein Teurer, ich erlaube mir zu bemerken, dass der Artillerielieutnant
a.D. Bonaparte wohl mehr gehungert hat, als unser imaginärer Freund Raskolnikow,
der überall herumlumpt, - was Bonaparte gewiss verschmähte. Und doch ging er
keineswegs hin, um eine alte Frau zu raubmorden, sondern er erwartete standhaft
seine Stunde und eroberte die Welt. Wenn Du nicht verstehst, wie gross dieser
Unterschied, so hast Du Dostojewski's tiefe Psychologie gar nicht verstanden.«
    »Pschah! Wie gesagt, was weisst Du von der Not der untern Schichten!«
    »Und was weisst Du von einer philosophische Lebensauffassung! Das Allerbeste
ist: zu lachen, sintemal so viel Lächerliches jede Minute wächst. Lache nur viel
und vor allem leide nicht an Hyper-Gerechtigkeit, welche dem Pharisäismus sich
manchmal nähert. Gott sei mir Sünder gnädig! Man muss mit Hamlet sagen: Ich bin
selbst leidlich tugendhaft, dennoch stehn mir mehr böse Wünsche zu Gebot, als
ich Macht habe sie auszuführen. Wenn sie nicht herauskommen, wer weiss, ob das
mein Verdienst ist oder das der Umstände!«
    »Paperlapapp! Du red'st wie der Blinde voll der Farbe. Ueber das wahre Elend
hilft all so'n Getue nicht weg. Gestern genoss ich den Vorzug, einen
Kohlenschipper zu sprechen, der zehn Jahre mit gebrochenen Beinen in einem
dustern Keller lag. Tableau! Ach und dann all die andern Schandtaten! Daher
auch die Lüderlichkeit bei den armen Leuten. Alle Konfirmandinnen von vierzehn
Jahren sind schon keine Jungfern mehr. Da hilft nur noch praktisches
Christentum. - Ja wohl, meine Tochter, hier hast Du einen Groschen!« Er warf
einer bettelnden Streichholzverkäuferin einen Nickel hinein und stieg erhobenen
Hauptes, im Bewusstsein eines solchen praktischen Christentums, die Stiegen zum
Café Liedrian hinan.
    Die Ueberraschung Frau Helenens beim Erscheinen Leonharts spottet aller
Beschreibung.
    »So? Mit den Kerls gehst Du um?« raunte sie ihm ins Ohr und girrte dazu
zärtlich: Federigo!
    Da er peinlich berührt zusammenzuckte, girrte sie weiter: »Ach simulire man
nich! Ich weiss ja, wer Du bist. Und jetzt würde sich ja doch Einer von den Kerls
da verplappern. Na, der Schreck, als ich Deinen Namen in Deinen Handschuhen las
und mich nachher orientirte, wer Du bist. Also der berüchtigte Schreihals bist
Du! Nein, was man nicht erlebt! Und nun giebst Du Dich gar mit solchen Leuten
ab! Der da, den Du da mitgebracht hast, der mit dem Havelock - o dem hab' ich
schon mehrmals Feierabend geboten, weil er sich so unanständig aufführte. Bei
mir herrscht ein anständiger Ton. Ach und Deine andern Champagner-Freunde da
hinten! Das scheinen mir auch die Nichtigen. Soll mich wundern, ob Die solche
Zeche machen können!« So schwatzte sie fort, fiel ihm aber um den Hals, als er
sie ärgerlich abschütteln wollte: Ach, ich liebe Dich ja doch, alter Freund!
Dadrum keine Feindschaft nich!
    Die grossen Freiheitsapostel flegelten sich hinten in der Weinstube auf dem
Kanapee umher und mehrere Champagnerflaschen kollerten bereits geleert aus dem
Boden. Leonhart dachte unwillkürlich an eine gemütliche Orgie der alten
Schreckensmänner des Wohlfahrtsausschusses. Er wurde mit Halloh empfangen und
bald plätscherten alle wie der Fisch im Wasser in Zotenreisserei umher. Der
antisemitische Jüdinnen-Verehrer besah die Bilder an der Wand, welche Nuditäten
durchsichtigster Gattung darstellten. Ist die nackigt! rief er mit Extase. »Das
Wasser läuft Einem im Munde zusammen!«
    »Greis, schäme Dir!« kicherte Schmoller. Der Greis schlug sich jedoch kernig
auf die Heldenbrust und beteuerte, indem er die holde Olga umarmte: Bin ich ein
Mann? He, kann ich noch?
    Olga gab alles zu, obschon sein Wein-Odem sie so widerlich betäubte, dass ihr
der Fächer, mit welchem sie stets als grande dame zu paradiren pflegte, aus der
Hand fiel.
    »Ach, Sie wissen ein Weib so zu nehmen!«
    »Na und ob! Wir sind doch auch noch so gut wie so'n oller laffiger Lieutnant
mit 'nem Bürstenladen in der Tasche, wä?«
    Hier hielt der finstre Redacteur, der laut Schmoller in Amerika einen Mord
auf dem Gewissen hatte, die Gelegenheit für gekommen, um den verehrten
revolutionären Dichter Leonhart wegen seines Vortrags über den Grössenwahn des
Militarismus zu preisen.
    »Ja, da haben Sie mal wieder einen Schuss ins Schwarze getan, den Nagel just
auf den Kopf getroffen. Hier sitzt der Kern alles Uebels. Der
nationalökonomische Ruin des Staates wird durch das Wuchern dieses unproduktiven
Standes unvermeidlich. Soll das arme überbürdete Volk etwa den Kastendünkel des
roten Kragens mit seinem blutigen Schweisse färben?«
    »Hm, da haben Sie mich nun freilich doch nicht ganz verstanden,« wehrte
Leonhart ab. »Gegen den Offizierstand, der heut das Rittertum darstellt, habe
ich gar nichts. Im Gegenteil. Die Offiziere müssen sich durch Kastengeist
entschädigen. Denn abgesehen von schlechter Bezahlung (wofür freilich die
Pension eintritt), wie entsetzlich steht es mit dem Avancement! Mit 42 Jahren
Hauptmann - also etwa das, was in einem grossen Handlungshause einer der Kommis
I. Klasse bedeutet! Man muss hier unbedingt das Talent haben, alt zu werden. Gott
sei Dank, sind 90 Procent der Offiziere ganz mittelmässig und wählen den Beruf
nur aus sozusagen physischen Gründen, weil sie für einen höheren Beruf keine
Intelligenz haben. Allein, die höher Veranlagten, - was müssen die leiden! Denn
in allen unteren Graden hilft ihnen ihre militairische Begabung grösseren Stils
ja nichts. Sie müssen günstigstenfalls 60 Jahr alt werden, um in eine Stellung
zu kommen, wo sie ihr Führertalent entfalten können.«
    Dieser belehrende Einwurf missbehagte den Andern offenbar. Ebenso, als
einiger Unsinn über den nächsten Krieg und Boulanger's Rolle vorgebracht wurde
und Leonhart ruhig urteilte: »Boulanger scheint der Dumouriez der
neufranzösischen Republik. Solcher Leute Augenmass sieht in einer Revolution
keine Empörung, sondern eine Verschwörung. Ein geborener Revolutionär ist nie
ein wahrer Republikaner. Während er mit dem einen Auge der Monarchie droht,
blinzelt er liebäugelnd mit dem andern Auge nach ihr hin. Mit der Keckheit eines
Prätorianerobersten gedachte Dumouriez die Orleans gegen den Convent
auszuspielen. Wer weiss, ob nicht Aehnliches Boulanger vorschwebt! Da ihm der
Einfluss im Senate mangelt, so gedenkt er wie Cäsar das Heer zu seinem Werkzeuge
zu machen. Die Legionäre Cäsars aber waren eben - Cäsarianer, privilegirte
Räuber; die Soldaten des Dumouriez aber waren Bürgersoldaten, denen blinder
Soldatengehorsam fremd, und jener Lysander der grossen Revolution wurde alsbald
von der Bühne verjagt. Der Convent nannte ihn den grossen Verräter. Ob Boulanger
ein ähnliches Loos zu fürchten hat? Nun, er hat kein Jemappes in seiner
Vergangenheit; dafür hat er den Ruhmestag am Lyoner Bahnhof und die Flucht vor
dem Gesindel seiner Anbeter auf einer Lokomotive. Der Radau-General, der St.
Arnaud der Tingeltangel! Ein klassisches Sinnbild für den Reklame- und
Strebergeist unsrer Epoche! Lachen muss ich nur, wenn die Zeitungen durch ihr
Schimpfen solch' gefährliche Elemente unschädlich zu machen denken. Heutzutage
bläht man durch jede Art von Oeffentlichkeit die Leute auf. Man beschuldige und
vernichte die Leute kräftig mit Druckerschwärze - das ist der Weg, um ihren
Namen aller Welt geläufig zu machen. Man muss sehr talentlos oder energielos
sein, um auf solcher Schimpf-Basis nicht ein Piedestal für sich zu erbauen.«
    »Sehr richtig!« rief der finstre Volksredacteur mit dem Christuskopf. »Uns
hat das Socialistengesetz und der Belagerungszustand gross gemacht. Das Schimpfen
und Verfolgen zeigt doch immer Furcht.«
    Aus dieser Anknüpfung entspann sich alsbald naturgemäss eine socialpolitische
Debatte, während die Mamsells sämmtliche Flaschen unterdessen ausbecherten, über
den Associationsstaat. Da hatte Jeder sein Steckenpferd. Der jüdinnenfreundliche
Antisemit bestand vor allem auf freier Liebe und Aufhebung des Erbrechts.
Schmoller bezeugte eine besondere Wut gegen das Privatkapital und der düstere
Redacteur plaidirte für das Genossenschaftswesen als Monopol. Leonhart liess den
Wortschwall eine Weile über sich ergehen, dann aber hielt es ihn nicht länger
und sprach: »Meine Herrn! Die socialistische Doctrin entstammt dem Schädel
überspannter Ideologen, welche sich im Mantel des naturwissenschaftlichen
Materialismus drapiren, um die wahren Materialisten, die rohen Pöbelmenschen,
über ihr Wesen zu täuschen. Der Socialismus ist in sich die baare blanke
Unmöglichkeit. Denn erstens müssten, um ihn durchzuführen, die Bedingungen der
Naturgesetze umgestossen und eine gewaltsame Herabschraubung und Nivellirung
aller Einzelkräfte auf ein Durchschnittsmass ermöglicht werden. Sie werden mir
nun versichern, das socialdemokratische Drillzuchtaus werde der naturgemässen
Aristokratie des Geistes gebührend Rechnung tragen und dieselbe als Beamtentum
der grossen Staatsfabrik, als patentirte Erfinder und Ingenieure verwenden.
Allein, wie lange würde es dauern und die souveraine Arbeitermasse, willenlos
tierischen Instinkten folgend, würde diese geistige Control-Aristokratie mit
demselben Hass empfinden, wie die frühere Geld- und Geburtstagsaristokratie. Ja,
die Möglichkeit ist für den Psychologen nicht ausgeschlossen, anbetracht der
vollständig sinnlichen und äusserlichen Auffassung der Durchschnittsmasse, dass
die Geistesaristokratie nicht einmal den Respekt bei dem gemeinen Mann erzwingen
würde, den er jetzt mürrisch dem Geld und Titel entgegenbringt. - Andrerseits
aber würde höchst wahrscheinlich diese Beamtenaristokratie selbst ihr Loos bald
unzulänglich finden und ein höheres Uebergewicht, ihrem Wert gemäss, dem
Handarbeiter gegenüber beanspruchen, als der socialdemokratische Staat ihnen
notwendig zugestehen kann. - Wie will sich nun dieser Staat vor all den
Unzufriedenen schützen? Ah, an Gewalt wird es ja nicht fehlen, vor scharfen
Mitteln werden die grossen Robespierres des Socialismus nicht zurückschrecken -
man wird die Staatsgewalt schon aufrecht erhalten, nicht wahr? Nämlich womit?
Natürlich mit bewaffneter Hand, mit einer kräftigen Jakobiner-Leibgarde der
socialistischen Heiligen. Sieh da, und darum habt ihr dem Militarismus den
Garaus gemacht? O ihr Toren! Was für ein Unterschied zwischen den alten und
neuen Garden?
    Meiner festen Ueberzeugung nach macht die Mehrzahl der socialistischen
Utopisten, in Folge mangelhaft construirter Einbildungskraft, sich den Zustand
der Menschen ihres Zukunftsstaates in keiner Weise klar. Wir wollen meinetalben
annehmen, dass man die Blumen aus der Natur ausjäten, dass man alle feineren
Individualitäten in der Wurzel vernichten, dass man die Künste und abstrakten
Wissenschaften abschaffen, d.h. den Trieb und Wunsch nach idealen Tätigkeiten
aus der Menschenseele entfernen könne. Diese Unmöglichkeit einmal angenommen,
müssen wir umgekehrt erwarten, dass die grosse Masse, welche heut vom niedrigsten
tierischen Egoismus gelenkt wird, sich idealisire - zwar nicht ästetisch, aber
moralisch. Bei der Vernichtung des persönlichen Arbeitsgewinns durch die
Aufhebung des Privateigentums müssen eine ideale Arbeitslust und Pflichttreue
die rein der Sache wegen wirken, sowie eine fortwährende Selbstverleugnung zu
Gunsten des lieben Nächsten angenommen werden. Aehnlich verhält es sich bei der
sogenannten freien Liebe oder Frauengemeinschaft, welche ausserdem nur für
Maurergesellen und Dirnen überhaupt etwas Verlockendes haben mag. Auf der einen
Seite sträubt sich jedes ideale Gefühl dagegen und auf der andern Seite verlangt
die Durchführung der Teorie die idealste Selbstverleugnung des Einzelnen, der
in seinen edelsten wie in seinen brutalsten Instinkten zugleich verletzt wird.
    Aendert die menschliche Natur von Grund aus, modelt uns alle um, macht uns
zu mechanischen Fress-und Zeugungsmaschinen, zu Tieren oder umgekehrt zu
brüderlichen Engeln - ohne diese Prämisse ist der Zukunftsstaat ein Unding.
    Auch dies Letzte endlich angenommen, würde man bei wirklich regelrechter und
möglichst vollkommener Ausbildung dieses Staates allergünstigstenfalls nur
urteilen dürfen: Viele alte Uebel sind abgeschafft, viele neue hinzugekommen;
viele neue Vorzüge hat dies System, viele alte hat es eingebüsst. Die Rechnung
zwischen dem alten System, das die Menschheit nun 10000 Jahre weiterschleppt,
und dem neuen deckt sich. Nun, meine Herrn, da bleibe ich lieber bei meiner
alten Maschine, die zwar voller Fehler und Schwächen, aber durch unablässige
Traditionen von Kind zu Kind geheiligt und wohleingeölt wurde. Wozu soll ich mir
die Scheererei mit einer neuen ungeölten Maschine machen! Verlorene Liebesmüh!«
    Mit zunehmender Verwunderung, die sich zur Entrüstung steigerte, hatte das
edle Kleeblatt diese offene Erklärung hingenommen.
    »Nu aber raus!« machte der philosemitische Antisemit seinem Grolle Luft.
    »Wen haben wir denn da? Einen communen Erzreactionär? Das ist der
freisinnige, der revolutionäre Poete? Wir sind erstaunt, Herr Schmoller, wie Sie
es wagen durften, diesen Herrn bei uns einzuführen.«
    »Das ist ein Missbrauch des Vertrauens!« trumpfte der Garibaldianer mit dem
Christuskopfe auf. »Herr Schmoller, verschonen Sie uns künftig mit Ihren
Freunden! Und Sie, Herr, muss ich bitten, unsere Gesellschaft zu meiden. Wir als
Vertreter des Volkes können solchen Verrat an den ewigen Prinzipien der
Freiheit in unsrer Nähe nicht dulden.« Er stand, die Rechte in der Brusttasche,
die Linke am Champagnerkelch, majestätisch da, so dass der Busen Olga's und
Kneifer-Mary's sich von einem stillen jungfräulichen Atemzug des Verlangens hob
und Frau Meyer murmelte: »Ein schöner Mann!«
    Leonhart erwiderte kein Wort, zahlte und ging mit stummem Gruss. Erst auf der
Strasse kam ihm Schmoller nach, der oben mich parlamentirt und seinen vollen
Beifall zu der sittlichen Entrüstung der zwo Volksvertreter beigesteuert hatte.
    »Wir gehn wohl noch mal hier in die Kneipe nebenan?« sagte er halblaut.
Leonhart nickte. - Das Lokal war zufällig ganz leer und sie nahmen in einem
dunkeln Winkel Platz. Hier explodirte Schmoller. »Du hast mich blamirt,« rief er
ein über das andere Mal »Aller Blicke im Lokal waren auf mich gerichtet.«
    »Auf Dich? dass ich nicht wüsste!« In seinem nervösen Verfolgungswahn waren
freilich solche Selbstvorspiegelungen bei dem grossen Sittenschilderer nichts
Seltenes. Auch liess Schmoller sich keineswegs durch Leonhart's Ruhe
beschwichtigen, sondern schlug einen eigentümlich provocirenden Ton an, der
sich allmählich bis zur Grobheit steigerte.
    »Und Du scheinst noch gar nicht mal eingestehen zu wollen, dass Du den
gesellschaftlichen Anstand taktlos verletztest?«
    »Mein Bester, jetzt höre auf! Ich freue mich, dass mir die Geduld riss und ich
dem dummen Grössenwahn der alleinseligmachenden Socialdemokratie ein kräftig
Wörtlein zu schlucken gab.«
    »Ach, was Du wohl davon verstehst!« Schmoller machte eine wegwerfende
Handbewegung. »Du bist ja in solchen Dingen naiv wie ein Kind. Die Not, die
Not! Du hast immer volle Taschen gehabt, an besetzten Tafeln geschwelgt« -
»Weisst Du das so genau?« fragte Leonhart achselzuckend.
    »Ja wohl,« fuhr Jener unbeirrt fort, ohne den Zwischenruf zu beachten.
»Daher steht Dir auch über meine Geldgeschichten gar kein Urteil zu.«
    »Ich wüsste nicht, dass ich mir ein solches je angemasst hätte,« fiel Leonhart
ein. Doch aus dies überhörte der grosse Unsittenschilderer und perorirte weiter:
    »Mir gereicht das alles nur zur höchsten Ehre. Man hat mich bei Dir schlecht
gemacht. Ich weiss wohl wer.«
    »Aber erlaube mal, ich habe kein Wort..«
    »Ja wohl. Ich will offen und ehrlich bekennen, offen und ehrlich«, diese
beiden Adjective liebte Schmoller mit jener Inbrunst, mit der man etwas
Unerreichbares erstrebt, das man nie besitzen wird, »dass ich Verschiedene,
darunter auch Dich, um nicht unbedeutende Darlehen anging und dass Du Dich
mehrfach für mich bemüht hast. Wenn Du es wünschest, will ich offen und ehrlich
-«
    »Hör' mal, jetzt ist's genug! Habe ich je mit einer Silbe -«
    »Ja wohl. Es gibt Leute, die da einfach wähnen, dass ich bei Dir allzu tief
in der Kreide stecke. In der Vorrede meines nächsten Romans werde ich daher, um
cursirenden Gerüchten entgegenzutreten-«
    »Bist Du wahnsinnig?«
    »Ja wohl. Dieses Wort zeugt wieder von einer so masslosen Ueberhebung Sr.
Majestät Friedrichs I. des Grossen, dass ich nicht ohne ein Lächeln daran denken
kann. Nur Du wirst Dich dabei blamiren, wenn ich offen und ehrlich -«
    »Offen und ehrlich!! Diese Worte in Deinem Munde!« Leonhart brach in ein
bitteres Gelächter aus »Ich ersuche Dich, mich mit den müssigen Hallucinationen
Deines Verfolgungswahns zu verschonen. Kein Mensch ausser Dir selbst in Deinem
schlechten Gewissen, das seinen krassen Undank beschönigen möchte, träumt so
etwas. Ich bedaure. Dir heut Lebewohl sagen zu müssen. Schlaf Dich aus! Und
bedenke das nächste Mal, wo Du eine Rempelei vom Zaune brichst, dass Du mir nur
grösste Hochachtung schuldest. Verstanden?«
    »Grösste Hochachtung, warum nicht gar knechtische Untertänigkeit!« schrie
Schmoller, indem er sich in die Haare fuhr und gezwungen auflachte. »Begreifst
Du denn nicht, wie urkomisch ein solches Wort in Deinem Munde klingt? Von
übertriebener Eitelkeit geplagt, forderst Du ewig meinen Dank heraus. Ich habe
nie Dank dafür beansprucht, wie oft ich hinter Deinem Rücken Dein Genie und
Deine Uneigennützigkeit gegen mich gepriesen habe.«
    »Hör auf! Ich bin leider nur zu wohl in anderem Sinne unterrichtet.
Nochmals, für heut verzichte ich auf weitere Konversation.« Leonhart hatte
längst erkannt, dass Schmoller plötzlich, einer Laune seines eingewurzelten
Selbstsucht-Instinkts folgend, einen Bruch mit ihm suchte. Er pflegte diese
geistreiche Taktik, sobald er sich durch die Erinnerung empfangener Dienste
belästigt fühlte.
    »So? Aha! Nun, nimm mir um Gotteswillen nichts übel. Es ist nur eine
Kompensation für Deine Beleidigungen.«
    »Meine -? Nochmals, bist Du wahnsinnig?«
    »Siehst Du, wieder eine so schwere Injurie! Doch ich dulde viel von Dir.
Wenn ich Dich durch meine Offenheit verliere, so ist das noch nicht zum
Selbstmorden! O ich weiss wohl, dass Du schlecht von mir denkst. Aber Du hast
keinerlei Recht dazu. Ich bin ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle.«
    »Wenn Du's selbst sagst!«
    »Deine Ironie trifft mich nicht. O Du, der Du die Not des Lebens nicht
kennst, wie ich, der sein kärgliches Brot sauer erwirbt, dessen ganzes Leben
Arbeit und Entbehrung war!«
    »Von Deinem vielen Arbeiten merkt man nichts. Und was Dein kärgliches Brot
betrifft, so behauptest Du ja selbst, dass Du die höchsten Honorare in
Deutschland beziehst.«
    Schmoller jedoch überhörte das und bekam, in sein Seidel starrend, einen
Rühranfall. »Hast Du eine alte Grossmutter wie ich zu ernähren? Hast Du -«
    »Bitte nur eins: Verschone mich damit! Ewig hört man von Dir Wunderdinge von
Deiner Familien-Aufopferung und so weiter. Nun, ich bin nicht in der Lage, das
prüfen zu können. Aber da ich Dich nie mit meinen Privatverhältnissen langweile,
so sehe ich nicht ein, wozu ich Deine selbstberäuchernden Edelmuts-Wechsel, die
Du auf Dich selber ziehst und jedem Ahnungslosen als General-Entschuldigung
gegen alle etwaigen Vorwürfe präsentirst, länger als baare Münze acceptiren
sollte. - Kommen wir zum Schluss und offen heraus: Ich weiss, aus tausend kleinen
Einzelheiten, die mir nie entgangen sind, dass Du im Grunde Deiner Seele einen
tiefen Hass gegen mich nährst. Und wenn Du meinst, ich dächte schlecht von Deinem
Charakter, trotz meiner heroldenden Bewunderung Deines Talents, so kann ich mich
nur negativ dahin äussern: Wenn ich doch je etwas Gutes von Dir gesehen hätte!«
    Schmoller schlug auf den Tisch und knirschte mit unheimlich glühenden Augen:
»Jetzt bleibst Du. Du sollst mir mal ausführlich begründen und deutlich
aussprechen, was Du über mich denkst.«
    »Ach, wozu solche unliebsamen Scenen bis aufs Äusserste treiben! Adieu.«
    »Nein, ich lasse Dich nicht fort, ehe Du mir Rede stehst. Du weichst mir
nicht aus. Für feige habe ich Dich nie gehalten.«
    »Feige?! Nun gut!« Leonhart lehnte sich ruhig in seinen Stuhl zurück: »So
muss ich wohl oder übel daran? Here goes! Also dies erzähle ich mir selbst, an
der Hand meiner Erfahrungen über Herrn Karl Schmoller.
    Der grosse Mann, für dessen unverkennbare Begabung ich bereits lebhaftes
Interesse besass, tauchte zuerst vor meinem Horizont in der Redaction des Doktor
Artur Kirmány auf. Er brachte dort eine Recension über Doktor Johannes Adler,
den bekannten Redacteur und Dichter, unter, da er diesem viel verdankte. Er
versprach Kirmány, einem Gegner Adlers, goldene Berge, wenn er die Recension
aufnähme. Dieser, ein stets gefälliger Mann, tat es.
    Ich bemerke hier gleich parentetisch, dass Schmoller, als den Doktor Kirmány
später ein unverschuldetes Unglück traf, unter denen war, die am lautesten über
den Armen herzogen. Ich erinnere mich noch mit Vergnügen des Abends, wo eine
Gesellschaft notorischer Lumpen in tugendsamer Entrüstung den Gefallenen
beschimpfte und ich taktlos genug war, mit ruhiger Miene zu antworten: Lump -
so! Na, wir sind doch alle Lumpen!
    Die nähere Bekanntschaft Schmollers sollte nicht auf sich warten lassen.
Diese Ehre kostete ich sofort, als ich Redacteur eines kleinen Blättchens wurde,
das einigen Rumor machte. Ich sass am zweiten Tage mit dem Chef und Herausgeber
bei der Arbeit, als dieser mit seinem bekannten brummeligen Ton aufstöhnte: Da
kommt Schmoller! Dacht ich's doch! Und in der Tat dieser grosse Mann erschien,
lebhafter Neugierde voll, gleich dem Geier, welcher Aas wittert. Mit seiner
schnüffelnden Fuchsnase und seinem listigen Catilina-Blick durchforschte er
sogleich unser etwas ärmlich ausschauendes Lokal und erkundigte sich nach unsern
Mitteln. Dann hub er etwa also an: So na ja! drei Abonnenten habt ihr? Mein
Chef, der ihn genau zu kennen schien, bläkte seine Zähne und sagte gar nichts.
Was, schon 5000? Alle Achtung! Jaja, der Miessnik da! Hat gleich eine Novelle
drin! 2000 Mark bekommen, wie ich höre. Ach, reden Sie doch nich! - Also,
Miessnik, Sie sind zu den Conservativen übergegangen? Wer hätte das gedacht!
Neulich war ich mit ein Paar Judenbengeln zusammen, haben Die geschimpft! Was,
der Miessnik? Nachdem er von uns die hohen Honorare geschluckt hat?! Ich sperrte
Nase und Mund vor Staunen auf, da ich die Erfindungsgabe Schmollers ja noch
nicht kannte. Nein, was der Miessnik übrigens meinem Bruder ähnlich sieht!
Wahrhaftig, Haare, Stirn und die treuen Augen - alles dasselbe! Ich war gerührt.
Wir wollten arbeiten, aber Schmoller ist bekanntlich ein Klebpflaster: Er bleibt
so lange sitzen, bis er irgend eine unvorsichtige Äusserung erschnappt hat,
womit er dann hausiren geht.
    Mein Chef brummelte fortwährend oder schwieg sich aus. Nachdem Schmoller
mich dann gebeten, doch irgendwo mit ihm in einer Kneipe zu plaudern, schleppte
er mich widerstandslos fort. Nun begann sein Spiel. Er erzählte mir von meinem
Chef und dessen Gattin allerlei horrible Dinge unter dem Siegel peinlicher
Verschwiegenheit. Doch lobte er die kluge Frau, indem er unter Anderem folgende
köstliche Anekdote von Stapel liess. Er hatte sie mal gefragt, warum sie ihn
nicht mit dem ihr befreundeten berühmten Dichter Kasimir Pakosch zusammen
einlade. Ach, hatte sie geantwortet, der würde Sie nach seiner Art über uns
ausforschen und dann würden Sie irgend was Schlechtes sagen und er würde uns
dies bei Gelegenheit mit frommer Gebärde wiederklatschen - na und dann wären wir
alle auseinander! Ich wunderte mich im Stillen.
    Schmoller wich nicht von uns. Er widmete unserm Blatte eine rührende
Aufmerksamkeit. dabei kam er dann bald auf sein berühmtes Steckenpferd: Seine
unvergleichlichen Honorare! 10,000 Mark für sein neues Buch - das ging ihm nur
so vom Munde. Dann berichtete er auch mit liebevoller Detaillirung, dass seine
Braut 50,000 Mark besitze und erkundigte sich, wo er 30,000 Mark unterbringen
könne.
    Her damit! Bei uns! schrie mein Chef, dem das Wasser im Mund zusammenlief:
Der Köder war selbst für seine Schmoller-Kenntnisse zuviel.
    Darauf hatte Schmoller nur gewartet. Er liess vernehmen, dass sich das hören
lasse, und versprach bereitwillig all seine Güter im Monde.
    Nun hatte er Anker gefasst. Mir gegenüber stocherte er, wie ein so
bedeutender Schriftsteller wie ich sich überhaupt zum Redacteur degradiren
könne. Ihm könne man Berge bieten! Und mein Chef schimpfe über mich - o! Das sei
überhaupt ein Kerl - na!
    Zu Jenem äusserte er dann: Wie er solch einen Kerl wie mich überhaupt dulden
könne! Und der schimpfe über ihn - o!
    In Folge dessen erlebte er denn das Gaudium, dass mein Chef und ich bei einem
seiner gewöhnlichen liebenswürdigen Besuche uns gegenseitig in die Haare
gerieten. Da verabschiedete er sich schleunig, worauf wir Andern uns natürlich
versöhnten, sintemal die Aussprache ergab, dass Schmoller uns aneinandergehetzt.
Doch schien ihm bald meine Freundschaft irgendwie wertvoller zu sein, als die
der andern - kurz, er attachirte sich gewaltig an mich.
    Ich muss nun, um Schmollers Eigenart zu würdigen, Folgendes bemerken: Seine
Grobheit bleibt Schmoller's gefährlichste Waffe. Denn eine angeborne Torheit
der menschlichen Natur liegt in dem Wahn: wer grob auftrete, sei darum auch ohne
Falsch. Lächeln, lächeln, immer lächeln und doch ein Schurke sein! heisst es im
Hamlet. Und dennoch hat der grösste Herzenskündiger seinen Richard III. je nach
Bedarf grob und zänkisch ins Gesicht, oder aber biderb schmeichelnd dargestellt.
Sie tun mir unrecht und ich will's nicht dulden, schimpft der polternde
Biedermann. Und so -«
    Er unterbrach sich. Jener erhob die Hand wie zum Schlage. Dann packte er
plötzlich Leonhart leicht an der Brust zwischen den Rockknöpfen, der ihn jedoch
im gleichen Augenblick unsanft abschüttelte. Schmoller beherrschte sich mühsam
und warf ruhig hin: »Fahre so fort! Ich fange an, Dich zu achten.« Doch wiegte
er wehmütig das Haupt und flüsterte mit umflorter Stimme: »Kleiner Kerl!«
    Aus Leonharts Auge brach ein scharfer greller Strahl, wie von inneren
Blitzen entzündet. Er bohrte sich dem lauernden Brillen-Blick des Andern
entgegen, der wie das scheue Spähen ertappter Neugier verlegen auswich, als
könne er sich schwer dem Banne einer neuentdeckten Ueberlegenheit entziehn. Dann
schlug er jedoch eine hässliche Lache auf:
    »Eine wahrhaft Shakespearische Menschenkenntnis! Ich habe eine traurige
Mitteilung zu machen, unter dem bekannten Siegel tiefster Verschwiegenheit - -
Du brichst es doch hoffentlich?« Schmoller's Lippen umspielte jenes süsslich
wollüstige Lächeln, welches der Hochgenuss über fremde Sünden stets seiner
Nächstenliebe zu entpressen pflegte. »Leonhart ist verrückt geworden. Er war ja
neulich geständig, dass er sich für einen angehenden Weltdichter halte. O Gott,
wie jross ist dein Tiergarten!«
    Die rötliche Löwenmähne des Beleidigten, ebenso wie vorhin Schmoller's
spitzer Katerschnurrbart, sträubte sich ordentlich vor Wut.
    »Nimmt Dich überhaupt noch Jemand Ernst? Du scheinst Dich immer noch nicht
bessern zu wollen, Du richtiges kleines Kind. Wenn ich so wenig vom Leben wüsste
wie Du -!«
    Leonhart stiess ein unartikulirtes Fluch-Grunzen aus. Er weinte beinahe vor
Zorn. Als Correspondent eines grossen rheinischen Blattes hatte er Jahre lang in
Paris und London gebummelt und sollte den schnöden Vorwurf der Unschuld über
sich ergehen lassen? Schmoller liess ihn jedoch nicht zu Worte kommen: »Nu aber
bitte weiter im Text!«
    »Du hast's gewollt, George Dandin!« In seiner masslosen Empörung sprudelte
jetzt der geknickte Transcendental-Realiste über alle Schranken weg. Seine
absolute Gerechtigkeitsliebe ging unter in dem Sturzbad seiner nervösen
Erregung. Wohlan! - Alles, was in meinen schwachen Kräften stand, bot ich auf,
um ihm zu nützen, wo ich konnte. Dies belohnte er stets mit dreister Stichelei
hinter dem Rücken, trotzdem seine Briefe von Versicherungen seiner Verehrung
strotzten. Hier in die Details zu gehn, wäre peinlich über alle Massen.
Hervorheben aber möchte ich die kühne Frechheit, die fast aus Irrenhaus streift,
mit welcher Herr Schmoller andere anklagt, wenn er dieselben schändlich
misshandelt hat, und noch den moralisch Entrüsteten spielt.
    »Aus meinen Erfahrungen würde ich daher folgende Charakteristik des grossen
socialen Romanziers zu liefern haben.
    Er war wie ein Weib. Je mehr man ihn poussirte, desto patziger und innerlich
gleichgültiger wurde er. Setzte er seinen Cylinder ab und stülpte einen
Kalabreser auf, so veränderte sich gleichsam seine ganze äussere Erscheinung. Er
sah dann viel bedeutender und zugleich gefährlicher aus. Zaghafte Naturen
mochten ihm dann wohl ungern allein im Walde begegnen. Man traute ihm zu, dass er
seinem besten Freund plötzlich einen Dolch in die Nippen bohren könne mit dem
Ausruf: Die Börse oder's Leben!
    Es harmonirte damit, dass er immer grossspurig darauf hinwies, wie Leute, die
von christlicher Liebe schwatzten, nichts täten, zumal für einen Mann wie Ihn,
und in Wahrheit in der Welt nur der rohe manchesterliche Grundsatz herrsche:
Stirb Du, damit ich lebe! Nun, er musste es ja wissen, da dies sicherlich sein
heimliches Prinzip sein mochte.
    In seiner schwarzen Seele spiegelten sich alle Menschen pechrabenschwarz.
Denn die Welt ist nur ein Spiegel: Was hereinschaut, schaut heraus. In Folge
dessen brachte er das Kunststück fertig, sich in einer Welt von Schurken, die er
sich ausmalte, als verfolgter Biedermann zu fühlen. Diese Schwäche und
Beschränkteit des Menschen beschränkte auch seine Begabung. Wo er wild,
trotzig, grimmig und vor allem, wo er boshaft die Feder schwang, war er gross.
Dann brach eine elementare Urgewalt in seinen Schöpfungen hervor. Wo er hingegen
pausbäckigen Humor pflegen wollte, wirkte er unbedeutend; wo er gar in gerührter
Menschenfreundlichkeit schwelgte, wirkte er teils läppisch teils für den
tieferen Beobachter widerlich durch verlogene Sentimentalität.
    Diese mittelmässigen Missgeburten hielt er dann natürlich für seine besten
Erzeugnisse, und die unreife Presse, welche seine wirklich bedeutenden Bücher
weder las noch verstand, ermutigte ihn noch in diesem Irrwahn. Man munterte ihn
auf, sich zum Idealismus emporzuranken und die Bahnen des greulichen Zola zu
fliehen.
    Ein Virtuose der Undankbarkeit, hatte er alle Menschen, die es gut mit ihm
gemeint, in einer Weise vor den Kopf gestossen, die man nicht verzeiht, weil sie
nicht plumper Rohheit, sondern einer allgemeinen Charaktergemeinheit entspringt.
Wohltat wurde ihm zur Beleidigung. Er fühlte geradezu das Bedürfnis, sich an
Leuten, die ihm wohlgetan, zu rächen - dafür zu rächen, dass ihn denselben
gegenüber die Empfindung einer Verpflichtung drückte, die er doch nicht einlösen
wollte. Hatte ihm ein Verleger ein übermässig hohes Honorar bezahlt, so erklärte
er steif und fest, der Mann habe ihn betrogen, und carrikirte ihn in seinem
nächsten Roman. Hatte ein College aus uneigennützigen Gründen ihn gefördert, so
munkelte er, dahinter stecke eine listige tiefverborgene Schurkerei. Lobte ihn
Jemand sehr stark, so klammerte er sich an irgend ein Wörtchen, das ihm missfiel,
und drohte mit öffentlicher Beschimpfung oder gerichtlicher Beleidigungsklage.
Und dies Alles passirte nicht einmal, sondern hundertmal in verschiedensten
Variationen. Er war geradezu sprichwörtlich geworden, so dass sich Jeder hütete,
mit ihm zu verkehren, mit ihm zu verhandeln und über ihn zu schreiben.
    Das Alles aber wäre zu ertragen gewesen, wenigstens für aufrichtige
Bewunderer seiner phänomenalen Beobachtungsgabe, wenn nicht obendrein mit der
perfidesten Verlogenheit verbunden. Er brachte es fertig, Leuten seinen ewigen
Dank schriftlich zu versichern und womöglich am selben Tage in öffentlicher
Kneipe dieselben niederträchtig zu verleumden. Daher cursirten denn über ihn
Briefe früherer Freunde, wo von fauliger Corruption und gemeiner Bauernfängerei
die Rede war. Er log wie gedruckt, erfand Gerüchte, die ihm beliebten, und wusste
von Jedermann irgend ein schauerliches Geheimnis. Seine nervöse Brutalität
siegte manchmal über seine Falschheit und dann brach er plötzlich unvermutet
Krakehle vom Zaun - sobald der Betreffende ihm aber energisch entgegentrat, wich
er feige zurück. Ebenso suchte er, sobald ihn die Umstände irgendwie dazu
zwangen, sich wieder an die Leute anzudrängen, mit denen er gerempelt hatte. Er
tat dies aber auf eine höchst seltsame Manier, indem er versteckte oder offene
Drohungen einfliessen liess, welche in solchem Fall mühelos als Erpressung
gedeutet werden konnten.
    Wenn man aber alledem gegenüber sein fabelhaftes Moralgefühl und seinen
Brustton der Ueberzeugung erwog, so fiel einem die bekannte Scene aus dem Drama
L'Etrangère von Dumas ein, wo der Yankee plötzlich ruhig dem Herzog bemerkt:
Nach allem, was Sie mir da vertrauensvoll mitteilen, muss ich schliessen, dass Sie
ein Schurke sind. Und das wunderbarste dabei bleibt, dass Ihnen das noch Niemand
gesagt zu haben scheint!!«
    Leonhart hatte in gleichmässig eisigruhigem Ton diese kaltblütigen
Degenstiche verabreicht, während die Züge des Delinquenten, der die Prozedur
über sich ergehen lassen musste, sich mehr und mehr verzerrten. Seine Hände
zitterten, seine Gesichtsfarbe spielte ins Aschgraue - - jetzt sprang er
plötzlich mit einem unartikulirten Wutschrei auf und griff mit der gespreizten
Hand krampfhaft in die Luft. War es Zufall, war es bewusste Absicht, - seine
Finger umkrallten den Griff des Brotmessers, das im Brotkorbe auf dem Tische
lag. Wie von dämonischem Instinkt elektrisch durchzuckt, hob er es hoch, die
funkelnde Spitze richtete sich schwirrend gegen Leonhart, noch ein Moment - -
    »Setz Dich!« sagte der Bedrohte mit lauter Stimme in strengem befehlendem
Ton. Er blieb sitzen, aber sein Gesicht nahm einen furchtbaren Ausdruck an. Sein
blaugraues Auge sprühte geradezu Feuer, seine Stirnfalte über der Nasenwurzel
trat wie mit dem Messer geschnitten scharf hervor. Wenn zwei Welten in dieser
Physiognomie lagen: ein weicher Gemütsmensch und ein kaltberechnender Mann der
Tat, so verschwand jetzt gänzlich der Zug wohlwollender beobachtender Kraft und
ein ungebändigter, zerstörungswilder Despotengrimm straffte seine Züge.
    Langsam stockend, zitterte Schmollers Arm in der Luft; seine Finger lösten
sich, als ob der unheilverkündende Blick des Gegners ihnen die Spannkraft aus
den Sehnen sauge - klirrend fiel das Messer zu Boden. Wie mechanisch machte er
einige Schritte vor- und rückwärts mit schlürfendem Tritt, dann sank er auf
seinen Stuhl mit einem dumpfen Knurren.
    So schleicht der Tiger, der zum jungen Löwen in den Käfig gesperrt, mit
unheimlichem Fauchen und knurrendem Heulen um diesen her, als wolle er ihn von
hinten anfallen, und verkriecht sich, erstickt von ohnmächtiger Wut, in die
Ecke, sobald der gutmütige Löwenblick sich auf ihn richtet. Der Zuschauer
begreift es kaum, worin die siegessichere Ueberlegenheit des kaum flüggen
Löwenbengels besteht, denn der schreckliche Tiger scheint ihm an Stärke weit
überlegen. Und doch reisst der Löwe bei der Fütterung die ersten Stücke an sich
und scheucht das hungrige Ungeheuer in unfreiwillige Geduld zurück. Ist's ein
Naturinstinkt, der den König der Tiere freiwillig anerkennt, so wie der Löwe
selbst vor dem festen Blick eines Menschen, der keine Furcht verrät, sich
ehrerbietig seitwärts trollt?
    Eine tiefe Pause trat ein. Ein Kellner, der sich neugierig gezeigt hatte,
zog sich befriedigt zurück.
    »So muss es kommen,« flüsterte Leonhart nachdenklich. »Siehst Du, wie Deine
Lippen zucken! Vom Grössenwahn zum Verfolgungswahn und von da zum Verbrechen -
das ist eine logische Stufenleiter.«
    »Ich - wollte - nicht -« murmelte Schmoller.
    »Schweig! Du wolltest es,« schnitt ihm Leonhart barsch das Wort im Munde ab.
»Ich finde das auch ganz begreiflich, nachdem ich Dir die Wahrheit einmal so
gründlich gesagt. Wer weiss, ob Du mir nicht noch mit Knüppel oder Pistole
auflauerst, um Deinen wütenden Hass an mir zu kühlen, weil ich Dir die
Biedermannslarve herunterriss!«
    Schmoller schnappte ein paar Mal nach Luft, als ersticke ihn rasende Wut.
Dann lachte er heiser und gezwungen auf: »Pah, das Alles ist ja doch nur fauler
Mumpitz! Du bist ein unreifer Narr und hast noch nicht ins Leben
hineingespuckt.«
    »Ei! Da wir doch einmal bei der letzten Aussprache sind, - davon hast Du ja
freilich keine Ahnung, dass Du mir eigentlich stets eine komische Figur gewesen
bist mit Deinem drolligen Grössenwahn prahlender Weltkenntnis. Was weisst Du denn
überhaupt vom Leben, was hast Du von der Welt gesehn? Nichts. Das kleine
Fleckchen Berliner Lebens in unteren und mittleren Schichten! Das spricht ja
gerade für Deine grosse Begabung, dass Du so glänzend schilderst trotz Deiner
geringen Lebenserfahrung!«
    Schmoller fuchtelte wie ausser sich mit den Händen in der Luft. »Ich keine
Lebenserfahrung!« Seine Stimme schnappte fast ins Weinerliche über. »Und das
sagt mir ein Mensch, von dem noch neulich Ottokar v. Feichseler schrieb: Ihm
fehlt noch tiefere Lebenskenntniss. O, o!«
    Leonhart lachte herzlich und trank sein Seidel leer, indem er sich erhob und
den Hut aufsetzte. »Die Lebenskenntniss des guten Kahlkopfs Feichseler! Nun,
Haare genug hat er ja gelassen, als er da unten in München als Hofmeister
einiger reicher Fabrikantensöhne auf deren Kosten ein Rouéleben führte, wie Du
mir erzähltest. Sie haben Dir's ja selbst erzählt und über Feichseler's schnöden
Undank geklagt, wie? Nun, seltsamerweise klagt aber Feichseler wieder über
Deinen schnöden Undank und erklärt Dich für ein moralisches Scheusal.«
    »Das mir! Einem Ehrenmann, der für eine alte Grossmutter sich das Fleisch von
den Knochen schindet! Gleich morgen schreibe ich Feichseler einen Brief, den er
nicht hinter den Spiegel steckt.«
    »Ach lass das! Deine grässlichen Schmäh- und Drohbriefe kennt man ja. Gott sei
Dank kannst Du mich nicht denunciren, wie vormals den Luckner, mit dem Du
Brüderschaft trankest und gleich am andern Tage an Feichseler petztest, was
Luckner unbedachterweise wegen Honorar-Unterschlagung Feichselers Dir
anvertraut. Ich persönlich kenne Feichseler gar nicht und er mich noch weniger -
es sei denn durch Geschwätz collegialer Kneip-Bekannten gleich Dir, die ich
sorgfältigst von meinen Privatverhältnissen fernhielt.«
    »Aha!« knirschte Schmoller. »Das habe ich ja stets gewusst. Eine schöne
Freundschaft!«
    »Mein Lieber, das ist nun nicht zu ändern. Ich kenne eben die Welt. Mit
Collegen verkehre ich nur auf zehn Schritt Distance. Willst Du mir aber mit
dieser Tatsache zusammenreimen, dass Du und Deinesgleichen über mich schwatzen,
als hättet ihr sozusagen an einer Nabelschnur mit mir gelutscht? Wie darfst Du
Dich erfrechen, über meine Welt- und Lebenserfahrung zu urteilen, als wäre ich
ein kleines Kind? Hast Du denn auch nur eine entfernte Ahnung von den
Erlebnissen meiner Vergangenheit? Wärest Du nicht selbst ein unreifer Schreihals
- ja, zucke nur! -, den sein Grössenwahn verblendet, so müsstest Du logisch
folgern, dass ein Mensch, der halb Europa kennt und überall in tausend höhere
Lebenskreise schaute, von denen Du nicht mal eine Vorstellung hast, wohl eine
Fülle von Selbsterlebteit aufspeicherte, wie wenige Andre.
    Aber es ist die alte Geschichte. Wer wirklich viel erlebt hat, der schweigt,
weil die Masse der Erinnerungen ihn erdrückt und er gar nicht wünscht, über
seine vielen Erfahrungen sich auszuschwatzen. Am meisten mit ihrer
Lebensweisheit prahlen Kerls, die sich im äusserlichen praktischen Leben
herumtreiben, weil sie als Geschäftsmann mit allen Sorten von Handels- und
Schwindelsbeflissenen zusammenkamen oder, wie in plebejischen Kaufmanns- und
Jüdenkreisen üblich, den Champagner-Weltmann spielen; oder weil sie die
Arbeiterverhältnisse und alle Spelunken kennen. Dadurch, dass man an der Börse
spielt oder an einer Dampfwalze dreht, wird man noch kein vereidigter
Lebenskenner! Frisst solche alberne Anschauung weiter um sich, so wird man
nächstens die Lokalreporter als realistische Meistersinger preisen! Auch ein
Grössenwahn, diese angebliche Welterfahrung in beschränktem Zirkel! - - Doch
genug. Die Beleidigung, welche ich Dir ins Gesicht schleuderte, ziehe ich
hiermit in aller Form zurück, indem ich meine subjektiv einseitige Darstellung
widerrufe. Denn wer kennt die Motive und Verhältnisse des Andern genau!«
    »Schreck, lass nach! Der ist nicht von schlechten Eltern.« Schmoller
trommelte mit den feisten Fingern auf dem Tisch. »Sonst hätt' ich Dich auch
wegen Ehrverletzung gerichtlich belangt!« Er pfiff die Melodie:
»Du bist verrückt, mein Kind.«
    ... Auf dem Heimwege traf Leonhart, der halb Berlin kannte, ein originelles
Pärchen. Der grosse Verleger und Börsenspekulant, Hauptmann der Landwehr Dr.
Sternbaum, kam soeben von einer offiziellen Feierlichkeit, von oben bis unten
mit Orden bedeckt. Mit sich schleifte er seinen Adjutanten, den famosen
Lokalreporter Reichsfreiherrn von Dattrich, welcher das opulente Festessen als
gastronomischer Kenner beschreiben sollte. Er erhielt dafür stets von dem
betreffenden Traiteur mehrere Kisten Kaviar und Trüffelpasteten ins Haus
geschickt, wie denn seine stilvolle Zimmereinrichtung mit Gobelins, Smyrnaer
Teppichen und geschnitzten Möbeln ihm auf ähnliche Weise von der dankbaren
Mitwelt gestiftet wurde.
    »Da ist ja mein alter Freund Leonhart!« brüllte Dattrich. »Comment
vous-portez-vous?«
    »Mässig, es macht sich.«
    »Lächerbar! Alle Tage wird dieser Mensch berühmter. Wieder ein Dutzend
Bücher ausgespieen? An jedem Finger ein Federhalter festgebunden! Sehen bleich
aus, junger Mann. Wohl zu viel geschwiemelt. Jaja, in Ihrem Alter legt man den
Hauptwert auf gut Lieben, in dem meinen auf gut Essen und nachher hier im Alter
meines verehrten Prinzipals bloss noch auf gut Verdauen.«
    »Ach bleiben Sie bei sich, Herr Baron!« schnarrte der Landwehrhauptmann. Er
hatte heut wieder mal zum 101. Mal seinen Trinkspruch auf »Unsern
allergnädigsten Kaiser, König und Herrn« gestiftet und strahlte noch vom Gefühl
seiner Wichtigkeit. »Wäre auch gut, wenn Sie sich selbst lieber den Fleiss Herrn
Leonharts zum Muster nähmen. Gestern wieder gar nicht auf der Redaction gewesen,
wie zu meinem Missfallen vernahm.« Die beiden Herren hatten sich offenbar schon
gezankt und Dattrich torkelte hin und her, angetrunken. So beugte er sich denn
in diesem indiscreten Zustande zum Ohr seines Prinzipals nieder und flüsterte
feierlich drei Worte bedeutungsschwer: Ruhig, Alter! Zuchtaus!! - Das
frechbrutale Gesicht des Börsenspekulanten und Verlegers verzerrte sich zu einem
verlegenen Grinsen und er schielte Leonhart an, ob Der vielleicht gehört habe.
Dann lenkte er ein. »So so, liebster Baron, Sie waren leidend. Jaja, schonen Sie
sich!«
    »Zu Befehl, Herr Hauptmann! Adieu, Dichterfürst!« - Die wandelnden
Termometersäulen (beide hatten allzuviel Quecksilber im Leibe) schwankten
dahin.
 
                                  Elftes Buch.
                                       I.
Leonhart starrte auf die Zeitung. Ja, dort stand es wirklich:
    »Am nächsten Sonnabend wird nun endgültig im Deutschen Teater in Scene gehn
Die Meeresbraut, Drama in fünf Akten von Xaver Graf Krastinik. - Die Ausstattung
wird alle Welt überraschen. Die Pracht der venetianischen Kostüme und
Dekorationen übertrifft noch die Leistungen der Meininger in Byrons Marino
Falieri. Herr Friedmann spielt die prachtvolle Rolle des Admirals Moncenigo,
Frl. Gessner die der Katarina Kornaro. Herr Kainz wird den König von Cypern,
Herr Sommersdorf die ergreifende Gestalt des jungen jüdischen Rabbiners Ben
Israel verkörpern. - Eingeweihte behaupten, dass eine neue Epoche des Dramas mit
diesem Abend anbrechen werde. Der grosse realistische Stil des Geschichtsdramas,
den der junge Goete und der junge Schiller suchten, ist hier gefunden, wie
unsre Gewährsleute versichern. Auch sollen sich Scenen von gradezu
überwältigender Schönheit in diesem Erstlingswerk eines grossen Dramatikers
finden. - Nun, das lässt sich ja an, als ob unserem Berliner Shakespeare Herrn v.
Alvers, der mehr und mehr für das naive Volksteater der Vorstädte zu arbeiten
scheint, ein gefährlicher Rivale erstanden wäre, der im Voraus gesiegt hat. Der
gräfliche Dichter, welcher schon durch seine herrlichen Gedichte so sehr in Mode
kam, dürfte demnach einem grossen Triumphe entgegengehn.«
    Leonhart warf das Zeitungsblatt auf den Boden und sich der Länge nach aufs
Sopha. Ein krampfhaftes Lachen schüttelte sein Zwerchfell. Er lachte sich einmal
gründlich aus über die Posse des Lebens.
    So war es denn also wirklich gelungen. Nun galt es das Weitere abzuwarten.
    Vor einigen Monaten hatte Leonhart einen Brief aus Venedig, der alten
Residenzstadt malerischen Farbensinns, erhalten. Kein Geringerer als jener grosse
Verschollene, der lyrische Tenorist Francis Henry Anneslei, beehrte ihn von dort
mit einem längeren Handschreiben. Den Anlass dieser überraschenden Kundgebung bot
die seit Kurzem erschienene Antologie realistischer Lyrik, welche auf Annesleis
Kosten von Erich von Lämmerschreier herausgegeben wurde und zu welcher Leonhart
ebenfalls Beiträge beisteuerte. Zwar hatte Francis Henry weidlich den Krämpfen
neidischer Grossmannssucht gegen den unangenehmen Niederdrücker Luft gemacht und
über Leonhart eine Reihe anonymer Recensionen geschmiert, des Inhalts, dass
dieser eigentlich kein Dichter, sondern ein »Denker« sei - ein Titel, gegen den
die Dichterlinge unsrer Zeit bei ihrer schrecklichen Gedankenarmut eine
besondere Animosität nähren. Allein, da ihm Leonharts Einfluss doch unumgänglich
für Förderung seiner Interessen nötig schien, erklärte er plötzlich diesen
»Volldichter« für »eine zum Höchsten berufene Natur«. In diesem Sinne
schmetterte er ihm auch jenen überschwänglichen Brief aus Venedig, worin er vor
allem bat, sein neuestes Werk: »Cypressen«, symphonischer Cyklus für Kammermusik
von Gregor Waschuppsky (Opus 22) in allen zur Verfügung stehenden Blättern
anzupreisen. Sodann sprang er auf die Antologie seines Freundes Lämmerschreier
über und bat die Beiträge des p. p. Haubitz und Edelmann zu vermöbeln, da diese
undankbaren Zigeuner ihm angeblich schon 5000 Mark Pumpgebühren gekostet hätten.
Nach diesem reizvollen Tema kam er auf Venedig zu sprechen, da er in dem
Palazzo, wo Richard Wagner gestorben, wohne und den Geist des todten Meisters in
sich einatme. Er versuchte dann in unbeholfener Weise Venedig zu schildern,
blieb aber bei den Blumenmädchen von San Marko hängen und erprobte einige
Genialitätsallüren, indem er das liebliche »bona sera« gefälliger Freundinnen
und sich daranschliessende nächtliche Gondelfahrten schilderte. Der Stil und die
Handschrift verwirrten sich zusehends, unvermittelte Cynismen sprengten sich ein
und der äterische Jünger der heiligen Cäcilia verbreitete sich über gewisse
Stühle in Italien. Diese seien von Marmor, aber so niedrig, dass Niemand sich
darauf setzen könne. Daher die Unreinlichkeit. Dies sei die wahre
Völker-Psychologie, vom Standpunkt des Verdauungstrones aus - -
    Hier brach der Brief plötzlich ab, der dem Psychiater vielleicht ein
interessantes Dokument geboten hätte, und es folgten einige Zeilen von fremder
Hand. Die Tante Anneslei's hatte nämlich die Nachschrift darunter gesetzt: Sie
sende den nicht ganz vollendeten Brief, für den bereits das beschriebene Couvert
dagelegen habe, da sie aus dem Inhalt ersehe, es handle sich um wichtige
künstlerische Dinge. Sie bäte den unvollkommenen Zustand des Schreibens zu
entschuldigen, da ihr unglücklicher Neffe, urplötzlich wiederum von einem
Nervenleiden befallen, in einer Kaltwasserheilanstalt Linderung suche u.s.w. - -
    Leonhart zuckte mitleidig die Achseln. Zugleich aber fühlte er, wie diese
verworrenen Andeutungen über Venedig ihm das Bild der Lagunenstadt mächtig vor
Augen bannten, so dass es seine Phantasie nicht wieder lossliess. Am andern Tag
verschafte er sich Daru's Geschichte von Venedig aus der kgl. Bibliotek und
vertiefte sich darin. Immer mehr wuchs und reifte in ihm der Gedanke, ein paar
bronzene Charakterköpfe aus der venetianischen Staatsgeschichte
herauszuschneiden.
    Bald darauf war er von Xaver Krastinik bei einer merkwürdigen Beschäftigung
überrascht worden. Dieser, geräuschlos eingetreten, fand seinen Freund über
allerlei Karten und Mappen gebeugt, einen Zirkel und Nadeln mit farbigen Knöpfen
in der Hand, ringsumher selbstgezeichnete Pläne und Tabellen mit allerlei
Berechnungen.
    »Zum Teufel! Was machen Sie denn da?« rief der Ex-Militair erstaunt, nachdem
er einen scharfen Blick auf all diese Gegenstände geworfen.
    »Ich - ich -« Leonhart suchte verlegen die Sachen zusammenzupacken, Jener
hinderte ihn aber daran. Mit sachkundigem Blick griff er einen Hauptplan auf:
    »Wollen Sie mir einmal erlauben? Was seh ich da! Das sind ja seltsame
strategische Studien. Wie sie wissen, war ich früher ein sogenannter gelehrter
Militair. Die Sache interessirt mich und ich verstehe 'was davon.«
    Leonhart verbeugte sich stumm und ging langsam auf und ab, die Hände auf dem
Rücken gekreuzt, in tiefem Nachdenken.
    Krastinik schwieg ebenfalls lange Zeit, indem er die Pläne verglich, die
Tabellen zu Rate zog und mehrere sauber geschriebene Papiere durchlas, die
schematisch geordnet und »Dispositionen« überschrieben waren. Plötzlich drehte
er sich um und fragte:
    »Sie waren auf keiner Kriegsschule?«
    »Nein.«
    »Sie treiben diese heimlichen Studien auf eigene Hand? Wer brachte Sie
darauf?«
    »Meiner Treu, Niemand. Es rumorte in mir seit frühster Jugend.«
    »Nun, dann ist das wieder eins jener Wunder des Genies, die unerklärlich
bleiben. - Warum ergriffen Sie nicht die militairische Carriere?«
    »Warum verliessen Sie dieselbe so früh?«
    Krastinik biss sich auf die Lippen und starrte finster vor sich hin: »Wohl
wahr. Sie taugen auch gar nicht zum Offizier, in keiner Weise. Würden bald wegen
Insubordination entlassen oder schössen sich eine Kugel vor den Kopf. Selbst
wenn die Möglichkeit vorhanden wäre, dass Sie Ihre Begabung je ausnutzen könnten,
wozu doch ein Oberbefehl gehört, müssten Sie darüber alt und grau werden. Sie,
ein so ungeduldiger Feuerkopf! Ja, unmöglich. Traurig! Sie haben Ihren Beruf
verfehlt, hätten in den Generalstab gemusst.«
    Leonhart schüttelte den Kopf. »Ich zweifle. Auch das würde mir nichts
nützen. Ich gehöre zu Denen, die nur an erster Stelle commandiren können oder
gar nicht. In irgend einer Ausnahmezeit wäre ich vielleicht 'was geworden, wie
der Ackerbürger Cromwell und der verhungernde Bonaparte. Aber an so etwas darf
man nicht denken. Der Mann seines Schicksals sein - jaja, wenn das Glück so
nachhilft! Der Corse hatte gut reden! Mein Schicksal ist zu schweigen und zu
dulden.«
    »Aber darin liegt etwas Unerträgliches, eine Infamie des Schicksals!«
Krastinik geriet in ordentliche Aufregung. »Ich wiederhole, ich verstehe genug
davon, um zu erklären: Sie sind ein geborenes strategisches Genie. Und wenn Sie
das nicht wären, hätten Sie ja wohl nicht von Jugend an sich heimlich mit Dingen
beschäftigt, die Sie ja gar nichts angehn und Ihnen keinerlei Nutzen bringen.«
    »Wohl möglich. Aller psychologischen Logik nach, müssen Sie wohl recht
haben. Allein, was ändert das! Hier ist der Lessing'sche Unsinn von dem Rafael
ohne Arm einmal anwendbar. Rafael ohne Arme ist eben gar kein Rafael; aber
Rafael, der zu Grunde geht, weil ihm Niemand Bilder bestellt, da steckt der
Knoten! O diese Tragödie, die furchtbarste des Menschenlebens, der Kampf des
Genius mit der Welt! Dem Erfinder vorsagt man das Geld, um es an Uniformknöpfe
zu vergeuden, oder steckt den Erfinder der Dampfmaschine ins Irrenhaus als
Ideologen, wie Napoleon dies fertig brachte. Kolumbus erbettelt sich kaum ein
paar wacklige Nussschalen für eine weltumgestaltende Grosstat. Natürlich! Der
Geniale, dessen Intuition kraft göttlicher Eingebung mit eins die innere
Wahrheit der Dinge erschaut, wird von der blöden Unfähigkeit der Weltautoritäten
nach seiner amtlich patentirten Beglaubigung gefragt. Ja, die kann er nicht
vorzeigen! Cromwell, das geborene Staats- und Feldherrngenie, kann sich nur als
schlechter Landbauer ausweisen, Kolumbus hat gar kein naturwissenschaftliches
Doctordiplom hinter sich, Shakespeare vermochte nicht einmal Gymnasialstudien
obzuliegen. Was nun? Was fängt die Welt mit einem solchen Grössenwahnsinnigen an?
- Jajaja, Grösse und Grössenwahn, wer soll die recht unterscheiden! Der Alchymist,
der den Stein der Weisen fand, spöttelte gewiss über die Narrheit des Kopernikus.
Und wenn ein Conquistador in erhabener Liebessehnsucht nach einer jungfräulichen
neuen Welt sich sehnt, so lacht gewiss die kindsköpfige Liebessehnsucht eines
Ritters nach einem schönen Weibe über solche Phantasterei. - Das alles, lieber
Graf, ist alt wie die Welt, alt wie die Welt. Warum sollte ich glücklicher sein,
als meine Altvordern?«
    »Nein und abermals nein!« Krastinik hob heftig beide Arme empor und
schüttelte sie. »Das kann nicht so geduldet werden. Sie Genie-Ungeheuer Sie! Wer
das ruhig mit ansieht, wie Sie hier bleicher und bleicher, stiller und stiller
hinsiechen auf Ihrer einsamen Klause - ich habe Sie fast niemals lächeln gesehn
-, Der macht sich derselben Todsünde schuldig, wie das Gesindel, das Sie
begeifert. Die oberflächliche Mittelmässigkeit sich auf dem Markte blähend - der
hohle Gemeinplatz-Bumbum eines Phrasendreschers wie dieser Alvers als
Hohepriestertum des hehren Idealismus weihestänkernd - und Sie, der Berufene,
immer noch ins Hintertreffen gedrängt, weil Sie kein geschniegelter
Süssholzraspeler und Ihre Werke zu hoch sind für den dummen Lesepöbel - - es
krampft Einem das Herz zusammen! Das ist die Sünde, welche nimmer vergeben wird,
die wider den heiligen Geist.«
    »Und grade diese begeht doch die Welt am häufigsten,« ergänzte Leonhart
ruhig. »Lieber Graf Krastinik, Sie sind der erste anständige Mensch, den ich im
Leben getroffen habe. Sie sind der Einzige, der die jämmerliche Eitelkeit dem
Höheren gegenüber, solange dieser nicht durch äusseren Erfolg gefeit ist, und den
kleinlichen Neid in sich bezwang. Seien Sie stolzer darauf, als wenn Sie eine
Batterie erstürmt hätten! Aber lassen Sie mich ruhig verbluten, mir ist nicht zu
helfen, weder so noch so. - Sehn Sie hier diese Briefe über mein Drama Die
Männer von Appenzell. O unsere Teaterdirektoren, diese Rotte von Verbrechern am
heiligen Geist!«
    Da hatte der Eine nach persönlicher Rücksprache mit dem Autor denn doch
entdeckt, dass dem Stücke der geeignete dekorative Hintergrund fehle. Ein andrer
beklagte den schnöden Realismus, ein andrer den abgestandenen Idealismus des
Werkes. Einer konnte es aus Rücksicht auf sein Hofteater, ein Andrer aus dito
Rücksicht auf sein liberales Publikum nicht aufführen. Und doch war das Drama
weder conservativ noch liberal, weder idealistisch noch realistisch, sondern
einfach erhaben, schlicht und gross. Es behandelte den heldenhaften
Freiheitskampf der Appenzeller gegen Oesterreich und die ganze Ritterschaft des
Rheingaus und Tyrols unter dem Florian Geier dieses Bauernkrieges, dem wackern
Grafen Werdenberg, der seinen Titel ablegte und brüderlich den Bauernrock anzog.
Mit herzerwärmender Frische und Kraft war die naive Begeisterung des
Alpenvölkchens geschildert, das nach Niederwerfung aller vornehmen Feinde zu
Haus von seinen Bergen ins Deutsche Reich einfällt, um die Welt zu befreien -
die Welt, von deren Grösse sich solche Herzenseinfalt recht nebelhafte Begriffe
macht. Mit ergreifender Wehmut entwickelte der Dichter dann, wie diese naive
Sehnsucht nach Menschenverbrüderung sie immer weiter vom Pfad der Weltklugheit
und auch des Rechts verlockte, bis die Männer von Appenzell, welche die ganze
Menschheit verbrüdern wollten, sich um schnöde Beute zankten und ihrem Bruder
Werdenberg mit Undank lohnten, so dass endlich doch die selbstsüchtige
Bauernnatur zum Vorschein kam.
    Ueber diese Dichtung, die wie von Alpenzinnen aus menschliches Recht und
Unrecht mit milder Ruhe überschaute, hatte der Dramaturg eines Hofteaters sich
weisheittriefend verbreitet: »Sollten hier am Ende socialistische Umtriebe in
dichterischer Gewandung vorliegen? Man erkennt gar wohl, wohin der Herr
Verfasser zielt,« und so ging der Gallimatias drei Seiten lang fort.
    Aber als nun Krastinik tobte und wetterte bei Lectüre dieser Briefe, da trat
Leonhart nahe an ihn heran und fragte ihn: »Nun wohl, wollen Sie mir wirklich
vorwärts helfen? Sie können es. Ich hätte da wohl eine Bitte..«
    »Ist schon erfüllt. Befehlen Sie über mich! Wir wollen doch mal sehn, ob man
diesen Schweinepriestern nicht irgendwie auf den Pelz klopfen kann.«
    »Nun wohl, so hören Sie:« - - - - - -
 
                                      II.
Bei dem gefürchteten Rhadamantys, dem »vornehmen« Kritikus Doktor Ottokar von
Feichseler, war eine illustre Gesellschaft versammelt und genoss zu einer
Punschbowle die Orakel des Gastgebers. »Man bemerkte« zuvörderst den
Lord-Protektor und Pfadfinder grosser Geister, Doktor Gottold Ephraim Wurmb, mit
seinem mieselsüchtigen Pfaffengesicht. Ferner den feinsinnigen Eklektiker
Luckner, eine kleine behende Persönlichkeit von slowakischem Typus mit listig
funkelnden Philologenäuglein, übrigens eine ehrenhaft und ideal angelegte Natur
trotz einer gewissen boshaften Pfiffigkeit. Er trug immer einen glattgebürsteten
Cylinder und gelbe Handschuhe, und spendete den Dienstmädchen Handdrücke wie ein
Gentleman. Man bemerkte neben ihm den ebenfalls feinsinnigen Eklektiker Adolf
Gutmann, auch der Scheene Adolf genannt, da er sein holdes Bildnis mit Vorliebe
vor seine Buchfabrikate zu setzen pflegte. Ob sein grosser Kopf auf seiner kurzen
dicken Figur grade so schön wirkte, musste man edeln Frauen zu beurteilen
überlassen. Jedenfalls konnte man seinem schwarzen wallenden Barte eine
ansehnliche Länge nicht absprechen, um welche ihn zwar nicht Barbarossa, wohl
aber Erzvater Abraham beneidet haben möchte. Mit diesem stand er ohnehin auf
gutem Fusse, denn er lebte wie in Abrahams Schoss. Moses und die Propheten waren
ihm hold, obschon er viel über sein Elend zu klagen hatte. Denn sein Vater und
sein Schwiegervater lebten alle Beide noch und erst nach deren Tode wurde er
dreifacher Millionär. Bis dahin aber musste sich der arme Teufel mit seiner
halben und der andern halben Million seiner Gattin begnügen. Aus berechtigtem
Groll über solch dürftige Lage schrieb er gar weltschmerzreiche Poemata und
wünschte sich oft den Tod, angeekelt von der Niedrigkeit der Welt. Wenn er von
50 Zeitungen besprochen wurde, jammerte er, dass die 51te fehle, und stellte die
kühne Behauptung auf, er habe ja nur Feinde und keinen Freund auf der Welt. Böse
Menschen versicherten, wenn er über seinen Notzustand klagte und nur für hohe
Honorare schreiben konnte, dass ihm auch wirklich die Litteratur jährlich ein
kleines Vermögen koste. Doch war dies Verleumdung, da er als früherer Börsianer
(er machte erst seit seinem 35ten Jahre in bedruckten Papierchen) viel zu viel
filzige Geschäftsklugheit besass. Seine besondere Spezialität bestand in
Cigarrenbehältern und Aschbechern, auf deren Grund rotgedruckt stand: Gutmann,
Pessimistische Novellen, eine funkelnagelneue Art von Reclame, um deren
Patentrecht ihn Barnum behufs Importirung nach Amerika ersucht haben soll. Dass
er natürlich seinen Abscheu vor aller Reklame und vorlautem Vordrängen bei jeder
Gelegenheit kundgab, wusste Jeder zu würdigen. Uebrigens war er ein sogenannter
guter Kerl und flösste den Eindruck einer gewissen Bonhommie ein. Freilich durfte
man nicht tiefer auf den Grund gehen; dann kam ein gehöriger Berechner heraus.
Auch fehlte es ihm nicht an bedeutendem Giftvorrat, den er ohne Namensnennung
(da er natürlich nie den gemeint hatte, der sich getroffen fühlte) mit vieler
Gewandheit zu verspritzen wusste. Wenn er sich übrigens über die Welt beklagte,
so hatte er in gewissem Sinne nicht Unrecht. Denn teils in Folge des üblichen
Neides auf seine günstigen äusseren Verhältnisse, teils aus Erbitterung Jener,
die ihn erst später in seiner Eigenart kennen lernten, verschwor man sich
allerorts, ihn für einen stümpernden Dilettanten auszuschreien. Gab doch seine
komische Eitelkeit erwünschten Anlass, sich über ihn lustig zu machen! Lobte ihn
eine Zeitung, so musste dies durchaus auf irgendwelche Bestechung hinauslaufen!
Der immer gerechte Leonhart hatte jedoch dies niemals zugegeben, sondern stets
Esprit, Wissen, Form- und Stilbegabung, ja sogar wirklichen Gedankengehalt an
ihm gerühmt, obschon er Gutmann selbst die offenherzigsten Grobheiten an den
Kopf warf und ihm zu Gemüte führte, dass ihm alle und jede Ursprünglichkeit
fehle. Die Andern aber nahmen seine Einladungen an, tranken sein Bier, rauchten
seine echten Havanas und erklärten ihn einstimmig für die eingebildetste Null
des Jahrhunderts. So geht's in der Welt. Wenn der arme Gutmann sich für einen
verkannten grossen Dichter hielt, so verdiente das nur ein Lächeln. Wenn er sich
aber für ebensogut und sogar für besser hielt, als viele grossspurige
Rhodomonteure, die auf ihn herabsahn, so vertrat er zweifellos die objective
Wahrheit. Selbst sein Charakter gewann bei einem solchen Vergleich, so viel von
einem hausirenden Bandjuden in litterarischen Geschäftchen ihm anklebte. Denn
eine gewisse vertrauensselige Kindlichkeit und naive Schläue verliehen ihm etwas
Gewinnendes, obschon sein Auge tückisch und böse genug aufblitzen konnte, wenn
seine unmässige Eitelkeit ins Spiel kam. Uebrigens besass er eine
begeistrungsfähige Anempfindung, die ihn das Schöne wirklich erkennen liess, da
er ein grundgescheuter Kerl und keineswegs vernagelt war. Alles in Allem noch
immer einer der Besseren, eine der merkwürdigsten Figuren des literarischen
Lebens, dieser Commis-Voyageur in Poesie, der trotz alledem für die Berliner
Litteraturjuden noch ein unverständlicher Idealist blieb.
    Ausserdem waren noch die zwei neuesten Grössen, Holbach und Krastinik, und der
philosophische Speichellecker Oberst von Dondershausen anwesend. Derselbe
strotzte ordentlich von Biedermannshuberei, die ihm das glattrasirte Kinn wie
Salbungsöl heruntertroff. Seine Fischaugen glotzen erbaulich wohlwollend in die
unphilosophische Welt hinein. Da er nachher im Hohenzollernclub ein kornblumiges
Festbardit vortragen musste, war er im Frack erschienen und hatte sein
ungewöhnlich reichhaltiges Ordenskettchen angelegt, das ihn als einen erprobten
Streber mit diensteifriger Handkuss-Vergangenheit auswies. Er tronte hier
hochtrabend mit als Kunstrichter, da der erlauchte Doktor Ottokar von Feichseler
soeben die berüchtigte Antologie realistischer Lyrik unter seine kritische
Sonde nahm. Dieselbe lag, hochelegant im Kaliko gebunden, auf dem Tisch und ihr
Herausgeber, der fettgesunde Jüngling Erich von Lämmerschreier, sass mit
andächtigem Gesicht davor, wie ein Bussfertiger auf dem Armesünderbänkchen. Mit
der üblichen Gewandteit, welche die weihepriesterlichen Rotzjungen und
Tugendbesinger des Jüngsten Deutschland bei Verfolgung ihrer Privatzwecke
entwickeln, hatte sich der begabte Neophyt eilig aus Leonhart's Bannkreis
entfernt, nachdem er dessen Einfluss ausgenützt. Mit bescheidener Zerknirschung
machte er alsbald dem Hohepriester des akademischen Idealismus, Ottokar dem
Würdevollen, einen Ehrenbesuch und empfahl die Antologie, welche er soeben
herausgegeben, dessen unmassgeblichem Wohlwollen. Aus dem Munde eines so
hochzuverehrenden Mannes würde ihn auch der strengste Tadel erquicken.
    Er kannte halt Ottokar's schwache Seite. Greis Ottokar (er war eigentlich
erst 36 Jahre alt, aber erklärte sich für zwanzig Jahr älter, da die Stürme der
Erfahrung ihn vorzeitig gebeugt hätten) würdigte diesen schönen Zug und
beurteilte danach den ganzen Menschen. Demgemäss pries er Lämmerschreier sofort
als einen jungen Mann von reinen Sitten und lauterer Gesinnung, der sich von dem
Grössenwahn der Andern frei halte. Auch lud er ihn zu der kritischen Sitzung ein,
die er über die tragikomische Lyriker-Revolution abhielt. Zu allen Urteilen
sagte Erich der stilvolle Schwerenöter demütig Ja und Amen.
    Die wundersame Antologie aber lautete:
                       Realistisches Jahrbuch der Lyrik.
 Herausgegeben von E.v. Lämmerschreier unter Mitwirkung aller Genies, die seit
              1850 das Licht dieses ärmlichen Erdballs erblickten.
                                    Vorrede.
    Auf dem Kreis der hier versammelten Dichter beruht die Zukunft der
Menschheit. Erhabener Geist, du hast uns viel gegeben! Wir sind die Erkorenen
und rufen dem kommenden Jahrhundert. Was nicht für uns ist, ist wider uns.
Nieder mit der ganzen altersschwachen Bagage! Man höre und staune: Mit unserer
Lyrik befreien wir die altersschwache Welt! Wir sind die Reformation der
Litteratur, welche schon unser lieber Genosse Leonhart prophezeite. Noch hat
sich aus unsrer Mitte kein Führergenie erhoben, wie Goete aus der älteren
Sturm- und Drangperiode, obwohl wir bereits einen Lenz in Mokamaute und einen
Klinger in Haubitz besitzen. College Hartung mit seinen orientalischen Allüren,
die sich an Freiligrat geschult zeigen, fühlt sich dem Maler Müller verwandt
und in dem strengen Ernst des Didaktikers Edelmann ahnen wir den Herder unsrer
Epoche. Wer vermöchte Klopstock'schen Würdeschwung in unserm Freunde Max
Henkelkrug zu verkennen! Schiller'sches Patos atmet in Vielen, auch in unserm
gefeierten Dramendichter Herrn v. Alvers. Kurz, man dürfte sagen, dass die Rollen
verteilt sind, und die taufrische Blüteperiode einer neuen Klassicität nun
losgehn kann. Wie gesagt, nur der Goete fehlt noch, aber sollte nicht Anno
Buchsbaum die Keime eines solchen in sich tragen? Und wenn uns auch Goete und
Schiller versagt blieben, so wird doch hoffentlich unser grosser einziger Lessing
neu erstehen in unserm Ambrosius Sagusch. Vivat sequens!
                                                                Der Herausgeber.
                                Max Henkelkrug.
                               Der Weltbefreier.
Der Satan führte mich im Traum
In der Versuchung Bergeswüste
Und zeigte mir den Weltenraum
Sammt allen Schätzen jeder Küste.
Ich lachte in erhabenem Hohn:
»Armseliger, was willst Du schenken?
Zaunkönignestlein - Kaisertron!
Der Adler soll die Schwinge senken?«
Hei, Pegasus, ins wilde Turnei!
Grimm sei Dein schneidiger Sporn!
Die Schranken der Sitte sprenge entzwei!
Hell schmettre der Freiheit Horn!
Die Geissel des Spottes in linker Hand
Und das Flammenschwert in der Rechten,
Den Popanz Wahn zu Boden gerannt!
Hinaus zum lustigen Fechten!
Fortreisst der Pegasus mich unaufhaltsam.
Auf, Flammen, mögt ihr prasselnd mich umwogen!
Der Ruhe Halfter sprengt mein Geist gewaltsam.
Nun, Myrmidonen, fürchtet meinen Bogen!
Die Sonnenrosse mögen mich zerschmettern.
Sei nur des Brütens Bann von mir genommen!
Der Aar saugt Lebenslust in wilden Wettern.
Verzweiflung und Martyrium, willkommen!
Ein heller scharfer Ton
Durchs Herz der Menschheit bebt,
Wie vor Posaunendrohn
Einst Jericho gebebt.
Ein Schauder wunderbar
Den Glücklichen ergreift,
Wie wenn ein lichter Aar
Ihm seine Locken streift.
Ein wilder Harfenklang
Um Schmerzverdammte schwirrt,
Wie Saite, die zersprang
Zerissen niederklirrt.
Ein Schrei, vor dem uns graut,
Im Herzen nimmer schweigt,
Wie klagend eine Braut
Sich auf die Walstatt neigt.
Ein Drängen unbekannt
In freien Seelen stürmt,
Wie wenn Gigantenhand
Den Berg zum Himmel türmt.
Dies Drängen und dies Sehnen
Verlässt die Menschheit nie
In Lächeln und in Tränen
Und heisst - die Poesie.
Seid ihr hin, ihr schönen Tage
Ohne Plage, ohne Klage,
Wo noch frisch mein Blut,
Wo ich glaubte, niederringen
Könne alles und erzwingen
Stolzer Jugendmut?
Mann und Greis in früher Jugend,
Ohne Laster, ohne Tugend,
Seltsam war mein Loos:
Bald in kühlen Scheingefühlen,
Bald in der sirokkoschwülen
Leidenschaft Getos.
Jeder Stern ist jetzt verblichen.
Auf der Welt gemeinen Schlichen
Suchte ich Ersatz.
Hab zur Herde mich erniedert.
Doch ich fühle angewidert:
Hier ist nicht dein Platz.
Liebe mag sich mir nun nahen.
Ach, ich kann sie nicht umfahen,
Denn mein Herz ist todt.
Glück und Ruhm sie mögen kommen.
Ach, mir kann es nichts mehr frommen.
Komm Du, grause Not!
Wir nur passen noch zusammen!
Schüre mir die letzten Flammen
Für ein Lied empor!
Dass mein Zorn Dir, Sclavenherde,
Einmal zugedonnert werde,
Den ich lang Dir schwor!
Doch der Schmerz, der mich gezüchtigt,
Auch mich läutert und mich tüchtigt.
Jede Tränenflut,
Die mir brannte unvergossen,
In mein stolzes Herz verschlossen,
Stähle mir den Mut!
Sommer ist dahingegangen
Und mein Blut schleicht matter nun.
Gelb und fahl die Blätter hangen
Und des Waldes Sänger ruhn.
Doch des Herbstes Abendsonne
Röter malt den Ahornhain
Und am Rhein in stiller Wonne
Frisch gekeltert perlt der Wein.
Ruhig sitz' ich beim Pokale,
Ruhig harre ich der Zeit,
Wo die satten Rebentale
Und der Ahornwald verschneit.
Nach der Jugend Frühlingswärme
Folgt des Alters greiser Frost -
Winter, glaubst, dass ich mich härme?
Skol Dir, Skol im Herbstesmost!
Ob Dir der Jungfrau Scherz
Wie Rosenduft gefalle,
Der verschwiegene Mannesschmerz
Gleicht gediegenem Metalle.
Wenn die Sonnenstrahlen funkelnd
An den Bergesspitzen haften,
Selbst den Schluchten, grausig dunkelnd,
Reiz verleihn sie, zauberhaften.
Wenn ein Regenschleier schaurig
Dir verbirgt der Sonne Glänzen,
Dann erscheint Dir trüb und traurig
Selbst der Matten frohes Lenzen.
Krieg allem Feigen, Schlechten, Morschen, Alten!
Ich fühle auf der Stirn den Weihekuss.
Mit Arimanes' ewigen Gewalten
Des heiligen Feuers Priester ringen muss.
Kampf ist die Losung. Mit der Wahrheit Nadel
Durchstech ich geistig Blinden ihren Staar.
Was ficht mich an der Menge Lob und Tadel?
Was ficht mich an Verkennung und Gefahr?
                           Harold Teopol Mokamaute.
                          Aus allertiefstem Wonneweh.
Die dumpfe Dämmrung lastet
Auf meinem Adlergeist,
Seit mein unsterbliches Sehnen
Als sterbliche Liebe kreist.
Es kreist wohl über die Erde
Zur blauen Ewigkeit, -
Der Liebe Strahlenbrücke
Führt über den Schlund der Zeit.
Und floh auch Deine Liebe,
Die meine kann nicht entfliehn.
Und fliehst Du aus dem Leben,
Mir kannst Du Dich nicht entziehn.
Dein Tod zieht nach mein Leben,
Dein Schatten mich dann umschwebt,
Bis mit Deiner süssen Leiche
Für ewig er mich begräbt.
Ich will für immer verzichten
Auf jede Unsterblichkeit -
Denn ohne Deine Liebe
Wär sie unsterbliches Leid.
Und kann die Seele lieben
Wie hier im Aeterraum, -
Sie könnte nicht ertragen,
Was hier zu träumen kaum.
Denn hier auf Erden ist Liebe,
Die nimmer vergeht, ein Traum -
Für die Wirklichkeit des Glückes
Hat keine Seele Raum.
O süss-unsterbliche Wonne,
Für ewig zu enden nun,
Doch ewig Wange an Wange
Im selben Grab zu ruhn!
Nur keine Tränen, keine eitlen Klagen!
Ich werde nie Dich wiederschaun im Leben.
Doch Dich verlierend werde ich Dir sagen:
Ich hatte meine Liebe Dir gegeben.
Alles ist froh und alles ist hold
Vom Grasgrün bis zum Sonnengold.
Die Erde lächelt in Mairegenduft
Und Iris schwingt sich in schweigender Luft.
Und das liebliche Mägdlein bückt sich munter,
Blumen zu sammeln in kunterbunter
Farbiger Reihe zu reizendem Strauss
Und füttert die Sänger im Vogelhaus.
Sehnend streck' ich die freien Glieder,
Jauchze Glückauf in die schimmernde Luft.
Ströme unendlich beseligend nieder,
Neuer Welten balsamischer Duft!
Ein Veilchen, fand ich Dich im stillen Haine,
Sorglos ob je, ein Auge auf Dich fällt.
Doch eine Rose heut im Sonnenscheine
Blühst duftig Du, ein Wunder aller Welt.
    Ich lieg im Schoss Dir neugeboren: Als Sohn und Buhlen
    Hast Du, Madonna, mich erkoren, mich mütterlich zu schulen.
    Den Bund von Frühling und Sommer mag später ein Sprosse krönen,
    Auch ich an Deinen Brüsten lag: Zähl auch den Gatten zu Deinen Söhnen.
    Sprichst Du zu einer Frau: »Sie sind sehr tugendhaft,
    Sehr geistreich und sehr weise, vollkommen ganz und gar,
    Doch leider - dass doch Gott nichts ganz Vollkommnes schafft! -
    Sie sind nicht schön« - sie denkt: »Der Dummkopf, der Barbar!«
Sprichst Du zu einer Frau: »Sie scheinen lasterhaft,
Albern, gemein und dumm, doch dies gesteh ich dreist:
Sie sind sehr schön, Sie reizen des Mannes Leidenschaft« -
Sie denkt: »Der Mensch ist roh, doch hat er wirklich Geist.«
Leer sei Deine niedre Stirn,
Jammerst Du, Du dicke Gute?
Ei was tut's, Grisettendirn?
Fülle steckt in Deinem Blute.
Weiter will ich nichts vom Weib:
Volles Herz in vollem Busen,
Treue und gesunder Leib.
Alte Jungfern sind die Musen.
Faul sind wir von Natur in allen Stücken,
In einem Punkt nur fleissig immerdar:
Uns selbst zu quälen will uns immer glücken,
Denn hier sind wir erfinderisch fürwahr.
Es ist ein Tantalusgefühl,
Zur Sinnlichkeit sich selbst zu treiben,
Doch im Genuss noch nüchtern-kühl
Und ohne Wonnerausch zu bleiben!
Nicht zähmen die verworfne Gier
Und deutlichst ihre Folgen kennen
Als wolle man nicht löschen schier,
Aus Faulheit lieber so verbrennen!
Wenn ich in das Lotterbette eile,
Ist es nur, mich zu verstecken
Vor der Fledermaus der Langeweile,
Die mich hetzt in allen Ecken.
Ach, es ist nicht mehr der Reiz der Sinne,
Denn ich weiss, was ich dabei gewinne:
Einen Katzenjammer besten Falles,
Einen schnöden Kitzel - das ist Alles.
Wird mein Wille mich denn nie erretten
Von den langgetragenen schweren Ketten?
Ja, ich tue einen grossen Schwur:
Will mit einem Rucke sie zerreissen,
Tilgen jedes Sündenbrandmals Spur
Und den innern Moloch von mir schmeissen.
Liebe war es oft, die mich verführte
Und mit Leidenschaft das Herz mir rührte -
Kalt und ruhig blick' ich nun umher,
Keine Liebe kann mich locken mehr.
Es leuchtet in meines Innern Haft
Die Central-Seele der Welten.
Doch auch die Flamme der Leidenschaft,
Sie lodert daneben - was hilft das Schelten?
Vom Herbstwind eine Frühlingsblum' geknickt
Sahst Du noch nicht?
Dein Auge leicht dies Phänomen erblickt:
Mein Angesicht.
Elender, sieh Dein Bild in diesem Spiegel!
Die Lippe blass, die Stirne düster!
Ehrloser Lüste und des Grames Siegel
In jeder Falte ausgeprägt.
Ach! Meiner Sünden Leiden trägt
Dies Antlitz, wüster, immer wüster.
Ich dämmte in mir meiner Liebe Flut
Und barg voll Mut die innerliche Glut
Und widerstand den Augen, die mich riefen:
»Was zauderst Du? O lass den Blick, den kalten!
Soll ich vor Dir denn noch die Hände falten?«
Die Zweifel, Zorn und Kummer, die schon schliefen,
Weckt' ich aus neu, um mich ihr fern zu halten.
Denn so nur in dem selbstgeschaffnen Leid
Könnt' ich das Werk vollenden, das ich plante:
Die Zukunftsschöpfung meine Seele ahnte,
In der mein Gram ward zur Unsterblichkeit.
O könnt ich nur einmal die Liebesqual,
Bekennen, mich stürzen zu Deinen Füssen,
Und auf sie drücken das Henkermal
Wutbrennender Küsse, die Lust zu büssen!
Um Deine Kniee mit heimlicher Gier
Meine Arme brünstig stehend verschränken,
Deine zitternde Hüfte umspannend, zu mir
Deinen wallenden Busen, niedersenken.
Und immer weiter tasten jetzt
Auf taumelnder Inbrunst Stufenleiter,
Bis meine lüsterne Lippe zuletzt
Vom Nacken kostet weiter und weiter.
Bis die zarte Wange an meiner lehnt!
O könnt ich das Eis Deiner Keuschheit schmelzen!
Ha, wie der Verschmähung Rache sich sehnt,
Dich schwelgend durch Höllensümpfe zu wälzen!
                                Paulus Hartung.
                           Grabesseufzer an Serafina.
Die Perle birgt sich in der tiefen Muschel,
Brich sie heraus, so stirbt das Muscheltier:
Zur Liedesperle formt sich die Empfindung.
Doch ach! das Herz es bricht darüber Dir.
O sage nicht, dass dahin Deine Zeit
Und dass Deine Schönheit zu früh verblüht
Und dass Deine Jugendfreudigkeit
In der Schwermut Asche für immer verglüht.
Einst streifte Dein Falkenauge nmher,
Deiner Schönheit Beute suchte es sich.
Nun senkt Dein Blick sich liebeschwer,
Wie der Taube, die nie vom Neste wich.
Und ist Dein Schritt nicht mehr so leicht?
Doch kehrte ich aus der Fremde zurück,
Entgegen eiltest Du mir vielleicht
So schnell, wie früher im Jugendglück.
Und wäre auch Deine Schönheit verblüht,
Sie blühte weiter im Herzen mir.
Denn ewig bewahrt ein liebend Gemüt
Die Rose der Erinnerung hier.
Ich möchte stehn, wo wie ein flinker Aar,
Dess Fittich leuchtet in der Sonne klar.
Wie weisse Federn sträubend seine Wellen,
Herniederstösst vom Berg der Wasserfall,
Bis am Granit die Fänge ihm zerschellen.
Wie Banner Wassersäulen wehn, die hellen,
Durchwirkt mit Gold, Rubinen und Smaragd,
Und schmetternd rollt es, wie Drommetenschall,
Wie Pauken wirbelt es in dumpfem Takt,
Und höher, dichter türmt sich Wogenschwall,
Als lärme eine Heerschaar von Rebellen
In diesem Höllenschlunde, von Dämonen,
Die mächtig rütteln an den Felsentronen,
Bis sie sich selbst erobert Sonnenkronen.
Hier möcht' ich stehn an des Verderbens Quellen,
Wo aus dem Abgrund dumpfe Schreie gellen.
Trüb war mein Blick von unvergossenen Tränen,
Mein Auge noch Dein Auge mied.
Dass Du verbergen wolltest, konnt ich's erwähnen,
Wenn sanft Du niederschlugst das Lid,
In Deinem Auge nur den Widerschein.
Verstohlenen Mitleids, das mir galt allein?
Ein Augenblick hat mir Dein Herz erschlossen,
Zum Tag des Glücks bin ich erwacht.
Auf welke Herzensblumen hat ergossen
Des Friedens Tau sich über Nacht.
Als Deine Lippe zitternd mich berührt,
Ward jedes Leidens Schatten mir entführt.
Und neue Sonne lag in Deinem Blicke.
Von mir Du fortgezaubert hast
Mit süsser Ueberredung die Geschicke,
Die lange mich verwandelt fast
In eine Missgestalt, ein Zwittersein,
Ein falsches Wesen, dessen Kälte Schein.
Doch jetzt fällt ab von mir die feige Hülle
Und ich bekenne laut und frei
All' meiner Liebe Übermass und Fülle,
Werf' ab des Stolzes Sklaverei,
Der mich vermummt ins fade Geckenkleid.
Frei will ich nun bekennen Lust und Leid.
Ich bin ein Künstler. Und das wahre Siegel
»Von Gottes Gnaden« ist Dein Mund.
Dein Aug' ist meiner eignen Seele Spiegel,
Ich schaue deutlich bis zum Grund
In der Gefühle Strom, den Quell der Triebe.
Mein Auge schärft der Sonnenstrahl der Liebe.
Dass ich ein Künstler, fühl ich erst durch Minne:
Jetzt springt die Flut des Himmelsquells,
Den noch verbarg der grobe Staub der Sinne
Und des Verstandes kalter Fels.
Der Muse Gruss ist der Geliebten Lippe,
Und wahre Liebe wird zur Aganippe.
Gedanken bleichten Deiner Wange Glanz,
An ihrer weissen Rose zehrt der Gram.
Doch würde Freude oder holde Scham
Umwinden sie mit röterm Rosenkranz,
Fürcht' ich, dass dieser rauhere Schimmer ganz
Die wahre Anmut Deinem Antlitz nahm.
Zu früh der Sturm der Leidenschaften kam,
Wollüstig wirbelnd Dich im Lebenstanz.
Der Reue Dorn an Deinen Blüten nagt,
Der Unschuld Frische ist Dir nicht geblieben,
Nur Liebestau Dein welkes Herz erfrischt.
Zu brechen ach! Dich meine Hand nicht wagt,
Ich scheue jenen Dorn trotz allem Lieben,
Denn Deiner Farben Schmelz scheint nur verwischt.
Wie Moses, der geschaut das heilige Feuer,
Nicht sagen konnte, was er dort entdeckte,
So auch mein Geist für immerdar bedeckte
Meine Gedanken mit der Liebe Schleier.
Eh mögen meine Haare mir erbleichen,
Eh ich bekenne, was ich oft gelitten.
Wohl hast mein Herz Du mittendurch geschnitten,
Doch keine Träne siehst Du niederschleichen.
Kein Blut so locken dreischneidige Klingen
Aus Wunden, innerlich verblutend, schweren,
Doch Todesblässe sie den Wangen bringen.
Auch Du vermisst in meinem Auge Zähren,
Wenn Deiner Worte Dolche mich durchdringen,
Mein bleiches Antlitz aber sollst Du ehren.
Zwei Sterne waren's und ein Glanz von Rosen,
Weissrötlich als ob Schnee darüber flockte,
Das war's, was in der Liebe Schlinge lockte
Mich schon Erstickenden und Odemlosen.
Ich brenne, brenne. Ströme nicht noch Meere
Verlöschen meine Glut, doch brenn' ich gerne.
Entzündend mich an ihrem Augensterne,
Aufs neue stets ich weiter mich verzehre.
Ja, wie ein Phönix in die Flamme springe
Ich selber, die an meinem Marke prassen!
O wie viel süsser wäre doch die Schlinge,
Wenn ihre Arme wollten mich umfassen,
Und glichen sie dem heissen Feuerringe!
Wohl bin ich frei, doch bin ich glückverlassen.
                    Todtenlied auf die Geliebte des Kalifen.
Wehe, wehe über diese Todte,
Die der Sturm gepflückt in ihrem Lenze,
Eh der Glutstrom ihrer Brust verlohte -
Sie die Herrin in dem Land der Tänze!
Sie die Herrin in dem Land der Sänge,
Sie die Herrin in dem Land der Rosen -
Lasst drum ihrer Heimatlieder Klänge
Ihre fliehende Seele noch umkosen!
Auf die schwarze Gruft lasst niederflattern
Weisse Rose, die zu Schiras spriesset!
Denn als Pflicht geziemt es den Bestattern,
Dass ihr schönes Leben schön sich schliesset.
Nun hat sie das erste Leid betroffen,
Dass auch dieses wandelt sich in Gnade:
Früh steht Allah's Sternensaal ihr offen
Und zum Tubabaum ziehn ihr Pfade,
Während wir die Häupter niedersenken,
Sündenreif, der kargen Erndte harrend,
Und erst spät zum Grabe wankend lenken,
Fast willkommen uns entgegenstarrend.
Sie ist glücklich! Darum auf, Gebieter,
Welchen mehr, als uns, sie hat verlassen!
Warum willst Du, ihres Leichnams Hüter,
Deiner Jugend Mark in Gram verprassen?
Dreier Tage Lauf ist Dir verstrichen,
Speis und Trank versagend Deinem Munde -
Bleich wie sie, die Dir und uns verblichen,
Stierst Du starr und schweigend in die Runde.
Wartest, ruhend neben ihrer Leiche,
Kalt wie sie durch Dein erbittert Härmen,
Ob Dein warmer Odem wohl sich schleiche
In die Adern ihr, das Blut zu wärmen.
Doch genug! Erhebe Dich, Kalife!
Wenn der Liebe Freuden auch geschlossen,
Ist Dir's nicht, als wenn Drommete riefe
Oder Schnauben von beherzten Rossen?
Und Dein Reich, Kalif, es ruft Dich strenge,
Dass den Scepter fremde Hand nicht fasse!
Ferne hör' ich tausendstimmige Menge,
Feindestritte hör' ich nahn, erblasse!
Nein, erröte in gerechtem Zorne!
Lass die Todten und das Leben wähle,
Dass an unstillbarer Sehnsucht Dorne
Nicht verblute Deine starke Seele!
Also hätte ja auch Sie gesprochen,
Wenn der Feinde Schaaren Dich umdrohten!
An dem Feinde sei ihr Tod gerochen:
So gedenk', o so gedenk' der Todten!
                                Rafael Haubitz.
                          Aus dem Morast der Sansara.
Jüngst im Traum durch Kaschmirs Hain
Schritt ich hin auf weichem Rasen,
Wo Jungfrauen, selbst ein Kranz,
Rosen sich zum Kranze lasen.
Und ich wollte lechzend schon
Meine Auges Glut versenken
In den Blick der schönsten Frau,
Sinn und Seele, all mein Denken.
Wollte an mein fiebernd Herz
Ihren weissen Busen pressen
Und in wilder Liebeslust
Zeit und Ewigkeit vergessen.
Ich erwachte. Nacht um mich.
Einsam war ich und verlassen.
Todte Nacht, nur einzeln schlich
Noch ein Schwärmer durch die Gassen.
Wie unschuldsrein sind Deiner Lippen Rosen,
Wie jugendfrisch und rosig Deine Wangen,
Wie weiblich sanft Dein schmeichlerisches Kosen!
Doch tief im Herzen wohnen giftige Schlangen.
Längst ward es ein Morast, in dem versunken
Ein jedes reinre Fühlen, schmutz-getödtet.
Dort wohnt das Irrlicht nur und finstre Unken.
War diese weisse Stirn je schamgerötet?
War früher je Dein Herz ein Friedensweiher,
In dem sich spiegelte der Stern der Reinheit?
Die Taube Weiblichkeit, hat sie der Reiher
Der Not verscheucht vom Sumpfe der Gemeinheit?
Ach, überm giftgen Abgrund fliegt die Taube
Verzweifelt hin und wieder in der Herde
Der Fledermäuse, flügel-lahm ihr Glaube
Und fern die Hoffnung auf die Heimaterde.
Sie winkt am Sumpfessaum, ein grüner Anger -
Umsonst! Nachtfalter schwirren dicht und dichter,
Die Taube stürzt sich, flatternd bang und banger,
Betäubt hinab, ihr eigener Vernichter.
Doch bist Du eine Taube, süsse Schlange?
Warst Du es je? Du plätschertest mit Wonne
Im heimatlichen Kote wohl schon lange -
Du mit dem reinen Antlitz der Madonne!
Denn keinen Flecken liess das Schmutz-Geträufel
Auf Deinen holden Zügen. Zu der Katzen
Geschlecht gehörst Du, Engel halb, halb Teufel.
Wie möchten Deine Tatzen mich zerkratzen!
Doch sehnsuchtsvoll singst Du Sirenen-stimmig,
Als sehne sich Dein Herz nach reinerm Fühlen.
Folgt' ich Dir aber, würdest Du mir grimmig
Das Herz zerreissen, um damit zu spielen.
Gleich wie mit zartem Pfötchen sich ein Kätzchen
Ein Mäuslein fängt als Spielzeug - wie possirlich!
So würdest Du mich Stück für Stück, mein Schätzchen,
Zerfleischen - doch wie zierlich und manierlich!
Du echtes Weib! Das Weib schon eine Sphinx ist,
Liebe im Auge, Wollust in den Adern.
Und wer im Bann des Liebeszauberrings ist,
Soll mit der Fee, die ihn behext, nicht hadern.
Sie übt nur ihr Metier, wer will drob schmälen?
Und das, mein Kindchen, euch am meisten kitzelt,
Selbst wenn ihr wiederliebt, die Lieb' zu quälen.
Das Mündchen seinen eignen Kuss bewitzelt.
Denn wenn auch wahre Leidenschaft euch schmeichelt
Und ihr sie sucht und anfacht, so verlogen
Ist die Kokette, dass sie Kälte heuchelt,
Bis es zu spät ist und der Traum verflogen.
Mein flammend Herz das ist ein Tabernakel,
Zu Weihrauch dort verbrennen Deine Mängel:
Aus dieser Glut, abschmelzend allen Makel,
Ein Phönix, neuverjüngt, rein wie ein Engel,
Wirst Du entsteigen, die Du aus dem Schlamme,
Wie Venus aus dem Meere stieg, entstiegen
Mit keuscher Anmut. Meiner Liebe Flamme
Soll zu dem Scheine noch die Wahrheit fügen.
Denn wer versteht unschuldig noch zu scheinen,
Wer äusserlich den schönen Schein bewahrte,
Wird innerlich, dass es nur Schein, beweinen.
Und, wenn sich wahre Liebe offenbarte,
Weit klarer ihre Lieblichkeit erkennen.
Dem Christus folgt zuerst die Magdalene,
Denn Er vergibt. Wo seine Küsse brennen,
Da trocknet die nutzlose Reueträne.
Reue? Warum? Blieb lauter nur die Seele
Und kann sie nur zur Liebe sich erheben,
So schwinden alle äussern Sündenfehle.
Wer viel geliebt, dem wird viel vergeben.
Frohsinn wird dann verschönen Deine Züge,
Aus Tränen spriessen blumenreine Triebe.
Verbanne von den Lippen jede Lüge
Und glaube was Du ahnst: Dass ich Dich liebe!
Die unverdiente Schmach erdulden müssen
Und selbst verdiente ist wohl bittre Pein.
Und bitter, an des Grames schwarzen Flüssen
Umirrend, fern dem Quell des Trostes sein.
Vom Heim und seinen Lieben fortgerissen,
Das Meer durchmessen einsam und allein,
Zu suchen Sicherheit am fremden Porte,
Nie zu betreten mehr vielleicht der Heimat Pforte.
Es ist wohl bitter, wenn ein König Dich,
Ein Volk, dem Du Dein bestes Blut geschenkt,
Mit einem Tritt fortschleudert. Sicherlich
Des Undanks Wort und Tat Dich bitter kränkt.
Und Hass, der in des Freundes Herz sich schlich,
Durch grundlose Verleumdung nur gelenkt,
Ist bitter, bitter höhnende Verachtung,
Und einem stolzen Sinn noch bittrer: Nichtbeachtung.
Gekränkte Ehre bitter einem Ritter,
Und in des Kriegers Brust das kalte Erz,
Der mit sich fallen sieht sein Land und bitter
Um ein zertretnes Vaterland der Schmerz.
Und bitter, wie ein luftversperrend Gitter
Den Kranken und Gefangnen, quält das Herz
Der falsche Stolz, der, wenn's nach Liebe ringt,
Aus eitlem Eigensinn und Trotz sich selbst bezwingt.
Verkannt zu werden bitter und noch mehr;
Verstanden nicht zu werden. Bitter Tod
Im Kern des Lebens. Bitter einem Seh'r
Vorauszusehen seines Volkes Not.
Bitter, stirbt eine Sendung stolz und hehr
Mituns, zu sterben. Bitter ist das Brot
Der Armut, bittrer noch ist Sündengeld.
Verschmähte Liebe scheint das Bitterste der Welt.
Und dennoch Dinge gibt's, die bittrer sind
Für Seelen stark und fest, wenn auch nicht rein,
Und edel, wenn auch kalt. Wie Schauer rinnt,
Dies bitterste Gefühl durch Mark und Bein.
Lieben und nicht geliebt zu werden find'
Ich eine Wonne neben solcher Pein.
Was ist vom Bittern übrig denn geblieben?
    Es ist: Geliebt zu werden und nicht wieder lieben
Wenn taufendfach ich umdräut von Weh,
Wenn rastlos steigt der Leidenssee
Und zur Krisis drängt das Lebensfieber,
So ist mir wahrlich dies noch lieber,
Als wenn ein einzeln nagender Kummer
Vergiftet den zufriedenen Schlummer.
Wie ich Dich liebe kann ich nimmer sagen,
Nie habe mein Geheimnis ich gebrochen:
Ich will es ohne Klagen weiter tragen,
Der Gram bleibt ungeheilt und ungesprochen.
Denn Scham muss ein Bekenntnis mir verwehren:
Ich würde vor mir selber mich entehren.
Ich halte nächtlich Dich im Traum umfangen,
Ich kühle meine Glut an Deinen Lippen
Und schmieg' an meine Deine blassen Wangen,
Am Necktar höchster Wonne darf ich nippen.
Doch Morgens liess der Traum mir nichts als Tränen
Und ungestilltes unzähmbares Sehnen.
O knisterndes flammendrötliches Haar,
O schwüle Farbe der Wangen!
Dein Rehaug' blickt so klug und klar,
Als kenne es kein Verlangen.
Der Geist so herrlich entfaltet und
Die Rede so weise-gemessen!
Wir schliessen wahrhaftigen Seelenbund,
Der Leib wird fast vergessen.
Das äugelt so keusch, das girrt so sanft,
Doch unter den Wimpern es lodert,
Und die Scham wird plötzlich zu Boden gestampft
Und fleischliche Opfer gefodert.
Hingebende Wut, die einander trutzt!
O rasende Sehnsucht der Sinne!
Bald hast Du Simson abgenutzt,
O Astarot der Minne!
Begierde ist ein Fieber-Rausch: Mein Fieber
Austobte im Delirium
Und kalt durchfröstelt es mich drum.
Ach, rationelle Heizung wär mir lieber!
Der innere Verbrennungsprozess
Wird delirium tremens durch Exzess.
Man sagt, dem Säufer schlage zur Kehle
Heraus die Flamme vom Alkohole, -
O schlüge die Flamme aus meiner Seele -
Erkaltende Asche, verglimmende Kohle
Könnt' ich nur all meinen Spiritus
Phosphorisch leuchten lassen zum Schluss
In einer Geistesflamme! Statt dessen
Die Flammen nach Innen weiterfressen,
Den wahren Zündstoff so verzehrend,
Des Schaffens Ausbruch ihm verwehrend.
Mitternacht ist lange schon vorüber.
Einsam irr ich durch die regennassen
Von dem Morgenwind durchheulten Gassen.
Rötliche Laternen brennen trüber.
Fort die Kaufmannsstrasse lang-langweilig!
Rings im Ehebett schnarcht der Philister.
Schnee und Hagel, tückisches Geknister.
Und den Tod im Herzen, weiter eil ich.
Schaudernd hin am kalten schwarzen Flusse!
Springe! Welt und Gott hat Dich verlassen.
Warum blöde nur das Dasein hassen?
Wirf es ab mit einem raschen Gusse!
Wer im Strom des Genusses zu baden gewillt,
Darf nimmer zaudern und zagen,
Wo die Naphtaquelle der Wollust quillt,
Hineinzutauchen wagen.
Ausbranden muss sich die Leidenschaft,
Bis der letzte Schaum zerronnen.
Vergeudet ist nur die geopferte Kraft,
Wenn nicht durchgekostet die Wonnen.
Den Wermut schüttelst vom Mund Du Dir,
Den Kelch zur Hefe genossen!
Doch grämelt die halb gesättigte Gier
Ueber Freuden, die halb zerflossen.
Und willst Du Dich spröde entziehen der Lust,
Wird heimliche Brunst Dich verzehren.
Einlullt die Wollust die müde Brust,
Wird Dir Behagen bescheeren.
Und wenn Dir das Laster Gewohnheit wird,
So wolle es nicht mehr bezwingen!
Folg' der Gewohnheit unbeirrt,
Die Tugend kann nie mehr gelingen!
    Mit einem feierlichen »Pfui!« unterbrach hier Dr. v. Feichseler die
Vorlesung der einzelnen Stücke. »O wie widerlich, wie widerlich! Diese
Versündigung an sich selbst, dies Wühlen in Unzucht und Grössenwahn! Wohin, meine
Herrn, wohin flieht die Moral, die Moral!«
    Die kahle Glatze des eleganten Männchens strahlte von sittlicher Entrüstung.
Alle Haare, die er je verlor, schienen sich in Gedanken emporzusträuben. So
verteidigt man nur die Moral, wenn man die traurigen Folgen kennt, welche das
Abirren vom Pfad der Tugend strafen. War er nicht besonders berufen, als
getreuer Ekkart zu warnen, er, den der Venusberg in stürmischer Jugend so
grausam gerupft?
    »Mich chokirt weniger die Immoralität,« docirte Dondershausen, »als die
Zuchtlosigkeit dieser jungen Schwärmer. Wie kann man dichten, ohne ein
Privatissimum in der Logik und exacten Philosophie gehört zu haben! Kant's
Kritik der reinen Vernunft, meine Herrn, das erhabenste Werk, so der
Menschengeist geschaffen, kann diesen jungen Herrn zur Lectüre nicht dringlich
genug empfohlen werden. Bezüglich der Sinnlichkeit in der Kunst denke ich
bekanntlich anders, als unser verehrter Wirt. Allein, es muss eine geadelte
Sinnlichkeit sein. Man lese meine Elegieen vom Mügelsee in Hexametern, von
welchen, wie ich wohl sagen darf, eine ganz neue Kunstanschauung der
Sinnlichkeit herdatirt. Herr Graf haben sie ja gelesen?«
    Krastinik verbeugte sich schweigend. Es war ihm widerlich, diese beiden
abgelebten Pedanten ihr Gequatsch wiederkäuen zu hören. - Der Eine als
moralischer Akademiker, der Andre als »vornehmer« »ritterlicher« Idealist, der
seine greisenhafte Brunst mit ledernen philosophischen Phrasen verbrämte.
    Man las weiter in der Antologie.
                               Heinrich Edelmann.
                          Pfingsten eines Gottsuchers.
Rastlos wandernd ohne Grauen,
Würde es auch spät und später,
Wirst Du blauen klaren Aeter
Durch des Urwalds Dickicht schauen.
Das ist der ruhige Fyord,
Der seinen Gruss entboten
Vom Heimatort zum Meere fort
Als sichrer Port dem ringenden Piloten.
Ist gleich des Glücks Symbole
Das Alpenglühn versunken,
Strahlt noch ein letzter Funken
Auf höchster Alp, des Ruhmes Aureole.
Das ist am Lebenshorizont
Der Abendstern, der später gern
Umwandelt sich zum Morgenstern,
Der durch des Todes Schatten bricht,
Bis sich an neuem Lebenslicht
Die auferstandne Seele sonnt.
Dem Edlen ist das Leben hold:
Der Ruhe Balsam und der Weisheit Gold
Vertraulich spendet jede Nacht.
Die Glorie der Kunst, das Meteor der Träume
Durchzuckt der Seele Sternenräume
In ungeahnter Wunderpracht.
Die auserkornen Geister aber hören
Egerias Geheiss in unhörbaren Chören,
Sich unsichtbare Geister zu beschwören.
Im Walde über Stock und Stein
Irrt König Artus, hinterdrein
Irret die Tafelrunde.
»Merlin, Merlin!« so hallt ihr Schrei'n
Aus weheklagendem Munde.
Merlin, der mystische Seher, hört
Kein einzig Wort, er starrt betört
Nur in die Augen seiner Trauten,
Die ihm den Weisheitsstolz betört,
An dem Jahrhunderte bauten.
An der Weissdornhecke sitzt er nun,
Sein Bart ist Moos, seine Füsse ruhn,
Von Sommerfäden umschlungen.
Er ist verzaubert und merkt es nicht,
Starrt in der Nixe Angesicht,
Von ihrem Reiz bezwungen.
Die Seele verkauft sich der Liebeslust
Und dem üppigen Aussenleben,
Doch der Liebesschmerz in des Denkers Brust
Wird neue Flügel ihr geben,
Abschüttelnd den eiteln Maienblust,
Bis der Sehnsucht Schwingen sich heben.
Die getrennten Glieder sind dann vereint,
Der Völker Tafelrunde.
Und Artus' Schwert mit dem letzten Feind
Sank zu der Vergangenheit Schlunde.
Zum Feeenschloss Avillion,
Zu den Inseln der Seligen, pilgern schon
Alle Templeisen im Bunde.
Und dort, von Sinnlichkeit erlöst,
Merlin das Saisbild entblösst,
Des Grals geheimnisvolle Kunde.
                               Gerhart Heidenauer
                        Messiasleiden eines Prometiden.
Zu Schmerz und Sünde wird der Mensch geboren,
Sein innerst Wesen nur ist Schmerz und Sünde.
Laokoon, durch alle Deine Poren
Gift spritzen dieser Schlangen Eiterschlünde.
Der Dichter aber wurde auserkoren,
Dass der Dämonen Walten er verkünde.
Er trägt der ganzen Menschheit Sündenschmerz.
Ein Heiland, der gekreuzigt, ist sein Herz.
Nur einen wahrhaft Glücklichen ersinne,
Dem weder äussre Not noch innre Qual
Das Sein vergällen, dem nicht Ruhm noch Minne
Den Sinn verrücken, der ins Erdental
Herniederlächelt von der Weisheit Zinne,
Den auch der Andern Sündenschmerz zumal
Zu Mitleid nicht erregt und edlem Zorn:
In ihm selbst quölle noch des Leidens Born.
Zwischen zwei Polen schwebt das Menschenloos:
Ein wirklich Weh und eingebildet Leiden.
Nicht nur der Schiffer im Orkangetos
Bebt auf der See, die Riffe zu vermeiden.
Falsch ist's, dass in des Hafens sicherm Schoos
Die Sicheren sich an fremder Mühsal weiden,
Sie beben auch in ahnungsvollem Graus,
Die Phantasie malt grössere Schrecken aus.
Die Eifersucht ist aller Schmerzen Quelle,
Ob um ein Weib sie Dir das Sein vergälle,
Ob Dich im Ruhmkrieg kränke ein Rival.
Ruhm, Macht, Genuss, Gold, Liebe, Alles schal.
Verwirf sie alle, Tod heisst jede Wahl.
Mann, Weib und Tier verfallen allzumal
Dem Weltprinzip und dies Gesetz heisst Qual.
Wen sie verschont, der schafft sie sich zur Stelle,
Denn ohne Qual sinkt in das Nichts das Sein.
Das All und Nichts sind schmerzenlos allein.
Doch Wiege ähneln sich und Totenschrein,
Zum Leben selber führt des Leidens Schwelle.
Und weil ein höheres Sein der Genius,
Noch höhere Qualen er erdulden muss.
Wenn der Gedanke, fern von Tageshelle,
Selbstmord verübt in seiner dunklen Zelle.
Wohl lehrte die Erfahrung schon von je,
Dass was Euch Schuld bedünkt, nur eitel Weh.
Doch ist's noch mehr: Ein unbewusstes Ahnen
Führt Sündenlose auf der Sünde Bahnen.
Und Weise, über Nichtiges erhaben,
Versuchen sich an Nichtigem zu laben
Und Epimeteus müht sich um Pandoras Gaben.
Denn schwach und zärtlich ist der Künstlergeist,
Leicht das Gewebe seines Innern reisst.
Drum möge er, zum Kampfe sich zu stählen,
Das Irdische dem Himmlischen vermählen.
Die Sehnsuchttränen nach dem Ideale
Verschlucke Du und opfre mit dem Baale!
Taugt stets Dir Alpenluft? Sei Mensch im Erdentale!
Du denkst des Sterns, der einst die Wüste Dir erhellt.
Doch Der verhüllte sich in Wolkennacht.
Und einsam nun Dein Herz im Dunkel wacht.
Der Reue Schakalschrei Dich ruhelos umgellt.
In einer Wüste stehst Du ohne Quell und Tau.
Es grinsen rings auf frührer Lebensbahn
Gerippe manch verschollner Karawan'.
Dein wunder, müder Fuss tritt Kiesel hart und rauh.
Weh dem, der opfern will die flüchtige Gegenwart
Der Zukunft, schwanger stets mit neuem Plan!
Doch unheilbaren Siechtums Untertan
Ist, wer mit trübem Blick stets nach Vergangnem starrt!
                                Anno Buchsbaum.
                    Schnitzel aus dem Schuldbuche der Zeit.
Still, Krähen! Denn der Löwe brüllt. Die Tatzen
Zeigt er Euch, Minnesänger-Miesekatzen.
Von meiner Feder hofft nicht Degenstösse,
Nur Tatzenhiebe ziemen Eurer Blösse.
's ist Mai. Ein wunderschöner Monat, gelt?
Ja, alle Gaben, die herniedergiesst
Aus vollem Horn der Frühling auf die Welt,
Mein frommer Sinn andächtig mitgeniesst.
Mit Eimern regnet es vom Himmelszelt
Und alles Unkraut wunderherrlich spriesst.
Ach! Ueber's Wachstum bin ich schon hinaus,
Obwohl ich hutlos wandle aus dem Haus.
Damit der Frühlingsregen salbe mir
Das Köpfchen und mir neues Wachstum sende.
Denn aufwärts, wie man wähnet, streben wir,
Wenn uns das Haar durchnässt die Himmelsspende.
O Strebertum! Was war die Frucht der Gier?
Der radikalste Schnupfen nur am Ende!
Doch freilich (o Mirakel!) wächst mein Bart!
Ja, weil seit Tagen er rasirt nicht ward.
So zeigt sich falsch doch jeder Ammenglaube:
Zu jedem Ding natürlich ist der Grund!
(Gelt, weise?!) Wie im malerischen Staube
Das Meer der Gärten flutet grün und bunt!
Und wie die Wolke fliegt gleich einer Taube
Entlang die Himmelkuppel blau und rund!
Auch Fröschehallelujah hin und wieder
Und wie berauschend duftet frischer Flieder!
Mit neuem Flieder stets geheimnisvoll
(Ich ahne irgend einen Magnetismus)
Ein neu Gefühl der Brust erblühen soll.
Wodurch? 's ist jedenfalls ein Ding auf ismus.
Schon fühlt' ich 'was, mein Bein vor Rührung schwoll,
Da merkte ich, es war Herr Rheumatismus.
Und das Gefühl sass nicht im Herzen, nein,
Der Frühling regte sich in meinem Bein.
Dies Klima überhaupt! Frau Sonne heut
Glotzt frech vom Himmel, dass wir derbe flehen,
Sie möge haben die Gewogenheit,
Uns etwas weniger im Licht zu stehen
Und einmal glänzen durch Abwesenheit!
Was dann? Nun will sie gar für immer gehen!
So übelnehmerisch? Heisst das ertragen
Die deutsche Grobheit? (Gradheit, wollt ich sagen.)
Nur Euch, Ihr oft besungnen Maiennächte,
Euch will ich nicht bekritteln. Ihr, Ihr seid
Voll mystischer naturgewalt'ger Mächte.
Ja, greint der Kater sein unnennbar Leid,
Das ist das Urmotiv, das wahre, echte.
Schauer-Romantik! Himmel, wie er schreit!
Das ist die Sehnsucht nach der blauen Blume,
Nach »Unbewusstem« und nach Dichterruhme!
Jüngst schrie's vor meinem Lager. Grässlich war
Das Mordgezeter. Haar, sträub' dich empor!
Erwürgt man nächtlich eine Kinderschaar
Ruchlos und grauenhaft vor meinem Tor?
Ein Kindermord von Betlehem wohl gar?
Ha, schaudernd ich entschlossen Rache schwor:
Ich griff den Knecht des Stiefels - heiliger Vater
Fortschlich als Missetäter scheu ein Kater!
Ich schleuderte das Holz ihm schwungvoll nach,
Dann setzt' ich mich, in tiefer Rührung weinend.
Der Tag herein mit trüben Schauern brach,
Der Nachtwind heulte. Kurz, sich graus vereinend,
All die Symptome da - mir wurde schwach -
Für eine Poe'sche Vision anscheinend.
Nur dass ich einen Katerdämon habe.
Ist das nicht schauerlicher, als ein »Rabe«?
(Besonders wenn es uns im Schädel brummte!)
Krächz' Du nur »Nevermore«, berühmter Rabe!
Doch wenn ein greiser Kater also summte,
Wär's eine noch sublimre Herzenslabe!
Den früg' ich Fragen, denen er verstummte,
Graus, metaphysisch: »Werden aus dem Grabe
Auch Kater auferstehn?« Mir wurde schaurig,
An meinen todten Kater dacht' ich traurig.
Der Selige - Friede seinem Angedenken! -
Die weiland Gottesgeissel aller Braten
Und Mäuse - warum durfte ich nicht senken
Ihn in die Gruft der Ehre als Soldaten?
Und ihm als letzte Ehrenfahne schwenken
Ueber dem frühen Grabmal seiner Taten
Ein Häschen ('s war sein Leibschmaus) an den Ohren?
Doch so zu sterben - wär' er nie geboren!
Wie starb er denn? Ein Social-Autokrat,
Fühllos, blutdürstig, und ein grimmer Hasser
Des Eigentums, ein Held vom Zukunftsstaat,
Ein Anarchist vom reinsten (faulsten) Wasser,
(Er war mein Nachbar) dachte früh und spat:
»Soll dieser gottverdammte Bourgeoisprasser
Vor meinen Augen mästen seinen Kater
Und ich soff heute bloss zehn Cognacs? Brat' er!«
Gewöhnlich nämlich zwölf er 'runtergoss.
Doch die Fabrikherrn, niedrige Tyrannen,
Bekanntlich zahlen Die für Arbeit bloss.
Und schickt sich Arbeit wohl für freie Mannen?
Der feile Mammon fällt nicht in den Schoss,
Selbst Kater müssen ihre Tatkraft spannen,
Für Mäusefang nur füttert man die Armen.
Doch kannten Demokraten je Erbarmen?
Er neidete mein Vieh, so lag der Fall.
Und dieses zu raubmördern er beschloss.
Er tat's! Und mit dem Ausruf »Hilf, Lasalle!«
Führte er meuchlings eines Nachts den Stoss.
Das Opfer sank wie dort der Sonnenball
In edler Glorie, sein Herzblut floss.
So werden wir einst Martyrtod erleiden,
Wir »Gründer«, und der Kater Loos beneiden.
Denn, wie St. Marxi heilige Schrift es lehrt
Ward so mein Eigentum mir fromm entwandt!
Das ist ein Pfaffe, wer sich drob beschwert!
Ich - in den höhern Zweck mich seufzend fand.
Denn hatt' ich nicht mein »Kapital vermehrt?«
Ein Raub am Volk! Einst wird das ganze Land
»Geteilt« in gleichem Stil. Und nicht allein
Den Kater »teilt« man mir, auch Haus, Hof, Schrein.
Der Grund der Eigentumsverletzung war
Der fette Wanst des Seligen. Wie ein Hase
Mocht' er wohl schmecken, speckig ganz und gar.
Das stach dem Teilungssüchtigen in die Nase.
Er »teilte« ihn für sich mit Haut und Haar.
Doch riet dem Biedern eine kluge Base,
Noch zu verschweigen, wie geschickt er teile!
Er murmelte zwar heldenhaft: »Na, Keile!«
Doch rasch bedeuteten ihm fromme Seelen:
So schlecht sei diese Zeit, dass die Betätigung
Des Freiheitsdrangs - z.B. Raub und Stehlen -
Noch ganz entbehre staatlicher Bestätigung.
Man werde es der Polizei erzählen.
So machte er's denn heimlich ab aus Nötigung.
Auch keine Zeugen gegen ihn auftreib' ich,
Drum seinen Namen klüglich auch nicht schreib' ich.
Ich aber weiss es, dass der Ritter selig
Des Katzenordens sich begrub zu früh
In des Plebejers Magen. Ist's nicht schmählich?
O sei er unverdaulich! Drück' er wie
Ein Mühlstein den Verschlinger, unausstehlich!
Dass selbst solch ein Husaren-Schnurrbart nie
Den Pöbel schreckt! Denn wahrlich, ganz soldatisch
War der Verstorbne und aristokratisch!
Was mir der Todte war, - ihr Nachtigallen,
Die oftmals er mit süssem Mau gestört,
Ihr wisst es ja! Nehmt Alles nur in Allem,
Er war - ein Kater! Aber horch, was hört
Mein Ohr vom Ufer melancholisch schallen?
Quack, Quack! Mein tiefstes Innre sich empört,
Wie hier das Lehrgedicht der Meistersänger
Ersäuft das Minnelied der Mäusefänger!
O Ihr geblähten Frösche, Ihr Pedanten!
O wie erinnert Ihr mich doch - an wen?
Weiss nicht! An was? Je nun, an Folianten!
»Hoho! Hört, hört!« So quackt es jetzt. Es drehn
Auch Spatzen sich auf meinen Fensterkanten.
Ich sehe hier ein Sinnbild vor mir stehn:
Denn Kater, Frösche, Spatzen, Störche, kennt
Man als des Deutschen Reiches Plapperment.
O Eitelkeit, Vanitas Vanitatum!
Ich kenne einen Gecken, welcher sich
Im Sommer Winterüberzieher tat um,
Weil er darin mehr einem Manne glich!
Der Schweiss ihm stromweis floss aus jeder Naht drum,
Doch duldete er still und wackerlich.
Er wurde lieber schwach und elend innen,
Um aussen stärkern Eindruck zu gewinnen.
Ich kenne Gecken, welche blutarm sind
Und sich dess schämen. Was wird flugs erdichtet?
Sie schreien's in die Ohren jedem Kind,
Sie seien so erbärmlich zugerichtet,
Weil sie gelebt so lustig wie der Wind.
(D.h. höchst liederlich, wird nun berichtet
Im Flüsterton.) Das heisst: Ein Wüstling mag
Er lieber sein, als krank!! O welche Schmach!
Andre Bleichsüchtige und Nervenschwache
Erklären sich für Dandyhaft blasirt!
Der Dritte widmet sich dem Weltschmerz-Fache,
Als ob, weil er sich »angekränkelt« spürt,
Auch »des Gedankens-Blässe« seine Sache!
Doch dass er Hartmann stets im Munde führt
Und nie ein Wörtchen von ihm las, ist schlimm!
Castraten prahlen mit Kombabus-Whim.
Andre versichern, die besonders blässlich:
Wir leiden, hört, an unglücklicher Liebe!
Man glaubt's, da sie so überraschend hässlich,
Weiht ihnen des Erbarmens edle Triebe.
Was fragt die Logik nun ganz unerlässlich?
Als ob nicht drauf nur eine Antwort bliebe:
Der feige Mensch hat Furcht vorm wahren Sein,
Lügt lieber sich hinein in falschen Schein.
So wandelt der Culturmensch durch die Welt
Auf hohen Hacken, gründlich auswattirt,
Wenn auf das härtste Pflaster brennend fällt
Die Mittagsglut. So tanzt er eng geschnürt
Der Schwindsucht zu. Der scheint mir fast ein Held,
Wer einmal sich natürlich ausstaffirt.
O Bauern, neidisch sehe ich Euch zu,
Hemdärmelig mit dünnem lockerm Schuh.
Ich kenne Jungfraun, die im Alltagsleben
Grad bis ans Herz uns gehen oder's Kinn,
Doch in Gesellschaft über uns erheben
Um Kopfeslänge sich. Was ist der Sinn?
Zu tief die Graziengewänder schweben
Zwar über ihre zarten Füsschen hin,
Doch wett' ich, dass sechs Zoll die Hacken gross -
So wächst man freilich über Nacht glorios!
Von allen Gattungen der Reue
Ist eine mir zumeist verhasst,
Sie grade quält mich stets aufs neue
Und lässt mir keine Ruh und Rast.
Die Reue ist's um Fades, Nichtiges,
Um die Vergeudung schöner Zeit,
Der Gram, anstatt um Ernstes, Wichtiges,
Um lächerrlichste Kleinigkeit.
Dass meine weisse Weste heute
Zerknittert ward von ungefähr,
Das macht mich der Verzweiflung Beute -
Und wenn es gar ein Schmutzfleck wär'!
Gestern zerbiss ich die Cigarre
Und sog unachtsam Nicotin.
Vorgestern wurde eine Schmarre
Mir als Verschönerung verliehn.
Vor Wochen stiess ich mir die Nase
Am Sims zufällig blau und rot.
Damals verschluckte ich im Glase
Gar eine Fliege - welche Not!
Zu schwer soupirt' ich neulich Abend
Und hab' den Schlummer drum versäumt.
Und wenn auch Träume manchmal labend,
Neulich hab' ich zu stark geträumt.
Vor Monden habe ich verloren
Ein Zwanzigmarkstück - das ist stark!
Und gestern - wär' ich nie geboren! -
Gab ich als Trinkgeld eine Mark.
Dann hab' ich neulich aus Versehen
Mir auch ein Bartaar ausgezupft:
Welch nie zu sühnendes Vergehen!
Ein Stück der Mannheit ausgerupft!
Und neulich ass ich saure Gurken,
Dann Stachelbeeren und dann Bier!
Ich schimpfe selbst mich einen Schurken -
Das heisst ja schlingen wie ein Tier!
Neulich trug ich zu hohe Hacken,
Doch dann, als mich Clotilde sah,
Reicht' ich ihr kaum bis an den Nacken,
Denn hackenlose hatt' ich da!
Das Halstuch knüpft' ich zwölf Minuten
Mir heut, ein Danaidenloch!
Denn der Effekt, wie zu vermuten,
Blieb immer ja derselbe noch!
Frisirte eine Stunde tüchtig
Und war so weit, als wie vorher,
Als hätt' ich nur gebürstet flüchtig.
Heut drückt mich der Cylinder schwer.
Und morgen, wo ich ihn gebrauchte,
Setz' ich statt dessen auf den Filz.
War's kalt, in Eisflut ich mich tauchte -
Heiss, kroch ich unter wie ein Pilz.
War's kalt, ging ich in Sommerjacke -
Heiss, trug ich Winterüberzieh'r!
Rasirt' ich, blutete die Backe -
Es ist um tollzuwerden schier!
O dieses teuflische Erinnern
Zernörgelt mir die Lebenslust!
Wann, Leichtsinn, nahst Du meinem Innern?
Wann wird mir endlich »unbewusst?«
Ich las eine erste Correctur,
Da fand ich einen Fehler nur.
Doch als ich die zweite und dritte las,
Da sah ich, dass ich noch drei vergass.
Und als ich den Reindruck vor mir sah,
In Ohnmacht fiel ich nun beinah:
Sechs grobe Fehler standen da!
Das ist der Mensch! So lang es nützt,
Ihn weder Fleiss noch Vorsicht schützt.
Schönglatt ist Alles beim ersten Blick,
Doch zeigt ihm der nächste Augenblick
Die Flecken, wenn es halb zu spät,
Die grössten aber er übergeht!
Erst wenn sie unwiderruflich geschehn,
Wir alle Sünden und Mängel sehn.
Und auf den Aerger folgt die Reu',
Fruchtlos stets, doch immer neu.
Der Mensch ist ein geborner Tor
Und stets die Weisheit er verschwor.
Wenn Jemand sich gar weise glaubt,
Weil weder Ruhm- noch Geldgier raubt
Ihm seinen Appetit und Schlaf
Und seinen ehernen Busen traf
Nicht falscher Minne giftiger Pfeil
Und wenn er sonst gesund und heil
Und ihm kein Kummer ward zu Teil -
So ärgert er sich mit Fug und Recht,
Dass einmal aufgepasst er schlecht
Und lückenhaft seine Correctur!
Denn Gram und Aerger ist uns Natur.
Los wird ihn der Blasirte nur.
Dem fehlt zwar Aerger, doch auch Vergnügen -
Ist das der Weisheit Selbstgenügen?
Inconsequenz ist menschlich. Hört den Einen:
Das Leben ist, damit wir es beweinen.
So tief in Sünde ist der Mensch verstrickt,
Dass Heil und Hoffnung nirgends er erblickt.
»Wohlan! So möchtest Du recht baldigst sterben?«
Er ruft entsetzt: »Um Gotteswillen, nein!
Ich mochte gerne siebzig Jahr erwerben
Und sollten sie auch eitel Sorge sein.«
»Welch Widerspruch!« so ruft man ungeduldig.
Dann murmelt er Etwas von der Mission,
Die wir auf Erden ja erfüllen schon,
Von zehn Geboten, kurz, bleibt Antwort schuldig.
Ein Andrer meint, dass allerliebst die Erde,
Dass reizvoll selbst Gefährde und Beschwerde
Und dass die liebe Sünde uns gegeben,
Damit das Dasein recht entzückend werde.
»So möchtest Du denn also ewig leben?«
»Um Gotteswillen, nein! Welch ein Gedanke!
Eh ich am Stab des Greisenalters wanke,
Eh weiss ich nicht, was ich mir selber tue!
Je kürzer, desto besser! Ruhe, Ruhe!«
Nun, alles Dies ist nur ein Widerspruch.
Entweder ist das Leben nur ein Fluch,
Die Welt ein Jammertal, und drum beweint
Den Säugling, wünscht »lang Leben« eurem Feind.
Oder Ihr meint, dies sei die beste Welt
Und für Genüsse ein ergiebiges Feld,
Und hasst als einziges Uebel drum den Tod
Und lasst Euch schmecken Euer täglich Brod,
Und dann mit allen Kräften dahin strebt,
Dass möglichst lange Ihr geniesst und lebt.
Entweder Ihr seid Toren - so seid's ganz!
Euch dünke jeder Flitter echter Glanz!
Scharrt Gold zusammen, grübelt voll Erbauung
Ob der Metode richtiger Verdauung,
Hascht nur nach äussrem Schein und hohlen Ehren,
Lasst Pflichten Euch das Leben nicht beschweren,
Gedanke und Gefühl sei Euer Spott,
Esst Hummersauce und verehret Gott!
Oder Ihr kamt zur bitteren Erkenntnis,
Dass alle Ideale hohl und schaal
Und dass der Tod des Lebens beste Wahl -
Dann scheut auch nicht das offene Bekenntnis!
Ja »Weltschmerz«, heiliges und grosses Wort,
Gemissbraucht nur von der Titanen Affen!
Wenn Dich entweiht der Mund blasirter Laffen,
So wendet schweigend sich der Dulder fort.
Von ihrem Ichschmerz winseln nur die Toren.
Denn der hat nie den wahren Schmerz empfunden,
Wer je darüber hat ein Wort verloren:
Der Stolz des Coriolan verhüllt die Wunden.
Der wahre Weltschmerz schweigt. Was soll er sagen?
Nur wiederholen wiederholte Klagen?
Nur fühlen soll er mit bewusster Klarheit
Die eine grosse fürchterliche Wahrheit:
Dass Glück ein Traum und Unglück einzig wahr
Und dass Zufriedenheit nur Täuschung ist,
Das schmerzenlos allein der Egoist
Und glücklich kaum der tierische Barbar.
Und spricht ein Mensch zu mir mit dreistem Munde:
»Sieh, ich bin glücklich,« dank' ich für die Kunde,
Doch drehe ihm den Rücken, weil ich sehe,
Er ist ein Narr, wo nicht ein Schuft, und immer
Prosaisch-nüchtern von der Stirn zur Zehe.
Gedankenmangel oder, was noch schlimmer,
Empfindungsmangel spricht er aus. Das Wehe
Scheint mir vielleicht im Ausdruck falsch und schief,
Doch immer liegt darin ein Adelsbrief.
Nur Der erhebt sich über das Gemeine,
Wer nicht mehr lächelt mit dem falschen Scheine.
Und das ist auch der Grund, warum kein Dichter
Aufsteht als dieser Zeiten strenger Richter:
Es fehlt die wahre wirkliche Empfindung,
Der faden Weltgelüste Ueberwindung.
Und da nun wieder Jeder weiss, dass Claque
Und Clique heut nur machen in Reclame
Und dass nur aus der stinkendsten Kloake
»Erfolg« sich heut erhebt, die holde Dame,
Wie Venus aus dem Meer, - so sagt man richtig:
Gott, diese Dinge sind im Grunde nichtig!
Still, todtenstill vor mir der Pfad,
Doch hinter mir das Lärmen
Vom Feste einer grossen Stadt,
Wo Lust und Leichtsinn schwärmen.
Ich schritt fürbass und wusst' es kaum,
Hatt' Bitteres erfahren:
Nicht sanft tut's, einen Jugendtraum
Als falsch und faul gewahren.
Da war's, da war's zum ersten Mal,
Als sollt' ich zusammenknicken,
Als wolle geheimer Ahnung Qual
Mein dumpfes Hirn ersticken.
Ein Knabe war ich Abends noch,
Doch als ich mein Lager suchte,
Ein Mann, den zu des Kampfes Joch
Zu früh das Schicksal verfluchte.
Ach, von den Wunden jener Nacht
Kann ich nimmer gesunden,
Wo ich im tiefsten Herzensschacht
Das Lebenselend gefunden.
Eine Sonnenwende war jener Mond:
Mein Geist wird nimmer vergessen
Den Ort, wo jung und ungewohnt
Ich die Hölle des Weh's durchmessen.
Mein fürderes Leben, was ist es wohl?
Unter dem Fels des Lebens
Ein Atemholen schwer und hohl,
So ewig als vergebens!
Oft schleudr' ich ihn ab, bald rollt er zurück.
O Sisyphus, wie dich erretten?
Den Felsen selber schleudre in Stück',
Zersprenge des Lebens Ketten!
Und ist zu hart der Fels, entzwei
Muss er ja gehen am Ende:
An die Mauer der Dummheit und Tyrannei
Rollen ihn meine Hände!
Der Moskowiter stürzt, wenn halbbeeist
Die Newa, in den Winterstrom, nachdem
In heissem Dampf er badete bequem.
Doch heilsam ist es nicht für jeden Geist,
Aus heissem und wildgährendem Gefühl
Zu stürzen in der Praxis Eis und in der Tatkraft Flutgewühl.
Fort mit weichlichem Bedauern,
Wie Du Dies und Das vergessen,
Warum Dies geschehn statt Dessen!
Was Dir konnte nie gelingen,
Wird vielleicht die Zukunft bringen:
Hoffen sollst Du und nicht trauern!
Ich sprach zur Torheit: »Fliehe mich!«
Sie dankte schön und nimmer wich.
Die Weisheit bat ich: »Komm' doch her!«
Doch sie zu fangen war zu schwer.
»Und da ich Dich nicht fangen kann,
So komme, Torheit, denn! Wohlan!«
Und sieh, die Treue kam sofort,
Liess sich nicht bitten erst, aufs Wort.
Denn Torheit steckt in Herz und Sinnen,
Wie könnte man ihr da entrinnen?
Die Weisheit steckt nur im Gehirne,
Und wer kann ewig die Gestirne
Beäugeln? Denken macht Beschwerde.
Der Körper will zurück zur Erde.
Und steht man erst auf ird'schem Boden,
Da ist's unmöglich auszuroden
Das Unkraut Laster und Verbrechen,
Selbst mit dem allerschärfsten Rechen.
Und ob ich auch an jedem Tag
Dich um Verzeihung bitten mag,
O Weisheit, dass ich Deinen Lehren
Noch immer muss Gehör verwehren -
Verzweifelnd hab' ich aufgegeben
Den Vorsatz, dass ich je im Leben
Würd' vierundzwanzig Stunden finden,
Ganz rein von Torheit oder Sünden.
Denn Eins von Beiden musst Du wählen,
Um langsam Dich zu Tod zu quälen.
Der Grund des Elends aber ist:
Gewohnheit, wie Ihr Alle wisst,
Ist unsre Amme. Ob wir heftig
Anklagen uns und rasch geschäftig
Vorhalten unserm Geist die Gründe,
Warum ja reizlos jede Sünde -
Hilft nichts! Wer je sich gab Consenz
Zur Sünde, fühlt die Consequenz:
Gewohnheit wird sie. Es verschwören
Sich Leib und Seele und empören
Sich gegen jedes Reformiren -
Wie Du begonnen, musst Du's weiter führen.
Köstlich ist die Tugendentrüstung
Und pharisäische Selbstbrüstung,
Mit der wir auf Andrer Sünden schauen
Voll tiefem Ekel und staunendem Grauen,
Weil wir ihr Laster nicht können verstehen
Und nicht den geringsten Reiz drin sehen,
Vielmehr nur den Ekel davor begreifen.
Wie kann doch A. so weit ausschweifen,
Mit Demimonde sich abzugeben,
Während doch manche Ladies eben
So gerne sich verführen lassen!
»Wie?« spricht B. »Ich sollt' mich befassen
Mit solchem Gräul? Ich halte Hetären,
(Nun, als ob Andre Heilige wären!)
Doch Ehefrauen verführen, entsetzlich!
Auch find' ich's gar nicht sehr ergötzlich.«
Denn Jeder zurück vor der Sünde schreckt,
Welche ihm nämlich selbst nicht schmeckt.
Es gibt in Sünde nicht Mass und Grad,
Es gibt nur einen bestimmten Pfad.
Und wer »natürlich« gesündigt hat,
Wird vom Genusse genau so satt,
Wie von der »unnatürlichsten« Sünde.
Alle die pharisäischen Gründe,
Warum eins besser, das andre schlimmer,
Gelten vor'm Auge der Wahrheit nimmer.
Ans Meer der Freiheit drangen wir verschmachtend,
Mit glühnden Adern stürzten wir hinein,
Der Vorsicht ernste Mahnung nicht beachtend.
Wir tranken bittres Salz, als wär' es Wein,
Erkrankten und ertranken. Tyrannei
Jedoch gefoltert wird vom Einerlei
Des ewigen Durstes, des unstillbaren,
Des nur vermehrten, wenn erfüllbaren,
Nach Opferblut. Am Quell der reinsten Flut
Verschmachtet sie, lechzt und erstickt an Blut.
Eis oder Wasser heisst der Unterschied,
Den zwischen Bösem man und Gutem sieht.
Ich singe die Sonne am Himmelszelt
Und den Wurm, den sie bescheint,
Und was nur blinkt, stinkt, greint und weint
Die ganze Welt.
Die Lerche steigt übers Korn hinan
Als Ode. Die Schnittermagd,
Sehnsucht-geplagt, an der Sense nagt -
Das ist ein Roman.
Der Greis, der über Jugendtorheit klagt,
Heimlich der eignen schwachen Weisheit flucht ...
Zeigt mir die Venus, die der Welt entsagt,
Und den Apoll, der nur die Sonne sucht!
»Ruhm ist Luft«. Doch wer kann leben
Ohne Luft?
Dumpf erstickt das reinste Streben
In lebendiger Gruft.
Bedenk' ichs recht, so scheint mir in Tibet
Die beste Herrschaft. Dalai-Lamawesen,
Was ist's am End', wenn Ihr's bei Licht beseht?
Die Herrschaft des Genies. Dort wird erlesen
Ein Kind, vom Hauch des Ewigen umweht,
Und was es spricht, macht man zu Glaubens-Tesen.
Nicht Schönheit, Reichtum, Macht und Rang erliest man:
Den Weisesten zum Erdengott erkiest man.
Ja, der Kulturmensch kreuzigt das Genie,
Wofern er's nicht zum Aschenbrödel macht.
Am Himalaya beugt man ihm das Knie,
Nimmt seine Worte als Gesetz in Acht.
Denn Gottesoffenbarung fühlen sie
In seiner Art: Der Allgeist sichtbar wacht
Auf seiner Stirn, der in der Schöpfung waltet,
Doch sichtbar schon als Genius hier schaltet.
Warum nicht Grössenwahnsinn? Jeder Wicht
An gleicher Krankheit leidet und er ist
Grad so auf seiner Kleinheit Wert erpicht.
Nur dass man ihm zu zürnen stets vergisst,
Weil er nur lächerrlich. Die Rotte flicht
Die Dornenkrone immer ihrem Christ,
Spricht er: »Ich bin Messias«, weil ihr Neid
Zu Hass wird aus verletzter Eitelkeit.
Ich soll mich angestammten Narren bücken
Und nicht dem Dalai-Lama? Nimmermehr!
Ich will den Fuss ihm küssen mit Entzücken.
(Ja, wenn es noch des Papsts Pantoffel wär',
Das würde manchen Pilger hoch beglücken!
Kein Unterschied! Unfehlbar ist auch der!)
Nach Tibet will ich wandern: Jesuiten
Und stehende Heere sind dort nicht gelitten.
Nur Eins missfällt mir an den dortigen Sitten,
Ein Ding, man nennt's gelehrt: Polyandrie.
Dort weilt in eines Männerharems Mitten
Die zücht'ge Hausfrau. Denn heiratet sie,
So nahn dem Altar auch mit raschen Schritten
Des Bräutigams Brüder alle. Einer nie
Die Hochzeit mit ihr feiern darf, o nein,
Sein ganz Geschlecht nennt seine Dame sein.
Nun bin ich festiglich zwar überzeugt,
Dass jede Dame, die davon vernimmt,
Erklärt, dass dies von Sittenrohheit zeugt
Und »Pfui!« »Abscheulich!« »Shoking!« ruft ergrimmt.
Doch Manche heimlich seufzend auch vielleicht
Für solchen Männer-Communismus stimmt.
Nur ist die eine Vorschrift unerlässlich,
Dass von den Bräutigams nicht Einer hässlich.
Ein Storch fiel mit gebrochnen Schwingen,
Die Menschen den Verwaisten fingen,
Er folgte ihnen treu und zahm.
Doch als die Zeit des Fluges kam,
Zersehnte er sich voller Gram.
Denn ach! der Aufflug wollt' ihm nicht gelingen.
Da senkten seine eignen Brüder
Erbarmend sich zur Erde nieder
Und trugen in vereintem Chor
Auf ihrem Fittich ihn empor.
Was er an eigner Kraft verlor,
Ersetzte ihm die Kraft der Andern wieder.
Ja Scham Euch, Menschen! Wer gefallen,
Gemieden wird er nur von Allen,
Tritt man ihn nicht mit Füssen gar.
Und doch trägt Liebe nur fürwahr
Zum Himmel. Ihr seid liebe-bar.
Beschämen Störche Euch - wie erst die Nachtigallen!
Wer die Lieblosigkeit der Menschen
In ihrer vollen Blösse schaut,
Kann schaudernd nur sein Haupt verbergen
Und weinen laut,
Und in sein eignes Innre blicken -
Ihm graut!
Mir war es im erotischen Schema
Stets ein verlockend possirliches Tema:
Den Newton, der in die Grube ging,
Ohne zu lösen das Minne-Problema,
Soll - so beschliesst der Familienring
Eine frische Miss geleiten
Zu den Ehe-Seligkeiten.
Reizende Novellette! Einakter!
Studie für Haase und andere Charakter-
Spieler! Newton, der immer stramm
Cosinus x, Parallelogramm,
Diagonalen und Regeldetri
Auftischt mit Mienen der Galantrie,
Und von alle den Eheattaquen
Keine Silbe versteht, den Nacken
Nimmer beugt zum irdischen Schmutz!
Lasst dies Doppel-Problem uns packen:
Fühlt der entkörperte Denker im Schutz
Seiner Wissenschaft kein Gelüsten?
Oder wird sich in ihrem Putz
Das Frauenzimmer noch immer brüsten
Und sich nicht instinctive schämen? -
Doch will ich den Autor-Eifer zähmen,
Die Sache bleibt besser ungeschrieben.
Was die Frauen und Kinder lieben,
Das behandle als feiner Kenner!
Wer schreibt in Deutschland denn für Männer?
Krankheit, einer Schwäche Geständnis,
Ist die »Liebe«, offnes Bekenntnis
Eignen Unwerts. Ergänzung fodern -
Welcher Mangel an Selbst-Respekt!
Periodischer Liebes-Anfall uns neckt.
Und wenn Andre so deutlich lodern,
Glaubt man selber, es sei was dran.
Glücklich, wer diesem Wahn entrann!
Lass die »Gefühle« vermodern!
Das Denken macht den Mann.
Der Bauer verhungert im Irenland
Und der Städter verhungert an Temsestrand
Und im freien Urwald steht Baum an Baum
Und Asiens Steppen sind wüst und leer
Und die Erde hat ja für alle Raum
Und für alle Schiffe hat Raum das Meer -
Wer schafft dort Raum den Armen, wer?
Der Gesunde staunt über den Kranken,
Kann ihm nicht folgen mit seinen Gedanken,
Sich nimmer in seine Lage versetzen,
Bis ihn selber die Pocken zerfetzen!
Und wenn ein naseweiser Tor
Alle Seelenqualen verschwor
Und über Sünde und Leidenschaft
Die alten Phrasen zusammenrafft
Und Werter, Harold und René
Ihm lächerrlich mit ihrem Weh,
So kommt der Schmerz schon ungeladen
Und straft ihn Lügen mit seinen Tiraden.
Was spasshaft ihm und dunkel war,
Scheint nun sehr ernstaft, wahr und klar.
»Ich will!« ist leicht zu sagen,
Doch Tun und Können schwer.
Der Knabe will sich wagen
Sofort ins eisige Meer.
Doch fröstelt er am Strande
Und zögert ohne Mut
Und ist erst spät im Stande,
Zu springen in die Flut.
Statt gleich hineinzuspringen,
Erkältet er sich erst.
Ja, Wollen und Vollbringen
Zugleich, das ist das Schwerst'!
Die Tat wär' schon halb fertig.
Doch ob die Zeit auch passt,
Stehn immer wir gewärtig,
Bis uns der Frost erfasst.
Wir fühlen in manchem Vergnügungslokal
Der Langeweile verzehrende Qual.
Wir gähnen, wir stöhnen, wir sehnen uns fort
Und bleiben doch ewig am selben Ort.
Leicht wäre ja geöffnet das Tor
Und die Stille der Nacht harrt unsrer davor.
Doch weil man bezahlt das Eintrittsgeld,
Pflichtschuldigst duldet man weiter als Held.
Der Posse des Lebens seid Ihr matt
Und klatscht nicht mehr, seid müd und matt?
Was bleibt Ihr? Seid Ihr denn hergebannt?
Ist denn für immer die Tür verrannt?
Was stosst Ihr des Todes Tür nicht ein?
Sucht Ruh und Frieden im kühlen Schrein?
»Ja, weil wir bezahlt die Eintrittsgebühr,
So wollen wir etwas haben dafür.
Nach so viel Kummer und so viel Pein
Muss etwas Freude in Aussicht sein.
So wollen wir, ob wir auch stöhnen und schwitzen,
Doch den Spektakel zu Ende absitzen!«
Zwei böse Züge hab' ich beachtet,
Wenn ich der Menschen Wesen betrachtet.
Der Cabmann, der recht langsam trottet,
Peitscht, wo sich die Menge zusammenrottet,
Die Pferde, dass sie wie Wetter schnaufen,
Damit er die Andern zwinge zu laufen!
Liest Jemand laut Dein neues Gedicht,
Der Arme sich fast die Zunge zerbricht.
Bald kann er dies, bald das nicht lesen,
Als wäre die Schrift chaldäisch gewesen.
Und Alles dies ganz unbewusst.
Doch des Einen Müh ist des Andern Lust.
Der Mensch ist ein geborner Sclav
Und trägt im eignen Ich die Fessel.
Wenn ihn kein Königsscepter traf,
So dient er flugs dem - Suppenkessel.
Der Tugendhafte nur ist stark
Und nur der Starke hasst Tyrannen.
Das Laster saugt am Lebensmark
Und kann den Tapfersten entmannen.
Die Tat wird lang vorher vorausgeplant
Und jeder Pfad zu diesem Zweck gebahnt.
Trotz alledem sie nur bestimmen muss
Der eine augenblickliche Entschluss.
Lang klebt die Hand am Hahn - da fällt der Schuss!
So ist der Weiseste, wer langen Rat
Verschmäht, von jeder Welle rasch bestimmt,
Wer mit dem Strome jeder Stimmung schwimmt.
Und wahre Weisheit ist allein die Tat.
Um der Sansara Kleinigkeiten
Sich kümmern ziemt dem Denker nie.
Doch lässest Du Dich so verleiten,
So lern' auch hier Philosophie.
Der Grundsatz soll Dich vorbereiten:
Ein jedes Ding hat stets zwei Seiten.
Seinen Nutzen hat auch Unbequemes;
Leicht duldet man Unangenehmes,
Wenn man nur eine hübsche Moral
Zu ziehen weiss aus jeder Qual.
Nicht nur die Moral des besondern Falles,
Sondern diese Moral für Alles:
Das Gute hat sein Uebeles oft,
Doch stets aus Uebel unverhofft
Sprosst Gutes. Nötig sind alle Dinge,
Nutzlos nichts in dem Lebensringe.
Denn aus einer nutzlosen Handlung
Gehn tausend hervor in unendlicher Wandlung.
Jed' Ding ist ein Blatt von dem Riesenbaum,
Ein nötig Atom im Weltenraum.
Der kleinste Gedanke, das winzigste Wort,
Zeugt Millionen andre sofort.
Täuschung ist Beides, Schmerz und Lust,
Dess seid im Schmerze auch bewusst.
Trinkt fühllos die Hefe, doch schmecket den Schaum.
Denkt, Lust ist ein Traum, doch ein lieblicher Traum.
Wie der Falke von des Jägers Hand
In die Luft sich hebt
Und entkappt froh jauchzend und gewandt
Auf zum Himmel strebt -
Doch, gehorsam jedem Wink sogleich,
Wie er fortgesaust,
Auch zurückkehrt in des Herrn Bereich
Auf des Falkners Faust -
So auch suchst Du nur, was fremd und fern
O Germanengeist,
In das Hohe und das Weite gern
Es Dich vorwärts reisst.
Doch die Heimat dann den Sohn aufs neu
Dringend zu sich lädt:
Dann erst spürst Du recht, wie Du ihr treu.
Aber oft zu spät.
Was ist des Lebens Tragödie?
Ich will es Euch verkünden:
Das Leben ist eine Komödie
Und Spässe darin die Sünden.
Doch in der Possenreisser Schaar
Da wollt Heroen ihr sogar
Mit tiefer Rührung finden.
Der prosaische Philister
Sucht Poesie in der Liebe:
Enttäuscht, entnüchtert ist er,
Wenn sentimentale Triebe
Mit kühlem Rechnen nur belohnt
Und die Göttin, die in seinem Herzen tront,
Ihm bald versetzt - Pantoffelhiebe.
»Priester des Ideals« nennt Ihr den Dichter,
Philister, phrasen-seliges Gelichter?
»Pfaffe des Ideals« wär mir noch lieber!
Und wirklich gibt es immer solche Pfaffen,
Die sich mit »Idealismus« Brod verschaffen,
Von des hochseligen Herwegh Kaliber.
Oder des dito Dingelstedt, Verächter
Der Tyrannei als biederer »Nachtwächter«,
Der aber später, wenn das »goldne Vliess«
Von Grillparzer er gab, sich daran stiess,
Dass ihm »das goldne Vliess« noch sei benommen,
Da alle andern Orden er bekommen!
Das grösste Geheimnis der wahren Kunst
Beginnt sich erst dann zu entüllen,
Wenn der Mensch dem Künstler dienstbar wird
Und kein andrer Zweck die Seele verwirrt
Und nur die Musen mit liebender Gunst
Die entgötterte Seele füllen.
Hot, Pegasus! die kümmerliche Weide
Des Alltagslebens lasse hinter Dir!
Ob Du auf Streu nun lotterst oder Seide,
Du sollst nicht lottern. In der Luft Revier
Steig auf und selbst die höchsten Alpen meide
Du nicht in Deinem Flug! In Kraftbegier
Zerbrich die Halfter, sei kein Droschkenschimmel!
Erzhufig Ross der Phantasie, gen Himmel!
Und voll entfaltend Deine prächtigen Flügel,
Trag' mich empor, auf Deinen Rücken springend!
Hui! Schleudre von Dir bald Gebiss und Zügel,
Durch Sonnenglut und Wetterwolken dringend!
Verzicht' auf Dich, wer noch bedarf der Bügel!
Fort, Zaum! Ins Allerheiligste Dich schwingend,
Steig auf, Bellerophon! Mag's droben blitzen!
Die Sonne blendet nicht, die sicher sitzen!
Dies Bildnis ist nicht zeitgemäss. Es wäre
Moderner der Vergleich wohl mit Raketen,
Zerplatzend, während sie im Aetermeere
Aufsegelnd schon den Wolken-Kreis betreten.
Oder mit Luft-Ballons, die man beschwere
Mit tüchtigem Ballast nur, sonst gehn wir flöten.
Pfeilschnell geht's in den stickstofflosen Aeter.
Die Stoffbeherrschung weicht, die Sinne später.
Die Blase platzt und mit verrenkten Beinen
Zur Muttererde purzeln wir. Noch neuer
Und zeitgemässer mag das Luftschiff scheinen.
Dies »Hölzerne Pferd«, gleich Iliums Bedräuer,
In dem sich Holz und Stahl und Dampf vereinen,
Mit einem Schwanz von Kohlenrauch und Feuer.
Fünftausend Pferdekraft hat sein Gestampf.
Poeten lieben blauen Dunst, o Dampf.
Nur Opium ist unsre Phantasie:
Entzücken erst und herrliche Gesichte,
Dann Mattigkeit und Angst. Die Poesie
Hebt uns empor, doch bleierne Gewichte
Ziehn uns zum Staub. Wir nähren in uns nie
Das Göttliche und streben auf zum Lichte,
Ohne ins Tierische uns zu verirren,
Weil Ideal und Sinne sich verwirren.
Den Geist der Alten hat die Welt verloren.
Cäsar wird als Napoleon geboren.
Wo Cincinnat? Nur Washington und Pitt
Noch widerhallen den Heroenschritt.
O bei den Heiligen von Maraton
Schlief gern auch ich, der spätgeborne Sohn!
Zerschmettert sind des Partenon Gebilde,
Atene schwingt nicht mehr den goldnen Speer.
Doch ob das Gold verblich auf ihrem Schilde,
Noch rollt, vom Golde ihrer Weisheit schwer,
Durch der Geschichte sagenhaft Gefilde
Die alte Musenquelle zu uns her.
O Salamis, wo in der Meeresgrotte
Zugleich Euripides zur Welt gebracht,
Als Aeschylos durchbrach der Perser Rotte,
Der seine Stoffe suchte in der Schlacht!
Als Pindars Hymne, der beseelt vom Gotte,
Weil ihn Corinna's Weihekuss entfacht,
Dem Munde eines Sophokles entstieg,
Das Tropaion umtanzend nach dem Sieg!
O könnt' ich in ein einzig Wort ergiessen
Doch meinen ganzen Hass und wär's ein Blitz!
Er sollte mir vernichtend niederschiessen,
Sei nun sein Strahl Begeistrung oder Witz.
Wenn fest sich auch des Wahnes Pforten schliessen
Und unerschüttert der Tyrannen Sitz,
Der Donner rollt, da hilft kein Blitzableiter
Des Vorurteils - die Flamme lodert weiter.
O könnte doch mein Ekel und mein Zorn
Ausbersten, wie ein Aetna-Feuerfluss,
Wenn gleich sich aus der Galle bitterm Born
Die Lavaschlacke damit mischen muss!
Aus meinen Wunden zög' ich jeden Dorn
Und spitzte ihn als Liederpfeil! Zum Schluss
In meines Grimmes Acheron mich taucht' ich
Und, so gefeit, kein weitres Rüstzeug braucht' ich!
Ha, diese giftgetränkten Liederpfeile
Nach Kronen schöss' ich sie und Pfaffenglatzen!
Ich schleuderte sie mit des Blitzes Eile!
Ich peitschte sie auf freche Schergenfratzen!
Wie Feuerruten! hiebe sie als Beile
In manch geheiligt Bollwerk, würd' die Tatzen
Der herrschenden Gewalt damit beschneiden,
Seciren in des Staates Eingeweiden!
Ich schwänge sie als zischend Henkereisen,
Auf Höflingsstirnen Brandmale zu drücken!
Bald nahte ich mit Tritten, schleichend-leisen,
Und höhnte ihre Willkür hinterm Rücken!
Bald würde ich als Löwe mich erweisen
Und brüllen, bis sich die Pagoden bücken,
Der Sündflut Herold! Ach, Phantome nur!
Denn wir besitzen eine Presscensur.
»Nur dreissig Jahre Pressfreiheit« erklärte
Für nötig man, den Klerus zu besiegen.
Ich wollt', dass man uns nur ein Jahr gewährte.
Nicht, weil wir zweifeln dennoch zu erliegen,
(Denn stets das Kreuz Aposteln man bescheerte)
Nein, nur uns zu persönlichem Vergnügen,
Um unsern Abscheu völlig auszuschrei'n
Mit Worten, dauernder als Erz und Stein.
Ja wahrlich, Steine möchte man empören,
Doch besser ist's, die Steine aufzuheben,
Damit's die gähnenden Tyrannen hören,
Die der Lectüre wenig sich ergeben.
Doch wenn die Fenster klirren, wollt' ich schwören,
Dass ihre Taubheit man curirt fürs Leben!
Nach Plötzensee schickt man die lästige Wahrheit,
Doch nur Kanonen bringen hier uns Klarheit.
    »Verirrter Jüngling! Dynamit-Sprengler!« rief Feichseler. »Aber man sieht
doch wo und wie! Und dazu ist dieser Buchsbaum ein sehr bescheidener Mensch, der
nicht an Grössenwahn leidet wie die Andern.«
    Hier schnitten Lämmerschreier und Luckner, die den Jüngling kannten,
freilich eine sonderbare Grimasse. Aber Feichseler bot sofort einen Beweis, vor
dem alles verstummen musste: »Drei Mal hat er mich schon besucht, um, wie er
sagte, von dem Rate eines älteren Meisters, dem er über alles vertraue, zu
profitiren.« Lämmerschreier lächelte heimlich. Wie oft hatte er mit Buchsbaum
über den »lächerlichen stelzbeinigen kleinen dünnen Kahlkopf« gelacht - »klein
und schmächtig« galt bei diesen Kraftbengeln als ästetische Verurteilung, da
sie wie die Chinesen die Mandarinenweisheit am Leibesumfang massen. Feichseler
verlas dann noch einen begeisterten Brief Buchsbaum's an ihn, welcher
»Hochverehrtester Meister« anhob und »Ihr ganz gehorsamster« endete. Hier flocht
Gottold Ephraim Wurmb die Bemerkung ein, dass er eigentlich Buchsbaum entdeckt
und in letzter Zeit vielen Gedichten desselben die Spalten seines
alleinseligmachenden Blattes geöffnet habe.
    Am schärfsten klopfte man auf Mokamaute los, weil dessen
dämonisch-krankhafte Individualität durch ihre, wenn auch ungesunde,
Wahrhaftigkeit die conventionellen Phrasendrescher abstiess. Doch auch Krastinik
sprach seine besondere Antipatie gegen diesen Dilettanten aus.
    »Sein Leid ist so unnennbar gross und er versichert Jedermann, dass seine
Seele nun völlig in der Lüste ekelm Schlund verdorben sei. Aber mit hartnäckiger
Rüstigkeit bestellt er den Weinberg der Poesie weiter und setzt seine Leiden in
edler Druckerschwärze wie eine vollgeladene Weltschmerzpistole der verachteten
Welt auf die Brust. Dieser Kultus der Stimmungslyrik, diese Scheinpoesie, die
naturgemäss zur Spielerei und Duselei verlockt, saugt ihm das letzte Mark aus den
Knochen. In diesen Beiträgen ist er ja noch gar nicht in seinem esse. Man muss
ihn in äterischen Sphärenräumen herumfuchteln hören. Da löst er zuguterletzt
alles in Wortmusik auf, als begnadeter Stimmungsfritze im Vollgefühl des einzig
wahren Schöpfermysteriums. Sternentau und Veilchenblau zu einem weinerlichen
Reim verknüpfen - das eigene Persönchen, das weltverachtend nach Weltlust
lechzt, selbstverleugnend dem All vermählen, um desto brünstiger die
Befriedigung unersättlicher Ichsucht zu geniessen - das ist so der richtige
Lyriker von Gottes Gnaden!«
    Diese herben Worte, welche der männliche Sinn des Ungars ihm entpresste,
gingen besonders dem Herausgeber Lämmerschreier wie Oel ein. Seine stumpfe
griechische Nase blähte sich, als genösse sie einen fetten Bratengeruch, und
sein Schlangenäuglein blinzelte tückisch. Nun kam Krastinik selbst an die Reihe.
                             Graf Xaver Krastinik.
                                  Lebensritte.
Dem Toren scheint Torheit, was der Weise spricht,
Der Dinge Innerliches versteht er nicht.
Was sind die Aussenformen? Ein Wirbel von Monaden.
Der Geist in seiner Klause nur webt den roten Faden,
Der regelrecht sich hinzieht durchs Wirrsal der Erscheinungen.
Doch blind ist Eure Wahrheit und Eure Fakta: Meinungen.
Zu jedem Laster, sei es noch so arg,
Liegt in Dir selbst der Keim, o Pharisäer!
Drum sei mit Deinem Tadel lieber karg!
O säh' Dein eigenes Innere ein Späher!
Alles ist ein Wunder in der weiten Welt,
Rätsel Dich umgeben, wohin Dein Auge fällt.
»Ueber nichts Dich wundern« riet ein Weiser zwar.
Aber wer's befolgte, nie ein Weiser war.
Alles will ich gern ertragen,
Gern des Elends Fülle kosten.
Eins nur mag ich nimmer wagen:
Tatlos langsam zu verrosten.
Doch wer mit der Welt der Kleinen
Sich entwürdigend verschwistert,
Muss sich ewig ihr vereinen,
In ihr Stammbuch einregistert.
Der Teufel hole das Nörgeln und Zaudern,
Das Zupfen an jedem Eselsohr!
Kleckse machst Du über dem Plaudern!
Schmiere frisch darauf los, Du Tor!
Es gleicht der Leidenschaften Weg
Dem Niedergang vom Bergessteg.
Gleitet aus ein falscher Schritt,
Reisst uns alle der Absturz mit.
Was Optimist, was Pessimist!
O Don Quixot-Gerede!
O Fechten um des Kaisers Bart!
Windmühlenflügel-Fehde!
Die Welt lacht sich ins Fäustchen nur,
Wenn Idealisten sich zanken,
Und klatscht sich mästend Beifall gar
Dem hungernden Gedanken.
Und ist Euch nichts geblieben mehr,
So gebt den letzten Taler her
Und kauft ein Stückchen Blei!
Ein leichter Druck, es ist nicht schwer,
Und alles ist vorbei!
Euch betäuben, dumme Jungen,
Vor dem grossen Weltenweh
Durch ein liederlich Juchhe,
Bis Ihr gleich der Welt marode?
Endlich sind doch aus der Mode
Solche Trug-Entschuldigungen.
Wolle nicht wider die Sünde kämpfen,
Das wird nie Deine Begierden dämpfen.
Ihr zu trotzen will nicht taugen,
Sonst verzaubern Dich ihre Augen.
Aber wende ihr stracks den Rücken.
So wird Dir die Rettung glücken.
Freude entflieht mit dem Wind in die Wette,
Sorge hängt zähe wie eine Klette.
Oft schreiben wir der geistigen Arbeit zu,
Was andrer Kraftvergeudung wir verdanken.
Sei nimmer müssig, immer mässig Du!
Ich glaube nicht an solche Arbeitskranken!
Dir selber nur, Dir kannst Du nicht entrinnen.
Die Ketten der Gedanken schleppst Du mit.
Den Abgrund, der sich öffnete tiefinnen,
Mit leichtem Fuss noch Keiner überschritt.
Ein Opfer braucht er, wenn er einmal klaffte.
Komm, Curtius! Im Tod er erst sich schliesst!
Ach, seinem Ich nur Der sich je entraffte,
Wer selbstlos mit den Anderen geniesst.
Ach, brauchte man nach jeder Fête
Als Soda doch ein Schlückchen Lete!
Den Kummer der Vergangenheit
Kann ein Gedanke mindern,
Der uns von Reue nicht befreit,
Doch wohl sie weiss zu lindern.
Was Du auch tatest, gut und schlecht,
Das hat geformt Dein Wesen.
Und jedes Wesen hat sein Recht.
Sei, was Du Dir erlesen!
Kein Epigramm Dich weiht
So beissender Satire,
Als Deinen »guten Freunden« ihre
Erinnerung verleiht.
O Unglücksmutter Unersättlichkeit!
Wer ist denn reich? Wer seines Teils sich freut
Und hartes Brot wie Trüffeln wiederkäut.
Und statt der tausend Weiber, die ihn locken,
Sich nur begnügt mit einem Liebesbrocken.
Entaltsamkeit - das ist Zufriedenheit.
Trübe Stimmung wird bemeistert,
Wenn man ihren Grund durchdacht.
Blitz zuckt auf aus Nebelnacht,
Gram zum Schaffen Dich begeistert.
Wir bringen vom Meer der Vergangenheit
Nur billige Waare für künftige Zeit.
Die ganze Fracht der Meerbefahrung
Ist unverkäuflich: die Erfahrung.
Mutter Natur, mir hast Du Dich entschleiert
Und jedes Würmchen ist mir lieb und traut.
Der jungen Pflanzen Triebe, stets erneuert,
Mein Auge freudetrunken schaut.
Die Schöpfung liebe ich wie eine Braut.
Denn Du verliehst ja Wolken, Wellen, Winde
Als Brüder, o Natur, mir Deinem Kinde.
Gewohnheit ist die Sünde wie die Tugend.
Vorm Keim des Lasters wahre Deine Jugend!
Umsonst sucht's dann die Mannheit auszurotten.
Die starken Wurzeln Deines Wollens spotten!
Dieser Grundsatz möge stützen
Deinen Wandel bis ans Grab:
Wisse Deine Zeit zu nützen,
Gieb Dich nicht mit Skrupeln ab!
Denn vergeudest Du Sekunden,
Werden leicht Minuten draus.
Jahre werden so aus Stunden.
Und Du wirst - ein altes Haus.
Zweifel, Reue, das sind Ketten.
Taste nicht nach gutem Rat!
Arbeit kann Verzweiflung retten
Und Befreiung ist die Tat.
Der Bach war unzufrieden
Mit seiner Kleinheit.
Und rief den Regen.
Und trat mit unruhvollem Sieden
Aus seinem Bett. Doch war ihm das kein Segen.
Denn er verlor darüber seine Reinheit.
Nun floss er durch Einöden, war voll Schlamm.
Mit Wehmut drum gedachte er der Bäume
Und Blumen, die einst seine Ufersäume
Geschmückt. Was schwoll ihm auch so hoch der Kamm?
Die rote Sonne funkelt
Pfeilscharf durch schwarze Rüstern
Und überm See es dunkelt,
Die Wogen flüstern.
Ich bin gesund und munter.
Doch in der Sehnsucht Wogen
Geh' ich urplötzlich unter,
Hinabgezogen.
Mehr Geistiges zu geben
Dem Menschen Gott vergönnte,
Als für das Erdenleben
Er brauchen könnte.
Ja, dieser Schmerz, uns nahend,
Wenn die Natur uns offen,
Ist ein Beweis, bejahend,
Was wir erhoffen.
Am Apfelfall fand Newton, heisst es,
Das Gravitationsgesetz.
Was sollten wir nicht finden jetzt
Im kleinsten Fall Gesetze des Geistes?
Und sätest nie den wilden Hafer Du
Und opfertest den Sinnen keck,
Warst nie ein Lidrian und Geck,
So traue ich Dir auch nichts Grosses zu.
Ich soll mich der Wahrheit schämen,
Hör' ich den Michel toben?
Ich werde mich dann erst grämen,
Wollt Ihr mich loben.
Ich wusste, Liebe scharfe Pfeile wetzt,
Doch dass der Pfeil vergiftet, spür' ich jetzt.
Und wenn sich selbst herunterdrücken
Die Kaiser zum Steigbügelhalter,
Des Papstes weltlichem Verwalter,
Tritt Dante auf der Päpste Rücken.
Der Arzt, der zu studiren beginnt,
Keinem Leiden selber entrinnt,
Hält mit seiner Wissenschaft Schritt,
Macht jede Erscheinung der Krankheit mit.
Nur was wir im innersten Wesen erkennen,
Wissen wir auch beim Namen zu nennen.
Drei Menschengattungen gibt's in der Welt.
Zuerst die sinnlich stumpfen Massen,
Die nichts verehren als Genuss und Geld
Und das Gefühl wie den Gedanken hassen.
Doch dann der Edleren geringe Zahl,
Zu zart durch Denken und Gefühle,
Sie gehen unter, höhnisch und brutal
Zerstampft und übersehn im Weltgewühle.
Denn sie sind Silber und das Silber sinkt
Im seichten Strom des Tages. Doch inzwischen
Die falsche Alphenide prahlt und blinkt.
Dem Silber lasst uns Eisen mischen!
Nein, fliehet nicht den rauhen Lebenskrieg,
Kämpft mit für der Verkannten Sache!
Ein jeder Genius im Glück und Sieg
Uebt für Myriaden Unterdrückter Rache.
»Fort Ihr! Vergangenheit, weich' Du zur Linken!
Und Du zur Rechten, Zukunft!« stolz ich rief
Und stürmte auf und nieder bis zum Sinken.
Nur dieser Worte Kreis mein Hirn durchlief.
Und als ich seufzend meine Uhr dann fragte,
Sah ich, dass von der schönen Gegenwart
Ich einer Stunde Blüte mir zernagte
Mit löblichen Entschlüssen solcher Art.
Die Harmonie von Leib und Seele -
Halb Sportsman, halb Gelehrter sein -
Das ist ein Humbug. Eines wähle,
Sonst wirst Du keines von den Zwei'n.
Seit mir die Liebe schien ins Herz gleich wie Aurora,
Beklage ich nicht mehr, wie sehr mein Loos zerüttet.
Was immer bergen mag die Büchse der Pandora,
Hoffnung und Liebe jetzt mit Blumen mich beschüttet.
Ich weiss, dass jedem Ding spät oder früh bescheeret
Ein Himmel der Natur, des Ueberird'schen Gleichniss:
Geliebt zu werden von der Frau, die er verehret,
Ist jedem Mannessein das krönende Ereignis.
Zum Himmel ich erhob die abendmüde Seele,
Schon öffnete er mir sein leuchtend Sternenzelt.
In goldnem Nimbus da, göttlich und ohne Fehle,
Im Halbmond mir erschien die Königin der Welt.
Es singen um sie her die Sphärenharmonien:
»Ave, Maria stella! Heil, Herrscherin der Fluten!«
Seltsame Horden auch von Geistern sie umziehn,
Die machtvoll in dem Schoss der grossen Wasser ruhten.
Sie boten Schätze dar, die dort im Abgrund schliefen,
Schätze, die kaum geträumt der prächtige Aladin,
Schätze, die aufgespürt zur Hülfe dem Merlin
Die Artusritter nicht aus den verborgnen Tiefen.
Die Jungfrau sie empfing mit Huld all' diese Gaben,
Indem die Wimpern sie auf schwarze Augen senkte.
Doch Er, den ihrem Schoss mystische Liebe schenkte,
Oeffnete gross den Blick, sich an dem Glanz zu laben.
Indessen zitterte der Ocean empor
Aus seiner Tiefe, da die Herrin ihm erschien.
Und Deines Halbmonds Rand umfloss der Wogen Chor,
O Jungfrau, liebevoll Dir murmelnd Melodien.
Ja, jeder Silberschaum, ja alle Azurwogen
Des flüss'gen Elements zu Dir empor sich bäumen,
Von Deinem holden Leib ward himmelan gezogen
Dies Meer voll Hoffnungen und gläub'gen Liebesträumen.
»O Ewig-Weibliches!« Die Sphärenchöre sangen,
Prinzipien des Seins, die aus dem Meere stammen.
»O Ewig-Weibliches!« O wolle Du empfangen
Die Bitten hier von Luft und Erde, Flut und Flammen!
O Unsre Liebe Frau, dass uns Dein Schutz behüte!
Kein Wesen ohne Dich gedeiht auf keine Weise.
Denn unsre Kraft bedarf all Deiner Frauengüte,
Zu einem Grossen sie verknüpft verschiedne Kreise.
Durch Dich nur leben wir und blühn, Du unbeschreibliches
Geheimnis jedes Glücks, das sie ins Herze wob.
O Gattin, Schwester Du, o Mutter! Ewig Weibliches!
Nur Dir, nur Dir allein sei Ehre, Preis und Lob!
    »Ah, bravo, bravo, lieber Graf!« rief Dondershausen. »Hier sieht man den
gereiften Mann, welcher das Leben kennt!«
    »Dass ein Mann wie Sie sich unter diese vorlauten Musenknaben und Maultitanen
mischt!« flötete Adolf der Schöne.
    »Nun, ehrlich gestanden,« Krastinik zuckte die Achseln, »mein Alter in
Ehren! Dass meine Gedichte darum besser wären als die der Andern, kann ich nicht
finden. Unreife - ja, die erkennt man wohl dort überall, aber auch echte
Leidenschaft und mächtiges Wollen!«
    Die vornehmen Kritiker und die feinsinnigen Eklektiker zuckten unisono die
Achseln. Dann las man:
                               Helmold Heinrichs.
                                Erotik am Vesuv.
Von Capris Kuppen rinnen nieder hier
Die Bäche, rot beglüht vom Morgenschein,
Als rinne schier ein Meer von Malvasier
Zur blauen Grotte selbst ins Meer hinein.
Und der Vesuv steigt weisslich aus der Flut,
Gekrönt von Wolken. Wie ein Zuckerhut.
Oder ein Beutel, oben dichtgeschnürt.
Bald scheint's, ein Hütlein habe sich aufs Haupt
Der Berg gesetzt. Bald scheint, vom Wind umschnaubt,
Ein bleiches Segel an dem Felsenmast
Stets auf- und abgezogen ohne Rast,
Sobald ein Luftzug dort den Dunst berührt.
Und hier im Angesicht - so malt's kein Pinsel -
Des Flammenberges, des zerstörungsfrohen,
Stürz' ich mich in der Liebe Flammenlohen
Und schwelg' in Deinen Armen, Kind der Insel.
    »Ach, das ist mein Lieblingsdichter!« schmachtete Herr von Lämmerschreier.
»Welche Glut des Colorits!«
    »Auch ein bescheidener Mensch!« Wurmb wiegte anerkennend sein Denkerhaupt.
»Er schreibt mir jede Woche zwei Postkarten aus Casamicciola.«
    »Mir ja auch!« rief Feichseler.
    »Und mir auch!« »Mir auch!« Es ergab sich, dass dieser bedeutende Sänger an
jeden Anwesenden gleichlautende Freundschaftsbriefe wohl immer zu gleicher
Stunde absende. Ein Netz von Massencorrespondenz über das ganze litterarische
Deutschland hin! Weniger ergiebig schien freilich seine produktive Ader. Denn er
leistete jeden Monat ein Gedicht und erklärte, dass der wahre Dichter nicht
arbeiten dürfe. Er müsse sich langsam vorbereiten, die Welt im Kopfe tragend,
und alles ruhig reifen lassen. Nur der sei ein wahrer Dichterheld, wer möglichst
das Tintenfass meide.
    »Nicht so ewig drauflosschmieren, als könnte man nicht eilig genug
unsterblich werden, wie dieser Leonhart!« eiferte der glatte Erich bei dieser
gelegentlichen Feststellung der Heinrichs'schen Prinzipien, worauf ein
allgemeines »Sehr wahr!« erscholl. Nur Krastinik runzelte leicht die Stirn und
bemerkte ruhig:
    »Kennen Sie Leonhart so genau? Ich glaube gar nicht, dass er des Ruhmes wegen
so viel producirt, sondern bloss aus innerem Muss, um seine Naturanlage
auszuleben. Ihm ist das Schaffen, wie uns Anderen das Atmen und Verdauen.
Uebrigens, was den Dichter Heinrichs anbelangt, so habe ich von intimen Freunden
desselben Schauderdinge gehört und soll derselbe ein ganz gemeiner Schmutzian
sein, der ja auch seine Sachen gar nicht selber schreibe. Doch lassen wir das!
Jedenfalls ist er ein sehr mittelmässiges Talentchen und schon seiner
Photographie nach, die ich bei Ihnen, lieber Herr Holbach, sah, ein
tolpatschiger Schleicher mit seinem Cylinder und seinem Bewusstsein des schönen
Mannes.« Holbach, der sich bisher passiv verhielt, verteidigte jetzt Heinrichs
in seiner bekannten Manier aus Sheridan's »Lästerschule«, wo grade beim
Verteidigen tropfenweis Bosheiten nachsickern. Feichseler brannte jedoch vor
Begier, zum Schluss der Antologie zu kommen, und den schliessenden Autor, last
not least, durchzuhecheln.
                              Friedrich Leonhart.
                                  Robespierre.
Brav, schöner Brissot, mache nur
Madam Roland den Hof.
Wohlwollend lächelt der Patriach,
Ihr Mann der Philosoph.
Wieviel poetisch Phrasengedresch,
Wieviel Genialität!
Doch heiser kichert's aus einem Eck,
Wo ein gelbes Männchen steht.
Da schrie der stramme Maultitan
Danton, wie immer benebelt:
»Du Lederfratz, ist Dir das Maul
Denn immer zugeknebelt?«
Der hat noch nie Bonmots gemacht,
Der kneift nicht in die Backen
Den Bürgerinnen, hat auch nicht
Stierhals und Löwennacken.
Er ist ein schlichtbescheidener Mann
Und mit verliebter Miene
Denkt er sich grade Danton's Kopf
Als Zierde der Guillotine.
                      Achill an der Leiche des Patroklus.
               (Byron und Trelawny verbrennen Shellei's Leiche.)
Zum öden weissen Dünenstrand
Von blauen Bergesketten
Ziehn Pinienwälder schwarz herab,
Die sich im Golfe betten.
Zwei Männer bei einer Leiche stehn
Am Mittelmeere einsam,
Einen Scheiterhaufen entzünden sie
Als Todtenwächter gemeinsam.
»Den Freunden sein sterblicher Ueberrest
Und Albion sein Gedächtnis!
Trage Du fort die Erinnerung, Meer,
Und sein Lied als letztes Vermächtnis!
Für uns letzte Feueranbeter zumal
Der Scheiterhaufen hier lodert.«
Das Feuerzeichen steigt drohend empor,
Als ob es Rache fodert.
Wie ein Riesenarm mit geballter Faust!
Doch dann sich verdünnend bleicht es.
In goldiger Säule senkrecht auf
Bis zu den Wolken reicht es.
Abscheidend vom Unsterblichen
Die sterblichen Erdenatome!
Symbol der Psyche, darüber schwebt
Ein Vogel im Aeterdome.
Wie ein Phönix aus den Flammen hier
Scheint er emporzusteigen
Und tummelt sich zwischen Himmel und Meer
In glückbeseligtem Reigen.
Durchrieselt von erhabenem Graun,
Ruft Byron, reckend die Rechte:
»Hier als Brandopfer werfe ich ab
Alles Feige und Schlechte.
Wie Harmodius als Tyrsus schwing ich mein Schwert,
Von bräutlichen Myrten umwunden
Ich bringe der Freiheit als Rosenstrauss
Spartanische Ehrenwunden.
Wie mein Ahne Ralph mit dem langen Bart
Zieh ich an Deckbord des Drachen.
Die Harfe zerschmettert, die Streitaxt hoch!
Durch aller Donner Krachen!
Mein Ahn hiess der Schlechtwetter-Johann,
Ihm hab' ich mich verglichen,
Bin oft gescheitert auf festem Land,
Hab' nie die Flagge gestrichen.«
Auf schwarzen Mitternachtfluten schwimmt
Ein schwarzer Orlog. Am Sterne
Beim Vordersteven ein schwarz Panier.
Ein Sarg scheint's in der Ferne.
Stumm ist die Aeolsharfe nun,
Die im Schicksalssturme erschollen,
Bis im Schlussakkord des Todes sie borst,
Der Titanenseufzer entquollen.
Er ist jetzt eins mit der Lieblichkeit
Der Natur, die er lieblicher machte,
Mit dem allbelebenden Schöpferhauch,
Der in ihm die Flamme entfachte.
Durch die dumpfen chaotischen Massen des Alls
Schwebt er dahin für immer,
Auferstanden in neuer Gestalt
In ewigem Jugendschimmer.
                           Mater Dolorosa von Sedan.
Viel tausend Granaten rechts und links
Durchfurchen Feld und Heer.
Doch ragt, von Trümmern umschleudeet rings,
Der Altar blumenschwer.
Noch lächelt die Jungfrau dort herab,
Von steinerner Nische gedeckt.
Zu ihren Füssen wühlt sein Grab,
Wer fallend niedergestreckt.
Ave Maria! Die Stunde dies,
Wo die Glocke zur Messe ruft,
Wo wie ein Gruss zum Paradies
Aufwirbelt des Weihrauchs Duft.
Hier aber Dampf nur überall,
Die Erde bebt im Krampf,
Auffliegender Pulverkarren Knall
Und Kampf und Rossegestampf.
Am Kreuz noch immer die Erde hängt
Und ewige Wehn der Geburt
Durchzittern den Leib, den ewig umfängt
Des Todes eherner Gurt.
Dort schlendert ein bleicher Schemen durchs Feld:
Des Kaiserreichs Gespenst!
Nun zähle die Leichen, Lügenheld,
Ob Du Dein Werk erkennst?
»Es lebe der Kaiser!« - Still, Du Narr!
Der Austerlitzsonne Glanz
Geht blutig unter, doch leichenstarr
Rast weiter im Todtentanz!
Spielt auf, Trompeten, zum letzten Marsch!
Noch ein Idol bleibt ganz!
»Merde!« knirschte die alte Garde barsch
Und wir »La France, la France!«
                                    Zufall.
In einer Schenke im Tibertal
Trafen zwo Reiter sich einmal.
Der eine Dandy, der andre Roué,
Doch Beide Patrizier vom Wirbel zur Zeh'.
Sie beplauderten überm Wein
Die letzten pikanten Klatscherein.
Den grossen Clodius Pulcher-Skandal,
Der als Weib verkleidet im Frauensaal
Bei den Saturnalien Unfug versucht.
Terentias falsche Haare. Luculls
Fischbehälter und Seidenwurmzucht.
Auch wie ein gewisser Sallust den Puls
Der Zeit befühle und sich bereit
Halte, zu sammeln die »Zeichen der Zeit«.
Wie Crassus seine Volksküche und
Sein Volksteater ihm angepriesen
Als Wichtigstes, doch der Autor mit Grund
Ihn als bestes Zeichen der Zeit verwiesen
An die Schulden des jungen Caesar, Zins
Auf Zinseszins häufend, weil er die Provinz,
Die er künftig bekommt, schon verpfändet. Und wie
Sallust schon dem künftigen Opus verlieh
Den Titel: »Catilina's Verschwörung«,
Weil er prophezeie offne Empörung.
»Beim letzten Fest hat mit Muränen
Crassus gefüttert all seine Sclaven!«
Der Aeltre meint mit lautem Gähnen:
»Dies offenbar erscheinen muss
Nur als Verwechselung. Spartakus'
Besieger? Wenn er seine braven
Muränen mit Sclaven gefüttert hätte
So sähe ihm ähnlicher Das, ich wette!«
Des besten Sportsman Quadriga sie loben
Und der Modelöwin sidonische Roben.
Dann brachen sie auf von ihrem Wein
Und ritten gen Rom im Dämmerschein.
Und als sie den sieben Hügeln nahn
Und die ewige Stadt von oben sahen,
Um des Aelteren Lippen ein Lächeln schlich,
Unheimlich war's und fürchterlich.
»Leb' wohl denn! Dass wir uns wiedersehn,
Verbürge ich, es wird geschehn.
Ich bin ein Mann, von Vielen geehrt,
Von Vielen gehasst - wie ein ehernes Schwert,
Das stets dem Freund zur Hülfe bereit,
Doch den Feind bedräut in gerechtem Streit.
Nie hab ich dem Feind meiner Sache verziehn,
Stets hab ich dem Freunde Schutz verliehn.
In meinem Herzen für immer ruht
Die Erinnerung an Bös oder Gut.
Wer Du auch seist, beherzige den Rat:
Scheue nie zurück vor verzweifelter Tat!
Stets finde die Unbill blutigen Sold,
Denn dem Wagenden ist die Klinge hold.
Greift verwegene Hand in das Rad Deines Lebens,
So rufe nach mir, nicht rufst Du vergebens:
Ich zerbreche die Hand! Wer verfolgt und gekränkt,
Der komme zu mir, der für ihn lenkt
Der Vergeltung Stahl und vollführt die Rache -
Denn seine ist meine eigene Sache.
Ich bin der Richter, ich bin der Rächer!«
Und grüssend er winkt mit dem Pfauenfächer,
Den Mantel um Kinn und Mund er schlang,
Seitab vom Hügel herniedersprang.
An eine Schenke am Aventin,
Als matt der Mond herniederschien,
Klopfte ein Vermummter. Der Wache
Am Tore gab er ein Pergament:
»Bring' es dem Führer, damit er erkennt,
Dass ich der heimliche Freund der Sache.«
Geräumig war der Beratungssaal.
Und die Verschwörer allzumal
Sassen um den Führer geschaart
Mit schwarzem wallenden Haar und Bart
Und Leichenblässe im Angesicht
Und Augen, glühend unheimlich-licht.
Ein Becher stand auf dem Marmortisch.
Darin die rote flüssige Glut,
Ist's Chier, Falerner hell und frisch?
Der Fremde schauderte - es war Blut.
»Die Fackeln hoch!« Und Jeder da
Erkennend dem Andern in's Auge sah.
»Wir sehen uns nicht zum ersten Mal,
Denkst Du der Schenke im Tiber-Tal?«
»Und Du bist Catilina?« »Und Du
Der junge Caesar? Nun, nur zu!«
»Zur Sache!« Sie berieten lang. - -
Doch Caesar denkt beim Heimwärtsgang:
»Komm' jemals ich zum Regiment,
So wird zuerst vom Rumpf getrennt
Mir dieser widerspänstige Kopf.«
Und Catilina denkt daheim:
»Da ist wohl mancher tücht'ge Keim -
Im Ganzen ist der Bursch ein Tropf,
Der auch gefährlich werden mag.
Und kommt der grosse Rechnungstag,
Wenn ich mich freue, an allen vier Ecken
Dies feile Rom in Brand zu stecken,
Dann, Caesar, wird Dein Loos nicht besser:
Du fällst von meinem eignen Messer.«
Doch wie verlief die Sache später?
Der Catilina war ein Narr.
Die Invektive machte ihn starr,
Die Cicero ihm zugebrüllt:
So rannte ins Netz er zornerfüllt
Und gilt als schnöder Hochverräter.
Doch Caesar, welcher sacht und stille
Gewartet, was des Schicksals Wille,
Der stets lavirt nach gutem Glück
Und, ging's nicht vorwärts, ging zurück?
Der Zufall nur die Dinge lenkt.
Des Wertes Prüfstein ist erschienen
Stets der Erfolg. Doch Jeder denkt,
Ihm werde dieser Prüfstein dienen.
Genie und Tatkraft? Zufall nur
Uns leitet auf die rechte Spur.
                                 Das Autodafé.
Und ein Mandat ward aufgesetzt:
»Ihr lasset flugs Euch taufen.
Wo nicht, Hebräerhunde, verschlingt
Euch alle der Scheiterhaufen.«
Der Rabbi zerraufte sich Haar und Kleid
Und streute aufs Haupt sich Asche.
Dann salbte er sich wie zum Fest
Aus der heiligen Weihölflasche.
Und als am Holzstoss alle vereint,
Begannen sie alle zu tanzen,
Wie Mirjam, als im Roten Meer
Ersoffen Pharaos Lanzen.
Und als sie endlich ausgetobt
Und als die geschmeidigen Weiber
Wie die Weiden an Babylons Wassern schlaff
Niedersenkten die Leiber,
Und als die brünstige Raserei,
Ermattet in starrem Krampfe -
Da breitete über die Bühne sich schon
Ein Schleier von bläulichem Dampfe.
Die Henkersknechte in rotem Wamms
Pechfackeln schwingen, vom Turme
Die Armesünderglocke klagt
In unaufhörlichem Sturme.
Und wie Numantias Bürgerschaft
Sich wechselseitig getödtet,
Die Väter und Gatten das Schwert vom Blut
Der Weiber und Kinder gerötet -
So geht es durch erstickenden Qualm
Hinein ins Flammenbette,
Die Stimmen vereinend im Rachepsalm,
Die Arme verschlingend zur Kette.
Es endet in einer Säule Rauch
Der Feuersäulen Gewimmel,
Wie Moloch's eherne Rechte schwarz
Und glühend sich reckt zum Himmel.
Gleich dem Flammensignal, das Israel
Beim Exodus sah steigen,
Aus der Aegypter Joch den Pfad
Zum gelobten Lande zu zeigen.
Als überm Leichenknochenrest
Die letzte Garbe noch prasselt,
Da wirbeln Fähnlein durch die Luft,
Mailänder Harnisch rasselt.
Der Herold tutet, der Marschall naht.
Den hat der Kaiser gesendet,
Auf dass von den Kämmerlingen des Reichs.
Er das grässliche Unheil wendet.
Soll er die biedern Ratsherrn nun
An ihrem Wanste spiessen?
Der Ritter strich verlegen den Bart,
Die Sach' tät ihm verdriessen.
Den Reisigen brummte er traulich zu,
Die Denkerstirn beschaulich
Auf seines Flambergs Knauf gestützt:
»Die Aventür wird graulich!«
                         Klebers Ermordung in Aegypten.
Dem Wunderkranze gleich in Ceilons Hain,
Kreuzt Schwert mit Schwert sich hoch im Dämmerschein.
Die Morgensonne lebenswarm umloht
Des Helden Schläfe, aber der ist todt.
Gleich denen, die der Zauberbann umflicht
Von Ischmonie, so starr und leblos schauen
Die Mörder, wie aus Marmor zugehauen.
Zu streuen scheint der Fackel rotes Licht
Auch Wundenmale auf ihr Angesicht.
Wer war es, der mit schnöder Hand zerriss
Dem Sieger hier von Heliopolis
Den Lebensfaden? Dieser Botschaft harrte
Schon lange in Paris Herr Bonaparte.
Das nennt sich Kampf ums Dasein! Wenn der Dolch
Den Helden traf, zum Drachen wächst der Molch.
                     Caesar Borgia ermordet seinen Bruder.
Des Mondes Strahl sich mischt dem ersten Morgenglimmern.
In seinem Silberlicht wie eisgepanzert flimmern
Die Felsen. Sickernd rauscht hier durch den Felsentrichter
Das Wasser, wirbelnd sich im Kreis, ein Selbstvernichter.
Doch wie gereinigt und geklärt vom Felsensieb,
In welchem Schaum und Tang unlauter hängen blieb,
Die Flut dann klar und rein zum Tiber niederlief.
Sie zimmert sich ein Bett im Passe hohl und tief.
Hier würde jedes Boot, wo so vernichtungstoll
Der Schaum in wildem Satz zum Abgrund niederschwoll,
Wie vom Gebiss und Schlund des Nilpferds jäh zermalmt.
Dort zog im Mondenschein, vom Wasserstaub umqualmt,
Ein Reiter, schwarz vermummt, sein Haupt gesenkt, verdeckt.
Und vorn am Sattel hing ein Mantel, drin versteckt
Ein Etwas, das er schnell nun in den Strudel warf,
Auflesend Steine noch am Strand und zielend scharf
Nach jener Bürde, die noch manchmal aus dem Fluss
Auftauchte - - jetzt der Leib wohl meerwärts rollen muss.
Doch glaubt nicht, dass ich die Borgias verdamme!
In den Retorten, wo ihr Höllengift gebraut,
Hat sichtbarlich geglüht der Weltenseele Flamme.
Wer Darwins Lehre je mit festem Blick durchschaut,
Der ehrt im Geier, der herabstösst auf die Beute,
In dem unschuldigen Reh wie in der rohen Meute
Denselben Kampfinstinkt rastloser Lebenstriebe.
Gleichwert sind durchaus dem Menschen Hass und Liebe.
Zwischen zwei Polen liegt die wahre Weltbetrachtung:
Willensverneinung und entschlossene Weltverachtung,
Leben in der Idee, - oder die ungezähmte
Willensentfesselung, die brünstig nie beschämte
Weltlustanbetung. Ach, den Durst sie nimmer stillt,
Wie nur mit wüstem Rausch Salzwassertrunk erfüllt
Die dürstenden Matrosen, beim Sturm im Boot verschlagen,
Bis cannibalisch sie sich hungernd selbst benagen.
    »Nein, das geht nun und nimmer an!« brach Feichseler los. »Ist denn das noch
Poesie? Das ist gereimte Prosa. Wer das drucken lassen kann, ist kein Lyriker
und auch kein Vollblutdichter. Das ist ein Mensch, der rastlos mit dem Verstande
arbeitet!«
    Unter allgemeinem Beifallsgemurmel liess sich da wiederum Krastiniks Stimme
vernehmen: »Ich bin andrer Ansicht, Herr Doktor. Mir ist diese gereimte Prosa
lieber, als ganze Fuder Gelbveigelein-Lyrik. Auch glaube ich gar nicht, dass
Leonhart ein Lyriker sein will. Solche historische Hieroglyphen wie diese
kritzelt er so nebenbei tagebuchartig aufs Papier, wie ein Andrer seine
Einnahmen und Ausgaben bucht. Er will damit gar nicht künstlerisch wirken,
sondern schleudert nur so wie die Natur überflüssige Schlacken von sich ab, wie
die Lawine aufs Schneefeld stürzt, um im Abgrund zu verdonnern.«
    »Er blendet Sie, mein lieber Herr Graf,« trumpfte Wurmb mit sauersüsser Miene
ab. Der naseweise Lämmerschreier aber meinte gewichtig: »Ein Sänger der Freiheit
und der Not des vierten Standes wie Anno Buchsbaum steht mir viel höher.«
    »Ach, dieser Brave!« lachte Krastinik auf. »Dieser undankbare Streber! Da
hab' ich nun zufällig bei Leonhart allerlei Dinge Schwarz auf Weiss gesehn.
Schreibt dieser Mensch ein vernichtendes Schmähgedicht auf den Ghaselendichter
X. und richtet nachher an diesen einflussreichen Würdegreis einen demütigen
Abbittebrief, worin er in ergreifenden Worten um Entschuldigung bat und
schmerzlich beklagte, dass Herr Leonhart sich erfrecht habe, das Gedicht später
bei einem Ausfall auf X. zu citiren, um seiner eigenen Gehässigkeit eine Würde
dadurch zu geben!! Diese bodenlose Unverschämteit, verbunden mit Feigheit und
Perfidie, richtet sich selbst und möchte ich überhaupt meine Hände über diese
jugendliche Clique in Unschuld waschen.«
    »Zu welcher Clique doch Leonhart selbst gehört,« fiel Feichseler ein. »Ach,
Holbach, haben Sie endlich eingesehn, was eigentlich an diesen Kerls daran ist,
sammt Ihrem Freund Leonhart?«
    »Leider ja! Ich überzeuge mich mehr und mehr!« gestand Holbach mit einem
tiefgefühlten Seufzer.
    Die Adern auf Krastiniks breiter Stirn schwollen bedenklich. »Wovon
überzeugen Sie sich?« fragte er scharf. »Wenn Sie sich einen Duz- und
Busenfreund Leonharts nennen und denselben, wie Sie mir schon mehrmals sagten,
so oft gegen seine Feinde verteidigen, so sollten Sie doch am besten wissen,
dass Leonhart jede nähere Gemeinschaft mit dieser Rotte ablehnt.«
    »Hm, Sie gehn denn doch etwas stark für meinen Freund Federigo ins Zeug. Er
ist ja ein bedeutender Mensch - hm!« Er machte eine Pause in der Hoffnung, dass
Jemand widerspreche, um dann eiligst gehörige Einschränkungen zuzufügen. Es
meldete sich aber Niemand. »Allein, er hat doch auch viel von einem Streber.«
    »Möglich. Ein Genie ohne eine gewisse Streberhaftigkeit (ich erinnere an
Richard Wagner) ist ebenso undenkbar, wie ein grosser Mann der Tat ohne
Opportunismus und despotische Gesinnung. Dieser Naturtrieb wird zu einer Tugend.
Denn das Genie fühlt instinktiv, dass es sich ja nicht zu dem, was es werden
soll, entwickeln könne ohne äusseren Erfolg. Und seine Entwickelung scheint ihm
identisch mit der Entwickelung seiner Kunst oder Wissenschaft. Daher glaube ich
ebensowenig, wie an ein sogenanntes faules Genie (Genie ist Fleiss), an ein
Genie, das nicht in gewissem Sinne erfolgsüchtig ist, weit mehr als ruhmsüchtig.
Denn der Ruhm im höheren Sinne des Wortes scheint ja dem Genie ohnehin erb- und
eigentümlich.«
    »Sie sagen immer Genie, Genies!« warf Lämmerschreier giftig ein. »Sie wollen
doch wohl Leonhart kein Genie nennen? Sieht der wie ein Genie, wie ein Goete
aus? Dieser Knirps!«
    Eine etwas unwillige Bewegung ging durch die Versammlung. Solche knabenhafte
Dummdreistigkeit verwundete denn doch selbst die Anwesenden, zumal drei darunter
selbst von unansehnlicher Gestalt waren. Krastinik lachte heiter auf:
    »Famos, lieber Herr! Deswegen waren auch Napoleon, Cromwell, Friedrich,
Byron, Luter, Richard Wagner, Michel Angelo, Mozart, Gambetta, Victor Hugo
solche Hünengestalten, nicht wahr? Machen Sie sich nicht lächerrlich! Jaja! Sieht
Er, mit solcher Kanaille muss Ich mich herumschlagen! Aber der brave Pandur, der
auf den Helden des Jahrhunderts die Flinte anlegte, sah nur einen gar kleinen
Mann in schmutzigem Anzug mit Krückstock und Schnupftabaksdose. Kein Held ist
ein Held für seinen Lakaien noch für Lakaien überhaupt. Aber bei wem die Schuld,
beim Helden oder beim Lakaien?«
    Eine betretene Pause folgte, welche Luckner mit dem Ausruf brach: »Ei, ei,
Herr Graf, Sie treiben ja mit Leonhart die reine Carlyle'sche Heroenverehrung!«
    »Pardon, wenn ich etwas erregt sprach!« entschuldigte sich der Graf
gemessen. »Alles begreife ich. Aber die Keckheit, womit der Gewöhnliche über den
Ungewöhnlichen urteilt und an Ausnahmenaturen denselben Massstab legt, wie an
den Dutzendmenschen, ohne je die menschlichen Schwächen der Grösse psychologisch
zu begreifen - diese Keckheit allerdings verstehe ich nicht. Wenn man mir
bewiese, Shakespeare habe gestohlen, so würde ich mich ehrerbietig jedes
Urteils entalten.«
    Holbach zuckte die Achseln. »Sie ziehen aber so übertriebene Beispiele
heran! Was heisst Genie!«
    »Ja, das frage ich Sie!« erwiderte Krastinik kalt. »Wie nennt man heut
Mittelmässigkeit? Reife. Was heisst Genie? Sturm und Drang. Und was heisst heut
überhaupt so Manches! Was heisst Freundschaft?« Er warf einen anzüglichen
Seitenblick. »Die Fehler und Schwächen eines Menschen durch genauere Kenntnis
desselben ausspähen. Was heisst Dankbarkeit? Sich durch die Erinnerung
empfangener Dienste belästigt fühlen.«
    »Ach, ich verstehe. Leonhart wird Ihnen da wieder allerlei vorgegaukelt
haben!« Wurmb schob nervös seine Brille zurecht. »Und er selbst - ich könnte
Ihnen Wunderdinge -«
    »Ach, lieber nicht!« wehrte Jener kühl ab. »Dergleichen kenne ich. O Gott,
wenn künftige Goete-Pfaffen mit ähnlicher Beharrlichkeit auch in modernsten
Waschzetteln wühlen sollten! Der Mutigste schaudere bei diesem Gedanken! Was
wird nicht alles zusammengeklatscht! Denn das auszeichnendste Merkmal des
Durchschnittsmenschen bilden Klatschsucht und Verlogenheit. Alles wird gelenkt
von einem grossen Gesetz der Lüge. Wer dem Trieb der Selbsterhaltung gehorcht,
dämmt übersprudelnden Wahrheitsdrang. Müsste man nicht ein Engel oder ein - Esel
sein, um stets zu sagen, was man denkt? Leonhart ist zu nervös aufrichtig,
allerdings. Jede Verstellung ist ihm fremd, jede lebenskluge Vorsicht liegt ihm
fern und er selbst entfesselt meist die Verleumdung durch seine
Unvorsichtigkeit. - Glauben Sie nicht,« fuhr der Graf nach einer Pause fort,
»dass ich Incorrekteiten Leonharts bezweifele. Aber der eigentliche Kern seines
Wesens ist hochherzig und edel. Seine Richtschnur wird ewig bleiben: Die
Gerechtigkeit, und das ist die schwerste Tugend. Strebe am ersten nach ihr und
alles andere wird Dir von selber zufallen! Ja, diese strenge königliche Tugend
schleicht auf Erden als Aschenbrödel umher. Niemand will sie. Lobt sie, war's
nie genug; tadelt sie, heisst sie gehässig. So kommt es, dass man den Gerechten am
leichtesten der Widersprüche zeihen kann. Was schimpfen Sie über seine Herbheit
und rücksichtslose Schärfe! Seine strenge Schroffheit ist eine natürliche Folge
gerechter Verbitterung. Haben seine lieben Mitmenschen nicht von der alles
aufgeboten was in ihren Kräften stand, um das Aufstreben niederzuducken? Müsste
er nicht mit Fug und Recht allen heimzahlen, was man an ihm verbrach, wenn nicht
seine Verachtung stets seinen Hass im Keim blickte?«
    »Sie überschätzen ihn, Sie überschätzen ihn kolossal!« sagte Wurmb erregt.
»In vieler Beziehung tappt er umher wie ein unreifer Knabe. Man hört da kaum
glaubliche Sachen von einem Verhältnis mit einem bemakelten Frauenzimmer in
einer Weiberkneipe, die sich nichts aus mir macht und die er sogar heiraten
wollte, um die bekannte Rettung an ihr zu verüben. Entweder ist dies eine
männliche Sinnlichkeit oder kindische Sentimentalität.« »Wenn ...« Er brach
plötzlich ab und errötete, man wusste nicht warum. Drückte ihn vielleicht gerade
auf der Brust ein Briefchen mit einer Freiherrnkrone, wo eine lustrümpfelnde
»Adah Freiin von Geisenheim«, geborene »Freiin von Ratzko« ihm den Laufpass gab,
weil er ihr so wärmerisch anbot, mit ihr vor seiner Frau und seinen andern nach
Amerika zu entfliehn? Und sie hatte ihn doch bloss als Redacteur benutzen wollen,
aus der Distance kokettirend!
    »Ich gratulire Ihnen zu Ihrer Philosophie,« Krastinik dass sich auf die
Lippen, um nicht hellaufzulachen. »Ich sah noch Keinen, der nicht die Leiden und
Leidenschaften anderer recht mit philosophischer Geduld belächelt hätte, noch
Keinen, der diese Geduld an sich selber erprobte. Uebrigens, die Mutter der
Weisheit ist doch nun mal die Torheit. Nur aus Most und Wein.«
    »O o! Ich bitt' Sie, wo bleibt aber da die Moral?« zeterte Feichseler. »Wozu
soll das fuhren! Untergrabung aller altdeutschen Sittlichkeit, Abklatsch der
Pariser Verhältnisse! Schämt sich dieser Leonhart denn nicht, falls er wirklich
so genial ist, die Gesellschaft verbuhlter Hetären zu frequentiren? Warum
gründet er sich nicht eine germanische Häuslichkeit mit einer gebildeten
Jungfrau? Ist es nicht eine wahre Schande, dass er die Geschöpfe der Strasse
litteraturfähig macht? Will er etwa die sociale Frage lösen, indem er Arme
Mädchen studirt wie Herr Lindau? Pfui, pfui darüber!«
    »Hm,« erwiderte der Verteidiger trocken. »Warum er nicht heiratet, weiss
ich nicht. Vermutlich, weil er kein Geld dazu hat. Warum er ces dames studirt
und in seine Bücher bringt, weiss ich. Das sind allen Ernstes nur dichterische
und ästetische Gründe: um die Leidenschaft und die Not an der abgründigsten
Wurzel bloss zulegen. Warum er persönlich an solchen Damen Gefallen findet (so
etwas kommt bei uns nicht vor, nicht wahr meine Herrschaften?), weiss ich
ebenfalls. Vermutlich, weil er sie interessanter findet als die langweiligen
und dabei prätentiösen Puten des Salons. Wen in aller Welt das Alles übrigens
etwas angeht, weiss ich nicht Wohl aber weiss ich, wenn er wirklich irrsinnig
genug war einem solchen Weibe seine Hand anzubieten, dass dies weder aus
Sinnlichkeit noch aus Sentimentalität geschehen sein kann. Denn er ist mässig
sinnlich und gar nicht sentimental. Obschon ich ihn vermutlich näher kenne, als
die Leute, die über ihn schwatzen, so vermesse ich mich nicht, über seine Motive
zu urteilen. Jeder Mensch hat seine inneren Geheimnisse, die kein Anderer
kennt; sich da hineinzudrängen ist roh und dumm, gegenüber einem bedeutenden
Menschen aber obendrein frech und infam.«
    »Aber ich bitte Sie, schon allein der Skandal, wenn er das Weib wirklich
heiratete! Dies schlechte Beispiel -« Feichseler brach ab und errötete, man
wusste warum. Denn die guten Freunde stiessen sich bereits unterm Tische an.
Behauptete doch der Stadtklatsch, Ottokar habe selbst die ideologische Narretei
begangen, eine Bemakelte zu retten und eine frühere femme entretenue zur Würde
einer Frau von Feichseler zu erheben! Natürlich aus rein äterischem Idealismus,
da die junonischen Reize der schönen Frau unmöglich einen Philosophen wie
Feichseler hätten verblenden können!
    »Nun, Leonhart scheint immerhin ein ungewöhnlicher Mensch und eine
liebenswürdige Natur. Aber er ist allzu bissig und dann - auch noch etwas grün.
Das heisst -«
    »Scheint mir auch,« ergänzte Gutmann bedächtig. »Ich kenne ihn ja auch. Er
ass einige Mal bei uns. Noch vor einem halben Jahr machte er mir einen
Gegenbesuch und ass etwas bei uns. Er erinnert mich an Aurelie von Fellmarch. Sie
wissen: die so oft bei uns ass und nachher solche Bosheiten über mich, meine Frau
und das Kind geschrieben hat! Ja ja, der Leonhart wird noch älter werden. Wie
wird er in zwölf Jahren an sich selber denken!«
    »Ich kann mir nicht helfen,« warf jedoch Wurmb hin. »Ich halte Leonhart für
einen unsrer gefährlichen Kujone. Ein furchtbarer Streber, der mit allen Mitteln
vorwärts jagt und rücksichtslos niedertritt, was ihm den Weg versperrt.«
    Krastinik erhob sich mit ironischen Lächeln. Es wird spät und ich muss mich
empfehlen. Nur möchte er zum Schluss dieser Debatte eins bemerken. Hören sie z.B.
einen Schmoller, der Leonhart nur zu ewigem Tun verpflichtet wäre, so wird
dieser Grössenwahnsinnige sich weder über seinen grossen Gönner in herablassendem
Tage als von einem guten Kerl oder mit schimpfender Weise als von einem
raffinirten despotischen Charakter redete. Und grade so teilen sich überhaupt
die Urteile der dummen Jungen über dies Phänomen. Sagt Ihnen nicht die Logik,
dass Beides zugleich nicht so kann und daher keins von Beidem irgendwie der
Wahrheit entspricht?
    »Ueberhaupt,« setzte Krastinik nach einer Pause fort »gehört doch eine
unglaubliche Unwissenheit dazu, ein Dichter, der berühmt war, ehe unsere
heutigen Modegötter auftauchten, und nur wegen mangelnder Streberei im
Hintertreffen gedrängt wurde, zu dem jüngstdeutschen Gesindel zu rechnen! Nicht,
als ob ich jenen jungen Leuten eine durchgängige Sprachvirtuosität und
Formbemeisterten absprechen möchte. Nein, im Gegenteil erregt ihr ehrliches
technisches Verskönnen kopfschüttelndes Staunen.«
    »Auch eine Gedankenfülle schmerzlichen Lebensernstes und ein selbstständiges
Lebensgefühl, welches der Erde Bitterniss voll durchkostete und sich in
weihevollem Schmerze läutert!« dekretirte der stets in philosophischer
Schönrednerei schwelgende Dondershausen und blies die Backen auf.
    »Doch auch viel tautologisches Phrasen-Gefüllsel,« fiel Luckner ein.
    »Ja, mag das alles nun sein, wie es will, jedenfalls ahnen diese jungen
Lyriker in glücklicher Unschuld gar wenig von dem düstern heroischen Kampf, den
das eigentliche Originalgenie wie Leonhart durchzuleiden hat, ehe es endlich
seine wogende Ideenwelt in die konventionellen Stereotypformen der Litteratur
zwängen lernt.«
    »Mein Gott,« rief Gutmann achselzuckend. »Sie tun ja gerade so, als ob
zwischen Ihrem Abgott und allen andern lebenden Dichtern eine Kluft gähnte, als
ob er nicht nur der Erste wäre, sondern gleichsam allein auf einer Insel sässe
und das übrige Völkchen weitab von ihm.«
    »So ist es auch,« bekräftigte Krastinik halblaut. »Wenigstens ist etwas
Wahres daran.«
    »Ja, lieber Herr Graf,« Ottokar und Dondershausen schüttelten den Kopf, »man
hört Sie ja ruhig an, man lässt Sie ausreden. Aber man weiss wirklich nicht.. man
versteht kein Wort.. es schwindelt Einem..«
    »Einer muss jedenfalls verrückt sein,« brummte Holbach. »Ich begreife ja Ihre
Begeisterung, allein..« Er zuckte vielsagend die Achseln.
    »Ich kenne ihn ja doch auch am Ende,« hob Gutmann an und warf sich in die
Brust, »und schätze ihm als einen näheren Bekannten. Noch zuletzt als ich ihm
sprach (er ass etwas bei mir), sagte ich ihm: Leonhart Sie sind noch unerfahren.
Sie vermöbeln zwar In-und Ausland, allein jene berühmte Kneipe, wo Sie als neuer
Shakespeare mit Ihren Gebrüdern Green, Dekker und Heiwood zusammensassen, ist das
Symbol jener Lächerlichkeit..«
    »Ach so, das wollten Sie ihm sagen?« schnitt ihm Krastinik weitere
Fanfaronaden ironisch ab. »Hören Sie auf, lieber Herr! Das würden Sie halt
wagen, ihm an den Kopf zu werfen! O Jesus Maria!«
    »Nun, um ad rem zurückzukommen, worin unterscheidet sich der erlauchte
Dingsda denn von uns andern?« Dondershausen schnitt eine verzerrte Grimasse, wie
eine Affe, der in einen sauren Apfel beisst, während Feichseler süsslich lächelte.
    Holbach, dieser hanseatische Vikinger, der wie Leonhart als Federfuchser
seinen Beruf verfehlte, sah mit einem starren Blick ins Leere. Sein blonder
angelsächsischer Pferdekopf, der das Rosswappen Hengists und Horsas hätte
schmücken können, ähnelte im Ausdruck auffallend einzelnen Zügen Leonharts. Wie
dieser schob er die Unterlippe vor und presste die Lippen fest aufeinander,
während die Augenbrauen sich weit vortreten zusammenzogen.
    Gutmann machte ein dummes Gesicht, das jedoch einer gewissen Bosheit nicht
entbehrte. Luckner fummelte allerlei unzusammenhängende Redensarten dazwischen.
Leonhart verstehe nichts von dem einzig wahren Urborn der Poesie, der
Germaniestik. (Er sprach dies Wort immer mit einem langen I.) Ein Mensch, der
nicht Jakob Grimm studirt habe und über Scheffel, den grössten deutschen Dichter
nach Goete, herablassend urteile, er sei nur ein reizender Idylliker! Neulich
noch habe Leonhart sich darüber mokirt, dass Scheffel ins Irrenhaus gewandert
sei, weil ihm die dargebrachten Huldigungen der undankbaren deutschen Nation
nicht genügten, und dass der biedere Dichter die 46.-49. Auflage seines
»Ekkehard« mit grossem Kostenaufwand selbst aufgekauft habe, um die 50.
Jubiliäumsauflage zu ermöglichen. Auch sei die Fühlung des jungen Poeten zu dem
Altmeister und dem »Ring der Nibelungen« nur gering. Das war für Luckner
entscheidend. Nach dem Grundsatz, der heut die Welt regiert: Richard Wagner est
asylum ignorantiae, versenkte sich der harmlose Knirps-Pimper (wie Leonhart,
dessen Verachtung stets drollige Naturlaute fand, ihn zu nennen pflegte) in
Musikkennerschaft, um sich über seine Dichterlähmung zu trösten. Für ihn schien
das Welträtsel in Bayreut gelöst. Wie der Bayreuter Meister des Grössenwahns
keinen Gott neben sich erkannte, so betrachtet auch die Wagner-Gemeinde jeden,
der nicht auf ihre lächerliche Einseitigkeit schwört, als eine Art Heiden, und
wer noch an die Möglichkeit anderer Weltpropheten glaubt, als Verbrecher. Der
Richard Wagner-Humbug bildet ja gleichsam die symbolische Spitze für alle
Grossmannssucht unserer Zeit.
    Krastinik überlegte wie es schien, und sammelte vielleicht Erinnerungen an
Aussprüche seines Meisters. Dann erwiderte er gemessen auf Dondershausens Frage:
»Bei den Anderen, deren Schaffen trotz aller äusseren Geschlossenheit als
innerlich zerstückelt wirkt, stehn wir immer in enge Kreise gebannt, mit beiden
Füssen auf der Erde - das heisst auf den Brettern, welche die Welt bedeuten. Nie
wird man bei ihnen die Empfindung des blossen Teaterspielens los. Kombinirt
Leonhart dramatische Gegensätze, so gehen sie stets in symbolische Tiefen hinab,
während sich bei Anderen die Leute ganz handgreiflich-plump mit ihrem
schrecklichen Edelmut wie mit einer moralischen Ohrfeige drohen. Leonhart's
Vorbild scheint offenbar Shakespeare, welcher auch in seinen realistischen
Dramen überall Durchblicke ins Ewige eröffnet. So die Villegiatura von Belmonte
im Kaufmann von Venedig. Dort zerreisst der Vorhang hinter dem Saal des
Dogenpalastes, wo man über weltliches Recht und Unrecht streitet, und man
erschaut das Ewige in der Mondnacht, wo Lorenzo mit Jessica träumt: Auch nicht
der kleinste Stern, den Du da siehst, der nicht im Schwunge wie ein Engel singt.
Was also ist dieser ganze kleine Erdball, mahnt uns der Dichter, dieser Stern
unter grösseren Sternen! Ist aller irdische Streit nicht müssig?«
    »Aber ich bitt' Sie! Shakespeare! Ja, wer möchte den Herkules preisen, den
Niemand tadelt - sagt ein lateinisches Sprüchwort. Shakespeare und Leonhart! Wo
liegt da der Zusammenhang! Alle Achtung vor dessen Leistungen, aber -«
    »Was er ist und kann, können wir jetzt immer noch nicht beurteilen, so
grossartig er auch schon als Gesammterscheinung sich darstellt. Denn er, der
eigentliche deutschnationale Dichterrealismus, ringt augenblicklich noch mit
sich selber, hat sich noch nicht zur letzten Lösung durchgerungen. Er türmt
Cyklopenmauern, hinter denen ein Riese seine Waffen türmt.« Die verbündeten
Eklektiker sahen den Grafen so dämlich an, wie die Ochsen vor'm neuen Tor, so
dass dieser sich jetzt eilig empfahl.
    Nur Holbach nickte langsam vor sich hin, indem er mit seltsam düsterem
Ausdruck wieder ins Leere starrte. Seine löwenhafte Reckennatur verseuchte sich
zwar durch und durch mit füchsischer Balancir-Verlogenheit eines Weltlings; er
repräsentirte gleichsam als Typus die Welt, also die Lüge. Aber das wirkliche
Wohlwollen, das ehrliche breite Herz, das unter all der schwindelhaften
Schauspielerei in seiner breiten Brust schlug, erriet intuitiv Manches und
fühlte instinktive Verwandschaft: Beide hatten ihren wahren Beruf verfehlt.
    Als Krastinik gegangen, fasste Artur Gutmann den Gesammteindruck der
illüstren Versammlung zusammen, indem er nachdenklich murmelte: »Wo mag wohl der
Grund stecken, dass der Graf diesen Leonhart so eifrig verteidigt? Sollte Jener
vielleicht grade einen lobenden Essay über Krastinik schreiben wollen?«
    Ist doch der Begriff einer unbeeinflussten Kritik längst entschwunden. Man
hat heut Kunstbutter, Kunstmilch, alles ist unecht, selbst das Genie wird man
noch fälschen können.
 
                                      III.
Leonhart sah wochenlang keinen Menschen und schloss sich in seine Kammer ein. Er
zermarterte wieder sein Gehirn mit tausend Ueberflüssigkeiten, indem er nun
dumpfem Groll an die Verrätereien dachte, welche all die Judasse um ihn her
gewiss hinterm Rücken an ihm verübten. Mit düsterm Groll reckte er seinen Arm vor
sie hin und schwor sich: »Wenn ich je falle (wer weiss, wo und wo sie mir doch
noch ein Bein stellen), so reisse ihr euch alle mit in den Abgrund!«
    Wieder sprach in ihm jene innere Stimme sein Gerechtigkeitsgefühls, das ihn
stets schwächte, weil nur der Einseitige durch Selbstsucht stark wird: »Bist
denn Denselber ohne Schuld?«
    Aber da erhob sich eine andere Stimme in ihm, gewaltig wie die Wahrheit, und
laut rief er es zum Himmel empor, dass die Wände seiner Stube dröhnten: »Ich bin
nicht ohne Schuld, doch ihr seid schuldig. Schuld an aller Sünden wider den
Heiligen Geist, - jener eine Sünde, die nimmer vergeben wird.«
    Er wünschte blutige Tränen zu weinen, dieser angebliche Ewigkeitsmensch,
immer und immer wieder durch Nichtiges abgelenkt und innerlich zerrieben. Viele
Tropfe höhlen den Stein - der nie endende nagende Aerger unterhöhlte seine
Geisteskraft. Facit indignatio versum - aber wenn die Indignation nie aufhört,
so versiegen auch die Verse zuletzt.
    Das ist ja eben das Erhebende bei der deutschen Geschäftslitteratur und
-Kunst, dass man die durchgehende Gemeinheit der Welt dort concentrirt findet,
gleichsam symbolisch. -
    Leonhart's Gehirn fing an, durch sein zerrüttetes Nervensystem und seinen
krankhaften Gemütszustand geschwächt zu werden. Die unnatürliche Lebensweise
der jungen Leute in Berlin, das nächtelange Umherschwärmen in den Kneipen und
Nachtcafés, das sogenannte »Sumpfen« lähmt die frische Schwungkraft. Seit er ein
ständiger Zuschauer bei dem Hypnotiseur Hansen geworden war, ging es vollends
mit ihm bergab. Dieser benutzte ihn bei seinen Experimenten und die leichte
Nervose Leonharts wurde hierdurch noch verschlimmert. Er bildete sich ein,
magnetische Kräfte zu besitzen; er abonnirte sich auf die »Sphinx«, das
Leiborgan der Spiritisten, und liess sich von einer Collegin, die als begeisterte
Prophetin des Spiritusmus galt, immer tiefer in dessen Geheimnisse einweihen.
Ueberall sah er gewissermassen Gespenster seiner Vergangenheit um sich her. In
jeder Droschke, wo ein leidlich ähnliches Gesicht herausnickte, glaubte er eine
verlassene Geliebte zu erkennen. In der Hasenhaide bummelnd, sah er einst vor
der Bude »Des de Mona« (soll heissen: Desdemona) eine Gestalt mit einem Packet
vor sich hergehn, die er zu erkennen glaubte. Er machte sich sofort auf die
Beine und stiefelte ihr nach, trotzdem bei der grossen Hitze ihm der Schweiss aus
allen Poren rann. Als er sie erreichte, drehte sich die Unbekannte um - ein
wildfremdes Gesicht starrte ihn an, so dass er, verlegen etwas vor sich
hinstotternd, eiligst vorüberging. Er fing an, um Mitternacht hallucinative
Gedichte zu entwerfen - vulkanische Ideen- und Gefühlsmassen machten sich Luft,
um alsbald in kalter Lava zu erstarren Kein »Blümlein wunderhold« sprosste aus
den Abgrundrissen seiner Träume empor - nur Erdpechflammen zuckten gespenstig
auf. Sobald einmal ein Gehirn eine solche Richtung genommen hat, dass seine
Begriffe alle transcendental werden, sobald also wirkliche Hallucinationen
vorliegen, wirkt auch dies wie realistische Wahrheit. So ist Dante zu erklären.
Das Menschengehirn hat keine Grenzen, mag also auch transcendental denken
Massstab für das Alles bleibt nur immer das Streben nach Wahrheit, welches innere
Wahrhaftigkeit verbürgt selbst bei der tollsten Exaltation. - -
    Eine gewisse auffallende Kleinlichkeit paart sich oft in einem gross
veranlagten Gehirn mit den umfassendsten Ideen. Es ist charakteristisch, dass
Goete auf seinen Manuskripten keinen Klex dulden konnte. Napoleon's
welterobernder Geist beschäftigte sich oft mit den kleinsten Nebendingen des
ungeheuren von ihm geleiteten Räderwerks und fühlte sich gepeinigt durch die
kleinsten Störungen desselben.
    So gibt es Schriftsteller, die von ihren Druckfehlern selbst in der
Erinnerung noch gefoltert werden. Nun ist ein Druckfehler ja ein hässlich Ding.
Aber es steht fest dass man selbst die auffälligsten Druckfehler als blosser Leser
übersieht, weil man mehr errät als liest. Auch bringt es die sonstige
Gleichgültigkeit des Lesers mit sich, dass er einen Druckfehler nie tragisch und
als Störung empfindet, während der Autor seinen reinlichen Stil unauslöschlich
schimpfirt glaubt.
    Der Corrector hat ein wichtiges Amt, dessen er sich kaum bewusst. Seine
Nachlässigkeit kann einen Autor unglücklich machen. Was hilft's, wenn eine
Autoren-Correctur mangelhaft ausgeführt, hinterher darüber zu jammern! Geschehn
ist geschehn, und der Flecken bleibt für ewige Zeiten haften, über dem ein Autor
verzweifelnd brüten mag, da ihn ein durch Corrector-Nachlässigkeit ruinirter
Satz ewig wie ein Vorwurf drückt. Man pflegt zu trösten: Jeder sehe ja, dass dies
ein Druckfehler sei! Welch' ein Irrtum! Das Publikum liest so blind und dumm,
dass es dergleichen Fehler wirklich für baare Münze nimmt und sich den Kopf über
den Sinn derselben zerbricht.
    Dieses Kleben am Kleinlichen tritt als natürliche Reaction ein bei Grössen,
die sonst nur zu sehr ins Grosse und Weite schauen. So rächt sich die
Alltäglichkeit des Aussenlebens am Ungewöhnlichen.
    Unter solcher Reaction litt eben Leonhart's Ueberarbeitung.
    Immer aufs neue zogen ihn allerlei Erbärmlichkeiten ab. Seine ganze
poetische Stimmung ging zum Teufel. Schadenfroh wusste man ihn überall bei
fremden Fehden zu verwerten. Vorsicht, Vorsicht mangelte ihm ewig. Stets liess
er sich zu tief in jede persönliche Zwistigkeit ein und die alberne Furcht vor
der Verleumdung der Welt frass sich immer tiefer. Doch hatte er so Unrecht? Kann
nicht aus jeder Mücke ein Elephant werden, denn man aufbläht, um die Laufbahn
eines genialen Menschen zu hemmen? Ein unbedacht entfallenes Wort wird zum
Verbrechen. Man verliest einseitig Briefe und Urteile über einen Abwesenden,
der sich nicht wehren kann. Ewig verleitete ihn seine Gutmütigkeit, für andre
Leute zu eifrig Partei zu nehmen, als wäre dies seine eigene Sache. Er bedachte
nicht, dass die Welt überhaupt nicht an selbstloses Wohlwollen glaubt und Allem
unlautere Motive unterschiebt. Seine krankhaft argwöhnische Seele die ängstlich
hinterm Rücken Ohren trug, um auf das Geflüster der Menschen zu horchen, setzte
immer das Uebelste voraus. Dann aber wuchs auch andererseits sein kühner Mut
und er sah Allem fest ins Auge. Was konnte man ihm anhaben, ihm, der über Alles
erhaben.
    Er fühlte sich rein, er durfte es, so weit er von Pharisäismus. entfernt und
so oft er an seine Brust schlug: Gott sei mir Sünder gnädig! Denn Viele hielten
ihn für edler als er war, Jeder beanspruchte Hülfe von ihm, und raisonnirte,
wenn er sie nicht erhielt. Wer aber hatte ihm denn geholfen, wo sein Leben doch
so viel wichtiger? Nichts komischer, als die überspannten Anforderungen an die
Menschen höherer Art, da man doch die Herzensroheit der sonstigen Gesellschaft
kennt. Den riesenhaften Egoismus eines Napoleon zugestanden stellt ein
Vernünftiger stets die Frage, ob die Mehrzahl, der Menschen nicht in ihrer
winzigen Weise genau den gleichen Grad von Egoismus verkörpere - ohne die
Entschuldigung des Genies dafür beanspruchen zu können. Nichts aber bereitet dem
kleinen Philistergeiste so innigen Genuss, als die Schwächen und Mängel der Grösse
zu erspähen. So wird denn ein unmöglicher Massstab sittlicher Vollkommenheit
angelegt. Man will nicht begreifen, dass auch der grösste Mensch nur eben ein -
Mensch bleibt und sich der Notdurft menschlicher Schwäche nicht entziehen kann.
Man fragt erstaunt, selbst wenn man vorurteilslos den sonst edlen Grundstoff
einer genialen Natur würdigt, wie es denn möglich, so viel Niedrigkeit mit so
viel Grösse zu vereinen. Und doch liegt es in der Artung der Ausnahmenaturen, dass
sie alle menschlichen Seiten in sich vereinen. Selbstlose Begeisterung paart
sich kalter Berechnung, ideale Reinheit schmutziger Sinnengier.
    Verzweifelnd an seinem eingeschnürten Leben, suchte Leonhart seine einzige
Rettung und Erhebung in der Betrachtung einer edleren Vorzeit. Aus der
erstickenden Wirrniss der zwerghaften Kleinigkeitskrämer flüchtete er in den
Verkehr mit Geistern vergangener Tage. Seine düstere mystische Glut entflammte
sich an der tatkräftigen Askese des Puritanismus. War nicht auch Cromwell erst
in hohem Alter nach vergeudeter Jugend erweckt worden zum Dienste Gottes? »Hie
Schwert des Herrn und Gideon! Der Herr hat sie in unsre Hände gegeben!« Der
wilde Grössenwahn des Puritanismus, der sich berufen fühlte alle Gewaltigen der
Erde wie Stoppeln zu vertilgen mit der Schärfe des Schwertes, seiner
Gottessendung bewusst, durchrann die Adern des skeptischen Berliners. Durch
Cromwells Briefe und Reden geht ein Ton wie von klirrendem Stahl und Milton's
Prosa-Polemik stampft wuchtig einher, wie ein Cromwellscher Kürassier im
Büffelkoller. - Noch wirft der grosse Oliver seinen Schatten über das Inselreich,
ob auch der Junkerei Hyänenzahn seinen Staub ausscharrte und in die Lüfte
streute. Recht so. Die Luft trug ihn über Meer und Länder als befruchtenden
Samen, bis die »Maiblume« der transatlantischen Republik emporwuchs. Stets
aufersteht im Angelsachsentum der alte Puritaner.
    Sein Schlachtruf rauschte durch das Sternenbanner auf der Schanze von
Bunkershill. Und ein Jahrhundert darauf, bei Appotomax Court Station, als vor
den neuen »Rundköpfen« die neuen »Kavaliere« den Degen streckten - auch da ritt
Cromwells Geist mit Bibel und Feldherrnstab die Reihen entlang. Und im heissen
Sande des Sudan, als Gordon sich als Sühnopfer weihte für seines Volkes Sünden,
da beugte sich Cromwells Schatten herab auf den letzten Puritaner.
    Als der Freischärler sich in den Sattel schwang, zählte er 42 Jahre. Und
binnen sieben Jahren erreichte er die höchste Feldherrnstufe, ohne je Soldat
gewesen zu sein, so wie ja Friedrich der Grosse ursprünglich Abneigung gegen
alles Soldatentum empfand und doch blitzschnell die höchsten Höhen der
Strategie erklomm. Die innere Unteilbarkeit der genialen Begabung bedarf ja
keines Drills, da in jedem Helden ein Dichter, in jedem Dichter ein Held steckt
....
    In wildem Grimm, seiner eigenen Ohnmacht bewusst, schleuderte er »Gebete
eines Puritaners« aufs Papier:
In meiner Seele haust der Tod.
Jehovah, will dein streng Gebot,
Dass ich soll untergehen?
Der Feinde Schaar ist übergross
Und ich bin arm und schwach und bloss.
Wie soll ich da bestehen?
In meiner Seele haust der Tod.
Ringsum die feige Meute droht.
Und du hast mich verlassen?
Ich schreie nach Gerechtigkeit.
So strafe der Philister Neid,
Die deinen Diener hassen!
Du bist es, der mich kämpfen heisst.
In deine Hände, heiliger Geist,
Befehl' ich meine Sache.
Die Dummheit und die Schurkerei
Erbebt vor meinem Todesschrei.
Donnre, du Gott der Rache!
Schlag mich ans Kreuz, verfluchte Rotte!
Begeifere, was die Grösse tat!
Doch glaubt dem unbekannten Gotte:
Euch allen die Vernichtung naht.
Ich werde schreckbar mich erheben
Und Euch zermalmen Stück für Stück,
Dass in erbleichendem Erbeben
Ihr schaudert in Euch selbst zurück.
Du über den Dingen schwebende Gotteskraft,
Aus irdischem Wehe schrei' ich empor zu Dir,
Der in ewig sonniger Klarheit
Tront und richtet!
Lockre des Lebens Bürde auf meinen Schultern,
Nimm die drückende Last von meiner Stirne
Der uralten ewig neuen
Martergedanken!
Nicht erhören sollst Du des Sünders Flehn,
Wenn ich die Sünde, die nimmer vergeben wird,
Wider den heiligen Geist die Sünde
Je ich verbrochen!
Wenn meines Hohns versengender Racheblitz,
Wenn meines Zornes Donner geschleudert je,
Ohne vollgerechte Vergeltung
Der Unbill zu üben!
Wenn dies Gezücht, das schmutzig erbärmliche,
Das mich umkreucht wie zischende Schlangenbrut,
Je gerecht an mir gehandelt
In prahlender Dummheit!
Wenn diese Welt in Waffen, die mich umtobt,
Wenn dieser falschen Freundlinge Selbstigkeit,
Wenn all die neidgeblähten Männlein
Nicht strotzen von Ohnmacht!
Wenn nicht gefrevelt diese verderbte Zeit
An Deinem Erwählten, heiliger strenger Gott,
Wenn nicht moschustriefende Zwerge
Den Riesen geblendet!
Jehova, räche mich! Schenk mir die alte Kraft,
Dass der Philister gleissendes Götzenhaus
Ich zerbreche, auf dass meine Seele,
Stirbt mit den Heiden!
Ja, Du erhörst mich, ja, Du erfüllst mein Flehn.
Ich allein gegen sie alle, Ich!
Denn Ein Gott nur lebt im Himmel.
Zittert, ihr Götzen!
    Unbeschreiblicher Geisterduft spann sich um ihn her, lehrte ihn die lautlose
Sprache einer anderen Welt. Sein Dasein gestaltete sich ihm zur blossen
Pantomime, welche das Wesen und das Wesenlose verquickte und in welcher die
eigne Existenz zu einem Schattenspiel der Laterna Magica des Unendlichen ward.
    Und doch untergrub diese Weltentrückteit noch mehr sein Nervensystem. Oft
hält man für Charakterschwäche, was Nervenschwäche sein mag. Der Magenkranke isst
am liebsten das Unverdaulichste, der Nervöse sucht ordentlich das ihm
Schädliche. Denn eine verhängnisvolle Tendenz zum Unheil liegt in der
Menschennatur.
    Der Verfolgungswahn brach aus. Ueberall ahnte er Gefahren, sah überall
Schurken, die seine Schritte belauerten. Zugleich brach dabei das kranke
Gewissen durch. Denn wer nichts zu fürchten hat, der fürchtet auch nichts.
    Jene unsagbare Angst, die ihn manchmal befiel, überkam ihn. Während er
angesichts jeder Gefahr sich zu beherrschen wusste, auf hoher Plattform den Trieb
sich hinabzustürzen bezwang, bewältigten ihn im Halbschlaf ähnliche
Vorstellungen mit lebenswirklicher Todesangst. Er wand sich hin und her, von
schrecklichen Träumen gequält. Und zugleich erfüllte ihn das Bewusstsein, dass
seine eigene Unvorsichtigkeit diese grundlosen Befürchtungen heraufbeschwor. Als
echter Phantasiemensch lebte er stets in der Minute und kannte da keine Vorsicht
noch Rücksicht. In drei litterarische Prozesse zugleich war er als Zeuge
verwickelt. In einem sollte eine Postkarte vorgelegt werden, welche Böswillige
missdeuten konnten. In dem andern hatte er nicht ganz correct gehandelt und in
dem dritten erschien er teilweise selber schuldig. Seine Phantasie malte ihm
nun unablässig das Schlimmste vor, was irgend eintreten möchte! Die Verleumdung
der Welt konnte sich an jede Kleinigkeit heften und die Dinge ausspinnen! In dem
allen aber mahnte doch das heimliche Bewusstsein, dass man insofern etwas
Richtiges raten könne, als er, wie jeder Mensch, so manchen Punkt in seinem
Leben wusste, der keineswegs dem idealen Bilde entsprach, das seine Verehrer von
ihm entwarfen. Oft war er kleinlich und selbstsüchtig, oft lächerrlich gewesen
(bekanntlich fürchtet der Mensch noch mehr lächerrlich, als gemein, zu
erscheinen). Und schon dies quälte sein überzartes Gewissen, wie Andere ein
wirkliches Vergehen.
    Mitten in diesem Zustand eines kindischen »Angstgefühls«, dem Psychiater als
Anzeichen einer schweren Nervenkrankheit wohlbekannt, producirte er aber
unaufhörlich mit überreizter Fruchtbarkeit.
    Leonhart schien wirklich ein Genie-Ungeheuer. Was er wollte, konnte er. Er
schleuderte seine Genialitäten aufs Papier, willenlos. Zugleich stieg seine
Macht, ohne dass er es wollte. Sein Willenszentrum schien so überwältigend, dass
es gleichsam magnetisch ausstrahlte, und andere, ohne es zu ahnen, in seine Bahn
gezwungen wurden.
    Das Innere des Genies scheint ein Krater, der fortwährend explodirt und
innere Umwälzungen mitmacht. In Folge dessen fühlt sich die Aussenwelt dadurch
beunruhigt und bedroht. Nun sind aber die Flammenausbrüche des Genies nicht nur
verheerend, sondern auch fruchtbar machend wie Nilüberschwemmungen. Erst wenn
der Krater schweigt, sieht man, dass Paradiese aus der Erde schossen. - -
    Kürzlich war er einem früheren Liebchen begegnet, die als Gesellschafterin
einer alten Dame in demselben Hause wie er gewohnt hatte. Er war von dort
verzogen. Der Zufall wollte es, dass er eines Tages am Schöneberger Ufer auf sie
stiess. In dem Entzücken des Wiedersehens benahm sie sich so anstössig liebevoll,
als gebe es er keine Menschen auf der Strasse, so dass er, halb gekehrt, halb um
unangenehme Ueberraschung zu vermeiden, ihr vorschlug, sie zu Hause zu besuchen.
Ihre Dame war zufällig auf eine Woche verreist und sie sollte das Haus hüten.
Aber würde der Portier nicht merken - wenn, sie in ihrer Leidenschaft redete ihm
das aus. Wirklich kamen sie auch unangefochten in ihre Parterrewohnung, wo sie,
kaum angelangt, in einem Liebesparoxysmus über ihn herfiel, dass ihm der Hut vom
Kopfe flog. Wer kann dem Wirbelwind widerstehn, wenn ein Weib seinen Willen
haben will! Sie habe in letzter Zeit den »Faust« gelesen und sich an Gretchens
Stelle versetzt. Und Die könne sie nicht beklagen, sondern nur beneiden. Sie
habe Den genossen, den sie liebte. Was hätten denn Andre vom Leben! Jeden Abend
einsam am Fenster sitzen und an den Einen denken! Sie solle sich einen
Bräutigam, der's ehrlich meine, anschaffen? Ja, wo fände sich der! Und wenn
auch, sie mache sich doch nun mal aus allen Männern nichts, ausser Einem. Und die
Männer seien alle schlecht, die Weiber freilich auch. Aber er, er allein sei
gut. Ja doch, wenn er auch nichts davon hören wolle. Man brauche nur in seine
Augen zu sehn, dann sehe man, er sei doch ein guter guter Mensch, wenn auch
manchmal etwas unwirsch und heftig.
    Dann kamen die Geschichten von all den Nachstellungen, denen sie ausgesetzt,
da sie ja auffallend hübsch. Dann wieder ein Strom von Zärtlichkeiten. Mitleid
und Leidenschaft zugleich ergriffen ihn, als sie so anbetend vor seinem »Genie«
(sie sprach es wie »Jenny« aus) auf den Knieen lag, obschon sie im Grunde nur
mit »Mein Fritz, mein Fritz« ihr Eigentumsrecht auf ihn betonte. Das Sopha war
weich. Draussen auf dem Hofe spielte ein Leierkasten - -
    Heftiges Klingeln weckte sie auf. Als sie mit noch ziemlich verwirrten
Kleidern zur Tür eilte, ergab es sich, dass der Portier Unrat witterte und es
für strafbar erklärte, fremde Herrn in die Wohnung zu bringen; dazu sei sie
nicht von ihrer Gebieterin zurückgelassen. »Das ist ja nur mein Bruder!«
versicherte sie. Nach einigem Parlamentiren gab sich der Mann mit dieser
berühmten Ausrede zufrieden und verschwand brummend vom Schauplatz seiner
Pflichterfüllung, da die Bediensteten und Portiersleute meist zueinanderhalten.
»Ach, ich habe ja Ausrede gemacht!« wiederholte sie mehrmals, als er sich hastig
zum Aufbruch fertig machte. Er aber wollte durchaus nicht bleiben, durchaus
nicht. Ein widerlicher Schrecken befiel ihn. Wenn man ihn nun hier überraschte -
es hing ja nur an einem Haar -, welch ein Skandal! Und der Ruf des unglücklichen
Mädchens für immer ruinirt. Wenn das Weib auch rücksichtslos und schrankenlos
sich hingibt, nur den einen Zweck im Auge, so sollte doch der Mann um so mehr
sich zu beherrschen wissen. Und ach, er liebte sie ja nicht!
    Lüderlichkeit scheint das einzige Mittel, um sich über die Qualen der Liebe
wegzusetzen. Die Sinnlichkeit birgt das Lebensproblem. Nur wer sie überwand, ist
glücklich. Traurig genug, dass sich mit Genialität fast immer eine abnorme
Sinnlichkeit paart. Und was sucht Sinnenlust anders als Liebe? Und scheint nicht
Liebe nur ein ewiges Suchen und nicht Finden? Ueberall in jeder Verbindung
steckt irgendwas, was vom weltlichen oder vom seelischen Standpunkt aus nicht
befriedigt. -
    Den Tod im Herzen, riss er sich los, während sie, wie eine Klette an ihm
hängend, bis vors Haus (es dämmerte, ein Sonntag-Abend) ihn hinausgeleitete.
Wenn nun aus dieser Ueberrumpelung eines Augenblicks endlose Folgen entstanden,
was dann? Schon brach bei ihr der naive Grössenwahn aus, der in jedem Weibe
schlummert. Wie die Dienstmädchen heut als Damen sich kleiden und das Teuerste
grade gut genug finden, so stellt sich auch jedes Weib, ob hoch ob niedrig, auch
sofort ihrem Liebhaber gleich, sobald dieser einmal mit ihr demselben Naturtrieb
gefröhnt. Die Maitressen der Fürsten sehen nur einen Mann, der nebenbei auch
Fürst heisst und dessen geheimsten Schwächen sie kennen.
    So behandelte auch dies Mädchen im Triumph eines erlangten Liebeswunsches
den Gegenstand desselben schon ganz als ihr zugehörig. Natürlich mussten sie sich
morgen gleich wieder treffen, und als er Ausflüchte fand, schalt sie ihn mit
zärtlicher Zudringlichkeit.
    Auch das noch! Als ein recht trister Würdegreis wankte das Opfer einer
erzwungenen Liebe heim und fluchte seiner Schwäche. Und war er etwa schuldlos?
Hatte er früher nicht selbst mit dem Mädel angebändelt und ihr nachgestellt? War
sie nicht bloss ihm allein als Beute zugefallen mit der ehrlichen Zuneigung eines
naiven Gemüts? Vor dem Tribunal einer höheren Sittlichkeit blieb er ein
Schurke, wenn er das Mädchen nun einfach abschüttelte. Abgesehn davon, was noch
leider daraus kommen und was ja Niemand berechnen konnte.
    Dazu führen stets diese kleinen Unregelmässigkeiten, welche die meisten
Männer auf die leichte Achsel zu nehmen pflegen. Niedrig plebejische
»Verhältnisse«, eigentlich doch komischer Art. Allein, was blieb denn ihm anders
übrig, einem jungen Mann und armen Teufel? »Verhältnisse« in der »guten«
Gesellschaft kommen viel seltener vor, als das törichte Gerede annimmt. Und zum
Heiraten gehören drei Dinge: Erstens Geld, zweitens Geld und drittens nochmals
Geld. Und das besitzt man heut genügend erst, wenn die Zähne schon wacklig
werden.
    So wie er litten die Meisten. Und wer nicht mal mit solchen »Verhältnissen«
beglückt, bleibt auf die Kellnerin und die Strassendirne angewiesen, auf die
käuflichen Silberlinge und auf die Charité.
    Nach der Dresdener Strasse zu seiner Tante Meyer war er seit jenem Abend mit
Schmoller nicht mehr hinausgepilgert. Als er sie neulich auf der Strasse traf,
hatte sie hässlich aufgelacht und ihm den Rücken gekehrt.
    Er war wie vom Donner gerührt. Eine unabsehbare Perspektive möglicher
Unannehmlichkeiten eröffnete sich vor ihm. Er erkannte, wie Schmoller's böse
Zunge jenen Abend ausnützen konnte, welchen Grund zum Klatsch er den lieben
Herren Collegen geben würde, in welche seltsame Zwangslage er unter Umständen
gerate. Nachdem nämlich sein Incognito gebrochen und sein dortiges Verkehren
festgestellt, musste die semitische Helena auch bald dahinter kommen, dass er sie
in seinem naturalistischen Venuslied »Isauscha« abconterfeit.
    Sein Nervensystem zitterte in allen Fugen, Ekel und Gram quollen ihm zum
Magen auf, so dass er eine Art Angst-Cholerine bekam. Schlaflos wälzte er sich
hin und her, Nacht für Nacht.. Was würde sie tun? Er erwartete bestimmt, dass
sie ihm schreiben werde. Nichts.. Sie hatten ja freilich einander nichts
vorzuwerfen. Allein ein Weib denkt über so etwas ganz anders.
    Grässliche Träume plagten ihn, die einen seltsamen erotischen Schrecken
verrieten, der seinem Zustand entsprach.
    Er sah sich als Zwangsgeliebter der Semiramis, den sie in rasender Tobsucht
mänadisch erdrosselt und zerreisst. Und dabei spürte er sich widerstandsunfähig
und empfand eine gewisse tödtliche Wollust bei diesem entehrenden Liebestod.
War's auch nur ein Traum, aus dem er schweissgebadet erwachte, so lag doch eine
düstre Beichte darin, die er sich wachend kaum zu bekennen wagte.
    Liebte er jenes Weib? Nein. Er liebte überhaupt nichts. Er suchte nur
vergeblich nach einem würdigen Objekt seiner verhaltenen Sinnengier.
    Die entsetzliche Liebeskrankheit befiel ihn wieder und nagte an seinen
Eingeweiden. Was hilfts dagegen anzukämpfen! Die erotische Leidenschaft herrscht
als stärkste von allen, und hat sie sich auf einen einzigen Gegenstand
concentrirt, so bricht sie ewig wieder nach derselben Richtung hin hervor. Welch
ein Gefühl, mit einem Geheimnis solcher Art umherwandeln zu müssen! Ein Gefühl,
das man wie eine Selbstentehrung verbirgt und wie einen Makel empfindet. Ewig
sah er sie vor sich. Vergass sie ihn wirklich? Was war geschehen? Hatte sie ihm
nicht unzähligemal geschworen, dass sie ihn wahnsinnig liebe »ihn nur allein« und
nur sein mephistophelisches Hohnlächeln fürchte? »Ich sage Dir alles, alles, und
glaube Dir alles, und Du sagst mir nichts, gar nichts.« Nun wusste sie ja - - Ein
niedlicher Tasso mit solch einer Leonore! Und doch!
    Schon in der antiken Entfesselung aller Genusssuchtinstinkte erklärten Lukrez
und andere Jünger des Epikur Entäusserung von allen Leidenschaften für das wahre
Glück des Menschen. Scheint dies nicht vielmehr Temperamentssache? Bietet nicht
die Leidenschaft der Liebe eine stärkere Erfüllung jener inneren Sehnsucht,
welcher kein Mensch sich entschlagen kann, als die olympische Ruhe des Denkers
oder des Christen?
    Und andrerseits, man betrachte das Leben eines Mannes der Tat, der aus
eigener Kraft die höchsten Ziele des Ehrgeizes erklomm, welch ein unermesslich
unglückliches Leben! Wieviel süsser eine Stunde am warmen Busen des geliebten
Weibes, als alle Stunden »krönender Gnade«, höchsten Triumphes! Und dort kommt
wenigstens die Nervenreizung durch schmetternde Trompeten, Rosseschnauben,
wehende Standarten, Blut und Pulverdampf hinzu. Hingegen die Befriedigung des
geistigen Arbeiters, etwa durch das schale Lob auf bedrucktem Papier, wie
wertlos wäre sie, wenn nicht die Arbeit selbst ihm Nervenreizung gewährte!
    Die Sinne wollen gesättigt sein, koste es was wolle. Wozu das Belasten mit
allem möglichen Wissen! Was frommt es, sich mit den Begebenheiten der
Vergangenheit vertraut zu machen! Wieviel glücklicher der Handwerker in seinen
vier Pfählen bei Weib und Kind, dessen Gedanken nicht über sein Tagewerk
hinausgehn! Traurige Ehre, ein »Erwählter des Herrn« zu sein! Sei lieber der
Erwählte eines Weibes, das dein Gemüt und deine Sinne befriedigt! Die
geschlechtliche Liebe ist die einzige Poesie des Glücks, die einzige
Leidenschaft, die kein wesenloses Ziel erheischt. Halb Empfindsamkeit, halb
Schmutzerei. Man sollte für jede Hälfte zugleich ein verschiedenes Liebesobjekt
wählen. Natur verlangt's .....
    Als er nach längerer Pause, dämonischem Zwange folgend, seine alte Flamme
aufsuchte, fand er sogleich die Lösung des Rätsels, nämlich die Schöne Helena
scharmuzirt von dem schönen Erich v. Lämmerschreier. Dieser glatte schleimige
Bursch hatte eiligst, sobald ihm Schmoller davon klatschte, seinen Finger in die
erotischen Wundenmale seines früheren Gönners gelegt und denselben gar leicht in
der Gunst dieser ehrgierigen Donna Laura verdrängt, die sich durchaus vom
Schicksal erkoren fühlte als morganatisches Ideal eines lorbeergekrönten
Petrarka zu dienen!
    Da wäre sie bald schön hereingefallen mit ihrem »festen Verhältnis«. Sie
mochte ihn ja sehr gern - tat er doch immer, wer weiss wie, als ob er mindestens
der Grosstürke wäre, dieser überspannte Exaltado - nein, dieser pauvre
bürgerliche Leonhart, über dessen Schimpfmaul die allwissende »Berliner
Tagesstimme« stets so witzig herfiel, konnte ihrem hohen Streben nicht genügen -
lang für den erhabenen Herrn von Alvers gehalten! Hingegen, Herr von
Lämmerschreier, Redakteur der »Berliner Tagesstimme« - wie anders wirkte dies
Zeichen auf sie ein!
    Ja, der ideale Jüngling war wirklich zu der weltbeherrschenden »Berliner
Tagesstimme« durch Schlangenwindungen ankriechender Streberei emporgeglitten.
Auch sein Freund Rafael Haubitz tauchte zugleich als Teaterkritiker einer
grösseren Zeitung auf, so dass nun das Jüngste Deutschland alle Segel seines
idealen Schwunges zur Reinigung der Litteratur einsetzen konnte. Betrachtete
doch Haubitz die gesammte Teaterwelt als eine Mistjauche, die im weitesten
Umfange ausgepumpt werden müsse!
    Lämmerschreier aber erstand dem deutschen Volke als geschätzter
Kunstkritiker. Wie er das wurde, o es geschehn noch Zeichen und Wunder! Nach
seiner eignen Erzählung (er übte sich manchmal in einer wohlfeilen
Selbstpersiflage) verhielt sich die Sache so: - - -
    »Sie wollen bei uns eintreten?« schnob ihn der Chef des grossen Blattes
imperatorisch an. »Was können Sie? Womit empfehlen Sie sich?«
    »Mein Styl -« begann Jener zaghaft. »Ich schreibe -«
    »Ach was! Bei uns wird überhaupt nicht geschrieben - da wird nur geschnitten
und geschmiert - geschnitten mit der Scheere, geschmiert mit dem Kleistertopf.
Ich frage nach Ihren journalistischen Fähigkeiten. Können Sie machen
Skandalnotizen?«
    »Ich weiss nicht, ob - wenn Stoff und Grund -«
    »Aha, ein Anfänger! Stoff und Grund braucht nicht da zu sein - man findet
ihn. Ich frage, können Sie verdächtigen, wie? Können Sie verleumden?«
    »Ich glaube, dass in einer guten Schule -«
    »Daran wird's Ihnen bei uns nicht fehlen. Doch ich sehe, Sie sind noch grün.
Man kann Ihnen den politischen und lokalen Teil nicht anvertrauen. Wie wär's
denn mit der Kunst-Kritik, was?«
    »Ich verstehe leider nichts davon.«
    »Sancta simplicitas! Sie sollen aber verstehn! Hier - da! Da ist der Katalog
der Kunstausstellung. Schreiben Sie mir ein Feuilleton. Was rot angestrichen
ist, wird gelobt. Was gelb angestrichen ist, wird gerissen.«
    »Ich werde mich sofort an Ort und Stelle begeben.«
    »Gut, tummeln Sie sich. Ich gebe Ihnen eine Stunde zum Besuch der
Ausstellung und zwei zur Niederschrift des Artikels. Hoffentlich haben Sie
keinen sogenannten ernsten Geschmack?«
    »Nein, ich habe gar keinen.«
    »Desto besser! So haben Sie doch etwas, was zu einem Journalisten gehört.
Vorwärts! An's Werk!«
    Der Neuling fuhr per Pferdebahn zur Ausstellung und sah sich die Sachen
flüchtig an; dann ging's an's Schreiben à fünf Reichspfennige per Zeile. Zwei
Stunden später hatte der Chef das Manuskript in Händen. Bei der Lectüre
desselben entglättete sich seine Stirn und er war zufrieden.
    »Nussikow's Portraits zeichnen sich wieder durch jene markige kecke
Pinselführung aus, welche die überwundenen Standpunkte der alten Schule
beschämt. Seine breite massige Farbengebung, sein schönes rotes und gelbes
Colorit, seine feinen Pinselstriche, seine unvergleichliche Wiedergabe der
Spitzenmantillen, seine wunderbare Kraft in Darstellung des Ewig-Weiblichen und
Ewig-Nackten seine saftige Frische - alles atmet die Gesundheit des modernen
Realismus.
    Adolf v. Werter's herrliches Bild zeigt diesen grössten deutschen Meister
auf der vollen Höhe seiner gigantischen Genialität, welche zugleich die
Phantasie eines Cornelius mit dem Realismus eines Hogart vereinigt Da ist
Nichts von den altergebrachten Formeln eines abgestandenen Idealismus. Alles so
natürlich, so naturwahr, so photographisch genau bis auf die Uniformknöpfe, dass
man wirklich vor einer kolorirten Photographie zu stehen glaubt. Und Dies ist ja
das einzig Wahre. Nirgend eine Spur von sogenannter Poesie, nirgend jene
akademische Composition, wie die Leute der guten alten Zeit sie anzuwenden
pflegten. Alles ist da nüchtern, man möchte beinah sagen steif - aber hierin
eben bewundern wir die treue Wahrheitsliebe, die tiefe Auffassung dieses
Koryphäen. Die grössten Bildflächen werden hier mit einer Schnelligkeit kolorirt,
welche staunenswert erscheint. Wie in einer Fabrik wird die Kunst grössten
Styles en gros betrieben. Wir glauben nicht fehlzugehn, wenn wir den Meister
gleichsam als einen in's Grosse übersetzten Signor Carlo - jenen berühmten
Musikmaler des Walhalla-Teaters -, als einen wahren Maler der Zukunft
bezeichnen, in welchem das Vorbild Amerikas auch auf künstlerische Sphären
zurückwirkt.
    Erhaben und unvergleich gross zeigt sich wieder wie gewöhnlich der grösste
Maler der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Adam Brenzel, dessen urwüchsige
Titanenkraft den falschen Idealismus und Schönheitscultus mit der Keule des
Naturalismus zu Boden schlug und den tiefsinnigen Ausspruch Macbets: Schön ist
hässlich, hässlich schön, mit so erfolgreichem und umfassendem Verständnis in die
Wirklichkeit übertrug. Sein neuestes, kaum eine Hand breit grosses Meisterwerk
Schmutzige Kinder im Bade ist von einer liebevollen Versenkung in die intimsten
Details, für welche jegliches Lob zu gross. Wie das eine Kind sich das Näschen
schneuzt, wie das andere die Zunge herausstreckt, wie das dritte das Hemdchen
aufhebt - das ist alles von einer wunderbaren Schönheit, von zauberhafter
Lieblichkeit und Süsse der Empfindung. Und wie der kleine Schmutzfleck in dem
besagten Hemdchen gemalt ist - es ist wonnig. Auch mache ich den Beschauer noch
auf das entzückende Kerlchen im Hintergrunde aufmerksam, das dort seitwärts in
den Gebüschen sich dem Naturgenusse hinzugeben scheint. Das heisst die Natur
gleichsam, wie Aktäon die Diana im Bade, in ihrer vollen Blösse belauschen.
Getrost und unbefangen schreiben wir es nieder: Dieses kaum eine Handfläche
breite Bildwerk des Altmeisters wiegt ganze Galerien Rafaels auf.
    Allen deutschen Frauen und Jungfrauen sei auch die neue Schöpfung
Tischenborn's innig empfohlen Helena und Cassandra an der Tränenweide, welche
in ihrem glatten, gleichsam gefirnissten Pinselstrich den gewiegten Meister
erkennen lässt. Besonders vorzüglich sind die Aschenkrüglein und die hellen
Perlenzähren gemalt, welche, den schönen Augen entquellend, sicher das tiefe
Mitgefühl unserer geneigten schönen Leserinnen erwecken.«
    »Junger Mann,« sagte der Chef, welcher während der ganzen Zeit in heiligem
Kampfzorn die Scheere geschwungen und einen wahren Ballen von kaltem Ausschnitt
auf dem Redaktionstisch angehäuft hatte, »Sie gefallen mir. Sie verraten Spuren
eines spekulativen Kopfes. Sie haben meine Intentionen in diesem Artikel nicht
übel ausgedrückt. Natürlich, hätte ich das Feuilleton geschrieben - doch dazu
habe ich ja gar keine Zeit Die Politik reibt all meine Kräfte auf. Lesen Sie
meine politische Rundschau jede Woche - daran werden Sie erkennen, was Styl ist.
Ihre Sätze sind noch ungelenk. Das ist der Tod für ein Journal. Schreiben Sie
ganz knapp und kurz - recht viele Punkte. Doch Sie sind noch jung. Ich als
älterer gereifter Journalist belehre Sie. Sogar Ich habe so angefangen. Da,
recensiren Sie mal gleich dieses Buch!«
    »Ich bitte um Entschuldigung, ich habe seinen Inhalt leider noch nicht
kennen gelernt.«
    »Unglücklicher, genügt es nicht, wenn ich Ihnen sage, dass dies Buch von
einem unserer Gegner herrührt? Vorwärts an's Werk!«
    Lämmerschreier blätterte fünf Minuten in dem Buche und schrieb:
    »Dunkle Verhängnisse von Fritz Leonhart. - Ein ungesunder Zolaismus
durchweht dieses Machwerk. Es erweckt einen widrigen Eindruck. Die Charaktere
sind verschroben. Die Handlung dürftig. Der Styl lässt Alles zu wünschen übrig.«
-
    »Zum Teufel!« schrie der Chef wütend, »Sie verstehn ja gar nichts.
Zolaismus?! Das ist ja eine Reklame-Recension. Haben Sie noch nie vom 
vernichtenden Lobe gehört? Das wenden Sie hier an - ich mache Ihre Anstellung
davon abhängig.«
    Jener zerbrach sich mehrmals den Kopf, blätterte nochmals in dem Buche und
schrieb gelassen die grossen Worte:
    »Ein hübsches Büchlein. Eine gewisse, deutlich die Jugend des Verfassers
verratende, rührende Naivetät fordert eine strenge und gerechte Kritik zur
Schonung auf. Diese Schilderungen des Berliner Lebens entbehren nicht der
Frische. Häufig schlägt Verfasser einen kecken Ton an, wird aber dann leider
herzlich langweilig. Doch sind in diesem ansprechenden Versuch immerhin das
redliche Streben und der Jugendmut dieses arbeitssamen und fast wie Calderon
und Lope (man kennt Platen's Distichon) fruchtbaren Schriftstellers
anzuerkennen. Wird Leonhart erst gründlicher das Leben kennen lernen, so werden
auch seine Charaktere jene Unreife jugendlicher Anschauung verlieren, die in
jeder neu auftauchenden Romanfigur einen Karl oder Franz Moor zu sehen glaubt.
Vielleicht gewinnt die jetzt recht alltägliche, magre und schattenhafte Fabel
dann auch an Spannung. Die Sprache verrät oft Nachlässigkeit und die
mangelhafte Schulung des Autors. So heisst es - wir könnten zahllose andre
Beispiele anführen - z.B.: Edgar sass ruhig auf dem Felsen und starrte in die
blaue Unendlichkeit (!). Möge es uns der Autor nicht verübeln: Herr Edgar
gleicht wirklich dem berühmten Greis, welcher auf dem Dache sass und sich nicht
zu helfen wusste. Haben Sie schon mal eine blaue Unendlichkeit gesehn? Ich nicht.
Auch finden sich zahlreiche Anklänge an ältere Meister. Z.B.S. 163: Gehorsam ist
die Pflicht eines Christen, grobes Plagiat aus Schiller's Kampf mit dem Drachen,
u.s.w. Kurz, trotz unserer redlichen Bemühung, dem strebsamen Autor gerecht zu
werden, und obwohl wir nicht daran verzweifeln wollen, dass dieser später einmal
etwas Ordentliches zu leisten fähig sein werde -, müssen wir dies Büchlein doch
im Ganzen als kaum eben genügend bezeichnen.« - -
    Der Chef las - »Sie sind zum Feuilleton-Redakteur ernannt!« rief er aus. »
Das Buch liest Keiner von unsern Abonnenten. Haha, neulich hat Leonhart mich
nicht auf der Strasse gegrüsst - na!« Er rieb sich mit dem wohltuenden Bewusstsein
einer guten Tat die fettigen Hände.
    Jetzt war Lämmerschreier schon einen vollen Monat Feuilleton-Redakteur und
fühlte sich als sechste Grossmacht. Während dieser ganzen Zeit hat der Chef immer
nur für kalten Ausschnitt gesorgt und jede Erhitzung des Kopfes mit eigenem
Federansetzen verschmäht. In der ersten Zeit schrieb der Neuling noch viel - das
ist so eine Art Rekrutenfieber, »l'entousiasme du départ« nennen es die
Franzosen. Später entwickelten sich seine journalistischen Fähigkeiten jedoch
bedeutend und jetzt mass er sich selbst mit den gewiegtesten Meistern der Scheere
und des Kleistertopfs. Auch als Kritiker druckte er gewöhnlich die eingesandten
Schemas der Verleger ab oder forderte die Autoren auf, wenn sie ihm bekannt,
selbst über sich zu recensiren. So hält man sich die Mühen vom Halse.
    Nur über's Teater schrieb er gern selbst. Es gibt da so hübsche
Schauspielerinnen und was tut die Kunst nicht für den Ruhm! War er doch der
Gewaltige, der selig machen und verdammen kann - war er doch der Spender des
Ruhmes, der Feuilletonredakteur eines täglich erscheinenden Blattes!
    Manchmal stiegen auch verhungernde Poeten an, die ihre selbstgeschriebenen
Opera empfahlen. Nun, da musste man den Chef sehn, wie er Jedem riet, seinen
Styl nach Ihm zu bilden!! In der Tat geht die dunkle Sage, dass der Chef neulich
einmal sechs Zeilen zu zwanzig Zeilen Ausschnitt hinzugeschrieben haben soll.
    Auch Kasimir Pakosch erschien vor seiner neuen Première und liess aus Versehn
in der Nähe des dickbauchigen Kleistertopfs einen knittrigen Brief liegen, in
welchen sich eine Banknote verirrt hatte. Doch rief ihn Lämmerschreier ernstaft
zurück und machte ihn als ehrlicher Finder aufmerksam. Pakosch errötete. Hatte
er sich doch in der Adresse geirrt, da er von hier aus zu Rafael Haubitz
wallfahrten wollte. Dafür versicherte er Lämmerschreier mit verschwimmenden
treuen wasserblauen Germanenaugen: »Ja, nur zu Ihnen komme ich, mein verehrter
Herr, nur zu Ihnen. Wie würde ich sonst -! Aber die Reife Ihres Urteils -! Ach,
wie wenig liegt mir sonst am äusseren Erfolg, der so leicht in Scherben fällt!
Ich bin ein müder Mann, lieber Freund. Nur der Glaube an das ewig Schöne, diesen
heiligen Sebastian mit dem Pfeil in purpurner Wunde - nur er hält mich noch
aufrecht als Stab meines müden Lebens!«
    Ein andermal erzitterte sogar die Redaktionsstube unter dem klobigen
Dichterschritt des Herrn von Alvers. Puterrot vor edlem Zorn über den
mangelnden Schutz seiner künstlerischen Persönlichkeit, biederte er mächtig
darauf los. Sein breiter urgesunder Brustkasten bildete gleichsam den dröhnenden
Resonnanzboden seiner sittlichen Ueberzeugung, dass Er als der Erkorene allein
den Weg zum Herzen seines Volkes gefunden habe. Um dies Bewusstsein ja nicht
einschlafen zu lassen, erliess er von Zeit zu Zeit dröhnende Ukase, worin er Gott
und den Menschen sein Leid klagte, er werde lange noch nicht genug bewundert.
    »Ja,« rief er mit edlem Freimut, indem seine grosse Pickelwarze vor
Begeisterung ordentlich karfunkelte, »ja, Herr von Lämmerschreier, schon als
mein Standesgenosse, als Royalist, sind Sie verpflichtet, für mich zu wirken.
Ich bin das patriotische Element der deutschen Dichtung. Ich wirke auf mein
Volk, ich liebe mein Volk und mein Volk liebt mich. Sehn Sie, für mich besteht
heutzutage die ganze Bedeutung eines Dichters in seiner praktischen Einwirkung
auf sein Publikum. Hundert Aufführungen hintereinander im Neustädtischen
Volksteater - he, was soll's? Lass doch dumme Neidlinge wie Leonhart faseln, Ich
sei bloss Teatraliker - ihre respeklosen Ausfälle werden Mir keinen Mann meines
Publikums rauben. Mein Volk steht zu Mir, seinem erwählten Dichter.« Er malte
jetzt in wenigen Strichen, die den Meister nicht verleugneten, sein neuestes
Opus »Gorm der Alte« dem andächtig Lauschenden vor. Gorm der Junge heiratet
darin, nachdem er zwei Bräute erdolcht, seine Tante. »Also Sie bringen wohl
darüber eine ganz kleine Notiz, etwa dreissig Zeilen oder so, nicht wahr? Ich
verlasse mich darauf. Adieu, mein lieber Herr von Lämmerschreier, adieu. Sie
sind ein verehrtes Mitglied jener patriotisch-royalistischen Jugend, die ich
begrüsse.« Damit schüttelte er dem jugendlichen Redakteur biderb die Hand aus dem
Gelenk, indem er jedoch zugleich den Oberkörper würde-kollernd drei Schritt vom
Leibe zurückwarf - und stürmte weiter, um seine durchsichtigen Reklamezwecke mit
Wasser zu kochen. Wer wollte ihm das verübeln!
    Gewiss nicht der Onkel des jungen Lämmerschreier's, der grosse Malermeister
Adolf von Werter, der seinen Neffen mit manch gutem Ratschlag empfing, als
Dieser ihm seine Aufwartung machte.
    »Jaja, mein Lieber, mit die Kunst is das Allens ja janz nett, aber so'n
bisken Mumpitz muss mit dabei sein. So sage ick immer zu meine Schüler auf die
Akademie: Kinder, lernt auf die Guitarre (sprich Juhitarre) spielen! Damit habe
ick viel gemacht. Ein gutes Bild malen is ja janz nett, aber das Bild doch
verkoofen - des is noch besser. Und das jeht nur mit Mumpitz, nie ohne dieses!
Carrière machen - darin liegt die wahre Musike. Nich wer am besten malt, jewinnt
- sondern wer am besten schwatzen und kneipen tut.«
    Lämmerschreier beeilte sich zu versichern, dass er Violoncell spiele.
    »Siehst de wie de bist! Violoncell is jut. Damit kannst Du den Damens
imponiren un des is die Hauptsache. Komm Du nur mang meine jrossen
Abfütterungsjesellschaften - da wirst Du Dein blaues Wunder erleben. Mach' Du
man zuerst eine reiche Partie - das Uebrige findet sich.«
    Und es fand sich ja bald. Kaum angelangt und schon einflussreiche Autorität,
Feuilletonredakteur der »Berliner Tagesstimme« - man sieht, das wahre Talent
bricht sich doch immer Bahn.
    Die Hauptsache bleibt immer, dass man von Adel sei. Denn in China, dem Reich
der Mitte, wo das Pulver und die Buchdruckerkunst erfunden, gelten nur die
Mandarinen vom blauen Knopfe etwas.
    Als Lämmerschreier im »Café Liedrian« an jenem Abend seinen früheren
Protektor mit ausgesuchter Höflichkeit begrüsste, stürzte dieser eiligst ein Glas
Cognac hinunter und empfahl sich, vom Gekicher Frau Meyer's begleitet. -
    Er hatte zu drei Krügen Bier eine grosse Portion Sülze gegessen. Dies,
verbunden mit der Kälte und dem Ostwind der Nacht, wirkte offenbar auf seine
Eingeweide. Denn er erwachte mit einem so brennenden Durst, dass er mit nackten
Füssen aus dem Bette sprang und die Wasserkaraffe auf dem Toilettetisch halb
ausschlürfte. Auch dies sänftigte jedoch nicht die Unordnung seiner Nerven. Denn
er wurde von den peinlichsten Träumen heimgesucht. Am vorigen Abend war er in
dem Moment auf einen Pferdebahnwagen gesprungen, von links statt von rechts, wo
ein andrer im vollen Lauf vorüberschoss. dabei wäre er fast ausgeglitten. Er
malte sich nun in der schweigenden Nacht, während der Sturm um die Dächer pfiff,
lebendig aus, wie er so leicht unter die Räder und Pferdehufen hätte geraten
können - ebenso wie er oft an der krankhaften Vorstellung litt, er werfe sich in
seiner Nervenzerrüttung in unwillkürlichem Wahnsinn vor einen heranrasenden
Courirzug. Nun schwebte ihm wiederum der Traumwahn vor, er setze sich, wie dies
Kinder so oft tun, aufs Fensterbrett, schaue vier Stockwerk tief herunter,
verliere das Gleichgewicht und stürze hinab.
    Es liegt etwas allgemein Menschliches, etwas Weltwahres in solchen
Nerven-Hallucinationen. Deutlich prägt sich darin die Angst vor jähem Unglück
aus, das verzweiflungsvolle Bewusstsein von der ewigen Nähe des Todes. Und doch
würde derselbe Mensch auf dem Schlachtfeld furchtlos den Kugeln trotzen.
 
                                      IV.
Am andern Morgen erhielt er einen wenig willkommenen Besuch. Verschiedene Male
hatte er sich verleugnen lassen - diesmal ging's nicht mehr an. Eine seiner
zudringlichen »Verehrerinnen« (aus der Ferne) lief ihm die Bude ein. Fräulein
Aurelie v. Fellmarch (»Baroness« liess sie sich betiteln, aus eigener
Machtvollkommenheit), die wabernde Brunhild-Sängerin versicherte ihm in hundert
Briefen und auf einem Dutzend Photographien, er sei der männlichste Mann und sie
das weiblichste Weib der Literatur. Sie gab's ihm Schwarz auf Weiss, dass nur ein
grosser Mensch auf Erden lebe, nämlich Er. Ausser diesem
Ur-Normal-Universalmenschen gebe es aber noch ein Riesenwesen, nämlich die
Urmenschin, das Normalweib, und zwar Sie selbst - die Einzige, die Ihn begriffe.
    Leonhart erwartete sie mit gelindem Entsetzen. Erinnerte er sich doch der
urkomischen Enttäuschung einer bekannten Schriftstellerin (natürlich »Baronin,«
darunter tut man's heut nicht mehr und hebt am liebsten auf den Büchern den
Titel ausdrücklich hervor, um die schöne Leserin zu leimen), als sie auf dem
berüchtigten Schriftsteller-Strebertag Anno 1885 einige Geisteshelden leibhaftig
sah! Hätte sie nicht noch die »hohe blonde vornehme Erscheinung« eines
vielbegehrten Damenlieblings und einige letzte Säulen entschwundener Pracht
bewundern dürfen, so wären all ihre Illusionen geknickt worden.
    Mit sardonischem Lächeln liess Leonhart also seine heisshungrige Verehrerin in
seinen Käfig ein. Er wusste, was er von dem genialen Brunhildentum schmierender
Löwinnen zu halten habe, da hinter patchouliduftiger Gezierteit beim Weibe
stets nur die philiströse hohle Äusserlichkeit lauert.
    Eine ziemlich hübsche leidlich imposante Donna trat ihm entgegen und schien
auch wirklich etwas betroffen über den unerwarteten Anblick, der sich ihr bot.
Doch liess sie als gewandte Weltdame sich nichts merken, sondern bemerkte nur mit
erzwungen unbefangenem Lachen: »Ich hätte Sie mir freilich etwas anders gedacht,
viel wilder und viel - viel riesiger.«
    »Einen, der gut..« wollte es Leonhart herausplatzen, aber er verschluckte es
noch rechtzeitig und lud die Dame höflich ein, Platz zu nehmen. Diese begann nun
in hochtrabendem Ton, indem sie ihn immer »Herr Wahlverwandter« anredete, ihren
grössenwahnsinnigen Weltbeglückungsunsinn vorzukäuen. Sie schien sich für eine
Art Madame Téot, für eine Regeneratorin des Menschengeschlechts zu halten. Mit
ihrem roten Sonnenschirm (sie trug auch rote Stöckelschuhe und rotes Hütchen)
wies sie figürlich auf sich als neue Madonna, als jungfräuliche Mutter eines
neuen Heilands der Idee. Leonhart glaubte ja gern an dies tiefgefühlte Bedürfnis
- nur die unbefleckte Empfängnis wollte ihm nicht recht einleuchten.
    Indem sie eine russische Papyros sich ungenirt ansteckte, betrachtete ihn
die holde Wahlverwandte immer noch mit zweifelhaften Blicken. Leonhart lächelte
verstohlen und seltsame Gedanken schossen ihm durch den Kopf.
    Jedes Menschen Charakter und Geist steht deutlich in seinem Gesicht
geschrieben. Doch nur Wenige verstehen es zu lesen. Von Genies hat man gesagt,
sie sähen unbedeutend aus. Vor dem klassischen Kopf Napoleons riefen die
Pariser: »Die hässliche Kröte! Wie gelb er ist!« Aber noch mehr: Die Wenigen -
bildende Künstler, Dichter und Staatsmänner -, welche diese Kunst verstehen,
misstrauen sich darin und verwirren sich bei zunehmendem Verkehr. Sei mit einem
Schuft befreundet, so wirst du bald genug verlernen, die offene klare Sprache
seines Gesichts zu lesen. Entscheidend ist daher nur der erste Eindruck.
    Wie Wenige gibt es, die über ein »unscheinbares« Äussere (im gewöhnlichen
Weltsinn) wegsehen können!
    Alles was wir von Shakespeare wissen, die Tatsache seiner Verkleinerung bei
Lebzeiten und plötzlichen Vergötterung nach dem Tode, wo nur noch seine Werke
sprachen, zeigt an, dass er in Allem der völlige Gegensatz eines Goete gewesen
sein muss. »Er war sanft, gutmütig, leicht zugänglich« - diese kurze
Charakteristik, die wir über ihn besitzen, malt uns z.B. nicht seine äussere
Erscheinung. Und doch scheint dies so unendlich wichtig! Es mag trivial oder
richtiger - cynisch klingen, aber man darf die pessimistische Behauptung wagen:
die zwei im Leben erfolgreichsten grossen Dichter, von denen wir wissen, Goete
und Byron, verdanken ihren äusseren Triumph bei der Mitwelt zum grössten Teil
ihrer persönlichen Schönheit. Man möchte die Jungfrauen sehen, die begeistert zu
Schaper's Denkmal in Berlin hinaufschmachten, wenn Goete bucklich gewesen wäre!
Aesop als Dichter des »Childe Harold« wäre wohl nimmer »the rage« geworden!
    Das Genie soll man aus der Ferne bewundern. Rückt man den hohen Bergen zu
nahe auf den Leib, so scheinen sie nur unförmliche Felsklumpen voll Schnee und
Eis.
    Friedrich der Grosse war gewiss ein Genie und ein grosser Mann in jedem Zoll.
Aber er war ein Purpurgeborner. Höher stehen Männer, welche »jeder Zoll ein
König« wie Cromwell und Napoleon und doch die blinde Welt erst mit Gewalt zur
Erkennung ihres inneren Königtums zwingen müssen. »Der kleine ungeschlachte
Bierbrauer!« riefen die englischen Royalisten.
    
    .. Die Frau scheint unfähig, abstrakt zu denken, sondern denkt immer
concret. An sich ist das kein Fehler; sie ist eben Realistin. Maria Magdalena
verstand den Heiland, weil sie das Persönliche desselben transcendental empfand.
Dies kann beim Weibe genau so ideal und immateriell sein, wie die reflektive
Begeisterung des Mannes, obschon des Mannes sinnlichere Auffassung der Liebe
dies nicht zu begreifen vermag. Die Genialität der Frau steckt eben in der
Liebe, als weitester Begriff gefasst, in der warmen Selbstentäusserung des
Herzens, womit sie Wunder tut. Die Frau will drum auch einen persönlichen Gott,
den sie als Begriff des Guten und Schönen anbeten kann, woraus wiederum die
Macht der katolischen Kirche herzuleiten.
    »Ja, ich die dämonische Brunhilde-Natur, bin Ihre Genossin!« rief Aurelie in
einer ungesunden Aufwallung verspäteter Begeisterung. »Was soll Ihnen ein
Intimissimus wie dieser Schmoller! Ich allein verstehe Sie.«
    Leonhart verbeugte sich kalt:
    »Einen Intimissimus, meine Gnädige, besitze ich nicht. Nach meinen
Erfahrungen danke ich auch herzlich für diese edle Gottesgabe. Ich achte am
höchsten meinen intimsten Freund, nämlich mich selbst. Dem traue ich, sonst
Niemanden. - Sie staunen? Ja, denken Sie sich den denkbar stolzesten und wenigst
eiteln Menschen - dann haben Sie mich!«
    »O welch ungerechtes Misstrauen!«
    »Durchaus nicht. Misstraue Keinem und vertraue Keinem, vor allem lass Dir
nicht in die Karte gucken. - Ach, mein gnädiges Fräulein, ich sehe dort einige
Streifen Rosapapier aus Ihrem Muff hervorlugen. Sollte ich mich täuschen, wenn
ich einige Ihrer Gedichte darin vermute? O bitte, verleugnen Sie nicht den
Heiland, ehe der Hahn dreimal kräht, und kommen Sie gleich zur Sache! Ich bin
ganz Ohr!«
    »O wie Sie alles erraten! Ich fürchte nur -«
    »I, wie werden Sie fürchten! Sind Sie sonst so furchtsam? Also bitte!«
    Nach einigem Geziere deklamirte also Aurelie mit Emphase:
Im heissen Biledulgerid
Einsam und stolz ein Löwe schritt.
Doch fing man ihn, um ihn dem Dei zu schenken.
Der liess ihm einen Käfig baun,
Drin waren Palmen selbst zu schaun.
Der Löwe sollte sich in Sudan denken.
Doch in des Käfigs Ecke lag
Er mürrisch wohl den ganzen Tag,
Aufsprang er nur, ging rot die Sonne unter.
Das Gittertor er rüttelte
Und zornig brüllend schüttelte.
»Was fehlt Dir?« rief der Dei, »so sei doch munter!
Was mangelt Dir, mein schönes Tier,
In Deinem goldnen Hause hier?
Willst du vielleicht in Ambraduft Dich baden?
Soll ich die Herzen allzumal
Der Lieblingssclavinnen als Mahl
Dir zubereiten? Komm und sei geladen!«
Antwortend donnerte der Leu,
Die Nacht erzitterte aufs neu:
»Mein Haus ist Gold, doch eng ist seine Schwelle.
Die Palmen mögen prächtig sein,
Doch bilden sie nicht Nubiens Hain.
Dies Marmorbecken, ist's die Wüstenquelle?
Die Herzen Deines Harmes gieb
Nur Deinem Tiger, dem sie lieb.
Ich mag nicht Deine duftigen Gewürze.
Doch willst Du mich beschenken, Dei,
So schiesse mir ins Herz Dein Blei:
Mit meinem Tode meine Haft verkürze!«
Eine Fee erblickte
Vom Regenbogen
Im Menschengewimmel
Einst eine liebliche lächelnde Maid,
Die Blumen pflückte,
Und ward ihr gewogen,
Trug zum Himmel
Den Liebling ins Reich der Seligkeit.
Schöner dort Alles,
Als auf Erden!
Die Blume glühte
Wie Demantschein!
Des Wasserfalles
Funke sprühte
Und schien zu werden
Ein Edelstein!
Und doppelt empfanden
Dort alle Sinne.
Wie Zephirfächeln
Die Stunden entschwanden.
Auf neue Wonnen sann immer die Fee,
Damit sie gewinne
Ein einziges Lächeln
Von der Erdentochter verschwiegenem Weh.
Denn ewig traurig
Sie Tränen vergoss.
Im Reich der Sphären
Ward es ihr schaurig.
Und holte Wasser die Fee aus der See,
Dann fielen Zähren
Vom Himmelsschloss
Und sie sah dort weinen die Maid in der Höh.
Schmachtend sie schaute
Zur Wolke nieder,
Die über der Erde
Düster braute.
»Was wünschest Du? Wonach sehnst Du Dich?
Zieht es Dich wieder
Zur Menschenheerde?
Sprich, o sprich!«
»Dort fallen Sterne
Und durch mein Haar
Gleich Perlenkränzen
Flöcht' ich sie gerne!«
Die Fee ihr brachte das Sternengeschmeid.
Umsonst sein Glänzen!
Und traurig war
Aufs neue die Maid.
»Fort, Gram, von der Stirne!
Was willst Du? Befiehl!«
Sie sprach: »Ich sehe
Manch schlanke Dirne
Dort unten tanzen im Frühlingshain.
Sie lachen zur Höhe
Im frohen Spiel,
Sie lachen mein.
Glücklicher freilich
Sind sie als ich.
Doch ihre Zöpfe
Sind mir nicht heilig.
Ballspielen möcht ich! Bringe mir
Der Dirnen Köpfe,
Zu trösten mich!«
Die Fee sprach: »Hier!«
Doch traurig wieder
Blickte die Maid
Mit heissen Zähren
Zur Erde nieder.
»Was dünket Dir denn noch wünschenswert?
Ich wills gewähren,
Zu stillen Dein Leid,
Zu ersetzen die Erd'.«
»Jünglinge wandeln
So schön und lieb
Drunten heiter
Auf flinken Sandeln.
Ich bin im Himmel, doch bin ich allein.
Liebe nur gieb,
Ich will nichts weiter,
Liebe sei mein!«
    Die schöne Dichterin legte die Rosapapierchen hin und blickte den Kritiker
triumphirend an.
    »Nun, was sagen Sie dazu?«
    »Liebe sei mein!« hüstelte Leonhardt vorsichtig. »Sehr gut. Es ist ihr ewig
Weh und Ach aus einem Punkte zu curiren.«
    »Wie, wären Sie etwa mit der Pointe nicht einverstanden? O ich weiss, Sie
Cyniker verachten die Liebe!«
    »Gott soll mich bewahren! Nichts Menschliches verachte ich. Nur soll man die
Dinge beim rechten Namen nennen.«
    »Nun was wäre denn die Liebe nach Ihrer Auffassung, Verehrter?« Aurelie
schlug kokett die Augen nieder.
    Leonhart nahm eine gravitätische Magistermiene an und docirte bedächtig:
    »Liebe ist verkappte Sehnsucht nach einer höheren Einheit, mit welcher der
einsame Einzelmensch sich in Verbindung setzen möchte. So bildet der
Geschlechtstrieb die Poesie im Kampf ums Dasein. So geistig ist der Mensch, dass
selbst beim Sinnenkitzel er die Leidenschaft verlangt, die ihn unbewusst
veredelt. Freilich, wie rächt sich diese geistige Unzucht! Aus süssester Hoffnung
sauerste Enttäuschung, wie Essig aus verdorbenem Wein. - Aber was wird sonst
nicht alles über den schönen Instinkt der Fortpflanzung gefabelt! Wenn ich den
Namen Liebe höre, muss ich schon lachen. O Lüge, dein Name ist Mensch! Wer mit
seiner Humanität prahlt, ist meist ein Schurke, und sicher ist grade Der ein
grober Sinnenmensch, der Heine's Dictum nicht unterschreibt: Denn weisst du,
Kind, was Liebe ist? Ein Stern in einem Haufen Mist.«
    »Ach Sie Schrecklicher, Sie sind Pessimist wie ich!« seufzte Aurelie und
schmauchte ihre Papyros mit gedankenvollem Behagen. »Ach, wir Tiefempfindenden
machen stets trübe Erfahrungen, nicht wahr?« Sie kreuzte ihre wohlgenährten
Beine, so dass ihre Stiefeletten bis zu den Waden sichtbar wurden. »Wieviel
Schufte und Narren vergällen uns das Leben!«
    »Pah!« Leonhart reichte ihr jetzt eine seiner schlechten Cigarren dar, doch
war ihr das zu starker Tobak. »Dann ginge es noch an. Aber 's ist ja viel
langweiliger. Ein Franzose urteilte triftig: Die Welt bestehe nicht aus
Schuften und Narren, sondern aus Leuten, die nicht Talent genug haben, um das
erstere, doch etwas zu viel, um das Letztere zu sein.«
    »Madam Dudeffant bemerkt sehr schön: Ceux qu'on nomme amis sont ceux par qui
on n'a pas à craindre d'être assassiné, mais qui laisseront faire l'assassin!«
orakelte die geistreiche Dame, die an der Citatwut litt.
    Leonhart zuckte die Achseln. »Die Niederträchtigkeit der Männer und die
Putz-Dummheit der Weiber zu schildern ist fast unmöglich. Physische Laster
scheinen im Buch lange nicht so schlimm wie psychische Niedrigkeit. Den Begriff
eines Mordes oder den Begriff einer Dirne können wir uns bei blosser Lectüre kaum
vergegenwärtigen. Aber dafür erhalten wir im Buche einen viel stärkeren Begriff
von der landesüblichen Seelenverderbniss und Verlogenheit, welche wir sonst im
Leben täglich gelassen hinnehmen. Uebrigens macht alles Geschriebene vor einer
letzten Grenze Halt und bleibt daher nur halbwahr.«
    »Sagt eure triftigen Gründe, Junker Bleichenwang!«
    »Gründe wie Brombeeren!« lachte er schlagfertig. »Das Höchste und das
Schrecklichste kann man nur fühlen, nicht denken, noch weniger aussprechen. Wie
beschränkt ist überhaupt unser Anschauungsvermögen! Daher die Unmöglichkeit,
eine ferne Zeit naturgetreu nachzuempfinden. Darin war die naive Renaissance uns
voraus, die das instinktiv fühlte und sich wenig Skrupel machte, wenn sie
Pharao's Tochter einfach als irgend eine Herzogin von Ferrara mit ihrer
Hellebardier-Garde und die Hochzeit zu Cana als das Gastmahl irgend eines
Loredano oder Contarini malte.«
    Da die Brunhilde spürte, dass sie auf diese Weise nie Oberwasser für ihre
geplante Mentorrolle gewinnen könne, wenn man bei allgemeinen Gegenständen
blieb, so lenkte sie das Gespräch auf Leonhart's krankhafte Reizbarkeit und
Empfindlichkeit. Die solle er sich endlich abgewöhnen. Sie selbst lache nur über
die Verleumdung der Welt. (Diese schien ihr allerdings gut anzuschlagen, wie ihr
elegant geschnürtes Embompoint bewies.)
    »Jeder Aerger über die Welt zeigt doch nur Kleinlichkeit.«
    »Hm, seltsam genug, dass des Weltgebieters Napoleon ganzer Hofstaat vor dem
Tage zitterte, wo er die englischen Blätter erhielt. Dann geriet der Empereur
in unzurechnungsfähige Wut. Und Bismarck, der jeden schimpfenden Rotzbuben in
Posemuckel gerichtlich belangt und durch seine Bismarck-Beleidigungs-Anträge
seine Grösse herabwürdigt? Allerdings, einen vornehmen Mann hat es gegeben, der
die Leute lächelnd schimpfen liess: Friedrich - der aber darum mit Recht auch der
Einzige heisst.«
    »Jaja, der hatte eben ein reines Gewissen.«
    »Oder er war ein zu grosser Menschenverächter und Skeptiker, hatte auch ein
kühles Naturell und die natürliche Vornehmheit eines Purpurgeborenen. Uebrigens
warf auch er der Maria Teresia heftig ihre Wiener Schmähschriften vor. - Doch
haben Sie Recht: Das Toben auf die Welt und das ewige Geärgertsein zeigt ein
schlechtes Gewissen, mindestens einen krankhaften Gemütszustand. Allein, wessen
Gewissen ist denn rein, wessen Gemüt ist gesund? Es ist eine Schande feig zu
sein. Und doch habe ich Wenige getroffen, die sich nicht vor der Verleumdung
schwer gefürchtet hätten, die nicht danach ängstlich umgespäht hätten, was die
Leute sagen. Geradezu komisch wird dies, sobald es sich um sinnliche
Ausschreitungen handelt.«
    »Ja, sinnliche Ausschreitungen - da wird am meisten geheuchelt! Sagen Sie
mal, finden Sie es nicht eigentlich unverschämt, dass die Welt sich über
dergleichen ein Urteil erlaubt? Mischt sich doch in gewissen Fällen sogar die
hohe Obrigkeit des Gesetzes ein!«
    »Ah, doch nur, wenn öffentliches Ärgernis gegeben wird und die betreffende
Ausschreitung einer andern Person zum Schaden gereicht.«
    »Allerdings, im Ganzen wohl. Doch gibt es ja Fälle, wo der Staat sich
einmischt, ohne dass - - Sehn Sie z.B.,« sie sah ihn keck an und warf
herausfordernd den Kopf in den Nacken. »Da soll es unter Frauen z.B. die
Lesbische Liebe geben. Ich habe mir das erklären lassen. Hat wohl das Gesetz
irgend ein Recht, sich in solche Dinge hineinzumischen?«
    »O ja!« erwiderte Leonhart trocken. Er erinnerte sich, dass man von der Dame
behauptete, sie habe zwei junge Mädchen auf diese Weise zu Grunde gerichtet.
»Das kann auch Andere schädigen. Natürlich ändern sich die Sittengesetze. In der
alten Welt war das erlaubt. Siehe Sappho!«
    »Ach ja, die soll ja auf Lesbos geboren sein!« Die Augen Aureliens funkelten
in einem eigentümlichen feuchten Glanze.
    Leonhart hatte genug. Er erhob sich plötzlich und bedauerte unendlich, nicht
länger dem Genuss ihrer Unterhaltung fröhnen zu können. Sein Arbeitstisch rufe
ihn. Mit einigen oberflächlich galanten Redensarten setzte er sie an die Luft
und fand ebenfalls Ausflüchte, als sie mit nochmaligem Besuche drohte. Ein
Zucken um ihre sinnlichen Lippen bewies ihm, dass die Brunhilde ihn recht wohl
verstand.
 
                                       V.
»Ja, liebster Herr, das wird eine schlimme Geschichte.« Leonharts Rechtsanwalt,
Isidor Knaller, klatschte sich auf sein emporgezogenes Knie. »Das gibt zwei
faule Pressprozesse. Doch wie ich mir denke, ist Ihnen das ganz Recht. Macht ja
Reklame.«
    »Danke schön. Mir sind meine Nerven wichtiger Ich bin verzweifelt. Schon
wieder eine neue Aufregung!«
    »Werden zwei cause célèbre, liebster Bester. Sie sind also verklagt wegen
groben Unfugs in Sache I und in Sache II ist Confiscation verfügt wegen
unsittlichen Inhalts.«
    »Das lass ich mir nicht gefallen!« schrie Leonhart aufgeregt. »Diese
Oelgötzen! Ich appellire an alle Instanzen.«
    »Sehr hübsch, liebster Bester. Kostet zwar eine Menge Geld, doch des
Menschen Wille ist sein Himmelreich. Wollen also mal die Corpora delicti
durchgehn. Da ist also ad I Ihr Cyklus Russische Juchten. Origineller Titel.
Also gedacht als Text zu Wereschagins Bildern. Lesen wir mal genau.«
    Beide lasen.
                              Der Zar bei Plewna.
Noch labt man sich an Kirchenweihrauchdämpfen -
Da krachte draussen schon das Ungewitter.
Es toastete der Zar, der edle Ritter,
Beim Dejeuner »auf Jene, die dort kämpfen.«
Vierspännig fuhr er dann zum Schlachtgefilde
Und satzte sich auf einen Feldstuhl nieder.
Die Adjudanten zuckten hin und wieder
Zurück vorm grausen Bild - er lächelt milde.
Einmal fuhr Väterchen auch etwas näher,
Doch kehrte er bald um, es war ihm eilig.
Eine Granate flog vorüber freilich.
Dann trank er Wotka, melden freche Späher.
O grosser Alexander, lieber wär ich
Diogenes in einer morschen Tonne,
Als solch ein Xerxes, den die liebe Sonne
Durchscheint wie einen ausgestopften Kehrig!
                                Vor dem Angriff.
Gelbbranstiger Nebel flort um die Redoute,
Aufwirbelt Dampf von ausgebrannten Lunten.
Stumm wird es an den Pallisaden drunten.
Erwartungsvoll nur wiehert eine Stute.
Das Herz zum bersten an die Rippen hämmert,
Am Fernrohr zittert selbst des Führers Rechte.
Rauchsäule, Hornsignal! Klar zum Gefechte!
Die schwere Stunde der Entscheidung dämmert.
In Linien glitzern schon die Bajonette
Entlang den Erdaufwürfen aus den Gräben.
Die Käppis schon in Reihen sich erheben.
Langsam entwickelt sich die Schützenkette.
Der Odem stockt dem Bravsten angstbeklommen.
Da schmettert's Sturm! Aufspringen alle Haufen.
In wilden Sätzen schon sie vorwärts laufen.
Der Festung Mauern sind in Dunst verschwommen.
Kein Schuss antwortet. Mangeln schon Patronen?
Ob schon der Feind die Aussenwerke räumte?
Ob er absichtlich mit der Antwort säumte,
Dieweil er sparen will die blauen Bohnen?
Das war ein Schweigen, schaurig, ungeheuer,
Wie vorm Orkan. Stumm die Kanonen starrten,
Wo die Verteidiger lauern, aus den Scharten.
Da schwingt der Pascha seinen Säbel: »Feuer!«
                               Das letzte Bivak.
Zu Tausenden liegen sie rings erstarrt.
Die Krähe forscht, wo sie verscharrt
Unter den Schneeaufwürfen.
Wo ohne Spuren ein Heer verschwand,
Zeigt kaum ein Fuss und eine Hand,
Nach denen die Krallen schürfen.
Ein türkischer Vater mit seinem Sohn
In eines verflackernden Feuers Loh'n
Starrten sie stumm und ergeben.
Der Junge träumte vom Houriarm,
Da wird er schlummern sanft und warm.
Mit der Flamme erlosch sein Leben.
Der Alter ührte und regte sich nicht,
In Schmerz versteinte sein starres Gesicht,
Vom Rauch der Asche umqualmet.
Allah Akbar! Gott ist gross
Und der Mensch ein Hund und erbarmungslos
Ihn Azrael zermalmet.
                                   Skobeleff.
Entlang den eisgehelmten Alpenriesen
Dehnt sich der Sieger lange dünne Fronte.
Vom letzten Strahl besonnt, am Horizonte
Abheben sich Spitzmützen der Kirgisen.
Der neue Suvaroff mit seinem Stabe
Sprengt froh vorbei. Ihm regnet es ja Orden,
Wenn Völker um des Kaisers Bart sich morden,
Für diese prächtige Hekatomben-Gabe.
Hurrah! Werft hoch die Mützen, Tusch, Fanfaren!
Er selber grüsst begeistert mit dem Hute.
»Ich danke, Brüder, eurem Heldenmute
Im Namen Sr. Majestät des Zaren.«
Ich dank euch! O des unbewussten Hohnes!
Siegt oder fallt, sonst lehrt es euch die Knute!
Unmündigen Untertanen ziemt die Rute
Oder Versprechen unbestimmten Lohnes.
Ein Seitenstück zu jenes Raben Krächzen:
»Gott und der Zarin Ruhm!« (Wie aber kommen
Die Zwei zusammen?!) »Ismail ist genommen!«
Die Nordpol-Melodie zum Todesächzen!
                           »Am Schipka Alles ruhig.«
Ein weisses Leichentuch bedeckt die Erde.
Wie weisse Lavawellen unaufhaltsam
Nachdrängt vom Berg der Schnee und stürzt gewaltsam,
Als ob ein Donnerkeil geschlendert werde.
Ein jeder Atemzug macht hier Beschwerde.
Der Odem wandelt sich zu Nadeln Eises,
Die sich zerreibend knistern. Und Gefährde
Bringt jeder Fleck des ungewissen Gleises.
Zelte als Mäntel brauchend, in Kaputzen
Die Wachen bei dem letzten Kienspahn kauern.
Den Kugeln zu entrinnen kann nichts nutzen,
Wer nicht verhungert, stirbt in Frostesschauern.
Sie liegen hier ganz einfach, um zu sterben
In Myriaden, wie's dem Zar gefällig,
Die Posten einsam, Bivouaks gesellig.
Doch massenhaft hinrafft sie das Verderben.
»Am Schipka-Pass ist's ruhig« hiess die Kunde,
Die angenehm das Ohr des Zaren kitzelt.
»Am Schipka Alles ruhig« mit dem Munde
Des Todes rings der Erde Echo witzelt.
                                Der Todtenacker.
Ein ungeheurer Kirchhof ist der Acker,
Dort modern sie in ungezählten Scharen,
Blutunde, die sich würgten flink und wacker,
Die ebenbürtigen Bestien-Barbaren.
Das heilige Russland und die heilige Knute -
Der Sultan, der den Paschas, die nicht siegen,
Die seidne Schnur verehrt - vereinigt liegen
Des Molochs Opfer hier in ihrem Blute.
Wie eine Ampel schwebt im düstern Dome,
Hängt hoch ein Geier an der ernsten Wolke.
Ein Pope steht bei diesem Todtenvolke,
Sprengt darüber aus dem Weihgefäss Arome.
Ein rohes Notkreuz, wo der Berg sich lichtet,
Ist eingerammt den dichten Leichenhügeln.
Ein Kruzifix der Pfaffe hier errichtet
Als Vogelscheuche, Rabengier zu zügeln.
Und Geier auch und Wölfe, wilde Hunde,
Sie nahen rings zum Leichenkarnevale.
Sie zehren all von unserem Verfalle.
Der Luft und Erde Raubzeug steht im Bunde.
Wer aber kann den inneren Wurm verscheuchen,
Der schon im Leben heimlich an uns bohret?
Fort, Unsinn, mit des Aberglaubens Bräuchen!
Kein blauer Weihrauch-Dunst den Tod umfloret.
Er grinst dich an aus Schädelpyramiden.
Und lacht der Tod - was sollten wir nicht lachen
Ob all den Nichtigkeiten, die im Frieden
Das Glück und Elend unsers Lebens machen?
O Krieg, du bist der Menschheit Dornenkrone.
Durchzuckt von ewigen Wehen der Geburt,
Geheftet an des Todes Eisengurt,
Hängt sie am Kreuze gleich dem Gottessohne.
                              Die Hunnenschlacht.
                                       I.
Ich träumte jüngst von einem wilden Walde,
Voll alten Bäumen, die vom Sturm entlaubt,
Der von Sibiriens Strömen niederschnaubt.
Schon färbt der Herbst den Blätterschmuck der Halde.
Matt klomm empor der Sonne Glut,
Sturm prophezeiend, rot wie Blut,
Durch Nebel sie verdrossen kam,
Wie ein Gefangner voller Scham,
Ein Mörderaug' mit irrer Wut
Verstohlen lugt durch Kerkergitter.
Es wälzte nahendes Gewitter
Dicht übern nackten Boden dieser Steppen
Die Wolkenschaaren hin, wie Riesenschlangen,
Die sich von Ast zu Ast nun weiterschlangen,
Wie Geister mit langwallend-blassen Schleppen.
Der Regen schoss herab in schweren Bächen.
Der schmerzlich-grüne Todtenfluss des Hades
Schien sich zu wälzen durch die feuchten Flächen.
Mir schnitt durchs Hirn das Drehn des Weltenrades,
Schwerfällig knirschend über blutigen Leichen
Von schwachen Völkern, überlebten Reichen.
                                      II.
Und da ich also sann, da ballten sich
Aus diesem Nebelmeere drei Gestalten
Sie wuchsen auswärts ernst und feierlich.
Den Ersten sah zu Ross ich vor mir halten,
Wie er hinausstrebt einen Felsenstrich.
Der ehrnen Stirne tödtlich düstre Falten,
Das Wechsellose seines Blickes schien
Durchbohrend mir die Seele zu zerspalten.
Tartaren und Kosaken vor ihm knien
Und all die heimischen Mongolenhorden.
Die Schweden und die Türken vor ihm fliehn.
Die ehrne Kiefer schnappt nach stetem Morden,
Entsetzlich sträubt sich sein Gorgonenhaar -
Er ist der Baal, des Molochs Bild im Norden,
Ein unersättlich gieriger Barbar.
Und wie einst Iwan tat vor Nowgorod,
So seine Kiefer knirschend sich bewegt,
Als frässe unsre Welt sein Machtgebot,
Die sich ihm hülflos selbst zu Füssen legt.
Ich ward zu Stein. Doch Grausen mir durchraun
Aufs neu die Adern, als ich vor mir da,
Langsam herschleichend neben jenem Mann,
Ein greises welkes Schemenwesen sah.
Die Krallenhand sich hin nach Süden spreizt.
Die Krim, das schwarze Meer, die Donau reizt.
Nach Westen stürzt die geiergleiche Gier
Und Polen's Kraft verblutet unter ihr.
Ihr Kuss ist tödtlich wie des Vampyrs Biss,
Des Nordens schreckliche Semiramis!
    Doch jetzt sah ich erheben süsslich fad ein Angesicht,
    Amoretten es umschweben, Grazie es sanft umflicht.
    Alexander, parfümirter Ritter für Europas Recht,
    Du lebendig balsamirter Lügenpopanz, Pfaffenknecht!
    Ja, das Widerlichste scheinet mir ein fürstlicher Tartuffe,
    Der den Dandy-Chie vereinet mit dem Diplomatenkniff.
    Während Polen wird vernichtet, tanzt sich die Quadrille gut.
    Doch im Innern selbst sich richtet frömmelnde Despotenwut.
    »Heilige Schwermut« oder besser: Neue hat sein Herz zerfleischt!
    Denn am stygischen Gewässer andre Tugenden man heischt.
    Keine Fürstengrossmut, keine Heilige Allianz, o nein!
    Gottesgnadentum ist eine leere Fabel dort allein.
    »Liebenswürdig« warst Du? Braten sollst Du, heuchelnder Despot,
    In der Hölle Dantes. Platen hat Dir das vorausgedroht.
    Triffst den »guten Kaiser Franzel«, den gemütlichen, auch dort,
    Während frech man auf der Kanzel euch canonisirt sofort.
    Du, der trieb wie Alexander (wohl damit ihr Beide so
    Etwas ähnlich säht einander!) Vatermord incognito!
    St. Georg, der gern erdrücken will den »Robespierre-à- Cheval«
    Und doch hinter Preussens Rücken mit ihm teilt den Erdenball!
    Held von Erfurt, sanfter Schmeichler, der mit einem Judaskuss
    Selbst den grössesten der Heuchler übertölpelte zum Schluss!
    Gecken-Zar und Grossmutsschwätzer, Haupt der Heiligen Allianz,
    Frommer Buhler, Polenhetzer - Heil sei Dir im Siegerkranz!
                                      III.
Schon keimt der nordische Upasbaum
Und eine Boa von Ketten
Zuschnürt den ächzenden Weltenraum -
Wer wird Europa retten?
Schon ist die Sonne des Gerichts
Am Horizont entglommen,
Ein Held entsteigt der Zukunft Nichts -
Du Heiland, sei willkommen!
Und Geister der Vergangenheit,
Sie nahen vielgestaltig.
Sind wir noch wie in alter Zeit
Ueber alle Völker gewaltig?
Zum ersten ein unabsehbarer Zug
Mit schleppenden Hermelinen -
Den Reif des Kaisers Jeder trug
Mit majestätischen Mienen.
Die Schwarzen aus salischem Herrschergeschlecht,
Rotblonde Hohenstaufen -
Weltgebieter nach ewigem Recht
Nahten in hellen Haufen.
Verächtlich zuckte der stolze Mund.
Den Speer hob Otto der Grosse,
Als sollte ein neuer Ottensund
Als Grenzmal ihn bergen im Schosse.
Das baltische Meer schon ahnend zuckt
Bis an die östlichsten Ränder -
Grimmhastig Jeder am Gurte ruckt
Der schleppenden Kaisergewänder.
Dort stack das Schwert des Reichs und wild
Ausholten sie alle zum Streiche
Und schlugen an des Reiches Schild
Am Zweig der Walser-Eiche.
Der sechste Heinrich stolz und starr
Wuchs auf vor des Ostens Dämonen.
Er lachte heiser: »Wer bist Du, Narr,
Der den Kaiser will übertronen?
Wer ist's? Des Nordens kleiner Zar,
Der neben den Ungarn und Polen
Als Lehnsmann mir zu eigen war,
Er will den Tribut sich holen?
Hoiro! Alle Ritter, auf!
Der Bär hat schlechte Sitten.
Versöhn' Dich mit dem Hohenstauf,
O Löwenherz der Britten!
Mit dem Adler jage der Leopard!
Im tobenden Weltgedränge
Sei deutscher Longmut nicht bewahrt -
Ich lehre euch die Strenge!«
Da stiegen empor zwei Recken frisch,
Der eine ein derber Bauer.
In ihm vereint ein seltsam Gemisch'
Weltlust und entsagende Trauer.
Eine neue Götterdämmerung
Weissagen muss er bange.
Er droht wie Tor mit Hammerschwung
Der römischen Midgardschlange.
Der Andre war ein lustiger Fant,
Ein scharfer Gedankenspalter
Er liebte Minne und Vaterland,
Wie der Minnesänger Walter.
Sonst schonte er nichts und fürchtete nichts
Und hasste Philister und Kutten - -
An eurem Wesen uns gebricht's,
O Luter und o Hutten!
Da aus dem Nebel des Traumes stieg
Eine Dreizahl von Heroen:
Ich sah des deutschen Geistes Sieg
Im Anblick dieser Hohen.
Sie schwebten auf wie Adlerflug
Vereint zur Morgenröte.
Ihr Genius sie aufwärts trug,
Lessing, Schiller, Göte!
Jetzt hob sich aus dem Nebelmeer
Eine riesenhafte Erscheinung.
Er war allein und um ihn her
Der Feinde Völkervereinung!
Der kleine Mann und der kleine Staat
Drückten allein sie nieder.
Zorndorf war nur eine Nebentat
Im Kampf mit dieser Hyder
Und gegen die östlichen Nebel zu
Hob er drohend die Krücke
Und scheucht mit herrischem »Du, Du!«
Sie in sich selbst zurücke.
Nun aber langsam mächtig wuchs
Wie der steinerne Gast zur Höhe
Eine ernste Gestalt, ich erkannte flugs
Den Stein vom Haupt zur Zehe.
Er kannte den treuen Bundesgenoss,
Den teuren Moskowiter,
Der unsern hündischen Dank genoss.
Der Freiherr lächelte bitter.
Das war ein Freiherr jeder Zoll,
Ein Herr und auch ein Freier!
O Judasküsse tückevoll
Bei Deutschlands Freiheitsfeier!
Europas Herz durchbohrt, verkauft
Von lauernden falschen Beschirmern!
Der Einheit Blüte, mit Blut getauft,
Zernagt von schmarotzenden Würmern!
Das Herz schwoll mir vor Kummer an.
Da sah ich Ihn auferstehen
Aus der Gruft von Deutschlands Ehre - ein Mann,
Fest von Haupt zu Zehen.
Einen Flamberg hielt er vor sich stracks,
Fest in den Stiefeln stand er.
Den Trotz des Slaven- und Wälschenpacks
Zertreten die miteinander.
Er ist gar schreckbar anzuschaun,
Gleich wie ein Götze der Wenden,
Mit dem Wodanaug' unter düstern Braun
Und immer das Schwert zu Händen.
Und da er einen Blick nun warf
Nach dem gährenden tobenden Osten,
Scholl dort ein Lärmruf grell und scharf:
»Lasst nicht die Waffen rosten!
Was schwingen wir gegeneinander das Beil,
Wie einstmals die Strelitzen?
Für uns liegt dort das wahre Heil,
Im Westen zu stibitzen.
Den Deutschen Erbfeind in den Bann!
Er ist der grosse Verschlinger.
Er wuchs aus kriechender Ohnmacht an
Zu einem Weltbezwinger.
Entscheidungskämpfe schwer und scharf
Erwarten euch, Teutonen.
Denn nur das heilige Russland darf
Als Weltenherrin tronen.
Stets weiter unsers Reichs Polyp
Den ehrnen Fangarm dehnte.
Siebirien rastlos vorwärts trieb,
Bis sich's an China lehnte.
Nach China gings vom Kaukasus!
Von dort zum Himalaya!
Am Ganges und am Bosporus
Erwartet uns der Raja.
Afghanen-Emir, Perser-Schah,
Ihr werdet uns Vasallen!
Am Donau-Ufer fern und nah
Der Ukas Donner schallen.«
                                      IV.
Sind das Litauens unendliche Strecken?
Ein Schlachtfeld sah ich in ahnendem Schrecken.
Die Flamme beleuchtet im öden Raume
Mit bläulichem phosphorartigem Schein
Die reifen Früchte am Pflaumenbaume
Und wandelt in Golddukaten die Birnen.
Hoch über dem Feuer in stillem Verein
Schweben die Raben mit finstern Stirnen,
Wie schwarze Kreuze auf goldenem Grunde.
Still wird es in der unendlichen Runde.
Die Welt der Insekten brummt und summt,
Das Zirpen der Heimchen nie verstummt.
Das trockene Schilf als Wachtfeuer lodert.
Der einsame Schwan, der sanfte Störer,
Wie eine silberne Glocke fodert
Gebet und Andacht von jedem Hörer.
Und rauscht er empor zur nördlichen Fahrt,
So wird er plötzlich, eh er's gewahrt,
Von rosigsilbernem Licht übergossen.
Und dann erscheint das Wolkengewimmel,
Als flögen rote Tücher am Himmel.
Durchsichtige Lämmerwölkchen flossen
Am Äter hin, rotgoldene Streifen
Den blauen Horizont umreifen,
Wie von einem Riesenpinsel gezogen.
Die Zieselmäuse der Steppe pfeifen.
Die Gräser, von frischer Brise gebogen,
Rauschen zusammen wie Meereswogen.
Die grüne jungfräuliche Oede strahlet,
Dies goldiggrüne Meer sich bemalet
Mit tausend Farben. Wollüstig badet
Die Steppenmöve im Sonnenstrahl.
Den Habicht zu reichlichem Raube ladet
Die Musik des Tages im Steppental,
Wo alle Würmer der Erde erwachen,
Wo das Rebhuhn hinhuscht am feinen Stengel
Der Weizenähre, wo aus den flachen
Steppenstrecken, ein schüchterner Engel,
Die hellblaue Kornblume sich erhebt
Und pyramidenförmiger Ginster.
Leuchtkäfer erblassen, der Schatten verschwebt,
Hellgrün ist Alles, was schwarz und finster.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Und dieses Land der Zukunft trug
Des Deutschen Colonisten Pflug.
    »Hm, hm,« urteilte der Rechtskundige, nachdem die Lectüre beendet,
bedenklich. »Das steht schlimm. Zweifellos Grober Unfug! Sehn Sie, der Paragraph
wird jetzt so gedehnt nach Belieben, dass Sie ja ganz unrettbar verloren
scheinen. Beleidigung verschiedener Zaren, speziell des verstorbenen, eines
engbefreundeten Souverains - o, o! Und dann überhaupt die ganze aufreizende
Tendenz! Dieser Hass gegen das engbefreundete Russland! Ihre Dichtung ist
geeignet, Zwietracht zwischen verbündeten Völkern zu schüren. Nein, lieber Herr,
vom Standpunkt eines königlich preussischen Richters aus muss man Sie ja wegen,
Groben Unfugs', begangen durch die Presse, verdammen. Kommen wir nun zu Punkt.
Zwei!«
    Er las.
                                   Messalina.
                                       I.
O welch ein Wechsel! Neidische Fortuna, du
Willst hemmen meinen sieggekrönten Frevellauf
Und wähnst, statt Süsses müss' ich Herbes kosten nun?
Doch hierin irrst du. Denn des Unglücks Aschenfrucht
Schmeckt jetzt erfrischend mir und gaumenreizend nur,
Da ich der Hesperidenfrucht zu viel genoss.
Und hat der Wechsel selbst nicht manches Reizende?
Des Zufalls ungeahnte schlaue Wendungen,
Das neue Ungewohnte, das Aufregende
Der Furcht und Ahnung und der Hoffnung andrerseits,
Der angestrengte Kampf um Leben und Besitz -
All' dies ergötzt mich, wie ein fremdes Drama schier.
Der Erdballs Herrin gestern, heut auf Tod verklagt,
Gestern in sichrer Burg und heut im Haftgemach!
Ha, Gestern: meines Lebens wonnevollster Tag!
Wir feierten das Winzerfest im Bacchanal
In süsser Raserei in des Vergnügens Arm,
Mänadisch toll, wie in verschwiegner Mitternacht
An Lesbos' Strand in Traciens Kluft Trybadenschwarm
Evoë-kreischend feiert lüsterne Mysterien.
Wir aber tobten offen unterm Sonnenlicht.
Die Kelternbäume knarrten und vom süssen Most
Die Kufen überströmten. Frauen, nackt an Bauch und Brust,
Vom Panterfell umflattert ihre Schultern nur,
Das ihre Lenden los umgürtet, tanzten rings.
Und Allen ich voran, des Festes Königin,
Ich der Mänaden Tollste und Verführendste,
Cäsarin aller Lüste auf dem Weltenrund.
Als Scepter, Zeichen meiner unumschränkten Macht,
Den Tyrsus schwingend überm Haupt bacchantisch wild.
Zur Seite mir, den Epheukranz im blonden Haar,
Herwankend auf Koturnen, einem Trunknen gleich,
Im Chor der Zecher, er, mein Liebling Silius,
Mein Buhle, mir auf offnem Forum angetraut,
Mit dem die Hochzeit ich im Kaiserhaus beging
Bei Lebzeit meines Schwachkopfgatten - hahaha!
Doch mitten in der allerfrohsten Lustbarkeit
Erklomm der Gäste Einer einen Palmenbaum
Und als wir riefen: »He, was siehst da oben Du?«
Schrie er voll Angst: »Gewitter naht von Ostia!«
War's eine Ahnung, war's ein Scherz, weisssagend halb?
Genug, einschlug es wie ein Blitzstrahl unter uns
Und horch! Durchs Evoë der Gäste klirrte Stahl.
Enteilend dem Verderben, auseinander stiebten wir,
Doch rings umschlossen uns die Garden, mordgewohnt.
Mein bärtiger stiernackiger Calpurnius
Wird hier durchbohrt, dort Plautius, mein Herkules,
Dort Bettius, mein lieblicher Narciss, dort windet sich
Cäson, der feiste Zotenreisser, Lehrer aller Gräu'l
Und Schüler aller Laster. Reizt uns niemals mehr
Zu wieherndem Gelächter Dein gewagter Witz?
Weh, Mnester, schonten sie nicht Deinen schlanken Bau,
Der dem Caligula, dem Kenner, wohlgefiel?
Ich ehre meines Vortyrannen Kunstgeschmack,
Obwohl mein Blick für schöne Männer noch geübter ist:
Drum, feiler Tänzer, übernahm ich Dich von ihm,
Lustknabe einst des Cäsars, liebte die Cäsarin Dich.
Haha, er sträubte sich, der vielerfahrne Frauenheld,
Der Abenteuer fast für jedes Löckchen zählt:
Er wusste, dass verhängnisvoll ich immer ward
Für Jeden, den ich liebte. Widerstand er mir,
Erreichte ihn mein Gift. Und lieferte er aus
Sich meiner Gier, so räumte ich ihn selbst hinweg,
Ward er mir lästig, oder meines Gatten Beil
Traf seinen Nacken. Ha, er weigerte sich drum,
Mein schlauer Mnester. Und was tat ich? Holte mir
Von meinem Ehe-Esel einen Staatsbefehl,
Dass er mir ausgeliefert werde, sintemal
Der Knecht nicht tanzen wolle auf der Fürstin Wunsch!
Der Spröde tanzte nun, doch in viel feinrer Art.
Auch er ward hingeschlachtet, mir zur Freude fast:
So straft ihn das Geschick, weil er mich schmachten liess.
Doch Du - das war ein harter tiefempfundner Schlag,
Auch Du, mein Silius, mein Pseudo-Ehgespons,
Sankst hin zu meiner Seite pfeil- und speerdurchbohrt,
Die blonden Locken mischten blutig sich dem Staub.
Wann werd' ich wiederschaun Dein frisches Angesicht,
Die Rosenflur, auf der mein Mund sich weidete?
Nie lehn' ich schmachtend an der glatten Schulter mehr -
Nein, Alles ist nun Raub und ekler Würmerfrass.
Ich selbst entrann und schleppte durch den Markt mich hin
Durchs halbe Rom. Zuletzt ich einen Karren fand,
Den rief ich an und setzte mich als Fracht hinauf.
So fuhr ich, die Cäsarin, in die Nacht hinein
Wie ein erbärmlich Hökerweib. Und als ich mir
Den Wagenlenker recht ins Auge fasste jetzt,
Sieh da! So war's ein Wohlbekannter, doch von wo?
Mit so unzähl'gen Männern pflog ich ja Verkehr!
Bald brachte die Erinnrung mir sein Bild zurück:
Ein ausgedienter Gladiator war der Bursch.
Doch in Arena und Teater nicht mein Aug' ihn traf,
Nein, in der nächtigen Taverne, jenem Lupanar,
Wo als Lycisca selbst als Dirne ich gedient.
Ha! süsser Dienst, nur war er mir nicht schwer genug.
Denn nimmer konnte ich befriedigt seufzen: »Gut!
Ich kann nicht mehr.« - Ach wie behaglich war es doch
Fortschlich ich mich vom ehelichen Talamus,
Wenn mein kahlköpf'ger Schlottrer schnarchte neben mir
In tücht'gem Rausch, von Trunk und Völlerei beschwert.
Manchmal macht' ich den Spass mir, den erquicklichen,
Zwei Gassenmetzen zuzuführen ihm im Rausch,
Calpurnia und Kleopatra, an meiner Statt!
Haha! dämonisches Vergnügen labte mich,
Weil so das Kaiserlager doppelt ward entehrt.
Denn bester Kitzel für den Lüderlichen ist
Das Übermass der stinkenden Ruchlosigkeit.
Ich aber schlich als Priest'rin der Vulgivaga
Durch Höf' und Gassen, bot mich jedem Strolche an
Und kehrte endlich in der Morgendämmerung
Erschöpft, doch ungesättigt zum Palaste heim.
(Weh' mir! Was kühlte jemals meine sieche Brunst?)
Und sieh, der alte Zechcumpau erkannte mich,
Erinnerte sich gern der drallen Buhlerin,
Die jeden nervigen Bootsknecht schwelgen liess im Schoss,
Und grüsste mich: Lycisca. - War's ein Schicksalshohn?
Ich liess den Mann im Wahn, der ihn ermutigte
Mich derb zu drücken in verliebter Possenreisserei,
So dass die Langeweile eben noch bewältigt ward
Und ich mich tröstete in meinem Ungemach.
Der Arme, hätt' er mich erkannt, so starb er ja!
Gleich jenen Höflingen, die einst im Lupanar
Mich trafen und erkannten, und sich weigerten,
Um keine »Gottesschändung« zu begehn, wofür als Lohn
Ich ihre Töchter schänden und verführen liess!
                                      II.
O Höhe meiner Allmacht! O mein tiefer Sturz!
Die Diebin Agrippina stiehlt mein Diadem.
Ich sehe sie vor mir im Geist, die Schmeichlerin,
Im heimlichen Gemach bei meinem Schattenmann.
Wie sie den abgebrauchten Lüstling kitzeln wird
Durch schlaues Zeigen und Verhüllen, Bieten und Verwehren auch
Wie sie mit schlauem Honigwort ihn reizen wird
Der Güte Taubensanftmut bald im feuchten Blick,
Bald edlen Zornes Löwenmut im Feueraug'!
Bald süsslich lächelnd, abgefeimte Buhlerin,
Zweideutige Spässe lispelnd und gemeinen Scherz!
Bald ernst und stolz, der Frauenwürde hehres Bild,
Mit majestät'schem Faltenwurf der Tunika,
Die leider sich in jedem Augenblick verschiebt,
Wenn sie in plastisch schöner Stellung Arm und Bein
Heroisch von sich streckt! Wie wird in hohem Ton
Vor ihm sie deklamiren aus dem Aeschylus,
Zur Lyra singen den Catull, feinsinnig gar
Ihm den Horaz erläutern und zuguterletzt
Tiefschmerzlich feufzen über den Euripides,
Weil er die Frauen so abscheulich schwarz gemalt,
Denn unsre schönen Seelen, ach! verstand er nicht.
Dann gibt es Ziererei, wenn er sie trösten will
Und ihr versichert, heilig sei für ihn das Weibliche.
Dann wechselt schroffe Kälte, strenge Züchtigkeit
Mit heissem Ausbruch gut gespielter Leidenschaft -
Lukretia, Cornelia, Antigone
Verwandeln plötzlich sich in die Semiramis,
Vampyrisch lüstern und bacchantisch liebeheiss.
Wohl, Agrippina, gleichst Du der Assyrerin:
Im Herzen Völkermord, im Auge Sinnenbrand,
Staatsweisheit auf der Lippe, die von Küssen brennt,
Vom Tron sich wälzend in der Unzucht Lotterbett.
Ha, dessen rühm' ich mich: Ich war zu stolz dafür,
Von Pallas mir zu borgen ihren Tugendschild,
Dess glatter kalter Stahl die Blöden blenden soll.
Ich war der Sünde offenste Verkörperung,
Mein Fleisch und Blut verläugnete durchaus den Geist,
Nie heuchelte ich höher'n Sinn. Ich bin die Lust,
Denn weiblich ist die Sünde und ich bin ein Weib.
                                      III.
Des Fatums Netz hält mich umstrickt, das unentrinnbare:
Entweder trifft mich des Kroniden Racheblitz
Oder die Himmelsfürstin Juno drückt
Das Scepter voller Macht aufs neu mir in die Hand.
Versucht hab ich, was möglich, und ich hoffe noch.
Bittschriften und Fürbitter bot ich sämmtlich auf,
Um unablässig zu bestürmen meines Gatten Sinn.
Der Dickbauch hat kein Herz von Stein, ist schnell erweicht
Und glaubt am Ende, dass ich schuldlos angeklagt,
Denn dumm genug dafür ist der Vortreffliche.
Ich selber warf mich ja ihm weinend in den Weg
Bei Ostia, vor seiner Sänfte knieend bat
Gehör ich für die Mutter des Brittannicus.
(Als dessen Vater sich der Geiferer berühmt,
Mir selbst ist der Erzeuger nicht so ausgemacht!)
Da überschrie mich zwar sein feiger Kämmerling,
Erstickend meiner Klagen süss beredtes Fleh'n.
Auch hielt er eine Rolle von Papyrus vor
Dem Weltbeherrscher, wo verzeichnet meine Schuld:
Natürlich konnte dem der Tropf nicht widerstehn,
Ihm hat ja stets besondern Reiz Geschriebenes.
Doch jetzt zum Gnadenbitten habe ich bestimmt
Die älteste Vestalin. Diese Fürsprach' muss
Erretten mich. Haha, ein schönes Bild auch dies
Und möglich nur in dieser Weltkloake Schlund,
Dass die Vestalin für die - Messalina fleht!
Natürlich fielen zwar die Meisten von mir ab:
Der Mensch vergibt der Macht der Frevel Übermass,
Dem Fallenden verzeiht er Nichts. Das tröstet mich,
Dass ich den Lumpen rechten Grund zum Hasse gab:
Dreihundertfünfzehn Ritter, Dreissig vom Senat,
Und von Quiriten eine ungezählte Menge noch,
Liess ich vernichten: Teils weil abhold meiner Macht
Und meine Frevel tadelnd, teils aus Eifersucht
Und Rachsucht den, der meinen Schlingen sich entzog.
So räumte den Vicin ich aus dem Wege mir,
Den Gatten von der Nichte meines Hahnreimanns.
Die Nichte war gefällig, näherte dem Cäsar sich,
Und mir gefiel Vicin. Der Geck hat mich verschmäht,
Und sprach von Treu' und Tugend - Beide starben drum.
Silan auch starb, der blöde Held. (Stiefvater mir,
Denn meine Mutter gab ihm Claudius zur Frau.)
Ich war nach seiner Liebe lüstern und umarmte ihn
Einst etwas zu verwandschaftlich. Das merkte er
Und deutete mir drob sein Missbehagen an,
Blies auf die Freundschaftsflöte, sprach von Unnatur!
Pah, Unnatur! Natur ist alles, was Natur erlaubt,
Was ich begehe, ohne grad zu sterben dran.
Naturinstinkt ist jeder Trieb im Menschenblut:
Was ich besitzen will, ist mir auch drum gewährt,
Gestattet ist, was mir gefällt. Pasiphaë
Verliebte sich in einen Stier. Und fühle ich
Verlangen, mich zu paaren einem Krokodil -
Wer schreit da Unnatur, da mir's Natur gebeut?
Ja, Sinnlichkeit war meines Lebens Lust und Qual:
Verzehrend And're, hab' ich so mich selbst verzehrt.
Um den zu fangen, der sich meiner Macht entzog,
Verlieh ein Gott mir Schönheit - schnell bestrickend wie
Medea's Zaubertrank und Paphos' Sommernacht.
                                      IV.
O süsse tolle Orgien, wo in dem Kreis
Geliebter Frechheit, von Begierde wild zerfleischt,
Becher nach Becher lachend ich hinabgestürzt
Von honigduftendem Falerner rauschgewohnt.
- Nie sah ich so verlockend meiner Schönheit Bild
Vor Augen, als da ich mich heimlich spiegelte
In dem geschliff'nen Erzschild an der Marmorwand
Einst im Zenit des Sinnentaumels, wild verzückt.
Mein wallend Haar, in krausen Locken ringelnd sich,
Wie einer Furie oder Gorgo Schlangenhaar,
(Die Furie der Begierde hauste ja in mir,
Selbst hetzend den Genuss, von innerem Fluch gehetzt)
Blauschwarz wie Ebenholz, von Wollusttränen feucht,
Gleich wie ein perldurchwirkter dunkler Seidenflor,
Peitschte den weichen Nacken und des Rückens Schnee,
Sich schmiegend um des Busens makellose Form
Bis zu geschwellter Hüften üppiger Fülle hin.
- Des Unterkörpers Stellung war nicht minder schön.
Die kleinen Füsse in goldfranzigem Pupurschuh
Zerstampften ruhelos des Estrichs Mosaik
Zum Tact der Flöte, die verlockend girrte rings.
Die runden glatten Kniee bebten im Genuss,
Matt ausgeglitscht. Wie göttlich hingegossen lag
Der Leib, der schmachtend hingeglitt'nen Glieder Pracht,
Die Grazie der Wollust jedem aufgeprägt!
Durch der zurückgebogenen Schenkel rosige Haut
Pulsirte schimmernd Scharlach des erhitzen Bluts
Im Blau der Adern, wie der Freude Morgenrot.
Purpurgesäumt, schneeweiss, die seidne Tunika
War abgestreift, der goldne Gürtel losgelöst,
Die blüh'nden Arme nackt und voll emporgestreckt.
Und nur des Purpurvorhangs rosiges Dämmerlicht,
Der Weihrauchampel matter Schein nun fiel
Auf die weissrosigen Formen, lüstern hingedehnt
Auf Kissen von Tyrrhenerpurpur perlbestickt.
Das goldne diamantbesetzte Diadem,
Symbol der Weltmacht, kollerte vergessen dort
Auf Perserteppich. Palmzweig, grüner Epheu war,
Ihr Weiss zu zeigen, auf die Schulter hingestreut -
Durch's schwarze Haar schlang sich der Rosen roter Kranz.
Das Auge brauchte keine farbige Zierde, traun!
So glühend, wie der Sonne Gold, des Blutes Rot
Brach durch die schwarzen Wimpern schwarzer Augen Glut
Im ungezähmten Feuer herrschender Begier,
Durch Wollusttränen süss gedämpft, wie durch
Des Tropenregens Schleier der Canopus brennt.
Die roten Lippen - heiss geöffnet waren sie,
Doch nicht wie eine Rose, die den Kelch erschliesst -
Wie eine aufgeriss'ne Wunde dürstend stets
Nach Balsam für die Qualen einer innern Glut.
Doch kühlt und lindert nicht der Küsse Feuertau:
Drum sog mein Busen ewig unter Seufzern ein
Die schwüle Ambraluft, gleich wie den Wüstenwind
Des Berberrosses Nüster saugt, zum Ritt bereit.
                                       V.
Und welch' ein Götterspass, welch' witziger Frevel war's,
Wenn ich die Jungfrau'n und Matronen, die zum Fest
Ich lud und die aus Furcht zum Pallatin gefolgt,
Preisgab den Lüsten abgefeimter Lüstlinge.
Unwürdig Deiner nicht, o Göttin Aschera,
War dieser Einfall. Denn wie Deinem nächtigen Dienst
Man unberührte Mädchenblüte opferte,
So fordert' meine Gotteit auch der Keuschheit Raub.
Welch greller Angstschrei, welch verzweifelt Wehgestöhn,
Welch wildes Weinen der erzwungnen Wollustpein
Erscholl da, lieblich meinem Ohr - zu bald erstickt
Von meinen nervigen Buhlen vor dem Hochaltar
Der Göttin Unzucht, die in Saales Mitte stand.
Ja, all die bittern Tränen, die vergossen dort -
Auffangen hätt' ich mögen sie im Goldpokal
Und schlürfen nimmersatt ihr bittres Salz,
Damit der Hunger meiner Grausamkeit gestillt.
Wie manche Unschuld, manche Herzensreinheit ward
Von mir geknickt und faulig in den Kot gestampft!
Doch bei Matronen (ehrbar keusche wählt' ich nur)
War sorgsam ein besondrer Reiz von mir erdacht.
Denn ihre Gatten lud ich alle ein zu gleicher Zeit:
Die zwang ich nun vor ihren Ehgesponsen selbst
Mit siechen Freudenmädchen sich genugzutun.
Die armen Weiber aber, die vor Gram und Eifersucht
In Ohnmacht fielen, lieferte den Meinigen
Ich aus vor ihrer Männer Aug' zum Ehebruch! -
So liess ich sich ergiessen, einen Unflatstrom
Von namenlosen Gräueln, bis im eklen Sumpf
Der Sinnlichkeit, im Pestpfuhl der Verderbteit ganz
In Schlamm getreten alle Tugend, Würde, Sittsamkeit.
Ha, welch homerisches Gelächter schallte hell
Aus dem Gehege meiner Perlenzähne dann,
Wenn der Entehrten Fluch zu mir heraufgetönt.
»So geh es Jedem!« rief ich triumphirend aus
Und drückte wild aus Herz den Allerschändlichsten
»Wer albern sich der Sinnenlust entziehen will
Und meines Wandels spottet durch Anständigkeit!«
Ha, Beifall wieherte mir der verruchte Schwarm,
Noch siedet froh mein Blut bei der Erinnerung -
O wie behaglich war's im Pandämonium!
- Abscheulich führte sich nur eine Dirne auf,
Vestalin war sie: Diese gab sich selbst den Tod
Vor meinen Augen - hu, wie sie so bleiern lag,
So steif und still! Und langsam rann der Lebenssaft.
Ja, er verrinnt und dann ist Alles, Alles aus.
Getrost. Noch kocht mein Blut in voller Sinnenkraft
Und schleicht nicht siech durch altersschwache Adern hin.
Auch jene Arria empörte mich mit Fug,
Die standhaft frech im Tod beschämte meine Wut.
Doch welche Lust hinwieder bot der Augenblick,
Wenn in der Leidenschaft Umarmung festverstrickt,
Wie eine Schlange ihn umgürtend, heimlich ich
Auf einen Buhlen, dess ich überdrüssig ward,
Den Dolch gezückt und ihm durchbohrt das trunk'ne Herz,
Der ahnungslos an meinen Lippen festgesogen hing.
Ja, Grausamkeit und Wollust, süsse Zwillinge!
Erzarmiger Büttel mit dem stumpfen stieren Blick
Erbarmungsloser Roheit - welch bezaubernd Bild!
Braunfette Dirne mit der schweissig feuchten Hand
Und lüstern blinzelnd wie ein Geier - mein Idol!
Ein Brief? - Von wem? Von meiner Mutter Lepida?
Sie rät, anständigen Tod zu wählen? - Rast die Frau?
Warum? - Anständiger Tod? Meint sie freiwilligen?
Ich willig aus dem Leben scheiden? Nimmermehr! -
                                      VI.
In ungewissem Jugendbrüten, als mein Geist
Noch nicht zur nackten Klarheit der Erkenntnis kam,
Dass Alles Rauch und Unsinn, ausser Sinnlichkeit,
Dass Scham und Scheu nur Dummheit, Frechheit Grösse ist -
Da blättert' ich in faden Philosophen oft,
Nach einem Etwas suchend, das ich würfe froh
Der Langeweile in den nimmersatten Schlund.
Die faselten nun ewig von Unsterblichkeit,
Von Seelenleben. Seele? Was ist Seele denn?
Ausfluss des Blutes und Gehirns, so ahne ich,
Abhängig völlig von des Leibes Regungen,
Betätigung des Körperlebens in Gedank' und Wort
Durch ihn geboren, sterbend mit dem Leibe auch.
O süsser Leib, du der Genüsse Zeugerin!
Dich schmähen sie und nennen ein Gefängnis Dich,
Das nur die Seele hemme in dem freien Schwung.
Was soll das heissen? Dunkel ist mir dieser Spruch.
Hab' je von freiem Schwung ich einen Hauch verspürt?
Nichts da! Auf sogenannte Seele habe ich
Nie viel geachtet, nur den Sinnen untertan.
Der Leib ein morsch Gefängnis? - Dies ist leider wahr,
Dass er höchst unvollkommen für Genuss gebaut
Und dass ich oft der Tiere Loos beneidete.
Des Löwen Stärke und des Affen Leistungskraft,
Des Elephanten Magen ist wohl neidenswert.
Insofern hab' ich allerdings gar oft gestrebt,
Mich auszudehnen, diese schwächliche Natur
Hätt' mit des Nashorns dickem Leib ich gern vertauscht.
Doch sonst schien grad' die Seele mir ein Folterknecht,
Ein dummer Richter, der mit frostiger Mahnung stets
Durch das Gewissen uns die Lust vergällen will.
Wenn wirkliche eine künftige Unsterblichkeit,
Wo von dem Leib die Seele, wie man's nennt »befreit«,
Verzicht' ich gern darauf, darf ich nur länger hier
Im Erdenkote waten. Ohne Leib - was nützt
Mir weit'res Dasein noch? Giebt's drüben Straf' und Lohn,
Für meiner Sünden Rechnung müsst' ich zittern dann.
Doch Sünde - was ist Sünde? Sünde gibt es nicht an sich.
Gesetz und Menschenbrauch erschuf nur diesen Wahn,
Ein Freier höhnt der blöden Menge Formelzwang.
Und jene Götter, (diese Dichter-Spottgeburt
Sie sünd'gen wie die Menschen, übermenschlich fast.
Der Göttervater, prachtvoll ist er nach dem Bild
Der Künstler, die zwar lügen wie die Dichter auch.
Die Locken, die ambrosischen, die Stirn, das Aug'
Vor allem seine majestätisch breite Brust,
Die mächt'gen Knie, der massige gewölbte Arm -
Ach, ein Phantom, ein unerreichter Weibertraum,
Ein Mann in jedem Zoll! Wie gerne wär'
Ich seine Jo-Kuh und schmiegte tastend mich
Europa gleich an ihn in brünst'ger Stiergestalt!
Und wahrlich, wenn der Tod nun einmal droht,
Den würd ich wählen, zu vergehn in seinem Arm,
Semelegleich im Gipfel des Genusses grad'.
Ach, all die prächtigen Götter lieb' ich sehnsuchtsvoll,
Nur Amor nicht, obwohl ich ihm verpflichtet bin.
Er ist ein Kind und kost und schmeichelt mir zu zart:
Ich will kein Spielen unter Blumen, keinen Scherz,
Nein grimmen Ernst und brünst'gen Kampf der Leidenschaft,
Der strammen Mannheit Ringen nur befriedigt mich.
Den sonnenlockigen Apoll, so schön er ist,
Lieb' ich am mind'sten: Zu erhaben ist er mir.
Der Mann, den ich begehre, habe wenig Herz
Und gar kein Hirn - so passt er mir zur Liebelei.
Der listige Merkur, den auch sein Gold empfiehlt,
Ist mir schon teurer. Ueppig schöner Bacchus gar,
Wie möcht' ich dankbar pressen Deiner Lenden Rund,
Weil Du den Wein, der Liebe Bruder, uns verliehn!
Viel Reize hat der grimmig finst're Pluto auch:
Er ist so süss gewaltsam, greift so unverzagt
Mit Fäusten zu und wirbt nicht lange, stürmt sogleich;
Vielleicht darf ich im Hades seinem Lager nahn,
Abschmeichelnd als Proserpina ihm manche Gunst.
Neptun, der sehnige Seemann, er gefällt mir sehr
Mit seiner Muskeln strotzend rauher Ueberkraft,
Ich denk' ihn mir ein wenig grob, er schimpft und schlägt,
Ist sonst gemütlich, kurz ein Muster-Ehebär.
Doch ganz besonders, Mars, verehr' ich Deinen Reiz,
Starkschenkliger Anbeter der Kytera Du!
Wie oft genoss ich dieser Episode Kunst
Im langweiligen Epos, das Homer geschmiert,
Wo euch Vulkan in traulichster Zusammenkunft
Verkettete! Wie lüstern das geschildert ist! - -
Nun, wenn Du so der Venus huldigst, holder Gott,
Ist nicht mein Mund gleich schwellend und gleich weich mein Schoss
Gleich üppig nicht mein Busen wie der ihrige,
Wenn meiner Wang' gesunde Röte auch verblüht
Im Fieberrot und schwülen Blass der Leidenschaft? -
Man sagt, das Roma's Stamm erzeugt, weil Du bezwangst
Im Tiberhain die Rhea Silva, deren Kind
Nachher die Wölfin säugen musste. Nahtest Du
Auch mir doch überraschend ungeladen so!
Denn hier der Park Lukulls hat manche Rasenbank,
Weich-warm und dunkle Lauben voll Verschwiegenheit:
Besuche mich, ich lade Dich als Gast zu mir.
Und brauchst Du eine Wölfin, dien' ich selbst dafür:
Der Wölfin Brunst verglich man mit der meinen oft!
Doch leider ist dies Alles Fabel und Phantom -
Nicht Götter sind noch Dauer nach dem Tode, nein!
Und dennoch möcht' ich's glauben, täuschend die Vernunft,
Denn Nichtsein scheint mir doch das Allerschrecklichste.
O wär' doch Seelenwandrung uns bescheert!
Macht mich zur Wildsau oder Natter, tückisch geil,
Zur Tigerkatze, wühlend in dem Eingeweid
Der Unschuld mit der Kralle, die sie sonst verbirgt
In Sammet-Pfötchen, dürstend nach der Opfer Blut!
Nur, nur nicht Nichtsein! Dies allein ist fürchterlich!
Macht zum verworfensten Geschöpf, zum niedrigsten,
Zum wehrlos unterm Tritt gekrümmten Wurme mich!
Nur lasst mir das Gefühl des Seins im Sonnenlicht,
Des Atmens, sich Bewegens, Schlafens, lasst mir noch
Des süssen Nichtstuns Wonne, den Ernährungstrieb,
Des Fressens Notdurft und der Zeugung süsse Qual,
Lasst kriechen, brüten, paaren, wühlen mich im Staub! -
Ja, selbst des Hades Marterstrafen zög' ich vor
Dem ewigen Schlaf: Der Schmerzen Wollust lernt' ich dann.
Der Probe wert auch dies für Unersättliche.
                                      VII.
Wer kommt? Wer seid Ihr? Ein Tribun - und Du erscheinst
Ein Freigelassner? Evodus, so nennst Du Dich?
Nun denn, was willst Du? (Jung und hübsch ist dieser Knecht,
Vielleicht will er mich trösten in der Einsamkeit.)
Willst zur Gesellschaft dienen und als Zeitvertreib,
Nicht wahr? Wir wollen sehn. Nun, Du gefällst mir wohl.
Ich mag Dich. Doch gewöhn' Dir ab den stieren Blick!
Was starrst Du mich so an? - Komm her, ganz leise Freund!
Schick' den Tribun doch fort, den Kerkermeister hier:
Der alte Griesgram stört uns im Beisammensein.
Wir wollen plaudern. - He, Tribun, was weilst Du noch?
Ungnädig bin ich übrigens. Mein Lager dort
Ist mir nicht weich genug. Hol' Panterfelle her
Und Wolle, Linnen, Lammvliess, seidne Kissen auch.
Vale. - Mein Schoss ist um so weicher, Evodus.
Komm, lass uns kosten, was uns Venus hier bescheert.
Komm! - Nein, was grinsest Du so schauerlich?
Das ist kein Wollustgrinsen, das ist Henkerhohn.
Was packst Du so mich an? Das ist kein Liebesgriff.
Ich mag Dich nicht. - Tribun! Noch stehst Du auf dem Platz?
Ich hiess Dich gehn. Gleichviel! Jag' diesen Burschen fort,
Er ist betrunken. - Keine Antwort? Hörst Du mich?
Tribun, gehorche der Cäsarin! Furchst die Stirn,
Ein finstres Lächeln huscht um Deinen bärtigen Mund?
Was kündet das? Weh, sprich ein Wörtchen! Bist Du stumm?
Riss aus dem Hals man Dir die Zunge? Ha, wenn nicht,
So will ich's jetzt gebieten, dass Du künftig lernst
Zu reden, wenn ich will. - O Zeus, noch immer stumm?
Weh mir! Tribun, Du süsser treuer Römerheld,
Du Säule unsers Staates, kannst Du weinen sehn
Die gnädige Herrin und noch länger foltern sie?
Ah! - Rette mich! Zu Hülfe, heda! - Ueber mir
Ein Schwert?! - Du trunkner Sclav, wagt Deine Hand zu nahn
Den heiligen gesalbten Locken? Wehe Dir!
Das ist Verrat, Verschwörung! Fürchterlich soll meine Wut
Euch treffen, falls Du nicht die Klinge senkst sofort.
Wie wagst Du's nur auf eigene Verantwortung?
Was sagst Du da? Welch schrecklich Wort vernahm mein Ohr?
»Auf das Geheiss des Cäsars, hier sein Siegelring!«
'S ist wahr! O Grausen, namenlose Todesangst!
So muss ich sterben - noch so jung? Ich habe kaum
Zur Hälfte den Pokal geleert. Genuss, Genuss!
Entgleitest meinen Händen Du, o Zaubertrank?
Ich schreie - höre mich! - O Leben, bleibe mir
Tod - Nichtsein - Strafe - Ende - kein Genuss mehr - Schmach,
Pein, ewige Pein - Vermodern - - Ah, so schlag' herab
Du Blitz des Rächers! Stürze nur, Damoklesschwert!
Was schwebt die Klinge über mir? Stoss zu!
Verflucht sei Deine Hand! - Nein, gieb mir einen Kuss!
Ich lechze noch nach einer Neige Sinnlichkeit! -
Was, ich verschmäht? Du lachst mir in die Augen, Knecht,
Stöss'st mich zurück? - Wie sollst Du büssen! - Nein, ich irrte mich,
Du bist ein braver Bursch. Wie mild Dein Lächeln ist!
So lass mich noch ein kleines Weilchen leben, Freund,
Im angenehmen Sonnenlicht, ein Stündchen nur! -
Zu lang schon wartest Du? So lass mich winselnd Dir
Den Fuss umschlingen, mit Verzweiflungswutgeheul
Nach etwas Leben schrein! - Kein weiterer Verzug?
So muss ich denn hinab? Nie darf ich buhlen mehr,
Nie süsser Sünde fröhnen? - - Schuld gebiert den Tod,
Das grösste Uebel - Leben ist das höchste Gut.
Tod - grässlich! - - Ah, das traf! -
Ein Schmerz noch - - und dann - Nichts.
    Rechtsanwalt Isidor Knaller hatte mit Andacht den Kelch zur Neige geleert
und leckte sich unwillkührlich die schmalzigen Lippen ab. War er doch ein
gebüldeter Mann, der mit Vorliebe in Goeteana herumschnüffelte und die
Liebesabenteuer jenes alten Herrn am Schnürchen auswendig wusste. Ob Goete in
platonischen oder andern Beziehungen zu Frau von Stein gestanden, darüber
verlautbarte er schon manch schneidiges Wörtlein.
    »Nein, nein, mein Hochverehrtester, auch das steht schlimm. Sie treiben's
aber auch zu arg. Sie machen aus Ihrem Herzen keine Mördergrube und nennen ja
alle Dinge beim rechten Namen. Aber ich bitt' Sie, so 'was geht doch nimmer an!
War denn das je erhört? Bei Ihrer Messalina wird man ja ganz aufgeregt.«
    »Ei, das bedaure ich! Ich selbst verfolgte nur den sittlichsten Zweck, die
Nichtigkeit der Sinnengier zu zeigen und ihre Strafe. Ausserdem aber, was kümmert
sich die Kunst um die Anstandsbücher einer Gouvernante! Ja, dies sind nicht die
Geheimnisse der Alten Mamsell, dies sind die Geheimnisse der Messalina. Wem bin
ich Rechenschaft schuldig, ich der Schöpfer? Ich tue was mir beliebt und singe,
wie mir der Schnabel gewachsen ist.«
    »Aber ich bitt' Sie!« Knaller schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Wer
soll denn Ihre Werke lesen?«
    »Die Männer.«
    »Ach herje, wir haben doch alle zu viel zu tun, jeder in seinem Amt. Abends
ist man müde, da spielt man Skat und trinkt sein Schöppchen Bier. Aber unsre
Damen, die holden Schützerinnen der Litteratur -«
    »Pfui Teufel!« Leonhart spie aus. Schreckliche Pause.
    Der Rechtsanwalt sass geknickt da und murmelte: »Herr Doctor, Sie sind mir
ein Rätsel. - Ja, aber die Gerichte, verehrter Herr, die Rechtspflege dieses
Landes müssen Sie doch anerkennen. Unter dem Gesetz stehen doch auch Sie, Sie -
Schöpfer. Nehmen Sie mir's nicht übel, aber die Herrn Dichter haben manchmal
sonderbare Begriffe. Sie z.B. -«
    Leonhart unterbrach ihn: »Ja, ich gebe es zu, ich habe mich nie als Bürger
und sozusagen als Mensch, sondern immer nur als Dichter gefühlt, dem Dämon
meiner inneren Mission alle Säfte meiner Jugend geweiht.«
    »Hm, sehr - sehr interessant,« näselte Knaller. »Aber passt das wohl noch in
unsere nüchtern praktische Zeit? Da sind Sie doch schief gewickelt. Und dann -
hehe - wenn Sie so ganz Ihren schönen Idealen leben, so sollten Sie doch eben
das unpoetische Weltleben ganz unberücksichtigt lassen. Sehen Sie, unsere Damen
- ich weiss das von meinen Cousinen her - hassen Sie ja gerade, weil Sie so - so
realistisch, so unpoetisch denken. Sehen Sie, Julius Wolff - das ist ein
gottbegnadeter Poet, der das Schöne pflegt. Aber Sie - sehen Sie, die Politik
und die sociale Frage gehören doch nicht in das Reich des Schönen, der
göttlichen Kunst.«
    Leonhart hielt mit Mühe an sich. Ruhig erwiderte er: »Ja, mein lieber Herr
Rechtsanwalt, ich begreife, dass Sie, ein so reichbesaittes poetisches Gemüt,
das Ideale verteidigen. Schönheit lebt nur in dem Reich der Träume, in
Wolkenkuckucksheim. Aber wir Armen gehen einer ernsten furchtbaren Zeit
entgegen, wo der hohle Schönheitscultus, die ästetische Formfexerei sich
endlich verkriechen müssen. Nur die Feder gilt dann noch, welche von Stahl ist -
Gänse-und Schwanenfedern zerbrechen. In Bereitschaft sein ist alles.«
    »Na, ich grüsse Ihre Schwertfeder!« Der Rechtbeflissene räusperte sich
vielsagend. »Aber Ihre Sache steht faul, so viel kann ich Ihnen nur sagen. Ich
widerrate Ihnen zu appelliren. Es kostet Ihnen nur ein schmähliches Geld und
der hohe Gerichtshof« Knaller sprach dies Wort immer mit ehrfürchtiger Salbung,
»kann ja nicht anders entscheiden als der Herr Staatsanwalt. Denn Ihre Messalina
- darüber sind wir uns ja alle wohl klar - ist ein unsittliches Erzeugniss,
hehe!« Er kniff schelmisch ein Auge zu und zwinkerte den Dichter an, als handle
es sich um ein vertrauliches Privatzugeständniss zwei schlauer Bierbrüder.
    »Herr,« schrie Leonhart wütend, »ich verbitte mir jedes weitere Urteil
darüber. Was verstehn Ihre verstaubten Codices von der höheren Moral eines
Dichters? Ich Ihre Gesetzbegriffe respektiren? Nein und dreimal nein. Sie haben
überhaupt keine Competenz, Höheres nach Ihrer Buchstaben-Elle zu messen. Ich
kenne das: Das ist so der rechte juristische Grössenwahn!«
    Knaller sprang erregt auf. »Ich muss mir ernstlich verbitten, Herr Doctor -!
Und Sie reden von Grössenwahn - erlauben Sie, das ist günstig! Wie, Sie
bestreiten die Competenz der Rechtskunde?«
    »Gewiss tu ich das. Was versteht ihr Buchstabenkrämer vom Geist des Rechts?
Alles glaubt ihr mit strenger Amtsmiene beschnüffeln zu dürfen und verstosst doch
in jedem Fall, wo ihr mit Buchstaben-Frevlern zu tun habt, gegen alle
Rechtsmoral.«
    »Das wäre! Demonstriren Sie das doch gefälligst an einem Beispiel!«
    Leonhart sann einen Augenblick nach. »Ich hab's!« rief er dann. »Positus
gesetzt den Fall, ein junger idealangelegter rechtsunkundiger Mensch -«
    »Unkenntnis der Gesetze entschuldigt nicht,« fiel Knaller eilfertig ein.
    »Aha, da haben wir's ja! - Nun also, der soll einen Wechsel unterschreiben,
sagen wir mal: als Künstler für noch unbezahlte Leinwand oder Rahmen oder
Farbentüben. Der Kaufmann aber, dem der Jüngling nicht ganz sicher scheint,
gängelt ihn so beiläufig dahin, ob er nicht den Wechsel lieber im Namen seines
Vaters oder Onkels oder Vormunds, bei dem er wohnt und dessen Erbe er ist,
unterschreiben wolle.«
    »Oho!« Der Rechtsanwalt spitzte die Ohren.
    »Und der Jüngling in seiner Einfalt, begierig die Farben oder die Leinwand
für sein Schaffen zu erhalten, da er zudem weiss, dass der Wechsel von dem
Unterschriebenen honorirt werden wird, setzt arglos den Namen seines Vaters oder
Onkels oder Vormunds darunter. Was sagen Sie dazu?«
    »Hm,« Knaller wiegte nachdenklich sein Denkerhaupt. »Grobe Wechsel- und
Urkundenfälschung. Zuchtaus ist das mindeste, was -«
    »So und was bekommt der Händler, der ihn dazu verleitete, auf die
Unwissenheit des Andern bauend?«
    »Hm, so 'was ist schwer zu beweisen. Das Jus hält sich an Tatsachen.«
    »Aha! Und wenn nun der Wechsel wirklich honorirt wird und sich herausstellt,
dass der rechtsunkundige Urkundenfälscher im Grunde genommen nur pro cura
geschrieben, etwa wie ein Redactionssecretär oder Verlagsprokurist sich als
Redacteur oder Verleger unterzeichnet, falls er in deren Auftrage schreibt?«
    »Bleibt ganz egal. Ein Wechsel ist kein Brief. Bekommt der Staatsanwalt das
Dokument zu Händen, so geht die Klage von Rechtswegen ihren Gang und der
harmlose Jüngling wird im Zuchtaus lernen müssen, dass ein deutscher
Reichsbürger die Gesetze seines Landes zu kennen habe.« Knaller stand in
majestätischer Pose da das eine Bein wie ein Ballettänzer vorgestreckt,
unwillkührlich die Hand in der Brusttasche), als wolle er gerade eine Arie
singen. Leonhart lachte laut und anhaltend auf.
    »Dacht ich's doch! Ich habe dies Beispiel, das mir gerade durch den Kopf
schoss, gut gewählt. Ich sag's ja: Was ist Wahrheit, fragt die Welt mit Pontius
Pilatus. Buchstaben und Geist befehden sich in uraltem Kampf. Sie haben mich gar
nicht verstanden, wie's scheint, wir wollen uns also nicht ereifern über ein
Phantom. Der juristische Grössenwahn, der für alle Fälle eine Formel im Futteral
trägt und sich im Besitz der höchsten Weisheit wähnt, gleicht dem teologischen
Grössenwahn an Dummheit und dem Mediciner-Grössenwahn an eingebildeter Selbstsucht
- er disputirt über den schönen Fall und doktert das kostbare Leben darüber zu
Tode.«
    »Erlauben Sie, mein Herr..«
    »Jawohl, stellen Sie den Antrag auf Beleidigung der juristischen Fakultät!
Ich selbst pfeife auf eine Rechtspflege, die z.B. noch nicht einmal die
Entschädigung unschuldig Verurteilter kennt. Recht! Wenn Allen geschähe nach
Recht, wer wäre vor Schlägen sicher! Gott, der die Nieren prüft, urteilt sicher
gar verschieden und stellt manchen Mörder noch über seinen correcten Richter.
Das Recht, das von den ewigen Sternen niederflammt - - Doch genug. Auf
Wiedersehn, Herr Rechtsanwalt! Ich appellire bis ins Aschgraue - dass Sie's nur
wissen! Also bitte bald den Termin zu betreiben!«
    Als Isidor Knaller die Treppe hinabstieg, tippte er mit zwei Fingern gegen
die Stirn, nachdem er den Kneifer abgenommen, sich die Augen gerieben und die
Nase geschneuzt hatte: »Ein merkwürdiger Fall! Muss doch mit Sanitätsrat
Niemeier reden. Hochgradiger Grössenwahn auf der Basis nervöser Zerrüttung.«
 
                                      VI.
»Ach, erzählen Sie mir doch, hochverehrter Herr Graf!« Dondershausen stellte
Krastinik auf dem Dönhofsplatz. »Wie ich höre, ist Ihr Freund, der Maler Roter,
in Norwegen auf mysteriöse Weise umgekommen. Steht heute in der Zeitung. Er soll
ja an Sie und den Genremaler Knorrer noch vor seinem Tod geschrieben haben.«
    »Ja, aus Hönevoss. Einen ganz heitern Brief.«
    »Ganz recht. Und ob ein Unglück oder ein Selbstmord vorliege, ist nicht
ersichtlich. Er hat die Flasche mit Carbolsäure vielleicht schlaftrunken aus
Versehen statt der Wasserkaraffe geleert - grässlicher scheusslicher Tod! Aber
wie, wenn bewusste Absicht -?«
    Krastinik zuckte die Achseln und sah finster vor sich nieder.
    »Ich weiss von nichts.«
    »Hm, mir schien der Mensch immer krankhaft. O unsre Zeit! Alles Folge der
schlechten Erziehung«
    »Und was wäre denn eine gute Erziehung?«
    »Die einzig gediegene Metode der Pädagogik ist die meines Kastellans daheim
auf Schloss Dondershausen!« entschied der Oberst hochtrabend. »Dieser versammelt
seine Buben jeden Sonntag Morgen, in der einen Hand eine Rute, in der andern
eine Rhabarberflasche. Fehlt euch was? Nein, Vater. So? Man kann nicht wissen,
wofür's gut ist. Da trinkt mal eins! Sie schlucken pflichtschuldigst. Zeigt mal
eure Schulbücher! Nun findet er entweder Fehler und haut sie oder findet keine
und haut dann der Aufmunterung wegen. So docirt er jeden Sonntag die Bitterkeit
des Daseins mit Rhabarber und Haue! - Jaja, heut gibt's zu wenig Hiebe, daher
schmeckt den Muttersöhnchen auch Mandelmilch wie Rhabarber.«
    Krastinik biss die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf.
    »Wie gesagt, Roters Brief an mich liess keinerlei Missstimmung spüren. Ich
schrieb an seinen Intimus Knorrer (ich kenne ihn ja nur kurze Zeit), ob der
vielleicht wisse - erhielt aber eine flüchtige kühle Antwort. Es machte auf mich
den Eindruck, als ob Dem das Unglück nicht sehr nahe gegangen sei. Mein Gott,
der Mann soll so viel mit seinen eignen Liebesgeschichten zu tun haben!«
    Man wähnt, dass die leichtsinnigen Tom Jones immer die Gutmütigkeit
gepachtet hätten - mit Unrecht. Joviale Genüsslinge, denen ihr Vergnügen über
alles geht, sind innerlich kalt. Krastinik mochte wohl richtig geraten haben.
    »Jaja,« Dondershausen gähnte, »unsre jungen Leute haben keine Lebenskraft.
Glauben Sie mir, mein teurer Graf, Ihr Freund Leonhart nimmt auch noch ein
übles Ende.«.
    »Meinen Sie?«
    »Ach ja, der Umgang mit ihm schadet Ihnen, glauben Sie mir«. Er vergass im
Augenblick, dass er gerade eine Stunde vorher an Leonhart das briefliche Ansuchen
gestellt, doch ja in die Presse zu bringen, dass unser verdienter patriotischer
Dichter Gebhart Lebrecht v. Dondershausen wieder mal einen Orden mit Schwertern
und Eichenlaub durch erhabene fürstliche Huld empfangen habe. »Nun, was machen
die Proben zu Ihrem Drama, Teuerster?«
    »Es geht flott,« erwiderte Jener kurzab und empfahl sich nach flüchtigem
Grusse. - Auf ihn hatte die seltsame Todesnachricht aus Norwegen doch einen
tiefen Eindruck gemacht. Sollte der Unglückliche wirklich seiner wahnsinnigen
allverschlingenden Leidenschaft zum Opfer gefallen sein? Und sollte irgendwie
die bewusste Geschichte damit zu tun haben? Aber in Norwegen - kaum denkbar.
Nun, was kümmerte Das ihn!
    Auch aus England war betrübende Kunde zu ihm gelangt.
    Dorrington's Gesundheitszustand schien wenig erfreulich.
    Ob er seinen jungen Freund wohl noch wiedersehn werde? fragte er in seinem
letzten Schreiben.
    Da er bei Siechen vorüberkam, trat Krastinik ein, um in aller Eile einen
Schoppen zu leeren. Zu seiner Verwunderung traf er Leonhart, der soeben die
»Kreuz und Schwertzeitung« las. »Lesen Sie!« Damit reichte er dem Freunde das
Junkerblatt, welches bekanntlich im Verleumden erbliche Traditionen pflegt.
    »Es ist ein Unglück für ein jugendliches Talent, ohne den Ernst des Lebens
und Strebens kennen gelernt zu haben, mit berufslosem Behagen sich dem
sogenannten Dichter-Beruf zu widmen. Die schauernde Bewunderung aller
mit-jugendlichen Zeitgenossen begleitet ihn und einige Jahre lang wird das
Publikum fragen: Was, noch so jung und schon solch ein Hause von Büchern! Noch
länger wird es heissen: Für sein Alter sehr hübsch, bis man allmählich anfängt
nachzurechnen, wie alt das junge Talent jetzt ist. Es überschleicht jeden
Vernünftigen eine Wehmut angesichts des Lebensganges solcher Wunderkinder. Wer
sieht es später der armen leeren Hülse dort im Staube an, dass sie einst ihre
Karrière als Rackete begann? Solche Empfindungen beschleichen uns angesichts des
neuen Romans von F. Leonhart. Ganz so schlimm ist es zum Glück mit unserm jungen
Autor nicht. Die erste Jugend hat er hinter sich, aber es droht ihm auch eine
grosse Gefahr. In seiner überreizten Fruchtbarkeit liegt ein Mangel an echter
Produktivität. Friedrich Leonhart hat ganz entschiedenes Talent, doch seiner
frühreifen Leistungsfähigkeit sind zwei Eigenschaften beigesellt, welche die
Entwickelungskraft im Keime zerstören. Jeder Dichter sollte sich Schleiermachers
schönes stolzes Wort zu eigen machen: Ich gelobe mir ewige Jugend. Unvereinbar
mit der Jugend des Herzens sind aber: Unbescheidenheit und Blasierheit! Sehr oft
findet sich Grössenwahn mit einer liebenswürdigen und rührenden Kindlichkeit
verbunden. Wo aber die Augen so scharf für menschliche Schwäche und Gemeinheit
sind, wo die Verachtung der andern so erfahrungsmässig und treffend begründet
wird, da fehlt doch die Hauptbedingung der Jugend: Der Glaube an Ideale. Mit der
Begeisterungsfähigkeit schwindet die gesunde lebenerweckende Kraft und der
Jüngling wird zum Greise, ohne Mann gewesen zu sein. Das Mass ist voll, übervoll
seiner masslosen Selbstüberhebung. Schade um das schöne Leben! Was sind das für
Züge seniler Blasierheit und Frivolität! Möchte der junge Dichter doch unsere
Wünsche berücksichtigen, die aus einem ernsten Wohlwollen entspringen: Hüte er
sich vor seinen Freunden und lerne er von seinen Gegnern! A.v.F.«
    Leonhart wand sich in Lachkrämpfen. Seht ihr es nicht, das hirnverbrannte
Weib? citirte er aus Kleist. »A.v.F.! Aurelie v. Fellmarch! Hüte er sich vor
seinen Freunden - diese Mahnung aus diesem Munde! Pfui Deibel!« Er spie aus.
    »Sollte man nicht eine solche Frechheit sofort festnageln?« rief Krastinik
zornglühend. »Ich an Ihrer Stelle -«
    »Pah, pah, ruhig und fein still darüber! Gleich kommen Holbach, Luckner und
sogar der grossmächtige Wurmb, die mich mal wiedersehn möchten. Wahrscheinlich
wollen sie mich wegen irgendwas aushorchen.«
    »Da geh ich um so schneller. Hab' ohnehin keine Zeit. Muss ins Deutsche
Teater, um mit Friedmann und Förster zu reden - die Herrn machten heute in der
Probe einen Fehler in ihren Rollen. Auch mit Fräulein Sorma klappt es nicht
recht.«
    »Na, die ist wohl verdammt liebenswürdig gegen Sie, he?«
    »Na i glaub's halt! Ein Graf! So 'was sieht man nicht alle Tag'!« Krastinik
lachte bitter. »Also adieu, mein Engel. Hahaha, ich bin doch herzlich gespannt
auf den Skandal, wenn nun nachher - -«
    »Sst, die Wände haben Ohren.«- -
    Leonhart starrte finster in sein Glas. Heute Nachmittag war er mit jenem
Mädchen, das er halb gezwungen verführt, im Tiergarten umhergebummelt. Sie
schrieb ihm jeden Tag Briefe, die ihn in Verzweiflung setzten, und so hatte er
denn heute zwangsweise zu einem Stelldichein sich eingefunden. Da, als sie in
einem abgelegenen Teil des Gehölzes sich in einen Dickichtwinkel zurückzogen,
hatte er bei zufälligem Hinausspähen ein Gesicht bemerkt, das hinter einem
Baumstamm etwa 50 Schritt entfernt hervorlugte, offenbar mit der löblichen
Absicht, eine etwaige Missetat auf dem Fleck zu ertappen. Als Leonhart ihn
strategisch wegmanövrirte und seine Rückzugslinie bedrohte, verschwand der
Strolch laufend in der Lichtung. -
    Dies komisch-unheimliche Bild verfolgte die nervöse Phantasie des Dichters.
Fortwährend schien ihn aus jedem Winkel ein tückisches Auge anzublinzeln, ein
frecher Mund anzugrinsen. Er schauderte - diese Hallucination des
Verfolgungswahns schien ihm typisch für sein ganzes unseliges Dasein, das von
tausend Tückebolden allerorts bedroht.
    Das Eintreffen Holbachs, Luckners, Wurmbs weckte ihn aus seinem Brüten. Mit
Letzterem ward eine frostige Versöhnung gefeiert und bald befand man sich in
lebhaftem Gespräch über das Ding an sich. Wie gewöhnlich stellte Holbach, weil
ihm das in seinen Kram passte, den Grundsatz auf, das eigentliche Grundmotiv
aller Handlungen sei immer ein erotisches. Mit jeder neuen
Geschlechtstriebbetätigung werde immer ein Brett vorm Kopfe weggenommen.
Leonhart sei nicht erotisch genug; da liege der Kernpunkt all seiner
Weltschmerzelei. Dieser aber dachte so für sich hin: »der tiefbedächtige schlaue
Bukingham soll nicht mehr Meister meines Rates sein.« Er glaubte nämlich, dass
Jener ihm nachspüre und darauf laure, eine schwache Seite zu entdecken. In der
Tat fing er auch ein paar Mal einen durchdringenden Blick Holbachs,
weitvorgestreckten Halses, auf, in dem ein dumpfer Hass schillerte. Als Leonhart
mit seiner gewöhnlichen Bissigkeit einige anzügliche Bemerkungen über einen
Händewascher Holbach's lossliess, rief dieser emphatisch: »Ach, der ist ja so
harmlos!« Aber er selbst sah dabei verteufelt wenig harmlos aus, in der vollen
Gloriole seines Edelmuts und seiner Deklamation wider schnöde Pharisäer. »Pah,
er hat so wenig Äußeres!« machte er, als Leonhart wie gewöhnlich die Genialität
Schmollers herausstrich, da die Rede auf diesen kam. Dies empfand nun wieder
Wurmb unangenehm obschon er sich ja für einen sehr schneidigen Kerl hielt, dabei
aber Holbach's »vornehme« Erscheinung grimmig beneidete. Man dürfe doch nicht
ewig, wie Holbach dies tue, die Leute nach ihrem Exterieur beurteilen.
    Leonhart lachte laut auf: »Wir sind doch alle eitle Gecken. Sage Du einem
Weisen, der das Ding an sich und die Phänomenologie des Weltganzen intus hat:
Liebster, Sie sind hässlich wie ein Affe, so vergisst er Dir das sein Lebtag
nicht. Auch wird er Dich darüber belehren, dass alle grossen Männer hässlich waren,
z.B. Voltaire, und dass er daher schon seiner Hässlichkeit halber ein grosser Mann
sei.«
    »Jaja, 's ist sehr nett, die Motive der Andern zu durchschauen, wenn man
sich dabei nur Selbsterkenntnis bewahrt, mein Teurer!« meinte Holbach mit
vielsagendem Blick. Er schauspielerte sich selbst wieder was vor und brauchte
unablässig das Gleichniss vom »Splitter und Balken«. Er redete gut von Andern aus
purer Diplomatie und flocht manche Andeutung über seine Grossmut gegen eigene
Spezial-Schützlinge ein, welche er gleichsam als Ablass für seine Sünden
benutzte. Alles verstehen heisse alles verzeihen.
    »Ja gewiss, gleichsam platonisch ist das auch meine Ansicht,« meinte Leonhart
trocken. »Das Leben aber ist stählern und verlangt eine andere Politik. Man hüte
sich vor denen, die Tugend und Idealismus unnützlich im Munde führen, aber auch
vor den allzu feurigen Bekennern der Nachsichtsteorie. Es ist die törichteste
und schädlichste Philantropie, die Taugenichtse und Schwächlinge zu unterstützen
auf Kosten der ernsten Kämpfer, die eher sterben, als sich ergeben.«
    »Ja, Du hast sehr harte Ansichten,« gab Holbach achselzuckend zurück.
    »Ach Gott, die Welt regulirt sich ja doch danach, gerade wie das Gewissen
beim Einzelnen der Regulator des Willens sein mag. Wer weint, wird von Jedermann
geohrfeigt. Man sieht das bei den Kindern, diesen harmlosen Ur-Egoisten. Nur wer
wiederhaut, findet Mitleid. Der Stärkere hat Recht.«
    »Sehr gut.« Luckner lächelte spöttisch. »Darum hauen Sie also so viel. Will
hoffen, dass Sie stets der Stärkere bleiben.«
    Leonhart nickte beschaulich und äusserte: »Alle Angriffe gegen mich, selbst
die anfangs gelungenen, - es ist, als ob eine unsichtbare Hand sie von mir zur
Seite lenke und auf die Urheber zurückschlage.«
    Die Andern sahen sich an. »Nun, wenn das nicht completter Grössenwahn!«
dachte Holbach und runzelte unwillig die Stirn. »Das ist doch seltsam, bei
Gott!«
    Wurmb rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her, indem er sich die Brille
zurechtschob. Er schien an einem grossen Wort gelassen zu würgen. »Hören Sie,«
hob er plötzlich an, indem er energisch den Deckel seines Biertrugs zuklappte.
»Ich bin nicht so talentvoll wie Sie - das weiss ich wohl.« Gottold Ephraim
brummelte dies mit sauer verdriesslichem Gesicht und hielt sein Zugeständnis für
sehr bescheiden, obschon es in Wahrheit nur von bodenloser Unverschämteit
zeugte, da die unüberbrückbare Kluft zwischen dem Genie und seiner Winzigkeit
ihm gar nicht sichtbar schien. »Ihre enorme Produktivität - in diesem Punkte
kann ich mich ja nicht mit Ihnen vergleichen. Aber über den Realismus, nehmen
Sie mir's nicht übel, denke ich reifer als Sie.«
    »Es war einmal ein grosser Dichter, der den Realismus als Maske benutzte,«
murmelte Leonhart halblaut. Hier kam die Rede auf einige Zierden des jüdischen
Jungdeutschland, die mit wenig Talent und viel Behagen ihren Kohl pflanzten und
mit fabelhafter Geschicklichkeit eine Leitersprosse nach der andern
emporkrochen, teils als geschmeidiger Ohrwurm, teils als kecker Radau-Husar.
Leonhart sprach sich sehr wohlwollend aus. Wurmb aber nannte sie »ebenso frech
streberhaft wie frech eingebildet.«
    »Eingebildet? Worauf denn?« lächelte der Dichterdenker.
    »Ach je!« fiel Luckner giftig ein. »Wir halten uns doch alle für den jungen
Goete.«
    »Das ist hier keine passende Antwort darauf, mein Lieber!« mahnte Leonhart
leise und ruhig. Es lag etwas in diesem milden Ernst, was den schnodderigen
Neidtrotz entwaffnete. Er bekannte dann in längerer Rede, dass er sich in
Gesellschaft talentvoller Juden viel wohler fühle, von deren Energie, gesunder
Weltlust und Unabhängigkeitsgefühl sympatisch berührt, als inmitten
weltschmerzwinselnder und philosophischer Germanen. Fleiss wirke auf die
allgemeine Moral günstig zurück und rüstige Streber seien ihm lieber, als faule
Impotente. Als er aber dann auf die deutsche Nation schimpfte, welche jedes
wahren Idealismus und jedes Kunstgefühls entbehre, da erhob sich Wurmb in seiner
Würde als deutscher Mann und donnerte ihn gehörig nieder. Der Dichter müsse
darben und entsagen, nicht durch schnöden Botenlohn seine erhabene Bestimmung
entweihen. Schiller - ja, Schiller! Eben deswegen! Seht ihr, sogar Schiller hat
so viel gelitten. Also dann könnt ihr Kleinen doch erst recht leiden!
    So saugt der Philister aus allem nur das Gift.
    »Jaja, Federigo, Dir fehlt eben die lieblichste Tugend: die Lebensklugheit.
Du machst Dir tausend Feinde.« Holbach klopfte ihn herablassend mit seiner
breiten Bärentatze auf den Rücken.
    Der Unkluge zuckte die Achseln: »Jeder folgt instinktiv seiner Naturanlage
und so bin ich vielleicht schlauer, als ich selbst denke. Ein Andrer würde sich
mit meinem Vorgehen ruiniren. Ich hingegen kann es nur so zwingen.«
    »Du wirst Dich noch ändern, Dir die Kanten abschleifen!« meinte Holbach
wohlwollend.
    Leonhart lachte auf. »Aendern! Der Mensch ändert sich nie, die in ihm
schlummernde Vererbung entwickelt sich logisch fort und die Umstände
beeinträchtigen sie nicht. Bedenkt man alle Dummheiten seines Lebens, selbst die
tollsten, so erkenne Jeder, dass er unter gleichen Umständen just ebenso handeln
würde. Nichts lächerlicher als die Phrase: Wie der Mensch sich geändert hat!
Eil: Hitzkopf bleibt ein Hitzkopf, ein kalter Weltmensch bleibt ewig derselbe,
alles Andere ist äussere verbrämende Maske.«
    »Jajaja,« Holbach zog missmutig den Mund schief. »Aber ich rate Dir doch,
endlich die Krallen einzuziehn und das Schimpfen einzustellen.«
    »Da hast Du allerdings Recht. Schimpfen ist nur Verschwendung. Seine wahre
Verachtung kann man der Welt nur bezeugen, wenn man sie mit denselben Mitteln
schlägt.«
    Hier unterbrach ihn grosses Hallo, indem eine ganze Horde verdächtig
aussehender Individuen sich in die Bierstube ergoss und die vierblättrige
Tafelrunde mit einiger Zudringlichkeit begrüsste. Lauter Vertreter der
öffentlichen Meinung, sogenannte Pressbengel, welche soeben die Weltdichtung »
Germania, Ballet in 15 Tableaus« mit aus der Taufe gehoben hatten. Der
Terpsichore-Dichter, nach glücklich überstandener Première mit dem Schweisse des
Edlen und obligatem Lorbeer gekrönt, befand sich in aller Munde und in aller
Mitte. Man setzte ihn an die Spitze der Tafel neben Holbach nieder und hiess die
beiden berühmtesten Reklamedichter sich gegenseitig die Hände schütteln.
    Da die Stunde schon vorgerückt, warf man des Tages Sorgen völlig ab und
widmete sich, jedes litterarische Gespräch als Fach-Simpelei verpönend, nunmehr
völlig dem innigsten Klatsch.
    Alle fingen vice versa an, sich zu entschuldigen wegen allerlei kleinen
Schmutzereien, nach dem Grundsatz: Qui s'excuse, s'accuse. Wer, ohne dass man ihn
darum fragt, plötzlich sich zu verteidigen anfängt, wird sicher von einem
Gewissensbiss gequält. Der Eine, ein vereidigter Syndikus aller Pressaffairen,
erzählte allerlei Prozesschikanen ohne Pointe. Ein Andrer, ein wichtigtuender
Affe, stocherte mit seinen ungewaschenen Fingern in den Affairen anständiger
Leute herum und fabelte schwungvoll. Dann lobte man sich gegenseitig unverschämt
ins Gesicht.
    Leonhart lächelte verschmitzt. Der Eine von den Herren, ein hochgemuter
Vorfechter der Schriftstellerrechte, hatte einem armen Blaustrumpf in aller
Stille ihre Sparpfennige durch Eheversprechen abgeschwindelt. Der Andre, ein
fetter Lustspielfabrikant, hatte eine Kellnerin geheiratet, um 4000 Mark
zurückzubekommen, die sie ihm nach und nach abgeknapst und dann auf Zinsen
gelegt hatte. Die Gerissensten fallen immer mit solchen Weibern am leichtesten
herein. Ein andrer wohlklingender Autor aus Oesterreich, Namens »Edler von
Ferchwan«, hatte die Tochter einer Souffleuse geheiratet, um sich
durchzumästen, da er als Mitglied eines sogenannten »Schmieren«-Teaters
verhungerte. Die arme junge Frau war aber sehr schwächlich. Es wurde also
contraktlich festgesetzt, wie oft er seine Eherechte üben dürfe, wofür er dann
Wohnung und Atzung frei erhielt: im Uebrigen führte Schwiegermutter die Kasse. -
Es ist doch immer hübsch, wenn man solche Personalia aus der Vergangenheit eines
Mannes zu klatschen weiss, der jetzt als erfolgreicher Possendichter im Golde
watet. Ja, der hatte kein Pech an den Fingern!
    Leonhart hörte schweigend zu und machte seine physiognomischen Studien.
Jedem stand als Lebensdevise aufgebrannt: Die Zunge zum Lecken 'raus nach oben
und den Stiefelabsatz drauf nach unten; so, mein Sohn, wird Dir's wohlgehn und
wirst Du lange leben auf Erden. Zur Feder griffen diese Leute, wie ein Schuster
zum Pfriemen. Sie kannten keine andern Dichterschmerzen als die ums »tägliche
Brot«. Die Kunst vom Standpunkt der Wohnungsmiete aus! Was kann man auch von
einer solchen Geschäftslitteratur anders erwarten! Unter all den Klatschweibern
und Spekulanten des »Marktes«, für welche die Litteratur nur die melkende Kuh
bedeutet, fühlte sich Leonhart manchmal wie ein Mensch unter Larven und
Mollusken, wie ein Fremdling aus andern Welten.
    Er dachte, was wohl wirkliche Künstler fühlen möchten, wenn sie diese
Geldschmerzen der Ritter vom Geiste mit den ihren vergleichen. Z.B. der
Bildhauer, der das Modell einer grossen Gruppe zerschlagen muss, falls es
unbestellt bleibt - weil in seinem Atelier kein Raum mehr dafür bleibt und der
Ton zerbröckelt. Welches Gefühl, wenn er auf eigene Faust das Kind seines
Geistes und seiner Arbeit, grossgesäugt in kummervollen Tagen und Nächten,
zerschlagen muss! Und der Dichter, der seine Manuskripte verbrennt, weil er
keinen Verleger für so Hohes findet!
    Ach, wie gerne hätte er wie Karl Moor fürchterlich Musterung gehalten unter
dieser Bande, auf dass da Heulen und Zähneklappern sei in Juda und Israel!
    Doch warum, wozu? Diese Sorte wird ja doch ewig die Litteratur als ein
Leihamt oder ein Hospital betrachten, jeder tief davon durchdrungen, dass er
leben und gedeihen müsse, natürlich auf Kosten der Fleissigen und Talentvollen.
»Ich sehe nicht die Notwendigkeit ein,« dachte Leonhart, wenn er den bekannten
Appell an das gute Herz des »Collegen« über sich ergehen liess. Der Gedanke, dass
das Gedeihen eines Genies für die Welt hundertmal wichtiger, als das von
zehntausend Dutzendschmierern, konnte diesen Durchschnittsgehirnen ja ohnehin
nie dämmern. Und dass es nur eine Todsünde der Inhumanität gebe, nämlich
Niederduckung des Bedeutenden und Aufblähung des Mittelmässigen, schien ihnen
noch schleierhafter. Die allgemeine Verdummung und seichte Verkommenheit machte
nicht nur das Aufkommen, sondern sogar das blosse ahnende Erkennen eines grossen
Dichters unmöglich. Hier gab es lauter grosse Dichter! Jeder grüne Junge, der mal
ein Buch verbrochen, sandte es: »Seinem Genossen Leonhart in collegialischer
Kameradschaft.« Jeder, der etwas leidlich Tüchtiges leistete und das Wohlwollen
des grossen Dichters ausnutzte, fühlte sich in Vorreden eins mit ihm oder zählte
ihn mit zehn andern bunt zusammengewürfelten »Namen« in einem Atem als
gleichberechtigten »Mitstreiter« auf. Hält doch das Hündchen sich stets selbst
für den Löwen, wenn der gutmütige Leu mit ihm spazieren geht! War doch das
litterarische Leben zu allen Zeiten eine Verschwörung der Talentlosen gegen die
Talente, der Talente gegen die Genies! Schwer fällt es der Mitwelt, mit sehenden
Augen zu sehen. Und die sittlichen Begriffe stumpften sich so ab, dass man die
Unsterblichkeits-Assekuranzen als den Normalzustand hinnimmt. Auch unterscheidet
sich ja die Presse erheblich von der Strassen-Prostitution: Letztere ist für Geld
feil, erstere aus - Passion. So wurde denn die Muse zur Milchmagd, zur
schwatzhaften Gevatterin, zum kichernden Backfisch, zur faselndeln Grossmutter.
Die bramarbasirenden »Idealisten« und die angeblichen »Realisten« ersticken mit
ihrem Tamtam die Stimme der Dichterdenker mehr und mehr. Sahnenpoesei,
aufgewärmter Mumienkohl, Schweinekarbonaden mit sentimentaler Zwiebel und
Berliner Paprika genügt - gegen solche Tafelgenüsse vermögen Nektar und Ambrosia
nicht aufzukommen. Ueberall Verwirrung der Begriffe. Die Sonnen sind erloschen,
kein Mond zieht feierlich am Himmel herauf. Rings lastet tiefe Nacht, nur
durchleuchtet von zuckenden Blitzen. - -
    Leonhart fuhr aus seinem Vor-sich-hin-brüten auf; er hatte stier in sein
Glas geblickt, während der Wortschwall schleusenlos um ihn her brauste. »Sie
wollen schon gehn, Herr Kollege?«
    Als Leonhart gegangen, wurde über ihn das Verdikt gefällt, er sei eine
nervös überreizte Natur, aber ein sehr anständiger Mensch. Nur leide er an allzu
tollem Grössenwahn. Doch bemerkte ein Wohlwollender: »Wer litte heut nicht daran
!« und man ging zur Tagesordnung über.
    Dass ein gewisser Unterschied zwischen dem »Grössenwahn« verkannter Grösse und
der hohlen Selbstaufblasung hohler Nichtse bestehe, diese Idee schien Keinem
beizufallen. Denn kein Wörtchen wird ja heut lieber missbraucht, als das ominöse
»Grössenwahn«. Zerlegt man das Wort in seine Bestandteile, um sich über den
Begriff klar zu werden, so ergibt sich »Wahn« einer »Grösse«, die nicht existrt.
Wo also wirkliche Grösse hervorleuchtet, bleibt der Wahn ausgeschlossen. Heut
aber in unsrer nivellierenden Trivialität würden wir Christus ebensogut wie
Shakespeare und Michel Angelo des Grössenwahns bezüchtigen.
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    Das Genie hat nie etwas davon gewusst, dass das »Genie immer bescheiden« sei.
Diese bequeme Doktrin hat sich das Philisterium erfunden, um sich der
Heroenverehrung entschlagen zu dürfen. Denn dieser Einbildung liegt nur das
Prinzip zu Grunde, dass Rentier Schulze ein ebenso wichtiges Mitglied der
menschlichen Gesellschaft sei, wie das unbequeme und nirgends nach Schablone
einzuschachtelnde Genie. Wäre freilich das Genie »bescheiden«, so würde Schulze
es völlig übersehen; sobald es aber hochmütig auftritt, ruft man ihm zu: »Sie
sind kein Genie, weil Sie nicht bescheiden sind - so bescheiden, wie Bonaparte,
Byron, Goete, Schiller, Jean Paul, Kleist, Racine, Victor Hugo, Richard Wagner
und all die anderen bescheidenen Grössen.« Ein meisterhaftes Manöver, das nach
beiden Seiten hin deckt. - So krass und nackt ausgedrückt, scheint vielleicht
Karikatur, was doch nur buchstäbliche Wahrheit ist.
    Es wirkt unbeschreiblich komisch, die sittliche Entrüstung und Abneigung zu
verfolgen, mit welcher Jedermanns Eitelkeit kollert, sobald Jemand sich für
etwas Besonderes hält. Die Ochsen, die ein roter Lappen blendet, stossen mit
heisshungrigem Grimm ins Blaue. Von einem gewissen Shakespeare hiess es grollend,
er halte sich für den einzigen »Shakescene« (»Bühnenerschütterer«); er sei ein
strebernder Hausdampf in allen Gassen (»Johannes Faktotum«); ein Eklektiker, der
jeden Stil nachahme, sogar ein Plagiator. Wenn man ihn mit Meister Ben Jonson
vergleiche, da sehe man, wie dilettantisch und verfehlt seine Versuche seien, so
grössenwahnsinnig er auch sein Froschtalent aufblase.
    Also quakten aus ihrem Sumpfe die Greenes, Kyds, Dekkers, Haywoods und all
die andern Gebrüder.
    Shakespeare aber, so bescheiden wie das Genie nun einmal ist, schrieb in
sein Sonett-Tagebuch: »Nicht Marmor noch der Könige vergüldete Denkmäler werden
überleben mein machtvolles Lied, das da währen wird bis zum jüngsten Gericht,
bewundert von noch ungeborenen Geschlechtern.«
    Wie kann man gegen das Selbstgefühl des Verdienstes etwas einwenden, wenn
man die Grossmannssucht all der hohler Impotenzen damit vergleicht!
»Schriftstellerrepublik« - ja wohl! Aber jede Republik hat ihren Präsidenten und
es gibt ebensowenig eine Gleichheit der Geister, wie der socialen Bedingungen.
    Die Litteraten unter sich wollen auch gar keine Republik, sondern Anarchie,
wo jeder naseweise Reporter sich als stimmberechtigt neben dem Dichter fühlt und
jeder Zaunkönig den Adler »Kollege« schimpft. Eine Republik von lauter Königen -
Percy, Prinz Heinz, Falstaff und seine Rekruten in Reih und Glied nebeneinander.
Diese Disciplinlosigkeit schadet unendlich. Denn sie bildet die auf
Gegenseitigkeit arbeitende Kameraderie aus, welche das Bedeutende nur anerkennt,
wenn sie selbst als bedeutend begrüsst wird.
    So kommt das Grosse nicht auf und andrerseits vergeht dem Grossen die Lust,
wohlwollend das Kleinere zu fördern, weil dieses sich sofort in zu hohe Koturne
unterschnallt.
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    »Da kommt ja zuletzt noch was Schneidiges!«
    Um eine zugige Ecke biegend, begegnete er einer alten Freundin, Adele der
Chansonneuse mit dem griechisch-gemeisselten Köpfchen und dem griechischen
Haarknoten, die aus einem Café Chantant in der Alexanderstrasse nach Hause
wanderte, pflichtschuldig der Polizeistunde 11 gehorchend. Dies freudige
Wiedersehen zu begiessen, nahm er sie in ein Bierlokal mit und erkundigte sich
lebhaft, was denn seine alte Flamme, die Polin Wanda, mache, die sich vom
»Geschäft« zu ihrem Liebhaber, einem Xylographen, zurückgezogen hatte und mit
ihm wirtschaftete.
    »Ach Jott, die erkundigt sich immer noch nach Ihnen, ob Sie mal wieder zu
uns ins Lokal kämen; dann will sie immer alles haarklein wissen, was Sie jeredet
haben. Ja, Wanda hält immer noch grosse Stücke auf Sie. Neulich sprachen wir noch
von dem letzten Mal, wo wir uns sahen, da am Halle'schen Tor, wo ich bekneipt
war und wie Ihr Euch auf offener Strasse so abküsstet. Wie ich noch sagte: Ach,
die Wanda ist gar nicht so stolz! Die nimmt alles! Und Sie ihr nachher das
Armband schickten. Und dann war's auf einmal mit der Liebe zu Ende.«
    »Ja, weil sie mich die ganze Zeit über belogen hat!« brummte er missmutig.
»Selbst als ihr Kerl sie eines Nachts abholte und ich sie mit ihm absegeln sah,
schwor sie Stein und Bein, das sei eine Andere gewesen.«
    »Quatschkopf! Warum lässt Du Dich auch so anlügen?« Die kleine Adele schien
immer noch so ausfallend wie früher. »Aber interessirt haben wir uns für Sie
doch immer, wir alle Beide. Aber ich hab' ihr immer gesagt: Heiraten tut er
Dich doch nicht. Neulich waren Sie ja bei uns in der Alexanderstrasse mit'n paar
Herrn.«
    »Ja wohl und Du hast mich gar nicht gegrüsst.«
    »Ich wusste ja nicht, ob Sie nicht wünschten, nicht gegrüsst zu werden. Leute
in meiner untergeordneten Stellung -« Sie verzog schnippisch den Mund.
    »Halt den Rand, Fischerin Du Kleine!«
    »Ja und dann war ich auch wütend auf Sie, weil Sie sich so lange nicht nach
mir umgesehn haben. Das heisst, ich -« sie simulirte reizende Verwirrung. »Man
braucht ja keine Gefühle zu haben, aber nur so aus Freundschaft. Wir kennen uns
doch nun schon sechs Jahre. Erinnern Sie sich, da auf der Treppe bei Wanda -«
Sie kicherte.
    »Du trugst den Dolch im Gewande. - Nun, wie geht's sonst?«
    »Schlecht. Ich weiss die Leute nicht zu nehmen. Von Leuten in meiner
untergeordneten Stellung verlangt man Dummheit. Und die Dummen sind immer klüger
als die Klugen.«
    »Hört, hört! Sehr wahr!« murmelte er. »Also Wanda ihr Verhälniss -«
    Hier erhob Adele sofort Zoll für ihre Mitteilsamkeit: »Ich möcht' was
essen,« worauf sie später kauend allerlei Interessantes zum Besten gab. Die
Wanda sei ja verrückt, sich mit so 'nem jungen Menschen wie ihrem Xylographen
zusammenzukoppeln, bloss weil sie hoffte, Der würde sie doch noch heiraten. »Den
nähme ich nicht, in Watte gewickelt und in Gold dazu! Aber das muss man sagen,
gut ist er zu Wanda und lässt nicht von ihr!«
    »Dann muss er aber doch ein edler Mensch sein. Das erhöht nur meine Achtung.«
    Leonhart wurde nachdenklich. Ja, das war Liebe! Nur in den unteren Regionen
blühte dies Blümlein noch. Wanda mit dem vornehmen Gesicht und dem guten Herzen
- hatte er sie nicht wirklich geliebt? Als Adele mal in der Charité lag, waren
sie Beide zu ihr hingewandert, um ihr Bücher und Leckereien zu bringen. War das
auch nur geträumt?
    Ihn durchrieselte ein trübsinniger Humor. Wie entehrend drollig, diese
unfreiwillige Komik! Was hätte die Neugier der Welt wohl darum gegeben, den
berüchtigten Geistesheros hier mit zweideutigen Weibern als langjähriger Kamerad
über allerlei obscure und unmögliche Verhältnisse plauschen zu hören!
    Die biedre Adele, mit welcher er so manchen Scheffel Salz gegessen, wusste
von ihm sonst gar nichts, wie so etwas nur in Berlin möglich ist. Fragte ihn
beim Abschied (weiss Gott woher sie diese Andeutung schöpfte), ob er jetzt viel
mit den Wahlen zu tun habe. »Nur mit der Stich-Wahl, Kleine!«
    Es schnob ein eisiger Wind. Leonhart humpelte schlaftrunken und mit
Hühneraugen behaftet nach Haus. Er wohnte in der Bendlerstrasse.
    Es wurde schon hell. Noch brannten einige verspätete Laternen. Ihr Licht sah
rötlich aus, offenbar durch den umrahmenden Gegensatz des dünnen weissen
Morgennebels, der über allen Bäumen hing.
    Auf dem Teich der sogenannten Rousseauinsel schwammen einige Schilfpflanzen
hin und her in der dunklen Tiefe. Der Dichter verselte unwillkürlich, er konnte
nichts dafür.
Ihr liebt o, Wasserrosen,
Zu schmücken die dunkle Flut,
Ein Garten bleicher Blüten
Ueber der Tiefe ruht.
Bis meine dunkle Seele
Wollustberauscht erbebt,
Ueber ihr duftend und leuchtend
Meiner Lieder Fülle schwebt.
Schneeiger Mondstrahl flutet
In die schneeigen Kelche hinein -
Da zuckt vom Himmel hernieder
Gespenstiger Wetterschein.
Es wirbelt aus tückischer Tiefe
Unheimlich mit dunkler Gewalt -
Und alle Blumen versinken
Und alles ist todt und kalt.
    Oben in seiner Kammer (er wohnte natürlich nahe dem Himmel) hatte sich ein
Nachtfalter verfangen, der lärmend herumrumorte. Draussen rauschte plötzlich ein
Regenguss hernieder und klopfte eintönig auf das Fensterbrett. Wie der eisige
Griff des Todes schauerte es den Einsamen an, und ehe ihn der Bruder des Todes
mit seinen weichen Armen umfing, quoll ihm die Frage von den bebenden Lippen:
Die Astern draussen verkümmern
Einsam im Regensturm.
Im morschen Holzgetäfel
Pocht der bohrende Wurm.
Eine Motte einsam flattert,
Wo die Kerze einsam loht.
Wer ist hier das Leben?
Wer ist hier der Tod?
    In seinen unruhigen Schlummer drängte sich ein Bild der Vergangenheit, aber
in seltsamer Gestaltung, die er sich wachend nicht zu erklären vermochte. Das
linke Auge lag blutrot wie eine Wunde in dem zarten Haupt. Aber mit rührender
engelgleicher Geduld schwebte die zarte Gestalt hin und her, und plauderte
wehmütig freundlich. Eine unsägliche Zärtlichkeit durchströmte sein Herz, als
er auf das süsse liebliche Antlitz herniederschaute.
    Immer noch litt er an der Krankheit, sich um das Urteil der Andern zu
kümmern, während er sie doch tief verachtete. Auch schwankte seine
Menschenkenntnis krankhaft hin und her. Sprach er grade mit den Leuten, so liess
er sich dupiren; waren sie ihm ferngerückt und überdachte er ihr Wesen, so
durchschaute er ihre Motive wie dünnes Glas. Andrerseits konnte er Menschen
antipatisch im ersten Augenblick betrachten, um im nächsten bei seiner
überzarten Gerechtigkeitsliebe, sobald dem persönlichen unangenehmen Eindruck
entrückt, versöhnlich und milde zu denken. Ihm mangelte gänzlich jener letzte
eingeborene Instinkt der Selbstsucht, der keine andre Rücksicht als das
persönliche Interesse kennt und alles nur unter diesem Gesichtspunkt beurteilt,
fremd allen sonstigen Einflüssen. Auch seine Eitelkeit blieb immer noch zu
reizbar und vergab keinem Dummkopf seine Albernheiten. Er dachte an sein
Erstlingswerk, das er in frühster Jugend veröffentlichte. Darin gab es bei aller
Unreife der Form schon Stellen, welche einen scharfsichtigen Kritiker mehr als
überraschen, welche befremden mussten. Es klang darin, wie das unbeholfene Lallen
eines grossen Dichters. Wer aber unter den elenden Kritikastrirten hatte das
erkannt! Ueber die schwerfällige Form, das Aeusserliche, konnte das Verständnis
der Mehrzahl kaum hinwegkommen. Das war seine erste Erfahrung gewesen und wie
zahllose sollten noch folgen! Nun hat ja freilich alles seine Vorzüge und alles
seine Fehler. Es liegt also in der Natur der Sache, dass wir an unseren Sachen
nur die Vorzüge, die Feinde nur die Fehler sehn. Man warf ihm vor, dass er sich
zersplittere. Allein, sein umfassender Geist hatte seine Wurzeln so weit
verzweigt, dass ihm Vielseitigkeit eine Lebensbedingung wurde. Vielseitigkeit ist
an sich noch kein Merkmal des Genies, aber Genie im höheren Sinne ist ohne
Vielseitigkeit kaum denkbar.
    Fortwährend verplemperte er sich und blieb selten ganz correct. Die
»Correcten« sind übertünchte Gräber, deren lackirte Charakterlosigkeit alsbald
sich offenbart, sobald man den Firnis ihrer »Grundsätze« abkratzt. »Wahrlich,
wir sind zu jung noch!« Diesen Macbet'schen Ausruf sollte sich Jeder täglich
wiederholen, wenn ihn Gleichgültiges reizt. Aber zarte Sensitivität ist die
Achillesferse jeder feineren Natur.
    Schrieb er Briefe, so gab er sich regelmässig Blössen, weil ihm die Fleisch
und Blut gewordene Verlogenheit der Andern mangelte. »Der Mann, der so seltsame
Briefe schreibt,« nannte ihn Einer seiner Judasse, nachdem er lange die
Vertrauensseligkeit des jovialen übersprudelnden Wahrheitsdranges ausgenutzt,
und drohte Leonhart zu denunciren, weil er einen hochgestellten Staatsmann
privatim verdächtigt hätte. Leonhart fand zuletzt nur eine Rettung: dass er
überhaupt alle Briefschreiberei mit Unbedeutenden unterliess. Ein hoher Gedanke
in seinen Werken zeigte ja sein wahres Wesen besser, als alle mündliche und
schriftliche Konversation. Wer sein ganzes geistiges Vermögen in seine
Schöpfungen giesst, kann zuletzt, todtmatt und mit aufgezehrten Nervensäften, für
seine Correspondenz nichts mehr erübrigen. Werfen doch philiströse beschränkte
Geister einem Ungewöhnlichen so leicht haltlose Unruhe vor, weil man bei ihnen
unberechnende Aufrichtigkeit höchstens erzielen kann, wenn man ihre Eitelkeit
verletzt!
    Wie einen Schmoller sein schlechtes Gewissen zu dem Argwohn trieb, dass
andere über ihn noch schlimmer dächten, als es der begründeten Wahrheit
entsprach, - so litt Leonhart umgekehrt an dem Wahne, dass Andere viel
freundlicher über ihn dächten, als sie taten. Daher warf er sich selber oft
vor, dass er zu hart urteile, wenn er die selbstsüchtigen Motive der Anderen
durchschaute. »Gemüt« ist meist nur ein Zeichen physischer Schwäche. Freilich,
wie oft nutzt andrerseits der physisch Schwache das Mitleid der Gutmütigen aus!
    Schon hierin befand sich Leonhart in stetem Nachteil, dass gerade er die
Dinge nie persönlich, sondern objectiv auffasste, da er allein wahre Liebe zur
Muse besass. Ist es nicht schon an sich ein grässlicher Widerspruch, den
persönlichen Freund zu tadeln und den persönlichen Feind zu loben?! Und dabei
faselte man noch von seiner Subjectivität!
    Doch galt er Vielen als ein harmloser Esel, vom weltlichen Standpunkt aus.
Freilich, wer nie im weltlichen Sinne sich wie ein Verrückter gebärdete, wer
nicht Stadien einer krankhaften Zerrüttung durchzumachen hatte, ein solcher
Dichter möge sich der hochlöblichen Regierung als Hülfsarbeiter melden. Litt
nicht selbst der junge Goete an hochgradiger Weltunfähigkeit, an der
Unmöglichkeit, das Dichtertum mit dem realen Leben zu vereinen? Je weiter er
sich von wahrer Dichterkraft entfernte, desto höher stieg sein weltliches Ansehn
und seine olympische Weisheit, ein Wohlgefallen vor Gott und den Menschen. Erst
der erlauchte Greis, auf den Höhen des Lebens angelangt, griff zu dem Streben
seiner Jugend zurück und empfand mit abgeklärtem weihevollem Schmerz seinen
»Faust«. Hätte seine robuste physische Constitution ihm aber nicht das Ausruhen
einer so langen Lebensdauer zur Schöpfung seines grössten Werkes gewährt, so
würde er ewig als ein Abtrünniger vor uns stehen, der den Titanismus seiner
Jugend nicht zu bewahren wusste. Wäre andrerseits Byron nicht so früh
dahingegangen, so würde das unreife Urteil, das nicht im »Don Juan« die
Fortentwickelungskeime einer höchsten Shakespearischen Reife zu erkennen vermag,
ihn nicht als fragmentarische Erscheinung betrachten. Nur Rafael und Mozart
schieden in gleichem Alter als innerlich Vollendete, auch Burns lebte seine
lyrische Naturanlage bei frühem Tod genügend aus, ebenso wie Schiller seine
teatralische. Auch der Grösste, Shakespeare, hatte wohl nichts Wesentliches mehr
zu sagen, als er in der Mannheit Blüte weggerafft wurde. Und nun daneben
Marlowe und Kleist! Ach, vielleicht gehört es mit zum Genie, in hartem
Selbsterhaltungstrieb sich zu behaupten. Wer sich physisch oben erhält, bleibt
Sieger.
    Immer wieder peinigte ihn das wirre Angstgefühl vor eingebildeten
Machinationen von Schurken. Es kam so weit, dass er sich wutknirschend am Boden
wälzte. Wie Lenau stocherte er fortwährend im schwarzen Schlamm des Lebens umher
und suchte nach Cholera-Baccillen. Sein Moralisiren verzärtelte ihn so, dass die
blosse Betrachtung der Lebensgemeinheit ihn gradezu krank machte. So wirkt ja
auch das sogenannte Ehrgefühl nur krankhaft, falls es die Verleumdung fürchtet,
der ja doch niemand entgehen kann. -
    Durch die Reaction des berechtigten Stolzes tritt Erhabenheit ein. Statt
sich in weltklugem Phlegma zu verhärten, schwang er sich über sich selbst und
seine Misèren empor, indem der unbegrenzte, ungebändigte Stolz des starren
Individualmenschen sich zusammenkrampfte. Aber auch diese krampfhafte Steigerung
des Selbstgefühls in einsamer Selbstbetrachtung diente nur dazu, sein
Nervensystem vollends zu untergraben. Er musste sich buchstäblich in die Haare
greifen und krümmte sich wie ein Wurm, weil ihn andauernd die Vorstellung
verfolgte, er stürze sich aus dem Fenster eines vierten Stockwerks. Mit voller
Klarheit durchlebte er den Schwindel und die Todesangst des Falls. Dann trat
dafür der grässliche Wahn ein, dass er sich vor einen Courirzug stürze. Seine
hartnäckige Phantasie klammerte sich an diese Wahnvorstellung wie sonst an
andere kleinliche Nörgeleien. Wie ein Krampf kam fortwährend über ihn die
ekelvolle Furcht vor der Eisenbahn, diesem eisernen Ungeheuer, das über alles
fortrast, über alle Blumen des Lebens. Musste diese selbstmörderische Psychose
nicht eines Tages wirklich zum Verderben führen? Wer stets in den Abgrund
starrt, und wäre er selbst schwindelfrei, stürzt endlich doch hinein. -
    Seine Nervenkrankheit stieg auf den höchsten Grad. Da er alles tat, um sein
System zu vergiften, alle Abende schimpfend in den Cafés umherstöberte, ob man
ihn immer noch todtschweige, und statt zu soupiren (sein Magen vertrug schon
keine schwere Speise mehr) Kuchen ass und fünf schwarze Cafés hinter die Binde
goss, - so zerrüttete seine ungeheure Produktivität ihn vollends.
    »Morgen: Die Meeresbraut, Drama in 5 Akten von Xaver Graf Krastinik« stand
an der Littfasssäule. Leonhart kicherte hässlich in sich hinein. In der Nacht
träumte er seltsam.
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    Auf der Asphodeloswiese, die besprenkelt und umwuchert von der mystisch
blauen Blume, schritt er in dem Traum dahin. Ahnungsdunkle Lorbeerhaine,
klassisch zugeschnittene Berge, und in geisterhafter Weisse Marmortempel
ringsumher. Fernverhallend rauschten Chöre durch die wunderhellen Lüfte und als
Wolke hing im Aeter gar der Fries des Partenon.
    Weiter ging's im Tal der Todten, wo wie steingewordene Psalme Münster hier
gen Himmel stiegen und von Bannern schier ein Wald. Und auf einem Teiche zogen
Schwäne einen Kahn von Silber. Drin zwei Männer, in den Händen Jeder einen
Goldpokal. Den Pokal des heiligen Grales hat Herr Wolfram hier gefunden. Und er
schlürft den Quell der Mystik, blutroten Erlöserwein. Lächelnd spiegelt sich
der Andre in dem rosigen Wein der Liebe, tausend bunte Blasen sprudelnd, in
Isolde's Zaubertrank.
    Walter auch der Fiedeläre, unters Kinn den Arm gebogen, sass, von Vögelein
umzwitschert, auf der moosigen Bank von Stein. Und vor einer schattenhaften
Schreckgestalt posaunentönig blies ein Sturmhauch her erzklirrend hier das
Nibelungenlied.
    Mausoloeen, Leichensteine moderten, wo durch Cypressen er fürbass die
Schritte lenkte, höllendunkle Kirchhofschlucht. Einsam sass im Seherkleide dort
ein Mann an schwarzem Kreuze. Michel Angelo's Sibyllen schauen kaum so grimmig
drein.
    Doch nun glitzerte die Landschaft, goldig schier wie eine Mine neugefundnen
Eldorados. Sah dort drei an einem Tisch. Tranken all aus einer Kanne Malvasier
und trugen modisch zugeschljetzte spanische Wämser. Einer der hiess Calderon. Und
Cervantes hiess der Andre mit der abgehauenen Schwertand. Und des
Menschenherzens Meister sass, der Brite, auch dabei.
    Von den leidenschaftlich wilden Düften unerhörter Triebkraft noch betäubt,
empfing ihn jetzo Brodem künstlicher Parfüms. Rokoko und Voltaires Witze.
Lessing trägt den Zopf im Nacken, würdevoll wie eine Toga schlottrige
Magistertracht. »Nein, ich gehe keinen Schritt mehr weiter in das Unnatur-land!«
Und aus Schrecken vor der Neuzeit war er jählings auch erwacht.
    Die Atmosphäre war schwül, tiefblaue Tinten bestrichen die bleifarbene Wand
des Horizonts, es wetterleuchtete. Leonhart schritt ruhelos fürbass durch den
Grunewald, dass die Fichtennadeln, die den Weg bestreuten, unter seiner hastigen
Sohle knirschten.
    Chaotisch wirbelten ihm Gefühle und Gedanken. An diesem Abend sollte das
Drama im »Deutschen Teater« in Scene gehn, sein Drama, dem Graf Krastinik den
Namen geliehn, damit auf diese Weise ein Werk des connexionslosen
strebernsunkundigen Dichters an die Öffentlichkeit gelange. Ob es gefallen
würde? Und wenn, wie würden nachher das Pressgesindel und die Teatermenschen
sich erbosen, sobald der schreckliche Hereinfall aufgedeckt! Man hat sich einen
Spass erlaubt, eine Mystification! Sie konnten gar von grobem Betrug reden,
garstige Chicanen erfinden, ja den wahren und angeblichen Autor in corpore in
Press-Verschiss erklären und unmöglich machen!
    Leonhart's Finger krampften sich auf und zu. Er fühlte, dass er zum Mörder
werden könne, zum Mörder an diesen Elenden, die Gott in seinem Zorn erschuf, um
das Höchste und Heiligste, die Poesie, mit ihrer stinkenden persönlichen
Geschäftsmacherei zu besudeln. Eine Verschwörung von Schurken und Dummköpfen,
nicht wert, auch nur den Staub von den Stiefeln eines Dichters zu lecken.
    Nicht Einer unter all diesen Litteraten-Strolchen, der nicht ausschliesslich
von seinem winzigen erbärmlichen Ich speiste, der nicht an miekriger
Selbstsucht, an einer wahren Selbstbefleckung des selbstverliebten Grössenwahns
litt. Alle verzehrt von hirnzerfressendem Neid gegen gefürchtete Superiorität,
kriechend nicht vor dem Talent, sondern vor dem Erfolg, nicht vor dem Verdienst
eines Alvers, sondern vor dessen Studententriumphen und seinem »von«. Alle
gleich, ob nun germanische Jüngstdeutsche mit augenverdrehender Pseudo-Stürmerei
oder jüdische Jüngstdeutsche mit tatkräftiger Realitätsausnutzung, ob nun
notorische Streber oder verschämte Akademiker mit angeblich reinen Idealzielen.
Alle nur die Wurst nach der Speckseite werfend, alle nur bemüht ihr liebes Ich
zur Geltung zu bringen, alle tief von der Wichtigkeit ihres mittelmässigen Nichts
durchdrungen, und von Uebelwollen gegen alles Uebrige beseelt.
    Ja, er durfte sich's sagen: Er war der letzte Idealist, der Letzte, der
immer nur die Sache sah und nie die Person. Selbst seine Feinde mussten es
zugeben. Ihm schien nur eins wichtig: das Verdienst, in welcher Gestalt auch
immer. Dass er um so schonungsloser den Grössenwahn der Windmacher geisselte, lag
in der Natur seiner rücksichtslos herben Wahrheitsliebe. -
    Der Verfolgungswahn packte ihn wieder mit doppelter Gewalt und malte die
verbündete Schlechtigkeit noch düsterer, als sie in Wahrheit sein mochte. Auch
entschwand ihm teilweise die objective Betrachtung, die er in lichten Momenten
wie kein Anderer besass, betreffs der traurigen Notwendigkeit dieser allgemeinen
Selbstsüchtelei, da doch Jeder herbe um sein Fortkommen zu ringen hat. Von Natur
sind Wenige schlecht, wenn auch kindische Eitelkeit und nörgelnder Neid nur
besonders vornehmen Naturen nicht angeboren scheinen. Allein das Leben häuft
soviel Kot an, durch den man hindurchwaten muss, dass die edleren Gefühle
allgemach verkümmern.
    Gewiss blieben ja Leonhart's wüste Wahnvorstellungen nicht vom Tatsächlichen
fern. Die Schlangen beraten sich, um den Löwen von hinten in die Ferse zu
stechen. »Wir möchten so gern und an Lebensklugheit - Falschheit, wie es die
Dummköpfe nennen - sind wir ihm ja allesammt überlegen. Aber ach, wenn er sich
mal umdreht und mit der Tatze haut, da wächst kein Gras!« So ist es die Feigheit
der gemeinen Naturen, die allein den hochherzigen Starken vor ihrer Bosheit
schützt.
    Es ist ein grosses etisches Gesetz, dass der schmutzige Kampf ums Dasein uns
empört, sobald wir ihn losgelöst von uns selber betrachten, und dass die Perfidie
der Andern die Stimme unseres eigenen Gewissens, die wahre Selbsterkenntnis,
fördert.
    Wo man auch auf Erden seinen Pilgerstab hinsetzen mag, überall trifft man
das menschliche Antlitz und seine Lügen. Lange hatte Leonhart als Correspondent
eines grossen Rheinischen Blattes in Paris und London gelebt. Mit düsterer
Befriedigung dachte er unwillkürlich, wie wenig und oberflächlich man ihn doch
kenne, wie viele Leute ausserhalb Deutschands mehr von ihm wussten, als irgend
einer der »guten Freunde«, die ihn umklatschten. Mit welcher ironischen
Schadenfreude erfüllte ihn das prahlende Getue mancher »Kollegen«, als ob sie
mit ihm hundert Scheffel Salz gegessen hätten, während wiederum in ihm näheren
Kreisen der Gesellschaft die völligste Unkenntnis seiner litterarischen
Verhältnisse herrschte! Vier ganz verschiedene »höhere Töchter« hielten sich
allen Ernstes für die unglückliche Liebe seines Lebens und bewahrten daher noch
nach ihrer Verheiratung ihm jenes teilnahmvolle Mitleid, das aus
geschmeichelter Eitelkeit entstammt.
    So blieb er eben in Allem ein Rätsel und zersplittert in unendlicher
Vielseitigkeit, die zu seinem Verderben ausschlug - allerdings in anderem Sinne,
als einige Klugschwätzer, die es mit den Feinden Leonharts ebensowenig wie mit
ihm verderben wollten, in ihrer unendlichen Schläue und Barmherzigkeit über ihn
orakelt hatten.
    Die Subjectivität des Uebermenschen trieb ihn, gerade weil seine Natur in
ihren Urquellen selbstlos und wohlwollend, zu Paroxysmen der Misantropie.
    Du Spreu des Ewigen, die kaum als Dünger der Weltidee noch brauchbar!
Flüchtiger Kot, vom Sturm des Schicksals in das Nichts gewirbelt! Du Bestie,
die bübische Begierden mit kriechend feiger Heuchelei bemäntelt! Du neid- und
hassgeschwollenen Drachenbrut, Du Rattenkönig, Schlangennest der Sünde! Mensch!
Lebend schon die Würmer Dich zernagen, sich von der Fäulnis Deines Leibes
nährend, in dem die Seele lange schon verfault! Du Blitz, der dort wie eine
Zornesader aus dieser Wolkenstirne Runzel aufzuckt, o schlängle Dich als
Ariadnefaden hinab zu mir ins Labyrint der Schmerzen!
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    Wie der Trieb zur Sünde im Menschenblut, so liegt im grübelnden Menschenhirn
geheimnisvoll ein schrecklicher Drang, zu erproben die Selbstvernichtung. Auf
die Höhe des Berggrats stelle ein Kind! Schau, wie's gleich näher und näher
kriecht dem drohenden Rand und Kiesel zuerst aufliest vom steinigen Boden. Die
schleudert es dann in die Höhlung hinab, um am Schall zu ermessen des Abgrunds
Grund, horcht ahnungsvoll, wie spät und dumpf es dröhnt aus der endlosen Tiefe.
Der Mutter Vorsicht gängelndes Band zerreisst es, schleicht zum Rande sich vor,
umklammert noch den Fels der Vernunft. Der scheint ein sicherer Halt ihm.
    Doch wie es starrt in das graue Nichts, da schwindeln ihm schaudernd Herz
und Hirn, da gleitet die Hand, da wankt das Knie, gelähmt von grässlichem
Grausen. Im Instinkt der Verzweiflung stürzt es hinab. So umgarnt an der Zweifel
gähnendem Schlund den Nichtseinsinnenden grübelnden Geist entschlossene
Verneinung des Willens. Bis willig halb, halb magisch gedrängt, halb sinkend,
halb gestossen, er rollt durch Wahnsinn-Nebel in Todesnacht: Todesfurcht
versteckt sich im Selbstmord.
    Dieselbe Nacht, die den irdischen Zeus, den Alexander, dem Licht geschenkt,
sah frech verbrennen den Herostrat der Ephesischen Artemis Tempel. Denn in der
Moira dunklem Schoss, und in des Kronos waltender Hand und in des Kroniden Waage
des Rechts da liegen vereint die Loose. Das weisse Loos und das schwarze Loos,
das Sein und Nichtsein, Leben und Tod, und der Trieb zum Leben, die
Schaffenslust, sich paart dem Lebensekel. Die Selbstvergötterung, welche gebiert
der Dämon in der Erkorenen Brust, ist nahe der Selbstverachtung gesellt in der
Verlorenen Seele. Dieselbe Hore, welche gebiert den schaffensmächtigen zeugenden
Geist, den Welterbauer, als Zwilling nährt den zerstörungsfrohen Vernichter.
Augustus, Trajan, Vespasian, aufs Neue erbauten nach Götterbeschluss, was
niedergerissen nach Götterbeschluss im Reich die Juliersprossen. Welch winzige
Spanne Zeit doch trennt vom Nero den Titus! Ja, noch mehr: in Titus' Seele
selber lag der Drachen neben dem Lamme. Ein kurzer Augenblick entschied sein
wahres Wesen und schied nun ab seiner Jugend Neronisches Element von der »Wonne
des Menschengeschlechtes«. So liegt das Verderben dem Heil gepaart und das Leben
dem Tode im Menschengeist, und Jeder erfüllt am Ende nur seine vorgebahnte
Bestimmung.
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    Je mehr Leonhart diesem Gedankengange folgte, desto deutlicher empfand er,
bei Titus angelangt, den Begriff des Cäsarenwahnsinns, diesen
Gottähnlichkeitsdünkel des Grössenwahns. Wie vom Medium einer Vision inspirirt
und selbst Medium geworden, fühlte er das Wesen Heliogabals in das seine
hinüberrinnen. Ihm war, als spräche aus ihm selber die Seele des
Götterwonnetrunkenen, zum Flammentode bereit.
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    Mir bahnte den Pfad der erhabene Narr, wahnwitziger Wüsteit Meister mir,
Caligula mit dem tierischen Blick der übermenschlichen Frevel. Auch der
grossdenkende Cäsar-Apoll, die Künstlerbestie, die zum Klang des eigenen
Lyraklimperns schwamm auf goldner Barke im Tiber, lotternd auf purpurnem
Talamus, weissstirnige Buhlinnen rosenbekränzt schamlos zur Seite - also zu
bewundern das brennende Rom, von lebenden Fackeln entzündet: Nazarenergewürm,
ans Licht gezerrt aus Katakomben, gepfählt, erwürgt, aus Kreuz genagelt,
verpicht mit Stroh, und mit Naphta sodann übergossen. Dies Schauspiel weckte ihm
schauerlich-schön dityrambische Stimmung. Anschaulich entrollt, studirte er so
der Sinnenwelt schrecklichste Wonnen und Schrecken. Der Erkenntnis Aganippe er
schlürfte in rinnenden Zähren, triefendem Blut. Im prächtigen Mordbrand suchte
er den prometeischen Funken.
    Feinschmecker der Psyche, Lucull des Gefühls, wie sinnig verknüpfest Du so
in eins die Elemente von Gier und Grau'n! Verschmelzung doppelten Schauders! Der
Ueppigkeit süss entnervende Schauer mit markdurchrieselnder Ahnung der Furcht!
Dir folgend, du Aristipp-Dionys, hab' ich herrlichen Tod mir ersonnen.
    Nur Schnee befreit ein erstarrtes Glied, nur Glut erstickt der Genusssucht
Glut. Drum stürz' ich vom Lager verzehrender Lust ins Brautbett des Todes, die
Flammen.
    Ichtys, der Fisch, ist der Christen Symbol, das meine der Salamander, der
froh im Erdpech, vulkanischer Lavaschicht der Ur-Erregungen, wühlet.
    Man schlendert ins Feuer den Skorpion, dann bohrt er den Stachel ins eigne
Hirn: So springt mein Ekel ins Bad des Tods, nicht lökend wider den Stachel.
    Als Kind in frischer Ursprünglichkeit, wo die Welt eine Fabel, ein
Hirtenidyll, da fühlen wir den homerischen Trieb nachbildender Weltumfassung.
Doch drängt die grausame Wirklichkeit sich unablässig in's Innere ein durch
jeden Spalt der Sinne, so gährt im Hirn ein schauerlich Chaos.
    Mit Selbstverhöhnung beginnen wir, mit Selbstverachtung fahren wir fort und
enden, die Ohnmacht des Einzelgeist's, das All zu empfinden, erkennend.
    Drum früh dies ahnend floh ich aus Furcht zum rohen Genuss und erkannte
sofort in der Sinnlichkeit die einzige Bahn zu gelassener Lebensertragung. O weh
mir! wär' ich doch lieber bestimmt zum Kriegstribun, zum Legionar mit ehernen
Nerven und blödem Verstand und derbem Behagen am Dasein! Doch wem das Fieber des
Denkens einmal die Seele schwächte, fällt immer zurück in neuen Anfall und ihn
curirt nur die letzte Krise vom Kränkeln. Was hilft's, mit erlogener
Sinnlichkeit an der Aussenform kleben und tasten nach Schein-Schönheit mit
erzwungener Begier, ein Pseudo-Epikuräer? Die Schönheit des Scheins - o könnt'
ich sie nur mit Sein vertauschen, so hässlich es sei, mit des Stoikers
Willensübung und fest an Tugend glaubendem Pflichtstolz!
    Doch was ist Pflicht, was Liebe, was Hass, was Tugend, was Laster vor'm
letzten Begriff, vor'm Verständnis der letzten Erkenntnis? Ein Hauch! der
Naturtrieb des Augenblicks gilt nur.
    Der Stern der Kybele glänzt blutrot auf Tmolus' Schneehaupt. Im Alpental
Corybantengetümmel und Cymbalschlag, und es klagt der entmannte Adonis. Die
Ammen Jupiters lärmen wild, den Säugling zu schirmen vor'm grimmen Saturn. So
schlug ich gar oft im Bacchanal die Lyra der Gottessehnsucht. Die Lasterstimme
Astartes so in Priesterhymnen betäubte ich oft, zu retten vor allverschlingender
Zeit mein Werk, das im Plan kaum geboren. Des Orients Mystik, den Syrercult,
verpflanzen wollt' ich zum Occident, die nüchterne Seele des Römervolks mit dem
Rausch der Begeistrung tränken. Die Eisenadern sollten aufs neu frisch schwellen
von schäumender Leidenschaft. Die weichliche Sclavin sollte den Herrn durch
geistige Herrschaft zähmen.
    Mein glühender Ost, Du Mutter der Welt, deren Wiege am Paropamisos stand -
ich wollte Dich rächen, Dein treuster Sohn, wider Roma heimlich verschworen, ein
gekrönter Catilina! - Zu früh! Erst später wird nah'n der Tag des Gerichts und
neue Cimbern des Nordens vielleicht bauen ein neues Cartago.
    Der Urzeit sibyllinisches Buch, Hieroglyph und Talisman, Weisheitschatz -
ich verbrenne mit allem, wie Sardanapal mit Harem und Kronenjuwelen.
    Oft neidete ich des Attis Loos. Doch forderte meiner Göttin Dienst, der
Allerzeugerin, Zeugungskraft und Unzucht als Opfergebräuche. Denn Keuschheit ist
nur ein Raub am Selbst, und was ist Sünde, die's nicht an sich? Wie der
Ptolemäer die Schwester beschläft, so ehlichte ich die Vestalin. Und vermählte
die Pallas, herschleppend ihr Bild aus verborgener Zelle beim Mitra-Fest dem
Sonnengotte, in dem ich erkannt den beredtesten Zeugen der Schöpfungskraft. Denn
Natur ist Gott, statt Göttern ich schuf einen Universal-Naturdienst.
    Abram, der Ebräer Erzpatriarch, der Planeten-Anbetung Torheit sah, als vom
Kasius einst, meinem Heimatberg, er den Sternenhimmel beschaute. Ich aber kam
dort zu verschiedenem Schluss. Mir hat da droben sich offenbart der wahre Baal,
wie Eliä einst der einige Jehova. »Ich bin, der ich bin, und ich werd', der ich
werd'.« Der »Herr des Berges«, der El Gabal, der zuerst auf den Gipfeln
erscheinend von dort aus Köcher und Füllhorn schüttelt Strahlenpfeile,
Glutrosen, beseeligend und befruchtend damit überschüttet die Welt! Drum
verehrt auch auf Alpen der Perser das Licht. Du Reiner, Du Einer, Du Meiner!
    Ich baute Dir Heliopolis, Baal-Bek, Sonnensäulen auch, Chamanim. Trotz bot
ich dem Orkus, den Töchtern der Nacht, den Unterweltsgewalten, und dem Mars, der
den »Herrn« Adonai erschlug, dem latinischen Mars, der rohen Gewalt, dem Dämon
der Zwietracht, der nimmer schliesst den Janustempel des Friedens.
    Die Sonne erreichte den höchsten Stand im himmlischen Tempel, dem Sternbild
des Leun. Typhon, der Meersturm, schweigt und es quillt der Nil des Lebens aufs
neue. Doch als Sühnopfer des Fortschritts fiel der neue Osiris. Schau, Isis
Natur, Kybele, wie Liebling Adonis stürzt sich selbst in die Hauer des Ebers!
    Begierde - Genuss, Grenzpfeiler des Seins, umreiss' ich sie, aufwühlend den
Grund, den vulkanischen Boden, in dem wir umsonst nach den letzten Zwecken
schürfen. Ans Tor des Schicksals poche ich frech mit der Keulenfrage: »Warum?
Wozu?« Ich will den engenden Wirkungskreis durch verwegene Willkühr sprengen.
    Vampyr der Langeweile, entfleuch durch des Grabes Pforte zur Urnacht hin, -
Herodias Welt, ich fliehe vor Dir in die Wüste der ewigen Freiheit. Eines
Heilands Vorläufer erscheine ich mir, wie dem falschen Messias Johannes einst -
des Panteismus Weltreligion siegt einst über die Götzen .....
    Allerhaltende Liebe, bald hell bald trüb in der Kette der Wesen vom Stern
zum Wurm strahlend, wie jedes nach seinem Grad ein Spiegel des ewigen Feuers -
dir vermähl' ich mich nun! Die Asche dem Wind und der Odem dem Urquell, dem er
entfloss! So web' ich unsterblich weiter im All, Unendlichkeit wird das Ende.
    Verzehrt sind die Wolken der Sterblichkeit, die Sphärenräume zerklaffen -
hinauf zum Tabernakel der Urkraft schwebt meiner Seele befreite Flamme! Wo die
ewigen Mächte tronen im Licht, im Allerheiligsten wandelt er sich zur
Leuchtkraft selbst und leitet dahin an der Eisenkette der Dinge den Funken des
Werdens, der nimmer ward, doch endlos wird und von Kraft zu Kraft stets
wechselnd hinrollt, wie in Feuersnot von Hand zu Hand fliegt der Eimer. Kein
Ende, kein Stillstand! Alles fliesst und wechselt in Licht und Leben und Lust!
Unendliche Wonne! Auch Schmerz ist Genuss dem Atom, das als Allteil sich fühlet.
Wohlan denn, zum letzten Sprunge hinein! Weh, weh! Ich verderbe, verlodre. Haha!
Jo, Jo! Triumph! O Wollust der Marter, es ist vollbracht!
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    Mit wirrem Lächeln und hämmernden Schläfen fuhr der Dichter aus seiner
Weltentrückteit auf und stierte umher.
    In hastigem Sturmschritt war er übers freie Feld nach der Wetzlarer
Bahnlinie jenseits des Halensees abgeirrt, mit der fieberischen Schnelligkeit
seines gestaltenden Gefühls völlig im visionären Bann des cäsarischen
Selbstmörders.
    In der Ferne raste ein Courirzug heran. Der einsame Wanderer blieb stehn,
wie erstarrt, wie vom Blitz getroffen. Seine Augen quollen grässlich aus ihren
Höhlen, sein Mund öffnete sich unwillkürlich, als habe ihn der Starrkrampf der
Maulsperre ergriffen, ein Orkan von Gedanken stöberte in Schneeflocken um ihn
her - -
    Tod, der mit unhörbarem Katzenschritt herschleichend uns hinweg reisst,
zwischen Zeit und Ewigkeit bist Du der Rand, unentrinnbar unüberbrückbar.
Ewigkeit! Symbolisches Wort für Unaussprechlich- Undenkbares - ein
unverständlich leeres Getös für den Gedankenlosen. Doch der Denker Ideen-Stufen
durchläuft, bis er steht vor der letzten Fragen Schlund und von unüberwindlichem
Schauder gepackt zur Tagesarbeit zurückschnellt. O Riesenkerker, der in sich
schliesst die Käfige der Welten, - du schreckliches Nie-Gewordenes!
    Formlose Urform, die bald sich löst in chaotische Formenlosigkeit, bald ihre
fliessenden Kräfte ballt zu verdichteten Weltall-Formen! Die unzählbar gewordene
Welten verschlingt in Sündflut uferlos grenzenlos, und unzählbar-werdende
Welten sodann aus chaotischem Mischmasch bildet!
    Oder ist auch das niegewordene Eins keine richtige Ziffer, vielmehr eine
Null: Ist das Nichts die Wahrheit? Und ist das All nur des Einzelnen
Wahnvorstellung? Aufzuckend wie Irrlichtschemen, die doch nur wesenlose
Ausdünstungen sind vom fauligen Moor? - Enceladus, zerreisse endlich die Ketten!
    Meteorisch sausen verwirrend schnell, Leuchtkugeln ähnlich, Weltkörper
umher, die der Allgeist, indischem Gaukler gleich, auf und nieder rollen lässt.
Und das Diesseits ist nur ein Schatten. Ob dieser Schatten nur vom unfasslichen
Nichts ein Ausfluss? Ob, wie es die Regel ja lehrt, Schlagschatten beweisen, dass
Licht in der Näh' oder etwas Persönliches, Festes? Ob alles irdisch-vergängliche
Sein nur der Idee Erscheinungssymbol? Nur nicht länger mituschen im Tanz der
Puppen-Schatten, die auf des Lebens Grenzmauer sich jagen! - -
    Nein, nicht desertiren vor dem Todesgedanken, vor dem Todesgefühl, vor der
letzten Wahrheit! Im Anfang war die Tat und am Ende sei die Tat, die
lebensvernichtende! - Nicht desertiren, nicht feige sein! - Nervöse Raserei
durchzitterte all seine Poren - der Courierzug, das Ungeheuer - wende dich ab,
Du kannst sonst nicht widerstehn - hahaha, bin Ich der Messias, so lass doch
sehn, ob Gott ein Wunder tut - -
    Ein Sprung auf die Schienen, er glitt aus - -
    Gott tut heut keine Wunder mehr.
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    Jetzt stehst Du allein vor der Ewigkeit, allein mit Deinem Genie.
    Sprich ohne Furcht mit Gott, denn er allein kann Dich verstehn. Er legt ein
anderes Mass all Dich, als die gemeine Heerde des Tages.
    Die schwache Hand der Sterblichen wird nicht rühren an Deinen wahren Wert.
Ihr Preis und ihr Tadel kümmern Dich nicht mehr. Dein Geist enttauchte einem
Orkan, dem Blitze gleich - Deine Wiege und Deine Gruft wird ewiger Nebel decken.
    Aufrecht standest Du in Deiner Rüstung in königlicher Einsamkeit, kein schwa
ches menschliches Gefühl schlug unter Deinem Panzer. Du stiegest auf zur Grösse
ohne eitle Freude, Du fielest ohne Murren. Auf der Sinne hohle Reize blicktest
Du kalt herab, ohne Lächeln und ohne Seufzer, und Dein Adlerflug mass die Welt
mit einem einzigen Königsblick.
    Stirb denn inmitten Deines Ruhmes und löse Dein düstres Sein in die Atome -
rein und rauh, wie Du geboren wurdest, ohne Laster und ohne Tugend. Deine Tugend
war Dein Genie.
 
                                 Zwölftes Buch.
                                       I.
Das »Deutsche Teater« war buchstäblich ausverkauft. Nicht nur das gesammte
litterarische und das übliche Premièrenpublikum Neu-Jerusalems, sondern auch die
Crême der »guten Gesellschaft« schien vollzählig erschienen. - - Rechts neben
der Direktorloge, wo L'Arronge's freundlicher Vollmond erglänzte, operirte Frau
Doktor Bergmann, Chefredaktrice der »Berliner Tagesstimme«, in Mitten ihres
Grossen Generalstabs, an der Seite ihres Leibadjutanten, des lockigen
Apolloschwengels Emil Buttermann. Ah, die Tür der vollgepfropften Loge öffnete
sich und unter den Salutirungen des Grossen Generalstabs erschien Doktor Bergmann
in eigener Person. Er hatte also einmal Europa sich selbst überlassen, um
leutselig, wie grosse Männer pflegen, den leichten Spielen der Musen eine Stunde
seiner unschätzbaren Zeit zu opfern. Hält doch Bergmann bekanntlich mit Bismarck
das Europäische Gleichgewicht aufrecht. Der Reichskanzler zieht rechts, Er
links. Bei dieser Atlasbürde scheint es denn kein Wunder, dass er seinen
gewichtigen Corpus, den schweren homerischen Rindern gleich, wankend
einherwälzt, so dass man immer fürchtet, er werde einem mit seinen Plattfüssen
moralisch oder physisch auf den Fuss treten.
    Auch heute suchte er wieder Raum, dieser schnaubende Elephant. Wie dem
seligen Napoleon schien Ihm Europa zu enge. Er mauschelte nach allen
Himmelsgegenden mit Armen und Beinen, um der Freiheit eine Gasse zu brechen.
Sein aufgedunsenes Antlitz, einem plattgetretenen Kuhfladen nicht unähnlich,
strahlte vom Bewusstsein seiner Allmacht. O er ist ein grausser, ein sehr grausser
Mann!
    Sein besonderes Steckenpferd, die Antisemiten-Suche, ritt er wieder mal
chevaleresk wie Don Quixote seine Rozinante. Daher der forschende Blick, mit dem
er seinen Generalstab musterte. Wie der Riese Polyphem in seiner Höhle tastete
er überall an den Wänden seiner Redaktion herum, um den berühmten »Niemand«,
einen Antisemiten, unter seiner eignen Hammelherde zu entdecken. Und wehe, wenn
ihm solch ein räudiges Schaf zwischen die Finger kam! Dann verspeiste er es mit
Haut und Haaren.
    Doch getrost, in König Artus' Tafelrunde schien diesmal alles koscher.
Lauter wulstige Lippen und Jatagan-Nasen. Da war Natan der Weise mit den
geschlitzten Augen, der den Kanzlerstab des mosaischen Zukunftsreichs im
Tornister trägt. Da war Oskar der Gerechte, der flotte Schächter aller
Dichterbabies. Und da war vor allem Er selbst, Israels Gründer, der Zertrümmerer
des goldenen Kalbs, der neue Moses, der zum Gelobten Lande leitet, wo da Milch
und Honig fleusst. Er schäkerte eben huldvoll mit Frau Doktor Bergmann, welche
Lieder ohne Worte mit den Augen flötete, ebenso virtuos wie sie Lieder mit
Worten am Klavier brüllt.
    Auch im Parkett versammelten sich die Zierden unsrer Kritik, von allen vier
Winden hergeweht, wo nur deutsche Zunge klingt, selbst aus dem Lande der
Mausefallenhändler. Die leichte Scheerenschleifer-Kavallerie der Presspanduren
formirte sich. Wieviel giftige Früchtchen, neidgrün angelaufen! Da gabs die
rührigsten redactionellen Schaukelpferdchen, die mit schnalzendem
Hopphopphopplala zwischen Autoren und Verlegern herumtraben. Manch vielgewandter
Odysseus, der mit alten Hosen beide Hemisphären durchwandert, schwang kräftig
das kritische Richtbeil. In einer Ecke des Saales bemerkte man die wundersamste
Pflanze internationaler Bodenkultur: Teodosius Drollinger. Dieser bedeutende
Mann war mal in Paris und begann daher seine Orakel unwandelbar mit dem
ehrfurchterweckenden Ausspruch: »Als ich in Paris lebte.« Da Papa Augier ihn mal
die Treppe 'runter geworfen hat, so ernannte er die Trias der französischen
Bühnengötter zu seinen intimsten Duzfreunden in seinen Feuilletons. Er, den ein
Augier auf die grosse Zehe getreten, fühlte sich natürlich, er wusste selbst nicht
wie, durchzuckt von gallischem Esprit. Auch hatte er plötzlich den Modedichter
Kleist, 70 Jahre zu spät, entdeckt. Die Lebenden schwieg er todt, eben um einen
neuen Kleist durch solch uneigennützige Unterstützung heranzuzüchten. Wenn der
neue Kleist sich erst eine Kugel vor den Kopf schoss, dann wollte er ihn sofort
als Klassiker »entdecken« und von den Todten auferwecken.
    Da sass nun Teodosius, diese Carrikatur eines Boulevardiers, die spärlichen
Haare in die Stirn geklebt, um doch ja die neueste Mode der jeunesse d'horreur
mitzumachen. Doch herrschte unter Kosmetikern über die bahnbrechende Technik
seiner Frisur der gelinde Zweifel, ob er Pomade oder Zuckerwasser hierzu
benutze.
    Sein maskenhaft-todter Ausdruck, sein stier gleichgültiger Blick, sollten
ihn als vornehm zurückhaltenden Gentleman aufspielen. Allein, lächerrlich
reservirt und zugeknöpft, wenn er mit einem anständigen Menschen zu tun hatte,
wurde er äusserst munter und zuvorkommend gegen lustige Dämchen, Spitzbuben und
Streber. Sein Vorgänger in der Redaction hielt es aus Gewissenhaftigkeit für
seine Redactionspflicht, auch die Gattin des Verlegers unter redactionelle
Verantwortlichkeit zu nehmen. Teodosius ehrte pietätsvoll diesen fruchtbaren
Redactionsusus, auf diese Weise die Vergangenheit angenehm mit der Gegenwart
verknüpfend.
    
    Auch er war da, er mit der hackenden Habichtsnase und dem mangelnden Kinn,
der grosse litterarische Todte, der einst die Irrlichter seines schnoddrigen
Witzes über die öden Sumpfhaiden seiner heut schon antiquarisch verstaubten
Salonstücke verschwenderisch ausstreute. Neben ihm sass ein geistreicher Pavian
in grosskarrirten Beinkleidern und weisser Weste, und rieb ihm zahllose Paradoxen
unter die Nase, und zwar wörtlich, indem er ihm beinahe ins Gesicht sprang.
Hinter diesem sass sein Schatten, natürlich ein Baron (denn wo ein Jude, ist auch
immer ein Baron nahe). Sein Kater-Näschen und sein ganzes dummdreistes
Kneifer-Gesichtchen näselte gleichsam lautlos. Einer jener Litteraturbarone
(natürlich stand »Freiherr« gross und breit in Goldschrift auf der Tür seiner
Wohnung), welche den ehrenfesten Aristokraten mimen, während der Kenner in ihnen
sofort ein neidzerfressenes grössenwahnsinniges Streberlein erkennt.
    Er erzählte grade in näselndem Ton, wie »Serenissimus sein gnädigster Herr«
(einer jener kleinen Köter, kennt ihr meine Farben) ihm eine echte Havanna
verehrt habe. »Mein lieber Baron, meinte der Gnädigste -« Er unterbrach sich, um
mit Innigkeit die Gattin eines jüdischen Mache-Meisters zu begrüssen, wie er denn
inbrünstig zu Unsrer Lieben Frau vom Jordan betete und mit Gottes Hülfe in den
Salons »der geistigen Aristokratie des deutschen (jüdischen) Volkes« zu einer
Berühmteit emporgeschwindelt wurde. Was kann da sein! Man braucht einen Baron
als Zimmer-Staffage. Das passt dem auserwählten Volke in seinen Kram.
    Der Adel ist heut immer noch ein gutes Geschäft. Dies wusste ja Frau Hermine
Schmidt, geborene v. Preuschen, zu würdigen, indem sie sich schlankweg »Baronin
Preuschen« weiter fort titulirte. Und siehe da, es war sehr gut. Mit
Entusiasmus stürzten die jüdischen Federpiraten für sie ins Turnei, sintemal es
denselben immer zur besonderen Ehre gereicht, einem Adelstitel unter die Arme zu
greifen. Mit Entrüstung muss man jedoch die schnöde Verleumdung zurückweisen, dass
all diese adligen Herrn und Damen eines enragirten Philosemitismus verdächtig
seien. Sie benutzen eben nur die jüdische Presse ebenso schlau wie die
conservative zu ihren durchsichtigen Reklamezwecken. Nein nein, man sitzt nicht
immer mit einem Baron an einem Tisch; dies beglückt ja einen armen deutschen
Schriftsteller. »College Baron X.« wird daher überall zum Vorsitzenden gewählt.
Adel verbürgt Seelenadel, ein sehr gutes Geschäft.
    Beide spielten hier die Rolle des »Grossen Galeotto«, indem sie über
Krastinik eine Verleumdung, »einem on dit zu Folge« aussprengten.
    »Haben Sie dafür irgend einen Beweis?« fragte der Mann mit der Habichtsnase.
    »Nein, das grade nicht. Aber Beweise beweisen nichts!« grinste Doktor Emil
Bengelheim mit seinem grotesken schadenfrohen Kichern. »Es liegt in der Luft.
Man sagt.. Relata refero, ich bin selbst dabei gewesen wie Commerzienrat Landau
zu sagen pflegt. Hihi!«
    »El gran Galeotto!« - -
    In einer Mittelloge tronte die holde Modelöwin Hagar Satzler in weissem
Unschuldgewande, ihren Fächer aus Straussenfedern lieblich hin- und
herschwenkend, während ihr andres Katzenpfötchen einen Veilchenstrauss umkrallt
hielt. So zart, so weiss, so unschuldsrein wie ein klein Miesekätzchen - sie, die
ungenannte Freundin so mancher umwandelbaren Mannesverehrung. Einen hatte sie
nach der Riviera versetzt, einen Andern an die Nordmarken - da begriff man denn
wohl die heitre Zufriedenheit, die auf diesen edelgeschnittenen Zügen ruhte, das
stillbeglückende Bewusstsein eines herzlich guten Gewissens. »Ach,« flötete sie
einem neben ihr stehenden kleinen Herrn zu, »ich liebe nur grosse
schlankgewachsene Männer. Sagen Sie doch Ihrem Freund Kabel, er habe so schöne
Hände!«
    Im Parkett unterhielten sich eifrig Schmoller und Holbach. Letzterer
jammerte wieder, dass sein Verleger für ihn so unflätige Reklame mache, obschon
natürlich er selbst hinter den Coulissen das Alles einfädelte. Ueber Schmoller's
langgedehnte schnüffelnde Spürnase zuckte und wetterleuchtete es nervös, und
seinen bärtigen Mund umspielte ein gradezu wollüstiges Lächeln überlegenen
Hohns. »Ihnen schadet das nur, lieber Herr College? fürchten Sie nichts! Hören
Sie die Stimme des Pessimisten: Wenn der Tamtam Ihnen schadet, warum ärgern wir
uns denn alle so darüber? Das ist doch ein überzeugender Gegenbeweis für die
Nützlichkeit Ihres Vorgehens!«
    »Haha, Sie alter Schäker!« Holbach lachte heiser auf. »Was Wahres ist ja
dran. Worüber sich unsre wahren Freunde freuen, das schadet uns gewiss. Sich zu,
ob Deine Freunde sich über etwas ärgern - dann triffst Du sicher das Nützliche!«
    »Ach Sie!« Schmoller wurde schon ausfallend. »Sie heulen doch immer mit den
Wölfen!«
    »Nun, warum nicht?« meinte Holbach begütigend. »Mit dem Hut in der Hand
kommt man durchs ganze Land. Folgen Sie meinem Rat: Jedem Kritiker, schreibe er
nun bös oder gut über mich, versetze ich auf frischer Tat einen Dankbrief.
Glauben Sie mir, wir sind ja alle Menschen! Alles verstehen heisst alles
verzeihen.«
    O Du Spitzbube! dachte Schmoller der Fürchterliche. Die Notiz wandert sofort
in mein Tagebuch. O schlechte Welt! Nur ich Biedermann verschmähe - -
    »Wo steckt denn Federigo?« rief Holbach plötzlich. »Der müsste doch
eigentlich die Claque leiten für seinen Freund Krastinik. Ich denke noch an sein
Bravo-Gebrüll bei der Première seines Freundes Adler. Er riss sämmtliche Bänke
mit sich fort.«
    »Ach, bei dem Stubendramatiker! Na, heut hockt er wohl hinter den Coulissen
beim Autor in der Stunde der Prüfung. - Uebrigens verkehre ich nicht mehr mit
diesem Schurken.« Schurke war bei Schmoller ein Kosename. Bei ihm teilte sich
ja doch die Menschheit in zwei Klassen: Die ihm nützten, - anständige Menschen,
und die ihm nicht nützten, - Schurken. »Federigo - ja wohl! Ich bemerke
übrigens, dass diese Verwälschung des Vornamens von mir stammt. Sie haben sie nur
in Commission genommen, Herr Holbach.« Er litt nämlich an der
Plagiatbeschuldigungs-Manie.
    Auch die konservative Presse war vertreten. Herr Peter von Schnapphahnitzkoy
(der polakische Adel darf sich schon 'was darauf einbilden, dass seine Vorfahren
noch ärger, als die deutschen Raubritter und Strauchdiebe, das Stehlen und
Plündern verstanden) putzte seinen Kneifer zurecht. Seine wasserblauen
vorquellenden Froschaugen, sein pomadisirter fuchsblonder Wirbelscheitel, seine
aufgestülpte Nase und sein breites bleichlippiges Maul bildeten ein Ensemble,
welchem ein lauernder Jesuitenausdruck noch eine besondere Weihe verlieh. Mit
spinnefeinem Lächeln tastete er gleichsam mit Spinnwebennetzen vor sich her und
umgarnte seine Beute. Wegen allerlei Schuldengeschichten, kaum Lieutnant, aus
dem Dienst entlassen, besass er den hohen Mut, sich als Cirkusreiter das Leben
zu fristen. Endlich, um sich zur tiefsten Stufe von der Höhe seines Adels-Tic's
herabzulassen, wurde er Litterat. Nicht ohne ein gewisses Talent, besonders zu
malitiöser Satire, focht er sich schneidig als litterarischer Freibeuter durchs
Leben und endlich zum Redakteur der »Töchterzeitung« empor, wozu ausser dem
Wörtchen »von« sein formvoller Redeschliff und seine gewinnenden Manieren nicht
wenig beitrugen. Gegen einen Schmoller nährte er Geringschätzung, weil sein
beschränkter Verstand nur den Plebejer in dem Heros sah, gegen Leonhart hingegen
tödlichen Hass, da seine giftige Neidwut sich innerlich zerknirpst fühlte,
trotzdem er sich mäkelnde Glossen erlaubte.
    Die lächerliche Anrempelei eines parfümirten jüdischen Apolloschwengels (der
eine beiläufige Äusserung Leonharts über eine, diesem nur per Renommee bekannte,
Modelöwin absichtlich missdeutete, damit er sich als Ritter derselben das Air
eines bevorzugten Liebhabers geben könne), hatte der Antisemit Schnapphahnitzkoy
dazu benutzt, um Leonhart in eine Duell-Lage zu verstricken. Zwar lag der
Tatbestand nicht entfernt so, dass Leonhart den Judenjüngling hätte fordern
müssen, umsomehr derselbe nach Duellbegriffen eine unsatisfaktionsfähige
Persönlichkeit vorstellte, da er auf öffentliche Ohrfeigung nur durch
denunciatorische Ruinirung des Beleidigers geantwortet hatte. Allein,
Schnapphahnitzkoy ergriff mit tückischer Freude die schöne Gelegenheit, um zu
insinuiren, Leonhart sei beschimpft, falls er nicht Jemanden fordere, und daher
wolle er für jenen ihm ganz Fremden eintreten!!! Er konnte dies schon wagen,
zumal noch ein andrer sogenannter Freund Leonharts sich würdelos, trotz der
überwiegend gegenteiligen Stimmung der Anwesenden, für die sogenannte »Ehre«
jener Dame einsetzte, weil derselbe ebenfalls die geheime Gunst derselben zu
erringen hoffte. Und Schnapphahnitzkoy spekulirte wieder auf die Gunst dieses
Herrn aus Geschäftsgründen. Ergo! Leonhart, immer geneigt von seinen
Nebenmenschen besser zu denken, als seine pessimistische Menschen- und
Physiognomieenkenntniss ihn sonst lehrte, hielt die Sache jedoch für einen blossen
Spass und suchte daher den p.p. Schnapphahnitzkoy in dessen Redaktion persönlich
auf, um diese wesenlose Angelegenheit durch gemütliche Aussprache aus dem Wege
zu räumen. Allein bald musste er erkennen, dass er einen schweren Fauxpas gemacht.
Denn mit kaltblütiger Tücke bestand dieser ritterliche Shylok auf seinen Schein,
sein Pfund Fleisch, sein liebes kleines Duell. Er gab zu, dass ihn die Sache
nichts angehe, dass sie überhaupt unbedeutend sei, auch dass er selbst noch nie
ein Duell gehabt habe. Trotzalledem aber müsse er darauf bestehn, sich mit
Leonhart zu schiessen, damit sein empfindliches Ex-Lieutnantsgefühl beruhigt
werde. Leonhart stellte ihm die volle Unmöglichkeit der Motivirung vor, falls
das Duell ernst sein solle - sei es aber als blosse gemeint, so danke er für
solche Zeitvergeudung. Das Duell könne seinen guten Sinn haben
(Schnapphahnitzkoy verschanzte sich dahinter, dass Leonhart ja das Duell an sich
noch nicht verwerfe), falls es sich um ernstafte Ehrverletzung drehe, aber nur
so. Obschon nun Schnapphahnitzkoy recht wohl wusste, dass jedes Ehrengericht ihn
als Rowdie-Raufbold verurteilen und jeder Gerichtshof ihm das höchste Strafmass
des neu verschärften Duellgesetzes aufbrummen würde, - obschon ferner klar auf
der Hand lag, dass er als guter Bekannter Leonhart's, wenn in seinem
militairischen Ehrbegriff gekränkt, umgekehrt grade für denselben den Anrempler
desselben fordern musste, um seinem Anstandsgefühl genüge zu tun, - so ergötzte
es doch das verkrüppelte Seelchen des Kleinen, den beneideten Grossen in dieser
Mausefalle zappeln zu sehn. Uebrigens fürchtete er auch ein ernstes Duell nicht.
Erstens schoss und focht er meisterlich, wusste sich also von vornherein Sieger.
Zweitens lag ihm wenig an seiner traurigen Existenz. Denn, eigentlich
kerngesund, dichtete er sich ein aristokratisches Astma an und sicherte sich
nur noch kurze Lebensdauer zu. Es harmonirte damit, dass auch jener unglückliche
Liebhaber der hinter den Coulissen spielenden Donna, welcher ebenfalls an
Leonhart seine Rittersporen wenigstens schimpfend verdienen wollte,
eingestandenermassen an einem gewissen unheilbaren Leiden kränkelte. Daher der
Todesmut dieser Todeskandidaten.
    Nun erfuhr zwar Leonhart bald darauf von verschiedenen Seiten überraschende
Dinge über seinen edeln Feind, welche er jedoch schweigend ad acta legte. Auch
das sonstige einstimmige Urteil über den Trefflichen lautete gleich ungünstig.
Nicht mal mit der Duell-Bravour hatte es seine Richtigkeit, da er kurz vorher
erbleichend »kniff«, als einige gefährliche Studenten ihn wegen einer cynischen
Bemerkung über das gesammte weibliche Geschlecht (daher Chef der
»Töchterzeitung«) zur Rechenschaft forderten. Aber der Dichter, dessen Mensuren
und Schlachten auf ganz anderem Gebiete lagen als auf dem der pöbelhaften
Klopffechterei, schien ihm ein bequem wehrloser Prügeljunge, während er selbst
vor seinem Todfeind Schmoller zitterte wie Espenlaub, wenn er diesem zufällig
auf dem Pferdebahn-Perron begegnete, »zerschmettert von meinem Blicke,« wie der
grosse Sittenschilderer ausschmückend hinzufügte.
    Kurz, von welcher Seite man den ritterlichen ironischen Kneiferhelden auch
betrachten mochte, - überall blieb er die gleiche einnehmende Überflüssigkeit,
die ihre ganze Existenzberechtigung aus dem Wörtchen »von« herleitete.
    Einen Augenblick empfand Leonhart, als die fischblütige Ruhe dieses
Wouldbe-Gentleman an ihm die hartnäckige Betonung der Duell-Notwendigkeit »aus
unsern gesellschaftlichen Verhältnissen heraus« wie eine Schraubentortur
weiterquetschte, das Gelüst aufzuspringen: »Sie sind ja ein Bube, Sie!« Sein
Stock zitterte in seiner Hand, es schwamm ihm rot vor den Augen und er sah
gleichsam das Blut langsam die wachsbleiche abgelebte Todtenmaske
heruntertropfen, wenn er quer durch die hohngrinsende Fratze hieb.
    Denn dieser gutmütig weiche Charakter durfte leider mit Hamlet gestehen:
»Wenn ich auch mild bin von Natur, so ist doch was Gefährliches in mir, das ich
zu scheuen bitte.« Es war nur ein Augenblick, es ging vorüber. Er überlegte
blitzschnell, was denn eigentlich daraus werden solle. Von höchstem moralischen
Mute, fühlte sich der Dichter, zwischen Jähzorn und Niedergeschlagenheit
schwankend, so nervös herabgestimmt, dass eine allgemeine Schwäche der
persönlichen Initiative (neben höchster Anspannung des Willencentrums in rein
geistigen Dingen) ihn vor rohen Äusserlichkeiten zurückbeben liess. Sollte er
sich hier persönlich mit dem gefährlichen Lauerer herumwürgen? Derselbe war
allem Anschein nach wohl stärker, wie denn rauflustige Memmen immer nur dem
physisch Schwächeren gegenüber Mut schöpfen, da ihnen ja nichts imponirt als
körperliche Züchtigung. Von physischem Mut kann ja überhaupt nur dem Stärkeren
oder gleich Starken gegenüber die Rede sein.
    Die Renommisten der Fechtböden, prahlend mit ihrem muskulösen Arm, die
minder Gewandten abfertigend, laufen oft in der Schlacht davon.
    Duell! Sollte er sein kostbares Loben, von welchem die Zukunft der Poesie
abhing, aufs Spiel setzen, um einem wertlosen Junkerlein als Zielscheibe seiner
Schiesskunst zu dienen?! Nein, diese Farce der Selbstentehrung, zu Ehren eines
formvollendeten Rowdie für das Gerippe einer moderzerfressenen After-Ehre,
sollte nicht den Mephisto des Zufalls ergötzen.
    Leonhart erhob und empfahl sich kurz, mit lebhaftem Bedauern, dass ihre
Auffassungen so weit auseinander gingen. Schnapphahnitzkoy geleitete ihn mit
stummer Verbeugung bis zur Tür. Von beiden Seiten war kein zuchtloses Wort
gefallen. In dieser Hinsicht wenigstens verleugnete jener merkwürdige Mensch
nicht die Erziehung eines früheren Offiziers.
    Beide ignorirten sich natürlich seitdem, wobei Schnapphahnitzkoy
selbstverständlich von dem stolzen Bewusstsein strahlte, einen grossartigen
moralischen Triumph über diesen eingebildeten Dichterheros erzielt zu haben. Es
gibt eine Heuchelei der Ehre, wie eine Heuchelei der Moral, und man möchte mit
Falstaff fragen: Was ist Ehre! Jedenfalls hatte der Grössenwahn der falschen
Kavalier-Ehre wieder mal sein Opfer verlangt und zog sich mürrisch zurück, da
sein planmässiger Mordversuch an der gesunden Vernunft und Vorurteil-Verachtung
des Umgarnten machtlos abprallte.
    Uebrigens rächte sich der Ritter von Schnapphahnitzkoy später auf eine
höchst gentlemanlike Weise für den abgebljetzten Einschüchterungsversuch
(eigentlich »Nötigung« zum Zweck der Körperverletzung), indem er seine Feinde
Schmoller und Leonhart nach deren Verfeindung wegen einer Injurien-Klatscherei
öffentlich durch eine gänzlich erlogene Tatbestand-Entstellung gegeneinander
hetzte, welche Leonhart jeder Zeit durch compromittirenden Abdruck der eigenen
Briefe Schnapphahnitzkoy's an ihn hätte aufdecken können. Freilich entsprach es
auch der Verlogenheit Schmoller's, dass er, obschon Leonhart gegenüber
schriftlich wiederholt das Gegenteil bekundend, seinerseits nun die Darstellung
Schnapphahnitzkoy's mit Bezug auf Leonhart's angeblichen »Verrat« an seinem
früheren Freunde als richtig auffasste, während lediglich er selbst seine Ansicht
über Schnapphahnitzkoy aller Welt förmlich aufgedrungen hatte. Verlogenheit
hier, Verlogenheit dort - in der Mitte die Unvorsichtigkeit einer schwachen
Stunde vertrauensseliger Dupirung durch Schnapphahnitzkoy's falsche
Freundlichkeit und Wehklage über Leonhart's kühle Ablehnung, welche offenbar
durch Schmoller's Verläumdungen inspirirt sei!
    Wegen solcher elenden Skandalaffaire hatte Leonhart schlaflose Nächte
gehabt, weil er jeden Zweifel an seiner Loyalität als schweren Schimpf empfand,
indes Schmoller wie ein Wahnsinniger umhertobte und der Adelszwerg sich
schadenfroh ins Fäustchen lachte, zwei Riesen hinterrücks in die Ferse gestochen
zu haben. Gegen solche Meister des äusseren Scheins nutzt nichts die grobe Keule
der sittlichen Entrüstung, sondern nur das Stilet ironischen Hohnes ....
    Schnapphahnitzkoy referirte hier für die hochvornehme »Kreuz- und
Schwertzeitung« und beschloss ritterlich, wie seine Auftraggeber, das Werk eines
gräflichen Standesgenossen bis über den grünen Klee herauszustreichen. Lautet
doch der allgemeine gang und gäbe Grundsatz der Berliner Kritik: So'n bisschen
Französisch und so'n bisschen Adlig is doch gar zu schön!
    Sein herumschlenkernder Kneifer küsste grade zärtlich den edeln Kneifer,
welchen der grosse Heinrich Edelmann neben ihm schielend unter dem Parketsitz
putzte. Haubitz hingegen kneiferte kühn die Logen an und strich sein schwarzes
Knebelbärtchen, während er stockschnupfend einige weltbewegende Messiasaxiome
umherstotterte. Sie referirten ja ebenfalls für ein christlich-teutonisches
Blatt und hatten sich feierlich zugeschworen, ihren gräflichen Freund derartig
zu preisen, dass er sich einer Anzapfung mindestens um 200 Mark nicht mehr
entwinden könne. Das Loos sollte entscheiden, wer von Beiden diesmal »für einen
darbenden Freund« die Kritik-Gebühren eintreiben solle.
    Schnapphahnitzkoy gab sich mit so was nicht ab, sein Streben ging vielmehr
nach einer guten Partie, wie es bei diesen schlechten Zeiten nun mal nötig
scheint. Doch würdigte er vollkommen die Haltung der beiden verwandten Seelen,
welche er sofort als »vornehme Naturen«, wie die technische Phrase lautet,
erkannt hatte. Auch Wurmb schloss sich mehrmals begeistert an, wenn sie alle
zusammen beim Schoppen die sittliche Grösse des wahren charakterfesten Idealismus
betonten, im Gegensatz zu der unwahren Weltschmerzfexerei und proteusartigen
Unfestigkeit eines Leonhart, auf dessen kindlichen Grössenwahn doch nun mal all
ihre litterarischen Biergespräche unfehlbar wie die Nadel zum Magnet hinzielten.
    Schnapphahnitzkoy erwähnte mit tadelndem Bedauern, dass man doch einen
Kavalier wie Krastinik von seiner schier unbegreiflichen Vorliebe für jenes bête
noire loseisen müsse. Die Waffenbrüder lächelten verschmitzt. Sie kannten die
oft erprobte menschliche Natur. Spielte man nur den Freund gegen den Freund aus,
so würde die geschmeichelte Eitelkeit des Einen und die verletzte Eitelkeit des
Andern den Bruch schon von selber herbeiführen. Haubitz empfand eine diabolische
Wollust des Vorgefühls. Wie wollte er Krastinik anpreisen und ihn den
Stümpereien eines Leonhart gegenüberstellen!
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    Die Klingel ertönte zum zweiten Mal. Das Bienenkorbgesummne eines
Premierenpublikums vor Beginn der Vorstellung verstummte. Die wogenden Linien
sanken in sich zusammen. Statt des Rauschens und Knisterns der Damentoiletten
hörte man nur noch den üblichen Lärm der sich hebenden oder niederschlagenden
Klappstühle, wenn die zu spät Kommenden sich in die Reihen durchdrängen. Der
Vorhang ging auf.
    Schon nach den ersten Worten verbreitete sich eine angenehme Verwunderung.
Das war nicht die geschwollene blühende Jambensprache, an welche man bei
historischen Dramen gewöhnt, das war nervige realistische Prosa. Das waren keine
teatralischen Pappfiguren, das war wirkliches angeschautes Leben. Der Dichter
vermittelte den Geist des alten Venedig so unmittelbar, dass man sich wie zu
Hause fühlte. Die Handlung drehte sich um die Vermählung Katarina Kornaro's mit
dem Kronprätendenten von Cypern und die Erwerbung dieses Inselreichs durch die
meisterliche Diplomatie Venedigs, welche schonungslos jedes Einzelglück ihren
Zwecken opferte.
    Hier sah man die Emsigkeit, mit welcher sich die Meereskönigin zum Trotz des
umbrandenden Meeres auf ihren eingerammten Pfählen lagerte und unablässig mit
der andrängenden Flut um ihr glanzvolles Leben rang, indem sie staunenswürdige
Ingenieur-und Baumeisterwerke entgegendämmte. Die unermüdliche Entwickelung der
Seekunde, der kühne Erwerbs-und Forschertrieb, der diese Kaufleute in fernste
Zonen führte, so dass selbst die verlorenen Söhne Venedigs den Orient überall als
Minister, Admirale und Handelsherrn beherrschten - alles das trat hier in die
Erscheinung. Vor allem aber entfaltete sich das politische System dieses
Insel-Roms, dessen Staatsgebilde die Kraft des menschlichen Willens im
geduldigen Verfolgen eines grossen Ziels offenbarte. Der Dichter lehrte durch
anschauliche Darlegung, warum Machiavell im »Buch vom Fürsten« die geheime
Schreckensherrschaft Venedigs als Muster hinstellte - diesen »Schrecken«, der
sich auch später im Wohlfahrtsausschuss des französischen Convents als
förderliche Waffe erwies. Man begriff, warum Taine den Bonaparte als einen Enkel
der italienischen Condottieri gleichsam atavistisch erklären will, als eine
postume Neubelebung des Renaissance-Systems, wie dieses sich am klarsten in
Venedig verkörperte.
    In dem Admiral Moncenigo hatte der Dichter eine Gestalt geschaffen, aus
einem Gusse und doch von feinster Detaildurchführung.
    Man sah gleichsam die geflügelten Marmorlöwen San Markos ihre Schwingen
beutegierig über Land und Meer breiten und ihre Krallen einschlagen. Warum die
vier Erzrosse aus Byzanz, welche an der Mittelfront des Doms so ernst
herniederstarren auf die tändelnden Tauben der Piazza, an die Sonderstellung
Venedigs als halborientalische Weltmacht erinnerten, begriff man an diesem
umfassenden Gemälde verschollener Herrlichkeit.
    Selbst der Dom San Marko (an dessen byzantinischem, mit romanischem und
Ansätzen des gotischen vermähltem Stil alle Epochen der Venetianischen Grösse
mitgebaut - von der strengen Würde des Donatello-Stils bis zum üppig blendenden
Schwung der Hochrenaissance, welche sogar ein Farbengemengsel von Blau, Braun,
Gelb, Weiss und grellbunten Fresken zur Schmückung der äusseren Façade verwendete)
redete hier in der Teaterdekoration seine wahre Sprache. Man gewann zwanglos
tiefere Beziehung zu all diesen Zeugen der Weltgeschichtsentwickelung. In der
spitzschnabeligen schwarzen Gondel - ein Sarg unter steinernen Leichen - glitt
man gleichsam mit dem Dichter dahin und verstand die Schatten, die um die
Kirchhofstille der Paläste griesgrämig dahinschlichen. Unter der
hellerleuchteten Rialtobrücke fort, tauchte man unter in dunkle Kanalgassen und
trieb langsam hinaus durch Canale Grande zum blauen Lido, während auf
abgelegenen Winkelplätzchen allentalben Kirchen von überwältigendem Reiz reifer
Formschönheit emporsteigen. Man atmete gleichsam den Salzgeruch, der die Mauern
umwittert und sie mit einer köstlichen bräunlich-grünen Lasur bekrustet.
    So verwuchs die Handlung des Dramas gleichsam mit den äusseren Ornamenten der
Scenerie. Das ganze Patrizierleben dieser Märchenstadt des Herzens schüttete
seine Fülle verschwenderisch aus - Marmor, Gold, Brokat und Atlas, Mosaik und
sammetweiches Farbenglühen der Gemälde - und wurde zugleich in seinen innersten
Saugfäden offenbar. Es war, als ob die Pfähle, auf denen die Inselstadt erbaut,
blossgelegt würden. Aus allen Taten und Worten dieses Lebensbildes tönte aber
die Mahnung des Dichters: So macht man Weltgeschichte! Das hat den deutschen
Tröpfen stets gefehlt. Nur rücksichtslose weltkluge Niedertracht führt zum
Ziele. So, durch tausend Verwickelungen unentwegt sein geheimes Ziel vor Augen,
pflanzte Venedig auf der Leiche seines vorgeschobenen Schützlings, des Königs
von Cypern, sein Banner auf und benutzte die Schönheit der Venetianerin
Katarina Kornaro zu einem politischen Schachzug.
    Ein seltsamer Epilog krönte das sonst so schonungslos realistische Stück,
ein Epiolog, dessen innere Notwendigkeit gleichwohl sofort ins Auge sprang.
Nachdem nämlich der 5. Akt an der Riva gegenüber der Seufzerbrücke im goldigsten
Sonnenglanze farbigen Glückes geendet, zog sich plötzlich ein nebeliger Flor
über die Scene. Man hörte eintönige Donner rollen und eintönig den Regen
niederplätschern. Die meisterhafte Inscenirung gab genau jene Stimmung einer
Regennacht in Venedig wieder, wo man gleichsam in purem Wasser zu schwimmen
glaubt, von oben durchweicht und unten auf allen Seiten die grünlichen Lagunen.
Da glitt eine schwarze Gondel heran, an deren Stern ein Man in schwarzem
Pilgermantel stand, eine Lyra im linken Arme gebettet, während seine Rechte mit
mondessilbernem Zauberstab die Wogen zu beschwören schien. Und die Wogen
murmelten ein Lied von Ihm, dem Gast des zerfallenen See-Gomorrha, das ihn mit
Gift berauschte aus venetianischen Kelchen.
    Wohl ein Gedanke, würdig eines so grossen Dichters wie dessen, der dies
gewaltige Drama geschaffen: Dem Weltdichter des Weltwehs, dem Bräutigam der
Schönheit, Lord Byron, das letzte Wort zu lassen, die Klage um aller
Menschengrösse Vergänglichkeit. Und die Gestalt, halb als Vision gedacht,
nebelumflort, sprach also:
Noch klebt Schaum und Tang des Meeres,
Dem entstieg dies Wasserwunder,
An dem bröckelnden Gewande.
Marmorsäulen, Palastgiebel
Rings verächtlich niederschauen,
Wie herabgekommene Prinzen,
Vornehm ruhig auf das Lärmen
Dieser neuen Pöbelwelt.
Ueber allem webt sich farbig
Ein geheimnisvoller Schleier.
Den Rialto neubeleben
Bunte Maskenkarnevale
Schauender Erinnerung.
Schnitzerei des Buccentoro -
Die gehörnte Dogenmütze
Auf dem weissen Martyrhaupte
Foscari's und Falieri's
Und des blinden Dandolo -
Scharlachseidene Talare
Der geheimen Tribunale -
Alle Perlen der Kornaro
In dem Goldhaar schöner Damen,
Wie sie Tizian conterfeit -
Alles wirbelt hier zusammen
In ein Bachanal der Sinne,
Feiert eine Dogenhochzeit
Mit dem Meer der Phantasie.
O Venedig, stolze Greisin,
Greisin in zersetztem Purpur,
Steige her zu meiner Gondel
Nieder von den Marmostufen,
Die der Flügellen bewacht!
Wie die letzten Senatoren
Grollend einst hinabgeschritten
Aus dem Saal der letzten Sitzung
Bei dem Fall der Republik!
Also fahre mit mir, fahre
Weit hinweg mit Deinem Freunde,
Weit hinweg aus dieser neuen
Jämmerlichen Welt der Prosa!
Horch, die alten Glocken klagen
Droben von dem Kampanile:
Für Venedig und die Dichter
Hat die Erde nicht mehr Raum!
    Langanhaltender Beifall, wiederholtes donnerndes Bravo bestätigte, als der
Vorhang fiel, den tiefen und nachhaltigen Eindruck der Dichtung. Das war einmal
etwas ganz Neues, etwas, was noch nicht von den alten Tragikern vorweggenommen.
Das war das politische Drama, die Historie grossen Stils, das realistische
Hohelied der Weltgeschichte.
    »Krastinik! Graf Krastinik!« schrie es aus allen Logen, von allen
Gallerieen. Der tobende Beifall nach den ersten Akten hatte das Erscheinen des
vielbegehrten Dichters vor der Rampe nicht erzwingen können. Jetzt aber nach
Ende der Vorstellung musste er doch dem brausenden Hervorruf folgen. Der Director
stürzte aus seiner Loge, um selbst hinter Coulissen den Beglückten
herauszuholen. Allein nach längerer Pause meldete er persönlich mit verlegenem
Gesicht dem ungeduldigen Publikum, dass der Dichter sich bereits entfernt habe.
Er danke also im Namen des genialen Verfassers für die herzliche Aufnahme.
    So war denn ein neuer grosser Dichter aus der Taufe gehoben. Sämmtliche
Teaterkritiker stürzten in wildem Pêle-Mêle zu ihren Droschken, um sofort auf
der Nacht-Redaction die denkwürdige Tatsache für den Morgentisch Berlins zu
serviren. Allen voran als der Findigste rasselte der Referent des
»Börsencourier« in seiner vorher bestellten Droschke I. Güte, der einzige
Gutmütige nebenbei, der mit wirklichem Wohlwollen auf etwas Gelungenes hinwies.
 
                                      II.
Ja, wo war Krastinik? Auch er hatte sich in einen Wagen geworfen und sass nun
einsam brütend vor seiner Lampe. Von Leonhard hatte er nichts gehört, da
verabredetermassen, um keinen Verdacht zu erregen, dieser sich ihm fernhielt.
Gewiss war er mit im Teater gewesen. Der Glückliche! - Wahrhaftig, der Graf
hatte eine Rittertat auf sich genommen, schwerer und bitterer als manches
Martyrium. Sein Stolz litt unbeschreiblich. Hundertmal hätte er hinausstürzen
mögen vor die Lampen, um dies vielköpfige Gemengsel von Seide, Patchouli und
Pomade anzubrüllen: »Ihr Elenden, ihr Narren! Dass Keiner von Euch ahnt, nur
Einer könne das geschrieben haben, der unbekannte Gott, den Ihr nicht kennt!
Nicht der Graf, den Ihr so innig bejubelt, ist euer Idol, sondern der
verlästerte niedergetretene Anti-Streber, den ihr beschimpft, ohne ihn zu
kennen!«
    Aber auch der alte Sauerteig der menschlichen Selbstsucht gährte mächtig auf
- das eigene Dichtertum des tapferen Mannes, der sich hochherzig dazu
überwunden, dem Grösseren als Fussschemel zu dienen, fühlte tiefer und tiefer den
Stachel verwundeter Eitelkeit.
    Man mochte ja seine selbstlose Absicht anerkennen, - - aber etwas vom Raben,
dem man die Pfauenfedern nimmt, blieb gewiss an ihm haften. Ein Beigeschmack von
Neid, den er mühsam unterdrückte, mischte sich der Anwandlung unwilliger Scham
und Scheu vor dem Gespötte der Welt .....
    Auch am andern Tage erwartete er Leonhart vergeblich. Er liess sich
verleugnen, als natürlich pflichtschuldige Satelliten des Erfolges ihm
nacheinander ihre Aufwartung machten. Die eingebogenen Zeugen der Teilnahme
häuften sich auf seiner Visitenkarten-Schale. Krastinik lächelte bitter. Noch
bitterer, als er die Zeitungen las, welche ausnahmslos einen »Riesenerfolg«
constatirten und den gräflichen Dichter in kühnem Schwunge mit Lord Byron
verglichen.
    Warum kam nur Leonhart nicht? Gegen Abend liess es Krastinik keine Ruhe mehr.
Er griff zu Hut und Stock und machte eine Abendpromenade. Da begegnete ihm der
Oberst von Dondershausen, dem er umsonst zu entwischen suchte. Mit Elan stürzte
der patriotische Sänger auf ihn zu und drückte ihn an die ordengeschmückte
Heldenbrust. Er war nicht im Frack, trug aber gleichwohl seinen neusten Orden
mit Eichenlaub spazieren. Er gehe nämlich zu einer zwanglosen Soirée bei
Commerzienrat Wolffert. »Sie wissen, der grosse Waffenfabrikant.«
    »Und Fortschrittsredner.«
    »Ah, das ist so seine Marotte. Sonst ein hochpatriotischer Mann, wird bei
Hofe eingeladen, Sie verstehn. Eine durch und durch vornehme Natur! Kommen Sie
mit, Verehrtester! Wolffert wird sich unendlich freuen und die Ehre zu schätzen
wissen.«
    »Ah, ich bedaure ...«
    »Nichts da, liebster Graf! Glauben Sie mir, Der kann Ihnen nützlich werden.
Man muss nie die Gelegenheit vorübergehen lassen..«
    »Selbst wenn ich wollte, ich bin nicht in Toilette..«
    »Braucht's nicht. Im Überrock ist befohlen. Ist nur eine ganz zwanglose
Abendunterhaltung, nicht in Wolffert's Stadtwohnung in der Viktoriastrasse,
sondern in seiner Schöneberger Villa. Unter uns, hat seine eigene Bewandtnis.
Heut führt sich zum ersten Mal die junge Frau Wolffert in die Gesellschaft ein.
Eugen Wolffert junior, einziger Sohn und Erbe.. hm, hm, haben Sie nicht gehört?«
    »Keine Spur. Mir eine terra incognita.«
    »Na also, der junge Mann leistete sich den Luxus einer etwas excentrischen
Heirat. Die Geschichte ist erst vor kurzem ruchbar geworden. Hat sich ohne
Wissen des Vaters in Hamburg mit einem Mädchen trauen lassen, das - das - hm,
hm, Sie verstehn.«
    »Was, ein Akt aus Dumas' Kameliendame?«
    »Gott behüte, nein! Ein sehr anständiges Mädchen, sehr, und wie man sagt,
eine blendende Schönheit.«
    »Ein armes, tugendliches Bürgermädchen? Ei, ei, wer hätte das von einem
Wolffert gedacht!«
    »Ja, ja, arm und tugendhaft. Nur.. nur.. ihre Vergangenheit ist ja sonst
fleckenlos.. nur soll sie mal einen Monat lang bei einigen Malern in Berlin
Kopf-Modell gestanden haben..«
    »Modell gestanden?« Krastinik horchte hochauf. »Das ist ja sehr
interessant.«
    »Ja, wie gesagt, in allen Ehren. Die Herrn Maler, welche sie kannten,
stellen ihr einstimmig das beste Zeugnis aus, auch mein hochverehrter Freund
Adolf von Werter, den ich soeben besuchte. Ach, ist das ein Mann! Diese
schlichte, bescheidene, vornehme Erscheinung! Sie kennen ihn doch?«
    Krastinik nickte kurz, ohne zu antworten. Jener freche geschmeidige Streber
mit der Handwerksburschen-Visage und der wallenden Rafaelsmähne ekelte ihn an.
»Also in Hamburg hat Herr Wolffert junior sein Ideal gefunden?«
    »Ja, ob dort gefunden, daraus wird man nicht klug. Jedenfalls hat er sie
dort geheiratet und seinem Alten dann einfach die ergebenste Mitteilung
gemacht. Der soll wie von Sinnen geworden sein, hat sofort Enterbung verfügen
wollen und was weiss ich! Am Ende aber hat ihn Wolffert doch herumgekriegt oder
vielmehr, wie man sagt, die schöne Schwiegertochter. Denn unser schneidiger
Fortschrittsredner weiss in Allem genau zu rechnen und hat wohl eingesehn - hehe
-, da ja doch nichts mehr daran zu ändern war, dass eine schöne Schwiegertochter
ihm grade für seinen Salon passt, wo er alle Kreise zu vereinigen strebt. So
machte er denn gute Miene zum bösen Spiel und spielt jetzt sehr geschickt auf
der Fortschrittssaite - hehe. Ohne Vorurteile, verstehn Sie.. Tochter des
Volkes, durch ihre Bravheit geadelt.. die Wolffert's brauchen nicht auf Geld zu
sehn. hehe.. verachten alles Materielle, verstehn Sie.. der grosse Freiheitsheld
steigt durch seinen Sohn zum Volke herab.. na, seine Popularität soll durch
diese volksmässige Heirat des Jungen enorm gestiegen sein.. utile cum dulci,
hahaha!« Dondershausen lachte laut und schmetternd.
    Krastinik gingen seltsame Gedanken durch den Kopf. Er dachte natürlich an
Roter und seine ähnliche Absicht. Wie wunderbar das Leben die Kontraste
combinirt! - Warum sollte er sich übrigens diese Posse nicht mal mit ansehn?
Seine nervöse Unruhe und Verstimmung verschlimmerte sich nur durch Einsamkeit.
Er musste Gesellschaft suchen, sich zerstreuen. - Nach einigem Zögern sagte er
Dondershausen zu, ihn begleiten zu wollen, und beide rollten im Droschken-Tempo
die Potsdamerstrasse entlang nach der Richtung des Botanischen Gartens.
 
                                      III.
Der Jour Fixe des Commerzienrats Wolffert hatte wie gewöhnlich viele Freunde
des Hauses angelockt. Auch Neugier, die junge Frau kennen zu lernen, zog an.
Kaum angekommen, verloren sich Dondershausen und Krastinik im Gedränge und es
gelang nicht, den Wirt aufzustöbern. Endlich zeigte der Oberst dem Grafen den
Sohn des Hauses und Letzteren frappirte sichtlich die blasirte Miene des jungen
Ehemanns. -
    Eugen hatte seinen Willen durchgesetzt, einen »elementaren
Persönlichkeitsbeweis« abgelegt, wie der philosophische Oberst dies bezeichnete.
Aber nun langweilte sich bereits der junge Weltbummler.
    Das eigentliche Fieber der Leidenschaft, das ihm einst die Eingeweihte
verzehrt und die Seele verbrannt hatte, verkohlte. Eine gleichgültig gemütliche
Zärtlichkeit trat an seine Stelle. Ihn reizte hauptsächlich noch der Gedanke,
dass die vielbegehrte Schönheit von ihm schwanger sei. Dies Behagen an ihrer
Schwangerschaft hatte etwas schmutzig Egoistisches. Eigentliche Liebe oder
Leidenschaft fühlte er keineswegs mehr für das schöne Geschöpf, sondern vielmehr
eine eitle Besitzfreude. »Ich habe sie,« das war der Grundgedanke seiner
Neigung. Weit mehr, um dies Besitzrecht zu zeigen, als aus Begierde fröhnte er
den Freuden der Liebe mit andauernder Regelmässigkeit. Ganz vereinbar damit war
es, dass er innerlich jeden Morgen murrte, weil er leidenschaftlos, einfach aus
Gewohnheit und Eitelkeit, seine Säfte verschwendet hatte. So trägt jede
erotische Leidenschaft ohne wahre Liebe ihre Geissel in sich selbst. Eine gewisse
beiderseitige Kälte sänftigte wohltuend die Gefühle - ihre Liebesaversion und
seine erotischen Flammen. Sein Gehirn fing an, seine Sinnlichkeit zu absorbiren,
und eine gewisse Nervenschwäche, die sich latent bemerkbar machte, trat hinzu.
Eigentlich fühlte er sich wohl dabei, dem Druck des geschlechtlichen
Alleingefühls entronnen zu sein. So löst sich die Empfindung in ewigem Kreislauf
ab. Grämliche Verdriesslichkeit folgt meist der sinnlichen Anreizung, beseitigt
aber dafür auch das Fieber des Verlangens und kühlt zu gelassener Arbeitsruhe
ab. So kann unter Umständen auch das Laster mehr kalte Seelenruhe verleihen als
die Tugend, die von Sehnsucht kaum trennbar. Andrerseits erhöht wieder die
Keuschheit, sobald sie sich in ritterlicher und hochherziger Leidenschaft für
ein bestimmtes Wesen ausdrückt, die Kräfte des Einzelindividuums über sich
selbst hinaus. Ein platonisch Liebender, der als Endziel seiner Mühen ein Weib
ersehnt, ist von unwiderstehlicher Stärke und wagt den Kampf mit dem Schicksal,
indem er die persönliche sinnliche Selbstsucht gleichsam aus verfeinerter
Selbstsucht niederzwingt. Hingegen werden Keuschheit und Gesundheit an Leib und
Seele um so tiefere Schmerzen bereiten, wenn ihnen die Schwäche und
Sinnenknechtschaft der meisten Andern nahegerückt wird.
    Wie kann ein sinnlich Denkender je die volle Pein einer unglücklichen Liebe
empfinden!
    Jedenfalls scheint Alles, Glück wie Unglück, Tugend wie Untugend, vollkommen
gleichwertig für die Entwickelung des Individuums.
    Schlaffe und müde Genussentfähigung ist ein verdriesslicher Zustand, aber
nicht minder die Sehnsucht nach irgend einem Genusse, der leichter oder schwerer
errungen werden kann und dessen Erwartung nun die beschauliche Geistesstimmung
des Normalzustandes stört.
    ... Krastinik warf einen prüfenden Kennerblick auf die Gesellschaft und bat
den liebenswürdigen Ordensjäger, der nach allen Seiten, bücklingte, um
aufklärende Bezeichnungen.
    »Wer ist dieser Herr dort, der so krampfhaft gestikulirt?«
    Er wies auf einen Bonvivant mit gerötetem Faungesicht bei stark ergrautem
Backenbart, welcher in heulenden Fisteltönen einer ewigen Extase Luft zu machen
schien.
    »Wie? Den kennen Sie nicht? Dass ist ja der berühmte Kritiker Ludolf Lutsch.«
    »Ach Herrje! Das jenügt!« schnarrte Krastinik ironisch. »Freut mich den Mann
zu sehn, der selig machen und verdammen kann!«
    Natürlich schien die Finanzwelt stark vertreten. Auch jener hervorragende
Makler war erschienen, welcher einst Kati in einem so überschwänglichen Brief
die Ehre der Maitressenschaft angeboten hatte. Mit einem gewissen Hochgefühl
strich er seinen wallenden schwarzen Bart, indem er Kati aus der Ferne gierig
mit seinen Blicken verschlang. Sonst war sein Verhältnis zur Kunst kein intimes
zu nennen gewesen und beschränkte sich auf Unterstützung des Ballets. Nun fiel
ihm die Binde von den Augen und er erkannte sich als »Idealist«. Bisher
schlummerte dieser Trieb im Verborgenen. Aber seit der Prozess Graef ihn über das
wahre Wesen des »Ideals« aufgeklärt, schwang er sich durch fleissige Betrachtung
und Behandlung zur Höhe der Kunst, zum Nackten, nunmehr mit vollem Bewusstsein
empor. Jetzt brachte er seinen Idealen eine ihm neue künstlerische Begeisterung
entgegen, welche auf dem vertieften Studium der sogenannten Natur beruht. Bisher
handelte er eben mit dem Instinkt des Unbewussten, wenn er seine nicht
ungewichtige Verehrung »diesen Damen« zu Füssen legte. Jetzt aber wusste er, dass
ein geheimer künstlerischer Drang ihn zur Betrachtung des Akt-Stehens trieb. O
hätte er doch, wie dieser Schwerenöter Eugen, das herrliche Naturmodell
käuflich erworben! Er hatte es ja dazu. Denn die Kunst geht nach Brot und das
Studium des Nackten ist teuer. Schade! Er hätte es sich gern was kosten lassen.
Nochmals Schade! Mit dem erkorenen Spezial-Modell war es nun nichts mehr. Doch
wer weiss! Es ist noch nicht aller Tage Abend. Frau Kati Wolffert würde
vielleicht nicht immer unnahbar bleiben. Jedenfalls halten wir fest am
Idealismus und am grossen Stil des Nackten.
    Commerzienrat Wolffert, ein dürrer Mann mit einer ungeheuren Birnennase,
Fistelstimme und katzenhaft schleichendem Tritt, huschte liebenswürdig durch die
Reihen der Gäste. Krastinik hörte einige Umstehende nähere Familiendetails
erörtern. Wolffert junior habe seine jugendlichen Torheiten überwunden, die
befürchten liessen, dass er sich dem Müssigang widmen werde. Mann befürchtete einst
sogar, dass er als litterarischer Schöngeist sich dem Staate entziehen wolle.
Jetzt aber, da er ein Mann war, tat er ab, was kindisch war, und trat ins
Geschäft des Vaters ein. Die Firma werde demnächst lauten: Wolffert und Sohn. Um
diesen Preis verzeihe ihm die Gesellschaft den unglaublichen Missgriff seiner
Liebesheirat, obschon natürlich die Damen sich fürs erste noch reservirt
fernhielten. Man sehe doch den sittlichenden Einfluss der Ehe. Uebrigens könne
man von der Vergangenheit der jungen Frau, die als Buffetdame in einem Hamburger
Café fungirt haben solle, sonst nichts Uebles reden. - Doch schien über Manches
ein Dunkel zu herrschen. So fragte ein junger Sportsman plötzlich mit offenbarer
Neugier den soeben sich nähernden Eugen, wohin er doch gleich seine
Hochzeitsreise gemacht habe. Er, der Frager, habe davon gehört, es jedoch
vergessen. Nach augenscheinlich verlegenem Zögern gab Jener kurz zur Antwort:
»Nach Norwegen.« Krastinik horchte wieder hoch auf. Ein Zufall wollte, dass der
neugierige Jüngling im vorigen Jahr mit Stangen die skandinavische Route gemacht
hatte. »Wir kamen aber nur bis Hönevoss. Kennen Sie Hönevoss?«
    »O und ob! Einer der schönsten Tage meines Lebens!« Eugens Auge blitzte auf.
»Es war ein herrlicher Juniabend. Ich glaube, der 17. Juni.« Krastinik zuckte
leicht zusammen. Wie, trug Roters Brief aus Hönevoss nicht dasselbe Datum?
    »Schneidiger Smoking-room, auf Ehre!« Ein Teil der Gäste drängte in ein
kleines elegant ausgestattetes Rauchzimmer. Dondershausen wollte die Gelegenheit
benutzen, um der Wirte habhaft zu werden und den Grafen vorzustellen. Aber
dieser bat ihn hastig noch zu warten und hielt sich beobachtend retiré im
Hintergrund.
    »Stilvoll, intim, anheimelnd!« rief Lutsch begeistert. Er beroch seine
Cigarre: »Upmann Regalia?! Jeglichem Lobe zu gross! - Ach, Herr Wolffert, Ihre
junge Frau - superb! Etwas blass. Das gibt ihrem Teint einen intimen Timbre -
gradezu stilvoll! Ach, was für ambrosische Weiber dies hochzeitliche Fest
wiederum vereinte! Alle Schönheiten Berlins zogen ihr hochzeitlich Kleid an -
manche möglichst wenig davon und das sind die einzig wahren!« dabei hauchte er,
mit halb zerkniffenen Augen, das kritische Urteil: »Diese pastos aufgetragenen,
lichtwarmen Rosatöne schmelzend ambrosischen Fleisches!«
    »Oller Fleischbeschauer!« murmelte man in der Runde. Lutsch aber fuhr
unverdrossen fort, indem er auf Commerzienrat Wolffert lossteuerte, der eben
hereingeschlichen kam: »Ihr Ball ist von einer wunderba - aren Schönheit! Selbst
auf dem Subskriptionsball sahen meine sündigen sterblichen Augen nicht solche
göttlichen Weiber!«
    Wolffert senior fühlte sich, wie es schien, peinlich berührt durch diesen
ungezügelten Gefühlssturm; denn er fistelte pikirt: »Weiber?! Ich muss doch
bitten, Damen.«
    »Damen, Madame, Signora, Miss, Milady - was Sie wollen!« heulte Lutsch
unbekümmert fort, indem er seinen Chapeauclaque schwenkte. »Für mich bleibt jede
Göttin doch einfach ein göttliches Weib! Wir, die wir atmen und weben in der
freien vornehmen Lebensanschauung der Kunst - wir jubeln und seufzen halt mit
dem Altmeister: Das ewig Leibliche zieht uns hinan! Ach und das Unbeschreibliche
hier ists getan: Sehn Sie doch nur diese Toilette!« dabei deutete er auf eine
im Nebenzimmer vorüberrauschende Dame. »Muss mir doch gleich notiren.« Er zog
sein vielbeliebtes Notizbüchlein, in Saffian gebunden, aus der Fracktasche, in
welches er ab und zu eifrig zu kritzeln pflegte, und schrieb die druckreifen
Worte:
    »Das tiefviolette Kleid mit Devant aus heliotropfarbigem Atlas,
augenscheinlich aus dem Magazin der berühmten Firma Gebrüder Witzleben
hervorgegangen, wurde noch mehr gehoben durch ein Brillantfeuerwerk. Die ganze
Erscheinung möchten wir mit dem einen treffenden Worte kennzeichnen: Brillant!«
    »Ach und dort, ich bitte Sie!« Er schrieb wieder etwas Lebendiges aus dem
Hintergrund ab:
    »Auch unsre Primadonna Donna Lucrezia Calcante - sie, welche gleich Lucrezia
Borgia ein süsses tödtliches Gift für liebeglühende Männerherzen besitzt - zierte
das Fest des grössten Waffenfabrikanten der Welt.«
    »Nana, erlauben Sie!« fiel der Vorfechter der Freiheit verlegen ein. »Sie
bringen mich um! Der Welt - das ist doch zu kolossal!«
    Doch der unerschütterliche Lutsch replicirte gewandt: »Ich bin für das
Kolossale! Auch insofern - wer ist dort die kolossale Dame?«
    »Das ist Frau Cohn, von Cohn und Compagnie.«
    »Frau von Cohn und Compagnie,« notirte Jener eifrig und schmückte den
trockenen Namen alsbald mit folgender Hyperbel, indem er halblaut heulend
schrieb:
    »Und wer, der die üppigschöne Frau C. in ihrer hellfarbig gemusterten
Brokat-Robe bewundern durfte, konnte ahnen, dass vierzig herrliche Lenze über
ihrem Scheitel dahingegangen?«
    »Sie sind bescheiden,« lachte Eugen Wolffert, der unvermutet hinter ihm
stand.
    »Sind wir immer. Na, sagen wir: neununddreissig Lenze.« Lutsch schien durch
nichts aus der Fassung zu bringen. Seine unerschöpfliche Phantasie setzte
schwungvoll fort:
    »Als Ebenbild dieser hoheitsvollen Juno schmiegten sich an sie ihre
rehäugigen Töchter -«
    »Pardon« unterbrach er sich, »hat sie Töchter?«
    »Ja doch, Sie schnurriger Interviewer Sie!« lachte Eugen. Aber schon nahm
ein neuer Gegenstand die Sinne des leicht erregbaren Ludolf gefangen:
    »Gott, was seh ich! Auch Fräulein Rasolinska, unsre göttliche Ballerina? -
Eine Inspiration!« Und er schrieb:
    »Als ein unter dem Giftbaum der Börse lagernder lieber Freund sie in ihren
Diamanten erblickte, rief er begeistet: Ich gebe für Fräulein Rasolinska 200000
Mark.«
    Seine Inspiration hatte ihn so überwältigt, dass er Wolffert senior unter den
Arm nahm und mit ihm herumtänzelte, indem er heiser dazu trällerte:
»Du hast Diamanten und Perlen ...«
    »Sst, will er wohl still sein!« Eugen hielt ihm lachend den Mund zu. »Sie
compromittiren uns noch!«
    Da sprach Lutsch die geflügelten Worte:
    »Der Skandal - das ist der Ruhm! Lehren Sie mich unsre lieben göttlichen
Weiber kennen! Wir verstehen das Frauenherz!« dabei klopfte er sich auf den
Bauch, mit der Befriedigung des guten Gewissens. »Aber ich beschwöre Sie,
liebstes Commerzienrätchen,« heulte er plötzlich »sehen Sie doch nur Ihre
Schwiegertochter, sehen Sie doch!«
    »Ich sehe ja schon!« fistelte dieser halb geschmeichelt, halb ärgerlich.
    Im Hintergrunde sah man Kati, von einigen Herren umringt, die Honneurs
machen.
    »Halten Sie mich!« Lutsch kniff Eugen in den Arm. Ich gerate in Extase!
Eine Prinzessin, eine ladylike Grazie! Für mich eine Mädchenblüte von intimstem
Reiz!
    »Intimstem? Oho!«
    »Nein, mein guter Commerzienrat, das verstehen Sie wieder nicht. Wir
Kunstbeflissenen reden eine besondere Geheimsprache. Intim - das heisst bei uns:
unsagbar, duftig keusch!«
    »Keusch - so!« lächelte Eugen.
    »Das wundert Sie? Wenn Sie meine Kritiken genauer lesen, so werden Sie
keusch und vornehm als meine Leib- und Magenwörter fast in jeder Zeile
entdecken. Wenn ich so einen Mann sehe wie Sie, dann sage ich einfach: Ein
vornehmer Charakter! Nehmt alles nur in allem, er ist -«
    »Ein reicher Mann« brummte Eugen beiseit.
    »Und was edle Frauen betrifft.. sehn Sie z.B. dort dies entzückende Wesen!«
Er notirte wieder mal:
    »Rosaseide mit türkisblauen Schleifen nebst saphirblauem Fächer mit
Straussenfedern, eine Perlenschnur um den Schwanenhals ...«
    »Sehen Sie, da sage ich schlechtweg: Ein keusches Weib! - Ach, Herr
Wolffert, und Ihre Gattin!« Sein Notizbuch zitterte ordentlich unter der Hast
des Bleistifts:
    »Eine Schlepprobe von weissem Sammt mit weissen Seerosen über einem Kleide von
weisser Seide und Brüsseler Spitzen ...«
    Kati trat eben einen Augenblick aus dem Saal herein und Eugen verfehlte
nicht, ihr Lutsch zu präsentiren:
    »Dir haben wohl die Ohren geklungen! Du hättest Deinen geistreichen Anbeter
hören sollen!«
    »Geistreich, aber ach, alt.. alt!« heulte Lutsch mit schwermütigem
Augenverdrehen, indem er Katis Hand unter vielen Verbeugungen zärtlich küsste.
»Wir armen Alten! Dahin ist die Zeit, wo die Sonne holder Frauengunst..«
    »Sie wollen wohl Complimente hören?« Kati schlug ihn leicht mit dem Fächer.
Aber ihr Auge sah leer und gelangweilt über ihn weg und in ihrem Ausdruck lag
eine müde Abgespannteit, mit einer gewissen nervösen Unruhe verbunden. Ihre
Augen irrten umher. Es war, als ob sie etwas suche - aber etwas Fernes,
Unsichtbares.
    Schon eine Zeitlang wunderte sich Dondershausen über eine auffällige Unruhe
Krastiniks, der bald vor, bald zurück trat mit einem spähenden Ausdruck, als ob
er etwas erwarte. Jetzt aber, als der Oberst ihn am Rockzipfel ergriff, um ihn
durch die Gäste zu den Wirten heranzubugsiren, wehrte ihn der Graf mit raschem
Winke ab. Hastig bat er im Flüsterton, ihn entschuldigen zu wollen; ihm sei
nicht wohl und er müsse heimkehren. Als Jener erstaunt zum Abschied die Hand
drückte, nahm ihm Krastinik noch sein Ehrenwort ab, nicht zu verraten, dass er
mitgekommen sei. Dondershausen werde ja begreifen, dass es peinlich sein müsse,
wenn Wolfferts erführen, wie man hier bloss hineingerochen und dann mit
französischem Abschied Reissaus genommen habe. - -
    In heftigster Erregung, von widerstreitenden Empfindungen geplagt,
durchwachte der Graf schlaflos die Nacht. Also hatte ihn sein Argwohn nicht
getäuscht - sie, sie selber, seine einstmalige Liebste! So gleichgültig ihm die
Erinnerung verblasst schien, konnte er sich doch eines seltsamen wehmütigen
Schauers bei ihrem Anblick nicht erwehren.. Und dann andrerseits.. ihm wurde
alles auf einen Schlag klar. Die Beiden in Norwegen, Roter auch.. Hönevoss.. am
selben Tage.. Roters Brief.. das Datum stimmte.. hier konnte ein Blinder den
Zusammenhang erkennen. Roter's lustiger Brief beabsichtigte nur eine heroische
Täuschung. Seine seltsame Todesart, die man ja ohnehin kaum als Zufall deuten
konnte, offenbarte sich zweifellos als Selbstmord. Er hatte den Zustand
wehrloser Liebesberaubung nicht ertragen, nicht dem Glück des Andern, das ihm
gebührte, zuschauen wollen. Und wohl noch mehr. Wie Roter's sensitive zarte
Natur es verlangte, mochte er nicht das Glück Kati's vernichten. Wusste er doch,
dass Krastinik in Berlin und, wenn er selbst dortin zurückkehrte, ein Skandal
unvermeidlich war. So starb er denn für seine Liebe, ein ideologischer Querkopf,
und endete, wie sein seelischer Organismus es bedingte, unglücklich und edel bis
zum letzten Atemzug.
    Dem Grafen traten unwillkührlich Tränen in die Augen. Ein unbeschreibliches
Mitleid ergriff ihn für dies Opfer erotischer Hingebung, ein Mitleid, das
zugleich den gerechten Zorn hinwegschwemmte, der ihm gleichsam Blutrache gegen
die Schuldige gebot. War sie denn eigentlich schuldig? Sollte er nun auch sie
vernichten? War es nicht genug mit einem Opfer? Aber was tun! Musste nicht
irgend eine Katastrophe sich vorbereiten, wenn er nun wirklich in ihren
Bannkreis trat? Und wie das vermeiden? War er nicht jetzt eine berühmte
Persönlichkeit, dessen Bild in den Schaufenstern hing? Musste sie nicht schon auf
seinen Namen stossen, wenn sie eine Zeitung aufschlug? Sie liebte doch wohl ihren
Mann und der hatte sie doch nur heiraten können, weil sonst keinerlei Beweis
gegen ihre Unbescholtenheit vorlag. Und nun den lebenden Zeugen des Gegenteils
vor Augen - - wie sollte das enden? Entweder verbrachte sie ihr Leben in ewiger
Angst, die auch sie zum Selbstmord treiben konnte - möglich ist ja alles. Oder
sie verfuhr aggressiv und suchte ihn auf die eine oder andere Weise unschädlich
zu machen - möglich ist ja alles. Die Rache und die Feindschaft eines
gefährdeten Weibes findet ja tausend Mittel. Oder es passirte gar das
Schlimmste: Sie liebte ihn immer noch und die alte Flamme loderte wieder auf, on
revient toujours á ses premiers amours, besonders eine Frau - möglich ist ja
alles. Wie aus diesem Labyrint sich herauswinden! Da war guter Rat teuer.
Vielleicht wusste Einer Rat: Leonhart. Morgen würden sie sich ja bestimmt sehn.
    Aber der Morgen kam und unter dem Stoss conventioneller Gratulationsbriefe
brachte die Post keine Zeile von der Hand des Nächstbeteiligten. Was in aller
Welt bedeutete das! Krastinik überwand seine falsche Scham und tunkte eben die
Feder ein, um den Freund per Rohrpostkarte zu sich zu bitten, als ihm der
Polizeilieutnant des Reviers gemeldet wurde. Ueberrascht fragte er nach dessen
Begehr. Der Beamte fragte verbindlich, aber ohne Umschweif zur Sache kommend, ob
er nicht mit dem »Schriftsteller Leonhart« befreundet. »Intim.« Ja, so habe er
gehört. Wann er ihn zuletzt gesehn habe?
    »Vor drei Tagen.« Ob ihm nicht eine tiefe Verstimmung desselben aufgefallen
sei? »Nur wie immer. Leonhart besitzt eine melancholisch-cholerische
Gemütsart.«
    »Jaja, Gemütsart! Gemütskrankheit darf man da wohl sagen. Litt er nicht an
irgend einem körperlichen Leiden?«
    »Nicht dass ich wüsste!«
    »Oder an Familienkummer?«
    »Er hat keine Verwandten.«
    »Oder an unglücklicher Liebe?«
    »Keine Spur.«
    »Oder an finanziellen Sorgen?«
    »Noch weniger.«
    »Also wohl an sogenanntem Weltschmerz?«
    »Ja, wenn man will. Doch nicht in krankhaftem Grade, sondern mehr als
tiefempfindender und denkender Kopf.«
    »Aber ihn drückte doch wohl irgend ein besonderer Gram oder Aerger oder
sonst 'was Guts?« Der Beamte fing offenbar an ärgerlich zu werden über die
Fruchtlosigkeit dieses Verhörs.
    »Nun - ja!« gestand Krastinik zögernd. »Zweifellos. Der Kummer über den
Mangel an Anerkennung.«
    »Aha, verkanntes Genie! Dacht' ich mir!«
    »Doch nicht so verkannt wie Sie vielleicht meinen. Nur entspricht sein
äusserer Erfolg in keiner Weise seinen Ansprüchen.«
    »Aha, Grössenwahn!«
    »Auch nicht eigentlich Grössenwahn,« parirte Jener mit leisem Lächeln. »Denn
er ist ja völlig berechtigt zu verlangen.. kurz, der Aerger über die
litterarischen Verhältnisse frass an ihm.«
    »Also Berufsstörung. Unannehmlichkeiten im Berufsleben!« notirte der
Polizeilieutnant mit wichtiger Amtsmiene, als sei er nun mit dieser technischen
Phrase dem betreffenden Untersuchungsparagraphen auf die Spur gekommen.
    Krastinik konnte sich kaum entalten, laut aufzulachen.
    »Von Berufsleben kann eigentlich keine Rede sein. Das Schaffen eines
Dichters ist ja kein Beruf. Doch haben sich schon öfters Dichter, um ähnlichen
Kummers willen, eine Kugel vor den Kopf geschossen.«
    »Da haben wir's! Selbstmord, Fall Heinrich von Kleist. Kennen wir.
Dichter-Wahnsinn. Fall Albert Lindner, Selbstmord oder Irrenhaus. Ich sag's ja:
Grössenwahn und nichts Anders. - Verzeihen Herr Graf dass ich Sie so belästige.
Ihre Informationen waren von entscheidendem Wert.«
    »Ja, aber..« Krastinik kam erst jetzt zur Besinnung nach diesem jähen
Sturzbad. »Darf ich fragen, warum ich Ihnen diese Frage beantworten, musste?«
    »Nochmals Verzeihung, Herr Graf. Sie wurden eben als der nächste Umgang des
Herrn bezeichnet, schon als er vermisst wurde.«
    »Vermisst?! Mein Gott, es ist ihm also ein Unglück.. reissen Sie mich aus
dieser Beunruhigung!«
    »Sehr gern oder, Pardon, leider! Fassen Sie sich Herr Graf. Sie standen dem
Herrn nahe?«
    »Sehr, sehr. So reden Sie!«
    »Nun, Herr Graf lasen wohl gestern im Polizeibericht..«
    »Ich lese nie die Reporternotizen der Blätter.«
    »So? Nun, ein Unbekannter wurde von einem Eisenbahnzuge nahe am Halensee
überfahren..«
    »Gerechter Gott!«
    »Er hatte sich selbst auf die Schienen geworfen Selbstmörderische Absicht
unverkennbar. Später wurde gemeldet, dass ein gewisser Leonhart, Schriftsteller,
seit zwei Tagen vermisst werde. Das Signalement und die Identität wurde
festgestellt. - O Pardon, es scheint Herrn Grafen doch sehr nahe zu gehn? In der
Tat, Sie werden ohnmächtig. Darf ich ein Glas Wasser -?«
    Krastinik wehrte ab. Taumelnd war er aufs Sopha gesunken, dicke
Schweisstropfen perlten von seiner Stirn. »Lassen Sie, ich bitte. Mir wird schon
besser. Und kein Anzeichen, warum..?«
    »Ach gütiger Himmel!« Der Beamte schüttelte den Kopf mit überlegenem
Lächeln. »Ihre eigenen Mitteilungen, Herr Graf, bestätigten ja nur, was man
sofort annahm. Unbefriedigte Ruhmsucht, completter Grössenwahn! Das ist ja eben
unsre Zeitkrankheit. - Empfehle mich bestens und bitte nochmals, die Störung
entschuldigen zu wollen. Gestatten Sie mir, mich sofort zurückzuziehn. Die
Discretion gebietet mir, Sie Ihrem begreiflichen Schmerz zu überlassen. Sie
scheinen immer noch recht angegriffen. Gehorsamer Diener! Bitte, sich nicht zu
bemühen.. ich habe den Vorzug.«
    Der Polizeilieutnant verschwand, indem er noch einmal beim Schliessen der
Tür aus tiefstem Herzen den Seufzer hervorholte: »Ach ja, der Grössenwahn!«
    ... Krastinik lag lange wie gelähmt. Ein entsetzlicher Schreck war ihm in
alle Glieder gefahren. Ihm war, als sei er selbst von den Schienen zermalmt.
Eine todesstarre eisige Ruhe durchfröstelte ihn.
    Er erhob sich langsam und schritt auf und ab. So musste es enden, mit einem
Teatercoup! So musste es enden, dies überreiche dämonische Leben, das im
Selbstgenuss eines titanischen Urwillens sich selbst verzehrt! O Welt, o Leben, o
Schicksal! - -
    Berg und Tal begegnen sich nicht, aber wohl die Menschen. In einem inneren
Kreislauf, dessen Zusammenhang wir nicht erkennen, laufen die Dinge zusammen.
Das Entfernteste verknüpft sich dem Nahen. Nur ward den Wenigsten im blöden
blinden Taumel ihres Daseins der lichte Blick verliehen, auf dies Rätsel zu
achten. Das Unvermeidliche schreitet mit geheimnisvollem Geisterschritt aus dem
Gestern in das Morgen hinüber. Kein Unglück kommt allein, jeder
Schicksalswendung verknüpft sich unmerklich eine neue.
    Wer klingelt? Für Niemand zu Haus. Der Telegraphenbote? Ein Telegramm, aus
London? - - Das Papier entfiel seiner Hand. Lady Dorrington zeigte ihm an, dass
ihr Gatte im Sterben liege. Er lasse ihn grüssen und ihm danken für seine
Freundschaft und sende ihm seinen Segenswunsch für fernere Erfolge auf jener
Laufbahn, die er ihm prophezeit, denn die Phrenologie lügt ja nie.
    Eine Weile stand Krastinik regungslos, vor diesem neuen Schlag wie zur
Salzsäule erstarrt. So starb denn alles um ihn her. Auch er, sein heissgeliebter
väterlicher Freund. Und er sollte ihn nie mehr wiedersehn? Nie mehr? Mächtig
ergriff den Trauernden eine unbezwingliche Sehnsucht, die letzten Stunden des
teuren Mannes zu teilen. Es stirbt sich nicht so leicht. Wenn er eilte, langte
er wohl noch rechtzeitig an ...
    Wieder überkam ihn jener Drang plötzlicher Entschlüsse, der so oft schon
sein Leben bestimmt. Deterministische Vererbung. Sein Vater hatte einst durch
solch plötzlichen Entschluss einer Kavallerieattake unter Radetzky zum Gewinn
einer Schlacht beigetragen. Nur fort hier, fort aus dieser Wirrniss!
    Seinen Koffer packen - zwei Briefe an »Kollegen« senden, welche es sicher
binnen 24 Stunden statt jeder besonderen Mitteilung in Berlin herumbrachten:
ein Todesfall rufe ihn auf einige Wochen nach London - war das Werk einer
Stunde. - - -
 
                               Dreizehntes Buch.
                                       I.
Und wieder schwamm er durchs Meer von London, von einem Lichtmeer umflossen.
Krastinik schritt langsam an der Kaserne der Coldstream-Garde vorüber, wo am
Gitter eine neugierige Volksmenge wie gewöhnlich dem abendlichen Zapfenstreich
lauschte. Die Pfeifen und Clarinetten der paradirenden Rotröcke spielten den
alten Jakobitenmarsch: Charlie is my darling, my darling the young Cavalier.
Unwillkürlich fiel er in den Taktschritt ein. Eine stolze Freudigkeit strömte
durch alle Pulse seines Wesens, ehe er sich dessen bewusst wurde. Und er dachte:
    Das ist der Marsch des Jahrhunderts! Wir alle sind eingereiht und sollten
mitmarschiren. O über die Toren, die sich wollüstig im Lager der Liebe dehnen
oder stillbeschaulich ihr Gärtchen begiessen, statt mit klingendem Spiel ins Feld
rücken!
    Wie schien alles in ihm so von Grund aus umgewandelt! Glich er doch früher
ganz jenen hochmütigen Aristokraten von »historischem Adel«, die wie die
Grandseigneurs des Ancien Regime Freiheit und Gleichheit unnützlich im Munde
führen und doch jeden nicht »Geborenen« nimmermehr als vollbürtigen Gentleman
anerkennen. Wenn er früher seine Verachtung des militairischen Berufes
ausgesprochen, so war dies nur eine »liberale« Pose und im Herzen schwelgte er
doch im Soldätle-Spiel als dem letzten Ueberrest der feudalen Ritterzeit.
    Und jetzt - ihm war, als schreite unsichtbar der Geist seines grossen Todten
neben ihm her und eine Stimme - er wusste nicht woher - sprach in ihm zum andern
mal:
    Nein, das ist nicht der Marsch des Jahrhunderts der Marsch des Intellekts.
Diese scharlachroten Söldner sind die symbolischen Satelliten des »Scharlachnen
Weibes«. Vor diesen gemästeten Maschinen stellte man zwei Götzen auf - die
nannte man Ehre und Gehorsam, zwei lichte Namen für ein dunkles Nichts.
    Aber Du, Carlyle, letzter Seher Englands, mit den hochmütigen Junkernüstern
und -Kinnbacken, der Du den Zaren als Muster empfahlst, weil er mit der Knute
seine Myriaden zudrille - Du verworrener Widerspruchsgeist, der sich als
unfehlbare Wahrheit proklamirte - Du lügst dennoch! Und Dein grober
Berserkerhumor und Deine cynischen Wortkolosse sind auch nur Bastarde jener
Humanitätsphrasen des aufgeklärten Despotismus - und ihr stammt allesammt vom
Lügenvater.
    Nein, die Stunde naht, wo auch in diese zurechtgeprügelten Uniform-Automaten
der heilige Geist ein neues Leben hauchen wird, und die Puppen werden ihre
Götzen selber zerschmeissen. Wie schon jetzt die Iren in der Armee mit der Sache
ihrer unterdrückten Heimat fraternisiren, so werden sie dann alle ihr Rüstzeug
ohne Schwertstreich den Söhnen der Freiheit überliefern, wenn diese
Staatskarossen erst umgestülpt werden zu Barrikaden.
    Der Graf blieb stehn, wie gelähmt. Er erschrak vor sich selber, vor seinem
Elan. War es derselbe, der einst den französischen Adel der Nationalversammlung
in jener berühmten Augustnacht begeisterte, seine eigenen Feudalrechte mit einem
Federstrich zum Schuttgerümpel der Vergangenheit zu werfen? Wie und waren nicht
auch dies nur ideologische Verzückungen, Phrasen einer Schein-Wahrheit? Solche
unreifen Raubtier-Instinkte mochte ein Schmoller nähren, diese literarische
Verkörperung des vierten Standes und seiner grössenwahnsinnigen Gelüste. Würde
aber Leonhart, der eminent positive Denker, also gedacht haben? Nein. Am Morgen
hatte Krastinik zufällig auf Trafalgar Square ein Meeting besucht, lauter
gediegene Radikale, die da im Chorus die Nationalhymne brüllten: »Briten sollen
nimmer Sklaven sein.« Aber sie rochen meilenweit nach Rum, der ja freilich nach
Burke den Pfad zum Ruhme bildet! Und die Bestechungs-Schillinge klimperten in
der Tasche.
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. .
    Weiter, weiter. Immer noch ringsum die Mitternachtsbörse, über welche die
heilige Hermandad ihren schützenden Mutterarm breitet. Britinnen rechts,
Französinnen links, Spanierinnen an der einen Ecke, Deutsche an der andern - - o
Du einzig wahre geregelte Schwesterschaft der Nationen, kosmopolitische
Weltrepublik! O Neumondfest in Babylon, wo man die Blüte der Jugend dem
Astarte-Cultus opferte, wo alle Provinzen ihre mannbaren Jungfrauen in die
Metropole sandten, um jene Marken einzuhandeln, die Rawlinson und Layard
entdeckten - wir sind heut sittlicher, wir!
    Plötzlich ergriff ihn ein ungeheuerer Schrecken. Ihm war, als ob der Boden
unter ihm wanke, als ob er ein Sieden und Summen höre, wie wenn Millionen
kleiner schwarzer Höllengeister unter der Erde nach oben krabbelten. Und ihm
däuchte, dass ein gespenstiger Tritt hinter ihm herschlürfe. Der Schatten längs
der grauen Eisenbahnmauer von Victoria Station - - stand dort nicht der
unheimliche Gast neben ihm, der Geist des grossen Todten? Tönte nicht ein
galliges metallisch gellendes Lachen - oder war's der Pfiff der Lokomotive, die
grade über den Brückendamm wegbrauste?
    Da knirschte er einen höllischen Fluch zwischen den Zähnen und schüttelte
grimmig seine Faust wider den Mond, der über den Baumwipfeln des nächsten
Squares emporkletterte. Und fiel betäubt an die Mauer. Seine Schläfe schlug
schwer an die harten Steine.
    Woran mahnte ihn das Gespenst seiner verwirrten Sinne? An seine schmähliche
Schwäche, seine erbärmliche Schuld? Wollte die Leichenhand aus dem Grab ihn
züchtigen, weil er dem Todten noch immer nicht zurückgegeben, was sein?
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Krastinik langte noch eben rechtzeitig an, um seinem väterlichen Freunde die
Augen zuzudrücken. In dem tiefen aufrichtigen Schmerz, den er mit der Wittwe
teilte, hatte er in den ersten Tagen vergessen, was hinter ihm lag. Vergessen,
sich selbst vergessen. Jetzt, da er aus dieser wohltätigen Erstarrung erwacht,
quälte ihn mit doppelter Gewalt das alte Leid. Das Leid? Nein, das Schuldgefühl.
    Durfte er sich's selbst bekennen, aber musste er's nicht, - dass in all dem
Wirrwar seiner Gefühle erst schüchtern, dann immer dreister die Versuchung ihr
Haupt erhob: Nun ist der todt und für immer dahin, der uns alle beschattete mit
seiner bleichen Stirn, neben dem als Dichter sich zu spreizen nur dem blinden
Grössenwahn noch möglich war? Ja, er ist todt - und sein Werk, das meinen Namen
berühmt gemacht, ist nun mein, mein. Der Zeuge gegen mich, der aufstehen könnte,
mir die erborgten Pfauenfedern abzureissen, ist stumm für ewig.
    So frass die teuflische Lockung sich in seine Seele ein, langsam und stetig
wie der Keim eines Verbrechens. Wie wäre bei normalem Zustand ein so
unehrenhafter Gedanke ihm je genaht! Aber der Ruhm, - wer ihn kostete, den
stumpft er ab für alle anderen Gefühle. Der Grössenwahn muss sich sättigen um
jeden, ja um jeden Preis.
    Er rang verzweifelt mit dem bösen Vorsatz und doch vermochte er nicht, ihn
zu bemeistern. Und die Furcht, die Schande! Wie würde man ihn lächerrlich machen!
Wurde er nicht unmöglich in der Litteratur? In den litterarischen Kreisen
Berlins, an denen er mit allen Fasern hing? Das Gift der litterarischen
Gesellschaftsstreberei schien ihm längst in alle Poren gedrungen und vergebens
suchte er nach einem Gegengift.
    Und zuguterletzt - konnte er nun nicht, nachdem er durch jenes Meisterwerk
einen obersten Platz errungen, durch eigene Werke sich weiter behaupten? Konnte
ihn nicht der edle Ehrgeiz, sich jenes Werkes und des dadurch errungenen Namens
würdig zu machen, über sich selbst hinausheben?
    Was nützte es denn dem Todten, wenn man der Wahrheit die Ehre gab und seinen
ohnehin schon sicheren Nachruhm noch vermehrte? Der grosse Dichter bedurfte
desselben nicht und der Todte bedarf überhaupt nichts mehr. Nur der Lebende hat
Recht.
    So mühte er sich ab, mit allerlei Sophismen sich über sein Vorhaben, über
seine feige Schwäche hinwegzutäuschen. Mit jedem Tage wuchs die Schwierigkeit
des Eingeständnisses. Würde man nicht fragen, warum er nicht sofort das
Notwendige getan? Würde man nicht seine plötzliche Abreise dann erst recht
missdeuten? Würde nicht ein immer das Böse voraussetzender Verleumder wie z.B.
Schmoller sich dann gar feierlich als Bluträcher des »todten Freundes«
aufwerfen, indem er am Ende gar den unerklärlichen Selbstmord Leonharts mit dem
litterarischen »Raub« zusammen brachte, der an ihm begangen? Und ob denn
überhaupt nicht Jemand in der »Meeresbraut« die unverkennbare Vaterschaft
Leonharts herausspürte und demgemäss Vermutungen losliess?
    Die Phantasie spiegelt tausend Fährnisse vor, die hinterher nicht einmal
kommen können. Wer etwas auf dem Herzen hat, glaubt, dass Jeder es ahne. Wie die
Motte zur Kerze, fliegt ein überzartes Gewissen selbst immer der Sache näher und
verplaudert sich selbst Denn der Mensch kann selten ein Geheimnis bewahren und
bei sich behalten, alles muss heraus. Daher die heilsame Institution der Beichte
- daher die woltätige Macht der katolischen Kirche, welche dem Drang des
Mitteilens entspricht, den man sonst verbeissen müsste.
    Bei diesem Gedanken an die katolische Kirche durchzuckte es den Einsamen.
Wie hatte es ihn stets gepackt, wenn Leonhart das Leben eines Mönchs als
wünschenswertesten Seelenzustand pries!
    Ach ja, ja. Wenn ihm nichts mehr übrig blieb, wenn das Leben ihm ganz
zuwider, so konnte er sich ja flüchten in die klösterliche Stille, wo aller
Hader schweigt und jede Versuchung endet. »Memento mori!« zu murmeln wie der
Trappist, dem nur dies eine Wort die ewig versiegelten Lippen erschliesst - das
mag nur Weltlinge erschrecken, die noch genarrt von den eiteln Gaben des Lebens.
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    Krastinik war, bald nachdem er wieder zu sich selbst gekommen, ins deutsche
»Atenäum« geeilt, um dort Berliner Zeitungen zu lesen. Mit fieberhafter
Aufregung durchstöberte er alte und neue Blätter. Und nicht umsonst für das
Einzige, wonach er fahndete. Zehrten doch die Feuilletons aller Blätter noch
immer in üppigen Notizen von dem seltsamen Selbstmord des jungen Dichters. Sogar
zu Leitartikeler schwangen sich verschiedene Organe auf, um kräftig an diesem
Fall das traurige Loos des deutschen Dichters zu erläutern. Obschon sie selbst
im Leben ihn gänzlich todtgeschwiegen hatten, schleuderten solche edlen
Leitartikeler jetzo Invectiven gegen die versumpfte Presse. Denn das schien,
bald nachdem der Selbstmord Leonharts als breite Notiz überall aufgetischt und
verrückte Motivirungen aufgetaucht, nunmehr endgültig festgestellt: dass der
junge Dichter sich aus Verzweiflung über seine völlige Erfolglosigkeit und den
Mangel jeglicher Anerkennung das Leben genommen habe. Wäre daran noch ein
Zweifel gewesen, so wurde er ja bald gehoben durch ein postumes Ereignis.
    Was musste Krastinik vernehmen! Sofort nach Leonharts Ende, fiel sein
Verleger über seine litterarische Hinterlassenschaft her, indem er einen Vertrag
auf ein neues Werk des Verstorbenen producirte, auf welches er bereits eine
Vorschusssumme gegeben. Dies neue Werk fand sich vor, überraschenderweise fast
ganz vollendet. Ohne Besinnen setzte der rührige Verleger zwei Schnellpressen in
Bewegung und publizirte mitten in dem Skandal binnen drei Tagen das Buch. Und
welch ein Buch! Das schnellebige Berlin hätte vielleicht auch diese Affaire in
acht Tagen vergessen wie jede andere, aber diese Publikation verewigte den
Skandal. »Der Schwur des Hannibal«, dramatische Dichtung. - Sobald er die erste
Anzeige gelesen, stürzte Krastinik zu Trübner und kaufte das Buch. Gleichsam als
Motto trug es an der Stirn die wildtrotzigen Verse:
Ich glaubte nie die Mär, dass am Altar,
Heimkehrend aus der Römerkriege Lager,
Den Sohn er Rache schwören liess - fürwahr,
Nicht ähnlich dem verschlossenen Kartager!
Der junge Hannibal sah fort und fort
Das Ringen seiner hohen Geistesahnen.
Er ballte nur die Faust und sprach kein Wort:
Man brauchte ihn zur Rache nicht zu mahnen.
Er sah, wie alles nur gelenkt vom Schein,
Wie jeder Wicht der Grösse Keim verpfuschte,
Wie jedes stillen Wertes Melodei'n
Der Kameraderie-Tamtam vertuschte.
»Noch ahnet Ihr mich nicht, Ihr glatten Katzen,
Aufsteht ein Rächer aus Hamilkars Geist.
Den Löwen merkt man erst an seinen Tatzen,
Wenn der Gereizte Euch in Stücke reisst.«
»Ihr mögt mir Netze stellen, Gruben, Schlingen -
Einst pack' ich Euch, und wen erst packt der Leu -
Ja, unerbittlich will ich sie vollbringen
Die Rachepflicht, dem Schwure bleib ich treu.«
»Du Stadt der Krämer und der seichten Possen,
Ich schwör's bei der Semiten Gott, dem Bal:
Einst kommt er wie der Blitz herabgeschossen
Und reinigt Dich - der Schwur des Hannibal.«
    Das Buch fiel wie eine Bombe mitten in das Leben der Zeit hinein. Es
sprengte gleichsam, vom Dach bis zum Erdgeschoss durchschlagend, alle Quadern und
Mauern des Wahns auseinander.
    Als Form war die dramatische gewählt, die einzige, welche Leonharts
innerstem Wesen gemäss. Die Entwickelung der Tragik aus den Tiefen des
menschlichen Willens, zwischen Bewusstem und Unbewusstem schwankend, in
ununterbrochen schnurgerader Linie psychologischer Folgerichtigkeit, in
dramatische Gestaltung umgegossen - dies war sein Ziel. Die geschlossene
Composition des gewöhnlichen Bühnendramas konnte ihm daher nicht genügen, da
seine umfassende Anschauung über den zwerghaften Rahmen der landläufigen
Kunstgesetze hinauswuchs.
    Aber überall nahm der philosophische Gedanke bei ihm warmen Erdkörper an.
    Die Dichtung fusste auf rein realistischem Untergrund, stellte sich jedoch
selbst allegorisch dar. Der Held war ein moderner Faust. Wie Jener als Magister
an der Wissenschaft verzweifelt, so dieser an seinem elenden Beruf der
berufsmässigen Federfuchserei. Absichtlich hatte der Dichter seinen Helden in
alle und jede Erbärmlichkeit des modernen Litteratenlebens eingetaucht, ihm auch
das Kleinlichste nicht erspart. Und was das Unerhörteste dabei, der Held trug
Leonharts Züge unverkennbar, nur mit tausend willkührlichen Zusätzen.
    Die Anschauungen der modernen Naturwissenschaft lagen überall zu Grunde,
waren aber nie aufdringlich breitgetreten. Nirgends fand sich die poetische,
Licenz der Zufall-Anwendung, nirgend drückte sich der Dichter bei den schwersten
Teilen der psychologischen Entwickelung mit ängstlichem Salto Mortale vorbei,
wie die anderen Sonntagsreiter. Der Kampf mit den Naturtrieben trat überall in
seiner plumpen nackten Roheit und Poesielosigkeit entgegen.
    Ueberall entpuppte sich die hinter dem Werke stehende Persönlichkeit als
begnadete Schernatur, die zu grössten Dingen bestimmt.
    Inmitten der kaleidoskopisch schillernden Mosaikgemälde und
Feerie-Wandeldekorationen und nachgepfiffenen Epigonentriller der andern
Litteraturfabrikate fühlt man ja wie, die Jungfrau, welche ihrer Mutter über die
Bälle klagt: »Ach, es ist doch immer dasselbe!« Der gewisse »Eine« war ihr eben
noch nicht im Ballsaal begegnet. Aber hier bei Leonhart neben höchster
männlicher Reife und fast schon angegreister Lebenserfahrung eine gewisse
unverbrauchte Jugendlichkeit, wie die des tölpelhaften jungen Siegfried, der
auszieht, um Krimhild und die Welt zu erobern. Ueberall hatte man hier den
ganzen Mann als kompakte Taterscheinung vor Augen in der tiefinnerlichen
Unteilbarkeit seiner elementaren Persönlichkeit, deren Naturgewalt natürlich
die diplomatisch kleinlichen Geistesschmarotzer der modernen Hypercultur nicht
zu fassen vermochten. Wie man in der Dienst-Correspondenz eines Cromwell oder
Friedrich (»Aimez donc les détails!« riet der Letztere) die ungeheure
Arbeitskraft anstaunt, welche jeden Knopf und Stiefel ihrer Schwadronen im Auge
behielt, - so erkannte man hier die sittliche Charakterstärke, die innere
Wahrhaftigkeit, kurz die Klaue des Löwen breit und wuchtig im kleinsten Worte
abgeprägt.
    Man sah seine weltbeherrschende Phantasie die Erde umkreisen von Pol zu Pol.
Aus den bläulichen Ringeln seiner Kaffeekanne flatterten ihm braune Rosse auf,
Beduinen in braunem Burnus. Sieh da, die weissen Mäntel, wie Strausse in
gedrängter Herde ihre Schwingen blähen! Der rote Wüstensand klatscht zum Sattel
empor! Schaumflocken bedecken Bug und Nacken der Rosse, so dass sie getigerten
Schecken gleichen oder fürstlichen Turnierrossen mit einem Brustlatz von
Hermelin! Und auf ihrer Spur schnauft das Hyänenrudel, in wilden Sätzen die
Fährte mit den Pfoten durchtastend - denn wo die Wüstensöhne jagen, da fällt ein
Opfer zum Schmaus der Hyänen und Geier, die krächzend den Trauerchor um die
Gefallenen hüpfen!
    Aus dem Lande der Sonne schweifte des Dichters Geist zum Norden, aus der
Wüste zum Meer.
    Die bläulich zackigen Eisberge der Eskimos, die den Tran in Humpen
schlürfen, umschiffte er wie ein Viking. Wie der Pfeil vom Fischbeinbogen,
schwirrte sein Schiff dahin durch die tiefaufrauschenden Wellen, ängstlich
ächzte, sein Segel vor der kreischenden Brandung, über welcher der zackige
Blitzstrahl den Donner heroldete. Und zum Klang gebrochner Helme sang die
Seeschlacht wild und wilder, und der Tag sah ihn vorderst fechten. Doch in
mondheller Nacht entquollen seiner Harfe die Tränen sehnender Leder.
    Wohl drangen die Schreie aus des Dichters eigenem Herzen, man vernahm mit
Schauder diese gewaltige Stimme, - wie der faustische Held, am Meere
entlangwandelnd, aus Muscheln die ferne Klage des fliegenden Holländers
vernimmt, der im Maëlstrom wirbelnd dem tauben Himmel droht, bis er fadentief
versinkt zu Seegras und Korallen.
Der Brandung Bucht, die hohle,
Einsam der Wind umpfeift.
Träg von der Bergessohle
Der Nebel sich niederschweift.
Die Wassergeister schweben
Höhnend zu mir empor:
Zu Schaum zerann Dein Leben,
Du bist und bleibst ein Tor.
Es schwimmt das falsche Mondenlicht
Lockend auf kühlem Grunde.
Der Dampfer durch die Wogen bricht,
Sein Licht erhellt die Runde.
Und durch mein Herz, das dunkel kreist,
Mit grellen Feuerstrahlen
Das Schicksal seine Furche reisst.
Leuchte mir, Gott der Qualen!
Ihr Heuchler, Schurken, Memmen, Gecken, Narren,
Du weltliches Gesindel um mich her,
Magst ein Jahrhundert auf die Stunde harren,
Die heut durchwettert meiner Seele Meer!
Ich höre Dich, mein Gott, im Wogenrauschen:
»Lass Menschen Menschen sein! Ich bin Dir gut.
Auf meine Donnerstimme sollst Du lauschen
Und vorwärts branden, Meer, in heiliger Wut!
Schwemm sie hinweg, die Deinen Pfad Dir sperren!
Du bangst, weil fahler Neid die Messer wetzt?
Furchtlos voran! Ich mach' Dich doch zum Herren
Und trete nieder, was sich widersetzt!
Was half Dir Deine königliche Güte,
Mit Dreistigkeit von jedem Wicht belohnt?
Lass nur Verachtung reifen im Gemüte,
Den Hass, der keine Nichtigkeit verschont!
Wo Du vertrautest, wurdest Du verraten,
Und wo Du Edles wähntest, war's ein Traum.
Für ihre schamlos schnöden Missetaten
Verschlinge sie in Deiner Brandung Schaum!
Schmied' allen Hass in einen Blitz zusammen
Und brülle nieder sie mit Deinem Fluch!
Brenn' sie zu Spreu in Deines Hohnes Flammen!«
Sieh her, Jehova, kennst Du dieses Buch?
    Wäre dies Buch, das in den Annalen der Litteratur seines Gleichen suchte,
bei Lebzeiten Leonharts erschienen, so hätte es seinen Untergang beschleunigt
oder direkt herbeigeführt. Törichte Schwätzer hätten sich an das mutmasslich
Persönliche geheftet, ja vor allem liebevoll nach den angeblichen Modellen der
Figuren geforscht und ein Bouquet von allerlei Persönlichkeiten
zusammengestellt, um etwaige Beleidigungsklagen zu formuliren. Man muss den
Leuten stets ihr Vergnügen gönnen. Niemand hätte die Grossartigkeit des Typischen
in all diesen scheinbar photographirten Einzelheiten erkannt, Niemand begriffen,
dass ein so hoch über den Dingen und Menschen stehender Geist das Recht in sich
selber trägt, seine eigene Welt nach seinem künstlerischen Willen zu gestalten.
In der trostlosen Armseligkeit jener nüchternen Prosa, die nur mit den
Rechenpfennigen der Alltagsmoral handelt, wäre Niemandem auch nur in den Sinn
gekommen, die tiefe erhabene Gerechtigkeit dieser Heldenseele zu verstehen. Wer
hätte gewürdigt, dass man es hier mit einer Dichtung zu tun habe, welche
gänzlich ausserhalb aller gewöhnlichen Alltagsbegriffe von Menschen und Dingen
stand! Dies war der Realismus einer Wahrheit, hoch über der handgreiflichen
Wahrheit der beweisbaren Realität. Allein, mit dem adlermässigen Sonnenflug
dieses byronischen Geistes verband sich hier eine ätzende Satire, deren Bosheit
den wahnsinnigen Gallenergüssen Swifts ähnelte. Die juvenalische Ader Leonharts
blutete sich aus, bis sein Geist an einer Art Auszehrung von Menschenverachtung,
wie an einem Blutverlust jeder Lebenslust, zu versiegen schien.
    Welch ein namenlos unglückliches Leben öffnete sich in diesen Blättern, die
von Herzblut zu triefen und sich wie klaffende Wunden zu öffnen schienen!
Unseliger Mensch! Ihm war das Leben ein graues ödes Meer, über dem nur das
Wetterleuchten seines Grimms emporzuckte. Ueberall unterbrach ein grelles
Auflachen das metodische Hämmern dieser zermalmenden zerhackenden Maschine
eines rastlosen Denkens. Die »saeva indignatio«, welche Swifts Herz nach dessen
Ausspruch zerfleischte, schmeckte man auch hier. Schonungslos auch gegen sich
selbst, zerpflückte der Dichter unerbittlich seine eigenen Gefühle. Ein
unerbittlicher Wahrheitsdrang, ein verzweifeltes Drauflosstürmen gegen jede
conventionelle Lüge, raste sich hier berserkerhaft aus.
    Rücksichtslos waren die Gesetze des animialischen Lebens betont, die
Naturgeschichte des Menschenviehs. Es regnete Ohrfeigen und Nasenstüber. Indem
er die bübisschen Begierden der Sinnesmenschen entblösste, ekelte sich dieser
Faust-Mephisto und hatte doch auch »seine Freude dran«.
    Das Ganze bildete einen einzigen Aphorismus, ein riesenhaftes Monodrama,
einen von innerer Handlung unablässig bewegten Monolog. Diesem tragischen
Humoristen zerflatterte das Stoffliche oft zwischen den Fingern und löste sich
in psychologische Tüftelei auf. Die geringfügigsten Ereignisse spann der
Reflexionspoet mit keckem Sichgehenlassen zu wichtigen Abhandlungen und
schlachtete das Unmerkliche als Stoff unendlicher Betrachtungen aus. So ging
seine Laune ihren eigenen störrigen Maulesel-Trab, immer drauflos durch Blumen,
Gemüsegärten, Disteln und Nesseln. Sie war nicht wählerisch. Duften die Rosen,
so schlürft sie das Arom ein, und duftet der Mist, so findet sie darin einen
eigenartigen Haut-Goût.
    Die Leichtigkeit in Führung der psychologischen Entwickelung, die sichere
feste Hand in Urbarmachung des unbegrenzten gedanklichen Gebiets wurde
unterstützt durch den genialen Blick für Rassenmerkmale, die fruchtbare
kosmopolitische Bildung des Denkers. Ueberall erhoben sich reine Formgedanken in
lichtem plastischem Marmor - statt schönheitsfroher Harmonie vernahm man
freilich mystische Orgelklänge einer verschnörkelten Symbolik.
    Doch schmolz sich das kalt Abstrakte überall vor dieser belebenden
Schöpferwärme in reale Gestalten um, welche sich nur indirekt, indem sich das
Begriffliche verdichtete, zu plastischen Allegorieen herausmeisselten. Diese bis
zur höchsten Potenz gesteigerte Phantasiekraft setzte sich zu der Bewegung der
Weltkörper in Schwingung und möchte das All reflektiv umspannen, ohne dass sie je
Gefahr lief, sich im Allgefühl zu verlieren. Diese titanische Individualität
sammelte die durch zahllose Kanäle sich hinwindende Reflexion zu klarem Strom
und durchflutete das Naturganze des Weltorganismus selbst wie eine besondere
Weltseele, immanent der inneren Unteilbarkeit der Dinge.
    Hier wagte sich wieder einmal ein Viking-Skalde hinaus in die offene See,
als Wrack umhergeschlendert und in brüllendem Orkan wie in warmem Sonnenschein
von der unheimlichen Flut gewiegt, welche in immer gleicher fühlloser Schönheit
uns alle von dannen spült. Wie die alten Seekönige kreuzte er von Küste zu
Küste, wie Odin aus Sagas goldenem Methorn berauscht. Auf seiner Hochzeitsreise
mit der wilden Walküre Wahrheit verbrannte er denn sich selbst und sein
Drachenschiff im Feuerwerk cynischer Selbstvernichtung.
    - - Wäre dies ausserordentliche Geistesprodukt aus der Feder eines Lebenden
geflossen, so hätte man die nervig-drastische Metode Leonharts, die minutiöse
Ausmalung psychologischer Wandlungen durch Zusammenscharrung ganzer
Dokumentbiblioteken, um die Illusion absoluter Lebenswahrheit zu erwecken, als
langweilige Weitschweifigkeit benörgelt. Eine unreife Baby-Aestetik hätte die
erotischen Scenen des Buches, welche die tiefste philosophische Absicht bargen,
als brutalen Cynismus denunzirt. Ja, die unreifen Janitscharen der bespeichelten
Modehelden hätten gar all dies Erdichtete für »Bekenntnisse einer schönen Seele«
oder direkte Rousseausche Confessions genommen und demgemäss erläutert. Die
Salon-Tätteler, die akademischen Säuseler, die Formalisten hätten mit Erfolg
diese freche Verletzung alles gentlemanliken Dekorums gegeisselt. Muss doch die
Welt jede Wahrheit in der Kunst hassen, besonders die Frau, welche ja die Welt
bedeutet! Und da waltet wohl nur ein mechanisches Gesetz ob, ohne welches die
conventionelle Gesellschaftsordnung nicht denkbar wäre. Allein, aus ganz
demselben Gesetz folgerte nun das Gegenteil, da es sich um einen Todten
handelte, der unter so betrübenden Umständen die Consequenzen der Wahrheit
gezogen und sich vom Leben verabschiedet hatte.
    Die Kulturmenschheit ahnt nämlich bewusst und unbewusst, dass der geliebte
Materialismus d.h. der flotte tierische Kampf ums Dasein ohne die Fiction des
»Idealismus« gar nicht möglich wäre. Denn der auf die Naturwissenschaft
gestützte Materialismus führt unnachsichtlich zu Consequenzen des Socialismus.
Um daher dem Bild von Saïs einen Schleier vorzuhängen, pflegt man ab und zu den
sogenannten Idealismus, das Interesse an idealen Kulturerzeugnissen. Man gähnt
pflichtschuldig das Postament der Geistesheroen alt und versteckt seine
stumpfsinnige Gleichgültigkeit unter dem Tamtam neuer Götzendiener, die vom
Abfall früherer Geistestaten leben und ein grosses Geräusch machen, gleich den
Ammen Jupiters, um die Stimme ihres Gottes zu übertönen. Man lässt zwar das
lebendige Ideale als Aschenbrödel verhungern, aber man muss ab und zu über
abstrakten Idealismus faseln, um das Gleichgewicht herzustellen.
    So wollte denn das Gejammere über das »unglückliche Genie«, »den edeln
Dichter« kein Ende, nehmen. Die »Berliner Tagesstimme« nannte ihn, nachdem sie
sich von Schritt zu Schritt mehr für ihren todtgeschwiegenen Liebling erwärmt,
bereits nur noch schlechtweg den »erhabenen Jüngling«. Sie wusste mit dröhnendem
Patos unser Zeitalter der Reaction dafür verantwortlich zu machen, dass eine so
hochherzige Natur aus purem Lebensekel sich aus dem Leben »fort jraulte«. Jaja,
das Herz dieses erhabenen Jünglings brach, denn es schlug der Freiheit sowie der
Menschheit. (Die Aktien-Dividende der »Berliner Tagesstimme« war dies Jahr
besondere fett geraten.)
    Hingegen wusste das »Deutschnationale Blatt« ganz genau, dass der Antisemit
Leonhart nur durch das infame Judentum, dessen Presse sich besonders an ihm
versündigte, zur Verzweiflung getrieben wurde.
    Das »Bunte Allerlei« wimmerte wie ein kleines Krokodil und brachte u.A. die
boshafte Notiz:
    »Wie wir hören, soll der grässliche Sittenschilderer K. Schm. untröstlich
sein. Der Selbstmord seines Freundes L - t wirst all seine Dispositionen um.
Denn er hatte denselben bereits als Helden seines neuen Romans festgenagelt und
als Typus des Grössenwahns unsterblich lächerrlich gemacht. Leider ist ihm nun der
böse Mensch zuvorgekommen. Solche Todten persiflirt man ungern.«
    Jedenfalls zeigte sich die Deutsche Presse eifrig bemüht, den Fall Leonhart
als typisch für die deutsche Verkennung und das deutsche Schriftstellerelend
möglichst breitzutreten. Ein Aufruf des allgemeinen Schriftstellerverbandes und
des litterarischen Schutzbureaus erschien, worin jeder dieser Concurrenten den
andern für die deutsche Misère in verblümter Weise verantwortlich machte und
dann zu dem Fall Leonhart überleitete. Sämmtliche sechzehntausend Schriftsteller
und Schriftstellerinnen des Kürschnerschen Lexicons sollten einen Obolus
entrichten für einen interessanten Grabstein, welchen man dem »verewigten
Collegen« errichten wollte. An den Grafen Oscar von Scheckwitz, Excellenz, und
andere millionenreiche Didaktiker richtete man eine Adresse: »Ew. Excellenz!
Hochgeborener Herr Graf, hochmögender Herr Kammerherr! Mit jener Ehrerbietung,
welche Alldeutschland Ihrem glorwürdigen Schaffen zollt« u.s.w. Er möge, um die
entsetzliche deutsche Dichterverachtung im Volk der Dichter und Denker zu
brandmarken, das Portrait Leonharts nach einer Zeichnung von Stauffer-Vern
anfertigen lassen und seiner berühmten Gallerie einverleiben. Graf Scheckwitz,
Excellenz, edelherzig wie immer, zog sich jedoch noch glänzender aus der
Affaire. Er versprach nämlich statt dessen die Tantièmen seines neuen
griechischen Dramas mit Chören »Gott Hymenäos«, falls dasselbe sofort von seinem
Standesgenossen Graf Hochberg aufgeführt werde, als Preis auszusetzen für die
beste Denkschrift über »Friedrich Leonhart, den deutschen Chatterton.« Es gibt
noch gute Menschen.
    Regnete es doch nur so »Erinnerungen an den verewigten Dichter«!
    Frank Säuerbach in München veröffentlichte einen Essay in der »Allgemeinen
Zeitung«, worin er mit braminenhafter Spitzfindigkeit den Leichnam Leonharts
secirte und an demselben patologische Studien verübte. Der Keim zum Selbstmord
habe von jeher in Leonhart gelegen, ebenso wie etwa Satyriasis in dem
sogenannten Panteismus jüngstdeutscher Lyriker. Er brachte als Beweismittel
zwei Gedichte bei, die der Unglückliche vor Jahren veröffentlicht habe:
    Du, des Tages blind Geschöpf, jammerst, dass Dein Herz verblutet,
    Dass Dein ganzes Sein sich fühlt vom Verwesen angemutet?
    Ja, die Hoffnung bald entwich,
    Nur den Tod zu suchen frommt, nur der Tod macht Dich unsterblich.
    Nur des Denkers Ideal bleibt von Zeit zu Zeit vererblich,
    Dein Gedanke unveräusserlich.
    Als Volker vorgefiedelt, sprang auf des Tisches Brett
    Herr Hagen, jäh zertrümmernd die Krüge beim Bankett.
    »Nun trinken wir die Minne und zahlen des Königs Wein:
    Der junge Vogt der Hennen - der soll der Allererste, sein!«
    Wer will zum Tanz mir fiedeln? Ich möchte schon sogleich
    Zertrümmern meines Herzens Gefäss mit festem Streich.
    »Nun trinken wir die Minne und zahlen des Schöpfers Wein:
    Das Blut des Dichterherzens - das muss das allerbeste sein.«
    Diese traurige Lebensverschmähung, dieser bachantische Trieb zur
Selbstvernichtung wie zu einem Festgelag, sei nun durch die berechtigte
Verzweiflung des Dichters über die stumpfe Aera, in welche ihn das Schicksal
verbannte, gesteigert worden. Sogar der Componist Francis Henry Anneslei meldete
sich einem litterarischen Magazin mit einem Artikel »Meine Beziehungen zu
Friedrich Leonhart«. Denn obschon er für alle Zeiten jeglicher
Schmier-Betätigung entsagt und sich ganz der edeln Musika gewidmet habe, besässe
für ihn die Feder noch immer genug Anziehungskraft, um zwei edeln Todten den
Zoll der Dankbarkeit zu bringen. Dies seien der Maler Roter und der Dichter
Leonhart, beide auf rätselhafte Weise verunglückt, wahrscheinlich durch
Selbstmord. »Ja, sie wanderten nicht von einer Kaltwasserheilanstalt in die
andere, wie so mancher andere Schmerzenreich,« - (gestand der junge Musiker mit
achtungswerter Selbstironie) - »ewig entsagend und immer wieder da, von den
Todten auferstanden. Sie machten Ernst mit ihrer Verneinung des Lebens, mit dem
letzten Facit unter der Summe ihrer Schmerzen.« Und jetzt folgten eine Menge
entusiastischer Lobeserhebungen über die »hehren Verblichenen,« welche »die
einzigen absolut selbstlosen, neid- und parteilosen Menschen« gewesen seien, die
ihm je begegnet. Er idealisirte sie jetzt ebenso ins Masslose, wie er sie früher
bemäkelt und ausgebeutet hatte. Allein, mochte man darüber denken wie man
wollte, etwas Rührendes lag trotz eines Anflugs der alten Schauspielerei in
dieser offenherzigen Reue, mit welcher sich der sonst so geckenhafte und seines
eigenen Edelsinns bewusste Jüngling selber des knabenhaften Undanks bezüchtigte.
Er habe zur Entschuldigung anzuführen, dass er durch die Gesellschaft
heuchlerischer Banditen à la Edelmann und Haubitz mit dem Gift eines allgemeinen
Misstrauens inficirt sei, weil er alle andern Menschen nur als elende Selbstlinge
kennen lernte. Dies nur habe ihn nicht voll würdigen lassen, was Roter stets
für ihn getan. Seiter sei er älter und männlicher geworden, und wisse jetzt,
was in dieser kalten gemeinen Welt ein warmes Freundesherz bedeute. Jetzt sei er
sich seiner Nichtigkeit und Zwergheit bewusst - seiner moralischen Inferiorität
einem Roter, seiner geistigen einem Leonhart gegenüber. Von dem lächerlichen
Grössenwahn, der ihn dämonisch verzehrt habe, sei er curirt. Den »Schwur des
Hannibal« in der Hand, am Grabe dieser grossen Seelen, welche der Weltroheit
nicht zu widerstehen vermochten, habe er sich zugeschworen, jedem eiteln Ehrgeiz
zu entsagen. Wo solche Menschen untergehen mussten, da lohne es sich grade, den
Beifall der gemeinen Herde zu erschwindeln und um den feilen Odem des Pöbels zu
buhlen. -
    So hatte der Tod mit seinem ernsten Seherblick eine schon erblindete Seele
erhellt. Der edle Grundstoff und der ideale Instinkt einer schon verschlammten
krankhaften Wesensart wurde emporgerüttelt, so wie ein jäher Schreck das
Wechselfieber vertreibt. -
    Max Henkelkrug veröffentlichte in Separat-Abzug bei Schabelitz (Zürich) eine
hochtrabende Rhapsodie in Bänkelsängerformat:
                            Ein sociales Nachtstück.
Der Dichter der ist todt.
Verscharrt ist sein Gebein,
An seinem Grab ein Rabe droht,
Kreischt »Mord« ins Land hinein.
Der Afterdichter rührte stolz
Die Saiten vorm horchenden Volke.
Da plötzlich sprang der Harfe Holz
Und die Saite barst in Stücke.
Von des Regenbogens Brücke
Erklang es aus der Wolke:
»Der Wicht, der mich erschlug,
Hier seine Strafe fand.
Des Meisters Harfe nie ertrug
Des Ungeweihten Hand.
Wer hat zum Skalden Dich bestimmt,
Geboren und auserkoren?
Odin, der Skaldengott ergrimmt,
Geschworen ist Dein Verderben.
Denn Toren sollen nicht erben
Den Ruhm, den Weise verloren.«
    Die Auferstehung der Todten ist eine schöne Sache. Jetzt war jeder
Philister, der sich auf seinen Wollsäcken wälzt, freudig bereit, sein Licht auf
den Scheffel zu stellen und seinen Idealismus in wohlschmeckenden Festessen zu
Ehren eines halb verhungerten Dichters leuchten zu lassen. Wenn man nur durch
Heiligsprechung der Todten den Lebenden ihre Rechte verkümmern kann, dann sind
wir allemal diejenigen, welche. Freilich kostet es ja auch weniger, je einen
Penny für ein Grabmonument beizusteuern, als ein Pfund zu einer Subscription auf
ein zu schaffendes Werk. Statuen dienen zur Verschönerung der öffentlichen
Plätze, und zur Drucklegung patriotischer Prospekte, besonders zur
Ordensempfehlung des Gemeinderats. Wenn heut ein Geist herniederstiege, er
würde dazu nur rufen: Unsinn, Du siegst und ich muss untergehen.
    Doch fehlte es natürlich auch nicht an dissentirenden Stimmen. Denn Hass und
Neid überleben selbst den Tod. So schrieb Peter v. Schnapphahnitzkoi in der
»Kreuz- und Schwertzeitung«:
    »Als wir den hochtrabenden Titel lasen und von dem Inhalt des Buches hörten,
befiel uns abergläubische Furcht. Wie, der Kampf mit dem Drachen? Wer wagt es,
Rittersmann oder Knapp? Der Knapp' wagt es und Herr Leonhart taucht in den
Schlund - der lernäischen Hyder an der Spree. Zu solcher Schandtat sollte man
sich erst aufschwingen, sobald man die Blösse des Gegners entdeckt hat.
Aengstlich von Natur, stossen auch wir nur in solchem Falle zu. Aber ach, solche
Kraftleistung kann uns nicht in diesem Falle erschlaffen, denn der verewigte
Dichter bietet ja dem Messer der Kritik selbst überall die Kehle dar. Er nestelt
sich, wie eine kleine Brigg der Wasser-Geusen an eine schwerfällige spanische
Gallione; wie ein Torpedoboot an ein Linienschiff alter Holzconstruction, an die
bestehende Gesellschaftsordnung an und wundert sich, wenn ihn diese in den Grund
bohrt. Er schmeisst seiner spröden Feindin, der bösen Welt, faustdicke Grobheiten
ins Gesicht und wundert sich, wenn sie diesem Liebeswinke widersteht. Mein Gott,
was kann da sein! Leonhart war ein kecker verschlagener Husar, der sich in
Vorpostenschaarmützeln herumhieb, so dass gewiss irgend ein Feldherr, der oben auf
dem Berg seine Batterieen ordnet, an ihm seine helle Freude gehabt hätte. Nur
muss der mehrfach dekorirte Rittmeister nicht urbi et orbi verkünden, er habe
schon selbstständig commandirt und Schlachten gewonnen; dann wird er wegen
Vergehens gegen die Disciplin gemassregelt. Was hat denn der vielbeklagte
Jüngling eigentlich geleistet! Romane konnte er nicht schreiben, der Faden
seiner Handlung spann sich niemals ungezwungen ab, die äusseren Griffe des
Erzählhandwerks beherrschte er kaum, und alles verlief sich ins
Gefühlsverworrene. Die glückliche Hand eines alterfahrenen Technikers blieb ihm
versagt, er scheiterte an der Klippe der Manierirteit und Uebertreibung. Wenn
er versuchte, geistreiche Silhouetten aus der Berliner Gesellschaft
herauszuschneiden, so häufte er nur eine Fülle intimer Details mit
reportermässigem Behagen auf. Statt ohne Umschweif vorzugehn, das Ding an sich zu
packen und knapp beim Namen zu nennen, verlor er sich in Schönrednerei, weil ihm
für die praktisch-nüchterne Wahrhaftigkeit und poesielos trockene Gesundheit des
Berolinischen Alltagslebens das feinfühlige Tastorgan fehlte.
    Und nun diese unwahre Schmerzfexerei, dies Reklamegeschrei, diese überreizte
Fruchtbarkeit! Bekanntlich leidet unsre Zeit an drei grossen Krankheiten:
Ateismus, Morphiumsucht und Grössenwahn. Wir wissen nicht, ob Leonhart an
Morphiumsucht krankte. Seinen Ateismus vermuten wir. Gewiss aber sind wir
seines Grössenwahns. Bei dieser widerlichen Selbstberäucherung, wo der Dichter
gleichsam vor seinem verschönerten Ebenbild anbetend auf den Knieen rutscht,
fällt wohl Jedem das gesunde Sprüchwort ein: Eigenlob stinkt, Andrer Lob klingt.
-
    Krastinik lachte bitter auf.
    Klingt - ja leider klingt es manchmal wie Zwanzigmarkstücke. Und da scheint
denn doch das Eigenlob beträchtlich weniger zu stinken. Ist heut nicht jedes Lob
verdächtig? Die wirklich Schlauen fügen in Lobhndeleien stets gehörigen Tadel
ein, denn die Möglichkeit einer selbstlosen Begeisterung scheint ausgeschlossen.
Fängt bei den Kollegen, die Wahrheitserkenntniss doch sicher erst an, wenn die
persönliche Existenz des Autors erloschen ist. Was aber soll uns dann noch eine
Kritik, die eben nur auf persönlichen Verhältnissen fusst? Besser wahres
Eigenlob, als erlogenes Andrerlob! Es kommt hier einfach auf den Satz heraus:
Quod licet Jovi, non licet bovi. Psychologisch betrachtet, verrät die
Unvorsichtigkeit des Selbstlobes nur, dass die Eleusinischen Mysterien der
Streberei dem mutigen Verletzer fremder Eitelkeit unbekannt blieben. Krastinik
dachte aus der Fülle seiner Erfahrung an all jene Geschmeidigen, die der Kenner
auf den ersten Blick durchschaut, heissen sie nun Cohn oder Baron, die geschickt
das plumpe Selbstlob vermeiden, sich überall durchwindend ohne anzustossen und
doch vordrängend. Und wird nicht das verrufene Selbstlob vollends eine
verzeihliche Notwendigkeit, falls man gegen die Schmach, die Unwert
schweigendem Verdienst erweist gar keine andere Waffe mehr hat? Hier hört das
Selbstlob auf, rein persönliche Eitelkeit auszustrahlen, und verliert seinen
ursprünglichen Charakter, indem es einfach zur Verteidigungsrede sich umformt.
    Krastinik las weiter. Der kleine Lumpensammler kritikasterte nun so fort,
indem er emsig auf die Untugend der Unbescheidenheit losklopfte und einen
Injurien-Platzregen vom Olymp des Jupiter Pluvius Stupidus herabgoss. Krastinik
verzog keine Miene. Denn wer einmal im inneren Ring der litterarischen Geschäfte
tronte, constatirt ja nur mit ruhig geschäftsmässigem Tone, warum dies und das
geschrieben sei. Einen ungetrübten Blick für Ideales pflegen nur Fernstehende
bewahren zu können. Zum guten Ton einer wahrhaft vornehmen Kritik gehört es
hingegen unbedingt, die Absichten des Autors möglichst zu verdrehen und
geistiger Urkundenfälschung zu fröhnen.
    Man erstarrt als Uneingeweihter zur Salzsäule über die angeblichen
Motivirungen, welche dieser skandalisirende Mephisto über die idealsten Dinge
zum Besten gibt. Dies Büchlein riecht zum Himmel, dass Zeus sich die Nase
zuhält. Es atmet einen Rinnstein-Odeur von roher Bosheit. Unter dem würdigen
Schlachtgebrüll eines edeln Zornes drängelte der verstorbene Litteraturpapst
nicht übel mit dem Ellenbogen, um einen Platz in erster Reihe zu ergattern. Er
schwenkte als Zwingvogt seinen Hut auf eine hohe Stange hinauf, und wer sich
nicht aus dem Staube machte, wurde gefasst, weil man dem Hut nit Reverenz
erwiesen. Er schmiss sogar seinen Gesslerhut tief ins Lager der Widersacher, um
ihn dort wieder herauszuhauen. Das Schlachtgetümmel mit Tschingderatata wollte
kein Ende nehmen. Nun hat es ein Ende genommen, freilich ein Ende mit Schrecken.
Mag der Geist des seligen Dichters noch so wuchtig mit dem Tölke'schen Knüppel
drohen: Wer dies Buch nicht lobt, fühlt sich von ihm getroffen - mag ihm als
Motto seines Strebens der alte Vers vorgeschwebt haben: Was kann Genie? das
stirbt, eh man's begriffen, verkannt, verlästert, ausgepfiffen, - wir können nur
achselzuckend dies hohle Machwerk einer kindischen Selbstanbetung bei Seite
werfen. Trefflich urteilt unser schneidiger Waffengänger Rafael Haubitz: Es
fehlte eben Leonhart an einer ausgeprägten Physiognomie. De mortius nil nisi
bene. Fesselte nicht diese Erwägung unsre Feder, wir möchten dieselbe wohl viel
schärfer gespitzt haben. - Zum Schluss nur noch eine ruhige Frage, welche den
ganzen Dunst des lächerlichen Todtentanzes einer schwindelhaften
Dichtergrab-Bewunderung zerbläst: was hat Leonhart unter all seinen zahlreichen
Schreibereien, speciell seinen Dramen, denn je geschaffen, was an Grösse der
Conception und Schönheit der Ausführung auch nur entfernt sich messen kann mit
dem wundervollen Drama Graf Xaver Krastiniks, unseres neuerstandenen grossen
Dichters? Schlägt Die Meeresbraut nicht alle verfehlten Versuche jenes Stürmers
und Drängers um zwanzig Pferdelängen? Nicht umsonst erlebte Die Meeresbraut
jetzt schon die dreissigste Aufführung binnen so kurzer Frist, unerhört im
Deutschen Teater. Dortin gehe man, um zu schauen, was wahre Dichtkunst
bedeutet! Leonhart war höchstens ein Vorläufer des genialen Grafen Xaver von
Krastinik.«
    Krastinik ballte das Zeitungsblatt mit der Faust zusammen und warf es
zerknüllt zu Boden. O öffentliche Meinung des bedruckten Zeitungspapiers, du
bist geduldig. Vorläufer, ja wohl! Wagte nicht auch Webster in der Vorrede
seiner »Vittoria Corombona« vier Jahre vor Shakespeares Tode den grössten Genius
aller Zeiten in einem Atem zu nennen mit dem Akademiker Ben Jonson und den
adligen Teatralikern Beaumont-Fletcher, ja sogar mit Eintagsfliegen wie
Chapman, Dekker und Haywood, die heut kaum der Literarhistoriker beachtet!
»Schliesslich, doch ohne ihn durch diese letzte Nennung beleidigen zu wollen«
nennt der gute Mann als seinen Vorläufer auch noch den gottähnlichen
Ewigkeitsmenschen. Eine Posse von tiefbedeutsamer Mahnung. Jaja, Gegengewicht
muss sein; gegen drohendes Uebergewicht imaginäre Werte ausspielen - vive
l'Egalité!
    Und hier bei diesem Fall, wo durch die überwältigende zerschmetternde Ironie
des Zufalls einmal die plumpe Gehässigkeit der Beschränkteit offenbar werden
konnte, wo die Aufdeckung der Wahrheit - - Krastinik schauderte in sich
zusammen. Er presste die Hände vors Gesicht, wie um die Welt nicht zu sehn oder
vielmehr sich vor ihr zu verstecken.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Wahrhaft hochherzig und von dem sittlichen Patos der Wahrheit durchdröhnt,
klang der Nekrolog, welchen Hans Holbach seinem Freunde in der »Berliner
Tagesstimme« zu widmen wagte. Mochte im Leben diese Freundschaft nur eine
äusserliche Schauspielerei gewesen sein, mochte der tiefe Zwiespalt beider
Naturen sie einander innerlich entfremdet haben, - der Tod gleicht alle
Gegensätze aus. Jetzt balancirte Holbach nicht mehr, dem Vorteil der
Weltberechnung gehorchend - der Tod veredelt. Und so tönte die Stimme seiner
eigentlichen chevaleresken Natur, seines warmen und gütigen Herzens, aus den
Worten:
    »Unter dein vielen Erbärmlichen des Weltgetriebes gibt es ein
Erbärmlichstes: den Schriftstellerneid . Diesem zumeist fiel Leonhart zum Opfer,
während er neidlos alles Tüchtige anerkannte. Nachdem sie sein Genie von allen
Seiten benörgelt (hier erwarben sich viele Moralprediger ein besonderes
Verdienst, ihm, dem wirklich Moralischen gegenüber), begannen seine Collegen
auch seinen Charakter in den Staub zu ziehen, indem sie seine Handlungen
entstellten, seine Motive unlauter verdrehten, seine Ausschreitungen
übertrieben. Nun lehrt zwar ein Blick aus die ungeheure Produktivität des jungen
Dichters, dass er lediglich seinen idealen Zielen gelebt haben könne und daher
alle Sagen über sein sonstiges Verhalten ins Reich der Myte gehören. Wären aber
seine Fehler so offenkundig wie die Erhabenheit seiner Dichtungen - wer wäre
berufen, darüber zu richten? Doch gegen diese Art giftspritzender Hinterlist
bleibt der Edelste und der Stärkste ohnmächtig. Forschen wir aber nach den
Gründen dieser Niedertracht, so finden wir überall den gleichen: den Neid der
Impotenz gegen das Genie, den Grössenwahn der Kleinen gegenüber der wahren Grösse.
Verzeiht doch die kleinliche Selbstsucht der Mittelmässigkeit nie die berechtigte
Selbstsucht des Berufenen, weil ihre jämmerliche Eitelkeit sich verletzt fühlt!
dabei bedenke man, dass dieser Ewigkeitsmensch keineswegs etwa wie Byron den
weltlichen Rang eines Lords trug, was doch nun einmal auf die Welt ganz anders
wirkt, als der Rang eines grossen Dichters! Man male sich Byrons Leben aus, wenn
er zufällig als ein armer deutscher Poet geboren wäre - welch ein Abgrund
stummen Leidens öffnet sich da der Phantasie! Und ein solches Leben ewiger
seelischer Tortur in verzweifeltem Kampf gegen die Uebermacht des
Weltmaterialismus, von widrigen Verhältnissen eingeschnürt, hat Friedrich
Leonhart durchkostet.
    Zweifellos war Leonhart kein makelloser Heiliger. Doch war sein Herz
grossmütig und edel. Seine Verachtung alles Niedrigen und Kleinen entsprang
seinem innersten Wesen, in dem nichts gemein und knechtisch. Quälte ihn
vermeinte Unbill, die ihn zu tun zwang was er lange bereute, - viele wissen,
dass sich ihm auf schwachem Grunde feste Dankbarkeit erbaute. Der Zug
verzweifelter Angriffswut aus tiefer seelischer Verbitterung, der ihn
kennzeichnete, ging nicht aus äusserlichen und selbstischen Motiven hervor. Er
kämpfte immerzu, heut mit der ganzen Welt, morgen aber auch mit sich selber.
Denn der eigentliche Kern einer solchen Heldennatur basirt auf Tugendliebe und
Pflichtgefühl, trotz einzelner Schlacken und Flecken. Wäre er mit jenen äusseren
Vorzügen geboren worden, die in der Welt allein Erfolg verbürgen, mit
Gesundheit, Schönheit, Rang und Vermögen so hätte das reiche Wohlwollen seines
Gemütes sich zu, vollkommener Idealität entfaltet. So aber, eine stete
Zielscheibe für die Gehässigkeit neidischer Dummheit, wurden die hässlicheren
Seiten seines Charakters von Jugend an genährt Jeder Eindruck warf sich auf ihn
mit so intensiver Gewalt, dass zugleich alle Geistesstärke und alle
Charakterschwäche hervorgelockt wurden. Die Fehler Leonharts stammten weder aus
Entartung des Herzens - denn die Natur hatte nicht den Widerspruch begangen, so
ausserordentliches Talent mit einem unvollkommenen moralischen Sinn zu verbinden
- noch aus Gefühlen, unempfänglich für Bewunderung der Tugend. Niemand hatte ein
wärmeres Herz für Sympatie, eine offenere Hand für Unterstützung des Unglücks.
Kein Geist war besser geformt für entusiastische Verehrung edler Taten,
vorausgesetzt, dass er überzeugt war, man habe wirklich selbstlos gehandelt.
Vorstellungen eines Freundes, dessen guter Absicht er sicher, hatten oft bei ihm
grosses Gewicht; freilich durften Wenige eine so schwierige Aufgabe sich
herausnehmen. Mahnung ertrug er mit Ungeduld, Tadel verhärtete ihn in seiner
Verirrung, - so dass er oft dem feurigen Streitross glich, das sich wütend in die
Lanzen stürzt. In den schmerzlichen Krisen seines litterarischen Lebens bewies
er diese Reizbarkeit in solchem Grade, dass er fast dem edlen Opfer des
Stiergefechtes glich, das mehr die Neckereien der Hetzerhorde, als die Stiche
des kühneren Matadors zum Rasen bringen.
    Aber der Allgerechte, welcher menschliche Schuld nach ihrem wahren Werte in
seiner Schale wägt, wird jeden dieser vergifteten Nadelstiche wie einen
Geistesmord verdammen. Schwerer wiegt jede Stunde, die man dem Dichter raubte
und die einen Verlust für die Menschheit bedeutet, als das gesammte wertlose
Leben seiner Hetzer und ihrer fadenscheinigen Moral.«
    Das waren goldene Worte, echt und warm aus schlagendem Herzen geboren. Ja,
der Tod ist heilig, er ist ruhig und still. Den Todten zieht man nicht mehr
freundlich die Würmer aus der Nase oder tastet an ihnen herum, um die Naht zu
finden, aus der man irgend einen Vorteil herausschlitzen kann. So pflegen wir
Umgang mit den Lebenden, die Todten aber verbitten sich das. Der Tod ist heilig.
    Doktor Gottold Ephraim Wurb schrieb im »Bunten-Allerlei« über die Oeuvres
postumes dieses neuernannten Litteraturkönigs:
    »Sein hinterlassenes erhabenes Meisterwerk zeigt uns, welch unvergleichlich
grosse elementare Dichterkraft in Friedrich Leonhart uns frühzeitig dahingerafft
wurde. Mit Stolz weisen wir daran hin, dass wir es waren, die zuerst dieses
Urgenie entdeckten, wie so oft schon die Redaktion des Bunten Allerlei von sich
rühmen durfte. Lange blieb es ja unter Eingeweihten kein Geheimnis mehr, dass in
Leonhart der eigentliche Centraldichter unsrer Zeit schlummerte. In ihm wäre uns
der lang Ersehnte beschieden gewesen. Und nun ein so schreckliches Ende - weihen
wir ihm eine stille Träne! Vielleicht wäre er der deutsche Shakespeare
geworden; so blieb er nur ein zerrütteter Shakespeare. Der schreckliche Fluch,
den man unter seinen Papieren fand, trifft uns natürlich nicht. Wir haben unsre
Pflicht erfüllt. Mögen die Elenden, die sich getroffen fühlen, es auf sich
beziehen! Das ist das ewig alte Los des Genies in Deutschland. Erst wenn es im
Grabe ruht, erkennt man neidlos seine Grösse. Was könnte dieser grosse Mann unserm
Volke geworden sein, wenn man ihn an die richtige Stelle gesetzt hätte! So -
musste er verkümmern, verbluten an tausend Nadelstichen. O wie ein edler Zorn uns
bei diesem Gedanken durchtobt! Wir werden demnächst Briefe des Verstorbenen
publiziren, dem wir einst nahe standen.«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.
 
                                      II.
Krastinik lag halb zurückgelehnt auf einer Bank im Regentspark. Ein traumhaftes
Erinnerungsweh bewältigte ihn. Vor wenigen Minuten fuhr eine offene Karosse an
ihm vorüber, in welcher Alice Egremont, jetzt Lady Mowbray, in nachlässiger
Eleganz auf den Polstern sich wiegte. Unwillkürlich zuckte er empor. Ihr Auge
glitt über ihn hin, sekundenlang blieb es hängen. Er grüsste, sie dankte
flüchtig. Er bemerkte, dass sie errötete. Aber wie bleich sie war! Sollte das
Gerücht begründet sein, dass sie eine unglückliche Ehe führe, dass ihr Gatte, der
nur ihr Vermögen freite, sie roh behandele? - -
    Regungslos sass er noch immer wie angewurzelt. Wie lange er so gesessen, er
wusste es nicht. Seine gestorbene Liebe, sein gestorbener Freund, seine
gestorbene Muse, die er weiter und weiter von sich entschwinden fühlte - alles
floss ihm in ein gespenstiges Bild zusammen.
    Wo flüsterte hier nicht Erinnerung! Er hörte ihre Stimme überall, im
Zwitschern der Vögel, im Rauschen der Bäume, im Klang der fernen Vesperglocken.
In jedem dieser Laubgänge wehten einstgeliebte Locken - wessen, er wusste es
selber nicht. Bewahrte die Urne der Erinnerung noch ihren Nektar, dies London
noch eine Spur von dem, was sein Herz hier verliess? Hier werden einst Andre
wandeln, wo er mit Dorrington plaudernd sich erging. Sie kamen hierher, Andre
werden kommen. Den Traum früherer Menschenseelen werden sie fortsetzen und doch
nicht vollenden. Denn diesem Traum frommt kein Erwachen. Nichts vollendet sich
ja auf Erden, nichts. Alles beginnt, um nimmermehr zu enden. Wir alle erwachen,
die Schlechten wie die Guten, die Grossen wie die Kleinen, aber dies Erwachen
heisst der Tod. Ja, der Tod weckt uns, wie ein Morgengruss. Und Leben heisst sich
verschwenden an Schatten, an Schatten.
    Wie die alten Aegypter ihre Mumien, balsamirt die Erinnerung ihren Gram für
ewig ein.
    Ob man den Spiegel in Scherben wirft, jede Scherbe spiegelt doch das alte
Bild. Spiegle Dich nur kokett in der schmeichelnden Flut! Schritt für Schritt
lockt es Dich tiefer, bis der Fuss ausgleitet und die Woge über Dich hingeht. So
ist die Erinnerung - man spiegelt sich darin und badet und ertrinkt.
    Und wenn dies alles nun wahr, wahr wie Leben und Tod, - da sollte man es der
Mühe wert erachten, die Befriedigung der Eitelkeit allen Geboten der Ehre
voranzusetzen? Nein, nimmermehr.
    - Krastinik fuhr zu Lady Dorrington und verabschiedete sich bei ihr. Zu
Hause schrieb er zwei Briefe. Einen nach Haus. Von Berlin her war ihm ein Brief
seines älteren Bruders nachgesandt. Die Brüder correspondirten sonst wenig, da
ihre Lebensanschauungen zu verschieden. Diesmal aber erhielt er einen langen
Brief des Majoratsherrn. Er befinde sich momentan auf den Stammgütern in
Siebenbürgen und erwarte den Adel der Umgegend zu einer Bärenjagd. Auch sein
Freund Graf A - y, der Führer der klerikalen Opposition, werde sich einfinden.
Da würde man sich wohl mit Schmerz davon unterhalten müssen, auf welche traurige
Bahnen ein Krastinik geraten sei. Erstlich solle Xaver ja in Berlin sich ganz
germanisirt haben und abscheuliche Preussomanie pflegen. Den Kreisen der
Oesterreichischen Botschaft halte er sich ganz fern, wie man höre. Unverzeihlich
von einem Krastinik. Aber noch schlimmer, man sehe, ihn stets in Gesellschaft
plebejischen Gesindels, herabgekommener Litteraten. Er scheine sich allen
Ernstes als »Schriftsteller« von Beruf zu fühlen. Jetzt nun gar, - mit
Indignation habe er als Haupt der Familie davon Kenntnis genommen, dass Xaver
Krastinik mit einem sogenannten Bühnenstück Furore mache. Vermutlich sei er vom
Publikum auch herausgebrüllt worden und, dem Hervorruf gehorsam, vor den Vorhang
getreten? Ob er denn nicht selber fühle, wie wenig das für einen Krastinik
schicklich sei? In andern Ländern möge das ja angehn. Ein Graf Tolstoy und
verschiedene Fürsten schrieben ja auch. Aber grade, in Deutschland, wo man mit
Recht die Schriftsteller als Menschen auffasse, die ihren Beruf verfehlten! Als
erhabener Dilettant Werke zu redigiren, wie Sr. k.k. Hoheit Kronprinz Rudolf,
sei ja gewiss ein vornehmer Sport. Aber die Art und Weise, wie Xaver diesen Sport
treibe, sei skandalös. Ganz als bürgerliches Metier. Ob er vielleicht mit Cohn
und Itzig schon Brüderschaft getrunken habe? Man behaupte sogar, er verkehre bei
Leuten, die wegen Pressbeleidigung des Fürsten Bismarck gesessen hätten. Aber das
halte sein brüderliches Herz wenigstens für Verleumdung. - Kurz und gut, was
solle denn aus ihm werden? Seine militairische Carrière habe er aufgegeben, doch
hoffentlich sehe er ein, dass er sie wieder ergreifen müsse, um sich vor seinen
Standesgenossen zu rehabilitiren. Er bitte ihn flehentlich, seinen elenden
Papierruhm im Stiche zu lassen und heimzukehren.
    Am Schluss schimmerte noch durch, dass der Majoratsherr die finanzielle Lage
eines jüngeren Sohnes wohl berücksichtige und ihm daher, falls er sich wieder
anständig benehme, gewisse Revennen in Aussicht stelle.
    »Ein Almosen!« knirschte Xaver. »Jeder Löwe hat seine Laus! Zu Kreuze
kriechen - das fehlte noch!«
    Er schrieb trocken zurück, dass ihn etwaige Briefe in Scheveningen finden
würden, da er morgen mit dem nächsten Dampfer via Amsterdam zum Continent
zurückreise. Im Uebrigen danke er für die brüderlichen Ratschläge. -
    Der andere Brief des Grafen ging nach Berlin, an die Redaction der »Berliner
Tagesstimme«. Es kostete ihn schwere Ueberwindung, die Feder anzusetzen. Dreimal
zerriss er das Schriftstück. Schweisstropfen perlten auf seiner breiten Stirn.
    Dann aber sprang er plötzlich auf. Sein Auge blitzte, seine Brust hob sich.
Ihm war, als stände er auf einer Bresche, als würfe er sich ritterlich einem
fallenden Feldherrn als Deckung vor, um statt seiner den Streich zu empfangen.
Der Geist all Derer von Krastinik erwachte in ihm. Seine Ahnen standen ihm
unsichtbar zur Seite. Sei ein Mann, sei ein Ritter, Noblesse oblige!
    Und er schrieb, ohne Besinnen und Absetzen in einem Zuge.
    Nein, der point d'honneur ist keine Falstaffiade und das Gewissen keine
Erfindung der Religion. Sobald es spricht, laut und vernehmlich, kann man nicht
widerstehen. Wer von ihm gerufen wird, muss der Mann seines Schicksals sein, wie
das Gewissen gebeut.
    Jeder hat seine Versuchungen des heiligen Antonius und könnte von seinem
Standpunkt aus Bekenntnisse des heiligen Augustin schreiben. Aber Auserwählte
haben ihr Getsemane, wo der Kelch der Bitterkeiten zum Ueberfliessen voll an
ihren Lippen hängt. Sie müssen ihn leeren bis zur Hefe, ehe die Kraft der
Weltüberwindung ihr neues Testament offenbaren kann. Erst in der Wüste der
weltverlassenen Einsamkeit vernahm Johannes die Stimme der Wahrheit und erst auf
dem Patmos des Exils entüllte sich die Apokalypse des Weltgerichts. So scheint
denn das Martyrium auch die allererste Bedingung, die sich vergrössert mit dem
Wachstum des Geistes. Von dem kleinen Martyrium der unglücklichen Liebe, das
den jungen Geist läutert und vertieft, bis auf zu dem Martyrium des grossen
Weltwehs, wie es allen Aposteln der Menschheit die Höllenpforte der Erkenntnis
öffnet, ist das Leiden die Mutter jeder Grösse.
    So lange das Gefühl der Welt- und Gottverlassenheit, die Empfindung des
Unglücks dem Menschen fremd bleibt, so lange ist er sich weder seiner
Seelenkraft noch Gottes bewusst. Seinen Scheideweg des Herkules, wo der eine Pfad
zum Glück und der andere zur Tugend führt, findet Jeder. Aber nur bevorzugte
Naturen wissen alle Strudel der Vergangenheit zu glätten. Ein Shakespeare
verbirgt seinen Hamletschmerz unter dem Prosperomantel der Phantasie. Aber man
braucht diesen Mantel nicht zu besitzen, denn das Talent zur Einsamkeit ist
angeboren. Fittich, Stab und Skorpion - Giftkröte, die den Karfunkel der
Wahrheit im Haupte trägt - Einsamkeit! In deinen Schoss bettet sich müde, wer
sich willenlos fortgerissen fühlt von den immer reissenderen Stromschnellen, die
dem Niagara entgegenstürmen.
 
                                      III.
Die Geschichte Europas verrät einen innerlich bedingten Zug der Entwicklung von
Süden nach Norden, von Westen nach Osten. So hatte denn kaum das kleine
Küstenreich Portugal in Ostindien unter Almeida und Albuquerque ein gewaltiges
Colonialreich gegründet, als auch schon das nordische Küstenland Holland im
Kampfe gegen die spanische Weltmacht deren coloniale Eroberungen an sich riss und
unter den Oraniern, Wilhelm dem Staatsmanne und Moritz dem Feldherrn, sowie
später unter den grossen Admiralen Tromp und Ruyter sich zur ersten See- und
Handelsmacht erhob. Und wie Portugal seinen einzigen Dichter jener kurzen
Glanzperiode verdankt, so erstand in Holland ja auch der bedeutendste Sänger
batavischer Mundart, Vondel, während der siegreichen Befreiung der Niederlande
von fremdländischem Joch.
    Die feuchte neblige Frische, das gleichsam wasserdurchquollene tiefsatte
Grün einer Ruysdael'schen Landschaft wirkte beruhigend auf Krastiniks Nerven. In
den Cafés bewunderte er die eigenartige Vornehmheit malerischer Ausstattung, die
Bambusstühle und kostbaren Porzelan-Gemälde, die ins Wandgetäfel eingefügt. Und
die Austern Van Laar's labten ihn wie culinarische Zeugen dieser allgemeinen
reinlichen Meeresfrische.
    Amsterdam erklärt alle Stimmungseffekte Rembrandts durch seine üppige Fülle
coloristischer Motive. Die schmalen Häuschen mit den seltsam gezackten
Schornsteinen tragen eine kaffeebraune Farben-Lasur, deren feiner Reiz durch
zahlreiche Architekturen aus rotem Ziegelstein von barock verschnörkeltem Style
noch mehr hervorgehoben wird. Die Docks, die Canalbecken, über welche sich
bogige Brücken spannen, das Netzgewirr der kleinen Gassen, an Venedig erinnernd
- alles das wird von einem nebligen Halblichte abgetönt. Unter ihm setzt das
natürliche Grün der Baum-Alleen zu beiden Seiten der Canäle einen Flimmer an wie
von rostigem Metall.
    Doch der pöbelhafte Lärm roher Unsittlichkeit, welcher die Nachtruhe selbst
im vornehmsten Stadtteil dieser Hafenstadt stört, trieben ihn schon am nächsten
Tage seinem neuen Ziel entgegen. Talatta, Talatta!
    Kaum in Scheveningen angelangt, warf sich Graf Krastinik auf die deutschen
Zeitungen, die er hier zufällig in ausreichender Fülle vorfand. Da fesselte ihn
sofort wieder der Name Leonhart. Was war dies schon wieder? Der Verleger
desselben hatte unter den hinterlassenen Papieren ein, förmliches Tagebuch
vorgefunden und kündigte die unverzügliche Publizirung dieses »grossartigen
Erzeugnisses« an. Natürlich bestellte der Erstaunte das Buch sofort
telegraphisch »zu umgehender Sendung mit Nachnahme«.
    Am andern Morgen aber fand er richtig in der »Berliner Tagesstimme« seinen
offenen Brief abgedruckt. Wie folgt.
    »Eine höchst befremdliche Nachricht dringt zu uns, welche wir nur unter
Reserve wiedergeben würden, falls nicht der Name des Betreffenden selbst dafür
bürgte, dass hier keinerlei Mystifikation vorliegt. Die Leonhart-Affaire, welche
jetzt schon wochenlang die Gemüter der näherstehenden Kreise aufregt, wobei
durch Veröffentlichung des angekündigten Tagebuchs wohl kaum eine Sänftigung
erhofft werden darf, findet hiermit eine ganz neue höchst überraschende
Ergänzung.
    In einem höflichen Geleitschreiben hat der vornehme Verfasser des
nachfolgend abgedruckten Briefes ausdrücklich ersucht, denselben ohne jede
Milderung und Streichung zu publiziren. Er bestehe darauf, widrigenfalls er den
Brief einem andern Blatte überreichen werde.«
    Krastinik lächelte flüchtig über diesen schlauen Coup. Er kannte seine
Pappenheimer: Ehe die »Tagesstimme« einem andern Blatte eine sensationelle Notiz
überliess, sei es auch nur eine Brillant-Ente, eher würde sie wahrhaftig den
Inseratenteil des »Botschafter« pachten!
    »Graf Xaver Krastinik hat sich bemüssigt gefunden, erst jetzt mit einer
Erklärung hervorzutreten, welche das grösste Aufsehen erregen wird. Wir bringen
sie unverkürzt, seinem Wunsche gemäss.
    Löbliche Redaction! Nach § 11 des Pressgesetzes steht mir eine tatsächliche
Berichtigung frei, welche ich hiermit erlasse. In der Kreuz- und- Schwertzeitung
fand ich kürzlich einen Artikel, dieses christlichhumanen Blattes vollkommen
würdig, aus der Feder eines p.p. von Schnapphahnitzkoy. Dieser Herr, von dessen
Existenz ich nur mal von meinem verstorbenen Freunde Leonhart gehört zu haben
glaube, ist so freundlich, meine Wenigkeit gegen das ungebührlich
herausgepriesene Verdienst meines seligen Freundes auszuspielen und zwar
speziell das venetianische Drama Die Meeresbraut. Ich erkläre nunmehr hiermit
laut und feierlich: Dieses Stück, mit Ausnahme einiger scenischer Einfälle,
gehört mit Stumpf und Stiel, mit Haut und Haar, in Idee und Ausführung,
ausschliesslich; meinem todten Freunde Friedrich Leonhart. Sind die Herrn Neider
und Nörgeler, diese Schurken, die den grossen Dichter in jenen Anfall von
Geistesstörung des Verfolgungswahns hineintrieben, - ist die Verschwörung von
Schurken und Dummköpfen nun vielleicht endlich zufrieden?! Ich weiss recht wohl,
dass in ihrer Wut, sich so getäuscht zu sehn, die verbündeten, aber nicht
vereidigten Makler nun über mich herfallen werden. Der Verstorbene hatte mein
Wort, bis zu einer gewissen Frist den wahren Namen des Dichters zu verschweigen
und den unverdienten Ruhm auf meine Achsel zu nehmen. Diese Frist ist jetzt
erloschen. Auch hätte ich meines Wortes mich entbunden erachten können, nach
jenem traurigen Ereignis. Ich gestehe daher mit einem demütigenden Gefühl der
Scham, dass ich vor diesem notwendigen Schritt mich ängstete. So sehr hat auch
das Beisammenleben mit den grössenwahnsinnigen Erfolgjägern Berlins mein Gefühl
für Pflicht und Ehre abgestumpft, dass es mir schwer ankam, auf solche unsauber
erworbene Eitelkeitsmedaille zu verzichten.
    Warum überhaupt diese Täuschung der Welt von mir und dem Verstorbenen
versucht wurde, fragt wohl nur ein ganz naiver Bruchteil des Publikums. Damit
man es aber einmal Schwarz auf Weiss lese, so will ich es mit dürren Worten
aussprechen. Nie wäre ein Drama meines verstorbenen Freundes, und wäre es noch
zehnmal besser, je auf einer deutschen Streberbühne zur Aufführung gelangt, nie!
Er konnte nicht dem Direktor ein Ordensbändchen verschaffen, der Frau des
Regisseurs die Cour schneiden, mit dem Schauspielerpack Brüderschaft trinken.
Ich aber, löbliche Redaction, heisse Graf Xaver Krastinik und bin daher befugt,
selbst meinen greulichsten Schund an sämmtlichen Hofbühnen anzubringen. Da
Leonhart tausend Feinde und keinen einflussreichen Freund (nicht mal dem
Teater-Portier konnte er ein erhebliches Trinkgeld zu Füssen legen) besass, so
war ich also der unmassgeblichen Meinung, dass er nur durch diese geschickte
Vermummung zum Ziel gelangen könne. Im Einverständnis mit dem grossen Dichter
führte ich die Sache denn durch und der Erfolg bestätigte, wie gründlich wir
Beide die Verlegenheit der Welt durchschaut hatten.
    Ein Herr Nordau hat gegen Conventionelle Lügen der Culturmenschheit
gedonnert. Auch das ist aber nur eine Lüge. Culturmenschheit, eine Humbugphrase
wie so viele. Die ganze Welt ist nur eine einzige Lüge und bei dem Worte
Idealismus lachen die Auguren. Ein schöner Kellner hat mehr Aussicht auf Erfolg
in der Welt als ein linkisches Genie, und nicht wer am besten dichtet, sondern
wer am besten strebert oder dem Tagesbedürfniss schmeichelt, gilt heut als
grausser Mann. Ein solcher Gewaltiger vor dem Herrn konnte Leonhart nimmer werden
und so hatte er denn Recht, eine Welt zu verlassen, für die er allen Ernstes zu
gut war.
    Ich für mein Teil, nachdem ich diese letzte Pflicht erfüllt, nehme mit
wehmütigem Lächeln Abschied von der Poesie. Ich entsage für alle Zeiten der
dichterischen Produktion. Meine litterarische Carrière war kurz genug, aber
genügte mir, einen unauslöschlichen Ekel gegen dies Geschmeiss elender
Federfuchser einzuflössen, das über seine verhungernden Kinder oder seine
unbefriedigte Eitelkeit jammert, statt anständig zu Pflug und Spaten zu greifen,
- das als litterarische Pennbrüder den Parnass bebummelt, aber wie ein
nichtsnutziges Knieholzgestrüpp dem aufwärtsschreitenden Bergsteiger die Füsse
umwickelt, so dass er strauchelnd zu Boden stürzt. Von ihren idealen Zwecken
machen sie ein ebenso grosses Geschrei wie von ihren materiellen Rechten. Wozu
dient diese Kanaille, als den gesunden Sinn der Unbefangenen zu verwiren? Ihre
ganze Existenzberechtigung ist ihre Eitelkeit, mit ihren idealen Zwecken finden
ihr schönstes Recht in Niederduckung Sie des wahrhaft Grossen. Und ihre
materiellen Förderungen der Standesinteressen bestehen höchstens darin, dass sie
dem Lebenswerten möglichst den Weg zum allgemeinen Futtertrog versperren, um
ihren wertlosen Windbauch vollzustopfen. - Kurz, wo immer eine geniale Natur
sich erhebt, da folgt ihr instinktiv der Hass aller Feigen und Schlechten. Das
ist der Schatten, den das Genie wirft, und gleichsam seine natürliche
Beglaubigung.
    Nach Erledigung dieser Erklärung, empfehle ich mich hiermit statt jeder
besonderen Meldung meinen Berliner Freunden vom Geschäft, besonders den
liebenswürdigen Schauspielern, die dem Drama Leonharts - pardon, Graf Krastiniks
- eine so begeisterte Teilnahme entgegenbrachten, vor allem Herrn Direktor
L'Arronge. Die Tantièmen der Meeresbraut, welche in Berlin nach Verabredung
deponirt wurden, bestimme ich hiermit zu einem Grabdenkmal für meinen grossen
unglücklichen Freund. Einer löbl. Redaction ergebener
                                                          Graf Xaver Krastinik.«
    Schon am andern Tage fielen die Berliner Zeitungen über ihn her. Krastinik
las sie ruhig durch und trank als Magenstärkung einen Oranje-Bitter.
    Den Menschen kann man nicht die Mäuler verbieten. So tadele denn Jeder nur
getrost am Anderen, was er im eignen Busen wiederfindet! Die Frechheit, womit
dies Volk über Ungewöhnliches urteilt, entspricht nur der allgemeinen Ichsucht,
deren krankhafte Kleinlichkeit sich berechtigt glaubt, alles zu kennen und zu
beurteilen, was grade in dem Bannkreis ihres eigenen winzigen Lebenskreises
durch flüchtigen Zufall an ihnen vorüberhuschte. Und wäre es das Grösste, sie
ziehen es zu dem alltäglichen Nichts ihrer gleichgültigen Existenzen herab und
beschimpfen keck, was zu hoch über ihnen steht, um sich verteidigen zu dürfen.
Souveraine duelliren sich nicht. Eins aber schien jetzt unbedingt nötig: Dass er
Ernst machte mit seiner Absage an das litterarische Geschwätz. Ja, gewiss war er
ein echter Dichter, aber er musste sich tödten, wie der Manne auf des
Germanenherzogs Grab, auf der Leiche eines so unendlich grösseren Dichters, von
dessen Ruhm er unfreiwillig gezehrt.
    Wie sonnenhell lag im Anfang seine neue Laufbahn vor ihm da!
    Welch glückliche Zeit, wo er keine andere nagende Furcht kannte, als die,
nicht früh und voll genug fertig zu werden, wo vor seinem Geiste endlose Bilder
sich drängten, die er vergeblich alle zugleich zu beschwören hoffte und die sich
in seinem schaffenden Gehirne stiessen! Aber ach, die ganze Poesie, welche vor
seinen trunkenen Blicken schwankte, löste sich auf und zersplitterte sich in
endlose Fragmente, von denen Keines vollendet ward. Durfte er glauben, dass in
jenen Kindheitstagen seiner litterarischen Anfängerschaft die echte Poesie, der
echte Schöpferdrang in ihm tätig gewesen? Nein. Seine Jambentragödien waren
historische Schulübungen, deren letzten Refrain doch immer das gegenseitige
Schwertergeklirr abgab.
    Und so ging er denn aus Heldenstück der Selbstüberwindung. Bei der Abreise
von Berlin hatte er natürlich sein Teuerstes, seine Manuscripte, mit sich
geführt. Nun öffnete er das bisher unberührte Fach seines Koffers und häufte
seine Schätze vor sich auf.
    Lange durchwühlte er diese Fragmente historischer Dramen, die er mit
Leonhart einst durchgesprochen. Er wischte mit dem Finger über die Wimper, als
müsse er dort eine Träne zerdrücken. Doch sein Auge blickte kalt und starr.
    Mit einem kräftigen Ruck raffte, er sich zusammen und packte die Manuscripte
und warf sie in die helllodernden Flammen des Kamins. Rasch wandte er sich dann
ab, wie um das Unheil nicht zu sehen. Erst als die Papiere schon halb verkohlt
und zu Asche verbrannt, richtete er seinen Blick darauf. Und mit bebendem Herzen
zwang sich ihm auf die Lippen das Lied:
Lebt wohl ihr Alle, die einst gelebt
In meiner Seele, die euch belauscht!
Ihr Heldenschmerzen, die mich durchbebt,
Ihr Völkerkunden, die mich berauscht!
Hinab hinab, versunkener Hort!
Die Welt soll nimmer Dich wiedersehn.
So mag das ewige Dichterwort
Mit all der anderen Spreu verwehn!
    Aber kaum hatte er so in Erhabenheit geschwelgt, als eine innere Stimme ihm
mahnend ans Ohr schlug: Hüte Dich, hüte Dich vor neuem Rückfall in das Laster
der Andern, vor kindisch selbsttäuschendem Grössenwahn! Das ewige Dichterwort?
Meinst Du wirklich Dich selber? Wer gab Dir das Recht dazu, Deine hübschen
Teatralika à la Heinrich v. Kleist gleich für etwas Besonderes zu halten, in
einer Zeit, wo ein grosser Dichter an Deiner Seite schritt?
    Krastinik versank in tiefes Nachdenken über sich selbst und das allgemeine
Problem einer geistigen Tätigkeit, die doch eigentlich direkt der rohen
Realität zuwiderläuft.
    Es ist unwahr, dass Physisches und Psychisches sich ergänzt. Der Eine wird
mit überwiegend physischer Kraft geboren, welche sich als sogenannte
Lebensfrische offenbart, - weswegen die realistische englische Sprache auch
kräftige Lebhaftigkeit kaltblütig »animal spirits« (tierische Lebensgeister)
nennt. Diese Anlage überwiegt vor allem bei den Frauen. Da aber das psychische
Element in Jeder menschlichen Natur liegt, so hindert es fortwährend die freie
Entfaltung des Physischen. Denn ist die geistige Fähigkeit eines solchen
Individuums eine geringe, so sucht es durch Fleiss und Studium sich zu Höherem
aufzuschwingen, verkümmert sich aber nur den physischen Genuss, ohne geistlge
Resultate zu erreichen. Und sind die geistigen Fähigkeiten nicht unbeträchtlich,
so erkennt ein solches Wesen bald die Nichtigkeit, des Tierischen, kritisirt an
sich herum, fühlt die gähnende Lücke seines Innern, bewundert das Höhere, ohne
sich zur geistigen Arbeit aufraffen zu können, weil eben das physische Element
von Natur aus zu mächtig in ihm. Dies sind all die zerrissenen, zerfahrenen und
in falschem Sinne romantischen Naturen. - Der Andre wird mit überwiegend
psychischem Element geboren. Ihn hindert nun das schwache physische Element
entweder durch Kränklichkeit im geistigen Schaffen, oder die sich stärkende
physische Natur rebellirt gegen die übermässige Psyche, indem sie auf dem Wege
der Phantasie zu Ruhmsucht, Eitelkeit, Herrschsucht und Sinnlichkeit verführt.
    Der Graf schauderte vor des Leere seines einsamen Innern.
    Wer Gram und Zorn und Hass im Herzen hat, etwas hat er dann doch
hinabzuspülen. Er taucht in Letes Flut ein volles Blatt, ein vollgeschriebenes
Blatt - o er ist zu beneiden. Doch dies Gefühl des Erfrorenseins, des
Abgestorbenseins, erfüllt das ganze Herz mit Nacht und Schatten.
    Und als müsse er von der Muse einen ihrer würdigen Abschied in Versen
nehmen, quälte er seine ganze Lebenserkenntniss in folgende Reim-Prosa hinein:
Glück, das ist Frieden, Frieden ist Ruhe,
Ruhe ist Grösse und Freiheit nur gross.
Denke und fühle, schaffe und tue
Friedlos und rastlos, im Sturmesgetos.
Ruhe sinkt willig in unruhvolle Seele.
Wer Ruhe aber suchet, den quält ein innrer Dorn.
Bewegung lenkt das All, der Einzle auch sie wähle.
In Widerspruch und Wechsel nur quillt der Wahrheit Born.
Wenn für die Gegenwart Du nicht denkst und nicht handelst,
Dann naht der Vergangenheit dürres Gespenst.
Oder mögliche Zukunft ins Jetzt Du schon verwandelst,
Deren Leiden Dir sicher, deren Freuden Du nicht kennst.
Du rechnest, ob nicht etwa der Wechsel oder jener
Zu Deinen Gunsten nahn wird, doch nur das Unheil naht.
Wer frühres Glück betrachtet, zu übersehn nicht wähn' er
Manch unfruchtbaren Samen, manch Unkraut in der Saat.
Wenn eine von der andern auch verschlungen werde,
Doch nennen wir uns Wogen in der Brandung der Zeit.
Statt dessen sind wir Blasen und Schaum diese Erde
Und drunter rollt unheimlich das Meer der Ewigkeit.
    Er überlas das Geschriebene. Dann lächelte er verächtlich und zerriss das
Papier. Er ein Dichter? Ein tieffühlender und tiefdenkender Mensch war er, aber
blieb ewig Didaktiker oder Teatraliker. Was verlor die Welt an seinem
Dichtertum? Das konnte höchstens dazu dienen, grössere Talente in bedrückten
bürgerlichen Verhältnissen durch seine gräfliche Concurrenz zu schädigen.
    Und hätte er noch geschwankt, ob er definitiv abdanken solle, dann hätte die
Lectüre des Leonhartschen »Tagebuchs« ihn endgültig bestimmt, das jetzt auf
seine telegraphische Bestellung umgehend eintraf, »soeben erschienen«.
 
                                      IV.
Als Motto standen auf der Titelseite aus Händel-Miltons Oratorium »Samson
Agonistes« die Verse: »Lass mich mit Tränen mein Loos beklagen, Ketten zu tragen
das ist mein Geschick.« Ja, wahrlich, hier tobte ein geschorener geblendeter
Simson in seinen Ketten - er, der so oft mit einem Eselskinnbacken die Philister
erschlug.
    Bei Lebzeiten des Dichters wäre eine Veröffentlichung dieses Tagebuchs ein
unmögliches Vabanque-Spiel gewesen oder zum Staatsstreich geworden. Die
unheimliche Menschenkenntnis, die hier intuitiv in allen Seelen las, ihr
Schicksal mit einem Blick vor-und rückwärts erkundend, paarte sich einem
unerbittlichen Zuhausesein im eignen zerwühlten Herzen. Dies schien ihm der
Spiegel geworden, durch den er die Herzen der Andern sah.
    Man blickte gleichsam über den Schreibtisch des Dichters, wie er verzweifelt
nach Vollendung rang. Man sah ihn als halbflüggen Jüngling seinen unreifen
Weltschmerz und seine unglückliche Liebe in wilden Liedern ausgrollen, aber
nicht in retorischer Formvirtuosität, nichtselnd, sondern an grossen Stoffen
sich die Zähne ausbeissend. Langsam und stetig gewann er Herrschaft über die
Form, allerdings eine neue Form, von welcher der akademische Jargon der
Poesie-Eunuchen und Hermaphroditen noch nichts ahnte. Mit durstigen Sinnen
schaute er sein handlungbewegtes Leben an und angeschautes Leben trat in all
seinen Schriften hervor. Ja, er eroberte sogar neue Stoffgebiete, welche der
Poesie noch nie erschlossen waren. Unaufhaltsam rollte der Wagen dieses
geistigen Imperators die Via Triumphalis hinan.
    dabei blieb er kameradschaftlich jovial, trotzdem das volle Bewusstsein
seines Wertes ihn aufrecht erhielt im Sumpf der litterarischen Bohème. Aber
grade in Folge seiner Bonhomie kam eine Vertraulichkeit seiner Schützlinge zum
Vorschein, die dem verwöhnten und stolzen Manne nicht behagen konnte.
Wunderknaben, die er gegen alle Welt geschirmt, vermassen sich ihn zu fragen, wie
einst der Dichterling Polidori seinen Gönner Byron: was er denn eigentlich mehr
leiste als sie. Wer in seinem Schatten vegetirte, nahm später einen lehrhaften
Ton gegen den allzu Gutmütigen an. Wenn dann dem Ewigkeitsmenschen endlich die
Geduld riss, rannten sie wie toll umher und klatschten Schauderdinge von seinem
Hochmut, während es gerade als sein Fehler erschien, dass er sich würdelos
wegwarf. Im tiefsten Innern bescheiden allem Grossen gegenüber, hingebend und
übertrieben wohlwollend gegen alles leidlich Bedeutende, zweifelte er stets an
seiner Unfehlbarkeit, unbeirrt durch das Hosianna seiner Bewunderer wie das
Gekläff seiner Neider. War er nur der Christoph Marlowe eines neuen Shakespeare?
War er der Riese Christoph, der das Jesuskind über die wilden Wasser trägt? Oder
war er selbst dieser Messias der Poesie? Er wusste es nicht. Auch grübelte er nie
darüber und fühlte sich stets bereit, das Knie zu beugen vor dem Dichter der
Zeit, der da kommen sollte, wie die Zeichen künden. Fern dem neidischen
Grössenwahn wie der falschen Demut, wie es der wahren Grösse geziemt, brandmarkte
er nur den Wahn der Windmacher. Denn in diesen prahlenden neidgrünen
Schwächlingen erkannte er grade die echten Kinder unsrer reklamesüchtigen Aera,
ob sie auch selbst über ihr Jahrhundert erröteten, wie ihr Jahrhundert über
sie. All diesen Statisten, die statt »die Pferde sind gesattelt« sich selbst als
Heldenspieler meldeten fürs erste Rollenfach, erteilte er oft den
wohlverdienten Fusstritt seines vernichtenden Sarkasmus.
    Selten war die Lächerlichkeit, welche unbewusst aller Lüge und Gemeinheit
anhaftet, mit so sicherer kühner Hand in derben Strichen conterfeit. Wie der
Ritter mit der eisernen Hand, knackte dieser ins Moralische übersetzte Pietro
Aretino abschreckende Kopfnüsse hinter den feuchten Ohren seiner Verfolger und
verpuffte sterbend all seinen Grimm, wie Götz in beherztem Aufatmen aus voller
Brust: »Freiheit, Freiheit, himmlische Luft!«
    Man sah Schritt für Schritt den Morast der litterarischen Misère über dem
Haupt des Unglücklichen zusammenbrechen. Man sah seine Dramen vergeblich an die
Pforte aller Teater klopfen, wie seinerzeit die Opern Wagners. Infamie und kein
Ende. Da schimpfte die »vornehme« Kritik über Teaterleiter und Publikum, welche
allein der Fluch Apolls ob dem Untergang des Dramas treffe. Und die Presse etwa
nicht? Man forscht umsonst begierig, was denn sie beitrage zur Förderung
verkannter Dichter. Wer zu stolz ist und zu hoch steht, um jenen »vornehmen«
Geistern schmeichelnd um den Bart zu gehn, wird von ihnen nach wie vor
todtgeschwiegen. Man sah, wie der edle Dichter umsonst nach Jemandem suchte, der
selbstlos für Andere eintrat. Nur Einer schien davon ausgenommen, der aber
durfte mit Heine singen: »Schade, dass ich ihn nicht küssen kann, denn ich selbst
bin dieser brave Mann.«
    Jenes Gewirr von platter Bosheit, bübischer Dummheit und neidzerfressenem
Grössenwahn, das sich »litterarisches Leben« nennt, wurde hier einmal erschöpfend
blosgelegt. Jeden Augenblick hörte man den Dichter heimlich die ironische
Liebesbotschaft nach allen Richtungen der Windrose versenden: »Ich weiss alles.«
Das genügt. - Da schwatzte dies Völkchen von »Grössenwahn«, wenn tiefbeleidigtes
Gerechtigkeitsgefühl sich gegen schnöde Verkennung und den eiteln Wahn der
Modefexen empörte. Hier mochten die Worte der Schrift gelten: Sie haben Ohren,
um zu hören, und hören nicht; sie haben Augen, um zu sehen, und sehen nicht.
    Wer als Einer unter Myriaden stets die Sache und nie die Person im Auge
behält, muss der Selbstübervorteilte bleiben, auf dessen Kosten sich alle
Ohrwürmer mästen. Darum bildet den rechten Grundstein einer geregelten
litterarischen »Carriére« die einfache Nützlichkeitslehre der Bismarckschen
Diplomatie: »Do ut des«. Um die wahre Bedeutung und derlei Allotria mag sich die
Nachwelt kümmern. Nachruhm! Leichen kann man nicht mehr füttern.
    Die gefährlichste und verletzbarste Eitelkeit stellt nicht das eigene
Selbstgefühl dar, sondern die Eitelkeit für einen Anderen z.B. der Mutter für
ihren Sohn. Der wahre Dichter aber fühlt für seine Dichtung wie für ein Kind,
das er gebar. Während der Dichterling immer nur sich selbst persönlich getroffen
fühlt, wenn man seine Dichterei heruntersetzt, kränkt den Dichter ein ganz
unpersönlicher unselbstischer Schmerz, wenn er sein Dichtungskind, dies von ihm
losgelöste selbständige Wesen, von der kalten böswilligen Welt verstossen und
besudelt sieht.
    An diesem Schmerz, der insofern komisch wirkt, als er sich Niemandem als
unselbstisch begreiflich machen kann, ging der unglückliche Dichter langsam zu
Grunde. Er fasste sich fortwährend gleichsam literarhistorisch auf und grübelte
über seine Eigenart nach, als gelte es einen postumen Essai für die Nachwelt zu
schreiben. Andrerseits steigerte sich bei ihm die Unmöglichkeit, die tausend
Teilsächelchen des Lebens zu berücksichtigen.
    Wie oft werfen nicht beschränkte mittelmässige Köpfe einem Kraftgeiste, der,
von rastlosem Tatendrang dämonisch fortgerissen, immer nur das Ganze, nie die
Teile bedenkt, haltlose Unruhe, unzeitigen Starrsinn, Widersprüche vor, während
nur ihre eigene Mittelmässigkeit sie auf der gewohnten Bahn des ebenmässigen
Vorwärtstappens erhält!
    Schritt für Schritt sah man die tückische Nervenkrankheit hier vorrücken,
welche den Unglücklichen in seiner Verbitterungs-Manie dem Wahnsinn und dem
Selbstmord entgegentrieb. Er suchte gleichsam alle Abgründe auf und secirte sich
und seine Nebenmenschen bei lebendigem Leibe. Der letzte Teil des Tagebuchs, in
dem Monat vor seinem Tode geschrieben, entüllte dies so recht.
 
    Welch ein köstlicher Kerl ist doch College X.! Der sagt von Jedem, sei er
auch der erwiesenste Schuft: »Alles was recht ist! Ein anständiger Mensch!« Nur
nie Farbe bekennen, nur leise treten, nur ja mit Jedem sich gut halten!
    Alle sind sie Macher, alle. Sie teilen sich nur in geschickte Mach er und
in ungeschickte. Da liegt der ganze Unterschied. Mit ironischem Lächeln gehe ich
stets auf ihre eigene Weltanschauung ein und hebe meine Sprüche an: »Wir sind ja
unter uns, mit Wasser kochen wir ja alle.« Und die Kerls merken nicht einmal,
dass ich mich über sie lustig mache.
    Das sind noch die Ehrlichen. Nur wenn Einer von seinen »idealen Zielen« zu
schwindeln anfängt, dann mache ich mich schleunig aus dem Staube oder halte
meine Taschen zu. Gott, wie sie doch alle das Selbstbelügen verstehn! Und ich
armer Hülfloser, der ich nie meine Gesinnung verstecken kann, nicht mal vor mir
selber!
    Ich freue mich immer, wenn ich mit Offizieren zusammentreffen. Hier herrscht
wenigstens Disciplin, Unterordnung unter den höheren Rang, Aufgehen in das
Ganze. Hier steckt eine greifbare Realität. Diese Kunst-Proletarier und
Geist-Handwerker sind hohle Schemen, Blasebälge, Etiketten von leeren Flaschen.
Diese Kerle würden ihren Vater todtschlagen und ihre Mutter verkaufen, wenn sie
ihren nimmersatten Ehrgeiz damit stopfen könnten. Sie leiden an einer Art
Auszehrung selbstverzehrenden Grössenwahns. Sie zehren gleichsam von ihrem lieben
Ich und nagen sich selbst das geistige Fleisch von den Knochen. Redet man von
Dingen, die grade nicht ihr persönliches Interesse tangiren, so geraten sie in
Geistesabwesenheit und pfeifen »Ach du lieber Augustin, alles ist weg.« Ein
ewiges Fieber wahnsinniger Vordrängungs-Gier jagt sie hin und her. Diese
Umwechsler geistiger Münzen spekuliren andauernd nach dem Courszettel der
Erfolgbörse auf Hausse und Baisse. Viele dieser literarischen oder
künstlerischen Börsianer müssten lebenslänglich Zuchtaus erhalten wegen
geistiger Urkundenfälschung und wegen falschem Zeugnis, als besoldete
Denuncianten und Meineidbeschwörer des kritischen Areopags, sei es nun als
Alexandrinische Kunstgelehrte und Kultusministerialräte oder als
»Knüngel«-Verschwörer der akademischen Strebercliquen untereinander oder als
»vornehme« Pressbanditen und Fälscher der öffentlichen Meinung oder als
Hofteaterintendanten-Excellenzen und Nicht-Excellenzen, und was des Gesindels
mehr ist.
    Aus ihrem Munde geht nichts als Lüge, wie jedes Wort aus des persischen
Satans Eblis Rachen sich zu Pestauch verwandelte. Phrasen, nichts als Phrasen.
Humbug und kein Ende. Und ich selber? Bin ich denn besser? Ich Memme, der ich
mich mit ihnen an einen Tisch setze, weil sie dann wenigstens nicht klatschen
und schimpfen können, und mich dann regelmässig ärgere über den vergeudeten
Abend? Ja, ich selber tauge den Teufel nichts.
    O dürft' ich rufen mit Coriolan, ein Selbstverbannter:
»Ihr Hundeseelen, deren Hauch ich hasse
Wie unbegrabener Männer todtes Aas,
Das mir die Luft verseucht - ich banne euch.«
    O dürft' ich fliehen von den Ufern dieser Pauke, welche ein ewiger Regen in
zahllose schmutzige Wasserringe zerschneidet, aus Gestade der Brenta! O dürfte,
Tauben von San Marko, sich aufschwingen in eure Reihen meiner Seele fromme Taube
und mit euch kosen in heiterm Spiele auf der Vorzeit Grabdenkmal, ihr Tauben von
San Marko! - O Vorzeit, o vielverkanntes Mittelalter, das der jüdische
Aufkläricht uns wegsudeln möchte! Ihr hattet kleine Mittel und grosse Ziele, wir
haben grosse Mittel und kleine Ziele, Mittel schaffen noch keinen Zweck, aber der
Zweck schafft sich selber Mittel.
    Denkt man nur an die Kreuzzüge, wie ärmlich erscheinen alle heutigen
Unternehmungen!
    O Nibelungendichter, grosser Unbekannter, der im Mysterium weltentäussernden
Schweigens vornehm dem Erdkreis entschwand! Oft träumte ich Dich als Genossen
Walters von der Vogelweide, in Palästina dem Hohenstanfischen Kaiserzuge
folgend.
    Rosen und Trauben wogen im Libanontal wie ein Meer roten Weines
ineinander, verschwimmend in Farbenwellen. Doch die Wolke Sodoms durchfliesst
noch immer unheimlich die Luft, wo das Todte Meer faul wie ein Alligator seine
bleiernen Fluten sonnt mit glasig stierem Auge, das in sich selber
zurückschreckt. Und des Himmels brennendes Auge löst nie in Tränen sein starres
Lid. Wie ein bleicher Symar, ein Leichenhemd von gramverwesten Völkerleichen,
dehnt sich die Wüstenei, am Morgem vom »Blutregen« betaut, der nächtlich
herniedertrieft. Und wie die roten Kreuze, die der Aberglaube in den Infusorien
dieses Blutregens sah, bedecken in Morgendämmerung Rotkreuze das Blachfeld, wo
die rotbekreuzten Templer auf dem Kriegspfad vorüberschleichen.
Und der wilde Schwan, dess wir inne geworden,
In Lüften sich wiegend, vom Heiligen Orden
Ist es das stolze Banner Beauséant.
Laissez aller! Vorbei! En avant!
Wie Wüstenmirage ist alles zerronnen.
Wir aber reiten ruhig besonnen,
Anstimmend einen ernsten Leich
Von Gottesminne und Himmelreich.
Unsrer gelassenen Hiebe Schnitt
Keinen Seldschucken im Sattel litt.
Doch neben mir schwebt wie Kranichflug
Ein Geisterkarawanen-Zug.
Im Wüstenqualme, im Dach der Palme,
Wie einst im Goldmeer heimischer Halme,
Immer sehe ich noch die blonden
Enakssöhne, die reisigen Burgonden.
Und wo Herr Walter Vogelweid
Ein vaterländisch Lied voll Schneid
An der Nachhut Spitze sang nunmehr,
Da sah ich Volker in herrlichem Stat,
Am schafft ein Banner von Goldbrokat.
Nie sah man kühneren Fiedelêr.
Da klangen die Saiten, die Wildnis erscholl,
Süsser und süsser das Lied entquoll,
Wie einst das Horn von Roncevall
Anrief mit lautem Wiederhall
Den Kaiser Karl, den greisen Herrn -
O Barbarossa, Du bist fern!
Da, jäh gepackt von Heimwehgraus,
Wir wider den Feind uns wandten,
Und klopften derb die Heiden aus,
Dass sie nach Hause raunten.
Dann seufzten wir alle bitterlich,
Uebern Kinn zum Bart die Träne schlich.
    - - Wohin hab ich mich verirrt! Mir war, als wär' ich selber der
Nibelungendichter, als wäre sein Geist in mir und ich sein Enkel durch lange
Seelenwanderung. Wer weiss! »Es gibt mehr Ding im Himmel und auf Erden« - leite
bis zur Quelle Dein Ichbewusstsein zurück, so wird ein Gefühl Dir sagen, das
keine Worte zu künden vermögen: Du bist nur eine neue Form von alten, ewig
wiederkehrenden Gestalten.
    Magisch zieht's mich zum Orient, wo Afrits und Gouls die verbotenen Schätze
Istakars bewachen, wo Schätze verbotenen Wissens und verborgener Schönheit auf
den Finder harren; wo die verzauberten Ruinen Tschilminars den Wanderer fragen:
Werden wir jemals neu erstehn? Düstere Sykomoren rauschen, gleich den schwarzen
Reichsstandarten des Kalifen. Grüne Triften dehnen sich, wie die grüne
Glaubensfahne des Propheten, entlang der blauen Stromkrümmung, welche vergoldete
Barken durchgleiten, wie auf Damascenerklingen goldne Koran-Devisen sich
kreuzen. Dort möcht' ich schlürfen Kischmi's goldigen Wein und Sorbet aus dem
Saft des Tamarindenmarkes. Und wie an Arabiens Vorgebirg Babelmandeb die
Schiffer Kokusnüsse und Negacesara-Blüten in die Brandung schleudern, um sie zu
versöhnen, so sollten sanfte Lieder mein stürmisches Herz besänftigen. Wie die
Morgenländerin auf die Fluten des Ganges ihre Lampe setzt, nur zu erforschen ob
ihr Liebster lebe, - so würde auf wirbelnder Lebensflut meine Hoffnung leuchten,
dass ich lebe im Leben meines Gesanges.
    Ja, so würde - - und wie ist es! O grosser Ahnherr, durch dessen Seele die
Riesenleiden des Nibelungenlieds geschritten, tausendfach glücklicher warest
doch Du, denn ich.
    Nicht in der Wüste des gelobten Landes, in der Wüste dieser erbärmlichen
Zeit, eingepfercht mit den Litteratenplebejern dieser Öffentlichen Meinung,
verschmachte ich hier ohne Oase und Quelle. Ich, jeder Zoll ein Sänger - ein
geistiger Kosmos, eingeschnürt in schwachen Leib und kleinliche Verhältnisse,
wie ein Löwe in eine Hundehütte - - zu versinken in ekeln Morast, in die
Schlangengrube hinabgeworfen zu niederm Gewürm, - ich, der Ritter und Fürst,
geblendet und in Banden, erschlagen von niedrig geborenen Knechten - - o bitter,
bitter, bitter!
    Nicht mal hier waltet Gerechtigkeit. Die Gelehrtenschnüffeler construiren
sich ein sogenanntes Volksepos zurecht und ahnen in ihrer blöden Blindheit nicht
die einheitliche Kunstverständigkeit des grössten Dichters! Das grossartigste und
vollendetste Kunstwerk aller Zeiten, der ewige Stolz deutscher Nation, wird von
einem frechen Schulmeister in Ottave Rime übertragen, sintemal die herrliche
Nibelungenstrophe, ungeniessbar sei! Ein Mann, Namens Jordan, rhapsodet umher,
soweit die deutsche Zunge klingt (sogar in Siebenbürgen trieb er sein Unwesen),
mit einem Stabreim-Monstrum, worin er durch modern krankhafte Makarterei und
Schopenhauersche Philosophie an der ungefügen Urmär dreiste Notzucht verübte!
Ein Anstreicher, dessen Maurerpinsel mit grellen Farben die keuschen
Marmorstatuen erhabener Einfachheit besudelt! Es sei ja stofflich recht
grossartig, aber kindlich ausgeführt, - schmunzelt dieser wohlgenährte Salonbarde
in weisser Halsbinde und die unwissende Menge betet das gläubig nach!
    In gelahrten Litteraturgeschichten wird die Gudrun, ein jütischer
Dünen-Knick, mit dem Nibelungen-Montblanc verglichen!
    O geschmacklose Torheit, dein Name ist Mensch!
    Grabbe grinst in seinem Satirspiel »Scherz, Satire, Ironie und tiefere
Bedeutung«:
    »Die Wörter genial, sinnig, gemütlich, trefflich werden so ungeheuer
gemissbraucht, dass ich schon die Zeit sehe, wo man, um einen entsprungenen
Zuchtauscandidaten zu infamiren, an den Galgen schlägt: N.N. ist gemütlich,
sinnig, trefflich und genial! - O stände doch endlich ein gewaltiger Genius auf,
der, mit göttlicher Stärke von Haupt zu Fuss gepanzert, sich des deutschen
Parnasses annähme und das Gesindel in die Sümpfe zurücktriebe, aus welchen es
hervorgekrochen ist!«
    Hat dieser Ausfall nicht noch heute Geltung? O viel mehr sogar! Wenn man die
Reklamen der Buchhändler und der Blätter liest, wird einem übel. »Endlich einmal
ein Meisterwerk!« annonciren sie das Produkt irgend eines Sudelmännleins. Und
der Verleger-Grössenwahn, welcher am liebsten eine ganze Rotte von Genies in
seinem Verlag aus dem Boden stampfen möchte, lässt die Macher über sich selber
Prospekte schreiben, worin sie ihre leidlich gelungenen Werkchen zu den
»höchsten Darstellungen der Weltlitteratur« rechnen und zwar »unstreitig«. Da
gibt es »Charaktere von wahrhaft Shakespearischer Tiefe«, »Effekte wie kaum in
Schillers Dramen« - - kurz und gut Kunststücke, neben denen »die besten andern
Schilderungen prosaisch, ja alltäglich erscheinen«!! Ueberall, wo man hinhorcht,
dasselbe Lied. »Bewunderungswürdige Kunst der Darstellung« »der geniale
Verfasser« - derlei regnet nur so bei Besprechung der mässigsten Sudeleien. Da
werden, Goete, Horaz, Pindar, Burns, Petöfi, Heine, Lenau, Flaubert in Unkosten
gestürzt, um als Lob-Vergleiche mit jedem Nachahmer herzuhalten.
    Aber was sehe ich! Seien wir nicht ungerecht! Stützt man den betrunkenen
Bauern auf der einen Seite (wie der selige Luter sagt), fällt er auf der andern
Seite wieder herunter. Denn um ein gerechtes Gleichgewicht zu erzeugen, legt man
dafür an die Werke des wirklichen Genies unmögliche Massstäbe an, nach welchen es
ja ein Leichtes wäre, Shakespeare und Goete unsterblich lächerrlich zu machen.
Da werden die frechsten Lügen nicht gescheut, um das ehrliche Verdienst zu
schmälern, - falls man es nicht am liebsten ganz todtschweigt. Bravo, das ist
ausgleichende Gerechtigkeit. Diese Leute haben gleichsam ein instinktives Gefühl
dafür, wo bedrohliches Uebergewicht vorhanden. Wo man ein hübsches Zwergtalent
erkennt, da mag dasselbe noch so grössenwahnsinnig in lächerlichen Radau-Vorreden
sich aufblähen, - man kommt ihm freundlich entgegen.
    Aber wehe der wahren Grösse, die ihrer selbst bewusst! Kreuziget, kreuziget!
»Bist Du der Juden König?« »Du sagest es.« Er hat bekannt, was brauchen wir
weiter Zeugnis! »Ich finde keine Schuld an diesem Menschen«, sprach Pontius
Pilatus, das Forum der Vernunft. Aber da erhoben die Juden ein grausses Geschrei
und Pilatus ist schwach. »Ich überantworte ihn euch.« Da führeten sie ihn an
eine Stätte, die heisset Golgata. Daselbst schlugen sie ihm ihre Nägel durchs
Fleisch.
    Die armen Verleger! Wie ich sie bedaure! Wieviel Opfermut und unausrottbare
Zuversicht gegenüber der versteckten Gleichgültigkeit des Publikums!
    »Und da kreuzigten sie neben ihm einen Räuber, der hiess Barrabas.« Der
Verleger Murray prahlte seinen Freunden von einer Bibel vor, die ihm sein
»grosser Autor« Byron geschenkt. Aber diese Freunde, die mit im Complott, zeigten
ihm jenen Bibelvers - da hatte der boshafte Dichter das Wort »Räuber«
durchgestrichen und »Verleger« darübergeschrieben. - Nun, wenn man den Verleger
Barrabas neben seinem Messias kreuzigt, so trifft ja ihn wohl das erlösende
Wort: »Morgen wirst Du mit mir im Paradiese sein.«
Die Welt ist rund, mein Kind,
Und wir drehn uns mit.
Lauf nicht zu geschwind,
Sondern halte Schritt!
Der muss vor sich selber beben,
Wer sich selber Rechnung gibt.
Aber mir ist viel vergeben,
Denn ich habe viel geliebt.
    Heut fand ich unter meinen Papieren ein vergilbtes Blatt, Verse in der
Handschrift meines verstorbenen Freundes Gottlieb Ritter, jenes Esels, der sich
wegen einer Chansonneuse erschoss:
Ha, Deiner Wange Rosenlicht,
Des Auges süss Vergissmeinnicht,
Verzaubert mich, doch manchesmal
Blickt's seitwärts auf mich kalt wie Stahl.
Die Lippen scheinen sein und rein,
Doch sehe ich die Schlängelein
Umzirkeln sie, die lieben alten
Bekannten, jene bösen Falten,
In denen Heine gleich erkannte
Kussgierig liebe Wahlverwandte.
Als Faust am Blocksberg, wo im Eck
Sein Gretchen stand, mit Lilit scherzte,
Sah er, indessen er sie herzte,
Zu seinem nicht geringen Schreck
Ein Mäuslein aus dem Munde hüpfen.
So sehe ich ein Schlänglein schlüpfen
Aus Deinem Munde - eine Zote!
Doch ob mir auch mein Gretchen drohte,
Die Tugend und das Ideal -
Anbete ich Dich doch nicht minder,
Gleich wie die abergläubigen Inder
Die Abgottschlange ihrer Wahl.
    Du lieber Gott! Ein gut Stück Verlogenheit spielte doch auch dabei mit.
Allerdings, Gottliebchen war ein wirkliches Genie, keiner von den komischen
Stürmern und Drängern Jüngstdeutschlands, welche mit Strassendirnen die sociale
Frage lösen und Jeden von ihrem Genie-Bund ausschliessen, der sich zufällig in
anständigen bürgerlichen Verhältnissen bewegt und »zahm« genug bleibt,
socialistisches Geschwefele für unreifes Zeug zu halten. Aber auch Gottlieb
Ritter »erlöste« das »Volk«, ohne von diesem gepriesenen Pöbel das Geringste zu
wissen. Armer Teufel! Was mögen die albernen Dirnen, mit denen er sich
herumschlug, über seine Sentimentalität gelacht haben! Ein richtiger deutscher
Lyriker.
    Ach und erst der verrückte Componist Ernst v. Bullrich, der angeblich wegen
eines Biermensch im Duell gefallen sein soll! (Fritz Erdmann, der
naturalistische Epiker, auf den Karl Schmoller immer so viel aus Concurenzneid
schimpfte und der sich jetzo in Amerika herumtreibt, wollte nie recht mit der
Sprache heraus.) Auch von ihm finde ich noch ein Verschen aus der Zeit, wo ich
ab und zu die berühmte Kneipe besuchte, in der jene Sturm-und Dranggenies sich
gegenseitig ihre Opera, omnia vorlasen. zu drollig!
»Ich will umschliessen Dein starres Herz,
Und wärest Du ganz vergletschert,
Vulkan, aufgährt Dein Flammenschmerz,
Wo meine Träne plätschert.«
    Na, plätschere man zu! - Welch ein Wahnsinn diese Liebe die sich mit Gewalt
in ein andres Wesen auflösen möchte! Gott sei Dank, an solcher Schwäche leide
ich nicht mehr. Auf Erden ein Ideales suchen ist schon Jugendeselei. Pah,
besieht man sich die Helden und grossen Geister bei Lichte, sind's ja auch nur
Esel.
    »O welch ein Künstler stirbt in mir!« ruf ich mit dem Grössenwahn des
sterbenden Cäsaren. Wenn ich da unten modere, dann werden sie schaufeln und
schaufeln an dem verschütteten Götterbild, bis es aufrecht steht wie ein
Denkmal, von dem die Hülle fiel. Und kein Antlitz, das man kennt aus den
Gebilden der Vergangenheit. Denn nie aus gleichem Marmor wird der Genius
geschnitten. Wie sie grinsen würden, die Erbärmlichen, wenn sie diese
Prophezeiung, ahnten! Und doch wird sie sich erfüllen, kaum dass ich die Augen
schloss.
    Aber ich bin ja ein Schwächling, dass ich dem elenden Geschwätz dieser
Akademiker überhaupt Rechnung trage. Musste nicht schon der grösste aller Dichter
den Kampf gegen die Pseudo-Klassicität und ihren morschen Schulkram bestehn -
ein Kampf, der ihn wohl so frühzeitig aufgerieben hat? Musste er nicht dem
Nörgeln des »Altertumsfreundes« Ben Jonson seine Tragikomödie »Troilus und
Cressida« entgegensetzen? Jener gelahrte Didaktiker hatte ihm gehörig zu Gemüte
geführt, dass er, der Komödiant ohne alle patentirte Bildung, sich erdreiste
höchste Probleme zu lösen, während er sich doch nicht einmal dem Problem
gewachsen zeigte, die Alten im Urtext zu lesen und in einer Vorlesung Bacon's
über Logik und Psychologie gewiss achselzuckend eingeschlafen wäre. Da griff sich
denn Meister William einmal die homerischen Helden auf und streifte ihnen
Purpurchlamys und Koturn so gründlich ab, dass sie nun wie nackte Gliederpuppen
umherliefen. Die göttlichste Schindung des Marsyas, die je ein Apoll verübt.
Schade nur, dass die nie aussterbende Rotte dieser Flötenbläser nicht immer einen
Shakespeare findet, der ihr das Fell so elegant über die Eselsohren zieht!
    Ueber die Renaissance-Naturalisten urteilte man damals wie über die
heutigen. Während man den Barbaren vom Avon wie einen drolligen Kannibalen
einbalsamirte, heroldeten ästetische Quacksalber die schnödesten Parfümeure.
    Alles wie heut. Müffiger Pomp doktrinärer Verstockteit, »unanfechtbare
Kunstgesetze« des wüstesten Formalismus. Erst nach erbittertem Kampfe erkannte
man das einzige ewige Kunstbedürfniss in den befreienden Naturlauten des
Elementaren.
    »Erwache, du Licht in Ossians Seele!« Sich, da kamen sie alle, die
Naturburschen der Litteratur - Ackersmann Burns, Weltbummler Byron, vom College
relegirter Student Shellei, Laufbursche Dickens und Postillon Bret Harte! Die
Götter Griechenlands kannten sie nur oberflächlich, wohl aber die Götter der
eigenen Brust.
    Da faselt dies unwissende Professorengesindel, Shakespeares klobige,
Naturalismen seien aus dem Geschmack seiner Zeit zu erklären. In ihrer
grässlichen Unwissenheit ahnen sie natürlich gar nicht, dass alle die grossen
Zeitgenossen des Grössten wohl in Blut- und Wollustseenen sich berauschten und
gewiss einen heroischen Realismus bekundeten, dass aber nur Shakespeare den
Naturalismus vertritt. Warum scheute grade er vor keiner schlüpfrigen Zote, vor
seiner rohen Unanständigkeit, vor keiner Banalität zurück? Warum roch er an
Yoriks Schädel, während die frostigen Spässe der branntweinfuseligen Todtengräber
die jungfräuliche Lieblichkeit in feuchte Erde betten? Warum hörte er die
Kärrner über ihr Ungeziefer fluchen und durchstöberte die schmutzigen Winkel der
Bordells?
    Warum, ja Warum? Ich weiss es - ihr nicht, ihr gichtbrüchigen, lendenlahmen,
wohlriechenden Würdepriester. Ihr könnt es auch nicht wissen.
    Heut sandte ich ein neues Buch von mir an die »Privilegirte
Fortschrittszeitung« und den hochconservativen »Botschafter«. Beide Mistblätter
haben geschworen, meinen Dichternamen nie mehr zu erwähnen, weil ich mit den
Herrn Redakteuren am Biertisch mehrfach Conflikte gehabt hätte!! Der Chef der
»Privilegirten Fortschrittszeitung« will jedoch in weiser Schonung nie aus
eigener Initiative etwas Bosartiges über mich bringen. Beileibe nicht aus
Furcht, o nein! Sollte aber ein anderes Blatt über mich herfallen, so wolle er
es eiligst abdrucken. (Aha!) So meldete, er einem »guten Freunde« neulich beim
Skatspiel. Biedermann! 13 (schreibe: Dreizehn) Bücher von mir hat es nun
todtgeschwiegen, dies Blatt von ehernem Schlage! Früher posaunte es mich
allerdings mal als Zukunftsgenie aus. Nun, »andre Zeiten, andre Ansichten« - wie
der Chef der »Berliner Tagesstimme« so schön zu sprüchwörteln pflegt. Bravo!
Giftiger Unrat bezeichnet, ja die Spur des Faultiers, o gieriger Vielfrass, den
man Presse nennt!
Löbliche Hunde! Wollt ihr gütigst üben
Um diesen Knochen des Skandals Gekläff?
»Nicht doch! Todtschweigend beisst ihn in die Waden!«
Knurrt der erfahrene Scheeren-Chef.
Dies Büchlein ich gehorsamst dedicire
Den hochgeschätzten Scheerenschleiferein.
Da! Zum Todtschweigen reich' ich euch den Bissen
Und einen Fusstritt obendrein.
Das Leben eitel ist und undankbar.
Den Adler überkrächzt der Krähen Schaar.
Gegängelt von bestochener Wichte Rat,
Bestaunt der Pöbel, was die Ohnmacht tat.
Der Stümper bunte Jahrmarktsschilderein
Sind blindem Unverstand ein Heiligenschrein.
Der Tod jedoch gräbt aller Lüge Grab
Und alle Schminke reisst er jählings ab.
Der Mensch und jede Fälscherkunst vergeht.
Das Werk alleine und die Kunst besteht.
Die Schlachtendonner habt Ihr wohl gehört
Von Königgrätz, von Sedan und von Wört.
Den Donner aber hören werd' ich nicht,
Der Euren Grössenwahn in Stücke bricht.
    Diese Menschen machen alle aus mir, was sie wollen. Die Schufte sehen in mir
einen Schuft wie sie selber, die Ideologen in mir einen Ideologen. - Sei nie
deiner Brüder Tyrann, aber auch nie ihr Narr! Ich aber bin zugleich ihr Tyrann
und ihr Sklave, und oft ihr Hausnarr. Seltsames Rätsel!
    Kein Wörtchen wird heut so üppig missbraucht wie das Epiteton »vornehm«. Man
redet ja am liebsten von dem, was man nicht ist und hat.
    »Ein vornehmer Charakter!« »Wie vornehm diese Kritik gehalten ist!« Derlei
übersetzt man aus dem Literarischen ins ehrliche Deutsch: »Ein geriebener
Virtuose der Lebensklugheit!« »Ein schlaues Pröbchen händewaschender
Interessenpolitik, die ihre Motive sorgfältig verschleiert!«
    Wie ich von Herzen bedaure, dass ich in meinem berechtigten Grimm dem
einzigen Wahlverwandten, den ich jemals fand, Karl Schmoller, so harte Dinge
sagen musste! Und waren sie denn wirklich ganz gerecht? Soll man sich wundern,
dass ein so bedeutender Mensch in ewiger Wut gegen alles Bestehende sich
verzehrt? Drückt ihn nicht wirklich die Not, die grause Not des Lebens?
Freilich merkt man ja nichts davon, denn er selber befindet sich äusserlich
kreuzfidel. Doch wer kann ins Innere eines Menschen und hinter die Coulissen
schauen! Und im Grunde - leidet er nicht einfach an derselben Krankheit, die
auch mich vergiftet? Wenn mich meine höhere Bildung in Sphären erhebt, wo die
Gemeinheit des Lebens mich nicht mehr erreichen kann, so wäre es unbillig, von
ihm das Gleiche zu fordern. Er sieht sich nur als Urkrast in einen Knäuel
niedriger und widriger Verhältnisse verstrickt, sieht um sich her die Büberei
triumphiren und wird zerrieben im Kampf mit den schmutzigen Sorgen des
Alltagslebens. Es ist wahr, über die Menschen hat er sich wahrlich nicht zu
beklagen. Jeder suchte sich ihm dienstbereit zu zeigen, Jeder bewies ihm
äusserste Geduld und nur seine empörende Brutalität verschuldete es, wenn man ihn
fallen liess. Seine Natur zwingt ihn förmlich, Jeden vor den Kopf zu stossen und
überall Unfrieden zu stiften. Er ist ein Sprengstoff, dessen Nähe man flieht.
Doch wie erklärt sich alles das aus den Verhältnissen! Muss es diesen Menschen
nicht rasend machen, wenn dummdreiste Unfähigkeit über ihn wegtrampelt, wenn man
nur an den Schlacken seiner formellen Unbehülflichkeit haften bleibt, statt in
den inneren Kern seiner wilden Genialität zu dringen? unglücklicher Mann, dessen
düstern Groll ich mitempfinde, ob er auch wie ein russiger Titane allein abseit
steht und nie dem olympischen Donnerer sich beugt! Er verkörpert gleichsam das
Elementare des Irdisch-Tierischen, wie ich das Elementare des
Transcendental-Dämonischen. Die Andern alle sind Schein-Puppen. Und die
Hauptsache, bleibt eben doch immer, dass man überhaupt elementar sei, das Element
eines wirklichen Seins in sich trage.
    Und darum, ob ich ihn auch hassen sollte, wurzelt in mir eine unzerstörbare
Sympatie für diesen einzigen Wahlverwandten, diesen Bastard-Halbbruder meiner
Wesenheit. Wer weiss, ob nicht trotzalledem in ihm unbewusst ein gleiches Gefühl
schlummert!
    Wohl erkenne ich, dass solche Naturen vulkanischem Granit vergleichbar sind:
Das Feuer sprengt sie, aber schmelzt sie nicht. Mit all seinen Mängeln und
Schwächen und Sünden kämpft er ja dennoch für sein gutes Recht. Das Recht des
Werdens aus dem Recht des Seins. Man will, dieweil man muss, muss, weil man will.
Ja, Recht, das Recht - du wunderbares Wort, so unergründlich wie die Ewigkeit!
Dies das Gesetz, nach dem die Sterne in vorbestimmter Ordnung schweben, - das
gleich mächtig in jedem Einzelwesen wirkt, - das, wo das Chaos in die Schöpfung
mündet, zuerst den Keimtrieb in die Welt gepflanzt: Sein Recht zu suchen und das
klug gefundene Recht auch zu behaupten, fest und unbedingt, im Wirbeltanz der
ringenden Geschöpfe. Und so denn, unter eines Schicksals rechtloser Last
zusammenbrechend, fühlt man im Innern noch den wuchtigen Takt der Waage, die uns
zur Selbsterfüllung aufwärts reisst. Den Auserkorenen ward immer früh bewusst das
eherne Gesetz in ihrem Busen: Das Recht des Wollens ist das Recht des Sollens.
    Ich kann ihn nicht verdammen, diesen Schmoller. Das Recht der finsteren
Notwendigkeit, das uns unwiderstehlich übermannt und dämonisch fortschleift auf
ungemessener Wünsche Irrfahrt, bis ein letztes Riff ihm ein Ende setzt, - das
wird in ihm doch triumphiren müssen. Der Stärkere hat Recht. Wohl ist er nur ein
eitler Sclav der Selbsucht, falsch ist sein Recht und nackte Eigensucht sein
Rechtsgefühl. So sollte er zähneknirschend von hinnen fahren und dem geborenen
König die Herrschaft lassen.
    Die Herrschaft - hahaha! Eine schöne Herrschaft, weiss Gott! Nein, bleiben
wir beim Realen! So sollte es sein, so ist es nicht. Er ist stärker als ich,
weil seine Roheit ihn knorrig erhält. Ich bin schwaches zartes Porzelan, ich
zerspringe beim ersten Fall. Mit wehmütiger Freude ahne ich, wie er das
Gesindel noch zu Paaren treiben wird mit seiner Peitsche, wenn ich schon unter
der Erde liege. Ich peitschte euch mit Ruten, er aber wird euch mit Skorpionen
züchtigen.
    Ich fühle es, lange geht's nicht mehr so fort mit mir, es geht zu Ende.
    Aber aus meinen Gebeinen wird erstehen ein Rächer.
 
                                       V.
Seevögel umkreischten schrill ihre Nester, der Schaum klatschte an den
stiebenden Sand, eine schwarze Ente schwang sich auf der glasigen Woge. Mit
seiner Braut, der Erde, schien der Ozean zu schäkern. Er schmückte sie mit
Muscheln. Bald ebbte er zurück, um ihren Reiz überschauend zu mustern, bald
rollte er wieder zum Kusse heran.
    Krastinik lag am Strande, das Buch war ihm entglitten. Und statt seiner las
er vom weissen Blatt des Dünensandes, der unter dem glühenden Sonnenstrahl zu
knistern schien, die Gedanken-Arabesken ab, welche wie Schatten seines Geistes
darüberhin huschten.
    Er schloss die Augen. Die Nacht der innern Stille umfing sein waches Hirn,
jene Nacht, aus der allein sich Sterne empordrängen.
    Lang und sorgsam dachte er über das Gelesene nach, um sich über die Zweifel
Rechenschaft zu geben, die ihn bedrängten.
    Wie ein Dom erhabener Stille, wölbten sich Meer und Aeter ineinander. Wie
das stille Murmeln altersgrauer Vergangenheit, wie das Zirpen von Heimchen in
zerfallener Ruine, plätscherten sanft die Wogen. Aus dem Becher des Meergottes
sprühte ihm ein gastlicher Willkommengruss schaumtropfend entgegen.
    Dem nach innen Schauenden war es, als ob der Geist seines todten Idols,
dessen treuer »Heroen-Anbeter« er gewesen, lautlos über den Wassern schwebe und
wandele über Meer und Land. Und eine Stimme, wie das Geräusch vom Flügelschlag
eines Engels oder das Säuseln in Karmels Klüften, wie das Murmeln der Muschel,
die sich nach der Mutterwoge zurücksehnt, - eine geheimnisvolle Stimme sang den
versöhnenden Psalm:
Wundersame Morgenfrühe,
Dehnst die Seele mir so weit.
All der Erde starre Mühe
Löst die holde Einsamkeit.
Sie umhüllt der Erde Schmerzen
Wie ein lichtes Schleiertuch.
Liebe wandelt still im Herzen
Und Vergebung sei mein Fluch.
Was vermag der Menschen Grollen,
Allgerechter, gegen Dich!
Deinem Licht, dem liebevollen,
Sonnengott, vertraue ich.
Meine Sünden, meine Fehle
Richten kannst Du nur allein.
Denn Du schaust in meine Seele,
In das Herz der Welt hinein.
    Wohl, diese Stimme sang das Hohelied einer wahren Versöhnung, einer Erhebung
des Menschen aus irdischer Wirrsal, aus tiefer Ich-Not aufschreiend zur
All-Liebe. Aber diese Stimme - tönte sie wirklich aus dem Geist des
Verblichenen, oder tönte sie vielleicht aus des Nachtrauernden eigener Brust?
Zum ersten Mal begann dieses begeisterungsfähige Gemüt kritisch an sein Idol
heranzutreten und sich objektiv darüber zu stellen. Warum schwang sich denn
Leonhart zu solcher Versöhnung niemals auf?!
    Wenn heut einem grossen Dichter nun einmal keine andere Wahl gelassen
scheint, nun, so besinne er sich nicht lange am Scheideweg des Herkules! Warum
verzichtete er nicht gänzlich auf solche flüchtigen Wertungen der äussern
Geltungseitelkeit? Warum schloss er sich nicht ab von der Welt und sank in
majestätischem Schweigen, das Lächeln einer erhabenen Verachtung am den Lippen,
ins Grab des Todtschweigens und der Verlästerung? War er doch von zu grobem
Metall für solche goldklare Feinheit Gesinnung?
    Schopenhauer sprach das grosse Wort gelassen aus: Was sei alles Genie gegen
vollkommene Güte des Herzens, welche Andern gegenüber jene grenzenlose Nachsicht
übt die man sonst nur gegen sich selbst anwendet. Von dieser Herzensgüte besass
Leonhart viel, aber noch lange nicht genug. Freilich, da sich die kindische
Selbstsucht und Eitelkeit der Menschennatur nirgends so schamlos entpuppt, wie
in der sogenannten Litteratur, so bleibt es hier am schwersten, jene höchste
Betätigung der Herzensgüte zu üben - nämlich Gerechtigkeit, die sich auf den
Standpunkt des Andern zu setzen und jene grossen Gesichtspunkte zu bewahren weiss,
vor welchen persönliche Freundschaft und Feindschaft verschwinden. Auch ist es
mit der »grenzenlosen Nachsicht«, die Schopenhauer als vollkommene Herzensgüte
rühmt, immer ein eigen Ding, da durch sie ja nichts gebessert wird. In der Kunst
wird eine gewisse Art von Nachsicht ganz einfach zum Verbrechen. Wer das Grosse
und das Kleine, das Genie und Talent, das Talent und Nichttalent gleichmässig
»anerkennt«, versündigt sich am Besseren durch Gleichstellung desselben mit dem
Guten. Kann man es also Leonhart verdanken, wenn er manchmal heftig und zufahrig
draufschlug?
    Jaja, die Herzensgüte! So rührend jene Phrase im Munde eines grossen Mannes
wirkt, dessen eigene Herzensgüte so mässig entwickelt schien, so darf man dies
Augenblicks-Aperçu doch wohl nicht ernst nehmen.
    Wiegt Passive Herzensgüte im geistigen Haushalt der Menschheitsentwickelung
nicht vielmehr federleicht gegen jede produktive Betätigung wahren Talents?
Auch wenn letzteres scheinbar zerstörend auftritt. Nun ja, das wohl. Aber
Herzensgüte voll Nachsicht gegen fremde Gebrechen und voll Strenge gegen sich
selbst - mag sie als seltenste Ausnahme nicht ab und zu vorkommen? Und wäre das
nicht ein Ziel, aufs innigste zu wünschen? Steigt diese Güte wirklich bis zu
einem hohen Grade, so tritt sie freilich stets produktiv auf, wie bei Christus
und Buddha, da sie die Lüge und Gemeinheit der Welt zu reformiren trachtet.
    Genie ist Initiative. Allerdings muss das Glück nachhelfen. Der blosse Mann
der Tat ist ja bloss der Sklave der Aussenwelt, aber der Denkerschöpfer ist darum
noch lange nicht Herr der Aussenwelt. Seine Studirstube mag ihm als der
Archimedische Punkt erscheinen, von dem aus man die Welt aus den Angeln hebt.
Doch die Aussenwelt stört eben wie jener römische, Legionär die Kreise des
Archimedes und schlägt ihm den Kopf ab. Ohne Glück und Erfolg erlahmt die
Initiative des Genies.
    Aber lag nicht auch in Leonharts Initiative eine selbstbetrachtende
Absichtlichkeit? Wäre er naiv fürbass, geschritten, so würde die Initiative auch
frischer, und ursprünglicher herausgesprudelt sein. Der kommt am weitesten,
welcher nicht weiss, wohin er geht - sagt Oliver Cromwell.
    Gewiss lag etwas Zielbewusst-Heroisches in Leonharts Leben. Krastinik kannte
es aus der umfassenden Darlegung seines Freundes genau, der freilich immer an
sich unleugbare Tatsachen noch pessimistisch färbte. Seit frühster Kindheit war
dieser Mensch von dem Bewusstsein seines Dichterberufes durchdrungen gewesen.
Seit seinem dreizehnten Jahre durchkostete er eigentlich die gleiche Bitterniss,
wie jetzt am Ende seiner kurzen überreichen Laufbahn. Als Knabe umgeben von
kindischer Roheit und Dummheit, einfältige Holzköpfe als »Lehrer« über sich, ihr
wertloses Kanderwälsch dem feurigen Adlergeiste aufpfropfend, dessen ironisches
Lächeln diese Bildungs-Hauswurstiaden aus überlegener Höhe verhöhnte. Als
Jüngling die geckenhafte Unreife halbwüchsiger Kraftuber um sich her, über sich
die Weisheit wohlpatentirter Weltautoritäten, die seine hohe Ueberlegenheit
ebenso durchschaute. Als Mann um sich her die Rotte der Streber und
Aftertalente, über sich immer noch die hohlen Gesetze der bestehenden
Gesellschaft, die er verachtete. Immer, wachsend mit den Jahren, weit voraus und
weit über den momentanen Dingen, also stets entfernt von dem Verständnis der
Mitwelt. Allerdings kam es ihm zu Statten, dass er stets und immer das Ziel fest
vor Augen hielt, sich zum Dichter auszubilden. Mit beispielloser eiserner
Zähigkeit, die in ihm den echtpreussischen Berliner kennzeichnete, liess er nie
auch nur einen Augenblick sein Arbeitsstreben los. Die grünen Jungen, die über
ihn salbaderten, wären vielleicht mit staunender Ehrerbietung scheu bei Seite
gewichen, hätten sie, je klar anschaulich dies bewunderungswürdige System vor
Augen gehabt, wo Fuge in Fuge griff, wo sich die frühsten Anfänge der
Knabenjahre mit fünfzehn späteren Arbeitsjahren innerlich verknüpften. Das
Rätsel seiner »überreizten Fruchtbarkeit« löste sich freilich dann sehr klar.
Ausgestattet mit einem erstaunlichen Gedächtnis, ohne Gleichen an Arbeitslust
und vor allem an Ordnungssinn, einem Hauptattribut des Genies, türmte er
unablässig das schwindelnd hohe Gebäude seines umfassenden Geisteslebens Stein
auf Stein. Eigentlich war und blieb er stets gleich gross. Seine Jugendgedichte
und Jugenddramen in einem Alter, wo man sich höchstens für »Räuber und Indianer«
und Coopers Lederstrumpf erwärmt, mussten geradezu unglaublich genannt werden.
Die historischen Essais in seinem Schubfach gab er später zur Zeit seines
Glanzes als neuste Beiträge heraus, ohne dass Jemand ahnte, der dreizehnjährige
Leonhart rede zu ihm!
    Alles war hier anders als bei den Durchschnittstalenten. Ein solches, wie
etwa der überfruchtbare Paul Heise, spielert wohl als Primaner reizend geleckte
Nippsächelchen und Märchen zurecht, um sich darob als junger Goete bestaunen zu
lassen. Aber gerade das, womit man der albernen Welt sofort imponirt, die
gefällige Form, mangelte diesem wahren Genie, wie jedem Grossbeanlagten,
anfänglich vollkommen. Wenn er sich quälte, lyrische Liedchen nach bekanntem
Muster zu pfeifen, misslangen sie gänzlich. Von der Grossartigkeit seiner
gedanklichen. Conception verstand natürlich ein zum Urteil herangezogener
Kunstandwerker ebensowenig, wie von der unabgeklärten, aber genialen
Gestaltungskraft seiner Charakteristik. Es wäre ein Glück für ihn gewesen, wenn
er wie so mancher Dilettant, auf eigene Kosten seine Jugendsachen wenigstens mit
sechszehn Jahren hätte publizieren können. Denn in diesen stak wenigstens der
wirkliche ganze Leonhart, der halbflügge Genius, so dass alles Philistergenörgele
immerhin hätte zugestehen müssen, für einen Knaben seien diese Versuche einfach
unerhört. Aber so gut wurde es ihm nicht. Niemand verstand das Bahnbrechende in
diesen seltsam bizarren Sachen und so überwand er sich denn endlich, etwas
»Liebliches« zu fabriziren, um einen Verleger zu finden.
    Mit der Publikation dieses minniglichen Opus (er zählte mittlerweile
achtzehn Jahre) begann nun die endlose Aergerkette seiner öffentlichen Laufbahn.
Die Einzelheiten, welche er als besondere Tabelle gebucht hatte, wirkten
allerdings vernichtend für die gänzliche Unfähigkeit der »Kritik«, das
Ungewöhnliche zu begreifen, und der stumpf apatischen Welt, Perlen statt ihrer
Trog-Kartoffeln zu verdauen.
    Immer und immer wieder sah er in sich das Sein im Bettlergewand, um sich her
den Schein im Galakleid. Wohl mochte er rufen mit dem grössten aller Dichter:
»Müd alles Dessen schrie ich nach ruhevollem Tode. Zu sehn, wie wahre Kraft von
hinkender Schwäche entwaffnet, wie der Kunst die Zunge gefesselt von falscher
Autorität, wie Narrheit als Doktor die Weisheit curirt.«
    Nun ja, das alles mochte wohl als wahr gelten, vom Standpunkt der äusseren
Gerechtigkeit. Aber liegt nur hierin die immanente Gerechtigkeit der Dinge, von
der Gambetta sprach? Bleibt nicht der Wert und das Ideale in sich selbst Sieger
?
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    An einsam moosigem Gestein verträumte der Müde den Abend. Wie die Sonne wild
verblutete! Ueberm Meer ein Flammenmeer. Ein Scharlachbaldachin auf goldnen
Strahlenschnüren schien langsam droben hinzuschweben. Dann wieder schien eine
Stadt aus Purpurwolken den Rand des Horizontes zu schmücken.
    Leichte feuchte Wassernebel kräuselten sich, emporsteigend. Rot überhaucht
wie gefrorenes Blut schien sich die ruhige Flut zu dehnen, ruhig wie das Todte
Meer, das wie Eisenöfen raucht, wo ihren Saft die Palme gerinnen fühlt. Das
Todte Meer mit seinem giftigen Qualm - ja, dem gleicht das Leben der grossen Welt
und der grossen Stadt. Und das Rote Meer - ja, durchs Rote Meer muss man
hindurch, wenn man zum gelobten Lande will. Aber die Feuersäule des Genies, die
den Weg weist - wo lodert sie? ......
    Die Lectüre dieses Tagebuches wirkte niederdrückend. Das Herz krampfte sich
zusammen vor diesem Aufwühlen aller geheimen Schreckensmächte, die unser Dasein
unterhöhlen.
    Gewiss kann solch ein Grimm als ehrwürdig, als ein heiliger Zorn erscheinen.
Von ihm werden die grossen Männer zu welterschütternden Taten hingerissen. Man
liebt einen guten Hasser. Es ist der Hass gegen die Feigheit und Falschheit der
Welt.
    Die Hindus beten die Brillenschlange, die Hagin den Tiger an. Die Chinesen
opfern im Sturm dem Drachen der Tiefe, statt ihr Schiff zu lenken, und lassen
sich als Gefangene lieber pfählen, statt tapfer zu fechten. Ewig verehrt die
stumpfe Herde Fetische. Aber der vom göttlichen Hauch Beseelte wird wieder und
immer wieder seinen Wormser Protest aus der Klause von Ermenonville, aus dem
Erker der Wartburg, von der Insel Ufenau treu bis zum Tod den unfehlbaren
Päpsten dieser Welt entgegenschleudern: »Ich hab's gewagt! - Ich kann, nicht
anders, Amen.«
    War Leonhart ein solcher Geist, war es ein heiliger Zorn, der ihn beseelte?
Wohl darf man fürchten, nein.
    Und schlägt dieser Wahrheitsdrang des »Entrüstungs-Pessimismus« nicht
manchmal ins Manierirte, Krampfhafte um? Schneidet er nicht Grimassen scheuer
Lüsternheit, wirft er nicht Togafalten des Weltschmerzes?
    Ibsen ist ja so verlogen, dass er die Verlogenheit der Menschen stets noch
ins Unwahre übertreibt Etwas davon stak auch in Leonhart's griesgrämiger
Skepsis. Während dieselbe die naturentstellenden Schönpflästerchen
hinwegzuschwemmen suchte, fehlte es ihr selbst nicht ganz an Schminke. Echtes
Gefühl und falsche Empfindelei zu unterscheiden, fiel manchmal schwer.
Gleichwohl suchte man ja hier umsonst nach der Zwiebel, welche die schönen
Zähren entlockt, wie bei moschusduftigen Flennern. Ueber diese harten bizaren
Züge, welche ein wahrer Schmerz verzerrt, rannen wirkliche Tränen. Aber
verwischten sich nicht vor dem absichtlich kurzsichtigen Mikroskopauge des
Dichters hier allmählich die Unterschiede von Vernunft und Narrheit?
    Und wenn er auch elementare Naturlaute lallte, warum fand er niemals Noten
auf dem Instrument seines umfassenden Geistes für morgenfrische
Glücksbegeisterung? Freilich, wo sollte die auch herkommen in einer Zeit, die
nur feiles Gesindel heranzüchtete?
    Ja, es blieb wahr, wie man es drehen und wenden mochte, dieser Grimm war an
sich gerecht. Die Verzweiflung hatte ihn geboren. Der Ekel an seiner
jämmerlichen Umgebung, dem »Collegen«-Gesindel, in das ihn sein vermaledeiter
Beruf verstrickte, musste sich einmal Luft machen. Und was er an Klagen und
Anklagen vorgebracht war ja an sich gerecht.
    Allein, seiner grausamen Ironie fehlte gänzlich das Wohlwollen. Und somit
erhob er sich nur wenig über den allgemeinen Menschenhass eines Schmoller. Gewiss
gehörten sie Beide, Löwe Leonhart und Tiger Schmoller zu der adeligsten Rasse,
der Rasse der Naubtiere. Aber wie sah es denn mit dem Charakter dieses
unerbittlichen Zuchtmeisters selber aus, der so lieblos seine Geissel schwang
über Gerechte und Ungerechte?
    Ueberall spürte man mit Trauer, aber nicht immer mit Mitleid, wie der
Schatten des Wahnsinns diesem grellen Irrlichteln näher rückt. Er wütete
endlich auch gegen sich selbst und prophezeite mit heiserem Gelächter seine
Anlage zur Geistesstörung.
    Eine alte Erfahrung lehrt, dass die Welt nur als ein Spiegel dient: Was
herein schaut, schaut heraus. Das Ich selbst gibt allein die Auffassung des
All. Ein guter Mensch entdeckt überall gutmütige Züge, ein schlechter überall
nur bewusste oder unbewusste Schlechtigkeit. War nicht Leonharts und Schmollers
wütende Misantropie gerechtfertigt, da sie von sich selbst aus urteilen
mussten? Eine Gesellschaft, die aus lauter solchen Naturen bestände, möchte sich
wohl bald genug untereinander zerreissen. Erreichen diese Gallenergiessungen nicht
manchmal einen Grad, der bereits anfängt, dem albernen Lallen des Irrsinns zu
ähneln? Patologisch gesprochen, rumort der Wahnsinn in dieser
Menschenverachtung, die in letzter Instanz unbändigem Grössenwahn entspringt.
Indem ein solcher Halbgott die Menschen wie aufzuspiessende Insekten angrinst,
wird er selber ein Halbtier.
    Schnellt der grauenhafte Wutschrei einer aus Rand und Band geratenen
Weltverzweiflung nicht auf ihn selber zurück? Hört man in diesem grässlichen
Gelächter nicht den Widerhall des eigenen bosheitgetränkten Gemütes?
    Unablässig geheizt von dem Brand eines grenzenlosen Hasses und dennoch von
gleichmässiger kaltblütiger Härte, arbeitete diese Denkmaschine rastlos fort.
Doch glich ja die in Leonhart kochende Bitterkeit gar wenig dem kannibalischen
Gebelfer eines Schmoller, dessen wutschäumender Biss vergiftete wie der eines
tollen Hundes Fauchte Jener wie ein schwarzer Panter, dies hässlichste
unzähmbarste aller Raubtiere, dessen gelbe Schwefelaugen man aus der Finsternis
der Käfigecke in nimmersatter Mordlust funkeln steht, - so brüllte Leonhart wie
ein Löwe. Aber auch ihm fehlte des Löwen Majestät, des Leoparden Grazie.
Gepeinigt von jenem Magenkrampf galleüberfüllter Bestien, letzte er seine
stachlige Zunge im Blut der Opfer. Ergriff ihn die rasende Wut seiner
Weltverzweiflung, so zerriss er die ganze Heerde und soff Blut, bis er berauscht
niedertaumelte. Er wollte Blut sehen, das Zerreissen selbst war seine Lust. Und
sein Tatzenhieb vergiftete zugleich die Wunden, die er schlug, wie des Tigers
Klaue ein Gift verbergen soll.
    Lag nicht in dem ewigen Gejammer und Weltanspucken Leonharts eine
unmännliche Schwäche verborgen?
    Das Leben ist ja kein Liebeslied, sondern ein Schlachtgesang.
    Das Genie findet fortwährend das Ei des Columbus. Warum nicht hier! Hätte er
doch lieber alles Unedle deterministisch aus Abstammung, Erziehung und Umständen
erklären sollen!
    Fasste er nicht alles gleich von der schlimmsten Seite auf und nahm stets die
schlechtesten Motive an, welche vielleicht ja unbewusst mitspielten, aber noch
nicht als wirkliche bewusste Infamie aufgefasst werden brauchten?
    Krastinik überlas nochmals das Urteil des Tagebuchs über Schmoller. Er
lächelte. Nie hatte er Leonharts Vorliebe für diesen Mann bis zu solchem Grade
begreifen können. Der aristokratische Instinkt lebte noch zu mächtig in ihm. Er
sah in Jenem nur den echten Litteraturvertreter des Socialismus. So wie der
freche Maurergeselle sich alleine »Arbeiter« nennt, als ob andre Leute vom
Müssiggang lebten, und den Begriff der geistigen Arbeit nicht zu fassen vermag,
dabei aber von Gleichheit und Menschenrechten schnapsfaselt, - so blickte dieser
Arbeiterdichter im Dünkel seiner Bornirteit auf alles herab, was nicht mit dem
Modetema des Tages, der sogenannten socialen Frage, zusammenhing. Der
Grössenwahn des Socialismus ins Litterarische übersetzt. So hatte der Graf stets
geurteilt, obschon er dem grossen Talent Schmollers Gerechtigkeit widerfahren
liess.
    Doch mochte nun Leonharts mildere Auffassung die richtige sein, - warum
wandte er sie denn nur Schmoller gegenüber an? Warum sah er nicht die Gebrechen
der dii minorum gentium mit gleich verzeihendem Auge? Gewiss ein zugleich
ekelhaftes und komisches Schauspiel, diese Krämpfe der Ohnmacht, die sich ihres
Nichts nicht bewusst werden will und alles besser könnte, wenn sie nur Zeit
hätte. Oder diese idealen Pumpiers, die jeden »Collegen«, der nicht grade
verhungert, als reichen Filz verschreien, wenn er ihnen nicht die Mittel zum
faulen Schlampampen bieten will. Und doch - von »Lumpen« zu reden ist leicht.
Aber wieviel bittre Scham, wieviel Erröten vor sich selbst, wieviel Qual
gekränkten Stolzes, welche Reue um gefallene Ehre mag heimlich solch ein Lump-
und Pumpleben begleiten! Und wie natürlich erscheint der verzehrende Neid gegen
den, der nicht nur grösser, sondern auch in glücklicheren Verhältnissen! Recht
wohl kann die Raserei herostratischer Neidwut sich mit der tiefen und reinen
Läuterung weihevollen Schmerzes in anderer Hinsicht verbinden. Denn
widerspruchsvoll ist der Menschengeist. Drum will auch alles Menschliche so
verstanden und entschuldigt werden. Warum empfand Leonhart nicht selbst das
harte Loos nach, das Loos der Edelmann und Haubitz? Nachdem man sich von
Kindesbeinen an als geheimer Agent Apollos weihepriesterlich gespreizt, nun
plötzlich zu entdecken (- denn, ohne es zu gestehen, besitzt der Neid ja
Argusaugen für das Grössere -), dass ein Anderer von dem trügerischen Apollo noch
viel bedeutendere Vicekönigs-Vollmachten erhielt! Das scheint gleichsam ein
Betrug des Schicksals, ein Verrat der Muse, und sich dafür zu rächen, blieb als
letztes Labsal dem Ex-Minister des Parnass!
    Warum entbehrte denn Leonhart dieses humoristischen Mitleids? Allerdings
darf man sich nicht verhehlen, dass Jeder sich selbst der Nächste ist. Steuert
man daher nicht den zügellosen Orgien neidgelben Grössenwahns, so verzögert sich
die Erkenntnis der Wahrheit, an der man sich somit durch lässiges Zusehen
versündigt. Und hier handelte es sich freilich nicht um die Person des Dichters,
sondern in ihm um die Zukunft der Poesie. Man konnte Leonhart gewiss nicht
verwehren, dass er sich deren erwehrte, die seinem Dichtertum ans Leben wollten.
Aber er hätte denn doch - das Recht ihm zugestanden, dass er selbst lebe - den
Satz der Humanität mehr beherzigen sollen: »Die Andern wollen auch leben.« Die
sprüchwörtliche Antwort darauf »Je ne vois pas la nécessité« ziemt sich für
einen Weltmann, aber nicht für einen Prediger des Idealen.
    Wohl kennt die Welt keinen andern Prüfstein des Wertes, als den Erfolg. Wer
früher über einen Alvers spöttelte, gehörte jetzt gewiss zu seinen lautesten
Schmeichlern. Was manche »Unabhängige« an Leonhart benörgelten, das beräucherten
sie ja jetzt schon nach seinem Tode. Denn die Menschen sind zwar sehr beschränkt
und sehr boshaft, doch nicht so sehr, dass sie nicht zu Sinnen kämen, wenn ihnen
das Flammenschwert der Wahrheit direkt ins Auge fuchtelt. Gewiss, der Mannesstolz
vor Fürstentronen wird immer verdächtig, wenn er sich an Könige- ohne -Land
richtet. Trotzalledem brauchte Leonhart wahrlich nicht in eine solche Rage zu
geraten, wenn seine »Judasse«, wie er das charakteristisch im Vertrauen
Krastinik gegenüber nannte, ihm als sauertöpfische »Aufrichtigkeit« angebliche
Wahrheiten ins Gesicht warfen, die er als hohl und wesenlos erkannte.
    Kurz, wohin der Graf auch blicken, wie auch immer er sich das Bild seines
todten Idols vergegenwärtigen mochte, überall fand er jetzt Kleinliches und
Schwächliches. Alles in der Welt hat zwei Seiten; es kommt darauf, von welcher
Seite man es sieht. Erhabener Stolz - Eitelkeit unbefriedigter Ruhmsucht - wie
nahe hängt das zusammen! Nein, Leonharts geistige Grösse hatte zu moralischer
Grösse sich nie emporgeschwungen. Das höchste, das moralische Genie blieb ihm
versagt. Wohl war's der Grössenwahn des Genies, aber selbstüberhebender
Grössenwahn lallte auch hier.
    Die Krankheit des Jahrhunderts hatte auch ihn verzehrt, in ihm ihre
herrlichste Beute gefunden. Sein Ich über alle menschlichen Schranken hinaus dem
Schöpfer entgegenspreizen - das ist nicht Grösse, das ist Grossmannssucht. Die
wahre Grösse und die wahre Weisheit ist demütig, weil sie es sein muss,
ehrfürchtig dem Unerforschlichen sich beugend. Den Kampf an Jaboks Furt, Gott
wider Mensch, besteht auch der stärkste Ringer nur mit verrenkter Hüfte. Wer
Gott nur als Tyrannen anerkennt, der vom Gewalttron niederglotzt auf den
Freien, den er foltert, - der wird den Verborgenen nimmer schauen, der in Allem
sich offenbarte, wird nie in inniger Gottverschmelzung den Weltumlauf
vollbringen, wird nie sich freudig verbluten im heiligen Feuer der
Lebensgemeinschaft mit Gott.
    Krastiniks Idol lag in Stücken. Das war kein Messias, das war ein schwacher
sündiger Mensch wie alle, nur mit dem Zufall einer abnorm feinen Gehirnstruktur,
vielleicht auch mit doppeltem Hirngewicht, wie sich bei Byron's phänomenal
kleinem Schädel bei der Leichenobduction ergab. Das war alles. Höchstens seine
innere Wahrhaftigkeit vor sich selbst, wie sie ja auch teilweise den
verschwiegenen Blättern dieses Tagebuchs anvertraut, die unbestechliche
Selbsterkenntnis erhob ihn über die Menge. Aber die rechte Selbsterkenntnis war
es doch nicht. Denn die hätte ihn über sich selbst erhoben. Sich erkennen heisst
Gott erkennen, aus dem menschlichen Nichts sich zum Ewigen hinüberretten in
Demut und Entsagung.
    Das alles wurde dem einsamen Denker nur halbbewusst und instinktiv klar. Er
empfand es wie den Gnadenstoss, wie den Todesstreich seiner Geistesentwickelung.
In dem Todten hatte er einen Uebermenschen und Heros gesehen, dessen Cultus er
auch nach dem Tode mit der Pietät eines Jüngers bewahren durfte. Und nun lag
dies Idol vor einer höheren Erkenntnis in Stücke gebrochen. Wo war hier der
Kampf für eine grosse Sache? Nur der Kampf für die kleine Sache des eigenen
grossen Ichs, das Durchsetzen seines Herrscherrechts, nur souverainer Egoismus,
wenn auch erhabener Art, hatte dies dämonische Leben ausgefüllt. Und so hatte es
denn an sich selbst die Strafe vollstreckt, die gerechte Strafe.
    Hänge Dein Herz nicht an Menschen! Alles Vergängliche ist nur ein Gleichniss.
- Krastinik barg sein Haupt in seine Hände und weinte bitterlich.
    Da - - wie, ein Telegramm aus Siebenbürgen, direkt »Bad Scheveningen«
adressirt? Was mochte das bedeuten? - -
    Im Leben selbst überstürzen sich die Ereignisse so, dass man das
Seltsam-Absichtliche des Zufalls kaum gewahrt. Aber dies war mehr als Zufall,
das war Schicksalsfügung, wie so manches Frühere.
    Sein Bruder auf der Jagd mit dem Pferde gestürzt. Gefährliche Verletzung.
Das sofortige Erscheinen Xavers wurde dringend erbeten. - -
    Was sollte er auch noch länger hier treiben! Der Geistesarbeit hatte er ja
Valet gesagt. Ja, die Phrenologie hatte gelogen, wie alles Andere auch. Auch sie
ist Phrase und Humbug. Nur fort, fort von diesem Meere, dem Sinnbild der
Ewigkeit, das ihn medusenäugig anstarrte.
    Und doch wie schwer, von ihm zu scheiden! Wie schwer sich loszureissen, wenn
man das Ewige angeschaut und den letzten Fragen ins Auge sah! - -
    Das Meer hielt seine Siesta. Rings schillerten zahllose Sonnenpünktchen wie
Myriaden goldener Mücken über der Tiefe. Freilich, so friedlich der glatte
Spiegel, drunten in der Tiefe ist's fürchterlich. Da tobt der Kampf der
Lebewesen, Einer frisst den Andern. Ein Bild der menschlichen Gesellschaft, die
ja auch nur ein Abbild des Tierreiches.
    Die Felsblöcke, träge in der Brandung badend, glichen versteinerten Robben.
Einer trug eine Wallrossftirn, ein Anderer eine Alligatorschnauze. Auf einem
Steine, der von Wellen fast ganz umspült, stritten Sonne und Meer um die
Herrschaft. Bald wurde der trockene Flecken in der Mitte der Steinspitze
überschäumt, bald vergrösserte er sich sogar durch die jede Nässe verzehrende
Leuchtkraft der Sonne. So kämpft in einer Seele, die von den Wogen des Lebens
überschüttet, warme Lebenslust mit nasskalter Erstarrung.
    In der Ferne hüpften die Sprungwellen unablässig an einer Sandbank empor und
über sie hin schwammen die Butterflecke der Sonne, wie Fettaugen auf einem
Suppenteller. Der eigentümliche Geruch des Seetangs (wie ein erotisches
Excrement des selbstverliebten Meeres) mischte sich dem Salz-Ozon.
    Ein enteilender Dampfer liess über die spiegelglatte Fläche das
nachschleppende Silberband seiner Furche hingleiten. Ueber dem Ufer-Wald stand
ein Regenbogen und eine Möve fljetzte wie ein weisser Pfeil darunter hin.
    Die Segel der grünen Boote hoben sich goldgelb von der hellblauen Fläche ab,
die wie in einer Waschschüssel teich-ruhig lag. Grüne Wasserstreifen zeichneten
sich langgezogen in die windstille Flut. Die Wolken bekamen einen matten Ton,
goldgelb flimmerten die Dünenhügel, wie mit einer Bernsteinlasur überhaucht von
der sinkenden Sonne.
    Es dunkelte. Laubumkränzte Kähne kehrten heim mit Musik und Lampions von
einer Ruderwettfahrt. Feuerwerk stieg auf, Meerleuchten verklärte die dämmernde
Ferne. Ein Dampfer draussen auf dem offenen Meer spritzte sein elektrisches Licht
in trichterförmigem Strahl weitin, als bespritzte eine Giesskanne weite
Rasenflächen.
    Ernstes feierliches Meer! Wie du in Mondscheinnächten die Erde umwallst, so
wallt ums weite All mit Flut und Ebbe das grosse Weltgeschick.
    Wie mit Schlüsseln von lauterem Gold schien der Mond das Geheimnis der Tiefe
zu erschliessen. Wollustweich wie Brüste flossen die wölbigen Wellen.
    Drunten klagen Osterglocken, wo eine bunte Welt versunken ruht. Doch nur der
vernimmt die Glocken, wer auf Erden heimwehkrank. Blast, Winde, blast und,
Fluten rollt! Die Meerfei drunten im krystallenen Schloss lispelt verführend:
Wie so süss ist der Tod!
    Wolkenrappen spannten sich an den Wagen des Sturms, der langsam heraufzog.
Dies allgewaltige Meer alleine böte Raum, um die Unermesslichkeit einer
unirdischen Sehnsucht zu betten. Grenzenlos wie eines Genius Gedanken schäumen
die heiligen Wogen. Was tobst du, Sturm, was brüllt ihr hinauf zu den Sternen o
Wogen? Was seid ihr gegen den Sturm in eines Menschen Brust! Ihr kommt und geht,
eine verschlingt die andere, in ewigem Auferstehen ringt ihr zu nie gefundenem
Ziel. Warum, wozu? Warum immer neue Zeiten und neue Wesen, lärmend und brandend,
bis dass sie in Schaum zergehen?
    Der wechselnde Strom des Lebens braust hinab in die ewige Leere und wir
versinken mit unsrer Zeit in dem einen, dem ewigen Grab.
 
                                      VI.
Der Rheindampfer (einer der letzten der Saison) fuhr rheinaufwärts. Die
Wandeldekoration der Burgen und Kirchen glitt vorüber. Schon wurde Lorch
passirt.
    Krastinik musste bald einsam am Stern promeniren, da er die naiven
Sonntagsreisenden des Dampfers nicht vertragen konnte.
    Einen Vielgereisten peinigt manchmal das Geschwätz von Neulingen, wie
prahlende Unwissenheit. Fahren Berliner nach Heringsdorf oder Misdroy übers
Haff, so glauben sie eine ansehnliche Seereise zu machen und vergleichen dabei
die Ostseedampfer mit den Dampfern auf dem Vierwaldstätter See, um durch diesen
unmöglichen Vergleich ihre Vielgereisteit darzutun. Aehnlicher Austausch
ungeheurer Erfahrungen schwirrte auch hier hin und her, so dass der finstre
Weltbummler es wie eine Beleidigung empfand, die glückliche Unschuld der
harmlosen Reisenden neben seinen (doch auch noch recht jungfräulichen)
Reisekenntnissen dulden zu müssen. Denn es bleibt doch immer wahr: Wer am
meisten erlebte, schweigt.
    Die Sonne ging zur Rüste. Alle Ferngläser richteten sich nach der Seite des
Niederwalds, wo die Bildsäule der Germania den Rheingau bewacht. Eine kleine
Musikbande, die an Bord gekommen war, spielte die Wacht am Rhein. Patriotische
Gespräche wurden laut, man erwog den nahenden europäischen Krieg und seine
Chancen. Jemand zog eine Zeitung vom gestrigen Tage aus der Brusttasche,
woselbst unser grosser nationaler Sänger, Regierungsrat Adalbert von Alvers,
seinen Gefühlen in einigen kurzen Strophen »Rheinfahrt« Luft gemacht:
Die ehernen Waffen blitzen
In scheidender Sonnenglut
Und über der Berge Spitzen
Rieselt es hin wie Blut.
Die Burgen starren wie Drachen
Wildzackig in die Flut,
Als wollten sie bewachen
Niflung's versunkenes Gut.
Hei, Gold der Nibelungen,
Dich hob der Enkel Stahl.
Der Tiefe ward entrungen
Der alten Krone Strahl.
Doch Hunnenstürme brausen
Von Ost und West zumal.
Noch muss der Balmung sausen
Durch Feinde ohne Zahl.
    Während er schweigsam, die Hände auf dem Rücken, unter den Reisenden stand
und ihre Gefühle teilte, ergriff den Grafen plötzlich die Einsicht, dass er ja
gar nicht unter sie gehöre! Er hatte sich im letzten Jahre so gänzlich
prussificirt, in Deutschtum eingelebt, dass ihm seine Nicht-Zugehörigkeit gar
nicht mehr in Erinnerung lag. Jetzt aber musste er ja seine Entfremdung fühlen,
jetzt wo er auf der Heimreise zum fernsten Ende des »Globus von Ungarn« eilte.
Also auch dies Idol wurde ihm entrissen; sein Adoptiv-Vaterland, in das er sich
eingelebt, wie in sein eigenes, wandte ihm langsam den Rücken.
    Glückliche grosse Nation! Durch nichts vom Glück begünstigt, nur durch eigene
Kraft zur Grösse gelangt! Und als Symbol an ihrer Spitze den auferstandenen
Barbarossa, den kaiserlichen Greis, der alle Geschicke Deutschlands von 1806-70
in sich durchkämpft. Und je älter er wurde und je schwerer seine Bürde, um so
milder und gütiger wurde sein väterliches Gemüt. Wohl war er davon
durchdrungen, dass er seine Krone direkt von Gottes Gnaden trage, mehr, als einem
Sohne der Aufklärungszeit gestattet sein mochte. Aber dies Bewusstsein, dass er
ein Gotterkorener, unterschied sich wenig von dem Bewusstsein jedes Heroen, dass
ihm eine würdevolle Mission beschieden sei. Denn nicht zu vererben noch gähnend
abgelehnten Rechten schien ihm die Krone, sondern neu zu erwerben und zu
verdienen durch treue Pflichterfüllung des Tronberufes. Demütig fühlte er sich
nur als ein Gefäss der göttlichen Gnade und jeder persönliche Grössenwahn lag
hinter ihm in wesenlosem Scheine. Würdig und züchtig, ein Kriegsmann des
Allerhöchsten, in makelloser Vornehmheit stand er auf seines Trones Stufen, die
Hand wohlwollend ausgestreckt zum Schirm des Schwachen. Das kleine
durchdringende Auge unter der hochgewölbten breitknochigen Stirn und die
langgedehnte Nase erinnerten an das grösste und weiseste der Tiere, welches die
indischen Arier als Gottkönig des Tierreichs verehrten: den Elephanten.
    Dem Grafen traten wahrhaftig Tränen in die Augen, als er zu dieser stillen
Majestät echten Manneswertes, der sich aus den Schlacken und Beschränkteiten
seiner Jugend zu immer höherer Reinheit und Grösse der Gesinnung emporrang, mit
kindlicher Ehrfurcht aufsah. Welch ein Beispiel für fieberhaft tobenden
Grössenwahn! Hier war einmal ein Mensch, selbstgewiss und selbstbewusst, aber nie
in Selbstvergötterung verstrickt, unentwegt voll gläubiger Demut, voll frommer
dankbarer Verehrung der unbekannten Mächte, die ihn und die Seinen so weise
geführt.
    Es dunkelte. Wie fackeltragende Gnomen tanzten Lichter an beiden Ufern
umher. Krastinik sass allein, neben sich als einzige Genossin eine Flasche
Assmannshäuser. So heftig er jeden Rückfall in Dichterei verschworen,
unwiderstehlich quoll ihm von bebenden Lippen das Lied:
Ich bin so allein, so ganz allein
Auf der weiten Welt.
Gleichgültig rauscht vorüber der Rhein,
Gleichgültig gleisst der Sternenschein
Vom Himmelszelt.
Ich bin so allein, so ganz allein
Und mein Herz ist voll.
Verkannt und unverstanden sein,
O nagende plagende Seelenpein,
O bittrer Groll!
Ich bin so allein, so ganz allein,
In die schweigende Flut
Ueber Bord verschütt' ich den letzten Wein
Und schütt' in Gedanken hinterdrein
Mein letztes Blut.
    Leiden sollst Du, Menschensohn, leiden, bis die Pulse stocken. Und doch will
man nicht leiden. Wozu dies Alles, wozu sich immer erneuen in der Erscheinungen
Flucht? Denn ahnen wir nicht, dass wir einst gewesen, dass wir schon lange
begraben sind? Unfassbare Erinnerung einer Seelenwandrung.
    Ein lüsterner Falter, gaukeln wir alle unsterblich im flüchtigen Schein.
Sind wir das Ewige, das immer neu von Hülle zu Hülle flattert?
    In der uferlosen Flut des Seins untergehn und weiterwogen - - mit allen
Welten ruhen im Schoss des Alls - mit Vergangenheit und Zukunft lichtgewobene
Brücken schmieden - das allein heisst Unsterblichkeit.
    Nach dem unsagbar Einen mag Dich die Sehnsucht umsonst berücken, doch ruhe
in Dir selbst! Wie lange dauert's und Todesruhe drückt ihr bleiches Siegel auf
Deine fiebernde Stirn.
    Schein ist alles Wesen und stumm verlacht uns das Schicksal. Drum trage auch
Du in starrem Schweigen das ewige Einerlei. Schweig und stirb! Halte den Mund
und arbeite! »Fähnrich, wenn Er stirbt, so sterbe Er ruhig!«
    Wenn Du also denkst, dann werden alle Winde, alle Wellen Dich grüssen, die
Dich einst als Jüngling mit frommem Schauer durchwogt, und brüderliche Sterne
erhellen Dir das alte Märchenland der Sehnsucht.
    Unser Leben ist selbst nur ein Sinnbild des Welträtsels, das sich langsam
aus chaotischem Urschlamm der Sinneserregungen zum hellen Bewusstsein aufringt.
Drum, Dichterherold, streue Deine Verse wie Samenkörner, die der Wind in weite
ungeahnte Fernen führt! Die Ernte feiern wir drüben, wenn nicht hier. Drum
dresche weiter!
    Und siehst Du auch keinen Spiegel Deiner Strahlen, entzünde stets aufs neu
der Weisheit Lampe! So lange ein Acker bleibt, ziehe breit und fest des
Fortschritts Furche mit brennender Pflugschar!
    - - Aber wenn man nun kein Dichter ist, kein Denker, kein Seher, und dennoch
dasselbe Gefühl des Ewigen in sich trägt, ohne ihm artikulirte Laute zu leihen,
was dann? Verfehltes Leben!
    Das Schwanken des Lebensschiffes endet nie und die Seekrankheit des
Pessimismus hebt immer von neuem an. Nur der sturmgehärtete Seemann schwingt
sich furchtlos in den gefährlichen Raaen. Nur eine eigentümliche Hoheit der
Willenskraft, nämlich ideale Kampflust, macht furchtlos und fest, wie die
feiende Feder des Simurgh den Rustem vor jeder Fährniss schützt.
    Gewann er denn nicht lange schon die Einsicht, dass künstlerische Tätigkeit
für Höherdenkende ein entehrender Humbug und nur für technische Kunstandwerker
erfreulich sei? Im Wirken solcher Art Befriedigung suchen, das lag ja heut lange
hinter ihm. Ihm däuchte, sein kurzes Herumplätschern im litterarischen Sumpf sei
wohl nur ein wüster Traum gewesen. Was für ein Gackern und Schnattern und
Trutahn-Kollern, mein Gott!
    Auch gegen Leonhart wurde er jetzt ungerecht durch natürliche Reaction,
während »dem grossen Todten« immer noch Weihrauchdämpfe aus den Spalten aller
bedruckten öffentlichen Meinung nachqualmten. Es gibt eine stürmische
Vergötterungsmanie selbstsüchtiger Jüngerschaft, die an Petrus' Zweifelzorn
darüber erinnert, dass Christus sich nicht der Kanaille mit Donner und Blitz
entülle! Solche Jünger und Jüngerinnen transfiguriren sich ihren Meister so
zurecht, bis sie vor lauter selbstloser Bewunderung recht selbstsüchtig
raisonniren, sobald der Meister mal nicht den Anforderungen ihrer schrankenlosen
Begeisterung genügt. Dem Bedürfnis der Jünger gehorsam, muss er immer auf dem
Quivive stehn, um beliebige Messiastaten zu verrichten. »Und der König absolut,
wenn er uns den Willen tut.« Gott schütze ihn vor seinen Freunden, mit seinen
Feinden wird er schon selber fertig.
    Drum sah jetzt Krastinik, nachdem ihm die Schuppen von den Augen gefallen
und er sein umgekehrtes Damaskus gefunden, nur einen genialen Charlatan und
krankhaften Bramarbaseur, wo er einen verzerrten grossen Mann bedauern sollte.
Mochte ihm Leonharts ewige Selbstbetrachtung widerlich geworden sein, er vergass
darüber dessen Umgebung, das scheussliche Ungeziefer des modernen
Kunstproletariats. Entweder Parnassauer, die es für ihr heiliges Recht halten,
auf Kosten der ehrlichen Arbeit faul zu schlampampen und ihre Unfähigkeit
fortzumästen - oder Macher, die ihr kleines Dichtergeschäft in hellen und
dunkelen Stoffen wie die Goldne Hundertzehn annonciren. Krastinik wusste ja, wie
nur verzweifelte Notwehr den Unglücklichen dazu trieb, seine Schöpferruhe zu
opfern, um mit der Peitsche die Zöllner und Wucherer aus dem Tempel zu jagen.
Wozu also jetzt sein postumer Groll über die Selbst-Herabschraubung seines
Idols, das im Tagesgetümmel sich herumraufte, sich mit Kot bespritzen liess und
selbst mit Kotballen um sich warf? »Graf« Leonhart hätte das ja gewiss nicht
nötig gehabt und seine hehre Mission ohne Furcht und Tadel erfüllt. Seine
Fehler waren die Früchte seines niedergedrückten Lebens und seiner berechtigten
Menschenverachtung, seine Tugenden waren sein eigen.
    Doch diese Reaction eines neuen Standpunktes diente als heilsame Krisis. Das
Stadium der persönlichen Hero-Worship war hiermit endgültig überwunden.
 
                                      VII.
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    Seit acht Tagen sass Graf Xaver Krastinik, der neugebackene Vormund des
unmündigen Majoratsherrn, auf dem Schloss seiner Väter. Die gänzliche Umwandlung
seiner Lebensverhältnisse überraschte ihn kaum mehr. So märchenhaft reich an
Schicksalsschlägen war sein früher so eintönig ruhiges Leben in den letzten zwei
Jahren verflossen, dass die Nachricht, welche ihn in Siebenbürgen empfing, ihn
kaum befremdete. So eilig er dem Heimruf gefolgt, war er zu spät gekommen. Sein
Bruder hatte bei dem Sturz mit dem Pferde so schwere innere Verletzungen
davongetragen, dass er drei Tage darauf starb, ein kraftstrotzender Mann in der
Blüte seiner Jahre. Da er seit Jahren Wittwer, setzte sein Testament naturgemäss
seinen Bruder zum Vormund der beiden hinterlassenen Kinder Graf Koloman und
Comtesse Julie ein. So überkam Xaver die Verantwortung und Pflicht, den
ausgedehnten Familienbesitz noch neun Jahre als Vormund zu verwalten.
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    Neun Jahre hier verbauern! Es fiel ihm unendlich schwer, sich an diese
Aussicht zu gewöhnen und sich auch nur für's erste behaglich einzurichten.
    Das Gefühl der Behaglichkeit lässt sich nicht erzwingen: Es ist einfach da
oder nicht. Ein ganz gesunder Mensch fühlt die Existenz selbst als Genuss.
    Durch andrer Warnung wurde noch nie ein Mensch gebessert. Man muss sich
selbst erziehn, indem man aus eigner Erfahrung für alle Dinge bezeichnende
Formeln findet.
    Die Strafe der widerwärtigen Abhängigkeit von Aussendingen bleibt niemals
aus. Nur das Innere bleibt fehlerlos, während die Aussenwelt unaufhörliche Fehler
birgt. Geistige Arbeit scheint einzige Rettung, indem sie ganz über die
Aussendinge hinweghilft.
    Aber wo entsprechende geistige Arbeit finden! Denn diejenige des
ästetischen Dilettantismus entwürdigt einen männlichen Geist.
    Krastinik warf sich schon seit geraumer Zeit auf Naturwissenschaften, wozu
die alte wurmstichige Bibliotek seines Schlosses ihm ausreichende Mittel zu
gewähren schien. Allein, nur unter dem bildungsdurstigen Geschlecht Ende des
vorigen, Anfang dieses Jahrhunderts, hatte man dieselbe bereichert und so fand
er denn hauptsächlich französische und englische Werke dieses Genres aus der
Blütezeit der ersten Periode des modernen Materialismus, während die spätere
Metaphysik der Deutschen durch Abwesenheit glänzte.
    Er studirte die Encyclopädisten, das berühmte »System der Natur« Holbachs
und »Ueber den Geist« von Helvetius.
    Gedanken? Eine Fähigkeit, Eindrücke zu empfangen und sich derselben
hinterher zu erinnern, welche wir mit jedem tierischen Lebewesen gemein haben.
Das Gedächtnis, vielleicht die wichtigste Grundlage höheren Geisteslebens, muss
als ein blosses Organ Physischer Empfindung und das Urteil auch nur als
Empfindung betrachtet werden. »Juger n'est proprement que sentir.« Was sind also
Pflicht, Tugend und all diese schönen Worte? Man prüfe ihr Verhältnis zu den
Sinnen, inwieweit sie physische Lust erregen. Laster und Tugend sind also nur
das Ergebniss unsrer Leidenschaften und diese richten sich nach der physischen
Reizbarkeit für Schmerz und Lust. Nur so entstand der Sinn für Gerechtigkeit,
indem aus Schmerz und Lust das Gefühl des allgemeinen Interesses erwuchs,
welches man schützen wollte. Freundschaft erklärt sich nur aus dem Interesse,
unsre Lust zu vermehren oder unsern Schmerz durch Teilnahme zu mindern. Den
Ruhm erstrebt man lediglich wegen seines Vergnügens, respektive wegen anderer
Vergnügungen, die man aus seinem Besitz erhofft. Das Gute um des Guten willen zu
lieben ist eine Chimäre, das Böse um des Bösen willen zu wollen ist unmöglich.
Was wir sind, dazu macht uns nur die Aussenwelt.
    Aehnlich die Analyse der menschlichen Fähigkeiten, welche Condillac in
seiner Abhandlung »Ueber die Empfindungen« versucht. Empfindung sei nichts als
Eindruck äusserer Einwirkungen. Reflexion sei nur Sensation, ein Kanal der
Vorstellungen, welche aus den Sinnen allein sich herleiten. Unsere
Aufmerksamkeit auf irgend einen Gegenstand ist nur die Empfindung, die uns
dieser Gegenstand erregt. Und Vergleich zweier Gegenstände ist nur doppelte
Aufmerksamkeit, nicht etwa eine Folge der Aufmerksamkeit, also ist das Urteilen
, was bereits im Prozess des Vergleichens liegt, auch nur das Aufmerken einer
Empfindung. So entsteht das Gedächtnis als ein ungeformter sinnlicher Eindruck
und Einbildungskraft leitet sich wieder vom Gedächtnis her, indem erstere das
Abwesende als gegenwärtig empfindet. Daraus folgt dann der überraschende Schluss:
Die Eindrücke der Aussenwelt auf uns verursachen nicht die Geistestätigkeit,
sondern die Eindrücke selber sind diese Geistestätigkeit.
    Dies sind die Lehren, welche einerseits zur Befreiung der Menschheit von
verrotteten Missbräuchen, andrerseits zur rohen Entfesselung der Materie trieben.
Die völlige Unterordnung der sogenannten Innenwelt unter die Aussenwelt drängte
zur ausschliesslichen Vergötterung der Natur, also zum Studium und zur alleinigen
Herrschaft der Naturwissenschaften. Nicht das Wahre, Gute und Schöne suchte man
zu erforschen, sondern Wärme, Licht und Electricität. Diese heilige
Dreieinigkeit erschien als der neue Gott begriff, zu dem man betete. Die Gesetze
der Strahlung, der Wärmeleitung, der doppelten Brechung, der Polarität des
Lichtes, die Undulationsteorie, wurden gefunden. Diese Entdeckungen über
unsichtbare Teile der Natur blieben freilich bis heute in gewissem Sinne
unvollkommen. Denn das Geheimnis scheint schwer zu lösen, ob dieselben eine
materielle Existenz haben oder ob sie bloss Zustände andrer Körper sind. Die
Verbindung von Kraft und Materie, welche anfangs der dynamischen Teorie von
Leibnitz im Weg zu stehen schien, schliesst an sich die Existenz einer Materie
ohne kräftegebende Eigenschaften aus. Hier zeigt sich allerdings die
Unmöglichkeit, dass die Struktur des menschlichen Gehirnorganismus ausreicht, um
solche immateriellen Begriffe zu begreifen. Hier steht er gleichsam einer
Innenwelt der Aussenwelt gegenüber. Unerschrocken warf sich daher der
französische Geist nunmehr auf die greifbaren Teile der Natur. Die Chemie
experimentirte sich neue Gesetze zurecht, welche die Eigenschaften der Natur
beherrschen, durch das Studium der molecularen Zusammensetzung der Atome.
    Auch über diesen wichtigsten Zweig moderner Wissenschaft suchte sich
Krastinik zu belehren, wo er über Lavoisier, den Gründer der wahren Chemie,
Aufschlüsse fand - betreffs der Oxydation der Körper und ihrer Verbrennung,
sowie der Function der Nahrungsmittel -, welche ihn zu dem heutigen Stand der
Chemie - betreffs der Verbindung chemischer und elektrischer Gesetze -
hinüberleiteten.
    Damals gewann auch die Geologie ihren ungeheuren Aufschwung, die
Wissenschaft der örtlichen Gesetze, der terrestrischen Einrichtung der Massen.
Buffon entnahm aus Anregungen von Leibnitz und Descartes die Vorstellung von der
Centralhitze, welche schon die Pytagoräer und Zoroaster geehrt. Dann kamen eine
Reihe von Geologen, welche den Begriff des allgemeinen Wechsels auf der
Erdoberfläche dartaten, jenen ewigen Fluss der Dinge, von welchem schon
Herakleitos der Dunkle sprach. Jetzt begann man die organischen Ueberbleibsel zu
studiren. Man erkannte den Zusammenhang der Existenz der fossilen Tiere mit den
Medien, in welchen sie gefunden wurden. Der grosse Cuvier verband die Forschung
über die unorganischen Veränderungen der Erdoberfläche mit derjenigen über die
organische Veränderung der Tiere, die auf dieser Oberfläche gelebt. Die
Deutschen hatten die primären (Gneis), die Engländer die secundären Formationen
untersucht, die Franzosen entdeckten die tertiären Strata, in welchen man
bereits Säugetiere, die dem gegenwärtigen Zustande ähnlich, fand. Die
angeblichen Patriarchenknochen und Hünengebeine wurden als Reste fossiler Tiere
dem Studium der Anatomie unterworfen. Und jetzt verbreitete sich die allgemeine
Verehrung Darwins, die Lehre von der unbeirrten regelmässigen Entwickelung.
    Hier erschloss sich dem Geiste des einsamen Gottsuchers ein so unendlicher
Horizont, dass er erschauernd und gleichsam atemlos innehielt. Erst allmählich
begann er jetzt, an der leitenden Hand neuster Forscher, die. ganze Grösse dieser
Wahrheiten zu erfassen. Die Astronomie ist längst im Stande, wichtige
planetarische Ereignisse viele Jahre vorherzusagen. Und werden nicht einst unsre
Vorhersagungen in andern Dingen ebenso genau eintreffen, sobald die gesammte
Wissenschaft ähnlich fortschritt? Gleichförmige Regelmässigkeit in allen
Naturbewegungen - welch ein unergründliches Gebiet der Spekulation! Lange ehe
Menschen waren, lange ehe dieser Planet sich geformt, herrschte die gleiche
unerfassliche Ordnung.
    Nun drang auch die Zoologie durch vergleichende Anatomie in das Zellengewebe
des menschlichen Organismus ein und gründete erst die eigentliche Physiologie,
wozu nunmehr auch die Botanik beitrug. Man erkannte das Doppelleben des
Menschen, das organische und das animalische. Ersteres, welches er mit der
Pflanze gemein hat, bedingt Erschaffung und Zerstörung, nämlich: Verdauung,
Circulation, Ernährung - Ausatmung, Ausdünstung, Verbrennung. Von dem
Tierleben aber leitet er Bewegung, Gefühl und Urteil her, d.h. Bewusstsein. Die
Organe dieses tierischen Lebens sind absolut symmetrisch und sämmtlich doppelt,
die des pflanzlichen Lebens hingegen ausserordentlich verschieden und an sich
einzeln. Das Pflanzenleben schläft nie in uns. Die doppelten animalischen Organe
aber gestatten uns zu ruhen und abzuwechseln, und gerade hierdurch verbessern
und entwickeln sich allmählich die Functionen, vom ersten Naturschrei des Kindes
bis zur ausgebildeten Gedankensprache.
    Selbst die Mineralogie drang jetzt zu den glänzendsten Resultaten vor, indem
sie sich mit der Geometrie verknüpfte und alle Abweichungen der Symmetrie der
matematischen Berechnung unterwarf. Die wunderlichsten Formen erschienen von
jetztab als natürliche Entwickelungsfolgen. So gibt es also in keinem Reich der
Natur die Möglichkeit einer Unordnung und alles, was geschieht, steht unter
festen Gesetzen. Und dies Prinzip musste man nun wohl oder übel auch auf das
Geistige an wenden. Die Abweichungen des menschlichen Geistes, z.B. der Wahnsinn
und das Genie, werden von eben so unfehlbaren Gesetzen bestimmt, als der Zustand
der todten Materie. Unter gewissen Bedingungen tritt das Phänomen des Genies
oder des Wahnsinns unausbleiblich ein.
    So wird man das Materielle und Immaterielle im zwanzigsten Jahrhundert im
Studium zu verknüpfen lernen, wovon wir heute noch entfernt sind. Der
Zusammenhang dieser naturwissenschaftlichen Forschungen mit der socialen
Empörung, welche man die Grosse Revolution nennt, lag aber klar vor Augen in der
allgemeinen Sehnsucht nach Verbesserung und Unzufriedenheit mit der früheren
Stagnation. Wie und zeigen sich nicht genau die gleichen Symptome heut am Ende
des neunzehnten Jahrhunderts?
    Wenn im siebzehnten Jahrhundert Baco, Descartes und Newton die wechselnden
Erscheinungen auf bestimmte Prinzipen von Ordnung zurückführten und das
achtzehnte Jahrhundert diese gefundenen Prinzipien auf das materielle Universum
im Ganzen anwendete, so versuchten die grossen deutschen Denker diese Prinzipien
auf die Geschichte des menschlichen Geistes auszudehnen und zu vollständigen
Allgemeinbegriffen über den Fortschritt des Menschengeschlechts zu gelangen.
Allein, dies gelang ihnen nur unvollkommen oder gar nicht, weil sie die Anregung
in Herder's »Philosophie der Geschichte«, historische Drehungsgesetze zu
entdecken, oberflächlich vernachlässigten. Sie wandten sich völlig der rein
metaphysischen Spekulation zu und verliessen das neubegründete philosophische
Geschichtsstudium, welches sie zu pragmatischer Spezialgeschichtsschreibung und
nüchterner Quellenforschung herabdrückten.
    Und doch sollte es der Endzweck jeder Forschung sein, aus Vergangenem die
Zukunft vorherzusagen. Grosse Ereignisse entspringen keineswegs aus kleinen
Ursachen, wenn auch vielleicht aus kleinen Bedingungen. Ereignisse der
Menschengeschichte unterwerfen sich denselben Bedingungen wie Chemie und
Geologie. Jede Erscheinung muss verursacht werden durch etwas, was in ihr vorgeht
oder was ausser ihr vorgeht. Ersteres muss sich durch ihre Zusammensetzung,
letzteres durch ihre Lage erklären lassen. Selbst die geheimnisvollen grossen
Lichtkräfte, welchen in der Menschengeschichte wohl gewisse immanente Ideen
entsprechen, wird man so analysiren können.
    Wenn der englische Denker Locke noch die abgesonderte Existenz einer
Reflexionskraft behauptete, durch welche die Sinneseindrücke benutzt würden, so
gingen die schottischen Denker, welche jene denkwürdigste Epoche des
Menschengeistes zeitigte, schon so weit, eine sittliche Anlage jedes Menschen
als ursprüngliches Prinzip anzunehmen. Schon bald wurden diese deductiven
Transcendentalisten verdrängt durch die Gründung der politischen Oekonomie. Adam
Smit stellte den Satz auf, dass die Gesetze, nach welchen wir unser Betragen
richten, nur durch Beobachtung des Betragens anderer erlangt werden. Wenn wir
einsam lebten, könnten wir weder Verdienst noch Recht von seinem Gegenteil
unterscheiden. Wir unterrichten uns hierüber, indem wir uns an die Stelle der
Andern versetzen. Aus dieser allgemeinen Vorstellung entstammt die allgemeine
Sympatie. Diesem Mitgefühl entspringen nun sämmtliche Handlungen, gute und
böse. Und im Mitgefühl, obschon es ein ideelles Vergnügen bereite, läge dennoch
kein Gran von Selbstsucht. Als Ergänzung aber dieser »Teorie der sittlichen
Gefühle« sprang Smit auf das gerade Gegenteil über, indem er nunmehr in seinem
grandiosen Werke vom »Nationalreichtum« nur die Selbstsucht als Motor annimmt.
Jeder folge nur seinem eignen Interesse und fördere hierdurch, ohne es zu
wollen, das Interesse andrer. Der persönliche Wunsch, den jeder Einzelne fühlt,
seine Lage zu verbessern, bringt die Gesellschaft im Ganzen vorwärts. Jetzt
wurde die grosse Idee der Notwendigkeit auf das sociale Leben angewandt. Man
erkannte Arbeitslöhne als unvermeidliche Folge der Verhältnisse gegen welche die
Wünsche aller Einzelnen oder des ganzen vierten Standes ohnmächtig, das spätere
»eiserne Lohngesetz« nach Angebot und Nachfrage. Man ahnte die Teorie der
Pacht, wie Maltus und Ricardo sie später ausbauten. Dann kamen Hume's Teorien
von der Ideenassoziation und vom Causalnexus und von der Nützlichkeit als
einzigem Grundpfeiler der Moral. Diese genialen Geister verachteten jedoch die
bloss compilatorische nüchterne Tatsachenanhäufung als Grundlage, sie misstrauten
der Statistik und hielten die Ideen für so viel wichtiger als Tatsachen, dass
erst Ideen vorangehen müssten, ehe man überhaupt die Tatsachen beobachte. Reid
und Black wandelten fort auf ähnlichen Gleisen, wie denn später Watt die
Dampfmaschine nicht aus Tatsachen-Experimenten, sondern aus der Spekulation
über Black's Gesetz von der latenten Wärme, angewandt auf die Verbindung von
Luft und Wasser, also aus einer Idee heraus erfand.
    Graf Xaver Krastinik, dies Enfant terrible seiner umliegenden Dörfer und
Standesgenossen, schloss sich völlig von der Welt ab und studirte ununterbrochen.
Mutig hieb er sich lichte Bahn durch das Dickicht seiner Unwissenheit.
    So drang er denn allmählich in das ganze Geheimnis der inductiven Metode
ein, welche auch das Kunstprinzip des Realismus leitet.
    Hier lernte er jene Deklamationen einer deductiven Weltanschauung verachten,
von welcher im Grunde alles äusserliche Scheintreiben der Menschheit bestimmt
wird. Angenommene Voraussetzungen als höchste Prinzipien aufstellen und
dialektisch verfechten - darin besteht das wahre System des hohlen gedankenlosen
Weltgetriebes. Ob der Metaphysiker oder der Zeitungsjournalist, der Pfaffe oder
der Soldat, - jeder wählt sich ein beliebiges traditionell überkommenes Prinzip
und argumentirt daraufhin sein Lebenlang, ohne dessen Gehalt zu prüfen. Der
teologische Gott, Staat, Autorität, Ehre, Freiheit, - alle solche Begriffe
werden zu unnützen Kinderklappern, mit denen die törichte Menge ihr Gehirn
betäubt.
    Indem er mit verzweifelter Kraftanstrengung sich der Lectüre philosophischer
Naturwissenschaften ergab, durch Chemie, allgemeine Physik und Physiologie
langsam zu den Ergebnissen der neusten Epoche unter Liebig, Darwin, Helmholtz,
Dubois-Reimond vorrückte, begann sein spekulativer Geist, der nie
dichterisch-gestaltend, sondern didaktisch seine Anschauungen vollzog,
allgemeine Schlüsse aus nüchternen Tatsachen zu ziehen. Die Teorie des
Kraftwechsels und die zunehmende Darlegung der Tatsache, dass überhaupt nichts
unregelmässig, gestört oder dem Naturgesetz zuwider sei, beruhigte ihn über die
scheinbare Wirrung und unlogische Ungerechtigkeit menschlicher Schicksale. Die
Teorie des grossen Patologen Hunter, betreffend die innere Balance des
Mitgefühls zur Tätigkeit, eröffnete dem einsamen Wahrheitsucher seltsame
Schlüsse, worunter der vornehmste: dass Passivität weder der Menschennatur
entspreche noch zur Tugend werden könne, da nur Tätigkeit das Mitgefühl
fördert.
    Damit fiel sein Wunsch, sich einsam »einzubuddeln« über den Haufen. Selbst
das heilige Licht, das uns Lebensbedingung, ist ja Bewegung. Wärme ist Licht in
Ruhe, Licht ist Wärme in reissender Bewegung. So ist Genie vielleicht nur eine
Metamorphose der stillen vorbereiteten Wärme seiner Zeitumgebung.
    Ob nun die deutschen Geologen wie Buch und Humboldt sich an Werner's
Wasserteorie oder die Briten sich an Hutton's Feuerteorie über Entstehung und
Veränderung der Erde anschlossen, überall wurde den grossen Urkräften der Natur
sorgsam nachgestellt. Nur die neptunischen und plutonischen Urkräfte, die im
Geistesleben der Natur, also der Menschheitsgeschichte wirken, blieben verhüllt
wie zuvor. Man vermochte die vulkanischen Kräfte der französischen Revolution
noch immer nicht nach ihrer Gattungsart und ihrer inneren geologischen Lage
genau in ihre Bestandteile aufzulösen.
    Und doch lehrt jene grosse Auffassung, welche die Unzerstörbarkeit der Kraft
und die Unzerstörbarkeit der Materie zugleich erfasst, welche die geringste
Bewegung des kleinsten Körpers in weitester Ferne als Ursache ewiger Folgen
erkennt, wunderbare Schlüsse auch über die Menschenentwickelung. Ja, die
Erhaltung oder Beharrlichkeit der Materie-Kraft, wie sie Herbert Spencer in
seinen »First principles« bereits in die abstracte Philosophie einführte,
scheint gewiss nur ein grösseres allgemeines Vorbild der Geistkraft-Erhaltung, so
dass nichts im Haushalt des Menschendaseins umsonst geschieht und kein Körnchen
von der grossen Gesammteit getrennt werden kann, ohne den ganzen Bau zu stören.
Hierdurch wird das Gejammer über jegliches persönliches Leid zur Narrheit, da es
ja zur Gesammtordnung mitgehört, zugleich aber auch die Ueberhebung jeder Grösse
ein eitler Wahn, da alles Existirende in gleichem Masse dem grossen Endzweck
dient.
    Der Baum der Erkenntnis ist nicht der des Lebens, wohl wahr, wenn man das
törichte Sinnenleben im Kampf ums Dasein meint. Wohl aber pflückt man von
diesem Baume eine süsse Frucht, welche gottähnlich macht und doch gerade durch
diese gottähnliche Milde jeden Grössenwahn für immer zerstört.
    Denn das eigentliche innere Wesen des Grössenwahns ist die Selbstsucht, eine
tollgewordene Selbstsucht, die mit einer Art Farbenblindheit nichts sieht als
sich selbst und mit neidischem Hass alles verfolgt, was ausser ihr selber
existirt. Diese Neidwut zähmt sie nur dann, falls irgend ein augenblicklicher
Vorteil von dem andern Object zu erwarten scheint. Ein Grössenwahn, der für
Verdienste ausser ihm überhaupt noch ein Auge hat, verliert schon seinen
eigentlichen Charakter. Selbstbewusstsein und Grössenwahn, sind gar verschiedene
Dinge.
    In den Augen der modernsten Wissenschaft bleibt vom Menschentum nur übrig -
ein boshafter Affe. Das ist falsch. Es gibt viele schlechte Kerle, deren
Lebensgenuss im Bösen besteht, wäre es auch nur im bösen Maul, das jedes Edle und
Grosse zu ihrem eigenen Niveau herabzerrt. Allein, es mangelt auch nicht an
gutartigen Naturen, deren Egoismus, diese natürliche Spiralfeder aller Dinge,
sich liebevoll sänftigt und allem Lebenden freundlich gegenüber tritt. Traurig
genug, dass die klare Erkenntnis, nur Selbstlosigkeit bedinge das wahre Glück,
den dämonischen Trieb zur Selbstsucht auch beim Weisesten und Besten nicht zu
brechen vermag.
    Häufig kann die gemütloseste Streberei und wütendste Eitelkeit
entschuldigt werden durch die unglücklichen Verhältnisse eines von der Natur
stiefmütterlich Behandelten oder von den Menschen Misshandelten, dessen Energie
sich an Natur und Menschen zu rächen sucht. Dies gelingt freilich um so
leichter, als die Menschen, soweit es ihre eigene Selbstsucht erlaubt, selten
der Bonhomie entbehren und gern einem fleissig Ringenden Raum gönnen, - ohne die
Misantropie eines solchen nervösen Irren durch dies Entgegenkommen zu ändern.
    Allein, wenn die Menschen auch keineswegs der guten Instinkte entbehren, so
mangelt ihnen dafür gänzlich der ideale Instinkt. Man kann ein guter Mensch sein
und doch unheilbar in alles Materielle verstrickt bleiben, wodurch denn
zuguterletzt auch nur selbstsüchtige Motive entstehen. Man kann ein böser
despotischer Mensch sein und doch sich zum Idealen erheben, wodurch denn
trotzalledem eine allgemeine Immaterialität, also Selbstlosigkeit, sich erzeugt.
Aus diesem Grunde verwirft der bärbeissige Carlyle alle sogenannte Philantropie.
Der finstre Dante, als er einsam die Divina Comedia für die Menschheit schrieb,
habe eine viel wichtigere Philantropie geübt.
    Aber gerade diesen Standpunkt wird die Alltagsherde nie verstehen und nie
begreifen, dass ein dem Idealen geweihtes Wesen, dazu bestimmt, dem unirdischen
Reich des Ewigen zahllose neue Jünger zu gewinnen, gänzlich ausserhalb der
gewöhnlichen Alltagsgesetze steht. Denn das wahre Sittengesetz wird es ja
ohnehin nie verletzen. Weil etwa Leute sich einer sogenannten Wohltätigkeit
befleissigen, was denn auch auf ihr sonstiges Interessen-Kerbholz von der
gläubigen Welt angekreidet wird, bewiesen sie noch keineswegs ihr Freisein von
der Knechtschaft des starren Ich. Aber ein Mensch, dessen Geist sich
unmateriellen Sphären völlig ergab und sein ganzes Sein auf idealen Zielen
aufbaute, muss innerlich frei sein von allen Schranken der Sinnenwelt, bleibt
daher jeder wahren Ichsucht fern, selbst wenn er seine Mitmenschen als blosse
Zahlen behandelt oder gleichgültig ihre verächtlichen Leiden und Freuden flieht.
    Mit überwachtem überarbeitetem Gehirn wanderte der Graf eines Morgens bei
Tagesanbruch hinaus, weit hinaus über Feld, dem nächsten Bergwalde zu.
    Die Sonne tauchte hinter den smaragdgrünen Baumwipfeln hervor. Eine
schmeichelnde Wärme rieselte wollüstig durch alle Poren der Lebewesen. Von
leisem Windhauch geläutet, schwangen sich die Blütenglöckchen der Zweige hin
und her und überschütteten die Vorübergehenden mit feinem silbernem Sprühregen.
    Wie ein Lämmlein mit Rosaband und Glöckchen, sprang hier der rosenbestandene
Bach dahin, kletterte über Felsenkniee, wälzte sich in der Blumenau und liess
seine glockenhelle Melodie ertönen. Aber die Rosen waren jetzt verwelkt und
welke Blätter raschelten umher, Vorboten der weissen Schneebienen des Winters.
Wie ein Adler, der noch auf höchster Firne rastet, ehe er ins Reich der Wolken
strebt, - schien die Sonne noch mit dem ersten Glühen ihrer Schwingen auf den
Giebeln der Felsburgen zu rasten.
    Die Landleute begannen eben ihre Arbeit.
    Heiliger nährender Opferdienst der Erde! Der alten vergessenen Natur
rettendes Sinnbild bist du, o Pflug, der willige Aecker durchfurcht! Zufrieden,
wenn man die Frucht eurer Mühen euch mit kargem Lohne zahlt, verachtet ihr den
hohlen Prunk der Städte, ihr Pflüger mit schwieliger Faust und sonnerbrannter
Stirn!
    Droben in der lichten Bläue und über den Feldern tirilirte es. Wie eine
klanggewobene Jakobsleiter stieg vielstimmiger Vogelsang himmelan und
himmelherab. Unbewusst sang seine Seele mit in rhytmischen Lauten:
    Lerche, aus Wolken schwang sich an mein Ohr dein Sang! Liebe beseelt ihn und
hat ihn gelehrt! Giesst wie ein Sonnenstrahl Licht über Berg und Tal! Dein Lied
lebt im Himmel, dein Lieb auf der Erd! Hoch über Wald und Moor, Wiese und Dorf
empor, über der Morgensonne Erglühn, über der Wolke Rand, des Regenbogens Band,
Herold des Tages, hinflatterst du kühn!
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    Er warf sich ins Gras und lauschte dem schrillen Zirpen der Grasmücken und
dem Vogelzwitschern in den Fichtenzweigen. Ein Paroxismus knabenhafter
Sehnsucht, eine mystische Brunst, befiel seine Künstlernatur. Er zerriss die
keuschen Gräser mit den Zähnen, und schlürfte den Tau vom jungen Kleeblatt, wie
trunken von corybantischer Attis-Begier. Er hätte, ein neuer Pygmalion, den Fels
umarmen mögen, aber der blieb kalt, todt, steinern. Unwillkürlich umschlang er
den Baum, unter dem er lag, aber dessen Rinde blieb trocken und starr und die
Tropfen des Fichtenherzes, die aus den dürren Spalten quollen, waren kein warmes
Blut, keine Tränen der Gegenliebe. Die Weltkraft, die alles durchdringt und
besiegt, hätte er leibhaftig ans Herz reissen und mit ihr ringen mögen, Herr
werdend durch der Liebe Riesenwollust.
    Tief unten im Grunde dufteten die Blüten. Geister des Friedens entstiegen
den Kelchen. Aus Felsenspalt entströmte leise, wehmütig lispelnd, des Wildbachs
Helle. Ach, brach nicht, wälzend die Welle der Tränen, aus seinem Herzen der
Bach Erinnerung?
    So weit sein Auge gen Himmel starrte, unendliche Wälder, felsenbeschattet.
Erschauernd sank er ins Riedgras nieder, über ihn rollten die weichen Wogen.
Rings abgeschlossen! Kein Pfad der Hülfe! Da - fern vom Gipfel winkte ein -
Kreuz.
    Ein Kreuz - wiederum durchzuckte es den einsamen Mann. Memento mori! Sollte
er nicht Ernst machen mit der Entsagung des Lebens?
    Wieder tönten Leonharts Worte in ihm wieder, dass nur im Kloster das Glück
wohne.
    Aber für wen? Doch für den Gläubigen? War er denn gläubig? O nein, wie lange
entwich ihm der kindliche Glaube der Väter! Nicht ihm blieb jene
Erlösungssehnsucht, die aus den Wunden Christi mit mystischer Brunst die
Gewissheit ewigen Lebens schlürft.
    Er erinnerte sich jenes Gespräches über Semiten-und Christentum, das sie
einst geführt. Einen semitischen Cultus hatte Leonhart den Katolicismus
genannt, ohne aber eine Begründung zu geben, indem er zu der Tese absprang, dass
in seiner ersten Gestalt das Christentum rein arisch gewesen sei. Jetzt glaubte
Krastinik jene Andeutung zu verstehn. Die indisch-baktrischen und griechischen
Elemente der christlichen Kirche hatten sich im Orient erhalten, als
byzantinische Kirche ausartend, als Arianismus sich reiner ausbildend, indem die
Menschlichkeit Christi festgehalten wurde. Gerade auf den römischen Bischof aber
hatten sich die jüdischen Zusatzmischungen übertragen und fortgemodelt: Ein
selbstsüchtig ausschliessender Jehova-Cultus, eine Intoleranz pharisäischer
Selbstgerechtigkeit. So entfernte sich die christliche Kirche unter der
Hohepriester-Hierarchie Roms immer weiter von ihrer demokratischen Form
communistischer Gemeinden und bildete sich zu einer grossartigen Staatskirche
aus, welche alles geistige Leben mit unentrinnbarem Netz umstrickte und in ihren
Dienst zwang. So musste roher Gesetzesglaube und selbstgerechte Werkheiligkeit
das echt jüdische Wesen dieser neuen katolischen Religion bestimmen. Nur eins
blieb demokratisch in diesem blinden Staatscultus starrer Autorität: Die
Gegenüberstellung der Geisteskraft wider das rohe Rittertum und die physische
Allmacht des Feudalsystems, hier wo jeder Bauer es bis zum Papste, zum
Oberhirten der Christenheit, bringen konnte, gleich dem Zertrümmerer der
irdischen Staatsgewalt, dem grossen Gregor.
    Aber diese Zeiten sind lange dahin. Dies unsterbliche historische Verdienst
der römischen Kirche, neben welcher der Protestantismus als ein zwerghafter
Parvenü erscheint, liegt seit Jahrhunderten in andern Händen - denen eines neuen
Kirchenordens, dessen Werkzeug die Feder, dessen Wunderbeglaubigung das Wissen.
    Kirche, Religion! Was für leere Worte heut, Gespenster längst entschwundener
Wesenheiten!
    Wir glauben all an einen Gott - an das Gold und das Ich.
    »Ich« heisst der Dämon, welcher heut die Welt zu einer grossen Irrenanstalt
verengt. Dieser Geist der All-Verneinung und Ich-Vergötzung ist der Geist des
Widerspruchs und der Lästerung, dessen jammervollem Wahnsinn man schweigend wie
dem Grössenwahn eines Irren nachgeben muss. Und dieser Götzendienst empfängt
seinen stärksten Giftstoff aus der Kirche, dieser Brutstätte der
Selbsteiligkeit.
    Unfehlbarkeitsdogma! Dies sündhafte Vermessen einer sclavischen
Selbstanbetung, der Grössenwahn eines Ich-Sclaven (und welch ein sündiges Ich
gerade dieses!), um den Grössenwahn der sclavischen Torenmenge wider die
»Ketzerei« höherer Gesittung noch mehr zu stacheln! Ja, das Unfehlbarkeitsdogma
fehlte gerade noch, um den unheilbaren Grössenwahn dieser Fortschritt-Epoche zu
brandmarken. - -
    Nein, das »Kreuz« konnte einen Mann wie diesen nicht mehr erretten, nicht
das Kreuz der Kirche. Doch vielleicht ein anderes? Das Kreuz, welches wir alle
tragen? -
    Er sann und sann - - -
    Ist der Tod nur ein Durchgang, ein Istmus zweier Ewigkeiten, so wäre der
Tod, vor dem wir schaudern, minder schreckhaft als dies Dasein, das wie ein
Wolkenschatten dahingleitet im unermesslichen Raum. Aefft uns der Tod wie das
Leben, dies Marionettenspiel? Und das All um uns her - ist das fest? Schwanken
nicht seine Grundpfeiler, verschwimmt nicht alles ineinander, ist es am Ende
auch nur eine Vision der getäuschten Sinne, eine Wüstenmirage geblendeter Augen,
eine Wahnvorstellung?
    Wenn aber das Dasein und die Natur unwirklich, - was bin denn ich als Ich
und was ist Gott? In ihm leben, weben und sind wir. Auch nur eine Vorstellung?
Ist er doch überall. Mein Ich und Gott - verschwimmt das auch ineinander?
    Oder sind Natur und Gott ein Gegensatz? Entstand die Welt, indem Gott sich
selbst verlor? Und wenn so Göttliches von Gott abfiel, soll es zu ihm
zurückkehren? Oder stieg aus dunkeln Urtiefen der Gotteskeim selber empor, so
dass Gott nichts ist, als die Spitze und Frucht der Natur?
    Und wie stehen wir selbst zu diesen grossen Gewalten? Hängen wir mit Gott
zusammen, so dienen wir nur als niederes Gefäss seiner Gnade. Das heisst dann
Christentum. Wie, ich Mensch, der ich nichts der göttlichen Gnade verdanke?
dessen Gedanke nichts ist, als der Sohn meiner eigenen Arbeit?
    Und der Panteismus löscht mich vollends aus. Da bin ich nur ein ärmlich
Mittel des Naturzwecks. Wie, ich, in meiner stolzen Naturbeherrschung?
    Wohl lehrt mich Darwin, dass ich nur ein Naturprodukt meiner Ahnen.
Gleichviel. Ich bilde fremde Samenkeime mit meinem freien Willen zur neuen
selbstständigen Pflanze aus. Und wäre selbst die Seelenwanderung des
Welträtsels Lösung, so bliebe es doch nur immer dasselbe unteilbare Ingenium,
das sich rastlos im Kreis der Dinge eine Heimstätte sucht.
    So sind wir denn selbst die Ewigkeit? Selbst die göttliche Idee? Der Gott
der Welt ist der menschliche Wille.
    Und wenn es nun ein böser Wille? Das Geheimnis der Prinzipien von Gut und
Bös besteht in ihrer Zusammengehörigkeit. Alles ist Instinkt, Selbstaufopferung
so gut wie krassester Egoismus. Böse ist nur die Nichterfüllung des eigenen
Willens. Der menschliche Genius, der im Kampf mit zahllosen Schwierigkeiten
seine fortzeugenden Werke leistet, scheint an sich viel grösser, als die
einmalige Naturschöpfung der allmächtigen Centralkraft.
    Ja, so mag des Menschen berechtigter Grössenwahn wohl urteilen. Nichts
erbärmlicher und nichts bewunderungswürdiger, als der Mensch. So dachte gewiss
auch Kain, der erste Haderer wider Jehova. Als er nun aber den Tod in die Welt
gebracht, da sagte ihm dröhnend die innere Stimme: Das ist ein Riss durch die
Natur, das ist Schuld.
    Er wusste bisher nur, dass er war, jetzt erfuhr er, dass er etwas solle - denn
er fühlte, was er nicht solle. Woher? Von wannen kam ihm diese Wissenschaft? Aus
dem Innern? Wer schrieb's dort ein? Er sich selber? Seit wann denn? Erst seit
heute, wo er schuldig geworden? Nein, es musste ihm schon eingeboren gewesen
sein. Es gibt also eine höhere moralische Ordnung ausser uns und über uns.
    Hör' auf, dein starres Ich zu behaupten, Niemandem untertan, in dich selber
ein wärts deinen Pfad zu bohren!
    Tödte den Willen ab! Selbst ein idealer Wille verstrickt dich in Schuld.
»Soll ich denn meines Bruders Hüter sein?« Heuchlerische Frage! Du fühlst ja,
dass du es sollst.
    In der Friedlosigkeit des Schuldbewusstseins fühle du den Frieden der
Erlösungssehnsucht! In dem Schmerze der Schuld wird die Last der
Verantwortlichkeit von dir genommen, die den souverainen Willen bedrückt. Nicht
länger fühlst du dich verpflichtet, als höchste Erscheinungsform der göttlichen
Idee zu gelten. Die Demut deiner Schuld beugt dich freudig unter die Erkenntnis
einer über den Dingen stehenden Centralkraft, der sich auch der Grösste willenlos
zu unterwerfen hat.
    Jeder ist schuldig, auch du trage dein Kainsmal, denn auch du hast deinen
Bruder gehasst und dich selbst geliebt. Aber trage es ruhig und stolz, ohne
Trotz, ohne unnütze Reue! Gehe hin und sündige nicht mehr!
    Wie so anders erscheint das Rätsel des Lebens dem Manne, der liebte und
lernte und litt! Eine grause Gabe ist das Teleskop der Wahrheit, das alle
Erscheinungen verwischt und nur Schein sieht, wo die frische Hoffnung einst im
Sein geschwelgt. Die Gedanken und Gefühle des Menschen bilden für sich ein Epos
vom heiligen Gral.
    Wie frohgemut sitzen sie erst beieinander, gleich König Artus' Tafelrunde.
Die Welt ist ihnen ein Bilderbuch voll Farben und Ideen und aus den Hieroglyphen
der Weltgeschichte liest sie den klarsten Sinn. Lancelot vom See, die kühne
Abenteurerlust, erfasst die Natur mit ungebrochener Jugendlust. Tristan und
Isolde finden sich in sinnlicher Leidenschaft, begehrungssüchtig und subjectiv,
Parzival's Venuswunden heilen von selbst in sentimentaler Schwärmerei. Wohl
tritt dann die wirkliche Leidenschaft verderblich in den Kreis, wie Ginevra, die
königlich stolze, aber auch sie zerrinnt in resignirte Wehmut. Da naht Merlin,
die philosophische Auffassung der Welt, und wühlende Reflexion vernichtet die
Schaffensfreude. Fei Maglore von der schwarzen Klippe, die Feindin Ginevras,
lockt in ihren Bann und abgegohrene Liebessymptome verlieren sich allmählich in
blasirte cynische Selbstverspottung. Kay der Seneschall regelt mit kalt
kritischer Ironie die Dinge. Nach den Enttäuschungen der scheinbaren äusserlichen
Erfahrung entsagt der Geist dem Behagen am fabulirenden Bilderreichtum der
Wirklichkeit in erlogener Ruhe. Aus realistischem Arbeitstrieb keimt der
Hochmut eines gleichgültigen Materialismus. Doch der ungestillte Trieb nach
idealer Erlösung und festerem Lebenshalt ringt nach Befreiung, der wunde Titurel
harrt auf das erlösende Wort des Grals.
    Wer aber Avillion finden will, das Eiland der Seligen, der muss wählen
Frieden durch den Kampf, Ruhe im Sturm. Da klärt sich des rütselvollen
Menschenlebens letzter Schluss, dass nur liebevolle Versenkung ins Allgemeine aus
liebloser Einsamkeit erlöst. Nur Liebe für die Idee, nur Streben nach einem
Ideal, nur dies macht teilhaftig des heiligen Gral, begräbt den Titurel des
ringenden Ichs und krönt Parzival's Irren und Leiden.
    Die Seele, welche gelernt auf sich selbst allein zu bauen, in sich selbst
ihre Stärke zu suchen - die Sporen des Hasses, der Verzweiflung, der
Menschenverachtung hetzen und zerfleischen sie nicht mehr. Menschenverachtung
sollte immer bei sich selbst anfangen. Menschenverachtung, die ja doch die
Menschen braucht - allerdings nur als Sclaven und Beifallskatscher, aber doch
immer braucht.
    Nicht länger beneidet die genesene Seele den Flitterkram äusserlicher Lüste.
Durch den feurigen Ofen hindurchgegangen, abschmelzend die Schlacken gemeinerer
Selbstsucht, wurde sie kalter biegsamer Stahl. Jetzt ist sie zum Ritter
geschlagen d.h. zum freien Manne. Wer die Menschen nicht bedarf, trägt auch
nicht ihre Ketten. Nur wer sie nicht braucht, liebt die Menschen aus
selbstbeglückender Sympatie, aus erhabenem Mitleid Aller für Alle. Nur das ist
der wahre »Weg zur Freiheit.«
    Aber nur die alte Erzeugerin und Erhalterin der Weltgesetze, Eros und
Anteros die grossen Gewalten, nur die Liebe erlöst. Und Liebe ist, langmütig,
sie hadert nicht, sie beugt ihren Willen unter den der andern, unter den höheren
Willen des Ideals, wie es eingeschrieben in des Menschen Gewissen. Der Geist ist
willig, aber das Fleisch ist schwach; Liebe allein macht stark, indem sie das
schwache Ich demütig dem starken Allsein vermählt.
    Vom Ganges her rauscht aus Palmen und Lotoskelchen des Büssers Braminenlied:
Wer störungsfrei, begehrungsfrei zum andern Ufer hingelangt, wer nichts zu eigen
haben will, der nenne Buddha's Jünger sich.
    Aber ist Freisein von Leidenschaften nicht ein widernatürliches Unding? Nur
für das entnervende Klima Indiens könnte das passen. Nicht die Verneinung,
sondern die Verstärkung des Willens hat den rastlosen Vorwärtsdrang unsrer
Civilisation ermöglicht. Den Willen brechen heisst eine Tugend empfehlen, die
keine Tugend ist. Es gilt vielmehr, die Leidenschaft auf geistige Ziele mit der
gleichen dämonischen Stärke hinzulenken, mit welcher der gewöhnliche Mensch
sinnliche Ziele erstrebt. Hass gegen das Schlechte ist eine glückbringende
Leidenschaft.
    Aber durch Erkenntnis unsrer eignen Unvollkommenheit sollte Mitleid mit
fremder Unvollkommenheit in uns erwachen. Dies Mitleid hat jenem Todten gefehlt.
Wohl berechtigte ihn sein Geistesstolz zu einem Gefühl überlegener
Selbstabsonderung. Aber nie schmolz seine Härte in der weisen Demut, welche die
Unteilbarkeit alles Seins erkennt. Verrichtete nicht darum der Heiland an
seinen Jüngern niedere Dienste? »So nun Ich, euer Herr und Meister, euch die
Füsse wusch, so sollt ihr auch euch untereinander die Füsse waschen.« Und sprach
Er nicht die abgrundtiefen Worte - - hier, hier stehts: Ev. Joh. 14, 12 -: »Wer
an mich glaubt, der wird ebenso grosse Werke tun wie ich, ja wird grössere tun
als ich.« Besagt doch diese Ablehnung persönlicher Alleingeltung klar genug, dass
nicht die Person des Gottmenschen, sondern sein Prinzip das ewig Zeugende
vorstellt, dessen Wirkung sich in stetiger Evolution vererbt. Nach ihm werden
noch Zahllose gekreuzigt und zahllose Wunder geschehn. Der eine Opfertod eines
sündenlosen Menschen ist die Quelle alles Lebens in Ewigkeit. Denn er stellt das
einzig Feste, Unvergängliche dar, an das sich der Glaube zu klammern vermag. Und
nur der Glaube an das Ideale hat erlösende Kraft.
    Noch höher aber als den Glauben stellt das Christentum die Güte des
Unbewussten, die freie ursprüngliche selbstgeringachtende Liebe, ohne welche dem
Apostel alles »klingendes Erz und tönende Schelle« erscheint. Ja, unter den
Pharisäern befanden sich gewiss viele hochmoralische Werktagsheilige. Aber ein
Gedanke wahrhafter Reue wiegt vor dem Richterstuhl der ewigen Liebe alle Sünden
auf, während die eitle lieblose Gewohnheitstugend sich niemals selbst erlöst und
ewig schmachtet in den Fesseln des kleinlichen Ich.
    Dies Mitleid, diese Demut, dieser Glaube und diese Liebe bleiben nie
passiv, nie Stagnation des Willens, sondern schöpfen ihre Kraft aus werktätiger
Begeisterung, wie da geschrieben steht: »Nun ist des Menschen Sohn verklärt und
Gott ist verklärt in ihm.« Der Begriff von der Einheit alles Seins, des
Irdischen und Ueberirdischen, welcher dämmernd im menschlichen Gemüte
schlummert, ist hier Wahrheit und Klarheit geworden - »mit der Klarheit, die ich
bei Gott hatte, ehe denn die Welt war.« (Ev. Joh. 17, 5.)
    So besiegt das Christentum den Pessimismus durch den Pessimismus. So wird
sich ewig der Mensch selbst erlösen müssen im Kampfe mit der Welt. Wer sich an
den Abgründen des Lebens scheu vorüberdrückt, wird nie die wahre Bestimmung des
Menschen erkennen. Der wirkliche Idealist wird jeden Pessimismus abweisen,
eingedenk der Worte: »So euch die Welt hasset, so wisset, dass sie Mich vor euch
gehasset hat.« Dem erlösten Geiste kommt »die Gemeinschaft der Heiligen«, die
Verbindung, mit allen grossen und guten Geistern der Vergangenheit und der
Mitgenuss all ihres geistigen Schaffens. Das ist eine Erhebung der Seele, welche
jeden irdischen Schmerz unter die Füsse tritt. Das ist der Tröster, von dem der
Erlöser kündet: »Ich will euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch
bleibe ewiglich: Den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht kann empfangen, denn
sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr aber kennt ihn, denn er bleibt bei
euch und wird in euch sein.«
    Wohl fühlte der grosse Todte in sich jene Geistesstimme, von der es heisst in
den Römerbriefen Pauli: »Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen,
dass ihr euch fürchten müsstet. Derselbe Geist gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir
Gottes Kinder sind.«
    Doch weil Leonharts Herz, ursprünglich reich an Güte und Wohlwollen, sich
aus Verbitterung in starre Selbstsucht krampfhaft zusammenzog, hörte er nicht
die Erlöserstimme: »Wer immer mich liebt, den werde ich lieben und mich ihm
offenbaren.« Ihm aber, der zum erstenmal seit Kindertagen wieder die Bibel las,
dem weltfremden Gottsucher offenbarte sich Gott.
    Alles was in der Welt eintrifft, hat sein Zeichen, das ihm vorhergeht. Die
zahllosen verschiedenen Ideen, die verworren durcheinander murren, sind
Vorzeichen einer ungeheuren Bewegung.
    Er dachte an Lamennais' »Worte des Glaubens« (Leonhart hatte ihm einst dies
Buch geschenkt): »Junger Soldat, wohin gehst Du? Gehe streiten, dass alle einen
Gott auf Erden und im Himmel haben.«
    Alle einen Gott, alle, die so verschiedenen Stammes? Ja, nur die Masse, das
Allgemeine vermag zu siegen. Wer würde das Stimmchen der vielen armen
unmerkbaren Geschöpfe hören, wenn im Frühling ein Summen den Wiesen entsteigt?
Unzählbare Laute sind es, die sich hier vereinen - einzeln würde keins von ihnen
gehört werden - doch, alle vereint, machen sie sich vernehmlich weitin über die
Erde, als unartikulirte Allstimme der Lebenskraft.
    Was vermag der Einzelne heut? Weniger denn je! Wer darf aber gar über Leiden
klagen, ohne dass seine Tugenden ihm ein Recht dazu geben? Schon in der
Uebergangsepoche der Childe Harold-Werterzeit mahnt Chataubriand seinen René:
»Wer Kräfte empfing, soll sie dem Dienst der Menschheit weihen.«
    Der sogenannte Weltschmerz kann nur enden mit Selbstüberwindung in
vornehmkalter Abgeschlossenheit und prometeischem Selbstgenügen. Aber edler als
die wollüstige Todessehnsucht des Panteismus ist die freudige Lebensertragung,
welche das quälende Ich abschüttelt und durch allumfassende Liebe ins Unendliche
erweitert. Die rauschendste Melodie auf der Aeolsharfe der Empfindung wird stets
das vaterländische, das Stammgefühl entlocken. Aus dem zerfahrenen
Kosmopolitismus der ästetischen und pessimistischen Weltanschauung erhebt sich
der Geist, von der Naturbetrachtung sich der Geschichtsbetrachtung zuwendend, zu
der Erkenntnis des Nationalbewusstseins. Da gewinnt die rauhe Wirklichkeit einen
gesunderen Reiz, als Schönheitskultus ihn bieten kann; da wandelt sich der
Schauder vor der ehernen Notwendigkeit in ein stolzes Wohlgefühl: Getragen zu
werden von dem ewigen Wirbel des Weltenrades, das Jeden als Atom des Allgemeinen
zu seiner Bestimmung fortreisst.
    Das trotzige unselige Ich, das auf sich allein gestellt die Welt umfassen
möchte und von der Last dieser selbstaufgelegten Mission erdrückt ward, erkennt
sich jetzt freudig als untertan höheren Gesetzen. Die Ideen »Volk« und
»Vaterland« bieten den wahren Schlüssel zum Verständnis des Einzellebens. Die
Eitelkeit des Persönlichen zerrinnt so in den Stolz des Patriotismus, die
Selbstsucht des Einzelnen überwindet sich leicht zu Nutzen und Ruhm der
Rassenselbstsucht. Diese Weltanschauung schreitet zu wahrer Selbsterfüllung vor,
sie bildet den verengten innersten Kreis nach all den weitausgreifenden Wirbeln
des jugendlichen Idealismus.
 
                                     VIII.
Und Krastinik schaute umher von dem Schloss seiner Väter über das Bergland zu
seinen Füssen.
    »In dem Burzenland ist's immer schön,« singt ein Volkslied über das
Waldland, das sich um Kronstadt erstreckt. Das wusste ja schon der deutsche
Orden, der bei seiner Übersiedelung nach Europa zuerst im Siebenbürgener
Burzenlande seine Zelte aufschlug. Die von ihm gegründeten sieben Burgen sollen
dem Lande Transsylvanien seinen neuen Namen gegeben haben. Noch jetzt ragen
sieben solcher Burgen des Deutschtums im Lande: Hermannstadt, Kronstadt,
Schässburg, Mediasch, Bistritz, Reps und Broos. Von den alten Burgen des Ordens
aber stehen noch gar viele im Burzenlande. Die Heldenburg, die Zeidener, die
Tartlauer, die Rosenauer, die Törzburg, die Marienburg. Wer denkt hier nicht an
die Residenz des Ordensstaates in Preussen, wohin die kühnen Kämpen von hier aus
zogen? So schlingt sich denn ein geheimnisvolles Band um die Errichtung zugleich
Preussens und Siebenbürgens, der nordöstlichen und südöstlichen Mark des
deutschen Imperiums.
    »Ins Ostland wollen wir reiten,« klingt das alte sächsische Auswandererlied
aus dem 12. Jahrhundert herüber. Dieser Zug gen Osten gewann dem Deutschtum
nacheinander die Elbgrenze, die Donau, die Oder, die Weichsel. Diesem Zug gen
Osten verdankte das alte Deutsche Reich seine Welterrschaft und ihn muss es
wieder aufnehmen, will es die alte Obmacht wieder erneuen. Nicht ohne tiefste
Bedeutung besingt das deutsche Nationalepos den Ritt ins Hunnenland. Die Hunnen
dehnen sich weitin von Donau und Teiss zu Don und Wolga und die einst geladenen
Nibelungengäste, die deutschen Kolonieen, drohte, wie abgerissene schwache
Reiser der grossen Walsereiche, die wüste hunnische Sintflut zu verschlingen.
    Wer kennt nicht jenen hehren Gesang, wo in der Seele des deutschen
Mannesideals Rüdiger von Bechlaren der Conflikt widerstreitender Pflichten tobt?
Die Deutschen sind seine Freunde und Blutsverwandten, an den Hunnenkönig bindet
ihn der Treueid seiner Loyalität Wird Rüdiger noch immer der Deutschenfeindin
Krimhild, der Zarin aus deutschem Blut, zu Willen bleiben? Heut ist wohl der
Markgraf ein klügerer Mann.
    Überwältigend stieg die geistige Welterrschaft der deutschen Raçe vor der
Betrachtung des ungarischen Grafen empor. Wo wäre nicht deutsche Erde? Wie der
Römer allüberall auf deutschem Boden stand, so tritt der Deutsche, wo es auch
sei, nur einen Boden, den er mit seinem Blut getauft und mit seiner Cultur
gedüngt hat.
    Die Krastinik's stammten ursprünglich aus Mähren, wie ihr slavischer Name
verriet. Erst im 18. Jahrhundert waren sie durch eine Erbheirat
siebenbürgische Magnaten geworden und so allmählich ganz ins Ungarische
übergegangen. Dagegen kreuzte sich dies slavisch-magyarische Blut fortwährend
mit deutschen, da die Hälfte der Stammmütter dem deutsch-österreichischen Adel
angehörte. Auch Xaver's Mutter war eine Deutsche gewesen. Jetzt erst verstand
er, dass in seiner ganzen schwerflüssigen Art das deutsche Element überwog. Daher
auch sein rasches Einleben in deutsches Wesen. Darum auch vor allem jetzt der
mächtige Trieb einer Stammeszugehörigkeit, der in ihm durch Bewunderung
deutscher Kraft erwachte. Dies Deutsche Reich - schien es nicht der einzige
feste Punkt in der Erscheinungen Flucht? Alles wankte und splitterte. Im Westen
in Frankreich und England, Anarchie. Im Osten Panslavismus und Nihilismus. In
Deutschland allein das Positive allem Negativen trotzend.
    Ja, die grosse Sündflut an allen Enden. Der Panslavismus will sein Ziel
erreichen um jeden Preis, entweder mit dem Zaren oder ohne ihn. Und siegt er, so
springt der Zarismus doch. Denn alles arbeitet im Westen wie im Osten nur einem
Ziel entgegen: der Auflösung aller bestehenden Gesellschaftsformen. Alle
Anzeichen sind dieselben wie vor der Grossen Revolution. Barbarei lauert aller
Enden, den morschen Culturbestand zu vernichten.
    Um Deutschland muss sich zusammenschliessen, was noch auf eine glückliche
organische Entwicklung hofft. Nur Deutschland besitzt die unverbrauchte Kraft,
sich aus eigener Initiative innerlich aus den Schäden der gegenwärtigen
Gesellschaftsbildungen emporzuläutern und aus der hässlichen Puppe dieses
Uebergangsstadiums den beschwingten Schmetterling eines neuen Freiheitsbegriffs
loszulösen.
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    Jetzt hatte er ein unpersönliches Ideal gefunden, das eine wesenhafte
Realität vorstellte. In der freudigen Erleuchtung dieser seelischen Entdeckung
aber erkannte er zugleich, wie die Uebertreibung seiner berechtigten Auflehnung
gegen sein früheres persönliches Ideal ihn wiederum in Ungerechtigkeit
verstrickte. Die krankhafte Reizbarkeit, schwächliche Verbitterung und
selbstische Ich-Begeisterung Leonharts wurde vollauf erklärt durch die chemische
Zusammensetzung seiner Natur und durch die geologische Lage seiner äusseren
Lebensverhältnisse, beide unter die Einwirkung der Elektricität einer geistigen
galvanischen Strömung gebracht.
    Wie gewöhnlich bot sich auch jetzt ein unerquicklichstes Schauspiel, das
jeden ernsten Diener der Wahrheit, der bedächtig ein gerechtes Urteil zu
schöpfen sich müht, am tiefsten verletzt. Nur von persönlich gehässigem oder
Parteistandpunkt aus wurde nunmehr, nachdem endlich über die »Affaire Leonhart«
genug Lügengras gewachsen und der in den Tod Gejagte nach beliebter Taktik gegen
seine überlebenden Rivalen als »Klassiker« ausgespielt war, das gegnerische
Urteil laut. Da hatte bald Der bald Jener irgend eine Mordsgeschichte
aufzutischen. Teodosius Drollinguère (er hatte seinen Namen nun glücklich
gallificirt, auf dass seine französischen Freunde ihn besser aussprechen lernten)
brachte einen Artikel in seinem Wochenblättchen »Die Wahrheit über F. Leonhart«,
worin er Denselben der ostentativen bewussten Verrückteit zieh. Doch war er zu
feige, sein »D.« darunterzusetzen und verschanzte sich hinter ein »B.«, das
Zeichen seines Substituts. Dieser Mann hiess Bullerich. Ein schöner Name.
    Mit polypenhafter Geschmeidigkeit umkrallte hier der bedächtige Drollinguère
sein Opfer. Da derselbe sich nicht mehr wehren konnte und keine Angehörigen
hinterliess, welche etwa Strafantrag stellen durften, so gestattete sich
Teodosius sogar den Luxus persönlicher Verdächtigung. Leonhart sei ein
gesinnungsloser Mensch gewesen, mal liberal, mal conservativ, je nachdem seine
Geschäfte es verlangten.
    Krastinik kannte die Verhältnisse genau und wusste, dass der Dichter nie in
irgend einer politischen Beziehung zu irgend einer Partei und irgend einem
Blatte gestanden. Mit unwiderstehlicher Komik verlangen jedoch die
jüdisch-liberalen Blätter, dass man, falls sie Honorar für Feuilletons oder
Novellen zahlen, auch als liberaler Philosemit fungire; und bei den
Conservativen steht die Sache gradeso. Leonhart hatte nie nur um Haaresbreite
seine tiefen politischen Ueberzeugungen geändert und sich stets zum
demokratischen Cäsarismus bekannt. Auch seine pangermanistischen Ziele hielt er
unbeirrt im Auge, seine Verachtung der deutschen Kleinlichkeit und Philisterei
verleugnete er nie. Demokratisch in seinen Anschauungen, verehrte er das
Hohenzollernhaus aus historischer Erkenntnis und dankbarer patriotischer Pietät
als glänzendsten Zeugen der Darwinischen Evolutionsteorie, als berufenstes,
Talent und Charakter von Generation zu Generation vererbendes
Herrschergeschlecht.
    Die trostlose Unreife und Dummheit der Eintagsparteien vermag natürlich den
inneren festen Zusammenhang solcher Auschauung nicht zu erfassen. Ein in der
Wolle gefärbter Demokrat hat auf die Juden und das Plapperment und die liberale
Presse zu schwören. Und was ein richtiger Conservativer ist, stimmt fröhlich
durch Dick und Dünn mit Gott für König und Vaterland - für Vermehrung der
stehenden Heere, Schutzpatent des Militairdünkels und des Kastengeistes,
Muckerchristentum, Feudalrechte und alleruntertänigsten Servilismus. Darum
warnte ein christlich socialer Bonze vor diesem »verkappten roten Revolutionär«
und Dr. Bergmann von der »Tagesstimme« vor diesem »opportunistischen Streber«,
der naiv genug gewesen, »Majestätsbeleidigungen gegen Schiller und Die dulde Ich
nicht« zu äussern und den antisemitischen Dichter Dr. Adler zu loben, während er
Feuilleton-Honorare von der freiheitsdurstigen »Tagesstimme« bezog!!
    »Te consequence is: beign of no party, I shall offend all parties«, citirte
Leonhart achselzuckend aus Byron, wenn auf solch angebliche Widersprüche die
Rede kam.
    Aehnlich verhielt es sich mit den Vorwürfen gegen seinen grellen Hohn und
sein »boshaftes Schimpfen«. Krastinik hatte ihn über jeden einzelnen Fall
interpellirt und wusste aus vorgelegten Dokumenten am besten, dass Leonhart stets
der zuerst Angegriffene gewesen war. Schon sein wohlwollendes Gemüt verbot ihm,
Andere zu schädigen. Reizte man ihn freilich, dann vergrösserte sich die
momentane Entrüstung durch das verbitternde Bewusstsein seiner allgemeinen
schiefen Lage und den allgemeinen Ekel gegen das rechtlose Weltgetriebe. Dann
schlug er allerdings seine Krallen so furchtbar ein, dass man an der Klaue den
Löwen erkannte. Wofür war er sonst ein Leu? Der Leon bleibt ein Leon, man kann
ihn tödten, aber nicht ändern. Immer und immer wieder löste sich das Rätsel
seiner plötzlichen Anfeindung der Menschen dadurch, dass die Anmassung der Andern
nie zu begreifen vermochte, dass er nicht wie ein andrer Gemeiner in Reih und
Glied zu marschiren habe. Viel zu gutmütig, um jemals Andere zu »drücken«,
verletzte er doch jede windige Eitelkeit ohne es zu ahnen, gleich wie der
sagenhafte Speer Ituriels überall die Lüge und Schlechtigkeit aufdeckt. Man
hasste ihn instinktiv. Er war so gross und dabei so cordial liebenswürdig, dass man
ihn doppelt hasste. Später erst wurde er herb und schroff. Er, dem die Tränen in
die Augen traten bei der Betrachtung jeder edeln Handlung, verhärtete sich
zusehends und zwang sich gleichsam zu eisigem Egoismus.
    Und fühlte Krastinik nicht, wie auch ihn mehr und mehr eine dumpfe Wut
gegen Lüge und Gemeinheit zu verzehren begann?
    Mit voller Billigung dachte er jetzt an die höhnischen Glossen Leonharts
über den heutigen Adel, welche er früher bestritten hatte. Mit verächtlichem
Lächeln hielt er Umschau unter den edeln Standesgenossen des Nachbaradels, wo
bereits über den »verrückten Sonderling« nicht wenig medisirt wurde.
    Eher geht ein Kameel durch ein Nadelöhr, ehe dass ein Junker oder ein Jude
sich bescheiden lernt. Die Katze lässt das Mausen nicht und die Abkömmlinge von
Strauchdieben oder fürstlichen Maitressen nicht den Wahn des blauen Blutes.
    Mag dieser elende »Adel« noch so sehr auf die Juden schimpfen, obschon bei
manchem näselnden Gardelieutnant die mütterliche Abkunft schon gar nicht mehr
verkannt werden kann, - unter dem Tisch waschen sich Juden und Junker allezeit
die Hände. Daher sagt Disraeli sehr richtig im »Coningsby«: Die Juden seien
wesentlich Torys. Denn der Semit dürstet nach »Vornehmheit« d.h. nach der
äusseren Geltung derselben. Er beruhigt sich nur in seiner unersättlichen
Eitelkeit, wenn er die übrige Welt zu seinen Füssen sieht. Daher zeigt er sich im
Verkehr entweder selbstüberhebend dreist oder kriechend gegen den Mächtigeren,
den er durch List besiegen möchte.
    Diese dem Judentume eingeborenen Fehler müssen nun mal aus seiner früheren
Abhängigkeit entschuldigt werden. Haftet doch im Grunde den meisten Menschen das
Snobtum an. Auch besitzen die Juden eine Menge vortrefflicher Eigenschaften,
welche für ihre weltkluge Streberei entschädigen, und dies zersetzende Element
übt sogar einen wohltätigen Einfluss aus auf die deutsche Michelei. Dass die
unduldsame Eitelkeit dieses auserwählten Volkes natürlich jedes freie Wort in
dieser Sache verpönen möchte, scheint halt auch nur eine verzeihliche
Empfindlichkeit historischer Rückerinnerung. Gegen die Juden an sich hat man nur
einen berechtigten Vorwurf: dass sie geschickter im Kampf ums Dasein zu strebern
wissen und wie alle Orientalen kaltblütiger (trotz scheinbarer aufgeregter
Zappelei) ihr Ziel im Auge halten, als der sanguinisch nervöse Germane.
    Aber wenn man an den Juden ihr protziges Snobtum tadeln möchte, so kann man
dem sogenannten Adel oft nur uneingeschränkteste Verachtung widmen. Die Bauern
auf dem Lande wissen ein Lied davon zu singen. Diese Junker unterstützen
förmlich den Wucherer, auf dass er den produktiven Stand beraube. Sie verbinden
sich mit Geschäftsleuten, ob Christen oder Juden, zu den schmutzigsten
Gründungen und teilen den Raub mit ihnen; sie decken ihnen den Rücken, falls
sie in Verlegenheit kommen.
    Der selige Stroussberg, ein genialer Schwindler, nahm sich entschieden am
auständigsten aus unter seinen hochvornehmen Compagnons, die er manchmal im
Vorzimmer stundenlang bei Champagner warten liess, weil er selbst ja diese
schmutzigen Mit-Geldschinder der armen Leute als Müssiggänger verachtete. - Auf
dem Lande haben die vielgeschmähten Juden immer versteckte Hintermänner, wenn es
gilt, den Bauernstand zu untergraben. Dringt die Feudalaristokratie erst
massenhaft in den Reichstag ein, so wird sie in geheimer Verbindung mit dem
Jobbertum das Volk vollends zu Grunde richten. So werden die Produktivstände
immer mehr ausgesogen und gedrückt, daher auch immer verbitterter. Während in
den Städten die Socialdemokratie langsam und sicher vordringt, brütet auf dem
Lande ein dumpfer Hass gegen diese conservativen Wappenschänder, die in den
Plappermenten »verdammt schneidig, äh« ihre elenden Phrasen für Gott, König und
Vaterland ableiern und daheim im Stillen ihre Procentchen berechnen. Die
bodenlos gemeine Interessenpolitik der Parteien ruinirt systematisch, durch
Concentrirung des Grosskapitals in »Ringe«, das Bürger- und Bauerntum. Und dann
wundern sich diese Blinden, wenn eines Tages ihnen das Haus überm Kopfe
zusammenbirst, nachdem sie selbst seine unteren Grundpfeiler durchsägt. Der Krug
geht so lange zu Wasser, bis er bricht. -
    Der Adel nützt die Parvenü-Sehnsucht der Juden nach adligem Umgang natürlich
nach Kräften auch in »idealen« Gebieten aus. Auch der edle vornehme Graf
Fridolin v. Scheckwitz bewirtete auf seiner Villa am Tegernsee den zufällig
dort zur Sommerfrische weilenden Chefredacteur der »Berliner Tagesstimme« nebst
vier Adjutanten desselben, und fraternisirte mit denselben auf Du und Du, um
einigen Reklamerecensionen in der »Berliner Tagesstimme« einzuheimsen. Eine
davon schrieb sogar Scheckwitzens eigener Sekretär. Es geschah dies mit
unzweifelhaft idealer Absicht, damit doch ja die Intentionen des Dichters
richtig gewürdigt würden, und wer könnte dieselben wohl besser verstehen, als
des Dichters eigener Famulus! - Wenn nun aber Scheckwitz, der jedem Adligen
nachläuft und nur nach Umgang mit »Standesgenossen« giert und in gemeinstem
Servilismus vor jeder Fürstlichkeit katzbuckelt, obschon er ultra-radikale
Modeansichten in seinen Werken vertritt, und sogar unter durchsichtiger Maske
seinen hochseligen Herrn satirisirte, um sich bei dessen Nachfolger
einzuschmeicheln, - wenn nun aber Scheckwitz wegen seines intimen
Villeggiatura-Verkehrs mit Doktor Bergmann von seinen »Standesgenossen« entsetzt
interpellirt wurde: »Herr Gott, ich biett' Sie, Graf! Ein Mensch, der wegen
Beleidigung des Fürsten Bismarck gesessen hat und sogar früher ausgewiesen
wurde!« - dann warf er naiv hin: »Aber, liebste Comtesse, ich brauche diese
Juden! Die Leute müssen halt über mich schreiben!« So spielte er sich den
»Standesgenossen« gegenüber als »Dichter« und den Litteraten gegenüber als
»Kammerherr Graf Scheckwitz« auf. - Die am wenigst vornehmen Naturen findet man
in der sogenannten Aristokratie. Krastinik spie verächtlich aus in der
Erinnerung an so manchen pöbelhaften Kriecher oder Stallknecht mit ellenlangem
Stammbaum. Solche Burschen verkaufen ihren »Namen« an die Tochter eines
Geldfürsten, hauen die verheiratete Jüdin aus germanischer Ritterlichkeit,
bringen ihr ganzes Vermögen durch und lassen die etwaigen Söhne ihre Mutter »das
Portemonnaie« nennen. So handelt man wahrhaft standesgemäss, wie es sich für
einen solchen Stand frecher Nichtstuer im Grössenwahn ihres Nichts am besten
schickt.
    Die Juden, dies älteste Junkertum Europas als geschlossene Kaste, sind
eigentlich ideologisch-revolutionär angelegt. Darum nennt Renan die hebräischen
Propheten mit Recht als Stammväter des Socialismus und Nihilismus. Die Juden
stehen den Griechen ebenbürtig zur Seite. Bald siegt der Rationalismus des
Hellenentums, bald der düstre Pessimismus des Judentums, das sich teilweise
in Christi Lehre fortsetzt, In den Juden, einem kräftigen, unterdrückten Volke,
lebt ein heisser Sinn für soziale Gerechtigkeit. Sie schufen sich einen eifrigen
strengen Gott. Fiat justitia, pereat mundus! Besser, die Welt geht zu Grunde,
als das sie ohne Gerechtigkeit fortbesteht. Heut freilich hat der alles
zersetzende Zeitgeist auch die Juden so depravirt, dass sie sogar den
eigentümlichen Grössenwahn ihrer Race, immerhin ein Zeichen von Kraft,
einbüssten. Sie schämen sich ihrer Väter und verachten den jüdischen Namen. Ihr
finstrer Trotz ist gebrochen durch erschlaffenden Mammondienst, und gleichgültig
platter Lebensgenuss blieb ihnen übrig als einziges Ziel.
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    Aber grade, indem dieser wahre Aristokrat mit vornehmem Abscheu all solchen
Schmutz erwog, gewann er dem Problem Leonhart, dem Untergang des letzten
Idealisten und des letzten genialen Dämons in der nivellirenden Uniformzeit,
eine neue Seite ab. Auf immer höhere überschauende Gesichtspunkte erhob ihn die
neue Weltanschauung, welche seine naturwissenschaftlichen Studien in ihm reisen
liessen.
    Sind die Menschen an sich wirklich so schlecht, wie Leonhart's Verbitterung
sie auffasste? War der grosse Egoist Napoleon etwa gerecht, als er gestand: »Ich
habe die Menschen stets verachtet und sie stets behandelt wie sie es verdienen«?
Mit Nichten. Die Menschen sind im Ganzen weit besser als ihr Ruf, sind von Natur
hülfsbereit und gutartig. Nur soll man nicht ihre Eitelkeit und Selbstsucht
verletzen. Tut man dies aber, so sei man wenigstens consequent und wappne sich
mit starrem brutalem Egoismus. Auch das muss man Leonhart als Schuld gegen sich
selber anrechnen, dass er mit schwächlicher Gutmütigkeit den Leuten die Wunden
verband, die er gerechterweise schlug.
    Welch ein unreifes Unterfangen, die Welt und die Menschen anzuklagen! Man
bessere oder belehre sie, sei es indem man sie überzeugt, sei es indem man mit
Gewaltmitteln sie bekehrt. Aber verlangen, dass Andere ihre berechtigte
Selbstsucht auch nur einen Augenblick hintansetzen, um eine fremde Grösse aus
objectivem Wohlwollen zu fördern, ist lächerrlich. Das ganze Naturleben erwächst
aus dem Kampf Aller gegen Alle und jedes Wesen in seiner Art dient mit zu dem
Gesammtgebäude.
    Dass eine Geistespotenz wie Leonhart untergehen musste, bedeutet freilich
einen unersetzlichen Verlust für die Gesammteit. Aber die Welt dafür
verantwortlich zu machen wäre widersinnig.
    Warum schlüpfte dieser Heros, ursprünglich zur Tat und nicht zum Gedanken
veranlagt, in eine so gebrechliche physische Hülle? Warum versetzte ihn der
Zufall in sonstige Umstände und Zeitverhältnisses die ihm jede Möglichkeit
versperrten, seine Individualität frei zu entfalten? Warum sah er nicht klar vor
Augen, dass all sein Ringen nach Entwickelung seiner wahren Bestimmung ja doch
von vornherein aussichtslos und die Schlacht schon vor Beginn verloren war, und
verzichtete darum nicht in stiller selbstüberwindender Ruhe? Warum haschte und
jagte er nach Befriedigung seines Ehrgeizes, statt sich mannhaft zu resignieren?
    Die Welt trug in keinem Falle die Schuld. Denn von ihr erwarten, dass sie in
einem unscheinbaren Federfuchser den Helden und Herrscher erkenne oder mit ihrem
halbblinden Maulwurfsblick das Genie begreife - das heisst alle innere
Organisation des Weltgebäudes stören und verrücken. Und warum widmete er
überhaupt seinen Geist dem Undankbarsten und Unzeitgemässesten, dem Berufe, den
in einer Zeit wilder realer Kämpfe kein Mensch begehrt und nötig erachtet, dem
Berufe des Dichters? Hätte er sich auf die Wissenschaft geworfen, so konnte er
hier vielleicht eine Waffe finden, um auf die Zeit zu wirken.
    Es war ein Schicksal, es musste nun so sein. Aber das persönlich individuelle
Unglück, zu spät oder zu früh geboren zu werden, berechtigt noch zu keinem
Vorwurf gegen den Weltlauf. Ein Unglück und eine Schuld, für die man ihm nicht
zürnen darf, - das war Leonhart's Lebensentwickelung. Aber eine Verschuldung
bleibt es immer, wenn ein Genie nicht auf seine Mitwelt zu wirken vermag und
utopisch an die Nachwelt appellirt. Eine Schwäche und ein Mangel liegt stets
darin, wenn ein Mensch sich selbst die Lebensader unterbindet. So ging er denn
logisch unter kraft der Verschuldung seiner Charakterschwäche.
    Warum geriet er über jede Gemeinheit und Lüge in Harnisch? warum fasste er,
trotz seiner boshaften Menschenkenntnis nicht eben alles persönlich auf? Mundus
vult decipi. Mit Wasser wird Alles gekocht und heut stellen die Leute ihren
Kochtopf voll schmutzigem Wasser mit cynischem Applomb ganz öffentlich auf den
Tisch.
    Auch in der Weltgeschichte herrscht einzig die Lüge und die »immanente
Gerechtigkeit der Dinge«, von welcher Gambetta schwärmte, wirkt nur in den
unterirdischen Wellenbewegungen selbst mit, nicht auf der Oberfläche. Denn alle
schlechten Leidenschaften müssen mit den guten zusammenwirken, um Grosses und
Heilsames zu vollbringen. Allein gelingt dies weder dem guten noch dem
schlechten Prinzip.
    Die Eroberung Indiens durch die Engländer begleiteten notwendig unerhörte
Greuel. Aber die Tatsache selbst förderte den Fortschritt der Menschheit und
ihre Ausführung gereicht jenen energischen Schurken zum Lobe.
    Warren Hastings, der Henker Indiens, durfte nicht verurteilt werden, weil
er sich einer so löblichen conservativen Gesinnung befliss. Scheert nur ja nicht
den Kamm diesem reinen Opferlamm! Und so sass er denn bald ruhig und wohlgemut
auf seinem Landschloss, das ihm der schuldige Tribut seiner Hindostaner Sclaven
zum Dank für seine unvergesslichen Wohltaten erbaut. Wenigstens blieb er
beständig: auch jetzt noch folterte er eigenhändig, wie früher mit dem Bambus,
nunmehr mit der Feder die Seinen. Denn er dichtete als behäbiger Dilettant eine
Ode nach der andern: »An die Empfindsamkeit«, »An das Mitleid«, vor allem »An
die Tugend«. Seine Hymnen an diese Gotteit waren gefürchtet bei all seinen
Gästen, denen er dergleichen salbungsvoll versetzte. Ein herrliches Symbol.
Seine Gräuel als Tugend-Dichterling beenden, ziemt dem wahren Lebenskenner, der
sich auf der Höhe der Situation erhält. Alle Männer der Tat und alle
Weltmächte, sei es nun das alte Rom oder später das päpstliche Rom, lügen und
heucheln aus Prinzip.
    Als Bonaparte den heiligen Wallfahrtsort Loretto in seinen Schutz nahm,
nachdem er grade an den Papst ein demütiges Schreiben gerichtet, reinigte er
sofort das Marienbild von Perlen und Edelsteinen, unwürdig irdischem Tand. Wer
beschreibt aber seinen erhabenen Unwillen, als diese schnöden und überflüssigen
Zierrate sich als Glas und böhmische Steine entpuppten! So waren die Priester
in ihrem eiteln weltlichen Sinne ihm lange zuvorgekommen. Sein Schmerz war tief
und aufrichtig. O diese Pfaffen, diese Banditen! - Nichts köstlicher, als wenn
zwei Diebe einander selbst bestehlen, der Eine im Namen der Freiheit, der Andere
im Namen der Gotteit. Und das Volk, das dumme Heiligenbild, lässt alles wehrlos
über sich ergehn.
    Selbst die Symbole wechseln wie die Ideenbegriffe. Das schöne Wort
»Freiheit« kann als »Liberalismus« den krassen Materialismus vertreten und das
Königtum umgekehrt als letzter Hort des Idealismus erscheinen. Nur ein Begriff
wechselt nie, nur ein Symbol bleibt ewig veränderlich: das Vaterland.
    Ein Mastbaum hob sich siegreich als Schlachtpanier über dem Streitwagen der
Lombarden als Symbol des Vaterlandes. Und ein Mastbaum diente als Sinnbild der
geschlachteten Freiheit, als auf Nelson's Admiralschiff die besten Männer
Neapels wie gemeine Verbrecher am Galgen seiner Raae hingen. Aber dieserselbe
rohe Henker, Sclave zweier Trybaden, dies rumbegossene Beafsteak, verwandelte
sich bei der ersten Breitseiten-Lage von Trafalgar in einen würdevollen Heros.
»England erwartet, dass männiglich seine Schuldigkeit tue.« Und er fiel im Sieg:
»Ich habe meine Schuldigkeit getan.« Vaterlandsgefühl hebt Tröpfe über sich
selbst empor und steigert unter der Wucht der immanenten Idee die Kraft des
Einzelmenschen.
    Die natürlichen Bedingungen, die aus der inneren Organisation erwachsen,
sind im Menschenleben so unveränderlich wie im Naturreich. Die Weltgeschichte
folgt bestimmten Drehungsgesetzen, die man bisher nicht zu ergründen den
Scharfblick besass. Wenn Buckle den Verfall Spaniens lediglich aus seinem
fanatischen Religionskultus herleitet und diesen wieder aus der
Bodenbeschaffenheit, welche Spanien also für immer zur unculturellen Stagnation
verdamme, so ist das eine oberflächliche Einseitigkeit, nämlich eine bloss
geologische Betrachtung. Sobald aber die psychische Chemie angewandt wird,
ergeben sich ganz andre Resultate im Lande der Calderon und Cortez. Dann
erklären sich die Erbfehler als Erbtugenden und umgekehrt. Der starre
Jehovacultus dieses auserwählten Volkes, worin schon arabische Mischung
erkennbar wird, befähigte es zur Welteroberung. Weil aber die geologische Lage
Spaniens widerspracht so verwirrte sich die chemische Zusammensetzung und
Spanien konnte seine unnatürliche Weltmacht nicht behaupten.
    Man wähnt die französische Politik irgendwie durch äussere Einflüsse und
Zeitverhältnisse umwandeln zu können. Und doch lehrt die Geschichte, dass die
Grundlagen der französischen Politik stets die gleichen blieben.
    Wie Chlodwig die französische Monarchie auf den Stützpfeiler des
katolischen Klerus gegründet, so später der »allerchristlichste« Louis
Quatorze. Wie die Könige des Mittelalters die Centralisation der Staatsgewalt
angestrebt, so kämpften Richelieu-Mazarin den Geist der Fronde nieder. Wie jene
lüstern nach Lotringens und Flanderns Besitz geangelt, so »reunirre« man später
wirklich diese Länder und grade die Revolution vollendete dies Werk gallischer
Völkerbeglückung. Der »Freiheitsbaum«, den diese Republikaner aufpflanzten,
wurde ein Upasbaum der Tyrannei, die Prokonsuln und Volkstribune glichen auf ein
Haar den späteren Marschällen und Intendanten, Pichegru plünderte Holland, so
dass dem Napoleonischen Satrapen Oudinot später kaum etwas übrig blieb. Gaston de
Foix, Guébriant, Turenne, Mélac, Louvois lebten weiter unter der Revolution und
dem Kaiserreich und wirtschafteten später in Spanien, wo sie sich austoben
durften, im Stil des dreissigjährigen Krieges. Das Rheinbundsystem fand schon
sein Vorbild in den sogenannten Schwesterrepubliken, welche die erobernde
Revolution gründete. Ja, der demokratische Cäsarismus Napoleons I. wie Napoleons
III. griff ebenfalls auf Chlodwig zurück und verbündete sich mit Rom. Und die
neufranzösische Republik sollte anders handeln? Ihr blieb in ihrer
Partei-Zerklüftung das alte Ziel: Centralisation, Anschluss an Rom und Lotringen
vom Rhein bis zur Schelde.
    - - Sobald man aber die Abhängigkeit aller Volksgenossenschaften von
unverrückbaren Gesetzen der politischen Chemie und Geologie (zwei noch
unentdeckten Wissenschaften) erkannt, widerlegen sich auch die Vorwürfe, mit
welchen die Nationen sich gegenseitig die Wahrung berechtigter Interessen
bestreiten. Im Leben der Völker spielt der Neid dieselbe wichtige Rolle, wie im
Leben der Einzelnen, und begünstigt das Vorwärtsdrängen. Das chauvinistische
Anfeinden alles Fremden beruht im Grunde auf einem tiefen gesunden Gesetz. Denn
der Neid, dieser blasse scheue Schleicher, tritt manchmal auch als stattlicher
mannhafter Widersacher in die Fehde ein.
    Der Neid ist eine Leidenschaft, die man nicht einmal sich selbst
einzugestehen wagt. Der richtige Herostrat in seinem wütenden Ingrimm gegen
überlegenes Verdienst spiegelt sich selber vor, dass seine Wahrheitsentstellungen
die Wahrheit entielten. Nun gibt es aber auch Gefühle, die man zwanglos auf
den Begriff des Neides zurückführen kann und die dennoch den Charakter des
Neides verlieren. So z.B. wenn ein »Heros« in Carlyles Sinne an leitender
Stelle, die ihm gebührte wertlose oder doch untergeordnete Leute sieht. Oder
wenn ein grosser Künstler es mit ansehn, muss, wie Unwert durch selbstsüchtige
Interessenpolitik oder Unverstand zu einem Scheinwert aufgeblasen wird, während
Werke mit einem Ewigkeitsgepräge von seichter Oberflächlichkeit lächerrlich
gemacht und missdeutet werden. Der erfolglose Wert fühlt Zweifellos Neid gegen
den erfolgreichen Unwert, aber ist dieser Neid eine unedle Leidenschaft?
Entspringt er nicht vielmehr dem Gerechtigkeitsgefühl und zugleich dem
unpersönlichen idealen Zorn über die Schädigung des allgemeinen idealen
Interesses durch die falsche Wertung des Verdienstes?
    So wird man, abstrakt betrachtet, den Chauvinismus aus einem Neid und
Hochmut ableiten können, den man trotzdem ehrenhaft nennen muss.
    Wozu in allen Tugenden verkappte Laster suchen, wie der edle Sieur de
Larochefoucauld, und selbstsüchtige Berechnung in jeder guten Handlung
ausklügeln! Es gibt einen logischen Syllogismus stahlscharfer Argumentation,
mit welchem der gesunde Menschenverstand alle Finten und Paraden jener
dialektischen Floretfechter durchhaut. Wenn nämlich z.B. Dankbarkeit auch nur
eine selbstsüchtige Absicht verbirgt und man beim Erweisen von Wohltaten auch
nur den Dank berechnet, - warum ist dann Undank der Welt Lohn und warum gibt es
dann so wenige Wohltätige und Hülfsbereite? Der Undank mag ja vielleicht eine
Dummheit sein, aber er entspricht doch offenbar dem Instinkt der Selbstsucht.
Und wenn unser Wesen derartig von Selbstsucht durchtränkt wird, welche
Selbstüberwindung müsste dazu gehören, gewissermassen Wechsel auf Undank zu
unterschreiben! Wer Wohltaten erweist, klügelt aber gar nicht darüber noch lügt
er sich zur Deckung fremder Schlechtigkeit die schwindelnd hohe Moral an, dass
man auf Dank überhaupt verzichten müsse. Sondern er folgt einfach seiner
wohlwollenden Naturanlage. Freilich folgt auch die Schlange ihrer Naturanlage,
wenn sie hinterrücks sticht. Den Teufel auch! Man schlägt sie nieder - da folgt
man denn auch seiner Naturanlage. Selbstsüchtig ist Beides, ja das versteht
sich.
    Allein, wenn alles das, was wir als Tugend und Selbstlosigkeit bewundern,
auch nur von der gleichen Selbstsucht dictirt wird, so müsste ja die Neigung zur
Tugend als zu einem Selbstgenuss bei uns Selbstlingen allgemein verbreitet sein!
All die schönen Sprüchlein einer nörgelnden Skepsis zerstieben vor der derben
trockenen Tatsache, dass man doch noch egoistischer ist als jene angeblich
egoistischen Motive und daher lieber ohne diese heuchlerischen Tugendmotive wie
ein brutaler Selbstling handelt. Mag die sogenannte Tugend nur verfeinerte
Selbstsucht sein, mindestens ist sie doch ein höherer Grad und das unvollkommene
sprachliche Begriffsvermögen unterscheidet sie von der gang und gäben gemeinen
Wald-und Wiesenselbstsucht eben durch den nichtssagenden Titel - »Tugend«!
    Wo Mitgefühl und passive Selbstsucht collidiren, siegt allemal das
Mitgefühl, sobald die sonstige Geistesstruktur eine normal gesunde. Hingegen
siegt die Selbstsucht meist dann, wenn sie nicht passiv, sondern activ bei der
Collision mit dem Mitgefühl beteiligt ist, wenn das geforderte Mitgefühl sie
direkt schädigt. Daher ist es allemal leichter, Jemanden zu sich heraufzuziehen
und neben sich anzuerkennen, als ihn über sich zu stellen. Dass aber dennoch im
Allgemeinen das Mitgefühl stärker ist als die Selbstsucht, geht aus der
Begeisterung hervor, mit welcher normale Menschen für eine grosse Idee oder für
einen Heros ihr eignes Ich in die Schanze schlagen. Man möchte nun natürlich den
Gran selbstsüchtiger Eitelkeit herausdestilliren, welcher in der Begeisterung
liegt. Dies wird jedoch durch die Tatsache der Vaterlandsliebe widerlegt,
welche in besonderen Fällen eine ganze Nation zu selbstloser Hingebung anfeuert.
Denn da dieselbe als blosse allgemeine Pflicht aufgefasst wird, so vermag sie die
Eitelkeit in keiner Weise zu befriedigen und weder Lohn noch besonderer Ruhm
sind davon zu erwarten. Natürlich scheint ja der Stolz aufs Vaterland
zuguterletzt auch egoistisch, aber mit solcher Haarspalterei kommt man nur der
Neigung unsrer krittelnden grämlichen Epoche entgegen, alle Unterschiede von
Streberei und strebendem Heldentum, Grössenwahn und Grösse zu verwischen.
    Immer klarer drängte sich bei dieser Analyse der Einzelgefühle dem einsamen
Grübler die Gewissheit auf, dass man sich in der wankenden Verwirrung unsrer
Umsturzepoche den Stolz auf ein grosses Staatswesen wie ein Panzerhemd
zurechtschmieden müsse. Jetzt erst verstand er auch »die lächerlichen
pangermanistischen Schrullen« seines grossen Freundes, die man so oft verspottet
hatte - er begriff die Sehergabe dichterischer Intuition.
    Amerika musste entdeckt werden, denn man glaubte an eine Existenz. Ein fester
Glaube aber ist allemal ein ahnendes Wissen. »Cogito, ergo sum.« So lässt sich
die Teorie vom Gedanken nach Descartes weiterführen.
    Im Anfang war das Wort, der Logos, die Vernunft. Aber der blinde
Autoritätsglaube, die träge Gedankenlosigkeit, das Unvernünftig-Chaotische setzt
seine schwerfällig unfruchtbare Masse stets der lichten Schöpferkraft entgegen.
Das Chaos betrachtet sich als die wahre göttliche Ordnung, die neue Welt als
eine frevelhafte Revolution. Columbus hiess ein Tollhäusler, Luter ein
Zerstörer. Ja freilich muss man stören und zerstören - stören die stumpfe
Indifferenz der ideallosen Gesellschaft, zerstören die Drachen, welche der
conservative Urschlamm des Bestehenden ausbrütet. Darum dachten sich auch alle
Völker den Gott des Lichtes als den Pyton, den Drachentödter.
    Die Prophetengabe ist die natürliche Intuition der Logik, welche die
Gegenwart aus der Vergangenheit ableitet und die Zukunft als Konsequenz der
Gegenwart voraussieht. Darum sind die grossen Dichter alle prophetische
Staatsmänner in der Teorie; darum erschaute z.B. Schiller divinatorisch in
Wallenstein, dem bestverleumdeten, den Embryo-Bismarck, wie ihn heutige
Forschungen endgültig feststellen.
    Er gedachte an Leonhart's tiefsinnige Combinationen über die deutsche
Welterrschaft des Mittelalters.
    Die Hohenstaufen gleichen den Napoleoniden. Sie führten dieselbe grossartige
Welttäuschung durch, in der Entfesselung der eigenen Selbstsucht eine
Weltbefreiung vorzuschützen. Der eigentliche Napoleon des Waiblingergeschlechts
hinterliess einen neugeschaffenen Marschallsstand, den er ganz in des Corsen
Manier nach Eroberungen und Waffentaten betitelt hatte. (Diephold Fürst Rocca
d'Arce - von der berühmten Verteidigung jener Felsenburg so genannt.)
    So wurden auch gleichmässige Entwickelungsgesetze der einzelnen
Völkergeschichten offenbar.
    Die schicksalbestimmenden Genien der Weltgeschichte sind nichts als
instinktive Herolde ihrer Zeitströmung.
    So folgte auch die Reformation einem unwiderstehlichen mechanischen Gesetz,
das sich vollziehen musste. Aber ihre verschiedenen Formationen, gemäss den
chemisch-geologischen Lebensbedingungen in den verschiedenen Ländern, predigen
nur wiederum die grosse physiologische Lehre von der Unzerstörbarkeit und
Erhaltung der Kraft. Aus der verfrühten und daher paralysierten Reformation in
Italien ging die sinnliche Religion der Renaissance, die Kunst, hervor. Ebenso
musste grade dem Inquisitionsspanien die Entdeckung Amerikas zufallen, ebenso wie
später Nordamerika grade von den harten Puritanern colonisirt werden musste. Denn
nur dieser bornirte Fanatismus konnte die uralten Kulturen Amerikas mit so
barbarischer Respektlosigkeit vernichten, und dies war eben unbedingt nötig, um
Amerika zu einem jungen Lande zu machen. Nichts gedeihlicher ferner für den
Fortschritt Europas, als der hartnäckige Kampf Philipp's II. gegen die
Reformation. Denn durch die Reaction gegen dies absolutistische Spinnensystem,
das die Welt nur erobern wollte, um sie katolisch zu machen, verschärfte sich
die persönliche Initiative, welche in den Oraniern und Cromwell ihre glänzendste
Verkörperung fand.
    Die ungesunde Grossmannssucht Schwedens setzt die Wikingzüge der alten
Normannen, aus denen wiederum die Kreuzzüge der französischen Normannen
hervorgingen, fort.
    »Eine Reformation an Haupt und Gliedern«, nicht eine teoretische
Professoren- und Pfaffenästetik - das war's, was man in Deutschland bezweckte.
Aber statt den Wahlspruch Huttens »Durch Freiheit zur Wahrheit, durch Wahrheit
zur Wahrheit« zu verwirklichen, richtete die Reformation Deutschland zu Grunde.
Jedes Volk straft seine eigenen Erbfehler durch die seiner Helden. Luter war
ein Autoritätler. - Als abgezehrtes Gerippe ging das Reich aus dem
westphälischen Frieden hervor. Nur die Reformation der Fürsten hatte ihren Zweck
erreicht - sie zersplitterten Deutschland in eine Reihe souverainer
Duodeztyrannentümer.
    Und doch trotz alledem und alledem erkennt man auch hier die tiefe Weisheit
des Weltgesetzes. Denn das Beispiel Frankreichs beweist, dass es auf die Dauer
wohltätiger wirkt, der Idee auf Kosten der weltlichen Macht zum Siege zu
verhelfen, als die Staatsgewalt auf Kosten der inneren geistigen Entwickelung zu
stärken. Hätten die republikanischen Hugenotten gesiegt, so konnte die
zentralistische Einheitsmonarchie nicht durch den Bund mit der Kirche ihre
»Gloire« gründen; wohl wahr. Aber diese Niederlage der Idee wurde die
Grundursache aller Korruptionen und Revolutionen, an denen Frankreich krankte.
    Heut wuchs Deutschland, das siegreiche Land der Ideen, zur politischen Reife
empor. Doch schon die Bauern-Constitution Wendelin Hipplers proklamirte gegen
die kapitalistische Bourgeoisie den demokratischen Cäsarismus, die auf
demokratische Grundlagen gestützte absolute Monarchie. Das protestantische
Kaiserreich, von dem Hutten und Sikkingen geträumt, ging in Erfüllung, wie alle
vernünftigen Ideen. Sonst würden sie gar nicht in der inneren Offenbarung der
Denker auftauchen.
    Schon einmal ballte sich das Germanentum zur Weltmonarchie zusammen, unter
Karl dem Grossen. Dort spielten die sogenannten Romanen, mit Germanen gemischt,
dieselbe Rolle, wie früher die Griechen im römischen Reich. Schon damals gab es
in Wahrheit nur zwei Racenmächte: Pangermanismus und Panhunnismus. Der arabische
Islam, die Angriffe des assyrisch-ägyptisch-cartagischen Semitismus auf das
indogermanische Staatensystem wiederholend, verschwindet wie seine Vorläufer,
die Parter, um den mongolischen Osmanen Bahn zu brechen. Die Sarmaten, Wenden
und Magyaren Attilas stürzen sich gen Westen, wie später die Mongolen
Dschingiskhans, welchen der russische mongolisch-slavische Koloss nachdrängte. So
bildet heut der Panslavismus den rechten Flügel und das Centrum, das Magyaren-
und Türkentum den linken Flügel jenes Panhunnismus, der von der Schlacht auf
den Catalaunischen Feldern bis auf die Schlacht auf dem Lechfeld, von Lepanto
bis Zorndorf, von Borodino bis Navarino unablässig mit der westlichen Kultur um
die Hegemonie rang.
    Der österreichische Dualismus, die scheinbare Vermittelung dieser
Gegensätze, bildet eine Brücke zwischen der inneren Unversöhnlichkeit der Racen.
    Dem Oströmischen Reich, obwohl in allen Fugen gelockert, wurde ein langes
Bestehen gefristet und Byzanz hielt sich durch Leute wie Belisar und Narses, wie
die Habsburger Monarchie durch die Metternich, Prinz Eugen und Radetzky. Diese
äusseren Eindrücke wären jedoch ohne Erfolg geblieben, wenn nicht diese Ostreiche
ein Bedürfnis der politischen Oekonomie befriedigt hätten. Sie dienten dazu, das
Eingreifen des Panhunnismus in die europäischen Wirren abzuhalten. Wie früher
das Reich Burgund die Scheidewand zwischen Deutschland und Frankreich bildete,
um später als neutraler Mittelstaat Holland-Belgien wieder aufzuleben, und in
der österreichisch-spanischen Weltmacht das Bindeglied bildete, so dient heut
als Bindeglied Deutschlands und Österreichs und als Scheidewand zwischen
Pangermanismus und Panhunnismus - das Ungarreich.
    Kann dieses sich halten in der umbrandenden slawischen Sintflut? Kann es
seinen Traum eines grossen Ungarreiches bis zum Schwarzen Meer ausführen, das
einst schon durch die päpstliche Bulle, welche den Johannitern die Wallachei und
dem Deutschen Orden Siebenbürgen vergabte, einen Vorläufer erhalten sollte?
    Krastinik legte sich mit Ernst diese Frage vor, die ihn als magyarischen
Magnaten wie keine andere beschäftigen musste. Dem nationalen Staate gehört
überall die Zukunft. Drum muss man für die Berechtigung der Magyarisierung
eintreten, da dies den slavischen Völkerschaften gegenüber einen culturellen
Fortschritt und selbst nur eine Etappe der Germanisirung bedeutet. Dem Deutschen
aber gebührt ein leitender Anteil an der Führung Ungarns, das er früher allein
civilisirte. Ob das Deutsche Reich je an die Leita rückt oder nicht, ein
befreundeter Deutsch-magyarischer Staat wird an ihm seinen sichersten Halt
finden.
    Deutschland muss ans adriatische Meer vordringen, muss durch Holland und die
Ostseeprovinzen sich die Beherrschung der Nord- und Ostsee endgültig sichern,
auf dass dies angestammte Herrschgebiet der Hansa eine neue Seeherrschaft
fördere. Die Kämpfe, welche die Beschlagnahme dieser Länder begleiten, sind
Ergebnisse der geologischen Weltlage und der chemischen Mischung der
Rasse-Grenzen, und demnach unvermeidlich. Nach völliger Arrondirung der
Nationalitäten drängt die neuere Geschichte hin. Nicht eher kann Deutschland
ruhen, als bis die Centralisation der germanischen Rasse in ihm vollendet, bis
der deutsche Rhein deutsch vom Quell bis zur Mündung, bis alles von der Donau
und Weichsel bespülte Gebiet sich zur Klientel des Reiches rechnet. Keinen
Zollbreit fremder Erde soll das Reich sich einverleiben, sondern nur einheimsen,
was sein. Aber die Farce des europäischen Gleichgewichts hat ausgespielt. Nicht
mehr durch das Mikroskop intriguirender Cabinette schauen wir die grossen
Weltinteressen. Aus gemischten Rassen zusammengemengselte Staatsgebilde -
ungesunde Ueberreste der verflossenen Cabinetspolitik - hören ihre Stunde
schlagen. Die Existenzberechtigung der kleinen Staaten hat aufgehört.
    Die civilisatorische Mission der deutschen Völkerwanderung, welche die
lateinische Welt regenirte und den ihr folgenden slavischen Nachschub wieder in
seine Steppen zurückwarf, wird ein Nachspiel finden. Der Zug der alten
Nibelungen ins Ostland zu den Hunnen kann auch heut symbolisch worden.
»Kolonien« heisst das Feldgeschrei. Hofft man auf die Fiebertropen, die schon
jetzt für England und Holland mehr verschlingen als einbringen? Wir brauchen
keine Strafkolonien. Die Bedeutung Amerikas für die deutsche Uebervölkerung hat
hoffentlich bald ihr Ende erreicht. Nicht in Paraguay haben die Antisemiten ihr
lächerliches Neu-Germanien zu suchen, sondern im Hunnenland.
    Frankreich aber wird stets ein bestimmender Faktor Europas bleiben, und
erlitte es noch zermalmendere Niederlagen. Denn die Logik der Naturverhältnisse
lässt sich nicht umstossen. Die beiden Teile des alten Frankenreiches, das
deutsche Mutterland und Francien, die Mittelländer Europas werden immer beide
die Weltlage bestimmen. Das »Reich«, gesättigt in Kraftbewusstsein, sollte ein
starkes Frankreich mit Wohlwollen betrachten. Gebe man Frankreich, was
Frankreichs ist! Deutschland ist Hellas und Rom in eins. Es hat die reichste
Bildung und straffste Verwaltung. Und es wird herrschen wie Hellas und nicht wie
Rom.
    Die heimkehrenden Bauern blickten scheu ihrem seltsamen neuen Gutsherrn
nach, der so spät nach Sonnenuntergang in die Berglandschaft hinausritt. Der
schäumende Burzen wirbelte, vom Piatra Mare fegte ein leichter Windstoss herüber.
- Xaver trabte weiter und weiter. Rotgelockte Hyazinten schwankten noch
wildblühend am Wege hin. An einer Waldspitze sprosste aus Hecken ein
Haideröslein. Aber immer öder starb die Pflanzenwelt ab.
    Sabbatglocken und das Schellen-Läuten der Heerden weckten noch, sich
mischend, ein schwermutsüsses Echo. Dann verhallte auch dies. Gelassen
schlenderte der Hengst durchs feuchte Farrenkraut, Im Klee raschelte es einmal
auf, als ein Eichhörnchen, das dort Eichelnüsse auflas, beim Nahen des Reiters
wieder den Baum hinanturnte. Wie ein Kobold lugte das rote Hänschen durch die
Zweige dem Reiter nach. Gleich einer Welle, bog sich die Strasse auf und nieder.
Und auf und nieder ging seines Herzens Wellenschlag. In der dämmerblauen Ferne
hob sich Berg an Berg, wie immer höher sich Gedanken herausgipfeln aus dem
Dunstflor der Zukunft.
    Hellgrün, gelbbesprenkelt wallten die Felder hin. Vom Tannicht schlichen
spukhaft bleiche Schatten talab. Alles totenstarr und lautlos in dunkler
Einsamkeit, nur die Schneekette der rumänischen Grenze flimmerte traumhaft
herüber. Grenzenlose Stille lastete über der Gebirgshalde. Ja, das waren die
alten Berge, die er als Knabe durchschweift. Und ein Gruss von Geisterhänden
schien leise seine Wangen zu streifen. Traulich raunte diese schweigende Natur
geheimen Zauber und es rauschte der Strom: Willkommen! Kennst Du die alten
Spuren wieder?
    Diese Bilder bunte Fülle floh einst an Dir vorüber, da Dein Sinn noch
jugendfrisch wie die schlanke Edeltanne wuchs. Doch Blitze verkohlten Dir das
saftiggrüne Holz, und der Gottgedanke, welcher die Welt verknüpft und nach
welchem Dein Pilgerstab gesucht, Du hast ihn erst heute gefunden in der
einstigen Heimat.
    Ja, er hatte sie endgültig überwunden, diese chronische Krankheit des
Jahrhunderts, den selbstbefangenen kindlichen Grössenwahn, wo Keiner gehorchen
und Jeder commandiren möchte. Auf der erklommenen Zinne einer höheren
naturwissenschaftlichen Anschauung konnte er auch den Schicksalsglauben eines
Welt-Messias wie Napoleon an seinen Stern nur als lächerliche Selbsttäuschung
bedauern. Wohl lag eine dumpfe Ahnung höherer Gesetze in dem Fatalismus eines
solchen Menschen:
    »Ich fühle mich zu einem Ziele hingetrieben, das ich nicht kenne; habe ich's
erreicht und nütze ich nicht mehr dazu, genügt ein Atom mich zu vernichten.«
Aber wenn der Welterschütterer fortfuhr: »Bis dahin vermögen alle menschlichen
Kräfte nichts wider mich«, so musste ihn diese Ueberzeugung notwendig zu jenem
Delirium des Grössenwahns führen, das sich in Worten austobt wie: »Es beweist die
Schwäche des menschlichen Geistes, dass man zu glauben wagt, man könne gegen Mich
ankämpfen.«
    Nein, sondern es beweist grade »die Schwäche des menschlichen Geistes, wenn
man glaubt, ankämpfen zu können« gegen das ewige Weltgesetz. Zwei mal Zwei macht
Vier und nicht Fünf. Wer das vergisst und den Sinn für die Realität verlor, den
stürzt allerdings »ein Atom«, aber dies Atom suche er in sich selber! Wohl ruhen
im menschlichen Geist dicht nebeneinander Grösse und Grössenwahn. Schwer ist's,
jene innere Ruhe zu bewahren, welche die wahre Grösse verbürgt, und das eigene
Können stets nach richtigem Mass zu schätzen. Vornehmlich schwer, wenn die
törichte Blindheit der Welt mit ihren falschen Massen misst und daher verkannte
Grösse naturgemäss zu übertriebenem Selbstgefühle treibt.
    Wohl würde die selbstbeschauliche Vorwegnahme seiner künftigen Grösse in den
prahlenden Äusserungen des obscuren Kapitäns Bonaparte lächerrlich wirken, wenn
er auch nur um die Hälfte weniger gross gewesen und später durch unberechenbares
Erfolgsübermass sein Grössenwahn nicht gleichsam gerechtfertigt worden wäre. Aber
eine solche Gemütsanlage musste endlich doch zum Verderben umschlagen.
Grössenwahn im gewöhnlichen Sinne konnte ihn zwar nicht bezwingen, weil er ja
wirklich so gross, aber dafür reifte denn in ihm der Cäsarenwahnsinn. So wird
selbst die Grösse denselben Gesetzen untertan, wie die eitle Selbstsucht der
Durchschnittsmenge, und auch sie richtet sich zu Grunde durch Übermass des
Wollens.
    Und da sollen die Menschen dann Schuld sein! »Wenn der Empereur die Menschen
verachtete, so wird man jetzt wohl zugestehn, dass er seine Gründe dazu hatte!«
So endet der krasse Egoismus überspannter Grösse mit einer Anklage gegen den
Egoismus der Kleineren!
    Das Alles ist Torheit. Die Menschen klagt nur Derjenige an, der sie nötig
hat. Der inneren Grösse aber können die Coturne der Pöbelwelt nicht einen Zoll
hinzufügen noch hinwegnehmen. Wozu das Jammern und Schimpfen über eine Welt, die
sich nach unabänderlichen Gesetzen dreht! Sie wird schon ihre Vorwärtsdränger
selber finden. Du bist solch ein Held? Glaube es nicht! Denn wenn du es bist, so
wird sich die Stunde schon finden, wo das Welt-Naturgesetz dich zu seinen
Zwecken verbraucht. Jeder, der »eine Kraft« (une force) ist, wie der
naturwissenschaftliche Zola dies nennt, wird auf den Punkt magnetisch
hingezogen, wo er seine elektrischen Schläge austeilen kann. Und wem eine
solche fruchtbare geologische Lage für seine chemische Kraftmischung sich nicht
von selber unterschiebt, Der ist auch keine Kraft.
    Scheitert jeder Versuch, den Strom der latenten Kraft frei zu machen, so
bescheide man sich in stiller Gelassenheit, statt in nutzlosem Grössenwahn den
Rest seiner Kraft zu vergeuden. Für die Welt ist ja der Schade gering. Für jeden
Untergehenden tauchen zehn Neue auf. Aber wohl bleibt es von unberechenbarsten
Folgen und verzögert die Entwickelung der Menschheit, dass die geologischen Lagen
absichtlich verschoben und die chemischen Zusammensetzungen hierdurch verwirrt
werden, indem sie so ihre wahren logischen Lebensbedingungen verlieren. Diesen
Einklang der geologischen Materie, der naturgemässen Aussenverhältnisse, zu der
lebendigen wirkenden Kraft herzustellen, erscheint als die Triebfeder aller
Revolutionen. Eine gewaltige »Kraft« wie Leonhart konnte zwar durch keine
niederwuchtende Dumpfheit der Materie gehindert werden, sich ununterbrochen in
elektrischen Schlägen zu entladen und sich rastlos durch Taten kundzutun. Dass
aber den Sinn und die Bedeutung dieser Geistesemanationen nur so Wenige
begriffen, lag teils in der zu schwächlichen Struktur seiner Materie-Hülle,
welche die innere chemische Mischung oft dem rauhen Einfluss der Aussenwelt preis
gab, teils aber auch in der unnatürlichen Lage seiner geologischen
Lebensbedingungen. Nicht in ihm steckte Unnatur, sondern grade er war ein
logischer einfacher Naturbegriff, eine schlichte geschlossene Naturkraft.
Unnatur beherrschte nur die Weltmaterie, in einen unorganischen Brei
durcheinandergequirlt. Grössenwahn eines mönchisch Cäsarenwahnsinnigen in seinem
Alpenschloss; Grössenwahn eines Zitterers an der Newa; Grössenwahn des
Gottesgnadendünkels allerorts, der taub und blind wähnt, das monarchische
Prinzip auf den alten vermorschten Grundlagen retten zu können; unglaubliches
Phosphoresziren verfaulten Adelsgerümpels überall - und dagegen der scheussliche
Grössenwahn der Anarchie, des Nihilismus, der Socialdemokratie, welche in ihren
Dynamitbomben und Knüppeln die alleinseligmachende Panazee für den kranken
Staatshaushalt gefunden glauben. Tobt euch nur aus, ihr Ich-Sucher, und macht
aus Nichts ein Etwas! Das Ende trägt die Last. Ob sich der Geist des Bösen auf
Erden nun als Fürst oder als Pfaffe vermummt, oder ob er als schnödes
Pöbelregiment im Namen der Freiheit Verbrechen begeht, stets muss er gebändigt
werden. Was Republik, was Monarchie! Das Schlechte muss zu Grunde gehen. Nie
währt das Reich der Dummheit und nur das Vernünftige bleibt bestehen. Wenn der
Einzelne seiner Kraft und Ueberzeugung gemäss gegen Dummheit und Unrecht
eintritt, so erfüllt er eben löblich sein Menschentum. Aber sobald er
ungeberdig jammert, weil dieser Kampf erfolglos, schädigt er nur sich selber.
Das Weltgesetz, der Logos, hilft sich schon selber durch und schleudert alle
Metternichtigkeiten mit einem Fusstritt bei Seite. Dazu bedarf es keiner
Menschen. Am weisesten also, wer sich gelassen von der Woge treiben lässt. -
    Krastinik musste unwillkührlich lächeln, als grade zu diesen Gedanken sich
eine seltsame Illustration bot. Sein Rösslein nämlich, ein schmucker Walachischer
Bergklepper fand bei einem Engpass, den man soeben passiren musste, den von
Regengüssen aufgeweichten Boden in der Pass-Mitte zu undelikat für seine
vornehmen Beine und kletterte daher plötzlich ohne weiteres seitwärts über die
Felsen weg. Sein überraschter Reiter liess ihm den Willen, auf die Gefahr hin den
Hals zu brechen. Doch überwand der rüstige Klepper alle Hindernisse; nur nahm er
keine Rücksicht darauf, dass ein Dornstrauch seinen Reiter quer durchs Gesicht
schrammte. Als sie unten angelangt, liess der störrige Missetäter ein
triumphirendes Wiehern vernehmen.
    Krastinik lachte laut auf. Jaja, so muss Jeder seinen Willen haben, jeder
rücksichtslos halsbrechende Felspartieen hinanstürmen, um nur seinen
Eigendünkel zu befriedigen. Zugleich aber erkannte er jetzt, dass auch der
Grössenwahn nur ein naturnotwendiges Requisit unsrer ganzen Zeitrichtung, indem
er das allgemeine Streben verrät, sich hervorzutun. Vor einigen Tagen war ihm
aus Berlin ein Brief nachgesandt, dessen Schreiber ihn noch dort im Zenit
litterarischen Ansehens vermutete und daher seine Vermittelung in Anspruch
nahm. Ein Dreiviertelsnarr, den man frei herumlaufen liess, ein entfernter Cousin
Krastiniks in Russisch-Polen versetzte ihm Folgendes:
    »Ich, Fürst Lubartschinsky, wohne jetzt in Kowno, Festung gegen Preussen
gebaute. Cher Cousin! Anbei mein Photographie mit all meine Orden. Mitglied bin
ich von alle gelehrte Körperschaften der Welt, Correspondent mit alle gelehrte
Gesellschaften.« (Dies war richtig: er correspondirte, aber einseitig. Die
Photographie bot einen ungeheuerlichen Anblick: Förscht Lubartschinsky mit
sämmtlichen Sternen, Kreuzen, Mitgliedszeichen, Schützenfestbändchen,
Cotillonorden seines Erdenwallens und mit dem dazu gehörigen Ruhm bedeckt! Man
staunte bass, wo er all diesen Flitterkram auftreiben konnte. Half nichts andres
mehr, so hatte der Ruhmesdurstige die Litzen und Borten seines Dolmans vom
Schneider so zuschneiden lassen, dass sie Sternen und Kreuzen ähnlich sahen. So
stand er nun da wie ein Götze unter der Last seiner Ehren und grinste
vertrauensselig).»Cher Cousin! Vous voyez auf mein Photogramm, dass ich bin wie
Wenige gestempelt.« (»Stempeln« nannte Lubartschinsky alles Menschenmögliche. Wo
ihm irgend Begriffe fehlten, da stellte dies Wort zur rechten Zeit sich ein.) »
Eh bien, enfin, mon ami, das Akademie der Wissenschaften in Berlin hat noch
nicht gestempelt mein distinguirtes Person. Mag ich detestiren auch Preussenvolk,
von Gott verfluchtes, muss es doch stempeln mich. Nun habe gehört, dass Sie,
bien-aimé, sind geworden ein grosser Mann in Berlin. Pour l'amour du
Jesus-Christ, lassen Sie mich flehen auf Knieen, zu bemühen sich für Ihr armes
Vetter Lubartschinsky, wohnhaft in Kowno, Festung gegen Preussen gebaute. Sind
Sie geworden gestempelt, so kann man auch stempeln le prince de Lubartschinsky.
Adieu, mon ami, je vous adore. Schicke nächstens 100 Rubel für Auslagen.
Stempeln, stempeln, stempeln Sie!
    P.S. Dieser Brief sein genügend gestempelt, n'est- pas?«
    ..Krastinik lachte laut auf bei der Erinnerung an diesen Ukas des
unschädlich Verrückten. So wollen sie heut alle »gestempelt« sein - verrückt,
aber nicht unschädlich. Wenn ihnen kein anderer Orden blüht, so wollen sie
mindestens mit einem Tugendpreis »gestempelt« werden.
    ..Welche Stille ringsum auf der Haide! Es war, als läge die ganze Welt
erstorben hinter ihm. Die Briefe »guter Freunde«, die jetzt auf den
neugebackenen Majoratsherrn herabzuschauern begannen, tönten wie ein fernes
mattes Echo bewegter Vergangenheit. Kann der Mensch sie wirklich ertragen, eine
so tiefe Einsamkeit? Ruhe und Bewegung müssen wechseln, soll der Geist sein
Gleichgewicht bewahren. Fern vom Contakt mit der Menge, sieht man die Dinge zu
schwarz oder zu rosig, sieht Teufel und Engel, wo doch nur armselige schwache
Menschenkinder ihren kindlichen Unfug treiben.
    Jaja, Abwechselung muss sein. Hier allein von seiner Erhabenheit zehren und
verbauern ging nicht an. Das fühlte er jetzt deutlich genug. Erst an
Menschenauffassung kann sich eine feste Weltanschauung erproben. Sich absondern
von der Menge, verrät wenig Mut. Man soll die Welt nicht bessern wollen, man
soll sie verstehen. Und immer klarer und ruhiger durchschaute er das Problem des
Heerden-Mechanismus der Gesellschaft.
    Alle Regeln sind falsch, weil sie lauter Ausnahmen zulassen. Dieses bekannte
Paradoxon entält eine Tiefe der Lebenserfahrung, welche nur Wenige ahnen. Alles
gilt nur von Fall zu Fall. Das Wesen der Genialität besteht daher in der
Sicherheit, für jeden einzelnen Fall die entsprechende Regel zu finden.
    Lebensregeln, Moralregeln, Kunstregeln? Es gibt keine. Jede Kraft ist sich
selbst Gesetz, nur die conventionellen Schein-Puppen schwatzen von
unumstösslichen Gesetzen. Darum sollte auch andrerseits das Genie seine
apodiktischen Lehren unterlassen, da es das psychologische Moment nie
berücksichtigt und stets von sich selbst aus schliesst. So stellt z.B. Napoleon
Grundsätze der Kriegskunst auf, als wären dies unerschütterliche Normen, obschon
dieselben jede mittlere Feldherrnbegabung sicher ruiniren würden. Gewiss siegt
meist der Angreifer, obschon der gesunde Menschenverstand das Gegenteil
annimmt, weil die eigene Initiative den Gegner fesselt. Allein, wer falsch
angreift, wird grade so gut geschlagen. Auch das Umgehen des Feindes mit der
ganzen Masse, statt mit einzelnen Corps, losmarschirend auf des Feindes
Rückzugslinie und die eigene preisgebend, mag als eine strategische Idee gelten,
die in ihrer Einfachheit die seltenste Grossartigkeit entfaltet, aber einen
minder entschlossenen Feldherrn in unabwendbares Verderben verstricken würde. -
In Masse vorbrechen, statt sich zu zersplittern, ist ein herrlicher Grundsatz.
Aber wenn die geologische Lage dies nicht zulässt, so soll man es auch nicht
versuchen.
    Leonhart fröhnte diesem Prinzip des Masse-Bildens: weil aber die
geologischen und atmosphärischen Verhältnisse des deutschen Geisteslebens in
Gestalt der gedruckten Litteratur dem zuwider lagen, so kam er so nur ins
Gedränge und deployirte nicht sachgemäss. Daher seine äusseren Niederlagen, trotz
der genialen Anlage seiner Pläne. - Er wechselte oft seine Operationsbasis, an
sich ein geniales Verfahren, verlor sie aber mehrmals dadurch. Und während er
den Feind abschnitt, wurde er selbst abgeschnitten von der ungeheuren
Uebermacht.
    So handeln die Männer der Zukunft, deren Schlachten auch nach ihrem Tode
gewonnen werden. Anders aber erscheinen die Männer der Gegenwart, die den Erfolg
der Realität erzielen. Dies sind die wahren Realisten, weswegen sie auch stets
den Idealismus unnützlich im Munde führen. Denn Solches entzückt ja die
geschmeichelte Lüge, »Welt« genannt. Genie macht anrüchig, »vornehmes«
Weihepriestern macht ehrwürdig, ein Wohlgefallen vor Gott und den Menschen.
    Der rechte Weltmann und Sinnenmensch zeigt sich zwar äusserst schwach bei
sclavischer Befriedigung seiner kleinen Leidenschaften, aber äusserst stark, wenn
es ein imponirendes Auftreten gilt. Und dazu gesellt sich das sittliche Patos,
diese logische Folge gänzlicher Verlogenheit. Was man so Sonntagskinder nennt,
das sind gewöhnliche Burschen mit lebhafter geistiger Beweglichkeit. Dann pflege
man vor allem den stattlichen Corpus, auf dass man den lieben Frauen gefalle. Wer
einen eleganten Bückling zu produciren versteht, besitzt den Schlüssel der
wahren Lebenskunst.
    Nun ja, das alles ist wahr. Aber wozu die Dinge so schwer nehmen! Was einmal
nicht zu ändern, das liegt also in der Natur bedingt und also ist es
vernunftgemäss. Man soll nur verlangen, was die Natur gewährt. Maulesel,
Ziehochsen, springende Ziegenböcke kommen spät oder früh zu ihrem Weideplatz und
schleppen ihre Fracht. Lahme Klepper und zierliche Damenzelter tun halt, was
sie können. Und wenn der trainirte Vollblutrenner sie um zwanzig Pferdelängen
schlägt, so soll man nicht murren, weil er kein Flügelross ist. Pegasusflügel
wachsen nicht oft, auf welchem Gebiet auch immer, und der Phönix steigt in jeder
Generation nur einmal aus Flammen empor. Wenn die kneiferblinde Menge das
Flügelross nicht erkennen kann, was schadet das! Jedes nach seiner Art. Die
Erfahrung lehrt, dass ein Schwarm Spatzen einen Adler mürbe zupft. Aber darum
foll man doch nicht mit Kanonenkugeln gegen Spatzen schiessen, denn damit trifft
man sie am schlechtesten. Gegen die Spatzen-Verschwörungen der Welt hilft
keinerlei Waffe. Sie zersausen sich schon untereinander ums liebe Futter; so
lösen sie sich selbst in Wohlgefallen auf.
    Bei dieser Spatzen-Teorie flogen ihm unwillkührlich all die Spatzenschwärme
vorüber, die im Leben herumpiepen. Da sind die magern Spatzen mit geblähtem
aristokratischem Kropf, die dem sogenannten »Staate« ihre Dienste weihen. Jeder
dieser Wichte hält sich für ein hochwichtiges Rad des Regierungswagens und
alles, was ausserhalb dieser Sphäre liegt, für untergeordnetes
Untertanengesindel. Jeder muss kriechen vor Jedem über ihm - der Hauptmann vorm
Obersten, der General vorm Commandirenden, der Regierungsrat vorm Geheimrat,
der Geheimrat vorm Minister, und alle miteinander kriechen bäuchlings vor jedem
gräflichen Hofschranzen und Titularlakeien, um endlich vor »höchsten und
allerhöchsten Herrschaften« einen Veitstanz des Byzantinismus aufzuführen. Der
Adelspöbel vollendet dies grössenwahntolle Strebergepiepe als Massenchorus. Jeder
dieser Leute hält sich für hochanständig und bieder, weil er keine silbernen
Löffel stiehlt, die bürgerliche Moral intus hat, und dem Nebenmanne nur indirekt
das Futter vor der Nase wegstiehlt. Von Interesse für höhere Dinge keine Spur;
die Begriffe der höheren Moral nie auch nur geahnt. Alles eingezäunt in den
engsten Kreis hochtrabender Berufspflichten, die höchstens ein fleissiges
Bibertum oder eine Fuchsschläue ausbilden können. Zu dieser »Gesellschaft« par
excellence gesellt sich nun noch das fette Protzentum, sei es als Finanzparvenü
und Waarenfeilscher jeder Sorte, sei es als Juristen-Rechtsverfälschung, sei es
als Gelehrtendünkel Maulwurfshügel für Alpen ansehn, darin beruht der
eigentliche Scharfsinn der lieben Welt. Unter den sogenannten »Wissenschaften«
stellt lediglich die Chirurgie und die exakte Naturwissenschaft noch etwas
Reales vor, schlägt aber ins Urkomische um, wenn sie aus ihrer Seichtigkeit eine
Weltanschauung zurechtzimmern will und in kindlichem Unfehlbarkeitsdusel über
höhere Gebiete aburteilt, wie Dubois-Reimond einmal über Goetes »Faust«. Und
neben diesen wertlosen Wust und Krimskrams setzt endlich auch noch das
Allererbärmlichste, die »Aestetik«, ihr Häufchen windiger Spreu. Da wimmelt es
von Shakespeare-Jahrbüchern und Goete-Jahrbüchern dass Einem Hören und Sehen
vergeht. Von einem Verständnis der Meister natürlich keine Ahnung, statt dessen
geistlose Compilationen über jeden Hosenknopf, den man irgendwo in einem
Kehricht entdeckte - steht weit abseit, ihr Profanen! Da entdeckt Einer einen
Dritten Teil des »Faust« und beweist, dass der erste Teil ursprünglich in Prosa
geschrieben. Darauf aber wird die Urschrift entdeckt, natürlich in Versen -
welterschütternde Grosstat! So wird Einer dieser Goetepfaffen stets vom Andern
abgetan. »Was ist das für ein Gewäsch über den Faust! Gebt mir 3000 Taler
jährlich und ich schreibe euch einen Faust, dass ihr die Schwerenot kriegt!«
rief der titanische Grabbe. In reklame-berühmten Litteraturgeschichten wird
daher auch »der törichte Grabbe« mit einem Fusstritt bei Seite geschleudert.
Andre »christliche« Litteraturgeschichten erfrechen sich, den »frivolen Juden
Heine« als eine dreiste Null abzutun. So etwas nennt sich in Deutschland
ästetische Wissenschaft.
    O Tollheit, o unergründliche Dummheit der Menschen! Dieses Corps der Rache
rümpft die Nase über »moderne Litteraten« und schwindelt einen seichten
Reklamegötzen in die Akademie der Wissenschaften hinein: Denn man finde in
unsrer traurigen Zeit der Decadence keinen »Litteraten«, sondern nur einen
germanistischen Litterarhistoriker würdig, in so illustrer Genossenschaft zu
tronen!
    Ja, so wird man »gross« in dieser Welt des Humbugs. Man schmiert eine von
gröbstem Cretinismus strotzende Litteraturgeschichte, in der man mit oberfauler
»Gelehrsamkeit« die scheussliche Lachmannsche Teorie über das Nibelungenlied
wiederkäut und über Goete in heuchlerische Verzückungen gerät, um die
»Epigonen« herzlos mit blödem Unverständniss abschlachten zu dürfen. Dann
verschafft man sich vor allem einen Nachschub von liebedienerischen Scholaren
und schmuggelt dieselben auf alle leer werdenden Lehrstühle ein. Stirbt man
dann, so hat man sich solch einen Famulus als Nachfolger herangezüchtet, der
eiligst den vakanten Papststuhl des verehrten Vorbilds einnimmt und in seinem
Stile weiterackert. So hat man sogar noch seinen Nachruhm sorglich vorweg
»versichert.«
    In den bildenden Künsten derselbe Lügenmechanismus. Gottsträfliche
Intriguanten, die als Künstler nichts als geschickte Macher, erobern sich das
höchste Ansehn, indem sie die Feigheit der Schwächeren terrorisiren. Denn nicht
das künstlerische Können entscheidet. Wer versteht heut etwas davon, heut, wo
der Eine bloss die Sujets beäugelt und die schlechtesten Historienbilder für
Heldentaten ansieht, der Andre bloss die Handwerksmätzchen bestaunt und ein
raffinirtes Virtuosenportrait für den Gipfel der Kunst hält! Und als Untergrund
dieser ganzen gleissenden Firnis-Gesellschaft die grossen Massen, die als Atlas
auf ihren nimmer müden Armen diesen Olympos tragen. Bei ihnen regiert wenigstens
nur der Kampf ums Dasein in der rohen äusserlichen Form, und man schachert bei
ihnen nicht mit den heiligsten Gütern der Menschheit, mit Wahrheit und Kunst.
Sie fürchten Gott und das Kriminalgericht, nähren sich schlecht und recht, und
schwören im Uebrigen auf ihre Zeitung. Denn was man Schwarz auf Weiss besitzt,
kann man getrost nach Hause tragen.
    Allerdings steht ja dem so beschaffenen Kasernen-Organismus einer
bureaukratisch-kaufmännischen Gesellschaft der Originalmensch und gar das Genie
wehrlos gegenüber, und muss notwendig untergehn. Wie darf es sich unterstehn,
die Preise zu drücken, den Markt durch seine Ueberproduction zu stören! Allein,
das ist weise das ist naturgemäss. Was sollte aus einer Welt werden wohin würde
die Entwickelung geraten, wenn man statt des hohlen Scheins das Sein anbeten,
wenn man die wahren Könige der Menschheit nicht verborgen im Dunkel stehen und
die Nichtse auf dem Markte sich spreizen liesse! Denn die ungeheure Majorität der
Menschen kann nur durch schlechte Leidenschaften zur Arbeit gestachelt werden,
durch gute nie. Daher ist nur eine solche Welt geeignet, als bequeme Behausung
der Menschenmassen zu dienen, und auf die Massen kommt es ja an. Ein Genie zählt
auch nur als einzelner Mensch und darf beileibe keinen breiteren Platz
beanspruchen, als jeder beliebige Tropf mit platter Stirn und strammer Lende.
Dies ist die wahre Demokratie, die Demokratie der Mittelmässigkeit, der prudente
médiocrité, von welcher Welttyrann Napoleon schwärmte.
    Darum weihe sich Jeder in stillbeseligter Erbauung dem wahren Ideal: einem
normalen Verdauungsprozess und den schönen blanken Zwanzig-Mark. Vor
Geistestaten präsentirt ja kein Gardist das Gewehr. Ein gutgebratenes Wiener
Schnitzel schmeckt besser, als der überflüssige Schönheitsquark, und wer nur als
Schnecke am eignen Schleim emporkriecht, erklimmt das erhabenste Ziel eines
guten Bürgers: einen hübschen Titelrang.
    So rollt die wohleingeölte Maschine der sittlichen Weltordnung munter fort.
Die Damen plaudern auf dem goldnen Deck der Staatsgaleere, frisst auch drunten
geheimes Leck. Aber die Parze des kommenden Jahrhunderts schreitet langsam durch
die Nächte dahin in dunkeln Träumen. Die Fackel für den Weltenbrand beleuchtet
ihre hungerbleichen Züge, ihr unumwölktes Hirn zerschneidet den Phrasendunst der
Zeit. Wer vergebens sich klammert an veraltete Banner, fühlt sich hülflos
fortgerissen auf den Bahnen eiserner Notwendigkeit. Die Wellen kommen, Wellen
gehen, und die Planken lockern sich nach und nach. Der Sclave im Rumpf des
Schiffes entfesselt sich jauchzend, wenn er droben mit Stiel und Stumpf das Deck
zerbersten hört. Und immer näher branden die donnernden Fluten. Aber ihr hört
sie nicht.
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    Schon geraume Zeit vorher hatte Krastinik das letzte Walachen-Dorf der
Grenze durchritten. Jetzt bei einbrechender Nacht sah er sich angesichts der
rumänischen Grenze in einem schmalen Bergtal. Wo übernachten? Einige Hütten
lagen umher; ein Hirt im Bärenpelz, ohne Hemd darunter, die nackte Brust offen
dem Winde bietend, trieb gerade eine Pferdekoppel von der Weide ein. Der Graf
trat ins nächste Gehöft und grüsste. Kaum hätte er sich verständlich machen
können, aber ein Zufall begünstigte ihn. Am Tisch neben den walachischen Bauern
sass ein stattlicher Mann in braungelbem Jägerrock mit grünen Aufschlägen,
Hirschfänger an der Seite. Er erhob sich und grüsste freundlich. Der Graf
erkannte den Forstmeister des Comitats, einen Sachsen. Sobald man dem erst
finsterblickenden Bauern auseinandergesetzt, dass dies der grosse Graf des
nächsten Bezirks sei, schwenkte er ihm mit der natürlichen vornehmen Grandezza
des Romanen sein Glas Landwein entgegen:»Sanitate bona!« Er habe gehört, wie der
Forstmeister verdolmetschte, dass der Domnule (Herr) gut gegen seine Leute sei.
Dann schenkte er ihm ein und bot den ungeheuren Schafkäse an, der auf dem
rohgehobelten Tische stand. Seine Frau, (in der eigentümlichen Tracht der
Berg-Walachinnen, statt eines Rocks nur zwei rotgestreifte Schürzen vorn und
hinten umgebunden) bereitete dem erlauchten Gast mit gastfreundlichem Grinsen
ein Lager in der Wohnstube.
    Noch lange sassen der Forstmann, eine germanische Barbarossagestalt mit
langwallenden Barte, und der Graf zusammen. Ersterer war hierher verschlagen
worden, um den Grenzstreit zweier walachischer Horden über ein Talflüsschen zu
schlichten. Eigentlich, vertraute er flüsternd an, befände man sich hier unter
lauter Räubern und Schmugglern. Aber der Gastfreund sei natürlich sicher wie in
Abrahams Schoss.
    Als man in tieferes Gespräch gekommen und Krastinik seine
deutschfreundlichen Sympatien erschlossen hatte, taute der Andre auf. Es
zeigte sich, dass seine Vergangenheit eine bewegte gewesen war. Als Forst-Eleve
in Tarand bei Dresden ausgebildet, hatte er sich wie die meisten Siebenbürger
Sachsen ganz als Deutscher gefühlt und die Einheitsbestrebungen der deutschen
Turnvereine in sich aufgenommen. Als daher der Freiheitskampf der
Schleswig-Holsteiner losbrach, hielt es ihn nicht in der äussersten Südmark
deutscher Gesittung (der sächsischen Coloniae Imperii Germanici, deren
Kirchengemälde neben dem ungarischen Wappen den deutschen Reichsadler führten)
und er eilte hinauf zur äussersten Nordmark. Dort an der Eider focht und blutete
er für die deutschen Brüder unter dem Befehl des Generals v.d. Tann. Dieser war
ihm zeitlebens sein Heldenideal geblieben, obschon er nach der Schlacht von
Fridericia für immer in die ungarische Heimat zurückgekehrt. Der heldenhafte
und doch vornehm milde Sinn des bayrischen Freiherrn leuchtete ihm noch heute
vor als Sinnbild deutscher Männlichkeit und sein Herz schlug höher, als er
später von den Taten des Corps v.d. Tann in Frankreich vernahm.
    Beide sprachen hierüber. Welch ein Leben, welch ein typisches Sinnbild für
die Entwickelung der neuen deutschen Grösse! 1848 als Freischärler mit deutschen
Milizen der Kriegsmacht des Inselreichs trotzend. 1866 als süddeutscher
Heerführer mit unerschütterlichem Mut dem Höllenfeuer der Preussen Stand
haltend, um die Waffenehre zu retten, aber innerlich jauchzend über jeden Sieg
der norddeutschen Grossmacht, die auserwählt, um den Traum aller grossdeutschen
Patrioten zu verwirklichen. Und nun 1870, glücklich und stolz als deutscher
Häuptling dem Aufgebot des gemeinsamen Herzogs zu folgen, greift er mit einem
Hochmut kriegerischer Ueberlegenheit die französischen Heere an, als sei er ein
altfränzösischer Maréchal de l'Empire.
    1848-1888, nur vierzig Jahre, für Deutschland vier Jahrhunderte. Welch
erschütternder Beweis für die Allmacht der geheimen Drehungsgesetze, das binnen
vier Jahren (64-70) die Entscheidung fiel über des ununterbrochene Ringen und
Streben dieser grossen zerrissenen Nation, seit 1648, dem Westfälischen Frieden!
Ein Volk aber, das solche Leiden verwand und in rastloser Arbeit seinem letzten
Ziele entgegentrieb durch alle Ränke des neidischen Europa hindurch - ein Volk,
das sich urplötzlich in seiner ganzen Löwenkraft erhob und seine waffenstarrende
Mähne schüttelt, - ein solches Volk ist berufen, das letzte Wort zu sprechen und
das Grösste zu vollbringen, das Reich freier Gesittung zu erobern nach
Niederwerfung aller inneren und äusseren Unkultur. In der Hohenzollernschen
Weltmonarchie liegt der Schlüssel der Zukunft. Schneeweiss angetan in Majestät,
wacht zu Häupten ihres Herrscherstuhls der Väter alter Ruhm, das wohlerworbene
Herrscherrecht der Besten. Herrschen, ja was heisst Herrschen? Es ist ein weiter
Weg von dem geflochtenen Bart eines chaldäischen Priesterkönigs bis zur
Allongeperücke des Roi-Soleil und von da zum Krückstock Friedrichs des Grossen.
    Stets wiederholen sich dieselben Arten.
    Die Tugendtyrannen (Brutus mit dem Dolch, Lykurg, und die schwarzen Suppen)
tyrannisiren sich selbst ins Grab und kein Mensch dankt es ihnen. Die
»liebenswürdigen« Landesväter bewirten ihre Untertanen grossartig mit deren
eignem Ruin, pumpen den Staat ohne Schuldschein an, nehmen den Zehnten, aber
küssen dafür leutselig die Töchter des Landes. Wenn ein paar naseweise
Harmodiusse ihnen das Handwerk legen, so setzt man diesen Ideologen zwar
Bildsäulen, aber erst schlägt man sie sorgfältig todt. Der Perserkönig vollends,
der jährlich ein paar Tausend Menschen »verbraucht« und dem Weltmeer hundert
Hiebe auf die Sohlen geben lässt, wenn er Bauchgrimmen hat, ist ein Vater des
Vaterlands - und zwar in mehr als einer Beziehung.
    Bis an die Grenzscheide der grossen Revolution kannte man nur diese
Gattungsarten des Herrschermetiers. Aber auch der »aufgeklärte Despotismus« hat
seine Stunde gehabt und der demokratische Cäsarismus als Säbelregiment wird
aussterben mit den Napoleoniden.
    Aufleben aber soll und wird jenes altgermanische Prinzip des »Herzogs«,
erbaut auf gegenseitiger Mannentreue des Herrschers und seiner Mannen, wo jede
Individualität frei bewahrt bleibt und nur freiwillige loyale Unterordnung unter
den Vertreter der Staatsgewalt regiert. Dies germanische Prinzip vererbte Karl
der Grosse, dieser »erste Diener seines Staates«, den sächsischen Kaisern, und
weil die Salier und Hohenstaufen unter wälschem Einfluss, sich demselben
entfremdeten, musste das Kaisertum zu Grunde gehn. Aber in den Hohenzollern
lebte es um so herrlicher wieder auf.
    Diese Mon-archie wird sich stabiliren auf einem rocher de bronce. Nicht auf
dem »constitutionellen« Unfug der Plappermente, wo Geldsäcke und rabulistische
Advokaten (ja sogar eine besonders auf den Parlamentssport trainirte Sorte von
bezahlten oratorischen Blasebälgen, die über jeden beliebigen Gegenstand den
Wind einer spitzfindigen Debatte auspusten) die Nation vertreten Sondern auf der
Aristo-kratia der Weisesten und Besten der Begabtesten und der
Charakterstärksten, wird dereinst diese Weltmonarchie sich gründen, wie die
Kirche auf dem Felsen Petri - dereinst, wenn das geschichtliche Naturgesetz eine
umwälzende Drehung vollführt, überraschend den Myriaden Blinden, vorherberechnet
und prophezeit von wenigen Sehern.
 
                                      IX.
Sich zurückziehn vom Gewühl des Marktes, weil die aristokratischen Fingerlein
sich dort beschmutzen? Hier in vornehmer Exclusivität behäbig auf seinem
Schloss horsten und das Leben der Pöbelwelt von oben herab belächeln?
    Einst in London hatte er, kurze Zeit in einem Boarding-House lebend, jene
Klasse von Rentiers beobachten können, die man fast nur in England und
Frankreich, nicht im arbeitsamen Deutschland kennt. Zurückgezogen von den
Geschäften, von ihren Zinsen lebend, dreht sich das Leben solcher Leute um den
Morgenspaziergang über Constitution Hill, das Verdauen der »Times« zum Frühstück
und das feierliche Vorschneiden des Beaf am Mittag. Zieht sich dann Einer noch
nach dem Tee und Whist mit seiner Whiskyflasche ins Schlafzimmer zurück und
säuft sich fromm in gesunden Schlaf hinüber, so hat er sein Tagewerk würdevoll
verbracht. - -
    Also der Krieg, der so lange drohende, der Krieg, der all die mächtigen
Fragen zur Lösung bringen sollte, stand binnen kürzester Frist bevor? Alle
Zeitungen tönten es wieder. Und bei dieser Weltentscheidung sollte er hier
hocken bleiben, vielleicht die Landesverteidigung seines Distrikts als
Landsturmcommandeur leiten, höchstens das Deutschtum schirmen gegen etwaige
Revolten im Innern? Nein. Die Erziehung seiner Mündel konnte warten, hier galt
es wahrlich seine eigene Erziehung. Mit fester Hand schrieb Graf Xaver Krastinik
umgehend an den Commandeur seines alten Regiments sowie an eine höhere Behörde
in Budapest: dass er bitte, seine selbsterbetene Entlassung aus dem Dienste zu
annulliren, dass er sofort wieder eintreten wolle. Er wusste, dass man mit Freuden
sein Gesuch bewilligen würde. Zurück konnte er nicht mehr. Der Würfel war
gefallen.
    Ja, eingereiht aufs neu in die Liste der gewöhnlichen Kämpfer. Keine falsche
Erhabenheit mehr, kein eigenwilliges Abschliessen in eigenem passivem Werte. Wie
jeder Andere unterworfen der strammen Zucht eines geordneten Berufes, wo jedes
eigene Vordrängen unmöglich und jeder nur als Glied des Ganzen gilt.
    ... Ja, Jeder nur ein Glied des Ganzen. Wer das erkannt, bedarf keines
Arztes mehr, um ihm Chinin zu verschreiben für das Fieber der Existenz. Das
geschichtliche Gravitationsgesetz dreht das Leben jedes grossen Mannes nach dem
Wendepunkte hin, wo er aufhört, sich als Werkzeug zu fühlen und sich selbst zum
Gotte träumt. Mag der eitle Kiesel die Grösse des Montblanc nicht sehen, vergesse
doch auch die Alpe nicht, dass auch sie nur das Produkt zahlloser
Steingenerationen.
    
    Das sollte vor allem der Adel bedenken. Wenn die Genusssucht bei Sekt und
Austern schlampampt, so sehnt man sich nach der fröhlichen, seligen
Feudalromantik. Da genoss man das adlige Vergnügen, die »Pfeffersäcke« auf
offener Strasse zu »werfen«. Auch das Jus primae noctis entbehrte nicht des
Reizes. So ärgert sich denn unser heutiger Junkertypus im Geheimen schmählich,
dass er sich nicht erzgepanzert als Letzter der Barone durchs irdische Jammertal
raubrittern darf.
    Aber während dieser verkappte Grössenwahn zugleich an unheilbarem
Verfolgungswahn leidet, da der Adel stets seine angeblichen Rechte gefährdet
glaubt, macht sich bereits eine neue Raubritterkaste breit, welche die
Press-Feder im Wappen und mit den Societären der Unsterblichkeits-Assekuranzen
die magern Kühe Pharaos auf die fette Weide führt. Die gravitätische Grandezza
der litterarischen Börsenjobber sieht bereits alle menschlichen Dinge nur vom
Standpunkt des bedruckten Zeitungspapiers der »Oeffentlichen Meinung« (soll
heissen: des Privatinteresses elender Skribenten) und entscheidet über Krieg und
Frieden, als ob die Regierungen gar kein Wörtchen mehr mitzureden hätten.
    Als des Grafen logische Betrachtungen wieder bis zu diesem Punkte gediehen,
erinnerte er sich plötzlich eines Briefes, den er einst von Leonhart empfing. In
seinem Briefpult stöberte er denn auch wirklich die vergilbten Blätter auf.
    » ... Es gibt in der Gesellschaft vier grosse Motoren. Zwei stabile: Schwert
und Geld, zwei revolutionäre: Geist und Knüppel. Unter diesen Kräften ist die
äusserlich schwächste, der Geist, die innerlich stärkste. Dann folgt das Schwert,
die Staatsgewalt. Dann der Knüppel, die Masse. Am schwächsten ist der scheinbar
stärkste Motor, das Geld. Weder mit Geist noch mit Schwert könnte man eigentlich
Krieg führen ohne Geld. Und doch führen bankerotte Staaten lustig Krieg und
bankerotte Geistesstreiter ebenso. Denn das Geld bildet nur eine todte
festliegende Masse und fällt blindlings den andern Kräften zur Beute, wenn sie
sich darauf stürzen.
    Verbinden sich nun Geist und Schwert, wie beim demokratischen Cäsarismus, so
führt dies zur Weltunterwerfung. Verbinden sich Geist und Knüppel, so führt dies
zur Revolution. Jedes für sich allein unterliegt, zwei vereinte Kräfte aber
siegen über die andern. 1 und 2 (Geist und Schwert) bilden absolutes
Uebergewicht, aber auch 1 und 3 (Geist und Knüppel) sind naturgemäss stärker als
2 und 4.
    Die Geschichte vollzieht sich seit Anbeginn nach gleichen Gesetzen. Allein
die neueste Zeit glich einem plötzlichen Sturzfall, wo der Strom all seine
Kräfte zusammenstaut. Daher entüllt sich das Weltgeheimniss klarer denn je in
den Jahren 1792-1815.
    Es tritt immer eine Epoche ein, wo die Staatsgewalt und das Feudalsystem
(Schwert) übermächtig drückt und so sein eignes Basisfundament zerquetscht. Dann
wenden sich alle drei andern Motoren dagegen. Unter diesem gemeinsamen Druck
wird zuerst die Bourgeoisie (Geld) hoch gehoben. Aera des constitutionellen
Liberalismus. Das Volk der physischen Arbeit aber (Knüppel), nachdem das Schwert
zerbrochen, drängt nun heimlich gegen den Geldsack an. Diesen Augenblick benutzt
das intellectuelle Proletariat (Geist), sich an die Spitze der Masse zu stellen
und mit Hülfe des Knüppels jetzt Schwert und Geld bei Seite zu schleudern. Wie
durch geöffnete Schleusen, bricht aber bald die vom Geist entfesselte Masse vor.
Durch den früheren Kampf für das Volk gegen Staat und Bourgeoisie erschöpft,
wird plötzlich auch der Geist überwältigt. Anarchie überschwemmt alle Ufer der
Cultur, nachdem die Revolution den Unrat weggespült. Aber der Geist ist nur zu
betäuben, nie zu überwinden. Plötzlich rafft er sich auf und erblickt das
zerbrochene weggeworfene Schwert. Er ergreift es, er schmiedet es neu. Zugleich
richtet er den umgestürzten Geldsack wieder auf, mit Schwert und Geldsack
schlägt er den Übermut des Knüppels nieder, bis auch dieser wieder seinem
Gebot gehorcht.
    Der Geist kann nur durch sich selbst überwunden werden. Seine
Schöpferphantasie verliert den Massstab für das materielle Bleigewicht der drei
andern Kräfte, die er mit sich schleppt. Die Spitze des Schwertes, nie ruhend in
seiner Hand, stumpft sich endlich ab, biegt sich - man entwindet es ihm wieder
und die alten Träger des Schwertes herrschen aufs neue. So kehrt äusserlich Alles
zum Alten zurück, weil dies als dauernder Zustand naturgemäss, aber die innere
Umformung der Weltbedingungen durch die kurze Herrschaft des Geistes wirkt auf
Jahrhunderte fort. Und wiederum wiederholt sich dann später dasselbe Spiel.
    Die Feder missvergnügter Litteraten aber ist es, die in alle Eiterbeulen
hineinsticht und heilendes Arsenik spritzt in die allgemeine Fäulnis des
Bestehenden. Auf die Heldenfeder der Luter, Milton, Voltaire, Rousseau folgt
die Agitatorfeder der Hutten, Swift und Mirabeau und auf diese die Blutsauger-
und Revolverpresse der Marat, Desmoulins, Chaumette. Mit der verhundertfachten
Macht der Presse steigt natürlich ihre zersetzende Aggressivkraft. Wie aber
könnte die Publizistik diese hohe Aufgabe erfüllen, wenn Gerechtigkeit und
Humanität sie schwächten? Erst in der hohen Schule der rohen Interessenpolitik,
der Charakterlosigkeit, der Bosheit und vor allem des Neides (dieser Spiralfeder
der gesellschaftlichen Entwicklung) wird sie dem Zweck gerecht: Unter dem Druck
der Luftpumpe einer stabilen mechanischen Gesellschaftsordnung für die
menschlichen Leidenschaften ein Sicherheitsventil zu öffnen.
    Denn zwischen der Welt als Ganzes und dem Menschen im Einzelnen besteht ein
wunderbarer, ob auch weise berechneter, Gegensatz. Die Menschen sind nicht
schlecht, wie Misantropen lügen, sondern bei der Mehrheit überwiegt das Gute.
Die menschliche Gesellschaft hingegen ist schlecht durch und durch, weil sie auf
den menschlichen Leidenschaften erbaut. Die gewöhnlichen Durchschnittsgefühle
der Menschen sind gut, jeder Ueberschwang des Gefühls aber als Leidenschaft
wirkt böse und entpuppt nur die selbstsüchtige Seite der Menschennatur. Die
Durchschnittsgefühle aber sind sämtlich passiv, die Leidenschaften activ und nur
die letzteren setzen sich daher herrisch durch. Auf eine edle Leidenschaft
kommen hundert schlechte. Dies der Grund, warum in dieser besten aller Welten
die Dummheit und die Ungerechtigkeit regiert, obschon die Menschen selbst meist
gutartig. Dies der Grund, warum jeder Ungewöhnliche nur durch wüsten erbitterten
Kampf die Anerkennung seines Herrscherrechts erzwingt, warum der Geist stets
über den Buchstaben purzelt, warum alle Schaffenskraft auf Erden systematisch
eingeengt.
    Dies aber soll sein, da nur so der ringende Geist sich stählt. Ränge er
nicht mit der Welt, so würde ihm der unablässige Ringkampf an Jakobs Furt die
Hüfte verrenken. Früher gab es die Geistestyrannei des Clerus, des
Feudalsystems, des Sultanismus. Dies alles schwand und schwindet mehr und mehr.
Wo also soll der Geist jene stabile Masse finden, an deren erdrückendem
Bleigewicht er seine Freiheit erproben soll? Es gibt nur eine: Die Presse.
    Sie aber, Liebster, beflecken Sie nicht Ihre reine Hand mit diesem
Marterwerkzeug! Schmeissen Sie Ihre Feder in den nächsten Kamin! Das rät Ihnen
Ihr wahrer Freund
                                                                      Leonhart.«
    Auch dieser Brief selbst wanderte in den Kamin, wohin ihm ja die Feder
Krastiniks vorangeeilt. Der Graf sammelte alle Briefe des Todten, die er
bewahrt, und verbrannte sie sorgfältig. Ein symbolisches Verbrennen aller
Schiffe hinter sich, einer traumhaften Vergangenheit. Hart und wesenhaft stand
die Zukunft vor ihm da. Und statt der Feder schreibe jetzt das Schwert.
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    Er trat auf den Altan und blickte hinaus in die untergehende Sonne. Welche
Schlachtfelder wird sie beleuchten, bald, wie bald! Ob auch ein Pultawa?
    Der alte Dichterinstinkt regte sich; nur versuchte er nicht mehr, mit Worten
das innen Geschaute herauszukünsteln,. sondern begnügte sich mit dem Schauen
selber. Ihm war, als sähe er ein anderes Feld vor sich bei untergehender Sonne,
und darüber wandelnd einen einsamen Mann: Als sähe er auf der Ebene von Lützen,
ehe jener zu neuem Kriege nach Russland eilte, den schwedischen Pyrrhus, Karl
XII. Und ihm war, als höre er die stummen Gedanken des Helden: - -
    »Wie sie dort niedertaucht, die müde Sonne! Sie, die im Diadem des eignen
Glanzes getront auf angeglühter Wolken Sitz, sie, deren Leuchtkraft die
Gestirne nährte - und nun so matt, so todesmatt versinkend! Ihr letzter Blick
haucht Weihe ringsumher, verklärt im Scheiden noch die bleiche Erde.
    So wirst du enden, stolzer Erderschüttrer, in deiner Siege Purpur! Sei es
drum! Mag ich erlöschen und mein Purpur bleichen, wenn ich geleuchtet einen
Sommertag.
    Wie friedlich diese Ebenen entschlafen! Und dennoch mahnen sie, ein
Grabmahl, mich, an meinen Ahnen, dessen Blut sie tranken.
    Wie ruhig diese Erde! Also schlief sie, schlief, da sie seinen Todesschrei
gehört. Wer weiss, ob nicht der Landmann seinen Pflug unwissend über jene Stelle
führt, wo Gustav Adolf sank. So geht die Welt weg mit der Pflugschar der
Vergessenheit zermalmend über unser morsch Gebein.
    Doch kein Zurück auf dessen Wege gibt's, den tief im Innersten
unwiderstehlich ein Vorwärts treibt, an Uebertatkraft krankend. Ob auch
prophetisch mahnt des Ahnen Loos, die Kugel rollt, und rollt sie abgrundwärts,
so lief sie doch des Rechtes schroffe Bahn.
    Nicht dulden kann ich, der Germanenfürst, dass uns ins Lied der Staaten frech
hinein der Russe grunzt, der ungeschlachte Eber. Und ob ein Lützen droht, ich
bin bereit.«
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    Immer noch stand der Graf Xaver auf dem Altan seines Schlosses und starrte
wie ins Unendliche hinaus in die Dunkelheit.
    Die Sterne glitzerten hoch am Firmament, zum Schlafe ladend mit geheimem
Zauber. Er aber wachte. Der trüben Menschlichkeit Erfordernisse - ihm war, als
seien sie abgefallen von seinem Ich, seit er einsam mit der Wahrheit zu Nacht
gespeist.
    Die Vorahnung gewaltiger Dinge stählte jeden Nerv seines Mannestums, das er
zum Ritter geschlagen fühlte durch siegreichen Kampf. An unendlichem Horizont
zogen ihm Erkenntnissbilder der Geschichte vorüber.
    Als die Todesfeuer des Hannibalvolkes verglommen, da stieg eine Rauchwolke
drohend empor, als wäre es Dido's Rechte, die nordwärts zum Kapitole gewendet.
Und Scipio zerwühlte erschauernd seinen blutigen Purpur. - Andertalb
Jahrhunderte seit dem Falle der Meerstadt verflossen, Asche lag und bannendes
Salz auf der Stätte. Da sass ein grauer Mann am grauen Meere, in dessen Stirn der
Kriegsgott seine Narben schrieb. Marius auf dem Felde des Todes. Und auch er
blickte nordwärts. Und er rächte Cartago in Roma's Flammen.
    Jugurta, (wie Philipp von Macedonien mit einem goldbepackten Esel jede
Festung zu erstürmen schwor) bepackte römische Consulare mit lybischem Gold;
auch er fiel und musste fallen. Aber er vermachte seine Rache seinem Besieger:
Falsch und kalt wie sein alter Freund der Wüstenkönig, zapfte Sulla der
Riesenspinne Roms, geschwollen vom Blute ausgesogener Völker, aufs neue Blut in
Strömen ab. Wohl schmiedete Rom das All an seinen Siegeswagen. Die Brut der
Wölfin schlang die Welt lebendig ein in ihren blutigen Schlund. Aber die Welt
lag unverdaut im Magen und Rom würgte sie wieder aus, erstickend an seiner Gier.
So wirkt fernhintreffend der Fluch vernichteter Feinde.
    Wohl flutet der Wüstensand um fallende Obelisken und endlos tönt die Klage
der Memnonssäule. Aegypten, Cartago, Numidien, Zion, Babylon, alle Reiche Sem's
riss der Sturmschritt der arischen Race zu Boden. Aber wie bald zertrat die
Gräber der Scipionen der neue Emporkömmling, der Germane! In ewigem Kreislauf
auf und ab rollen die Völkergeschicke und jeder Ungebühr ersteht ein Rächer.
    Heut also stehn wir aufs neu an einem Wendepunkt der ewig rollenden Kugel.
Das Slaventum, mit dem überwundenen Römertum verbündet, will die germanische
Völkerwanderung wiederholen und wider das Reich deutscher Nation den Alarich und
Odoaker spielen. Gleich geteilt liegen die Chancen der äusseren materiellen
Kräfte, falls Oesterreich zu Deutschland steht: Menschliche Berechnung vermag
nicht dem Spiel der Kräfte vorzugreifen noch zu ergründen, auf wessen Seite die
Waage sich neigt Entscheiden kann hier nur das innere Naturgesetz der
geschichtlichen Drehung, das hoch über menschlichen Wollens und Könnens
prahlendem Grössenwahn seine Bahnen zieht, sicher und unbeirrt. Wer aber
nachgespürt den inneren Ursachen der grossen Aussenwirkung, der ahnt freudig, wem
der Sieg endlich beschieden sei.
    Eichenfestes Volk im Herzen Europas, seit deinen frühsten Wurzeln hast du
ringen müssen mit den verderbendrohenden Stürmen, ringen um deine Existenz,
ringen um deine schlichte Grösse mit dem Grössenwahn hadernder Neider! -
    Ihm war, als sähe er Hermann den Cherusker, den symbolischen Altvater
deutscher Einheit und Siegeskraft, - als höre er den Genius Deutschlands beten
zu seinen Göttern, wie beim Morgengrauen jener ersten Entscheidungsschlacht der
germanischen Race:
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    »Schon sprengt Wuotan mit dem Rabenpaar, auf seinem Sleipnir, dem achtufig
bunten, den Siegesspeer des Morgensterns hochschwingend, hin über seines
Regenbogens Brücke. Es stieben seines Rosses goldige Hufen und goldige Funken
sprühen an den Himmel. Schon streut auch Freia auf des Gatten Grab die Rosen hin
und zarte Göttertränen benetzen ihrer Trauer holde Zeichen. Denn sieh, dort
glüht es schon am Wolkenrande wie einer Jungfrau wechselndes Erröten, und
Morgentau glänzt Erd und Himmel an.
    Du grosser Geist, der auf des Sturmes Mantel durch greise Eichen fährt! Du,
der da lispelt im reifen Korn, das deine Tritte segnen, fahr jetzt hernieder im
Gewittergrollen! Mit deiner Blitze rotem Flammenschwert schmettre der Feinde
stolzen Helmbusch nieder! Stoss in dein Horn, dein Donnerhorn, o Herr, dass der
Legionen frechen Tubaruf die Furcht erstickt! Dann spende milden Regen, dass die
zertretnen Früchte freien Wirkens aufs neu entspriessen deinem Segenstau!
    Schon stampft auch meines Rosses Huf, o Herr, auf des Geschickes schwanker
Himmelsbrücke. Beseel' mich deines Sleipnir Festigkeit, dass ich hinüberfliege
unversehrt und hinter mir der Erzfeind niedertaumelt, der listig nachsetzt
Deutschlands freiem Ross.
    Hier steh ich, Wodan. Schon zu meinen Füssen schlummert der Drache, dem mein
Zauberlied die wachen Sinne schlafbedürftig machte. Nun, Drache Rom, weckt dich
das Gjallarhorn, Verderben dröhnend von Walhalla nieder.
    An jenem Tempel, den ich bauen will auf aller deutschen Stämme Säulen hier,
durch Opferblut gekittet Stein an Stein, mag ich als Grundstein selber fallend
dienen. Mag ich, vergessen bald und unbeweint, des Meisters Hammer einem Andern
reichen und der dem Nächsten - was bekümmert's mich? Nie schnallt die Gattin mir
den Panzer ab, mein Bett soll sein von mir befreite Erde, und Undank meines
Lebens Pfühl. Doch nimmer wird Hermann sterben, ewig lebt er fort in deutschem
Blut für alle Folgezeit, und schwebt siegkündend um die deutschen Banner.
    O Weser, du des Varus Styx heut Nacht! Durchs grüne Rohr wie eine Sense
blitzend, wenn sie geschwungen niederfährt! O Erde, nie fürder sollen fremder
Rosse Hufen dein Grünen niederstampfen!
    Und o Himmel, gerüstet stehe ich vor deinem Auge? und hebe meine Rechte auf
zu dir: Ich will befreien Donar, schlage uns der Lanzen Eisenspitze scharf dein
Hammer!
    Ha, was vernimmt mein Ohr? Schon nahen sie! Schon lenkt Freia den
goldborstigen Eber, golden strahlt die Sonne, ihr Brustgeschmeide. Schon schirrt
Donar an die flammenden Böcke, um die Lenden den Stärkegürtel schnürt er,
Kraftandschuhe wappnen seine Fäuste. Lodernd rollt sein Auge, die Zähne
knirschen, laut laut bläset sein gewaltiger Odem, dass Blitzfunken stieben vom
brennenden Barte. Der Mondweg dröhnt, aufheulen die Klüfte der Hela, der Hammer
fliegt, die wälschen Adler fallen! Har! Sie fallen!«
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    Er blickte gen Himmel, erhobenen Hauptes und mit leuchtenden Augen.
    Noch lag eine Zukunft vor ihm: die Tat. Mannestat in welterschütterndem
Kampfe.
    Unser Wissen ist Stückwerk und und unser Weissagen ist Stückwerk.
    Haltet euch bereit, denn die Zeiten nahen. In Bereitschaft sein ist Alles.
 
    