
        
                                Teodor Fontane
                              Irrungen, Wirrungen
                                     Roman
                                  Erstes Kapitel
An dem Schnittpunkte von Kurfürstendamm und Kurfürstenstrasse, schräg gegenüber
dem »Zoologischen«, befand sich in der Mitte der siebziger Jahre noch eine
grosse, feldeinwärts sich erstreckende Gärtnerei, deren kleines, dreifenstriges,
in einem Vorgärtchen um etwa hundert Schritte zurück gelegenes Wohnhaus, trotz
aller Kleinheit und Zurückgezogenheit, von der vorübergehenden Strasse her sehr
wohl erkannt werden konnte. Was aber sonst noch zu dem Gesamtgewese der
Gärtnerei gehörte, ja die recht eigentliche Hauptsache derselben ausmachte, war
durch eben dies kleine Wohnhaus wie durch eine Kulisse versteckt, und nur ein
rot und grün gestrichenes Holztürmchen mit einem halb weggebrochenen Zifferblatt
unter der Turmspitze (von Uhr selbst keine Rede) liess vermuten, dass hinter
dieser Kulisse noch etwas anderes verborgen sein müsse, welche Vermutung denn
auch in einer von Zeit zu Zeit aufsteigenden, das Türmchen umschwärmenden
Taubenschar und mehr noch in einem gelegentlichen Hundegeblaff ihre Bestätigung
fand. Wo dieser Hund eigentlich steckte, das entzog sich freilich der
Wahrnehmung, trotzdem die hart an der linken Ecke gelegene, von früh bis spät
aufstehende Haustür einen Blick auf ein Stückchen Hofraum gestattete. Überhaupt
schien sich nichts mit Absicht verbergen zu wollen, und doch musste jeder, der zu
Beginn unserer Erzählung des Weges kam, sich an dem Anblick des dreifenstrigen
Häuschens und einiger im Vorgarten stehenden Obstbäume genügen lassen.
Es war die Woche nach Pfingsten, die Zeit der langen Tage, deren blendendes
Licht mitunter kein Ende nehmen wollte.
    Heut aber stand die Sonne schon hinter dem Wilmersdorfer Kirchturm, und
statt der Strahlen, die sie den ganzen Tag über herabgeschickt hatte, lagen
bereits abendliche Schatten in dem Vorgarten, dessen halb märchenhafte Stille
nur noch von der Stille des von der alten Frau Nimptsch und ihrer Pflegetochter
Lene mietweise bewohnten Häuschens übertroffen wurde. Frau Nimptsch selbst aber
sass wie gewöhnlich an dem grossen, kaum fusshohen Herd ihres die ganze Hausfront
einnehmenden Vorderzimmers und sah, hockend und vorgebeugt, auf einen russigen
alten Teekessel, dessen Deckel, trotzdem der Wrasen auch vorn aus der Tülle
quoll, beständig hin und her klapperte. dabei hielt die Alte beide Hände gegen
die Glut und war so versunken in ihre Betrachtungen und Träumereien, dass sie
nicht hörte, wie die nach dem Flur hinausführende Tür aufging und eine robuste
Frauensperson ziemlich geräuschvoll eintrat. Erst als diese letztre sich
geräuspert und ihre Freundin und Nachbarin, eben unsre Frau Nimptsch, mit einer
gewissen Herzlichkeit bei Namen genannt hatte, wandte sich diese nach rückwärts
und sagte nun auch ihrerseits freundlich und mit einem Anfluge von Schelmerei:
»Na, das is recht, liebe Frau Dörr, dass Sie mal wieder rüberkommen. Und noch
dazu von 's Schloss. Denn ein Schloss is es und bleibt es. Hat ja 'nen Turm. Un nu
setzen Sie sich... Ihren lieben Mann hab ich eben weggehen sehen. Und muss auch.
Is ja heute sein Kegelabend.«
    Die so freundlich als Frau Dörr Begrüsste war nicht bloss eine robuste,
sondern vor allem auch eine sehr stattlich aussehende Frau, die, neben dem
Eindruck des Gütigen und Zuverlässigen, zugleich den einer besonderen
Beschränkteit machte. Die Nimptsch indessen nahm sichtlich keinen Anstoss daran
und wiederholte nur: »Ja, sein Kegelabend. Aber, was ich sagen wollte, liebe
Frau Dörr, mit Dörren seinen Hut, das geht nicht mehr. Der is ja schon
fuchsblank und eigentlich schimpfierlich. Sie müssen ihn ihm wegnehmen und einen
andern hinstellen. Vielleicht merkt er es nich... Und nu rücken Sie ran hier,
liebe Frau Dörr, oder lieber da drüben auf die Hutsche... Lene, na Sie wissen
ja, is ausgeflogen un hat mich mal wieder in Stich gelassen.«
    »Er war woll hier?«
    »Freilich war er. Und beide sind nu ein bisschen auf Wilmersdorf zu; den
Fussweg lang, da kommt keiner. Aber jeden Augenblick können sie wieder hier
sein.«
    »Na, da will ich doch lieber gehn.«
    »O nich doch, liebe Frau Dörr. Er bleibt ja nich. Und wenn er auch bliebe,
Sie wissen ja, der is nicht so.«
    »Weiss, weiss. Und wie steht es denn?«
    »Ja, wie soll es stehn? Ich glaube, sie denkt so was, wenn sie's auch nich
wahrhaben will, und bildet sich was ein.«
    »O du meine Güte«, sagte Frau Dörr, während sie, statt der ihr angebotenen
Fussbank, einen etwas höheren Schemel heranschob: »O du meine Güte, denn is es
schlimm. Immer wenn das Einbilden anfängt, fängt auch das Schlimme an. Das is
wie Amen in der Kirche. Sehen Sie, liebe Frau Nimptsch, mit mir war es ja
eigentlich ebenso, man bloss nichts von Einbildung. Und bloss darum war es auch
wieder ganz anders.«
    Frau Nimptsch verstand augenscheinlich nicht recht, was die Dörr meinte,
weshalb diese fortfuhr: »Und weil ich mir nie was in 'n Kopp setzte, darum ging
es immer ganz glatt und gut und ich habe nu Dörren. Na, viel is es nich, aber es
is doch was Anständiges, und man kann sich überall sehen lassen. Und drum bin
ich auch in die Kirche mit ihm gefahren und nich bloss Standesamt. Bei Standesamt
reden sie immer noch.« Die Nimptsch nickte.
    Frau Dörr aber wiederholte: »Ja, in die Kirche, in die Mattäikirche un bei
Büchseln. Aber was ich eigentlich sagen wollte, sehen Sie, liebe Frau Nimptsch,
ich war ja woll eigentlich grösser und anziehlicher als die Lene, un wenn ich
auch nicht hübscher war (denn so was kann man nie recht wissen, un die
Geschmäcker sind so verschieden), so war ich doch so mehr im Vollen, un das
mögen manche. Ja, soviel is richtig. Aber wenn ich auch sozusagen fester war un
mehr im Gewicht fiel un so was hatte, nu ja, ich hatte so was, so war ich doch
immer man ganz einfach un beinah simpel, un was nu er war, mein Graf, mit seine
fuffzig auf 'm Puckel, na, der war auch man ganz simpel und bloss immer
kreuzfidel un unanständig. Und da reichen ja keine hundert Mal, dass ich ihm
gesagt habe: Ne, ne, Graf, das geht nicht, so was verbitt ich mir... Und immer
die Alten sind so. Und ich sage bloss, liebe Frau Nimptsch, Sie können sich so
was gar nich denken. Grässlich war es. Und wenn ich mir nu der Lene ihren Baron
ansehe, denn schämt es mir immer noch, wenn ich denke, wie meiner war. Und nu
gar erst die Lene selber. Jott, ein Engel is sie woll grade auch nich, aber
propper und fleissig un kann alles und is für Ordnung un fürs Reelle. Und sehen
Sie, liebe Frau Nimptsch, das is grade das Traurige. Was da so rumfliegt, heute
hier un morgen da, na, das kommt nicht um, das fällt wie die Katz immer wieder
auf die vier Beine, aber so'n gutes Kind, das alles ernstaft nimmt und alles
aus Liebe tut, ja, das ist schlimm... Oder vielleicht is es auch nich so
schlimm; Sie haben sie ja bloss angenommen un is nich Ihr eigen Fleisch und Blut,
un vielleicht is es eine Prinzessin oder so was.«
    Frau Nimptsch schüttelte bei dieser Vermutung den Kopf und schien antworten
zu wollen. Aber die Dörr war schon aufgestanden und sagte, während sie den
Gartensteig hinuntersah: »Gott, da kommen sie. Und bloss in Zivil, un Rock un
Hose ganz egal. Aber man sieht es doch! Und nu sagt er ihr was ins Ohr, und sie
lacht so vor sich hin. Aber ganz rot is sie geworden... Und nu geht er. Und
nu... wahrhaftig, ich glaube, er dreht noch mal um. Nei, nei, er grüsst bloss noch
mal, und sie wirft ihm Kussfinger zu... Ja, das glaub ich; so was lass ich mir
gefallen... Nei, so war meiner nich.«
    Frau Dörr sprach noch weiter, bis Lene kam und die beiden Frauen begrüsste.
 
                                Zweites Kapitel
Andern Vormittags schien die schon ziemlich hoch stehende Sonne auf den Hof der
Dörrschen Gärtnerei und beleuchtete hier eine Welt von Baulichkeiten, unter
denen auch das »Schloss« war, von dem Frau Nimptsch am Abend vorher mit einem
Anfluge von Spott und Schelmerei gesprochen hatte. Ja, dies »Schloss«! In der
Dämmerung hätt es bei seinen grossen Umrissen wirklich für etwas Derartiges
gelten können, heut aber, in unerbittlich heller Beleuchtung daliegend, sah man
nur zu deutlich, dass der ganze, bis hoch hinauf mit gotischen Fenstern bemalte
Bau nichts als ein jämmerlicher Holzkasten war, in dessen beide Giebelwände man
ein Stück Fachwerk mit Stroh- und Lehmfüllung eingesetzt hatte, welchem
vergleichsweise soliden Einsatze zwei Giebelstuben entsprachen. Alles andere war
blosse Steindiele, von der aus ein Gewirr von Leitern zunächst auf einen Boden
und von diesem höher hinauf in das als Taubenhaus dienende Türmchen führte.
Früher, in vordörrscher Zeit, hatte der ganze riesige Holzkasten als blosse
Remise zur Aufbewahrung von Bohnenstangen und Giesskannen, vielleicht auch als
Kartoffelkeller gedient, seit aber, vor soundso viel Jahren, die Gärtnerei von
ihrem gegenwärtigen Besitzer gekauft worden war, war das eigentliche Wohnhaus an
Frau Nimptsch vermietet und der gotisch bemalte Kasten, unter Einfügung der
schon erwähnten zwei Giebelstuben, zum Aufentalt für den damals verwitweten
Dörr hergerichtet worden, eine höchst primitive Herrichtung, an der seine bald
danach erfolgende Wiederverheiratung nichts geändert hatte. Sommers war diese
beinah fensterlose Remise mit ihren Steinfliesen und ihrer Kühle kein übler
Aufentalt, um die Winterzeit aber hätte Dörr und Frau, samt einem aus erster
Ehe stammenden zwanzigjährigen, etwas geistesschwachen Sohn, einfach erfrieren
müssen, wenn nicht die beiden grossen, an der andern Seite des Hofes gelegenen
Treibhäuser gewesen wären. In diesen verbrachten alle drei Dörrs die Zeit von
November bis März ausschliesslich, aber auch in der besseren und sogar in der
heissen Jahreszeit spielte sich das Leben der Familie, wenn man nicht gerade vor
der Sonne Zuflucht suchte, zu grossem Teile vor und in diesen Treibhäusern ab,
weil hier alles am bequemsten lag: hier standen die Treppchen und Estraden, auf
denen die jeden Morgen aus den Treibhäusern hervorgeholten Blumen ihre frische
Luft schöpfen durften, hier war der Stall mit Kuh und Ziege, hier die Hütte mit
dem Ziehhund, und von hier aus erstreckte sich auch das wohl fünfzig Schritte
lange Doppelmistbeet, mit einem schmalen Gange dazwischen, bis an den grossen,
weiter zurück gelegenen Gemüsegarten. In diesem sah es nicht sonderlich
ordentlich aus, einmal weil Dörr keinen Sinn für Ordnung, ausserdem aber eine so
grosse Hühnerpassion hatte, dass er diesen seinen Lieblingen, ohne Rücksicht auf
den Schaden, den sie stifteten, überall umherzupicken gestattete. Gross freilich
war dieser Schaden nie, da seiner Gärtnerei, die Spargelanlagen abgerechnet,
alles Feinere fehlte. Dörr hielt das Gewöhnlichste zugleich für das
Vorteilhafteste, zog deshalb Majoran und andere Wurstkräuter, besonders aber
Borré, hinsichtlich dessen er der Ansicht lebte, dass der richtige Berliner
überhaupt nur drei Dinge brauche: eine Weisse, einen Gilka und Borré. »Bei
Borré«, schloss er dann regelmässig, »ist noch keiner zu kurz gekommen.« Er war
überhaupt ein Original, von ganz selbständigen Anschauungen und einer
entschiedenen Gleichgiltigkeit gegen das, was über ihn gesagt wurde. Dem
entsprach denn auch seine zweite Heirat, eine Neigungsheirat, bei der die
Vorstellung von einer besondren Schönheit seiner Frau mitgewirkt und ihr
früheres Verhältnis zu dem Grafen, statt ihr schädlich zu sein, gerad umgekehrt
den Ausschlag zum Guten hin gegeben und einfach den Vollbeweis ihrer
Unwiderstehlichkeit erbracht hatte. Wenn sich dabei mit gutem Grunde von
Überschätzung sprechen liess, so doch freilich nicht von seiten Dörrs in Person,
für den die Natur, soweit Äusserlichkeiten in Betracht kamen, ganz ungewöhnlich
wenig getan hatte. Mager, mittelgross und mit fünf grauen Haarsträhnen über Kopf
und Stirn, wär er eine vollkommene Trivialerscheinung gewesen, wenn ihm nicht
eine zwischen Augenwinkel und linker Schläfe sitzende braune Pocke was Apartes
gegeben hätte. Weshalb denn auch seine Frau nicht mit Unrecht und in der ihr
eigenen ungenierten Weise zu sagen pflegte: »Schrumplig is er man, aber von
links her hat er so was Borsdorfriges.«
    Damit war er gut getroffen und hätte nach diesem Signalement überall erkannt
werden müssen, wenn er nicht tagaus, tagein eine mit einem grossen Schirm
ausgestattete Leinwandmütze getragen hätte, die, tief ins Gesicht gezogen,
sowohl das Alltägliche wie das Besondere seiner Physiognomie verbarg.
    Und so, die Mütze samt Schirm ins Gesicht gezogen, stand er auch heute
wieder, am Tage nach dem zwischen Frau Dörr und Frau Nimptsch geführten
Zwiegespräche, vor einer an das vordere Treibhaus sich anlehnenden
Blumen-Estrade, verschiedene Goldlack- und Geraniumtöpfe beiseite schiebend, die
morgen mit auf den Wochenmarkt sollten. Es waren sämtlich solche, die nicht im
Topf gezogen, sondern nur eingesetzt waren, und mit einer besonderen Genugtuung
und Freude liess er sie vor sich aufmarschieren, schon im voraus über die
»Madams« lachend, die morgen kommen, ihre herkömmlichen fünf Pfennig abhandeln
und schliesslich doch die Betrogenen sein würden. Es zählte das zu seinen grössten
Vergnügungen und war eigentlich das Hauptgeistesleben, das er führte. »Das
bisschen Geschimpfe... Wenn ich's nur mal mit anhören könnte.«
    So sprach er noch vor sich hin, als er, vom Garten her, das Gebell eines
kleinen Köters und dazwischen das verzweifelte Krähen eines Hahns hörte, ja,
wenn nicht alles täuschte, seines Hahns, seines Lieblings mit dem
Silbergefieder. Und sein Auge nach dem Garten hin richtend, sah er in der Tat,
dass ein Haufen Hühner auseinandergestoben, der Hahn aber auf einen Birnbaum
geflogen war, von dem aus er gegen den unten kläffenden Hund unausgesetzt um
Hilfe rief.
    »Himmeldonnerwetter«, schrie Dörr in Wut, »das is wieder Bollmann seiner...
Wieder durch den Zaun... I, da soll doch...« Und den Geraniumtopf, den er eben
musterte, rasch aus der Hand setzend, lief er auf die Hundehütte zu, griff nach
dem Kettenzwickel und machte den grossen Ziehhund los, der nun sofort auch wie
ein Rasender auf den Garten zuschoss. Eh dieser jedoch den Birnbaum erreichen
konnte, gab »Bollmann seiner« bereits Fersengeld und verschwand unter dem Zaun
weg ins Freie - der fuchsgelbe Ziehhund zunächst noch in grossen Sätzen nach.
Aber das Zaunloch, das für den Affenpinscher grad ausgereicht hatte, verweigerte
ihm den Durchgang und zwang ihn, von seiner Verfolgung Abstand zu nehmen.
    Nicht besser erging es Dörr selber, der inzwischen mit einer Harke
herangekommen war und mit seinem Hunde Blicke wechselte. »Ja, Sultan, diesmal
war es nichts.« Und dabei trottete Sultan wieder auf seine Hütte zu, langsam und
verlegen, wie wenn er einen kleinen Vorwurf herausgehört hätte. Dörr selbst aber
sah dem draussen in einer Ackerfurche hinjagenden Affenpinscher nach und sagte
nach einer Weile: »Hol mich der Deubel, wenn ich mir nich 'ne Windbüchse
anschaffe, bei Mehles oder sonst wo. Un denn pust ich das Biest so stille weg,
und kräht nich Huhn, nich Hahn danach. Nich mal meiner.«
    Von dieser ihm von seiten Dörrs zugemuteten Ruhe schien der letztere jedoch
vorläufig nichts wissen zu wollen, machte vielmehr von seiner Stimme nach wie
vor den ausgiebigsten Gebrauch. Und dabei warf er den Silberhals so stolz, als
ob er den Hühnern zeigen wolle, dass seine Flucht in den Birnbaum hinein ein
wohlüberlegter Coup oder eine blosse Laune gewesen sei.
    Dörr aber sagte: »Jott, so 'n Hahn. Denkt nu auch wunder was er is. Un seine
Courage is doch auch man soso.«
    Und damit ging er wieder auf seine Blumen-Estrade zu.
 
                                Drittes Kapitel
Der ganze Hergang war auch von Frau Dörr, die gerade beim Spargelstechen war,
beobachtet, aber nur wenig beachtet worden, weil sich ähnliches jeden dritten
Tag wiederholte. Sie fuhr denn auch in ihrer Arbeit fort und gab das Suchen erst
auf, als auch die schärfste Musterung der Beete keine »weissen Köppe« mehr
ergeben wollte. Nun erst hing sie den Korb an ihren Arm, legte das Stechmesser
hinein und ging langsam und ein paar verirrte Küken vor sich her treibend erst
auf den Mittelweg des Gartens und dann auf den Hof und die Blumen-Estrade zu, wo
Dörr seine Marktarbeit wieder aufgenommen hatte.
    »Na, Suselchen«, empfing er seine bessere Hälfte, »da bist du ja. Hast du woll
gesehn? Bollmann seiner war wieder da. Höre, der muss dran glauben, un denn brat
ich ihn aus; ein bisschen Fett wird er ja woll haben, un Sultan kann denn die
Grieben kriegen... Und Hundefett, höre, Susel...«, und er wollte sich
augenscheinlich in eine seit einiger Zeit von ihm bevorzugte
Gichtbehandlungsmetode vertiefen. In diesem Augenblick aber des Spargelkorbes
am Arme seiner Frau gewahr werdend, unterbrach er sich und sagte: »Na, nu zeige
mal her. Hat's denn gefleckt?«
    »I nu«, sagte Frau Dörr und hielt ihm den kaum halb gefüllten Korb hin,
dessen Inhalt er kopfschüttelnd durch die Finger gleiten liess. Denn es waren
meist dünne Stangen und viel Bruch dazwischen.
    »Höre, Susel, es bleibt dabei, du hast keine Spargelaugen.«
    »Oh, ich habe schon. Man bloss hexen kann ich nich.«
    »Na, wir wollen nich streiten, Susel; mehr wird es doch nich. Aber zum
Verhungern is es.«
    »I, es denkt nich dran. Lass doch das ewige Gerede, Dörr; sie stecken ja
drin, un ob sie nu heute rauskommen oder morgen, is ja ganz egal. Eine düchtige
Husche, so wie die vor Pfingsten, und du sollst mal sehn. Und Regen gibt es. Die
Wassertonne riecht schon wieder, un die grosse Kreuzspinn is in die Ecke
gekrochen. Aber du willst jeden Dag alles haben; das kannst du nich verlangen.«
    Dörr lachte. »Na, binde man alles gut zusammen. Und den kleinen Murks auch.
Und du kannst ja denn auch was ablassen.«
    »Ach, rede doch nicht so«, unterbrach ihn die sich über seinen Geiz
beständig ärgernde Frau, zog ihn aber, was er immer als Zärtlichkeit nahm, auch
heute wieder am Ohrzipfel und ging auf das »Schloss« zu, wo sie sich's auf dem
Steinfliesenflur bequem machen und die Spargelbündel binden wollte. Kaum aber,
dass sie den hier immer bereitstehenden Schemel bis an die Schwelle vorgerückt
hatte, so hörte sie, wie schräg gegenüber in dem von der Frau Nimptsch bewohnten
dreifenstrigen Häuschen ein Hinterfenster mit einem kräftigen Ruck aufgestossen
und gleich darauf eingehakt wurde. Zugleich sah sie Lene, die, mit einer weiten,
lilagemusterten Jacke über den Friesrock und einem Häubchen auf dem aschblonden
Haar, freundlich zu ihr hinübergrüsste.
    Frau Dörr erwiderte den Gruss mit gleicher Freundlichkeit und sagte dann:
»Immer Fenster auf; das ist recht, Lenechen. Und fängt auch schon an, heiss zu
werden. Es gibt heute noch was.«
    »Ja. Und Mutter hat von der Hitze schon ihr Kopfweh, und da will ich doch
lieber in der Hinterstube plätten. Is auch hübscher hier; vorne sieht man ja
keinen Menschen.«
    »Hast recht«, antwortete die Dörr. »Na, da werd ich man ein bisschen ans
Fenster rücken. Wenn man so spricht, geht einen alles besser von der Hand.«
    »Ach, das is lieb und gut von Ihnen, Frau Dörr. Aber hier am Fenster is ja
grade die pralle Sonne.«
    »Schadt nichts, Lene. Da bring ich meinen Marchtschirm mit, altes Ding und
lauter Flicken. Aber tut immer noch seine Schuldigkeit.«
    Und ehe fünf Minuten um waren, hatte die gute Frau Dörr ihren Schemel bis an
das Fenster geschleppt und sass nun unter ihrer Schirmstellage so behaglich und
selbstbewusst, als ob es auf dem Gensdarmenmarkt gewesen wäre. Drinnen aber hatte
Lene das Plättbrett auf zwei dicht ans Fenster gerückte Stühle gelegt und stand
nun so nah, dass man sich mit Leichtigkeit die Hand reichen konnte. dabei ging
das Plätteisen emsig hin und her. Und auch Frau Dörr war fleissig beim Aussuchen
und Zusammenbinden, und wenn sie dann und wann von ihrer Arbeit auf- und ins
Fenster hineinsah, sah sie, wie nach hinten zu der kleine Plättofen glühte, der
für neue heisse Bolzen zu sorgen hatte.
    »Du könntest mir mal 'nen Teller geben, Lene, Teller oder Schüssel.« Und als
Lene gleich danach brachte, was Frau Dörr gewünscht hatte, tat diese den
Bruchspargel hinein, den sie während des Sortierens in ihrer Schürze behalten
hatte. »Da, Lene, das gibt 'ne Spargelsuppe. Un is so gut wie das andre. Denn
dass es immer die Köppe sein müssen, is ja dummes Zeug. Ebenso wie mit 'n
Blumenkohl; immer Blume, Blume, die reine Einbildung. Der Strunk is eigentlich
das Beste, da sitzt die Kraft drin. Und die Kraft is immer die Hauptsache.«
    »Gott, Sie sind immer so gut, Frau Dörr. Aber was wird nur Ihr Alter sagen?«
    »Der? Ach, Leneken, was der sagt, is ganz egal. Der redt doch. Er will
immer, dass ich den Murks mit einbinde, wie wenn's richtige Stangen wären, aber
solche Bedrügerei mag ich nich, auch wenn Bruch-und Stückenzeug gradesogut
schmeckt wie 's Ganze. Was einer bezahlt, das muss er haben, un ich ärgre mir
bloss, dass so 'n Mensch, dem es so zuwächst, so 'n alter Geizkragen is. Aber so
sind die Gärtners alle, rapschen und rapschen un können nie genug kriegen.«
    »Ja«, lachte Lene, »geizig is er und ein bisschen wunderlich. - Aber
eigentlich doch ein guter Mann.«
    »Ja, Leneken, er wäre soweit ganz gut, un auch die Geizerei wäre nich so
schlimm un is immer noch besser als die Verbringerei, wenn er man nich so
zärtlich wäre. Du glaubst es nich, immer is er da. Un nu sieh ihn dir an. Es is
doch eigentlich man ein Jammer mit ihm un dabei richtige sechsundfünfzig, un
vielleicht is es noch ein Jahr mehr. Denn lügen tut er auch, wenn's ihm gerade
passt. Un da hilft auch nichts, gar nichts. Ich erzähl ihm immer von Schlag und
Schlag und zeig ihm welche, die so humpeln und einen schiefen Mund haben, aber
er lacht bloss immer und glaubt es nich. Es kommt aber doch so. Ja, Leneken, ich
glaub es ganz gewiss, dass es so kommt. Und vielleicht balde. Na, verschrieben hat
er mir alles, un so sag ich weiter nichts. Wie einer sich legt, so liegt er.
Aber was reden wir von Schlag und Dörr, un dass er bloss O-Beine hat. Jott, mein
Lenechen, da gibt es ganz andere Leute, die sind so grade gewachsen wie 'ne
Tanne. Nich wahr, Lene?«
    Lene wurde hierbei noch röter, als sie schon war, und sagte: »Der Bolzen ist
kalt geworden.« Und vom Plättbrett zurücktretend, ging sie bis an den eisernen
Ofen und schüttete den Bolzen in die Kohlen zurück, um einen neuen
herauszunehmen. Alles war das Werk eines Augenblicks. Und nun liess sie mit einem
geschickten Ruck den neuen glühenden Bolzen vom Feuerhaken in das Plätteisen
niedergleiten, klappte das Türchen wieder ein und sah nun erst, dass Frau Dörr
noch immer auf Antwort wartete. Sicherheitshalber aber stellte die gute Frau die
Frage noch mal und setzte gleich hinzu: »Kommt er denn heute?«
    »Ja. Wenigstens hat er es versprochen.«
    »Nu sage mal, Lene«, fuhr Frau Dörr fort, »wie kam es denn eigentlich?
Mutter Nimptsch sagt nie was, un wenn sie was sagt, denn is es auch man immer
soso, nich hu un nich hott. Und immer bloss halb un so konfuse. Nu, sage du mal.
Is es denn wahr, dass es in Stralau war?«
    »Ja, Frau Dörr, in Stralau war es, den zweiten Ostertag, aber schon so warm,
als ob Pfingsten wär, und weil Lina Gansauge gern Kahn fahren wollte, nahmen wir
einen Kahn, und Rudolf, den Sie ja wohl auch kennen und der ein Bruder von Lina
ist, setzte sich ans Steuer.«
    »Jott, Rudolf. Rudolf is ja noch ein Junge.«
    »Freilich. Aber er meinte, dass er's verstünde, und sagte bloss immer:
Mächens, ihr müsst stillsitzen; ihr schunkelt so, denn er spricht so furchtbar
berlinsch. Aber wir dachten gar nicht dran, weil wir gleich sahen, dass es mit
seiner ganzen Steuerei nicht weit her sei. Zuletzt aber vergassen wir's wieder
und liessen uns treiben und neckten uns mit denen, die vorbeikamen und uns mit
Wasser bespritzen. Und in dem einen Boote, das mit unsrem dieselbe Richtung
hatte, sassen ein paar sehr feine Herren, die beständig grüssten, und in unsrem
Übermute grüssten wir wieder, und Lina wehte sogar mit dem Taschentuch und tat,
als ob sie die Herren kenne, was aber gar nicht der Fall war, und wollte sich
bloss zeigen, weil sie noch so sehr jung ist. Und während wir noch so lachten und
scherzten und mit dem Ruder bloss so spielten, sahen wir mit einem Male, dass von
Treptow her das Dampfschiff auf uns zukam, und wie Sie sich denken können, liebe
Frau Dörr, waren wir auf den Tod erschrocken und riefen in unserer Angst
Rudolfen zu, dass er uns heraussteuern solle. Der Junge war aber aus Rand und
Band und steuerte bloss so, dass wir uns beständig im Kreise drehten. Und nun
schrien wir und wären sicherlich überfahren worden, wenn nicht in eben diesem
Augenblicke das andre Boot mit den zwei Herren sich unsrer Not erbarmt hätte.
Mit ein paar Schlägen war es neben uns, und während der eine mit einem
Bootshaken uns fest und scharf heranzog und an das eigne Boot ankoppelte,
ruderte der andre sich und uns aus dem Strudel heraus, und nur einmal war es
noch, als ob die grosse, vom Dampfschiff her auf uns zukommende Welle uns
umwerfen wolle. Der Kapitän drohte denn auch wirklich mit dem Finger (ich sah es
inmitten all meiner Angst), aber auch das ging vorüber, und eine Minute später
waren wir bis an Stralau heran, und die beiden Herren, denen wir unsre Rettung
verdankten, sprangen ans Ufer und reichten uns die Hand und waren uns als
richtige Kavaliere beim Aussteigen behülflich. Und da standen wir denn nun auf
der Landungsbrücke bei Tübbeckes und waren sehr verlegen, und Lina weinte
jämmerlich vor sich hin, und bloss Rudolf, der überhaupt ein störrischer und
grossmäuliger Bengel is und immer gegen 's Militär, bloss Rudolf sah ganz bockig
vor sich hin, als ob er sagen wollte: Dummes Zeug, ich hätt euch auch
rausgesteuert.«
    »Ja, so is er, ein grossmäuliger Bengel; ich kenn ihn. Aber nu die beiden
Herren. Das ist doch die Hauptsache...«
    »Nun die bemühten sich erst noch um uns und blieben dann an dem andren Tisch
und sahen immer zu uns rüber. Und als wir so gegen sieben, und es schummerte
schon, nach Hause wollten, kam der eine und fragte, ob er und sein Kamerad uns
ihre Begleitung anbieten dürften? Und da lacht ich übermütig und sagte, sie
hätten uns ja gerettet und einem Retter dürfe man nichts abschlagen. Übrigens
sollten sie sich's noch mal überlegen, denn wir wohnten so gut wie am andern
Ende der Welt. Und sei eigentlich eine Reise. Worauf er verbindlich antwortete:
Desto besser. Und mittlerweile war auch der andre herangekommen... Ach, liebe
Frau Dörr, es mag wohl nicht recht gewesen sein, gleich so freiweg zu sprechen,
aber der eine gefiel mir, und sich zieren und zimperlich tun, das hab ich nie
gekonnt. Und so gingen wir denn den weiten Weg, erst an der Spree und dann an
dem Kanal hin.«
    »Und Rudolf!«
    »Der ging hinterher, als ob er gar nicht zugehöre, sah aber alles und passte
gut auf. Was auch recht war; denn die Lina is ja erst achtzehn und noch ein
gutes, unschuldiges Kind!«
    »Meinst du?«
    »Gewiss, Frau Dörr. Sie brauchen sie ja bloss anzusehn. So was sieht man
gleich.«
    »Ja, mehrstens. Aber mitunter auch nich. Und da haben sie euch denn nach
Hause gebracht?«
    »Ja, Frau Dörr.«
    »Und nachher?«
    »Ja, nachher. Nun Sie wissen ja, wie's nachher kam. Er kam dann den andern
Tag und fragte nach. Und seitdem ist er oft gekommen, und ich freue mich immer,
wenn er kommt. Gott, man freut sich doch, wenn man mal was erlebt. Es ist oft so
einsam hier draussen. Und Sie wissen ja, Frau Dörr, Mutter hat nichts dagegen und
sagt immer: Kind, es schadt nichts. Eh man sich's versieht, is man alt.«
    »Ja, ja«, sagte die Dörr, »so was hab ich die Nimptschen auch schon sagen
hören. Und hat auch ganz recht. Das heisst, wie man's nehmen will, und nach 'm
Katechismus is doch eigentlich immer noch besser und sozusagen überhaupt das
beste. Das kannst du mir schon glauben. Aber ich weiss woll, es geht nich immer,
und mancher will auch nich. Und wenn einer nich will, na, denn will er nich, un
denn muss es auch so gehn und geht auch mehrstens, man bloss, dass man ehrlich is
un anständig und Wort hält. Un natürlich, was denn kommt, das muss man aushalten
un darf sich nicht wundern. Un wenn man all so was weiss und sich immer wieder zu
Gemüte führt, na, denn is es nich so schlimm. Un schlimm is eigentlich man bloss
das Einbilden.«
    »Ach, liebe Frau Dörr«, lachte Lene, »was Sie nur denken. Einbilden ! Ich
bilde mir gar nichts ein. Wenn ich einen liebe, dann lieb ich ihn. Und das ist
mir genug. Und will weiter gar nichts von ihm, nichts, gar nichts, und dass mir
mein Herze so schlägt und ich die Stunden zähle, bis er kommt, und nicht
abwarten kann, bis er wieder da ist, das macht mich glücklich, das ist mir
genug.«
    »Ja«, schmunzelte die Dörr vor sich hin, »das is das richtige, so muss es
sein. Aber is es denn wahr, Lene, dass er Boto heisst? So kann doch einer
eigentlich nich heissen: das is ja gar kein christlicher Name.«
    »Doch, Frau Dörr.« Und Lene machte Miene, die Tatsache, dass es solchen Namen
gäbe, des weiteren zu bestätigen. Aber ehe sie dazu kommen konnte, schlug Sultan
an, und im selben Augenblicke hörte man deutlich vom Hausflur her, dass wer
eingetreten sei. Wirklich erschien auch der Briefträger und brachte zwei
Bestellkarten für Dörr und einen Brief für Lene.
    »Gott, Hahnke«, rief die Dörr dem in grossen Schweissperlen vor ihr Stehenden
zu, »Sie drippen ja man so. Is es denn so 'ne schwebende Hitze? Un erst halb
zehn. Na soviel seh ich woll, Briefträger is auch kein Vergnügen.«
    Und die gute Frau wollte gehn, um ein Glas frische Milch zu holen. Aber
Hahnke dankte. »Habe keine Zeit, Frau Dörr. Ein ander Mal.« Und damit ging er.
    Lene hatte mittlerweile den Brief erbrochen.
    »Na, was schreibt er?«
    »Er kommt heute nicht, aber morgen. Ach, es ist so lange bis morgen. Ein
Glück, dass ich Arbeit habe; je mehr Arbeit, desto besser. Und ich werde heut
nachmittag in Ihren Garten kommen und graben helfen. - Aber Dörr darf nicht
dabeisein.«
    »I Gott bewahre.«
    Und danach trennte man sich, und Lene ging in das Vorderzimmer, um der Alten
das von der Frau Dörr erhaltene Spargelgericht zu bringen.
 
                                Viertes Kapitel
Und nun war der andre Abend da, zu dem Baron Boto sich angemeldet hatte. Lene
ging im Vorgarten auf und ab, drinnen aber, in der grossen Vorderstube, sass wie
gewöhnlich Frau Nimptsch am Herd, um den herum sich auch heute wieder die
vollzählig erschienene Familie Dörr gruppiert hatte. Frau Dörr strickte mit
grossen Holznadeln an einer blauen, für ihren Mann bestimmten Wolljacke, die,
vorläufig noch ohne rechte Form, nach Art eines grossen Vlieses auf ihrem Schosse
lag. Neben ihr, die Beine bequem übereinandergeschlagen, rauchte Dörr aus einer
Tonpfeife, während der Sohn in einem dicht am Fenster stehenden Grossvaterstuhle
sass und seinen Rotkopf an die Stuhlwange lehnte. Jeden Morgen bei Hahnenschrei
aus dem Bett, war er auch heute wieder vor Müdigkeit eingeschlafen. Gesprochen
wurde wenig, und so hörte man denn nichts als das Klappern der Holznadeln und
das Knabbern des Eichhörnchens, das mitunter aus seinem Schilderhäuschen
herauskam und sich neugierig umsah. Nur das Herdfeuer und der Widerschein des
Abendrots gaben etwas Licht.
    Frau Dörr sass so, dass sie den Gartensteg hinaufsehen und trotz der Dämmerung
erkennen konnte, wer draussen, am Heckenzaun entlang, des Weges kam.
    »Ah, da kommt er«, sagte sie. »Nu, Dörr, lass mal deine Pfeife ausgehen. Du
bist heute wieder wie 'n Schornstein un rauchst und schmookst den ganzen Tag. Un
so 'n Knallerballer wie deiner, der is nich für jeden.«
    Dörr liess sich solche Rede wenig anfechten, und ehe seine Frau mehr sagen
oder ihre Wahrsprüche wiederholen konnte, trat der Baron ein. Er war sichtlich
angeheitert, kam er doch von einer Maibowle, die Gegenstand einer Clubwette
gewesen war, und sagte, während er Frau Nimptsch die Hand reichte: »Guten Tag,
Mutterchen. Hoffentlich gut bei Weg. Ah, und Frau Dörr; und Herr Dörr, mein
alter Freund und Gönner. Hören Sie, Dörr, was sagen Sie zu dem Wetter? Eigens
für Sie bestellt und für mich mit. Meine Wiesen zu Hause, die vier Jahre von
fünf immer unter Wasser stehen und nichts bringen als Ranunkeln, die können
solch Wetter brauchen. Und Lene kann's auch brauchen, dass sie mehr draussen ist;
sie wird mir sonst zu blass.«
    Lene hatte derweilen einen Holzstuhl neben die Alte gerückt, weil sie wusste,
dass Baron Boto hier am liebsten sass; Frau Dörr aber, in der eine starke
Vorstellung davon lebte, dass ein Baron auf einem Ehrenplatz sitzen müsse, war
inzwischen aufgestanden und rief, immer das blaue Vlies nachschleppend, ihrem
Pflegesohn zu: »Will er woll auf! Ne, ich sage. Wo's nich drinsteckt, da kommt
es auch nich.« Der arme Junge fuhr blöd und verschlafen in die Höh und wollte
den Platz räumen, der Baron litt es aber nicht. »Um 's Himmels willen, liebe
Frau Dörr, lassen Sie doch den Jungen. Ich sitz am liebsten auf einem Schemel,
wie mein Freund Dörr hier.«
    Und damit schob er den Holzstuhl, den Lene noch immer in Bereitschaft hatte,
neben die Alte und sagte, während er sich setzte: »Hier neben Frau Nimptsch; das
ist der beste Platz. Ich kenne keinen Herd, auf den ich so gern sähe; immer
Feuer, immer Wärme. Ja, Mutterchen, es ist so; hier ist es am besten.«
    »Ach, du mein Gott«, sagte die Alte. »Hier am besten! Hier bei 'ner alten
Wasch- und Plättefrau.«
    »Freilich. Und warum nicht? Jeder Stand hat seine Ehre. Waschfrau auch.
Wissen Sie denn, Mutterchen, dass es hier in Berlin einen berühmten Dichter
gegeben hat, der ein Gedicht auf seine alte Waschfrau gemacht hat?«
    »Is es möglich?«
    »Freilich ist es möglich. Es ist sogar gewiss. Und wissen Sie, was er zum
Schluss gesagt hat? Da hat er gesagt, er möchte so leben und sterben wie die alte
Waschfrau. Ja, das hat er gesagt.«
    »Is es möglich?« simperte die Alte noch einmal vor sich hin.
    »Und wissen Sie, Mutterchen, um auch das nicht zu vergessen, dass er ganz
recht gehabt hat und dass ich ganz dasselbe sage? Ja, Sie lachen so vor sich hin.
Aber sehen Sie sich mal um hier, wie leben Sie? Wie Gott in Frankreich. Erst
haben Sie das Haus und diesen Herd und dann den Garten und dann Frau Dörr. Und
dann haben Sie die Lene. Nicht wahr? Aber wo steckt sie nur?«
    Er wollte noch weitersprechen, aber im selben Augenblicke kam Lene mit einem
Kaffeebrett zurück, auf dem eine Karaffe mit Wasser samt Apfelwein stand,
Apfelwein, für den der Baron, weil er ihm wunderbare Heilkraft zuschrieb, eine
sonst schwer begreifliche Vorliebe hatte.
    »Ach Lene, wie du mich verwöhnst. Aber du darfst es mir nicht so feierlich
präsentieren, das ist ja, wie wenn ich im Club wäre. Du musst es mir aus der Hand
bringen, da schmeckt es am besten. Und nun gib mir deine Patsche, dass ich sie
streicheln kann. Nein, nein, die Linke, die kommt von Herzen. Und nun setze dich
da hin, zwischen Herr und Frau Dörr, dann hab ich dich gegenüber und kann dich
immer ansehn. Ich habe mich den ganzen Tag auf diese Stunde gefreut.«
    Lene lachte.
    »Du glaubst es wohl nicht? Ich kann es dir aber beweisen, Lene, denn ich
habe dir von der grossen Herren- und Damen-fête, die wir gestern hatten, was
mitgebracht. Und wenn man was zum Mitbringen hat, dann freut man sich auch auf
die, die's kriegen sollen. Nicht wahr, lieber Dörr?«
    Dörr schmunzelte, Frau Dörr aber sagte: »Jott, der. Der un mitbringen. Dörr
is bloss für rapschen und sparen. So sind die Gärtners. Aber neugierig bin ich
doch, was der Herr Baron mitgebracht haben.«
    »Nun, da will ich nicht lange warten lassen, sonst denkt meine liebe Frau
Dörr am Ende, dass es ein goldener Pantoffel ist oder sonst was aus dem Märchen.
Es ist aber bloss das.«
    Und dabei gab er Lenen eine Tüte, daraus, wenn nicht alles täuschte, das
gefranzte Papier einiger Knallbonbons hervorguckte.
    Wirklich, es waren Knallbonbons, und die Tüte ging reihum.
    »Aber nun müssen wir auch ziehen, Lene; halt fest und Augen zu.«
    Frau Dörr war entzückt, als es einen Knall gab, und noch mehr, als Lenes
Zeigefinger blutete. »Das tut nich weh, Lene, das kenn ich; das is, wie wenn
sich 'ne Braut in 'n Finger sticht. Ich kannte mal eine, die war so versessen
drauf, die stach sich immerzu un lutschte und lutschte, wie wenn es wunder was
wäre.«
    Lene wurde rot. Aber Frau Dörr sah es nicht und fuhr fort: »Und nu den Vers
lesen, Herr Baron.«
    Und dieser las denn auch:
»In Liebe selbstvergessen sein
Freut Gott und die lieben Engelein.«
»Jott«, sagte Frau Dörr und faltete die Hände. »Das is ja wie aus 'n Gesangbuch.
Is es denn immer so fromm?«
    »I bewahre«, sagte Boto. »Nicht immer. Kommen Sie, liebe Frau Dörr, wir
wollen auch mal ziehn und sehn, was dabei herauskommt.«
    Und nun zog er wieder und las:
»Wo Amors Pfeil recht tief getroffen,
Da stehen Himmel und Hölle offen.
Nun, Frau Dörr, was sagen Sie dazu? das klingt schon anders; nicht wahr?«
    »Ja«, sagte Frau Dörr, »anders klingt es. Aber es gefällt mir nicht recht...
Wenn ich einen Knallbonbon ziehe...«
    »Nun?«
    »Da darf nichts von Hölle vorkommen, da will ich nich hören, dass es so was
gibt.«
    »Ich auch nicht«, lachte Lene. »Frau Dörr hat ganz recht; sie hat überhaupt
immer recht. Aber das ist wahr, wenn man solchen Vers liest, da hat man immer
gleich was zum Anfangen, ich meine zum Anfangen mit der Unterhaltung, denn
Anfangen is immer das schwerste, gerade wie beim Briefschreiben, und ich kann
mir eigentlich keine Vorstellung machen, wie man mit soviel fremden Damen (und
ihr kennt euch doch nicht alle) so gleich mir nichts, dir nichts ein Gespräch
anfangen kann.«
    »Ach, meine liebe Lene«, sagte Boto, »das ist nicht so schwer, wie du
denkst. Es ist sogar ganz leicht. Und wenn du willst, will ich dir gleich eine
Tischunterhaltung vormachen.«
    Frau Dörr und Frau Nimptsch drückten ihre Freude darüber aus, und auch Lene
nickte zustimmend.
    »Nun«, fuhr Baron Boto fort, »denke dir also, du wärst eine kleine Gräfin.
Und eben hab ich dich zu Tische geführt und Platz genommen, und nun sind wir
beim ersten Löffel Suppe.«
    »Gut. Gut. Aber nun?«
    »Und nun sag ich: Irr ich nicht, meine gnädigste Komtesse, so sah ich Sie
gestern in der Flora, Sie und Ihre Frau Mama. Nicht zu verwundern. Das Wetter
lockt ja jetzt täglich heraus, und man könnte schon von Reisewetter sprechen.
Haben Sie Pläne, Sommerpläne, meine gnädigste Gräfin? Und nun antwortest du, dass
leider noch nichts feststünde, weil der Papa durchaus nach dem Bayrischen wolle,
dass aber die Sächsische Schweiz mit dem Königstein und der Bastei dein
Herzenswunsch wäre.«
    »Das ist es auch wirklich«, lachte Lene.
    »Nun sieh, das trifft sich gut. Und so fahr ich denn fort: Ja, gnädigste
Komtesse, da begegnen sich unsere Geschmacksrichtungen. Ich ziehe die Sächsische
Schweiz ebenfalls jedem anderen Teile der Welt vor, namentlich auch der
eigentlichen Schweiz. Man kann nicht immer grosse Natur schwelgen, nicht immer
klettern und ausser Atem sein. Aber Sächsische Schweiz! Himmlisch, ideal. Da hab
ich Dresden; in einer Viertel- oder halben Stunde bin ich da, da seh ich Bilder,
Teater, Grossen Garten, Zwinger, Grünes Gewölbe. Versäumen Sie nicht, sich die
Kanne mit den törichten Jungfrauen zeigen zu lassen, und vor allem den
Kirschkern, auf dem das ganze Vaterunser steht. Alles bloss durch die Lupe zu
sehen.«
    »Und so sprecht ihr!«
    »Ganz so, mein Schatz. Und wenn ich mit meiner Nachbarin zur Linken, also
mit Komtesse Lene, fertig bin, so wend ich mich zu meiner Nachbarin zur Rechten,
also zu Frau Baronin Dörr...«
    Die Dörr schlug vor Entzücken mit der Hand aufs Knie, dass es einen lauten
Puff gab...
    »Zu Frau Baronin Dörr also. Und spreche nun worüber? Nun, sagen wir über
Morcheln.«
    »Aber mein Gott, Morcheln. Über Morcheln, Herr Baron, das geht doch nicht.«
    »O warum nicht, warum soll es nicht gehen, liebe Frau Dörr? Das ist ein sehr
ernstes und lehrreiches Gespräch und hat für manche mehr Bedeutung, als Sie
glauben. Ich besuchte mal einen Freund in Polen, Regiments- und Kriegskameraden,
der ein grosses Schloss bewohnte, rot und mit zwei dicken Türmen, und so furchtbar
alt, wie's eigentlich gar nicht mehr vorkommt. Und das letzte Zimmer war sein
Wohnzimmer; denn er war unverheiratet, weil er ein Weiberfeind war...«
    »Ist es möglich?«
    »Und überall waren morsche, durchgetretene Dielen, und immer, wo ein paar
Dielen fehlten, da war ein Morchelbeet, und an all den Morchelbeeten ging ich
vorbei, bis ich zuletzt in sein Zimmer kam.«
    »Ist es möglich?« wiederholte die Dörr und setzte hinzu: »Morcheln. Aber man
kann doch nicht immer von Morcheln sprechen.«
    »Nein, nicht immer. Aber oft oder wenigstens manchmal, und eigentlich ist es
ganz gleich, wovon man spricht. Wenn es nicht Morcheln sind, sind es
Champignons, und wenn es nicht das rote polnische Schloss ist, dann ist es
Schlösschen Tegel oder Saatwinkel oder Valentinswerder. Oder Italien oder Paris
oder die Stadtbahn, oder ob die Panke zugeschüttet werden soll. Es ist alles
ganz gleich. Über jedes kann man ja was sagen und ob's einem gefällt oder nicht.
Und ja ist geradesoviel wie nein.«
    »Aber«, sagte Lene, »wenn es alles so redensartlich ist, da wundert es mich,
dass ihr solche Gesellschaften mitmacht.«
    »O man sieht doch schöne Damen und Toiletten und mitunter auch Blicke, die,
wenn man gut aufpasst, einem eine ganze Geschichte verraten. Und jedenfalls
dauert es nicht lange, so dass man immer noch Zeit hat, im Club alles
nachzuholen. Und im Club ist es wirklich reizend, da hören die Redensarten auf,
und die Wirklichkeiten fangen an. Ich habe gestern Pitt seine Graditzer
Rappstute abgenommen.«
    »Wer ist Pitt?«
    »Ach, das sind so Namen, die wir nebenher führen, und wir nennen uns so,
wenn wir unter uns sind. Der Kronprinz sagt auch Vicky, wenn er Victoria meint.
Es ist ein wahres Glück, dass es solche Liebes- und Zärtlichkeitsnamen gibt. Aber
horch, eben fängt drüben das Konzert an. Können wir nicht die Fenster aufmachen,
dass wir's besser hören? Du wippst ja schon mit der Fussspitze hin und her. Wie
wär es, wenn wir anträten und einen Contre versuchten oder eine Française? Wir
sind drei Paare: Vater Dörr und meine gute Frau Nimptsch und dann Frau Dörr und
ich (ich bitte um die Ehre), und dann kommt Lene mit Hans.«
    Frau Dörr war sofort einverstanden, Dörr und Frau Nimptsch aber lehnten ab,
diese, weil sie zu alt sei, jener, weil er so was Feines nicht kenne.
    »Gut, Vater Dörr. Aber dann müssen Sie den Takt schlagen; Lene, gib ihm das
Kaffeebrett und einen Löffel. Und nun antreten, meine Damen. Frau Dörr, Ihren
Arm. Und nun Hans, aufwachen, flink, flink.«
    Und wirklich, beide Paare stellten sich auf, und Frau Dörr wuchs ordentlich
noch an Stattlichkeit, als ihr Partner in einem feierlichen
Tanzmeister-Französisch anhob: »En avant deux, pas de basque.« Der
sommersprossige, leider noch immer verschlafene Gärtnerjunge sah sich
maschinenmässig und ganz nach Art einer Puppe hin und her geschoben, die drei
andern aber tanzten wie Leute, die's verstehen, und entzückten den alten Dörr
derart, dass er sich von seinem Schemel erhob und statt mit dem Löffel mit seinem
Knöchel an das Kaffeebrett schlug. Auch der alten Frau Nimptsch kam die Lust
früherer Tage wieder, und weil sie nichts Besseres tun konnte, wühlte sie mit
dem Feuerhaken so lang in der Kohlenglut umher, bis die Flamme hoch aufschlug.
    So ging es, bis die Musik drüben schwieg; Boto führte Frau Dörr wieder an
ihren Platz, und nur Lene stand noch da, weil der ungeschickte Gärtnerjunge
nicht wusste, was er mit ihr machen sollte. Das aber passte Boto gerade, der, als
die Musik drüben wieder anhob, mit Lene zu walzen und ihr zuzuflüstern begann,
wie reizend sie sei, reizender denn je.
    Sie waren alle warm geworden, am meisten die gerade jetzt am offenen Fenster
stehende Frau Dörr. »Jott, mir schuddert so«, sagte sie mit einem Male, weshalb
Boto verbindlich aufsprang, um die Fenster zu schliessen. Aber Frau Dörr wollte
davon nichts wissen und behauptete: »Was die feinen Leute wären, die wären alle
für frische Luft, und manche wären so fürs Frische, dass ihnen im Winter das
Deckbett an den Mund fröre. Denn Atem wäre dasselbe wie Wrasen, grade wie der,
der aus der Tülle käm. Also die Fenster müssten aufbleiben, davon liesse sie
nicht. Aber wenn Lenechen so fürs Innerliche was hätte, so was für Herz und
Seele...«
    »Gewiss, liebe Frau Dörr; alles, was Sie wollen. Ich kann einen Tee machen
oder einen Punsch, oder noch besser, ich habe ja noch das Kirschwasser, das Sie
Mutter Nimptschen und mir letzten Weihnachten zu der grossen Mandelstolle
geschenkt haben...«
    Und ehe sich Frau Dörr zwischen Punsch und Tee entscheiden konnte, war auch
die Kirschwasserflasche schon da, mit Gläsern, grossen und kleinen, in die sich
nun jeder nach Gutdünken hineintat. Und nun ging Lene, den russigen Herdkessel in
der Hand, reihum und goss das kochsprudelnde Wasser ein. »Nicht zuviel, Leneken,
nicht zuviel. Immer aufs Ganze. Wasser nimmt die Kraft.« Und im Nu füllte sich
der Raum mit dem aufsteigenden Kirschmandelarom.
    »Ah, das hast du gut gemacht«, sagte Boto, während er aus dem Glase nippte.
»Weiss es Gott, ich habe gestern nichts gehabt und heute im Club erst recht
nicht, was mir so geschmeckt hätte. Hoch Lene! Das eigentliche Verdienst in der
Sache hat aber doch unsere Freundin, Frau Dörr, weil's ihr so geschuddert hat,
und so bring ich denn gleich noch eine zweite Gesundheit aus: Frau Dörr, sie
lebe hoch.«
    »Sie lebe hoch«, riefen alle durcheinander, und der alte Dörr schlug wieder
mit seinem Knöchel ans Brett.
    Alle fanden, dass es ein feines Getränk sei, viel feiner als Punschextrakt,
der im Sommer immer nach bittrer Zitrone schmecke, weil es meistens alte
Flaschen seien, die schon, von Fastnacht an, im Ladenfenster in der grellen
Sonne gestanden hätten. Kirschwasser aber, das sei was Gesundes und nie
verdorben, und ehe man sich mit dem Bittermandelgift vergifte, da müsste man doch
schon was Ordentliches einnehmen, wenigstens eine Flasche.
    Diese Bemerkung machte Frau Dörr, und der Alte, der es nicht darauf ankommen
lassen wollte, vielleicht weil er diese hervorragendste Passion seiner Frau
kannte, drang auf Aufbruch: »Morgen sei auch noch ein Tag.«
    Boto und Lene redeten zu, doch noch zu bleiben. Aber die gute Frau Dörr,
die wohl wusste, »dass man zuzeiten nachgeben müsse, wenn man die Herrschaft
behalten wolle«, sagte nur: »Lass, Leneken, ich kenn ihn; er geht nu mal mit die
Hühner zu Bett.« - »Nun«, sagte Boto, »wenn es beschlossen ist, ist es
beschlossen. Aber dann begleiten wir die Familie Dörr bis an ihr Haus.«
    Und damit brachen alle auf und liessen nur die alte Frau Nimptsch zurück, die
den Abgehenden freundlich und kopfnickend nachsah und dann aufstand und sich in
den Grossvaterstuhl setzte.
 
                                Fünftes Kapitel
Vor dem »Schloss« mit dem grün und rot gestrichenen Turme machten Boto und Lene
halt und baten Dörr in aller Förmlichkeit um Erlaubnis, noch in den Garten gehn
und eine halbe Stunde darin promenieren zu dürfen. Der Abend sei so schön. Vater
Dörr brummelte, dass er sein Eigentum in keinem bessren Schutz lassen könne,
worauf das junge Paar unter artigen Verbeugungen Abschied nahm und auf den
Garten zuschritt. Alles war schon zur Ruh, und nur Sultan, an dem sie vorbei
mussten, richtete sich hoch auf und winselte so lange, bis ihn Lene gestreichelt
hatte. Dann erst kroch er wieder in seine Hütte zurück.
    Drinnen im Garten war alles Duft und Frische, denn, den ganzen Hauptweg
hinauf, zwischen den Johannis- und Stachelbeersträuchern, standen Levkojen und
Reseda, deren feiner Duft sich mit dem kräftigeren der Tymianbeete mischte.
Nichts regte sich in den Bäumen, und nur Leuchtkäfer schwirrten durch die Luft.
    Lene hatte sich in Botos Arm gehängt und schritt mit ihm auf das Ende des
Gartens zu, wo, zwischen zwei Silberpappeln, eine Bank stand.
    »Wollen wir uns setzen?«
    »Nein«, sagte Lene, »nicht jetzt«, und bog in einen Seitenweg ein, dessen
hochstehende Himbeerbüsche fast über den Gartenzaun hinauswuchsen. »Ich gehe so
gern an deinem Arm. Erzähle mir etwas. Aber etwas recht Hübsches. Oder frage.«
    »Gut. Ist es dir recht, wenn ich mit den Dörrs anfange?«
    »Meinetwegen.«
    »Ein sonderbares Paar. Und dabei, glaub ich, glücklich. Er muss tun, was sie
will, und ist doch um vieles klüger.«
    »Ja«, sagte Lene, »klüger ist er, aber auch geizig und harterzig, und das
macht ihn gefügig, weil er beständig ein schlechtes Gewissen hat. Sie sieht ihm
scharf auf die Finger und leidet es nicht, wenn er jemand übervorteilen will.
Und das ist es, wovor er Furcht hat und was ihn nachgiebig macht.«
    »Und weiter nichts?«
    »Vielleicht auch noch Liebe, so sonderbar es klingt. Das heisst Liebe von
seiner Seite. Denn trotz seiner sechsundfünfzig oder mehr ist er noch wie
vernarrt in seine Frau, und bloss weil sie so gross ist. Beide haben mir die
wunderlichsten Geständnisse darüber gemacht. Ich bekenne dir offen, mein
Geschmack wäre sie nicht.«
    »Da hast du aber unrecht, Lene; sie macht eine Figur.«
    »Ja«, lachte Lene, »sie macht eine Figur, aber sie hat keine. Siehst du denn
gar nicht, dass ihr die Hüften eine Handbreit zu hoch sitzen? Aber so was seht
ihr nicht, und Figur und stattlich ist immer euer drittes Wort, ohne dass sich
wer drum kümmert, wo denn die Stattlichkeit eigentlich herkommt.«
    So plaudernd und neckend blieb sie stehn und bückte sich, um auf einem
langen und schmalen Erdbeerbeete, das sich in Front von Zaun und Hecke hinzog,
nach einer Früherdbeere zu suchen. Endlich hatte sie, was sie wollte, nahm das
Stengelchen eines wahren Prachtexemplares zwischen die Lippen und trat vor ihn
hin und sah ihn an.
    Er war auch nicht säumig, pflückte die Beere von ihrem Munde fort und
umarmte sie und küsste sie.
    »Meine süsse Lene, das hast du recht gemacht. Aber höre nur, wie Sultan
blafft; er will bei dir sein: soll ich ihn losmachen?«
    »Nein, wenn er hier ist, hab ich dich nur noch halb. Und sprichst du dann
gar noch von der stattlichen Frau Dörr, so hab ich dich so gut wie gar nicht
mehr.«
    »Gut«, lachte Boto, »Sultan mag bleiben, wo er ist. Ich bin es zufrieden.
Aber von Frau Dörr muss ich noch weiter sprechen. Ist sie wirklich so gut?«
    »Ja, das ist sie, trotzdem sie sonderbare Dinge sagt, Dinge, die wie
Zweideutigkeiten klingen und es auch sein mögen. Aber sie weiss nichts davon, und
in ihrem Tun und Wandel ist nicht das geringste, was an ihre Vergangenheit
erinnern könnte.«
    »Hat sie denn eine?«
    »Ja. Wenigstens stand sie jahrelang in einem Verhältnis und ging mit ihm,
wie sie sich auszudrücken pflegt. Und darüber ist wohl kein Zweifel, dass über
dies Verhältnis und natürlich auch über die gute Frau Dörr selbst viel, sehr
viel geredet worden ist. Und sie wird auch Anstoss über Anstoss gegeben haben. Nur
sie selber hat sich in ihrer Einfalt nie Gedanken darüber gemacht und noch
weniger Vorwürfe. Sie spricht davon wie von einem unbequemen Dienst, den sie
getreulich und ehrlich erfüllt hat, bloss aus Pflichtgefühl. Du lachst, und es
klingt auch sonderbar genug. Aber es lässt sich nicht anders sagen. Und nun
lassen wir die Frau Dörr und setzen uns lieber und sehen in die Mondsichel.«
    Wirklich, der Mond stand drüben über dem Elefantenhause, das in dem
niederströmenden Silberlichte noch phantastischer aussah als gewöhnlich. Lene
wies darauf hin, zog die Mantelkapuze fester zusammen und barg sich an seine
Brust.
    So vergingen ihr Minuten, schweigend und glücklich, und erst als sie sich
wie von einem Traume, der sich doch nicht festalten liess, wieder aufrichtete,
sagte sie: »Woran hast du gedacht? Aber du musst mir die Wahrheit sagen.«
    »Woran ich dachte, Lene? Ja, fast schäm ich mich, es zu sagen. Ich hatte
sentimentale Gedanken und dachte nach Haus hin an unsren Küchengarten in Schloss
Zehden, der genauso daliegt wie dieser Dörrsche, dieselben Salatbeete mit
Kirschbäumen dazwischen, und ich möchte wetten, auch ebenso viele Meisenkästen.
Und auch die Spargelbeete liefen so hin. Und dazwischen ging ich mit meiner
Mutter, und wenn sie guter Laune war, gab sie mir das Messer und erlaubte, dass
ich ihr half. Aber weh mir, wenn ich ungeschickt war und die Spargelstange zu
lang oder zu kurz abstach. Meine Mutter hatte eine rasche Hand.«
    »Glaub's. Und mir ist immer, als ob ich Furcht vor ihr haben müsste.«
    »Furcht? Wie das? Warum, Lene?«
    Lene lachte herzlich, und doch war eine Spur von Gezwungenheit darin. »Du
musst nicht gleich denken, dass ich vorhabe, mich bei der Gnädigen melden zu
lassen, und darfst es nicht anders nehmen, als ob ich gesagt hätte, ich fürchte
mich vor der Kaiserin. Würdest du deshalb denken, dass ich zu Hofe wollte? Nein,
ängstige dich nicht; ich verklage dich nicht.«
    »Nein, das tust du nicht. Dazu bist du viel zu stolz und eigentlich eine
kleine Demokratin und ringst dir jedes freundliche Wort nur so von der Seele.
Hab ich recht? Aber wie's auch sei, mache dir auf gut Glück hin ein Bild von
meiner Mutter. Wie sieht sie aus?«
    »Genauso wie du: gross und schlank und blauäugig und blond.«
    »Arme Lene« (und das Lachen war diesmal auf seiner Seite), »da hast du
fehlgeschossen. Meine Mutter ist eine kleine Frau mit lebhaften schwarzen Augen
und einer grossen Nase.«
    »Glaub es nicht. Das ist nicht möglich.«
    »Und ist doch so. Du musst nämlich bedenken, dass ich auch einen Vater habe.
Aber das fällt euch nie ein. Ihr denkt immer, ihr seid die Hauptsache. Und nun
sage mir noch etwas über den Charakter meiner Mutter. Aber rate besser.«
    »Ich denke mir sie sehr besorgt um das Glück ihrer Kinder.«
    »Getroffen...«
    »...Und dass all ihre Kinder reiche, das heisst sehr reiche Partien machen.
Und ich weiss auch, wen sie für dich in Bereitschaft hält.«
    »Eine Unglückliche, die du...«
    »Wie du mich verkennst. Glaube mir, dass ich dich habe, diese Stunde habe,
das ist mein Glück. Was daraus wird, das kümmert mich nicht. Eines Tages bist du
weggeflogen...«
    Er schüttelte den Kopf.
    »Schüttle nicht den Kopf; es ist so, wie ich sage. Du liebst mich und bist
mir treu, wenigstens bin ich in meiner Liebe kindisch und eitel genug, es mir
einzubilden. Aber wegfliegen wirst du, das seh ich klar und gewiss. Du wirst es
müssen. Es heisst immer, die Liebe mache blind, aber sie macht auch hell und
fernsichtig.«
    »Ach, Lene, du weisst gar nicht, wie lieb ich dich habe.«
    »Doch, ich weiss es. Und weiss auch, dass du deine Lene für was Besondres
hältst und jeden Tag denkst, wenn sie doch eine Gräfin wäre. Damit ist es nun
aber zu spät, das bring ich nicht mehr zuwege. Du liebst mich und bist schwach.
Daran ist nichts zu ändern. Alle schönen Männer sind schwach, und der Stärkre
beherrscht sie... Und der Stärkre... ja, wer ist dieser Stärkre? Nun entweder
ist's deine Mutter oder das Gerede der Menschen oder die Verhältnisse. Oder
vielleicht alles drei... Aber sieh nur.«
    Und sie wies nach dem »Zoologischen« hinüber, aus dessen Baum- und
Blätterdunkel eben eine Rakete zischend in die Luft fuhr und mit einem Puff in
zahllose Schwärmer zerstob. Eine zweite folgte der ersten, und so ging es
weiter, als ob sie sich jagen und überholen wollten, bis es mit einem Male
vorbei war und die Gebüsche drüben in einem grünen und roten Lichte zu glühen
anfingen. Ein paar Vögel in ihren Käfigen kreischten dazwischen, und dann fiel
nach einer langen Pause die Musik wieder ein.
    »Weisst du, Boto, wenn ich dich nun so nehmen und mit dir die Lästerallee
drüben auf und ab schreiten könnte, so sicher wie hier zwischen den
Buchsbaumrabatten, und könnte jedem sagen: Ja, wundert euch nur, er ist er und
ich bin ich, und er liebt mich und ich liebe ihn - ja, Boto, was glaubst du
wohl, was ich dafür gäbe? Aber rate nicht, du rätst es doch nicht. Ihr kennt ja
nur euch und euren Club und euer Leben. Ach, das arme bisschen Leben.«
    »Sprich nicht so, Lene.«
    »Warum nicht? Man muss allem ehrlich ins Gesicht sehn und sich nichts
weismachen lassen und vor allem sich selber nichts weismachen. Aber es wird
kalt, und drüben ist es auch vorbei. Das ist das Schlussstück, das sie jetzt
spielen. Komm, wir wollen uns drin an den Herd setzen, das Feuer wird noch nicht
aus sein, und die Alte ist längst zu Bett.«
    So gingen sie, während sie sich leicht an seine Schulter lehnte, den
Gartensteig wieder hinauf. Im »Schloss« brannte kein Licht mehr, und nur Sultan,
den Kopf aus seiner Hütte vorstreckend, sah ihnen nach. Aber er rührte sich
nicht und hatte bloss mürrische Gedanken.
 
                                Sechstes Kapitel
Es war die Woche darnach, und die Kastanien hatten bereits abgeblüht; auch in
der Bellevuestrasse. Hier hatte Baron Boto von Rienäcker eine zwischen einem
Front- und einem Gartenbalkon gelegene Parterrewohnung inne: Arbeitszimmer,
Esszimmer, Schlafzimmer, die sich sämtlich durch eine geschmackvolle, seine
Mittel ziemlich erheblich übersteigende Einrichtung auszeichneten. In dem
Esszimmer befanden sich zwei Hertelsche Stilleben und dazwischen eine Bärenhatz,
wertvolle Kopie nach Rubens, während in dem Arbeitszimmer ein Andreas
Achenbachscher »Seesturm«, umgeben von einigen kleineren Bildern desselben
Meisters, paradierte. Der Seesturm war ihm bei Gelegenheit einer Verlosung
zugefallen, und an diesem schönen und wertvollen Besitze hatte er sich zum
Kunstkenner und speziell zum Achenbach-Entusiasten herangebildet. Er scherzte
gern darüber und pflegte zu versichern, »dass ihm sein Lotterieglück, weil es ihn
zu beständig neuen Ankäufen verführt habe, teuer zu stehn gekommen sei«,
hinzusetzend, »dass es vielleicht mit jedem Glücke dasselbe sei«.
    Vor dem Sofa, dessen Plüsch mit einem persischen Teppich überdeckt war,
stand auf einem Malachittischchen das Kaffeegeschirr, während auf dem Sofa
selbst allerlei politische Zeitungen umherlagen, unter ihnen auch solche, deren
Vorkommen an dieser Stelle ziemlich verwunderlich war und nur aus dem Baron
Botoschen Lieblingssatze »Schnack gehe vor Politik« erklärt werden konnte.
Geschichten, die den Stempel der Erfindung an der Stirn trugen, sogenannte
»Perlen«, amüsierten ihn am meisten. Ein Kanarienvogel, dessen Bauer während der
Frühstückszeit allemal offenstand, flog auch heute wieder auf Hand und Schulter
seines ihn nur zu sehr verwöhnenden Herrn, der, anstatt ungeduldig zu werden,
das Blatt jedesmal beiseite tat, um den kleinen Liebling zu streicheln.
Unterliess er es aber, so drängte sich das Tierchen an Hals und Bart des Lesenden
und piepte so lang und eigensinnig, bis ihm der Wille getan war. »Alle Lieblinge
sind gleich«, sagte Baron Rienäcker, »und fordern Gehorsam und Unterwerfung.«
    In diesem Augenblicke ging die Korridorklingel, und der Diener trat ein, um
die draussen abgegebenen Briefe zu bringen. Der eine, graues Couvert in Quadrat,
war offen und mit einer Dreipfennigmarke frankiert. »Hamburger Lotterielos oder
neue Zigarren«, sagte Rienäcker und warf Couvert und Inhalt, ohne weiter
nachzusehen, beiseite. »Aber das hier... Ah, von Lene. Nun, den verspare ich mir
bis zuletzt, wenn ihm dieser dritte, gesiegelte, nicht den Rang streitig macht.
Ostensches Wappen. Also von Onkel Kurt Anton; Poststempel Berlin, will sagen:
schon da. Was wird er nur wollen? Zehn gegen eins, ich soll mit ihm frühstücken
oder einen Sattel kaufen oder ihn zu Renz begleiten, vielleicht auch zu Kroll;
am wahrscheinlichsten das eine tun und das andere nicht lassen.«
    Und er schnitt das Couvert, auf dem er auch Onkel Ostens Handschrift erkannt
hatte, mit einem auf dem Fensterbrett liegenden Messerchen auf und nahm den
Brief heraus. Der aber lautete:
    »Hotel Brandenburg, Nummer 15. Mein lieber Boto. Vor einer Stunde bin ich
hier unter eurer alten Berliner Devise vor Taschendieben wird gewarnt auf dem
Ostbahnhofe glücklich eingetroffen und habe mich in Hotel Brandenburg
einquartiert, will sagen an alter Stelle; was ein richtiger Konservativer ist,
ist es auch in kleinen Dingen. Ich bleibe nur zwei Tage, denn eure Luft drückt
mich. Es ist ein stickiges Nest. Alles andre mündlich. Ich erwarte Dich ein Uhr
bei Hiller. Dann wollen wir einen Sattel kaufen. Und dann abends zu Renz. Sei
pünktlich. Dein alter Onkel Kurt Anton.«
    Rienäcker lachte. »Dacht ich's doch! Und doch eine Neuerung. Früher war es
Borchardt, jetzt Hiller. Ei, ei, Onkelchen, was ein richtiger Konservativer ist,
ist es auch in kleinen Dingen... Und nun meine liebe Lene... Was Onkel Kurt
Anton wohl sagen würde, wenn er wüsste, in welcher Begleitung sein Brief und
seine Befehle hier eingetroffen sind.«
    Und während er so sprach, erbrach er Lenes Billet und las.
    »Es sind nun schon volle fünf Tage, dass ich Dich nicht gesehen habe. Soll es
eine volle Woche werden? Und ich dachte, Du müsstest den andern Tag wiederkommen,
so glücklich war ich den Abend. Und Du warst so lieb und gut. Mutter neckt mich
schon und sagt: Er kommt nicht wieder. Ach, wie mir das immer einen Stich ins
Herz gibt, weil es ja mal so kommen muss und weil ich fühle, dass es jeden Tag
kommen kann. Daran wurd ich gestern wieder erinnert. Denn wenn ich Dir eben
schrieb, ich hätte Dich fünf Tage lang nicht gesehen, so hab ich nicht die
Wahrheit gesagt, ich habe Dich gesehn, gestern, aber heimlich, verstohlen, auf
dem Korso. Denke Dir, ich war auch da, natürlich weit zurück in einer
Seiten-Alleh, und habe Dich eine Stunde lang auf und ab reiten sehn. Ach, ich
freute mich über die Massen, denn Du warst der stattlichste (beinah so stattlich
wie Frau Dörr, die sich Dir emphelen lässt), und ich hatte solchen Stolz, Dich zu
sehn, dass ich nicht einmal eifersüchtig wurde. Nur einmal kam es. Wer war denn
die schöne Blondine, mit den zwei Schimmeln, die ganz in einer Blumengirrlande
gingen? Und die Blumen so dicht, ganz ohne Blatt und Stiehl. So was Schönes hab
ich all mein Lebtag nicht gesehn. Als Kind hätt ich gedacht, es müss eine
Prinzessin sein, aber jetzt weiss ich, dass Prinzessinnen nicht immer die
schönsten sind. Ja, sie war schön und gefiehl Dir, ich sah es wohl, und Du
gefiehlst ihr auch. Aber die Mutter, die neben der schönen Blondine sass, der
gefiehlst Du noch besser. Und das ärgerte mich. Einer ganz jungen gönne ich
Dich, wenn's durchaus sein muss. Aber einer alten! Und nun gar einer Mama? Nein,
nein, die hat ihr Teil. Jedenfalls, mein einziger Boto, siehst Du, dass Du mich
wieder gutmachen und beruhigen musst. Ich erwarte Dich morgen oder übermorgen.
Und wenn Du nicht Abend kannst, so komme bei Tag, und wenn es nur eine Minute
wäre. Ich habe solche Angst um Dich, das heisst eigentlich um mich. Du verstehst
mich schon. Deine Lene.«
    »Deine Lene«, sprach er, die Briefunterschrift wiederholend, noch einmal vor
sich hin, und eine Unruhe bemächtigte sich seiner, weil ihm
allerwiderstreitendste Gefühle durchs Herz gingen: Liebe, Sorge, Furcht. Dann
durchlas er den Brief noch einmal. An zwei, drei Stellen konnt er sich nicht
versagen, ein Strichelchen mit dem silbernen Crayon zu machen, aber nicht aus
Schulmeisterei, sondern aus eitel Freude. »Wie gut sie schreibt! Kalligraphisch
gewiss und ortographisch beinah... Stiehl statt Stiel... Ja, warum nicht? Stiehl
war eigentlich ein gefürchteter Schulrat, aber, Gott sei Dank, ich bin keiner.
Und emphelen. Soll ich wegen f und h mit ihr zürnen? Grosser Gott, wer kann
empfehlen richtig schreiben? Die ganz jungen Komtessen nicht immer und die ganz
alten nie. Also was schadt's! Wahrhaftig, der Brief ist wie Lene selber, gut,
treu, zuverlässig, und die Fehler machen ihn nur noch reizender.«
    Er lehnte sich in den Stuhl zurück und legte die Hand über Stirn und Augen:
»Arme Lene, was soll werden! Es wär uns beiden besser gewesen, der Ostermontag
wäre diesmal ausgefallen. Wozu gibt es auch zwei Feiertage? Wozu Treptow und
Stralau und Wasserfahrten? Und nun der Onkel! Entweder kommt er wieder als
Abgesandter von meiner Mutter, oder er hat Pläne für mich aus sich selbst, aus
eigner Initiative. Nun, ich werde ja sehen. Eine diplomatische
Verstellungsschule hat er nicht durchgemacht, und wenn er zehn Eide geschworen
hat, zu schweigen, es kommt doch heraus. Ich will's schon erfahren, trotzdem ich
in der Kunst der Intrige gleich nach ihm selber komme.«
    dabei zog er ein Fach seines Schreibtisches auf, darin, von einem roten
Bändchen umwunden, schon andere Briefe Lenens lagen. Und nun klingelte er nach
dem Diener, der ihm beim Ankleiden behilflich sein sollte. »So, Johann, das wäre
getan... Und nun vergiss nicht, die Jalousien herunterzulassen. Und wenn wer
kommt und nach mir fragt, bis zwölf bin ich in der Kaserne, nach eins bei Hiller
und am Abend bei Renz. Und zieh auch die Jalousien zu rechter Zeit wieder auf,
dass ich nicht wieder einen Brütofen vorfinde. Und lass die Lampe vorn brennen.
Aber nicht in meinem Schlafzimmer; die Mücken sind wie toll in diesem Jahr.
Verstanden?«
    »Zu Befehl, Herr Baron.«
    Und unter diesem Gespräche, das schon halb im Korridor geführt worden war,
trat Rienäcker in den Hausflur, ziepte draussen im Vorgarten die dreizehnjährige,
sich gerad über den Wagen ihres kleinen Bruders beugende Portiertochter von
hinten her am Zopf und empfing einen wütenden, aber im Erkennungsmoment ebenso
rasch in Zärtlichkeit übergehenden Blick als Antwort darauf.
    Und nun erst trat er durch die Gittertür auf die Strasse. Hier sah er, unter
der grünen Kastanienlaube hin, abwechselnd auf das Tor und dann wieder nach dem
Tiergarten zu, wo sich, wie auf einem Camera-obscura-Glase, die Menschen und
Fuhrwerke geräuschlos hin und her bewegten. »Wie schön. Es ist doch wohl eine
der besten Welten.«
 
                               Siebentes Kapitel
Um zwölf war der Dienst in der Kaserne getan, und Boto von Rienäcker ging die
Linden hinunter aufs Tor zu, lediglich in der Absicht, die Stunde bis zum
Rendezvous bei Hiller, so gut sich's tun liess, auszufüllen. Zwei, drei
Bilderläden waren ihm dabei sehr willkommen. Bei Lepke standen ein paar Oswald
Achenbachs im Schaufenster, darunter eine palermitanische Strasse, schmutzig und
sonnig, und von einer geradezu frappierenden Wahrheit des Lebens und Kolorits.
»Es gibt doch Dinge, worüber man nie ins reine kommt. So mit den Achenbachs. Bis
vor kurzem hab ich auf Andreas geschworen; aber wenn ich so was sehe wie das
hier, so weiss ich nicht, ob ihm der Oswald nicht gleichkommt oder ihn überholt.
Jedenfalls ist er bunter und mannigfacher. All dergleichen aber ist mir bloss zu
denken erlaubt; vor den Leuten es aussprechen hiesse meinen Seesturm ohne Not auf
den halben Preis herabsetzen.«
    Unter solchen Betrachtungen stand er eine Zeitlang vor dem Lepkeschen
Schaufenster und ging dann, über den Pariser Platz hin, auf das Tor und die
schräg links führende Tiergartenallee zu, bis er vor der Wolffschen Löwengruppe
haltmachte. Hier sah er nach der Uhr. »Halb eins. Also Zeit.« Und so wandt er
sich wieder, um auf demselben Wege nach den Linden hin zurückzukehren. Vor dem
Redernschen Palais sah er Leutnant von Wedell von den Gardedragonern auf sich
zukommen.
    »Wohin, Wedell?«
    »In den Club. Und Sie?«
    »Zu Hiller.«
    »Etwas früh.«
    »Ja. Aber was hilft's? Ich soll mit einem alten Onkel von mir frühstücken,
neumärkisch Blut und just in dem Winkel zu Hause, wo Bentsch, Rentsch, Stentsch
liegen - lauter Reimwörter auf Mensch, selbstverständlich ohne weitre Konsequenz
oder Verpflichtung. Übrigens hat er, ich meine den Onkel, mal in Ihrem Regiment
gestanden. Freilich lange her, erste vierziger Jahre. Baron Osten.«
    »Der Wietzendorfer?«
    »Eben der.«
    »O den kenn ich, das heisst dem Namen nach. Etwas Verwandtschaft. Meine
Grossmutter war eine Osten. Ist doch derselbe, der mit Bismarck auf dem Kriegsfuss
steht?«
    »Derselbe. Wissen Sie was, Wedell, kommen Sie mit. Der Club läuft Ihnen
nicht weg und Pitt und Serge auch nicht; Sie finden sie um drei geradsogut wie
um eins. Der Alte schwärmt noch immer für Dragonerblau mit Gold und ist
Neumärker genug, um sich über jeden Wedell zu freuen.«
    »Gut, Rienäcker. Aber auf Ihre Verantwortung.«
    »Mit Vergnügen.«
    Unter solchem Gespräche waren sie bei Hiller angelangt, wo der alte Baron
bereits an der Glastür stand und ausschaute, denn es war eine Minute nach eins.
Er unterliess aber jede Bemerkung und war augenscheinlich erfreut, als Boto
vorstellte: »Leutnant von Wedell.«
    »Ihr Herr Neffe...«
    »Nichts von Entschuldigungen, Herr von Wedell, alles, was Wedell heisst, ist
mir willkommen, und wenn es diesen Rock trägt, doppelt und dreifach. Kommen Sie,
meine Herren, wir wollen uns aus diesem Stuhl- und Tischdefilee herausziehen
und, so gut es geht, nach rückwärts hin konzentrieren. Sonst nicht Preussensache;
hier aber ratsam.«
    Und damit ging er, um gute Plätze zu finden, vorauf und wählte nach Einblick
in verschiedene kleine Cabinets schliesslich ein mässig grosses, mit einem
lederfarbnen Stoff austapeziertes Zimmer, das trotz eines breiten und
dreigeteilten Fensters wenig Licht hatte, weil es auf einen engen und dunklen
Hof sah. Von einem hier zu vier gedeckten Tisch wurde im Nu das vierte Couvert
entfernt, und während die beiden Offiziere Pallasch und Säbel in die Fensterecke
stellten, wandte sich der alte Baron an den Oberkellner, der in einiger
Entfernung gefolgt war, und befahl einen Hummer und einen weissen Burgunder.
»Aber welchen, Boto?«
    »Sagen wir Chablis.«
    »Gut, Chablis. Und frisches Wasser. Aber nicht aus der Leitung; lieber so,
dass die Karaffe beschlägt. Und nun, meine Herren, bitte Platz zu nehmen: lieber
Wedell hier, Boto du da. Wenn nur diese Glut, diese verfrühte Hundstagshitze
nicht wäre. Luft, meine Herren, Luft. Ihr schönes Berlin, das immer schöner wird
(so versichern einen wenigstens alle, die nichts Besseres kennen), Ihr schönes
Berlin hat alles, aber keine Luft.« Und dabei riss er die grossen Fensterflügel
auf und setzte sich so, dass er die breite Mittelöffnung gerade vor sich hatte.
    Der Hummer war noch nicht gekommen, aber der Chablis stand schon da. Voll
Unruhe nahm der alte Osten eins der Brötchen aus dem Korb und schnitt es mit
ebensoviel Hast wie Virtuosität in Schrägstücke, bloss um etwas zu tun zu haben.
Dann liess er das Messer wieder fallen und reichte Wedell die Hand. »Ihnen
unendlich verbunden, Herr von Wedell, und brillanter Einfall von Boto, Sie dem
Club auf ein paar Stunden abspenstig gemacht zu haben. Ich nehm es als eine gute
Vorbedeutung, gleich bei meinem ersten Ausgang in Berlin einen Wedell begrüssen
zu dürfen.«
    Und nun begann er einzuschenken, weil er seiner Unruhe nicht länger Herr
bleiben konnte, befahl, eine Cliquot kalt zu stellen, und fuhr dann fort:
»Eigentlich, lieber Wedell, sind wir verwandt; es gibt keine Wedells, mit denen
wir nicht verwandt wären, und wenn's auch bloss durch einen Scheffel Erbsen wäre;
neumärkisch Blut ist in allen. Und wenn ich nun gar mein altes Dragonerblau
wiedersehe, da schlägt mir das Herz bis in den Hals hinein. Ja, Herr von Wedell,
alte Liebe rostet nicht. Aber da kommt der Hummer... Bitte, hier die grosse
Schere. Die Scheren sind immer das beste... Aber, was ich sagen wollte, alte
Liebe rostet nicht und der Schneid auch nicht. Und ich setze hinzu, Gott sei
Dank. Damals hatten wir noch den alten Dobeneck. Himmelwetter, war das ein Mann!
Ein Mann wie ein Kind. Aber wenn es mal schlecht ging und nicht klappen wollte,
wenn er einen dann ansah, den hätt ich sehen wollen, der den Blick ausgehalten
hätte. Richtiger alter Ostpreusse noch von Anno 13 und 14 her. Wir fürchteten
ihn, aber wir liebten ihn auch. Denn er war wie ein Vater. Und wissen Sie, Herr
von Wedell, wer mein Rittmeister war...?«
    In diesem Augenblicke kam auch der Champagner.
    »Mein Rittmeister war Manteuffel, derselbe, dem wir alles verdanken, der uns
die Armee gemacht hat und mit der Armee den Sieg.«
    Herr von Wedell verbeugte sich, während Boto leichtin sagte: »Gewiss, man
kann es sagen.«
    Aber das war nicht klug und weise von Boto, wie sich gleich herausstellen
sollte, denn der ohnehin an Kongestionen leidende alte Baron wurde rot über den
ganzen kahlen Kopf weg, und das bisschen krause Haar an seinen Schläfen schien
noch krauser werden zu wollen. »Ich verstehe dich nicht, Boto; was soll dies
Man kann es sagen, das heisst soviel wie Man kann es auch nicht sagen. Und ich
weiss auch, worauf das alles hinaus will. Es will andeuten, dass ein gewisser
Kürassieroffizier aus der Reserve, der im übrigen mit nichts in Reserve gehalten
hat, am wenigsten mit revolutionären Massnahmen, es will andeuten, sag ich, dass
ein gewisser Halberstädter mit schwefelgelbem Kragen eigentlich auch St. Privat
allerpersönlichst gestürmt und um Sedan herum den grossen Zirkel gezogen habe.
Boto, damit darfst du mir nicht kommen. Er war ein Referendar und hat auf der
Potsdamer Regierung gearbeitet, sogar unter dem alten Meding, der nie gut auf
ihn zu sprechen war, ich weiss das, und hat eigentlich nichts gelernt als
Depeschen schreiben. Soviel will ich ihm lassen, das versteht er, oder mit
andern Worten, er ist ein Federfuchser. Aber nicht die Federfuchser haben
Preussen gross gemacht. War der bei Fehrbellin ein Federfuchser? War der bei
Leuten ein Federfuchser? War Blücher ein Federfuchser oder Yorck? Hier sitzt
die preussische Feder. Ich kann diesen Kultus nicht leiden.«
    »Aber lieber Onkel...«
    »Aber, aber, ich dulde kein Aber. Glaube mir, Boto, zu solcher Frage, dazu
gehören Jahre; derlei Dinge versteh ich besser. Wie steht es denn? Er stösst die
Leiter um, drauf er emporgestiegen, und verbietet sogar die Kreuzzeitung, und
rundheraus, er ruiniert uns; er denkt klein von uns, er sagt uns Sottisen, und
wenn ihm der Sinn danach steht, verklagt er uns auf Diebstahl oder
Unterschlagung und schickt uns auf die Festung. Ach, was sag ich, auf die
Festung, Festung ist für anständige Leute, nein, ins Landarmenhaus schickt er
uns, um Wolle zu zupfen... Aber Luft, meine Herren, Luft. Sie haben keine Luft
hier. Verdammtes Nest.«
    Und er erhob sich und riss zu dem bereits offenstehenden Mittelflügel auch
noch die beiden Nebenflügel auf, so dass von dem Zuge, der ging, die Gardinen und
das Tischtuch ins Wehen kamen. Dann sich wieder setzend, nahm er ein Stück Eis
aus dem Champagnerkühler und fuhr sich damit über die Stirn.
    »Ah«, fuhr er fort, »das Stück Eis hier, das ist das beste vom ganzen
Frühstück... Und nun sagen Sie, Herr von Wedell, hab ich recht oder nicht?
Boto, Hand aufs Herz, hab ich recht? Ist es nicht so, dass man sich als ein
Märkischer von Adel aus reiner Edelmannsempörung einen Hochverratsprozess auf den
Leib reden möchte? Solchen Mann... aus unsrer besten Familie..., vornehmer als
die Bismarcks und so viele für Tron und Hohenzollerntum gefallen, dass man eine
ganze Leibcompagnie daraus formieren könnte, Leibcompagnie mit Blechmützen, und
der Boitzenburger kommandiert sie. Ja, meine Herren. Und solcher Familie solchen
Affront. Und warum? Unterschlagung, Indiskretion, Bruch von Amtsgeheimnis. Ich
bitte Sie, fehlt nur noch Kindsmord und Vergehen gegen die Sittlichkeit, und
wahrhaftig, es bleibt verwunderlich genug, dass nicht auch das noch
herausgedrückt worden ist. Aber die Herren schweigen. Ich bitte Sie, sprechen
Sie. Glauben Sie mir, dass ich andre Meinungen hören und ertragen kann; ich bin
nicht wie er; sprechen Sie, Herr von Wedell, sprechen Sie.«
    Wedell, in immer wachsender Verlegenheit, suchte nach einem Ausgleichs- und
Beruhigungsworte: »Gewiss, Herr Baron, es ist, wie Sie sagen. Aber, Pardon, ich
habe damals, als die Sache zum Austrag kam, vielfach aussprechen hören, und die
Worte sind mir im Gedächtnis geblieben, dass der Schwächere darauf verzichten
müsse, dem Stärkeren die Wege kreuzen zu wollen, das verbiete sich in Leben wie
Politik, es sei nun mal so: Macht gehe vor Recht.«
    »Und kein Widerspruch dagegen, kein Appell?«
    »Doch, Herr Baron. Unter Umständen auch ein Appell. Und um nichts zu
verschweigen, ich kenne solche Fälle gerechtfertigter Opposition. Was die
Schwäche nicht darf, das darf die Reinheit, die Reinheit der Überzeugung, die
Lauterkeit der Gesinnung. Die hat das Recht der Auflehnung, sie hat sogar die
Pflicht dazu. Wer aber hat diese Lauterkeit? Hatte sie... Doch ich schweige,
weil ich weder Sie, Herr Baron, noch die Familie, von der wir sprechen,
verletzen möchte. Sie wissen aber, auch ohne dass ich es sage, dass er, der das
Wagnis wagte, diese Lauterkeit der Gesinnung nicht hatte. Der bloss Schwächere
darf nichts, nur der Reine darf alles.«
    »Nur der Reine darf alles«, wiederholte der alte Baron mit einem so schlauen
Gesicht, dass es zweifelhaft blieb, ob er mehr von der Wahrheit oder der
Anfechtbarkeit dieser Tese durchdrungen sei. »Der Reine darf alles. Kapitaler
Satz, den ich mir mit nach Hause nehme. Der wird meinem Pastor gefallen, der
letzten Herbst den Kampf mit mir aufgenommen und ein Stück von meinem Acker
zurückgefordert hat. Nicht seinetwegen, i Gott bewahre, bloss um des Prinzips und
seines Nachfolgers willen, dem er nichts vergeben dürfe. Schlauer Fuchs. Aber
der Reine darf alles.«
    »Du wirst schon nachgeben in der Pfarrackerfrage«, sagte Boto. »Kenn ich
doch Schönemann noch von Sellentins her.«
    »Ja, da war er noch Hauslehrer und kannte nichts Besseres als die
Schulstunden abkürzen und die Spielstunden in die Länge ziehen. Und konnte
Reifen spielen wie ein junger Marquis; wahrhaftig, es war ein Vergnügen, ihm
zuzusehen. Aber nun ist er sieben Jahre im Amt, und du würdest den Schönemann,
der der gnädigen Frau den Hof machte, nicht wiedererkennen. Eins aber muss ich
ihm lassen, er hat beide Frölens gut erzogen und am besten deine Käte...«
    Boto sah den Onkel verlegen an, fast als ob er ihn um Diskretion bitten
wolle. Der alte Baron aber, überfroh, das heikle Tema so glücklich beim Schopfe
gefasst zu haben, fuhr in überströmender und immer wachsender guter Laune fort:
»Ach lass doch, Boto. Diskretion. Unsinn. Wedell ist Landsmann und wird von der
Geschichte so gut wissen wie jeder andere. Weshalb schweigen über solche Dinge.
Du bist doch so gut wie gebunden. Und weiss es Gott, Junge, wenn ich so die
Frölens Revue passieren lasse, 'ne bessere findest du nicht, Zähne wie Perlen und
lacht immer, dass man die ganze Schnur sieht. Eine Flachsblondine zum Küssen, und
wenn ich dreissig Jahre jünger wäre, höre...«
    Wedell, der Botos Verlegenheit bemerkte, wollte ihm zu Hilfe kommen und
sagte: »Die Sellentinschen Damen sind alle sehr anmutig, Mutter wie Töchter;
ich war vorigen Sommer mit ihnen in Nordernei, charmant, aber ich würde der
zweiten den Vorzug geben...«
    »Desto besser, Wedell. Da kommt ihr euch nicht in die Quer, und wir können
gleich eine Doppelhochzeit feiern. Und Schönemann kann trauen, wenn Kluckhuhn,
der wie alle Alten empfindlich ist, es zugibt, und ich will ihm nicht nur das
Fuhrwerk stellen, ich will ihm auch das Stück Pfarracker ohne weiteres zedieren,
wenn ich solche Hochzeit zwischen heut und einem Jahr erlebe. Sie sind reich,
lieber Wedell, und mit Ihnen pressiert es am Ende nicht. Aber sehen Sie sich
unsern Freund Boto an. Dass er so wohlgenährt aussieht, das verdankt er nicht
seiner Sandbüchse, die, die paar Wiesen abgerechnet, eigentlich nichts als eine
Kiefernschonung ist, und noch weniger seinem Muränensee. Muränensee, das klingt
wundervoll, und man könnte beinah sagen poetisch. Aber das ist auch alles. Man
kann von Muränen nicht leben. Ich weiss, du hörst nicht gerne davon, aber da wir
mal dabei sind, so muss es heraus. Wie liegt es denn? Dein Grossvater hat die
Heide runterschlagen lassen, und dein Vater selig - ein kapitaler Mann, aber ich
habe keinen Menschen je so schlecht L'hombre spielen sehn und so hoch dazu -,
dein Vater selig, sag ich, hat die fünfhundert Morgen Bruchacker an die
Jeseritzer Bauern parzelliert, und was von gutem Boden übriggeblieben ist, ist
nicht viel, und die dreissigtausend Taler sind auch längst wieder fort. Wärst du
allein, so möcht es gehn, aber du musst teilen mit deinem Bruder, und vorläufig
hat die Mama, meine Frau Schwester Liebden, das Ganze noch in Händen, eine
prächtige Frau, klug und gescheit, aber auch nicht auf die sparsame Seite
gefallen. Boto, wozu stehst du bei den Kaiserkürassieren, und wozu hast du eine
reiche Cousine, die bloss darauf wartet, dass du kommst und in einem regelrechten
Antrage das besiegelst und wahr machst, was die Eltern schon verabredet haben,
als ihr noch Kinder wart. Wozu noch überlegen? Höre, wenn ich morgen auf der
Rückreise bei deiner Mama mit vorfahren und ihr die Nachricht bringen könnte:
Liebe Josephine, Boto will, alles abgemacht, höre, Junge, das wäre mal was, das
einem alten Onkel, der's gut mit dir meint, eine Freude machen könnte. Reden Sie
zu, Wedell. Es ist Zeit, dass er aus der Garçonschaft herauskommt. Er vertut
sonst sein bisschen Vermögen oder verplempert sich wohl gar mit einer kleinen
Bourgeoise. Hab ich recht? Natürlich. Abgemacht. Und darauf müssen wir noch
anstossen. Aber nicht mit diesem Rest...« Und er drückte auf die Klingel.
    »Ein Heidsieck. Beste Marke.«
 
                                 Achtes Kapitel
Im Club befanden sich um eben diese Zeit zwei junge Kavaliere, der eine, von den
Gardes du Corps, schlank, gross und glatt, der andere, von den Pasewalkern
abkommandiert, etwas kleiner, mit Vollbart und nur vorschriftsmässig freiem Kinn.
Der weisse Damast des Tisches, dran sie gefrühstückt hatten, war
zurückgeschlagen, und an der freigewordenen Hälfte sassen beide beim Piquet.
    »Sechs Blatt mit 'ner Quart.«
    »Gut.«
    »Und du?«
    »Vierzehn As, drei Könige, drei Damen... Und du machst keinen Stich.« Und er
legte das Spiel auf den Tisch und schob im nächsten Augenblicke die Karten
zusammen, während der andere mischte.
    »Weisst du schon, Ella verheiratet sich.«
    »Schade.«
    »Warum schade?«
    »Sie kann dann nicht mehr durch den Reifen springen.«
    »Unsinn. Je mehr sie sich verheiraten, desto schlanker werden sie.«
    »Doch mit Ausnahme. Viele Namen aus der Zirkusaristokratie blühen schon in
der dritten und vierten Generation, was denn doch einigermassen auf
Wechselzustände von schlank und nicht-schlank oder, wenn du willst, auf Neumond
und erstes Viertel etc. hinweist.«
    »Irrtum. Error in calculo. Du vergisst Adoption. Alle diese Zirkusleute sind
heimliche Gichtelianer und vererben nach Plan und Abmachung ihr Vermögen, ihr
Ansehen und ihren Namen. Es scheinen dieselben und sind doch andere geworden.
Immer frisches Blut. Heb ab... Übrigens hab ich noch eine zweite Nachricht.
Afzelius kommt in den Generalstab.«
    »Welcher?«
    »Der von den Ulanen.«
    »Unmöglich.«
    »Moltke hält grosse Stücke auf ihn, und er soll eine vorzügliche Arbeit
gemacht haben.«
    »Imponiert mir nicht. Alles Biblioteks- und Abschreibesache. Wer nur ein
bisschen findig ist, kann Bücher leisten wie Humboldt oder Ranke.«
    »Quart. Vierzehn As.«
    »Quint vom König.«
    Und während die Stiche gemacht wurden, hörte man in dem Billardzimmer
nebenan das Klappen der Bälle und das Fallen der kleinen Boulekegel.
Nur sechs oder acht Herren waren alles in allem in den zwei hintern Clubzimmern,
die mit ihrer Schmalseite nach einem sonnigen und ziemlich langweiligen Garten
hinaussahn, versammelt, alle schweigsam, alle mehr oder weniger in ihr Whist
oder Domino vertieft, nicht zum wenigsten die zwei piquetspielenden Herren, die
sich eben über Ella und Afzelius unterhalten hatten. Es ging hoch, weshalb beide
von ihrem Spiel erst wieder aufsahen, als sie, durch eine offne Rundbogennische,
von dem nebenherlaufenden Zimmer her eines neuen Ankömmlings gewahr wurden. Es
war Wedell.
    »Aber Wedell, wenn Sie nicht eine Welt von Neuigkeiten mitbringen, so
belegen wir Sie mit dem grossen Bann.«
    »Pardon, Serge, es war keine bestimmte Verabredung.«
    »Aber doch beinah. Übrigens finden Sie mich persönlich in nachgiebigster
Stimmung. Wie Sie sich mit Pitt auseinandersetzen wollen, der eben 150 Points
verloren, ist Ihre Sache.«
    dabei schoben beide die Karten beiseit, und der von dem herzukommenden
Wedell als Serge Begrüsste zog seine Remontoiruhr und sagte: »Drei Uhr fünfzehn.
Also Kaffee. Irgend ein Philosoph, und es muss einer der grössten gewesen sein,
hat einmal gesagt, dass sei das Beste im Kaffee, dass er in jede Situation und
Tagesstunde hineinpasse. Wahrhaftig, Wort eines Weisen. Aber wo nehmen wir ihn?
Ich denke, wir setzen uns draussen auf die Terrasse, mitten in die Sonne. Je mehr
man das Wetter brüskiert, desto besser fährt man. Also, Pehlecke, drei Tassen.
Ich kann das Umfallen der Boulekegel nicht mehr mit anhören, es macht mich
nervös; draussen haben wir freilich auch Lärm, aber doch anders, und hören statt
des spitzen Klappertons das Poltern und Donnern unserer unterirdischen
Kegelbahn, wobei wir uns einbilden können, am Vesuv oder Ätna zu sitzen. Und
warum auch nicht? Alle Genüsse sind schliesslich Einbildung, und wer die beste
Phantasie hat, hat den grössten Genuss. Nur das Unwirkliche macht den Wert und ist
eigentlich das einzig Reale.«
    »Serge«, sagte der andere, der beim Piquetspielen als Pitt angeredet worden
war, »wenn du mit deinen berühmten grossen Sätzen so fortfährst, so bestrafst du
Wedell härter, als er verdient. Ausserdem hast du Rücksicht auf mich zu nehmen,
weil ich verloren habe. So, hier wollen wir bleiben, den Lawn im Rücken, diesen
Efeu neben uns und eine kahle Wand en vue. Himmlischer Aufentalt für Seiner
Majestät Garde! Was wohl der alte Fürst Pückler zu diesem Clubgarten gesagt
haben würde. Pehlecke... so, hier den Tisch her, jetzt geht's. Und zum Schluss
eine Cuba von Ihrem gelagertsten Lager. Und nun, Wedell, wenn Ihnen verziehen
werden soll, schütteln Sie Ihr Gewand, bis ein neuer Krieg herausfällt oder
irgendeine andere grosse Nachricht. Sie sind ja durch Puttkamers mit unserem
lieben Herrgott verwandt. Mit welchem, brauch ich nicht erst hinzuzusetzen. Was
kocht er wieder?«
    »Pitt«, sagte Wedell, »ich beschwöre Sie, nur keine Bismarckfragen. Denn
erstlich wissen Sie, dass ich nichts weiss, weil Vettern im 17. Grad nicht gerade
zu den Intimen und Vertrauten des Fürsten gehören, zum zweiten aber komme ich,
statt vom Fürsten, recte von einem Bolzenschiessen her, das sich mit einigen
Treffern und vielen, vielen Nichttreffern gegen niemand anders als gegen Seine
Durchlaucht richtete.«
    »Und wer war dieser kühne Schütze?«
    »Der alte Baron Osten, Rienäckers Onkel. Charmanter alter Herr und
Bon-Garçon. Aber freilich auch Pfiffikus.«
    »Wie alle Märker.«
    »Bin auch einer.«
    »Tant mieux. Da wissen Sie's von sich selbst. Aber heraus mit der Sprache.
Was sagte der Alte?«
    »Vielerlei. Das Politische kaum der Rede wert, aber ein anderes desto
wichtiger: Rienäcker steht vor einer scharfen Ecke.«
    »Und vor welcher?«
    »Er soll heiraten.«
    »Und das nennen Sie eine scharfe Ecke? Ich bitte Sie, Wedell, Rienäcker
steht vor einer viel schärferen: er hat 9000 jährlich und gibt 12000 aus, und
das ist immer die schärfste aller Ecken, jedenfalls schärfer als die
Heirats-Ecke. Heiraten ist für Rienäcker keine Gefahr, sondern die Rettung.
Übrigens hab ich es kommen sehen. Und wer ist es denn?«
    »Eine Cousine!«
    »Natürlich. Retterin und Cousine sind heutzutage fast identisch. Und ich
wette, dass sie Paula heisst. Alle Cousinen heissen jetzt Paula.«
    »Diese nicht.«
    »Sondern?«
    »Käte.«
    »Käte? Ah, da weiss ich's. Käte Sellentin. Hm, nicht übel, glänzende
Partie. Der alte Sellentin, es ist doch der mit dem Pflaster überm Auge, hat
sechs Güter, und die Vorwerke mit eingerechnet, sind es sogar dreizehn. Geht zu
gleichen Teilen, und das dreizehnte kriegt Käte noch als Zuschlag.
Gratuliere...«
    »Sie kennen sie?«
    »Gewiss. Wundervolle Flachsblondine mit Vergissmeinnichtaugen, aber trotzdem
nicht sentimental, weniger Mond als Sonne. Sie war hier bei der Zülow in Pension
und wurde mit vierzehn schon umcourt und umworben.«
    »In der Pension?«
    »Nicht direkt und nicht alltags, aber doch sonntags, wenn sie beim alten
Osten zu Tische war, demselben, von dem Sie jetzt herkommen. Käte, Käte
Sellentin... sie war damals wie 'ne Bachstelze, und wir nannten sie so, und war
der reizendste Backfisch, den Sie sich denken können. Ich seh noch ihren
Haardutt, den wir immer den Wocken nannten. Und den soll Rienäcker nun
abspinnen. Nun warum nicht? Es wird ihm so schwer nicht werden.«
    »Am Ende doch schwerer, als mancher denkt«, antwortete Wedell. »Und so gewiss
er der Aufbesserung seiner Finanzen bedarf, so bin ich doch nicht sicher, dass er
sich für die blonde Speziallandsmännin ohne weiteres entscheiden wird. Rienäcker
ist nämlich seit einiger Zeit in einen andren Farbenton, und zwar ins
Aschfarbene, gefallen, und wenn es wahr ist, was mir Balafré neulich sagte, so
hat er sich's ganz ernstaft überlegt, ob er nicht seine Weisszeug-Dame zur
Weissen Dame erheben soll. Schloss Avenel oder Schloss Zehden macht ihm keinen
Unterschied, Schloss ist Schloss, und Sie wissen, Rienäcker, der überhaupt in
manchem seinen eignen Weg geht, war immer fürs Natürliche.«
    »Ja«, lachte Pitt. »Das war er. Aber Balafré schneidet auf und erfindet sich
interessante Geschichten. Sie sind nüchtern, Wedell, und werden doch solch
erfundenes Zeug nicht glauben wollen.«
    »Nein, Erfundenes nicht«, sagte Wedell. »Aber ich glaube, was ich weiss.
Rienäcker, trotz seiner sechs Fuss, oder vielleicht auch gerade deshalb, ist
schwach und bestimmbar und von einer seltenen Weichheit und Herzensgüte.«
    »Das ist er. Aber die Verhältnisse werden ihn zwingen, und er wird sich
lösen und frei machen, schlimmstenfalls wie der Fuchs aus dem Eisen. Es tut weh,
und ein Stückchen Leben bleibt dran hängen. Aber das Hauptstück ist doch wieder
heraus, wieder frei. Vive Käte. Und Rienäcker! Wie sagt das Sprichwort: Mit dem
Klugen ist Gott.«
 
                                Neuntes Kapitel
Boto schrieb denselben Abend noch an Lene, dass er am andern Tage kommen würde,
vielleicht schon früher als gewöhnlich. Und er hielt Wort und war eine Stunde
vor Sonnenuntergang da. Natürlich fand er auch Frau Dörr. Es war eine prächtige
Luft, nicht zu warm, und nachdem man noch eine Weile geplaudert hatte, sagte
Boto: »Wir könnten vielleicht in den Garten gehen.«
    »Ja, in den Garten. Oder sonst wohin?«
    »Wie meinst du?«
    Lene lachte. »Sei nicht wieder in Sorge, Boto. Niemand ist in den
Hinterhalt gelegt, und die Dame mit dem Schimmelgespann und der Blumengirlande
wird dir nicht in den Weg treten.«
    »Also wohin, Lene?«
    »Bloss ins Feld, ins Grüne, wo du nichts haben wirst als Gänseblümchen und
mich. Und vielleicht auch Frau Dörr, wenn sie die Güte haben will, uns zu
begleiten.«
    »Ob sie will«, sagte Frau Dörr. »Gewiss will sie. Grosse Ehre. Aber man muss
sich doch erst ein bisschen zurechtmachen. Ich bin gleich wieder da.«
    »Nicht nötig, Frau Dörr, wir holen Sie ab.«
Und so geschah es, und als das junge Paar eine Viertelstunde später auf den
Garten zuschritt, stand Frau Dörr schon an der Tür, einen Umhang überm Arm und
einen prachtvollen Hut auf dem Kopf, ein Geschenk Dörrs, der, wie alle
Geizhälse, mitunter etwas lächerrlich Teures kaufte.
    Boto sagte der so Herausgeputzten etwas Schmeichelhaftes, und gleich danach
gingen alle drei den Gang hinunter und traten durch ein verstecktes
Seitenpförtchen auf einen Feldweg hinaus, der hier, wenigstens zunächst noch und
eh er weiter abwärts in das freie Wiesengrün einbog, an dem an seiner Aussenseite
hoch in Nesseln stehenden Gartenzaun hinlief.
    »Hier bleiben wir«, sagte Lene. »Das ist der hübscheste Weg und der
einsamste. Da kommt niemand.«
    Und wirklich, es war der einsamste Weg, um vieles stiller und menschenleerer
als drei, vier andere, die parallel mit ihm über die Wiese hin auf Wilmersdorf
zu führten und zum Teil ein eigentümliches Vorstadtsleben zeigten. An dem einen
dieser Wege befanden sich allerlei Schuppen, zwischen denen reckartige, wie für
Turner bestimmte Gerüste standen und Botos Neugier weckten, aber eh er noch
erkunden konnte, was es denn eigentlich sei, gab ihm das Tun drüben auch schon
Antwort auf seine Frage: Decken und Teppiche wurden über die Gerüste hin
ausgebreitet, und gleich danach begann ein Klopfen und Schlagen mit grossen
Rohrstöcken, so dass der Weg drüben alsbald in einer Staubwolke lag.
    Boto wies darauf hin und wollte sich eben mit Frau Dörr in ein Gespräch
über den Wert oder Unwert der Teppiche vertiefen, die, bei Lichte besehen, doch
bloss Staubfänger seien, »und wenn einer nicht fest auf der Brust sei, so hätt er
die Schwindsucht weg, er wisse nicht wie«. Mitten im Satz aber brach er ab, weil
der von ihm eingeschlagene Weg in eben diesem Augenblick an einer Stelle
vorüberführte, wo der Schutt einer Bildhauerwerkstatt abgeladen sein musste, denn
allerhand Stuckornamente, namentlich Engelsköpfe, lagen in grosser Zahl umher.
    »Das ist ein Engelskopf«, sagte Boto. »Sehen Sie, Frau Dörr. Und hier ist
sogar ein geflügelter.«
    »Ja«, sagte Frau Dörr. »Und ein Pausback dazu. Aber is es denn ein Engel?
Ich denke, wenn er so klein is und Flügel hat, heisst er Amor.«
    »Amor oder Engel«, sagte Boto, »das ist immer dasselbe. Fragen Sie nur
Lene, die wird es bestätigen. Nicht wahr, Lene?«
    Lene tat empfindlich, aber er nahm ihre Hand, und alles war wieder gut.
    Unmittelbar hinter dem Schuttaufen bog der Pfad nach links hin ab und
mündete gleich danach in einen etwas grösseren Feldweg ein, dessen Pappelweiden
eben blühten und ihre flockenartigen Kätzchen über die Wiese hin ausstreuten,
auf der sie nun wie gezupfte Watte dalagen.
    »Sieh, Lene«, sagte Frau Dörr, »weisst du denn, dass sie jetzt Betten damit
stopfen, ganz wie mit Federn? Und sie nennen es Waldwolle.«
    »Ja, ich weiss, Frau Dörr. Und ich freue mich immer, wenn die Leute so was
ausfinden und sich zunutze machen. Aber für Sie wär es nichts.«
    »Nein, Lene, für mich wär es nich. Da hast du recht. Ich bin so mehr fürs
Feste, für Pferdehaar und Sprungfedern, und wenn es denn so wuppt...«
    »O ja«, sagte Lene, der diese Beschreibung etwas ängstlich zu werden anfing.
»Ich fürchte bloss, dass wir Regen kriegen. Hören Sie nur die Frösche, Frau Dörr.«
    »Ja, die Poggen«, bestätigte diese. »Nachts ist es mitunter ein Gequake, dass
man nicht schlafen kann. Und woher kommt es? Weil hier alles Sumpf is und bloss
so tut, als ob es Wiese wäre. Sieh doch den Tümpel an, wo der Storch steht und
kuckt gerade hierher. Na, nach mir sieht er nich. Da könnt er lange sehn. Und is
auch recht gut so.«
    »Wir müssen am Ende doch wohl umkehren«, sagte Lene verlegen, und eigentlich
nur, um etwas zu sagen.
    »I bewahre«, lachte Frau Dörr. »Nun erst recht nich, Lene: du wirst dich
doch nich graulen und noch dazu vor so was. Adebar, du guter, bring mir... Oder
soll ich lieber singen: Adebar, du bester?«
    So ging es noch eine Weile weiter, denn Frau Dörr brauchte Zeit, um von
einem solchen Lieblingstema wieder loszukommen.
    Endlich aber war doch eine Pause da, während welcher man in langsamem Tempo
weiterschritt, bis man zuletzt an einen Höhenrücken kam, der sich hier
plateauartig von der Spree nach der Havel hinüberzieht. An eben dieser Stelle
hörten auch die Wiesen auf, und Korn- und Rapsfelder fingen an, die sich bis an
die vorderste Häuserreihe von Wilmersdorf zogen.
    »Nun bloss da noch rauf«, sagte Frau Dörr, »und dann setzen wir uns und
pflücken Butterblumen und flechten uns einen Stengelkranz. Jott, das macht immer
soviel Spass, wenn man den einen Stengel in den andern piekt, bis der Kranz
fertig is oder die Kette.«
    »Wohl, wohl«, sagte Lene, der es heute beschieden war, aus kleinen
Verlegenheiten gar nicht herauszukommen. »Wohl, wohl. Aber nun kommen Sie, Frau
Dörr; hier geht der Weg.«
    Und so sprechend, stiegen sie den niedrigen Abhang hinauf und setzten sich,
oben angekommen, auf einen hier seit letztem Herbst schon aus Peden und Nesseln
zusammengekarrten Unkrautaufen. Dieser Pedenhaufen war ein prächtiger
Ruheplatz, zugleich auch ein Aussichtspunkt, von dem aus man über einen von
Werft und Weiden eingefassten Graben hin nicht nur die nördliche Häuserreihe von
Wilmersdorf überblicken, sondern auch von einer benachbarten Kegelbahntabagie
her das Fallen der Kegel und vor allem das Zurückrollen der Kugel auf zwei
klapprigen Latten in aller Deutlichkeit hören konnte. Lene vergnügte sich über
die Massen darüber, nahm Botos Hand und sagte: »Sieh, Boto, ich weiss so gut
Bescheid damit (denn als Kind wohnten wir auch neben einer solchen Tabagie), dass
ich, wenn ich die Kugel bloss aufsetzen höre, gleich weiss, wieviel sie machen
wird.«
    »Nun«, sagte Boto, »da können wir ja wetten.«
    »Und um was?«
    »Das findet sich.«
    »Gut. Aber ich brauch es nur dreimal zu treffen, und wenn ich schweige, so
zählt es nicht.«
    »Bin es zufrieden.«
    Und nun horchten alle drei hinüber, und die mit jedem Moment erregter
werdende Frau Dörr verschwor sich hoch und teuer, ihr puppre das Herz und ihr
sei geradeso, wie wenn sie vor einem Teatervorhang sitze. »Lene, Lene, du hast
dir zuviel zugetraut, Kind, das is ja gar nich möglich.«
    So wär es wohl noch weitergegangen, wenn man nicht in eben diesem
Augenblicke gehört hätte, dass eine Kugel aufgesetzt und nach einmaligem dumpfen
Anschlag an die Seitenbande wieder still wurde. »Sandhase«, rief Lene. Und
richtig, so war es.
    »Das war leicht«, sagte Boto. »Zu leicht. Das hätt ich auch geraten. Sehen
wir also, was kommt.«
    Und siehe da, zwei weitere Würfe folgten, ohne dass Lene gesprochen oder sich
auch nur gerührt hätte. Nur Frau Dörrs Augen traten immer mehr aus dem Kopf.
Jetzt aber, und Lene hob sich sofort von ihrem Platz, kam eine kleine, feste
Kugel, und in einem eigentümlichen Mischton von Elastizität und Härte hörte man
sie vibrierend über das Brett hintanzen. »Alle neun«, rief Lene. Und im Nu gab
es drüben ein Fallen, und der Kegeljunge bestätigte nur, was kaum noch der
Bestätigung bedurfte.
    »Du sollst gewonnen haben, Lene. Wir essen heute noch ein Vielliebchen, und
dann geht alles in einem. Nicht wahr, Frau Dörr?«
    »Versteht sich«, zwinkerte diese, »alles in einem.« Und dabei band sie den
Hut ab und beschrieb Kreise damit, wie wenn es ihr Marktut gewesen wäre.
    Mittlerweile sank die Sonne hinter den Wilmersdorfer Kirchturm, und Lene
schlug vor, aufzubrechen und den Rückweg anzutreten, »es werde so fröstlich;
unterwegs aber wollte man spielen und sich greifen; sie sei sicher, Boto werde
sie nicht fangen«.
    »Ei, da wollen wir doch sehn.«
    Und nun begann ein Jagen und Haschen, bei dem Lene wirklich nicht gefangen
werden konnte, bis sie zuletzt vor Lachen und Aufregung so abgeäschert war, dass
sie sich hinter die stattliche Frau Dörr flüchtete.
    »Nun hab ich meinen Baum«, lachte sie, »nun kriegst du mich erst recht
nicht.« Und dabei hielt sie sich an Frau Dörrs etwas abstehender Schossjacke fest
und schob die gute Frau so geschickt nach rechts und links, dass sie sich eine
Zeitlang mit Hilfe derselben deckte. Plötzlich aber war Boto neben ihr, hielt
sie fest und gab ihr einen Kuss.
    »Das ist gegen die Regel; wir haben nichts ausgemacht.« Aber trotz solcher
Abweisung hing sie sich doch an seinen Arm und kommandierte, während sie die
Garde-Schnarrstimme nachahmte, »Parademarsch... frei weg«, und ergötzte sich an
den bewundernden und nicht enden wollenden Ausrufen, womit die gute Frau Dörr
das Spiel begleitete.
    »Is es zu glauben?« sagte diese. »Nein, es is nicht zu glauben. Un immer so
un nie anders. Un wenn ich denn an meinen denke! Nicht zu glauben, sag ich. Un
war doch auch einer. Un tat auch immer so.«
    »Was meint sie nur?« fragte Boto leise.
    »Oh, sie denkt wieder... Aber, du weisst ja... Ich habe dir ja davon
erzählt.«
    »Ach, das ist es. Der. Nun, er wird wohl so schlimm nicht gewesen sein.«
    »Wer weiss. Zuletzt ist einer wie der andere.«
    »Meinst du?«
    »Nein.« Und dabei schüttelte sie den Kopf, und in ihrem Auge lag etwas von
Weichheit und Rührung. Aber sie wollte diese Stimmung nicht aufkommen lassen und
sagte deshalb rasch: »Singen wir, Frau Dörr. Singen wir. Aber was?«
    »Morgenrot...«
    »Nein, das nicht... Morgen in das kühle Grab, das ist mir zu traurig. Nein,
singen wir Übers Jahr, übers Jahr oder noch lieber Denkst du daran.«
    »Ja, das is recht, das is schön: das is mein Leib-und Magenlied.«
    Und mit gut eingeübter Stimme sangen alle drei das Lieblingslied der Frau
Dörr, und man war schon bis in die Nähe der Gärtnerei gekommen, als es noch
immer über das Feld hinklang »Ich denke dran... ich danke dir mein Leben« und
dann von der andren Wegseite her, wo die lange Reihe der Schuppen und Remisen
stand, im Echo widerhallte.
    Die Dörr war überglücklich. Aber Lene und Boto waren ernst geworden.
 
                                Zehntes Kapitel
Es dunkelte schon, als man wieder vor der Wohnung der Frau Nimptsch war, und
Boto, der seine Heiterkeit und gute Laune rasch zurückgewonnen hatte, wollte
nur einen Augenblick noch mit hineinsehn und sich gleich danach verabschieden.
Als ihn Lene jedoch an allerlei Versprechungen und Frau Dörr mit Betonung und
Augenspiel an das noch ausstehende Vielliebchen erinnerte, gab er nach und
entschloss sich, den Abend über zu bleiben.
    »Das is recht«, sagte die Dörr. »Und ich bleibe nun auch. Das heisst, wenn
ich bleiben darf und bei dem Vielliebchen nicht störe. Denn man kann doch nie
wissen. Und ich will bloss noch den Hut nach Hause bringen und den Umhang. Und
denn komm ich wieder.«
    »Gewiss müssen Sie wiederkommen«, sagte Boto, während er ihr die Hand gab.
»So jung kommen wir nicht wieder zusammen.«
    »Nein, nein«, lachte die Dörr, »so jung kommen wir nich wieder zusammen. Un
is auch eigentlich ganz unmöglich, un wenn wir auch morgen schon wieder
zusammenkämen. Denn ein Tag is doch immer ein Tag und macht auch schon was aus.
Und deshalb is es ganz richtig, dass wir so jung nich wieder zusammenkommen. Und
muss sich jeder gefallen lassen.«
    In dieser Tonart ging es noch eine Weile weiter, und die von niemandem
bestrittene Tatsache des täglichen Älterwerdens gefiel ihr so, dass sie dieselbe
noch einige Male wiederholte. Dann erst ging sie. Lene begleitete sie bis auf
den Flur, Boto seinerseits aber setzte sich neben Frau Nimptsch und fragte,
während er ihr das von der Schulter gefallene Umschlagetuch wieder umhing, »ob
sie noch böse sei, dass er ihr die Lene wieder auf ein paar Stunden entführt
habe. Aber es sei so hübsch gewesen, und oben auf dem Pedenhaufen, wo sie sich
ausgeruht und geplaudert hätten, hätten sie der Zeit ganz vergessen.«
    »Ja, die Glücklichen vergessen die Zeit«, sagte die Alte. »Und die Jugend is
glücklich, un is auch gut so un soll so sein. Aber wenn man alt wird, lieber
Herr Baron, da werden einen die Stunden lang un man wünscht sich die Tage fort
un das Leben auch.«
    »Ach, das sagen Sie so, Mutterchen. Alt oder jung, eigentlich lebt doch
jeder gern. Nicht wahr, Lene, wir leben gern?«
    Lene war eben wieder vom Flur her in die Stube getreten und lief wie
getroffen von dem Wort auf ihn zu und umhalste und küsste ihn und war überhaupt
von einer Leidenschaftlichkeit, die ihr sonst ganz fremd war.
    »Lene, was hast du nur?«
    Aber sie hatte sich schon wieder gesammelt und wehrte mit rascher
Handbewegung seine Teilnahme ab, wie wenn sie sagen wollte: »Frage nicht.« Und
nun ging sie, während Boto mit Frau Nimptsch weitersprach, auf das Küchenschapp
zu, kramte drin umher und kam gleich danach und völlig heitern Gesichts mit
einem kleinen, in blaues Zuckerpapier genähten Buche zurück, das ganz das
Aussehen hatte wie die, drin Hausfrauen ihre täglichen Ausgaben aufschreiben.
Dazu diente das Büchelchen denn auch wirklich und zugleich zu Fragen, mit denen
sich Lene, sei's aus Neugier oder gelegentlich auch aus tieferem Interesse,
beschäftigte. Sie schlug es jetzt auf und wies auf die letzte Seite, drauf
Botos Blick sofort der dick unterstrichenen Überschrift begegnete: »Was zu
wissen not tut.«
    »Alle Tausend, Lene, das klingt ja wie Traktätchen oder Lustspieltitel.«
    »Ist auch so was. Lies nur weiter.«
    Und nun las er: »Wer waren die beiden Damen auf dem Korso? Ist es die ältere
oder ist es die junge? Wer ist Pitt? Wer ist Serge? Wer ist Gaston?«
    Boto lachte. »Wenn ich dir das alles beantworten soll, Lene so bleib ich
bis morgen früh.«
    Ein Glück, dass Frau Dörr bei dieser Antwort fehlte, sonst hätt es eine neue
Verlegenheit gegeben. Aber die sonst so flinke Freundin, flink wenigstens, wenn
es sich um den Baron handelte, war noch nicht wieder zurück, und so sagte denn
Lene: »Gut, so will ich mich handeln lassen. Und meinetwegen denn von den zwei
Damen ein andermal! Aber was bedeuten die fremden Namen? Ich habe schon neulich
danach gefragt, als du die Tüte brachtest. Aber was du da sagtest, war keine
rechte Antwort, nur so halb. Ist es ein Geheimnis?«
    »Nein.«
    »Nun denn sage.«
    »Gern, Lene. Diese Namen sind bloss Necknamen.«
    »Ich weiss. Das sagtest du schon.«
    »... Also Namen, die wir uns aus Bequemlichkeit beigelegt haben, mit und
ohne Beziehung, je nachdem.«
    »Und was heisst Pitt?«
    »Pitt war ein englischer Staatsmann.«
    »Und ist dein Freund auch einer?«
    »Um Gottes willen...«
    »Und Serge?«
    »Das ist ein russischer Vorname, den ein Heiliger und viele russische
Grossfürsten führen.«
    »Die aber nicht Heilige zu sein brauchen, nicht wahr...? Und Gaston?«
    »Ist ein französischer Name.«
    »Ja, dessen entsinn ich mich. Ich habe mal als ein ganz junges Ding, und ich
war noch nicht eingesegnet, ein Stück gesehn: Der Mann mit der eisernen Maske.
Und der mit der Maske, der hiess Gaston. Und ich weinte jämmerlich.«
    »Und lachst jetzt, wenn ich dir sage: Gaston bin ich.«
    »Nein, ich lache nicht. Du hast auch eine Maske.«
    Boto wollte scherz- und ernstaft das Gegenteil versichern, aber Frau Dörr,
die gerade wieder eintrat, schnitt das Gespräch ab, indem sie sich
entschuldigte, dass sie so lange habe warten lassen. Aber eine Bestellung sei
gekommen, und sie habe rasch noch einen Begräbniskranz flechten müssen.
    »Einen grossen oder einen kleinen?« fragte die Nimptsch, die gern von
Begräbnissen sprach und eine Passion hatte, sich von allem dazu Gehörigen
erzählen zu lassen.
    »Nu«, sagte die Dörr, »es war ein mittelscher; kleine Leute. Efeu mit
Azalie.«
    »Jott«, fuhr die Nimptsch fort, »alles is jetzt für Efeu und Azalie, bloss
ich nich. Efeu is ganz gut, wenn er aufs Grab kommt und alles so grün und dicht
einspinnt, dass das Grab seine Ruhe hat und der drunter liegt auch. Aber Efeu in
'n Kranz, das is nich richtig. Zu meiner Zeit, da nahmen wir Immortellen, gelbe
oder halbgelbe, und wenn es ganz was Feines sein sollte, denn nahmen wir rote
oder weisse und machten Kränze draus oder auch bloss einen und hingen ihn ans
Kreuz, und da hing er denn den ganzen Winter, und wenn der Frühling kam, da hing
er noch. Un manche hingen noch länger. Aber so mit Efeu oder Azalie, das is
nichts. Un warum nich? Darum nicht, weil es nich lange dauert. Un ich denke mir
immer, je länger der Kranz oben hängt, desto länger denkt der Mensch auch an
seinen Toten unten. Un mitunter auch 'ne Witwe, wenn sie nich zu jung is. Un das
is es, warum ich für Immortelle bin, gelbe oder rote oder auch weisse, un kann ja
jeder einen andern Kranz zuhängen, wenn er will. Das is denn so für den Schein.
Aber der immortellige, das is der richtige.«
    »Mutter«, sagte Lene, »du sprichst wieder soviel von Grab und Kranz.«
    »Ja, Kind, jeder spricht, woran er denkt. Un denkt einer an Hochzeit, denn
redt er von Hochzeit, un denkt einer an Begräbnis, denn redt er von Grab. Un ich
habe nich mal angefangen, von Grab un Kranz zu reden, Frau Dörr hat angefangen,
was auch ganz recht war. Un ich spreche bloss immer davon, weil ich immer 'ne
Angst habe un immer denke: ja, wer wird dir mal einen bringen?«
    »Ach Mutter...«
    »Ja, Lene, du bist gut, du bist ein gutes Kind. Aber der Mensch denkt un
Gott lenkt, un heute rot un morgen tot. Un du kannst sterben so gut wie ich,
jeden Tag, den Gott werden lässt, wenn ich es auch nich glaube. Un Frau Dörr kann
auch sterben oder wohnt denn, wenn ich sterbe, vielleicht woanders, oder ich
wohne woanders un bin vielleicht eben erst eingezogen. Ach, meine liebe Lene,
man hat nichts sicher, gar nichts, auch nich mal einen Kranz aufs Grab.«
    »Doch, doch, Mutter Nimptsch«, sagte Boto, »den haben Sie sicher.«
    »Na, na, Herr Baron, wenn es man wahr is.«
    »Und wenn ich in Petersburg bin oder in Paris und ich höre, dass meine alte
Frau Nimptsch gestorben ist, dann schick ich einen Kranz, und wenn ich in Berlin
bin oder in der Nähe, dann bring ich ihn selber.«
    Der Alten Gesicht verklärte sich ordentlich vor Freude. »Na, das is ein
Wort, Herr Baron. Un da hab ich doch nu meinen Kranz aufs Grab und is mir lieb,
dass ich ihn habe. Denn ich kann die kahlen Gräber nich leiden, die so aussehn
wie 'n Waisenhauskirchhof oder für die Gefangenen oder noch schlimmer. Aber nu
mach einen Tee, Lene, das Wasser kocht un bullert schon, un Erdbeeren und Milch
sind auch da. Un auch saure. Jott, den armen Herrn Baron muss ja schon ganz
jämlich sein. Immer ankucken macht hungrig, soviel weiss ich auch noch. Ja, Frau
Dörr, man hat ja doch auch mal seine Jugend gehabt, un wenn es auch lange her
is. Aber die Menschen waren damals so wie heut.«
    Frau Nimptsch, die heut ihren Redetag hatte, philosophierte noch eine Weile
weiter, während Lene das Abendbrot auftrug und Boto seine Neckereien mit der
guten Frau Dörr fortsetzte. Das sei gut, dass sie den Staatshut zu rechter Zeit
zu Bette gebracht habe, der sei für Kroll oder fürs Teater, aber nicht für den
Wilmersdorfer Pedenhaufen. Wo sie den Hut denn eigentlich herhabe? Solchen Hut
habe keine Prinzessin. Und er habe so was Kleidsames überhaupt noch gar nicht
gesehn; er wolle nicht von sich selber reden, aber ein Prinz hätte sich drin
vergaffen können.
    Die gute Frau hörte wohl heraus, dass er sich einen Spass mache. Trotzdem
sagte sie: »Ja, wenn Dörr mal anfängt, denn is er so forsch und fein, dass ich
mitunter gar nicht weiss, wo er's herhat. Alltags is nich viel mit ihm, aber mit
eins is er wie vertauscht un gar nich mehr derselbe, un ich sage denn immer: es
is am Ende doch was mit ihm, un er kann es man bloss nich so zeigen.«
    So plauderte man beim Tee, bis zehn Uhr heran war. Dann brach Boto auf, und
Lene und Frau Dörr begleiteten ihn durch den Vorgarten bis an die Gartentür. Als
sie hier standen, erinnerte die Dörr daran, dass man das Vielliebchen noch immer
vergessen habe. Boto schien aber die Mahnung überhören zu wollen und betonte
nur nochmals, wie hübsch der Nachmittag gewesen sei. »Wir müssen öfter so gehn,
Lene, und wenn ich wiederkomme, dann überlegen wir, wohin. Oh, ich werde schon
etwas finden, etwas Hübsches und Stilles, und recht weit und nicht so bloss über
Feld.«
    »Und dann nehmen wir Frau Dörr wieder mit«, sagte Lene, »oder bitten sie
darum. Nicht wahr, Boto?«
    »Gewiss, Lene. Frau Dörr muss immer dabeisein. Ohne Frau Dörr geht es nicht.«
    »Ach, Herr Baron, das kann ich ja gar nich annehmen, das kann ich ja gar
nich verlangen.«
    »Doch, liebe Frau Dörr«, lachte Boto. »Sie können alles verlangen. Eine
Frau wie Sie.«
    Und damit trennte man sich.
 
                                 Elftes Kapitel
Die Landpartie, die man nach dem Wilmersdorfer Spaziergange verabredet oder
wenigstens geplant hatte, war nun auf einige Wochen hin das Lieblingsgespräch,
und immer, wenn Boto kam, überlegte man, wohin? Alle möglichen Plätze wurden
erwogen: Erkner und Kranichberge, Schwilow und Baumgartenbrück, aber alle waren
immer noch zu besucht, und so kam es, dass Boto schliesslich »Hankels Ablage«
nannte, von dessen Schönheit und Einsamkeit er wahre Wunderdinge gehört habe,
Lene war einverstanden. Ihr lag nur daran, mal hinauszukommen und in Gottes
freier Natur, möglichst fern von dem grossstädtischen Getreibe, mit dem geliebten
Manne zusammen zu sein. Wo, war gleichgiltig.
    Der nächste Freitag wurde zu der Partie bestimmt. »Abgemacht.« Und nun
fuhren sie mit dem Görlitzer Nachmittagszuge nach Hankels Ablage hinaus, wo sie
Nachtquartier nehmen und den andern Tag in aller Stille zubringen wollten.
    Der Zug hatte nur wenige Wagen, aber auch diese waren schwach besetzt, und
so kam es, dass sich Boto und Lene allein befanden. In dem Kupee nebenan wurde
lebhaft gesprochen, zugleich deutlich genug, um herauszuhören, dass es
Weiterreisende waren, keine Mitpassagiere für Hankels Ablage.
    Lene war glücklich, reichte Boto die Hand und sah schweigend in die Wald-
und Heidelandschaft hinaus. Endlich sagte sie: »Was wird aber Frau Dörr sagen,
dass wir sie zu Hause gelassen?«
    »Sie darf es gar nicht erfahren.«
    »Mutter wird es ihr ausplaudern.«
    »Ja, dann steht es schlimm, und doch liess sich's nicht anders tun. Sieh, auf
der Wiese neulich, da ging es, da waren wir mutterwindallein. Aber wenn wir in
Hankels Ablage auch noch soviel Einsamkeit finden, so finden wir doch immer noch
einen Wirt und eine Wirtin und vielleicht sogar einen Berliner Kellner. Und
solch Kellner, der immer so still vor sich hin lacht oder wenigstens in sich
hinein, den kann ich nicht aushalten, der verdirbt mir die Freude. Frau Dörr,
wenn sie neben deiner Mutter sitzt oder den alten Dörr erzieht, ist unbezahlbar,
aber nicht unter Menschen. Unter Menschen ist sie bloss komische Figur und eine
Verlegenheit.«
Gegen fünf hielt der Zug an einem Waldrande... Wirklich, niemand ausser Boto und
Lene stieg aus, und beide schlenderten jetzt behaglich und unter häufigem
Verweilen auf ein Gastaus zu, das, in etwa zehn Minuten Entfernung von dem
kleinen Stationsgebäude, hart an der Spree seinen Platz hatte. Dies
»Etablissement«, wie sich's auf einem schiefstehenden Wegweiser nannte, war
ursprünglich ein blosses Fischerhaus gewesen, das sich erst sehr allmählich und
mehr durch An- als Umbau in ein Gastaus verwandelt hatte, der Blick über den
Strom aber hielt für alles, was sonst vielleicht fehlen mochte, schadlos und
liess das glänzende Renommee, dessen sich diese Stelle bei allen Eingeweihten
erfreute, keinen Augenblick als übertrieben erscheinen. Auch Lene fühlte sich
sofort angeheimelt und nahm in einer verandaartig vorgebauten Holzhalle Platz,
deren eine Hälfte von dem Gezweig einer alten, zwischen Haus und Ufer stehenden
Ulme verdeckt wurde.
    »Hier bleiben wir«, sagte sie. »Sieh doch nur die Kähne, zwei, drei... und
dort weiter hinauf kommt eine ganze Flotte. Ja, das war ein glücklicher Gedanke,
der uns hierher führte. Sieh doch nur, wie sie drüben auf dem Kahne hin und her
laufen und sich gegen die Ruder stemmen. Und dabei alles so still. Oh, mein
einziger Boto, wie schön das ist und wie gut ich dir bin.«
    Boto freute sich, Lene so glücklich zu sehen. Etwas Entschlossenes und
beinah Herbes, das sonst in ihrem Charakter lag, war wie von ihr genommen und
einer ihr sonst fremden Gefühlsweichheit gewichen, und dieser Wechsel schien ihr
selber unendlich wohlzutun.
    Nach einer Weile kam der sein »Etablissement« schon von Vater und Grossvater
her innehabende Wirt, um nach den Befehlen der Herrschaften zu fragen, vor allem
auch, »ob sie zu Nacht bleiben würden«, und bat, als diese Frage bejaht worden
war, über ihr Zimmer Beschluss fassen zu wollen. Es ständen ihnen mehrere zur
Verfügung, unter denen die Giebelstube wohl die beste sein würde. Sie sei zwar
niedrig, aber sonst gross und geräumig und hätte den Blick über die Spree bis an
die Müggelberge.
    Der Wirt ging nun, als sein Vorschlag angenommen war, um die nötigen
Vorbereitungen zu treffen, und Boto und Lene waren nicht nur wieder allein
miteinander, sondern genossen auch das Glück dieses Alleinseins in vollen Zügen.
Auf einem der herabhängenden Ulmenzweige wiegte sich ein in einem niedrigen
Nachbargebüsche nistender Fink, Schwalben fuhren hin und her, und zuletzt kam
eine schwarze Henne mit einem langen Gefolge von Entenküken an der Veranda
vorüber und stolzierte gravitätisch auf einen weit in den Fluss hineingebauten
Wassersteg zu. Mitten auf diesem Steg aber blieb die Henne stehn, während sich
die Küken ins Wasser stürzten und fortschwammen.
    Lene sah eifrig dem allen zu. »Sieh nur, Boto, wie der Strom durch die
Pfähle schiesst.« Aber eigentlich war es weder der Steg noch die durchschiessende
Flut, was sie fesselte, sondern die zwei Boote, die vorn angekettet lagen. Sie
liebäugelte damit und erging sich in kleinen Fragen und Anspielungen, und erst
als Boto taub blieb und durchaus nichts davon verstehen wollte, rückte sie
klarer mit der Sprache heraus und sagte rundweg, dass sie gern Wasser fahren
möchte.
    »Weiber sind doch unverbesserlich. Unverbesserlich in ihrem Leichtsinn. Denk
an den zweiten Ostertag. Um ein Haar...«
    »... wär ich ertrunken. Gewiss. Aber das war nur das eine. Nebenher lief die
Bekanntschaft mit einem stattlichen Herrn, dessen du dich vielleicht entsinnst.
Er hiess Boto... Du wirst doch, denk ich, den zweiten Ostertag nicht als einen
Unglückstag ansehen wollen? Da bin ich artiger und galanter.«
    »Nun, nun... Aber kannst du denn auch rudern, Lene?«
    »Freilich kann ich. Und kann auch sogar steuern und ein Segel stellen. Weil
ich beinah ertrunken wäre, denkst du gering von mir und meiner Kunst. Aber der
Junge war schuld, und ertrinken kann am Ende jeder.«
    Und dabei ging sie von der Veranda her den Steg entlang auf die zwei Boote
zu, deren Segel eingerefft waren, während ihre Wimpel, mit eingesticktem Namen,
oben an der Mastspitze flatterten.
    »Welches nehmen wir«, sagte Boto, »die Forelle oder die Hoffnung?«
    »Natürlich die Forelle. Was sollen wir mit der Hoffnung?«
    Boto hörte wohl heraus, dass dies von Lene mit Absicht und um zu sticheln
gesagt wurde, denn so fein sie fühlte, so verleugnete sie doch nie das an
kleinen Spitzen Gefallen findende Berliner Kind. Er verzieh ihr aber dies
Spitzige, schwieg und war ihr beim Einsteigen behilflich. Dann sprang er nach.
Als er gleich darauf das Boot losketteln wollte, kam der Wirt und brachte
Jackett und Plaid, weil es bei Sonnenuntergang kalt würde. Beide dankten, und in
Kürze waren sie mitten auf dem Strom, der hier, durch Inseln und Landzungen
eingeengt, keine dreihundert Schritte breit sein mochte. Lene tat nur dann und
wann einen Schlag mit dem Ruder, aber auch diese wenigen Schläge reichten schon
aus, sie nach einer kleinen Weile bis an eine hoch in Gras stehende, zugleich
als Schiffswerft dienende Wiese zu führen, auf der, in einiger Entfernung von
ihnen, ein Spreekahn gebaut und alte, leckgewordene Kähne kalfatert und geteert
wurden.
    »Dahin müssen wir«, jubelte Lene, während sie Boto mit sich fortzog. Aber
ehe beide bis an die Schiffsbaustelle heran waren, hörte das Hämmern der
Zimmermannsaxt auf, und das beginnende Läuten der Glocke verkündete, dass
Feierabend sei. So bogen sie denn hundert Schritt von der Werft in einen Pfad
ein, der, schräg über die Wiese hin, auf einen Kiefernwald zuführte. Die roten
Stämme desselben glühten prächtig im Widerschein der schon tief stehenden Sonne,
während über den Kronen ein bläulicher Nebel lag.
    »Ich möchte dir einen recht schönen Strauss pflücken«, sagte Boto, während
er Lene bei der Hand nahm. »Aber sieh nur, die reine Wiese, nichts als Gras und
keine Blume. Nicht eine.«
    »Doch. Die Hülle und Fülle. Du siehst nur keine, weil du zu anspruchsvoll
bist.«
    »Und wenn ich es wäre, so wär ich es bloss für dich.«
    »Oh, keine Ausflüchte. Du wirst sehen, ich finde welche.«
    Und sich niederbückend, suchte sie nach rechts und links hin und sagte:
»Sieh nur, hier... und da... und hier wieder. Es stehen hier mehr als in Dörrs
Garten; man muss nur ein Auge dafür haben.« Und so pflückte sie behend und emsig,
zugleich allerlei Unkraut und Grashalme mit ausreissend, bis sie, nach ganz
kurzer Zeit, eine Menge Brauchbares und Unbrauchbares in Händen hatte.
    Währenddem waren sie bis an eine seit Jahr und Tag leerstehende Fischerhütte
gekommen, vor der, auf einem mit Kienäpfeln überstreuten Sandstreifen (denn der
Wald stieg unmittelbar dahinter an), ein umgestülpter Kahn lag.
    »Der kommt uns zupass«, sagte Boto, »hier wollen wir uns setzen. Du musst ja
müde sein. Und nun lass sehen, was du gepflückt hast. Ich glaube, du weisst es
selber nicht, und ich werde mich auf den Botaniker hin ausspielen müssen. Gib
her. Das ist Ranunkel, und das ist Mäuseohr, und manche nennen es auch falsches
Vergissmeinnicht. Hörst du, falsches. Und hier das mit dem gezackten Blatt, das
ist Taraxacum, unsere gute alte Butterblume, woraus die Franzosen Salat machen.
Nun meinetwegen. Aber Salat und Bouquet ist ein Unterschied.«
    »Gib nur wieder her«, lachte Lene. »Du hast kein Auge für diese Dinge, weil
du keine Liebe dafür hast, und Auge und Liebe gehören immer zusammen. Erst hast
du der Wiese die Blumen abgesprochen, und jetzt, wo sie da sind, willst du sie
nicht als richtige Blumen gelten lassen. Es sind aber Blumen und noch dazu sehr
gute. Was gilt die Wette, dass ich dir etwas Hübsches zusammenstelle.«
    »Nun da bin ich doch neugierig, was du wählen wirst.«
    »Nur solche, denen du selber zustimmst. Und nun lass uns anfangen. Hier ist
Vergissmeinnicht, aber kein Mäuseohr-Vergissmeinnicht, will sagen kein falsches,
sondern ein echtes. Zugestanden?«
    »Ja.«
    »Und das hier ist Ehrenpreis, eine feine kleine Blume. Die wirst du doch
auch wohl gelten lassen? Da frag ich gar nicht erst. Und diese grosse rotbraune,
das ist Teufelsabbiss und eigens für dich gewachsen. Ja, lache nur. Und das
hier«, und sie bückte sich nach ein paar gelben Blumenköpfchen, die gerade vor
ihr auf der Sandstelle blühten, »das sind Immortellen.«
    »Immortellen«, sagte Boto. »Die sind ja die Passion der alten Frau
Nimptsch. Natürlich, die nehmen wir, die dürfen nicht fehlen. Und nun binde nur
das Sträusschen zusammen.«
    »Gut. Aber womit? Wir wollen es lassen, bis wir eine Binse finden.«
    »Nein, so lange will ich nicht warten. Und ein Binsenhalm ist mir auch nicht
gut genug, ist zu dick und zu grob. Ich will was Feines. Weisst du, Lene, du hast
so schönes langes Haar; reiss eins aus und flicht den Strauss damit zusammen.«
    »Nein«, sagte sie bestimmt.
    »Nein? warum nicht? warum nein?«
    »Weil das Sprüchwort sagt: Haar bindet. Und wenn ich es um den Strauss binde,
so bist du mitgebunden.«
    »Ach, das ist Aberglauben. Das sagt Frau Dörr.«
    »Nein, die alte Frau sagt es. Und was die mir von Jugend auf gesagt hat,
auch wenn es wie Aberglauben aussah, das war immer richtig.«
    »Nun meinetwegen. Ich streite nicht. Aber ich will kein ander Band um den
Strauss als ein Haar von dir. Und du wirst doch nicht so eigensinnig sein und
mir's abschlagen.«
    Sie sah ihn an, zog ein Haar aus ihrem Scheitel und wand es um den Strauss.
Dann sagte sie: »Du hast es gewollt. Hier, nimm es. Nun bist du gebunden.«
    Er versuchte zu lachen, aber der Ernst, mit dem sie das Gespräch geführt und
die letzten Worte gesprochen hatte, war doch nicht ohne Eindruck auf ihn
geblieben.
    »Es wird kühl«, sagte er nach einer Weile. »Der Wirt hatte recht, dir
Jackett und Plaid nachzubringen. Komm, lass uns aufbrechen.«
    Und so gingen sie wieder auf die Stelle zu, wo das Boot lag, und eilten
sich, über den Fluss zu kommen.
    Jetzt erst, im Rückfahren, sahen sie, wie malerisch das Gastaus dalag, dem
sie mit jedem Ruderschlage näher kamen. Eine hohe groteske Mütze, so sass das
Schilfdach auf dem niedrigen Fachwerkbau, dessen vier kleine Frontfenster sich
eben zu erhellen begannen. Und im selben Augenblicke wurden auch ein paar
Windlichter in die Veranda getragen, und durch das Gezweige der alten Ulme, das
im Dunkel einem phantastischen Gitterwerke glich, blitzten allerlei
Lichtstreifen über den Strom hin.
    Keiner sprach. Jeder aber hing seinem Glück und der Frage nach, wie lange
das Glück noch dauern werde.
 
                                Zwölftes Kapitel
Es dunkelte schon, als sie landeten.
    »Lass uns diesen Tisch nehmen«, sagte Boto, während sie wieder unter die
Veranda traten: »Hier trifft dich kein Wind, und ich bestelle dir einen Grog
oder Glühwein, nicht wahr? Ich sehe ja, du hast es kalt.«
    Er schlug ihr noch allerlei andres vor, aber Lene bat, auf ihr Zimmer gehn
zu dürfen, »wenn er dann komme, sei sie wieder munter. Sie sei nur angegriffen
und brauche nichts, und wenn sie nur Ruhe habe, so werd es vorübergehen.«
    Damit verabschiedete sie sich und stieg in die mittlerweile hergerichtete
Giebelstube hinauf, begleitet von der in durchaus irrigen Vermutungen befangenen
Wirtin, die sofort neugierig fragte, »was es denn eigentlich sei«, und, einer
Antwort unbedürftig, im selben Augenblicke fortfuhr: ja, das sei so bei jungen
Frauen, das wisse sie von sich selber, und eh ihr Ältester geboren wurde (jetzt
habe sie schon vier und eigentlich fünf, aber der mittelste sei zu früh gekommen
und gleich tot), da hätte sie's auch gehabt. Es flög einen so an und sei dann
wie zum Sterben. Aber eine Tasse Melissentee, das heisst Klostermelisse, da fiele
es gleich wieder ab und man sei mit eins wieder wie 'n Fisch im Wasser und
ordentlich aufgekratzt und fidel und ganz zärtlich. »Ja, ja, gnäd'ge Frau, wenn
erst so vier um einen rumstehn, ohne dass ich den kleinen Engel mitrechne...«
    Lene bezwang nur mit Müh ihre Verlegenheit und bat, um wenigstens etwas zu
sagen, um etwas Melissentee, Klostermelisse, wovon sie auch schon gehört habe.
Während oben in der Giebelstube dies Gespräch geführt wurde, hatte Boto Platz
genommen, aber nicht innerhalb der windgeschützten Veranda, sondern an einem
urwüchsigen Brettertisch, der, in Front derselben, auf vier Pfählen aufgenagelt
war und einen freien Blick hatte. Hier wollt er sein Abendbrot einnehmen. Er
bestellte sich denn auch ein Fischgericht, und als der »Schlei mit Dill«, wofür
das Wirtshaus von alter Zeit her ein Renommee hatte, aufgetragen wurde, kam der
Wirt, um zu fragen, welchen Wein der Herr Baron, er gab ihm diesen Titel auf gut
Glück hin, beföhle.
    »Nun ich denke«, sagte Boto, »zu dem delikaten Schlei passt am besten ein
Brauneberger oder sagen wir lieber ein Rüdesheimer, und zum Zeichen, dass er gut
ist, müssen Sie sich zu mir setzen und bei Ihrem eigenen Weine mein Gast sein.«
    Der Wirt verbeugte sich unter Lächeln und kam bald danach mit einer
angestaubten Flasche zurück, während die Magd, eine hübsche Wendin in Friesrock
und schwarzem Kopftuch, auf einem Tablett die Gläser brachte.
    »Nun lassen Sie sehn«, sagte Boto. »Die Flasche verspricht alles mögliche
Gute. Zuviel Staub und Spinnweb ist allemal verdächtig, aber dieser hier... Ah,
superbe. Das ist siebziger, nicht wahr? Und nun lassen Sie uns anstossen, ja auf
was? Auf das Wohl von Hankels Ablage.«
    Der Wirt war augenscheinlich entzückt, und Boto, der wohl sah, welchen
guten Eindruck er machte, fuhr deshalb in dem ihm eigenen leichten und
leutseligen Tone fort: »Ich find es reizend hier, und nur eins lässt sich gegen
Hankels Ablage sagen: der Name.«
    »Ja«, bestätigte der Wirt, »der Name, der lässt viel zu wünschen übrig und
ist eigentlich ein Malheur für uns. Und doch hat es seine Richtigkeit damit,
Hankels Ablage war nämlich wirklich eine Ablage, und so heisst es denn auch so.«
    »Gut. Aber das bringt uns nicht weiter. Warum hiess es Ablage? Was ist
Ablage?«
    »Nun wir könnten auch sagen: Aus- und Einladestelle. Das ganze Stück Land
hierherum« (und er wies nach rückwärts) »war nämlich immer ein grosses Dominium
und hiess unter dem Alten Fritzen und auch früher schon unter dem Soldatenkönige
die Herrschaft Wusterhausen. Und es gehörten wohl an die dreissig Dörfer dazu,
samt Forst und Heide. Nun sehen Sie, die dreissig Dörfer, die schafften natürlich
was und brauchten was, oder was dasselbe sagen will, sie hatten Ausfuhr und
Einfuhr, und für beides brauchten sie von Anfang an einen Hafen- oder
Stapelplatz, und konnte nur noch zweifelhaft sein, welche Stelle man dafür
wählen würde. Da wählten sie diese hier, diese Bucht wurde Hafen, Stapelplatz,
Ablage für alles, was kam und ging, und weil der Fischer, der damals hier
wohnte, beiläufig mein Ahnherr, Hankel hiess, so hatten wir eine Hankels Ablage.«
    »Schade«, sagte Boto, »dass man's nicht jedem so rund und nett erklären
kann«, und der Wirt, der sich hierdurch ermutigt fühlen mochte, wollte
fortfahren. Eh er aber beginnen konnte, hörte man einen Vogelschrei hoch oben in
den Lüften, und als Boto neugierig hinaufsah, sah er, dass zwei mächtige Vögel,
kaum noch erkennbar, im Halbdunkel über der Wasserfläche hinschwebten.
    »Waren das wilde Gänse?«
    »Nein, Reiher. Die ganze Forst hierherum ist Reiher-Forst. Überhaupt ein
rechter Jagdgrund, Schwarzwild und Damwild in Massen, und in dem Schilf und Rohr
hier Enten, Schnepfen und Bekassinen.«
    »Entzückend«, sagte Boto, in dem sich der Jäger regte. »Wissen Sie, dass ich
Sie beneide. Was tut schliesslich der Name? Enten, Schnepfen, Bekassinen. Es
überkommt einen eine Lust, dass man's auch so gut haben möchte. Nur einsam muss es
hier sein, zu einsam.«
    Der Wirt lächelte vor sich hin, und Boto, dem es nicht entging, wurde
neugierig und sagte: »Sie lächeln. Aber ist es nicht so? Seit einer halben
Stunde hör ich nichts als das Wasser, das unter dem Steg hingluckst, und in
diesem Augenblick oben den Reiherschrei. Das nenn ich einsam, so hübsch es ist.
Und dann und wann ziehn ein paar grosse Spreekähne vorüber, aber alle sind
einander gleich oder sehen sich wenigstens ähnlich. Und eigentlich ist jeder wie
ein Gespensterschiff. Eine wahre Totenstille.«
    »Gewiss«, sagte der Wirt. »Aber doch alles nur, solang es dauert.«
    »Wie das?«
    »Ja«, wiederholte der Gefragte, »solang es dauert. Sie sprechen von
Einsamkeit, Herr Baron, und tagelang ist es auch wirklich einsam hier. Und es
können auch Wochen werden. Aber kaum, dass das Eis bricht und das Frühjahr kommt,
so kommt auch schon Besuch, und der Berliner ist da.«
    »Wann kommt er?«
    »Unglaublich früh. Oculi, da kommen sie. Sehen Sie, Herr Baron, wenn ich,
der ich doch ausgewettert bin, immer noch drin in der Stube bleibe, weil der
Ostwind pustet und die Märzensonne sticht, setzt sich der Berliner schon ins
Freie, legt seinen Sommerüberzieher über den Stuhl und bestellt eine Weisse. Denn
sowie nur die Sonne scheint, spricht der Berliner von schönem Wetter. Ob in
jedem Windzug eine Lungenentzündung oder Diphteritis sitzt, ist ihm egal. Er
spielt dann am liebsten mit Reifen, einige sind auch für Boccia, und wenn sie
dann abfahren, ganz gedunsen von der Prallsonne, dann tut mir mitunter das Herz
weh, denn keiner ist darunter, dem nicht wenigstens am andern Tage die Haut
abschülbert.«
    Boto lachte. »Ja, die Berliner! Wobei mir übrigens einfällt, Ihre Spree
hierherum muss ja auch die Gegend sein, wo die Ruderer und Segler zusammenkommen
und ihre Regatten haben.«
    »Gewiss«, sagte der Wirt. »Aber das will nicht viel sagen. Wenn's viele sind,
dann sind es fünfzig oder vielleicht auch mal hundert. Und dann ruht es wieder
und ist auf Wochen und Monate hin mit dem ganzen Wassersport vorbei. Nein, die
Clubleute, das ist vergleichsweise bequem, das ist zum Aushalten. Aber wenn dann
im Juni die Dampfschiffe kommen, dann ist es schlimm. Und dann bleibt es so den
ganzen Sommer über oder doch eine lange, lange Weile.«
    »Glaub's«, sagte Boto.
    »... Dann trifft jeden Abend ein Telegramm ein. Morgen früh neun Uhr Ankunft
auf Spreedampfer »Alsen«. Tagespartie. 240 Personen. Und dann folgen die Namen
derer, die's arrangiert haben. Einmal geht das. Aber die Länge hat die Qual.
Denn wie verläuft eine solche Partie? Bis Dunkelwerden sind sie draussen in Wald
und Wiese, dann aber kommt das Abendbrot, und dann tanzen sie bis um elf. Nun
werden Sie sagen, das ist nichts Grosses, und wär auch nichts Grosses, wenn der
andre Tag ein Ruhetag wär. Aber der zweite Tag ist wie der erste, und der dritte
ist wie der zweite. Jeden Abend um elf dampft ein Dampfer mit 240 Personen ab,
und jeden Morgen um neun ist ein Dampfer mit ebensoviel Personen wieder da. Und
inzwischen muss doch aufgeräumt und alles wieder klargemacht werden. Und so
vergeht die Nacht mit Lüften, Putzen und Scheuern, und wenn die letzte Klinke
wieder blank ist, ist auch das nächste Schiff schon wieder heran. Natürlich hat
alles auch sein Gutes, und wenn man um Mitternacht Kasse zählt, so weiss man,
wofür man sich gequält hat. Von nichts kommt nichts, sagt das Sprüchwort und hat
auch ganz recht, und wenn ich all die Maibowlen auffüllen sollte, die hier schon
getrunken sind, so müsst ich mir ein Heidelberger Fass anschaffen. Es bringt was
ein, gewiss, und ist alles schön und gut. Aber dafür, dass man vorwärtskommt,
kommt man doch auch rückwärts und bezahlt mit dem Besten, was man hat, mit Leben
und Gesundheit. Denn was ist Leben ohne Schlaf?«
    »Wohl, ich sehe schon«, sagte Boto, »kein Glück ist vollkommen. Aber dann
kommt der Winter, und dann schlafen Sie wie sieben Dächse.«
    »Ja, wenn nicht gerade Silvester oder Dreikönigstag oder Fastnacht ist. Und
die sind öfter, als der Kalender angibt. Da sollten Sie das Leben hier sehen,
wenn sie, von zehn Dörfern her, zu Schlitten oder Schlittschuh, in dem grossen
Saal, den ich angebaut habe, zusammenkommen. Dann sieht man kein grossstädtisch
Gesicht mehr, und die Berliner lassen einen in Ruh, aber der Grossknecht und die
Jungemagd, die haben dann ihren Tag. Da sieht man Otterfellmützen und
Manchesterjacken mit silbernen Buckelknöpfen, und allerlei Soldaten, die grad
auf Urlaub sind, sind mit dabei: Schwedter Dragoner und Fürstenwalder Ulanen,
oder wohl gar Potsdamer Husaren. Und alles ist eifersüchtig und streitlustig,
und man weiss nicht, was ihnen lieber ist, das Tanzen oder das Krakeelen, und bei
dem kleinsten Anlass stehen die Dörfer gegeneinander und liefern sich ihre
Bataillen. Und so toben und lärmen sie die ganze Nacht durch, und ganze
Pfannkuchenberge verschwinden, und erst bei Morgengrauen geht es über das
Stromeis oder den Schnee hin wieder nach Hause.«
    »Da seh ich freilich«, lachte Boto, »dass sich von Einsamkeit und
Totenstille nicht gut sprechen lässt. Ein Glück nur, dass ich von dem allen nicht
gewusst habe, sonst hätt ich gar nicht den Mut gehabt und wäre fortgeblieben. Und
das wäre mir doch leid gewesen, einen so hübschen Fleck Erde gar nicht gesehen
zu haben... Aber Sie sagten vorhin, was ist Leben ohne Schlaf, und ich fühle,
dass Sie recht haben. Ich bin müde trotz früher Stunde; das macht, glaub ich, die
Luft und das Wasser. Und dann muss ich doch auch sehn... Ihre liebe Frau hat sich
so bemüht... Gute Nacht, Herr Wirt. Ich habe mich verplaudert.«
    Und damit stand er auf und ging auf das stillgewordene Haus zu.
Lene, die Füsse schräg auf dem herangerückten Stuhl, hatte sich aufs Bett gelegt
und eine Tasse von dem Tee getrunken, den ihr die Wirtin gebracht hatte. Die
Ruhe, die Wärme taten ihr wohl, der Anfall ging vorüber, und sie hätte schon
nach kurzer Zeit wieder in die Veranda hinuntergehn und an dem Gespräche, das
Boto mit dem Wirte führte, teilnehmen können. Aber ihr war nicht gesprächig zu
Sinn, und so stand sie nur auf, um sich in dem Zimmer umzusehen, für das sie bis
dahin kein Auge gehabt hatte.
    Und wohl verlohnte sich's. Die Balkenlagen und Lehmwände hatte man aus alter
Zeit her fortbestehen lassen, und die geweisste Decke hing so tief herab, dass man
sie mit dem Finger berühren konnte, was aber zu bessern gewesen war, das war
auch wirklich gebessert worden. An Stelle der kleinen Scheiben, die man im
Erdgeschoss noch sah, war hier oben ein grosses, bis fast auf die Diele reichendes
Fenster eingesetzt worden, das ganz so, wie der Wirt es geschildert, einen
prächtigen Blick auf die gesamte Wald- und Wasserszenerie gestattete. Das grosse
Spiegelfenster war aber nicht alles, was Neuzeit und Komfort hier getan hatten.
Auch ein paar gute Bilder, mutmasslich auf einer Auktion erstanden, hingen an den
alten, überall Buckel und Blasen bildenden Lehmwänden umher, und just da, wo der
vorgebaute Fenstergiebel nach hinten oder, was dasselbe sagen will, nach dem
eigentlichen Zimmer zu die Dachschrägung traf, standen sich ein paar elegante
Toilettentische gegenüber. Alles zeigte, dass man die Fischer- und
Schifferherberge mit Geflissentlichkeit beibehalten, aber sie doch zugleich auch
in ein gefälliges Gastaus für die reichen Sportsleute vom Segler- und Ruderclub
umgewandelt hatte.
    Lene fühlte sich angeheimelt von allem, was sie sah, und begann zunächst die
rechts und links in breiter Umrahmung über den Bettständen hängenden Bilder zu
betrachten. Es waren Stiche, die sie, dem Gegenstande nach, lebhaft
interessierten, und so wollte sie gerne wissen, was es mit den Unterschriften
auf sich habe. »Washington crossing the Delaware« stand unter dem einen, »Te
last hour at Trafalgar« unter dem andern. Aber sie kam über ein blosses
Silbenentziffern nicht hinaus, und das gab ihr, so klein die Sache war, einen
Stich ins Herz, weil sie sich der Kluft dabei bewusst wurde, die sie von Boto
trennte. Der spöttelte freilich über Wissen und Bildung, aber sie war klug
genug, um zu fühlen, was von diesem Spotte zu halten war.
    Dicht neben der Eingangstür, über einem Rokokotisch, auf dem rote Gläser und
eine Wasserkaraffe standen, hing noch eine buntfarbige, mit einer dreisprachigen
Unterschrift versehene Litographie: »Si jeunesse savait« - ein Bild, das sie
sich entsann in der Dörrschen Wohnung gesehen zu haben. Dörr liebte dergleichen.
Als sie's hier wiedersah, fuhr sie verstimmt zusammen. Ihre feine Sinnlichkeit
fühlte sich von dem Lüsternen in dem Bilde wie von einer Verzerrung ihres
eigenen Gefühls beleidigt, und so ging sie denn, den Eindruck wieder
loszuwerden, bis an das Giebelfenster und öffnete beide Flügel, um die Nachtluft
einzulassen. Ach, wie sie das erquickte! dabei setzte sie sich auf das
Fensterbrett, das nur zwei Handbreit über der Diele war, schlang ihren linken
Arm um das Kreuzholz und horchte nach der nicht allzu entfernten Veranda
hinüber. Aber sie vernahm nichts. Eine tiefe Stille herrschte, nur in der alten
Ulme ging ein Wehen und Rauschen, und alles, was eben noch von Verstimmung in
ihrer Seele geruht haben mochte, das schwand jetzt hin, als sie den Blick immer
eindringlicher und immer entzückter auf das vor ihr ausgebreitete Bild richtete.
Das Wasser flutete leise, der Wald und die Wiese lagen im abendlichen Dämmer,
und der Mond, der eben wieder seinen ersten Sichelstreifen zeigte, warf einen
Lichtschein über den Strom und liess das Zittern seiner kleinen Wellen erkennen.
    »Wie schön«, sagte Lene hochaufatmend. »Und ich bin doch glücklich«, setzte
sie hinzu.
    Sie mochte sich nicht trennen von dem Bilde. Zuletzt aber erhob sie sich,
schob einen Stuhl vor den Spiegel und begann ihr schönes Haar zu lösen und
wieder einzuflechten. Als sie noch damit beschäftigt war, kam Boto.
    »Lene, noch auf! Ich dachte, dass ich dich mit einem Kusse wecken müsste.«
    »Dazu kommst du zu früh, so spät du kommst.«
    Und sie stand auf und ging ihm entgegen. »Mein einziger Boto. Wie lange du
bleibst...«
    »Und das Fieber? Und der Anfall?«
    »Ist vorüber, und ich bin wieder munter, seit einer halben Stunde schon. Und
ebensolange hab ich dich erwartet.« Und sie zog ihn mit sich fort an das noch
offenstehende Fenster: »Sieh nur. Ein armes Menschenherz, soll ihm keine
Sehnsucht kommen bei solchem Anblick?«
    Und sie schmiegte sich an ihn und blickte, während sie die Augen schloss, mit
einem Ausdruck höchsten Glückes zu ihm auf.
 
                              Dreizehntes Kapitel
Beide waren früh auf, und die Sonne kämpfte noch mit dem Morgennebel, als sie
schon die Stiege herabkamen, um unten ihr Frühstück zu nehmen. Ein leiser Wind
ging, eine Frühbrise, die die Schiffer nicht gern ungenutzt lassen, und so glitt
denn auch, als unser junges Paar eben ins Freie trat, eine ganze Flottille von
Spreekähnen an ihnen vorüber.
    Lene war noch in ihrem Morgenanzuge. Sie nahm Botos Arm und schlenderte mit
ihm am Ufer entlang an einer Stelle hin, die hoch in Schilf und Binsen stand. Er
sah sie zärtlich an. »Lene, du siehst ja aus, wie ich dich noch gar nicht
gesehen habe. Ja, wie sag ich nur? Ich finde kein anderes Wort, du siehst so
glücklich aus.«
    Und so war es. Ja, sie war glücklich, ganz glücklich und sah die Welt in
einem rosigen Lichte. Sie hatte den besten, den liebsten Mann am Arm und genoss
eine kostbare Stunde. War das nicht genug? Und wenn diese Stunde die letzte war,
nun, so war sie die letzte. War es nicht schon ein Vorzug, einen solchen Tag
durchleben zu können? Und wenn auch nur einmal, ein einzig Mal.
    So schwanden ihr alle Betrachtungen von Leid und Sorge, die sonst wohl, ihr
selbst zum Trotz, ihre Seele bedrückten, und alles, was sie fühlte, war Stolz,
Freude, Dank. Aber sie sagte nichts, sie war abergläubisch und wollte das Glück
nicht bereden, und nur an einem leisen Zittern ihres Arms gewahrte Boto, wie
das Wort »Ich glaube, du bist glücklich, Lene« ihr das innerste Herz getroffen
hatte.
    Der Wirt kam und erkundigte sich artig, wenn auch mit einem Anfluge von
Verlegenheit, nach ihrer Nachtruhe.
    »Vorzüglich«, sagte Boto. »Der Melissentee, den Ihre liebe Frau verordnet,
hat wahre Wunder getan, und die Mondsichel, die uns gerade ins Fenster schien,
und die Nachtigallen, die leise schlugen, so leise, dass man sie nur eben noch
hören konnte, ja wer wollte da nicht schlafen wie im Paradiese? Hoffentlich wird
sich kein Spreedampfer mit 240 Gästen für heute nachmittag angemeldet haben. Das
wäre dann freilich die Vertreibung aus dem Paradiese. Sie lächeln und denken Wer
weiss?, und vielleicht hab ich mit meinen Worten den Teufel schon an die Wand
gemalt. Aber noch ist er nicht da, noch seh ich keinen Schlot und keine
Rauchfahne, noch ist die Spree rein, und wenn auch ganz Berlin schon unterwegs
wäre, das Frühstück wenigstens können wir noch in Ruhe nehmen. Nicht wahr? Aber
wo?«
    »Die Herrschaften haben zu befehlen.«
    »Nun, dann denk ich unter der Ulme. Die Halle, so schön sie ist, ist doch
nur gut, wenn draussen die Sonne brennt. Und sie brennt noch nicht und hat noch
drüben am Walde mit dem Nebel zu tun.«
    Der Wirt ging, das Frühstück anzuordnen, das junge Paar aber setzte seinen
Spaziergang fort, bis nach einer diesseitigen Landzunge hin, von der aus sie die
roten Dächer eines Nachbardorfes und rechts daneben den spitzen Kirchturm von
Königs Wusterhausen erkennen konnten. Am Rande der Landzunge lag ein
angetriebener Weidenstamm. Auf diesen setzten sie sich und sahen von ihm aus
zwei Fischersleuten zu, Mann und Frau, die das umstehende Rohr schnitten und die
grossen Bündel in ihren Prahm warfen. Es war ein hübsches Bild, an dem sie sich
erfreuten, und als sie nach einer Weile wieder zurück waren, wurde das Frühstück
eben aufgetragen, mehr ein englisches als ein deutsches: Kaffee und Tee, samt
Eiern und Fleisch und in einem silbernen Ständer sogar Schnittchen von
geröstetem Weissbrot.
    »Ah, schau, Lene. Hier müssen wir öfter unser Frühstück nehmen. Was meinst
du? Himmlisch. Und sieh nur da drüben auf der Werft, da kalfatern sie schon
wieder, und geht ordentlich im Takt. Wahrhaftig, solch Arbeits-Taktschlag ist
doch eigentlich die schönste Musik.«
    Lene nickte, war aber nur halb dabei, denn ihr Interesse galt auch heute
wieder dem Wassersteg, freilich nicht den angekettelten Booten, die gestern ihre
Passion geweckt hatten, wohl aber einer hübschen Magd, die mitten auf dem
Brettergange neben ihrem Küchen- und Kupfergeschirr kniete. Mit einer herzlichen
Arbeitslust, die sich in jeder Bewegung ihrer Arme ausdrückte, scheuerte sie die
Kannen, Kessel und Kasserollen, und immer wenn sie fertig war, liess sie das
plätschernde Wasser das blankgescheuerte Stück umspülen. Dann hob sie's in die
Höh, liess es einen Augenblick in der Sonne blitzen und tat es in einen
nebenstehenden Korb.
    Lene war wie benommen von dem Bild. »Sieh nur«, und sie wies auf die hübsche
Person, die sich, so schien es, in ihrer Arbeit gar nicht genugtun konnte.
    »Weisst du, Boto, das ist kein Zufall, dass sie da kniet, sie kniet da für
mich, und ich fühle deutlich, dass es mir ein Zeichen ist und eine Fügung.«
    »Aber was ist dir nur, Lene? Du veränderst dich ja, du bist ja mit einem
Male ganz blass geworden.«
    »O nichts.«
    »Nichts? Und hast doch einen Flimmer im Auge, wie wenn dir das Weinen näher
wäre als das Lachen. Du wirst doch schon Kupfergeschirr gesehen haben und auch
eine Köchin, die's blank scheuert. Es ist ja fast, als ob du das Mädchen
beneidetest, dass sie da kniet und arbeitet wie für drei.«
    Das Erscheinen des Wirts unterbrach hier das Gespräch, und Lene gewann ihre
ruhige Haltung und bald auch ihren Frohmut wieder. Dann aber ging sie hinauf, um
sich umzukleiden.
    Als sie wiederkam, fand sie, dass inzwischen ein vom Wirt aufgestelltes
Programm von Boto bedingungslos angenommen war: ein Segelboot sollte das junge
Paar nach dem nächsten Dorfe, dem reizend an der Wendischen Spree gelegenen
Nieder-Löhme, bringen, von welchem Dorf aus sie den Weg bis Königs Wusterhausen
zu Fuss machen, daselbst Park und Schloss besuchen und dann auf demselben Wege
zurückkommen wollten. Es war eine Halbtagspartie. Über den Nachmittag liess sich
dann weiter verfügen.
    Lene war es zufrieden, und schon wurden ein paar Decken in das rasch instand
gesetzte Boot getragen, als man vom Garten her Stimmen und herzliches Lachen
hörte, was auf Besuch zu deuten und eine Störung ihrer Einsamkeit in Aussicht zu
stellen schien.
    »Ah, Segler und Ruderclubleute«, sagte Boto. »Gott sei Dank, dass wir ihnen
entgehen, Lene. Lass uns eilen.«
    Und beide brachen auf, um so rasch wie möglich ins Boot zu kommen. Aber ehe
sie noch den Wassersteg erreichen konnten, sahen sie sich bereits umstellt und
eingefangen. Es waren Kameraden, und noch dazu die intimsten: Pitt, Serge,
Balafré. Alle drei mit ihren Damen.
    »Ah, les beaux esprits se rencontrent«, sagte Balafré voll übermütiger
Laune, die jedoch rasch einer gesetzteren Haltung wich, als er wahrnahm, dass er
von der Hausschwelle her, auf der Wirt und Wirtin standen, beobachtet wurde.
»Welche glückliche Begegnung an dieser Stelle. Gestatten Sie mir, Gaston, Ihnen
unsere Damen vorstellen zu dürfen: Königin Isabeau, Fräulein Johanna, Fräulein
Margot.«
    Boto sah, welche Parole heute galt, und sich rasch hineinfindend,
entgegnete er, nunmehr auch seinerseits vorstellend, mit leichter Handbewegung
auf Lene: »Mademoiselle Agnes Sorel.«
    Alle drei Herren verneigten sich artig, ja dem Anscheine nach sogar
respektvoll, während die beiden Töchter Tibaut d'Arcs einen überaus kurzen
Knicks machten und der um wenigstens fünfzehn Jahre älteren Königin Isabeau eine
freundlichere Begrüssung der ihnen unbekannten und sichtlich unbequemen Agnes
Sorel überliessen.
    Das Ganze war eine Störung, vielleicht sogar eine geplante, je mehr dies
aber zutreffen mochte, desto mehr gebot es sich, gute Miene zum bösen Spiel zu
machen. Und dies gelang Boto vollkommen. Er stellte Fragen über Fragen und
erfuhr bei der Gelegenheit, dass man, zu früher Stunde schon, mit einem der
kleineren Spreedampfer bis Schmöckwitz und von dort aus mit einem Segelboote bis
Zeuten gefahren sei. Von Zeuten aus habe man den Weg zu Fuss gemacht, keine
zwanzig Minuten; es sei reizend gewesen: alte Bäume, Wiesen und rote Dächer.
    Während der gesamte neue Zuzug, besonders aber die wohlarrondierte Königin
Isabeau, die sich beinah mehr noch durch Sprechfähigkeit als durch Abrundung
auszeichnete, diese Mitteilungen machte, hatte man, zwanglos promenierend, die
Veranda erreicht, wo man an einem der langen Tische Platz nahm.
    »Allerliebst«, sagte Serge. »Weit, frei und offen und doch so verschwiegen.
Und die Wiese drüben wie geschaffen für eine Mondscheinpromenade.«
    »Ja«, setzte Balafré hinzu, »Mondscheinpromenade. Hübsch, sehr hübsch. Aber
wir haben erst zehn Uhr früh, macht bis zur Mondscheinpromenade runde zwölf
Stunden, die doch untergebracht sein wollen. Ich proponiere Wasserkorso.«
    »Nein«, sagte Isabeau, »Wasserkorso geht nicht, davon haben wir heute schon
über und über gehabt. Erst Dampfschiff, dann Boot und nun wieder Boot, das ist
zuviel. Ich bin dagegen. Überhaupt, ich begreife nicht, was dies ewige Pätscheln
soll; dann fehlt bloss noch, dass wir angeln oder die Ykleis mit der Hand greifen
und uns über die kleinen Biester freuen. Nein, gepätschelt wird heute nicht
mehr. Darum muss ich sehr bitten.«
    Die Herren, an die sich diese Worte richteten, amüsierten sich ersichtlich
über die Dezidierteit der Königinmutter und machten sofort andre Vorschläge,
deren Schicksal aber dasselbe war. Isabeau verwarf alles und bat, als man
schliesslich ihr Gebaren halb in Scherz und halb in Ernst zu missbilligen anfing,
einfach um Ruhe. »Meine Herren«, sagte sie, »Geduld. Ich bitte, mir wenigstens
einen Augenblick das Wort zu gönnen.« Ironischer Beifall antwortete, denn nur
sie hatte bis dahin gesprochen. Aber unbekümmert darum fuhr sie fort: »Meine
Herren, ich bitte Sie, lehren Sie mich die Herrens kennen. Was heisst Landpartie?
Landpartie heisst frühstücken und ein Jeu machen. Hab ich recht?«
    »Isabeau hat immer recht«, lachte Balafré und gab ihr einen Schlag auf die
Schulter. »Wir machen ein Jeu. Der Platz hier ist kapital; ich glaube beinah,
jeder muss hier gewinnen. Und die Damen promenieren derweilen oder machen
vielleicht ein Vormittagsschläfchen. Das soll das gesundeste sein, und
andertalb Stunden wird ja wohl ausreichen. Und um zwölf Uhr Reunion. Menu nach
dem Ermessen unserer Königin. Ja, Königin, das Leben ist doch schön. Zwar aus
Don Carlos. Aber muss denn alles aus der Jungfrau sein?«
    Das schlug ein, und die zwei jüngeren kicherten, obwohl sie bloss das
Stichwort verstanden hatten. Isabeau dagegen, die bei solcher antippenden und
beständig in kleinen Anzüglichkeiten sich ergehenden Sprache gross geworden war,
blieb vollkommen würdevoll und sagte, während sie sich zu den drei anderen Damen
wandte: »Meine Damen, wenn ich bitten darf: wir sind jetzt entlassen und haben
zwei Stunden für uns. Übrigens nicht das schlimmste.«
Damit erhoben sie sich und gingen auf das Haus zu, wo die Königin in die Küche
trat und unter freundlichem, aber doch überlegenem Grusse nach dem Wirte fragte.
Dieser war nicht zugegen, weshalb die junge Frau versprach, ihn aus dem Garten
abrufen zu wollen, Isabeau aber litt es nicht, »sie werde selber gehn«, und ging
auch wirklich, immer gefolgt von ihrem Drei-Damen-Cortège (Balafré sprach von
Klucke mit Küken), nach dem Garten hinaus, wo sie den Wirt bei der Anlage neuer
Spargelbeete traf. Unmittelbar daneben lag ein altmodisches Treibhaus, vorne
ganz niedrig, mit grossen schrägliegenden Fenstern, auf dessen etwas
abgebröckeltes Mauerwerk sich Lene samt den Töchtern Tibaut d'Arcs setzte,
während Isabeau die Verhandlungen leitete.
    »Wir kommen, Herr Wirt, um wegen des Mittagsbrots mit Ihnen zu sprechen. Was
können wir haben?«
    »Alles, was die Herrschaften befehlen.«
    »Alles? das ist viel, beinah zu viel. Nun, dann bin ich für Aal. Aber nicht
so, sondern so.« Und sie wies, während sie das sagte, von ihrem Fingerring auf
das breite, dicht anliegende Armband.
    »Tut mir leid, meine Damen«, erwiderte der Wirt. »Aal is nicht. Überhaupt
Fisch; damit kann ich nicht dienen, der ist Ausnahme. Gestern hatten wir Schlei
mit Dill, aber der war aus Berlin. Wenn ich einen Fisch haben will, muss ich ihn
vom Köllnischen Fischmarkt holen.«
    »Schade. Da hätten wir einen mitbringen können. Aber was dann?«
    »Einen Rehrücken.«
    »Hm, das lässt sich hören. Und vorher etwas Gemüse. Spargel ist schon
eigentlich zu spät, oder doch beinah. Aber Sie haben da, wie ich sehe, noch
junge Bohnen. Und hier in dem Mistbeet wird sich ja wohl auch noch etwas finden
lassen, ein paar Gurken oder ein paar Rapunzeln. Und dann eine süsse Speise. So
was mit Schlagsahne. Mir persönlich liegt nicht daran, aber die Herren, die
beständig so tun, als machten sie sich nichts daraus, die sind immer fürs Süsse.
Also drei, vier Gänge, denk ich. Und dann Butterbrot und Käse.«
    »Und bis wann befehlen die Herrschaften?«
    »Nun, ich denke bald, oder doch wenigstens so bald wie möglich. Nicht wahr?
Wir sind hungrig, und wenn der Rehrücken eine halbe Stunde Feuer hat, hat er
genug. Also sagen wir um zwölf. Und wenn ich bitten darf, eine Bowle: ein
Rheinwein, drei Mosel, drei Champagner. Aber gute Marke. Glauben Sie nicht, dass
sich's vertut. Ich kenne das und schmecke heraus, ob Moët oder Mumm. Aber Sie
werden schon machen; ich darf sagen, Sie flössen mir ein Vertrauen ein. Apropos,
können wir nicht aus Ihrem Garten gleich in den Wald? Ich hasse jeden unnützen
Schritt. Und vielleicht finden wir noch Champignons. Das wäre himmlisch. Die
können dann noch an den Rehrücken, Champignons verderben nie was.«
    Der Wirt bejahte nicht bloss die hinsichtlich des bequemeren Weges gestellte
Frage, sondern begleitete die Damen auch persönlich bis an die Gartenpforte, von
der aus man bis zur Waldlisière nur ein paar Schritte hatte. Bloss eine
chaussierte Strasse lief dazwischen. Als diese passiert war, war man drüben im
Waldesschatten, und Isabeau, die stark unter der immer grösser werdenden Hitze
litt, pries sich glücklich, den verhältnismässig weiten Umweg über ein baumloses
Stück Grasland vermieden zu haben. Sie machte den eleganten, aber mit einem
grossen Fettfleck ausstaffierten Sonnenschirm zu, hing ihn an ihren Gürtel und
nahm Lenens Arm, während die beiden andern Damen folgten. Isabeau war
augenscheinlich in bester Stimmung und sagte, sich umwendend, zu Margot und
Johanna: »Wir müssen aber doch ein Ziel haben. So bloss Wald und wieder Wald is
eigentlich schrecklich. Was meinen Sie, Johanna?«
    Johanna war die grössere von den beiden d'Arcs, sehr hübsch, etwas blass und
mit raffinierter Einfachheit gekleidet. Serge hielt darauf. Ihre Handschuh sassen
wundervoll, und man hätte sie für eine Dame halten können, wenn sie nicht,
während Isabeau mit dem Wirte sprach, den einen Handschuhknopf, der
aufgesprungen war, mit den Zähnen wieder zugeknöpft hätte.
    »Was meinen Sie, Johanna?« wiederholte die Königin ihre Frage.
    »Nun dann schlag ich vor, dass wir nach dem Dorfe zurück gehn, von dem wir
gekommen sind. Es hiess ja wohl Zeuten und sah so romantisch und so
melancholisch aus, und war ein so hübscher Weg hierher. Und zurück muss er
eigentlich ebenso hübsch sein oder vielleicht noch hübscher. Und an der rechten,
das heisst also von hier aus an der linken Seite war ein Kirchhof mit lauter
Kreuzer drauf. Und ein sehr grosses von Marmohr.«
    »Ja, liebe Johanna, das ist alles ganz gut, aber was sollen wir damit? Wir
haben ja den Weg gesehen. Oder wollen Sie den Kirchhof...«
    »Freilich will ich. Ich habe da so meine Gefühle, besonders an solchem Tage
wie heute. Und es ist immer gut, sich zu erinnern, dass man sterben muss. Und wenn
dann der Flieder so blüht...«
    »Aber, Johanna, der Flieder blüht ja gar nicht mehr, höchstens noch der
Goldregen, und der hat eigentlich auch schon Schoten. Du meine Güte, wenn Sie so
partout für Kirchhöfe sind, so können Sie sich ja den in der Oranienstrasse jeden
Tag ansehen. Aber ich weiss schon, mit Ihnen ist nicht zu reden. Zeuten und
Kirchhof, alles Unsinn. Da bleiben wir doch lieber hier und sehen gar nichts.
Kommen Sie, Kleine, geben Sie mir Ihren Arm wieder!«
    Die Kleine, die durchaus nicht klein war, war Lene. Sie gehorchte. Die
Königin aber fuhr jetzt, indem sie wieder voraufging, in vertraulichem Tone
fort: »Ach, diese Johanna, man kann eigentlich nicht mit ihr umgehn; sie hat
keinen guten Ruf und is eine Gans. Ach, Kind, Sie glauben gar nicht, was jetzt
alles so mitläuft; nu ja, sie hat 'ne hübsche Figur und hält auf ihre Handschuh.
Aber sie sollte lieber auf was andres halten. Und sehen Sie, die, die so sind,
die reden immer von sterben und Kirchhof. Und nun sollen Sie sie nachher sehn!
Solang es so geht, geht es. Aber wenn dann die Bowle kommt und wieder leer is
und wieder kommt, dann quietscht und johlt sie. Keine Idee von Anstand. Aber wo
soll es auch herkommen? Sie war immer bloss bei kleinen Leuten, draussen auf der
Chaussee nach Tegel, wo kein Mensch recht hinkommt und bloss mal Artillerie
vorbeifährt. Und Artillerie... Nu ja... Sie glauben gar nich, wie verschieden
das alles ist. Und nun hat sie der Serge da rausgenommen und will was aus ihr
machen. Ja, du meine Güte, so geht das nicht, oder wenigstens nicht so flink;
gut Ding will Weile haben. Aber da sind ja noch Erdbeeren. Ei, das ist nett.
Kommen Sie, Kleine, wir wollen welche pflücken (wenn nur das verdammte Bücken
nicht wär), und wenn wir eine recht grosse finden, dann wollen wir sie mitnehmen.
Die steck ich ihm dann in den Mund, und dann freut er sich. Denn Sie müssen
wissen, er ist ein Mann wie 'n Kind und eigentlich der Beste.«
    Lene, die wohl merkte, dass es sich um Balafré handelte, tat ein paar Fragen
und frug unter anderm auch wieder, warum die Herren eigentlich die sonderbaren
Namen hätten. Sie habe schon früher danach gefragt, aber nie was gehört, was der
Rede wert gewesen wäre.
    »Jott«, sagte die Königin, »es soll so was sein und soll keiner was merken
und is doch alles bloss Ziererei. Denn erstens kümmert sich keiner drum, und wenn
sich einer drum kümmert, is es auch noch so. Und warum auch? Wen soll es denn
schaden? Sie haben sich alle nichts vorzuwerfen, und einer ist wie der andre.«
    Lene sah vor sich hin und schwieg.
    »Und eigentlich, Kind, und Sie werden das auch noch sehn, eigentlich is es
alles bloss langweilig. Eine Weile geht es, und ich will nichts dagegen sagen und
will's auch nicht abschwören. Aber die Länge hat die Last. So von fuffzehn an
und noch nich mal eingesegnet. Wahrhaftig, je bälder man wieder raus ist, desto
besser. Ich kaufe mir denn (denn das Geld krieg ich) 'ne Dest'lation und weiss
auch schon wo, und denn heirat ich mir einen Witmann und weiss auch schon wen.
Und er will auch. Denn das muss ich Ihnen sagen, ich bin für Ordnung und
Anständigkeit und die Kinder orntlich erziehn, und ob es seine sind oder meine,
is janz egal... Und wie is es denn eigentlich mit Ihnen?«
    Lene sagte kein Wort.
    »Jott, Kind, Sie verfärben sich ja; Sie sind woll am Ende mit hier dabei«
(und sie wies aufs Herz) »und tun alles aus Liebe? Ja, Kind, denn is es schlimm,
denn gibt es 'nen Kladderadatsch.«
Johanna folgte mit Margot. Sie blieben absichtlich etwas zurück und brachen sich
Birkenreiser ab, wie wenn sie vorhätten, einen Kranz daraus zu flechten. »Wie
gefällt sie dir denn?« sagte Margot. »Ich meine die von Gaston.«
    »Gefallen? gar nich. Das fehlt auch noch, dass solche mitspielen und in Mode
kommen! Sieh doch nur, wie ihr die Handschuh sitzen. Und mit dem Hut is auch
nicht viel. Er dürfte sie gar nicht so gehn lassen. Und sie muss auch dumm sein,
sie spricht ja kein Wort.«
    »Nein«, sagte Margot, »dumm ist sie nicht; sie hat's bloss noch nich weg. Und
dass sie sich gleich an die gute Dicke ranmacht, das is doch auch klug genug.«
    »Ach, die gute Dicke. Geh mir mit der. Die denkt, sie is es. Aber es is gar
nichts mit ihr. Ich will ihr sonst nichts nachsagen, aber falsch ist sie, falsch
wie Galgenholz.«
    »Nein, Johanna, falsch is sie nu grade nich. Und sie hat dir auch öfter aus
der Patsche geholfen. Du weisst schon, was ich meine.«
    »Gott, warum? Weil sie selber mit drinsass und weil sie sich ewig ziert und
wichtig tut. Wer so dick ist, ist nie gut.«
    »Jott, Johanna, was du nur redst. Umgekehrt is es, die Dicken sind immer
gut.«
    »Na meinetwegen. Aber das kannst du nicht bestreiten, dass sie 'ne
lächerliche Figur macht. Sieh doch nur, wie sie dahinwatschelt; wie 'ne
Fettente. Und immer bis oben ran zu, bloss weil sie sich sonst vor anständigen
Leuten gar nicht sehen lassen kann. Und, Margot, das lass ich mir nicht nehmen,
ein bisschen schlanke Figur ist doch die Hauptsache. Wir sind doch noch keine
Türken. Und warum wollte sie nicht mit auf den Kirchhof? Weil sie sich jrault? I
bewahre, sie denkt nich dran, bloss weil sie sich wieder eingeknallt hat und es
vor Hitze nicht aushalten kann. Und is eigentlich nich mal so furchtbar heiss
heute.«
So gingen die Gespräche, bis sich die beiden Paare schliesslich wieder
vereinigten und auf einen mit Moos bewachsenen Grabenrand setzten.
    Isabeau sah öfter nach der Uhr; der Zeiger wollte nicht recht vom Fleck.
    Als es aber halb zwölf war, sagte sie: »Nun, meine Damen, ist es Zeit; ich
denke, wir haben jetzt gerade genug Natur gehabt und können mit Fug und Recht zu
was andrem übergehen. Seit heute früh um sieben eigentlich keinen Bissen. Denn
die Grünauer Schinkenstulle kann ich doch nicht rechnen... Aber Gott sei Dank,
alles Entsagen, sagt Balafré, hat seinen Lohn in sich, und Hunger ist der beste
Koch. Kommen Sie, meine Damen, der Rehrücken fängt an wichtiger zu werden als
alles andre. Nicht wahr, Johanna?«
    Diese gefiel sich in einem Achselzucken und suchte die Zumutung, als ob
Dinge wie Rehrücken und Bowle je Gewicht für sie haben könnten, entschieden
abzulehnen.
    Isabeau aber lachte. »Nun, wir werden ja sehn, Johanna. Freilich der
Zeutner Kirchhof wäre besser gewesen. Aber man muss nehmen, was man hat.«
    Und damit brachen allesamt auf, um aus dem Wald in den Garten und aus
diesem, drin sich ein paar Zitronenvögel eben haschten, bis in die Front des
Hauses, wo gegessen werden sollte, zurückzukehren.
    Im Vorübergehen an der Gaststube sah Isabeau den mit dem Umstülpen einer
Moselweinflasche beschäftigten Wirt.
    »Schade«, sagte sie, »dass ich grade das sehen musste. Das Schicksal hätte mir
auch einen besseren Anblick gönnen können. Warum gerade Mosel?«
 
                              Vierzehntes Kapitel
Eine rechte Heiterkeit hatte nach diesem Spaziergange trotz aller von Isabeau
gemachten Anstrengungen nicht mehr aufkommen wollen, was aber, wenigstens für
Boto und Lene, das schlimmere war, war das, dass diese Heiterkeit auch ausblieb,
als sich beide von den Kameraden und ihren Damen verabschiedet und ganz allein,
in einem nur von ihnen besetzten Kupee, die Rückfahrt angetreten hatten. Eine
Stunde später waren sie, ziemlich herabgestimmt, auf dem trübselig erleuchteten
Görlitzer Bahnhof eingetroffen, und hier, beim Aussteigen, hatte Lene sofort und
mit einer Art Dringlichkeit gebeten, sie den Weg durch die Stadt hin allein
machen zu lassen, »sie seien ermüdet und abgespannt und das tue nicht gut«,
Boto aber war von dem, was er als schuldige Rücksicht und Kavalierspflicht
ansah, nicht abzubringen gewesen, und so hatten sie denn in einer klapprigen
alten Droschke die lange, lange Fahrt am Kanal hin gemeinschaftlich gemacht,
immer bemüht, ein Gespräch über die Partie, und »wie hübsch sie gewesen sei«,
zustande zu bringen - eine schreckliche Zwangsunterhaltung, bei der Boto nur zu
sehr gefühlt hatte, wie richtig Lenens Empfindung gewesen war, als sie von
dieser Begleitung in beinahe beschwörendem Tone nichts hatte wissen wollen. Ja,
der Ausflug nach »Hankels Ablage«, von dem man sich soviel versprochen und der
auch wirklich so schön und glücklich begonnen hatte, war in seinem Ausgange
nichts als eine Mischung von Verstimmung, Müdigkeit und Abspannung gewesen, und
nur im letzten Augenblick, wo Boto liebevoll, freundlich und mit einem gewissen
Schuldbewusstsein sein »Gute Nacht, Lene« gesagt hatte, war diese noch einmal auf
ihn zugeeilt und hatte, seine Hand ergreifend, ihn mit beinah leidenschaftlichem
Ungestüm geküsst: »Ach, Boto, es war heute nicht so, wie's hätte sein sollen,
und doch war niemand schuld... Auch die andern nicht.«
    »Lass es, Lene.«
    »Nein, nein. Es war niemand schuld, dabei bleibt es, daran ist nichts zu
ändern. Aber dass es so ist, das ist eben das Schlimme daran. Wenn wer schuld
hat, dann bittet man um Verzeihung, und dann ist es wieder gut. Aber das nutzt
uns nichts. Und es ist auch nichts zu verzeihn.«
    »Lene...«
    »Du musst noch einen Augenblick hören. Ach, mein einziger Boto, du willst es
mir verbergen, aber es geht zu End. Und rasch, ich weiss es.«
    »Wie du nur sprichst.«
    »Ich hab es freilich nur geträumt«, fuhr Lene fort. »Aber warum hab ich es
geträumt? weil es mir den ganzen Tag vor der Seele steht. Mein Traum war nur,
was mir mein Herz eingab. Und was ich dir noch sagen wollte, Boto, und warum
ich dir die paar Schritte nachgelaufen bin: es bleibt doch bei dem, was ich dir
gestern abend sagte. Dass ich diesen Sommer leben konnte, war mir ein Glück und
bleibt mir ein Glück, auch wenn ich von heut ab unglücklich werde.«
    »Lene, Lene, sprich nicht so...«
    »Du fühlst selbst, dass ich recht habe; dein gutes Herz sträubt sich nur, es
zuzugestehen, und will es nicht wahrhaben. Aber ich weiss es: gestern, als wir
über die Wiese gingen und plauderten und ich dir den Strauss pflückte, das war
unser letztes Glück und unsere letzte schöne Stunde.«
    Mit diesem Gespräche hatte der Tag geschlossen, und nun war der andre
Morgen, und die Sommersonne schien hell in Botos Zimmer. Beide Fenster standen
auf, und in den Kastanien draussen quirilierten die Spatzen. Boto selbst, aus
einem Meerschaum rauchend, lag zurückgelehnt in seinem Schaukelstuhl und schlug
dann und wann mit einem neben ihm liegenden Taschentuche nach einem grossen
Brummer, der, wenn er zu dem einen Fenster hinaus war, sofort wieder an dem
andern erschien, um Boto hartnäckig und unerbittlich zu umsummen.
    »Dass ich diese Bestie doch los wäre. Quälen, martern möcht ich sie. Diese
Brummer sind allemal Unglücksboten und so hämisch zudringlich, als freuten sie
sich über den Ärger, dessen Herold und Verkündiger sie sind.« In diesem
Augenblicke schlug er wieder danach. »Wieder fort. Es hilft nichts. Also
Resignation. Ergebung ist überhaupt das beste. Die Türken sind die klügsten
Leute.«
    Das Zuschlagen der kleinen Gittertür draussen liess ihn während dieses
Selbstgesprächs auf den Vorgarten blicken und dabei des eben eingetretenen
Briefträgers gewahr werden, der ihm gleich danach, unter leichtem militärischen
Gruss und mit einem »Guten Morgen, Herr Baron«, erst eine Zeitung und dann einen
Brief in das nicht allzu hohe Parterrefenster hineinreichte. Boto warf die
Zeitung beiseite, zugleich den Brief betrachtend, auf dem er die kleine,
dichtstehende, trotzdem aber sehr deutliche Handschrift seiner Mutter unschwer
erkannt hatte. »Dacht ich's doch... Ich weiss schon, eh ich gelesen. Arme Lene.«
    Und nun brach er den Brief auf und las:
                                                   »Schloss Zehden. 29. Juni 1875
Mein lieber Boto.
    Was ich Dir als Befürchtung in meinem letzten Briefe mitteilte, das hat sich
nun erfüllt: Rotmüller in Arnswalde hat sein Kapital zum 1. Oktober gekündigt
und nur aus alter Freundschaft hinzugefügt, dass er bis Neujahr warten wolle,
wenn es mir eine Verlegenheit schaffe. Denn er wisse wohl, was er dem Andenken
des seligen Herrn Barons schuldig sei. Diese Hinzufügung, so gut sie gemeint
sein mag, ist doch doppelt empfindlich für mich; es mischt sich soviel
prätentiöse Rücksichtnahme mit ein, die niemals angenehm berührt, am wenigsten
von solcher Seite her. Du begreifst vielleicht die Verstimmung und Sorge, die
mir diese Zeilen geschaffen haben. Onkel Kurt Anton würde helfen, wie schon bei
frührer Gelegenheit, er liebt mich und vor allem Dich, aber seine Geneigteit
immer wieder in Anspruch zu nehmen hat doch etwas Bedrückliches und hat es um so
mehr, als er unsrer ganzen Familie, speziell aber uns beiden, die Schuld an
unsren ewigen Verlegenheiten zuschiebt. Ich bin ihm, trotz meines redlichen mich
Kümmerns um die Wirtschaft, nicht wirtschaftlich und anspruchslos genug, worin
er recht haben mag, und Du bist ihm nicht praktisch und lebensklug genug, worin
er wohl ebenfalls das Richtige treffen wird. Ja, Boto, so liegt es. Mein Bruder
ist ein Mann von einem sehr feinen Rechts- und Billigkeitsgefühl und von einer
in Geldangelegenheiten geradezu hervorragenden Gentilezza, was man nur von
wenigen unsrer Edelleute sagen kann. Denn unsre gute Mark Brandenburg ist die
Sparsamkeits- und, wo geholfen werden soll, sogar die Ängstlichkeitsprovinz,
aber so gentil er ist, er hat seine Launen und Eigenwilligkeiten, und sich in
diesen beharrlich gekreuzt zu sehen hat ihn seit einiger Zeit aufs ernstafteste
verstimmt. Er sagte mir, als ich letztin Veranlassung nahm, der uns abermals
drohenden Kapitalskündigung zu gedenken: Ich stehe gern zu Diensten, Schwester,
wie du weisst, aber ich bekenne dir offen, immer da helfen zu sollen, wo man sich
in jedem Augenblicke selber helfen könnte, wenn man nur etwas einsichtiger und
etwas weniger eigensinnig wäre, das erhebt starke Zumutungen an die Seite meines
Charakters, die nie meine hervorragendste war: an meine Nachgiebigkeit... Du
weisst, Boto, worauf sich diese seine Worte beziehen, und ich lege sie heute Dir
ans Herz, wie sie damals, von Onkel Kurt Antons Seite, mir ans Herz gelegt
wurden. Es gibt nichts, was Du, Deinen Worten und Briefen nach zu schliessen,
mehr perhorreszierst als Sentimentalitäten, und doch, fürcht ich, steckst Du
selber drin, und zwar tiefer, als Du zugeben willst oder vielleicht weisst. Ich
sage nicht mehr.«
    Rienäcker legte den Brief aus der Hand und schritt im Zimmer auf und ab,
während er den Meerschaum halb mechanisch mit einer Zigarette vertauschte. Dann
nahm er den Brief wieder und las weiter. »Ja, Boto, Du hast unser aller Zukunft
in der Hand und hast zu bestimmen, ob dies Gefühl einer beständigen Abhängigkeit
fortdauern oder aufhören soll. Du hast es in der Hand, sag ich, aber, wie ich
freilich hinzufügen muss, nur kurze Zeit noch, jedenfalls nicht auf lange mehr.
Auch darüber hat Onkel Kurt Anton mit mir gesprochen, namentlich im Hinblick auf
die Sellentiner Mama, die sich, bei seiner letzten Anwesenheit in Rotenmoor,
in dieser sie lebhaft beschäftigenden Sache nicht nur mit grosser
Entschiedenheit, sondern auch mit einem Anflug von Gereizteit ausgesprochen
hat. Ob das Haus Rienäcker vielleicht glaube, dass ein immer kleiner werdender
Besitz, nach Art der Sibyllinischen Bücher (wo sie den Vergleich herhat, weiss
ich nicht), immer wertvoller würde? Käte werde nun zweiundzwanzig, habe den Ton
der grossen Welt und verfüge mit Hilfe der von ihrer Tante Kielmannsegge
herstammenden Erbschaft über ein Vermögen, dessen Zinsbetrag hinter dem
Kapitalsbetrag der Rienäckerschen Heide samt Muränensee nicht sehr erheblich
zurückbleiben werde. Solche junge Dame lasse man überhaupt nicht warten, am
wenigsten aber mit soviel Beharrlichkeit und Seelenruhe. Wenn es Herrn von
Rienäcker beliebe, das, was früher darüber von seiten der Familie geplant und
gesprochen sei, fallenzulassen und stattgehabte Verabredungen als blosses
Kinderspiel anzusehn, so habe sie nichts dagegen. Herr von Rienäcker sei frei
von dem Augenblick an, wo er frei sein wolle. Wenn er aber umgekehrt vorhabe,
von dieser unbedingten Rückzugsfreiheit nicht Gebrauch machen zu wollen, so sei
es an der Zeit, auch das zu zeigen. Sie wünsche nicht, dass ihre Tochter in das
Gerede der Leute komme.
    Du wirst dem Tone, der hieraus spricht, unschwer entnehmen, dass es durchaus
nötig ist, Entschlüsse zu fassen und zu handeln. Was ich wünsche, weisst Du.
Meine Wünsche sollen aber nicht verbindlich für Dich sein. Handle, wie Dir
eigene Klugheit es eingibt, entscheide Dich so oder so, nur handle überhaupt.
Ein Rückzug ist ehrenvoller als fernere Hinausschiebung. Säumst Du länger, so
verlieren wir nicht nur die Braut, sondern das Sellentiner Haus überhaupt und,
was noch schlimmer, ja das schlimmste ist, auch die freundlichen und immer
hilfebereiten Gesinnungen des Onkels. Meine Gedanken begleiten Dich, möchten sie
Dich auch leiten können. Ich wiederhole Dir, es wäre der Weg zu Deinem und unser
aller Glück. Womit ich verbleibe Deine Dich liebende Mutter
                                                               Josephine von R.«
Boto, als er gelesen, war in grosser Erregung. Es war so, wie der Brief es
aussprach, und ein Hinausschieben nicht länger möglich. Es stand nicht gut mit
dem Rienäckerschen Vermögen, und Verlegenheiten waren da, die durch eigne
Klugheit und Energie zu heben er durchaus nicht die Kraft in sich fühlte. »Wer
bin ich? Durchschnittsmensch aus der sogenannten Obersphäre der Gesellschaft.
Und was kann ich? Ich kann ein Pferd stallmeistern, einen Kapaun tranchieren und
ein Jeu machen. Das ist alles, und so hab ich denn die Wahl zwischen
Kunstreiter, Oberkellner und Croupier. Höchstens kommt noch der Troupier hinzu,
wenn ich in eine Fremdenlegion eintreten will. Und Lene dann mit mir als Tochter
des Regiments. Ich sehe sie schon in kurzem Rock und Hackenstiefeln und ein
Tönnchen auf dem Rücken.«
    In diesem Tone sprach er weiter und gefiel sich darin, sich bittre Dinge zu
sagen. Endlich aber zog er die Klingel und beorderte sein Pferd, weil er
ausreiten wolle. Und nicht lange, so hielt seine prächtige Fuchsstute draussen,
ein Geschenk des Onkels, zugleich der Neid der Kameraden. Er hob sich in den
Sattel, gab dem Burschen einige Weisungen und ritt auf die Moabiter Brücke zu,
nach deren Passierung er in einen breiten, über Fenn und Feld in die
Jungfernheide hinüberführenden Weg einlenkte. Hier liess er sein Pferd aus dem
Trab in den Schritt fallen und nahm sich, während er bis dahin allerhand
unklaren Gedanken nachgehangen hatte, mit jedem Augen blicke fester und schärfer
ins Verhör. »Was ist es denn, was mich hindert, den Schritt zu tun, den alle
Welt erwartet? Will ich Lene heiraten? Nein. Hab ich's ihr versprochen? Nein.
Erwartet sie's? Nein. Oder wird uns die Trennung leichter, wenn ich sie
hinausschiebe? Nein. Immer nein und wieder nein. Und doch säume und schwanke
ich, das eine zu tun, was durchaus getan werden muss. Und weshalb säume ich?
Woher diese Schwankungen und Vertagungen? Törichte Frage. Weil ich sie liebe.«
    Kanonenschüsse, die vom Tegler Schiessplatz herüberklangen, unterbrachen hier
sein Selbstgespräch, und erst als er das momentan unruhig gewordene Pferd wieder
beruhigt hatte, nahm er den früheren Gedankengang wieder auf und wiederholte:
»Weil ich sie liebe! Ja. Und warum soll ich mich dieser Neigung schämen? Das
Gefühl ist souverän, und die Tatsache, dass man liebt, ist auch das Recht dazu,
möge die Welt noch so sehr den Kopf darüber schütteln oder von Rätsel sprechen.
Übrigens ist es kein Rätsel, und wenn doch, so kann ich es lösen. Jeder Mensch
ist seiner Natur nach auf bestimmte, mitunter sehr, sehr kleine Dinge gestellt,
Dinge, die, trotzdem sie klein sind, für ihn das Leben oder doch des Lebens
Bestes bedeuten. Und dies Beste heisst mir Einfachheit, Wahrheit, Natürlichkeit.
Das alles hat Lene, damit hat sie mir's angetan, da liegt der Zauber, aus dem
mich zu lösen mir jetzt so schwerfällt.«
    In diesem Augenblicke stutzte sein Pferd, und er wurde eines aus einem
Wiesenstreifen aufgescheuchten Hasen gewahr, der dicht vor ihm auf die
Jungfernheide zujagte. Neugierig sah er ihm nach und nahm seine Betrachtungen
erst wieder auf, als der Flüchtige zwischen den Stämmen der Heide verschwunden
war. »Und war es denn«, fuhr er fort, »etwas so Törichtes und Unmögliches, was
ich wollte? Nein. Es liegt nicht in mir, die Welt herauszufordern und ihr und
ihren Vorurteilen öffentlich den Krieg zu erklären; ich bin durchaus gegen
solche Donquixoterien. Alles, was ich wollte, war ein verschwiegenes Glück, ein
Glück, für das ich früher oder später, um des ihr ersparten Affronts willen, die
stille Guteissung der Gesellschaft erwartete. So war mein Traum, so gingen meine
Hoffnungen und Gedanken. Und nun soll ich heraus aus diesem Glück und soll ein
andres eintauschen, das mir keins ist. Ich hab eine Gleichgiltigkeit gegen den
Salon und einen Widerwillen gegen alles Unwahre, Geschraubte, Zurechtgemachte.
Chic, Tournure, savoir-faire - mir alles ebenso hässliche wie fremde Wörter.«
    Hier bog das Pferd, das er schon seit einer Viertelstunde kaum noch im Zügel
hatte, wie von selbst in einen Seitenweg ein, der zunächst auf ein Stück
Ackerland und gleich dahinter auf einen von Unterholz und ein paar Eichen
eingefassten Grasplatz führte. Hier, im Schatten eines der älteren Bäume, stand
ein kurzes, gedrungenes Steinkreuz, und als er näher heranritt, um zu sehen, was
es mit diesem Kreuz eigentlich sei, las er: »Ludwig v. Hinckeldei, gest. 10.
März 1856.« Wie das ihn traf! Er wusste, dass das Kreuz hierherum stehe, war aber
nie bis an diese Stelle gekommen und sah es nun als ein Zeichen an, dass das
seinem eigenen Willen überlassene Pferd ihn gerade hierher geführt hatte.
    Hinckeldei! Das war nun an die zwanzig Jahr, dass der damals Allmächtige zu
Tode kam, und alles, was bei der Nachricht davon in seinem Elternhause
gesprochen worden war, das stand jetzt wieder lebhaft vor seiner Seele. Vor
allem eine Geschichte kam ihm wieder in Erinnerung. Einer der bürgerlichen,
seinem Chef besonders vertrauten Räte übrigens, hatte gewarnt und abgemahnt und
das Duell überhaupt, und nun gar ein solches und unter solchen Umständen, als
einen Unsinn und ein Verbrechen bezeichnet. Aber der sich bei dieser Gelegenheit
plötzlich auf den Edelmann hin ausspielende Vorgesetzte hatte brüsk und
hochmütig geantwortet: »Nörner, davon verstehen Sie nichts.« und eine Stunde
später war er in den Tod gegangen. Und warum? Einer Adelsvorstellung, einer
Standesmarotte zuliebe, die mächtiger war als alle Vernunft, auch mächtiger als
das Gesetz, dessen Hüter und Schützer zu sein er recht eigentlich die Pflicht
hatte. »Lehrreich. Und was habe ich speziell daraus zu lernen? Was predigt dies
Denkmal mir? Jedenfalls das eine, dass das Herkommen unser Tun bestimmt. Wer ihm
gehorcht, kann zugrunde gehn, aber er geht besser zugrunde als der, der ihm
widerspricht.«
    Während er noch so sann, warf er sein Pferd herum und ritt querfeldein auf
ein grosses Etablissement, ein Walzwerk oder eine Maschinenwerkstatt, zu, draus,
aus zahlreichen Essen, Qualm und Feuersäulen in die Luft stiegen. Es war Mittag,
und ein Teil der Arbeiter sass draussen im Schatten, um die Mahlzeit einzunehmen.
Die Frauen, die das Essen gebracht hatten, standen plaudernd daneben, einige mit
einem Säugling auf dem Arm, und lachten sich untereinander an, wenn ein
schelmisches oder anzügliches Wort gesprochen wurde. Rienäcker, der sich den
Sinn für das Natürliche mit nur zu gutem Rechte zugeschrieben, war entzückt von
dem Bilde, das sich ihm bot, und mit einem Anfluge von Neid sah er auf die
Gruppe glücklicher Menschen. »Arbeit und täglich Brot und Ordnung. Wenn unsre
märkischen Leute sich verheiraten, so reden sie nicht von Leidenschaft und
Liebe, sie sagen nur: Ich muss doch meine Ordnung haben. Und das ist ein schöner
Zug im Leben unsres Volks und nicht einmal prosaisch. Denn Ordnung ist viel und
mitunter alles. Und nun frag ich mich, war mein Leben in der Ordnung? Nein.
Ordnung ist Ehe.« So sprach er noch eine Weile vor sich hin, und dann sah er
wieder Lene vor sich stehn, aber in ihrem Auge lag nichts von Vorwurf und
Anklage, sondern es war umgekehrt, als ob sie freundlich zustimme.
    »Ja, meine liebe Lene, du bist auch für Arbeit und Ordnung und siehst es ein
und machst es mir nicht schwer... aber schwer ist es doch... für dich und mich.«
    Er setzte sein Pferd wieder in Trab und hielt sich noch eine Strecke hart an
der Spree hin. Dann aber bog er, an den in Mittagsstille daliegenden Zelten
vorüber, in einen Reitweg ein, der ihn bis an den Wrangelbrunnen und gleich
danach bis vor seine Tür führte.
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Boto wollte sofort zu Lene hinaus, und als er fühlte, dass er dazu keine Kraft
habe, wollt er wenigstens schreiben. Aber auch das ging nicht. »Ich kann es
nicht, heute nicht.« Und so liess er den Tag vergehen und wartete bis zum andern
Morgen. Da schrieb er denn in aller Kürze.
    »Liebe Lene. Nun kommt es doch so, wie Du mir vorgestern gesagt: Abschied.
Und Abschied auf immer. Ich hatte Briefe von Haus, die mich zwingen; es muss
sein, und weil es sein muss, so sei es schnell... Ach, ich wollte, diese Tage
lägen hinter uns. Ich sage Dir weiter nichts, auch nicht, wie mir ums Herz
ist... Es war eine kurze schöne Zeit, und ich werde nichts davon vergessen.
Gegen neun bin ich bei Dir, nicht früher, denn es darf nicht lange dauern. Auf
Wiedersehen, nur noch einmal auf Wiedersehn. Dein B. v. R.«
    Und nun kam er. Lene stand am Gitter und empfing ihn wie sonst; nicht der
kleinste Zug von Vorwurf oder auch nur von schmerzlicher Entsagung lag in ihrem
Gesicht. Sie nahm seinen Arm, und so gingen sie den Vorgartensteig hinauf.
    »Es ist recht, dass du kommst... Ich freue mich, dass du da bist. Und du musst
dich auch freuen.«
    Unter diesen Worten hatten sie das Haus erreicht, und Boto machte Miene,
wie gewöhnlich vom Flur her in das grosse Vorderzimmer einzutreten. Aber Lene zog
ihn weiter fort und sagte: »Nein, Frau Dörr ist drin...«
    »Und ist uns noch bös?«
    »Das nicht. Ich habe sie beruhigt. Aber was sollen wir heut mit ihr? Komm,
es ist ein so schöner Abend, und wir wollen allein sein.«
    Er war einverstanden, und so gingen sie denn den Flur hinunter und über den
Hof auf den Garten zu. Sultan regte sich nicht und blinzelte nur beiden nach,
als sie den grossen Mittelsteig hinauf und dann auf die zwischen den
Himbeerbüschen stehende Bank zuschritten.
    Als sie hier ankamen, setzten sie sich. Es war still, nur vom Felde her
hörte man ein Gezirp, und der Mond stand über ihnen.
    Sie lehnte sich an ihn und sagte ruhig und herzlich: »Und das ist nun also
das letzte Mal, dass ich deine Hand in meiner halte?«
    »Ja, Lene. Kannst du mir verzeihn?«
    »Wie du nur immer frägst. Was soll ich dir verzeihn?«
    »Dass ich deinem Herzen wehe tue.«
    »Ja, weh tut es. Das ist wahr.«
    Und nun schwieg sie wieder und sah hinauf auf die blass am Himmel
heraufziehenden Sterne.
    »Woran denkst du, Lene?«
    »Wie schön es wäre, dort oben zu sein.«
    »Sprich nicht so. Du darfst dir das Leben nicht wegwünschen; von solchem
Wunsch ist nur noch ein Schritt...«
    Sie lächelte. »Nein, das nicht. Ich bin nicht wie das Mädchen, das an den
Ziehbrunnen lief und sich hineinstürzte, weil ihr Liebhaber mit einer andern
tanzte. Weisst du noch, wie du mir davon erzähltest?«
    »Aber was soll es dann? Du bist doch nicht so, dass du so was sagst, bloss um
etwas zu sagen.«
    »Nein, ich hab es auch ernstaft gemeint. Und wirklich« (und sie wies
hinauf), »ich wäre gerne da. Da hätt ich Ruh. Aber ich kann es abwarten... Und
nun komm und lass uns ins Feld gehn. Ich habe kein Tuch mit herausgenommen und
find es kalt hier im Stillsitzen.«
    Und so gingen sie denn denselben Feldweg hinauf, der sie damals bis an die
vorderste Häuserreihe von Wilmersdorf geführt hatte. Der Turm war deutlich
sichtbar unter dem sternklaren Himmel, und nur über den Wiesengrund zog ein
dünner Nebelschleier.
    »Weisst du noch«, sagte Boto, »wie wir mit Frau Dörr hier gingen?«
    Sie nickte. »Deshalb hab ich dir's vorgeschlagen, mich fror gar nicht oder
doch kaum. Ach, es war ein so schöner Tag damals, und so heiter und glücklich
bin ich nie gewesen, nicht vorher und nicht nachher. Noch in diesem Augenblicke
lacht mir das Herz, wenn ich daran zurückdenke, wie wir gingen und sangen:
Denkst du daran. Ja, Erinnerung ist viel, ist alles. Und die hab ich nun und
bleibt mir und kann mir nicht mehr genommen werden. Und ich fühle ordentlich,
wie mir dabei leicht zumute wird.«
    Er umarmte sie. »Du bist so gut.«
    Lene aber fuhr in ihrem ruhigen Tone fort: »Und dass mir so leicht ums Herz
ist, das will ich nicht vorübergehn lassen und will dir alles sagen. Eigentlich
ist es das alte, was ich dir immer schon gesagt habe, noch vorgestern, als wir
draussen auf der halb gescheiterten Partie waren, und dann nachher, als wir uns
trennten. Ich hab es so kommen sehn, von Anfang an, und es geschieht nur, was
muss. Wenn man schön geträumt hat, so muss man Gott dafür danken und darf nicht
klagen, dass der Traum aufhört und die Wirklichkeit wieder anfängt. Jetzt ist es
schwer, aber es vergisst sich alles oder gewinnt wieder ein freundliches Gesicht.
Und eines Tages bist du wieder glücklich und vielleicht ich auch.«
    »Glaubst du's? Und wenn nicht? was dann?«
    »Dann lebt man ohne Glück.«
    »Ach, Lene, du sagst das so hin, als ob Glück nichts wäre. Aber es ist was,
und das quält mich eben, und ist mir doch, als ob ich dir ein Unrecht getan
hätte.«
    »Davon sprech ich dich frei. Du hast mir kein Unrecht getan, hast mich nicht
auf Irrwege geführt und hast mir nichts versprochen. Alles war mein freier
Entschluss. Ich habe dich von Herzen liebgehabt, das war mein Schicksal, und wenn
es eine Schuld war, so war es meine Schuld. Und noch dazu eine Schuld, deren ich
mich, ich muss es dir immer wieder sagen, von ganzer Seele freue, denn sie war
mein Glück. Wenn ich nun dafür zahlen muss, so zahle ich gern. Du hast nicht
gekränkt, nicht verletzt, nicht beleidigt, oder doch höchstens das, was die
Menschen Anstand nennen und gute Sitte. Soll ich mich darum grämen? Nein. Es
rückt sich alles wieder zurecht, auch das. Und nun komm und lass uns umkehren.
Sieh nur, wie die Nebel steigen; ich denke, Frau Dörr ist nun fort und wir
treffen die gute Alte allein. Sie weiss von allem und hat den ganzen Tag über
immer nur ein und dasselbe gesagt.«
    »Und was?«
    »Dass es so gut sei.«
Frau Nimptsch war wirklich allein, als Boto und Lene bei ihr eintraten. Alles
war still und dämmerig, und nur das Herdfeuer warf einen Lichtschein über die
breiten Schatten, die sich schräg durch das Zimmer zogen. Der Stieglitz schlief
schon lange in seinem Bauer, und man hörte nichts als dann und wann das Zischen
des überkochenden Wassers.
    »Guten Abend, Mutterchen«, sagte Boto.
    Die Alte gab den Gruss zurück und wollte von ihrer Fussbank aufstehen, um den
grossen Lehnstuhl heranzurücken. Aber Boto litt es nicht und sagte: »Nein,
Mutterchen, ich setze mich auf meinen alten Platz.«
    Und dabei schob er den Schemel ans Feuer.
    Eine kleine Pause trat ein; alsbald aber begann er wieder: »Ich komme heut,
um Abschied zu nehmen und Ihnen für alles Liebe und Gute zu danken, das ich hier
so lange gehabt habe. Ja, Mutterchen, so recht von Herzen. Ich bin hier so gern
gewesen und so glücklich. Aber nun muss ich fort, und alles, was ich noch sagen
kann, ist bloss das: es ist doch wohl das beste so.«
    Die Alte schwieg und nickte zustimmend. »Aber ich bin nicht aus der Welt«,
fuhr Boto fort, »und ich werde Sie nicht vergessen, Mutterchen. Und nun geben
Sie mir die Hand. So. Und nun gute Nacht.«
    Hiernach stand er schnell auf und schritt auf die Tür zu, während Lene sich
an ihn hing. So gingen sie bis an das Gartengitter, ohne dass weiter ein Wort
gesprochen worden wäre. Dann aber sagte sie: »Nun kurz, Boto. Meine Kräfte
reichen nicht mehr; es war doch zuviel, diese zwei Tage. Lebe wohl, mein
Einziger, und sei so glücklich, wie du's verdienst, und so glücklich, wie du
mich gemacht hast. Dann bist du glücklich. Und von dem andern rede nicht mehr,
es ist der Rede nicht wert. So, so.«
    Und sie gab ihm einen Kuss und noch einen und schloss dann das Gitter.
    Als er an der andern Seite der Strasse stand, schien er, als er Lenens
ansichtig wurde, noch einmal umkehren und Wort und Kuss mit ihr tauschen zu
wollen. Aber sie wehrte heftig mit der Hand. Und so ging er denn weiter die
Strasse hinab, während sie, den Kopf auf den Arm und den Arm auf den
Gitterpfosten gestützt, ihm mit grossem Auge nachsah.
    So stand sie noch lange, bis sein Schritt in der nächtlichen Stille verhallt
war.
 
                              Sechzehntes Kapitel
Mitte September hatte die Verheiratung auf dem Sellentinschen Gute Rotenmoor
stattgefunden, Onkel Osten, sonst kein Redner, hatte das Brautpaar in dem
zweifellos längsten Toaste seines Lebens leben lassen, und am Tage darauf hatte
die Kreuzzeitung unter ihren sonstigen Familienanzeigen auch die folgende
gebracht: »Ihre am gestrigen Tage stattgehabte eheliche Verbindung zeigen
hierdurch ergebenst an Boto Freiherr von Rienäcker, Premierlieutenant im
Kaiser-Kürassier-Regiment, Käte Freifrau von Rienäcker, geb. von Sellentin.«
Die Kreuzzeitung war begreiflicherweise nicht das Blatt, das in die Dörrsche
Gärtnerwohnung samt ihren Dependenzien kam, aber schon am andern Morgen traf ein
an Fräulein Magdalene Nimptsch adressierter Brief ein, in dem nichts lag als der
Zeitungsausschnitt mit der Vermählungsanzeige. Lene fuhr zusammen, sammelte sich
aber rascher, als der Absender, aller Wahrscheinlichkeit nach eine neidische
Kollegin, erwartet haben mochte. Dass es von solcher Seite her kam, war schon aus
dem beigefügten »Hochwohlgeboren« zu schliessen. Aber gerade dieser
Extraschabernack, der den schmerzhaften Stich verdoppeln sollte, kam Lenen
zustatten und verminderte das bittere Gefühl, das ihr diese Nachricht sonst wohl
verursacht hätte.
Boto und Käte von Rienäcker waren noch am Hochzeitstage selbst nach Dresden
hin aufgebrochen, nachdem beide der Verlockung einer neumärkischen Vetternreise
glücklich widerstanden hatten. Und wahrlich, sie hatten nicht Ursache, ihre Wahl
zu bereuen, am wenigsten Boto, der sich jeden Tag nicht nur zu dem Dresdener
Aufentalte, sondern viel mehr noch zu dem Besitze seiner jungen Frau
beglückwünschte, die Capricen und üble Laune gar nicht zu kennen schien.
Wirklich, sie lachte den ganzen Tag über, und so leuchtend und hellblond sie
war, so war auch ihr Wesen. An allem ergötzte sie sich, und allem gewann sie die
heitre Seite ab. In dem von ihnen bewohnten Hotel war ein Kellner mit einem
Toupet, das einem eben umkippenden Wellenkamme glich, und dieser Kellner samt
seiner Frisur war ihre tagtägliche Freude, so sehr, dass sie, wiewohl sonst ohne
besonderen Esprit, sich in Bildern und Vergleichen gar nicht genugtun konnte.
Boto freute sich mit und lachte herzlich, bis sich mit einem Male doch etwas
von Bedenken und selbst von Unbehagen in sein Lachen einzumischen begann. Er
nahm nämlich wahr, dass sie, was auch geschehen oder ihr zu Gesicht kommen
mochte, lediglich am Kleinen und Komischen hing, und als beide nach etwa
vierzehntägigem glücklichen Aufentalt ihre Heimreise nach Berlin antraten,
ereignete sich's, dass ein kurzes, gleich zu Beginn der Fahrt geführtes Gespräch
ihm über diese Charakterseite seiner Frau volle Gewissheit gab. Sie hatten ein
Kupee für sich, und als sie, von der Elbbrücke her, noch einmal zurückblickten,
um nach Altstadt-Dresden und der Kuppel der Frauenkirche hinüberzugrüssen, sagte
Boto, während er ihre Hand nahm: »Und nun sage mir, Käte, was war eigentlich
das Hübscheste hier in Dresden?«
    »Rate.«
    »Ja, das ist schwer, denn du hast so deinen eignen Geschmack, und mit
Kirchengesang und Holbeinscher Madonna darf ich dir gar nicht kommen...«
    »Nein. Da hast du recht. Und ich will meinen gestrengen Herrn auch nicht
lange warten und sich quälen lassen. Es war dreierlei, was mich entzückte: voran
die Konditorei am Altmarkt und der Scheffelgassen-Ecke mit den wundervollen
Pastetchen und dem Likör. Da so zu sitzen...«
    »Aber, Käte, man konnte ja gar nicht sitzen, man konnte kaum stehn, und war
eigentlich, als ob man sich jeden Bissen erobern müsse.«
    »Das war es eben. Eben deshalb, mein Bester. Alles, was man sich erobern
muss...«
    Und sie wandte sich ab und spielte neckisch die Schmollende, bis er ihr
einen herzlichen Kuss gab.
    »Ich sehe«, lachte sie, »du bist schliesslich einverstanden, und zur
Belohnung höre nun auch das zweite und dritte. Mein Zweites war das
Sommerteater draussen, wo wir Monsieur Herkules sahen und Knaak den
Tannhäusermarsch auf einem klapprigen alten Whisttisch trommelte. So was
Komisches hab ich all mein Lebtag nicht gesehn und du wahrscheinlich auch nicht.
Es war wirklich zu komisch... Und das dritte... Nun das dritte, das war Bacchus
auf dem Ziegenbock im Grünen Gewölbe und der sich kratzende Hund von Peter
Vischer.«
    »Ich dachte mir so was, und wenn Onkel Osten davon hört, dann wird er dir
recht geben und dich noch lieber haben als sonst und mir noch öfter wiederholen:
Ich sage dir, Boto, die Käte...«
    »Soll er's nicht?«
    »O gewiss soll er.«
    Und damit brach auf Minuten hin ihr Gespräch ab, das in Botos Seele, so
zärtlich und liebevoll er zu der jungen Frau hinübersah, doch einigermassen
ängstlich nachklang. Die junge Frau selbst indes hatte keine Ahnung von dem, was
in ihres Gatten Seele vorging, und sagte nur: »Ich bin müde, Boto. Die vielen
Bilder. Es kommt doch nach... Aber« (der Zug hielt eben) »was ist denn das für
ein Lärm und Getreibe da draussen?«
    »Das ist ein Dresdener Vergnügungsort, ich glaube Kötzschenbroda.«
    »Kötzschenbroda? Zu komisch.«
    Und während der Zug weiterdampfte, streckte sie sich aus und schloss
anscheinend die Augen. Aber sie schlief nicht und sah zwischen den Wimpern hin
nach dem geliebten Manne hinüber.
In der damals noch einreihigen Landgrafenstrasse hatte Kätes Mama mittlerweile
die Wohnung eingerichtet, und als zu Beginn des Oktobers das junge Paar in
Berlin wieder eintraf, war es entzückt von dem Komfort, den es vorfand. In den
beiden Frontzimmern, die jedes einen Kamin hatten, war geheizt, aber Tür und
Fenster standen auf, denn es war eine milde Herbstluft, und das Feuer brannte
nur des Anblicks und des Luftzuges halber. Das schönste aber war der grosse
Balkon mit seinem weit herunterfallenden Zeltdach, unter dem hinweg man in
gerader Richtung ins Freie sah, erst über das Birkenwäldchen und den
Zoologischen Garten fort und dahinter bis an die Nordspitze des Grunewalds.
    Käte freute sich, unter Händeklatschen, dieser prächtig freien Aussicht,
umarmte die Mama, küsste Boto und wies dann plötzlich nach links hin, wo
zwischen vereinzelten Pappeln und Weiden ein Schindelturm sichtbar wurde. »Sieh,
Boto, wie komisch. Er ist ja wie dreimal eingeknickt. Und das Dorf daneben. Wie
heisst es?«
    »Ich glaube, Wilmersdorf«, stotterte Boto.
    »Nun gut, Wilmersdorf. Aber was heisst das, ich glaube. Du wirst doch wissen,
wie die Dörfer hierherum heissen. Sieh nur, Mama, macht er nicht ein Gesicht, als
ob er uns ein Staatsgeheimnis verraten hätte? Nichts komischer als diese
Männer.«
    Und damit verliess man den Balkon wieder, um in dem dahintergelegenen Zimmer
das erste Mittagsmahl en famille einzunehmen: nur die Mama, das junge Paar und
Serge, der als einziger Gast geladen war.
Rienäckers Wohnung lag keine tausend Schritt von dem Hause der Frau Nimptsch.
Aber Lene wusste nichts davon und nahm ihren Weg oft durch die Landgrafenstrasse,
was sie vermieden haben würde, wenn sie von dieser Nachbarschaft auch nur eine
Ahnung gehabt hätte.
    Doch es konnt ihr nicht lange ein Geheimnis bleiben.
    Es ging schon in die dritte Oktoberwoche, trotzdem war es noch wie im
Sommer, und die Sonne schien so warm, dass man den schärferen Luftton kaum
empfand.
    »Ich muss heut in die Stadt, Mutter«, sagte Lene. »Goldstein hat mir
geschrieben. Er will mit mir über ein Muster sprechen, das in die Wäsche der
Waldeckschen Prinzessin eingestickt werden soll. Und wenn ich erst in der Stadt
bin, will ich auch die Frau Demut in der Alten Jakobstrasse besuchen. Man kommt
sonst ganz von aller Menschheit los. Aber um Mittag bin ich wieder hier. Ich
werd es Frau Dörr sagen, dass sie nach dir sieht.«
    »Lass nur, Lene, lass nur. Ich bin am liebsten allein. Und die Dörr, sie redt
so viel und immer von ihrem Mann. Und ich habe ja mein Feuer. Und wenn der
Stieglitz piept, das is mir genug. Aber wenn du mir eine Tüte mitbringst, ich
habe jetzt immer solch Kratzen, und Malzbonbon löst so...«
    »Schön, Mutter.«
    Und damit hatte Lene die kleine stille Wohnung verlassen und war erst die
Kurfürsten- und dann die lange Potsdamer Strasse hinuntergegangen, auf den
Spittelmarkt zu, wo die Gebrüder Goldstein ihr Geschäft hatten. Alles verlief
nach Wunsch, und es war nahezu Mittag, als sie, heimkehrend, diesmal anstatt der
Kurfürsten- lieber die Lützowstrasse passierte. Die Sonne tat ihr wohl, und das
Treiben auf dem Magdeburger Platze, wo gerade Wochenmarkt war und alles eben
wieder zum Aufbruch rüstete, vergnügte sie so, dass sie stehenblieb und sich das
bunte Durcheinander mit ansah. Sie war wie benommen davon und wurde erst
aufgerüttelt, als die Feuerwehr mit ungeheurem Lärm an ihr vorbeirasselte.
    Lene horchte, bis das Gebimmel und Geklingel in der Ferne verhallt war, dann
aber sah sie links hinunter nach der Turmuhr der Zwölf-Apostel-Kirche. »Gerade
zwölf«, sagte sie. »Nun ist es Zeit, dass ich mich eile; sie wird immer unruhig,
wenn ich später komme, als sie denkt.« Und so ging sie weiter die Lützowstrasse
hinunter auf den gleichnamigen Platz zu. Aber mit einem Male hielt sie und wusste
nicht wohin, denn auf ganz kurze Entfernung erkannte sie Boto, der, mit einer
jungen, schönen Dame am Arm, grad auf sie zukam. Die junge Dame sprach lebhaft
und anscheinend lauter heitre Dinge, denn Boto lachte beständig, während er zu
ihr niederblickte. Diesem Umstande verdankte sie's auch, dass sie nicht schon
lange bemerkt worden war, und rasch entschlossen, eine Begegnung mit ihm um
jeden Preis zu vermeiden, wandte sie sich, vom Trottoir her, nach rechts hin und
trat an das zunächst befindliche grosse Schaufenster heran, vor dem, mutmasslich
als Deckel für eine hier befindliche Kelleröffnung, eine viereckige geriffelte
Eisenplatte lag. Das Schaufenster selbst war das eines gewöhnlichen
Materialwarenladens, mit dem üblichen Aufbau von Stearinlichten und
Mixed-Pickles-Flaschen, nichts Besonders, aber Lene starrte drauf hin, als ob
sie dergleichen noch nie gesehen habe. Und wahrlich, Zeit war es, denn in eben
diesem Augenblicke streifte das junge Paar hart an ihr vorüber, und kein Wort
entging ihr von dem Gespräche, das zwischen beiden geführt wurde.
    »Käte, nicht so laut«, sagte Boto, »die Leute sehen uns schon an.«
    »Lass sie...«
    »Sie denken am Ende, wir zanken uns...«
    »Unter Lachen? Zanken unter Lachen?«
    Und sie lachte wieder.
    Lene fühlte das Zittern der dünnen Eisenplatte, darauf sie stand. Ein
waagerecht liegender Messingstab zog sich zum Schutze der grossen Glasscheibe vor
dem Schaufenster hin, und einen Augenblick war es ihr, als ob sie, wie zu
Beistand und Hilfe, nach dem Messingstab greifen müsse, sie hielt sich aber
aufrecht, und erst als sie sicher sein durfte, dass beide weit genug fort waren,
wandte sie sich wieder, um ihren Weg fortzusetzen. Sie tappte sich vorsichtig an
den Häusern hin, und eine kurze Strecke ging es. Aber bald war ihr doch, als ob
ihr die Sinne schwänden, und kaum dass sie die nächste nach dem Kanal hin
abzweigende Querstrasse erreicht hatte, so bog sie hier ein und trat in einen
Vorgarten, dessen Gittertür offenstand. Nur mit Mühe noch schleppte sie sich bis
an eine kleine zu Veranda und Hochparterre hinaufführende Freitreppe, wenige
Stufen, und setzte sich, einer Ohnmacht nah, auf eine derselben.
    Als sie wieder erwachte, sah sie, dass ein halbwachsenes Mädchen, ein
Grabscheit in der Hand, mit dem sie kleine Beete gegraben hatte, neben ihr stand
und sie teilnahmvoll anblickte, während, von der Verandabrüstung aus, eine alte
Kindermuhme sie mit kaum geringerer Neugier musterte. Niemand war
augenscheinlich zu Haus als das Kind und die Dienerin, und Lene dankte beiden
und erhob sich und schritt wieder auf die Pforte zu. Das halbwachsene Mädchen
aber sah ihr traurig verwundert nach, und es war fast, wie wenn in dem
Kinderherzen eine erste Vorstellung von dem Leid des Lebens gedämmert hätte.
    Lene war inzwischen, den Fahrdamm passierend, bis an den Kanal gekommen und
ging jetzt unten an der Böschung entlang, wo sie sicher sein durfte, niemandem
zu begegnen. Von den Kähnen her blaffte dann und wann ein Spitz, und ein dünner
Rauch, weil Mittag war, stieg aus den kleinen Kajütenschornsteinen auf. Aber sie
sah und hörte nichts oder war wenigstens ohne Bewusstsein dessen, was um sie her
vorging, und erst als jenseits des »Zoologischen« die Häuser am Kanal hin
aufhörten und die grosse Schleuse mit ihrem drüberwegschäumenden Wasser sichtbar
wurde, blieb sie stehn und rang nach Luft. »Ach, wer weinen könnte.« Und sie
drückte die Hand gegen Brust und Herz.
Zu Hause traf sie die Mutter an ihrem alten Platz und setzte sich ihr gegenüber,
ohne dass ein Wort oder Blick zwischen ihnen gewechselt worden wäre. Mit einem
Mal aber sah die Alte, deren Auge bis dahin immer in derselben Richtung gegangen
war, von ihrem Herdfeuer auf und erschrak, als sie der Veränderung in Lenens
Gesicht gewahr wurde.
    »Lene, Kind, was hast du? Lene, wie siehst du nur aus?« Und so schwer
beweglich sie sonsten war, heute machte sie sich im Umsehn von ihrer Fussbank los
und suchte nach dem Krug, um die noch immer wie halbtot Dasitzende mit Wasser zu
besprengen. Aber der Krug war leer, und so humpelte sie nach dem Flur und vom
Flur nach Hof und Garten hinaus, um die gute Frau Dörr zu rufen, die gerade
Goldlack und Jelänger-jelieber abschnitt, um Marktsträusse daraus zu binden. Ihr
Alter aber stand neben ihr und sagte: »Nimm nicht wieder zuviel Strippe.«
    Frau Dörr, als sie das jämmerliche Rufen der alten Frau von fernher hörte,
verfärbte sich und antwortete mit lauter Stimme: »Komme schon, Mutter Nimptsch,
komme schon«, und alles wegwerfend, was sie von Blumen und Bast in der Hand
hatte, lief sie gleich auf das kleine Vorderhaus zu, weil sie sich sagte, dass da
was los sein müsse.
    »Richtig, dacht ich's doch... Leneken.« Und dabei rüttelte und schüttelte
sie die nach wie vor leblos Dasitzende, während die Alte langsam nachkam und
über den Flur hinschlurrte.
    »Wir müssen sie zu Bett bringen«, rief Frau Dörr, und die Nimptsch wollte
selber mit anfassen. Aber so war das »wir« der stattlichen Frau Dörr nicht
gemeint gewesen. »Ich mache so was allein, Mutter Nimptsch«, und Lenen in ihre
Arme nehmend, trug sie sie nebenan in die Kammer und deckte sie hier zu.
    »So, Mutter Nimptsch. Nu 'ne heisse Stürze. Das kenn ich, das kommt von 's
Blut. Erst 'ne Stürze un denn 'n Ziegelstein an die Fusssohlen; aber grad untern
Spann, da sitzt das Leben... Wovon is es denn eigentlich? Is gewiss 'ne
Altration.«
    »Weiss nich. Sie hat nichts gesagt. Aber ich denke mir, dass sie 'n vielleicht
gesehn hat.«
    »Richtig. Das is es. Das kenn ich... Aber nu die Fenster zu un runter mit 's
Rollo... Manche sind für Kampfer und Hoffmannstropfen, aber Kampfer schwächt so
und is eigentlich bloss für Motten. Nein, liebe Nimptschen, was 'ne Natur is un
noch dazu solche junge, die muss sich immer selber helfen, un darum bin ich für
schwitzen. Aber orntlich. Un wovon kommt es? Von die Männer kommt es. Un doch
hat man sie nötig un braucht sie... Na, sie kriegt ja schon wieder Farbe.«
    »Wolln wir nich lieber nach 'n Doktor schicken?«
    »I, Jott bewahre. Die kutschieren jetzt rum, un eh einer kommt, is sie schon
dreimal dod und lebendig.«
 
                              Siebzehntes Kapitel
Drittehalb Jahre waren seit jener Begegnung vergangen, während welcher Zeit sich
manches in unserem Bekannten- und Freundeskreise verändert hatte, nur nicht in
dem in der Landgrafenstrasse.
    Hier herrschte dieselbe gute Laune weiter, der Frohmut der Flitterwochen war
geblieben, und Käte lachte nach wie vor. Was andere junge Frauen vielleicht
betrübt hätte: dass das Paar einfach ein Paar blieb, wurde von Käte keinen
Augenblick schmerzlich empfanden. Sie lebte so gern und fand an Putz und
Plaudern, an Reiten und Fahren ein so volles Genüge, dass sie vor einer
Veränderung ihrer Häuslichkeit eher erschrak als sie herbeiwünschte. Der Sinn
für Familie, geschweige die Sehnsucht danach, war ihr noch nicht aufgegangen,
und als die Mama brieflich eine Bemerkung über diese Dinge machte, schrieb Käte
ziemlich ketzerisch zurück: »Sorge Dich nicht, Mama. Botos Bruder hat sich ja
nun ebenfalls verlobt, in einem halben Jahr ist Hochzeit, und ich überlass es
gern meiner zukünftigen Schwägerin, sich die Fortdauer des Hauses Rienäcker
angelegen sein zu lassen.«
    Boto sah es anders an, aber auch sein Glück wurde durch das, was fehlte,
nicht sonderlich getrübt, und wenn ihn trotzdem von Zeit zu Zeit eine
Missstimmung anwandelte, so war es, wie schon damals auf seiner Dresdener
Hochzeitsreise, vorwiegend darüber, dass mit Käte wohl ein leidlich
vernünftiges, aber durchaus kein ernstes Wort zu reden war. Sie war
unterhaltlich und konnte sich mitunter bis zu glücklichen Einfällen steigern,
aber auch das Beste, was sie sagte, war oberflächlich und »spielrig«, als ob sie
der Fähigkeit entbehrt hätte, zwischen wichtigen und unwichtigen Dingen zu
unterscheiden. Und was das schlimmste war, sie betrachtete das alles als einen
Vorzug, wusste sich was damit und dachte nicht daran, es abzulegen. »Aber, Käte,
Käte«, rief Boto dann wohl und liess in diesem Zuruf etwas von Missbilligung mit
durchklingen, ihr glückliches Naturell aber wusst ihn immer wieder zu entwaffnen,
ja, so sehr, dass er sich mit dem Anspruch, den er erhob, fast pedantisch vorkam.
    Lene mit ihrer Einfachheit, Wahrheit und Unredensartlichkeit stand ihm
öfters vor der Seele, schwand aber ebenso rasch wieder hin, und nur wenn
Zufälligkeiten einen ganz bestimmten Vorfall in aller Lebendigkeit wieder in ihm
wachriefen, kam ihm mit dieser grösseren Lebendigkeit des Bildes auch wohl ein
stärkeres Gefühl und mitunter selbst eine Verlegenheit.
    Eine solche Zufälligkeit ereignete sich gleich im ersten Sommer, als das
junge Paar, von einem Diner bei Graf Alten zurückgekehrt, auf dem Balkon sass und
seinen Tee nahm. Käte lag zurückgelehnt in ihrem Stuhl und liess sich aus der
Zeitung einen mit Zahlenangaben reich gespickten Artikel über Pfarr- und
Stolgebühren vorlesen. Eigentlich verstand sie wenig davon, um so weniger, als
die vielen Zahlen sie störten, aber sie hörte doch ziemlich aufmerksam zu, weil
alle märkischen Frölens ihre halbe Jugend »bei Predigers« zubringen und so den
Pfarrhausinteressen ihre Teilnahme bewahren. So war es auch heut. Endlich brach
der Abend herein, und im selben Augenblicke, wo's dunkelte, begann drüben im
»Zoologischen« das Konzert, und ein entzückender Straussscher Walzer klang
herüber.
    »Höre nur, Boto«, sagte Käte, sich aufrichtend, während sie voll Übermut
hinzusetzte: »Komm, lass uns tanzen.« Und ohne seine Zustimmung abzuwarten, zog
sie ihn aus seinem Stuhl in die Höh und walzte mit ihm in das grosse Balkonzimmer
hinein und in diesem noch ein paar Mal herum. Dann gab sie ihm einen Kuss und
sagte, während sie sich an ihn schmiegte: »Weisst du, Boto, so wundervoll hab
ich noch nie getanzt, auch nicht auf meinem ersten Ball, den ich noch bei der
Zülow mitmachte, ja, dass ich's nur gestehe, noch eh ich eingesegnet war. Onkel
Osten nahm mich auf seine Verantwortung mit, und die Mama weiss es bis diesen Tag
nicht. Aber selbst da war es nicht so schön wie heut. Und doch ist verbotene
Frucht die schönste. Nicht wahr? Aber du sagst ja nichts, du bist ja verlegen,
Boto. Sieh, so ertapp ich dich mal wieder.«
    Er wollte, so gut es ging, etwas sagen, aber sie liess ihn nicht dazu kommen.
»Ich glaube wirklich, Boto, meine Schwester Ine hat es dir angetan, und du
darfst mich nicht damit trösten wollen, sie sei noch ein halber Backfisch oder
nicht weit darüber hinaus. Das sind immer die gefährlichsten. Ist es nicht so?
Nun ich will nichts gesehen haben, und ich gönn es ihr und dir. Aber auf alte,
ganz alte Geschichten bin ich eifersüchtig, viel, viel eifersüchtiger als auf
neue.«
    »Sonderbar«, sagte Boto und versuchte zu lachen.
    »Und doch am Ende nicht so sonderbar, wie's aussieht«, fuhr Käte fort.
»Sieh, neue Geschichten hat man doch immer halb unter Augen, und es muss schon
schlimm kommen und ein wirklicher Meisterverräter sein, wenn man gar nichts
merken und so reinweg betrogen werden soll. Aber alte Geschichten, da hört alle
Kontrolle auf, da kann es tausend und drei geben, und man weiss es kaum.«
    »Und was man nicht weiss...«
    »Kann einen doch heiss machen. Aber lassen wir's, und lies mir lieber weiter
aus deiner Zeitung vor. Ich habe beständig an unsere Kluckhuhns denken müssen,
und die gute Frau versteht es nicht. Und der Älteste soll jetzt gerade
studieren.«
Solche Geschichten ereigneten sich häufiger und beschworen in Botos Seele mit
den alten Zeiten auch Lenens Bild herauf, aber sie selbst sah er nicht, was ihm
auffiel, weil er ja wusste, dass sie halbe Nachbarn waren.
    Es fiel ihm auf und wär ihm doch leicht erklärlich gewesen, wenn er
rechtzeitig in Erfahrung gebracht hätte, dass Frau Nimptsch und Lene gar nicht
mehr an alter Stelle zu finden seien. Und doch war es so. Von dem Tag an, wo
Lene dem jungen Paar in der Lützowstrasse begegnet war, hatte sie der Alten
erklärt, in der Dörrschen Wohnung nicht mehr bleiben zu können, und als Mutter
Nimptsch, die sonst nie widersprach, den Kopf geschüttelt und geweimert und in
einem fort auf den Herd hingewiesen hatte, hatte Lene gesagt: »Mutter, du kennst
mich doch. Ich werde dir doch deinen Herd und dein Feuer nicht nehmen; du sollst
alles wieder haben; ich habe das Geld dazu gespart, und wenn ich's nicht hätte,
so wollt ich arbeiten, bis es beisammen wär. Aber hier müssen wir fort. Ich muss
jeden Tag da vorbei, das halt ich nicht aus, Mutter. Ich gönn ihm sein Glück, ja
mehr noch, ich freue mich, dass er's hat. Gott ist mein Zeuge, denn er war ein
guter, lieber Mensch und hat mir zu Liebe gelebt und kein Hochmut und keine
Haberei. Und dass ich's rundheraus sage, trotzdem ich die feinen Herren nicht
leiden kann, ein richtiger Edelmann, so recht einer, der das Herz auf dem
rechten Flecke hat. Ja, mein einziger Boto, du sollst glücklich sein, so
glücklich, wie du's verdienst. Aber ich kann es nicht sehn, Mutter, ich muss weg
hier, denn sowie ich zehn Schritte gehe, denk ich, er steht vor mir. Und da bin
ich in einem ewigen Zittern. Nein, nein, das geht nicht. Aber deine Herdstelle
sollst du haben. Das versprech ich dir, ich, deine Lene.«
    Nach diesem Gespräche war seitens der Alten aller Widerstand aufgegeben
worden, und auch Frau Dörr hatte gesagt: »Versteht sich, ihr müsst ausziehen. Und
dem alten Geizkragen, dem Dörr, dem gönn ich's. Immer hat er mir was
vorgebrummt, dass ihr zu billig einsässt und dass nich die Steuer un die Repratur
dabei rauskäme. Nu mag er sich freuen, wenn ihm alles leer steht. Und so wird's
kommen. Denn wer zieht denn in solchen Puppenkasten, wo jeder Kater ins Fenster
kuckt un kein Gas nich un keine Wasserleitung. I, versteht sich; ihr habt ja
vierteljährliche Kündigung, und Ostern könnt ihr raus, da helfen ihm keine
Sperenzchen. Und ich freue mich ordentlich; ja, Lene, so schlecht bin ich. Aber
ich muss auch gleich für meine Schadenfreude bezahlen. Denn wenn du weg bist,
Kind, und die gute Frau Nimptsch mit ihrem Feuer und ihrem Teekessel und immer
kochend Wasser, ja, Lene, was hab ich denn noch? Doch bloss ihn un Sultan und den
dummen Jungen, der immer dummer wird. Un sonst keinen Menschen nich. Und wenn's
denn kalt wird und Schnee fällt, is es mitunter zum katolisch werden vor lauter
Stillsitzen und Einsamkeit.«
    Das waren so die ersten Verhandlungen gewesen, als der Umzugsplan in Lene
feststand, und als Ostern herankam, war wirklich ein Möbelwagen vorgefahren, um
aufzuladen, was an Habseligkeiten da war. Der alte Dörr hatte sich bis zuletzt
überraschend gut benommen, und nach erfolgtem feierlichen Abschiede war Frau
Nimptsch in eine Droschke gepackt und mit ihrem Eichkätzchen und Stieglitz bis
an das Luisen-Ufer gefahren worden, wo Lene, drei Treppen hoch, eine kleine
Prachtwohnung gemietet und nicht nur ein paar neue Möbeln angeschafft, sondern,
in Erinnerung an ihr Versprechen, vor allem auch für einen an den grossen
Vorderzimmerofen angebauten Kamin gesorgt hatte. Seitens des Wirts waren
anfänglich allerlei Schwierigkeiten gemacht worden, »weil solch Vorbau den Ofen
ruiniere«. Lene hatte jedoch unter Angabe der Gründe darauf bestanden, was dem
Wirt, einem alten braven Tischlermeister, dem so was gefiel, einen grossen
Eindruck gemacht und ihn zum Nachgeben bestimmt hatte.
    Beide wohnten nun ziemlich ebenso, wie sie vordem im Dörrschen Gartenhause
gewohnt hatten, nur mit dem Unterschiede, dass sie jetzt drei Treppen hoch sassen
und statt auf die phantastischen Türme des Elefantenhauses auf die hübsche
Kuppel der Michaelskirche sahen. Ja, der Blick, dessen sie sich erfreuten, war
entzückend und so schön und frei, dass er selbst auf die Lebensgewohnheiten der
alten Nimptsch einen Einfluss gewann und sie bestimmte, nicht mehr bloss auf der
Fussbank am Feuer, sondern, wenn die Sonne schien, auch am offenen Fenster zu
sitzen, wo Lene für einen Tritt gesorgt hatte. Das alles tat der alten Frau
Nimptsch ungemein wohl und half ihr auch gesundheitlich auf, so dass sie, seit
dem Wohnungswechsel, weniger an Reissen litt als draussen in dem Dörrschen
Gartenhause, das, so poetisch es lag, nicht viel besser als ein Keller gewesen
war.
    Im übrigen verging keine Woche, wo nicht, trotz des endlos weiten Weges,
Frau Dörr vom »Zoologischen« her am Luisen-Ufer erschienen wäre, bloss »um zu
sehen, wie's stehe«. Sie sprach dann, nach Art aller Berliner Ehefrauen,
ausschliesslich von ihrem Manne, dabei regelmässig einen Ton anschlagend, als ob
die Verheiratung mit ihm eine der schwersten Mesalliancen und eigentlich etwas
halb Unerklärliches gewesen wäre. In Wahrheit aber stand es so, dass sie sich
nicht nur äusserst behaglich und zufrieden fühlte, sondern sich auch freute, dass
Dörr gerade so war, wie er war. Denn sie hatte nur Vorteile davon, einmal den,
beständig reicher zu werden, und nebenher den zweiten, ihr ebenso wichtigen,
ohne jede Gefahr vor Änderung und Vermögenseinbusse sich unausgesetzt über den
alten Geizkragen erheben und ihm Vorhaltungen über seine niedrige Gesinnung
machen zu können. Ja, Dörr war das Haupttema bei diesen Gesprächen, und Lene,
wenn sie nicht bei Goldsteins oder sonst wo in der Stadt war, lachte jedesmal
herzlich mit und um so herzlicher, als sie sich, ebenso wie die Nimptsch, seit
dem Umzuge sichtlich erholt hatte. Das Einrichten, Anschaffen und Instandsetzen
hatte sie, wie sich denken lässt, von Anfang an von ihren Betrachtungen
abgezogen, und was noch wichtiger und für ihre Gesundheit und Erholung erst
recht von Vorteil gewesen war, war das, dass sie nun keine Furcht mehr vor einer
Begegnung mit Boto zu haben brauchte. Wer kam nach dem Luisen-Ufer? Boto gewiss
nicht. All das vereinigte sich, sie vergleichsweise wieder frisch und munter
erscheinen zu lassen, und nur eines war geblieben, das auch äusserlich an
zurückliegende Kämpfe gemahnte: mitten durch ihr Scheitelhaar zog sich eine
weisse Strähne. Mutter Nimptsch hatte kein Auge dafür oder machte nicht viel
davon, die Dörr aber, die nach ihrer Art mit der Mode ging und vor allem
ungemein stolz auf ihren echten Zopf war, sah die weisse Strähne gleich und sagte
zu Lene: »Jott, Lene. Un grade links. Aber natürlich... da sitzt es ja..., links
muss es ja sein.«
    Es war bald nach dem Umzuge, dass dies Gespräch geführt wurde. Sonst geschah
im allgemeinen weder Botos noch der alten Zeiten Erwähnung, was einfach darin
seinen Grund hatte, dass Lene, wenn die Plauderei speziell diesem Tema sich
zuwandte, jedesmal rasch abbrach oder auch wohl aus dem Zimmer ging. Das hatte
sich die Dörr, als es Mal auf Mal wiederkehrte, gemerkt, und so schwieg sie denn
über Dinge, von denen man ganz ersichtlich weder reden noch hören wollte. So
ging es ein Jahr lang, und als das Jahr um war, war noch ein anderer Grund da,
der es nicht rätlich erscheinen liess, auf die alten Geschichten zurückzukommen.
Nebenan nämlich war, Wand an Wand mit der Nimptsch, ein Mieter eingezogen, der,
von Anfang an auf gute Nachbarschaft haltend, bald noch mehr als ein guter
Nachbar zu werden versprach. Er kam jeden Abend und plauderte, so dass es
mitunter an die Zeiten erinnerte, wo Dörr auf seinem Schemel gesessen und seine
Pfeife geraucht hatte, nur dass der neue Nachbar in vielen Stücken doch anders
war: ein ordentlicher und gebildeter Mann, von nicht gerade feinen, aber sehr
anständigen Manieren, dabei guter Unterhalter, der, wenn Lene mit zugegen war,
von allerlei städtischen Angelegenheiten, von Schulen, Gasanstalten und
Kanalisation und mitunter auch von seinen Reisen zu sprechen wusste. Traf es
sich, dass er mit der Alten allein war, so verdross ihn auch das nicht, und er
spielte dann Tod und Leben mit ihr oder Dambrett oder half ihr auch wohl eine
Patience legen, trotzdem er eigentlich alle Karten verabscheute. Denn er war ein
Konventikler und hatte, nachdem er erst bei den Mennoniten und dann später bei
den Irvingianern eine Rolle gespielt hatte, neuerdings eine selbständige Sekte
gestiftet.
    Wie sich denken lässt, erregte dies alles die höchste Neugier der Frau Dörr,
die denn auch nicht müde wurde, Fragen zu stellen und Anspielungen zu machen,
aber immer nur, wenn Lene wirtschaftlich zu tun oder in der Stadt allerlei
Besorgungen hatte. »Sagen Sie, liebe Frau Nimptsch, was is er denn eigentlich?
Ich habe nachgeschlagen, aber er steht noch nich drin; Dörr hat bloss immer den
vorjährigen. Franke heisst er?«
    »Ja, Franke.«
    »Franke. Da war mal einer in der Ohmgasse, Grossböttchermeister, und hatte
bloss ein Auge; das heisst, das andre war auch noch da, man bloss ganz weiss und sah
eigentlich aus wie 'ne Fischblase. Un wovon war es? Ein Reifen, als er ihn
umlegen wollte, war abgesprungen und mit der Spitze grad ins Auge. Davon war es.
Ob er von da herstammt?«
    »Nein, Frau Dörr, er is gar nich von hier. Er is aus Bremen.«
    »Ach so. Na denn is es ja ganz natürlich.«
    Frau Nimptsch nickte zustimmend, ohne sich über diese
Natürlichkeitsversicherung weiter aufklären zu lassen, und fuhr ihrerseits fort:
»Un von Bremen bis Amerika dauert bloss vierzehn Tage. Da ging er hin. Un er war
so was wie Klempner oder Schlosser oder Maschinenarbeiter, aber als er sah, dass
es nich ging, wurd er Doktor und zog rum mit lauter kleine Flaschen und soll
auch gepredigt haben. Un weil er so gut predigte, wurd er angestellt bei... Ja,
nun hab ich es wieder vergessen. Aber es sollen lauter sehr fromme Leute sein
und auch sehr anständige.«
    »Herr du meine Güte«, sagte Frau Dörr. »Er wird doch nich... Jott, wie
heissen sie doch, die so viele Frauen haben, immer gleich sechs oder sieben und
manche noch mehre... Ich weiss nich, was sie mit so viele machen.«
    Es war ein Tema, wie geschaffen für Frau Dörr. Aber die Nimptsch beruhigte
die Freundin und sagte: »Nein, liebe Dörr, es is doch anders. Ich hab erst auch
so was gedacht, aber da hat er gelacht und gesagt: I bewahre, Frau Nimptsch. Ich
bin Junggesell. Und wenn ich mich verheirate, da denk ich mir, eine ist grade
genug.«
    »Na, da fällt mir ein Stein vom Herzen«, sagte die Dörr. »Und wie kam es
denn nachher? Ich meine drüben in Amerika.«
    »Nu, nachher kam es ganz gut und dauerte gar nich lange, so war ihm
geholfen. Denn was die Frommen sind, die helfen sich immer untereinander. Und
hatte wieder Kundschaft gekriegt und auch sein altes Metier wieder. Und das hat
er noch und is in einer grossen Fabrik hier in der Köpnicker Strasse, wo sie
kleine Röhren machen und Brenner und Hähne und alles, was sie für den Gas
brauchen. Und er ist da der oberste, so wie Zimmer- oder Mauerpolier, un hat
wohl hundert unter sich. Un is ein sehr reputierlicher Mann mit Zylinder un
schwarze Handschuh. Un hat auch ein gutes Gehalt.«
    »Un Lene?«
    »Nu, Lene, die nähm ihn schon. Und warum auch nich? Aber sie kann ja den
Mund nich halten, und wenn er kommt und ihr was sagt, dann wird sie ihm alles
erzählen, all die alten Geschichten, erst die mit Kuhlwein (un is doch nu schon
so lang, als wär's eigentlich gar nich gewesen) und denn die mit dem Baron. Und
Franke, müssen Sie wissen, ist ein feiner un anständiger Mann, un eigentlich
schon ein Herr.«
    »Wir müssen es ihr ausreden. Er braucht ja nich alles zu wissen; wozu denn?
wir wissen ja auch nich alles.«
    »Woll, woll. Aber die Lene...«
 
                              Achtzehntes Kapitel
Nun war Juni 78. Frau von Rienäcker und Frau von Sellentin waren den Mai über
auf Besuch bei dem jungen Paare gewesen, und Mutter und Schwiegermutter, die
sich mit jedem Tage mehr einredeten, ihre Käte blasser, blutloser und matter
als sonst vorgefunden zu haben, hatten, wie sich denken lässt, nicht aufgehört,
auf einen Spezialarzt zu dringen, mit dessen Hilfe, nach beiläufig sehr
kostspieligen gynäkologischen Untersuchungen, eine vierwöchentliche
Schlangenader Kur als vorläufig unerlässlich festgesetzt worden war. Schwalbach
könne dann folgen. Käte hatte gelacht und nichts davon wissen wollen, am
wenigsten von Schlangenbad, »es sei so was Unheimliches in dem Namen und sie
fühle schon die Viper an der Brust«, aber schliesslich hatte sie nachgegeben und
in den nun beginnenden Reisevorbereitungen eine Befriedigung gefunden die grösser
war als die, die sie sich von der Kur versprach. Sie fuhr täglich in die Stadt,
um Einkäufe zu machen, und wurde nicht müde, zu versichern, wie sie jetzt erst
das so hoch in Gunst und Geltung stehende »shopping« der englischen Damen
begreifen lerne: so von Laden zu Laden zu wandern und immer hübsche Sachen und
höfliche Menschen zu finden, das sei doch wirklich ein Vergnügen und lehrreich
dazu, weil man so vieles sehe, was man gar nicht kenne, ja, wovon man bis dahin
nicht einmal den Namen gehört hätte. Boto nahm in der Regel an diesen Gängen
und Ausfahrten teil, und ehe die letzte Juniwoche heran war, war die halbe
Rienäckersche Wohnung in eine kleine Ausstellung von Reiseeffekten umgewandelt:
ein Riesenkoffer mit Messingbeschlag, den Boto, nicht ganz mit Unrecht, den
Sarg seines Vermögens nannte, leitete den Reigen ein, dann kamen zwei kleinere
von Juchtenleder samt Taschen, Decken und Kissen, und über das Sofa hin
ausgebreitet lag die Reisegarderobe mit einem Staubmantel obenan und einem Paar
wundervoller dicksohliger Schnürstiefel, als ob es sich um irgendeine
Gletscherpartie gehandelt hätte.
    Den 24. Juni, Johannistag, sollte die Reise beginnen, aber am Tage vorher
wollte Käte den cercle intime noch einmal um sich versammeln, und so waren denn
Wedell und ein junger Osten und selbstverständlich auch Pitt und Serge zu
verhältnismässig früher Stunde geladen worden. Dazu Kätes besonderer Liebling
Balafré, der, bei Mars-la-Tour, damals noch als »Halberstädter«, die grosse
Attacke mitgeritten und wegen eines wahren Prachtiebes schräg über Stirn und
Backe seinen Beinamen erhalten hatte.
    Käte sass zwischen Wedell und Balafré und sah nicht aus, als ob sie
Schlangenbads oder irgendeiner Badekur der Welt besonders bedürftig sei, sie
hatte Farbe, lachte, tat hundert Fragen und begnügte sich, wenn der Gefragte zu
sprechen anhob, mit einem Minimum von Antwort. Eigentlich führte sie das Wort,
und keiner nahm Anstoss daran, weil sie die Kunst des gefälligen Nichtssagens mit
einer wahren Meisterschaft übte. Balafré fragte, wie sie sich ihr Leben in den
Kurtagen denke. Schlangenbad sei nicht bloss wegen seiner Heilwunder, sondern
viel, viel mehr noch wegen seiner Langenweile berühmt, und vier Wochen
Bade-Langeweile seien selbst unter den günstigsten Kurverhältnissen etwas viel.
    »Oh, lieber Balafré«, sagte Käte, »Sie dürfen mich nicht ängstigen und
würden es auch nicht, wenn Sie wüssten, wieviel Boto für mich getan hat. Er hat
mir nämlich acht Bände Novellen als freilich unterste Schicht in den Koffer
gelegt, und damit sich meine Phantasie nicht kurwidrig erhitze, hat er gleich
noch ein Buch über künstliche Fischzucht mit zugetan.«
    Balafré lachte.
    »Ja, Sie lachen, lieber Freund, und wissen doch erst die kleinere Hälfte,
die Hauptälfte (Boto tut nämlich nichts ohne Grund und Ursache) ist seine
Motivierung. Es war natürlich bloss Scherz, was ich da vorhin von meiner mit
Hilfe der Fischzuchtsbroschüre nicht zu schädigenden Phantasie sagte, das Ernste
von der Sache lief darauf hinaus, ich müsse dergleichen, die Broschüre nämlich,
endlich lesen, und zwar aus Lokalpatriotismus, denn die Neumark, unsere
gemeinsame glückliche Heimat, sei seit Jahr und Tag schon die Brut- und
Geburtsstätte der künstlichen Fischzucht, und wenn ich von diesem
national-ökonomisch so wichtigen neuen Ernährungsfaktor nichts wüsste, so dürft
ich mich jenseits der Oder im Landsberger Kreise gar nicht mehr sehen lassen, am
allerwenigsten aber in Berneuchen, bei meinem Vetter Borne.«
    Boto wollte das Wort nehmen, aber sie schnitt es ihm ab und fuhr fort: »Ich
weiss, was du sagen willst und dass es wenigstens mit den acht Novellen nur so für
alle Fälle sei. Gewiss, gewiss, du bist immer so schrecklich vorsichtig. Aber ich
denke, alle Fälle sollen gar nicht kommen. Ich hatte nämlich gestern noch einen
Brief von meiner Schwester Ine, die mir schrieb, Anna Grävenitz sei seit acht
Tagen auch da. Sie kennen sie ja, Wedell, eine geborene Rohr, charmante
Blondine, mit der ich bei der alten Zülow in Pension und sogar in derselben
Klasse war. Und ich entsinne mich noch, wie wir unsern vergötterten Felix
Bachmann gemeinschaftlich anschwärmten und sogar Verse machten, bis die gute
alte Zülow sagte, sie verbäte sich solchen Unsinn. Und Elly Winterfeld, wie mir
Ine schreibt, käme wahrscheinlich auch. Und nun sag ich mir, in Gesellschaft von
zwei reizenden jungen Frauen - und ich als dritte, wenn auch mit den beiden
andern gar nicht zu vergleichen -, in so guter Gesellschaft, sag ich, muss man
doch am Ende leben können. Nicht wahr, lieber Balafré?«
    Dieser verneigte sich unter einem grotesken Mienenspiel, das in allem, nur
nicht hinsichtlich eines von ihr selbst versicherten Zurückstehens gegen
irgendwen sonst in der Welt, seine Zustimmung ausdrücken sollte, nahm aber
nichtsdestoweniger sein ursprüngliches Examen wieder auf und sagte: »Wenn ich
Details hören könnte, meine Gnädigste! Das einzelne, sozusagen, die Minute,
bestimmt unser Glück und Unglück. Und der Tag hat der Minuten so viele.«
    »Nun, ich denk es mir so. Jeden Morgen Briefe. Dann Promenadenkonzert und
Spaziergang mit den zwei Damen, am liebsten in einer verschwiegenen Allee. Da
setzen wir uns dann und lesen uns die Briefe vor, die wir doch hoffentlich
erhalten werden, und lachen, wenn er zärtlich schreibt, und sagen ja, ja!. Und
dann kommt das Bad und nach dem Bade die Toilette, natürlich mit Sorglichkeit
und Liebe, was doch in Schlangenbad nicht ununterhaltlicher sein kann als in
Berlin. Eher das Gegenteil. Und dann gehen wir zu Tisch und haben einen alten
General zur Rechten und einen reichen Industriellen zur Linken, und für
Industrielle hab ich von Jugend an eine Passion gehabt. Eine Passion, deren ich
mich nicht schäme. Denn entweder haben sie neue Panzerplatten erfunden oder
unterseeische Telegraphen gelegt oder einen Tunnel gebohrt oder eine
Kletter-Eisenbahn angelegt. Und dabei, was ich auch nicht verachte, sind sie
reich. Und nach Tische Lesezimmer und Kaffee bei heruntergelassenen Jalousien,
so dass einem die Schatten und Lichter immer auf der Zeitung umhertanzen. Und
dann Spaziergang. Und vielleicht, wenn wir Glück haben, haben sich sogar ein
paar Frankfurter oder Mainzer Kavaliere herüber verirrt und reiten neben dem
Wagen her, und das muss ich Ihnen sagen, meine Herren, gegen Husaren, gleichviel
ob rot oder blau, kommen Sie nicht auf, und von meinem militärischen Standpunkt
aus ist und bleibt es ein entschiedener Fehler, dass man die Gardedragoner
verdoppelt, aber die Gardehusaren sozusagen einfach gelassen hat. Und noch
unbegreiflicher ist es mir, dass man sie drüben lässt. So was Apartes gehört in
die Hauptstadt.«
    Boto, den das enorme Sprechtalent seiner Frau zu genieren anfing, suchte
durch kleine Schraubereien ihrer Schwatzhaftigkeit Einhalt zu tun. Aber seine
Gäste waren viel unkritischer als er, ja erheiterten sich mehr denn je über die
»reizende kleine Frau«, und Balafré, der in Kätebewunderung obenan stand,
sagte: »Rienäcker, wenn Sie noch ein Wort gegen Ihre Frau sagen, so sind Sie des
Todes. Meine Gnädigste, was dieser Oger von Ehemann nur überhaupt will? was er
nur krittelt? Ich weiss es nicht. Und am Ende muss ich gar glauben, dass er sich in
seiner Schweren-Kavallerie-Ehre gekränkt fühlt und, Pardon wegen der
Wortspielerei, lediglich um seines Harnisch willen in Harnisch gerät. Rienäcker,
ich beschwöre Sie! Wenn ich solche Frau hätte wie Sie, so wäre mir jede Laune
Befehl, und wenn mich die Gnädigste zum Husaren machen wollte, nun so würd ich
schlankweg Husar und damit basta. Soviel aber weiss ich gewiss und möchte Leben
und Ehre darauf verwetten, wenn Seine Majestät solche beredten Worte hören
könnte, so hätten die Gardehusaren drüben keine ruhige Stunde mehr, lägen morgen
schon in Marschquartier in Zehlendorf und rückten übermorgen durchs
Brandenburger Tor hier ein. O dies Haus Sellentin, das ich, die Gelegenheit
beim Schopf ergreifend, in diesem ersten Toaste zum ersten, zum zweiten, und zum
dritten Male leben lasse! Warum haben Sie keine Schwester mehr, meine Gnädigste?
Warum hat sich Fräulein Ine bereits verlobt? Vor der Zeit und jedenfalls mir zum
Tort.«
    Käte war glücklich über derlei kleine Huldigungen und versicherte, dass sie,
trotz Ine, die nun freilich rettungslos für ihn verloren sei, alles tun wolle,
was sich tun lasse, wiewohl sie recht gut wisse, dass er, als ein
unverbesserlicher Junggeselle, nur bloss so rede. Gleich danach aber liess sie die
Neckerei mit Balafré fallen und nahm das Reisegespräch wieder auf, am
eingehendsten das Tema, wie sie sich die Korrespondenz eigentlich denke. Sie
hoffe, wie sie nur wiederholen könne, jeden Tag einen Brief zu empfangen, das
sei nun mal Pflicht eines zärtlichen Gatten, werd es aber ihrerseits an sich
kommen lassen und nur am ersten Tage von Station zu Station ein Lebenszeichen
geben. Dieser Vorschlag fand Beifall, sogar bei Rienäcker, und wurde nur
schliesslich dahin abgeändert, dass sie zwar auf jeder Hauptstation bis Köln hin,
über das sie trotz des Umwegs ihre Route nahm, eine Karte schreiben, alle ihre
Karten aber, soviel oder sowenig ihrer sein möchten, in ein gemeinschaftliches
Couvert stecken solle. Das habe dann den Vorzug, dass sie sich ohne Furcht vor
Postexpedienten und Briefträgern über ihre Reisegenossen in aller Ungenierteit
aussprechen könne.
    Nach dem Diner nahm man draussen auf dem Balkon den Kaffee, bei welcher
Gelegenheit sich Käte, nachdem sie sich eine Weile gesträubt, in ihrem
Reisekostüm: in Rembrandtut und Staubmantel samt umgehängter Reisetasche,
präsentierte. Sie sah reizend aus. Balafré war entzückter denn je und bat sie,
nicht allzu sehr überrascht sein zu wollen, wenn sie ihn am andern Morgen,
ängstlich in eine Kupee-Ecke gedrückt, als Reisekavalier vorfinden sollte.
    »Vorausgesetzt, dass er Urlaub kriegt«, lachte Pitt.
    »Oder desertiert«, setzte Serge hinzu, »was den Huldigungsakt freilich erst
vollkommen machen würde.«
    So ging die Plauderei noch eine Weile. Dann verabschiedete man sich bei den
liebenswürdigen Wirten und kam überein, bis zur Lützowplatzbrücke
zusammenzubleiben. Hier aber teilte man sich in zwei Parteien, und während
Balafré samt Wedell und Osten am Kanal hin weiterschlenderten, gingen Pitt und
Serge, die noch zu Kroll wollten, auf den Tiergarten zu.
    »Reizendes Geschöpf, diese Käte«, sagte Serge. »Rienäcker wirkt etwas
prosaisch daneben, und mitunter sieht er so sauertöpfisch und neunmalweise
drein, als ob er die kleine Frau, die, bei Lichte besehn, eigentlich klüger ist
als er, vor aller Welt entschuldigen müsse.«
    Pitt schwieg.
    »Und was sie nur in Schwalbach oder Schlangenbad soll?« fuhr Serge fort. »Es
hilft doch nichts. Und wenn es hilft, ist es meist eine sehr sonderbare Hilfe.«
    Pitt sah ihn von der Seite her an. »Ich finde, Serge, du russifizierst dich
immer mehr oder, was dasselbe sagen will, wächst dich immer mehr in deinen Namen
hinein.«
    »Immer noch nicht genug. Aber Scherz beiseite, Freund, eines ist Ernst in
der Sache: Rienäcker ärgert mich. Was hat er gegen die reizende kleine Frau.
Weisst du's?«
    »Ja.«
    »Nun?«
    »She is rater a little silly. Oder wenn du's deutsch hören willst: sie
dalbert ein bisschen. Jedenfalls ihm zuviel.«
 
                              Neunzehntes Kapitel
Käte zog zwischen Berlin und Potsdam schon die gelben Vorhänge vor ihr
Kupeefenster, um Schutz gegen die beständig stärker werdende Blendung zu haben,
am Luisen-Ufer aber waren an demselben Tage keine Vorhänge herabgelassen, und
die Vormittagssonne schien hell in die Fenster der Frau Nimptsch und füllte die
ganze Stube mit Licht. Nur der Hintergrund lag im Schatten, und hier stand ein
altmodisches Bett mit hoch aufgetürmten und rot und weiss karierten Kissen, an
die Frau Nimptsch sich lehnte. Sie sass mehr, als sie lag, denn sie hatte Wasser
in der Brust und litt heftig an astmatischen Beschwerden. Immer wieder wandte
sie den Kopf nach dem einen offenstehenden Fenster, aber doch noch häufiger nach
dem Kaminofen, auf dessen Herdstelle heute kein Feuer brannte.
    Lene sass neben ihr, ihre Hand haltend, und als sie sah, dass der Blick der
Alten immer in derselben Richtung ging, sagte sie: »Soll ich ein Feuer machen,
Mutter? Ich dachte, weil du liegst und die Bettwärme hast und weil es so heiss
ist...«
    Die Alte sagte nichts, aber es kam Lenen doch so vor, als ob sie's wohl gern
hätte. So ging sie denn hin und bückte sich und machte ein Feuer.
    Als sie wieder ans Bett kam, lächelte die Alte zufrieden und sagte: »Ja,
Lene, heiss ist es. Aber du weisst ja, ich muss es immer sehn. Und wenn ich es
nicht sehe, dann denk ich, es ist alles aus und kein Leben und kein Funke mehr.
Und man hat doch so seine Angst hier...«
    Und dabei wies sie nach Brust und Herz.
    »Ach, Mutter, du denkst immer gleich an Sterben. Und ist doch so oft schon
vorübergegangen.«
    »Ja, Kind, oft is es vorübergegangen, aber mal kommt es, und mit siebzig, da
kann es jeden Tag kommen. Weisst du, mache das andere Fenster auch noch auf, dann
is mehr Luft hier, und das Feuer brennt besser. Sieh doch bloss, es will nicht
mehr recht, es raucht so...«
    »Das macht die Sonne, die grade drauf steht...«.
    »Und dann gib mir von den grünen Tropfen, die mir die Dörr gebracht hat. Ein
bisschen hilft es doch immer.«
    Lene tat wie geheissen, und der Kranken, als sie die Tropfen genommen hatte,
schien wirklich etwas besser und leichter ums Herz zu werden. Sie stemmte die
Hand aufs Bett und schob sich höher hinauf, und als ihr Lene noch ein Kissen ins
Kreuz gestopft hatte, sagte sie: »War Franke schon hier?«
    »Ja; gleich heute früh. Er fragt immer, eh er in die Fabrik geht.«
    »Is ein sehr guter Mann.«
    »Ja, das ist er.«
    »Und mit das Konventikelsche...«
    »... wird es so schlimm nicht sein. Und ich glaube beinah, dass er seine
guten Grundsätze da herhat. Glaubst du nicht auch?«
    Die Alte lächelte. »Nein, Lene, die kommen vom lieben Gott. Und der eine hat
sie, un der andre hat sie nicht. Ich glaube nich recht ans Lernen un Erziehen...
Und hat er noch nichts gesagt?«
    »Ja, gestern abend.«
    »Un was hast du ihm geantwortet?«
    »Ich hab ihm geantwortet, dass ich ihn nehmen wolle, weil ich ihn für einen
ehrlichen und zuverlässigen Mann hielte, der nicht bloss für mich, sondern auch
für dich sorgen würde...«
    Die Alte nickte zustimmend.
    »Und«, fuhr Lene fort, »als ich das so gesagt hatte, nahm er meine Hand und
rief in guter Laune: Na, Lene, denn also abgemacht! Ich aber schüttelte den Kopf
und sagte, dass das so schnell nicht ginge, denn ich hätt ihm noch was zu
bekennen. Und als er fragte, was, erzählt ich ihm, ich hätte zweimal ein
Verhältnis gehabt: erst... na, du weisst ja, Mutter..., und den ersten hätt ich
ganz gern gehabt, und den andern hätt ich sehr geliebt, und mein Herz hinge noch
an ihm. Aber er sei jetzt glücklich verheiratet und ich hätt ihn nie
wiedergesehen, ausser ein einzig Mal, und ich wollt ihn auch nicht wiedersehn.
Ihm aber, der es so gut mit uns meine, hätt ich das alles sagen müssen, weil ich
keinen und am wenigsten ihn hintergehen wolle...«
    »Jott, Jott«, weimerte die Alte dazwischen.
    »... Und gleich danach ist er aufgestanden und in seine Wohnung
rübergegangen. Aber er war nicht böse, was ich ganz deutlich sehen konnte. Nur
litt er's nicht, als ich ihn, wie sonst, bis an die Flurtür bringen wollte.«
    Frau Nimptsch war ersichtlich in Angst und Unruhe, wobei sich freilich nicht
recht erkennen liess, ob es um des eben Gehörten willen oder aus Atemnot war. Es
schien aber fast das letztre, denn mit einem Male sagte sie: »Lene, Kind, ich
liege nicht hoch genug. Du musst mir noch das Gesangbuch unterlegen.«
    Lene widersprach nicht, ging vielmehr und holte das Gesangbuch. Als sie's
aber brachte, sagte die Alte: »Nein, nich das, das ist das neue. Das alte will
ich, das dicke mit den zwei Klappen.« Und erst als Lene mit dem dicken
Gesangbuche wieder da war, fuhr die Alte fort: »Das hab ich meiner Mutter selig
auch holen müssen und war noch ein halbes Kind damals und meine Mutter noch
keine fuffzig und sass ihr auch hier und konnte keine Luft kriegen, und die
grossen Angstaugen kuckten mich immer so an. Als ich ihr aber das Porstsche, das
sie bei der Einsegnung gehabt, unterschob, da wurde sie ganz still und ist ruhig
eingeschlafen. Und das möcht ich auch. Ach, Lene. Der Tod ist es nich... Aber
das Sterben... So, so. Ah, das hilft.«
    Lene weinte still vor sich hin, und weil sie nun wohl sah, dass der guten
alten Frau letzte Stunde nahe sei, schickte sie zu Frau Dörr und liess sagen, »es
stehe schlecht und ob Frau Dörr nicht kommen wolle«. Die liess denn auch
zurücksagen, »ja, sie werde kommen...«, und um die sechste Stunde kam sie
wirklich mit Lärm und Trara, weil Leisesein, auch bei Kranken, nicht ihre Sache
war. Sie stappste nur so durch die Stube hin, dass alles schütterte und klirrte,
was auf und neben dem Herde lag, und dabei verklagte sie Dörr, der immer grad in
der Stadt sei, wenn er mal zu Hause sein solle, und immer zu Hause wär, wenn sie
ihn zum Kuckuck wünsche. dabei hatte sie der Kranken die Hand gedrückt und Lene
gefragt, »ob sie denn auch tüchtig von den Tropfen eingegeben habe?«
    »Ja.«
    »Wieviel denn?«
    »Fünf... fünf alle zwei Stunden.«
    »Das sei zuwenig«, hatte die Dörr darauf versichert und unter Auskramung
ihrer gesamten medizinischen Kenntnis hinzugesetzt: »Sie habe die Tropfen
vierzehn Tage lang in der Sonne ziehn lassen, und wenn man sie richtig einnehme,
so ginge das Wasser weg wie mit 'ner Plumpe. Der alte Selke drüben im
Zoologischen sei schon wie 'ne Tonne gewesen und habe schon ein Vierteljahr lang
keinen Bettzippel mehr gesehn, immer aufrecht in 'n Stuhl un alle Fenster weit
aufgerissen, als er aber vier Tage lang die Tropfen genommen, sei's gewesen, wie
wenn man auf eine Schweinsblase drücke: hast du nich gesehn, alles raus un
wieder lapp un schlapp.«
    Unter diesen Worten hatte die robuste Frau der alten Nimptsch eine doppelte
Portion von ihrem Fingerhut eingezwungen.
    Lene, die bei dieser energischen Hilfe von einer doppelten und nur zu
berechtigten Angst befallen wurde, nahm ihr Tuch und schickte sich an, einen
Arzt zu holen. Und die Dörr, die sonst immer gegen die Doktors war, hatte
diesmal nichts dagegen.
    »Geh«, sagte sie, »sie kann's nicht lange mehr machen. Kuck bloss mal hier«
(und sie wies auf die Nasenflügel), »da sitzt der Dod.«
    Lene ging; aber sie konnte den Michaelkirchplatz noch kaum erreicht haben,
als die bis dahin in einem Halbschlummer gelegene Alte sich aufrichtete und nach
ihr rief: »Lene...«
    »Lene is nich da.«
    »Wer is denn da?«
    »Ich, Mutter Nimptsch. Ich, Frau Dörr.«
    »Ach, Frau Dörr, das is recht. So, hierher; hier auf die Hutsche.«
    Frau Dörr, gar nicht gewöhnt, sich kommandieren zu lassen, schüttelte sich
ein wenig, war aber doch zu gutmütig, um dem Kommando nicht nachzukommen. Und so
setzte sie sich denn auf die Fussbank.
    Und sieh da, im selben Augenblick begann auch die alte Frau schon: »Ich will
einen gelben Sarg haben un blauen Beschlag. Aber nich zuviel...«
    »Gut, Frau Nimptsch.«
    »Un ich will auf 'n neuen Jakobikirchhof liegen, hinter 'n Rollkrug un ganz
weit weg nach Britz zu.«
    »Gut, Frau Nimptsch.«
    »Und gespart hab ich alles dazu, schon vordem, als ich noch sparen konnte.
Un es liegt in der obersten Schublade. Un da liegt auch das Hemd un das Kamisol
und ein Paar weisse Strümpfe mit N. Und dazwischen liegt es.«
    »Gut, Frau Nimptsch. Es soll alles geschehn, wie Sie gesagt haben. Und is
sonst noch was?«
    Aber die Alte schien von Frau Dörrs Frage nichts mehr gehört zu haben, und
ohne Antwort zu geben, faltete sie bloss die Hände, sah mit einem frommen und
freundlichen Ausdruck zur Decke hinauf und betete: »Lieber Gott im Himmel, nimm
sie in deinen Schutz und vergilt ihr alles, was sie mir alten Frau getan hat.«
    »Ah, die Lene«, sagte Frau Dörr vor sich hin und setzte dann hinzu: »Das
wird der liebe Gott auch, Frau Nimptsch, den kenn ich, und habe noch keine
verkommen sehn, die so war wie die Lene und solch Herz und solche Hand hatte.«
    Die Alte nickte, und ein freundlich Bild stand sichtlich vor ihrer Seele.
    So vergingen Minuten, und als Lene zurückkam und vom Flur her an die
Korridortür klopfte, sass Frau Dörr noch immer auf der Fussbank und hielt die Hand
ihrer alten Freundin. Und jetzt erst, wo sie das Klopfen draussen hörte, liess sie
die Hand los und stand auf und öffnete.
    Lene war noch ausser Atem. »Er ist gleich hier... er wird gleich kommen.«
    Aber die Dörr sagte nur: »Jott, die Doktors«, und wies auf die Tote.
 
                              Zwanzigstes Kapitel
Kätes erster Reisebrief war in Köln auf die Post gegeben und traf, wie
versprochen, am andern Morgen in Berlin ein. Die gleich mitgegebene Adresse
rührte noch von Boto her, der jetzt, lächelnd und in guter Laune, den sich
etwas fest anfühlenden Brief in Händen hielt. Wirklich, es waren drei mit
blassem Bleistift und auf beiden Seiten beschriebene Karten in das Couvert
gesteckt worden, alle schwer lesbar, so dass Rienäcker auf den Balkon hinaustrat,
um das undeutliche Gekritzel besser entziffern zu können.
    »Nun lass sehn, Käte.«
    Und er las:
    »Brandenburg a. H., 8 Uhr früh. Der Zug, mein lieber Boto, hält hier nur
drei Minuten, aber sie sollen nicht ungenutzt vorübergehen, nötigen Falles
schreib ich unterwegs im Fahren weiter, so gut oder so schlecht es geht. Ich
reise mit einer jungen, sehr reizenden Banquierfrau, Madame Salinger, geb.
Saling, aus Wien. Als ich mich über die Namensähnlichkeit wunderte, sagte sie:
Joa, schaun S', i hoab halt mei Komp'rativ g'heirat't. Sie spricht in einem fort
dergleichen und geht trotz einer zehnjährigen Tochter (blond; die Mutter
brünett) ebenfalls nach Schlangenbad. Und auch über Köln und auch, wie ich,
eines dort abzustattenden Besuches halber. Das Kind ist gut geartet, aber nicht
gut erzogen und hat mir bei dem beständigen Umherklettern im Kupee bereits
meinen Sonnenschirm zerbrochen, was die Mutter sehr in Verlegenheit brachte. Auf
dem Bahnhofe, wo wir eben halten, d.h. in diesem Augenblicke setzt sich der Zug
schon wieder in Bewegung, wimmelt es von Militär, darunter auch Brandenburger
Kürassiere mit einem quittgelben Namenszug auf der Achselklappe; wahrscheinlich
Nikolaus. Es macht sich sehr gut. Auch Füsiliere waren da, Fünfunddreissiger,
kleine Leute, die mir doch kleiner vorkamen als nötig, obschon Onkel Osten immer
zu sagen pflegte: der beste Füsilier sei der, der nur mit bewaffnetem Auge
gesehen werden könne. Doch ich schliesse. Die Kleine (leider) rennt nach wie vor
von einem Kupeefenster zum andern und erschwert mir das Schreiben. Und dabei
nascht sie beständig Kuchen, kleine mit Kirschen und Pistazien belegte
Tortenstücke. Schon zwischen Potsdam und Werder fing sie damit an. Die Mutter
ist doch zu schwach. Ich würde strenger sein.«
    Boto legte die Karte beiseit und überflog, so gut es ging, die zweite. Sie
lautete:
    »Hannover, 12 Uhr 30 Minuten. In Magdeburg war Goltz am Bahnhofe und sagte
mir, Du hättest ihm geschrieben, ich käme. Wie gut und lieb wieder von Dir. Du
bist doch immer der Beste, der Aufmerksamste. Goltz hat jetzt die Vermessungen
am Harz, d.h. am 1. Juli fängt er an. - Der Aufentalt hier in Hannover währt
eine Viertelstunde, was ich benutzt habe, mir den unmittelbar am Bahnhofe
gelegenen Platz anzusehen: lauter erst unter unserer Herrschaft entstandene
Hotels und Bier-Etablissements, von denen eines ganz im gotischen Stile gebaut
ist. Die Hannoveraner, wie mir ein Mitreisender erzählte, nennen es die
preussische Bierkirche, bloss aus welfischem Antagonismus. Wie schmerzlich
dergleichen! Die Zeit wird aber auch hier vieles mildern. Das walte Gott. - Die
Kleine knabbert in einem fort weiter, was mich zu beunruhigen anfängt. Wohin
soll das führen? Die Mutter aber ist wirklich reizend und hat mir schon alles
erzählt. Sie war auch in Würzburg, bei Scanzoni, für den sie schwärmt. Ihr
Vertrauen gegen mich ist beschämend und beinahe peinlich. Im übrigen ist sie,
wie ich nur wiederholen kann, durchaus comme il faut. Um Dir bloss eines zu
nennen, welch Reisenecessaire. Die Wiener sind uns in solchen Dingen doch sehr
überlegen; man merkt die ältere Kultur.«
    »Wundervoll«, lachte Boto. »Wenn Käte kulturhistorische Betrachtungen
anstellt, übertrifft sie sich selbst. Aber aller guten Dinge sind drei. Lass
sehn.«
    Und dabei nahm er die dritte Karte.
    »Köln, 8 Uhr abends. Kommandantur. Ich will meine Karten doch lieber noch
hier zur Post geben und nicht bis Schlangenbad warten, wo Frau Salinger und ich
morgen mittag einzutreffen gedenken. Mir geht es gut. Schroffensteins sehr
liebenswürdig; besonders er. Übrigens, um nichts zu vergessen, Frau Salinger
wurde durch Oppenheims Equipage vom Bahnhofe abgeholt. Unsere Fahrt, anfangs so
reizvoll, gestaltete sich von Hamm aus einigermassen beschwerlich und unschön.
Die Kleine litt schwer und leider durch Schuld der Mutter. Was möchtest du noch,
fragte sie, nachdem unser Zug eben den Bahnhof Hamm passiert hatte, worauf das
Kind antwortete: Drops. Und erst von dem Augenblicke an wurd es so schlimm...
Ach, lieber Boto, jung oder alt, unsere Wünsche bedürfen doch beständig einer
strengen und gewissenhaften Kontrolle. Dieser Gedanke beschäftigt mich seitdem
unausgesetzt, und die Begegnung mit dieser liebenswürdigen Frau war vielleicht
kein Zufall in meinem Leben. Wie oft habe ich Kluckhuhn in diesem Sinne sprechen
hören. Und er hat recht. Morgen mehr.
                                                                    Deine Käte«
Boto schob die drei Karten wieder ins Couvert und sagte: »Ganz Käte. Welch
Talent für die Plauderei! Und ich könnte mich eigentlich freuen, dass sie so
schreibt, wie sie schreibt. Aber es fehlt etwas. Es ist alles so angeflogen, so
blosses Gesellschaftsecho. Aber sie wird sich ändern, wenn sie Pflichten hat.
Oder doch vielleicht. Jedenfalls will ich die Hoffnung darauf nicht aufgeben.«
    Am Tage danach kam ein kurzer Brief aus Schlangenbad, in dem viel, viel
weniger stand als auf den drei Karten, und von diesem Tage an schrieb sie nur
alle halbe Woche noch und plauderte von Anna Grävenitz und der wirklich auch
noch erschienenen Elly Winterfeld, am meisten aber von Madame Salinger und der
reizenden kleinen Sarah. Es waren immer dieselben Versicherungen, und nur am
Schlusse der dritten Woche hiess es einigermassen abweichend: »Ich finde jetzt die
Kleine reizender als die Mutter. Diese gefällt sich in einem Toilettenluxus, den
ich kaum passend finden kann, um so weniger, als eigentlich keine Herren hier
sind. Auch seh ich jetzt, dass sie Farbe auflegt und namentlich die Augenbrauen
malt und vielleicht auch die Lippen, denn sie sind kirschrot. Das Kind aber ist
sehr natürlich. Immer wenn sie mich sieht, stürzt sie mit Vehemenz auf mich zu
und küsst mir die Hand und entschuldigt sich zum hundertsten Male wegen der
Drops, aber die Mama sei schuld, worin ich dem Kinde nur zustimmen kann. Und
doch muss andererseits ein geheimnisvoll naschiger Zug in Sarahs Natur liegen,
ich möchte beinahe sagen, etwas wie Erbsünde (glaubst Du daran? ich glaube
daran, mein lieber Boto), denn sie kann von den Süssigkeiten nicht lassen und
kauft sich in einem fort Oblaten, nicht Berliner, die wie Schaumkringel
schmecken, sondern Karlsbader mit eingestreutem Zucker. Aber nichts mehr
schriftlich davon. Wenn ich Dich wiedersehe, was sehr bald sein kann - denn ich
möchte gern mit Anna Grävenitz zusammen reisen, man ist doch so mehr unter sich
-, sprechen wir darüber und über vieles andere noch. Ach, wie freu ich mich,
Dich wiedersehn und mit Dir auf dem Balkon sitzen zu können. Es ist doch am
schönsten in Berlin, und wenn dann die Sonne so hinter Charlottenburg und dem
Grunewald steht und man so träumt und so müde wird, oh, wie herrlich ist das!
Nicht wahr! Und weisst Du wohl, was Frau Salinger gestern zu mir sagte? Ich sei
noch blonder geworden, sagte sie. Nun, Du wirst ja sehn.
                                                          Wie immer Deine Käte«
Rienäcker nickte mit dem Kopf und lächelte. »Reizende, kleine Frau. Von ihrer
Kur schreibt sie nichts; ich wette, sie fährt spazieren und hat noch keine zehn
Bäder genommen.« Und nach diesem Selbstgespräche gab er dem eben eintretenden
Burschen einige Weisungen und ging, durch Tiergarten und Brandenburger Tor, erst
die Linden hinunter und dann auf die Kaserne zu, wo der Dienst ihn bis Mittag in
Anspruch nahm.
Als er bald nach zwölf Uhr wieder zu Hause war und sich's, nach eingenommenem
Imbiss, eben ein wenig bequem machen wollte, meldete der Bursche, »dass ein
Herr... ein Mann« (er schwankte in der Titulatur) »draussen sei, der den Herrn
Baron zu sprechen wünsche«.
    »Wer?«
    »Gideon Franke... Er sagte so.«
    »Franke? Sonderbar. Nie gehört. Lass ihn eintreten.«
    Der Bursche ging wieder, während Boto wiederholte: »Franke... Gideon
Franke... Nie gehört. Kenn ich nicht.«
    Einen Augenblick später trat der Angemeldete ein und verbeugte sich von der
Tür her etwas steif. Er trug einen bis oben hin zugeknöpften schwarzbraunen
Rock, übermässig blanke Stiefel und blankes schwarzes Haar, das an beiden
Schläfen dicht anlag. Dazu schwarze Handschuh und hohe Vatermörder von
untadliger Weisse.
    Boto ging ihm mit der ihm eigenen chevaleresken Artigkeit entgegen und
sagte: »Herr Franke?«
    Dieser nickte.
    »Womit kann ich dienen? Darf ich Sie bitten, Platz zu nehmen... Hier... Oder
vielleicht hier. Polsterstühle sind immer unbequem.«
    Franke lächelte zustimmend und setzte sich auf einen Rohrstuhl, auf den
Rienäcker hingewiesen hatte.
    »Womit kann ich dienen?« wiederholte Rienäcker.
    »Ich komme mit einer Frage, Herr Baron.«
    »Die mir zu beantworten eine Freude sein wird, vorausgesetzt, dass ich sie
beantworten kann.«
    »Oh, niemand besser als Sie, Herr von Rienäcker... Ich komme nämlich wegen
der Lene Nimptsch.«
    Boto fuhr zurück.
    »... Und möchte«, fuhr Franke fort, »gleich hinzusetzen dürfen, dass es
nichts Genierliches ist, was mich herführt. Alles, was ich zu sagen oder, wenn
Sie's gestatten, Herr Baron, zu fragen habe, wird Ihnen und Ihrem Hause keine
Verlegenheiten schaffen. Ich weiss auch von der Abreise der gnädigen Frau, der
Frau Baronin, und habe mit allem Vorbedacht auf Ihr Alleinsein gewartet, oder
wenn ich so sagen darf, auf Ihre Strohwitwertage.«
    Boto hörte mit feinem Ohre heraus, dass der, der da sprach, trotz seines
spiessbürgerlichen Aufzuges ein Mann von Freimut und untadeliger Gesinnung sei.
Das half ihm rasch aus seiner Verwirrung heraus, und er hatte Haltung und Ruhe
ziemlich wiedergewonnen, als er über den Tisch hin fragte: »Sie sind ein
Anverwandter Lenens? Verzeihung, Herr Franke, dass ich meine alte Freundin bei
diesem alten, mir so lieben Namen nenne.«
    Franke verbeugte sich und erwiderte: »Nein, Herr Baron, kein Verwandter; ich
habe nicht diese Legitimation. Aber meine Legitimation ist vielleicht keine
schlechtere: ich kenne die Lene seit Jahr und Tag und habe die Absicht, sie zu
heiraten. Sie hat auch zugesagt, aber mir bei der Gelegenheit auch von ihrem
Vorleben erzählt und dabei mit so grosser Liebe von Ihnen gesprochen, dass es mir
auf der Stelle feststand, Sie selbst, Herr Baron, offen und unumwunden fragen zu
wollen, was es mit der Lene eigentlich sei. Worin Lene selbst, als ich ihr von
meiner Absicht erzählte, mich mit sichtlicher Freude bestärkte, freilich gleich
hinzusetzend: ich solle es lieber nicht tun, denn Sie würden zu gut von ihr
sprechen.«
    Boto sah vor sich hin und hatte Mühe, die Bewegung seines Herzens zu
bezwingen. Endlich aber war er wieder Herr seiner selbst und sagte: »Sie sind
ein ordentlicher Mann, Herr Franke, der das Glück der Lene will, soviel hör und
seh ich, und das gibt Ihnen ein gutes Recht auf Antwort. Was ich Ihnen zu sagen
habe, darüber ist mir kein Zweifel, und ich schwanke nur noch wie. Das beste
wird sein, ich erzähl Ihnen, wie's kam und weiterging und dann abschloss.«
    Franke verbeugte sich abermals, zum Zeichen, dass er auch seinerseits dies
für das beste halte.
    »Nun denn«, hob Rienäcker an, »es geht jetzt ins dritte Jahr oder ist auch
schon ein paar Monate darüber, dass ich bei Gelegenheit einer Kahnfahrt um die
Treptower Liebesinsel herum in die Lage kam, zwei jungen Mädchen einen Dienst zu
leisten und sie vor dem Kentern ihres Bootes zu bewahren. Eins der beiden
Mädchen war die Lene, und an der Art, wie sie dankte, sah ich gleich, dass sie
anders war als andere. Von Redensarten keine Spur, auch später nicht, was ich
gleich hier hervorheben möchte. Denn so heiter und mitunter beinahe ausgelassen
sie sein kann, von Natur ist sie nachdenklich, ernst und einfach.«
    Boto schob mechanisch das noch auf dem Tische stehende Tablett beiseite,
strich die Decke glatt und fuhr dann fort: »Ich bat sie, sie nach Hause
begleiten zu dürfen, und sie nahm es ohne weiteres an, was mich damals einen
Augenblick überraschte. Denn ich kannte sie noch nicht. Aber ich sah sehr bald,
woran es lag; sie hatte sich von Jugend an daran gewöhnt, nach ihren eigenen
Entschlüssen zu handeln, ohne viel Rücksicht auf die Menschen und jedenfalls
ohne Furcht vor ihrem Urteil.«
    Franke nickte.
    »So machten wir denn den weiten Weg, und ich begleitete sie nach Haus und
war entzückt von allem, was ich da sah, von der alten Frau, von dem Herd, an dem
sie sass, von dem Garten, darin das Haus lag, und von der Abgeschiedenheit und
Stille. Nach einer Viertelstunde ging ich wieder, und als ich mich draussen am
Gartengitter von der Lene verabschiedete, frug ich, ob ich wiederkommen dürfe,
welche Frage sie mit einem einfachen Ja beantwortete. Nichts von falscher Scham,
aber noch weniger von Unweiblichkeit. Umgekehrt, es lag etwas Rührendes in ihrem
Wesen und ihrer Stimme.«
    Rienäcker, als das alles wieder vor seine Seele trat, stand in sichtlicher
Erregung auf und öffnete beide Flügel der Balkontür, als ob es ihm in seinem
Zimmer zu heiss werde. Dann, auf und ab schreitend, fuhr er in einem rascheren
Tempo fort: »Ich habe kaum noch etwas hinzuzusetzen. Das war um Ostern, und wir
hatten einen Sommer lang allerglücklichste Tage. Soll ich davon erzählen? Nein.
Und dann kam das Leben mit seinem Ernst und seinen Ansprüchen. Und das war es,
was uns trennte.«
    Boto hatte mittlerweile seinen Platz wieder eingenommen, und der all die
Zeit über mit Glattstreichung seines Hutes beschäftigte Franke sagte ruhig vor
sich hin: »Ja, so hat sie mir's auch erzählt.«
    »Was nicht anders sein kann, Herr Franke. Denn die Lene - und ich freue mich
von ganzem Herzen, auch gerade das noch sagen zu können -, die Lene lügt nicht
und bisse sich eher die Zunge ab, als dass sie flunkerte. Sie hat einen doppelten
Stolz, und neben dem, von ihrer Hände Arbeit leben zu wollen, hat sie noch den
andern, alles gradheraus zu sagen und keine Flausen zu machen und nichts zu
vergrössern und nichts zu verkleinern. Ich brauche es nicht und ich will es
nicht, das hab ich sie viele Male sagen hören. Ja, sie hat ihren eigenen Willen,
vielleicht etwas mehr, als recht ist, und wer sie tadeln will, kann ihr
vorwerfen, eigenwillig zu sein. Aber sie will nur, was sie glaubt verantworten
zu können und wohl auch wirklich verantworten kann, und solch Wille, mein ich,
ist doch mehr Charakter als Selbstgerechtigkeit. Sie nicken, und ich sehe
daraus, dass wir einerlei Meinung sind, was mich aufrichtig freut. Und nun noch
ein Schlusswort, Herr Franke. Was zurückliegt, liegt zurück. Können Sie darüber
nicht hin, so muss ich das respektieren. Aber können Sie's, so sag ich Ihnen, Sie
kriegen da eine selten gute Frau. Denn sie hat das Herz auf dem rechten Fleck
und ein starkes Gefühl für Pflicht und Recht und Ordnung.«
    »So hab ich Lenen auch immer gefunden, und ich verspreche mir von ihr, ganz
so wie der Herr Baron sagen, eine selten gute Frau. Ja, der Mensch soll die
Gebote halten, alle soll er sie halten, aber es ist doch ein Unterschied, je
nachdem die Gebote sind, und wer das eine nicht hält, der kann immer noch was
taugen, wer aber das andere nicht hält, und wenn's auch im Katechismus dicht
daneben stünde, der taugt nichts und ist verworfen von Anfang an und steht
ausserhalb der Gnade.«
    Boto sah ihn verwundert an und wusste sichtlich nicht, was er aus dieser
feierlichen Ansprache machen sollte. Gideon Franke aber, der nun auch
seinerseits im Gange war, hatte kein Auge mehr für den Eindruck, den seine ganz
auf eigenem Boden gewachsenen Anschauungen hervorbrachten, und fuhr deshalb in
einem immer predigerhafter werdenden Tone fort: »Und wer in seines Fleisches
Schwäche gegen das sechste verstösst, dem kann verziehen werden, wenn er in gutem
Wandel und in der Reue steht, wer aber gegen das siebente verstösst, der steckt
nicht bloss in des Fleisches Schwäche, der steckt in der Seele Niedrigkeit, und
wer lügt und trügt oder verleumdet und falsch Zeugnis redet, der ist von Grund
aus verdorben und aus der Finsternis geboren, und ist keine Rettung mehr und
gleicht einem Felde, darinnen die Nesseln so tief liegen, dass das Unkraut immer
wieder aufschiesst, soviel gutes Korn auch gesäet werden mag. Und darauf leb ich
und sterb ich und hab es durch alle Tage hin erfahren. Ja, Herr Baron, auf die
Proppertät kommt es an, und auf die Honettität kommt es an und auf die
Reellität. Und auch im Ehestande. Denn ehrlich währt am längsten und Wort und
Verlass muss sein. Aber was gewesen ist, das ist gewesen, das gehört vor Gott. Und
denk ich anders darüber, was ich auch respektiere, geradeso wie der Herr Baron,
so muss ich davon bleiben und mit meiner Neigung und Liebe gar nicht erst
anfangen. Ich war lange drüben in den States, und wenn auch drüben, geradeso wie
hier, nicht alles Gold ist, was glänzt, das ist doch wahr, man lernt drüben
anders sehen und nicht immer durchs selbe Glas. Und lernt auch, dass es viele
Heilswege gibt und viele Glückswege. Ja, Herr Baron, es gibt viele Wege, die zu
Gott führen, und es gibt viele Wege, die zu Glück führen, dessen bin ich in
meinem Herzen gleicherweise gewiss. Und der eine Weg ist gut und der andre Weg
ist gut. Aber jeder gute Weg muss ein offner Weg und ein gerader Weg sein und in
der Sonne liegen und ohne Morast und ohne Sumpf und ohne Irrlicht. Auf die
Wahrheit kommt es an, und auf die Zuverlässigkeit kommt es an und auf die
Ehrlichkeit.«
    Franke hatte sich bei diesen Worten erhoben, und Boto, der ihm artig bis an
die Tür hin folgte, gab ihm hier die Hand.
    »Und nun, Herr Franke, bitt ich zum Abschied noch um das eine: grüssen Sie
mir die Frau Dörr, wenn Sie sie sehn und der alte Verkehr mit ihr noch andauert,
und vor allem grüssen Sie mir die gute alte Frau Nimptsch. Hat sie denn noch ihre
Gicht und ihre Wehdage, worüber sie sonst beständig klagte?«
    »Damit ist es vorbei.«
    »Wie das?« fragte Boto.
    »Wir haben sie vor drei Wochen schon begraben, Herr Baron. Gerade heut vor
drei Wochen.«
    »Begraben?« wiederholte Boto. »Und wo?«
    »Draussen hinterm Rollkrug, auf dem neuen Jakobikirchhof... Eine gute alte
Frau. Und wie sie an der Lene hing. Ja, Herr Baron, die Mutter Nimptsch ist tot.
Aber Frau Dörr, die lebt noch« (und er lachte), »die lebt noch lange. Und wenn
sie kommt, ein weiter Weg ist es, dann werd ich sie grüssen. Und ich sehe schon,
wie sie sich freut. Sie kennen sie ja, Herr Baron. Ja, ja, die Frau Dörr...«
    Und Gideon Franke zog noch einmal seinen Hut, und die Tür fiel ins Schloss.
 
                           Einundzwanzigstes Kapitel
Rienäcker, als er wieder allein war, war von dieser Begegnung und vor allem von
dem, was er zuletzt gehört, wie benommen. Wenn er sich, in der zwischenliegenden
Zeit, des kleinen Gärtnerhauses und seiner Insassen erinnert hatte, so hatte
sich ihm selbstverständlich alles so vor die Seele gestellt, wie's einst gewesen
war, und nun war alles anders, und er hatte sich in einer ganz neuen Welt
zurechtzufinden: in dem Häuschen wohnten Fremde, wenn es überhaupt noch bewohnt
war, auf dem Herde brannte kein Feuer mehr, wenigstens nicht tagaus, tagein, und
Frau Nimptsch, die das Feuer gehütet hatte, war tot und lag draussen auf dem
Jakobikirchhof. Alles das ging in ihm um, und mit einem Male stand auch der Tag
wieder vor ihm, an dem er der alten Frau, halb humoristisch, halb feierlich,
versprochen hatte, ihr einen Immortellenkranz aufs Grab zu legen. In der Unruhe,
darin er sich befand, war es ihm schon eine Freude, dass ihm das Versprechen
wieder einfiel, und so beschloss er denn die damalige Zusage sofort wahr zu
machen.
    »Rollkrug und Mittag und pralle Sonne - die reine Reise nach Mittelafrika.
Aber die gute Alte soll ihren Kranz haben.«
    Und gleich danach nahm er Degen und Mütze und machte sich auf den Weg.
    An der Ecke war ein Droschkenstand, freilich nur ein kleiner, und so kam es,
dass trotz der Inschrifttafel »Halteplatz für drei Droschken« immer nur der Platz
und höchst selten eine Droschke da war. So war es auch heute wieder, was mit
Rücksicht auf die Mittagsstunde (wo die Droschken überall, als ob die Erde sie
verschlänge, zu verschwinden pflegen) an diesem ohnehin nur auf ein Pflichtteil
gesetzten Halteplatz kaum überraschen konnte. Boto ging also weiter, bis ihm,
in Nähe der Van-der-Heidt-Brücke, ein ziemlich klappriges Gefährt entgegenkam,
hellgrün mit rotem Plüschsitz und einem Schimmel davor. Der Schimmel schlich nur
so hin, und Rienäcker konnte sich angesichts der »Tour«, die dem armen Tiere
bevorstand, eines wehmütigen Lächelns nicht erwehren. Aber so weit er auch das
Auge schicken mochte, nichts Besseres war in Sicht, und so trat er denn an den
Kutscher heran und sagte: »Nach dem Rollkrug. Jakobikirchhof.«
    »Zu Befehl, Herr Baron.«
    »... Aber unterwegs müssen wir halten. Ich will nämlich noch einen Kranz
kaufen.«
    »Zu Befehl, Herr Baron.«
    Boto war einigermassen verwundert über die mit soviel Prompteit
wiederkehrende Titulatur und sagte deshalb: »Kennen Sie mich?«
    »Zu Befehl, Herr Baron. Baron Rienäcker, Landgrafenstrasse. Dicht bei 'n
Halteplatz. Hab Ihnen schon öfter gefahren.«
    Bei diesem Gespräche war Boto eingestiegen, gewillt, sich's in der
Plüschecke nach Möglichkeit bequem zu machen, er gab es aber bald wieder auf,
denn die Ecke war heiss wie ein Ofen.
    Rienäcker hatte den hübschen und herzerquickenden Zug aller märkischen
Edelleute, mit Personen aus dem Volke gern zu plaudern, lieber als mit
»Gebildeten«, und begann denn auch ohne weiteres, während sie im Halbschatten
der jungen Kanalbäume dahinfuhren: »Is das eine Hitze! Ihr Schimmel wird sich
auch nicht gefreut haben, wenn er Rollkrug gehört hat.«
    »Na, Rollkrug geht noch; Rollkrug geht noch von wegen der Heide. Wenn er da
durchkommt un die Fichten riecht, freut er sich immer. Er is nämlich von 's
Land... Oder vielleicht is es auch die Musike. Wenigstens spitzt er immer die
Ohren.«
    »So, so«, sagte Boto. »Bloss nach tanzen sieht er mir nicht aus... Aber wo
werden wir denn den Kranz kaufen? Ich möchte nicht gern ohne Kranz auf den
Kirchhof kommen.«
    »O damit is noch Zeit, Herr Baron. Wenn erst die Kirchhofsgegend kommt, von
's Hallsche Tor an un die ganze Pionierstrasse runter.«
    »Ja, ja, Sie haben recht; ich entsinne mich...«
    »Un nachher, bis dicht an den Kirchhof ran, hat's ihrer auch noch.«
    Boto lächelte. »Sie sind wohl ein Schlesier?«
    »Ja«, sagte der Kutscher. »Die meisten sind. Aber ich bin schon lange hier
und eigentlich ein halber Richtiger-Berliner.«
    »Und 's geht Ihnen gut?«
    »Na, von gut is nu woll keine Rede nich. Es kost't allens zuviel un soll
immer von 's Beste sein. Und der Haber is teuer. Aber das ginge noch, wenn man
bloss sonst nichts passierte. Passieren tut aber immer was, heute bricht 'ne
Achse, un morgen fällt en Pferd. Ich habe noch einen Fuchs zu Hause, der bei den
Fürstenwalder Ulanen gestanden hat; propres Pferd, man bloss keine Luft nich un
wird es woll nich lange mehr machen. Un mit eins ist er weg... Un denn die
Fahrpolizei; nie zufrieden, hier nich un da nich. Immer muss man frisch
anstreichen. Un der rote Plüsch is auch nich von umsonst.«
    Während sie noch so plauderten, waren sie, den Kanal entlang, bis an das
Hallesche Tor gekommen; vom Kreuzberg her aber kam gerad ein Infanteriebataillon
mit voller Musik, und Boto, der keine Begegnungen wünschte, trieb deshalb etwas
zur Eile. So ging es denn rasch an der Belle-Alliance-Brücke vorbei, jenseits
derselben aber liess er halten, weil er gleich an einem der ersten Häuser gelesen
hatte: »Kunst- und Handelsgärtnerei«. Drei, vier Stufen führten in einen Laden
hinauf, in dessen grossem Schaufenster allerlei Kränze lagen.
    Rienäcker stieg aus und die Stufen hinauf. Die Tür oben aber gab beim
Eintreten einen scharfen Klingelton. »Darf ich Sie bitten, mir einen hübschen
Kranz zeigen zu wollen?«
    »Begräbnis?«
    »Ja.«
    Das schwarzgekleidete Fräulein, das, vielleicht mit Rücksicht auf den
Umstand, dass hier meist Grabkränze verkauft wurden, in seiner Gesamtaltung
(selbst die Schere fehlte nicht) etwas ridikül Parzenhaftes hatte, kam alsbald
mit einem Immergrünkranze zurück, in den weisse Rosen eingeflochten waren.
Zugleich entschuldigte sie sich, dass es nur weisse Rosen seien. Weisse Kamelien
stünden höher. Boto seinerseits war zufrieden, entielt sich aller
Ausstellungen und fragte nur, ob er zu dem frischen Kranz auch einen
Immortellenkranz haben könne.
    Das Fräulein schien über das Altmodische, das sich in dieser Frage kundgab,
einigermassen verwundert, bejahte jedoch und erschien gleich danach mit einem
Karton, in dem fünf, sechs Immortellenkränze lagen, gelbe, rote, weisse.
    »Zu welcher Farbe raten Sie mir?«
    Das Fräulein lächelte: »Immortellenkränze sind ganz ausser Mode. Höchstens in
Winterzeit... Und dann immer nur...«
    »Es wird das beste sein, ich entscheide mich ohne weiteres für diesen hier.«
Und damit schob Boto den ihm zunächst liegenden gelben Kranz über den Arm, liess
den von Immergrün mit den weissen Rosen folgen und stieg rasch wieder in seine
Droschke. Beide Kränze waren ziemlich gross und fielen auf dem roten
Plüschrücksitz, auf dem sie lagen, hinreichend auf, um in Boto die Frage zu
wecken, ob er sie nicht lieber dem Kutscher hinüberreichen solle. Rasch aber
entschlug er sich dieser Anwandlung wieder und sagte: »Wenn man der alten Frau
Nimptsch einen Kranz bringen will, muss man sich auch zu dem Kranz bekennen. Und
wer sich dessen schämt, muss es überhaupt nicht versprechen.«
    So liess er denn die Kränze liegen, wo sie lagen, und vergass ihrer beinah
ganz, als sie gleich danach in einen Strassenteil einbogen, der ihn durch seine
bunte, hier und da groteske Szenerie von seinen bisherigen Betrachtungen abzog.
Rechts, auf wohl fünfhundert Schritt Entfernung hin, zog sich ein Plankenzaun,
über den hinweg allerlei Buden, Pavillons und Lampenportale ragten, alle mit
einer Welt von Inschriften bedeckt. Die meisten derselben waren neueren und
neusten Datums, einige dagegen, und gerade die grössten und buntesten, griffen
weit zurück und hatten sich, wenn auch in einem regenverwaschenen Zustande, vom
letzten Jahr her gerettet. Mitten unter diesen Vergnügungslokalen, und mit ihnen
abwechselnd, hatten verschiedene Handwerksmeister ihre Werkstätten aufgerichtet,
vorwiegend Bildhauer und Steinmetze, die hier, mit Rücksicht auf die zahlreichen
Kirchhöfe, meist nur Kreuze, Säulen und Obelisken ausstellten. All das konnte
nicht verfehlen, auf jeden hier des Weges Kommenden einen Eindruck zu machen,
und diesem Eindruck unterlag auch Rienäcker, der von seiner Droschke her, unter
wachsender Neugier, die nicht enden wollenden und untereinander im tiefsten
Gegensatze stehenden Anpreisungen las und die dazugehörigen Bilder musterte.
»Fräulein Rosella das Wundermädchen, lebend zu sehen; Grabkreuze zu billigsten
Preisen; amerikanische Schnellphotographie; russisches Ballwerfen, sechs Wurf
zehn Pfennig; schwedischer Punsch mit Waffeln; Figaros schönste Gelegenheit oder
erster Frisier-Salon der Welt; Grabkreuze zu billigsten Preisen; Schweizer
Schiesshalle:
Schiesse gut und schiesse schnell,
Schiess und triff wie Wilhelm Tell.«
Und darunter Tell selbst mit Armbrust, Sohn und Apfel.
    Endlich war man am Ende der langen Bretterwand, und an eben diesem Endpunkte
machte der Weg eine scharfe Biegung auf die Hasenheide zu, von deren
Schiessständen her man in der mittäglichen Stille das Knattern der Gewehre hörte.
Sonst blieb alles auch in dieser Fortsetzung der Strasse so ziemlich dasselbe:
Blondin, nur in Trikot und Medaillen gekleidet, stand balancierend auf dem Seil,
überall von Feuerwerk umbljetzt, während um und neben ihm allerlei kleinere
Plakate sowohl Ballonauffahrten wie Tanzvergnügungen ankündigten. Eins lautete:
»Sizilianische Nacht. Um zwei Uhr Wiener Bonbonwalzer.«
    Boto, der diese Stelle wohl seit Jahr und Tag nicht passiert hatte, las
alles mit ungeheucheltem Interesse, bis er nach Passierung der »Heide«, deren
Schatten ihn ein paar Minuten lang erquickt hatte, jenseits derselben in den
Hauptweg einer sehr belebten und in ihrer Verlängerung auf Rixdorf zulaufenden
Vorstadt einbog. Wagen, in doppelter und dreifacher Reihe, bewegten sich vor ihm
her, bis mit einem Male alles stillstand und der Verkehr stockte. »Warum halten
wir?« Aber ehe der Kutscher antworten konnte, hörte Boto schon das Fluchen und
Schimpfen aus der Front her und sah, dass alles ineinandergefahren war. Sich
vorbeugend und dabei neugierig nach allen Seiten hin ausspähend, würde ihm, bei
der ihm eigenen Vorliebe für das Volkstümliche, der ganze Zwischenfall sehr
wahrscheinlich mehr Vergnügen als Missstimmung bereitet haben, wenn ihn nicht ein
vor ihm haltender Wagen sowohl durch Ladung wie Inschrift zu trübseliger
Betrachtung angeregt hätte. »Glasbruch-Ein- und Verkauf von Max Zippel in
Rixdorf« stand in grossen Buchstaben auf einem wandartigen Hinterbrett, und ein
ganzer Berg von Scherben türmte sich in dem Wagenkasten auf. »Glück und Glas...«
Und mit Widerstreben sah er hin, und dabei war ihm in allen Fingerspitzen, als
schnitten ihn die Scherben.
    Endlich aber kam die Wagenreihe nicht nur wieder in Fluss, sondern der
Schimmel tat auch sein Bestes, Versäumtes einzuholen, und eine kleine Weile, so
hielt man vor einem lehnan gebauten, mit hohem Dach und vorspringendem Giebel
ausstaffierten Eckhause, dessen Erdgeschossfenster so niedrig über der Strasse
lagen, dass sie mit dieser fast dasselbe Niveau hatten. Ein eiserner Arm streckte
sich aus dem Giebel vor und trug einen aufrechtstehenden vergoldeten Schlüssel.
    »Was ist das?« fragte Boto.
    »Der Rollkrug.«
    »Gut. Dann sind wir bald da. Bloss hier noch bergan. Tut mir leid um den
Schimmel, aber es hilft nichts.«
    Der Kutscher gab dem Pferd einen Knips, und gleich darnach fuhren sie die
mässig ansteigende Bergstrasse hinauf, an deren einer Seite der alte, wegen
Überfüllung schon wieder halb geschlossene Jakobikirchhof lag, während an der
dem Kirchhofszaun gegenübergelegenen Seite hohe Mietskasernen aufstiegen.
    Vor dem letzten Hause standen umherziehende Spielleute, Horn und Harfe, dem
Anscheine nach Mann und Frau. Die Frau sang auch, aber der Wind, der hier
ziemlich scharf ging, trieb alles hügelan, und erst als Boto zehn Schritt und
mehr an dem armen Musikantenpaare vorüber war, war er in der Lage, Text und
Melodie zu hören. Es war dasselbe Lied, das sie damals auf dem Wilmersdorfer
Spaziergange so heiter und so glücklich gesungen hatten, und er erhob sich und
blickte, wie wenn es ihm nachgerufen würde, nach dem Musikantenpaare zurück. Die
standen abgekehrt und sahen nichts, ein hübsches Dienstmädchen aber, das an der
Giebelseite des Hauses mit Fensterputzen beschäftigt war und den um- und
rückschauhaltenden Blick des jungen Offiziers sich zuschreiben mochte, schwenkte
lustig von ihrem Fensterbrett her den Lederlappen und fiel übermütig mit ein:
»Ich denke dran, ich danke dir mein Leben, doch du, Soldat, Soldat denkst du
daran?«
    Boto, die Stirn in die Hand drückend, warf sich in die Droschke zurück, und
ein Gefühl, unendlich süss und unendlich schmerzlich, ergriff ihn. Aber freilich
das Schmerzliche wog vor und fiel erst ab von ihm, als die Stadt hinter ihm lag
und fern am Horizont im blauen Mittagsdämmer die Müggelberge sichtbar wurden.
    Endlich hielten sie vor dem Neuen Jakobikirchhof.
    »Soll ich warten?«
    »Ja. Aber nicht hier. Unten beim Rollkrug. Und wenn Sie die Musikantenleute
noch treffen... hier, das ist für die arme Frau.«
 
                           Zweiundzwanzigstes Kapitel
Boto hatte sich der Führung eines gleich am Kirchhofseingange beschäftigten
Alten anvertraut und das Grab der Frau Nimptsch in guter Pflege gefunden:
Efeuranken waren eingesetzt, ein Geraniumtopf stand dazwischen, und an einem
Eisenständerchen hing bereits ein Immortellenkranz. »Ah, Lene«, sagte Boto vor
sich hin. »Immer dieselbe... Ich komme zu spät.« Und dann wandt er sich zu dem
neben ihm stehenden Alten und sagte: »War wohl bloss 'ne kleine Leiche?«
    »Ja, klein war sie man.«
    »Drei oder vier?«
    »Justement vier. Und versteht sich unser alter Supperndent. Er sprach bloss
's Gebet, und die grosse mittelaltsche Frau, die mit dabei war, so vierzig oder
drum rum, die blieb in einem Weinen. Und auch 'ne Jungsche war mit dabei. Die
kommt jetzt alle Woche mal, und den letzten Sonntag hat sie den Geranium
gebracht. Und will auch noch 'n Stein haben, wie sie jetzt Mode sind:
grünpoliert mit Namen und Datum drauf.«
    Und hiernach zog sich der Alte mit der allen Kirchhofsleuten eigenen
Geschäftspolitesse wieder zurück, während Boto seinen Immortellenkranz an den
schon vorher von Lene gebrachten anhing, den aus Immergrün und weissen Rosen aber
um den Geraniumtopf herumlegte. Dann ging er, nachdem er noch eine Weile das
schlichte Grab betrachtet und der guten Frau Nimptsch liebevoll gedacht hatte,
wieder auf den Kirchhofsausgang zu. Der Alte, der hier inzwischen seine
Spalierarbeit wieder aufgenommen, sah ihm, die Mütze ziehend, nach und
beschäftigte sich mit der Frage, was einen so vornehmen Herrn, über dessen
Vornehmheit ihm, seinem letzten Händedruck nach, kein Zweifel war, wohl an das
Grab der alten Frau geführt haben könne. »Das muss so was sein. Und hat die
Droschke nicht warten lassen.« Aber er kam zu keinem Abschluss, und um sich
wenigstens auch seinerseits so dankbar wie möglich zu zeigen, nahm er eine der
in seiner Nähe stehenden Giesskannen und ging erst auf den kleinen eisernen
Brunnen und dann auf das Grab der Frau Nimptsch zu, um den im Sonnenbrand etwas
trocken gewordenen Efeu zu bewässern.
    Boto war mittlerweile bis an die dicht am Rollkruge haltende Droschke
zurückgegangen, stieg hier ein und hielt eine Stunde später wieder in der
Landgrafenstrasse. Der Kutscher sprang dienstfertig ab und öffnete den Schlag.
    »Da«, sagte Boto... »Und dies extra. War ja 'ne halbe Landpartie«
    »Na, man kann's auch woll vor 'ne ganze nehmen.«
    »Ich verstehe«, lachte Rienäcker. »Da muss ich wohl noch zulegen?«
    »Schaden wird's nich... Danke schön, Herr Baron.«
    »Aber nun futtert mir auch den Schimmel besser raus. Is ja ein Jammer.«
    Und er grüsste und stieg die Treppe hinauf.
Oben in seiner Wohnung war alles still, selbst die Dienstboten fort, weil sie
wussten, dass er um diese Zeit immer im Club war. Wenigstens seit seinen
Strohwitwertagen. »Unzuverlässiges Volk«, brummte er vor sich hin und schien
ärgerlich. Trotzdem war es ihm lieb, allein zu sein. Er wollte niemand sehn und
setzte sich draussen auf den Balkon, um so vor sich hin zu träumen. Aber es war
stickig unter der herabgelassenen Markise, dran zum Überfluss auch noch lange
blauweisse Franzen hingen, und so stand er wieder auf, um die grosse Leinwand in
die Höh zu ziehn. Das half. Die sich nun einstellende frische Luftströmung tat
ihm wohl, und aufatmend und bis an die Brüstung vortretend, sah er über Feld und
Wald hin bis auf die Charlottenburger Schlosskuppel, deren malachitfarbne
Kupferbekleidung im Glanz der Nachmittagssonne schimmerte.
    »Dahinter liegt Spandau«, sprach er vor sich hin. »Und hinter Spandau zieht
sich ein Bahndamm und ein Schienengeleise, das bis an den Rhein läuft. Und auf
dem Geleise seh ich einen Zug, viele Wagen, und in einem der Wagen sitzt Käte.
Wie sie wohl aussehen mag? O gut; gewiss. Und wovon sie wohl sprechen mag? Nun,
ich denke mir, von allerlei: pikante Badegeschichten und vielleicht auch von
Frau Salingers Toiletten und dass es in Berlin doch eigentlich am besten sei. Und
muss ich mich nicht freuen, dass sie wiederkommt? Eine so hübsche Frau, so jung,
so glücklich, so heiter. Und ich freue mich auch. Aber heute darf sie nicht
kommen. Um Gottes willen nicht. Und doch ist es ihr zuzutrauen. Sie hat seit
drei Tagen nicht geschrieben und steht noch ganz auf dem Standpunkt der
Überraschungen.«
    Er hing dem noch eine Weile nach, dann aber wechselten die Bilder, und
längst Zurückliegendes trat statt Kätes wieder vor seine Seele: der Dörrsche
Garten, der Gang nach Wilmersdorf, die Partie nach Hankels Ablage. Das war der
letzte schöne Tag gewesen, die letzte glückliche Stunde... »Sie sagte damals,
dass ein Haar zu fest binde, darum weigerte sie sich und wollt es nicht. Und ich?
warum bestand ich darauf? Ja, es gibt solche rätselhaften Kräfte, solche
Sympatien aus Himmel oder Hölle, und nun bin ich gebunden und kann nicht los.
Ach sie war so lieb und gut an jenem Nachmittag, als wir noch allein waren und
an Störung nicht dachten, und ich vergesse das Bild nicht, wie sie da zwischen
den Gräsern stand und nach rechts und links hin die Blumen pflückte. Die Blumen
- ich habe sie noch. Aber ich will ein Ende damit machen. Was sollen mir diese
toten Dinge, die mir nur Unruhe stiften und mir mein bisschen Glück und meinen
Ehefrieden kosten, wenn je ein fremdes Auge darauf fällt.«
    Und er erhob sich von seinem Balkonplatz und ging, durch die ganze Wohnung
hin, in sein nach dem Hofe hinaus gelegenes Arbeitszimmer, das des Morgens in
heller Sonne, jetzt aber in tiefem Schatten lag. Die Kühle tat ihm wohl, und er
trat an einen eleganten, noch aus seiner Junggesellenzeit herstammenden
Schreibtisch heran, dessen Ebenholzkästchen mit allerlei kleinen Silbergirlanden
ausgelegt waren. In der Mitte dieser Kästchen aber baute sich ein mit einem
Giebelfeld ausgestattetes und zur Aufbewahrung von Wertsachen dienendes
Säulentempelchen auf, dessen nach hinten zu gelegenes Geheimfach durch eine
Feder geschlossen wurde. Boto drückte jetzt auf die Feder und nahm, als das
Fach aufsprang, ein kleines Briefbündel heraus, das mit einem roten Faden
umwunden war, obenauf aber, und wie nachträglich eingeschoben, lagen die Blumen,
von denen er eben gesprochen. Er wog das Päckchen in Händen und sagte, während
er den Faden ablöste: »Viel Freud, viel Leid. Irrungen, Wirrungen. Das alte
Lied.«
    Er war allein und an Überraschung nicht zu denken. In seiner Vorstellung
aber immer noch nicht sicher genug, stand er auf und schloss die Tür. Und nun
erst nahm er den obenauf liegenden Brief und las. Es waren die den Tag vor dem
Wilmersdorfer Spaziergange geschriebenen Zeilen, und mit Rührung sah er jetzt im
Wiederlesen auf alles das, was er damals mit einem Bleistiftstrichelchen
bezeichnet hatte. »Stiehl... Alleh... Wie diese liebenswürdigen h's mich auch
heute wieder anblicken, besser als alle Ortographie der Welt. Und wie klar die
Handschrift. Und wie gut und schelmisch, was sie da schreibt. Ach, sie hatte die
glücklichste Mischung und war vernünftig und leidenschaftlich zugleich. Alles,
was sie sagte, hatte Charakter und Tiefe des Gemüts. Arme Bildung, wie weit
bleibst du dahinter zurück.«
    Er nahm nun auch den zweiten Brief und wollte sich überhaupt vom Schluss her
bis an den Anfang der Korrespondenz durchlesen. Aber es tat ihm zu weh. »Wozu?
Wozu beleben und auffrischen, was tot ist und tot bleiben muss? Ich muss aufräumen
damit und dabei hoffen, dass mit diesen Trägern der Erinnerung auch die
Erinnerungen selbst hinschwinden werden.«
    Und wirklich, er war es entschlossen, und sich rasch von seinem Schreibtisch
erhebend, schob er einen Kaminschirm beiseit und trat an den kleinen Herd, um
die Briefe darauf zu verbrennen. Und siehe da, langsam, als ob er sich das
Gefühl eines süssen Schmerzes verlängern wolle, liess er jetzt Blatt auf Blatt auf
die Herdstelle fallen und in Feuer aufgehen. Das letzte, was er in Händen hielt,
war das Sträusschen, und während er sann und grübelte, kam ihm eine Anwandlung,
als ob er jede Blume noch einmal einzeln betrachten und zu diesem Zwecke das
Haarfädchen lösen müsse. Plötzlich aber, wie von abergläubischer Furcht erfasst,
warf er die Blumen den Briefen nach.
    Ein Aufflackern noch, und nun war alles vorbei, verglommen.
    »Ob ich nun frei bin...? Will ich's denn? Ich will es nicht. Alles Asche.
Und doch gebunden.«
 
                           Dreiundzwanzigstes Kapitel
Boto sah in die Asche. »Wie wenig und wie viel.« Und dann schob er den
eleganten Kaminschirm wieder vor, in dessen Mitte sich die Nachbildung einer
pompejanischen Wandfigur befand. Hundertmal war sein Auge darüber
hinweggeglitten, ohne zu beachten, was es eigentlich sei, heute sah er es und
sagte: »Minerva mit Schild und Speer. Aber Speer bei Fuss. Vielleicht bedeutet es
Ruhe... Wär es so.« Und dann stand er auf, schloss das um seinen besten Schatz
ärmer gewordene Geheimfach und ging wieder nach vorn.
    Unterwegs, auf dem ebenso schmalen wie langen Korridore, traf er Köchin und
Hausmädchen, die diesen Augenblick erst von einem Tiergartenspaziergange
zurückkamen. Als er beide verlegen und ängstlich dastehen sah, überkam ihn ein
menschlich Rühren, aber er bezwang sich und rief sich zu, wenn auch freilich mit
einem Anfluge von Ironie, »dass endlich einmal ein Exempel statuiert werden
müsse«. So begann er denn, so gut er konnte, die Rolle des donnernden Zeus zu
spielen. Wo sie nur gesteckt hätten? Ob das Ordnung und gute Sitte sei? Er habe
nicht Lust, der gnädigen Frau, wenn sie zurückkomme (vielleicht heute schon),
einen aus Rand und Band gegangenen Hausstand zu überliefern. Und der Bursche?
»Nun, ich will nichts wissen, nichts hören, am wenigsten Entschuldigungen.« Und
als dies heraus war, ging er weiter und lächelte, zumeist über sich selbst. »Wie
leicht ist doch predigen, und wie schwer ist danach handeln und tun. Armer
Kanzelheld ich! Bin ich nicht selbst aus Rand und Band? Bin ich nicht selber aus
Ordnung und guter Sitte? Dass es war, das möchte gehn, aber dass es noch ist, das
ist das schlimme.«
    dabei nahm er wieder seinen Platz auf dem Balkon und klingelte. Jetzt kam
auch der Bursche, fast noch ängstlicher und verlegener als die Mädchen, aber es
hatte keine Not mehr, das Wetter war vorüber. »Sage der Köchin, dass ich etwas
essen will. Nun, warum stehst du noch? Ah, ich sehe schon« (und er lachte),
»nichts im Hause. Trifft sich alles vorzüglich... - Also Tee: bringe mir Tee,
der wird doch wohl dasein. Und lass ein paar Schnitten machen; alle Wetter, ich
habe Hunger... Und sind die Abendzeitungen schon da?«
    »Zu Befehl, Herr Rittmeister.«
    Nicht lange, so war der Teetisch draussen auf dem Balkon serviert, und selbst
ein Imbiss hatte sich gefunden. Boto sass zurückgelehnt in den Schaukelstuhl und
starrte nachdenklich in die kleine blaue Flamme. Dann nahm er zunächst den
Moniteur seiner kleinen Frau, das »Fremdenblatt«, und erst in weiterer Folge die
»Kreuzzeitung« zur Hand und sah auf die letzte Seite. »Gott, wie wird Käte sich
freuen, diese letzte Seite jeden Tag wieder frisch an der Quelle studieren zu
können, will sagen zwölf Stunden früher als in Schlangenbad. Und hat sie nicht
recht? Unsere heut vollzogene eheliche Verbindung beehren sich anzuzeigen
Adalbert von Lichterloh, Regierungsreferendar und Lieutenant der Reserve,
Hildegard von Lichterloh, geb. Holtze. Wundervoll. Und wahrhaftig, so zu sehn,
wie sich's weiter lebt und liebt in der Welt, ist eigentlich das Beste. Hochzeit
und Kindtaufen! Und ein paar Todesfälle dazwischen. Nun, die braucht man ja
nicht zu lesen, Käte tut es nicht, und ich tu es auch nicht, und bloss wenn die
Vandalen mal einen ihrer Alten Herrn verloren haben und ich das Korpszeichen
inmitten der Trauerannonce sehe, das les ich, das erheitert mich und ist mir
immer, als ob der alte Korpskämpe zu Hofbräu nach Walhalla geladen wäre.
Spatenbräu passt eigentlich noch besser.«
    Er legte das Blatt wieder beiseit, weil es klingelte... »Sollte sie
wirklich...« Nein, es war nichts, bloss eine vom Wirt heraufgeschickte
Suppenliste, drauf erst fünfzig Pfennig gezeichnet standen. Aber den ganzen
Abend über blieb er trotzdem in Aufregung, weil ihm beständig die Möglichkeit
einer Überraschung vorschwebte, und sooft er eine Droschke mit einem Koffer vorn
und einem Damenreisehute dahinter in die Landgrafenstrasse einbiegen sah, rief er
sich zu: »Das ist sie; sie liebt dergleichen, und ich höre sie schon sagen: ich
dacht es mir so komisch, Boto.«
Käte war nicht gekommen. Statt ihrer kam am anderen Morgen ein Brief, worin sie
ihre Rückkehr für den dritten Tag anmeldete. »Sie werde wieder mit Frau Salinger
reisen, die doch, alles in allem, eine sehr nette Frau sei, mit viel guter
Laune, viel Chic und viel Reisekomfort.«
    Boto legte den Brief aus der Hand und freute sich momentan ganz aufrichtig,
seine schöne junge Frau binnen drei Tagen wiederzusehen. »Unser Herz hat Platz
für allerlei Widersprüche... Sie dalbert, nun ja, aber eine dalbrige junge Frau
ist immer noch besser als keine.«
    Danach rief er die Leute zusammen und liess sie wissen, dass die gnädige Frau
in drei Tagen wieder dasein werde; sie sollten alles instand setzen und die
Schlösser putzen. Und kein Fliegenfleck auf dem grossen Spiegel.
    Als er so Vorkehrungen getroffen, ging er zum Dienst in die Kaserne. »Wenn
wer fragt, ich bin von fünf an wieder zu Haus.«
    Sein Programm für die zwischenliegende Zeit ging dahin, dass er bis Mittag
auf dem Eskadronhofe bleiben, dann ein paar Stunden reiten und nach dem Ritt im
Club essen wollte. Wenn er niemand anders dort traf, so traf er doch Balafré,
was gleichbedeutend war mit Whist en deux und einer Fülle von Hofgeschichten,
wahren und unwahren. Denn Balafré, so zuverlässig er war, legte doch
grundsätzlich eine Stunde des Tags für Humbug und Aufschneidereien an. Ja, diese
Beschäftigung stand ihm, nach Art eines geistigen Sports, unter seinen
Vergnügungen obenan.
    Und wie das Programm war, so wurd es auch ausgeführt. Die Hofuhr in der
Kaserne schlug eben zwölf, als er sich in den Sattel hob und nach Passierung
erst der Linden und gleich danach der Luisenstrasse schliesslich in einen neben
dem Kanal hinlaufenden Weg einbog, der weiterhin seine Richtung auf Plötzensee
zu nahm. dabei kam ihm der Tag wieder in Erinnerung, an dem er hier auch
herumgeritten war, um sich Mut für den Abschied von Lene zu gewinnen, für den
Abschied, der ihm so schwer ward und der doch sein musste. Das war nun drei
Jahre. Was lag alles dazwischen? Viel Freude; gewiss. Aber es war doch keine
rechte Freude gewesen. Ein Bonbon, nicht viel mehr. Und wer kann von Süssigkeiten
leben!
    Er hing dem noch nach, als er auf einem von der Jungfernheide her nach dem
Kanal hinüberführenden Reitwege zwei Kameraden herankommen sah, Ulanen, wie die
deutlich erkennbaren Czapkas schon von fernher verrieten. Aber wer waren sie?
Freilich, die Zweifel auch darüber konnten nicht lange währen, und noch ehe man
sich von hüben und drüben bis auf hundert Schritte genähert hatte, sah Boto,
dass es die Rexins waren, Vettern und beide vom selben Regiment.
    »Ah, Rienäcker«, sagte der ältere. »Wohin?«
    »So weit der Himmel blau ist.«
    »Das ist mir zu weit.«
    »Nun, dann bis Saatwinkel.«
    »Das lässt sich hören. Da bin ich mit von der Partie, vorausgesetzt, dass ich
nicht störe... Kurt« (und hiermit wandt er sich an seinen jüngeren Begleiter),
»Pardon! Aber ich habe mit Rienäcker zu sprechen. Und unter Umständen...«
    »... spricht sich's besser zu zweien. Ganz nach deiner Bequemlichkeit,
Bozel«, und dabei grüsste Kurt von Rexin und ritt weiter. Der mit Bozel
angeredete Vetter aber warf sein Pferd herum, nahm die linke Seite neben dem ihm
in der Rangliste weit vorstehenden Rienäcker und sagte: »Nun denn also
Saatwinkel. In die Tegeler Schusslinie werden wir ja wohl nicht einreiten.«
    »Ich werd es wenigstens zu vermeiden suchen«, entgegnete Rienäcker, »erstens
mir selbst und zweitens Ihnen zuliebe. Und drittens und letztens um Henriettens
willen. Was würde die schwarze Henriette sagen, wenn ihr ihr Bogislaw
totgeschossen würde und noch dazu durch eine befreundete Granate?«
    »Das würd ihr freilich einen Stich ins Herz geben«, erwiderte Rexin, »und
ihr und mir einen Strich durch die Rechnung machen.«
    »Durch welche Rechnung?«
    »Das ist eben der Punkt, Rienäcker, über den ich mit Ihnen sprechen wollte.«
    »Mit mir? Und von welchem Punkte?«
    »Sie sollten es eigentlich erraten und ist auch nicht schwer. Ich spreche
natürlich von einem Verhältnis, meinem Verhältnis.«
    »Verhältnis!« lachte Boto. »Nun, ich stehe zu Diensten, Rexin. Aber offen
gestanden, ich weiss nicht recht, was speziell mir Ihr Vertrauen einträgt. Ich
bin nach keiner Seite hin, am wenigsten aber nach dieser, eine besondere
Weisheitsquelle. Da haben wir ganz andere Autoritäten. Eine davon kennen Sie
gut. Noch dazu Ihr und Ihres Vetters besonderer Freund.«
    »Balafré?«
    »Ja.«
    Rexin fühlte was von Nüchternheit und Ablehnung heraus und schwieg
einigermassen verstimmt. Das aber war mehr, als Boto bezweckt hatte, weshalb er
sofort wieder einlenkte. »Verhältnisse. Pardon, Rexin, es gibt ihrer so viele.«
    »Gewiss. Aber soviel ihrer sind, so verschieden sind sie auch.«
    Boto zuckte mit den Achseln und lächelte. Rexin aber, sichtlich gewillt,
sich nicht zum zweiten Male durch Empfindelei stören zu lassen, wiederholte nur
in gleichmütigem Tone: »Ja, soviel ihrer, so verschieden auch. Und ich wundre
mich, Rienäcker, gerade Sie mit den Achseln zucken zu sehn. Ich dachte mir...«
    »Nun denn heraus mit der Sprache.«
    »Soll geschehn.«
    Und nach einer Weile fuhr Rexin fort: »Ich habe die Hohe Schule
durchgemacht, bei den Ulanen und schon vorher (Sie wissen, dass ich erst spät
dazu kam) in Bonn und Göttingen, und brauche keine Lehren und Ratschläge, wenn
sich's um das Übliche handelt. Aber wenn ich mich ehrlich befrage, so handelt
sich's in meinem Falle nicht um das Übliche, sondern um einen Ausnahmefall.«
    »Glaubt jeder.«
    »Kurz und gut, ich fühle mich engagiert, mehr als das, ich liebe Henrietten,
oder um Ihnen so recht meine Stimmung zu zeigen, ich liebe die schwarze Jette.
Ja, dieser anzügliche Trivialname mit seinem Anklang an Kantine passt mir am
besten, weil ich alle feierlichen Allüren in dieser Sache vermeiden möchte. Mir
ist ernstaft genug zumut, und weil mir ernstaft zumut ist, kann ich alles, was
wie Feierlichkeit und schöne Redensarten aussieht, nicht brauchen. Das schwächt
bloss ab.«
    Boto nickte zustimmend und entschlug sich mehr und mehr jedes Anfluges von
Spott und Superiorität, den er bis dahin allerdings gezeigt hatte.
    »Jette«, fuhr Rexin fort, »stammt aus keiner Ahnenreihe von Engeln und ist
selber keiner. Aber wo findet man dergleichen? In unsrer Sphäre? Lächerlich.
Alle diese Unterschiede sind ja gekünstelt, und die gekünsteltsten liegen auf
dem Gebiete der Tugend. Natürlich gibt es Tugend und ähnliche schöne Sachen,
aber Unschuld und Tugend sind wie Bismarck und Moltke, das heisst rar. Ich habe
mich ganz in Anschauungen wie diese hineingelebt, halte sie für richtig und habe
vor, danach zu handeln, soweit es geht. Und nun hören Sie, Rienäcker. Ritten wir
hier statt an diesem langweiligen Kanal, so langweilig und strippengerade wie
die Formen und Formeln unsrer Gesellschaft, ich sage, ritten wir hier statt an
diesem elenden Graben am Sakramento hin und hätten wir statt der Tegeler
Schiessstände die Diggings vor uns, so würd ich die Jette freiweg heiraten; ich
kann ohne sie nicht leben, sie hat es mir angetan, und ihre Natürlichkeit,
Schlichteit und wirkliche Liebe wiegen mir zehn Komtessen auf. Aber es geht
nicht. Ich kann es meinen Eltern nicht antun und mag auch nicht mit
siebenundzwanzig aus dem Dienst heraus, um in Texas Cowboy zu werden oder
Kellner auf einem Mississippidampfer. Also Mittelkurs...«
    »Was verstehen Sie darunter?«
    »Einigung ohne Sanktion.«
    »Also Ehe ohne Ehe.«
    »Wenn Sie wollen, ja. Mir liegt nichts am Wort, ebensowenig wie an
Legalisierung, Sakramentierung, oder wie sonst noch diese Dinge heissen mögen;
ich bin etwas nihilistisch angeflogen und habe keinen rechten Glauben an
pastorale Heiligsprechung. Aber, um's kurz zu machen, ich bin, weil ich nicht
anders kann, für Monogamie, nicht aus Gründen der Moral, sondern aus Gründen
meiner mir eingebornen Natur. Mir widerstehen alle Verhältnisse, wo Knüpfen und
Lösen sozusagen in dieselbe Stunde fällt, und wenn ich mich eben einen
Nihilisten nannte, so kann ich mich mit noch grösserem Recht einen Philister
nennen. Ich sehne mich nach einfachen Formen, nach einer stillen, natürlichen
Lebensweise, wo Herz zum Herzen spricht und wo man das Beste hat, was man haben
kann, Ehrlichkeit, Liebe, Freiheit.«
    »Freiheit«, wiederholte Boto.
    »Ja, Rienäcker. Aber weil ich wohl weiss, dass auch Gefahren dahinter lauern
und dies Glück der Freiheit, vielleicht aller Freiheit, ein zweischneidig
Schwert ist, das verletzen kann, man weiss nicht wie, so hab ich Sie fragen
wollen.«
    »Und ich will Ihnen antworten«, sagte der mit jedem Augenblick ernster
gewordene Rienäcker, dem bei diesen Konfidenzen das eigne Leben, das
zurückliegende wie das gegenwärtige, wieder vor die Seele treten mochte. »Ja,
Rexin, ich will Ihnen antworten, so gut ich kann, und ich glaube, dass ich es
kann. Und so beschwör ich Sie denn, bleiben Sie davon. Bei dem, was Sie
vorhaben, ist immer nur zweierlei möglich, und das eine ist gerade so schlimm
wie das andre. Spielen Sie den Treuen und Ausharrenden oder, was dasselbe sagen
will, brechen Sie von Grund aus mit Stand und Herkommen und Sitte, so werden
Sie, wenn Sie nicht versumpfen, über kurz oder lang sich selbst ein Greuel und
eine Last sein, verläuft es aber anders und schliessen Sie, wie's die Regel ist,
nach Jahr und Tag Ihren Frieden mit Gesellschaft und Familie, dann ist der
Jammer da, dann muss gelöst werden, was durch glückliche Stunden und ach, was
mehr bedeutet, durch unglückliche, durch Not und Ängste verwebt und verwachsen
ist. Und das tut weh.«
    Rexin schien antworten zu wollen, aber Boto sah es nicht und fuhr fort:
»Lieber Rexin. Sie haben vorhin in einem wahren Musterstücke dezenter
Ausdrucksweise von Verhältnissen gesprochen, wo Knüpfen und Lösen in dieselbe
Stunde fällt, aber diese Verhältnisse, die keine sind, sind nicht die
schlimmsten, die schlimmsten sind die, die, um Sie noch mal zu zitieren, den
Mittelkurs halten. Ich warne Sie, hüten Sie sich vor diesem Mittelkurs, hüten
Sie sich vor dem Halben. Was Ihnen Gewinn dünkt, ist Bankrutt, und was Ihnen
Hafen scheint, ist Scheiterung. Es führt nie zum Guten, auch wenn äusserlich
alles glatt abläuft und keine Verwünschung ausgesprochen und kaum ein stiller
Vorwurf erhoben wird. Und es kann auch nicht anders sein. Denn alles hat seine
natürliche Konsequenz, dessen müssen wir eingedenk sein. Es kann nichts
ungeschehen gemacht werden, und ein Bild, das uns in die Seele gegraben wurde,
verblasst nie ganz wieder, schwindet nie ganz wieder dahin. Erinnerungen bleiben
und Vergleiche kommen. Und so denn noch einmal, Freund, zurück von Ihrem
Vorhaben, oder Ihr Leben empfängt eine Trübung, und Sie ringen sich nie mehr zu
Klarheit und Helle durch. Vieles ist erlaubt, nur nicht das, was die Seele
trifft, nur nicht Herzen hineinziehen, und wenn's auch bloss das eigne wäre.«
 
                           Vierundzwanzigstes Kapitel
Am dritten Tage traf ein im Abreisemoment aufgegebenes Telegramm ein: »Ich komme
heut abend. K.«
    Und wirklich, sie kam. Boto war am Anhalter Bahnhof und wurde der Frau
Salinger vorgestellt, die von Dank für gute Reisekameradschaft nichts hören
wollte, vielmehr immer nur wiederholte, wie glücklich sie gewesen sei, vor allem
aber, wie glücklich er sein müsse, solche reizende junge Frau zu haben. »Schaun
S', Herr Baron, wann i das Glück hätt und der Herr Gemoahl wär, i würd mi kein
drei Tag von solch ane Frau trenne.«Woran sie dann Klagen über die gesamte
Männerwelt, aber im selben Augenblick auch eine dringende Einladung nach Wien
knüpfte. »Wir hoab'n a nett's Häusl kei Stund von Wian und a paar Reitpferd und
a Küch. In Preussen hoaben s' die Schul und in Wian hoaben wir die Küch. Und i
weiss halt nit, was i vorzieh.«
    »Ich weiss es«, sagte Käte, »und ich glaube, Boto auch.«
    Damit trennte man sich, und unser junges Paar stieg in einen offenen Wagen,
nachdem Ordre gegeben war, das Gepäck nachzuschicken.
    Käte warf sich zurück und stemmte den kleinen Fuss gegen den Rücksitz, auf
dem ein Riesenbouquet, die letzte Huldigung der von der reizenden Berliner Dame
ganz entzückten Schlangenbader Hauswirtin, lag. Käte selbst nahm Botos Arm und
schmiegte sich an ihn, aber auf wenig Augenblicke nur, dann richtete sie sich
wieder auf und sagte, während sie mit dem Sonnenschirm das immer aufs neue
herunterfallende Bouquet festielt: »Es ist doch eigentlich reizend hier, all
die Menschen und die vielen Spreekähne, die vor Enge nicht ein noch aus wissen.
Und so wenig Staub. Ich find es doch einen rechten Segen, dass sie jetzt sprengen
und alles unter Wasser setzen; freilich lange Kleider darf man dabei nicht
tragen. Und sieh nur den Brotwagen da mit dem vorgespannten Hund. Es ist doch zu
komisch. Nur der Kanal... Ich weiss nicht, er ist immer noch so...«
    »Ja«, lachte Boto, »er ist immer noch so. Vier Wochen Julihitze haben ihn
nicht verbessern können.«
    Sie fuhren unter den jungen Bäumen hin, Käte riss ein Lindenblatt ab, nahm's
in die hohle Hand und schlug drauf, dass es knallte. »So machten wir's immer zu
Haus. Und in Schlangenbad, wenn wir nichts Besseres zu tun hatten, haben wir's
auch so gemacht und alle die Spielereien aus der Kinderzeit wiederaufgenommen.
Kannst du dir's denken, ich hänge ganz ernstaft an solchen Torheiten und bin
doch eigentlich eine alte Person und habe abgeschlossen.«
    »Aber Käte...«
    »Ja, ja, Matrone, du wirst es sehn... Aber sieh doch nur, Boto, da ist ja
noch der Staketenzaun und das alte Weissbierlokal mit dem komischen und etwas
unanständigen Namen, über den wir in der Pension immer so schrecklich gelacht
haben. Ich dachte, das Lokal wäre längst eingegangen. Aber so was lassen sich
die Berliner nicht nehmen, so was hält sich; alles muss nur einen sonderbaren
Namen haben, über den sie sich amüsieren können.«
    Boto schwankte zwischen Glücklichsein und Anflug von Verstimmung. »Ich
finde, du bist ganz unverändert, Käte.«
    »Gewiss bin ich. Und warum sollt ich auch verändert sein? Ich bin ja nicht
nach Schlangenbad geschickt worden, um mich zu verändern, wenigstens nicht in
meinem Charakter und meiner Unterhaltung. Und ob ich mich sonst verändert habe?
Nun, cher ami, nous verrons.«
    »Matrone?«
    Sie hielt ihm den Finger auf den Mund und schlug den Reiseschleier wieder
zurück, der ihr halb über das Gesicht gefallen war, gleich danach aber
passierten sie den Potsdamer Bahnviadukt, über dessen Eisengebälk eben ein
Courierzug hinbrauste. Das gab ein Zittern und Donnern zugleich, und als sie die
Brücke hinter sich hatten, sagte sie: »Mir ist es immer unangenehm, gerade
drunter zu sein.«
    »Aber die drüber haben es nicht besser.«
    »Vielleicht nicht. Aber es liegt in der Vorstellung. Vorstellungen sind
überhaupt so mächtig. Meinst du nicht auch?« Und sie seufzte, wie wenn sich ihr
plötzlich etwas Schreckliches und tief in ihr Leben Eingreifendes vor die Seele
gestellt hätte. Dann aber fuhr sie fort: »In England, so sagte mir Mister
Armstrong, eine Badebekanntschaft, von der ich dir noch ausführlicher erzählen
muss, übrigens mit einer Alvensleben verheiratet, in England, sagte er, würden
die Toten fünfzehn Fuss tief begraben. Nun, fünfzehn Fuss tief ist nicht schlimmer
als fünf, aber ich fühlte ordentlich, während er mir's erzählte, wie sich mir
der Clay, das ist nämlich das richtige englische Wort, zentnerschwer auf die
Brust legte. Denn in England haben sie schweren Lehmboden.«
    »Armstrong, sagtest du... Bei den badischen Dragonern war ein Armstrong.«
    »Ein Vetter von dem. Sie sind alle Vettern, ganz wie bei uns. Ich freue mich
schon, dir ihn in all seinen kleinen Eigenheiten schildern zu können. Ein
vollkommener Kavalier mit aufgesetztem Schnurrbart, worin er freilich etwas zu
weit ging. Er sah sehr komisch aus, diese gewribbelte Spitze, dran er immer noch
weiter wribbelte.«
    Zehn Minuten später hielt ihr Wagen vor ihrer Wohnung, und Boto, während er
ihr den Arm reichte, führte sie hinauf. Eine Girlande zog sich um die grosse
Korridortür, und eine Tafel mit dem Inschriftsworte »Willkommen«, in dem leider
ein »l« fehlte, hing etwas schief an der Girlande. Käte sah hinauf und las und
lachte.
    »Willkommen! Aber bloss mit einem l, will sagen nur halb. Ei, ei. Und L ist
noch dazu der Liebesbuchstabe. Nun, du sollst auch alles nur halb haben.«
    Und so trat sie durch die Tür in den Korridor ein, wo Köchin und Hausmädchen
bereits standen und ihr die Hand küssten.
    »Guten Tag, Berta; guten Tag, Minette. Ja, Kinder, da bin ich wieder. Nun,
wie findet ihr mich? hab ich mich erholt?« Und eh die Mädchen antworten konnten,
worauf auch gar nicht gerechnet war, fuhr sie fort: »Aber ihr habt euch erholt.
Namentlich du, Minette, du bist ja ordentlich stark geworden.«
    Minette sah verlegen vor sich hin, weshalb Käte gutmütig hinzusetzte: »Ich
meine nur hier so um Kinn und Hals.«
    Indem kam auch der Bursche. »Nun, Ort, ich war schon in Sorge um Sie. Gott
sei Dank, ohne Not; ganz unverfallen, bloss ein bisschen blässlich. Aber das macht
die Hitze. Und immer noch dieselben Sommersprossen.«
    »Ja, gnädige Frau, die sitzen.«
    »Nun das ist recht. Immer echt in der Farbe.«
    Unter solchem Gespräche war sie bis in ihr Schlafzimmer gegangen, wohin
Boto und Minette ihr folgten, während die beiden andern sich in ihre
Küchenregion zurückzogen.
    »Nun, Minette, hilf mir. Erst den Mantel. Und nun nimm den Hut. Aber sei
vorsichtig, wir wissen uns sonst vor Staub nicht zu retten. Und nun sage Ort,
dass er den Tisch deckt vorn auf dem Balkon, ich habe den ganzen Tag keinen
Bissen genossen, weil ich wollte, dass es mir recht gut bei euch schmecken solle.
Und nun geh, liebe Seele; geh, Minette.«
    Minette beeilte sich und ging, während Käte vor dem hohen Stehspiegel
stehenblieb und sich das in Unordnung geratene Haar arrangierte. Zugleich sah
sie im Spiegel auf Boto, der neben ihr stand und die schöne junge Frau
musterte.
    »Nun, Boto«, sagte sie schelmisch und kokett und ohne sich nach ihm
umzusehen.
    Und ihre liebenswürdige Koketterie war klug genug berechnet, und er umarmte
sie, wobei sie sich seinen Liebkosungen überliess. Und nun umspannte er ihre
Taille und hob sie hoch in die Höh. »Käte, Puppe, liebe Puppe.«
    »Puppe, liebe Puppe, das sollt ich eigentlich übelnehmen, Boto. Denn mit
Puppen spielt man. Aber ich nehm es nicht übel, im Gegenteil. Puppen werden am
meisten geliebt und am besten behandelt. Und darauf kommt es mir an.«
 
                           Fünfundzwanzigstes Kapitel
Es war ein herrlicher Morgen, der Himmel halb bewölkt, und in dem leisen
Westwinde, der ging, sass das junge Paar auf dem Balkon und sah, während Minette
den Kaffeetisch abräumte, nach dem »Zoologischen« und seinen Elefantenhäusern
hinüber, deren bunte Kuppeln im Morgendämmer lagen.
    »Ich weiss eigentlich noch nichts«, sagte Boto, »du bist ja gleich
eingeschlafen, und der Schlaf ist mir heilig. Aber nun will ich auch alles
wissen. Erzähle.«
    »Ja, erzählen; was soll ich erzählen? Ich habe dir ja so viele Briefe
geschrieben, und Anna Grävenitz und Frau Salinger musst du ja so gut kennen wie
ich oder eigentlich noch besser, denn ich habe mitunter mehr geschrieben, als
ich wusste.«
    »Wohl. Aber ebensooft hiess es, davon mündlich. Und dieser Moment ist nun da,
sonst denk ich, du willst mir etwas verschweigen. Von deinen Ausflügen weiss ich
eigentlich gar nichts, und du warst doch in Wiesbaden. Es heisst zwar, dass es in
Wiesbaden nur Obersten und alte Generale gäbe, aber es sind doch auch Engländer
da. Und bei Engländern fällt mir wieder dein Schotte ein, von dem du mir
erzählen wolltest. Wie hiess er doch?«
    »Armstrong; Mister Armstrong. Ja, das war ein entzückender Mann, und ich
begriff seine Frau nicht, eine Alvensleben, wie ich dir, glaub ich, schon sagte,
die beständig in Verlegenheit kam, wenn er sprach. Und er war doch ein
vollkommener Gentleman, der sehr auf sich hielt, auch dann noch, wenn er sich
gehen liess und eine gewisse Nonchalance zeigte. Gentlemen bewähren sich in
solchen Momenten immer am besten. Meinst du nicht auch? Er trug einen blauen
Schlips und einen gelben Sommeranzug und sah aus, als ob er darin eingenäht
wäre, weshalb Anna Grävenitz immer sagte: Da kommt das Pennal. Und immer ging er
mit einem grossen aufgespannten Sonnenschirm, was er sich in Indien angewöhnt
hatte. Denn er war Offizier in einem schottischen Regiment, das lange in Madras
oder Bombay gestanden, oder vielleicht war es auch Delhi. Das ist aber am Ende
gleich. Was der alles erlebt hatte! Seine Konversation war reizend, wenn man
auch mitunter nicht wusste, wie man's nehmen sollte.«
    »Also zudringlich? Insolent?«
    »Ich bitte dich, Boto, wie du nur sprichst. Ein Mann wie der; Kavalier
comme il faut. Nun, ich will dir ein Beispiel von seiner Art zu sprechen geben.
Uns gegenüber sass die alte Generalin von Wedell, und Anna Grävenitz fragte sie
(ich glaube, es war gerade der Jahrestag von Königgrätz), ob es wahr sei, dass
dreiunddreissig Wedells im Siebenjährigen Kriege gefallen seien, was die alte
Generalin bejahte, hinzusetzend, es wären eigentlich noch einige mehr gewesen.
Alle, die zunächst sassen, waren über die grosse Zahl erstaunt, nur Mister
Armstrong nicht, und als ich ihn wegen seiner Gleichgiltigkeit scherzhaft zur
Rede stellte, sagte er, dass er sich über so kleine Zahlen nicht aufregen könne.
Kleine Zahlen, unterbrach ich ihn, aber er setzte lachend, und um mich zu
widerlegen, hinzu: von den Armstrongs seien einhundertdreiunddreissig in den
verschiedenen Kriegsfehden seines Clans umgekommen. Und als die alte Generalin
dies anfangs nicht glauben wollte, schliesslich aber (als Mister Armstrong dabei
beharrte) neugierig frug: ob denn alle hundertdreiunddreissig auch wirklich
gefallen seien, sagte er: Nein, meine Gnädigste, nicht gerade gefallen, die
meisten sind wegen Pferdediebstahl von den Engländern, unseren damaligen
Feinden, gehenkt worden. Und als sich alles über dies unstandesgemässe, ja, man
kann wohl sagen, etwas genierliche Gehenktwerden entsetzte, schwor er, wir täten
unrecht, Anstoss daran zu nehmen, die Zeiten und Anschauungen änderten sich, und
was seine doch zunächst beteiligte Familie betreffe, so sähe dieselbe mit Stolz
auf diese Heldenvorfahren zurück. Die schottische Kriegsführung habe dreihundert
Jahre lang aus Viehraub und Pferdediebstahl bestanden, ländlich sittlich, und er
könne nicht finden, dass ein grosser Unterschied sei zwischen Länderraub und
Viehraub.«
    »Verkappter Welfe«, sagte Boto. »Aber es hat manches für sich.«
    »Gewiss. Und ich stand immer auf seiner Seite, wenn er sich in solchen Sätzen
erging. Ach, er war zum Totlachen. Er sagte, man müsse nichts feierlich nehmen,
es verlohne sich nicht, und nur das Angeln sei eine ernste Beschäftigung. Er
angle mitunter vierzehn Tage lang im Loch Ness oder im Loch Lochy, denke dir,
solche komische Namen gibt es in Schottland, und schliefe dann im Boot, und mit
Sonnenaufgang stünd er wieder da, und wenn dann die vierzehn Tage um wären, dann
mausre er sich, dann ginge die ganze schülbrige Haut ab, und dann hab er eine
Haut wie ein Baby. Und er täte das alles aus Eitelkeit, denn ein glatter egaler
Teint sei doch eigentlich das beste, was man haben könne. Und dabei sah er mich
so an, dass ich nicht gleich eine Antwort finden konnte. Ach, ihr Männer! Aber
das ist doch wahr, ich hatte von Anfang an ein rechtes Attachement für ihn und
nahm nicht Anstoss an seiner Redeweise, die sich mitunter in langen Ausführungen,
aber doch viel, viel lieber noch in einem beständigen Hin und Her erging. Einer
seiner Lieblingssätze war: Ich kann es nicht leiden, wenn ein einziges Gericht
eine Stunde lang auf dem Tische steht; nur nicht immer dasselbe, mir ist es
angenehmer, wenn die Gänge rasch wechseln. Und so sprang er immer vom
Hundertsten ins Tausendste.«
    »Nun, da müsst ihr euch freilich gefunden haben«, lachte Boto.
    »Haben wir auch. Und wir wollen uns Briefe schreiben, ganz in dem Stil, wie
wir miteinander gesprochen; das haben wir beim Abschied gleich ausgemacht.
Unsere Herren, auch deine Freunde, sind immer so gründlich. Und du bist der
gründlichste, was mich mitunter recht bedrückt und ungeduldig macht. Und du musst
mir versprechen, auch so zu sein wie Mister Armstrong und ein bisschen mehr
einfach und harmlos plaudern zu wollen und ein bisschen rascher und nicht immer
dasselbe Tema.«
    Boto versprach Besserung, und als Käte, die die Superlative liebte, nach
Vorführung eines phänomenal reichen Amerikaners, eines absolut kakerlakigen
Schweden mit Kaninchenaugen und einer faszinierend schönen Spanierin - mit einem
Nachmittagsausfluge nach Limburg, Oranienstein und Nassau geschlossen und ihrem
Gatten abwechselnd die Krypt, die Kadettenanstalt und die Wasserheilanstalt
beschrieben hatte, zeigte sie plötzlich auf die Schlosskuppel nach Charlottenburg
und sagte: »Weisst du, Boto, da müssen wir heute noch hin oder nach Westend oder
nach Halensee. Die Berliner Luft ist doch etwas stickig und hat nichts von dem
Atem Gottes, der draussen weht und den die Dichter mit Recht so preisen. Und wenn
man aus der Natur kommt, so wie ich, so hat man das, was ich die Reinheit und
Unschuld nennen möchte, wieder liebgewonnen. Ach, Boto, welcher Schatz ist doch
ein unschuldiges Herz. Ich habe mir fest vorgenommen, mir ein reines Herz zu
bewahren. Und du musst mir darin helfen. Ja, das musst du, versprich es mir. Nein,
nicht so; du musst mir dreimal einen Kuss auf die Stirn geben, bräutlich, ich will
keine Zärtlichkeit, ich will einen Weihekuss... Und wenn wir uns mit einem Lunch
begnügen, natürlich ein warmes Gericht, so können wir um drei draussen sein.«
Und wirklich, sie fuhren hinaus, und wiewohl die Charlottenburger Luft noch mehr
hinter dem »Atem Gottes« zurückblieb als die Berliner, so war Käte doch fest
entschlossen, im Schlosspark zu bleiben und Halensee fallenzulassen. Westend sei
so langweilig, und Halensee sei noch wieder eine halbe Reise, fast wie nach
Schlangenbad, im Schlosspark aber könne man das Mausoleum sehen, wo die blaue
Beleuchtung einen immer so sonderbar berühre, ja, sie möchte sagen, wie wenn
einem ein Stück Himmel in die Seele falle. Das stimme dann andächtig und zu
frommer Betrachtung. Und wenn auch das Mausoleum nicht wäre, so wäre doch die
Karpfenbrücke da, mit der Klingel dran, und wenn dann ein grosser Mooskarpfen
käme, so wär es ihr immer, als käm ein Krokodil. Und vielleicht wär auch eine
Frau mit Kringeln und Oblaten da, von der man etwas kaufen und dadurch im
kleinen ein gutes Werk tun könne, sie sage mit Absicht ein »gutes Werk« und
vermeide das Wort christlich, denn Frau Salinger habe auch immer gegeben.
    Und alles verlief programmässig, und als die Karpfen gefüttert waren, gingen
beide weiter in den Park hinein, bis sie bis dicht an das Belvedere kamen mit
seinen Rokokofiguren und seinen historischen Erinnerungen. Von diesen
Erinnerungen wusste Käte nichts, und Boto nahm deshalb Veranlassung, ihr von
den Geistern abgeschiedener Kaiser und Kurfürsten zu erzählen, die der General
von Bischofswerder an eben dieser Stelle habe erscheinen lassen, um den König
Friedrich Wilhelm II. aus seinen letargischen Zuständen oder, was dasselbe
gewesen, aus den Händen seiner Geliebten zu befreien und ihn auf den Pfad der
Tugend zurückzuführen.
    »Und hat es geholfen?« fragte Käte.
    »Nein.«
    »Schade. Dergleichen berührt mich immer tief schmerzlich. Und wenn ich mir
dann denke, dass der unglückliche Fürst (denn unglücklich muss er gewesen sein)
der Schwiegervater der Königin Luise war, so blutet mir das Herz. Wie muss sie
gelitten haben! Ich kann mir immer in unserem Preussen solche Dinge gar nicht
recht denken. Und Bischofswerder, sagtest du, hiess der General, der die Geister
erscheinen liess?«
    »Ja. Bei Hofe hiess er der Laubfrosch.«
    »Weil er das Wetter machte?«
    »Nein, weil er einen grünen Rock trug.«
    »Ach, das ist zu komisch... Der Laubfrosch.«
 
                          Sechsundzwanzigstes Kapitel
Bei Sonnenuntergang waren beide wieder daheim, und Käte, nachdem sie Hut und
Mantel an Minette gegeben und den Tee beordert hatte, folgte Boto in sein
Zimmer, weil es sie nach dem Bewusstsein und der Genugtuung verlangte, den ersten
Tag nach der Reise ganz und gar an seiner Seite zugebracht zu haben.
    Boto war es zufrieden, und weil sie fröstelte, schob er ihr ein Kissen
unter die Füsse, während er sie zugleich mit einem Plaid zudeckte. Bald danach
aber wurd er abgerufen, um Dienstliches, das der Erledigung bedurfte, rasch
abzumachen.
    Minuten vergingen, und da Kissen und Plaid nicht recht helfen und die
gewünschte Wärme nicht geben wollten, so zog Käte die Klingel und sagte dem
eintretenden Diener, »dass er ein paar Stücke Holz bringen solle; sie friere so«.
    Zugleich erhob sie sich, um den Kaminschirm beiseite zu schieben, und sah,
als dies geschehen war, das Häuflein Asche, das noch auf der Eisenplatte lag.
    Im selben Momente trat Boto wieder ein und erschrak bei dem Anblick, der
sich ihm bot. Aber er beruhigte sich sogleich wieder, als Käte mit dem
Zeigefinger auf die Asche wies und in ihrem scherzhaftesten Tone sagte: »Was
bedeutet das, Boto? Sieh, da hab ich dich mal wieder ertappt. Nun bekenne.
Liebesbriefe? Ja oder nein?«
    »Du wirst doch glauben, was du willst.«
    »Ja oder nein?«
    »Gut denn; ja.«
    »Das war recht. Nun kann ich mich beruhigen. Liebesbriefe, zu komisch. Aber
wir wollen sie doch lieber zweimal verbrennen: erst zu Asche und dann zu Rauch.
Vielleicht glückt es.«
    Und sie legte die Holzstücke, die der Diener mittlerweile gebracht hatte,
geschickt zusammen und versuchte sie mit ein paar Zündhölzchen anzuzünden. Und
es gelang auch. Im Nu brannte das Feuer hell auf, und während sie den Fauteuil
an die Flamme schob und die Füsse bequem und, um sie zu wärmen, bis an die
Eisenstäbe vorstreckte, sagte sie: »Und nun will ich dir auch die Geschichte von
der Russin auserzählen, die natürlich gar keine Russin war. Aber eine sehr kluge
Person. Sie hatte Mandelaugen, alle diese Personen haben Mandelaugen, und gab
vor, dass sie zur Kur in Schlangenbad sei. Nun, das kennt man. Einen Arzt hatte
sie nicht, wenigstens keinen ordentlichen, aber jeden Tag war sie drüben in
Frankfurt oder in Wiesbaden oder auch in Darmstadt und immer in Begleitung. Und
einige sagen sogar, es sei nicht mal derselbe gewesen. Und nun hättest du sehen
sollen, welche Toilette und welche Suffisance! Kaum, dass sie grüsste, wenn sie
mit ihrer Ehrendame zur Table d'hôte kam. Denn eine Ehrendame hatte sie, das ist
immer das erste bei solchen Damen. Und wir nannten sie die Pompadour, ich meine
die Russin, und sie wusst es auch, dass wir sie so nannten. Und die alte Generalin
Wedell, die ganz auf unsrer Seite stand und sich über die zweifelhafte Person
ärgerte (denn eine Person war es, darüber war kein Zweifel), die alte Wedell,
sag ich, sagte ganz laut über den Tisch hin: Ja, meine Damen, die Mode wechselt
in allem, auch in den Taschen und Täschchen und sogar in den Beuteln und
Beutelchen. Als ich noch jung war, gab es noch Pompadours, aber heute gibt es
keine Pompadours mehr. Nicht wahr? Es gibt keine Pompadours mehr. Und dabei
lachten wir und sahen alle die Pompadour an. Aber die schreckliche Person gewann
trotzdem einen Sieg über uns und sagte mit scharfer und lauter Stimme, denn die
alte Wedell hörte schlecht: Ja, Frau Generalin, es ist so, wie Sie sagen. Nur
sonderbar, als die Pompadours abgelöst wurden, kamen die Reticules an die Reihe,
die man dann später die Ridicules nannte. Und solche Ridicules gibt es noch. Und
dabei sah sie die gute alte Wedell an, die, weil sie nicht antworten konnte, vom
Tische aufstand und den Saal verliess. Und nun frag ich dich, was sagst du dazu?
Was sagst du zu solcher Impertinenz...? Aber Boto, du sprichst ja nicht, du
hörst ja gar nicht...«
    »Doch, doch, Käte...«
Drei Wochen später war eine Trauung in der Jakobikirche, deren kreuzgangartiger
Vorhof auch heute von einer dichten und neugierigen Menschenmenge, meist
Arbeiterfrauen, einige mit ihren Kindern auf dem Arm, besetzt war. Aber auch
Schul- und Strassenjugend hatte sich eingefunden. Allerlei Kutschen fuhren vor,
und gleich aus einer der ersten stieg ein Paar, das, solang es im Gesichtskreise
der Anwesenden verblieb, mit Lachen und Getuschel begleitet wurde.
    »Die Taille«, sagte eine der zunächststehenden Frauen.
    »Taille?«
    »Na denn Hüfte.«
    »Schon mehr Walfischrippe...«
    »Das stimmt.«
    Und kein Zweifel, dass sich dies Gespräch noch fortgesetzt hätte, wenn nicht
in eben diesem Augenblicke die Brautkutsche vorgefahren wäre. Der vom Bock
herabspringende Diener eilte, den Kutschenschlag zu öffnen, aber der Bräutigam
selbst, ein hagerer Herr mit hohem Hut und spitzen Vatermördern, war ihm bereits
zuvorgekommen und reichte seiner Braut die Hand, einem sehr hübschen Mädchen,
das übrigens, wie gewöhnlich bei Bräuten, weniger um seines hübschen Aussehens
als um seines weissen Atlaskleides willen bewundert wurde. Dann stiegen beide die
mit einem etwas abgetretenen Teppich belegte, nur wenig Stufen zählende
Steintreppe hinauf, um zunächst in den Kreuzgang und gleich danach in das
Kirchenportal einzutreten. Aller Blicke folgten ihnen.
    »Un kein Kranz nich?« sagte dieselbe Frau, vor deren kritischem Auge kurz
vorher die Taille der Frau Dörr so schlecht bestanden hatte.
    »Kranz...? Kranz...? Wissen Sie denn nich...? Haben Sie denn nichts munkeln
hören?«
    »Ach so. Freilich hab ich. Aber, liebe Kornatzki, wenn es nach 's Munkeln
ginge, gäb es gar keine Kränze mehr un Schmidt in der Friedrichsstrasse könnte
man gleich zumachen.«
    »Ja, ja«, lachte jetzt die Kornatzki, »das könnt er. Un am Ende für so 'nen
Alten! Fuffzig jute hat er doch woll auf 'n Puckel un sah eigentlich aus, als ob
er seine silberne gleich mitfeiern wollte.«
    »Woll. So sah er aus. Un haben Sie denn seine Vatermörder gesehn? So was
lebt nich.«
    »Damit kann er sie gleich dod machen, wenn's wieder munkelt.«
    »Ja, das kann er.«
    Und so ging es noch eine Weile weiter, während aus der Kirche schon das
Präludium der Orgel hörbar wurde.
Den anderen Morgen sassen Rienäcker und Käte beim Frühstück, diesmal in Botos
Arbeitszimmer, dessen beide Fenster, um Luft und Licht einzulassen, weit
offenstanden. Rings um den Hof her nistende Schwalben flogen zwitschernd
vorüber, und Boto, der ihnen allmorgendlich einige Krumen hinzustreuen pflegte,
griff eben wieder zu gleichem Zweck nach dem Frühstückskorb, als ihm das
ausgelassene Lachen seiner seit fünf Minuten schon in ihre Lieblingszeitung
vertieften jungen Frau Veranlassung gab, den Korb wieder hinzustellen.
    »Nun, Käte, was ist? Du scheinst ja was ganz besonders Nettes gefunden zu
haben.«
    »Hab ich auch... Es ist doch zu komisch, was es für Namen gibt! Und immer
gerade bei Heirats- und Verlobungsanzeigen. Höre doch nur.«
    »Ich bin ganz Ohr.«
    »... Ihre heute vollzogene eheliche Verbindung zeigen ergebenst an: Gideon
Franke, Fabrikmeister, Magdalene Franke, geb. Nimptsch... Nimptsch. Kannst du
dir was Komischeres denken? Und dann Gideon!«
    Boto nahm das Blatt, aber freilich nur, weil er seine Verlegenheit dahinter
verbergen wollte. Dann gab er es ihr zurück und sagte mit soviel Leichtigkeit im
Ton, als er aufbringen konnte: »Was hast du nur gegen Gideon, Käte? Gideon ist
besser als Boto.«
 
    