
        
                               Hermann Sudermann
                                   Frau Sorge
                                     Roman
                                  Meinen Eltern
                             zum 16. November 1886
Frau Sorge, die graue, verschleierte Frau,
Herzliebe Eltern, Ihr kennt sie genau;
Sie ist ja heute vor dreissig Jahren
Mit Euch in die Fremde hinausgefahren,
Da der triefende Novembertag
Schweratmend auf nebliger Heide lag
Und der Wind in den Weidenzweigen
Euch pfiff den Hochzeitsreigen.
Als Ihr nach langen, bangen Stunden
Im Litauerwalde ein Nest gefunden
Und zagend standet an öder Schwelle,
Da war auch Frau Sorge schon wieder zur Stelle
Und breitete segnend die Arme aus
Und segnete Euch und Euer Haus
Und segnete die, so in den Tiefen
Annoch den Schlaf des Nichtseins schliefen.
Es rann die Zeit. - Die morsche Wiege,
Die jetzt im Dunkel unter der Stiege
Sich freut der langverdienten Rast,
Sah viermal einen neuen Gast.
Dann, wenn die Abendglut verblichen,
Kam aus dem Winkel ein Schatten geschlichen
Und wuchs empor und wankte stumm
Erhobenen Arms um die Wiege herum.
Was Euch Frau Sorge da versprach,
Das Leben hat es allgemach
In Seufzen und Weinen, in Not und Plage,
Im Mühsal trüber Werkeltage,
Im Jammer manch durchwachter Nacht
Ach! so getreulich wahr gemacht.
Ihr wurdet derweilen alt und grau,
Und immer noch schleicht die verschleierte Frau
Mit starrem Aug' und segnenden Händen
Zwischen des Hauses armen vier Wänden,
Vom dürftigen Tisch zum leeren Schrein,
Von Schwelle zu Schwelle aus und ein,
Und kauert am Herde und bläst in die Flammen
Und schmiedet den Tag mit dem Tage zusammen.
Herzliebe Eltern, drum nicht verzagt!
Und habt Ihr Euch redlich gemüht und geplagt
Ein langes, schweres Leben lang,
So wird auch Euch bei der Tage Neigen
Ein Feierabend vom Himmel steigen.
Wir Jungens sind jung - wir haben Kraft,
Uns ist der Mut noch nicht erschlafft,
Wir wissen zu ringen mit Not und Mühn,
Wir wissen, wo blaue Glücksblumen blühn;
Bald kehren wir lachend heim nach Haus
Und jagen Frau Sorge zur Tür hinaus.
                                       1
Gerade als das Gut Meihöfers sich unter dem Hammer befand, wurde Paul, sein
dritter Sohn, geboren.
    Das war freilich eine schwere Zeit!
    Frau Elsbet mit ihrem vergrämten Gesicht und ihrem wehmütigen Lächeln lag
in dem grossen Himmelbette, neben sich die Wiege des Neugeborenen, liess die Augen
unruhig umherschweifen und horchte auf jegliches Geräusch, das vom Hofe und aus
den Wohnzimmern in ihre traurige Wochenstube drang. - Bei jedem verdächtigen
Laut fuhr sie empor, und jedesmal, wenn eine fremde Männerstimme sich hören liess
oder ein Wagen mit dumpfem Rollen dahergefahren kam, fragte sie, in heller Angst
die Pfosten des Bettes umklammernd: »Ist's so weit? Ist's so weit?«
    Niemand gab ihr Antwort. Der Arzt hatte streng befohlen, jede Aufregung von
ihr fern zu halten, aber er hatte nicht bedacht, der gute Mann, dass dieses ewige
Hangen und Bangen sie tausendmal härter quälen musste als die schrecklichste
Gewissheit.
    Eines Vormittags - am fünften Tage nach der Geburt - hörte sie ihren Mann,
den sie in dieser bösen Zeit kaum einmal zu Gesicht bekommen, mit schwerem
Fluchen und Seufzen im Nebenzimmer auf und nieder gehen. - Auch ein Wort konnte
sie verstehen, ein einziges Wort, das er immer aufs neue wiederholte, das Wort:
»Heimatlos!«
    Da wusste sie: Es war so weit.
    Sie legte die matte Hand auf das Köpfchen des Neugeborenen, der mit einem
ernstaften Gesicht still vor sich hindröselte, und weinte in die Kissen hinein.
    Nach einer Weile sagte sie zu der Dienstmagd, die den Kleinen wartete:
»Bestell dem Herrn, ich möchte ihn sprechen.«
    Und er kam. - Mit seinen dröhnenden Schritten trat er vor das Bett der
Wöchnerin und sah sie an mit einem Gesicht, das in seiner erzwungenen
Unbefangenheit doppelt verzerrt und verzweifelt dreinschaute.
    »Max,« sagte sie schüchtern, denn sie hatte immer Angst vor ihm, »Max,
verheimliche mir nichts - ich bin ja ohnehin auf das Schlimmste gefasst.«
    »Bist du?« fragte er misstrauisch, denn er erinnerte sich an die Warnung des
Arztes.
    »Wann müssen wir hinaus?«
    Als er sah, dass sie so ruhig dem Unglück ins Auge schaute, glaubte er fürder
nicht nötig zu haben, ein Blatt vor den Mund zu nehmen, und wetternd brach er
los: »Heute - morgen - ganz wie es dem neuen Herrn gefällt! - Nur durch seine
Barmherzigkeit sind wir noch hier, - und wenn es ihm so passt, können wir diese
Nacht auf der Strasse logieren.«
    »So schlimm wird es nicht sein, Max,« sagte sie, mühsam ihre Fassung
bewahrend, »wenn er erfährt, dass erst vor ein paar Tagen ein Kleines eingekehrt
ist - -«
    »So - ich soll wohl betteln gehen bei ihm - was?«
    »Oh, nicht doch. Er tut's von selbst. Wer ist es denn?«
    »Douglas heisst er - stammt aus dem Insterburgischen - trat sehr breitspurig
auf, der Herr, sehr breitspurig - hätt' ihn am liebsten vom Hofe gejagt.«
    »Ist uns was übrig geblieben?« Sie fragte es leise und zögernd und sah dabei
auf den Neugeborenen nieder, hing doch von der Antwort vielleicht sein junges,
schwaches Leben ab.
    Er brach in ein hartes Lachen aus. »Ja, ein Trinkgeld - volle zweitausend
Taler.«
    Sie seufzte erleichtert auf, denn ihr war zumute gewesen, als hörte sie
schon das fürchterliche »Nichts« von seinen Lippen schwirren.
    »Was sollen uns zwei Tausend Taler,« fuhr er fort, »nachdem ihrer fünfzig in
den Sumpf geschmissen sind? Soll ich etwa in der Stadt eine Gastwirtschaft
aufmachen oder mit Knöpfen und Bändern handeln? Du hilfst vielleicht noch mit,
indem du in vornehmen Häusern nähen gehst, und die Kinder verkaufen
Streichhölzchen auf den Strassen - hahaha!«
    Er wühlte sich in den schon graumelierten, buschigen Haaren und stiess dabei
mit dem Fuss gegen die Wiege, dass sie heftig hin und her schwankte.
    »Wozu ist das Wurm nun geboren?« murmelte er düster, dann kniete er neben
der Wiege nieder, begrub die winzigen Fäustchen in den Höhlungen seiner grossen
roten Hände und redete zu seinem Kinde: »Wenn du gewusst hättest, Junge, wie
schlecht und niederträchtig diese Welt ist, wie die Unverschämteit darin siegt
und die Rechtlichkeit zugrunde geht, du wärst wahrhaftig geblieben, wo du warst.
- Was wirst du für ein Schicksal haben? - Dein Vater ist ein Stück Vagabund, ein
Abgewirtschafteter, der sich mit Weib und drei Kindern auf der Strasse
herumtreibt, bis er einen Ort gefunden hat, wo er sich und die Seinen vollends
zugrunde richtet - -«
    »Max, sprich nicht so - du brichst mir das Herz,« rief Frau Elsbet weinend
und streckte die Hand aus, um sie auf den Nacken des Mannes zu legen, aber diese
Hand sank kraftlos hernieder, ehe sie ihr Ziel erreichte.
    Er sprang empor. - »Du hast Recht - genug mit dem Jammern! - Freilich, wenn
ich jetzt allein wäre, ein Junggeselle wie in den früheren Tagen, dann ging' ich
nach Amerika oder in die russischen Steppen, dort wird man reich, - ja, dort
wird man reich, - oder ich spekulierte an der Börse, - heute Hausse, morgen
Baisse, - hei, da liesse sich Geld verdienen, aber so - gebunden, wie man ist« -
- - er warf einen kläglichen Blick auf Weib und Kind, dann wies er mit der Hand
zum Hofe hinaus, von wo die lachenden Stimmen der zwei Älteren hereintönten.
    »Ja, ich weiss wohl, dass wir dir jetzt eine Last sein müssen,« sagte die Frau
demütig.
    »Rede mir nicht von Last!« erwiderte er polternd. »Was ich sagte, war nicht
bös gemeint. Ich hab' euch lieb - und damit basta! Es fragt sich jetzt nur,
wohin? Wäre wenigstens dieses Neugeborene nicht, so liessen sich die Wechselfälle
eines ungewissen Daseins eine Zeitlang ertragen. Aber nun - du krank - das Kind
der Pflege bedürftig - zu guter Letzt bleibt uns nichts übrig, als irgendein
Bauerngut zu kaufen und die zweitausend Taler als Anzahlung zu geben. Heissa, das
kann ein Leben werden - ich mit dem Bettelsack, du mit dem Ranzen - ich mit dem
Spaten, du mit dem Milcheimer.«
    »Das wäre noch nicht das Schlimmste,« sagte die Frau leise.
    »Nein?« Er lachte bitter - »Na, dir kann geholfen werden. Da ist zum
Beispiel Mussainen zu verkaufen, das klägliche Moorgrundstück draussen auf der
Heide.«
    »O warum gerade das?« sagte sie zusammenschauernd.
    Er verliebte sich sofort in seinen Gedanken.
    »Ja, das hiesse den Kelch bis auf die Hefe leeren. Im Angesichte stets die
verflossene Herrlichkeit - denn du musst wissen, das Herrenhaus vom Helenental
glänzt dort gerageswegs in die Fenster - ringsum Moor und Brachland an die
zweihundert Morgen - vielleicht liesse sich manches urbar machen - Pionier der
Kultur könnte man werden. Und was würden die Leute dazu sagen? Der Meihöfer ist
ein ganzer Kerl - würden sie sagen. Er schämt sich seines Unglücks nicht, ja er
betrachtete es gewissermassen mit Ironie. Pah, wahrhaftig! Ironisieren soll man
sein Unglück - das ist die einzig erhabene Weltbetrachtung - pfeifen darauf soll
man!« - Und er stiess einen gellenden Pfiff aus, so dass die kranke Frau im Bette
emporfuhr.
    »Verzeih, mein Liebchen,« bat er, ihre Hand streichelnd, plötzlich in der
rosigsten Stimmung, »aber hab' ich nicht recht? - Pfeifen soll man darauf.
Solange man nur das Bewusstsein hat, ein redlicher Mann zu sein, kann man jedes
Ungemach mit einer gewissen Wollust ertragen. Wollust ist das richtige Wort. -
Das Grundstück ist jeden Tag zu verkaufen, denn der Besitzer hat sich vor kurzem
in eine reiche Wirtschaft hineingeheiratet und lässt das alte Gerümpel nun
vollends brach liegen.«
    »Überleg's dir erst, Max,« bat die Frau in heller Angst.
    »Was soll das Zaudern helfen?« erwiderte er heftig. »Diesem Herrn Douglas
dürfen wir nicht zur Last liegen, etwas Besseres können wir mit unseren lumpigen
Zweitausend nicht beanspruchen - also frisch zugegriffen -«
    Und ohne dass er sich die Zeit nahm, der kranken Frau lebewohl zu sagen,
eilte er von dannen.
    Wenige Minuten später hörte sie seinen Einspänner zum Hoftor hinausrollen.
    Am Nachmittag desselben Tages wurde ihr ein fremder Besuch gemeldet. - Eine
schöne, vornehme Dame sei in einer glänzenden Equipage auf den Hof gefahren und
begehre der kranken Herrin eine Wochenvisite abzustatten.
    Wer es denn sei? - Sie habe ihren Namen nicht nennen wollen.
    »Wie seltsam!« dachte Frau Elsbet, aber da sie in ihrem Kummer ein wenig an
himmlische Sendungen zu glauben begann, so sagte sie nicht nein.
    Die Tür öffnete sich. Eine schlanke, zartgebaute Gestalt mit feinen, weichen
Gesichtszügen trat behutsamen Schrittes an das Bett der Wöchnerin. Sie ergriff
ohne weiteres eine ihrer Hände und sagte mit einer sanften, leise verschleierten
Stimme: »Ich habe meinen Namen verschwiegen, liebe Frau Meihöfer, denn ich
fürchtete, nicht angenommen zu werden, wenn ich ihn vorher nannte. Und am
liebsten möchte ich auch jetzt ungekannt bleiben. Ich muss leider annehmen, dass
Sie mich nicht mehr mit Wohlwollen betrachten werden, wenn Sie wissen, wer ich
bin.«
    »Ich hasse keinen Menschen auf der Welt,« erwiderte Frau Elsbet,
»geschweige denn einen Namen.«
    »Ich heisse Helene Douglas,« sagte die Dame leise und drückte die Hand der
Kranken fester.
    Frau Elsbet fing sofort an zu weinen, die Besucherin aber, als ob sie eine
alte Freundin gewesen wäre, schlang den Arm um ihren Hals, küsste sie auf die
Stirn und sagte mit ihrer leisen, tröstlichen Stimme: »Seien Sie mir nicht gram.
Das Schicksal hat es gewollt, dass ich Sie in diesem Hause verdränge, aber schuld
habe ich nicht daran. Mein Mann hat mir eine Überraschung bereiten wollen, denn
der Name dieses Gutes stimmt mit meinem Vornamen überein. Meine Freude war
sofort verschwunden, als ich hörte, unter welchen Verhältnissen er es erworben
hatte und wie gerade Sie, liebe Frau Meihöfer, in dieser doppelt schweren Zeit
haben leiden müssen. Da zwang es mich denn, mein Herz zu erleichtern, indem ich
Sie persönlich um Verzeihung bäte für den Kummer, den ich Ihnen bereitet habe
und noch bereiten werde, denn Ihre Leidenszeit ist ja noch nicht vorüber.«
    Frau Elsbet hatte, als ob dies so sein müsste, den Kopf an der Fremden
Schulter gelegt und weinte still vor sich hin.
    »Und vielleicht kann ich Ihnen auch ein wenig nützen,« fuhr diese fort,
»mindestens dadurch, dass ich einen Teil Bitterkeit von Ihrer Seele nehme. Wir
Frauen pflegen uns besser zu verstehen als die harten, heftigen Männer einander.
Die gemeinsamen Leiden, die auf uns lasten, führen uns näher. Und vor allen
Dingen eins: Ich habe mit meinem Manne gesprochen und bitte Sie in meinem und in
seinem Namen, dieses Haus so lange als Eigentum zu betrachten, als es Ihnen
irgend beliebt. Wir bringen den Winter meistens in der Stadt zu und haben zudem
noch ein zweites Gut, das wir durch einen Verwalter bewirtschaften lassen
wollen. Sie sehen also, dass Sie uns in keiner Weise stören und höchstens einen
Gefallen erweisen, wenn Sie noch ein halbes Jahr und darüber hier schalten und
walten wie bisher.«
    Frau Elsbet dankte nicht, aber der tränenfeuchte Blick, den sie zu der
Fremden erhob, war Dank genug.
    »Jetzt seien Sie wieder heiter, liebste Frau,« fuhr diese fort, »und wenn
Sie für die Zukunft Rat und Hilfe brauchen, bedenken Sie, dass hier jemand ist,
der viel an Ihnen gut zu machen hat. - Und welch ein prächtiges Kind!« - sie
wandte sich nach der Wiege hin - »ein Junge oder ein Mädel?«
    »Ein Junge,« sagte Frau Elsbet mit einem schwachen Lächeln.
    »Findet er schon Geschwister in dieser Welt? - Aber was frag' ich! Die
beiden strammen kleinen Kerle draussen, die mich am Wagen empfingen - darf ich
sie näher kennen lernen? - Nein, hier nicht,« wehrte sie hastig ab - »es könnte
Sie noch mehr erregen. Später! Später! - Vorerst interessiert uns dieser kleine
Weltbürger.«
    Sie beugte sich über die Wiege und nestelte das Wickelzeug zurecht.
    »Er macht schon eine ganz altkluge Miene,« sagte sie scherzend.
    »Die Sorge hat an seiner Wiege gestanden,« erwiderte Frau Elsbet leise und
schwermütig, »daher hat er das alte Gesicht.«
    »Oh, nicht abergläubisch sein, meine Beste,« erwiderte die Besucherin. »Ich
habe mir sagen lassen, dass Neugeborene in ihren Zügen oft etwas Greisenhaftes
tragen. Das verliert sich bald.«
    »Gewiss haben auch Sie Kinder?« fragte Frau Elsbet.
    »Ach, ich bin ja eine so junge Frau!« - erwiderte die Besucherin und
errötete dabei, »kaum sechs Monate verheiratet. - Aber -« und sie errötete noch
tiefer.
    »Gott stehe Ihnen bei in Ihrer schweren Stunde,« sagte Frau Elsbet, »ich
werde für Sie beten.«
    Das Auge der Fremden wurde feucht. »Dank, tausend Dank,« sagte sie. »Und
lassen Sie uns Freundinnen sein! Ich bitte Sie recht herzlich! - Wissen Sie was?
Nehmen Sie mich zur Patin für diesen Ihren Jüngsten und erweisen Sie mir den
gleichen Liebesdienst, wenn der Himmel mich segnet. - -«
    Die beiden Frauen drückten sich stumm die Hände. Ihr Freundschaftsbund war
geschlossen. - - -
    Als die Besucherin sie verlassen hatte, sah Frau Elsbet mit einem scheuen,
traurigen Blick in die Runde. »Es war noch eben so hell, so sonnig hier,«
murmelte sie, »und ist jetzt wieder so dunkel geworden.«
    Nach einer kleinen Weile kamen die beiden Ältesten trotz der Abwehr der
Wärterin mit hellem Jubel in das Krankenzimmer gestürzt. Ein jeder hielt eine
Zuckertüte in der Faust.
    »Das hat uns die fremde Dame geschenkt,« jauchzten sie.
    Frau Elsbet lächelte. »Pst, Kinder,« sagte sie, »ein Engel ist bei uns
gewesen.«
    Die beiden kleinen Burschen machten ängstliche Augen und fragten: »Mama, ein
Engel?«
 
                                       2
So wurde Frau Douglas Pauls Taufpatin. Wohl war Meihöfer nicht wenig ungehalten
über die neue Freundschaft, denn »das Mitleid der Glücklichen brauche ich nicht«
pflegte er zu sagen, aber als die milde, freundliche Frau zum zweitenmal auf dem
Hofe erschien und ihm gut zuredete, wagte er nicht länger nein zu sagen.
    Auch in den ferneren Verbleib auf der alten Heimstätte willigt er - freilich
mit Widerstreben - ein. Die Wirtschaft Mussainen, die er in der Tat noch an
demselben Tage käuflich erstanden hatte, war in so jämmerlichem Zustande, dass
ein Verweilen darin während der kalten Herbsttage für Weib und Kind gefährlich
schien. Vor allem mussten die notwendigsten Reparaturen besorgt und Zimmermann,
Maurer und Töpfer herbeigeholt werden, ehe an einen Umzug zu denken war.
    Nichtsdestoweniger sah sich Frau Elsbet durch den Eigensinn ihres Mannes
gezwungen, lange bevor die Herrichtung der neuen Wohnung vollendet war, dortin
überzusiedeln. Als nämlich eines Tages ein Inspektor des neuen Herrn mit einer
Anzahl Arbeiter auf dem Hofe erschien und in seinem Auftrage bescheiden um
Unterkunft bat, erklärte er dessen Handlungsweise für eine ihm geflissentlich
angetane Schmach und war entschlossen, keinen Tag länger auf dem Boden zu
verweilen, den er einst sein Eigentum genannt hatte. - - - -
    Es war ein kalter, trüber Novembertag, als Frau Elsbet mit ihren Kindern
dem alten, lieben Hause Valet sagte. - Ein feiner Sprühregen rieselte, alles
durchnässend, vom Himmel. In grauen Nebel eingehüllt, öde und trostlos lag die
Heide vor ihren Blicken.
    Das Jüngste an der Brust, die beiden älteren Kinder weinend um sich her, so
bestieg sie den Wagen, der sie dem neuen und ach! so düsteren Schicksal
entgegenführte.
    Als sie zum Hoftor hinausrollten und der kalte Heidewind ihnen mit eisigen
Ruten ins Gesicht peitschte, da fing auch das Kleine, das so lange still und
friedlich dagelegen hatte, kläglich zu weinen an. Sie hüllte es fester in ihren
Mantel und beugte sich tief auf das kleine, zitternde Körperchen nieder, um die
Tränen nicht zu zeigen, die ihr unaufhaltsam über die Wangen rollten.
    Nach einer halben Stunde Fahrt auf den lehmigen, regendurchweichten Wegen
erreichte der Wagen sein Ziel. Fast hätte sie laut aufgeschrieen, als sie das
neue Heimwesen in seiner Trostlosigkeit und seinem Verfalle vor ihren Blicken
liegen sah.
    Langgestreckte, aus Lehm und Heidekraut aufgeführte Wirtschaftsgebäude - ein
sumpfiger Hof - ein niedriges, mit Schindeln gedecktes Wohnhaus, von dessen
Wänden der Kalk stellenweise abgebröckelt war und die nackte Mauer blosslegte, -
ein verwilderter Garten, in dem die letzten traurigen Reste des Sommers, Astern
und Sonnenblumen, neben halbverwesten Küchenkräutern wucherten, ringsum ein
grell angestrichener Zaun, dem man vor seinem Ende noch eine letzte Ölung
gegeben zu haben schien - das war der Ort, an dem die Familie des
abgewirtschafteten Gutsbesitzers fortan zu hausen hatte.
    Das war der Ort, an dem der kleine Paul heranwuchs, dem die Liebe seiner
Kindheit, die Sorge seines halben Lebens galt. - - - -
    Er war in seinen ersten Jahren ein gar zartes, siechendes Geschöpf, und in
mancher Nacht zitterte die Mutter, dass das matte Lämpchen seines Lebens
verlöschen werde, ehe der Morgen graute. Dann sass sie in dem düsteren, niederen
Schlafzimmer, die Ellbogen auf die Kante des Bettchens gestützt, und starrte mit
brennenden Augen auf das magere Körperchen nieder, das ein Krampf schmerzhaft
zusammenzerrte.
    Aber er überstand alle die Krisen der ersten Kindheit, und mit fünf Jahren
war er, wenn auch schwächlich an Gliedern und blass, fast welk im Gesichte - die
alten Züge hatte er richtig beibehalten -, ein gesunder Knabe, auf dessen
Emporkommen man Hoffnung setzen konnte.
    In dieselbe Zeit fallen seine frühesten Erinnerungen.
    Die erste, die er sich in späteren Jahren vielfach zurückrief, war folgende:
    Das Zimmer ist halbdunkel. An den Fenstern blühen die Eisblumen, und rötlich
dringt der Schein des Abendrots durch die Gardinen. Die älteren Brüder sind
Schlittschuhlaufen gegangen, er aber liegt in seinem Bette, denn er muss frühe
schlafen gehen, und neben ihm sitzt die Mutter, die eine Hand um seinen Hals
gelegt, die andere auf der Kante der Wiege, in der die beiden kleinen
Schwesterchen schlafen, die der Storch vor einem Jahr gebracht hatte, beide an
ein und demselben Tage.
    »Mama, erzähl mir ein Märchen,« bittet er.
    Und die Mutter erzählte. Was? daran erinnerte er sich nur dunkel, aber es
war darin von einer grauen Frau die Rede, die in allen trüben Stunden die Mutter
besucht hatte, eine Frau mit bleichem, hagerem Gesicht und dunkeln, verweinten
Augen. Sie war wie ein Schatten gekommen und wie ein Schatten gegangen, hatte
die Hände über der Mutter Haupt gebreitet, ungewiss, ob zum Segen oder zum
Fluche, und allerhand Worte gesprochen, die auch auf ihn, den kleinen Paul,
Bezug hatten. Es war darin von einem Opfer und einer Erlösung die Rede gewesen,
aber die Worte vergass er wieder, wahrscheinlich, weil er noch zu dumm war, sie
zu verstehen. Aber einer Sache erinnerte er sich ganz genau: Während er, schier
atemlos vor Grauen und Erwartung, den Worten der Mutter lauschte, sah er
plötzlich die graue Gestalt, von der sie sprach, leibhaftig an der Tür stehen -
ganz dieselbe mit ihren erhobenen Armen und ihrem blassen, traurigen Gesicht. Er
verbarg den Kopf im Arm der Mutter - sein Herz pochte, der Atem fing an, ihm zu
fehlen, und in Todesangst musste er aufschreien: »Mama, da ist sie, da ist sie!«
    »Wer? die Frau Sorge?« fragte die Mutter.
    Er antwortete nicht und fing zu weinen an.
    »Wo denn?« fragte die Mutter weiter.
    »Dort in der Tür,« erwiderte er, sich aufrichtend und ihren Hals
umklammernd, denn er hatte grosse Angst.
    »O du kleiner Dummrian!« sagte die Mutter. »Das ist ja Papas langer
Reisemantel.« Und sie holte den Mantel her und hiess ihn Futter und Oberzeug
betasten, damit er's ganz genau wüsste, und er gab sich darein, aber innerlich
war er nur um so fester überzeugt, dass er die graue Frau von Angesicht zu
Angesicht gesehen hatte. Und nun wusste er auch, wie sie hiess.
    »Frau Sorge« hiess sie.
    Aber die Mutter war nachdenklich geworden und liess sich nicht bewegen, das
Märchen zu Ende zu erzählen. Auch in späteren Zeiten nicht. Mochte er sie noch
so flehentlich bitten.
    Von dem Vater hatte er aus jenen Jahren nur eine dunkle Erinnerung bewahrt.
Ein Mann mit grossen Wasserstiefeln, der die Mutter schalt und die Brüder
prügelte und ihn selbst zu übersehen pflegte. Nur bisweilen fing er einen
scheelen Blick auf, der ihm nichts Gutes zu bedeuten schien. Manchmal, besonders
wenn er in der Stadt gewesen war, hatte sein Gesicht eine dunkelrote Farbe wie
ein überheizter Kessel, und sein Gang lief kreuz und quer von einer Diele auf
die andere. Dann spielte sich immer dieselbe Geschichte ab: Zuerst liebkoste er
die beiden Zwillinge, die er ganz besonders in sein Herz geschlossen hatte, und
schaukelte sie auf seinen Armen, während die Mutter dicht dabei stand und mit
angstvollen Blicken alle seine Bewegungen verfolgte; dann setzte er sich zum
Essen, stöckerte ein wenig in den Schüsseln herum und schob sie dann beiseite,
indem er den »Frass« power und unschmackhaft nannte, riss auch wohl Max und
Gottfried eins mit der Gerte über den Nacken, war auf die Mutter böse und ging
schliesslich hinaus, um mit den Knechten Händel anzufangen. Weitin hallte dann
seine wetternde Stimme über den Hofraum, so dass selbst der Karo an seiner Kette
den Schwanz zwischen die Beine kniff und sich in den hintersten Winkel seiner
Bude zurückzog. - Kehrte er nach einer Weile in das Zimmer zurück, so war seine
Stimmung meistens von Zorn in Verzweiflung umgeschlagen. Er rang die Hände,
klagte über das Elend, in dem er hier hausen müsse, und sprach zu sich selber
von allerhand grossen Dingen, die er unternommen haben würde, wenn nicht dies
oder das ihn verhindert hätte, und wenn Himmel und Erde nicht miteinander
verschworen wären, ihn zugrunde zu richten. Dann trat er wohl ans Fenster und
schüttelte die Faust nach dem »weissen Hause« hin, das aus der Ferne so
freundlich herüberblickte.
    Ja, dieses »weisse Haus«!
    Der Vater schalt darauf, er runzelte die Brauen, wenn nur sein Blick nach
jener Richtung hinschweifte, und er selbst, er hatte es so lieb, als wenn ein
Stück seiner Seele dort weilte. Warum? Er wusste es selbst nicht. Vielleicht nur,
weil die Mutter es liebte. Auch sie stand ja gar oft am Fenster und schaute
darauf hin, aber sie runzelte nicht die Brauen, o nein! - ihr Gesicht wurde
weich und wehmütig, und aus ihren Augen strahlte eine Sehnsucht, so inbrünstig,
dass ihm, der still daneben stand, gar oft ein Schauer heiss über den Nacken lief.
    War doch sein kleines Herz von ganz derselben Sehnsucht erfüllt! Erschien
ihm doch, so lange er denken konnte, jenes Haus als der Inbegriff alles Schönen
und Herrlichen! Stand es doch, wenn er die Lider zudrückte, allezeit vor seinen
Augen, schlich es sich doch selbst in seine Träume hinein!
    »Bist du schon einmal in dem weissen Hause gewesen?« fragte er eines Tages
die Mutter, als er seine Wissbegier nicht länger zügeln konnte.
    »O ja, mein Sohn,« erwiderte sie, und ihre Stimme klang traurig und
unsicher.
    »Oft, Mama?«
    »Sehr oft, mein Junge. Deine Eltern haben einmal dort gewohnt, und du bist
dort zur Welt gekommen.«
    Seitdem war ihm das »weisse Haus« dasselbe, was dem Menschengeschlechte das
verlorene Paradies. - - -
    »Wer wohnt denn jetzt in dem weissen Hause?« fragte er ein andermal.
    »Eine schöne, freundliche Frau, die alle Menschen lieb hat und dich ganz
besonders, denn du bist ja ihr Patenkind.«
    Ihm war zumute, als ergösse sich eine unendliche Fülle von Glück über sein
Haupt. Er war so aufgeregt, dass er zitterte.
    »Warum fahren wir denn nicht zu der schönen, freundlichen Frau?« fragte er
nach einer Weile.
    »Papa will's nicht haben,« erwiderte sie, und ihre Stimme hatte einen
eigentümlich scharfen Klang, der ihm auffiel.
    Er fragte nicht weiter, denn des Vaters Wille galt als ein Gesetz, dessen
Gründen niemand nachzuforschen hatte, aber an diesem Tage knüpfte das Geheimnis
des »weissen Hauses« ein neues Band zwischen Mutter und Sohn. - Öffentlich durfte
nicht von ihm gesprochen werden. Der Vater wurde wütend, sobald man seine
Existenz nur andeutete, und auch die Brüder mochten mit ihm, dem Jüngsten, nicht
gern darüber reden; wahrscheinlich fürchteten sie, dass er's in seiner Dummheit
wiedersage. Aber die Mutter, die Mutter vertraute ihm!
    Wenn sie miteinander allein waren - und sie waren während der Schulzeit fast
immer allein - dann öffnete sich ihr Mund und mit dem Munde das Herz, und das
»weisse Haus« stieg aus ihren Erzählungen immer höher und leuchtender vor seinen
Augen empor. Bald kannte er jedes Zimmer, jede Laube im Garten, den
grünumbuschten Weiher mit der spiegelnden Glaskugel davor und die Sonnenuhr auf
der Terrasse; man denke, eine Uhr, auf welcher die liebe Sonne selbst die
Stunden anzeigen musste. Welch ein Wunder!
    Er hätte mit geschlossenen Augen auf Helenental umhergehen können und sich
dennoch nicht verirrt.
    Und wenn er mit Klötzchen spielte, dann baute er sich ein weisses Haus mit
Terrassen und Sonnenuhren - zwei Dutzend auf einmal! - grub Teiche in den Sand
und befestigte Murmelsteine auf kleinen Pfählen, um die Glaskugeln anzudeuten.
Aber freilich, spiegeln taten sie nicht.
 
                                       3
Zu derselben Zeit fasste er den Plan, dem »weissen Hause« einen Besuch
abzustatten. Ganz auf eigene Faust. Er verschob es auf den Frühling, als aber
der Frühling kam, fand er nicht den Mut dazu. Er verschob es auf den Sommer,
aber auch dann kamen allerhand Hindernisse dazwischen. Einmal hatte er einen
grossen Hund allein auf der Wiese umherstreichen sehen - wer konnte wissen, ob es
nicht ein toller war? - und ein andermal war ihm der Bulle mit gesenkten Hörnern
auf den Leib gerückt.
    »Ja, wenn ich gross sein werde, wie die Brüder,« so tröstete er sich, »und in
die Schule gehe, dann werde ich mir einen Stock nehmen und den tollen Hund
totschlagen, und den Bullen werd' ich bei den Hörnern fassen, dass er mir nichts
tun kann.«
    Und er verschob es auf das nächste Jahr; denn dann sollte er beginnen, in
die Schule zu gehen, ganz wie die grossen Brüder.
    Die grossen Brüder waren Gegenstand seiner Anbetung. Zu werden wie sie,
erschien ihm das letzte Ziel menschlicher Wünsche. Auf Pferden reiten - auf
grossen wirklichen, nicht bloss auf hölzernen - Schlittschuh laufen, schwimmen
ganz ohne Binsen und Schweinsblasen und Vorhemdchen tragen, weisse, gestärkte,
die mit Bändern um den Leib befestigt werden, ach, wer das könnte!
    Aber dazu muss man erst gross sein, tröstete er sich. Diese Gedanken behielt
er ganz für sich, der Mutter mochte er sie nicht sagen, und den Brüdern selbst,
- o die machten sich sehr wenig mit ihm zu schaffen. Er war ein solcher Knirps
in ihren Augen, und wenn die Mutter bestimmte, dass sie ihn irgendwohin
mitnähmen, waren sie unwillig, denn dann mussten sie auf ihn achtgeben und um
seiner Dummheit willen die schönsten Streiche aufgeben. Paul fühlte das wohl,
und um ihren bösen Gesichtern und noch böseren Püffen auszuweichen, sagte er
meistens, er wolle lieber zu Hause bleiben, mochte ihm auch noch so weh ums
Herze sein. Dann setzte er sich auf den Pumpenschwengel, und während er sich
leise hin und her schaukelte, träumte er von den Zeiten, da er's den Brüdern
gleichtun wollte.
    Auch im Lernen. - Und das war keine Kleinigkeit, denn beide, Max sowohl wie
Gottfried, sassen die Ersten in ihrer Schule und brachten zu den Feiertagen stets
sehr schöne Zeugnisse mit nach Hause. Wie schön die waren, ersieht man daraus,
dass sie ihnen von dem Vater je einen Silbergroschen, von der Mutter eine
Honigstulle eintrugen.
    An einem solchen Freudentage hörte er den Vater sagen: »Ja, wenn ich die
beiden Ältesten in eine gute Schule geben könnte, da würde was aus ihnen werden,
denn sie haben ganz meinen aufgeweckten Kopf, aber Bettler, wie wir sind, werden
wir sie wohl auch zu Bettlern erziehen müssen.«
    Paul dachte viel darüber nach, denn er wusste bereits, dass Max zum
Feldmarschall und Gottfried zum Feldzeugmeister geboren sei. Es hatte sich
nämlich einmal ein Ruppiner Bilderbogen mit Abbildungen der österreichischen
Armee in das Heidehaus verirrt, und an diesem Tage waren die Brüder einig
geworden, die beiden höchsten Würden der Generalität unter sich zu verteilen,
während ihm, dem Jüngeren, eine Unterleutnantsstelle zufallen sollte. Seitdem
war allerdings eine Periode gekommen, in der der eine den Beruf zum Trapper, der
andere zum Indianerhäuptling in sich fühlte, aber Pauls Gedanken blieben an
jenen goldgestickten Uniformen haften, mit denen die hölzernen Speere und die
aus Lumpen zusammengeflickten Sandalen, wie sie die Brüder beim Spielen trugen -
die letzteren nannten sie »Mokassins« - keinen Vergleich aushalten konnten. Auch
warum sie später wieder Naturforscher und Superintendenten werden wollten, blieb
ihm unverständlich - die Neu-Ruppiner Bilder waren doch das beste.
    Zu derselben Zeit begannen die Zwillinge gehen zu lernen. Käte, die ältere
- sie war um dreiviertel Stunden früher zur Welt gekommen - machte den Anfang,
und Grete folgte ihr drei Tage später nach.
    Das war ein bedeutungsvolles Ereignis in Pauls Leben. Plötzlich stand er
gebannt in einem Kreis von Pflichten, der ihn so bald nicht wieder freilassen
sollte.
    Niemand hatte ihm aufgetragen, die ersten Schritte der kleinen Schwestern zu
bewachen; aber so selbstverständlich es stets gewesen war, dass er seine Schuhe
schon am Abend putzte und die der Brüder dazu, dass er sein Röckchen viereckig
zusammengefaltet zu Kopfenden des Bettes niederlegte und die beiden Strümpfe
kreuzweise darüber, dass er nie einen Flecken ins Tischtuch machte, und dass er
vom Vater einen Denkzettel erhielt, wenn das Unglück einem der Brüder passierte,
so selbstverständlich war es auch, dass er sich fortan der kleinen Schwestern
annahm und mit altkluger Sorge über ihren tollkühnen Steh- und Gehkunststücken
wachte.
    Er kam sich so wichtig in diesem neuen Amte vor, dass selbst die Sehnsucht
nach der Schule geringer wurde, und hätte er allenfalls noch - pfeifen können,
das Mass seiner Wünsche wäre voll gewesen.
    Ja, pfeifen können, wie Jons, der Knecht, oder auch nur wie die älteren
Brüder, das war nun das Ziel seiner Träume, der Gegenstand unaufhörlicher
Studien. Aber er mochte noch so viel den Mund spitzen und noch so viel die
Lippen anfeuchten, um sie geschmeidig zu machen, kein Ton kam zum Vorschein. Ja,
wenn er die Luft einzog, dann ging es allenfalls - einmal war es ihm sogar
gelungen, die ersten vier Töne von »Ist ein Jud' ins Wasser gefallen«
hervorzubringen, aber jeder zünftige Pfeifer weiss, dass die Luft zum Munde
hinausgestossen werden muss, und das gerade war es, was er nicht lernen konnte.
    Auch hierin tröstete er sich mit dem Gedanken: »Wenn ich erst gross sein
werde.«
    Die Weihnachten dieses Jahres brachten eine Freudenbotschaft. Von der »guten
Tante« aus der Stadt, einer Schwester seiner Mutter, traf eine Kiste ein mit
allerhand schönen und nützlichen Sachen, Bücher und Hemdenzeug für die Brüder,
Kleidchen für die Schwestern und für ihn ein Samtrock, ein wirklicher Samtrock,
mit Husarenschnüren und grossen blanken Knöpfen. - Das war eine Freude! - Aber
die allerschönste Bescherung stand erst in dem Briefe, den die Mutter mit Tränen
der Rührung und der Freude vorlas. Die gute Tante schrieb, dass sie aus dem
letzten Briefe »Elsbets« ersehen habe, wie es ihres Mannes höchster Wunsch sei,
den beiden ältesten Knaben eine bessere Schulbildung zu geben, und dass sie sich
infolgedessen entschlossen habe, sie zu sich ins Haus zu nehmen und sie das
Gymnasium auf eigene Kosten durchmachen zu lassen. Die Brüder jauchzten, die
Mutter weinte, der Vater rannte in der Stube umher, fuhr sich mit der Hand durch
die Haare und murmelte aufgeregte Worte.
    Er sass derweilen ganz still am Bettchen der Schwestern und freute sich
innerlich.
    Da kam die Mutter zu ihm heran, barg das Antlitz in seinen Haaren und sagte:
»Wirst du es auch einmal so gut haben, mein Junge?«
    »Ach der!« sagte der Vater, »der kapiert ja nichts.«
    »Er ist noch so jung!« erwiderte die Mutter, seine Wangen streichelnd, und
dann zog sie ihm den schönen Samtrock an; den durfte er, weil's Feiertag war,
bis zum Abend anbehalten. Und auch die Brüder kamen und herzten ihn, teils weil
ihnen das Herz so voll von Freude war, teils des schönen Samtrockes wegen. So
gut waren sie niemals zu ihm gewesen.
    Ja, das waren Weihnachten!
    Und als der Frühling sich näherte, ging's an ein grosses Nähen und Sticken
für die Aussteuer. Paul durfte beim Zuschneiden behilflich sein, die Elle halten
und die Schere zureichen, und die Zwillinge lagen auf der Erde und wühlten in
der weissen Leinwand.
    Die Brüder wurden ausgestattet wie zwei Prinzen. Nichts wurde vergessen.
Selbst Schlipse bekamen sie, die hatte die Mutter aus einer alten Taftmantille
zurechtgeschneidert.
    Die Brüder waren in dieser Zeit ungeheuer stolz. Sie spielten bereits die
Herren, jeder auf seine Weise. Max drehte sich Zigaretten, indem er Knaster aus
des Vaters Tabakskasten in kleine Papiertüten schüttete, die er dann an dem
breiten Ende in Brand steckte, und Gottfried setzte sich eine Brille auf, die er
in der Schule für sechs Hosenknöpfe erstanden hatte.
    »Gefall' ich dir so?« fragte er, vor Paul hin und her stolzierend, und da
dieser »ja« sagte, wurde er abgeküsst; hätte er »nein« gesagt, würde er einen
Katzenkopf bekommen haben.
    Gleich nach Ostern fuhren die beiden Brüder ab. Das gab viel Tränen im
Hause. Als aber der Wagen zum Hoftor hinausgerollt war, da presste die Mutter ihr
tränenüberströmtes Gesicht gegen Pauls Wange und flüsterte: »Du bist lange
vernachlässigt worden, mein armes Kind; jetzt sind wir wieder zu zweien wie
vordem.«
    »Mama, au Tuss!« schrie die kleine Käte, die Ärmchen ausreckend, und ihre
Schwester tat desgleichen.
    »Ja, ihr seid ja auch noch da!« rief die Mutter, und heller Sonnenschein
leuchtete über ihr blasses Gesicht.
    Und dann nahm sie jede auf einen Arm, trat mit ihnen ans Fenster und schaute
lange nach dem »weissen Hause« hinüber.
    Paul steckte den Kopf zwischen den Falten ihres Kleides hervor und tat
desgleichen.
    Die Mutter senkte den Blick zu ihm herab, und als er seinem altklugen
Kinderauge begegnete, errötete sie ein wenig und lächelte. Aber keines sprach
ein Wort.
    Als der Vater aus der Stadt zurückkam, verlangte er, dass Paul anfangen
sollte, in die Schule zu gehen. -
    Die Mutter wurde sehr traurig und bat, ihn doch noch ein halbes Jahr
daheimzulassen, damit sie sich nicht allzusehr nach den beiden Ältesten bange,
sie wolle ihn selber unterrichten und weiter bringen, als der Lehrer es
vermöchte. Aber der Vater wollte nichts davon wissen und schalt sie eine
Tränenliese.
    Paul bekam einen Schreck. - Die Sehnsucht nach der Schule, die ihn früher
stets erfüllt hatte, war ganz verschwunden; freilich, jetzt waren ja auch die
Brüder nicht mehr da, denen er nachzueifern hatte.
    Am nächsten Tage nahm der Vater ihn bei der Hand und führte ihn ins Dorf
hinüber, dessen erste Häuser etwa zweitausend Schritt von dem Meihöferschen
Grundstück entfernt lagen.
    Immerhin ein tüchtiges Stück Weges für einen so kleinen Burschen.
    Aber Paul hielt sich wacker. Er hatte so grosse Furcht, vom Vater Schläge zu
bekommen, dass er bis an das Weltende marschiert wäre.
    Die Schule war ein niedriges, strohbedecktes Gebäude, nicht viel anders wie
ein Bauernhaus, aber daneben standen allerhand hohe Stangen mit Leitern und
Gerüsten.
    »Daran werden die faulen Kinder aufgehängt,« erklärte der Vater.
    Pauls Angst erhöhte sich noch; als aber der Lehrer, ein freundlicher, alter
Mann mit weissen Bartstoppeln und einer fettigen Weste, ihn zu sich aufs Knie
nahm und ihm ein schönes, buntes Bilderbuch zeigte, da wurde er wieder ruhig,
nur die vielen fremden Gesichter, die von den Bänken her nach ihm hinstarrten,
schienen ihm nichts Gutes zu bedeuten.
    Er erhielt den letzten Platz und musste zwei Stunden lang Grundstriche auf
die Schiefertafel malen.
    In der Zwischenpause kamen die grossen Jungen an ihn heran und fragten nach
seinem Frühstücksbrote, und als sie sahen, dass es mit Schlackwurst belegt war,
nahmen sie es ihm fort. Er liess sich das ruhig gefallen, denn er glaubte, es
müsse so sein. Beim Nachhausegehen prügelten sie ihn, und einer stopfte ihm
Nesseln in den Halskragen. Er glaubte, auch das müsse so sein, denn er war ja
der Kleinste; aber als er die Häuser des Dorfes hinter sich hatte und einsam auf
der sonnbeglänzten Heide daherging, da fing er zu weinen an. Er warf sich unter
einem Wacholderbusch nieder und starrte zum blauen Himmel in die Höhe, wo die
Schwalben hin und her schossen.
    »Ach, wenn du doch auch so fliegen könntest!« dachte er, - da fiel das
»weisse Haus« ihm ein.
    Er richtete sich auf und suchte es mit den Augen. Wie das verzauberte
Schloss, von welchem die Mutter in ihren Märchen zu erzählen wusste, strahlte es
zu ihm herüber. Die Fenster glitzerten wie Karfunkelsteine, und die grünen
Büsche wölbten sich ringsum wie eine hundertjährige Dornenhecke.
    In seinen Schmerz mischte sich ein Gefühl des Stolzes und des
Selbstbewusstseins. »Du bist nun gross,« sagte er sich, »denn du gehst ja in die
Schule. Und wenn du jetzt die Wanderschaft antreten wolltest, kann niemand etwas
dagegen haben.« Und dann kam wieder die Angst über ihn. Der böse Bulle und die
tollen Hunde - man kann ja nicht wissen. Er beschloss, sich die Sache bis zum
nächsten Sonntage zu überlegen.
    Aber das »weisse Haus« liess ihm fortan keine Ruhe. Jedesmal, wenn er über die
Heide ging, fragte er sich, was denn eigentlich an jenem Wege Schlimmeres wäre
als an dem nach der Schule. Freilich, die Fahrstrasse - die lief durch einen
dunklen Fichtenwald, und in solchen Wäldern hausen allerhand Zwerge und Hexen,
auch Wölfe kommen nicht selten darin vor, wie die Geschichte vom Rotkäppchen
zeigt, aber wenn er quer über die Wiese ging, dann behielt er das Heimataus
stets in den Augen und konnte des Rückweges sicher sein.
    Der Gang erschien ihm wie eine Ehrenpflicht, die er jetzt, da er »gross« sei,
zu erfüllen habe, und wenn die Angst aufs neue in ihm erwachte, schalt er sich
einen Feigling. Dies Wort galt in der Schule als eine grosse Beschimpfung.
    Als der Sonntag kam, war er entschlossen, die Fahrt zu wagen. Er schlich
sich um den Zaun herum und lief, so rasch er laufen konnte, über die väterlichen
Wiesen in der Richtung nach dem »weissen Hause« zu.
    Dann kam ein Zaun, der mit leichter Mühe zu überklettern war, und dann ein
Stück fremden Heidelandes, auf dem er noch nie gewesen war. Aber auch hier gab
es nichts Gefährliches. Das Heidekraut glänzte im Sonnenschein, die welken
Katzenpfötchen knisterten zu seinen Füssen, ein warmer Wind strich ihm entgegen.
Er versuchte zu pfeifen, aber er musste noch immer die Luft einziehen, um einen
Ton zu erzeugen. Darüber schämte er sich, und ein kleinmütiges Gefühl
bemächtigte sich seiner.
    Dann kam ein sumpfiges Moor, das wiederum seinem Vater gehörte. Der sprach
oft davon. Er ging mit dem Gedanken um, Torf darin zu stechen, aber er wollte
die Sache nur im Grossen beginnen, und dazu fehlten ihm die nötigen Gelder.
    Paul sank bis an die Knöchel im Sumpfe ein, und jetzt erst kam er auf den
Gedanken, dass er die neuen Stiefel vielleicht beschmutzen würde. Er erschrak,
denn er erinnerte sich der Worte der Mutter: »Schone sie sehr, mein Junge, ich
habe sie von meinem Milchgelde abgespart.« Auch den schönen Samtrock trug er,
weil es eben Sonntag war. Er besah die glänzenden Seidenschnüre und war einen
Moment unschlüssig, ob er nicht lieber umkehren sollte, nicht des Samtrockes
wegen, nein, nur um die Mutter nicht zu betrüben.
    »Aber vielleicht komme ich doch heil hindurch,« so tröstete er sich und
begann weiter zu laufen. Der Boden wogte unter seinen Füssen, und bei jedem
Schritte ertönte ein quatschender Laut, wie wenn man den Schlegel aus dem
Butterfasse zieht.
    Dann kam er an ein schwarzes Brachwasser, an dessen Rande weisshaarige
Küchenschellen blühten und auf dem, wie Grünspan glitzernd, eine Lösung von
Eisen herumschwamm. Er ging ihm vorsichtig aus dem Wege, geriet zwar vollends in
den Morast, kam aber schliesslich doch wieder ins Trockene. Die Stiefel waren
zwar zuschanden, aber vielleicht liessen sie sich an der Pumpe heimlich
abwaschen.
    Er schritt weiter. Die Lust zum Pfeifen war ihm vergangen, und je grösser das
»weisse Haus« aus den Gebüschen in die Höhe stieg, desto beklommener wurde ihm
zumute. Schon konnte er eine Art von Wall unterscheiden, der die Bäume umgab,
und durch eine Lücke im Laubwerk sah er ein langes, niedriges Gebäude, das er
aus der Ferne nie bemerkt hatte. Dahinter noch eins, und in einer schwarzen
Höhle eine hohe Flamme, die hin und her züngelte. Das musste eine Schmiede sein -
aber sollte die selbst am Sonntage arbeiten?
    Eine unerklärliche Lust zu weinen ergriff ihn, und während er blindlings
weiterlief, stürzten ihm die Tränen aus den Augen.
    Plötzlich sah er einen breiten Graben vor sich, bis zum Rande mit Wasser
gefüllt. Er wusste wohl, dass er nicht hinüberkommen würde, aber der Trotz zwang
ihn, zum Sprunge auszuholen, und im nächsten Augenblick schlug das dicke,
schmutzige Wasser über ihn zusammen.
    Bis auf die Knochen durchnässt, mit einer Schicht von Morast und Algen
umgeben, kam er wieder ans Land zurück.
    Er versuchte die Kleider trocknen zu lassen, setzte sich auf den Rasen und
schaute nach dem »weissen Hause« hinüber. Er war ganz mutlos geworden, und als
ihn gar sehr zu frieren begann, ging er traurig und langsam nach Hause zurück.
 
                                       4
Der Sommer, der nun folgte, brachte dem Hause Meihöfers eitel Kummer und Not. -
Der frühere Besitzer hatte seine Hypotek gekündigt, und es war keine Aussicht
vorhanden, dass irgend jemand die nötige Summe leihen würde.
    Meihöfer fuhr wöchentlich wohl drei-, viermal in die Stadt und kam am späten
Abend betrunken nach Hause. Manchmal blieb er auch die Nacht über fort.
    Frau Elsbet sass derweilen aufrecht in ihrem Bette und starrte in die
Dunkelheit. Paul erwachte oft, wenn er ihr leises Schluchzen hörte. Dann lag er
eine Weile mäuschenstill, denn er mochte es nicht merken lassen, dass er wach
war, aber schliesslich fing auch er zu weinen an.
    Dann wurde wieder die Mutter still, und wenn er gar nicht aufhören wollte,
stand sie auf, küsste ihn und streichelte seine Wange, oder sie sagte: »Komm zu
mir, mein Junge.«
    Alsdann sprang er auf, schlüpfte in ihr Bett, und an ihrem Halse schlief er
wieder ein.
    Der Vater prügelte ihn oft. Er wusste selten, warum? aber er nahm die Schläge
hin, als etwas, das sich von selbst verstand.
    Eines Tages hörte er, wie der Vater die Mutter schalt.
    »Weine nicht, du Tränensack,« sagte er, »du bist bloss dazu da, um mir mein
Elend noch grösser zu machen.«
    »Aber Max,« antwortete sie leise, »willst du den Deinen verwehren, dein
Unglück mit dir zu tragen? Müssen wir nicht um so enger zusammenhalten, wenn es
uns schlecht geht?«
    Da wurde er weich, nannte sie sein braves Weib und belegte sich selber mit
bösen Schimpfnamen.
    Frau Elsbet suchte ihn zu beruhigen, bat ihn, Vertrauen zu ihr zu haben und
tapfer zu sein.
    »Ja, tapfer sein - tapfer sein!« schrie er, aufs neue in Ärger geratend,
»ihr Weiber habt klug reden, ihr sitzt zu Hause und breitet demütig die Schürze
aus, damit euch Glück oder Unglück in den Schoss falle, wie's der liebe Himmel
beschert; wir Männer aber müssen hinaus ins feindliche Leben, müssen kämpfen und
streben und uns mit allerhand Gesindel herumschlagen. - Geht mir mit euren
Mahnungen! Tapfer sein, ja, ja - tapfer sein!«
    Darauf schritt er dröhnenden Schrittes zum Zimmer hinaus und liess den Wagen
anspannen, um seine gewöhnliche Wanderfahrt anzutreten.
    Als er wiedergekommen war und seinen Rausch ausgeschlafen hatte, sagte er:
»So - jetzt ist auch die letzte Hoffnung dahin. Der verfl ... Jude, der mir das
Geld zu fünfundzwanzig Prozent vorschiessen wollte, erklärt, er wolle nichts mehr
mit mir zu tun haben. - Na, dann lässt er's bleiben ... Ich hust' auf ihn ... Und
zu Michaelis können wir richtig betteln gehn, denn diesmal bleibt uns nicht so
viel wie das Schwarze unterm Nagel. Aber das sag' ich dir - diesmal überleb' ich
den Schlag nicht - ein Kerl von Ehre muss auf sich halten, und wenn ihr mich
eines schönen Morgens oben am Sparren baumeln seht, dann wundert euch nicht.«
    Die Mutter stiess einen entsetzlichen Schrei aus und klammerte die Arme um
seinen Hals.
    »Na, na, na,« beruhigte er sie, »es war so schlimm nicht gemeint. Ihr Weiber
seid doch allzu klägliche Geschöpfe ... Ein blosses Wort schmeisst euch um!«
    Scheu trat die Mutter von ihm zurück, aber als er hinausgegangen war, setzte
sie sich ans Fenster und schaute ihm angstvoll nach, als ob er sich schon jetzt
ein Leids antun könnte.
    Von Zeit zu Zeit lief ein Schauern durch ihren Körper, als friere sie ...
    In der Nacht, die diesem Tage folgte, bemerkte Paul erwachend, wie sie aus
ihrem Bette aufstand, einen Unterrock überwarf und an das Fenster trat, von dem
aus man das »weisse Haus« sehen konnte. Es war heller Mondenschein - vielleicht
schaute sie wirklich hinüber. - Wohl zwei Stunden lang sass sie da - unverwandt
hinausstarrend. - Paul rührte sich nicht, und als sie mit Beginn der
Morgendämmerung vom Fenster zurückkam und an die Betten ihrer Kinder trat,
drückte er die Augen fest zu, um sich schlafend zu stellen. Sie küsste zuerst die
Zwillinge, die umschlungen nebeneinander ruhten, dann kam sie zu ihm, und wie
sie sich zu ihm herabbeugte, hörte er sie flüstern: »Gott, gib mir Kraft! Es muss
ja sein.« Da ahnte er, dass etwas Aussergewöhnliches sich vorbereitete.
    Als er am andern Nachmittag aus der Schule heimkehrte, sah er die Mutter in
Hut und Mantille, ihrem Sonntagsstaat, in der Laube sitzen. Ihre Wangen waren
noch bleicher als sonst, die Hände, die in dem Schosse lagen, zitterten.
    Sie schien auf ihn gewartet zu haben, denn als sie ihn nahen sah, atmete sie
erleichtert auf.
    »Willst du fortgehen, Mama?« fragte er verwundert.
    »Ja, mein Junge,« erwiderte sie, »und du sollst mit mir kommen.«
    »Ins Dorf, Mama?«
    »Nein, mein Junge - -« ihre Stimme bebte - »ins Dorf nicht - du musst dir die
Sonntagskleider anziehen - der Samtrock freilich ist verdorben - aber aus der
grauen Jacke hab' ich die Flecken ausgemacht - die geht noch - und die Stiefel
musst du dir wichsen - aber rasch.«
    »Wohin werden wir denn gehen, Mama?«
    Da schloss sie ihn in die Arme und sagte leise: »Ins weisse Haus!«
    Er fühlte, wie ein heisser Schreck ihn überrieselte; der Jubel, der aus dem
Herzen emporquellen wollte, erstickte ihn fast, er sprang auf den Schoss der
Mutter und küsste sie stürmisch.
    »Aber du musst niemandem etwas davon sagen,« flüsterte sie, »niemandem -
verstehst du?«
    Er nickte wichtig. Er war ja ein so kluger Mann. Er wusste, um was es sich
handelte.
    »Und nun zieh dich um - rasch!«
    Paul flog die Treppe zur Kleiderkammer empor - und plötzlich! - auf welcher
Stufe es war, ist ihm niemals klar geworden - ein langgezogener, schriller Ton
quoll aus seinem Munde; da war kein Zweifel mehr - er konnte pfeifen - er
probierte es zum zweiten-, zum drittenmal - es ging vorzüglich!
    Als er im vollsten Staate zur Mutter zurückkehrte, rief er ihr jubelnd
entgegen: »Mama, ich kann pfeifen« und wunderte sich, dass sie so wenig
Verständnis für seine Kunst an den Tag legte. Sie nestelte nur ein wenig seinen
Kragen zurecht und sagte dabei: »Ihr glücklichen Kinder!«
    Dann nahm sie ihn bei der Hand, und die Wanderschaft begann. Als sie den
dunklen Fichtenwald erreichten, in dem die Wölfe und die Kobolde hausten, war er
soeben mit den Studien zu »Kommt ein Vogel geflogen« fertig geworden, und als
sie wieder aufs freie Feld kamen, konnte er sicher sein, dass »Heil dir im
Siegerkranz« nichts mehr zu wünschen übrig liess.
    Die Mutter schaute mit trübem Lächeln auf ihn nieder, jeder schrille Ton
liess sie zusammenfahren, sie sagte aber nichts.
    Das »weisse Haus« stand nun ganz nah vor ihnen. Er dachte nicht mehr an die
neue Kunst. Das Schauen nahm ihn gänzlich gefangen.
    Zuerst kam eine hohe, rote Ziegelmauer mit einem Torweg darin, auf dessen
Pfosten zwei steinerne Knöpfe sassen, dann ein weiter, grasbewachsener Hofraum,
auf dem ganze Reihen von Wagen standen und den in einem ungeheuern Viereck
langgestreckte, graue Wirtschaftsgebäude umgaben. - In der Mitte lag eine Art
Sumpf, der von einer niedrigen Weissdornhecke umgeben war und in dem eine Schar
von schnatternden Enten sich herumsielte.
    »Und wo ist das weisse Haus, Mama?« fragte Paul, dem das alles gar nicht
gefiel.
    »Hinter dem Garten,« erwiderte die Mutter. Ihre Stimme hatte einen
eigentümlich heiseren Klang, und ihre Hand umklammerte die seine so fest, dass er
beinahe aufgeschrien hätte.
    Jetzt bogen sie um die Ecke des Gartenzauns, und vor Pauls Blicken lag ein
schlichtes, zweistöckiges Haus, das von Lindenbäumen dicht umschattet war und
das wenig oder gar nichts Merkwürdiges an sich hatte. Auch lange nicht so weiss
erschien es wie aus der Ferne.
    »Ist es das?« fragte Paul gedehnt.
    »Ja, das ist es!« erwiderte die Mutter.
    »Und wo sind die Glaskugeln? und die Sonnenuhr?« fragte er. Ihn wandelte
plötzlich eine Lust zum Weinen an. Er hatte sich alles tausendmal schöner
vorgestellt; wenn man ihn auch um die Glaskugeln und die Sonnenuhr betrogen
hätte - es wäre kein Wunder gewesen.
    In diesem Augenblick kamen zwei kohlschwarze Neufundländer mit dumpfem
Bellen auf sie zugestürzt. Er flüchtete sich hinter das Kleid der Mutter und
fing zu schreien an.
    »Dino! Nero!« rief eine feine Kinderstimme von der Haustür her, und die
beiden Unholde jagten, ein freudiges Geheul ausstossend, sofort auf die Richtung
der Stimme los.
    Ein kleines Mädchen, kleiner noch als Paul, in einem rosageblümten Röckchen,
um das eine Art schottischer Schärpe geschlungen war, erschien auf dem Vorplatz.
Sie hatte lange, goldgelbe Locken, die mit einem halbkreisförmigen Kamme aus der
Stirn zurückgestrichen waren, und ein feines, schmales Näschen, das sie etwas
hoch trug.
    »Wünschen Sie Mama zu sprechen?« fragte sie mit einer zarten, weichen Stimme
und lächelte dazu.
    »Heisst du Elsbet, mein Kind?« fragte die Mutter zurück.
    »Ja, ich heisse Elsbet.«
    Die Mutter machte eine Bewegung, wie um das fremde Kind in ihre Arme zu
schliessen, aber sie bezwang sich und sagte: »Willst du uns zu deiner Mutter
führen?«
    »Mama ist im Garten - sie trinkt eben Kaffee -,« sagte die Kleine wichtig -
»ich möchte Sie um den Giebel herumführen, denn wenn wir auf der Sonnenseite die
Stubentür aufmachen, kommen gleich so viel Fliegen herein.«
    Die Mutter lächelte. Paul wunderte sich, dass ihm das zu Hause noch niemals
eingefallen war.
    »Sie ist viel klüger als du,« dachte er.
    Nun traten sie in den Garten. Er war weit schöner und grösser als der auf
Mussainen, aber von der Sonnenuhr war nirgends etwas zu entdecken. Paul hatte
eine unbestimmte Vorstellung davon, wie von einem grossen goldenen Turme, auf dem
eine runde, funkelnde Sonnenscheibe das Zifferblatt bildete.
    »Wo ist denn die Sonnenuhr, Mama?« fragte er.
    »Die werd' ich dir hernach zeigen,« sagte das kleine Mädchen eifrig.
    Aus der Laube trat eine hohe, schlanke Dame mit einem blassen kränklichen
Gesicht, auf dem der Schimmer eines unsagbar milden Lächelns ruhte.
    Die Mutter stiess einen Schrei aus und warf sich laut aufweinend an ihre
Brust.
    »Gott sei Dank, dass ich Sie einmal bei mir habe,« sagte die fremde Dame und
küsste die Mutter auf Stirn und Wangen. »Glauben Sie, jetzt wird alles gut
werden, Sie werden mir sagen, was Sie drückt, und es müsste seltsam zugehen, wenn
ich nicht Rat wüsste.«
    Die Mutter wischte sich die Augen und lächelte.
    »O, es ist ja nur die Freude,« sagte sie, »ich fühle mich schon so frei, so
leicht, da ich in Ihrer Nähe bin - ich habe mich so sehr nach Ihnen gebangt.«
    »Und Sie konnten wirklich nicht kommen?«
    Die Mutter schüttelte traurig den Kopf.
    »Arme Frau!« sagte die Dame, und beide sahen sich mit einem langen Blick in
die Augen.
    »Und dies ist am Ende gar mein Patenkind?« rief die Dame, auf Paul
hinweisend, der sich an das Kleid der Mutter klammerte und dabei an seinem
Daumen sog.
    »Pfui, nimm den Finger aus dem Munde,« sagte die Mutter, und die schöne,
freundliche Frau hob ihn auf ihren Schoss, gab ihm einen Teelöffel voll Honig -
»als Vorschmack,« sagte sie - und fragte ihn nach den kleinen Geschwistern, nach
der Schule und allerhand sonstigen Sachen, auf die zu antworten gar nicht schwer
war, so dass er sich schliesslich auf ihrem Schosse beinahe behaglich fühlte.
    »Und was kannst du denn schon alles, du kleiner Mann?« fragte sie zu guter
Letzt.
    »Ich kann pfeifen!« erwiderte er stolz.
    Die freundliche Frau lachte ganz laut und sagte: »Nun, dann pfeif uns einmal
eins!«
    Er spitzte die Lippen und versuchte zu pfeifen, aber es ging nicht - er
hatte es wieder verlernt.
    Da lachten sie alle, die freundliche Frau, das kleine Mädchen und selbst die
Mutter; ihm aber stiegen vor Scham die Tränen in die Augen, er schlug mit Händen
und Füssen um sich, so dass die Dame ihn von ihrem Schoss gleiten liess, und die
Mutter sagte verweisend: »Du bist ungezogen, Paul!«
    Er aber ging hinter die Laube und weinte, bis das kleine Mädchen an ihn
herantrat und zu ihm sagte: »Ach geh, das musst du nicht tun. - Unartige Kinder
mag der liebe Gott nicht leiden.« Da schämte er sich wieder und rieb sich die
Augen mit den Händen trocken.
    »Und jetzt will ich dir auch die Sonnenuhr zeigen,« fuhr das Kind fort.
    »Ach ja, und die Glaskugeln,« sagte er.
    »Die sind schon lange zerbrochen,« erwiderte sie, »in die eine ist mir im
vorigen Frühling ein Stein hineingeflogen, und die andere hat der Sturm
'runtergeschmissen.« Und dann zeigte sie ihm die Plätze, auf denen sie gestanden
hatten.
    »Und dies ist die Sonnenuhr,« fuhr sie fort.
    »Wo?« fragte er, sich erstaunt umsehend. Sie standen vor einem grauen,
unscheinbaren Pfahl, auf dem eine Art von Holztafel angebracht war. Das Kind
lachte und sagte, das wäre sie ja.
    »Ach, pfui doch!« erwiderte er unwillig, »du machst mich zum Narren.«
    »Warum soll ich dich zum Narren machen?« fragte sie, »du hast mir ja nichts
zuleide getan.« Und dann behauptete sie noch einmal, das wäre die Sonnenuhr und
nichts anderes; und sie wies ihm auch den Zeiger, ein armseliges, verrostetes
Stück Blech, das aus der Mitte der Tafel hervorragte und seinen Schatten gerade
auf die Zahl sechs warf, die mit anderen zusammen darauf angebracht war.
    »Ach, das ist zu dumm,« sagte er und wandte sich ab.
    Die Sonnenuhr im Garten des »weissen Hauses« war die erste grosse Enttäuschung
seines Lebens. - - -
    Als er mit seiner neuen Freundin zur Laube zurückkehrte, traf er dort noch
einen grossen, breitschultrigen Herrn mit zwei mächtigen Bartzipfeln, der einen
graugrünen Jägerrock trug und aus dessen Augen Funken zu sprühen schienen.
    »Wer ist das?« fragte Paul, sich furchtsam hinter seiner Freundin
verbergend.
    Sie lachte und sagte: »Das ist mein Papa; du, vor dem brauchst du keine
Angst zu haben.«
    Und sie sprang hell aufjubelnd dem fremden Manne auf den Schoss.
    Da dachte er bei sich, ob er wohl jemals wagen würde, seinem Papa auf den
Schoss zu springen, und schloss daraus, dass nicht alle Väter sich glichen. Der
Mann im Jägerrock aber streichelte sein Kind, küsste es auf beide Wangen und liess
es auf seinen Knien reiten.
    »Sieh - Elsbet hat einen Gespielen bekommen,« sagte die fremde, freundliche
Dame, und wies nach Paul hinüber, der, im Laubwerk verborgen, scheu in die Laube
hineinschielte.
    »Immer 'ran, mein Junge!« rief der Mann fröhlich und schnalzte mit den
Fingern.
    »Komm - hier auf dem anderen ist noch Platz für dich,« rief das Kind, und
als er mit einem fragenden Blick nach der Mutter sich furchtsam näher schlich,
ergriff ihn der fremde Mann, setzte ihn auf das andere Knie, und dann gab's ein
keckes Wettreiten.
    Er hatte nun alle Furcht verloren, und als frischgebackene Plinsen auf den
Tisch gesetzt wurden, hieb er wacker ein.
    Die Mutter streichelte sein Haar und hiess ihn sich nicht den Magen
verderben. Sie sprach sehr leise und sah immer vor sich nieder auf die Erde. Und
dann durften die beiden Kinder in die Sträucher gehen und sich Stachelbeeren
pflücken.
    »Heisst du wirklich Elsbet?« fragte er seine Freundin, und als diese
bejahte, sprach er seine Verwunderung aus, dass sie denselben Namen habe wie
seine Mutter.
    »Ich bin doch nach ihr getauft,« sagte das Kind, »sie ist ja meine Patin.«
    »Warum hat sie dich denn nicht geküsst?« fragte er.
    »Ich weiss nicht,« sagte Elsbet traurig, »vielleicht mag sie mich nicht.«
    Aber, dass sie den Mut nicht gehabt hatte, daran dachte keines von beiden. -
- -
    Es fing schon an, dunkel zu werden, als die Kinder zurückgerufen wurden.
    »Wir müssen nach Hause,« sagte die Mutter.
    Er wurde sehr betrübt, denn jetzt fing es ihm gerade zu gefallen an.
    Die Mutter rückte ihm den Kragen zurecht und sagte: »So, nun küss die Hand
und bedank dich.«
    Er tat, wie ihm befohlen, die freundliche Frau küsste ihn auf die Stirne, und
der Mann im Jägerrock hob ihn hoch in die Luft, so dass er glaubte, er könne
fliegen.
    Und nun nahm die Mutter Elsbet in den Arm, küsste sie mehrere Male auf Mund
und Wangen und sagte: »Möge der Himmel einst an dir vergelten, mein Kind, was
deine Eltern an deiner Patin getan haben.«
    Eine schwere Last schien von ihrer Seele abgewälzt; sie atmete freier, und
ihr Auge leuchtete.
    Elsbet und ihre Eltern begleiteten sie beide bis an das Hoftor; als die
Mutter dort noch einmal Abschied nahm und dabei allerhand von Vergeltung und
himmlischem Segen stammelte, fiel ihr der Mann lachend ins Wort und sagte, die
Geschichte wäre nicht der Rede wert, und es lohnte sich nicht der Mühe des
Dankes.
    Und die freundliche Frau küsste sie herzlich und bat sie, recht bald
wiederzukommen oder wenigstens die Kinder zu schicken.
    Die Mutter lächelte wehmütig und schwieg.
    Elsbet durfte noch ein paar Schritt weiter mitkommen, dann verabschiedete
sie sich mit einem Knickse.
    Paul wurde es schwer ums Herz, er fühlte, dass er ihr noch etwas zu sagen
habe, daher lief er ihr nach, und als er sie eingeholt hatte, raunte er ihr ins
Ohr: »Du - und ich kann doch pfeifen.« - - -
    Als Mutter und Sohn den Wald betraten, brach die Nacht gerade herein. Es war
pechrabenschwarz ringsum, aber er fürchtete sich nicht im mindesten. Wäre jetzt
ein Wolf des Weges gekommen, er würde ihm schon gezeigt haben, was 'ne Harke
ist.
    Die Mutter sprach kein Wort; die Hand, die die seine umklammert hielt,
brannte, und der Atem kam laut, wie ein Seufzer, aus ihrer Brust.
    Und als sie beide auf die Heide hinaustraten, stieg der Mond bleich und gross
am Horizont empor. Ein bläulicher Schleier lag über der Ferne. Tymian und
Wacholder dufteten. Hie und da zirpte ein Vögelchen am Boden.
    Die Mutter setzte sich auf den Grabenrand und schaute nach dem traurigen
Heimwesen hinüber, dem all ihre Sorge galt. Dunkel ragten die Umrisse der
Gebäude in den Nachtimmel empor. Aus der Küche schimmerte einsam ein Licht.
    Plötzlich breitete sie die Arme aus und rief in die stille Heide hinein:
»Ach, ich bin glücklich!«
    Paul schmiegte sich fast ängstlich an ihre Seite, denn nimmer noch hatte er
einen ähnlichen Ruf von ihr vernommen. Er war so sehr an ihre Tränen und ihren
Kummer gewöhnt, dass ihm dieser Jubel ganz unheimlich erschien.
    Und dabei fiel ihm ein: Was wird der Vater sagen, wenn er von diesem Gang
erfährt? Wird er die Mutter nicht schelten und böse mit ihr sein, mehr noch als
sonst? Ein dumpfer Trotz bemächtigte sich seiner, er biss die Zähne zusammen,
dann streichelte er tröstend der Mutter Hände und küsste sie und murmelte: »Er
darf dir nichts tun!«
    »Wer?« fragte sie zusammenschauernd.
    »Der Vater,« sagte er leise und zögernd.
    Sie seufzte tief auf, erwiderte aber nichts, und schweigend und kummervoll
gingen sie weiter.
    Die graue Frau war über ihren Weg gehuscht und hatte den Augenblick der
Freude verdorben. Und es war der einzige, den das Schicksal Frau Elsbet noch
schenkte ...
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Am andern Tage gab es eine böse Stunde zwischen ihr und ihrem Gatten. Er
schalt sie ehr- und pflichtvergessen. Sie hätte durch ihr Betteln zur Armut auch
noch die Schande gefügt.
    Aber das Geld nahm er.
 
                                       5
Die Jahre vergingen. Paul wurde ein stiller, anspruchsloser Knabe mit
schüchternem Blick und schwerfälligem Gebaren.
    Er war meistens allein für sich, und dieweil er auf die Zwillinge acht gab,
konnte er stundenlang mit irgendeiner Holzschnitzerei beschäftigt dasitzen, ohne
einen Laut von sich zu geben. Er war, was man in seiner Heimat »kniwlig« nennt,
ein für das Kleine beanlagter, peinlich sorgsamer, still in sich
hineingrübelnder Geist.
    Mit keinem seiner Altersgenossen hatte er Umgang, selbst in der Schule
nicht. Nicht, dass er sie absichtlich gemieden hätte, im Gegenteil, er half ihnen
gern, und mehr wie einer pflegte morgens vor dem Gebete die Rechnungen oder den
deutschen Aufsatz von ihm abzuschreiben, aber ihre Interessen waren nicht die
seinen, und darum konnte er sich nicht mit ihnen befreunden.
    Auch Prügel erntete er in Fülle. Da waren insbesondere die Brüder Erdmann,
zwei kecke, wildäugige Burschen, als die Stärksten und Mutigsten geliebt und
gefürchtet, von denen er viel zu leiden hatte. Sie waren unerschöpflich im
Ersinnen neuer Streiche, die ihm das Leben verbitterten. Sie warfen seine
Schulhefte auf den Ofen, stopften ihm Sand in den Tornister und liessen seine
Mütze mit einem als Mast hineingesteckten Stocke wie eine Barke den Fluss
hinabschwimmen. Die meiste Unbill ertrug er geduldig, nur ein- oder zweimal
überfiel ihn eine blinde Wut. Da biss und kratzte er um sich wie ein Toller, so
dass selbst seine weit stärkeren Genossen sich wohlweislich aus dem Staube
machten. Das erstemal hatte einer der Jungen seinen Vater einen »Saufaus«
genannt, und das anderemal wollte man ihn zusammen mit einem kleinen Mädchen in
einen dunklen Kuhstall sperren.
    Hinterher schämte er sich und kam aus freien Stücken abbitten. Da lachte man
ihn erst recht aus, und der kaum errungene Respekt war aufs neue verloren.
    Das Lernen ging ihm sehr schwer von statten. Das Pensum, zu welchem die
Kameraden kaum fünfzehn Minuten gebrauchten, brachte er erst in ein bis zwei
Stunden fertig. Dafür war seine Handschrift auch wie gestochen, und in seinen
Rechnungen fand sich nie und nimmer ein Fehler.
    Dennoch war keine Arbeit ihm gut genug, und gar oft überraschte ihn seine
Mutter, wie er nachts heimlich aufstand, weil er fürchtete, das
Auswendiggelernte wäre seinem Gedächtnis entfallen.
    Dass er gleich den Brüdern eine höhere Schule besuchen würde, daran war nicht
zu denken. Die Mutter hegte wohl eine Zeitlang den Plan, ihn den Älteren folgen
zu lassen, sobald diese ihre Abiturientenexamen gemacht haben würden, denn es
tat ihrem Mutterherzen weh, dass dieser eine den anderen nachstehen sollte, aber
schliesslich fügte sie sich. Und es war wohl auch am besten so. - Paul selber
hatte es nie anders erwartet. Er hielt sich für ein durchaus untergeordnetes
Wesen den Brüdern gegenüber und hatte es schon längst aufgegeben, ihnen jemals
zu gleichen. Wenn sie zu den Ferien heimkamen, Samtmützen auf den wallenden
Haaren, bunte Bänder quer über die Brust gespannt - denn sie gehörten einer
verbotenen Schülerverbindung an - so schaute er zu ihnen empor wie zu Wesen aus
höheren Welten. Begierig lauschte er, wenn sie untereinander über Sallust und
Cicero und die Dramen des Äschylus zu sprechen begannen - und sie sprachen gern
davon, schon allein, um ihm zu imponieren. Der Gegenstand seiner allerhöchsten
Bewunderung aber war das dicke Buch, auf dessen vorderster Seite das Wort
»Logaritmentafel« geschrieben stand und das von der ersten bis zur letzten
Seite nichts entielt als Zahlen. Zahlen in langen, dichten Reihen, bei deren
Anschauen ihm schon schwindlig wurde. Wie gelehrt muss der sein, der das alles im
Kopfe hat? sagte er zu sich, den Deckel des Buches streichelnd, denn er dachte
nicht anders, als dass man alle diese Zahlen auswendig lernte.
    Die Brüder waren ungemein freundlich und herablassend zu ihm; wenn sie in
der Wirtschaft irgendwelche Wünsche hatten, wenn sie ein gesatteltes Pferd oder
ein extra starkes Glas Grog begehrten, so wandten sie sich vertrauensvoll an
ihn, und er fühlte sich hochgeehrt, ihnen Hilfe leisten zu dürfen.
    In der Wirtschaft wusste er ja Bescheid, wie wenn er der Hausherr selber
gewesen wäre; an ihr hing all sein Streben und Bangen.
    Was war es gewesen, das ihn so frühzeitig hatte reifen lassen? Ob die
Hilfsbedürftigkeit der einsamen Mutter, die ihn so bald in all ihre Kümmernisse
eingeweiht hatte? Ob der grübelnde, strebende, in die Zukunft hinausschauende
Geist, der ihm eigen war?
    Gar oft, wenn er sinnend dasass, die Ellbogen auf den Tisch gestützt - auch
in seinen Gebärden war er wie ein Erwachsener - strich die Mutter ihm mit ihrer
harten, ausgearbeiteten Hand über Stirn und Wangen und sagte: »Mach ein
freundliches Gesicht, mein Junge - sei froh, dass du noch keine Sorgen hast!«
    O, er hatte deren genug! Die Sorgen gehörten zu ihm wie sein Fleisch und
Blut! - Ob das Huhn, das heute abhanden gekommen, sich morgen wiederfinden, wie
dem Falben die Spatsalbe bekommen werde, die der Vater gestern aus der Stadt
mitgebracht hatte? Ob das Heu auch schon trocken genug gewesen sei, ehe es
umgewendet wurde, und wie die Stare unter dem Dachfirst ihre Jungen grossziehen
würden, ohne dass die Katze dazu käme?
    Über alles machte er sich Gedanken. Das Sorgen war ihm angeboren, nur für
sich selber sorgte er nie.
    Je älter und verständiger er wurde, desto tiefer wurde auch sein Einblick in
die Misswirtschaft, die sein Vater hatte einreissen lassen, und wiederum rang sich
gar oft der Seufzer aus seiner Brust: »O, wär' ich erst gross!« Die Furcht vor
des Vaters Zornausbrüchen liess, wie natürlich, seine Bedenken nicht laut werden,
und wenn er jemals wagte, sie der Mutter gegenüber auszusprechen, so schaute sie
sich mit verängstigten Augen im Zimmer um und rief beklommen: »Schweig still!«
    Und dennoch merkte der Vater gar wohl, wohin der Sinn seines Sohnes
gerichtet war. Er hatte ihm den Spitznamen »Topfgucker« gegeben und foppte ihn
damit, sobald er ihn zu Gesicht bekam. In seinen guten Stunden, wie sich von
selber versteht: in seinen bösen - prügelte er ihn, mit der Elle, mit dem
Peitschenstiel, mit dem Geschirrriemen - was er gerade in die Hand bekam. Am
meisten Furcht aber hatte Paul vor dieser Hand selber, deren Schläge weher taten
als alle Stöcke der Welt. Der Vater hatte eine eigentümliche Manier zu
ohrfeigen. Er schlenkerte die Hand ins Gesicht mit den Knebeln nach aussen, so
dass Nägel und Gelenke blutunterlaufene Male auf den Wangen zurückliessen. Diese
Art Ohrfeigen nannte er seine »Backentröster,« und wenn er die Absicht hatte,
Paul zu prügeln, so rief er ihm in freundlichstem Tone entgegen: »Komm her, mein
Sohn, ich will dich trösten.«
    Hatte dieser seine Schläge empfangen, so pflegte er zitternd vor Scham und
Schmerz auf die Heide hinaus zu laufen, und während er, um die Tränen zu
verbeissen, Gesichter schnitt und mit den Fäusten trommelte, pfiff er sich eins.
    Im Pfeifen tat er, wie all seine Sehnsucht, sein kindliches Träumen, auch
seinen Zorn, seine Entrüstung kund. Die Empfindungen, für die sein ungelenker
Geist keinen Ausdruck fand, für die ihm Worte, selbst Gedanken fehlten, die liess
er im Pfeifen kühn und unaufhaltsam in die Einsamkeit hinausströmen. So wusste
seine gedrückte, schüchterne Seele sich Luft zu machen. Ganze Symphonien führte
er auf - schrill und schreiend zum Beginn, sanfter und sanfter werdend und
endlich dahinschmelzend in Wehmut und Entsagung.
    Niemand ahnte, welche Kunst er einsam pflegte und wieviel Trost und Erhebung
er ihr zu danken hatte, selbst die Mutter nicht. Seit er sie einmal an einem
Winterabend, als er, ohne ihrer zu achten, leise vor sich hinpfiff, hatte in
Tränen ausbrechen sehen, seitdem unterliess er es, sobald sie in der Nähe war. Er
glaubte, es täte ihr wehe; welche Macht ihm in diesen Tönen gegeben war, davon
ahnte er nichts.
    Nur stolz war er bisweilen, wenn er nach dem »weissen Hause« hinüberschaute,
dass er das Pfeifen doch noch gelernt habe, und wenn ihm irgendeine Phantasie
insbesondere gelungen schien, so dachte er bei sich: »Wer weiss, ob ihr mich
auslachtet, wenn ihr das hören würdet!«
    Aber nie wieder war er einem von ihnen begegnet.
 
                                       6
Seit einiger Zeit trug sich Herr Meihöfer mit grossen Plänen. Er hatte entdeckt,
dass das Torfmoor, welches das Heidegehöft in weitem Bogen umspannte, einen
sicheren Verdienst zu geben imstande war. Schon zwei- oder dreimal, wenn ihm das
Messer an der Kehle gesessen, hatte er als äussersten Notbehelf Torf stechen
lassen und je fünf einspännige Fuhren nach der Stadt geschickt. Heimlich, ganz
heimlich - denn er war zu stolz, um für einen »ganz gewöhnlichen Torfbauern«
gehalten zu werden. Seine Leute hatten dann jedesmal zwanzig bis fünfundzwanzig
Mark Barerlös heimgebracht und erzählt, dass noch weit mehr auf diese Art zu
gewinnen wäre, weil schwarzer, fester Torf auf dem Markte ein sehr begehrter
Artikel sei.
    Doch Meihöfer war nicht zu bewegen, das Moor in dieser Weise auszunutzen.
»Ich hab' mich nie mit Kleinigkeiten abgegeben,« sagte er, »ich will lieber im
Grossen zu Grunde gehen als im Kleinen gewinnen« - und dabei warf er sich in die
Brust wie ein Held.
    Aber das Moor liess ihm keine Ruhe. - Es war im September nach einer
ausnahmsweise günstigen Ernte, als Löb Levy, der gefällige Freund aller
verschuldeten Gutsbesitzer, wöchentlich zwei-, dreimal auf dem Hofe erschien und
viel mit dem Herrn zu unterhandeln hatte. Frau Elsbet zitterte vor Angst,
sobald der Jude in seinem schmierigen Kaftan vor dem Hoftor auftauchte; sie
setzte sich ans Fenster und folgte unablässig allen Bewegungen der
Unterhandelnden. Wenn sie ihren Mann ein nachdenkliches Gesicht machen sah, lief
es ihr eiskalt den Nacken hinunter, und erst, wenn er wieder lächelte, wagte
auch sie erleichtert aufzuatmen.
    Ihr ahnte nichts Gutes, doch traute sie sich nicht, ihren Gatten nach der
Art von Geschäften zu fragen, die er mit dem Halsabschneider abzuwickeln hatte.
    Sie sollte alsbald im klaren sein. Eines Nachmittags bemerkte Paul, wie auf
dem Wege von der Stadt ein seltsames Gefährt dahergehumpelt kam, das in der
Ferne aussah wie ein ungeheurer schwarzer Waschkessel auf Rädern. Etwas, das ein
Schornstein schien, ragte darüber hinaus und neigte sich, wie ein höflich
grüssender Mann, nach rechts und nach links, wenn die Räder auf dem ungleichen
Boden schwankten.
    Er starrte das Wunder eine Weile an und lief dann zur Mutter, die er eiligst
am Rockschoss vor die Türe zog.
    Sie legte die Hand über die Augen und spähte auf den Weg hinaus.
    »Das ist eine Lokomobile,« sagte sie dann.
    Paul war nun so klug wie zuvor. »Was ist das - Lokomobile?« fragte er.
    »Das ist eine Dampfmaschine, die überall hingefahren werden kann und die die
grossen Gutsbesitzer brauchen, um ihre Dreschmaschinen zu treiben - auch eggen
und pflügen kann man damit, denn so ein Ding hat mehr Kraft als zehn Pferde.«
    »Aber warum lässt es sich dann von Pferden ziehen?« fragte er.
    »Weil es sich selber nirgends hinbewegen kann,« war die Antwort.
    Das verstand er nicht; »jedenfalls aber,« dachte er, »muss es ein grosses
Glück sein, solch ein Ding mit dem fremden Namen zu besitzen - und wenn wir
einmal reich sein werden -«
    In diesem Augenblick kam der Vater in grosser Aufregung aus dem Hause
gestürzt; er trug auf dem einen Fuss einen Schlafschuh, auf dem andern einen
Stiefel und hatte die Halsbinde im Nacken sitzen.
    »Sie kommen, sie kommen!« rief er, die Hände zusammenschlagend, und dann
umfasste er die Mutter und tanzte mit ihr mitten auf der Landstrasse herum.
    Sie sah ihn mit einem grossen, verängstigten Blick an, als wollte sie sagen:
»Welch neue Torheit hast du angerichtet?« Er aber wollte sie nicht loslassen,
und erst als die Zwillinge in ihren rosa Waschkleidchen und dunklen
Zwickelzöpfchen aus dem Garten dahergesprungen kamen, machte er sich an diese,
nahm sie auf seine Arme, liess sie auf seinen Schultern tanzen und wollte sie
über den Graben werfen, so dass die Mutter seinem tollen Treiben nur mit
flehentlichen Bitten Einhalt tun konnte.
    »So, ihr Gesindel,« rief er, »jetzt jubelt und tanzt, jetzt hat alle Not ein
Ende - nächsten Frühling messen wir das Geld mit Dreischeffelsäcken.«
    Die Mutter sah ihn von der Seite an, sagte aber nichts.
    Das Ungetüm kam näher und näher. Paul stand regungslos da, in Schauen
versunken. Dann guckte er zur Mutter empor, die ein gar sorgenschweres Gesicht
machte, und eine ungewisse Furcht wandelte ihn an, als ob jetzt der Teufel ins
Haus gezogen käme, aber dann erinnerte er sich, wie nun sein Wunsch von vorhin
in Erfüllung ginge, und er beschloss, dem schwarzen Gaste mit Vertrauen
entgegenzukommen.
    Inzwischen waren auch die Knechte und die Mägde aus dem Stalle und der Küche
herzugeeilt. Die ganze Bewohnerschaft des Heidegehöfts stand längs dem Zaune
aufgereiht und schaute dem nahenden Wunder entgegen.
    »Aber sag, was willst du damit?« fragte Frau Elsbet endlich ihren Gatten.
    Dieser mass sie mit einem mitleidigen Blick, dann lachte er kurz auf und
rief: »Spazieren fahren.«
    Frau Elsbet fragte nicht weiter. Zu dem Grossknechte gewandt, legte ihr Mann
nun seine Pläne dar; er werde das Torfstechen jetzt im grossen beginnen, auch
eine Schneide- und Pressmaschine seien schon unterwegs, und morgen in der Frühe
könne die Arbeit losgehen. Dann gab er ihm den Auftrag, sich nach dem Dorfe zu
begeben und die nötigen Arbeitskräfte anzuwerben. Zehn Mann würden für den
Anfang genügen, aber er hoffte, es alsbald auf zwanzig und dreissig zu bringen.
    Frau Elsbet schüttelte stumm den Kopf und ging ins Haus - gerade, als die
Lokomobile vor dem Hoftor ankam. - Paul konnte nicht satt werden, zu schauen und
zu bewundern. Hinter den gelben Schrauben und Kurbeln schien eine Welt von
Geheimnissen zu liegen, die Feuerung mit dem Rost und dem Aschenkasten darunter
schien wie der Eingang zu jenen feurigen Ofen, in dem die bekannten drei Männer
einst ihren Lobgesang angestimmt hatten - und nun der Schornstein erst, drohend
emporgerichtet, mit seinem Kranze von Kienruss und dem Schlunde, der ins
Schwarze, Bodenlose hinabzuführen schien - -!
    Paul achtete nicht auf das kleine Korbwägelchen, das hinter dem Ungetüm
daherrollte und in dem Löb Levy sass mit seinem rotblonden Zottelbart und seinen
lustig zwinkernden Äuglein - er achtete nicht auf das Schreien der Fuhrleute und
den Jubel der beiden kleinen Schwestern, die wie besessen rings um die Räder
tanzten. Starr vor Staunen stand er da, als begriffe er noch immer nicht, was um
ihn vorging.
    Als er später ins grosse Zimmer trat, fand er die Mutter in eine Sofaecke
gedrückt - weinend.
    Er schlang die Arme um ihren Hals; sie aber wehrte ihn sanft von sich ab und
sagte: »Geh nach den Kleinen sehen, dass sie nicht unter die Räder kommen.«
    »Aber warum weinst du, Mama?«
    »Du wirst schon sehen, mein Junge,« sagte sie, sein Haar streichelnd, »Löb
Levy ist dabei - du wirst schon sehen.«
    Da ward er ganz ärgerlich auf seine Mutter; wo alle sich freuten, warum
musste sie da im Winkel sitzen und weinen? Aber nun war auch ihm die Freude
abhanden gekommen, und als er Löb Levy in seinem langen schwarzen Hackenwärmer
über den Hof schlenkern sah, hätte er am liebsten dem Karo einen Wink nach
seinen Waden hin zukommen lassen.
    Die Zwillinge waren ganz von Sinnen vor Freude. Sie nahmen eine Leine und
tollten mit Hott und Hü durch den Garten. Die eine war die Lokomobile und die
andere das Pferd, aber jede wollte Lokomobile sein, denn dann bekam sie Vaters
schwarzen Hut aufgesetzt - als Schornstein.
    Vor dem Schlafengehen hatten sie dem neuen Untier auch schon einen Namen
gegeben.
    Sie behaupteten, es gliche der dicken Dienstmagd mit dem langen Halse, die
vor kurzem wegen ihrer Unsauberkeit entlassen worden war, und nannten es nach
ihr »die schwarze Suse«.
    Diesen Namen behielt die Lokomobile im Meihöferschen Hause für alle Zeiten.
    Am andern Morgen ging das Hallo von neuem los. Die zehn angeworbenen
Arbeiter standen auf dem Hofe und wussten nicht, was sie tun sollten. Meihöfer
wollte die Maschine heizen lassen, aber Löb Levy, der in der Scheune übernachtet
hatte, um morgens sogleich zur Hand zu sein, erklärte, er wünsche vorerst den
Kaufpreis in Empfang zu nehmen, wie es im Kontrakte abgemacht wäre, denn das
Getreide müsse mittags bereits in der Stadt abgeliefert werden.
    »Welches Getreide?« fragte die Mutter erbleichend.
    Ja, es liess sich nicht mehr verleugnen. Meihöfer hatte fast die ganze Ernte,
das gedroschene Korn wie das noch auszudreschende, dem Juden für die alte,
abgebrauchte Dampfmaschine verkauft. Triumphierend fuhr dieser mit den schönen
prallen Säcken von dannen. Und dies galt nur als Abschlagzahlung, gegen
Weihnachten wollte er den Rest abholen kommen.
    Für einen Moment mochte selbst den leichtsinnigen Meihöfer eine Regung der
Mutlosigkeit anwandeln, als er die hoch aufgetürmten Fuhren hinter dem Walde
verschwinden sah, aber im nächsten steckte er trotzig die Hände in die
Hosentaschen und befahl, die Maschine ohne Verzug in Bereitschaft zu setzen.
    Mit dem Ungetüm zu gleicher Zeit war ein Mann in blauer Bluse und mit einer
Schnapsnase auf den Hof gekommen, der sich »Heizer« nannte und der sich dadurch
auszeichnete, dass er unaufhörlich Zwiebeln ass. Das sei gut für den Magen, sagte
er. Dieser Mann erschien sich als der Held des Tages. Er stand breitbeinig neben
der Maschine, nannte sie sein Pflegekind und streichelte mit seiner
grauschwarzen, knotigen Hand die rostigen Eisenwände. Das klang, als ob zwei
Reibeisen übereinander fahren. Jeden, der herzukam, erklärte er mit einem grossen
Aufwande von Fremdwörtern die innere Einrichtung der »Luckmanbile,« wie er sein
Pflegekind nannte, nur musste man ihm zu trinken geben, sonst schimpfte er.
Erhielt er jedoch den Branntwein, den er sich wünschte, so wurde er gerührt und
behauptete, er liesse sich lieber Hände und Füsse abhacken, als dass er sich jemals
von seinem Pflegekinde trennte. Er habe es liebgewonnen wie sein eigen Fleisch
und Blut und halte es tausendmal höher als alle Menschen auf der Welt.
    Meihöfer ging stolz um ihn herum, denn auch diese Perle war ja nun sein
Eigentum, und er erklärte einmal über das andere, hier sähe man, was deutsche
Treue bedeute.
    Als es aber ans Heizen gehen sollte, war der vielgetreue Mann nirgends zu
finden. Endlich entdeckte man ihn auf dem Heuschober - schlafend. Als man ihn
weckte, nannte er dies Verfahren eine Menschenschinderei und liess sich nur mit
Mühe bewegen, aus seinem Winkel hervorzukommen.
    Das Anheizen der Maschine war ein neues Fest. Paul stand vor der Feuerung
und starrte träumenden Auges in den glühenden Schlund, der sich gähnend
aufsperrte, als wollte er alles Lebendige verschlingen. Er gedachte des alten
heidnischen Götzen Moloch, von dem er aus der biblischen Geschichte wusste, und
glaubte jeden Augenblick ein paar rotglühende Arme sich ausstrecken zu sehen. -
Und dann erhob sich in dem Innern des Ungetüms ein geheimnisvolles Singen, bald
dumpf wie fernes Waldesbrausen, bald fein und hoch wie leise Engelsstimmen. In
den Ventilen begann es zu zischen - Dampfstrahlen fuhren empor - die eiserne
Schaufel klirrte, und rasselnd sanken neue Kohlenhaufen in die Glut. Es war ein
Lärm ringsum, dass man sein eigen Wort nicht verstehen konnte. Der Heizer mit der
roten Nase stand da wie ein König, trank aus einer schmalbauchigen Flasche und
hantierte von Zeit zu Zeit an den Ventilen herum, ein lautes, befehlshaberisches
Geschrei ausstossend wie ein Tierbändiger. Und dann begann sich das grosse Rad zu
drehen - surr, surr, surr - immer rascher, immer rascher. Einem wurde schwindlig
vom blossen Hinsehen - und dann gab es einen Knack - ein Klirren, ein Pfauchen -
das grosse Rad stand still - für immer.
    Anfangs freilich tat der Heizer sehr gross und meinte, in einer halben Stunde
werde der Schaden vollkommen repariert sein, als Meihöfer aber nach zweitägiger
Arbeit in ihn drang, endlich einmal mit dem Ausbessern ein Ende zu machen, da
wurde er grob und erklärte, an diesem alten Gerümpel sei überhaupt nichts
auszubessern, das wäre gerade gut genug, an den Trödler als Alteisen verkauft zu
werden.
    »Pflegekind?« Er bedankte sich für solch ein Pflegekind. Er sei denn doch zu
gut dazu, solch einen Rostaufen zu pflegen. Und dabei kam es heraus: - Löb Levy
hatte ihn vor drei Tagen in einer Spelunke aufgelesen und ihn gefragt, ob er für
eine Woche wie der Herrgott in Frankreich leben wolle; länger werde der Scherz
wohl nicht dauern. Und nur auf diese Zusicherung hin sei er mitgegangen, denn
länger wie acht Tage an einem Platze sitzen, das widerstreite seinen Prinzipien.
    Darauf wurde er vom Hofe gejagt.
    Am andern Tage liess Meihöfer den Schlosser aus dem Dorfe holen, damit er
sich den Schaden besehe. Dieser arbeitete abermals ein paar Tage an der Maschine
herum, ass und trank für dreie und erklärte schliesslich, wenn sie jetzt nicht
gehen wolle, hätte der Teufel die Hand im Spiel. - Das Anheizen wurde
wiederholt, aber die »schwarze Suse« war nicht mehr zum Leben zu erwecken.
    Als gegen Weihnachten Löb Levy auf dem Hof erschien, um den Rest des
Getreides abzuholen, prügelte ihn Meihöfer mit seinem eigenen Peitschenstiel
durch. Der Jude schrie Gewalt und fuhr schleunigst wieder von dannen. Aber
alsbald erschien ein Gerichtsbote mit einem grossen, rotversiegelten Briefe.
    Meihöfer fluchte und trank mehr denn je, und das Ende vom Liede war, dass er
zur Zahlung sämtlicher Kosten und eines Schmerzensgeldes verurteilt wurde. Nur
mit knapper Not glitt er an einer Gefängnisstrafe vorbei.
    Seit diesem Tage wollte er die »schwarze Suse« nicht mehr vor Augen sehen.
Sie wurde in den hintersten Schuppen gebracht und stand dort in Verborgenheit
manches Jahr hindurch, ohne dass eines Menschen Blick auf sie fiel.
    Nur Paul nahm von Zeit zu Zeit heimlich den Schlüssel des Schuppens und
schlich zu dem schwarzen Ungetüm hinein, das ihm lieber und lieber wurde und ihm
schliesslich wie eine stumme, arg verkannte Freundin erschien. Dann betastete er
die Schrauben und die Ventile, kletterte längs dem Schornstein in die Höhe und
setzte sich rittlings auf den Kessel - oder er hängte sich an das grosse Triebrad
und versuchte es durch seiner Arme Kraft in Schwung zu setzen. Aber schlaff wie
ein Leichnam bewegte er sich nur so weit, als es geschoben wurde, dann stand es
wieder still.
    Und wenn er sich müde gearbeitet hatte, faltete er die Hände, und traurig zu
dem toten Rade emporblickend murmelte er: »Wer wird dich wieder lebendig
machen?«
 
                                       7
Als Paul vierzehn Jahre alt war, beschloss sein Vater, ihm zum
Konfirmandenunterricht zu schicken.
    »Etwas Rechtschaffenes wird er in der Schule doch nicht lernen,« sagte er,
»Zeit und Geld sind bei ihm weggeworfen. Daher soll er rasch eingesegnet werden,
damit er sich in der Wirtschaft nützlich machen kann. Was Besseres als ein Bauer
wird sowieso nicht aus ihm werden.«
    Paul war's zufrieden, denn ihn verlangte danach, einen Teil der Sorgen, die
die Mutter drückten, auf seine Schultern zu nehmen. Er gedachte eine Art von
Inspektor aus sich zu machen, der den fehlenden Herrn zu jeder Zeit ersetzte und
selber Hand anlegte, wo die Knechte ein gutes Beispiel brauchten. Er versprach
sich von seiner Tätigkeit den Beginn einer neuen, segensreichen Zeit, und wenn
er nachts im Bette lag, träumte er von wogenden Weizenfeldern und blitzblanken,
massiven Scheuern. Immer mehr festigte sich in ihm der Entschluss, all seine
Kraft daran zu wenden, um den verlotterten Heidehof zu Ehren zu bringen. Die
Brüder sollten einst von ihm sagen können: »Er ist doch zu etwas nütze gewesen,
wenn er uns auch auf unseren glänzenden Bahnen nicht hat folgen können.«
    Ja, die Brüder! Wie gross und wie vornehm waren die inzwischen geworden! Der
eine studierte Philologie, und der andere war als Lehrling in ein angesehenes
Bankgeschäft eingetreten. Trotz der guten Tante brauchten beide Geld, viel Geld,
weit, weit mehr, als der Vater ihnen schicken konnte. Auch für sie versprach
sich Paul mit seinem Übertritt in die Wirtschaft den Beginn einer sorgenfreien
Zeit. Alles überschüssige Geld sollte ihnen geschickt werden, und er, o, er
würde schon sparen und sorgen, auf dass sie frei von Not und Bedrängnis
weiterschreiten könnten nach ihren erhabenen Zielen.
    Mit diesen frommen Gedanken trat Paul den Weg zur ersten Religionsstunde an.
- Es war an einem sonnigen Frühlingsmorgen zu Anfang des Monats April.
    Das junge Gras auf der Heide leuchtete in grünlichen Lichtern, Wacholder und
Erika trieben neue, weiche Spitzen, am Waldesrand blühten Anemonen und
Ranunkeln. - Ein warmer Wind zog über die Heide ihm entgegen, er hätte laut
aufjauchzen mögen, und das Herz ward ihm schwer vor lauter Lust.
    »Es muss ein Trauriges im Werke sein,« sagte er sich, »denn so froh darf man
sich auf Erden nicht fühlen.«
    Vor dem Pfarrgarten stand eine Reihe von Fuhrwerken, die er nur zum
geringsten Teil kannte. Auch vornehme Karossen waren darunter. - Mit stolzem
Lächeln sassen die Kutscher mit ihren blanken Röcken auf dem Bocke und warfen
geringschätzige Blicke um sich herum.
    In dem Garten war eine grosse Kinderschar versammelt. Die Knaben gesondert
und die Mädchen auch. Unter den Knaben befanden sich die beiden Brüder, von
denen er früher so viel hatte leiden müssen und die seit einem Jahr die Schule
nicht mehr besuchten. Sie kamen sehr freundlich auf ihn zu, und während der eine
ihm die Hand zum Grusse reichte, stellte ihm der andere von hinten ein Bein.
    Von den Mädchen gingen einige Arm in Arm in den Gängen spazieren. Sie hatten
sich um die Taille gefasst und kicherten miteinander. Die meisten waren ihm
fremd, einige schienen besonders vornehm, sie trugen feine graue Regenmäntel und
hatten Federhüte auf dem Kopfe. Ihnen mussten die Karossen draussen gehören.
    Er sah auf seine Jacke herunter, um sich zu vergewissern, dass er sich nicht
zu schämen brauchte. Sie war von feinem schwarzen Tuche, aus einem alten Fracke
des Studenten gefertigt, und schien so gut wie neu, nur dass die Nähte ein wenig
glänzten. Alles in allem: er brauchte sich nicht zu schämen.
    Die Glocke ertönte. Die Konfirmanden wurden in die Kirche gerufen. - Paul
fühlte sich frei und fromm, als ihn die feierliche Dämmerung des Gotteshauses
umfing. - Er dachte nicht mehr an seine Jacke, die Gestalten der Knaben ringsum
wurden wie Schatten.
    Zu beiden Seiten des Altars waren Bänke aufgestellt. Rechts sollten die
Knaben, links die Mädchen ihre Plätze erhalten.
    Paul wurde in die hinterste Reihe gedrängt, wo die Kleinen und die Armen
sassen. Zwischen zwei barfüssigen Häuslerkindern, die grobe, durchlöcherte Jacken
trugen, nahm er Platz. An den Schultern seiner Vordermänner vorbei sah er drüben
die Mädchen sich ordnen, die Vornehmsten zuerst, dann die ärmlich Gekleideten.
    Er dachte darüber nach, ob im Himmel die Reihenfolge wohl eine ähnliche sein
werde, und der Spruch fiel ein: »Wer sich erniedrigt, der soll erhöhet werden.«
    Der Pfarrer kam.
    Es war ein behäbiger Mann mit einem Doppelkinn und einem blonden
Backenbärtchen. Seine Oberlippe schimmerte blank von dem häufigen Rasieren. Er
trug nicht seinen Talar, sondern einen einfachen schwarzen Rock, sah aber doch
sehr würdig und feierlich aus.
    Er sprach zuerst ein langes Gebet über den Text: »Lasset die Kindlein zu mir
kommen« und knüpfte daran die Ermahnung, das kommende Jahr als eine Zeit der
Weihe zu betrachten, nicht zu tollen und nicht zu tanzen, denn das widerspräche
der Würde eines Religionsschülers.
    »Ich habe nie getollt und getanzt,« dachte Paul und war in diesem Augenblick
ganz von Stolz erfüllt über seinen gottseligen Wandel. »Aber schade war's doch«
- dachte er hinterher.
    Dann pries der Pfarrer die vornehmste der christlichen Tugenden: die Demut.
Niemand in dieser Kinderschar sollte sich über den anderen erhaben fühlen, weil
seine Eltern vielleicht reicher und vornehmer wären als die seiner Mitbrüder und
Mitschwestern. Denn vor Gottes Trone wären alle gleich.
    »Aha, da habt ihr's!« dachte Paul und fasste liebevoll den Arm seines
zerlumpten Nachbarn. Der dachte, er wolle ihn kneifen, und sagte: »Au, nicht
doch!«
    Drauf zog der Pfarrer ein Blatt Papier aus der Tasche und sagte: »Jetzt will
ich die Rangordnung verlesen, in der ihr fortan sitzen sollt.«
    »Warum denn eine Rangordnung,« dachte Paul, »wenn vor Gottes Trone alle
gleich sind?«
    Der Pfarrer sagte: »Zuerst kommen die Mädchen und dann die Knaben,« und
begann zu lesen.
    Schon der erste Name machte Paul stutzig, denn er hiess - Elsbet Douglas. Er
sah ein hochaufgeschossenes, blasses Mädchen mit einem frommen Gesicht und
schlicht zurückgestrichenen blonden Haaren sich erheben und nach dem ersten
Platze hinschreiten.
    »Also das bist du!« dachte Paul, »und wir sollen zusammen eingesegnet
werden.« Das Herz klopfte ihm vor Freude und auch vor Angst, denn er fürchtete
zugleich, dass er ihr zu gering erscheinen werde. - »Vielleicht besinnt sie sich
gar nicht mehr auf dich,« dachte er weiter.
    Er beobachtete sie, wie sie mit niedergeschlagenen Augen sich auf ihren
Platz setzte und freundlich vor sich hinlächelte.
    »Nein, die ist nicht stolz,« sagte er leise vor sich hin, aber zur
Sicherheit besah er seine Jacke.
    Dann wurden die Knaben aufgerufen. Zuerst kamen die beiden Brüder Erdmann.
Die hatten sich schon ohnehin auf den ersten Plätzen breitgemacht, und dann
wurde sein eigener Name gerufen. - In diesem Augenblick machte Elsbet Douglas
es genauso, wie er vorhin getan. Sie hob rasch den Kopf und spähte zu den Reihen
der Knaben hinüber.
    Als er sich auf seinen Platz gesetzt hatte, schaute auch er vor sich auf die
Erde nieder, denn er wollte es ihr an Demut gleichtun, und wie er dann
aufblickte, sah er ihr Auge voll Neugier auf sich ruhen. Er wurde rot und tupfte
ein Federchen von dem Ärmel seiner Jacke.
    Und dann begann der Unterricht. Der Pfarrer erklärte Bibelsprüche und fragte
Gesangbuchlieder ab. Elsbet kam zuerst an die Reihe. Sie hob ein wenig den Kopf
und sagte ruhig und unbefangen ihre Verse her.
    »Donnerja, die Margell hat Courage,« murmelte der jüngere Erdmann, der zu
seiner linken Seite sass.
    Paul fühlte sich von plötzlichen Ingrimm gepackt. Er hätte ihn mitten in der
Kirche prügeln mögen. »Sagt er noch einmal Margell auf sie, so hau' ich hernach
auf ihn los.« Das versprach er sich feierlich. Aber der jüngere Erdmann dachte
nicht mehr an sie, er beschäftigte sich damit, seinen Hintermännern Stecknadeln
in die Waden zu stechen.
    Als die Stunde beendet war, verliessen zuerst die Mädchen paarweise die
Kirche. Erst als die letzten draussen waren, durften die Knaben ihnen folgen. Auf
dem Vorplatze begegnete er Elsbet, die nach ihrem Wagen schritt. Beide sahen
sich ein wenig von der Seite an und gingen aneinander vorüber.
    An ihrem Wagen stand eine alte Dame mit grauen Ringellocken und einem
persischen Umschlagetuch, die im Pfarrhause auf sie gewartet haben musste. Sie
küsste Elsbet auf die Stirn, und beide bestiegen die Rücksitze. Der Wagen war
der schönste in der ganzen Reihe, der Kutscher trug eine schwarze Pelzmütze mit
einer roten Troddel daran, auch hatte er blanke Tressen am Kragen und an den
Aufschlägen der Ärmel.
    Gerade als der Wagen fortgefahren war, wurde Paul von den beiden Erdmanns
angefallen, die ihn ein wenig prügelten.
    »Pfui, schämt euch, zwei gegen einen,« sagte er, da liessen sie ihn laufen.
    Er ging vergnügt dem Heimatause zu. Die Mittagssonne glitzerte auf der
weiten Heide, und in nebelnder Ferne fuhr der Wagen vor ihm her, wurde kleiner
und kleiner und verschwand endlich als ein schwarzer Punkt in dem Fichtenwalde.
    Als er zu Hause ankam, küsste ihn die Mutter auf beide Wangen und fragte:
»Nun, wie war's?«
    »Ganz nett,« erwiderte er, »und, Mama, die Elsbet aus dem weissen Hause war
auch da.«
    Da wurde sie ganz rot vor Freude und fragte nach allerlei, wie sie aussähe,
ob sie hübsch geworden sei und was sie mit ihm gesprochen habe.
    »Gar nichts,« erwiderte er beschämt, und als die Mutter ihn daraufhin
erstaunt ansah, fügte er eifrig hinzu: »Du, aber stolz ist sie nicht.« ...
    Am nächsten Montag fand er sie bereits an ihrem Platze sitzen, als er die
Kirche betrat. Sie hatte die Bibel auf den Knien liegen und lernte die
aufgegebenen Sprüche.
    Es waren noch nicht viele Kinder anwesend, und als er sich ihr gegenüber
niedersetzte, machte sie eine halbe Bewegung, als wolle sie aufstehen und zu ihm
herüberkommen, aber sie liess sich wieder nieder und lernte weiter.
    Die Mutter hatte ihm vor dem Weggehen anempfohlen, Elsbet einfach
anzureden. Sie hatte ihm viele Grüsse an ihre Mutter aufgetragen, auch sollte er
sich erkundigen, wie es ihr selber erginge. Er hatte sich während des Weges eine
lange Rede einstudiert - nur war er sich noch darüber uneins, ob er »du« oder
»Sie« zu ihr sagen solle. - »Du« wäre das einfachste gewesen. Die Mutter schien
es sogar für selbstverständlich zu halten, aber »Sie« klang entschieden feiner -
so hübsch erwachsen klang es. Und da er zu keinem Entschlusse kommen konnte, so
unterliess er die Anrede ganz. - Auch er nahm nun seine Bibel vor, und beide
stützten die Ellbogen auf die Knie und lernten um die Wette.
    Ihm nützte es nicht viel, denn als hernach in der Stunde der Pfarrer an ihn
die Frage richtete, hatte er keine Ahnung mehr. -
    Ein peinliches Schweigen entstand, die Erdmänner lachten schadenfroh, und
er, glutrot vor Scham, musste sich wieder auf seinen Platz niedersetzen. Er wagte
nun nicht mehr aufzuschauen, und als er beim Verlassen der Kirche Elsbet vor
der Türe stehen sah, als wartete sie auf etwas, schlug er die Augen nieder und
wollte rasch an ihr vorüber. - Sie aber trat einen Schritt auf ihn zu und redete
ihn an: »Meine Mama hat mir aufgetragen, ich soll dich fragen - wie's deiner
Mutter ginge.«
    Er erwiderte, es ginge ihr gut.
    »Und sie lässt sie auch vielmals grüssen,« fuhr Elsbet fort.
    »Und meine Mutter lässt deine Mutter auch vielmals grüssen,« erwiderte er,
Bibel und Gesangbuch zwischen den Fingern drehend, »und ich soll dich auch
fragen, wie's ihr ginge.«
    »Mama lässt sagen,« entgegnete sie, wie wenn man Auswendiggelerntes hersagt,
»sie sei viel kränklich und müsste sehr oft das Zimmer hüten, aber jetzt im
Frühling ging's ihr besser - und ob du nicht mit unserem Wagen mitfahren
möchtest bis zu deinem Hause. Ich soll's dir anbieten, hat sie gesagt.«
    »Kiek, der Meihöfer raspelt Süssholz,« rief der ältere Erdmann, der sich
hinter der Kirchentür verborgen hatte, um seine Kameraden durch den Ritz
hindurch mit einem Röhrchen zu kitzeln.
    Elsbet und Paul sahen erstaunt einander an, denn sie kannten den Sinn der
Redensart nicht, aber da sie fühlten, dass sie etwas sehr Schlimmes bedeuten
musste, wurden sie rot und trennten sich.
    Paul schaute ihr nach, wie sie auf ihren Wagen stieg und davonfuhr. Diesmal
wartete die alte Dame nicht auf sie. Es war ihre Gouvernante, wie er gehört
hatte. Ja, so vornehm war sie, dass sie sogar eine eigene Gouvernante besass!
    »Die Erdmänner kriegen doch noch ihre Prügel,« damit schloss er seine
Überlegungen. - - -
    Die nächsten Wochen vergingen, ohne dass er mit Elsbet wieder geredet hätte.
Wenn er in die Kirche trat, sass sie meistens schon an ihrem Platze. Dann nickte
sie ihm freundlich zu, aber das war auch alles.
    Und dann kam ein Montag, an dem ihr Wagen nicht auf sie wartete. Er bemerkte
es sofort, als er auf den Kirchenplatz zuschritt, und atmete erleichtert auf,
denn der stolze Kutscher mit der Pelzmütze, die er selbst mitten im Sommer trug,
verursachte ihm stets ein beklemmendes Gefühl. Er brauchte nur an den Kutscher
zu denken, wenn er ihr gegenübersass, und sie erschien ihm wie ein Wesen aus
einer anderen Welt.
    Heute wagte er fast vertraulich zu ihr hinüber zu grüssen, und es erschien
ihm, als wenn auch sie seinen Gruss freundlicher denn sonst erwiderte.
    Und als die Stunde beendet war, trat sie aus freien Stücken auf ihn zu und
sagte: »Ich muss heute zu Fuss nach Hause, denn unsere Fuhrwerke sind alle auf dem
Felde. Mama hat gemeint, du könntest wohl ein Stück mit mir zusammengehen, da
wir doch denselben Weg haben.«
    Er fühlte sich sehr beglückt, wagte aber nicht an ihre Seite zu treten,
solange sie sich innerhalb des Dorfes befanden. Auch schaute er sich von Zeit zu
Zeit ängstlich um, ob nicht die beiden Erdmänner irgendwo mit ihren Stachelreden
auf ihn lauerten.
    Doch als sie draussen auf freiem Felde dahingingen, fand es sich von selbst,
dass sie nebeneinander schritten.
    Es war ein sonniger Junivormittag. Der weisse Sand des Weges flimmerte ...
Ringsherum blühten goldgelbe Katzenpfötchen, und das Wiesenfrauenhaar wehte in
dem warmen Winde ... vom Dorfe her tönte die Mittagsglocke ... Kein Mensch war
weit und breit zu sehen ... Die Heide schien wie ausgestorben.
    Elsbet trug einen breiten Strohhut auf dem Kopfe, zum Schutze gegen die
Sonnenstrahlen. Den nahm sie jetzt ab und schlenkerte ihn am Gummibande hin und
her.
    »Es wird dir zu heiss werden,« sagte er, aber da sie ihn ein wenig auslachte,
riss er auch seine Mütze vom Kopfe und warf sie hoch in die Luft.
    »Du bist ja ein ganz lustiger Bursche,« sagte sie beifällig nickend.
    Er schüttelte den Kopf, und seine Stirne zog sich wieder in die ernsten
Falten, die ihn stets alt erscheinen liessen.
    »Ach nein,« sagte er, »lustig bin ich nicht.«
    »Warum nicht?« fragte sie.
    »Ich habe immer an so vielerlei zu denken,« erwiderte er, »und wenn ich
einmal recht froh sein will, kommt mir sicher etwas in die Quere.«
    »Woran hast du denn immer zu denken?« fragte sie.
    Er sann eine Weile nach, aber es fiel ihm gerade nichts ein. »Ach, es ist ja
alles dumm' Zeug,« sagte er, »kluge Gedanken kommen mir überhaupt nicht.«
    Und dann erzählte er ihr von den Brüdern, von dicken Büchern, die ganz mit
Zahlen vollgeschrieben ständen - den Namen habe er vergessen - und die sie schon
auswendig gekonnt hätten, als sie so alt gewesen wären wie er selber.
    »Warum lernst du das nicht auch, wenn es dir Vergnügen macht?« fragte sie.
    »Es macht mir aber kein Vergnügen,« erwiderte er, »ich habe einen so
schweren Kopf.«
    »Aber irgend etwas wirst du doch können?« fragte sie weiter.
    »Ich kann rein gar nichts,« erwiderte er traurig, »ich sei so dumm, sagt der
Vater.«
    »Du - darauf musst du nichts geben,« tröstete sie ihn, »mein Fräulein
Ratmaier hat auch immer allerhand an mir auszusetzen. Aber ich - pah, ich -«
Sie schwieg und riss eine Sauerampferstaude aus, an der sie kaute.
    »Hat dein Vater noch immer so blitzende Augen?« fragte er.
    Sie nickte, und ihr Antlitz verklärte sich.
    »Du hast ihn wohl sehr lieb - deinen Vater?«
    Sie sah ihn erstaunt an, als ob sie seine Frage nicht verstünde, dann meinte
sie, o ja - sie hätte ihn sehr lieb.
    »Und er dich auch?«
    »Ob!«
    Er pflückte sich nun gleichfalls einen Sauerampferstengel und seufzte dabei.
    »Warum seufzt du denn?« fragte sie.
    Es käme ihm zufällig was in den Sinn, meinte er, und dann fragte er lachend,
ob ihr Vater sie wohl noch manchmal auf den Schoss nähme wie damals, als er im
»weissen Hause« gewesen war.
    Sie lachte mit und meinte, sie sei ja schon ein grosses Mädchen, und er solle
nicht so dumm fragen, aber hinterher kam's heraus, dass sie doch noch auf des
Vaters Schoss sitze, »freilich nicht mehr rittlings,« fügte sie lachend hinzu.
    »Ja, das war ein schöner Tag,« sagte er, »und ich sass auf seinem andern
Knie. Wie klein müssen wir damals gewesen sein!«
    »Und dumm waren wir, dass Gott erbarm!« erwiderte sie, »wenn ich noch daran
denke, wie du pfeifen wolltest und nicht konntest.«
    »Hast du das behalten?« fragte er, und sein Auge leuchtete auf im Bewusstsein
seiner jetzigen Kunst.
    »Natürlich,« sagte sie, »und als du fortgingst, kamst du noch einmal
zurückgelaufen und - weisst du noch?«
    Er wusste es genau.
    »Heute wirst du wohl pfeifen können,« lachte sie, »in unserem Alter ist das
keine Heldentat mehr - kann ich es doch sogar!« - und sie spitzte die Lippen in
sehr drolliger Weise.
    Ihm tat es weh, dass sie von seiner Kunst so geringschätzig sprach, und er
dachte darüber nach, ob er das Pfeifen fortan nicht lieber ganz unterlassen
sollte.
    »Warum bist du so schweigsam?« fragte sie, »bist du auch müde?«
    »Ach nein, aber du - was?«
    Ja - der Fussweg in Sand und Mittagshitze habe sie angestrengt.
    »So komm zu uns ins Haus und ruhe dich aus,« rief er leuchtenden Auges, denn
er gedachte der Freude, die die Mutter bei ihrem Anblick empfinden würde.
    Aber sie dankte. »Dein Vater ist nicht gut zu sprechen auf uns, hat Mama
gesagt, und darum dürft ihr auch nicht nach Helenental zum Besuche kommen. Dein
Vater würde mich vielleicht vom Hofe weisen.«
    Er erwiderte hochrot: »Das würde der Vater wohl nicht« - und er schämte sich
sehr.
    Sie warf einen Blick nach dem Heidehof hinüber, der kaum dreihundert Schritt
abseits vom Wege gelegen war. Der rote Zaun leuchtete im Sonnenglanze, und
selbst die grauen, verfallenen Scheunen schauten freundlicher darein als sonst.
    »Es ist ganz hübsch bei euch,« sagte sie, die linke Hand wie einen Schirm
über die Augen legend.
    »O ja,« erwiderte er, das Herz von Stolz geschwellt, »und an dem einen
Scheunentor ist eine Eule angenagelt. - - - Aber es soll noch viel, viel
hübscher bei uns werden,« fügte er nach einer kleinen Weile ernstaft hinzu.
»Lass mich nur erst ans Regiment kommen.« Und dann begann er ihr seine
Zukunftspläne auseinanderzusetzen. Sie hörte ihm aufmerksam zu, aber als er
geendet hatte, sagte sie noch einmal: »Ich bin müde - muss mich ausruhen.« Und
sie machte Miene, sich auf dem Grabenrande niederzusetzen.
    »Nicht hier in der Sonnenhitze,« warnte er, »komm, wir suchen uns den
ersten, besten Wacholderstrauch.«
    Sie reichte ihm die Hand und liess sich müde von ihm über den Heiderasen
ziehen, der von Maulwurfshügeln geschwellt war wie ein wellenschlagender See,
und der gegen den Waldesrand hin vereinzelte Wacholderbüsche trug, die wie eine
Schar schwarzer Gnomen von der ebenen Fläche emporragten.
    Unter dem ersten dieser Gebüsche hockte sie nieder, so dass dessen Schatten
ihre zarte, schmale Gestalt fast ganz umhüllte.
    »Hier ist gerade noch Platz für deinen Kopf,« sagte sie, auf einen
Maulwurfshügel weisend, der sich noch im Bereiche des Schattens befand.
    Er streckte sich der Länge nach auf dem Rasen hin, den Kopf auf dem
Maulwurfshügel gebettet, die Stirn vom Saume ihres Kleides bedeckt.
    Sie lehnte sich müde in das Dickicht des Busches zurück, um in dessen
Geästel eine Stütze zu finden.
    »Die Nadeln stechen gar nicht,« sagte sie dann, »sie meinen's gut mit uns;
ich glaube, wir könnten auch durch Dornröschens Hecke gehen.«
    »Du - nicht ich,« erwiderte er, die Augen im Liegen zu ihr aufschlagend,
»mich hat noch jeder Dorn gestochen - ich bin kein Märchenprinz, nicht einmal
ein lumpiger Hans-im-Glücke bin ich.«
    »Wird alles noch kommen,« tröstete sie; »du musst nicht immer so traurige
Gedanken haben.«
    Er wollte ihr etwas erwidern, aber die richtigen Worte fehlten ihm, und wie
er nachsinnend emporschaute, flog droben am blauen Himmel eine Schwalbe vorüber.
Da stiess er unwillkürlich einen Pfiff aus, als ob er sie heranlocken wollte, und
als sie nicht kam, pfiff er noch einmal und zum zweiten- und zum drittenmal.
    Elsbet lachte, er aber pfiff weiter - erst ohne zu wissen, wie? und ohne
nachzudenken, warum? aber als ein Ton nach dem andern seinen Lippen entquoll,
ward ihm zu Sinn, als sei er plötzlich sehr beredsam geworden, und als ob er auf
diese Weise alles sagen könnte, was ihm das Herz bedrückte und wozu er in Worten
nimmer den Mut gefunden haben würde ... All das, was ihn traurig machte und um
was er sich sorgte, kam zum Vorschein. Er schloss die Augen und hörte gleichsam
zu, wie die Töne für ihn sprachen. Er glaubte, der liebe Gott im Himmel hätte
statt seiner das Wort genommen und erzählte alles, was ihn anging, sogar das,
worüber er selbst nie klar geworden war.
    Als er die Augen aufschlug, wusste er nicht, wie lange er so dagelegen und
gepfiffen hatte, aber er sah, dass Elsbet weinte.
    »Warum weinst du?« fragte er.
    Sie gab ihm keine Antwort, wischte sich mit dem Taschentuch die Augen und
erhob sich.
    Schweigend schritten sie eine Weile miteinander hin. - Als sie den Wald
erreichten, der dicht und dunkel vor ihnen lag, blieb sie stehen und fragte:
»Wer hat dich das gelehrt?«
    »Keiner,« sagte er, »das ist mir so von selber gekommen.«
    »Kannst du auch Flöte spielen?« fragte sie weiter.
    Nein, er konnte es nicht, er hatte es auch nie gehört, er wusste nur, dass es
des alten Fritzen Lieblingsvergnügen gewesen war.
    »Das musst du lernen!« sagte sie.
    Er meinte, es würde ihm wohl zu schwer sein.
    »Du solltest es doch versuchen,« riet sie, »du musst ein Künstler werden -
ein grosser Künstler.«
    Er erschrak, als sie das sagte. Er getraute sich kaum, ihren Gedanken weiter
zu denken.
    Als sie den jenseitigen Waldrand erreicht hatten, trennten sie sich. - Sie
schritt weiter dem »weissen Hause« zu - und er kehrte um. Wie er den
Wacholderbusch wiedersah, unter dem sie beide gesessen hatten, kam ihm alles wie
ein Traum vor, und so blieb es auch fortan. - - -
    Zwei, drei Tage vergingen, ehe er der Mutter etwas von seinem Abenteuer zu
sagen wagte, aber dann hielt er es nicht länger aus und gestand ihr alles.
    Die Mutter sah ihn lange an und ging hinaus, aber von jetzt ab lauschte sie
heimlich, ob sie nicht einen Ton von seinem Pfeifen erhaschen könnte.
    Die beiden Kinder gingen noch oftmals mitsammen heim, aber eine solche
Stunde, wie die unter dem Wacholderbusch, kam ihnen nie mehr wieder.
    Wenn sie an ihm vorüberschritten, sahen sie einander an und lächelten, aber
keines wagte den Vorschlag zu machen, noch einmal unter ihm niederzusitzen.
    Auch des Flötenspiels geschah nicht mehr Erwähnung zwischen ihnen, Paul
jedoch dachte heimlich oft genug daran. Es erschien ihm wie etwas Himmlisches,
Unerhörtes, gleich der Wissenschaft, die die Logaritmentafeln lehrten. Ja, wenn
er klug und begabt gewesen wäre wie die beiden Brüder! - aber er war ja nur ein
dummer, einfältiger Junge, der froh sein konnte, wenn man ihn für die andern
sorgen liess.
    Gar oft fragte er sich, wie wohl solch ein Flötenspiel klingen möchte und
wie diejenigen beschaffen wären, die es verstanden. Er hatte eine sehr grosse
Meinung von ihnen und glaubte, dass sie stets so hohe und heilige Gedanken hegen
mussten, wie sie ihm selber nur in sehr wenigen Momenten aufstiegen, wenn er sich
recht in sein Pfeifen vertiefte.
    Und dann kam der Tag, an dem er einen Flötenspieler von Angesicht zu
Angesicht erschauen sollte.
    Es war an einem trüben, stürmischen Nachmittag im Monat November. Es fing
schon an, dunkel zu werden, als er die Schule verliess und langsam die Dorfstrasse
entlang wanderte, um heimzukehren. Da drangen aus einer Branntweinschenke, in
der das Gesindel der Gegend zu verkehren pflegte, gar seltsame Töne an sein Ohr.
Er hatte sie nie gehört, aber er wusste sofort: das muss ein Flötenspieler sein.
Horchend blieb er vor der Tür der Schenke stehen. Sein Herz klopfte ganz laut,
seine Glieder zitterten. Die Töne waren ähnlich wie sein Pfeifen, aber weit
voller und weicher. »So müssen die Engel an Gottes Tron musizieren,« dachte er
sich.
    Nur eines war ihm unerklärlich, wie dieses Flötenspiel, das so klagend und
sehnsüchtig klang, an einen so verrufenen Ort geraten konnte. Das Schreien und
Johlen und Gläserklirren, das zwischendurch erscholl, tat seiner Seele weh, ein
plötzlicher Grimm packte ihn; wenn er gross und stark gewesen wäre, er würde
hineingesprungen sein und würde die Lärmenden und Trunkenen samt und sonders auf
die Strasse hinausgeworfen haben, damit die heiligen Töne nicht entweiht würden.
    In diesem Augenblick wurde die Tür aufgerissen, ein trunkener Arbeiter
taumelte an ihm vorüber - übelriechender Qualm drang ihm entgegen ... Lauter
noch wurde das Lärmen ... Kaum war das Flötenspiel imstande, es zu übertönen.
    Da fasste er sich ein Herz, und ehe noch die Tür geschlossen wurde, drängte
er sich durch den schmalen Spalt in das Innere der Schenke ... Hinter ein leeres
Branntweinfass gedrückt, stand er da ... Niemand achtete auf ihn.
    In den ersten Augenblicken unterschied er nichts ... Dunst und Lärm hatten
seine Sinne ganz benommen, und die Töne der Flöte wurden schrill und misstönig,
so dass sie seinem Ohre wehtaten.
    Inmitten der Schreienden und Stampfenden sass auf einem umgestülpten Fasse
ein zerlumpter Kerl mit einem aufgequollenen, finnigen Gesicht, einer
Schnapsnase und schwarzen, fettigen Haaren - eine Gestalt, deren Anblick Paul
einen Schauder über den Leib jagte ... Der war es, welcher die Flöte blies.
    Wie versteinert vor Entsetzen starrte er ihn an. Ihm war zumute, als sänke
der Himmel ein, als ginge die Welt zugrunde. - Nun setzte der Spieler seine
Flöte ab, stiess mit rauher, heiserer Stimme ein paar schmutzige Worte hervor,
goss gierig den Branntwein hinunter, der ihm von den Umstehenden gereicht wurde,
und begann, mit den Füssen den Takt schlagend, einen Gassenhauer zu spielen, den
die Zuhörer mit Brüllen begleiteten.
    Da floh Paul zur Schenke hinaus und lief und lief, dass ihm Hören und Sehen
verging, als hätte er Angst, zur Besinnung zu kommen. -
    Als er allein auf der Heide war, über welche die Stürme dahinsausten, und
von deren Rande ein schwefelgelber Streifen abendlichen Lichtes ihm
entgegenleuchtete, da hielt er inne, schlug die Hände vors Gesicht und weinte
bitterlich. - -
    In dem Winter, der nun folgte, stellte Paul sein Pfeifen gänzlich ein, und
noch mehr war ihm das Flötenspiel verleidet. Wenn er daran dachte, stand das
Bild jenes Verworfenen vor seinen Augen, der ihm seine Sehnsucht enteiligt
hatte.
    Elsbet sah er fortan nicht mehr. Mit Beginn der kalten Jahreszeit war die
Religionsstunde aus der Kirche in das Pfarrhaus verlegt worden, und da sich in
ihm kein Raum vorfand, der sämtliche Konfirmanden hätte fassen können, so wurden
Knaben und Mädchen gesondert unterrichtet. Bisweilen zwar sah er Elsbets Wagen
an sich vorüberfahren, aber sie selbst war so sehr in Pelze und Tücher vermummt,
dass von ihrem Gesicht nichts zu erkennen war. Er wusste nicht einmal, ob sie ihn
bemerkt hatte.
    Zu derselben Zeit hatte er vielen Ärger mit den Brüdern Erdmann, die ihn bis
aufs Blut zu quälen wussten. Er war vollständig wehrlos ihnen gegenüber, denn
jeder einzelne hatte doppelt soviel Kraft als er; auch griffen sie ihn immer zu
zweien an, und während der eine ihn festielt, zwackte ihn der andere. Nicht,
dass die beiden von Grund aus boshafte Geschöpfe gewesen wären, im Gegenteil,
gegen die anderen wussten sie Wohlwollen und Grossmut zu üben, aber gerade seine
stille, in sich versunkene Natur war ihnen in tiefster Seele verhasst. Sie
schalten ihn einen Mucker, einen Kopfhänger, und wenn sie ihn geprügelt hatten,
sagten sie: »So, nun zeig uns an, das würde prächtig zu dir passen.«
    Sein Groll gegen die Widersacher schwoll höher und höher. Oft machte er sich
Vorwürfe, dass er sich feige und ehrlos betrage, und beschuldigte sich niedriger,
knechtischer Gesinnung. Eines Tages, als er auf dem beschneiten Hofe hin und her
lief, redete er sich so sehr in Zorn hinein, dass er beschloss, sich jener bösen
Brüder zu entledigen, und wenn es sein eigen Leben kostete. - Er lief in den
Stall, wo der Schleifstein stand, taute das in der Bütte gefrorene Wasser auf
und schärfte sein Taschenmesser, bis es einen Streifen dünnsten Seidenpapiers
durchschnitt. Als er aber am nächsten Montag aufs neue durchgeprügelt wurde,
fand er nicht den Mut, es aus der Tasche zu ziehen, und musste sich aufs neue ob
seiner Feigheit Vorwürfe machen. Er verschob es auf das nächste Mal - aber dabei
blieb es.
    Auch von dem Vater hatte er vieles zu erdulden. Der trug sich neuerdings
wieder mit grossen Plänen, und wenn er das tat, fühlte er sich stets sehr erhaben
und war auf Paul, den er um seines kleinlichen Sinnes willen verachtete,
besonders schlecht zu sprechen.
    »Warum ist auf den Jungen nicht der leiseste Funken meines Genies
übergegangen?« sagte er. »Wie schön könnte ich ihn dann zum Handlanger für meine
Pläne erziehen! Aber er ist zu stupide - Hopfen und Malz sind an ihm verloren.«
    Er hatte jetzt die Absicht, zur Ausbeutung seines Moores eine
Aktiengesellschaft zu gründen, grosse Kapitalien aufzubringen und sich selbst zum
Direktor mit soundsoviel tausend Talern Gehalt ernennen zu lassen. Er fuhr
allwöchentlich zwei- bis dreimal zur Stadt und war oft am zweiten Tage noch
nicht zu Hause.
    »Es hält schwer,« sagte er dann, wenn er seinen Rausch ausgeschlafen hatte,
»aber ich werde die Filze schon 'rankriegen. Auch der Douglas, der Protz, muss
mir bluten. Wenn ich nur wüsste, wie ich ihn mir einmal greifen könnt'?
Helenental betrete ich nie wieder, schon um nicht zu sehen, wie der Kerl es hat
verwahrlosen lassen - denn das hat er jedenfalls - und in der Stadt bekomme ich
ihn nie zu sehen. Aber bluten - bluten muss er. Wenn er nicht einen Scheffel
Aktien zeichnet, soll ihn der Teufel holen.«
    Frau Elsbet hörte das alles traurig an, ohne ein Wort zu sagen, Paul aber
pflegte hinterher heimlich den Schlüssel des Schuppens vom Brette zu nehmen, um
mit der »schwarzen Suse« stumme Zwiesprach zu halten. Er hatte nun einmal den
Glauben, dass von ihr die Rettung käme.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Als die Osterfeiertage vorüber waren, wurde der Religionsunterricht aufs
neue in die Kirche verlegt. Knaben und Mädchen kamen nach halbjähriger Trennung
wieder zusammen.
    Elsbet hatte sich während des Winters sehr verändert. Sie sah nun beinahe
aus wie eine erwachsene Dame. Sie trug ein halblanges Kleid und hatte das Haar
über der Stirn in Löckchen aufgelöst.
    Paul grüsste sie sehr beklommen; ihm war zumute, als passte er nicht mehr zu
ihr - aber sie stand von ihrem Sitze auf, ging ihm drei Schritte entgegen und
drückte ihm vor aller Augen herzlich die Hand.
    In der darauffolgenden Stunde wurde unter den Knaben ein Blatt
herumgereicht, das viel Heiterkeit erregte. Es trug die von allerhand Schnörkeln
umgebenen Worte:
                         »Als Verlobte empfehlen sich:
                                 Paul Meihöfer,
                               Elsbet Douglas.«
    Die Schrift war die des jüngeren Erdmann. Pauls Hand suchte nach seinem
Messer; für einen Moment war ihm zumute, als könnte er es hier mitten in der
Kirche gegen seinen Nachbarn zücken; er zerrte ihm das Blatt aus der Hand und
riss es in Fetzen.
    Elsbet sah verwundert zu ihm herüber, und der Pfarrer rief ihn zur Ruhe.
Nun erschrak er über seine eigene Kühnheit. Die Erdmänner mussten ihm wohl
angemerkt haben, dass er in diesem Punkt nicht mit sich scherzen lasse, und
machten keinen ferneren Versuch, ihn mit Elsbet aufzuziehen ...
    Am letzten Sonntag vor Pfingsten war die Einsegnung. Paul hatte die Nacht
über nicht schlafen können, vor Sonnenaufgang stand er leise auf, zog die neuen
schwarzen Tuchkleider an, die die gute Tante ihm zu diesem Feste geschenkt
hatte, und machte einen Rundgang über den stillen Hof und die tauigen Felder,
bis zu dem Moore hin, das mit seinem Blumengewande gar feiertäglich vor ihm lag.
Im Angesicht der aufgehenden Sonne faltete er seine Hände und sprach ein
inbrünstiges Gebet. Mit diesem Tage wollte er ein neues, besseres Leben
beginnen, alle Unbill vergeben und seine Feinde lieben, wie es Jesus Christus
befohlen ... Da fiel ihm das Messer ein, das er einst für die Erdmänner
geschliffen, er riss es aus der Tasche und schleuderte es mitten in das Moor
hinein, wo es mit einem gurgelnden Laute im Brachwasser versank. - Heisse Tränen
stürzten aus seinen Augen. Schlecht und verworfen erschien er sich und gänzlich
unwürdig, vor Gottes Altar zu treten ... Kaum wagte er auf den Hof
zurückzukehren, erst als die Zwillinge in ihren nagelneuen Mullkleidchen jubelnd
auf ihn zustürzten, ward ihm freier und leichter ... Er umarmte die Schwestern
und gelobte sich im stillen, ihnen ein treuer Helfer und Freund zu werden.
    Dann kam die Mutter, mit einem verschossenen Seidenkleide angetan, küsste ihn
auf Stirn und Wangen und hielt sein Gesicht lange zwischen ihren beiden Händen,
indem sie ihm unverwandt in die Augen schaute. - Sie wollte etwas sagen, aber
sie brachte nichts weiter zum Vorschein als: »Mein Junge, mein lieber Junge.«
    Selbst der Vater war heute in rosigster Laune. Er fasste seine beiden Hände
und hielt ihm eine lange Rede, wie er lernen müsse, auf das Grosse im
Menschenleben seinen Blick zu heften und ihm, dem Vater, nachzueifern, der zwar
stets vom Unglück verfolgt und von der Schlechtigkeit der Menschen ausgeplündert
worden sei, der sich aber nie habe entmutigen lassen, zu den Sternen
emporzustreben, selbst aus diesem elenden Loche heraus, in dem ein feindliches
Schicksal ihn habe versinken lassen. Und er runzelte seine Brauen und wühlte
sich in seinen Haaren, Zoll um Zoll Erhabenheit und Geistesgrösse.
    Paul küsste seine beiden Hände und versprach alles.
    Um acht Uhr sah er auf dem Fahrweg, der über die Heide führte, eine Karosse
vorbeirollen, deren silberner Zierat im Morgensonnenstrahle glitzerte.
    Lange blickte er dem Wagen nach. Ihm war alles wie ein Traum ... Er fühlte
sich so unendlich wohl, dass ihm ganz beklommen wurde vor lauter Glück. »Womit
hab' ich das verdient?« fragte er sich, und darauf fing er an nachzugrübeln, wie
wohl der erste Kummer beschaffen sein werde, der ihn dieser Seligkeit entreissen
würde. - Als die Zwillinge ihm ankündigten, dass der Wagen zur Kirchenfahrt
bereitstände, fühlte er sich traurig und gedrückt.
    In dem Pfarrgarten, in dem Jasmin und Flieder blühten und auf dessen Rasen
die Sonnenstrahlen glitzerten, standen zwei Menschenhäuflein, ein schwarzes und
ein weisses, gesondert voneinander. Das erste waren die Knaben, das zweite die
Mädchen.
    Elsbet in ihrem schneeigen Mullkleidchen, mit einem Spitzentüchlein über
dem Busen, sah weiss und duftig aus wie eine Schlehdornblüte.
    Ihre Wangen waren sehr blass, sie hielt die Augen fortwährend gesenkt und
spielte bald mit dem Gesangbuch, bald mit dem Fliederbüschel, welches beides sie
in der Hand hielt.
    Paul schaute lange zu ihr hinüber, aber sie sah ihn nicht. Sie mochte sich
wohl in ihrer Andacht durch keinen weltlichen Gedanken stören lassen.
    Und dann kam der Pfarrer. Die Glocken läuteten - und die Orgel rauschte -
und langsam schritt der Zug, paarweise geordnet, nach dem Altar.
    Paul ging dicht hinter den beiden Erdmännern, die in ihren schwarzen langen
Tuchröcken gar ernst und ehrbar dreinschauten. Plötzlich kam das Bewusstsein
seiner Schuld mit erneuter Gewalt über ihn. Er beugte sich ein wenig vor, stiess
sie leise in den Nacken und flüsterte mit nassen Augen: »Vergebt mir! Ich habe
euch viel Übles getan!«
    Sie bohrten sich gegenseitig die Ellbogen in die Hüften und schmunzelten
spitzbübisch. Einer drehte sich mit halber Wendung um und flüsterte mit einem
Leidensgesichte, das ganz erfüllt war von verkannter und gekränkter Unschuld:
»Mein Sohn, wir vergeben dir.«
    Paul fühlte wohl, dass sie sich über ihn lustig machten, aber sein Herz war
so voll von Andacht und Liebe, dass ihm kein Hohn der Welt etwas anhaben konnte.
    Zu beiden Seiten des Altars ordneten sich die Kinderscharen.
    Paul warf einen schüchternen Blick in das Kirchenschiff hinunter, das
gedrängt voll von Menschen war, aber er vermochte niemanden zu erkennen.
    Die Stunde der Predigt verging. Er starrte vor sich nieder. Alles war ihm
wie ein Traum.
    Eine Weile später fühlte er seine Knie auf einem weichen Polster ruhen und
die Hand des Pfarrers auf seinem Haupte ... Was er zu ihm sprach, vernahm er
nicht. Er sah Elsbet drüben still in ihr Taschentuch weinen und dachte: »Weine
nur, weine nur, wirst bald wieder lachen.«
    Und dann fragte er sich, warum die Menschen wohl alle so viel lachten,
während es doch im ganzen so wenig Lächerliches auf Erden gäbe.
    Die Orgel stimmte das Lied: »Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren«
an - hellauf jauchzte der Chor der Gemeinde - da wanderte sein Blick zur Sonne
empor, die in regenbogenfarbenen Lichtern durch die bemalten Kirchenfenster
brach.
    Und wie er in das Farbenspiel hineinstarrte, erschrak er plötzlich. Gerade
jenseits des Kreuzes, das den Altar krönte, stand in ungeheurer Grösse eine
düstere, in Grau gekleidete Frau und blickte aus grossen, hohlen Augen auf ihn
nieder ... Die Büsserin Magdalena war's.
    Er fühlte, wie es ihn kalt durchschauerte.
    »Frau Sorge,« murmelte er und beugte das Haupt, als wollte er in Demut
empfangen, was sie ihm fürs Leben bescherte.
    Und als er das Auge wieder erhob, strahlte die Sonne noch herrlicher denn
zuvor.
    Glührot und smaragden gleissten und glimmten die Flammen und woben eine
Strahlenglorie um das Haupt der grauen Frau.
    Die aber stand traurig inmitten der farbenfrohen Pracht und starrte aus
grossen, hohlen Augen auf ihn nieder. - - -
    Da setzte mit einem rauschenden Akkorde die Orgel zum Nachspiel ein ... ein
freudiges Beben ging durch die Gemeinde ... die Schar der Kinder eilte, sich in
die Arme der Ihren zu werfen, - - und aus Elsbets tränennassen Augen traf ihn
ein freundlich grüssender Blick.
 
                                       8
Paul trat nun in die Wirtschaft. Den Schwur, den er am Morgen seines
Einsegnungstages getan hatte, hielt er getreulich. - Er arbeitete wie der letzte
seiner Knechte, und wenn die Mutter ihn bat, sich zu schonen, dann küsste er ihr
die Hand und sagte: »Du weisst, wir haben viel gutzumachen.«
    Abends, wenn das Gesinde zur Ruhe gegangen war und die Zwillinge sich in
Schlaf getollt hatten, dann sassen Mutter und Sohn oft stundenlang beisammen und
planten und rechneten, aber war ein Entschluss in ihnen zur Reife gekommen und
lächelte ein Schimmer von Hoffnung aus ihren Augen, dann geschah es oft, dass sie
plötzlich zusammenschraken und mit einem Seufzer die Köpfe hängen liessen - aber
keiner sprach es aus, was ihm das Herz belastete ...
    Zu dieser Zeit fing Frau Elsbet stark zu altern an. Lange, schmale Furchen
zogen sich über ihre Wangen, das Kinn trat stark hervor, und das Haar erhielt
einen Silberschimmer. Nur aus den dunklen Tiefen ihrer vergrämten Augen konnte
man noch herauslesen, wie schön sie einst gewesen war.
    »Ja, siehst du, jetzt bin ich eine alte Frau,« sagte sie eines Morgens zu
ihrem Sohne, als sie sich vor dem Spiegel die Haare kämmte, »und das Glück ist
noch immer nicht gekommen.«
    »Sei still, Mutter, wofür hin ich denn da?« erwiderte er, obwohl ihm gar
nicht so hoffnungsfreudig zumute war.
    Da lächelte sie traurig, streichelte ihm Wangen und Stirn und sagte: »Ja, du
siehst mir ganz so aus, als hättest du das Glück an den Flügeln gefangen; ...
aber ich will nicht so reden,« fuhr sie fort, »was fing' ich wohl an, wenn ich
dich nicht hätte?« - - -
    Solch ein Augenblick überströmender Liebe musste für lange vorhalten, denn
oft vergingen Monate, ohne dass Mutter und Sohn vor lauter Beklommenheit der
Herzen sich etwas Zärtliches zu sagen wagten. -
    Die Zwillinge wuchsen derweilen zu zwei tollen, pausbäckigen Wildlingen
heran, denen kein Baum zu hoch, kein Graben zu tief war. Das krause Braunhaar
hing ihnen in tausend widerspenstigen Ringeln über die Schläfen herab, und
darunter hervor guckten zwei Augenpaare, so voll von Schelmerei, so blitzend in
Scheu und Keckheit zugleich, als lachten verirrte Sonnenstrahlen aus tiefer
Waldesnacht heraus.
    Das Gelächter der beiden hallte frühmorgens und spätabends durch das einsame
Heidehaus, und um so drückender war die Stille darin, wenn sie in der Schule
weilten oder sich draussen auf dem weiten Plane umhertrieben.
    Den Zwillingen war alles egal. Ob Sonnenschein, ob Sturm im Hause, sie
hatten den Kopf stets voller Streiche, und wenn das Toben des Vaters einmal so
arg wurde, dass sie es für geraten hielten, sich hinter dem Ofen zu verkriechen,
so entschädigten sie sich dort, indem sie sich heimlich in die Beine kniffen.
    Für Paul hegten sie eine grenzenlose Liebe, was sie jedoch nicht abhielt,
die besten Bissen von seinem Teller, die weissesten Papierschnitzel aus seiner
Mappe und die schönsten Knöpfe von seinen Hosen einfach als ihr Eigentum zu
reklamieren, denn sie stahlen wie die Elstern.
    Er hatte grosse Sorge um sie, denn er fürchtete, sie würden immer mehr
verwildern, insbesondere, da die Mutter immer müder und mutloser wurde und die
Dinge gehen liess, wie sie gingen. Aber er fing seine Erziehungsversuche am
unrechten Ende an. Seine Mahnungen fruchteten nichts, und einmal, als er mitten
in einer schönen Strafpredigt war, geschah es, dass die eine plötzlich auf seinen
Schoss sprang, ihn an der Nase ergriff und der Schwester zurief: »Du - er kriegt
'nen Bart.«
    Drauf kletterte diese ihr nach, und beiden wollten um die Wette an seinen
Lippen zupfen. - Als er nun aber ernstlich böse wurde, fingen sie an zu bocken
und meinten: »Pfui - wir reden nicht mehr mit dir.«
    Elsbet hatte er seit seinem Einsegnungstage nicht wieder gesehen, wiewohl
inzwischen ein ganzes Jahr vergangen war.
    Es hiess, sie sei nach der Stadt geschickt worden, um dort »gesellschaftliche
Bildung« zu lernen. - Dies Wort hatte ihm einen Stich durchs Herz gegeben, er
wusste kaum, was es bedeutete, aber er fühlte dunkel, dass sie sich nun weiter und
weiter von ihm entfernte.
    Da geschah es eines Tages um die Osterzeit, dass er ein Stück Ackerland
bearbeiten ging, das, versprengt von dem anderen Besitztum fernab am Waldesrande
lag. - Er selbst säte, und ein Knecht mit zwei Pferden ging nacheggend
hintendrein.
    Er hatte ein grosses weisses Sälaken um die Schultern geschlungen und
beobachtete mit stillem Vergnügen, wie die Samenkörner im Sinken gleich einem
goldenen Springquell niederfunkelten. Da war es ihm, als sähe er zwischen den
dunklen Stämmen des Waldes etwas Hellschimmerndes auf- und niederschaukeln - wie
eine Wiege, die in der Luft schwebte. Doch nahm er sich kaum Zeit, darauf zu
achten, denn das Säen ist eine Arbeit, die Aufmerken verlangt.
    So kam die Frühstückspause heran. Der Knecht setzte sich auf den Kornsack,
er selbst aber, da ihm heiss geworden war, ging nach dem Walde, um Schatten zu
haben.
    Er warf einen flüchtigen Blick nach der schwebenden Wiege und dachte: »Das
muss wohl eine Hängematte sein,« aber um den, der darinnen lag, kümmerte er sich
nicht.
    Da war es ihm plötzlich, als hörte er seinen Namen rufen.
    »Paul, Paul!« Es klang ganz lieb und vertraut und mit einer hellen, weichen
Stimme, die ihm wohlbekannt schien.
    Erschrocken schaute er auf.
    »Paul, komm doch her!« rief die Stimme noch einmal. Es lief ihm heiss und
kalt über den Rücken herab, denn er wusste nun, wer es war.
    Er liess einen verschämten Blick über seine Arbeitskleider gleiten und machte
sich daran, den Knoten des Lakens loszulösen, aber der hatte sich in den Nacken
zurückgeschoben, so dass er ihn nicht erreichen konnte.
    »Komm doch so, wie du bist,« rief die Stimme, und nun sah er auch, wie ihr
Oberkörper sich in der Matte emporrichtete, während ein Buch mit rot und
goldenem Einband ihren Händen entglitt und zur Erde fiel.
    Zögernd kam er näher, indem er heimlich versuchte, die Stiefel, an denen der
Schmutz des feuchten Ackers klebte, in dem Moose abzuwischen.
    Sie ihrerseits hatte noch im letzten Augenblicke bemerkt, dass ihre Füsse
mitsamt den weissen Strümpfen unter dem Kleide hervorguckten, und machte sich
eilig daran, sie mit dem Tuche, das sie um die Schultern geschlungen hatte, zu
verdecken. Aber sie vermochte nicht, es unter ihren Armen hervorzuzerren, und da
sie keinen anderen Rat wusste, so kauerte sie sich schnell zusammen, so dass sie
dasass wie ein brütendes Hühnchen, während die Hängematte heftig hin und her
schwankte.
    Vielleicht hatte sie die Absicht gehabt, ihm durch ihre Sicherheit und ihre
frisch erlernte gesellschaftliche Bildung ein wenig zu imponieren, aber das
Schicksal fügte es nun, dass sie ihn nicht minder rot und verlegen anstarren
musste als er sie.
    Er seinerseits bemerkte nichts von ihrer Gemütsverfassung, er fand nur, dass
sie sehr schön geworden war, dass ihr Haar sich zu einem vornehmen Knoten
schürzte und dass ihre Busenschleife auf einer wogenden Rundung leise zitterte.
Letzteres machte ihm vollends klar, dass sie inzwischen eine Dame geworden war.
    Es verging eine ganze Weile, ehe eines von beiden ein Wort hervorbrachte.
    »Guten Tag - du,« sagte sie dann mit einem leisen Auflachen und streckte ihm
ihre Rechte entgegen, denn sie merkte, dass sie die Oberhand hatte.
    Er schwieg und lächelte sie an.
    »Hilf mir ein bisschen mein Tuch hervorziehen,« fuhr sie fort.
    Er tat es. - »So, nun kehr dich um.« Auch damit war er einverstanden. »Nun
ist's gut.« Sie hatte sich wieder hingelegt, das Tuch rasch über die Füsse
geworfen und guckte nun zwischen den Maschen der Hängematte hindurch schelmisch
zu ihm empor.
    »Es ist wirklich 'ne Freude, dass ich wieder bei dir bin,« sagte sie, »du
bist doch der Beste von allen. Hast du dich auch nach mir gebangt?«
    »Nein,« erwiderte er wahrheitsgetreu.
    »Ach geh - du,« erwiderte sie und versuchte, sich schmollend nach der
anderen Seite zu drehen, aber da die Hängematte wieder in ein heftiges Schwanken
geriet, so blieb sie liegen und lachte.
    Er wunderte sich innerlich, dass sie so lustig war. Er hatte ausser den
Zwillingen noch niemanden so lachen gesehen. Und das waren Kinder.
    Aber dieses Lachen gab ihm die Unbefangenheit wieder, denn er fühlte
instinktiv, um wieviel älter er inzwischen geworden war als sie.
    »Es ist dir wohl sehr gut gegangen - die ganze Zeit über?« fragte er.
    »Gott sei Dank - ja,« erwiderte sie. »Mama kränkelt ein bisschen, aber das
ist auch alles.« - Ein Schatten flog über ihr Angesicht, war aber im nächsten
Augenblick wieder verschwunden, und dann fuhr sie plaudernd fort: »Ich bin in
der Stadt gewesen - ach, du - was ich da alles durchgemacht hab' - das muss ich
dir bei Gelegenheit einmal erzählen. Tanzstunden hab' ich genommen. Auch
Verehrer hab' ich gehabt - du kannst mir's glauben. Fensterpromenaden haben sie
mir gemacht, anonyme Blumensträusse haben sie mir geschickt, auch Verse,
selbstgemachte Verse. Ein Student war darunter, mit einem weissen Schnurrock und
einer grün-weiss-roten Mütze - o, der verstand's! Was der einem nicht alles zu
sagen wusste - hinterher hat er sich mit der Betty Schirrmacher verlobt, einer
Freundin von mir, das heisst ganz heimlich, ausser mir weiss es keiner.«
    Paul atmete erleichert auf, denn der Student hatte schon begonnen, ihm den
Kopf warm zu machen.
    »Und hast du dich nicht geärgert?« fragte er.
    »Weshalb?«
    »Dass er dir untreu wurde.«
    »Nein, darüber sind wir erhaben,« erwiderte sie und zuckte die Achseln. »O,
du - das sind ja alles grüne Jungen im Vergleich mit dir!« Ein heisser Schreck
überlief ihn bei dem Gedanken, dass man einen Studenten einen grünen Jungen
nennen konnte und noch dazu mit ihm selber verglichen.
    »Mein Bruder ist kein grüner Junge,« erwiderte er.
    »Ich kenne deinen Bruder nicht,« meinte sie mit philosophischer Ruhe, »der
mag vielleicht keiner sein. - - Ja, ich bin viel, viel älter geworden,« fuhr sie
fort. »Literaturstunden hab' ich genommen - da hab' ich viel Schönes gelernt.«
    Ein quälender Neid erwachte in ihm.
    »Heb mal das Buch auf!« - Er tat's. - »Kennst du das?«
    Er las auf dem roten Deckel in goldener Pressung die Worte: »Heines Buch der
Lieder« und schüttelte traurig den Kopf.
    »Ach, dann kennst du nichts. - Was da alles drinsteht! Du, das Buch muss ich
dir leihen! Das lies - da lernt man was draus! Und wenn man eine Weile drin
gelesen hat - dann kommt einem meistens das Weinen an.«
    »Ist es denn so traurig?« fragte er und besah den roten Deckel mit
beklommener Neugier.
    »Ja, sehr traurig, so schön und so traurig wie - wie - bloss von Liebe ist
die Rede, von weiter gar nichts, und man fühlt, wie die Sehnsucht einen
übermannt, wie man fliegen möchte nach dem Ganges, wo die Lotosblumen blühen und
wo -«
    Sie stockte, dann lachte sie hell auf und meinte: »Ach, das ist zu dumm -
nicht?«
    »Was?«
    »Was ich da schwatze.«
    »Nein - ich möcht' dich mein Lebtag so reden hören.«
    »Ja - möchtest du? - Ach, du - hier ist es mollig! Ich komm' mir so geborgen
vor, wenn du dabei bist.« - Und sie streckte sich in dem Netzwerk aus, als
wollte sie mit dem Kopf nach seiner Schulter hin.
    Ein seltsames Gefühl von Glück und Frieden überkam ihn, wie er es lange
nicht gekannt hatte.
    »Warum schaust du fort?« fragte sie.
    »Ich schaue nicht fort.«
    »Doch ... du musst mich anschauen ... Das hab' ich gern ... du hast so
ernste, treue Augen - du, jetzt weiss ich auch, womit ich die Lieder da
vergleichen soll!«
    »Nun, womit?«
    »Mit deinem Pfeifen. Das ist auch so - so - - na, du weisst schon ... Pfeifst
du denn auch noch manchmal?«
    »Selten!«
    »Und die Flöte hast du wohl auch nicht spielen gelernt?«
    »Nein.«
    »O pfui! - Wenn du mich liebhast, dann tust du's ... Ich werde dir auch das
nächste Mal eine schöne Flöte schenken!«
    »Ich habe nichts, dir wieder zu schenken!«
    »Doch - du schenkst mir all' die Lieder, die du spielst. Und wenn dir recht
wehe ums Herz ist ... na, lies nur in dem Buche - da steht alles.«
    Paul besah es von allen Seiten. »Was muss das für ein seltsames Buch sein?«
dachte er.
    »Und nun erzähl mir von dir!« sagte sie. »Was tust du? Was treibst du? Was
macht deine liebe Mama?«
    Paul sah sie dankbar an. Er fühlte, dass er heute würde reden können, ganz
wie ihm ums Herz war - da fuhr's ihm plötzlich durch den Sinn, dass die
Frühstückspause längst vorüber und dass der Knecht mit den Pferden auf ihn
wartete. Bis Mittag musste er fertig sein, denn nach dem Essen sollte das
Fuhrwerk mit einer Fuhre Torf, die er heimlich hatte stechen lassen, in die
Stadt.
    »Ich muss an die Arbeit,« stammelte er.
    »Ach, wie schade! Und wann bist du fertig?«
    »Um Mittag.«
    »So lange kann ich nicht warten, sonst ängstigt sich Mama. Aber in den
nächsten Tagen komm doch wieder einmal ausschauen - vielleicht findest du mich.
Jetzt will ich noch eine Stunde hier liegen und dir zugucken. Es sieht prächtig
aus, wenn du mit deinem schneeweissen Tuche auf und nieder schreitest und die
Körner um dich her sprühen.«
    Er reichte ihr stumm die Hand und ging.
    »Das Buch werd' ich hier liegen lassen,« rief sie ihm nach, »hol's dir, wenn
du fertig bist ...«
    Der Knecht lächelte verschmitzt, als er ihn kommen sah, und Paul wagte kaum
die Augen zu ihm aufzuschlagen.
    Jedesmal, wenn er in seiner Arbeit an der Stelle vorüberging, an der sie
drüben im Walde ruhte, richtete sie sich halb auf und winkte ihm mit dem
Taschentuche. Gegen zwölf Uhr wickelte sie ihre Hängematte zusammen, trat an den
Waldesrand und rief durch die hohle Hand ihr Lebewohl ...
    Er nahm zum Dank die Mütze ab, der Knecht aber schaute nach der anderen
Seite und pfiff sich eins, als wollte er nichts bemerkt haben ...
    Während der heutigen Mittagsmahlzeit wandte die Mutter keinen Blick von
ihrem Sohne, und als sie mit ihm allein war, trat sie auf ihn zu, nahm seinen
Kopf in ihre beiden Hände und sagte: »Was ist dir passiert, mein Junge?«
    »Weshalb?« fragte er verwirrt.
    »Dein Auge leuchtet so verfänglich.«
    Er lachte laut auf und lief von dannen; als sie ihn aber beim Abendbrot noch
immer anschaute - fragend und traurig zugleich -, da tat es ihm weh, dass er ihr
kein Vertrauen geschenkt hatte, er ging ihr nach und gestand ihr, was ihm
widerfahren war.
    Da flog es wie Sonnenschein über ihr vergrämtes Gesicht, und als er mit
glühenden Backen verschämt von dannen schlich, schaute sie ihm feuchten Auges
nach und faltete die Hände, wie um zu beten.
    Er sass bis gegen Mitternacht in seiner Kammer, den Kopf in die Hände
gestützt. Das geheimnisvolle Buch lag auf seinen Knien, aber darin lesen konnte
er nicht, denn der Vater hatte ihm verboten, abends Licht zu brennen. Er musste
warten bis zum Sonntag.
    Er dachte darüber nach, wie anders sie geworden war. - Hätte sie nur nicht
so oft gelacht. Ihr Frohsinn entfremdete sie ihm, und das volle, blühende Leben,
von dem sie sich tragen liess, rückte sie weit, weit fort in jenes ferne Land, wo
die Glücklichen wohnen. Und schien sie an Lieb' und Güte auch die alte, sie
musste ihn ja verachten lernen, er war ja bloss ein Bauernjunge und dumm und
linkisch und trübselig dazu.
    In seinem Kopfe wogte ein wirres Durcheinander von Glück und Scham und
Selbstvorwürfen, denn er fand, dass er sich weit würdiger und weit vornehmer
hätte benehmen können. - Hierin mischte sich eine rätselhafte Angst, die ihm
fast die Kehle zuschnürte - wiewohl er vergebens in seiner Seele nachforschte,
wem sie wohl gelten mochte.
    Am nächsten Vormittag sah er vom Hofe aus, auf dem er Pfähle eingrub, etwas
Weisses am Waldrande sich hin und her bewegen. - Er biss die Zähne zusammen in Weh
und Ingrimm, aber er brachte es nicht übers Herz, seine Arbeit zu verlassen.
    Noch zwei Tage lang fand das Weisse sich ein - dann blieb es verschwunden.
    Am Sonntagvormittag holte er sich das Liederbuch aus seinem Kasten und
wanderte damit nach dem Walde - zur Mahlzeit blieb er aus -, und am Abend fanden
ihn die Zwillinge, die auf der Heide Haschen spielten, pfeifend unter einem
Wacholderbusch liegen, während ihm die Tränen über die Wagen liefen.
    So übersetzte er sich das »Buch der Lieder« in seine Sprache.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Kurze Zeit darauf hörte er, dass Frau Douglas von den Ärzten ein dauernder
Aufentalt im Süden angeordnet sei und dass Elsbet sie begleiten werde.
    »Es ist ganz gut so,« sagte er sich, »dann wird sie mir nicht mehr so viel
im Kopfe herumspuken.« Lange war er unschlüssig, ob er ihr das entliehene Buch
wiederschicken sollte oder nicht; er hätte es gern behalten, aber sein Gewissen
liess das nicht zu. Er wartete auf eine günstige Gelegenheit - bis er erfuhr, dass
sie abgereist sei. Da gab er sich zufrieden.
 
                                       9
Fünf Jahre vergingen - fünf Jahre voll Sorgen und Mühen. Paul liess sich das
Leben gar sauer werden, er schaffte von morgens früh bis in die Nacht hinein,
seine fleissige Hand lag auf jeglichem Werke, und was er anfasste, gedieh. Aber er
merkte es kaum, denn allstündlich ging sein Geist sorgend in die Zukunft.
    Seine Stirn trug zu allen Stunden die gleichen Falten, sein Auge schaute mit
dem gleichen gedankenschweren, grüblerischen Ausdruck vor sich nieder, gleichsam
ins Innere hinein, und oft vergingen Tage, ohne dass er bei Tisch und bei der
Arbeit ein einzig Wort gesprochen hätte.
    Er trug die Überzeugung, dass im Grunde sein Schaffen ein hoffnungsloses war.
Auf des Vaters Dank hatte er niemals rechnen können, und er lernte leicht, ihn
verschmerzen, aber was er schwerer lernte, war, sich geduldig fügen, wenn des
Vaters Laune in einer Stunde zerstörte, was er mühsam durch Wochen hin aufgebaut
hatte.
    Wenn der Vater von seinen Reisen heimkam, so geschah es nicht selten, dass er
ihn vor den Ohren der Knechte einen Pinsel, einen Dummkopf schalt und sich
bitter beklagte, die Wirtschaft in so unfähigen Händen zurücklassen zu müssen,
wenn die Pflicht - niemand wusste, welche Pflicht dies war - ihn in die Ferne
rief.
    Paul schwieg alsdann, denn tief in seinem Herzen ruhte das Gebot: »Du sollst
Vater und Mutter ehren. - Den Vater um der Mutter willen,« so hatte er es
umgemodelt - aber sein Auge glitt mit einem düster spähenden Blicke von einem
der Knechte zum andern, und wen er lächeln oder in heimlicher Schadenfreude des
Nachbarn Ellbogen streifen sah, den entliess er am folgenden Morgen.
    Einen unter den Knechten gab es, der fast die ganze Zeit über auf dem
Heidehof gearbeitet hatte. Er hiess Michel Raudszus und war litauischer Herkunft.
Er bewohnte auf der Heide, unweit von Helenental, eine armselige, verfallene
Kate, deren Wände mit Torf belegt waren, damit sie der Sturm nicht umfegte. Er
hatte ein verwahrlostes Weib, das schon zweimal im Gefängnis gesessen hatte und
die Kinder zum Betteln anhielt.
    Er war ein schweigsamer, finsterer Gesell, der seine Arbeit musterhaft
verrichtete und ohne ein Wort des Murrens von dannen ging, wenn man ihn nicht
mehr brauchte, aber pünktlich zur Stelle war, wenn es von neuem Arbeit gab.
    Paul hatte ihn anfangs nicht leiden mögen, denn sein wortkarges, einsames
Wesen und seine scheuen, düsteren Mienen hatten auf ihn einen unheimlichen
Eindruck gemacht, aber dann war's ihm plötzlich eingefallen, dass er selber sich
nicht viel anders betrüge, und seit dieser Stunde hatte er ihn in sein Herz
geschlossen.
    Der Vater seinerseits schien einen gewissen Respekt vor ihm zu haben, denn
obwohl er, wenn er betrunken war, die Knechte durchzuprügeln pflegte, hatte er
ihn noch niemals angerührt. - Es war, als ob der Blick, den der Mensch unter
seinen buschigen Brauen hervor ihm zuwarf, ihn im Zaume hielte.
    Dieser Knecht war Pauls treuester Gehilfe. Ihm konnte er selbst den
Marktverkauf des Getreides anvertrauen, und stets wusste er die höchsten Preise
zu erhandeln. - - -
    Auf dem stillen Heidehof hatte sich in diesen fünf Jahren langsam und
unmerklich eine grosse Veränderung vollzogen. Mehr und mehr verloren sich die
Spuren der Armut, seltener und seltener kehrte die Not bei Tische ein. - Im
Garten zeigten sich zierliche Blumenrabatten, in langen Reihen standen die
Schoten-und die Spargelstauden, und der brüchige Bretterzaun war längst durch
einen neuen ersetzt worden. - Die Herde wuchs alljährlich um zwei oder drei
wertvolle Kühe, und der Milchwagen, der allmorgendlich nach der Stadt fuhr,
brachte am Ersten manchen schönen Groschen heim.
    Dass trotzdem von einem beginnenden Wohlstand keine Rede sein konnte, daran
war nur der Vater schuld, der den grössten Teil der Einkünfte verspekulierte,
wenn er sie nicht durch die Gurgel jagte.
    Hinter seinem Rücken hatte Paul es möglich gemacht, dass wenigstens für die
Geschwister allmonatlich ein paar Taler erübrigt wurden.
    Die Brüder brauchten mehr Geld denn je. Max hatte das Staatsexamen gemacht
und absolvierte nun unentgeltlich sein Probejahr bei einem Gymnasium; und
Gottfried, der Kontorist, war alljährlich etliche Monate ausser Stellung. Die
beiden schrieben Bittbriefe in allen möglichen Tonarten, von der jovialen
Forderung: »Pump mir mal sofort dreissig Taler,« bis zum herzzerreissenden Flehen:
»Wenn Du nicht willst, dass ich zugrunde gehen soll, so habe Erbarmen« und so
weiter.
    Paul verbrachte manche schlaflose Nacht über dem Sinnen, wie ihnen zu
helfen, und nicht selten geschah es, dass er sich das Geld an seinem eigenen
Leibe absparte.
    Einmal hatte ihm Gottfried geschrieben, dass er gänzlich abgeledert sei und
notwendig einen Sommeranzug brauche. Paul wollte sich gerade einen Sonntagsrock
machen lassen, denn sein alter war ihm ausgewachsen; seufzend packte er das
Geld, das er dafür bestimmt hatte, in ein Kuvert und schickte es dem Bruder,
liess aber in dem Begleitbriefe etwas davon einfliessen, dass es mit seiner eigenen
Garderobe nicht minder übel bestellt sei. Der Bruder zeigte sich grossmütig, er
schickte ihm vierzehn Tage später ein Paket mit Kleidern und einen Brief, in dem
es hiess: »Ich schicke Dir anbei einen abgelegten Anzug von mir. Du in Deiner
anspruchslosen Stellung wirst ihn wohl noch verwerten können.«
    Auch den Zwillingen hatte Paul eine glänzendere Zukunft ermöglicht, als die
gedrückten Verhältnisse des Hauses es erwarten liessen. Er hatte dahin gewirkt,
dass die Pfarrerin, eine ehemalige Gouvernante, sie in die Privatschule aufnahm,
die sie für die Töchter wohlhabender Besitzersfamilien aus der Umgegend
errichtet hatte.
    Das Schulgeld war nicht das schlimmste dabei - auch die Bücher und Hefte
liessen sich wohl auftreiben - aber schwer, sehr schwer war es, die nötige
Garderobe instand zu halten, denn sein Stolz litt es nicht, dass die Schwestern
hinter ihren Freundinnen zurückblieben und etwa als Bettlerkinder von ihnen
betrachtet würden. Er selbst hatte das Gefühl, über die Achsel angesehen zu
werden, allzu sehr an sich kennen gelernt, um es den Schwestern zu gönnen.
    An der Mutter fand er selbst für diese weiblich gearteten Sorgen keinen
Rückhalt mehr. Sie war nun durch die steten Scheltreden ihres Mannes so sehr
verängstigt, dass sie nicht mehr den Mut fand, einen Fetzen Band auf eigene
Verantwortung einzukaufen.
    »Was du tust, mein Sohn, wird gut sein,« sagte sie; und Paul fuhr zur Stadt
und liess sich von dem Manufakturisten und der Schneiderin betrügen.
    Die Zwillinge blühten empor, sorglos und übermütig, ohne eine Ahnung davon,
welch ein Trauerspiel sich in ihrer nächsten Nähe abspielte.
    In ihrem zehnten Jahre prügelten sie sich mit den Jungen des Dorfes herum,
im zwölften gingen sie mit ihnen auf den Birnendiebstahl, und im fünfzehnten
liessen sie sich von ihnen Veilchensträusse schenken ...
    Sie galten nun weit und breit als die schönsten Mädchen der Gegend. Paul
wusste das wohl und war nicht wenig stolz darauf, aber was er nicht wusste, war,
dass sie sich hinter dem Gartenzaune Stelldichein gaben und dass die Hälfte ihrer
Konfirmationsbrüder sich rühmen durfte, ihre süssen, roten Lippen geküsst zu
haben. -
 
                                       10
Es war im Monat Juni an einem sonnigen Sonntagnachmittag.
    Aus dem Walde herüber erscholl leise Trompetenmusik. Dort wurde heut ein
grosses Fest gefeiert. Eine städtische Musikkapelle hatte sich anwerben lassen,
ein Konzert zu geben. Von weit und breit waren die Landbewohner herbeigeströmt,
selbst die Rittergutsbesitzer hatten nicht verschmäht, ihre Teilnahme zuzusagen,
denn dergleichen ereignete sich nicht häufig in dem stillen Hinterwald.
    Von Mittag an waren lange Wagenreihen an dem Heidehof vorübergezogen, und
der alte Meihöfer, der nicht gern zu Hause sass, wenn irgendwo was los war, hatte
plötzlich einen Anfall von Güte bekommen und den Weibern zugerufen, sich
schleunigst bereit zu machen, er wolle sich opfern und sie zum Feste führen.
    Die Zwillinge, die schon lange mit begierig glänzenden Augen zum Fenster
hinausgestarrt hatten, brachen in lauten Jubel aus, Frau Elsbet lächelte still
zu ihnen hinüber und wandte sich dann zu Paul, der in einer Ecke sass und ruhig
an seinen Blumenstöcken weiterschnitzelte, als ob ihn das alles nichts anginge.
    »Willst du nicht mit?« fragte sie.
    »Paul kann kutschieren,« rief Meihöfer nachlässig.
    Er dankte und meinte, sein Rock sei zu schäbig, auch wolle er die Tagelöhner
kontrollieren, die sich mit Sonnenuntergang einzufinden hatten. Morgen sollte
die Heuernte beginnen.
    Die Zwillinge sahen ihn an, steckten die Köpfe zusammen und kicherten dann,
als er zur Tür hinausschritt, hängten sie sich an ihn, und Käte zischelte: »Du,
wir wissen was!«
    »Na, was wisst ihr denn?«
    »Was Schönes!« meinte Grete geheimnisvoll.
    »'raus damit!«
    »Elsbet Douglas ist wieder zu Hause.«
    Und in ein helles Gelächter ausbrechend, jagten sie von dannen.
    Paul empfand zuerst einen grossen Zorn, dass sie ihn zu verspotten wagten,
dann seufzte und lächelte er und wunderte sich, dass sein Herz plötzlich so laut
zu pochen begann.
    Eine halbe Stunde später fuhren die Seinen ab.
    »Komm bald nach!« rief ihm die Mutter vom Wagen zu, und Käte raunte ihn
beim Aufsteigen ins Ohr: »Ich glaub', sie werden auch da sein.«
    Nun stand er allein auf dem verödeten Hof ... Die Mägde waren zum Melken auf
die Weide gegangen, - keine lebendige Seele weit und breit.
    Die Enten in ihrem Tümpel hatten die Köpfe unter die Flügel gesteckt, der
Kettenhund schnappte schläfrig nach Fliegen.
    Paul setzte sich auf den Gartenzaun und starrte nach dem Walde hinüber, an
dessen Rande der Schein von hellen Kleidern hin und her flirrte, während hie und
da ein helles Leuchten aufblitzte, wenn die Sonnenstrahlen sich in dem Geschirr
der harrenden Fuhrwerke widerspiegelten.
    Der Abend kam. Noch war er unschlüssig, ob er es wagen dürfte, den Seinen
nachzufolgen.
    Tausend Gründe fielen ihm ein, die sein Zuhausebleiben dringend notwendig
machten, und als es ihm vollständig klargeworden war, dass er ins Haus gehöre und
nirgends anders hin, zog er sich seinen Sonntagsrock an und ging zum Feste.
    Es fing an zu dunkeln, als er über die duftende Heide dahinschritt. Das Herz
schnürte sich ihm zu in tiefgeheimer Angst. - Er wagte nicht nach den Gründen zu
forschen, doch als er an dem Wacholderbusche vorbeischritt, unter dem er einst
Elsbet sein schönstes Lied gepfiffen, da zuckte ein Schmerz durch seine Brust,
als hätte ein Stich ihn getroffen.
    Er hielt an und überlegte, ob er nicht lieber umkehren sollte. - - »Mein
Rock ist viel zu schlecht,« sagte er sich, »ich kann mich in anständiger
Gesellschaft nicht sehen lassen.« Er zog ihn aus und musterte ihn von allen
Seiten. Die Nähte des Rückens zeichneten sich als graue Streifen ab, auf den
Ellbogen sass ein mattsilberner Glanz, und die Kanten der Brustaufschläge wiesen
sogar kleine Fransen auf.
    »Es geht beim besten Willen nicht,« sagte er, und dann setzte er sich unter
den Wacholderbusch und träumte davon, wie flott und elegant er aussehen würde,
wenn er es erst bis zu einem neuen Rocke gebracht hätte. »Aber das wird wohl
noch lange dauern,« fuhr er fort, »erst müssen Max und Gottfried fest in ihren
Stellungen sitzen, und Grete und Käte müssen die Ballkleider haben, die sie
sich wünschen, und Mutters Lehnstuhl muss neu gepolstert sein,« - - und je mehr
er nachdachte, desto mehr Sachen fielen ihm ein, die den Vorrang hatten.
    Hierauf sah er sich wieder mit einem funkelnagelneuen schwarzen Anzug
angetan, Lackstiefel an den Füssen, eine modische Krawatte um den Hals
geschlungen, wie er mit stolz emporgehobenem Haupte in nachlässig vornehmer
Haltung den Ballsaal betrat, während Elsbet ihm hochachtungsvoll
entgegenlächelte.
    Plötzlich fuhr er aus seinen Träumen hoch. - »Pfui, ich bin ein rechter Geck
geworden,« schalt er, »was hab' ich mit Lackstiefeln und modefarbenen Krawatten
zu tun? Und jetzt geh' ich grade in meinem alten Rock zum Walde. - - Zudem ist
es ja auch schon fast dunkel geworden,« fügte er vorsichtig hinzu.
    Heller schallten die Trompeten. Jubel und Gelächter drangen durch die
Fichtenzweige an sein Ohr.
    Eine runde Waldwiese war zum Festplatz umgewandelt worden. In der Mitte
erhob sich ein Podium für die Musikanten, rechts davon stand die Bude des
Schankwirts aus dem Dorfe, der saures Bier und süssen Kuchen verkaufte, und auf
der linken Seite war ein Tanzplatz eingezäunt, dessen Betreten zehn Pfennig
extra kostete, wie man auf einer grossen weissen Tafel lesen konnte.
    In weitem Bogen ringsum waren Tische und Bänke aufgeschlagen, wo die
Familien sich an dem mitgebrachten Abendbrot gütlich taten, und mittendurch
drängte sich eine jubelnde, kichernde, gaffende Menge, die nach Liebe oder
Prügeln lüstern war.
    Das Konzert war bereits zu Ende, der Tanz hatte begonnen; auf dem
festgestampften Moose drehten die Pärchen sich keuchend und stolpernd in die
Runde.
    Der Schein des verglühenden Abends lag auf der Lichtung, während das rings
daran grenzende Waldesterrain schon im Dunkel vergraben war. Hier hausten die
Knechte und die Mägde aus den umliegenden Ortschaften, selbst die Kutscher
hatten ihre Fuhrwerke verlassen, da sie's nicht übers Herz brachten, dem
Liebesspiel von ferne zuzusehen. Jeder Busch des Unterholzes schien lebendig,
und aus dem Schosse der Nacht drang leises, verliebtes Gekicher.
    Scheu wie ein Verbrecher schlich Paul sich rings um den Festplatz. Ein
Bangen vor fremden Menschen war ihm schon immer eigen gewesen, aber noch nie
hatte sein Herz sich so angstvoll zusammengekrampft wie in diesem Augenblicke.
    »Ob Elsbet da ist?« - Nirgends im Getümmel war von den Bewohnern des
»weissen Hauses« eine Spur, aber auch die Seinen schienen spurlos verschwunden.
Einmal war es ihm, als höre er das girrende Gelächter der Zwillinge an sein Ohr
schlagen, aber im nächsten Augenblick hatte der Lärm es verschlungen.
    Zweimal war er schon in die Runde gegangen, da plötzlich - das Herz drohte
ihm stille zu stehen in Schreck und Wonne - sah er ganz nah vor sich Vater und
Mutter mit der Familie Douglas in friedlichstem Beieinander an einem Tische
sitzen.
    Der Vater hatte die Ellbogen auf den Tisch gestützt und redete hochrot vor
Eifer auf Herrn Douglas ein. Der breitschultrige Riese mit dem buschigen
Graubart hörte ihm schweigend zu, nickte bisweilen und lächelte vor sich hin.
Die hagere, kränkliche Gestalt mit den hohlen Wangen und den blauen Ringen rings
um die Augen, die das Haupt müde gegen einen Baumstamm gelehnt hatte und mit den
mageren, weissen Fingern die Hand der Mutter umschlungen hielt, das war seine
Pate, die ihm stets wie eine Botin aus dem Jenseits erschienen war. Aber neben
ihr - neben ihr die Dame in dem schmucklosen, grauen Kleide, mit dem schlicht
zurückgestrichenen Blondhaar - -
    »Elsbet, Elsbet,« jubelte eine Stimme in ihm, und dann plötzlich sank es
wie eine Wolkenwand zwischen ihm und ihr hernieder und legte sich frostig um
seine Seele und umflorte sein Auge mit feuchten Schleiern.
    Ihr gegenüber sass ein Herr mit keckem, blondem Bärtchen und noch keckeren,
blauen Augen, der sich vertraulich zu ihr hinüberneigte, während ein Lächeln
über ihr stilles Antlitz glitt.
    »Den wird sie heiraten,« sagte er sich mit einer Bestimmteit, die mehr als
eine eifersüchtige Ahnung war. Mit dem Hellsehertum der Liebe hatte er erkannt,
dass diese beiden Naturen sich ergänzten und einander suchen mussten. - Und
vielleicht, vielleicht hatten sie sich schon gefunden, dieweil er selber seine
Tage in nichtigen Träumen vergeudete.
    Wie erstarrt blieb er stehen und musterte den Mann, der ihm plötzlich klar
machte, was er verloren - verloren freilich, ohne es je besessen zu haben.
    Wie hätte er sich auch jemals mit diesem messen können! So - auf ein Haar so
- war ja das Mannesideal beschaffen, von dem er stets geträumt hatte.
    Kühn, energisch, siegesbewusst - so wollte auch er einst werden - genauso wie
der fremde junge Mann, der mit leichtsinnigem Lächeln zu Elsbet hinüberschaute.
- - Auch trug er Lackstiefel und einen modefarbenen Schlips, und sein Anzug war
vom feinsten, schwarzen Glanztuch.
    Wohl eine Stunde lang stand Paul da, ohne dass er wagte, sich vom Platze zu
rühren, Elsbet und ihr Gegenüber mit den Augen verschlingend.
    Es wurde Nacht, er merkte es kaum.
    Lange Reihen von Lampions wurden angezündet und entsendeten einen ungewissen
Dämmerschein auf das bunte Menschengewühl.
    »Wie schön bin ich geborgen!« dachte Paul und freute sich des Dunkels, in
dem er sich verkrochen hatte. Er achtete nicht darauf, dass zwei Männer auf ihn
zuschritten und sich in seiner Nähe am Boden zu schaffen machten. - Da plötzlich
flammte, kaum drei Schritte von ihm entfernt, ein purpurrotes bengalisches Feuer
auf, das alles ringsum in ein Meer blendenden Lichtes tauchte.
    Rasch wollte er sich in den Schatten eines Baumstammes flüchten, aber es war
zu spät.
    »Steht da nicht Paul?« rief die Mutter.
    »Wo?« fragte Elsbet, sich neugierig umwendend.
    »Junge, was lungerst du im Finstern 'rum?« schrie der Vater.
    Da musste er wohl oder übel hervortreten, und hochrot vor Scham, die Mütze in
der Hand, stand er vor Elsbet, die den Kopf in die Hand gestützt hatte und
lächelnd zu ihm aufsah.
    »Ja - so ist es immer - der richtige Schleicher,« sagte der Vater, ihm einen
Schlag auf die Schulter gebend, und der fremde junge Herr strich sich das Haar
aus der Stirn und lächelte halb gutmütig, halb ironisch.
    Da stand der alte Douglas auf, trat auf ihn zu und ergriff seine beiden
Hände. »Kopf hoch, junger Freund, und Brust 'raus!« rief er mit seiner
Löwenstimme. »Sie haben keine Ursache, die Augen niederzuschlagen - Sie am
wenigstens auf der ganzen Welt. Wer mit zwanzig Jahren das leistet, was Sie
leisten, der ist ein ganzer Kerl und braucht sich nicht verkriechen. Ich will
Sie nicht eitel machen, aber fragen Sie mal, wer Ihnen das nachtäte! Etwa du,
Leo?« wandte er sich an den jungen Stutzer, der mit lustigem Auflachen
erwiderte: »Muss eben verbraucht werden, wie ich bin, Onkelchen.«
    »Wenn nur etwas an dir zu verbrauchen wäre, du Taugenichts,« erwiderte
Douglas. - »Dies ist nämlich mein Neffe, Leo Heller, ein Fritz Triddelfitz in
neuer Auflage - - -«
    »Onkel, ich seng' dir auf!«
    »Ruhig, du Schlingel.«
    »Onkel - zwanzig Glas - wer zuerst unterm Tisch liegt -«
    »Das nennt der Respekt.«
    »Onkel - du kneifst.«
    »Ruhig - sieh dir mal hier diesen jungen Landwirt an - zwanzig Jahr alt und
hält die ganze Wirtschaft am Schnürchen.«
    »Na, Herr Douglas, ich bin ja auch noch da,« rief Meihöfer mit etwas langem
Gesicht.
    »Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen,« erwiderte dieser, »aber Sie haben ja
so viel mit Ihrer Aktiengesellschaft zu tun - Sie können sich um solche
Lappalien natürlich nicht bekümmern.«
    Meihöfer verbeugte sich geschmeichelt, und Paul schämte sich für ihn, denn
er verstand die Ironie dieser Worte gar wohl.
    Frau Douglas winkte ihn lächelnd zu sich heran, ergriff seine Hand und
streichelte sie. »Gross und hübsch sind Sie geworden,« sagte sie mit ihrer
matten, freundlichen Stimme, »und einen schönen Bart haben Sie bekommen -«
    »Aber nennen Sie ihn doch du,« fiel die Mutter ein, die heute weit freier
schien als sonst. »Paul, bitte deine Patin - - -«
    »Ja, ich - bitte darum,« sagte Paul stammelnd, indem er aufs neue errötete.
    »Gott wird dich segnen, mein Sohn,« sagte Frau Douglas. »Du hast es dir
verdient« - und dann sank ihr Kopf aufs neue gegen den Baumstamm.
    Paul stand nun hinter der Bank und wusste nicht, was beginnen. Es geschah zum
erstenmal, seitdem er erwachsen war, dass er sich in fremder Gesellschaft befand.
Sein Blick fiel auf Elsbet, die, den Kopf auf die Ellbogen gestützt, sich nach
ihm umschaute.
    »Mir willst du wohl gar nicht guten Tag sagen?« fragte sie mit leiser
Schelmerei.
    Das vertrauliche »Du« machte ihm Mut. Er streckte ihr die Hand entgegen und
fragte, wie es ihr ergangen sei die ganze lange Zeit.
    Ein trüber Schein flog über ihr Gesicht. »Nicht gut,« sagte sie leise, »aber
davon später, wenn wir allein sind.«
    Sie rückte ein wenig zur Seite und sagte: »Komm!« Und als er sich neben sie
setzte, streifte sein Ellbogen ihren Nacken. Da ging ein Schaudern durch seinen
Leib, wie er es nie im Leben gefühlt hatte.
    Leo Heller reichte ihm über den Tisch weg die Hand und sagte lachend: »Auf
gute Freundschaft, Sie Musterknabe, Sie!«
    »Ich bin leider nicht wert, dass man mich zum Muster nähme,« erwiderte er in
seiner Unschuld.
    »Dann seien Sie glücklich - ich auch nicht. - Nichts ist mir ekelhafter, als
so ein Musterknabe - -«
    »Warum nannten Sie mich denn so?«
    Leo sah ihn verblüfft an. »Ach, Sie scheinen alles für Ernst zu nehmen,«
sagte er dann.
    »Verzeihen Sie - ich bin so wenig an Scherz gewöhnt,« erwiderte er, und die
Schamröte stieg ihm ins Gesicht. Wie er sich hierbei nach Elsbet wandte,
bemerkte er, dass sie ihm mit eigentümlich tiefem, ernstem Blicke in die Augen
schaute. Da stieg ein jähes Glücksgefühl in seiner Seele auf. Er ahnte, dass hier
jemand war, der ihn nicht für dumm und lächerrlich hielt, der seine Natur
verstand und die Gesetze, nach denen sie wirkte.
    Während die dreie stillschwiegen, fuhr der Vater am anderen Ende des Tisches
fort, Herrn Douglas den Plan seiner Aktiengesellschaft auseinanderzusetzen.
    »Und wenn Sie Vertrauen zu mir haben, Herr! - aber nein! das brauchen Sie
nicht einmal - ich will sagen, wenn Sie Ihr eigen Glücke nicht leichtsinnig
verscherzen wollen - man soll seinem Glücke nicht im Wege stehen, Herr! - wenn
Sie nur ein Quentchen Unternehmungsgeist in sich verspüren - o dann, ja dann -!
Sie wissen, Hunderttausende sind hier zu verdienen, das Moor ist unerschöpflich
- wozu wollen Sie andere an Ihrer Stelle reich werden lassen, Herr? Vorwärts -
durch Nacht zum Licht, heisst meine Devise - ich will streben und kämpfen bis zum
letzten Atemzug - nicht mein eigenes Interesse ist es, was hier auf dem Spiele
steht, mir erscheint es als eine Frage der ganzen Menschheit! Es gilt, diese
wüsten Ländereien der Kultur zu gewinnen, es gilt, diesem ganzen Distrikte neues
Lebensblut zuzuführen, es gilt, die Armut dieser Strecken in Wohlstand
umzuwandeln - Wohltäter der Menschheit gilt es zu werden, Herr!«
    Und in diesem Tone schwadronierte er weiter.
    Dann plötzlich rückte er Douglas ganz nah auf den Leib, und als wollte er
ihm die Pistole auf die Brust setzen, schrie er: »Werden Sie also partizipieren,
Herr?«
    Douglas fing einen Blick seiner Frau auf, die heimlich nach Frau Elsbet
hinwies und ihm dabei bittend zublinzelte, dann sagte er, halb belustigt, halb
ärgerlich: »Meinetwegen.«
    Paul schämte sich wieder, denn er las auf dem Gesichte von Douglas, dass es
sich für ihn um weiter nichts handelte als den Scherz, ein paar hundert Taler
zum Fenster hinauszuwerfen. Er wusste selbst nur allzu gut, dass kein vernünftiger
Mensch die Pläne seines Vaters ernstaft nehmen konnte.
    »Hast du unsere Mädchen nicht gesehen, Paul?« fragte die Mutter, die nun
nicht minder beklommenen Mutes schien als er.
    Nein, er hatte sie nirgends gesehen.
    »So geh - schau dich nach ihnen um - sie sind zum Tanzplatz gegangen - sag
ihnen, sie möchten nicht zu sehr jagen - sie erkälten sich sonst.«
    Paul erhob sich.
    »Ich werde dich begleiten,« sagte Elsbet.
    »Darf ich nicht auch mitkommen, Cousinchen?« fragte Vetter Leo.
    »Bleib du nur hier,« erwiderte sie leichtin, worauf er erklärte, sich vor
Gram den Tod geben zu müssen.
    »Ein lustiger Vogel,« sagte Paul mit einem Seufzer des Neides, als er neben
ihr durch das Gedränge schritt.
    »Ja aber mehr auch nicht,« erwiderte sie.
    »Hast du ihn gern?«
    »Gewiss - sehr.«
    Sie wird ihn doch heiraten, dachte Paul.
    Ringsum schrie und johlte die Menge. Ein Lampion war in Flammen aufgegangen,
und eine Schar junger Burschen bemühte sich, es von der Schnur herunterzureissen.
Flammende Papierfetzen flogen in die Luft, und der flüssige Stearin spritzte in
die Runde.
    Elsbet legte ihren Arm in den seinen und schmiegte den Kopf an seine
Schulter. Wiederum durchrieselte ihn jener wonnige Schauer, den er sich nicht zu
erklären vermochte.
    »So - jetzt bin ich geborgen,« sagte sie flüsternd. »Komm hernach in den
Wald, Paul, ich habe dir so viel zu erzählen - dort sind wir ungestört.«
    Und wie sie das sagte, wurde ihm ganz angst vor lauter Freude.
    Nun waren sie am Tanzplatz angelangt. Die Trompeten lärmten, und die Tänzer
wirbelten in die Runde.
    »Wollen wir auch tanzen?« fragte sie lächelnd.
    »Ich kann ja nicht,« erwiderte er.
    »Schadet nichts,« sagte sie, »in solchen Fällen ist ja Leo da.«
    Die törichten Träume fielen ihm ein, die er heute unter dem Wacholderbusch
geträumt hatte. - »So geht's mit allem, was ich mir ausmale,« dachte er.
    »Ich hab' noch ein Buch von dir, Elsbet,« sagte er dann.
    »Ich weiss, ich weiss,« erwiderte sie, indem sie lächelnd zu ihm aufschaute.
    »Verzeih, dass ich -«
    »Was bist du für ein Kleinkrämer!« scherzte sie. »Leo hat mir inzwischen
meine ganze Bibliotek zunichte gemacht und verlangt nun, ich soll sie ihm
ersetzen - er habe nichts mehr zu lesen.«
    Leo - und immer wieder Leo! -
    »Hast du viel Schönes herausgelesen?« fragte sie dann.
    »Ich konnte einmal alles auswendig.«
    »Und jetzt?«
    »Jetzt, ach, du lieber Gott! - ich habe an so viel Alltägliches zu denken -
es passt nicht mehr in meinen Kopf.«
    »In meinen auch nicht, Paul! - Das macht, wir haben zu viel vom Leben
erfahren - die Poesie ist uns verloren gegangen.«
    »Dir auch?«
    Sie seufzte. »Die arme Mutter!« sagte sie dann.
    »Was ist's?«
    »Sieh, seit fünf Jahren bin ich nun Krankenpflegerin,« sagte sie, »da gibt
es manche trübe Stunde, und wenn die Nachtlampe brennt und die Augen einem
schmerzen vom vielen Wachen und draussen der Sturm an den Läden rüttelt - da
kommen einem mancherlei Gedanken über Leben und Sterben, über Liebe und
Verlassenheit - na, kurz und gut - da macht man sich im Kopf sein eigen
Liederbuch zurecht und liest nicht mehr in fremden. - Aber komm heraus aus dem
Lärm - ich möcht' dich so viel fragen - und man versteht hier ja kaum sein eigen
Wort.«
    »Sogleich,« sagte er, »ich will nur erst - -«
    Seine Augen glitten spähend über den Platz, da hörte er hinter sich eine
lachende Männerstimme sagen: »Du - sieh mal dort die beiden mannstollen kleinen
Kröten.«
    Unwillkürlich wandte er sich um und bemerkte die Gebrüder Erdmann, die er
seit Jahren nicht zu Gesicht bekommen hatte. Sie waren inzwischen auf der
Ackerbauschule gewesen und grosse Herren geworden.
    »Mit denen wollen wir ulken,« sagte der andre. Darauf schlüpften sie lachend
in den Kreis der Tanzenden.
    Gleich darauf bemerkte Paul auch seine Schwestern. Der braune Lockenwald
hing ihnen wirr ins Gesicht, ihre Wangen flammten, ihr Busen wogte, und ihre
Augen blickten verliebt und verwildert.
    »Wie glücklich sie aussehen - die holden Geschöpfe,« sagte Elsbet.
    Paul hielt ihnen eine kleine Strafpredigt - sie achteten seiner kaum,
sondern guckten mit einem girrenden Kichern an seinen Schultern vorüber. Und als
er sich umwandte, gewahrte er die beiden Erdmänner, die sich hinter dem Podium
der Musikanten verborgen hatten und von dort aus verstohlene Zeichen machten.
    Die Zwillinge waren ihm unterdessen entschlüpft, und auch die Erdmänner
verschwanden.
    »Komm hier fort,« sagte Elsbet.
    Er bejahte, blieb war wie angewurzelt stehen.
    »Was hast du?« fragte sie.
    Er wischte sich mit der Hand über die Stirn - das böse Wort, das er gehört,
wollte ihm nicht aus dem Kopfe gehen.
    Die Schwestern waren jung - übermütig - unerfahren - niemand bewachte sie -
wie, wenn sie sich etwas vergäben? - wenn sie - -? eiskalt rieselte es ihm über
den Leib.
    Und er - der sich geschworen hatte, ihnen ein treuer Wächter zu sein, er
ging hier seinen Freuden nach, er -
    »Komm zum Walde,« bat Elsbet noch einmal.
    »Ich kann nicht,« stiess er hervor ...
    Verwundert sah sie ihn an ...
    »Ich muss - - die Schwestern - niemand ist bei ihnen - sei nicht böse.«
    »Führ mich zum Tisch zurück,« sagte sie.
    Er tat es. Beide sprachen kein Wort mehr.
    Fünf Minuten später überraschte er die Schwestern, wie sie Arm in Arm mit
den Erdmännern nach dem Walde entschlüpfen wollten.
    »Wohin?« fragte er, zwischen sie tretend.
    Sie schlugen verlegen die Augen nieder, und Käte stammelte: »Wir - wollten
ein bisschen spazieren gehen ...«
    Die Gebrüder Erdmann stimmten einen Biedermannston an, schüttelten ihm
herzhaft die Hand und wünschten dringend die Freundschaft der Jugendjahre zu
erneuern. - Hinterher zeigten sie ihm die Fäuste.
    »Ihr geht jetzt zur Mutter,« sagte er zu den Zwillingen, und als sie zu
schmälen begannen, zog er sie an den Armen mit sich fort ...
    Der Tisch war zur Hälfte leer ... Die Familie Douglas hatte das Fest
verlassen.
    Da ging er in den Wald und dachte darüber nach, was er Elsbet wohl alles
hätte sagen können. - Aber es sollte ja nicht sein - - es kam immer was
dazwischen.
 
                                       11
Es war Johannisnacht. Der Holunder duftete. - In silbernen Schleiern hing der
Mondenglanz über der Erde.
    Im Dorfe gab's grossen Jubel. - Teertonnen wurden angezündet, und auf dem
Anger tanzten Knechte und Mägde. Weitin lohten die Flammen über die Heide, und
die quäkenden Töne der Fiedel zogen melancholisch durch die Nacht.
    Paul stand am Gartenzaun und schaute in die Weite. Die Knechte waren zum
Johannisfeuer gegangen, und auch die Schwestern waren noch nicht daheim. Sie
hatten sich Erlaubnis ausgebeten, Pfarrers Hedwig, ihre Gespielin, zu besuchen,
ein schlichtes, stilles Mädchen, dessen Gesellschaft er sie gern anvertraute.
    Nun wollte er warten, bis alle heimgekehrt waren.
    Der Mondschein zog ihn auf die Heide hinaus. - In mitternächtlichem
Schweigen lag sie da; nur in den Erikabüschen zirpte bisweilen eine Grasmücke
wie aus dem Schlafe heraus. - Die Lichtnelken neigten ihre rötlichen Häupter -
und die Königskerze leuchtete, als wollte sie dem Mondenglanz den Rang ablaufen.
    Langsam, mit schlürfenden Schritten schritt er weiter, bisweilen über einen
Maulwurfshügel stolpernd oder sich im Blättergewinde verwickelnd. In leuchtenden
Fünkchen sprühte der Tau vor ihm her. - So kam er in die Region der
Wacholderbüsche, die noch gnomenhafter dreinschauten als sonst.
    Gleich einer schwarzen Mauer ragte der Wald vor ihm empor, und der
Mondenglanz ruhte darauf wie frischgefallener Schnee. Er fand den Platz, an dem
vor Jahren die Hängematte gehangen - in gespenstischem Dämmerschein schimmerte
die Lichtung durch das schwarze Gezweig. - Weiter und weiter zog's ihn. - Wie
ein Palast aus flimmerndem Marmor stieg das »weisse Haus« mit seinem Erker und
seinen Giebeln vor seinem Blick empor. - Tiefes Schweigen lag auf dem Gutshof,
nur hin und wieder schlug ein Hund an, um sofort zu verstummen.
    Er stand vor dem Gittertor, ohne zu wissen, wie er hingekommen war. - Er
fasste die Stäbe mit beiden Händen und guckte ins Innere. In Mondenglanz gebadet,
lag der weite Hofplatz vor ihm da - in schwarzen Konturen hoben sich die
Wirtschaftswagen ab, die in Reih und Glied vor den Ställen standen - eine weisse
Katze schlich am Gartenzaun vorbei - sonst lag alles im Schlafe.
    Längs dem Zaune ging er weiter. In dem Aschenhaufen hinter der Schmiede lag
ein Häuflein glimmender Kohlen, die wie brennende Augen aus dem Dunkel guckten.
Jetzt begann der Garten. Hochstämmige Linden neigten ihre Zweige über ihn, und
ein Duft von Goldregen und frühen Rosen wogte durch die Gitterstäbe betäubend
über ihn her. Durch das Gezweig hindurch erglänzten wie silberne Bänder die
kiesbestreuten Pfade, und die Sonnenuhr, die der Traum seiner Kindheit gewesen,
ragte düster dahinter empor.
    Das »weisse Haus« kam näher und näher. Jetzt konnte er fast in die Fenster
gucken. Auch hier schien alles zu schlafen.
    Er hatte hie und da - auch in dem »Liederbuch« davon gelesen, dass der
Geliebte in Mondscheinnächten seiner Herzensdame eine Serenade zu bringen pflegt
- mit Gitarren- und Mandolinenbegleitung, wenn's angeht. So war's in den schönen
Ritterzeiten gewesen und in Spanien oder in Italien vielleicht noch heute. Das
fiel ihm ein, und er malte sich aus, wie es sich wohl machen würde, wenn er,
Paul, der Dumme, hier als irrender Ritter die Leute zu schlagen begänne,
sehnsuchtsvolle Liebeslieder dazu krähend.
    Er musste laut auflachen bei dem Gedanken, und dann kam ihm zu Sinn, dass er
ja sein Musikinstrument zu allen Zeiten bei sich trüge. Er setzte sich auf den
Grabenrand, lehnte den Rücken gegen einen Zaunpfahl und fing zu pfeifen an -
erst scheu und leise, dann immer kühner und lauter, und wie immer, wenn er
seinen Empfindungen ganz überlassen war, vergass er zu guter Letzt alles um sich
her.
    Wie aus tiefen Träumen wachte er auf, als er jenseits des Zaunes die Zweige
rauschen und knacken hörte. - Erschrocken wandte er sich um.
    Drüben stand Elsbet in weissem Nachtanzuge - einen dunklen Regenmantel
flüchtig darüber geworfen.
    Im ersten Augenblicke war ihm zumute, als müsse er auf und davon laufen,
aber die Glieder waren ihm wie gelähmt.
    »Elsbet - was machst du hier?« stammelte er.
    »Ja, was machst du hier?« fragte sie lächelnd zurück.
    »Ich - ich - pfiff ein bisschen.«
    »Und dazu bist du hierher gekommen?«
    »Warum soll ich nicht?«
    »Da hast du Recht - ich werd's dir nicht verbieten.«
    Sie hatte die Stirn gegen die Gitterstäbe gepresst und schaute ihn an. Beide
schwiegen.
    »Willst du nicht näher treten?« fragte sie dann - wahrscheinlich im unklaren
über das, was sie sagte.
    »Soll ich über den Zaun klettern?« fragte er ganz unschuldig zurück.
    Sie lächelte. »Nein,« sagte sie dann kopfschüttelnd, »man könnte uns vom
Fenster aus sehen, und das wäre nicht gut. - Aber sprechen muss ich dich - warte
- ich komm' zu dir hinaus und begleite dich ein Stück.«
    Sie schob eine lockere Stakete zur Seite und schlüpfte ins Freie, dann
reichte sie ihm die Hand und sagte: »Es ist recht von dir, dass du gekommen bist,
es hat mich oft verlangt, mit dir zu reden, aber dann warst du niemals da.« Und
sie seufzte tief auf, als übermannte sie die Erinnerung an schwere Stunden.
    Er zitterte am ganzen Leibe. Der Anblick der jungfräulichen Gestalt, die in
ihrem Nachtgewande so keusch und unbefangen vor ihm stand, raubte ihm fast den
Atem. In seinen Schläfen hämmerte es - seine Blicke suchten den Boden.
    »Warum sprichst du nichts zu mir?« fragte sie.
    Ein irres Lächeln flog über sein Gesicht.
    »Sei nicht böse,« presste er hervor.
    »Warum sollt' ich böse sein?« fragte sie, »ich freue mich ja, dass ich dich
einmal ganz für mich hab'. Aber seltsam ist's - ganz wie in einem Märchen. Ich
steh' am Fenster und guck' in den Mond - Mama ist eben eingeschlafen, und ich
denk' bei mir, ob ich's wohl wagen soll, auch zu Bette zu gehen - aber mein Kopf
ist mir so unruhig und meine Stirn brennt - so friedlos ist mir zumute. Da mit
einem Male hör' ich vom Garten her jemanden pfeifen, so schön, so klagend, wie
ich's nur ein einzig Mal in meinem Leben vernommen hab', und das ist lange her.
Das kann nur Paul sein, sag' ich mir, und je länger ich höre, desto klarer
wird's mir. Aber wie kommt der hierher? frag' ich mich, und da ich mir durchaus
Gewissheit verschaffen will, nehm' ich meinen Mantel um und schleich' mich
hinunter - so - da bin ich nun - und jetzt komm - wir wollen zum Walde gehen -
dort kann uns keiner sehen.«
    Sie legte ihren Arm in den seinen. Schweigend schritten sie über die
mondhellen Wiesen.
    Und dann plötzlich schlug sie beide Hände vors Gesicht und fing bitterlich
zu weinen an.
    »Elsbet, was ist dir?« rief er erschrocken.
    Sie wankte, ihre weiche Gestalt erbebte in lautlosem Schluchzen.
    »Elsbet, kann ich dir nicht helfen?« bat er.
    Sie schüttelte heftig den Kopf. »Lass nur,« presste sie hervor, »es ist gleich
vorüber.«
    Sie versuchte weiterzuschreiten, aber die Kräfte versagten ihr. Aufseufzend
liess sie sich an einem Grabenrain ins feuchte Gras niedersinken.
    Er blieb vor ihr stehen und schaute auf sie nieder. »Ausweinen lassen,« das
war die Regel, die er schon oft im Leben erprobt hatte. - All sein Bangen war
von ihm gewichen. Hier gab es etwas zu trösten, und im Trösten war er Meister.
    Als sie sich ein wenig beruhigt hatte, setzte er sich neben sie und sagte
leise: »Willst du nicht dein Herz ausschütten, Elsbet?«
    »Ja, das will ich,« rief sie, »hab' ich doch drauf gewartet volle drei Jahre
lang. So lang' hab' ich's mit mir herumgetragen, Paul, und bin fast erstickt
unter der Last und hab' keinen Christenmenschen gefunden, dem ich's hätt'
anvertrauen können. Unten in Italien, auf dem schönen Capri, wo alles lacht und
jubelt, da bin ich oftmals mitten in der Nacht ans Meer 'runtergeschlichen und
hab' aufgeschrien in meiner Qual, und bin morgens wieder zurückgekehrt und hab'
gelacht, mehr noch wie die andern, denn die Mutter - o Mutter - Mutter!« rief
sie, aufs neue laut aufschluchzend.
    »Sei ruhig, du hast ja jetzt mich, dem du's sagen kannst,« flüsterte er ihr
zu.
    »Ja, dich hab' ich - dich hab' ich,« presste sie hervor und lehnte das
Antlitz gegen seine Schulter. »Sieh, das hab' ich immer gewusst; aber was half's
mir? - Du warst ja weit weg - und oftmals war ich auch nahe daran, dir zu
schreiben, aber ich fürchtete, du seist mir fremd geworden und würdest es übel
auslegen ... Und seitdem wir wieder zurück sind, hab' ich nur einen Gedanken:
Ihm musst du dich anvertrauen, er ist der einzige, der den Kummer kennt - er wird
dich verstehn.«
    »Sag, was ist's, Elsbet?« bat er.
    »Sie muss sterben!« stiess sie laut aufschreiend hervor.
    »Deine Mutter?«
    »Ja!«
    »Wer hat dir das gesagt?«
    »Der Professor in Wien, von dem sie sich untersuchen liess. Ihr hat er ein
vergnügtes Gesicht gemacht und gesagt: Wenn Sie sich schonen, können Sie hundert
Jahre alt werden, aber hinterher hat er mich holen lassen und hat mich gefragt:
Sind Sie stark, mein Fräulein, können Sie die Wahrheit vertragen? - Ich bitte
Sie darum, hab' ich geantwortet. Ihnen muss ich's anvertrauen, sagte er da, denn
Sie sind die einzige, die hier über sie wacht. Und darauf hat er mir mitgeteilt,
dass sie jeden Tag wegsterben könne -, wenn nicht - und dann hat er mir eine
Menge Massregeln an die Hand gegeben, die sie alle beobachten muss, mit Essen und
Trinken und Klima und Gemütsaufregung und mehr noch. Sieh, seit diesem Tage
zitterte ich um sie von früh bis spät und sorge und wache und finde keine Ruh.
Manchmal kommt's dann über mich, dass ich mir sage: Du bist jung und willst
leben, und dann versuch' ich zu jubeln und zu singen, aber der Ton erstickt mir
in der Kehle, und ich sinke wieder zusammen. Freilich, der Mutter muss ich ein
fröhlich Gesicht zeigen und dem Vater auch.«
    »Aber warum hast du dich ihm nicht anvertraut?« fiel er ihr ins Wort.
    »Soll auch sein Leben vergiftet werden?« erwiderte sie. »Nein, lieber trag'
ich's für mich allein, als dass ich auch ihn leiden sehen sollte. Er ist
fröhlichen Gemütes und hängt an ihr mit seiner ganzen Seele - sonst ist er wohl
manchmal heftig und aufbrausend, nur ihr hat er noch kein böses Wort gesagt -
lass ihn hoffen, solange er's vermag - ich verrat's ihm nicht.«
    Sie stützte den Kopf in beide Hände und starrte vor sich hin.
    Ihm fiel das Märchen seiner Mutter ein. »Frau Sorge, Frau Sorge,« murmelte
er vor sich hin.
    »Was sagst du da?« fragte sie und sah ihn mit grossen, trostverlangenden
Augen an.
    »Ach nichts,« erwiderte er mit einem traurigen Lächeln, »ich wollte, ich
könnte dir helfen.«
    »Wer könnte das wohl?«
    »Und doch kann ich's vielleicht,« sagte er, »es hat dir nur einer gefehlt,
mit dem du dich aussprichst. Du bist gar nicht so übel dran, wie du denkst -
zwar dich hat die Frau Sorge auch gesegnet ...«
    »Was heisst das?« fragte sie.
    Und darauf erzählte er ihr den Anfang jenes Märchens, so gut er's im
Gedächtnis behalten hatte.
    »Und wie erlöst man sich von diesem Segen?« fragte sie dann.
    »Ich weiss es nicht,« erwiderte er, »die Mutter hat mir das Ende des Märchens
niemals erzählen wollen. Ich glaube auch nicht, dass es eine Erlösung gibt.
Solche Menschen wie wir, die müssen gutwillig auf das Glück verzichten, und wenn
es ihnen noch so nahe ist, sie sehen es nicht - es kommt ihnen immer was Trübes
dazwischen. Das einzige, was sie können, ist, über das Glück der andern zu
wachen und zu sorgen, dass es ihnen so gut wie möglich gehe.«
    »Ich möchte aber auch ein bisschen glücklich sein,« sagte sie, die Augen
treuherzig zu ihm aufschlagend.
    »Ich wünschte, ich wäre so glücklich wie du,« erwiderte er.
    »Hätt' ich nur nicht immer Angst,« klagte sie.
    »Die Angst - mit der musst du dich schon befreunden - die hab' ich mein
Lebtag gehabt, und wenn ich nicht wusste, warum, so hab' ich mir rasch 'nen Grund
zurechtgemacht. Es ist auch gar nicht so schlimm damit - wenn man die Angst
nicht hätt', man würd' ja nicht wissen, warum man lebt. - Aber denk' nur einmal
nach, wie zufrieden du sein kannst: Du siehst lauter fröhliche Gesichter um
dich, die Mutter fühlt sich glücklich, trotz allem Leiden - das tut sie doch?«
    »Ja, Gott sei Dank,« sagte sie, »sie ahnt gar nicht, wie schlimm es mit ihr
steht.«
    »Na, siehst du! - Und der Vater ahnt es ebensowenig; keine Sorge drückt sie,
sie lieben sich und lieben dich auch, kein böses Wort fällt zwischen euch - und
wenn die Mutter einmal die Augen zumacht, so wird sie's vielleicht im Lächeln
tun und wird sagen können: ich bin doch immer recht glücklich gewesen! - Sag mal
- kannst du mehr verlangen?«
    »Aber sie soll nicht sterben!« rief Elsbet.
    »Warum nicht?« fragte er, »ist der Tod denn so schlimm?«
    »Für sie nicht - aber für mich.«
    »Auf einen selber kann es da nie ankommen,« erwiderte er, die Lippen hart
zusammenpressend, »man muss eben sehen wie man mit sich fertig wird. - - Der Tod
ist nur dann schlimm, wenn man sein Lebtag auf das Glück gewartet hat, und es
ist nicht gekommen. Da muss einem zumute sein, wie wenn man hungrig von einem
reichbesetzten Tische aufsteht, und das möcht' ich jedem Menschen ersparen, den
ich liebhabe. - Sieh mal, ich hab' auch eine Mutter - die hat auch mal glücklich
sein wollen und möcht' es jetzt noch gar zu gerne - ich bin der einzige, der ihr
die Sorge vom Halse schaffen könnte, und ich bin nicht imstande dazu. Was meinst
du, wie mir da zumute sein muss? Ich seh', wie sie alt wird in Gram und Not ...
ich kann die Runzeln zählen auf ihrer Stirn und ihren Backen ... ihr Mund fällt
ein, und ihr Kinn wird lang ... sie spricht schon lange kein lautes Wort mehr,
stiller wird sie von Tag zu Tag ... und so still wird sie eines Tages wegsterben
... und ich werd' dastehen und werd' sagen: du bist schuld daran, du hast ihr
nicht einen einzigen Tag des Glückes bereiten können.«
    »Armer Mensch du,« flüsterte sie, »kann ich dir gar nicht helfen?«
    »Niemand kann mir helfen - solange der Vater -« er hielt inne, erschrocken
über den Lauf seiner eigenen Gedanken.
    Beide schwiegen. - Lange sassen sie regungslos da, die zwanzigjährigen
Häupter sorgenvoll in die Hände gestützt. Der Mondenglanz lag silbern auf ihren
Haaren, die der weiche Heidewind leis tändelnd bewegte.
    Dann fuhr ein Wolkenschatten über sie hin.
    Sie erbebten beide.
    Ihnen war zumute, als breitete jene traurige Fee, die sie »Frau Sorge«
nannten, den düsteren Fittich über sie.
    »Ich will nach Hause,« sagte Elsbet sich erhebend.
    »Geh mit Gott,« antwortete er feierlich.
    Sie ergriff seine beiden Hände. »Hab Dank,« sagte sie leise, »du hast mir
sehr, sehr wohlgetan.«
    »Und wenn du mich wieder brauchst -«
    »So komm' ich zu dir zu pfeifen,« erwiderte sie lächelnd.
    Und dann schieden sie.
    Wie im Traume schritt Paul durch den finsteren Wald.
    Die Fichten rauschten leise ... auf dem grauen Moose tanzten die
Mondenstrahlen.
    »Es ist doch seltsam,« dachte er, »dass sie mir alle ihr Leid klagen,« und er
folgerte daraus, dass er von allen der Glücklichste wäre.
    »Oder der Unglücklichste,« fügte er nachdenklich hinzu, doch dann lachte er
geheimnisvoll und warf die Mütze in die Luft.
    Als er auf die helle Heide hinaustrat, bemerkte er, wie zwei Schatten vor
ihm herhuschten und in der nebligen Ferne verschwanden. Gleich darauf hörte er
es hinter sich in den Wacholderbüschen knacken.
    Rasch wandte er sich um und sah ein zweites Schattenpaar, das hinter einem
Busche in die Erde sank.
    »Die ganze Heide scheint lebendig heute,« murmelte er, und lächelnd fügte er
hinzu: »Freilich, es ist ja Johannisnacht!«
    Bald nach ihm kamen mit wirren Haaren und erhitzen Gesichtern die Zwillinge
nach Hause. Sie erklärten, der Pfarrer habe ihnen bis Mitternacht Karten gelegt.
Sie würden demnächst einen Mann bekommen.
    Kichernd schlüpften sie in ihre Schlafzimmer.
 
                                       12
Der alte Meihöfer schwamm in lauter Glück. Die Zusage des reichen Douglas, sich
an seinem Unternehmen zu beteiligen, hatte seine Aussichten plötzlich zu
schwindelnder Höhe steigen lassen. Die Ohren, die sich ihm bis dahin
verschlossen hatten, begannen begierig seinen Auseinandersetzungen zu lauschen,
und in den Gastäusern, in denen er bis dahin mit halb spöttischem, halb
mitleidigem Lächeln empfangen worden war, galt er nun als grosser Mann.
    »Mit seinem halben Vermögen will er hineinspringen,« so erzählte er; »wir
sind bereits mit Borsig in Berlin in Verbindung getreten, der uns die nötigen
Maschinen liefern will; aus Oldenburg haben wir uns einen technischen Direktor
verschrieben, und tagtäglich kommen Anfragen an uns, zu welchem Preise wir die
Million Torfziegel abgeben wollen.«
    Die Folge davon war, dass man ihn drängte, mit der Emission der Aktien zu
beginnen. Und wenn man sich um ihn scharte und ihn bat, soundsoviel Stück für
jeden zu reservieren, warf er sich hochmütig in die Brust und meinte, sie würden
wahrscheinlich in festen Händen bleiben.
    Zu Hause beschäftigte er sich damit, die Embleme für die Briefbogen der
künftigen Firma zu entwerfen, und in allen seinen Taschen klimperte das geborgte
Geld.
    Vier Wochen waren seit jener Johannisnacht verflossen, da wurden aus
Helenental zwei Einladungskarten abgegeben, eine für Herrn Meihöfer junior und
die andre für die jungen Damen.
    »Zum Gartenfest,« hiess es darin.
    »Aha, man buhlt schon um unsere Gunst,« rief der Alte, »die Ratten riechen
den Speck.«
    Paul ging mit seiner Karte, die Elsbets Handschrift trug, hinter den
Heuschober und studierte die Buchstaben in aller Einsamkeit wohl eine Stunde
lange.
    Dann stieg er in seine Giebelstube empor und stellte sich vor den Spiegel.
    Er fand, dass sein Bart an Umfang zugenommen hatte und nur an den Backen noch
spärliche Stellen aufwies.
    »Es wird sich machen,« sagte er in einem Anfall von Eitelkeit, doch als er
sich nun lächeln sah, wunderte er sich über die tiefen, traurigen Falten, die
sich von den Augen an der Nase vorbei bis zu den Mundwinkeln herabzogen.
    »Falten machen interessant,« tröstete er sich.
    Von dieser Stunde an war er ausschliesslich mit dem Gedanken beschäftigt,
welche Rolle er auf dem Feste wohl spielen würde. - Er übte sich vor dem Spiegel
einen schulgerechten Bückling ein, besah allmorgendlich seine Sonntagskleider
und suchte die Schäbigkeit des Rockes durch ein Überbürsten mit schwarzer Farbe
zu vermindern.
    Die Einladung hatte eine ganze Revolution in seinem Geiste hervorgerufen.
Sie war ihm ein Gruss aus dem gelobten Lande der Lust, das er wie Moses sonst nur
von ferne gesehen. Und nicht umsonst war er zwanzig Jahre alt.
    Der Tag des Festes kam heran.
    Die Schwestern hatten ihre weissen Mullkleider angezogen und dunkle Rosen ins
Haar gesteckt. Sie tänzelten vor dem Spiegel auf und nieder und fragten
einander: »Bin ich schön?« - Und obwohl sie die Frage gern bejahten, so ahnten
sie doch kaum, wie schön sie waren. - Die Mutter sass in einem Winkel, sah ihnen
zu und lächelte.
    Paul rannte beklommen hin und her - innerlich verwundert, dass ein so frohes
Ereignis einem so grosse Angst bereiten könne. - Er hatte sich in letzter Stunde
allerhand schöne Reden einstudiert, die er auf dem Feste zu halten
beabsichtigte. Über Menschenwohl, über Torfkultur und über Heines »Buch der
Lieder«. Man sollte schon sehn, dass er imstande war, sich mit Damen
liebenswürdig zu unterhalten.
    Die offene Chaise, ein Überbleibsel aus der verflossenen Herrlichkeit,
führte die Geschwister zum Feste. Den Rückweg wollten sie zu Fusse machen. - -
    Bei der Auffahrt bemerkte Paul über den Gartenzaun hinweg hellfarbige
Kleider durch die Gebüsche flirren und hörte ein Kichern von lustigen
Mädchenstimmen. Seine unbehagliche Stimmung wuchs dadurch um ein bedeutendes.
    In der Veranda empfing sie Herr Douglas mit einem fröhlichen Lachen. Er
kniff den Schwestern in die Wangen, klopfte ihn selber auf die Schulter und
sagte: »Nun, junger Rittersmann, heut werden wir uns die Sporen verdienen.«
    Paul drehte seine Mütze in der Hand und brach in ein einfältiges Lachen aus,
über das er sich selber ärgerte.
    »Nun allons zu den Damen!« rief Herr Douglas, nahm die Schwestern unter die
Arme, und er selber musste hinterdrein trotten.
    Das Kichern kam näher und näher - auch lustige Männerstimmen schallten
darein -, ihm war zumute, als sollte er geköpft werden. Und dann legte es sich
wie ein Flor vor seine Augen - undeutlich gewahrte er eine Fülle fremder
Gesichter, die aus Wolken heraus ihn anstarrten. - Seine Rede über die
Torfkultur fiel ihm ein, aber damit war in diesem Augenblicke nichts zu machen.
    Dann sah er Elsbets Antlitz in dem Nebel auftauchen. Sie trug Brosche mit
blauen Edelsteinen und lächelte ihn freundlich an. Trotz des Lächeln war sie ihm
nie so fremd erschienen wie in diesem Augenblicke.
    »Herr Paul Meihöfer, mein Jugendfreund,« sagte sie, ihn bei der Hand
nehmend, und führte ihn herum. Er verbeugte sich nach allen Seiten und hatte ein
unbestimmtes Gefühl, als ob er sich lächerrlich mache.
    »He - da ist auch mein Musterknabe,« rief des Vetters lustige Stimme, und
alle Damen kicherten.
    Darauf hiess man ihn sich niedersetzen und bot ihm eine Tasse Kaffee.
    »Mama hat sich ein wenig niedergelegt,« flüsterte Elsbet ihm zu, »Sie ist
nicht wohl heute.«
    »So,« sagte er und lächelt albern dazu.
    Vetter Leo hatte einen Kreis von jungen Damen um sich versammelt und
erzählte ihnen die Geschichte von einem jungen Referendar, der so gern Süsses
gegessen habe, dass er beim Anblick einer Tüte Pralinés, die er nicht haben
durfte, zum Zuckerhut erstarrt sei. Darüber wollten sie sich vor Lachen
ausschütten.
    »O könntest du doch auch solche Geschichten erzählen!« dachte Paul, und da
ihm nichts Besseres einfiel, ass er ein Stück Kuchen nach dem andern.
    Die Schwestern waren sofort von ein paar fremden jungen Herren in Beschlag
genommen worden, denen sie dreist in die Augen lachten, während die
schlagfertigsten Antworten ihnen aus dem Munde sprudelten.
    Die Schwestern erschienen ihm plötzlich wie Wesen aus höheren Welten.
    »Wir wollen jetzt ein schönes Spiel spielen, meine Damen,« sagte Vetter Leo,
indem er die Knie übereinanderschlug und sich nachlässig in den Sessel
zurücklehnte. »Das Spiel heisst Körbe kriegen!. Die Damen gehen einzeln spazieren
und die Herren auch. Der Herr fragt die ihm begegnende Dame: Est-ce que vous
m'aimez? und die Dame antwortet entweder: Je vous adore, dann wird sie seine
Frau, oder sie gibt ihm stillschweigend einen Korb. - Wer die meisten Körbe
bekommt, erhält eine Zipfelmütze, die er den Abend über tragen muss.«
    Die Damen fanden das Spiel sehr lustig, und alle erhoben sich, um es sofort
ins Werk zu setzen. Auch Paul stand auf, obwohl er am liebsten in seinem dunkeln
Winkel sitzen geblieben wäre.
    »Wie mag das fremde Wort wohl heissen?« fragte er sich; er hätte sich gern
bei einem der Herrn erkundigt, aber er schämte sich, seine Unwissenheit zu
verraten und so seinen Schwestern Schande zu machen. Elsbet war mit den andern
Mädchen auf und davon gegangen, ihr hätte er sich am liebsten anvertraut.
    So schlich er trübselig den anderen nach, doch als er die erste der Damen
sich entgegenkommen sah, war die Angst in ihm so gross, dass er rasch vom Pfade
abbog und sich im dicksten Gebüsche verbarg.
    Dort war ein Stücklein Wildnis, wie im tiefen Walde. Nesseln und Farnkraut
erhoben ihre schlanken Stauden, und die unheimliche Wolfsmilch stritt mit
breitblättrigen Kletten um die Oberherrschaft. In diesem Blättergewirr kauerte
er nieder, stützte die Ellbogen auf die Knie und dachte nach.
    Also das nannten die Menschen sich amüsieren? Es war gut, dass er's einmal
kennengelernt, aber gefallen wollt's ihm nicht. Zu Hause war's jedenfalls
hübscher - und zudem, wer konnte wissen, ob die Mägde zur rechten Zeit mit dem
Jäten fertig geworden? ... Ob der Torf nicht allzu feucht in Haufen gebracht
worden war? ... Es gab so viel daheim zu tun, und er trieb sich herum und liess
sich auf törichte Spiele ein wie ein Hansnarr ... Wenn nicht Elsbet gewesen
wäre ... aber freilich, was hatte er von ihr? ... Wie sie ihn anlächelte, so
lächelte sie jeden an, und wenn gar Vetter Leo seine Scherze begann ... wie keck
er tat, wie er ihnen allen schmeichelte! Oh, die Welt ist schlecht, und falsch
sind sie alle, alle!
    Er hörte von den Pfaden her seinen Namen rufen, aber er schmiegte sich nur
um so enger in sein Versteck hinein. Hier war er wenigstens vor jedem Hohn
geborgen. - Eine beklemmende Schwüle lastete in der Luft - schläfrig summende
Hummeln schlichen am Erdboden dahin - ein Gewitter schien am Himmel zu stehen.
    »Mir kann's recht sein,« dachte Paul, »ich hab' nichts zu verlieren, und -
der Winterroggen ist drinnen.«
    Draussen war es stille geworden - aus der Ferne tönte das Klirren von
Glastellern und Teelöffeln, und von Zeit zu Zeit mischte sich ein gedämpftes
Lachen darein.
    Paul hielt den Atem an. Je länger er in seinem Schlupfwinkel verharrte,
desto beklommener wurde ihm zumute - schliesslich kam er sich vor wie ein
Schulbube, der sich vor der Züchtigung seines Lehrers verkriecht. Der Geruch der
wuchernden Pflanzen wurde schärfer und quälender, ein übelduftender Dunst stieg
von der feuchten Erde empor wie ein fahler Nebel legte es sich vor seine Augen.
- Stahlblaue Wolken wälzten sich am Himmel in die Höhe, fernab begann der Donner
zu grollen.
    »Das nennt sich nun Vergnügen,« dachte Paul.
    In den Zweigen erhob sich ein Rauschen. Schwere Tropfen klatschten auf die
Blätter nieder, da kroch Paul, scheu wie ein Verbrecher, aus seinem Versteck
hervor.
    Jubelndes Gelächter empfing ihn von der Veranda her.
    »Dort kommt Aujust,« rief einer der Herren leise. Der war in Berlin gewesen
und hatte den Zirkus gesehen; und die andern stimmten ein.
    »Meine geehrten Herrschaften,« schrie Leo, auf einen Stuhl kletternd,
»dieser Musterknabe, genannt Paul Meihöfer, hat sich in unverantwortlicher Weise
dem Richterspruche der Gesellschaft entzogen. Da er in seines Nichts
durchbohrendem Gefühle voraussah, dass er die meisten der Körbe auf seinem
unwürdigen Haupte vereinigen würde, so hat er sich in höchst verwerflicher
Feigheit -«
    »Ich weiss nicht, warum Sie mich so schlecht machen,« sagte Paul gekränkt,
der das alles für Ernst hielt.
    Ein neues, ungeheures Gelächter antwortete ihm.
    »Ich stelle also den Antrag, ihm zur Strafe für sein Verbrechen die
Zipfelmütze zuzuerkennen und zu diesem Behufe einen Gerichtshof bilden zu
wollen.«
    »Bitte - ich nehme die Mütze auch so,« antwortete Paul gereizt. - Er
brauchte jetzt nur den Mund zu öffnen, um neue Heiterkeit zu entfesseln.
    Feierlich ward er mit der Schlafmütze gekrönt ... »Ich muss doch recht
drollig aussehen,« dachte er, denn alle wälzten sich vor Lachen. Nur die
Schwestern lachten nicht, hochrot vor Scham blickten sie ihn ihren Schoss, und
Elsbet schaute ihn verlegen an, als wollte sie ihm Abbitte leisten.
    »Aujust,« ertönte es wieder leise aus dem Kreise der Herren.
    Gleich darauf brach das Gewitter los. - In hellen Scharen flüchteten sich
alle ins Haus. - Die jungen Damen verfärbten sich, die meisten hatten Angst vor
dem Donner, und eine fiel sogar in Ohnmacht.
    Leo schlug vor, man solle einen Kreis bilden, und jeder solle dann eine
Geschichte zum besten geben ... wem nichts einfalle, der müsse ein Pfand geben.
    Man war's zufrieden. Das Los bestimmte die Reihenfolge, und einer der Herren
machte den Anfang mit einer sehr lustigen Studentengeschichte, die er selbst
erlebt haben wollte. Dann kamen ein paar der jungen Mädchen, die lieber Pfänder
geben wollten, und dann wurde er selber aufgerufen.
    Die Herren räusperten sich spöttisch, und die Mädchen stiessen sich mit den
Ellbogen an und kicherten. Da übermannte ihn sein Groll, und, die Stirn in
Falten ziehend, begann er aufs Geratewohl: »Es war einmal einer, der so
lächerrlich war, dass man ihn bloss anzusehen brauchte, wenn man sich satt lachen
wollte. Er selbst aber wusste nicht, wie das zuging, denn er hatte noch nie in
seinem Leben gelacht ...«
    Es wurde ganz still in der Runde. Das Lächeln erstarrte auf den Gesichtern,
und einer und der andere schauten zur Erde nieder.
    »Weiter!« rief Elsbet, ihm leise zunickend.
    Ihn aber überkam die Scham, dass er es wagte, sein Innerstes vor diesen
fremden Menschen blosszulegen.
    »Ich weiss nicht weiter,« sagte er und stand auf.
    Diesmal lachte niemand, für eine Weile herrschte beklommenes Schweigen, dann
kam das Mädchen, das zur Schatzmeisterin gewählt war, zu ihm heran und sagte mit
einem artigen Knicks: »So müssen Sie ein Pfand geben.«
    »Gerne,« erwiderte er und löste seine Uhr von der Kette.
    »Ein ungemütlicher Mensch,« hörte er einen der jungen Herren leise zu seinem
Nachbarn sagen. Es war der, welcher zuerst den Tölpelnamen gerufen hatte.
    Hierauf kam Leo an die Reihe, der eine sehr übermütige Anekdote zum besten
gab, aber die Freude wollte nicht wieder in Fluss kommen.
    Dumpf klatschte der Regen gegen die Fenster ... schwarze Wolkenschatten
füllten das Zimmer ... Es war, als ob die graue Frau durch die Luft hinglitte
und mit ihrem düstern Fittich die jungen, lachenden Gesichter streife, dass sie
ernst und alt erschienen ...
    Erst als Elsbet das Klavier öffnete und einen lustigen Tanz anstimmte,
wurde der erstarrte Jubel wieder wach.
    Paul stand in einem Winkel und sah sich das Treiben an. Man liess ihn ganz in
Ruhe, nur hin und wieder streifte ihn ein scheuer Blick.
    Die Zwillinge rasten über den Tanzboden - ihre Locken flatterten, und in
ihren Augen erglomm ein wildes Leuchten.
    »Lass sie nur rasen,« dachte Paul, »sie müssen zeitig genug in den Jammer
zurück.« Aber dass es für sie keinen Jammer gab, daran dachte er nicht.
    Als Elsbet abgelöst wurde, trat sie zu ihm heran und sagte: »Du langweilst
dich wohl sehr?«
    »Nicht doch,« sagte er. »Es ist ja alles neu für mich.«
    »Sei fröhlich,« bat sie, »wir leben ja nur einmal!«
    Und in diesem Augenblicke kam Leo auf sie zugestürzt, fasste sie um die
Taille und jagte mit ihr davon.
    »Sie ist dir doch fremd,« dachte Paul.
    Als sie wieder an ihm vorüberstreifte, raunte sie ihm zu: »Geh ins
Nebenzimmer, ich will dir was sagen.«
    »Was kann sie dir zu sagen haben?« dachte er, aber er tat, wie sie ihm
geheissen.
    Hinter der Gardine halb verborgen, wartete er, doch sie kam nicht. Von
Minute zu Minute schwoll die Bitterkeit in seiner Seele höher empor. Seine
schönen Reden über den Torfbau und Heines »Buch der Lieder« fielen ihm ein, und
er zuckte höhnisch die Achseln über die eigene Dummheit. Ihm war zumute, als sei
er im Laufe dieses Nachmittags um Jahre reifer geworden.
    Und dann plötzlich kam ihm die Frage zu Sinn: Was hast du hier zu suchen?
Was gehen dich die fröhlichen Menschen an, die lachen und einander gefallen
wollen und gedankenlos in den Tag hineinleben? Ein Narr, ein Elender warst du,
als du glaubtest, auch du hättest ein Recht, froh zu sein; auch du könntest
werden wie sie.
    Der Boden brannte ihm unter den Füssen. Ihm war zumute, als versündige er
sich, wenn er noch ein einzige Minute an diesem Platz verweilte.
    Er schlich sich in den Hausflur, wo seine Mütze hing.
    »Sagen Sie meinen Schwestern,« bat er das Dienstmädchen, das wartete, »ich
ginge heim, um einen Wagen für sie zu besorgen.«
    Wie erlöst atmete er auf, als die Haustür hinter ihm ins Schloss fiel.
    Das Unwetter hatte sich gelegt - ein leiser Nachregen sprühte vom Himmel,
kühlend sauste der Sturm über die Heide, und am Rande des Horizontes, wo eben
das letzte Abendrot verglomm, zuckte aus glühroten Wolken das Leuchten des
abziehenden Gewitters.
    Als wäre die wilde Jagd hinter ihm her, so jagte er auf den
regendurchweichten Wegen zum Walde, der sich mit friedbringendem Rauschen über
seinem Haupte schloss. - Das feuchte Moos duftete, und von den Fichtennadeln
sickerten leuchtende Tröpfchen hernieder.
    Als er die Heide betrat und das väterliche Heimwesen in düsteren Umrissen
vor seinen Blicken liegen sah, da breitete er die Arme aus und rief in den Sturm
hinein: »Hier ist mein Platz - hier gehör' ich her - und ein Schuft will ich
sein, wenn ich mir noch einmal in der Fremde meine Freude suche. Hiermit schwör'
ich es, dass ich alle Eitelkeit abtun will und allem törichten Streben entsage.
Jetzt weiss ich, was ich bin, und was nicht zu mir passt, das soll mir verloren
sein. Amen!«
    So nahm er Abschied von seiner Jugend und von seinem Jugendtraum.
 
                                       13
Als er am andern Morgen erwachte, fand er die Mutter neben seinem Bette sitzen.
    »Du schon auf?« fragte er verwundert.
    »Ich hab' nicht schlafen können,« sagte sie mit ihrer leisen Stimme, die
immer klang, als bäte sie um Entschuldigung für das, was sie sagte.
    »Warum nicht?« fragte er.
    Sie antwortete nicht, aber sie streichelte sein Haar und lächelte ihn
traurig an, da wusste er, dass die Zwillinge geschwatzt hatten, dass der Gram um
ihn es war, der sie nicht ruhen liess.
    »Es war nicht so schlimm, Mutter,« sagte er tröstend, »sie haben sich ein
bisschen über mich lustig gemacht, weiter nichts -«
    »Die Elsbet auch?« fragte sie mit grossen ängstlichen Augen.
    »Nein, die nicht,« erwiderte er, »aber« - er schwieg und drehte sich nach
der Wand.
    »Aber?« fragte die Mutter.
    »Ich weiss nicht,« erwiderte er, »aber es ist ein aber dabei.«
    »Du tust ihr vielleicht Unrecht,« sagte die Mutter, »und sieh, dies hat sie
dir durch die Mädchen geschickt.« Sie zog einen länglichen Gegenstand aus der
Tasche, der sorgsam in Seidenpapier gehüllt war.
    Darin lag eine Flöte, aus schwarzem Ebenholz gedreht, mit glänzend silbernen
Klappen versehen.
    Paul wurde rot vor Scham und Freude, aber die Freude verflog, und als er das
Instrument eine Weile angesehen hatte, sagte er leise: »Was fang' ich nun damit
an?«
    »Du wirst darauf spielen lernen,« sagte die Mutter mit einem Anflug von
Stolz.
    »Es ist zu spät,« erwiderte er mit traurigem Kopfschütteln, »ich hab' jetzt
anderes vor.« - Ihm war, als ob er genötigt würde, etwas Verstorbenes wieder aus
dem Grabe hervorzuzerren. - -
    »Na, du scheinst dich gestern schön blamiert zu haben,« sagte der Vater, als
er mit ihm am Kaffeetisch zusammentraf.
    Er lächelte still in sich hinein, und der Vater brummte etwas von Mangel an
Ehrgefühl.
    Die Zwillinge hatten grosse, verträumte Augen, und wenn sie einander ansahen,
flog ein seliges Leuchten über ihr Gesicht. Die wenigstens waren glücklich. - -
    Die Wochen vergingen. - Die Ernte kam unversehrt in die Scheuern - dank
Pauls unermüdlicher Fürsorge. Es war ein gesegnetes Jahr, wie es seit langem
nicht gewesen. Der Vater aber rechnete bereits, wie er den Ertrag am besten für
seine Torfspekulation verwenden könnte.
    Er schwadronierte in der alten Weise weiter, und je weniger Herr Douglas nun
von sich hören liess, desto mehr prahlte er in den Kneipen von dem Segen seiner
Teilnehmerschaft.
    Da er sich einmal aufs Schwindeln eingelassen hatte, so musste er jede Lüge
durch eine neue überbieten. - Mochte Herr Douglas noch so langmütig sein, der
Unfug, der mit seinem Namen getrieben wurde, musste ihm schliesslich zu arg
werden.
    Es war an einem Vormittag in den letzten Tagen des August, als Paul, der mit
Michel Raudszus zusammen auf dem Hofe arbeitete, die hohe Gestalt des Nachbarn
über die Felder direkt auf den Heidehof zukommen sah.
    Er erschrak, - das konnte unmöglich etwas Gutes bedeuten.
    Herr Douglas reichte ihm freundlich die Hand, aber unter seinen eisgrauen,
buschigen Brauen blitzte es unheilverheissend.
    »Ist der Vater zu Hause?« fragte er, und seine Stimme klang gereizt und
grollend.
    »Er ist im Wohnzimmer,« erwiderte Paul beklommen, »wenn Sie erlauben,
begleit' ich Sie zu ihm.«
    Der Vater sprang beim Anblick des unerwarteten Gastes ein wenig verlegen von
seinem Stuhle auf; aber er fasste sich sogleich, und in seinem bramarbasierenden
Tone begann er: »Ah, gut, dass Sie hier sind, Herr -, ich habe dringend mit Ihnen
zu reden.«
    »Ich mit Ihnen nicht minder!« erwiderte Herr Douglas, sich mit seiner
massigen Gestalt dicht vor ihm aufpflanzend. »Wie kommen Sie dazu, lieber
Freund, meinen Namen zu missbrauchen?«
    »Ich - Ihren Namen - Herr - was erlauben - Paul, geh hinaus!«
    »Mag er nur drin bleiben,« erwiderte Douglas, sich nach Paul umwendend.
    »Er soll aber hinaus, Herr!« schrie der Alte, »ich bin doch wohl noch Herr
in meinem Hause, Herr?«
    Paul verliess das Zimmer.
    In dem dunkeln Hausflur fand er die Mutter, die die Hände gefaltet hatte und
mit stieren Blicken nach der Tür sah. Bei seinem Anblick brach sie in Tränen aus
und rang die Hände. -
    »Er wird uns noch den einzigen Freund verscherzen, den wir auf Erden haben,«
schluchzte sie, und dann sank sie in seinen Armen zusammen, krampfhaft
aufzuckend, wenn die scheltenden Stimmen der Männer lauter an ihr Ohr drangen.
    »Komm fort, Mutter,« bat er, »es regt dich zu sehr auf, und helfen können
wir doch nicht.«
    Willenlos liess sie sich von ihm in ihr Schlafzimmer ziehen.
    »Gib mir ein bisschen Essig,« bat sie, »sonst fall' ich um.«
    Er tat, wie sie ihn geheissen, und während er ihr die Schläfe einrieb, sprach
er mit überlauter Stimme auf sie ein, damit sie das Schreien der Männer nicht
höre.
    Plötzlich wurden Türen geworfen - - für eine Weile wurde es still -
unheimlich still - dann ertönte das Klirren einer Kette und der wuteisere Ruf
des Vaters: »Sultan - pack an!«
    »Um Gottes willen, er hetzt den Hund auf ihn!« schrie er und stürzte auf den
Hof hinaus.
    Er kam gerade noch zur Zeit, um zu sehen, wie Sultan, eine grosse, bissige
Rüde, Douglas an den Nacken sprang, während der Vater mit einer
hochgeschwungenen Peitsche hinterdrein rannte.
    Michel Raudszus hatte die Hände in die Hosen gepflanzt und sah zu.
    »Vater, was tust du?« schrie er, riss ihm die Peitsche aus der Hand und
wollte dem Hunde nach, aber ehe er die Gruppe der Ringenden erreichen konnte,
lag die Bestie, von der mächtigen Faust des Riesen erstickt, am Boden und
streckte die Viere von sich.
    Douglas rann das Blut an den Armen und am Rücken herunter. Sein Zorn schien
ganz und gar verraucht. Er blieb stehen, wischte sich mit dem Taschentuche die
Hände ab und sagte mit gutmütigem Lächeln: »Das arme Vieh hat daran glauben
müssen.«
    »Sie sind verwundet, Herr Douglas,« rief Paul, die Hände faltend.
    »Er hat mein Genick für 'ne Kalbskeule angesehn,« sagte er. »Kommen Sie ein
Endchen mit und helfen Sie mir, mich abwaschen, damit meine Weiber sich nicht zu
sehr erschrecken.«
    »Vergeben Sie ihm,« flehte Paul, »er wusste nicht, was er tat.« -
    »Wirst du zurück, du Bengel,« schrie die Stimme des Vaters vom Hofe her,
»willst wohl mit dem wortbrüchigen Kerl gemeinsame Sache machen?«
    In den Fäusten des Nachbarn zuckte es, aber er bezwang sich, und mit einem
gewaltsamen Lächeln sagte er:
    »Gehen Sie zurück - der Sohn soll bei dem Vater bleiben.«
    »Ich will aber gutmachen ...,« stammelte Paul.
    »Der Schwindler, der Halunke!« tönte es aus dem Hintergrunde.
    »Gehen Sie zurück,« sagte Douglas mit zusammengebissenen Zähnen, »schaffen
Sie Ruh' - sonst geht's ihm an den Leib!«
    Dann fing er mit vollen Backen an, einen Marsch zu pfeifen, damit er das
Schimpfen nicht höre, und schritt breitbeinig von dannen ...
    Der Alte tobte wie ein Wahnsinniger auf dem Hofe herum, warf Steine vor sich
her, schwang einen Wagenschwengel in der Luft und stiess mit den Füssen nach
rechts und nach links.
    Als er Paul begegnete, wollte er ihn bei der Kehle fassen, aber in diesem
Augenblicke stürzte mit gellendem Schrei die Mutter aus der Tür und warf sich
dazwischen. Sie umklammerte Paul mit beiden Armen, sie wollte auch etwas sagen,
aber die Angst vor ihrem Manne lähmte ihre Zunge. Nur ansehen konnte sie ihn.
    »Weibsgesindel,« rief dieser, verächtlich die Achsel zuckend, und wandte
sich ab, aber da er seine Wut an irgend jemandem auslassen musste, so schritt er
auf Michel Raudszus zu, der sich eben gemütlich zur Arbeit wandte.
    »Du Hund, was gaffst du hier?« schrie er ihn an.
    »Ich arbeit', Herr,« erwiderte dieser und sah ihn unter den schwarzen Brauen
hervor mit stechendem Blicke an.
    »Was hält mich ab, du Hund, dass ich dich zu Brei zermalme?« schrie der Alte,
ihm die Fäuste vor die Nase haltend.
    Der Knecht duckte sich, und in diesem Augenblicke fuhren ihm beide Fäuste
seines Herrn ins Gesicht. Er taumelte zurück - aus seinem finsteren Gesicht war
jeder Blutstropfen gewichen, - ohne einen Laut von sich zu geben, griff er nach
einer Axt. - - - -
    Aber in diesem Augenblicke fiel ihm Paul, der mit steigender Angst der Szene
zugeschaut hatte, von hinten in den Arm, rang ihm die Waffe aus der Hand und
warf sie in den Brunnen.
    Der Vater wollte dem Knecht aufs neue an die Brust, aber rasch entschlossen
packte ihn Paul um den Leib, und obwohl der alte Mann mit Händen und Füssen um
sich schlug, trug er ihn, alle Kräfte zusammennehmend, auf seinen Armen in das
Wohnzimmer, dessen Tür er von aussen hinter ihm verschloss.
    »Was hast du dem Vater getan?« wimmerte die Mutter, die dieser Gewalttat,
starr vor Entsetzen, zugeschaut hatte, denn dass der Sohn sich an dem Vater
vergreifen könne, war ihr vollkommen unfassbar. Ihr Blick glitt scheu an ihm
empor, und klagend wiederholte sie: »Was hast du mit dem Vater getan?«
    Paul beugte sich zu ihr nieder, küsste ihr die Hand und sagte: »Sei still,
Mutter, ich musst' ihm ja das Leben retten.«
    »Und jetzt hast du ihn eingesperrt? Paul - Paul!«
    »Bis Michel fort ist, muss er drinbleiben,« erwiderte er, »mach ihm nicht auf
- es geschieht sonst ein Unglück.«
    Dann schritt er auf den Hof hinaus. Der Knecht lehnte, seinen schwarzen Bart
kauend, an der Stalltür und schielte tückisch nach ihm hin.
    »Michel Raudszus!« rief er ihm zu.
    Der Knecht kam näher. Die Adern auf seiner Stirn waren zu blauen Strähnen
angeschwollen. Er wagte nicht, ihn anzusehen.
    »Dein überschüssiger Lohn beträgt fünf Mark vierzig Pfennig. Hier hast du
sie. - In fünf Minuten musst du den Hof verlassen haben.«
    Der Knecht warf ihm einen Blick zu, so unheimlich finster, dass Paul erschrak
bei dem Gedanken, diesen Menschen so lange ahnungslos neben sich geduldet zu
haben. Er hielt ihn fest im Auge, denn er glaubte jeden Augenblick von ihm
angefallen zu werden.
    Aber schweigend wandte der Knecht sich ab, ging nach dem Stalle, wo er sein
Bündel schnürte, und zwei Minuten später schritt er zum Hoftore hinaus. - Er
hatte während der ganzen fürchterlichen Szene nicht einen Laut von sich gegeben.
    »So - jetzt zum Vater,« sagte Paul, fest entschlossen, alle Schläge und
Schimpfreden ruhig über sich ergehen zu lassen.
    Er schloss die Tür auf und erwartete, den Vater auf sich losstürzen zu sehen.
    Der sass in einer Sofaecke, ganz in sich zusammengefallen, und starrte vor
sich nieder. Er rührte sich auch nicht, als Paul auf ihn zutrat und abbittend
sagte: »Ich tat's nicht gern, Vater, aber es musste sein.«
    Nur einen scheuen Seitenblick warf er ihm zu, dann sagte er bitter: »Du
kannst ja tun, was du willst ... ich bin ein alter Mann, und du bist der
Stärkere.«
    Dann sank er wieder in sich zusammen.
    Seit diesem Tage war Paul der Herr im Hause.
 
                                       14
Drei Wochen waren seiter verflossen. Paul arbeitete, als stände er im
Frondienst. Trotzdem hatte eine seltsame Unruhe sich seiner bemächtigt. Wenn er
sich für einen Moment Erholung gönnen durfte, litt es ihn nicht mehr daheim. Ihm
war zumute, als sollten die Mauern über ihm zusammenstürzen. Dann streifte er
auf der Heide oder im Walde umher, oder er lungerte rings um Helenental herum.
Was er dort wollte, wagte er sich selber nicht einzugestehen. »Wenn ich Elsbet
träfe, ich glaube, ich müsste vor Scham in die Erde sinken,« so sagte er sich,
und dennoch spähte er allerwegen nach ihr aus und zitterte vor Bangen und vor
Freude, wenn er eine weibliche Gestalt von ferne daherkommen sah.
    Auch die Nachtruhe begann er zu vernachlässigen. Sobald man im Hause
eingeschlafen war, schlich er von dannen und kam oft erst am hellen Morgen
wieder zurück, um mit wüstem Kopf und zerschlagenen Gliedern an die Arbeit zu
gehen.
    »Ich will gutmachen - gutmachen,« murmelte er oft vor sich hin, und wenn er
die Sense durch das Korn zischen liess, sagte er sich im Takte dazu: »Gutmachen -
gutmachen!« Doch über das Wie war er sich gänzlich im unklaren; er wusste nicht
einmal, ob Douglas durch die Bisse des Hundes Schaden genommen hatte.
    Einmal, als er in der Dämmerung jenseits des Waldes herumstrich, sah er
Michel Raudszus von Helenental daherkommen. Er trug einen Spaten geschultert,
woran ein Bündel hing. - Paul schaute ihm festen Blickes entgegen - er
erwartete, von ihm angegriffen zu werden, aber der Knecht sah ihn scheu von der
Seite an und ging in weitem Bogen um ihn herum.
    »Der Kerl sieht aus, als ob er Böses im Schilde führte,« sagte er, indem er
ihm nachschaute.
    Douglas hatte den Weggejagten in seine Dienste genommen, wie einer der
Tagelöhner zu erzählen wusste, und als der Vater davon erfuhr, lachte er auf und
sagte: »Das sieht dem Schleicher ähnlich, der wird was Schönes gegen mich
zusammenbrauen.«
    Er war fest überzeugt, das Douglas die Sache dem Staatsanwalt übergeben
habe, ja er fand eine gewisse Wollust in dem Gedanken, verurteilt zu werden -
»ungerecht,« wie selbstverständlich -, und da die Anklage von einem Tage zum
anderen auf sich warten liess, meinte er höhnisch: »Der gnädige Herr lieben die
Galgenfristen.« -
    Aber Douglas schien Willens, die ihm angetane Schmach gänzlich zu
ignorieren, nicht einmal die Kündigung des entliehenen Kapitals traf ein. -
    Pauls Seele war übervoll von Dankbarkeit, und je weniger er ein Mittel fand,
sie kund zu tun, desto heisser wühlte in ihm die Scham, desto wilder trieb ihn
die Unruhe umher.
    So stand er eines Nachts wiederum vor dem Gartenzaun von Helenental.
    Frühherbstnebel lagen über der Erde, und das welkende Gras schauerte leise.
- Das »weisse Haus« verschwand in den Schatten der Nacht, nur aus einem der
Fenster schimmerte ein trübes, dunkelrotes Licht.
    »Hier wacht sie bei der kranken Mutter,« dachte Paul. Und da er kein anderes
Mittel fand, sie zu rufen, so fing er zu pfeifen an. - - Zwei-, dreimal hielt er
inne, um zu lauschen. - Niemand kam, und in seiner Seele stieg die Angst. - -
    Mit tastender Hand suchte er nach der lockeren Stakete, die Elsbet ihm
damals gezeigt hatte, und als er sie gefunden, drang er in das Innere. - Das
Geästel zerzauste seine Kleider, wie in einer Wildnis kroch er am Fussboden
dahin, einen Pfad zu finden. Endlich kam er ins Freie. Der weisse Kies
verbreitete einen ungewissen Dämmerschein, heller leuchtete das Lämpchen aus dem
Krankenzimmer.
    Er setzte sich auf eine Bank und starrte dortin. Ihm war, als ob ein
Schatten hinter der Gardine sich bewegte.
    Dann mit einem Male wurde es heller rings um ihn herum ... Die Rosenstöcke
traten aus der Nacht hervor ... ... Der Kies glänzte, und der Giebel des
Wohnhauses, der noch eben in schwarzen Massen sich erhoben, strahlte in
dunkelrötlichem Lichte, als sei der Strahl des Morgenrots darauf gefallen.
    Verwundert wandte er sich um - das Blut erstarrte in seinen Adern -, hoch an
dem mächtigen Himmel erhob sich ein blutiger Feuerschein. Die schwarzen Wolken
umsäumten sich mit flammenden Rändern, weissliche Lohe wirbelte dazwischen empor,
und hochauf schossen feurige Strahlen, als stände ein Nordlicht am Himmel.
    »Dein Vaterhaus brennt!« - - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Schwer fiel sein Kopf gegen das Geländer der Bank - im nächsten Augenblicke
raffte er sich empor - seine Knie wankten, das Blut siedete in seinen Schläfen -
»Vorwärts, rette, was zu retten ist,« so schrie es in ihm - und in wildem Jagen
drang er durch das Gebüsch, erkletterte den Gartenzaun und sank jenseits
desselben im Graben nieder.
    Wie die aufgehende Sonne überstrahlte das brennende Gehöft die weite Heide.
Die Stoppeln leuchteten, und der schwarze Wald tauchte sich in rötliche Glut. -
    Noch stand das Wohnhaus unversehrt - seine Mauern schimmerten wie Marmor,
seine Fenster blitzten wie Karfunkelstein. - Taghell lag der Hof. - Die Scheune
war es, die da brannte, die Scheune, vollgepfropft bis zum First von Erntesegen.
Seine Arbeit, sein Glück, sein Hoffen, so ging es in Rauch und Flammen auf. - -
    Wieder raffte er sich auf - - - in wilder Hast ging's über die Heide. - Als
er am Walde vorübereilte, war es ihm, als sähe er einen Schatten an sich
vorüberhuschen, der bei seinem Nahen platt auf die Erde sank. Er achtete kaum
darauf.
    Weiter - rette, was zu retten ist! -
    Vom Hofe her drang wirres Geschrei ihm entgegen. - Die Knechte liefen wild
durcheinander, die Mägde rangen die Hände - die Schwestern liefen umher und
schrien seinen Namen. -
    Das Dorf war eben erwacht ... Die Landstrasse füllte sich mit Menschen ...
Wasserkiewen wurden herangeschleppt, auch eine morsche Spritze kam
dahergewackelt. -
    »Wo ist der Herr?« schrie er den Knechten entgegen.
    »Wird eben 'reingetragen - hat'n Bein gebrochen,« lautete die Antwort. -
    Unglück über Unglück!
    »Lasst die Scheune brennen! -« schrie er anderen zu, die gänzlich kopflos ein
paar winzige Eimer Wasser in die Glut hineingossen.
    »Rettet das Vieh - gebt acht, dass sie nicht in die Flammen rennen!«
    Drei, vier Mann eilten in den Stall.
    »Ihr andern ans Wohnhaus - tragt nichts heraus.«
    »Nichts heraustragen!« wiederholte er, ein paar Fremden die Sachen aus der
Hand reissend, die sie eben aus dem Innern schleppten.
    »Aber wir wollen retten.«
    »Rettet das Haus!« - - -
    Er eilte die Treppe hinan. Im Vorübereilen sah er die Mutter stumm und
tränenlos neben dem Vater sitzen, der wimmernd auf dem Sofa lag.
    Durch eine Luke sprang er auf das Dach.
    »Den Schlauch her!«
    Auf eine Heugabel gespiesst, reichte man ihm die metallene Spitze. Zischend
glitt der Wasserstrahl über die erhitzen Ziegel.
    Er ritt auf dem Dachfirst, seine Kleider erhitzen sich, in sein Haar
setzten sich glimmende Körner, die von der Scheune herübersprühten, auf Antlitz
und Händen fanden sich kleine kohlende Wunden. Er fühlte nichts, was seinem
Leibe geschah, doch sah und hörte er alles rings um sich her - seine Sinne
schienen vervielfältigt. - -
    Er sah die Garben in feuriger Lohe hoch auf zum Himmel spritzen und in
prächtiger Wölbung herniedersinken - er sah die Pferde und Kühe auf die Weide
hinausjagen, wo sie zwischen den Zäunen sicher geborgen waren - er sah den Hund,
halb versengt von der Glut, heulend an der Kette zerren. -
    »Macht den Hund los!« schrie er hinunter. -
    Er sah kleine zierliche Flämmchen in bläulichem Flimmerschein von dem Giebel
der Scheune zum benachbarten Schuppen hinübertänzeln. - -
    »Der Schuppen brennt,« schrie er hinunter. »Rettet, was darin ist.« -
    Ein paar Leute eilten fort, die Wagen ins Freie zu ziehen. -
    Und inzwischen sauste und zischte der Wasserstrahl übers Dach und bohrte
sich in die Sparren und tastete unter den Ziegeln. - Kleine weisse Wölkchen
stiegen vor ihm auf und verschwanden, um an anderer Stelle wieder zu erscheinen.
    Da plötzlich fiel ihm die »schwarze Suse« ein, die im hintersten Winkel des
Schuppens zwischen altem Gerümpel vergraben stand. - Ein Stich fuhr ihm durch
die Brust. - Soll nun auch sie zugrunde gehen, auf die sein Herz von jeher
hoffte? -
    »Rettet die Lokomobile!« schrie er hinunter.
    Aber niemand verstand ihn.
    Die Begier, der »schwarzen Suse« Hilfe zu bringen, packte ihn so mächtig,
dass ihm einen Augenblick zumute war, als müsste er selbst das Wohnhaus
darangeben.
    »Ablösung 'rauf!« schrie er in die Menschenmasse hinunter, die zum grösseren
Teile untätig gaffend dastand.
    Ein stämmiger Maurer aus dem Dorfe kam emporgeklettert, deckte die
Dachpfannen ab und bahnte sich so einen Pfad bis zum Firste empor. Ihm reichte
Paul den Schlauch und glitt hinunter - innerlich verwundert, dass er sich nicht
Arm und Bein gebrochen hatte.
    Dann drang er in den Schuppen, aus dem schon erstickender Rauch ihm
entgegenwirbelte.
    »Wer kommt mit?« schrie er.
    Zwei Tagelöhner aus dem Dorfe meldeten sich.
    »Vorwärts!«
    Hinein in Qualm und Flammen ging's.
    »Hier ist die Deichsel - angefasst - rasch hinaus.«
    Krachend und polternd schwankte die Lokomobile auf den Hof hinaus. Hinter
ihr und ihren Rettern brach das Dach des Schuppens zusammen. - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Der Morgen graute. Der bläuliche Dämmerschein vermischte sich mit dem Rauch
der Trümmer, aus denen die Flammen hie und da emporzuckten, um sofort müde
zusammenzusinken.
    Die Menge hatte sich verlaufen. Unheimliche Stille lastete auf dem Hofe, nur
von dem Brandplatz her kam ein leises Knirschen und Fauchen, als ob die Flammen
vor dem Verlöschen noch einmal murmelnde Zwiesprache hielten.
    »So,« sagte Paul, »jetzt wären wir so weit!«
    Wohnhaus und Stall samt allem Lebendigen waren gerettet. Scheune und
Schuppen lagen in Asche.
    »Jetzt sind wir genauso arm, wie wir vor zwanzig Jahren waren,« meditierte
er, indem er seine Wunden streichelte, »und hätt' ich mich nicht 'rumgetrieben,
es wäre vielleicht alles ungeschehen geblieben.«
    Als er die Laube betrat, die die Haustür umrahmte, fand er die Mutter mit
gefalteten Händen in einer Ecke zusammengekauert. - Über ihre Wangen zogen sich
tiefe Rinnen, und ihre Augen starrten ins Leere, als sähe sie noch immer die
Flammen züngeln.
    »Mutter,« rief er angstvoll, denn er fürchtete, dass sie nicht fern von
Wahnsinn wäre.
    Da nickte sie ein paarmal und meinte: »Ja, ja, so geht's!«
    »Es wird auch wieder bessergehen, Mutter,« rief er.
    Sie sah ihn an und lächelte. Es schnitt ihm ins Herz, dieses Lächeln.
    »Der Vater hat mich eben hinausgejagt,« sagte sie, »ich bitte dich herzlich,
jag du mich nicht auch hinaus.«
    »Mutter, um Jesu willen, red nicht so!«
    »Sieh mal, Paul, ich bin wirklich nicht schuld daran,« sagte sie und sah mit
flehendem Ausdruck zu ihm empor, »ich gehe nie mit Licht in die Scheune.«
    »Aber wer sagt denn das?«
    »Der Vater sagt, ich sei an allem schuld, ich soll mich zum Teufel scheren.
- - Aber tu ihm nichts, Paul,« bat sie voll Angst, als sie ihn auffahren sah,
»pack ihn nicht wieder an, er hat so grosse Schmerzen.«
    »Der Doktor kommt in einer Stunde, ich hab' schon nach ihm geschickt.«
    »Geh zum Vater, Paul, und tröst ihn ... ich möchte ja selber gern, aber mich
hat er hinausgejagt,« und sich wieder zusammenkauernd, murmelte sie vor sich
hin: »'rausgejagt hat er mich - 'rausgejagt.«
 
                                       15
Unsagbares Elend war über den Heidehof hereingebrochen. In dem Wohnzimmer lag
der Vater auf seinem Schmerzenslager und wimmerte und schalt und verfluchte die
Stunde seiner Geburt. In weicheren Stunden ergriff er die Hand seines Weibes,
bat sie tränenden Auges um Verzeihung, dass er ihr Schicksal an sein verdorbenes
Leben gekettet, und versprach, sie in Zukunft reich und glücklich zu machen.
Reich vor allem - reich!
    Es war zu spät. Seine milden Worte machten keinen Eindruck mehr auf sie, ihr
angstgequältes Herz hörte aus ihnen heraus schon die Scheltreden grollen, die
ihnen, wie immer, folgen mussten. Mit welken Wangen und erloschenen Augen schlich
sie einher, ohne je einen Laut der Klage von sich zu geben, doppelt
erbarmenswert in ihrem Schweigen.
    Aber mit ihr hatte niemand Erbarmen, selbst Gott und das ewige Schicksal
nicht. Sie wurde müder von Tag zu Tag, auf ihrer bleichen, blaugeäderten Stirn
schien bereits der Stempel des Todes zu brennen, und das Glück, das lebenslang
ersehnte, war ferner denn je.
    Der einzige, der imstande gewesen wäre, ihr beizustehen, war Paul, allein
der stahl sich wie ein Verbrecher um sie herum, er wagte kaum, ihr zum
Morgengruss die Hand zu reichen, und wenn sie ihn ansah, schlug er das Auge
nieder. Wäre sie minder stumpf und grambeladen gewesen, so hätte sie aus seinem
absonderlichen Gebaren irgendeinen Verdacht schöpfen müssen, aber alles, was sie
in ihrem Jammer empfand, war nur, dass sein Trost ihr fehlte.
    Einmal in der Dämmerung, als er, wie gewöhnlich zur Feierstunde, in dem
Schutt der Brandstelle herumwühlte, ging sie ihm nach, setzte sich neben ihn auf
das zerbröckelnde Fundament und versuchte ein Gespräch mit ihm zu beginnen, aber
er wich ihr aus, wie er auch sonst getan.
    »Paul, sei nicht so hart zu mir,« bat sie da, und ihre Augen füllten sich
mit Wasser.
    »Ich tu' dir ja nichts, Mutter,« sagte er und biss die Zähne zusammen.
    »Paul, du hast etwas gegen mich!«
    »Nein, Mutter!«
    »Glaubst du, ich sei schuld am Brande?«
    Da schrie er laut auf, umklammerte ihre Knie und weinte wie ein Kind, doch
als sie sein Haar streicheln wollte, die einzige Liebkosung, die sonst zwischen
ihnen gang und gäbe gewesen, da sprang er auf, stiess sie zurück und rief: »Rühr
mich nicht an, Mutter - ich bin's nicht wert!«
    Darauf wandte er ihr den Rücken und schritt auf die Heide hinaus.
    Seit dem Augenblick, da er nach dem Brande zum erstenmal erwacht war, hatte
sich eine fixe Idee seiner bemächtigt, die ihn nicht mehr aus ihrem Banne liess,
die fixe Idee: dass er, er allein, an allem die Schuld trüge.
    »Hätt' ich mich nicht 'rumgetrieben,« so sagte er sich, »hätt' ich das Haus
bewacht, wie's meine Pflicht war, das Unglück hätte nie und nimmer geschehen
können.«
    All sein geheimes Sehnen erschien ihm nun wie ein Verbrechen, das er am
Vaterhause begangen hatte.
    Wie Jesus auf Getsemane, so rang er mit seinem Herzen, Sühne sind Vergebung
zu finden. - Aber nirgends liess die Angst ihm Ruhe. Zu allen Stunden tanzten die
Flammen vor seinen Augen, und wenn er sich abends zu Bette legte und beklommen
in das Dunkel starrte, dann war's ihm, als sähe er aus allen Ritzen feurige
Zungen sich ausstrecken, als hüllten statt der Schatten der Nacht Wolken
schwarzen Qualms ihn ein.
    Über den Urheber des Brandes hatte er sich noch keine Gedanken machen
können; die Sorgen, die aufs neue über ihn hereinbrachen, waren zu gross, als dass
er der Rache hätte Raum gönnen dürfen. - Es fehlte am Nötigsten, kaum das Geld
für den Apoteker liess sich noch auftreiben. Er sann und rechnete tags und
nachts und entwarf grosse Feldzugspläne, die notwendigste Barschaft
herbeizuschaffen. Auch an die Brüder schrieb er, ob sie ihm vielleicht durch
ihren Einfluss gegen mässige Zinsen ein paar hundert Taler besorgen könnten. Sie
antworteten tieftraurig, dass sie selbst so mit Schulden beladen wären, dass sie
unmöglich noch auf Kredit rechnen dürften. Gottfried, der Lehrer, hatte sich
zwar vor kurzem mit einer wohlhabenden jungen Dame verlobt, und Paul war
überzeugt, dass es ihm nicht schwerfallen könnte, ihre Familie zur Darleihung
einer mässigen Summe zu bewegen, aber er hielt dafür, dass die Würde seiner
Stellung durch eine solche Bitte leiden würde; er müsse fürchten, meinte er,
sich bei seinem Schwiegervater zu kompromittieren, wenn er ihm seine wahren
Verhältnisse vorzeitig entüllte.
    Ein Segen war es bei alledem, dass die Rapsernte bereits verkauft und
abgeliefert war und dass die Kartoffeln zum grössten Teile noch in der Erde
steckten. - So liessen sich kleine Barschaften erzielen, die zur Deckung der
dringendsten Aufgaben hinreichten. Freilich, wie an einen Wiederaufbau der
Scheune zu denken war? -
    Inmitten der traurigen Trümmer, von verkohlten Balken und zerfallenden
Mauern umgeben, stand hochaufgerichtet mit ihrem russigen Leibe und ihrem
schlanken Halse die »schwarze Suse«, das einzige Stück, das - von ein paar
elenden Arbeitswagen abgesehen - aus dem Untergang gerettet worden war.
    Die Zwillinge, die in dieser trüben Zeit viel von ihrer Munterkeit verloren
hatten und nur in heimlichen Winkeln kosten und kicherten, gingen scheu um sie
herum, und als der Vater sich zum erstenmal von seinem Lager aufrichtete und das
schwarze Ungetüm durch das Fenster glotzen sah, ballte er die Fäuste und schrie:
»Warum hat man das Biest nicht verbrennen lassen?«
    Paul aber schloss sie noch inniger in sein Herz. »Jetzt wär's an der Zeit,
dass du wieder lebendig würdest,« sagte er, zerrte an dem Rade und guckte in den
Kessel hinein; er begann abends aus Lindenholz kleine Modelle zu schnitzeln, und
eines Tages schrieb er an Gottfried: »Schicke mir aus Eurer Schulbibliotek ein
paar Bücher über die Einrichtung von Dampfmaschinen. Mir ist zumute, als ob für
unser Vaterhaus viel davon abhinge.« - Gottfried liess sich vergeblich bitten;
erstens widerstreite es seinen Prinzipien, der Bibliotek Bücher zu entnehmen,
die er nicht selber gebrauchte, und zweitens würden sie Paul doch nichts nützen,
da er in der teoretischen Physik nicht bewandert sei. - Dann wandte er sich an
Max. Der sandte ihm umgehend ein Zehnpfundpaket mit funkelnagelneuen Bänden,
denen eine Rechnung von fünfzig Mark beilag. Er beschloss, die Bücher zu behalten
und die fünfzig Mark allgemach zusammenzusparen. »Für die schwarze Suse ist
nichts zu teuer,« meinte er.
    Aber neue Unruhe sollte über ihn hereinbrechen.
    Eines Vormittags kam ein Wagen auf den Hof gefahren, in dem neben einem
Gendarmen zwei fremde Herren sassen, von denen der eine, ein behäbiger Vierziger
mit goldener Brille auf der Nase, sich als Untersuchungsrichter vorstellte.
    Paul erschrak, denn er fühlte wohl, dass er mancherlei zu verheimlichen
hatte.
    Der Untersuchungsrichter besah zuerst die Brandstelle, nahm eine Zeichnung
des Fundamentes auf und fragte, wo Tore und Fenster sich befunden hatten, dann
liess er die Dienstboten zusammenrufen, die er aufs genaueste befragte, was sie
am Tage vorher und bis zu dem Augenblicke des Brandes getrieben hätten.
    Paul stand bleich und zitternd daneben, und als der Richter das Gesinde
entliess, um ihn selber zu vernehmen, war ihm zumute, als sei der Weltuntergang
herangekommen.
    »Sind Sie an dem Tage vor dem Brande in der Scheune gewesen?« fragte der
Richter.
    »Ja.«
    »Rauchen Sie?«
    »Nein.«
    »Besinnen Sie sich, dass Sie in irgendeiner Weise mit Feuer, Streichhölzchen
und dergleichen hantierten?«
    
    »O nein - ich bin viel zu vorsichtig dazu.«
    »Wann waren Sie zuletzt in der Scheune?«
    »Um acht Uhr abends.«
    »Was taten Sie dort?«
    »Ich hielt meinen allabendlichen Rundgang, bevor ich die Tore verschliesse.«
    »Verschliessen Sie die Tore eigenhändig?«
    »Ja - stets.«
    »Bemerkten Sie etwas an dem betreffenden Abend?«
    »Nein.«
    »Haben Sie niemanden in der Umgegend herumschleichen sehen?«
    Wie ein Blitzstrahl fuhr es auf ihn nieder. In diesem Augenblick erst
entsann er sich des Schattens, den er beim Beginne des Brandes im Walde hatte
untertauchen sehen. Aber das war ja nicht in der Umgegend. Und tief aufatmend
erwiderte er: »Nein.«
    »So, jetzt kommt's!« dachte er - die nächste Frage schon musste seine
nächtliche Wanderung ans Tageslicht ziehen, musste das Geheimnis verraten, das er
bisher im tiefsten Innern verschlossen gehalten hatte.
    Aber nein. Der Untersuchungsrichter brach plötzlich ab und sagte nach einer
kleinen Pause: »Bis vor kurzem war ein Knecht namens Raudszus in Ihren
Diensten?«
    »Ja,« erwiderte er und starrte den Richter mit grossen Augen an. Also
Raudszus war's, auf den der Verdacht sich lenkte.
    »Weshalb haben Sie ihn entlassen?«
    Er erzählte ausführlich jenen schrecklichen Vorgang, gab aber wohl darauf
acht, dass die Szene mit Douglas, die ihm vorangegangen, so viel als möglich im
dunkeln blieb. Nun die erste Gefahr abgeschlagen war, hatte er seine Ruhe
wiedergefunden.
    Der Protokollführer machte sich eifrig Notizen, und der Untersuchungsrichter
zog die Brauen in die Höhe, als wär' er bereits völlig im klaren. Als Paul
geendet hatte, gab er dem Gendarmen einen Wink, der schweigend kehrtmachte und
auf dem Wege nach Helenental von dannen ging.
    »Jetzt zu Ihrem Herrn Vater!« sagte der Richter. »Ist er in einem Zustande,
um vernommen zu werden?«
    »Lassen Sie mich nachsehen,« erwiderte Paul und ging in die Krankenstube.
    Er fand den Vater hochaufgerichtet im Bette sitzen, sein Auge blitzte, und
auf seinen Zügen lag der Schimmer mühsam unterdrückter Wut.
    »Lass sie nur kommen!« rief er Paul entgegen, »es ist zwar alles Firlefanz -
an den Wahren wagen sie sich ja doch nicht aber lass sie nur kommen!«
    Auch er erzählte dem Untersuchungsrichter die Szene des Kampfes, aber das
gerade, was Paul schamhaft verschwiegen hatte, den Streit mit Douglas und das
Hetzen des Hundes, das kramte er mit grosssprecherischer Geschwätzigkeit vor den
Fremden aus. Der Richter kratzte sich bedenklich den Kopf, und sein Schreiber
notierte eifrig.
    Als Meihöfer bis zu dem Momente kam, in dem er das Eingreifen seines Sohnes
hätte schildern müssen, schwieg er stille. Aus seinem Auge schoss auf ihn ein
Strahl, in dem, jäh hervorbrechend, ein Feuer von Trotz und Ingrimm loderte.
    »Und was weiter?« fragte der Richter.
    »Ich bin ein alter Mann,« murmelte er zwischen den Zähnen, »zwingen Sie mich
nicht, meine eigene Schande zu gestehen.«
    Der Richter war's zufrieden. Als er den Alten fragte, ob sein Verdacht sich
nicht schon vorher auf Michel Raudszus gelenkt hätte, da lachte er gar
geheimnisvoll in sich hinein und raunte: »Die Hand, die elende Hand mag er wohl
hergegeben haben, aber« - er stockte -
    »Aber?«
    »Schade, Herr Richter, dass die Gerechtigkeit eine Binde vor den Augen
trägt,« antwortete er mit höhnischem Lachen - »ich habe nichts weiter zu sagen.«
-
    Richter und Protokollführer sahen sich kopfschüttelnd an, dann wurde das
Verhör geschlossen.
    »Wird Michel Raudszus verhaftet werden?« fragte Paul die Herren, ehe sie den
Wagen bestiegen.
    »Er ist es hoffentlich bereits,« antwortete der Richter. »Er hat im Rausche
allerhand verdächtige Äusserungen getan, und was wir von Ihnen erfahren haben,
ist mehr als ausreichend, die Untersuchung gegen ihn einzuleiten. Freilich wird
sich noch manches aufzuklären haben.«
    Damit fuhren sie von dannen.
    Lange starrte Paul dem Wagen nach.
    Die letzten Worte des Richters hatten die Angst aufs neue in ihm erweckt,
und während die Wochen verflossen und die Voruntersuchung ihre Wege ging, sass er
bangend und zitternd daheim, nicht viel anders, als wenn der Richterspruch ihn
und ihn allein zerschmettern würde.
    Paul samt der Mutter und den Schwestern erhielten eine Vorladung zum
Schwurgerichte, nur dem Vater war es freigestellt, daheim zum letztenmal verhört
und vereidigt zu werden. Aber er erklärte, dass er lieber im Gerichtssaal tot
zusammensinken wolle, als dass er zu Hause sässe, während man den Vernichter
seiner Habe frei auslaufen liesse. Wen er mit diesen Redensarten meinte, liess er
im unklaren, nur dass es der angeklagte Knecht nicht war, gab er deutlich genug
zu erkennen. - - -
    Der Tag der Verhandlung kam heran. Paul hatte für den Vater einen Tragestuhl
gezimmert, der ihm jeglichen Schritt ersparte. In ihm wurde er auf den Wagen
gehoben und weich in dem Heulager gebettet.
    Es war eine gar elende Klapperfuhre, die die Familie Meihöfer nach der Stadt
hinführte, denn die besseren Wagen waren samt und sonders verbrannt. Die Leitern
hatte Paul fortnehmen lassen und statt ihrer einen hölzernen Kasten
hineingebaut; über die Strohbündel, die als Sitze dienten, hatte er alte
Pferdedecken gebreitet, die die Jahre zerfetzt und entfärbt hatten. Inmitten
dieser Dürftigkeit lag der Herr ächzend und schimpfend am Boden; sein Weib
tronte obenauf, bleich und elend und vergrämt, als wäre sie der Genius dieses
Verfalles; die ewig blühende Jugend, die selbst auf dem Schutte gedeiht, sie
lachte aus zwei schelmischen Augenpaaren zwischendrein, und vornauf, als der
Lenker dieses traurigen Vehikels, sass Paul und schaute bekümmert vor sich
nieder, denn er schämte sich, dass er den Seinen, die er zum erstenmal all'
insgesamt in die Weite hinauskutschierte, keine stolzere Karosse bieten konnte.
    Auf der falben Heide lagen die müden Strahlen der Novembersonne, struppig
reckten sich die Erikabüschel zwischen gelben, dünnen Gräsern, hie und da
schimmerten Lachen von Regenwasser, und von den Krüppelweiden des Weges hingen
wie tote Sommervögel vereinzelte Blättlein.
    »Weisst du noch, wie wir vor einundzwanzig Jahren denselben Weg fuhren?«
sagte Frau Elsbet zu ihrem Manne und warf einen Blick auf Paul, den sie damals
an der Brust gehalten hatte.
    Meihöfer murrte etwas in sich hinein, denn er war kein Freund von
Erinnerungen, von solchen Erinnerungen. Frau Elsbet aber faltete die Hände und
dachte allerhand; es musste nichts Trauriges sein, denn sie lächelte dabei.
    Je mehr der Wagen sich dem Ziele näherte, desto beklommener ward es Paul
zumute. Er reckte sich auf seinem Sitze, und durch seine Glieder jagte ein
Frösteln nach dem andern.
    Mit unheimlicher Klarheit stand die wilde Brandnacht vor seinen Augen, und
inmitten jener Angst, vor fremden Menschen zu stehen und zu sprechen, überkam es
ihn wie ein Gefühl des Glücks, wenn er dessen gedachte, wie er in Qualm und
Flammen hoch auf dem steilen Dache aus gehandelt und geherrscht hatte als der
einzige, dem alle gehorchten, der einzige, der inmitten der Wirrnis bei klarem
Kopfe geblieben war. »Vielleicht kann ich doch meinen Mann stehen, wenn's darauf
ankommt!« sagte er sich tröstend, aber um so tiefer versank er darauf im
Anschauen seiner trübseligen, gedrückten, kraft- und saftlosen Existenz. - »Es
wird nie anders - es kann nur schlimmer werden von Jahr zu Jahr« - sagte er
sich, da hörte er hinter sich die Mutter seufzen, und was er soeben gedacht
hatte, erschien ihm als schnöde, herzlose Selbstsucht.
    »Auf mich kommt's nicht an,« murmelte er - da fuhr der Wagen durch das
Stadttor.
    Vor dem roten Gerichtsgebäude mit den hohen Steintreppen und den gewölbten
Fenstern hielt der Wagen. Nicht fern davon stand eine wohlbekannte Chaise, und
der Kutscher auf dem Bock trug an seiner Mütze noch dieselbe Troddel, die Paul
einstmals, da er Konfirmand war, so sehr imponiert hatte.
    Als der Vater aufgerichtet wurde, fiel sie auch ihm in die Augen. »Na, der
Lump ist ja auch da,« rief er, »will doch sehen, ob er meinen Blick wird
ertragen können!«
    Darauf trug ihn Paul mit Hilfe eines Gerichtsdieners die Stufen hinan bis in
das Zeugenzimmer. Die Mutter und die Schwestern gingen hintendrein, und die
Leute blieben stehen und besahen sich die trübselige Prozession.
    Das Wartezimmer der Zeugen war voll von Menschen, meistens Angehörige von
Helenental. In einem Winkel stand ein Häuflein Bettelvolk, ein Weib mit einem
aufgedunsenen Gesicht, um den Leib ein rotbuntes Laken gebunden, in dem ein
Säugling schlief. An den Falten ihres Rockes hing eine kleine Schar zerlumpter
Kinder, die sich die Köpfe kratzten und einander heimliche Rippenstösse gaben.
Das war die Familie des Angeklagten, die aussagen wollte, dass der Vater in jener
Nacht daheim gewesen sei.
    Meihöfer dehnte und streckte sich in seinem Stuhle und warf herausfordernde
Blicke um sich. Er erschien sich heute mehr denn je als ein grosser Mann, ein
Held und ein Märtyrer zugleich.
    Die Tür öffnete sich, und Douglas samt Elsbet erschienen auf der Schwelle.
    Meihöfer warf ihm einen giftigen Blick zu und lachte dann höhnisch in sich
hinein. Douglas achtete nicht auf ihn, sondern setzte sich in die
entgegengesetzte Ecke, Elsbet mit sich ziehend. Sie sah bleich und angegriffen
aus und hatte ein schüchternes, ängstliches Wesen, das von der fremden,
unbehaglichen Umgebung herrühren mochte.
    Sie nickte mit einem flüchtigen Lächeln nach der Mutter und den Schwestern
herüber und sah Paul mit einem sinnenden Blicke an, der etwas zu fragen schien.
    Er schlug die Augen nieder, denn er konnte den Blick nicht ertragen. - Die
Mutter machte eine Bewegung, zu ihr hinüber zu gehen, aber Meihöfer ergriff sie
beim Rocke und sagte, lauter, als es wohl nötig gewesen wäre: »Dass du dich
unterstehst!«
    Paul war wie gelähmt. Seine Knie bebten, auf seiner Stirn lastete ein
dumpfer Druck, der ihm jeglichen Gedanken benahm.
    »Du wirst ihr Schande bringen,« murmelte er immerfort vor sich hin, aber
ohne zu wissen, was er sagte.
    Drinnen im Schwurgerichtssaale begann das Zeugenverhör. Einer nach dem
andern wurde aufgerufen.
    Zuerst kamen die Tagelöhner an die Reihe, dann der Wirt, in dessen Schenke
Raudszus die Äusserungen getan, dann das zerlumpte Häuflein aus dem Winkel. - Das
Zimmer fing an, sich zu leeren. - Hierauf wurde der Name des Herrn Douglas
genannt. Er murmelte seiner Tochter ein paar Worte ins Ohr, die auf die
Meihöfers Bezug haben mussten, und ging mit seinen breiten Schritten von dannen.
    Die Hände auf dem Schosse gefaltet, sass sie nun einsam an der Wand. Eine
tiefe Röte der Erregung entflammte ihren Wangen. Gar lieblich und beklommen
schaute sie drein, und ihr schlichtes, wahrhaftes Wesen malte sich in jedem
ihrer Züge.
    Die Mutter liess keinen Blick von ihr, und bisweilen sah sie zu Paul hinüber
und lächelte dabei wie im Traume.
    Eine Viertelstunde verrann, dann wurde auch Elsbets Name gerufen. Sie warf
noch einen freundlichen Blick zur Mutter hin, dann verschwand sie in der Tür.
Ihr Verhör währte nicht lange. - »Herr Meihöfer senior,« rief der Diener vom
Saale her und sprang herzu, um Paul beim Tragen des Stuhles behilflich zu sein.
    Der Alte prustete und blies die Backen, dann wieder lehnte er sich mit
mannhaft leisem Ächzen nach hintenüber, innerlich hocherfreut, eine so
effektvolle Rolle spielen zu dürfen.
    Der weite Schwurgerichtssaal verschwamm vor Pauls Augen in einem rötlichen
Nebel, undeutlich sah er dichtgedrängte Gesichter auf sich oder den Vater
niederstarren, dann musste er den Saal aufs neue verlassen.
    Die Schwestern, die bis dahin neugierig um sich geschaut hatten, fingen an,
sich zu fürchten. Um die Angst zu betäuben, assen sie die mitgebrachten
Butterbrote. Paul sprach ihnen Mut zu und lehnte die Wurst ab, die sie ihm
grossmütig boten.
    Die Mutter hatte sich in einen Winkel zurückgezogen, zitterte leise und
meinte von Zeit zu Zeit: »Was mögen sie aber von mir wollen?«
    »Herr Meihöfer junior,« hallte es von der Tür.
    Im nächsten Augenblicke stand er in dem hohen, menschengefüllten Raume vor
einem erhöhten Tische, an dem etliche Männer mit strengen und ernsten Gesichtern
sassen; nur einer, der ein wenig abseits Platz genommen hatte, lächelte immer.
Das war der Staatsanwalt, vor dem alle Welt sich fürchtete. Auf der rechten
Seite des Saales sass gleichfalls auf erhöhten Plätzen ein Häuflein würdiger
Bürger, die sehr gelangweilt dreinschauten und sich mit Federmessern,
Papierschnitzel usw. die Zeit zu vertreiben suchten. Das waren die Geschworenen.
Auf der linken Seite sass in einer verschlossenen Bank der Angeklagte. Er äugelte
mit dem Zuschauerraum und machte ein Gesicht, als ob die Sache jeden andern
anginge, nur nicht ihn. So freundlich hatte Paul den finstern Kerl noch nie
gesehen.
    »Sie heissen Paul Meihöfer, sind geboren dann und dann, evangelisch,« und so
weiter, fragte der mittelste der Richter, ein Mann mit einem ganz
kurzgeschorenen Kopfe und einer scharfkantigen Nase, indem er die Daten aus
einem grossen Hefte ablas. Er tat das in einem gemütlichen Murmeltone, aber
plötzlich wurde seine Stimme scharf und schneidig wie ein Messer, und seine
Augen schossen Blitze auf Paul hernieder.
    »Vor Ihrer Vernehmung, Herr Paul Meihöfer, mache ich Sie darauf aufmerksam,
dass Sie Ihre Aussage hernach mit einem Eide beschwören müssen.«
    Paul erschauerte. Wie ein Stich war das Wort »Eid« durch seine Seele
gefahren. Ihm war zumute, als müsste er niederstürzen und sein Angesicht vor all
den Späheraugen verbergen, die auf ihn niederstarrten.
    Und dann fühlte er allgemach eine merkwürdige Veränderung in sich vorgehen.
Die glotzenden Augen verschwanden - der Saal tauchte sich in Nebel, und je
länger des Richters klare, scharfe Stimme auf ihn einsprach, je eindringlicher
er sich mit himmlischen und irdischen Strafen bedrohen hörte, desto mehr war ihm
zumute, als sei er ganz allein mit jenem Manne in dem weiten Saale, und all sein
Sinnen richtete sich darauf, ihm so zu antworten, dass Elsbet aus dem Spiele
blieb. »Jetzt gilt's - jetzt zeig dich als Mann,« rief es in ihm. Es war ein
ähnliches Gefühl wie damals, als er oben auf dem Dache gesessen hatte; sein
Geist verschärfte sich, und der dumpfe Druck, der allezeit auf ihm lastete, sank
von ihm ab, als löste man Ketten, mit denen er gefesselt gewesen.
    Er erzählte mit ruhigen, klaren Worten, was er von dem Angeklagten wusste,
und schilderte sein Wesen; auch, dass er sich ihm innerlich verwandt gefühlt
hatte, gab er an.
    Als er das sagte, ging ein Murmeln durch den Saal, die Geschworenen liessen
die Papierschnitzel sinken, und zwei oder drei Federmesser klappten geräuschvoll
zu.
    »Was geschah, als Herr Douglas mit Ihrem Vater zusammengeraten war?« fragte
der Präsident.
    »Das kann ich nicht sagen,« erwiderte er mit fester Stimme.
    »Weshalb nicht?«
    »Ich müsste Übles von meinem Vater sprechen!« antwortete er.
    »Was heisst das Übles?« fragte der Präsident. »Wollen Sie damit sagen, dass
Sie fürchten, Ihren Vater einer strafrechtlichen Verfolgung auszusetzen?«
    »Ja,« erwiderte er leise.
    Wiederum ging das Murmeln durch den Saal, und hinter seinem Rücken hörte er
knirschend die Stimme seines Vaters: »Der ungeratene Schlingel!« Doch liess er
sich dadurch nicht irre machen.
    »Das Gesetz gestattet Ihnen, in solchem Falle die Aussage zu verweigern,«
fuhr der Präsident fort. »Wie aber geschah es, dass Ihr Vater sich gegen Raudszus
wandte?«
    Ohne Stocken erzählte er den Vorgang, nur als er beichten musste, wie er
seinen Vater ins Haus getragen, bebte seine Stimme, und er wandte sich um, als
wollte er ihn um Verzeihung anflehen.
    Der Alte hatte die Fäuste geballt, und seine Zähne schlugen aufeinander. Er
musste erleben, dass sein eigener Sohn die Glorie des Helden von seinem Haupte
riss.
    »Und nachdem Sie den Knecht entlassen, sahen und hörten Sie nichts mehr von
ihm?« fragte der Präsident.
    »Nein ...«
    »Als sie in jener Brandnacht erwachten, was sahen Sie da zuerst?«
    Langes Schweigen. Paul griff mit beiden Händen nach der Stirn und taumelte
zwei Schritte zurück.
    Eine Bewegung des Mitleids ging durch den Saal. Man glaubte nicht anders,
als dass die Erinnerung an den fürchterlichen Augenblick ihn übermannte.
    Das Schweigen dauerte fort.
    »So antworten Sie doch.«
    »Ich - schlief - nicht.«
    »Sie waren also noch wach? ... Befanden Sie sich in Ihrem Schlafzimmer, als
Sie den ersten Feuerschein gewahrten?«
    »Nein!«
    »Wo waren Sie?«
    Lange Pause. Man hätte ein Blatt zur Erde fallen hören, so still war es im
Saale.
    »Sie waren nicht in Ihrem Heimatause?«
    »Nein.«
    »Also wo?«
    »Im - Garten - von - Helenental.«
    Ein dumpfes Geräusch erhob sich, das sich zum Tumulte steigerte, als der
alte Douglas, der von seinem Sitz aufgesprungen war, mit dröhnender Stimme in
den Saal hineinrief: »Was hatten Sie da zu suchen?« Der alte Meihöfer stiess
einen Fluch aus, Elsbet entfärbte sich und sank mit dem Kopfe schwer gegen die
Lehne der Bank.
    Der Präsident ergriff die Klingel.
    »Ich ersuche den Zeugen um Ruhe,« sprach er, »ich selbst stelle die Fragen.
Bei nochmaliger Störung lasse ich Sie aus dem Saale entfernen. - Also, Herr Paul
Meihöfer, was wollten Sie im Garten von Helenental?«
    In demselben Augenblick erhob sich im Hintergrunde ein neues Gemurmel, und
im Zeugenraume bildete sich eine Gruppe um Elsbet.
    »Was gibt's da?« fragte der Präsident.
    Der Staatsanwalt, dessen Auge kein Stäubchen im ganzen Saal entgangen war,
neigte sich zu ihm herüber und flüsterte mit vielsagendem Lächeln: »Die Zeugin
ist in Ohnmacht gefallen.«
    Da lächelte auch der Präsident, und das ganze Richterkollegium lächelte.
    Elsbet verliess, von ihrem Vater unterstützt, den Saal ...
    Nun erhob sich ein kleiner Mann mit einem scharfgeschnittenen Gesicht, der
vor dem Angeklagten sass und während der ganzen Zeit mit einem Schlüsselbunde
gespielt hatte, und sagte: »Ich ersuche den Herrn Präsidenten, die Verhandlung
auf fünf Minuten zu vertagen, da die Gegenwart der mitbeteiligten Zeugin von
Wichtigkeit ist.«
    Paul warf diesem Manne einen scheuen Blick zu. Die Verhandlung wurde
vertagt.
    Die fünf Minuten waren eine Ewigkeit. Paul durfte sich auf die Zeugenbank
niedersetzen. Der Vater sah ihn unverwandt mit wütenden Augen an, aber er gab
ihm kein Zeichen, dass er ihn sprechen wolle.
    Elsbet wurde in den Saal geführt, blass wie eine Leiche, und Paul trat aufs
neue vor die Schranken.
    »Ich ermahne Sie nochmals«, begann der Präsident, »sich in allen Stücken
genau an die Wahrheit zu halten, denn Sie wissen, dass jedes Wort Ihrer Aussage
unter den Zeugeneid fällt.«
    »Ich weiss es,« sagte Paul.
    »Jedoch haben Sie, wie Sie wissen, das Recht, die Aussage zu verweigern,
wenn Sie glauben befürchten zu müssen, dass sie Ihnen oder einem Angehörigen eine
Strafe zuziehen dürfte. Wollen und können Sie, wie vorhin, auch jetzt von diesem
Rechte Gebrauch machen?«
    »Nein.«
    Er sprach es mit fester, klarer Stimme, denn in ihm war die Gewissheit
aufgegangen, dass Elsbets Ehre rettungslos verfallen war, wenn er jetzt schwieg.
    »Aber wenn mein Eid ein Meineid wird?« hallte es hinterher aus seinem
Gewissen nach. Es war zu spät.
    »Also - was wollten Sie in dem Garten?« fragte der Präsident.
    »Ich wollte - gutmachen, was in meinem Vaterhaus an Douglas verschuldet
war.«
    Ein Murmeln der Enttäuschung und des Unglaubens ging durch den Saal.
    »Und dazu schlichen Sie in dem fremden Garten umher?«
    »Ich hatte das Verlangen, irgend jemanden zu treffen, dem ich Abbitte hätte
leisten können.«
    »Und hierzu suchten Sie sich die Nachtzeit aus?«
    »Ich konnte nicht schlafen.«
    »Und Sie wurden von Ihrer Unruhe dortin getrieben?«
    »Ja.«
    »Trafen Sie jemanden in dem Garten?«
    »Nein.«
    »Waren Sie schon früher einmal zu derselben Stunde dort gewesen?«
    Lange Pause; dann ging ein abermaliges »Nein,« doch diesmal leise und
zögernd, gleichsam dem Gewissen abgerungen, aus seinem Munde ...
    Die Spannung, die auf den Gemütern lastete, begann sich zu lösen, der
Präsident blätterte in seinen Akten, und Elsbet starrte mit grossen, glanzlosen
Augen zu ihm herüber.
    »Wo befanden Sie sich, als Sie den Feuerschein zuerst bemerkten?«
    »Etwa zwanzig Schritt von dem Helenentaler Wohnhaus entfernt!«
    »Und was taten Sie alsdann?«
    »Ich war sehr erschrocken und eilte sofort nach dem Heimatof zurück.«
    »Auf welchem Wege verliessen Sie den Garten?«
    »Über den Gartenzaun.«
    »Sie öffneten also nicht die Tür, welche vom Garten nach dem Hofe führt?«
    »Nein.«
    »Und schritten nicht an dem Giebel vorbei?«
    »Nein.«
    Eine neue Unruhe machte sich im Saale bemerkbar. Der kleine Mann mit dem
Schlüsselbunde erhob sich und sagte: »Ich bitte den Herrn Präsidenten, Fräulein
Douglas noch einmal über das zu verhören, was sie in jener Nacht gehört haben
will.«
    »Fräulein Douglas, ich bitte,« sagte der Präsident.
    Mit einem langen Blick auf Paul trat sie vor. Dicht nebeneinander standen
sie nun in dem weiten, menschengefüllten Saale, als ob sie zusammengehörten.
    »Wohin verliefen sich die Schritte, die Sie hörten, als der Feuerschein Sie
weckte?«
    »Nach dem Hofe zu,« erwiderte sie leise, kaum vernehmbar.
    »Und hörten Sie deutlich die Klinke der Gartentür klappen?«
    »Ja.«
    »Bedenken Sie wohl, ob Sie sich nicht getäuscht haben können?«
    »Ich habe mich nicht getäuscht,« erwiderte sie leise, doch bestimmt.
    »Ich danke. Sie können sich setzen.«
    Mit unsicheren Schritten ging sie auf ihren Platz zurück. Seit jenem
verhängnisvollen »Nein« hing ihr Blick an Paul wie festgebannt. Sie schien alles
andere darüber vergessen zu haben.
    »Als Sie den Gartenzaun überschritten hatten, welchen Weg schlugen Sie dann
ein?« fragte der Präsident weiter, zu Paul gewandt.
    »Über die Heide!«
    »Berührten Sie den Wald?«
    »Nein - ich lief etwa zwei- bis dreihundert Schritt weit davon vorüber.«
    »Begegneten Sie auf Ihrem Wege jemandem?«
    »Ich sah einen Schatten, der sich dem Walde zu bewegte und bei meinem Kommen
plötzlich verschwunden war.«
    Eine lang anhaltende Bewegung ging durch den Raum, der Angeklagte verfärbte
sich, und sein Auge nahm einen starren, glotzenden Ausdruck an. - Der
Staatsanwalt liess keinen Blick von ihm.
    Noch ein paar Nebenfragen, dann durfte Paul sich setzen.
    Die Mutter und die Schwestern wurden gerufen, aber was sie auszusagen
hatten, war ohne Belang. Die Schwestern schauten neugierig, beinahe keck in die
Runde. Die Mutter weinte, als sie den Augenblick des Erwachens erzählen musste.
    Paul fühlte sich stolz und glücklich darüber, dass Elsbet nicht durch ihn
verraten worden. Er schaute lächelnd vor sich nieder und freute sich seines
Mutes. Doch als die Zeugen zur Vereidigung vorgerufen wurden und er die Hand
erheben sollte, da war es ihm, als hinge eine Zentnerlast daran, als riefe eine
leise, traurige Stimme ihm ins Ohr: »Schwöre nicht.«
    Und er schwor.
    Als er sich auf den Platz gesetzt hatte, sagte die Stimme aufs neue: »Hast
du vielleicht gar einen Meineid geschworen?« - Unwillkürlich erhob er das Haupt.
Da war's ihm, als huschte ein grauer Schatten an ihm vorüber und streifte mit
leisem Hauche seine Stirn.
    Trotzig runzelte er die Brauen. »Und wenn ich selbst falsch geschworen,
geschah es nicht für sie?« Für einen Augenblick erfüllte eine wilde Freude seine
Seele bei diesem Gedanken, aber schon im nächsten legte es sich mit dumpfem
Drucke auf seine Brust und presste ihm die Kehle zu und schnürte ihm Hände und
Füsse, so dass ihm zumute ward, als könnte er sich fürder nicht mehr bewegen.
    Er hörte die eintönige Stimme der Redner, die ihre Plaidoyers begannen, aber
er achtete nicht darauf. - Einmal nur fuhr er empor, als der Verteidiger mit
seinem Schlüsselbund auf ihn wies und mit seiner dünnen, keifenden Stimme durch
den Saal rief: »Und dieser Zeuge da, meine Herren Geschworenen, der sich nachts
in höchst geheimnisvoller Weise in fremden Gärten umhertreibt und allerhand
psychologisch gekünstelte Ausflüchte sucht, um die zarten Motive seines
nächtlichen Abenteuers zu bemänteln, dürfen Sie ihm Glauben schenken, wenn er
angibt, er habe plötzlich Schatten auftauchen und verschwinden sehen, -
Schatten, die, glimpflich gesprochen, nur seinem überhjetzten Hirne entstammen
können? - Was wollte er in dem Garten, meine Herren Geschworenen? Ich überlasse
es Ihrem Scharfsinn und Ihrer Lebenskenntnis, sich diese Fragen selber zu
beantworten, und was den Zeugen anbelangt, so ist es seine Sache, seinen Eid und
sein Gewissen zu befreunden.«
    Da sank er vollends zusammen ...
    Die Geschworenen sprachen ihr »schuldig,« Michel Raudszus wurde zu fünf
Jahren Zuchtaus verurteilt.
    In demselben Augenblicke, in dem der Präsident den Spruch des Gerichtshofes
verkündete, hallte ein höhnisches Gelächter durch den Saal. - Es kam aus dem
Munde Meihöfers. Er hatte sich in seinem Stuhle aufgerichtet und streckte die
gekrümmten Hände nach Douglas aus, als wollte er ihm an den Hals.
    Als er hinausgetragen wurde, rief er in einem fort: »Die kleinen
Brandstifter hängt man, die grossen lässt man laufen.«
    Unheimlich dröhnte das Gelächter des hilflosen Mannes durch die weiten
Korridore. - - -
 
                                       16
Der Winter kam und verging ... Die Heide schneite ein und grünte wieder ... Die
Ranunkeln hoben ihre goldigen Häupter ... der Wacholder trieb seine zarten
Sprossen, und vom blauen Himmel herab tönte Lerchengewirbel.
    Nur in dem düsteren Heidehaus wollte es noch immer nicht Frühling werden.
Wohl hatte Paul es möglich gemacht, das Korn zur Aussaat zu beschaffen, auch
erhob sich bereits ein hölzerner Bau auf der Trümmerstätte, aber die Hoffnung
auf bessere Zeiten war immer noch nicht eingekehrt. Dumpf und freudlos tat er
seine Pflicht, und tiefer und tiefer gruben sich die Furchen in seine Stirn.
Mehr denn je grübelte er in sich hinein, und die Sorge, einen Meineid geleistet
zu haben, lastete schwer auf ihm.
    Wohl Monate vergingen, ehe er sich klar wurde, dass sein Grämen nichts weiter
war als müssige Tüftelei, die seinem verängstigten wortklauberischen Sinne
entsprungen war. Er überlegte sich genau die Frage, die der Präsident an ihn
gerichtet hatte, und fand, dass er nicht anders hätte antworten können. Es war ja
in der Tat das erstemal gewesen, dass er in den fremden Garten gedrungen war. Was
einst in einer wonnigen Mondnacht diesseits des Zaunes geschehen, was ging das
die Herren vom Gerichte an?
    »Nein, ein Meineidiger bin ich nicht,« sprach er zu sich, »ich bin nur ein
Feigling, ein Pinsel, der vor dem blossen Schatten einer Tat zurückschreckt.
Hätte ich nicht stolz und freudig den falschen Eid schwören müssen um Elsbets
willen? Dann wäre ich doch etwas, dann hätte ich doch irgendwas getan, während
ich nun stumpf und mutlos dahinlebe, ein Knecht und weiter nichts.«
    Und in dem Hirne dieses Musterknaben stieg der glühende Wunsch auf, ein
grosser Verbrecher zu sein, nur weil es ihn drängte, sein »Ich« zu bestätigen.
Die beiden Stunden, da er auf dem Dach und vor den Schranken gestanden, galten
ihm jetzt als der Inbegriff irdischer Glückseligkeit, und je mehr er arbeitete
und schuf, desto träger und nutzloser erschien er sich nun.
    Der Vater war noch immer an seinen Tragestuhl gefesselt, den er allem
Anschein nach nicht mehr verlassen sollte, denn das gebrochene Bein war schlecht
geheilt. Mürrisch und müssig sass er in seinem Winkel, blätterte stumpfsinnig in
einem alten Kalender und schalt auf jeden, der ihm in den Weg kam. Nur vor Paul
hegte er eine Art widerwilligen Respektes, er grollte in sich hinein, sobald er
ihn sah, wagte aber nicht mehr, ihm offen zu widersprechen.
    Und die Mutter!
    Ein wenig müder war sie geworden, ein wenig stiller noch, sonst war wenig
Veränderung an ihr wahrzunehmen, wer aber schärfer hinhörte, der vernahm in den
Lüften ein Rauschen, als flöge ein Geier über dem Heidehause hin und her und
zöge enger und enger seine Kreise, um sich eines Tages auf seinen Raub
herabzustürzen.
    Sie selbst hörte das Rauschen wohl, sie wusste auch, was es bedeutete, aber
sie schwieg, wie sie ihr Lebtag geschwiegen hatte.
    Und das Glück war noch immer nicht gekommen ...
    Zu Anfang April legte sie sich nieder. »Allgemeine Schwäche« konstatierte
der Arzt und empfahl ihr den Besuch eines Stahlbades. Sie lächelte und bat ihn,
zu niemandem von dem Stahlbade zu reden, denn sie wusste, dass Paul sich
zuschanden arbeiten würde, um ihr die Kur zu ermöglichen.
    Die Kur, die doch nichts half! Sie wusste wohl, was ihr fehlte: der
Sonnenschein! Zu dicht hatte Frau Sorge den düsteren Schleier um sie gebreitet,
als dass ein Strahl noch in ihre Seele hätte dringen können.
    Den Zwillingen oblag nun die Sorge um die Wirtschaft. Und flink ging ihnen
die Arbeit vonstatten, das musste selbst Paul gestehen. Wenn sie etwas
zerschlagen hatten, lachten sie, und wenn ihnen ein Spaziergang verwehrt wurde,
weinten sie, aber das Weinen schlug bald wieder in Lachen um, und der Tisch war
nie so prompt bestellt, das Milchgeräte nie so blitzend blank gewesen.
    Die Mutter sah das wohl von ihrem Fenster aus und sagte: »Es ist gut, dass
ich von dannen gehe - ich war auch zu nichts mehr nütze auf der Welt.«
    Um die Pfingstzeit begann ihr der Schlaf zu fehlen, auch Fieber stellte sich
ein ...
    »Ach, wie ist das Chinin so teuer!« seufzte Paul, wenn der Knecht in die
Apoteke ritt, und schaute hilfesuchend auf die »schwarze Suse«, aber die rührte
sich nicht. Oft mussten die Ackerarbeiten eingestellt werden, damit durch den
Torfstich ein paar Groschen in die Wirtschaft kämen.
    Die Mutter fing an, an Beängstigungen zu leiden, und wünschte dringend, dass
jemand nächtlich bei ihr wache. Die Zwillinge aber, die sich tagsüber müde
gearbeitet hatten, schliefen abends an der Seite der Kranken ein und sanken wohl
quer über ihrem Bette, so dass die alte, schwache Frau oft noch die blühende Last
der jungen Leiber zu tragen hatte.
    Paul schickte die Schwestern zur Ruhe und übernahm selber das Wachamt.
    »Geh schlafen, mein Sohn,« sagte die Mutter, »du brauchst von uns allen die
Rast am nötigsten.«
    Aber er blieb - und in den Maiennächten, wenn draussen im Garten die Blüten
flüsterten und der Fliederduft durch die Ritzen quoll, sassen die beiden oft
stundenlang Hand in Hand und sahen sich an, als ob sie sich wunder was zu sagen
hätten. So war es schon immer zwischen Mutter und Sohn gewesen. Die Fülle ihrer
Liebe suchte nach Worten, aber die Sorge hatte ihnen die Sprache geraubt.
    Morgens, wenn die Sonne aufgegangen war, tauchte er den Kopf in eiskaltes
Wasser und ging an die Arbeit. -
    Seine Gegenwart gab der Mutter soweit den Frieden, dass sie dann und wann zu
schlafen vermochte. Alsdann schlich er sich auf Zehenspitzen in seine Kammer und
holte die physikalischen Bücher herunter, in denen so gelehrt und unverständlich
die Konstruktion der Dampfmaschinen beschrieben war. Sein Kopf, müde vom vielen
Wachen und jeder Geistesarbeit entwöhnt, erfasste nur schwer den Sinn der dunklen
Worte - aber - er hatte ja Zeit, und unentwegt arbeitete er fort, Seite um
Seite, wie wenn ein Ackersmann ein steiniges Brachfeld pflügt.
    Schlug die Mutter die Augen auf, so fragte sie: »Wie weit bist du, mein
Sohn?«
    Und dann musste er ihr erzählen, und sie tat so, als verstände sie etwas
davon.
    Fragte sie aber: »Und wozu tust du das?,« dann machte er ein schlaues
Gesicht und sagte: »Ich lerne Goldmachen.«
    »Mein armer Junge,« erwiderte sie und streichelte seine Hand.
    Eine Nacht war's - gleich nach den Pfingstfeiertagen - da konnte sie wieder
nicht einschlafen.
    »Lies mir aus den gelehrten Büchern vor,« sagte sie, »die sind so hübsch
langweilig. Vielleicht fallen mir dabei die Augen zu.«
    Und er tat, wie sie geheissen, aber als er wohl eine Stunde gelesen hatte,
bemerkte er, dass sie ihn mit grossen fieberglänzenden Augen anstarrte und dem
Einschlafen ferner war als je.
    »Also daraus willst du Gold machen?« fragte sie.
    »Ja, Mutter,« erwiderte er betreten, denn die Wiederkehr des Fiebers
ängstigte ihn.
    »Wie willst du das anfangen?«
    »Du wirst schon sehen,« sagte er wie gewöhnlich.
    Aber diesmal liess sie sich nicht abtrösten. »Sag's mir lieber, mein Junge,«
bat sie, »sag's mir gleich ... Wer weiss, was geschieht? ... Ich möchte
wenigstens 'ne Kleinigkeit für mich zum Trösten haben, bevor ich einschlafe.«
    »Mutter,« rief er erschrocken.
    »Sei ruhig, mein Junge,« sagte sie, »was liegt daran? Aber erzähl' mir -
erzähl!« Sie bat, wie in aufsteigender Angst, als könnte es in der nächsten
Minute zu spät sein.
    Mit stockendem Atem und wirren Worten sprach er von dem, was ihm
vorschwebte, wie er die »schwarze Suse« zum Leben erwecken wollte, so dass das
Moor ausgeschöpft werden könnte bis in seine tiefsten Tiefen - aber mitten im
Reden überwältigte ihn die Angst, er stürzte schluchzend vor dem Bette auf die
Knie und verbarg das Gesicht an ihrer Brust.
    Sie hiess ihn sich aufrichten und sagte: »Es ist nicht recht von mir, dass ich
dich bange gemacht habe. So Gott will, kann ja noch alles anders kommen. - Was
du mir da sagst, hat mir grosse Freude bereitet. - Ich weiss, wenn du was in die
Hand nimmst, lässt du's so bald nicht fallen. Ich wünschte nur, ich könnt's noch
erleben.«
    So sprach sie ihm leise und unbemerklich wieder Mut ein, da sie für sich
selber nichts mehr zu hoffen hatte.
    In einer anderen Nacht, als er übermüdet auf dem Stuhle eingeschlafen war,
rief sie seinen Namen.
    »Was wünschst du, Mutter?« fragte er auffahrend.
    »Nichts,« sagte sie. »Verzeih mir, ich hätte dich sollen ruhen lassen. -
Aber, wer weiss, wieviel wir miteinander noch reden werden - ich möchte die Zeit
gerne ausnutzen.«
    Er war dieses Mal allzu schlaftrunken, um den Sinn ihrer Worte zu verstehen.
Er setzte sich dichter neben sie und fasste ihre Hand, aber die Augen fielen ihm
sogleich wieder zu.
    Sie glaubte ihn wachend und fing an zu reden: »Ich bin einmal ein sehr
lustiges junges Ding gewesen, nicht viel anders wie deine Schwestern ... Das
Herz hat mir vor Jubel fast zerspringen wollen, und meine Augen haben immer in
die Ferne geschaut, als müsste von dort irgend etwas ungeheuer Schönes
dahergefahren kommen - ein Prinz oder sonstwas derart. Einmal hab' ich auch zu
lieben angefangen - mit der anderen Liebe, der grossen, der himmlischen, die wie
das Schicksal über einen kommt. Aber er hat mich nicht haben wollen - er war
schlank und blond und hatte eine Warze auf dem Kinn. Die Warze hab' ich immer
küssen mögen, aber ich bin nie dazu gekommen. - - Er sah meine Liebe wohl, und
eines Tages, als er besonders übermütig war, hat er mich in den Arm genommen und
hat mich geherzt und dann wieder laufen lassen. - - Ich war aber fröhlich und
freute mich, dass er mich doch einmal im Arm gehalten.«
    Sie hielt inne. Ihr Auge leuchtete, ihre Wangen überfloss ein rosiger, fast
mädchenhafter Schimmer - sie hatte sich wunderbar verjüngt. Da sah sie, dass er
eingeschlafen war, und traurig schwieg sie stille.
    Als er erwachte, sagte er: »Mir war so, Mutter, als ob du mir was
erzähltest.«
    »Du hast wohl nur geträumt,« sagte sie und lächelte, aber ihre Gedanken
waren inzwischen weiter und weiter gewandert durch ihr ganzes Leben hin und
hatten aus allen Winkeln die Restchen der Freude hervorgekehrt, die sich allda
verkrochen.
    »Ich weiss eigentlich nicht,« sagte sie, »warum ich mein Lebtag so traurig
gewesen bin. Wenn ich zurückdenke, ein grosses Unglück ist mir eigentlich niemals
passiert. Zwar schön war es nicht, als wir von Helenental heruntermussten, und
als ich die Stube von der brennenden Scheune blutrot beleuchtet sah, war mir der
Schreck schlimm genug in die Glieder gefahren, aber im grossen ganzen hab' ich's
doch immer recht gut gehabt. - Ich hab' euch Kinder alle grossgezogen und kein
einziges durch den Tod verloren - zu essen und zu trinken haben wir auch immer
gehabt. - Der Vater hat zwar manchmal gebrummt, aber das ist nicht anders in der
Ehe, das wirst du selbst einmal erleben. - - Ihr Kinder habt mich alle
liebgehabt. - Ihr Jungen seid tüchtige Männer geworden, und die Mädchen werden
tüchtige Frauen werden, so Gott will und du sie nicht aus den Augen lässt. Was
will ich denn nun eigentlich?«
    Und so quälte dieses arme, allmählich zu Tode gemarterte Weib sich ab, um zu
erfahren, wodurch es zu Tode gemartert worden. Langsam lüftete Frau Sorge den
Schleier von ihrem Haupte, damit der Tod ihr ins Antlitz hauchen könne.
    Und eines Abends starb sie ... Die Augen fielen ihr zu, sie wusste selbst
nicht wie. Der Arzt, der noch gerufen wurde, sprach von Entkräftung, Anämie; nur
die Empfindsamen sagen in solchen Fällen: »Sie starb an gebrochenem Herzen.«
    Bitterlich weinend knieten die Zwillinge an ihrem Bette, der Vater, der in
seinem Stuhl hereingetragen worden, schluchzte laut und wollte sie mit Gewalt
ins Leben zurückrufen ... Paul stand zu Kopfenden des Bettes und biss sich auf
die Lippen.
    »Ich hab' doch recht behalten,« dachte er, »sie ist gestorben, eh' das Glück
gekommen ist. Hungrig hat sie von der Mahlzeit des Lebens aufstehen müssen, ganz
wie ich es sagte.«
    Er wunderte sich, dass er keinen so grossen Schmerz empfand, wie er es sich
vorgestellt hatte. Nur die wirren Gedanken an allerhand dummes Zeug, die ihm
fortwährend durch den Kopf schossen, wie Fledermäuse durch die Dämmerung,
zeigten ihm, wie es mit seinen Sinnen bestellt war.
    Es schlug Mitternacht, da sagte der Vater: »Wir wollen zur Ruh' gehn, Kinder
... Wer schlafen kann, der schlafe ... Schwere Tage stehen uns bevor.«
    Er umarmte die Zwillinge, schüttelte Paul die Hand und liess sich in sein
Zimmer tragen.
    »Wie gut der Vater heut ist!« dachte Paul, »er ist zu ihren Lebzeiten nie so
gewesen.« Die Schwestern klammerten sich schluchzend an seinen Hals und
verlangten, dass er bei ihnen wache. Sie hätten solche Furcht.
    Paul redete ihnen tröstend zu, geleitete sie in ihre Kammer und versprach,
in einer Stunde nach ihnen sehen zu kommen.
    Als er nach dieser Frist mit einem Lichte in der Hand leise an ihr Bette
trat, fand er sie fest eingeschlafen. Sie hatten sich eng umschlungen, und auf
ihren roten Wangen standen noch die Tränen.
    Dann ging er an die Tür von Vaters Zimmer, um zu horchen, und als er auch
hier keinen Laut vernahm, schlich er sich auf den Zehenspitzen in das Gemach, in
dem die Tote ruhte. Er wollte zum letztenmal an ihrer Seite Wache halten.
    Die Schwestern hatten beim Schlafengehen ein weisses Tuch über ihr Antlitz
gebreitet, das nahm er hinweg, faltete die Hände und sah zu, wie der flackernde
Schein des Lichtes auf ihren wächsernen Zügen spielte. Sie hatten sich wenig
verändert, nur das blaue Adergeäst in den Schläfen trat stärker hervor, und die
Augenwimpern warfen tiefere Schatten auf die abgezehrten Wangen.
    Er zündete die Nachtlampe an, die während ihrer Krankheit allnächtlich an
ihrem Lager gebrannt hatte, setzte sich auf den Stuhl, auf dem er sonst
gesessen, und gedachte eine stille Totenandacht zu halten.
    Aber plötzlich fiel ihm ein, dass er vergessen hatte, nach dem Tischler zu
schicken, damit er zeitig käme, Mass zu nehmen. - Ein schlichter Tannensarg
sollte es sein - schwarz angestrichen - und ringsum eine Girlande von
Erikazweigen, denn sie hatte das stille, zarte Pflanzenwesen vor allen andern
geliebt.
    »Was wird der Sarg wohl kosten?« dachte er weiter, und plötzlich erschrak er
in tiefster Seele, denn er hatte nichts, wovon er die Tote begraben konnte. Er
fing an zu zählen und zu rechnen, aber er konnte zu keinem Abschlusse kommen.
    »Es ist das erstemal, dass sie für ihre Person etwas braucht,« sagte er leise
vor sich hin und gedachte des verschossenen Kleides, das sie jahraus, jahrein
getragen hatte.
    Er rechnete alles zusammen, was er an Aussenständen in Eile wohl eintreiben
konnte, aber die Summe war klein und bei weitem nicht genügend, die
Begräbniskosten zu bestreiten. Auch die drei Fuder Torf, die er morgen und
übermorgen allenfalls nach der Stadt schicken konnte, vermochten daran nichts zu
ändern.
    Darauf nahm er ein Blatt Papier vor und fing an, die Kosten
zusammenzuzählen:
Ein Sarg 15 Taler
Der Platz auf dem Kirchhof 10 Taler
Dem Küster 5 Taler
Das Linnen zum Totenhemde 2 Taler
    Dann die Kosten des Begräbnisses, das der Vater wahrscheinlich so grossartig
wie möglich hergerichtet wissen wollte:
10 Flaschen Portwein 10 Taler
 1 Kiste Zigarren 2 Taler
 2 Achtel Bier 2 Taler
    Zutaten für den Kuchen ... das Weizenmehl war zwar im Hause, aber Zucker,
Rosinen, Mandel, Rosenwasser usw. mussten neu beschafft werden. Wieviel würde das
wohl ausmachen? Er rechnete eifrig, aber die Taxe wollte nicht stimmen. »Die
Mutter wird's schon wissen,« dachte er, und eben wollte er sie um Rat fragen, da
- sah er, dass sie tot war.
    Er erschrak heftig. Erst jetzt, da seine Phantasie sie wieder lebendig
gemacht hatte, begriff er, dass er sie verloren. - Er wollte laut aufschreien,
aber er bezwang sich, denn er musste weiterrechnen.
    »Verzeih mir, Mütterchen,« sagte er, mit der Rechten ihre kalten Wangen
streichelnd, »ich kann noch nicht um dich trauern, ich muss dich erst unter die
Erde bringen.«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Drei Tage später sollte das Begräbnis stattfinden.
    Wie Paul vorausgesehen, hatte der Vater es sich nicht nehmen lassen, eine
grosse Festivität zu veranstalten. An alle seine Freunde in der Stadt hatte er
Einladungen gesandt, auf schönem Glanzpapier mit fingerbreitem Trauerrande. -
Seinem Schmerze hatte er darin in schönen, wohlgewählten Worten Ausdruck
gegeben, auch nirgends versäumt, seinen Namenszug mit einem weitausgreifenden
Schnörkel zu versehen.
    Am Wachtabend, als die Leiche eben aufgebahrt worden, trafen die beiden
Brüder ein. Sie waren seit vielen Jahren nicht daheim gewesen, und Paul hätte
sie beinahe nicht wiedererkannt. Gottfried, der Gymnasiallehrer, ein würdiger
Mann mit strengem Gesichtsausdruck und dem Ansatz zu einem Bäuchlein, führte
eine junge, schwarzbeflorte Dame am Arm, seine Braut, die mit verwundertem
Blicke die niedrigen, ärmlichen Räume mass und sich bemühte, eine ebenso
freundliche wie schmerzbewegte Miene zu zeigen, da ihre Lage beides von ihr
verlangte ... Max, der Kaufmann, kam hintendrein. Er sah ein wenig locker aus,
sein kecker Schnurrbart wollte sich vergebens in die Gemütsverfassung eines
frischverwaisten Sohnes hineinzwängen, und seine Trauer äusserte sich weniger in
Schmerz als in Unbehagen.
    Beide Brüder umarmten den Vater feierlich, und die fremde junge Dame neigte
sich hernieder und küsste ihm erst die Hand und dann die Stirne. - Alsdann
begrüssten sie die Zwillinge, die in ihren Trauerkleidern frischer und lieblicher
dreinschauten denn je. - Paul, der an der Türe stand und verlegen seine Mütze
drehte, hatten sie übersehen.
    Endlich fragte Gottfried: »Wo ist unser Bruder?« Da trat er schüchtern vor
und reichte ihm die Hand ...
    Drei Augenpaare massen ihn prüfend ...
    »Wär' ich doch erst draussen!« dachte er, und sobald es anging, machte er
sich in dem Stalle zu schaffen.
    Gottfried folgte ihm dortin. Paul erschrak, als er ihn kommen sah, denn er
wusste nicht, was er mit dem vornehmen Mann reden sollte.
    »Lieber Bruder,« sagte jener, »ich habe eine Bitte an dich. Kannst du meiner
Braut nicht ein freundlicheres Logis verschaffen? Sie fühlt sich ein wenig
beengt in der Kammer der Mädchen.«
    »Ich werde ihr mein Giebelzimmer einräumen,« sagte Paul.
    »Du würdest mich zu Dank verpflichten, wenn du es tätest.«
    Dann richtete er noch etliche Fragen an ihn über die Leiden der Mutter, über
den Viehstand und über die Hypoteken, die auf dem Grundstück lasteten.
    »Ihr Armen,« sagte er, »habt wohl manche Sorgen gehabt. Aber hast du es dir
auch angelegen sein lassen, die letzten Tage unserer seligen Mutter so viel als
möglich zu erleichtern?«
    Paul versicherte, er hätte getan, was in seinen Kräften gestanden.
    »Das freut mich,« erwiderte der Bruder in strengem Tone, »es wäre eine
schwere Pflichtversäumnis gewesen, wenn du es unterlassen hättest. - Und nun
komm, lass uns gemeinsam vor die Leiche der Verklärten treten, damit sie vom
Himmel herab die Ihren all beieinander schaue.«
    Er bot Paul die Hand und zog ihn in das Zimmer, in dem die Mutter friedlich
zwischen Blumen und Lichtern ruhte und wo die andern schon versammelt waren.
    Paul blieb beklommen in der Tür stehn. Er hätte viel darum gegeben, hätte er
für einen Augenblick mit der Toten allein sein können, da es aber nicht anging,
schlich er sich leise hinaus und schaute von draussen durch das Fenster, wo die
fremden Gaffer aus dem Dorfe standen, als wäre er einer von ihnen ...
    Eine Weile später kam Max zu ihm und führte ihn vertraulich beiseite.
    »Ich habe eine Bitte an dich, lieber Junge,« sagte er, »die Kehle ist mir
ganz ausgetrocknet vom Wegstaub und vom Weinen. Kannst du mir nicht einen
Schluck Bier verschaffen?«
    Paul erwiderte, es wären wohl zwei volle Achtel da, die sollten aber erst
morgen zur Begräbnisfeier angesteckt werden.
    »Gib mir nur immer den Kran,« antwortete Max, »ich verstehe mich darauf. Das
Bier im Achtel wird morgen so frisch sein wie heute.«
    Und als Paul ihm seinen Willen getan, drehte er ihm den Rücken und ging von
dannen.
    Um elf Uhr wurden die Kerzen am Sarge ausgelöscht man begab sich zur Ruhe.
    Paul fand, dass kein Bett mehr für ihn übrig war, und kletterte auf den
Heuboden, wo er die Nacht über grübelnd aufrecht sass ...
    Um zehn Uhr morgens fanden sich die ersten Gäste ein, und zwar solche, die
weder zugesagt hatten noch überhaupt erwartet wurden. Als Paul sie kommen sah,
war sein erster Gedanke: »Hab' ich auch genug Essen und Trinken besorgt?« und je
mehr Wagen auf den Hof gerollt kamen, je mehr wildfremde Männer den Seinen die
schwarzbehandschuhten Hände entgegenstreckten, desto höher schwoll seine Angst,
desto lauter klangen die Worte ihm ins Ohr: »Es wird nicht reichen!«
    Der Vater hatte heute wieder einmal seinen grossen Tag. Er sass in seinem
Tragesessel wie auf einem Trone - seine beiden ältesten Söhne wie Vasallen um
sich her - und liess sich in seinem Schmerze bewundern.
    Wenn ein neuer Gast auf ihn zutrat, presste er die dargebotene Rechte mit
seinen beiden Händen, als ob er derjenige wäre, welcher zu kondolieren hätte,
neigte gramvoll das Haupt und sprach mit schmerzerstickter Stimme abgebrochene
Worte, wie: »Ja, sie ist dahin! - Hin ist hin! - - Es gibt keinen Balsam für die
Wunden des Herzens! - Möge der Himmel an ihr gutmachen, was die Erde
verschuldete,« und dergleichen mehr.
    Dazwischen rief er zu Paul: »Mein Sohn, du sorgst nicht für Wein! - Mein
Sohn, Herr Wegmann wünscht eine Zigarre! - Mein Sohn, denke daran, dass unsere
Gäste sich erlaben.«
    Paul lief von einem zum andern, gleich einem Kellner, zählte voll Angst die
Flaschen, die sich mit rapider Hast verringerten, und beneidete die Schwestern,
die sich in ihren schönen, schwarzen Kleidern ruhig in eine Ecke setzen und von
Herzen ausweinen durften, während die fremde Schwägerin sie tröstete. - An die
Trauerkleider hatte er in seiner Berechnung gar nicht gedacht, und es war ein
Glück, dass der Kaufmann sie ihm gutschrieb, sonst hätten die Schwestern sich
nicht sehen lassen dürfen.
    Er selbst sah in seinem unscheinbaren grauen Anzug gar nicht wie ein
Leidtragender aus, und die meisten der Gäste, die ihn nicht kannten, gingen
ruhig an ihm vorüber und nahmen nur Notiz von seiner Existenz, wenn er ihnen
Wein und Zigarren anbot.
    Auf dem Hofe hatte sich eine Anzahl fremder Frauen eingefunden, die die
Mutter ihres stillen, schlichten Wesens halber lieb gehabt hatten und sich dem
Zuge anschliessen wollten, ohne dass sie zur Trauergesellschaft gehörten.
    Der Feldherrnblick des Vaters hatte sie alsbald entdeckt.
    »Paul, mein Sohn,« rief er, »geh hinaus und nötige die Damen ins
Trauerhaus.«
    Zögernd folgte Paul dem Befehle, denn er wusste nicht, wie er die Einladung
in Worte kleiden sollte. Als er auf die Schwelle trat, fiel sein erster Blick
auf Elsbet, die in einfachem Trauerkleide unter den Frauen des Dorfes stand und
einen Kranz von weissen Rosen trug. Und als sie ihn sah, füllten sich ihre Augen
mit Tränen.
    Für einen Augenblick war ihm zumute, als sollte er den Kopf in die Falten
ihres Kleides pressen, um sich dort auszuweinen, aber daneben standen die andern
und starrten ihn an. Er machte eine linkische Verbeugung und sagte: »Der Vater
lässt bitten - ob Sie die Tote nicht sehen möchten.«
    Die Frauen schoben sich langsam in das Innere, nur Elsbet zögerte noch.
    »Kommst du nicht auch herein?« fragte er.
    »Mein armer, lieber Paul,« sagte sie und ergriff seine Hand.
    Er schloss die Augen und taumelte zwei Schritte zurück.
    »Komm doch,« sagte er, sich wieder fassend, »sieh sie dir an, sie hat dich
ja immer so lieb gehabt.«
    »Paul, mein Sohn, wo bist du?« hallte die Stimme des Vaters aus dem Innern.
    »Paul,« sagte sie stockend unter quellenden Tränen, »du sollst nicht
verzagen, es gibt noch andre, die dich - lieb haben.«
    »O ja,« sagte er, »ich weiss wohl - aber komm - ich muss Wein einschenken.«
    Sie seufzte tief auf, dann ging sie schüchtern hinter ihm drein und mischte
sich wieder unter die fremden Frauen.
    »Paul, komm her!« winkte der Vater, der sich heute in seine alte Macht
zurückzuträumen schien, und als Paul den Kopf zu ihm niederbeugte, flüsterte er
ihm ins Ohr: »Ich höre, der Wein ist alle? Was heisst das? Willst du uns
blamieren?«
    »Ich glaub', es sind noch ein paar Flaschen da,« antwortete Paul.
    »Sorg, dass sie reichen, bis der Pfarrer kommt; den Frauen musst du aber auch
ein Glas geben, hörst du?«
    »O, käme doch der Pfarrer bald!« seufzte Paul und mühte sich ab, die Gläser
nur halb voll zu schenken.
    Und endlich war der Pfarrer da. Die Gesellschaft drängte sich ihm nach in
das Zimmer, in dem die Tote aufgebahrt lag. - Der ganze Raum war gebadet in
Sonnenglanz, und durchbrochene Lichter, die ihren Weg durch das leise sich
neigende Lindengeästel genommen hatten, spielten lustig auf dem marmorbleichen
Angesicht.
    Paul half den Stuhl des Vaters an das Kopfende des Sarges tragen, dann zog
er sich in einen stillen Winkel zurück, wo er die Trauergesellschaft im Rücken
hatte und sich ein wenig ausruhen konnte, denn er war müde vom vielen
Herumlaufen.
    Aber man liess ihn nicht zu sich selber kommen. »Wo ist der jüngste Sohn?«
fragte der Pfarrer, der die ganze Familie um sich versammelt haben wollte.
    »Paul, mein Kind, wo bist du?« rief der Vater.
    Da musste er hervortreten und erhielt seinen Platz dicht hinter dem Sargende,
neben dem Stuhle des Vaters.
    Durch die Trauergesellschaft ging ein Murmeln, und einige sahen sich
bedenklich an, als wollten sie sagen: »Also, das ist auch ein Sohn? - Dann haben
wir ja einen Verstoss gemacht.«
    Auch dem Pfarrer war das Spiel der Sonnenlichter aufgefallen, und er nahm es
zum Tema seiner Rede. Wohl glänze unsere Erdensonne hell und freudenhaft, aber
das sei noch gar nichts - das sei die pure Finsternis, verglichen mit dem
himmlischen Sonnenschein. Alsdann pries er die Tote und pries auch die
Hinterbliebenen, vornehmlich den treuen Gatten und die beiden ältesten Söhne als
die stolzen Grundpfeiler des Hauses; nicht minder fiel für Paul ein Brocken ab
als den Kämmerer, den sein Herr getreu gefunden bis zum Tode.
    Schade nur, dass er von dem honigsüssen Lobe nichts vernahm! Ganz gedankenlos
starrte er vor sich hin. Sein Blick heftete sich auf die seidene Schleife, die
von der Haube der Mutter emporragte und die sich leise bewegte, wenn der
Windzug, der durch die fuchtelnden Arme des Pfarrers entstand, darüber
hinstrich. - So glich sie einem weissen Schmetterlinge, der die Fittiche regt, um
sich in die Lüfte zu erheben.
    Dann wurde ein Choral gesungen und der Deckel auf den Sarg gehoben. - In
diesem Augenblick ertönte aus den hinteren Reihen ein markerschütternder Schrei:
»Mutter, Mutter!«
    Erschrocken und verwundert wandten sich alle um. Elsbet Douglas war es, die
ihn ausgestossen. Nun lag sie ohnmächtig in den Armen ihrer Nachbarin.
    Paul verstand sie wohl. Sie hatte des Augenblicks gedacht, da man der
eigenen Mutter den schwarzen Deckel über das tote Antlitz legen würde. Und er
schwor sich zu, ihr alsdann treu und tröstend zur Seite zu stehen. Auch der
Vater schaute auf, und in seinen Zügen malte sich deutlich die Frage: »Ist die
auch hier?«
    Elsbet wurde in ein Nebenzimmer gebracht, und zwei der Frauen blieben bei
ihr, bis sie sich erholt haben würde. Der Sarg aber schwankte, hoch
emporgehoben, durch die Tür hinaus, bis er auf dem Leichenwagen Ruhe fand.
    Paul griff nach seiner Mütze. Da drängte sich Gottfried an seine Seite und
steckte ihm etwas Schwarzes, Weiches in die Hand.
    »Binde dir wenigstens diesen Flor um den Arm,« flüsterte er ihm zu.
    »Weshalb?«
    »Man könnte glauben, dass du keine Trauer tragen wolltest.«
    Paul erschrak bei diesem Gedanken und tat, wie ihm geheissen. Hinterher
grämte er sich, dass er sich von seinem Bruder hatte beschämen lassen müssen, und
erst viel später wurde ihm klar, wer von ihnen beiden die grössere Trauer
getragen.
    Der Friedhof lag einsam mitten auf der Heide. Drei einzeln stehende
Fichtenbäume verkündeten ihn weit hinaus, und am Rande des Walles, der ihn
umgab, blühten dichte Dornenhecken.
    Dortin ging der traurige Zug. Die Söhne folgten gleich hinter dem Sarg, der
Vater mit den Zwillingen weiter hinten in einem Wägelchen.
    Paul starrte vor sich nieder; dachte an den Sand, in dem er watete ... an
den Wein ... an Elsbet ... an Vaters Tragestuhl ... und an den Erikakranz, der
sich halb vom Sarge gelöst hatte und hinterdreinhing. Er nahm sich vor, wohl
aufzupassen, dass er nicht mit in die Gruft hinabgesenkt würde.
    Am Grabe fühlte er nichts wie ein heftiges Brennen in den Schläfen, und
während der Pfarrer den Segen sprach, fiel ihm plötzlich ein, dass er statt des
Weines ganz ruhig hätte Bier verschenken können. Alsdann musste er auf die
Zwillinge achtgeben, die in ihrem Schmerze Dummheiten machten und dem Sarge
nachspringen wollten. Er nahm sie in seine Arme, küsste sie und hiess sie den Kopf
an seine Schultern legen. Sie taten es, schlossen die Augen und atmeten wie im
Schlafe.
    Als die ersten Erdschollen auf den Sarg niederkollerten, hatte er ein
widriges Gefühl, als rolle man in seinem Kopfe Kegelkugeln in die Runde, und als
der Hügel in fahler Nackteit sich zu erheben begann, dachte er: »Hier muss
morgen schon grüner Rasen drum herum ...«
    Die Menge verlief sich, der Vater wurde zu seinem Wagen zurückgetragen, und
die drei Söhne machten sich zu Fuss auf den Heimweg. Max und Gottfried sprachen
in leisem, feierlichem Tone von ihren frühesten Erinnerungen an die Verblichene,
Paul aber schwieg stille und dachte: »Gott sei Dank, dass ich sie unter der Erde
hab'!«
    Noch immer raste die krankhafte Geschäftigkeit in seinem Hirn, noch immer
hatte er nicht begriffen, nicht begreifen wollen - - - doch als er nun den Hof
betrat, der mit seinem schindelgedeckten Stalle und seinen Brandspuren grau und
trostlos vor ihm lag, da kam es plötzlich mit der Gewalt eines Blitzstrahls wie
eine funkelnagelneue Erkenntnis über ihn: »Die Mutter ist fort!«
    Er drehte sich um, griff mit den Händen in die Luft, und, wie vom Blitze
getroffen, sank er zu Boden ...
 
                                       17
Der Sommer verging, mit seinen Nebelgewändern kam der Herbst über die Heide
geschlichen. - Rote Sonnenstrahlen wanderten müde am Waldesrande vorbei, und die
Erika senkte ihr purpurfarbenes Haupt. - Um diese Zeit begann auf dem Heidehof,
der stiller dagelegen als je bisher, ein seltsames Tönen. Wie Hammerschlag und
Glockenklang zugleich hallte es weit über die Heide in streng abgemessenen
Takten, bald schriller, bald dumpfer, aber nie ohne melodischen Nachklang, der
langsam in den Lüften verzitterte.
    Die Bewohner des Dorfes blieben verwundert auf der Strasse stehen. Einer
fragte: »Was mag bei Meihöfers los sein?«
    Und der andre sagte: »Es klingt fast, als hätt' er sich eine Schmiede
gebaut.«
    »Sein Glück wird er nicht schmieden,« sagte ein dritter, und lachend gingen
sie auseinander.
    Der Vater, der wie gewöhnlich gähnend und mürrisch in seinem Winkel sass, war
beim ersten Klange hoch emporgefahren und hatte die Zwillinge gerufen, dass sie
ihm Rede ständen. Allein die wussten auch nichts weiter, als dass heute in der
Frühe ein Handwerker mit Feilen und Hämmern und Lötzeug aus der Stadt gekommen
sei, mit dem Paul, allerhand Pläne und Zeichnungen in der Hand, eine lange
Unterredung gehabt habe. Sie liefen schleunigst nachzusehen, und was sie fanden
- - -: Hinter dem Schuppen stand die »schwarze Suse«, mit einem Holzgerüst
umkleidet, wie eine Dame in ihrer Krinoline, und auf dem Gerüst kletterten Paul
und der Handwerker eifrig umher, klopften, guckten und schroben an den Nieten.
    Verwundert schauten die Zwillinge einander an, denn sie ahnten, dass hier
etwas Grosses sich vorbereite, doch dem Vater Kunde zu bringen, hielten sie nicht
für nötig; sie erinnerten sich, dass zwei kleine Briefchen, die sie geschrieben
hatten, durch das Dienstmädchen eilig und geheimnisvoll zum Postamte befördert
werden mussten.
    Paul aber stand hoch oben auf dem rundlichen Leibe der »schwarzen Suse«, an
den schlanken Schlot gelehnt, und schaute sehnsuchtsvoll nach dem Moore hin, wie
ein Kolumbus, der eine neue Welt entdecken will.
    Der erste Schritt des kühnen Weges war getan. - In den langen, schlaflosen
Nächten, die dem Tode der Mutter folgten, wenn der Schmerz mit ehernen Pranken
seine Seele umklammerte, dann hatte er vor dem klagenden Bilde der Verblichenen
sich in seine Bücher hineingeflüchtet. Wie ein Maulwurf grub er sich seine Wege
durch die dunkeln Teorien, und wenn der Kopf ihm sauste, wenn der Leib ihm
erschlaffen wollte von der aufreibenden Geistesarbeit, dann rief er sich zu:
»Ihre letzte Hoffnung soll nicht zuschanden werden.« - Dann streckten sich seine
Glieder, den Kopf durchfuhren Blitze der Energie, und weiter und weiter ging's
in rastlosem Schaffen, bis der Wirrwarr des eisernen Rätsels sich in ein Spiel
von Harmonie verwandelte, bis jeder Hebel ein Muskel, jede Röhre ein Äderchen
ward, ersonnen nach weisestem Plane, wie der Menschenleib von dem Geiste des
ewigen Schöpfers.
    Wochen und Monde gingen darüber hin. So ganz vertiefte sich sein Sinn in
Erkenntnisdurst und Schaffensdrang, dass alles, was ihn sonst bewegte,
schattenhaft in die Ferne schwand. Das Bild der Mutter wurde stiller und
friedlicher und begann zu lächeln; wie von unsichtbaren Geistern getragen,
häufte die Ernte sich in der Scheuer, und als eines Tages das letzte Bündlein
Hafer vor dem Schober abgeladen wurde, da schlug er sich mit der Hand vor den
Kopf wie ein Träumender und sagte: »Mir ist's, als hätt' ich gestern nur die
erste Ähre gesehen.«
    Je mehr aber seine Erkenntnis sich ründete und reifte, desto höher schwoll
in seiner Seele die Angst um das Gelingen. Als er nach einem Schlosser schrieb,
hatte er ein Herzklopfen wie ein Kandidat vor dem Examen. Sein Tun scheute das
Licht, als wär's ein Frevel, denn er fürchtete das Ausgelachtwerden. Erst das
Klopfen des tastenden Hammers rief die Kunde in die Welt.
    Der fremde Meister musste mit am Herrentische niedersitzen, und der Vater gab
ihm seine Missbilligung dadurch zu erkennen, dass er ihm den Gruss verweigerte und
allerhand von Narren und Schmarotzern in den Teller hineinmurmelte.
    Aber niemand kehrte sich daran, und die Arbeit nahm ruhig ihren Fortgang.
    Nach Pauls Weisungen wurde die Maschine auseinandergenommen und bis in ihre
kleinsten Teile hinein geprüft. Die Fehler, die ein Techniker vom Fach auf den
ersten Blick erkannt haben würde, mussten diese beiden Männer erst mühsam suchen
und einander klar machen. Oft gab es stundenlange Dispute zwischen ihnen wie in
einer Ratsversammlung.
    Einmal fragte der Meister ungeduldig: »Warum zum Teufel haben Sie das Ding
in keine Reparaturwerkstatt geschickt?«
    Paul erschrak. Freilich, das war ein Gedanke! Heute schien er ihm nagelneu,
und doch war er ihm früher schon oft zu Sinn gekommen. Aber er hatte ihm niemals
Raum geben mögen, er schien ihm zu keck, zu lächerrlich - auch hatte er zu grosse
Angst, dass man ihm die »schwarze Suse« als unverbesserlich zurückschicken werde.
Es ging ihm wie jenem Weib aus dem Volke, das ihren Mann lieber selbst zu Tode
kurieren wollte, als dass es sich von einem Arzte sagen liesse: »Er ist
unrettbar.«
    Wenn es dunkel geworden war und der Meister samt den Knechten Feierabend
gemacht hatte, pflegte er noch ein Stündchen auf der Werkstätte herumzustöbern,
ohne Zweck und Ziel eigentlich, nur weil er die »schwarze Suse« nicht verlassen
wollte. Am liebsten hätte er bis zum Morgen als Nachtwächter neben ihr
gestanden. Gerne mochte er hierbei eine Zeichnung oder ein paar seiner Bücher
unter den Arm nehmen, ebenfalls ohne Zweck, denn es war ja finster - er wollte
nur alles hübsch beieinander haben. Das geschah in der grössten Heimlichkeit,
denn niemand hatte eine festere Überzeugung davon, dass Paul ein vollkommener
Narr war, als Paul selber.
    Eines Abends, als er im Dunkeln nach einem Buche kramte, das er mit
hinunternehmen könnte, fiel ihn in dem hintersten Winkel seiner Schublade etwas
Längliches, Rundes in die Hand, das fein in Seidenpapier gehüllt war.
    Er fühlte in der Finsternis, wie er errötete. Es war Elsbets Flöte. Wie war
es nur möglich, dass er ihrer und der Geberin so selten gedacht hatte? Das
Schattenreich seines Schmerzes hatte die lichte Gestalt verschlungen, die ihm an
jenem dunkelsten der Tage zum letztenmal erschienen, nun war sie ihm über allem
Sorgen und Mühen selber zum Schatten geworden. Im ersten Momente vermochte er
kaum, sich ihre Züge vor die Seele zu rufen, erst allgemach erstand ihr Bild
aufs neue in seinem Innern.
    Er nahm die Flöte statt des Buches unter den Arm, schlich sich hinter den
Schuppen und setzte sich auf den Dampfkessel. - Neugierig tastete er an den
Klappen herum, er setzte auch das Mundstück an die Lippen, aber er wagte nicht
einen Ton hervorzubringen, denn er wollte niemanden aus dem Schlafe stören.
    »Es wäre wohl schön,« sagte er vor sich hin, »wenn ich allerhand liebliche
Melodien blasen und dabei an Elsbet denken könnte. Ich würde mich dann wieder
einmal mit ihr aussprechen können und wissen, dass ich auch für mich selber auf
der Welt bin! Aber bin ich denn für mich selber auf der Welt?« fragte er, indem
er sinnend eine Kurbel erfasste. »Wie diese Kurbel sich dreht und dreht, ohne zu
wissen, warum? und für sich selber nichts ist wie ein totes Stück Eisen, so muss
ich mich auch drehen und drehen und nicht fragen: warum? - - Es soll ja Menschen
auf der Welt geben, die das Recht haben, für sich selber zu leben und die Welt
nach ihren Wünschen zu bilden, aber die sind anders geartet wie ich, die sind
schön und stolz und kühn, und um sie herum scheint immer die Sonne. Die dürfen
sich auch die Freude erlauben, ein Herz zu haben und nach diesem Herzen zu
handeln. Aber ich - ach, du lieber Gott!« Er hielt inne und besah in trübseligem
Sinnen die Flöte, deren Klappen in mattem Lichte durch die Dämmerung
schimmerten.
    »Wenn ich so einer wäre,« fuhr er nach einer Weile fort, »dann würde ich ein
berühmter Musiker geworden sein - ich weiss wohl, da drinnen sind viele Melodien,
die noch kein anderer gepfiffen hat - und wenn ich mein Ziel erreicht hätte,
dann würde ich Elsbet geheiratet haben - und Vater würde reich und Mutter
glücklich geworden sein. Nun aber ist die Mutter gestorben - der Vater ein armer
Krüppel - Elsbet wird einen anderen nehmn - und ich seh' mir die Flöte an und
kann sie nicht blasen.«
    Er lachte laut auf, und dann rutschte er nach dem Vordergrunde hin, so dass
er den Schornstein erreichen konnte. Er streichelte ihn und sagte: »Aber diese
Flöte, die will ich spielen lernen, dass es 'ne Freude ist.«
    Wie er so da sass, war's ihm, als hörte er vom Garten her halbunterdrücktes
Kichern und Geflüster. Er lauschte. Kein Zweifel. Dort koste ein Liebespärchen
oder gar mehr als eines, denn es tönten die verschiedensten Stimmen
durcheinander wie aus einem Spatzenhäuflein.
    »Die Mägde halten sich Liebhaber, wie mir scheint,« sagte er, »denen will
ich den Weg weisen.«
    Er holte sich eine Peitsche, die an der Stalltür hing, und kletterte leise
über den hinteren Gartenzaun, um den fremden Katern den Weg zu verlegen.
    Da plötzlich blieb er wie versteinert stehn, seine Augen quollen hervor, und
der Peitschenstiel zitterte in seinen Händen. Er hatte die Stimmen der
Schwestern erkannt.
    Er lehnte sich an einen Baumstamm und lauschte.
    »Lässt er euch jetzt in Ruh'?« fragte eben einer der Liebhaber im Flüsterton.
    »Er hat jetzt zuviel mit seiner Maschine zu tun,« erwiderte die Stimme
Gretens, »selbst seine ungesalzenen Predigten erspart er uns ...«
    »Ihr habt euch doch nie viel daraus gemacht?«
    Grete kicherte. »Er ist ja trotz seiner Würde doch bloss ein dummer Junge.
Und von Liebe versteht er gar nichts. Solange ich denken kann, schleicht er um
die Elsbet Douglas herum, aber glaubst du, dass er schon je gewagt hat, ein Auge
zu ihr aufzuschlagen? Die wird sich natürlich schön bedanken, so 'nen
Schmachtlappen zu nehmen - da ist ihr Vetter, der Leo, schon ein ganz andrer
Kerl.«
    Das Herz drohte ihm stille zu stehen, doch er lauschte weiter.
    »Ich begreif' nicht, warum ihr ihm überhaupt pariert,« sagte die Stimme des
Liebhabers, »wir haben ihn stets durchgehauen und dann laufen lassen, und zum
Dank dafür hat er uns um Verzeihung gebeten. So 'nem Hans Hasenfuss muss man
einfach die Zähne zeigen.«
    »Na warte, du Aufhetzer!« dachte Paul, der nun wusste, wen er vor sich hatte.
    Grete aber erwiderte eifrig: »Pfui du, das hat er nicht um uns verdient. Er
liebt uns so sehr, dass wir uns eigentlich schämen müssten, ihn zu betrügen; was
er uns an den Augen absehen kann, schenkt er uns, und ich möchte darauf
schwören, dass er nur aus lauter Liebe immer so traurig ist. Da lässt man sich hin
und wieder eine Moralpredigt schon gefallen, besonders, wenn man sich hinterher
doch nicht daran kehrt.«
    »Gut, dass ich das weiss,« dachte Paul und schlich sich im Halbkreise um sie
herum, bis er zu der Laube kam, in der das andere Pärchen hauste.
    Dort ging es bedeutend stiller zu, nur von Zeit zu Zeit tönte ein Kuss oder
ein Kichern aus dem Blätterdunkel. Dann hörte er Kätens Stimme: »Und warum hast
du jüngsten Sonntag soviel mit Matilden getanzt?«
    »Das ist eine scheussliche Verleumdung,« erwiderte der andre der Brüder.
»Welches Lästermaul hat dir das zugetragen?«
    »Pfarrers Hedwig hat's mir erzählt!«
    »Das ist mir auch die Rechte - neidisch ist sie auf dich, das ist die ganze
Geschichte. Wie sie mich letzten Sonntag angeschaut hat - ich glaubte, mein Haar
müsst' ansengen.«
    »Ah, die Falsche!«
    »Na, gräm dich nicht drum! Falsch seid ihr alle! Meine kleine, süsse Lerche,
mein Sonnenschein, mein Strudelkopf - leg den Kopf auf meinen Schoss, - ich will
dich zausen.«
    »So?«
    »Nein, du liegst auf meiner Uhrkette! So ist's recht! - Sing mir was!«
    »Wovon soll ich singen?«
    »Von Liebe!«
    »Erst verdien's dir - du Strolch!«
    Darauf wurde es für eine Weile still, dann begann Käte leise zu trällern:
»Im Flieder sang die Nachtigall
Bis morgens um halb drei,
Da sprang mit einem leisen Schall
Mein Fensterlein entzwei. - -
Ich lief, das Unglück zu besehn,
Des Morgens um halb drei,
Da fand ich eine Leiter stehn
Und einen Mann dabei - lalala!«
    »Sing doch weiter!«
    »Ach nein! Eigentlich ist es unanständig.«
    »Warum fingst es denn an?«
    Sie kicherte und schwieg.
    »Sing was Andres!«
    »Bevor ich singe, gib mir 'nen Kuss!«
    Ein kurzes Ringen, dann seine Stimme: »Was, erst willst du und dann sträubst
du dich, du Katze?«
    »Hier bin ich!«
    »Lass los! - Donner - du kratzt!«
    »Nimmst du 'ne andere, kratz' ich dir die Augen aus!«
    »Weiter nichts?«
    »Nein, ich leg' mich untern Wacholderbusch und hungere mich tot. Zu meinem
Begräbnis musst du auch kommen. Hu! das wird schön werden! - Pass mal aber auf,
ich kenn 'nen schönen Vers:
Weisst du, wie lieb ich dich hab'? - -
Es steht auf der Heide ein einsames Grab,
Drin schläft ein toter Sängersmann,
Dem hat's die Liebe angetan.
Er schläft und schläft im dunkeln Haus
Und schläft seine Liebe doch nimmer aus.
Beim Heidegrab um Mitternacht
Da warte, bis er aufgewacht.
Der kennt das Singen, der kennt das Küssen,
Der wird es wissen. - - -
    Ist das nicht hübsch?«
    »Sehr hübsch! Von wem hast du das, Katze?«
    »Ich fand's einmal in einem Arienbuch, das der Mutter gehörte! Ich glaub'
gar, sie hat's selber gemacht.«
    Paul hatte während dieses ganzen Gesprächs in qualvoller Betäubung
dagestanden, doch als er den Namen der Mutter vernahm, da übermannte ihn der
Zorn, und er schlug mit seiner Peitsche über die Köpfe des Pärchens dahin, dass
die welkenden Blätter der Laube laut raschelnd umherstoben.
    Mit lautem Aufschrei fuhren sie alle empor. - Kaum hatten die Brüder ihn
erkannt, als sie Miene machten, auf und davon zu gehen, aber die Mädchen
klammerten sich wimmernd an sie an. Sie suchten Schutz vor dem eigenen Bruder.
    »Hierher!« rief er ihnen zu. - Da liessen sie von ihren Geliebten ab und
flohen zueinander, um sich gegenseitig zu decken.
    Die beiden Erdmanns wichen immer weiter zurück.
    »Ihr bleibt hier!« schrie er.
    »Was willst du von uns?« sagte der Ältere, der seine Frechheit zuerst
wiedergewann.
    »Rede sollt ihr mir stehen.«
    »Du weisst ja, wo wir zu finden sind,« sagte der Jüngere und zupfte seinen
Bruder am Rockschoss, dass er mit ihm Reissaus nähme. Aber in diesem Augenblick
hatte ihn Paul an der Brust gepackt ...
    »Lass los!« rief er.
    »Ihr kommt mit ins Haus.«
    »O nein, lieber nicht,« sagte der Ältere.
    »Ich weiss gar nicht, was du von uns willst,« sagte der Jüngere, dem unter
dem eisernen Griff von Pauls Fäusten nicht wenig bange ward. »Wir lieben deine
Schwestern - mit dir haben wir nichts zu tun.«
    »Und wenn ihr sie liebt, wisst ihr denn nicht, wo die Tür ist, durch die ihr
kommen konntet, um sie zu werben? Ihr Räuber, die ihr seid!«
    In diesem Augenblick hatte Ulrich den Bruder aus Pauls Fäusten gerissen, und
ehe er zur Besinnung kommen konnte, flohen sie beide in wilder Hetze durch den
Garten, sprangen über den Zaun und verschwanden in dem Dunkel der Heide.
    Ganz betäubt wandte er sich um und sah die Schwestern hinter einem Baumstamm
kauern.
    »Kommt!« sagte er, nach dem Hause hinweisend, und schluchzend folgten sie
ihm.
    Als sie in ihre Kammer schlüpfen wollten, sagte er, die Tür des Wohnzimmers
öffnend: »Hier hinein!« Zitternd duckten sie sich in einen Winkel, denn sie
wussten nicht, welche Strafe er ihnen zudiktieren würde.
    Er zündete selbst ein Licht an, ergriff das Familienalbum und nahm ein Bild
heraus.
    »Jetzt kommt in die Kammer.« - Zwei reuige Schäfchen, schlichen sie hinter
ihm drein.
    »Wer ist das?« fragte er in seinem strengsten Tone, auf das Bild hinweisend.
Es war ein Jugendporträt der Mutter, fast ganz verlöscht von der Länge der
Jahre. Aber sie erkannten es wohl, fielen händeringend vor dem Bette auf die
Knie und schluchzten gottsjämmerlich in die Kissen hinein ...
    Und dann gestanden sie ihm alles. Es war schlimmer, als er je geahnt hätte.
- - - - - -
    Ein fürchterliches Schweigen entstand. Paul trat ans Fenster und sah in die
Nacht hinaus.
    »Gott sei Dank, dass du tot bist, Mutter,« sagte er, die Hände faltend.
    Da weinten sie laut auf, rutschten auf den Knien zu ihm hin und wollten ihm
die Hände küssen. - Er streichelte ihre Haare. Er liebte sie viel zu sehr.
    »Kinder, Kinder!« sagte er und sank auf einem Stuhle zusammen, nicht minder
hilflos als sie. - -
    »Schilt uns, Paul,« schluchzte Käte.
    »Nein, schlag uns lieber,« bat Grete, »wir haben es verdient.«
    Er rieb sich die Stirn. Ihm war noch alles wie ein böser Traum. - -
    »Wie hat das nur geschehen können?« murmelte er. »Hab' ich so schlecht auf
euch aufgepasst?«
    »Sie haben - gesagt, sie - wollten uns - heiraten!« presste Käte hervor.
    »Wenn's Trauerjahr - vorüber ist, soll Hochzeit sein,« fügte Grete hinzu.
    »Und haben sie das gesagt, so werden sie's auch!« rief er, sich selber Trost
zuredend. - »Kniet nicht, Kinder, kniet vor dem lieben Gott, ihr habt's nötig. -
Dies Bild wird von heute ab allnächtlich auf eurem Nachttisch stehen. - Ob ihr
dann noch den Mut haben werdet, auf dem Wege der Schande zu gehen? Gute Nacht.«
    Sie stürzten ihm nach und flehten ihn an, er möchte bei ihnen bleiben, sie
hätten solche Furcht; aber er machte sich leise von ihnen los und schritt in
seine Giebelstube empor, wo er im Dunklen vor sich hin brütete. Er schämte sich
so sehr, dass er glaubte, das Tageslicht nicht wieder ertragen zu können ...
    Am andern Morgen liess er den Meister rufen und lohnte ihn aus.
    Der wackere Mann sah ihm ganz erschrocken ins Gesicht. »Aber jetzt, Herr
Meihöfer, da alles im besten Zuge ist?« sagte er.
    »Ja, im besten Zuge,« murmelte er nachdenklich vor sich hin. Zum Unglück die
Schande - der Meister hatte Recht.
    »Es ist etwas in die Quere gekommen,« sagte er dann, »was mir die Lust am
Arbeiten verleidet. - Lassen wir's vorläufig, und wenn es Zeit ist, werd' ich
Sie wieder abholen.«
    Der Vater beklagte sich bitter über die nächtliche Störung. »Was hattest du
denn im Garten 'rumzutoben?« fragte er, »ich hörte deine Stimme!«
    »Es waren Apfeldiebe da,« erwiderte Paul.
    Die Zwillinge hatten verweinte Augen und wagten nicht, die Blicke vom Boden
zu erheben.
    »So also sehen zwei Gefallene aus,« dachte Paul und gab sich das
Versprechen, streng wie ein Gefangenenwärter zu ihnen zu sein. Aber als er sie
zum erstenmal anherrschte und sie ihm von unten herauf mit schmerzlich demütigen
Blicken so recht magdalenenhaft in die Augen schauten, da wandelte ihn ein
grosses Mitleid an, so dass er sie weinend in seine Arme schloss und sagte: »Seid
stille, Kinder, 's wird alles gut werden.«
    Er hegte die Überzeugung, dass die beiden Erdmanns den Tag nicht vorübergehen
lassen würden, ohne auf dem Heidehof vorzusprechen. »Ihr Gewissen wird sie
treiben,« sagte er sich. So fest baute er darauf, dass er nach dem Mittagessen
den Vater, der in seiner Trägheit ein rechter Schmierfink geworden war, dringend
aufforderte, sich einen neuen Rock anzuziehen, da wichtiger Besuch zu erwarten
sei. Der Vater fügte sich mürrisch und war hernach doppelt ungehalten, als er
fand, dass die grosse Arbeit umsonst gewesen war.
    »Sie werden morgen kommen,« sagte sich Paul beim Schlafengehen, »sie haben
heute die Courage nicht gehabt.«
    Aber auch der folgende Tag verging, ohne dass jemand sich gemeldet hätte, und
so verging die ganze Woche.
    Paul rannte wie verstört im Haus umher. Alle zehn Minuten sah man ihn am
Hoftor stehen und auf die Heide hinausschauen, so dass die Knechte einander
heimlich in die Hüften stiessen und Allotria begannen ...
    »Es ist schade,« sagte er sich, »dass ich noch so unschuldig bin und in
Liebessachen nicht die mindeste Erfahrung habe, sonst würde ich schon wissen,
was mir obliegt.« Eine qualvolle Angst begann seiner Herr zu werden, und
schlaflos wälzte er sich auf seinem Lager.
    »Ich muss ihnen die Sache erleichtern,« sagte er eines Morgens, liess das
gelbe Korbwägelchen anspannen, das er unlängst auf einer Auktion erstanden, und
fuhr nach Lotkeim, dem Gut der Erdmanns, hinüber, das sie seit dem Tode ihrer
Eltern gemeinsam bewirtschafteten.
    Das Herz krampfte sich ihm zusammen in Scham und Ingrimm, als er nun gleich
wie ein Bittender das Heimwesen derer betrat, die ihm im Leben schon so viel
Böses bereitet hatten. Viel fehlte nicht, so wäre er hinter dem Tor noch einmal
umgedreht, aber seine Faust griff fester in die Zügel, und seine Lippen
murmelten: »Auf dich kommt es nicht an.«
    Er fuhr über den grünbewachsenen Hof, auf dem stellenweise hohes
Dornengesträuch wucherte und der von weitläufigen, aber stark verwilderten
Wirtschaftsgebäuden umgeben war, und hielt vor dem Wohnhaus, dessen Fensterläden
schwarzweisse Ringe trugen, wahrscheinlich, weil sie zeitweise als Schiessscheiben
benutzt wurden.
    »Eine Ehre ist es nicht, seine Schwestern hierher zu verheiraten, aber viel
Ehre können sie auch nicht mehr verlangen,« dachte er, indem er das Pferd an das
Treppengeländer band, denn keine Menschenseele war zu sehen, die ihm den Zügel
hätte abnehmen können, nur aus einer fernen Scheune klang der Viertakt der
Dreschflegel.
    In demselben Augenblick, da er den Hausflur betrat, war es ihm, als hörte er
ein leises Stimmengewirr und das Auf- und Zuschlagen der Hintertüren. Dann ward
es plötzlich still.
    Er betrat ein Wohnzimmer, in dem die Reste eines Frühstücks auf dem Tische
standen und das noch von Zigarrenqualm erfüllt war. Eine Weile stand er wartend.
Dann schob sich eine alte, dürre Frauensperson mit verlegenem Grinsen durch die
Tür des Nebenzimmers.
    »Die Herrens sind nicht zu Hause,« sagte sie, ohne seine Frage abzuwarten,
»sie sind frühmorgens weggefahren und werden so bald nicht wiederkommen.«
    »Tut nichts, ich werde warten!«
    Die Alte erhob ein grosses Geschwätz, das Warten sei vollkommen unnütz, ihre
Heimkunft liesse sich nie im voraus bestimmen, sie blieben oft die ganze Nacht
auswärts und dergleichen mehr. Währenddessen glaubte er zu vernehmen, dass ein
Wagen im raschesten Tempo vom Hof herunterrasselte. Erschrocken sprang er auf
und trat ans Fenster, denn er glaubte, sein Pferd sei durchgegangen; als er es
aber ruhig an der Stelle fand, an der er es gelassen, stieg ein Verdacht in ihm
auf, ein Verdacht, den er noch eine Minute vorher entrüstet zurückgewiesen
hätte.
    Die alte Haushälterin wagte nicht, ihm die Tür zu weisen, und unbehelligt,
freilich auch ohne Speis' und Trank, sass er wartend auf seinem Platz bis zum
Abend. - Als es finster geworden war, trat er mutlos und gedemütigt den Rückweg
an.
    Am andern Morgen kam er wieder - auch jetzt vergebens. Am dritten Tage fand
er das Hoftor fest verriegelt. Ein nagelneues Schloss hing in den Haspen. Es
schien eigens für ihn angeschafft.
    Da konnte er keinen Zweifel mehr hegen, dass die Brüder ihm absichtlich aus
dem Wege gingen. »Sie scheuen sich, mir ins Auge zu sehen,« sagte er sich, »ich
will ihnen schreiben.«
    Aber als er die Feder ansetzte, um ihr freundliche, versöhnliche Worte
abzupressen, da überkam ihn ein solcher Ekel über sein würdeloses Tun, dass er
sie auf der Tischplatte zerstampfte und stöhnend im Zimmer umherlief.
    »Ich muss erst Kraft schöpfen gehen,« sagte er und schlich lautlos zu der
Kammer der Mädchen. Die sassen am Fenster, sprachen kein Wort und starrten mit
blassen Gesichtern in die Weite - dann liess die eine das Köpfchen gegen die
Schulter der anderen sinken und sagte leise und traurig: »Sie werden nicht mehr
kommen!«
    »Sie haben Angst vor ihm,« seufzte die Schwester.
    Und darauf sanken sie wieder in ihr Brüten zurück.
    »So,« sagte er, tiefaufatmend, dieweil er in sein Zimmer zurückschlich, »ich
wusste ja, dass dies helfen würde.« Darauf nahm er einen neuen Bogen und schrieb
einen schönen Brief, worin er den Brüdern auseinandersetzte, dass er ihnen nicht
mehr zürne, dass er ihnen alles verzeihen wolle, wenn sie den Schwestern die
verlorene Ehre wiedergäben.
    »Morgen werden sie da sein,« sagte er mit einem Seufzer der Erleichterung,
als er das Schreiben in den Briefkasten warf. - Den Rest des Tages irrte er auf
der Heide umher, denn er wagte keinem Menschen ins Angesicht zu sehen, so
schämte er sich. -
    Aber die Erdmänner kamen nicht. - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Es war am Weihnachtsabend kurz vor dem Dunkelwerden. Tief eingeschneit lag
die Heide, und von dem grauen Himmel rieselten neue Flockenmassen, da sah Paul,
wie die Schwestern heimlich Hut und Mantel nahmen und zur Hintertür entwischen
wollten.
    Er eilte ihnen nach und fragte: »Wohin?«
    Da fingen sie zu weinen an, und Käte sagte: »Bitte, bitte, frag uns nicht.«
Er aber fühlte eine unheimliche Angst in sich erwachen, und sie an den Armen
ergreifend, sagte er: »Ich bleibe hinter euch, wenn ihr mir nicht gesteht.«
    Da presste Grete schluchzend hervor: »Wir gehen zu Mutters Grab.«
    Ein Grauen überlief ihn, dass sie - so die heilige Stätte betreten sollten,
aber er hütete sich wohl, es ihnen zu zeigen. »Nein, Kinder,« sagte er, ihre
Wangen streichelnd, »das duld' ich nicht, es würde euch zu sehr erregen, auch
liegt der Schnee sehr tief auf der Heide, und es wird gleich dunkel werden.«
    »Aber einer muss doch draussen gewesen sein,« sagte Käte schüchtern, »heute
zum Weihnachtsabend.«
    »Du hast Recht, Schwester,« erwiderte er, »ich werde selber gehen. Bleibt
ihr beim Vater und zündet ihm ein paar Lichter an. So Gott will, bring' ich euch
Trost mit heim.«
    Sie liessen sich zureden und gingen ins Haus zurück. - Er aber zog sich einen
warmen Rock an, setzte sich die Mütze auf und schritt in die Dämmerung hinaus.
    »Schliesst ihr heute die Tore zu,« sagte er, bevor er den Hof verliess, denn
er hatte eine dumpfe Ahnung, dass er erst spät in der Nacht heimkehren würde. Und
wenn er sich im Schneegestöber umhertriebe - -
    Lautlos lag die weisse Heide ... Tief im Schosse des Schnees ruhten die welken
Blumen, und wo sonst ein Wacholderbusch gestanden, erhob sich nun ein weisses
Häuflein, anzuschauen wie ein Maulwurfshügel. Selbst die Stämme der
Krüppelweiden trugen eine weisse Decke, doch nur an der Seite, von welcher her
der Wind sie angeweht hatte.
    Mühsam schritt er auf der eingeschneiten Heide dahin, bei jedem Tritte bis
über die Knöchel versinkend. In den Lüften zog hie und da mit dumpfem
Flügelschlage eine Krähe, schwer gegen das Schneegestöber ankämpfend.
    Kein Weg, kein Steg war zu sehen ... Die einsamen drei Fichten, die in der
Ferne wie schwarze Phantome gen Himmel ragten, waren das einzige Zeichen, nach
dem sein Fuss sich richten konnte.
    Der goldgelbe Streif, der für wenige Momente am Rande des Horizonts
aufgeflammt war, erlosch; tiefer sanken die Schatten, und als Paul den Wall des
Kirchhofs erreicht hatte, der wie eine gespenstische Mauer sich vor ihm
auftürmte, war es vollends dunkel geworden, doch verbreitete der frisch
gefallene Schnee einen ungewissen Dämmerschein, so dass er das Grab der Mutter
alsbald zu finden hoffte. -
    Die Pforte war verschneit, verweht; nirgends ein Eingang zu entdecken.
    So tastete er denn mühsam an der Hecke entlang, von der hie und da ein
schwärzliches Ästlein seine dornigen Spitzen aus der weissen Hülle
hervorstreckte, bis sein Arm tiefer in den Schnee hineinsank, ohne Widerstand zu
finden.
    Dort wühlte er sich einen Weg in das Innere hinein.
    Mit dumpfem Rauschen grüssten die Fichten zu ihm hernieder, und ein Rabe, der
im Schnee gehockt hatte, flog schwirrend auf und umkreiste ruhelos die Kronen,
wie eine arme Seele, die keinen Frieden findet.
    Als er die eingeschneite Fläche in ihrem bleichen Einerlei vor seinen
Blicken liegen sah, durchfuhr ihn ein Schreck, denn er sah kein Zeichen, an dem
er das Grab der Mutter entdecken konnte. Ein Kreuz stand nicht an dem Hügel,
denn er hatte noch kein Geld gehabt, eines anzuschaffen, der Hügel selbst aber
lag tief in dem alles ebnenden Schneegefilde.
    Eine quälende Angst erfasste ihn. Ihm war zumute, als hätte er nun auch das
letzte verloren, was er auf der Welt besass.
    Und mit zitternden Händen begann er den Schnee aufzuwühlen, von einem Hügel
zum andern - ein langer Pfad, aus dem hie und da die Ecke eines Grabes, ein
Kranz oder ein Lebensbäumchen in der Dämmerung zum Vorschein kam.
    »Hier schläft,« dieser, »hier schläft« jener - er wusste fast von jedem Grab,
wer darunter die Ruhestatt gefunden hatte.
    Und endlich ritzte sich seine wühlende Hand an einem Glasscherben, der aus
der Tiefe emportauchte ... Er hielt inne und tastete vorsichtig in der Runde ...
Der Scherben war wohl der, den Grete im Frühherbst hinausgetragen hatte, um
Astern darein zu setzen; ein grüner Flaschenscherben mit scharfen, spitzen
Kanten - ja, er war's. Noch staken die welken Stengel darin. Und daneben der
Kranz, der Erikakranz, der steifgefroren wie ein steinerner Ring zum Vorschein
kam, den hatte er selbst hierher gelegt, als er zum letztenmal draussen gewesen
war.
    Wie er nun das Häuflein Schnee, das sein Teuerstes barg, so weiss und ruhig
daliegen sah, fiel er auf die Knie und drückte sein glühendes Gesicht in den
kühlen, weichen Flockenschaum.
    »Ich bin an allem schuld, Mutter,« klagte er, »ich hab' nicht auf sie acht
gegeben, ich hab' sie verwildern lassen. Richte sie nicht, Mutter, sie wussten
nicht, was sie taten! ... Aber ich flehe zu dir, Mutter, lass du mich wissen, wie
ich handeln soll! ... Sende mir ein einziges Wort übers Grab zurück, ... sieh,
ich knie hier und weiss nicht ein noch aus.«
    Und dann war's ihm plötzlich, als hätte auch er nicht das Recht, an dieser
Stätte zu liegen, als wäre auf ihn die Schande abgewälzt, die die Schwestern
betroffen hatte. Er schalt sich feige, selbstsüchtig und faul, dass er so lange
untätig geblieben war, ohne ein Äusserstes zu wagen.
    »Ich will's tun, Mutter, noch diese Nacht,« rief er aufspringend. »Auf mich
soll's nicht ankommen, mein letztes Restchen Stolz will ich daran geben, wenn
nur die Schwestern gerettet werden.« - Er schwor es mit erhobenen Armen, und
dann eilte er auf die Heide hinaus - - - - - -
    Wohl drei Stunden lang jagte er auf den eingeschneiten Wegen dahin. Acht Uhr
mochte es sein, als er müde und atemlos vor dem Hoftor von Lotkeim halt machte.
    »Heute sollen sie nicht entwischen,« sagte er, und da er das Tor wiederum
verschlossen fand, so kroch er auf dem Bauche unter den Staketen hindurch - wie
er es sonst bei Hunden gesehen hatte.
    Die Fenster des Herrenhauses waren hell erleuchtet, aber hinter den
herabgelassenen Vorhängen liess sich von dem Innern nichts erkennen; nur
abgerissener Gesang und kurzes Gelächter drangen ins Freie.
    Die Haustür stand offen. In dem dunklen Flur hielt er für einen Augenblick
inne, um sein Herzpochen zu beschwichtigen, dann klopfte er.
    Ulrichs Stimme rief: »Herein!«
    Da lagen die beiden Brüder ausgestreckt auf dem langen Sofa, die Füsse des
einen neben dem Kopf des andern, ein Bild vollkommenster Gewissensruhe und
Seelenheiterkeit. Jeder von ihnen balancierte ein grosses Grogglas in der hohlen
Hand, und vor ihnen auf dem Tisch stand eine dampfende Punschterrine.
    Bei seinem Anblick waren sie so erschrocken, dass sie das Aufstehen vergassen.
Ganz versteinert blieben sie liegen und starrten ihn an.
    »Nanu!« rief Ulrich, der zuerst die Sprache wiederbekam, und Fritz liess sein
Glas klirrend zu Boden fallen. Darauf bückte er sich und sammelte mit grossem
Eifer die Scherben.
    »Ihr könnt euch wohl denken, warum ich komme,« sagte Paul, in seinen
beschneiten Kleidern langsam vor den Tisch hintretend.
    »Nein,« sagte Ulrich, der sich langsam aufrichtete.
    »Keine Ahnung,« bestätigte Fritz, der sich wohlweislich hinter den Rücken
des Bruders zurückzog.
    »Ihr habt meinen Brief doch wohl erhalten?« fragte Paul.
    »Wir wissen von keinem Brief,« erwiderte der Ältere, ihm frech ins Auge
schauend.
    »Er wird wohl auf der Post verlorengegangen sein,« fügte der Jüngere eilends
hinzu.
    »Besinnt euch nur. Es war am 16. November,« sagte Paul.
    Da erinnerten sie sich dunkel, dass ein Brief an sie abgeliefert worden war.
    »Aber wir konnten aus ihm nicht klug werden und haben ihn ins Feuer
geworfen,« sagte Ulrich.
    »Lasst die Winkelzüge,« erwiderte Paul. »Ihr wisst ganz gut, was ihr zu tun
habt.«
    Sie zuckten die Achseln und sahen sich an, als ob er spanisch redete.
    »Ich bin nicht gekommen, mit euch Komödie zu spielen,« fuhr Paul fort, »ihr
habt meinen Schwestern die Ehre genommen und müsst sie ihnen wiedergeben.«
    Ulrich kratzte sich den Kopf und sagte: »Lieber Meihöfer, das ist 'ne böse
Geschichte - und so mir nichts, dir nichts lässt sich die nicht behandeln. - Setz
dich mal hin und trink ein Glas Punsch mit uns - dabei werden wir rascher zum
Ziele kommen.«
    »Ja, rasch und gemütlich,« fügte Fritz hinzu, indem er aufstand, zwei neue
Gläser herbeizuholen.
    »Ich danke,« sagte Paul, »ich habe keinen Durst.« In ihm bohrte ein dumpfes
Gefühl, als ob die Brüder ihn, wie sein Leben lang, auch jetzt mit Hohn
überschütteten.
    Um seine Glieder legte es sich wie eiserne Klammem. Ganz schlaff, ganz
wehrlos erschien er sich nun.
    »Ja, wenn du uns so kommst,« erwiderte Ulrich, scheinbar gekränkt, »dann
reden wir gar nicht mit dir. Ich habe keine Lust, mir den Weihnachtsabend zu
verderben.«
    »Und den Punsch kalt werden zu lassen,« fügte Fritz hinzu.
    Paul mass mit starrem Blick bald den einen, bald den andern. Wie war es
möglich, dass die, welche schwere Schuld auf sich geladen hatten, stolz und
übermütig vor ihm standen, während er, der nur sein gutes Recht begehrte,
zitterte und bebte wie ein Verbrecher?
    »Und wenn du ohne Trost heimkehrst?« schrie eine angstvolle Stimme in ihm. -
»Erzürne sie nicht - denk daran, was du der Mutter geschworen hast! Auf dich
selbst darf es nicht ankommen.«
    »Na - trinkst du nun oder trinkst du nicht?« rief Ulrich ärgerlich.
    »Auf dich selbst darf es nicht ankommen!« rief die Stimme wieder, da senkte
er den Kopf und sagte mit heiserer Stimme: »Also - bitt' schön.«
    Die beiden Brüder warfen einander einen lächelnden Blick zu, und Fritz hob
das Glas und sagte: »Prost Fest!«
    »Prost Fest!« stammelte er und würgte das heisse Getränk hinunter, wiewohl
der Ekel ihm bis zur Kehle schwoll.
    Nun sass er wie ein guter Kumpan mit den beiden Brüdern an einem Tische, er,
der als Rächer hätte kommen müssen.
    »Also, um die Geschichte zu beendigen, lieber Meihöfer,« begann Ulrich aufs
neue. »Was geschehen ist, ist geschehen und lässt sich nicht mehr ändern. Ich
will hier nicht mehr untersuchen, wer den andern mehr nachgelaufen ist, wir
deinen Schwestern oder deine Schwestern uns, jedenfalls haben sie ebensoviel
Schuld wie wir! Wir lieben sie von ganzem Herzen, sie sind die niedlichsten
Mädchen in der ganzen Gegend, und es tut uns aufrichtig leid, wenn wir denken,
dass wir sie verloren haben, aber - - dass wir sie nun heiraten sollen, das wirst
du doch nicht verlangen.«
    Paul warf ihm einen scheuen Blick zu und sagte kleinlaut: »Das ist das
mindeste, was ...,« weiter kam er nicht, ihm war, als stockte das Blut in seinen
Adern.
    »Sei nicht komisch,« meinte Fritz, und Ulrich fuhr fort: »Sieh mal, wir
würden es ja auch tun, wir halten grosse Stücke von ihnen, obwohl sie sich viel
vergeben haben« - in Pauls Hirn zuckte es, aber er bezwang sich -, »wir würden
dir auf der Stelle zu Willen sein, aber zuerst sag uns mal, was gibst du ihnen
mit?«
    »Ich habe - nichts,« stammelte Paul.
    »Siehst du wohl,« erwiderte Fritz.
    »Und wir brauchen Geld - viel Geld,« fuhr Ulrich fort. »Ich bin der Ältere,
und wenn ich das Gut für mich allein übernehme, muss ich dem Fritz so viel
auszahlen, dass er sich ein eigenes kaufen kann.«
    »Ich - will - arbeiten,« presste Paul hervor und schaute in demütiger Bitte
zu den Brüdern hinüber.
    »Du hast schon zehn Jahre gearbeitet und hast nichts hinter dich gebracht.«
    »Der Brand ist dazwischen gekommen,« stammelte Paul, als ob er um
Entschuldigung bäte für das Unglück, das ihn betroffen hatte.
    »Und nächstes Jahr kommt was Andres dazwischen. Nein, lieber Freund, darauf
können wir uns nicht einlassen.«
    Die Angst, dass er ohne Trost zu den Schwestern würde heimkehren müssen,
schwoll höher und höher in seiner Seele. So sehr übermannte sie ihn, dass seine
Zunge sich löste, und er rief: »Aber mein Gott, so nehmt doch Vernunft an! ...
Ich kann doch nicht mehr wie arbeiten ... Arbeiten will ich wie ein Stück Vieh
... arbeiten Tag und Nacht ... ich will sparen und will hungern, und alles, was
ich erwerbe, soll euch gehören ... Seht mal ... ich habe wirklich schöne
Aussichten ... die Lokomobile wird bald in Ordnung sein ... und das Moor ist
sehr einträglich ... fünfzehn Fuss geht's in die Tiefe ... wirklich, ihr könnt
messen! ... Das Fuder Torf bringt zehn Mark ... und eure Mitgift soll euch
jährlich in Teilzahlungen auf Heller und Pfennig zugeschickt werden.«
    Er sah ihnen mit aufgerissenen Augen ins Gesicht, denn er erwartete, dass sie
jetzt sofort zugreifen würden. Und als sie schwiegen, strich er sich ganz
fassungslos mit der Hand über die Stirn, von der der kalte Schweiss
herniederlief, und murmelte: »Ja - was kann ich denn noch? ... Richtig - noch
mehr will ich tun: ... Ich will mir den Hof vom Vater übergeben lassen und ihn
dann euch zuschreiben, so dass wenn der Vater - stirbt, einer von euch Herr
darauf wird ... Ich will ausziehen und nicht mehr wie Schwarz unterm Nagel mit
mir tragen. - Ist euch das nun genug?«
    Aber sie schwiegen.
    Da ward ihm zumute, als ginge alles unter, woran sein Glaube sich sonst
festgehalten, als wiche der Boden unter seinen Füssen, als würde er selbst ins
Leere hinausgeschleudert. Er faltete die Hände - seine Zähen klapperten - und
wie entgeistert starrte er sie an. - »Ist es denn möglich? Ihr wollt nicht?
Wollt wirklich nicht? - Fasst ihr denn gar nicht, dass es eure Pflicht und
Schuldigkeit ist gutzumachen, was ihr gesündigt habt? ... Sagt euch euer
Ehrgefühl nicht, dass ihr andere nicht ehrlos machen dürft? ... Lässt euch euer
Gewissen denn schlafen? ...«
    »Höre auf,« sagte Ulrich, dem ein Gefühl des Unbehagens fröstelnd über den
Nacken lief.
    »Nein, ich höre nicht auf! Ich kann nicht so nach Hause gehen ... Wirklich,
ich kann nicht! ... Habt ihr denn gar keine Ahnung, was ihr angerichtet habt
..., welch ein Elend bei mir zu Hause herrscht?« Und er schauderte zusammen in
der Erinnerung an das, was er zurückgelassen hatte. - »Wenn ihr das wüsstet, ihr
würdet so hart nicht sein! ... Seht, Fritz und Ulrich ... ich kenn' euch nun
schon lange Zeit ... wir haben schon zusammen auf der Schulbank gesessen ... und
sind zusammen ... vor den Altar getreten ... Ihr habt mir schon immer übel
gewollt, und ich hab' viel von euch zu erdulden gehabt, aber ... ich will alles
vergessen, wenn ihr nur das eine gut macht. Ihr seid leichtsinnig, aber schlecht
seid ihr nicht ... ihr könnt es ja nicht sein ... ihr habt ja auch eine Mutter
gehabt ... ich hab' sie gesehen ... sie hat bei der Einsegnung am dritten
Pfeiler links gestanden und hat ... geweint, wie meine Mutter weinte. - Und
meine Mutter - pfui doch,« unterbrach er sich, denn ihn überwältigte die Scham,
dass er den Namen der Verklärten vor diesen Verführern in den Mund genommen
hatte, aber seine Angst, ohne Trost heimkehren zu müssen, steigerte sich bis zum
Wahnwitz, er schluckte auch das hinunter, und von neuem fing er an, während
seine Gedanken schon irr durcheinander schossen: »Denkt euch mal, ihr geht jetzt
'raus zum Kirchhof ... und habt Schwestern ... die sind verführt ... und ihr,
habt nicht gut achtgegeben auf die Schwestern ... und ihr wagt nicht, den Schnee
zu berühren, der auf dem Grabe liegt ... und ich bin der Verführer ... was ...
was würdet ihr tun?«
    »Totschlagen würden wir dich,« sagte Ulrich, ihm einen verächtlichen Blick
zuwerfend.
    Er stiess einen gellenden Schrei aus, denn jetzt kam das Bewusstsein, wie tief
er sich erniedrigt, wie er seinen Stolz, seine Ehre im Kot gewälzt hatte, mit
ganzer Gewalt über ihn ... Mit geballten Fäusten stürzte er auf Ulrich los. Der
aber verschanzte sich hinter dem Tisch, und Fritz lief nach dem Nebenzimmer, um
das Gesinde herbeizurufen.
    Da taumelte er hinaus.
    Das Hoftor war geschlossen wie vorhin. - Er wagte nicht zurückzukehren, um
es öffnen zu lassen, und auf dem Bauche kroch er hinaus - wie ein Hund. - -
    Wie ein Hund! - - - - - - - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
 
                                       18
»Der junge Herr führt ja mit einem Male ein lustiges Leben,« sagten die Knechte,
und da nun doch alles drunter und drüber ging, stahlen sie einen Scheffel Korn
nach dem andern.
    Paul aber trieb sich auf allen Lustbarkeiten und Tanzfesten umher, die in
der Gegend stattfanden. - Wer ihn mit seinen finsteren Stirnfalten und dem
scheuen, spähenden Blick in dem fröhlichen Gewühl auftauchen sah, der fragte
sich wohl: »Was will der hier?« Und mancher ging im Bogen um ihn herum, als sei
ein Schatten auf seine Freude gefallen.
    Paul war sich wohl im klaren über den Weg, den er wandelte. - Er hatte
gehört, dass die Erdmänner kein Fest vorübergehen liessen, ohne mitzufeiern - so
toll, wie's eben anging. - »Ich werde sie zu treffen wissen,« sagte er, »die
Nacht ist dunkel und die Heide einsam. Unter Gottes freiem Himmel sollen sie mir
und dem Tode ins Antlitz sehen.«
    Drei Tage nach seinem letzten Besuche auf Lotkeim war er in die Stadt
gefahren und hatte sich einen Revolver gekauft, einen schönen sechsläufigen mit
langem, schlankem Laufe. Wie ein wildes Tier lauerte er nun nachts in den
Büschen und Hohlwegen der Heide, wenn er glaubte, dass sie vorüberkämen.
    Aber sie kamen nicht. Sie schienen misstrauisch geworden und hielten sich
deshalb im Haus, oder, was wahrscheinlicher, das Geld war ihnen ausgegangen. -
»Ich kann warten,« sagte er und setzte sein Treiben fort.
    Und wenn er eines Abends zu Hause blieb und mit den Schwestern gemeinsam am
Abendbrottisch sass - ein schweigendes, trauriges Mahl - dann erschrak er
jedesmal, sobald er aufschaute und die Züge der Mutter in zwei bleichen,
abgehärmten Gesichtchen wiederfand. - Dann jagte es ihn stets aufs neue hinaus.
- -
    Am Fastnachtabend war's, da wurde in dem Saale des Bürgervereins von den
Landwirten der Umgegend ein grosser Ball gefeiert.
    »Dort werd' ich sie fassen,« sagte er sich, denn er hatte gehört, dass die
beiden Brüder zum Vorstand des Festes gehörten.
    Als die Dämmerung herannahte, liess er den Schlitten anspannen, verbarg den
Revolver im Gesässkasten und machte sich auf den Weg zur Stadt.
    Tagüber hatte die Sonne geschienen, nun lohte der Himmel in den Flammen des
Abendrots. In bläuliche Schleier eingehüllt lag die Heide, und durch die klare
Winterluft sprühten leuchtende Eiskristalle.
    Als er an Helenental vorüberfuhr, sah er zwei Schlitten mit Tannenzweigen
beladen, die in den Gutsweg einbogen.
    »Mir scheint, dort soll ein Fest gefeiert werden,« murmelte er, den
Schlitten nachblickend, und mit einem düsteren Lächeln setzte er hinzu: »Ich
brauch' nicht neidisch zu sein, ich feiere ja auch mein Fest heute!«
    Um sechs Uhr kam er in der Stadt an, verschafte sich eine Eintrittskarte
und hockte bis zur neunten Stunde in dem Winkel einer Schenke, finster vor sich
hinbrütend.
    Als er den Festsaal betreten hatte, in dem ein sinnbetäubender Wirrwarr
leuchtend durcheinanderrauschte, verbarg er sich scheu in dem Schatten einer
Säule, denn ihm war zumute, als stände lesbar für jedermann auf seiner Stirn der
Mordgedanke geschrieben, der ihm die Seele erfüllte.
    Und plötzlich fuhr es wie ein Messerstich durch seine Brust. - Er hatte die
Brüder gefunden. - In der Mitte des Saales standen sie stolz und strahlend,
seidene Schleifen auf den Achseln, Maiglöckchen im Knopfloch, und spähten mit
siegesgewissem Lächeln die Reihe der weissgekleideten Mädchen entlang, die die
Wände schmückten.
    »So, - jetzt sind sie mir verfallen,« murmelte er mit einem tiefen
Aufseufzen. Er fühlte, dass es kein Zurück mehr für ihn gab. Und dann verkroch er
sich in eine verschwiegene Ecke, von der aus er seine Opfer im Auge behalten
konnte. Der Lichterglanz strahlte sonnenhaft auf ihn hernieder, aber er sah ihn
nicht, die Musik rauschte in wohligen Akkorden um sein Ohr, aber er hörte sie
nicht, alle seine Sinne waren untergegangen in wildem, blutigem Gelüste.
    Wie er so in das Gewühl hineinstarrte, vernahm er dicht hinter sich ein
Gespräch von zwei behäbigen Männerstimmen: »Willst du auch morgen zum Begräbnis
hinaus?«
    »Ja, es soll eine grosse Feier werden. dabei darf man nicht fehlen.«
    »Ist sie lange krank gewesen?«
    »O sehr lange. Unser alter Doktor hatte sie schon vor Jahren aufgegeben.
Dann war sie mit ihrer Tochter im Süden und hat sich nach ihrer Rückkehr - ich
weiss nicht, wie lange noch - gehalten.«
    Er horchte. - Ein dumpfe Ahnung dämmerte in ihm auf. Die Tannenzweige! Die
Tannenzweige!
    Und die eine Stimme fuhr fort: »Sag mal: die Tochter muss doch in sehr
heiratsfähigem Alter sein - hat sie sich noch immer nicht verlobt?«
    »Sie ist ja bekannt wegen der Körbe, die sie austeilt,« erwiderte die andre
Stimme, »die einen sagen, sie tat's, um die kranke Mutter nicht zu verlassen,
die andern, weil sie eine geheime Liebschaft mit ihrem Vetter hat, dem Leo
Heller, du kennst ihn ja.«
    »O der Windhund,« sagte die erste Stimme wieder, »vorige Woche hat er im
Tempeln achtundert Mark verloren, bei den Wucherern sitzt er bis an die Kehle
drin, und ein Liebchen hält er sich auch aus. Aber ein forscher, lustiger Kerl
ist's, ganz dazu angetan, sich Goldfische zu kapern.« Und die beiden Stimmen
entfernten sich lachend.
    Paul hatte ein dumpfes Gefühl, als müsste er sich zu Boden werfen und das
Antlitz in den Staub pressen, - aus seiner Kehle schwoll es empor, - rote
Schleier wogten vor seinen Augen auf und nieder ... Also sie hatte ausgelitten,
die bleiche, freundliche Frau, die wie ein guter Engel über dem Heidehof
gewartet hatte, an der sein eigen Herz gehangen, solange er lebte!
    Nun, da sie tot, war ja die Bahn frei für Niedergang und Verbrechen.
    Und Elsbet? Wie hatte sie gezittert vor dieser fürchterlichen Stunde, wie
hatte er geschworen, ihr alsdann nahe zu sein! Und statt dessen lauerte er hier
wie ein reissendes Tier, blutige Gedanken in der Seele, er, der einzige, dem ihre
reine Seele sich einst anvertraut hatte ...
    Ein Frösteln überlief ihn. »Aber was tut's? Tröster hat sie ja genug - da
ist der lustige Leo, mit dem sie ja eine geheime Liebschaft haben soll - mag der
nun seine Künste entfalten.« Er lachte laut und höhnisch auf, und nachdem er
sich klargemacht, dass die Erdmanns ihm nicht entgehen konnten, wenn er am Wege
auf sie wartete, verliess er den Saal.
    Als er in das Schweigen der mondhellen Winternacht hinausfuhr, wurde es auch
in seiner Seele stiller und stiller, und als über der silbernen Heide das »weisse
Haus« wie ein marmornes Grabdenkmal langsam emporstieg, da fing er bitterlich zu
weinen an.
    »Plärre nur, plärre, altes Weib, du,« murmelte er und peitschte das Pferd
an, dass die Glocken heller klangen. Die tönten ihm ins Ohr wie das Grabgeläute
alles Guten.
    In dem Walde, hinter dem der Seitenweg nach Lotkeim sich abzweigte, machte
er halt, band das Pferd an einen fern abgelegenen Baumstamm und schnallte die
Glocken ab, damit ihr Klingen ihn nicht vor der Zeit verriet. Dann holte er den
Revolver aus dem Gesässkasten und prüfte die Patronen. - Sechs Schuss - für jeden
zwei - doppelt reisst nicht.
    Es war bitterkalt und seine Füsse erklammten. Er kauerte sich auf dem Boden
des Schlittens nieder, so dass die Pelzdecke ihn ganz umhüllte. Darunter war es
warm und wohlig, und allgemach fühlte er eine grosse Ermattung seiner Herr
werden, als ob er einschlafen könnte. Aber dann raffte er sich wieder empor.
    »Es ist dir ja gar nicht ernst,« murmelte er, »dass du sie töten willst.
Sonst müsste dir anders zumute sein ...«
    Da sprang er empor und rief in die Nacht hinein: »Ich will, ich schwör's
dir, Mutter ... ich will.« - Und zur Bekräftigung schoss er eine Kugel in die
Lüfte, so dass das Echo schauerlich durch die Stille hinrollte und die Raben
krächzend von ihren Sitzen emporfuhren ...
    Je mehr die Stunde sich näherte, in der die Brüder heimkehren mussten, desto
mehr wuchs seine Angst; aber diese Angst galt nicht der blutigen Tat. - Er bebte
davor, dass im letzten Moment seine Hand erschlaffen, sein Mut verfliegen würde,
denn man hatte ihn ja stets einen »Feigling« genannt.
    Es mochte gegen vier Uhr morgens sein, und der Mond war schon im Untergehen,
da liess ein Glockengeläut in der Ferne sich hören, leise und immer lauter und
lauter. Er sprang in den Hohlweg, den der wehende Schnee aufgeschüttet hatte,
und warf sich platt auf den Boden. Der Schlitten nahte dem Waldesrand, zwei in
Pelze gehüllte Personen sassen darauf - sie waren's. - Aber wie lange das
dauerte!
    Der Schlitten fuhr langsamer von Schritt zu Schritt. Die Glocken klirrten
träge, und die Zügel hingen schlaff über den Bug des Pferdes herab. Die Brüder
schnarchten ... wehrlos waren sie ihm preisgegeben.
    Rasch sprang er vor, fiel dem Pferd in die Zügel und löste die Stränge der
Deichsel. Der Schlitten stand - und seine Herren schliefen weiter.
    Er stellte sich vor sie hin und starrte auf sie nieder. Die Hand, die die
Pistole hielt, zitterte heftig.
    »Was tu' ich nun mit ihnen?« murmelte er; »im Schlaf kann ich sie doch nicht
niedermachen? - Betrunken werden sie auch sein, sonst wären sie schon längst
aufgewacht! - Das beste ist, ich lasse sie ziehen und warte auf das nächste
Mal.«
    Eben wollte er das Pferd wieder in die Stränge legen, da schoss es ihm durch
den Kopf, dass er ja der Mutter geschworen habe, sie umzubringen.
    »Ich wusst's ja, dass ich ein elender Feigling bin,« dachte er bei sich, »und
nimmermehr die Courage dazu haben würde. - Nicht einmal zum Morden bin ich gut
genug.«
    »Aber jetzt tu' ich's doch!« murmelte er, trat zwei Schritt zurück und
zielte scharf auf Ulrichs Brust, aber den Hahn spannte er nicht, denn innerlich
fürchtete er, er könnte den Schlafenden verletzen.
    »Ob ich's doch wohl tun werde?« dachte er, als er eine Weile in dieser
Stellung gestanden hatte. Und darauf begann er sich auszumalen, was geschehen
würde, wenn er's getan hätte und die beiden da tot vor ihm lägen. »Entweder ich
erschiesse mich dann selber und lasse den Vater und die Schwestern im Elend
zurück, oder ich erschiesse mich nicht, sondern liefere mich morgen den Gerichten
aus, dann ist das Elend zu Hause ebenso gross. - Wahnsinn ist es auf alle Fälle,«
so schloss er seine Überlegungen, - »aber ich tu's doch.«
    Und plötzlich gewahrte er unter dem Pelze Ulrichs, der sich über der Brust
ein wenig zurückgeschlagen hatte, einen funkelnden Panzer von Ordenssternen, wie
sie beim Kotillontanz die Damen den Herren anzuheften pflegen.
    »Also von andern lassen sie sich mit Orden zieren,« dachte er, »und die
Schwestern sitzen derweilen im Elend!«
    Da fing es in ihm an zu kochen, und er begann zu fühlen, dass er's doch am
Ende tun würde.
    »Aber erst will ich ein Wort Deutsch mit ihnen reden,« murmelte er, packte
Ulrich, der an seiner Seite sass, bei der Schulter und schüttelte ihn heftig, so
dass sein Kopf hin und her flog.
    Ulrich fuhr sofort aus dem Schlaf empor, und als er die dunkle Gestalt Pauls
mit dem Revolver in der Hand dicht vor sich stehen sah, fing er laut und
jämmerlich zu schreien an. Auch der andere erwachte nun, und beide streckten ihm
in kläglicher Abwehr die Arme entgegen.
    »Was willst du tun?« schrie der eine.
    »Morde uns nicht!« schrie der andre.
    »Steck den Revolver fort. Erbarm dich unser, - erbarm dich!«
    Sie falteten die Hände und wären auf die Knie gefallen, wenn die Pelzdecken
sie nicht gehindert hätten.
    Paul mass sie voll Verwunderung. Er hatte sie sein Leben lang nur keck und
kampflustig gesehen, so dass sie ihm jetzt in ihrem Jammern wie wildfremde Leute
erschienen. Im Innern wünschte er, dass sie die Messer gegen ihn ziehen möchten,
damit er in ehrlichem Kampfe von seinem Revolver Gebrauch machen könnte. Und
dann plötzlich kam ihm der Gedanke: »Hättest du sie als Junge ein einzig Mal so
behandelt wie heute, dir wäre manche schwere Kränkung erspart geblieben - und
den Schwestern vor allem.«
    Ulrich suchte inzwischen seine Knie zu umklammern, und Fritz schrie in einem
fort: »Erbarm dich unser - erbarm dich!«
    »Ihr wisst sehr gut, was ich von euch will,« erwiderte Paul, der sich nun von
allem Schwanken erlöst fühlte und mit kalter Entschlossenheit sein Ziel
verfolgte.
    »Was willst du, sag, was willst du? Wir tun alles, was du willst,« rief
Ulrich, und Fritz, der sich hinter dem Bruder zu verstecken suchte, schien
plötzlich ganz der Sprache beraubt.
    »Ihr sollt euer Wort halten, wie ich das meine halten werde,« sagte Paul.
»Ich wollte, ihr fändet den Mut, euch zu wehren, damit wir endlich einmal
miteinander ins reine kämen ... Aber vielleicht ist es besser so ... und jetzt
sprecht mir nach, was ich euch vorsprechen werde: Wir schwören bei Gott und dem
Andenken unserer Mutter, dass wir binnen drei Tagen das Versprechen einlösen
werden, das wir deinen Schwestern gegeben haben.«
    Zitternd und lallend sprachen sie ihm die Worte nach.
    »Und ich schwöre euch bei Gott und dem Andenken meiner Mutter,« erwiderte
er, »dass ich euch niederschiessen werde, wie und wo ich euch treffe, falls ihr
euren Eid nicht heilighalten wolltet. So, jetzt könnt ihr fahren - bleibt
sitzen! Ich werde das Pferd selbst ansträngen ... Sitzen bleiben!« - wiederholte
er, als sie ihm trotzdem hilfreiche Hand leisten wollten.
    Sie rührten sich nicht mehr, so gehorsam waren sie nun. Und als er fertig
geworden war, sagten sie ihm mit grosser Höflichkeit »Guten Abend!« und fuhren
von dannen.
    »Also so wird's gemacht!« murmelte er, indem er die Pistole in den Schnee
warf und dem Schlitten mit gefalteten Händen nachschaute. »Baust du auf Recht
und Ehrgefühl und willst im Guten alles zum Guten wenden, so nennt man dich
feige, und du wirst behandelt wie ein Hund. - Behandelst du aber die andern wie
Hunde, gleich von vornherein, ohne zu bedenken, ob du im Recht bist oder nicht,
so nennt man dich mutig, und alles gelingt dir, und du wirst ein Held. Also so
wird's gemacht - - so wird's gemacht!«
    Und er schüttelte sich, und ein Ekel erfasste ihn vor sich und der ganzen
Welt. So schmutzig erschien er sich, als ob nichts auf Erden ihn wieder
reinwaschen könnte.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Am nächsten Vormittag stand er hinter dem Schuppen im Schnee und sah nach
Helenental hinüber, wo ein dunkler Leichenzug zum traurigen Gang sich rüstete. -
Zweimal war er in den Stall gegangen, den Knechten zu sagen, dass sie den
Schlitten anspannen möchten, und beide Male war ihm das Wort in der Kehle
stecken geblieben.
    Nun stand er da, hielt die Hände gefaltet und sah zu, wie auf der
weissschillernden Heide eine lange schwarze Schlangenlinie dahinkroch, die
kleiner und kleiner wurde und schliesslich hinter dem Walde verschwand, denn der
Kirchhof von Helenental lag weitab auf dem Weg zur Stadt hin.
    »Wie schön wär's,« dachte er, »wenn sie sich auch unter den drei Fichten
begraben möchten! - Dann würde die Mutter gute Nachbarschaft haben und - -«
    Er schrak zusammen, denn blitzschnell hatte sein Hirn sich ausgemalt, wie er
dann an einem schönen Frühlingsabend alldort mit Elsbet hätte zusammentreffen
können, die da käme, an dem Grab zu sitzen, das ihr gehörte, wie er zu dem
seinen.
    »Aber es ist gut so, wie es ist,« sprach er vor sich hin, »wie könnte ich je
den Mut finden, ihr wieder ins Auge zu sehen? - - ich, der ich des Nachts am
Wege lagere, um meinen liederlichen Schwestern Männer zu besorgen!«
    Da plötzlich kamen die Zwillinge atemlos dahergelaufen - sie zitterten am
ganzen Leibe und rangen nach Worten.
    »Was habt ihr, Kinder?«
    Grete verbarg den Kopf an seiner Schulter, und Käte zog die Luft durch die
Nase aus und ein wie ein Kind, welches das Weinen verbeisst.
    »Sie sind da,« stammelte sie, und dann fingen beide zu schluchzen an.
    »'s ist gut,« erwiderte Paul und küsste sie.
    »Kommst du nicht ins Haus?« fragte Käte, an ihrer Schürze saugend.
    »Wo habt ihr sie denn gelassen?«
    »Sie reden mit dem Vater.«
    »Aha - das hört sich schon anders an. - Lauft in eure Kammer - ich komme
gleich.«
    »Und das um welchen Preis!« murmelte er, indem er ihnen nachschaute, dann
warf er noch einen Blick nach Helenental hinüber und schritt in den Schuppen, wo
die »schwarze Suse« stand. - »Es ist Zeit, dass du lebendig wirst,« sagte er,
ihren schwarzen Leib streichelnd, »wir werden wacker schuften müssen, du und
ich, wenn wir den Margellen die Mitgift schaffen wollen.«
    
    Als er das Haus betrat, hörte er die lautschallende Stimme des Vaters sich
entgegendringen.
    »Bin doch neugierig, wie sie sich benehmen,« sagte er und lauschte.
    »Ja, ein Pinsel ist er und ein Pinsel bleibt er, meine Herren! Was ich im
grossen ausgedacht habe, vollführt er nun in seiner kleinlichen, krämerhaften
Manier. Mir hat sich das Herz im Leibe umkehren wollen, wenn ich ihn an der
Maschine herumbasteln sah, als wär' es eine Weidenpfeife. Und dabei geht die
Wirtschaft immer weiter rückwärts. - Oh, meine Herren, Sie sehen mich hier als
Krüppel, als elenden, zugrunde gerichteten Krüppel, aber wenn ich noch das
Szepter führte, meine Herren, Tausende wollt' ich aus der Erde stampfen, nicht
minder wie Vanderbilt, der Amerikaner, dessen Lebenslauf in diesem Kalender so
lehrreich beschrieben steht.«
    »Können Sie die Leitung der Geschäfte nicht von ihrem Stuhl aus besorgen?«
fragte die Stimme Ulrichs.
    »Oh, meine Herren, sehen Sie meine Tränen! - ich vergiesse sie über das
undankbarste, ungeratenste Kind, welches die Erde trägt. In diesem Kalender ist
die Geschichte eines Sohnes geschrieben, der seinen in der Wüste
verschmachtenden Eltern mit Gefahr seines Lebens einen Trunk Wasser aus
Räuberhänden holt ... aber was tut er? Wie ich hier sitze, meine Herren, bin ich
nicht imstande, Ihnen auch nur ein Schnäpschen anzubieten, ein Kümmel- und
Ingwerschnäpschen, wie ich es so gerne trinke.«
    »Wir werden es Ihnen künftig mitbringen,« versicherte Fritz.
    »Oh, warum hat Gott mir nicht zwei solche Söhne geschenkt, wie Sie es sind?
Und denken Sie, nie fragt er mich, die Küche verschliesst er vor mir - es wundert
mich, dass ich nicht schon Hungers gestorben bin. - Nun, Sie kennen ihn ja von
Kindesbeinen an - war er nicht immer ein roher, tückischer Patron?«
    »O ja, er hatte stets etwas Gewalttätiges an sich,« meinte Ulrich.
    »Und mit Pistolen und Peitschen hantierte er besonders hinterrücks,« fügte
Fritz hinzu.
    »Besonders hinterrücks - - hahaha, das trifft ihn, das ist seine Art. Oh,
meine Herren, geheime Tücke führt nimmer zum Glücke, so heisst ein Sprüchlein in
diesem Kalender, und wenn der Himmel mich noch einmal gesund werden lässt, dann
sollen Sie sehen, wie ich Rache nehme, zuerst an dem Schurken, dem Brandstifter,
dem gemeinen Kerl, dem ich mein ganzes Elend verdanke, und dann auch an dem
Herrn Sohn, der seinen Vater so schlecht behandelt. Enterben tu' ich ihn! Vom
Hof jag' ich ihn! - hab' ich Recht, wenn ich das tue, meine Herren?«
    »Ganz Recht,« erklärten beide.
    »Guten Tag auch!« sagte Paul hervortretend. - - -
    Die drei schraken zusammen. Der Vater duckte sich scheu in seinem Sessel,
wie ein Hund, der Schläge fürchtet, die Brüder streckten ihm sehr verlegen und
sehr demütig die Hände entgegen und baten, er möchte alles vergessen sein
lassen.
    »Warum nicht?« erwiderte er, seinen Widerwillen bezwingend, »ihr wisst ja nun
den richtigen Weg.«
    Als die beiden ihre Werbung vorbrachten, erwachte in dem Alten die
Grossmannssucht stärker denn je. »Meine Herren,« sagte er, die Stimme in der
Kehle quetschend, damit sie würdiger klinge, »Ihr Antrag ehrt mich
selbstverständlich, aber ich bin nicht in der Lage, ihn mit ja zu beantworten.
Erst bitte ich um vollgültige Bürgschaft, damit ich weiss, welches die Zukunft
meiner Töchter ist, welche durch Schönheit und Liebenswürdigkeit wie auch durch
fleckenlose Tugend für ein glänzendes Schicksal geschaffen sind. Ich habe sie so
sorgfältig erzogen und so liebevoll über sie gewacht, dass mein väterliches Herz
sich nicht entschliessen kann, sie ohne weiteres fortzugeben.«
    In diesem Tone schwadronierte er weiter, bis Paul ruhig sagte: »Lass nur,
Vater, die Sache ist bereits abgemacht.« - Da schwieg er, innerlich
hochbefriedigt, eine so glänzende Rede an den Mann gebracht zu haben. - - -
    Nachmittags ging Paul in die Kammer der Schwestern und sagte: »Kinder, betet
ein Vaterunser, - Frau Douglas wurde heute begraben.«
    Sie sahen ihn mit grossen, freudeglänzenden Augen an, und um ihre Lippen
glitt ein verträumtes Lächeln.
    »Habt ihr mich nicht verstanden?«
    »Ja,« sagten sie leise und erschrocken und drückten sich aneinander, als
fürchteten sie die Rute. - Er liess sie allein in ihrem Glück und schritt in den
klaren, kalten Wintertag hinaus. »Wie kommt es nur,« dachte er, »dass jetzt ein
jeder Angst vor mir hat und keiner versteht, wie ich's meine?«
    An demselben Tage jagte er die Knechte davon und schrieb an den Meister, er
möge morgen kommen, die Arbeit wieder aufzunehmen. - - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Noch in derselben Woche trat Tauwetter ein, rasch ward nun das Werk
gefördert, und eines Freitagabends, zu Anfang März, stand die »schwarze Suse«
blitzblank in ihrem neugeflickten Gewande da. - Am nächsten Morgen sollte der
Kessel probiert werden, und Holz und Kohlen lagen bereits aufgeschichtet an den
Wänden des Schuppens.
    Schlaflos wälzte sich Paul in seinem Bette. Träge schlichen die Stunden
dahin - eine Ewigkeit qualvollster Erwartung lag zwischen Mitternacht und
Morgengrauen ... ...
    »Wird sie lebendig werden? Wird sie ...?«
    Die Uhr schlug eins - da hielt er sich nicht länger, kleidete sich an und
schlich, die flackernde Laterne in der Hand, in die nasskalte Märznacht hinaus.
Der Wind fing sich in seinen Kleidern, und der eisige Sprühregen schlug ihm
seine Geisseln ins Gesicht.
    Aus dem dunkeln Schuppen glotzte die »schwarze Suse« ihm mürrisch entgegen,
als wolle sie nicht dulden, dass man ihre letzte Nachtruhe störe ... Die Laterne
warf einen gespensterhaften Schein über den unwirtlichen Raum, und die Schatten
der Maschine tanzten bei jeglichem Flackern in grotesken Sprüngen auf der gelben
Bretterwand.
    »Ob ich den Meister wecke?« dachte Paul. »Nein, mag er schlafen, ich will
den Schmerz oder die erste Freude für mich allein haben.«
    Prasselnd flogen die Kohlenhaufen in den schwarzen Schlund ... Ein blaues
Flämmchen zuckte auf, züngelte ringsumher, und bald erfüllte rötliche Glut den
finsteren Raum ... Trübe blinzelte die Laterne von der Wand hernieder, als sei
sie neidisch auf den warmen, frohen Feuerschein.
    Paul setzte sich auf einen Kohlenhaufen und schaute dem Spiel der Flammen zu
... Die Tür der Feuerung begann sich rötlich zu färben, und durch den Rost
sanken, funkensprühend, halb ausgeglühte Schlacken.
    Paul hörte sein Herz klopfen, und wie er seine Hand beruhigend daraufpresste,
fühlte er in der Brusttasche Elsbets Flöte. Er hatte sie an dem Tage, da die
Arbeit wieder aufgenommen wurde, auf der Lokomobile liegen gefunden und seitdem
bei sich getragen.
    »Ob ich auch das wohl noch lernen werde?« fragte er in banger Freudigkeit
über das bisher Errungene. - Er setzte die Flöte an den Mund und versuchte zu
blasen - die Minuten schlichen langsam, er musste sich die Zeit vertreiben. -
Aber die Töne, die er hervorrief, klangen hohl und gequetscht - eine Melodie
liess sich noch weniger zusammensetzen.
    »Ich lern's doch nicht mehr,« dachte er. »Was ich für mich selber tue,
misslingt - das ist nun einmal Gesetz in meinem Leben. Für andere muss ich säen,
wenn ich ernten will.«
    Aber trotzdem setzte er die Flöte wiederum an die Lippen. »Es wäre schön,«
dachte er, »wenn ich ein Künstler geworden wäre, wie Elsbet es mir prophezeite,
anstatt dass ich hier Maschinen anheize.« - Ein Schauer der Erregung
durchrieselte ihn.
    »Wird sie lebendig werden? Wird sie?« ...
    Ein neuer quäkender Ton entrang sich der Flöte. »Brr,« sagte er, »das geht
durch Mark und Bein. Lieben und Flötespielen werd' ich wohl andern überlassen
müssen.«
    Und in diesem Augenblick erhob sich im Innern der schwarzen Suse jenes
geheimnisvolle Singen, das ihm all die Jahre hindurch treu in der Erinnerung
geblieben war. Es klang, als sängen die Schicksalsschwestern unter dem
Eschenbaum.
    »Hei, das ist 'ne schönre Musik!« rief er aufspringend und schleuderte die
Flöte von sich ... Die eiserne Tür klirrte ... Neue Kohlenhaufen verschlang der
glühende Rachen ... Die Schaufel flog rasselnd auf den Boden.
    »Sie werden im Haus erwachen,« dachte er, für einen Augenblick erschrocken,
»aber mögen sie, mögen sie!« fuhr er fort, »es gilt ja ihr Glück, ihre Zukunft.«
    Lauter und lauter wurde das Singen, da fasste ihn plötzlich der Übermut, dass
er hell zu pfeifen begann.-»Wie gut das klingt! Ja, wir verstehen uns auf das
Musikemachen - wir sind stramme Musikanten, Suse - was?«
    Der Schlot gab mächtige Wolken schwarzen Qualmes von sich, die wie ein
Baldachin sich unter der Decke verbreiteten, wogend und schwellend, als führe
ein Sturmwind durch die Falten ... Das eine der Ventile liess einen leisen,
zischenden Ton vernehmen, und ein weisses Dampfwölkchen spritzte empor, das sich
rasch mit dem schwarzen Rauch vermischte ... Lauter und lauter wurde das
Zischen, weiter und weiter rückte der Zeiger im Manometer ...
    »Jetzt ist's Zeit!« ...
    Mit zitternden Händen tastete er nach dem Hebel ... ein Ruck ... ein Schwung
... und wirbelnd, wie von Geisterhänden gejagt, kreiste das Rad in die Runde.
    »Viktoria - sie lebt - sie lebt!«
    Nun mögen sie hören, mögen kommen! Seine Hand zerrt an der Klappe der
Dampfpfeife, und gellend ruft ihr Schrei in die Nacht hinaus: »Ich leb', ich
lebe!«
    Da faltete er die Hände und murmelte leise: »O Mutter, das hätt'st du noch
erleben müssen.« Und wie er das sagte, kam es plötzlich über ihn, als wäre auch
dieses vergebens, als sässe auch ihm der Tod im Nacken und schrie' ihm ins Ohr:
»Du stirbst, du stirbst - ohne gelebt zu haben.«
    »Noch hab' ich zu schaffen,« sagte er mit feuchtem Auge, »erst will ich die
Schwestern glücklich wissen - denn bleiben sie arm, so werden sie roh behandelt
- erst will ich den Hof in Pracht erstehen sehen, dann mag er kommen.«
    Und wie die schwarzen Wolken ringsum, so türmten sich aufs neue Jahre der
Knechtschaft, Jahre des Ringens, des Sorgens vor seinem Blick empor.
    Mit verschlafenen Gesichtern tauchte die Hausgenossenschaft im Tore des
Schuppens auf, auch die Schwestern fanden sich ein und standen in dem Qualm und
dem Feuerschein ängstlich aneinandergeschmiegt, in ihren weissen Nachtkleidchen
anzuschauen wie zwei blasse Rosen an demselben Stengel.
    »Hier wird eure Zukunft bereitet, ihr armen Dinger,« murmelte er, indem er
ihnen zunickte.
    Als der Meister zur Stelle war, ging Paul in das Schlafzimmer des Vaters,
der ihm aus dem Bette verstört entgegenstarrte.
    »Vater,« sagte er bescheiden, wiewohl sein Herz vor Stolz sich schwellte,
»die Lokomobile ist instand gesetzt; sobald der Grund aufgetaut ist, können die
Arbeiten auf dem Moor beginnen.«
    Der Alte sagte: »Lass mich in Ruh'!« und drehte den Kopf nach der Wand.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Als am andern Morgen die Lokomobile ins Freie gezogen wurde, ertönte auf der
Schwelle des Schuppens ein eigentümlich prasselnder, quetschender Laut.
    »Es ist etwas unter die Räder gekommen,« sagte der Meister.
    Paul sah nach. Da lag als ein Häuflein Trümmer, mitten durchgebrochen und
plattgedrückt - Elsbets Flöte.
    Ein bitteres Lächeln zog über sein Gesicht, als wollte er sagen: »Nun hab'
ich dir auch mein Letztes geopfert, nun kannst du doch zufrieden sein, Frau
Sorge?«
    Seit diesem Tage war ihm zumute, als sei das letzte Band zwischen ihm und
Elsbet zerrissen. Er hatte sie verloren wie sein Träumen, sein Hoffen, seine
Würde, sein Selbst ...
    Mit Hallo wanderte die »schwarze Suse« ins Moor hinaus. -
 
                                       19
Die Jahre gingen dahin. Lange schon lebten die Schwestern als glückliche
Hausfrauen, die Mitgift war herausbezahlt, und die Schwäger fingen bereits an,
bei Paul einen Pump aufzunehmen.
    Wie schweigsam war es nun erst auf dem stillen Heidehof! Der Vater humpelte
jetzt wohl an einer Krücke in Haus und Garten umher, aber er war viel zu träge
geworden, um das Szepter noch einmal zu ergreifen. Paul wusste nichts für ihn zu
tun, als dass er ihm seine Lieblingsgerichte kochen liess, seine Rationen Kümmel
mit Ingwer nicht allzu kläglich abmass und ihm zu jedem Weihnachten einen neuen
Kalender schenkte. Damit hätte der Alte wohl zufrieden sein können, denn er
brauchte in der Tat nicht mehr - selbst in die Stadt zu fahren war er zu
schwerfällig geworden, aber je prächtiger sein Leib gedieh, desto bitterer und
verbissener wurde sein Gemüt. Stundenlang konnte er in sich hineinbrüten, und
schrecklich war es anzusehen, wie er dabei mit den Zähnen knirschte und die
geballten Fäuste schüttelte. Eine seiner fixen Ideen war, dass sein Sohn ihn
absichtlich unterdrücke, damit er den Ruhm der grossen Ideen, die er selber
ausgeheckt, für sich in Anspruch nehmen könne, und je besser das Moor sich
rentierte, desto wütiger rechnete er aus, wieviel seine Aktiengesellschaft
eingetragen haben würde. Er kargte nicht mit den Millionen, er hatte es ja nicht
nötig. -
    Aber noch andres wuchs in dem dunkelsten Grunde seiner Seele, ein Racheplan
gegen Douglas, den er heimlich pflegte und grosszog als sein eigenstes Geheimnis.
Selbst die Schwiegersöhne, denen er sonst gern sein Herz ausschüttete, erfuhren
nichts davon. Ulrich äusserte einmal zu Paul: »Nimm dich in acht, der Alte führt
was gegen Douglas im Schilde.«
    »Was sollte das wohl sein?« erwiderte er, scheinbar unbesorgt, wiewohl er
sich schon manchmal darüber Gedanken gemacht hatte.
    Dumpf und stumpf lebte Paul seine Tage dahin. - Sein ganzes Innenleben war
der platten Sorge um Gut und Geld verfallen, doch ohne dass er je an dem
Erworbenen Freude gefunden hätte. Er besass niemanden mehr, den er glücklich zu
machen hatte, und arbeitete, ohne zu wissen, warum? - wie der Ackergaul an
seinen Strängen zieht, unwissend, was der Pflug tut, den er durch die Dornen
schleppt. - Monate vergingen manchmal, ohne dass er einen Blick in seine Seele
warf. Auch pfeifen tat er nicht mehr. Er fürchtete die Qualen, die die
überströmende Empfindung ins Leben rief, aber auf die Zeiten, da er noch in
Tönen mit sich zu sprechen vermocht hatte, sah er wie auf ein verlorenes
Paradies zurück.
    Manchmal überkam ihn eine tiefe Bitterkeit, wenn er den Zweck seiner Arbeit,
seiner Sorge, seiner durchwachten Nächte mit dem verglich, was er dafür
hingeopfert. - Es schien ihm etwas ungeheuer Stolzes, Reiches, Glückbringendes
gewesen, nur wusste er ihm keinen rechten Namen zu geben.
    Von diesem Grübeln befreite er sich am besten, indem er sich kopfüber in
neue Arbeit stürzte, und lange Zeit verging, bis ihn die Krankheit wieder
packte.
    Der Heidehof gedieh inzwischen prächtiger von Jahr zu Jahr: die Schuld an
Douglas war getilgt, die Felder florierten, und auf den Wiesen weidete edles
Rassevieh. Der ganze Hof sollte ein neues Gewand erhalten. Wohnhaus, Stall und
Scheune, alles sollte von Grund auf erneuert werden. - Und eines Frühlings
begann es im Hof zu wimmeln von Arbeitsleuten aller Art. Das Wohnhaus wurde
niedergerissen, und während Paul für sich eine hölzerne Baracke zum Wohnsitz
wählte, liess der Vater sich leicht bereden, zu einem der Schwiegersöhne
überzusiedeln.
    »Ich werde nicht mehr wiederkommen,« sagte er beim Abschiede, »ich bin nicht
mehr imstande, dein verrücktes Treiben anzusehen.« Der erste aber, der sich im
Herbst wieder einfand, war der Alte. Er setzte sich behaglich in seinen
Lehnsessel und zog fortan auch die Schwiegersöhne in sein Schimpfregister
hinein. - - Die mochten ihn freilich nicht mit Handschuhen angefasst haben.
    »Nun hab' ich keinen Platz mehr auf Erden, wo ich mein graues Haupt zur Ruhe
legen könnte,« murrte er, während er sich faul in den Polstern streckte.
    Im nächsten Frühjahr kamen die Wirtschaftsgebäude an die Reihe, besonders
die Scheune sollte sich zu einem Schaustück ländlicher Pracht gestalten, als
Denkmal jener fürchterlichen Nacht, die der Mutter den Todesstoss gegeben hatte.
    Der Landmann, der nun über die Heide fuhr, machte wohl halt, um die blanken
Gebäude, die mit ihren roten Ziegeldächern ihm schon aus der Ferne
entgegengeleuchtet hatten, bewundernd von nah zu sehen, und mancher schüttelte
bedenklich den Kopf und murmelte das alte Sprüchlein:
Bauen und Borgen
Ein Sack voll Sorgen!
    Auf dem Moore draussen spie die »schwarze Suse« ihre schwarzen Wolken, die
Messer der Schneidemaschine bohrten sich tief in den zähen Grund, und die Presse
arbeitete langsam und schweigend wie ein gutwilliges Haustier. Ein neuerbauter
Schuppen glänzte mit weissen Wänden im Sonnenlicht, und ringsherum erhoben sich
die langen schwarzen Mauern des gepressten Torfes. Die Ziegel waren hart und
schwer, mit wenig Fasern und viel Kohle. Sie schlugen ohne Mühe die Konkurrenz
aus dem Felde und gewannen einen guten Ruf bis nach Königsberg hin.
    Paul, der auf seinen Geschäftsreisen viel unter fremde Leute kam, genoss nun
auch das Glück, als ein angesehener Mann begrüsst und von würdigen Gutsherren als
ihresgleichen behandelt zu werden. Aber er hatte keine Freude mehr daran.
    Wenn man ihm freundschaftlich die Hand schüttelte, ihm Glück zu seinen
Erfolgen wünschte oder sich seinen Besuch erbat, so fragte er sich im stillen:
»Will der mich höhnen?« Und obgleich er wohl sah, dass es den Herren ernst war,
so fühlte er sich doch stets wie von einem Alp befreit, wenn man ihn gehen liess.
    »Warum sind sie nicht früher gekommen, die Freundlichen?« sagte er zu sich,
»damals, als es mir nottat, als ich noch Nutzen aus jedem guten Wort ziehen
konnte. Jetzt bin ich abgestorben, wie ein Stock - jetzt ist's zu spät.«
    Doch weiter und weiter ging sein Ehrgeiz. -
    Und als wollte der Himmel selbst das Weihfest geben, liess er in diesem Jahr,
dem siebenten seit der Mutter Tod, die Halme in solcher Fülle gedeihn und
spendete so verschwenderisch Regen und Sonne, jedes zu seiner Zeit, dass es den
Leuten schier unheimlich wurde vor all dem Segen und sie einander angstvoll
fragten: »Kann das zum Guten sein?«
    »Es wird wohl noch was dazwischenkommen, ein Hagelschlag oder dergleichen,«
sagte Paul, der stets auf das Schlimmste gefasst war. Aber nein! Hochgetürmt
schwankte ein Erntewagen nach dem andern in die Scheuern, und der goldgelbe
Ährensegen sank, Körner um sich streuend, in dem Fachwerk nieder, bis alles
vollgepfropft war bis zum First hinauf.
    Paul hatte auch hieran keine Freude. - Je reichlicher er Hab' und Gut sich
häufen sah, je stolzer die Früchte von seiner Hände Arbeit ihm entgegengrüssten,
desto ängstlicher wurde sein Sorgen. Wer ihn mit tiefgefurchter Stirn und
gesenktem Haupt langsam über den Hof herwandeln sah, der hätte ihn für einen
Schuldenmacher halten mögen, dem das Messer schon an der Kehle sitzt.
    Um dieselbe Zeit las er in der Zeitung, dass Elsbet sich verlobt habe. Die
Namen Elsbet Douglas und Leo Heller standen in schöngeschweiften Lettern dicht
untereinander. Er fühlte keinen stechenden Schmerz, er erschrak nicht einmal,
nur ein Lächeln voll wehmütiger Genugtuung umspielte seinen Mund, als er vor
sich hinmurmelte: »Ich hab's ja gleich gesagt.«
    Und dann erinnerte er sich des Schriftstücks, das der jüngere Erdmann einst
in der Kirche herumgeschickt hatte, um ihn zu ärgern, und das ganz ähnlich
gelautet, nur dass sein eigener Name an Stelle des fremden gestanden hatte. Und
das war immerhin ein Unterschied.
    Er hatte sie nun seit Jahren nicht gesehen. So dicht ihre Grundstücke
nebeneinander lagen, es gab kein Begegnen zwischen ihnen. Das »weisse Haus«
leuchtete noch ebenso hell über die Heide in sein Fenster hinein wie damals, als
die Sehnsucht, zu ihm zu pilgern, in seiner Kinderseele erwachte, aber der
magische Schimmer, der es damals, der es noch fünfzehn Jahre später umfloss, war
verschwunden, verlöscht vor den sinkenden Schatten der Alltäglichkeit.
    »Mag sie glücklich werden!« sagte er und glaubte sich mit diesem Wunsche
genugsam getröstet. -
    Am nächsten Sonntag wurde in der Kirche das Erntefest gefeiert. Paul sass in
seinem Winkel, hörte die Orgel rauschen und den Pfarrer Lob und Dank zum Himmel
rufen. Die Sonne leuchtete in tausend frohen Farben durch die gemalten Scheiben
- just wie an seinem und Elsbets Einsegnungstage, - aber auch düster und
traurig in ihren aschfarbenen Gewändern stand noch immer die graue Frau und
starrte aus grossen, hohlen Augen auf ihn nieder. - - -
    »Auch ich feire heute ein Erntefest, das Erntefest meiner Jugend,« dachte
er, »aber allzu freudig ist es nicht.« ...
    Der Gottesdienst ging zu Ende. Mit einem Triumphgesang entliess die Orgel die
frohbewegten Beter, die sich auf dem eichenbeschatteten Vorplatz
zusammendrängten, um einander glückwünschend die Hände zu reichen.
    Als Paul die Stufen hinabschritt, erblickte er etwa fünf Schritte vor sich
Elsbet am Arm ihres Verlobten.
    Sie schien gealtert und sah blass und kränklich aus. - Als ihr Blick den
seinen traf, wurde sie noch um einen Schatten blässer.
    Er zitterte am ganzen Leib, doch sein Auge wich nicht von ihrem Angesicht.
Befangen griff er nach der Mütze, und an derselben Stelle, wo sie vor fünfzehn
Jahren das erste Wort miteinander gesprochen, gingen die beiden schweigend und
fremd aneinander vorüber.
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                                       20
»Was mag der Vater da haben?« sagte Frau Käte Erdmann zu Frau Grete Erdmann,
die beide des Wegs dahergefahren kamen, um die Heimat zu besuchen und bei dieser
Gelegenheit dem Bruder das Herz auszuschütten.
    Der Alte stand geduckt in einem Winkel hinter der Scheune und machte sich in
den Strohhaufen zu schaffen, die dort aufgeschichtet lagen. Als er den Wagen
rasseln hörte, hielt er erschrocken inne und rieb sich die Hände wie einer, der
sich Mühe gibt, unbefangen zu erscheinen.
    Die beiden Schwestern sahen sich an, und Grete meinte: »Man müsste Paul einen
Wink zukommen lassen.«
    Oh, sie waren sehr vernünftig geworden, die beiden Wildlinge, innen nicht
minder als aussen; ihre wirren, braunen Locken drückten sich glatt gekämmt an den
Ohren vorbei, und die glühenden Augen trugen einen müden Schimmer, als wüssten
sie nun, wie's tut, wenn man in stiller Kammer sich satt weint. Frau Käte hatte
freilich auch drei stramme Jungen, bei Frau Grete zeigten sich gar schon
Hoffnungen auf etwas viertes, und jeder weiss: Mutterschaft macht müde!
    Paul arbeitete draussen im Moor, aber der Vater kam mit verschmjetztem Lachen
daher, und seine Krücke schwenkend, rief er: »Lauf' ich nicht wieder wie 'n
Junger?«
    Frau Käte sprach ihre Bewunderung aus, und Frau Grete stimmte ihr bei.
    »Es geht wie geschmiert,« lachte er, »vorgestern hab' ich sogar einen
Spaziergang nach Helenental gemacht.«
    Erstaunt, fast erschrocken sahen sie ihn an, denn er war seit seinem Auszuge
nicht mehr dort gewesen.
    »Wie hat man dich empfangen?« fragte Frau Grete.
    »Wer? Wie? - Ach, ihr dachtet wohl, ich hab' 'ne Nachbarsvisite gemacht? Ihr
seid mir die Rechten! Eher ging' ich bei eurem Hofhund zu Gaste und fräss' ihm
die Hammelknochen weg!«
    »Aber was tatst du denn dort?«
    »Durchs Hoftor hab' ich geguckt und hab' nach der Uhr gesehen und bin dann
wieder heimgegangen. Wie lange, glaubt ihr wohl, dass ich brauche, um hinzukommen
-? Ratet einmal!«
    Sie hatten keine Ahnung.
    »Andertalb Stunden, akkurat wie ein Schnelläufer ... Freilich,« - er
schaute sinnend vor sich hin -, »wenn man noch was trägt, kann's an die zweie
dauern.«
    »Und bloss, um das auszurechnen, bist du ...?«
    »Bloss deshalb, mein Schatz, bloss deshalb!« Und seine Augen funkelten
unheimlich.
    Alsdann setzte man sich in die Veranda, die Paul nach dem Muster des »weissen
Hauses« vor der Tür hatte errichten lassen. Die alte Haushälterin, die früher
den Erdmanns die Wirtschaft geführt hatte und nach der Heirat von dort zum
Heidehof übergesiedelt war, musste in die Küche wandern, um Kaffee zu kochen und
Waffeln zu backen, und da der Vater mit seinen Töchtern nichts Besseres zu reden
wusste, so schimpfte er auf Paul und die Schwiegersöhne. Er tat es heute weniger
aus Liebe zur Sache, wie aus alter Gewohnheit, seine Gedanken schienen ganz
woanders zu weilen, und während er sprach, rückte er mit unheimlicher
Geschäftigkeit auf seinem Stuhl hin und her.
    »Lass uns hineingehen!« sagte Käte, »wir müssen uns ein wenig in der
Wirtschaft umsehen, auch fliegen wir hier beinahe auf, so weht uns der Wind
unter die Röcke.«
    »Es wird Sturm geben zur Nacht,« meinte Grete. Und dann plötzlich wandten
beide sich erschrocken um, denn das Lachen, das der Alte hören liess, hatte so
gar seltsam geklungen.
    »Lass es nur Sturm geben,« meinte er, ein wenig verlegen, »das schadet rein
gar nichts. Gibt's bei euch in der Ehe nicht auch manchmal Sturm?«
    In Kätes Antlitz blitzte es auf wie von alter Schelmerei, aber Grete zog
die Mundwinkel herunter, als wollte sie weinen. Bei ihr schien der letzte noch
nicht ganz verwunden.
    »Ja, es wird früh Herbst dieses Jahr,« meinte sie mit einem Anfall von
Melancholie.
    Der Alte blies: »Wenn die Schwalben heimwärts ziehn,« und Käte meinte: »Lass
es Herbst werden, die Scheunen sind ja voll.«
    »Gott sei Dank,« kicherte der Alte, »sie sind voll.«
    Die Schwestern hatten sich umschlungen und schauten, die Stirnen gegen die
Scheiben gelehnt, auf den sonnbeglänzten Hof hinaus, auf dem die Sandwolken in
hohen Tromben zum Himmel wirbelten ...
    Mit Dunkelwerden kam Paul nach Hause, schwarz wie ein Mohr, denn der
Torfstaub, der vom Winde umhergetrieben wurde, hatte sich ihm in Bart und
Antlitz festgesetzt.
    Er reichte den Schwestern stumm die Hand, blickte ihnen scharf in die Augen
und sagte: »Hernach werdet ihr mir klagen.«
    Grete sah Käte an, und Käte sah Grete an, dann lachten sie plötzlich hell
auf, ergriffen ihn bei beiden Schultern und tanzten mit ihm in der Stube herum.
    »Ihr werdet euch schwarz machen, Kinder,« sagte er.
    »Mein Liebster ist ein Schornsteinfeger,« trällerte Grete, und Käte sang
den zweiten Vers: »Mein Liebster ist aus Mohrenland.«
    Darauf küssten sie ihn und liefen vor den Spiegel, um zu sehen, ob der Kuss
abgefärbt hatte.
    Als er hinausgegangen war, sich zu säubern, meinte Grete: »Drollig, er
braucht einen bloss anzusehen, und alles ist wieder gut.«
    Und Käte fügte hinzu: »Aber er selber ist heute schweigsamer als je.«
    »Paul, sei gut!« schmeichelten sie, als sie alle zusammen beim
Abendbrottisch sassen, »wir dürfen nur alle Jubeljahr einmal hierher ...! Mach
uns ein freundlich Gesicht.«
    »Habt ihr vergessen, welch ein Tag heute ist?« erwiderte er, indem er ihre
Haare streichelte.
    Sie erschraken, denn sie dachten zuerst an den Todestag der Mutter, aber
erleichtert atmeten sie auf - der fiel ja in die Johanniszeit.
    »Nun?« fragten sie.
    »Heute vor acht Jahren brannte unsere Scheune!«
    Alle schwiegen - nur der Vater grollte und lachte in sich hinein. - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - -
    Es fing an, finster zu werden, über die Heide her glomm noch ein glühroter
Streif, der einen Feuerschein über den weissgedeckten Tisch hinwarf ... An den
Fensterläden rüttelte der Sturm.
    Gut, dass die Haushälterin jetzt ins Zimmer trat. Eine geschwätzige Alte, die
stets mit Neuigkeiten aufzuwarten wusste.
    »Na, Frau Jankus, was gibt's Gutes?« rief Käte ihr entgegen, froh, den Alp
der Erinnerung los zu werden.
    »Oh, Madamchen,« rief die alte Person, »wissen Se's denn noch nicht? - In
der Kirche geht's heute hoch her. Das ganze Dorf windet Kränze - über dem Altar
haben se 'ne Jirlande angebracht von lauter Remontantenrosen, und zu beiden
Seiten stehn die scheensten Olejanderbeime.«
    »Was ist denn los?«
    »Hochzeit ist los! Das Fräulein Douglas macht morgen Hochzeit!«
    Die beiden Schwestern schraken zusammen, warfen sich einen raschen Blick zu
und schauten dann auf Paul. - Der aber drehte eine Brotkrume zwischen den
Fingern und tat, als ob ihn die Geschichte nicht im mindesten anginge.
    Die Schwestern warfen sich einen neuen Blick zu und nickten
verständnissinnig. Dann ergriffen sie in gleichem Impulse seine beiden Hände.
    »Kinder, ihr zerreisst mich ja!« sagte er mit einem schwachen Lächeln.
    »So, dann gibt's ja heute Polterabend drüben?« fragte der Vater, der
plötzlich sehr lebendig geworden war.
    »Wahrscheinlich, wahrscheinlich!« antwortete die Wirtschafterin. »Vorhin sah
ich 'nen Haufen von Kindern vorübergehn, die waren ganz beladen mit alten Töpfen
und sonstigem Gekrassel.«
    »Bei unserer Hochzeit haben sie's glimpflich gemacht,« meinte Grete, und
beide Schwestern sahen sich an und lächelten träumerisch.
    »Das trifft sich ja prächtig,« raunte der Alte und rieb sich die Hände.
    »Warum prächtig?« fragte Paul.
    »Ach, ich meine nur so ... Zufall - derselbe Tag, wo sie unsere Scheune
niederbrannten. Sag mal - du, Paul, du warst ja wach - was war wohl die Uhr, als
du die Flamme aufsteigen sahest?«
    »Eins kann es gewesen sein.«
    »Na, du musst's ja wissen. Was du in Helenental eigentlich zu suchen hatt'st,
ist mir zwar noch heute unklar, aber es ist gut - ganz gut so -, ich weiss nun
ganz genau, um wieviel Uhr es war!«
    »Dann weisst du was Recht's,« sagte Grete lachend.
    »Weiss ich auch!« erwiderte er trotzig. »Wirst schon sehen, mein Töchterchen,
wirst schon sehen!«
    Käte wollte der Schwester zu Hilfe kommen, aber Paul winkte ihnen heimlich
zu, dass sie den Alten in Ruhe liessen.
    Bald darauf nahmen die Schwestern Abschied.
    »Du wolltest Paul ja sagen, dass der Vater hinter der Scheune Heimlichkeiten
hat,« sagte Käte, als sie beide auf dem Wagen sassen.
    »Ja, richtig!« erwiderte diese, liess den Kutscher halten und winkte Paul zu
sich heran. Aber der Alte, der in seinem Misstrauen überall hinzuhorchen pflegte,
drängte sich dazwischen, und so musste es unterbleiben.
    Als Paul bei seinem allabendlichen Rundgang in die Küche kam, gewahrte er,
wie der Vater mit der Wirtschafterin um einen irdenen Topf unterhandelte.
    »Wozu brauchen Sie den Topf, Herr Meihöfer?« fragte die Alte.
    »Ich will auch Polterabend feiern gehen, Frau Jankus!« erwiderte er mit
einem hohlen Gelächter. »Vielleicht schenken sie mir dort was vom
Hochzeitskuchen.«
    Die Alte wollte sich schier zuschanden lachen, und der Vater humpelte mit
seinem Topf in das Schlafzimmer, dessen Tür er sorgfältig hinter sich verschloss
...
    Das Haus war zur Ruhe gegangen, nur Paul trieb sich noch auf dem dunkeln
Hofe umher.
    »Also morgen macht sie Hochzeit,« sagte er, die Hände faltend. »Wenn ich ein
guter Christ wäre, müsste ich nun für ihr Glück ein Vaterunser beten ... Aber so
ein schlapper Geselle bin ich doch noch lange nicht ... Ich glaub', ich hab' sie
mal sehr liebgehabt, mehr lieb, wie ich selber wusste ... Wie mag es nur gekommen
sein, dass ich ihr so fremd geworden bin?« Er sann und sann, konnte aber zu
keinem rechten Schlusse kommen.
    Der Mond ging über der Heide auf - eine grosse, blutrote Scheibe, die einen
ungewissen Glanz über den Hof hinbreitete ... Der Sturm schien sich verstärkt zu
haben ... Er pfiff in den Ecken und brauste durch die Wipfel ...
    »Wenn heute eine Feuersbrunst ausbräche, so würde sie mit der Scheune wohl
nicht zufrieden sein,« dachte Paul, und dabei fiel ihm ein, dass er dem Agenten
ein Monitum schicken müsste, damit er die Versicherung beschleunige. »Denn man
kann nicht wissen, was über Nacht geschieht ... Ich will schlafen gehn,« schloss
er seine Überlegungen, »morgen ist auch ein Tag und - ein Hochzeitstag dazu.«
    Auf Zehenspitzen schlich er sich in sein Schlafzimmer, das er sich neben dem
des Vaters eingerichtet hatte, um hilfreich beispringen zu können, wenn dem
alten Mann irgend etwas passierte. Er zündete kein Licht an, denn der
höhersteigende Vollmond schien bereits hell in das Gemach.
    »Ob du wohl heute noch einschlafen wirst?« dachte er eine Stunde später. -
Die Schatten der sturmbewegten Blätter tanzten auf der Bettdecke einen wilden
Reigen, und zwischendurch tanzten die Mondlichter wie weisse Flämmchen.
    »In jener Johannisnacht schien der Mond ebenso hell,« dachte er, und dabei
fiel ihm ein, wie weiss das Nachtkleid Elsbets unter dem dunkeln Mantel
hervorgeleuchtet hatte.
    »Das war doch die schönste Nacht in meinem Leben,« murmelte er mit einem
Seufzer, und darauf beschloss er, einzuschlafen, und zog sich zur Bekräftigung
die Bettdecke über die Ohren ...
    Eine Weile darauf war es ihm, als hörte er im Nebenzimmer den Vater leise
aufstehen und zur Tür hinaushumpeln ... Deutlich hörte er, wie die Krücke auf
den Steinfliesen des Hausflurs klapperte.
    »Er wird wohl gleich wiederkommen,« dachte er, denn es geschah öfters, dass
der Vater in der Nacht noch einmal aufstand.
    Hierauf überfiel ihn ein unruhiger Halbschlaf, in dem allerhand schreckhafte
Träume einander jagten. Als er vollends wieder erwachte, stand der Mond schon
hoch am Himmel, kaum dass noch ein Strahl ins Zimmer fiel. Doch Garten und Hof
lagen gebadet in seinem Lichte.
    »Seltsam - mir ist doch, als hab' ich den Vater nicht wiederkommen hören,«
sagte er vor sich hin. Er richtete sich auf und sah nach der Taschenuhr, die
über seinem Bette hing.
    Acht Minuten bis eins! ... Zwei Stunden waren inzwischen verflossen.
    »Ich werde wohl fest geschlafen haben,« dachte er und wollte sich wieder
aufs Ohr legen, da schlug, vom Sturm geschüttelt, die Haustür klirrend ins
Schloss, so dass das ganze Haus in seinen Fugen erbebte.
    Erschrocken fuhr er empor ... »Was ist das? ... die Haustür offen ... der
Vater noch nicht zurück?« Im nächsten Augenblick hatte er Rock und Beinkleid
übergeworfen, und barfuss, barhäuptig stürzte er hinaus ...
    Die Tür, die von des Vaters Schlafzimmer nach dem Hausflur führte, stand
weit geöffnet. - Bleich vor Angst trat er an das Bett ... Es lag unberührt, nur
zu Fussenden war in der bauschigen Bettdecke eine Lücke eingedrückt. - Da also
hatte der Vater gesessen, ohne ein Glied zu rühren, länger als andertalb
Stunden - augenscheinlich, um zu warten, bis er selber im Schlafe liege.
    Was um des Himmels willen bedeutet das alles? -
    Suchend irrte sein Blick im Zimmer umher ... Dort im Winkel lagen
umhergeworfen die wollenen Schuhe, in denen der Vater sonst den ganzen Tag über
umherschlürfte, aber die Stiefel, die seit Monaten ungebraucht dort standen -
die waren fort ...
    Wie - wollte der lahme Vater zur Nachtzeit auf die Wanderschaft? Sein Herz
drohte stille zu stehen ... Er stürzte auf den Hof hinaus.
    Taghell lag er vor seinen Blicken, nur so weit der Schatten der Scheune
reichte, herrschte Nacht ...
    Der Sturm brauste in den Bäumen - der Sand wirbelte leuchtend empor, sonst
alles still, alles leer ...
    Er durcheilte den Garten - keine Spur - hinter dem Stall - keine Spur ...
Was ist das? Das Haustor offen? - Wo ist er hin? ...
    An seiner Seite winselte der Hund ihm entgegen - rasch befreite er ihn. -
    »Such den Herrn, Turk, den Herrn!«
    Der Hund schnüffelte am Boden entlang und rannte nach dem Giebelende der
Scheune, dortin, wo die Strohhaufen lagen, die sich wie fahle Sandberge rings
um die Mauern auftürmten ... Blendend lag das Mondenlicht auf der weissen Tünche
der Wand und schillerte auf dem hellgelben Boden ... Man hätte eine Stecknadel
finden können ... Nichts war zu bemerken, nur an einer Stelle schien das Stroh
zerwühlt ...
    Aber halt! - Wie kommt die Leiter hierher, die an der Wand lehnt? Die
Leiter, die noch vor zwei Stunden an der Innenseite des Zaunes platt auf dem
Boden gelegen?
    Wer hat sie von ihrem Platz genommen?
    Und - beim Himmel, was ist das? - - - - - Wer hat die Luke des Giebels
geöffnet? Die Luke, die er selbst von innen verriegelt hat, ehe die Garben das
Fachwerk füllten? - - -
    Unten am Fusse der Leiter schimmerte der Boden feucht, als habe man eine
Flüssigkeit verschüttet ... Ein Dunst von Petroleum stieg aus der Lache empor.
    Mit zitternden Händen griff er in die Halme hinein, die den Boden bedeckten.
Ja, sie waren nass, und der üble Geruch teilte sich den Fingern mit, die sie
berührt hatten.
    Er fühlte seine Knie wanken, eine dumpfe, fürchterliche Ahnung umnebelte
seine Sinne - mit Mühe raffte er sich auf und stieg die Leiter hinan, bis er die
Luke erreicht hatte.
    Unten winselte der Hund ...
    »Such den Herrn, Turk, den Herrn!«
    Das Tier brach in freudiges Heulen aus und rannte schnüffelnd im Kreise
umher, bis es die Fährte gefunden zu haben schien.
    Paul starrte ihm nach. Sein Leib zitterte fiebrisch in qualvoller Erwartung.
    Zum Hoftor ging des Tieres Weg. - Also wirklich! Der Vater war's gewesen,
der es geöffnet hatte!
    Aber dann - dann! Wohin wird er sich wenden?
    »Such den Herrn, Turk, den Herrn!«
    Der Hund heulte noch einmal kurz auf und rannte dann spornstreichs auf dem
Weg nach - Helenental von dannen.
    Nach Helenental - was will der Vater in Helenental? Ja, hat er nicht jüngst
davon gesprochen, er sei nachmittags dort gewesen, »probeweise,« wie er sagte. -
Probeweise! - Und wie seltsam, wie unheimlich er dazu gelacht.
    Und heute noch - wie rätselhaft war sein Gebaren! Und als vom Scheunenbrande
die Rede war, was wollten da seine Worte, dass es sich prächtig träfe heute? -
warum gerade heute?
    Nun gilt's des Rätsels Lösung zu finden, eh's zu spät ist!
    Hilfesuchend starrte er um sich.
    Seine Hand tastete unwillkürlich in das Dunkel der Lukenöffnung hinein und
ergriff - den Henkel einer Blechkanne, die dort versteckt unter den Garben stand
... Es war der Petroleumbehälter, den er gestern frisch hatte füllen lassen. Und
auf wessen Rat? Wer war gekommen und hatte gesagt - - -?
    »Vater, Vater, um Jesu willen, was willst du in Helenental?«
    Und jetzt - wieviel ist noch drinnen? Kaum halb voll ist sie, kaum halb
voll!
    Und wie er sinnlos um sich weiter tastete, fand er Pakete mit
Streichhölzern, die rings um die Kanne verstreut lagen ...
    Da sank die Binde von seinen Augen! Ein qualvoller Schrei - »Er ist dabei,
Helenental anzuzünden.«
    Alles rings um ihn wirbelte und wogte, seine Hände umklammerten krampfhaft
das Randbrett, sonst wär' er rücklings herniedergestürzt.
    Nun lag alles klar ... des Vaters wirres Reden, sein Lachen, sein Drohen!
    Aber noch war es Zeit. - Der Alte kroch ja nur an seiner Krücke. - Wenn er
selber sich zu Pferde warf - ihm nachgaloppierte ...
    »Ein Pferd aus dem Stall!« schrie er in den Sturm hinein und sprang an der
Leiter hinab ... Da plötzlich zuckte es durch sein Hirn: »Warum fragte der Vater
so genau nach der Zeit, da vor jenen Jahren - -? Soll etwa zu derselben Minute
das Rachewerk sich vollziehen? Jesus, dann ist alles verloren. Eins war die
Stunde, die ich ihm nannte, - und die Uhr ist eins ...«
    Eine wahnsinnige Angst packte ihn - wiederum flog er die Leiter hinan.
    Im nächsten Augenblick musste die Flamme drüben emporsteigen.
    Flammt es da nicht schon? Nein, nur der Mond ist's, der in den Fenstern des
»weissen Hauses« glitzert ... Vater im Himmel, gibt es keine Rettung, kein
Erbarmen? Wenn ein Gebet, wenn ein Fluch die Kraft besässe, dass die erhobene Hand
erstarre! ... Wer warnt ihn, wer gibt ihm ein Zeichen, dass er umkehre auf seinem
Wege? ...
    Aber da flammt's! - Nein ... Noch eine Sekunde vielleicht, dann wird der
Feuergleisch am Himmel stehen ...
    »Elsbet, wach auf!« ...
    Ebenso wird es flammen wie damals vor acht Jahren, als ihm, der im
Helenentaler Garten lauerte, der blutige Schein die Glieder lähmte! - Wenn heute
wie damals über der Heide ein Gleisch aufstiege! Damit des Vaters Hand erstarre,
mitten im verbrecherischen Werke!
    Gott im Himmel, lass ein Wunder geschehen! - Lass einen Gleisch aufsteigen
über der Heide, wie damals - wie damals!
    Flammen müsst' es - hier müsst' es flammen! Ein Blitz müsste niederfahren,
damit die Lohe zum Vater hinüberschriee: »Halt ein, halt ein!« - Und liegt denn
alles klar und sternenhell? steigt keine Gewitterwolke über der Heide auf? -
Vielleicht reckt er sich jetzt schon zum Strohdach empor! Vielleicht reibt er
jetzt schon an den Hölzern! Im nächsten Augenblick kommt jede Warnung zu spät.
    Flammen müsst' es - hier müsst' es flammen!
    Und ist keine Fackel da, die ich schwingen könnte, ihn zu warnen?
    Flammen müsst' es - hier müsst' es flammen!
    Und wie er mit stieren, vorgequollenen Augen, ringend nach Rettung, um sich
starrte, da loderte es plötzlich hell wie jene Flamme, die ersehnte, durch sein
irres Hirn.
    Er jauchzte laut auf. -
    »Ja, das ist's! Der Schreck wird ihn erstarren machen.«
    Rettung! Rettung um jeden Preis!
    Mit beiden Händen ergriff er die Kanne, und in weitem Schwunge goss er den
Inhalt über die aufgestapelten Garben ...
    Ein Griff nach den Streichhölzern - ein leises Zischen - der Sturm braust
hohl in die Öffnung - und - hochauf spritzt die Flamme und faucht ihm ins
Gesicht ...
    Ein wilder, gellender Schrei ... Ihm wird es dunkel vor den Augen ... er
sucht einen Halt und greift blindlings in das Feuer hinein ... doch was er
erfasst, gibt nach, und - in dem nächsten Augenblick stürzt er, eine flammende
Gabe krampftaft umklammernd, in weitem Bogen mitsamt der Leiter rücklings in
das Stroh ...
    Schon lodert sein Lager hellauf - noch hat er so viel Kraft, sich seitwärts
hinabzukollern - im nächsten Augenblick schon steht alles ringsum in Flammen ...
    Und der Sturm bläst hinein, da erhebt sich ein Pfeifen, ein Zischen, ein
Singen hoch in den Lüften ..., schon leckt es feurig am Firste hinan.
    Er stürzt auf den Hof zurück, der noch schweigend vor ihm liegt.
    »Feuer - Feuer - Feuer!« geht gellend sein Ruf, die Schlafenden zu wecken
...
    In den Ställen, wo die Knechte liegen, wird es lebendig, aus den Kammern
tönt ein Kreischen ...
    Schon ist das Dach in einen feurigen Mantel gehüllt. Die Dachpfannen
beginnen zu platzen und stürzen prasselnd zur Erde. Wo eine Lücke entsteht,
spritzt sofort eine Flammengarbe gen Himmel.
    Bis dahin hatte er mutterseelenallein auf dem Hof gestanden und mit
gefalteten Händen dem grausenvollen Werk zugeschaut, nun wurden die Türen
aufgerissen, Knechte und Mägde stürzten schreiend auf den Hof.
    Da seufzte er tief und erleichtert auf, wie nach vollbrachtem Tagewerk, und
schritt langsam nach dem Garten, ehe dass einer ihm begegnete ... »Hab' lange
genug gearbeitet,« murmelte er, die Tür des Zaunes hinter sich ins Schloss
werfend, »heut will ich ausruhen.«
    Mit schleppenden Schritten ging er den Kiespfad hinab wie ein Todmüder, und
unaufhörlich sprach er vor sich hin: »Ausruhen - Ausruhen.«
    Sein Blick glitt matt in die Runde ... Von Mondenglanz und Flammenschein in
ein Meer des Lichts getaucht, lag rings um ihn der Garten da, und die Schatten
der sturmgepeitschten Blätter liefen gespenstisch vor ihm her. Hie und da fiel
ein Funke, wie ein Leuchtkäferchen anzuschauen, auf seinen Weg. Er suchte sich
die dunkelste Laube aus und verkroch sich in ihrem hintersten Winkel. Dort
setzte er sich auf die Rasenbank und schlug die Hände vors Gesicht. Er wollte
nichts mehr sehen und hören ...
    Aber ein stumpfes Gefühl der Neugierde hiess ihn nach einer Weile wieder
aufschauen. Und wie er die Augen erhob, sah er die Lohe wie einen purpurnen,
weissumsäumten Baldachin sich über dem Wohnhause wölben, denn dortin stand der
Sturm.
    Da wusste er, dass alles dahin war.
    Er faltete die Hände. Ihm war, als müsse er beten.
    »Mutter, Mutter!« rief er, Tränen in den Augen, und reckte die Arme zum
Himmel. -
    Und plötzlich ging eine merkwürdige Veränderung in ihm vor. Ihm wurde ganz
frei und leicht zu Sinn, der dumpfe Druck, der all' die Jahre lang in seinem
Kopf gelastet hatte, schwand, und hochaufatmend strich er sich über Schultern
und Arme, als wollte er sinkende Ketten abstreifen ...
    »So,« sagte er, wie einer, dem eine Last vom Herzen fällt, »jetzt hab' ich
nichts mehr, jetzt brauch' ich auch nicht mehr zu sorgen! Frei bin ich, frei wie
der Vogel in der Luft!«
    Er schlug sich mit den Fäusten vor die Stirn, er weinte, er lachte. Ihm war
zumute, als sei ein unverdientes, unerhörtes Glück plötzlich vom Himmel auf ihn
herabgefallen. -
    »Mutter! Mutter!« rief er in wildem Jubel. »Jetzt weiss ich, wie dein Märchen
endet. - Erlöst bin ich - erlöst bin ich!«
    In diesem Augenblick drang angstvolles Tiergebrüll an sein Ohr und brachte
ihn wieder zur Besinnung - »Nein, ihr armen Viecher sollt nicht umkommen um
meinetwillen!« rief er aufspringend, »eher will ich selbst dran glauben ...«
    Er eilte zurück nach der Hintertür des Hauses, wo Knechte und Mägde eifrig
Möbel ins Freie schleppten.
    »Seht den Herrn!« riefen sie weinend und wiesen einer dem andern seine
nackten Füsse ...
    »Lasst liegen!« schrie er, »rettet das Vieh!«
    Eine Axt liegt am Wege. Mit ihr sprengt er die Hintertüren des Stalles, die
nach den Feldern führen, denn der Hof ist schon ein Flammenmeer.
    Wie im Traum sieht er Garten und Wiese mit Menschen sich füllen. Die
Dorfspritze rasselt heran, auch auf dem Wege von Helenental wird es lebendig.
    Drei-, viermal geht's in die Flammen hinein, die Knechte hinter ihm drein,
dann sinkt er, von Schmerzen ohnmächtig, mitten in dem brennenden Stalle
zusammen ...
    Ein Schrei, ein markerschütternder, aus Weibermunde, liess ihn noch einmal
die Augen öffnen.
    Da schien's ihm, als sähe er Elsbets Angesicht, wie in Nebeln
verschwindend, über seinem Haupte, dann ward es wieder Nacht um ihn. - - - - - -
- -
 
                                       21
Beim ersten Morgengrauen fuhr ein gar trauriger Zug auf dem Weg nach Helenental
über die herbstliche Heide. Zwei schmächtige Leiterwagen, die langsam
hintereinander herschlichen. Auf ihnen fand alles Platz, was von dem Heidehof
noch übrig geblieben war.
    In dem ersten lag, in Stroh gepackt, von Decken umgeben, sein Herr - mit
Wunden bedeckt, bewusstlos ... Das blasse, zitternde Weib, das sich angstvoll
über ihn neigte, war die Gespielin seiner Jugend.
    So holte sie ihn sich heim ...
    »Wir wollen ihn zu einer der Schwestern schaffen,« hatte Herr Douglas
gesagt, aber sie hatte die Hände auf Pauls Brust gelegt, von der die versengten
Kleiderfetzen niederhingen, als wollte sie für immer Besitz von ihm nehmen, und
hatte erwidert: »Nein, Vater, er kommt zu uns!«
    »Aber deine Hochzeit, Kind - die Gäste!«
    »Was geht mich die Hochzeit an!« hatte sie gesagt, und der lustige Bräutigam
hatte verblüfft daneben gestanden.
    In dem zweiten Wagen lagen die wenigen Möbel, die gerettet waren, eine alte
Kommode, ein paar Schubladen mit Wäsche und Büchern und Bändern, irdene
Schüsseln, ein Milcheimer und die lange Pfeife des Vaters. -
    Wo aber war der hingekommen?
    Der einzige, der vielleicht Auskunft geben konnte, lag hier besinnungslos,
am Ende schon gar mit dem Tode ringend.
    War er geflohen? War er in den Flammen zugrunde gegangen? Die Mägde hatten
sein Schlafzimmer leer gefunden, von ihm selber keine Spur.
    »Mir ahnt nichts Gutes,« sagte der alte Douglas, »Anlage zur Verrückteit
besass er schon immer, und wenn wir morgen seine Knochen im Schutt finden, so bin
ich mir klar darüber, dass er selber die Scheune in Brand gesteckt und sich dann
in die Flammen gestürzt hat.«
    Als sie aber eben durch das Helenentaler Hoftor fahren wollten, hörten sie
seitwärts von der Scheune her ein klägliches Hundegeheul und sahen einen fremden
Köter, der die Vorderpfoten auf eine dunkel daliegende Masse gestemmt hatte und
von Zeit zu Zeit an etwas zerrte, das wie der Zipfel eines Gewandes aussah.
    Erschrocken liess Douglas halt machen und schritt dortin. Da fand er den
Gesuchten als Leiche liegen. Seine Züge waren schrecklich verzerrt und die Arme
noch halb erhoben, als sei er plötzlich zu Stein erstarrt. Neben ihm lag ein
zerbrochener Topf, und eine Streichholzbüchse schwamm in einer Lache von
Petroleum, das in den lehmigen Wagenspuren wie in Rinnen weitergeflossen war.
    Da faltete der graue Riese seine Hände und murmelte ein Gebet. Als er zum
Wagen zurückkehrte, zitterte er am ganzen Leibe, und seine Augen standen voll
Wasser.
    »Elsbet, sieh dortin,« sagte er, »dort liegt die Leiche des alten
Meihöfer. Er hat unser Gut anzünden wollen, und Gott hat ihn erschlagen.«
    »Gott steckt keine Scheunen in Brand!« sagte Elsbet und blickte nach dem
brennenden Hof zurück, von dem ein dunkelblauer Qualm in den trüben Morgen
emporstieg.
    »Aber ist es nicht Gottes Fügung, dass wir gerettet wurden?«
    »Hat uns einer gerettet, so tat es dieser!« sagte Elsbet.
    »Was? Er soll alles geopfert haben, er soll ein Brandstifter geworden sein -
bloss um -?«
    »Frag ihn!« sagte sie tonlos, und in aufsteigender Herzensangst schlug sie
die Hände vor die Brust und wimmerte laut.
    »Geb' Gott, dass er noch einmal antworten vermöchte,« murmelte Douglas. Dann
erteilte er ein paar Knechten den Befehl, dass sie die Leiche des Alten in das
Wohnhaus brächten. Nach einem Arzt war bereits gesandt worden, er selbst wollte
zu den Schwestern fahren, um sie zu benachrichtigen.
    Mit verstörten Gesichtern kamen die Gäste dem Wagen entgegengestürzt, der
vor der blumengeschmückten Veranda hielt.
    »Geht fort,« sagte sie und wehrte die tätschelnden Hände mit einer Gebärde
des Grauens von sich ab.
    Auch der lustige Bräutigam, der während dieser Nacht eine gar klägliche
Rolle gespielt hatte, kam herbei und versuchte ihr zuzureden, dass sie sich von
dem hilflosen Leibe entferne. Sie aber schaute ihn mit irrem Blick von oben bis
unten an, als erinnere sie sich nicht, ihn jemals gesehen zu haben. - Ein Gefühl
seiner Wertlosigkeit mochte in ihm aufsteigen. - Beklommen und verschüchtert
liess er von ihr ab.
    Die Tanten eilten händeringend zu dem alten Douglas, der, auf ein Fuhrwerk
wartend, vor den Ställen auf und ab schritt. Seine mächtige Brust atmete schwer,
seine weissen, buschigen Brauen pressten sich zusammen, und seine Augen schossen
Blitze. - Ein Sturm schien durch seine Seele zu gehen.
    »Erbarm dich!« riefen die Weiber, »schaff Elsbet zur Ruhe, - sie muss sich
erholen, - es scheint, als will sie wahnsinnig werden.«
    »Wenn es so ist, wie sie sagt,« murmelte er vor sich hin, »wenn er sein Hab
und Gut geopfert hat! - Donnerwetter, lasst mich in Ruh'!« schrie er die Weiber
an, die ihn umringten.
    »Aber denk an Elsbet,« riefen sie - »um zwölf Uhr kommt der Pfarrer - wie
wird sie aussehen?« - -
    »Das ist ihre Sache!« schrie er, »lasst sie nur machen! Sie weiss genau, was
sie tut!«
    In dem Augenblicke, in dem Paul vom Wagen gehoben wurde, kam von dem Tore
ein Häuflein Knechte daher, welche die Leiche seines Vaters trugen. - - -
    Dicht hintereinander wurden die beiden Körper in das »weisse Haus« getragen,
und der Hund ging winselnd und schnuppernd hintendrein. Es war eine traurige
Prozession. - - -
    Elsbet liess Paul in ihr Schlafzimmer schaffen, schloss die Tür und setzte
sich neben das Bett.
    Vergeblich flehten die Tanten um Einlass.
    Um elf Uhr kam der Arzt und erklärte, bis zum nächsten Morgen bei dem
Kranken bleiben zu wollen. Er hatte sich wohl darauf eingerichtet, denn er war
ein alter Freund des Hauses und gehörte zu den Hochzeitsgästen. Inzwischen
sollte nach einer Wärterin telegraphiert werden.
    »Darf ich nicht bei ihm bleiben?« fragte Elsbet.
    »Wenn Sie können!« antwortete er verwundert.
    »Ich kann!« erwiderte sie mit einem rätselhaften Lächeln.
    Die Tanten pochten aufs neue. »Erbarm dich, Kind!« riefen sie durch den
Türspalt, »du musst dich anziehen, du musst zum Standesamt. Der Pfarrer ist
gekommen.«
    »Er kann wieder gehn!« antwortete sie.
    Draussen liess sich ein Murmeln vernehmen, auch der Bräutigam half
ratschlagen.
    »Was wollen Sie tun, mein Kind?« sagte der greise Arzt und sah ihr forschend
ins Auge. Da sank sie weinend vor dem Bette auf die Knie, ergriff Pauls schlaff
herabhängende Hand und drückte sie gegen Augen und Mund.
    »Das ist Ihr fester Wille?« fragte der alte Mann.
    Sie nickte.
    »Und wenn er stirbt?«
    »Er stirbt nicht,« sagte sie, »er darf nicht sterben.«
    Der Arzt lächelte traurig. »Es ist gut,« sagte er dann, »bleiben Sie eine
Weile bei ihm allein und erneuern Sie alle zwei Minuten den Umschlag. Ich werde
inzwischen Ruhe schaffen.«
    Alsbald hörte man draussen Wagen vorfahren und den Hof verlassen. Eine Stunde
später trat der Arzt wieder in das Krankenzimmer. »Das Haus ist bald leer,«
sagte er, »die Feier ist aufgeschoben.«
    »Aufgeschoben?« fragte sie angstvoll. - - -
    Der alte Mann sah sie an und schüttelte den Kopf. Das Menschenherz zeigte
sich ihm jeden Tag in neuen Rätseln. - - - - - - - - - - - - - - -
    Wochenlang schwebte der Kranke zwischen Leben und Tod.
    Elsbet wich kaum von seinem Bette, sie ass nicht, sie schlief nicht, ihr
ganzes Leben war aufgegangen in der Sorge um den Geliebten.
    Der Alte liess sie gewähren. »Sie muss ihn gesund machen,« sagte er, »damit
ich ihn fragen kann.«
    Der lustige Vetter fing an zu ahnen, dass seine Lage keine beneidenswerte
war, und nachdem er sich von dem Oheim seine sämtlichen Schulden hatte bezahlen
lassen, verliess er Helenental.
    Die Leiche des alten Meihöfer ward schon am Tage nach dem Brande von den
beiden Zwillingen abgeholt worden. Sein rätselhafter Tod erregte grosses
Aufsehen, die Zeitungen der Hauptstadt berichteten davon, und was er sein ganzes
Leben nicht erreicht hatte, sich als Held gefeiert zu sehen, ward ihm nun im
Tode.
    Im Hintergrunde aber lauerten die Gerichte auf Pauls Genesung.
 
                                       22
Der Verteidiger hatte geendet. - Ein Murmeln ging durch den weiten
Schwurgerichtssaal, dessen Galerie von dichtgedrängten Köpfen starrte.
    Wenn der Angeklagte die Wirkung des glänzenden Plaidoyers durch ein
unbedachtes Wort nicht wieder verdarb, so war er gerettet.
    Die Replik des Staatsanwalts verhallte ungehört.
    Und nun klirrten die Lorgnetten und Operngucker. Aller Augen wandten sich
nach dem blassen, schlicht gekleideten Mann, der auf demselben
Armensünderbänkchen sass, auf welchem vor acht Jahren der tückische Knecht
gesessen hatte.
    Der Präsident hatte gefragt, ob der Angeklagte noch etwas zur Erhärtung
seiner Unschuld beizubringen habe.
    »Schweigen, Schweigen!« ging es murmelnd durch den Saal.
    Aber Paul erhob sich und sprach, erst leise und stockend, doch sicherer von
Augenblick zu Augenblick: »Es tut mir von Herzen leid, dass die Mühe, welche sich
der Herr Rechtsanwalt gegeben hat, mich zu erretten, umsonst gewesen sein soll.
Aber ich bin nicht so unschuldig an der Tat, wie er mich darstellt.«
    Die Richter sahen ihn an. »Was ist das? - Er will gegen sich selber
sprechen.«
    »Er hat gesagt, ich wäre durch die Angst so gut wie besinnungslos gewesen.
Ich hätte gehandelt in einer Art von Wahnsinn, die mich in jenem Augenblicke
unzurechnungsfähig gemacht hätte. - Das ist aber nicht so.«
    »Er bricht sich den Hals,« hiess es im Zuschauerraum.
    »Ich habe mein ganzes Leben lang ein scheues, gedrücktes Dasein geführt und
habe gemeint, ich könnte keinem Menschen ins Auge sehen, obwohl ich doch nichts
zu verbergen hatte; wenn ich mich aber diesmal feige betrage, so glaub' ich, ich
werd's noch weniger können als je, und diesmal werd' ich auch Grund genug dazu
haben. - Der Herr Rechtsanwalt hat auch mein Vorleben als ein Muster aller
Tugenden dargestellt. - Dem war aber nicht so. - Mir fehlte die Würde und das
Selbstbewusstsein - ich vergab mir zu viel gegenüber den Menschen und mir selber.
- Und das hat mich stets gewurmt, obwohl ich nie recht darüber ins klare kommen
konnte. - Es hat zu viel auf mir gelastet, als dass ich jemals hätte frei
aufatmen können, wie der Mensch es muss, wenn er nicht stumpf werden und
verkümmern soll.
    Diese Tat aber hat mich frei gemacht und mir das geschenkt, was mir so lange
fehlte, - sie ist mir ein grosses Glück gewesen; und ich soll so undankbar sein,
dass ich sie heute verleugne? - Nein, das tu' ich nicht. - Sie mögen mich
immerhin einsperren, solange Sie wollen, ich werde die Zeit schon überdauern und
ein neues Leben anfangen. - Und so muss ich denn sagen: Ich hab' mein Hab und Gut
in vollem Bewusstsein angesteckt, ich war nie mehr bei Sinnen wie damals, als ich
die Petroleumkanne über mein Getreide ausschüttete, und wenn ich heute in
dieselbe Lage käme, weiss Gott, ich tät' es wieder. - - - Warum sollt' ich auch
nicht? - Was ich zerstörte, war meiner Hände Werk - ich hatte es in langen
Jahren durch harte Arbeit geschaffen und konnte damit machen, was ich wollte.
Ich weiss wohl, das Gericht ist anderer Ansicht, und dafür werd' ich meine Zeit
auch ruhig absitzen. Aber wer litt denn auch Schaden ausser mir? - Meine
Geschwister waren alle gut versorgt, und mein Vater« - - Er hielt einen
Augenblick inne, und seine Stimme zitterte, als er fortfuhr: »Ja, wär's nicht
besser, mein alter Vater hätte seine letzten Lebensjahre in Ruh und Frieden bei
einer seiner Töchter verbracht als da, wo ich jetzt hingehe?
    Das Schicksal hat es nicht so gewollt. Der Schlag hat ihn gerührt, und meine
Brüder sagen, ich sei sein Mörder gewesen. - Aber meine Brüder haben gar nicht
das Recht, darüber zu urteilen, die kennen weder mich noch den Vater. Die haben
sich ihr Lebtag nur um sich selber gekümmert und mich allein sorgen lassen für
Vater und Mutter und Schwestern und Haus und Hof, und ich bin ihnen nur gut
genug gewesen, wenn sie was von mir haben wollten. - Sie wenden sich heute von
mir, aber sie können mir in Zukunft gar nicht fremder werden, als sie mir
gewesen sind.«
    »Meine Schwestern,« - er wandte sich nach der Zeugenbank, wo Grete und Käte
mit verhüllten Gesichtern weinend sassen, und seine Stimme wurde weich wie von
verhaltenen Tränen - »meine Schwestern wollen auch nichts mehr von mir wissen -
aber denen verzeih' ich's gern, die sind Frauen und aus zarterem Ton geknetet -
auch stehen hinter ihnen zwei fremde Männer, die es sehr leicht haben, über
meine ungeheuerliche Tat entrüstet zu sein. Sie sind nun alle von mir abgefallen
- nein, nicht alle«, - über sein Gesicht flog ein Leuchten, »doch das gehört
nicht hierher. Eins aber will ich noch sagen, und mag ich selbst als Mörder
gelten: Ich bereue es nicht, dass der Vater durch meine Tat gestorben ist. Ich
hab' ihn lieber gehabt, da ich ihn tötete, als wenn ich ihn hätte leben lassen.
Er war alt und schwach, und was seiner wartete, war Schmach und Schande - er
lebte ein so ruhiges Leben und hätte so elend hinsiechen müssen. Da ist's
besser, der Tod kam auf ihn herab wie der Blitz, der den Menschen mitten in
seinem Glück erschlägt. Das ist meine Meinung, ich hab' mich mit meinem Gewissen
abgefunden und brauche niemandem Rechenschaft abzulegen wie Gott und mir selber.
Und nun mögen Sie mich verurteilen.«
    »Bravo!« rief eine drohende Stimme von der Zeugenbank in den Saal hinein.
    Douglas war's.
    Die greise Hünengestalt stand hochaufgerichtet, die Augen blitzten unter den
buschigen Brauen, und wie der Präsident ihn zur Ruhe rief, setzte er sich
trotzig nieder und sagte zu seinem Nachbar: »Auf den kann ich stolz sein, was?«
 
                                       23
Zwei Jahre später war's an einem heitern Junimorgen, da öffnete sich die
rotgestrichene Pforte der Gefängnismauer und liess einen Gefangenen heraus, der
mit lachendem Gesicht in die Sonne hineinblinzelte, als wollte er lernen, ihren
Glanz aufs neue ertragen. - - Er schwenkte das Bündel, das er trug, in die Runde
und schaute lässig nach rechts und nach links, wie einer, der sich über die
Richtung seines Weges noch nicht im klaren ist, dem's aber im Grunde
gleichgültig scheint, wohin er sich verirrt. -
    Als er den Giebel des Gerichtsgebäudes streifte, sah er eine Karosse stehn,
die ihm bekannt sein musste, denn er stutzte und schien mit sich zu Rate zu gehn.
Alsdann wandte er sich an den Kutscher, der mit seiner quastengeschmückten
Pelzmütze hochmütig vom Bock herniedernickte. -
    »Ist jemand aus Helenental hier?« fragte er.
    »Ja, der Herr und das Fräulein. Sie sind gekommen, Herrn Meihöfer
abzuholen.«
    Und gleich darauf ertönte es von der Freitreppe her: »He, hallo, da ist er
ja schon - Elsbet, sieh, da ist er ja schon!«
    Paul sprang die Stufen hinan, und die beiden Männer lagen sich in den Armen.
    Da öffnete sich leise und schüchtern die schwere Flügeltür und liess eine
schlanke, in Schwarz gekleidete Frauengestalt ins Freie, die sich mit wehmütigem
Lächeln gegen die Mauer lehnte und ruhig wartete, bis die Männer einander
freigeben würden.
    »Da hast du ihn, Elsbet!« rief der Alte.
    Hand in Hand standen sie nun einander gegenüber und sahen sich ins Auge,
dann lehnte sie den Kopf an seine Brust und flüsterte: »Gott sei Dank, dass ich
wieder bei dir bin.«
    »Und damit ihr euch ganz für euch allein habt, Kinder,« sagte der Alte,
»Fahrt ihr hübsch zu zweien nach Hause, und ich will derweilen eine Flasche
Rotspon auf meines Nachfolgers Wohl ausstechen. Ich hab's ja gut, ich setz' mich
heute zur Ruhe.«
    »Herr Douglas!« rief Paul erschrocken.
    »Vater heiss' ich, verstanden! Gegen Abend lass mich holen! Du bist ja jetzt
der Herr daheim! Adjes.«
    Damit polterte er die Stufen hinab. - - - -
    »Komm,« sagte Paul leise, mit niedergeschlagenen Augen.
    Elsbet ging mit schüchternem Lächeln hinter ihm drein, denn da sie nun
allein waren, wagte keiner sich dem andern zu nähern.
    Und dann fuhren sie schweigend in die sonnige, blumige Heide hinaus. - - -
Lichtnelken, Glockenblumen und Gundermann woben sich zu einem farbenreichen
Teppich, und das weisse Wiesenfrauenhaar hob seine wehenden Bündel, als wären
Schneeflocken über die Blumen hingestreut. Die Blätter der Silberweiden
rauschten leise, und wie ein Netz von leuchtenden Bändern zogen sich die
Triftgräben unter ihren Zweigen dahin. - Die warme Luft zitterte, und gelbe
Falter flatterten paarweise auf und nieder.
    Paul hatte sich tief in die Polster zurückgelehnt und schaute aus
halbgeschlossenen Augen auf die Fülle lieblicher Wunder herab.
    »Bist du glücklich?« fragte Elsbet, sich zu ihm hinüberneigend.
    »Ich weiss nicht,« erwiderte er, »es will mir das Herz abdrücken.«
    Sie lächelte, sie verstand ihn wohl.
    »Sieh dort, unsere Heimat!« sagte sie, auf das »weisse Haus« hinweisend, das
sich schimmernd in der Ferne erhob. - Er presste ihre Hand, doch die Stimme
versagte ihm.
    Am Waldesrand musste der Wagen halten. - Beide stiegen aus und gingen zu Fuss
weiter. Da sah er, dass sie ein weisses Päckchen unter dem Arm trug, das er vorher
nicht bemerkt hatte.
    »Was ist das?« fragte er.
    »Du wirst schon sehen,« erwiderte sie, und ein ernstes Lächeln glitt über
ihr Gesicht.
    »Eine Überraschung?«
    »Ein Andenken!«
    Als sie den Wald betraten, bemerkte er zwischen den rötlich glänzenden
Stämmen etwas Schwarzes, das mit Kränzen behangen war.
    »Was bedeutet das?« fragte er, die Hand ausstreckend.
    »Erkennst du deine Freundin nicht mehr?« erwiderte sie. »Sie hat die erste
sein wollen, die dich begrüsst.«
    »Die schwarze Suse,« jubelte er und fing zu laufen an.
    »Nimm mich mit,« lachte sie keuchend, »du vergisst, dass wir fortab zu zweien
sind.«
    Er nahm sie bei der Hand, und so traten sie vor das getreue Ungetüm, das am
Weg Wache hielt.
    »Altes Tier,« sagte er und streichelte den russigen Kessel. Und als sie
weitergingen, schaute er sich alle drei Schritt nach ihr um, als könne er sich
nicht von ihr trennen.
    »Ich habe sie gut bewacht,« sagte Elsbet, »sie steht sonst dicht unter
meinem Fenster, denn wir haben sie mit deines Vaters Erbschaft zusammen
erstanden, damit sie dir nicht verloren ginge.«
    Als sie sich dem jenseitigen Waldesrand näherten, sagte er, auf zwei der
Stämme zeigend, die zwanzig Schritte abseits vom Weg standen: »Hier ist der
Platz, wo ich dich in der Hängematte liegen fand.«
    »Ja,« sagte sie, »da war's auch, wo ich zum erstenmal merkte, dass ich nie
würde von dir lassen können.«
    »Und hier ist der Wacholderstrauch,« fuhr er fort, als sie ins Freie
hinaustreten, »wo wir« - und dann plötzlich schrie er laut auf und streckte
beide Hände ins Leere.
    »Was ist dir?« rief sie, angstvoll zu ihm aufschauend. Er war totenblass
geworden, seine Lippen zitterten.
    »Er ist fort,« stammelte er.
    »Wer?«
    »Der - der - mein - mein Eignes.«
    Wo sich einst die Gebäude des Heidehofes erhoben hatten, breitete sich nun
eine flache Ebene aus, nur einzelne Bäume streckten kümmerliches Geästel in die
Lüfte.
    Er konnte sich an den Anblick nicht gewöhnen und verdeckte das Gesicht mit
den Händen, während ein Schüttelfrost durch seinen Körper ging.
    »Sei nicht traurig,« bat sie. »Papa hat ihn nicht wieder aufbauen lassen
wollen, ehe du nicht deine Anordnungen getroffen hättest ...«
    »Komm hin,« sagte er.
    »Bitte, bitte, nein,« erwiderte sie, »es ist dort nichts zu sehen - ausser
ein paar Schuttäufchen - ein andermal, wenn du nicht so erregt bist ...«
    »Aber wo werd' ich schlafen?«
    »In demselben Zimmer, in dem du geboren bist ... Ich hab's für dich
herrichten lassen und die Möbel deiner Mutter hineingestellt. Kannst du nun noch
sagen, dass du die Heimat verloren hast?«
    Er drückte ihr dankbar die Hand, sie aber wies auf den Wacholderstrauch, der
ihm vorhin aufgefallen war.
    »Komm lieber dortin,« sagte sie, »leg den Kopf auf den Maulwurfshügel und
pfeif mir eins. Weisst du noch?«
    »Ob ich weiss!«
    »Wie lange ist's her?«
    »Siebzehn Jahre!«
    »Ach du lieber Gott, und so lang' lieb' ich dich schon und bin darüber eine
alte Jungfer geworden ... Und gewartet hab' ich auf dich Jahr um Jahr! Aber du
hast nichts davon sehen wollen. Endlich muss er doch kommen, dacht' ich mir, aber
du kamst nicht ... Und da bin ich mutlos geworden und habe gedacht: Aufdrängen
kannst du dich ihm doch nicht, schliesslich will er dich gar nicht ... Du musst
ins klare kommen mit dir ... Und um allem Sehnen ein Ende zu machen, hab' ich
dem Vetter das Jawort gegeben, der schon an die zehn Jahre um mich
herumschwänzelte. Er hatte mich so oft zum Lachen gebracht, und da glaubt' ich,
er würde - aber still davon«-und sie schauerte zusammen. »Komm, leg dich hin -
pfeife!«
    Er schüttelte den Kopf und wies mit der Hand schweigend über die Heide hin,
wo am Horizont drei einsame Fichten ihre rauhen Arme gen Himmel streckten.
    »Dortin!« sagte er. »Ich hab' keine Ruh', eh' ich dort gewesen bin.«
    »Du hast Recht,« sagte sie, und Hand in Hand schritten sie durch das
blühende Heidekraut, das wilde Bienen mit schläfrigem Summen umschwärmten.
    Als sie den Kirchhof betraten, läutete vom weissen Haus her die
Mittagsglocke. Zwölfmal schlug sie an mit kurzen scharfen Schlägen, ein leiser
Nachhall verzitterte in den Lüften, und dann ward's wieder still, nur das leise
Summen und Singen dauerte fort. -
    Das Grab der Mutter war dicht bewachsen mit Efeu und wilder Myrte, und zu
Häupten erhob eine Königskerze ihre strahlende Blütenkrone. - Zwischen den
Blättchen krochen rostfarbene Ameisen, und eine Eidechse raschelte in die grüne
Tiefe hinunter.
    Schweigend standen sie beide da, und Paul zitterte. Keiner wagte die heilige
Stille zu brechen.
    »Wo haben sie den Vater begraben?« fragte Paul endlich.
    »Deine Schwestern haben die Leiche nach Lotkeim hinübergeführt,« antwortete
Elsbet.
    »Es ist gut so,« erwiderte er, »sie ist ihr Lebtag einsam gewesen, mag sie's
auch im Tod sein. Doch morgen wollen wir auch zu ihm hinüber.«
    »Willst du bei den Schwestern einkehren?«
    Er schüttelte traurig den Kopf. - Darauf versanken sie wieder in Schweigen.
Er stützte den Kopf in beide Hände und weinte.
    »Weine nicht,« sagte sie, »es hat ja jetzt ein jeder von euch seine Heimat.«
Und darauf nahm sie das Päckchen, das sie unter dem Arm hielt, löste das weisse
Papier der Umhüllung, und was sie zum Vorschein brachte, war ein altes
Schreibheft mit zerzaustem Deckel und vergilbten Blättern.
    »Sieh, das schickt sie dir,« sagte sie, »und lässt dich grüssen.«
    »Wo hast du das her?« fragte er erschrocken, denn er hatte die Handschrift
der Mutter erkannt.
    »Es lag in der alten Kommode, die beim Brande gerettet wurde, zwischen Lade
und Hinterwand geklemmt. Dort scheint es seit ihrem Tode gelegen zu haben.«
    Darauf setzten sie sich nebeneinander auf das Grab, legten das Buch zwischen
sich auf ihre Knie und fingen an zu studieren. Jetzt besann er sich wohl, dass
Käte damals, als er sie mit ihrem Geliebten überraschte, von einem Arienbuch
gesprochen hatte, das der Mutter gehört haben sollte, aber er hatte es nie übers
Herz gebracht, sie danach zu fragen, weil er die böse Erinnerung an jene Stunde
nicht wieder lebendig machen wollte.
    Allerhand Lieder standen darin, die waren fliessend abgeschrieben, daneben
andre halb durchstrichen und mit Verbesserungen versehen. Diese letzteren schien
sie aus dem Gedächtnis wiedergegeben oder vielleicht selbst gemacht zu haben. -
Da war auch jenes von dem Sängersmann, das Käte damals hergesagt hatte.
    Und dann kam eines, das lautete so:
Schlaf ein, lieb Kind; lieb Kind, schlaf ein!
Es wacht am Bett die Mutter dein,
Bis du in Traum gesungen.
Schlaf ein!
Das Glöcklein, das vom stillen Wald
So sanft, so süss herüberhallt,
Ist auch wohl bald verklungen.
Schlaf ein!
Schlaf ein, lieb Kind; lieb Kind, schlaf ein!
Es glänzt im Hof der Mondenschein,
Erzählt ein Märchen der Linde -
Schlaf ein!
Vom Hirtensohn auf der Heide draus
Und der Prinzess im weissen Haus; -
Da seufzen die Blätter im Winde.
Schlaf ein!
Schlaf ein, lieb Kind; lieb Kind, schlaf ein!
Dein Rosenstock am Treppenstein,
Der träumt von Hain und Hügel.
Schlaf ein!
Dein Vögelchen vom Fensterbrett
Piept leise her nach deinem Bett,
Schlägt müde die kleinen Flügel -
Schlaf ein!
Schlaf ein, lieb Kind; lieb Kind, schlaf ein!
Es wacht am Bett die Mutter dein
Und harret und harret beklommen;
Schlaf ein!
Wohl rinnt die Zeit, die Mutter wacht;
Es naht, es naht die Mitternacht,
Vielleicht wird auch Vater dann kommen.
Schlaf ein!
    Und dann kam ein andres Gedicht:
Wusst' ich einst eine herzensallerliebste Maid,
Die wohnt verlassen auf der grünen, grünen Heid'
Und verlangt nach Liebe;
Sie guckt bei Tag und Nacht zum Fensterlein hinaus,
Sie guckt die schönen Blauäugelein sich aus,
Denn sie verlangt nach Liebe - - -
Da kam ein blanker, junger, kecker Reitersmann,
Der fragt': »Was schaust du mich so wunderseltsam an?«
»Mich verlangt nach Liebe!«
Da lacht er: »Mädel, dummes, komm in meinen Arm,
Schau da liegst du mollig und da liegst du warm,
Und da gibt es Liebe.« - -
»O Lieber, wüsstest du, wie ich verlassen bin!
So nimm mich armes, armes Mädel, nimm mich hin,
Aber gib mir Liebe!«
Als er sich satt geruht an ihrer weissen Brust,
Da sprach er: »Hast du Schelm es wirklich nicht gewusst?
So ist die Liebe!« ...
»Und ist dir meine Liebe, Lieber, noch nicht leid,
So will ich bei dir bleiben bis in Ewigkeit;
Mich bangt nach deiner Liebe.«
Da lacht der blanke, junge, kecke Reitersmann
Und zäumt' sein Ross und sang ein Lied und ritt von dann',
Liess sie in Jammer und Liebe!
Und als die Frist, die böse Frist verstrichen war,
Sieh, da geschah's, dass sie ein Knäblein gebar,
Ein Kind der Liebe.
Sie trug's wohl auf die grüne Heid' in Nacht und Wind.
»Im Kuss erstick' ich dich, du armes Jungfernkind,
Ersticke dich in Liebe!«
»Herr Richter, tut mit mir, was Euer Herz begehrt,
Verlassen bin ich Ärmste auf der weiten Erd',
Bin ohne Liebe!«
Im weissen Brautgewande stieg sie zum Schafott,
Sie sprach: »Nun nimm mich hin, du lieber, lieber Gott.
Denn mich verlangt nach Liebe!«
    Da musste er der beiden Schwestern gedenken, und ihm war zumute, als hätte
die Mutter alles vorausgewusst und alles im voraus vergeben.
    Und gleich darauf stand in grossen Buchstaben überschrieben:
                        Das Märchen von der Frau Sorge.
    Es war einmal eine Mutter, der hatte der liebe Gott einen Sohn geschenkt,
aber sie war so arm und so einsam, dass sie niemanden hatte, der bei ihm Pate
stehen konnte. Und sie seufzte und dachte: »Wo krieg' ich wohl eine Gevatterin
her?« - Da kam eines Abends mit der sinkenden Dämmerung eine Frau zu ihr ins
Haus, die hatte graue Kleider an und ein graues Tuch um den Kopf geschlungen;
die sagte: »Ich will bei deinem Sohn Pate stehen, und ich werde dafür sorgen,
dass er ein guter Mensch wird und dich nicht Hungers sterben lässt. Aber du musst
mir seine Seele schenken.«
    Da zitterte die Mutter und sagte: »Wer bist du?«
    »Ich bin die Frau Sorge,« erwiderte die graue Frau.
    Und die Mutter weinte; aber da sie so grossen Hunger litt, so gab sie der
Frau ihres Sohnes Seele, und diese stand Pate bei ihm.
    Und ihr Sohn wuchs heran und arbeitete schwer, um ihr Brot zu schaffen. Aber
da er keine Seele hatte, so hatte er auch keine Freude und keine Jugend, und
oftmals sah er die Mutter mit vorwurfsvollen Augen an, als wollte er fragen:
»Mutter, wo ist meine Seele geblieben?«
    Da wurde die Mutter traurig und ging aus, ihm eine Seele zu suchen.
    Sie fragte die Sterne am Himmel: »Wollt ihr ihm eine Seele schenken?« Die
aber sagten: »Dafür ist er zu niedrig.«
    Und sie fragte die Blumen auf der Heide; die sagten: »Dafür ist er zu
hässlich.«
    Und sie fragte die Vögel auf den Bäumen, die sagte: »Dafür ist er zu
traurig.«
    Und sie fragte die hohen Bäume; die sagten: »Dafür ist er zu demütig.«
    Und sie fragte die klugen Schlangen; die sagten: »Dafür ist er zu dumm.«
    Da ging sie weinend ihres Weges. Und im Walde begegnete ihr eine junge,
schöne Prinzessin, die war von einem grossen Hofstaat umgeben.
    Und weil sie die Mutter weinend sah, stieg sie von ihrem Ross und nahm sie
mit sich auf ihr Schloss, das ganz von Gold und Edelstein gebaut war.
    Dort fragte sie: »Sage, warum weinst du?« Und die Mutter klagte der
Prinzessin ihr Leid, dass sie ihrem Sohn keine Seele schaffen könnte und keine
Freude und keine Jugend.
    Da sagte die Prinzess: »Ich kann keinen Menschen weinen sehen! Weisst du was?
- Ich werd' ihm meine Seele schenken.«
    Da fiel die Mutter vor ihr nieder und küsste ihr die Hände.
    »Aber,« sagte die Prinzess, »aus freien Stücken tu' ich's nicht, er muss mich
darum fragen.«-Da ging die Mutter mit ihr zu ihrem Sohn, aber die Frau Sorge
hatte ihm ihren grauen Schleier um sein Haupt gelegt, dass er blind war und die
Prinzess nicht sehen konnte.
    Und die Mutter bat: »Liebe Frau Sorge, lass ihn doch frei.«
    Aber die Sorge lächelte - und wer sie lächeln sah, der musste weinen - und
sie sagte: »Er muss sich selbst befreien.«
    »Wie kann er das?« fragte die Mutter.
    »Er muss mir alles opfern, was er lieb hat,« sagte Frau Sorge. - Da grämte
sich die Mutter sehr und legte sich hin und starb. - Die Prinzess aber wartet
noch heute auf ihren Freiersmann. - - -
                                     * * *
    »Mutter, Mutter!« schrie er auf und sank an dem Grabe nieder.
    »Komm,« sagte Elsbet, mit Tränen kämpfend, indem sie die Hand auf seine
Schulter legte. »Lass die Mutter, sie hat ihren Frieden, und uns soll sie nichts
mehr tun, deine böse Frau Sorge.«
 
    